4 Leihbibliothek j deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— Eduard Oktmann in Gießen, eih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ¹ ¹ auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 3 Pf. 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloͤrene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt „ 7 a⸗ und Zurückſendung 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. zder Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. I h Königin Luiſe Ulrike F und ihr Hof. Roman von C. F. Nidderſtad. Aus dem Schwediſchen von Dr. Gottlob Fink. Fünftes bis achtes Bändchen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1 1856. Druck von Eduard Hallberger in Stuttgart. Siebentes Kapitel. Pechlin. 4* Baron Wrangel lehnte ſich in ſeinem Wagen zu⸗ rück, als er auf die Straße hinaus fuhr; er ſchloß ſeine Augen, er überlegte. „Puke,“ ſagte er endlich zu dieſem,„ehe wir zu Pechlin kommen, will ich Ihnen das Eine und An⸗ dere mittheilen. Sie kennen ihn doch nicht?“ „Nein.“ „Pechlin iſt ein gefährlicher Mann: Sie müſſen ſich vor ihm in Acht nehmen.“ „Glauben Sie das, Baron?“ „Jedermann muß das thun, Capitän. Er iſt keine Klapperſchlange, die ihre Nähe ſelbſt verräth, ſondern vielmehr eine Boa, die über ihren Raub erſt dann herfällt, wenn ſie ihn bezaubert hat. Können Sie mir erklären, warum Sie auf heute Abend zu ihm eingeladen ſind?“ „Nein.“ „Die Karte kam mir zu, mit der Bitte, ſie Ihnen zu überſenden.“ „Dann müſſen Sie wohl am allerbeſten den Grund kennen, Baron.“ 4 „Nein, Capitän, nein, ich kenne ihn nicht; ich bin ſogar ſelbſt über ſeine Einladung an mich ver⸗ wundert.“ „Sie Beide ſind doch wohl alte Bekannte?“ „Na, wie das Feuer mit dem Waſſer bekannt iſt;— bisher haben wir einander immer bekämpft, wir haben nie in derſelben Reihe geſtanden. Bis dato haben wir nie mit einander Umgang gehabt.“ Nie?“ „Er gehört zu den Hüten, ich zu den Mützen. Es iſt das erſte Mal in meinem Leben, daß ich zu ihm gehe.“ „Was Sie da ſagen, Baron, wundert mich; aber...“ „Sprechen Sie, Capitän.“ „Die Einladung kann vielleicht als eine gewöhn⸗ liche Artigkeit betrachtet werden, vielleicht als ein Verſuch, ſich Ihnen zu nähern.“ „Unmöglich. Pechlin iſt nicht artig, wenn er keine Abſichten hat. In Zeiten der Parteikämpfe be⸗ faßt man ſich nicht mit unnöthigen Sentimentalitäten; jede Geberde iſt berechnet, jeder Schritt hat ſein be⸗ ſtimmtes Ziel. Ich glaube eher, daß ich Ihretwegen eingeladen bin.“ „Meinetwegen?“ „Pechlin hat eine Pflegtochter, die jetzt als Kam⸗ merfrau bei der Königin angeſtellt iſt. Das Mäo⸗ chen iſt arm, und durch die Freunde ſeiner Freunde gelang es ihm, ihr dieſe Anſtellung zu verſchaffen. Täuſche ich mich indeß nicht, ſo iſt ſie für ihr Ge⸗ ſchlecht nicht minder gefährlich, als Pechlin für das ſeinige.“ Q9o. 5 „Durch ihre Schönheit?“ „Sie macht auf Jedermann einen großen Ein⸗ druck. Sie hat glänzende ſchwarze Augen, wie eine Südländerin; aber dieſes ſhüares Feuer brennt mehr, als es wärmt. Unruhig in ihren Bewegungen, flößt ſie auch Andern Unruhe ein. Ich will nicht ſagen, daß ſie ein ſchlechtes Herz habe, dazu kenne ich ſie zu wenig; aber ſie ſcheint keinen Augenblick mit ſich ſelbſt Frieden zu haben. Sie iſt wie eine ſchwarze Wolke, die bald mit einem Blitz zu drohen, bald durch einen ſchimmernden Regenbogen zu entzücken, bald von einem zitternden Stern durchbrochen zu werden ſcheint.“ Puke konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren. „Wollen Sie damit ſagen, daß ſie mir gefährlich werden könne?“ fragte er. „Sie lieben mit glühender Hingebung eine An⸗ dere und haben alſo hier Nichts zu fürchten; aber Pechlin kennt dieſe Ihre Neigung nicht. In ſeiner Pflegtochter beſitzt er inzwiſchen eine Bombe, die für das Herz jedes jungen Mannes gefährlich iſt.“ Aber abgeſehen davon, daß das meinige jetzt ein bombenfeſtes Gewölbe iſt, ſehe ich nicht ein, wie er überhaupt auf den Gedanken gekommen ſein ſollte, es auf mich anzulegen.“ Wrangel ergriff Puke's Hand und ſchaute ihm freundlich in's Geſicht. „Capitän,“ ſagte er,„ich kann Ihnen glücklicher Weiſe mit ſehr wenigen Worten auf dieſe Einwen⸗ dung dienen.“ „Und dieſe ſind, Baron?“ „Daß Sie ein Mann ſind.“ 6 Keine Muskel bewegte ſich in Puke's Geſicht: die blaſſen, ruhigen Züge ſchienen beinahe von Mar⸗ mor zu ſein. „Vom Kriegsſchauplatz,“ fuhr Wrangel fort,„von dem Sie jetzt nach Hauſe gekommen ſind, iſt der Ruf Ihrer Tapferkeit und Charakterfeſtigkeit auch zu uns gedrungen. Ihr neueſtes Auftreten in Drott⸗ ningholm, die Art, wie Sie der Königin Ihre Hul⸗ digung darbrachten und ſich gegen Chrenpreutz, Röhr und Creutz ſtellten, war hier in der Hauptſtadt be⸗ kannt, ehe Sie noch zurückkamen. Sie haben die Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen, und es ſollte mich nicht wundern, wenn man Sie zu gewinnen ſuchte.“ Puke ſchüttelte blos den Kopf: er ſchien Wran⸗ gels Vermuthung, nicht einmal recht zu verſtehen. „Pechlin,“ fuhr Wrangel fort,„iſt ein ſehr viel⸗ ſeitiger Charakter. Man hat große Mühe, ſeine wahre Seite aufzudecken: glaubt man einmal dies erreicht zu haben, ſo findet man bald eine neue Seite, die beweist, daß man ſich getäuſcht hat. Trotz ſeines glänzenden Verſtandes und ſeiner wahren Ge⸗ nialität wirkt er immer weniger aufklärend als ver⸗ wirrend. Bei ihm kann man, wie beim Prisma, keine Farbe feſthalten, ehe man auch ſchon wieder von einer andern beſtrahlt wird. Obſchon er bis jetzt noch keine ſonderlich hervorragende Stellung einnimmt, ſo übt er doch einen Einfluß aus, den man mehr ſpürt als erkennt. In ſeiner ganzen Hal⸗ tung liegt etwas Räthſelhaftes, was den Kampf mit ihm beinahe unmöglich macht. Ein Freund hat nie an ſeiner Seite geſtanden und wird auch nie da ſtehen: Alle um ihn her ſind blos politiſche Mario⸗ —— 7 netten. Auf der Schaubühne der Ereigniſſe iſt er nicht eigentlich der ſpielende Künſtler, ſondern man muß ihn vielmehr mit dem Theaterdirector verglei⸗ chen: er ſelbſt tritt ſelten oder nie in einer Rolle auf, aber er vertheilt die Rollen, ſo wie es in ſeinen Kram paßt, an die Andern, und zwar ſehr häufig, ohne daß dieſe ſelbſt es wiſſen. Es iſt nicht unmög⸗ lich, daß ich ſelbſt eine Figur in ſeinem Schachſpiel ſein kann. Ich leugne es nicht, daß er der Einzige iſt, den ich fürchte.“ „Baron,“ fiel Puke ein,„ſo wie Sie Pechlin zeichnen, beginnt er mich zu intereſſiren.“ „Mit fünfzehn Jahren machte er bereits den Spion an ſeinem eigenen Vater. Man ſagt, daß die Liebe ihn dazu trieb, das iſt möglich; aber jetzt gebraucht er die Liebe ſelbſt als Spion bei Andern. Nehmen Sie ſich in Acht, Puke. Pechlin iſt kein Spieler in der gewöhnlichen Bedeutung des Worts, und nichtsdeſtoweniger iſt er ein großer Spieler. Mit tauſend Chancen gegen eine, verlockt er ſeine Umgebung, ihre kleinen Summen zu wagen, indem er den Leuten vorſpiegelt, daß er ſein ganzes Beſitz⸗ thum dagegen halte; mit einem Wort, er iſt eine Art politiſcher Bankhalter. Man kann einen jun⸗ gen Mann in kein gefährlicheres Haus einführen, als in das ſeinige. Ich habe geſprochen, Puke.“ „Und gleichwohl führen Sie mich da ein, Herr Baron?“ „Soll ich Ihnen die Urſache ſagen?“ „Ich bitte Sie darum.“ „In der politiſchen Welt iſt man nur ſo lang ſtark, als man an ſich ſelbſt und ſeine Sache glaubt, 8 als man ſeinem Gegner offen entgegenzutreten wagt und ſich nicht vor ihm zurückzieht, nicht einmal in ſeinen eigenen Gedanken. Maske gegen Maske, Puke; Blick gegen Blick. Unſere Parteikämpfe gleichen einem Duell: wer mit dem Auge blinzelt oder mit der Hand zittert, ſchießt fehl und iſt verloren. Aber wir ſind bereits an Ort und Stelle. Der Kutſcher hält an, Pucke; Sie werden heute Abend alle Ihre Gegner treffen... Ehrenpreutz..; Creutz... Röhr... ſeien Sie vorſichtig.“ „Ich werde auch Alma treffen.“ „Möge das Sie noch vorſichtiger machen!“ „Wo ſind Sie geweſen?“ „Beantworten Sie zuerſt meine Frage.“ „Nein, nein, nein!“ „Nein und nichts Anderes als nein! Wollen Sie mich zur Verzweiflung bringen? Haben Sie die Aufrichtigkeit meiner Ergebenheit noch nicht er⸗ probt? Ich verlange Sonne und Sie geben mir Eis. Sie lieben mich nicht, Sie haſſen mich.“ „Noch einmal, wo ſind Sie geweſen?“ „Sie weichen mir aus.“ „Beantworten Sie meine Frage.“ Wir befinden uns in einem der Seitencabinete in Baron Pechlin's Wohnung. Zwei weiße Alabaſterurnen, worin Lichter brann⸗ ten, goßen einen matten, aber angenehmen Schein über die Gegenſtände. In einem hochlehnigen Stuhl ruhte Amanda nachläſſig. Das gebietende Feuer in ihrem Blick war bezaubernder als je. Aus der ſchwarzen Mitternacht ihrer Locken blitzten einige —— 9 Sdelſteine; ſie ſaßen wie Sterne darin. Ihre friſche, ſtolze, lebensvolle Schönheit wurde noch wunderbar erhöht durch das ſchneeweiße Atlaskleid, das ſich jetzt in reichen Falten um ihre Formen drapirte. Amanda hatte ſchon vor den bereits mitgetheilten Auftritten in Drottningholm Erlaubniß erhalten, ſich vor dem übrigen Hof nach der Hauptſtadt zu begeben. Auf dem äußern Schloßhof wartete daher einer von Pechlin's Wagen auf ſie. Sobald es ihr möglich wurde, wegzukommen, kehrte ſie Drottningholm den Rücken. Amanda war nicht blos Pechlin's Pflegtochter, ſondern auch ſein übermüthiger Liebling. Die bei⸗ nahe allzu große Unbändigkeit ihres Charakters, der gleichwohl eine ſtark hervortretende natürliche, um nicht zu ſagen wilde Liebenswürdigkeit beſaß, ge⸗ währte dem tief berechnenden Pechlin vielleicht ein eigenthümliches, neues Intereſſe, das vermöge der contraſtirenden und originellen Elemente, die ſich hier vorfanden, ſeine ſtets in den inneren Winkeln des Menſchenherzens auf Entdeckungsreiſen begriffene Forſchergier reizte. Pechlin empfing ſie mit offenen Armen in ſeinem Arbeitszimmer. Sodann fand eine lange Unterre⸗ dung ſtatt, die erſt unterbrochen wurde, als eine dritte Perſon eintrat und den Baron daran erinnerte, daß es bald Dämmerung ſei, und daß ſie einen wich⸗ lam Gang zu machen hätten, der keinen Aufſchub dulde. Neugierig, wie Amanda war, ließ ihr dieſer in räthſelhaften Worten angedeutete Ausflug keine Ruhe. Die betreffende dritte Perſon war Zacharias 10 Aminoff, Cornet in dem Cavallerieregiment Sma⸗ land. Nach einer Abweſenheit von einer Stunde oder etwas mehr waren ſie indeß zurückgekommen, und wir ſehen aus Amanda's Fragen, daß ihre Neugierde noch nicht abgenommen hat. Vor ihr ſtand jetzt ein Mann in ſeinen ſchönſten Jahren, eine kräftige, edle Geſtalt, mit Augen, wo— rin ein dunkles Feuer glühte. „Mein Gott,“ murmelte er,„warum mußte ich Sie je ſehen?“ Es war Aminoff. „Ich muß lachen, mein Herr,“ und Amanda lachte wirklich,„ſollten Sie es denn nicht wiſſen? Hören Sie mich an. Ich will Ihren armen Ver⸗ ſtand über die Urſachen aufklären, warum die Vor⸗ ſehung in ihrer wunderbaren Weisheit uns zuſam⸗ mengeführt hat. Sie waren einbildiſch, thöricht, leichtſinnig, das müſſen Sie zugeben. Alles das iſt jetzt vorbei. Verbeugen Sie ſich, mein Herr. Die Welt war für Ihre großen Gedanken von ſich ſelbſt zu klein; jetzt dagegen haben alle Ihre Phantaſien in meinem Händchen Platz genug. Fallen Sie auf Ihre Knie, mein Herr. Niemand ſind Sie zu ſo großem Dank verpflichtet, wie mir, was nemlich die Frage Ihrer Veredlung, Beſſerung und Erziehung betrifft.“ „Um Alles in der Welt, hören Sie auf. Ich verlange nicht, daß Sie mich beſſern ſollen, ich ver⸗ lange blos Liebe. Meine Hingebung mit kalten Grundſätzen beantworten, ſtatt mit Liebe, heißt mei⸗ nen Becher mit Eis füllen, ſtatt mit Nektar.“ — ů ͦᷣY——— 11 „Geht Ihre Erziehung, d. h. Ihre Beſſerung verhältnißmäßig ſo fort wie bisher, ſo hoffe ich, Sie werden Ihren Curs oder, wenn Sie ſo wollen, Ihre Cur in etwa drei Jahren durchgemacht haben.“ „Machen Sie mich nicht wahnſinnig, Amanda; lehren Sie mich nicht Ihr Geſchlecht bitter haſſen. Ich weiß wohl, daß das Weib nichts Höheres wünſcht, als den Mann an den Triumphwagen ihrer Thor⸗ heiten zu ſpannen... mag ſein... aber nehmen Sie ſich doch in Acht, daß Sie das Geſpann nicht an den Abgrund lenken. Ich fühle in dieſem Au⸗ genblick, daß ich zu Allem fähig bin. Jetzt bete ich Sie an; mag der Himmel mich davor bewahren, daß ich Sie einmal haſſen ſollte: jetzt bin ich unglücklich, dann aber wäre ich verloren. Seit Eva's Zeit iſt jedes Weib mit der Frucht der Erkenntniß des Gu⸗ ten und Böſen geboren: mit der einen betrügt ſie uns, die andere läßt ſie uns eſſen. Das muß an⸗ ders werden. Ich bleibe nicht immer ein Spielball Ihrer Launen, Amanda. Sie müſſen mir antwor⸗ ten. Lieben Sie mich oder nicht? ja oder nein?“ „Warum beantworten Sie meine Frage nicht, wenn ich Sie bitte, mir zu ſagen, wo Sie geweſen ſind?“ „Barmherzigkeit, Amanda, ich bitte Sie, Barm⸗ herzigkeit. Sie ſehen, daß ich Sie mit einer Raſerei liebe, die keine Grenzen kennt, daß ich für Sie mein Leben opfern könnte...“ „Jetzt ſchwatzen Sie in's Blaue hinein, Herr Cornet; erzürnen Sie ſich nicht mehr, daß Sie mich tauſend und aber tauſendmal verſichert haben, Ihr Leben habe gar keinen Werth ohne mich?“ 12 4 „Ich kann dies nicht genug verſichern... „Und jetzt betheuern Sie, daß Sie es opfern könn⸗ ten. Dies wäre ja alſo ein Opfer... ohne allen Werth.“ Aminoff wandte ſich mit einem Ausdruck bitteren Verdruſſes von ihr ab. Mit einem gleichgültigen Lächeln ſtand dagegen Amanda von ihrem Platze auf und begab ſich nach der Thüre. „Amanda,“ rief Aminoff,„können Sie herzlos genug ſein, mich in dieſer Gemüthsſtimmung zu laſſen?“ „Sie paßt zu meinen Erziehungsgrundſätzen,“ antwortete ſie;„bei der Stimmung, worin Sie ſich jetzt befinden, iſt es nothwendig, Sie auf Hungercur zu ſetzen.“ Die ganze lange Zimmerreihe, die Baron Pech⸗ lin's Prachtwohnung ausmachte, ſtand in ſchönſter Ordnung und Beleuchtung da, um die Gäſte zu empfangen, die er eingeladen hatte. Zu jener Zeit bildeten Anfang und Schluß jeder Reichsverſammlung auch für das geſellſchaftliche Le⸗ ben in der Hauptſtadt Glanzpunkte. Es iſt noch heutigen Tags einigermaßen ſo. Im bunten Ge⸗ wimmel heiterer Geſellſchaft leitet man die Parteien am leichteſten in ſeine Abſichten ein, bearbeitet man die Intereſſen am beſten, bekommt man Anſichten und Meinungen zu prüfen, die ſich oft ohne die nöthige Behutſamkeit und Aufmerkſamkeit breit machen. Als Amanda ihren verliebten Cornet ſtehen ließ, ging ſie blos in's Nebenzimmer hinaus, und da ſie 13 ſich dort ganz allein ſah, ſo machte ſie ſich's recht bequem in einer Sophaecke. Zerſtreut flogen ihre Blicke umher, aber ſie ſchien Nichts zu ſuchen, was im Zimmer war; man konnte eher glauben, ſie ſuche Etwas in der weiten Welt. Endlich blieben ihre Augen auf Etwas haften: ſie hatte einen Gegenſtand bekommen, das ungelöste Räthſel des ganzen Geheimniſſes ihres Lebens. Ein ſchwarzes Seidenſchnürchen ſchlang ſich um ihren Hals und verſchwand unter der feinen Gaze, die ſich wie ein ſchneeweißer Schaum über den Wo⸗ gen ihrer Bruſt hob und ſenkte. Mit einem Ausdruck wärmeren und reineren Ge⸗ fühls, als man gewöhnlich bei ihr entdeckte, zog ſie die Schnur herauf. An ihrem Ende war die Hälſte einer ſchimmern⸗ den Silbermünze befeſtigt. Die andere Hälfte fehlte. Die Münze war offenbar mitten entzweige⸗ ſchnitten. „Mein Gott,“ flüſterte ſie,„dies iſt meine Ge⸗ burt, mein Stammbaum, mein Erbe, mein Vater, meine Mutter, mein Name, mein Alles, Alles...“ Dabei legte ſie ihre Hände zuſammen und ver⸗ barg ihr Geſicht darin. Ihre Lippen bewegten ſich, ſie betete. Als die Hände nach einer Weile ſanken, glitt eine Thräne aus ihrem Auge und fiel auf die halbe Silbermünze hinab. Aber als wäre ſie in einem Augenblick überraſcht worden, deſſen ſie ſich ſchämte, lächelte ſie wieder und verbarg die Münze mit einer haſtigen Bewegung, als ſie jetzt entdeckte, daß ſie nicht mehr allein war, 14 ſondern daß Pechlin vor ihr ſtand und ſie lächelnd betrachtete. „Träumſt Du jetzt wieder?“ bemerkte Pechlin; „bedenke, Amanda, daß Nichts für ein Mädchen ſo gefährlich iſt, als ein ſolches Träumen.“ „Sie täuſchen ſich, Herr Baron,“ erklärte Amanda nicht ohne einige Bitterkeit,„ich kenne Etwas, das noch weit gefährlicher iſt.“ „Die Liebe vielleicht?“ „Die Liebe mag recht angenehm ſein...“ „Was kann alſo wohl noch gefährlicher ſein?“ „Das Intriguiren, Herr Baron. Ich bin der Rolle überdrüſſig, die Sie mir bei der Königin an⸗ gewieſen haben; mein Benehmen iſt unedel, ſchlecht. Mein Gewiſſen...“ „Eitles Geſchwatze, Amanda. Das Gewiſſen... ich weiß wohl... iſt eine kleine Ameiſe, die unauf⸗ hörlich an ihrem Strohhalm zieht. Man muß ſich nur hüten, daß ſie nicht einen ganzen Haufen zu⸗ ſammenzieht, denn ſonſt bekommt man gar zu viele Ameiſen oder Grillen in den Kopf. Glaube mir, Amanda, ein Mädchen iſt nur ſo lange reizend, als ihr Kopf nicht ein ganzer Ameiſenſchwarm iſt. Solche Frauenzimmer ſind unerträglich. Wo iſt Aminoff?“ Amanda war mißvergnügt, und dennoch lächelte ſie. War auch ſie eine Freundin von Sophismen, wie Pechlin? Die weiße Zahnreihe glänzte wie Juwelen. Aminoff trat ein. „Herr Cornet,“ begann Pechlin,„Amanda be⸗ hauptet, oaß es recht angenehm ſein müſſe, zu lieben.“ 15 Der dunkle Glanz in Amanda's Augen wurde noch dunkler. „Warum nicht?“ ſagte ſie.„Hätte ich Jemand, den ich lieben könnte, ſo würde ich mich, glaube ich, glücklich fühlen.“ Aminoff öffnete ſeine Arme. „Hier,“ ſagte er blos,„hier.“ Amanda lachte laut auf. 3 „Man heirathet ſeine Schüler nicht,“ antwor⸗ tete ſie. „Du biſt heute nicht bei gutem Humor, Amanda,“ bemerkte Pechlin. Amanda ſah ihn an. „Beim Himmel,“ erklärte Aminoff,„ich weiß nicht, Amanda, ob Sie wahnſinnig ſind oder ich.“ Amanda ließ ihren Blick von Pechlin auf Ami⸗ noff ſchweifen. „Kann wohl,“ begann Pechlin wieder,„die Scene in Drottningholm Deinen guten Verſtand erſchüttert haben, oder bin ich Dir für die Nachrichten, die Du mir mittheilteſt, nicht dankbar genug geweſen?“ Ohne einen Zug zu verändern, wandte ſich Amanda gegen Pechlin. „Kann denn die unverſtellte Neigung, die ich für Sie bekenne, gar kein Gefühl in Ihrer Bruſt erwecken?“ klagte Aminoff. Je nachdem der Eine oder Andere ſprach, wandte Aumanda ihr Geſicht gegen ihn. „Sie antworten uns gar nicht,“ bemerkten end⸗ lich Pechlin und Aminoff beinahe zugleich;„warum dieſes Schweigen?“ 16 „Es iſt ganz natürlich,“ antwortete ſie,„weil ich blos eine einzige Sache mit Beſtimmtheit weiß.“ „Was?“ „Daß Sie Beide ſehr, ſehr langweilig ſind.“ Pechlin lachte, Aminoff raste. „Du biſt charmant, Amanda,“ bemerkte Pechlin. „Du übertriffſt alle meine Hoffnungen. Du biſt einfach und natürlich, und zu gleicher Zeit unerklär⸗ lich und räthſelhaft.“ dal Sie iſt grauſam,“ erklärte Aminoff,„ſie iſt „Sie iſt ein verwöhntes Kind,“ ſagte Pechlin. „Sie iſt in der Freiheit aufgewachſen... gerade ſo iſt die Freiheit ohne Zügel und Bande... ſie iſt ſchön, aber wild... es kommt Ihnen zu, ſie zu zügeln, Herr Cornet.“ „Mir?“ „Der Zügel heißt Liebe.“ „Aber die Liebe, Baron, iſt kein Zügel,“ ſagte Amanda.„Die Liebe iſt ein Gebet an einem Opfer⸗ altar, ſie iſt nicht das Opfer, nicht der Altar, nicht die Flamme, ſondern das Gebet, das am Altar auf⸗ ſteigt, das Gebet zum Himmel um Frieden in unſern Herzen und Seligkeit in unſern Gedanken.“ Pechlin ſowohl als Aminoff betrachteten Amanda voll Verwunderung. Was ſie ſagte, war ſo ganz ohne alle Leidenſchaft und Launenhaftigkeit, es kam ſo ſichtlich aus der Tiefe ihres Herzens, es bewies, wie einfach und natürlich ſie ſelbſt die Liebe betrach⸗ tete, deren Macht in erſter und letzter Inſtanz ent⸗ ſcheidend in jedes Mädchenleben eingreift.“ „Apropos,“ ſagte ſie, als Pechlin und Aminoff ————.— ſtumm blieben,„haben Sie wirklich Capitän Puke eingeladen, wie ich Sie bat?“ „Wie kannſt Du daran zweifeln? Du weißt ja, wie gern ich alle Deine Wünſche erfülle.“ „Puke?“ wiederholte Aminoff;„ich habe heute von ihm ſprechen gehört. Kennen Sie ihn?“ „Ich habe nicht mit ihm geſprochen,“ antwortete Amanda,„aber er gefällt mir, weil man ihm ſo⸗ gleich anſieht, daß er ein tüchtiger Kerl iſt.“ Eine Weile nachher begannen die Gäſte anzu⸗ kommen. Der Kreis wurde alſobald ſehr glänzend. Der ſchwediſche Adel in jener Zeit bot einen ausgezeichneten Anblick dar. Der Schwede vereinigt in ſeinem Charakter zwei entgegengeſetzte Elemente, die Endpunkte zweier Ex⸗ treme: Solidität in Leichtſinn, Einfachheit in Prunk⸗ ſucht. Man ſollte glauben, dieſe Eigenſchaften müßten ſich gegenſeitig mäßigen und als gemeinſames Pro⸗ dukt ein vernünftiges und anſtändiges Geraderecht zu Stande bringen; ſtatt deſſen aber ſcheinen die Grundſätze einander zu unterhalten und gleichſam zu reizen, ſo daß eine und dieſelbe Perſon in einem Augenblick äußerſt geſetzt und ſchlicht erſcheint, im andern ſich höchſt leichtſinnig und übel gebahren kann. Wird der Schwede angegriffen, ſo kämpft er noch in ſeinem letzten Laufgraben; ſchmeichelt man ihm aber, ſo kapitulirt er ſogleich. Seine Perſön⸗ lichkeit hat dieſelbe Natur wie das Klima. Der Ueber⸗ gang vom Winter auf den Frühling geſchieht ſo ſchnell, Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. II. 2 18 wie der Wechſel zwiſchen Kälte und Wärme. Heute iſt der Boden mit Schnee bekleidet, morgen kann er ſein grünes Gewand tragen. Von Paris und London her hatte der Leichtſinn des Jahrhunderts bereits Wien und Berlin ange⸗ ſteckt. Von all' dieſen Seiten zuſammen blies der Sirocco über Schweden, wo er nicht mindere Empfäng⸗ lichkeit vorfand. Beſonders Paris hauchte Gift über uns aus. Dort war es, wo unſere vornehmſten Männer, in deren Händen das Schickſal des Vater⸗ landes bereits lag oder bald liegen ſollte, in dieſer Zeit ihre eigentliche Erziehung erhielten. Das Zeit⸗ alter hatte ſeinen Machiavelismus, ſeinen Skepticis⸗ mus, ſeinen Jeſuitismus, ſeine Bigotterie. Der ſchwediſche Adel hielt ſich nicht blos für eine Macht, er war es auch; er ſuchte nicht blos eine einflußreiche Rolle zu ſpielen, er ſpielte ſie wirk⸗ lich. Wie er an der Spitze der Zeitbildung ſtand, ſo ſtand er auch an der Spitze der Angelegenheiten des Reichs. Die Corruption untergrub die Selb⸗ ſtändigkeit des Landes im Ganzen, aber ſie war ein goldenes Kiſſen, das der Selbſtändigkeit ſowohl der Adelsparteien als der einzelnen Mitglieder, nicht weniger einander ſelbſt als auch der Königsmacht und dem Volke gegenüber, unterbreitet war. Man war Spieler in politiſchen Anſichten, das Ausland war Verleger und Bankhalter; man ſpielte um den Einſatz, das Vaterland, wobei wenigſtens jeder feine Spieler Alles zu gewinnen und Nichts zu verlienen hatte: verlor er, ſo appellirte er blos an eine neue Parthie. Das Geſellſchaftsleben erhielt dadurch einen po⸗ 19 litiſchen Aufſchwung, den es in Schweden niemals gehabt haben dürfte, außer in der Freiheitszeit. Das ſchöne Geſchlecht wurde von demſelben Geiſt ergriffen, der das ſtärkere belebte. Die großen Staatsfragen traten nicht blos in der Senatorentoga auf das Fo⸗ rum der Oeffentlichkeit, wo ſie entſchieden werden ſollten; ſie nahmen als Geſellſchaftsdamen in allen Kreiſen den erſten Platz ein. Bei der Frage über Krieg mit Rußland, die in der Reichsverſammlung von 1734 verhandelt wurde, entwickelten die Damen einen nicht unbedeutenden Einfluß. Junge Schön⸗ heiten vom Hof brachten Toaſte aus, die Krieg oder Frieden zu bedeuten hatten, und gleich Münchhauſens Speckbrocken von Mund zu Mund gingen. Kriege⸗ riſch geſinnte Damen tranken auf: Was wir lie⸗ ben! Andere auf: Ich denk mir's. Die patrio⸗ tiſchen Heldinnen und ihre Bewunderer trugen Band⸗ roſen, Kleinodien und Doſen in Form eines Hutes, als des Sinnbildes der Freiheit. Die Gegenpartei wurde Nachtmützen genannt. Keine Wiſſenſchaft iſt von größerem Intereſſe, als die rein politiſche: ſie erfordert tiefe Studien, umfaſſende Kenntniſſe, aber ſie erfordert auch noch mehr, nämlich Menſchenkenntniß und Seherblick: ſie iſt ein Fluß, deſſen Wogen von den wichtigſten Ele⸗ menten der Zeit gebildet werden, und dann in einem Bett der heiligſten und bedeutſamſten Intereſſen der Geſellſchaft dahinrollt; der Tag und ſeine Erſchei⸗ nungen ſpiegeln ſich in ſeiner Oberfläche ab, und darüber ſtrahlen die Sterne oder zucken Blitze aus den ſich theilenden Wolken; um dieſen Fluß zu be⸗ fahren, braucht man Senkblei für die Tiefe, Kom⸗ 20 paß für die Himmelsgegenden, Octant für die Höhen, Seekarten und Wimpel, und Alles das im Rahmen der augenblicklichen Einſicht und dem jeweiligen Stand der Verhältniſſe. Hatten ſich die Damen des Adels und der vornehmen Welt einmal auf dieſe brennen⸗ den Geſellſchaftsfragen geworfen, ſo betheiligten ſie ſich auch mit der ganzen Lebhaftigkeit ihrer Seele dabei. So rollte der Strom des politiſchen Lebens dahin: nicht blos die überlegene ſtaatsmänniſche Weisheit und die feine diplomatiſche Berechnung gruben ihre Canäle für ihre Intereſſen: Schönheit, Liebe, Eitelkeit, Coketterie thaten das Gleiche. Dies geſchah in ganz Europa, und Schweden war von der allgemeinen Regel nicht ausgeſchloſſen. Aber wenn alle Gemüther von großen Intereſſen angeregt, alle Herzen von wichtigen Plänen befeuert waren, alle Gedanken in höherer Gluth brannten, alle Gewiſſen mit dem Feuereifer des Augenblicks die öffentlichen Verhandlungen des Augenblicks um⸗ faßten, mit welchem Stolz mußte dann nicht auch das Selbſtbewußtſein Jeden verklären, dem Auge Glanz verleihen, das ganze innere und äußere Weſen beſtrahlen, und zugleich dem Geſellſchaftsleben eine dramatiſche Elaſticität geben, der ſogar unſer gegen⸗ wärtiges Theater kaum etwas Aehnliches an die Seite zu ſtellen hätte! Wir haben keine Gelegenheit, um das pracht⸗ volle Bild, das dieſer Abend darbot, vollſtändig zu zeichnen. Die Gäſte hatten ſich in den Gemächern zerſtreut. Hier ſah man die Gräfin Ferſen, eine der ſchön⸗ ſten und ausgezeichnetſten Frauen ihrer Zeit, erzogen ——— — N 8 ᷣ—' ◻ 8 80 ◻☛ 80 21 von Teſſin, während ſeines Aufenthaltes in Frank⸗ reich vermählt, nicht mit Axel, ſondern mit Carl Ferſen, und Mutter zweier von den ſogenannten Grazien. Die zauberiſche Anmuth, welche ſie belebte, ver⸗ dunkelte den ganzen Kreis, worin ſie ſich jetzt befand. All' die Schönheit und graziöſe Liebenswürdigkeit, die einſt ihre Töchter ſchmücken ſollte, konnte von keiner würdigeren Stirne ihr Diadem borgen. An einer andern Stelle ſah man ihren Mann, dieſe prachtvolle Geſtalt mit den edelſten Manieren und einer Artigkeit und Freundlichkeit, die Achtung einflößte, während er die Aufmerkſamkeit ſelbſt war. Er bildete in ſo fern eine große Ausnahme unter den Männern ſeiner Zeit, als er ſich nicht im Min⸗ deſten für Politik intereſſirte. Leidenſchaftlich dem ſchönen Geſchlecht ergeben, flatterte ſeine Seele von Gegenſtand zu Gegenſtand, kehrte jedoch nach aufgehobenem Luſtlager immer zu der Fahne zurück, welcher er allein ſeinen Eid der Treue geſchworen hatte. Während eines Aufenthalts auf dem Lande hatte er einmal ſein Auge auf ein Bauernmädchen ge⸗ worfen; er verliebte ſich in ſie und machte alle mög⸗ lichen Verſuche, um ſie zu treffen. Eines Sonntags, als er während des ganzen Gottesdienſtes das Mäd⸗ chen betrachtet hatte, kam ſeine junge Gattin auf den Einfall, ſich ſo zu verkleiden, daß ſie dem Mäd⸗ chen möglichſt gleichſah, und ſetzte ſich, mit einem Körbchen Erdbeeren auf dem Schooß und ein großes Kopftuch tief in's Geſicht hereingezogen, auf ſeinen Weg. Der Graf ging in die Falle und verrieth 22 ſein Geheimniß, kehrte aber dann wieder auf einige Zeit mit Liebe und Treue zu ihr zurück. Einer einzigen großen Neigung blieb er jedoch ſein ganzes Leben lang treu: ſeiner Liebe für die dramatiſche Kunſt. In Frankreich war er in ſeiner Jugend auf verſchiedenen Theatern unter falſchen Namen und dem Vorwand, daß er ein Engagement ſuche, als Schauſpieler aufgetreten. Einmal, als er bei Hof in einer ſchwediſchen Tragödie auftrat, gerieth er dermaßen in Leidenſchaft, daß er gänzlich den Athem verlor, ohnmächtig wurde und nur mit der größten Mühe wieder zum Bewußt⸗ ſein gebracht werden konnte. Luiſe Ulrikens Hof war nicht minder lebens⸗ luſtig, als der Hof der Königin Chriſtina geweſen, und als der Hof Guſtavs III. wurde. An allen dreien herrſchten Muſik, Tanz, Schauſpiel, Schwänke, Spiele, Maskeraden, Feſte u. ſ. w. Karl Ferſens großer Eifer für das Theater wurde oft als eine Thorheit getadelt; aber dieſer Thorheit hat Schweden ſein Nationaltheater zu verdanken. Die meiſten Schauſpieler wurden von ihm herange⸗ bildet, und ſein Wohlwollen gegen die Autoren war die erſte Aufmunterung, welche den dramatiſchen Muſen in Schweden zu Theil wurde. Aber warum uns ſo lange bei einem Einzigen aufhalten? Die Perſonen drängen ſich, um vor unſere Blicke zu treten. Noch einen milden, wärmenden Mittagsſonnen⸗ glanz um ſich breitend, ſah man hier die einzige Schweſter der Ferſen, nebſt ihrem Mann, Baron Lantingshauſen. 23 Um beide her ruhte ein Schimmer von roman⸗ tiſcher Poeſie. Wie aufrichtig und warm hatten ſie nicht einan⸗ der geliebt! und gleichwohl hatten ſie ſo viele Jahre hindurch keine Hoffnung gehabt, einander je zu beſitzen. Fräulein Ferſen war nämlich ſchon in ihrer zar⸗ teſten Jugend mit einem Baron Löwen verlobt worden. Gleich einem unbeweglichen Fels, warf dieſer Um⸗ ſtand zermalmend alle Seufzer und Bitten zurück, die ſich auf der ſturmerregten Woge der Gefühle er⸗ hoben, welche ſie mit Lantingshauſen theilte. Welche Feſſeln für die Liebe, welche Bande für die Neigung! Sie beſaßen nicht einmal das Recht, ſich Jemand anzuvertrauen. Aber ein einziges Auge ſah ihr Leiden: das Mutterauge; ein einziges Herz verſtand, was in ihrem Innern vorging: das Mut⸗ terherz. Eines Tages, als ſie mit der Mutter allein waren, erklärte dieſe ganz unerwartet, das Verhält⸗ niß müſſe aufhören. „Seht,“ ſagte ſie,„da ſteht ein Wagen.“ Es befand ſich wirklich eine Equipage vor dem Hauſe. „Folget mir,“ fügte ſie hinzu. In ein inneres Zimmer geführt, fanden ſie da den Pfarrer einer Landgemeinde nebſt dem Inſpektor eines der Ferſen'ſchen Guͤter und der erſten Freundin des Fräuleins, ihrer Amme. „Herr Pfarrer,“ bat die Gräfin,„vereinigen Sie dieſe zu einem Chepaar. Die Verantwortung über⸗ nehme ich.“ 24 So geſchah es. Vom Altar hinweg begaben ſich die jungen Leutchen in den Wagen, der ſie ſchnell dem Lande entführte. Baron Löwen erfuhr die Sache erſt, als es viel zu ſpät war. Mitglieder beider Parteien, der Hüte ſowohl als der Mützen, trafen an dieſem Abend bei Pechlin zu⸗ ſammen. Hier ſah man Baron Palmſtjerna, der zur Hut⸗ partei gehörte, wieder, aber auch den Grafen Kalling, eine heftige Mütze; trotz all ihrer Feindſchaft einig⸗ ten ſie ſich in ariſtokratiſchem Haß gegen die Königs⸗ macht. Die beiden Brüder Scheffer fehlten auch nicht. Karl Scheffer war ein geiſtreicher Mann, ein Freund und Pfleger der Wiſſenſchaften und Künſte, aber von aufbrauſender und heftiger Gemüthsart, dabei dem Syſtem der Ahnenherrſchaft zugethan; Ulrich Scheffer, der erſt kürzlich von Paris zurückge⸗ kommen, war nicht minder kenntnißreich, aber ruhi⸗ ger und gelaſſener. Beide griffen mächtig in die Ereigniſſe der Zeit ein und waren der Ferſenſchen Partei ergeben. Pechlins Wohnung füllte ſich immer mehr. Er empfing auch ſeine Gäſte mit einer Artigkeit, die nur von dem verbindlichen Weſen ſeiner Gemahlin übertroffen werden konnte. Die hohen Kronleuchter breiteten ihren Strahlen⸗ glanz über die beweglichen Gruppen. Die Pracht der Kleider, die reichen Stickereien an den Uniformen die lebhaften Geberden der Einen, die gemeſſene 25 Haltung der Andern, Alles das verlieh dem Gemälde eine anziehende Mannigfaltigkeit. Noch war Ferſen nicht angekommen— Brahe auch nicht— Olof Hakansſon auch nicht. Alle Anweſenden waren von einem einzigen Hauptgedanken in Anſpruch genommen, dem Gedan⸗ ken an den bevorſtehenden Reichstag. Die verſchie⸗ denen Gerüchte, die ihm vorangingen, wurden auf tauſenderlei Arten ausgelegt: man nahm damals ſo viel, ja noch mehr als jetzt Notiz von allen Schwa⸗ tzereien, man betrachtete und drehte dieſelben nach allen Seiten, gleich als hoffte man den Stein der Weiſen darin zu entdecken. Obſchon jeder Einzelne ſich als eine nicht un⸗ weſentliche Macht im Staat betrachtete, ſo wußten doch Alle, daß bei der Eröffnung einer Reichsver⸗ ſammlung alle Macht in den Händen des Landmar⸗ ſchalls, des Wortführers der Ritterſchaft und des Adels, concentrirt war. Die am Ruder ſitzende Hut⸗ partei hatte zu dieſem Amt bereits Ferſen auser⸗ koren. Er war alſo bereits Kandidat für eine furcht⸗ bare Macht, die noch höher ſtand als die Macht des Rathes, ja des Königs ſelbſt, weil er, wenn er ſein Amt recht verwaltete, unſtreitig als Stütze der Sou⸗ verainetät der Reichsverſammlung auch der ſouveräneſte Mann des Landes war. Olof Hakansſon nahm, obſchon blos Bauer, bei der damaligen Art, wie die Parteien die Angelegen⸗ heiten des Reichs verwalteten, eine einflußreiche Stellung ein; er war nämlich für ſie der kräftige Stützpunkt, auf welchem alle Hebel ruhten, mit denen der Bauernſtand weiter gefördert wurde. Wie Iwar 26 Bla ſagte, er könnte einen König aus dem Aermel ſeines Zwilchkittels ſchütteln, ſo konnte Olof Hakans⸗ ſon ſagen, er trage den Bauernſtand in ſeiner Taſche. Die ariſtokratiſchen Parteien ſuchten ihn auch in dieſer Stellung aufrecht zu erhalten, ſehr häufig ſogar trotz dem, daß ſich unter dem Bauernſtand die Neigung kundthat, ſich von Hakansſons Allmacht zu emanci⸗ piren. Hakansſon war der Regierungsform, der Souveränetät der Stände, der Hutpartei und Ferſen treu ergeben. Seine Anſichten als Bauer ruhten auch nicht eigentlich auf der eigenthümlichen Denkungs⸗ art des Bauernſtandes, ſondern eher auf ariſtokra⸗ tiſchem Boden. Seine ſo langjährige Laufbahn als Reichstagsmitglied und Sprecher des Bauernſtandes war daher weniger einer freien Wahl des Letzteren, als vielmehr der Einwirkung des Adels zuzuſchreiben. Er fühlte auch ſelbſt nur zu gut die Bedeutſamkeit und das zunehmende Erſtarken der Oppoſition, die ſich in ſeinem eigenen Stande gegen ihn kundthat, und er wußte diejenigen zu ſchätzen, deren Einfluß ihn aufrecht erhielt. 5 Brahes Stern hatte ſich noch nicht zu ſeiner Mittagshöhe am politiſchen Himmel erhoben, warf jedoch aus den Nebeln ſeines aufgehenden Morgens die eine und andere Flamme von ſich. Man wußte, daß der Hof ſeine Blicke auf ihn heftete, aber man wußte nicht, ob er, da er ſelbſt noch der Hutpartei angehörte, vollſtändig mit ihr brechen und in's Lager des Hofs übergehen würde. So oft die Thüren ſich öffneten und ein neuer Gaſt eintrat, wandte ſich die Aufmerkſamkeit Aller dahin, denn man wartete auf Ferſen mit mehr Sehn⸗ 27 ſucht, als je auf einen Helden des Tags. Man wollte gleichſam aus ſeiner Haltung, aus dem Aus⸗ druck ſeines Geſichtes, aus ſeinem Blick, aus der Art, wie er Andern entgegentrat, ſchließen, in wie weit er ſelbſt die Ueberzeugung hegte, daß das Land⸗ marſchallamt ihm zufallen würde. Durch die ſchimmernde Verſammlung lief ein Lächeln. Ein Gerücht vom Beſuch der drei Reichsräthe in Drottningholm hatte ſich verbreitet, und die Gräfin Ferſen hatte Chrenpreutz erſucht, zu erzählen, was ſich zugetragen habe. „Es war alſo eine mißglückte Luſtfahrt,“ be⸗ merkte die Gräfin, als Ehrenpreutz geendet hatte. „Während Sie ſich auf Koſten des Hofes luſtig ſu machen gedachten, machte ſich der Hof über Sie uſtig.“ „Nicht ganz,“ wandte Palmſtjerna ein,„unſere Abſicht...“. Pechlin hörte dem Geſpräch in einiger Entfer⸗ nung zu; auch auf ſeinen Lippen ſpielte ein feines Lächeln. „Unſere Abſicht,“ fuhr Palmſtjerna fort,„war hauptſächlich dahin gegangen, dem König unſre Auf⸗ wartung zu machen und zu fragen, wann er wieder in die Hauptſtadt ziehe.“ „Ah, dann können wir's alſo von Ihnen er⸗ fahren...“ „Leider hatte der König ſelbſt ſich noch nicht ent⸗ ſchloſſen... der Tag...“ „Dann muß die königliche Familie Ihnen eine 28 neue Ueberraſchung zudenken, meine Herren, denn der König zieht ſchon übermorgen wieder herein.“ „Wie... ſchon übermorgen?“ „Frau Gräfin,“ fiel Teſſin ein,„es iſt ganz in der Ordnung, daß die Damen immer mehr wiſſen als die Männer. Sie haben ihre eigene angeborne Encyclopädie in ihrem Herzen: der Himmel ſelbſt hat aus Gunſt und Gnade alle Kenntniß darin nie⸗ dergelegt. Sie haben auch ihren eigenen Kalender, wo alle Umzugszeiten zum Voraus angegeben ſind.“ „Ganz richtig, Graf; wir haben unſere eigenen Kalender; darf ich's wagen, Ihnen den meinigen vor⸗ zuzeigen?“ Mit einer freundlichen Handbewegung deutete die Gräfin hiebei auf Pechlin. Teſſins Lächeln verſchwand. „Erlauben Sie mir einige Worte, Baron Pechlin.“ Sie entfernten ſich nach einer andern Richtung. „Aber beſter Graf Ehrenpreutz,“ fuhr die Gräfin fort, die ſich an dieſem Abend mit einiger Bosheit amüſiren zu wollen ſchien,„was macht meine liebe gute Freundin, die Gräfin Creutz? Das war ja eine ganz ſchreckliche Geſchichte.“ „Eine ſchreckliche Geſchichte?“ wiederholte Ehren⸗ preutz;„welche Geſchichte? Ich verſtehe Sie nicht.“ „Das Duell, Baron, das Duell.“ Bei dieſem immer electriſch wirkenden Wort wand⸗ ten ſich Aller Augen auf die Gräfin. „Hat er ſich duellirt?“ „Weit ſchlimmer, Graf, weit ſchlimmer.“ „Wie ſo? Schlimmer?“ „Das Duell ſteht noch in Ausſicht.“ ——— ☛ι ⁹*☚ 7 29 „Mit wem?“ „Graf Creutz und Röhr ſind ja beide von einem Kapitän Puke gefordert worden.“ „Das iſt unmöglich, man hat mir kein Wörtchen davon geſagt.“ „Nichts Ungewöhnliches, Herr Graf. Die Her⸗ ren Reichsräthe haben mit den großen Geſchäften des Reichs viel zu viel zu thun, als daß ſie ſich er⸗ kundigen ſollten, ob draußen Sonnenſchein oder Re⸗ genwetter iſt.“ „Darf ich fragen, wer Ihnen dieſe Geſchichte erzählt hat?“ „Natürlich mein Kalender, Graf.“ Unruhig über das Gehörte, begab ſich Ehren⸗ preutz jetzt ſogleich zu Pechlin hinaus. „Aber, mein Gott,“ begann die Gräfin Ferſen wieder,„entſchuldigen Sie, Baron Palmſtjerna— Sie wiſſen, daß wir Frauenzimmer naſeweis ſind— aber wie verhielt es ſich denn mit dem armen Mäd⸗ chen, das in Drottningholm den waghalſigen Sprung durch das Fenſter machte? Sie wurde verhaftet und zuletzt, glaube ich, von Ihnen verhört.“ „Die Sache war von keiner Bedeutung. Wir fürchteten allerdings im Anfang... aber...“ „Aber, Herr Baron, haben Sie auch die Be⸗ ſprechung zwiſchen der Königin und Höppener, welche das Mädchen hinter der Bibliothekthüre verborgen belauſchte, genau erfahren?“ „Beſprechung zwiſchen der Königin und Höp⸗ pener... lauſchen... hinter der Thüre ver⸗ borgen?“ „Ja gewiß.“ 30 „Höppener iſt nie da geweſen. Die Wache, zu welcher ich Creutz ſchickte, bürgte uns dafür. Wollen Sie mir ſagen, Frau Gräfin...“ „Woher ich all dieſe Sachen weiß? Sehr gerne, Baron; das ſteht in meinem Kalender.“ Auch Palmſtjerna machte ſich alsbald auf, um zu Pechlin zu gehen. „Der Graf und die Gräfin Creutz!“ meldete der Kammerdiener. Mit ihnen kam des Grafen Schwe⸗ ſter, Fräulein Alma.“ Creutz hatte ſeiner Frau von der ihm zugegan⸗ genen Forderung erzählt. Sie war voll Angſt darüber und hatte ſeitdem keinen ruhigen Augenblick mehr gehabt. Aber Creutz war ein ebenſo feuriger und lebhaf⸗ ter junger Mann, als ſein Gegner, ein Altersgenoſſe Puke's und mit dieſem aufgewachſen, dabei gänzlich in die Vorurtheile und Anſichten ſeiner Zeit ver⸗ rannt. Als Alma zu ihnen heimkam, ſank ihre junge Schwägerin ihr an die Bruſt. Alma, die ſelbſt ſo eben erſt einen der wichtigſten Augenblicke in einem Frauenleben durchlebt hatte, war von demſelben tiefen Gefühle beſeelt. „Du haſt gehört... mein Mann... Dieſe Erinnerung an das bevorſtehende Duell rief in Alma von Neuem eine ſchmerzliche Unruhe hervor, welche jetzt durch den Kummer, den ſie im Geſicht ihrer Freundin und Schwägerin las, noch verdoppelt wurde. „Beruhige Dich, Marie Luiſe,“ bat Alma,„wir wollen hoffen.“ 44 31 Marie Luiſe kannte Alma's Neigung zu Puke nicht und erblickte in ihrer Theilnahme weiter Nichts als Freundſchaft für ſie und den Bruder.. An ihrer Seite ſtanden zwei Kinder: ein Sohn und eine Tochter. „Denk an dieſe armen Kinder,“ ſagte ſie, indem ſie ihre Hände auf die Köpfe der Kleinen legte,„in einigen Tagen ſind ſie vielleicht vaterlos. Dieſer Gedanke bringt mich zur Verzweiflung.“ Alma hatte vorher nicht daran gedacht; aber ſie ſah ein, daß ihr eigener Kummer gering war im Vergleich mit demjenigen, vor welchem ſie jetzt ſtand. „Ich könnte Dir ein Geheimniß anvertrauen,“ flüſterte ihr Alma in's Ohr,„aber Du mußt mir mit der Hand auf Deinem Herzen geloben, es Nie⸗ mand zu ſagen... nicht einmal Creutz... ihm am allerwenigſten. Was ich zu ſagen habe, wird Dich tröſten.“ „Sprich, ſprich, Alma... ich ſchwöre bei den Häuptern meiner Kinder... das iſt mehr, als bei meinem Herzen...“ Sie nahm auch ihre Hände nicht von den Köpfen der Kleinen weg. „Genug, Marie Luiſe, genug. Ich kann Dich alſo verſichern, daß Deinem Manne nichts Böſes widerfahren wird.“ „Nichts Böſes, ſagſt Du, und dieſes Duell...“ „Wird Dich Deines Gatten, Deine Kinder ihres Vaters nicht berauben.“ „Es unterbleibt alſo?“ „Nein.“ „Nun denn?“ 32 „Vergiß nur Dein Verſprechen nicht. Erſt vor einem Augenblick hat Puke mir bei ſeiner Chre ver⸗ ſprochen, daß er ſich lieber ſelbſt tödten laſſen als Creutz tödten werde.“ „Ich danke Dir, barmherziger Gott!“ Als Creutz herauskam, waren die Frauenzimmer bereits fertig und begaben ſich an die wartende Equi⸗ page hinab, die mit ihnen zu Pechlin rollte. Marie Luiſe hatte Puke nie geſehen, aber in ihrer Seele hatte ſich eine Vorſtellung von ihm ge⸗ bildet, mit welcher ihre Gedanken ſich unaufhörlich beſchäftigten. „Werde ich ihn heute Abend treffen?“ hatte ſie Alma zugeflüſtert;„werde ich ihm danken können?“ „Vielleicht,“ flüſterte Alma zurück. Als ſie eintraten, flogen ihre Blicke, von dem⸗ ſelben Gefühl geleitet, durch die Zimmer: ein Ein⸗ ziger war es, den ſie ſuchten, Capitän Puke; aber er war noch nicht da. Ein heiteres Lächeln ſchwebte über den lebens⸗ friſchen Zügen des Grafen Creutz. Marie Luiſe dagegen war bläßer als gewöhnlich: die Wehmuth, welche ſie ergriffen hatte, wollte nicht ſo leicht weichen. Die Gräfin Ferſen, die immer auf dem herzlich⸗ ſten Fuße zu ihr geſtanden hatte, beinahe wie eine mütterliche Freundin, ergriff theilnehmend ihre Hand und zog ſie neben ſich auf den Sopha. „Ich weiß Alles,“ flüſterte ſie. „Um Gottes willen, ſprechen Sie nicht davon,“ bat Marie Luiſe.„Sie machen mich weinen.“ Die Gräfin Ferſen drückte blos ihre Hand. 33 „Sie, Graf, waren ſo eben der Gegenſtand un⸗ ſeres Geſprächs,“ ſagte ſie zu Creutz.„Sie ſehen, daß man Sie nicht vergißt.“ „Hinter meinem Rücken, wollen Sie ſagen, Frau Gräfin. Ich bin höchlichſt verbunden.“ „Herr von Röhr!“ meldete der Kammerdiener. „Erlauben die Herren,“ fuhr die Gräfin fort, „daß wir Frauenzimmer Ihren Handel mit Puke ausmachen?“ „Von Herzen gern,“ antwortete Röhr.„Ich überantworte meinen Gegner ſogleich und ohne allen Vorbehalt der Ungunſt der Damen.“ Von zwei Seiten her kreuzten ſich jetzt aufmerkſame Blicke. Von Alma, die ſich unter einigen Freun⸗ dinnen von ihrem Alter niedergelaſſen hatte, und von Amanda, die ſich ſchüchtern in eine entlegene Ecke zurückgezogen, wo ſie, bedeckt von einem Schlag⸗ ſchatten im Zimmer, ſelbſt beinahe ungeſehen Alles beobachten konnte, was um ſie her vorging. „Und was ſagen Sie, Graf Creutz?“ „Daß Sie, Frau Gräfin, zuerſt die Güte haben und mich über die Art des Handels belehren möch⸗ ten, den Sie meinen. Iſt es ein Frauenzimmerhan⸗ del, ſo gehört er unzweifelhaft vor Ihr Forum.“ „Das Duell, Graf, das Duell.“ Creutz runzelte ſeine Stirne. „Alſo bereits bekannt,“ ſagte er.„Ein Duell,“ fuhr er fort,„iſt eine Ausnahme im Leben, von der man nicht gerne zu viel ſpricht. Ich glaube deßhalb, daß der Handel nicht eigentlich vor Frauenzimmer gehört. Würden Sie, Frau Gräſin, ſich gegen Ca⸗ pitän Puke ſtellen, ſo könnte er Ihnen nicht mit ſo Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. II. 3 34 gefährlichen Waffen entgegentreten, wie Sie ihm; um alſo den Kampf für ihn nicht allzu ungleich zu machen, iſt es am beſten, wenn wir ihn unter uns in's Reine bringen. Er iſt immerhin ein ſolcher Mann, daß es mir Ehre bringt, meinen Degen mit ihm zu kreuzen.“ „Baron Wrangel und Capitän Puke!“ meldete der Kammerdiener. Es wurde ſtill im Zimmer. Wrangels welterfahrener Blick muſterte ſchnell die verſchiedenen Elemente, aus denen die Geſellſchaft beſtand, und eine ſchwere Laſt fiel ihm vom Herzen, ſobald er bemerkte, daß Mitglieder aller Parteien ſich eingeſtellt hatten. Puke, der ſich wie in Fein⸗ desland fühlte, war nie kälter und ſtolzer aufgetreten, als eben jetzt. Aber er war ſchön und einnehmend, dieſer herausfordernde, beinahe trotzige Kopf. Selbſt⸗ ſtändigkeit und Entſchloſſenheit konnten nie mit ſtär⸗ kerem Glanz aus zwei ſchwarzen Augen ſtrahlen, mannhafte und offene Feſtigkeit konnten nie eine breitere und ruhigere Stirne wählen, Kraft und Energie konnten von keiner geſchmeidigeren, mit ela⸗ ſtiſcheren Sehnen ausgeſtatteten Geſtalt repräſentirt werden. Von allen Seiten her waren die Blicke auf ihn gerichtet. Man hatte ſo lange, wenn auch nicht immer, im freundlichſten Sinne von ihm geſprochen, daß er ein Gegenſtand des allgemeinſten Intereſſes gewor⸗ den war. Die Stille, die um ihn herrſchte, wurde durch einen halblauten, flüchtigen Ausruf unterbrochen. Jedermann wandte ſich, um zu ſehen, woher — 80 ◻᷑— 3⁵ er komme, aber Niemand bemerkte es. Der Ton war mitten unter der Menge erſtorben. Er kam von Amanda. Beim Anblick Puke's wurde ihr Gefühl electriſirt: ein unerklärlicher, wunderbarer Eindruck durchbebte ſie. Nie zuvor hatte ſie etwas Aehnliches empfun⸗ den: dieſes Gefühl ſagte ihr ſo viel, es war Freude und Kummer zugleich, es war mehr als das, es war, als ob Leben und Tod ſich ihr gezeigt hätten, als ob ihr Schickſal, der Genius ihres Lebens vor ihre Augen getreten wäre. Auch Puke's Blick flog im Zimmer umher; er entdeckte Alma, und es klopfte in ſeiner Bruſt, als ob ſein Herz, gleich einer Weckuhr, ihm berichten wollte, was er ſah. Aber Alma war die einzige Perſon, die nicht aufſchaute, die einzige, die ſeinen Eintritt nicht zu bemerken ſchien. Puke verſtand ſie: ſie fürchtete ſich zu verrathen, vielleicht auch ſeinen eigenen Muth zu erſchüttern. Er dankte ihr in ſei⸗ ner Seele dafür. 4 Mit einem kalten Gruß ging er an Creutz und Röhr vorbei und trat auf die Damen zu. Bei dieſer Gelegenheit bemerkte Puke in der Fen⸗ ſterniſche ſeitwärts einen jungen Mann, der mit un⸗ gewöhnlichem Intereſſe unbeweglich die entlegenſte Ecke des Zimmers fixirte. Liebe und Eiferſucht brannten in dieſem unver⸗ änderlichen Blick. Von einer unwiderſtehlichen Eingebung geleitet, ſchaute Puke nach derſelben Richtung, und da ent⸗ deckte er im Schatten der Ecke ein Mädchen, das einer jener Blumen glich, die man ſo poetiſch Tag⸗ 36 und Nachtblumen nennt. Die ſchwarzen Locken, die blitzenden Augen, das blaſſe Geſicht überraſchten. In ihrer ganzen Erſcheinung lag ſo viel Feuer, daß es ihn wie mit einem Zauberkreis umgab. Einen Augenblick vergaß er ſich darin; aber bald riß er ſich mit Gewalt los. Puke hatte ſich bereits der Warnung Wrangels erinnert und ahnte, daß ſie Pechlin's Pflegetochter war. Auch die Zuverſichtlichkeit der Gräfin Ferſen ſank ein wenig beim Anblick Puke's, da ihr feines und ſicheres Auge entdeckte, daß er ein Charakter von ſtärkerem Metall war, als ſie gewöhnlich um ſich ſah. „Sie ſind ein erfahrener Krieger, Capitän Puke,“ begann die Gräfin, welcher Alle von ſelbſt das Wort zu überlaſſen ſchienen;„Sie haben, wenn man mich recht berichtet hat, an mehreren Kriegen Theil genom⸗ men; Sie haben ſogar in der holländiſchen Armee gegen Moritz von Sachſen gedient.“ „Ich kämpfte vor 1748 gegen ihn; in dieſem Jahr wurde der Friede in Aachen geſchloſſen.“ „Man erzählt von Ihnen viele tapfere und kühne Thaten, Capitän.“ „Nach dem Frieden kehrte ich auf ein paar Jahre in's Vaterland zurück, und dann ging ich von Neuem in'’s Ausland. Ich habe den Krieg geſucht, Frau Gräfin.“ „Laſſen Sie uns Ihre Anſichten über das Duell hören, Capitän.“ Für Puke war dieſe Frage beinahe wie ein Sporn⸗ ſtich; aber er richtete blos ſeinen Kopf etwas auf, ohne einen Zug in ſeinem Geſicht zu verändern. 37 „Che ich mich ausſpreche,“ verſetzte Puke,„wünſche ich zu wiſſen, ob Sie eine Antwort haben wollen, die auf wirklichen Rechtsgründen beruht.“ „Natürlich; in welcher Beziehung könnte ich ſie ſonſt begehren?“ „Nach dem gegenwärtigen Standpunkt der Ge⸗ ſellſchaft, nach der Art und Weiſe, wie unſere Zeit ſieht und urtheilt, nach unſern Gewohnheiten und Sitten, nach den Moden des Tages.“ „Ah, Capitän, meinen Sie alſo, daß die Geſell⸗ ſchaft nicht immer auf einer Vorausſetzung richtiger Rechtsprinzipien ruhe?“ „Ich meine, daß das Chriſtenthum ein für alle⸗ mal große, der höchſten Bedeutung der Menſchheit wahrhaft entſprechende Grundſätze aufgeſtellt hat; daß dieſe aber, ſo lange das Menſchengeſchlecht ſie noch nicht ſeiner Denkweiſe einverleibt, ſie ſo zu ſagen in Saft und Blut verwandelt hat, mehr blos herr⸗ liche Offenbarungen, ſchöne Ideale, die mit dem Oelblatt der Zukunft über unſere Herzen hinfliégen, glänzende Regenbogen, welche das Gewölke unſerer Gegenwart durchſchimmernund verheißungsreich beſſere kommende Tage verkünden, als unbeſtrittene und un⸗ beſtreitbare Wahrheiten ſind, die uns bei unſerem Thun und Laſſen leiten. Die großen, göttlichen Wahrheiten erobern die Geſellſchaft nicht auf einmal. Der Staat wie er iſt, iſt niemals, was er ſein ſoll, aber er nähert ſich unaufhörlich dieſem Zuſtand. Wenn er bei einem Ziel ankommt, harrt ihm bereits ein anderes entgegen.“ „Dann geben Sie wenigſtens zu, Capitän, daß es von Grundſatz zu Grundſatz geht.“ „Der Grundſatz kann nur ein einziger, richtiger und wahrer ſein. Alle übrigen ſind falſch. Aber das alte Unrichtige prozeſſirt unaufhörlich gegen das neue Richtige.“ „Aber von was gehen Sie aus?“ „Vom Chriſtenthum.“ „Und wohin gehen Sie?“ „Zum Chriſtenthum. Die Geſellſchaft iſt ein fortgeſetztes Bemühen, eine große Idee in Wirklich⸗ keit zu verwandeln. Dies iſt der Operationsplan der Vorſehung, aber die Menſchen legen ihm Alles in den Weg, was ſie nur können.“ Die Gräfin betrachtete ihn verwundert. „Wie Carl XII., müſſen auch Sie, Capitän, wäh⸗ rend Ihrer Kriege die Bibel ſtudirt haben. Dies that Moritz von Sachſen ſicherlich nie.“ Das iſt auch einer der Unterſchiede zwiſchen dem ſchwediſchen Krieger und dem Krieger des übrigen Europa.“ Und das Duell, Capitän, das Duell?“ „Der Krieg iſt ein Duell zwiſchen verſchiedenen Nationen, und das Duell iſt ein Krieg zwiſchen ver⸗ ſchiedenen Perſonen. Vor einem höheren Geſellſchafts⸗ recht ſind gicherlich beide gleich unrichtig. Aber die Geſellſchaft erkennt ſie nichtsdeſtoweniger an, weil ſie noch nicht bei dem wahrhaft chriſtlichen Grund⸗ ſatz angelangt iſt.“ „Gleichwohl ſcheinen Sie, Capitän, in dieſer Be⸗ ziehung mehr dem Grundſatz zu huldigen, als der Geſellſchaft.“ „Ich huldige dem Grundſatz als Religion; ich glaube daran. Aber als Wirklichkeit gehöre ich der ger ver as ein ch⸗ an Geſellſchaft an; ich lebe in ihr. Wie oft, Frau Gräfin, ſündigen wir nicht gegen unſer beſſeres Wiſſen, indem wir auf dem Altar der Wirklichkeit opfern!“ „Damit ſagen Sie auch, daß Sie die Menſchen in zwei verſchiedene Arten theilen, wovon die eine einen höheren, beſſeren, edleren Auftrag auszufüh⸗ ren hat, während die andere blos aus Alltagsmen⸗ ſchen beſteht, die weltlich geſinnt ſind und mit dem Strom ſchwimmen, wohin er immer führen mag.“ „Ganz richtig. Die Welt hat ihre Auserkorenen der Vorſehung. Jahrhundert um Jahrhundert ſtehen ſie als leitende und leuchtende Feuerthürme in der Geſchichte voran. Sie ſind Heroen neuer Ideen, Miſſionäre beſſerer Anſichten, ſehr häufig Märtyrer derſelben. Aus ihren Lehren entwickeln ſich allmälig reinere Urtheile, beſſere Begriffe, geſündere Gedan⸗ ken. Die Geſchichte iſt eine große Landſtraße; es iſt nicht unmöglich, die Spuren zu bemerken, wie Gottes höhere Weisheit Schritt für Schritt auf derſelben vorangegangen iſt. Am Fuße der Siegesfahne jedes großen Gedankens liegt ſehr häufig ein zertrümmer⸗ ter Thron des Aberglaubens, der Selbſttäuſchung oder Eitelkeit. Dies iſt Spur genug. Aber die Welt beſitzt auch blos Werkzeuge für die Verwicklungen des Tags, Hebel für die unaufhörliche Veränderlich⸗ keit des Alltagslebens, Zapfen bei den ſtündlichen Wechſelbewegungen der politiſchen und ſocialen Ma⸗ ſchinerie, Millionen ſind das. Vergebens ſuchen ſie eine größere Rolle zu ſpielen, als die ihnen zuge⸗ theilte. Der eine Hebel ſtraft da den andern. Ich, Frau Gräfin, bin nichts Anderes als ein gewöhn⸗ licher Hebel.“ 40 Puke machte eine kurze Verbeugung, in der Ab⸗ ſicht auf die Seite zu treten; aber als er ſich um⸗ wandte, ſah er eine Perſon vor ſich, die er noch nicht bemerkt hatte, und deren eigenthümlich ſonderbares Ausſehen ihn überraſchte. Der graue Kopf ſtarrte ihn unbeweglich an. Buſchige Brauen bedeckten einen großen Theil der Augen, aber er zog ſie haſtig hinauf, und ein ſchar⸗ fer, forſchender Blick ſchoß hervor. „Sie wagen viel, Capitän,“ ſagte der Mann mit heiſerer und rauher Stimme,„daß Sie in dieſem Sündenhaus von Gott ſprechen. In dem großen Narrenhaus, genannt Welt, glauben Sie vielleicht, bedürfe man keinen Verſtand; aber Sie täuſchen ſich. Man muß nothwendig wenigſtens ſo viel haben, daß man nichts Anderes als Narrheiten ſpricht. Wollen Sie Weltweisheit lernen, ſo kommen Sie zu mir.“ „Der Graf und die Gräfin Brahe!“ meldete der Kammerdiener. Eine Bewegung entſtand im Zimmer. Man richtete ſich auf, grüßte und machte der Gräfin Platz. Als Alle ihre Plätze wieder eingenommen hatten, beabſichtigte Puke dem Unbekannten zu folgen, aber er war bereits in ein anderes Zimmer verſchwunden. Der wunderliche Mann war kein Anderer als Schecta. Statt ihn aufzuſuchen, folgte Puke der Einge⸗ bung ſeines Gefühls und näherte ſich dem Fräulein Creutz. Im äußeren Salon hatte man ſich um Pechlin verſammelt. 41 „Iſt es wahr,“ fragte Teſſin,„daß die könig⸗ liche Familie ſchon übermorgen in die Hauptſtadt zieht?“ „Man darf nicht die Hälfte von dem glauben, was die Damen ſchwatzen,“ antwortete er;„in ihrer Jugend werden ſie von der Eiferſucht, im Alter von der Klatſchſucht beherrſcht. Daß die Königin gerne überraſcht, weiß jetzt alle Welt, und böſe Zungen behaupten, Niemand wiſſe es beſſer, als Sie, Graf. Jedenfalls kann man überzeugt ſein, daß ſie es nicht unterlaſſen wird, der Anblaſung des Reichstags an⸗ zuwohnen. Sicherlich hegt ſie jedoch keinen höheren Wunſch, als ihm das Lebenslicht ausblaſen zu dür⸗ fen. Im Uebrigen kann man überzeugt ſein, daß ſie ſelbſt ſehr viele Numern bei dem Reichstags⸗ concert ausführen wird, obſchon ſie es noch nicht auf den Zettel hat ſetzen laſſen. Die Ouverture ſoll aber in einer großen Bravourarie beſtehen, welche ſie ſelbſt componirt hat, und die nur mit Begleitung der Reichstagstrompeten ausgeführt werden ſoll. Wir haben zwiſchen zwei Dingen zu wählen, Herr Graf: wir können entweder applaudiren oder ziſchen.“ Teſſin faßte Pechlin's Arm. Sein ſonſt ſo offenes und heiteres Geſicht wurde von einem trüben Ge⸗ danken verdüſtert. „Ich fürchte, Baron,“ ſagte er,„daß ein ſchreck⸗ licher Kampf bevorſteht. Möge nur keine andere Waffe nöthig werden, als die Ziſchpfeife!“ „Sagen Sie mir, Baron Pechlin,“ fiel Ehren⸗ preutz ein,„hat Capitän Puke den Lieutenant Creutz und Röhr gefordert? Warum? Wann?“ „Ich weiß weiter Nichts,“ antwortete Pechlin, 42² „als daß die Weisheitszähne bei gewiſſen Leuten ſchwer herauskommen, weßhalb man eine Operation vornehmen muß. Eine ſolche Operation iſt das Duell. Vermuthlich ſind die jungen Herrn juſt im Zahnen begriffen. Es heißt: Einer gegen Einen, aber Zwei gegen den Teufel. Dieſer Puke muß der Teufel ſelbſt ſein, da Graf Creutz und Röhr ſich um ihn reißen. Ich wünſche Allen Glück und folglich auch dem Teufel.“ Ehrenpreutz beruhigte ſich nicht mit dieſer Er⸗ klärung und kehrte in ſtiller Nachdenklichkeit Pechlin den Rücken. Palmſtjerna kam jetzt dazu. „Die Gräfin Ferſen,“ ſagte er,„hat mir erzählt, daß Sie, Baron, von einer Beſprechung und gehei⸗ men Berathung zwiſchen der Königin und Höppener Kundſchaft haben. Wiſſen Sie darum?“ „Ich kenne kein Geheimniß, Baron; denn was ich weiß, iſt kein Geheimniß mehr. Hätten wir Stiergefechte wie in Spanien, ſo bin ich überzeugt, daß man kein beſſeres Subjekt in die Arena herein⸗ ſchleppen könnte, als Höppener. Als der Kerl neu⸗ lich ſein Horn in die Kanzlei hereinſtreckte und dieſe, ſtatt ihn für immer an die Krippe zu binden, ihn blos zur Thüre hinauswarf, da war es natürlich, daß die Königin ihm eine Raufe im Stall ihres Ver⸗ trauens öffnen mußte, wo es ihm ſicherlich nicht an Futter fehlen wird. Ich weiß, daß er jetzt auch den Mund ſo voll nimmt, als nur möglich. Aber Alles das bedeutet nicht viel. Will er ſtoßen, ſo fehlt es uns auch nicht an Männern, die mit ebenſo langen Hörnern begabt ſind wie er.“ 43 Obſchon Pechlin als ein politiſcher Seiltänzer be⸗ kannt war, oder vielleicht juſt deßhalb, gruppirten ſich Alle voll Intereſſe um ihn. Es liegt immer etwas Magnetiſches in dieſen halbverſchleierten Orakel⸗ ſprüchen, die für den einen Theil der Zuhörer mehr, für den andern weniger enthalten, als wirklich an ihnen iſt. In ſeinem Gerede ſpiegelten ſich all' die eigenthümlichen Seiltänzerkunſtſtücke ſeines Charakters ab; allein dies unterhielt, es beluſtigte, es wirkte anregend; es zeigte neue Ausſichten nach mehreren Seiten zugleich, Luftgebilde, wenn man ſo will, aber ſie ſchimmerten, ſie wechſelten, ſie intereſſirten. Baron Wrangel machte einen Gang im Zimmer umher, ſprach da und dort einige Worte, zog ſich aber allmälig zu der Gruppe, bei welcher die Mehr⸗ zahl zuſammenſtieß. „Apropos,“ ſagte Pechlin,„nach den Vorberei⸗ tungen zu ſchließen, welche die Behörden zu dieſem Reichstag machen, müſſen ſie ein großes Spiel vor⸗ haben, unter Anderem iſt eine Maſſe von Flug⸗ ſchriften, die ſehr feindſelig gegen die beſtehende Ordnung losziehen, auf die Provinzen hinausgewor⸗ fen worden; aber...“ Er wandte ſich plötzlich gegen Wrangel. „Aber darüber,“ fügte er hinzu,„dürften Sie, Herr Baron, uns die beſte Auskunft ertheilen können.“ Wrangel erſchrack innerlich, begegnete jedoch ſei⸗ nem Gegner mit Feſtigkeit. Die Theatermaske war für Männer vom politiſchen Fach nie nothwendiger, als während der Freiheitszeit. Sie befanden ſich 44 beſtändig auf der Schaubühne, waren ſtets entweder in eine Komödie oder in eine Tragödie verwickelt. „Wie Sie ſagen, Baron Pechlin, es ſollen wirk⸗ lich an mehreren Orten Flugſchriften geſehen worden ſein, obſchon ich ihren Inhalt nicht kenne; aber dar⸗ über dürften Sie, Baron, uns die vollſtändigſten Mittheilungen machen können.“ „Glücklicher Weiſe kann ich das. In dieſen Flug⸗ ſchriften wird die Sturmglocke gezogen, mit der offen⸗ baren Abſicht, das Volk zu einem großen Anlauf gegen die beſtehende Verfaſſung zuſammenzuläuten. Man poſaunt aus, daß die Ohnmacht des Volkes, der Nothſtand der dahinſiechenden Gewerbe, die po⸗ litiſchen Parteizerſplitterungen, kurz und gut, all' die Uebel, die nach der Behauptung des Verfaſſers am Staatskörper zehren, einzig und allein daher kommen, daß der König nicht das nöthige Feld für ſeinen Ein⸗ fluß beſitze; daß die Ariſtokratie...“. Graf Brahe näherte ſich. „Daß die Ariſtokratie,“ fuhr Pechlin fort,„un⸗ gebührlich in die allgemeinen Freiheiten und Rechte des Landes eingegriffen habe; daß ſie auf der einen Seite den König und auf der andern das Volk unter⸗ drücke; daß Carls XI. Reduction in oeconomicis auch in politicis fortgeſetzt werden müſſe, woraus folgen würde...“ Pechlin wandte ſich gegen Brahe. „Woraus folgen würde,“ fuhr er fort,„daß die Bedeutung des Adels als maximus communis di- visor der Staatsgewalten und darauf ausgehend, ſowohl die königliche Gewalt als die Volksgewalt auf die möglich kleinſten Verhältniſſe zurückzuführen, ver⸗ 45 nichtet und all' ihres Werthes beraubt werden müßte. Wohlan, Graf Brahe, was glauben Sie? ſoll der Adel ſich niedertreten laſſen?“ Brahe war vollkommen ruhig. Seiner Würde als erſter Edelmann des Reichs ſich bewußt, glaubte er nicht, daß man es wagen könnte, ihn auch nur mit einer ſpitzigen Bemerkung anzugreifen. „Wenn der Adel auch dem König Etwas von ſeiner Macht abtreten könnte,“ antwortete er daher mit Stolz und Zuverſicht,„ſo wird er ſich doch nie dazu verſtehen, in eine Schmälerung ſeines eigent⸗ lichen Einfluſſes zu willigen.“ In dieſem Augenblick wurde Graf Ferſen ange⸗ meldet. Olof Hakansſon begleitete ihn. Es war die Sonne und der Mond des Zeitalters. Ferſen hatte die Aeußerung Brahe's gehört. „Wäre es auch möglich, daß der Adel Etwas von ſeiner Macht abtreten könnte,“ wiederholte Ferſen, indem er in den Kreis vortrat,„ſo bin ich doch feſt überzeugt, daß er es gleichwohl nie thun wird. Mehr als die Hälfte vom Glanz des Königs⸗ purpurs kommt dem Adel zu; mehr als die Hälfte von den Laſten des Volks ruht auch auf ſeinen Schultern. Die Macht des Adels iſt die Macht der Nation.“ Die allgemeine Aufmerkſamkeit heftete ſich an Perſen Mit hoch emporgehaltenem Haupte ſtand er da. Pechlins Aufmerkſamkeit theilte ſich zwiſchen Brahe und Ferſen. „Wahrhaftig,“ ſagte er,„ich ſehne mich voll Un⸗ 46 geduld zu ſehen, welche von dieſen zwei entgegenge⸗ ſetzten Anſichten bei der bald bevorſtehenden Land⸗ marſchallswahl in der Ritterſchaft und im Adel ob⸗ ſiegen wird.“ Kaum hatte Pechlin dieſe mit einer eigenthüm⸗ lichen Betonung geſprochenen Worte von ſich gegeben, als auch Brahe's und Ferſens Blicke ſich begegneten. Hätte Jeder von ihnen eine Krone getragen, ſo hätte vielleicht kein größeres Verlangen nach Gewalt, oder vielleicht noch beſſer, kein zuverſichtlicheres Vertrauen auf die eigene Gewalt in den ſtolzen Geſichtszügen ruhen können. Tritt einem König auf den Schlepp ſeines Purpurs, ſo wird er Dich auf dieſelbe Art betrachten, wie dieſe beiden Koryphäen einander jetzt anſchauten. Der Blick war nicht feindſelig, nicht herausfordernd, aber er war prüfend und forſchend: er war wie eine Lanzenſpitze, welche dreiſt die Fugen am Panzer der Gegner unterſucht. „Täuſchen nicht alle Zeichen,“ fuhr Pechlin fort, während er ſein Auge noch tiefer in die Leidenſchaf⸗ ten ſenkte, die in dieſem Augenblick Brahe's und Ferſen's Bruſt zerarbeiteten,„ſo wird der Kampf gewiß ſehr heftig werden.“ Ferſen wandte ſich mit einem fragenden Ausdruck gegen Pechlin. „Und in nicht unbedeutendem Maß, Graf Fer⸗ ſen,“ fuhr dieſer fort, ohne daß er ſich den Anſchein gab, als bemerke er das auf ihn gerichtete Mißver⸗ gnügen,„ſind Sie eine unſchuldige Urſache davon. Erinnern Sie ſich an 1750. Sie wurden damals der Keim zur erſten Uneinigkeit zwiſchen unſerem jetzigen König, ſo lang er noch Kronprinz war, und zwiſchen dem Rathe: einer Uneinigkeit, welche den Grund zu der noch immer wachſenden Hofpartei legte, wachſend, weil ſie ſich unaufhörlich von allen Seiten her zu rekrutiren weiß und jetzt im Begriff ſcheint, ſich eine zuverläſſigere Zukunft anzubahnen, inſofern ſie nicht bald genug an der Wurzel abge⸗ ſchnitten wird, und zwar auf eine Art, welche ſie ein für allemal vernichtet. Wenn der Rath, um ſich einen neuen Löwenhaupt zu ſchaffen, allem Brauch in der Armee zuwider beſchloſſen hat, Sie vom Kor⸗ poral bei den Trabanten und Brigadier in franzöſi⸗ ſchem Dienſt zum Generalmajor zu erheben, ſo ge⸗ wann die Oppoſition des jetzigen Hofes dagegen manche Sympathien in der Armee und im Ritter⸗ haus. Seitdem hat der Streit fortgewährt, und die ſtreitende Reichsverſammlung wird ohne Zweifel be⸗ weiſen, daß man ſich jetzt zu einem offenen Kampf ſtark genug fühlt.“ Die Aufmerkſamkeit der Anweſenden wandte ſich gegen Ferſen. Man fühlte, daß Pechlin Recht hatte. „Wenn dem ſo wäre, Baron Pechlin,“ antwortete Ferſen,„daß ich die unſchuldige Urſache des gegen⸗ wärtigen Parteikampfes bin, ſo wird es auch meine Pflicht, nach beſten Kräften alle Verſuche gegen die beſchworene Ordnung zurückzuweiſen. Der Patrio⸗ tismus, welcher die Stände belebt, wird auch— ich bin es feſt überzeugt— den Sieg leicht machen.“ „Aber glänzend, Graf, glänzend...“ „Der Sieg kann nur nach Maßgabe der Bedeu⸗ tung des Angriffs glänzend ſein.“ „Dann gratulire ich zum Voraus. Denken wir uns— ich ſage jedoch nicht, daß dies geſchehen wird — eine den Reichsſtänden überreichte Anklageſchrift gegen die Reichsräthe.“ Man hörte ein leiſes Gemurmel der Ueber⸗ raſchung. „Unmöglich... der König kann nicht ſo weit gehen.“ „Ich ſage nicht, der König,“ fiel Pechlin ein, nich ſage...“ „Die Königin,“ erſcholl es von allen Seiten, „die Königin.“ Wrangel und Brahe wechſelten einen haſtigen Blick. Ueber die Stirne des Einen flog eine bald verſchwindende Wolke, über die Wange des Andern eilte ein bleicher Schatten. „Eine große Anzahl ankommender Reichstags⸗ herren,“ fügte Pechlin hinzu,„hat ſich bereits in der holländiſchen Düne verſammelt. Höppener iſt da. Er ſpricht. Der Hof verliert keinen Augenblick. Was thun wir?“ Ferſen hatte ſeinen Kopf geſenkt, hob ihn aber bald wieder empor. Seine ganze Erſcheinung hatte in dieſem Augen⸗ blick etwas höchſt Impoſantes. Eine ſiegreiche poli⸗ tiſche Zukunft ſtrahlte aus ſeinen Augen mit einer Zuverſicht, die Vertrauen einflößte. Das regel⸗ mäßige Geſicht glänzte von Entſchloſſenheit und Kraft. „Unleugbar,“ ſagte er,„geht ein großer politi⸗ ſcher Streit durch das Land; aber dieſer Streit iſt nothwendig; er iſt es, der die Lungen der Nation beſtändig mit neuer Luft füllt, er iſt es, der die Claſticität in der Entwicklungskraft des Landes unter⸗ 49 hält, d. h. die natürliche Reaction und Attraction des Geſellſchaftszuſtandes, die gemeinſchaftlich das politiſche Leben ausmachen. Aber dieſe zwei großen entgegengeſetzten, einander unaufhörlich bekämpfenden Elemente ſind unſtreitig Nichts weniger als von ge⸗ ſchichtlicher Bedeutung. Nach der großen Rolle, welche Schweden in Europa geſpielt hat, und wobei unſer Schwert mehr galt als das Schwert irgend eines andern Landes, erſcheint es klar, daß Schweden, nachdem es ſich wieder in ſeine natürlichen Grenzen zurückgezogen, zwiſchen den entgegengeſetzten Polen, um deren Achſe ſeine vergangenen Zeiten ſich drehen, um Frankreich und Rußland hin und her geriſſen wird. Auf dieſer Grundlage entwickeln Hüte und Mützen ihre Banner, auf ihr geht der Zweikampf zwiſchen ihnen fort. Mag ſein, daß der Hof ſich bemüht, eine neue Fahne zu erheben, mag ſein, daß er ſie auf einheimiſchem ſchwediſchem Grund und Boden aufpflanzt, mag auch ſein, daß, ſo lange wir am Ruder des Reichs ſtehen, die Mützen ſich an die Reihen des Hofs anſchließen; ſo viel iſt jedenfalls ſicher, daß die neue Fahne, ſo vaterländiſch ſie auch ſein ſoll, im Ganzen nichts Anderes als Deſpotis⸗ mus bezeichnet, und daß die Mützen ſich blos an ſie anſchließen, um ſelbſt neue Förderungsmittel für ihre eigenen Zwecke zu gewinnen, wie auch, daß ſie, wenn ſie nur dieſes Ziel erreichen, die Erſten ſein werden, welche die Standarte des Hofes niederſchla⸗ gen. Der Hof operirt auf einem ausgeſogenen Grund und Boden. Um Krieg zu führen, ſind— bedenken Sie dieſen Ausſpruch Friedrichs II.— drei Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. II. 4 Mittel erforderlich: Geld, mehr Geld, und noch mehr Geld.“ Pechlin fuhr mit der Hand über ſein Geſicht. „Geld,“ bemerkte er,„iſt allerdings die erſte Bedingung für Alles, die Lebenskraft für alles Par⸗ teiſpiel, ſein nervus rerum; aber dem Hof braucht es nicht daran zu fehlen, ſo lange ihm Dinge zur Verfügung und Verpfändung bleiben, wie...“ „Wie zum Beiſpiel?“ fragte Ferſen. „Wie,“ erklärte Pechlin nach einigem Zögern mit feſter Stimme,„wie die Reichskleinodien.“ Schon die bloße Vorausſetzung einer ſolchen Ab⸗ ſicht war eine Anklage von der größten Bedeutung. Es entſtand daher auch Grabesſtille um den Red⸗ ner her. Baron Wrangel wandte ſich weg. Puke hatte ſich auf die Seite gezogen, um mit Fräulein Creutz einige Worte wechſeln zu können. Amanda hatte kurz vorher ihren Platz verändert, ſo daß Puke jetzt mitten zwiſchen die beiden Mädchen zu ſtehen kam. Es war auf der einen Seite der milde, freundliche Mond, in deſſen holdem, veſtali⸗ ſchem Glanz das ſehnende und träumende Herz ſich ſo angenehm heimiſch fühlt, und auf der andern die glühende Sonne des Orients, die allenthalben, wo⸗ hin ihre Strahlen treffen, mit unwiderſtehlicher Ge⸗ walt einen Schönheitsgürtel von Licht, Leben und Blüthenpracht um ſich hervorzaubert.“ „Capitän Puke,“ redete Amanda ihn an,„Sie lieben den Krieg. Wie herrlich muß nicht ein Krieg ſein!“ hr 51 Der Enthuſiasmus, den ſie zeigte, war voll von wahrer, jungfräulicher Wärme. „Lieben auch Sie den Krieg, Fräulein Creutz?“ fragte Puke. „Ich liebe den Frieden mehr als den Krieg. Wenn der Krieg auch der Weg iſt, ſo muß doch im⸗ mer der Friede das Ziel ſein.“ Die Aloe blüht nur ein einziges Mal im Verlauf jedes Jahrhunderts ſo einnehmend und mild, wie Alma in dieſem Augenblick erblühte, als ſie Puke's Frage beantwortete. „Aber,“ erinnerte Amanda,„der Krieg muß ſo tiefe Gefühle in's Herz niederlegen und ſo große Gedanken in der Seele erwecken. Sagen Sie mir, Capitän, wenn der Tod Sie von allen Seiten be⸗ drohte, war Ihnen da nicht zu Muth, als ſei Ihnen Gott näher als ſonſt? Die Gefahren, die wirklichen Gefahren müſſen alle kleinliche, geringfügige, niedrige und ſimple Gedanken verſcheuchen und zugleich un⸗ ſerem inneren Auge beſſere und edlere Ausſichten eröffnen, als diejenigen ſind, in welche das Leben uns ſonſt einweiht.“ „Ich gebe zu, daß Ihre Annahme nicht ganz unrichtig iſt; im Gegentheil... in der Nähe des Todes wird man tiefer von der höheren Bedeutung des Lebens ergriffen... beim Anblick der Gefahr glaubt man ſich Gott von Angeſicht zu Angeſicht näher... aber wozu ſollte der Krieg dienen, außer um einen würdigen Frieden zu erzielen, dieſen Frie⸗ den, worin Gottes Güte und Liebe ſich doch immer am wahrſten und reinſten abſpiegeln, und wodurch ſein Werk hienieden am beſten vollbracht und vervoll⸗ kommnet wird? Denken wir uns ein freundliches und friedliches Heimweſen, wo Liebe und Treue, Arbeit⸗ ſamkeit und Begnügſamkeit beiſammen wohnen; was kann wohl unſerem Herzen reinere Gefühle einflößen, was kann wohl ſchönere Gedanken in die Seele nie⸗ derlegen?“ Amanda hatte mit gieriger Aufmerkſamkeit den Worten Puke's gelauſcht. Als er aufhörte, ſchloſſen ſich ihre Augenlider. Fräulein Creutz lächelte. Was Puke ſagte, ſtrahlte wie Sonnenſchein in ihrem Innern wieder. Sie fühlte, daß er zu ihr ſprach. Wie eine ſchneeweiße Waſſerlilie ſchaukelte daher auch eine Eingebung der holdeſten Seligkeit auf der Woge ihres Gefühls. „Der Krieg hat ſeinen Kummer, ſeine Verzweif⸗ lung, ſeinen Todesſeufzer,“ fuhr Puke fort;„aber noch mehr, er hat auch ſeinen Fluch. Gott offen⸗ bart ſich nur da am herrlichſten, wo Segen weilt. Nehmen Sie nur einen einzigen herzlichen Hände⸗ druck zwiſchen zwei Perſonen, die einander innig lie⸗ ben. Welcher Segen für ihre Herzen!“ „Vielleicht mögen Sie Recht haben,“ flüſterte Amanda,„vielleicht.“ Die Worte erſtarben wie ein vielfaches Echo in Alma's Bruſt; aber ihre Lippen wiederholten ſie nicht. Die Gräfin Creutz war inzwiſchen aufgeſtanden und hatte ſich ihnen genähert. „Laſſen Sie mich Ihre Hand drücken, Capitän,“ ſagte ſie:„Alma hat mir Etwas anvertraut, wofür ich Ihnen als Gattin und Mutter ewig verpflichtet bin. Meine Kinder...“ 8⁸ 53 Ein leichter Handſchlag vollendete den Gedanken, zu deſſen Ausdruck ihr die Worte fehlten. Puke, der ihren Gedankengang errieth, konnte jedoch nicht antworten, bevor er eine Hand ſpürte, die ſich auf ſeine Schulter legte. „Ich bitte um ein kurzes Geſpräch, Capitän,“ redete ihn der Cornet Aminoff an;„iſt es Ihnen möglich, mit mir zu kommen?“. Als Creutz und Röhr den Cornet trafen, erſuch⸗ ten ſie ihn, einer ihrer Secundanten zu werden, und Aminoff nahm den Auftrag mit Begierde an. Amanda hatte ihm bereits ein ſo lebhaftes In⸗ tereſſe für Puke verrathen, daß er ihn haßte, ehe er ihn noch geſehen hatte, und dieſer Haß mußte noch feſter Fuß faſſen, als Puke eintrat und Amanda gänzlich in ſeine Betrachtung zu verſinken ſchien. Röhr, der keinen höheren Wunſch hegte, als ſelbſt den erſten Löwen in jeder Geſellſchaft zu ſpie⸗ len, ärgerte ſich unmaßen über das allgemeine In⸗ tereſſe, das Puke geſchenkt wurde. Als Puke ſich den beiden jungen Mädchen näher e und dieſe ſich auf eine, wie es in der Ferne ſcheinen wollte, gar zu lebhafte Unterhaltung mit ihm einlie⸗ ßen, da wurden Aminoff und Röhr noch grimmiger. Aminoff erboſte ſich über Amanda'’s, Röhr über Alma's Aufmerkſamkeit gegen den Verhaßten. Creutz nahm die Sache kalt bis zu dem Augen⸗ blick, wo ſeine Frau ſich ſo freundlich ſeinem Gegner näherte. Aber dies ſtach auch ihm in's Herz. „Vollbringen Sie unſern Auftrag,“ flüſterten beide, beinahe zugleich Aminoff in's Ohr. 54 Keiner von ihnen bedachte, daß der Platz Rück⸗ ſichten gebot; ſie überließen ſich gänzlich ihren Lei⸗ denſchaften. Als Aminoff den Capitän erſuchte, mit ihm zu kommen, errieth dieſer ſogleich, um was es ſich han⸗ delte, und ſie begaben ſich in ein äußeres Zimmer hinaus. „Graf Creutz und Herr von Röhr,“ begann Aminoff, ſo bald ſie allein waren,„haben mich be⸗ auftragt, im Verein mit Ihren Secundanten die dienlichen Maßregeln zu ergreifen...“ Puke beſaß nur wenig oder gar keine Bekannt⸗ ſchaften. Er war zu lange in ausländiſchen Dien⸗ ſten geweſen. „Baron Hermelin und Lieutenant Wallenſtjerna!“ meldete der Kammerdiener. Ohne ſogleich zu antworten, betrachtete Puke die Eintretenden einen Augenblick. Die friſche, muntere Art, wie ſie ſich einführten, hatte etwas Einnehmendes und Gewinnendes! Wal⸗ lenſtjerna's Geſicht und Figur fielen mehr in die Augen, aber auch Hermelin war von edlem Wuchs, der Kraft und Geſchmeidigkeit verrieth. Die Keckheit ihrer Haltung wurde durch ein Lächeln erhöht, das wie ein Spott auf ihren Lippen ſpielte. Dieſes Lächeln galt der Erinnerung an die hol⸗ ländiſche Düne und der Art und Weiſe, wie ſie die Einladungskarten erhalten hatten. Auch hatte Aminoff ſie kaum bemerkt, als er zu Pechlin eilte und ſchnell einige Worte mit ihm wech⸗ ſelte. 55 „Willkommen, meine Herren!“ grüßte ſie Pech⸗ lin,„ſehr willkommen!“ Aminoff ſtand ſchweigend an ſeiner Seite. „Wir kommen, Baron Pechlin,“ ſagte Hermelin, „um Ihnen dieſe Einladungskarten zurückzugeben, die vermuthlich für andere Leute beſtimmt waren, ob⸗ ſchon Sie aus Verſehen...“ „Bitte um Verzeihung,“ unterbrach Pechlin,„ich weiß durchaus nicht, daß ich mich verſehen hätte, obſchon Viele ſich in mir verſehen. Warum ſollten Sie dieſe Karten zurückgeben, meine Herren? Be⸗ finden Sie ſich nicht gut hier?“ „„Sie waren vortrefflich maskirt, Herr Baron,“ fiel Wallenſtjerna ein, der ſelten ſo lange Umwege machte,„Sie waren ganz unkenntlich in der hollän⸗ diſchen Düne; aber jetzt ſehen wir Sie Angeſicht vor Angeſicht, ohne Maske.“ „Glauben Sie das nicht, meine Herren; hoffen Sie nie mich ſo zu ſehen. Man ſpielt Bret mit Würfeln, aber man wirft ſich ſelbſt nicht in's Bret⸗ ſpiel. Sie kommen von der holländiſchen Düne, ſagen Sie; ja ja! Ich glaube Ihren Reden, das anzuhören. Apropos Maskerade, wollen Sie vielleicht zu den Damen hereintreten? Sie haben wohl Mas⸗ ken bei ſich?“ Als Pechlin ſich entfernte, ſahen Hermelin und Wallenſtjerna fragend einander an. Aminoff war ein alter Bekannter von ihnen und grüßte ſie herzlich. „Zum Henker,“ bemerkte Wallenſtjerna,„ich habe vor ungefähr einer Stunde an der holländiſchen — 56 Düne einen Bettler getroffen, der ganz Deine Per⸗ rücke hatte.“ Aminoff und Wallenſtjerna lachten. Puke unterbrach ihr Geſpräch. „Obſchon ich nicht die Ehre habe, Sie zu kennen, meine Herren,“ redete er die beiden Leibtrabanten an,„ſo ſchließe ich doch aus den Waffen, die Sie tragen, daß Sie mir einen kleinen Dienſt nicht ver⸗ ſagen werden. Mein Name iſt Puke.“ „Der meinige Hermelin.“ „Der meinige Wallenſtjerna.“ „Ich bedarf zweier Secundanten. Darf ich auf Sie rechnen?“ „Ein tapferer Mann,“ verſicherte Wallenſtjerna, „kann allzeit auf meinen Arm und meinen Degen rechnen, ſei es um ihn zu vertheidigen oder um mich mit ihm zu ſchlagen.“ „Wen ich hochachte,“ fügte Hermelin hinzu,„dem bin ich gern zu Dienſten.“ „So haben Sie die Güte und machen Sie die Sache mit dem Cornet Aminoff ab. Ich ertheile Ihnen unbeſchränkte Vollmacht.“ Ehrenpreutz konnte keine Ruhe finden. Puke’s Auftreten bei Hof, das Aufſehen, das er da erregte, und zuletzt die Nachricht vom Duell ſchienen das Gleichgewicht in ſeiner Seele erſchüttert zu haben. Als er Puke in Wrangel' Geſellſchaft bei Pechlin ſah, ſteigerte ſich ſeine Ungeduld noch mehr. In düſtere Gedanken verſunken, ging er auf und ab. Er bemerkte, daß Aminoff und Puke mit einander ſprachen und er ahnte bereits, um was es ſich han⸗ 57 delte. Von den Worten, die Puke und Wallenſtjerna mit einander austauſchten, drang auch das eine und andere bis zu ihm. Sein Entſchluß war gefaßt; er winkte Creutz zu ſich. „Ich wünſche mit Dir zu ſprechen,“ ſagte er. „Folge mir.“ Chrenpreutz zog ihn nach der entlegenſten Fen⸗ ſtervertiefung, wo ſie, theilweiſe geſchützt durch die in tiefen Draperien herabhängenden Gardinen, unge⸗ ſtört und ungehört ſich beſprechen konnten. „Röhr und Du, Ihr wollt Euch mit Puke ſchlagen?“ „Er hat uns gefordert.“ „Dieſes Duell darf nicht ſtattfinden. Ich habe Euch tauſendmal erklärt, daß ich nicht will, daß Ihr Etwas mit ihm zu thun haben ſollt. Es iſt mir gleichgültig, ob er ein braver oder ein ſchlechter Kerl, ein tapferer Mann oder ein Feigling iſt; ich ſage blos, uns muß er fremd bleiben.“ Creutz, der ſeinen alten Onkel nie einer ſolchen Leidenſchaftlichkeit fähig geglaubt hätte, konnte ſeine Verwunderung nicht unterdrücken. „Ich leugne nicht,“ bemerkte er,„daß Sie mir dies oft erklärt haben, ich geſtehe auch, daß dieſer Ihr Wunſch mich zu meinem Benehmen veranlaßte, als Puke mich in Drottningholm grüßte; aber verlangen Sie nicht, daß ich ein Duell mit einem Manne aus⸗ ſchlage, für den ich nicht blos eine gewiſſe Hochach⸗ tung und Bewunderung hege, ſondern der auch die ſchwediſche Waffenehre unter den ausgezeichnetſten Feldherren Europa's in ein glänzendes Licht gehoben hat; durch eine Weigerung würde ich mich in meinen eigenen Augen und in denen Anderer entehren. “ 58 Durch Befolgung Ihrer Rathſchläge bin ich auf eine Extremität gekommen, und ich muß jetzt als Ritters⸗ mann die Früchte einheimſen, ſo bitter ſie auch ſchmecken mögen. Jedenfalls bin ich jetzt— es iſt Zeit, daß ich Ihnen das erkläre— zu alt, um mich blindlings, wie in einer Freimaurerei, von Ihrem Willen leiten zu laſſen: Sie müſſen mir fortan auch Grund und Urſache angeben. Warum z. B. ſoll ich mich fremd von Puke zurückziehen? warum ſoll ich weder unſere alte Jugendfreundſchaft anerkennen noch ſeine For⸗ derung annehmen? Waren Sie nicht ſelbſt ein Freund ſeines Vaters?“ „Ich war es und ich war es nicht. Unſere Freund⸗ ſchaft war ein Sodomsapfel; ſie hatte viel Schale, aber der Kern war Stauberde aus dem Todtenland. Es iſt mir übrigens unmöglich, Dir unſere Verhält⸗ niſſe zu erklären: ſie müſſen mein Geheimniß blei⸗ ben. Begnüge Dich mit meiner Verſicherung, daß ich weiß, was ich thue, und daß, ſo wunderlich auch mein Benehmen ſcheinen mag, die Umſtände es mir vorſchreiben, ſowohl in Deinem als in Röhr's In⸗ tereſſe.“ 4 „Iſt dies Alles, was Sie mir zu ſagen haben?“ „Ja. „So laſſen Sie uns abbrechen.“ Creutz that einen Schritt um ihn zu verlaſſen. „Warte noch ein wenig,“ bat Ehrenpreutz. Während er ſprach, hatte er zuweilen ſeinen Kopf gegen den Fenſterpfoſten gelehnt. Seine Un⸗ ruhe war ſichtlich. „Haſt Du,“ fragte er jetzt,„die Neigung nicht bemerkt, die zwiſchen Deiner Schweſter und Puke 59 aufgewachſen zu ſein ſcheint? Ich geſtehe, daß die Furcht vor einer Verbindung zwiſchen ihnen ſehr auf meine Handlungsweiſe einwirkt. Der Gedanke, ſie verheirathet zu ſehen, erſchreckt mich: ein Fräulein Creutz und ein Puke! Das wäre eine Mesalliance. Ich will nur geſtehen, daß es mein Werk war, wenn Puke ſich vor einigen Jahren verheirathete. Ich bemerkte ſchon damals die aufkeimende Neigung zwi⸗ ſchen Alma und Puke, und ich ſuchte die Gefahr ab⸗ zuwenden. Aber die Vorſehung ſchien meine gute Abſicht nicht zu unterſtützen. Seine Frau ſtarb— und jetzt iſt er zurückgekommen... ledig... frei...“ „Ich gebe zu, daß es mir einige Male vorge⸗ kommen iſt, als ob eine Kinderneigung...“ „Eine Kinderneigung wird mit der Zeit leicht eine geweihte Liebe. Würdeſt Du eine ſolche Ver⸗ bindung gerne ſehen? Welche Zukunft kann Puke — ein armer, mittelloſer Bürgerlicher— Deiner Schweſter bieten, einem Hoffräulein, das einer der ausgezeichnetſten Familien Schwedens angehört? Und vollends im Vergleich mit dem reichen Röhr, der ein allgemein geſchätzter Edelmann iſt? Willſt Du Deine hene und Deiner Schweſter Ehre, ſo halte Puke ern.“ „Auch ich umfaſſe mit der größten Vorliebe den Wunſch, meine Schweſter mit Röhr vermählt zu ſehen; aber zwei gekreuzte Klingen zwiſchen Puke's und meiner Bruſt bilden immerhin eine Entfernung, die eine Bürgſchaft für dieſe Pläne zu bieten ſcheint.“ „Narrheit, beſter Creutz, Narrheit. Wenn nicht der Tod dem Duell eine unmittelbare Entſcheidung gibt, ſo beweiſen tauſend Beiſpiele gegen eines, daß 60 es eine Veranlaſſung zur wärmſten Freundſchaft werden kann. Die Achtung, die im Angeſicht des Todes erworben wird, bleibt durch das ganze Leben. Die zwei gekreuzten Klingen ſind ſehr häufig blos eine ſtählerne Brücke, auf welcher zwei Herzen einen feſten Bund ſchließen. Denk Dir übrigens einen unglücklichen Ausgang, Du haſt Kinder...“ „Ich habe zwei: meine Ehre und meinen guten Namen. In dieſem Punkt denken wir verſchieden, Haben Sie nichts Anderes zu ſagen?“ „Nein, Creutz, nein.“ Creutz machte eine neue Bewegung, um das Zim⸗ mer zu verlaſſen. Chrenpreutz wechſelte die Farbe. „Warte,“ rief er noch einmal,„warte doch! Du willſt alſo nicht auf meinen Wunſch eingehen?“ „Nein.“ „Unglücklicher!“ rief Ehrenpreutz,„zu welchem Schritt zwingſt Du mich! Aber höre mich noch einen Augenblick an. Wenn Du nicht jede, ob nun freund⸗ ſchaftliche oder feindliche Annäherung zu Puke unter⸗ läſſeſt, ſo nöthigſt Du mich, durch eine Beleidigung, wenn auch vor der ganzen hier verſammelten Ge⸗ ſellſchaft, eine unüberſteigliche Mauer zwiſchen Euch zu errichten.“ „Sie haben das Recht, frei und nach Ihrem Gutdünken zu handeln; aber bis eine ſolche unüber⸗ ſteigliche Mauer zwiſchen uns vorhanden iſt, ſetze ich den Weg fort, welchen die Pflicht mir vorzeichnet.“ „Wohlan denn!“ Unſer moraliſches Weſen übt immer einen großen, ja wunderbaren Einfluß auch auf unſere äußere Er⸗ ſcheinung aus. Chrenpreutz, ein alter Mann von — 61 beinahe unanſehnlicher Figur und Haltung, ſchien in dieſem Augenblick Beides zu bekommen. Seine Ge⸗ ſtalt wurde höher, ſeine Haltung ſicher. Der Vor⸗ ſatz, den er gefaßt hatte, ſpannte ſeine Nerven, er⸗ weiterte ſeine Bruſt, erhöhte ſeine Stirne. Sein normaler Zuſtand war nicht von dieſer Art, er be⸗ fand ſich jetzt in einem außergewöhnlichen: er war außer ſich ſelbſt; ſeine Gemüthserregung ſteigerte ſeine Kräfte, belebte ſeinen Muth, beſteuerte ſeine Seele. Creutz konnte wohl bemerken, daß etwas Unge⸗ wöhnliches in ihm vorging. „Was gedenken Sie zu thun?“ fragte er.„Kei⸗ nen öffentlichen Scandal! Wollen Sie mit Puke ſprechen, ſo führe ich ihn hieher.“ „Das geht an. Thu es; aber bitte auch Baron Wrangel, mitzukommen.“ 1 Nach einer Weile ſtanden die Gerufenen vor ihm. „Das Zuſammentreffen dieſer Perſonen war von nicht geringer Wichtigkeit für ſie. Puke, der den Unwillen des alten Chrenpreutz nicht geahnt, hatte ſich durch die Art, wie er ihn bei Hof empfangen, um ſo mehr verletzt gefühlt, als ſie ihm höchſt un⸗ erwartet gekommen war. Vergebens hatte er ſich auf irgend eine Veranlaſſung dazu beſonnen. Er wußte zwar, daß ein großes, ſchmerzliches Geheimniß im Hintergrund von ſeines Vaters Leben ruhte; aber Ehrenpreutz, der ſicherlich in daſſelbe eingeweiht war, hatte deßungeachtet ſeinem Vater ſtets das ausge⸗ zeichnetſte und freundlichſte Wohlwollen bewieſen. Je mehr er alſo über das Verhältniß nachforſchte, 62 um ſo größer wurde ſeine Verbitterung: aber es war dieſe düſtere Verbitterung, die ſich nicht in un⸗ nöthigen Ausrufungen Luft macht, ſondern ſtill und zehrend ſich in ſich ſelbſt verſchließt. Mit unſäglichem Harm trat er daher jetzt vor Ehrenpreutz, indem er einen aufklärenden Schlag erwartete, aber ſich auch bereit hielt, ihm nach Verdienſt zu begegnen. Die Beleidigung des Alten hatte alle Erinnerungen aus ſeiner Kindheit über den Haufen geworfen, und die⸗ ſes Blatt war leer in ſeinem Herzen. Er fühlte, daß der Augenblick gekommen war, eine neue Zeile einzuſchreiben, und er ahnte, wie man in der Luft den bevorſtehenden Ausbruch des Gewitters ahnt, daß dieſelbe eine ſchreckliche Bedeutung haben wird. Ehrenpreutz betrachtete ihn eine kurze Weile, aber in dieſem Blick lag keine Leidenſchaft oder Unruhe mehr, ſondern die vorſichtige Bedächtlichkeit eines alten Mannes, wenn er in einem wichtigen Moment ſchnell und auf einmal ſein ganzes Leben überſchaut. Nach ſeiner ungeheuchelten, mehr aufgeregten Beſpre⸗ chung mit Creutz fühlte er jetzt die Nothwendigkeit, ſich zu mäßigen. Baron Wrangel, deſſen Gedanken noch immer mit den Aeußerungen Pechlins beſchäftigt waren, ſchien ſich nicht ſogleich in die Stimmung der Uebri⸗ gen finden zu können. Aber bald bemerkte er, daß die kalte Schweigſamkeit um ihn her etwas Drohen⸗ des hatte, und ſein Blick flog forſchend vom Einen auf den Andern. „Capitän Puke,“ begann endlich Ehrenpreutz, „wenn Sie ein ebenſo verſtändiger und kluger Mann wären, als Sie, wie man behauptet, tapfer ſind, ſo 63 würden Sie eingeſehen haben, daß ein Mann in meinen Jahren und in den Verhältniſſen, worin ich zu Ihrem Vater ſtand, Sie nicht ohne kräftige und große Gründe ſo behandelt hat, wie ich in Drottning⸗ holm that.“ Ehrenpreutz ſprach langſam; es ſchien ihm ſchwer zu werden, Ausdrücke für das zu finden, was er ſagen wollte; aber er war vollkommen ruhig oder ſchien es wenigſtens zu ſein. Bei ſeinen letzten Worten fuhr ein heftiger Schauer durch Puke's Glieder; aber er antwortete Nichts, ſon⸗ dern blieb ſtill. In Wrangel arbeitete ein ſichtlicher Verdruß: er ahnte, was folgen werde. Creutz war die Aufmerkſamkeit felbſt. „Aber ſtatt deſſen,“ fuhr Ehrenpreutz fort,„ha⸗ ben Sie, da Sie alle Ihre Inſpirationen von Ihrem Degen borgen, den Grafen Creutz und Herrn von Röhr gefordert.“ Kein Wort kam über Puke's Lippen. Die Art, wie Chrenpreutz ſich ausdrückte, bewies, daß er jetzt Herr ſeines Stoffes war und auf ein beſtimmtes Ziel losging. „Indem ich Ihnen das vollkommene Recht ein⸗ räume, mich aufzufaſſen, wie Sie wollen, erkläre ich Ihnen hiemit, daß Sie, ob als Freund oder als Feind, gleich wenig berechtigt ſind, mit Männern von un⸗ befleckter Chre irgend Etwas zu thun zu haben.“ Die unbewegliche Ruhe, mit welcher der alte Mann ſprach, paßte vollkommen zu der gänzlichen Unbeweglichkeit ſeiner Geſichtszüge. Puke kreuzte blos die Arme über ſeiner Bruſt. 64 „Ich muß Ihnen Alles auf einmal ſagen,“ fuhr Ehrenpreutz fort,„um zugleich auch allen Verhält⸗ niſſen zwiſchen Ihnen und ſolchen Männern auf einmal ein Ende zu machen.“ So tief und zerfleiſchend jedes Wort in Puke's Herz einſchnitt, das von Ehre und Ritterlichkeit, Treue und Biederkeit glühte, ſo bewegte ſich doch keine Muskel in ſeinem Geſichte. Nur wurden ſeine Wan⸗ gen immer bläſſer, ſeine Stirne immer drohender. „Wiſſen Sie, was Ihr Vater war?“ Ein eiskaltes, verächtliches Lächeln flog über Puke's Geſicht. „Er war ein zum Tod verurtheilter Verbrecher, der ſich nur durch einen falſchen Namen rettete. In dem Landrichter Baron Wrangel erblicken Sie den Juriſten, der lange aber vergebens bemüht war, ſeine Ehre wieder herzuſtellen. In mir erblicken Sie einen Mann, der ihn aus alter Bekanntſchaft dem Richtblock entzog.“ Nichts ſchien Puke's marmorne Feſtigkeit erſchüt⸗ tern zu können. Leichenblaß, kalt wie eine Schnee⸗ ſäule, ſtand er da und bewegte kein Glied. Nur ſeine Augen ſchienen beinahe einzuſinken. Ehrenpreutz, der ſich bisher nur von ſeinem eige⸗ nen Gedankengang hatte leiten laſſen, wurde unwi⸗ derſtehlich von einem unheimlichen Gefühl ergriffen, als er jetzt geendet hatte und den düſtern, drohenden Blick bemerkte, der beinahe wie aus einem Todten⸗ ſchädel kam. „Baron Wrangel,“ fügte er deßhalb hinzu, wie wenn er ſich mit einer ſchützenden Bruſtwehr verſe⸗ hen wollte,„iſt mein Zeuge.“ 65 Ein Athemzug, der aus bodenloſer Tiefe zu kom⸗ men ſchien, hob jetzt Puke's Bruſt. Seine Geſtalt bekam wieder Leben, Feuer, Blitz. „Wenn Sie ein junger Mann wären, Herr Graf, ein Mann von meinen Jahren,“ ſprach Puke,„ſo lägen Sie bereits todt zu meinen Füßen: Danken Sie's Ihren Jahren, mein Herr, daß ſie Ihr Leben retten. Sie waren, ſagen Sie, meines Vaters Freund, und Sie klagen ihn nach ſeinem Tode an; dieß über⸗ zeugt mich, daß Sie ein falſcher Freund waren. Daß Sie ihn zu ſeinen Lebzeiten nicht anklagten, das beweist blos, daß Sie es nicht wagten; daß Sie es jetzt nach ſeinem Tode thun, das beweist, daß Sie Nichts mehr fürchten zu müſſen glauben. Sie nen⸗ nen Baron Wrangel als Ihren Zeugen. Ich ehre ihn hoch, weil ich überzeugt bin, daß er meines Va⸗ ters redlicher Freund war, wie er der meinige iſt; aber auch ſein Zeugniß bedeutet wenig, denn— ich bin Sohn. Ihre Abſicht iſt, mich durch die ver⸗ meintliche Unehre meines Vaters zu entehren. Tra⸗ gen Sie Ihr Mährchen überall vor, wo Sie wollen, mein Herr, ſetzen Sie die Lungen aller Ihrer Freunde in Bewegung, ſorgen Sie, daß die Gaſſenjungen ein Lied darüber ſingen: Alles das wird meinen innigen Glauben an die Rechtſchaffenheit meines Vaters nicht erſchüttern, denn ſeine offene und reine Stirne, ſein unverſtellter Charakter flößten mir mehr Glauben und Vertrauen ein, als Ihre Worte. Was Ihr Verlangen betrifft, daß ich mich weder als Freund noch als Feind an Sie drängen ſoll, ſo gedenke ich mich keiner Forderung zu unterwerfen, deren Berech⸗ tigung ich nicht anerkenne. Ich habe Muth und Ridderſtad, Luiſe uUlriken's Hof. II. 5 66 Entſchloſſenheit für uns Beide, mein Herr. Verge⸗ bens ſuchen Sie das Geſpenſt meines Vaters aus dem Grabe zu beſchwören, um mich zu zermalmen. Sollte ein Schatten auf ſeiner Ehre ruhen, ſo beſitze ich ſogar Kraft genug, das Band mit ihm zu zer⸗ reißen. Jeder ſei für ſich verantwortlich, beginne ſein eigenes Geſchlecht. Es mag Jedem freiſtehen, ſeiner Eitelkeit mit der Chre längſt verſtorbener Ahnen zu ſchmeicheln; wenn er ſelbſt keine Ehre be⸗ ſitzt, ſo reitet er doch nur auf einem ſchlechten Stecken⸗ pferd durch die Welt. Ich ſchmeichle mir nicht, aber ich weiß, daß ich die Ritterſchaft eines rechtſchaffenen und tapfern Mannes im Felde verdient habe, und ich laſſe mir meine Sporen von Niemand abtreten. Mein einziger Adelsbrief iſt dieſer Degen, und mit dieſem, ſowie mit der ruhigen Zuverſicht meiner Seele auf eine höhere Macht halten Sie mich nicht auf meinem Wege auf; übrigens hat Graf Creutz Ihre Anklage gehört, und es ſteht ihm frei, ſich zu ſchlagen oder nicht. Verwirft er meine Forderung, ſo wird dies, beim Himmel, nicht einmal eine Run⸗ zel auf meine Stirne rufen.“ Obſchon in jedem Wort Puke's unverkennbar Zorn und Verdruß zitterten, wie das Feuer in der Tiefe des Vulkans, ſo lag doch in der Art und Weiſe, wie er ſprach, eine ſo feſte und ſichere Haltung, daß er, trotz der Unbedeutſamkeit der angewandten Mittel, gleichwohl in Folge des concentrirten und tactiſch klugen Gebrauchs, den er von ihnen machte, als Sieger daſtand, aber ein Sieger auf dem Schlacht⸗ feld eines zermalmten Herzens. Wrangel drückte ihm die Hand. 67 Ehrenpreutz blieb ſprachlos ſitzen.* „Capitän Puke,“ ſagte Creutz, während er ihm die Hand reichte,„wir treffen uns. Sie werden die weiteren Mittheilungen durch Ihre Sekundanten er⸗ halten.“ Ohne ein einziges Wort zu ſprechen, kehrte Puke ihnen den Rücken. Sein Gang war feſt und ruhig. Es war ihm ganz gleichgültig, ob er ſeinen Gegner gedemüthigt hatte oder nicht, und er warf nicht einmal einen Blick zurück. Vielleicht dachte er nicht einmal mehr an Chrenpreutz, ſondern nur noch an die Größe und Tiefe der Wundo, die in ſeiner Seele blutete. Sein Auge blickte ſtarr, aber in der Tiefe deſſelben brannte ein düſteres Feuer. Noch ein ſol⸗ cher Sieg, glaubte man darin zu leſen, und ich bin verloren. Aber ſein Schmerz war in einen für Je⸗ dermann undurchdringlichen Ciſenpanzer gekleidet. Die Beſprechung hatte in der Nähe des kleinen Cabinets ſtattgefunden, deſſen Thüre offen ſtand, und er begab ſich hinein. Die zwei Alabaſtervaſen verbreiteten einen be⸗ haglichen Schein über die Gegenſtände. Es war eine Art Tivolibeleuchtung, voll von Zauber, eine Art magiſchen Mondſcheins, der Liebe, den Träumen und den Seufzern geweiht. In dieſer temporirten Beleuchtung lag Etwas, was ſich betäubend auf ſeine beklommene Bruſt ſetzte. Hier ſank auch ſein Haupt, und er verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen. .„Puke,“ flüſterte auf einmal eine Stimme;„ach, Sie hier!“ 68 Für ſein Ohr klang dieſe Stimme wie eine reine ſanfte Muſik in weiter Ferne, wie ein Lerchenſchlag aus ſeiner Kindheit, wie ein Tonfall aus dem Pa⸗ radies ſeiner ſchönſten Tage, wie ein Wort, das ihn wieder zu Leben und Hoffnung rief. Seine Hände ſanken. Eine leichte, flüchtige Röthe glitt über ſein Geſicht hin. Wie in einem Rahmen, umfaßte ſein Auge das Bild der lieblichen Geſtalt, die ſein Herz mit Schönheit und Zauber erfüllten. Tauſend Gedanken drängten ſich in dieſem Augen⸗ blick auf ihn ein; aber er hatte für keinen einzigen ein Wort. Alma hatte ſich vom Sopha erhoben. „Wenn Sie mich treffen wollen, Puke,“ ſagte ſie,„ſo melden Sie ſich zur Audienz bei der Köni⸗ gin. Still, ich glaube, es kommt Jemand.“ Auch Puke hörte leichte, haſtige Tritte heran⸗ nahen. Im ſelben Augenblick ſtand Amanda unter der Thüre. „Kommen Sie herein, Amanda,“ bat Alma, „warum bleiben Sie hier ſtehen?“ „Capitän Puke erſchreckt mich,“ antwortete ſie. „Sehen Sie nur, wie blaß er ausſieht. Es muß eine aufregende Scene ſtattgefunden haben.“ Auch Alma bemerkte jetzt Puke's verändertes Ausſehen. Trotz all ſeiner Selbſtbeherrſchung befand er ſich in einem überreizten, geſpannten Zuſtand. Seine Bruſt wogte. „Das Weib,“ ſagte er endlich,„beſitzt nicht die⸗ ſelbe Welterfahrung, wie der Mann. Sie lebt ſtill und friedſam unter den kleinen Sorgen der Alltags⸗ — ᷣ‿ᷣ ——— ᷣ⏑— 69 verhältniſſe. Mit Ihrer Anmuth, Ihrer Schönheit und Ihrem ſanften Gemüth möbliren Sie Ihr Leben zu einem hübſchen Boudoir für Annehmlichkeit und Liebe, während dagegen der Mann wie in einer Werkſtatt, einer Schmiede beſchäftigt iſt, beſtändig neues Eiſen in's Feuer zu legen. Wir ſprachen vor einer Weile vom Krieg; es gibt auch noch einen andern Krieg, als den im offenen Feld: den Krieg mit unſerm eigenen Schickſal, den Krieg in uns. Sagen Sie mir, weiß eine von Ihnen, was ein ſol⸗ cher Kampf bedeuten will?“ Alma legte weniger Gewicht auf die Frage ſelbſt, als auf den Schmerz, der ſich darin ausdrückte. „Ich würde Ihnen antworten,“ verſetzte Amanda, naber die Gräfin Ferſen bat mich, das Fräulein aufzuſuchen und zur Geſellſchaft zurückzuführen. Wir müſſen Sie alſo verlaſſen.“ Alma und Amanda eilten hinaus. Es war Puke, als ſei ein Traum an ihm vor⸗ übergeſchwebt, ein Luftgebilde aus einer ſchöneren und beſſeren Welt. Puke war einen Augenblick auf der Schwelle zum großen Salon ſtehen geblieben. „Daß blos edle und adelige Männer,“ ſagte Ferſen,„ſchon von unſern heidniſchen Vorfahren zu Droſten ernannt wurden, wie damals die höchſten geiſtlichen und weltlichen Beamten hießen, das be⸗ zeugt ſchon Jornandes im ſechſten Stück, indem er erklärt, daß dieſe adeligen Perſonen pileati oder Hutträger genannt wurden, weil der Hut nicht blos in früheren Zeiten ein Zeichen der Freiheit und des Privilegiums war und es noch jetzt iſt, ſondern auch bei den alten Griechen als ein Kennzeichen des Adels gegolten hat.“ Puke lauſchte ſeinen Worten. „Aus unſern alten Sagen geht auch hervor, daß nur die ehemaligen Jarle und Herſe, die in gewiſſer Beziehung nicht blos unſern Grafen und Freiherrn, ſondern auch der Ritterſchaft und dem niedern Adel entſprechen, die höchſten Civil⸗ und Militärämter des Reichs innegehabt haben.“ Puke begriff, daß die Frage über die Vorzugs⸗ rechte des Adels aufgeworfen worden war, und daß Ferſen ſeine Anſicht zum Beſten gab. „In den öffentlichen Urkunden aus dem drei⸗ zehnten und vierzehnten Jahrhundert findet man überall, wenn die Reichsräthe aufgezählt werden, das Wort milites oder Ritter den Namen derjenigen bei⸗ gefügt, die wirklich Ritter waren, aber hinter den Namen derjenigen, die blos von Adel waren, das Wort armigeri oder Waffenträger, mit welchem Na⸗ men Ritterſchaft und Adel damals und noch lange nachher ausgezeichnet und unterſchieden wurden; woraus erſichtlich, daß die Reichsrathswürde die ganze Zeit in den Händen des Adels ruhte.“ Obwohl Puke ſchon mit vielen Menſchen Umgang gehabt hatte, ſo war er doch noch niemals mit einer ſo großen, auf einmal verſammelten Anzahl von Mit⸗ gliedern des hohen Reichsadels zuſammengetroffen, wie jetzt. Es war auch das erſte Mal, daß er die lnrerſtn Gedanken der Ariſtokratie laut werden örte. „Der Verfaſſer des Königsbuches räth auch, daß 0ʃ— 71 ein König wohlgeborne Männer, nobiles, d. h. ade⸗ lige Perſonen zu Rathgebern oder Rathsherren er⸗ nennen müſſe. „Außer der oben angeführten alten Praxis, daß die Ritterſchaft und der Adel, unter dem Namen Jarle, Herſe, Ritter, Junker und Wafefenträger, be⸗ ſtändig allein die Reichsrathswürde, ſowie mehrere andere damit zuſammenhängende hohe Aemter be⸗ kleideten, haben Ritterſchaft und Adel in ſpäteren Zeiten auch noch ſchriftlich dieſes Privilegium von ſchwediſchen Königen erhalten, von denen König Chriſtopher es zuerſt in das von ihm erlaſſene Ge⸗ ſetzbuch eintragen ließ. „Im Receß von Calmar wird dieſes Recht für die Ritterſchaft und den Adel noch weiter bekräftigt und ihnen ganz deutlich und ausſchließlich zuge⸗ ſprochen.“ Ferſen pauſirte einen Augenblick. Mit Stolz blickte er um ſich. 4 „Unter den folgenden Königen,“ fuhr er dann fort,„bis zum Jahr 1587 findet man zwar nicht, daß dieſes Recht der Ritterſchaft und des Adels ſpe⸗ ziell bekräftigt wurde; gleichwohl iſt es in den, von dem damaligen ſowohl als von den früheren Königen beſtätigten Privilegien der Ritterſchaft und des Adels implicite mitbegriffen, da ſie darin im Genuß aller ihrer alten Rechte beſtätigt werden; ferner kann man aus dem Eid der Reichsräthe ſchließen, daß ſie da⸗ mals wirklich adelige Perſonen waren, weil ſie neben der Eidesformel dem König auf adelige Ehre und Redlichkeit ihre Treue zuſchworen.“ Ferſens Stimme klang rein und klar, und ſeine 72 Umgebung folgte mit Aufmerkſamkeit allen ſeinen Worten. Wenn ein einziger trüber und düſterer Gedanke, welchen Ehrenpreutz in Puke's Seele ein⸗ gedrückt hatte, gewichen wäre, ſo würde ſicherlich auch er dem Vortrag mit größerer Theilnahme ge⸗ folgt ſein. „Aber König Johann III. hat in Verbindung mit ſeinem Sohn, Herzog Sigismund, ausdrücklich die Ritterſchaft und den Adel in dieſem ihrem ur⸗ alten Recht auf die höheren Reichsämter beſtätigt. „Deßgleichen hat König Sigismund in ſeiner königlichen Verſicherung, welche er der Ritterſchaft und dem Adel bei ſeiner Krönung ertheilte, daſſelbe Recht beſtätigt. „König Sigismunds Nachfolger, König Karl IX., obwohl ſonſt kein Gönner des Adels, hat gleichwohl in ſeinen der Ritterſchaft und dem Adel bei der Krö⸗ nung verliehenen Privilegien die uralten Rechte die⸗ fe Standes auf die höheren Dienſte noch weiter be⸗ eſtigt. 3 „Inſonderheit hat König Guſtav Adolph in drei beſondern Akten Ritterſchaft und Adel in dem oftge⸗ nannten Vorrecht, die hohen Reichsämter allein be⸗ kleiden zu dürfen, aufrecht erhalten. „Bemeldeten Königs Tochter und Thronnachfol⸗ gerin, Königin Chriſtine, hat ihres Vaters Privi⸗ legien für Ritterſchaft und Adel, folglich auch den Punkt, welcher das Recht der Ritterſchaft und des Adels auf die höheren Dienſte betrifft, Wort für Wort bekräftigt. „Nicht minder hat König Carl Guſtav bei ſeinem Regierungsantritt, in ſeiner den Reichsſtänden er⸗ n b N— N —— ——— A 73 theilten Verſicherung, nicht blos verſprochen, die Rit⸗ terſchaft und den Adel in den höheren Aemtern zu laſſen, ſondern auch ſpecificirt, welche Aemter als ſolche zu betrachten ſeien.“ Ein Gefühl des Verdruſſes begann ſich allmälig in Puke zu regen. Je weiter Ferſen in ſeinem Vor⸗ trag kam, um ſo mehr von den gemeinſamen, höhe⸗ ren Rechten der Staatsgeſellſchaft ſchien er für den Adel allein anſprechen zu wollen. In dieſem Gefühl des Verdruſſes vergaß Puke einen Augenblick ſich ſelbſt und den Gram, den ihm Chrenpreutz durch ſeine Erklärung bereitet hatte.„Iſt denn die Nation Nichts,“ fragte er ſich,„und der Adel Alles? Nimmt der Adel eine ſo hohe Stellung über dem Volke ein, daß er allein berechtigt iſt, ſich auf Koſten aller An⸗ dern als das einzige würdige Volk Gottes zu betrach⸗ ten?“ Er begann daher jetzt mit größerem Intereſſe auf Ferſen zu hören. „In der neuen verbeſſerten Regierungsform, die während der Minderjährigkeit Carls XI. von den Reichsſtänden angenommen und beſtätigt wurde, iſt dieſes Recht der Ritterſchaft und dem Adel ausdrück⸗ lich und ausſchließlich zuerkannt. „Da, ungeachtet dieſes Privilegiums der Ritter⸗ ſchaft und des Adels, während der Minderjährigkeit Carls XI. das eine und andere Präjudikat vorge⸗ kommen und, außer der Ritterſchaft und dem Adel, auch Andere mit etlichen hohen Chargen begnadet worden waren, ſo führten bemeldete Stände bei dem Reichstag von 1664 Beſchwerde darüber, und da erhielten ſie von der Regierung die Verſicherung, daß ſie in ihrem Recht erhalten werden ſollten.“ Auch Puke hatte dem Adel allerdings eine ſehr große Bedeutung beigelegt, aber das hatte er ſich doch nicht gedacht, daß derſelbe, wie Ferſen verlangte, ſo ausſchließlich alle weſentlichen Vortheile des Staats für ſeine maßloſe Herrſchſucht anſprechen würde. Es ſchien ihm beinahe, als wollte Ferſen mit Aufzäh⸗ lung all' dieſer Thatſachen ſämmtliche Höhen der Staatsgeſellſchaft im Intereſſe der Ariſtokratie be⸗ feſtigen. „Bei ſeinem Regierungsantritt machte König Carl XI. der Ritterſchaft und dem Adel in Betreff der höheren Reichsämter ganz dieſelbe Verſicherung wie ſein Herr Vater, und obſchon er ſpäter ſouverän und dem Adel ſehr abhold war, beſtätigte er ihn darin gleichwohl auch noch in ſeiner teſtamentariſchen Verfügung über die Reichsverwaltung nach ſeinem Tode. „Gleich im Anfang der wiedergewonnenen Frei⸗ heit wurde der Ritterſchaft und dem Adel, nicht blos indirekt in der Regierungsform vom Jahr 1719, ſondern auch direkt von der Königin Ulrike Eleonore, ſowohl in ihrer hohen Verſicherung als auch in ihren der Ritterſchaft und dem Adel verliehenen Privile⸗ gien, ihr uraltes Recht auf die höheren Aemter be⸗ ſtätigt. „In der Regierungsform vom Jahr 1720, die noch jetzt ein geltendes Grundgeſetz iſt, wurden Ritter⸗ ſchaft und Adel, zugleich mit den andern Reichsſtän⸗ den, in ihren alten Privilegien im Allgemeinen be⸗ ſtätigt, und drei Jahre ſpäter, als man die Privi⸗ legien der Ritterſchaft und des Adels ſpeziell be⸗ ſtätigte, wurde dieſer Punkt in Betreff ihres Rechtes auf die höheren Aemter gleichfalls aufgenommen und eingerückt. „Endlich mußte auch Seine Majeſtät König Adolph Friederich in ſeinen beiden hohen Verſicherungen, die er als Erbfürſt und als König ertheilte, der Ritter⸗ ſchaft und dem Adel insgemein den unwandelbaren Genuß ihrer Rechte, Freiheiten und Privilegien zu⸗ ſichern, worin das Recht, das ich jetzt vertheidige, unleugbar auch begriffen iſt.“ Puke beſaß zu wenig Kenntniß von den politi⸗ ſchen Kämpfen, die im Vaterland gährten und es zerfleiſchten; er hatte blos in flüchtigen Geſprächen das Eine und Andere davon vernommen. Aber als er jetzt, und zwar aus dem Munde eines der erſten Cdelleute des Reichs, hörte, welche Stellung dieſer Stand einzunehmen und zu behalten verlangte, da erſchien ihm der politiſche Zweikampf der Parteien als eine ganz natürliche Folge dieſer Anſprüche. Für ſeinen Verſtand war es ganz klar, daß. der Adel, wenn er alle höheren und wichtigeren Aemter als ſeine natürlichen und ſelbſtverſtändlichen Rechte betrachtete, als natürliche Folge hievon ſich auch ein angeborenes Recht zuſchreiben mußte, allein das ganze Land zu regieren. Bei dieſem Gedanken klärten ſich die Myſterien der ſchwediſchen Geſchichte für ihn auf, wie vor den Strahlen der aufgehenden Sonne. Er meinte die Urſachen und die Bedeutung dieſer inne⸗ ren Kämpfe zwiſchen der Königsmacht und dem Adel, wie auch die natürliche Vorliebe des Volkes für die erſtere, in Oppoſition gegen den letzteren, vollkommen zu begreifen. „Nachdem ich hier,“ fuhr Ferſen fort,„nachge⸗ wieſen habe, daß Ritterſchaft und Adel, von uralten Zeiten an bis auf den heutigen Tag in ununter⸗ brochener Zeitfolge, durch die Grundgeſetze des Reichs in den höheren Reichsämtern, als einem ihnen allein zugehörigen Recht, beſtätigt worden ſind, will ich auch noch darthun, daß ſie daſſelbe Recht auf ge⸗ wiſſe niedrigere Aemter beſeſſen haben und noch be⸗ ſitzen.“ „Es muß merkwürdig ſein,“ ſagte Puke bei ſich ſelbſt,„zu erfahren, wie weit dieſe Rechte ſich er⸗ ſtrecken wollen.“ „So lange in den älteren Zeiten nicht genau feſtgeſetzt war, welche Aemter rechtlich als die höhe⸗ ren betrachtet werden mußten, wurde dieſes Recht der Ritterſchaft und des Adels oft auf Rathsſtellen an den Collegien, ſowie auf Landrichtereien und Landeshauptmannſchaften ausgedehnt; aber nachdem ſpäter mit den früher ausgedehntern höheren Aemtern eine Aenderung vorgenommen und in der Regierungs⸗ form ein gewiſſer Grad feſtgeſetzt wurde, von wo an ſie gerechnet werden müſſen, ſo werden ſolche Aemter jetzt nicht mehr als höhere Dienſte betrachtet. „Die geringeren Dienſte, welche der Ritterſchaft und dem Adel noch jetzt vorbehalten bleiben, ſind ſämmtliche Offiziersſtellen mit der Adelsfahne. In der Regierungsform von 1719 wurden auch die Kanzleijunkerſtellen jungen Adeligen zuerkannt, was jedoch in der Regierungsform von 1720 nicht ein⸗ geführt worden iſt. „Daß das hier oben der Ritterſchaft und dem Adel Schwedens, von ſo uralten Zeiten her und in einer ſo langen Reihenfolge von Jahren, in den 77 Grundgeſetzen des Reichs und andern öffentlichen Urkunden beigelegte Recht dieſem Stand bis auf den heutigen Tag zukommt, kann mit Gewißheit auch daraus gefolgert werden, daß ſelbiges Recht noch niemals, außer in der neueſten Zeit, in Frage ge⸗ ſtellt worden iſt. „Da es keine Regel ohne Ausnahme gibt, ſo kann wohl nicht geleugnet werden, daß es hie und da vorgekommen ſein mag, daß ein Nichtadeliger zu einem der höheren Dienſte befördert worden iſt; aber dann wurde der Betreffende entweder zugleich vom König in den Adelsſtand erhoben, oder auch war zufällig kein competenter Adeliger da, der ſich mit ihm um das Amt bewarb. Sollte dies auch ohne ſolche Umſtände geſchehen ſein, ſo iſt es blos ein Präjudicat, das, obſchon von der Ritterſchaft und dem Adel mit Stillſchweigen angeſehen, gleichwohl niemals einen ſo wichtigen Punkt ihrer Privilegien aufheben kann. Denn man weiß zur Genüge, quod non exemplis, sed legibus judicandum, d. h. daß man nicht nach Beiſpielen richten darf, ſondern nach Geſetz und Recht...“ Puke hatte genug gehört. Ohne Jemand ein Wort zu ſagen, verließ er Pechlins Haus. Als er auf die Straße kam, ſtand die Nacht ſternhell und hoch über ſeinem Haupte. Der Himmel, dieſes uner⸗ meßliche ruhige Meer mit ſeinen Schaaren von tau⸗ ſenden und aber tauſenden blinkender und ſilbern⸗ ſchimmernder Inſeln, dieſer unendliche, von Gottes eigener Hand über die Schöpfung gewölbte Dom, wie friedlich und ruhig war er nicht, und gleichwohl genügte ein einziger Gedanke an den Schatten von Unehre, den man auf ſeinen Vater werfen wollte, um in Puke's Seele all' dieſe glänzende Herrlichkeit in eine ſchwarze, düſtere Wolke zu verwandeln. Achtes Kapitel. Puke und Amanda. Es war am Tag nach den eben erzählten Vor⸗ gängen. Die Nacht war für Puke dahingegangen, wie ein einziger düſterer Gedanke, der ſich über dem ſteigenden Verdruß eines verletzten Gefühles erhebt. In der äußern Welt hatte er das letzte Getöſe des Abends erſterben gehört; aber in ſeinem Innern pochte und klopfte noch ſtets ſein wogendes, ruhe⸗ loſes Herz; er hatte die Lichter der Stadt um einan⸗ der erlöſchen geſehen, aber eines erloſch nicht, das war ein Strahl in ſeiner Seele, bei welchem er die Worte las, die das Bedürfniß, das Andenken ſeines Vaters zu rechtfertigen, immer tiefer in ſeine Bruſt eingruben. Gegen Morgen ſank er in einen Stuhl nieder, und ein ruhiger Schlummer ſenkte ſich über ſeine Seele. Im Traum erſchien ihm ſein Vater. Er meinte am Sterbelager deſſelben zu ſtehen. Die Geſtalt war ſo bleich und abgezehrt, aber ſo hoch und edel, ſo freundlich und ſo gut. „Es iſt gut, daß Du kommſt, mein Sohn,“ glaubte er den Sterbenden ſprechen zu hören;„ich habe Dir ſo viel zu ſagen...“ 79 Aber in dieſem Augenblick ſtand der Engel des Todes mit einem ausgelaufenen Stundenglas in der Hand auf ſeiner andern Seite. „Deine Stunde hat geſchlagen,“ flüſterte er, „komm, komm!“ „Laß mich meinem Sohn noch ein einziges Wort ſagen... nur ein einziges...“ „Komm, der Herr ruft Dich, komm!“ 1 Und Puke ſah im Traum, wie der Engel des Todes ſeinen Vater mit den Flügeln bedeckte und mit ihm oben im Himmel verſchwand, wo ſein letztes freundliches Lächeln mit dem gleich freundlichen Glanz der Sterne verſchwand. Als Puke erwachte, ſtand die Sonne des neuen Tags ſchon hoch am Himmel. Erſchrocken, wie wenn er eine koſtbare Zeit verſäumt hätte, ſprang er auf. „Jonas!“ rief er. Die Thüre ging auf und Jonas ſtand vor ihm. Jonas war ein alter Veteran, der ihm von Krieg zu Krieg gefolgt war; ein erprobter Krieger, tapfer, verſtändig und ergeben. „Sind die Pferde geſattelt?“ „Schon lange, Capitän.“ „Wie viel Uhr iſt's?“ „Zehn Uhr.“ „Warum haſt Du mich nicht geweckt?“ „Sie haben mir's nicht befohlen.“ Im Feldleben erzogen, war Puke nicht gewöhnt, ſich mit ſeiner Toilette viel Mühe zu machen. In einigen Augenblicken war er fertig. „Du mußt mich begleiten, Jonas,“ befahl er dieſem,„komm!“ 80 Jonas folgte ſeinem Herrn gerne, und der Alte ſchwang ſich ebenſo raſch und flink auf ſein Roß, wie Puke ſelbſt. Auf die Straße nun gekommen, ſchien Puke die verlorene Zeit hereinbringen zu wol⸗ len. Die Sporen in die Weichen des feurigen Ren⸗ ners eingedrückt und mit verhängten Zügeln ging es dahin. Der Weg führte zu Baron Wrangel. Bald befanden ſie ſich auch vor ſeinem Haus. „Iſt der Baron daheim?“ fragte Puke einen Be⸗ dienten an der Thüre. Der Angeredete antwortete nicht ſogleich, ſondern ſah ihn liſtig an. „Der Herr iſt doch woh Capitän Puke?“ be⸗ merkte er endlich,„ich. „Ich frage Dich nicht, wer ich bin, ſondern ob der Baron daheim iſt.“ „Er iſt fort.“ „Schon fort? Wohin iſt er gegangen?“ „Ich habe Befehl, dies nur einer einzigen Per⸗ ſon zu ſagen.“ „Und dieſe einzige Perſon bin ich.— laß mich's alſo hören.“ Der Bediente kratzte ſich am Kopf. „Der Baron befahl mir, Ihnen, falls Sie ihn beſuchen wollten, zu ſagen, daß er ſich nach dem Schloß begeben habe.“ Puke warf ſein Pferd raſch herum, und es trug ihn nach der entgegengeſetzten Richtung. Obſchon der Hof ſich noch in Drottningholm auf⸗ hielt, ſtand gleichwohl das königliche Schloß nicht öde und leer. lte oß, ol⸗ ng 9 Dieſes Schloß, ſo wie es ſich mit ſeiner majeſtä⸗ tiſchen und genialen Architectur noch heute zeigt, war erſt wenige Jahre vor dieſer Zeit, ein zweite Pallas Athene, vollſtändig aus der noch nach ihrem zeitlichen Hingang in ihren herrlichſten Gedanken arbeitenden Seele des Nicodemus Teſſin hervorgeſprungen. Die königliche Familie bezog es nämlich erſt im Jahr 1753. Schon am Anfang der Schiffsbrücke übergab Puke fen Pferd dem Alten und ſetzte ſeinen Weg zu Fuß ort. Nachdem er den langen Schloßhof zurückgelegt, trat er in das öſtliche ſogenannte Logardsgewölbe, und von da ſtieg er die ſchöne, durch ihren edlen Styl ſo bewundernswürdige Treppe hinan, die nach den Gemächern der königlichen Familie führt. Die Hofbedienten ſprangen um einander her— die königliche Familie wurde an einem der nächſten Tage erwartet, aber man wußte noch nicht, an welchem. Als Puke eintrat, bemerkte er gleichwohl ſogleich, daß eine Alles ordnende, zuſammenhaltende und re⸗ gierende Hand fehlte. Alle waren mit verſchiedenen Gegenſtänden beſchäftigt, aber es fand ſich Niemand vor, der ihm über Baron Wrangel Aufſchluß erthei⸗ len konnte. Der eine glaubte zwar zu wiſſen, daß er im Schloß geſehen worden ſei, der zweite leugnete es, der dritte wußte gar Nichts. Puke ſchritt immer vorwärts. An einem innern Zimmer angelangt, wurde er von einem Leibtrabanten angehalten. „Wer ſind Sie, mein Herr?“ Puke ſagte es ihm. „Sind Sie gerufen worden?“ Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. II. 6 „Nein.“ „Was wollen Sie?“ „Den Baron Wrangel treffen.“ „Er iſt nicht hier.“ „Er muß hier ſein.“ „Das iſt möglich, ich weiß es nicht; Sie dürfen nicht weiter gehen.“ Zum Gehorſam verpflichtet, wollte Puke eben ſeinen Rückzug antreten, als Wallenſtjerna heraus⸗ kam, der ſeine Stimme erkannt hatte. „Es iſt gut, daß ich Sie treffe,“ ſagte Puke; „Baron Wrangel muß hier ſein.“ Wallenſtjerna ſchaute ſich vorſichtig um, ehe er antwortete. „Sind Sie wirklich nicht hieher berufen worden?“ fragte er dann;„Sie können aufrichtig ſein, ſind Sie nicht berufen worden?“ „Nein.“ Wallenſtjerna ſah ihn mißtrauiſch an. „Es iſt hier etwas Wichtiges, Wunderliches, Un⸗ erklärliches um den Weg,“ fuhr er fort.„Kommen Sie hieher auf die Seite,“ und er zog Puke in einen entlegenen Theil des Zimmers. Wir kennen Wallenſtjerna; er war nicht derje⸗ nige, der ſeiner Zunge Feſſeln anlegte, wenn er ein⸗ mal zu Jemand Vertrauen gefaßt hatte. „Sie gehören doch zu uns?“ fragte er. Puke verſtand ſeine Frage nicht recht. „Ich meine,“ erklärte Wallenſtjerna,„ob Sie dem Hof angehören?“ „Die Königin hat über mich zu gebieten.“ „Wir verſtehen einander. Die Königin iſt der en en 83 Hof. Der Hof ſind wir. Zum Henker, ich ſage Ihnen, daß wunderliche Dinge im Anzug ſind. Es ſteht uns Etwas bevor... Es ſteht uns Etwas bevor.“ Er rieb ſich voll Vergnügen die Hände. „Lieutenant Wallenſtjerna,“ unterbrach ihn Puke, „wollen Sie Baron Wrangel unterrichten, daß ich hier bin?“. „Unmöglich. Bei Hof heißt es immer: Warte. Wir haben ſchöne Zeiten vor uns. Bedenken Sie nur... Und Wallenſtjerna rieb voll Befriedigung von Neuem ſeine Hände an einander. „Bedenken Sie, wenn... wenn... wenn...“ „Wenn... wenn...“ Wallenſtjerna neigte ſich an Puke's Ohr und flüſterte leiſe, gleich als fürchtete er, eine andere Perſon könnte ein Wort davon hören.“ „Wenn es losgeht.“ „Was meinen Sie?“ „Kennen Sie den Lieutenant Silferhjelm, den Leibtrabanten?“ „Es iſt das erſte Mal, daß ich ſeinen Namen höre.“ „Ein verdammt tüchtiger Kerl— raſch— flink — ein guter Kamerad— ließe ſich lieber umbrin⸗ gen, als daß er einen Freund verriethe. Denken Sie ſich daher unſer Staunen, als er vor einigen Wochen ganz plötzlich verſchwand, gleich als hätte ein Sturmwind ihn entführt. Da er allgemein ge⸗ ſchätzt und beliebt war, ſo beſchloſſen die Kameraden, die Sache zu vertuſchen. Auch unſer Chef gab uns 84 — um ſo beſſer— einen Wink, wir möchten ſeine Aus⸗ reißerei ganz geheimhalten. So verging Woche um Woche— und er blieb immer aus. Wir hatten auch bereits die Hoffnung aufgegeben, ihn wieder⸗ zuſehen, als er heute Nacht— Hermelin und ich kamen eben von Pechlin her und wollten auf unſere Zimmer gehen— ganz unvermuthet wieder vor uns ſtand. Unſere Freude war unbeſchreiblich. Frage hagelte auf Frage... „Das iſt Alles recht gut und ſchön, Herr Lieu⸗ tenant,“ fiel Puke ein,„aber ich muß Wrangel treffen. Wenn er hier iſt, ſo können Sie ja... Aber Wallenſtjerna's Gedanken hatten jetzt ihre eigene Richtung genommen; er hörte nicht einmal, was Puke ſagte. „Frage hagelte auf Frage,“ fuhr er fort.„Silf⸗ verhjelms Wiedererſcheinen war eine förmliche cause célèbre.“ „Warum verſchwandeſt Du?“ „Ich war krank.“ „Woher kommſt Du?“ „Vom Krankenbett.“ „Wo biſt Du geweſen?“ „Im Krankenhaus.“ Wallenſtjerna lachte. „Silfverhjelm ſah ſo geſund aus,“ fuhr er fort, „als käme er von einer Luſtreiſe. Er hatte auch ſeine Reiſekleider noch nicht einmal abgelegt. Er täuſchte uns, das war klar. Wir beklagten ihn in⸗ zwiſchen wegen der Strafe, die ihn erwartete; aber da zeigte er uns ſtatt aller Antwort— rathen Sie einmal was— einen vom Chef ſelbſt undsezeichneten So SR S S 85⁵ Curierpaß. Der Chef und er hatten uns zum Be⸗ ſten gehalten. Was ſagen Sie dazu? Vortreffliche Burſchen, Silfverhjelm und der Chef. Ha ha ha! Aber Sie ſollen noch mehr hören. Silfverhjelm ging mit uns nach Hauſe. Wir ſaßen noch beiſammen und ſchwatzten, als um Mitternacht oder ſpäter ganz unvermuthet ein Page anlangt mit dem Befehl, wir ſollen uns alle drei hier einfinden. Wir gingen mit. Im Trabantenſaal angelangt, trafen wir bereits einige andere Kameraden. Man erzählte uns, vor einer Stunde ſeien die Gräfinnen Brahe und Hard von Drottningholm angefahren gekommen, und ſie befän⸗ den ſich in den kleinen Cabinetten. Können Sie ſich das erklären? Seitdem ſind, ich weiß nicht welche Perſonen alle, Cdelleute, Geiſtliche, Bürger und Bauern hieher gerufen worden, während über das Ganze der tiefſte Schleier des Geheimniſſes geworfen iſt. Glau⸗ ben Sie nicht, daß dies Etwas bedeute? Wrangel wurde ſchon heute früh vor vier Uhr gerufen, und er iſt noch drinnen. Auch Silfverhjelm iſt da. Man könnte aus viel geringeren Anzeichen auf Krieg ſchlie⸗ ßen; ich prophezeie aus allem dem“... er legte die Hand auf den Mund...„große Dinge... mögen ſie eintreffen! ich wünſche Nichts ſehnlicher. So hier herumzuſchlendern und gar Nichts zu thun, iſt ver⸗ dammt langweilig. Sagen Sie mir ehrlich, Capitän Puke, ſind Sie nicht auch gerufen worden?“ „Ich bin gekommen, um den Baron Wrangel zu treffen.“ „Ich habe vergeſſen, Ihnen zu ſagen, daß die Königin erkrankt ſein ſoll.“ „In Drottningholm?“ 86 „Ja, und zwar ſchnell und heftig.“ Während Puke und Wallenſtjerna noch zuſammen plauderten, hörte man eine Thüre aus den innern Zimmern aufgehen und raſche Tritte herauskommen. „Der Dienſt iſt jetzt aus,“ erklärte eine Stimme im Zimmer vor ihnen;„Jedermann kann nach Hauſe gehen, aber nicht gruppenweiſe, ſondern jeder einzeln ... ohne Aufſehen. Was Ihr geſehen oder gehört habt, bleibt in ewiges Schweigen begraben.“ „Das iſt Silfverhjelm, der ſpricht,“ bemerkte Wallenſtjerna. „Iſt die Equipage der Gräfinnen ſchon da?“ fragte dieſelbe Stimme. „Sie wartet ſchon ſeit beinahe einer halben Stunde,“ antwortete eine andere Stimme. Von Neuem öffneten ſich die inneren Zimmer. Weiche, elaſtiſche Tritte ließen ſich hören. Einen Augenblick ſpäter kamen zwei Damen her⸗ aus, beide mit dichten Schleiern vor ihren Geſichtern. Als ſie durch's Zimmer kamen, verbeugten ſich Wallenſtjerna und Puke, worauf eine der Damen ihren Schleier etwas lüpfte und ſie verbindlich grüßte. Es war die Gräfin Hard. Die andere Dame bewegte ihren Kopf nicht. Mit bedecktem Geſicht und ohne um ſich zu ſchauen, ſchritt ſie durch das Zimmer. Silfverhjelm folgte ihnen. Bald waren alle drei im Vorſaal verſchwunden, und eine Weile nachher hörte man ihre Equipage unter dem Schloßgewölbe hinrollen. 8 8 οᷣ 87 Wallenſtjerna warf ihnen einen mißtrauiſchen Blick nach. „Glauben Sie, Capitän Puke, daß die Andere wirklich die Gräfin Brahe war? Ich habe meine eigenen Gedanken. Sie hatte mehr Majeſtät in ihrer Haltung, als die Gräfin.“ Puke ſtarrte ihr nach; auch er hatte ſeine Be⸗ merkungen gemacht. „„Ich muß Sie verlaſſen,“ ſagte er,„ich habe Eile „Wohin?“ „Baron Wrangel iſt noch nicht herausgekommen. Er muß ſich alſo noch hier befinden. Da die Poſten eingezogen ſind, ſo wird mir gewiß Niemand mehr das Weitergehen verwehren.“ Er ging. Alle Poſten waren verſchwunden. Puke wan⸗ derte von Zimmer zu Zimmer, ohne angehalten zu werden. Blos das Getöne ſeiner eigenen Tritte folgte ihm. Zwar zeigte ſich da und dort der eine und an⸗ dere Schloßdiener, der irgend Etwas in Ordnung zu bringen hatte, allein dieſe Leute ſchauten kaum auf und ſahen nicht nach ihm. Sie dachten, er ſei hieher beſtellt worden und gehe ſeinen Geſchäften nach. Ein düſteres Gefühl ergriff Puke, während er durch die großen Gemächer ſchritt. Es war ihm, als ſei er ganz vereinſamt in einer verödeten Welt. „Err befand ſich mitten in einem Zimmer, als er in einiger Entfernung ein Frauenzimmer entdeckte, 88 das ihm den Rücken zukehrte und in der Haltung aufmerkſamen Lauſchens daſtand. Bei ihrem Anblick blieb auch Puke ſtehen und betrachtete ſie. Sie war von hohem, ſchlankem Wuchs, ihr ſchwarzes Kleid fiel geſchmeidig und weich um die feinen, edlen Formen, und das ſeidenzarte Haar, ſchwarz wie das Haar der Königin der Nacht, rin⸗ gelte ſich in reichen Locken über den Nacken hinab. Puke glaubte die ſchwarze Geſtalt zu erkennen und ſetzte alſo ſeinen Weg fort. Das Getöne ſeiner Tritte ſchien ſogleich an ihr Ohr zu ſchlagen, denn ſie wandte ſich augenblick⸗ lich um. Puke hatte ſich nicht getäuſcht. Amanda und er ſtanden ſich gegenüber. Eine hohe Röthe bepurpurte ihre ſonſt ſo blaſſen Wangen, und der Glanz ihres Auges ſchien ſich auf einmal zu verdoppeln. Puke ſah ſie nicht ohne Vergnügen wieder. Die ſüdländiſche Lebhaftigkeit, die er am Abend vorher an ihr entdeckt hatte, gefiel ihm wohl. Selbſt in der Tiefe ſeiner Seele feurig wie ein Vulkan, ob⸗ ſchon er ſich gewöhnt hatte, dem Ausbruch deſſelben Einhalt zu thun, ſympathiſirte er mit ihrem feurigen Weſen. Beide blieben jedoch ſtill, als wären ſie über⸗ raſcht von ihrem gegenſeitigen Anblick. Amanda liebte, ſie liebte aufrichtig und heftig. Bisher waren ihr alle Männer vollkommen gleich⸗ gültig geweſen; all' die Bewunderung, womit man ſie umgeben, war an ihrer Seele vorbeigeglitten. Aber Puke's ernſtes und ruhiges Weſen machte auf 89 einmal einen unverlöſchlichen Eindruck auf ſie. Es fand auch eine erſtaunliche Aehnlichkeit zwiſchen ihnen ſtatt. Dieſelben blaſſen Züge, daſſelbe rabenſchwarze Haar, daſſelbe düſtere Feuer in den Augen. Wenn ſie ihn betrachtete, meinte ſie ſich ſelbſt im Spiegel zu ſehen, aber in einer kräftigeren, ſtärker geformten, männlichen Geſtalt. Dieſe Entdeckung wurde ihr auch ein liebliches Geheimniß, das mit zauberhaften Phan⸗ taſien ihr Gefühl umkoste. Ihn, nur ihn! flüſterte eine Stimme in ihrem Innern, ehe er noch mit ihr geſprochen hatte. Seit ſie aber Worte mit ihm aus⸗ getauſcht hatte, gab ſie ſich ausſchließlich ihrer Nei⸗ gung hin. Wie alltäglich erſchienen ihr nicht alle Andern gegen ihn! Sein Talent, ſich ſelbſt zu beherr⸗ ſchen, beherrſchte auch ſie. Sie meinte noch niemals einen wirklichen Mann geſehen zu haben, ſondern blos unregelmäßige Skizzen von ſolchen Perſonen, die nicht einmal ihrer ſelbſt mächtig waren. Wie unerklärlich erſchien ihr nicht Alles! Selbſt dieſe Liebe, welche ſie ſo mächtig ergriff, kam ihr gleichwohl nicht einmal mehr neu vor. Dieſelbe war, ſo wollte es ſie bedünken, blos eine Knoſpe, die ſich lange in ihr geſchloſſen hatte, jetzt aber zur Roſe ausſchlug. Die Neigung, die früher nur Ahnung oder Traum geweſen, war jetzt erſt Wirklichkeit. eind hatte ihm ſchweigend ihre Hand ge⸗ reicht. Vor Puke's Gedanken ſtellte ſich Alma's Bild an ihre Seite; welche Contraſte von Beweiſen der Schönheit! Die eine war für ihn die Nacht mit ihrem hellſten Sternenglanz, die andere der Tag mit ſeiner bezauberndſten Morgenröthe. Das erſte Mal, als 90 er Amanda ſah, war es in Alma's Geſellſchaft, und er flocht dieſe Mädchen zuſammen, ſo daß ſie einen Kranz von Schatten und Licht um ſein Herz bildeten, für welches ſie ihre Schönheit von einander borgten. Wie verſchieden waren ſie jedoch nicht vor ihm! die eine bewunderte, die andere liebte er. Für Amanda hatte die Liebe, welche ſie ſchnell wie ein Blitzſchlag getroffen, eine ganze Welt von bisher ungekanntem Behagen geöffnet. Ihre Phan⸗ taſie erblühte in Wonne, ihr Herz badete ſich wie eine klare Quelle im reinſten Sonnenlicht, und in dieſer Quelle ſah ſie Himmel und Erde im her⸗ anbrechenden Schimmer eines neuen Tags; aber noch mehr, ſie ſah auch ſich ſelbſt darin, und bei dieſem Anblick wandte ſie ſich mißvergnügt ab, gleich als wäre der Spiegel von einem Wolkenfleck verdunkelt worden. Die Liebe wäre nicht rein geweſen, wenn ſie ihr nicht ihre eigenen Fehler gezeigt hätte. Puke fühlte, daß ihre Hand in der ſeinigen zitterte. Er ließ ſie los und betrachtete ſchweigend das Mädchen. „Sie ſind aufgeregt,“ begann er dann. „Dieſes Zuſammentreffen,“ ſtammelte ſie,„hier ... in dieſen Zimmern... juſt jetzt... wen ſuchen Sie hier, Capitän?“ „Den Baron Wrangel.“ Amanda fuhr zuſammen. Sie ſah auf die Seite. „Capitän Puke,“ hob ſie an, aber ſie unterbrach ſich wieder, als wüßte ſie nicht, was ſie ſagen ſollte; ſie überlegte, ſie ſann nach. Puke hatte auf den erſten Blick ein unruhiges Lauſchen an ihr entdeckt, das ihm einen Argwohn 91 einflößte. Als er die Unſicherheit ihrer Worte be⸗ merkte, ſteigerte ſich ſein Mißtrauen. „Mamſell Amanda,“ fragte er,„was thun Sie hier?“ „Ich habe Ihnen Etwas zu ſagen, Capitän. Vielleicht bekomme ich nie eine ſo günſtige Gelegen⸗ heit wie jetzt. Sie ſuchen den Baron Wrangel?“ „Ja.“ 3 Puke merkte, daß ſie ſeiner Frage mit einer ge⸗ wiſſen Scheu auswich. „Baron Wrangel iſt hier innen. Sie ſind mit ihm befreundet?“ „Er iſt mein Freund.“ Sie hielt noch einmal inne. Sie wollte gleich⸗ ſam vorher überlegen, was ſie zu ſagen hätte. „Sie gehören dem Hof an?“ fügte ſie dann hin⸗ zu.„Nicht wahr?“ „Ich gehöre allen denjenigen an, die ich liebe.“ „Damit wollen Sie ſagen, daß Sie den Hof lieben. Ach, Capitän... ich kenne dieſen Hof... und ich muß Sie vor ihm warnen.“ Sie blickte ihm offen in's Geſicht. Puke hatte bei Amanda ein lebendiges Weſen, einen denkenden Geiſt, eine für große und lebhafte Eindrücke empfängliche Seele entdeckt. Er ſah, wie das Herz in ihrer Bruſt brannte, und daß die Flamme gleichſam ihre Ketten brechen wollte. Er argwöhnte, daß dieſe glühende Seele ihren eigenen Weg am Hof gehe, und daß ſie die Fäden mehrerer Geheimniſſe in ihrer Hand habe. Warum warnte ſie ihn vor dem Hof? „Mamſell Amanda,“ antwortete er,„ich glaube, 92 Sie wollen mir wohl, und ich danke Ihnen. Aber können Sie mir Etwas in der Welt ſagen, wovor man ſeine Freunde nicht warnen müßte? Ueberall und in allen Dingen geht man einer Unſicherheit entgegen. Alſo, Amanda, könnte ich Sie auch war⸗ nen... und zwar ſogar vor der ganzen Welt. Wir werden auf die Bahn, die wir wählen, einigermaßen feſtgeſchmiedet oder vielmehr, auf ihr vorangeführt, ohne daß wir es verhindern können. Ich bin dem Hof ergeben, weil ich am Hof meine beſten Freunde habe. Auch Sie ſind ja am Hof.“ Amanda blieb ſtill und nachdenklich. Puke's Worte überraſchten ſie, weil ſie viele ihrer eigenſten innerſten Gedanken getroffen hatten. „Die Umſtände ſchmieden uns an unſer Schickſal feſt,“ ſagte ſie.„Sie haben Recht. Auch ich bin feſtgeſchmiedet.“ Es lag in dieſen Worten eine rührende Klage. „Amanda,“ ſagte Puke,„Sie ſind ein Räthſel, aber ein Räthſel, das mich angezogen hat.“ Ihr Geſicht überzog ſich mit dem zarteſten und lieblichſten Purpur. „Ich glaube, daß Sie eines Freundes an Ihrer Seite bedürfen,“ fügte Puke hinzu.„Laſſen Sie mich das werden.“ „Wollen Sie das? Iſt's möglich? iſt es wirklich wahr?“ Puke's Anerbieten war vollkommen aufrichtig; aber er wollte auch in das Geheimniß eindringen, womit ſie, wie er fürchtete, umgeben war. War wohl der Hof von einer Gefahr bedroht? Warum hatte ſie da gelauſcht? 93 „Sie haben einen Kummer, der ſchwer auf Ihnen laſtet,“ fuhr Puke fort;„Sie ſind mit Ihrer Stel⸗ lung nicht zufrieden. Unter welchen Verhältniſſen leben Sie am Hof? Sie ſind Pechlins Pflegetochter ... Ich kenne Pechlin... Er iſt ein Feind des Hofes.“ „Sie ſagten ja, daß Sie mein Freund ſein wol⸗ len. Dann bin ich auch berechtigt, Ihre Freundin zu ſein.“ „Jetzt warnen Sie mich vor dem Hof. Vorher hat man mich vor Ihnen gewarnt.“ „Vor mir? Ich glaube es, ja, ja... und... die Leute haben Recht. Aber verſprechen Sie mir nur Eines: Sie dürfen hinfort keiner Warnung mehr trauen, die von Andern ausgeht. Wenn Sie mir das verſprechen, ſo verpflichte ich mich dagegen, daß ich Sie... nöthigenfalls vor mir ſelbſt warnen werde. Sie ſagen, ich ſei ein Räthſel...“ „Das ſind Sie.“ „Für alle Andern ja, aber für Sie will ich kein Räthſel ſein. Ich will es löſen. Als Sie ſagten, ich ſei Pechlin’s Pflegetochter, legten Sie etwas Zweideutiges in dieſe Bemerkung. Pechlin iſt jedoch ſo gut gegen mich geweſen, daß ich nicht umhin kann, ihn zu ſchützen. Mein Leben... wollen Sie Etwas darüber hören?“ „Ich habe geſagt, daß ich Ihr Freund ſein wolle Erzählen Sie, Mamſell Amanda, erzählen Sie.“ Er beſchloß ſie nicht loszulaſſen, bevor er ihre wirkliche Stellung am Hof ergründet hätte; er ver⸗ 94 langte zu wiſſen, ob ſie eine aufrichtige Rolle ſpiele oder nicht. „Mein Leben,“ begann ſie,„beſitzt nur einen einzigen merkwürdigen Umſtand, nämlich daß ich nicht das Allergeringſte darüber weiß. Ich weiß nicht, wer meine Eltern waren... ich kenne weder Vater noch Mutter... ich bin allein... ganz allein in der Welt...“ Amanda legte die Hand an ihre Stirne. Ein tiefes Gefühl drückte ſich in ihrem Auge aus. „Wie? Sie kennen Ihre Eltern nicht?“ „Alles, was ich weiß, beſchränkt ſich darauf, daß ein gut gekleidetes Frauenzimmer eines Abends ſpät in Pechlins Haus hineingetragen worden und mich da zur Welt gebracht haben ſoll, während ſie ſelbſt ſtarb. Nur einige abgebrochene Worte, die Niemand verſtand, ſollen über ihre Lippen gekommen ſein. Pechlin hat mich verſichert, er habe alles Mögliche gethan, um ihre Identität auszumitteln, aber verge⸗ bens. Er machte mich daher zu ſeiner Pflegetochter, und er iſt mir ein guter Vater geweſen. Ich kann ihm nicht dankbar genug ſein.“ Die Erzählung erregte Puke's Theilnahme. „Inzwiſchen,“ fügte Amanda hinzu,„iſt es ein ſchrecklicher Gedanke, keinen Menſchen zu beſitzen, an den man mit dem Rechte der Natur ſein Haupt an⸗ lehnen kann.“ Ueber Amanda's Züge ſchimmerte es wie ein Blitz, als ſie dieſe Worte ſprach. Bei dieſer Be⸗ leuchtung glaubte Puke plötzlich in ihre Seele zu blicken und darin manche widerſtreitende Elemente, gute und böſe, zu entdecken, wilde, ſtürmiſche Leiden⸗ ———— 95⁵ ſchaften, die gegen einander kämpften. Auf dem ſchmerzlichen Gefühl, ganz allein in der Welt zu ſte⸗ hen, führten vielleicht die Leidenſchaften hier einen zweiten babyloniſchen Thurm auf, an deſſen Zimmer die Verwirrung bereits zu rütteln anfing. Wurde wohl ihre Seele von dem zermalmenden Gedanken zerfleiſcht, blos ein von der Gunſt fremder Leute ab⸗ hängiges Gnadenkind zu ſein? War ſie zum Haß, und nicht zur Liebe erzogen? Furcht, aber auch Mit⸗ leid ergriff Puke. Er begriff, daß ein ſolches Weib eine gefährliche Rolle ſpielen konnte. Welche ſpielte ſie? Er trat ihr einen Schritt näher. „Warum warnten Sie mich vor dem Hof, Amanda? Ich wünſche es zu wiſſen.“ Sie kam ihm mit einem offenen Geſichte ent⸗ gegen. „Warum?“ wiederholte ſie.„Darum, weil dieſer Hof von einem böſen Genius zu einem Abgrund, zu ſeinem Untergang hingezogen wird.“ „Wen meinen Sie mit ſeinem böſen Genius?“ 4 ünanda machte eine ſtolze Bewegung mit dem opfe. „Sie verrathen mich nicht?“ „Nein.“ „Dann will ich Ihnen ſagen, wer dieſer böſe Genius des Hofes iſt.“ „Nun?“ „Die Königin.“ „Ich bewundere die Königin.“ firn iſt eine kalte Egoiſtin, wie es Wenige gi.4 „Warum glauben Sie das?“ 96 „Sie iſt feindlich geſinnt gegen das Land, deſſen Königin ſie iſt.“ „Sie meinen gegen die Ariſtokratie, die dem Kö⸗ nig alle Macht raubt.“ „Für den Erfolg ihrer Pläne iſt ſie im Stand, ihre Werkzeuge, ihre eigenen Freunde zu opfern. Sie iſt undankbar, unvorſichtig, launenhaft.“ „Unter ihrem Purpurmantel,“ entgegnete Puke, „iſt ſie in die Ketten des Adels geſchmiedet. Sie beſitzt die äußere Würde der Majeſtät, von der man gewöhnlich ſo viel fordert, ohne die entſprechende Macht der Majeſtät innezuhaben, die Etwas zu geben vermag. In ihrer erſteren Stellung fühlt ſie ſich beſtändig durch die letztere gekränkt. Sie hat einen klaren Verſtand, ein gutes Herz, ein richtiges Gefühl. Auch das Edelſte, was ſie will, wird in ſeiner Ge⸗ burt verſtümmelt. Der Senat begnügt ſich nicht damit, die königliche Gewalt gefeſſelt zu wiſſen, ſon⸗ dern er tritt ihr auch unaufhörlich auf ihre Purpur⸗ ſchleppe. Die glänzende Ohnmacht, die ſich verhöhnt ſieht, erzeugt Erbitterung, die Erbitterung erzeugt Unvorſichtigkeit, die Unvorſichtigkeit erzeugt ein lau⸗ niſches Weſen. Wer nicht ſtark genug iſt, um ein offener Feind zu ſein, der iſt auch nicht ſtark genug, um ein offener Freund zu ſein. Aber Sie ſagten, der Hof gehe ſeinem Untergang entgegen; aus was erſehen Sie das?“ Amanda antwortete nicht ſogleich. „Ahnen Sie nicht,“ bemerkte ſie jedoch,„was gerade jetzt im Werk iſt?“ Puke wünſchte ihre Anſichten zu hören. „Ich habe mich,“ antwortete er,„zu lange in -—9—— ð— 97 der Fremde aufgehalten, um zu wiſſen, was hier vorgeht. Was wiſſen Sie?“ „Daß Silfverhjelm eben erſt von einer Reiſe in's Ausland zurückgekehrt iſt, wohin er Papiere über⸗ brachte, welche einem berühmten Handelshaus die koſtbarſten Reichskleinodien anboten.“ Puke fixirte ſie mit ſcharfem Blick von Kopf zu Fuß. „Daß die Königin bei der Nachricht von Silf⸗ verhjelms Rückkehr ſogleich in aller Heimlichkeit von Drottningholm hieher geeilt iſt; daß ſie ſo eben ver⸗ ſchleiert und in Geſellſchaft der Gräfin Hard aus dieſen Zimmern gegangen iſt; daß ſie hier wichtige Berathungen gepflogen hat, während ſie ausſprengen läßt, ſie ſei in Drottningholm erkrankt; daß ſie, um es mit einem einzigen Wort zu ſagen, conſpirirt.“ Puke ſah leicht, in welcher Gefahr der Hof ſtand, zumal wenn Pechlin alles das erfuhr, was Amanda wußte. Dies war ſein erſter Gedanke; der zweite war noch düſterer. 1 Hatte Amandas Anklage einen wirklichen Grund, oder war ſie nicht vielleicht eine bloße Lüge, von den Gegnern der Königin erſonnen, um ihr zu ſcha⸗ den und ſie vielleicht ſogar zu ſtürzen? „Und aus dieſen Gründen,“ warf er blos da⸗ zwiſchen,„waren Sie denn Freunde des Hofes? Wa⸗ rum warnen Sie nicht vielmehr die Königin vor ihren Feinden? Das wäre Ihre Pflicht.“ „Ich warne Niemand als Sie, Capitän. Ich ſtehe auf einer Brücke zwiſchen den beiden Parteien.“ Puke empfand ein Gefühl des Verdruſſes. Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. II. 7 98 „Sie ſetzen mich in Staunen, Amanda. Sie ſind äußerlich ſo reich und in Bezug auf Geſinnung ſo mangelhaft ausgeſtattet. Was die Natur Ihnen mit der einen Hand gegeben, ſcheint ſie mit der andern zurückgenommen zu haben. Was Ihr Aeußeres an⸗ deutet, wird von Ihrem Innern nicht erfüllt: Sie ſind eine Lüge, Amanda, eine ſchöne Lüge. Betrach⸗ ten Sie ſich ſelbſt im Spiegel und werden Sie Ihr eigener Richter. Sie ſind Weib, Sie wollen gefallen; aber alle Form iſt blos die Schale des Liebreizes. Der wahre Liebreiz muß rühren und einnehmen kön⸗ nen, und das vermag er nicht, wofern er nicht auf einem reinen, innern Grunde erblüht. Ihr Auge hat Feuer, aber es erwärmt nicht, es brennt; Ihr Blick dringt tief, aber er bezaubert nicht, er verletzt. Ein Weib bedarf keiner kühnen, ſondern zärtlicher Gedanken: ſie iſt geſchaffen, um nicht in unſerem Verſtand, ſondern in unſerem Gefühl aufzuleben. Wiſſen Sie, was ein wahres und reines Gefühl iſt? Nichts Anderes als das Gewiſſen des Herzens. Es gibt keinen gerechteren Richter, aber auch keinen auf⸗ richtigeren und milderen Rathgeber. Wer gegen Andere nicht ehrlich iſt, Amanda, der iſt es auch ge⸗ gen ſich ſelbſt nicht. Es war Puke unmöglich, das ganze Mißfallen, das ſie ihm einflößte, ſo geradeheraus und unver⸗ blümt auszudrücken, wie er gewünſcht hätte. „Sie ſagten, daß Sie auf einer Brücke zwiſchen den beiden Parteien ſtehen,“ fuhr er fort;„wahrlich, es betrübt mich, Sie auf einem ſolchen Platze zu finden. Bemerken Sie nicht, daß Sie ſich in Folge dieſer Stellung über einem Abgrund befinden?“ * 99 Amanda lächelte. „Sie hatten Recht, Capitän, als Sie ſagten, daß Sie Ihr eigenes Vaterland nicht kennen. In Schwe⸗ den hat das Weib ſchon lange eine Rolle in der Politik geſpielt. Ich weiß nicht, ob es recht iſt oder nicht; aber es iſt ſo. Wenn der Mann das Schloß für ein politiſches Geheimniß iſt, ſo iſt ſie der Schlüſ⸗ ſel; iſt er die Thüre, ſo iſt ſie die Thürangel. Im Jahr 1734 ſtanden die Gräfin de la Gardin und die Generalin Buddenbrock an der Spitze der Hüte, Fräulein Bonde an der Spitze der Mützen. Aber nicht genug damit. Im gegenwärtigen Augenblick wird die ganze Politik des Hofes von der Königin geleitet, und Sie können nicht eine einzige Intrigue entdecken, deren Fäden nicht zuletzt in einer Frauen⸗ zimmerhand zuſammenliefen. Ich vertheidige das Verhältniß nicht, ich erwähne es blos. Aber warum ſollte auch das Weib blos Herz ſein dürfen? Glauben Sie, daß ein Bischen Verſtand ihm ſchade? Sie ſa⸗ gen, das Gefühl ſei das Gewiſſen des Herzens; warum ſagen Sie nicht lieber ganz einfach, unſer Gewiſſen habe den Staar, und Leben und Erfahrung müſſen denſelben zu operiren ſuchen, damit ein klarer Verſtand an die Stelle trete? Die Umſtände haben mich zwiſchen die Parteien geſtellt, und es iſt wohl möglich, daß ich, wie Sie ſich ausdrücken, über einem Abgrund ſtehe. Aber gleichviel; ſo wie die Ver⸗ hältniſſe jetzt ſind, habe ich meine Freude an dieſer gefährlichen Stellung, weil ſie mir,“ Amanda pauſirte einen Augenblick;„weil ſie mir,“ fügte ſie dann ent⸗ ſchloſſen hinzu,„vielleicht Gelegenheit verſchaffen kann, 100 Sie auf diejenige Seite zu führen, wo Sie eine ge⸗ ſicherte Zukunft finden werden.“ Puke fühlte, daß die Kluft zwiſchen ihm und ihr ſich immer mehr erweiterte. Ueber Amanda's Herzen ſchimmerte noch immer das Netz der Illuſionen, wie ein Nebel über einer klaren Morgenſtunde. „Die Zukunft,“ wiederholte Puke,„die Zukunft findet ſich nur da, wo Ehre und Treue zu finden ſind.“ „Warum nicht da, wo die Liebe zu finden iſt?“ Pukes Augen blitzten. Bei dieſer Frage trat auf einmal Alma's Geſtalt vor ſeinen Blick und feſſelte ihn mit zauberiſchem Liebreiz. Er antwortete nicht, er lächelte dem lieb⸗ lichen Traumbild in ſeiner Seele entgegen. Wie harmoniſch erſchien ihm nicht Alma im Ver⸗ gleich mit der Disharmonie, die er bei Amanda ent⸗ deckt hatte! Welche friedvolle Ruhe, welche Anmuth des Herzens, welche reine und milde Schönheit, wel⸗ ches innige Gefühl im Vergleich mit den Leidenſchaf⸗ ten, die in dieſem Mädchen rasten! Amanda ſah das Entzücken, das ſich über ſeine Züge breitete, ſie ſah dieſes milde Lächeln und ſie vergaß alles Andere. „Die Liebe,“ wiederholte Puke,„die Liebe.“ Er war mit ſeiner ganzen Seele bei Alma. „Die Liebe,“ ſchwärmte Amanda,„überbietet die Ehre.“ Der bloße Ton ihrer Stimme führte ihn von dem kaum bewußten Ausflug ſeiner Seele in die Wirk⸗ lichkeit zurück. 101 Puke fuhr mit der Hand über ſein Geſicht. Beide waren auf einen Augenblick ſtill in ſich verſunken. Amanda war launiſch und veränderlich, wie das Aprilwetter. Ein Strahl, und ihr Herz öffnete ſeinen ganzen Blumenkelch; ein Wolkenfleck, und er ſchloß ſich wieder. In dieſem Augenblick glänzte ein gan⸗ zer Himmel in dem geöffneten Kelch. Ihre Geſichts⸗ züge waren beinahe ganz unbeweglich. Es ſah aus, als ſtünden ihre Pulſe ſtill, als dächte ſie in träu⸗ meriſchem Schweigen blos an ſeine Worte. Sie wurde auf einmal von einem Schimmer überſtrahlt, wie ihn nur der innigſte Herzensjubel gewähren kann. Es war ein Lächeln ſtiller Entzückung, ein Wider⸗ ſchein der Seligkeit eines belebten Gefühls. In ihren Gedanken hatte ſie bereits über alle Aeußerungen Puke's Heerſchau abgehalten. Er hatte geſtanden, daß er dem Hof angehörte, weil alle ſeine Freunde— und auch ſie— ihm angehörten; aber noch mehr— die Liebe— er ſchien ja auch das geſtanden zu haben — die Liebe winkte ihm dort. Und wen konnte wohl dieſer Mann lieben, der ſo eben erſt vom Aus⸗ land zurückgekehrt war? Amanda's Herz ſchwoll von Seligkeit und ihr Geſicht erblühte in Wonne. Schöner denn je ſtrahlte ſie von Liebe und Zärtlichkeit. Sonſt ſtolz, launiſch oder liſtig, war ſie jetzt ſchwärmeriſch und wahr. Puke hatte zwar einige Bemerkungen gegen ſie gemacht, aber ſie glaubte dieſelben widerlegt zu haben, und ſie vergaß ſie. „Wie edel und gut müſſen Sie nicht ſein, Ca⸗ pitän!“ hob ſie an.„Um wie viel beſſer als alle 10² andern! Und Sie wollen mein Freund ſein.. Sie... mein Gott, mein Gott!“ Sie war ſo unausſprechlich glücklich in dieſem Augenblick: es ſchien ihr, als ob Liebe und Hoffnung ihr entgegenlächelten. Es war das erſte Mal in ihrem Leben, daß die Zukunft ſich mit ſo holder Wonne ſchmückte. Ueberraſcht ſchaute Puke auf und bemerkte jetzt, welche Veränderung, um nicht zu ſagen Verzauberung, er hervorgerufen hatte. Er zog ſich erſchrocken zurück. Einen Augenblick blieb er ſtumm.„Mein Gott,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„ſie muß mich lieben.“ Dieſer Gedanke kühlte ihn ab, ſtatt zu wärmen. Sie ſank immer mehr in ſeinen Augen. Jetzt ſah er in ihr nur das Weib, das im Begriffe ſtand, die Geheim⸗ niſſe des Hofes zu verrathen; aber ſollte er ſich zu⸗ rückziehen? War es nicht beſſer, wenn er ſeine Hand ausſtreckte und ſie zu retten ſuchte, nicht blos um ihrer ſelbſt, ſondern auch um ſeiner Freunde willen? Trotz dieſes Entſchluſſes war es ihm unmöglich, in die Art, wie er ſie behandelte, in den Ton, womit er zu ihr ſprach, einige Milde zu legen. „Mamſell Amanda,“ ſagte er,„laſſen Sie uns vom Hofe ſprechen. Sie haben Einiges von ihm erzählt, aber nicht Alles; fahren Sie fort, Mamſell.“ Amanda ſtarrte ihn verwundert an. Nicht ſeine Worte erſchreckten ſie, ſondern die Kälte, womit er ſie anredete. Der ſchwärmeriſche Ausdruck in ihrer Miene verſchwand. Sie ſchien auf einmal aus einer Roſenwolke in die kalte Wirklichkeit herabzufallen. Hatte ſie ſich getäuſcht? Ein Mädchen täuſcht ſich in ſeinem Liebestraum nicht, ohne daß Gefühle bittern ———— ——-,—— 103 Grames in ihr erwachen. Puke ſtand unbeweglich, aber verſchloſſener als je da. Hatte ſie ihn mißver⸗ ſtanden oder hatte er ſie mißverſtanden?“ „Fahren Sie fort, Amanda,“ ſagte er,„erzählen Sie weiter.“ Amanda zog ſich, wie von einem elektriſchen Schlag getroffen, einen Schritt zurück. Die Kälte in Puke's Stimme verlor ſich nicht. „Ich habe bereits Alles geſagt,“ erklärte ſie. „Was wollen Sie, daß ich noch mehr ſagen ſoll? Aus Achtung habe ich Sie vor dem Hofe gewarnt. Ich habe Nichts hinzuzufügen.“ „Das iſt nicht wahr, Sie haben noch ſehr viel zu erzählen.“ „Nein, Capitän, ganz und gar Nichts.“ Puke war von einem einzigen Intereſſe, um wel⸗ ches alle ſeine Gedanken ſich ſammelten, nämlich dem Hof, den er als die goldene Einfaſſung ſeiner Alma, des ſchönſten Kleinods ſeiner Seele, betrach⸗ tete, zu ausſchließlich in Anſpruch genommen, als daß er bemerkt hätte, daß auch Amanda ſich in ſich zu⸗ rückzog. „Nein, Capitän Puke, ich habe Nichts hinzuzu⸗ fügen... gar Nichts.“ Puke heftete einen feſten Blick auf ſie. „Sie wollen ja meine Freundin ſein, ſagen Sie, aber Freundſchaft erfordert Aufrichtigkeit.“ „Ich bin aufrichtig geweſen.“ „Amanda, warum fand ich Sie in dieſem Salon hier?“ Amanda wechſelte die Farbe. 104 „Sie ſtanden in der Haltung aufmerkſamen For⸗ ſchens da; Sie lauſchten.“ Amanda wurde immer bläſſer. „Ich will Ihnen erzählen, was Sie verhehlen wollen. Sie ſind Pechlins geheime Bötin hier, ſeine Zwiſchenträgerin, ſeine...“ „Um Gottes willen, kein Wort mehr!“ „Sie ſind ſeine Spionin!“ vollendete Puke. Amanda ſank auf einen Stuhl nieder. „Barmherzigkeit, Gnade, Schonung!“ Sie verbarg ihr Geſicht in ihren Händen; aber es währte nicht lange, ſo ſprang ſie wieder auf. „Wären dieſe Worte von den Lippen irgend eines andern Menſchen gekommen, ſo würde ich ihn ewig haſſen; aber Sie... nein... nein...“ Sie ſchien ihren eigenen, bereits keimenden Haß bekämpfen zu wollen. Einen Augenblick blieb ſie jedoch ſtill ſtehen und heftete ihre großen dunkeln Augen auf ihn, während die ſcharfen Züge ihres Geſichtes ſchnell wieder das liebliche und milde Anſehen gewannen, das ſie ſo eben gehabt. Noch einmal ſchien ſie, gegen ihren Willen, zu ihm hingezogen zu werden. „Capitän Puke,“ ſprach ſie,„Sie haben Etwas geſagt; warum wollen Sie mir nicht Alles ſagen? Können Sie in meine Seele ſehen, warum ſehen Sie dann nicht auch in mein Herz? Bin ich mit meinen tadelnswerthen Seiten kein Geheimniß für Sie, wa⸗ rum wollen Sie dann nicht auch die guten ſehen? Seien Sie gerecht gegen mich, Capitän Puke.“ Ihre Stimme war demüthig und bittend. — 105⁵ „Vermuthlich wollen Sie ſagen, daß Sie einſam und verlaſſen in der Welt ſtehen, daß Sie Niemand gehabt haben, der Ihnen eine zärtlichere Pflege ſchenkte?“ „Mag ſein, warum nicht?“ „Daß Sie die Verpflichtungen erfüllen müſſen, in denen Sie zu Pechlin ſtehen?“ „Auch das; aber weiter, Capitän.“ „Daß Ihr Herz...“ „Mein Herz, was wollen Sie von dieſem ſagen?“ „Daß es willenlos ſei... ſchwach... daß es ſich vom Gefühl der Dankbarkeit gegen denjenigen leiten laſſe, der Sie mit ſo großer, wenigſtens ſchein⸗ barer Uneigennützigkeit erzogen hat?“ „Fahren Sie fort, Capitän, fahren Sie fort.“ Amandas Geſicht bekam ſeinen ſtolzen, wunderbar imponirenden Ausdruck wieder. „Warum fahren Sie nicht fort?“ fragte ſie. „Haben Sie die Güte und ſagen Sie Alles, Capitän. Sie haben mich angeklagt, und ich beſitze Muth genug, mich in Ihren Augen wieder aufrichten zu wollen. Capitän,“ fügte ſie hinzu,„wir werden, habe ich Ihnen geſagt, entweder als Freunde oder als Feinde ſcheiden.“ Puke mußte geſtehen, daß er ein ganz außer⸗ ordentliches Weib vor ſich hatte. Aber da er dies einſah, zog er ſich nur noch mehr von ihr zurück. „Weiter, Capitän,“ fügte ſie hinzu,„weiter?“ Puke meinte zu hören, wie ihre Pulſe pochten. Er verſtummte. Er wollte ihre eigene Vertheidigung vernehmen. „Mein Herz ſagt mir, Capitän,“ hub ſie an, 106 „daß unſere Schickſale auf irgend eine wunderbare Weiſe in Freundſchaft oder Feindſchaft zuſammen⸗ ſtoßen werden. Vom erſten Augenblick an, wo ich Sie ſah, fühlte ich das. Ich wünſche mir Ihre Ach⸗ tung zu erwerben, aber ich bin auch auf Ihre Ver⸗ achtung gefaßt. Der Verluſt der erſteren kann mir durch nichts Anderes erſetzt werden, als durch die letztere. Ihre bloße Verkennung würde mich tödten, wie eine Zehrkrankheit. Ich habe blos zwiſchen Er⸗ gebenheit oder Haß zu wählen. Hören Sie mich alſo an. Ich habe Ihnen geſagt, daß ich allein in der Welt ſtehe, daß mein Herz an keinem anderen Herzen ſchlagen durfte, obſchon alle ſeine Funken dem Wunſche ſprühten, Jemand zu beſitzen, an den ich mich recht warm und aufrichtig anſchließen könnte. Bei dieſem Zuſtand innerer Lebloſigkeit wurde mir meine ganze Umgebung vollkommen gleichgültig, ſo gleichgültig, daß meine Seele weder Theilnahme noch Zärtlichkeit empfand. Alles was ich hörte, und Alles was ich ſah, trug blos das Gepräge der beſtändig jagenden Friedloſigkeit kleiner Seelen, leichtſinniger Unbegnügſamkeit mit dem, was ſie waren oder be⸗ ſaßen, und eines raſtloſen egoiſtiſchen Haſchens nach etwas Beſſerem, was ſie bekommen zu können hoff⸗ ten. Ich lächelte dazu und wurde ſelbſt eine kalte Egoiſtin; ich ſage kalt...“ Amanda hielt hier inne; auf einmal ergriff ſie Puke's Hand. „Aber vielleicht,“ fiel ſie ein,„ſollte ich hier ab⸗ brechen?“ „Nein, fahren Sie fort,“ bat Puke. „Nun wohl denn,“ ſagte ſie, indem ſie mit einer 107 übermüthigen, launenhaften Bewegung ihren Kopf zurückwarf,„Sie mögen Alles hören.“ „Puke kreuzte die Arme über ſeiner Bruſt. „Wiſſen Sie,“ fuhr ſie fort,„wann und wo ich Sie zum erſten Mal geſehen habe?“ „Nein.“ „Ich kann Ihnen Alles ſagen, weil ich mir vor⸗ genommen habe, vor Ihnen nicht zu heucheln. Sie wiſſen ſelbſt am allerbeſten, was ſich in Drottning⸗ holm mit Ihnen zugetragen hat. Als Sie ſich ent⸗ fernten, blieben Sie im Vorſaal ſtehen und lehnten ſich an eine der Colonnen. Was dabei in Ihrem Innern vorging, iſt mir unbekannt. Aber auch ich ſtand an eine andere Colonne gelehnt da, um meine heiße Stirne an ihrem Marmor zu kühlen. Ich weiß nicht, wie lange ich mich da befand, ich ſtierte auf meine Füße hinab; aber als ich die Augen aufſchlug, ſah ich Ihre bleiche Geſtalt vor mir. Ich glaubte, Sie betrachteten mich, und ich wollte fliehen, ver⸗ mochte mich aber nicht von der Stelle zu entfernen. Mein Herz klopfte mit einer Heftigkeit, die ich nicht beſchreiben kann. Bald merkte ich jedoch, daß Ihr ſtarrer Blick mehr todt als lebendig war, daß Sie gerade vor ſich hin ſchauten und doch Nichts ſahen. Ich betrachtete Sie... ich konnte Sie frei betrachten... weil Sie... obſchon Ihr Auge mich ſtarr fixirte... ſelbſt Nichts davon wußten. Ich hatte nie etwas Aehnliches geſehen. Sie waren ein in's Stocken gekommener Vulkan. Sie waren Haß, Rache, Zorn, aber mit einer ſiedenden Hölle in Ihrem Innern. Nie habe ich ein ſo wunderbares Gefühl empfunden, wie in dieſem Augenblick, noch nie hat 108 eine Stimme ſo zu mir geſprochen. Ich habe von Menſchen erzählen gehört, die kurz vor ihrem Tod oder andern wichtigen Augenblicken unerwartet ſich ſelbſt zu ſehen bekamen. So ungefähr wirkte Ihr Anblick auf mich. Unruhig, kalt, lebendig und todt, Alles zugleich. Ich ſah und ſah und konnte nicht genug ſehen.“ Amanda pauſirte und ſenkte ihr Geſicht zur Erde; dann erhob ſie es wieder. Puke wollte ſie nicht unterbrechen; er lauſchte aufmerkſam jedem ihrer Worte. „Von dieſem Augenblick an,“ fuhr Amanda fort, „hat ſich Alles für mich verändert. Es iſt mir, als ob jetzt erſt Alles um mich her eine Bedeutung ge⸗ wonnen hätte, von einem höhern Hauch belebt wor⸗ den wäre; aber damit nicht genug, mein Herz klopft jetzt auf eine ganz andere Art; ich gräme mich über meine Stellung, ich bereue den Weg, den ich gegan⸗ gen bin, ich ringe verzweiflungsvoll meine Hände, weil ich nicht weiß, wie ich— bedenken Sie das wohl, Capitän— wie ich die Bande der Dankbar⸗ keit zerreißen ſoll. Ich habe Niemand, Niemand, Niemand, dem ich mich anvertrauen kann. O mein Gott, Niemand!“ Puke hatte ſie bereits verſtanden, das Räthſel war gelöst, ſie war kein Geheimniß mehr für ihn. Ihm graute jedoch vor der Entdeckung, die er ge⸗ macht hatte, und er ſah ſich bereits nach Mitteln um, wie er ſich aus dem Labyrinth ziehen könnte, in welches der Zufall ihn führen zu wollen ſchien. Amanda's von Natur ſo reich begabtes Weſen und ihr durch eine herzloſe und egoiſtiſche Erziehung ſel en 109 leichtſinnig verwahrloster Charakter waren durch einen ſtarken Eindruck in ihrem Gleichgewicht erſchüt⸗ tert worden, ſo daß ſie hernach keinen feſten innern Halt mehr gewinnen konnte. War es jedoch Liebe, wahre, tiefe, unbeſtechliche Liebe, oder war es viel⸗ leicht ein Blendwerk der Phantaſie, eine jener Luft⸗ ſpiegelungen der Leidenſchaft, welche bezaubern und entzücken, in der That ſelbſt aber betrügen? Dieſe Frage erfüllte Puke's Gedanken. „Amanda,“ ſagte er,„Sie können Alles, was Sie geſagt haben, in ein einziges Wort zuſammen⸗ faſſen.“ Amanda ſank beinahe zu Boden. „Wollen Sie dieſes einzige Wort hören, das Ihnen eine Erklärung über ſich ſelbſt geben kann?“ fragte Puke. Amanda legte ihre Hand ſachte auf ſeine Schul⸗ ter und ſchaute ihn an; ſie ſchien beinahe ſeine Ge⸗ danken erlauſchen zu wollen. „Still, ſtill,“ flüſterte ſie;„doch warum nicht?. Sagen Sie mir Ihre Anſicht... aber nein... nein... Sie tödten mich.“ „Amanda,“ fiel Puke ohne die mindeſte Bewe⸗ gung in ſeinem Geſichte ein,„Sie lieben.“ Gleich als hätte ein Dolchſtoß ihr Herz getroffen, hob ſie mit einem Ausdruck des Entſetzens die Hand an ihre Bruſt, wie wenn ſie den letzten Blutstropfen verhindern wollte, wegzufließen. „Die Liebe,“ fuhr er fort.„iſt eine große Macht.“ Amanda's Athem war ſtocken geblieben; ſie war leichenblaß geworden. 110 „Auch ich,“ fügte Puke hinzu,„liebe tief und innig.“ Amanda ſtützte ſich auf die Stuhllehne: ſie war einer Ohnmacht nahe. Puke wollte ihr Alles auf einmal ſagen: er wollte nicht die geringſte Spalte offen laſſen, durch welche die Hoffnung in ihre Seele hätte eindringen können. Er that dies nicht blos aus Pflichtgefühl gegen Amanda, ſondern auch aus Ergebenheit gegen Alma, vor welcher er ſich— mit Aufopferung aller andern Rückſichten— vollkommen rein fühlen wollte. Die magiſche Schönheit Amanda's hatte für Puke bereits ihre Zauberkraft verloren. Er ſah jetzt auch nicht mehr die warme, feurige Südländerin, ſondern blos das gefährliche Weib vor ſich. „Und ich bin glücklich in meiner Liebe,“ fuhr er fort;„mögen Sie es auch werden!“ Daſſelbe eiskalte Lächeln, das wir ſchon einige Male über Amanda's Züge fliegen ſahen, flog auch jetzt darüber hin. Die perlweißen Zahnreihen glänzten, wie kleine weiße Blitze, zwiſchen den ſchwellenden Purpurlippen. Im Uebrigen bewegte ſich kein Zug an ihr: ſie ſchien in eine Bildſäule verwandelt zu ſein. „Wen... wen?“ ſtammelte ſie;„wen?“ Sie fragte, wen er liebe. Puke ſah mit Entſetzen, zu welchem Grad von Haß die Leidenſchaft ſie führen könnte; er ſah, daß er hier eine Feindin finden würde, die gefährlicher werden könnte, als jeder andere Feind; er ſah, daß 111 ſie zu einer ebenſo beharrlichen als blinden Verfol⸗ gung fähig wäre. Er reichte ihr die Hand hin; ſie bemerkte es nicht. „Ich erwartete,“ ſagte er,„in Ihnen eine warme, weibliche Natur zu finden, die dem Hof ergeben wäre, an welchem Sie dienen.“ „Sie wollen mir nicht ſagen, wen Sie lieben, Capitän?“ Puke hatte keine Luſt, dieſe Frage zu beantworten. „Ich hoffte,“ fuhr er fort,„eine Freundin in Ihnen zu finden.“ „Sie beantworten meine Frage nicht.“ Ein widerliches Gefühl bemächtigte ſich Puke's. „Ich näherte mich Ihnen mit Achtung,“ fügte er in ſeinem Verdruß hinzu,„ſoll ich ſcheiden mit...“ „Mit Verachtung?“ ergänzte ſie unter einem heftigen Ausruf,„mit Verachtung?“ Puke warf ihr blos einen kalten Blick zu. „Ich habe mich in Ihnen getäuſcht,“ ſagte er; nich glaubte, Sie wären ein Weib von Herz, und ich habe gefunden, daß Sie blos Launen haben. Noch ein Wort, Amanda. Sie ſind eine Feindin des Hofes: halten Sie ſich darauf gefaßt, daß von dieſer Stunde an ein ſtrenges Auge über Ihnen wacht. Sie haſſen mich bereits: halten Sie ſich auch darauf gefaßt, daß ich Sie nicht fürchte; Sie werden, das ſehe ich wohl ein, diejenige verfolgen, die ich liebe: aber nehmen Sie ſich wohl in Acht, berühren Sie nicht eine einzige ihrer Locken... denn ſonſt... ſonſt...“ Er vollendete nicht. 112 „Ich habe Ihnen Nichts mehr zu ſagen,“ fügte er nach einem Augenblick hinzu.„Leben Sie wohl!“ Puke kehrte ihr den Rücken. Amanda ſank mit einem kurzen, haſtigen, wilden Ausruf in den Stuhl nieder. Der Ton klang feindſelig; aber Puke drehte ſich nicht einmal um, ſondern ſetzte ſeinen Weg in's nächſte Zimmer fort, wo er Wrangel zu treffen hoffte. Baron Wrangel war auch da, aber wir wollen den Leſer jetzt nicht mit der Beſprechung bekannt machen, die zwiſchen ihnen ſtattfand, ſondern dieſes Geſchäft noch aufſchieben. Das Einzige, was wir hier ſagen wollen, iſt, daß Puke tief erſchüttert ſchien, als er nach einer Weile wieder herauskam. Amanda ſaß noch auf demſelben Platz, wo er ſie verlaſſen hatte; aber er ging vorbei, ohne von ihr und der kalten Drohung, die auf ihren Lippen ſpielte, auch nur die mindeſte Notiz zu nehmen. Neuntes Kapitel. Creutz und Ehrenpreutz. Erklärungen. Der Leſer dürfte ſich erinnern, daß Puke ſchon frühe Pechlin's Haus verließ. Fräulein Creutz ſuchte ihn daher beim Souper vergebens mit ihren Blicken und kehrte endlich in Geſellſchaft ihres Bruders und ihrer Schwägerin nach Hauſe zurück, aber mit einem Herzen, das überquoll von wahrer und reiner Er⸗ gebenheit gegen den einzigen Mann, der den allzu 113 lebendigen Funken der Liebe bei ihr zu entzünden vermocht hatte. Gleichgültig gegen die ganze Geſellſchaft und nach Puke ſich ſehnend, hatten ſie und Amanda ſich näher an einander geſchloſſen. Was Jahre und gewöhn⸗ liches Zuſammenleben vielleicht nicht vereinigen kön⸗ nen, das führt ein einziges mächtiges Gefühl mit der Schnelligkeit des Gedankens zuſammen. Obſchon Alma und Amanda einander faſt täglich bei Hofe geſehen, hatten ſie ſich doch bisher nicht weiter ge⸗ kannt, als daß ſie einander aus gewöhnlicher Höf⸗ lichkeit grüßten. Aber dieſer Abend machte ihre Stellung gleich. Amanda, die feuriger und vulka⸗ niſcher war als Alma, ſprach ausſchließlich von Puke. Wenn eine Leidenſchaft in ihr raste, ſo mußte ſich Alles ihrer Gewalt unterwerfen. Mit wollüſtigem Behagen ſog Alma den orientaliſchen Duft ihrer glühenden Sprache ein: dieſe Sprache, worin ein neues, ſtarkes, brennendes Gefühl aus der Tiefe ihres Herzens eine ganze Welt von Blumen ent⸗ wickelte. Alma, die in der ſtolzen Freude, ſich ge⸗ liebt zu wiſſen, zu egoiſtiſch, aber des ſchönſten Rech⸗ tes der Liebe, ſich Andern mittheilen zu dürfen, be⸗ raubt war, ahnte nicht einmal, daß Amanda von derſelben Gluth brannte, von demſelben Strahl durch⸗ bebt wurde, derſelben wunderbaren Macht unterlag, wie ſie; ſie erfreute ſich des ungeſtörten Genuſſes, jedes Wort Amanda's anhören zu dürfen, und öff⸗ nete ihre ganze Seele dieſem Regen von Roſen und Lilien, worin ſich die farbenſchimmernden Regenbogen der Verheißung und Hoffnung in prismatiſchem Glanz vor ihrem belebten Gemüthe brachen. Sie erblickte Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. II. 8 114 daher auf einmal in Amanda ihre beſte Freundin. Aber auch Amanda fühlte ſich von ihr ungemein angezogen. Mußte ihr nicht Diejenige als eine theure und innige Freundin erſcheinen, die ihr theilnahms⸗ voll und ohne Unterbrechung geſtattete, all die Ge⸗ fühle zu ergießen, welche ſich in ihr drängten: mußte nicht Diejenige eine wahre Freundin ſein, die, wäh⸗ rend ihre Phantaſie unaufhörlich nur einen einzigen Gegenſtand umflatterte, ſtill und mild ihre Bemer⸗ kungen anhörte und ihre vertraulichen⸗Mittheilungen entgegennahm? In dieſer Stimmung verließ Alma das Haus Pechlin's. Auf dem Heimweg konnte jedoch Lieutenant Creutz einige Bemerkungen über den zwiſchen Chrenpreutz und Puke vorgefallenen Auftritt, welcher den Letz⸗ teren ohne Zweifel zu ſeinem baldigen Aufbruch ver⸗ anlaßt haben werde, nicht ganz unterdrücken. Unruhig lauſchte Alma ſeinen Worten. Je räth⸗ ſelhafter dieſe waren, um ſo banger wurde ihr um's Herz. Sie wagte es jedoch nicht, nähere Aufſchlüſſe zu verlangen. Aber als ſie am folgenden Tag aus ihrem Ca⸗ binet in das gemeinſchaftliche Familienzimmer her⸗ abkam, hatte ſie ſich vorgenommen, ſcherzend den Sinn der am Abend ſo dunkel und zweideutig hinge⸗ worfenen Worte zu erforſchen. Zu ihrem Leidweſen fand ſie jedoch nur Marie Luiſe nebſt den Kindern vor und hörte, daß Creutz ſchon in aller Frühe aus⸗ gegangen ſei. In Erwartung ſeiner Rückkehr benützte ſie ihre Zeit dazu, daß ſie Marie Luiſe als Bundes⸗ 115 genoſſin zu gewinnen ſuchte, und das gelang ihr auch, ohne daß Letztere die geheime Urſache ahnen konnte. Auch Marie Luiſe intereſſirte ſich aufrichtig für Puke, weil ſowohl die Haltung, die er bei Pech⸗ lin angenommen, als auch ihre ſtille Hoffnung, daß er all ſeinen Muth aufbieten werde, um die ihrer Familie drohende Gefahr abzuwenden, ihr die größte Achtung für ihn eingeflößt hatte. Aber all die klei⸗ nen Pläne, die weibliche Schlauheit erſonnen, ſollten vereitelt werden. Lieutenant Creutz kam nicht ſo bald zurück, wie man ſich vorgeſtellt hatte, er blieb bis gegen Mittag aus, und als er da endlich bei den Damen eintrat, befand er ſich in keiner ſcherzhaften Laune, ſondern war ungewöhnlich heftig und aufge⸗ regt. Er ging auf und ab und ließ nicht viel von ſich hören. Nach ſeiner Verſchloſſenheit zu urtheilen, mußte er wichtige Dinge zu überlegen haben. Dies beunruhigte ſowohl Alma als Marie Luiſe von Neuem und erklärte das Räthſel nicht. Mitunter warf Creutz zwar einige abgebrochene Worte oder halbe Sätze hin, aber man konnte unmöglich Schlüſſe daraus ziehen. Ein wirkliches Geſpräch war nicht einzulei⸗ ten. So verging eine Viertel⸗, ſo eine halbe Stunde. Jetzt wurde ein fremder Bote angemeldet, der einen Brief in des Grafen eigene Hände zu über⸗ geben verlangte. Der Mann trat ein. Creutz empfing und er⸗ brach den Brief. „Von Puke,“ ſagte er überraſcht. Die Damen blickten auf. Marie Luiſe folgte mit unruhiger Neugierde allen Bewegungen ihres Mannes; Alma dagegen wandte ſich gegen den Boten. 7 116 Es war ein älterer Mann mit langem, grauem Schnurrbart. Als ſie ſich gegen ihn kehrte, betrachtete er ſie mit feſten und klugen Augen. Alma glaubte in dieſer Pudelphyſiognomie Nichts als Rechtſchaffenheit und Ehrlichkeit zu entdecken. Als Creutz den Brief erbrochen hatte, ging er in's nächſte Zimmer, um ihn zu leſen. „Folge meinem Bruder,“ flüſterte Alma ihrer Schwägerin zu;„bedenke, wenn jetzt eine neue Ver⸗ drießlichkeit drohte.“ Alma drückte mit dieſen Worten auf eine Feder, die bei Marie Luiſe alle andern in Bewegung ſetzte, und dieſe eilte ihrem Manne nach. Kaum waren beide fort, ſo ging Alma auf den Boten zu. „Sie dienen dem Capitän Puke?“ „l.” „Sie ſind ein ehrlicher Mann?“ „Ja.“ „Ihr Name?“ „Jonas.“ Alma war unſchlüſſig, ob ſie fortfahren ſollte; aber Jonas ließ die hiedurch entſtandene Pauſe nicht unbenützt vorübergehen. „Capitän Puke,“ fiel er ein,„hat mir geſagt, ich würde ein Fräulein Creutz hier treffen.“ „Die bin ich.“ „Er beſchrieb Sie mir.“ Jonas ſchaute aufmerkſam umher, ob Niemand ſie beobachten könne. 117 „Haben Sie mir Etwas zu ſagen?“ fragte Alma, die ſeinen forſchenden Blick bemerkte. „Nein.“ „Nichts?“ „Ich habe Ihnen Etwas zu übergeben, mein Fräulein.“ „Mir?“ „Hier.“ Er drückte ihr einen Brief in die Hand. „Bekomme ich eine Antwort?“ „Antwort? Jetzt?“ Es wimmelte in Alma's Kopf. Ihr Herz klopfte ſo lebhaft. Sie empfand eine Freude, für die es keinen Ausdruck gab. Es war der erſte Brief, den ſie erhielt. Sie glaubte nie glücklicher werden zu können, als ſie jetzt war. Man hörte Creutz und Marie Luiſe bereits zu⸗ rückkommen. Alma hielt ein weißes Nastüchlein in ihrer Hand. „Der Capitän dauert mich,“ ſagte Jonas.„Geben Sie mir das als Beweis, daß Sie den Brief richtig erhalten haben. Er könnte mir ſonſt vielleicht nicht glauben.“ „Da nehmen Sie.“ Das Tüchlein verſchwand in der Taſche des Alten. Alma hatte ihren Platz noch nicht wieder einneh⸗ men können, als Creutz und Marie Luiſe zurückkamen. „Meine Empfehlung an den Capitän,“ ſagte Creutz zu dem Boten, nund wir werden uns treffen.“ Jonas verbeugte ſich und ging. Creutz blieb mit dem Brief in der Hand noch eine Weile vor der Thüre ſtehen. 118 Er las ihn noch einmal. Dann wandte er ſich um und ging ſtill in ſein Zimmer. „Was enthielt der Brief?“ fragte Alma. „Creutz wollte es mir nicht ſagen,“ antwortete Marie Luiſe;„ich fürchte, es ſind unangenehme Ge⸗ ſchichten.“ Als Creutz wieder herauskam, war er zum Aus⸗ gehen angekleidet. „Wohin?“ fragte ſeine Frau. „Zum Grafen Chrenpreutz.“ „Und auf wann kann ich Dich zu Haus er⸗ warten?“ „Es iſt am beſten... Du warteſt gar nicht.“ Als Creutz an die Thüre kam und bereits ſeine Hand an die Klinke gelegt hatte, blieb er ſtehen und wandte ſich gegen Marie Luiſe. „Leb wohl!“ flüſterte er ihr ſanft und freundlich zu, indem er einen Kuß auf ihre Lippen drückte,„leb wohl!“. Wie ſegnend legte er dann ſeine Hand auf die Häupter der Kinder. Noch einmal blickte er ſeiner Frau in die Augen. Marie Luiſe konnte ihren Schmerz nicht länger zurückhalten: eine Thräne perlte über ihre Wange hinab. „Beunruhige Dich nicht um mich,“ bat er ſie jetzt;„ich werde bald wieder da ſein.“ Ohne ein Wort hinzuzufügen, wandte er ſich von ihr ab und verließ das Zimmer. Marie Luiſe drückte ihre Kinder an ihre Bruſt. Der Brief, den Alma von Puke empfangen hatte, 119 brannte an ihrer Bruſt. Nachdem ſie ihrer Schwä⸗ gerin die jungfräuliche Theilnahme ihrer reinen Seele gewidmet, ihr Troſt und Hoffnung eingeflößt hatte, ſchlich ſie endlich auf ihr Zimmer, um aus Puke's Brief Erleichterung für ihr eigenes banges Herz zu ſchöpfen. Wir befinden uns im Arbeitszimmer des Grafen Ehrenpreutz. „Sie müſſen mir ſagen, Onkel, was Sie geſtern zu ſo harten Ausdrücken gegen Capitän Puke ver⸗ anlaßte.“ Es war Lieutenant Creutz, der ſprach. Der alte Chrenpreutz ſtierte ihn blos fragend und verwundert an. In einen tiefen Lehnſtuhl ver⸗ ſunken und ſeinen Kopf mit einer großen, in reichen Locken ausgelegten, grauen Perrücke bedeckt, glich er beinahe einem Uhu, der in der Dämmerung langſam ſeinen Kopf wendet und bald nach der einen, bald nach der andern Seite guckt. „Ich bin nicht Puke's Freund,“ fuhr Creutz fort, „die Freundſchaft hat nie beſondere Lockungen für mich gehabt. Ich will in der Welt vorwärts kom⸗ men, ich will Glück machen. Aber ich bin auch nicht Puke's Feind. Ein kluger Mann darf ſich nicht von einſeitigen Leidenſchaften hinreißen laſſen. Ihr An⸗ griff gegen Puke erweckte jedoch ein Gefühl der Theilnahme in mir. Ich ärgerte mich über eine mir unerklärliche Handlungsweiſe, und ich habe Urſache darüber unzufrieden zu ſein.“ Chrenpreutz nahm ein Priſe Tabak, und nachdem er forgfältig bemüht geweſen, auch das kleinſte Körn⸗ 120 chen für ſeine Geruchsorgane zu retten, drehte er ſich in ſeinem Lehnſtuhl auf die andere Seite. „Dieſer ganze Handel,“ fuhr Lieutenant Creutz fort,„hat ein ebenſo großes als unangenehmes Auf⸗ ſehen erregt. Wohin man in der Stadt kommt, iſt von nichts Anderem als von Puke's Forderung und von Ihrem Benehmen die Rede.“ „Iſt die Rede davon?“ wiederholte Chrenpreutz, „was ſagt man davon, was?“ „Man legt die Sache ſehr verſchieden aus. Die Meiſten, von denen ich Aeußerungen gehört habe, treten inzwiſchen auf Puke's Seite, und will man auch in meiner Gegenwart noch vortheilhaft von Ihnen ſprechen, ſo bemerke ich doch, daß die öffent⸗ liche Meinung Ihnen abhold iſt. Sowohl um Ihrer ſelbſt als um meinetwillen werde ich jedoch als Mann zu handeln wiſſen. Aber das iſt nicht genug. Ich muß auch das Geſchwatze widerlegen können, und zwar nicht blos mit dem Degen oder Piſtol, ſondern mit der überzeugenden Macht des Wortes. Ver⸗ zeihen Sie mir deßhalb, Onkel, aber ich muß Ihnen ſagen, daß ich mich nicht eher von hier entferne, bis Sie mir klar und deutlich gemacht haben, was ich ſelbſt von Puke und von Ihnen denken ſoll.“ Ehrenpreutz nahm eine neue Priſe, ſchien aber über Allerlei nachzudenken, denn er pauſirte bedächt⸗ lich zwiſchen jedem Schub, den er ſeiner Naſe zu⸗ führte. „Ich habe,“ fuhr Creutz fort,„heute von Puke einen Brief erhalten.“ „Einen Brief von Puke? Kann man ihn ſehen?“ „Er iſt ganz kurz, aber nichtsdeſtoweniger ſehr 121 merkwürdig. Er erklärt darin, daß er mich meines geſtern Abend gegebenen Verſprechens, mich zu duel⸗ liren, entbinde, wofern ich mich ſelbſt durch einige für mein Urtheil wichtige Umſtände hiezu veranlaßt finde, daß er mich aber ſonſt heute Abend im Stall⸗ meiſterhof erwarte.“ Chrenpreutz, der bei beſonders wichtigen Fällen ſeine Priſen in mehrere kleine Parthieen zu theilen pflegte, ſchob jetzt das letzte Körnchen hinauf und ließ dann ſeine Hand ſinken. „Ich habe mir die Urſachen dieſes ſonſt ganz verwunderlichen Vorſchlags zu erklären verſucht,“ fuhr Creutz fort.„Entweder— habe ich zu mir ſelbſt geſagt— muß Puke Aufſchlüſſe erhalten haben, in Folge deren er ſich ſelbſt nicht berechtigt glaubt, gegen mich aufzutreten, oder auch iſt dies eine Kriegs⸗ liſt, um die öffentliche Meinung noch entſchiedener zu gewinnen und uns Beide gleich ſehr dem allge⸗ meinen Tadel preiszugeben.“ CEhrenpreutz ließ blos ſeine Finger knacken. „Sie ſchweigen, Onkel. Es kann wohl nicht Ihre Abſicht ſein, auf dieſem Stillſchweigen in einer Sache zu beharren, der Sie ſelbſt einen gewiſſen Eelat gegeben haben. Die vertrauensvolle Ergeben⸗ heit, die ich Ihnen gewidmet habe, ſowie Ihre mir bekannten Wünſche wirkten auf mein Benehmen gegen Puke ein. Aber es liegt nicht in meinem Charakter, für die Dauer blos ein ſimples Werkzeug zu bleiben. Da ich jetzt in Folge Ihres Einfluſſes im Begriff ſtehe, Puke auf dem Wahlplatz zu treffen, ſo beſitze ich unzweifelhaft das Recht, mir eine Erklärung von Ihnen auszubitten, inwiefern ich mich für eine Sache, 122 die eines wirklichen Opfers würdig iſt, oder blos für eine ſimple Laune blosſtelle. Betrachtet man die Sache ruhig und gelaſſen, ſo iſt die Frage nicht ohne ihren großen Ernſt. Puke iſt ein geübter Krieger, der ſeine Waffen meiſterhaft führt, wenigſtens hat man mir das geſagt, und dann bin ich verheirathet . ich habe Kinder.“ „Halt ein, Creutz, ich bitte Dich, halt ein!“ bat Ehrenpreutz.„Wenn ich,“ fuhr er dann fort,„Dich meinen Intereſſen ſo treu ergeben wüßte, daß ich mich, ohne Verrath fürchten zu müſſen, Dir aufrich⸗ tig anvertrauen könnte, ſo... ſo...“ Creutz ſah ihn verwundert an. „Wie?“ ſagte er,„Ihren Intereſſen ergeben... Verrath fürchten... Was wollen Sie damit ſagen? Sollten Sie...“ Creutz bebte vor dem Gedanken zurück, den die Worte des Alten eingaben, daß das Geheimniß der gegen Puke gerichteten Beſchuldigung eigentlich auf Ehrenpreutz ſelbſt zurückfallen könnte. Aber Chrenpreutz, der die Idee ſeines Neffen im Nu auffaßte, zog ſich wieder in ſeine Schale zurück. Der Uebergang war augenblicklich. Seine Geſichts⸗ züge, die eine Weile lang freundliche Güte und Auf⸗ richtigkeit ausgedrückt hatten, wurden wieder kalt, pfiffig und berechnend. Ein Gedanke war an die Stelle eines Gefühls getreten. Es war blos ein Druckfehler, der corrigirt worden war. „Fahren Sie fort, Onkel,“ bat Creutz,„fahren Sie fort.“ „Nachdem ich einmal das Wort ergriffen habe,“ 123 antwortete der Alte mit der vollkommenſten Ruhe, „ſo will ich es thun.“ Er that, als ob er den Argwohn, den Creutz gegen ihn gefaßt hatte, nicht einmal bemerkte. „Aber um Dir das Verhältniß klar zu machen,“ fuhr er fort,„muß ich einen kleinen Kurs in der Geſchichte durchgehen. Vielleicht daß dies dennoch nicht ſchmeckt?“ „Ich werde Alles mit der größten Aufmerkſam⸗ keit anhören, da ich wohl weiß, daß Sie Nichts ſagen werden, was nicht zur Sache gehört.“ Ehrenpreutz nahm wieder eine Priſe und machte ſich bereit anzufangen. Alles das geſchah mit einer Ruhe, die vollkommen ſchien. „Du bildeſt Dir ja doch, wie beinahe alle Leute, ein, daß Du die Geſchichte kenneſt,“ fuhr er fort. „Ein wenig, Onkel, ein wenig.“ „Das iſt recht. Man kennt Alles in der Welt blos ein wenig. Von der Geſchichte weiß die Menge ſogar noch weniger als das, ſie kennt gewöhnlich blos ihre äußeren Erſcheinungen, ſelten ihre inneren verborgenen Triebfedern, die nicht immer in den Händen der Regierung liegen, ſondern häufig andern Gewalten zu Gebot ſtehen, die ſogar außerhalb der Regierung ſelbſt ſtehen können, aber mächtiger ſind als dieſelbe, weil ſie mittelbar oder unmittelbar die Regierung ſelbſt beherrſchen. Die Ariſtokratie iſt bei uns, wie in den meiſten Ländern, eine ſolche Gewalt. Damit Du mich begreifſt, muß ich Dich einen Blick hinter die Kuliſſen werfen laſſen.“ Ehrenpreutz lehnte den Kopf in ſeine Hand. Er überlegte einen Augenblick. 124 „Du weißt, daß Carls XII. ſouveräne Herrſchaft das Land an den Rand des Verderbens führte. Sein königlicher Soldatengeiſt erweckte den blinden Enthu⸗ ſiasmus des Volkes; aber das erforderliche maßhal⸗ tende und abwägende Element fehlte dem Reiche. Gleichwohl arbeitete die zwar niedergetretene, aber noch immer mit innerer Lebenskraft begabte Ariſto⸗ kratie von jeher darauf hin, ihren Einfluß wieder zu gewinnen, der unumſchränkten Herrſchaft Bande anzulegen und ſie einer nothwendigen Controle zu unterwerfen. König Carls vieljähriger Aufenthalt in der Türkei war dieſen Abſichten ſehr förderlich, weil er der Ariſtokratie Gelegenheit gab, ungehin⸗ dert und frei ihre Kräfte zu organiſiren. Bald ſtanden daher zwei Parteien einander gegenüber. Die königliche Partei beſaß zwar Männer, wie Wacht⸗ meiſter, Stenbock und andere, aber ſie hatte keine politiſchen Führer. Die antikönigliche dagegen, deren Kern aus dem ganzen Senat beſtand, wurde mit zu⸗ ſammenhaltender Kraft und Geſchicklichkeit von Gyl⸗ lenſtjerna und Horn, ſowie von den Gebrüdern Rib⸗ bing geleitet. So kam es denn, daß der bald heim⸗ lich, bald offen geführte Streit ſich zuletzt um die Frage drehte, ob der König überhaupt in's Reich zurückkommen ſolle oder nicht. Die erſtere Partei that Alles, um ihn zur Rückkehr zu bewegen, die letztere bot ihre ganze Macht auf, um ihn fernzuhal⸗ ten. Du ſiehſt, daß es unter ſolchen Verhältniſſen nicht gerade leicht war, ſich für die eine oder andere Partei zu entſcheiden. Viele von meinen Freunden gehörten dem König Carl an... und ich...“ — Vry.,——.———-—— — ‿— 125 Chrenpreutz ſchloß ſeinen Satz mit einem bloßen ſelzucken. „Einige Umſtände gaben dem kühnen Parteien⸗ ſpiel bald ein noch gefährlicheres Ausſehen. Der König, der von Allem unterrichtet war, was hier vorging, ſpie Gift und Galle gegen den Senat und verhängte eine fiscaliſche Unterſuchung gegen ihn. Man erinnerte ſich jetzt an Patkul's Schickſal. Dies war ein blutiges Nachtſtück, das Jeden erſchrecken konnte. Als dieſer König Carl unvermuthet in Stral⸗ ſund ankam, da erblaßte der Rath in Stockholm, und das Schwert hing wahrlich nur an einem ſchwachen Faden über den Häuptern der Rathsherren, als bald darauf Görtz mit beinahe unumſchränkter Gewalt die eigentliche Regierung übernahm.„Der König kommt bald zurück,“ flüſterte man jetzt von allen Seiten, und gleichwohl hatte die Idee:„Er wird und darf nicht zurückkommen,“ bereits die Kugel gegoſſen, die bei Friedrichshall ſeinen Kopf durchbohrte. Er kam auch nicht zurück.“ Ehrenpreutz ſchöpfte tief Athem. „Ob man nun in Carl's Tod den Finger der Vorſehung, einen politiſchen Akt oder einen bloßen Zufall erblicken will, genug, mit ihm war alle Ge⸗ fahr für die ausſchließlich ariſtokratiſche Partei be⸗ ſeitigt, und ſie konnte jetzt offen und frei zur Vollen⸗ dung ihres Werkes ſchreiten. Du weißt, wie man ſich dabei anſchickte. Der Herzog von Holſtein, der geſetzliche Thronerbe, wurde ausgeſchloſſen und die Krone an ein Weib, Ulrike Eleonore, verkauft unter der Bedingung, daß ſie der ſduveränen Gewalt ent⸗ ſagte und der Ariſtokratie die eigentliche Macht über⸗ 126 ließ. Aber noch fürchtete man König Carl's bluti⸗ gen Schatten. In der politiſchen Welt kehren die Könige oft wieder. Man wollte daher auf Carl's Grab ein Denkmal errichten, das aller Reaction zum Schreckbild dienen ſollte. Görtz, der ausgezeichnetſte Mann der holſteiniſchen Partei, wurde verurtheilt, enthauptet, um auf dem Galgenberg begraben zu werden.“ Ehrenpreutz horchte und ſah ſich beinahe erſchro⸗ cken um, als fürchtete er, es könnte ihn Jemand hören. „Siehſt Du, Creutz,“ fuhr er nach einer Weile fort,„es überkommt mich jedesmal ein Gefühl der Furcht und des Entſetzens, wenn ich an dieſe Reihen⸗ folge von blutigen Nothwendigkeiten und ſchrecklichen Conſequenzen denke. Inzwiſchen waltet eine uner⸗ forſchliche, ewige Macht, die von Zeit zu Zeit ſtra⸗ fend und rächend einſchlägt. Weißt Du, wie die Richter des Barons Görtz endeten?“ „Nein.“ „Einer fiel rücklings vom Stuhl und brach den Hals, einer wurde von den Würmern gefreſſen, zwei ſtarben am Schlag. Der jovialſte von ihnen endete als Melancholiker.“ Ehrenpreutz blieb eine Weile ſo unbeweglich, als wäre auch er vom Blitze der Vorſehung getroffen worden. „Wenn es,“ fuhr er dann fort,„einer auf Tod und Leben kämpfenden Partei gelungen iſt, eine große Staatsveränderung durchzuführen und ihr ſieg⸗ reiches Banner auf der blutigen Ruine einer geſtürz⸗ ten älteren Ordnung aufzupflanzen, ſo möchte ſie ————,—,——--..—— 127 gerne Alles entfernen, was vor der Mit⸗ und Nach⸗ welt gegen ſie zeugen könnte. Deßhalb dauern die Wirkungen noch lange nach dem Hauptſchlage ſelbſt.“ „Zur Sache, Onkel... weiter... weiter.“ „Die neue Staatsverfaſſung hatte zwar den all⸗ gemeinen Intereſſen eine neue Operationsbaſis ge⸗ geben, aber die alten Farben ſtachen doch auch unter den neuen Gewanden noch hervor. Der Kampf zwiſchen dem Haus Heſſen mit Horn und dem Haus Holſtein mit Gyllenborg an der Spitze wurde noch bitterer und heftiger, als der Herzog von Holſtein ſich endlich, auf die Einladung des Czars Peter, nach Rußland begab. Eine wichtige europäiſche Frage beſchäftigte um dieſe Zeit alle Geiſter: zwiſchen Oeſter⸗ reich, Rußland und Spanien wurde in Wien, zwi⸗ ſchen England, Frankreich und Preußen in Hannover ein Bündniß geſchloſſen. Beide Bünde bemühten ſich Schweden zu gewinnen. Die holſteiniſche Par⸗ tei ſtützte ſich, ſeitdem der Czar den Herzog zu ſich genommen hatte, natürlich auf die ruſſiſchen Intereſſen, und die nothwendige Folge davon war, daß die heſ⸗ ſiſche Partei ſich Frankreich in die Arme warf. Ob⸗ ſchon unter andern Namen, bekämpfen ſich dieſelben entgegengeſetzten Elemente noch bis auf den heutigen Tag. Unſere Hüte ſind die heſſiſche, unſere Mützen ſind die holſteiniſche Partei.“ „Was Sie da erzählen, Onkel, iſt mir nicht ganz unbekannt.“ „Mag ſein, mein Lieber, allein ich darf dennoch Nichts uͤbergehen.“ „So, fahren Sie fort, Onkel, ich höre Ihnen recht gerne zu.“ 128 „König Carl's waghalſige Kriegspolitik eine nicht minder gewagte Friedenspolitik zur Folge ge⸗ habt. Jeder mußte für ſich aufſchauen. Die Bal⸗ ken, die über dem Abgrund gelegt waren, krachten Einem beſtändig unter den Füßen. Die ſiegende Partei gab keinen Pardon. Der Kampf mußte die Herrſchaft oder den Untergang bringen. Die Politik war Diplomatie. Die Gewalt ſaß zu Gericht. Die Unerbittlichkeit war die Vollzieherin. Wer ohne Erfolg zu weit ging, der ging verloren. Alles war auf die äußerſte Spitze geſtellt. Das Spiel galt Ehre und Gut, Leib und Leben. Wellingk, Teſſin, Gyllenborg und Cederhjelm, einflußreiche und mächtige Männer, thaten zu viel für das Wiener Bündniß. Als der Rath mit der Mehrheit einer einzigen Stimme, der des Königs, auf die hanno⸗ verſche Seite trat, da waren ſie auch verloren. Wel⸗ lingk wurde zum Tod, ſowie zum Verluſt ſeiner Chren und Güter verurtheilt, dieſes Erkenntniß jedoch ſo weit gemildert, daß man ihm Leben und Ehre ließ, und ihn für den Reſt ſeiner Lebenszeit nach dem Schloß von Jönköping ſchickte. Er ſtarb ſchon unter⸗ wegs, in einem Wirthshaus zu Mjölby in Oſtgoth⸗ land. Cederhjelm mußte ſeine Entlaſſung verlangen und ſtarb bald darauf in Upland. Teſſin wurde ſeiner Rathswürde entſetzt, Gyllenborg rettete ſich durch Uebergang zur franzöſiſchen Partei, während Horn ſpäter das Entgegengeſetzte that und von der franzöſiſchen Partei zu der ruſſiſchen übertrat.“ Ehrenpreutz richtete ſich auf. In Nachdenken verſunken, ging er mehrere Male im Zimmer auf und ab. Das Gemälde, das er ————= N—, e—,——- ko ———, nu n 129 entworfen, ſchien manche ſchreckliche Erinnerung in ſeiner Seele geweckt zu haben. „Denk Dir jetzt,“ begann er endlich wieder,„eine Revolution, die im Jahr 1723 im Begriff ſtand, zum Vortheil des Königs Friedrich loszubrechen, und gleichzeitig eine ruſſiſche Flotte, die, mit dem Czar und dem Herzog von Holſtein an Bord, die Haupt⸗ ſtadt auf etliche Meilen bedrohte. Denk Dir dabei eine noch jetzt unerklärte politiſche Combination, die ganz unerwartet einen Mann vorſchob, der ſich für nichts Geringeres als Karl XII. ſelbſt ausgab; denk Dir ferner einen Senat, in welchem jeder Rathsherr ein Stück von einem König war, ohne daß das eine zum andern paßte, während jeder Einzelne ſeinen Königsmantel mit größerem Recht zu tragen glaubte, als der König ſelbſt; denk Dir endlich Ritterſchaft und Adel, die im Namen der Reichsſtände gierig alle Macht an ſich riſſen; denk Dir ferner noch, daß die Mehrzahl der hervorragenden Männer der Nation jeden Augenblick bereit war, die Intereſſen des Va⸗ terlands an den meiſtbietenden Ausländer zu ver⸗ kaufen; vergiß auch die Commiſſion nicht, dieſes Blut⸗ gericht, das immer aus den excentriſchſten und grau⸗ ſamſten Charakteren der jeweilig herrſchenden Partei zuſammengeſetzt war und den Erfolg ſeiner Unter⸗ ſuchungen in den gräßlichen Folterkammern vorbe⸗ reitete, die Dir unter dem Namen Roſenkammer und Schimmel bekannt ſind, während— und das iſt nicht die kleinſte von all dieſen Abſcheulichkeiten— viele einzelne Mitglieder des Adels noch geheime Gefängniſſe hatten, worin die Opfer ihrer Privatrache ſpurlos verſchwanden.“ Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. II. 9 130 Ehrenpreutz blieb vor Creutz ſtehen. „Auf einem ſolchen Boden, voll von vulkaniſchen Stoffen, die beſtändig mit einem Ausbruch, mit Un⸗ tergang, Schande und Tod drohten, ſind ich und meine Freunde aufgewachſen; aber, Creutz, betrachte einmal die Verhältniſſe, wie ſie noch heute ſind, und Du wirſt ſehen, daß wir fortwährend auf demſelben politiſch unterminirten Felde ſtehen, wo jeden Augen⸗ blick Verderben droht. Ich mag hinter mich, um mich oder vor mich ſchauen, ſo regt ſich in meiner Seele eine Furcht, die ich nicht bewältigen kann. Still, Creutz, ſtill,— Chrenpreutz blieb ſtill lauſchend lehen, I„es, hat mich doch Niemand hören können .„e. ſtill...“ „Fürchten Sie Nichts, Onkel, wir ſind allein. Sie können vollkommen aufrichtig ſein; ich bin kein Verräther.“ Der Alte heftete einen mißtrauiſchen Blick auf Creutz. „Creutz,“ ſagte er,„ich glaube weder an Ver⸗ wandtſchaft noch an Freundſchaft, weder an Verſpre⸗ chungen noch an Chre, weder an Verſicherungen noch an Handſchlag; dagegen glaube ich an die Nothwen⸗ digkeit, die Jedem Klugheit und Vorſicht auferlegt. Wer wie ich an ſchreckliche Kataſtrophen gewöhnt iſt, der erwartet oder fürchtet beſtändig eine neue, und ich würde mich nicht ſicher fühlen, wenn ich von der Gunſt irgend eines Andern abhinge. Was ich Dir von Puke zu erzählen habe, iſt ganz kurz, wird Dir aber die Zweckmäßigkeit meines Benehmens voll⸗ kommen beweiſen.“ 2——— 8=—— 131 „Ich bin ungeduldig, Onkel... Sie ſagten... Puke... Puke...“ „Nachdem ich Dir jetzt den Rahmen zu unſerer politiſchen Geſchichte gegeben habe, wird es mir leicht, das Portrait einzuſetzen. Zur Zeit...“ Ehrenpreutz klopfte mit bedächtlicher Langſamkeit auf den Deckel ſeiner Doſe, öffnete ſie dann mit allem möglichen Phlegma und nahm eine gründliche Priſe. Aber ſein Blick ſchweifte über das Zimmer hin, als ob ſeine Gedanken doch mit etwas ganz Anderem beſchäftigt wären. „Im Anfang der Zeit, von der ich jetzt ſpreche,“ begann er dann wieder,„befand ſich hier in der Hauptſtadt eine kleine Partei, die ganz beſonders von dem Nimbus des Herrenthums geblendet war, der Karl XII. umgab, wie wenn er die Siegesmütze auf die Welt mitgebracht hätte. Dieſe Partei ließ ſich eigentlich von keiner tieferen ſtaatsmänniſchen Erfahrung, ſondern vorzugsweiſe nur von ihren pa⸗ triotiſchen Eingebungen leiten; ſie war alſo eine kühne, waghalſige Partei und allzeit zu Extremen geneigt. Inzwiſchen entging ſie lange Zeit der Auf⸗ merkſamkeit der Behörden, ſei es nun, daß dieſe wirklich keine Kenntniß von ihr hatten, oder aus Gleichgültigkeit keine Notiz nehmen wollten. Sie würde wahrſcheinlich auch ohne weitere Folgen von ſelbſt erloſchen ſein, wenn ſie ſich nicht bei des Kö⸗ nigs Tod, der gewiſſe verdächtige Spuren hinterließ, durch blinden Eifer zu einigen Thorheiten hätte ver⸗ leiten Laſſen. Ich kann nicht ſagen, daß ich die Thä⸗ tigkeit der Partei genau kenne; aber man kann wohl annehmen, daß ſie es war, die dafür ſorgte, daß in 132 ausländiſchen Journalen die Todesart des Königs verdächtigt und das Mährchen in Umlauf gebracht wurde, Ulrike Eleonore habe den Tod ihres Bruders mit 500 Dukaten bezahlt; ferner daß ſie es war, welche die Abſichten des Herzogs von Holſtein auf den ſchwediſchen Thron auf's Lebhafteſte unterhielt, und daß ſie auch dem Beſuch, den die ruſſiſche Flotte ſammt dem Czar in unſern Scheeren abſtattete, nicht ganz fremd war. So beurtheilte man dieſe Par⸗ tei wenigſtens, obſchon man niemals ſichere Auf⸗ ſchlüſſe über ſie erhalten hat. Man beſchuldigte ſie, ſie habe ihre Finger bei allen Intrignen und Ver⸗ handlungen dieſer Zeit gehabt; ſie habe Görtz heim⸗ lich vertheidigt, ſeinen Leichnam vom Galgenberg ge⸗ ſtohlen, Mißvergnügen und aufrühreriſche Geſinnun⸗ gen unterhalten, wie auch Benjamin Düſter zu ſei⸗ nem mit großen Gefahren für das Land verbundenen Auftreten als König Karl aufgehetzt. Der Senat fühlte ſich lange von einem unbekannten, raſtloſen Feinde verfolgt, den er mehrere Jahre lang nicht zu entdecken und zu beſeitigen vermochte. Aber gleich⸗ zeitig mit der Wellingkſchen Kataſtrophe kam man end⸗ lich auch ihm auf die Spur; ich ſage auf die Spur, weil die Unterſuchungen blos zu einer Art von mo⸗ raliſcher, aber zu keiner juridiſchen Gewißheit führten, indem man dabei auf ganz merkwürdige Schwierig⸗ keiten ſtieß. Man hatte einen Brief bekommen, der von einem damals allgemein geachteten jungen Mann, Namens Puke, der von monarchiſcher Geſinnung und bitterem Haß gegen Senat und Ariſtokratie glühte, unterzeichnet war, und worin der Verfaſſer kühn auf alle Zeitverhältniſſe anſpielte, gewiſſe Perſonen des * 8 v Aä. 133 Mords an König Karl anklagte und die Ausſchlie⸗ ßung des Herzogs von Holſtein vom Throne, ſowie das an Görtz vollzogene Gewalturtheil als ſchreiende Ungerechtigkeiten darſtellte. Dieſer Brief, worin noch eine bisher unbekannte Perſon, Namens Weſte, ge⸗ nannt wurde, gab wenigſtens einen gewiſſen Leitfa⸗ den, den man auch ſogleich feſthielt. Es wurden alsbald Haftbefehle ausgeſtellt; aber als man in Puke's Wohnung kam, war er verſchwunden. Man umgab das Haus mit Wachen und Spionen, aber er kam nicht zurück. Dagegen gelang es, die Wohnung Weſte's zu erfahren und ihn feſtzunehmen. Vor der Kommiſſion, welche ſogleich den Auftrag erhielt, die Frage zur Hand zu nehmen, traten von allen Seiten Zeugen zu Puke's Gunſten auf; aber von ſämmtlichen Freunden Puke's kannte keiner dieſen Weſte, obſchon ſie zugaben, ſie hätten Puke hie und da von ihm reden gehört.“ „Und Puke?“ „Er blieb fort. Man ſagte, er ſei ein edler, ausgezeichneter junger Mann von vortrefflichem Cha⸗ rakter, voll Muth und Thatkraft. Weſte dagegen war in ein gewiſſes zweideutiges und unerklärliches Dunkel gehüllt. Das beiderſeitige Verhältniß zwiſchen Puke und Weſte muß auch höchſt merkwürdig und eigenthümlich geweſen ſein. Es liegt etwas durch⸗ aus Unklares darin. Niemand konnte ſagen, daß er ſie je beiſammen geſehen, oder daß ſie Umgang mit einander gehabt hätten. Du wirſt ſogleich hören. In den erſten Tagen von Weſtes Gefangenſchaft konnte man nicht ein einziges Wort von ihm heraus⸗ bringen. Er ſchien beinahe wahnſinnig vor Ver⸗ u H, H,Sℳ zweiflung. Aber die Commiſſion zwang ihn bald zum Sprechen, indem ſie ihn zum Schimmel ſchickte und dort der Folter unterwarf. Als er nun ſein Zungenband zu löſen anfing, wurden auch ſeine frü⸗ heren Hausleute gerufen. Sie verſicherten einſtim⸗ mig, er ſei viele Jahre hindurch ein unerklärlicher Gegenſtand ihrer Neugierde und Verwunderung ge⸗ weſen. Er hatte, ſo weit die Zeugen wußten, mit keiner ihnen bekannten Perſon Umgang gehabt, er war oft und manchmal lange weggeweſen, ohne daß Jemand den Zweck ſeiner Abweſenheit anzugeben ver⸗ mochte. In Bezug auf Puke beobachtete er ein lan⸗ ges Stillſchweigen: Nichts ſchien ihn zum Sprechen bringen zu können. Er trotzte ſogar der Tortur; aber nach wiederholter Anwendung derſelben und nachdem man bei ihm mehrere Briefe und andere Schreiben entdeckt, worin die Hand eine ganz un⸗ zweifelhafte Aehnlichkeit mit der Hand Pukes hatte, geſtand er, er habe dieſelbe nachahmen und fälſchen gelernt, um im Fall einer Entdeckung die Schuld auf ſeinen Freund ſchieben zu können.“ „Ein gemeiner Kerl,“ bemerkte Creutz. „Dieß war jedoch nicht Alles. Je mehr die Sache ſich entwickelte, um ſo mehr Raum gewann die Anſicht, daß Puke, wenn er auch gewiſſe unvor⸗ ſichtige Ideen gehegt habe, gleichwohl vollkommen klagfrei daſtehe, und daß Weſte ihn nur als Stroh⸗ mann benützt und vorgeſchoben habe. Aber auch das iſt wahr, daß Weſte, obſchon er ihn in allen ſeinen Papieren als Sündenbock gebraucht zu haben ſchien, gleichwohl jetzt, nachdem man ihn zum Spre⸗ chen gebracht, beharrlich Pukes Unſchuld behauptete. 135 Die vollſtändige Löſung der Frage ſchien alſo immer mehr auf der Ermittlung des gegenſeitigen Verhält⸗ niſſes zwiſchen Weſte und Puke zu beruhen. Aber ſo lange das Letztere ausblieb, konnte man zu keinem ſichern Reſultat gelangen. Weſtes Geſtändniſſe, die ſammt und ſonders, eines um's andere, durch die Tortur erzwungen waren, flößten kein volles Ver⸗ trauen ein. Inzwiſchen wurde es vollkommen klar, daß Weſte, der große äußere Aehnlichkeit mit Puke beſaß, wahrſcheinlich juſt darum ſeine Bekanntſchaft geſucht und cultivirt hatte, um ſich mitunter bei ge⸗ fährlichen Veranlaſſungen für Puke ausgeben und als ſolcher auftreten zu können. So ging die Un⸗ terſuchung Schritt für Schritt. Jede neue Enthüllung war ein neuer Beweis für Puke's Unſchuld, vermehrte aber, ich ſage nicht mehr den Verdacht, ſondern die ſchlagenden Beweiſe gegen Weſte. Die ganze Sache kam daher bald in's Klare, als er endlich offen geſtand, er ſei wirklich mehr als einmal, mit Hülfe dieſer täuſchenden Aehnlichkeit, als Puke ſelbſt auf⸗ getreten; er habe ſelbſt den Brief verfaßt, welcher zur Entdeckung geführt; Puke habe von dieſem ſo wenig gewußt, als von allen ſeinen übrigen Plänen, er ſelbſt habe einige Tage vor ſeiner Verhaftung Wind erhalten, daß die Behörden ihm auf der Spur ſeien, aber er habe ſich perſönlich ſicher geglaubt, weil er ſich niemals blosgeſtellt, ſondern Alles in Puke's Namen gethan habe, weßhalb er auch ver⸗ muthet, daß man dieſen allein beim Kopf nehmen könne. So weit hatte man ihn zum Geſtändniß ge⸗ bracht, als er der Commiſſion von Neuem durch das hartnäckigſte Schweigen Trotz zu bieten anfing. Neue 136 Folterqualen machten ihn jedoch wieder geſchmeidiger, und nun geſtand er ferner, bei näherer Ueberlegung ſei die Furcht in ihm erwacht, Puke könnte möglicher Weiſe die Richter von ſeiner eigenen Unſchuld über⸗ zeugen, und fortgeſetzte Nachforſchungen könnten doch zuletzt zu ſeiner(Weſte's) Entdeckung führen. Da habe ihn Verzweiflung und Angſt erfaßt, und in ſeinen düſtern Gewiſſensſkrupeln hatte er nur ein einziges Mittel zu ſeiner Rettung gefunden, nämlich, indem er Puke auf die Seite geſchafft.“ „Er ermordete ihn?“ „Wenn Du Dich ſo ausdrücken willſt, aller⸗ dings.“ „Dann war er alſo ein förmlicher Böſewicht?“ „Weſte geſtand, er habe Puke hinterliſtig bei Nacht in einer Straße überfallen und ganz einfach in den Nordſtrom geworfen.“ „Welche unerhörte Schandthat!“ „Als weiteren Grund für ſeine Handlungsweiſe gab er an, er habe ſich vorgeſtellt, Puke's Tod würde, bald bekannt werden und gegen den Todten zeugen, denn man würde annehmen, er habe ſich aus Ver⸗ zweiflung über ſeine Entdeckung und weil er keine Rettung vor Augen geſehen, ſelbſt um's Leben ge⸗ bracht.“ „Aber beſter Onkel, ſtand denn Weſte in ſeinen politiſchen Verhältniſſen ſo ganz allein? Ich meinte, Sie ſprachen von einer Partei? An wen waren all' die Briefe gerichtet, die Weſte geſchrieben hatte?“ „Deine Frage iſt ganz richtig. Du darfſt auch nicht glauben, daß die Commiſſion Etwas unterließ, um der ganzen Geſellſchaft auf die Spur zu kommen. ——4,—— 137 Aber alle ihre Bemühungen ſcheiterten an Weſte's unerſchütterlichem Stillſchweigen. So lang ich lebe, weiß ich Niemand, an dem man mehr Torturmittel verſucht hätte, als an dieſem Weſte. Aber dennoch kam nicht ein einziges Wort, wodurch er ſeine Freunde verrathen hätte, über ſeine Lippen. Jedermann konnte leicht ſehen, daß er nicht allein ſtand. Man nahm allgemein an, daß er mit ſehr hochgeſtellten Männern eng verbunden und höchſtens die ſichtbar wirkende Triebfeder bei einer ſehr großen und um⸗ faſſenden Koalition ſei. Aber aus wem beſtand ſie? Dieſe unbeantwortete Frage erfüllte den Senat mit Schrecken. Befanden ſich keine Feinde mitten unter ſeinen eigenen Mitgliedern oder hielten ſie ihn um⸗ ſtellt? Nichts vermochte dem Gefangenen ſein Ge⸗ heimniß zu entdecken. Er blieb unerſchütterlich und war feſt entſchloſſen, es in's Grab mitzunehmen. Die Briefe ſcheinen von Freunden und Freundesfreunden beſorgt worden zu ſein, und die Adreſſen beſtanden blos aus Zeichen, zu denen ſich kein Schlüſſel vor⸗ fand.“ „Aber Puke muß doch ein ganz einfältiger Kerl geweſen ſein, wenn er Weſte, mit dem er wenigſtens Privatumgang gehabt haben muß, nicht bei Zeiten durchſchauen konnte.“ „Ueber dieſen Punkt kann ich keine Aufſchlüſſe geben. Puke's vorzeitiges Verſchwinden vom Schau⸗ platz wirft einen undurchdringlichen Schleier über ſein Privatverhältniß zu Weſte. Gleichwohl kam das Eine und Andere vor, was den Verdacht veranlaßte, daß Weſte in gewiſſen geheimen Beziehungen zu Puke's Frau ſtehe, was jedoch aus Achtung für das 138 Geſchlecht und die ſchon zum Voraus unglüclliche Wittwe niemals Gegenſtand einer öffentlichen Unter⸗ ſuchung wurde. Darf man jedoch dem Gerücht glau⸗ ben, ſo iſt es ſehr möglich, daß ſie großentheils dazu beigetragen hatte, ihren Mann für Weſte einzuneh⸗ men. Aber man bekümmerte ſich nicht um ſie. Sie wurde der Vergeſſenheit übergeben und verſchwand, als wäre ſie nie da geweſen.“ „Ein neuer Schurkenſtreich alſo?“ „Ich leugne nicht, daß es auch mich ſo bedünken will.“ „Aber das Urtheil, Onkel, das Urtheil?“ „Puke wurde frei geſprochen. Es gab auch Viele, denen ſein Andenken theuer war. Weſte dagegen wurde zum Tod, ſowie zum Verluſt ſeiner Ehren und Güter verurtheilt.“ „Und damit war natürlich die Sache aus; das iſt gut; aber verzeihen Sie mir, ich kann nicht ein⸗ ſehen, daß Sie mit dieſer Erzählung zu dem Reſultat gekommen ſind, das Sie zuerſt angaben.“ „Nicht?“ „Weit entfernt, Onkel. Ich nehme nämlich an, daß dieſer Puke, den Sie als den ehrenwertheſten und redlichſten Mann geſchildert haben, der Vater des jetzt lebenden Capitäns Puke iſt, und gleichwohl haben Sie den Sohn durch ehrenrührige Aeußerun⸗ gen über den Vater gekränkt.“ „Allerdings.“ „Sie haben geſagt, er ſei der Sohn eines zum Tode verurtheilten Verbrechers.“ „Ja wohl.“ „Der Name, den er führe, gehöre ihm nicht.“ 139 „Ganz richtig.“ „Aber dies iſt ja nicht der Fall. Der Puke, von dem Sie geſprochen haben, wurde ja nicht ver⸗ urtheilt, ſondern freigeſprochen.“ „Ja gewiß.“ „Wie wollen Sie ſich dann erklären?“ „Du vergiſſeſt, mein Lieber, daß ich Dir geſagt habe, daß dieſer Puke, von dem ich geſprochen, von Weſte ermordet worden iſt, und daß er alſo des Kapitäns Vater, der in unſerer Nachbarſchaft wohnte und den Du ſelbſt mehr als einmal geſehen haſt, nicht geweſen ſein kann.“ „Ah Sie haben Recht, Onkel. Es gab alſo noch einen andern Puke?“ „Nein, den gab es nicht.“ „Wie ſo?“ „Die Sache iſt ganz einfach. Weſte wurde zwar verurtheilt aber nicht hingerichtet.“ „Nicht?“ „Er entfloh.“ „Entfloh? Wer konnte einem Mörder zur Flucht verhelfen?“ „Sieh mir in's Auge, Creutz.“ „Das thue ich, Onkel.“ „Schwörſt Du bei Allem, was heilig iſt, daß Du mich nicht verrathen willſt?“ „Ich ſchwöre.“ „Bedenke übrigens wohl, Creutz, daß keine Zeu⸗ gen zugegen, ſondern daß wir allein ſind.“ „Ich werde es nicht vergeſſen.“ „Ich bin es, der Weſte zur Flucht verhalf.“ „Sie?“ 14⁴0 „Weſte hatte, der Himmel weiß auf welche Art, einige Briefe bekommen, die mein Untergang werden konnten, und um mich ſelbſt zu retten, rettete ich ihn.“ „Ich verſtehe...“ „Die Gefängnißwärter wurden beſtochen. Einer von ihnen kaufte einen Leichnam, richtete ihn ſo zu, daß er dem gefolterten Weſte ähnlich wurde, und legte denſelben in ſein Bett. Der Augenſchein ging leicht vorüber und Alles war klar.“ „Und Weſte?“ „Wurde auf einen Hof in der Nähe meines Gutes gebracht, wo er den Namen ſeines ermordeten, aber freigeſprochenen Freundes annahm. Um die Ver⸗ wechslung zu bemänteln, gab man an, Weſte's Mord⸗ anfall ſei mißglückt, Puke ſei zwar in den Strom geworfen, aber von den Wogen an's Ufer getragen worden, ſo daß er ſich habe retten können, obſchon er ſich, um nicht in Weſte's politiſche Winkelzüge verwickelt zu werden, fern gehalten und dem Gerücht von ſeinem Tod freien Lauf gelaſſen habe. Im Uebrigen waren alle Vorſichtsmaßregeln unnöthig. Nachdem Weſte's Tod alle Hoffnung auf genauere Aufſchlüſſe über ſeine Pläne und Unternehmungen vereitelt hatte, zerfiel die Sache von ſelbſt. Vergeſ⸗ ſenheit iſt der Name des nächſten Augenblicks für Alles. Aus der entlegenen Provinz, wo Weſte jetzt lebte, gelangte keine Kunde von ſeinem Daſein an irgend Jemand, der ſich dafür intereſſiren konnte. Im Ganzen war er alſo jetzt ebenſo gut todt, wie wenn er wirklich geſtorben wäre.“ „Aber als Puke's Wittwe hörte, daß ihr Mann noch lebte, muß ſie doch wohl...“ 141 „Sie muß ungefähr um dieſelbe Zeit geſtorben ſein, wo Weſte entfloh. Gewiß iſt, daß man nie wieder von ihr hörte.“ „Alſo wäre Kapitän Puke ein Sohn dieſes Weſte?“ „Wie Du ſagſt.“ „Weſte war alſo verheirathet?“ „Vermuthlich. Ich weiß Nichts darüber. Gleich⸗ wohl hörte ich, wie ich mich recht erinnere, ſagen, daß eine Frau ihn im Gefängniß beſucht habe. Ver⸗ muthlich war es ſeine Frau.“ Obſchon Chrenpreutz jede Bemerkung ſeines Nef⸗ fen mit großer Beſtimmtheit beantwortete, ſo flößte dieſem doch die ängſtliche Vorſicht, womit der Alte gewiſſe Umſtände behandelte oder überging, einen unbehaglichen Zweifel ein. Ohne daß es ihm alſo entging, daß Ehrenpreutz möglicher Weiſe weit tiefer in die politiſchen Machi⸗ nationen Weſte's verwickelt ſein konnte, was für die damalige Zeit ganz und gar nichts Verwunderliches hatte, ſo war es ihm doch angenehm, zu ſehen, daß Chrenpreutz wenigſtens nicht ohne allen Grund Pu⸗ ke's Vater angeklagt hatte. Er ſah zwar wohl ein, daß ſein Oheim für ſein ganzes Benehmen Gründe hatte, mit denen man nicht gerne vor die Oeffentlichkeit tritt, aber es ge⸗ währte ihm doch einen Troſt, ihn von allen Vor⸗ würfen moraliſch frei zu wiſſen. Eine einzige Einwendung vermochte Creutz indeß nicht zurückzuhalten. „Ich geſtehe,“ ſagte er,„daß die Schilderung, die Sie mir von Weſte entworfen haben, mir eine tiefe Verachtung gegen ihn einflößt; ich beklage Sie 14² aufrichtig, weil bedauerliche Privatverhältniſſe Sie nöthigten, Ihre Hand zu ſeiner Rettung zu bieten, und ich ſehe wohl ein, mit welchem Widerwillen Sie ſeitdem eine Art von Freundſchaft, die Ihnen na⸗ türlich nicht von Herzen gehen konnte, gegen ihn heucheln— verzeihen Sie mir den Ausdruck, Onkel — heucheln mußten, aber ich begreife gleichwohl nicht, warum Sie jetzt die ganze Frage wieder auf⸗ geriſſen haben, und zwar dem Sohne gegenüber, dem Sie doch wohl perſönlich Nichts vorzuwerfen haben. Um Ihres eigenen Friedens willen wäre es wohl das Beſte geweſen, die Sache in ewiger Vergeſſen⸗ heit ruhen zu laſſen, was auch um ſo thunlicher war, als der Sohn, der Kapitän, offenbar nicht die entfernteſte Kenntniß vom Verbrechen ſeines Vaters hat oder wenigſtens gehabt hat.“ Während Creutz dieſe Bemerkungen vorbrachte, verlor Ehrenpreutz ſeine gewöhnliche Ruhe. Sein Geſicht verdüſterte ſich, ſeine Augenbrauen zogen ſich zuſammen, ſeine Bruſt wogte. Als Creutz ſchloß, faßte Chrenpreutz heftig ſeine Hand. t„Juſt das iſt das Entſetzliche, Creutz. Das iſt die Nemeſis. So, wie mir Weſte vor ſeiner Tortur noch immer vor Augen ſchwebt, ſo ſteht jetzt Puke vor mir: bleich, mager, ruhig, ſich ſelbſt beherrſchend, entſchloſſen und unerſchütterlich. Nimm Dich vor ihm in Acht... nimm Dich in Acht. Wenn ich ſeine eiskalten Züge betrachte, ſo ſehe ich noch zu dieſer Stunde ſeinen Vater vor mir. Es iſt, als wäre ſein Geſpenſt aus dem Grabe erſtanden, als hätte der Tod ihn zurückgeſchickt, um mich zu ver⸗ folgen. Die Erinnerung iſt auch eine Wirlichkeit 143 in unſerer Seele. All' die entſetzlichen Qualen, die ich erlitt, während ich von einem einzigen Wort ab⸗ hing, welches die unerhörteſten Schmerzen dem Vater jeden Augenblick auspreſſen konnten, kehren beim Anblick des Sohnes wieder. So oft Weſte nach der Folterkammer geführt wurde, litt ich nicht weniger als er. Haſt Du Puke genau betrachtet? Sagt Dir nicht dieſes bleiche Geſicht, daß es Allem trotzen kann? ſagt Dir nicht dieſer ruhige Blitz in ſeinem Auge, daß Nichts ihn aufzuhalten vermag, wenn er einmal ſeinen Entſchluß gefaßt hat? Dies iſt der Vater ſelbſt, aus Stahl und Eiſen gegoſſen,— für meine Augen ſelbſt ein lebendiges Folterinſtrument. Denk Dir, daß er ſich in der Welt emporſchwingen kann: er beſitzt die Kraft dazu; denk' Dir, daß er mir überall dreiſt unter die Augen treten kann: er beſitzt den Muth dazu, denk' Dir, daß er Deine Schweſter hei⸗ rathen kann: er iſt unverſchämt genug dazu.“ „Nie, in Ewigkeit nie!“ „Worte, nichts als Worte. Die Menſchen ſind aus Worten zuſammengeſetzt. Ich habe in meinem ganzen Leben gefunden, daß Verſprechungen und Chre Nichts als eitle Worte waren. Aber wo findet man in Allem zuſammen eine durchgehende Idee, eine fortlaufende, lebendige Wahrheit, eine aus⸗ dauernde moraliſche Conſequenz? Das Alles habe ich nur bei einem einzigen Manne gefunden; dem Manne, vor dem ich jetzt noch zittere, obſchon er im Grabe liegt. Die Treue, die geſtern geſchwo⸗ ren wurde, war heute ſchon gebrochen. Verſpre⸗ chungen und Ehre funkelten und erloſchen, gleich Eintagsfliegen, ein flüchtiger Moment eines launen⸗ 14⁴ haften Gefühls oder Gedankens. Unſere Sitten und unſer Leben ſind dermaßen vom Machiavellismus angefreſſen, daß die Lebensweisheit des Einen un⸗ aufhörlich in Gefahr ſteht, von der des Andern überliſtet zu werden. Du ſagſt: Niemals! nur der Tod, Creutz, iſt das Niemals des Lebens. Der Tod i*ſt der Eiſenriegel, der, einmal vor unſre Thüre ge⸗ ſchoben, nie gebrochen wird; das Schloß, das, ein⸗ mal geſchloſſen, ſich nie wieder öffnet. Ich wollte, ich wäre todt. Todt... todt...“ Die Stimmung des alten Grafen machte, daß es Creutz ganz weh um's Herz wurde. Es war aber auch erſchütternd, zu ſehen, wie dieſer alte Mann während ſeiner langen Lebensthätigkeit Nichts als Zweifel und Argwohn geerndtet hatte, und wie er jetzt am Rande des Grabes von ſeiner eigenen Le⸗ bensphiloſophie zerfleiſcht wurde. Offenbar gab es hier— Creutz konnte nicht länger daran zweifeln— noch Etwas mehr, als was Ehrenpreutz erzählt hatte, Etwas, das dieſe Furcht und dieſen Schrecken, dieſes düſtere Verzagen, dieſe erſchütternden Zweifel ein⸗ flößte. „Todt,“ wiederholte Ehrenpreutz,„todt...“ Dabei blieb er auf’s Neue vor Creutz ſtehen. „Du wirſt Dich duelliren, Du haſt es doch im Sinn?“ „Ja, gewiß.. ich bin feſt entſchloſſen.“ „Du machſt alſo von Puke's Anerbieten keinen Gebrauch?“ „Ich habe geſagt, daß ich nicht begreife, welche Gründe er haben kann, mich meiner Zuſage zu ent⸗ binden.“ ———,—, 145 „Der Grund iſt leicht einzuſehen. Wrangel hat ihm dieſelbe Geſchichte geſagt, die ich Dir jetzt er⸗ zählt habe.“ „Baron Wrangel kennt ſie alſo auch?“ „So gut wie ich. Wrangel hatte den Edelmuth, als Juriſt an Weſte's Seite zu kämpfen, und er war in das ganze Geheimniß eingeweiht. Sei über⸗ zeugt, daß Puke nach der geſtrigen Scene zwiſchen uns ihn beſuchte, und die Aufſchlüffe, die er da er⸗ hielt, haben den ſtolzen und eingebildeten Mann ver⸗ anlaßt, ſich zurückzuziehen. So iſt er. Ich ſehe, wie er jetzt gleich einem in ſeinem Innerſten verletz⸗ ten Löwen brüllt, aber dennoch den Stab über ſich ſelbſt bricht.“ „Aber, Onkel, Sie ſchildern mir ihn beinahe als bewundernswürdig.“ Die Bemerkung des Neffen entging indeß dem alten Onkel. „Da Puke jetzt Alles weiß,“ fuhr Chrenpreutz fort, „ſo muß von zwei Dingen eines geſchehen. Biſt Du Deiner Hand ſicher? Führſt Du Deinen Degen geſchickt? Weißt Du mit Deiner Kugel zu treffen?“ „Ich glaube in meinen Waffen ſo ſicher zu ſein, wie irgend ein Anderer.“— „Aber Du haſt nicht, wie Puke, auf dem Schlacht⸗ feld dem Tod in's Auge geſehen.“ „Das habe ich nicht.“ „Ich wußte es. Das iſt es auch, was mich er⸗ ſchreckt. Eine Degenſpitze ſieht, wenn ſie in einer Fechtſtunde gegen uns gekehrt iſt, ganz anders aus, als auf einem Kampfplatz. Eines von zwei Dingen muß alſo geſchehen. Du begreifſt, daß die Aufſchlüſſe Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. II. 10 146 über die Verbrechen ſeines Vaters für einen Augen⸗ blick ſeine Zuverſichtlichkeit erſchüttert haben?“ „Nun wohl...“ „Ziehſt Du Dich mit Verachtung zurück, ſo wird dieſe Verachtung ſein Selbſtvertrauen noch mehr beugen, und er wird das Land verlaſſen, um nie wiederzukehren.“ „Sie glauben das?“ „Es iſt meine feſte Ueberzeugung. Ich kenne dieſen halsſtarrigen Charakter, der keinen andern Weg gehen kann, als ſeinen eigenen.“ „Aber, Onkel, wenn ich gleichwohl jetzt Achtung vor dieſem Charakter habe, wenn ich dem Sohn die Fehler und Verbrechen ſeines Vaters nicht anrech⸗ nen kann, und wenn ich endlich auch ein klein wenig Gefühl für meine eigene Pflicht, für meine eigene Ehre habe?“ Ehrenpreutz ſtreckte beinahe befehlend ſeine Hand aus. 1 „Dann mußt Du ihn tödten.“ „Das habe ich auch im Sinn, Onkel. Mein Degen iſt ſo lang wie der ſeinige, meine Kugel ſo ſicher in ihrem Lauf wie die ſeinige.“ Ehrenpreutz verbarg einen Augenblick ſein Ge⸗ ſicht in ſeinen Händen. „Eines Vaters Gedächtniß,“ fuhr er dann fort, „kann keinen ſcharfſinnigeren Sachwalter haben, als einen Sohn. Geht er ſiegreich aus dem Duell her⸗ vor, ſo erhält er dadurch nur noch weitere Halt⸗ punkte für ſeine Dreiſtigkeit, und er wird alle Mittel aufbieten, um eine vergangene Zeit aus ihrer Gruft herauszureißen. Ich ſehe bereits das Geſpenſt. Sage — — 147 mir, Creutz, ſage mir noch einmal, biſt Du ſicher, daß Du ihn tödteſt?“ „In was kann man ſicher ſein, Onkel? In Nichts. Aber glauben Sie mir, daß ich mir eine Ehre daraus machen werde, ihn zu tödten, wofern das Glück mir zur Seite ſteht.“ Chrenpreutz ſank in ſeinen Stuhl zurück. „Ich glaube an Nichts,“ murmelte er,„an Nichts.“ Wir verließen Fräulein Creutz, als ſie ſich auf ihr eigenes Zimmer begab, um Pukes Brief zu leſen. Sie las ihn und ihre Wangen erblaßten; der Brief entfiel ihren Händen. Der Inhalt war ein harter Schlag, der ſie auf einmal darniederwarf. Der Brief war ganz kurz. Puke erklärte darin, daß er durch ſo eben gemachte Entdeckungen zur Ueberzeugung gekommen, daß er des Glücks, von ihr geliebt zu werden, nicht würdig ſei, weßhalb er auch die Hoffnung aufgeben müſſe, ſie je zu beſitzen. Sein Entſchluß ſei unwiderruflich gefaßt. Er gedenke noch am ſelben Abend das Vaterland auf immer zu ver⸗ laſſen. Statt einer ſchmerzlichen Beſprechung, habe er vorgezogen, ihr auf dieſem Weg ſein letztes Lebe⸗ wohl zu ſagen. Wenn das Duell zu Stande komme, was er noch nicht mit Beſtimmtheit wiſſe, ſo möge ſie,— erklärte er ſchließlich,— wegen ihres Bru⸗ ders ganz ruhig ſein. Aber Alma blieb nicht lange in dieſem Zuſtand kraftloſer Niedergeſchlagenheit. Sie raffte ſich auf einmal wieder auf. Ueberlegung und Verſtand faſſen ihren Entſchluß nicht ſo ſchnell wie das Gefühl. 88 das ihm den Rücken zukehrte und in der Haltung aufmerkſamen Lauſchens daſtand. Bei ihrem Anblick blieb auch Puke ſtehen und betrachtete ſie. Sie war von hohem, ſchlankem Wuchs, ihr ſchwarzes Kleid fiel geſchmeidig und weich um die feinen, edlen Formen, und das ſeidenzarte Haar, ſchwarz wie das Haar der Königin der Nacht, rin⸗ gelte ſich in reichen Locken über den Nacken hinab. Puke glaubte die ſchwarze Geſtalt zu erkennen und ſetzte alſo ſeinen Weg fort. Das Getöne ſeiner Tritte ſchien ſogleich an ihr Ohr zu ſchlagen, denn ſie wandte ſich augenblick⸗ ch um. Puke hatte ſich nicht getäuſcht. Amanda und er ſtanden ſich gegenüber. Eine hohe Röthe bepurpurte ihre ſonſt ſo blaſſen Wangen, und der Glanz ihres Auges ſchien ſich auf einmal zu verdoppeln. Puke ſah ſie nicht ohne Vergnügen wieder. Die ſüdländiſche Lebhaftigkeit, die er am Abend vorher an ihr entdeckt hatte, gefiel ihm wohl. Selbſt in der Tiefe ſeiner Seele feurig wie ein Vulkan, ob⸗ ſchon er ſich gewöhnt hatte, dem Ausbruch deſſelben Einhalt zu thun, ſympathiſirte er mit ihrem feurigen Weſen. Beide blieben jedoch ſtill, als wären ſie über⸗ raſcht von ihrem gegenſeitigen Anblick. Amanda liebte, ſie liebte aufrichtig und heftig. Bisher waren ihr alle Männer vollkommen gleich⸗ gültig geweſen; all die Bewunderung, womit man ſie umgeben, war an ihrer Seele vorbeigeglitten. Aber Puke's ernſtes und ruhiges Weſen machte auf —,— 89 einmal einen unverlöſchlichen Eindruck auf ſie. Es fand auch eine erſtaunliche Aehnlichkeit zwiſchen ihnen ſtatt. Dieſelben blaſſen Züge, daſſelbe rabenſchwarze Haar, daſſelbe düſtere Feuer in den Augen. Wenn ſie ihn betrachtete, meinte ſie ſich ſelbſt im Spiegel zu ſehen, aber in einer kräftigeren, ſtärker geformten, männlichen Geſtalt. Dieſe Entdeckung wurde ihr auch ein liebliches Geheimniß, das mit zauberhaften Phan⸗ taſien ihr Gefühl umkoste. Ihn, nur ihn! flüſterte eine Stimme in ihrem Innern, ehe er noch mit ihr geſprochen hatte. Seit ſie aber Worte mit ihm aus⸗ getauſcht hatte, gab ſie ſich ausſchließlich ihrer Nei⸗ gung hin. Wie alltäglich erſchienen ihr nicht alle Andern gegen ihn! Sein Talent, ſich ſelbſt zu beherr⸗ ſchen, beherrſchte auch ſie. Sie meinte noch niemals einen wirklichen Mann geſehen zu haben, ſondern blos unregelmäßige Skizzen von ſolchen Perſonen, die nicht einmal ihrer ſelbſt mächtig waren. Wie unerklärlich erſchien ihr nicht Alles! Selbſt dieſe Liebe, welche ſie ſo mächtig ergriff, kam ihr gleichwohl nicht einmal mehr neu vor. Dieſelbe war, ſo wollte es ſie bedünken, blos eine Knoſpe, die ſich lange in ihr geſchloſſen hatte, jetzt aber zur Roſe ausſchlug. Die Neigung, die früher nur Ahnung oder Traum geweſen, war jetzt erſt Wirklichkeit. Aaünandn hatte ihm ſchweigend ihre Hand ge⸗ reicht. Vor Puke's Gedanken ſtellte ſich Alma's Bild an ihre Seite; welche Contraſte von Beweiſen der Schönheit! Die eine war für ihn die Nacht mit ihrem hellſten Sternenglanz, die andere der Tag mit ſeiner bezauberndſten Morgenröthe. Das erſte Mal, als 90 er Amanda ſah, war es in Alma's Geſellſchaft, und er flocht dieſe Mädchen zuſammen, ſo daß ſie einen Kranz von Schatten und Licht um ſein Herz bildeten, für welches ſie ihre Schönheit von einander borgten. Wie verſchieden waren ſie jedoch nicht vor ihm! die eine bewunderte, die andere liebte er. Für Amanda hatte die Liebe, welche ſie ſchnell wie ein Blitzſchlag getroffen, eine ganze Welt von bisher ungekanntem Behagen geöffnet. Ihre Phan⸗ taſie erblühte in Wonne, ihr Herz badete ſich wie eine klare Quelle im reinſten Sonnenlicht, und in dieſer Quelle ſah ſie Himmel und Erde im her⸗ anbrechenden Schimmer eines neuen Tags; aber noch mehr, ſie ſah auch ſich ſelbſt darin, und bei dieſem Anblick wandte ſie ſich mißvergnügt ab, gleich als wäre der Spiegel von einem Wolkenfleck verdunkelt worden. Die Liebe wäre nicht rein geweſen, wenn ſie ihr nicht ihre eigenen Fehler gezeigt hätte. Puke fühlte, daß ihre Hand in der ſeinigen zitterte. Er ließ ſie los und betrachtete ſchweigend das Mädchen. „Sie ſind aufgeregt,“ begann er dann. „Dieſes Zuſammentreffen,“ ſtammelte ſie,„hier ... in dieſen Zimmern... juſt jetzt... wen ſuchen Sie hier, Capitän?“ „Den Baron Wrangel.“ Amanda fuhr zuſammen. Sie ſah auf die Seite. „Capitän Puke,“ hob ſie an, aber ſie unterbrach ſich wieder, als wüßte ſie nicht, was ſie ſagen ſollte; ſie überlegte, ſie ſann nach. Puke hatte auf den erſten Blick ein unruhiges Lauſchen an ihr entdeckt, das ihm einen Argwohn 91 einflößte. Als er die Unſicherheit ihrer Worte be⸗ merkte, ſteigerte ſich ſein Mißtrauen. „Mamſell Amanda,“ fragte er,„was thun Sie hier?“ „Ich habe Ihnen Etwas zu ſagen, Capitän. Vielleicht bekomme ich nie eine ſo günſtige Gelegen⸗ heit wie jetzt. Sie ſuchen den Baron Wrangel?“ Puke merkte, daß ſie ſeiner Frage mit einer ge⸗ wiſſen Scheu auswich. „Baron Wrangel iſt hier innen. Sie ſind mit ihm befreundet?“ „Er iſt mein Freund.“ Sie hielt noch einmal inne. Sie wollte gleich⸗ ſam vorher überlegen, was ſie zu ſagen hätte. „Sie gehören dem Hof an?“ fügte ſie dann hin⸗ zu.„Nicht wahr?“ „Ich gehöre allen denjenigen an, die ich liebe.“ „Damit wollen Sie ſagen, daß Sie den Hof lieben. Ach, Capitän... ich kenne dieſen Hof... und ich muß Sie vor ihm warnen.“ Sie blickte ihm offen in's Geſicht. Puke hatte bei Amanda ein lebendiges Weſen, einen denkenden Geiſt, eine für große und lebhafte Eindrücke empfängliche Seele entdeckt. Er ſah, wie das Herz in ihrer Bruſt brannte, und daß die Flamme gleichſam ihre Ketten brechen wollte. Er argwöhnte, daß dieſe glühende Seele ihren eigenen Weg am Hof gehe, und daß ſie die Fäden mehrerer Geheimniſſe in ihrer Hand habe. Warum warnte ſie ihn vor dem Hof? „Mamſell Amanda,“ antwortete er,„ich glaube, 152 andern Hand, auf ein glühendes Eiſen loshämmerte, das bei jedem Schlag, welcher traf, ziſchende Feuer⸗ flocken um ſich ſprühte. Er war zu rußig, als daß man ſein Geſicht recht beurtheilen konnte, aber das Feuer leuchtete nicht ſtärker aus der Eſſe, als aus ſeinen Augen, und ſelbſt das Eiſen bog ſich wie Blei unter der Wucht ſeiner Schläge. Die zurückgeſchlagenen Hemdärmel zeigten die ganze, eines Athleten würdige Muskelkraft ſeiner Arme. Der Andere ſtand am Schraubſtock oder an der Feilbank, zwei Piſtolen putzend und polirend. Er trug die Alltagsuniform der Leib⸗ garde. „Meiner Treu, Daniel,“ ſagte der Mann am Ambos, während er ſeine Worte mit klangvollen Hammerſchlägen interpunktirte,„es iſt doch eine wahre Luſt und Freude, wenn die Arbeit ſo recht aus dem Felde geht. Wahrhaftig, mir i*ſt manchmal ſo wohl zu Muth, wie wenn ich Wunder was Rechtes ſchaffte. Aber dann denke ich auch, daß der Arbeiter ſeines Lohnes werth ſei.“ „Ganz recht, Alexander; aber wenn irgend Einer der Schmied ſeines eigenen Glückes iſt, ſo biſt es Du.“ „Sagſt Du das, Daniel? Zum Henker, ich wollte nur, Clara würde auch einmal ſo ſprechen.“ „Meine Schweſter iſt eine Närrin.“. „Aber eine Närrin, in die ich mich mit jedem Tage mehr vernarre. Siehſt Du, ich habe eine Art und Weiſe herausgebracht, wie der Hammer ſich recht ſchnell in meiner Hand bewegt.“ „Nun.“ „Ich denke an Clara, und da klopft mir das Herz in der Bruſt immer haſtiger, und ſo oft das u, —,—-—-——— 153 pocht, ſchlägt auch der Hammer dazu. Sie iſt eine Teufelsdirne, Daniel.“ „Und Du biſt ein Teufelskerl,“ antwortete Daniel lachend,„ſo daß ihr in dieſer Beziehung gut zuſammen⸗ paſſen würdet.“ „Aber Etwas habe ich doch an Clara auszu⸗ ſetzen.“ „Laß hören, Alexander.“ „Es iſt eine verwünſchte Bemerkung, die ich mache; ſie lacht mich blos aus.“ „Mit ſiebzehn Jahren lachen alle Mädchen, Ale⸗ rander. Das habe ich noch bei Jeder bemerkt. Aber da ſieh her,“ fügte er hinzu,„jetzt ſind Dir die Piſto⸗ len ſo blank wie ein Spiegel. Glaubſt Du, der Graf Creutz werde jetzt damit zufrieden ſein? Er ſagte zu mir, der Teufel ſolle mich holen, wenn ſie nicht ſo werden, wie...“ Alexander konnte den Piſtolen ſeinen Beifall nicht verſagen; allein der Gegenſtand machte ihm keine Freude, und er nahm daher ſchnell denjenigen wieder auf, der ausſchließlich ſeine Gedanken beſchäftigte. „Aber kannſt Du mir ſagen, wo Deine Schweſter heute iſt? Ich habe manchmal meine Blicke zum Fenſter hinauf geworfen, aber ſie hat die Vorhänge noch nicht weggezogen. Die einzigen lebendigen Weſen, die ich geſehen habe, waren die Vögelein, die im Käfig herumhüpfen und zwitſchern. Sie wird doch wohl nicht krank ſein?“ „So lange man lachen kann, ſteht es mit der Geſundheit gut; aber unſre Mutter, Alexander, iſt ſo krittlig, und da kann ſie, wie Du weißt, manchmal ſich ſelbſt nicht ausſtehen. Seit Clara und ich in 154 Drottningholm waren, iſt ſie griesgrämiger als je. Ich glaube, ſie ſah es nicht gern, daß ich Soldat wurde, aber aus einem Soldaten kann doch ein Kor⸗ poral werden, und aus einem Korporal ein General. Siehſt Du, ich denke das auch zu werden.“ „Du? Beim Kukuk, das wünſche ich nicht.“ „Warum nicht?“ „Darum, weil ein Schmied nicht wohl die Schweſter eines Generals heirathen kann.“ „Es hat noch keine Gefahr. Es iſt weit bis an den Mond, und ebenſo weit iſt's vom Soldaten bis zum General. Che ich mein Ziel erreiche, kannſt Du hundertmal heirathen. Ich möchte wünſchen, daß ich ein näheres Ziel hätte, das ich eher erreichen könnte.“ „Du biſt ehrgeizig, Daniel; Du willſt hoch hinaus. Nun, das iſt ſchön! Solche Leute haben immer das Herz auf dem rechten Fleck; aber ſage mir, haſt Du noch niemals geliebt? Ich glaube, daß Du kalt biſt, wie Eis.“ Daniel hielt in ſeiner Arbeit inne. „Kalt wie Eis?“ wiederholte er dann,„Du täu⸗ ſcheſt Dich; ich bin heiß wie glühendes Eiſen. Aber das Eiſen und das Eis ſind doch beide gleich hart. Laß uns nicht davon ſprechen. Siehe, da kommt Clara.“ Beim Anblick Clara's legte Alexander ſeinen Hammer weg, und es wurde einen Augenblick ſtill in der Schmiede. „Ihr Diener, Mamſell,“ grüßte Alexander.„Heute ſind Sie ja ſo rar, wie die Sterne in einer trüben Nacht. Ihre Fenſtervorhänge, die ich zu zerrreißen 155 große Luſt hätte, haben ſich noch nicht ein einziges Mal bewegt. Gedenken Sie ſich denn gänzlich ein⸗ zuſperren, Mamſell! Beim Henker, dann ziehe ich Knall und Fall aus.“ „Dann trifft ſich das alſo ganz vortrefflich,“ meinte Clara,„denn ich komme juſt, um Sie darum zu bitten.“ „Wie ſo? Sie verlangen, daß ich wegziehen ſoll?“ „Warum ſollte ich das nicht verlangen? Sie ſind ja der ärgſte Lärmmacher in der ganzen Welt. In Ihrer Nachbarſchaft kann man weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe finden. Mama hat mich juſt gebe⸗ ten, hieher zu gehen und...“ „Mich zum Wegziehen aufzufordern?“ „Nun freilich, das wäre das Allerbeſte; aber wenn es ſich nicht thun läßt, ſo könnten Sie es doch wohl ſo einrichten, daß Sie wenigſtens nicht ſo ganz ſchrecklich drauf klopften. Das thut ja wie ein Don⸗ nerwetter.“ „Hart auf hart, Mamſell, gibt Lärm und Getöſe. Ich kann, beim Teufel, meinem Hammer keinen ſei⸗ denen Handſchuh anziehen. Aber ſagen Sie mir im Ernſt, wünſchen Sie wirklich, daß ich wegziehen ſoll?“ „Ja gewiß, Alexander. Sie begreifen doch, daß ich auch Frieden im Hauſe haben will. Ueberdieß ſind Sie ſo... ſo... „Was bin ich, Mamſell? Haben Sie die Güte, es mir zu ſagen; Sie brauchen bei mir kein Blatt vor den Mund zu nehmen; ich liebe ein ehrliches 156 Spiel... ich bin ſo, ſagten Sie... was bin ich, wenn ich fragen darf?“ „So rußig, Alexander, ſo rußig.“ Clara war juſt im Begriffe, lachend zu entfliehen, und Alexander, wieder zu ſeinem Hammer zu greifen, als man auf einmal von der Straße her einen ganz ungewöhnlichen Lärm hörte. Flüche und Drohungen, lautes Gelächter und Geſchrei vereinigten ſich zu einem ſchrecklichen Concerte. Es war offenbar, daß eine größere Volksmenge lärmend heranzog. „Zum Teufel,“ bemerkte Alexander,„was ſoll das bedeuten?“ „Still,“ fiel Daniel ein,„ſtill!“ In dieſem Augenblick wurde die Hofthüre heftig aufgeſtoßen. Daniel und Alexander eilten hinaus, um zu ſe⸗ hen, was es gebe. Clara ſchlich ihnen neugierig und ängſtlich nach. Im Thorgang trafen ſie einen von der Dienerſchaft des Königs, den Läufer Anton Ernſt Angel, aber im Zuſtand gänzlicher Betrunken⸗ heit, was bei ihm nichts Ungewöhnliches war. Sein Zuſtand hatte die Volksmenge herangezogen, und obſchon ſich vielleicht nicht ein Einziger unter ihr be⸗ fand, der nicht ſelbſt ſchon allzu oft der Narrheit der Völlerei unterlegen wäre, ſo gewährte ihr doch der Anblick eines betrunkenen Hoflakaien keinen geringen Triumph. Natürlich fehlte es daher nicht an Sti⸗ cheleien und grobkörnigen Späſſen. Aber obſchon Ernſt, wie der Läufer allgemein genannt wurde, kaum gehen konnte, ſo meinte er doch, der ganze Hof, König und Königin mit eingerechnet, ſei durch die Verunglimpfungen gegen ſeine Perſon auf's Tiefſte 157 beleidigt, und erwiederte jede Stichelei, die man ſich gegen ihn erlaubte, mit einem donnernden leiblichen Eid, daß Seine Majeſtät ſelbſt Rache nehmen würde. Aber je ärger er fluchte, um ſo lauter wurde das Gelächter. Eine einzige Sache ſtand jedoch klar vor ſeinem Gedächtniſſe; nämlich der Auftrag, den er auszurichten hatte. Zwiſchen ſeine Flüche hinein fragte er nach dem Haus, wo eine Frau Schedvin wohnen ſollte, und das Volk war in dieſer Beziehung gutartig genug, ihm den rechten Weg zu zeigen. Als Daniel und Alexander herankamen, bedrohte er eben mit geballten Fäuſten die Volksmenge, die an ſeinem hilfloſen Zuſtand ihre Luſt ſah. „Um Entſchuldigung,“ redete ihn Alexander an, welcher glaubte, daß er blos eine Zuflucht ſuche, „wenn Sie dem Volk auszuweichen wünſchen, ſo will ich die Thüre ſchließen.“ „Dem Volk... dem Volk... glauben Sie, daß ich mich um das Volk bekümmere? Ich bin der Läufer des Königs und der Königin, und ich thue für keinen andern Menſchen einen Tritt. Sapper⸗ ment, ſagte König Karl XII., als er Bender ein⸗ nahm. Ich bin kein Haſenfuß, der vor ſolchen Lim⸗ meln davonläuft. Der König wird mich rächen: er wird ſeine Krone aufſetzen und hieher kommen und mit ſeinem Scepter all dieſes Lumpenpack in den Nacken ſchlagen. Es wird dieſen Hallunken ſchlecht bekommen, einen Läufer zu beleidigen. Wißt Ihr, was ein Läufer iſt... ich will es Euch ſagen, Ihr Kanaillen, Ihr Galgenvögel, Ihr ungehenkte Spitz⸗ buben, ein Läufer, Ihr Lumpenhunde, iſt... ein Mann, der... ſo gut iſt, wie jeder andere.“ 158 Um dem Unfug ein Ende zu machen, ſchloß Alexander die Thüre und Daniel ſchob den Riegel vor. „Beruhigen Sie ſich jetzt,“ bat Alexander,„das Volk wird Sie nicht mehr beläſtigen. Haben Sie die Güte und ſagen Sie uns, ob wir Ihnen auf irgend eine Weiſe zu Dienſt ſtehen können.“ „Mich beunruhigen... mir zu Dienſt ſtehen ... Kerl, Sie ſehen aus wie ein vernünftiger Menſch; ſeien Sie ſo gut und nehmen Sie mich unter dem Arm.“ Als Ernſt nicht mehr gereizt wurde und in Ale⸗ randers Arm eine gewiſſe Sicherheit verſpürte, nah⸗ men ſeine Gedanken eine andere Richtung. „Hören Sie jetzt, mein rußiger Freund... mein vortrefflicher Freund... mein... mein... wie heißen Sie, Kamerad?“ „Alexander, Herr.“ „Alexander, ſo ſo, Alexander... das war ja auch ein Alexander, der den großen Mogul gefangen nahm und den Da... Da... Darius in die Naſe kniff, der ſind Sie wohl nicht geweſen?“ „Ich habe Sie gefragt,“ unterbrach ihn Alexan⸗ der,„ob wir Ihnen in Etwas zu Dienſt ſein können?“ „Dienſt... Dienſt... jetzt erinnere ich mich ... das heißt, wohnt hier nicht eine Frau Schralin .... Scherin... Schalin?“ „Keine dieſes Namens,“ fiel Daniel ein,„aber meine Mutter heißt Schedvin, wenn Sie dieſe ſuchen.“ „Wie ſagten Sie? Sched... Sked...“ 159 „Schedvin.“ „Das iſt richtig, mein Junge, auf den Punkt. Wo wohnt die Alte? Ich bin ein Diplomat... ein ordentliches Diplomatarium. Vorwärts Marſch! Halten Sie mich blos unter dem Arm.“ Daniel und Alexander hielten es nicht für paſſend, ihn in dieſem Zuſtand zu der alten Frau zu führen; ſie nahmen ihn ſtatt deſſen vorläufig auf das Zimmer mit, das ſie ſelbſt in beinahe brüderlicher Freund⸗ ſchaft viele Jahre lang bewohnt hatten. Hier angekommen, ſank er auf einen Stuhl nieder. „Ich habe keine Macht, ſagt Ihr? Der König iſt ein ordentlicher Kerl: mit ihm kann ich machen, was ich will. Ich trete ſeinen Drehſtuhl... Schnurr, Schnurr, Schnurr... er drechſelt den ganzen Tag. Die Königin iſt eine böſe Sieben, ſie thut nicht, was ich haben will. Seid ſo gut und ſchaut mich nicht immer ſo an. Glaubt Ihr denn, ich ſei ein Gegenſtand? Aber ſtill, ſo ſollt Ihr Etwas hören ... der Senat... Carambolage...“ Und damit ſank er nickend auf dem Stuhl zurück. „Carambolage.“ „Er ſchläft,“ bemerkte Daniel. „Wenn er Deiner Mutter Etwas zu ſagen hat, ſo iſt es das Beſte, wir laſſen ihn vorher ſeinen Rauſch ausſchlafen.“ Alexander und Daniel beſaßen in Bezug auf den Hof ebenſo wenig Welterfahrung als Clara. Sie nahmen das Geſchwatze Ernſts ohne alles Bedenken als baare Münze an. Clara eilte alſo zu ihrer Mutter, um ihr zu 160 melden, daß einer von Dero Majeſtäten eigenen Läufern ſie ſuche, und zwar, wie es ſcheinen wolle, in einem Auftrag von der Königin, wo nicht vom König ſelbſt. Obſchon die Familie arm und gering war, ſo beſaß ſie doch von älteren Zeiten, d. h. von den Zeiten des Mannes her, allerlei merkwürdigere Er⸗ innerungen, auf welche Frau Schedvin manchmal mit nicht geringem Stolz anſpielte. Der Vorfall in Drottningholm war ein neues Blatt für dieſes Ge⸗ denkbuch, obſchon ſie die Nachricht davon mit einer gewiſſen Bitterkeit aufgenommen hatte, gleich als hätte dieſelbe eine ſchlecht geheilte Wunde in ihrem Herzen aufgeriſſen, über deſſen Natur ſich der Leſer bereits aus ihren unwilligen Aeußerungen über Amanda Schlüſſe gebildet haben kann. Der uner⸗ wartete Beſuch des Läufers Ernſt war jetzt wieder ein Ereigniß, das eben ſo ſehr ihre Neugierde als ihre Verwunderung erregen mußte.. Dennoch runzelte Frau Schedvin verdrießlich ihre ſcharfen Augenbrauen. „Mein Sohn hat dem Kronprinzen ſelbſt das Leben gerettet, und dafür hat man ihm nichts An⸗ deres zu geben, als die Soldatenuniform. Alle Zeiten ſind ſich gleich... nur Undankbarkeit waltet in allen vor. Was will dieſer Läufer da? Mir vielleicht einige Reichsthaler geben?“ „Um Gottes willen, Mutter, ſind Sie ſtill, da kommt er.“ Nachdem er eine Stunde geſchlafen, war Ernſt wieder in ſo weit zum Verſtand gekommen, daß er 161 ziemlich gut wußte, was er zu thun hatte, obſchon ſeine Sinne noch einigermaßen benebelt waren. „Alſo,“ begann er,„alſo iſt das die Frau Sched⸗ vin? Iſt das auch... auch... ſicher?“ Frau Schedvin warf ihm einen ſcharfen, durch⸗ dringenden Blick zu. „Iſt das auch ſicher?“ wiederholte ſie.„Was wollen Sie damit ſagen, mein Herr?“ Ihre unverträgliche Gemüthsart brachte ſie auch jetzt in eine feindſelige Stellung gegen den Läufer. Ernſt richtete ſich empor; es war beinahe, als hätte man ihm Sporen angeſetzt.. „Laſſen Sie mich Ihr Anliegen hören,“ fügte Frau Schedvin hinzu. Beim Gedanken an das Abenteuer von Drott⸗ ningholm vermutheten Clara und Daniel, der Beſuch gelte eigentlich ihnen, und waren beide ſehr neugie⸗ rig, das Weitere zu erfahren. Frau Schedvin, die ſich nicht von ihrem Platz bewegt hatte, ſaß aufrecht und ſteif, beinahe heraus⸗ fordernd, da. Aber auch im Rauſch glaubte Ernſt den unge⸗ nirten Hofmann ſpielen zu müſſen, und ohne die Frage zu beantworten, ſchob er einen Stuhl vor Frau Schedvin hin und ließ ſich ganz bequem darauf nieder. „Madame,“ begann er. Ein Betrunkener iſt in ſeinen ei ſelten ein unbedeutender Menſch. „Mein Herr...“ „Ihro Majeſtäten, der König und die Königin,“ Ridderſtad, Luiſe uUlriken's Hof. II. 11 genen Augen 162 fuhr Ernſt fort,„haben mir immer viel Gnade be⸗ wieſen.“ Die feierliche Art, wie Ernſt ſeinen Auftrag aus⸗ zurichten anfing, flößte ſogar der Frau Schedvin einen gewiſſen Reſpekt ein. „Der Hofmarſchall, Freiherr Jakob Guſtav Horn, iſt mein einziger Vorgeſetzter,“ fuhr er fort,„ich kann beinahe ſagen, mein Freund, weil er mit Nie⸗ mand ſo viel umgeht, wie mit mir. Aber wo war ich jetzt? Ja, es iſt wahr, da wo Ihre Majeſtäten ſich nicht ſelbſt einfinden, da finde ich mich ein.“ Ernſt umgab ſich mit ſo viel königlichem Glanz, als immer möglich: dies war auch eine Art zu im⸗ poniren. „Ich bin hieher geſchickt worden, Madame. Sie ſollen eine Tochter haben.“ „Zur Sache, mein Herr! Ich habe eine Tochter.“ Bei dieſer Wendung in Ernſt's Vortrag fühlte ſich Frau Schedvin wieder auf eigenem Grund und Boden. 1 „Der Hofmarſchall Baron Horn hat mir im Na⸗ men der Königin befohlen, Ihre Tochter zu erſuchen, daß ſie ſich übermorgen um zehn Uhr im Schloß ein⸗ finden möge.“ „Im Schloß einfinden?“ Bei dieſer Erklärung konnte ſogar Frau Sched⸗ vin ihre Ueberraſchung nicht verhalten. Clara er⸗ ſchrack und freute ſich: ſie erſchrack bei dem Gedanken, daß möglicher Weiſe eine neue Unterſuchung in Be⸗ treff des Vorfalls in Drottningholm bevorſtehen könnte, und ſie freute ſich, weil ſie viel Vergnügen n n 3 163 davon hoffte, wenn ſie ſich noch einmal in ſolchen ſchönen und prachtvollen Zimmern umſehen dürfte. Bei der Verfaſſung, worin Ernſt ſich befand, war es unſicher, ob man ihn wirklich beim Wort nehmen durfte; Nichts konnte ihn jetzt hindern, der Sache jeden ihm beliebigen Anſtrich zu geben. Frau Schedvins Widerſpruchsgeiſt war jedoch bereits erwacht. „Darf ich fragen,“ bemerkte ſie,„in welcher Ab⸗ ſicht meine Tochter gerufen wird?“ „Ich glaube, daß Ihre Majeſtät ſich des Mäd⸗ chens annehmen will. Es iſt eine kleine Stelle er⸗ ledigt... Mehr bedurfte es nicht, um den ganzen Verdruß der alten Frau zu erregen. Sie erblickte in dem Anerbieten einen Eingriff in ihre Mutterrechte. Ihre Seele fing Feuer über dieſe geringſchätzige Art, einen ſolchen Wunſch vorzubringen. Sie fühlte ſich in dieſem Augenblick nicht blos mächtiger als die Königin, ſondern ſie fühlte ſich auch beleidigt. „Clara ſollte dort in einen Dienſt treten... Sie... meine Tochter... das geſchieht nie... ich kann ſie nicht weggeben.“ „Sie ſollten es nicht erlauben wollen?“ „Nein... nie.“ „Die Gnade der Königin...“ „Nie.“ Ihre barſche und beſtimmte Weigerung machte ſowohl auf Ernſt, als auch auf Daniel und Alexan⸗ der einen unbehaglichen Eindruck. Ernſt wurde nüchtern. Daniel ſah die ganze Vortheilhaftigkeit einer An⸗ ſtellung ſeiner Schweſter im Schloſſe ein. Dies war mehr, als er je zu träumen gewagt hatte, es war ja ein Verbindungsglied zwiſchen ihm und... Er ſeufzte nicht mehr bei dieſem Gedanken, aber ſeine Stirne legte ſich in Runzeln. Für Alexander dagegen war das Anerbieten ein harter Schlag. Beim Gedanken, daß Clara in eine andere Stellung, und zumal von der in Frage ſtehen⸗ den Art, verſetzt werden ſolle, hob ſich ſeine kräftige Bruſt von einem tiefen Seufzer; aber er war gleichwohl zu ehrlich, er liebte Clara zu aufrichtig und innig, als daß er ihr nicht alles mögliche Gute in der Welt gewünſcht hätte. Clara ſelbſt wußte nicht, was ſie denken ſollte. Der Antrag beunruhigte und erfreute ſie zu gleicher Zeit. „Mutter,“ ſagte Daniel,„Sie können der Kö⸗ nigin ihren Wunſch nicht abſchlagen.“ „Ich ſchlage ihn ab.“ „Beſte Frau Schedvin,“ meinte Alexander,„be⸗ denken Sie, daß es ſich um das Glück Ihrer einzigen Tochter handelt.“ „Befaſſen Sie ſich nicht damit, mein Herr. Ihr Glück beſteht darin, ihre Mutter zu pflegen.“ Als Alexander für Clara bat, ſchlug das Mäd⸗ chen ihre ſchönen Augen auf und ſah ihn forſchend an. Ihre Bruſt hob ſich, eine liebliche Röthe flog über ihre Wangen. „Ach, Mutter,“ begann Daniel von Neuem,„be⸗ denken Sie doch, welche Ehre für Sie, eine Chre, 165 die gewiß viele Segnungen für Ihr Haus und Ihre Familie zur Folge hätte. Sie erlauben doch Clara...“ „Ich habe geſagt: Niel und ich wiederhole es.“ Nichts ſchien ſie erſchüttern zu können. „Ich habe übrigens einen ſehr triftigen Grund für meine Weigerung,“ fuhr ſie fort.„Komm' her, Clara. Antworte mir aufrichtig, willſt Du Deine Mutter verlaſſen?“ Auf eine ſolche Frage gibt es für eine Tochter nur eine einzige Antwort. Clara war ein heiteres und gutes Mädchen. Die Freude winkte ihr in's Schloß, die Pflicht, wenn auch nicht das Herz, hielt ſie bei der Mutter zurück. Sie bedachte ſich nicht über die Antwort, doch fiel es ihr ſchwer. „So lange Sie leben, Mutter, wünſche ich am Liebſten bei Ihnen zu bleiben.“ Ihre Klage ſäuſelte wie ein Seufzer neben den Worten her; aber ſie ſchien doch einen Troſt zu be⸗ ſitzen: darauf deutete wenigſtens der Blick, den ſie Alexander zuwarf. Alexander athmete auf, als wäre ihm eine Laſt von der Bruſt gewälzt worden. „Sie bleibt alſo da,“ dachte er. Aber Ernſt vermochte nicht länger zu ſchweigen. Er wollte nicht die Schande haben, zu ſeinem Chef, dem Hofmarſchall und Baron zurückzukommen und ihm zu melden, daß es ihm mit ſeinem, wie er meinte, hochwichtigen Auftrag nicht gelungen ſei. „Sie weiſen alſo den Antrag, den ich Ihnen zu machen die Ehre hatte, zurück, Madame?“ „Ja.“ 166 „Da muß ich Ihnen ſagen, Madame, daß dieſe Ihre Weigerung dem Hof einen ſehr geringen Be⸗ griff von Ihrem Verſtand beibringen wird.“ „Darum bekümmere ich mich ganz und gar nicht... man kann von mir denken, was man will.“ „Aber Sie beleidigen den Hof, Madame.“ „Ich beleidige Niemand, aber ich habe meinen eigenen Willen.“ Frau Schedvin wurde immer ſchärfer in ihren Ausdrücken. „Sie ſetzen mich in Erſtaunen, Madame,“ fuhr jedoch Ernſt fort;„ich habe auf Ihro Majeſtäten Befehl ſchon gar viele Häuſer beſucht und gar man⸗ cherlei Aufträge ausgerichtet, aber ich bin nirgends ſo empfangen worden wie hier. Vor einigen Jahren beſuchte ich den Baron Pechlin in einem ganz ähn⸗ lichen Auftrag, und er erfüllte den Wunſch der Kö⸗ nigin mit der unterthänigſten Dankbarkeit und führte ſelbſt ſeine Tochter in's Schloß. „Pechlin?“ „Wie ich ſage, Madame, Baron Pechlin.“ „Sie meinen ſeine Pflegtochter... Amanda... Sie meinen doch ſie?“ „Juſt ſie, Madame.“ Frau Schedvins Geſicht nahm einen andern Aus⸗ druck an. Ihr Blick verlor zwar Nichts von ſeiner Schärfe, aber ſie neigte ihren Kopf... ſie ſchien ſich zu bedenken, zu überlegen. „Amanda, ja! Das iſt ſehr wahr, ſie iſt bei Hof angeſtellt? Antworten Sie mir, mein Herr, ant⸗ worten Sie mir, was iſt ſie jetzt?“ „Kammerfrau bei der Königin...“ u— 8o u 167 „Kammerfrau... Kammerfrau...“ Nach der plötzlichen Veränderung in Frau Sched⸗ vins Geſicht zu ſchließen, mußte auch ihr Inneres heftig erſchüttert worden ſein. „Warum nicht?“ ſagte ſie jetzt, obwohl mehr für ſich, als zu ihrer Umgebung.„Es wäre nicht übel, ha ha ha! Nun wohl...“ Sie wandte ſich gegen Ernſt. „Clara wird ſich einſtellen. Ich verſpreche es. Sie wird kommen.“ „Aber, Mutter,“ bat Clara,„ich bleibe am Lieb⸗ ſten bei Ihnen. Warum...“ „Kein Wort mehr, Clara. Du mußt. Ich will es.“ „Dank, gute Mutter!“ fiel Daniel ein, der ſie in ihrem Verſprechen beſtärken wollte,„Dank!“ Alexander drückte blos Clara's Hand. Er konnte kein Wort über ſeine Lippen bringen. „Glück zu!“ preßte er jedoch endlich heraus,„und leben Sie wohl!“ Ernſt richtete ſich auf. Er betrachtete ſich als einen Mann, der durch ſeine Beredtſamkeit einen Sieg gewonnen habe. „Uebermorgen alſo finden Sie ſich im Schloſſe ein, Mamſell. Sie können nach mir fragen und ich werde Sie dem Hofmarſchall vorſtellen. Seien Sie überzeugt, meine kleine Freundin, daß Sie jederzeit auf meine Protektion rechnen dürfen.“ Dabei richtete er ſich auf, machte einen gravitä⸗ tiſchen Bückling und entfernte ſich. Alexander und Daniel blieben auch nicht mehr lange da. Alexander begab ſich in ſeine Schmiede, aber 168 der Hammer bewegte ſich nicht mehr ſo ſchnell. Da⸗ niel ſteckte die Piſtolen in ſeine Taſche und eilte zu dem Lieutenant Grafen Creutz. „Komm' her, Clara,“ ſagte die Mutter.„Ich habe Dir Etwas zu ſagen.“ Clara ſetzte ſich an ihre Seite. „Du kennſt Amanda, mein Mädchen?“ „Wie Sie wiſſen, Mama, ja.“ „Wenn Du jetzt irgend eine Anſtellung im Schloſſe erhalten ſollteſt, ſo wünſche ich, daß Du auf dieſe Amanda recht genau Acht gibſt.“ „Wünſchen Sie, daß ich mich genau mit ihr befreunden ſoll?“ „O nein, das ſage ich juſt nicht. Freundſchaft findet ſich ſelten oder gar nie unter Mädchen; wenig⸗ ſtens geht ſie nicht weiter, als bis ſie einander mit guter Manier ihre Liebhaber abſpannen können, wenn ſich eine Gelegenheit darbietet. Aber ich wünſche, daß Du ihr viel Aufmerkſamkeit widmeſt, ganz be⸗ ſonders auch, ob Sie Jemand liebt und wieder ge⸗ liebt wird.“ „Ach, ja, Mama, ich will recht aufmerkſam gegen ſie ſein. Ich habe Amanda recht lieb.“ Die Mutter konnte ein ungeduldiges Achſelzucken nicht zurückhalten, und der ſcharfe Ausdruck über den Augen ſtellte ſich wieder ein. „Du biſt ein Kind, Clara,“ ſagte ſie.„Weißt Du, wer Amanda iſt?“ „Wer Amanda iſt, Mama? Ihre Eltern...“ „Du glaubſt ſie gekannt zu haben, nicht wahr, Du glaubſt das?“ 169 „Nun ja, Mama, ſie wohnten ja vor vielen Jahren hier im Hauſe. Amanda und ich ſpielten viel mit einander. Ach, wir waren damals ſo ver⸗ gnügt, ſo vergnügt.“ „Amanda hat niemals Eltern gehabt, Clara, niemals. Ich weiß das. Sie iſt blos ein Findel⸗ kind, verſtehſt Du, ein namenloſes Findelkind, das der Baron Pechlin in ſeine Obhut nahm. So lange er jedoch Junggeſell war, konnte er das Mädchen nicht bei ſich im Hauſe behalten, ſondern alkordirte ſie bei den Leuten ein, die hier wohnten und für ihre El⸗ tern galten. Erſt als Pechlin ſich verheirathet hatte, nahm er das Mädchen zu ſich... o du wirſt ſie alſo jetzt wiederſehen. Aber ſieh'... ich habe meine eigenen Gründe, warum ich genau wiſſen möchte, was ſie treibt... und da Du jetzt Gelegenheit er⸗ hältſt, oft mit ihr zuſammenzutreffen, ſo mußt Du ſie recht auszuforſchen ſuchen... Du verſtehſt mich doch und verſprichſt es mir?“ „Ja, Mama.“ Eilftes Kapitel. Die Macht der Erinnerungen. Die Duelle. Puke verläßt das Vaterland. Der Reichstagsabgeordnete für den Bezirk Kihl, Lars Larsſon von Maſäng, war von dem Augenblick an, wo er den Capitän Puke bei Baron Wrangel getroffen, nicht mehr derſelbe Mann geweſen wie vorher. Er war düſter, verſchloſſen und nachdenklich geworden. 170 Forbus, Bataillonsprediger des Regiments We⸗ ſterbotten, war ein wirklicher Freund des Bauern⸗ ſtandes und beſaß auch bereits bei einem anſehnli⸗ chen Theil deſſelben großes Vertrauen. Er ſtand, wenn auch nicht in materieller, ſo doch in intellec⸗ tueller Beziehung, an der Spitze des Clubs von der holländiſchen Düne. In der Politik konnte man ihn einen Schwärmer nennen. Mit feuriger Seele faßte er die rein monarchiſche und wiederum die rein ra⸗ tionelle Seite an den Bedürfniſſen des Staates zu⸗ gleich auf. Aber von Mitteldingen zwiſchen beiden wollte er Nichts wiſſen. Er ſtellte das organiſche Weſen des Menſchen als Typus für die Staatsge⸗ ſellſchaft auf. Ein Kopf, der regierte, und unter ihm ein organiſches Ganzes, das im Namen des Verſtandes ſeine Rechte geltend zu machen wußte. In ſeinem politiſchen Glaubensbekenntniß war Treue und Glauben, denn es zerſchmolz mit ſeiner religiö⸗ ſen Zuverſicht. Gleichwie der Einzelne ſein Knie vor einer höheren Gottheit beugte, ſo mußte auch der Staat, als eine einzige moraliſche Perſönlichkeit, ſich vor derſelben beugen. Seine Ideen von Staat und Kirche ließen ſich in den wenigen Worten zu⸗ ſammenfaſſen: Ich habe keine andern Götter neben Dir. Unter den Mitgliedern des Bauernſtandes be⸗ ehrte Forbus vorzugsweiſe Lars Larsſon mit ſeiner Achtung und Freundſchaft. Bei ſolchen politiſchen Verhältniſſen, wie dieje⸗ nigen waren, die jetzt das allgemeine Intereſſe auſ's Lebhafteſte in Anſpruch nahmen und einen bedeuten⸗ den Kampf in Ausſicht zu ſtellen ſchienen, durfte Kei⸗ ¹ 171 ner auf ſeinem Poſten fehlen, ſondern Jeder mußte von den gemeinſamen Parteiideen durchdrungen ſein, und nach Maßgabe ſeiner Kräfte voll Eifer zum Er⸗ folg der Parteizwecke beitragen. Vater Lars, wie Lars Larsſon allgemein hieß, war bei einer feſtgeſetzten allgemeinen Verſammlung nicht erſchienen, und Forbus wollte alſo zu ihm gehen, um zu ſehen, was er machte. Aber ein paar Stun⸗ den vorher erhielt er einen Brief von Lars, worin dieſer ihn dringend um ſeinen Beſuch bat. Lars Larsſon bewohnte ein Stübchen zwei Trep⸗ pen hoch in einem Haus auf dem Prangerberg. Als Forbus die Treppe hinaufging, hörte er Tritte dicht hinter ſich. Die Thüre ging leiſe auf und Forbus trat ein. Er hatte erwartet, daß er Vater Lars mit dem genauen und kritiſchen Studium einiger belehrenden und leitenden Broſchüren und Zeitſchriften, welche die Tagesfragen behandelten, beſchäftigt finden würde; ſtatt deſſen fand er ihn, den Rücken gegen die Thüre gekehrt und den Kopf auf ſeine Hand geſtützt, in der Bibel leſend. Vater Lars hatte ſich zu ſehr darein vertieft, um hören zu können, daß die Thüre aufgegangen und Jemand hereingetreten war. Aber im ſelben Augenblick, wo Forbus, von an⸗ dachtsvoller Achtung ergriffen, ruhig und ſtill auf der Schwelle ſtehen blieb, trat Jemand an ſeine Seite. Sie betrachteten einander, als ob keiner von beiden den andern hier erwartet hätte. 172 Der zuletzt Angekommene war Capitän Schecta. Vater Lars las mit lauter Stimme ein Kapitel aus den herrlichen, von ewiger Weisheit überquellen⸗ den Sprüchen Salomonis. Als er endlich aufhörte, ſenkte er ſeine Stirne auf die aufgeſchlagene Bibel und faltete ſeine Hände. Forbus und Schecta ſahen einander überraſcht und fragend an, dann traten ſie von zwei Seiten auf Lars zu. „Gottes Frieden, Lars!“ grüßte ihn Forbus, in⸗ dem er ſachte die Hand auf ſeine Schulter legte. „Ihre Seele leidet, Ihr Herz iſt bekümmert. Deß⸗ halb noch einmal, Gottes Frieden, Vater Lars!“ Während Forbus ſprach, richtete ſich Vater Lars mit großem Ernſt in ſeinem ganzen Weſen auf. Ein Maler hätte ihn in dieſem Augenblick als Modell eines Patriarchen aus den ſchönſten Tagen der Vor⸗ zeit benutzen köͤnnen. Das graugeſprenkelte, zurück⸗ gekämmte Haar ließ die Stirne, auf welcher mann⸗ hafte Offenheit und Schlichtheit thronte, rein und frei. Sein ruhiger, feſter Blick drückte Frömmigkeit und Ergebung aus. Aber das ungewöhnlich blaſſe Geſicht gab zu erkennen, daß ein großer Kummer ſeine Seele erfüllt haben mußte. In der kunſtloſen Tracht ſeiner Provinz und bei ſeiner vollkommen an⸗ ſpruchsloſen Haltung konnte man ihn als das ächte Muſterbild eines ſchwediſchen Bauern aus dieſer Zeit betrachten. „Sie entſchuldigen mich wohl, meine Herren,“ ſagte er, gegen die Ankömmlinge gekehrt,„daß ich mir die Freiheit genommen habe, Sie hieher zu bit⸗ 173 ten. Aber ich war nicht in der erforderlichen Stim⸗ mung, um Sie ſelbſt aufſuchen zu können.“ Nach der Art, wie Forbus den Vater Lars ge⸗ funden, hatte er geſchloſſen, daß er gerufen worden ſei, um ihm Troſt und Ruhe einzuſprechen; aber aus ſeinem Gruß erſah er jetzt, daß auch Schecta einge⸗ laden worden war, und daß es ſich folglich hier um etwas Anderes handeln mußte. Er wunderte ſich daher nicht wenig, als Vater Lars unmittelbar dar⸗ auf eine Frage an ihn richtete, die mit ſeiner erſten Vermuthung zuſammentraf. „Sie haben wohl die Communionsmittel bei ſich, Herr Paſtor?“ fragte ihn nämlich Vater Lars. „Sie haben in Ihrem Brief kein Verlangen dar⸗ nach geäußert. Aber wie ſteht’s, Vater Lars? Ich habe Sie nie ſo geſehen, wie jetzt. Es muß Ihnen ein großes Unglück zugeſtoßen ſein.“ „Cher ein Glück, Herr Paſtor, weil das Bewußt⸗ ſein eines großen Verbrechens in mir geweckt wor⸗ den iſt. Aber könnten Sie die Communionsmittel nicht anſchaffen?“ „Wünſchen Sie eine Ohrenbeichte, Vater Lars, oder was iſt Ihre Abſicht?“ „Es iſt nicht für mich, ich bedarf deſſen nicht; aber ich weiß, Herr Paſtor, daß Ihr Herz ſich nicht weigert, mit mir einen Mann zu beſuchen, der viel⸗ leicht... mit Beſtimmtheit weiß ich es nicht... ein Sterbender iſt.“ „Gewiß nicht, Vater Lars, aber Sie kommen mir ſo ungewöhnlich vor, und ich verſtehe Sie nicht recht.“ „Das thut Nichts, Herr Paſtor. Wollen Sie Communionsmittel bald hier.“ „Ja, ſo geht es leicht.“ Forbus ſchrieb ſogleich einige Zeilen, und Vater Lars begab ſich hinaus, um einen Aufwärter mit dem Brief abzuſchicken. Während Lars draußen war, wandte ſich Forbus gegen Schecta. „Verſtehen Sie von all dem Etwas, Herr Ca⸗ pitän?“ fragte er. Schecta zog ſeine buſchigen Augenbrauen herab und ſchüttelte ſeinen grauen, zottigen Kopf, während eer einen mißtrauiſchen Blick im Zimmer umher⸗ ſchweifen ließ. „Das Simbol der Weisheit iſt eine Eule,“ ant⸗ wortete er,„und die Eule, Herr Paſtor, ſieht nur im Dunkeln. Hier iſt heller Tag, und ich ſehe Nichts.“ Als Lars zurückkam, trat er zu Schecta. „Betrachten Sie mich, Capitän,“ ſagte er;„ich glaube, daß Sie mich nicht aus alten Zeiten kennen.“ Schecta zog ſeine beweglichen Augenbrauen wie⸗ der hinauf, wobei das Auge ſich erweiterte, und in ſeinem Geſicht lag etwas Verſtändiges und Dummes zugleich. „Ich habe nie Jemand eine halbe Stunde län⸗ ger gekannt, als ich ſeiner bedurfte. Ein alter Freund iſt ein ſchwerer Stein am Fuß, ein junger iſt ein Flügel daran. Von welcher Zeit ſprechen Sie, Vater Lars?“ „Von 1725 und 1730.“ einige Zeilen nach Haus ſchreiben, ſo haben wir die „17252 Wir haben jetzt 1756. Sie müſſen ſo alt wie Methuſalem ſein, um ſchon damals gelebt zu haben. Derjenige iſt weiſe, der ſich nicht weiter als bis auf geſtern zurückerinnert. Die Philoſophen lehren uns, daß das Leben blos ein Augenblick, die Poeten, daß es blos ein Traum ſei. Ich glaube, daß Beide Recht haben: das Leben iſt der Traum eines Augenblicks.“ Lars antwortete nicht ſogleich, aber ohne irgend eine Veränderung in ſeinem Geſichte betrachtete er Schecta eine gute Weile. „Wollen Sie ſo gut ſein und in das innere Zimmer hier treten, Capitän?“ ſagte er dann.„Fürch⸗ ten Sie Nichts, Capitän... öffnen Sie die Thüre und ſchließen Sie hinter ſich, wenn Sie ſo wollen.“ Schecta zögerte einen Augenblick, trat aber doch endlich ein. Lars Larsſon verſchloß die Thüre hinter ihm. Forbus näherte ſich Lars, um ihn um Aufſchluß zu bitten, aber Lars machte eine abwehrende Bewe⸗ gung. „Hören Sie, Paſtor, hören Sie!“ Ein Ruf des Schreckens und Entſetzens erſcholl in dieſem Augenblick von dem Zimmer her, in wel⸗ ches Schecta ſich begeben hatte. „Bei Gott, Vater Lars, was ſoll das heißen? Sie ſetzen mich in Erſtaunen.“ „Fürchten Sie Nichts, Herr Paſtor; ich weiß, was ich thue. Laſſen Sie uns gleichwohl jetzt hin⸗ eingehen.“ Als Forbus und Lars eintraten, fanden ſie Schecta beinahe bewußtlos in einen Stuhl nieder⸗ 176 geſunken, der vor einem gewöhnlichen, ziemlich gro⸗ ßen Schreibtiſch ſtand. In ſeinen gefalteten Hän⸗ den, die auf dem Tiſchrand ruhten, befand ſich ein zuſammengedrücktes Papier. Forbus und Lars wollten ihm zu Hilfe eilen, aber es war überflüſſig; Schecta richtete ſich in die⸗ ſem Augenblick ſelbſt auf. Wie ſehr hatte er ſich jedoch nicht in dieſen wenigen Minuten verändert! In dem ſonſt ſo nichtsſagenden Geſicht lag Feuer, Leben und Beſtimmtheit. Das Wirre und Lächer⸗ liche darin war verſchwunden, und die Züge waren ſtatt deſſen ſcharf und ernſt; das manchmal höhniſche und lauernde Auge war jetzt voll von drohender Kraft; der mitunter ſogar dumme, um nicht zu ſagen ſchlaffe Ausdruck in ſeinen Geſichtszügen wurde jetzt von einer herausfordernden und kühnen Genialität beſeelt; die buſchigen Brauen bedeckten nicht mehr gläſerne, langſam rollende Augen, ſondern ſolche, aus denen eine nachhaltige Flamme von reinem Feuer leuchtete. „Welche entſetzliche Erinnerungen hat dieſes Zim⸗ mer nicht in mir geweckt?“ ſagte Schecta.„In die⸗ ſem Zimmer umgeben mich noch jetzt alle meine frü⸗ heren Erinnerungen. Ich erkenne dieſe Möbel, dieſe Stühle, dieſen Tiſch wieder. Hier war es, wo meine ehemaligen Freunde einmal ſaßen. Und dieſe Schrift...“ Schecta zerdrückte das Papier in ſeiner Hand, und ein Zittern ſchüttelte ſeine Glieder. „Unendliche Macht der Erinnerung,“ rief er, „noch an des Grabes Rand reißt ſich keiner aus deinen Armen los!“ 177 Seine Augen irrten wild umher, blieben aber zuletzt auf Vater Lars haften. „An welchen entſetzlichen Zeitpunkt in meinem Leben haben Sie mich nicht erinnert, Lars!“ fuhr er fort;„aber ich beklage mich nicht darüber, es freut mich vielmehr: die Erinnerung ruft mich zur Kraft und Thätigkeit auf: noch habe auch ich meinem Va⸗ terland ein Wort zu ſagen, noch einen Fehdehand⸗ ſchuh hinzuwerfen. Welche entſetzliche Kataſtrophe! Erinnerſt Du Dich, Lars, erinnerſt Du Dich? Ein Blitz fuhr gleichſam an meiner Seele vorbei und verbrannte mich mit ſeinem flammenden Flügel. Aber wie feig waren wir nicht? Wie feig war ich nicht? Ich habe mich elend benommen, bei Gott, dem All⸗ mächtigen. Von mir ſelbſt verachtet und verflucht, bin ich ſeitdem nur als ein Geck und ein Narr auf Erden umhergeirrt.“ „Capitän,“ unterbrach ihn Lars,„ich würde Ihnen ein ſo ſchmerzliches Ereigniß aus Ihrem ver⸗ floſſenen Leben nicht in's Gedächtniß zurückgerufen haben, wenn ich nicht durch einen Vorfall, der mir tief zu Herzen ging, dazu veranlaßt worden wäre. Ich bin mit dem Sohn Ihres Freundes, dem jun⸗ gen Puke, zuſammengetroffen. Da trat mir die Zeit wieder vor die Seele, wo ich Ihr getreuer Thür⸗ hüter, der Wächter an Ihrer Schwelle war, und, Gott verzeih mir's, ich habe mir viel vorzuwerfen. Als dieſes Schreiben da, das Sie in Ihrer Hand halten, Capitän, gleich einer Bombe unter Ihre Freunde einſchlug und ſie nach allen Richtungen zer⸗ ſtreute, da ſaß Ihr Freund noch allein hier, und als Alle fort waren, gab er mir einen Auftrag, den ich Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. II. 12 178 nicht erfüllt habe. Beim Anblick ſeines Sohnes drangen alle Vorwürfe auf meine Seele ein; aber als ich heute früh vernahm, daß er nicht weniger als zwei Duelle zu beſtehen habe, da ſah ich auch ihn aus dem Leben ſcheiden, und ich wurde von Furcht und Schwermuth übermannt. Schecta erinnerte ſich jetzt gleichfalls an Capitän Puke, mit dem er ſogar einige Worte geſprochen hatte. „Puke's Sohn... ja, ja, das iſt er... ich habe ihn geſehen... ich habe mit ihm geſprochen . ich ahnte jedoch nicht, daß er es war... wo iſt er... laſſen Sie uns zu ihm eilen.“ „Man will ſein Verderben, Capitän. Man fürchtet ihn, wie man den Vater fürchtete. Zwei gegen einen! Laſſen Sie uns zu ihm eilen! O mein Gott, ich hätte keinen ruhigen Augenblick mehr auf Erden, wenn ich nicht mein Verbrechen von mir ab⸗ wälzen dürfte, bevor er aus der Welt ſcheidet. Sie werden doch meine Ausſagen bekräftigen... nicht wahr, Capitän, Sie thun das?“ Die Beſchaffenheit der Ereigniſſe, die bei Lars Zerknirſchung und Reue hervorgerufen haben, kennen wir noch nicht näher; aber die Vorwürfe des red⸗ lichen Herzens ſtanden ſo deutlich in ſein Geſicht gezeichnet. Er murmelte leiſe vor ſich hin: „Wunden kann man verbinden; ſpöttiſche Worte kann man ſühnen; aber wer ein Geheimniß offen⸗ baret, mit dem iſt es aus.“ Darauf fügte er hinzu: „Sie helfen mir doch, Capitän?“ „Ja, Vater Lars. Laſſen Sie uns eilen.“ 179 „Verzeihen Sie, Herr Paſtor; aber Sie werden ihm ſicherlich ein willkommener Gaſt in ſeinem letz⸗ ten Stündchen ſein.“ Die Communionsmittel waren inzwiſchen ange⸗ langt, und da Lars auch für einen Wagen geſorgt hatte, ſo ſetzte man ſich hinein. Als der Kutſcher fragte, wohin er fahren ſolle, erhielt er zur Antwort: Nach Norrbacka. Norrbacka iſt ein altes Wirthshaus, ein wenig über dem Norrtull außen gelegen. Das Gebäude, ein rothangeſtrichenes zweiſtockiges Haus, iſt einfach und anſpruchslos, gewährt jedoch vermöge ſeiner hohen Lage nach der Stadtſeite zu eine ſehr ſchöne Ausſicht. Auf der entgegengeſetzten Seite dehnt ſich der Solnawald hin, dieſer großartige, herrliche Fich⸗ tenpark, eine wahre Zierde für die Umgebungen der Hauptſtadt. Der Solnawald war, wie der Thier⸗ garten, immer ein Platz, wohin früher das Duell ſeine Zuflucht nahm. Er ſtimmt auch weit beſſer zu dem tragiſchen Charakter des Zweikampfs, als der letztere. Die hohen Baumſtämme, der Schatten der Kronen, Schatten an Schatten, die geheimnißvolle, düſtere Stille des Ganzen verleihen ihm einen ge⸗ wiſſen feierlichen und erhabenen Anſtrich. Auf einem offenen, freien Platz, um welchen her einige ſtattliche Fichten ein geſchloſſenes Viereck bil⸗ deten, finden wir Puke nebſt ſeinen beiden Secun⸗ danten wieder. Puke hatte ſich auf dem Stamm eines vom Sturm umgewehten Baumes niedergelaſſen. Vor ihm ſtan⸗ den Hermelin und Wallenſtjerna, in einem Geſpräch 180 begriffen. Seitwärts von ihnen war Jonas beſchäf⸗ tigt, einen Feldmantel auszubreiten, auf welchen einige Degen und eine Piſtolenſchatulle gelegt wur⸗ den. Jonas war mit dergleichen Geſchäften nicht unbekannt und verſah ſeine Arbeit mit verſtändiger Sorgſamkeit. Er öffnete die Schatulle, nahm die Piſtolen heraus, unterſuchte die Zündpfannen, putzte ſie ab und legte ſie wieder auf den Mantel. Während Hermelin und Wallenſtjerna mit ein⸗ ander ſprachen, fixirten ſie Puke mitunter. Aber Puke hatte ſeine Rechnung mit der Welt abgeſchloſ⸗ ſen und ging dem kommenden Augenblick mit Ruhe entgegen. Seine gegenwärtige Stellung war nichts weniger als freudvoll. Dem Duell ſelbſt ſah er mit voll⸗ kommener Gleichgültigkeit entgegen, aber das be⸗ trübte ihn, daß er es mit ſeinen zwei älteſten, um nicht zu ſagen einzigen, Jugendfreunden beſtehen ſollte. Hatte er ſich auch im erſten Augenblick der Beleidigung gedrungen gefühlt, als entſchloſſener Soldat mit der blanken Waffe Rache zu fordern, ſo war gleichwohl dieſes Gefühl gänzlich verſchwunden, ſo bald er ſich einigermaßen gefaßt hatte. Es war daher nicht blos die Eingebung eines flüchtigen Ein⸗ drucks, wenn er Alma das Verſprechen gab, ihrem Bruder nicht allzu nah auf den Leib rücken zu wol⸗ len; darüber war er ſchon vorher mit ſich einig ge⸗ weſen, und noch mehr, er hatte dieſes Verſprechen im Stillen auch auf Röhr ausgedehnt, obſchon er wußte, daß er in ihm einen Nebenbuhler bei Alma hatte. Aber alles das erſchien ihm als Nebenſache, wenn es, wir wollen nicht ſagen Blut und Sause 181 ſondern was ihm noch wichtiger war, die Achtung für alte Freundſchaftsverbindungen, dieſe Quelladern des wahrſten und männlichſten Ehrgefühls, galt. An ſich ſelbſt dachte er nicht. Er hatte dem Tod allzu oft in's Auge geſehen, um ihn zu fürchten. Der Kummer und Schmerz, der ſeine Bruſt erfüllte, be⸗ traf die Stellung, in welche Wrangels Erzählung ihn verſetzt, und wodurch er das Recht, auf Alma's Beſitz zu hoffen, verloren hatte. Er ſah ſich auf einmal von Allem, was ihm lieb und theuer war, vom Vaterland und vom Familienleben, zurückge⸗ ſtoßen. Aber er hatte von Alma bereits Abſchied genommen, er hatte auch ſeinen Sohn an ſeine Bruſt gedrückt, und damit durfte er die Sache als abge⸗ macht betrachten. Puke war im Allgemeinen nicht ſehr geſprächig. Er ſprach, wenn ihn ein Gegenſtand beſonders an⸗ regte, ſonſt aber war er wortkarg und ſchweigſam. Wallenſtjerna war eine herzliche, aber vorſchnelle Soldatennatur. Er konnte es niemals zu dem klu⸗ gen und vorſichtigen Benehmen bringen, das Her⸗ melin ſich angeeignet zu haben glaubte. Jeder Augenblick mußte, nach ſeinem Dafürhalten, auch einigen Zündſtoff mit ſich führen. Er hatte Puke's Bitte, ihm zu ſecundiren, mit der größten Freude entgegengenommen, theils weil der Mann ihm ge⸗ fiel, theils weil er überhaupt ſeine Luſt an Duellen hatte. In Folge dieſer Charaktereigenſchaften dachte er weniger, als er ſprach; aber er ſprach doch nicht lieber, als er handelte. Hermelin repräſentirte die⸗ ſelbe Natur, nur eine andere Seite von ihr: er ſprach * d8 182 weniger, als er dachte; aber er dachte doch auch nicht lieber, als er handelte. „Es iſt alſo Ihr feſter Entſchluß, Capitän,“ ſagte Wallenſtjerna,„das Vaterland wieder zu ver⸗ laſſen?“ „Ich habe meinen Paß in der Taſche, und mein Reiſewagen erwartet mich am Wirthshaus. In einer Stunde wird er mich entweder nach irgend einem Kirchhof oder nach dem Ausland führen.“ „Ei was? Capitän, laſſen Sie das unterwegs und bleiben Sie lieber daheim, ſo verſprechen wir Ihnen, daß Sie jeden Tag ein Duell auf den Hals bekommen ſollen. Sie müſſen's geſtehen, manchmal juckt es Einen förmlich, um ſein Leben zu ſpielen. Ehe Hermelin, Silfverhjelm und ich rechte Freunde wurden, traten wir einander gewiß zwei⸗ oder drei⸗ mal mit den Degenſpitzen entgegen. Auch kann man ſich dieſes Vergnügen ohne alle Mühe verſchaffen... ein einziges Wort... manchmal ſogar blos ein halbes Wort... und man zieht vom Leder. Uebri⸗ gens habe ich meine Vermuthungen... hier i Etwas um den Weg... ſicher... ganz ſicher. Sie erinnern ſich, was ich Ihnen bereits geſagt habe. 6 Puke fuhr heftig zuſammen: Wallenſtjerna's Worte mahnten ihn an Etwas, was er bisher vergeſſen hatte. „Ah richtig,“ verſetzte er,„Sie ſagten, daß Ihr Kamerad, Lieutenant Silfverhjelm, kaum af von einer Reiſe zurückgekehrt ſei.“ Hermelin wandte ſich mit einem fragenden Aus⸗ druck zuerſt gegen Puke und dann gegen Wallen⸗ 183 ſtjerna; aber er begriff ſogleich, daß Wallenſtjerna wieder zu viel geſchwatzt hatte. „Nicht eigentlich, Capitän,“ bemerkte indeß Wal⸗ lenſtjerna,„ich ſagte, daß er vorgegeben habe, er komme aus einem Krankenhaus; aber was zum Hen⸗ ker haben wir jetzt damit zu ſchaffen?“ Wallenſtjerna war etwas verlegen und ärgerlich darüber, daß man ihn in Hermelin's Gegenwart an ſeine eigenen Erzählungen erinnerte. „Von einem Krankenhaus, ja gewiß,“ antwor⸗ tete ihm Puke;„aber Sie vergeſſen den Kranken⸗ hausſchein, ich meine den Kurierpaß. Sie wiſſen wohl nicht, meine Herren, in welcher Abſicht die Reiſe unternommen worden iſt?“ „Aus Geſundheitsrückſichten, natürlich.“ Hermelin zuckte die Achſeln. „Bruder Wallenſtjerna,“ bemerkte er,„Du biſt ein ſchrecklicher Schwätzer, ein wahres Waſchweib.“ Das geringſchätzige Lächeln, womit Hermelin ſeine Worte begleitete, drang wie eine Degenſpitze durch Wallenſtjerna's Bruſt; allein die beiden waren gewöhnt, einander mit ziemlich grobem Geſchütz zu bedienen, und Wallenſtjerna ärgerte ſich weniger über Hermelin, als über Puke, der die Bemerkung hörte. „Tauſend Teufel,“ murmelte er blos,„tauſend Teufel!“ Dies war eine ihm gewöhnliche Art von Parade, die er gegen Hermelin's Aeußerung annahm; aber er ſah ſich doch bereits nach einer Gelegenheit um, ſich noch vollſtändiger zu rechtfertigen. Puke blieb ſtill. 184 „Wollen Sie mir,“ begann er jedoch endlich, „aufrichtig eine Frage beantworten, meine Herren?“ „Fragen Sie.“ „Zu welcher Partei halten Sie? Gehören Sie mit Leib und Seele dem Hof an?“ Wallenſtjerna, der eine Veranlaſſung zu einem Streit erwartet hatte, ſah etwas beſchämt aus. Er wußte nicht, wie er in ſeine Antwort auf dieſe Frage ſchicklicherweiſe einen paſſenden Seitenhieb hinein⸗ legen konnte. Das iſt auch ein Aerger, wenn man keinen Grund finden kann, um ſeinem Zorn freien Lauf zu laſſen. „Ob wir dem Hof angehören?“ wiederholte er. „Mit Herz und Seele: ich bürge für Hermelin, und Hermelin bürgt für mich.“ „Wir gehören ihm mit Wort und Hand an,“ fügte der ſonſt vorſichtigere Hermelin hinzu,„mit Leben und Blut.“ „Nun wohl, ich gehöre ihm auch an,“ verſetzte Puke;„aber ſeit meinem letz Geſpräch mit Ihnen, Wallenſtjerna, fürchte ich eine! Sache auf die Spur gekommen zu ſein, die wichtig genug wäre, um den Behörden darüber einen Wink zu geben.“ Wallenſtjerna wollte ſeinen Verdruß nicht fahren laſſen. Derſelbe hatte ſich wie ein Blutegel bei ihm feſt angeſetzt. „Trauen Sie mir nicht,“ verſetzte er noch immer ärgerlich,„ich bin ja ein bloßer Schwätzer.“ „Seien Sie überzeugt, Capitän,“ fügte indeß Hermelin hinzu,„daß Sie ſich vollkommen auf uns verlaſſen können. Ich bürge auch für Wallenſtjerna.“ 185 Puke hatte nie einen einzigen Augenblick an einem von ihnen gezweifelt. „Wenn Sie heimkommen,“ fuhr er alſo fort,„ſo müſſen Sie Baron Wrangel aufſuchen.“ „Baron Wrangel?“ Wallenſtjerna legte in ſeinem Aerger jedes Wört⸗ chen, das Puke ſprach, auf die Goldwage, in der Hoffnung, eines feſthalten zu können, das ihm Ge⸗ legenheit zu einem Streit gäbe. „Sie müſſen ihm ſagen, daß er wachſamer ſein ſolle als je, daß ich meine Gründe habe zu vermu⸗ then, daß die Feinde der Königin bereits um die Urſache von Silfverhjelm's Reiſe wiſſen.“ Auf einmal zogen ſich Wallenſtjerna's Augen⸗ brauen zuſammen, wie zwei kleine Donnerwolken. „Ei wie?“ bemerkte er,„der Zweck ſeiner Reiſe ſollte bekannt ſein? Was meinen Sie damit, Capitän?“ „Nichts Anderes, als was ich ſage.“ „Wir kennen Silfverhjelm, Capitän, und bürgen dafür, daß er Nichts verrathen hat.“ Bei all ſeiner gewöhnlichen Behutſamkeit fing auch Hermelin leicht Feuer, wenn es ſich um die Vertheidigung eines Freundes handelte. Die Beſtimmtheit, womit Wallenſtjerna den Worten Puke's ſeine eigene Deutung gab, wirkte unmittelbar auch auf ſein Urtheil ein. Obſchon Hermelin ſeinem Freunde ſehr oft ſeine Schwatzhaftigkeit vorwarf, ſo war nichtsdeſtoweniger dieſer ſchwatzhafte Menſch derjenige, der ihn ſelbſt gewöhnlich leitete und zu Handlungen inſpirirte. Her⸗ melin dachte, aber der Gedanke wurde nicht recht 186 fertig, wenn er nicht vorher in Wallenſtjerna's Sprach⸗ form gegoſſen wurde. „In Wahrheit, Capitän,“ ſtimmte er ein,„Silf⸗ verhjelm hat nie Jemand verrathen.“ „Ich habe auch nicht geſagt, daß Silfverhjelm Jemand verrathen habe. Aus was ſchließen Sie das?“ Wallenſtjerna hatte indeß ein⸗ für allemal die Sache auf ſeine Art aufgefaßt, und was er ſich einmal in ſeinen Kopf geſetzt hatte, war nicht leicht wieder herauszubringen. „Sie haben geſagt, Capitän,“ erinnerte er,„daß der Zweck ſeiner Reiſe wahrſcheinlich den Feinden der Kon gin bekannt ſei.“ „Das habe ich geſagt.“ „Wir ſagen, daß, wenn der Zweck der Reiſe ein wichtiger war, natürlich dann keiner von denjenigen, *die ihn abgeſandt, ihn hat verrathen können.“ „Das ſagen wir,“ fügte Hermelin hinzu.„Geben Sie es zu, Capitän?“ „Zugegeben.“ „Und wenn nun der Zweck der Reiſe Niemand be⸗ kannt ſein konnte, als auf der einen Seite denjenigen, die ihn abgeſandt haben, und auf der andern dem Abgeſchickten ſelbſt, und wenn wir darin einverſtan⸗ den ſind, daß die Erſteren. „Nichts verrathen haben.“ „So müſſen Sie alſo meinen, Silfverhjelm habe die Sache auf eine malhonette Weiſe behandelt.“ Hermelin ſtimmte mit Blick und Ausdruck in Wallenſtjerna's Erklärung ein. „Im Namen unſeres abweſenden Freundes, Ca⸗ ——.—,j—,—— 2— 187 pitän,“ fügte er hinzu,„bitten wir Sie um eine Erklärung.“ Wenn es ſich um die Freundſchaftsverhältniſſe des Triumvirats handelte, ſprach immer Wallen⸗ ſtjerna für Hermelin, während Hermelin für Wallen⸗ ſtjerna dachte, wie er ſich denn auch jetzt ſo tief in die Sache hineingedacht hatte, daß ſie ihm ganz klar und deutlich vor Augen ſtand. Puke's Bruſt erweiterte ſich. Der Sturm, der auszubrechen drohte, blies mit ſeinem erſten Wehen alle Melancholie aus ſeiner Seele weg. Er fühlte ſich auf einmal ſtärker und friſcher. „Sie mißverſtehen mich, meine Herren; ich habe nicht die Abſicht gehabt, irgend eine Inſinuation gegen den Lieutenant Silſverhjelm vorzubringen, den ich nicht einmal zu kennen die Ehre habe.“ Dieſe Erklärung würde jedem Andern genügt haben; aber ſie genügte nicht dem Lieutenant Wal⸗ lenſtjerna, welcher die Gelegenheit nicht hinauslaſſen wollte, weil er ſich verpflichtet glaubte, Puke zu über⸗ zeugen, daß er etwas mehr als ein bloßer Schwätzer ſei, und ebenſowenig ſeinem Kameraden Hermelin, der, wenn er auch auf eigene Fauſt dachte, doch immer in Uebereinſtimmung mit ſeinen Freunden handelte. „Es thut mir leid, Capitän,“ wandte Wallen⸗ ſtjerna ein,„Sie erinnern zu müſſen, daß Sie ver⸗ pflichtet ſind, uns anzugeben, was Sie zu Ihrer Ver⸗ muthung berechtigt. Können Sie uns Ihren Ge⸗ währsmann nicht angeben, ſo müſſen Sie...“ Puke ſprang von ſeinem Platze auf. „Was muß ich, meine Herren?“ 188 „So müſſen Sie uns verzeihen, wenn wir glau⸗ ben, daß Sie Ihren Argwohn aus der Luft gegriffen haben.“ So ruhig Puke auch zu ſein ſuchte, ſo haben wir doch geſehen, daß er niemals eine Beleidigung er⸗ trug. Einen Augenblick vor einem bereits feſtgeſetz⸗ ten, ernſthaften Duell mit ſeinen eigenen Secundan⸗ ten in Streit zu gerathen, war ein wahres Unglück. Er biß alſo ſeine Zähne zuſammen und ſuchte ſich zu mäßigen. „Ich glaubte, meine Herren, Sie wären Freunde des Hofes.“ „Bezweifeln Sie jetzt auch das?“ erwiederte Wal⸗ lenſtjerna. „Ich ſtellte mir vor, daß ich es mit ruhigen und verſtändigen Menſchen zu thun hätte.“ „Sie haben gewiß auch Freunde, Capitän; wür⸗ den Sie uns erlauben, in ihrer Abweſenheit den ge⸗ ringſten Schatten auf ihren Charakter zu werfen?“ „Nein, das würde ich nicht erlauben; ich habe aber auch keinen Schatten auf Ihren Freund ge⸗ worfen.“ „So nennen Sie uns denjenigen, der ſein Ge⸗ heimniß den Feinden der königlichen Familiie zuge⸗ tragen hat. Können Sie das nicht, ſo iſt die Be⸗ leidigung gegen Silfverhjelm offenkundig. Sie ſchwei⸗ gen, Capitän. Ich kann mir dieſes Schweigen nur auf eine einzige Art erklären.“ Puke wurde immer bläſſer. Er konnte um keinen Preis in der Welt Amanda angeben und was ſie ihm in einem unbewachten Augenblick der Mittheilſamkeit anvertraut hatte. 189 „Meine Herren,“ ſagte er, indem er ſeine Uhr herauszog,„in fünf Minuten gehöre ich dem Grafen Creutz und Herrn von Röhr, aber dieſe fünf Minu⸗ ten gehören Ihnen, wenn es beliebt.“ Wallenſtjerna hatte keinen höheren Wunſch. Her⸗ melin nahm eine vorſichtige Miene an.. „Wir dürfen doch nicht vergeſſen,“ bemerkte der Letztere,„daß wir Ihre Secundanten ſind.“ „Erſt in fünf Minuten, meine Herren.“ „Sie fordern uns, Capitän.“ „Jedem, der mich beleidigt, habe ich einen Degen entgegenzuhalten.“ „Aber Sie ſind es, der unſern Freund beleidigt hat.“ „Zur That!“ rief Wallenſtjerna.„Du haſt nach⸗ her noch Zeit genug, darüber nachzudenken, und ich, davon zu ſchwatzen. Die Minuten entfliehen. Zur That!“ Auf einmal blinkten die Degen in ihren Händen. „Wir haben noch vier Minuten vor uns. Jonas, ſieh hier, nimm die Uhr.“ Wallenſtjerna und Hermelin bemerkten nicht, daß ſie beide zugleich einen einzigen Mann angriffen. Gleich hitzig im Augenblick des Handelns, folgten ſie ihrer Eingebung, ohne an einander zu denken. Auch Puke ſchien dieſen Umſtand nicht zu be⸗ merken, ſei es nun, daß er ihm gleichgültig war, oder daß auch er ſich blindlings von ſeinem Verdruß hinreißen ließ. Mit einem Degen in jeder Hand trat er ihnen entgegen. Aber im Augenblick, wo die Klingen ein⸗ 190 ander kreuzten, erhob Puke ſeine Degenſpitzen wieder in die Höhe. „Sie müſſen mir Etwas verſprechen, meine Herren.“ „Gerne.“ „Ich will Creutz und Röhr in ihren billigen An⸗ ſprüchen auf Genugthuung nicht verkürzen.“ „Weiter.“ „Sollte ich von Ihren Händen fallen, ſo müſſen Sie dieſen Herren gegenüber an meine Stelle treten.“ „Vortrefflich! Es gilt!“ „En garde!“ rief Puke.„Jetzt gehören drei Minuten Ihnen. Zähle, Jonas, zähle laut.“ Die Klingen kreuzten ſich wieder. Wallenſtjerna und Hermelin waren mit ihren Waffen wohl befreundet und vertraut; ſie führten dieſelben mit ſicherem Blick und feſter Hand. Die Bekümmerniſſe, worein Puke ſo unmittelbar nach ſeiner Rückkehr in's Vaterland verſetzt worden war, und die ihn jetzt ſo unerwartet ſchnell wieder hinausjagten, hatten Gewitterſtoff in ſeiner Seele angehäuft. Ein Ausbruch war eine Naturnothwen⸗ digkeit. Die zwei blanken Degenklingen waren daher jetzt nichts Anderes als Blitze, in denen ſeine Seele ſich entlud. Aber es war keine geringe Aufgabe, mit Zweien zugleich zu kämpfen. In einer Fechtſchule iſt das Problem ſehr gewöhnlich, da halten die Gegner die⸗ ſelben Bewegungen ein; hier aber folgte jeder ſeiner eigenen Eingebung. Puke war indeß Meiſter in ſeiner Waffe. Er ſah die Gefahr ein und berechnete ſeine Stellung. Um zu imponiren, um ſie zur Gleich⸗ —— 191 heit in ihren Bewegungen zu veranlaſſen und ge⸗ wiſſermaſſen zu zwingen, ergriff er die Initiative und fiel gegen ſie aus; da nun Beide eine Secunde lang pariren mußten, ſo gewann er einen nicht ge⸗ ringen Vortheil, weil ſie wenigſtens einige gleiche Bewegungen machten. Zwei gekreuzte Klingen üben einen wunderbaren Einfluß auf einander aus; ſie ſind nicht mehr todt, ſie leben, beſeelt von den Lei⸗ denſchaften, Geſinnungen und Eingebungen der Käm⸗ pfenden; ſie ſind unſere eigenen Eindrücke in Stahl und Blitz. Um das Terrain unter ſeinem Auge zu haben, führte Puke die beiden Klingen ſo nahe bei einander, als die Umſtände erlaubten. „Eine Minute!“ zählte Jonas. Die Zeit war kurz. Man durfte ſie nicht ver⸗ lieren. Abwechſelnd parirte der Eine, und der An⸗ dere griff an. „Zwei Minuten!“ rief Jonas. In dieſem Augenblick hörte man Wagengeraſſel, das immer näher kam. Wallenſtferna war ein entſchloſſener, Hermelin mehr ein fein und klug berechnender Fechter. Als Puke den Erſteren angriff, empfing dieſer ihn mit einer bewundernswürdigen Ruhe; aber Puke's zwei⸗ ter Degen kam ein wenig aus der Linie, und Her⸗ melin benützte dieſen Umſtand, ſo daß es ihm ge⸗ lungen ſein würde, Puke zu verwunden, wenn dieſer ſich nicht augenblicklich einen Schritt zurückgeworfen hätte. Wallenſtjerna zund Hermelin verfolgten ihn mit der Schnelligkeit eines Panthers, aber Puke hatte 192 ſie bereits wieder en garde. Das war es, was er wollte. Das Geraſſel des herankommenden Wagens war jetzt ganz nahe. Nur einige Bäume verdeckten ihn noch. „Drei Minuten!“ zählte Jonas. Mit der lebhafteſten Geſchwindigkeit in der Be⸗ wegung und der ſehnigſten Kraft in der Ausführung beſchlug Puke jetzt die Klingen ſeiner Gegner und gab dann einen Druck, in Folge deſſen ſie ihren Händen entflogen und zu ihren Füßen niederfielen. Mit einem einzigen Sprung ſetzte er ſofort auf jede der Klingen einen Fuß. Wallenſtjerna und Hermelin ſchauten zuerſt auf ihre Degen nieder, dann ſtarrten ſie einan⸗ der an. „Ci wie, Wallenſtjerna, ich glaube beinahe, wir haben alle beide gegen einen Einzigen gekämpft.“ Wallenſtjerna konnte ſich eines Lachens nicht ent⸗ halten. „Wir ſind dumm geweſen, Hermelin, das iſt das Ganze. Zum Henker, Capitän, haben wir Sie wirk⸗ lich beide zugleich angegriffen?“ „Thaten Sie das? Nein, ich glaube es nicht... wir kämpften ja... aber wer denkt auch an ſolche Dinge?“ „Göttlich!“ rief Hermelin,„vortrefflich!“ „Wallenſtjerna lachte. „Sie ſind kein frommes Täubchen, Capitän. Und Sie wollen fortreiſen? Nein leiben Sie doch.“ Graf Creutz und Röhr waren inzwiſchen aus 8½ 22 193 dem Wagen geſprungen, gefolgt von Aminoff, ihrem einzigen Secundanten. Daniel Schedvin war als Waffenträger mitge⸗ nommen worden. Erſt als er jetzt an Ort und Stelle kam, begann er zu verſtehen, um was es ſich han⸗ delte. Beim Anblick Puke's ſtieg ihm das Blut in den Kopf. Er erinnerte ſich ſo lebhaft des Vorfalls in Drottningholm, wie dieſer Mann ihn zu Boden geworfen und ſich dann mit allen Vorzugsrechten des Siegers eingedrängt hatte zwiſchen ihn und... Daniel hatte noch nie recht gewagt, ſich Alma's ganzen Namen zu denken. Mit einem brennenden Blick auf Puke trug Da⸗ niel die Waffen herbei und unter ihnen die Piſtolen, die er ſelbſt am Morgen geputzt hatte. Creutz und Röhr hatten das Ende von Puke's Kampf mit Wallenſtjerna und Hermelin geſehen, wie er ihnen die Degen aus den Händen ſchlug. „Was iſt hier vorgefallen?“ fragte Creutz, als er an Ort und Stelle kam.„Ich glaube...“ Es war unleugbar ein höchſt glänzender Augen⸗ blick für Puke, als ſeine neuen Gegner eintrafen. „Wir haben einander blos eine kleine Fechtſtunde gegeben,“ verſetzte Wallenſtjerna,„verdammt ange⸗ nehm, ganz nach meinem Geſchma 4 Und er lachte von Neuem. Wallenſtjerna, Hermelin und Aminoff hatten zum Voraus alle vorbereitenden Uebereinkünfte getroffen. Röhr hatte den Degen gewählt, Creutz das Piſtol. er Jeder von ihnen hatte darauf beſtanden, zuerſt auf den Wahlplatz zu treten, und der Streit darüber Ridderſtad, Luiſe Ulriken’s Hof. II. 13 ... 194 mußte durch das Loos entſchieden werden, wobei Röhr der Glückliche war. „Die Sonne neigt ſich ſchon zum Untergang,“ erinnerte Creutz;„laßt uns ſogleich an's Werk gehen.“ Die Sekundanten maßen die Degen, und Röhr und Puke nahmen ihre Plätze ein. Sie grüßten einander und legten ſich in Parade aus. Ein kaltes Lächeln ſpielte auf Röhrs Lippen. Nach ſeiner zuverſichtlichen und ſichern Haltung ſchien es, daß er ſich auf ſeine Kunſtfertigkeit verließ. Die Degenſpitzen einander gegen die Augen haltend, dieſe Spitzen, die ſelbſt, wie blinkende Aeugelein, in die Seele des Gegners blicken zu wollen ſchienen, gin⸗ gen ſie auf einander zu. Wenn man ihre Bewe⸗ gungen, ihre Haltung, ihre geſpannte Aufmerkſamkeit betrachtete, ſo ſchienen die blanken Waffen blos Strahlen zu ſein, die aus ihren Händen heraus⸗ wuchſen. Kein Wort wurde zwiſchen ihnen gewech⸗ ſelt. Röhr ſchien vollkommen kalt zu ſein, aber Puke bemerkte, daß ein Zittern durch die Glieder ſeines Gegners fuhr im Augenblick, wo die Klingen ſich kreuzten und berührten, und er ſchloß daraus, daß dieſe Kälte weniger natürlich, als vielmehr künſtlich angenommen ſein dürfte. Inzwiſchen war Puke auf ſeiner Hut. Hinter Röhrs äußerer Ruhe war leicht eine wirkliche Feindſeligkeit zu bemerken, und Puke ahnte, daß die kalte Maske bald fallen und das feindliche Element neue Streitmittel entwickeln dürfte. Er fühlte ſich zwar ſeinem Mann vollkommen ge⸗ wachſen, aber es handelte ſich hier darum, ihn zu zermalmen und zu demüthigen, nicht ihn zu tödten. — 2 d8e—6——— 9 AN u— k —— N 195⁵ Je entſchloſſener und hartnäckiger Röhr war, um ſo ſchwerer mußte die Löſung dieſer Aufgabe wer⸗ den. Puke beſchloß daher, ſich vor allen Dingen über die Abſichten ſeines Gegners zu vergewiſſern. Er zog ſich alſo unaufhörlich zurück und ließ Röhr auf ſich eindringen. Mit wachſamem Auge beging er ſogar den einen und andern Fehler. Röhr ließ ſich auch wirklich dadurch täuſchen, denn das kalte Lächeln kehrte auf ſeine Lippen zurück, während zu gleicher Zeit ſeine Angriffe immer hitziger wurden. Die übrigen Anweſenden nahmen, jeder in ſeiner Weiſe, am Verlauf des Kampfes Antheil. Wallenſtjerna und Hermelin, die ſo eben erſt Puke's Meiſterſchaft erprobt hatten, ahnten die Ur⸗ ſache ſeines Benehmens. Ereutz dagegen betrachtete die Bewegungen mit lebhaftem Kennerintereſſe. Er konnte nicht umhin, ſeinen Beifall zu äußern, wenn einer der Kämpfer eine geſchickte Bewegung ausführte, wie er denn auch im entgegengeſetzten Fall ſeinen Tadel nicht zurückhielt. Aber für Daniel war es das erſte Mal, daß er zwei Perſonen einander mit Mordwaffen angreifen ſah, und er folgte dem Kampf mit Leib und Seele. Wir wiſſen, daß er Puke aufrichtig haßte. Dieſer Umſtand machte ihn auch wirklich zum Mitintereſſen⸗ ten bei dem Streit. Er ſtand mit ſeiner Theilnahme auf Röhrs Seite, und er überließ ſich einer boshaf⸗ 8 Schadenfreude, denn er hoffte Puke fallen zu ehen. Jonas dagegen rührte kein Glied, veränderte keine Miene. Puke retirirte noch immer und parirte mit be⸗ 196 rechneter Unbeholfenheit. Aber kaum ſchien bei Röhr der Gedanke, daß er der Herr auf dem Platze ſei, recht feſten Fuß gefaßt zu haben, als Puke ſeine Taktik veränderte und zur Offenſive überzugehen an⸗ fing. Mit einer beinahe unbemerkbaren Handbewe⸗ gung umkreiste er in verwirrender Schnelligkeit die Klinge ſeines Gegners und machte dann einen Aus⸗ fall, bei welchem er ihn durchbohrt haben würde, wenn er dieſe Abſicht gehabt hätte; aber er hielt mitten in demſelben mit der Klinge inne und gab ihm ſomit Gelegenheit, ſich zurückzuziehen. Dadurch kamen ſie in einige Entfernung von einander, und Puke ſenkte ſeinen Degen. „Wollen Sie aufhören, Herr von Röhr?“ fragte er,„oder wünſchen Sie fortzufahren? Wenn Sie aufhören, ſo betrachte ich dies als ein Geſtändniß, daß Ihr Benehmen gegen mich unrecht war.“ Das Blut ſtrömte Röhr in die Wangen. Er ärgerte ſich weniger darüber, daß er ſich durch Puke's anfängliche Art zu fechten hatte täuſchen laſſen, als auch darüber, daß er ihm ſein Leben zu verdanken haben ſollte, das durch den wohlberech⸗ neten Ausfall ſeines Gegners gänzlich blosgeſtellt war. „Fahren Sie fort, mein Herr,“ antwortete er, „fahren Sie fort.“ Puke bemerkte, daß die Bruſt ſeines Gegners ſich jetzt unruhig hob, daß ſein Athem kurz, ſein Lächeln verſchwunden war und der eine und andere Schweißtropfen von ſeiner Stirne fiel. Das war der Punkt, auf welchen er ihn auch zu treiben gewünſcht hatte. ——,- 197 Durch unaufhörlich erneuerte, aber mehr blos angedeutete als wirkliche Angriffe bald auf dieſer, bald auf der andern Seite trieb Puke ihn Schritt für Schritt zurück. Dieſes Zurückweichen war höchſt ſchmerzlich für Röhrs Eitelkeit. Puke's Degenſpitze glich einer Weſpe, die ihn ſummend verfolgte, ohne daß er ſie niederzuſchlagen vermochte. Dies ſteigerte auch ſeinen Verdruß immer mehr, und er ärgerte ſich zuletzt ſogar darüber, daß Puke die Sache nicht ganz kurz machte und ihn verwundete. In jedem halb angedeuteten Stoß ſah er eine Beleidigung, und jede Beleidigung, die ein Duellant nicht erwie⸗ dern kann, iſt eine Demüthigung. „Wollen Sie jetzt aufhören, Herr von Röhr?“ fragte Puke nach einer Weile von Neuem. Seine Stimme war ſo ruhig und leidenſchaftslos, wie wenn Nichts zwiſchen ihnen vorgefallen wäre. „Schwatzen Sie nicht ſo viel, Capitän,“ ant⸗ wortete Röhr,„ſondern brauchen Sie Ihren Degen. Puke hatte ſeinen Gegner zur freiwilligen Nie⸗ derlegung ſeiner Waffen zu bringen gehofft, wodurch er ſeine Abſicht, ihn zu demüthigen, ohne ihn zu tödten, vollkommen erreicht hätte; aber ſeine Fragen reizten Röhr nur noch mehr. „Wie Sie wollen,“ verſetzte Puke,„aber halten Sie ſich darauf gefaßt, daß ich Sie an den Baum hinter Ihnen feſtſpieße.“ Man bemerkte jetzt eine Veränderung in Puke's Geſichtszügen; er wurde leichenblaß, und ſeine Augen⸗ brauen zogen ſich in eine einzige ſchwarze Linie zu⸗ ſammen. Seine Angriffe wurden ſchonungsloſer. Seine Klinge umſpielte die ſeines Gegners wie ein 198 Blitzſtrahl, der noch nicht weiß, wo er einſchlagen ſoll, Röhr zog ſich immer weiter zurück. Dieſen Augenblick ſchien Puke vorausgeſehen zu haben; er fuhr jetzt unter die Klinge ſeines Gegners und legirte ihn mit ſolcher Kraft, daß Röhrs Degen in die Luft flog. Er ſtand alſo entwaffnet da und bewegte ſich nicht vom Platze. Puke ergriff die wieder herab⸗ fallende Klinge mit der einen Hand, während er mit der andern ausfiel. Die Sekundanten warfen ſich mit einem Ausruf dazwiſchen. „Er iſt unbewaffnet! Tödten Sie ihn nicht!“ Aber der Ausfall war bereits gemacht, hatte je⸗ doch blos den Rockärmel durchbohrt. „Wollen Sie jetzt aufhören, Herr von Röhr?“ „Nein, nein!“ rief dieſer;„tödten Sie mich lieber.“ „Ich tödte keinen Unbewaffneten.“ „So geben Sie mir einen Degen... einen Degen.. „Da haben Sie einen,“ antwortete Puke und warf ſeinen eigenen Degen ihm zu Füßen;„aber Sie müſſen ihn ſelbſt aufheben.“ Röhr wollte ſich auch bücken, um dies zu thun, aber es war ihm unmöglich... er konnte ſich nicht ſo tief bücken, daß er ihn erreichte. Puke hatte nämlich wirklich ſeinen Rockärmel in den Baum hin⸗ ter ihm geſpießt. Röhr ſtampfte mit den Füßen: ſeine Wuth grenzte an Wildheit. Creutz und die Sekundanten legten ſich jetzt da⸗ V 199 zwiſchen, und Röhr zog ſich endlich zurück, jedoch mit Blicken, die vom wüthendſten Haſſe zeugten. „Jetzt iſt die Reihe an uns,“ ſagte Creutz. „Ja, Herr Graf.“ Nur dieſe wenigen Worte wurden zwiſchen ihnen gewechſelt, während die Sekundanten beſchäftigt waren, theils die Menſur abzumeſſen und abzuſtecken, theils die Piſtolen zu laden. „Ehe wir anfangen,“ ſagte Creutz,„will ich einen Vorbehalt machen.“ „Haben Sie die Güte.“ Creutz hatte nach ſeiner Beſprechung mit Chren⸗ preutz in ſeinem Innern geſchworen, Puke zu tödten. „Es iſt nichts Ungewöhnliches,“ fuhr er fort, „daß, wenn der erſte Schuß mißglückt iſt, der Geg⸗ ner aus affektirtem Edelmuth in die Luft ſchießt; aber dieſer Edelmuth iſt falſch: und iſt blos ein Mittel, um das Duell bald abzubrechen. Ich ver⸗ lange, daß kein Schuß in die Luft geſchieht, ſondern daß das Duell fortgeſetzt wird, bis Blut gefloſſen, bis ein Leben vernichtet iſt. Sind wir darin einig?“ „Wir verwerfen den Vorſchlag,“ erklärten die Sekundanten.„Das Duell iſt frei, es iſt kein bloßer Mord.“ Puke's Blick ſchweifte umher; er antwortete nicht ſogleich, aber auf einmal verklärte ſich ſein Geſicht, wie ein Meteor in den Wolken. „Meine Herren,“ ſagte er,„Sie haben Recht mit Ihrer Einwendung, ich gebe es zu; aber dieſes Recht hört auf, wenn die beiden Betheiligten ſich zu einem entgegengeſetzten Beſchluß einigen. Die Frei⸗ heit des Duells beſteht in nichts Anderem, als in 200 der gegenſeitigen und gleichen Freiheit der Bethei⸗ ligten. Ich nehme den Vorſchlag des Grafen an; Blut und Leben!“ „Wir ſind alſo einverſtanden?“ Puke nickte bejahend. Creutz hatte den erſten Schuß. Beiden merkte man den ſchrecklichen Eindruck des Augenblicks an. Aber ſie waren ruhig, und Keiner ſchien Etwas zu fürchten. In ihren Bewegungen zeigte ſich jedoch eine gewiſſe mechaniſche Pünktlichkeit, die in der Regel nicht vorhanden iſt, wenn man ſich nicht irgendwie beengt fühlt. Ein Duell auf Degen iſt eine Sache der Ge⸗ ſchicklichkeit und Kunſtfertigkeit: es geſtattet uns Aus⸗ wege, Möglichkeiten, Hülfsmittel; es berechtigt uns, mit dem Tode zu kämpfen. Ein Piſtolenduell dage⸗ gen iſt die Sache eines Schlags, den unſre ganze Geſchicklichkeit nicht abzuwenden vermag. Wir hän⸗ gen ausſchließlich von unſerem Gegner oder vom Zu⸗ fall ab. Puke und Creutz ſtanden bereits auf ihren Plätzen. In dieſem Augenblick ſank die Herbſtſonne hinab, und warf ihren letzten bleichen Strahl auf die beiden ehemaligen Freunde, die ſich jetzt auf Tod und Leben gegenüberſtanden. Dieſer letzte Strahl des Tages ließ ihre Geſichter noch bläſſer erſcheinen, als ſie wirklich waren. Creutz erhob langſam ſein Piſtol. Ein Augen⸗ blick, und Puke ſah recht in die Mündung hinein; aber er blinzelte nicht, er verzuckte keine Miene. Der Schuß ging los, der Pulverrauch verzog ſich, aber 201 Puke ſtand noch ſo unbeweglich da wie vorher. Die Kugel war ihm durch den Hut gefahren. Mit Verachtung ſchleuderte Creutz ſein Piſtol weit von ſich. Der Schuß war jetzt an Puke. „Leben und Blut!“ murmelte er vor ſich hin, indem er an ſein Verſprechen dachte, das er Alma gegeben, und auch nicht vergaß, daß es ihr Bruder und ſein eigener Jugendfreund war, der vor ihm ſtand. Er betrachtete ſeinen Gegner mit einem ſchnellen Blick; dieſer einzige Blick war nicht ohne Spott. „Leben und Blut!“ wiederholte er dann laut, „ſo haben Sie ja doch verlangt, Herr Graf?“ „Ja, und es bleibt dabei.“ Puke führte ſein Piſtol ebenſo ſicher wie ſeinen Degen⸗ Ein bitteres, beinahe verachtungsvolles Lächeln ſchwebte indeß jetzt über ſeinen blaſſen Zügen. Langſam hob auch er ſein Piſtol. Auch Creutz ſah einen einzigen Augenblick in die düſtere Mün⸗ dung deſſelben, und dieſes kohlſchwarze Auge, aus welchem der Tod ihn anſchaute; aber es war nur ein Augenblick. So langſam wie bisher hob Puke die Piſtolenmündung immer höher und höher. zuletzt bis über ſeinen Kopf hinaus... und der Schuß brannte ab. Creutz zollte ihm dafür weder Achtung noch Dank⸗ barkeit, ſondern er war ergrimmt. „Capitän,“ rief er,„Sie vergeſſen unſere Ueber⸗ einkunft. Durch einen unter uns gar zu unpaſſen⸗ den Edelmuth wollen Sie der Fortſetzung des Duells 20² ausweichen; aber das ſoll Ihnen nicht gelingen. Haben Sie die Güte, meine Herrn,“ fügte er gegen die Sekundanten hinzu,„und laden Sie die Piſtolen von Neuem.“ „Ich habe keine Uebereinkunft gebrochen,“ ant⸗ wortete Puke.„Leben und Blut, ſo war es doch?“ „Ja wohl.“ Dabei hörte man, wie einige kleine dürre Zweige des Baumes, der dicht hinter Creutz ſeine Krone wölbte, gleichſam geknickt wurden, und in demſelben Augenblick ſah man zu den Füßen des Grafen ein Eichhörnchen fallen, das Puke's Kugel mitten in die Bruſt getroffen hatte, während es, aufgeſchreckt von dem vorhergehenden Schuß, von Zweig zu Zweig hüpfte. h„Da iſt Beides, Blut und Leben,“ fügte Puke inzu. Es war wahr, aber es lag auch eine ſchreckliche Ironie darin. Als Creutz ſeinen Vorſchlag machte, hatte Puke's Auge ſogleich das Eichhörnchen entdeckt, und nun deutete er den Vorſchlag, trotz der Handgreiflichkeit der zu Grunde liegenden Abſicht, nach ſeiner eigenen Weiſe. „Dieſer Scherz taugt Nichts, mein Herr!“ er⸗ klärte Creutz, indem er das todte Thierchen auf die Seite ſtieß.„Haben Sie die Güte zu laden, meine Herren.“ Vergebens ſuchten die Sekundanten ihn zu beru⸗ higen. Creutz beſtand auf der Fortſetzung des Duells. Puke dagegen beobachtete ein gleichgültiges Schweigen. ———,—„=S 203 Die Piſtolen wurden wieder geladen und ver⸗ theilt. Als Creutz das ſeinige empfangen hatte, ſchien er ſich eine kurze Weile zu bedenken. Was er dachte oder empfand, konnte man in ſeinem ſonſt offenen Geſichte nicht mehr leſen. Gleich der Piſtolenmün⸗ dung war auch ſein Blick noch gegen die Erde geſenkt. Aber jetzt hob ſich ſeine Hand, er neigte ſeinen Kopf vorwärts, ſeine Augen ſchienen beinahe aus ihren Höhlen hervordringen zu wollen. Schon war die Mündung in der Linie... ſein Arm war feſt wie von Eiſen... keine Bewegung... kein Zucken... der Tod war gegeben... aber im Moment, wo er den Schuß abdrücken ſollte, öffnete er ſeine Hand, und das Piſtol fiel auf die Erde. „Laſſen Sie uns aufhören,“ ſagte er, und wandte ſich damit von Puke ab. Der Ton des Grafen war abſtoßend und hart. Das Duell war ohne alle Folgen geblieben; es hatte die Feindſeligkeit zwiſchen Beiden eher vergrößert als vermindert. Puke beantwortete auch ſeinen Vorſchlag blos damit, daß er dem alten Jonas ſein Piſtol übergab, worauf dieſer es abwiſchte und in die Scha⸗ tulle legte. „Zum Henker,“ ſagte Wallenſtjerna,„obſchon Ihr Euch duellirt habt, ſo glaube ich doch, daß Ihr noch Groll gegen einander heget. Da wäre es beſſer geweſen, Ihr hättet einander die Adern geöffnet und das böſe Blut abgezapft. Man muß entweder ſter⸗ ben oder ſich verſöhnen... das iſt nicht mehr als billig, wenn man ſich ſo viele Mühe macht, wie wir gethan haben. Reichet einander jetzt offen und ehr⸗ 204 lich, wie es Schweden anſteht, die Hände, und ſeid keine rachgierigen Italiener.“ „Laſſen wir's gut ſein“ antwortete Creutz,„Ca⸗ pitän Puke und ich, wir haben jetzt unſern Jugend⸗ verpflichtungen Genüge gethan, und damit kann die Sache abgemacht ſein.“ „Seien Sie ruhig, Herr Graf,“ verſetzte Puke, „ich verlaſſe in dieſem Augenblick das Vaterland und dürfte nie mehr die Ehre haben, Sie wiederzu⸗ ſehen.“ Sowohl Creutz als auch Röhr und Aminoff em⸗ pfanden eine geheime Freude über dieſe Erklärung. Creutz, weil er wußte, wie angenehm dies ſeinem alten Oheim ſein würde, Röhr, zwar nicht weil er einen Argwohn hegte, daß Puke die Liebe Alma's beſitze, aber darum, weil es doch am Beſten war, einen ſolchen Meiſter des Waffenſpiels fern zu wiſſen, und Aminoff darum, weil er jetzt nicht mehr zuſehen mußte, wie Amanda einem Andern als ihm ſelbſt ſolche Blicke zuwarf, von denen jeder ein Königreich werth war. „Schedvin war nicht derjenige, der ſich am we⸗ nigſten freute. Die unerſchütterliche Ruhe, ſowie der Muth und die Geſchicklichkeit, die Puke bewieſen hatte, flößten ihm eine Furcht vor dieſem Manne ein, der er nicht entgegenarbeiten konnte. Noch warf Puke einen Blick auf Creutz und Röhr zurück: ein großer Schmerz ſprach daraus, er nahm darin Abſchied von allen ſeinen Jugender⸗ innerungen. „Laſſen Sie uns gehen,“ bat er dann ſeine Se⸗ kundanten,„der Wagen wartet. Leben Sie wohll!“ Scd ————— 0—— U 205 Lars Larsſon, ſowie ſeine Begleiter Schecta und Forbus hatten ſich ſpät auf den Weg gemacht, kamen alſo auch ſpät an Ort und Stelle an. Ungeduldig hatten ſie den Kutſcher zur Eile ge⸗ mahnt; dieſer aber ließ ſich durch Nichts aus ſeinem gewöhnlichen Hundetrabsſchlendrian bringen. Schecta fluchte, Lars Larsſon murrte, Forbus bat; aber weder Flüche, noch Gemurre, noch Bitten drangen den abgehetzten Pferden zu Herzen. Die einzige Beredtſamkeit, die eine Schindmähre verſteht, liegt in der Peitſche, und dieſe hielt ihr Freund und Schutzpatron wohl verwahrt in ſeiner eigenen Hand. Als ſie endlich nach Norrbacka kamen und nach Capitän Puke fragten, erzälte ihnen der Wirth, er ſei vor einem Augenblick weggefahren. „Wohin?“ „Daraus machte er kein Geheimniß,“ fuhr der Wirth fort,„denn ich hörte ihn ſagen, er wolle ſich direkt in's Ausland begeben.“ „Schweden verlaſſen?“ „Welchen Weg hat er eingeſchlagen?“ „Muß er fliehen? Hat er denn Jemand im Duell getödtet?“ Frage hagelte auf Frage, ohne daß der Wirth zum Antworten kommen konnte. Endlich erhielt er Gelegenheit, mitzutheilen, daß Capitän Puke den ent⸗ gegengeſetzten Weg von demjenigen eingeſchlagen habe, auf welchem Vater Lars und ſeine Freunde gekommen waren. „Seht da Gottes Strafe,“ meinte Vater Lars; 206 „warum habe ich nicht früher geſprochen? Jetzt, da ich Alles aufdecken will, iſt er fort.“ „Laßt uns ihm nacheilen,“ ermahnte Forbus, „vielleicht holen wir ihn ein.“ Schecta ſagte Nichts, aber ſein Geſicht, das bis jetzt einen bedeutungsvollen und lebhaften Ausdruck beibehalten hatte, nahm auf einmal wieder ſeinen alten gedankenloſen, originellen und ſonderbaren An⸗ ſtrich an. „Fahr zu!“ rief Forbus von Neuem dem Kutſcher zu,„fahr zu!“ Dieſer ließ jetzt auch raſcher ausgreifen, und als ſie auf die große Landſtraße kamen, ſahen ſie in der Abenddämmerung einen Wagen vor ſich, worin ſie Puke vermutheten. So war es auch. Puke kehrte mit Wallenſtjerna und Hermelin nach der Hauptſtadt zurück; der Erſtere, um ſeine Reiſe ſüdwärts fortzuſetzen; die beiden Letztern, um gleich bei ihrer Ankunft in der Stadt auszuſteigen. Einige Steinwürfe vom Zollhaus wurde jedoch der Wagen von drei Leibtrabanten angehalten, die ſpornſtreichs ihnen entgegengeritten kamen. „Fährt Capitän Puke in dieſem Wagen?“ fragte der erſte Leibtrabant. Sie?“ „Gott ſei Dank, daß ich nicht zu ſpät komme,“ rief der Trabant,„im Namen der Königin verhafte ich Sie, Capitän.“ „Mich? Wer ſind Sie?“ „Der bin ich,“ antwortete Puke,„wer ſind — ̈ᷣ—— ᷣ—˖ 207 „Ein Leibtrabant,“ erwiederte der Mann,„mein Name iſt Silfverhjelm.“ Es war auch wirklich dieſer Freund Wallen⸗ ſtjerna's und Hermelins. „Verhaftet!“ wiederholte Puke.„Warum?“ „Ich habe Ihnen eine verſiegelte Ordre zu über⸗ reichen. Sehen Sie hier.“ Silfverhjelm übergab ihm einen Brief. Puke erbrach ihn. Als er einige Zeilen geleſen hatte, küßte er ihn: er war von Alma. Sie ſchrieb ihm, daß ſie, ſobald ſie ſeinen Ent⸗ ſchluß zur Abreiſe in's Ausland erfahren habe, nach Drottningholm geeilt ſei, und daß die Königin, um dieſe Reiſe zu verhindern, geſtützt auf ſein Verſpre⸗ chen, ihr ſein Leben widmen zu wollen, Silfverhjelm abgeſchickt habe, um ihn nach Drottningholm zu führen. Es fiel Puke nicht ein, zu proteſtiren— er folgte gutwillig. Lars Larsſon, Schecta und Forbus hatten den Aufenthalt geſehen, den der Wagen machte, er war jedoch zu kurz, als daß ſie ihn inzwiſchen einholen konnten. Und als er ſich endlich von Neuem in Bewegung ſetzte, ging er noch raſcher als zuvor, ſo daß er in der zunehmenden Dunkelheit bald gänzlich verſchwand. Mit einem verzweiflungsvollen Seufzer gab mam Lars ſeine Hoffnung auf, Puke noch einzu⸗ holen. „Er iſt für immer fort,“ murmelte er vor ſich hin.„Gott tröſte mich!“ Vater Lars war zermalmt. 208 „Hab' Deinen Freund vor Augen,“ klagte er, „und halte ihm Treue: aber wenn Du ſein Geheim⸗ niß offenbarſt, ſo bekommſt Du ihn nicht wieder. Wer ſeinen Freund verliert, der hat davon ſo viel Herzeleid, wie derjenige, dem ſein Feind entkommt.“ Eine Stunde ſpäter langte Puke in Drottning⸗ holm an. Es war ſchon vollkommen dunkel, und Silfverhjelm begleitete ihn ſogleich auf's Schloß und in die Bibliothek. Auf einem mit grünem Tuch überzogenen Tiſch ſtanden zwei Armleuchter mit brennenden Wachsker⸗ zen; aber nichtsdeſtoweniger war das große Zimmer ganz dunkel. Puke ſah ſich genau um und fand, daß er allein war. Inzwiſchen währte es blos einige Minuten, ſo ging eine innere Thüre auf, und eine Dame trat heraus. Es war die Königin. Puke hatte Silſverhjelm unterwegs gefragt, ob die Königin krank ſei oder nicht, aber er hatte blos zweideutige Antworten erhalten. Als er ſie jetzt herankommen ſah, vermuthete er, daß ihre Krankheit blos vorgeſchützt ſei, ja noch mehr, er glaubte an ihrem Gang auch die verſchleierte Dame wieder zu erkennen, die er im Schloß zu Stockholm getroffen hatte. „Amanda’s Angabe,“ dachte er,„muß alſo doch richtig ſein.“ Aber die Königin ſtand in dieſem Augenblick vor ihm, und ſo ließ er ſeine eigenen Gedanken bei Seite. „Capitän Puke,“ ſagte ſie,„ich habe Ihnen viel 8°0 209 vorzuwerfen. Sie haben das Vaterland verlaſſen wollen, ohne auch nur Ihre Freunde davon in Kenntniß zu ſetzen. Haben Sie Ihr Verſprechen, mir Ihr Leben widmen zu wollen, ſchon wieder vergeſſen?“ Puke, der ſeinen wahren Grund, nämlich daß er nicht in einem Land bleiben wollte, wo ihm ſogar aus dem Grab ſeines ſonſt ſo zärtlich geliebten Vaters Schande entgegenſcholl und dadurch auch jede Ausſicht für die Zukunft vernichtet war, nicht angeben konnte, entſchuldigte ſich mit der unange⸗ nehmen Stellung, in welche er durch das verach⸗ tungsvolle Benehmen des alten Ehrenpreutz und end⸗ lich durch das Duell mit ſeinen beiden Jugendfreun⸗ den gerathen ſei. „Sie haben Recht,“ antwortete die Königin,„ich mißbillige Ihre Gefühle nicht, aber Sie dürfen des⸗ halb Ihre Freunde nicht verlaſſen, ſondern müſſen ſich im Gegentheil um ſo feſter an ſie ſchließen. Capitän,“ fügte ſie dann hinzu,„es trifft ſich ſo, daß meine Freunde auch die Ihrigen, und Ihre Feinde auch die meinigen ſind. Sie müſſen alſo einſehen, daß Sie aus ganz zwingenden Gründen mir angehören. Ich habe auch für Sie gedacht, Capitän, und jetzt ſollen Sie für mich handeln. Beſorgen Sie mir nur Eines: wiſſen Ihre Gegner, daß Sie beſchloſſen haben, das Vaterland zu ver⸗ laſſen?“ „Ich hatte keine Urſache, einen Hehl daraus zu machen.“ „Um ſo beſſer. Dann mögen dieſe Herrn bei ihrer Meinung bleiben, und um Ihnen gar keine Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. II. 14 210 Veranlaſſung zum Zweifel zu geben, rathe auch ich zur Abreiſe; aber, Capitän, Sie ſollen uns nicht, wie Ihre Abſicht war, auf immer verlaſſen— nein — nein— ſondern Sie ſollen nur die Gelegenheit benützen, die allgemeine Aufmerkſamkeit von ſich abzulenken, und Sie ſollen erſt dann wieder hier auftreten, wenn Ihre Anweſenheit nothwendiger ſein kann, als jetzt. Wollen Sie einen wichtigen Auftrag von mir übernehmen?“ Puke verbeugte ſich. „Ich verlaſſe mich auf Sie, Capitän. Ich habe hier einen Brief an meinen hohen Bruder, den König von Preußen. Mit dieſem Brief lege ich mein Leben, meine Ehre und meine königliche Würde in Ihre Hände. Verſprechen Sie mir bei Allem, was Ihnen theuer und werth iſt, daß Sie ihn in keine fremden Hände fallen laſſen werden?“ „Ich verſpreche es, Ew. Majeſtät.“ „Dieſen Brief müſſen Sie meinem Bruder, dem König, perſönlich übergeben. Wenn Sie nach Ber⸗ lin kommen, ſo ſuchen Sie ſeinen Vorleſer, den Marquis d'Argens, auf; er wird Ihnen Audienz verſchaffen. Sie verſtehen mich doch?“ „Vollkommen, Ew. Majeſtät, vollkommen.“ „Der Marquis wird Ihnen ſodann mittheilen, was Sie weiter zu thun haben.“ Als die Königin ihm den Brief übergab, fügte ſie noch hinzu: „Bedenken Sie wohl, daß ich Ihrer Redlichkeit das Wohl und Wehe Ihres Königs und Ihrer Kö⸗ nigin anvertraue.“ 211 „Ew. Majeſtät ſollen mit mir zufrieden ſein,“ verſicherte Puke.„Habe ich ſogleich abzureiſen?“ „Warten Sie noch ein wenig. Sie nannten ein gewiſſes Wort... Ihre Zukunft. Laſſen Sie mich hören, welche Pläne Sie für dieſelbe haben.“ „Keine.“ Seine kurze Antwort gefiel der Königin. „Capitän,“ bemerkte ſie daher,„wollen Sie mir das Geſchäft anvertrauen, Ihre Zukunft zu machen?“ „Mein Leben gehört Ew. Majeſtät...“ „Alſo auch Ihre Zukunft, meinen Sie? Nun wohl, ich kann jetzt Nichts für Sie thun, aber ich kann für kommende Tage eine kleine Anweiſung ge⸗ ben, die Sie wohl verdient haben.“ Die Königin ergriff die auf dem Tiſch ſtehende Glocke, klingelte aber nicht, ſie hatte ſich an Etwas erinnert. „Apropos,“ ſagte ſie,„Sie ſprachen von dem Duell. Wie iſt es abgelaufen?“ Puke erzählte es in wenigen Worten. „Es iſt gut,“ bemerkte ſie dann,„daß kein Blut gefloſſen iſt. Das verleiht Ihnen noch größere Rechte auf meine Achtung.“ Hierauf klingelte ſie, und auf den erſten Ton der Glocke öffnete ſich dieſelbe Thüre, durch welche die Königin ſelbſt eingetreten war, und eine neue Per⸗ ſon kam zum Vorſchein.. Die Königin faßte die Eintretende bei der Hand und führte ſie zu Puke vor. Mit einem aus tiefſter Bruſt dringenden Freuden⸗ ruf erkannte er Alma. 212 „Fräulein Creutz,“ ſagte die Königin,„hat mir das ganze Geheimniß ihres Herzens anvertraut, und ſeien Sie überzeugt, daß Sie beide eine aufrichtige Freundin in mir beſitzen. Ich verlaſſe Sie jetzt und komme in einer Viertelſtunde zurück... flü⸗ ſtern Sie jetzt von Liebe und Treue, von Seligkeit und Hoffnung.“ Als die Königin ſie verließ, ſanken Puke und Alma einander an die Bruſt. Wie glücklich waren ſie nicht! Die Zeit, die jetzt verfloß, war ein ſchöner Traum, geträumt unter den ſchützenden Fittigen des reinſten Engels. Vor Alma's freundlichen Worten und Blicken verſchwanden, ohne daß Puke nur daran dachte, all die düſtern Schatten, die ſich vorher aus dem Grab ſeines eigenen Vaters von allen Seiten her erhoben hatten. Das Leben war wieder voll von Sonnenlicht, von Luſt und Se⸗ ligkeit. Kein Himmel iſt ſchöner als der Himmel der Hoffnung in zwei liebenden Herzen: denn dieß iſt der Morgenhimmel der Liebe. Als die Viertelſtunde vorüber war, trat die Kö⸗ nigin ein. „Jetzt müſſen Sie abreiſen, Capitän,“ ſagte ſie. „Bedenken Sie, daß Niemand um Ihren Beſuch dahier wiſſen darf. Und jetzt reiſen Sie in Frieden.“ Die Königin wandte ſich ab, damit Puke noch einmal Alma an ſeine Bruſt drücken konnte. Als Alma verſchämt und erröthend enteilte, winkte die Königin auch Puke, ſich zu entfernen. Ein einziger Gedanke hatte ſchwer auf Puke ge⸗ legen, der Gedanke an Amanda. Er hatte die Königin vor ihr warnen wollen, 213 aber die Worte erſtarben auf ſeinen Lippen: er durfte ſie ja nicht verrathen. Um daher nicht in Verſuchung zu kommen, eilte auch er aus dem Zimmer. Mit militäriſcher Genauigkeit hatte Puke die Wich⸗ tigkeit der Vertrauenskommiſſion aufgefaßt, welche die Königin ihm übertragen, und zugleich ſah er auch die Nothwendigkeit ein, Drottningholm ebenſo unbe⸗ merkt zu verlaſſen, wie er gekommen war. Im Vorſaal brannte an einer der Säulen eine Lampe, die einen rothen Schein von ſich warf. Puke hatte ſich dicht in ſeinen Mantel gehüllt und den Hut tief eingedrückt. So eilte er weiter. Aber als er an einer der Säulen vorbeikam, glaubte er zu bemerken, daß Jemand ſich auf der andern Seite derſelben bewegte. Um nachzuſehen, ob er ſich getäuſcht hatte oder nicht, ging er um dieſelbe herum und fand ſich jetzt Angeſicht zu Angeſicht Amanda gegenüber. In der Hoffnung, ſie werde ihn im Halbdunkel nicht geſehen haben, wandte er ſich augen⸗ blicklich von ihr ab und ſetzte ſeinen Weg fort. Aber Amanda warf ihm einen Blick nach, der wie eine Dolchſpitze funkelte. Er war voll von Liebe und Haß zugleich. In unſerem Verlage ſind ſo eben folgende intereſſante Romane erſchienen: C. F. Nidderſtad, Fämmtliche Romane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. rh. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Der Trabant. Geſchichtlicher Roman 21 Bändchen. Der Fürſt.„„ 11„ Das Gewiſſeu oder Geheimniſſe von Stottholnutht... 128„ Vater und Soͤzn.... 16 4 Wir glauben uns ein wirkliches Verdienſt um die deutſche Leſewelt erworben zu haben, indem wir Ridderſtad, dieſen neuen glänzenden Stern an dem ſchönen literariſchen Himmel Skandinaviens, bei ihr einführten. In den bis jetzt erſchienenen Romanen hat der Verfaſſer ſich einen ehrenvollen Platz zur Rechten Walter Scotts errungen und ſeine Ebenbürtigkeit mit dieſem unübertroffenen Dichter unverkennbar dargethan. In unſerem Verlage iſt ferner erſchienen: Thaddäus Koseinszko. Hiſtoriſcher Roman von Heribert Rau. 3 Bde. eleg. geh. Thlr. 1. 24 Ngr. oder 3 fl. rhein. Es iſt wohl unbeſtritten, daß der Verfaſſer dieſes Romans einer unſerer beliebteſten Schriftſteller iſt. Haben doch ſeine Romane wie ſeine wiſſenſchaftlichen Werke in ganz Deutſchland, ja ſogar in Amerika großes Aufſehen gemacht, ſowie mehrere der letzteren in verſchiedene Sprachen überſetzt wurden. Unter dieſen zeichnet ſich vor allen das oben genannte Werk aus. Nicht nur daß die Wahl des Helden eine ſehr glückliche genannt werden darf, da ſchon bei dem Namen Kosciuszko alle edleren Herzen dieſſeits und jenſeits des Oceans höher ſchlagen— es iſt dem Verfaſſer auch gelungen, die Schickſale deſſelben mit einer ſolchen Treue und doch zugleich poetiſchen Verklärung darzuſtellen, daß ſie uns bis zum letzten Momente feſſeln und zum innigſten Mitgefühle hin⸗ reißen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. ſnſſſſſnſſſiſſſſſſnſſinſiſſffſſſſſſſſſſüſſſiſſnſſnſnne 12 13 14 1 16 4 8 9 10 11 5