— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, Schloß Zgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ vfananahäne und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uyr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe⸗ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bü Bücher: ——— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Af. 2 NM. 3 „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der. e deher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. . Schadenersatz. 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Der Hof hatte alle ihm zu Gebot ſtehenden Mittel entfaltet, um mit Erfolg vor den Ständen gegen den Senat aufzutreten; gegen den Senat, in welchem die königliche Gewalt ihre Rathgeber erblicken wollte, der aber ſich ſelbſt in den zwiſchen den Reichsver⸗ ſammlungen liegenden Zeiten als den wahren Herr⸗ ſcher betrachtete; vor den Ständen, die ſeit 1720 ſowohl die geſetzgebende als die vollziehende Gewalt in wahrhaft königlichem Umfang ausgeübt. Hätte dieſe Macht alle Intereſſen des Landes vom Stand⸗ punkt eines ächt patriotiſchen Bürgerthums erfaßt, ſo würde ſie ſich Anſprüche auf allgemeine Huldi⸗ gung erworben haben; allein man muß ſie ſo be⸗ trachten, wie ſie wirklich war, gefeſſelt von den ge⸗ meinſchädlichen Sonderintereſſen der Ariſtokratie, zu welcher ſich der Senat nicht als ein Verbindungsglied zwiſchen König und Ständen, ſondern als eine Ge⸗ ſellſchaft von Bevollmächtigten ſtellte, die in den Zei⸗ ten zwiſchen den Reichsverſammlungen die Unverletz⸗ lichkeit der Letzteren zu bewachen hätte. Von oben herab klagte die Königsmacht, von unten herauf klagte das Volk. Hätte ſich die Ariſtokratie in einer einzigen gro⸗ ßen Phalanx zuſammenzuhalten vermocht, ſo hätte ſie in ihrer damaligen Geſtalt den Kampf vielleicht noch lange aushalten können; aber glücklicher Weiſe war ſie in ſich ſelbſt in zwei große Parteien geſpal⸗ ten, die Hüte und die Mützen, die während der ſo⸗ genannten Freiheitszeit abwechſelnd herrſchten. Von 1751 bis 1758 hatten die Hüte, die damals allmächtige Partei, an Corruptionsmitteln nicht we⸗ niger als zwei bis drei Millionen Franken jährlich von Frankreich erhalten. Was Rußland an die Gegenpartei, die Mützen, ausbezahlte, iſt uns unbekannt. Dies waren indeß die goldenen Zügel, mit denen man das Land und einander ſelbſt beherrſchte. Um ihrer Macht Beſtand zu verleihen, verfolgte und unterdrückte die herrſchende Partei ihre Gegner fortwährend mit ſolcher Conſequenz und Härte, als wollte ſie dieſelben förmlich vom Erdboden vertilgen. Die beſiegte Partei hinwiederum verſtärkte ſich, um die Gewalt wieder an ſich zu reißen und Gele⸗ genheit zur Rache zu finden, immer gern dadurch, daß ſie ſich an die Königsmacht und an die Mißver⸗ gnügten unter den bürgerlichen Ständen anſchloß. So ging der politiſche Zweikampf fort, ohne daß jedoch irgend ein Wechſel der Gewalt die politiſchen Verhältniſſe im Allgemeinen veränderte, weil jede der beiden Parteien unmittelbar nach errungenem Sieg ſich von Neuem in ihre hochariſtokratiſche Stel⸗ lung zurückzog und in der Königsmacht ſowie im 5 Volke nunmehr wieder blos zwei Feinde erblickte, welche die beſtehende Ordnung, d. h. ihre eigene per⸗ ſönliche Macht bedrohten. Die Syſtemveränderung beſtand blos im fran⸗ zöſiſchen Einfluß auf der einen und im ruſſiſchen auf der andern Seite. Jetzt herrſchten die Hüte; die Königin konnte alſo auf die Mützen rechnen, wenigſtens bis die Erſteren beſiegt waren, und dann... Sie glaubte an die große Macht der Gelegen⸗ heiten und Eingebungen; ſie hoffte. Der Hof hatte Drottningholm bereits verlaſſen und das königliche Schloß in der Hauptſtadt wieder bezogen. Die Nachricht von der, ob nun wirklichen oder blos angeblichen, Krankheit der Königin hatte ſich in der Hauptſtadt verbreitet. Aus der Art, wie man ſie empfing, zog ſie daher auch den Schluß, daß es der königlichen Familie nicht an warmen Sympathien fehle. Dies war für ihre plänereiche Seele eine Grundlage, auf welcher ſich ein Luftſchloß aufführen ließ. Langſam rollte ihre Equipage durch die Straßen der Stadt: man ſagte, ihr krankhafter Zuſtand ge⸗ ſtatte keine ſchnellere Fahrt. Das Volk war der königlichen Familie zugethan, vielleicht nicht ſowohl aus eigentlicher Liebe, als viel⸗ mehr darum, weil beide, Volk und Dynaſtie, im Senat den gleichen Unterdrücker hatten. Mit anhaltendem Vivatgeſchrei wurde alſo der Einzug der Königlichen begrüßt. Dies war eine Meinungsäußerung, die Niemand verbieten konnte. Im Schloß angelangt, empfing die Königin keine Aufwartungen, ſondern blieb in ihren Gemächern. Inzwiſchen hinderte ſie das nicht, ihre Freunde zu ſehen, und ihrer nächſten Umgebung ſchien es, als ob ihre Thätigkeit eher zu⸗ als abgenommen hätte. Perſonen kamen und gingen... Schreiben wurden ausgefertigt... Gelder ausgetheilt. So kam der 13. October 1755, der Tag der Eröffnung der Reichsverſammlung. An einem ſolchen Tag war das Schloß derjenige Platz, wohin ſich Alles zog, ob man nun berechtigt war, die prachtvollen Säle zu betreten, oder ob man nur die Haufen der Neugierigen verſtärken wollte, die ſich im Hof unten ſammelten. Die Reichsräthe, ſowie der größere Theil der einflußreichſten Abgeordneten ſchaarten ſich um die Perſon des Königs. Man ſah hier Teſſin mit ſeinem ſtrahlenden, und Palmſtjerna mit ſeinem finſtern Geſicht; man ſah da Ehrenpreutz mit ſeinem proſaiſchen Antlitz, auf wel⸗ chem im Allgemeinen eine gewiſſe Gutmüthigkeit vor⸗ trat, manchmal aber auch ein Ausdruck von leiden⸗ ſchaftlicher Verworrenheit; ferner Pechlin, aus deſſen kleinen, grauen Augen das Genie nicht ſowohl ein neues Licht über ſeinen Gegenſtand verbreitete, als vielmehr mit der unwiderſtehlichen Macht eines Strahls ihn durchdrang, während ſein feines Lächeln gleichſam mit einiger Bosheit geſtempelt war. Hier ſah man 7 weiter den Grafen Creutz und den Lieutenant Ami⸗ noff; auch Herr von Röhr fehlte nicht. Unter den bürgerlichen Ständen auf dieſer Seite nennen wir nur Hakansſon, den Kandidaten für den Sprecherſtab im Bauernſtand. Auf der andern Seite bemerkte man den Hof⸗ marſchall Baron Horn, mehr Allongeperrücke als Kopf, und den Grafen Hard, mehr Soldat als Staatsmann. Wrangel, ein kenntnißreicher Juriſt und ſcharfſinniger Staatsmann, obſchon ein ſchwä⸗ cherer Intrigant, als er ſelbſt glaubte, unterhielt ſich mit ihnen. Unter den bürgerlichen Perſonen bemerkte man hier auch Forbus und Lars Larsſon. Unleugbar befanden ſich die größten Talente auf Seiten der Hüte. Als Pechlin kam, hatte ſich ein Kammerpage ihm vorſichtig genähert und ihm heimlich ein Billet in die Hand geſteckt. Ganz ungenirt wählte ſich Pechlin, als er in die königlichen Zimmer trat, einen Platz an einem Fen⸗ ſterpfeiler, erbrach ruhig ſeinen Brief und las ihn in größter Bequemlichkeit. Der Brief war ohne Unterſchrift, aber er erkannte die Hand: er kam von Amanda. „Mein beſter Baron,“ las er,„ſeit ich wieder in den Dienſt berufen bin, habe ich keine Gelegen⸗ heit gefunden, Ihnen einen Beſuch zu machen. Ich muß Sie nothwendig ſprechen. Ich erwarte Sie heute Abend zur gewöhnlichen Zeit und am gewöhn⸗ lichen Ort.“ Mit unerſchütterlicher Ruhe zerriß Pechlin ſodann den Brief in kleine Stückchen, die er wie aus Zerſtreut⸗ heit eines ums andere in ſeinen Mund ſteckte und zerkaute. Die zwei erſten, in ihrer äußern Erſcheinung fürſtlichen Vertreter der ſchwediſchen Ariſtokratie, Brahe und Ferſen, traten beinahe zugleich ein. Wir haben ſie bereits gezeichnet. Wenn Ferſen auch in manchen Fragen des Staats⸗ lebens keinen vollkommen freien und unbeſchränkten politiſchen Blick beſaß, ſo beſaß er doch immerhin einen ausgedehnteren Horizont als Brahe. Aber in ſeinem Bewußtſein, als der erſte Edel⸗ mann Schwedens zu gelten, glaubte Brahe dem Thron am nächſten zu ſtehen, und dieſes Gefühl flößte ihm ein Benehmen ein, das man leicht mit der Zuver⸗ ſichtlichkeit wirklichen Talents verwechſeln konnte, die nicht ſelten einen eigenen Kranz des Stolzes um die Stirne ihres Inhabers flicht. Die verſchiedenen Anſichten unter den Menſchen werden im öffentlichen Leben gewöhnlich auch eine Scheidewand zwiſchen ihnen. Von ihrem natürlichen Parteihang geleitet, hat⸗ ten ſich die Hüte auf der einen und die Mützen auf der andern Seite zuſammengeſchaart. Ferſen und Brahe begaben ſich alſo, jeder zu ſeinen politiſchen Freunden. Keine Feindſchaft iſt ausdauernder als diejenige, die von politiſchem Parteihaß geſchürt wird: ſie ruht auf unſerer Ueberzeugung und Stellung, ſie ſtützt ſich auf die Vernunftgründe unſerer Intereſſen. Obſchon die entgegengeſetzten Parteien einander mit aller äußeren Höflichkeit begegneten, ſo konnte 9 man doch unſchwer den Charakter herausfordernden Trotzes bemerken, der darunter hervorſtach. Im politiſchen Parteikrieg findet ſich, man möchte beinahe ſagen, ſchon in der Atmoſphäre Etwas, was die Eingeweihten Erfolg oder Niederlage vorherſehen läßt. Seit Brahe auf den Vorſchlag der Königin, gegen Ferſen als Landesmarſchallamtskandidat aufzutreten, eingegangen war, hatte er kein Mittel unverſucht ge⸗ laſſen, um ſeinen Zweck zu erreichen. Eifrig vom Hof und allen ſeinen Anhängern unterſtützt, gewann er mit erſtaunlicher Schnelligkeit immer mehr Ter⸗ rain. Höppener war dabei nicht der Unthätigſte geweſen; er hatte, wie Starkodder, mit drei Paar Armen gekämpft. Die Machtinhaber ihrerſeits hatten, im Vertrauen auf die Solidität ihrer Macht, alle Vorſichtsmaßre⸗ geln vernachläßigt. Es war das erſte Mal, daß die eigentlichen Ko⸗ ryphäen der Parteien jetzt von Angeſicht zu Angeſicht einander gegenüber ſtanden. Brahe's Stirne ſtrahlte von Befriedigung und Siegesfreude: die numeriſche Uebermacht ſchien auf ſeiner Seite zu ſein. Ferſen's Stirne dagegen ver⸗ düſterte ſich, und ein Gefühl des Verdruſſes ergriff ihn, da er ſich nicht mehr ſo ſtark fühlte, wie er er⸗ wartet hatte. Nicht ohne Unruhe ſchaute er ſich im Kreiſe um. Einige von den Reichsräthen ſchloſſen ſich ihm an: ſie begriffen ſeine Gefühle, ſie theilten dieſelben vollkommen. Von einem gemeinſamen Inſtinkt ge⸗ leitet, zogen ſie ſich in eine Fenſterniſche zurück. „Unſere Actien ſind im Sinken,“ bemerkte Ferſen. „Leider ſieht es ſo aus.“ Die Gefühle, die ſich Ferſen aufdrängten, hätten eine weniger mannhafte Bruſt, als die ſeinige war, ſprengen müſſen. „Meine Herren,“ ſagte er,„es gilt den Staat, das Syſtem, unſere Ehre. Wir müſſen Alles auf⸗ opfern, was wir beſitzen, aber wir müſſen den Kampf beſtehen und ſiegen.“ „Man iſt uns zuvorgekommen.“ Ferſen ſchleuderte einen Blick auf die entgegen⸗ geſetzte Seite. Er ſchien beinahe in ſeiner Seele den Werth von Brahe's Kopf abzuwägen. Palmſtjerna lächelte verdrießlich. „Ich hab's vorhergeſagt,“ bemerkte er.„Wir behandeln die Staatsangelegenheiten mit gar zu großer Gutmüthigkeit und Schwachheit. Man muß anders zuwege gehen.“ „Baron Pechlin,“ erinnerte ein Anderer,„iſt ein erfindſamer Kopf. Laſſen Sie uns ihn um Rath fragen.“ „Nein, nein,“ rief Ferſen,„nein; ich vertrage mich nicht gut mit ihm... er...“ In dieſem Augenblicke gingen die großen Dop⸗ pelthüren auf, und der König trat, nur von einigen wenigen dienſtthuenden Höflingen begleitet, herein. Die Reichsräthe ſchaarten ſich um ihn, und die Ver⸗ kündigung des Reichstags wurde dem erſten Herold überlaſſen. Der ganze umfangreiche Schloßhof war übervoll von einer bunten, wimmelnden Menſchenmaſſe. Da 11 und dort ſah man einen Leibtrabanten in Uniform unter dem Haufen ſich herumtreiben. Vor dem in⸗ neren Schloßgewölbe ſtand eine größere Abtheilung Reiterei, nebſt einem Horniſtenchor. In dieſem Augen⸗ blicke traten die Herolde aus dem Schloſſe und ſetz⸗ ten ſich auf ihre Pferde. Der erſte Herold ritt einige Schritte vor der Truppe voraus, worauf er mit lau⸗ ter und klarer Stimme die Reichstagsverkündigung verlas, die mit ſchallenden Tuſchen begrüßt wurde. Während er las, beobachtete die Volksmaſſe ein tiefes Schweigen: man wollte, wie es ſchien, kein Wort verloren gehen laſſen. In den Schloßzimmern drängte man ſich, um von den Fenſtern aus das ganze großartige Gemälde zu überſchauen. Es lag etwas Imponirendes in dieſem aufmerkſamen Stillſchweigen des Volkes. Aber es ſollte nicht lange ſo bleiben. Sobald die Tuſche zu erſchallen anfingen, ſchien auch das Volk daran Antheil nehmen zu wollen. „Es leben die Reichsräthe!“ erhob ſich eine kräf⸗ tige Stimme,„es leben die Reichsräthe!“ Von verſchiedenen Seiten her ſtimmte ein Dutzend Stimmen mit ein. Die in den Schloßfenſtern ſtehenden Höflinge ſahen einander verdrießlich an. Aber auf einmal wurde dieſes Lebehoch durch ein anderes, noch kräftigeres unterbrochen. „Es lebe der König und die Königin!“ Die Reichsräthe, die ſich nachgerade in einer Fenſterniſche verſammelt hatten, konnten ſich jetzt ihrerſeits eines unbehaglichen Eindrucks nicht erwehren. Die königliche Familie und der Reichsrath waren zwei Nebenbuhler, von denen der eine kein Vorzugs⸗ recht ertrug, das dem Andern gelaſſen wurde, und umgekehrt. Beide buhlten, jeder für ſich, um den allgemeinen Beifall. Aber der Sturm ſollte ſich nicht ſobald legen. Das Volk hatte über zwei große, einander entgegen⸗ ſtehende Prinzipien abgeſtimmt, und einmal von die⸗ ſen Ideen ergriffen, ſchien Niemand nachgeben zu wollen. Das Vivatgeſchrei nahm auch an Stärke und Umfang zu. Auf einmal ſchien ſich jedoch die Maſſe in Be⸗ geiſterung für den Senat zu einigen. Die Geſichter der Reichsräthe klärten ſich auf. Der König that, als ob er den Lärm nicht hörte, und unterhielt ſich am entgegengeſetzten Ende des Zimmers mit einigen Mitgliedern der Geiſtlichkeit und des Bauernſtandes, unter denen man auch For⸗ bus und Lars Larsſon bemerkte; aber als die Be⸗ geiſterung des Volks ausſchließlich auf die Seite der Rathsherren übertrat, da bemerkte man eine Unruhe in ſeinen Geberden, und daß er in ſeinen Reden zu ſtraucheln anfing. Wenn auch die Meinungen des Volks von den Machthabern gewöhnlich verachtungsvoll mit Füßen getreten werden, ſo legen die hohen Herren doch, ſonderbar genug, keinen geringen Werth auf den lärmenden Beifall oder Tadel der Maſſe. Man ſcheint beinahe zu verlangen, daß das Inſtrument gut geſtimmt ſein ſolle, aber man gibt ſich nicht die Mühe, es gut zu ſtimmen. Noch ſcholl der dröhnende Beifall zu Gunſten der Reichsräthe, aber wie wenn ein Concert plötzlich 13 in ein anderes Tempo übergegangen wäre, ließ ſich auf einmal ein Geziſche hören, das zu einem voll⸗ kommenen Orkan anwuchs. Die Reichsräthe zitterten vor Aerger. „Das Volk iſt aufgeregt,“ flüſterte einer. „Man regt es abſichtlich auf,“ bemerkte ein an⸗ derer. „Seht, ſeht!“ „Was meinen Ew. Excellenz?“ „Man arbeitet mit Händen und Füßen uns ent⸗ gegen. Sehen Sie nicht, wie die Leibtrabanten des Königs da unten ſich zu thun machen? Sie ſprechen bald mit dem Einen, bald mit dem Andern. Hier liegt ein ganz beſtimmter Plan gegen uns vor.“ „Dort ſehe ich Silfverhjelm. Mit welchem In⸗ tereſſe er ſich unter der Menge umtreibt!“ „Dort iſt Wallenſtjerna und dort Hermelin.“ 1„Und dann der Läufer Ernſt, dieſer Trunken⸗ old.“ „Wir müſſen uns dieſe Herren wohl merken.“ Ferſen trat zwiſchen die Sprechenden. „Meine Herrn, es iſt Zeit, daß wir aufſchauen. Wir müſſen zuſammenkommen und Rath halten.“ „Wo?“ „Bei dem franzöſiſchen Miniſter heute Abend.“ Gleich einem ſchrecklichen Donner brach eben jetzt unter den im Hof verſammelten Maſſen ein allge⸗ meiner Jubel aus. „Es lebe der König! Es lebe die Königin!“ Die Mitglieder der Hofpartei ſahen, daß ſie unter dem Volk geſiegt hatten, und das flößte ihnen ein erhöhtes Vertrauen ein. „Wenn wir fortfahren, das Eiſen zu ſchmieden, ſo lange es heiß iſt,“ bemerkte Baron Wrangel in halblautem Geſpräch mit ſeinen Freunden,„ſo wird uns der Sieg nicht entgehen.“ „Das iſt auch meine Ueberzeugung.“ „Aber wir haben unſern Operationsplan noch nicht feſtgeſetzt. Wir müſſen zuſammenkommen.“ Brahe, der das Geſpräch gehört hatte, trat zwi⸗ ſchen ſie. 8 „Wo? fragen Sie. Beim ruſſiſchen niſter heute Abend...“ Riiber „Richtig, beim ruſſiſchen Miniſter.“ „Heute Abend?“ „Jd 14 Die Königin hatte von ihren Zimmern aus mit nicht geringerer Unruhe als die Uebrigen die lärmen⸗ den Demonſtrationen vom Schloßhof her angehört. Aber wie ſtolz ſtrahlte nicht zuletzt ihre Stirne, als ſie fand, daß alle Stimmen gleichſam in einem ein⸗ zigen Chorus zu Gunſten der königlichen Familie verſchmolzen! Die Lebhaftigkeit ihrer Seele geſtat⸗ tete ihr nicht mehr krank zu ſein; ſie wollte ihren Triumph über den Senat genießen und begab ſich, die Gräfin Brahe am Arm und die übrigen Damen hinten her, nach den Gemächern, wo ſie wußte, daß ſie den König und die ausgezeichnetſten Männer des Reichs treffen würde. Dalin folgte mit dem Kronprinzen Guſtav an der Hand.. 5 ——— 15 Baron Pechlin war bis jetzt unbeweglich an ſei⸗ nem Platz geblieben. An einen Fenſterpfoſten ge⸗ ſtützt, ſaß er mit dem Rücken gegen das Fenſter und nahm ſich nicht einmal die Mühe, hinauszuſehen. Es war, als ob das Geſchrei vom Schloßhof her gar nicht zu ſeinen Ohren dränge. Noch kaute er blos an dem zerriſſenen Brief. Aber als die Königin eintrat, da ſchoß ein ſchar⸗ fer, ſchneidender Blick aus ſeinem Auge, und dieſer Blick ſchien nicht von ihr ablaſſen zu wollen. Sobald das Volk ſich zu verlaufen anfing und das Geſchrei aufhörte, ſchaarten ſich die Reichsräthe und der Hof auf's Neue um den König und die Königin. Dalin und Prinz Guſtav nahmen einen Platz in ihrer Nähe ein. „Es freut mich,“ ſagte der König,„daß das Volk dieſem Reichstag mit Enthuſiasmus entgegenzu⸗ ſehen ſcheint, und ich hoffe aufrichtig, er werde gute und glückliche Reſultate für das Vaterland mit ſich führen. Was glauben Sie, meine Herrn?“ „Wir hoffen es,“ antwortete Ferſen mit feſter Stimme;„die Stände werden gewiß immer die ſtaats⸗ männiſche Weisheit zu ſchätzen wiſſen, womit der Reichsrath die Geſchäfte vorbereitet hat.“ „Davon bin ich auch überzeugt,“ meinte Brahe, „und unter der Leitung Ew. Majeſtät...“ „Ganz richtig, Brahe; unter meiner Leitung... j... jo... Der König unterbrach ſeinen Günſtling, weil er alle und jede Veranlaſſung zu einem Zwiſt zu ver⸗ meiden wünſchte; aber er wußte nicht, wie er ſeinen daher auf einmal wieder. „Apropos,“ fügte er jedoch hinzu, als ſein Blick gerade auf Forbus fiel,„Sie ſind doch aus dem nördlichen Schweden, Herr Paſtor? Nun, wie denkt man da oben?“ „Weſtenbotten, Ew. Majeſtät,“ antwortete dieſer, „liegt dem Mittelpunkt der Ereigniſſe allzu fern, um die Verhältniſſe beurtheilen zu können. Es kennt blos ſeinen König und ſchließt ihn beſtändig in ſeine Gebete ein. Auch dies war eine ſchwer zu verſchluckende Pille für die Reichsräthe; ſie verlangten natürlich, daß das Volk auch ſie in ſeinen Gebeten nicht vergeſſen ſolle. Aber je vergnügter der König über die freund⸗ liche Stimmung war, die er gegen ſeine Familie vor⸗ herrſchend glaubte, um ſo mehr wünſchte er jedem Mißton vorzubeugen, und er wandte ſich deßhalb von Forbus ab. ie ſehen ſo ernſthaft aus, Lars Larsſon,“ ſagte er zu vieſem, in der Meinung, einen recht gleichgil⸗ iigen Gegenſtand gewählt zu haben, der eine Ant⸗ wort von derſelben Art hervorrufen müßte.—„Man ſollte meinen, die ganze Welt ruhe auf Ihren Schultern.“ „Nicht die ganze Welt, Ew. Majeſtät,“ antwor⸗ tete Vater Lars;„aber einen Theil des Vaterlands hat ein Reichstagsabgeordneter immer auf ſeinen Schultern liegen. Ich bin Deputirter eines großen Bezirks, und man klagt dort ſehr über harte Steuern, Armuth und Elend. Ach, Ew. Majeſtät,“ fuhr er 7fort,„ich bin ſchon manches Jahr und auf manchem Reichstag dabei geweſen, und ich fange an müde zu werden. Seit unſere gegenwärtige Verfaſſung in's Werk getreten iſt, hat das Vaterland beſtändig auf beſſere Zeiten gehofft; aber ſie ſcheinen nicht kommen zu wollen, ſondern vielmehr in weitere Ferne zu rücken.“ Der König ſah verblüfft um ſich. Lars Larsſon machte die Sache noch ſchlimmer. Mit welchem Uebermuth man auch auf das Elend des Bauernvolkes herabſehen mag, ſo dringt es doch immer unwiderſtehlich zum Herzen, wenn man einen ſeiner eigenen Söhne ſchlicht und unverblümt ſeine Klage zum Thron erheben hört. Auch der König wurde von einem ſolchen Gefühl ergriffen. 6„Hören Sie, meine Herrn,“ rief er,„hören ie?“ Die Königin konnte ihre Befriedigung noch we⸗ niger verhehlen, als ihr Gemahl. Die Ariſtokratie betrachtete damals— und ſie mußte auch wohl— alle Klagen des Landes als Angriffe gegen ſich ſelbſt. „Es iſt eine ſchreckliche Epoche,“ fuhr Vater Lars, aufgemuntert durch den Beifall des Königs, fort,„es iſt eine ſchreckliche Epoche, die Schweden in den letzten dreißig bis fünfunddreißig Jahren durchgemacht hat. Ich kann wohl ſagen, Ew. Ma⸗ jeſtät, daß ich im Leichenzug mitgegangen bin. Ich habe wenigſtens eine Blutſcene nach der andern aus der nächſten Nähe geſehen.“ Ridderſtad, Luiſe ulriken’s Hof. III. 2 18 Der Hof bewunderte den Muth des Vaters Lars. Der Königin wurde ihr Herz weit; von allen Seiten her ſprachen ja freundliche Hoffnungen zu ihr. In ihrem Entzücken ſah ſie keinen Widerſtand mehr. Die Ausſichten auf Erfolg erfüllten ihre Seele mit Eingebungen. Mehr als je glaubte ſie einen glück⸗ lichen Zeitpunkt für ihre Bemühungen gewählt zu haben. Sie überſchaute im Stillen den Operations⸗ plan, den ſie befolgte, und ſie bereute beinahe, daß ſie ihm kein weiter ausſehendes Ziel geſteckt hatte. Sie fühlte ſich jetzt ſo mächtig, daß ihr kein Ziel für ihre Beſtrebungen hoch genug ſchien. Was in ihrem Innern vorging, ſpiegelte ſich auch in ihrem Aeußern ab. Ihre Augen ſtrahlten, ihre Stirne glänzte. Hätte die Krone auf ihrem Haupte geruht, ſie hätte es nicht höher tragen können als jetzt. Die Anweſenden waren alle zu ſehr von ihren eigenen Empfindungen in Anſpruch genommen, als daß ſie bemerkt hätten, wie augenſcheinlich ſie ſich verführeriſchen und bezaubernden Illuſionen hingab. Ein einziges Auge jedoch ruhte noch immer un⸗ verwandt auf ihr: das Auge Pechlins. „Welche gräßliche Kataſtrophen ſind nicht in den letzten fünfunddreißig Jahren im Lande vorgefallen!“ fuhr Lars fort.„Jahr für Jahr ſehe ich blos einen Richtblock um den andern, gleich Meilenzeigern auf einem Weg, den wir zurückgelegt haben⸗“ Alle ſahen verwundert den Redner an; aber nur Forbus, der ihn näher kannte, begriff, daß der Ge⸗ danke an das Schickſal des alten Puke es war, was ihn in der Seele brannte. ☛ ½64 ⁹ 19 „Erinnern Sie ſich nur an Görtz ¹), Blackwell?), Buddenbrock³), Löwenhaupt, Wikman ⁴), und der Himmel weiß, wie dieſe blutigen Opfer alle heißen.“ 1) Baron Görtz, Günſtling König Karls XII. Alle 2) Kriege des Königs werden Görtz zugeſchrieben, da der König heilig war. Die Münzzeichen wer⸗ den Görtz zugeſchrieben, obſchon Polheim ſie auf⸗ brachte. Der König fällt, die ganze Wuth des Volkes wirft ſich auf Görtz; einer muß für das Volk ſterben. Eine Kommiſſion wird über Görtz niedergeſetzt. Fehman Ankläger. Er klagt ihn an, daß er königliche Beamte, wie z. B. einen Landeshauptmann, fälſchlich läſſiger Amtsführung beſchuldigt habe; er zeigt den Brief, liest ihn aber nicht. Görtz erſucht Fehman, den Brief vorzuleſen, worin er beantragt, daß der Landes⸗ hauptmann wegen Saumſeligkeit bei der Rekru⸗ tirung verſetzt und ſeine Stelle an Fehman, als einen thätigen Beamten, übertragen werden ſolle. Görtz wird enthauptet. Der Präſident der Kom⸗ miſſion ſtirbt im Verlauf des Reichstags. Die Aſſeſſoren alle binnen Jahresfriſt unglücklich. Der Luſtigſte unter ihnen ſtirbt an Melancholie.(Linné.) Blackwells Schickſale in Schweden werden von Linné folgendermaßen erzählt: Jonas Ahlſtrömer verſchreibt einen guten Oekonomen aus England; man ſchickt ihm Blackwell, der medicinae doctor, ſonſt ober ein frecher Ignorant und Atheiſt iſt, jedoch von Ahlſtrömer wie ein Sohn empfangen wird. Blackwell ſchickt eine Abſchrift von Ahl⸗ ſtrömers ganzer Korreſpondenz nebſt der ſeinigen nach England. Zufällig öffnet Ahlſtrömer einen der Briefe, worin Blackwell ſchreibt, das ganze . 20 Ein dumpfes Gemurmel machte ſich um Vater Lars her vernehmlich. Die Augen der Königin fuhren wie glänzende in Schweden aufblühende Manufakturweſen könnte im Keim erſtickt werden, wenn man Ahlſtrömer und Teſſin ſtürzte;— und wenn vollends der ganze Rath beſeitigt würde, ſo könnte unter Mit⸗ wirkung des Königs ein engliſcher Prinz zum Thronfolger in Schweden erwählt werden. Ahl⸗ ſtrömer erſchrickt, zeigt den Brief Teſſin und den Rathsherrn, und Blackwells Untergang wird be⸗ ſchloſſen. So kommt ein Unbekannter zu Black⸗ well unter dem Vorgeben, er ſei expreß vom eng⸗ liſchen Lordkanzler geſchickt worden, um Blackwell den Befehl zu überbringen, daß er ſich unmittel⸗ bar an den König wenden und ihm eine bedeu⸗ tende Geldſumme nebſt der Souveränetät anbie⸗ ten ſolle, wenn er dazu mitwirken wolle; Black⸗ well ſelbſt wurde ein großes Glück in Ausſicht geſtellt, wenn er die Sache durchführen könnte. Der König wird vor dem gefährlichen Antrag gewarnt. Blackwell kommt zu ihm, zeigt die an⸗ geblichen engliſchen Schreiben vor und bietet ihm die Souveränetät an; der König weist ihn au den Landesmarſchall. Blackwell wird verhaftet, in Unterſuchung gezogen und 1747 in Stockholm enthaupter. Nota bene, man konnte niemals er⸗ fahren, wer Blackwell dieſe Schreiben überbracht hatte; die Engländer haben beharrlich geleugnet, daß ſolche von dort aus geſchickt worden ſeien. Als Teſſins Haus zum Behufe einer Reparatur eingeriſſen wurde, fand man einen Leichnam in eine Wand eingemauert; war's vielleicht dieſer? 21 ater Sterne durch das Zimmer:; ſie labte ſich an dem ver⸗ haltenen Zorn ihrer Feinde. ende„Nehmen Sie dazu noch,“ fuhr Vater Lars fort, aber ich glaube nicht, daß der fromme Teſſin nnte eine ſolche Unthat begehen konnte, wiewohl der⸗ der gleichen Heldenſtücke für machtgierige Leute Klei⸗ Rit⸗ nigkeiten ſind. Uebrigens hatte Blackwell ſein zum Schickſal vollkommen verdient. In England ver⸗ Ahl⸗ 8 A heirathet, wohnte er bei einem Mäkler in Stock⸗ den holm und lebte allzu vertraulich mit deſſen Frau, he⸗ reist mit ihr im Land umher und gibt ſie für ack⸗ ſeine Couſine aus. Er hat ſie ganze Monate eng⸗ auf ſeinem Hofgut, das er bekommen hat. Der weſl Mäkler erkrankt eines Abends an der Kolik; ttel⸗ Blackwell als Arzt gibt ihm Etwas ein; am fol⸗ deuls genden Morgen iſt der Mäkler todt. Jedermann bie⸗ glaubte, Blackwell habe ihn abgethan; wenigſtens ack⸗ grämte ſich die Wittwe nicht übermäßig und ſicht machte ſich Hoffnung auf Blackwell. Den Prä⸗ inte. ſidenten Drake, der unſern Manufakturen ſo tüch⸗ rag tig aufhalf, kurirte Blackwell zu Tode. Jeder⸗ di mann ſagte, er habe es abſichtlich und zwar im ihm engliſchen Intereſſe gethan. an 3) Buddenbrock, General im ruſſiſchen Krieg von ftet, 1741. Er und Löwenhaupt hatten auf dieſen olm Krieg gedrungen, welcher das Verderben Beider er⸗ wurde. Buddenbrock lud ſich, als Urſache eines acht unglücklichen Kriegs, den Zorn des ganzen Lan⸗ net, des auf den Hals. Wird angeklagt und 1743 ien. auf dem Markt der Nordervorſtadt enthauptet, atur auf demſelben Platze, wo zu Karls XII. Zeiten r in Patkul, von Buddenbrocks Bater zum Tod verur⸗ ſer? theilt, geblutet hatte.(Linné.) 22 all' die unzähligen weiteren Richtblockskandidaten, einen Wellingk, einen Cederhjelm, einen Benjamin Düſter⁵), einen Stobe ⁶), einen Dagſtröm?), einen 4) Am 22. Oktober meldete der Landesmarſchall im geheimen Ausſchuß, der König habe während der . Rathsſitzung ihm ſelbſt, ſo wie den Sprechern 4₰ der Geiſtlichkeit und des Bürgerſtandes die Mit⸗ . theilung gemacht, daß eine bedenkliche Schrift — in Sr. Maj. Hand gekommen ſei, darauf aus⸗ gehend, durch falſche Gründe den Unwiſſenden 3 vorzuſpiegeln, daß es für das Reich das Beſte wäre, gar keine Verbindungen mit fremden Mäch⸗ ten zu haben; die Schrift ſei auf den Bauern⸗ ſtand berechnet. Sie wurde verleſen. Im Aus⸗ ſchuß wurde geäußert, das ſei nicht die erſte Schrift dieſer Art, die vom ruſſiſchen Miniſter komme, um Uneinigkeit unter der Nation zu ſtif⸗ . ten, und ſie könne nur als ein grobes Pasqguill angeſehen werden. Es ging ein Schreiben an den König ab, betreffend die Entdeckung und Ver⸗ hinderung böswilliger Pläne, jedoch ohne näheres Eingehen darauf. Man ſagte, der Verfaſſer der G Schrift ſei ein gewiſſer Simolin, ein geborner Schwede, aber jetzt bei der ruſſiſchen Geſandt⸗ ſchaft in Stockholm angeſtellt und ſpäter in Wien. Er hatte einen Bezirkshauptmann Wik⸗ man in Finnland als Spion bei dem Reichs⸗ rath Roſen gebraucht, und um Mißvergnügen bei den Finnen hervorzurufen. Der Plan ſoll geweſen ſein, Finnland unter ruſſiſchem Schutz ſelbſtändig zu machen, mit dem Großfürſten Karl Peter Ulrich als König. Wikman wurde zum Tod verurtheilt und hingerichtet. 5) Gab ſich für König Karl XII. aus. Wurde . aten, imin inen l im der hern Mit⸗ hrift aus⸗ uden Zeſte äch⸗ ern⸗ lus⸗ erſte iſter ſtif⸗ Guill an Ver⸗ eres der rner ndt⸗ in Vik⸗ chs⸗ gen ſoll hutz ſten erde erde 23 Engberg 8), einen Herkepäus 9), Kyronius 10) und end⸗ lich auch einen Puke. 6 — wahnſinnig erklärt und ſtarb 1730 im Irren⸗ haus. Stobe, Oberſt, ſpäter Landeshauptmann, folgt ſammt ſeiner Frau Karl XII. in's Feld, wird bei Pultawa gefangen. Kock von Gyldenſten war ſein vertrauteſter Freund. Stobe überredet Gyl⸗ denſten, mit ſeiner Frau zu entfliehen, und zeigt ihm den Weg, mit dem Verſprechen, ſo bald als möglich ſelbſt nachzukommen. Nimmt Gyldenſten das Ehrenwort ab, daß er die Frau ſeines Freun⸗ des heilig halten wolle. G. kommt glücklich an die Grenze, ſticht den letzten Wegweiſer todt, läßt jedoch die Frau nicht, wie verabredet war, in Stockholm, ſondern nimmt ſie nach Weſtgoth⸗ land mit und wohnt mit ihr zuſammen. Stobe kommt nach Haus, ſucht ſeine Frau vergebens in Stockholm, erfährt ihre Geſchichte, reist zum König nach Lund und ſchreibt ſeiner Frau, daß ſie kommen ſoll. Gyldenſten begleitet ſie nach Lund, wo ſie erkrankt und ſtirbt. Stobe begegnet Gylden⸗ ſten auf der Straße in Lund, dankt für ſein Worthalten, fordert ihn, aber G. weigert ſich. Da ſchlägt Stobe ihn mit ſeinem Rohr über den Kopf, ſo daß es zerbricht; die andern Offiziere wollen nicht mehr mit G. dienen, und er muß ſeinen Abſchied nehmen. Der König ſtirbt. Stobe hält feſt zur Holſtein'ſchen Partei, gegen König Friedrich. G. geht zum König und verlangt Geld, um Rache zu nehmen. Im großen Keller in Stockholm erſcheint eines Abends ein Herr, ganz wie Stobe gekleidet, und zieht ſchrecklich gegen den König los. Der Wirth erſucht ihn, — 24 Lars Larsſon machte dabei eine ausdrucksvolle Bewegung gegen den Reichsrath Grafen Ehrenpreutz. ſo etwas im Opernkeller unterwegs zu laſſen. Er antwortet, er habe keine Angſt, er ſei der Oberſt Stobe. Es werden mehrere Zeugen aufgerufen. Am folgenden Tag kommt ein Offizier mit Wach⸗ mannſchaft und verhaftet den Oberſt, der von Nichts weiß. Eine Kommiſſion wird niedergeſetzt, es werden Zeugen verhört; Alle ſprechen gegen Stobe. Stobe lächelt dazu; die Richter erinnern ihn, daß zwei Zeugen genügen, um ein Todes⸗ urtheil hervorzurufen. Endlich zeugen noch einige Jungen; da fragt Stobe, ob ſie den Oberſt Stobe kennen, ob er der Oberſt Stobe ſei; die Jungen läugnen es entſchieden, und ſo klärt ſich die Sache auf. Gyldenſten wird zur Enthaup⸗ tung, zwei andere von Stobes Feinden zur Ru⸗ thenſtrafe und Brandmarkung verurtheilt. Gyl⸗ denſten entflieht zuerſt nach Hamburg, wo er einen Juden zu ſich lockt, den er erwürgt und aus⸗ plündert; ſodann nach Sachſen, wo er um ein adeliges Fräulein freit, aber einen Korb erhält. Behauptet ſpäter, ſie ſei ſeine Tochter aus der Zeit, wo das ſchwediſche Heer in Sachſen gele⸗ gen; bricht eines Nachts in ihr Haus ein, er⸗ mordet Mutter und Tochter, wird aber feſtge⸗ nommen. Will nicht ſterben, ſondern muß ge⸗ bunden werden, worauf er enthauptet und aufs Nad geflochten wird.(Linné.) Dagſtröm, Oberſtlieutenant, ein reicher Edelmann aus Schonen, ſtand auf der holſtein'ſchen Partei gegen König Friedrich. Seine freie Sprache im Ritterhaus zieht ihm die Ungnade des Königs zu. Man ſucht eine Urſache, es wird eine Kom⸗ 25 Ohne daß er den Sinn dieſer Geberde erklärte, verſtand man gleichwohl ſehr gut, daß die beiden miſſion über Dagſtröm niedergeſetzt. Löwenhaupt iſt Präſident der Kommiſſion; er erklärt Dag⸗ ſtröm als Narren und verurtheilt ihn zur Fe⸗ ſtungsſtrafe in Malmö. Löwenhaupt wird groß und zweimal Landesmarſchall mit unglaublichem Ruhm. Wird 1741 von den Ständen zum Ge⸗ neraliſſimus gegen die Ruſſen ernannt, lehnt es aber aus Mißtrauen in ſeine Fähigkeiten ab; allein die Stände zwingen ihn beinahe, wie wenn es Seinesgleichen nicht gäbe. Der Krieg fiel ſchlecht aus; die ganze Rache des Landes warf ſich auf ihn und Buddenbrock(obſchon L. unſchuldig war und ſpäter beklagt wurde); er wird verurtheilt und enthauptet, während Dag⸗ ſtröm noch lebt.(Linné.) 8) Engberg, der beſte Meſſerſchmied in Stockholm. Bohrt den General Löwenhaupt am Tag, ehe er hingerichtet werden ſollte, heraus, führt ihn glück⸗ lich auf eine Inſel in den Scheeren, erhält eine anſtändige Belohnung. Ein Preis von ſechstau⸗ ſend Platten wird für Löwenhaupts Zurückbrin⸗ gung ausgeſetzt. Engberg verſpricht gegen die halbe Summe ſeinen Aufenthalt zu verrathen. So erfuhr man Tag und Stunde, wo Löwen⸗ haupt auf das engliſche Schiff gebracht werden ſollte. Während des darauf folgenden Reichstags war Engberg wegen aufrühreriſcher Abſichten ange⸗ klagt und zum Tode verunrtheilt, dieſe Strafe aber auf dem Gnadenweg in Gefangenſchaft auf der Inſel Bohus umgewandelt.(Linné.) 9) Herkepäus, Bürgermeiſter in Upſala, ein grober Menſch. Vom Reichstag 1741 zurückgekehrt, wird 26 Herren einander von alten Zeiten her kannten, und daß Vater Lars damit an einen der aufgezählten Fälle erinnern wollte. er von Kyronius angeklagt, im Rathsſaal ehren⸗ rührige Ausdrücke über die Reichsſtände gebraucht zu haben. Cederhjelm, der Sohn des Reichs⸗ raths, wird als Unterſuchungsrichter beſtellt. H. geht zu ihm, bittet ihn gnädig zu ſein und ſich zu erinnern, daß er früher einmal in Petersburg ſeinen Vater, den Reichsrath aus einer Feuers⸗ brunſt gerettet habe, ſonſt wäre er mit ſeinem ganzen Beſitzthum verbrannt. Cederhjelm ant⸗ wortet:„Du konnteſt damals ein ehrlicher Kerl ſein, aber jetzt biſt Du ein Schelm.“ Verurtheilt ihn hart. Zehn Jahre ſpäter ſieht Cederhjelm ſein Schloß nebſt all' den Reichthümern, die ſein Vater aus Rußland mitgebracht, in einen Schutt⸗ haufen verwandelt.(Linné.) 10) Kyronins, Rathsherr in Upſala, erhielt den Cha⸗ rakter als Bürgermeiſter; war witzig, luſtig, li⸗ beral, aber gefährlich im Verkehr. Eine Pfarr⸗ wittwe entlehnt dreitauſend Thaler von ihm, be⸗ zahlt ſie heim, verlangt den Revers zurück. Er ſucht lange, ſagt, das ſei ganz gleichgültig; endlich findet er einen Wiſch, zerreißt ihn ſchnell, ſagt, das ſei die Schuldurkunde geweſen; aber zwei Jahre ſpäter exequirt er von Nenem dreitauſend Thaler. Gegen ſeinen Vater bewies er ein un⸗ dankbares Herz... Lebte im höchſten Grad tugendlos. Verklagte 1741 den Bürgermeiſter Herkepäus wegen anzüglicher Aeußerungen über die Reichsſtände. Wird 1746 Reichstagsabge⸗ ordneter für Upſala, aber nur durch viele Kunſt⸗ griffe, denn die Stimmen reichen kaum. Im 27 und Ehrenpreutz trat einen Schritt zurück. hlten Vater Lars war indeß noch nicht zu Ende und beabſichtigte noch weiter zu ſprechen, wurde jedoch durch hren⸗ aucht Bürgerſtand wird er ſo mächtig, daß keine Be⸗ eichs⸗ förderung ohne ihn geſchieht; wird deßhalb . H. Staatsſecretär genannt. Alle müſſen ihn be⸗ ſich ſtechen; er nimmt von einem Bittſteller ſechstau⸗ bburg ſend Platten, hilft aber nicht. Wird äußerſt uers⸗ hochmüthig, verführt Broms Tochter, obſchon er einem verheirathet iſt. Bekommt die Anwartſchaft als ant⸗ Bürgermeiſter, jedoch mit dem Vorbehalt der Kerl Stimmfreiheit der Bürgerſchaft, welche Worte er theilt bei der Expedition unterſchlägt. Deßhalb wird jjelm eine Kommiſſion von armen Äſſeſſoren über ihn ſein uiedergeſetzt, denen er all' ſeinen unrechtmäßig hutt⸗ erworbenen Reichthum herausbezahlen muß, und unter ihnen Voltemat, deſſen Vater er ſo oft ge⸗ Cha⸗ prellt; kommt heim, ſpricht in der Rathsſtube , li⸗ von den Ständen, geräth in daſſelbe Labyrinth farr⸗ wie Herkepäus, der ihn jetzt angibt. Vox po- be⸗ puli, vox Dei: Kreuzige ihn! kreuzige ihn! Als Er er nach Haus kommt, ſagt er, er könne nicht dlich ſchlafen, verlangt Linné's Hilfe. Ich kann nicht ſagt, helfen, denn er fürchtete ſich ſonſt vor Opium.— zwei Nein, antwortete er, ich habe in Stockholm ſend Opium genommen wie ein Türke; es verfängt un⸗ kaum bei mir. Ich verordne die gewöhnliche Grad Doſis; er gibt das Opium in vielfacher Doſis iſter ſeiner kranken Frau, in der Meinung, ſie zu über tödten und dann Mamſell Broms heirathen zu bge⸗ können. Das wird entdeckt; ſein Schwiegerſohn, inſt⸗ Profeſſor Celſius, läßt ihm die Wahl, entweder Im binnen vierundzwanzig Stunden das Reich zu 28 das überhandnehmende Mißvergnügen um ihn her unterbrochen. Schecta, der ſpäter angekommen war, hatte gleich⸗ wohl gehört, was Vater Lars und Forbus gegen den König geäußert hatten. Unter der Verwirrung, die jetzt entſtand, führte er ſie auf die Seite. „Ihre Unbedachtſamkeit,“ flüſterte er ihnen in die Ohren,„hat Ihnen unverſöhnliche Feinde zuge⸗ zogen. Fliehen Sie, ſo lange es Zeit iſt, fliehen Sie.“ „Wir fliehen nicht.“ Als Graf Creutz in dieſem Augenblicke an ihnen 3 vorbeikam, zog Schecta ſeine buſchigen Augenbrauen herab. „Wiſſen Sie, Herr Graf,“ fragte er ihn,„was ich dieſen Herrn anvertraue?“ Schecta war nicht mehr der enthuſiaſtiſche Freund; er war jetzt wieder ſo, wie man ihn gewöhnlich ſah, wunderlich, eigen; man wußte nicht recht, ob es Vertieftheit oder Dummheit war. „Nein.“ „Ich rathe ihnen, nicht allzu viel im Buch der Offenbarung zu ſtudiren; denn es ſind Beweiſe vor⸗ verlaſſen oder in Arreſt zu gehen. Er ſammelt in einigen Stunden ſeine Gelder und reist nach Kopenhagen. Spricht dort gegen das ſchwediſche Regierungsſyſtem, wird ausgeliefert, nach Stock⸗ holm gebracht, entflieht aber nach Deutſchland und geht von all' den Seinigen weg, wie ein Spatz von einer Kornähre.(Linné.) 29 handen, daß man immer wahnſinniger wird, je mehr man ſich mit ihm beſchäftigt.“ „Dann,“ erwiederte Creutz,„müſſen Sie, Capi⸗ tän Schecta, tief in die Geheimniſſe des Offenbarungs⸗ buches eingedrungen ſein.“ Aber während die Königin ſich noch an der freu⸗ digen Hoffnung labte, mit Hilfe der allgemeinen Sympathien vielleicht bald genug über ihre Gegner triumphiren zu können, näherte ſich Baron Pechlin. „Erlauben Sie mir, Ew. Majeſtät,“ redete er ſie an,„Ihnen zu der Freude Glück zu wünſchen, die Ihnen zu Theil geworden iſt.“ Die Königin wandte ſich erſchrocken um, ſobald ſie Pechlins Stimme erkannte. Wenn er ſprach, fürchtete man immer, es möchte nichts Gutes bedeuten. „Ich habe,“ fuhr Pechlin fort,„mit Entzücken den Jubel gehört, womit das Volk Ew. Majeſtät begrüßte, und ich begreife ſo gut, was Ew. Majeſtät Herz da⸗ bei empfinden muß.“ Die Königin biß ſich in die Lippen. Sie fühlte, daß er in ihrer Seele las, wie in einem offenen Buche. „Wie glücklich,“ ſprach er weiter,„iſt nicht das Volk, für deſſen Wohl Ew. Majeſtät Alles aufopfern, was Ihnen theuer iſt! Als treue Unterthanen fühlen wir uns alle verpflichtet, Ew. Majeſtät zu bitten, daß Sie ſich nicht allzu ſehr blosſtellen.“ Seine Worte waren von der zweideutigen Art, daß ſie auch das gerade Gegentheil deſſen ausdrücken konnten, was ſie eigentlich zu ſagen ſchienen. „Vor einigen Tagen waren Ew. Majeſtät krank, und man hat mir geſagt, daß Ew. Majeſtät Ge⸗ ſundheitszuſtand noch heute ſehr ſchwankend ſei,— und gleichwohl trugen Sie, wie auch jetzt in dieſem Augenblick, kein Bedenken, Ihre Geſundheit bloszu⸗ ſtellen, wenn es das Wohl des Staates galt.“ All die glänzenden Illuſionen wichen auf einmal von der Königin. Sie wechſelte die Farbe. Die Maske verlor ihr Colorit. Wie ſollte ſie ſich ſeine Worte erklären, wenn er nicht mehr wußte, als ſie irgend Jemand wiſſen zu laſſen wünſchte? Wenn ſie ihn ſchon vorher gefürchtet hatte, um wie viel mehr fürchtete ſie ihn jetzt! Die Anweſenden verdoppelten ihre Aufmerkſam⸗ keit. Man wußte nicht recht, von was Pechlin ſprach; aber es war bekannt, daß er über Alles, was vor⸗ ging, gewöhnlich beſſer unterrichtet war, als irgend ein Anderer. „Es iſt ein glücklicher Gedanke, Ew. Majeſtät,“ fuhr Pechlin fort,„durch ein ſtreng beobachtetes In⸗ cognito Ihr Volk darüber in Unwiſſenheit zu laſſen, daß Sie ſich ſelbſt bei einem geſchwächten Geſund⸗ heitszuſtand keine Ruhe gönnen. Wie ſchön und un⸗ eigennützig handelten Sie nicht zum Beiſpiel in den allerletzten Tagen? Zur ſelben Zeit, wo man Sie in Drottningholm krank glaubt, eilen Sie, ohne daß ein Menſch ſich's träumen läßt, in die Hauptſtadt, und warum? Einzig und allein aus Eifer für das theure Vaterland.“ Es fuhr der Königin eiskalt durch alle Glieder. Sie ſah ein, daß ſie verrathen war. Kein Wort kam über ihre Lippen. 600——-Z — — g 31 „Alles was Lars Larsſon vorgebracht hat, Ew. Majeſtät, iſt unglücklicher Weiſe wirkliche Wahrheit. Wir haben ſchreckliche Dinge erlebt; aber wenn ſie wiederkehren, Ew. Majeſtät, ſo wird es wenigſtens nicht Ihre Schuld ſein, denn wer iſt, wie Ew. Ma⸗ jeſtät, zu jedem Opfer für das Wohl des Volkes fähig? Wenn es das Volkswohl gilt, ſo werden Sie Ihre koſtbarſten Schätze, Ihr ſchönſtes Geſchmeide nicht ſparen.“ 4 Pechlin legte eine merkwürdige Betonung auf die letzten Worte. Die Königin ſtand todesblaß da. Hatte ſie ihn recht verſtanden? Wußte dieſer Menſch denn Alles? Hätte nicht ihr Stolz ihre Kräfte auf's Aeußerſte geſpannt, ſo wäre ſie ohnmächtig zu Boden geſunken. Von all den Hoffnungen, die ſie kaum noch ſo freu⸗ dig belebt hatten, blieb ihr jetzt Nichts übrig. Pech⸗ lin hatte ſie mit einigen wenigen Worten auf ſich ſelbſt zurückgeführt, und ſie fühlte ſich vernichtet. Pechlin hatte geendet. Niemand ſchien nach ihm das Wort ergreifen zu wollen. Die Stille war tödtlich. „Sagen Sie mir, beſter Dalin,“ hörte man jetzt eine reine und klangvolle Stimme ſagen,„wer iſt dieſer Herr da, der gegen Mama ſo artig iſt?“ Die Frage kam von dem Prinzen Guſtav. „Das iſt Baron Pechlin, mein Prinz,“ antwor⸗ tete Dalin. 3 „Pechlin?“ wiederholte Guſtav.„Pechlin?“ Seine Stimme klang ganz allein. „Iſt das derſelbe Pechlin, der ſchon mit fünfzehn Jahren ſeinen Vater ausſpionirte und an ſeine Feinde verrieth?“ Dalin zog ſich entſetzt zurück: eine ſolche Frage konnte er nicht beantworten. Guſtav hatte in aller kindlichen Unſchuld Pech⸗ lin den ſchrecklichſten Schlag verſetzt, der ihn treffen konnte. Entſetzen ſtand auf allen Geſichtern zu leſen. Trotz all ſeiner berechnenden Nuhe verzogen ſich Pechlins Geſichtszüge. „Rache, Rachel“ murmelte er, indem er das Schloß verließ,„Rache“. Als der König und die Königin auf ihr Zimmer zurückkamen, ſank ſie in einen Lehnſtuhl nieder. Ihre Beine trugen ſie nicht mehr Unruhig eilte der König hinzu. „Laſſen Sie mich Athem ſchöpfen,“ bat die Kö⸗ nigin.„Sagen Sie mir, haben Sie Etwas von Pechlins Aeußerungen verſtanden?“ „Nicht das Geringſte, meine Liebe, ich verſichere Sie... nicht ein einziges Wort.“ „Ich auch nicht; aber ſchon ſein Anblick machte mir wehe. Ich fühle, daß er mein Feind iſt.“ Ihr Buſen hob ſich. Sie athmete tief auf. „Bei Gott,“ fuhr ſie fort,„wir haben keinen Augenblick mehr zu verlieren. Was wir thun wollen, muß bald geſchehen.“ „Ich verſtehe Sie nicht, meine Liebe, was ſollen wir denn thun?“ 4 „Sie begreifen es nicht?“ ſie 3 33 „Ich ſehe blos Ihre Unruhe, aber ich begreife Nichts.“ „Sie werden mich bald begreifen; wollen Sie ſo gut ſein und ſich ſetzen.“ Der König nahm Platz. „Wie aufgeregt bin ich nicht! aber gleichviel. Sie hörten doch das Beifallsgeſchrei, das Ihnen zu Chren vom Hof herauf erſcholl. Gewiß hat es Ihnen viel Freude gemacht.“ „Allerdings. Es that meinem Herzen wohl.“ „Aber Sie bemerkten wohl auch, wie die Räthe ſich darüber ärgerten?— „Natürlich; Jedermann konnte das ſehen.“ „Und was ſchließen Sie daraus?“ „Daß das Volk mich einigermaßen in Chren hält, die Reichsräthe aber nicht.“ „Ganz richtig; aber man kann auch noch etwas Anderes daraus ſchließen.“ „Was denn?“ „Daß der Augenblick gekommen iſt.“ „Der Augenblick? Welcher Augenblick?“ „Erinnern Sich Ew. Majeſtät der Antwort, welche Sie den Reichsräthen gaben, als dieſelben Sie durch Drohung mit Einberufung der Reichsſtände von Ih⸗ rem Verlangen abbringen mollten, daß die Garden nur allein von Ihnen Befehle anzunehmen haben, wenn Sie anweſend ſeien?“ „Allerdings erinnere ich mich deſſen: aber damals war ich im Zorn.“ „Wenn mich mein Gedächtniß nicht täuſcht, ſo antworteten Sie dieſen Herrn, daß auch Sie die Stände einberufen und fragen wollen, ob die Reichs⸗ 3. Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. III. räthe Ihre Hofmeiſter ſeien oder Ihre Rathgeber. „Meine Herrn Räthe,“ fügten Sie hinzu,„wenn Sie den König vorſtellen wollen, ſo will ich im Lande umherreiſen und warten, bis meine Zeit zum Regie⸗ ren kommt.“ So lautete ja doch Ihre Antwort?“ „Ganz richtig, meine Theuerſte, aber ich war aufgebracht, ich war mißvergnügt; jetzt dagegen...“ „Jetzt dagegen,“ unterbrach ihn die Königin, „jetzt, da die Stände zuſammengetreten ſind, gedenken Sie Ihre Worte zurückzunehmen?“ „Das juſt nicht, aber jedenfalls.. 8 „Sehen Sie, Ew. Majeſtät, ich war vollkommen überzeugt, daß Sie von den mannhaften Worten, welche Ihnen der gerechte Zorn diktirte, keinen Dau⸗ menbreit zurückweichen würden. Ich habe deßhalb auch eine Schrift verfaſſen laſſen, die Ihre Verhält⸗ niſſe zu den Räthen mit vollſtändiger Klarheit aus⸗ einanderſetzt.“ Die Königin erhob ſich und ging nach einer in⸗ nern Thüre zu, die in ihr Arbeitskabinet führte. „Kommen Sie herein, mein Herr,“ befahl ſie. Eine kräftige, obwohl nicht hohe Geſtalt zeigte ſich in dieſem Augenblick unter der Thüre. Geiſt leuchtete aus den Augen dieſes Mannes, Ernſt und Entſchloſſenheit ſtanden auf ſeiner breiten Stirne ge⸗ ſchrieben. Bei ſeinem Anblick ſtand der König ungeduldig auf. Der Mann war kein anderer als Höppener. Aber das große und gediegene Talent hat auch ſeine Ma⸗ jeſtät, und dieſe iſt oft gebietender, als die Majeſtät des Thrones. 35 „Meine Liebe,“ redete der König ſeine Gemahlin an,„was geht hier vor?“ Ohne auf dieſe Frage zu achten, befahl die Kö⸗ nigin Höppener, die Schrift zu verleſen, die er in ſeiner Hand hielt. Höppener las. Es war dieſelbe, dem Leſer ſchon aus dem An⸗ fang des Werks bekannte Schrift, welche die Köni⸗ gin in der Bibliothek zu Drottningholm Dalin und Höppener mitgetheilt hatte, obſchon jetzt mit einigen unweſentlichen Aenderungen in der Redaktion. Höppeners Stimme klang, wie immer, mannhaft und kräftig. Der Inhalt fagte dem König ſehr zu .er lauſchte... er richtete ſich auf... ſeine Augen befeuerten ſich. „Vortrefflich!“ rief er, noch ehe die Schrift halb verleſen war,„das ſind Gedanken aus meiner eige⸗ nen Seele, Worte aus meinem eigenen Herzen. Bei Gott, ſo verhält es ſich. Ich habe das Alles erfah⸗ ren müſſen... ja, ja.“ „Ew. Majeſtät unterzeichnen alſo die Schrift?“ fragte die Königin. „Sie unterzeichnen?“ „ Dieſe Schrift, Ew. Majeſtät, müſſen Sie ſelbſt im Reichsſaale den Ständen übergeben, nicht blos als eine Proteſtation gegen die Vermeſſenheit der Rathsherrn, ſondern auch als eine Aufforderung an die Stände, ſolche Veränderungen im Grundgeſetz vorzunehmen, wodurch Ihre königliche Macht eine Wirklichkeit wird, ſtatt daß ſie jetzt eine bloße Fik⸗ tion iſt.“ „Ew. Majeſtät,“ ſagte Höppener,„dieſe Schrift beruht auf zwei unumſtößlichen Wahrheiten, dem Grundgeſetz und dem Sachverhalt; wenn ſie Streit mit den Rathsherren zur Folge hat, ſo trifft die Schuld nicht Ew. Majeſtät, ſondern dieſe. Dieſe Herren nämlich, Ew. Majeſtät, und nicht Sie, ſind über die Vorſchriften des Grundgeſetzes hinausge⸗ treten und haben die Verhältniſſe veranlaßt, die ihm widerſtreiten. Ein Monarch, mein König, hat eine große Pflicht, eine beſchworene Gewiſſens⸗ und Ehren⸗ pflicht, nämlich die Staatsverfaſſung aufrecht zu erhal⸗ ten. Entfernt er ſich nur ein haarbreit von dieſer Pflicht, ſo wird er dadurch ſeiner königlichen Ver⸗ ſicherung untreu, was immer ein größeres oder klei⸗ neres Verbrechen gegen die Nation im Ganzen iſt. Auch muß ein Monarch ſeine Richter in der Nation ſuchen, Ew. Majeſtät, und nicht in den Räthen. Appelliren Sie deßhalb gegen die letzteren an die erſtere; was die Reichsräthe Ihnen verweigern, wird die Nation Ihnen angedeihen laſſen: Gerechtigkeit. Das Recht iſt ſowohl prinzipiell als faktiſch auf Ew. Majeſtät Seite. Ew. Majeſtät ſind nicht unbedingt an die Mehrheit des Rathes gebunden, weil Ew. Majeſtät geſchworen haben, Geſetz, Recht und Wahr⸗ heit aufrecht zu erhalten, Bosheit und Unrecht aber niederzudrücken. „Alles das iſt ganz ſchön und gut, beſter Höp⸗ pener, aber... ſehen Sie... der Senat braucht blos mit ſeiner gewöhnlichen Behauptung herauszu⸗ rücken, daß ich die Souveränetät wieder an mich zu reißen ſuche, dann kann ich ſagen, was ich will, es hilft Alles Nichts.“ 37 „Mein Gott,“ unterbrach ihn die Königin,„wie wird mir ſo übel... ich glaube...“ „Sie ſind unwohl! Barmherziger Gott... rufen Sie einen Arzt, Höppener... einen Arzt.. Waſſer... Waſſer... Waſſer!“ „Laſſen Sie's gut ſein,“ bat die Königin,„un⸗ terſchreiben Sie nur.“ „Ew. Majeſtät,“ begann Höppener wieder,„es iſt wahr, auch ich habe eine Zeit lang bezweifelt, daß dieſe Schrift zum Ziel führen werde, und ich geſtehe, daß ich radikalere Maßregeln vorgezogen hätte. Aber dieſe Schrift hat gleichwohl den großen Vorzug, daß ſie vollſtändig im Gebiete der Geſetz⸗ lichkeit bleibt. Genau genommen, iſt auch jeder Mo⸗ narch hierin immer am ſtärkſten. Sind die Stände mit Ihren Bemerkungen einverſtanden, ſo iſt viel gewonnen. Sie haben den Senat vor den Geſetzen, vor der Nation, vor Ihnen ſelbſt gedemüthigt. Ver⸗ werfen dagegen die Stände die vorliegende Schrift, ſo bleiben Ew. Majeſtät blos in Ihrer bisherigen Stellung, und jeder wahre Patriot wird mit Ehr⸗ furcht und Hingebung auf die Seite eines Monar⸗ chen übergehen, der es gewagt hat, ganz allein zum Schutz der Geſetze aufzutreten.“ „Sie ſagten, Höppener,“ wandte der König ein, „daß Sie lieber einen andern Weg betreten hätten; laſſen Sie mich hören, welchen Sie meinen.“ „Den der Revolution, Ew. Majeſtät.“ Der König ſprang erſchrocken auf. „Ich glaube, daß ich ſterbe,“ klagte die Königin, „meine Pulſe ſtocken... mein Athem hört auf...“ „Revolution... ſterben... Waſſer... Waſ⸗ ſer „Unterſchreiben Sie, Ew. Majeſtät, unterſchreiben Sie.“ „Ja, meine Liebe, ja.“ „Hier iſt die Feder, Ew. Majeſtät.“ Angſtſchweiß perlte auf der Stirne des Königs, als er ſeinen Namen unter die Schrift ſetzte. „Wie befinden Sie ſich jetzt, meine Liebe?“ „Vortrefflich.“ Die Königin richtete ſich jetzt auch auf. „Ew. Majeſtät,“ ſagte ſie,„werden binnen Kur⸗ zem dieſen Augenblick als einen der glücklichſten Ihres„ Lebens preiſen. Nachdem Ew. Majeſtät einmal den Weg betreten haben, weiß ich, daß Sie nicht mehr ruhen werden, bis das Ziel erreicht iſt. Ich werde dieſe Schrift als einen der koſtbarſten Beweiſe Ihres Vertrauens und Ihrer Freundſchaft aufbewahren. Höppener, eilen Sie jetzt zu Brahe, Hard und Wran⸗ gel, und melden Sie dieſen Herren, daß Alles in Ordnung iſt. Am Abend glänzte es von den langen Fenſter⸗ reihen zweier der ſchönſten Paläſte auf Blaſieholm, nämlich des franzöſiſchen und des ruſſiſchen Geſandt⸗ ſchaftshotels. Dagegen war die ſchwediſche Königs⸗ burg nur ſchwach beleuchtet. Dies war eine Illuſtration, welche die innern Verhältniſſe der Zeit genau kennzeichnete. 39 Dreizehntes Kapitel. Neue Verwicklungen und neue Erklärungen. Aber wenn die Königsburg auch weniger beleuch⸗ tet war, als die beiden Paläſte, von denen aus der franzöſiſche und der ruſſiſche Miniſter die Schickſale Schwedens leiteten, ſo fielen doch in dem erſteren Creigniſſe vor, welche für den Verlauf dieſer Erzäh⸗ lung von Wichtigkeit ſind. Forbus und Lars Larsſon, beſonders der Letztere, hatten ſich auf einmal das Wohlwollen der Königs⸗ familie, zumal der Königin, erworben. Sie fühlte auch ein unwiderſtehliches Bedürfniß, mit ihnen zu ſprechen, ihnen ihre Gunſt und Dankbarkeit kundzu⸗ geben. Ernſt erhielt alſo Befehl, ſie in der Däm⸗ merung aufzuſuchen und in's Schloß zu rufen. Um jedoch alle und jede, in Zeiten der Parteierbitterung ſtets gefährliche Aufmerkſamkeit abzulenken, ſollte Ernſt die beiden Herren durch den Logard, zu deutſch Luchshof, hereinführen, was der am wenigſten beobach⸗ tete Weg war. Der Luchshof war nämlich damals nicht die freundliche und angenehme Anlage, worauf alle Blicke mit Wohlgefallen ruhten, die er jetzt iſt. Er war theilweiſe auch noch mit Material zur Er⸗ bauung des Schloſſes verſtellt, ſowie mit Käfigen, die allerlei wilde Thiere enthielten, als da ſind Bären, Wölfe, Füchſe und Lüchſe, von welchen letzteren er ſeinen Namen erhalten hat. Aber wir werden auch bald finden, daß nicht blos der Hof allein dieſen, wie es ſchien, in jeder Beziehung überſehenen, wo nicht verachteten Platz zu geheimeren Zuſammenkünften und Verhandlungen geeignet fand. Im Augenblick, wo wir den Luchshof betreten, iſt der Abend ſchon weit vorgeſchritten. Der auf drei Seiten von hohen Schloßmauern umgebene Platz iſt vollkommen dunkel. Ein wenig innerhalb des Gatterthors, das zu dem großen Treppenaufgang von der Schiffbrücke her führt, hören wir einige halblaut flüſternde Stimmen. „Ei der Tauſend, ich glaube, heute Abend bleibt unſere ſchöne Unbekannte aus... wir haben gewiß ſchon eine ganze Viertelſtunde gewartet... Was meinſt Du, Hermelin?“ „Keinen Namen, Bruder, keinen Namen. Dies iſt eine der erſten Vorſichtsmaßregeln bei allen Aben⸗ teuern dieſer Art. Was ich meine? fragſt Du, ich meine, daß nicht ſie zu ſpät kommt, ſondern daß wir zu früh gekommen ſind.“ „Beim Teufel, Du kannſt Recht haben; aber dies iſt auch ein ſo eigenthümliches Abenteuer, daß ich für meinen Theil meine Neugierde nicht zurückzuhal⸗ ten vermag. Wie viele Abende ſind es jetzt, daß wir ſie hier getroffen haben? Laß ſehen.“ „Mit dem heutigen ſind es vier, Wallenſtjerna.“ Keinen Namen, haſt Du ja ſo eben geſagt. Fall' nicht aus Deiner Rolle, Vorſichtsmenſch, Du ſagteſt vier Abende.“ Die Sache war folgende: Unſere zwei Geſellen, Wallenſtjerna und Herme⸗ lin, hatten eines Abends, als im Schloß Alles ganz —— 41 ſtill war, unbemerkt hinausſchleichen wollen und hiezu den Luchshofweg gewählt. Als ſie in den Hof hin⸗ abkamen, ſahen ſie am Rand des Horizonts einen Schatten vor ſich, der die Umriſſe einer Frauenzim⸗ mergeſtalt zeigte, die mit einem Nastuch gegen die Schiffbrücke hinaus zu winken ſchien. Sie eilen alſo raſch voran. Hermelin unterſucht das Terrain gegen die Schiffbrücke zu und ſieht einen Mann haſtig ſich entfernen. Wallenſtjerna dagegen macht ſich an das Frauenzimmer, aber ſie läßt, gleich als ob ihr das Dunkel nicht undurchdringlich genug ſchiene, ihren Schleier fallen. Wallenſtjerna, der ſich juſt nicht ſonderlich auf Frauenzimmer verſtand, näherte ſich ihr ungenirt, um nicht zu ſagen jungenhaft; aber ſei es nun, daß ihre Bewegung von Furcht oder von natürlicher Würde eingegeben wurde, die ſtolze und entſchloſſene Geberde, womit ſie ihm begegnete, hielt ihn bald in gebührender Entfernung. „Still,“ flüſterte ihm auch der beſonnenere Her⸗ melin ſogleich in's Ohr.„Du weißt ja noch nicht, wer ſie iſt...“ „Juſt, das iſt es ja, was ich wiſſen möchte.“ Das Frauenzimmer wollte ſich zurückziehen, aber Wallenſtjerna vertrat ihr den Weg auf allen Seiten. „Warum hindern Sie mich ſo, mein Herr?“ ſagte ſie;„laſſen Sie mich gehen.“ Wallenſtjerna und Hermelin lauſchten auf ihre Stimme: ſie war wohllautend und klar, aber hatten ſie dieſelbe wohl ſchon gehört oder nicht? „Vertrauen Sie uns an, wer Sie ſind, ſo wollen wir Sie gerne gehen laſſen.“ „Ich bitte Sie... hindern Sie mich nicht.“ Als Wallenſtjerna und Hermelin gleichwohl hart⸗ näckig darauf beſtanden, daß ſie ihren Namen ange⸗ ben müſſe, ſo verlor ſie die Geduld.“ „Lieutenant Wallenſtjerna und Baron Hermelin,“ ſagte ſie jetzt zu ihnen,„ich befehle Ihnen, mich los⸗ zulaſſen.“ Als die beiden Freunde hörten, daß ſie erkannt waren, ſo bekam das Abenteuer einen andern Cha⸗ rakter. Der befehlende Ton, womit ſie ihren Wunſch ausſprach, imponirte auch. „Laß ſie gehen,“ flüſterte Hermelin,„es iſt eine vornehme Dame.“ Wallenſtjerna war bald derſelben Meinung und wollte ſeine Unart wieder gutmachen. „Wir ſind zwei muntere Jungen,“ ſagte er,„die niemals ein Frauenzimmer beleidigen; aber Sie müſſen ſelbſt geſtehen, daß es ſehr hart iſt, nicht erfahren zu dürfen, wer Sie ſind. Erlauben Sie mir, Ihnen einen Vorſchlag zu machen. Sie haben hier ein Rendezvous.“ „Mein Herr...“. „Du ſprichſt Dich um Deinen Kopf,“ flüſterte Hermelin wieder.„Ich glaube die Stimme zu er⸗ kennen. Es iſt entweder die Gräfin Hard oder die Gräfin Brahe oder...“. Sie haben ein Rendezvous hier,“ fuhr Wallen⸗ ſtjerna jedoch fort,„und das von heute Abend iſt ſicherlich weder das erſte, noch das letzte. Wollen Sie uns erlauben, Ihre Schutzwache zu werden?“ „Meine Schutzwache?“ Der bisher etwas ängſtliche oder ſtrenge Ton in 43 ihrer Stimme war verſchwunden; ſie ſchien dieſen Vorſchlag nicht ſo ganz verwerflich zu finden. „Wir wiſſen nicht,“ fügte Wallenſtjerna hinzu, „ob es Politik oder Liebe iſt, was Sie hieher geführt hat; in unſern Tagen kann das Eine ſo glaubwürdig ſein wie das Andere; aber in beiden Fällen iſt es gut, zwei tapfere Männer zur Seite zu haben.“ Die Dame ſchien einen Augenblick zu überlegen. „Sie wollen alſo meine Ritter werden?“ fragte ſie endlich. Es lag etwas beinahe Schalkhaftes in der Frage. „Wollen Sie uns dazu annehmen?“ „Verpflichten Sie ſich, nicht nachforſchen zu wol⸗ len, wer ich bin?“ „Eine verdammt harte Bedingung,“ meinte Wal⸗ lenſtjerna. „Wir verpflichten uns.“ Die Unbekannte ſchien immer mehr Muth zu gewinnen. „Ihr Ehrenwort darauf, meine Herren!“ „Unter der Bedingung jedoch,“ meinte Wallen⸗ ſtjerna,„daß wir, wenn wir uns einmal Ihres Ver⸗ trauens würdig erwieſen haben...“ „Ich glaube kaum,“ unterbrach ſie ihn,„daß Sie das je können werden.“ „Wallenſtjerna,“ flüſterte Hermelin,„ſie iſt ſtolz wie die Königin; wär's möglich...“ Unglücklicher Weiſe hörte die Dame Alles, was ſie flüſterten, und dies ſchwächte ihr Selbſtvertrauen keineswegs. „Nachdem die beiden Leibtrabanten einmal auf die Idee gerathen waren, daß möglicher Weiſe die 44 Königin ſelbſt vor ihnen ſtehen könnte, wußten ſie nicht mehr recht, was ſie thun ſollten. „Gebieten Sie über uns,“ erklärte Wallen⸗ ſtierna,„wir wollen Ihnen ohne alle Bedingungen gehorchen.“ „So befehle ich Ihnen,“ verſetzte die Dame, in⸗ dem ſie den Schleier noch dichter um ſich zog,„daß Sie niemals zu erforſchen ſuchen, wer ich bin und in welcher Abſicht ich hieher komme.“ „Weiter... weiter...“ „Ich befehle weiter...“ Die Dame ſchien ſich immer beſſer in ihre Rolle hineinzufinden.. „Ich befehle Ihnen weiter,“ fuhr ſie fort,„mir jetzt freien Durchgang zu laſſen.“ „Halt, meine Gnädige,“ erdreiſtete ſich indeß Wallenſtjerna zu rufen,„das iſt gegen unſere Ueber⸗ einkunft; als Ihre Schutzwache müſſen wir wiſſen, wann Sie kommen und wann Sie gehen.“ Die Dame antwortete nicht ſogleich: entweder fühlte ſie ſich durch die Hartnäckigkeit der beiden Of⸗ fiziere in Verlegenheit geſetzt, oder ſie überlegte, was ſie ſagen ſollte. „Sie unterwerfen ſich alſo unbedingt meinen Befehlen?“ 5 „Jd.“ „Ohne zu fragen, wer ich bin?“ „Wir wiſſen, daß Sie eine Dame ſind, und das iſt genug.“ „Wohlan denn,“ ſagte ſie,„ich weiß, daß Sie Offiziere und Chrenmänner ſind.“ „Gut... 3 — 80 45 „Ich muß manchmal eine Perſon hier treffen.“ „Wie oft?“ „Manchmal jeden zweiten, manchmal jeden Abend. Wollen Sie ſich hier einſtellen und darüber wachen, daß mich Niemand überraſcht?“ „Um welche Zeit?“ „Um dieſelbe wie heute Abend... aber Sie müſſen ſich zwanzig Schritte entfernt halten.“ „Es gilt.“ Wallenſtjerna und Hermelin zogen ſich auf die Seite. Sobald die Unbekannte an ihnen vorbeige⸗ kommen war, beſchleunigte ſie ihre Schritte immer mehr. Dieſes Abenteuer erregte das lebhafteſte In⸗ tereſſe unſerer beiden Freunde und gab ihnen viel zu denken. „Wer mag wohl die Unbekannte ſein?“ wurde die ſtehende Frage zwiſchen ihnen;„iſt es viel⸗ leicht...“ Bald rieth man auf die Gräfin Brahe, bald auf die Gräfin Hard. Etwas Geringeres als eine Gräfin ſchien ſie nicht ſein zu können. Sogar die Königin ſelbſt wurde in den Bereich ihrer Vermuthun⸗ gen gezogen. „Aber bedenk doch, Wallenſtjerna,“ bemerkte Hermelin,„wenn dieſe Dame blos eine Kammerjung⸗ fer oder etwas Aehnliches wäre.“ Wallenſtjerna zuckte die Achſeln. „Wenn es ſich ſo verhielte, nun ja... was wäre es weiter... Weib iſt Weib. Ohnehin trifft man unter dem reſpektabeln und ſehr angenehmen Corps der Kammerjungfern gewöhnlich die ſchönſten Mädchen; aber jedenfalls bin ich überzeugt, daß ſie etwas Höheres iſt.“ „Das will ich gerne auch glauben.“ „Sie kannte uns.“ „Nun, bei Gott, wie viele Kammerjungfern ken⸗ nen uns nicht!“ „Ihre Stimme war klar und wohlklingend, ihr befehlender Ton höchſt pikant.“ Mit geſteigerter Neugierde fanden ſich die beiden Freunde am folgenden Abend zur ſelben Zeit und am ſelben Orte ein. Nach einer Weile öffneten ſich die Glasthüren vom Schloß her und eine Dame trat heraus. Nach⸗ dem ſie ſich in der Dunkelheit vorſichtig umgeſchaut, ging ſie eilig in den Luchshof hinab und auf das Gitterthor zu. Einen Augenblick ſah man dort zwei Perſonen beiſammenſtehen, dann trennten ſie ſich, und die Dame kam zurück. Als ſie vorbeigehen wollte, traten Wallenſtjerna und Hermelin von ihrem Platze vor. „Ein Wort, meine unbekannte Schöne,“ redete Wallenſtjerna ſie an. „Jetzt nicht,“ antwortete ſie,„ſtill...“ Sie blieb einen Augenblick ſtehen, und die beiden Freunde folgten ihrem Beiſpiel; dann aber eilte ſie auf einmal blitzſchnell an ihnen vorbei und verſchwand auf der Schloßtreppe. „Diesmal hat ſie uns einen garſtigen Spuck ge⸗ ſpielt,“ reflektirte Wallenſtjerna,„aber morgen Abend ... wir wollen doch ſehen...“ „Du wirſt ſehen, daß es dennoch eine vornehme 47 Dame iſt,“ ſagte Hermelin bedächtlich.„Haſt Du geſehen, wie ſchlau ſie war?“ „Schlau... zum Henker, ſchlau können auch die Kammerjungfern ſein; davon habe ich viele Beiſpiele.“ Am dritten Abend ging es wieder ſo. Unſere Freunde ſtanden getreulich auf ihrem Platz. Die Unbekannte kam vom Schloß herab, blieb einen Au⸗ genblick ſtehen und ſchaute ſich um; hierauf begab ſie ſich nach dem Gitterthor, wo ein Mann zu ihr kam, mit dem ſie einige Worte wechſelte, und dann kehrte ſie wieder um. Jetzt hatte Wallenſtjerna ſich ſelbſt das Wort darauf gegeben, daß ſie ihm nicht entwiſchen ſolle, ohne zuvor eine genügendere Erklärung abgegeben zu haben; aber als er auf ſie zutrat, blieb ſie von ſelbſt ſtehen. „Es iſt gut, daß ich Sie treffe,“ ſagte ſie. Sie haben mir doch die Erlaubniß gegeben, über Sie zu gebieten?“ „Haben Sie die Güte.“ „Dann befehle ich Ihnen, daß Sie einer Volks⸗ demonſtration, welche gewiſſe Perſonen, glaube ich, auf morgen bei Eröffnung des Reichstags zu Gunſten der Reichsräthe beabſichtigen, zuvorzukommen und es ſtatt deſſen ſo einzurichten ſuchen, daß eine Huldi⸗ gung gegen die königliche Familie daraus wird. Ver⸗ ſprechen Sie mir das?“ „Mit dem größten Vergnügen.“ „Leben Sie wohl, meine Herren, wir ſehen einan⸗ der wieder.“ Wallenſtjerna und Hermelin ſuchten ihr den Weg nicht zu verſperren, als ſie ſich jetzt entfernte. Die Haltung der Dame hatte, ſo weit die Freunde in der Dunkelheit ihren Bewegungen fölgen konnten, eine Würde, die ihnen jede Ungezogenheit auf's Ent⸗ ſchiedenſte verwehrte. Ueberdieß wurde der Befehl mit ſolcher Sicherheit ertheilt, als ob ſie an einen Widerſpruch oder Ungehorſam gar nicht denken könnte. Fragend und ſinnend ſahen ſie ihr blos nach, als ſie auf der Schloßtreppe verſchwand. „Das iſt die Königin,“ meinte Hermelin,„ganz gewiß iſt es die Königin.“ „Ich glaube es nicht,“ erklärte Wallenſtjerna; „aber unzweifelhaft muß ſie zur nächſten Umgebung der Königin gehören. Jedenfalls müſſen wir mor⸗ gen alle unſere Freunde in Bewegung ſetzen. So wahr ich Leibtrabant bin, ſoll der Senat vor der königlichen Familie die Segel ſtreichen.“ Die Myſtifikation, womit das Auftreten der un⸗ bekannten Dame verbunden war, verlieh ihr in den Augen der beiden Krieger verſchiedene, beſtändig wechſelnde Proportionen und reizte die Neugierde unſerer Freunde im höchſten Grad. Es war jetzt der vierte Abend, an dem ſie die Dame erwarteten; aber obwohl es ſchon ebenſo ſpät war wie an den vorhergehenden Tagen, lag doch nicht dieſelbe Dunkelheit über dem Platz, weil der Himmel klarer war, als ſeit langer Zeit. Wir haben bereits gehört, daß unſere Leibtrabanten ſie mit Un⸗ geduld erwarteten. Es war ihnen mit dem Tags zuvor empfangenen Auftrag, die beabſichtigte De⸗ * 49 monſtration zu Gunſten des Senats zu hintertreiben, vollkommen gelungen, und ſie hofften jetzt, die Schöne werde ſie, zum Dank für ihre Dienſtleiſtung, in wei⸗ tere Geheimniſſe einweihen. „Wenn nicht der Teufel ſelbſt ſeine Hand im Spiele hat,“ ſagte Wallenſtjerna,„ſo werden wir ſie doch heute Abend dahin bringen, daß ſie uns das Räthſel löst.“ „Still,“ flüſterte Hermelin,„es kommt Jemand, ſtill!“ „Es ſind Männer... ſtill...“ Es kamen wirklich zwei Perſonen die Schloßtreppe herab. „Kehre Dich um, Wallenſtjerna,“ flüſterte Her⸗ melin wieder,„da kommt noch ein Dritter.“ In dieſem Augenblick ſah man von der Schiff⸗ brücke her eine dritte Perſon durch das Gatterthor hereinkommen. Wallenſtjerna und Hermelin zogen ſich weiter zurück. Die drei Unbekannten, von denen zwei aus dem Schloß kamen, während der dritte dahin gehen wollte, waren dicht in ihre Mäntel gehüllt, und dieſer Um⸗ ſtand machte ſie unkenntlich. Wallenſtjerna und Hermelin gaben einander ein Zeichen. Die Unbekannten, die von entgegengeſetzten Sei⸗ ten herkamen und einander nicht bemerkten, ſtießen in dieſem Augenblick heftig zuſammen. Der vom Thor her kommende brummte verdrieß⸗ lich einige Worte, ſetzte aber dennoch mit vermehrter Schnelligkeit ſeinen Weg fort. Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. III. 4 50 Die zwei Andern blieben ſtehen und ſahen ihm nach. „Beim Himmel,“ ſagte der Eine,„das war der Graf Ehrenpreutz: ich hatte ihn Angeſicht vor Ange⸗ ſicht. Wohin kann er um dieſe Stunde und auf die⸗ ſem Weg gehen wollen?“ „Graf Ehrenpreutz?“ wiederholte der Andere. „Laſſen Sie uns umkehren und ihm folgen. Ich habe noch von alten Zeiten her einige Geſchäfte mit dem Mann abzumachen.“ „Alte Geſchäfte,“ verſetzte der Erſtere,„ſoll man nicht um dieſe Stunde abmachen; alſo laſſen Sie uns gehen.“ Das Geſpräch wurde ganz leiſe geführt, aber doch laut genug, daß unſre zwei Leibtrabanten, die dicht dabei an eine Bretterwand gelehnt ſtanden, jedes Wort hören mußten. Die beiden Sprechenden gingen hierauf weiter, aber in dieſem Augenblick— ſie hatten heute Un⸗ glück— ſah man eine vierte Perſon durch das Thor hereintreten. Trotz der Finſterniß muß jedoch der Neueingetretene ſogleich bemerkt haben, daß Leute auf ihn zukamen, denn er ging gerade auf ſie „Gehorſamſter Diener, meine Herren, gehorſam⸗ ſter Diener,“ ſagte er, gleich als hätte er ſie beim hellſten Tageslicht geſehen,„ich bin ein alter Mann, aus Schonen hergereist, unbekannt in Stockholm, hieher verirrt, habe keine Freunde, weiß nicht wohin ich gehen ſoll; ſagen Sie mir, liebe Herrn, führt dieſer Weg nicht in's Schloß hinauf? Möchte gerne ſchauen, wie es in der Finſterniß ausſieht, liebe ſehr 51 die Nachtſtücke, kenne mehrere Künſtler, zeichne und male auch ſelbſt ein wenig, Alles jedoch ſchwarz in ſchwarz. Führt mich dieſer Weg in's Schloß hinauf?“ „Ja, mein Herr, ſo iſt's; gehen Sie nur ge⸗ rade aus.“ „Um Verzeihung, meine Herrn, habe ich nicht die Ehre, mit dem Paſtor Forbus und... ſehe ich recht... mit dem Reichstagsdeputirten Lars Lars⸗ ſon zu ſprechen?“ „Sehr möglich,“ antwortete Forbus,„aber wer ſind Sie ſelbſt?“ „Ein alter Mann, meine Herrn, von Schonen her gereist, kenne keinen Menſchen in Stockholm. Gehorſamſter Diener, meine lieben Herrn, gehorſam⸗ ſter Diener.“ Damit entfernte er ſich. Wallenſtjerna und Hermelin verließen ſogleich ihre Plätze und eilten zu Forbus und Lars Larsſon vor, welche ſie ebenfalls erkannt hatten, und die jetzt, nach ihrer Audienz bei der königlichen Familie, nach Haus zurückgehen wollten. „Kannte einer von ihnen,“ fragte Wallenſtjerna, „den Mann, der ſo eben vorbeikam?“ „Wer er auch iſt, ſei er der Teufel, Pechlin wer immer, ſo iſt er ganz gewiß ein großer Spitz⸗ bube. Vor etlichen Tagen ſtießen wir an der hollän⸗ diſchen Düne mit ihm zuſammen, und da hielt er uns auf's Unverſchämteſte für Narren.“ „Ich glaube ebenfalls,“ meinte Forbus,„daß er ein Schurke iſt; ſo ſprach er wenigſtens.“ „Seien Sie überzeugt,“ fuhr Wallenſtjerna fort, „daß hier Etwas um den Weg iſt, was man nicht aus dem Auge laſſen darf. Kaum erſt Ehrenpreutz und jetzt dieſer. Wiſſen Sie, was wir thun müſſen?“ „Nein.“ „Ihnen dicht auf den Ferſen folgen und ſehen, wohin ſie gehen. Sie, meine Herrn, nehmen Ehren⸗ preutz auf ſich, und Du, Hermelin, folgſt unſerem Reiſenden aus Schonen... ſo, meine Herrn, kein Geſchwatze... jeder auf ſeinen Poſten... ich bleibe als Schildwache hier zurück.“ Alle fanden Wallenſtjerna's Vorſchlag ganz in der Ordnung und eilten in's Schloß zurück. Wallenſtjerna war allein. In ſeinem Kopf wälz⸗ ten ſich allerlei Pläne und Vermuthungen. War's möglich, daß die unbekannte Dame, zu deren Rit⸗ tern Hermelin und er ſelbſt ſich gemacht hatten, mit Ehrenpreutz und dieſem ſonderbaren Mann da, der aus Schonen gekommen ſein wollte, im Komplott ſtand? Es wäre ziemlich kühn geweſen, ihn bei einer Intrigue gegen die königliche Familie zu ge⸗ brauchen, als deren Dienſtmann er ſich ſelbſt ver⸗ möge ſeiner Leibtrabantenuniform betrachtete. Zum dritten Mal gab er ſich alſo das Wort darauf, ſie, wenn ſie wiederkäme, nicht mehr loszulaſſen, bevor er ſie entlarvt hätte. Nachdem er dieſen Entſchluß gefaßt, freute er ſich, daß er allein war, weil er wohl wußte, daß der bedächtlichere und vorſichtigere Hermelin ihn nur hindern würde, wenn es ſich ein⸗ mal um eine entſchloſſene That handelte. Er brauchte auch nicht lange zu warten, ſo ſtellte ſich die ſchöne Unbekannte bereits ein. 53 Wallenſtjerna ging ihr ſogleich entgegen. „Halt, ſchöne Maske!“ redete er ſie an.„Be⸗ vor Sie weiter gehen, bitte ich um eine Erklärung.“ „Wie, mein Herr? haben Sie Ihr Verſprechen ſchon vergeſſen?“ „Ich habe Nichts vergeſſen, meine Gnädige; aber Sie müſſen mit den Feinden der königlichen Familie zu thun haben, und da iſt unſere Uebereinkunft ſo⸗ gleich abgebrochen.“ „Was meinen Sie damit?“ „Seit ich die Leute kenne, mit denen Sie hier zuſammengetroffen ſind, hat die Myſtification ein Ende.“ „Sie kennen... „Ich kenne den Grafen Chrenpreutz.“ „Den Grafen Chrenpreutz?“ „Sie kommen jetzt zu ſpät; er iſt ſo eben hinein⸗ gegangen.“ „Chrenpreutz?“ „Ja, und dieſer Herr aus Schonen ebenfalls.“ „Ein Herr aus Schonen? Ich verſtehe kein Wort von Allem, was Sie da ſagen, mein Herr. Was ſollte ich mit dem Grafen Chrenpreutz und dieſem Herrn aus Schonen zu ſchaffen haben? Wollen Sie ſich gefälligſt erklären.“ „Geben Sie ſich kein ſolches Anſehen, meine Gnädige; Sie begreifen gewiß ſehr wohl, daß Leute wie die Genannten ſich nicht um dieſe Zeit und auf dieſem Weg in's Schloß begeben würden, wenn ſie nicht Etwas im Schilde führten, was ſie der allge⸗ meinen Aufmerkſamkeit zu entziehen wünſchen.“ „Aber wenn ich das auch begreife?“ 17 „Dann begreifen Sie ferner, vorausgeſetzt, daß Sie im Intereſſe dieſer Herrn handeln, daß Sie mir und Hermelin blos einen Spuck geſpielt haben, indem Sie uns veranlaßten, vielleicht zu Gunſten einer Verſchwörung gegen den König und die Königin Schildwache zu ſtehen.“ „Sie erſchrecken mich, mein Herr, glauben Sie...“ „Ich glaube Nichts; ich weiß, daß Ehrenpreutz, einer der Feinde des Königs, und eine andere höchſt zweideutige Perſon vor einem Augenblick hier vorbei in's Schloß gegangen ſind.“ Nach Stimme und Geberde zu urtheilen, ſchien die Unbekannte zu erſchrecken. „Mein Gott!“ rief ſie,„ſollte die Königin von einer Gefahr bedroht ſein?“ In dieſem Ausruf lag ſo viel wahres Gefühl, daß Wallenſtjerna's Argwohn zu ſchwinden anfing. „Sie behaupten alſo, daß Sie wirklich eine Freun⸗ din der königlichen Familie ſeien?“ Er gedachte ſie wenigſtens auf die Probe zu ſtellen. „Daß Sie mit Chrenpreutz und dieſem Herrn aus Schonen in keiner geheimen Verbindung ſtehen?“ „Ich kenne ſie nicht einmal.“ „Mag ſein; aber dann müſſen Sie mich davon überzeugen.“ „Wie? auf welche Art? Um Alles in der Welt, ſprechen Sie.“ „Sie haben doch Zutritt zur Königin?“ &„ 4, „Ja, jg. „Wann Sie wollen?“ „Beinahe.“ 5⁵ „So gehen Sie ſogleich zu ihr.“ „Jetzt ſogleich?“ „Sagen Sie ihr, daß wir wahrſcheinlich einer geheimen Kabale auf der Spur ſeien.“ „Weiter...“ „Daß Ehrenpreutz, wohl in ſeinen Mantel ge⸗ hüllt, ſich vor einem Augenblick auf dieſem Weg in's Schloß geſchlichen habe, und daß eine unbekannte, aber verdächtige Perſon dicht hinter ihm hineinge⸗ gangen ſei.“ „Wohin ſind ſie gegangen?“ „Das weiß ich noch nicht; aber einige Perſonen, die Ihro Majeſtät ergeben ſind, folgen ihnen dicht auf den Ferſen, und ſie werden uns nicht ent⸗ kommen.“ „Ich verſpreche, Ihro Majeſtät von all' dem zu unterrichten.“ „Vermuthlich werden ſie das Schloß auf dem⸗ ſelben Weg wieder verlaſſen, den ſie gekommen ſind; ſagen Sie alſo Ihro Majeſtät, daß ich deßhalb hier ſtehen bleibe, um ſie zu erwarten.“ „Iſt das Alles?“ „Fragen Sie Ihro Majeſtät, was wir weiter thun ſollen?“ „Sonſt Nichts mehr?“ „Noch ein Wort. Machen Sie Ihro Majeſtät darauf aufmerkſam, daß es dunkel iſt, daß wir uns den Anſchein geben können, als ob wir die verdäch⸗ tigen Perſonen nicht erkennen würden, daß...“ „Ich verſtehe, ich verſtehe.“ Und ſie enteilte bereits. „Aber kommen Sie ſchnell zurück,“ rief Wallen⸗ ſtjerna ihr nach;„ich erwarte hier beſtimmte Be⸗ fehl 4 ehle. Wir müſſen jetzt dem Grafen Ehrenpreutz und dem angeblichen Herrn aus Schonen folgen. Ehrenpreutz hatte einen Vorſprung vor dem Letz⸗ teren. Als der eine den Luchshof verließ, kam der andere herein. Inzwiſchen wußte keiner von dem Andern, und Jeder ging auf dem nächſten Weg zu ſeinem Ziel. Im Schloß angelangt, ſtiegen ſie die⸗ ſelben Treppen hinauf und kamen, Einer um den Andern, in denſelben langen Gang, der die oberſten Stockwerke des Schloſſes in zwei lange, rechts und links gelegene Zimmerreihen theilt, die dem dienſt⸗ thuenden Damenperſonal überlaſſen ſind. Aber dort ſchlugen ſie verſchiedene Richtungen ein. Ehrenpreutz blieb in der Nähe der Treppe ſtehen, und unſer Reiſender aus Schonen begab ſich noch weiter vor⸗ wärts in dem Gange. Wir müſſen Beiden einzeln folgen. Welchen zieht der Leſer vor? Etwa den Mann aus Schonen? Er blieb vor dem Zimmer Nro. 11 ſtehen. Wir treten vor ihm ein. Das Zimmer iſt durch einige Wachskerzen beleuchtet, von denen ein heller Schein ausſtrömt. Die hochrothen Damaſttapeten verleihen dem Gemach ein prachtvolles Ausſehen. Auf der einen Seite erhebt ſich ein Spiegel, der vom Boden bis an die Decke reicht, und ihm gegenüber ſteht ein Divan, auf welchem wir in nachläſſig über⸗ müthiger, halb ruhender Haltung eine jungfräuliche 6⸗ 57 Geſtalt finden, deren ſüdländiſch zauberhafte Reize von feurigen Leidenſchaften zeugen. Es iſt Amanda. Juſt in dieſem Augenblick fliegt über die kaum noch ſo ruhigen Züge ein Lächeln: es gleicht einem Sonnenſchimmer, der über die Wangen einer Schnee⸗ roſe hineilt. Es gibt im Leben unſerer Leidenſchaften einen Augenblick, der weder beſtimmte Wilrklichkeit noch bloßer Traum iſt; es iſt der Moment, wo die Liebe noch in der Tiefe des Herzens ruht, aber unſere ſinnlicheren Inſtinkte uns nichtsdeſtoweniger von dem wilden Reiz des Haſſes zu unterrichten anfangen. In dieſem Augenblick, wo wir mit unſern Gedanken auf der einen Seite im Dunkel einer ſternloſen Nacht umherwanken, auf der andern aber mit Schmerz nach dem immer bläſſer gewordenen Morgenhimmel unſers ſchönſten, obwohl vergänglichen Lebenstrau⸗ mes zurückblicken, wiſſen wir nicht, ob es blos die Qual der Liebe oder die Bitterkeit der Eiferſucht iſt, was uns verzehrt. Wir fühlen blos, wie der Same eines neuen Gefühls keimt und Wurzel ſchlägt; aber es hat ſich noch nicht ausgebildet, es hat erſt Knoſpen und Blüthen getrieben, und wir wiſſen noch nicht, von welcher Art es ſein wird, welcher Name ihm zukommt. Amanda befand ſich in dieſer Ungewißheit in Betreff ihrer eigenen Perſon. Zwar legte die Lei⸗ denſchaft herzloſe Worte auf ihre Lippen, aber bei jedem Wort, das ſie ſprach, erlitt ſie Qualen, als hätte ſie ein Stück aus dieſem armen Herzen heraus⸗ geriſſen. Man hat nicht recht tief geliebt, bevor man fühlt, daß man zu haſſen anfängt; denn erſt dann weiß man recht, was die Liebe war, welche Seligkeit ſie zu ſchenken vermochte, welches Paradies verloren ge⸗ gangen iſt. Amanda hatte ihre Augen geſchloſſen; ſie woll⸗ ten ſich mit ihren Gefühlen in ihr Herz verſchließen, ſie wollte lieben und ſie wollte haſſen, aber allein, in der Stille, für ſich ſelbſt. Auf dem Tiſch vor ihr lagen einige Bücher und Kupferſtiche. Als ſie außen auf dem Gang Tritte hörte, ſchlug ſie ihre Augen auf. Ihr Blick fiel in den Spiegel, wo ſie ihr ganzes Bild ſah, während ſie mit dem Kopf eine lauſchende Stellung einnahm. „Das iſt er,“ murmelte ſie. Die friſchen, purpurrothen Lippen, die ſich dabei ein wenig öffneten, wie zwei Blumenblätter, welche von einem leichten Windhauch berührt werden, zeig⸗ ten einen Augenblick die weiße Linie einer elfenbein⸗ klaren Zahnreihe, einem lächelnden Strahl vergleichbar. Als die Tritte näher kamen, richtete ſie ſich auf. Sie blieb noch eine Weile vor dem Spiegel ſtehen, und ihr Blick folgte prüfend ihrer eigenen Geſtalt vom Kopf bis zu den Füßen. Mit. einem Seußzer wandte ſie ſich dann gleichſam von ſich ſelbſt ab und ging an die Thüre. Die Tritte kamen immer näher. Sie lauſchte wieder. Jetzt klopfte es an die Thüre: zwei leiſe Schläge, der dritte ſtark. Amanda öffnete ſogleich. Beim Anblick der Perſon, die vor ihr ſtand, trat ſie erſchrocken zurück. 59 „Wer ſind Sie?“ fragte ſie.„Was wollen Sie ier?“ „Kennen Sie mich nicht, Amanda?“ „Ah, Baron Pechlin. Wenn Sie nicht geſprochen hätten, würde ich Sie nicht erkannt haben.“ „Wirklich? Iſt meine Maske ſo gut gelungen?“ „Doch nicht ganz,“ bemerkte Amanda, nachdem ſie ihn näher betrachtet.„Hätte ich Sie genauer angeſehen, ſo würde ich Sie auch an Ihren Augen und Blicken erkannt haben. Aber warum dieſe Ver⸗ mummung?“ „Blos um Sie zu überraſchen, Amanda, aus keinem andern Grund. Wenn man Damen beſucht, ſo thut ein Mann immer am beſten, vorſichtig zu ſein. Apropos, ich erhielt Ihren Brief heute früh. Sie wiſſen, wie koſtbar ein Schreiben von Ihrer Hand immer für mich iſt. Ich aß dieſes ordentlich auf, damit es von keinen fremden Augen entweiht würde. Nun, meine beſte Amanda, Sie, ein wahr⸗ haft unſchätzbarer Juwel am Hof, was wiſſen Sie jetzt Neues?“ „Setzen Sie ſich, Baron,“ bat ſie.„Ich habe Sie nicht ohne meine guten Gründe hieher gebeten.“ „Wenn Sie mir erlauben,“ fiel Pechlin ein,„ſo ſchließen wir vor allen Dingen die Thüre gehörig zu... So... jetzt ſind wir ſicher. Sollten wir indeß gleichwohl überraſcht werden, ſo müſſen Sie wiſſen, daß ich in dieſem Aufzug für einen kaum erſt in der Hauptſtadt angelangten Gutsbeſitzer aus Schonen gelte, der keinen Menſchen hier kennt.“ Amanda hörte genau auf Alles, was Pechlin ihr mittheilte, dachte aber doch noch mehr an den Gegenſtand, der ſo ausſchließlich ihre Seele beſchäf⸗ tigte. „Baron Pechlin,“ begann ſie darauf,„Sie ſind der einzige Menſch, der mir Freundſchaft bewieſen hat, der... „Sie ſchlagen mein Verdienſt gar zu hoch an, Amanda. Was ich für Sie that, habe ich ebenſo gut um meiner ſelbſt willen gethan. Sehen Sie, Amanda, es kitzelte meine Eitelkeit, ein Kind nach meiner eigenen Art und Weiſe erziehen zu können, und iſt es mir etwa nicht gelungen? Niemand, wer Sie betrachtet, wird mir das abſtreiten. Ei ſieh da, Amanda, Sie beſchäftigen ſich ja auch mit Studien? Sie haben Bücher... Sie leſen...“ Pechlin nahm ein Buch von dem Tiſchchen und ſchlug es auf. Es war ein kaum erſt erſchienenes Werk über die franzöſiſche Freimaurerei. Er ergriff ein anderes. Dies war eine Abhandlung über den aufkeimen⸗ den Jakobinismus. „Die Verſchwörung gegen das Chriſtenthum,“ las Pechlin.„Man ſieht wohl,“ fügte er hinzu, „Sie beſchäftigen ſich mit wichtigen Gegenſtänden.“ „Ich liebe das Myſtiſche, Baron, das Wunder⸗ bare; und wer hat mehr Urſache dazu als ich, deren ganzes Daſein ein unerklärliches Räthſel iſt? Aber laſſen Sie uns bei der Sache bleiben, Baron. Ich ſagte, daß ich Ihnen Alles zu verdanken habe, und daß ich keinem Menſchen, außer Ihnen, mein Ver⸗ trauen ſchenken kann.“ „Sprechen Sie, beſte Amanda, ich nehme den 61 innigſten Antheil an Allem, was Sie betrifft. Spre⸗ chen Sie... ſprechen Sie...“ Amanda richtete ſich plötzlich auf. Man ſah, daß ſie ſich nicht mehr beherrſchen konnte. „Baron Pechlin,“ ſagte ſie,„haben Sie jemals tief, innig, unausſprechlich geliebt?“ Pechlin ſtierte ſie an. „Nein,“ antwortete er,„nie.“ „Nun wohl, haben Sie alſo gehaßt?“ „Ich weiß es nicht ſo genau, Amanda, aber ich glaube beinahe, daß ich es thue.“ „Wollen Sie mir ſagen, wen Sie haſſen?“ „Ich haſſe... ſo weit ich es wirklich thue... meine politiſchen Gegner.“ Amanda ſank auf ihren Stuhl zurück. „Verzeihen Sie mir,“ fuhr ſie fort,„ich war einfältig, daß ich mich mit ſolchen Fragen an Sie wandte. Sie ſind blos eine künſtliche Combination von politiſchen Maximen. Sie ſind mehr Kopf als Herz. Ihre Ueberzeugung iſt es, was liebt oder haßt, nicht Ihr Gefühl. „Laſſen Sie mich den Grund Ihrer Fragen hören, die ich wirklich, wenn ich Ihren Charakter in Betracht ziehe, ganz natürlich finde; aber was hat dieſelben wohl in dieſem Augenblick veranlaßt?“ „Ich habe weder vor Ihnen, Herr Baron, noch ſonſt vor Jemand den tiefen Eindruck verhehlt, den Capitän Puke auf mich machte. Er hat mich auf's Gewaltigſte angeregt; ſein Blick durchdrang mich auf einmal, wie der Strahl den Kryſtall durchdringt; es überkam mich ein Gefühl, als ob ich in ihm mich ſelbſt, mein beſſeres Weſen liebte. Ich bat Sie, 62 Baron, ihn einzuladen... Sie thaten es... ich danke Ihnen dafür... aber wir ſind auch ſeitdem mit einander zuſammengetroffen... es iſt zu einer Erklärung zwiſchen uns gekommen... und jetzt... jetzt haſſe ich ihn.“ „Das heißt alſo,“ bemerkte Pechlin,„Sie lieben und haſſen ihn zugleich: dies iſt beim Weibe nichts Ungewöhnliches. Es bedeutet wohl eigentlich, daß ſie nicht weiß, ob ſie ihn liebt oder haßt; kurz und gut, im Ganzen iſt es blos ein heftiger Verdruß darüber, daß er Sie nicht mit derſelben Ueberſchweng⸗ lichkeit liebt, wie Sie ihn.“ „Sie können das Verhältniß auslegen, wie Sie wollen, Baron.“ „Jedenfalls, Amanda, laſſen Sie ſich durch meine Betrachtungen nicht in Ihrem Gedankengang unter⸗ brechen. Nun wohl... Sie haſſen ihn.“ „Von dem Augenblick an, wo das bittere Gefühl des Haſſes mich ergriff, hat er unaufhörlich vor mei⸗ ner Seele geſtanden. Er ſagte, daß er die Königin verehre, und daß er eine Dame liebe, die dem Hof angehöre; denken Sie ſich alſo, wie ſehr dieſe Mit⸗ theilung meine Erbitterung über die königliche Fa⸗ milie und dieſen Hof geſteigert hat. In den weni⸗ gen Tagen oder Stunden, wo ich mich meiner un⸗ glückſeligen Neigung hingab, begann ich meine gegen⸗ wärtige Stellung zum Hof zu bereuen: jetzt freue ich mich darüber. Baron Pechlin, ich habe Rache geſchworen. Aber Sie müſſen mir helfen.“ Pechlin wünſchte Nichts ſehnlicher. „Ich bin Ihnen für die unſchätzbaren Mitthei⸗ lungen, die Sie mir von Zeit zu Zeit gemacht haben, 63 zu ewigem Dank verpflichtet, Amanda. Sagen Sie Alles, was Ihnen ſchwer auf dem Herzen liegt. Sie können vollkommen aufrichtig gegen mich ſein. Lege ja auch ich mich offen wie ein aufgeſchlagenes Buch vor Sie hin. Meine Feindſchaft oder mein Haß, wie Sie es nun nennen wollen, iſt zwar, wie Sie einzuſehen ſcheinen, von der abſtracten Art, die ſicher⸗ lich niemals zur That ſchreiten würde; aber Ihnen zu Liebe, aus Ergebenheit gegen Sie, könnte ich ſehr weit gehen. Fahren Sie fort, Amanda. Was wün⸗ ſchen Sie von mir?“ „Wir müſſen Alles zu Grunde richten... all dieſe Leute... dieſe ganze Königsfamilie, welcher er ſo ſehr zugethan iſt, dieſen ganzen Hof, der den Gegenſtand ſeiner Liebe in ſich ſchließt.“ „Weiter, Amanda, weiter.“ „Ich habe Ihnen den frechen Verſuch der Königin mit den Reichsjuwelen mitgetheilt.“ „Ja, ja, Amanda; ich bin Ihnen für Ihre Wach⸗ ſamkeit ſehr dankbar; ſehen Sie, ſo Etwas freut mich ungemein.“ „Ich habe Ihnen den Beſuch verrathen, den die Königin hier machte, während ſie ausſprengen ließ, daß ſie in Drottningholm krank liege.“ „Das iſt wahr. Ihre Aufmerkſamkeit iſt bewun⸗ dernswürdig. Aber ich habe auch keinen Menſchen ſo lieb wie Sie.“ „Ich habe Ihnen Silfverhjelms Reiſe nach Ham⸗ burg anvertraut.“ „Ihre Verdienſte um das Vaterland ſind un⸗ ſchätzbar.“ 64 „Ich habe Ihnen anvertraut, daß Baron Wran⸗ gel in all dieſe Geheimniſſe tief eingeweiht iſt.“ „Für alles das werden die Reichsräthe und die Stände Sie ſicherlich einmal belohnen.“ „Aber erlauben Sie mir jetzt eine Frage, Herr Baron. Warum laſſen Sie all dieſe Mittheilungen verloren gehen, ohne irgend einen Gebrauch davon zu machen?“ „Was? ich?“ Beide ſahen einander verwundert an. „Allerdings, ich wiederhole meine Frage, warum benützen Sie dieſe Angaben niemals?“ „Meine beſte Amanda, ich haſſe Puke nicht.“ „Aber Sie haſſen doch den Hof?“ „Das mag ſein. Ich bin nämlich überzeugt, daß der Hof gewiſſe revolutionäre Abſichten hegt, und ich möchte ihnen gerne zuvorkommen; aber dar⸗ auf beſchränken ſich auch meine Wünſche. Ich habe keine verſchmähte Liebe zu rächen, wie Sie.“ Amanda's Verwunderung wurde immer größer. „Aber, mein Gott,“ bemerkte ſie,„dann kann ich ja nicht auf Ihre Beihülfe rechnen.“ „Doch gewiß, Amanda; aber Sie müſſen hiebei blos den Unterſchied im Auge behalten, daß ich Ihre Geſchäfte betreibe, und nicht Sie die meini⸗ gen. Ich für meinen Theil fühle kein Bedürfniß, Jemand zu ſtürzen; es genügt mir, wenn ich jede Gefahr kenne und Gelegenheit erhalte, meine Freunde zu warnen; bei Ihnen dagegen iſt es eine ganz an⸗ dere Sache... aber Sie wiſſen ja, wie ſehr ich Sie ſchätze und wie gern ich alle Ihre Wünſche er⸗ Gn 65 fülle... ſagen Sie mir alſo nur, was Sie ver⸗ langen.“ Man darf Pechlin nicht immer beim Wort nehmen. „Ich verlange Rache.“ „Aber ich weiß nicht recht, was ich eigentlich dabei thun kann.“ „Sie ſind der Einzige, an den ich mich wenden kann. Sie müſſen mir Rath ertheilen.“ Pechlin lächelte. „Und Sie verſprechen, meine Rathſchläge zu be⸗ folgen?“ „Ja.“. „Dann, Amanda, geht mein erſter Rath dahin, daß Sie nicht ſo hitzig dreinfahren und Nichts über⸗ eilen ſollen.“ „Uebereilen? Ich verſtehe Sie nicht.“ „Sie wollen ja doch die Königin darum ſtürzen, weil Puke ſie ſchätzt?“ eide „Den Hof darum, weil Puke's Geliebte ſich un⸗ ter ſeinem Perſonal befindet?“ „Ja, ja.“ „Um ein ſolches Ziel zu erreichen, Amanda, muß man ſeine Waffen wohl geſchliffen haben.“ „Erklären Sie ſich deutlicher, Baron.“ „Nur das Intereſſe, das Sie mir einflößen, Amanda, kann mich zur Theilnahme an Ihren Plänen beſtimmen. Sie wiſſen, daß der Hof mir gleichgiltig iſt... glauben Sie jedenfalls nichts Anderes.“ „Fahren Sie fort, Baron, fahren Sie fort, ich höre Sie mit meiner ganzen Seele an.“ „Sie ſind groß in Ihrer Liebe, Amanda,“ fuhr Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. III. 5 66 er fort,„Sie ſind erhaben in Ihrem Haſſe; aber in der Politik bin ich verſtändiger als Sie. Ich weiß wohl, daß die Götter der Mythe das Gift tropfen⸗ weiſe auf Prometheus hinabfallen ließen, aber erſt nachdem er gefeſſelt war; merken Sie ſich dieſes nachdem. Sie könnten dem Hof allerdings durch jeden einzelnen Theil der Geheimniſſe, worauf Sie ihn ertappt haben, ſehr ſchaden; aber der Effekt des Ganzen würde verloren gehen, wenn Sie es durch ſolche Detailirung zerſplitterten. Wenn eine zum Sprengen beſtimmte Mine ihre rechte Wirkung her⸗ vorbringen ſoll, Amanda, ſo zündet man nicht ein einziges Pulverkörnchen an, ſondern man ſammelt, man legt ein Korn zu dem andern, bis die Mine voll iſt— und dann läßt man ſie auf einmal knal⸗ len. An Ihrer Stelle würde ich noch recht lange eine bloße Sparbüchſe bleiben und mich für eine große Kataſtrophe aufbewahren. Sammeln Sie Ma⸗ terialien, Amanda, ſammeln Sie, ſammeln Sie; wenn dann der Augenblick gekommen iſt, ſo geht das Feuer⸗ werk von ſelbſt los. Schießen Sie jetzt, wie ein ſchlechter Schütze, blos in die Zweige, und beküm⸗ mern Sie ſich Nichts darum, wenn man glauben ſollte, Sie haben Ihr Pulver umſonſt verſchoſſen... Dies iſt um ſo beſſer... je weniger man auf Sie Acht gibt, um ſo ſicherer werden Sie einſt treffen. Das große Geheimniß aller Politik beſteht darin, Amanda, daß man ſeinen Gegnern eine Naſe zu drehen weiß. Amanda hörte mit funkelnden Augen dem Ba⸗ ron zu. „Baron Pechlin,“ unterbrach ſie ihn endlich,„ich fange an, Sie zu verſtehen. Sie glauben alſo, daß ich mit der Zeit Rache finden werde?“ „Ich bin davon überzeugt, wenn Sie nur vor⸗ ſichtig ſind, aufmerkſam Alles beobachten, was hier vorgeht, und ſich Nichts entgehen laſſen.“ „Verlaſſen Sie ſich auf mich, Baron, ich werde vorſichtig und aufmerkſam ſein.“ „Je vorſichtiger man geht, um ſo ſicherer geht man auch. Je langſamer man ſich dem Ziele nä⸗ hert, um ſo beſtimmter erreicht man es. Kleine Jun⸗ gen purzeln jeden Augenblick um; alte Männer mit Krücken unter den Armen fallen nicht. Die Natur übereilt ſich nie, wenn ſie etwas Tüchtiges ſchaffen will. Was ſchnell reift, verwelkt auch ſchnell. Jede Handlung, die Früchte tragen ſoll, muß ſich, gleich einer Pflanze, langſam aus ſich ſelbſt entwickeln dür⸗ fen. Sein Sie ganz ruhig, Amanda. Laſſen Sie Alles nur ſeinen ebenen Weg gehen, dann hafte ich für die Folgen.“ „Ich bin heftig, Baron, ich bin leidenſchaftlich; es kommt mir vor, als ob ich in einem Wirbelwind von Ereigniſſen lebte; meine Unruhe nimmt kein Ende und regt beſtändig neuen Gährungsſtoff in meiner Bruſt auf. Ich beſitze keine Vergangenheit, auf welche ich zurückblicken könnte, keine Elternliebe, die mir mit ihrem Kompaß nach den höheren Ge⸗ ſetzen der Sterne meinen Weg vorgezeichnet, keine zärtliche Mutter, deren ſanftes Auge mein Herz durchſtrahlt, keinen Vater, deſſen kräftiger Rath die wilde Ranke geſtützt, keinen Bruder, keine Schweſter, die freundlich an meiner Seite gewandelt und meiner trauernden Seele Frieden und Milde eingegoſſen 68 hätten. Mein Gott, hätte ich nur eine einzige ſolche Perſon gehabt, auf die ich mich hätte ſtützen können, mit welcher Liebe würde ich mich nicht ihr angeſchloſ⸗ ſen haben, zu welchen Opfern wäre ich nicht fähig geweſen! Aber ich bin allein, gänzlich allein. Ueber meinem Haupt findet ſich kein Stern, von wo ich hoffen dürfte, daß ein theures Auge auf mich herab⸗ blicke, und auf der Erde findet ſich keine Blume, von der ich glauben könnte, ſie ſei von einem im Grabe ruhenden Herzen aufgeblüht, dem ich einſt theuer geweſen, an dem ich einſt ruhen gedurft. Diejenigen, die alles das beſitzen, begreifen nicht, wie ich, die es immer entbehrte und immer werde entbehren müſſen, im Gefühl dieſer Armuth leide. Und er... er... an den ich einen Augenblick die Hoffnung auf die Seligkeit eines ganzen Lebens geknüpft hatte... er liebt eine Andere... er verachtet mich... er ſtößt mich mit Hohn zurück. Warum mußte ich ihm doch Gelegenheit geben, in meine Seele zu blicken, mein Herz zu durchſchauen! Wahnwitzige Illuſionen ... thörichte Hoffnungen... dumme Einbildungen! Aber ich will mich rächen... hören Sie, Pechlin... ich will mich rächen. Wo iſt Aminoff? Glauben Sie, daß er mich noch liebe?“ Daran dürfen Sie nicht zweifeln; für einen Blick von Ihnen wird der arme Junge in den Tod gehen.“ „Wenn ich zu ihm ſage: Sie müſſen noch heute Nacht abreiſen... eine lange... lange Reiſe machen... durch fremde Länder... aber wenn Sie zurückkommen und meinen Auftrag ausgerichtet haben, ſo ſchenke ich Ihnen meine Hand,“ glauben Sie, daß er darauf eingeht?“ ◻ — — ⏑————ÿ un 8 — 8 2 69 „Ohne alles Bedenken, das verſichere ich Sie. Er wird es für eine große Ehre halten, in Ihrem Dienſt eine Reiſe zu machen, und wenn's nach Me⸗ ſopotamien ginge.“ „Nun wohl, dann ſoll er nach Berlin reiſen.“ „Nach Berlin? Was wollen Sie damit ſagen?“ Pechlin, der bisher etwas gebückt dageſeſſen hatte, hob ſeinen Kopf empor. „Ich will damit ſagen, daß Capitän Puke vor einigen Tagen dorthin gereist iſt.“ „Puke? Das kann doch keine beſondere Bedeu⸗ tung haben.“ „Er iſt in Geſchäften der Königin von hier ab⸗ gereist. 1 Pechlin richtete ſich auf. Seine Haltung glich der eines Jägers, welcher ein Wild aufgetrieben zu haben glaubt. „Was höre ich? Eine neue Intrigue. Nach Berlin, ſagen Sie, alſo zum Bruder der Königin, zum König Friedrich, dieſem originellſten aller jetzt lebenden Könige, in deſſen Kopf neben kühnen Thor⸗ heiten Genie thront, während deutſche Grübelei und franzöſiſcher Skepticismus ſich um ſeinen Verſtand reißen, dieſem Bruder, mit welchem die Königin uns immer droht, wie mit einer im Hintergrund lauern⸗ den Donnerwolke. Meiner Treu, ſie muß da etwas ſehr Wichtiges im Schilde führen. Das wäre nicht übel. Ich wünſche mir gar nichts Beſſeres. Je mehr ſie mit ihren Plänen herausrückt, um ſo eher bekom⸗ men wir ſie in unſere Gewalt. Auf einmal jedoch fuhr Pechlin mit der Hand 70 über ſeine Stirne; er bedachte ſich, er hatte ſich zu leidenſchaftlichen Phraſen hinreißen laſſen. „Damit will ſo viel geſagt ſein—“ er ſetzte ſich wieder ruhig—„damit will ſo viel geſagt ſein, daß Sie mir unter ſolchen Umſtänden Ihrem Ziele weit näher zu ſein ſcheinen, als ich geglaubt hatte. Ich gratulire Ihnen wirklich, Amanda. Aber erklären Sie ſich mir noch vollſtändiger, damit ich Ihre Stel⸗ lung beſſer beurtheilen kann. Wann reiste Puke ab?“ „Einige Stunden nach ſeinem Duell mit dem Grafen Creutz kam er nach Drottningholm.“ „Alſo jedenfalls an demſelben Abend, wo das Duell vor ſich gegangen war?“ „Wie ich ſage, an demſelben Abend. Als er von der Königin weg aus der Bibliothek kam, ſtand ich an einer Säule im Vorſaal und ſah ihn vorbei paſſiren. Am folgenden Tag hatte die Königin eine Beſprechung mit der Gräfin Hard. Der Zufall führte mich an die Toilettenthüre, und da hörte ich aus ihrem eigenen Mund, daß ſie Puke nach Berlin geſchickt habe.“ Pechlin war ganz Ohr. Sein Blick flog im Zimmer umher, als hätte er nicht Zeit gehabt, ſich auf einen beſtimmten Gegenſtand zu fixiren. „Glauben Sie nicht, daß dieſe Reiſe einen wich⸗ tigen Zweck hat, Baron?“ „Ja, ja.“ „Daß man Puke dicht auf den Ferſen folgen muß?“. „Allerdings, allerdings.“ „Daß Aminoff...“ „Das iſt eine vortreffliche Idee, Amanda. Nie⸗ en mand kann beſſer taugen als Aminoff. Wir wollen ihn mit Beglaubigungsſchreiben an unſern Miniſter in Berlin verſehen. Er ſoll in den Stand geſetzt werden, Puke auf jedem Schritt und Tritt zu beob⸗ achten. Nun, Amanda, haben Sie mir noch Etwas anzuvertrauen?“ „Was wollen Sie noch mehr wiſſen? Hat das bisher Geſagte nicht einigen Werth?“ „Es hat ſehr großen Werth für Ihre Abſichten, Amanda, das kann ich nicht leugnen. Die Haupt⸗ ſache iſt nur die, daß man den Zweck ſeiner Reiſe erfährt, und... Ihnen zu Liebe, Amanda... verſpreche ich Alles zu thun, was ich kann. Ich darf ja doch Aminoffs Eifer dadurch anſpornen, daß ich ihm als Reiſeſpeſen Ihre Hand verſpreche?“ „Thun Sie das, Baron; aber dann muß er mit wichtigen Nachrichten zurückkommen. „Ganz richtig. Ich gehe jetzt, Amanda. Ver⸗ laſſen Sie ſich auf mich. Aminoff ſoll noch heute Nacht abreiſen.“ Als Pechlin ſich entfernte, lächelte er Amanda noch freundlich zu; aber war er wohl in ſeinem In⸗ nern ebenſo ruhig? In der Tiefe ſeiner grauen Aeugelein brannte ein fortwährendes Feuer, ſo wie nur das Brennglas es zu concentriren vermag. Wir verließen den Grafen Ehrenpreutz vor der erſten Thüre im Gang. Drinnen im Zimmer finden wir, ſtill und einſam, eine jener lieblichen Blondinen, die nur aus Licht und Luft geſchaffen zu ſein ſcheinen. — 72 Eine große Lampe brannte auf dem Tiſch, der vor ihr ſtand. In der Hand hielt ſie ein Briefchen, das ſie ſo eben geleſen hatte, und über das ſie wohl jetzt nach⸗ ſinnen mochte. In ihren Geſichtszügen lag wenig⸗ ſtens etwas Schwärmeriſches, was darauf deutete. Vielleicht träumte ſie jedoch eher, als daß ſie dachte. Die Träume ſind Blüthen, die Gedanken ſind Früchte. Die hellblauen Augen blickten ſo ruhig um ſich. Aber es lag in dieſem Blick etwas ſo Heiteres, als ob eine Inſpiration mit leichten Engelsſchwingen ihre Seele eben jetzt mit glücklichen und freundlichen Ideen erfüllte. Es ſchien, als überſchaute ſie ein ganzes Feld voll Sonnenſchein und Seligkeit, ein ganzes Leben voll Hoffnungen und Liebe. Ein Lä⸗ cheln ſpielte auf ihren Lippen: es war die Unſchuld, die von einem lieblichen Purpurbett einer Welt ent⸗ gegenlächelte, welche im ſchönſten und klarſten Mor⸗ genroth prangte. Aber der Leſer hat ſie ſicher bereits erkannt: es war Alma. Die Thüre wurde leiſe geöffnet, aber doch nicht leiſe genug, daß das Getöne nicht zu ihren Ohren drang und ihr Herz aufregte, worin es in dieſem Augenblick ſo ruhig, ſo ſtill und ſo friedlich ausſah, daß ſchon die leiſeſte Anregung beinahe als ein Sturm betrachtet werden konnte. Beim Anblick des alten Chrenpreutz wollte ſie ihren Augen kaum trauen: es war ſo ſelten, daß er ſie beſuchte. Aber wenn ſie ihn in der erſten Ueberraſchung mit einem Ausruf der Freude empfing, ſo ſah ſie gleichwohl ſogleich ein, daß der Beſuch eine wichti⸗ gere Urſache haben mußte, und die Freude verſchwand wieder. „Willkommen, Onkel,“ grüßte ſie jedoch;„das iſt ja ein ſehr angenehmer Beſuch.“ Ehrenpreutz ſetzte ſich inzwiſchen mit etwas be⸗ fangener Miene und beantwortete den freundlichen Gruhe nur ausweichend. „Du kannſt Dich allerdings über meinen Beſuch wundern,“ ſagte er;„aber ich kam gerade hier vorbei und... und 3 „Sagen Sie nicht, Onkel, daß Sie blos deßwegen zu mir heraufgekommen ſeien, weil Sie gerade vor⸗ beigingen; ſondern Sie wünſchten mich zu treffen, Sie ſehnten ſich nach mir, Sie fühlten ein Bedürf⸗ niß, mich zu ſehen und zu ſprechen. Nicht wahr, Onkel?“ „Nun ja, kleine Närrin, deßwegen bin ich aller⸗ dings gekommen.“ „Das iſt doch ein Grund, der ſich hören läßt, Onkel; alſo weiter, darum weil... weil...“ „Weil ich... aber ſieh, ich fürchte, daß ich Dich blos betrüben werde.“ „Glauben Sie das nicht, Onkel; aber vor Allem ſetzen Sie ſich recht bequem. Hier iſt der beſte Platz . ſo da, ja... dieſes Kiſſen da müſſen Sie hinter Ihren Rücken nehmen. Ich habe es ſelbſt genäht, Onkel. Iſt es nicht ſchön und weich? Aber warum ſollten Sie mich betrüben?“ Nach dem Duell hatte Creutz dem Alten erzählt, daß Puke ſich aus dem Land begeben habe, und 74 Chrenpreutz hatte ſeine aufrichtige Befriedigung dar⸗ über ausgeſprochen. Röhrs Hoffnungen auf Alma kamen dabei wie⸗ der zur Sprache, und obſchon Röhr ſelbſt jetzt ſo wenig als vorher daran zweifelte, daß Alma mit dem größten Vergnügen ihr Schickſal mit dem ſeini⸗ gen verknüpfen würde, ſo bald er nur ſeinen Mund aufthäte, ſo hegten doch beſonders Ehrenpreutz und theilweiſe auch Creutz nicht ganz dieſelbe Zuverſicht, wenn ſie auch natürlich Röhr Nichts davon merken ließen. Um die Sache in's Klare zu bringen, ſuch⸗ ten ſie ihn alſo zu beſtimmen, daß er noch einige Tage, bis ſie Gelegenheit gefunden hätten, ſelbſt mit Alma zu ſprechen, mit ſeiner Erklärung warten ſollte. Für Ehrenpreutz war die projektirte Verbindung von der größten Wichtigkeit, weil er hoffte, daß Puke ſich dann auf immer ferne halten würde. Da er fürchtete, daß der Capitän, obſchon er bereits ſeine Reiſe angetreten, gleichwohl bald genug ſeinen Plan ändern und zurückkommen könnte, ſo mußte er durch⸗ aus die Gelegenheit benützen und die Sache ſo ſchnell als möglich durchſetzen. Da indeß die vielen politiſchen Vorbereitungen zur Reichsverſammlung ſeine ganze Zeit in Anſpruch nah⸗ men, ſo hatte er ſeine Beſprechung mit Alma von einem Tag auf den andern verſchoben, und es hatte ſeine vollkommene Richtigkeit damit, daß er ſie jetzt nur im Vorbeigehen, d. h. auf dem Weg nach dem fran⸗ zöſiſchen Geſandtſchaftshotel beſuchte. Als er am Schloß vorüberfuhr, hatte er! ſich nämlich an Alma erinnert; deßhalb ließ er ſeinen Wagen ſtehen und begab ſich auf dem nächſten Weg zu ihr. „Ich ſagte,“ begann er wieder,„daß ich Dich blos zu betrüben fürchte; aber urtheile ſelbſt, Alma, ohne mich allzu hart zu beurtheilen.“ „Fürchten Sie Nichts, Onkel, ich beurtheile Nie⸗ mand zu hart, und ich bin überzeugt, daß wir auch jetzt als die beſten Freunde ſcheiden werden. Was haben Sie mir zu ſagen?“ „Du kennſt die Ergebenheit, welche Röhr Dir widmet, Alma?“ „Allerdings, Onkel; Sie und mein Bruder haben mir ja ſchon Jahre lang davon vorgeſprochen, obſchon ich glaube...“ 3 „Was glaubſt Du?“ „Daß Sie beide meine Verbindung mit ihm weit mehr wünſchen, als er ſelbſt.“ „Was ſchwatzeſt Du da, beſte Alma? Wer kann ſie ſehnlicher wünſchen als Röhr?“ „Was kann ich wiſſen, Onkel? Röhr nimmt die Sache vernünftig und ruhig. Er ſcheint ſich einzu⸗ bilden, er dürfe mich nur wie aus einem Schrank herausnehmen. Wiſſen Sie, Onkel, was das Beſte wäre?“ „Laß hören.“ 3„Wenn Sie gar nie mehr von der Sache ſprä⸗ en.“ „Warum nicht, Alma?“ „Weil das Ding langweilig iſt. Ich glaube übrigens, daß Röhrs ſogenannte Liebe eine bloße Phantaſie iſt. Man hat mir geſagt, daß ſolche Phan⸗ taſien öfters die Herrn anwandeln. Fort mit ihm, Onkel, fort mit ihm! Ich paſſe nicht für ihn.“ „Und warum ſollteſt Du nicht für ihn paſſen?“ „Aus einem ſehr überzeugenden Grund, Onkel, nämlich weil er ſicherlich mit keiner Perſon glücklich wäre, die nicht allein und ausſchließlich an ihren Putz, an die neueſten Moden und Tagesklatſchereien dächte. Sagen Sie ihm, er ſolle eine Andere wählen.“ So ernſthaft Ehrenpreutz auch die Sache nahm, ſo wußte er doch recht gut, daß er nicht allzu direkt auf ſein Ziel losſchreiten durfte. Ehe ein Mädchen all die Phraſen ausgegoſſen hat, mit denen ſie, als ob es wirkliche Prinzipien wären, ihr Herz ſo gerne um⸗ gibt, iſt alles Sturmlaufen nutzlos. Die Phraſen ſind eine gefährliche Macht für die Damen: ſie haben damit ſchon manche Belagerung abgeſchlagen; aber läßt man ſie ohne allen Widerſtand ihren Vorrath daran erſchöpfen, ſo hört bald auch ihrerſeits der Widerſtand auf. So glaubte wenigſtens Ehrenpreutz, und er ließ alſo ſeine Nichte ruhig weiter ſchwatzen, in der Ueberzeugung, daß der Augenblick zum Spre⸗ chen für ihn erſt dann komme, wenn ſie ihr ganzes Herz ausgeſchüttet habe. „Meine beſte Alma,“ bemerkte er alſo jetzt,„Du nimmſt die Sache gar zu leicht, und überdies beur⸗ theilſt Du Röhr ganz falſch. Wenn er auch in ſei⸗ nem Aeußern gar zu ſehr den artigen und modernen Cavalier zeigt, ſo iſt doch ein kräftiger und verſtän⸗ diger Kern in ihm. Dich liebt er mit einer ſtarken und wahren Leidenſchaft. Auf die Hoffnung, Dich zu beſitzen, hat er ſeine ganze Zukunft gebaut. Ich habe ihn darüber ſprechen gehört, und der Gedanke, Bo R u m 3 h 77 daß es ihm nicht gelungen ſei, Deine Gegenliebe zu wecken, hat ihn wahrhaft zur Verzweiflung gebracht. Mit ſeinen Wünſchen verſchmelzen auch die Wünſche Deiner Verwandten. Du biſt ein armes, unbemit⸗ teltes Mädchen. Röhr kann Dir eine glänzende, ge⸗ ſellſchaftliche Stellung und all die Annehmlichkeiten bieten, in deren Beſitz ſich eine Dame von Welt ſo wohl gefällt. Für Deinen Bruder wäre es eine Chre, ſeine Schweſter eine Stellung einnehmen zu ſehen, die ihres Namens würdig iſt. Alle Deine Angehörigen würden ſich herzlich darüber freuen, und was ſchließlich mich betrifft, ſo kann ich Dir blos ſagen, daß es mein innigſter und aufrichtigſter Wunſch iſt, Dein Glück auf dieſe Art befeſtigt zu ſehen. Be⸗ trachte daher dieſe Frage nicht mehr als einen bloßen Scherz, ſondern erblicke darin den ernſtlich gemeinten Wunſch aller Deiner Freunde, einen Wunſch, durch deſſen Erfüllung allein Du Dir eine heitere Zukunft ſchaffen kannſt. Du wirſt ernſthaft, Alma... Du bedenkſt Dich.. Du findeſt den Antrag an⸗ nehmlich.“ „Im Gegentheil, Onkel, ich finde ihn ganz un⸗ mnehuibane Was mich ernſt ſtimmte, war Ihre lange Rede.“ „Aber warum verwirfſt Du ihn, Alma? Die Parthie wäre in jeder Beziehung paſſend.“ „Paſſend, ſagen Sie? Für wen denn? Erſtens für Röhr, deſſen Eitelkeit es vielleicht ſchmeichelt, in mir ein hübſches Weibchen zu bekommen; zweitens für meinen Bruder, der eine reiche Schweſter haben möchte; drittens für Sie ſelbſt, der Sie mich gerne verſorgt ſehen möchten, bevor Sie das Zeitliche 78 ſegnen; aber für mich ſelbſt iſt ſie in der That nicht paſſend.“ „Warum denn? warum?“ „Ganz einfach darum, weil ich Röhr nicht aus⸗ ſtehen kann, weil ich ihn nicht liebe.“ „Aber Röhr iſt doch ein ſehr angenehmer Mann.“ „Ein großer Narr, Onkel.“. Chrenpreutz hielt ſeine Tabaksdoſe in der Hand, und bei dieſer Antwort Alma's begann er ſie zwiſchen ſeinen Fingern hin und her gleiten zu laſſen. Er ſchien einzuſehen, daß ihm hier alle Diplomatie Nichts helfen konnte. Aber je ſchneller die Doſe zwiſchen ſeinen Fingern rollte, um ſo mehr ſchienen auch qualvolle und be⸗ unruhigende Gedanken den Ausdruck ſeines Geſichtes zu verändern. Endlich hielt er jedoch die Doſe wieder ruhig, öffnete ſie und nahm eine tüchtige Priſe. Dabei fiel ſein Blick auf den Boden und blieb an einem Briefchen haften, das er als daſſelbe er⸗ kannte, womit Alma bei ſeinem Eintritt ſich beſchäf⸗ tigt hatte. Unbemerkt ſtellte er ſeinen Fuß darauf. „Alma,“ ſagte er,„Du willſt alſo Röhrs Antrag hartnäckig zurückweiſen? Aber die Gründe, die Du angibſt, ſind nicht ſtichhaltig; Du haſt gewiß den wichtigſten von allen vergeſſen.“ „Wiſſen Sie einen noch wichtigern, Onkel?“ „Du liebſt einen Andern.“ 2 „Du liebſt den Capitän Puke.“ Die Sicherheit, womit Ehrenpreutz ſich ausdrückte, machte Alma zittern. 1 1 — 5 e, Eine plötzliche Bläſſe bedeckte ihr Geſicht, wich aber bald einer ebenſo plötzlichen Röthe. Es war ihr un⸗ möglich, ein Wort hervorzubringen; ihre Zunge blieb unbeweglich, gleich als hätte der Schlag ſie gerührt. „Du weißt, daß ich Puke nicht ausſtehen kann; daß Dein Bruder, von welchem Du gleichwohl ab⸗ hängſt, niemals ſeine Einwilligung zu dieſer Ver⸗ bindung ertheilen; daß Deine ganze Familie ſich wie Ein Mann dagegen erheben wird.“ Sollte Alma ihre Ergebenheit gegen Puke einge⸗ ſtehen oder ſollte ſie die Sache leugnen? Wohl er⸗ innerte ſie ſich ihres Verſprechens, dieſes Verhältniß als ihr wichtigſtes Herzensgeheimniß zu bewahren; aber ihre Wange erblaßte bei dem Gedanken, daß ſie eine Unwahrheit ſagen ſollte. Angſtvoll ſah ſie ſich nach dem Brief um, den Sie ſo eben noch in ihrer Hand gehalten, und ſie erſchrack noch mehr, als ſie ihn vermißte. „Du antworteſt nicht, Alma,“ fuhr Ehrenpreutz fort,„und das überzeugt mich, daß ich mich in mei⸗ ner Vermuthung nicht getäuſcht habe. Du liebſt alſo Puke oder bildeſt es Dir wenigſtens ein. Aber Kind, haſt Du auch bedacht, daß Du dadurch einen Kampf mit Deinen Angehörigen hervorrufen wirſt, einen Kampf, der vielleicht auf Tod und Leben geht? Haſt Du bedacht, daß die Waffen in dieſem Kampf ſich nicht blos gegen Dich, ſondern auch gegen Puke kehren, und daß alle Schläge in dieſer Beziehung wohl berechnet ſein werden? Die Liebe iſt von Natur aufopfernd, und gewöhnlich ſchmeichelt es dem Weib, Märtyrer für dieſelbe zu werden; aber bedenke auch, daß Du durch fortgeſetzte Hartnäckigkeit auch ihn in's Verderben ſtürzen wirſt, denn ich ſchwöre Dir, er wird fallen, bevor er ſich Dir nähern kann.“ CEhrenpreutz brauchte nicht mehr zu ſagen. Alma begriff die Gefahr, welche Puke bedrohte. Wran⸗ gel's Warnung flog ihr jetzt auch durch den Kopf. „Beſter Onkel,“ ſagte ſie,„ich geſtehe, daß ich Puke als einen Freund aus meinen früheſten Kinder⸗ jahren ſchätze...“ „Schweig', Alma, fiel Ehrenpreutz ein,„ich will Dir die Erniedrigung erſparen, Deinen alten Onkel belügen zu müſſen. Als ich in Dein Zimmer trat, hielteſt Du einen Brief in der Hand.“ Alma vermochte ihre Unruhe nicht zu verbergen. Wohin mochte dieſer Brief wohl gekommen ſein? „Dein ganzes Ausſehen, Dein Blick, die heiße Röthe auf Deinen Wangen, das Lächeln auf Deinen Lippen, Alles verrieth mir den Inhalt dieſes Brie⸗ fes. Du warſt ſo glücklich... Dein Herz war voll von Seligkeit... aber nur die Liebe kann in einem Weib ſolche Gefühle hervorrufen, wie Du ſie empfandeſt. Sag' mir, Alma, was enthielt dieſer Brief?“ „Nichts, Onkel, blos gleichgiltige Dinge.“ „Von wem war er?“ „Der Brief? Von wem?... Er war... er war...“ „Suche mich nicht zu betrügen, Alma. Du ſiehſt nach dem Briefe. Weißt Du, wo er iſt?“ „Nein, nein.“ „Er liegt unter meinem Fuße, Alma.“ Alma ſprang auf. Der qualvollſte Schrecken er⸗ faßte ſie. n ¼——* 81 „Geben Sie mir den Brief, Onkel.“ „Was enthält er, Alma?“ „Es iſt mein Brief.“ „Von wem iſt er, Alma?“ „Ich antworte auf dieſe Fragen nicht, Onkel. Auch ich kann kleine Geheimniſſe haben.“ „Aber ich und Dein Bruder ſind von der Vor⸗ ſehung zu Wächtern über Dich geſetzt, und die Ge⸗ ſetze geben uns das volle Recht...“ „Den Brief, Onkel, den Brief... geben Sie ihn her... er gehört nicht Ihnen,... er gehört mir.“ Chrenpreutz bückte ſich hinab, hob den Brief auf und öffnete ihn. „Das war es, was ich vermuthete,“ ſagte er; „ſiehſt Du, Alma, der Brief iſt von Puke.“ Alma vermochte nicht zu antworten. Puke hatte, ſobald er auf fremdem Boden angelangt war, die Feder ergriffen und in glühenden Worten die Ge⸗ fühle ſeines Herzens ergoſſen. Alma hatte auch den Brief erſt vor einigen Stunden erhalten. Mit wel⸗ chem Entzücken hatte ſie ihn nicht geleſen! Welche poetiſche Schwärmerei hatte er nicht in ihr erweckt! Jede Zeile hatte ihr bewieſen, daß ſie ſelbſt der liebſte Gedanke ſeiner Seele war. Noch lag dieſer Eindruck auf ihrem Herzen, wie ein Thautropfen, der den Himmel zurückſpiegelt. Aber um ſo mehr erſchrack ſie auch, als ſie den Brief jetzt in einer fremden und vollends in ihres Onkels Hand ſah. Es wurde ſchwarz vor ihren Augen. Der Brief enthielt ihr ganzes Geheimniß. Er ſchilderte in lebhaften Ausdrücken das freundliche Verhältniß, das zwiſchen ihnen als Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. III. 6 82 Kindern beſtanden, wie ſie einander geliebt hatten zur Zeit, wo ihr Leben noch ein bloßes Spiel geweſen; dann ſprach er von ihrem Wiederſehen in Drottning⸗ holm, von ihrem unvermutheten Zuſammentreffen bei Wrangel und von dem Bunde, den ſie da mit einander geſchloſſen. Aber dies war noch nicht ge⸗ nug. In unzweideutigen Worten wies Puke ferner nach, daß ſie beide ihre Hoffnungen nur auf die Güte der Königin gründen konnten, und endlich gab er noch verſchiedene Mittheilungen über ſeine Reiſe. Alma ſah ein, daß Alles verloren war, wenn dieſer Brief in den Händen des Alten blieb. Sie mußte ihn alſo um jeden Preis zurückzubekommen ſuchen. Aber Alma war ein gutes und ſanftes We⸗ ſen, ein Weib in der ſchönſten Bedeutung des Worts; ſie fiel auf ihre Kniee, legte ihre Hände zuſammen und bat. „Onkel,“ ſagte ſie,„geben Sie mir dieſen Brief zurück; ich bitte Sie darum, wenn Sie Achtung vor ſich ſelbſt haben und einige Achtung von mir fordern. Ich mag immerhin ein ſchwaches Weih ſein, aber Sie dürfen das Herz dieſes Weibes nicht verletzen, denn, wiſſen Sie, ein verletztes Weib bleibt ſich nicht mehr gleich. Beim Andenken an die Liebe, die Sie einſt Ihrer eigenen Gattin ſchenkten, bitte ich Sie, meine Gefühle zu reſpectiren. Handeln Sie, wie Sie wollen, aber handeln Sie Ihrer ſelbſt würdig. Geben Sie mir den Brief zurück, Onkel.“ „Unter keiner Bedingung, meine Liebe. Du weigerſt Dich, auf unſere Wünſche einzugehen; wir widerſetzen uns den Deinigen, und dieſer Brief kann einigermaßen zur Entſcheidung der Sache beitragen.“ 83 „Unmöglich, Onkel; Sie können das nicht im Ernſte ſagen; Sie können nicht die Abſicht haben, meinen Brief zu behalten. Ich liege zu Ihren Füßen, ich bitte Sie, ich bettle...“ Ohne zu antworten legte Ehrenpreutz ganz ruhig das Papier zuſammen und ſteckte es in ſeine Bruſt⸗ taſche. „Je unruhiger Du biſt, Alma,“ ſagte er dabei, „um ſo mehr überzeuge ich mich, daß der Brief Dei⸗ nen Bruder und mich über Dein Verhältniß zu Puke, worüber Du ſelbſt Nichts ſagen willſt, aufklären wird.“ „Was wollen Sie denn wiſſen, Onkel?“ „Jetzt will ich Nichts mehr von Dir wiſſen; die⸗ ſer Brief wird mich über Alles unterrichten.“ Es war Alma unmöglich, länger zu bitten; ſie erhob ſich.. „So behalten Sie den Brief, Onkel; aber wiſſen Sie auch, daß weder Sie noch irgend ein Anderer mich von meinem Entſchluß abbringen wird.“ „Sachte, ſachte, beſte Alma; bedenke, daß Du mit Deinem Onkel ſprichſt.“ „Ich ſehe in Ihnen keinen Onkel mehr, ſondern nur einen Mann, der einem Weib das einzige Ge⸗ heimniß ihres Herzens ſtehlen will.“ „Du vergiſſeſt Dich, Alma.“ „Sch vergeſſe mich nicht, ſondern Sie vergeſſen ſich, Sie vergeſſen die Gebote der Ehre.“ Alma gerieth immer mehr außer ſich. „Dein ſterbender Vater hat mein Verſprechen empfangen, für Dich zu ſorgen und die Verantwor⸗ tung zu übernehmen. Deine Vorwürfe treffen mich deßhalb nicht: ſie gehen an einem Todtenbett vor⸗ 84 über und erſterben bei der Erinnerung an das im Angeſicht des Todes ertheilte Verſprechen.“ „Mein Gott, mein Gott!“. Aber als Ehrenpreutz einige Schritte that, in der offenbaren Abſicht, ſich zu entfernen, da vermochte ſich Alma nicht länger zu beherrſchen. „Che Sie dieſen Brief mitnehmen,“ ſagte ſie, „will ich Ihnen lieber Alles ſagen.“ „Ich höre, Alma; ſprich.“ „Ich liebe Puke, ich liebe ihn mit einer Neigung, die ſich durch keine Schickſalsfügungen verändern läßt.“ „Weiter.“ „Ich habe ihm dieſe Neigung geſtanden, und er liebt mich wieder mit derſelben unerſchütterlichen Standhaftigkeit. Sie mögen thun, was Sie wollen, unſere gegenſeitige Ergebenheit wird ſich durch Nichts beirren laſſen.“ „Haſt Du noch Etwas zu ſagen?“ „Ich habe Ihnen noch zu ſagen, daß Puke und ich uns bereits mit einander verlobt haben; daß wir vor Gott, wenn auch nicht vor den Menſchen bereits durch heilige Bande an einander geknüpft ſind.“ „Verlobt? Leb' wohl, mein Kind, leb' wohl!“ „Geben Sie mir den Brief zurück. Sie wiſſen jetzt Alles.“ „Ich behalte den Brief, Alma; leb' wohl!“ Ehrenpreutz entfernte ſich. Zermalmt ſchaute Alma ihm nach; aber einen Augenblick ſpäter eilte ſie auf den Gang hinaus und zur Königin hinab. Vierzehntes Kapitel. Fortſetzung. Wir verließen Wallenſtjerna im Luchshof, wo er auf ſeine Unbekannte wartete. Es verging eine Viertel⸗, es verging eine halbe Stunde, ohne daß ſie von ſich hören ließ. Er begann bereits zu fürch⸗ ten, daß ſie blos die ihr eröffnete Gelegenheit, um von ihm loszukommen, benutzt habe, als auf einmal haſtige, leichte Tritte herannahten, und der Schatten einer weiblichen Geſtalt in der Dunkelheit hervor⸗ trat. Er eilte ihr entgegen. „Haben Sie die Königin getroffen?“ &/ 7* „Ja. „Was hat ſie befohlen?“ „Kann uns Jemand hier hören?“ „Nein.“ „Sie ſind allein?“ „Nd. „Laſſen Sie uns horchen. Still!“ „Es iſt Niemand da. Seien Sie ruhig.“ „So hören Sie. Die Königin hätte Nichts da⸗ gegen, wenn dieſen beiden Herren eine kleine Unan⸗ nehmlichkeit zuſtieße; aber ſie möchte nicht haben, daß Jemand vom Leibtrabantencorps oder Andere, die in directem Dienſtverhältniß zur königlichen Familie ſtehen, dabei ſichtbar würden.“ „Jetzt... hier... das iſt unmöglich... woher ſollen wir in dieſem Augenblick Leute bekom⸗ men, außer aus unſerem eigenen Corps?“ „Ich weiß einen Rath... warten Sie hier.“ Die Unbekannte eilte an das Luchshofthor vor, und in dieſem Augenblicke ſah Wallenſtjerna den Schatten eines Mannes ſich erheben und auf ſie zu⸗ treten. Dies war alſo der Mann, mit dem ſie zu⸗ ſammenzutreffen pflegte. Nachdem ſie einen Augen⸗ blick mit einander geſprochen, trat er auch zum Thor herein, und dann kam die Unbekannte, in ſeiner Be⸗ gleitung, zu Wallenſtjerna zurück. „Hier,“ ſagte ſie,„haben wir den Mann, der den Auftrag ausrichten wird. Ziehen Sie ſich zu⸗ rück, Lieutenant Wallenſtjerna.“ Wallenſtjerna fixirte den Fremden, konnte aber in der Dunkelheit nichts Anderes als einen ſchwar⸗ zen Schatten entdecken, da der Hut tief in's Geſicht eingedrückt war. Obſchon ungern, gehorchte er der Dame und trat noch weiter zurück. Eine Weile herrſchte das tiefſte Schweigen. End⸗ lich hörte man die Glasthüren am Schloſſe aufgehen und Tritte näher kommen. Ein Huſten machte ſich vernehmlich. „Biſt Du's, Hermelin?“ fragte Wallenſtjerna halblaut. „Ja?“ „Nun?“— „Unſer Reiſender aus Schonen iſt auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite aus dem Schloſſe verſchwunden. Er war, ſcheint es, zu pfiffig, um denſelben Weg zweimal zu machen.“ „Wo ſind Vater Lars und Forbus?“ „Sie folgten dem Reichsrath Ehrenpreutz auf den Ferſen und kehrten dann nach den königlichen 8 87 Gemächern zurück. Der Reichsrath wird ſogleich er⸗ ſcheinen.“ „Haben Sie die Güte ſich zurückzuziehen, meine Herren,“ bat die Dame.„Die Königin hat die größte Vorſicht anempfohlen.“ Ohne daß die Anweſenden eigentlich wußten, um was es ſich jetzt handelte, gehorchten ſie der Auffor⸗ derung. Die Glasthüren des Schloſſes öffneten ſich wie⸗ der, und man hörte leiſe Tritte. Es war Ehren⸗ preutz, der jetzt, nach ſeinem Beſuche bei Alma, ſich entfernte. 4 Der Platz war ſo finſter, daß man die Gegen⸗ ſtände nicht genau unterſcheiden konnte; man ſah die Perſonen ſich nur wie Schatten bewegen. Obſchon ſehr mißvergnügt und aufgeregt in Folge des Auftritts mit ſeiner Nichte, freute ſich Chren⸗ preutz dennoch, daß er einmal Gewißheit über Puke's Verhältniß zu Alma erhalten hatte, und daß er durch den in ſeinen Beſitz gekommenen Brief nunmehr auch Creutz davon überzeugen konnte. Mit der Abſicht, ihn recht bald zu treffen, beſchleunigte er ſeine Schritte. Inzwiſchen ſtieß er unvermuthet mit einem Men⸗ ſchen zuſammen, der auf ihn zugetaumelt kam. Chrenpreutz wich auf die Seite, um unbeläſtigt vorbeizukommen; aber nun taumelte der Mann auf dieſelbe Seite und verſperrte ihm den Weg auch da. So wurden mehrere Verſuche gemacht, aber im⸗ mer mit denſelben Folgen. Der Unbekannte mur⸗ melte dabei einige unverſtändliche Flüche, und als Chrenpreutz endlich ſeinen Verdruß nicht mehr ver⸗ bergen konnte, entſtand eine Art von Kampf, der 88 allerdings mehr mit den Zungen als mit den Fäu⸗ ſten geführt wurde, aber doch lärmend genug war, um zu den Folgen zu berechtigen, die daraus ent: ſtanden. Die Glasthüren des Schloſſes wurden aufgeriſſen. Ein Piket Leibtrabanten eilte die Treppe hinab und auf den Wahlplatz zu. Als Hermelin ſeine Kameraden kommen hörte, ſchloß er ſich ihnen an. Wallenſtjerna hatte die Hand ſeiner unbekannten Schönen ergriffen. In der Hoffnung, bei dieſer Ge⸗ legenheit über ihre Perſönlichkeit aufgeklärt zu wer⸗ den, vergaß er alles Andere. „Was iſt das für ein Unfug?“ fragte der An⸗ führer des Pikets die Streitenden.„Verhaftet die Ruheſtörer,“ befahl er hierauf ſeinen Kameraden. „In der Königsburg ſoll Friede herrſchen.“ Chrenpreutz hatte an dieſe Möglichkeit nicht gee dacht; er wurde darüber ebenſo unruhig als ärgerlich. „Mich verhaften?“ wiederholte er.„Berühre mich keiner von euch. Ihr würdet es zu bereuen haben.“ „Nehmt alle beide feſt,“ befahl jedoch der Com⸗ mandant,„und ſührt ſie auf die Hauptwache.“ „Auf die Hauptwache?“ 3 Ehrenpreutz wurde blaß vor Wuth, aber Niemand ſah es. „Wer iſt der Commandant?“ fragte er. „Mein Name iſt Silfverhjelm,“ antwortete die⸗ ſer,„ich bin Leibtrabant.“ Dieſe Antwort ſteigerte den Verdruß des Reichs⸗ raths; er erinnerte ſich jetzt, daß Silfverhjelm der⸗ 89 jenige geweſen war, der das Volk im Schloßhof am geſchäftigſten zu Gunſten der königlichen Familie be⸗ arbeitet hatte. „Geſtatten Sie mir einige Worte unter vier Augen,“ bat er jedoch. „Sehr gern, mein Herr; was haben Sie mir zu ſagen?“ „Daß ich der Reichsrath Graf Chrenpreutz bin,“ flüſterte er Silfverhjelm in's Ohr;„ich befehle Ihnen alſo, ſich zurückzuziehen und mich in Ruhe zu laſſen.“ „Es iſt wohl möglich, daß Sie der Reichsrath Graf Chrenpreutz ſind, obſchon es ziemlich unwahr⸗ ſcheinlich klingt, daß derſelbe ſich zu dieſer Stunde hier befinden ſoll. Aber da die Dunkelheit mir jetzt nicht geſtattet, mich von dem Einen oder Andern zu überzeugen, ſo müſſen Sie mir auf die Hauptwache folgen, wo wir wohl Zeit haben werden, die Sache näher zu unterſuchen. Haben Sie die Güte, ohne Widerſtand zu folgen, ſonſt brauche ich Gewalt.“ „Mit Gewalt ergriffen zu werden, welche Be⸗ leidigung!“ murmelte Ehrenpreutz,„mich auf die Hauptwache zu führen, welche Unverſchämtheit! in einem zweideutigen Streit mit einem unbekannten Kerl angehalten zu werden, welcher Scandal!“ Ehrenpreutz hatte bereits ſeinen Entſchluß gefaßt. „Führen Sie mich zum König,“ befahl er;„Sie ſollen Ihrer Strafe nicht entgehen, mein Herr.“ „Wenn Sie der Reichsrath Ehrenpreutz ſind,“ ſagte Silfverhjelm,„ſo will ich es gerne thun, da wir ohnehin keine Plätze für Ruheſtörer haben. Vor⸗ wärts, Marſch, Kameraden!“ Ehrenpreutz knirrſchte vor Wuth. Der Fremde, der ihm den Weg vertreten, hatte ſich inzwiſchen aus den Händen des Pikets losge⸗ macht; ob nun die Krieger ihm abſichtlich Gelegen⸗ heit dazu gegeben hatten oder nicht, ſo viel iſt ge⸗ wiß, daß ſie ihn nicht verfolgen zu wollen ſchienen. „Laßt ihn laufen,“ bemerkte Ehrenpreutz,„ich will nicht mit einem ſolchen Gegner auftreten.“ Die Sache verſtand ſich übrigens von ſelbſt; der Mann war bereits in der Dunkelheit entkommen. „Gehen wir, meine Herrn,“ mahnte Ehrenpreutz. Sein Zorn wuchs mit jeder Minute. Es war wieder ſtill im Luchshof. Wallenſtjerna kam ſchnell von ſeinem Platz hinter der Holzbeuge zurück; die verſchleierte Unbekannte mit ihm. „Laſſen Sie mich jetzt gehen, mein Herr,“ bat ſie ihn. „Verlangen Sie das nicht, meine Gnädige,“ ant⸗ wortete er.„Dieſer Schleier da, der mit ſo ver⸗ dammter Beharrlichkeit Ihr Geſicht bedeckt...“ „Dieſer Schleier... nun, was iſt's mit ihm?“ „Dieſer Schleier, ſowie die romantiſche Abenteuer⸗ lichkeit, die in der ganzen Myſtification Ihres Auf⸗ tretens liegt, hat mich bezaubert, entzückt, in Bande geſchlagen. Mit einem Wort, ich habe mich verliebt, und zwar bis über die Ohren.“ „In eine Perſon, die Sie nie geſehen haben? Mein Gott, das wäre doch gar zu komiſch.“ „Ich bin überzeugt, daß Sie eine der ausge⸗ zeichnetſten Damen des Landes ſind... daß Sie dem vornehmſten Hofeirkel angehören...“ 91 „Laſſen Sie mich los, mein Herr. Ei ei, wie harthandig und einfältig Sie ſind!“ „Daß dieſer Schleier eine Schönheit der edelſten Art verbirgt.“ Die Dame konnte das Lachen nicht länger ver⸗ halten und ſchlug ein recht herzliches Gelächter auf. Wallenſtjerna war in ſeiner Einbildung wirklich, wie er ſagte, bis über die Ohren verliebt. Wie oft iſt nicht unſer ganzes Glück lediglich ein Erzeugniß unſerer Einbildung? „Ich bitte Sie,“ fuhr Wallenſtjerna fort,„ſagen Sie mir Ihren Namen.“ „Laſſen Sie mich los, mein Herr!“ „Ihren Namen, Ihren Namen!“ „Der Name iſt eine Nebenſache, die nicht hieher gehört.“ 3 „Sie weigern ſich, ihn anzugeben; nun wohl, ſo können Sie mir's wenigſtens nicht verwehren, einen Blick hinter dieſen verdammten Schleier zu wer⸗ fen, der...“ „Ich bitte Sie noch einmal, laſſen Sie mich los.“ „Nie, in Ewigkeit nie! ich laſſe Sie nicht los, bevor ich Sie geſehen habe.“ Im Wahnwitz ſeiner Leidenſchaft hob Wallen⸗ ſtjerna ſeine Hand gegen ihren Schleier empor; aber bevor er ihn erreichte, wurde er von einer kräftigen Hand am Kragen gepackt und auf die Seite ge⸗ worfen. „ Tauſend Teufel,“ brummte er,„was biſt Du für eine unverſchämte Canaille?“ Wallenſtjerna wollte ſeinen Arm erheben, um ſei⸗ nen Gegner zu ergreifen, aber in demſelben Augen⸗ 92 blick fühlte er ſich mit ſolcher Kraft am Handgelenke gepackt, daß ſeine Hand erſtarb, wie wenn ſie in einen Schraubſtock gepreßt wäre. Die Dame trat jetzt dazwiſchen. „Herr Lieutenant,“ ſagte ſie zu Wallenſtjerna, „Sie ſehen, daß ich einen Vertheidiger habe. Er⸗ lauben Sie mir deßhalb die Bitte, mich nicht weiter zu verfolgen.“ „Ich verſpreche Nichts.“ „Wenn Sie meinem Wunſch nachkommen, ſo verſichere ich Sie, daß ich Ihnen für die Mühe, die Sie ſich bereits meinetwegen gemacht haben, zum innigſten Dank verbunden ſein, daß ich vorausſicht⸗ lich noch öfter einer freundlichen Handreichung be⸗ dürfen und mich dann vorzugsweiſe an Sie wenden werde, daß ich...“ „Daß Sie mir Ihren Namen ſagen und mir er⸗ lauben wollen, Ihr Geſicht zu ſehen?“ „Zu ſeiner Zeit, ja. Jetzt nicht. Aber ich kann mich nicht länger hier aufhalten. Leben Sie wohl, meine Herrn!“ Als ſie ſich entfernte, befand ſich Wallenſtjerna ſeinem unbekannten Gegner Angeſicht zu Angeſicht gegenüber. Sein Arm wurde immer noch wie in einem Schraubſtock feſtgehalten. 3 „Berühren Sie dieſe Dame nicht,“ ſagte der Mann zu ihm,„ſonſt bekommen Sie's mit mir zu thun.“ „Laſſen Sie uns vom Leder ziehen,“ rief Wallen⸗ ſtierna,„und uns ſchlagen, wie es zwei Offizieren zuſteht.“. „Ich ſchlage mich nicht mit ſolchen Waffen.“ * 93 „Mit welchen denn?“ Mit Schlegeln, wenn's beliebt.“ „Mit Schlegeln? Wer ſind Sie?“ „Ein Schmid.“ „Ihr Name?“ „Alexander.“ Ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen, entfernte ſich Alexander darauf. Wallenſtjerna ſah ihm ver⸗ wundert nach. Der Abend hatte im Schloß heiterer und fröh⸗ licher begonnen, als ſeit langer Zeit. Die Königin, die ſich gewöhnlich in einer gereizten Stimmung be⸗ fand, ſo bald ſie mit Leuten zuſammentraf, die ſie zu ihren politiſchen Gegnern zählte, hatte gleichwohl an dieſem Tag zu viele Vortheile errungen, um ihn nicht unter ihre glücklichſten zu rechnen. Der laute Zuruf des Volks, Pechlins Demüthigung durch den Prinzen Guſtav, die dem König abgedrungene Unter⸗ ſchrift zu der Eingabe an die Reichsſtände, einem Document, das ſie als den Grundſtein einer neuen Königsmacht und einer neuen Aera betrachtete, end⸗ lich noch die durch einen Brief an den Grafen Hard ihr zugegangene Nachricht, daß Puke glücklich auf fremdem Boden angelangt war, alles das hatte ſie neu belebt und erheitert. Der volle Glanz der Be⸗ friedigung ſtrahlte alſo aus ihren Augen. Ueberdies wußte ſie ſich jetzt von lauter ergebenen Freunden umgeben und athmete daher leichter, als ſeit langer Zeit. Man vergaß alſo auch die große Frage des Tags und gab ſich den flüchtigen, aber nur um ſo einnehmenderen Freuden des Geſellſchaftslebens hin. 94 Die Königin ſprach ſich über alle Gegenſtände mit der natürlichen Anmuth und Lebhaftigkeit eines reichbegabten Geiſtes aus. Der König war die Güte ſelbſt: ſein liebenswürdiger Charakter und ſeine Treuherzigkeit traten heute glänzender denn je an's Licht. Aber dazwiſchen hinein warf man doch ſeine Blicke auf den Blaſieholm; vielleicht daß der Anblick der ſtark beleuchteten fremden Geſandtſchaftshotels doch einige Unruhe erweckte. Olof von Dalin war mehr Dichter als Staats⸗ mann, und mehr Hofmann als Dichter. In dieſem Augenblick lächelte ihn die Welt von allen Seiten ſo ſchön und freundlich an; dieſer Abend war eine Schäferſtunde für ſeine Leier und ſeine Gedanken. Einige da und dort zerſtreute politiſche Wolken konn⸗ ten die Sterne am klaren und luftigen Himmel ſeiner Gedanken nicht verdüſtern. Er durfte ſich jetzt un⸗ geſtört ſeinem heitern Genius überlaſſen, und er war ſelig. Er ließ an dieſem Abend die glänzendſten Raketen ſeines Geiſtes ſteigen, er war ſtets bereit, eine ganze Hecatombe der herrlichſten Witze auf dem Altar des Augenblicks zu opfern, und es gelang ihm, die ganze Verſammlung, ſelbſt den König und die von ſo ſchweren politiſchen Sorgen gequälte Königin nicht ausgenommen, in die roſigſte Stimmung zu verſetzen. Er verdiente an dieſem Abend, wie der König ihm unter dem jubelnden Zuruf aller An⸗ weſenden erklärte, gleich Taſſo und Petrarca⸗ gekrönt zu werden. „Mama! Mama!“ rief eine Stimme. 95 Es war der blondgelockte Prinz Guſtav, der mit dieſem Geſchrei hereingeſprungen kam. „Was gibt's, mein Junge?“ fragte die Königin, während ſie ihm mit Wohlbehagen die um ſeine Stirne flatternden Locken aus dem Geſichte ſtrich. „Was willſt Du mir ſagen?“ „Sie will nicht Königin werden, Mama, ſondern ſie iſt weggegangen. Ich hatte ihr doch befohlen, es zu werden, aber wir haben ſie jetzt überall geſucht und können ſie nicht erwiſchen.“ „So, ſie will nicht Königin werden? nun, von wem ſprichſt Du denn eigentlich?“ „Und doch geht Alles von der Königin aus.“ Alles? Was meinſt Du, mein Junge?“ „Die Revolution, Mama.“ Die Königin fuhr zuſammen. Der König wandte ſich um. Das Wort drückte gleichſam auf eine geheime Feder in Beider Bruſt: für die Königin klang es angenehm, für den König aber ſchrecklich. „Was ſchwatzeſt Du da, Guſtav?“ fragte der König;„Du drückſt Dich immer ſo ſonderbar aus.“ „Sehen Sie, Papa, ich habe ein kleines Theater⸗ ſtück gemacht.“ „Und das heißt?“ „Die Revolution.“ „So laß uns einmal den Inhalt hören.“ „Im Stück kommen ein Theaterkönig und eine Theaterkönigin vor, Papa.“ „Nun, und weiter?“ „Aber die andern Schauſpieler wollen der Königin und dem König ihre papiernen Kronen ſtreitig machen.“ / 96 „Streitig machen?“ „Das iſt noch nicht genug, Papa. Die Andern nehmen ihnen ihre Kronen ſogar und beſchließen, ſie ſelbſt zu tragen, wenn ſie auf die Bühne treten.“ „Und wie endet das Stück, mein Junge?“. „Sehr gut, Papa. Die Königin kommt auf eine Idee.“ Der Hof, der ohnehin von nichts Anderem träumte, als von großen Veränderungen in der Re⸗ gierungsform, hörte mit Erſtaunen und Ueberraſchung dem neunjährigen Prinzen zu. „Und worin beſteht die Idee?“ ſiel die Köni⸗ gin ein. „Darin, Mama, daß die Königin ihre Freunde und Bekannten mit Pfeifen zum Ausziſchen ver⸗ ſieht.“ „Mit Pfeifen zum Ausziſchen?“ „So bald einer von den unrechten Königen mit der Krone auftritt, ſo wird er tüchtig ausgeziſcht.“ „Und wie ſchließt das Stück?“ „Damit, Mama, daß das Publikum der rechten Theaterkönigin und dem rechten König Beifall zu⸗ klatſcht. Aber ſehen Sie, Mama, jetzt kann aus dem ganzen Stück Nichts werden, weil die Königin davon geſprungen iſt.“ „Wer ſollte denn die Königin ſpielen?“ „Clara, Mama.“ „Clara?“ wiederholten mehrere der Anweſenden, „wer iſt Clara?“ „Sie kennen ſie nicht,“ bemerkte die Königin. „Haben Sie die Güte und laſſen Sie das Mädchen 97 ſuchen,“ bat ſie hierauf einen K Kammerjunker;„ſagen Sie ihr, ſie ſolle hieher kommen.“ „Ich habe ſie ſelbſt überall geſucht, Mama, aber man kann ſie nicht finden... ſie iſt fort. „Thun Sie, wie ich geſagt habe,“ erinnerte die Königin den Kammerjunker;„führen Sie das Mäd⸗ chen ſogleich herein.“ Der Prinz ging ein paarmal im Zimmer herum. „Ach, Mama, jetzt weiß ich eine andere Art.“ „Und worin beſteht ſie?“ „Darin, daß ich mich ohne Königin behelfe, Mama.“ Mit dieſen Worten ſprang er wieder weg. Der Kammerjunker blieb lange aus; aber als er zurückkam, folgte ihm Clara auf den Ferſen. Bei ihrem Anblick erkannten die meiſten Anwe⸗ ſenden das Mädchen wieder, das ſie einmal in Drott⸗ ningholm verhaftet und angeklagt geſehen hatten. Aber Clara war jetzt nicht mehr ſo ängſtlich und verzagt wie damals; dafür war ſie auch doppelt ſo hübſch. Dies war jedoch nicht die einzige Veränderung, die mit ihr vorgegangen war; ſie hatte in den we⸗ nigen Tagen ihres Aufenthalts am Hof auch mehr Sicherheit und Haltung gewonnen. Das Bewußt⸗ ſein, nicht mehr in jeder Kleinigkeit unter der Vor⸗ mundſchaft der Mama zu ſtehen, macht jedes Mäd⸗ chen bald reif. Die Pflicht der eigenen Verantwor⸗ tung verleiht mehr Feſtigkeit, als alle Planchetten und Fallſchirme von der Welt. Das ſchwache Ge⸗ ſchlecht wäre nicht ſo ſchwach, wenn es ſch ſelbſt Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. III. 98 mehr berathen und ſich mehr auf ſich ſelbſt verlaſſen dürfte. Als Clara ſich jedoch vor der königlichen Familie ſah, erblaßte ſie ein wenig. Die Mehrzahl der Anweſenden wußte noch Nichts von dieſer neuen Acquiſition des Hofes, fand ſie aber vortrefflich. Die Königin hatte Clara zur Aushilfe für die⸗ jenige Kammerfrau, die bei den jungen Prinzen Dienſte that, angeſtellt. „Nun, meine Liebe, Prinz Guſtav ſagt, Du habeſt keine Luſt, die Königin zu ſpielen.“ „Ach nein, Ew. Majeſtät, ich tauge nicht dazu; mein einziger Wunſch iſt...“ Clara erſchrack indeß ein wenig, als ſie den Ton ihrer eigenen Stimme hörte; ſie fürchtete, vielleicht bereits etwas zu weit gegangen zu ſein. „So ſage, welche Rolle Du lieber ſpielen würdeſt.“ „Diejenige, Ew. Majeſtät, worin ich meine Kö⸗ nigin ganz einfach zu bedienen hätte.“ „Das gefällt mir, mein Kind; aber glaubſt Du wirklich auch, daß Du mir Etwas nützen kannſt?“ „Ach, Ew. Majeſtät...“ „Du haſt Etwas auf dem Herzen...“ „Ja, Ew. Majeſtät, ja...“ Man las in Clara's Geſicht nur allzu deutlich, daß ſie Etwas hatte, womit ſie herauszurücken wünſchte. „So ſei nicht ſo erſchrocken, liebes Kind, ſondern ſprich Dich aus.“ Die Königin hatte Clara hereingerufen, um zu hören, warum ſie nicht die Theaterkönigin ſpielen 7 n 99 wollte, als der Prinz es verlangte, und vielleicht auch, um den Anweſenden ein neues Geſicht zu zei⸗ gen; aber Clara antwortete auf eine Art, die alles Mißvergnügen in Betreff des erſten Punktes ver⸗ ſchwinden machte und zugleich die Vermuthung er⸗ weckte, daß ſie wirklich Etwas mitzutheilen habe, das vielleicht wichtig genug ſein könne. Die Königin ſtand ſogleich auf und winkte Clara, ihr zu folgen. Freude leuchtete auf dem Geſicht des Mädchens. Der König und der Hof erwarteten, daß die Königin bald zurückkehren würde; aber eine Viertel⸗ ſtunde verging nach der andern. Um die dadurch entſtandene Lücke einigermaßen auszufüllen, zog Dalin ein erſt in der neueſten Zeit von ihm ſelbſt verfaßtes Gedicht über„die ſchwe⸗ diſche Freiheit“ hervor, und erbot ſich, Einiges daraus vorzuleſen. Sein Vorſchlag wurde mit der größten Bereit⸗ willigkeit aufgenommen. Dalin verlas alſo einige der bedeutendſten Stellen. Die Königin ging bis in ein Zimmer, das abge⸗ legen genug war, daß ſie keinen unbefugten Lauſcher zu fürchten brauchte. „So, liebes Kind,“ ſagte ſie zu Clara,„was haſt Du mir mitzutheilen?“ Clara trug ihr Anliegen vor. 3 Die Königin wurde immer ernſthafter. Als jedoch Clara zu Ende war, da breitete ſich ein Lächeln über Luiſe Ulrikens Geſicht, und beinahe ſcherzend ſchickte ſie das Mädchen weg. 100 Sie wollte jetzt zur Geſellſchaft zurückkehren, aber auf einmal flog die Thüre auf, und Alma eilte herein. „Ums Himmels willen, was haſt Du?“ fragte die Königin;„Du ſiehſt ja ganz verſtört aus.“ In ihrer qualvollen Angſt erzählte Alma bei⸗ nahe in einem Athemzug, was ſich zwiſchen Ehren⸗ preutz und ihr zugetragen hatte. „Und der Brief?“ fiel die Königin ein. „Den Brief hat Chrenpreutz in ſeiner Taſche.“ „Und der Brief enthielt Aeußerungen über mich?“ „Ja, Ew. Majeſtät.“ Die Königin ging auf und ab. „Silfverhjelm!“ rief ſie endlich,„ſchaffe Silfver⸗ hjelm her.“ Silfverhjelm war ſchnell zur Stelle. „Eilen Sie,“ drängte die Königin, nachdem ſie ihm auseinandergeſetzt, was er zu thun hatte;„es ſteht ſehr viel auf dem Spiel; eilen Sie!“ Silſverhjelm war im Nu wieder verſchwunden. „Alma, ich will für Dich und für Puke Alles thun, was ich kann, und zwar um ſo mehr, da jetzt gewiſſermaßen wichtigere Intereſſen dabei im Spiele ſind, die Intereſſen des Staates, ich möchte faſt ſa⸗ gen, des Throns. Aber verlaß Dich nicht allzu ſehr auf mich. Ich bin ſelbſt nicht ohne Furcht. Tröſte Dich indeſſen. Komm' her, gib mir jetzt Deinen Arm und laß uns zur Geſellſchaft zurückkehren.“ Aber das Schickſal hatte es anders beſchloſſen; die Königin ſollte abermals neue Beſuche zu empfan⸗ gen haben. Eine Kammerfrau meldete, daß der Reichstags⸗ Bo — 8— —, ˙0 101 deputirte Lars Larsſon in einer wichtigen Angelegen⸗ heit um Audienz bitte. Solche Anmeldungen waren damals nichts Sel⸗ tenes: ſie konnten zuweilen mitten in der Nacht ein⸗ treffen. Jeder einzelne Abgeordnete war um dieſe Zeit noch eine wichtige Figur in dem großen Schach⸗ ſpiel, das über die Angelegenheiten der Krone und des Landes entſchied. Lars Larsſon trat ein, gefolgt von Forbus. Als die Königin Alma wegſchicken wollte, bat Forbus, man möchte ſie da laſſen. Unterſtützt von Forbus, begann Lars Larsſon ſofort eine längere Erzählung. Daß ſie den Kapitän Puke betraf, dürfte der Leſer von ſelbſt errathen. Die Mittheilungen des Abgeordneten verdrängten auch bald jedes andere Intereſſe. Die Königin hörte ihn mit ſichtlich geſpannter Theilnahme an. Alma war ganz Ohr; Nichts konnte ſie näher berühren. Die Erzählung wurde immer umfaſſender und wich⸗ tiger. „Rufe Capitän Schecta herein,“ ſagte die Köni⸗ gin zu Alma.„Ich ſah ihn kaum erſt im Leibtra⸗ bantenſaal.“ Schecta kam. Wir wollen hier nicht berichten, was er mitzu⸗ theilen hatte; aber Larsſons Erzählung gewann ſichtlich durch ſein Zeugniß einen noch höheren Werth für die Königin und für Alma. „Wrangel,“ wiederholte Luiſe Ulrike bei einer Gelegenheit,„Sie ſprechen von Wrangel. Rufe auch ihn herein, Alma.“ Wrangel kam gleichfalls. 10² Lars Larsſon fuhr fort. Als er endlich ſchloß, war auf allen Geſichtern das höchſte Staunen zu leſen. Alma legte ihre Hände zuſammen. Eine Donnerwolke hatte ſich über ihrem Haupte hingezogen, und jetzt war der Him⸗ mel wieder klar. „Und Sie können Alles verbürgen, was Sie uns anvertraut haben, Vater Lars?“ fragte die Königin. „Ew. Majeſtät, ich kann, bei Gott dem Allmäch⸗ tigen, jedes Wort beſchwören.“ „Ich bin Juriſt,“ erinnerte Wrangel,„und ich darf nicht unterlaſſen, rechtliche Beweiſe zu ver⸗ langen.“ „Alle Beweisſtücke ſind noch vorhanden,“ ant⸗ wortete Vater Lars;„aber ich habe ſie daheim, auf dem Lande, in meinem Ort, auf meinem Hof.“ Die Königin blieb einen Augenblick unbeweglich. Vor ihrer lebhaften uud kühnen Phantaſie entwickelte ſich bereits die ganze Tragweite, die der neuen Ent⸗ deckung gegeben werden konnte. „Wenn die Aktenſtücke nicht hier ſind,“ erklärte Wrangel,„ſo ſtimme ich dafür, daß man die Sache ruhen läßt, bis man dieſelben herbeigeſchafft hat.“ „Nein, nein,“ unterbrach ihn die Königin,„ich will mir keine Gelegenheit entwiſchen laſſen. Die Umſtände treffen hier auf eine höchſt merkwürdige Art zuſammen. Ja, ja, wir müſſen handeln, und zwar jetzt ſogleich. Keine Einwendungen, Baron Wrangel; Sie verſtehen den ganzen Zuſammenhang noch nicht. Zu dem, was Lars Larsſon erzählt hat, kommen, wunderbar genug, noch andere Umſtände, die eben jetzt erſt eingetroffen ſind und, alle zuſammen⸗ 8 —— K0Æ 103 genommen, ein Ganzes bilden, das zu einem Reſul⸗ tat führen muß, ſofern man den Augenblick nicht verſäumt. Mein Plan iſt fertig. Laſſen Sie ihn mich noch einmal überdenken. Ja, ja. Man ſchicke ſogleich zu dem Lieutenant Grafen Creutz und bitte ihn hieher; ſollte die Gräfin mitkommen wollen, ſo wäre mir das um ſo lieber. Aber ich habe auch für Sie eine kleine Rolle, meine Herren. Folgen Sie mir. Gib mir Deinen Arm, Alma.“ Zu den Fehlern, die der Königin vorgeworfen werden, gehörte auch, daß ſie ſich unter einer künſt⸗ lichen Maske nicht genug zu verbergen wußte, und mochte dieſer Tadel auch in moraliſcher Beziehung ungerecht ſein, ſo war er doch in politiſcher Bezie⸗ hung vollkommen begründet, zumal in einer Zeit wie die ihrige, und wenn man gleich ihr eine eingreifende Rolle ſpielen wollte. Ihr weibliches Weſen hatte zu viel Leben und Seele, um nicht jede Regung ihres Innern abzuſpiegeln. Als ſie zu dem König und dem verſammelten Hof zurückkehrte, war ſie blos von Baron Wrangel und Fräulein Creutz begleitet. An ihrem Gang, ihrer Miene, ihrem Blick und ihren Geberden ſah man nur zu gut, daß etwas Merkwürdiges vorgegangen war. Aber Niemand konnte ahnen, worin es beſtand. Deßhalb entſtand eine allgemeine Stille, gleich als ſähe man einer kleinen Erklärung entgegen. „Laſſen Sie ſich nicht ſtören,“ bat jedoch die Kö⸗ nigin;„was haben Sie eben geleſen, Dalin?“ 104 „Bruchſtücke aus einem Gedicht über die„ſchwe⸗ diſche Freiheit,“ Ew. Majeſtät.“ „Ich weiß, Sie ſchildern darin die gegenwärti⸗ gen Zuſtände Schwedens ebenſo ſchön als wahr; haben Sie die Güte und fahren Sie fort. Ich werde Ihnen mit Vergnügen zuhören.“ Dagegen war Nichts einzuwenden. Die Aufmerkſamkeit war jedoch nicht mehr die⸗ ſelbe, wie früher. Man ſah auf die Königin und zog aus ihrer ganzen Erſcheinungsweiſe den Schluß, daß bald etwas Ungewöhnliches geſchehen müſſe. Dalin las inzwiſchen noch immer, als Ehren⸗ preutz eintrat. Die Königin, die ihn erwartet hatte, bemerkte ihn auch ſogleich, blieb jedoch unbeweglich. Die Uebrigen waren zu ſehr von andern Gedanken in Anſpruch genommen, um ihn ſogleich zu bemerken. Dalin trug eben eine Stelle ſeines Poems vor, worin er für das Königthum, inſofern es ſeine Auf⸗ gabe erfüllen und das Volk wahrhaft glücklich machen ſolle, eine weit ausgedehnte Gewalt verlangte, und Ehrenpreutz wunderte ſich nicht wenig, als er den eigenen Lehrer des Kronprinzen Anſichten aufſtellen hörte, die mit der beſtehenden Ordnung in hand⸗ greiflichem Widerſpruch ſtanden. Er holte eben aus, um vorzutreten, aber in dieſem Augenblick öffnete ſich eine der Seitenthüren, und Prinz Guſtav er⸗ ſchien, mit einer Krone von Goldpapier auf dem Kopf, an der Spitze einer ganzen Schaar von Al⸗ tersgenoſſen, die dereinſt als Männer ſeinen Thron umgeben ſollten. Der Prinz ſchritt nicht ohne eine gewiſe Majeſtät und mit einem ſieghaften Lächeln heran. —-=S 8/SSZͤ=BB 2V 8 105 „Sehen Sie, Mama,“ ſagte er,„jetzt iſt die Krone wieder mein.“ „Ja, ich ſehe es, mein Junge,“ antwortete die Königin;„aber wie haſt Du es angeſtellt, um ſie wieder zu bekommen?“ „Es ging weit beſſer, Mama, als ich Anfangs dachte.“ „Nun, wie haſt Du es denn gemacht?“ „Ganz einfach, Mama; ich habe ſie genommen.“ In dieſem Augenblick trat Ehrenpreutz mitten in den Kreis. Die Beleidigung, die ihm im Luchshof widerfah⸗ ren, hatte ihm eine Würde und Entſchloſſenheit ein⸗ gegeben, die man ſonſt nicht immer bei ihm wahr⸗ nahm.— Sein Auftreten in dieſem Moment war für den Hof eine höchſt unangenehme Ueberraſchung. Der König warf einen Blick auf die Königin, um ihre Gedanken zu erforſchen; aber nur ein ſtol⸗ zes Lächeln ſpielte auf ihren Lippen. Die Königin wußte, daß ein Sturm im Anzug war; aber ſie hielt ſich darauf gefaßt. „Ew. Majeſtät,“ ſagte Ehrenpreutz zu dem Kö⸗ nig,„ich wage um eine Privataudienz zu bitten. Wenn die Zeit unpaſſend gewählt iſt, ſo iſt dies nicht meine Schuld, wie Ew. Majeſtät bald einſehen werden.“ Die Königin gab ihrer Umgebung einen Wink, und eine Perſon entfernte ſich um die andere. Sie ſelbſt wollte um keinen Preis das Zimmer verlaſſen, 106 und Ehrenpreutz ſah auch nicht ungern, daß ſie da blieb. „Ew. Mafjeſtät,“ fuhr Ehrenpreutz fort,„ich habe volle Urſache, mich über Ihre Leibtrabanten zu beklagen, die ſich an meiner Perſon vergriffen und dadurch die Rathswürde, die ich bekleide, ſchwer ver⸗ letzt haben. Ich habe Ew. Majeſtät bereits geſagt, daß es mir nicht frei ſtand, eine paſſendere Zeit zu wählen. Der Hergang iſt folgender: Chrenpreutz erzählte jetzt, was ihm im Luchshof zugeſtoßen war. Er habe Fräulein Creutz in einer Privatangelegenheit beſuchen wollen, da ſei er von einem Leibtrabantenpiket überfallen und aufgegriffen worden; ja, man habe ihm, obſchon er ſeinen Namen und Stand angegeben, gedroht, ihn auf die Haupt⸗ wache zu führen, und nur auf ſein ausdrückliches Verlangen habe ihm der Offizier, als er ihn endlich erkannt, die Erlaubniß gegeben, ſich zum König zu verfügen.“ Ehrenpreutz trug ſeine Erzählung mit ſtarken Farben auf, und der König gerieth darüber in große Wallung. „Wer war der Offizier?“ fragte er. „Er hieß Silfverhjelm.“ „Wenn Sie wollen, Graf, ſo laſſe ich ihn herein⸗ rufen und verſchaffe Ihnen alle Genugthuung, die Sie verlangen können. „Ich geſtehe, Ew. Majeſtät, daß ich die Sache ungern dem Senat vortrage, aber ich verlange Silf⸗ verhjelms Ausſtoßung aus dem Korps. „Wir wollen ihn hereinrufen, Ehrenpreutz; Sie ſollen Genugthuung erhalten.“ .—— -—.„„» 107 „Warten Sie noch einen Augenblick,“ wandte die Königin ein.„Würden Sie mir vielleicht einige Fragen beantworten, Herr Graf?“ „Zu Ihren Dienſten, Ew. Majeſtät.“ Ehrenpreutz dachte ſich zwar, die Königin würde die Sache verdrehen und vertuſchen wollen; aber er fühlte ſich ſtark und ruhig, weil die Beleidigung gar zu grob war, und er wohl wußte, daß der ganze Senat auf ſeine Seite treten würde, wenn er nur ein halbes Wort ſagte. „Wollen Sie vor allen Dingen wiſſen, Herr Graf, wer die erſte Veranlaſſung zu dem Vorfall ge⸗ geben hat, über den Sie ſich beklagen?“ „Natürlich, Ew. Majeſtät; es liegt mir Alles daran, zu erfahren, an wen ich mich eigentlich in der Sache zu halten habe.“ „So wiſſen Sie's, Herr Graf; ich war's.“ Der König erſchrack; er dachte mit Angſt an all' die Unannehmlichkeiten, die aus dieſer unberufenen Aufrichtigkeit entſtehen konnten. Ehrenpreutz dage⸗ gen freute ſich herzlich. „Cw. Majeſtät?“ „Vor einer Stunde,“ fuhr jedoch die Königin mit ungewöhnlicher Ruhe fort,„berichtete man mir, daß zwei verdächtige Perſonen ſich in der Dunkelheit über den Luchshof in's Schloß geſchlichen hätten, und da man ſich unmöglich denken konnte, daß Sie, Herr Graf, eine dieſer Perſonen ſeien, ſo befahl ich, ſie zu beobachten und feſtzunehmen, im Fall ſie Ver⸗ anlaſſung dazu geben ſollten. Das war eine Vor⸗ ſichtsmaßregel, welche Sie, ſollte ich meinen, nicht mißbilligen können.“ 408 „Es iſt vollkommen richtig, Ew. Majeſtät,“ er⸗ widerte Ehrenpreutz mit Zuverſicht,„daß ich über den Luchshof in's Schloß ging; aber ich war allein, und ſchlich mich nicht herein.“ „Sie waren allein, ſagen Sie?“ Die Königin klingelte. Ein Page trat herein. „Sag' zu Amanda,“ befahl ſie,„ſie ſolle hieher kommen.“ Die Königin ſuchte Zeit zu gewinnen, denn ſie wünſchte, daß der Graf und die Gräfin Creutz an⸗ kämen, bevor ſie weiter ginge. Sie hatte daher auch bereits einem Kammerherrn geſagt, er ſolle ſie ſo⸗ gleich anmelden, wenn ſie erſchienen. Ungefähr eins halbe Stunde mochte bereits verſtrichen ſein, und ſie hoffte alſo, daß das gräfliche Paar jede Minute kom⸗ men könnte. Inzwiſchen trat Amanda herein. „Amanda,“ ſagte die Königin zu ihr,„Du haſt ſo eben Beſuch von einem Herrn gehabt?“ Amanda glaubte, Pechlins Beſuch ſei von Nie⸗ mand bemerkt worden. Geübt in der Verſtellungs⸗ kunſt, ließ ſie ſich jedoch bei der Frage der Königin keine Ueberraſchung anmerken. „Ein Reiſender aus Schonen hat mich beſucht, Ew. Majeſtät.“. Der durchdringende und argwöhniſche Blick, wel⸗ cchen die Königin auf ſie heftete, erinnerte ſie an die Nothwendigkeit, auf ihrer Hut zu ſein; aber da ſich auch kein Zug an ihr veränderte, ſo machte die Königin eine Kopfbewegung, die Gleichgiltigkeit und Ungeduld zugleich ausdrückte. 109 „Schon gut, Amanda: mehr wollte ich nicht von Dir. Du kannſt gehen.“ Die Königin ſah an den kalten Zügen Amanda's, daß ſie auf dieſem Weg keine Aufklärung zu hoffen hatte. Was Amanda gehört und geſehen hatte, genügte ihr indeß vollkommen, um ſich zu überzeugen, daß etwas Ungewöhnliches um den Weg war, und ſie wollte ſich dies um keinen Preis entgehen laſſen. Als ſie ſich daher entfernte, öffnete ſie zwar die Thüre, als ob ſie ihres Wegs ginge, machte ſie aber wieder zu und ſchlich ſich an der Schattenſeite des großen Zimmers hin bis zur nächſten Fenſterniſche, büde deren herabgelaſſenen Vorhängen ſie ſich ver⸗ ſteckte. „Sie haben gehört, Graf Ehrenpreutz,“ fuhr die Königin gegen den Reichsrath fort;„dieſer Reiſende aus Schonen iſt zu gleicher Zeit mit Ihnen in den Luchshof gekommen. Sie begaben ſich zu Fräulein Creutz und der Herr aus Schonen zu Amanda. Aber wenn es mir gleichgiltig iſt, ob Sie von einander wußten oder nicht, ſo iſt es mir nicht gleichgiltig, daß Sie glauben könnten, der Befehl zu Ihrer Beob⸗ achtung ſei ausgefertigt worden, nachdem ich bereits gewußt, daß Sie eine der beiden beargwohnten Per⸗ ſonen waren; im Gegentheil muß ich Sie darüber aufklären, daß dieſer Befehl ſchon vorher ertheilt war. Ich gebe gerne zu, daß es höchſt grundlos geweſen wäre, einen Argwohn gegen Sie zu hegen.“ Die Königin ſprach langſam und verbindlich, und Ehrenpreutz glaubte, ſie wolle ihn wirklich auf möglich wäre. Er ſtand daher im Begriff, ihr auf dieſelbe Art zu antworten, zumal da die Sache ihm ſelbſt ſo un⸗ angenehm war, daß er lieber wünſchte, wenn ſie bei⸗ gelegt wurde, als wenn ſie unter das Publikum kam und zu den ſkandalöſeſten Gerüchten und Uebertrei⸗ bungen Anlaß gab. „Der Graf und die Gräfin Creutz,“ meldete in dieſem Augenblick ein Kammerherr. Die Königin hatte nur darauf gewartet. Sie konnte auch ihre Freude kaum verbergen, als ſie dieſe Namen hörte. Der König ſpielte eine gänzlich paſſive Rolle: ſein Schickſal wollte, daß er geiſtig weit ſchwächer begabt war, als ſeine Gemahlin. „Da ich vorherſah,“ fuhr die Königin gegen Chrenpreutz fort,„daß Sie ſich über den Unglimpf beklagen würden, der Ihnen ohne all' mein Ver⸗ ſchulden zugefügt worden iſt, ſo ſchickte ich nach Ih⸗ rem nächſten Verwandten, dem Grafen Creutz, um in ihm einen Vermittler zu erhalten. Sie haben doch wohl Nichts gegen ſeine Anweſenheit? Neh⸗ men Sie gefälligſt Platz, Gräfin... und Sie, Graf Creutz... Sie können wohl Nichts dagegen ein⸗ wenden, daß ich Sie zum Schiedsrichter zwiſchen mir und Ihrem Onkel gewählt habe?“ Hatte Chrenpreutz ſich vor einem Augenblick durch die verbindlichen Manieren der Königin beſtechen laſſen, ſo waren dieſe jetzt doch ſo auffallend, daß er zu fürchten anfing, es möchte in dem vergoldeten Köcher ein Pfeil verborgen ſtecken; aber er lächelte eine aufrichtige und delikate Art tröſten, ſo weit es 111 darüber in ſeinem Innern und hatte keine eigent⸗ liche Furcht, ſondern war vielmehr neugierig, zu ent⸗ decken, gegen welchen Theil ſeines Harniſches ſie ihre Waffen richten würde. „Unglücklicher Weiſe kommen Sie jedoch etwas zu ſpät, Graf Creutz,“ fuhr die Königin fort,„denn ich hoffe, daß ich die Sache mit dem Grafen Ehren⸗ preutz bereits als abgethan betrachten darf.“ Ehrenpreutz hatte dieſe Wendung nicht erwartet, und er trat einen Schritt vor, um ſeine Einwendun⸗ gen vorzubringen. Creutz, der nicht wußte, um was es ſich han⸗ delte, ſah bald die Königin, bald ſeinen Onkel an, ohne dadurch klüger zu werden. „Apropos, Graf Creutz,“ ſagte die Königin, in⸗ dem ſie Ehrenpreutz zuvorkam,„ich ſoll Sie von einem Manne grüßen, dem Sie neulich beinahe einen blu⸗ tigen Reiſepaß in die andere Welt ausgeſtellt hätten, nämlich vom Capitän Puke.“ Bei dieſem Namen verlor Chrenpreutz alles Gleich⸗ gewicht. Creutz runzelte ſeine Stirne. „Ei wie, Graf Creutz,“ bemerkte die Königin, pich glaube, daß mein Gruß nicht ſehr willkommen i*ſt, Sie ſehen wenigſtens ganz mißvergnügt aus... ich dachte, Sie wären wieder vollkommen ausgeſöhnt .. ſollte ich mich darin täuſchen... aber in Wahr⸗ heit... dann begreife ich nicht...“ „Ew. Majeſtät,“ antwortete Creutz,„es iſt wahr, daß Puke und ich Jugendfreunde geweſen ſind... ich leugne es nicht; aber jetzt ſind alle Bande zwiſchen 112 uns zerriſſen, und für mein Gefühl exiſtirt er gar nicht mehr.“ Die Antwort befriedigte Ehrenpreutz: aber er ahnte, daß Alma der Königin den Vorfall zwiſchen ihnen beiden bereits anvertraut habe, und er be⸗ dauerte, daß er keine Gelegenheit gehabt hatte, ſich vorher mit Creutz darüber zu berathen. „Alle Bande zwiſchen Ihnen zerriſſen?“ wieder⸗ holte die Königin;„wie ſoll ich das verſtehen? Iſt denn nicht Alma mit Capitän Puke verlobt?“ Creutz ſtierte die Königin an. Seine Frau, Marie Luiſe, widmete der Sache die aufrichtigſte und wärmſte Theilnahme. Aber ſie kannte die Denkungsart der ganzen Familie, und ſie fürchtete einen ſchrecklichen Auftritt. Ehrenpreutz hatte nicht vermuthet, daß die Köni⸗ gin ſo gerade auf das Ziel losſteuern würde, aber obſchon ſein Verdruß über Alma von Neuem erwacht war, ſo freute er ſich doch, daß die Königin Creutz davon unterrichtet hatte, weil er ſelbſt dadurch die⸗ ſes Geſchäfts überhoben wurde, und weil Creutz jetzt Gelegenheit erhielt, dem Ding ein für allemal ein Ende zu machen. Als er den Ausdruck im Geſicht ſeines Neffen erblickte, verſchwand daher auch alle ſeine bisherige Unſicherheit. Aber es war noch eine andere Perſon zugegen, für welche die Nachricht von der Verbindung zwiſchen Puke und Alma ein harter Schlag war. Hinter den Fenſtervorhängen hatte Amanda, die⸗ ſes feurige Weib, aufmerkſam jedes Wort belauſcht. Als die Königin Creutz von Puke grüßte, blieb ihr — 8 0— — 8X—So A,—— —+½ —½́ — 413 Herz beinahe ſtill ſtehen; mit ſolcher Spannung horchte ſie. Aber die Mittheilung über Alma und Puke machte ſie krampfhaft zuſammenzucken. Ihre Augen ſchoſſen einen düſtern Strahl, ihre Lippen bebten, und ein wilder Ausruf würde ſich ihrem Herzen ent⸗ rungen haben, wenn nicht ihr Athem in's Stocken gerathen wäre. „Verlobt?“ wiederholte inzwiſchen Creutz blos. „Was meinen Ew. Majeſtät damit?“ Um eine Familienangelegenheit von ſo kitzlicher Art zu einem möglichſt befriedigenden Reſultat zu führen, hielt es die Königin für's Beſte, ſogleich den entſcheidenden Schritt zu thun. Wir werden bald erfahren, ob ſie ſich in ihrer Berechnung täuſchte oder nicht. „Was ich meine?“ ſagte ſie ganz verwundert; „nichts Anderes, als was ich ſage. Wiſſen Sie, ihr Bruder, Nichts von der Sache? Dann hat die arme Alma es ſicherlich nicht gewagt, ſich Ihnen anzuver⸗ trauen. Glücklicher Weiſe iſt Graf Ehrenpreutz im Fall, die beſten Aufklärungen über den ganzen Sach⸗ verhalt geben zu können. Apropos, Herr Graf, laſſen Sie Creutz den Brief ſehen, den Sie Alma vorhin genommen haben.“ Ehrenpreutz bemerkte den feindſeligen Ton in dieſer Aufforderung wohl, aber er hatte nichts Beſ⸗ ſeres erwartet. Nachdem Creutz auf Chrenpreutz angewieſen wor⸗ den, wandte er ſich mit Heftigkeit gegen ihn. „Haben Sie von dieſer Verlobung gewußt, On⸗ kel? Was iſt das für ein Brief, um den es ſich handelt?“ laſſen Sie ihn ſehen.“ Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. III. 8 „Che ich hieher kam,“ antwortete Ehrenpreut, „hatte ich die Abſicht, Dich zu beſuchen. Der Brief .. iſt da... ich beſuchte Alma... ich fand ihn .. ich nahm ihn... Lies ſelbſt, Creutz, lies.“ Creutz warf einen Blick hinein, aber ſchon bei den erſten Zeilen verzerrten ſich ſeine Züge und ſeine Blicke glühten düſter. „Was bedeutet das?“ rief er.„Ja, ja, ſie lie⸗ ben einander.“ Er konnte vor Aerger kaum ſprechen. „Wo iſt Alma?“ fuhr er fort.„Ich muß ſie ſprechen. Wo iſt ſie?“ „Ach, Graf Creutz,“ ſagte die Königin beſchwich⸗ tigend,„haben Sie doch die Güte und laſſen Sie mich dieſen Brief ſehen.“ Creutz war nicht in der Stimmung, weiter leſen zu wollen: er hatte genug geſehen und überreichte der Königin den Brief. Als ſie ihn in der Hand hielt, athmete ſie leichter. Aber ſie ſchaute ſelbſt auch hinein; ſtatt jedoch bei den erſten Zeilen zu verweilen, hafteten ihre Blicke auf den letzten, und ſie fand bald, daß der Brief Nachrichten enthielt, die nicht in die Hände ihrer Feinde fallen durften. „Apropos, Graf Creutz,“ begann ſie wieder, „darf ich Sie fragen, warum Sie eigentlich einen ſolchen Haß auf Puke geworfen haben? Er iſt doch ein tapferer Mann?“ „Tapfer? Das habe ich nie beſtritten.“ „Edelmüthig?“ „O ja, gewiß.“ Chrenpreutz begann ſich unheimlich zu fühlen. 115 Er bemerkte nämlich, daß die Königin ſyſtematiſcher zu Werke ging, als gewöhnlich. Aber während er mit Verdruß jede neue Frage anhörte, hatte er ſei⸗ nen Blick auf den Brief in ihrer Hand geheftet. Er wollte es nicht vergeſſen, ihn zurückzufordern. „Rechtſchaffen?“ „Ich weiß nichts Anderes.“ „Treu?“ „Ich leugne es nicht.“ „Ein guter Freund und guter Kamerad?“ „Das iſt wohl möglich.“ „Ein verſtändiger Mann und ein redlicher Cha⸗ rakter?“ „Ich widerſpreche das nicht.“ Die Königin war in dieſem Augenblicke etwas boshaft. Sie ſah wohl, daß die vielen Fragen ihn quälen mußten. „Aber in Gottes Namen, was haben Sie denn gegen ihn? Vielleicht daß er kein Edelmann iſt? Das kann er ja noch werden.“ „Unmöglich, Ew. Majeſtät. Das iſt es, was er nie werden kenn.“ „Warum nicht? Sie müſſen ſich erklären, Graf.“ „Um unter den Edelleuten Schwedens einen Platz einnehmen zu können, muß man von untadel⸗ hafter Herkunft ſein. Der Vater wenigſtens muß ein... ehrenwerther Mann geweſen ſein.“ „Was ſagen Sie da, Graf?“ Chrenpreutz griff nach ſeiner Doſe. Er hatte nie ein größeres Bedürfniß nach einer Priſe empfun⸗ den, als gerade jetzt. Ihm war, als erhöben ſich Schatten rings um ihn her, als befände er ſich auf dem Weg in's Schat⸗ tenreich ſelbſt. „Puke's Vater, Ew. Majeſtät,“ ſagte Creutz, um der Königin zu antworten,„iſt. „Ew. Majeſtät,“ fiel hit ee ein,„darf ich die Bitte wagen, mir den Brief zurückzugeben?“ Er wollte das Geſpräch unterbrechen. „Den Brief? Er gehört ja nicht Ihnen, ſondern dem Fräulein Creutz.“ Die Königin ſpielte dabei gleichgültig mit dem Brief, indem ſie damit am Tiſchrand auf und ab fuhr. „Graf Ehrenpreutz,“ ſagte ſie indeß, als ſie be⸗ merkte, daß er ſein Verlangen erneuern wollte,„Sie haben ja den Vater des Capitäns Puke ſehr gut ge⸗ kannt?“ Ein Schlag vor die Stirne hätte keine größere Wirkung hervorbringen können, als dieſe Frage. Ehrenpreutz richtete ſich auf und trat einen Schritt zurück. „Ich kannte ihn... ja... ja gewiß.“ In ſeiner Verlegenheit wußte er nicht recht, was er ſagte. „So haben Sie die Güte, Graf Ehrenpreutz, und benehmen Sie Ihrem Neffen ſeine unrichtigen An⸗ ſichten. Puke's Vater war ja einer der uneigen⸗ nützigſten und redlichſten Maͤnna⸗, oder wie, Herr Graf?“ Aber Chrenpreutz faßte ſich wieder. Erſt jetzt bemerkte er, daß der Pfeil, den er gefürchtet, eine ſchärfere Spitze beſaß, als er geahnt hatte. Wie ein Nebel fiel es ihm von den Augen, und er er⸗ 117 blickte die Gegenſtände um ſich her auf einmal in ihrer nackten Wirklichkeit. Er begriff die Nothwen⸗ digkeit, feſt auf ſeinem Poſten zu ſtehen. „Ew. Majeſtät,“ ſagte er daher,„ich ſpreche un⸗ gern von dieſer Sache, weil ſie das ſchmerzlichſte Ge⸗ heimniß meines Lebens ausmacht. Erlauben Sie mir, Ihnen nur im Allgemeinen zu ſagen, daß der Mann einen zu zweideutigen Charakter hatte, als daß ſein Sohn nicht unwürdig wäre, als Mitglied in die Familie des Grafen Creutz einzutreten. Es heißt ja, Ew. Majeſtät, die Miſſethaten der Väter ſollen geſtraft werden bis in's dritte und vierte Glied.“ Während Ehrenpreutz ſich ſo ausſprach, fixirte er die Königin genau. Es hatte ihn überraſcht und in Staunen verſetzt, daß ſie ein Geſpräch über die⸗ ſen Gegenſtand eingeleitet, noch mehr aber, daß ſie an ihn ſelbſt als einen Vertheidiger des alten Puke appellirt hatte, und er fühlte ein Bedürfniß, zum Voraus in ihrer Seele zu leſen, wie weit ſie wohl in das Geheimniß eingedrungen ſein mochte. Die ruhige und ſelbſtzufriedene Miene, die ſie beibehielt, prophezeihte ihm inzwiſchen nichts Gutes. „Ich begreife Ihre Bedenklichkeit,“ antwortete die Königin,„und ich ehre ſie; ich vermuthe nämlich, daß Sie an den alten Prozeß in Betreff einer ge⸗ wiſſen Verſchwörung denken.“ „Natürlich, Ew. Majeſtät; Sie haben vielleicht die Acten geleſen? Dieſelben enthalten Gründe ge⸗ nug für meine Behauptung.“ 4 „Ach, mein beſter Chrenpreutz, wenn ich mich nicht täuſche, ſo ſind Sie am allerbeſten im Fall...“ „Wozu, Ew. Majeſtät?“ 118 Chrenpreutz hielt ſo ſchnell an ſich, daß man hätte glauben können, eine bisher verborgene Fall⸗ thüre habe ſich plötzlich vor ſeinen Füßen geöffnet. „Alle dieſe Actenſtücke,“ vollendete die Königin, „enthalten ja die gräßlichſte Unwahrheit, eine That⸗ ſache, von welcher ſicherlich Sie ſelbſt die Welt am beſten überzeugen könnten, wenn Sie nur Luſt hätten.“ „Ich, Ew. Majeſtät, ich?“ Auch Creutz hatte die Ruhe bemerkt, womit die Königin die Sache behandelte, und deßhalb begann auch er zu fürchten, das Ding möchte noch die eine und die andere für ihn ſelbſt unbekannte Seite haben. Schon die Privatunterredung, die er darüber mit Chrenpreutz gehabt, hatte ihn nicht vollkommen zu⸗ friedengeſtellt. Aber ſchon der bloße Gedanke, daß ſeinen Onkel eine Beſchuldigung oder ein Vorwurf treffen könnte, ärgerte ihn. Die Ueberzeugung galt ihm weniger, als das Intereſſe, die vorgefaßte Meinung und die Stellung, die er bereits gegen Puke und ſeine Schweſter ein⸗ genommen hatte. Die Art, wie die Königin Puke vertheidigte, wirkte daher mehr aufreizend als verſöhnend auf ihn. „Wenn ich Ew. Majeſtät bitten darf,“ ſagte er, ſo laſſen Sie uns dieſen Gegenſtand aufgeben. Ich für meinen Theil habe mit Puke und ſeinem Vater Nichts zu ſchaffen. Ich habe geſagt, daß ſie mir gleichgültig ſind, und dabei bleibe ich.“ „Sind Sie auch dieſer Anſicht, Graf Ehrenpreutz?“ fragte die Königin. „Vollkommen, Ew. Majeſtät; in jeder Beziehung.“ 119 Die Königin hob ihr Haupt empor. Eine ge⸗ niale Kampfluſt glänzte in ihren Zügen. Auf ein⸗ mal richtete ſie ſich auf. „Sie bleiben alſo bei Ihrer Behauptung, daß Puke Ihre Achtung nicht verdiene?“ „Ja, Ew. Majeſtät.“ Ein Ausdruck des Mitleids ſpielte in den Augen der Königin. „Graf Chrenpreutz, erinnern Sie ſich aus älte⸗ ren Tagen des Hauſes Numero 10 in der Pranger⸗ ſtraße?“ Ehrenpreutz fuhr zuſammen; die Bewegung war haſtig, gleich der eines Bogens, wenn er geſpannt wird; aber ebenſo haſtig richtete er ſich auch wieder auf und ſtand jetzt nicht minder entſchloſſen da, als die Königin ſelbſt.. „Aber,“ fuhr die Königin fort,„ich will keine weiteren Fragen mehr ſtellen, Graf; jetzt haben An⸗ dere zu reden.“ Dabei ergriff ſie eine Klingel, bei deren Ton eine Thüre ſich öffnete und Schecta eintrat. Aber Schecta war jetzt nicht der wunderliche, halb närriſche Kauz, wie wir ihn bisher geſehen haben, ſondern eine kräftige, beinahe unbändige Na⸗ tur. Der graue, zottige Kopf und die ſtarke, breite Stirne verkündeten einen drohenden und trotzigen Charakter. Herausfordernd und kühn glänzten unter den buſchigen Brauen zwei Flammen, wie Zlitze unter dem Rand grauer Donnerwolken. Sein Anblick hatte immer etwas Ueberraſchendes, und im Ganzen lag ein Ausdruck großer Kraft und kühnen Willens, 120 von der Art, wie ſie ſich in ihrem wilderen Natur⸗ zuſtand unwiderſtehlich irgendwie Bahn brechen. Auf Ehrenpreutz ſchien inzwiſchen ſein Auftreten nicht den mindeſten Eindruck zu machen. Er bedurfte blos einer kleinen Weile, um ſich wieder vollkommen zu faſſen. „Was haben Sie zu ſagen, Schecta?“ redete die Königin ihn an;„erklären Sie ſich.“ „Erinnern Sie ſich nicht, Graf Chrenpreutz,“ be⸗ gann er,„einer Geſellſchaft von Freunden, die in den Zwanziger Jahren gegen die beſtehende Ordnung conſpirirten und in Numero 10 der Prangerſtraße, zwei Treppen hoch, ihre Zuſammenkünfte hatten?“ Ehrenpreutz ſenkte ſeinen Blick, ſchlug ihn aber ſogleich wieder auf. Schecta's gewöhnlich ſo rauhe Stimme klang jetzt tief und ernſt. „Erinnern Sie ſich nicht,“ fuhr er fort,„daß Sie eines der Häupter dieſer Geſellſchaft waren?“ Creutz entſann ſich jetzt lebhaft, daß Ehrenpreutz ihm einmal das Ganze erzählt und ein ganz beſon⸗ deres Gewicht darauf gelegt hatte, daß die Verſchwö⸗ rung nie habe vollſtändig ausgemittelt werden kön⸗ nen, weil man blos eines einzigen Verſchworenen habhaft geworden ſei. „Graf Chrenpreutz, erinnern Sie ſich nicht des ſchrecklichen Augenblicks, wo wir uns entdeckt glaubten?“ Der Reichsrath war todesblaß geworden; aber er hielt ſich mit einer Hand an der Stuhllehne feſt und betrachtete Schecta mit feſtem Blick. Schecta ſeinerſeits glich einem Bären, und ſeine Stimme tönte wie ein dumpfes Gebrumme, das ſich, ———,/——,— „—= 121 wenn auch nicht ohne eine gewiſſe Schwierigkeit, nach den Geſetzen der Sprache formirte. „Erinnern Sie ſich nicht des entſetzlichen Augen⸗ blicks, wo uns der lähmende Gedanke durchbebte, demſelben Schickſal zu verfallen, wie Görtz und an⸗ dere Unglückliche, welche der Parteihaß zermalmt hatte?“ Die Königin betrachtete Ehrenpreutz beharrlich, aber er ſchien an Haltung mehr zu gewinnen als zu verlieren. Creutz faßte mit gierigem Intereſſe jedes Wort auf, aber ſein Unmuth wurde immer größer. Der Angriff auf Ehrenpreutz verdroß ihn, wie wenn er ihm ſelbſt gegolten hätte. „Erinnern Sie ſich nicht,“ fuhr Schecta fort, „daß Puke in dieſem Augenblick mit dem aufopfernd⸗ ſten Edelmuth uns rettete? daß er, als wir alle uns feiger Angſt hingaben, der Einzige war, welcher dachte, der Einzige, der ſeine Entſchloſſenheit und Kraft nicht verlor, der Einzige, der ſich durch Muth und Seelenſtärke als Mann erwies?“ Bei dieſer Frage erinnerte ſich indeß Creutz eines ſehr wichtigen Umſtandes. Schecta ſprach nämlich blos von Puke, und von dieſem hatte ja auch Ehren⸗ preutz nie anders als vortheilhaft geſprochen.. aber Weſte... er nannte ſeinen Namen nicht ein⸗ mal... Weſte, der ſeinen Freund heimtückiſch ge⸗ tödtet und dann, nachdem er aus dem Gefängniß entronnen war, ſeinen Namen angenommen hatte... dieſer Weſte war ja der Vater des Capitäns Puke. „Erinnern Sie ſich nicht der Zeilen, die er da⸗ mals niederſchrieb?“ fuhr Schecta fort. Ehrenpreutz war in einen Lehnſtuhl geſunken; 122 ſeine Beine wollten ihn nicht mehr tragen; aber bei dieſer Erinnerung richtete er ſich wieder auf. „Ew. Majeſtät,“ begann er,„ich weiß nicht, wie ich mir dieſen ganzen Auftritt erklären ſoll. Iſt es Ew. Majeſtät Abſicht, einen Hochverrathsprozeß gegen mich einzuleiten, oder wollen Sie blos ſcherzen? Wollen Sie einen Prozeß einleiten, bei dem es ſich um EChre und Ruf, um Gut und Blut handelt, oder iſt es Ihnen blos um eine Hanswurſtiade zu thun? Ew. Majeſtät wollen mir dieſe Fragen verzeihen; aber da Sie Schecta, dieſen berüchtigtſten Narren unſerer Zeit, beauftragt haben, das Wort für Sie zu führen, ſo verſtehe ich wirklich nicht, wie ich Ihre Abſicht deuten ſoll. Ich bitte Ew. Majeſtät, mir zu ſagen, was Sie mit all dieſem Gefrage wollen, da⸗ mit ich weiß, ob ich es mit billigem Verdruß oder mit Gelächter beantworten ſoll. Was ich in Kürze zu antworten habe— und dieſe Antwort gebe ich blos aus ſchuldiger Verehrung für Ew. Majeſtät— das iſt ſo viel, daß ich allerdings weiß, um was es ſich handelt, aber nicht, was ich damit zu ſchaffen haben ſoll. Auch ich habe von der Verſchwörung, die Schecta erwähnt, ſprechen gehört; auch ich habe — das kann ich jetzt gerne zugeben— wenigſtens mit einigen der Theilnehmer in näherer Verbindung geſtanden; aber was habe ich denn mit allen übrigen zu ſchaffen?“ Ehrenpreutz trug ſeine Proteſtation einfach und ungekünſtelt vor; aber ſie erſchien auch um ſo über⸗ zeugender. Die Königin jedoch rührte ſich nicht, auf ihrem 123 Geſicht war nicht die mindeſte Veränderung wahrzu⸗ nehmen. „Schecta erinnerte Sie an einige Zeilen, Graf, die bei einer wichtigen Veranlaſſung von Puke ge⸗ ſchrieben worden. Sie dürften dieſelben noch einmal zu ſehen und zu hören wünſchen, Herr Graf. Leſen Sie die Schrift.“ Schecta las: „Kameraden, fürchtet Nichts! Ich werde mich für euch opfern. Geht getroſt und ruhig nach Hauſe, ich beſitze Vaterlandsliebe, Freundſchaftsgefühl und Muth genug, um für euch alle zu ſterben. Bei Gott, dem Allgütigen und Allſehenden, ſchwöre ich, daß ich euch, auch auf der Folterbank, dadurch retten werde, daß ich euch verleugne.“ Schecta ſetzte hinzu: „Erinnern Sie ſich nicht, Herr Graf Sbrenfarat. wie dieſes Schreiben gleich einem Blitz unter uns einſchlug, und wie wir, beim bleichen und unheim⸗ lichen Schein dieſes Blitzes, gleich armſeligen Feig⸗ lingen beſinnungslos auseinander ſtäubten und jeder ſeinem Hauſe zutaumelte? Erinnern Sie ſich nicht, Herr Graf, wie ein Theil von uns, um ſich noch weiter von der Gefahr zu entfernen, das Land ver⸗ ließ, ein anderer nach ſeinen väterlichen Gütern zu⸗ rückkehrte, und wie die in der Hauptſtadt Zurückge⸗ bliebenen von Stund an ſich nicht mehr kannten, ſondern nur ſcheu und bebend, gleich geheimen F Fein⸗ den, einander betrachteten?“ Schecta's Worte drangen tief. Es lag eine ſchreckliche Wahrheit darin. „Von dieſer Zeit an,“ fuhr Schecta fort,„bin 124. ich mit einem aberwitzigen Lächeln meinen Weg ge⸗ wandelt. Iſt mein Wahnſinn wahr oder blos er⸗ borgt geweſen? Ich weiß es nicht. Meine Seele hat ſich abgequält, wie Ixrion mit dem Rade. Als ich hörte, was der edle Puke, dieſer hochſinnige Freund, zu dulden hatte, da brannte es in meiner Bruſt, da guälte ſich meine Seele, da zerfleiſchte ſich mein Herz: mein Haar wurde grau, mein Geſicht verzerrte ſich, meine Augen ſahen nur Märtyrerqualen, meine Ge⸗ danken verwirrten ſich. Aber die Zeit iſt gekommen: Gebt dem Könige, was des Königs iſt, heißt es: aber es heißt auch: Gebt Gott, was Gottes iſt.“ Chrenpreutz ſank in den Lehnſtuhl zurück. Die Königin wandte ſich zu ihm. „Herr Graf,“ ſagte ſie,„es iſt nicht unſere Ab⸗ ſicht, Sie zu zermalmen, ſondern nur die im Namen ſeines Vaters tief gekränkte Ehre eines Sohnes her⸗ zuſtellen.é Bis Sie ſich zu dieſem Zweck mit uns vereinigen, werden wir fortfahren. Erinnern Sie ſich, Herr Graf, daß Puke wichtige Schreiben von Ihnen hatte, wodurch Sie im höchſten Grad compro⸗ mittirt werden könnten.“ Ehrenpreutz fuhr auf's Neue von ſeinem Sitz auf. „Nein, nein, dies iſt eine abſcheuliche Erdichtung, eine recht ſchwarze Lüge, ein hölliſches Mährchen, das meine Feinde ausgeheckt haben. „Ein Mährchen?“ wiederholte die Königin blos. Sie klingelte wieder. Lars Larsſon trat ein. Ganz einfach und bieder ſtand dieſer Bauer da, den jetzt nur die aufrichtigſten und redlichſten Ge⸗ ſinnungen belebten. 125 „Erkennen Sie mich, Herr Graf?“ fragte Vater Lars. „Nein, ich kenne Sie nicht und will Sie auch nicht kennen, nein, nein!“ „Graf Ehrenpreutz, Sie erblicken in mir einen Bekannten aus der Zeit, wo wir zu Gunſten der monarchiſchen Intereſſen gegen die herrſchenden Par⸗ teien conſpirirten; ich war es, der bei den Zuſam⸗ menkünften an Ihren Thüren Wache ſtand, in deſſen Hand Sie den Schlüſſel zu allen Ihren Geheimniſſen gelegt hatten. Als Capitän Puke, um Sie zu retten, ſeine muthige und entſchloſſene Denkſchrift abgab, und Sie, ſeine Freunde, ihn ſämmtlich im Stiche ließen, da blieb er noch lange allein im Lokal zurück. Endlich rief er mich herein, vertraute mir an, was er zu thun beabſichtigte, übergab mir ſämmtliche Akten der Verſchwörung und drängte mich, die Hauptſtadt ſogleich zu verlaſſen. Ich gehorchte und begab mich in meine Heimath, wo ich Bauer wurde und mir meine Unabhängigkeit erwarb. Aber meine Erinne⸗ rungen zogen mich oft nach Stockholm zurück und ich erhielt ſogar Gelegenheit, Puke in ſeinem Gefängniß zu beſuchen. Auch nachdem er auf Ihr Gut in Smaland gebracht worden war, erhielt ich von Zeit zu Zeit noch Nachrichten von ihm. Ungefähr ein halbes Jahr vor ſeinem Tod ſchrieb er mir, ich möchte ſo ſchleunig als möglich zu ihm kommen. Ich reiste hin. Sie, Herr Graf, waren in der Hauptſtadt, als ich ankam. An ſeinem Sterbebett empfing ich ſeinen letzten Willen. Er befahl mir, die in meiner Ver⸗ wahrung befindlichen Papiere, wie auch noch eine ausführliche, in der letzten Zeit von ihm verfaßte 126 Darſtellung des Ganzen, alsbald ſeinem Sohn zuzu⸗ ſtellen, wo er ſich auch befinden möchte. Ich habe es bisher verſäumt. Möge Gott mir dieſe Nach⸗ läſſigkeit verzeihen; ich ſelbſt verzeihe ſie mir nicht.“ Ehrenpreutz ſah blos forſchend den Redner an. Es lag etwas Unheimliches in dieſem tief eingeſun⸗ kenen Blick, der unabläſſig auf einen einzigen Gegen⸗ ſtand ſtierte. „Fahren Sie fort, Lars Larsſon,“ mahnte die Königin,„fahren Sie fort.“ „Nach dem, was ich ſo eben mitgetheilt habe, Herr Graf, müſſen Sie einſehen, daß ich die Schick⸗ ſale, die Ihren alten Freund Puke getroffen haben, auf's Genaueſte kenne.“ Lars Larsſon ſchöpfte wieder Athem und fuhr dann folgendermaßen fort: „Erinnern Sie ſich nicht mehr all der Vorſichts⸗ maßregeln, Herr Graf, welche Sie ergriffen, aus Furcht, daß die Folterqualen, die von der Kommiſſion über Puke verhängt wurden, ihn dennoch früher oder ſpäter beſtimmen könnten, wenigſtens Sie zu verra⸗ then, gegen den er deutliche Beweiſe in den Händen hätte? Erinnern Sie ſich nicht, daß Sie, in Ihrer vorſichtigen Sorgſamkeit um ſich ſelbſt, unter Anderem zur Gegenpartei übergingen? Erinnern Sie ſich nicht, daß Sie endlich, als Puke dieſe Qualen nicht länger ertragen konnte und Sie erſuchte, ihm die Mittel zur Flucht zu verſchaffen, ſich, wenn auch vielleicht nicht aus Freundſchaft, ſo doch aus Rückſicht auf Ihr eige⸗ nes Wohl, dazu veranlaßt fanden? Erinnern Sie ſich nicht, daß Sie ihn auf eines Ihrer Güter brin⸗ gen ließen, daß Sie dort wiederholte Verſuche mach⸗ == 2 3 Z = 7 127 ten, die für Sie ſo wichtigen Aktenſtücke zurückzube⸗ kommen, daß er dies aber verweigerte? Wiſſen Sie auch den Grund, Herr Graf? Er glaubte dieſe Pa⸗ piere behalten zu müſſen, theils um ein Schutzmittel gegen Sie ſelbſt zu haben, weil er ſchon damals die Aufrichtigkeit Ihrer Freundſchaft bezweifelte, theils aber auch, um dereinſt vor ſeinem Sohne ſein An⸗ denken rechtfertigen zu können.“ Lars Larsſon ſchloß. Ein kurzes allgemeines Schweigen trat ein. Niemand ſchien es unterbrechen zu wollen. Das Geſicht des alten Grafen wechſelte in der auffallendſten Weiſe Ausdruck und Farbe. Offen⸗ bar ging ein heftiger Kampf in ſeinem Innern vor. In ſeinen Zügen ſchien ein Gedanke den andern zu jagen. Alle hatten ihre Augen auf ihn geheftet: man erwartete eine Antwort von ihm. „Ew. Majeſtät,“ begann er endlich,„ich will an die, zum Mindeſten geſagt, unpaſſende Art und Weiſe erinnern, wie man mich hier und in Ihrer Gegen⸗ wart ſo eben angegriffen hat. Die feindſelige Ge⸗ ſinnung, womit Ew. Majeſtät und der Hof im All⸗ gemeinen den Reichsräthen gegenüberſtehen, iſt für Niemand ein Geheimniß; aber gewiß hätte ſich Nie⸗ mand gedacht, daß dieſer Haß ſo weit gehen könnte, um Perſonen, wie die beiden hier ſtehenden Herrn, zu ganz muthwilligen Beleidigungen gegen ein ein⸗ zelnes Mitglied des Rathes zu veranlaſſen. Die Pflicht, die ich meinem Amt, meinen Collegen und meiner eigenen Ehre ſchulde, nöthigt mir die Erklä⸗ rung ab, daß ich Alles, was ſich hier zugetragen hat, 128 dem Senat vorlegen werde und mit ruhigem Gewiſ⸗ ſen den Folgen entgegenſehe, die daraus entſtehen können. Gegen Schecta's und Lars Larsſon's Aeu⸗ ßerungen habe ich blos ein einziges Wort zu bemer⸗ ken: ich verlange Beweiſe. Lars Larsſon ſprach namentlich von Aktenſtücken, die er zu beſitzen be⸗ hauptet, und die er vermuthlich für überzeugend hält. Möge er ſie vorlegen, wenn er kann; in⸗ zwiſchen aber möge er wohl bedenken, daß noch Nie⸗ mand ungeſtraft auf einen Reichsrathsmantel getreten hat.“ Hatte auch in den erſten Worten dieſer Erklä⸗ rung etwas Unſchlüſſiges und Unſicheres gelegen, ſo wurde doch allmählig die Stimme des alten Reichs⸗ raths immer feſter, ſein Blick ruhiger und klarer, ſein Ideengang beſtimmter und ſeine Haltung wür⸗ devoller. So ungetheilt die Aufmerkſamkeit bisher auf Eh⸗ renpreutz geruht hatte, ſo ungetheilt wandte ſie ſich jetzt wieder Lars Larsſon zu. Aber Vater Lars hatte ſeine Blicke geſenkt und blieb ſtill. Auf einmal wurde auch die Königin von einer Unruhe ergriffen, die ſelbſt die leiſeſte Spur von Röthe aus ihren Wangen ſcheuchte. Sie hatte die Sicherheit, womit Chrenpreutz ſich ausgeſprochen, genau bemerkt, und konnte auch nicht umhin, die Verlegenheit wahrzunehmen, die ſich bei Lars Larsſon kundthat. Beim Gedanken, daß ſie ſich möglicher Weiſe zu einer großen Unvorſichtigkeit habe verleiten laſſen, brach ein kalter Schweiß auf ihrer Stirne aus. 129 Aber Lars Larsſon ſchlug ſeine Augen wieder auf. „Wer ein Geheimniß offenbart,“ ſagte er,„der verliert das Vertrauen und wird nie wieder einen treuen Freund erhalten. Hab Deinen Freund vor Augen und halte ihm Treue; aber wenn Du ſein Geheimniß offenbarſt, ſo erhältſt Du ihn nicht wieder. Wunden kann man verbinden; ſpöttiſche Worte kann man verſöhnen; aber wer ein Geheimniß offenbart, mit dem iſt es aus.“ Lars Larsſons räthſelhafte Worte klangen ſo wun⸗ derlich. Niemand begriff, was er ſagen wollte. Unter Allen ſchien Ehrenpreutz der Einzige zu ſein, der jetzt ruhig war. „Eine große Angſt,“ begann Vater Lars wieder, giſt durch meine Seele gegangen. Auch ich habe ein Verbrechen, deſſen mein Gewiſſen mich anklagt. Ich habe ein Vertrauen verrathen, ich habe die Hoffnung eines Sterbenden getäuſcht.“ Die Königin konnte kaum athmen, ſo qualvoll war ihr zu Muthe. „Herr Graf,“ fuhr Vater Lars inzwiſchen fort, „ich weiß, daß Sie ein mächtiger Mann ſind, und daß ich ein armer ſchwacher Bauer bin; aber gehe es, wie es wolle, auch ich habe ein Gewiſſen. Die Sache liegt ſo. Einige Monate nach Puke's Tod kam ein Bekannter aus der Zeit meines Aufenthalts in der Hauptſtadt zu mir. Er reiste, wie er ſagte, in eigenen Angelegenheiten, und ich mißtraute ihm nicht. Puke war der Hauptgegenſtand ſeiner Ge⸗ ſpräche. Unter Anderem erklärte er, daß der Inha⸗ ber ſeiner hinterlaſſenen Papiere ein reicher Mann Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. III. 9 130 wäre, und in einem unbewachten Augenblick geſtand ich ihm, daß ſie ſich in meiner Verwahrung befanden. Er wünſchte mir Glück zu meinem Schatz und äußerte den Wunſch, ſie zu kaufen. Ich widerſtand lange, aber er machte immer größere Anerbietungen, und meine Lage war hart: ich ſollte die Kronſteuer und den letzten Kaufſchilling für mein Gut bezahlen, genug— ich ging endlich auf den Vorſchlag ein.“ Grabesſtille herrſchte im Zimmer. „Aber,“ fuhr Vater Lars fort,„in der Nacht überfiel mich eine Angſt, die ich nicht beſchreiben kann. Sie ließ mir keine Ruhe mehr. Ich ſtand von meinem Lager auf, holte die Papiere hervor, ging die Akten, Blatt für Blatt, durch, ſchied die wich⸗ tigſten aus und gab am folgenden Morgen die übri⸗ gen ab.“ Lars Larsſon warf einen ſcheuen Blick um ſich. „Herr Graf,“ fügte er hinzu,„ich weiß nicht, ob der Bote von Ihnen kam; aber jedenfalls täuſchte ich zwei Perſonen auf einmal: meinen alten Herrn, den Vater des Capitäns Puke, und den Käufer der Papiere. Waren Sie der Käufer, Herr Graf, ſo will ich in Gottes Namen geſtehen, daß unter den Papieren, die ich noch immer beſitze, auch alle Ihre Briefe ſich befinden.“ 3 Ehrenpreutz vermochte den Eindruck, den dieſes Geſtändniß auf ihn machte, nicht zu verbergen; ſein Kopf ſank in ſeine Hand hinab, und einen Augen⸗ bur gab er jeden Gedanken an eine Rechtfertigung auf. Creutz erblickte in Allem, was er hörte, blos einen frechen und boshaften Anſchlag gegen Ehren⸗ && 8— gV S——+= . N 131 preutz und machte ihm ſtille Vorwürfe wegen der Verzagtheit, womit er ſich von einem ſchwachſinnigen ehemaligen Capitän und einem Bauern beſchimpfen ließ. Die unerhörte Dreiſtigkeit, daß ſo unbedeutende Perſonen, wie dieſe, einen Mann anzutaſten wagten, der in Bezug auf Geburt und geſellſchaftliche Stel⸗ lung ſo hoch über ihnen ſtand, goß Oel in das Feuer ſeines Zornes. Ihm ſchien Alles, was da geſagt wurde, vor einem einzigen Umſtande in Nichts zu zerfallen. Er wartete daher mit verhaltener Erbit⸗ terung lange darauf, daß Ehrenpreutz ſelbſt dies ein⸗ ſehen und die für ihn ſo wichtige Thatſache vor⸗ bringen würde. Aber als Ehrenpreutz in dieſer Beziehung keine Erklärung gab, trat Creutz ſelbſt vor. „Ew. Majeſtät,“ ſprach er,„die groben Anſchul⸗ digungen, die in Allem enthalten ſcheinen, was hier gegen meinen Onkel vorgebracht worden iſt, müſſen ihn ebenſo ſehr in Erſtaunen ſetzen, als ſie für ſeine Ehre, ſeinen Namen und ſeine Würde verletzend ſind. Die Betroffenheit, die er zeigt, ſcheint mir daher natürlich. Aber ich bin weder in denſelben Jahren wie er, die leicht einige Schwäche mit ſich führen, noch laſſe ich mich ſo ſchnell einſchüchtern. Ohne in Betreff des Vorgebrachten auf irgend welche Details einzugehen, getraue ich mir, mit einer einzigen Be⸗ merkung darzuthun, wie grundlos und unverſchämt all dieſe Behauptungen ſind. Man hat auch Sie getäuſcht, Ew. Majeſtät. Der Puke, um den es ſich hier handelt, iſt meuchlings ermordet worden, und ſein Mörder, ein gewiſſer Weſte, dem die Gutmüthig⸗ keit meines Onkels zur Flucht aus den Händen der 132 Commiſſion verholfen, hat für den Reſt ſeines Lebens den Namen des Ermordeten geführt, um dadurch allen Nachforſchungen zu entgehen. Auch iſt der mit ſo großer Achtung genannte Puke nicht der Vater des Capitäns Puke, ſondern ſein Vater iſt ganz einfach der Verräther und Meuchelmörder Weſte...“ Ohne Creutz zu antworten, griff die Königin wiederum nach der Glocke und klingelte zum vierten Mal. Baron Wrangel und Forbus traten ein. „Sprechen Sie, meine Herrn,“ ſagte die Königin, „ſprechen Sie.“ „Als ich,“ begann Wrangel,„zum erſten Mal in die Hauptſtadt kam, ſprach man allgemein von einem wegen politiſcher Verbrechen verhafteten Manne, Namens Weſte. Durch die wiederholten Folterqua⸗ len, die er erſtehen mußte, gewann er die Theilnahme der Maſſen. Ich war noch jung und hegte ein glü⸗ hendes Intereſſe für jeden Unglücklichen. Obſchon mit dem Mann ſelbſt und den Angelegenheiten, in die er verwickelt war, gänzlich unbekannt, bot ich ihm als Juriſt meine Dienſte zu ſeiner Vertheidigung an. Bei den Beziehungen, in welche ich dadurch zu ihm kam, entdeckte ich an ihm bald höchſt achtungs⸗ werthe Geſinnungen und einen Charakter von antiker Zuverläſſigkeit und Standhaftigkeit. Der Prozeß wurde inzwiſchen immer verwickelter, denn der Ge⸗ fangene nahm Verbrechen auf ſich, die nicht blos mit ſeinem Charakter unvereinbar ſchienen, ſondern auch mit den Verſicherungen ſeiner Unſchuld, die er mir beſtändig wiederholte, im entſchiedenſten Wider⸗ 2—— o—',————o,———--—„ 133 9 ſpruch ſtanden. Da er ſich inzwiſchen vor ſeinen Richtern nicht zu rechtfertigen vermochte, ſondern dieſe im Gegentheil die geſetzlichen Formen für ſich bekamen, ſo gab ich meine öffentliche Vertheidigung auf, obſchon ich ihm privatim meine Achtung nicht verſagen konnte. So habe ich die Sache bis heute betrachtet...“ „Nun wohl, Ew. Majeſtät,“ fiel Creutz ein. „Aber,“ fuhr Wrangel fort, ohne der Erinnerung des Grafen Creutz die mindeſte Beachtung zu ſchen⸗ ken,„das Geheimniß iſt auf einmal an den Tag gekommen. Der Sachverhalt iſt folgender. Puke war ein Mann von höchſt ungewöhnlichen und aus⸗ gezeichneten Eigenſchaften. Mit Seele und Herz Karl XII. zugethan, machte er Oppoſition gegen die der Königsmacht feindſelige Ariſtokratie und das Re⸗ gierungsſyſtem, das in den Jahren 1719 und 1720 aufkam. Bald ſah er ſich von Bewunderern und Anhängern umgeben, die ſich feſt an ihn ſchloſſen. Er war jedoch verheirathet, und aus Liebe zu ſeiner Familie glaubte er ſich zu aller möglichen Vorſicht verpflichtet, die ihm auch durch ſeine politiſche Stel⸗ lung geboten wurde. Deshalb miethete er zwei Wohnungen: in der einen wohnte er mit ſeiner Familie unter ſeinem rechten Namen Puke, in der andern unter dem angenommenen Namen Weſte. In der erſteren lebte er beſtändig als der glückliche Fa⸗ milienvater, als der ausgezeichnete und allgemein verehrte Mann; in der letztern war er der Conſpi⸗ rateur. Seine Abſicht war, dieſe verſchiedenen Rollen ſtreng und konſequent durchzuführen, und die ausge⸗ zeichnet glückliche Art, wie er ſich zu maskiren ver⸗ X ₰„ ſtand, machte dies im Weſentlichen möglich; gleichwohl ließ es ſich kaum denken, daß nicht der eine oder an⸗ dere Freund ſein Geheimniß entdecken ſollte. Indem er den Entſchluß faßte, ſich allein für ſeine Freunde zu opfern, gehorchte er lediglich ſeiner eigenen Ein⸗ gebung. Er entdeckte Alles ſeiner Frau. Mit Ver⸗ zweiflung im Herzen drückte ſie ihn an ihre Bruſt. Ueberzeugt, daß er zu einem entehrenden Tod ver⸗ urtheilt wurde, beſchloß er, ſich unter ſeinem ange⸗ nommenen Namen Weſte verhaften zu laſſen. Aber der Erfolg, womit dieſe Verwandlung bewerkſtelligt wurde, verwickelten ihn in mancherlei Schwierigkeiten. Das Gericht forſchte nach Puke. Man fand ihn nicht und begann auf Weſte den Verdacht zu werfen, daß er ihn aus dem Wege geſchafft habe. Um ſeine Rolle durchzuführen, nahm er ein Verbrechen, an das die Richter bereits glaubten, auf ſich und hoffte da⸗ durch für immer allen Argwohn von dem Namen abzuwenden, der auf ſeinen Sohn übergehen ſollte und ihm deßhalb heilig war. Aber er hatte keinen Mord begangen, denn er hätte ihn an ſich ſelbſt be⸗ gehen müſſen.. 5 „Hören Sie auf,“ unterbrach Chrenpreutz,„hören Sie auf.“ Der Reichsrath, auf welchen Schlag um Schlag gefallen war, hatte alle Qualen der Situation durch⸗ gemacht. Seine geſellſchaftliche Stellung, ſeine Er⸗ fahrung und ſein Alter waren jedoch die Stützen, die ihn aufrecht erhielten, ſonſt würde er unter dieſen zermalmenden Angriffen zuſammengeſunken ſein und hätte alle Vertheidigung aufgeben müſſen. Unſer Gewiſſen hat das Gefühl zu ſeinem Bevollmächtigten 8———— — — —,90=——‿ 2 im Herzen; dieſes ſprach auch hier eine laute und überzeugende Sprache zu ihm. Aber der Verſtand ſchwieg auch nicht ſtill, und in dem Augenblick, wo Ehrenpreutz nahe daran war ſich ſelbſt aufzugeben, erwachte bei einem zufälligen Blick auf den König ein Gedanke in ihm, der, wenn er auch blos ein Nothanker war, gleichwohl den Bedürfniſſen des Au⸗ genblicks entſprach. Er unterbrach Wrangel. „Ew. Majeſtät,“ fuhr er fort,„darf ich die Bitte wagen, alle Anweſenden, die nicht nöthig ſind, zu entfernen?“ Die Königin dachte, er wolle die Feſtung über⸗ geben, und gab den Uebrigen einen Wink, abzutreten. „Bleib da, Creutz,“ bat Chrenpreutz, als auch dieſer ſich entfernen wollte. „Nun wohl, Graf Ehrenpreutz,“ fragte die Kö⸗ nigin,„was haben Sie mir zu ſagen?“ „Darf ich an Ew. Majeſtät die Frage wagen, welche Abſicht Sie mit dieſem ganzen Auftritt ver⸗ binden?“ Dieſe Frage beſtärkte die Königin in ihrer Ueber⸗ zeugung, daß Ehrenpreutz nachgeben wolle, und mehr verlangte ſie nicht. „Graf Chrenpreutz,“ antwortete ſie,„ich habe keine andere Abſicht gehabt, als Sie und den Grafen Creutz zu überzeugen, daß Capitän Puke nicht un⸗ würdig iſt, zum Fräulein Creutz emporzuſchauen. Sie wiſſen, daß ich Alma liebe, wie auch, daß ich Puke ſchätze, und ich geſtehe, es würde mir große Freude machen, für das Glück Beider Etwas thun zu können. Sie haben mir ihre Liebe anvertraut, die mit den jugendlichſten Gefühlen in ihrer Bruſt großgewachſen iſt. Sollte es mir gelungen ſein, die Beſchuldigungen gegen Puke's Vater zu entkräften, ſo habe ich nur noch den Wunſch beizufügen: Wider⸗ ſetzen Sie ſich nicht mehr dem Wunſch zweier Weſen, denen Sie ſo vielfach verpflichtet ſind.“ „Iſt das Alles, was Ew. Majeſtät zu ſagen haben?“ „Der Thron bedarf Freunde,“ erwiederte die Königin,„und ich wage zu hoffen, daß die Verbin⸗ dung zwiſchen Alma und Puke auch Sie dem Throne näher bringen werde.“ „Wollen Ew. Majeſtät die Gnade haben, Alma herein zu beſcheiden?“ Die Königin wollte den glücklichen Augenblick nicht entwiſchen laſſen; ſie klingelte ſogleich, und Alma erſchien. Jede Roſe auf den Wangen ſpiegelt eine Roſe im Herzen ab; jede Lilie iſt ebenfalls der Wider⸗ ſchein einer Lilie im Herzen. Wie das Auge der Spiegel der Seele, ſo iſt die Wange das Transpa⸗ rent des Herzens. Alma's Wange war blaß. Wenn irgend eine Perſon von Hoffnungen und Zweifeln wegen des Erfolgs der Beſprechung mit Ehrenpreutz gequält wurde, ſo war es Alma. Die letzte halbe Stunde war für ſie ein Jahrhundert ge⸗ weſen. Verheißungsreiche, herrliche Paradieſe waren in dieſer Zeit in einer und derſelben Seele zur Blüthe gelangt und auch wieder dahingewelkt. Die Unruhe hat ſelten eine beſtimmte Form; ſie umſchließt das Herz wie eine finſtere Wolke, wie ein trüber Nebel; aber verſenken wir uns tiefer in uns ſelbſt, ſo funkelt dennoch ein Stern in der Dunkelheit, der Stern der Hoffnung. Bei all ihrer Unruhe hoffte Alma noch immer. Die Hoffnung iſt die Zukunft der Liebe. Jen⸗ ſeits der kleinmüthigen Zweifel des Augenblicks, auf dem andern Ufer des aufgeregten Meeres der jetzi⸗ gen Stunde, winkt uns noch immer die Hoffnung. Aber wenn Alma auch die Bedeutung des Augen⸗ blicks, die Wichtigkeit des von ihrem Onkel und ihrem Bruder gefaßten Beſchluſſes vollkommen einſah, ſo hatte ſie gleichwohl das Gefühl ihres innern Selbſt⸗ beſtimmungsrechtes nicht verloren. Ein liebendes Weib iſt kein willenloſes Werkzeug mehr; ſie gehorcht da einem Geſetz von göttlichem Urſprung, einem Ge⸗ ſetz, dem gegenüber alle andern Geſetze der Welt blos Spinngewebe ſind, ausgeführt vom Schlendrian und vom Eigennutz. Die Gräfin Creutz begleitete ſie herein. Alma hatte dieſe ihre Freundin gebeten, ihr zur Seite zu ſtehen. Beide ſahen wohl ein, daß die Königin aus weiblicher Aufmerkſamkeit Marie Luiſe blos Alma's wegen berufen hatte. Als ſie eintraten, ſah man auch, daß Troſt und Troſtloſigkeit einander das Geleite gaben. Alma warf einen Blick auf die Königin und er⸗ hielt einen aufmunternden Blick zurück. Creutz hatte mit ſeinem Onkel einige Worte wech⸗ ſeln können, die mit einer Kopfbewegung beantwortet wurden, welche ihn beruhigte. „Ew. Majeſtät,“ begann Ehrenpreutz,„Sie haben Creutz als Schiedsrichter hieher beſchieden. Nichts kann paſſender ſein, und ich geſtehe gerne, daß ich mich für dieſe Sorgſamkeit tief verpflichtet fühle.“ Die Königin richtete ihr Haupt empor und heftete ihre großen Augen verwundert auf ihn. Die Art, wie Chrenpreutz ſich äußerte, ſeine Stimme, ſein ganzes Weſen hatte ſich verändert. Die Königin hatte erwartet, er würde mit tiefer Bewegung eingeſtehen, daß er Puke Unrecht gethan; ſie hatte gehofft, er würde Alma, als dem Opfer heiliger, wenn auch bisher ſchlecht verwahrter Erin⸗ nerungen, mit Herzlichkeit entgegenkommen, ihr Ver⸗ trauen und Hoffnung in Betreff ihrer Liebe einflößen; aber ſtatt deſſen äußerte er ſich jetzt, wie wenn gar Nichts geſchehen wäre, lediglich in der gewöhnlichen feingedrechſelten Höflingsſprache. Ehrenpreutz dagegen hatte ſich der ſcheinbaren Freundlichkeit erinnert, womit die Königin bei ſeinem Eintritt ihn empfangen hatte, und er wollte ſie mit der gleichen Münze bezahlen. „Sie haben gehört, Creutz,“ fuhr Ehrenpreutz fort,„daß die Königin einer Verbindung zwiſchen Alma und Puke das Wort redet; nun wohl, Graf, Sie haben über ihre Hand zu verfügen...“ Creutz fühlte ſich jetzt auf ſeinem eigenen Grund und Boden. Er machte auch keinen Hehl aus der Befriedigung, die es ihm gewährte, daß er Ge⸗ legenheit hatte, Anſprüche zurückzuweiſen, die ihn verdroſſen. „Glauben Ew. Majeſtät,“ ſagte er, zur Königin ſich wendend,„daß ein Mann verpflichtet iſt, ſein Wort einzuhalten und ein durch Handſchlag beſiegel⸗ tes Verſprechen zu erfüllen?“ —,—— 139 „Darüber kann es wohl nicht zwei Meinungen geben.“ „Wohlan denn, Ew. Majeſtät, ich habe geſagt, daß ich in Puke blos einen gleichgiltigen Feind er⸗ blicke, und ich füge hinzu, daß ich Röhr meinen Handſchlag darauf gegeben habe, daß er das Recht beſitzen ſoll, Alma's Neigung zu erſtreben. Ich bleibe jetzt auch bei meinem Wort und meinem Hand⸗ ſchlag. Um indeß Alma in die Lage zu verſetzen, daß keine fremden Einflüſſe auf ihr Urtheil einwirken können, werde ich die Ehre haben, morgen ihr unter⸗ thänigſtes Entlaſſungsgeſuch von der Stelle einzu⸗ reichen, welche ſie bei Ew. Majeſtät zu bekleiden bisher die unſchätzbare Befriedigung gehabt hat.“ Die Königin traute ihren Ohren kaum. Alma's Wangen erglühten: ſie richtete ihren Kopf empor, ihre Lippen bewegten ſich, ſie ſchien ſprechen zu wollen; aber... ſie bedachte ſich... ſie nahm Marie Louiſe unter den Arm und ging hinaus. Ehrenpreutz lächelte. „Ew. Majeſtät,“ begann er unmittelbar darauf, „jetzt kommt es auch mir zu, einige Worte zu ſpre⸗ chen. Erlauben Sie mir jedoch zuerſt die Frage, ob nicht Capitän Schecta und der Reichstagsabge⸗ ordnete Lars Larsſon einigermaßen die Achtung und das Vertrauen Ew. Majeſtät beſitzen?“ „Ich leugne es nicht, Graf; aber wohin zielen Sie damit ab?“ „Nicht weiter, als für mich nöthig iſt, Ew. Ma⸗ jeſtät. Sie achten dieſe Leute, das iſt gut; aber nach Allem, was Ihnen hier erzählt worden iſt, haben die beiden Herrn ſelbſt an der Verſchwörung Theil genommen, mit der Sie mich bedrohen zu wollen ſcheinen. Laſſen Sie mich alſo in Anklageſtand ver⸗ ſetzen, wenn dies im Plane Ew. Majeſtät liegt; ich werde mich mit dieſen Herrn ſelbſt gegen ihre eige⸗ nen Ausſagen vertheidigen. Man macht mir den Vorwurf, ich ſei von einer Partei zu einer andern übergegangen. Mag ſein; Horn, Gylllenborg, Ceder⸗ hjelm und Andere haben vor und nach mir das Gleiche gethan. In politiſchen Kriſen iſt dies ein Rettungsboot, das ich Ew. Majeſtät eigener Wür⸗ digung empfehle, wenn Sie je in eine ungünſtige Stellung kommen ſollten. Was will man übrigens von mir? Ew. Majeſtät Abſichten ſind möglicher Weiſe ganz vortrefflich; aber ich bin jetzt zu alt, um meine Freunde aufzugeben. Ich möchte keinen un⸗ nöthigen Prozeß neu anregen; wir haben auch ſonſt Streitigkeiten genug. Wollen Ew. Majeſtät indeß fortfahren, ſo werde ich mich nicht zurückziehen. Was ſich heute Abend zugetragen hat, wird mich zu kei⸗ nem Schritt gegen Sie veranlaſſen; ich werde die Königin reſpektiren und dem Weib verzeihen.“ Die Wangen der Königin brannten von der Röthe des Verdruſſes. „Wählen Sie alſo ſelbſt, Ew. Majeſtät, Krieg oder Frieden,“ fuhr Chrenpreutz fort.„Der Reichs⸗ tag, der angefangen hat, wird Ihnen hoffentlich auch ſonſt hinreichend zu thun geben. Es gehen Gerüchte über allerlei unerklärliche Vorbereitungen von Seiten des Königs und Ew. Majeſtät. Ich bete zu Gott, daß ſo wenig als möglich davon wahr ſein möge. Beſinnen Sie ſich wohl, ehe Sie einen unvorſichtigen ———e—y—ℳ 141 Schritt thun: Sie werden von allen Seiten auf eine Reichsverſammlung und einen Senat ſtoßen, in deren Zauberkreis die Königsgewalt gebunden iſt. Meine Macht iſt für meine Bedürfniſſe genügend. Sie haben mich zu Ihrem Feinde gemacht: ich werde mich beſtreben, dieſes Namens würdig zu ſein.“ Die Königin fuhr von ihrem Sitze auf. „Ha, Graf Chrenpreutz, und das wagen Sie mir zu ſagen... mir offen in's Geſicht zu ſagen... und noch in Anweſenheit des Königs?“ „Was die Anweſenheit des Königs betrifft,“ ver⸗ ſetzte Chrenpreutz, indem ein feines und zweideutiges Lächeln über ſeine Wangen glitt,„ſo bitte ich Ew. Majeſtät um Verzeihung... der König iſt nicht anweſend.“ „Wie... er iſt... nicht... da...“ „Der König iſt eingeſchlummert, Ew. Majeſtät.“ Es war wirklich ſo; ermüdet von den langen De⸗ batten, hatte der König ſich in ſeinen Stuhl zurück⸗ gelegt und war eingeſchlafen. Ein einziger Blick überzeugte die Königin von dieſem Umſtand, und mit heſem Verdruß ſank ſie ſprachlos auf den Sopha zurück. „Laß uns jetzt gehen,“ mahnte Ehrenpreutz ſei⸗ nen Neffen, indem er ihn beim Arme nahm;„hier haben wir Nichts mehr zu ſchaffen.“ Sie gingen. Als ſie in die äußern Zimmer hinauskamen, be⸗ fanden ſie ſich bald allein. „Hier will ich einen Augenblick ausruhen,“ ſagte Chrenpreutz;„ich bin müde und aufgeregt.“ 14² Auch Creutz wünſchte das. So ſehr der Angriff auf Chrenpreutz ihn erzürnt hatte, ſo war er doch auch nicht zufrieden mit ihm. Er bedurfte mehr⸗ facher Aufſchlüſſe und brannte vor Ungeduld, ſie zu erhalten. Ehrenpreutz ſank auf ein Canapee. 4 „Erklären Sie mir, Onkel, waren alſo Puke's Vater und Weſte eine und dieſelbe Perſon?“ „Ja.“ „Und er opferte ſich für Sie?“ „Ja.“ „Und Sie haßten ihn?“ „Wen man in der politiſchen Welt fürchtet, den haßt man.“ „Und warum fürchteten Sie ihn?“ nan uns in ſeiner Gewalt hat, den fürchtet „Aber er war ja doch der edelſte, der uneigen⸗ nützigſte Menſch?“ „Die Folter macht allem Edelmuth ein Ende.“ „Aber doch dem ſeinigen nicht?“ „Dadurch wurde er nur um ſo fürchterlicher. Ich mußte den Löwen mit meiner Freundſchaft er⸗ ſticken. Noch erinnere ich mich dieſer bleichen Züge mit Muskeln von Eiſen; dieſes mächtigen und uner⸗ ſchütterlichen Willens, auf welchen ſelbſt die Folter nicht einzuwirken vermochte; und ich war in der Ge⸗ walt eines ſolchen Mannes. Er liebte ſeinen Sohn bis zur Abgötterei, er betrachtete ſeinen Namen als das einzige heilige Vermächtniß, das er ihm hinter⸗ laſſen konnte. Aber dieſer Name war beſtändig mit einer möglichen Entdeckung bedroht, und eben damit —. 14⁴3 auch ich. Du hätteſt dieſe kräftige und entſchloſſene Natur kennen ſollen: man zitterte in ihrer Gegen⸗ wart. Wenn er mich anſah, war es mir, als durch⸗ ſchaute ein Henker meine Seele; das Blut ſtockte in meinen Adern, mein Herz hörte auf zu ſchlagen. Bei ſeinem Tod hoffte ich meine Papiere zurückzuer⸗ halten; vergebens, ich fand ſie nicht. Wo waren ſie? Man hatte mir von Lars Larsſons Beſuch erzählt; ich ſchickte einen Boten zu ihm; ich kaufte ſeine Pa⸗ piere und glaubte Alles erhalten zu haben, was er beſeſſen, da ich nicht vermuthete, daß er mich be⸗ trogen und die wichtigſten unterſchlagen hatte, ob⸗ ſchon ich wirklich juſt dieſe vermißte. Trübe Zukunfts⸗ ahnungen quälten mich daher fortwährend, weil dieſe für meinen Seelenfrieden wichtigen Dokumente mir fehlten. Wo waren dieſe Briefe, durch die ich mich jeden Augenblick kompromittirt glauben mußte? In⸗ ſtinktmäßig nahm ich an, ſie ſeien früher oder ſpäter dem Sohn übergeben worden. Des Vaters letzter Wille konnte kein anderer ſein. Mit Furcht und forſchender Aufmerkſamkeit betrachtete ich ihn alſo. Die gleich unerſchütterliche Feſtigkeit des Jünglings ließ mich einen Rächer ahnen: wenn der Vater immer⸗ hin ein Intereſſe haben konnte, die Sache geheim zu halten, ſo hatte der Sohn ein entgegengeſetztes In⸗ tereſſe, ſie aufzudecken. Ich hatte nur noch einen einzigen Wunſch, nämlich daß zwiſchen dieſer Familie und mir ein Grab liegen möchte. Jede Annäherung zwiſchen uns ſchien mir einen Tod zur Folge haben zu müſſen. Schweden... weißt Du, was Schweden gleicht? Cäſars Gattin, Calpurnia, hatte einmal einen ſchrecklichen Traum. Ich habe dieſen Traum 14⁴⁴4 tauſendmal gehabt. Sie glaubte Cäſar in ein Waſ⸗ ſerwerk verwandelt zu ſehen; aber aus hundert Oeff⸗ nungen ſtrömte— nicht Waſſer, ſondern Blut. In ein ſolches Waſſerwerk ſah auch ich im Traum unſer Vaterland verwandelt; aber dabei rief mir immer eine Stimme zu: Wähle, was Du willſt; entweder Dein eigenes oder Deiner Feinde Blut muß fließen. Und weißt Du, weſſen Stimme ich zu hören glaubte?“ „Nein, nein!“ „Früher war es die Stimme des Vaters, ſpäter wurde es die Stimme des Sohnes.“ „Aber was gedenken Sie jetzt zu thun? Dieſe Papiere...“ „Muß ich zurück haben; ich weiß jetzt, wo ſie ind.“ „Aber wie?“ So weit waren ſie gekommen, als zwei Hände ſich ſachte, die eine auf des Reichsraths, die andere auf des Lieutenants Schulter legten. „Wollen Sie Rache haben?“ fragte eine weib⸗ liche Stimme. Dieſe Frage rief tauſend Echos in ihrem Innern auf; ſie antworteten nicht, ſondern betrachteten nur die Geſtalt, die vor ihnen ſtand. Ihr Geſicht war leichenblaß und in einen Rah⸗ men von kohlſchwarzen Locken eingefaßt. „Wollen Sie ſich rächen?“ wiederholte ſie. „Ja,“ antworteten Beide auf einmal,„ja.“ „An der Königin?“ 4 „Ja. „An Puke?“ „Ja.“ „An Wrangel?“ „ae „An Schecta?“ „Ja.“ „An Lars Larsſon?“ „Ia.“ „An Silfverhjelm?“ & „Ja. „An Forbus?“ 4 „Ja. 1 „Sie ſollen Gelegenheit erhalten.“ Hierauf ſchritt die Geſtalt langſam von ihnen weg. Beide hatten ſie erkannt— es war Amanda. Fünfzehntes Kapitel. Die Wahl des Landesmarſchalls. Geijer ſagt: „Die Hauptidee in der Regierungsform von 1719 und 1720— ein durch die Mehrheit des Ra⸗ thes beſchränkter König und ein von den Ständen abhängiger Rath— gab Schweden zu gleicher Zeit eine neue Königsmacht, einen neuen Rath und neue, nämlich regierende Stände. Jedermann ſieht, daß die Vielen— der griechiſche Ausdruck für Demokratie— den Schwerpunkt bil⸗ deten, zu welchem die Macht in dieſer Zuſammen⸗ ſetzung ſich hinneigen mußte. Dahin neigte ſie ſich auch allmälig, indem ſie ſich im Fallen zerſplitterte; denn die Demokratie dieſes Zeitalters iſt zumeiſt eine Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. III. 10 146 adelige, die zuletzt mit einer beginnenden bürger⸗ lichen in Streit geräth. Sogar auf dem Reichstag von 1723 ſchmeichelte ſich die neue Königsmacht noch mit der Hoffnung, die Grenzen erweitern zu können, mit denen man ſie umſchrieben hatte; 1738 wurde die Hoffnung des Rathes, ſich eine vergleichungsweiſe unabhängige Stellung zu ſchaffen, zunichte gemacht. Hierauf beginnt die offene Parteiregierung, die Herr⸗ ſchaft der Hüte bis 1765, die der Mützen bis 1772, unter wechſelnden Einflüſſen für und wider, deren ſich die Königsmacht bedient.“ Die Reichsſtände regierten; aber die Stände ſelbſt wurden von der Ariſtokratie regiert, die dem Landes⸗ marſchall gehorchte: folglich regierte der Landesmar⸗ ſchall. So lang die Stände beiſammen waren, ver⸗ lieh dieſes Amt ſeinem Inhaber die höchſte Macht, die Macht des Einfluſſes im Lande. Der Landes⸗ marſchallsſtab war nichts Geringeres als ein Königs⸗ ſcepter, welchen die Ariſtokratie der Königsmacht aus den Händen gerungen. Während der Freiheitszeit bildete dieſe Macht, bei Eröffnung einer Reichsverſammlung, den Zank⸗ apfel, über welchen die Parteien zuerſt herfielen. Die Partei, die aus dieſem erſten Kampf ſieg⸗ reich hervorging, behauptete die Poſition in allen folgenden. 1 Wir haben geſehen, daß die Grafen Friederich Arel von Ferſen und Erich Brahe beim Reichstag von 1755 als Kandidaten auftraten. War der Erſtere auch talentvoller, in die politiſchen Verwick⸗ lungen genauer eingeweiht und ein entſchloſſenerer Charakter, ſo ſtanden ſie ſich doch in Bezug auf Stolz 147 und Herrſchſucht vollkommen gleich. Jeder von ihnen begriff die Tragweite und entſcheidungsvolle Bedeu⸗ tung des Augenblicks; man hatte daher von beiden Seiten alle Kräfte aufgeboten, um Anhänger unter ſeine Fahnen zu werben. Der Wahltag war gekommen. Auf dem Platz vor dem Ritterhaus— dem Rit⸗ terhausmarkt— ſammelten ſich Schaaren von Neu⸗ gierigen. Damals ſah der Ritterhausmarkt anders aus als jetzt. Der Platz war viel kleiner. Ein großer Theil deſſelben wurde von einer Schranke eingenom⸗ men, die den äußern Vorhof des Ritterhauſes umzog. Schief gegenüber dem Eingang dieſes Vorhofs lag die„goldene Hoffnung“, ein berühmter Keller, deſſen Thüren Jedermann offen ſtanden, der ſich mit einem Trunk zu ſtärken wünſchte, bevor er ſich in's poli⸗ tiſche Kampfgewühl ſtürzte. Die Volksmaſſen würden immer dichter: bald bildeten ſie Gruppen, bald gingen ſie nach rechts und links aus einander, bald drangen ſie bis gegen die Wache am Eingang der Schranke vor, bald zogen ſie ſich vor einem der höchſten Beamten des Reichs, der bni dem ganzen Pomp damaliger Zeit herankam, zurück. Dem Ritterhaus, dieſer Schildburg der ſchwedi⸗ ſchen Ritterſchaft, war die allgemeine Aufmerkſamkeit zugekehrt; es war der gemeinſame Tummelplatz der großen Intereſſen und politiſchen Leidenſchaften. . Die Doppeltreppen der prachtvollen Hausflur hinauf wogte der Strom in zwei Armen, die dann im großen Saal, wo die Schickſalsnornen über die 148 nächſte Zukunft entſcheiden ſollten, wieder zuſammen⸗ floſſen. Der Saal war bereits ſtark beſetzt. Der Stand hatte ſich zahlreich eingefunden. In der Freiheitszeit blieb nicht leicht ein Edelmann aus, und konnte er ſelbſt nicht kommen, ſo wurde ſein Platz von einem Bevollmächtigten ausgefüllt. Der Schwede iſt ein Sohn der Natur, die ihn erzeugt; ſein Temperament wechſelt ebenſo ſchnell, wie die Temperatur der verſchiedenen Jahreszeiten. In einem Augenblick kalt wie der Winter, brennt er im andern mit ſommerlicher Hitze. In unſern Ge⸗ birgen tost der Sturm, in unſern Wäldern haust der Bär; und wecke den ſchlafenden Bären nicht, ſagt ein altes ſchwediſches Sprüchwort. Die Geſchichte, in welcher das innere Leben der Nation ſich hauptſächlich abſpiegelt, gibt daher die gleichen Züge wieder: dieſelben Widerſprüche und Uebergänge, dieſelbe augenblickliche Kraftvergeudung, denſelben Berſerkerſinn. Die Ruhe, welche der Schwede zuweilen beſitzt, gleicht der eines pauſiren⸗ den Sturmes, wenn zufällig keine Urſache für ſeine Fortdauer mehr vorhanden iſt. Große Kämpfe, Waffengetöſe und Leidenſchaften haben in unſerer Geſchichte zu viele Verheerungen angerichtet, als daß ihre Erinnerung jemals in unſern Herzen erſterben könnte. Man ſpricht von der Blutrache der Korſen, aber man könnte auch von unſern Voreltern daſſelbe ſagen: Selbſtrache war in der Aſalehre begründet, und ihr blutiger Schatten fand im Mittelalter noch manches Opfer. Vieles hat ſich ſeitdem verändert: —+—,——————— —— —18 SEoͤ—,— —— ̈ 149 der Sturm zerfetzt die Segel, aber er heult auch noch in den Lumpen. Einer unſerer Könige hat geſagt, der Charakter des ſchwediſchen Volkes ſei voll von hitzigen Elemen⸗ ten, gerade wie es der Charakter des ſchwediſchen Nordens iſt; aber aus welchen hitzigen Elementen auch die Schickſale der Nation zuſammengeſetzt ſein mögen, ſo offenbart ſich doch darin immer eine mäch⸗ tige Freiheitsliebe, ſehr oft als Sturm, manchmal als Seufzer, ſelten, außer nur gegenüber dem Be⸗ herrſcher des Himmels und der Erde, als Bitte, niemals als ſklaviſches Gewinſel.. Die großen politiſchen Leidenſchaften haben gleich⸗ wohl in unſerem erſten Stand auf's Heſtigſte gerast. Dieſer Stand iſt, als nationales Inſtitut, unter fortwährendem Kampf um ſeinen Beſtand, mitten zwiſchen der Königsmacht und dem Volk durchgegan⸗ gen, indem er nur periodiſch die eine oder das an⸗ dere beſiegte und ſich beſtändig zu neuem Streit ge⸗ rüſtet hielt. Seine ſonderbare Zuſammenſetzung, ver⸗ möge welcher er Jahrhunderte lang die größte Macht und den größten Reichthum, neben gänzlicher Ohn⸗ macht und Armuth, umfaßte, hat unaufhörlich Ele⸗ mente unterhalten, die einerſeits Alles zu verlieren, andererſeits Alles zu gewinnen haben. In ſeiner politiſchen Rolle hat es daher dieſem durch den Man⸗ gel an Einheit zerriſſenen Stande, gleich dem polni⸗ ſchen Adel, ſtets an der Sicherheit gefehlt, aus wel⸗ cher in friedlichen Zeiten die unerſchütterliche Stärke der Ruhe hervorgeht, und ſtatt deſſen iſt er, beim mindeſten Druck von außen, dem Getümmel der Lei⸗ denſchaften anheimgefallen. 150 Solcher Art war das Ritterhaus in früheren Tagen, ſo iſt es noch heute. Will man den Charakter des ſchwediſchen Volks ſtudiren, bei welchem große Begierden und kleine Mittel neben einander her gehen, ſo beſitzen wir im Ritterhaus ein großes Gemälde davon, in einen be⸗ ſtimmten Rahmen eingeſchloſſen. Die Grafen Brahe und Ferſen traten beinahe zugleich ein. Aus all' den beweglichen Gruppen, die ſich theils in den Fenſterniſchen, theils zwiſchen den Bänken oder an den Wänden und Gängen entlang gebildet hatten, tönte ihnen ein dumpfes Beifallsgemurmel entgegen. Es lag etwas unendlich Mächtiges und Feierliches darin: ſie konnten in eine Gewitterwolke zu treten glauben, die um ſie her toste. Sie nahmen ihre Plätze ein, die ſich zufällig ein⸗ ander gegenüber befanden. Ein großer Theil der ſtreitenden Parteien hatte b ſich im Saale herum zerſtreut, der größere Theil aber ſchloß ſich dicht um ſeine Koryphäen. Auf beiden Seiten hatte man in den letzten Ta⸗ gen ſeine Stärke zu berechnen geſucht, und obſchon das Reſultat ſchwer zu beſtimmen war, ſo glaubte man doch einander ziemlich gleich gegenüber zu ſtehen. Brahe jubelte in ſeinem Innern. Er hatte zwar ſeinen Einfluß im Adel nicht bezweifelt, aber er war doch noch nie zuvor in die Schranken getreten, um den vornehmſten Platz zu erkämpfen, und der Ge⸗ danke, daß die erſte Ritterlanze, die er zu brechen im Begriff ſtand, eine ganze Gegenpartei aus dem Sattel heben ſollte, erfüllte ihn mit Freude. 151 Ferſen dagegen ſchaute düſter und drohend drein. Alle ſeine Gedanken waren, bei den damaligen Um⸗ ſtänden, einer glänzenden ariſtokratiſchen Zukunft zu⸗ gekehrt. Schon die leiſeſte Idee, daß er von einem Andern verdrängt werden könnte, beleidigte ſeine ſtolze Zuverſichtlichkeit. Während Wrangel ein Geſpräch mit Brahe un⸗ terhielt, ſah man Pechlin auf Ferſen zugehen. „In wenigen Stunden,“ ſagte Wrangel zu Brahe, „wird, hoffe ich, der Sieg unſer ſein.“ Brahe nickte vertrauensvoll Beifall. „Herr Graf,“ redete Pechlin dagegen Ferſen an, „hoffen oder fürchten Sie?“ 3 „Wenn ich auch nicht hoffe, ſo fürchte ich doch Nichts.“ „Ich habe,“ fuhr Pechlin, ohne ſich an die ſtolze Antwort zu kehren, fort,„die Chancen aufs Allerge⸗ naueſte berechnet.“ „Und zu welchem Reſultat ſind Sie gekommen, Baron?“ „Daß das Haus mitten entzwei getheilt iſt; un⸗ ſere Hoffnung beruht daher lediglich auf...“ „Auf?“ „Den abgegebenen Stimmzetteln.“ Pechlins Vermuthung war eine harte Pille, aber er pflegte ſolche auszutheilen, wenn er ſie auch manchmal mit Oblaten umwickelte. Ferſens Stirne runzelte ſich. Er hatte kein Wort auf eine Bemerkung zu erwidern, deren Richtigkeit er ſelbſt fürchtete. „Aber auch dieſe Hoffnung, Herr Graf, kann verloren gehen,“ fügte Pechlin hinzu. 15² Mit einem ſtolzen und fragenden Blick wandte ſich Ferſen gegen Pechlin, ohne jedoch Etwas zu ſagen. „Die Sache iſt ganz klar,“ fuhr Pechlin fort, „wenn wir annehmen, daß nur ein Einziger von Ihrer Partei jetzt abtrünnig würde.“ „Das thut Keiner, nein, das kann Keiner thun.“ „Warum nicht, Herr Graf? Wenn ich vermu⸗ thete, daß Sie z. B. mich mit Mißfallen betrachten könnten...“ Pechlin und Ferſen kannten einander. „Warum,“ vollendete Pechlin,„ſollte ich Ihnen dann nicht meinen Beiſtand entziehen und Sie Ihrem...“ „Meinem?“ „Ihrem Schickſal überlaſſen, Herr Graf?“ „Was ſagen Sie da?... Sie ſcherzen... Warum ſollte ich Sie mit Mißfallen betrachten?“ „Der berühmte Koloß von Rhodus,“ fuhr Pech⸗ lin fort,„ſtand ſo lange feſt, als er auch ſeine klein⸗ ſten Theile zuſammenhalten konnte; aber ſo bald ein Theil verfiel, ſo verfielen auch die andern ſchnell, und zuletzt ſtürzte der ganze Koloß zuſammen. Kein Staatsmann darf dieſes Schickſal des Koloſſes ver⸗ geſſen. Indeß will ich Ihnen damit keine Lection geben, Herr Graf, ſondern blos eine Wahrheit ſagen. Es ſteht jetzt viel auf dem Spiel...“ Schon damals ſtand Pechlins Urtheil in hoher Geltung, und ſein Einfluß war ſehr bedeutend, ob⸗ ſchon noch immer im Zunehmen begriffen. Obwohl Ferſen für ſeine eigene Perſon ſich ihm gerne ent⸗ zogen hätte, ſo konnte er es doch nicht wagen, zu⸗ mal wenn er ſich in einem ſolchen Augenblick näherte. 153 Uebrigens fühlte ſich Ferſen jetzt, in der Stunde der Entſcheidung, eines guten Raths bedürftig. „Und wie meinen Sie wohl, daß das Spiel ge⸗ wonnen werden könnte, Baron?“ fragte er daher. „Wenn man es gut ſpielt.“ „Nun ja...“ Pechlin antwortete darauf blos mit einem Achſel⸗ zucken und entfernte ſich unter dem Vorwand, daß er einem Andern etwas Wichtiges zu ſagen habe. Vielleicht lag es in Pechlins Plan, dem Grafen zuerſt die Möglichkeit einer Niederlage vor Augen zu halten, um dadurch das bis jetzt loſe Band, das ſie zuſammenhielt, etwas feſter zu knüpfen. Ferſen ſank auch unter tiefen Betrachtungen über Pechlins letzte Aeußerung auf ſeinen Platz zurück. Im Augenblick, wo die Abſtimmung begann, that ſich unter der zahlreichen Wählerſchaft eine heftige Bewegung kund. Die Mitglieder, die bisher unter einander ge⸗ miſcht geweſen, nahmen jetzt ihre verſchiedenen Bänke ein, und als ſie aufgerufen wurden, um ihre Wahl⸗ zettel abzugeben, ſah es beinahe aus, als entwirre ſich ein verwickelter Knäuel, um in einen einzigen Faden auszulaufen. Während alſo Mann für Mann an den auf⸗ merkſamen Parteichefs vorbei defilirte, gewannen dieſe eine klare Idee von ihrer Stellung. Perſonen, die man bisher kaum gekannt hatte, kamen jetzt zum Vorſchein, und man überzeugte ſich immer mehr von der Unmöglichkeit, eine politiſche 154 Situation wie dieſe zum Voraus mit Beſtimmtheit zu berechnen. Aber jeder Parteimann iſt auch ein Wahrſager; er liest ſein Schickſal nicht im Kaffee oder in den Karten, ſondern im Ausdruck der Geſichter, in den Blicken und Geberden, die er vor ſich ſieht, und in der Beſchaffenheit der Lage. Einem Staatsmann, der keine ſchnelle und ſcharf⸗ ſinnige Auffaſſung beſitzt, mangelt das zuverläßigſte und beſte Sehrohr der Staatskunſt. Dem Grafen Ferſen fehlte dieſer helle Blick nicht; eher ſeinem Gegner. Inzwiſchen wurde Ferſen, ohne das Geheimniß der Wahlurne noch zu kennen, immer ängſtlicher; was er zu ſehen glaubte, beſtätigte auch vollſtändig die Be⸗ merkung, die Pechlin ſo eben gegen ihn ausgeſpro⸗ chen hatte. In der Politik ſtehen, wie im Krieg, unſre Chre und unſere höchſten Intereſſen auf dem Spiel. Aber der Politik fehlt ein Mittel, das der Krieg beſitzt: hier kann man ſich mitten unter ſeine Feinde ſtürzen und einen Heldentod ſterben; in der Politik müſſen wir, wenn wir eine Niederlage erlitten haben, den langſamen natürlichen Tod unſerer eigenen Leiden⸗ ſchaft ſterben. Ferſen ahnte bereits, daß ſeiné Hoffnung blos auf einem Wahlzettel beruhte: aber welch' eine un⸗ ſichere, welch' eine zweifelhafte Hoffnung! Sein Herz preßte ſich zuſammen, ſeine Pulſe klopften heftig. Die politiſchen Leidenſchaften, der getäuſchte Ehrgeiz, die betrogene Citelkeit, die ver⸗ X 2Bo 155 düſterten Ausſichten, Alles ſtürmte mit einem Mal auf ihn ein. „Das Spiel hängt davon ab, daß man es gut ſpielt,“ murmelte er vor ſich hin. Er erinnerte ſich unwillkürlich an Pechlins Aeuße⸗ rung. deenn, Herr Graf,“ redete ihn auch Pechlin, gleich als hätte er in ſeiner Seele geleſen, in dieſem Augenblick von Neuem an,„wie geht das Spiel?“ „Baron Pechlin,“ antwortete Ferſen, indem er aufſchaute,„wollen Sie mir die Karten legen?“ Sie hatten einander verſtanden. „Warum nicht? Aber laſſen Sie uns zuerſt einen Blick auf das Ganze werfen. Glauben Sie, Herr Graf, daß—“ 1 „Daß der Ausgang von einem Zufall, von einem Papierwiſch abhängt; ja, das glaube ich.“ „Das iſt auch meine Ueberzeugung. Es würde ſich alſo darum handeln, einige von Brahe'’s Stimm⸗ maſchinen auf die Seite zu bekommen.“ „Das iſt leichter geſagt als gethan. Sie intereſ⸗ ſiren ſich im höchſten Grad für Brahe's Erfolg.“ p Aber Pechlin ſchien dieſe Einwendung nicht zu ören. „Herr Graf,“ ſagte er ſtatt deſſen,„kann ich auf ein Privatgeſpräch mit Ihnen rechnen? Ich habe Ihnen Dinge zu ſagen, die Ihre ganze Aufmerkſam⸗ keit in Anſpruch nehmen werden.“ „Ein Privatgeſpräch? Gerne, Baron. Ja, ja. Heute Abend, wenn Sie wollen.“ „Es gilt; ich hebe Ihre Karten auf.“ Pechlin zog jetzt eine Brieftaſche aus ſeinem 156 Rock und ſchrieb auf ein Blättchen Papier einige Zeilen. „Was machen Sie?“ fragte Ferſen. „Ich fertige einen Befehl aus,“ erwiderte Pech⸗ lin lachend,„um einige Ihrer Gegner zu entfernen.“ Pechlin ſprach mit einer Sicherheit, die auch auf Ferſens Geſicht ein Lächeln hervorrief. „Iſt die Sache ſo leicht abgemacht? Wen geden⸗ ken Sie wegzuſchicken? Darf man's wiſſen?“ „Einige Leibtrabanten: Wallenſtjerna, Silfver⸗ hjelm, Hermelin und Andere.“ „Unmöglich! Sie ſind der Königin mit Leib und Seele ergeben.“ „Wir werden's ſehen.“ „Wollen Sie die Leute kaufen?“ „Nein, ſie ſind nicht feil. Wünſchen Sie das Billet zu ſehen, Herr Graf?“ Ferſen las: „Herr Lieutenant Wallenſtjerna! Sie gehorchen mir, haben Sie geſagt; ich glaube es. Nun wohl, ich befehle! Nehmen Sie ſo viele Freunde wie mög⸗ lich, vor Allem Silfverhjelm und Hermelin, wie überhaupt das ganze Leibtrabantencorps, wenn Sie können, und eilen Sie nach Lilienholm, aber zögern Sie keinen Augenblick: es ſind große Dinge geſche⸗ hen, und nur Ihr Muth kann uns retten. Ich be⸗ fehle im Namen der Königin. In Lilienholm finden Sie Ihre bekannte Unbekannte vom Luchshof.“ Ferſen betrachtete Pechlin mit einem Ausdruck, worin Ueberraſchung und Zweifel ſpielten. „Wer iſt dieſe bekannte Unbekannte vom Luchshof?“ „Beim Himmel, Herr Graf, ich weiß es nicht; 157 ich gründe meinen Befehl blos auf eine kleine Hof⸗ intrigue, die ich zufällig erfahren habe.“ „Und Sie glauben, daß Wallenſtjerna...“ „Sogleich gehorcht. Das glaube ich. Wir wer⸗ den es bald erfahren.“ Pechlin, der ſein unvermuthetes Zuſammentreffen mit Forbus und Lars Larsſon im Luchshof nicht ver⸗ geſſen, ſondern ſogleich geahnt hatte, daß ſie eine geheime Audienz bei der Königin gehabt, hatte auch ſogleich ausgeforſcht, wie es ſich damit verhielt. Mit⸗ telſt allerlei kleiner Kanäle, die ſich kreuzten, und die er beſſer als irgend ein Anderer zu benützen ver⸗ ſtand, erfuhr er auch bald mehr, als er erwartet hatte. Unter Anderem konnte der offenherzige und redſelige Wallenſtjerna ſein wunderbares Zuſammen⸗ treffen mit einer unbekannten, verſchleierten Dame im Luchshof nicht lange verſchweigen. Er dachte an nichts Anderes, als an dieſes Abenteuer, er erzählte es allen ſeinen Freunden, und durch Freundesfreunde kam es auch Pechlin zu Ohren. Pechlin begab ſich mit ſeinem Briefchen ſogleich aus dem Saale. Als er nach einer Weile zurück⸗ kam, ſah man einen Aufwärter des Ritterhauſes auf Lieutenant Wallenſtjerna zugehen. Ferſen beobachtete die kleine Epiſode mit einem gewiſſen Intereſſe der Neugierde, wenn auch nicht mit großem Vertrauen auf den Erfolg des Experi⸗ ments. Sie war für ihn eine Kurioſität, deren Ef⸗ fekt man ſehen will. 3. Wallenſtjerna erbrach den Brief, er las ihn ein ... zwei... dreimal: beim erſten Mal wurde er ernſthaft, beim zweiten Mal verrieth er eine ſtarke 158 Aufregung, beim dritten Mal griff er nach ſeinem ut. d„Nun, Herr Graf?“ bemerkte Pechlin. Graf Ferſen antwortete nicht, ſondern folgte mit der lebhafteſten Aufmerkſamkeit allen Bewegungen Wallenſtjerna's. Dieſer begab ſich jetzt zu Silfverhjelm und Her⸗ melin, die nebſt einigen andern Leibtrabanten in der Nähe ſtanden; er redete ſie an... es entſpann ſich ein kurzes Geſpräch... zuletzt ſagte Wallenſtjerna mit beſtimmter, beinahe befehlender Geberde einige Worte, und nun eilten ſie alle zuſammen, fünf bis ſechs Mann hoch, aus dem Saale. Ferſen konnte ſeine Ueberraſchung nicht verhal⸗ ten; er drückte Pechlin die Hand. „Heute Abend!“ ſagte er. „Sie glauben alſo feſt, daß Sie den Trumpf in der Hand haben, Herr Graf?“ „Ich glaube, daß Sie ein gefährlicher Mann ſind, Baron,“ antwortete Ferſen;„Sie nehmen die ſchwachen Seiten der Menſchen zu Stützpunkten Ihrer politiſchen Hebel. Willkommen heute Abend! Ich werde unſerer bevorſtehenden Beſprechung alle Auf⸗ merkſamkeit widmen.“ Die Stimmzettel waren abgegeben. Man be⸗ gann ſie zu öffnen und zu zählen. Der entſcheidende Augenblick nahte heran. Aber wenn auch die Ent⸗ fernung Wallenſtjerna's und ſeiner Freunde ein großer Vortheil war, ſo fern es ſich blos um eine ſchwache Majorität handelte, ſo bot ſie doch natürlich keine ſichere Bürgſchaft dafür, daß das Spiel ge⸗ ˖— 8 AͤS=SSS=S ͤ= EER* —+ —]z 50—— A— —— 8 00 82— 8 A 159 wonnen war. Die Ungewißheit währte alſo bis zur vollkommenen Beendigung der Wahl fort. Man ſagt, die Weiber haben Launen; aber wer kann mehr Launen haben, als eine Wahlurne? Das zeigte ſich auch hier. Zeitweiſe ſchmeichelte ſie blos Ferſen und ſchien ihm ihre ausſchließliche Huldigung widmen zu wollen; auch pochte ſein Herz laut, ſo oft ſie ſeinen Namen wiedergab. Aber im nächſten Augenblick wandte ſich das Blatt wieder, und da umkoste ſie Brahe's Ohr mit dem Wohllaut neuer Hoffnungen. Die Gunſt der Wahlurne iſt unzuverläßig: ſie ſcheint von einer Laune abzuhängen, und gleichwohl bürgt ſie ein für allemal dein gegebenes Schickſal in ihrem Schooß; aber ſag es voraus, wenn du kannſt. All' die heftigen, gewaltſamen Leidenſchaften, die an einem Pharotiſch wüthen, wenn man va banque ſpielt, wütheten auch bei den Häuptern der ſich hier gegenüberſtehenden Parteien. Bald wagten ſie kaum zu athmen, bald ſahen ſie verblüfft einander an: ſie ſpielten nicht um Mein und Dein, ſie ſpielten um Ehre und Zukunft, ja noch mehr, es war in der That ſelbſt ein Spiel um das Vaterland. Mehr als einmal fühlte ſich Ferſen tief erſchüt⸗ tert; die Wahlurne überzeugte ihn jetzt, daß es dem Hof gelungen war, ſeinen Einfluß weit vollſtändiger zu untergraben, als er vermuthet hatte. Die Zuſammenzählung der Stimmen begann. Der Augenblick war gekommen. Unter der zahlreichen Wahlverſammlung herrſchte jetzt eine lautloſe Stille, wie in einem Grabchor. Ferſen athmete nicht. Das Reſultat wurde bald bekannt, Ferſen war 160 mit einer Mehrheit von ſechs Stimmen gewählt. Dies war ein ſchwacher Sieg, aber immerhin ein Sieg. Er athmete neu auf. Wie von einer unwiderſtehlichen Eingebung ge⸗ leitet, begegneten ſich Ferſens und Pechlins Augen. Es war ganz klar, der Graf hatte ſeinen Erfolg le⸗ diglich dem Einfall Pechlins, nämlich der Entfernung der ſechs Freunde, zu verdanken. Brahe vermochte ſeine Niederlage kaum mit der gebührenden Ruhe zu ertragen. Von Freunden um⸗ geben, verließ er den Saal, um der königlichen Fa⸗ milie den harten Schlag zu verkünden. Es war ſchon ſpät am Abend. Die Straßen waren in Dunkel gehüllt. Da und dort brannte eine vereinzelte Laterne, die Tritte der Fußgänger ſchwach beleuchtend. Im Ferſenſchen Palaſt war es ſchweigſam und ſtill: ſtill, wie es im Zelt eines Siegers zu ſein pflegte, wenn eine Schlacht mit geringer oder keiner Ehre gewonnen worden iſt. Der Blitz, der Brahe's Hoffnungen zermalmt hatte, war auch an Ferſens Haupt nur ſechs Linien weit vorbeigeflogen. Die Induſtrie hatte damals ihre auf den Luxus gerichtete Erfindſamkeit, ihren zierlichen, prachtvollen Pfauenſchwanz, der mit dem Gefunkel ſeiner hundert Argusaugen die Aufmerkſamkeit von der wirklichen Armuth unſerer Tage abzulenken ſucht, noch nicht entwickeln können. Der Reichthum jedoch war damals wahr; er ſchämte ſich wenigſtens nicht, der Sparſamkeit einen Platz an ſeiner Seite einzuräumen. 1641 Wenn wir jetzt in Ferſens Palaſt treten, bemer⸗ ken wir dieſes auch ſogleich. Es war ſchon ſechs Uhr vorüber. Die Pforten des Palaſtes öffneten ſich täglich mit dem Schlag ſechs zum Empfang. Aber Ferſen hatte Pechlin eine Unterredung un⸗ ter vier Augen verſprochen, und deßhalb blieben die Thore heute Abend für jeden Andern verſchloſſen. Dieſer Umſtand veränderte inzwiſchen Nichts im Innern des Hauſes. Wir treten ein. An der Thüre werden wir von ſechs Bedienten in großer Livree, d. h. in weißen Fräcken mit blau⸗ weißen Schnüren, in ſeidenen Strümpfen und Schuhen, empfangen. Während der Kammerdiener uns anmeldet, wer⸗ fen wir einen Blick umher. Der Saal iſt gelb vertäfelt, mit blauen und weißen Verzierungen. Das Ameublement dagegen iſt armſelig, aber zweckmäßig. An den Pfeilern zwiſchen den Fenſtern finden wir zwei gelbe Speiſe⸗ tiſche, und um die Wände her Stühle, die ebenfalls gelb angeſtrichen, mit gelbem Leder überzogen und mit hohen Rücklehnen verſehen ſind. An der Decke hängt ein einfacher Kronleuchter, aber die Lichter ſind nicht angezündet, ſondern nur ein einziges Talg⸗ licht in einem höchſt gewöhnlichen Geſtell brennt in dem großen Zimmer. In dieſem Styl richtete ein ſchwediſcher Magnat vor hundert Jahren ſeine Privatwohnung ein. Aber der Kammerdiener hat uns bereits ange⸗ meldet, und wir befinden uns im Salon. Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. III. 11 162 Vom Salon führt ein Balkon auf eine Terraſſe hinaus, wo im abendlichen Dunkel die Bäume wie ſchwarze Schatten ſich erheben. Aber Ferſen hat es nicht gehört, als wir ange⸗ meldet wurden, und wir finden ihn, die Arme über der Bruſt gekreuzt, gedankenvoll zum Balkonfenſter hinausblickend und in Betrachtung der Schatten ver⸗ ſunken, die ſich draußen im Wind bewegen. So wie er daſteht, gleicht er ſelbſt einem dunkeln, aber un⸗ beweglichen Schatten. Aber in dieſem Augenblick kam Pechlin, und wenn Ferſen auch unſerem Eintritt nicht die geringſte Auf⸗ merkſamkeit widmete, und ſich ſomit einer offenbaren Unart gegen Leſer und Verfaſſer ſchuldig machte, ſo fuhr er doch, als er Pechlins Namen hörte, zuſam⸗ men, wie wenn eine Schlange ihn gebiſſen hätte, und wandte ſich daher haſtig gegen ihn. Welch ein Ausſehen! Die Leidenſchaften, die ihn während des Wahl⸗ actes im Ritterhaus aufgeregt, hatten augenſcheinlich 3 Eindruck eines ſchrecklichen Gedankens hinter⸗ aſſen. Gegen den dunkeln Hintergrund, den das Fen⸗ ſter bildete, und nur von den auf dem Salontiſch ſtehenden Wachskerzen beleuchtet, ſchienen ſeine Ge⸗ ſichtszüge ganz pergamentgelb. Unbeweglich und kalt ſtand er da, beinahe wie ein Bild auf einem Gemälde, das in der magern Manier der byzantini⸗ ſchen Schule gezeichnet und gemalt iſt. Pechlin warf einen haſtigen Blick auf ihn und freute ſich über das, was er ſah. Er ſah nämlich oder glaubte wenigſtens zu ſehen, 163 daß die Niederlage, die ihm bei der Wahl gedroht, nicht blos ſein Vertrauen auf ſeinen perſönlichen Einfluß erſchüttert hatte, ſondern daß er jetzt auch auf Mittel ſann, nicht ſowohl ſich zu rächen, als vielmehr ſeine Macht in Zukunft ſicherer zu befeſtigen. „Ein dürftiger Sieg,“ ſagte er. Eine Zuckung in Ferſens Geſicht bewies, daß Pechlin den Gegenſtand getroffen hatte, der Ferſen am meiſten beſchäftigte. „Gar kein Sieg,“ antwortete dieſer;„wir haben blos das Feld behauptet.“ Ferſen ſchien ſich nicht ohne Mühe zu beherrſchen. In ſeiner Stimme lag etwas Zurückhaltendes und Dumpfes. Vielleicht würde er ſich noch ganz anders geberdet haben, hätte er nicht einen Mann vor ſich geſehen, der ihm vor wenigen Stunden noch ſo über⸗ zeugende Beweiſe von Scharſſinn und feiner Men⸗ ſchenkenntniß gegeben hatte. „Laſſen Sie uns ſitzen,“ begann Ferſen, indem er ſeine ſtumme Betrachtung unterbrach;„ſo können wir beſſer reden.“ Er ſchien von dem Gegenſtand, der ihn ſo aus⸗ ſchließlich beſchäftigte, abgehen zu wollen, obſchon er überzeugt war, daß Pechlin immer darauf zurück⸗ kommen würde. Seine politiſche Stellung verdroß ihn. Sein Stolz war tief verletzt, und obſchon er wußte, daß er ohne Pechlin noch weit ſchwerer ge⸗ demüthigt worden wäre, ſo war ihm doch das Be⸗ wußtſein, dieſem Manne Dank zu ſchulden, höchſt widerwärtig. Der Staatsmann hat gewöhnlich ein falſches point d'honneur: er will ſelten geſtehen, daß er ſeine Erfolge einem Andern als nur ſich ſelbſt verdankt. Jede Niederlage dagegen ſchreibt er An⸗ dern auf die Rechnung. „Sie können Recht haben, Graf,“ verſetzte in⸗ zwiſchen Pechlin;„es war unleugbar ein dürftiger Sieg.“ Er betrachtete dabei Ferſen, der mit ſtierem Blick in eines der Lichter ſchaute. Feſt entſchloſſen, ſeine innerſten Gedanken zu erforſchen, mußte er durchaus auch ſeine Gefühle berechnen können, um ſie gleich⸗ ſam im Intereſſe ſeiner Neugierde zu verwenden. „Dieſer dürftige Sieg,“ fuhr Pechlin alſo fort, „hat mich tief gebeugt. Ich leugne nicht, daß ich mich in allen meinen Hoffnungen getäuſcht ſehe. Wer hätte ſo Etwas erwarten können?“ Ferſen hatte ſich nicht vorgeſtellt, daß Pechlin die Schwäche der Stellung eingeſtehen würde; im Gegentheil hatte er gedacht, er würde ſie, wenn auch nicht als wirklich ſtark, doch wenigſtens als ſicher darſtellen, zumal da ſie, ſo wie ſie war, durch Pech⸗ lins Schlauheit geſchaffen worden war. „Als Mitglied derſelben Partei wie Sie, Herr Graf,“ fuhr Pechlin fort,„und bei meinem lebhaften Intereſſe für den Fortbeſtand des Syſtems, muß ich Ihnen gerade heraus ſagen: Noch ein ſolcher Sieg und wir ſind verloren.“ Ferſen ſah ihn blos an. „Deßhalb, Herr Graf,“ fuhr Pechlin ununter⸗ brochen fort,„möchte ich auch die Frage ſtellen, ob nicht Gründe genug vorhanden ſind, eine große Front⸗ veränderung vorzunehmen. In den letzten zwei bis drei Decennien haben wir im Allgemeinen gegen das Königthum Front gemacht, aber das Königthum ſcheint 165 wieder immer mehr Boden zu gewinnen; mit Hülfe der Mützen hält es uns bereits das Gleichgewicht und wird ſicherlich binnen Kurzem die Oberhand be⸗ kommen.“ Die Majeſtät auf Ferſens Stirne ſtellte ſich wie⸗ der ein. „Was meinen Sie damit, Baron?“ bemerkte er. „Auf was zielen Sie ab? Sollen wir den Schlag nicht blos ſpüren, ſondern auch eingeſtehen?“ „Sie ſehen ein, Herr Graf,“ fuhr indeß Pechlin mit all der äußeren Ruhe, die er mehr als irgend ein Anderer in ſeiner Gewalt hatte, fort,„daß ich, wenn ich ſage, das Königthum werde von den Mützen unterſtützt, damit eigentlich nur ſagen will, die Mützen erhalten Hülfe vom Königthum; denn es verſteht ſich von ſelbſt, daß das Königthum, das jetzt die Unter⸗ ſtützung der Mützen genießt, gleich im erſten Augen⸗ blick, wo es ſein Ziel erreicht, ſeine Maske abwerfen und lediglich auf eigene Rechnung das Staatsruder an ſich reißen wird.“ „Davon bin ich überzeugt, aber ich ſehe doch nicht ein, was Sie meinen.“ „Um das Syſtem, die Prinzipien und den Ein⸗ fluß unſerer Partei zu retten, weiß ich nur noch ein einziges Mittel.“ „Laſſen Sie hören.“ Je weiter Pechlin in ſeinem Vortrag kam, um ſo unzufriedener wurde Ferſen mit ihm. Er hatte erwartet, daß der Baron ihn zu einem entſchloſſene⸗ ren Auftreten und zu neuen politiſchen Kämpfen an⸗ ſpornen würde, und für dieſen Fall würde er ſeine Ungeduld, alle weitere Abhängigkeit von Pechlin ab⸗ 166 zuſchütteln, noch gezügelt haben; aber zu ſeiner Ver⸗ wunderung entdeckte er jetzt, daß Pechlin ganz ent⸗ gegengeſetzten Anſichten zu huldigen, daß er der Nachgiebigkeit und Fügſamkeit das Wort zu reden ſchien. „Sie müſſen zugeben, Herr Graf,“ bemerkte Pech⸗ lin,„daß die Königsmacht eigentlich blos ein Aus⸗ hängeſchild iſt.“. „Nun ja.“ „Sie müſſen zugeben, daß ſie eine große Puppe iſt, die unſer Regierungsſyſtem ſich geſchaffen hat, um ſie dem Ausland und der großen Menge hinzu⸗ halten, die beide an ſolchen Puppen ihr Vergnügen finden.“ „Aber, Baron, Sie ſagten, daß Sie blos ein einziges Mittel wüßten...“ „Ganz richtig, Herr Graf, als vorausblickender und kluger Staatsmann glaube ich, daß es wohlge⸗ than wäre...“ Pechlin ließ keine Bewegung in Ferſens Geſicht ſeiner Aufmerkſamkeit entgehen. „Nun was denn?“ fragte Ferſen. „Ich glaube, Herr Graf, daß es wohlgethan wäre, durch eine ebenſo unvermuthete als plötzliche politiſche Frontveränderung die Mützen über Hals und Kopf aus ihrer gegenwärtigen Stellung zu verjagen.“ „Aber wie denn, Baron? Sie ſprechen da von der allerwichtigſten Aufgabe in einem Ton, als ob ſie ſich mit der größten Leichtigkeit und im Nu aus⸗ führen ließe, wie man die Hand umdreht.“ „Mag ſein, Herr Graf; aber hier handelt es ſich auch blos um ein Handumdrehen. Ich ſagte ſo 167 eben, daß wir drei Decennien hindurch Front gegen den Hof gemacht hätten...“ „Ja wohl...“ „Was brauchen wir alſo mehr zu thun, als dieſe Politik umzukehren, uns Knall und Fall dem Hof anzuſchließen, ihm in einigen ſeiner Forderungen nachzugeben, uns unter gewiſſe Schwachheiten der Königsfamilie zu beugen und den einen und andern Punkt im Grundgeſetz nachzulaſſen?“ Pechlins Mienenſpiel wurde ganz außerordentlich lebendig. Bei jedem neuen Vorſchlag von Nachgiebigkeit richtete Ferſen ſeinen Kopf höher empor. Sein Ge⸗ ſicht nahm ſeine Pergamentfarbe, die Augen ihren kalten, ſtrahlenden Glanz wieder an. Die ſtolze Bilderſprache ſeiner Seele drückte ſchon zum Voraus ſeine Gedanken aus. Aber als Ferſen nicht aufhörte, ſondern noch weiter vorſchlug, einen Vortheil um den andern zu Gunſten des Hofes aufzugeben, da richtete Ferſen ſich endlich ungeduldig auf. „Ohne Freiheit gibt es kein Volk,“ begann der Graf.„Ich werde mit Blut und Leben die Freiheit vertheidigen. Sie ſprechen vom Königthum. Aber das Königthum iſt blos ein Alles an ſich ziehender Keim der perſönlichen Macht. Dafür liefert ſowohl unſere innere als unſere äußere Geſchichte nur allzu überzeugende Beweiſe. Welche ſchreckliche innere Kämpfe zerfleiſchten nicht das Land, als die drei Söhne Guſtavs I. ihre feindlichen Banner gegen einander erhoben? Wie vergeudete nicht Königin Chriſtine in ausſchweifenden und thörichten Phan⸗ 168 taſien nicht blos das, was Schweden in ehrenvollen Kämpfen mit ſeinem Blut errungen hatte, ſondern auch das eigene Mark des Staates? Ohne die Kö⸗ nigin Chriſtine würde das von Axel Oxenſtjerna zu kräftiger Einheit geordnete Staatsſyſtem nicht bei ihrem Nachfolger in mehr oder weniger abſolutiſtiſche Einſeitigkeiten und in demokratiſchen Trotz von Sei⸗ ten der unadeligen Stände zerfallen ſein, was Alles Karl XI. ſich ſo gut zu Nutze zu machen wußte. Wie wußte er ſich nicht von allem Geſetz, allen Eid⸗ ſchwüren, allen Verſicherungen, allen Verſprechungen und Vorſchriften frei zu machen, um den Ständen Geſetz, Privilegien und Rechte zu rauben? Wie hat er nicht den Thron allem Einfluß des Raths entzogen und den letzteren in zierliche Gliedermännchen ver⸗ wandelt, die mechaniſch den Fäden in ſeiner Hand gehorchten? Wie untergrub er nicht die Ariſtokratie, nicht blos durch Beſchränkung ihrer materiellen Exi⸗ ſtenz, ſondern auch indem er durch das Eintheilungs⸗ werk ihr Wappen zerſchlug und die Bruchſtücke des⸗ ſelben jedem beliebigen Glücksritter als Beute hin⸗ warf? Und Karl XlII., dieſer nordiſche Don Quixote, zu deſſen Sancho Panſa das Land ſich machte, hat er uns nicht an den Rand des Verderbens geführt? Aber wohin würde es wohl kommen, wenn die Stände des Reichs ihre eigene und des Rathes Redefreiheit, ihr eigenes und ſomit des ganzen Reichs freies Stimmrecht wegſchenkten? Bis zu welchem Exceß hat ſich nicht das Königthum einer Eroberungsſucht hingegeben, die dem Wohle unſeres Landes gänzlich fremd war? Von 1630 bis 1720, neunzig lange Jahre, lagen wir beinahe unaufhörlich im Kampf 169 gegen das übrige Europa. Wir durchſtreiften mit unſeren Waffen Dänemark, Polen, Rußland und Deutſchland. Träumte nicht Guſtav Adolph von der römiſchen Kaiſerkrone, Karl X. von der Unterwerfung Dänemarks und Norwegens, und hoffte nicht Karl XII. in ſeinem kriegsluſtigen Ehrgeiz, daß ſowohl Rußland als Norwegen, ja ſogar England blutend vor der Spitze ſeines Schwertes niederknien würden, bis durch ſeinen Tod das mißhandelte und erzürnte Europa wieder erhielt, was man ihm länger als ein Jahr⸗ hundert vorenthalten hatte? Gott bewahre mich vor jeder Nachgiebigkeit gegen die Königsgewalt! Nie, nie! Die Vertreter des Reichs ſind die wahren Re⸗ genten. Wer eine ausgedehnte Königsgewalt aner⸗ kennt, der erkennt das Bedürfniß nach einer Vormund⸗ ſchaft an. Aber ſchwediſche Männer können ſelbſt ihr Eigenthum am beſten wahren. Die Geſetze und die Verantwortlichkeit des Rathes ſchützen die Frei⸗ heit. Nein, Baron, nein! Cher will ich dieſes Haupt unter das Beil legen, als daß ich nur einen Zoll breit von der Macht vergebe, welche die Nation nach hun⸗ dertjährigen Opfern und unſäglichem Elend ſich end⸗ lich zu erwerben das Glück hatte.“ Pechlin ſuchte den Grafen nicht zu unterbrechen. Den Kopf etwas geduckt, lauſchte er mit der geſpann⸗ teſten Aufmerkſamkeit auf jedes ſeiner Worte. Seine Gedanken und Gefühle konnte man bei der Stellung, die er angenommen hatte, aus ſeinem Mienenſpiel ſchlechterdings nicht errathen. Aber man ſah, wie er ſeine Finger zuſammenlegte, wie ſeine Daumen einander immer ſchneller zu umkreiſen anfingen, 170 und wie es ihm immer ſchwerer zu werden ſchien, ruhig auf ſeinem Platze zu bleiben. Als Ferſen ſchloß, richtete Pechlin ſeinen Kopf empor und betrachtete ihn ohne die mindeſte Verän⸗ derung in ſeinen Zügen. „Geſtehen Sie gleichwohl, Herr Graf,“ bemerkte er endlich,„daß die Gewalt der Ariſtokratie, ſo wie ſie jetzt iſt, eine neue Regierung iſt.“ „Mag ſein, aber dann iſt ſie wenigſtens die Re⸗ gierung der Nation.“ „Allerdings, in ſo fern die Ariſtokratie die Na⸗ tion zu vertreten vermag oder verſteht; aber wenn dieſer Gedanke auch wirklich im Sinne der Verfaſſung liegt, ſo verlangt gleichwohl die Wirklichkeit einige beſtimmt gegebene Machtinhaber.“ „Dieſe beſtehen nicht in Perſonen, ſondern in Aemtern.“ „Aber ſeit 1720 ſind dieſe Aemter beſtändig im Beſitz des Adels geblieben. Sie können ja nicht einmal mit Nichtadeligen beſetzt werden.“ „Das gebe ich zu.“ „Die Macht gehört alſo dem Adel, und dieſe Macht iſt jedenfalls nur für ihn. „Was wollen Sie damit ſagen, Baron?“ „Daß jede neue Macht ſchwer, wo nicht unmög⸗ lich für die Dauer zu behaupten iſt, wenn ſie auf dem gleichen Fleck ſtehen bleibt. Das Volk erwar⸗ tet von jeder neuen Regierung immer zu viel, weß⸗ halb es ſich auch bald getäuſcht findet und wieder nach der alten ſeufzt. Ludwig XII. eroberte Mai⸗ land ſchnell, verlor es aber wieder ebenſo ſchnell.“ „Unter allen Umſtänden jedoch wird Niemand 171 uns unſere Macht rauben, ohne eine Revolution. Aber, ſagt Machiavell, ein Land geht nicht leicht ver⸗ loren, ſobald man kein Bedenken trägt, ſich durch ernſte Beaufſichtigung der Verdächtigen zu ſichern und die wirklichen Verbrecher mit der verdienten Strenge zu beſtrafen.“ Pechlins Bruſt hob ſich. Ein Ausdruck der Be⸗ friedigung belebte ihn. Man ſah deutlich, daß Fer⸗ ſens Worte mit den Ideen des Barons übereinſtimm⸗ ten. Einen Augenblick ſchien er ſich auch als über⸗ wieſen bekennen zu wollen; aber er warf noch einen haſtigen Blick auf Ferſen und ſenkte dann ſeinen Kopf wieder, gleich als hätte er einen Grund zu Zweifeln gefunden. „Machiavell, Herr Graf,“ bemerkte er jedoch, „ſagt geradezu, daß ein Eroberer— und in unſerer Stellung zur Königsgewalt können wir uns beinahe als ſolche betrachten— das Fürſtengeſchlecht, das vorher geherrſcht habe, ausrotten müſſe. Vor uns,“ fügte er nach einer kurzen Pauſe und mit langſamer Betonung ſeiner Worte hinzu,„vor uns herrſchte die Königsgewalt. Aber ſind wir wohl auch ent⸗ ſchloſſen, ſie auszurotten, Herr Graf?“ Ferſen antwortete nicht ſogleich. „Betrachtet man die Verhältniſſe in unſerem Va⸗ terland noch genauer,“ fuhr daher Pechlin fort,„ſo iſt es nicht genug, daß man die Macht, nämlich die Königsmacht, die man aller Gewalt beraubt und da⸗ durch zu unſerer natürlichen Feindin gemacht hat, mitten im Regierungsſyſtem immer noch als eine Art von idealem Vereinigungspunkt für die Mißvergnügten ſtehen ließ; ſelbſt unſere Gegenpartei beſteht zum 172 größten Theil aus unſern Angehörigen, Verwandten und Jugendfreunden; wie ließe ſich's alſo denken, daß ſo gute und ſo chriſtlich geſinnte Menſchen wie wir das Herz haben könnten, ſie auszurotten? In der Stellung, welche ſie der Königsmacht gegenüber einnehmen, iſt ja das eine nicht denkbar ohne das andere.“ Ferſens Geſicht wurde düſter und drohend. Man konnte glauben, eine Gewitterwolke ſteige in ſeiner Seele auf. „Sie haben Recht, Baron,“ ſagte er.„In der Königsmacht haben wir immer die Revolution mitten unter uns.“ Dieſe Worte wurden langſam und mit ſtarker Betonung ausgeſprochen. „Mit Verwandten und Freunden in den Reihen der Gegenpartei iſt die Gefahr noch größer.“ Auch nach dieſen Worten blieb Ferſen einen Au⸗ genblick ſtill. „Aber die höchſte Macht,“ bemerkte er dann, „ruht in den Reichsſtänden, und als Vertreter der Nation darf man keine Angehörige und Freunde haben.“ „Machiavell,“ meinte Pechlin,„ſagt auch, daß man ſeine Gegner entweder mit Nachgiebigkeit und Milde behandeln oder tödten müſſe. Kleine Belei⸗ digungen, fügt er hinzu, können gerächt werden, große nicht. Aber Sie kennen die Anſtrengungen des Hofes und wiſſen, daß wir von dieſer Seite her alle mög⸗ lichen Verſuche, uns den Einfluß aus den Händen zu reißen, zu gewarten haben. Herr Graf, wie muß man ſich alſo verhalten?“ 173 „Antworten Sie mir, Baron, wie hätte unſere Stellung werden können, wenn wir heute bei der Wahl unterlegen wären?“ „Auflöſung und Untergang wäre die unausbleib⸗ liche Folge geweſen.“ „Betrachten Sie dies als meine Antwort auf Ihre Bemerkung. Wenn wir eine wirklich ernſthafte Abſicht entdecken, bei Gott...“ Ferſen unterbrach ſich: ſein Blick flog, wie mit Windesflügeln, im Zimmer umher: er ſchien auf einmal die ganze Bedeutung und Tragweite ſeiner Worte zu ermeſſen. „Ich kenne,“ fiel Pechlin ein,„keine Staatskunſt, die ich höher ſchätze, als die der Römer. Sie ließen ihre Feinde nicht den erſten Schritt thun, ſondern ſie thaten ihn ſelbſt. Als ſie von den Griechen be⸗ droht wurden, griffen ſie ſogleich Philipp und An⸗ tiochus an, um den Krieg nicht innerhalb ihrer eige⸗ nen Grenzen führen zu müſſen. Wenn man den Gang der Ereigniſſe ſelbſt abwarten will, ſo ſetzt man ſich damit hinten auf den Hundsfott der Zeit: man hat keine Rückenlehne in einer älteren und be⸗ hauptet ſich nur mittelſt der Troddeln einer neueren oder kommenden auf ſeinem Platze. Die Stellung i*ſt ebenſo unſicher als ſchwach. Sehen Sie, Herr Graf, wenn ich zu einer plötzlichen Frontveränderung und zur Nachgiebigkeit gegen die Forderungen des Hofes rieth, ſo geſchah es nicht, weil ich etwa ge⸗ glaubt hätte, daß Sie oder irgend ein anderes Mit⸗ glied unſerer Partei gleichgültig die Hände in den Schooß legen könnten, im Fall ein wirklich beabſich⸗ 174 tigtes oder ſchon in der Ausführung begriffenes Attentat entdeckt werden ſollte. Weit entfernt.“ „Pechlin hatte— man kann dies nicht länger unbemerkt laſſen— den Grafen Schritt für Schritt in der Richtung, die er wünſchte, weiter geführt, und er glaubte jetzt den letzten und entſcheidenden Schritt thun zu können. Er fuhr fort: „Aber in der Politik, Herr Graf, gilt es ſich vorzuſehen, d. h. man muß ſeinen Feind zermalmen, ehe er ſeine Hand erheben kann, um uns zu zermal⸗ men; man muß ſeine Glieder auflöſen und entwaff⸗ nen, bevor er ſich zu einer concentrirten Macht or⸗ ganiſiren kann. Die heutige Wahl hat uns einige Erfahrung verſchafft. Ziehen wir nicht bei Zeiten die vernünftigen Schlüſſe, die ſich daraus ergeben, und handeln wir nicht unverweilt darnach, ſo wird die Gegenpartei uns binnen Kurzem umgangen haben. Langes Warten bringt den Untergang; aber wer den Ereigniſſen zuvorkommt, der befeſtigt nicht blos ſeine eigene Stellung, ſondern überraſcht auch die Gegen⸗ partei zur rechten Zeit und zerbricht ihre Kraft, ſo lange ſie ſich noch im Stadium der Hoffnungen be⸗ findet. In der Politik iſt die defenſive Stellung immer ſchwach; zum Weſen der Politik gehört die Offenſive. Somit wäre es übel gethan, wenn wir dem Hof Zeit ließen, ſeine Reihen zu ordnen und den Augenblick des Angriffs ſelbſt zu wählen. Das würde uns vernichten. Die Mehrzahl unſerer Freunde würde unſere Paſſivität als Gleichgültigkeit anſehen und zu der thatkräftigeren Partei übertreten. Daraus folgt, daß wir, ſo fern wir mit vorſorgender Klugheit ⁴8 8O 5 o — 175 zu Werke gehen wollen, nur noch folgende Alternative haben: entweder müſſen wir ſelbſt angreifen und den Hof, Schritt für Schritt, zwingen mit ſeinen Abſich⸗ ten hervorzurücken, ſo daß wir unſer Verhalten nach dem ſeinigen einrichten können, oder aber müſſen wir uns durch gewiſſe Zugeſtändniſſe, die wir bewilligen, mit dem Hof verſöhnen und dadurch zu Herren der Situation machen.“ Pechlin hatte bemerkt, daß jeder Vorſchlag zu Nachgiebigkeiten gegen den Hof die empfindlichſte Seite Ferſens berührte. Er kam daher auf dieſen Vorſchlag zurück und gebrauchte ihn als eine Art von Sonde, womit er ihn nicht blos ausforſchte, ſondern auch die Machtbegier des Grafen, dieſe all⸗ zeit offene Wunde ſeines ariſtokratiſchen Charakters von Neuem aufriß. „Nie,“ rief Ferſen,„nie!“ Aber er fuhr nicht fort. Er war mit ſich ſelbſt darüber einig, daß er im Kampf mit dem Hofe nicht nachgeben dürfe, aber er war darum noch nicht entſchloſſen, ſelbſt die Offenſive zu ergreifen. „Unſere Stellung erinnert mich an Ludwig XII.,“ fuhr Pechlin fort,„wer war auf eine kurze Zeit un⸗ umſchränkterer Herr in Italien, als er? Aber wie vergeudete er nicht dieſe Macht durch Unklugheit und Schwäche? Der beſte Schutz für den Beſtand einer Macht iſt, daß man alle ihre Feinde vernichtet. Lud⸗ wig verirrte ſich in die Politik der Rückſichtsnahmen, die ſchlimmſte von allen. So vertrieb er einen Kö⸗ nig aus Neapel, um einen andern einzuſetzen, der zuletzt ihn ſelbſt vertrieb. Man darf den Kampf nicht fürchten, wenn die Natur der Sache ihn ge⸗ 176 bietet: denn durch Aengſtlichkeit weicht man ihm nicht aus, ſondern ſchiebt ihn blos zu ſeinem eigenen Ver⸗ derben hinaus. Bei Schweden kommt noch ein an⸗ derer höchſt wichtiger Umſtand in Betracht. Bei uns liegt nämlich die Macht für den Augenblick nicht in der Hand eines Einzelnen, ſondern einer großen Partei; und wer kann ſagen, daß er ſie in ſeiner Hand habe? Niemand. Eine Partei wird ſo lange zuſammengehalten, als ſie Erfolge erringt; aber ſo bald die ſchlechten Zeiten für ſie beginnen, zerſtäubt ſie wie Spreu im Wind; ſo bald ſie ſich auf eine unthätige und zuwartende Stellung beſchränkt ſieht, verdunſtet ſie wie Nebelbilder. Um eine Partei auf⸗ recht zu erhalten, muß man es mit ihr machen, wie mit einer Armee: man muß ſie beſchäftigen, muß ihr Gelegenheit zu Kampf und Ausſichten auf Sieg eröff⸗ nen, denn dadurch wird der Ehrgeiz friſch erhalten, der, meines Wiſſens, nächſt der Gitelkeit der beſte Sporn und der mächtigſte Antrieb zur Pflichter⸗ füllung iſt. Genug, Herr Graf, wir können nur zwei Wege wandeln, ich habe ſie Ihnen bezeichnet, wählen Sie.“ Gegen das Ende von Pechlins Rede war Ferſen im Zimmer auf und abgegangen, bis er endlich an den Terraſſenfenſtern ſtehen blieb, vor welchen die Schatten der Bäume ſich im Winde bewegten. Er ſtand ſchweigend, mit gekreuzten Armen da. Pechlin betrachtete ihn von der Seite. „Sie haben mir,“ fuhr Pechlin fort,„die unab⸗ läſſigen Beſtrebungen des Königthums nach Allein⸗ herrſchaft aus der Geſchichte nachgewieſen, und Sie haben ſich in Ihrer Beurtheilung nicht getäuſcht; ——,——..- 177 aber Sie haben nur einen einzigen wichtigen Umſtand überſehen.“ Pechlin ſchlug wieder die Saite an, womit er Ferſen nach ſeinem eigenen Willen zu lenken hoffte. „Welchen Umſtand meinen Sie, Baron?“ „Es iſt vollkommen richtig, daß das Königthum ſich zu einer Gewalt erhoben hatte, die von der Con⸗ trole der Geſetze nicht mehr erreicht wurde, und daß es dieſelbe auf eine Art gebrauchte, welche den Ein⸗ fluß der Ariſtokratie untergrub; aber Sie haben über⸗ ſehen, daß dies nicht geglückt wäre, wenn nicht ein großer Theil der Ariſtokratie ſelbſt die Abſichten der Königsmacht unterſtützt hätte. Ich will damit ſagen, daß alle Gefahr, die über die Ariſtokratie gekommen i*ſt, in der That ſelbſt blos eine Folge ihrer Verrä⸗ therei an ihrem eigenen Stande war. Und dieſe Gefahr, Herr Graf, bedroht uns noch heute. Um ſich davon zu überzeugen, braucht man nur in den Kreis der königlichen Familie zu treten: ſtößt ſich da nicht ein Edelmann am andern, blos um des un⸗ ſchätzbaren Glückes theilhaftig zu werden, einen gnä⸗ digen Blick zu erlangen? Schauen wir deßhalb bei Zeiten auf, Herr Graf.“ Ferſen ſtierte in die Nacht hinaus. „Aber,“ fuhr Pechlin fort,„noch eine andere und zwar noch wichtigere Sache iſt Ihnen gleichfalls ent⸗ gangen, Herr Graf. Sie haben gewiß bemerkt, daß die Demokratie durch die Lücken eingedrungen iſt, welche der Adel ſelbſt in ſeinen Reihen geöffnet hat. So iſt es wirklich. Aber die Demokratie würde gleich⸗ wohl nicht ſonderlich viel dabei gewonnen haben, wenn ſich nicht natürliche Intereſſen und Sympathien vorge⸗ Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. III. 12 funden hätten und noch vorfänden, welche juſt die Königsmacht ſelbſt und die hervorbrechende Demo⸗ kratie mit einander verknüpfen. Die erſtere, nämlich die Königsmacht, hat immer ſehr gut eingeſehen, daß ſie im Adel einen gefährlichen und mächtigen Nebenbuhler hat, der ſich wahrlich durch den Abfall einzelner Mitglieder aus ſeinen Reihen noch nicht unter das Joch beugen läßt: die Königsmacht muß ſich alſo einen wirklich mächtigen Bundesgenoſſen verſchaffen, und dieſen erhält ſie in der Demokratie dadurch, daß ſie der öffentlichen Meinung mit Ver⸗ änderungen ſchmeichelt, die dem großen Haufen Vor⸗ theil zu bringen ſcheinen. Die Demokratie ihrerſeits begreift ebenſo gut, daß jedes Vorrecht, das uns geraubt wird, ihr ſelbſt in die Taſche fällt.“ „Die Demokratie,“ murmelte Ferſen zwiſchen den Zähnen,„iſt die Nacht, die hereinbricht, der Sturm, der heranzieht.“ Pechlin nahm von dieſer Bemerkung keine Notiz. „Die Demokratie iſt noch ſehr jung,“ ſagte er, naber der junge Burſche hat ſchon Verſtand genug, um nicht blos ſeine eigene Jugend, ſondern auch die damit verbundene Schwachheit einzuſehen. Wenn auch nicht aus ſtaatskluger Berechnung, ſo doch aus Inſtinkt, unterwirft er ſich der Vormundſchaft der Königsmacht, um dadurch ein Gegengewicht gegen die Ariſtokratie zu erhalten. Sie müſſen auch ge⸗ ſtehen, Herr Graf, daß Königsmacht und Ariſtokratie, bei vernünftiger Abwägung der beiderſeitigen Ver⸗ hältniſſe, ſehr wohl neben einander beſtehen können, während Ariſtokratie und Demokratie einander ſtets feindlich gegenüberſtehen werden. Beſtreitet das 179 die Volk dem König ſeine hohen Rechte nicht, ſo hat der no⸗ König auch keinen Grund, dem Volke ſeine Gleich⸗ ich heit vor den Geſetzen zu beſtreiten. Aber juſt dieſe en, letztere wäre der gänzliche Untergang der Ariſtokratie. gen Um ſo bedenklicher wird alſo unſere Lage. Es iſt all wahr, daß wir im gegenwärtigen Augenblick die Si⸗ cht tuation beherrſchen; aber wie lange wird das wäh⸗ uß ren? Mich will es bedünken, als ob die Königsmacht ſen und das Volk einander beſtändig näher kämen. Und tie wenn einmal, was Gott verhüten wolle, dieſe beiden er⸗ Hebel mit vereinter Kraft gegen uns wirken, dann, or⸗ Herr Graf, iſt es für immer aus mit der Ariſtokra⸗ its tie. Ich wiederhole daher, daß ich die Lage ſehr ns bedenklich finde. Eine Verſäumniß von heute kann ſich ſchon morgen ſchrecklich rächen. Obſchon wir en jetzt Wind in den Segeln haben, dürfen wir doch die m, kleinen Wolken am Himmel nicht überſehen. Darum, Herr Graf, laſſen Sie uns bei Zeiten nachgeben oder z. bei Zeiten unſern Gegnern die Zähne weiſen. Ich er, ſage bei Zeiten: denn wenn man das Ruder einmal g, ergriffen hat, darf man keinen Augenblick verſäumen ie es ſo zu richten, wie man das Schiffchen gelenkt in ſehen will: verſäumt man den Augenblick, ſo iſt auch 18 der Augenblick Herr über uns, und der Sturm er bricht an.“ en Ferſen ſtand noch mit abgewandtem Geſichte da: e⸗ er ſchien Pechlin nicht leſen laſſen zu wollen, was e, in ſeinem Innern vorging. r⸗ Aber Pechlin hatte geſprochen: er wollte jetzt n, Ferſens Antwort hören, und deßhalb blieb er ſtill. 8 So ſtanden dieſe Männer, die über das Schick⸗ 8 ſal des Vaterlandes entſcheiden zu können glaubten, 180 ſchweigend und mit gegenſeitiger Furcht einander ge⸗ genüber. Pechlin hatte alle wichtigen Fragen der Zeit uſs Tapet gebracht, und Ferſen ſah ſehr wohl die Gefah⸗ ren, die von allen Seiten drohten. Aber gleich einem Schiffbrüchigen, der die Wogen drohend von allen Seiten ſich erheben ſieht und gleichwohl ſich nicht⸗ entſchließen kann, in die offene See zu ſpringen, verſchloß er bedächtlich ſeine Augen und ſchnappte nach Luft. „Baron,“ ſagte er endlich,„laſſen Sie uns mor⸗ gen oder übermorgen dieſes Geſpräch wieder auf⸗ nehmen. Ich werde dann einige meiner Freunde hieher rufen, und Sie müſſen uns einen ordentlichen Operationsplan ausarbeiten helfen. Sie kommen doch, Baron?“ „Gewiß.“ Ferſen blieb, als er wieder allein war, noch lange vor den Terraſſenfenſtern ſtehen. In ſeiner derma⸗ ligen Stimmung behagte ihm die tiefe Finſterniß. Schwarze Wolken zogen ſich am Himmel zuſammen; mit einem wehmüthigen Eindruck folgte er den Be⸗ wegungen der unregelmäßigen Maſſen. „Ich möchte Aſtrolog ſein,“ dachte er bei ſich ſelbſt,„um in die Zukunft blicken zu können.“ „O mein Vaterland!“ fügte er dann hinzu,„wie dieſe Wolkenmaſſen einander jagen, ſo jagen, von den unerbittlichen Stürmen des Schickſals getrieben, auch die Parteien bei uns einander. Werden wohl die Parteien, gleich den Wolken, über einander herſtür⸗ zen und einander zermalmen? Mag es ſo ſein, ja, ja! Ich denke mir, daß nach dem Sturm ein heller 181 und reiner Himmel kommen wird, voll Licht und Frieden. Aber wie wird dann mein und meiner Familie Stern glänzen?“ Er ſtierte zu dem ſtürmiſchen Nachthimmel empor und ſah, wie auf einmal eine der Wolken gleichſam entzwei brach, und ein einſamer Stern blickte her⸗ vor, aber es war der Abendſtern; der glänzte ſo hellroth. „Der Stern meiner Familie,“ ſtammelte er;„ein Tropfen Blut.“ Als Pechlin die Treppe hinabkam, flüſterte er halblaut vor ſich hin: „Er iſt mein! Ich habe gewonnen!“ Und er rieb ſich voll Befriedigung die Hände. „Der Hof muß untergehen!“ 3 Sechszehntes Kapitel. Die bekannte Unbekannte im Luchshof. Amanda's Amulett. Die Niederlage im Ritterhaus bei der Wahl des Landesmarſchalls war ein harter Schlag für den Hof, zumal da ſie nicht allein kam, indem ſeine Can⸗ didaten auch in den drei übrigen Ständen, in der Geiſtlichkeit, dem Bürger⸗ und dem Bauernſtand, die Segel ſtreichen mußten. Der König war, als er dieſe Nachrichten erhielt, eben an ſeiner Drehbank beſchäftigt, und er ließ vor Schreck ſein Dreheiſen fallen. Die Königin vermochte ihre Ruhe nicht zu be⸗ 182 haupten. Der lebhafteſte Verdruß that ſich in ihrer Miene kund. Sie klagte über den Grafen Brahe, daß er nicht ſeinen ganzen Einfluß gebraucht, über den Landrichter Wrangel, daß er die Hoffnungen übertrieben, über den Hofmarſchall Horn, daß er ſie falſch berichtet, über den Grafen Hard, daß er die Hände in den Schooß gelegt habe; kurz, Jeder mußte durch ein größeres oder geringeres Maß von Gleich⸗ gültigkeit die Niederlage mitverſchuldet haben. Aber ſie beſchränkte ſich nicht auf bloße Klagen, ſondern ſie bemühte ſich auch, alle Umſtände der Wahl auf's Genaueſte zu erforſchen, und ſo erfuhr ſie zuletzt, daß mehrere Leibtrabanten, unter ihnen Leute wie Silfverhjelm, Wallenſtjerna und Hermelin, auf welche ſie ganz beſonders gerechnet, juſt im wichti⸗ gen Augenblick der Entſcheidung das Ritterhaus ver⸗ laſſen hatten. Sogleich wurde alſo ein Befehl an dieſe Herren erlaſſen, bei ihr zu erſcheinen. Aber keiner von ihnen war zu Hauſe. Sie kehrten erſt nach mehre⸗ ren Stunden zurück und ſtellten ſich alsbald bei der Königin ein. Gleich auf die erſte Frage der Königin, warum ſie ihre Plätze im Ritterhaus verlaſſen hätten, zeigte Wallenſtjerna den ihm zugegangenen Brief vor. Die Königin las ihn mit großer Verwunderung und nicht geringerem Mißtrauen. „Nach Lilienholm?... auf meinen Befehl? Was bedeutet wohl alles das? Wer hat Ihnen den Brief übergeben?“ „Ein Aufwärter vom Ritterhaus. Er hatte ihn von einem unbekannten Mann empfangen.“ 8 do—9 8G8¼ ⏑——— ᷣ◻ 2à—IN 2—6— 183 „Und Sie begaben ſich nach Lilienholm?“ „Ja, Ew. Majeſtät. Wir glaubten Ihrem Be⸗ fehl zu gehorchen und eilten mit verhängten Zügeln hin. Als wir ankamen, übergab uns der Wirth ein Schreiben und bat uns, in ein Zimmer zu treten, wo ein gedeckter Tiſch uns erwartete.“ „Und das Schreiben?“ „Sehen Sie hier, Ew. Majeſtät.“ Die Königin verglich beide Briefe und fand, daß ſie von derſelben Hand waren. Sie las: „Herr Lieutenant Wallenſtjerna! Seit Sie mein erſtes Schreiben empfingen, hat ſich Alles verändert. Ich danke Ihnen für den Eifer, womit Sie meinem Befehl nachgekommen ſind. Damit Sie und Ihre Freunde inzwiſchen nicht ganz vergebens nach Lilien⸗ holm gekommen ſind, erwartet Sie ein Frühſtück, deſſen Vortrefflichkeit Sie hoffentlich zu rühmen haben werden, während Sie ein Glas trinken auf die Kö⸗ nigin—— und Ihre bekannte Unbekannte vom Luchshof.“ Der Leſer ſieht gewiß ein, daß Pechlin, der ſich immer als artiger Mann erwieſen, durch einen voraus⸗ geſchickten Eilboten das Frühſtück beſtellt hatte. Der Wirth ſeinerſeits konnte auf die Frage der Leibtrabanten, wer ihm befohlen habe, ſie auf ſolche Art zu empfangen, keinen andern Aufſchluß erthei⸗ len, als daß eine halbe Stunde vor ihrer Ankunft ein Unbekannter ſich eingeſtellt und ihm, neben dem Billet für Wallenſtjerna, eine Börſe übergeben habe, 184 die zur Beſtreitung eines guten Frühſtücks ausreiche. Darauf habe der Bote ſich ſogleich wieder entfernt. Die Augen der Königin ſchoßen einen Blitz um den andern. „Und dieſe bekannte Unbekannte vom Luchshof wer iſt ſie?“ Die allgemeine Aufmerkſamkeit wandte ſich Wal⸗ lenſtjerna zu. Sein Muth und ſeine Entſchloſſenheit verließen ihn einen Augenblick, doch gewann er bald ſeine ganze Faſſung wieder, und nun erzählte er offen und unerſchrocken die Myſtifikation, der er im Luchsbof ausgeſetzt geweſen war. Auf einmal begriff die Königin den ganzen Zu⸗ ſammenhang. „Clara ſoll kommen,“ befahl ſie. Die Königin erinnerte ſich, daß Clara ihr die Nachricht gebracht, daß Chrenpreutz ſich über den Luchshof in's Schloß beinahe eingeſchlichen hatte. Clara trat ein. „Haſt Du dieſen Brief hier geſchrieben?“ fragte die Königin. „Nein, Ew. Majeſtät.“ „Und dieſen da?“ „Auch nicht, Ew. Majeſtät.“ „Haſt Du irgend eine Vermuthung, wer mit der „bekannten Unbekannten im Luchshof“ gemeint ſein kann?“ Clara wurde bald roth, bald blaß, und warf ſich endlich der Königin zu Füßen. „Gnade, Ew. Majeſtät,“ bat ſie,„Gnade!“ „Du haſt alſo doch die Briefe geſchrieben?“ Die Königin war mißtrauiſch. 7 185⁵ „Bei Gott, Ew. Majeſtät, ich habe keinen von beiden geſchrieben.“ „Du haſt ſie vorher nicht geſehen, Du kennſt ſie nicht?“ „Nein, Ew. Majeſtät, nein.“ „Aber warum haſt Du dieſe geheimnißvolle Rolle im Luchshof geſpielt?“ In ihrer knieenden Stellung, mit ihren gefalteten Händen, ihren bleichen Wangen und geſenkten Blicken war Clara das einnehmendſte Bild von Unſchuld und Reue zugleich, das Correggio's ſanfter Geiſt ſich als Modell für eine ſeiner herrlichſten Inſpirationen hätte wünſchen können. „Erkläre Dich,“ mahnte die Königin,„ich ver⸗ lange eine Antwort.“ Aber Nichts in der Welt, ſelbſt nicht der Zorn der Königin, hätte ſie in dieſem Augenblick beſtimmen können, die Veranlaſſung zu ihren Beſuchen im Luchs⸗ hof zu geſtehen: nicht weil ſie eine Schuld auf ſich geladen, nicht weil ſie ſich bei einer Intrigue gegen den Hof betheiligt hatte, ſondern weil ſie ein Mäd⸗ chen war und unmöglich dem ganzen anweſenden Hofperſonal ein Geheimniß preisgeben konnte, das den ſchönſten Reichthum ihres jungen und unerfah⸗ renen Herzens ausmachte. Aber die Königin hatte ſeit ihrem erſten Zuſam⸗ mentreffen mit Clara ein Wohlwollen für ſie gefaßt, das ſich auch jetzt nicht verleugnete. Sie hatte mehr ein unbefangenes und unerfahrenes Kind, als ein zu Intriguen und Kabalen reifes Weib in ihr er⸗ blickt. Als ſie daher jetzt das Mädchen betrachtete, glaubte ſie ſogleich zu entdecken, daß ihr Befehl gegen 186 die unerſchütterliche Kraft eines reinen Gefühls, gegen den von Sittſamkeit und Unſchuld inſpirirten Muth eines jungfräulichen Herzens anſtoße. „Du haſt mir gewiß Etwas anzuvertrauen,“ er⸗ klärte die Königin daher;„folge mir.“ Das einfache und aufrichtige Geſtändniß, das Clara ablegte, überzeugte die Königin vollkommen von ihrer Unſchuld. Ein ſiebzehnjähriges Mädchen hat ſich auch ſelten viel vorzuwerfen, außer daß ihre Gedanken manchmal allzu unvorſichtig mit Cupido's Pfeilen geſpielt haben. Clara's Unſchuld war auch nicht ſchwer einzuſehen: man konnte ſich keinen Augen⸗ blick über die Bedeutung der jungfräulichen Furcht täuſchen, womit ſie, verſchämt und beinahe ſtammelnd, das Geheimniß ihrer Gefühle entdeckte. „Du liebſt alſo?“ bemerkte Luiſe Ulrike. Clara antwortete blos damit, daß ſie ihren Blick zur Königin erhob. Sie wußte nicht, ob ſie etwas Unrechtes began⸗ gen hatte oder nicht. „Und er iſt Schmied, ſagſt Du? Du biſt noch ein Kind, Clara. Seit wie lange liebſt Du ihn?“ „Ich weiß es nicht, Ew. Majeſtät. Als ich mei⸗ ner Mutter Haus verließ, um hieher zu gehen, wollte ich mich nicht entfernen, ohne Abſchied von ihm zu nehmen, und ging alſo in die Schmiede. Als er mich ſah, ſagte er kein Wort, ſondern legte blos den Schlegel weg; aber als ich wieder weggehen wollte, da ſtreckte er mir ſeine Hand entgegen.„„Du haſt mich immer ausgelacht,““ ſagte er;„„aber gleich⸗ A ——— ,ͤ— 8 n 187 viel... wenn Du mich dennoch liebſt, ſo legſt Du jetzt Deine Hand in die meinige.““ Clara verſtummte. „Nun?“ „Ach, Ew. Majeſtät, ich legte meine Hand in die ſeine.“ „Und kein Wort... „Wenn man mir die ganze Welt gegeben hätte, Ew. Majeſtät, ich hätte kein Wort über meine Lippen gebracht.“ „Und er iſt Schmied, ſagſt Du?“ „Ja, Ew. Majeſtät.“ „Ein Arbeiter, ein Mann aus dem Volke?“ „Nichts Anderes.“ „Und Du biſt ſicher, daß er Dich liebt?“ „Ob ich deſſen ſicher bin? Ach, Ew. Majeſtät, ich bin ſicher, daß es in ſeinem Herzen kein Plätzchen gibt, das ich nicht innehabe.“ „Und er iſt ein braver Burſche?“ „Fleißig und gutherzig, Ew. Majeſtät, redlich und zuverläſſig. Als es ſich darum handelte, daß ich hieher kommen ſollte, machte meine Mutter An⸗ fangs Einwendungen; aber Alexander drang darauf, Ew. Majeſtät, obſchon ich wohl ſah, daß es ihn hart ankam, ſich von mir zu trennen. Aber als wir von einander Abſchied nahmen und ich ihm die Hand ge⸗ geben hatte, da bat er mich, ich möchte ihm eanih mal Gelegenheit geben, mich Abends zu treſſen „Und Du willigteſt ein?“ „Ich liebte ihn, Ew. Majeſtät.“ „Weiß Deine Mutter um Deine Neigung?“ „Ach nein, Ew. Majeſtät, ſie iſt... iſt. 188 „Sprich Dich aus, Clara.“ „Ich kann nicht, Ew. Majeſtät, ich bin ihre Töchter. Sie iſt ſehr gut, aber...“ „Apropos, Du haſt von Deinem Bruder geſpro⸗ chen, und jetzt erinnere ich mich ſeiner. Ich ver⸗ ſprach, Etwas für ihn zu thun. Wo iſt er jetzt?“ „Er hat ſich bei der Leibgarde anwerben laſſen, Ew. Majeſtät.“ „Ach ja, ich habe es gehört. Du wollteſt, denke ich, ſo eben ſagen, daß Deine Mutter ſtreng ſei, und daß Du fürchteſt, ſie möchte Deine Neigung nicht billigen.“ „Meine Mutter iſt ſtreng und ſtolz; ſie kann nicht vergeſſen, daß ſie mit einem Kaufmann verhei⸗ rathet war.“ „Ah, ich verſtehe. Triffſt Du Deinen Bru⸗ der oft?“ „Ich habe ihn nicht geſehen, ſeit ich hier bin.“ „Aber Alexander?“ „Ach nein, Ew. Majeſtät; ſeit Lieutenant Wal⸗ lenſtjerna angefangen hat, ſich im Luchshof aufzu⸗ ſtellen, habe ich Alexander verboten, dahin zu kommen.“ „Ich mißbillige Dein Benehmen nicht; aber wir wollen ein ander Mal davon reden. Iſt Alexander ſeinem König ergeben?“ „Mit Leib und Seele.“ „Und Dein Bruder?“ „Er iſt jeden Augenblick bereit, für Ew. Maje⸗ ſtät in den Tod zu gehen.“ „Da fällt mir Etwas ein, Clara; Du haſt Deine Mutter lange nicht beſucht. Du mußt ſie manchmal — — Sed—— Ndcdeeͤ—-— +α‿ı— — re 189 begrüßen. Alexander hat gewiß viele Freunde unter den Arbeitern?“ „Er iſt allgemein geſchätzt und beliebt, Ew. Ma⸗ jeſtät.“ „Und Dein Bruder iſt ein zu kluger Kopf und ein zu redlicher Charakter, als daß er nicht bei der Leibgarde Bekannte und Freunde finden ſollte.“ „Er rühmt ſich, Ew. Majeſtät, daß er bereits eine bedeutende Rolle in der Kompagnie ſpiele.“ „Es würde mich freuen, zu hören, daß das Volk gut von ſeinem König dächte. Wann beſuchſt Du Deine Mutter? Aber, wie geſagt, Du haſt Erlaub⸗ niß, ſie zu beſuchen, ſo oft Du willſt, ſogar jetzt ſo⸗ gleich. Apropos, eine etwaige Unzufriedenheit Deiner Mutter in Betreff Deiner Neigung brauchſt Du nicht zu fürchten. Ein Wort von mir.“— Als Clara ſich entfernte, war ſie das glückſeligſte Geſchöpf von der Welt. Es war für Amanda immer ſchwerer geworden, ihre Rolle als Pechlins Spionin am Hof durchzu⸗ führen, weil die Königin, die ſchon ſeit geraumer Zeit Mißtrauen gegen ſie gehegt, in den letzten Wochen mehrere neue Veranlaſſungen dazu zu finden geglaubt hatte und deßhalb allmälig anfing, ſich ihr gegenüber der größten Behutſamkeit zu befleißigen. Dadurch verringerte ſich mit jedem Tag die Möglich⸗ ſeit für ſie, das, was um ſie her vorging, d. h. die geheimen Pläne und Unternehmungen des Hofes, zu erfahren. FGlücklicher Weiſe hatte ſie, ſeit Clara's Eintritt im Schloſſe, die Bekanntſchaft mit ihr fortgeſetzt. 190 Clara mit ihrem kindlichen und aufrichtigen Gemüth konnte von Niemand Böſes denken, am allerwenig⸗ ſten von Amanda, ihrer einzigen Jugendbekanntin, und ſo blieb denn das freundſchaftliche Verhältniß zwiſchen den beiden Mädchen ungetrübt. Clara hatte überdies noch drei andere, in ihren Augen vollkom⸗ men giltige Gründe, ihre Jugendfreundin recht innig zu lieben. Schon bei ihrem erſten Zuſammentreffen in Drottningholm war der Gedanke in ihr erwacht, daß Amanda diejenige Perſon ſei, der ihr Bruder Daniel ſeine geheime, an Wahnſinn grenzende Liebe widme. Sie hatte ihn auch mehrere Male damit geneckt, aber er hatte ihr immer nur den Rücken ge⸗ kehrt und ſich ſchlechterdings auf kein Geſpräch dar⸗ über eingelaſſen. Trotz ſeiner Verſchwiegenheit und Verſchloſſenheit fuhr jedoch Clara mit ihren ſchnip⸗ piſchen Bemerkungen und Andeutungen fort. Der Gedanke, daß ſie das Verbindungsglied zwiſchen Bei⸗ den werden könnte, ſchmeichelte ihr nicht wenig. Hiezu kam noch der Auftrag ihrer Mutter, Amanda im Auge zu behalten, worunter das gute Kind nichts Anderes verſtand, als daß ſie Amanda recht lieb haben, mit ihr umgehen ſolle und dgl. Zwar hatte die Mutter, als ſie bei Clara dieſen Punkt berührte, nicht blos ganz grimmig dreingeſehen, ſondern ſich auch ſehr kalt und hart über Amanda ausgeſprochen; aber daran war Clara zu ſehr gewöhnt, um der Sache eine ernſtere Beachtung zu ſchenken. Für Clara war die ganze Welt ein heiteres Spiel. Ungeachtet vorüber⸗ gehender Konflikte am Hof, die wie Wolkenflecke da und dort über die Oberfläche ihres ſpiegelklaren Her⸗ zens hinſchwebten, fühlte ſie ſich überglücklich und war 191 ungemein vergnügt. Der Morgenhimmel der Kind⸗ heit war noch vorhanden und ſchimmerte in ihren Gedanken, dieſen friſchen und hellen Thauperlen im Kelch ihrer Seele. Es war ihr auch nie eingefallen, daß die Menſchen ſich in ihren Handlungen von etwas Anderem als von den edelſten Regungen ihres Gefühls leiten laſſen könnten. Wenn ſie ſich auch manchmal durch gewiſſe Aeußerungen hart berührt oder verletzt fühlte, wenn ſie ſogar in einem Ur⸗ theil oder einer Handlungsweiſe Anderer etwas Beleidigendes zu finden glaubte, ſo betrachtete ſie doch, ſobald der erſte Eindruck vorüber war, alles das blos als Eigenheiten, die ſie von ganzem Her⸗ zen beklagte, aber ohne ſie lange nachzutragen. Zu den lächelnden Traumbildern, worin ſich Alles vor ihren Blicken auflöste, gehörten auch Daniels muth⸗ maßliche Liebe zu Amanda und der Auftrag ihrer Mutter, genau Acht zu geben, ob Amanda Jemand liebe und wieder geliebt werde. Zwar war es weniger ein klares Bewußtſein ihrer eigenen Stellung und namentlich der unter⸗ geordneten Poſition ihres Bruders, als vielmehr ihre angeborne Beſcheidenheit, was ſie den Abſtand zwi⸗ ſchen Amanda und Daniel beinahe unermeßlich fin⸗ den ließ; aber wenn ſie darin auch den Grund er⸗ blickte, warum Daniel ſeine Flamme vor Amanda zu verheimlichen ſuchte, ſo theilte ſie doch— beſon⸗ ders ſeitdem der Sonnenſchein des Glückes ſo un⸗ vermuthet ſie ſelbſt zu beſtrahlen angefangen hatte— mit Daniel den Glauben, daß ein Korporal wohl mit der Zeit General werden könne, wenn er nur ſelbſt Luſt dazu habe. 192 Indem ſie ſich ſolchen Phantaſien hingab, ſchuf ſie ſich ſelbſt eine Welt, in deren von farbeſtrahlen⸗ den und luſtigen Schatten bevölkertem Reich ſie ſich unbeſchreiblich glücklich fühlte. Daß ihre eigene Liebe, ſelbſt ein beſchwingtes und lächelndes Traumbild, dieſem ganzen Zauberkreis Sonnenſchein, Lenzluft und Leben verlieh, verſteht ſich von ſelbſt. Wie oft hatte ſie nicht zu Amanda geſagt, ihr Bruder ſei bis über die Ohren in ſie verliebt, wage aber nicht davon zu ſprechen, weil er gar zu gut wiſſe, daß er bis jetzt weiter Nichts als ein Soldat ſei; inzwiſchen hoffe er bald Offizier zu werden, und dann... dann...“ „Und dann, meine Mutter,“ fuhr ſie fort,„meine Mutter kennt das Geheimniß meines Bruders und billigt ſeine Neigung ganz ſicher, denn ſie hat mich ausdrücklich aufgefordert, ich ſolle... erräthſt Du wohl, was ich ſoll?“ „Das iſt unmöglich, beſte Clara.“ „Ich ſolle... nun was ſagſt Du dazu... ich ſolle ein wachſames Auge auf Dich haben, d. h. ich ſolle Acht geben, ob Du Jemand liebeſt oder nicht.“ Im Anfang achtete Amanda nicht ſonderlich auf all dieſes Geſchwätze, ſondern lachte blos darüber, und dabei verblieb es. 3 Aber eines Tags, als Amanda gerade mit ſich ſelbſt und der ganzen Welt unzufrieden war, kam Clara zum hundertſten Mal auf den gleichen Gegen⸗ ſtand zurück, und nun wies Amanda, in ihrer üblen Laune, Clara's harmloſes und kindliches Geplauder auf die verletzendſte Art zurecht, indem ſie Daniels Neigung geradezu als höchſt frech, unverſchämt und 5 193 dumm erklärte, weil er doch wohl ſelbſt einſehen müſſe, welcher Abſtand zwiſchen ihnen liege. Aber Clara, deren ganze Welterfahrung ſich auf die Idee beſchränkte, daß ein Menſch ſo gut ſei wie der andere, wurde jetzt böſe. „Du haſt gar nicht nöthig, ſo vornehm zu thun, beſte Amanda, denn Du biſt doch weiter Nichts als ein Findelkind.“ Amanda fuhr auf. „Ein Findelkind... wer hat Dir das geſagt... wer...“ „Meine Mutter. Sie kenne Dich ganz gut, ſagt ſie. Du biſt nicht die Tochter des Barons Pechlin und auch nicht der Leute, bei denen du warſt, als Du in demſelben Hauſe wohnteſt, wie wir. Meine Mutter weiß das ganz gut, und ſie weiß noch weit mehr, das will ich Dir nur ſagen.“ Wenn es für Amanda auch etwas hart und ver⸗ letzend klang, als ſie ſich zum erſten Mal ein Fin⸗ delkind nennen hörte, ſo verwiſchte ſich doch dieſer Eindruck bald unter den weiteren kindlichen Zornes⸗ ergießungen der erbitterten Clara. „Sollte wohl Clara's Mutter Etwas von meiner Herkunft wiſſen?“ war der Gedanke, der ſich plötzlich bei ihr feſtſetzte und ſogleich alle andern Betrachtun⸗ gen verſcheuchte. Sie faltete ihre Hände. Ihre Lippen bewegten ſich. Ihre Stirne ſtrahlte, ihre Augen glänzten, von einer Thräne gefeuchtet.. „O mein Gott! mein Gott!“ flüſterte ſie blos. Clara, die ihre Freundin tief verletzt zu haben glaubte, ſprang an ihren Buſen. Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. III. 13 194 „Clara,“ ſagte Amanda blos,„wenn Du das nächſte Mal wieder zu Deiner Mutter gehſt, ſo komme ich mit. Verſprich, daß Du mir's ſagen willſt.“ Was kümmerte ſich Amanda darum, ob ſie ein Findelkind war oder nicht? Waren ihre Eltern auch in Lumpen gehüllt, ſo hätte ſie ſich doch glück⸗ lich geſchätzt, von ihnen an's Herz gedrückt zu wer⸗ den. Ihr ganzes Leben lang hatte ſie die Seligkeit entbehrt, an einer Mutter Bruſt zu erwarmen. Sie würde— meinte ſie— beſſer geworden ſein, wenn ſie nur einen einzigen Augenblick an einem warmen, zärtlichen und liebevollen Herzen geruht hätte. Amanda hatte alſo zwei Urſachen, mit Clara fortwährend in gutem Einvernehmen zu bleiben. Sie erfuhr nämlich von ihr nicht blos allerlei Kleinig⸗ keiten, die ſich bei Hofe zutrugen, ſondern ſie hoffte auch— was ihr am ſchmerzlichſten in der Seele brannte— durch ſie oder vielmehr durch ihre Mut⸗ ter einige Aufſchlüſſe über ihre Eltern und ihre Her⸗ kunft zu erhalten. Als Clara die Königin verließ, konnte ſie ſich vor Freude über die gütige Behandlung, die ihr zu Theil geworden, kaum faſſen. Ueberglücklich eilte ſie zu Amanda. Es war ihr ein Bedürfniß, ſich ſogleich Jemand mittheilen zu können. In ihrem Entzücken erzählte ſie auch Alles, was vorgegangen war. „Und jetzt,“ fügte ſie hinzu,„gehe ich heim zu meiner Mutter.“ „Zu Deiner Mutter?“ verſetzte Amanda;„ei, da gehe ich mit Dir.“ 195 In dem Hof, wo Frau Schedvin wohnte, erdröhnte es aus Alexanders Schmiede her; das war eine be⸗ ſtändige Muſik. Aber Alexander war jetzt nicht mehr allein; ſein unverdroſſener Fleiß war von Erfolg ge⸗ krönt worden, und er hatte jetzt mehrere Arbeiter um ſich. Seine ganze Erſcheinung verrieth Geſundheit, Kraft und Arbeitsluſt. Mit einem gewiſſen Stolz blickte er auf das Quartett von Schlägeln, die von den verſchiedenen Amboßen her ertönten. Während die Arbeit vor ſich ging, ſang Alexan⸗ der mit klarer und kräftiger Stimme: Die Hämmer ertönen, Schlag auf Schlag, Au jeglichem Tag: Klang, klang, klingeri, klang, klang! Uns däucht in der That, Wir ſchmieden am eigenen Glück uns ein Rad. Ja friſcher ſchlägt wohl kein männliches Herz, Als die Hämmer auf's Erz. Klang, klang, klingeri, klang, klang! Wenn die Funken ſo ſprüh'n, Da fühl' ich als Mann unter Männern mich kühn. Aus flammendem Heerd auf den Amboß ſo hell Legt das Eiſen man ſchnell. Klang, klang, klingeri, klang, klang! Ein Ziſchen ergeht, Als ſpräch unter'm Hammer es noch ſein Gebet. Das ſchallet! O keine Muſik in der Welt, Die mir beſſer gefällt! 4 Klang, klang, klingeri, klang, klang! Sie trifft mit Geklopf Den Nagel, den Nagel allzeit auf den Kopf. * 196 Kein Fürſt iſt geſchnitten aus älterem Holz Als der Schmied, keck und ſtolz. Klang, klang, klingeri, klang, klang! Vom Heerd wie ein Held Spraug leuchtend der erſte Blitz in die Welt. „Seht, Meiſter,“ unterbrach ihn hier ein Arbei⸗ ter,„da kommt etwas Hübſches... etwas ganz verdammt Hübſches.“ Aber Alexander hörte nicht auf die Bemerkung, ſondern ſang weiter: Doch wie das Eiſen dem Hammer ſich ſchmiegt, Vom Schmiede beſiegt,. Klang, klang, klingeri, klang, klang! So beugt ſich der Mann Gefügig der Maid, die ſein Herze gewann. Unter der Thüre zeigten ſich jetzt zwei Frauen⸗ zimmer, Clara und Amanda. Beim Getöne des Geſangs und der Hämmer blieben ſie lauſchend ſtehen. Alexander ſang: Eine Schmiede im zauberiſchen Augenpaar Hat Amor ſogar, Klang, klang, klingeri, klang, klang! Da ſchmiedet mit Liſt Er Ketten von Roſen für ewige Friſt. „Das iſt er,“ flüſterte Clara,„er...“ „Du biſt glücklich, Clara, daß Du liebſt und geliebt wirſt. Was kann man mehr vom Leben ver⸗ langen?“ 197 „Aber er iſt doch blos ein ſimpler Schmied.“ „Für das Herz iſt er ein Mann, und das iſt genug.“ „So denke ich auch. Still, er ſingt wieder.“ Und der Kett' iſt das treueſte Herz in der Welt Zum Schloſſe beſtellt, Klaug, klang, klingeri, klaug, klang! Das hält feſt wie Erz, Es iſt ja der ſüßen Geliebten ihr Herz. Aber Alexander hatte jetzt Clara ebenfalls be⸗ merkt; er warf ſeinen Schlägel weg und ſtand mit einem einzigen Sprunge vor ihr. Amanda hatte ſich etwas zurückgezogen. „Willkommen daheim, Mamſell Clara!“ rief er und ſtreckte ihr ſeine Hand entgegen.„Sie haben ſich ſchrecklich lang nicht mehr ſehen laſſen. Will⸗ kommen, willkommen!“ Alexander kam direkt aus der Schmiede, mit auf⸗ geſtreiften Hemdärmeln, ſchwarzer Schürze und rußi⸗ gen Armen und Händen. Clara hätte gerne in ſeine Arme fliegen mögen, aber in Gegenwart ihrer feinen und beinahe vorneh⸗ men Freundin Amanda ſcherzte ſie ein wenig über Alexanders cyklopenmäßiges Ausſehen. „Wie Du ausſiehſt, Alexander,“ bemerkte ſie,„Du biſt ja rußig vom Kopf bis zu den Zehen, und ſo verlangſt Du...“ „Daß Du Dein kleines feines Händchen in dieſe Pfote da legen ſollſt, die mit dem Schlägel zu ſpielen 198 gewohnt iſt. Nun, nun, Clara, das wird ſich ſchon machen, wenn wir nur erſt einmal...“ Alexander hatte blos für Clara Augen gehabt und Amanda, die etwas entfernt ſtand, nicht be⸗ merkt. Aber jetzt fiel ſein Blick auf ſie; er ſah zu⸗ gleich, daß Clara erröthete, und deßhalb ſchwieg er verlegen. Aber Amanda hatte bereits in die Seele des wackern, redlichen Jünglings geſchaut. Mit ihrem liebebedürftigen Herzen, deſſen ſchönſte Gefühle aus Mangel an Liebe verwelkt waren, entdeckte ſie bei Alexander ſogleich die Tiefe ſeiner Neigung für Clara. Unwillkürlich drang ein Seufzer aus ihrer Bruſt. Sie hätte ſich glücklich gefühlt, wenn er ihr Bruder geweſen wäre. Als Amanda die kleine Verlegenheit bemerkte, worin Clara und Alexander befangen waren, trat ſie zu ihnen vor und ergriff die Hände Beider. „Fürchten Sie ſich nicht vor mir, Alexander,“ ſagte ſie,„ich kenne Sie... Clara hat mir oft von Ihnen erzählt. Ihr liebet einander und ſeid einan⸗ der würdig. Aber ſolche Reden ſtehen mir vielleicht nicht zu... es wird am paſſendſten ſein, wenn ihr ſelbſt in aller Einſamkeit einander ſolche Verſicherun⸗ gen machet. Willſt Du mich zu Deiner Mutter füh⸗ ren, Clara, ſo habt ihr nachher Gelegenheit, mit einander zu ſprechen, ſo lange ihr wollt.“ Alexander drückte Amanda, zum Dank für ihre freundlichen Worte, recht herzlich die Hand. „Die Sache verhält ſich ſo, Mamſell,“ antwortete er,„daß ich blos ein ſimpler Schmied bin, und daß dieſes Schurzfell hier eben ſo gut zu meiner Uniform 199 gehört, wie die hinaufgeſtreiften Hemdärmel. Aber obſchon ich ſo rußig bin wie der Teufel ſelbſt, ſo habe ich doch ein ſo gutes Herz in der Bruſt, als irgend einer. Wenn ich Clara betrüge, Mamſell, ſo möge Gott mich verurtheilen, in der Hölle bis in alle Ewigkeit mit dem Schlägel auf einen Nagel oder einen Nadelknopf loszuhämmern und ihn niemals fer⸗ tig zu bekommen; aber betrügt ſie mich, Mamſell, dann weiß ich, daß ich bald genug den Nagel fertig bringen werde... nämlich den Nagel in meinen Sarg.“ „Schweig', Alexander, ſchweig',“ rief Clara,„Du biſt ja ganz von Sinnen.“ „Das bin ich geweſen, ſeit ich Dich zum erſten Mal geſehen habe, Clara, und aufrichtig geſtanden, dieſe Art von Wahnſinn dünkt mich ſo angenehm, daß ich, hol' mich der Teufel, gar nicht mehr ſo ver⸗ ſtändig zu werden wünſche, wie ich vorher war. Jetzt bin ich in meiner Schmiede ſo glücklich, als hätte ich über Erde und Himmel zu regieren. Ei, Clara, Du haſt ja Deine kleinen Vögel im Käfig noch gar nicht begrüßt. Clara blickte zu dem Baum empor, der vor ihrem Fenſter ſtand, und ſchlug vor Freude die Hände zuſammen. „Ein neuer Käfig,“ rief ſie,„ach, ein neuer Käfig!“ „Nachdem Du weggezogen warſt, habe ich mich der Sache angenommen. Iſt der Käfig nicht ganz hübſch, Clara? Er hat auch manchen blanken Heller gekoſtet... da zwitſchern und ſingen jetzt die Vögel ſo luſtig und gemüthlich mit einander, wie wenn je⸗ 200 der Tag der letzte oder vielmehr der erſte wäre. Aber“— und Alexander ſtrich ſich das Haar aus dem Geſicht—„das war es nicht, was ich eigentlich ſagen wollte... obſchon ich wahrhaftig ſelbſt nicht weiß, wie mir die Worte herauskommen, wenn ich Dich ſehe und höre, Clara... ja, was war es doch richtig, jetzt erinnere ich mich... Sie wollten zu Clara's Mutter geführt werden, Manſell; aber die Sache iſt ſo, muß ich Ihnen ſagen, daß ſie.. daß ſie...“ 1 „Was willſt Du ſagen, Alexander?“ unterbrach ihn Clara.„Iſt ein Unglück geſchehen? Iſt meine Mutter krank? Iſt Etwas vorgefallen?“ „Du brauchſt nicht zu erſchrecken, Clara; Deine Mutter... Du weißt ja...“ „Nein, ich weiß Nichts.“ „Dein Bruder Daniel iſt oben bei ihr...“ „Laß uns zu ihnen eilen, Amanda. Ach meine gute, arme Mutter...“ „Du brauchſt nicht ſo zu preſſiren, Clara; Du kommſt noch bald genug. Deine Mutter iſt nicht krank, ſondern nur... entſchuldige mich, Clara, wenn ich's gerade heraus ſage... böſe. Still... hörſt Du...“ Die Mißtöne eines heftigen Zorneserguſſes ſchlu⸗ gen eben jetzt an ihre Ohren; ſie hörten, daß ein grimmiger Unwille alle Dämme durchbrochen haben mußte. Clara, die ihre Mutter bei allen Fremden zu loben pflegte und dies aus gutem, kindlichem Herzen that, war jetzt um Amanda's willen ebenſo mißvergnügt als verlegen. Konnte ſie es wagen, ihre Freundin jetzt zu ihrer Mutter zu führen?“ 201 Aber wir kennen Amanda; Aufregung und Auf⸗ ruhr waren juſt ihr Element. Aus Mangel an Ruhe und Seelenfrieden gab ſie ſich gerne Extremen hin, weil ſie darin, wenigſtens für den Augenblick, das Gleichgewicht fand, das ſie in ihrem Innern ent⸗ behrte. „Laß uns zu ihr hinaufgehen,“ ſagte Amanda. „Ja, ja, laß' uns gehen.“ Aber als Clara auf die Treppe kam, wurde ſie von einer heftigen Angſt überfallen bei dem Gedan⸗ ken, Amanda in dieſem Augenblick zu ihrer Mutter zu führen. 3 „Warte ein wenig,“ ſagte ſie,„und laß' mich zu⸗ erſt hineingehen.“ „Nein, nein, Clara,“ erwiderte Amanda;„laß mich zuerſt eintreten.“ „Das geht nicht an, Amanda; meine Mutter würde böſe werden.“ „Thu, um was ich Dich bitte.“ „Unmöglich... Du mußt einen Augenblick warten.“ So ſprechend ſchob ſie Amanda ein wenig zurück und eilte an ihr vorbei. Frau Schedvin's Gemüthsart war nicht geſchmei⸗ diger geworden, ſeit ſie ihre Kinder ſeltener ſah. Sie beſchuldigte dieſelben im Stillen des Undanks und klagte, daß man ſie in ihrem Alter ganz ohne Pflege laſſe. Der kleine Reſt, den ſie aus dem ökonomiſchen Schiffbruch des Mannes für ſich und die Ihrigen gerettet, hatte kaum ausgereicht, ſo lange ſie damit 20² auch ihre Kinder erhalten mußte, und ihre Lage ver⸗ beſſerte ſich alſo um ein Bedeutendes, ſeit dieſe jetzt für ſich ſelbſt ſorgen konnten. Aber während andere Perſonen in ihren Verhältniſſen ſich über einen ſol⸗ chen Umſchwung der Dinge gebührend gefreut haben würden, trat bei Frau Schedvin ein ganz entgegen⸗ geſetztes Verhältniß ein; je vortheilhafter ſie ihre kleinen Haushaltungsangelegenheiten zu ordnen ver⸗ mochte, um ſo unverträglicher wurde ſie. Clara hatte, ſeit ſie ihre Stelle im Schloß angetreten, keine Zeit mehr gehabt, ihre Mutter zu beſuchen. Dieſe ärgerte ſich gewaltig darüber, ohne lange zu fragen, ob es die Schuld des Mädchens war oder nicht, und da ſie keine Gelegenheit hatte, den Kelch ihres Zornes über Clara auszugießen, ſo mußte an ihrer Statt Daniel herhalten, der zwar nicht mehrzu Hauſe wohnte, aber doch täglich ſeine Mutter beſuchte. Frau Sched⸗ vin beſaß ein ganz eigenthümliches Talent, um Streit anzufangen. Die unbedeutendſte Veranlaſſung gab ihr Stoff zu einer mißliebigen Vermuthung, welche ſie ſo lange in ihrem Innern verarbeitete, bis der Tempel des Friedens und der Ruhe in Schutt und Aſche zu ihren Füßen lag. Da fühlte ſie ſich ſtark, ſie nahm eine entſchloſſene, muthige Haltung an, mit einem Wort, ſie war in ihrer Eſſe. Schon ſeit mehreren Tagen hatten ſich Brennſtoffe in ihrer Seele angehäuft. Nur der Augenblick des Ausbruches war noch nicht beſtimmt. Aber heute hatte Daniel ſich eingefunden, und er ſah ſo vergnügt aus, daß ihre Galle ſogleich in Gährung gerieth. „Gott ſteh mir bei, was muß Dir nicht Alles zugeſtoßen ſein!“ begann ſie;„ich glaube, Du kannſt —— —6eͤ— ⁸₰— ——8—8—= 1 —.,—, -—,— 203 Dir's kaum verſagen, Deiner alten, von ihren eige⸗ nen Kindern jetzt verlaſſenen Mutter in's Geſicht zu lachen. Du biſt wohl ohne Zweifel bereits zum Offizier avancirt?“ „Das nicht gerade, Mutter; aber meine Vorge⸗ ſetzten ſind mit mir zufrieden, die Rekrutenſchule iſt zu Ende, ich habe bereits Dienſt gethan und hoffe bald auf die Schloßwache zu kommen; ja noch mehr, Mutter, bei der Muſterung ſagte mein Capitän, ich hätte das Zeug zu einem tüchtigen Corporal, und verſprach mir ſo bald als möglich meine Beförderung; das ſind doch gewiß Gründe genug, um ſtolz und vergnügt zu ſein.“ „Aber bis jetzt biſt Du noch gemeiner Soldat — hätte ich mir das denken können, hätte ich mir denken können, daß mein Sohn einſt unter dem Sol⸗ datenhaufen ſtehen ſollte, ſo würde ich mich nicht verheirathet haben; aber Du arteſt nicht Deiner Mutter nach, Daniel, ſondern vielmehr Deinem ar⸗ men Vater.“ Daniel konnte Alles ertragen, nur den Tadel gegen ſeinen Vater nicht, deſſen Andenken ihm noch theuer und werth war. „Ach, Mutter,“ antwortete er,„warum ſuchen Sie beſtändig meinen Vater in meinen Augen her⸗ abzuſetzen? er iſt jetzt todt und die Todten ſoll man in Ruhe laſſen.“ .„Ci, ei, Daniel, Du willſt Deiner Mutter Moral predigen, willſt ſie lehren, was ſich ſchickt und was ſich nicht ſchickt. Ganz in demſelben Ton ſprach auch Dein Vater, aber da ging es ihm auch, wie es ging. Bilde Dir jetzt auch große Sachen ſein, werde eigen⸗ 204 mächtig, ſelbſtgefällſig und dummdreiſt, dann wirſt Du ganz ſicher gerade ſo ein Taugenichts, wie Dein Vater war.“ Daniel konnte ſein Mißvergnügen nicht länger verhalten. „Mutter,“ ſagte er,„verſchonen Sie mich doch mit dieſen verletzenden Beſchuldigungen gegen meinen Vater. Für meine eigene Perſon verlange ich keine Schonung. Gleichwohl kann ich Sie verſichern, daß ich mich ſtets bemühen werde, denjenigen Ehre zu machen, denen ich mein Leben verdanke.“ Die Alte fuhr auf. „Mir Chre zu machen,“ rief ſie,„uns Ehre zu machen! Bemühe Dich zuerſt, Dich Deiner Eltern würdig zu machen, ehe Du daran denkſt, ihnen Ehre zu machen. Bildeſt Du Dir ein, daß ein ſolcher Burſche, der mit dem Gewehr im Arm vor den Schloßthoren ſteht, überhaupt Etwas ſei? Ein ſimpler Gardiſt, ein angeworbener Söldling, mit dem ſich kaum eine Magd von der Straße einlaſſen will.“ „Mutter! Mutter!“ „Du hältſt Dich gewiß für einen ganz famoſen Kerl, weil Du einen Flederwiſch an der Seite und eine Feder auf dem Hut haſt; der gnädige Herr glaubt wohl gar, daß Hoffräulein ſich in ihn ver⸗ gaffen werden. Ich weiß wohl, daß die jungen Burſche in unſern Tagen ihre Köpfe verdammt hoch tragen und ſich einbilden, alle Welt müſſe über ihre gepuderten Zöpfe erſtaunen; aber zu glauben, man könne ſeinen Eltern Ehre machen... als ob ſie nicht ſelbſt Ehre hätten... iſt je ſo Etwas erhört worden? Schwatz mir von Ehre hin und her, ich 8ER 205 verlange Ehrerbietung, Unterwürfigkeit, Achtung, Gehorſam, Aufmerkſamkeit... das iſt es, was ich fordere. Im Uebrigen mögen ſich immerhin Mägde, Mamſellen und Hoffräulein um Deine Chre reißen, ſo lang ſie wollen; in meinen Augen iſt ſie keinen Pfifferling werth. War es ehrenhaft, ohne mein Wiſſen Soldat zu werden? War es überhaupt ehrenhaft, Soldat zu werden? Dafür, daß Du einen Ring, den Du von der Königin erhalten haſt, an Deiner Hand trägſt, glaubſt Du vielleicht von oben bis unten vergoldet zu ſein.“ Aergerlich warf ſich Daniel in einen Stuhl. „Ich glaube, Du fühlſt Dich beleidigt, beleidigt durch die aufrichtig gemeinten Zurechtweiſungen Dei⸗ ner Mutter. Du meinſt vielleicht, Du ſeieſt mir über den Kopf gewachſen. Fühlſt Du Dich deßwegen verletzt, weil ich es gewagt habe, mit Dir von der Königin zu ſprechen, oder vielleicht darum, weil ich Ehrerbietung von Dir fordere, oder weil ich mich über Deine Ehre ausgeſprochen, oder etwa weil ich mir die Freiheit genommen habe, Dir Vorwürfe über Dein einbildiſches Weſen zu machen, oder weil ich in einem Geſpräch mit ſolchen Männern, wie Du biſt, mich unterſtanden habe, Mägde, Mamſellen und Hoffräulein ſich ganz ungenirt um Dich reißen zu laſſen?“ Daniel ſprang von ſeinem Platze auf. „Ich bitte Sie, Mutter, hören Sie auf. Sie werden keinen einzigen vernünftigen Grund für Ihr Mißvergnügen angeben können. Was will ich denn von allen Mägden und Mamſellen...“ „Keinen vernünftigen Grund? ſagſt Du. Fahre 206 fort, Daniel, fahre fort. Du haſt nicht ausgeſpro⸗ chen, ſcheint mir's. Was willſt Du mit dieſen Mäg⸗ den und Mamſellen ſagen? Meinſt Du etwa, die Fräulein ſeien beſſer, weil Du ſie nicht mitrech⸗ neſt? Ich will Dir nur ſagen, daß Deine eigene Mutter eine Mamſell geweſen iſt. Haſt Du vielleicht im Sinn, mich zu beleidigen? Vernünftige Gründe, was willſt Du damit ſagen? Habe ich keinen ver⸗ nünftigen Grund, Dir die Wahrheit geradezu in's Geſicht zu ſagen? Mein Gott, ſo geht es, wenn das junge Volk dem Alter über den Kopf wächst. Daniel, ich ſage Dir, daß Du ein undankbarer Sohn biſt, und daß es Dir gerade ſo ergehen wird, wie Deinem Vater; Du wirſt andern Leuten zur Laſt fallen, wirſt ein leichtſinniger Verſchwender, ein ſchlech⸗ ter Menſch, ein unzuverläſſiger Burſche, ein Schand⸗ fleck für die Geſellſchaft werden; Du wirſt Deine Frau, wenn je Eine dumm genug iſt, Dich zu neh⸗ men, in's Unglück ſtürzen und zur Verzweiflung trei⸗ ben... ja, ja, es wird Dir gerade ſo ergehen, wie es Deinem Vater ergangen iſt.“ Daniel griff nach ſeiner Mütze, um das Zimmer zu verlaſſen. „Wohin willſt Du?“ „Fort.“ „Ich befehle Dir, zu bleiben. Du willſt mir nicht ſagen, wohin Du zu gehen beabſichtigſt. Soll ich es Dir vielleicht ſagen?“ „Haben Sie die Güte, Mutter.“ „Du willſt zu irgend einer Dulcinea gehen... zu einer..“ Das Blut ſtieg Daniel in's Geſicht. 207 „Siehſt Du, daß ich Recht hatte? Du wirſt ganz roth. O mein Gott, iſt es ſo weit gekommen, daß mein Sohn ſeine alte Mutter verläßt und in der Stadt herumläuft, um...“ „Im Namen des barmherzigen Gottes, hören Sie auf, Mutter. Sie beſchuldigen mich...“ „Kannſt Du es leugnen, daß Du roth wurdeſt?“ „Ach... „Siehſt Du? Kannſt Du es leugnen, daß Du mir auszuweichen ſuchſt?“ „Ich?“ „Kannſt Du es leugnen, daß Du liebſt. Schau mir in's Geſicht, Daniel... leugneſt Du's ... ſchwöre mir, daß Du nicht liebſt. Du ſchwörſt nicht?“ Daniel legte ſeine Mütze wieder weg und ſank beinahe todesblaß auf ſeinen Stuhl zurück. Es war ihm unmöglich, ein einziges Wort vorzubringen. Die Mutter kreuzte ihre Arme über der Bruſt und be⸗ trachtete ihn kalt und hart. „Sitzeſt Du nicht ganz wie ein Verbrecher da, Daniel? Noch ſo jung und ſchon ſo verſtockt! In Deinen Jahren ſollte man etwas Anderes thun, als ſich dem Leichtſinn und vermeſſenen Einbildungen hingeben. Du biſt ein ſchlechter Junge.“ Daniel fuhr von Neuem auf. Er wußte ſich kaum mehr zu faſſen. „Verſchonen Sie mich, Mutter, damit ich nicht die Herrſchaft über mich ſelbſt verliere.“ „Geſtehe, daß Du liebſt.“ „Gern, Mutter. Ich geſtehe Alles, was Sie nur wollen.“ 208 „Das iſt gut. Wen liebſt Du?“ „Sie machen mich wahnſinnig.“ „Geſtehſt Du, daß Du eine gewöhnliche Straßen⸗ dirne liebſt, eine...“ „Nein, nein, um's Himmels willen, nein!“ „Du geſtehſt es nicht. Wen liebſt Du alſo?“ In dieſem Augenblick trat Clara zu ihnen in's Zimmer. Daniel ſchöpfte tief Athem, griff nach ſei⸗ ner Mütze und eilte hinaus. Er dachte nicht daran, daß er ſeine Schweſter im Stich ließ; er hatte blos einen einzigen Wunſch, nämlich wegzukommen. Auf der Treppe eilte er an Amanda vorbei, aber er be⸗ merkte ſie nicht einmal. Daniel wollte nach der Ka⸗ ſerne zurückkehren, und er würde ſicherlich keinen Augenblick mehr dageblieben ſein und ſich umgeſehen haben, hätte er nicht im Hof Alexander begegnet, der ihn am Arm faßte und aufhielt. Clara hatte die letzte Frage ihrer Mutter, näm⸗ lich wen Daniel liebe, noch gehört. Bei jedem Mädchen hüpft die Eingebung des Augenblicks leicht über alle Vernunftſchlüſſe weg und führt ſie ſogleich zur Schlußfolgerung. So glaubte auch Clara aus dem Gehörten ſchließen zu müſſen, daß die Mutter die Liebe Daniels zu ahnen anfange, daß er aber aus Mangel an Selbſtvertrauen ſein Geheimniß nicht entdecken wolle. Clara fühlte ſich daher jetzt überglücklich, weil ſie im wohlverſtandenen Intereſſe ihres Bruders hier ſprechen zu müſſen glaubte, zumal ſie überzeugt war, daß ſie auf dieſe Art auch ihre Mutter beruhigen, ihr Freude und Zufriedenheit gewähren könnte. Alles das ſtand ſo deutlich vor ihren Augen, 209 daß ſie gar nicht anders handeln konnte. Aber ſie mußte ſich beeilen, weil Amanda auf der Treppe wartete, und weil ſie von Herzen wünſchte, daß die Mutter ſie freundlich und artig empfangen möchte. „Sie wünſchen zu wiſſen, Mutter, wen Daniel liebt,“ fragte ſie daher ſogleich.„Ich kann Ihnen darüber Aufſchlüſſe ertheilen.“ Clara konnte ſich's gar nicht anders denken, als daß ihre Mutter ſich in der Idee, Amanda dereinſt zur Schwiegertochter zu bekommen, ungemein er⸗ freuen würde. „Wen liebt er, wen?“ „Amanda, liebe Mutter.“ Das kaum noch von ſo heftigem Zorn aufgeregte Mienenſpiel der alten Frau hörte mit einem Male auf. Man hätte ſagen können, eine wild ſtürmende Woge ſei mitten in ihrer Wuth gefroren. „Amanda?“ wiederholte ſie blos,„Amanda?“ Clara glaubte ein wahres Wunder vollbracht zu haben, als ſie den Zorn der Mutter gleichſam ge⸗ feſſelt ſah. Mit ſiebzehn Jahren iſt die Menſchen⸗ kenntniß nicht groß. „Und Amanda iſt hier, Mutter...“ „Hier?“ „In der Hausflur. Darf ich ſie hereinführen?“ „Laß ſie kommen... ja, ja... herein mit ihr... herein.“ Clara ſchob Amanda herein. Wir treten in Clara's Stübchen. Nachdem ſie Amanda zu ihrer Mutter geführt, eilte ſie nach dem lieben kleinen Zimmer, worin das Blumenbeet aller Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. III. 14 210 ihrer ſo heitern und theuren Jugenderinnerungen wie von einem engen, aber zierlichen Rahmen um⸗ ſchloſſen war. Es däuchte ihr eine Unendlichkeit, ſeit ſie das letzte Mal da geweſen, und das Stüb⸗ chen war ihr theurer denn je. Aus dem offenen Fen⸗ ſter ſtrahlte ihr die Sonne ſo klar entgegen. Wie heiter, angenehm und friedſam erſchien ihr nicht Alles, was ſie umgab! Ein kindliches Entzücken beſtrahlte ihr Geſicht, als ſie auf den Vogelkäfig zueilte. Welch ein prächtiger, ſchöner Käfig, und den hatte ſie von Alexander erhalten. Wie konnte ſie ihm dafür genügend danken? Wie manches Jahr hatte ſie ſich nicht juſt einen ſolchen Käfig gewünſcht! Und die Vögel... dieſe artigen Thierchen... hüpften ihr entgegen, als hätten ſie ihre liebliche Pflegerin erkannt. Sie ſchwatzte mit ihnen, und die Thierchen zwitſcherten eine Antwort; es war dies eine Unterhaltung, die zwar kein Anderer begreifen konnte, die aber ihnen ſelbſt vollkommen verſtänd⸗ lich war. Clara durfte inzwiſchen nicht lange allein blei⸗ ben, denn bald traten auch Daniel und Alexander in ihr Stübchen. Clara und Alexander hatten vor Daniel kein Geheimniß; er kannte ihre Liebe und hatte ihnen redlichen Beiſtand verſprochen. „Jetzt gefällſt Du mir erſt, Alexander,“ redete Clara ihn an;„ich glaube wahrhaftig, Du haſt mir zu Liebe Deinen Sonntagsrock angezogen und ſogar Deine Hände gewaſchen. Das iſt ſonſt Etwas, was Du blos alle Weihnachten einmal thuſt.“ „Ganz richtig, Clara; aber es iſt immer Weih⸗ 211 nacht für mich, wenn Du hier biſt. Siehſt Du, Du biſt für mich immer das beſte Chriſtkindchen, das der Himmel mir ſchenken könnte.“ „Aber, Alexander, das iſt ja ein Chriſtgeſchenk ohne alle Sinnſprüche, ohne Reim und Vernunft.“ „Wahrhaftig nicht. Ich leſe in Deinen Augen ganz genau Etwas, worin ſicherlich Reim und Ver⸗ nunft iſt.“ „Gott ſteh' mir bei, Du lieſeſt in meinen Augen Etwas. Es wäre mir doch intereſſant, zu erfahren, was Du darin leſen kannſt.“ „Wollte ich Alles ſagen, was ich darin leſe, ſo würde ich einen ganzen Tag und... ich verſchwöre es nicht... vielleicht ſogar eine Nacht dazu brauchen.“ „Nun, laß hören, was lieſeſt Du?“ „Wenn ich Dich recht betrachte, Clara, ſo leſe ich gleichwohl Deine Gedanken nicht blos in Deinen Augen, ſondern in Deinem ganzen Geſichte.“ „Die Sache wird immer ſchöner. Und ich, die ich mich ſchon ſo oft im Spiegel beguckt, ich habe noch nicht das Mindeſte entdecken können. Aber ſag' jetzt einmal, was Du lieſeſt.“ „Höre mich aufmerkſam an, Clara. In Deinen Augen leſe ich...“ „Nun, ich glaube, Du wagſt Dich nicht damit hervor.“ „Aber Du begreifſt doch, Clara, daß das, was ich darin leſe, unmittelbar an mich gerichtet iſt?“ „Ah ſo, an Dich? Du biſt ein vorſichtiger Ge⸗ neral; nun, gleich gut, ich will daran denken.“ „In Deinen Augen leſe ich alſo den Befehl an 212 mich, daß ich keine andern Götter neben ihnen haben ſoll.“ Clara erröthete und lachte zu gleicher Zeit. „Gott ſteh' mir bei! Du glaubſt alſo vielleicht, ich ſei ſo eine Art von Hausgott; aber da will ich Dir Etwas ſagen, was ich noch mehr Luſt habe zu ſein oder wenigſtens zu werden... und weißſt Du, was das iſt?“ „Nein.“ „Ein Hauskreuz.“ „Du täuſcheſt Dich, Clara. Das kannſt Du nie werden. Deine Wangen, die juſt jetzt ſo ſchön er⸗ röthen, ſagen auch, daß Du kein falſch Zeugniß ge⸗ gen Dich ſelbſt reden ſollſt.“ „Wir werden ſchon ſehen,“ meinte Clara, indem ſie drohend mit der einen Hand in die andere ſchlug. „Es wird ein Tag kommen, wo ich Dir ſo lang⸗ weilig vorkatecheſiren werde, wie nur irgend eine andere... und dann, Alexander... dann...“ Alexander hatte inzwiſchen ſeinen Arm um ihren Leib geſchlungen. „Aber weißt Du auch,“ fuhr er fort,„was ich auf Deinen Lippen leſe?“ „Hoffentlich Etwas, was die Mutter eine Gar⸗ dinenpredigt nennt.“ „Dießmal nicht, Clara. Ich leſe jetzt ganz deut⸗ lich darauf, daß ich von Dir... einen Kuß be⸗ komme.“ So ſprechend ſuchte Alexander einen Kuß zu rauben, aber Clara ſtieß ihn heftig von ſich. „Jetzt haſt Du falſch geleſen,“ bemerkte ſie.„Es ſteht geſchrieben: Du ſollſt nicht ſtehlen.“ 1 213 Während Alexander und Clara mit einander ſcherzten und ſich neckten, ſchritt Daniel im Zimmer auf und ab. Der Zorn und die Vorwürfe ſeiner Mutter hatten ihn aus aller Faſſung gebracht. Einen Augenblick ſtand er im Begriff, zu ihr zurückzugehen und die Gefühle ſeines tief verletzten Herzens aus⸗ zuſchütten. Gleich darauf legte er ſeine Hand an den Schlüſſel und wollte einem Hauſe, an welches ihn nur noch die kalte Pflicht gebunden hielt, für immer den Rücken kehren. Aber auf einmal wandte er ſich gegen ſeine Schweſter. „Warum verließeſt Du die Mutter ſo bald, Clara? Du hatteſt Jemand bei Dir.“ Clara hörte jetzt auf zu ſcherzen. „Haſt Du wirklich Amanda nicht erkannt?“ fragte ſie.„Höre, Bruder Daniel, ich glaube, daß ich zwi⸗ ſchen Dir und Mama Alles wieder in's Geleiſe ge⸗ bracht habe.“ „Du?“ Der ſchalkhafte Blick, den Clara ihm zuwarf, regte ſeine Aufmerkſamkeit noch weit mehr an, als ihre Aeußerung. „Als ich zu euch hineinkam, fragte Mama, wen Du liebeſt. Iſt's nicht ſo?“ „Wen Daniel liebt?“ fiel Alexander ein;„nun, dafür will ich gut ſtehen, daß er gar nicht liebt.“ Daniel ſetzte ſeine Wanderungen im Zimmer ſort, ohne am Geſpräch Theil zu nehmen. „Das mußt Du nicht ſagen, Alexander. Ich weiß, daß Daniel weit mehr liebt als Du.“ „Sein Gewehr und ſeine Kameraden, ja!“ 214 „Daniel ſchwatzt nicht ſo viel wie Du, Alexander, aber er liebt mehr.“ „Wen denn, wenn ich fragen darf?“ „Juſt dieſelbe Frage ſtellte Mama, als ich hin⸗ einkam, und ich beantwortete ſie ihr.“ Daniel blieb vor ſeiner Schweſter ſtehen. Das tiefſte Leiden ſpiegelte ſich in dieſem Augenblick auf ſeinem Geſichte ab. „Was antworteteſt Du?“ „Nun natürlich, daß Du Amanda liebeſt.“ „So?“ bemerkte er blos,„das ſagteſt Du?“ Dann wandte er ſich auf dem Abſatz von ſeiner Schweſter weg und ſetzte ſeine einförmige Wande⸗ rung im Zimmer auf und ab von Neuem fort. Nicht ohne Verwunderung betrachteten Alexander und Clara die kalte und gleichgültige Haltung, womit er die Sache behandelte. „Ich ſagte Dir ja, daß er nicht liebt,“ bemerkte Alexander.„Glaubſt Du es noch immer?“ „Ja, ich glaube es, weil ich es weiß. Er ſtellt ſich nur ſo.“ Und nun ſcherzten und lachten Alexander und Clara wieder mit einander. „Du mußt mir Etwas erklären,“ ſagte Alexander. „Ich begreife noch immer nicht, wie die Geſchichte im Luchshof zuſammenhing. Was waren das für Leute, die ſich mit in's Spiel miſchten? Einer von ihnen, der ſich Wallenſtjerna nannte, forderte mich zum Duell heraus; aber als ich ſagte, ich würde ihm mit dem Schlägel in der Hand entgegentreten, da entſank dem Helden ſein Muth, und er gab ſeinen Vorſchlag auf.“ wW 215 „Lieutenant Wallenſtjerna iſt ein junger Wild⸗ fang, aber ein braver und ehrlicher Burſche. So, er hat ſich mit Dir duelliren wollen? Das wäre luſtig genug geweſen, Dich mit dem Schlägel und ihn mit dem Degen in der Hand zu ſehen.“ „Du ſagſt, Wallenſtjerna ſei ein braver und ehrlicher Burſche?“ Das Lob, das Clara dem Lieutenant ſpendete, klang in Alexanders Ohren ſehr übel; aber der An⸗ ſtrich von eiferſüchtigem Vorwurf, der in ſeiner Be⸗ merkung lag, verdroß auch Clara. „Ich ſage, daß er ein höchſt liebenswürdiger junger Mann iſt,“ fügte ſie hinzu. „Liebenswürdig?“ „Er iſt der angenehmſte Mann, den ich je ge⸗ ſehen und geſprochen habe.“ Alexanders Geſicht wurde immer länger. „Er iſt,“ fuhr Clara fort,„ein wahres Vorbild für alle junge Männer, mit denen ich je zuſammen⸗ getroffen bin; er iſt...“ „Was iſt er?“ „Heiter und gutherzig, ehrlich und vernünftig, und überdieß ſchön, ſchön wie der helle Tag.“ „Und das ſagſt Du mir?“ „Ich will Dir noch mehr ſagen, weil wir ja doch aufrichtig gegen einander ſein müſſen; ich will Dir ſagen, daß er mir ſchon mehr als einmal ſeine Liebeserklärung gemacht hat.“ Alexander ſtampfte auf den Boden. „Und ich mußte noch dazu rathen, daß Du in's Schloß gehen ſollteſt. Ich hätte mir's doch denken kön⸗ nen, daß es ſo kommen würde.“ 216 „Er hat mir geſagt, daß er ohne mich gar nicht leben könne, daß er... „Höre auf, Clara, ich bitte Dich, höre auf.“ „Daß er für mich ſterben wolle.“ Alexander konnte ſeinen Verdruß nicht mehr unterdrücken; um jedoch allen heftigen Ausbrüchen vorzubeugen, machte er es wie Daniel, kehrte Clara den Rücken, kreuzte die Arme über ſeiner Bruſt und begann ebenfalls im Zimmer auf und ab zu ſchreiten. Aber da die beiden jungen Männer fortwährend in entgegengeſetzter Richtung gingen, ſo ſtießen ſie in dem kleinen Stübchen bald die Naſen an einander. „Was willſt Du?“ fragte Daniel. „Und Du?“ entgegnete Alexander. Clara ſchlug ein ſchallendes Gelächter auf. „Ihr ſeid alle beide große Narren,“ ſchwatzte ſie. „Ihr liebet beide; aber Du, Daniel, leugneſt es, und Du, Alexander, biſt eiferſüchtig. Es müßte wirklich luſtig ſein, einen von euch zu heirathen; nein, da nähme ich doch lieber...“ „Wen meinſt Du?“ fiel Alexander ein.„Du ſagteſt, Du nähmeſt doch lieber...“ „Den Lieutenant Wallenſtjerna.“ Und mit tollem Gelächter hüpfte Clara nach der Thüre zu, um ſich zu entfernen; doch blieb ſie auf einmal ſtehen, bedachte ſich und kehrte dann zurück. „Daniel und Alexander,“ ſagte ſie,„gebt mir eure Hände. So ſo. Du biſt mein Bruder, Daniel,“ fuhr ſie dann fort,„und Du biſt mein Bräutigam, Alexander. Aber eure engen Gehirnkäſten müſſen wohl nicht den nöthigen Platz für den Gedanken haben, daß ich euch beide herzlich liebe.“ 217 Clara war in dieſem Augenblick ungemein lieblich und einnehmend. Sie lachte nicht mehr; ſtatt deſſen war ihr Ton voll von Herzlichkeit, wahrer Seelen⸗ güte und inniger Freudigkeit. „Du magſt jetzt lieben, wen Du willſt, Daniel, und Du, Alexander, magſt ſo eiferſüchtig ſein, als Du willſt, alles das kann mir höchſt gleichgültig ſein, denn ſo viel iſt gewiß, daß es doch am Ganzen Nichts verändert. Ich möchte faſt glauben, dies ge⸗ höre zur Liebe, wie die Gewürze zum Kohl.“ „Wie die Gewürze zum Kohl?“ wiederholte Ale⸗ rander, noch immer nicht ohne einen gewiſſen Ver⸗ druß;„man ſollte meinen, Du habeſt das Lieben aus dem Kochbuch gelernt.“ „Ein Mädchen wartet nicht auf das Kochbuch, um zu lieben,“ bemerkte Daniel;„ſie lernt es ſchon aus dem Abcbuch.“ Clara nickte mit dem Kopf. „Gar nicht übel bemerkt,“ ſagte ſie, zund ich werde wahrhaftig daran denken, um, wenn Du ein⸗ mal verheiratheusbiſt, Alexander, Deiner lieben Frau rathen zu können, daß ſie Dir ſo viel Fleiſch zu eſſen gibt, als Du verdienſt... und Dich, mein lieber Bruder, Dich wird ſchon auch Eine... und zwar in vollkommener Uebereinſtimmung mit dem Abebuch der Liebe... lehren, wie der Hahn Eier legt. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß ihr...“ Clara war ein wenig böſe. „Du biſt überzeugt,“ wiederholte Alexander,„daß wir.. „Daß ihr mich nicht halb ſo innig liebet, wie ich euch.“ 218 „Was ſagſt Du?“ „Ich weiß beſtimmt, daß ihr eine Andere weit mehr liebet.“ „Wir?“ „Daß es Eine gibt, für die ihr euer Leben opfern könntet.“ „Wir?“ „Für die ihr in den Tod gehen könntet.“ „Wir?“ „Ich möchte ins Waſſer ſpringen, wenn ich daran denke.“ „Jetzt biſt Du boshaft, Clara. Ich ſollte eine Andere lieben?“ „Ich ſage nicht lieben; aber ich ſage, daß Du eine Andere tauſendmal mehr bewunderſt, hochachteſt und ſchätzſt als mich. O ich weiß es wohl. Es iſt wahrhaft ſchändlich, und ihr ſolltet euch auch vor einander ſchämen; denn ſo in Eintracht und Frieden eine und dieſelbe Perſon zu lieben, iſt recht garſtig. Sie ſteht zwar allerdings hoch... unendlich hoch.. über mir und über allen Andern... aber doch iſt ſie auch blos ein Weib.“ Alexander begriff nicht ein Wort; Daniel begann ſeine Ohren zu ſpitzen. „Vornehm? Hoch über Dir?“ fragte er.„Wen meinſt Du?“ „Ich meine die vornehmſte von Allen. Könnt ihr leugnen, daß ihr für ſie in den Tod gehen würdet?“ Alexander und Daniel ſahen einander an. „Die vornehmſte?“ wiederholten Beide.„Wir 219 verſtehen kein Wort von Deinem ganzen Gerede. Wen meinſt Du denn?“ Clara veränderte weder Ausdruck noch Stimme. Rach dem kurzen Moment der Verdrießlichkeit und Niedergeſchlagenheit ſpielte wieder ein Strahl der munterſten Schalkhaftigkeit auf ihren Lippen. „Heute ſieht es wahrhaftig nicht ganz richtig mit Dir aus, liebe Clara.“ Clara ließ ſich in ihrem heitern Vortrag durch Nichts ſtören. „Ich habe in dieſen letzten Zeiten viel gelernt,“ ſchwatzte ſie,„aber nie mehr als heute und zwar eben jetzt.“ „Es ſieht beinahe ſo aus. Aber darf man fra⸗ gen, was Du eben jetzt gelernt haſt?“ „Ich habe einſehen gelernt, daß ihr beide in dem, was ihr eure Liebe nennt, höchſt unzuverläſſig ſeid. Als ich euch vorwarf, daß ihr euer Leben für eine Andere opfern könntet, habt ihr da nicht Ge⸗ ſichter geſchnitten, als fürchtetet ihr, ich möchte Etwas entdeckt haben? Ei ei, Alexander, ſteht es ſo mit Treue und Liebe?“ „Du biſt doch eine wahre Närrin, Clara.“ „Nicht ſo ganz, wie ihr euch einbildet; denn ihr könnt mir doch nicht leugnen, daß ihr Gut und Blut gerne opfern würdet für... für...“ „Für wen?“ „Für die Königin.“ Clara lachte, als hätte ſie den jungen Männern einen recht boshaften Spuck geſpielt. Aber jetzt war es an Alexander und Daniel, Clara's Hände zu ergreifen. 220 „Für die Königin!“ wiederholten beide;„ja ge⸗ wiß... für ſie opfern wir gern unſer Leben.“ „Hab' ich's nicht gewußt? Nun, ich habe mit ihr geſprochen. Sie iſt ſo gut, ſo gut, und meint es mit uns allen ſo herzlich wohl.“ „Du haſt mit ihr geſprochen?“ „Unſere Zuſammenkünfte im Luchshof, Alexander, ſind durch Umſtände, die nicht hieher gehören, der Königin zu Ohren gekommen, und ich habe ihr, denk Dir nur, ich habe der Königin ſelbſt geſtanden, daß ich Dich liebe, und zwar Dich einzig und allein, Du unverbeſſerlicher Menſch.“ „Haſt Du das geſagt?“ „Und ſie hat mich nicht getadelt... im Gegen⸗ theil hat ſie verſprochen, Etwas für uns zu thun und ſogar mit meiner Mutter zu reden, wenn die Zeit komme. Du kannſt Dir denken, wie froh ich war; und auch von Dir hat ſie geſp rochen, Daniel.“ „So? Was denn?“ „Sie erinnerte ſich ſehr wohl ihres Zuſammen⸗ treffens mit Dir in Drottningholm, wie Du den Kronprinzen retteteſt, und ſo fiel es ihr auch wieder ein, daß ſie verſprochen hatte, Etwas für Dich zu thun... Du erinnerſt Dich doch, daß ſie das ver⸗ ſprochen hat?“ „Ich vergeſſe es nie.“ „Aber es iſt wahr, ſie fragte mich auch, ob ich glaube, daß die Truppen und das Volk ſie lieben. Man liebt ſie doch, nicht wahr? Die Königin legt einen ungeheuern Werth darauf, bei den arbeitenden Klaſſen in Gunſt zu ſtehen.“ „Wirklich?“ 221 „Sie hat mir das ausdrücklich geſagt. Es waren ihre eigenen Worte... ich kann euch verſichern, daß es ſo iſt. Sagt mir, iſt ſie beim Volk gut an⸗ geſchrieben? Könntet ihr nicht vielleicht in dieſer Richtung Etwas thun?“ „Das iſt leichter geſagt als gethan,“ meinte Alexander. „Was will das heißen?“ zankte Clara,„leichter geſagt...“ „ die Leibgarde betrifft,“ fügte Daniel hin⸗ zu,„ſo... „Komm mir nur nicht auch mit derſelben dum⸗ men Bemerkung, Daniel, wie Alexander. Leichter geſagt als gethan; pfui!“ „Dumme Bemerkung?“ brummte Alexander. „Ich wiederhole es,“ fuhr Clara fort;„dieſe Bemerkung war ſehr dumm und einfältig. Sieh' mir aufrichtig in's Geſicht, Alexander, und beant⸗ worte mir eine Frage.“ „Laß hören.“ „Du glaubſt für das Volk nicht gutſtehen zu können, ſagſt Du; nun wohl, glaubſt Du denn, daß Du z. B. für mich gutſtehen kannſt?“ „Das iſt etwas ganz Anderes.“ „Du glaubſt es zu können?“ „Ja wohl.“ Clara brach in ein lautes Gelächter aus. „Du biſt der erſte Mann, den ich dieſe einfäl⸗ tige Vermeſſenheit ausſprechen höre, für ein Mäd⸗ chen gutſtehen zu können; thu' jetzt was Du willſt, Alexander, Deine Einfalt iſt klar bewieſen.“ Damit drehte ſich Clara um und ging an's an⸗ 222 dere Ende des Zimmers, wo ſie ſich in einen Stuhl warf. „Clara,“ ſagte Alexander nach einer Weile zu ihr,„ich glaube, Du biſt böſe.“ Sie antwortete nicht. „Laß uns wieder gut Freund werden, Clara.“ Clara that, als ob ſie ihn nicht hörte. „An was denkſt Du, Clara?“ „Ich denke an einen Menſchen, der, der...“ „An wen?“ „An einen Menſchen, der für mich in den Tod gehen will.“ „Das will ich auch, Clara.“ „Nun ſo ſtirb, lieber Alexander. Ich werde keinen Flor um Dich tragen.“ „Um wen würdeſt auch Du trauern wollen? Hör' einmal, Clara, ich habe einen Plan ausge⸗ dacht.“ „Der iſt gewiß ſehr einfältig.“ „Urtheile ſelbſt. Ich habe viele Freunde.“ „Das weiß ich.“ „Jeder dieſer Freunde hat wiederum viele Freunde.“ „Nun ja?“ „Und dieſe Freunde haben wieder andere Freunde.“ „Natürlich.“ 3 „Verſtehſt Du mich jetzt?“ 4 „Ich verſtehe, daß Du für Deine Freunde gut⸗ ſagſt, und dieſe für die ihrigen und ſo weiter. Das iſt das erſte Mal, daß ich einen klugen Gedanken d Dir höre. Ich darf alſo der Königin ſagen, daß...“ 223 „Daß ſie viele Freunde habe, ja, ja, das darfſt Du ihr ſagen; aber, Clara, Du... Du mußt mir dagegen verſprechen, daß Du mir keinen Spuck ſpie⸗ len willſt.“ „Nein, das verſpreche ich Dir nicht; im Gegen⸗ theil verſichere ich Dich, daß ich Dir ſo oft als mög⸗ lich einen Spuck ſpielen werde, und zwar um Dei⸗ nes eigenen Beſten willen... denn ſiehſt Du, wenn meine bloße Drohung ſchon Dir ſo kluge Gedanken eingeben konnte, wie eben jetzt, um wie viel klüger müſſen ſie dann nicht kommen, wenn ich meine Drohung wirklich ausführe? Alſo nimm Dich wohl in Acht, Alexander... ich weiß Einen, der beſtän⸗ dig ein Auge auf mich hat...“ „Das wird wohl dieſer Wallenſtjerna da ſein... ihm könnte ich den Hals umdrehen.“ „Thue das... inzwiſchen...“ Und Clara wurde wieder freundlich und lachte. „Vorwärts Marſchl!“ rief ſie. Sie nahm dabei eine ſoldatiſche Marſchhaltung an. „Jetzt rücken wir an, Alexander, und ſtürmen die Leibgarde. Diviſion, halt!“ Sie machte Halt vor Daniel. „Kamerad,“ redete ſie ihn an,„ich verlange das Feldgeſchrei und die Looſung in der königlichen Leib⸗ garde.“ „Das Feldgeſchrei iſt: der König! die Looſung: die Königin!“ „Bravo, Kamerad, ich ernenne Dich vor der Front der hier anweſenden Truppen zum Korporal. Zeig' Dich dieſer Ehre würdig.“ Auf einmal aber gab Clara ihre ſcherzhafte 224 militäriſche Haltung auf und wurde wieder ruhig und ſtill. „In allem Ernſt, Alexander und Daniel,“ ſagte ſie nach einer Weile,„darf ich die Königin ver⸗ ſichern, daß das Volk die königliche Familie liebe?“ „Allerdings, Clara,“ antwortete Daniel;„wo⸗ hin ich noch gekommen bin, habe ich nie etwas An⸗ deres gehört.“ „Ich kann euch verſichern, daß ſie das ſehr freuen wird. Als ſie mit mir darüber ſprach, legte ſie ſo großes Gewicht darauf, daß es mir wirklich ſehr zu Herzen ging.“ Clara war jetzt ein ganz anderes Mädchen, als die ausgelaſſene Lacherin von vorhin. „Es iſt Schade um die Königin, müßt ihr wiſ⸗ ſen,“ ſprach ſie weiter.„Es kommt mir zuweilen vor, als ob die hohen Herrn ſie nicht ſonderlich liebten. Gott weiß jedoch, ob es nicht ſehr lang⸗ weilig ſein muß, Königin zu ſein. Wenn ich ſie manchmal betrachte, ſo will es mir ſcheinen, als ob aus ihren Augen ein ſo großer und unerklärlicher Kummer ſtrahle, daß ich es für weit angenehmer halte, blos ein luſtiges und närriſches Mädchen zu ſein, wie Du mich gewöhnlich nennſt, Alexander, in ſo fern... ja, ſieh' mich nur an, Alexander... in ſo fern es nicht noch tauſendmal angenehmer wäre... was weiß ich... ganz einfach ein ſo zwitſcherndes Vögelein zu ſein, wie mein Pippi im Käfig da.“ „Aber Pippi iſt doch gefangen.“ „Allerdings; aber...“ „Aber?“ 225 „Aber er iſt in Deinem Käfig, Alexander.“ Ein Ausdruck von Schwärmerei beſeelte jetzt Clara. Ihre Augen waren zu Boden geſenkt, und die ſo zierlich umfransten Augenlider wölbten ſich ſo voll über den Kugeln, die darunter lagen. Alexander fühlte ſich ſo glücklich, aber auch ſo unglücklich. Die Liebe gibt Gefühle der entgegen⸗ geſetzteſten Art ein. Sehr oft weiß man nicht, wel⸗ ches das überwiegende, das rechte iſt. Neben dem Stern unſerer Seligkeit ſteht gewöhnlich eine Wolke. Es iſt möglich, daß der Stern nicht ſo klar leuchten würde, wenn er nicht in der Nähe der düſtern Wolke ſchimmerte. Alexander wußte wohl, daß Clara ihn warm und aufrichtig liebte; aber in die⸗ ſem Augenblick fragte er ſich, ob er wohl ihrer wür⸗ dig ſei. Er vermochte auch dieſen Gedanken nicht zurück⸗ zuhalten. Er ergriff ihre Hand, er blickte in ihre Augen, er wollte in ihrem Herzen leſen. „Clara,“ ſagte er,„je mehr ich Dich kennen lerne, um ſo trüber wird mir zu Muthe.“ „Wie ſo? Trüber? Hätteſt Du geſagt, um ſo froher und glücklicher, ſo wäreſt Du artig geweſen. Aber es iſt wie ich ſage, Du verſtehſt Dich ganz und gar nicht auf Artigkeit.“ „Glaube mir, Clara, ich ſchmeichle Dir weit mehr, wenn ich ſage, daß Du mir ein wehmüthiges Gefühl einflößeſt.“ „Nun, das muß ich ſagen.“ „Siehſt Du, Clara, ich ſtelle mitunter die Frage an mich, ob ich das Glück, von Dir geliebt zu wer⸗ den, wirklich auch verdiene.“ Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. III. 15 226 Clara ging im Zimmer auf und ab. „Das iſt allerdings eine häklige Frage, Alexander,“ ſagte ſie dann,„ich muß ſie reiflich erwägen. Laß ſehen, Du biſt ein langweiliger Geſell, das iſt nur allzu wahr; Du biſt überdieß ein roher und unwiſ⸗ ſender Geſell, und dabei noch manchmal ſo ſchwarz und rußig, als ob Du Dich ſeit der Sündfluth nie gewaſchen hätteſt; aber... man muß Alles von zwei Seiten betrachten... alſo auf der andern Seite... Clara blieb vor Alexander ſtehen. „Auf der andern Seite laſſe ich Gnade für Recht ergehen und ſage Dir, daß ich Dich recht herzlich lieb habe, Du ſchwarzer Kobold.“ Und lächelnd und erröthend neigte ſie ſich gegen Alexanders Bruſt, und er drückte einen Kuß auf ihren noch lächelnden Mund. Aber in dieſem Augenblick hörten ſie einen hef⸗ tigen Schrei. Sie lauſchten: der Schrei kam aus dem Zimmer ihrer Mutter, und dahin eilten ſie jetzt, von einer und derſelben Eingebung geleitet, alle drei. Wir müſſen jetzt ſehen, was ſich indeſſen zwiſchen Amanda und Frau Schedvin zugetragen hat. Als Amanda eintrat, ſtand Frau Schedvin kalt, hart und drohend vor ihr. Ihre Arme in die Sei⸗ ten geſtemmt, heftete ſie einen ſcharfen und prüfen⸗ den Blick auf das Mädchen, als wollte ſie es gänz⸗ lich durchſchauen. Amanda, die ſelbſt ſtolz und trotzig war, würde ſich durch dieſen Empfang beleidigt ge⸗ fühlt haben, wenn ſie nicht vermuthet hätte, daß das Geheimniß ihrer Geburt in der Hand dieſer Frau 227 liege. Inzwiſchen ſchaute ſie der Alten ohne alle Furcht in's Geſicht. Sie bemerkte ſogleich einen eigenthümlichen Ausdruck von Unverſöhnlichkeit, der in der Eisrinde dieſes Geſichtes ausgeprägt lag, und ſie überſah auch eine gewiſſe kalte Würde nicht, die ſich ebenfalls darin kundthat. Amanda hatte inzwi⸗ ſchen erwartet, daß man ſie anreden und willkommen heißen würde, was doch die allergewöhnlichſte Artig⸗ keit iſt, wenn man zum erſten Mal mit einer frem⸗ den Perſon eintritt. Aber Frau Schedvin beobach⸗ tete ein unverbrüchliches Stillſchweigen; ſie ſtand wie eine Marmorſäule da und firxirte ſie beſtändig. „Bitte um Entſchuldigung, Madame,“ begann daher Amanda;„Ihre Tochter hat mir ſo viel Gu⸗ tes von Ihnen erzählt, daß ich, als ſie mich einlud, ſie hieher zu begleiten, unmöglich dem Wunſch wider⸗ ſtehen konnte, die Mutter meiner Freundin kennen zu lernen und ihr meine Verehrung zu bezeugen.“ Frau Schedvin unterbrach ſie nicht, aber ſie nahm ſie beim Arm und führte oder zog ſie vielmehr in's Innere des Zimmers vor. „Sie ſind dieſelbe Amanda,“ ſagte ſie dabei, „die vor mehreren Jahren hier im Hauſe wohnte bei... aber gleichviel... es waren nicht Ihre Eltern.“ Amanda hatte ſchon genug geſehen und gehört, um zur Einſicht zu gelangen, daß der überraſchend feind⸗ ſelige Empfang, den Frau Schedvin ihr angedeihen ließ, nicht, wie ſie Anfangs geahnt hatte, blos einer zu⸗ fälligen und augenblicklichen Erbitterung zugeſchrie⸗ ben werden durfte, ſondern ſeine ganz perſönlichen Motive haben mußte. 228 Aber Amanda ließ ſich dadurch keineswegs aus der Faſſung bringen, ſondern wurde nur um ſo auf⸗ merkſamer und neugieriger. Mit unerſchütterlicher Entſchloſſenheit betrachtete ſie daher jede Bewegung in den Geſichtszügen der Matrone, theils um nicht überrumpelt zu werden, theils um ſie auszuforſchen. Unter allen Umſtänden war es ihr angenehm, daß Frau Schedvin ſelbſt auf den Gegenſtand, der ihren Beſuch hauptſächlich veranlaßte, ſogleich eingehen zu wollen ſchien. 1 „Sie haben Recht, Madame,“ ſagte ſie daher, um ſie noch weiter auf dieſen Gegenſtand zu bringen, „dieſe Leute waren nicht meine Eltern, und... aber ich weiß nicht, ob Sie das ſchon wußten... ich gehöre zu den wenigen Unglücklichen, die niemals das Glück gehabt haben, ihre eigenen Eltern zu kennen.“ Frau Schedvin betrachtete ſie fortwährend, hörte aber zugleich auf ihre Worte. Amanda machte ſich jetzt Vorwürfe, daß ſie keine näheren Erkundigungen über den Charakter dieſer Dame eingezogen hatte, denn ſie ſah mit Verdruß, daß ſie gar keine Mittel beſaß, auf das Innere der wunderlichen Perſon einzuwirken. Hätte ſie die Alte nur ein klein wenig gekannt, ſo hätte ſie doch Etwas zu ſagen gewußt, um ihren Zorn zu reizen oder ihr Mitleid anzuregen; ſo aber beſaß ſie ganz und gar keinen Haltpunkt, von wo aus ſie ihre Leidenſchaften in Bewegung ſetzen konnte, und ſie fürchtete alſo, die Gelegenheit möchte ihr entwiſchen. „Sie ſind es,“ ſagte Frau Schedvin endlich, „ich erkenne Sie wieder, Sie ſind es.“ 229 Amanda war überzeugt, daß ſie jetzt der einzigen Perſon in der Welt gegenüberſtand, die ihr einige Aufſchlüſſe über die Geheimniſſe ihrer Herkunft er⸗ theilen konnte. Es überkam ſie daher ein unwider⸗ ſtehliches Zittern, als die Matrone auf ſo unver⸗ blümte Weiſe ihre Vermuthung beſtätigte. „Sie haben meine Eltern gekannt,“ ſagte Amanda; „um Alles in der Welt, ſagen Sie mir... Sie haben ſie gekannt.“ „Würde es Sie glücklich machen, Etwas von ihnen zu erfahren?“ „O gewiß!“ Amanda bedeckte einen Augenblick ihr Geſicht mit beiden Händen. Der Gedanke, dieſe erſehnten Auf⸗ ſchlüſſe zu erhalten, erfüllte ihre Seele mit dem lieb⸗ lichſten Behagen. Als ſie daher ihre Hände wieder ſinken ließ, ſtrahlte ihr Geſicht von Wonne. Es war ihr unmöglich, ſich länger zu beherrſchen. Sie wußte bereits, daß ſie eine Steinſäule vor ſich hatte, ſie hatte es an der Stimme der Alten gehört, in ihrem Auge geleſen, ihrer Stirne abgeſehen; aber dennoch ſank ſie vor ihr auf die Kniee, in der Hoffnung, dieſe Bildſäule durch flehende Bitten zum Sprechen bringen zu können. „Stehen Sie auf,“ ſagte Frau Schedvin. Die Kälte, womit die Matrone Amanda behan⸗ delte, zermalmte das Mädchen beinahe. Sie hätte ſich dieſe Feindſeligkeit nicht erklären können, wenn ſie nicht bereits geahnt hätte, daß ſie ſelbſt vielleicht, juſt durch ihre Geburt, in irgend eine ſchreckliche Berührung mit dieſer Dame gerathen ſei. Aber welche Urſache Frau Schedvin auch haben 230 mochte, Amanda zu haſſen, ſo darf man, um ihr höchſt unfreundliches Benehmen nicht gänzlich miß⸗ zuverſtehen, nicht vergeſſen, daß ſie, in Folge der Verſicherung Clara's, an ein Liebesverhältniß zwi⸗ ſchen ihrem Sohn und Amanda glaubte. Zwar ver⸗ mögen wir ſelbſt, da wir Frau Schedvins eigenthüm⸗ liche Stellung zu Amanda noch nicht kennen, auch die Bedeutung dieſes beſondern Umſtandes nicht zu beurtheilen; aber es will uns beinahe ſcheinen, als ob er einen mächtigen und augenblicklichen Einfluß auf ſie ausgeübt hätte. Der Cgoiſt iſt immer hart, kalt und unverträglich. Aber wenn Frau Schedvin auch von alten Zeiten her beſondere Veranlaſſungen hatte, feindſelig gegen Amanda aufzutreten, ſo konnte dieſe Feindſeligkeit doch nach Verfluß ſo mancher Jahre unmöglich einen ſolchen Charakter perſönlicher Bitterkeit und Härte annehmen, wenn nicht gerade im gegebenen Augenblick irgend Etwas mit eiſiger Hand in ihr Herz und ihr Leben eingegriffen hätte. „Setzen Sie ſich, Amanda,“ ſagte ſie.„Ich be⸗ fehle Ihnen, ſetzen Sie ſich.“ Amanda, ſelbſt eine vulkaniſche Natur, und ge⸗ wöhnt, zu herrſchen und zu befehlen, fühlte ſich gleich⸗ wohl dieſem eiſernen Weibe gegenüber wie vernichtet. „Sie ſind jetzt alt genug, um mich zu verſtehen,“ fuhr Frau Schedvin fort.„Ich will Ihnen eine Geſchichte erzählen.“ f Wenn dieſe Gelegenheit für Amanda von der größten Wichtigkeit war, ſo war ſie es in nicht ge⸗ ringerem Grade auch für Frau Schedvin. Sogar diejenigen Perſonen, die ſie am beſten zu kennen glauben durften, würden gleichwohl in dieſem Augen⸗ 231 blick etwas Neues und Unerklärliches an ihr entdeckt haben. Obſchon ſie härter als gewöhnlich geſtimmt war, ſo ſchien ſie gleichwohl nicht ſo heftig. Auch ihre Ausdrucksweiſe war anders: ſie tappte mit ihren Worten nicht im Finſtern herum, ſondern äußerte ſich trocken und kurz. „Vor vielen Jahren,“ begann ſie,„war ich mit einer Familie bekannt, die mir theuer und werth war. Der Mann war ein zwar ſchwacher, aber redlicher Charakter: er lebte für die Seinigen und war ſich der Verpflichtungen eines Hausvaters wohl bewußt. Die Frau war eine ordnungsliebende Per⸗ ſon, die mit Umſicht und Sorgſamkeit ihr Haus⸗ weſen verwaltete. Beide ſchätzten einander auch ſehr, und es ſchien ihnen Alles nach Wunſche zu gehen. Es konnte auch nicht anders ſein, da die Vorſehung eine verſtändige Arbeit immer mit Erfolg krönt. Ihre Geſchäfte gewannen eine gewiſſe Ausdehnung, und der Handel, den der Mann trieb, denn er war Kaufmann, geſtaltete ſich immer günſtiger. Er hatte ein eigenes Haus, ein eigenes Bureau, eine ſelbſt⸗ ſtändige Stellung. „Darf ich Sie fragen, Frau Schedvin, wie dieſe Familie hieß?“ fiel Amanda ein. Sie vermuthete nämlich, es ſei von ihren Eltern die Rede. „Dieſe äußere Unabhängigkeit,“ fuhr Frau Sched⸗ vin, ohne von der Frage Notiz zu nehmen, fort, „gab der Familie ein Gefühl des Stolzes und der Zufriedenheit. Beide Gatten glaubten damals noch, Nichts könne ihre Ruhe ſtören, und gleichwohl ſoll⸗ ten ſie bald in's tieſſte Elend verſinken.“ 232 Mit einer Aufmerkſamkeit, die man gierig nen⸗ nen könnte, folgte Amanda jedem Wort. „In ihrem ſehr hübſchen und geräumigen, ob⸗ ſchon in einer der kleineren Straßen der Stadt ge⸗ legenen Hauſe waren zwei Zimmer zu vermiethen. Sie hatten ſeit pielen Jahren leer geſtanden, und man hatte vergebens Miethsleute zu bekommen ge⸗ ſucht. Aber dies war auch nicht ſehr zum Verwun⸗ dern, da die Zimmer ungeſund, dunkel und unbehag⸗ lich waren. Sie befanden ſich im Erdgeſchoß, und kaum ein ſchwacher Lichtſchein fiel durch die kleinen Scheiben herein. Ueberdieß waren ſie nur durch eine Seitenthüre vom Kellereingang getrennt. Sie können ſich's alſo leicht ſelbſt denken, wie es da aus⸗ ſehen mochte.“ „Ach ja, Madame... fahren Sie nur fort... fahren Sie fort.“ „An einem rauhen Winterabend brachte inzwi⸗ ſchen der Mann die Nachricht nach Hauſe, daß es ihm gelungen ſei, die Zimmer zu vermiethen. Seine Frau freute ſich darüber; aber als ihr Maun hinzu⸗ fügte, der Miether wolle ſogleich einziehen, ſo lag doch die Vermuthung ſehr nahe, daß er ein obdach⸗ loſer Vagabund und Abenteurer ſei. In Folge dieſes Mißtrauens proteſtirte daher die Frau auch ſogleich gegen die Vermiethung, fand aber zum erſten Mal in ihrem Leben, daß ihr Mann einen eigenen Wil⸗ len hatte und feſt auf ſeinem Entſchluß beſtand. Die Zimmer wurden geheizt, man ſtellte ein Bett und einige Stühle hinein, und der Fremde nahm Beſitz davon. Eine Stunde ſpäter präſentirte ſich der Miether bei der Frau und wurde für den Abend zu — R 42 N—— Ou R ð— 233 Tiſch geladen. Sein Ausſehen und ſein Benehmen hatten etwas ganz Eigenthümliches: in ſeinem gan⸗ zen Weſen lag etwas Studirtes und Maskirtes. Im Uebrigen war er außerordentlich ſchweigſam. Er unterhielt ſich mehr mit dem Mann als der Frau, und dieſe bemerkte ein paarmal, wenn ſie von der Küche hereinkam, daß die beiden Herren ausweichend plötzlich auf andere Gegenſtände übergingen. Genug, Alles, was ſie hörte und ſah, flößte ihr Furcht und Kummer ein. Sie ſollte ſich auch in ihren Ahnun⸗ gen nicht getäuſcht finden. Von dieſem Tage an war es, als ſei ein böſer Geiſt in die Familie ge⸗ treten. Die Frau, die beſtändig ein Unglück fürch⸗ tete, das dem Haus von Seiten des unerklärlichen Miethers drohe, verlangte, der Mann ſolle ihr über die Art und Weiſe ſeines Verhältniſſes zu ihm Auf⸗ ſchluß ertheilen oder ihm aufſagen; aber er entzog ſich dieſen beiden Forderungen. Dabei blieb es nicht. Von dieſem Tag an hatte ſie keine Gewalt mehr über ihn. Sein ſchwacher Charakter entwickelte ſich jetzt auf eine beunruhigende Weiſe, und ſie ver⸗ lor alle Herrſchaft über ihn. Vergebens bot ſie alle ihre Kräfte auf, um ihn wieder zum Verſtand zu bringen, vergebens führte ſie alle ihr zu Gebot ſtehenden Mittel in's Feld, um den nützlichen Ein⸗ fluß zu behaupten, den ſie früher immer beſeſſen, und der ſo herrliche Früchte für das Wohl der Fa⸗ milie getragen hatte; je mehr ſie ſich anſtrengte, je mehr ſie kämpfte, um ſo klarer zeigte es ſich, daß der Miethsmann ihr alle Macht über ihren Mann entriſſen hatte. Früher war er beinahe beſtändig in ſeinem Comptoir geweſen, jetzt zeigte er ſich immer 234 ſeltener daſelbſt. Die Geſchäfte gingen daher, wie es Gott gefiel. Die glückliche ökonomiſche Stellung der Familie war bedroht. Die Gleichgültigkeit des Mannes und der Kummer der Frau vergrößerten die Verwirrung noch. So verfloſſen mehrere Jahre. Aber ein Unglück kommt nie allein. Bisher war ihre Ehe unfruchtbar geblieben; aber jetzt, als Alles um ſie her mit Untergang zu drohen anfing, kam für die Frau noch der weitere Kummer, daß ſie ſich Mutter fühlte. Das arme Weib, wie unglücklich war ſie nicht! Einen Augenblick hoffte ſie, ſie würde durch die Ankündigung ihrer rührenden Lage ihren Mann zu ſich zurückführen können. Und er ſchloß ſie auch wirklich an ſeine Bruſt, blieb aber nichts⸗ deſtoweniger auf dem betretenen Wege.“ Frau Schedvin ſprach fortwährend mit eiſiger Kälte. Amanda dagegen glühte. Die Eine war von Eis, die Andere von Feuer. „Der Miethsmann behielt ſeine Zimmer beſtändig; aber ſeine Lebensweiſe war ebenſo wunderlich wie ſein Charakter und erregte das Erſtaunen aller übri⸗ gen Hausbewohner. Mitunter ging er Abends aus und kam erſt ſpät am Morgen wieder. Aber wohin er ging, oder woher er kam, das blieb gänzlich un⸗ bekannt. Niemand kannte ihn und Niemand ſchien ihn kennen zu wollen. Zuweilen blieb er mehrere Wochen, ſogar Monate aus; aber wenn man glaubte, er habe den Platz für immer geräumt, und wenn man Gott dankte, daß man ihn los geworden, da erſchien er ganz unvermuthet auf's Neue.“ Frau Schedvin pauſirte einen Augenblick. Scharf und durchdringend haftete ihr Blick auf Amanda. ☛ 8— ☚ᷣ ————— 235⁵ Amanda hatte ſich vorgeneigt, um nicht ein ein⸗ ziges Wort zu verlieren. Das Intereſſe, womit ſie der Erzählung folgte, und das ſich ganz lebhaft in ihrem Geſicht abprägte, rief ein kaltes Lächeln auf Frau Schedvins Lippen. „Die Frau, welche die Hoffnung nicht aufgeben konnte, ihren Mann noch zu ſeinen Pflichten zurück⸗ führen zu können, ſtellte inzwiſchen,“ fuhr ſie fort, „ihre Beobachtungen an. Unter Anderem bemerkte ſie, daß ihr eigener Mann im Umgang mit ihrem Miethgaſt, den er ſonſt offenbar ſehr ſchätzte, eine gewiſſe Vorſicht an den Tag legte; er wich ihm in Geſellſchaft Anderer aus und ſuchte ihn gewöhnlich nur Abends, wenn es dunkel geworden war, auf. Aber da ihre Bemerkung ſie noch mehr von der Ge⸗ fährlichkeit des Unbekannten überzeugte, ſo beſchloß ſie auch einige Maßregeln zu ergreifen, welche ihr Gelegenheit verſchaffen konnten, das Geheimniß zu entdecken und möglicher Weiſe einen entſcheidenden Schlag zu thun. Eines Tags— der Miethgaſt war mehrere Wochen weggeweſen— gelang es ihr, den Schlüſſel zum Keller und zu den zwei unterirdiſchen Stuben, die er bewohnte, zu bekommen, und ſie be⸗ gab ſich hinab. Sie wollte vor allen Dingen den Platz unterſuchen, und dann erſt einen Entſchluß faſſen. Als ſie in die Zimmer hinabkam, befanden ſie ſich ſcheinbar in ihrem gewöhnlichen Zuſtand. Andere Möbel, als diejenigen, die ſie ſelbſt hatte hinbringen laſſen, waren nicht zu ſehen, nur daß eine Karte von ungewöhnlichem Umfang, die wie ein Gemälde in einen Rahmen gefaßt war, einen großen Theil der einen Wand bedeckte. Natürlich blieb ſie 236 auch vor dieſer Karte, als dem einzigen ihr fremden Gegenſtand, ſtehen. Dabei wurde ſie jedoch von einem unerwarteten Geräuſch im Hof überraſcht, und da ſie fürchtete, ihr Mann oder der Fremde könnte nach Haus gekommen ſein und ſie möglicher Weiſe bei ihrem verbotenen Vorhaben überrumpeln, ſo lehnte ſie ſich erſchrocken an die Wand zurück und faßte, um ſich zu ſtützen, den erſten beſten Gegen⸗ ſtand an, der ihr unter die Hand kam. Dies war natürlich die Karte, die bei dieſer Gelegenheit herab⸗ fiel. Als die Frau wieder zur Beſinnung kam und ſah, daß ſie ſich in Betreff des Geräuſches im Hof getäuſcht hatte, ſetzte ſie ihre Unterſuchungen im Zimmer fort. Zu ihrer Verwunderung entdeckte ſie jetzt, daß die Karte blos einen ſeit dem Einzug des Fremden durchgeführten Durchbruch der Wand be⸗ deckte, wodurch er ſich einen heimlichen Ausgang auf den Hinterhof gemacht hatte. Er hatte alſo unbe⸗ merkt gehen und kommen können, wenn er wollte; er hatte auch Gäſte empfangen können. Eine un⸗ beſchreibliche Angſt überfiel die Frau bei dieſer Ent⸗ deckung. Wenn ihr Mann Abends den Fremden beſucht und ſie ihn im Erdgeſchoß geglaubt hatte, konnte er ſich alſo auf dieſem Weg hinausgeſchlichen und auf den Straßen herumgetrieben haben. Das ganze Treiben der beiden Männer ſtand ihr jetzt klar vor den Augen. Ihre erſte Ahnung, daß der Fremde nur ein abenteuernder Wüſtling und lie⸗ derlicher Kerl ſei, in deſſen Hände ihr Mann jetzt gefallen, gewann immer mehr Glaubwürdigkeit. Wo⸗ hin ging denn auch ihr ganzes Vermögen ſo auf einmal? Alles, was ſie vorher angeſammelt hatten, —₰ 8=g=— PnSBSNR DU 8½ ſqS S ſchmolz jetzt zuſammen. In ihrer Angſt und Ver⸗ zweiflung gab ſie ſich das heilige Verſprechen, ſich keine Ruhe zu gönnen, bevor ſie die Schliche der beiden Männer auskundſchaftet hätte. Vielleicht war dies ein unglücklicher Entſchluß; aber erſt ſpäter lernt man ſeine Stellung recht beurtheilen und ſieht ein, wie man hätte handeln ſollen. Inzwiſchen beob⸗ achtete ſie, dieſem Entſchluß getreu, mit der größten Aufmerkſamkeit Alles, was im Erdgeſchoß vorging. Nach einigen Tagen kam der Fremde zurück, und ſo bald die Nacht einbrach, begab ſich ihr Mann zu ihm. Dießmal ſchien er indeß vorſichtiger ſein zu wollen als bisher, denn er wartete den Augenblick ab, wo er ſie eingeſchlafen glaubte. Die erſte Folge ſeiner ungewöhnlichen Vorſicht war jedoch, daß ſie ihrerſeits ihre Aufmerkſamkeit noch verſchärfte. Kaum hatte alſo ihr Mann ſie verlaſſen, ſo ſtand ſie auf, kleidete ſich eiligſt an und ging ihm nach. Schon im Hof bemerkte ſie, daß die Läden der kleinen Fenſter geſchloſſen waren, und obſchon dieſer Um⸗ ſtand durchaus nichts Ungewöhnliches hatte, ſo erhöhte er doch ihre Neugierde. Sie ſchlich ſich vorſichtig heran. Durch die Spalten entdeckte ſie, daß innen Licht brannte; auch hörte ſie Stimmen und unter ihnen die ihres Mannes. Ein ebenſo unwiderſtehlicher als qual⸗ voller Drang erfaßte ſie. Sie glaubte, der Augen⸗ blick zum Losbruch ſei gekommen. Entſchloſſen eilte ſie an den Eingang und klopfte mit einer Kraft, die ihr augenblicklicher Eifer verdoppelte, an die Thüre. Dieſe ging auch bald auf; aber denken Sie ſich die Verwunderung der armen Frau, die ein ganzes Weſpenneſt von Schmausbrüdern auszuheben glaubte und nun blos ihren Mann vor ſich ſah. Ich kann dieſen Auftritt kaum beſchreiben. Nachdem ſie ſich von ihrer erſten Verblüfftheit erholt hatte, brach ſie in Vorwürfe aus. Ihr Mann, der durch ihr plötz⸗ liches Erſcheinen im höchſten Grad überraſcht war, vermochte ſich kaum zu rechtfertigen. Alle ihre Ah⸗ nungen ſchienen auch ihre Beſtätigung zu finden. Im Zimmer ſtanden Gläſer und Flaſchen umher. Man hatte eine Orgie gefeiert. Mit ſtarken Aus⸗ drücken hielt die Frau ihrem Mann ſeine Aufführung vor. Seine matten und ausweichenden Antworten machten ſie noch hitziger. Von reinen Abſichten be⸗ ſeelt, als eine Gattin, die Nichts verſäumen will, wenn es ſich um die Rettung ihrer Familie handelt, bot ſie ihre ganze Beredtſamkeit auf, um ihn zur Ordnung zurückzuführen. Aber was that er? Er kehrte ihr den Rücken, und auf ein Zeichen von ihm öffnete ſich die geheime Thüre hinter der Karte, worauf eine Menge ihr unbekannter Leute herein⸗ ſtürzten. Der Augenblick war entſetzlich, aber die Frau verlor ihre Geiſtesgegenwart nicht. Sie ſagte ihnen allen geradezu in's Geſicht, was ſie von ihrem wüſten Treiben dachte, und machte ihnen Vorwürfe, daß ſie einen vorher geachteten Mann, deſſen Familie jetzt in Folge ihrer Liederlichkeit dem Verderben ent⸗ gegengehe, in ihre Windbeuteleien mit hineingezogen hätten. Aber ſtatt ihre Worte zu beherzigen, lachte man ſie blos aus. Sie hatte gehofft, die Bande vollſtändig zu entlarven und ſie wohl gar in Geſell⸗ ſchaft leichtfertiger Dirnen zu überraſchen; aber dieſe hatte man vielleicht fortſchaffen können. Daß ſie indeß die Abſcheulichkeit ihrer Lebensart ſelbſt ein⸗ 239 ſahen, bewieſen ſie am allerbeſten dadurch, daß ſie der Frau, bevor ſie ihr erlaubten, ſich zu entfernen, einen gräßlichen Eid abnöthigten, ſelbſt auf der Fol⸗ terbank nicht zu geſtehen, was ſie geſehen habe.“ Ohne einen Zug in ihrem Geſicht zu verändern, ſchöpfte Frau Schedvin wieder Athem. Amanda blieb ſtill und aufmerkſam. Mit blitzen⸗ den Augen folgte ſie jeder Bewegung der Matrone. „Von dieſem Zeitpunkt an,“ fuhr ſie fort,„ſoll⸗ ten ſich die Ereigniſſe ſchneller entwickeln. Nach eini⸗ gen Wochen wurde das Haus von Soldaten um⸗ ringt, die hauptſächlich den Eingang zum Erdgeſchoß bewachten. Der Befehlshaber drang in die Keller⸗ ſtuben, und nach einer Weile ſah man den Mieth⸗ gaſt gefeſſelt wegführen. Als dies ſich zutrug, war der Mann zufällig fort.“ „„Der Hausbeſitzer? der Wirth?““ „Wie ich ſage, er war fort; aber, als er heim⸗ kam, wurde er von der größten Angſt überfallen. Leichenblaß eilte er ins Erdgeſchoß hinab; die Frau, die über ſein Ausſehen erſchrack, eilte ihm nach; aber als ſie hinabkam, hatte er ſich bereits durch die ge⸗ heime Thüre entfernt. Acht Tage vergingen, ohne daß ſie Etwas von ihm erfuhr. Sie waren ſchreck⸗ lich, dieſe acht Tage. Am neunten zeigte er ſich wieder, aber niedergeſchlagen, bedrückt, ſtumm. Am Abend hatten die beiden Gatten eine Beſprechung. „„Du mußt fortreiſen,““ ſagte er,„„Du mußt auf's Land gehen. Ich habe einen Freund, der Dich empfangen wird.““ „„Fortreiſen? Warum?““ „„Darum weil Du, in Folge der Verhaftung un⸗ 240 ſeres Miethgaſtes, möglicher Weiſe als Zeugin vor Gericht geladen werden könnteſt.“ Und dann? Ich werde bezeugen, daß ihr wie 7/ // 444 . liederliche Geſellen gelebt habt, daß ihr.. „„Vergiß den Eid nicht, den Du uns geſchworen haſt. Bedenke wohl, was Du thuſt. Vor Gericht mußt Du Dich ebenfalls eidlich verpflichten, Alles zu ſagen, was Du gehört und geſehen haſt, und in welche Stellung wirſt Du nicht dadurch verſetzt? Nachdem Du uns geſchworen haſt, zu ſchweigen, mußt Du jetzt ſchwören, zu ſprechen. Reiſe fort, das iſt mein Rath.““ „So herzzerreißend für die Frau auch der Ge⸗ danke war, ihr Haus zu verlaſſen, zumal bei dem Mißtrauen, das ſie gegen ihren Mann hegte, ſo ent⸗ ſetzte ſie ſich doch vor der Stellung, welche dieſer ihr vor Augen hielt, und beſchloß alſo, ſich zu entfernen. Die Reiſe war auf den folgenden Tag feſtgeſetzt. Der Mann ging indeß, nachdem es ihm gelungen war, ſie für den Vorſchlag zu gewinnen, nach dem Abendeſſen, unter dem Vorwand wichtiger Geſchäfte, wieder aus. Aber jetzt kam der Argwohn mit wah⸗ rem Angſtſchweiß über die Frau. Sie fragte ſich, ob er nicht blos die Abſicht haben möchte, ſie zu be⸗ ſeitigen, um ſich dann ganz zwanglos ſeinen Neigun⸗ gen hingeben zu können. Wenn ſie überlegte, wie er ſie in den letzten Jahren behandelt hatte, ſo ſchien ſie darüber keinen Zweifel mehr hegen zu dürfen. Unruhe und Seelenpein verſcheuchten den Schlaf von ihren Augen. Sie erhob ſich aus einem Bett, das für ſie keine Ruhe mehr hatte; ſie kleidete ſich an und ging, voll Herzensangſt, im Zimmer ———,O SOOo Oeͤdͤ— X́e — ————— —— 8ͤ————ꝙ 241 auf und ab. Auf einmal flog ihr eine Idee durch den Kopf. Sie beſchloß, in die Zimmer hinabzugehen, die der Verhaftete bewohnt hatte. Als ſie in die Nähe kam, ſah ſie, ganz wie das erſte Mal, einen Lichtſtrahl durch die Spalten der Fenſterläden her⸗ vorbrechen. Sie hielt das Ohr hin. Sie lauſchte. Sie meinte Stimmen zu hören. Sie ſchlich ſich leiſe weg und den Kellergang hinab. Sie hatte nicht gehofft, den Schlüſſel in der Thüre zu finden; aber zu ihrer Ueberraſchung und Freude ſteckte er. Sie drehte ihn haſtig um. Male, wer kann, das Ent⸗ ſetzen, das ſie ergriff, als ſie ihren Mann ganz allein bei einem Frauenzimmer traf. Von Ver⸗ zweiflung erfaßt, wollte ſie voraneilen und den Treuloſen mit Vorwürfen überſchütten: aber ihr Fuß wankte, ſie verlor ihre Kraft, ſank ohnmächtig zu Boden, und als ſie... ich weiß nicht, nach wie vielen Stunden... wieder zu ſich kam, befand ſie ſich in ihrem Bette, mit einem neugebornen Kind an ihrer Seite. Aber es war todt. Der Schmerz der Mutter hatte das Kind getödtet. Frau Schedvin konnte kaum weiter ſprechen. Ihre Stimme war haſtig, ihre Athemzüge heiß und kurz. Durch Amanda's Kopf flog der Gedanke, daß Frau Schedvin ein Ereigniß aus ihrem eigenen Le⸗ ben beſchreibe. Aber Frau Schedvin unterlag dem fieberhaften Eindruck des übermächtigen Gefühls nur einen Augen⸗ blick. So bald ſie ihre exaltirte Stimmung bemerkte, legte ſie, gleichſam als Stärkung, die Hand auf ihre Bruſt und richtete kalt und trotzig von Neuem ihren Kopf empor. Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. III. 16 242 „Das Kind war todt,“ wiederholte ſie.„Dieſer Anblick erfüllte ſie mit Schrecken. Aber kaum hatte ſie es entdeckt, als daſſelbe Frauenzimmer, das ſie bei ihrem Mann getroffen hatte, ſich an ihrer Seite zeigte. Der Aufruhr ihrer verletzten Gefühle ver⸗ lieh ihr unerklärliche Kräfte; ſie hob das todte Kind in die Höhe, hielt es der Unbekannten vor die Augen und ſchwur ihr, unter krampfhaftem Hohngelächter, Rache. Darauf ſank ſie wie todt in ihr Bett zurück.“ So ſchrecklich die Lage war, welche Frau Schedvin mit ſo wilder Leidenſchaft ſchilderte, ſo ließ ſie ſich doch keine Schwäche mehr anmerken. Sie beherrſchte ſich, wenn auch nicht ohne Anſtrengung. „Wie viele Tage, Wochen oder Monate vergin⸗ gen,“ fuhr ſie fort,„ehe die Frau wieder geſund wurde, weiß ich nicht. Aber als ſie ſich von Neuem unter die Lebenden zählen konnte, da lagen die Welt und das Leben erblaßt hinter ihr, und die einzige Erinnerung, die in ihrer Seele brannte, war ihr Racheſchwur. Ein großes Unglück traf ſie um dieſe Zeit: der Mann mußte in Folge ſeiner ausſchwei⸗ fenden Lebensweiſe ſein Geſchäft aufgeben und machte Bankerott. So verging wieder eine lange Zeit. Kälte und Mißachtung bezeichneten fortwährend das gegen⸗ ſeitige Verhältniß unter den Gatten. Nichts ſchien ihnen mehr eine Freude verſprechen zu können. Er welkte, vielleicht von den Vorwürfen gequält, die er manchmal zu hören bekam, auf ſeine Art dahin, ſie auf die ihrige, mit ſtillem Durſt nach Rache. Eines Tags ſagte er zu der Frau:„„Erinnerſt Du Dich des Frauenzimmers, das im Erdgeſchoß unten war an dem Abend, wo Du...““ „„Wo mein Kind ſtarb? Ob ich mich ihrer er⸗ innere?““ „„Um Gottes willen, ſei nicht ſo heftig... die Umſtände...““ „„Die Umſtände... fahr' fort...““ „„Die Umſtände, worin ſie ſich befindet, ſind im höchſten Grad unglücklich und nöthigen mich, ihr von Neuem das Erdgeſchoß zu überlaſſen.““ „„Du willſt ſie alſo von Neuem in unſer Haus einführen?““ „„Ich kann nicht anders. Verhältniſſe, die ich Dir nicht zu geſtehen wage, nöthigen mich dazu. Sie iſt... ſchwanger.““ „Die Frau ließ ihren Zorn zum Ausbruch kom⸗ men. In heftigen Vorwürfen äußerte ſie ihren Argwohn. Bisher hatte ſie die Kraft gehabt, ihn bei ſich zu behalten; aber jetzt vermochte ſie es nicht länger. Der Mann ſchien ebenſo überraſcht als verlegen: er betheuerte zwar, daß ſie ſich täuſche, verwickelte ſich aber in Widerſprüche, die ſeine Schuld klar bewieſen. Inzwiſchen kam die Frau auf die Idee, die Unbekannte könne immerhin in's Haus ziehen... ſie bekam ſie ja dadurch ganz in ihre Nähe... und... und...“ Es lag eine ſchreckliche Drohung in dem Blick, womit Frau Schedvin dieſe Worte ausſprach. Amanda zitterte. Sie konnte ſich nicht länger täuſchen; es galt jetzt ihrer Mutter. „Die Unbekannte zog ein. Die Frau beſuchte ſie. Sie befand ſich wirklich in der Lage, von wel⸗ cher der Mann geſprochen hatte. Freundſchaft konnte natürlich unter ihnen nie aufkommen. Die Frau 244 beobachtete die Unbekannte mit den aufmerkſamen Blicken des Haſſes. Die Zeit ihrer Niederkunft rückte mit jedem Tag näher; aber vorher ſollte noch ein neues Unglück eintreffen. Eines Abends blieb der Mann vom Hauſe weg, und die Frau erhielt die Nachricht, daß er verhaftet worden ſei; warum? das konnte ſie nie erfahren. Die gegenſeitige Kälte zwiſchen den beiden Gatten hatte auch den Grad erreicht, daß es jedem Theil ganz gleichgültig war, wo der andere ſich befand. Aber bald entdeckte die Frau einen Umſtand, der ihre Aufmerkſamkeit noch mehr anregen ſollte. Als ſie eines Tags die Unbe⸗ kannte beſuchen wollte, war dieſe ausgegangen. In ihrer Lage war dies höchſt auffallend. Die Frau verdop⸗ pelte ihre Wachſamkeit. Die Unbekannte kehrte nicht auf dem gemöhnlichen Weg, ſondern durch den geheimen Gang zuruck. Am folgenden Tag kam ſie zu der Frau. „„Joh vin ein höchſt unglückliches Weib,““ ſagte ſie. „„Ich glaube es.““ „„Mein Mann...““ fuhr ſie fort. „„Ihr Mann? Sie lügen, Sie haben keinen Mann. Sie ſind...““ „Kalter Schweiß perlte von der Stirne der Unbe⸗ kannten. Die entſchloſſene Antwort der Frau wies ihre beabſichtigte Heuchelei zurück. Sie haben Recht,““ verſetzte ſie auch,„ich 4144 IIn habe keinen Mann. „Und ſie verſank in Betrachtungen, die ihrer Stellung würdig waren.“ „„Ich habe Sie um Etwas zu bitten,““ begann ſie indeß bald wieder.„„Ich ſehe, daß Sie mich nicht lieben, ja vielleicht haſſen Sie mich ſogar; aber Sie ſind Weib, Sie ſind Mutter geweſen, obſchon ein hartes Schickſal Ihnen nicht geſtattet hat, Ihr Kind zu behalten.““ „Bei dieſer Erinnerung zog ſich das Herz der Frau krampfhaft zuſammen.“ „„Zur Sache, Madame,““ antwortete ſie jedoch. „„Um was wollen Sie mich bitten?““ „„Sie wiſſen, daß ich auch bald Mutter werden ſoll. Aber ich habe auch einen Sohn...““ „Einen Sohn?“ wiederholte Amanda. Gleich einem Blitz flog der Gedanke durch ihre Seele, daß ſie vielleicht einen Bruder beſitze. Ohne ſich durch Amanda's Ausruf unterbrechen zu laſſen, fuhr Frau Schedvin fort. „„Sie beſitzen einen Sohn?““ wiederholte die Frau, die darin eine doppelte Anklage gegen ihren Mann erblickte;„„wo befindet er ſich? wo iſt er?““ „Aber die Heftigkeit, womit dieſe Fragen geſtellt wurden, erſchreckte die Unbekannte, und ſie zog ſich in ſich ſelbſt zurück.“ „„Madame,““ ſagte ſie, als ſie endlich wieder das Wort ergriff,„„verlangen Sie keine weitere Rechenſchaft über meine Verhältniſſe. Mein Leben muß ein geſchloſſenes Buch bleiben, deſſen Geheim⸗ niß ich vielleicht in's Grab mitnehmen muß. Ver⸗ ſprechen Sie mir jedoch Eines. Eine Ahnung ſagt mir, daß meine Tage bereits gezählt ſind. Ich fühle, daß die ſchrecklichen Schickſalsſchläge, die mich ge⸗ troffen, meine Kräfte bereits gebrochen haben, und ich ſehe voraus, daß ich vielleicht binnen Kurzem ein zartes, ſchwaches Weſen zurücklaſſen werde, ohne Schutz, ohne Obdach, ohne Namen.““ 246 „„Ohne Namen?““ wiederholte die Frau. „„Hören Sie mich ohne Unterbrechung an, Ma⸗ dame. Ich ſagte Ihnen, daß ich einen Sohn habe, ich ſagte Ihnen, daß alle meine Privatverhältniſſe wie Glieder einer gewaltſam zerriſſenen Kette hinter mir liegen, und daß ich ganz und gar keine Hoff⸗ nung habe, ſie wieder anzuknüpfen. Als ich genö⸗ thigt war, meinen Sohn wegzuſchicken, wünſchte ich ein Andenken von ihm zu beſitzen, das mich immer an ihn erinnere. Ich nahm einen Pfennig, ließ ihn mitten entzwei ſchneiden und hing den einen Theil an meine Bruſt, den andern an die ſeinige. Ich. glaubte damals nicht, daß ich unter ſolchen Umſtän⸗ den, worin ich mich jetzt befinde, zum zweiten Mal Mutter werden ſollte. Aber warum davon ſprechen? Nehmen Sie dieſen halben Pfennig, den ich mehrere Jahre lang an meinem Herzen getragen habe, und verſprechen Sie mir, daß Sie ihn, wofern es mir ſelbſt nicht möglich ſein ſollte, dem Kind anhängen wollen, das ich jetzt unter dem Herzen trage. Sie verſprechen mir's doch?““ „Die Frau verſprach es und war beinahe erfreut über den Gedanken, daß dieſes Kind in ihre Hände fallen ſollte. „Die Unbekannte traf hierauf mehrere andere Verfügungen für die Zukunft, und zu ihrer größten Verwunderung hörte die Frau, daß ſie dabei die aufopfernde Freundſchaft ihres Mannes ausſchließlich in Anſpruch nahm.“ „„Er kennt alle Verhältniſſe,““ ſagte ſie,„„er wird...“ „„Aber er iſt ja verhaftet.““ 3 „„Das beunruhigt mich nicht,““ erklärte ſie, er wird bald wieder frei werden.““ „Nach dieſer Beſprechung verabſchiedete ſich die Unbekannte in einer Stimmung, die ſich nicht leicht beſchreiben läßt, von der Frau. Aber dieſe dachte an ihr eigenes Kind, und ſie erblickte die Fügung einer rächenden Vorſehung darin, daß das Kind die⸗ ſes Weibes möglicher Weiſe in ihre Hände fallen ſollte. „Aber eine Sache beſonders blieb der Frau beſtändig im Gedächtniß und brannte ſie in der Seele. „Die Unbekannte hatte geſagt, daß ihr Mann, obſchon er jetzt verhaftet ſei, Nichts zu fürchten habe, ſondern bald ſeine Freiheit wieder erlangen werde. „Wie konnte ſie das wiſſen? Stand ſie auch jetzt noch, da er gefangen war, in Berührung mit ihm? „Die Frau hatte, um ſie zu beobachten, einen Diener im Hinterhof auf die Lauer geſtellt, und am folgenden Tag, als es bereits dunkel geworden war, meldete dieſer, daß ſie ausgegangen ſei. „Die Frau warf einen Mantel um und eilte ihr nach; ſie holte ſie auch bald ein und folgte ihr von ferne. Nach einer langen Wanderung trat die Un⸗ bekannte endlich in ein Haus. Von einem Vorüber⸗ gehenden erfuhr die Frau, daß dies ein öffentliches Gefängniß war. Der Beſuch galt offenbar ihrem Mann. Obſchon der Abend weit vorgeſchritten und finſter und das Wetter rauh war, ſo beſchloß ſie doch, die Unbekannte zu erwarten. Es ſchlug acht, es ſchlug neun, es ſchlug zehn. Das waren ſchwere Stunden. Endlich kam ſie heraus. Das Wetter war immer ſchlechter geworden: es regnete und ſtürmte. Es war jetzt ſo dunkel, daß die Frau dicht II II 248 neben ihr einherſchreiten konnte. Die Unbekannte ging langſam. Sie blieb mitunter ſtehen: ſie klagte und wimmerte. Sie war krank. Ihre Tritte began⸗ nen wankend zu werden. Manchmal eilte ſie blitz⸗ ſchnell voran, manchmal wieder lehnte ſie ſich jam⸗ mernd an ein Haus oder ein Stakett. Die Frau errieth bereits, was dieſes Unwohlſein bedeutete. Die Unbekannte ging die Noroſtrömſtraße hinab, aber als ſie in die Nähe des Pechlin'ſchen Hauſes kam, ſchien ſie keinen Schritt mehr thun zu können. Ihre Schmerzen müſſen unerhört geweſen ſein. Mehr als einmal war die Frau im Begriff, ihr zu Hilfe zu eilen; aber immer trat wieder das Bild ihres eige⸗ nen todten Kindes vor ihre Augen, und ſie hielt ſich zurück. Die Unbekannte hatte nur noch wenige Schritte bis an das genannte Haus zu thun, als ihre Kräfte ſie auf einmal verließen, ſo daß ſie mit einem ſchrecklichen Angſtſchrei zu Boden fiel. In dieſer Lage konnte die Frau ſie unmöglich laſſen. Aber was konnte ſie thun? Sie klingelte und pochte an der Pechlin'ſchen Thüre, und als ſie Tritte heran⸗ kommen hörte, da zog ſie ſich zurück. Der Portier, der mit einer Laterne verſehen war, bemerkte die ohnmächtige Frau ſogleich und rief mehrere Perſonen herbei, welche ſie aufhoben und hineintrugen. Aber im nächſten Augenblick kam ein Bedienter aus dem Hauſe geſprungen, und die Frau, die ſich aus Neu⸗ gierde der Thüre genähert hatte, wurde beinahe über den Haufen geworfen.“ „„Was wollen Sie? Was thun Sie hier?““ fragte der Bediente;„„wer ſind Sie?““ „„Eine Hebamme,““ antwortete die Frau, welche ———-““ Ge B. 3 CS= SSSSSE das Geſchäft des Bedienten errieth und in dieſer An⸗ gabe das einzige Mittel erblickte, um hineinzukommen.“ „„So folgen Sie mir.““ „Die Frau folgte. Als ſie hineinkam, fand ſie die Unbekannte mehr todt als lebendig. Des Ge⸗ ſchäftes nicht ganz unkundig, entſprach ſie der Ab⸗ ſicht, in welcher ſie gerufen worden. Aber als das Kind ſeinen erſten Athemzug that, da that die Mut⸗ ter ihren letzten. Die Frau nahm den halben Pfen⸗ nig, ſagte, ſie habe ihn an der Mutter Bruſt gefun⸗ den, warf die Schnur dem Kind um den Hals und verließ das Haus.“ Amanda ſaß wie verſteinert da. Mehr als ein⸗ mal hatte ſich ein Ausruf zwiſchen ihren Lippen her⸗ vordrängen wollen; aber ſie hatte ihn mit Gewalt unterdrückt, weil ſie die Erzählerin weder durch einen Laut noch durch eine Geberde unterbrechen wollte. Wie ein von brennendem Durſt geplagter Wüſten⸗ wanderer nach einem Waſſertropfen lechzt, ſo lechzte Amanda nach jedem Wort und fürchtete beſtändig, Frau Schedvin möchte vielleicht aus bloßer Laune mitten in der Erzählung abbrechen und ſie nicht vollenden. Ueber zwei Punkte hatte ſie ſich bereits eine beſtimmte Ueberzeugung gebildet, nämlich daß Frau Schedvin die Perſon ſei, deren Namen ſie nicht nannte und welche ſie immer blos ganz allgemein als„die Frau“ bezeichnete, und daß die Unbekannte, deren Namen ſie ebenfalls verſchwieg, ihre eigene Mutter ſei. Aber als Frau Schedvin den Vorfall im Pechlin'ſchen Hauſe erzählte, der vollkommen mit dem übereinſtimmte, was Amanda bereits wußte, und ihr alſo keine Zweifel mehr geſtattete, da war 250 es ihr unmöglich, den Ausdruck der Gefühle zurück⸗ zuhalten, die jetzt durch ihr Herz ſtrömten. Sie er⸗ hob ſich. Die Bildſäule bekam Leben. Ihre Augen brannten. Wie ſchrecklich ſtanden nicht die Leiden der Mutter vor ihren Blicken! Sie wollte ſprechen, wollte Gottes Strafe über diejenige herabrufen, die ohne Rührung und Mitgefühl dieſe Martern geſehen hatte. Aber da traf ſie ein ſo drohender Blick von Frau Schedvin, daß die Worte auf ihren Lippen er⸗ ſtarben. Sie vermochte ſich jedoch nicht wieder zu ſetzen, ſondern blieb ſtehen. Unter dieſem kalten Blick gefror ſie beinahe zu Eis. „Nach kurzer Zeit,“ fuhr Frau Schedvin fort, „kam der Mann frei aus dem Gefängniß zurück. Die erſte Perſon, nach welcher er fragte, war die Unbekannte; aber die Frau...“ „Die Frau?“ wiederholte Amanda. „Die Frau erklärte ihm, ſie wiſſe nicht, wohin dieſelbe gekommen ſei.“ „Wie abſcheulich!“ rief Amanda, unwiderſtehlich hingeriſſen von dem ſchmerzlichen Eindruck.„Sie beraubte alſo das Kind aller Aufſchlüſſe, welche der Mann hätte geben können?“ Frau Schedvin betrachtete Amanda blos mit un⸗ veränderlicher Kälte, aber der eiſige Zauber in ihrem Blick war verſchwunden. Amanda faßte jetzt in ihrer Liebe für das Andenken ihrer Mutter neuen Muth. „Sie müſſen mir,“ bat ſie,„den Namen dieſer Unbekannten, den Namen meiner Mutter ſagen.“ Frau Schedvin blieb unbeweglich. „Mehr als einmal,“ antwortete ſie nach einer Weile,„bat die Frau ihren Mann, er möchte ihr das Verhältniß geſtehen, worin er zu der Unbekann⸗ ten geſtanden; mehr als einmal hatte ſie auch die Unbekannte um eine wahre Erklärung dieſes Ver⸗ hältniſſes angegangen; aber beide weigerten ſich deſſen, beide ſegneten das Zeitliche, ohne ihr Sün⸗ denbekenntniß abgelegt zu haben.“ Sie verſtummte. Dieſes Schweigen entſprach auf eine ſo bedeu⸗ tungsvolle Art dem Inhalt ihrer Antwort: für Amanda eröffnete ſich darin gleichſam ein unend⸗ licher leerer Raum, wo kein Leitſtern mehr für ſie leuchtete. „Als der Mann zurückgekommen war,“ fuhr Frau Schedvin endlich fort,„ſuchte er ſeine Angelegen⸗ heiten wieder zu ordnen; aber vergebens. Bedürf⸗ niß und Noth führte die Gatten einander wieder etwas näher; die Frau ſchenkte ihrem Mann einen Sohn und auch eine Tochter, aber Liebe und Ver⸗ trauen blühten doch nie wieder auf zwiſchen ihnen. Die Geſundheit des Mannes war zerrüttet, ein neues Unglück traf ihn, und in einem Augenblick, wo er es am wenigſten vermuthete, wurde er von einem Schlag getroffen, der ihm auf einmal die Sprache raubte. Die Frau ſah, daß er reden wollte, aber die Stimme verſagte ihm ihren Dienſt. Sie gab ihm ein Bleiſtift und Papier, und nun ſchrieb er einen Namen, den Namen der Unbekannten, woraus ſie den Schluß zog, daß er ein aufrichtiges Bekennt⸗ niß ablegen wolle; aber er konnte nicht fortfahren, ſeine Hand ſank ohnmächtig nieder.“ 25² „Und dieſer Name,“ wiederholte Amanda,„die⸗ ſer Name...“ „Sie wünſchen alſo aus vollem Herzen, dieſen Namen von mir zu erfahren?“ „Wie könnte ich anders? Ach, Madame, ſagen Sie mir den Namen meiner Mutter... Ich bitte Sie... haben Sie Barmherzigkeit mit einem vater⸗ und mutterloſen Weſen... geben Sie mir dieſen Namen... dieſen einzigen Strohhalm eines Erbes ... damit ich erfahre, wer ich bin.“ Dies war eine aus ihrem Innerſten dringende Bitte, ein Seufzer in Worten. Alle Wünſche ihres Lebens beugten in ihrem Herzen das Knie vor dieſem einzigen Wunſche. Der Gedanke an ihre Mutter war bisher blos eine ſchwebende, geſtaltloſe und unbegrenzte Vorſtel⸗ lung geweſen, wie die Luft, der Raum, die Wolke; aber jetzt hatte er Form gewonnen, und es fehlte ihm nur noch ein Name, um für ihre Seele eine leibhaftige Wirklichkeit zu werden. Die Blumen auf dem Felde und die Sterne am Himmelsgewölbe bleiben nur glänzende Myſtifikatio⸗ nen, bis man ſie mit Namen nennen kann. Für Amanda war es von der höchſten Wichtig⸗ keit, den Namen ihrer Mutter zu erfahren; nur dieſer ſagte ihr, wie der Name es der Blume ſagt, welcher Familie ſie angehörte. Bisher hatte ſie der Luft, dem Raum, dem Wolkenreich anzugehören geglaubt, und wenn ſie jetzt um Nennung des Namens ihrer Mutter flehte, ſo flehte ſie eigentlich blos um ein grünes Zweiglein in der weiten Welt, das ihr wirklich angehören würde. 0—2 A Sie hatte noch nie eine Gemeinſchaft mit ihrer Mutter gehabt, aber im Namen meinte ſie eine ſolche zu erhalten. Sie ging in ihrer lebhaften Phantaſie noch weiter. Sie glaubte mit dem Namen ihre Mutter beinahe aus dem Grab zurückrufen zu können. Sie blickte Frau Schedvin in's Auge. Ein Strahl leuchtete ihr aus demſelben entgegen. Die Lippen der Matrone bewegten ſich. Amanda's Herz ſtand ſtill vor banger Erwartung. „Meiner Mutter Namen!“ ſtammelte ſie noch einmal.„O Madame, nennen Sie mir meiner Mut⸗ ter Namen.“ Aber bald veränderte ſich der Ausdruck in Frau Schedvins Geſicht. Der Haß zog ſeine Gewitter⸗ wolke auf ihrer Stirne zuſammen. Rache ſpielte in ihrem Blick. „Nie,“ rief ſie,„in Ewigkeit nie! Sie mögen bitten, flehen, ſeufzen, weinen, winſeln— Sie wer⸗ den den Namen Ihrer Mutter nie erfahren.“ Es war, als hätte ein Blitz eingeſchlagen und Amandas lieblichſte und ſchönſte Hoffnung, die un⸗ ſchuldigſte, die vielleicht je in dieſem ſüdländiſchen Vulkan geblüht, auf einmal zermalmt. Mit einem Angſtſchrei ſank ſie zu Boden; aber ſie blieb nicht lange in dieſer Stellung, ſondern fuhr wieder auf. „Das ſoll meine Rache ſein,“ ſagte Frau Sched⸗ vin,„daß ich Sie nach dem Namen Ihrer Mutter ſchmachten, daß ich Sie muthmaßen und rathen laſſe, und daß Sie ihn dennoch nicht erfahren ſollen. Sie mögen ihn auf Erden und im Himmel ſuchen, Sie werden ihn nicht ſinden; Sie mögen Tag und Nacht 254 darum ſeufzen, kein Echo wird Ihnen antworten. Ihre Einbildungskraft wird Sie in der Welt umher⸗ jagen, aber Sie werden die grüne Oaſe nicht finden, nach welcher Ihre ganze Seele verlangt.“ n Amanda ſtand mit blitzfunkelnden Augen vor der Alten. „Sie wollen mir den Namen meiner Mutter nicht ſagen; nun wohl, ſo will ich Ihnen dagegen ſagen, wer dieſe Freundin war, von der Sie geſpro⸗ chen haben, dieſe Frau, deren Glück zerſtört wurde, dieſes Weib voll Haß und Rache, deren Herz nicht einmal in einem Augenblick der entſetzlichſten Noth gerührt wurde, weil ſie damit ihr Opfer zermalmen zu können glaubte; dieſe Ihre Freundin, dieſe Frau, dieſes Weib iſt Niemand anders, als Sie felbſt. Gottes Strafe wird Sie treffen.“ Aber Amanda's Angriff beugte Frau Schedvin nicht, ſondern ſchien ihre Erbitterung vielmehr noch zu ſteigern. „Trotzen Sie mir nicht,“ ſagte ſie;„Sie ver⸗ geſſen Eines: wenn ich die Frau bin, von der Sie geſprochen haben, ſo beſitze ich auch mehr als irgend Jemand das Recht, Sie daran zu erinnern, daß Sie ein unehelicher Wechſelbalg ſind.“ Bei dieſer Antwort zog ſich Amanda unwillkür⸗ lich zurück; dieſer Gedanke war ihr noch nicht ge⸗ kommen. Sie ſtand jetzt geſchlagen und vernich⸗ tet da. In dieſem Augenblick traten Clara, Daniel und Alexander ein. Frau Schedvin warf einen drohenden Blick um ſich. 75 2— zn — —— ——— — „Weißt Du, wer dieſe da neben Dir ſind?“ ſagte ſie zu Amanda, indem ſie auf Clara und Daniel deutete.„Antworte mir, ich befehle Dir zu ant⸗ worten.“ „Ich verſtehe,“ antwortete Amanda;„ja, ich weiß es.“ „Soll ich's ihnen auch ſagen, was Du biſt?“ „Nein, um Gottes willen, nein, nein!“ „Daniel,“ ſagte die Alte darauf,„denke nie daran, dieſes Weib zu heirathen; lieber würde ich jede Gaſſendirne als Schwiegertochter ſegnen.“ Siebenzehntes Kapitel. Politik. Intrigue und Eiferſucht. Die Kommiſſion. Am Hof war weder Ruhe noch Friede mehr. Die unruhevolle Lebhaftigkeit der Königin erhielt Alles in beſtändiger Aufregung. Sie war die allzeit fieberiſch klopfende Pulsader der Ereigniſſe. Wenn ſie ſich über die Bedächtlichkeit und das ängſtliche Schwanken des Königs auf der einen Seite manch⸗ mal betrübte und ärgerte, ſo fand ſie darin anderer⸗ ſeits auch einen aufmunternden Sporn, um nicht zu ſagen eine Nöthigung, wenigſtens hinter den Cou⸗ liſſen in den Gang der öffentlichen Angelegenheiten einzugreifen. Wir wiſſen, daß die Königin die Abſicht hatte, den Reichsſtänden eine offene Anklageſchrift gegen den Rath einzureichen. Aus dem erſten Theil des vorliegenden Werkes kennen wir auch den Inhalt dieſer Schrift und wiſſen, daß die Königin ſie als 256 ein wichtiges Staatsgeheimniß bewahrte, um im Augenblick der Entſcheidung eine um ſo wirkſamere Ueberrumplung damit hervorzurufen. 3 Aber der Plan war hauptſächlich in der Hoff⸗ nung entworfen worden, daß Brahe Landesmarſchall 5 werden müſſe, worin der Hof bereits einen überr zeugenden Beweis geſehen hätte, daß er eine ſichere Stütze im Ritterhaus beſitze. Als inzwiſchen dieſe Vorausſetzung in ihr Nichts zerfiel, da wurde die Königin einen Augenblick unſchlüſſig, ob ſie den Plan ausführen ſolle oder nicht. In der Partei ſelbſt waren die Anſichten getheilt. Die Mehrzahl behauptete jedoch, die Reichsſtände könnten unmöglich ſo weit gehen, mit der Königs⸗ macht zu brechen und auf die Seite des Rathes zu treten, ſondern das Schreiben müſſe eine politiſche Kriſis und einen Wechſel im Rathsperſonal hervor⸗ rufen, worin der Hof die erſte Bedingung für die Ermöglichung ſeiner Abſichten, und die Mützen ihr einziges Ziel erblickten. Nur Höppener beſtand mit unerſ ſchütterlicher Feſtig⸗ keit auf der Verwerfung des ganzen Vorſchlags. „In der Politik,“ ſagte er,„hat der Staats⸗ mann dieſelben Verpflichtungen, wie der Feldherr im Kriege; er muß ſeine eigene Stellung, ſowie die Kräfte und den Charakter ſeines Feindes einfach und 3 klar in's Auge faſſen. Je mehr ich die Anſichten des Hofes ſich entwickeln ſehe, um ſo ſchwächer er⸗ ſcheint er mir. Es fehlt ihm an Zuſammenhalt, an Thatkraft, an einem entſchloſſenen Willen, der Alles 6 unter eine einzige Eingebung beugt. Der Hof wünſcht eine Veränderung— für wen? für den Hof; ——— —½ — ¹²0 A& . 8 257 die Mützen wünſchen eine Veränderung— und wo⸗ zu?— einzig und allein zum Vortheil der Mützen. Keiner von beiden Theilen iſt von dem einzigen großen Gedanken ergriffen, der unmittelbar zu allen Herzen zu dringen vermag, der alle edlen Gemüther in der hinreißenden Sprache gemeinſamer Vaterlands⸗ liebe vereint, der alle kleinen Parteidifferenzen in ein herrliches, alles Andere in der Vogelperſpective zu ſeinen Füßen verdunkelndes Bild zerſchmelzen ſieht, welches, um mich ſo auszudrücken, ein außer den Parteiabſichten und dem Parteigezänke liegender feſter und unveränderlicher Punkt iſt, von wo aus man mittelſt einer entſchloſſenen und kräftigen That die gegenwärtig beſtehende Unordnung auf einmal über den Haufen werfen und einen politiſchen Zuſtand gründen kann, der für die Monarchie und das Volks⸗ wohl gleich förderlich iſt.“ „Und worin,“ fragte man,„beſteht dieſer große Gedanke, dieſer Punkt außerhalb der Parteien?“ „Im Vaterland.“ „Und was meinen Sie mit dieſer That?“ „Revolution.“ Die Partei zuckte die Achſeln. Nur die Königin lauſchte ſeinen Worten mit ſtillem Ernſt. Sie dachte an Eva im Paradies, an die Schlange und an die verbotene Frucht. Aber trotz ſeiner Unſchlüſſigkeit ſollte der Hof bald zu einer That gedrängt werden. Der Rath hatte von dem beabſichtigten Schreiben der Königin erfahren und hielt es für klüger, das Prävenire zu ſpielen, als ſich überrumpeln zu laſſen, reichte alſo ſchon am 3. November ein Schreiben an die Reichs⸗ Nidderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. III. 17 258 ſtände ein, worin er dem Hof auf's Handgreiklichſte den Fehdehandſchuh hinwarf. „Der Reichsrath,“ hieß es in dieſem Dokument, „beeilt ſich, den hochlöblichen Reichsſtänden die Mit⸗ theilung zu machen, daß der bei verſchiedenen Ge⸗ legenheiten zu Tage gekommene Mangel an Ueber⸗ einſtimmung zwiſchen königlicher Majeſtät und dem Reichsrath daher entſtanden iſt, weil die unterthä⸗ nigen Vorſtellungen des Reichsraths königlicher Ma⸗ jeſtät nur in ſo fern einer Beachtung würdig ſchie⸗ nen, als königliche Majeſtät ihre Beiſtimmung zu geben geruhen würde, und weil dieſe Beiſtimmung bei königlicher Majeſtät eine vorausgehende Prüfung der vom Reichsrath angeführten Gründe und Er⸗ wägungen erheiſchte.“ Jetzt war keine Zeit mehr zu zögern. Der König fühlte ſich durch dieſe Eingabe des Raths perſönlich beleidigt und ließ ſich dadurch beſtimmen, ſchon drei Tage nachher, d. h. am 6. November, die von ihm unterzeichnete Schrift einzureichen, welche den Reichs⸗ ſtänden noch am ſelben Tag zukam. Damit war der politiſche Krieg begonnen. Beide Parteien waren aus ihren Verſchanzungen hervorgetreten und trafen ſich jetzt im offenen Feld. Mit welcher Entſchloſſen⸗ heit, um nicht zu ſagen Begierde, der Rath den hingeworfenen Handſchuh aufnahm, läßt ſich ſchon daraus erſehen, daß er ſchon am folgenden Tag den Reichsſtänden ſeine Gegenbemerkungen vorlegte. Die politiſche Lage des Landes um dieſe Zeit wird am beſten durch den ſolchergeſtalt eingeleiteten öffentlichen Schriftenwechſel bezeichnet. Der Schlüſſel zu den vielen Verwicklungen der nächſten Zeit muß ——————„ 8 gS SGSͤAX XSS=Z —— u n—6—— 259 auch in dieſen Aktenſtücken geſucht werden. Es war nicht das erſte Mal, daß die Königsmacht und der Rath einander bekämpften, aber es war das erſte Mal, daß ſie einander offen bekriegten, und daß die Reichsſtände das Schiedsrichteramt zwiſchen ihnen verwalteten. Um diejenigen unſerer Leſer, die ſich für das politiſche Leben der Zeit intereſſiren, in den wirk⸗ lichen Charakter des Streites einzuweihen, nehmen wir uns daher die Freiheit, einige kurze Auszüge aus dem Schriftenwechſel hier anzuführen. In der Antwort des Rathes heißt es: „... Die Reichsräthe haben, dem Geſetze ge⸗ mäß, immer verlangt, daß ihre unterthänigen Vor⸗ ſtellungen, welche die meiſten Stimmen vereinigten, bei Sr. königlichen Majeſtät giltig ſein ſollen; wo⸗ gegen Se. königliche Majeſtät dabei geblieben iſt, daß die Annahme eines ſolchen Mehrheitsbeſchluſſes auf die eigene gnädige Prüfung königlicher Majeſtät ankommen müſſe.“ „... Wäre dies Sr. Majeſtät hohes Recht, ſo würde das Gewiſſen Sr. Majeſtät das ſchwediſche Reichsgeſetz. Das Gewiſſen gründet ſich auf Be⸗ griffe, und die Begriffe ſind faſt bei allen Menſchen verſchieden. Gottes geoffenbartes Wort hat daher das Gewiſſen der Menſchen an die Verordnungen gefeſſelt, die darin vorgeſchrieben werden, und in politiſchen Angelegenheiten ſind die Gewiſſen an die Geſetze des Volkes und des Reiches gebunden. Dieſe werden die Regel, nach welcher alle Gegenſtände in der Regierung eines Reichs geprüft werden müſſen.“ 260 „Da alſo die hochlöblichen Stände des Reichs aus Sr. Majeſtät eigener Vorſtellung erſehen haben, welche Gefahr das Reich jetzt bedroht u. ſ. w.“ Aus der Gegenantwort des Königs entnehmen wir nachſtehenden Paſſus: „... Wenn ich in Betreff der Ideen und Motive, die mir vom Reichsrath an die Hand gegeben wur⸗ den, genau prüfen zu müſſen geglaubt habe, in wie fern ſie mit meinem theuren Eid vereinbar ſind, ſo iſt dabei niemals meine Abſicht geweſen, mich der Mehrheit des Reichsrathes widerſetzen oder die Aus⸗ führung eines ſeiner Beſchlüſſe verhindern zu wollen. Die Regierungsform, der Beſchluß der Reichsſtände und mein Eid ſprechen ganz deutlich aus, daß die Beſchlüſſe der Mehrheit des Raths unter ſeiner eigenen Verantwortlichkeit ausgeführt werden müſſen, ob der König ſie unterzeichnet oder nicht, woran er etwa durch Abweſenheit oder Unpäßlichkeit verhindert wer⸗ den könnte. Alſo hat es ſich meinerſeits niemals um Oppoſition oder Hinderniſſe gegen die Ausfüh⸗ rung von Mehrheitsbeſchlüſſen gehandelt; aber da ich für meine eigene Perſon meinen theuren Eid ge⸗ ſchworen, wodurch ich mich in§. 14 heilig verpflich⸗ tet habe, ſelbſt die ſtärkſte Schutzwehr meiner Unter⸗ thanen gegen alle Eingriffe in ihre rechtmäßige Frei⸗ heit zu ſein, da ich in§. 5 erkläre, daß ich vor Gott verpflichtet ſei, die gute Regierung des Reichs, ſowie die Aufrechterhaltung meiner eigenen Rechte und der Rechte der Stände mir vor allen Dingen angelegen ſein zu laſſen, ſo habe ich dies nicht anders verſtanden, als daß ich die Motive und Ideen, welche mir der Nath an die Hand gibt, genau prüfen und überlegen * müſſe, um, falls ſich Etwas darin fände, was ſich mit meinem Eid und meiner Verſicherung nicht ver⸗ einigen ließe, wenigſtens meine Vorſtellungen dar⸗ über zu Protokoll geben zu laſſen, obſchon ich die Ausführung, welche der Verantwortlichkeit des Rathes anheimfällt, weder verhindern kann noch verhindern will.——— Wenn es einem Regenten nicht zur Laſt gelegt werden darf, daß er aus menſchlichem Gefühl ein Todesurtheil nicht unterzeichnen will, ob⸗ ſchon daſſelbe gleichwohl vollzogen wird, ſo hätte ich mir gerne eine ähnliche Freiheit gewünſcht, im Fall ich wider Vermuthen Etwas finden ſollte, was meiner theuern Verpflichtung und irgend einem Recht meiner Unterthanen widerſtritte, um ſo mehr als die Mehr⸗ heit des Reichsraths mich von meiner Verſicherung nicht dispenſiren kann. Und worin würde meine Verſicherung, nach dem Geſetz regieren zu wollen, beſtehen, wenn ich ohne Einwendung Dinge unter⸗ ſchreiben müßte, die ich demſelben widerſtreitend finde? Wenn mir dies jetzt als eine überflüſſige Bedenklichkeit ausgelegt wird, ſo kann ich mich in meinem Innern darüber freuen, daß man mir nichts Anderes vorwerfen kann, als ein allzu großes Zart⸗ gefühl in Betreff meiner Verſicherung.“ „Der Reichsrath beliebte deßhalb den Ständen zu erklären, was er in ſeinem Auszug aus dem Protokoll vom 7. hujus unter den Worten verſtehe: eine dem Reich drohende Gefahr und ſeine bedenk⸗ liche Lage.“ „Ich wundere mich jetzt weniger, daß überall im Reich ſo viele ungünſtige Gerüchte und Druckſchrif⸗ ten in Betracht einer vermeintlichen Gefahr für die 262 Freiheit in Umlauf geſetzt worden ſind, wenn ſelbſt die Reichsräthe ſo ſchlimme Schlüſſe aus meinen un⸗ ſchuldigen Erklärungen gezogen haben. Da ich wäh⸗ rend meiner Regierung nie etwas Anderes als die Grundgeſetze und meinen Eid zur Richtſchnur für mein Gewiſſen genommen habe, ſo ſtelle ich's den Reichsſtänden anheim, ob dies eine unfreundliche Auslegung verdient...“ Dieſer Schriftenwechſel regte die politiſchen Par⸗ teien im höchſten Grade auf. Der vulkaniſche Stoff, der ſich immer in der Tiefe derſelben regt, kam in Aufruhr. Man ſprach von nichts Anderem, man dachte an nichts Anderes. Auf beiden Seiten be⸗ trachtete man den Staat als von großen Gefahren bedroht. Die Hüte meinten, der König bedrohe den Fortbeſtand der Freiheit und wolle die unumſchränkte Herrſchaft wieder einführen; die Mützen dagegen be⸗ haupteten, der Rath habe die Geſetze übertreten und ſich eine Gewalt angemaßt, die ihm geſetzlich nicht zukomme. Auf dieſe Art bekam der Schriftenwechſel ſeinen eigenthümlichen Schwung, ſeine eingreifende Bedeutung, ſeine augenblickliche Phyſionomie. Der Zankapfel war mitten in die Reihen geworfen, und Jeder zeigte ſich in ſeiner wahren Geſtalt, wobei die Minorität mit großer Unvorſichtigkeit zu Werke ging. Wenn der König über den Erfolg ſeines Wage⸗ ſtückes, wofür er das Unternehmen bereits hielt, recht nachdenklich wurde, ſo begab er ſich an ſeine Drechſelbank, und juſt um dieſe Zeit hatte er die glückliche Idee, ſeiner Gemahlin eine Garnwinde zu verfertigen, ohne daß uns die Geſchichte darüber auf⸗ klärt, ob er ihr dadurch auf eine feine Art zu ver⸗ —+ n8 aN ſtehen geben wollte, ſie ſolle jetzt den Knäuel der Ereigniſſe, worein ſie ihn, wie er ihr im Stillen vorwarf, verwickelt hatte, auch wieder zu entwirren ſuchen. Die Königin zitterte vor Bangigkeit und Span⸗ nung. Sie glaubte an die geſunde Auffaſſung, welche das Volk der Staatsverfaſſung geben müſſe, folglich an das vernünftige Nationalgefühl appellirt zu haben. Sie ſchwankte zwiſchen Furcht und Hoff⸗ nung. Ferſen handelte ruhig, aber entſchloſſen und wie es ſein ariſtokratiſcher, beinahe epiſcher Charakter mit ſich brachte. Teſſin glühte von genialem Feuer⸗ eifer. Palmſtjerna's Stirne war düſter und drohend; er ſah allenthalben Geſpenſter. Chrenpreutz ſchnupfte öfter als gewöhnlich, und der Eine und Andere, der es bemerkte, behauptete, er wolle die ganze Welt hinaufſchnupfen. Nur Pechlin lächelte. Aber während man auf ſolche Weiſe mit ge⸗ ſpannter Unruhe und Aufmerkſamkeit dem wechſeln⸗ den Gang der politiſchen Discuſſionen folgte, blieben auch die mehr perſönlichen Privatverhältniſſe am Hof nicht ganz beim Alten. Lieutenant Graf Creutz hatte erklärt, er würde im Namen ſeiner Schweſter Alma ihre Entlaſſung von ihrer Stelle am Hof begehren, in der leicht ver⸗ ſtändlichen Abſicht, ſeinem Freund Röhr dadurch beſſere Gelegenheit zu geben, ihr ſeine Huldigungen darzubringen. Aber obſchon weder die Königin noch Alma ſelbſt glauben wollten, daß er ſeine Drohung 264 in's Werk ſetzen würde, ſo reichte er nichtsdeſtoweni⸗ ger eines ſchönen Tags ein ſolches Geſuch beim Reichsmarſchallamt ein. Die Königin fühlte ſich zum Widerſtand gereizt, und zwar nicht blos aus Aerger über dieſe offenbare Feindſeligkeit des Bruders, ſon⸗ dern auch in Folge einer wirklichen Anhänglichkeit an Alma, die ſo nach und nach entſtanden war, aber ihre beſtimmtere Richtung allerdings erſt erhalten hatte, nachdem Alma der Königin ihre Neigung für Puke anvertraut. An keinem Hof in der Welt kann indeß ein Handel wie dieſer ſchwer in Gang zu bringen ſein. Es war da ein reicher junger Mann, ungeheuer eitel und folglich auch ein bischen einfältig, der hei⸗ rathen wollte; ferner ein ſchönes und liebenswürdi⸗ ges Mädchen, das ihn nicht haben wollte, weil es einen Andern liebte. Endlich befand ſich da auch ein Bruder, der eigenſinnig war, und ein alter Raths⸗ herr, der vollkommen alles nöthige Vertrauen auf ſeine eigene Weisheit und Welterfahrung beſaß. Für eine Hofintrigue konnte man doch keinen beſſeren Einſchlag verlangen, beinahe kaum für einen Roman. Am Hof lebte ein älteres Fräulein C., die ſitzen geblieben war, obſchon ſie einer der erſten Familien des Landes angehörte. Jedermann ſchätzte die alte Dame wegen ihrer guten Eigenſchaften, wie auch wegen ihrer vielen Ahnen, und man wunderte ſich blos darüber, daß dieſe auf der Wage des Schalks Amor gar Nichts zu gelten ſchienen. Die Königin hatte in neueſter Zeit eine längere vertrauliche Beſprechung mit ihr gehabt, die eine durchgreifende Veränderung in ihrem ganzen Weſen 265 zu bewirken ſchien, denn ihre Wangen begannen wieder aufzublühen, die Lilien der Stirne kehrten zurück, und die Augen wurden von einem Strahl belebt, der zu gleicher Zeit die Macht der Erinne⸗ rung und die Eingebungen der Hoffnung verkündete. Einige Tage ſpäter ſtieß Silfverhjelm— natür⸗ lich ganz zufällig— mit Röhr zuſammen. „Iſt es wahr, Röhr,“ fragte er,„was man all⸗ gemein erzählt, daß Du in eines unſerer Hoffräulein vernarrt biſt?“ „So, ſo, man ſpricht allgemein davon, ſagſt Du? Nun, ich läugne es nicht... aber ſie iſt auch ver⸗ dammt ſchön. Man hat Geſchmack, Silfverhjelm; das iſt immer mein Unglück geweſen, daß ich Ge⸗ ſchmack habe.“ „Das ſieht man Dir wohl an, Röhr; Du biſt der eleganteſte Kavalier in der ganzen Hauptſtadt. Aber Du befindeſt Dich auch in der glücklichen Lage, nicht ſparen zu müſſen, ſondern kannſt alle Deine Launen befriedigen.“ „Das iſt wahr, Silfverhjelm; es fehlt mir eigent⸗ lich Nichts, und dennoch kommt es mir vor, als ob mir Alles fehlte.“ „Das kommt daher, mein Freund, daß Du liebſt und vielleicht nicht wieder geliebt wirſt.“ Röhr ſah ihn verwundert an. „Aus was ſchließeſt Du das, Silfverhjelm? Ich kann Dich verſichern, daß ich in dieſer Beziehung vollkommen ruhig bin. Obſchon ich allerdings bis jetzt keine Gelegenheit zu einer Erklärung gefunden habe, ſo bin ich doch überzeugt, daß ſie mir ohne alles Bedenken ihre Hand reichen wird, ſobald ich 266 ſie begehre. Ein Mann wie ich verſteht ſich auf die Sache. Man hat ſich nicht blos zum Spaß ein Bischen in der Welt umgeſehen. Die einzige Luſt und Freude der Frauenzimmer iſt, zu heirathen; in dieſen armen Herzchen lebt kein anderer Wunſch. Nein, zum Henker, ſie will mich allerdings haben, und ich ſage Dir gerade heraus, daß ich ſie auch haben will; denn ſiehſt Du... um ganz aufrichtig zu ſein... ich denke, es müßte ſich gar nicht ſchlecht ausnehmen, wenn ich ein Weibchen an meiner Seite hätte, das meine Freunde und Bekannten als Gräfin von Röhr begrüßen müßten... nicht wahr, das klingt verdammt hübſch... Frau Gräfin von Röhr. Im Uebrigen weißt Du, daß ich gern den blanken Degen ziehe und meinen Mann ſo geſchickt bediene, wie irgend einer; ſollte alſo Jemand ſo vergeßlich ſein, meine Frau ganz einfach Frau von Röhr zu nennen, nun ja, ſo gibt's halt ein Duell, flugs ein Duell. Dieſer Puke da, mit dem ich mich vor eini⸗ ger Zeit geſchlagen habe, wird mich mein Seel nicht ſo bald vergeſſen. Kennſt Du Puke?“ „Er hat Dich ja aber doch an den Baum feſt⸗ geſpießt?“ „Das war das Beſte, was er thun konnte. Ich gehe noch weiter und ſage, es war die einzige Art, wie er ſich retten konnte, denn hätte er mich nicht an den Baum feſtgeſpießt, wie Du Dich auszudrücken beliebſt, ſo hätte ich ihm im nächſten Augenblick meinen Degen mitten durch den Leib gerannt. Ich ſage auch nicht, daß der Kerl dumm war, ſondern blos, daß er ſehr vorſichtig war und nicht ſchlecht Angſt hatte. ———————— ———+——— 267 „Aber ich meine, Du haſt ſo eben geſagt, es ſei Dir manchmal zu Muth, wie wenn Dir Alles fehlte. Da Du doch liebſt und wieder geliebt wirſt, da Du ein ſo gutes und helles Urtheil, ſo ausgezeichnet glückliche geſellige Gaben beſitzeſt, in den vornehm⸗ ſten Häuſern gerne geſehen, tapfer und reich, ein hochangeſehener Ritter ohne Furcht und Tadel biſt, was kann denn die Welt noch beſitzen, um das Du ſie zu beneiden hätteſt, das Deine Begierde reizen, Deiner Bruſt einen Seufzer entlocken könnte? Du wirſt doch mit Deinem kühnen Geiſt der Vorſehung nicht alles Gute rauben wollen, was ſie beſitzt?“ Röhr murmelte Etwas vor ſich hin, wie wenn er mit ſeinen Gedanken nicht recht herausrücken wollte. Inzwiſchen meinte Silfverhjelm eine gewiſſe verletzte Eitelkeit darin zu erblicken. „Weißt Du, was ich an Deiner Stelle thäte?“ fuhr er daher fort. „Laß hören.“ „Du meinſt, die Welt wiſſe Deine Verdienſte nicht gebührend zu würdigen.“ „Das habe ich juſt nicht geſagt, obſchon...“ „Sei aufrichtig gegen mich, Röhr. Ich bin ein einfacher Edelmann wie Du, und weiß recht wohl, wo Unſereinen der Schuh drückt. Iſt es vielleicht nicht wahr, daß unſre Grafen und Barone ſich un⸗ endlich über uns erhaben dünken? Halten ſie nicht ihre Köpfe in die Höhe, wie chineſiſche Puppen? Haſt Du z. B. nicht bemerkt... es iſt zwar blos eine Kleinigkeit, aber an Kleinigkeiten bemerkt man doch immer wenigſtens den Naſenzipfel einer großen Sache... haſt Du z. B. nicht bemerkt, daß ſie be⸗ 268 ſtändig thun, als ob ſie Deinen Namen vergeſſen hätten? Haſt Du nicht darauf Acht gegeben, daß ſie nie Deinen Namen und Rang nennen? Da heißt es immer:„mein Freund?“ Wollen Sie, mein Freunde verſtehen Sie, mein Freund? Man braucht kein ſyrakuſaniſches Ohr zu beſitzen, um der⸗ gleichen Töne zu begreifen: ſie ſind die Gnadentöne gräflicher Vornehmheit, das ſüße Geliſpel freiherr⸗ licher Herablaſſung. Aber vielleicht haſt Du dieſe ganze Geſchichte gar nicht beachtet?“ „Doch, Silfverhjelm, ich hab' es mehr als ein⸗ mal bemerkt. Du ſprichſt wirklich meine innerſten Gedanken aus. Ich bin der Bruder und gute Freund aller unſerer vornehmen Herren, aber es kommt mir doch beſtändig vor, als ob ſie den eigentlichen Rahm der Brüderſchaft abſchäumen wollten. Ich habe mir auch vorgenommen, ihnen keine Auſternſchmäuſe mehr zu geben. Ich bin reicher als die meiſten von ihnen, eleganter als irgend einer, meine Ahnen haben ſo viele Gräber als mehrere Grafen zuſammen, und dennoch beſteht zwiſchen ihnen und mir eine Diſtanz, in welcher manchmal der Teufel vor meinen Augen zu tanzen ſcheint. In ſolchen Momenten ſchmeckt mir ſelbſt der Wein, den ich mit ihnen trinke, gallen⸗ bitter. Aber was würdeſt Du an meiner Stelle thun?“ „Ich würde an Deiner Stelle einen großen Schritt thun, ich würde einen Entſchluß faſſen, der meiner ſelbſt und meiner geſellſchaftlichen Stellung würdig wäre, ich würde ihnen zeigen, daß ich ſelbſt Mann bin. Apropos, Du ſtimmſt ja mit den Hüten?“ 269 n„Ja allerdings; ich thu' Alles, um was ſie mich ie bitten.“ 8„Da haſt Du den Grund. Nein, Röhr, nein, n das taugt Nichts. Aendere Deine Geſinnung, ſtelle n Dich den Machthabern gegenüber, mache Ihnen Op⸗ r⸗ poſition, ſtimme gegen ſie, ſprich und handle gegen ſie; e das iſt für einen reichen und talentvollen Mann, wie b ⸗ Du biſt, der einzige Weg, um ein hohes, mit Einfluß ſe verbundenes Ziel zu erreichen. Du begreifſt wohl, daß ſſtee, da ſie die Macht bereits beſitzen, Deiner nicht bedür⸗ 1⸗ fen. Sei deßhalb klug, tritt auf die Seite des Hofes, n thue es entſchloſſen, ein für alle Mal, werde ein Hof⸗ d mann. Bei Hof bedarf man Deiner. In der Noth G r. nimmt man jedes Scherflein mit Freuden an.“ n„Wahrhaftig, Silfverhjelm, Du haſt gar nicht r ſo Unrecht: ich glaube wirklich, daß Du mein Freund r biſt; aber ſiehſt Du...“ 3„Zweifelſt Du vielleicht daran, daß Du eine paſ⸗ 0 ſende Vollmacht als Eintrittskarte erhalten würdeſt?“ d„Das juſt nicht; aber um eine ſolche zu bekom⸗ men, ſind Empfehlungen nöthig, und ich geſtehe, daß ich zu ſtolz bin, Jemand darum bitten zu wollen. t Ich bin überzeugt, daß die königliche Familie mich . nicht mit Mißfallen bei verſchiedenen Gelegenheiten e, im Scloſſe geſehen hat; aber jedenfalls...“ „Jetzt ſprichſt Du wie ein geſcheidter Kerl, Röhr! Jedermann muß zu ſtolz ſein, um ſich irgendwo ein⸗ zubetteln. Aber man hat ſeine Rechte: dieſe Rechte ſind mehr werth als Grafen⸗ und Barons⸗Rang, ſie ſind rein menſchlich, ſie ſind die Inſignien unſerer göttlichen Herkunft. Um keinen Preis in der Welt möchte ich ſie verſchenken. Ein Orden, eine Deko⸗ ——— 270 ration, irgend ein Titel oder Rang, alles das ſind bloße Schatten gegen den Rang, welchen wir vermöge eines feſten Charakters, eines reinen und edeln Willens, einer mannhaften Geſinnung beſitzen. Um Gunſt bitten heißt noch nicht ſie verdienen; um Gunſt betteln heißt ſich erniedrigen. Nein wahrhaftig, Röhr, Du biſt ein Mann, und Du brauchſt nur zu wollen, um ſchon in vierundzwanzig Stunden eine Anſtellung bei Hof zu haben. Was wollte ich doch ſagen? Du liebſt ein Hoffräulein... gut, aber Du haſt noch keine Gelegenheit gehabt, ihr Deine Abſichten zu erklären? Das beweist doch ganz klar und deutlich, daß ihre Angehörigen es auf eine feine Art hintertrieben haben.“ „Glaubſt Du das?“ In Röhr kochte der Zorn bereits. „Was ſoll man glauben? Sie iſt ja ſelbſt eine geborne Gräfin?“ „Ja, gewiß.“ „Und Du biſt kein Graf. Eine ſolche Partie iſt und bleibt, dem alten Vorurtheil gegenüber, im⸗ mer eine Mesalliance. Man hat blos ſeinen Scherz mit Dir getrieben, Röhr!“ Bei dieſem Gedanken wurde Röhr blutroth vor Aerger. „Wenn das wahr wäre, was Du ſagſt, bei Gott, ſo tödte ich auf der Stelle...“ „Keine Extreme, Röhr! Ein verſtändiger Mann muß ruhig bleiben. Glaube mir, Du rächeſt Dich am allerbeſten, wenn Du Dich von Deinen Freun⸗ den unabhängig machſt. Als Hofmann hätteſt Du überdieß die allerbeſte Gelegenheit, mit Deiner Flamme Sœ&ᷓCn7= 8 Ao SSoan e—,—— zuſammenzutreffen. Soll ich mit der Königin reden? Du kannſt die Antwort ſchon morgen haben. Denk' nur, wie das Deine Freunde überraſchen würde, Du könnteſt ihnen einen verdammten Spuck ſpielen.“ „Ja, wirklich, ich würde ihnen einen Spuck ſpie⸗ len... Komm,, laß uns hier hineingehen und einen Schluck nehmen... komm, Silſverhjelm, komm'!“ Drei bis vier Tage nachher war Röhr zum Kam⸗ merjunker ernannt, und am Morgen deſſelben Tags war die Uniform fertig. Abends zeigte er ſich be⸗ reits bei Hofe. Jeder Hof erſcheint demjenigen, der ihn zum erſten Mal betritt, als eine Maskerade, und man muß ihm ſehr lange angehört haben, bevor man ſagen kann, man habe ihn ohne Masken geſehen. Die Außenſeite iſt glänzend und prachtvoll, wie es im Innern ausſieht, bleibt den Meiſten unbekannt. Der Sodomsapfel hat bekanntlich eine ſehr hübſche Schale, iſt aber inwendig voll von todter Stauberde. So heruntergekommen und ſchwach war niemals ein Hof, daß nicht der Ehrgeiz von einer Jakobsleiter daſelbſt hätte träumen können; auch war nie einer ſo ernſthaft, daß nicht die Liebe da ihre Pfeile ge⸗ ſpitzt und ihren Köcher geladen hätte. Wenn der Ehrgeiz und die Liebe ſich irgendwo ein Rendezvous gegeben haben, um gegenſeitig ihre ſchwachen Seiten auszubeuten, ſo iſt dies am Hof. Die Sage ſpricht von einem Vogel im Morgenland, der beſtändig über die Erde hinfliege und ſie niemals mit ſeinem Fuß berühre. In der fürſtlichen Gnade erblickt der Hof gewöhnlich einen ſolchen Vogel. Auf jedem Kopf— fügt die Sage hinzu— auf welchen dieſer 272 Vogel ſeinen Schatten wirft, wird früher oder ſpäter eine Krone ſitzen. Dies die Urſache des beſtändigen Ringens nach der Krone der Gnade, d. h. nach einem Schatten. Wie herrlich und glänzend erſchien nicht das bunte Treiben am Hof dem neuen Hofjunker! Er hatte den Hof allerdings ſchon manchmal beſucht, aber er hatte nicht ihm, ſondern vielmehr einer Ge⸗ genpartei angehört und die feindſelige Geſinnung derſelben getheilt, wenn auch nicht aus eigener Ueberzeugung, ſo doch, weil es nun einmal ſo ange⸗ nommen war; für die Menge ein ganz gewöhn⸗ licher Grund. Seit er jetzt übergetreten war und ſich mit ſchmeichelhafter Achtung empfangen ſah, fand er Alles ganz anders; er war jetzt eitel Entzücken, Begeiſterung und Bewunderung. Schon bei ſeiner erſten Beſprechung mit der Kö⸗ nigin äußerte dieſe, ſie glaube zu wiſſen, daß er eines der Fräulein am Hof liebe, und er könne auf ſie zählen. Röhr war im ſiebenten Himmel. Unter den Hoffräulein ſtrahlte ſein Stern in nicht geringe⸗ rem Glanze. Er wurde allerwärts mit der verbind⸗ lichſten Zuvorkommenheit empfangen. Kaum hatte er Zeit, mit Fräulein Alma ein Wort zu wechſeln, als auch ſchon eine Andere ihn unterbrach. Die allgemeine Aufmerkſamkeit, die ihm geſchenkt wurde, ſchmeichelte ſeiner Eigenliebe ungemein. Er betrach⸗ tete ſich bereits als einen Phönix am Hof, und er las in den Augen ſeiner Freunde und Bekannten nicht weniger Neid als Aerger über ſeinen Uebertritt. Die Gelegenheit, Alma täglich zu ſehen und mit ihr zuſammenzutreffen, ſteigerte inzwiſchen ſeine Liebe ☛- 8 1——— immer mehr. Bei dem leichten Converſationston, der an den Höfen vorherrſcht, glaubte er auch be⸗ reits ihr nicht blos ſeine Liebe eröffnet, ſondern auch ihren Beifall erhalten zu haben. Ganz eingenommen von ſeinem Glück, beſuchte er Lieutenant Creutz, und obſchon dieſer Röhrs Anſtellung bei Hof nicht bil⸗ ligte, ſo freute er ſich doch über die Nachricht, daß Alma endlich nachgegeben habe. „Sobald ſie den Hof verlaſſen hat,“ erklärte Creutz,„will ich mit meinem Onkel Ehrenpreutz re⸗ den, und dann ſoll eure Verlobung gefeiert werden.“ „Was ſagſt Du? So bald ſie den Hof verlaſſen hat? Nein, mein Freund, ich wünſche, daß ſie ihn nicht verlaſſe. Die Königin liebt ſie. Auch ich habe Einfluß... ich kann bedeutend avanciren, und Deine Schweſter hat, als meine Frau, ſogar Hoff⸗ nung, mit der Zeit Staatsdame zu werden... nein, nein, ſage ich... ſie und ich, wir ſind beide für den Hof geſchaffen. Ich fühle mich juſt da in meinem rechten Element.“ Creutz hörte ſeinen künftigen Schwager nicht ohne Verwunderung an. „Alles das iſt ſchön und gut,“ antwortete er, „aber ich habe ihr Entlaſſungsgeſuch eingereicht und dabei bleibt es.“ Röhr bekam Grillen in den Kopf. Von Ereutz hinweg begab er ſich zu ſeinem Freund Silfverhjelm, welcher ihm rieth, mit der Königin zu ſprechen, die ihm auch ſogleich Audienz ertheilte. „Sie kommen in Ihren Herzensangelegenheiten, von Röhr,“ ſagte die Königin gleich bei ſeinem Ein⸗ tritt zu ihm. Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. III. 18 274 „Ew. Majeſtät,“ ſtammelte Röhr,„es iſt un⸗ möglich, Ihnen Etwas geheim zu halten; Sie ſehen in meine Seele, Sie durchſchauen mein Herz.“ „Das iſt gut, von Röhr,“ unterbrach ſie ihn; „ich liebe raſche Entſchlüſſe. Sie haben doch mit den Verwandten Ihrer Dame geſprochen und deren Beifall erhalten?“ „Natürlich, Ew. Majeſtät.“ „Und mit ihr ſelbſt?“ „Auch das.“ „Apropos,“ fuhr die Königin fort,„heute Abend verſammle ich einen kleinen Zirkel bei mir. Kommen Sie auch hin, von Röhr, dann wollen wir Ihnen zu Ihrem Glück gratuliren.“ Röhr ſtand auf den Zinnen des Tempels der Glückſeligkeit. Die Königin hielt Wort.. Der Hof hatte ſich ſehr zahlreich verſammelt. Der König ſah ganz verjüngt aus. Man hatte ihm geſagt, daß eine kleine luſtige Verwechslung ſtattfin⸗ den werde. Er lächelte ſo freundlich und gutmüthig, er ließ ſeine Finger krachen. Als Röhr ankam, hatte er Creutz an ſeiner Seite. Chrenpreutz hatte, in Folge der Vorgänge in der letzten Zeit, nicht mitkommen wollen, aber endlich beſchloß er nebſt einigen andern Reichsräthen doch hinzugehen. „Ich habe mich anders beſonnen,“ ſagte Creutz auf dem Hinweg zu Röhr.„Du ſagteſt neulich, Du gedenkeſt Deine Stelle bei Hof zu behalten.“ „Ja.“ „Du ſagteſt auch, meine Schweſter ſei bei der Königin gut angeſchrieben, und ich weiß, daß ſie das iſt. Da nun Alma früher oder ſpäter doch Deine Frau wird, und da die Königin ſowohl ſie und Dich ſo freundlich behandelt, ſo habe ich, um euch zu zei⸗ gen, daß ich ein ſolches herzliches Verhältniß zu würdigen weiß, heute das Abſchiedsgeſuch zurückge⸗ nommen und werde es Alma, ſo bald eure Verlobung bekannt geworden iſt, als den erſten Beweis meiner brüderlichen Verſöhnlichkeit und Freundſchaft zurück⸗ geben. Du biſt doch damit einverſtanden?“ „Vollkommen, Bruder, vollkommen. Du han⸗ delſt edel, ritterlich.“ Sobald ſie in den Hofzirkel traten, wurde Röhr von den glänzendſten Trabanten deſſelben umgeben. Er hatte noch nie einen wichtigeren Augenblick erlebt. Ohne daß ein Wort geſprochen wurde, drückte man ihm von allen Seiten die Hand. Er verſtand dieſes Schweigen und dieſe Aufmerkſamkeit ſo wohl: man fand keine Worte, um das Glück aus⸗ zudrücken, das ihm entgegenkam. Die Zukunft lächelte ihm in den prismatiſchen Farben des Augenblicks ſo entzückend zu. Noch zeigte ſich weder die Königin, noch eine ihrer Damen; aber man erwartete ſie jeden Augen⸗ blick. Dieſes Warten, das jeden Andern ſehr genirt haben würde, war für Röhr blos ein verlängerter Triumph. Gegenſtand der allgemeinen Aufmerkſam⸗ keit, glaubte er, daß alle irdiſche Seligkeit ihn ſtrah⸗ lend umgebe. Aber auf einmal ging ein Gemurmel durch den Saal. Röhr fuhr unwillkürlich zuſammen. Die Flügelthüren öffneten ſich. Die Königin erſchien auf 276 der Schwelle. Röhr fühlte ſich verwirrt und geblen⸗ det. Hinter der Königin kam der Hofmarſchall Horn, der die Braut führte. Röhr ſah ihre weiße Hand, die in der Hand des Hofmarſchalls ruhte; aber ſie ſelbſt war durch die Königin noch verdeckt. Wie heftig, wie gewaltſam pochte nicht Röhrs Herz? Seine Eitelkeit und ſeine Eigenliebe waren bis zum Ueber⸗ maß befriedigt, und dieſes Uebermaß wurde zur Ver⸗ legenheit. Er ſtand im Begriff, ſeiner Braut einen Schritt entgegenzutreten, aber er zog ſich mit geſenk⸗ tem Blick vor der Königin zurück, die jetzt über die Schwelle trat und auf den König zuging. In die⸗ ſem Augenblick legte der Hofmarſchall die Hand der Braut in die Hand Röhrs und ſtellte Beide den An⸗ weſenden vor. Aber wer beſchreibt Röhrs Ueber⸗ raſchung, als er ſtatt des Fräuleins Creutz Fräu⸗ lein C. an ſeiner Seite ſah! Sein Geſicht verlän⸗ gerte ſich, die Augen ſchienen aus ſeinem Kopf fallen zu wollen, die Wangen erblaßten, er wollte ſprechen, aber bevor die Zunge ihren Dienſt thun konnte, er⸗ ſchollen von allen Seiten Glückwünſche, und der Hof⸗ marſchall überreichte ihm im Namen des Königs ſeine Beſtallung als Kammerherr. „Um Gottes willen, ſtell' Dich nicht albern an, wie ein Landjunker,“ flüſterte ihm Silſverhjelm in's Ohr. Röhr richtete ſich mechaniſch in die Höhe. „Statte dem König und der Königin Deinen Dank ab,“ fuhr Silſverhjelm fort.„Bedenke, daß Du Hofmann biſt, und daß Alles auf Dich ſieht.“ Dies war ein Sporn, der dem armen Röhr Schweißtropfen auf die Stirne jagte, denn er wollte ——— 277 vor allen Dingen als ein eleganter Mann, als ein Mann von Welt angeſehen werden. Stammelnd verbeugte er ſich. „Herr Kammerherr,“ unterbrach ihn der König. Er war das erſte Mal, daß dieſer Titel in Röhrs Ohr erklang, und dieſer Klang hatte einen ſo eigen⸗ thümlichen Reiz für ihn, daß er nahe daran war, alles Andere zu vergeſſen. „Herr Kammerherr,“ fuhr der König fort,„Sie müſſen ein wahrer Weiberheld ſein, daß Sie Fräu⸗ lein C. ſo ſchnell zu beſiegen vermochten. Ha, mein Fräulein, haben Sie ſich doch endlich in Hymens Schlinge verfangen?“ Röhr biß ſich in die Lippen. „Du biſt ein wahres Glückskind,“ flüſterte Silf⸗ verhjelm wieder.„Wie Alles Dich in dieſem Augen⸗ blick beneidet! Der König ſelbſt betrachtet Deinen Sieg mit Bewunderung.“ „Aber zum Teufel, das iſt ja...“ Er wollte hinzufügen, es ſei ein Irrthum be⸗ gangen worden. „Still, um Alles in der Welt, ſei ſtill,“ flüſterte Silfverhjelm,„Du vergiſſeſt Dich... Sieh' nur, wie Deine Braut von Wonne ſtrahlt. Meiner Treu, Du biſt ein abgefeimter Schelm. Wir glaubten alle, es gelte dem Fräulein Creutz, und jetzt war es Fräu⸗ lein C. Beim Himmel, kein Menſch hat je beſſer Karten geſpielt als Du. Kein Wunder, daß Du den Namen Deiner Holden gar nie ausgeſprochen haſt. Das iſt ein wahrer Genieſtreich von Dir, Du biſt ein großer Mann, Röhr. Schon Kammerherr, — u u n— u n c— 0MO 0 278 mein Gott, ſo nimmt das kühne Talent das Glück beim Kragen feſt. Du biſt ein ächter Diplomat.“ Röhr lauſchte der Rede des Freundes. Es war wirklich wahr— er erinnerte ſich jetzt— daß er den Namen des Fräuleins Creutz nie ausgeſprochen hatte, und ſein Geſicht verzerrte ſich auf eine verzweifelte Art, aber das Spiel war jetzt ein für allemal ver⸗ loren: er mußte ſeine Ehre als Kavalier, als Hof⸗ mann, als Mann von Welt retten, wie es einem Herrn von Röhr gebührte und zuſtand.“ „Ha ha ha,“ lachte er daher endlich, obſchon es im Anfang etwas hart ging,„ja, ja, Du haſt mich mit Recht einen Diplomaten genannt, ha ha ha! Habe ich's nicht fein hinausdreſſirt? Jedermann glaubte... ha ha ha!“ „Und welche gute Wahl Du getroffen haſt!“ fuhr Silfverhjelm fort;„Deine Braut gehört einer der vornehmſten Familien des Landes an. Du kannſt Dich jetzt nöthigenfalls bald für eine Frau Gräfin von Röhr duelliren.“ Röhr richtete ſich auf. „Deine Braut naht heran,“ bemerkte Silfver⸗ hjelm in dieſem Augenblick,„welche Figur, welches Geſicht, welcher Liebreiz! Noch einmal, Du biſt ein wahres Glückskind.“ Mit einer Verwunderung, die ſich nicht beſchrei⸗ ben läßt, betrachtete Graf Creutz, was vor ſeinen Blicken verhandelt wurde. Einen Augenblick fun⸗ kelten ſeine Augen vor Zorn. In der Abſicht, weg⸗ zugehen, kehrte er eine Weile der Scene den Rücken, dann aber machte er wieder Rechtsumkehrt und ging direkt auf Röhr zu. — 279 „Röhr,“ ſagte er zu ihm,„Du haſt Dich wie ein armſeliger Tropf benommen; Du biſt ein Menſch ohne Charakter, ohne Grundſätze... Du haſt...“ Röhr fühlte ſich beleidigt. „Was ſagſt Du da?“ erwiederte er.„Ich ſei ein Menſch ohne Charakter und Grundſätze? Viel⸗ leicht könnte ich mit mehr Recht Dir dieſe Vorwürfe machen.“ „Du?“ „Haſt Du mich nicht immer verſichert, Dein höch⸗ ſter Wunſch ſei, daß Deine Schweſter...“ „Still... Still...“ Je lauter Röhr ſprach, um ſo kitzlicher fand Creutz den Gegenſtand. So wie die Sache jetzt ſtand, wollte er um jeden Preis verhindern, daß die beab⸗ ſichtigte Verbindung zwiſchen Röhr und ſeiner Schwe⸗ ſter allgemein bekannt wurde. „Kannſt Du es leugnen,“ fuhr inzwiſchen Röhr fort,„daß Du mir ſelbſt Hinderniſſe in den Weg gelegt haſt, damit ich Deine Schweſter nicht treffen konnte?“ „Ich?“ „Ja, Du ſelbſt. Wer ſonſt hätte es hindern können?“ „Aber Deine Reden auf dem Weg hieher... geſtern... vorgeſtern... die ganze Zeit... Du haſt ja... Da die Verwechslung ſich einmal nicht mehr un⸗ geſchehen machen ließ, ſo nahm Röhr die Sache ver⸗ ſtändig. „Du magſt denken, was Du willſt, Creutz,“ ant⸗ wortete er,„aber ich bin ein Mann, der nicht mit 280 ſich ſpielen läßt. Du wollteſt mich an der Naſe herumführen, aber ſtatt deſſen biſt Du...“ „Sachte, mein Freund,“ unterbrach ihn Creutz, nkeine Beleidigung... vergiß nicht...“ Aber hier wurde das Zwiegeſpräch auf einmal unterbrochen. Die Königin hatte aufmerkſam ſowohl die Art und Weiſe, wie Röhr ſeine Braut empfing, als auch ſein Zuſammentreffen mit dem Grafen Creutz beoh⸗ achtet. An ihrer Seite ſtand Dalin, den ſie aus⸗ drücklich zu ſich beſchieden hatte, falls eine Diverſion nöthig würde. Der Augenblick war gekommen, und Dalin, deſſen heitere Muſe ſchon ſo manche Wolke des Kummers und Verdruſſes verſcheucht hatte, rückte auch jetzt wieder mit einem in komiſchem Pathos ge⸗ haltenen Gelegenheitsgedichtchen hervor, das eine unbändige Heiterkeit, ein wahrhaft homeriſches Ge⸗ lächter hervorrief. Röhr war jetzt wieder glücklich. Er dachte nicht mehr an Fräulein Creutz. Seine Bruſt ſchwoll von Befriedigung über all' die Ehre, die ihm widerfuhr. Von welch' einer glänzenden und eleganten Welt ſah er ſich nicht umgeben! Creutz hatte ſich inzwiſchen in einen andern Theil des Zimmers zurückgezogen, wo er Chrenpreutz im Geſpräch mit Alma entdeckt hatte. Röhrs Benehmen hatte Creutz tief verletzt. Er ahnte jedoch, daß der Dolchſtoß von einer höheren Perſon kam, und um ſo mehr ärgerte er ſich darüber. Die Blicke, die Chrenpreutz und er einander zuwarfen, hatten eine Art von elektriſcher Wirkung. Auch b V V ———— 69 e ‿ A— 2 ́ edn— 281 Chrenpreutz war bleich vor Verdruß und Zorn. Er erblickte in dem Geſchehenen eine Erneuerung der Feindſeligkeit, womit er ſchon vorher behandelt wor⸗ den war. Nur auf Alma'’s Geſicht ſpielte ein roſiger Schimmer. „Laß uns weggehen,“ ſagte Chrenpreutz zu Creutz; „der Aerger macht mich krank.“ Der Vorſchlag ſtimmte vollkommen mit den Ab⸗ ſichten ſeines Neffen überein, auch er wünſchte ſich ſo weit als möglich hinweg. „Komm' Du auch mit, Alma,“ flüſterte er ſeiner Schweſter zu;„ich habe mit Dir zu reden.“ Mit unſäglicher Freude hatte Alma, welche nicht in die Intrigue eingeweiht war, Röhrs ſo unerwar⸗ tete Verlobung mit dem Fräulein C. mitangeſehen. Die Freiheit des Herzens iſt für das Weib nicht blos die Freiheit der Welt, ſondern auch eine Bedin⸗ gung, das zu ſein, wozu die Vorſehung ſie beſtimmt hat, nämlich die ſchönſte Blume der Schöpfung. Ohne die Freiheit der Ueberzeugung und der Ge⸗ danken wird der Mann ein Sclave, ohne die Frei⸗ heit des Herzens wird das Weib blos ein Thier. Alma fühlte ſich auf einmal wie von einem ſchrecklichen Zauber befreit. Sie hatte Röhr niemals aufgemuntert, ſondern vielmehr ſeine Aufmerkſam⸗ keiten immer mit kalter Höflichkeit zurückgewieſen; aber ſie hatte die Wünſche ihres Onkels und den Willen ihres Bruders gefürchtet. Jetzt dagegen war ſie frei, frei durch Röhrs eigenen Entſchluß, und ſie war glücklich, wie ein Vogel auf grünem Zweig. Immer breiter bahnte ſich jetzt der Weg, der zwiſchen ihr und Puke lag. So weit ihr Auge ſah, erblickte ſie nur Licht und Glück. Mit ſchwärmeriſcher Hin⸗ gebung flogen daher ihre Blicke zu dem in fernem Lande Weilenden, an deſſen Glück ſie ihr eigenes gekettet hatte. Zwei Liebende gleichen zwei Rädern, die auf einer und derſelben Achſe ruhen: ſie haben denſelben Weg, daſſelbe Ziel. r In dieſem Augenblick traf ihres Bruders Stimme ihr Ohr. Mechaniſch erhob ſie ſich und folgte ihm. Creutz ging nach den äußern Gemächern, machte aber nicht ſo bald Halt, ſondern ließ ein Zimmer nach dem andern hinter ſich. Endlich befand er ſich in einem ſolchen, das nur durch den Lichtſchein erhellt wurde, welcher aus dem vorhergehenden hereinfiel. Als ſie jetzt da ſtehen blieben, glichen ſie beinahe zwei Schatten, die einander gegenüber ſtanden. „Alma,“ begann der Bruder,„was ſoll alles das heißen?“ „Was?“ „Die Verlobung Röhrs mit Fräulein C.“ „Was das heißen ſoll? Ohne Zweifel, daß ſie ſich verlobt haben.“ „Aber er liebte Dich.“ „Das hat er mir auch geſagt; aber Du ſiehſt jetzt, daß er eine Andere erkoren hat.“ „Das iſt eine boshafte Veranſtaltung, eine In⸗ trigue; man hat uns einen Spuck geſpielt. Das kommt von der Königin.“ „Ich weiß von der ganzen Sache Nichts. Im Uebrigen kaun ich nicht glauben, daß ſich Jemand 283 blos deßwegen, weil ein Anderer es wünſcht, ver⸗ 5 heirathet.“ l93„Nach dieſem Vorfall mußt Du morgen den Hof verlaſſen.“ uf„Nein, mein Bruder, das thue ich nicht; jetzt weniger als je.“ e„Wie ſo?“ ne Creutz wandte ſich mit einem Ausdruck verletzten — Gefühls gegen ſie; Alma bemerkte die Bewegung, 4 aber nicht den Ausdruck. Das Zimmer war zu dun⸗ kel. Aber auch ſie fühlte ſich muthig; das Bewußt⸗ 5 ſein eines richtigen Urtheils verlieh ihr Stärke. t„Ich kann den Hof jetzt nicht verlaſſen,“ ant⸗ wortete ſie,„denn man würde glauben, ich thue es, 3 weil ich Röhr nicht bekommen habe.“ „Alma hat Recht,“ fiel Ehrenpreutz ein.„Zer⸗ 8 reiß das Entlaſſungsgeſuch. Unſere Ehre gebietet es.“ „Still,“ flüſterte Creutz,„ſtill!“ Er glaubte von der andern Seite des Zimmers her leiſe, ſchleppende Tritte zu hören. Aber Alma war zu ſehr von der ſie ſelbſt be⸗ 4 treffenden Frage in Anſpruch genommen, als daß ſie darauf geachtet hätte. t„Der Onkel beurtheilt die Sache richtig,“ fügte ſie hinzu;„zerreiß das Geſuch.“ 3 Sie ergriff die Hand ihres Bruders, um das 1 Papier herauszunehmen. Creutz lauſchte noch, aber 3 Alles war wieder ſtill. „Sie verlangen, daß ich die Abſicht, Alma von hier zu entfernen, aufgeben ſoll,“ begann er endlich. „Nun wohl, Sie mögen Recht haben; aber dies iſt —— 284 in Wahrheit ein großes Opfer, das ich hiemit den Forderungen der Chre bringe. Inzwiſchen ſieh' hier.“ Er reichte Alma das Schreiben, that ſich aber ſogleich wieder Einhalt. „Eine Bedingung jedoch, Alma,“ fügte er hinzu; „Du mußt mir ein Verſprechen geben. Verſprich, daß Du jeden Gedanken an Puke aufgeben willſt.“ „Niemals, Bruder,“ antwortete ſie,„niemals.“ „Du mußt...“ „Das iſt nicht nöthig,“ fiel in dieſem Augenblick eine fremde Stimme kalt und hart ein;„ſie wird doch niemals Puke's Frau. Ich ſchwöre es.“ ſogleich zu erkennen, Alles das machte einen unbe⸗ ſchreiblichen Eindruck auf ſie. Ihr Herz ſchnürte ſich zuſammen. Sie trat unwillkürlich einige Schritte einer Ueberraſchung, die mit dem qualvollſten Angſt⸗ gefühl verbunden war, ſah ſie ein leichenblaſſes, durch die Dämmerung noch bläſſer gewordenes Geſicht vor ſich, das den Stempel des Haſſes und der Rache „Folgen Sie mir, meine Herrn,“ fügte Amanda mit derſelben kalten, beinahe befehlenden Stimme gegen Chrenpreutz und Creutz hinzu,„ich werde Ihnen den Weg zur Rache zeigen.“ Von einer ſchrecklichen Unruhe und Ahnung er⸗ griffen, ſank Alma auf den nächſten Stuhl nieder, 285 das erhaltene Entlaſſungsgeſuch krampfhaft in ihrer Hand zerdrückend. Die Königin hatte ſich Nichts entgehen laſſen. Mit einer gewiſſen Freude, worein ſich weibliche Citelkeit und Bosheit miſchten, ſah ſie den Verdruß, welchen Röhrs Verlobung bei Chrenpreutz und Creutz hervorrief. Aber ihr Plan war nur halb gelungen, wenn ſie Alma blos von Röhr befreite. Mit dem feinen Urtheil, das ein Eigenthum des Weibes iſt, berechnete ſie auch, daß Creutz, wenn auch nicht Alma zu Lieb, ſo doch um ſeiner eigenen Ehre willen, es jetzt nicht wagen würde, ſeine Abſicht in Betreff der Entfernung ſeiner Schweſter vom Hofe auszuführen. Mit wachſamem Auge bemerkte ſie, wie Ehren⸗ preutz und Creutz das Zimmer verließen; ſie ſah auch, daß Alma ihnen folgte. Von dieſem Moment an haftete ihre Aufmerkſamkeit unaufhörlich auf der Thüre, durch welche ſie verſchwunden waren, denn ſie hoffte ſie wieder eintreten zu ſehen; aber es ver⸗ ging eine Viertelſtunde, es verging eine halbe Stunde, ohne daß ſie zum Vorſchein kamen. Vergebens fragte ſie ſich nach den Urſachen dieſes langen Ausbleibens. Eine gewiſſe Angſt um Alma ergriff ſie, vielleicht auch mit etwas Neugierde vermiſcht, und in einem Nuauülite, wo ſie ſich unbemerkt glaubte, ſchlich ſie hinaus. Sie ſchritt langſam durch die großen Zimmer. Der Hofzirkel an dieſem Abend war nicht der zahl⸗ reichſte, und die Gäſte hatten ſich in der nächſten Nähe der königlichen Familie zuſammengedrängt. Die Königin befand ſich daher jetzt ganz allein. Sie 286 ging, Zimmer um Zimmer, ganz denſelben Weg, wie Chrenpreutz, Creutz und Alma. Je weiter ſie kam, um ſo ſtiller und dunkler wurde es. Ihre Wande⸗ rung durch die leeren, großen, immer finſterer wer⸗ denden Zimmer kam ihr mitunter beinahe etwas un⸗ heimlich vor. Aber zuletzt hörte alle Beleuchtung auf, und bald war ſie von wirklicher Dunkelheit um⸗ geben. Sie blieb ſtehen, ſie ſchaute ſich um, ſie lauſchte. Plötzlich hörte ſie in weiter Ferne eine Be⸗ wegung und verdoppelte ihre Auſmerkſamkeit. „Iſt Jemand hier?“ fragte ſie.„Man antworte mir. Die Königin fragt. Iſt Jemand hier?“ „Die Königin!“ wiederholte eine leiſe Stimme in der Ferne. 5 Der Ton kam ihr ganz deutlich zu Ohren, ob⸗ ſchon er nur geflüſtert wurde. Darauf hörte ſie das Rauſchen eines ſeidenen Kleides und ſchleichende, aber eilige Tritte, die ſich ihr näherten. „Ew. Majeſtät,“ ſagte in dieſem Augenblick die herankommende Perſon,„um Gottes willen, bleiben Sie ſtehen. Sie dürfen nicht weiter gehen.“ Die Königin erkannte ſogleich Alma, und ihre Bruſt hob ſich leichter. „Was machſt Du hier, Alma? Warum ſagſt Du, ich dürfe nicht weiter gehen? Was gibt es?“ „Sprechen Sie leiſer, Ew. Majeſtät... ich bitte Sie... leiſe... man könnte Sie hören.“ „Wer? Was ſoll das heißen?“ Die Königin, die ſo eben erſt blos der leeren Zimmer wegen eine kleine Furcht ausgeſtanden hatte, gewann ihren Muth wieder, als ſie ſich jetzt vor⸗ ſtellte, daß eine Gefahr drohe. t 7 „Sind Leute hier, Alma? Antworte mir, ich verlange es.“ „Still, Ew. Majeſtät, um Gottes willen ſtill. Sie machen ſich unglücklich.“ „Unglücklich?“ wiederholte die Königin.„Wer ſollte es wagen, mir in meinem eigenen Palaſt Trotz zu bieten?“ Und dabei ergriff ſie Alma's Hand mit dem feſten Entſchluß, weiter zu gehen. Aber als ſie fühlte, wie Alma's Hand zitterte, da wurde ſie ſelbſt auch von einem leichten Zittern überfallen. Nichtsdeſto⸗ weniger ging ſie in der Dunkelheit vorwärts. „Hören Sie,“ flüſterte Alma,„hören Sie.“ Die Königin blieb unwillkürlich ſtehen. Sie hörte wirklich im nächſten Zimmer Jemand ſprechen. „Und dann,“ ſagte die Stimme,„dann...“ „Dann...“ wiederholte eine andere Stimme. „In Schweden gibt es,“ begann die erſte Stimme wieder,„ein Mittel, das auch den Stummen zum Sprechen zwingen kann. Sie kennen dieſes Mittel?“ „Ha!“ „Ein Mittel, das den Vernünftigen wahnſinnig und den Wahnſinnigen vernünftig machen kann; ein Mittel, ſchrecklicher als der Tod, denn es iſt der Tod ohne Tod; ein Mittel, vor welchem jeder Sterbliche erſchrocken zurückbebt, weil er darin in ein Grab hinabſchaut, das voll von allen Höllenqualen iſt.“ „Sie werden entſetzlich.“ „Ein Mittel, das ſicherer iſt, als das Beil, denn während das Beil auf einmal Allem ein Ende macht, zieht dieſes Mittel den Tod Stunden, Tage, Wochen, ja Jahre lang hinaus und verwandelt den Unglück⸗ 288 lichen, an dem es verſucht wird, allmählig in einen Schatten, in ein Geſpenſt, und dieſes Mittel heißt— Tortur.“ Die Königin war nahe daran, einen Angſtſchrei auszuſtoßen; aber Alma drückte warnend und zurück⸗ haltend ihre Hand. „Wer iſt da innen?“ fragte die Königin;„ich erkenne dieſe Stimme nicht, ſie iſt kalt und grau⸗ ſam.“ „Hören Sie, Ew. Majeſtät, hören Sie.“ „Du weißt, wer die Leute ſind?“ „Ich kenne ſie nicht, nein, nein!“ „Ich muß wiſſen, wer es iſt. „Beim Himmel, keinen Schritt, Ew. Majeſtät! Nein, Sie dürfen nicht hineingehen. Ich bitte Sie auf meinen Knieen. Ach, gehen Sie nicht... gehen Sie nicht.“ Unglücklicher Weiſe wußte Alma nur zu gut, wer drinnen war: Niemand anders als ihr eigener Onkel, ihr eigener Bruder und Amanda. Bei Amanda hatten ſich, nach ihrem Beſuch bei Frau Schedvin, alle leidenſchaftlichen Elemente ihres Charakters und ihrer Gemüthsart ſehr raſch ausge⸗ bildet. Die Leere und Sehnſucht, welche ſie, in Folge des gänzlichen Mangels an Aufſchlüſſen über ihre Eltern, fortwährend gequält hatten, waren gleichwohl bis zu dieſem Augenblick mit einem Ge⸗ fühl des Behagens verbunden geweſen, das indeß den tiefſten Schmerz nicht ausſchloß. So lange ſie gar Nichts wußte, hatte ſie ſich ihre Mutter bald als einen Stern, bald als eine ſchwebende Wolke, bald als einen Wind, bald als eine Blume gedacht; 289 aber jetzt waren alle dieſe Phantaſien verſchwunden; nur das Verbrechen, das nackte, wirkliche Verbrechen war ihr Vater und ihre Mutter. Dazu kam jetzt auch noch die Eiferſucht, die auf ihr ganzes inneres Leben einen nicht minder breiten Schatten warf. So ſehr ſie auch Puke zu haſſen meinte, ſo weilten ihre Gedanken doch beſtändig bei ihm; Tag und Nacht ſah ſie ſein Bild, bald von funkelnden Sternen um⸗ ſtrahlt, bald von einem hervorbrechenden Blitz be⸗ leuchtet, in die Wolken gezeichnet. Da ſie Röhrs Neigung zu Alma kannte und überzeugt war, daß Creutz ſeine Schweſter vom Hof wegbringen würde, ſo hatte ſie gehofft, dieſe Verbindung könnte noch zu Stande kommen und müßte dann Alma und Puke für immer trennen. Es war dies ein Strohhalm, aus welchem ſie ſich bei ihrem Schiffbruch noch ein rettendes Boot machte. Röhrs Auftreten bei Hof hatte ſie zwar in Staunen verſetzt, und ſie hatte auch gleich Anfangs geahnt, daß Etwas dahinter ſtecken müſſe; aber vergebens hatte ſie Clara darüber ge⸗ fragt und ebenſo vergebens Alma auf's Genaueſte beobachtet; glücklicher Weiſe wußte keine von Beiden von der Intrigue, die um ſie her geſpielt wurde, und Amanda blieb in der tiefſten Unkenntniß, bis Röhrs Verlobung mit Fräulein C. bekannt gemacht wurde. Aber damit verſank auf einmal der Hoff⸗ nungskahn, worin ſie die letzten Splitter ihrer Liebe gewiegt hatte. Die betrogene Phantaſie wird leicht ein düſteres Geſpenſt, das ſeine eigene Welt von Licht und Pracht mit Füßen tritt und verheert. Ihr däuchte jetzt, als gebe es keinen Lichtpunkt mehr in der Welt, woran ihre Seele feſthalten, kein helles Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. III. 19 290 und veines Plätzchen, wo ihr Herz einige Befriedi⸗ gung und Ruhe finden könnte. Der Gedanke an den unbefleckten Ruf einer Mutter, die höchſte Wonne ihrer Gefühle, hatte ſie ſo oft, gleich der Felſenſpitze von Teneriffa, wenn auch von Wolken umhüllt, bis in den Himmel emporgetragen; jetzt lag das ſchöne Bild zerſtört, es war zu Schutt und Staub gewor⸗ den in ihrem Herzen. Alles war jetzt verloren, und nur Gram und Haß blieben übrig. Alma's heftige Aufregung war nicht der einzige Grund, der die Königin vom Weitergehen abhielt; man ſprach wieder im Zimmer von ihnen, und ſie blieb wie feſtgenagelt auf dem Platze ſtehen, damit kein Wort ihr entgehen möchte. „Wer,“ fuhr die Stimme fort,„liebt nicht das Vaterland? Ich habe weder Vater noch Mutter, aber um ſo inniger fühle ich, daß das Vaterland für mich Vater und Mutter iſt. Es bleibt mir nichts Anderes. Die Freiheit— dieſe Freiheit, die ein Thron mit Füßen tritt, ſoll hinfort mein Bräutigam werden. Seit ich recht deutlich eingeſehen habe, wie arm und ſchutzlos ich bin— ohne Angehörige, ohne Liebe, ohne Hoffnungen— will ich meine ganze Seele einer einzigen großen Idee widmen, der Freiheit: die Freiheit macht mich den Höchſten gleich; die Frei⸗ heit adelt die ganze Welt. So finſter es in dieſem Zimmer iſt, ſo ſehe ich doch Ihre Augen blitzen. Ha, es blitzt auch in meinem Herzen. Ich habe das Mittel genannt, um die Wahrheit herauszupreſſen. Die Welt und das Leben ſind voll von Lügen; aber der Tod und die Folter bringen die Wahrheit zu Tage.“ 291 Ehrenpreutz und Creutz erſchracken ob der Heftig⸗ keit, womit ſie ſich ausſprach, und doch lag Etwas darin, was ſie anzog. „Ich will ſie vor der Kommiſſion ſehen,“ fuhr ſie fort,„vor dieſem Blutgericht der unbeſtechlichen, ſtrafenden Gerechtgkeit, vor dieſem Minotaurus im Innerſten des Geſellſchaftslabyrinthes, dieſer Macht, die über Leben und Tod gebietet, und worin die er⸗ zürnte oder beleidigte Geſellſchaft ſich von Zeit zu Zeit in ihrer ganzen Majeſtät erhebt; ich will ſie alle zuſammen vor Schreck verſteinert ſehen beim Anblick ihres Meduſenhauptes— alle— alle— Silfverhjelm, Wallenſtjerna, Hermelin, Wrangel, Lars Larsſon— alle— alle— Puke— ſelbſt die Königin.“ Die Königin vermochte nicht länger an ſich zu halten. Sie wollte hinein, ſie wollte der kühnen Per⸗ ſon, die eine ſolche Sprache führte, Auge in's Auge ſchauen. „Laß mich los, Alma,“ ſagte ſie zu dieſer;„ich muß wiſſen, wer die Leute ſind, die ſich unterſtehen, mich auf ſolche Art zu bedrohen.“ „Nein, Cw. Majeſtät, Sie dürfen nicht gehen. Ich bitte Sie.“ Alma bebte vor dem Gedanken zurück, daß die Königin Ehrenpreutz und Creutz entdecken könnte. In⸗ zwiſchen wagte ſie es nicht mehr, ſie zurückzuhalten, und die Königin ging entſchloſſen auf die offene Thüre zu; aber im Augenblick, wo ſie in's Zimmer trat, verſchwanden Ehrenpreutz, Creutz und Amanda durch die entgegengeſetzte Thüre. Mit bleichen Wangen ſtierte die Königin in der Finſterniß ihnen nach. 292 Achtzehntes Kapitel. Neue Fäden der Intrigue. Hoffnung und Furcht. Die Thüre zu Pechlins Arbeitszimmer war ſo eben zugemacht worden. Amanda hatte, nach einer längeren Beſprechung, gerade erſt ſich entfernt. Pechlin ſtand noch da und hielt ſeine Blicke auf die Thüre geheftet, durch welche ſie verſchwunden war. „Sie hat Recht,“ ſagte er, indem er eine lange Rauchſäule aus ſeiner Pfeife hervorholte und ſich damit behaglich umhüllte, wie mit einer dicken Wolke, „die Zeit zum Handeln iſt jetzt gekommen.“ So ſprechend machte er eine halbe Wendung von der Thüre weg und begann im Zimmer auf und ab zu wandeln. „Je genauer ich die Menſchen kennen lerne,“ murmelte er vor ſich hin,„um ſo dummer finde ich ſie. Alle glauben ihre eigenen Geſchäfte zu beſor⸗ gen, und doch arbeiten ſie nur für Andere. Ueberall Nichts als Leidenſchaften! Die Welt iſt ein Inſtru⸗ ment: die Leidenſchaft iſt der Ton: man kann einen Menſchen ganz wie eine Taſte anſchlagen und mit vollkommener Gewißheit die Wirkung vorausſagen.“ Er zog eine neue Wolke aus ſeiner Pfeife und begann eine neue Wanderung in ſeinem Zimmer umher. „Man braucht weiter Nichts als Verſtand zu haben,“ fuhr er fort,„ſo wird man der Herr der Welt. Wie kleinmüthig war nicht dieſer ſtolze, ein⸗ bildiſche Ferſen, als der Landesmarſchallsſtab ihm 2 —. =SSSS SS Z —. — J 293 beinahe aus den Händen wiſchte; aber ich ſchlug im Kopf eines ſimpeln Wildfangs eine Leidenſchaft an, und er folgte ihr; er eilte vom Wahlplatz weg und überließ uns den Sieg.“ Beinahe unbewußt blieb Pechlin am Fenſter ſtehen und warf einen Blick ſtromaufwärts nach dem Schloſſe. „Um zu conſpiriren wie ihr,“ fuhr er, gleichſam gegen die Bewohner des Schloſſes, fort,„muß man nicht blos Luſt und Liebe zu Conſpirationen haben: man muß auch Verſtand, Welterfahrung, Entſchloſ⸗ ſenheit, Beharrlichkeit, Kraft beſitzen, man muß ſich mit Einfalt, Unwiſſenheit, Dummheit, Gleichgültigkeit zu maskiren wiſſen. Ihr conſpiriret, aber es fehlen euch alle erforderlichen Talente, es fehlt euch alles Genie dazu. Aber was ihr nicht vermöget, dazu will ich euch verhelfen. Ihr müßt nicht blos conſpiri⸗ ren, ihr müßt auch damit vorangehen... Schritt für Schritt... bis die Kataſtrophe euch über den Hals kommt. Ich kenne die Mittel, die ihr beſitzet, ihr kennt das Ziel nicht, das ich euch geſteckt habe; aber ihr werdet, ganz euren Grundſätzen gemäß, das habe ich geſchworen, vorwärts gehen bis...“ Eine dampfende Rauchſäule umwirbelte ihn von Neuem. „Der Beſchluß der Stände in der Streitfrage zwiſchen dem König und dem Senat wird bald wie eine zerſtörende Bombe im Lager des Hofes ein⸗ ſchlagen. Er wird in der Seele der Königin entſetz⸗ liche Wirkungen hervorrufen. Ich ahne ſie bereits. Die Leidenſchaften werden ſie hinreißen. Sie wird nach dem geringſten Strohhalm greifen, den man 294 ihr reicht. Aber es wird ihr auch an ſolchen nicht fehlen...“ Ein Lächeln ſpielte um ſeine Lippen. „Um eine Säule zu ſtürzen, wäre ſie auch ſo alt, wie in den beſten Zeiten Roms, braucht man ſie nicht gänzlich zu untergraben, ſondern blos einige Theile ihres Fußgeſtells wegzunehmen: das Uebrige thut ihre eigene Schwere. Das war ein vortreffli⸗ cher Einfall, daß ich mich im Ritterhaus einer am Hof ſelbſt ſpielenden Intrigue bediente, um Wallen⸗ ſtjierna vom Platz wegzulocken. Ich habe ihm jetzt einen neuen Brief geſchrieben, welchen Amanda. aus⸗ zubeuten wiſſen wird. Das heißt die Säule durch ihre eigene Schwere fallen laſſen. Der Tag... die Stunde iſt feſtgeſetzt... Ja, wie werden ſie nicht nach meinem Brief greifen, der doch weiter Nichts als eine Fortſetzung ihrer eigenen Intrigue iſt! Die Kunſt bei jedem Spiel iſt, daß man die Karten ſeines Nachbars kennt.“ Pechlin ſetzte ſeinen Spaziergang im Zimmer wieder fort und ſchwieg eine Weile. Er ſchien ſeine Gedanken zu neuen Combinationen zu ſammeln. „Bah!“ ſagte er darauf,„das taugt Nichts. Mit einem Schlag tödtet man einen Ochſen, aber nicht einen Hof, der Sturm reißt mit einem einzigen Flü⸗ gelſchlag ein Haus um, aber das Naterial bleibt zurück, und man baut es wieder auf; die Ratte da⸗ gegen zernagt und zerbeißt Knoten um Knoten, Stück um Stück, bis die ganze Herrlichkeit in Sägeſpäne, in einen großen Maulwurfshügel verwandelt iſt. Langſam, aber ſicher. Höppener ſtürzen... das taugt Nichts... er iſt die Pulverladung, der Rake⸗ —9— 8— —9 295 cht tenſatz; Dalin zu Grunde richten... nein, nein... er iſt die Phantaſie, der Schöpfer der luftigen, trü⸗ geeriſchen Träume: der Erſtere treibt ſie unaufhör⸗ ſo lich vorwärts, der Letztere läßt Sterne um ſie her an funkeln, die ihr die Augen blenden. Beide müſſen ge geſchont werden, bis... Aber die Andern... die ge Andern... ja, ja, man muß von unten anfangen. li⸗ Das Blut ſtrömt ja nach dem Kopf, ſo bald man m Einen nur an den Fußſohlen kitzelt... Silfverhjelm n⸗ iſt ihr Geſchäftsträger, der Schlüſſel zu ihren ge⸗ tt heimſten Unternehmungen— er zuerſt und vor Allen 8-— dann...“ ch Hier unterbrach er ſich jedoch wieder. Seine ie Gedanken ſchweiften, ohne alle Verbindung mit den öt vorhergehenden, auf ein anderes Feld über. 8„Aber handeln,“ ſagte er, indem er ſtehen blieb⸗ e„ohne ſelbſt zum Vorſchein zu kommen...“ 8 Weiter kam er nicht. Man hörte Fußtritte von außen. Er umgab ſich ſchnell wieder mit einer r Wolkenſäule, und als in dieſem Augenblick ein Be⸗ 6 e dienter eintrat, um zu melden, daß ſeine Equipage warte, konnte er ſeinen Herrn und Meiſter inmitten t des Rauches kaum entdecken. Die Feindſeligkeit des Grafen Ehrenpreutz gegen t den Hof war bis zur Erbitterung geſtiegen. Schon durch ſeine politiſchen Grundſätze von der Koönigin getrennt, wurde er ihr in Folge ihres Be⸗ nehmens noch mehr abhold. Er fürchtete indeß die Erinnerungen an ältere Verhältniſſe nicht mehr in demſelben Grad wie früher; ſeit ſie ihm wieder um die Ohren getönt, waren gleichſam ihre düſterſten 296 Farben verſchwunden. Die Oeffentlichkeit bringt das mit ſich; was in der Dämmerung und Dunkelheit drohend und ſchrecklich ausſieht, verwandelt ſich bei Licht in eine gewöhnliche Sache; in Nacht und Dun⸗ kel hat die aufgeſcheuchte Einbildungskraft aller Zei⸗ ten ſchreckliche Spuckgeſtalten und Geſpenſter geſchaf⸗ fen. Bei Tag und Sonnenſchein fällt es keinem Menſchen ein, ſich mit dergleichen Dingen abzuquälen. So düſter die Erinnerungen des alten Reichsraths auch ſein mochten, ſo enthielten ſie doch jedenfalls kein Verbrechen in der gewöhnlichen Bedeutung des Worts. Aus dem, was wir wiſſen, können wir den Schluß ziehen, daß er in eine weitverzweigte politi⸗ ſche Verſchwörung verwickelt geweſen war, und die Politik hat doch— was ſie freilich nicht haben ſollte— ihre eigenen Moralgeſetze. Es iſt wahrſcheinlich, daß dieſe Verſchwörung, wenn ſie geglückt wäre, dem Vaterland ein ganz anderes Ausſehen gegeben hätte; aber gewiß iſt, daß durch ihre Entdeckung alle Mit⸗ glieder der Gefahr ausgeſetzt wurden, der Strafge⸗ walt der beſtehenden Regierung als blutige Opfer zu verfallen. Ob nun Chrenpreutz tiefer als An⸗ dere in das heimlich geſponnene Netz der Verſchwö⸗ rung verwickelt war, ob ſeine Stellung im Staat die Gefahr für ihn größer machte, ob er vielleicht charak⸗ terſchwächer oder ängſtlicher war; genug, er ſcheint ſich mehr geängſtigt zu haben als die Uebrigen, und eben deßhalb erſchien ihm vielleicht auch Puke's auf⸗ opfernder Heldenmuth, ganz abgeſehen von ihren übrigen Privatverhältniſſen, noch in ſeinen ſpäteſten Jahren als ein drohendes und düſteres Geſpenſt aus der Nacht vergangener Zeiten, um ſo ſchrecklicher, ———— —-—— — O————,———————.———— 8o o d 92 297 als es, in einem Augenblick, wo er es am wenigſten ahnte, mit denſelben bleichen Geſichtszügen und der⸗ ſelben unerſchütterlichen Charakterfeſtigkeit, in dem Sohn, dem jungen Puke, von Neuem vor ſeine Augen trat und in den Gang der Ereigniſſe eingriff. Aber wenn er ſich auch in Bezug auf gerichtliche Unterſuchungen vollkommen beruhigt hatte, ſo übte doch die Erinnerung noch ihre unwiderſtehliche Ge⸗ walt über ihn: die Erinnerung an einen Freund, der um ſeinetwillen nicht blos alle Folterqualen überſtanden hatte, ſondern in deſſen feſtem Muth er auch fortwährend ein Spiegelbild ſeines eigenen unmännlichen, um nicht zu ſagen feigen Benehmens oder, was noch ſchlimmer wäre, ſeines Verraths erblickte. Das Gewiſſen ſpricht immer lauter, je näher man dem Grabesrande rückt; aber wenn nicht gleichwohl die Eitelkeit obſiegt, und wenn man nicht Kraft genug beſitzt, die Wahrheit des Gewiſſens in ihrem ganzen Umfang zu erkennen, ſo wird man, beim Kampf zwiſchen ihm und ſeiner Schwachheit, ſich im Urtheil über Recht und Unrecht beſtändig verwirren und ſtets von der Furcht vor den düſtern Wahnbildern ſeiner eigenen Phantaſie herumgehetzt werden. Es handelt ſich nicht von einem tieferen moraliſchen Verfall: das Gewöhnliche, die Welt, das Fleiſch, die Eitelkeit iſt es, was ſich in deinem in⸗ nern Leben gegen das beſſere Wiſſen deiner Seele ſperrt: es iſt die Erbſünde unſers Weſens, die Schuld⸗ barkeit unſerer ſchwachen Natur, die vom Daſein einer göttlichen Wahrheit in uns geſtraft, unaufhör⸗ lich geſtraft wird. So denken wir uns Ehrenpreutz. 298 Mit einem Feuereifer, der bei ihm nicht ganz gewöhnlich war, griff er in die politiſchen Kämpfe des Tages ein. Der ganze Rath hatte ſich, Mann für Mann, voll Entſchloſſenheit gegen die königliche Eingabe an die Stände erklärt, aber Ehrenpreutz lebhafter als irgend ein Anderer. Man hätte glau⸗ ben können, er halte den ganzen Einſatz ſeines Le⸗ bens auf dieſen einzigen Wurf. Bei ſeiner aufrich⸗ tigen Anhänglichkeit an die beſtehende Staatsverfaſ⸗ ſung war darin Nichts zu tadeln. Seine Privatin⸗ tereſſen verſchmolzen gänzlich mit den allgemeinen Intereſſen. Chrenpreutz ſaß in dem Augenblick, wo wir jetzt bei ihm eintreten, bequem auf ſeinen Sopha zurück⸗ gelehnt. Creutz war ſo eben gekommen und hatte etliche Numern des„ehrlichen Schweden“ mit⸗ gebracht, einer in zwangloſen Heften erſcheinenden Zeitſchrift, welche durch die Gewandtheit und dialek⸗ tiſche Schärfe, womit ſie'die wichtigeren Tagesereig⸗ niſſe im Sinn der beſtehenden Staatsverfaſſung, d. h. mit ſtrenger Feſthaltung des Geiſtes ſowohl, als des Buchſtabens derſelben, erläuterte, unerhör⸗ tes Aufſehen erregte. „Ein ehrlicher Schwede“ beſchäftigte ſich jetzt mit dem im Ständeſaal ausgebrochenen Streit zwiſchen dem König und dem Rath, fortwährend in der Vor⸗ ausſetzung, daß die Freiheit bedroht ſei und die Grundgeſetze in Gefahr ſtehen, vom König mit Füßen getreten zu werden. Aber den Ereigniſſen auf eine möglichſt natür⸗ liche Art den erforderlichen hiſtoriſchen Hintergrund zu geben, beſprach die Zeitſchrift vor allen Dingen die Art und Weiſe, wie Karl XI. während der Reichs⸗ verſammlung von 1668 ſich der unumſchränkten Ge⸗ walt bemächtigt hatte. So jung die Zeitungspreſſe damals noch war, ſo fehlte es ihr doch nicht an Takt und Verſtand. Als Beleg hiefür mag z. B. angeführt werden, daß „ein ehrlicher Schwede“ in Geſprächsform gehalten und die verſchiedenen politiſchen Meinungen ſehr ge⸗ ſchickt von einem Honestus, einem Prudens, Cautus, Probus, Libertinus u. ſ. w. vertreten waren, wo⸗ durch der Verfaſſer Gelegenheit zu ſehr vielſeitigen Discuſſionen erhielt, bei denen er natürlich ſeine eigenen Zwecke nicht aus den Augen ließ. Creutz hatte ſo eben den Bericht des Honestus über Karls XI. Attentat gegen die Freiheit vorge⸗ leſen und wandte ſich jetzt zu Chrenpreutz, um ſeine Anſicht zu vernehmen. Ehrenpreutz nahm eine Priſe und bat ihn fortzu⸗ fahren. Creutz las: „Prudens. Ich bin Dir für dieſe Darſtellung ſehr verbunden, mein lieber Honestus, denn ſie ent⸗ hält verſchiedene Punkte, die alle Aufmerkſamkeit verdienen. Namentlich kommt es mir ſonderbar vor, daß darin ſteht, die Gutgeſinnten ſeien in Maſſe aus dem Ritterhaus weggeblieben, während es doch gerade damals am allernöthigſten war, für das Recht und die Freiheit des Reiches zu ſprechen und zu fechten. In einer ſo hochwichtigen Staatsangelegen⸗ heit genügte es nicht, für die gute Sache blos zu ſprechen, dann aber ſich aller weitern Betheiligung zu enthalten, die Uebelgeſinnten ſchalten und walten, 300 das Unglück über das Reich hereinbrechen zu laſſen. In einem ſolchen Fall iſt jeder Abgeordnete vielmehr verpflichtet, die Grundgeſetze und die Freiheit des Reichs bis auf den letzten Blutstropfen zu verthei⸗ digen, denn dazu ſind ſie berufen, dazu haben ſie ihre Vollmacht erhalten.“ „Gut geſchrieben,“ fiel Ehrenpreutz ein;„eine Erinnerung, die vollkommen an ihrem Platz iſt, da⸗ mit das Ritterhaus nicht auch jetzt leer ſtehen bleibt, wenn die Frage vorkommt. Zuſammenhalt verleiht Macht.“ „Ich bin überzeugt,“ las Creutz weiter,„daß, wenn einige muthige, handfeſte und von wahrem Eifer für die Freiheit ihres Vaterlandes erfüllte Männer ſich mit aller Kraft an die Spitze gewagt hätten, die Sache nicht ſo leicht gegangen wäre.“ „Solche Männer finden ſich jetzt,“ bemerkte Creutz. „Aber jedenfalls gibt es einen Kampf im Ritterhaus.“ „Fahr' fort, Creutz, fahr' fort.“ „Das Menſchenleben,“ las der junge Graf,„wird in ſolchen Fällen hoch angeſchlagen, und Menſchen⸗ blut macht einen großen Eindruck auf den Menſchen; hätten alſo einige Wohlgeſinnte damals ihr Leben einſetzen müſſen, ſo wäre jedenfalls ſogleich ein großer Schrecken unter die Ruheſtörer gefahren. Die⸗ ſes unſchuldige Blut hätte zu dem Gott des Frie⸗ dens laut um Rache geſchrieen; das Reich hätte um Rache geſchrieen, und kein Unterthan hätte es unter⸗ laſſen können, das Blut ſeiner unſchuldigen und muthigen Mitbrüder und Bevollmächtigten zu rächen. Der König ſelbſt hätte unfehlbar ein ſolches Blut⸗ bad fürchten müſſen. Man erzählt als gewiß, König 2——.——— Karl XI. habe ſich in den drei Stunden, wo es im Ritterhaus am hitzigſten zuging, in einer unbeſchreib⸗ lichen Gewiſſensangſt darüber befunden, daß er, ſeiner eidlichen Verſicherung und den Grundgeſetzen zuwider, die Rechte des Reiches verletzte und ſeinen Unterthanen auf eine ſo geſetzwidrige Art ihre uralte Freiheit raubte. Der König ſoll geäußert haben, er ſei dreimal drauf und dran geweſen, ſeinen Anhän⸗ gern Gegenbefehl zu ſchicken, damit ſie nicht weiter auf Vergrößerung ſeiner Macht dringen ſollten. Was würde wohl geſchehen ſein, wenn der König damals einen Widerſtand von Seiten der Gutgeſinnten wahr⸗ genommen hätte? Er fürchtete nicht umſonſt, denn er kannte den alten ſchwediſchen Muth ſo gut, er wußte wohl, welcher Dinge er fähig war, wenn er recht angefeuert wurde. Es wurden zwar viele An⸗ ſtalten gemacht, aber meiſtens nur um Angſt einzu⸗ jagen, denn es waren geheime Befehle ertheilt, daß man unter allen Umſtänden Blutvergießen verhüten ſolle. Aber Mattherzigkeit und Aengſtlichkeit auf der einen Seite, Mißverſtändniſſe und Uneinigkeit unter den Ständen ſelbſt auf der andern trugen das Meiſte zur Einführung der höchſt ſchädlichen unumſchränkten Herrſchaft bei. Es verdient bemerkt zu werden, daß die Anhänger des Königs, die dieſen unglückſeligen Handel durchſetzten, ſpäter ihre That bereuten, als ſie zu ihrem Kummer die betrübten Folgen der un⸗ umſchränkten Regierung ſehen mußten; ſie bedauerten jetzt, daß die Gutgeſinnten ſich ſo feig gezeigt und nicht den Muth gehabt hatten, die Urheber und hartnäckigen Vertheidiger ſo verderblicher Vorſchläge zum Fenſter hinauszuwerfen.“ 30² Chrenpreutz ſchnellte voll Zufriedenheit mit ſeinen Fingern. „Es iſt aber doch...“ bemerkte Creutz,„es iſt doch...“ „Lies weiter, ſo werden wir hören.“ „Die Mattherzigkeit und unzeitige Angſt der Reichtagsdeputirten,“ las Creutz,„die ſich theils durch Drohungen, theils durch falſche Gerüchte, als ob da und dort in den Provinzen Unruhen ausgebrochen oder die Anhänger der Freiheitsfeinde maſſenhaft im Anzug wären, haben oft mannigfaches und großes Unglück über das Reich gebracht. Bei ſo manchen Gelegenheiten bedarf es juſt nicht großer Körper⸗ kraft, denn auch der Schwächſte kann hier viel aus⸗ richten, wenn er nur Muth in der Bruſt hat. Ich will nicht davon reden, was ein kleiner David gegen den großſprecheriſchen Rieſen Goliath ausgerichtet hat. Die Geſchichte erzählt uns, was ein einziges muthi⸗ ges Weib zu Stande zu bringen vermochte. Mag ſein, daß einige Schwache ihr Leben hätten laſſen müſſen; dann würden aber doch die übrigen Wohlgeſinnten, wenn ſie das Blut ihrer Brüder fließen geſehen hätten, ſie nicht ungerächt gelaſſen haben...“ Creutz legte das Journal weg. „Obſchon ich geſtehe,“ ſagte er, indem er ſich er⸗ hob,„daß mein Degen ziemlich loſe in ſeiner Scheide ſteckt, und daß ich mich nicht ſcheuen würde, ihn auch im Ritterhaus zu ziehen, ſo ſcheint mir doch der Verfaſſer zu weit zu gehen, wenn er durch ſolche allgemeine Mahnungen die Idee eines blutigen Kampfes anregt. Bedenken Sie, wenn die Gegen⸗ partei darin auch einen Aufruf an ſich erblickte?“ 303 Ehrenpreutz lächelte. „Von Seiten der Gegenpartei,“ verſetzte er,„wäre dieſe Gewalt Aufruhr, und wir könnten uns gar nichts Beſſeres wünſchen, weil wir dadurch Gelegen⸗ heit erhielten, ſie ſogleich beim Kopfe zu nehmen.“ „Das iſt vollkommen wahr; aber wenn ſie es ſjieetzt nicht eigentlich darauf abgeſehen hätten, die Freiheit zu vernichten, ſondern blos einige unweſent⸗ liche Modifikationen vorzunehmen?“ „Die Freiheit modificiren? Jeder Verſuch hiezu iſt ein verdeckter Angriff auf ihr eigenſtes Weſen.“ „Dieſer Artikel ſoll doch ohne Zweifel die Ge⸗ müther auf Extreme vorbereiten? Er iſt eine bren⸗ nende Fackel, hingeſchleudert im Augenblick einer 8 großen Gährung.“ „Du biſt noch ein Neuling in der Politik, mein Lieber. Beim Staatsmann handelt es ſich immer um Stehen oder Fallen. In der Jugend macht man ſich allerlei Phantaſien: man ſchafft ſich ideelle Staa⸗ ten, wo Redlichkeit und Menſchenliebe herrſchen. In dieſen Staaten iſt Alles ſo prächtig, ſo vortrefflich, und ſie haben allerdings nur einen einzigen Fehler, nämlich daß ſie ſich in der Wirklichkeit gar nicht vor⸗ finden. In ſolchen dagegen, die wirklich vorhanden’ ſind, geht ein beſtändiger Kampf auf Tod und Leben vor ſich. Was man einmal erworben hat, will man nicht mehr loslaſſen. Und wie ſoll man es erhalten? Man ſagt, Achilles ſei von einem Centauren erzo⸗ gen worden, der halb Menſch, halb Thier war. So iſt es mit aller Hoheit und aller Größe. Die Welt iſt nicht blos gut, ſie iſt auch böſe; und wir werden von beiden Elementen erzogen, um über beide zu 304 herrſchen. Das Böſe wird am beſten von dem Gu⸗ ten gezügelt, das Gute von dem Böſen: Nichts zü⸗ gelt den Menſchen ſo ſicher wie Gegenſätze. Ich habe lange gelebt und viel erfahren. Mit Schrecken ſehe ich auf den einen und andern mißlichen Augenblick in meinem Leben zurück. Ich kann Dir jetzt wohl ſagen, daß ich einmal am Rand des Verderbens ge⸗ ſtanden habe, und noch jetzt kann ich mich bei der Erinnerung daran eines Grauens nicht erwehren. Aber ich habe mein Ziel erreicht, und ich will mich da behaupten. Im gegenwärtigen Augenblick geht eine große Bewegung durch den politiſchen Körper: im Senat verſpüren wir alle ſeine Zuckungen am beſten. Aber wir wachen, wie Cerberus vor dem Thore, und Niemand ſoll uns überraſchen, denn wir ſind aufs Schlimmſte gefaßt. Du darfſt einen Staats⸗ mann nicht mit dem gewöhnlichen Maß meſſen: glaube mir, Du mußt bei ihm einen krummen Maß⸗ ſtab anlegen. Es iſt keine geringe Kunſt, ſich nach allen Bewegungen zu biegen und dennoch feſt im Sat⸗ tel zu bleiben. Es iſt nicht leicht, eine große Gährung in einem Land hervorzurufen, aber noch ſchwerer iſt es, einer ſolchen entgegenzuarbeiten. Der beſte Schutz für unſere Verfaſſung iſt, daß wir ſie beſtändig ſo anſehen, als ob ſie in Gefahr ſtände. Durch dieſes Journal, ſo wie durch allerlei andere Manöver pro⸗ clamiren wir auch, daß ſie ſich in einer Art von Kriegszuſtand befinde. Dieſe erhält die Gemüther wach, das Volk auf ſeinem Poſten, den Adel bei friſchem Muth; es lähmt und ſchwächt die Königs⸗ macht fortwührend. Sollte deßungeachtet eine Ka⸗ taſtrophe eintreten, ſo widerſetzen wir uns nicht, nn 30⁵ ſondern beſchleunigen ſie vielmehr... ein Embryo iſt leichter zu beſiegen als eine Pallas Athene. Der „ehrliche Schwede“ hat vollkommen Recht.“ Creutz hörte die Erklärung ſeines Onkels nicht ohne Ueberraſchung an: es war dies einer der glück⸗ lichſten Augenblicke des alten Reichsraths. „Sie mögen vielleicht Recht haben, Onkel,“ ant⸗ wortete er.„Die Ereigniſſe haben ihr Ziel, ihre Grenze. Es iſt möglich, daß ſie nicht zur Ruhe kommen, bevor ſie dieſes Ziel erreicht haben. Viel⸗ leicht wird dieſe Zeitung die Exploſion nur noch be⸗ ſchleunigen. Nun ja, mag es denn geſchehen. Sehen Sie, Onkel, ich muß geſtehen, daß ich mich bisher nicht ſonderlich für die Politik intereſſirt habe; aber jetzt, da ich ſo wichtige Ereigniſſe vor Augen ſehe, bekommt ſie die größte Anziehungskraft für mich. Es eröffnen ſich Ausſichten voll Leben und Kampf— pikante, hinreißende Ausſichten. Die Romantik und die Politik unterſtützen einander auf eine merkwür⸗ dige Weiſe. Das Weib, das ich bisher blos zum Lieben geſchaffen glaubte, benützt, wie ich ſehe, dieſe Liebe als Werkzeug für politiſche Abſichten; und der Staatsmann, macht er nicht die reinſten und zärt⸗ lichſten Gefühle in des Weibes Bruſt zu den mäch⸗ tigſten Hebeln ſeiner Politik? Ich erinnere mich, daß Sie mich immer aufgefordert haben, mich auf die politiſche Laufbahn zu werfen, und daß ich blos darüber gelacht habe; aber jetzt, nachdem ich den erſten Schritt gethan, laſſe ich mich immer mehr vom Strom hinreißen. Die Politik iſt eine Welt für ſich, eine große, in alle Theile des Lebens tief eingrei⸗ fende Welt: ein Geſellſchaftsroman, worin die Men⸗ Ridderſtad, Luiſe Ulriken's P dſ III. 20 306 ſchen mit allen Mitteln des Verſtandes und Herzens für ihre Zwecke kämpfen. Betrachten Sie nur dieſe Amanda, ein einzelnſtehendes, armes und unbedeu⸗ tendes Mädchen, wie wunderbar wird ſie nicht von den Ereigniſſen hingeriſſen? ſie ſcheint dieſelben bei⸗ nahe zum Voraus beſtimmen zu wollen. In ihrem tiefen Blick, in ihren bleichen Geſichtszügen, in ihren glühenden Reden ſteht deutlich zu leſen, was in ihrem Innern vorgeht. Ohne alle Frage kann man ſich auf ſie verlaſſen. Sie hat zu viel Leidenſchaft, um nicht aufrichtig zu ſein. Aber ich verſtehe ſie den⸗ noch nicht. Sie iſt für mich ein Phänomen, das ich nicht zu erklären vermag. Nur die Liebe, verſchmähte, verachtete Liebe kann in einen ſolchen Haß überge⸗ hen. Sie muß tief geliebt haben und ſchonungslos verſchmäht worden ſein.“ Bei dieſen letzten Worten ſpielte ein Lächeln auf den Lippen des alten Reichsraths. Es war die Weltklugheit, die ſich an jugendlichen Vorſtellungen ergötzte. „Alle Deine Bemerkungen,“ verſetzte er,„be⸗ kräftigen meine Sätze. Bei großen Parteikämpfen werden alle Kräfte in Anſpruch genommen. Die Bedürfniſſe ſchaffen die Mittel. Das Weib kann ſich ſelten zu andern Zwecken erheben, als zu Zwecken des Herzens; aber weiß man ſich ihrer mit Verſtand zu bedienen, ſo kann ein Staatsmann nie ein beſſe⸗ res Werkzeug für ſeine Pläne finden; ſie iſt vermöge ihrer Liſt eine geborene Diplomatin, ſie bethört durch ihren Liebreiz und iſt beharrlich in ihren Neigungen. Mit den kleinen Waffen ihrer Koketterie und Eitel⸗ keit ſind auch ſchon große Dinge ausgeführt worden. 1 307 Um jedoch ihre heftigeren Leidenſchaften zu beherr⸗ ſchen, iſt große Gewandtheit nöthig. Will man eine Frau gleichwohl in ſeinem Intereſſe verwenden, ſo muß man ſowohl ihre guten als ihre ſchlimmen Seiten ſtudiren: der Schlüſſel zu Ehre und Glück liegt häufig in einer Weiberſchürze. Amanda iſt eine Natur, die viel ausrichten kann. Ich begreife jedoch nicht, warum ſie ſich uns genähert, und ich glaube nicht, daß ſie es aus eigenem Antrieb gethan hat. Wenn ſie unter der Leitung des Mannes ſteht, den ich vermuthe, ſo müſſen wir auf unſerer Hut ſein. Glaube an Nichts, Creutz, was Du nicht in Deiner Hand haſt. Es freut mich, daß die Politik Dich zu intereſſiren anfängt. Laß Dich indeß durch den romantiſchen Schimmer der Ausſichten nicht allzu ſehr hinreißen, ſondern ſpinne ſelbſt einen Roman zu Deiner eigenen Chre daraus. Der Verſtand muß alle Träume ſich unterwerfen. Der Staatsmann muß ſich dem praktiſchen Leben hingeben; in den Schwachheiten und Fehlern deſſelhen muß er ſeine Diener ſehen. Mit Entſchloſſenheit und Muth be⸗ herrſcht man die Welt; aber dieſe Eigenſchaften müſſen aus der nüchternen Schule der Erfahrung hervorwachſen. Die Lacedämonier verloren Athen und Theben darum, weil ſie ſich ſchönen Illuſionen hingaben. Rom behielt Carthago darum, weil es den entſcheidenden Schritt that und dieſe feindliche Stadt zermalmte. Man darf vor Nichts zurückbeben, was die Erfahrung uns als richtig bezeichnet. Ich kenne unter den ſchwediſchen Staatsmännern, die gegenwärtig auf der Bühne erſcheinen, nur einen einzigen, dem eine große Zukunft zu winken ſcheint. 308 Er verſteht ſeinen Macchiavell. Er zeichnet ſeine Zukunftspläne nicht auf der Grundlage eines Ge⸗ fühls, ſondern auf dem wohl gerichteten Meßtiſch der Ueberlegung und des Verſtandes. Keine Ehre hat Grund und Boden, wenn ſie nicht ihr Motiv im Staate hat. Für jeden emporſtrebenden Mann iſt es ein Glück, wenn ſein Zeitalter an einer großen Idee rüttelt: gleichviel, ob ſie gut oder ſchlecht iſt. Es gibt nichts Böſes, was nicht etwas Gutes her⸗ vorzurufen vermöchte. Hätten die Juden nicht in der ägyptiſchen Knechtſchaft geſchmachtet, ſo hätte Moſes nie aufſtehen können. Wären die Perſer nicht von den Medern unterdrückt und die Meder nicht verweichlicht geweſen, ſo hätte es keinen Cyrus gegeben. Ein großer Mann iſt blos der Gegenſatz einer ſchlechten Seite in einem Land, das heißt, er iſt die Stimme, das Wort, das Schwert einer neuen und beſſeren. Ich gebe zu, daß unſere Staatsein⸗ richtung ſo wohl zuſammengefügt und geordnet iſt, daß man beinahe vergebens nach einzelnen hervor⸗ ragenden Größen ſucht, obſchon beſonders die Intri⸗ guen des Hofes ein reiches Material darbieten. In Folge dieſes ſieht auch der Mann, von dem ich ſpreche, einer großen Zukunft entgegen. Mit um⸗ faſſendem und ſcharfem Blick ſtudirt er die Scandal⸗ chronik der Zeit und hat durch die Art, wie er ſie commentirt, bereits die größte Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen. Er iſt ein Buch, voll von Räthſeln und Geheimniſſen. Ich ſage deßhalb, daß Du ihn ſtudiren mußt; ich ſage nicht, daß Du Dich ihm hin⸗ geben ſollſt. Ich hege die feſte Ueberzeugung, daß ͤ—. 309 Amanda recht und ſchlecht ſeine Schildwache, ſein Ohr, ſein Sprachrohr, kurz und gut, ſeine Spionin iſt... „Aber wen meinen Sie denn, Onkel?“ „Pechlin.“ „Pechlin?“ Weiter kamen ſie nicht, denn in dieſem Augen⸗ blick trat der Bediente ein und meldete den Baron Pechlin. Creutz und Chrenpreutz ſahen einander ver⸗ wundert an. „Führe ihn herein.“ „Er kommt wirklich jetzt ganz gelegen,“ bemerkte Creutz, nachdem der Bediente ſich entfernt hatte. „Wir werden Gelegenheit haben, ihn auszuforſchen.“ „Ich glaube nicht, daß Du der Mann dazu biſt,“ verſetzte Chrenpreutz.„Zieh⸗ Dich lieber in's Neben⸗ zimmer zurück und laß mich mit ihm allein. Du kannſt die Thüre ein wenig offen laſſen.“ Pechlin hatte ſchon im Vorzimmer von dem Be⸗ dienten erfahren, daß Creutz bei Ehrenpreutz war. Als er in's Zimmer trat, fand er Ehrenpreutz an ſeinem Schreibtiſch und eben die Feder eintunkend. Da Chrenpreutz ſich ſtellte, als ob er ſeinen Gaſt nicht ſogleich bemerkte, ſondern von wichtigen Ge⸗ ſchäften in Anſpruch genommen wäre, ſo warf Pech⸗ lin einen Blick um ſich und bemerkte dabei alsbald, daß die Thüre in's innere Zimmer, wohin Creutz ſo eben abgetreten war, nicht ruhig ſtand, ſondern ſich langſam in ihren Angeln bewegte. Indem er dieſen Umſtand mit der angeblichen Geſchäftsvertiefung des Grafen zuſammenhielt, zog er daraus den Schluß, 310 daß man ihm einen Spuck ſpielen wolle. Er war auch ſogleich mit ſich im Reinen, wie er ſich zu be⸗ nehmen hätte. Endlich ſchob Chrenpreutz ſeinen Stuhl vom Schreibtiſch weg und empfing ſeinen Gaſt mit zuvorkommender Höflichkeit. „Was ſchenkt mir die Chre Ihres Beſuchs, Herr Baron?“ fragte er. „Eine Kleinigkeit, Herr Graf; Sie wiſſen, daß Kleinigkeiten die Welt am meiſten beſchäftigen. Ich habe heute mit einer der Kammerfrauen der Königin eine Beſprechung gehabt; Sie kennen ja Amanda? Das arme Mädchen... ich habe immer inniges Mitleid mit allen ſchwachen Gehirnen.“ Chrenpreutz hegte eine zu gute Meinung von ſich, als daß er in dieſer Bemerkung einen Stich auf ſich ſelbſt gefunden hätte. „Amanda, ſagen Sie? Ja, ja, gewiß, ich kenne ſie.“ Chrenpreutz erinnerte ſich nur zu lebhaft der Be⸗ ſprechungen, die er mit ihr gehabt hatte, und ahnte, daß Pechlins Beſuch dieſen gelte. „Das Mädchen war heute bei mir,“ fuhr Pech⸗ lin fort;„ſie betrachtet mich nämlich als einen älte⸗ ren Bruder, als einen Freund, als eine Art von Vater.“ „Sie iſt ja auch Ihre Pflegetochter, Herr Baron?“ „Ja, auf gewiſſe Art. Ich gelte wenigſtens da⸗ für. In der That ſelbſt verwechſelt man jedoch mei⸗ nen Vater und mich. Während ich noch jung war, wurde das Mädchen auf den Wunſch meines Vaters in's Haus aufgenommen, wiewohl er ſie bald in einem bürgerlichen Haus in die Koſt gab. Aber 311 nach ſeinem Tod kam das Mädchen zurück, und da habe ich mich mit brüderlicher Freundſchaft und dem Ernſt eines älteren Mannes ihrer angenommen.“ „Sie haben auch Chre von ihr,“ bemerkte Ehren⸗ preutz blinzelnd. „Es iſt nicht ohne; aber jetzt iſt das arme Kind verliebt, bis über die Ohren verliebt geworden, wie es den Mädchen gewöhnlich geht, und da weiß ſie nicht mehr, was ſie thut oder ſagt. Ich komme deß⸗ halb hieher, um Sie vor ihr zu warnen, Herr Graf.“ 1 i 2“ „Ich denke doch, daß Fräulein Creutz verlobt iſt.“ CEhrenpreutz rückte ſeinen Stuhl. Er hatte nicht erwartet, daß Pechlins Beſuch einer Familienange⸗ legenheit gelten, und am allerwenigſten, daß er einen ſo kitzligen Gegenſtand berühren würde. „Verlobt?“ wiederholte er blos.„Davon weiß ich Nichts.“ „Ei wie? Man hat mir doch geſagt, Fräulein Creutz ſei mit dem Capitän Puke verlobt.“ CEhrenpreutz machte eine ſo heftige Bewegung, daß er beinahe vom Stuhle fiel. „Wer hat Ihnen dieſen Bären aufgebunden?“ „Das Publikum, Herr Graf, das Publikum, das Alles weiß.“ „Das Nichts weiß, wollen Sie ſagen, Baron; aber was haben wir hier mit dieſer Verlobung zu ſchaffen?“ Creutz lauſchte im innern Zimmer auf jedes Wort. Er hatte ſich auf einen Stuhl geſetzt und wagte ſich nicht zu bewegen, um ſeine Anweſenheit nicht zu 312 verrathen. Seine Aufmerkſamkeit ſteigerte ſich zur Verwunderung, als er hörte, daß das Geſpräch ſeine Schweſter zu betreffen anfing. „Ich ſehe ein,“ fuhr Pechlin fort, der die Wir⸗ kung ſeiner Worte nur allzu gut bemerkte,„ich ſehe wohl ein, Herr Graf, daß man mir eine ſolche Ein⸗ miſchung in Ihre Familienangelegenheiten als Ver⸗ meſſenheit auslegen könnte, zumal da ich vermuthe, daß Sie dieſe Combination noch geheim zu halten wünſchen; aber bei dem Charakter und den Plänen Amanda'’s halte ich es für meine Pflicht als ehr⸗ licher Mann, Sie über die Urſache ihres übertrie⸗ benen Grolls wider den Hof aufzuklären.“ Während Pechlin ſprach, hatte er auch ein Ohr für das innere Zimmer, und es war für ihn ganz klar, daß Creutz ſich da befand. Ehrenpreutz, der die wahre Urſache von Amanda's Haß und Feindſeligkeit zu erfahren wünſchte, ſchenkte den letzten Aeußerungen Pechlins ein geneigtes Ohr. Als daher die erſte augenblickliche Ueberraſchung vorüber war, glaubte er ſeinem ſchlauen Gegner eine kleine Falle legen zu müſſen. „Nun ja,“ antwortete er,„ich glaube wirklich, daß Fräulein Creutz und Capitän Puke einander ein Bischen lieb haben... das iſt ja nichts Ungewöhn⸗ liches unter jungen Leuten... inzwiſchen weiß der Himmel, was in Zukunft daraus werden mag. Sie ſind jedoch ein merkwürdiger Mann, Baron; Nichts kann Ihnen verborgen bleiben. Sie ſagen, Sie hätten unſer Geheimniß vom Publikum erfahren; aber, beſter Baron, Sie wiſſen mehr als das Publi⸗ kum; ich möchte beinahe ſagen, Sie ſind ſelbſt ein Publikum. Was iſt jedoch der Grund von Aman⸗ das...“ Creutz hatte mit Mißfallen gehört, daß Chren⸗ preutz ſeinen Unwillen gegen Puke nicht geheimhalten konnte; aber noch weit mehr verdroß ihn dieſe Nach⸗ giebigkeit. Er fühlte ſich beinahe beleidigt davon. Je unerfahrener man iſt, um ſo leichter iſt man be⸗ leidigt. „Von Amanda's Haß?“ fiel Pechlin ein.„Nichts Anderes, Herr Graf, als verſchmähte Liebe, oder mit andern Worten Eiferſucht.“ Creutz freute ſich jetzt zu hören, daß er ſie richtig beurtheilt hatte. „Amanda,“ fuhr Pechlin fort,„hat mir von der Beſprechung erzählt, die ſie mit Ihnen hatte, Herr Graf. Ich begreife nur zu gut, daß Sie kein Freund der Königin ſein können, und finde es alſo ſehr er⸗ klärlich, daß Sie das Mädchen angehört haben; aber die Gefahr für Sie...“ „Gefahr... ich verſtehe nicht... Gefahr?“ „Die Gefahr beſteht darin, Herr Graf, daß Amanda, die von Natur ſehr ſchlau und jetzt von der heftigſten Leidenſchaft aufgeregt iſt, auch Sie ſelbſt in's Verderben mitreißen könnte.“ „Mich? Erklären Sie ſich, Baron.“ „Natürlich Sie, vor allen Andern Sie, Herr Graf, oder vielleicht richtiger Ihre Angehörigen. Es iſt klar, daß, wenn es Amanda gelingt, Puke in den Strudel ihrer unſeligen Unternehmungen hineinzu⸗ ziehen, die Folgen davon auch Sie ſchmerzlich treffen müſſen, und zwar in demſelben Maß, wie Sie Puke lieben.“ 314 Chrenpreutz nahm eine Priſe und bewegte ſich wieder auf ſeinem Stuhl hin und her. „Ganz richtig,“ antwortete er,„ganz richtig; in demſelben Maß, wie ich Puke liebe... ganz richtig.“ „Aber dabei bleibt es nicht ſtehen,“ fuhr Pech⸗ lin fort;„denn ſollte Amanda auch in einer Sache keinen Erfolg haben, ſo glückt es ihr vielleicht beſſer mit einer andern, auf welche ich Ihre Aufmerkſam⸗ keit gleichfalls lenken muß.“ „Sprechen Sie, Baron, ich bin ganz Ohr. Welche andere Sache haben Sie im Auge?“ „Ich meine, daß ſie die zärtlichen Bande zer⸗ reißen könnte, welche Fräulein Creutz und Capitän Puke ſo innig vereinigen, und die Ihnen, Herr Graf, ſo große Freude machen.“ Der Leſer mag ſelbſt rathen, in wie weit Pech⸗ lins Annahme, daß Chrenpreutz ſich über Alma's Verbindung mit Puke freue, ihre Richtigkeit hatte, oder ob dieſe Vorausſetzung blos ein Umſchweif war, zmittelſt deſſen er das Geſpräch um ſo leichter in das von ihm gewünſchte Geleiſe zu bringen hoffte. Ehrenpreutz beugte ſich in ſeinem Stuhl vor. Pechlins Gerede wurde ihm immer intereſſanter. „Die Sache iſt nämlich die,“ fuhr Pechlin nach einer kurzen Pauſe fort,„Amanda liebt...“ „Sie liebt Puke,“ fiel Chrenpreutz ein. Er errieth das Geheimniß. Creutz konnte ſich einer Bewegung nicht erweh⸗ ren; Pechlins lauſchendes Ohr nahm ſie augenblick⸗ lich wahr. Dieſe Mittheilung gab Chrenpreutz und Creutz 315 auf einmal den nöthigen Maßſtab zur Beurtheilung Amanda's. Bis jetzt hatten ſie das Mädchen nicht recht begriffen; aber nun wurde ihnen Alles klar. Sie begriffen jetzt auch, daß Amanda ſich ihnen aus eigenem Antrieb genähert hatte, und nicht in Folge eines Fingerzeigs von Pechlin. Ein und daſſelbe Intereſſe vereinigte ſie alſo mit dem Mädchen. Sie ſahen auch beide den Vortheil einer Bundesgenoſſen⸗ ſchaft mit einem ſo leidenſchaftlichen Weibe ſogleich ein. Durch Amanda wurde es ihnen vielleicht ſo⸗ gar möglich, ſich Puke gänzlich vom Halſe zu ſchaffen. Pechlin, welcher den tiefen Eindruck bemerkte, den ſeine Mittheilung auf den alten Reichsrath machte, weidete ſich lächelnd daran. Aus der heftigen Bewegung, die er vom innern Zimmer her vernahm, erſah er, daß die Nachricht auch bei Creutz einen nicht geringeren Effekt her⸗ vorrief. „Sie wundern ſich vielleicht, Herr Graf,“ fuhr er inzwiſchen fort,„daß ich, trotz der Ergebenheit, die ich immerhin für Amanda haben muß, ſie den⸗ noch auf dieſe Art bloszuſtellen ſcheine; aber ich thue das nicht ohne die ſorgfältigſte Ueberlegung. Sie ſehen gewiß leicht ein, daß Amanda vermöge ihrer Geburt und Stellung keineswegs berechtigt iſt, mit einer Verwandten von Ihnen zu rivaliſiren. So geſchickt ſie alſo auch ihre Pläne anlegen mag, ſo ſehe ich doch ihren endlichen Untergang voraus, im Fall ſie auf dem betretenen Weg beharren will, und um das Mädchen vor größerem Unglück und Herze⸗ leid zu bewahren, habe ich es für meine Pflicht ge⸗ 316 halten, ihr kindiſches Gebahren bei Zeiten aufzu⸗ decken. Ich bin überzeugt, daß Sie, Herr Graf, meine Aufrichtigkeit zu würdigen wiſſen, und noch mehr, daß Sie auch Amanda entſchuldigen werden.“ „Seien Sie davon überzeugt, Baron; ich bin dankbar... ſehr dankbar.“ Chrenpreutz warf dabei einen neugierigen Blick auf Pechlin; er hoffte Mittheilungen von der höch⸗ ſten Wichtigkeit zu empfangen und dachte, daß eine Gelegenheit wie dieſe vielleicht nicht ſo bald wieder⸗ kehren würde. Der kleine Umſtand, daß er Pechlin über's Ohr gehauen und ihm ganz falſche Ideen beigebracht zu haben glaubte, ſchmeichelte ihm nicht blos, ſondern flößte ihm ſogar die größte Zuver⸗ ſicht ein. „Aber, Baron,“ fuhr er alſo fort,„ich bin Ihnen nicht blos dankbar, ſondern ich möchte auch gar zu gerne von Ihnen vernehmen, wie Sie glauben, daß man die ganze Frage behandeln muß. Nehmen wir einmal an, Fräulein Creutz liebe Puke und“— hier nahm er eine Priſe—„und daß auch ich und ihr Bruder dieſe Verbindung wünſchen; wie ſoll man da Amanda veranlaſſen, ihre Pläne aufzugeben? Sie kennen den Bruch, welchen das Schreiben des Königs an die Stände zwiſchen ihm und den Herren Reichsräthen hervorgerufen hat; Sie wiſſen auch, daß das ganze Land gegenwärtig von, ich möchte beinahe ſagen, revolutionären Brennſtoffen angefüllt iſt. Sie ſehen ferner ein, daß dieſe Gährung bis zu irgend einem Extrem gehen wird, wofern nicht die eine oder andere Partei nachgibt. Sie können nicht verlangen, daß die Vertreter der Nation der V Königsmacht aus dem Wege gehen, daß die Grund⸗ geſetze vor dem Thron den Hut abziehen ſollen. Nun wohl, Baron, wenn es ſich ſo verhält, ſo müſſen Sie geſtehen, daß Amanda gleichwohl mit nicht ge⸗ ringer Geſchicklichkeit Stellungen und Verhältniſſe aufgefaßt hat, und daß ſie, obſchon ich ihre Quellen ganz und gar nicht kenne, mit einigem Recht allerlei vorausſagen kann, wobei ſie ſich vielleicht nicht ſo ganz täuſcht. Sie kann alſo möglicher Weiſe, allen unſern Berechnungen zuwider, zu ihrem Ziel ge⸗ gelangen.“ Pechlin ſtierte den Redner mit einer möglichſt einfältigen Miene an. „Das iſt eine ſehr richtige Bemerkung,“ ſagte er,„an die ich wahrlich nicht gedacht habe; aber Ihr Scharfſinn, Herr Graf, iſt auch eine allbekannte Sache.“ Obſchon Ehrenpreutz nicht wußte, in wie weit er das Compliment ernſthaft nehmen durfte, ſo rief es doch nichtsdeſtoweniger ein Lächeln der Befriedigung auf ſeine Lippen. „Glauben Sie nicht, Baron,“ begann er inzwi⸗ ſchen wieder,„daß es das Beſte wäre, wenn wir Amanda ihren Weg vorangehen ließen und ſie blos aufmerkſam im Auge behielten?“ Chrenpreutz wollte um jeden Preis Pechlin zu näheren Aeußerungen über die Sache veranlaſſen, weil er dadurch allerlei Dinge zu erfahren hoffte. „Nein, nein, Graf,“ antwortete Pechlin.„Ich bin, wie Sie nur gar zu gut wiſſen, kein Bewun⸗ derer der Königsmacht, und kann daher vollkommen aufrichtig ſein. Sie ſagten ſo eben oder deuteten 318 wenigſtens an, daß die Königin gegen unſere Grund⸗ V geſetze intriguire.“ „Allerdings.“. „Um ihre Abſichten durchzuführen, ſucht ſie Jeder⸗ mann, wer ihr nahe kommt, in ihr Intereſſe zu ziehen.“ „Wir vermuthen das.“ „Puke iſt auch in dieſen Strudel hineingezogen worden.“ „Nun ja.“ 4 „Aber die Vertreter der Nation können doch der Königsmacht nicht aus dem Wege gehen?“ „Das iſt meine Meinung.“ „Läßt man alſo den Ereigniſſen freien Lauf, ſo daß ſie ſich in ihrer natürlichen Richtung entwickeln können, ſo müſſen wir, wenn wir die Charaktere der handelnden Perſonen in Betracht ziehen, offenbar annehmen, daß früher oder ſpäter eine ſchreckliche Kataſtrophe eintreten müſſe.“ „Laſſen Sie uns das vorausſetzen.“ „Aber dieſe Kataſtrophe wird den ganzen Hof und folglich auch Puke verſchlingen.“ „Auch Puke, ja gewiß. Auch ihn...“ „Aber Puke iſt Ihnen eine theure Perſon, welche Sie zu retten wünſchen.“ Chrenpreutz ſprang beinahe auf. Er hatte den Ausgangspunkt bereits vergeſſen. „Es iſt wahr,“ ſagte er;„Puke iſt eine theure Perſon...“ Pechlin horchte einen Augenblick, ob er nicht vom innern Zimmer her irgend einen Ausdruck leiden⸗ ſchaftlicher Aufregung vernehme; aber Alles blieb ſtill. Das grämte ihn beinahe. „Da fällt mir etwas ganz Anderes ein,“ fuhr Pechlin fort,„obſchon ich beinahe bezweifle, daß Sie, Herr Graf, in der Stellung, welche Sie als Reichsrath der königlichen Familie gegenüber ein⸗ V nehmen, es billigen werden.“ „Laſſen Sie immerhin hören, Baron.“ b„Die einzige paſſende Art und Weiſe, um Puke's Sturz zu verhindern, dürfte darin beſtehen, daß man ddie Königin auf eine vernünftigere Bahn zu leiten ſuchte.“ Ehrenpreutz hatte ſich vorgenommen, nicht mehr aus ſeiner Rolle zu fallen; wenn er ſie gut ſpielte, ſo konnte er Pechlin jetzt nach Herzensluſt ausfor⸗ ſchen; aber bei dem Vorſchlag, die Königin auf einen vernünftigeren Weg zu leiten, wechſelte er dennoch die Farbe. „Fahren Sie fort,“ fiel er indeſſen ein,„fahren Sie fort, Baron.“ Man hörte, daß ihm Etwas ſchwer auf dem Herzen lag, denn ſeine Stimme war beinahe ziſchend. „Ich habe,“ ſagte Pechlin daher,„allen Grund zu vermuthen, daß die Königin juſt in dieſen Tagen eeinige der kühnſten Züge auf ihrem Schachbrett zu V thun gedenkt.“ „Wirklich?“ „Ich weiß, daß ſie Alles aufbietet, um den Bauernſtand zu gewinnen.“ V„Sie wiſſen das, ſagen Sie?“ „Lars Larsſon iſt ein ſchlauer und kühner Ge⸗ ſelle. Er bearbeitet die Bauern aus allen Kräften. — 320 Forbus hat es auf ſich genommen, in der holländi⸗ ſchen Düne den Vicewirth zu ſpielen. Wrangel ſon⸗ dirt die öffentliche Meinung im Ritterhaus und be⸗ ſchäftigt ſich mit einer neuen politiſchen Broſchüre. Das Trabantenkorps iſt bereit, zu jeder Narrheit die Hand zu reichen. Silfverhjelm ſoll ſein Hauptquar⸗ tier in einem Wirthshaus in der Meiſter Samuelsgaſſe haben. Täuſche ich mich nicht, ſo iſt die Zeit bereits feſtgeſetzt...“ „Zu was?“. „So bald die Reichsſtände über die Eingabe des Königs einen Entſchluß gefaßt haben, iſt die Zeit da.“ „Zu was?“ „Was weiß ich, Herr Graf? Das Gerücht iſt blos ein Rauch, bis der wahre Sachverhalt als klare Flamme hervortritt. Noch raucht es blos. Die Po⸗ litik, Herr Graf, iſt blos ein Gewebe von Meinun⸗ gen: die Charaktere bilden den Aufzug, das Gerücht den Einſchlag. Die große Aufgabe des Lebens iſt, zu erforſchen, was wahr und was nicht wahr iſt. Gewöhnlich muß man ſich durch viele Unwahrheiten hindurch den Weg zur Wahrheit bahnen. Ich ſage, daß ich viele Gründe habe, meine Behauptungen für wahr zu halten: das iſt Alles, was man von einem vorſichtigen Mann erwarten kann.“ „Mag ſein... aber weiter... weiter...“ „Weiter, ja! Darin liegt juſt die ganze Schwie⸗ rigkeit. Um Puke zu retten...“ „Ja gewiß, um ihn zu retten...“ Chrenpreutz verſtand unter dieſem Wort juſt das Gegentheil. Er wollte nur das Mittel zu ſeiner 321 Rettung erfahren, um ſich daraus eine untrügliche Waffe zum Sturz des Verhaßten zu ſchaffen. „Um Puke zu retten,“ wiederholte Pechlin,„muß man die Königin retten.“ „Wie ſo?“ „Das heißt, man muß ſie über all' das Ge⸗ mmunkel, deſſen Gegenſtand ſie iſt, aufklären, muß 1 V ihr zu bedenken geben, daß ſie beobachtet wird.“ „Aber wenn wir jetzt nicht mit Beſtimmtheit viſſen, was ſie vorhat, ſo dürfte es ſehr ſchwer hal⸗ teen, ſie aufzuklären.“— „Sie haben vollkommen Recht, Herr Graf, und ich kann Ihre Bemerkung nur bewundern. Statt b die Königin aufzuklären, wäre es alſo vielleicht klü⸗ ggeer gethan, wenn man ihre Abſichten genau zu er⸗ mmiittteln ſuchte.“ „Das halte ich auch für verſtändiger. Aber wie ſoll dies gelingen?“ „Wirklich eine ſchwere Frage, Herr Graf; ich ahne jedoch, wie Sie die Sache wohl nehmen würden... „Wie ich ſie nehmen würde?“ „Ohne den Dingen mit demſelben umfaſſenden Blick auf den Grund zu ſehen, wie Sie, Herr Graf, V vermuthe ich, daß Sie...“ „Sie vermuthen, daß ich...“ „Daß Sie es für's Klügſte halten würden, wenn man Urſache zu bekommen ſuchte, einen der Vertrau⸗ ten der Königin in Anklageſtand zu verſetzen und zu verhaften, wobei man ihn dann auspreſſen könnte wie eine Citrone, und ich geſtehe Ihnen, Herr Graf, daß Sie darin vollkommen Recht haben, zumal wenn Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. III. 21 die Wahl vorzugsweiſe auf Silfverhjelm fiele, wel⸗ cher der eigentliche Schlüſſel zu allen Geheimniſſen der Königin iſt...“ „Silfverhjelm, ja gewiß... er... er...“ „Wenn ich die Sache genau überlege, ſo gebe ich gerne zu, daß ſie fein ausgedacht iſt. Silfver⸗ hielm iſt ſo zu ſagen der Repräſentant der Intriguen der Königin; hätte man ihn in ſeiner Gewalt, ſo könnte man über mancherlei Verhältniſſe Aufſchluß erhalten, wie es denn auch ganz klar iſt, daß die Königin und die ganze Hofpartei, wenn ſie ſich er⸗ ſchrocken zurückzögen und es alſo beim Anfang be⸗ wenden ließen, gerettet werden könnten... und dann wäre ja auch Puke gerettet. Aber Nichts iſt leichter als mit Silfverhjelm anzubinden, denn er iſt unerſchrocken und keck, und muthige Leute laſſen ſich am leichteſten auf friſcher That ertappen. Sollten Sie Ihren Plan ausführen wollen, Herr Graf, ſo wäre es am beſten, zu warten, bis die Reichsſtände ihren Beſchluß gefaßt haben und die Deputation zum König geſchickt wird, weil dann die Partei natürlich Feuer fangen wird, ein Feuer, das der leiſeſte Wind⸗ hauch in eine Brunſt verwandeln kann. Für dieſen Fall empfehle ich Ihrer Aufmerkſamkeit die Reſtau⸗ ration in der Meiſter Samuelsgaſſe. Dieſe ſoll ein wahres Intriguantenneſt ſein.“ Chrenpreutz wandte ſeinen Kopf hin und her, während Pechlin ſprach. „Sie glauben,“ verſetzte er dann,„daß die Kö⸗ nigin innehalten würde, wenn man einen ihrer Ver⸗ trauten feſtnähme und vor Gericht ſtellte; aber ſollte man nicht eher das Gegentheil annehmen können?“ —————6———,——, O SD—— ́ SOͤ △ᷣ — „Ganz richtig, Herr Graf, Sie treffen, wie immer, den Nagel auf den Kopf. Das wollte ich juſt auch bemerken. Es ſcheint mir nämlich ganz unzweifelhaft, daß die Königin, bei ihrer Heftigkeit und Lebhaftig⸗ keit, Feuer und Flamme ſpeien würde, wenn man einem ihrer Freunde den Prozeß machte, und beſon⸗ ders wenn dies Silfverhjelm wäre, in deſſen Händen ihre verfänglichſten Geheimniſſe ruhen. Vor die Kommiſſion geſtellt, könnte Silfverhjelm gezwungen werden, Enthüllungen zu machen, welche der Königin nicht einmal geſtatteten, innezuhalten, ſo daß ſie unter allen Umſtänden genöthigt wäre, auf der einmal be⸗ tretenen Bahn fortzugehen, wobei ſie ihren ganzen Anhang in ihr Verderben mitziehen würde. Ich glaube alſo auch, daß dies das beſte Mittel wäre, um Puke zu ſtürzen, nicht aber um ihm zu helfen.“ Chrenpreutz hielt ſeine Blicke unverwandt auf Pechlin geheftet; dieſer hatte in ſeiner ganzen Dar⸗ ſtellung etwas ſo Einfaches und Ueberzeugendes, daß die Verhältniſſe dem alten Reichsrath ganz klar und deutlich, ja ſogar handgreiflich erſchienen. „Aber da ich Ihnen alſo von dieſer Verfahrungs⸗ weiſe abrathen muß, fällt mir etwas Anderes ein. Kitzliche Gegenſtände muß man nur mit feinen und weichen Händen anfaſſen. Die Politik iſt in unſern Tagen wie ein Mädchen: man muß ihr den Hof machen... obſchon es wahr iſt...“ Pechlin unterbrach ſich, gleich als wäre ihm auf einmal ein anderer Gedanke gekommen. „Was meinen Sie, Baron Pechlin? Es iſt wahr, ſagten Sie...“ „Es iſt wahr, Herr Graf, wollte ich ſagen, daß der unmöglich iſt.“ „Für einen Staatsmann, Baron, muß eigentlich Nichts unmöglich ſein.“ „Im Prinzip iſt es wirklich ſo, Herr Graf, aber in der Wirklichkeit kommen doch allerlei Dinge vor, die unüberwindliche Hinderniſſe in den Weg ſtellen.“ „Was Sie für unmöglich halten, kann ich für leicht möglich anſehen. Jedenfalls ſprechen Sie Ihre Meinung aus.“ „Wie Sie wollen, Herr Graf; ich wollte ſagen, daß es ein wahres Glück wäre, wenn man mit einem der innigſten Vertrauten der Königin in näherer Be⸗ rührung ſtände. Man bekäme dadurch Gelegenheit, ſie von ihrer eigenen Partei aus ſo zu leiten, wie man nur wünſchte; durch ein ſolches Mittelglied hätte man gleichſam eine Schleuſe in der Hand: man könnte ganz nach eigenem Behagen den Strom moderiren oder loslaſſen. Ich weiß allerdings einen Mann... aber es lohnt ſich nicht der Mühe, ihn zu nennen... Sie haben keine Verbindungen mit ihm.“ „Laſſen Sie mich jedenfalls wiſſen, wen Sie meinen; ich habe vielleicht längere Arme, als Sie glauben.“ „Unmöglich, Herr Graf, in dieſer Beziehung...“ „Aber ich bitte Sie, Baron, ſprechen Sie.. Wer iſt's?“. „Erlaſſen Sie mir den Namen, Herr Graf; ich würde Ihnen vielleicht blos eine neue Veranlaſſung geben, meinem Urtheil zu mißtrauen, und ich habe mich während dieſer Unterredung ſchon oft genug blosgeſtellt...“ ich beinahe mit einem Vorſchlag herausgerückt wäre, —+ 86 —— ———————,,———.——. „Um Alles in der Welt, Baron, ſagen Sie das nicht; ich... ich... ich will durchaus wiſſen, wen Sie meinen.“. Pechlin hatte während dieſer langen Unterredung immer dazwiſchenhinein gegen das Nebenzimmer hin gehorcht, ohne jedoch einen Ton oder eine Bewegung zu vernehmen. „Da Sie durchaus verlangen, daß ich Ihnen ſagen ſoll, wen ich meine... nun wohl denn, ich meine den Grafen Brahe.“ „Brahe!“ Pechlin hörte jetzt eine Bewegung offenbarer Un⸗ geduld im innern Zimmer. Als Creutz den Namen Brahe hörte, war es ihm unmöglich, länger ein paſſiver Zuhörer zu bleiben; er rückte auf dem Stuhl hin und her, er ſetzte ſeine Beine bald ſo, bald ſo, er konnte ſich's kaum verwehren, ſelbſt hinauszu⸗ gehen. „Da ſehen Sie's, Graf, ich habe es ja geſagt,“ fuhr Pechlin fort.„Es war mir ganz klar, daß Sie meinen Vorſchlag unmöglich finden würden. Brahe iſt inzwiſchen eingebildet und einfältig genug, um am allerbeſten zum Strohmann zu paſſen. Durch ihn, Herr Graf, würden Sie in den Stand geſetzt, Ihre eigene Handlungsweiſe auf's Genaueſte zu be⸗ ſtimmen. Sie hätten dann, ſo zu ſagen, den Dau⸗ men auf der Pulsader ſelbſt. Aber es lohnt ſich nicht der Mühe, davon zu ſprechen. Sonſt wäre blos ein Freund nöthig, dem der Graf ſein Ver⸗ trauen ſchenken könnte. Man hat mir geſagt, er ſei ſchwach für Freundſchaft. Ein Freund... blos ein Freund... aber ein ſolcher iſt nicht zu bekom⸗ 326 men. Sie haben alſo alles Recht, Herr Graf, mich wegen meines närriſchen Einfalls auszulachen. Zu meiner Entſchuldigung will ich indeß noch anführen, daß ich einen Augenblick einen entfernten Gedanken an Ihren Verwandten, den Grafen Creutz, hatte, der, wie ich zu wiſſen glaube, ein Jugendfreund des Grafen Brahe war; aber jetzt liegt natürlich eine große Kluft zwiſchen ihnen; der Eine iſt der erklärte Günſtling der Königin und war neulich Kandidat für den Landesmarſchallsſtab, während der Andere, Graf Creutz, immer noch blos Gardelieutenant iſt... überdies...“ „Ueberdies?“ 7 Ohne ſeine Worte beſonders zu betonen, ſprach er ſie langſam aus und zog ſie gewaltig hinaus. „Ueberdieß... aber ich hoffe, daß Sie meine Aufrichtigkeit nicht mißdeuten werden... überdies ſoll ſich Graf Creutz nicht für die Politik intereſſiren; man ſagt, er ſei ein Bischen einfältig.“ Creutz hatte dieſen Angriff nicht erwartet; aber das war auch mehr, als er ertragen konnte. Er vergaß jetzt ſeine angenommene Rolle und ſtand mit einem einzigen Schritt im äußern Zimmer bei Ehren⸗ preutz und Pechlin. Es iſt unmöglich, die Gedanken des Letzteren zu errathen, aber ſeine Miene zeugte von der größten Ueberraſchung. „Wie, Herr Graf, Sie hier?“ Chrenpreutz befand ſich in ſichtlicher Verlegen⸗ heit. Creutz heftete einen herausfordernden Blick auf Pechlin. „Herr Baron,“ begann er, verſtummte aber ſo⸗ gleich wieder. Er erinnerte ſich der Subordinations⸗ 327 geſetze, denn er befand ſich immerhin vor einem Manne, der ihm an Rang weit überlegen war. „Sie ſprechen von Einfalt, Herr Baron,“ fuhr er indeß nach einer kurzen Pauſe und vergeblichen Bemühungen, ſeinen Aerger zu dämpfen, fort,„aber nach Allem, was hier vorgefallen iſt, ſcheint mir auch Ihr eigener Scharfſinn nicht unfehlbar zu ſein. Ein unfreiwilliger Zuhörer Ihrer Aeußerungen, habe ich Sie eine Unkenntniß unſerer Familienangelegenheiten entwickeln gehört, die von ſehr geringer Bekanntſchaft mit Allem zeugt, was an der Tagesordnung iſt. Mein Onkel hat auch eine Nachſicht gegen Sie ge⸗ habt, die ich bewundern muß. Sie gelten für einen feinen Politiker, und nichtsdeſtoweniger haben Sie uns, lediglich auf eine ungegründete Vorausſetzung geſtützt, in mehrere Ihrer Pläne eingeweiht. Sie haben angenommen, daß meine Schweſter mit Puke verlobt ſei: ich habe die Ehre, Ihnen mitzutheilen, daß dieſe Annahme ganz und gar keinen Grund hat. Ferner haben Sie angenommen, daß wir uns für ihn intereſſiren: ſeien Sie überzeugt, daß er uns vollkommen gleichgültig iſt.“ Pechlin nahm die Miene eines zerknirſchten Sün⸗ ders an. Wenn Chrenpreutz einen Augenblick Miß⸗ trauen in ihn geſetzt hatte, ſo verſchwand es jetzt. Creutz konnte ſich, da er einmal im Zuge war, das Vergnügen nicht verſagen, ihn vollends in den Staub zu treten. „Nichtsdeſtoweniger, Herr Baron,“ fuhr er alſo fort,„danke ich Ihnen für Ihre Mittheilungen. Wir werden nicht unterlaſſen, den beſtmöglichen Ge⸗ brauch davon zu machen. Was mein Verhältniß zu Brahe betrifft, ſo muß ich Ihnen noch beſonders zu beherzigen geben, daß, ſo verſchieden auch unſere gegenwärtige Stellung ſein mag, dennoch ein Um⸗ ſtand vorhanden iſt, der ſie ausgleicht und mich ihm ebenbürtig macht: ich bin nämlich, wie er, Graf. Kein zufälliger Rang, Herr Baron, übertrifft den⸗ jenigen, zu welchem man geboren iſt.“ Pechlin richtete ſich auf und warf Creutz einen zurechtweiſenden Blick zu. „Ich weiß nicht, Herr Graf,“ ſagte er,„was achtungswerther iſt, ein Bischen Einfalt oder gar zu große Schlauheit. Einfältige Leute können immerhin brave und ehrenwerthe Leute ſein. Mit Vergnügen bitte ich Sie um Entſchuldigung und bekenne, daß ich mich in Ihnen getäuſcht habe; was mich betrifft, ſo trete ich pflichtſchuldigſt auf die Seite der Einfäl⸗ tigen. Ich glaubte nicht, daß mein téte à téte mit dem Herrn Grafen Chrenpreutz hinter der Thüre be⸗ lauſcht würde; ach, Herr Graf, ich werde nie mehr einer Thüre trauen. Vielleicht haben Sie meine Worte bereits zu Protokoll genommen, und ich muß mich alſo Ihrer Discretion überlaſſen, während ich zugeſtehe, daß ich düpirt worden bin.“ Pechlin machte hierauf ſeine Reverenz und ent⸗ fernte ſich. Ehrenpreutz und Creutz ſahen einander in ſtum⸗ mem Schweigen an. „Und dieſen Mann,“ begann Creutz endlich, „halten Sie für einen feinen Politiker, Onkel? Mein Gott, er hat ja hier ein ganzes Kapital ver⸗ geudet, ohne daß es ihm die geringſten Zinſen trägt.“ Er lachte. „Du haſt Recht, Creutz... diesmal haben wir ihm eine Naſe gedreht. Ruf' den Bedienten, Creutz.. ich will ſogleich anſpannen laſſen und zu Ferſen fah⸗ ren. Was Pechlin erzählte, war zu wichtig, als daß es nicht die ganze Partei in Aufruhr bringen ſollte. Du haſt's ja ſelbſt gehört... der Hof dürfte nichts Geringeres als eine Verſchwörung im Schilde füh⸗ ren. Für Silfverhjelm will ich ſchon ſorgen.“ „Und dann Brahe... ich begebe mich ſogleich zu ihm.“ Als Pechlin ſich wieder in ſeinen Wagen geſetzt hatte, brach er in ein lautes Gelächter aus. „Es iſt mir gelungen,“ murmelte er,„es iſt mir vollkommener gelungen, als ich gehofft hatte. Jetzt kann ich mich ruhig an's Fenſter ſetzen und zuſehen, wie die Welt geht. Unſere Verfaſſung iſt ein vor⸗ treffliches Uhrwerk; man braucht ſie nur ein einziges Mal im Monat, manchmal auch blos alle zwei Mo⸗ nate einmal, aufzuziehen.“ oijnung und Furcht wechſelten inzwiſchen bei Hof. Die Reichsſtände hatten am 28. die Streitfrage zwiſchen dem König und dem Rath entſchieden und beſchloſſen, am folgenden Tag Deputirte zu wählen, um durch eine große Deputation, unter Anführung des Landesmarſchalls, Grafen Axel Ferſen, dem König während der Sitzung die Antwort zu über⸗ reichen. Wir haben geſehen, daß Pechlin gewiſſe Verdäch⸗ tigungen gegen den Hof in Umlauf geſetzt hatte, die ſich auch bald unter dem Publikum verbreiteten, ohne daß man eigentlich wußte, woher die Gerüchte kamen. Das Gerücht hat immer eine treue Bundesge⸗ noſſin in der Neugierde. Der 29. kam, und die öffentlichen Plätze der Stadt, vor allen der Ritter⸗ hausmarkt, füllten ſich mit Volksmaſſen. Die Vertheidiger der beſtehenden Geſetze hatten nicht blos im Stillen alle erforderlichen Maßregeln zur Aufrechthaltung der Ordnung ergriffen, ſondern auch nach allen verdächtigen Orten ihre geheimen Spione ausgeſchickt. Die bogenweiſe erſcheinende Zeitſchrift:„Ein ehrlicher Schwede“, hatte fortwährend in ihrem Sinn agitirt. Der Hof hatte darin auch mit dem größten Ver⸗ druß Stellen geleſen wie folgende: „Probus. Welches von den beſondern Rechten des Königs iſt beſtändig und durchaus unabänder⸗ lich, jetzt und in Zukunft? „Honestus. Das Recht, regierender König über das ſchwediſche Reich und die ihm unterworfenen Länder zu ſein, und mit gleichem Recht nach ihm ſeine männlichen Erben in abſteigender Linie. „Probus. Beſitzen nicht die Reichsſtände die Macht, dieſes Recht abzuändern oder aufzuheben? „Honestus. Dazu beſitzen die Reichsſtände keine Macht, und ſie würden dadurch ihren Eid der Treue und Huldigung brechen, wenn nicht anders der unglückliche Fall eintritt, daß der König mit Wiſſen und Willen den theuren Eid und die Verſicherung, die er den Reichsſtänden gegeben, übertretenhat, oder daßdie Reichs⸗ ſtä the fal zuf Ge ſein mer ſo ſtände nöthig gefunden haben, zur Ver⸗ theidigung ihrerReligion, Freiheit, Wohl⸗ fahrt und Sicherheit etwas Weiteres feſt⸗ zuſetzen. „Sobald der König mit der ihm übertragenen Gewalt, ſie mag nun mehr oder weniger beſchränkt ſein, unzufrieden iſt und die größere Machtvollkom⸗ menheit ſeiner Vorgänger für ſich in Anſpruch nimmt, ſo bricht er ſeinen Eid und ſeine Verſicherung.“ Aber die Königin lächelte gleichwohl dazu, wenn auch nicht ohne einige Bitterkeit. Einige Tage ſpäter circulirten unter ihren Freun⸗ den etliche Exemplare einer neuerſchienenen Fabel: „Der Löwe und die Thiere“, die ſehr handgreifliche Anſpielungen enthielt. Die Prozeßakten ſtellen ihren Inhalt folgender⸗ maßen dar: „Was die eigentliche Art und die Einrichtungen der Fabel betrifft, ſo ſtellt ſie eine Regierung unter den Thieren vor, die, um die Gewaltthätigkeit und Tyrannei unter ſich zu dämpfen, eine ſolche einſetz⸗ ten und zu dem Ende den Löwen als König erwähl⸗ ten, der ſeine Verſicherung gab, durch Gnade und Recht für die Wohlfahrt eines Jeden zu ſorgen, worauf die Thiere ſich eidlich verpflichteten, die Macht und die Rechte des Königs als ihr einziges Glück zu betrachten. Sodann werden die allerbeſten Ge⸗ ſetze ausgefertigt, denen man im Anfang nachlebt, die aber ſpäter übel gedeutet werden und die laſter⸗ hafte Geſinnung des Fuchſes nicht zu dämpfen ver⸗ mögen, ſondern ihm ein Deckmantel für Betrug und Gewalt werden, worauf in einer allgemeinen Ver⸗ 332 ſammlung Gericht über ihn gehalten werden ſoll. f Und da nun der Fuchs hört, daß ein Reichstag aus⸗ geſchrieben iſt, ſucht er aus Furcht vor Strafe ſich durch Hinterliſt Freunde zu ſchaffen, geht eine Ver⸗ bindung mit andern Verbrechern ein, legt Pläne an, verkauft das allgemeine Wohl und kauft das allge⸗ meine Weh, verdreht Geſetz und Recht, breitet Ge⸗ rüchte aus, welche die Königsmacht kränken, z. B. daß der König nach Alleinherrſchaft trachte, verſchafft ſich durch ſolche Umtriebe eine große Mehrheit und nennt denjenigen, der ſeiner Argliſt entgegentreten will, einen Schelm. Dadurch werden die Thiere zum Groll und Haß gegen die Obrigkeit verführt, und obſchon Niemand von einer Gefahr weiß, ſo ſchreit man doch von allen Seiten, das allgemeine Wohl ſei bedroht. Der Löwe, darüber beſtürzt, hält eine Rede an die Thiere, ſtellt ihnen vor, wie er ohne Trug und Liſt zur Krone gekommen ſei, wie er ſie ſodann mit Mühe und großer Beſchwerde getra⸗ gen, in welch' einer mißlichen Zeit er den Scepter übernommen, als Gewalt, Unrecht und gegenſeitige Zerſtörungsſucht unter den Thieren vorgeherrſcht, wie er die Regierung verwaltet und während der⸗ ſelben Nichts gegen ſeine Verſicherung gethan habe, nebſt mehreren beſondern Vorſtellungen. Die Thiere laſſen ſich dadurch zu größerer Sanftmuth bewegen und vereinigten ſich zu dem Beſchluß, keinen Arg⸗ wohn zu hegen, der ihren König verletzen könnte, worauf Alles nach Geſetz und Billigkeit abgemeſſen wird. Die Fabel ſchließt damit, daß die Thiere an der dem König übertragenen Gewalt ihr Wohlge⸗ fallen fanden, und mit der Lehre: So thaten wilde Thiere, ſo ſollten Menſchen thun.“ Wie vortrefflich die herrſchende Partei von ihrer geheimen oder freiwilligen Polizei bedient war, geht daraus hervor, daß dieſe Fabel, die ohne Cenſur und Druckort erſchien, und von welcher man nur zwölf Exemplare mit der größten Vorſicht zu ver⸗ breiten vermochte, ſogleich und zwar mit Angabe des Verfaſſers eingebracht wurde. Es iſt unglaublich, aber doch wahr, daß die Ge⸗ ſpenſterſcheu der damaligen Machthaber ſo weit ging, daß ſie ſogleich die Schrift confisciren und den Ver⸗ faſſer in Anklageſtand verſetzen ließen. Aber die Königin ſenkte ihr Haupt blos einen Augenblick, darauf erhob ſie es wieder zu neuem Streit. Sie war, wie Minerva, mit voller Waffen⸗ rüſtung geboren. Sobald die große Streitfrage von den Reichs⸗ ſtänden entſchieden war und man den niederſchla⸗ genden Ausgang erfuhr, nämlich daß die Mehrheit der Stände auf die Seite des Raths übertrat, be⸗ rief ſie am Abend diejenigen Mitglieder der Hof⸗ partei, die in ihre Pläne eingeweiht waren, zuſam⸗ men. Die Rollen wurden von Neuem ausgetheilt. Man beſchloß, bei der Wahl der Deputation, die in Folge des bereits gefaßten Beſchluſſes dem König die Antwort der Stände überbringen ſollte, Oppo⸗ ſition zu machen. Der Hof kam dahin überein, der Gegenpartei ihren Sieg wenigſtens ſo ſauer als mög⸗ lich zu machen. Aber an dem Himmel, der gewitterſchwer über der Königsmacht hing und mit jedem Tag düſterer 334 und drohender zu werden ſchien, zeigte ſich in dieſem Augenblick ein ſchimmernder und verheißungsreicher Regenbogen. Als nämlich die Königin am wenigſten daran dachte, traf von ihrem Bruder, Friedrich II. in Berlin, ein Courier ein, der ein eigenhändiges Schreiben des Monarchen, als Antwort auf den durch Puke empfangenen Brief, überbrachte. Das Schreiben war zwar Nichts als eine meiſter⸗ haft verſchlungene Diplomatenarbeit, die durchaus nichts Beſtimmtes ausdrückte, worin man jedoch Alles finden konnte, was man nur wünſchte; aber die Kö⸗ nigin deutete es zu ihrem Vortheil und ſchöpfte neuen Muth daraus. Ueber die Stellung Europa's im Allgemeinen wurde darin geſagt, daß man Ereigniſſen, denen man nicht ausweichen könne, entſchloſſen und vor⸗ ſichtig entgegentreten müſſe; ferner ſagte der König, daß die Verhältniſſe in Schweden ihn im höchſten Grad intereſſiren, daß er für den Augenblick 60,000 Mann unter den Waffen habe, daß die Königin überzeugt ſein dürfe, daß er ihr jederzeit ein wohl⸗ affectionirter Freund und Bruder bleiben werde u. ſ. w. Die Königin bezog den Inhalt des Schreibens auf ſich ſelbſt und die Pläne, welche ſie mitgetheilt hatte.. „Entſchloſſenheit und Vorſicht!“ wiederholte ſie; „vor Allem Entſchloſſenheit.“ Aber auch Alma hatte von dem Courier eine geheime Depeſche erhalten, einen Brief, womit ſie, nicht ohne lebhaftes Herzklopfen, auf ihre Zimmer eilte, um ſich da ganz allein den Eindrücken und Ge⸗ 335 fühlen hingeben zu können, welche dieſe theuren Zei⸗ len, wie ſie zum Voraus wußte, in ihr hervorrufen mußten. Noch hatte ſie indeß ihren Brief nicht zu Ende geleſen, als ſie zur Königin zurückberufen wurde. Die Königin ſtand halb angelehnt an ihrem Se⸗ cretär, einem prachtvollen Möbel von Jacarandaholz, mit goldenen Verzierungen. Ihre Stirne, worin ſo manche Pläne oder viel⸗ mehr Blitze von Plänen einander kreuzten, ſah dro⸗ hend aus. Ihre Lippen zitterten vor Verdruß, ihre Wangen waren bleich. Die großen prächtigen Augen concentrirten ihr ganzes Feuer in einem einzigen Strahl, der Alma beben machte. „Eine Weile, nachdem Du mich verließeſt,“ be⸗ gann die Königin,„begab ich mich auf einen Augen⸗ blick zum König, und als ich zurückkam, fand ich dieſes Papier auf dem Secretär.“ Und die Königin zeigte ihr ein zuſammengelegtes Papier, das ſie in ihrer Hand hielt. „Erinnerſt Du Dich,“ fuhr ſie fort,„dieſes Pa⸗ pier hier bemerkt zu haben, als Du mich verließeſt?“ „Ich kann Ew. Majeſtät mit Gewißheit verſichern, daß es damals noch nicht da lag. Als ich das Zimmer verließ, hatten Sie den Schreibpult noch nicht geöffnet, und außer der erhaltenen Depeſche fand ſich kein Papier vor.“ „Schreibt Puke Dir Etwas über meine Angele⸗ genheiten?“ „Ich habe ſeinen Brief noch nicht zu Ende ge⸗ eſen.“ „So lies ihn; vielleicht erwähnt er Etwas. 2 8 1 336 Alma las den Schluß. Puke meldete darin, daß er die Reiſe nach Berlin ohne Abenteuer zurückgelegt habe, daß ihn aber von allen Seiten ein böſer Genius zu umſchweben ſcheine, ſeit er dieſe Stadt betreten, daß er Mühe gehabt, Audienz bei dem König zu erhalten, daß er auf alle mögliche Arten aufgehalten worden ſei, daß er auf den Hoftreppen in Berlin mehr Widerwärtigkeiten ausgeſtanden, als bei allen ſeinen Feldzügen, daß er Befehl erhalten habe, ſeine Rückreiſe aufzuſchieben, und daß er nicht wiſſe, wenn er ſie antreten könne. „Das Alles ſtimmt mit dem Schreiben überein,“ bemerkte die Königin.„Da ſieh ſelbſt.“ Alma las: „Meine Zeit geſtattet mir blos einige wenige Worte über Capitän Puke beizufügen. Ich folge ihm wie ſein eigener Schatten, ich hefte mich an ſeine Ferſen. Glücklicher Weiſe war er— ich glaube, in Angelegenheiten der Königin— in Hamburg auf⸗ gehalten worden, ſo daß ich bald genug nach Berlin kam, um durch den ſchwediſchen Geſandten ſeiner hohen Miſſion entgegenzuarbeiten. Er wird, das kann ich verſichern, keine Urſache haben, große Lob⸗ lieder auf ſeine Reiſe zu ſingen. Dem Courier, welchen der König heute nach Stockholm abſchickt, folgt mein Bedienter dicht auf den Ferſen. Ich kenne das Schreiben des Königs, einer ſeiner Privatſecre⸗ täre, der uns angehört, hat mir eine Abſchrift da⸗ von verſchafft, die ich hier beiſchließe. Es iſt darin von großen Ereigniſſen die Rede, die unvermeidlich eintreffen müſſen, und dann folgen einige Ausdrücke, die zur Entſchloſſenheit und Vorſicht mahnen. Daß 337 König Friedrich, der Abgott aller Preußen, ein großer Staatsmann oder, was in unſern Tagen daſſelbe beſagt, ein großer Spitzbube iſt, zeigt ſich hier am allerdeutlichſten. Dieſer ganze Theil des Briefes iſt nämlich ſo gehalten, daß Ihre Königin glauben wird, er wolle ſie und ihre Pläne gerne unterſtützen, und doch denkt König Friedrich jetzt weniger als je daran. Die Sache iſt die: doch hievon mehr, wenn ich zu⸗ rückkomme. Seien Sie inzwiſchen überzeugt, daß ich Alles thue, um den mir gewordenen Auftrag würdig zu erfüllen. Wünſchen Sie, daß Puke lebendig in den Feſtungsgewölben von Spandau begraben werde, ſo brauchen Sie nur zu befehlen. Die Sache ließe ſich vielleicht machen.“ Alma wurde immer bläſſer, je weiter ſie in ihrer Lectüre kam, und endlich ließ ſie den Brief aus der Hand fallen. Auch die Königin war verſtummt. Das Schreiben hatte ganz und gar keine Unter⸗ ſchrift und ſchien aus einem längeren Brief ausge⸗ ſchnitten zu ſein. Aber es war jetzt keine Zeit zu langen Betrach⸗ tungen; die Ereigniſſe ſollten ſich an dieſem Tage drängen. Noch ehe die Königin ihre Faſſung wie⸗ der gewonnen hatte, trat Silfverhjelm ein. „Ew. Majeſtät,“ ſagte er,„ich bitte um Gnade, weil ich unangemeldet eintrete; aber es hat ſich ein gar zu eigenthümlicher Umſtand zugetragen.“ „Vermuthlich wieder etwas Unglückliches?“ „Glücklich oder unglücklich, ich weiß ſelbſt nicht, wie ich es nennen ſoll. Ew. Majeſtät erinnern ſich doch des anonymen Billets, das Wallenſtjerna im Ridderſtad, Luiſe Ulriten,s Hof. III. 22 338 Ritterhaus erhielt, und warum wir uns verlocken ließen, nach Lilienholm hinaus zu eilen?“ „Ja wohl.“ „Wallenſtjerna hat jetzt wieder ein ſolches Billet erhalten, das augenſcheinlich von derſelben Hand kommt. Wir haben uns darüber berathen und be⸗ ſchloſſen, dießmal keinen Schritt zu thun, bevor wir die Sache Ew. Majeſtät angezeigt hätten.“ „Haben Sie das Schreiben bei ſich, Silfverhjelm?“ „Hier, Ew. Majeſtät.“ Die Königin warf einen Blick hinein. „Es iſt dieſelbe Hand; ich erkenne ſie.“ Der Brief war an Wallenſtjerna gerichtet. Die Königin las: „Man hat Sie getäuſcht, mein Herr, indem man Ihnen ſagte, daß die verſchleierte Dame, mit welcher Sie im Luchshof Bekanntſchaft machten, Mamſell Clara ſei. Sie brauchen dieſe blos zu betrachten, und Ihr ſicherer Blick wird bald den Unterſchied zwiſchen der ſtolzen Haltung der verſchleierten Un⸗ bekannten und dem kindlichen Mädchen, das man jetzt vorſchieben will, entdecken. Verhältniſſe, die ich dem Papier nicht anzuvertrauen wage, zwingen mich, die äußerſte Vorſicht und Heimlichkeit zu beobachten. Augenblicklich eintretende, unvorhergeſehene Ereigniſſe nöthigten mich, den Plan aufzugeben, um deſſen willen ich Sie und Ihre Freunde nach Lilienholm beſchieden hatte. Ich beklage Sie deßhalb weniger als mich ſelbſt. Sie kennen die Verwicklungen, worin der Staat ſich mit jedem Tage mehr einſpinnt: da meine eigenen Verhältniſſe davon abhängen, ſo bin 339 ich auch genöthigt, meine Anonymität länger beizu⸗ behalten, als ich Anfangs gedacht hatte. Sie können indeſſen mir und einer hohen Perſon, deren Namen ich nicht zu nennen wage, einen großen Dienſt er⸗ weiſen. Die Gegner der Königin haben Alles in Bewegung geſetzt, um das Volk zu Feindſeligkeiten gegen ſie zu veranlaſſen. Seien Sie auf Ihrer Hut.— Das Intereſſe der Königin erheiſcht jetzt mehr als je Ihre ungetheilte Aufmerkſamkeit. Die geheimen Volksaufwiegler haben ihr Hauptquartier in der Reſtauration in der Meiſter Samuelsgaſſe. Stellen Sie ſich morgen um die Mittagsſtunde, ſo bald die große Deputation an den König die Antwort der Stände überreicht hat, dort ein. Ich erſuche Sie, Ihre Freunde mitzubringen. Setzen Sie ſich an den großen Tiſch... beobachten Sie die Perſonen rings umher genau... Sie werden bald mehr zu hören bekommen, als Sie erwarten. Im dritten Couvert von oben herab, rechter Hand, werden Sie überdieß einige Zeilen von mir finden. Ihre verſchleierte Unbekannte.“ Die Königin war ſichtlich überraſcht. „Wann erhielt Wallenſtjerna dieſen Brief?“ „Heute Mittag. Als er von der Wache heim⸗ kam, fand er den Brief im Schlüſſelloch ſeiner Zim⸗ merthüre.“ „Die unbekannte Briefſchreiberin erſucht ihn, ſ eine Freunde mitzubringen.“ „Das ſieht aus, Ew. Majeſtät, als ob die Sache mit einiger Gefahr verbunden wäre.“ „Haben Sie Angſt, Silfverhjelm?“ Silfverhjelm lächelte. „Ich verſtehe Sie,“ fuhr auch die Königin fort, „und ich werde Sie auf eine neue Probe ſtellen. Dießmal müſſen nämlich Sie, Silfverhjelm, ſich ganz allein in dieſe Reſtauration begeben und den bezeich⸗ neten Platz am Tiſche einnehmen. Ich weiß, daß Sie ebenſo viel Muth und Vorſicht als Anhänglich⸗ keit an meine Perſon haben; alſo Sie und ſonſt keiner.“ 1 Silfverhjelm entfernte ſich unter Verſicherungen, ſein Beſtes thun zu wollen. Unter geſpannter Erwartung ſah Alles dem 19. November entgegen. Die öffentlichen Plätze waren bereits mit Men⸗ ſchenmaſſen angefüllt, die von allen Seiten herbei⸗ ſtrömten. Man wollte die Prozeſſion ſehen, wollte hören, was ſich zutrug, wollte dabei ſein, im Fall etwas Neues und Merkwürdiges eintrat. Der König hatte einen Beſuch bei der Königin abgeſtattet. „Ich bin,“ ſagte er,„äußerſt bekümmert über den Schlag, der den Thron heute trifft, zumal da ich durch mein eigenes Schreiben an die Reichsſtände hauptſächlich dazu beigetragen habe, ihn zu veran⸗ laſſen. Ich wollte, Alles das wäre ungeſchehen ge⸗ blieben.“ „Sie klagen, Ew. Majeſtät,“ antwortete die Kö⸗ nigin, nicht ohne eine gewiſſe Zärtlichkeit und Un⸗ ruhe,„und das thut mir ſehr leid; aber wer am —— 344 meiſten Urſache zu klagen hätte, das bin ich. Als ich mein Schickſal mit dem Ihrigen vereinigte, glaubte ich, Sie würden ein König werden wollen, und ich eine Königin; aber was ſind wir denn? Nichts als Schattenbilder. Wenn indeß der Schlag, welchen die Stände heute gegen den Thron richten, allerdings hart iſt, ſo wird er doch auch der Nation die Augen öffnen und ſelbſt den größten Zweifler von den Zerſplitterungen und der Auflöſung überzeugen, wozu das übermüthige Parteitreiben bei uns führt. Auch kann unter allen Umſtänden Eines uns tröſten, Ew. Majeſtät; nämlich daß wir auf dem friedlichen und ruhigen Weg der Ordnung, ſowie in den von der Verfaſſung vorgeſchriebenen Schranken, offen und ungeſchminkt die Vorſtellungen eingereicht haben, die wir mit Recht machen konnten. Sollten wir uns alſo in Zukunft genöthigt ſehen, den Kampf fortzu⸗ ſetzen, ſo haben wir jetzt erfahren, daß wir uns an⸗ derer Auswege, anderer und ſicherer Mittel bedienen müſſen. Inzwiſchen iſt die ſogenannte große Depu⸗ tation noch nicht angekommen, und ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn die Wahl ihrer Mitglieder ohne nachdrückliche Proteſtationen ablaufen ſollte. Die Königin verließ ſich noch im letzten Augen⸗ blick auf ihre Freunde und deren Verſprechungen. Sobald der König ſich entfernte, ging die Köni⸗ gin in die äußern Zimmer hinaus, wo ſie einige ihrer Freunde verſammelt fand; allein ſie war in einer zu aufgeregten und geſpannten Stimmung, um an der Unterhaltung Theil nehmen zu können, und deßhalb kehrte ſie in eines der mittleren Zimmer zu⸗ rück, wo ſie, den Kopf in ihre Hand geſtützt, in ihren Lehnſtuhl niederſank. In der offenen Thüre, am entfernteſten Ende des Zimmers, ſah man dabei mitunter eine ſchwarz⸗ gekleidete, ſchlanke, ſchöne Frauengeſtalt leiſe vorüber⸗ ſchweben. Es war Amanda, die ſtets voll Aufmerk⸗ ſamkeit auf ihrem Lauerpoſten ſtand. Auf einmal trat Brahe ein. Die Königin fuhr zuſammen. Amanda zog ſich ſcheu zurück. „Ew. Majeſtät,“ ſagte er,„die Deputirtenwahl in der Ritterſchaft und im Adel iſt jetzt vorüber.“ „Schon?“ „Ohne daß ein einziger Mann ſeinen Mund da⸗ gegen aufthat, Ew. Majeſtät.“ „Feigheit,“ bemerkte ſie blos,„Feigheit!“ Brahe zuckte die Achſeln. Im nächſten Augenblick traten Graf Hard und der Hofmarſchall Baron Horn ein und erzählten beide beinahe zugleich, daß die Deputirten in der Geiſtlich⸗ keit und dem Bürgerſtand ebenfalls ohne allen Pro⸗ teſt ernannt worden ſeien. „Welcher Gipfel der Feigheit und Schwäche!“ rief die Königin;„dieſe Stände ſind gleichwohl nicht minder unterdrückt, als der Thron.“ In dieſem Augenblick ſtand Wrangel vor ihr. „Ich habe Ew. Majeſtät eine Unglückspoſt zu melden,“ begann er. Ich bin an ſolche gewöhnt, Baron; ſprechen Sie dreiſt.“ „Bei der Deputirtenwahl im Bauernſtand iſt es heiß hergegangen.“ - 4 = 343 Ein Blitz leuchtete in den Augen der Königin. „Es macht dem Bauernſtand Ehre, daß er den Thron nicht im Stich gelaſſen hat. Iſt es ſo weit gekommen, daß der Bauer jetzt der einzige zuverläßige Freund, der einzige Ritter des Thrones iſt?“ „Lars Larsſon nebſt ſeinen Freunden proteſtirte nicht blos gegen die Wahl von Deputirten, ſondern er klagte auch den Sprecher Hakansſon an, daß er ſeinen Eid gebrochen, das Wohl des Bauernſtandes verrathen und die ihm zuſtehenden Rechte überſchrit⸗ ten habe. Der Auftritt nahm zuletzt einen gewalt⸗ ſamen Charakter; man erzählt, Lars Larsſon habe ſich an Hakansſon vergriffen.“ Das Geſicht der Königin ſtrahlte von Befriedi⸗ gung. Aber ſie konnte ihre Gedanken nicht aus⸗ ſprechen. In dieſem Augenblick trat die Wache unter den Fenſtern in's Gewehr. Die Trommeln wirbel⸗ ten; die große ſtändiſche Deputation trat im Schloß⸗ hof ein; das Volk ſtrömte, ſie mit lebhaftem Beifalls⸗ geſchrei umgebend, heran. Stolz wie ein König, ſchritt Ferſen an der Spitze einher. Ein heftiges Zittern des Verdruſſes überkam die Königin. Erſt jetzt fühlte ſie die ganze Größe der Niederlage. Eine Stunde ſpäter traf der König wieder bei ihr ein. Er war bleich und aufgeregt. Die Königin folgte ihm mit ihren Blicken. „Nun, mein Lieber,“ bemerkte ſie endlich,„was hat die Deputation geſprochen?“ Der König betrachtete ſie eine Weile ſchweigend. „Das Kartenhaus,“ antwortete er dann,„iſt ein⸗ gefallen.“ 344 „Das Kartenhaus?“ wiederholte die Königin, „ſagen Sie lieber: der Kartenkönig iſt gefallen.“ In der Erklärung, welche die Reichsſtände durch ihre große Deputation abgegeben, nahmen ſie alle Machtvollkommenheit für ſich in Anſpruch, die Be⸗ ſchlüſſe der Mehrheit des Raths mußten fortan als königliche Beſchlüſſe betrachtet werden, die Reichs⸗ räthe waren blos die Vertreter der Stände, welche die Macht innehatten, und lediglich ihnen gegenüber zur Verantwortung und Rechenſchaft verpflichtet. Dies war jedoch ein Sieg, der weniger von dem Volk als von den Ständen, weniger von den Ständen als vom Adel, weniger vom Adel als vom Landesmar⸗ ſchall errungen worden. Nur allein für die Königs⸗ macht war es jedenfalls eine Niederlage. Auch in dieſem Augenblick zeigte ſich Amanda's bleiches Geſicht ein wenig unter der Thüre. Als Silſverhjeelm von der Meiſter Samuelsgaſſe zurückkam, war er lebhaft aufgeregt. Er hatte ſich zur feſtgeſetzten Zeit an Ort und Stelle begeben, hatte den bezeichneten Platz am Tiſch eingenommen und im Couvert das verheißene Billet gefunden. Aergerlich über ſeinen Inhalt, hatte er beleidigende Reden gegen die Stände geführt, ihre Antwort auf die königliche Eingabe ein verworrenes Geſchmier geſcholten, und erklärt, die Bauern ſeien die einzigen vernünftigen Leute, auf welche der König ſich ver⸗ laſſen könne, man müſſe der königlichen Majeſtät bei Vergebung der Dienſte freiere Hand laſſen, die Mehrheit der Stände ſei erkauft, eine gewiſſe aus⸗ ländiſche Macht halte 60,000 Mann in Bereitſchaft, um ſie nöthigenfalls gegen Schweden zu führen u. ſ. w. 3⁴⁵ „Aber das Billet,“ unterbrach ihn die Königin, „was enthält das Billet, das Sie in dem Couvert fanden?“ „Blos eine einzige Zeile, Ew. Majeſtät.“ „Und dieſe Zeile?“ „Dieſe Zeile erklärt mir, die ganze Veranſtaltung ſei Nichts geweſen als ein...“ „Ein... Silfverhjelm wollte mit dem Wort nicht recht herausrücken. „Ein Aprilſcherz.“ Ein kaltes Lächeln ſtahl ſich über Amanda's bleiche Lippen, während ſie ein wenig vortrat und wieder verſchwand. Aber was ſich an dieſem Tag zugetragen hatte, war dennoch Nichts weniger als ein Aprilſcherz. Am folgenden Tag wurden Lars Larsſon und Silfverhjelm in Anklageſtand verſetzt: der Erſtere, weil er, dem Grundgeſetze des Reichs zuwider, nicht blos die Ernennung der Deputation zu verhindern geſucht, ſondern ſich auch dem bereits gefaßten Be⸗ ſchluß widerſetzen gewollt, und ſogar gewaltſame Hand an den Sprecher und Secretär gelegt; Letzterer, weil er in Anweſenheit mehrerer Perſonen verfäng⸗ liche Reden geführt, welche auf eine Veränderung der Regierungsform abgezielt und die Reichsſtände, ſowie ihre Geſchäfte auf gegenwärtigem Reichstag betroffen. Am 1. Dezember ernannte die Reichsverſamm⸗ lung eine beſondere Kommiſſion, um über dieſe Fälle zu Gericht zu ſitzen. Der Lieutenant Graf Creutz Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. III. 23 346 wurde von der Ritterſchaft und dem Adel einer Stelle in dieſer Kommiſſion würdig gefunden. Silfverhjelm war bereits in gefänglichen Gewahr⸗ ſam gebracht; aber Lars Larsſon hatte über das Schickſal, das ihn erwartete, einen Wink erhalten und noch rechtzeitig die Flucht ergriffen. 8 In unſerem Verlage ſind erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: C. A. Wetterbergh, (Onkel Adam) Sämmtliche Romane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. rhein. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen Genrebilder aus dem Alltagsleben.. 6 Bdchn. Neue Genrebilder aus dem Alltagsleben 18„ Ein Name... 4„ Der Pfarradjunkt. Ein Genrebild. 3„ Das Häuschen am Gatterthore bei Rpgar 1„ Das Altargemälde.. 3 9„ Geld und Arbeit. Ein Geurebild 9 Olga. Eine Erzählung. 3 Der hölzerne Löffel. 4 Das Unglückskind..... 1 Liebe und Handel........ 3„ Simon Sellners Reichthümer. 7 Drei neue Genrebilder. 4 Das Fideicommiß von Waldemarsburg 7 C. F. Ridderſtad, Sämmtliche Romane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. rhein. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Der Trabant. Geſchichtlicher Roman. 21 Bändchen. Der Fürſt. 9„ 14 Das Gewiſſen oder Geheimniſſe von Stockholm...... 238 9 Vater und Sohn.......16 11 Wir glauben uns ein wirkliches Verdienſt um die deutſche Leſewelt erworben zu haben, indem wir Ridderſtad, dieſen neuen glänzenden Stern an dem ſchönen literariſchen Himmel Skandinaviens, bei ihr einführten. In den bis jetzt erſchienenen Romanen hat der Verfaſſer ſich einen ehrenvollen Platz zur Rechten Walter Scotts errungen und ſeine Ebenbürtigkeit mit dieſem unübertroffenen Dichter unverkennbar dargethan. 3 Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. Tſiſinmnmffnſnſſſſſſſ 1 1 3 7 8 9 10 1 2 1 14 15 16