2 ——== 4 4 2—. B 3 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeſebedingungen. AL faln Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morge 1 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ſ „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wirv. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgr: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: auf 1 Monat: „ 6 Bücher: 1 Prl.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mr.— f. 4 7 1—„ 1„—„ 7—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr jelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und Sosete Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der N Wenpreis erfetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 8 Lene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Veſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Auei ihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonde auf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen J der Büc t ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Königin Luiſe Ulr ike und ihr Hof. Roman von C. F. Ridderſtad. 8 Aus dem Schwediſchen von Dr. Gottlob Fink. Erſtes bis viertes Bändchen. Stuttgart. Frauckh'ſche Verlagshandlung. 1856. Druck von Eduard Hallberger in Stuttgart. Erſtes Kapitel. Drottningholm. Der Sommer 1755 war bereits vorüber. Wir befinden uns im Anfang Oktobers. Der Hof verweilte noch in Drottningholm, deſſen Schloß und Parke mit denen von Verſailles, nicht in Steifheit, aber in Schönheit, nicht in kokettirender Kunſt, aber in Naturherrlichkeit wetteifern. Was Karls X. Gemahlin, Hedwig Eleonore von Holſtein, angefangen, das vollendete Adolf Fried⸗ richs Gemahlin, Luiſe Ulrike. Der Reichthum und die Symmetrie der architek⸗ toniſchen Maſſen des Schloſſes zeugen noch heutigen Tags für die Genialität des Nicodemus Teſſin. In der wechſelreichen Pracht der Parke und Gärten ſieht man überall Natur und Kunſt getreu⸗ lich vereint, ſich gegenſeitig zu verſchönern. Auf der einen Seite wird Drottningholm von den leichten, blauen Wellen des Mälar geliebkost; auf der andern treten Haine und Gebüſche, Thäler und Höhen dem Auge entgegen. Es war ein Herbſttag, aber mit einem klaren und reinen Himmel, einer milden und angenehmen Temperatur. Die Winde wehten noch keinen Froſt herbei, der Boden hatte ſich noch nicht mit einem Perlband von Eis bekleidet. Die Jahreszeit hatte den grünen Schmuck der Parke und Haine gebleicht; die gelben Blätter fielen, ſterbende Erinnerungen an einen entſchwundenen Sommer, ſeufzend hinab in ihre Vergänglichkeit. Die Natur ſchien von einem tiefen Gefühl der Er⸗ gebung ergriffen zu ſein. Die Sonne lächelte zwi⸗ ſchen leichten Wolken hervor; aber es war beinahe ein Lächeln durch eine helle Thräne. „Wollen wir nicht weiter gehen, lieber Daniel? Hier iſt es ja höchſt langweilig.“ Kein Zug bewegte ſich im Geſichte des Angerede⸗ ten. Er ſchaute unverwandten Blicks auf einen Gegenſtand gerade vor ihm und ſchien kein Wort gehört zu haben. „Da vorn auf dem Schloßhof wimmelt es von hübſchen Uniformen, von Höflingen und Soldaten,“ fuhr die erſte redende Perſon murrend fort,„und wir ſitzen da, als wären wir der ganzen⸗Welt über⸗ drüſſig. Als Du mich heute früh hieher verlockteſt, da verſpracheſt Du mir einen recht luſtigen Tag, und nun iſt's etwas Schönes geworden. Kann es Dir Kurzweil machen, beſtändig auf einem Fleck zu ſitzen und unaufhörlich nach einem einzigen Ort zu ſchauen? Wenn ich nur wenigſtens wüßte, was Du ſo anſiehſt! Komm, Daniel, laß uns hinabgehen. Siehſt Du das Boot nicht, das ſo eben da unten an der Brücke angelegt hat? Ach wie zierlich, wie zierlich! Gewiß will der König ſelbſt hinaus und ein wenig herumſegeln. Komm jetzt mit, komm!“ „Still, Schweſter, ſtill!“ 5 „Du biſt ein wahrer Barbar. Soll ich jetzt obendrein auch noch ſchweigen? Das iſt unerträg⸗ lich. Aber ich ſchweige durchaus nicht... nein, das thue ich nicht. Warum ſollte ich nicht reden dürfen?“ Ein Ausruf war Daniels einzige Antwort. „Ah, ſiehſt Du, da oben hat ſich Etwas im Fen⸗ ſter gezeigt... ſiehſt Du...“ „Du biſt verrückt, Daniel. Wäre ich nicht nahe daran, vor Verdruß zu weinen, ſo würde ich Dich wahrlich auslachen.“ Daniel wandte ſich gegen ſeine Schweſter. „Weinen.. ſagteſt Du... lachen...“ „Nun, ſo faß mich doch nicht ſo feſt am Arm; meine Arme ſind keine Zaunſtücke. Du begreifſt Hoch... „Ich begreife, Clara, ich begreife ſehr gut... „Das iſt mehr als ich hoffte; mir kommſt Du ganz unbegreiflich vor.“ Clara war ein hübſches Kind von ſiebzehn Jah⸗ ren; aber mit ſiebzehn Jahren iſt ein Mädchen kein Kind mehr. Sie weiß da bereits, daß es Liebe in der Welt gibt, und ſie iſt im höchſten Grad neugie⸗ rig zu erfahren, wie das Ding ausſieht. Ihr Bruder Daniel war ungefähr neunzehn Jahre alt und hatte ein vollkommen ausgebildetes Geſicht. Um ſchön zu ſein, waren ſeine Züge zu markirt, und überdies war er gar zu mager. Nichtsdeſtoweniger lag etwas Ungewöhnliches und Eigenthümliches in ſeiner ganzen Erſcheinung. Der Ausdruck war voll Kraft und Kühnheit, aber mit etwas Wirrem, um nicht zu ſagen Wildem, gepaart. Er war groß von Wuchs, aber doch mehr in die Höhe geſchoſſen, als gereift und ausgebildet. „Ich begreife, daß ich wahnſinnig bin, Schweſter,“ antwortete er;„ich begreife, daß man mich in ein Narrenhaus einſperren ſollte, ich begreife, daß ich von einem unſäglich großen Unglück überfallen wor⸗ den bin, ohne daß ich die Macht habe, es zu be⸗ kämpfen. Weine Du, Schweſter, ich meinerſeits will lachen.“ Daniel lachte wirklich. „Ein armer Teufel wie ich— ein ganz gewöhn⸗ licher Lump— ein armſeliger Schlucker— ein un⸗ nützer Wurm— welch' eine unerhörte Dummheit hat mich erfaßt, welch' ein Schwindel von Narrheit, welch' eine ſchreckliche Selbſtbetrügerei! Niederge⸗ drückt von den dringendſten Bedürfniſſen des Augen⸗ blicks, ohne alle Zukunft, wage ich in einen Himmel zu blicken. Was meinſt Du, Schweſter? mag dies wohl eine Verlockung des Sgtans oder eine Ein⸗ gebung Gottes ſein? „Jetzt ſchwatzeſt Du wieder in's Blaue hinein, Bruder döa Daß Du ein wenig verrückt biſt, begreife ich wohl; aber was kümmere ich mich um all' das Zeug? Wenn ich bei Dir bin— und das geſchieht nicht oft— ſo meine ich, Du ſollteſt auch ein wenig an mich denken. Warum gehen wir nicht da hinah und ſchauen uns ein wenig um?“ Das Bild, das der Schloßhof darbot, war un⸗ ftreitig ſehr lebhaft. Gruppen von Leibtrabanten und anderem Militär gingen auf und ab. Der Tag war heiter und angenehm. Man ſchien den letzten Athemzug der ſchönen Jahreszeit genießen zu wollen. — u —— 99——— ——— 7 Eine der königlichen Schaluppen, mit reichen Gold⸗ zierrathen geſchmückt, hatte ſo eben am Quai ange⸗ legt. Um die Ruder, die von rüſtigen jungen Leuten in blauen und gelben Aufzügen, mit dem Reichs⸗ wappen auf ihren Glanzlederhüten, gehandhabt wur⸗ den, perlte das Waſſer wie Diamanten ſchimmernd im Sonnenſtrahl. Die da und dort auf dem Schloß⸗ hof zerſtreuten Gruppen gingen nach dem angekom⸗ menen Fahrzeug zu. „Wenn Du mich nicht begleiten willſt,“ bemerkte Clara,„ſo gehe ich beſtimmt von Dir weg.“ Haſtig griff Daniel ihr mit der einen Hand wie⸗ der in den Arm, und mit der andern deutete er nach der großen Schloßtreppe. „Siehſt Du da?“ „Barmherziger Gott, wie närriſch Du biſt! Du erſchreckſt mich zu Tode.“ „Sie geht die Schloßtreppe hinan.“ Clara war beinahe böſe. „Wer iſt denn dieſe ſie, von der Du ſo beſtän⸗ dig ſprichſt?“ fragte das Mädchen verdrießlich. „Wer ſie iſt?“ wiederholte Daniel.„Das iſt ſie,“ fügte er dann ganz kurz hinzu. So räthſelhaft die Antwort lautete, ſo öffnete doch Clara ihre Augen weit. Sie waren nie ſchöner und größer geweſen, als eben jetzt. „Ach Bruder,“ lachte ſie,„jetzt fange ich an, Dich zu verſtehen.“ „Mich zu verſtehen?“ „Ich habe einmal geleſen, daß alle Verliebten etwas närriſch ſeien.“ Daniel ſenkte ſeinen Kopf. „Sollte es möglich ſein,“ fuhr Clara mit weit⸗ geöffneten Augen fort,„daß umgekehrt auch alle närriſchen Leute ein Bischen verliebt ſind?“ Clara lächelte und ſchwieg ſchalkhaft. „Antworte mir, Daniel,“ vollendete ſie dann, „liebſt Du?“ Daniel ſchlug wiederum ſeinen Blick auf und betrachtete das Mädchen. Ihre Worte durchbebten ſein Herz mit wunderſamem Klange. Noch in den Jahren, wo die Welt dem Jüngling blos in unregel⸗ mäßigen Formen vorſchwebt, hatte ihn eine Leiden⸗ ſchaft erfaßt, bei deren nächtlichen Flammen zum erſten Mal das Bewußtſein, nicht blos ſeines eige⸗ nen Gefühls, ſondern auch ſeiner eigenen Stellung, in ihm erwachte. Lange wollte er die Leidenſchaft ſich ſelbſt nicht geſtehen, noch länger trug er ſie ver⸗ borgen in ſeiner Bruſt; aber ſie wirkte immer mäch⸗ tiger und mächtiger nach außen auf ſeine Gedanken und Handlungen. So lange er ſie blos als einen unverſtandenen Seußzer in ſich trug, blühten ſo viele ſchöne Träume auf, und er genoß dabei das nur lebhaften Seelen eigene Glück, daß er immer neue Räthſel zu löſen hatte; aber kaum war er zum Be⸗ griff ſeiner Lage erwacht, kaum hatte er den Namen ſeines Gefühls erfahren, Etwas von ſeiner Tieſe und Höhe ermeſſen, als es auch mit gewaltſamem Drang losbrach, als ein heftiger Sturm, der die ſchönen Träume verheerte, ſeine Gedanken verdüſterte und ſeine Handlungen aus allen Geleiſen der Ord⸗ nung trieb. Wohl beſtand ſein höchſter Wunſch darin, den Gegenſtand ſeiner Hingebung nur ſehen zu dürfen, in ihre Nähe zu kommen, zu wiſſen, wo 9 ſie ſei und was ſie thue; aber dies war bereits weit mehr, als ſeine Stellung in der Geſellſchaft geſtat⸗ tete. Darum wurde ſein Herz von Qualen zerfleiſcht, die Tag und Nacht nicht abließen. Früher ruhig und zufrieden mit ſeiner Stellung, empörte er ſich jetzt wider dieſelbe. Warum war ihm Reichthum, Geburt und Rang verſagt? Warum wurden redliche Geſinnung und ein warmes Herz nicht genügend er⸗ funden? Er war ein junger Thor, dürfte Mancher ſagen; allerdings, weil er zu den Unglücklichen ge⸗ hörte, denen die Natur einen andern Poſten anweist als die Geſellſchaft. Dieſen Leuten iſt ihr Loos vorgezeichnet: ſie müſſen ſich durch's ganze Leben durchkämpfen, um im beſten Fall über ſich ſelbſt zu ſiegen und tief in die Entwicklung der Geſellſchaften einzugreifen, oder ſich in ſich ſelbſt zu verzehren und von der Geſellſchaft zermalmt zu werden. Nur in einer einzigen Beziehung hatte er bis jetzt ſeine Stellung begriffen. Er ſah nämlich deut⸗ lich ein, daß er ſich nur Hohn oder Mitleid zuziehen würde, wenn er irgend Jemand enthüllte, was in ſeinem Innern vorging. Mit einer in ſeinen Jah⸗ ren ſeltenen Feſtigkeit verſchloß er ſich alſo in ſich ſelbſt. Nur ſeine Schweſter, die einzige freundliche und koſende Geſpielin ſeiner Gefühle, ließ er manchmal von Ferne einen Blick in ſein Myſterium werfen. Aber nichtsdeſtoweniger trug er auch bei ihr Scheu, ſich gänzlich zu entſchleiern, weil er ſie zu ſehr liebte, als daß er ihren noch ſo kindlichen Frie⸗ den hätte ſtören mögen. Während des ſo eben mitgetheilten Geſpräches hatte er ſich jedoch weniger als je zu beherrſchen vermocht. Sie hatte entdeckt, daß er liebte.— Aber wen?— Sie wußte es nicht, aber ſie freute ſich ſchalkhaft über ihre Entdeckung. Daniel, der ihr Alles anvertraut zu haben glaubte, wurde von ihrer ungekünſtelten und kindlichen Be⸗ merkung überraſcht. „Iſt's möglich,“ wiederholte er ihre Frage bei ſich,„liebſt Du?“ Die Frage war wie ein Ton von einer Seraphs⸗ harfe gekommen. Lange hatte kein Wort ſo lieblich durch ſeine Seele geklungen, kein ſo milder Hauch ſein Herz berührt. „Ach ja, Schweſter,“ antwortete er alſo,„ich liebe, zu meinem Entſetzen und zu meiner Verzweif⸗ lung. Es iſt Wahnſinn— ich weiß es— in mei⸗ ner Stellung mich einer Neigung hinzugeben, die mich, ſogar in meinen eigenen Augen, zum Narren macht. Sie— ein Engel...“ 3 Ein Strahl der lebhafteſten Freude ſpielte wieder in Clara's Geſicht. „LEin Engel— gut, Brüderchen, ganz gut! Wenn ein Mann ein Mädchen zu lieben wagt, ſo muß ſie immer in ſeinen Augen der allerholdeſte Engel wer⸗ den. Sonſt wäre eine ſolche Liebe nicht viel werth. Nun weiter?“ „Ein... „Nun wohl, ein...“ Aber Daniel antwortete nicht... er hörte ſie nicht einmal mehr... er hatte das ganze Geſpräch vergeſſen. Seine Aufmerkſamkeit war wieder auf die 11 Schloßtreppe geheftet. Seine Seele ſchien in jedem Blicke dorthin zu fliegen. „Bleib' hier,“ ſagte er endlich,„ich komme ſo⸗ gleich zurück.“ Clara ſtarrte ihm verwundert nach. „Ganz bei Troſt iſt er doch nicht,“ murmelte ſie vor ſich hin.„Aber warum ſoll man denn halb verrückt ſein, wenn man liebt? Wenn ich mich je verliebe,“ vollendete ſie ihren Gedankengang,„ſo werde ich ſehr verſtändig zu Werke gehen, ſehr klug, ſehr nüchtern und vernünftig.“ Welch' ein Thema mit tauſend Variationen für ein junges Mädchen! Es war das erſte Mal, daß Daniel ſeinen Ge⸗ danken Luft geſchafft, das erſte Mal, daß ſein Herz ſeine Bekümmerniſſe ausgehaucht, das erſte Mal, daß ſeine Seele die ſchwere Kette des Schweigens ge⸗ brochen hatte. Dies war ein Glück, das er noch nie empfunden. Er hatte auf der Schloßtreppe wieder dieſelbe Dame entdeckt, die er kaum zuvor da geſehen hatte, und ob er ſich nun täuſchte oder nicht, er glaubte einmal, ſie.. Der Gedanke, den langen Weg nach der Haupt⸗ ſtadt zurückkehren zu müſſen, ohne ſie geſehen zu haben, hatte ſeit mehreren Stunden ſeine Verzweif⸗ lung ausgemacht. Koſte es was es wolle, er nahm ſich vor, ſie jetzt nicht mehr aus dem Auge zu laſſen. Raſchen Schritts eilte er in den Schloßhof hinein und auf die Treppe zu. Noch ſtanden da und dort Gruppen von Höflin⸗ gen, im Geſpräche begriffen.. Nicht ohne ein gewiſſes Gefühl von Furcht und Verlegenheit eilte er zwiſchen ihnen vor. Ihr präch⸗ tiger Aufzug entging ihm nicht. Die ſchimmernden Stickereien und die glänzenden Farben ihrer ſamm⸗ tenen und ſeidenen Gewande blendeten ihn. Un⸗ willkürlich ſenkte er dabei ſeinen Blick auf ſich ſelbſt. Sein Rock war alt und abgenutzt, ſeine Weſte ſchad⸗ haft. Das ſchnitt ihm in's Herz. Mit einem Fluch über ſein Schickſal ſtand er einen Augenblick im Be⸗ griff umzukehren; aber die Macht, die ihn vorwärts zog, war unwiderſtehlich. Mit ſtolzer, beinahe drohender Stirne und mit feurigen, beinahe herausfordernden Blicken eilte er an ihnen vorbei. Im ſelben Augenblick, wo er an die erſte der fünf Arcaden kam, die in den Vorhof des Schloſſes führen, begab ſie ſich auf der andern Seite in den Park hinaus. Ungeduldig wollte er die Treppe hin⸗ auf, um ihr nachzuſtürzen; aber auf einmal kreuzten ſich zwei Gewehrkolben vor ihm. „Zurück!“ ſcholl es ihm entgegen. So wurde der junge Tollkopf, mitten in ſeinen unbändigen und überſpannten Phantaſien, in die nackte Wirklichkeit zurückgeworfen. Tauſend Gedanken fielen dabei auf einmal wie ein Platzregen über ſeine Seele. „Warum darf ich nicht weiter gehen?“ fragte er jedoch,„ich habe nichts Böſes im Sinn.“ „Fort, Schlingel!“ antworteten die Soldaten blos; „pack Dich, Du Tölpel!“ ——,—-·—— 13 Bei einer andern Gelegenheit hätte dieſer Aus⸗ druck vielleicht ſeine ganze Blutmaſſe in Bewegung geſetzt; in dieſem Augenblick aber machten die Sol⸗ daten ſelbſt einen tiefen Eindruck auf ihn: er fühlte, daß es eine Macht war, die vor ihm ſtand; es war dies eine neue Erfahrung, die ihm einen neuen Ge⸗ danken eingab. Er hatte indeß jetzt keinen Augen⸗ blick zu verlieren. Sie war in den Park hinausge⸗ gangen, er mußte ihr nach. Ohne weiter ein Wort zu wechſeln, eilte er um das Schloß herum. Der Park ſtand offen. Er trat hinein und fühlte ſich überglücklich, da zu ſein. Nicht blos große Kapitalien ſtecken in den Parken oder ſogenannten Luſtgärten von Drottningholm; man ſieht da auch, was noch mehr iſt, Genie und Ge⸗ ſchmack angelegt. Daniel war in den ſogenannten franzöſiſchen Garten hineingekommen, der jetzt bei weitem nicht mehr das iſt, was er damals war. Auf beiden langen Seiten von dreifachen hohen und alten Alleen umgeben, macht der erſte Anblick einen großen Eindruck. Innerhalb dieſes Rahmens, der gewaltige Schat⸗ ten wirft, ringeln ſich friſche Graspläne mit zierlichen Blumenrondellen um einander. Ein hoher Springbrunnen warf ſeine ſchimmern⸗ den Strahlen gerade vor dem Platz, wo Daniel ſtand. Kleine, in zierlichen Farben wechſelnde Regenbogen glänzten und verſchwanden unaufhörlich, wie luftige Franſen, im Fall der klaren Waſſerbogen. Daniel hatte einen zu offenen Sinn für alles Wahre und Große, als daß das Gemälde, das vor ſeine Augen trat, ihn nicht hätte anregen müſſen. Es iſt das glückliche oder unglückliche Schickſal des Naturmen⸗ ſchen, daß er ſich leicht hinreißen läßt; glücklich, weil es ihm große augenblickliche Genüſſe ſchenkt, unglück⸗ lich, weil es ihn oft von der nothwendigen, prakti⸗ ſchen Richtung der Umſtände abführt. Noch lebte auch Daniel mehr im innern Leben ſeiner Gefühle, als im Gebiet der Erfahrung und des prüfenden Verſtandes. Ohne an einen Widerſtand zu denken, überließ er ſich ſeinen Eindrücken. Er genoß auch nicht blos flüchtig jede Roſe, die ihm der Augenblick darbot, ſondern er verwahrte ſie in ſeiner Bruſt wie in einem Herbarium und drückte ſie ſehr oft ſammt den Dornen an ſein Herz, bis es blutete. Irrend flogen ſeine Blicke umher, nach derjenigen ſuchend, die ihn hieher verlockt hatte; aber als er kein einziges Weſen entdeckte, ſondern den Park ganz öde und leer ſah, da wandte ſich ſeine Auf⸗ merkſamkeit allmälig mit neugieriger Bewunderung den ihm ſo neuen und unbekannten Gegenſtänden zu. Er fühlte ſich zwar fremd in dieſem großen ſchönen Saale der Natur; aber es fiel ihm doch nicht ein, daß er kein vollkommenes Recht beſaß, hier luſtzuwandeln. Mit Verwunderung betrachtete er die Tritonen, die weiterweg zwei neue Cascaden bildeten; er ver⸗ weilte bei dem mit der Schlange kämpfenden Her⸗ cules, einer aus Metall gegoſſenen Bildſäule auf einem Poſtament von gehauenem Stein mit weißen Marmorrändern; er bewunderte nach einander Adonis und Venus, Actäon mit dem Bogen, Pluto mit dem dreikantigen Zepter, Venus mit dem Schwan, Aſträa 40—— r 15 mit ihrer Urne, Laokoon mit ſeinen Söhnen und den mit einem Jungen ſpielenden Bacchus, ſämmt⸗ lich Bilder von Erz. Dann betrat er die vier Ter⸗ raſſen, den ſchönſten Schmuck des Gartens. Hier trat ihm eine Ueberraſchung um die andere entgegen: Pyramiden, Kugeln und Coloſſe von gewaltigen, dunkelgrünen Zweigen; ſaalartige Plätze mit grünen Wänden von dichten Hecken, umgeben von Gängen und hohem, düſterem Buſchwerk; weiterhin öffnete ſich vor ihm ein Theater mit Parterre, Amphitheatern und grünenden, wachſenden Couliſſen, vor denen eine majeſtätiſche Geſtalt in ſchneeweißem Marmor — Apollo— ſich auf einem Piedeſtal von derſelben Steinart erhob. In dieſes wunderbare Labyrinth hineingekommen, vergaß er alles Andere. Aus dem ſogenannten franzöſiſchen Garten führte ihn der Weg in den engliſchen Luſtpark. Hier zeigte ſich eine freiere, friſchere Natur. Die Scenerie regte ihn hier ganz anders an. Ein Bach floß an ſeinen Füßen vorbei, er folgte ſeinen Krümmungen. Das Waſſer lief zwiſchen dunkeln Gebüſchen, ſchlingenden Hecken und Gruppen von prachtvollen Büſten über ſeinen mit Kieſeln bedeckten Boden hin. Es war ſo ſchweigſam, ſo feierlich, ſo tief ſtill um ihn her. Ein Schwan bog jetzt um eine Landſpitze: er floß gleichſam, als würde er von den Wogen blos fort⸗ getragen. Aber auf einmal wurde die tiefe Stille geſtört, die ihn umgab. Gelächter und Worte ſchallen an ſeine Ohren. Er ſchaute auf, bemerkte aber noch Niemand. Die Laute kamen immer näher und näher — — 16 von der andern Seite des Baches her. Es waren offenbar Kinder, die mit einander ſchwatzten und lachten, Kinder, die ſpielten. Eine Weile verging. Er war bis an den Rand des Waſſers vorge⸗ treten und ſuchte die Schwäne an ſich zu locken. Mittlerweile ſprangen drei Jungen am Ufer ent⸗ lang auf der andern Seite vorbei. Er ſchenkte ihnen weiter keine Aufmerkſamkeit. Einige Augenblicke ſpäter vernahm er jedoch einen Nothſchrei. Er kam vom jenſeitigen Ufer, aber wei⸗ ter oben her. Daniel ergriff einen vorſtehenden Zweig und beugte ſich über den Bach hin, um zu ſehen, ob irgend eine Gefahr um den Weg ſei. Vergebens, er ſah Nichts. Er ſtrengte alle ſeine Kräfte an und beugte ſich noch weiter über das Waſſer hinaus. Jetzt entdeckte er zu ſeinem Schrecken, wie einer der Jungen, der vermuthlich im Verlauf des Spiels auf einen Baum geklettert war, an einem Aſte hing, der über dem Waſſer ſchwankte. Daniel beſann ſich nicht länger. Das Waſſer war nicht ſonderlich breit; die Tiefe konnte er nicht berechnen. Mit einem Sprung befand ſich Daniel bereits im Waſſer. Er ging ſchnell voran. Das Waſſer ſtieg immer höher; der Boden hörte auf, er mußte ſchwim⸗ men; es war kalt, aber er ſpürte es nicht— er brannte. Sobald er hinübergekommen war, ſprang er an's Ufer und eilte blitzſchnell nach dem Ort, wo die Gefahr zu drohen ſchien. Er hatte richtig vermuthet. Es waren wirklich die drei Jungen. Das Verhältniß war nicht ſchwer —,—--„ S.RX SEX SͤSB 2 E S. 4———* 17 zu begreifen. Der am Baum Hängende war hinauf⸗ geklettert, der Zweig war gebrochen, aber im Fallen hatte der Wildfang glücklicher Weiſe einen andern Zweig erfaſſen können. Inzwiſchen kam das Noth⸗ geſchrei nicht von dem bedrohten Jungen; er ſchien vielmehr zu lachen über die Angſt, die ſeine Lage den andern einjagte. Daniel nahm ſich nicht Zeit, die Knaben lange anzuſchauen, aber das entging ihm nicht, daß der eine von ihnen, der um Hilfe rief, ganz ſchwarz war: es war ein Negerjunge. Mit einem raſchen Sprung war Daniel bald auf dem Baum, und nun begab er ſich vorſichtig auf einen Aſt hinauf, von wo es ihm gelang, den in der Luft zappelnden Jungen an ſich zu ziehen. Mit einem Sprung ſtand er bald wieder auf dem Boden, den Geretteten in ſeinen Armen haltend. Che er ihn abſtellte, ſchaute er ihm in's Auge: es war voll von Sonnenlicht, von ſtrahlender Dankbarkeit. Da⸗ niel fühlte ſich überglücklich, ihm geholfen zu haben. Kaum hatte er den Jungen abgeſtellt, ſo hörte er Tritte in ſeiner Nähe. Als er ſich umwandte, begegneten ſeine Blicke denen einer Frau von ſo majeſtätiſcher Schönheit, daß er unwillkührlich ehr⸗ furchtsvoll ſeine Mütze abnahm. Geiſt und Seele ſtrahlten aus ihren Augen, Stolz und Muth lager⸗ ten auf ihrer Stirne. Daniel trat einen Schritt zurück. „Du biſt ein flinker Jüngling,“ redete ſie ihn endlich an.„Wie heißeſt Du, mein Freund?“ Die Stimme war ſo freundlich, daß Daniel ganz muthig wurde. Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. I. 2 „Mein Name iſt Schedvin,“ antwortete er,„Da⸗ niel Schedvin.“ „Was iſt Dein Vater?“ „Er iſt todt.“ „Und er war?“ „Ein herabgekommener, armer Handwerker.“ „Dann biſt Du wohl auch Handwerker?“ „Ich? Nein.. ich bin,“ fügte er mit geſenkter Stimme hinzu,„Nichts.“ „Was gedenkſt Du aber zu werden?“ „Ich weiß nicht. Als mein Vater ſtarb, war ich in der oberſten Claſſe in der Jacobsſchule. Seit⸗ dem... „Seitdem?“ „Seitdem... habe ich Nichts gethan.“ „Das iſt gefährlich, mein Freund, in Deinen Jahren. Beſinne Dich jetzt, was Du werden willſt, und komm dann zu mir, ſo werde ich Dir zu helfen ſuchen. Deine Mutter lebt wohl noch?“ r „Jd. „Nimm dies hier,“ ſie drückte ihm eine Börſe in die Hand,„und bring's Deiner Mutter. Im Uebrigen erinnere Dich wohl, was ich Dir geſagt habe.“ Sie gab ihm hierauf einen Wink, und er begriff daß er abziehen ſolle. Aber er blieb ſtehen. Die Börſe brannte in ſeiner Hand. Er hatte noch nie⸗ mals eine Gabe empfangen. Er ſchämte ſich und wußte nicht, ob er ſie behalten ſollte oder nicht. Die Dame ſchien ihn zu verſtehen. Ein anmuthsvolles Lächeln flog über ihr Geſicht. „Du haſt mir einen großen Dienſt erwieſen,“ ſagte Lebe pein zu, ſtrei And für in d zu ſ Gän in d gem kann Art dem viel habe zu g kühn ein Apf Wei ter 19 ſagte ſie dann;„wenn Du meinem Sohne nicht das Leben gerettet haſt, ſo haſt Du ihm doch aus einer peinlichen Lage geholfen. Sieh' hier,“ fügte ſie hin⸗ zu, indem ſie einen kleinen Goldring vom Finger ſtreifte,„das Mutterherz will Dir auch ein kleines Andenken geben. Vielleicht hat das größeren Werth für Dich?“ Daniel war nie ſo ſeelenvergnügt geweſen wie in dieſem Augenblick: er meinte ein beſſerer Menſch zu ſein als je zuvor. Mehrere Perſonen näherten ſich jetzt von den Gängen rundum. Daniel zog ſich zurück. Obſchon in der Ferne, hörte er, daß ſehr ernſte Vorwürfe gemacht wurden. „Du biſt ſchon ſo alt, Guſtav,“ ſagte die unbe⸗ kannte Dame,„daß Du Dich nicht hätteſt auf dieſe Art in Gefahr begeben ſollen. Was hatteſt Du auf dem Baume zu ſchaffen?“ „Ich ſah einen Apfel droben: einen einzigen.“ „Da oben? Du hätteſt einſehen müſſen, daß er viel zu hoch für Dich ſaß.“ „Zu hoch? Für mich? Sehen Sie, Mama, hier habe ich ihn. Es hat mir viel Freude gemacht, ihn zu greifen. Er ſaß hoch, hoch oben.“ „Das iſt etwas Anderes, Guſtav. Wenn man kühn iſt und es gelingt, ſo iſt Alles gut. Aber ſei ein ander Mal vorſichtiger. Jetzt hätte Dich der Apfel beinahe das Leben gekoſtet. Sonſt...“ Die Fortſetzung entging Daniel; aber nach einer Weile hörte er wieder. „Und Du, Karl?“ „Ich ſtand unten, Mama,“ antwortete er,„und rief um Hilfe.“ „Wollteſt Du nicht mit Guſtav um den Apfel wetteifern?“ „Das wollte ich nicht, Mama; aber nachdem Guſtav ihn bekommen hatte, glaubte ich mit ihm theilen zu dürfen.“ Daniel war an der Biegung des Weges ſtehen geblieben und konnte ſich's nicht verſagen, durch die Hecke hindurch zurückzublicken. Das ſchwarze Geſicht des Negerjungen grinste boshaft. „Ich will ſagen, was Karl dachte,“ bemerkte er, indem er ſeine Geſichtszüge noch ärger verzerrte. „Nun, was dachte er denn?“ „Er dachte, wenn Guſtav in den Kanal gefallen und umgekommen wäre, ſo hätte er den Apfel ge⸗ erbt.“ „Pfui, Badin, pfui!“ Daniel hatte eine Handlung verrichtet, die ihm einen höchſt ungewöhnlichen Beifall erworben. Ohne die beſondere Bedeutung der Handlung und des Beifalls unterſcheiden zu können, hoben ihn doch beide in ſeinen eigenen Augen. Nach dem kalten Bad fühlte er ſich etwas er⸗ ſchöpft; aber er war noch in den Jahren und bei dem Humor, wo man ſolche Kleinigkeiten nicht an⸗ ſchlägt. Er ſchüttelte ſich blos wie ein Hund, der aus dem See kommt; damit war ſeine Toilette ge⸗ macht. So langſam er vorher durch den Park gewandelt war ſich fall dan den. was ihm verf iſt wer Hal dieſ chen Bet weif ken die Abe fort, Gan „Ei imm 21 war, ſo haſtig verließ er ihn jetzt, denn er ſehnte ſich, ſeine Schweſter zu treffen und ihr das Vorge⸗ fallene erzählen zu dürfen. Gleichwohl beſchäftigten ihn einige unklare Ge⸗ danken, während er vorwärts eilte. „Dieſe Dame hat mich ermahnt, Etwas zu wer⸗ den. Sie hat Recht, ich muß Etwas werden. Aber was?“ Er erinnerte ſich dabei der zwei Soldaten, die ihm an der Schloßarcade mit ihren Kolben den Weg verſperrten. „Soldat?“ wiederholte er.„Warum nicht? Man iſt da doch Etwas. Auch iſt es leicht, Soldat zu werden. Ich habe bereits Anerbietungen erhalten. Habe ich einmal die Uniform an, ſo kann ich mich dieſer Dame zeigen, die mir weiterzuhelfen verſpro⸗ chen hat.“ Hier hielt er jedoch auf einmal inne in ſeinen Betrachtungen. „Aber, mein Gott,“ murmelte er halblaut,„ich weiß ja nicht, wer ſie iſt.“ Einen Augenblick verdüſterten ſich ſeine Gedan⸗ ken über dieſe Ungewißheit, und er kam ſogar auf die Idee, zurückzukehren und zu fragen, wer ſie ſei. „Aber im nächſten Augenblick ſetzte er ſeinen Weg fort, und der kühne, entſchloſſene Ausdruck in ſeinem Gang und Geſicht kehrte wieder. „Ich will ein Soldat werden,“ beſchloß er jetzt. „Ein braver Soldat,“ fügte er hinzu,„bringt ſich immer fort.“ Er erwartete ſeine Schweſter da zu treffen, wo er ſie verlaſſen hatte; aber als er an Ort und Stelle kam, fand ſie ſich nicht vor. Er ſchaute ſich unruhig um. Während ſeiner langen Abweſenheit hatte die königliche Schaluppe eine Fahrt auf den See hinaus gemacht, von wo ſie jetzt zurückkehrte. Sie war voll von Leuten vom Hof, Damen und Herren unter einander; die Harmoniemuſik, die vorn ſaß, blies ein wehmüthiges Stück, und unter abwech⸗ ſelnden tiefen und ſchmachtenden Tönen glitt das Boot dahin. Um den Landungscglatz hatten ſich von allen Seiten her Leute verſammelt. Daniel ahnte, daß die Neugierde auch Clara dahin geführt habe. Leichtern Sinnes, als er das erſte Mal den Schloßhof paſſirt hatte, ſchritt er ſeines Wegs. Die Schaluppe näherte ſich dem Quai. Vom ſchönen Wetter verlockt, hatte der Hof zum letzten Mal die friſche Seeluft und das angenehme Geſchau⸗ kel auf der klaren Waſſerfläche genießen wollen. Nur die Königin hatte ſich das Vergnügen verſagt, an der Ausfahrt Theil zu nehmen; ehe ſie nach ver⸗ brachtem Sommer in die Hauptſtadt zurückkehrte, hatte ſie von theureren Lieblingsplätzen Abſchied zu neh⸗ men. Das zierliche kleine Luſthaus China, dieſer phantaſtiſche Schöpfung in einer der zauberhafteſten Gegenden des Parks, bildete dabei vielleicht den Gegenſtand ihrer wichtigſten Gedanken. Wer weiß jedoch? In Luiſe Ulrikens Kopf hatte das Genie eine ganze Werkſtatt, wo mancherlei Pläne geſchmie⸗ det wurden. Aber der König, den ſeine Gemahlin + e————— 1———— —,— Stelle die naus und vorn wech⸗ das allen daß den Vom etzten chau⸗ Nur „ all ver⸗ hatte neh⸗ dieſe teſten den weiß Henie hmie⸗ ahlin 23 ſelbſt dazu überredet hatte, ſtellte ſich an die Spitze der Waſſerparthie, die daher auch ſehr zahlreich und glänzend ausfiel. Der Mälar war an dieſem Tag ſpiegelklar: kein Wind kräuſelte ſeine Fläche, nur die Ruder durch⸗ ſchnitten in gleichem Takt die blaue Woge. An mehreren Stellen hatten die Ruderer ausruhen dür⸗ fen, bald im tiefen Schatten eines hohen Holms, bald zwiſchen vorſpringenden Landſpitzen, die mit dunkeln Fichten und hohen Tannen gekrönt waren. Die Muſik hatte hier aufgeſpielt, das Echo hatte den Tönen aus tauſend Klüften geantwortet, und die Zuhörer hatten den letzten Seufzer der erſterben⸗ den Accorde in ihrer eigenen Bruſt genoſſen. Belebt von der friſchen Seeluft, kam die Geſell⸗ ſchaft an's Land zurück. Die Muſik verſtummte— jedoch nicht mit dem letzten Ruderſchlag. Der König war der Erſte, der auf das Quai ſtieg. Einige Monate vorher hatte er ſein ſechsund⸗ vierzigſtes Jahr angetreten. Nach dem damaligen Geſellſchaftsvertrag hätte kein paſſenderer König auf Schwedens Thron ſitzen können. Er hegte reine Wünſche für des Vaterlandes Wohl; Macht beſaß er nicht. Seine Handlungen trugen mehr das Gepräge eines guten Herzens, als eines ſcharfen Verſtandes. Als König zwiſchen die erweiterte Macht des Rathes und das ehrſüchtige Genie ſeiner Gemahlin geſtellt, mußte er ſeinen eigenen Purpur erblaſſen ſehen. 24 So hart jedoch die Formen waren, zwiſchen welche die Vorſehung ihn eingepreßt hatte, ſo drang ſein freundliches Weſen gleichwohl zum Volke. Er entſprach dem Begriff eines guten Familien⸗ vaters in der gewöhnlichen Bedeutung des Worts. „All' die Frömmigkeit, die ſeinen Charakter aus⸗ machte, leuchtete aus ſeinen Augen, all' die Einfalt, welche die freiheitsliebendſte Nation beruhigen konnte,“ ſagt einer ſeiner Commentatoren. „Kein Monarch,“ bemerkt Geijer,„war mehr geeignet, ſich durch die Liebe ſeines Volks eine Er⸗ weiterung ſeiner Macht zu erwerben, keiner war weniger geſchaffen, eine ſolche gewaltſam an ſich zu reißen.“ So wie er ſich in ſeinen Handlungen zeigte, ſtellte er ſich auch in ſeinem äußern Weſen dar. Man erkannte denſelben Stempel. Seine phyſiſche Erſcheinung war einnehmend und verbindlich, aber ohne Energie. Unterſetzt und von mittlerem Wuchs, hatte er das volle freundliche Ge⸗ ſicht, das auf Herzensgüte, aber weder auf Scharf⸗ ſinn noch auf Entſchloſſenheit hindeutet. Den blauen Augen mangelte alles wirkliche Leben. Sein Gang war angenehm, aber nicht imponirend. Einer ſeiner Günſtlinge behauptete, er ſehe ſo⸗ gar mit dem Rücken gnädig aus. Mit einer Güte, die zum Herzen drang, grüßte er das Volk, das ſich auf dem Quai geſammelt hatte. Die Ergebenheit, die es für ihn hegte, äußerte ſich in einem lang andauernden Beifallsgemurmel. Wißn zufrieden leuchtete daher jetzt ſein Blick! Kein Juwett 25 in ſeiner Krone war ihm ſo koſtbar, wie die Liebe des Volkes. Die Schaluppe hatte inzwiſchen ihre hochherrliche Fracht ausgeladen. Cavaliere und Damen beweg⸗ ten ſich um einander her, alle heiter und erfriſcht von der lieblichen Ausfahrt. Der König nahm ſei⸗ nen Weg nach dem Schloſſe. Es war ein pracht⸗ voller, ein reicher, fröhlicher Zug, ein lebendiger Sonnenfächer von Schönheit und Reichthum um ihn her. Daniel kam juſt in dem Augenblick, wo der König an’s Land ſtieg, bei der Brücke an. Auch auf ihn machte der fanfte und freundliche Ausdruck im Weſen des Monarchen einen lebhaften Eindruck. Aber die Pracht des ganzen Aufzugs blen⸗ dete ſeinen Blick noch mehr. Mit erwachender Chr⸗ begier beneidete er jeden Theilnehmer. „Ich muß Soldat werden,“ dachte er auf's Neue. „Ja, ja, Soldat!“ 4 Sein Herz pochte heftig beim bloßen Gedanken daran. Aber auf einmal nahm der haſtige Lauf des Bluts in ſeinen Adern ein Ende, ſeine Wangen er⸗ blaßten, ein leichtes Zittern eilte durch ſeine Glieder. Unter den Hoſdamen hatte er ein blondes, ſanf⸗ tes, liebliches Geſicht entdeckt; vor dieſem erblich in ſeiner Seele alles Andere auf Erden. Aber ſo ge⸗ waltig ſie auch alle ſeine Gefühle anregte, ſo verlor er ſich doch jetzt nicht mehr in einem Schwall regelloſer Phantaſien, wie früher. In ſeinen Ge⸗ danken hatte er jetzt ein Ziel für die Wirkſamkeit 3 ſeines Lebens und dadurch auch einen Begriff von ſich ſelbſt erhalten. Ein mannhaftes Gefühl hatte ihn ergriffen. Er hatte gleichſam einen ſichereren Standpunct auf Erden, als er bisher beſeſſen hatte. Daniel konnte ſeine Augen nicht losreißen von dem blonden, ſchönen Weſen, das ihn ſo ausſchließ⸗ lich beherrſchte. Keine ihrer Bewegungen entging ihm. Jeden Blick, den ſie um ſich warf, fing er auf und bewahrte ihn in ſeiner Seele. In dieſem Augenblick kam ſie an ihm vorbei, ſie wandte ſich gegen ihn— ſie grüßte— grüßte mit einnehmender Verbindlichkeit. Des Jünglings Blut wallte heftig. Seine Wan⸗ gen färbten ſich in hochrothem Purpur. Seiner ſelbſt nicht mehr mächtig, würde er ſich vielleicht ihr zu Füßen geworfen haben, wenn nicht in demſelben Augenblick von hinten eine rauhe Fauſt ihn ſo heftig in die Seite geſtoßen hätte, daß er auf die Naſe fiel. Daniel ärgerte ſich mehr über das Lächerliche ſeiner Stellung, als über den Schlag. Rachſucht, ein ihm bis jetzt unbekanntes Gefühl, erwachte auf einmal zu voller Kraft in iim. Als er wieder auf ſeinen Beinen ſtand, ballten ſich ſeine Hände unwiderſtehlich, und er ſchickte ſich an, ſeinen Beleidiger zu züchtigen. Aber ſeine Arme ſanken wieder auf die Seite. Sie— die Blondine — warf ja eben jetzt einen Blick voll der ſchönſten Herzensunſchuld— aber auf wen?... Dieſer Blick galt nicht ihm... Er galt dem Manne, der ihn ſo eben niederge⸗ worfen hatte. Daniel raste und fühlte ſich zugleich geſchlagen. Dieſen Mann alſo hatte ſie über ſeine Schulter weg 27 gegrüßt. Und der Glückliche hatte ihn auf die Seite geworfen, um ſelbſt voranzukommen. Zwiſchen Neid und Haß getheilt, betrachtete er den Mann. In ſeinem Geſicht lag ſo viel ruhiger Ernſt, ſo viel Redlichkeit und Beſonnenheit, daß es ſogleich einnahm. Ueber den Brauen fand ſich ein Zug von Strenge vor, aber aus den Augen ſtrahlte Verſtand und Milde. Die bleichen Züge belebten ſich beim Anblick der Blondine. Auf den Lippen, die gut⸗ müthig lächelten, ruhte ein ſanftes Wohlgefallen. So unangenehm der Eindruck war, welchen der Mann auf Daniel machte, ſo angenehm war doch ſeine ganze Erſcheinung in Wirklichkeit. Prunkloſe Einfachheit und Aufrichtigkeit ſchienen bei ihm die Hauptzüge zu bilden. Man ſah deutlich, daß ſein Herz voll Zuverſicht und Muth, daß ſein Arm ſtark war. Der König war mit dem bunten Gewimmel ſei⸗ ner Umgebung bereits im Schloß angekommen. Zwiſchen dem Fremden und der Blondine wurde noch ein Blick gewechſelt; dann verſchwand ſie, halb erröthend, halb lächelnd, in der Suite. Der unbekannte blaſſe Mann blieb ſtehen. Seine Blicke ſchienen ſie nicht loslaſſen zu wollen: ſie folg⸗ ten ihr mit einer Unruhe und Sehnſucht, wie nur die wärmſte Liebe ſie einzugeben vermag. Um Alles in der Welt hätte Daniel ihn nicht aus den Augen verlieren mögen, ohne erfahren zu haben, wer er war. Unten am Ufer blieben Einige von der Suite des Königs, in einem Geſpräch begriffen, noch ſtehen. 28 Daniel erkannte nur einen einzigen von ihnen, nämlich den Grafen Hard, Oberſt der königlichen Leibtrabanten. Nachdem er mehrere Jahre mit der größten Aus⸗ zeichnung in der von dem Fürſten von Waldeck com⸗ mandirten holländiſchen Armee gegen die Franzoſen gefochten, die unter den Befehlen des Marſchalls von Sachſen ſtanden, kehrte er nach Schweden zurück. Der Ruf ſeiner abenteuerlichen Tapferkeit und ſei⸗ nes Muthes war ihm in's Vaterland vorangegangen. Das ganze Publikum kannte ſeine Heldenthaten, Grund genug, um auch den Helden ſelbſt kennen zu lernen. Man konnte auch keinen Krieger von vor⸗ trefflicherer Haltung finden. Jedermann mußte ſeine geſchmeidige und kräftige, wohlproportionirte und dabei martialiſch abgehärtete Geſtalt bewundern. Er ſtand eben zur Häͤlfte abgewandt, ſo daß blos ſein Profil in's Auge fiel. Die Stirne war breit und hoch: Kraft und Muth, Urtheil und Entſchloſſen⸗ heit ſchienen ſich darin eine eigene Wohnſtätte berei⸗ tet zu haben. Die etwas gebogene Naſe, das ein wenig vorſtehende Kinn und die ſchwellenden Lippen verkündeten Stolz und befehlende Würde, Selbſtſtän⸗ digkeit und Lebensfriſche. Die Völker haben ihre Günſtlinge wie die Höfe. Graf Hard erfreute ſich der Gunſt beider Theile. Ein mannhaftes Weſen, gepaart mit Ritterlichkeit, Tapferkeit, gewinnt leicht die ſchönſte Tochter unſeres Herzens, die Begeiſterung. Als das Geſpräch zu Ende war und die Gruppe dem König nachfolgte, ſah Daniel, wie der Unbe⸗ kannte auf den Grafen zueilte. ——— 8 7 - A — uUn 0d 29 Graf Hard bemerkte ihn ſogleich und ſtreckte ihm mit einem Freudenruf die Arme entgegen. „Willkommen in der Heimath, Puke!“ rief Hard, „herzlich willkommen bei Verwandten und Freunden! Ich denke, der vaterländiſche Boden befühlt ſich an⸗ genehm, nachdem man das Ausland kennen gelernt hat. Willkommen, tapferer Freund! Was machen die Kriegskameraden draußen?“ Daniel hatte genug gehört. Der Mann hieß Puke. Mit einem Aufruhr in ſeinem Innern zog er ſich blaß zurück. Ein unklares Mißvergnügen über ſich ſelbſt und die Welt, das ſchon ſeit einiger Zeit an ihm nagte, ſtellte ſich mit verdoppelter Kraft wieder ein. Wie haßte er nicht die Geſellſchaft, die ſo Vieles über ihn geſtellt und ihm ſelbſt einen ſo niedrigen Platz angewieſen! Von Allem was ſeine Bewunderung beſaß, was Sehnſucht und Verlangen in ſeiner Seele erweckte, däuchte er ſich weggeſtoßen. Große innere Kämpfe prüfen jedoch den Men⸗ ſchen nicht blos, ſondern geben ihm auch viel, wenn er die Probe beſteht. Ohne dieſen geiſtigen Zwei⸗ kampf mit den Dämonen in unſerer Bruſt würde ſo vieles Herrliche im Herzen nicht aufblühen, würde ſo viele Stärke und Kraft in unſerem Charakter ſich nicht entwickeln. Wer die Probe beſteht, geht immer beſſer und vollkommener aus jedem Kampf hervor. „Muth, Daniel!“ rief auch zuletzt eine innere Stimme ihm zu.„Jammer und zweifleriſches Ver⸗ zagen iſt Feigheit. Du willſt hoch hinauf und Du haſt weit, ſehr weit zu gehen. Fange alſo bei Zei⸗ ten an! Verworrene Gedanken reißen und ſchleppen Dich jetzt bald dahin, bald dorthin; ſie ſtreuen Dich in die Luft, wie eine Handvoll Staub. Das muß aufhören. Der Wille iſt der Zwillingsbruder des Muthes. Wie ein Eiſenreif um die loſen Fäſſer, ſo muß ich mich um irgend ein beſtimmtes Ziel preſſen. Gebe ich nach, ſo muß ich, das ſehe ich wohl ein, untergehen. Faſſe ich meinen Entſchluß, gehe ich unerſchütterlich auf das Ziel los, wer ſagt mir dann, daß ich es nicht auch erreichen kann? Heutzutage iſt Jedermann Krieger geweſen. Gut, ich will einen Entſchluß faſſen; ich will auch Soldat werden. Das will ich und das thue ich.“ „Sind Alle, die ich hier geſehen habe, Krieger geweſen?“ berichtigte er ſich jedoch bald;„ſind ſie nicht vielmehr Edelleute geweſen?“ Ein kaltes Lächeln verzog höhniſch ſeine Lippen. „Unſer erſter Stammvater,“ antwortete er ſich ſelbſt,„trat blos mit einem Feigenblatt in die Welt hinaus. „Muß nicht vielleicht jeder wahre Mann ebenſo hinaustreten? „Es dürfte zuletzt darauf ankommen, ob nicht das Feigenblatt der einzige erforderliche Adelsbrief in der Welt iſt.“ Nachdem Daniel ſich einmal in ſeine Gedanken vertieft, hatte er ſich ihnen auch gänzlich hingegeben. Sicherlich würde er noch lange in dieſer Richtung fortmeditirt haben, hätte er nicht auf einmal eine Hand auf ſeiner Schulter geſpürt. Als er aufſchaute, fand er, daß er auf einer Bank am Quai ſaß. Der Platz war ganz leer, die Schaluppe war fort, er war allein. Vor ihm ſtand blos ein Kammerpage. —,„—— 31 „Suchſt nicht Du eine Schweſter?“ fragte der Page. Daniel ſprang haſtig, wie von einem Vorwurf getroffen, auf. „Meine Schweſter, ja, ja! Wo iſt ſie?“ „Folge mir.“ Daniel betrachtete den zierlichen, ſchönen Pagen mit Verwunderung. Noch mehr verwunderte er ſich, als ſein Begleiter ihn in's Schloß hineinführte und die Soldaten, ſtatt ihm mit ihren Gewehrkolben den Weg zu verſperren, Honneurs machten, freilich nicht vor ihm, aber doch vor ſeinem Führer. Zweites Kapitel. Die Königin.— Das ſchwarzlockige Maͤdchen. Die Feder iſt eine Zauberruthe— auf ihren Wink erſtehen Geſtalten aus hundertjähriger Gruft. Wir treten in's Gemach der Königin. Wer iſt die Frau, die dort ſteht, halb gegen das hohe Fenſter gewendet und von der Tageshelle beleuchtet? 5 Die Hand zur Stirne emporgehoben, ſcheint ſie bei ſich zu überlegen. Welcher Glanz in ihren großen, dunkelblauen Augen, welches wechſelreiche Spiel im Ausdruck der⸗ ſelben, der die brennenden und unruhigen Regungen der Seele verdolmetſcht! Ihre Geſtaltz iſt nicht hoch, aber wie ſchön proportionirt, welche Geſchmeidigkeit in den Formen, welch' eine weibliche und doch wahr⸗ haft majeſtätiſche Anmuth! Wer ſie iſt, fragſt du? Es kann keine andere ſein als Luiſe Ulrike. Mit offenem und edlem Stolz, mit warmem Ge⸗ fühl für ihre Ehre, mit einer Seele, die Alles, nur die Ruhe nicht, verſtehen wollte, ſchien ſie die Zu⸗ kunft in's Auge zu faſſen. Ein Page trat ein. Ohne ihre Stellung zu verändern, wandte ſich die Königin blos mit dem Kopf gegen ihn. Die Be⸗ wegung ſchien einige Ungeduld zu verrathen. „Iſt Brahe ſchon gekommen?“ „Nein, Ew. Majeſtät.“ Der Page fürchtete ſie geſtört zu haben. „Dalin und Höppener?“ „Auch nicht, Ew. Majeſtät.“ Kein Geſicht konnte ein treuerer Spiegel jeder innern Regung ſein, als das Geſicht Luiſe Ulrikens. Ihr äußerer und ihr innerer Menſch ſtanden in einer wahrhaft elektriſchen Berührung mit einander. Das Gefühl der Ungeduld, das ſich in ihrer Seele regte, erſchien und verſchwand daher auch jetzt in ihren Geſichtszügen. „Nun was gibt's denn, mein Freund? Was wollen Sie?“ Der Page verbeugte ſich. „Ew. Majeſtät haben mir befohlen, Ihnen Mel⸗ dung zu machen, ſobald die Schaluppe vom Lande geſtoßen habe.“ „Sie ſind alſo fort. Es iſt gut. jetzt Acht, wenn Brahe, Dalin und Höppener kommen. Geben Sie —— 33 ahr⸗ Dalin und Höppener werden in die Bibliothek ge⸗ führt. Brahe wird ſogleich hieher zu mir geführt.“ dere Der Page verbeugte ſich wieder, in der Abſicht zu gehen. 8 Ge⸗„Warten Sie noch ein wenig!“ fiel jedoch die 4 nur Königin ein;„ich habe noch eine Viertelſtunde für. Zu⸗ mich. Melden Sie den Prinzen, ſie ſollen ſich zu. einer Promenade im Park fertig machen.“ Der Page entfernte ſich. ſich Die Königin hatte ſich nicht von der Stelle be⸗ Be⸗ wegt. Noch ſtand ſie in derſelben inſpirirten Stel⸗ lung da. In der Gedankenfolge, die ſie beſchäftigte, bildete der Eintritt des Pagen nur eine Parentheſe, welche den Gang ihrer Betrachtungen nicht ver⸗ änderte. „Es kann nicht anders werden,“ ſagte ſie end⸗ lich halblaut;„es darf nicht anders werden.“ er Aber als hätte ſie auf einmal ihre Gedanken 8. wegſtreichen und ihnen eine andere Richtung geben er wollen, fuhr ſie mit der Hand über ihr Geſicht. 18 e, Im innern Zimmer, d. h. im Kabinet, ſaßen zwei en Damen, die Gräfinnen Brahe und Hard, weniger von Juwelen ſtrahlend als von einnehmender Liebens⸗ 13 würdigkeit, weniger von wirklicher Schönheit als von Anmuth und Tugend, die ſich ſtets auf ihrem Throne behaupten z wenn auch die Schönheit vom ihrigen ⸗ herabſteigt. Ich möchte dieſe Anſicht theilen können,“ ſagte dis Gräfin Brahe als Antwort auf eine vorher auf⸗ e geſtellte Behauptung,„aber ich vermag es nicht. ür mich ſind dieſe Parteiſtreitigkeiten etwas Ent⸗ Ridderſtad, Lniſe Ulriken's Hof. I. 3 ſetzliches. Rast nicht auf unſern Reichstagen der politiſche Fanatismus mit einer Blindheit, die mit Ausnahme der Parteizwecke alles Andere aus dem Auge ſetzt? Das Vaterland, das früher ſchwediſchen Heldenmuth zu Opfern und großen Tugenden be⸗ feuerte, wird jetzt blos ein Schlachtfeld für die eige⸗ nen Intereſſen. Der Neid erzeugt die Intoleranz. Wenn der wirkliche Krieg das Herz für edle Gefühle erſchließt, ſo wird es im politiſchen Streit hart und kalt. Statt redlich denkende und billig urtheilende Staatsmänner zu ſein, ſteuern die unſern unter dem mißverſtandenen Aushängeſchild des Patriotismus auf die erſte beſte Gelegenheit, um einander zu zer⸗ fleiſchen.Wie wurde nicht Löwenhaupt von ſeinen Freunden verrathen, und wie wurden nicht die Freunde von Gyllenſtjerna verrathen. Sie dürfen ſich glück⸗ lich ſchätzen, Gräfin, daß ſie noch nicht wiſſen, was es heißt, für Ihren Mann zu fürchten.“ Während die Gräfin Brahe ſprach, öffnete ſich zu oberſt im Zimmer ganz leiſe die.Toilettenſtube der Königin, und man ſah eine ſchlanke und hohe jungfräuliche Geſtalt haſtig erſcheinen und ebenſo haſtig wieder verſchwinden. Ein Strahl zitterte in ihren dunkelbraunen Augen, eine Roſe ſchaukelte in der Nacht ihrer ſchwarzen Locken, aber die Wange war blaß und kalt. Keine der Anweſenden bemerkte ſie. Die Unter⸗ redung ging fort. „Es iſt wahr,“ antwortete die Gräfin Hard, „ich weiß nicht, was es heißen will, für ihn zu fürch⸗ ten. Sie wiſſen recht gut, Frau Gräfin, daß Hard während unſerer ganzen Verlobungszeit mit Aus⸗ 20 R o S⸗ SO— ́———,—“ 35 zeichnung und Chre in Holland focht. Sie wiſſen, daß er ſich bei allen Kämpfen, wo es heiß zuging, tapfer betheiligte. Der Himmel iſt mein Zeuge, daß ich oft den Wunſch hegte, an ſeiner Seite zu ſtehen, ſeine Gefahren zu theilen, ihm vorzuſchweben, wo der Kampf am heftigſten war; aber Furcht kannte ich nie. Wiſſen Sie, was ich ſtatt deſſen that, Gräfin?“ „Nein.“ „Ich betete für ihn, ich ſchickte brennende Ge⸗ bete zu Gott empor.“ Die Gräfin Brahe drückte ihrer Freundin die Hand. „Sie können Recht haben,“ ſagte ſie;„ich glaube, daß ich's auf dieſelbe Art aufnehmen würde, wenn Brahe an der Spitze einer Armee gegen die Feinde des Reichs ſtritte; bei einem ſolchen Kampf iſt doch ehrliches Spiel, und am Ende iſt es der Finger der Vorſehung, der den Gang leitet: verliert man, ſo iſt es ein großer Kummer für das ganze Vaterland; ſiegt man aber, ſo iſt es ein großer Jubel. Aber was kommt denn bei dieſen politiſchen Streitigkeiten heraus? Hört man von etwas Anderem reden, als von Intriguen und Kabalen? wie der Eine den An⸗ dern an Verrätherei und Liſt überbietet, wie Selbſt⸗ ſtändigkeit und Redlichkeit durch Beſtechungen aller Art untergraben werden? Was hat die Vorſehung bei einem ſolchen Kampf zu beſtellen? Wenn je ein übernatürlicher Finger ihn leitet, ſo iſt es nicht der Finger des Himmels. Dies iſt ja kein Kampf gegen die Feinde des Reichs, ſondern gegen die eigenen Landsleute.“ „Verzeihen Sie mir, Frau Gräfin, ich kann Ihre Anſicht nicht theilen. Der Kampf der Ueberzeugung, der Meinungen und Ideen iſt auch reich an hin⸗ reißenden Momenten. Hängt nicht das Schickſal des Vaterlandes auch von ihm ab? Im Kampf mit ehrgeizigen Nachbarn ſtreiten wir für den Beſtand unſerer Nationalität, im Kampf unter uns ſelbſt ſtreiten wir für die Entwicklung dieſer Nationalität. Beſtand ohne Entwicklung ermangelt allen Werths. Will man aufrichtig den erſteren, ſo muß man eben⸗ ſo aufrichtig auch die letztere wollen. Im Uebrigen glaube ich mit Ihnen, daß das Parteiweſen, ſo wie es jetzt herrſcht, die Vaterlandsliebe ſchwächt, die Charaktere demoraliſirt, manche tugendſamen Gefühle erſtickt, kurz und gut, im Allgemeinen gerade ſo wirkt wie ein großer Verrath. Aber wenn man dies ernſt⸗ lich glaubt, ſo tritt auch die Pflicht ein, nach beſten Kräften und unerſchrocken auf eine Veränderung hin⸗ zuarbeiten. Seiner eigenen Ueberzeugung zuwider die Krebsſchäden des Vaterlands gleichgültig anzu⸗ ſehen, iſt auch eine Verrätherei, ſofern es nicht Feig⸗ heit iſt.“ Abermals zeigte ſich das ſchwarzlockige Mädchen in der Toilettenthüre; aber auch jetzt kam und ver⸗ ſchwand ſie wieder auf dieſelbe Art wie das erſte Mal. Sie beugte ſich inzwiſchen vorwärts, ſie hielt ihr Ohr hin, ſie lauſchte. Ein ſchwarzes Seidenkleid fiel in reichen Falten um die ſchlanke Geſtalt. „Sie urtheilen ſehr ſtreng, Gräfin. Sollte der Parteiunſinn auch Ihr gutes Herz angegriffen haben?“ „Ach nein, ich bin blos ein Weib. Meine Politik 37 liegt in meiner Liebe, nicht in der Bekanntſchaft mit der Stellung meines Vaterlandes. Aber meine Liebe ſagt mir, daß ich meinen Mann aufmuntern muß, muthig die Bahn zu wandeln, welche Gewiſſen, Ehre und Ueberzeugung ihn gehen heißen.“ „Ich bewundere Sie, Gräfin. Edle, begeiſterungs⸗ volle Grundſätze beleben Ihre Seele; mich dagegen hat eine Wehmuth ergriffen, die ich mir nicht er⸗ klären kann. Beurtheilen Sie doch meine Schwach⸗ heit nicht allzu hart. Sie kommen aus einer fernen Provinz. Ihr warmes Herz ſieht noch Alles durch einen Schimmer von Illuſionen. Ich dagegen habe hier den Gang der Ereigniſſe in ihrer ganzen nackten Wirklichkeit mit angeſehen, und ich geſtehe, daß die politiſche Spaltung, die jetzt durch das Land geht, mich bange macht. Es kann mir nicht einfallen, Brahe bitten zu wollen, daß er eine Pflicht unerfüllt laſſe, und noch weniger, daß er einer Ueberzeugung untreu werde; aber es iſt meine Schuldigkeit, ihn an Vorſicht zu erinnern. Wie leicht iſt nicht die Grenze des Rechten überſchritten, und wo iſt dann die Grenze? Allerdings ſoll der Mann thätig in die Verhandlungen des öffentlichen Lebens eingreifen, aber nicht gegen die beſtehenden Formen, ſondern innerhalb derſelben. Iſt nicht das Geſetz der Jofursblitz, den Niemand ungeſtraft antaſtet?“ „Aber wenn jetzt dieſe Formen, von denen Sie zu ſprechen belieben, juſt die Maſchinerie ausmachen, wodurch das Böſe gefördert wird, was ſoll er dann thun?“ „Den Augenblick erwarten, wo ſie von ſelbſt zerfallen.“ Die Gräfin Hard verſtummte einen Augenblick. Sie war höchſt angeregt von dem Gegenſtand. „Denken wir uns ein großes Unglück,“ bemerkte ſie nach einer Weile,„das Ihren Geliebten bedroht.“ „Bewahre mich Gott davor, aber was meinen Sie?“ „Eilen Sie dann nicht unerſchrocken voran und ſuchen ihn zu retten?“ „Natürlich.“ 4 „Wohlan, Frau Gräfin, und wenn Sie jetzt das Vaterland lieben...“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Wer ſein Vaterland liebt, der eilt in der Stunde der Gefahr ohne alle Bedenklichkeiten muthig voran und rettet es. Hard wird dies immer thun— auch ohne meine Ermahnung.“ In dieſem Augenblick ſtand die Königin vor ihnen. „Sie haben vollkommen Recht, Gräfin,“ ſagte ſie, „Jedermann muß dem in Gefahr ſchwebenden Vater⸗ land zu Hülfe eilen.“ Die ſchwarze Geſtalt zeigte ſich jetzt wieder in der Toilettenthüre. Gleich einem Brennſpiegel warf ihr Auge einen einzigen langen Strahl auf die Kö⸗ nigin. Darauf verſchwand ſie wieder. „Ich theile Ihres Herzens Kummer, Gräfin Brahe,“ fuhr die Königin fort;„ich habe, wie Sie, Parteiverfolgungen geſehen und beklage alle ihre Opfer; aber ich theile auch mit Ihnen, Gräfin Hard, die Ueberzeugung, daß der Mann verpflichtet iſt, furchtlos dem Vaterland ſeine Kraft und ſein Leben zu weihen. Haben Sie Luſt, mit mir einen Gang durch den Park zu machen?“ Die Gräfinnen waren ſogleich bereit. „Amanda!“ rief die Königin,„bring mir Mantel und Hut.“ Das ſchwarzlockige Mädchen trat mit den ver⸗ langten Gegenſtänden ein. Sie war eine der Kammerfrauen der Königin und hatte die Toilette unter ſich. Im Augenblick, wo die Damen hinausgehen wollten, öffnete der Page die Thüre. Graf Brahe ſtand auf der Schwelle. Brahe war noch ganz jung, aber er wußte, daß er der erſte Edelmann des Reiches war. Er trug ſeinen Kopf hoch, wenn auch nicht ohne Gitelkeit. Seine ganze Haltung hatte das ſichtliche Gepräge von Selbſtvertrauen, das jedoch durch die edelſten Manieren und den feinſten Takt gemildert wurde. Der Hof beſtimmte ſeine Anſichten nicht, wenn er ſie ſchon begrenzte. Er war Ariſtokrat, aber mit königlichem Urtheil. Mit einem Ausruf der Befriedigung ging die Königin ihm entgegen. „Willkommen, Graf,“ ſagte ſie;„ich erwartete Sie. Ich hatte auch einen Geißel hier, der Sie her⸗ beiziehen mußte.“ Mit einer artigen Bewegung ergriff ſie dabei die Hand der Gräfin. B beiden Gatten wechſelten einen freundlichen Blick. „Entſchuldigen Sie meine Ungeduld,“ fuhr die Königin fort;„aber ich habe keine Minute Ruhe, bis ich weiß, ob Sie auf unſere Pläne eingegangen ſind oder nicht. Nicht wahr, Graf, Sie entſprechen doch dem Wunſch Sr. Majeſtät des Königs? Sie nehmen Ihr Landmarſchallamt an? Sie weigern ſich nicht, ich ſehe es ſchon. Auf Sie haben wir alle unſere Hoffnungen geſetzt. Sie ſchweigen?“ Brahe fixirte die Königin. „Kennen Ew. Majeſtät den Kandidaten der Gegen⸗ partei?“ „Ferſen, ja, ja, ich weiß.“ Mit ſichtbarer Unruhe forſchte die Gräfin Brahe in den Zügen ihres Mannes, um ſeine Abſichten zum Voraus zu leſen. Für ihr Gefühl war das von ſo großer Wichtigkeit. Ihre Seele war von düſtern Ahnungen erfüllt. Voll froher Zukunftsahnungen dagegen blickte die Gräfin Hard muthig um ſich. „Ich habe überlegt,“ ſagte Brahe,„und meinen Entſchluß gefaßt.“ Der Königin ganze Aufmerkſamkeit war auf den Grafen geheftet. „Ew. Majeſtät,“ fügte er hinzu,„ich werde als Ferſens Gegenkandidat auftreten. Ich werde ihm das Vertrauen der Ritterſchaft und des Adels ſtreitig zu machen ſuchen.“ „Dank, Brahe, Dank! Gehen Sie mit uns in den Park?“ Amanda blieb allein zurück. Etwas Eigenthümliches und Wunderliches ſchien in ihr vorzugehen. Ihr Auge war noch auf die ge⸗ ſchloſſene Thüre geheftet, als wollte ſie ſich verge⸗ 41 wiſſern, daß dieſelbe ſich wirklich zwiſchen den hin⸗ ausgegangenen Perſonen und ihr befinde; ihr Ohr ſchien alle ſeine Nerven anzuſtrengen, um dem Ge⸗ töne der ſich entfernenden Tritte zu lauſchen, gleich als fürchtete ſie, ſie könnte ſich täuſchen. Die eine Hand in gleicher Linie mit dem Ohr haltend, ſchien ſie mit demſelben jeden Ton auffan⸗ gen zu wollen. In dieſer Stellung, unbeweglich wie eine Sphinx, ſah ſie beinahe aus, als hätte ein Zauber ſie er⸗ faßt. Kein Zug veränderte ſich in ihrem Geſicht, die Bruſt hob ſich nicht mehr, die Athemzüge hatten innegehalten. Man hätte glauben können, ſie ſei, wie Loths Weib, als ſie auf das brennende Gomorra zurück⸗ ſchaute, auf einmal in eine Bildſäule verwandelt worden. Wollte man mit Meißel oder Pinſel, in Marmor oder auf Leinwand, ein Bild der lauſchenden Weiber⸗ liſt darſtellen, ſo könnte die Phantaſie kein lebendi⸗ geres erſinnen. Aber das Getöne des letzten Fußtrittes erſtarb im Säulengang, und Amanda wurde wieder munter, ihre Geſtalt regte ſich wieder, ihre Lippen öffne⸗ ten ſich. „Brahe... Landmarſchall,“ verſetzte ſie.„Wir wollen doch ſehen.“ Langſam und forſchend flog ihr Blick umher. Man hätte meinen können, ſie habe dieſes Zim⸗ mer mit ſeinen Damaſttapeten und ſeinem vergolde⸗ ten Leiſtenwerk noch nie geſehen. Von Ecke zu Ecke, 42 von Möbel zu Möbel, von Stuhl zu Stuhl wanderte ihr Auge, als wäre es auf einer Entdeckungsreiſe unter eitel unbekannten Gegenſtänden begriffen. Am Spiegel verweilte ſie einen Augenblick. Sie ſah darin ihr Bild— ſchlank, fein, edel— und eine ſchnell verſchwindende Röthe flog über ihre Wangen. Warum erröthete ſie? Sprach der Spiegel ſchmeich⸗ leriſch wie ein artiger Hofcavalier, oder ſprach er wie ein vorwerfendes Gewiſſen zu ihr? Mit einer launenhaften Kopfbewegung riß ſie ſich indeß bald von ihm los. Im Zimmer ſtand ein grünlakirter Schreibtiſch. Dorthin flogen jetzt mit einer plötzlichen Wendung des Kopfes ihre Blicke auf einmal. Aber zugleich verließ ſie auch ihren Platz: die Bewegung war geſchmeidig, der Schritt elaſtiſch. Ihr Geſicht glänzte voll Feuer. Am Schreibtiſch angelangt, faßte ſie ſeine Handgriffe, einen um den andern, um die Schubladen zu öffnen; aber vergebens, ſie waren geſchloſſen. Ein kleiner Verdruß zeigte ſich auf ihrem Geſichte; aber ſchnell zog ſie einen Schlüſſel hervor und ſuchte ihn in's Schloß zu ſtecken,— allein auch dies war vergebens. Aergerlich warf ſie den Schlüſſel weg. „Die Königin iſt bange um ihre Papiere,“ mur⸗ melte ſie dabei,„aber einmal wird es mir doch wohl glücken.“ Sie richtete ſich wieder aus ihrer gebückten Stel⸗ lung auf. Jetzt haftete ihr Auge auf den Cauſeuſes, worin die Gräfinnen Brahe und Hard kaum noch geſeſſen und geplaudert hatten. Sie unterſuchte alle einzelnen Theile derſelben, ſchien aber Nichts zu ent⸗ decken, was ihre Aufmerkſamkeit näher anzog. Mit 43 dem Ausdruck eines kleinen Aergers blieb ſie bei einer von ihnen ſtehen und warf ſich dann nachläſſig in die weichen Kiſſen. Während ſie jetzt ihr von ſchwarzen Locken um⸗ flattertes Köpfchen neigte und übermüthig ihre Füße auf den gewirkten Schemel ſtreckte, flammte ihr Auge von ſybaritiſchem Behagen. Um mit ihren Gedanken allein ſein zu können, ſchloß ſie ihre Augen. Die ſchwarzen Franſen ihrer Wimpern ſtachen ſtark ab gegen ihre blaſſe Hautfarbe. Die Hand ruhte leicht mit einem einzigen Finger auf dem Purpur ihres Mundes. Die Lippen theilten ſich ein wenig, und ein Rand einer der weißeſten Zahnreihen ſchim⸗ merte vor. Mit den Gedanken in einem nachſinnenden Kopf verhält es ſich ganz wie mit einem Roſenkranz; man durchliest ſie einen um den andern, aber es ſind nicht immer Gebete, was man liest. Auf einmal ſprang ſie wieder auf. „Höppener hier,“ ſagte ſie mit beinahe flüſtern⸗ der Stimme,„das bedeutet Etwas; ich muß wiſſen, was ſie ihm zu ſagen hat. Aber wie? Die Biblio⸗ thek!“ Ueberlegend ging ſie auf und ab. Ihr Schritt ſchwankte, man ſah, daß ſie mit ſich ſelbſt nicht einig war. Nach einigen Gängen im Zimmer umher verließ ſie daſſelbe und trat in den großen Pfeilervorſaal. Er war ſtill und leer. Noch nicht wiſſend, was ſie wollte, lehnte ſie ſich an einen der Pfeiler. Wenn man in ſeiner Seele nach Etwas ſucht und es nicht findet, ſo hat man keine Ruhe. Bald verließ ſie auch den Pfeiler. Sie trat in eine der Arcaden auf dem Schloßhof hinaus. Wieder ſchwebten ihre Blicke um das großartige Gemälde her, das ſich hier ausbreitete. Einige Töne nahten ihr aus wei⸗ ter Ferne; ſie kamen von der Schaluppe, die jetzt unter einem der Berge auf der andern Seite der Bucht ausruhte. Aber ſie achtete nicht lange darauf. Nicht weit von ihr ſtand ein Mädchen, friſch wie des Frühlings ſchönſte Roſe, und betrachtete das Schloß mit ſo großer natürlicher Neugierde, wie nur je ein Kind thun kann. Für ſie war jeder Gegenſtand ſo neu und in demſelben Maße auch wunderbar. Amanda's Aufmerkſamkeit wandte ſich dem Mäd⸗ chen zu, und je länger ſie die Unbekannte betrachtete, um ſo intereſſanter wurde ſie ihr. Einen Augenblick breitete ſich ein flüchtiger Ausdruck von Freude über ihr Geſicht, und ſie ſtreckte unwillkürlich ihre Hände gegen den Gegenſtand ihrer Betrachtung aus; aber im nächſten Augenblick hatten ihre Wangen ihren ruhigen Ernſt wieder gewonnen und ihre Arme waren wieder auf die Seiten geſunken. Kein Zwei⸗ fel, es war etwas Wichtiges, was ſie beſchäftigte, und ſie hatte in Bezug darauf noch zu keinem Schluß kommen können. Aber unaufhörlich blieb ihr Blick auf dem Mädchen haften, das vor ihr ſtand. Such⸗ ten etwa jetzt ihre Gedanken um dieſes Mädchen her einen gegebenen Plan aufzuführen? Man konnte dies kaum bezweifeln, denn es ſchien ſie ſo gänzlich zu beſchäftigen. Bald jedoch veränderte ſich Amanda's Ausſehen. In ihrem Auge erſtarb gleichſam ein kleiner Blitz. Die Ruhe kehrte wieder. Sie beherrſchte den hre ſich vei⸗ jetzt der auf. iſch tete wie der uch äd⸗ ete, lick ber nde ber 45 ſich. Mit ſicherer Haltung näherte ſie ſich alſo jetzt dem Mädchen. „Guten Tag, liebe Clara,“ grüßte ſie.„Ich glaube, Du kennſt mich nicht mehr; Du ſiehſt mich ſo verwundert an.“ Das Mädchen war Niemand anders, als unſere erſte Bekanntſchaft, die ſiebenjährige Clara. Clara antwortete nicht ſogleich; aber ihre Augen leuchteten ſo groß und verwunderungsvoll. Amanda's Eltern hatten mehrere Jahre früher in demſelben Hauſe gewohnt wie die Eltern Clarg's. Unter den Mädchen waren, obſchon Clara weit jün⸗ ger war, die gewöhnlichen Freundſchaftsverhältniſſe von Spielkamerädinnen entſtanden. Nach vielen Jahren ſahen ſie einander jetzt zum erſten Mal wieder. Amanda führte Clara in's Schloß hinein, mit dem Verſprechen es ihr zu zeigen, was ſich ſo leicht thun ließ, da die königlichen Perſonen nicht anweſend waren. Clara war eitel Entzücken. Von einem Frauenzimmer bei Hof wiedererkannt, ſo freundlich, ja beinahe intim von ihr behandelt zu werden, und das Schloß, ſeine Säle und Zimmer ſehen zu dürfen, das war mehr, als Clara ſich je hätte träumen laſſen. „Laß uns eilen,“ ſagte jedoch Amanda,„die Königin kann bald hier ſein. Erinnerſt Du Dich, Clara, wir ſprangen früher als kleine Kinder auch ſo herum.“ „Aber das war blos auf dem Hof,“ meinte Clara. „Und jetzt iſt's im Schloß... Du haſt Recht; aber der Unterſchied iſt doch nicht ſo groß, denn ſiehſt Du...“ Sie betrachtete Clara mit einem verſtohlenen Blick, als nähme ſie Anſtand, ihren Satz auszu⸗ ſprechen. „Denn, ſiehſt Du,“ fuhr ſie jedoch, obſchon mit etwas gedämpfter Stimme, fort,„unſere Herzen ſind noch gleich kindlich.“ „Gleich kindlich?“ bemerkte Clara und ſah ſogar etwas mißvergnügt aus,„ich bin nicht mehr kindlich. Mit ſiebzehn Jahren... und ich bin jetzt ſiebzehn Jahre alt... iſt man kein Kind mehr.“ „Darin magſt Du vollkommen Recht haben... aber ſiehſt Du... was war es doch, was ich ſagen wollte?“ Amanda wurde durch die ungekünſtelte Antwort beinahe aus dem Concept gebracht. „Du ſagteſt, daß wir uns beeilen müſſen.“ „Ganz richtig, Clara, denn die Königin iſt blos im Park draußen und kann jeden Augenblick zurück⸗ kommen. Wir ſind jetzt in ihrem Schlafzimmer.“ Clara's Augen umfaßten das ganze Zimmer auf einmal. „Mein Gott, wie ſchön! Alles zuſammen roth!“ „Rother Damaſt, mußt Du wiſſen.“ „Wie gut die Königin da ſchlafen muß! Nicht wahr? Hätte ich ein ſolches Zimmer, ſo bekäme ich lauter Jakobsträume. Ach, wie angenehm muß es doch ſein, Königin zu ſein! Wenn ich Königin wäre!“ „Was thäteſt Du dann?“ Clara nahm wirklich eine gewiſſe majeſtätiſche / echt; enn, enen Szu⸗ mit ſind ogar lich. zehn gen vort blos ück⸗ auf h 14 icht ich es el“ ſche Miene an. So ernſthaft ſie ſchon früher geweſen war, ſo war ſie es doch nie ſo gründlich geweſen, wie jetzt. „Erſtens...“ Sie begann an den Fingern zu zählen. „Erſtens würde ich mir... nun ja freilich... würde ich mir einen kleinen König wählen. Müßte ich das nicht thun?“ „Natürlich.“ „Zweitens.. jetzt weiß ich's... würde Mama bekommen, was ſie ſich ſchon lange gewünſcht hat, nämlich einen neuen ſchwarzen Hut und einen Kat⸗ tunmantel. Drittens...“ „Laß uns weiter gehen.“ „Ja, das iſt das Geſcheidteſte. Aber, Amanda, es iſt doch angenehm, ſich Sachen zu denken, von denen man weiß, daß ſie nie eintreffen werden. Beim Lichte beſehen, wäre juſt das Unmöglichſte das Angenehmſte.“ 1„Hier iſt das Toilettenzimmer. Wie gefällt Dir as?“ Clara ſchlug ihre Hände zuſammen. „Wie glücklich Du biſt, Amanda, daß Du jeden Tag alles das betrachten darfſt!“ „Höre, Clara, da fällt mir Etwas ein. Siehſt Du.. ich habe Dich ſehr lieb.“ „Wirklich?“ „Setz Dich auf dieſen Stuhl da.“ „Mich ſetzen...“ „Thu' wie ich Dir ſage. Würde es Dir keine Freude machen, einmal in Deinem Leben vor der Königin eigenem Spiegel geſeſſen und Dich darin beſehen zu haben?“ „Ja, aber... aber...“ „Kein aber jetzt. Setz Dich... bilde Dir ein, Du ſeieſt die Königin ſelbſt, und ich mache Deine Toilette. So, ja...“ Clara nahm Platz, aber ſie wurde bald roth, bald blaß. Sie hatte eine ſo ſonderbare Empfindung in ihrer Seele. Sie glaubte ſich mehr im Himmel als auf der Erde. „Ich will thun, als ob ich Dich friſirte... ſtill . es kommt wohl Niemand. Wenn Jemand uns hier ſähe, ſo würde ich unglücklich. Die Königin würde mir nie verzeihen... Den Kopf etwas mehr in die Höhe... ſo, ja. Die Königin iſt ſtreng, ſehr ſtreng. Du haſt ein ſchönes Haar, Clara, aber es wird noch ſchöner, wenn man es auf dieſe Seite hier legt. Sieh ſelbſt... was ſagt der Spiegel? Hier ſollte vielleicht ein Blümchen ſitzen; aber nein, Du haſt doch Blumen genug.“ Clara richtete ſich auf. Ein Gefühl verſchämter Unſchuld trieb ſie von dieſem Platze weg. „Du ſagteſt, die Königin würde ſehr böſe wer⸗ den, im Fall ſie uns hier überraſchte,“ bemerkte ſie. „Ja, das würde ſie.“ „Ach, ſie hätte auch allen Grund dazu.“ „Darum, weil man in ihren Spiegel guckt?“ „Nicht juſt darum, aber wegen der Vermeſſen⸗ heit, ihren Platz einzunehmen. Ich bin doch nichts Anderes als ein armes, geringes Mädchen. Ueber⸗ dies... „Ueberdies...“ „Würde es mir auch ungemein leid thun, wenn ich Dich in Unannehmlichkeiten brächte.“ ein, deine roth, dung nmel ſtill uns igin nehr eng, aber beite gel? ein, iter eer⸗ ſie. en⸗ hts er⸗ nn 49 „Wirklich? das iſt artig von Dir, Clara.“ „Es wäre vielleicht das Beſte, ich ginge meines Wegs?“ „Noch nicht, Clara. Weißt Du, ich habe das Beſte bis zuletzt aufgeſpart. Die Bibliothek, die Marmor⸗, Münz⸗, Mineralien⸗ und Naturalien⸗Cabi⸗ nete. Du mußt ſehen...“ 4 Clara hatte keinen rechten Begriff davon, was dieſe Cabinete beſagen ſollten; aber um ſo neugieriger wurde ſie. Amanda zog ſie mit ſich. Sie kam in’s Münzcabinet. Aber wenn die Münzen ſelbſt Clara's Intereſſe nicht ſonderlich anregten, ſo hafte⸗ ten ihre Blicke um ſo aufmerkſamer an den in Kork⸗ modellen dargeſtellten Ruinen des alten Minerva⸗ tempels in Rom, ſowie am Tempel der Sibylla oder Veſta in Tivoli, ſowie an dem prächtigen Grab⸗ mal der Metelle außen vor dem Cepeniſchen Thor. Amanda ſagte ihr die Bedeutung dieſer Dinge, ſo gut ſie die Sache ſelbſt verſtand, und Clara ſchrieb ihr tiefe Weisheit zu, obſchon ſie vermuthlich faſt gar Nichts wußte. Beim Sibyllentempel verweilte ſie indeß am längſten. „Sibylle,“ bemerkte Clara,„das war ja dieje⸗ nige, die ſo gut prophezeite?“ „Ganz richtig, Clara, ſie ſoll ganz wunderbare Dinge prophezeit haben. Unter Anderem ſoll ſie der ganzen Welt ihr Schickſal vorausgeſagt haben.“ „Das iſt ſehr ſonderbar,“ meinte Clara;„ich habe daheim ein ſogenanntes Sibyllenbuch. Daraus kann man erfahren, was alle Arten von Träumen bedeuten. Du begreifſt, Amanda, daß ich, ſo oft ich einen wunderlichen Traum habe, immer das Buch Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. I. 4 hervorhole und darin ſeine Bedeutung zu erforſchen ſuche. Und was meinſt Du wohl? bis jetzt haben meine Träume immer eingeſchlagen... Heute Nacht träumte ich z. B., ein Blümchen, ein Tag⸗ und Nacht⸗ Blümchen, ganz ſchwarz weiß... wachſe aus mei⸗ nem eigenen Herzen auf... Dies war ein ſo ſchö⸗ ner Traum, mußt Du wiſſen... denn er machte mich ſo glücklich, ſo... und als ich im Buche nach⸗ ſah, ſo bedeutete es... kannſt Du errathen, was es bedeutete?“ „Unmöglich, Clara.“ „Es bedeutete, daß ich irgend einen alten Be⸗ kannten wiederſehen würde.“ „Und ſo haſt Du mich getroffen.“ „Wenn das nicht wunderbar iſt, ſo weiß ich Nichts.“ Obſchon Amanda ſich recht herzlich der Freude zu überlaſſen ſchien, Clara die königlichen Zimmer zu zeigen, ſo warf ſie doch dazwiſchen hinein unruhige Blicke durch das Fenſter auf den Park hinaus. Man ſah recht wohl, daß auch etwas Anderes ihre Ge⸗ danken in Anſpruch nahm. Mitten in ihrem lebhaf⸗ ten Gebahren blieb ſie mitunter ſogar ganz unbe⸗ weglich ſtehen. Sie lehnte dann den Kopf ſeitwärts, die Ohren waren gleichſam geſpannt— ſie lauſchte. „Ach, Clara, es gibt Dinge, die noch weit, weit ſchöner ſind.“ „Iſts möglich?“ „Ja, im Schloß zu Stockholm; was Du hier ſiehſt, iſt Nichts gegen das. Wenn der Hof in die Stadt zieht— ich glaube, es geſchieht noch in dieſer chen aben icht⸗ mei⸗ ſchö⸗ ichte 3 es 51 Woche— ſo kannſt Du zu mir kommen, dann will ich Dich auch dort umherführen.“ „Gute, artige, beſte Amanda, willſt Du das thun? Wie freundlich Du biſt! Wenn ich nur auch Etwas wüßte, womit ich Dir dienen könnte! Ach, ich habe Dich ſo lieb.“ Clara hüpfte und klatſchte in die Hände. „Aber Eines muß ich Dir ſagen, Clara; alles das geſchieht nur unter einer einzigen Bedeutung. Du begreifſt, daß Du Niemand davon ſagen darfſt, daß ich Dir Alles ſo zeige.“ „Ich begreife es wohl, Amanda. Die Königin würde ſehr böſe werden.“ „Ja, und dann der König.“ „Gott ſteh mir bei... Der König, ſagſt Du?“ „Und die Reichsräthe...“ „Du erſchreckſt mich.“ „Sie würden mich forjagen, ja vielleicht mein ganzes Leben lang einſperren. Aber Du willſt mich nicht unglücklich machen. Du willſt es doch nicht?“ „Gott bewahre mich.“ „Du könnteſt mich nicht verrathen.“ f„Clara wurde immer unruhiger. Amanda ſixirte ie.. „Die Freundſchaft iſt Dir heilig, nicht wahr, Clara? Erinnerſt Du Dich, wie wir daheim im Hof Habicht und Taube ſpielten?“ „Ja, ja, ich war immer die Taube und Du der Habicht.“ Gh 2un brauchten wir Nichts zu fürchten.. 1„.4 . „Wo ſind wir denn?“ „Im Marmorkabinet... das iſt die Thüre zur Bibliothek... geh' hinein... ſtill... ſtill... Amanda öffnete die Bibliothekthüre halb. „Still, Clara, ſtill! Ich glaube, es kommt Je⸗ mand. Sprich nicht ſo laut. Ich ſtehe wie auf glü⸗ hnnden Kohlen. Hörſt Du...“ „Laß uns fortſpringen, Amanda.“ „Nein, bleib jedenfalls. Du haſt mir ja ver⸗ ſprochen...“ „Sag’, was Du von mir willſt. Ich würde mich zu Tode grämen, wenn ich Dich unglücklich machte.“ „Ich glaube das, Clara, Du meinſt es nicht böſe mit mir.“ „Wie könnte ich's böſe mit Dir meinen? Lieber möchte mir's gehen, wie es wollte. Aber wie weg⸗ kommen?“ „Ich weiß blos ein einziges Mittel. Hier ſteht eine Dejanira.“ „Eine Dejanira. Was iſt das?“ „Eine Göttin.“ Es lief Clara eiskalt über den Rücken. „Hörſt Du,“ fuhr Amanda fort,„hörſt Du denn nicht? Tritte nahen. Alles iſt verloren. Nichts kann mich retten. Mein Gott, wie unglücklich bin ich! Ach! das habe ich meiner Freundſchaft für Dich zu verdanken.“ Clara hatte ſich noch nie in einer ſolchen Lage be⸗ funden. Ihre Wangen waren erblaßt, ihre Augen ſtarrten wirr umher, ihre Bruſt wogte auf und nieder. Fußtritte kamen wirklich immer näher und näher. es u. 53 Auf einmal heiterte ſich jedoch Amandas Geſicht auf. „Gott ſei Dank!“ rief ſie,„ich habe eine Idee, Clara. Ich bin gerettet, wenn Du Etwas thun willſt.“ „Du biſt gerettet... laß hören... ſprich.“ „Wenn ich der Königin allein begegne, ſo macht es Nichts, daß ich da geweſen bin.“ „Nun...“ „Verbirg Dich hier hinter dieſer Büſte. Clara begriff Nichts. Ihr Kopf war ganz wirr und betäubt. „Hier ſagſt Du... hier?“ „Hinter der Göttin, ja, ja! doch... es iſt wahr... Wir können die Bibliothekthüre noch etwas weiter öffnen, und Du ſtellſt Dich hinter ſie... So hier... begreifſt Du. Du bedenkſt Dich... O ich unglückliches Mädchen!“ „Nein, Amanda, nein, ich bedenke mich nicht; es fuhr mir blos gleichſam ein Schrecken durch die Seele. Jetzt iſt mir's wieder ganz gut. Ich be⸗ denke mich nicht, nein, nein!“ „Aber bedenke, Clara, bedenke...“ „Was ſoll ich bedenken?“ 3 „Daß Du ſtill ſein mußt wie eine Wand, daß Du Dich nicht rühren, daß Du keinen Laut von Dir geben, nicht athmen, nicht ſeufzen darfſt.“ „Berlaß Dich darauf, ich werde nicht ſeufzen.“ „Still.. Vergiß nicht, daß Du mein Leben in Deinen Händen haſt. Sie kommen... hörſt Du. Noch ein Wort, Clara. Weißt Du, wie Du Dich ſelbſt Dir gibſt?“ „Sage mir's.“ 3 „Wenn Du recht aufmerkſam auf das horchſt, was die Königin ſagt, ſo wirſt Du alles Andere vergeſſen.“ Amanda hatte kaum den letzten Rath hinzugefügt, als ſie ſich leichtfüßig wie eine Gazelle entfernte; aber ſie nahm den Weg nicht durch die Bibliothek, ſondern ſchlug einen Seitengang ein, der aus dem Naturalienkabinet führte. Drittes Kapitel. Die Bibliothek. Als die Königin von ihrem Spaziergang zurück⸗ kam, meldete man ihr, daß Dalin und Höppener bereits angelangt ſeien. „Ich bin ganz wie eine Theaterkönigin,“ ſcherzte ſie gegen ihre Geſellſchaft, als ſie dieſelbe verließ, „ich laſſe das Publikum auf mich warten.“ Das Geſpräch mit dem Grafen Brahe war nach dem Wunſche der Königin ausgefallen. Sie fühlte ſich auch glücklicher als ſeit langer Zeit; ſie ermaß in ihrer Seele bereits den Anfang der Erfolge, ſie ſah ſich bereits von der Siegesglorie umſtrahlt. In Dalin ſchätzte ſie das Genie und Talent; in Höppener den ſcharfſinnigen, furchtloſen Mann. Im Begriff, einer Zeit voll weitausſehender Kämpfe entgegenzutreten, wollte ſie das Urtheil und die Thaͤtigkeit dieſer beiden Männer in Anſpruch nehmen. 8 ganz vergeſſen kannſt, ſo daß Du keinen Laut von 8 von rchſt, ndere fügt, ente; thek, dem 5⁵ Luiſe Ulrike erblickte in glänzenden Namen ein nothwendiges Feldgeſchrei für die Ariſtokratie: des⸗ halb war Brahe ihr theuer; in den Talenten ſah ſie ein Feldgeſchrei für die Nation; darum berief ſie Dalin und Höppener. Als die Königin eintrat, hielt ſie ein zuſammen⸗ gerolltes Papier in ihrer Hand; es glich beinahe einem Commandoſtab. Nachdem ſie die Herren freundlich bewillkommt, ging ſie auf den Gegenſtand ſelbſt über. Dieſer war wichtig; er gab ihr ihre ganze majeſtätiſche Haltung wieder. „Sie kennen,“ ſagte ſie,„bereits die Veranlaſſung, warum ich dieſe Beſprechung wünſchte. Ich will mich mit Ihnen berathen, will Ihre Anſichten hören. Der Thron iſt von ſeiner hohen Bedeutung als eine nothwendige Wahrheit für das Vaterland zu einem bloßen Schild gegen das Ausland und den großen, unwiſſenden Haufen herabgeſunken; aber zu einem Schild, der blos eine leere Lüge repräſentirt. Dieſer Sachverhalt iſt keinem Zweifel unterworfen. Jeder⸗ mann weiß es, aber es kann nicht immer ſo bleiben, es muß Anders gemacht werden: Staat und Thron fordern es gleich gebieteriſch. Jetzt iſt die Zeit dazu gekommen. Das Volk iſt des Parteitreibens müde geworden, es verſpricht ſich bereits beſſere Tage unter einer wahrhaft monarchiſchen Regierung. Der beſſere, der ſelbſtſtändige Theil des Adels iſt mit dieſen Anſichten einverſtanden. Die Reichsräthe haben ſich unmöglich gemacht. „Dalin, deſſen ebenſo heiteres als reiches Genie ein Diadem von unvergänglichem Glanz in die flie⸗ 56 genden Locken ſeiner Zeit flocht, war ein leuchtendes Geſtirn am Himmel des Hofes. Nachdem er als Schriftſteller von der Königin zuerſt mit dem größ⸗ ten Mißtrauen betrachtet worden, erwarb er ſich als Dichter und Lehrer des Thronfolgers ihr höchſtes Vertrauen und ihre volle Gunſt.“ Ernſte Gedanken ſchienen ihn jedoch jetzt in Anſpruch zu nehmen. In ſeinem Auge glänzte nicht das gewöhnliche lebhafte Feuer, ſondern es war von einem Kummer beſchleiert. Auf der hohen, zurückliegenden Stirne ſaß eine Wolke. Das Geſicht war bläſſer als gewöhnlich. Er begriff, er ahnte die große Bedeutung des Augenblicks. „Ew. Majeſtät,“ erklärte er jedoch,„ich kann mir Ihre Anſichten noch nicht vollkommen klar ma⸗ chen; aber ich glaube an die Nothwendigkeit einer Aenderung. Ew. Majeſtät wiſſen das auch zum Voraus. Ueber meine geringe Fähigkeit können Sie verfügen.“ „Ich hoffte das, Dalin; inzwiſchen meinen Dank. Wenn die großen Talente auf die Seite des Thrones treten, ſo verſchwinden nicht blos die Gefahren des gegenwärtigen Augenblicks, ſondern auch die künfti⸗ gen Zeiten haben leitende Leuchtthürme für ihr Ur⸗ theil. Und Sie, Höppener?“ Höppener war ſtill geblieben. In der innerſten Tiefe ſeiner Seele gehörte er keiner Partei, weder dem Hof noch den Rathsherrn an, ſondern der Na⸗ tion, dem Volke. Wenige Zeiten haben einen feſteren und unerſchütterlicheren Charakter beſeſſen. In unſern Tagen vergeſſen, geht er gleichwohl durch ein halbes Jahrhundert unſerer Geſchichte als 57 der erſte und kräftigſte Vorkämpfer ſchwediſcher Freiheit. Nicht blos als Schriftſteller ſiegte und litt er. An ihm war jeder Zoll ein Mann. Er warf nicht blos ſeine Gedanken und Schriften unter das Volk aus, ſondern er ſtand ihm auch mit warmem Herzen und muthigem Sinne ſtets zur Seite. Wenn ein ſtarker Druck ſich geltend machen wollte, trat ihm ſtets Höppener mit offener Stirne und kräftigem Muth entgegen. Gedanke und Handlung folgten ſich bei ihm Schlag auf Schlag. „Er gleicht,“ ſchreibt ein Zeitgenoſſe,„in allen Stücken dem kühnen Cromwell und dem redlichen Engelbrecht; er beſitzt in hohem Grad die Eigenſchaf⸗ ten Beider und alle ihre Mittel, mit Ausnahme des Geldes. Große Einſicht, unerſchrockener Muth, ge⸗ waltige Rednergabe, mannhaft lakoniſcher Styl, aber bitter bei durchdringendem Verſtand. Vir cum ju- dicio audax et observantissimus aequi. Wagt für die Ehre von Gottes Namen, für Wahrheit und Berechtigreit Alles, was ein Mann von Herz wagen ann.“ Als er auf die Partei der Königin überging, wurde er dadurch keinem ſeiner Grundſätze untreu, ſondern nahm nur diejenige Stellung ein, die mit der Sache des Vaterlandes am beſten übereinſtimmte. Auf Befehl des Canzleicollegiums hatte er von Amtswegen einen Bericht über die„franzöſiſchen Subſidien“ verfaßt, worin er ohne alle Schonung die Sprache der unbeſtechlichen Wahrheit führte; die Schrift wurde, auf Befehl des Collegiums, vor ſei⸗ nen Augen von dem damaligen Secretär Hermansſon in den Ofen geworfen und verbrannt. Von dieſem Augenblick an nahm er ſeinen Platz in den Reihen des Hofes. Jeſſin nannte ihn einmal den Pfahl im Fleiſch der Kanzlei. Serenius beſchreibt ihn als einen Han- nibal Carthaginiensis. Die Königin äußert ſich während einer Ständeverſammlung, er ſei das cheval de bataille des Reichstags. Sein ganzes Leben iſt der Ausdruck von Freiheitsſinn, Thätigkeit und Kampf⸗ muth. „Wenn ich über einen Stein nicht hinwegſteigen kann,“ ſagte der ſtolze Ferſen von ihm,„ſo muß ich um ihn herumgehen.“ Höppener hatte nicht blos die Erklärung der Kö⸗ nigin, ſondern noch mehr den entſchloſſenen Ausdruck in ihrem Geſichte wohl in Acht genommen. All' die mächtigen Leidenſchaften, die in ſeiner Seele wohnten, ſtets bereit, für die Sache loszubre⸗ chen, von deren Gerechtigkeit er überzeugt war, wur⸗ den aufgeregt, als die Königin einer Partei, die nach ſeinem Urtheil der Freiheit Gewalt anthat, für deren Vormund ſie ſich ausgab, den Fehdehandſchuh hin⸗ werfen zu wollen ſchien; aber er war nicht blos als Secundant berufen, ſondern auch als Rathgeber. Er glaubte daher ſeine Sympathien zurückdrängen und auf eine ruhige Prüfung eingehen zu müſſen. „Ew. Majfeſtät,“ ſagte er,„ehe ich mich aus⸗ ſpreche, bitte ich um vollkommene Mittheilung Ihrer Pläne. Jeder Rathgeber iſt ein Doctor: er muß die Krankheit kennen, bevor er das Recept ſchreibt.“ Der Blick der Königin umfaßte Höppener auf einmal, wie mit einer einzigen Flamme. Sie glaubte auf eine Oppoſition zu ſtoßen, wo ſie eine weder er⸗ wartete noch finden wollte. Ihrem Charakter gemäß, rüſtete ſie ſich daher ſogleich zur Gegenwehr. „Geſtehen Sie, Höppener,“ ſagte ſie,„daß, wenn ſich einmal eine königliche Gewalt in einem Lande vorfinden ſoll, ſie dann auch eine wirkliche Macht beſitzen muß, die entſcheidend und vermittelnd zwi⸗ ſchen die kämpfenden Parteien treten kann.“ „Jd.“ ge„Höppener's Auge war feſt auf die Königin ge⸗ eftet. Die Königin und er waren zwei gegen einander geſtellte concave Spiegel, die ihre gegenſeitigen Ge⸗ ſinnungen zurückſtrahlten: ſie die Geſinnungen des Thrones, er die Geſinnungen des Volkes. Unbeweglich, als wäre er von Marmor, lauſchte er ihren Worten. Seine Antwort war kurz und beſtimmt wie er ſelbſt; ſie ließ keine Ausdehnung, kein Markten zu; ſie gab blos den Hauptinhalt deſſen, was er lange und reiflich erwogen hatte. „Geſtehen Sie,“ fuhr die Königin fort,„daß die königliche Gewalt jetzt bei uns blos in einen Deck⸗ mantel für die Plane der herrſchenden Partei ver⸗ wandelt iſt?“ J.1 „Geſtehen Sie, daß der Rath ein ariſtokratiſcher Areopag iſt, der die wirklichen Rechte des Volkes ebenſo wenig achtet als die Heiligkeit des Thrones, die Freiheit der Nation ebenſo wenig als die Perſon des Monarchen?“ „Ja.“ „Geſtehen Sie, daß dieſe Räthe von Privatintereſſen und Familienvortheilen, auf Koſten des großen Gan⸗ zen, beherrſcht werden?“ „Ja.“ „Geſtehen Sie, daß bei dem Volk ein Verlangen nach Veränderung erwacht iſt?“ „Ja, Ew. Majeſtät, ja.“ „Nun wohl, Höppener,“ fuhr ſie fort,„dann iſt auch die Zeit zu einer großen Veränderung gekom⸗ men. Gegen dieſes vielköpfige Ungeheuer, das alle Bürgerfreiheit und alle Majeſtät auf gleiche Weiſe unterdrückt, müſſen alle wahren Vaterlandsfreunde ſich verbinden.“ „Ich wiederhole,“ verſetzte Höppener, ja, ja, Ew. Majeſtät, ja.“ Die Königin betrachtete ihn verwundert. War er mit ihr oder gegen ſie? Sie hörte ihn zwar ihre Fragen bejahen, aber es kam ihr doch vor, als wenn er ein Aber im Rückhalt hätte. Höppener hatte indeß blos ihre Anſichten er⸗ fahren, nicht ihre Abſichten. Er erwartete jetzt auch dieſe zu vernehmen. Während die Königin ſprach, pochte ein ſchwaches Herz heftig und unruhig hinter der Thüre im Mar⸗ morkabinet; es war Clara. Mit Furcht hörte ſie, wie die Königin eintrat; aber eine noch größere Angſt überfiel ſie, als ſie den Klang ihrer Stimme hörte. Ein unwillkürliches Zittern ſchüttelte ſie: wie übel on 61 glaubte ſie nicht gethan zu haben, als ſie ſich jetzt in dieſer Lage befand! „Sie wollen ſich nicht ausſprechen, bevor Sie meinen ganzen Plan kennen,“ fuhr die Königin fort;„zweifeln Sie an mir, Höppener? Nun wohl, ich werde vollkommen aufrichtig gegen Sie ſein. Hören Sie mich alſo. Dieſes Papier, das ich in meiner Hand halte, iſt ein Schreiben an die Reichsſtände, das nur noch der königlichen Unterſchrift bedarf; es iſt eine Appellation an ihren Patriotismus, an ihre Liebe zur Monarchie und an ihren Rechtsſinn; es iſt überdies, wenn Sie ſo wollen, eine Art von An⸗ klageact gegen die Reichsſtände; die Wahrheit iſt ganz nackt dargeſtellt, der Sachverhalt iſt gänzlich enthüllt. Was ſagen Sie? ſoll die Reichsverſamm⸗ lung mit dieſem Act eröffnet werden? Laſſen Sie mich jetzt Ihre Anſicht vernehmen.“ Höppener konnte eine Regung der Ungeduld nicht unterdrücken. Dalin dagegen, welcher befürchtet hatte, die Kö⸗ nigin möchte noch weiter gehen wollen, freute ſich über die Mäßigung, womit ſie geſchloſſen, und ſein Geſicht erheiterte ſich. Dalin und Höppener huldigten ganz verſchiede⸗ nen Anſichten; den Erſteren wollte es bedünken, als liege gleichſam ein mitternächtiges Dunkel auf den Angelegenheiten des Vaterlandes, und er hoffte Alles von der Macht des Lichtes, von der bald aufgehen⸗ den, in der öffentlichen Meinung bereits durchbre⸗ chenden Sonne der Aufklärung; der Letztere dagegen betrachtete die politiſche Atmoſphäre als verpeſtet und war überzeugt, daß die Luft nur durch ein erſchüt⸗ terndes, gewaltiges Gewitter gereinigt werden könne. Die Aufmerkſamkeit der Königin wandte ſich vom Einen zum Andern. „Sprechen Sie, ſprechen Sie,“ bat ſie. „Ich billige Ew. Majeſtät Abſicht im höchſten Grade,“ begann Dalin;„an die Stände mit einer wahren, geſchichtlichen Darſtellung über die Ereigniſſe der letzten Zeiten appelliren, vor ihre Schranken tre⸗ ten und offen all' die Klagen vortragen, wozu die Umſtände berechtigen, das heißt ebenſo ſehr an ihr Herz, als an ihren Patriotismus und ihren Verſtand appelliren. Verblendung und Hartnäckigkeit müßten ſehr weit gediehen ſein, wenn dieſer Schritt nicht eine Majorität von Freunden um den Thron ſam⸗ melte, mächtig genug, um eine Rathskammer aus dem Sattel zu heben, die ſich erfrecht hat, die Zügel allein an ſich zu reißen. Ein grundſatzfeſtes und ſtreng parlamentariſches Auftreten zeugt überdies von Achtung für die Geſetze und Ehrerbietung vor der Freiheit. Ich billige die Maßregel.“ „Und Sie, Höppener,“ fiel die Königin ein,„was haben Sie zu ſagen?“ Die Ungeduld der Königin war augenſcheinlich. Höppener, in deſſen Seele es ebenfalls ſtürmte, hatte nur zu gut eingeſehen, daß er bei der Königin einige Zweifel erregt hatte, und noch überdies durch eine Vorſicht in ihrem eigenen Intereſſe; aber er ging über dieſen Punct weg. Die Sache, welcher die Frage zu gelten ſchien, war für ihn zu wichtig, als daß ſie nicht ausſchließ⸗ lich ſeine Aufmerkſamkeit angezogen hätte. 63 „Ew. Majeſtät,“ bemerkte er daher,„in ſo weit der König auftreten ſoll, iſt es wohl Ihr Wunſch, daß er es mit Hoffnung auf Erfolg thue?“ „Ja, Höppener, ja.“ „Dann bitte ich Ew. Majeſtät noch einmal, daß das Document vorgeleſen werde.“ „Ganz recht... ich habe Sie mißverſtanden, Höppener... ſehen Sie hier,“ ſie rollte das Papier auf;„leſen Sie, Dalin, leſen Sie. Ueberſpringen Sie die Einleitung.“ Dalin las:— „„... Nach meiner theuern Verſicherung habe ich nach beſten Kräften...““ „Es iſt der König, der ſpricht,“ fiel die Königin ein. „„... Grundgeſetze und Freiheit des Reiches gewährt. Ich habe immer mit Vergnügen ange⸗ nommen, was die Reichsſtände ſelbſt als das Nützlichſte erfanden. Frei von allen Privatverbindungen im Ausland und vom Höchſten mit einer würdigen Ge⸗ mahlin und lieblichen Leibeserben geſegnet, habe ich nie umhin gekonnt, Schwedens Wohl als mein eige⸗ nes und meiner Kinder Wohl zu betrachten. Mein aufrichtiger Wunſch iſt alſo von Anfang bis auf dieſe Stunde dahin gegangen, das Reich glücklich machen zu können, und die Vorſorge dafür hat meine angenehmſten Stunden ausgefüllt; aber ich muß jetzt,. obſchon nicht ohne innere Erregung, geſtehen, daß ich, beſonders ſeit dem letzten Reichstag, mit meinen wohlmeinenden Vorſätzen auf Schwierigkeiten geſtoßen bin, die meine Krone ſchwerer zu tragen machten, als ich billiger Weiſe vermuthen konnte.““ Clara hatte ſich ganz leiſe und ergebungsvoll in ſich ſelbſt verſchloſſen. Aber mit jedem Augenblick wurde ihre Lage qualvoller. Lange lauſchte ſie auf jedes Wort; aber wie wenig war es nicht, was ſie verſtand! Zitternd vor Angſt, daß ſie verrathen wer⸗ den könnte, hielt ſie ihren Athem an ſich. Während ſie ſich die ganze Unbedachtſamkeit vorwarf, wodurch ſie in dieſe Lage verſetzt worden war, entſtand all⸗ mälig eine Verwirrung in ihrem Kopfe. Bald ge⸗ langten die Worte blos noch wie ſummende Töne zu ihr. Das Blut begann ſo wunderlich in ihren Adern zu ſieden. Von ihrer Stirne kam ein Schweißtropfen um den andern. Es lag ſo ſchwer auf ihrer Bruſt. Sie hätte niederſinken mögen, und ſie machte übermäßige Anſtrengungen, um ſich aufrecht zu erhalten. Sie wollte athmen, aber ſie unterſtand ſich nicht. Endlich ſtieß ſie— ſie konnte ſich's nicht mehr verwehren— einen Seufzer, einen tiefen Seufzer aus. Höppener hatte eine gegen einen der Bücherkäſten hin geneigte Stellung eingenommen, ſein Kopf ruhte in ſeiner Hand, er bemühte ſich, kein Wort von der Schrift zu verlieren, und war die Aufmerkſamkeit ſelbſt. Da ſchlug der leiſe Ton eines Seufzers an ſein hr. Er wandte ſich, er ſah ſich um: der Seufzer kam von keiner der anweſenden Perſonen. Dalin las weiter: „„Ich hatte in meinem königlichen Amt, nächſt Gottes heiligem Wort und meinem Gewiſſen, keine andere Richtſchnur zu haben geglaubt, als die Re⸗ aber ſie wagte es nicht,. l in blick 65 gierungsformen, meine Verſicherung und die Grund⸗ geſetze des Reichs, die man ohne meine Einwilligung nicht weiter ausdehnen könne, als wie ſie in dem Augenblick, wo ich ſie annahm und beſchwor, zu ver⸗ ſtehen waren. Ich hatte gedacht, daß ich, wenn ich meinerſeits heilig halte, was ich vor Gott und den Ständen des Reichs angelobt, auf der andern Seite erwarten und verlangen könne, daß meine getreuen Unterthanen auch ihre feierlich eingegangenen Ver⸗ pflichtungen halten, und mir nicht, den Regierungs⸗ formen zuwider, meine geſetzlich begründeten Rechte entziehen würden; aber ich habe mit Betrübniß er⸗ fahren müſſen, wie man in dieſer kurzen Zeit meinen geſetzlichen Rechten alle möglichen Auslegungen zu geben und mir ſchwerere Bedingungen vorzuſchreiben ſuchte, als Sr. höchſtſeligen königlichen Majeſtät, meinem Vorgänger, während ſeiner ganzen Regie⸗ rung. „„Ob mindere Klarheit des Geſetzes oder eine un⸗ vollkommene Auslegung deſſelben Schuld daran war, das überlaſſe ich den Reichsſtänden zu beurtheilen, ich will es nicht entſcheiden; aber die Herren Reichs⸗ räthe, die für die rechte Auffaſſung des Geſetzes ver⸗ antwortlich ſind, haben mir durch verſchiedene ſchrift⸗ liche Vorſtellungen Anſichten zu erkennen gegeben, die ich mir nie gedacht hätte.““ Clara's Lage war beinahe in einen fieberhaften Zuſtand übergegangen. Verworrene und bunte Bil⸗ der begannen vor ihren Augen zu ſchweben. Ein neuer Seufzer hob ihre Bruſt. Höppener konnte nicht ergründen, woher er kam; aber er konnte ſich nicht täuſchen. Ridderſtad, Luiſe Ulriken’'s Hof. I. 5 Er hegte keine abergläubiſchen Meinungen von überſinnlichen Dingen; aber dieſe Seufzer während der Vorleſung der königlichen Vorſtellung an die Stände waren ihm höchſt auffallend. Um zu hören, ob ſie wiederkehren würden, ſtrengte er ſeine Aufmerkſamkeit noch mehr an. Dalin las: „„Wenn die Grundſätze, die ſich darin geltend zu machen ſcheinen, Beſtand hätten, ſo weiß ich nicht, in wie weit es auf mich ankäme oder nicht, meine theure Verſicherung zu halten; ich weiß nicht, in wie weit es mir erlaubt wäre, die Rathſchläge, Gründe und Anſichten, die mir von den Reichsräthen vorge⸗ legt wurden, zu prüfen, ob ſie mit meinem Eid und meinem Gewiſſen vereinbar wären, und dabei meine eigenen Anſichten auszuſprechen, widrigenfalls ich weniger Bedeutung beſäße, als der geringſte Ein⸗ wohner des Landes, dem man Nichts gegen ſeine Ueberzeugung und ſein Gewiſſen aufzwingen kann; die Ausführung meiner Verſicherung wäre mir ge⸗ nommen und alſo unnöthig, weil Nichts dabei auf meine eigene Aeußerung ankäme. Ich weiß nicht, in wie weit ich ſelbſt in meinem eigenen Hauſe zu befehlen hätte. „„Mit welcher zärtlichen Rückſicht auf das Geſetz und das allgemeine Wohl ich beſtrebt war, die er⸗ ledigten Aemter mit paſſenden und würdigen Män⸗ nern zu beſetzen, weiß der allſehende Gott. Welche Grundſätze mich dabei leiteten, das habe ich ſchon als Erbfürſt an den Tag gelegt. Bei meinem Re⸗ gierungsantritt war es eine meiner erſten Sorgen, dem verderblichen Mißbrauch zu ſteuern, der auf —,———— rDA ͤ von rend die ngte d zu icht, eeine wie ünde ege⸗ und eine ich Ein⸗ ſeine ann; ge⸗ auf icht, e zu eſetz er⸗ kän⸗ elche chon Re⸗ gen, auf 67 ganz Schweden laſtete, und die zeitliche Wohlfahrt ſo mancher brauchbarer und wohlverdienter Männer untergrub, dem Mißbrauch, die Reichsämter gleich Privateigenthum durch Accorde zu verkaufen und zu kaufen.““ Zum dritten Mal tönte ein leiſer Seufzer durch das Zimmer, ohne daß Höppener zu entdecken ver⸗ mochte, woher er kam. Es kam ihm zwar etwas unheimlich vor, aber er glaubte die Aufmerkſamkeit der Andern nicht darauf lenken zu müſſen. Vielleicht war es blos ein leichter Windſtoß in einer zerbrochenen Fenſterſcheibe. Dalin fuhr fort: „„Man hat für die Beſetzung der Aemter die widerſprechendſten Grundſätze aufgeſtellt, ſo daß ich lich weiß, welche man zur Geltung zu bringen be⸗— jebt. „„Ich ſage dies nicht aus Mißtrauen gegen die Perſonen der Herren Reichsräthe, ſondern gegen die Principien, mit denen man mir ſeit einiger Zeit ent⸗ gegengetreten iſt. Da ich meinem geſetzlich begrün⸗ deten Rechte Nichts vergeben durfte, ſo ſind daher verſchiedene Aemter bis auf die jetzige Stunde unbe⸗ ſetzt geblieben, damit die Reichsſtände ſelbſt prüfen können, in wie weit die gegen mich angeführten Gründe geſetzlich ſind oder nicht. Vorſchriften und Empfehlungen, die nicht von ſämmtlichen Reichsſtän⸗ den ausgefertigt ſein konnten, ſind mir als Finger⸗ zeige und Richtſchnur bei Beſetzung der Aemter in den Weg gelegt worden. „„Gleichwohl hat man, ohne mich davon zu unterrichten, Befehle an meine Beamten in Dingen erlaſſen, die nur den König allein angehen. „„Aber was mir am tiefſten zu Herzen gegangen iſt und mein hohes Amt ſchwer und betrübſam ge⸗ macht hat, das ſind die unverdienten harten Anſchul⸗ digungen, die man in verſchiedenen Vorſtellungen gegen mich erhoben hat, als hätte ich gegen meine Verſprechungen gehandelt, als wäre ich der Geſetze unkundig, als hätte ich zu gewaltſamen Eingriffen in die Freiheit Anlaß gegeben, mich von ſchlechten Rathgebern verleiten laſſen, und dergleichen Dinge, an die ich gar nicht denken kann, ohne daß mir das Herz blutet. „„Solche Behauptungen haben im ganzen Land große Unruhe, Furcht, Argwohn, unbegründete Ge⸗ rüchte hervorgerufen, wie auch allerlei gedruckte und ungedruckte Schriften, um meine getreuen Unter⸗ thanen zur Vertheidigung der Freiheit aufzufordern, als ob ſie durch mich in Gefahr wäre. Darob führe ich bittere Klage bei den Ständen des Reichs.““ Im Uebermaß ihrer Qual vermochte ſich Clara zuletzt nicht mehr auf den Beinen zu halten. Sie wankte und war nahe daran zu fallen. Mechaniſch griff ſie in den Thürſchlüſſel, um ſich aufrecht zu halten.. Höppener hörte deutlich ein haſtiges, klirrendes Getöne. Diesmal war er ſicher, daß es von der Thüre des Marmorkabinets herkam. Da der Gegenſtand, worüber ſich die Königin mit ihnen berieth, von der höchſten Wichtigkeit war, und ſich ihm unwillkürlich der Gedanke aufdrängte, 69 daß Jemand ſie belauſche, ſo beſchloß er, die Königin aufmerkſam zu machen. „Ew. Majeſtät,“ fiel er alſo ein,„darf ich die Frage wagen, ob Sie ſicher ſind, daß wir hier allein ſind oder nicht?“ „Was ſoll das heißen? Allein? Natürlich ſind wir allein.“. „Ich zweifle gleichwohl daran, Ew. Majeſtät; ich habe ganz deutlich gehört, daß Jemand da innen im Zimmer iſt.“. „Wie? ſollte Jemand da ſein?“ „Ich bin es feſt überzeugt.“ Die Königin erhob ſich heftig und ging eilenden Schritts auf die Thüre zu. Wer beſchreibt ihre Beſtürzung, als ſie eine gänz⸗ lich unbekannte Perſon vor ſich fand! Einen Augenblick blieb ſie wie feſtgenagelt ſtehen. Clara's leichenblaſſe Züge flößten ihr in der erſten Ueberraſchung Schrecken ein; aber der Schrecken verwandelte ſich zuletzt in Mitleid. Keine von Beiden ſprach ein Wort: ſie betrach⸗ teten einander blos.. Die Königin hatte ſich jedoch bereits gefaßt: ſchweigend, wie ſie gekommen war, zog ſie ſich auch zurück. Sie verſchloß jedoch die Thüre des Marmorkabi⸗ nets und drehte den Schlüſſel zweimal um. „Sie haben ſich getäuſcht, Höppener,“ erklärte ſie ganz kurz, als ſie zurückkam,„ich fand blos ein Buch, das auf den Boden gefallen war.“ Obſchon das Ausſehen der Königin ihren Worten widerſprach, ſo glaubte Höppener doch keinen Grund zu einer Gegenbemerkung zu beſitzen. „Leſen Sie weiter, Dalin,“ bat die Königin. Dalin las: „„Ich nehme an, daß die Herren Reichsräthe dieſe Vorſtellungen in der beſten Abſicht gemacht und dadurch ihre Amtspflicht zu erfüllen, wie auch den Ständen des Reichs ein Vorbild zu geben ge⸗ glaubt haben; in dieſem Fall bin ich den Herren Reichsräthen ganz und gar nicht böſe; aber ſie müſ⸗ ſen auch mir zugeben, und ich berufe mich dabei auf ihr eigenes Gewiſſen, daß ich niemals wiſſentlich gegen die Freiheit und Grundgeſetze des Reichs, gegen mein Verſprechen oder die Privilegien der Stände gehandelt, ſondern immer alle wirklich ſtichhaltigen Gründe angenommen habe. Ich halte mich alſo ver⸗ ſichert, daß die Stände des Reichs mit der innigſten Treue gegen mich und das Vaterland jetzt bemüht ſein werden, alle ſolche unglückſelige Steine des An⸗ ſtoßes für unſere beiderſeitige Wohlfahrt und Freude aus dem Weg zu ſchaffen. Ich erkläre noch auf's Feierlichſte, daß die Freiheit des Reichs und die Rechte jedes ſchwediſchen Unterthanen mir ſo heilig und theuer ſind, daß ich dafür gern meinen letzten Blutstropfen vergießen würde. Aber die Stände des Reichs mögen auch mit ihrer gewöhnlichen Treue und Liebe das aufnehmen, was ich ihnen jetzt nicht ohne tiefen Schmerz erkläre, nämlich daß ich von Stund an nicht mehr mit Vergnügen die Regierung des Reichs führen kann, ohne daß ſie mir deutlich ihr Verlangen zu erkennen geben, daß die Ausübung meiner Hoheit und meiner Rechte unbeeinträchtigt ——ç—̈————— nd 71 bleibe, was ohne die mindeſte Unſicherheit für die Freiheit und Wohlfahrt der Stände jetzt und in Zukunft geſchehen kann. Sobald mir die Stände des Reichs eine ſolche reine und für mich nicht be⸗ ſchränkende Richtſchnur gegeben haben, können ſie verſichert ſein, daß ich dieſelbe mit aller königlichen Huld feſthalten, ihre Freiheit und Privilegien um ſo kräftiger ſchützen und alſo mit Freuden das Glück des ganzen Vaterlandes ſowie die Wohlfahrt jedes Unterthanen nach Recht und Geſetz fördern werde.““ Dalin verſtummte. „Hören Sie hier auf,“ fiel die Königin ein, „hören Sie auf.“ Die Königin hatte ſich ſeit ihrer Rückkehr von der Bibliothek nicht erholt. Höppener, der ihre ganze Gemüthsbewegung genau beobachtete, ſah, daß ſie Dalins Vortrag nicht mehr mit demſelben Intereſſe folgte, daß Unruhe in ihrer Bruſt arbeitete, daß ſie mitunter furchtſame und prüfende Blicke auf die Thüre des Marmorkabinets warf. „Sie haben jetzt das Weſentlichſte gehört, Höp⸗ pener,“ bemerkte ſie,„laſſen Sie mich nun auch Ihre Anſicht vernehmen.“ Die Aufforderung drückte wie auf eine Feder in Höppeners Bruſt. Die Sache lag ihm ganz klar vor, und um eine Antwort konnte er nicht verlegen ſein. Er kannte ſeine Pflicht; aber die Pflicht war für ihn auch ein Bedürfniß. Mit der ganzen Kühnheit eines unternehmenden und ehrgierigen Mannes warf er ſich ſogleich mitten in den Gegenſtand, nachdem er in ſeiner Seele noch einen forſchenden Blick darauf gerichtet. 72 „Ew. Majeſtät,“ begann Höppener,„ich bin gern bei allen großen Sachen und fühle mich ſtark in dem⸗ ſelben Maß, als ſie gefährlich ſind. Ich habe von unſern Herren Räthen genug geſehen, um ſie alle zuſammen an den Galgen zu wünſchen. In unſerer auslän⸗ diſchen Politik zeigen ſie nicht ſo viel Verſtand wie ein Tollhäusler; denn dieſer weiß doch immer, daß er ſeine Stubenthüre zumachen muß, wenn es draußen ſtürmt. Unſere Räthe dagegen haben die ihrige wagenweit aufgeſperrt; darum wurde auch Finnland weggeblaſen, und wir haben es nur Sr. Majeſtät perſönlich zu danken, daß Rußland dumm genug war es uns zurückzugeben. Und im Lande ſelbſt... mein Gott... wo ſoll man da anfangen? Man ſagt, die Stände des Reichs ſeien ſouverän, das Volk regiere ſich ſelbſt. Ich möchte jedoch für eine Souveränetät wie die unſere keinen Thaler opfern. Betrachten Sie die Reichstagswahlen: ſie werden nicht blos durch Beſtechung, ſondern ſogar durch Gewalt beſtimmt. Betrachten Sie deßhalb auch un⸗ ſere Reichsverſammlungen; dieſelbe Corruption, die⸗ ſelbe Gewalt. Was ſind die bürgerlichen Stände? Heerden, die innerhalb der Grenzen des Reichstags von einigen wenigen da auserkorenen Günſtlingen auf die Weide getrieben werden. Die Souveränetät liegt blos im Adel und auch in ihm nicht, ſondern in der Rathskammer, und der geheimen Commiſ⸗ ſion derſelben, kurz und gut bei einigen wenigen hohen Familien, die, während ſie die übrigen ſich um den königlichen Mantel herumbalgen laſſen, ſelbſt hinter ihrem Rücken einen Scepter verber⸗ gen. Das Wort, das freie Wort, das früher in Schweden ſo mächtig geweſen, was iſt es jetzt? Ein Sternkammerprozeß droht Jedem, der ſich ſeiner zu bedienen wagt. Mein freies Herz, Ew. Majeſtät, pocht aufrühreriſch, wenn ich unſern Machtbeſitz be⸗ obachte. Ew. Majeſtät ſagten ſo eben, die königliche Gewalt ſei eine bloße Larve, eine leere Lüge; das iſt nicht genug, Ew. Majeſtät; die königliche Gewalt und die Preßfreiheit werden von erſten geſpenſter⸗ ſcheuen Räthen dem Volke als höchſt gefährlich für — man ſollte es kaum glauben— für die Freiheit ſelbſt dargeſtellt. Je tiefer Höppener auf ſeinen Gegenſtand ein⸗ ging, um ſo feuriger wurde er. „Von allen Regierungsformen,“ fuhr er fort, „kann ich nur eine einzige recht gründlich haſſen: die Ariſtokratie. Mit den Symbolen der Königs⸗ gewalt unterdrückt ſie alles Bürgerthum; mit den Symbolen des Volkes und der Freiheit bedroht ſie die königliche Gewalt. In ihrer Stellung zwiſchen beiden haut ſie gleichſam den Baum in der Mitte ab, damit die Krone ohne Wurzel verwelken und die Wurzel ohne Krone verfaulen ſoll. Wo Mehrere regieren, da erzeugt ihre gegenſeitige nothwendige Geſpenſterſcheu immer eine feige Tyrannei. Höppener verſtummte für einen Augenblick. Seine Stirne leuchtete von einer hohen Macht, ſeine Augen ſtrahlten von dem hinreißenden Glanz eines kühnen Geiſtes. Die Königin, deren Gedanken während der Vor⸗ leſung Dalins bereits auf andere Gegenſtände über⸗ geſchwebt waren, fühlte unter dem Eindruck von Höp⸗ peners Worten ihr Herz pochen. „Ew. Majeſtät,“ fuhr Höppener fort,„wollen an das Herz der Reichsſtände appelliren. Reichs⸗ ſtände, Ew. Majeſtät, beſitzen kein Herz: ſie haben blos Intereſſen. Sie wollen an eine Thüre klopfen, die nicht vorhanden, ſondern nur von ihrer eigenen Phantaſie an die Wand gemalt worden iſt. Sie können ſich die Hände blutig klopfen, aber die Wand wird ſich nicht öffnen, nicht bewegen. Das Einzige, was Sie können, iſt, daß Sie Ihren Kopf daran zer⸗ ſtoßen. Unterſcheiden Sie zwiſchen einzelnen Männern, Ew. Majeſtät, und einer Corporation.“ Die Worte klangen drohend und düſter: ein un⸗ willkürlicher Schauder fuhr der Königin durch die Glieder. „Ich verſtehe mich nicht auf Worte ohne entſpre⸗ chende Handlungen; ſie ſind Figuren ohne Beine und Sehnen. Die Handlung iſt für das Wort, was das Schwert für die Hand iſt. Neben die Feder muß man ein Piſtol legen. So iſt unſere Regierung beſchaffen, Ew. Majeſtät, ſo unſere Preßfreiheit, ſo unſere Staatsordnung. Ew. Majeſtät Appellation an die Stände wird blos Ihre Abſichten verrathen, ohne Sie einen Zoll breit weiter zu bringen. Im Winter hängt man den Pferden Glöckchen an. Man thut das, um Andere zu warnen. In der Politik muß man die Glöckchen vermeiden. Je mehr Wahr⸗ heiten in dem Schreiben ausgeſprochen werden, um ſo mehr Lichter zünden Eure Majeſtät blos in den Köpfen Ihrer Gegner an. Ich für meinen Theil würde wünſchen, jedes noch ſo dünne Lichtchen darin auslöſchen zu können. Die Wahrheit, Ew. Majeſtät, iſt Gottes herrlicher Wille auf Erden. Niemand — 75 kann zu viel thun, um ſie den Menſchen einzupflan⸗ zen, ob ſie in der Rathskammer ſitzen oder in engen Gäßchen ihre Höhlen haben. Aber um ſo zu denken, muß man, wie ich, keiner Partei angehören. Für die Parteien gibt es keinen fürchterlicheren Feind als die Wahrheit. Die eigenen Vortheile ſind ihnen das goldene Kalb der heiligen Wahrheit, das ſie ewig umtanzen. Wenn Olof Trätelja an das Herz und Chrgefühl der Felſen und Wälder appellirt hätte, ſo wäre er nie vom Fleck gekommen; aber er verſtand ſeine Kunſt, er wandte ſolche Waffen an, welche die Felſen und die Wälder verſtanden, und ſo wurde er der erſte Wegeverbeſſerer des Landes. Zu Gott, Ew. Majeſtät, müſſen Sie appelliren und beten; aber die Menſchen müſſen Sie, jeden auf ſeine Art, über⸗ zeugen. Die Geſchichte beweist uns, daß die Macht niemals auf dem Wege des Herzens nachgegeben hat. Gegen Macht muß man Macht aufſtellen: um verſtanden zu werden, muß man dieſelbe Sprache reden. In den Rathsſälen muß Weisheit ſich mit Weisheit meſſen, im Kriege Handlung mit Handlung; und Sie, Ew. Majeſtät, Sie bedürfen Beides: Weis⸗ heit ohne kühnes Handeln wird die Parteien nur noch mehr gegen Sie aufreizen; Handlung ohne Weisheit dagegen wird Sie gänzlich vernichten. Ich rathe von dieſer Zuſchrift an die Stände ab. Höppener ſchwieg wieder: er ſchien bei ſich ſelbſt zu überlegen, wie wenn er noch Etwas hinzuzufügen hätte. Die Königin betrachtete Höppener mit einem ſtarren, ängſtlichen Blick. Sie ſchien den Mann bei⸗ nahe zu ſcheuen. Dalin ſchaute gerade vor ſich hin. „Sie ſetzen Ihr Vertrauen auf die Aufklärung, Dalin,“ begann Höppener nach einer Weile wieder. „Auch ich thue das. Aber unter den gegenwärtigen Verhältniſſen iſt die Aufklärung in unſerem Lande blos als eine Nachtlampe in einem Schlafzimmer oder auch in einem Gefängniß zu betrachten.“ Höppener ſchien Nichts mehr hinzuzufügen zu haben, aber plötzlich wandte er ſich gegen die Königin. „In einem einzigen Fall, Ew. Majeſtät, könnte Ihnen dieſes Schreiben doch nützen.“ „In welchem, Höppener? Sprechen Sie, in welchem?“ „Auf dieſelbe Art, Ew. Majeſtät, wie die Büchſe der Pandora.“ Noch lange, nachdem Dalin und Höppener ſich entfernt hatten, blieb die Königin auf ihrem Platze ſitzen. Mächtig hatten die Worte der beiden Männer, beſonders Höppeners, in ihre Seele eingegriffen. Die Rathſchlägs, die er ertheilt hatte, enthielten auch Ausſichten für die Zukunft, die ihr zwar nicht neu waren, aber doch ihren Weg klarer beſtimmten und genauer abſteckten. Nach ſeiner Anſicht ſollte ſie ſich jetzt auf einer falſchen Bahn befinden. War ſie das wirklich oder nicht? Die Beantwortung dieſer Frage überſtieg vielleicht ihren Scharfſinn und vielleicht noch mehr ihre Erfahrung. In dieſem Augenblick fühlte ſie leb⸗ hafter als je, daß ſie blos ein ſchwaches Weib war. 77 Auf einmal wandte ſie ſich jedoch gegen die Thüre des Marmorkabinets. Mit kaltem Geſicht blickte ſie nach derſelben. In ihrer dermaligen Stimmung bedurfte ſie ir⸗ gend einen äußeren Gegenſtand, an dem ſie ſich feſt⸗ halten konnte. Je länger ſie die Thüre betrachtete, um ſo heftiger wurde der Verdruß, der in ihrem Auge glühte. „Beim Himmel,“ murmelte ſie endlich,„ich werde. zu ſtrafen wiſſen.“ Feſten Schritts ging ſie auf die Thüre zu. Die Königin hatte die Fäden ihres Vorhabens ſo vorſichtig als möglich zu ſpinnen geſucht, weil ſie gar zu wohl wußte, daß die Gegenpartei, im Fall ſie es zu früh entdeckte, Nichts unterlaſſen würde, um es durch ihre Kabalen zu vereiteln. Es lag zwar Nichts darin, was den Staatsver⸗ trag augenſcheinlich bedrohte; aber dieſer Verſuch enthielt nichtsdeſtoweniger den erſten Schritt zu einer Veränderung, von welcher ſie hoffte, daß ſie nn ihren Folgen ſo bedeutend als möglich werden ollte. Sie hatte ſich zwar nicht von dem thörichten Ge⸗ danken beirren laſſen, daß ſie die Reichsſtände im eigentlichen Sinn des Wortes überrumpeln könnte, aber ſie hatte auch die Vortheile des erſten lebhaften und von politiſchen Intereſſen noch nicht profanirten Eindrucks, den ein gänzlich ungeahnter Schritt dieſer Art hervorbringen mußte, nicht überſehen. Von dieſem Eindruck verſprach ſie ſich wirklich nicht Ge⸗ ringes, zumal da ſie Anſtalten traf, um ihn von vielen Seiten und von vielen Händen verarbeiten zu laſſen. Obſchon ſie ſich bei der Entdeckung, daß eine unbekannte Perſon ihre Unterredung belauſcht hatte, vor Höppener und Dalin beherrſchte, ſo wurde ſie doch darüber ſehr unruhig, um nicht zu ſagen zornig und ärgerlich. Als die Königin jetzt in's Marmorkabinet trat, ſtand Clara an den Fenſterpfoſten gelehnt und hatte ihr Geſicht mit ihren Händen bedeckt. Die Königin blieb in einiger Entfernung von ihr ſtehen und betrachtete ſie mit drohendem Blicke. „Nimm die Hände von Deinem Geſicht weg,“ befahl ſie.„Schau auf!“ Als Clara wieder frei hatte aufathmen können, verſchwanden alle ihre Bangigkeiten, und nur der Vorwurf quälte ſie noch, daß ſie ſich an einem Ort befinde, wo ſie ſowohl ihre Freundin als ſich ſelbſt blosſtellte. Wie heftig klopfte daher ihr Herz, als der Unwille der Königin jetzt auf ſie herabfiel! Sie erinnerte ſich noch ſehr wohl an Alles, was Amanda ihr von der Strenge der Königin geſagt hatte. Tauſend aufregende Gedanken kreuzten ſich durch ihre Seele. Die Bekümmerniſſe der Erfahrung haben Nichts, was ſich mit denen der Unſchuld vergleichen läßt. Die erſteren haben ihre Grenzen im Verſtand, die letzteren ſind grenzenlos wie das Herz. Hart und kalt drangen die Worte der Königin zu Clara's Ohren, und mechaniſch ſenkte ſie ihre Hände. Große und helle Thränen tropften über ihre 79 Wangen hinab, und der Blick, den ſie aufſchlug, glänzte ſo bittend, ſo reuevoll, ſo innig. Die Thräne iſt eine Perle in unſeres Herzens Muſchel. Iſt ſie ächt, ſo ſchimmert ſie von göttlichem Glanze und lockt leicht eine Thräne in unſerem eige⸗ nen Auge hervor. Clara war dem Feuer im Blicke der Königin be⸗ gegnet und ſie ſenkte den ihrigen wieder zur Erde. Nie hatte die bittende Reue in reinerem und milderem Glanz vortreten können. Wie rührend war ſie nicht, wie tief war ſie nicht aufgeregt! Man konnte ſich keinen Augenblick in ihr täuſchen. Der Text in ihren Geſichtszügen war allzu klar und rein, wie von der Unſchuld ſelbſt gezeichnet. Der Zorn des edlen Gemüths währt nicht län⸗ ger, als bis man an das Edle darin appellirt. Vor der Königin zeigte ſich Clara wie ein auf⸗ geſchlagenes Gebetbuch: jedes Wort drang zu ihrem Gefühl. Die Königin hatte auch bereits allen ihren Arg⸗ wohn vergeſſen, ihr Zorn war verſchwunden. Das Herz war erobert. Welcher Bruſtharniſch zerſchmilzt nicht vor dem Zauberſtab eines aufrichtigen und unſchuldsvollen Blickes? Aber nichtsdeſtoweniger blieb die Königin in ihrem ganzen Aeußern gleich hart und kalt. Sie wollte ſich's ſelbſt kaum geſtehen, daß ſie beſiegt war. „Was haſt Du hier gemacht?“ fragte ſie.„Wer biſt Du?“ Die Worte der Königin bebten ſo ſonderbar durch Clara's Bruſt. 80 Mit keiner andern Etikette bekannt, als derjeni⸗ gen, die ihr Herz ihr eingab, ohne einer andern Stimme zu folgen, als der des natürlichen Gefühls, erhob ſie ihre gefalteten Hände zur Königin. „Verzeihen Sie mir,“ bat ſie,„verzeihen Sie mir!“ „In welcher Abſicht befindeſt Du Dich hier?“ „Ach, mein Gott, in keiner.“ „Wie biſt Du hieher gekommen?“ Sollte ſie Amanda verrathen oder die Königin täuſchen? Sie vermochte weder das Eine noch das Andere, und ſie ſank auf ihre Kniee. „Verzeihen Sie auch ihr,“ bat ſie.„Wir hatten einander ſo viele Jahre nicht geſehen, und da trafen wir uns im Schloßhof, und da ſie glaubte, es würde mir Freude machen, das Schloß zu ſehen, und da die königlichen Perſonen nicht da waren, ſo bat ſie mich, ihr zu folgen.“ „Es iſt alſo doch eine fremde Hand im Spiel,“ bemerkte die Königin bei ſich ſelbſt, und dieſe Be⸗ merkung ſtach ſie wie ein Dorn tief in's Herz. „Wer iſt denn dieſe Freundin?“. „Wollen Ew. Majeſtät ihr verzeihen.“ „Antworte mir, wer iſt ſie?“ Clara flüſterte mit kaum hörbarer Stimme Aman⸗ da’s Namen. Ein unwillkürliches Zucken flog über das Geſicht nigin glaubte ein Wolkenfleckchen entdeckt zu haben, das zu allerlei Bedenken Anlaß gab. „Ich werde Deine Angaben ſtreng unterſuchen,“ ſagte ſie:„Du mußt hier bleiben.“ der Königin. Es folgte eine kurze Stille. Die Kö⸗ 1 jeni⸗ dern ihls, Sie 81 Clara begann ängſtlich zu werden. „Ach, Ew. Majeſtät, das iſt unmöglich— ganz unmöglich. Wenn ich heute Abend nicht heimkomme, ſo wird meine Mutter böſe, ſchrecklich böſe; und über⸗ dies...“ Die Königin behielt unerſchütterlich ihre kalte äußerliche Hoheit bei. „Ueberdies...“ „Ueberdies geht gewiß mein Bruder jetzt im Schloßhof herum und ſucht mich.“ „Dein Bruder?“ Clara hatte einen Blick zum Fenſter hinaus ge⸗ worfen und Daniel unten auf dem Quai entdeckt. „Dort ſitzt er, Ew. Majeſtät, dort...“ „Ich werde ihn hieher rufen. Erwarte mich hier.“ Die Königin entfernte ſich. Wir verließen Daniel, als er von dem Pagen in'’s Schloß geführt wurde. Daniel folgte ihm nicht ohne Unruhe und Ver⸗ wunderung darüber, was wohl ſeiner Schweſter be⸗ gegnet ſein möge, weil er jetzt auf dieſe Art zu ihr gebracht wurde. Beim erſten Schritt, den er innerhalb der Wände des Schloſſes that, wurde ihm ſo wunderlich zu Muthe. Die Verhältniſſe um ihn her waren ſo ungewöhnlich, daß er zurückbebte. Jedes Geſicht, dem er begegnet, kam ihm ſo unerklärlich und geheimnißvoll vor. Er wünſchte ſich wieder unter den freien, klaren Him⸗ mel hinaus, um athmen zu können. Der Page öffnete inzwiſchen eine Thüre und ſchob ihn hinein: er befand ſich in der Bibliothek. 6 Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. I. Es kam ihm beinahe vor, als wäre er in einen Abgrund geſtoßen worden. Viertes Kapitel. Der Hof. Nachdem der Hof von ſeiner heitern Waſſerparthie zurückgekommen war, verſammelte er ſich im oberſten Stock, in den ſogenannten Converſationszimmern. Um in dieſe einzutreten, muß man den Traban⸗ tenſaal paſſiren. Hier plauderten in verſchiedenen Gruppen meh⸗ rere Leibtrabanten, unter welchen wir die Corporale Baron Carl Wrangel, Nils Ludwig Svedenſtjerna und Carl Hermelin, ſowie den Vicecorporal Phannel Geſtrin namhaft machen wollen. Man ſah da auch den Hoffechtmeiſter Porath, den Pagenhofmeiſter Se⸗ verin Bredha und andere. Im Verlauf des Sommers hatte ſich ein Ereig⸗ niß zugetragen, welches nicht blos den Hauptgegen⸗ ſtand aller bisherigen Kämpfe zwiſchen dem Hof und dem Staat bildete, ſondern auch Veranlaſſung zu neuen gab. Von den urälteſten Zeiten her hat die Redefrei⸗ heit als ein angebornes Recht den Schweden gehört. Der freie Gedanke und das freie Wort wuchſen bei uns ſtets neben einander auf wie zwei getreue Zwil⸗ lingsbrüder, ſtets bereit, die Freiheit des Staats in vorderſter Linie zu wahren. Aber ein altherkömm⸗ liches Recht, gegen welches ſich ſelbſt die unbeſchränk⸗ teſte Königsgewalt keinen Angriff erlaubt hatte, ſollte dr ſte en 83 doch während der ſogenannten Freiheitszeit angeta⸗ ſtet werden. Als die Kluft zwiſchen dem Hof und dem Senate ſich erweiterte, machte der erſtere ſeinem Unwillen in Anmerkungen, Epigrammen und Satyren Luft. Schon im Jahr 1752 waren die Luſtbarkeiten bei Hof nicht ohne ſolche Feuerwerkerei des freien Worts. 4 Die Reichsräthe, ebenſo ängſtliche Wahrer ihrer Macht als ſchwach in Folge ihrer Aengſtlichkeit, fürch⸗ teten hinter jedem Einfall eine Verſchwörung. Der Wunſch, ſich die wohlgeneigte Aufmerkſam⸗ keit der Großmächtigen zu erwerben, ermangelte da⸗ her nicht, jeden Scherz nach den eigenen Intereſſen auszulegen. Der Geburtstag der Königin fiel auf den 24. Juli. Unter den vielen Feſten, die ihr zu Ehren ge⸗ feiert wurden, erregte jedoch beſonders eine Rede, welche der Pagenhofmeiſter Jacob Ichſell am folgen⸗ den Tag im Ritterhausſaal hielt, das größte Auf⸗ ſehen. Nachdem der Redner in einem kurzen Abriß aus unſerer eigenen Geſchichte nachgewieſen, wie die mit⸗ telalterliche Vielregierung das Vaterland ſeinem Un⸗ tergang entgegengeführt, bis Guſtav der Regierung die Einheit zurückgegeben und ſie dadurch gerettet habe, ging er auf die beſtehende Regierungsform über mit der Erklärung, daß ſie, obſchon weislich einge⸗ richtet, doch den Ständen nicht die Befugniß beilege, dem König auch nur das mindeſte der ihm zuſtehen⸗ den Rechte zu entziehen. 84 Er fuhr dann fort: „Sollte Jemand zu behaupten wagen, daß die ſchuldige Ehrfurcht vor der Obrigkeit unſerer Frei⸗ heit widerſtreite; ſollte ſich Jemand unterſtehen, durch boshafte Urtheile die Obrigkeit in die unglückliche Lage zu verſetzen, daß ſie keinen aufrichtigen und treuen Diener bekommen oder haben könnte; ſollte Jemand die Unterthanen darum angreifen, weil ihre Chre, Redlichkeit und gute Aufführung ihnen das Vertrauen des Königs erworben; ſollte Jemand ſo frech ſein, mit angemaßter Machtvollkommenheit vor⸗ ſchreiben zu wollen, welche Lebensweiſe die höchſte Obrigkeit in ihrem Schloß eingehalten habe; ſollte Jemand ihre Zeitvertreibe zu tadeln wagen; ſollte irgend ein Sohn des Abgrunds durch niedrige Schlüſſe die Gnaden⸗ und Liebesbeweiſe der Obrigkeit, wenn unſere theure Obrigkeit ihre Unterthanen dieſe Gnade in ihrer eigenen hohen Geſellſchaft genießen läßt, in ein falſches Licht ſtellen wollen, ſo hätte derſelbe das zu erwarten, was die Allmacht in früheren Zei⸗ ten vollführt hat, und was im 4. Buch Moſis im 16. Capitel verzeichnet ſteht.“ Daß der Redner mit dieſen Andeutungen nicht unrichtig die Stellung der Königsfamilie bezeichnete, geht am allerbeſten aus dem Lärm hervor, den ſein Vortrag veranlaßte. Die Reichsräthe fühlten ſich nicht ſtärker, als daß ſie dem Juſtizkanzler befahlen, die Rede einzu⸗ fordern, worauf dieſer, nachdem das Collegium ſie voll von Verdrehungen der Regierungsform und un⸗ tauglich zum Druck erfunden, ſie dem Staatsanwalt 85⁵ zuwies, um„gemäß der delicaten und kitzlichen Be⸗ ſchaffenheit des Falles“ Hand daran zu legen. Dadurch wurde die Erbitterung des Hofes nicht vermindert, ſondern vielmehr erhöht. Wir wiſſen bereits um die Abſicht der Königin, den Ständen bei ihrem bald bevorſtehenden Zuſam⸗ mentritt eine Art Anklageſchrift, die ſo ziemlich wie ein Echo von Ichſells Rede lautete, gegen die Reichs⸗ räthe einzureichen. Die Reichsräthe trugen alſo kein Bedenken, dem Hof mit der ganzen Empfindlichkeit und Verbiſſenheit kleinlicher Charaktere zu begegnen. Je unbedeuten⸗ der die Fragen waren, um ſo mehr fiel der Kampf ſelbſt den individuellen Leidenſchaften anheim, die ihrerſeits neuen Brennſtoff in das Feuer warſen, ohne daß ſie die entſprechende Macht beſaßen, um daſſelbe zu löſchen. Der Hof und der Senat waren bereits zwei un⸗ verſöhnliche Lager, die beiderſeits ihre Glieder zu verſtärken ſuchten, überzeugt, daß ein offener Aus⸗ bruch der Feindſeligkeiten jeden Augenblick drohe. Die im Trabantenſaal plaudernden Gruppen war⸗ fen auch Worte um ſich, die von ihrer Anſchauungs⸗ weiſe zeugten. Alle Staatsbeamten, die durch ihre Anhänglichkeit an die Rathsherren bekannt waren, bekamen ihre Hiebe, die ſcharf fielen wie von ächten Trabantenklingen. Lachend und ſcherzend paſſirten inzwiſchen meh⸗ rere Hofdamen und Cavaliere durch den Saal in die inneren Zimmer. Es war ein bunter, hübſcher Strom, der beſtän⸗ dig vor dem Auge wechſelte. 86 „Still, meine Herren,“ tönte auf einmal eine heiſere Stimme durch den Saal,„ſtill, meine Herren ſtill!“ Die rauhe, heiſere Stimme und der befehlende Ruf zogen alle Blicke nach der Seite, von wo ſie kamen. Der Gegenſtand war in Wirklichkeit nicht ſehr einnehmend. Halb von den herabfallenden, dicken Fenſtervorhängen verdeckt, kam ein zottiger, grauer Kopf zum Vorſchein, deſſen breite, bereits gefurchte Stirne den entſchiedenſten Starrſinn verkündete, wie in den tiefliegenden, gleichfalls grauen Augen ein trotziger Blitz und auf den groben, rohen Lippen ein Hohnlächeln lag. Es war etwas Unglückverkünden⸗ des und Herausforderndes, etwas Kühnes und Ori⸗ ginelles an dieſem Manne, eine zugleich tiefſinnige und dumme, lächerliche und ernſte, ſchlaue und ein⸗ fältige Art zu forſchen. Die grauen, buſchigen Au⸗ genbrauen waren wunderbar beweglich; bald zog er ſie hinab, bald ſchob er ſie hinauf, und das Auge darunter rollte bald drohend oder höhniſch, bald for⸗ ſchend oder lauernd. Jede eigenthümliche Perſön⸗ lichkeit iſt von etwas Unerklärlichem umgeben. Wer konnte auch dieſen Mann erklären? Unter der Maſſe von Sonderbarkeiten, mit denen ſein Verſtand be⸗ ſtändig zu arbeiten ſchien, war es nicht leicht zu wiſſen, woher dieſer Verſtand manchmal kam und wohin er abzielte. So war Börje Philipp Schecta, ein Humoriſt in ſeiner Zeit, eine Art von Raubvogel am Ufer des bereits von der äußerſten Flügelſpitze des Sturmes aufgeregten Geſellſchaftsmeeres. „Meine Herren,“ fuhr Schecta mit derſelben X 7 heiſern und rauhen Stimme fort,„man ſpricht mit Bewunderung von den reichen Vorräthen in unſern Eiſengruben.“ Alle waren verſtummt, und man betrachtete Schecta, ohne ein Wort zu begreifen. Seine Aeußerung er⸗ mangelte auch alles Zuſammenhangs mit dem, was um ſie her vorging. „Aber,“ fuhr Schecta fort,„alle Erzadern von Fahlu zerfallen zu einer Priſe Schnupftabak vor der Eiſenhaltigkeit eurer Worte.“ Schecta zog ſeine buſchigen Augenbrauen hinab, und ſeine kalten Augen warfen gleichſam Dolchſtöße durch das Zimmer. „Jedes eurer Worte,“ fügte er dann hinzu,„iſt ſo erzhaltig, daß unſere Herren Räthe davon ein Henkerbeil für eure Hälſe ſchmieden könnten. Nehmt euch in Acht!“ Schecta zog die Augenbrauen wieder hinauf, und ſein Blick war ſo ſtumpf, wie der Glanz eines Stück⸗ chens Zinn. „Wißt ihr, meine Herren,“ fragte er,„warum eure Köpfe rund ſind?“ Man murmelte um ihn her, aber ohne ihm zu antworten: man wollte ſeine eigene Erklärung hören. „Das kommt daher,“ fuhr er fort,„weil der Kopf eigentlich blos ein Punkt auf den Schultern iſt. Alle Sätze müſſen einen Punkt haben.“ Wiederum tiefe Stille. Nur Schecta fuhr fort: „Wißt ihr, warum ihr eine doppelte Zahnreihe vor die Zunge bekommen habt? Aus demſelben Grunde, warum man einen Majeſtätsverbrecher oder Reichsverräther hinter eiſerne Gitter ſperrt. Weiſe, 88 ſehr weiſe. Aber damit iſt's noch nicht genug. Die Zahnreihe iſt auch darum doppelt, damit man ſich ſelbſt die Zunge abbeißen kann, wenn ſie zu viel plaudert. Noch hatte keiner die Veranlaſſung ſeines Ge⸗ ſchwatzes begriffen, und man betrachtete ihn blos mit fragender Bewunderung. „Da ſeht zum Fenſter hinaus,“ ſagte er mit ſeiner unheimlichſten Miene,„ſeht her.“ Alle eilten an's Fenſter. Zwei prachtvolle Equipagen, die aus der Haupt⸗ ſtadt kamen, rollten in dieſem Augenblicke auf den Schloßhof herein. Das Rädergeraſſel kam bereits näher. Aus der edlen Haltung des ſtolzen Geſpanns, aus der Pracht des Riemenzeugs, das man goldene Ketten für die muthigen Renner nennen konnte, aus den koſtbaren Livreen der Bedienten, ſo wie aus den prunkenden Wappen an den Wagenſchlägen konnte man leicht erſehen, daß die Männer, die ſo einher⸗ 1 fuhren, den damals noch ſogenannten Großen des Landes angehören mußten. 3 Im erſten Wagen ſaßen die Reichsräthe Graf Teſſin und Baron Palmſtjerna; im andern der Reichs⸗ rath Ehrenpreutz und der Gardelieutenant Graf Creutz. Ihnen gegenüber befand ſich eine dritte Perſon. Schecta hatte die Uebrigen gewarnt, aber er hielt ſich ſelbſt nicht an die Warnung. Gleich einem Weg⸗ weiſer zeigte er den Weg, ging ihn aber nicht. „dwei Phänomene, ein Sonnenſchein im April und eine Gewitternacht im September,“ bemerkte er; „zwei Entomologen, von denen der eine die Schmet⸗ terlinge fängt und der andere ſie auf die Nadel 89* ſteckt; zwei Masken, eine Ballmaske und eine eiſerne Maske.“ Lebensfriſcher Stolz ſtrahlte von Teſſins Stirne; eine undurchdringliche, düſtere Nacht lag auf der Stirne Palmſtjerna's. Das Licht, das Teſſin zu einem der genialſten Männer ſeiner Zeit machte, ver⸗ breitete Glanz über ſeine Geſichtszüge; aus Palm⸗ ſtjerna's Innerem dagegen brach nicht ein einziger Strahl hervor, um ſein Aeußeres zu beſeelen und zu beleben. Sie waren Beide Ariſtokraten; aber der Eine war die Blume der Ariſtokratie, mit einem far⸗ benreichen und duftenden Kelch, ſich gegen die Sterne emporhebend, aber verwelkend und vergänglich; der Andere war ihre dunkle Wurzel, die ſich mit unver⸗ gänglicher Kraft in die Tiefe eingräbt. Teſſin hat der Geſchichte einen großen und glän⸗ zenden Namen übermacht. In den Geheimniſſen des Hofes, in den Berathungen des Senats und in den politiſchen Intriguen herrſchte ſein mächtiger Einfluß weithin. Sein Ehrgeiz liebte ſich in orientaliſche Pracht zu kleiden. Verſchwenderiſch und üppig, war er der Erſte, der die weichlichen Genüſſe und Ver⸗ gnügungen des Auslandes bei uns einbürgerte. Er war der Erſte, der, als Jugendführer Guſtavs III., in ſeine Seele den Samen in dieſer Richtung ſtreute; wie auch der Erſte, der ihn in die Diplomatie des Benehmens einweihte, die wir Verſtellungskunſt nennen. Palmſtjerna dagegen geht wie ein düſterer Schat⸗ ten durch das politiſche Drama dieſer Zeit; wurde er auch der ſchwediſche Cato genannt, ſo war er doch weniger ein Uticensis, als ein Republikaner Brutus, 90 der ſeinen eigenen Sohn dem Henkerbeil überliefern konnte. Streng bis zum Richtblock, unerbittlich wie einer von Venedigs Zehnmännerrath, verurtheilte er lieber, als er freiſprach, bei den Blutgerichten, wo. ſeine Stimme erſcholl. „Er trieb die Verfolgungsſucht bis auf die höchſte Spitze,“ erzählt einer ſeiner Zeitgenoſſen;„ohne eigennützig zu ſein, verſchaffte er ſich mit Parteigel⸗ dern Freunde. Das Schlimmſte von Allem war, daß er Spione unterhielt, erbärmliche, gemeine Burſche, welche die unſchuldigſten Handlungen aufſpürten und zu Verbrechen ſtempelten. Kein Widerſpruch wurde geduldet, Alles mußte an's Meſſer.“ Schecta ſchonte auch weder Ehrenpreutz noch Creutz. „Die Weisheit,“ bemerkte er von dem Erſteren, „iſt niemals in einem vortrefflicheren Pudermantel einhergegangen, als in dieſem dürren Fell da. Er würde vor Neid ſterben, wenn ſeine Kameraden ein einziges Staubkörnchen mehr in ihrer Perücke hätten als er. Noch hat Niemand die zwei Worte Ja und Nein auf ſo vielfache verſchiedene Arten auf dem Speiſezettel der Beredtſamkeit paradiren zu laſſen gewußt als er. Wenn er ſeine Nachtmütze über die Ohren zieht, dann wird es finſter auf Erden, und es tagt nicht eher wieder, als bis er ſie abnimmt. Aus Unfähigkeit für geſchickt zu gelten, iſt unleugbar eine große Geſchicklichkeit. Es lebe Ehrenpreutz, meine Herrn. Wenn er ſtirbt...“ Schecta kam nicht weiter. „Pfui, Schecta,“ unterbrach ihn eine Stimme von der Thüre her,„pfui, mein Herr!“ ————,—— de 91 Lachend und neugierig hatten ſich die Anweſen⸗ den um Schecta herum aufgeſtellt und die Schrot⸗ ſchüſſe angehört, die er gegen die Reichsräthe abfeuerte. Aber mit dem hellen Ton einer Zauberflöte kam die Bemerkung von der Thüre her, der Kreis öffnete ſich auf einmal, und vor den Kriegern ſtand eine jung⸗ fräuliche Geſtalt in der ſchönſten, lieblichſten Früh⸗ lingspracht. Wenn man ihre leichten, blonden, ſeideweichen, von der Mode der Zeit nicht zuſammengedrückten Locken betrachtete, und wenn man in ihre holden, ſchwärmeriſchen, dunkelblauen Augen ſchaute, konnte man meinen, ſie habe ſich in einer Morgenſtunde, nur aus Licht und Blumenduft zuſammengeſetzt, aus den Händen der Natur geſchlichen. Eines Dichters erſte Liebe träumt keinen einneh⸗ menderen Jugendtraum. Aber in dieſem Augenblick brannte ein höherer Purpur auf den Wangen des ſchüchternen Mädchens; der windſchnell durch das Herz eilende Zorn warf Roſen hinter ſich. Mit edlem Stolz trug ſie ihren Kopf empor. Es lag etwas Bezauberndes in dieſem Stolze. Der Leſer dürfte bereits geahnt haben, wer ſie iſt. Sie iſt nämlich keine Andere, als dieſelbe lieb⸗ liche Erſcheinung, die, ohne es ſelbſt zu wiſſen, un⸗ ſerem jungen Freund Daniel Schedvin den Kopf verrückt hat, und bei deren Anblick es Puke zu Muth war, als ſänken Erde und Himmel in ſeiner Bruſt zuſammen. „Sie vergeſſen, Capitän,“ redete ſie Schecta an, „daß der Reichsrath Ehrenpreutz mein Onkel iſt.“ 92 „Ihre Beweiſe ſind unwiderſtehlich, mein Fräu⸗ lein,“ antwortete Schecta.„Wenn Sie ſich auf dieſelbe Wagſchale werfen wie er, dann beugt ſogar der alte Schecta ſein Knie.“ „Schonen Sie alſo auch meinen Bruder, Capi⸗ tän.. er kommt auch da.“ Schecta nahm ſeinen ganzen Ernſt wieder an. „Sie ſind grauſam, Fräulein Creutz,“ bemerkte er. „Wie ſo? grauſam?“ „Was ich viele Jahre lang überdacht habe, ſagte Demoſthenes, und ich ſtimme jetzt mit ihm ein, „das hat ein Weib in einem einzigen Augenblick zer⸗ ſtört.“ Von Neuem ſanken Schectas Augenbrauen hinab auf eine Art, die beinahe auf Einfalt deutete. Unter den buſchigen Brauen lauerten jedoch liſtige Augen. „Wollen Sie ſo gut ſein, Fräulein, ſagte er,„und uns über Etwas aufklären.“ „Gerne, Schecta. Laſſen Sie hören.“ „Können Sie mir ſagen, wer die dritte Perſon iſt, die in Ehrenpreutz' Wagen ſitzt?“ Eine Regung des Verdruſſes zeigte ſich bei Fräu⸗ lein Creutz; aber ein zorniger Blick war die einzige Antwort, die ſie gab. Stolz wandte ſie ſich darauf von Schecta ab und ging. Die beiden Equipagen waren inzwiſchen immer näher an's Schloß gekommen. Die Hauptwache war in'’s Gewehr getreten und hatte Honneurs gemacht. Auf einmal blieben die Pferde ſtehen, Sturmwinden — 93³ gleich, denen man Zaum und Gebiß angelegt hat. Man war bereits am Portal angelangt. Als die Reichsräthe ausgeſtiegen waren, wandten ſie ſich gegen einander. Ernſt und düſter beobachteten ſie eine Weile ein ungewiſſes Schweigen. „Nun wohl, meine Herren,“ begann dann Ehren⸗ preutz,„laſſen Sie uns hinaufgehen.“ „Ich geſtehe,“ bemerkte Teſſin, indem er ihn zu⸗ rückhielt,„daß mein Amt mich in dieſem Augenblick mit Unruhe erfüllt; es iſt das vornehmſte im Reich, aber auch das ſchlimmſte. Kabalen treten uns von allen Seiten entgegen: Unfreundlichkeit von Seiten des Königs, Mißtrauen von Seiten des großen Hau⸗ fens. Sollaes uns gelingen, einen Ariadnefaden zu finden, der uns in dieſem Labyrinth von Intriguen leiten ſoll, die dem Gerücht zufolge hier vorbereitet werden, ſo müſſen wir vorſichtig handeln. Palmſtjerna achtete genau auf Teſſins Worte. Ehrenpreutz nickte Beifall. „Graf Creutz,“ fiel Palmſtjerna ein,„gehen Sie auf die Hauptwache. Nehmen Sie vollſtändige Kennt⸗ niß von Allem, was hier vorgegangen iſt. Erkun⸗ digen Sie ſich vor Allem, ob ſich vielleicht einige Perſonen gezeigt haben, die man gewöhnlich nicht bei Hofe ſieht. Bekanntlich will man wiſſen, daß Höppener da geweſen ſei.“ Creutz eilte weg. „Ohne Stütze,“ fuhr Teſſin fort,„weder von Seiten des Königs, noch von Seiten der Menge, muß das Amt entweder...“ „Entweder...“ bemerkte Palmſtjerna. 4 94 „Entweder,“ fuhr Teſſin fort,„aufhören...“ Palmſtjerna's Stirne legte ſich in düſtere Falten. Ehrenpreutz runzelte ſeine Augenbrauen. „Oder,“ ſchloß Teſſin,„muß die Zeit kommen, wo diejenigen, die das Amt bekleiden, einander nicht mehr anzuflehen brauchen.“ Sie machten einige Schritte gegen die Schloß⸗ treppe zu. „Ein Wort, meine Herren,“ ſagte Palmſtjerna, indem er Teſſin beim Arme faßte. Sie blieben wieder ſtehen. „Laſſen Sie uns nicht vergeſſen, die Königin be⸗ harrlich im Auge zu behalten: ich kenne ſie— ſie wird bald ihr Concept verlieren.“ Sie gingen weiter. In der Schloßflur angelangt, wurden ſie von einem Hofherrn empfangen, der ſie hinauf geleitete. Die Nachricht vom Beſuche der Reichsräthe ver⸗ ſcheuchte all die natürliche Annehmlichkeit, welche das Geſellſchaftsleben gewöhnlich an dieſem Hof hatte, wo ein Anhauch von Adolf Friedrichs freundlichem und gutem Herzen, ſowie ein Strahl von Luiſe Ulri⸗ ken's lebhaftem, nie raſtendem Geiſt den Grundton angaben. Der König, der nach dem Ausflug auf dem Välar gehofft hatte, ſich von ſeiner Umgebung losreißen und ſeinem Lieblingsvergnügen, ſeiner theuren Drechſel⸗ bank ein Stündchen widmen zu können, verfügte ſich bei der Kunde vom Herannahen der Gäſte alsbald in die Empfangszimmer. Er hatte da ſeine Gemahlin zu finden geglaubt, —.——————— — 8— S 95. auf deren Arm, um nicht zu ſagen Verſtand, er ſich in Gegenwart der Reichsräthe zu ſtützen gewöhnt war, und er kam in keine geringe Verlegenheit, als er ſie vermißte. Seine nächſte Umgebung war in⸗ deſſen zu gut mit den Verhältniſſen in der könig⸗ lichen Familie bekannt, als daß ſie nicht ſogleich die Königin aufgeſucht hätte. Man fand ſie in der Biblio⸗ thek, und ohne ein einziges Wort zu ſprechen, ver⸗ ließ ſie Clara und eilte an die Seite des Königs. Die unerwartete Ankunft der drei Reichsräthe flößte ungefähr daſſelbe Gefühl ein, wie der Anblick einer am klaren Himmel aufſteigenden Gewitterwolke. Ohne daß der Hof ſich noch in wirklich feindſeliger Richtung gegen die beſtehende Ordnung organiſirt hatte, konnte man ſich doch eines beängſtigenden Ge⸗ fühls nicht erwehren. Betrachtete man das leben⸗ dige und bewegliche Gemälde näher, ſo ſah es aus, als ob Jedermann ſeinen ganzen Witz aufzubieten ſuchte, um die allgemeine Verlegenheit zu verdecken, obſchon man ſie dadurch nur noch mehr verrieth. Ohne einen beſondern Befehl ordnete man die Spieltiſche als ein vortreffliches Mittel, ſeinen eige⸗ nen Gedanken den Abſchied zu geben. Beim Eintritt der Königin bekam jedoch Alles wieder ſein gewöhnliches freies und friſches Leben. In ihren Gedanken noch mit wichtigen Angele⸗ genheiten beſchäftigt, fand ſie es um ſo nothwendiger, ſie nach andern Seiten zu wenden. „Belieben Ew. Majeſtät eine Partie?“ ſagte ſie; „Graf Brahe— und Sie, Frau Gräfin— eine Partie mit dem König?“ ee Der König athmete leichter. Er hatte Etwas zu 96 thun bekommen und konnte ſomit auch an beſſere Sachen denken, als an die Reichsräthe, die ſich ſo⸗ unangenehme Eingriffe in ſein eigenes Gebiet er⸗ laubten. Die Königin nahm im äußeren Converſations⸗ zimmer Platz. Ob ſie in einer Ottomane ruhte oder auf einem Khudr ſaß, ſo war ſie immer gleich ſehr Königin. Das Genie legt niemals ſeine Krone ab. Glänzend wie eine fürſtliche Purpurverbrämung war auch der Kreis, der ſie umgab. Unter den Raths⸗ herren, welche ſie erwartete, hatte man auch Teſſin genannt, und unter allen gab es keinen, gegen den ſie bitterere Gefühle hegte. Schon ſein bloßer Name war ein Dorn, der ihr tief in's Herz ſtach. Unter der Loderaſche lieblicher Erinnerungen und erloſchener Hoffnungen glüht der Funke des Haſſes leicht auf. Teſſin war zur Zeit, wo die Königin noch Kronprin⸗ zeſſin war, ihr Ritter ohne Furcht und Tadel gewe⸗ ſen. Mit dem Reichthum der Sprache und dem feurigen Leben des Gedankens, das dem Genie ſtets zu Gebote ſteht, nicht minder als mit der zwangloſen Anmuth der Handlung, die dem wahren Hofinann angeboren iſt, umgab er ſie damals nicht ſowohl als ein Diener, als vielmehr wie ein Anbeter. Aus dieſer Periode finden ſich noch Briefe vor, die zwi⸗ ſchen Beiden gewechſelt wurden, und die bald von der ganzen flüchtigen und unſchuldsvollen Naivetät angenehmen Scherzes belebt, bald von wahrer Ach⸗ tung, Aufrichtigkeit und Vertrauen befeuert waren. Luiſe Ulrike ſcheint auch Hoffnungen für ihre ſchon damals gehegten Abſichten wegen Erringung einer erweiterten Königsgewalt auf ihn gebaut zu haben, 97 obſchon es andererſeits beinahe ausſieht, als ob Teſſin niemals im Sinn gehabt hätte, den Hof und die Gunſt, um die er buhlte, anders denn als ein Mittel zu noch höherer Macht zu benützen. Als der Augenblick kam, wo der Thron Adolf Friedrich und Luiſe Ulriken ihre glänzende Zukunft eröffnete, und ſie nun die Früchte der Ergebenheit Teſſins zu ernten hofften, da nahm er ſtatt deſſen eine Art von oppo⸗ ſitioneller Haltung ein, indem er immer mehr auf die Seite des Senats trat und ihm ſeine Beredtſam⸗ keit gegen die Intereſſen der königlichen Familie lieh, bis er endlich im Jahr 1754 ſein läſtiges Juſtemilieu gänzlich aufgab und offen mit dem Hofe brach. Luiſe Ulrike fühlte ſich durch dieſes Benehmen nicht blos als Königin, ſondern auch als Weib ver⸗ letzt. Teſſin hatte frei in ihre Gedanken blicken, hatte ſich ſogar in der Welt ihrer Gefühle umſchauen dür⸗ fen; er beſaß den Schlüſſel zu den innerſten Geheim⸗ niſſen ihrer Seele und ihres Herzens, und dennoch war er zu einer entgegengeſetzten, einer feindlichen Partei übergegangen. Sie glaubte ſich nicht blos, ſie fühlte ſich auch verrathen. Dies war der Mann, der jetzt herannahte; er erweckte zu gleicher Zeit Haß und Furcht in ihr. „Ach, Graf Hard,“ bemerkte die Königin,„wie gedankenvoll! Ein Mann wie Sie, der den Mar⸗ ſchall von Sachſen nicht fürchtete, wird doch wohl vor unſern Rathsherren nicht erſchrecken?“ Die Königin warf ſich auf das nächſte beſte Thema, das ihr einfiel. Hard, auf den jetzt alle Blicke ſich hefteten, ſchaute ſich um, und ein heiteres Lächeln belebte ſein Geſicht. Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. I. 7 98 „Sagen Sie mir, Graf, an was dachten Sie?“ „Darf ich es zu ſagen wagen, Ew. Majeſtät? Ich dachte an...“ Er verſtummte mitten in ſeinem Satze. Aber dieſe Zögerung lenkte die Neugierde des Hofcirkels nur noch mehr auf ihn. Der Strahl, der in ſeinen Augen ſpielte, ſchien beinahe auch anzu⸗ deuten, daß er ein wenig darauf ſpekulirte, die Auf⸗ merkſamkeit rege zu machen. „Nun wohl, Sie dachten an?“ „An meine Abenteuer, Ew. Majeſtät, während meiner Dienſtzeit in der holländiſchen Armee.“ Bei dieſer Antwort breitete ſich ein Lächeln über alle Geſichter; nur die Gräfin allein lächelte nicht, ſondern ſchaute vielmehr fragend, beinahe etwas vor⸗ wurfsvoll auf. „Da war ein Abenteuer,“ fuhr Hard fort, indem er that, als ob er das Mißvergnügen und die Ver⸗ legenheit ſeiner Hedwig nicht bemerkte,„an das ich mich heute um ſo mehr erinnern muß, weil ich erſt vor einer kurzen Weile einen der Haupthelden dabei wiedergeſehen habe.“ „Wirklich? Hier auf Drottningholm?“ „Der Krieg knüpft ſtarke Freundſchaftsbande, Ew. Majeſtät, und man kann einen Kriegskameraden, mit welchem man in derſelben Reihe dem Tode ge⸗ trotzt hat, nicht wiederſehen, ohne daß das Herz ein Bischen feuriger klopft. Ich ſchloß ihn ſo eben in meine Arme.“ „Er iſt vermuthlich ein Ausländer?“ „Er iſt ein Schwede, Ew. Majeſtät, ein grund⸗ ehrlicher, guter Schwede; ernſt und redlich von Ge⸗ 2 1 it? des der zu⸗ 99 ſinnung, ein treues, warmes Herz, mannhafter, offe⸗ ner Charakter. Unglück und Widerwärtigkeiten ver⸗ folgten ihn im Vaterland; deßhalb verließ er es und nahm in Holland in einem Artillerieregiment Dienſte. Durch ſeine Kenntniſſe und ſeine Tapferkeit erregte er bald Aufmerkſamkeit, und er gewann alle ſeine Beförderungen auf dem Schlachtfeld.“ „Aber, mein Gott, beſter Graf,“ fiel die Königin mit erhöhtem Intereſſe ein,„wer iſt denn dieſer Mann, den Sie ſo hoch ſtellen?“ „Sein Name iſt Puke, Ew. Majeſtät, ein ſimpler, bürgerlicher Name, wenn Sie ſo wollen, aber im Be⸗ ſitz eines Mannes, den ſeine Handlungen und Ge⸗ ſinnungen zu einem wirklichen und ächten Edelmann ſtempeln.“ Fräulein Creutz befand ſich auch da. Obſchon ihr Herz ſchon bei den erſten Worten des Grafen geahnt hatte, wem ſein Lob galt, ſo breitete ſich doch beim Klange dieſes Namens unwiderſtehlich ein hoher Purpur über ihr Geſicht. Dieſer Name drückte gleich⸗ ſam auf eine Feder in ihrem Herzen, und das Blut darin jagte auf einmal durch alle ihre Adern. Un⸗ willkürlich legte ſie ihre Hand beſchwichtigend an ihre Bruſt. Sie war auch bald wieder ruhig. Daſſelbe Gefühl, das ſo eben noch wie ein Feuer in ihr ge⸗ brannt hatte, kühlte ſie jetzt ſo lieblich, wie ein Kranz von beſcheidenen Blümlein. „Der Marſchall von Sachſen,“ fuhr Hard fort, „hatte ſein Hauptquartier einen Tagmarſch von Brüſ⸗ ſel. Der Fürſt von Waldeck hatte mich mit der Ver⸗ theidigung eines wichtigen gegen den Feind vorge⸗ ſchobenen Vorpoſtens beauftragt. Eines Tags rückte ein franzöſiſches Corps an. Der Befehlshaber ſchickte einen Recognoscirungstrupp von ungefähr fünfzig Mann aus. Ich begegnete ihm. Unter den Offi⸗ zieren in meiner Abtheilung befand ſich damals auch Puke. Als der Feind mich anrücken ſah, that er, als wolle er weichen. Ich gab da Puke Befehl, ihn mit der gleichen Stärke zu verfolgen, während ich zwei andere Abtheilungen auf den Seiten, rechts und links vorrücken ließ. Ich ſelbſt blieb bei der Reſerve. Puke hatte ſeinen Auftrag mit freudigem Stolz em⸗ pfangen und warf ſich mit Feuer und Kraft auf den Feind. Es war nicht ſein erſter Waffengang, das ſah ich wohl. Die Franzoſen rückten ihm mannhaft entgegen; aber ich wollte Puke der Ehre des Gefechts nicht berauben und ließ ſie herankommen. Die von den Seiten her vorgerückten Truppen konnten ihn immerhin zur rechten Zeit unterſtützen. Aber er be⸗ durfte deſſen nicht. Es war ein wahrer Heldenkampf. Aber— was geſchah?“ Hards Erzählung feſſelte die Zuhörer. Die Kö⸗ nigin folgte ihm mit ſichtlichem Intereſſe. „Was geſchah?“ wiederholte ſie. „Im Augenblick, Ew. Majeſtät, wo der Kampf ſein blutigſtes Gemälde aufrollte, wo Mann gegen Mann, Klinge an Klinge, Bruſt an Bruſt, Auge an Auge focht, da höre ich einen Ausruf und ſehe den feindlichen Befehlshaber und Puke ihre Waffen wegwerfen und einander in die Arme ſtürzen.“ „Was will das heißen?“ „Verwundert eile ich vor. Die Sache war die: Puke und der feindliche Anführer hatten ſich wäh⸗ rend des Kampfes als alte Freunde erkannt; ſie ver⸗ ————— zickte Ifßig Offi⸗ auch ter, ihn ich und rve. em⸗ den k 101 gaßen die Gefahr des Augenblicks und ſtürzten ein⸗ ander in die Arme. Die beiden unbeſonnenen Tho⸗ ren lagen noch ſo, als ich an Ort und Stelle kam, und die Soldaten betrachteten die Scene mit freudi⸗ ger Theilnahme.“ „Puke intereſſirt mich, Hard.“ „Aber, Ew. Majeſtät,“ fuhr Hard fort,„jetzt entſtand die Frage, wer eigentlich der Gefangene war.“ „Der Gefangene?“. „Ich erſuchte die franzöſiſchen Offiziere, nach dem Befehlshaber der ganzen feindlichen Abtheilung zu ſchicken, und ich ſelbſt ſchickte einen Unteroffizier zu dem Fürſten von Waldeck. Nach einigen Augenblicken kam der franzöſiſche Befehlshaber mit allen ſeinen Offizieren, die ihn voll Neugierde begleiteten. Ich forderte ihn auf, dem Offizier zu befehlen, daß er ſich ſammt ſeiner Mannſchaft gefangen gebe; er aber behauptete, es ſei vielmehr meine Pflicht, Puke und ſeinen Leuten dies zu befehlen. Der Streit wollte kein Ende nehmen. Ich ſchlug zuletzt vor, daß wir, die von Anfang an nicht mitgefochten hatten, uns zurückziehen, Puke und der franzöſiſche Offizier aber, jeder mit ſeinen Leuten, den Kampf fortſetzen und unter ſich entſcheiden ſollten, wer nachzugeben hätte.“ „Das war grauſam, Graf Hard. Bedenken Sie, die Freunde hätten ja einander tödten können.“ „Sehr möglich, Ew. Majeſtät; aber im vorlie⸗ genden Fall glaube ich, daß ſie einander in den Armen liegend gefallen wären.“ Dir Theilnahme der Zuhörer ſteigerte ſich immer mehr. „Während man noch darüber diſputirte,“ erzählte Hard weiter,„kam inzwiſchen der Fürſt Waldeck an. Beim Anblick der verſammelten franzöſiſchen Offiziere, und nachdem man ihm den Sachverhalt erzählt hatte, erklärte er alle zuſammen, auch die zuletzt angekom⸗ menen, als Gefangene. Ich proteſtirte zwar dagegen, weil ich freien Abzug zugeſagt hatte; allein der Fürſt lächelte und erklärte, er habe Nichts verſprochen, und die Sache war abgemacht. Aber damit war noch nicht Alles aus...“ Ein dumpfes, aber zunehmendes Geräuſch von den äußern Zimmern her verkündete jetzt, daß die Reichsräthe herannahten. In dieſem Augenblick wurden auch die Salon⸗ thüren geöffnet und die Herren traten ein. Hard verſtummte. „Fahren Sie fort, Hard,“ ermahnte ihn die Kö⸗ nigin,„fahren Sie fort.“ Die Königin wollte ſich den Anſchein geben, als ob ſie die Ankunft der Reichsräthe kaum bemerkte. Aber wenn ſich auch ein düſterer Schlagſchatten auf ihre Umgebung legte, ſo zog ſie ſich doch mit Ehrfurcht vor dieſen Männern zurück, in deren Hän⸗ den die eigentliche Macht ruhte. Teſſin ſowohl als auch Palmſtjerna und Chren⸗ preutz fühlten ſich zwar durch den nicht ſonderlich zuvorkommenden Empfang beleidigt, ließen ſich aber nicht abſchrecken. Die königliche Macht kann hie und da ihre Würde vergeſſen, die Polyarchie vergißt die ihrige nie. Die Geſchichte füllt ihre Blätter mit Daten, Er⸗ eigniſſen, Namen und Jahreszahlen; aber wie wenig 103 weiß ſie doch, wenn ſie nicht in's Innere der han⸗ delnden Perſonen ſelbſt einzudringen vermag? Was heute geſchieht, iſt ſehr oft ein Zufall; aber was vielleicht ſchon geſtern in unſerer Bruſt vorgegangen iſt, das iſt das Beſtimmende und Entſcheidende. Ver⸗ gebens ſucht man die Federn der Zeitenuhr in den nächſten Ereigniſſen; ſie liegen vielmehr in unſerem Herzen, und ſeine Schläge, nicht die der Uhr, ſind es, die durch die Zeit tönen. Die Königin blieb ſtill. Sie ſchien es den Reichs⸗ räthen überlaſſen zu wollen, ſie zuerſt anzureden. Aber als Teſſin ſich in dieſer Abſicht näherte, da bemächtigte ſich ihrer ein peinliches, feindſeliges Ge⸗ fühl. „Was Neues in der Hauptſtadt, mein Herr?“ fragte ſie.„Sie kommen doch daher?“ „Stockholm ohne den Hof,“ antwortete Teſſin, „iſt ein Leib ohne Kopf, und in letzterem, Ew. Ma⸗ jeſtät, geſchieht eigentlich alles Neue in der Welt zuerſt.“ Die Königin betrachtete Teſſin, als ſuchte ſie in ſeinen Zügen zu entdecken, ob hinter ſeinen Worten Etwas verborgen liege. „Sie ſchreiben dem Kopf einen großen Einfluß zu, Herr Graf,“ verſetzte ſie jedoch,„und Sie thun dies vermuthlich im Vertrauen auf Ihren eigenen. Inzwiſchen dürfte doch wohl die Frage entſtehen, ob nicht alles Neue, was in der Welt geſchieht, eher vom Herzen als vom Kopf ausgeht. Dies iſt ein Problem, Herr Graf, deſſen Löſung Ihrem Scharf⸗ ſinn Ehre machen wird.“ Teſſin verbeugte ſich verbindlich. 104 „Unleugbar, Ew. Majeſtät,“ erwiederte er,„kann ſowohl vom Herzen als vom Kopf viel Neues aus⸗ gehen, aber es iſt verſchiedener Art. Ich möchte ſagen, der Kopf ſei ein König oder ſollte es wenig⸗ ſtens ſein, und das Herz eine Königin.“ Teſſins Erklärung ſurrte wie ein Pfeil an den Dhrer. der Königin vorbei. „Wie ſehr,“ bemerkte ſie,„beklage ich da nicht alle diejenigen, die weder den einen noch das andere anerkennen wollen!“ Palmſtjerna hatte ſich noch nicht geäußert. Ver⸗ ſchloſſen und düſter beobachtete er eine unbewegliche Haltung vor der Königin. „Ew. Majeſtät,“ ſagte er,„Sie wünſchen etwas Neues aus der Hauptſtadt zu erfahren.“ Seine Augen funkelten düſter und drohend, wäh⸗ rend er ſeine Worte vorbrachte. Man meinte bei⸗ nahe einen Mord befürchten zu müſſen. „Unter den Neuigkeiten, die Ew. Majeſtät viel⸗ leicht intereſſiren, kann ich Ihnen melden, daß das Hofgericht die Sache des Hofmeiſters Ichſell an die Reichsſtände verweiſen wird.“ Die Königin wechſelte einen Augenblick die Farbe, beherrſchte ſich aber ſogleich wieder. „Und die Reichsſtände,“ fügte ſie hinzu,„werden den Prozeß natürlich an die Commiſſion verweiſen.“ „Sehr wahrſcheinlich.“ Dann gratulire ich Ihnen, Baron.“ „In welcher Beziehung, Ew. Majeſtät?“ „Weil es ſich von ſelbſt verſteht, daß Sie zum Präſidenten des Blutgerichts ernannt werden.“ nn öte g⸗ cht im 105 Palmſtjerna ſah erzürnt aus und warf wie ein gereizter Bär ſeinen Kopf auf. „In Wahrheit, Ew. Majeſtät,“ antwortete er mit einer Stimme, die ſtark durch das Zimmer tönte und die Königin ſelbſt zuſammenfahren machte,„wenn ich einen Platz in der Commiſſion einnehme, ſo wird kein Nebeneinfluß mich zu erſchüttern vermögen: die Strafe wird jeden Verbrecher treffen, wer er auch ſein möge.“ Während der Pauſe, die hierauf im Salon ent⸗ ſtand, begaben ſich Teſſin und Palmſtjerna zum König hinein. Wir haben erwähnt, daß eine dritte Perſon ſich in derſelben Equipage mit dem Reichsrath Ehren⸗ preutz und dem Lieutenant Grafen Creutz befand. Wir haben auch den Verdruß des Fräuleins Creutz uber Schecta's Frage in Betreff dieſer Perſönlichkeit bemerkt. Die Urſache davon war, daß der junge von Röhr, ein frecher, leichtſinniger Menſch ohne alle Grundſätze, allgemein für den Liebhaber des Fräuleins galt, und ſowohl von Chrenpreutz als von ihrem Bruder, aber nur von ihr ſelbſt nicht, in ſei⸗ ner Bewerbung aufgemuntert wurde. Reich und vermeſſen, glaubte er jedoch nicht, daß das arme Fräulein Creutz ſich kalt von ihm zurück⸗ ziehen würde; im Gegentheil war er überzeugt, daß er blos ſeine Arme auszuſtrecken brauche, um ſie an ſeine Bruſt fliegen zu ſehen. In wie weit ſeine Liebe indeß tief, uneigennützig und wahr war oder es wer⸗ den konnte, war ſchwer, wo nicht unmöglich zu ent⸗ ſcheiden, weil er noch nie auf Hinderniſſe geſtoßen 106 war, welche ſie auf die Probe geſtellt hatten. Das Einzige, was man jetzt zu bemerken meinte, war, daß er ſich in den Kopf geſetzt hatte, Fräulein Creutz müſſe ſeine Frau werden. „Mein Fräulein,“ ſagte Ehrenpreutz zu ihr, als er ſchnell an ihr vorbeiging, um den übrigen Reichs⸗ räthen zum König hinein zu folgen,„in meiner dop⸗ pelten Eigenſchaft als Verwandter und Vormund muß ich Ihnen ſagen, daß Sie mit der Neigung von Röhrs nicht länger Ihr Spiel treiben dürfen: ſie iſt rein und ernſtlich gemeint. Ich habe ihn mitgebracht, um ihm Gelegenheit zu geben, Sie zu ſprechen. Ihr Bruder wird Ihnen daſſelbe ſagen: er iſt bald hier.“ Als Chrenpreutz wegging, näherte ſich von Röhr. Bei der Frau, deren ganzes Leben ſeine Farbe von ihrer Liebe borgt, erblaßt auch das Leben wie in Folge einer Froſtnacht, wenn ſich zwiſchen dieſe Liebe und ſie ſelbſt ein Schatten ſtellt. Es fuhr dem Fräulein ganz kühl durch die Glie⸗ der, als er herantrat. „Sie würden mir einen großen Gefallen thun, mein Fräulein,“ begann er,„wenn Sie mir ein kurzes Geſpräch unter vier Augen vergönnen wollten.“ Alma— ſo wurde Fraäulein Creutz von ihren Freunden genannt zuckte zuſammen. Nach der Mittheilung von Ehrenpreutz ahnte ſie, was Röhr wollte. Sie wußte einen Augenblick nicht, was ſie thun ſollte. Röhr hatte alle ihre Verwandten, ſelbſt ihren Bruder auf ſeiner Seite. Sie fühlte ſich allein. Aber das Weib ſchwankt nicht lange, wenn ſie weiß, was ihr Herz wirklich will. 107 „Ein Geſpräch unter vier Augen...“ wieder⸗ holte ſie, obſchon nicht ohne Bedenken. In dieſem Augenblick hörte ſie die Königin den Namen Puke ausſprechen. „Unmöglich, Herr von Röhr,“ vollendete alſo Alma ihre Antwort,„unmöglich.“ Ein Zucken der Ungeduld gab Röhr's Mißver⸗ gnügen zu erkennen. „Unmöglich, ſagen Sie. Ihr Vormund und Ihr Bruder haben mich verſichert...“ „Was haben ſie verſichert?“ 3 „Daß ich nicht ohne Erfolg um ein Geſpräch unter vier Augen zu bitten brauche.“ Der Ausdruck in Alma's Geſicht wurde auf ein⸗ mal ein ganz anderer. „Und Sie meinen, daß ich ihre Verſicherungen nicht zu Schanden machen dürfe?“ „Wie Sie ſagen, mein Fräulein, das meine ich.“ „Nun wohl denn, mein Herr, in der Fenſterver⸗ tiefung dort... Sind Sie mit dem Platze zufrieden?“ „Vollkommen.“ Nachdem die Königin von den Reichsräthen be⸗ freit worden, hatte ſie den Grafen Hard aufgefor⸗ dert, in ſeiner Erzählung von Puke fortzufahren. Mit lebendigen und raſchen Zügen ſchilderte er ſeine Tapferkeit und ſeinen Muth, eine Tapferkeit, die gleichwohl ſtets vom wärmſten Herzen gezeugt habe, und einen Muth voll von ritterlicher Kraft. „Inzwiſchen,“ ſchloß Graf Hard ſeine Erzählung, „iſt es nicht ſein wahrhaft kriegeriſcher Charakter allein, was die Aufmerkſamkeit der ganzen Armee 108 in ſo ungewöhnlichem Grad auf ihn lenkte. In ſeinem Privatleben bethätigte er denſelben männ⸗ lichen Ernſt, dieſelbe unerſchütterliche Standhaftigkeit, dieſelben Grundſätze der Redlichkeit, obwohl ihn oft eine tiefe Wehmuth überfiel, die in einer ſchrecklichen Erinnerung an ein großes Unglück zu gründen ſchien.“ Die Königin hatte genug gehört, um den Mann ſehen zu wollen, und da Hard ſagte, daß er ſich auf ſeinem Zimmer befinde, ſo erlaubte ſie ihn ſo⸗ gleich vorzuſtellen. Puke's Auftreten war auch ganz glänzend. Da er noch bei einem holländiſchen Artilleriere⸗ giment ſtand, ſo trug er deſſen Uniform. Der prachtvolle und ungewöhnliche Aufzug ließ ihm äußerſt vortheilhaft. Die blaſſen Geſichtszüge waren in dieſem Augenblick bläſſer als gewöhn⸗ lich. In dem dunkeln Rahmen eines ſchwarzen ge⸗ lockten Haares trugen ſie das Gepräge eines tiefen Leidens. Aber darüber hob ſich die Stirne, feſt und unerſchütterlich. Vertrauen und Muth ſprachen aus dem klaren, zugleich ſanften und zuverſichtlichen Blick. In ſeinem ganzen Weſen lag überdies eine ſolche prunkloſe Einfachheit, daß er ſogleich alle Anweſen⸗ den für ſich einnahm. Röhr war noch nicht von der Stelle gegangen, als ſein Blick auf den eintretenden Puke fiel. 3 Der Schritt, den er eben machen wollte, wurde zurückgezogen. Puke's Erſcheinung überraſchte ihn ſichtlich. Je mehr er ihn betrachtete, um ſo mehr ſchien es ihm Bedürfniß zu werden, dies zu thun. 109 Puke näherte ſich der Königin, deren Umgebung ihm mit theilnehmender Aufmerkſamkeit folgte. „Laſſen Sie Ihre Königin, Puke,“ redete Luiſe Ulrike ihn an,„unter den Erſten ſein, die Sie bei Ihrer Rückkehr in's Vaterland willkommen heißen.“ Nach einer tiefen Verbeugung erhob Puke ſein Haupt wieder und betrachtete die Königin, ohne ihr ſogleich zu antworten. Seine Bruſt arbeitete jedoch ſichtlich unter dem Eindruck eines lebhaften Gefühls. „Ach, Ew. Majeſtät, ſagte er indeß bald,„wie ſoll ich meine Dankbarkeit für ſo große Gunſt aus⸗ ſprechen? Ein ganz einfacher Krieger, ohne alle andern Verdienſte, als daß ich den Gefahren des Kriegs einige Male unerſchrocken in's offene Auge geſchaut, hatte ich nicht gewagt, mir mit dieſer Aus⸗ zeichnung zu ſchmeicheln. Es lag in ſeiner Art ſich auszudrücken eine ſolche ungekünſtelte Wahrheit und Aufrichtigkeit, ſeine ganze Sprache war von dem gewöhnlichen Hofton ſo ver⸗ ſchieden, daß der Kreis um ihn her immer enger wurde. Seine Stimme hatte einen ſolchen herzlichen Wohlklang, daß die Königin ihn mit angenehmer Ueberraſchung betrachtete. „Graf Hard,“ ſagte ſie,„hat mehrere ehrenvolle Züge von Ihnen erzählt. Es freut mich, Ihre Be⸗ kanntſchaft gemacht zu haben. Aber warum bleiben Sie noch immer bei einer ausländiſchen Armee? Schweden bedarf ſeiner tüchtigen Männer ſelbſt. Wi Ihr Beſuch dem Vaterland blos für kurze Zeit oder...“ „Nichts, Ew. Majeſtät,“ antwortete Puke, als 110 die Königin pauſirte,„würde mir ſo angenehm ſein, als wenn ich in die ſchwediſche Arme eintreten könnte. Das Vaterland iſt mein ſchönſter Gedanke. Obſchon auf fremdem Boden, habe ich immer für ſeine Chre zu kämpfen geglaubt. Aber die ſchwediſche Armee dürfte einem Manne, deſſen Klinge ſein einziger Adelsbrief iſt, verſchloſſen ſein, wenn nicht Ew. Maje⸗ ſtät Fürſprache...“ Der Königin Auge blitzte bei dieſen Worten. Ihr Buſen hob ſich, als läge eine ſchwere Laſt darauf, und als empfinde ſie ein unwiderſtehliches Bedürf⸗ niß, Athem zu ſchöpfen. „Meine Fürſprache,“ knüpfte ſie an ſeine Be⸗ merkung an,„ſo, Puke, da kennen Sie die Verhält⸗ niſſe hier zu Lande ſchlecht... meine Fürſprache könnte Ihnen nur ſchaden. Sehen Sie hier, mein Herr— die Reichsräthe kamen eben vom Könige zurück— da kommen diejenigen, welche die Macht beſitzen. Sie werden ſelbſt ſehen, was meine Für⸗ ſprache bedeutet.“ 4 Dieſe ſo unverſtellte Erklärung der Königin brachte eine nicht unbedeutende Wirkung hervor. In ſtiller Unruhe that ſich eine lebhafte Bewegung unter den Anweſenden kund. Ungeachtet Puke das Wohlwollen der Königin gegen ihn nicht überſehen konnte, ſo ſah er doch auch die Unannehmlichkeit ſeiner Stellung ein, wenn er jetzt, wie er dachte, als Zankapfel zwi⸗ ſchen den Parteien vorangeſchoben wurde. Er wußte noch nicht, daß die Königin blos einen einzigen Gedanken hatte, blos für ein einziges Ziel lebte, blos für einen einzigen Wunſch glühte, näm⸗ lich dem Throne wieder eine wirkliche Macht er⸗ 111 ringen, und daß ſie Alles um ſich her, nah und fern, nur von dieſem einzigen Geſichtspunkte aus auffaßte. Sie erblickte in jedem Umſtand einen Ausdruck po⸗ litiſcher Sympathie oder Antipathie; daher ihr reiz⸗ bares Gemüth. In jeder Sympathie oder Antipathie erblickte ſie, in erſterer ein Mittel, das ſie augen⸗ blicklich gegen ihre Gegner anwenden konnte, und in letzterer einen Sporn zu erhöhten Anſtrengungen; daher häufig Unvorſichtigkeit in ihrer Handlungsweiſe. Während die Königin ſprach, ſchien ſie inſpirirt zu ſein. Ein edler Verdruß belebte ſie, ein mißver⸗ gnügtes Lächeln ſpielte auf ihren Lippen. Sie im⸗ ponirte und überraſchte; es lag Majeſtät in ihren Worten. Hätte ſie abſichtlich eine große Satyre auf ihre Stellung machen wollen, es hätte ihr nicht beſſer gelingen können. Es war dies Wort und Handlung zugleich, in Geſtalt einer Frau, die trotz ihrer inne⸗ ren Aufregung gleichwohl ihre Würde und Ruhe behauptete. „Ich mache mir eine Ehre und ein Vergnügen daraus,“ fuhr ſie gegen die Reichsräthe gewendet fort,„Ihnen, meine Herren, den Capitän Puke vor⸗ zuſtellen, der neuerdings, geehrt durch den Beifall berühmter Krieger, in’s Vaterland zurückgekehrt iſt. Sein höchſter Wunſch iſt, der eigenen Vatererde ſei⸗ nen Kopf und ſeinen Arm widmen zu dürfen. Er hat mich um meine Fürſprache erſucht. Meine Her⸗ ren, ich gebe ſie ihm.“ Ein überrumpelter Soldat ſtreckt ſein Gewehr; ein überrumpelter Staatsmann hat immer den klei⸗ nen Dolch eines Wenn oder Aber zur Hand. Teſſin, der Luiſe Ulrikens Individualität auf's Genaueſte und beſſer als irgend ein Anderer kannte, ſah ein, daß ſie, wenn ſie in dieſem Augenblick auf Widerſpruch ſtieße, die Kartenhäuſer ihrer Gedanken noch weiter aufführen würde, während dieſelben in Folge einer Nachgiebigkeit von ſelbſt einſtürzen müßten. Er gönnte ihr auch eine ſolche Niederlage von ganzer Seele. Er näherte ſich ihr alſo, um ſie auf ſchmeichel⸗ hafte Art zu verſichern, daß die Frage über Puke's Anſtellung dem Senat vorgelegt werden ſolle. Ehe er ſich jedoch ausſprechen konnte, ergriff Ehrenpreutz das Wort. „Ew. Majeſtät,“ ſprach er,„die Reichsräthe dürften wohl nicht zu verſichern brauchen, wie gern ſie alle Wünſche Ew. Majeſtät erfüllen.“ In keiner Periode unſerer Geſchichte war man in den politiſchen Phraſen ſtärker, als während der Freiheitszeit. „Aber, Ew. Majeſtät,“ fügte er hinzu,„ich fürchte, daß Sie den Mann nicht kennen, dem Sie Ihre Fürſprache geſchenkt haben. Darf ich mir die Gnade auszubitten wagen, zu erfahren, wer ihn Ew. Majeſtät empfohlen hat?“ Die Königin betrachtete Ehrenpreutz eine Weile mit großer Verwunderung. „Sie ſind ein feiner Politiker, Chrenpreutz,“ ant⸗ wortete ſie dann halb lachend;„Sie wollen meine Fürſprache abweiſen, aber in ſo artigen Ausdrücken als nur möglich. Ich beklage Sie, Puke; da ſehen Sie die Folgen meiner Fürſprache.“ „Ew. Majeſtät,“ ſtammelte Chrenpreutz,„Ew. Majeſtät...“ 113 „Laſſen Sie uns von dieſem Gegenſtand abgehen, mein Herr. Sie ſehen, daß Puke mein Gaſt iſt; das mag Sie überzeugen, daß ich ihn kenne, und mögen Sie auch einſehen, daß es ihm Recht auf meinen Schutz verleiht.“ Das Ereigniß war in Wirklichkeit eine cause célèbre am Hofe. Die Königin hatte die Ruhe, welche ſie jetzt ge⸗ wann, dem Auftreten Ehrenpreutz' zu verdanken. Sie hatte ihn nie für ein bedeutendes Talent oder für einen mehr als gewöhnlichen Charakter gehalten, ſo daß der Eifer, den er jetzt zeigte, ſie weniger ver⸗ letzte als beluſtigte. Diejenigen, die Ehrenpreutz kannten, wunderten ſich auch nicht wenig über die Entſchiedenheit, die er an den Tag gelegt. Selbſt die Reichsräthe ſahen einander erſtaunt an. Aufmerkſamer als irgend ein Anderer hatte Puke. den Vorgang beobachtet, um ſo mehr, als er ihn ſelbſt ſo nahe berührte. Als die Reichsräthe vom König herauskamen, hatte er bemerkt, daß Herr von Röhr und der Lieutenant Graf Creutz, der ſich in⸗ zwiſchen eingefunden hatte, ſich Ehrenpreutz näherten und einige Worte mit ihm wechſelten, worauf dieſer erſt bis zur Königin vortrat. Chrenpreutz' Bemerkung hatte ihn tief verletzt, obſchon man nicht entdecken konnte, daß irgend ein Ausdruck in ſeinem Geſicht ſich veränderte, nur daß es noch bläſſer wurde. Allerdings hatten, und er wußte dies gebührend zurechtzulegen, ſeine Worte nichts direct Kränkendes, aber ſie enthielten dennoch Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. I. 8 114 einen unzweideutigen indirekten Angriff. Es war ihm auch ganz klar, daß er es nur der eigenen per⸗ ſönlichen Gewogenheit und Aufmerkſamkeit der Köni⸗ gin zu verdanken hatte, wenn ihm eine wirkliche öffent⸗ liche Beleidigung vor dem ganzen Hof erſpart blieb, was die Königin dadurch abwehrte, daß ſie Ehren⸗ preutz ſeine Antwort, auf deren Inhalt man ſchon aus der Einleitung ſchließen konnte, nicht ganz aus⸗ ſprechen ließ. Als Ehrenpreutz von der Königin zurücktrat, warf Puke einen haſtigen Blick über die Geſellſchaft hin: er ſchien ſeine Stellung recognosciren zu wollen. Noch ſtanden Lieutenant Creutz und Herr von Röhr auf demſelben Fleck. Fräulein Creutz hatte ſich an ihren Bruder an⸗ geſchloſſen; Ehrenpreutz ſtand ſeitwärts neben ihnen, Im Hintergrund ſah man Teſſin's und Palmſt⸗ jerna's düſtere Geſtalten. Fräulein Creutz erſchien ihm ſo blaß; er glaubte ſelbſt nicht bläſſer ſein zu können; litt ſie wohl mit ihm? Bei dieſem Gedanken pochte ſein Herz heftiger. Zunächſt um ihn ſtand der eigentliche Hof; ge⸗ rade vor ihm befand ſich die Königin. Es war das erſte Mal, daß er in dieſem glänzenden Kreis auf⸗ getreten war, und er fühlte, daß er als Mann von Ruhe und Haltung handeln mußte, wenn er ſich nicht auf einmal unwürdig machen wollte, einer ehren⸗ vollen Zukunft entgegenzuſehen. Gleichwohl kreuzten ſich nicht tauſenderlei Gedanken in ſeinem Kopfe, ſon⸗ dern nur ein einziger erfüllte ihn, aber mit dieſem einzigen war er bereit, unerſchrocken ſeinem Schickſal zu begegnen, wie es ſich nun auch geſtalten mochte. war per⸗ Köni⸗ fent⸗ llieb, ren⸗ ſchon aus⸗ warf hin: 115 CEhe der Hof auch nur erwartete, daß der an⸗ ſcheinend ſo ruhige Mann, nachdem die Königin jede weitere Bemerkung über ihn abgewehrt hatte, ſich ſelbſt zum Handeln berechtigt glauben würde, trat er aus dem Kreiſe vor. „Ew. Majeſtät,“ ſagte er,„erlauben Sie mir, Ihnen meinen innigſten Dank für Ihr Wohlwollen abzuſtatten.“ Man bemerkte keine Veränderung in ſeinem Ge⸗ ſicht, man hörte kein Zittern in ſeiner Stimme. Die bleichen Züge waren ruhig, die klare Stimme klang rein und melodiſch. Nur ſeine Bruſt hob ſich. Bei den letzten Worten ſank er auf ein Knie und ſchaute zur Königin empor. „Ew. Majeſtät,“ ſagte er, indem er die Hand auf ſeine Bruſt legte,„gebieten Sie über mein Leben.“ In dieſen ebenſo ceremoniöſen als ungewöhn⸗ lichen Act legte er eine ſolche Wahrheit und Einfach⸗ heit, daß die Anweſenden ihren Beifall nicht zu un⸗ terdrücken vermochten. Ein leiſes Gemurmel ging durch den Saal. Die Königin ſtrahlte von Zufriedenheit; es war, als hätte ſie einen Sieg errungen. Als Puke ſich wieder aufgerichtet hatte, trat er auf den Reichsrath Ehrenpreutz zu. „Ew. Excellenz,“ ſagte er mit tiefer Betonung, „wenn Jemand hier mich kennen mußte, ſo wären es Ew. Excellenz. Mein Vater hat viel für Sie ge⸗ opfert— er ſtarb, glaube ich, unter Ihren eigenen Augen, und ein großer Theil meiner Jugend iſt blos eine Abſpiegelung Ihres Familienlebens; aber gleich⸗ 116 viel, das Gedächtniß kann untreu werden, und— Ew. Excellenz— ich verzeihe Ihnen: Sie ſind alt. Ehrenpreutz ſtand ſprachlos da. Hätte er ſich mit Puke allein befunden, ſo wäre er ihm ſicherlich eine Antwort nicht ſchuldig geblieben; aber hier— mitten im Hofcirkel— während ein Gemurmel und Geflüſter durch's Zimmer ging— unmöglich— die Zunge verweigerte ihren Dienſt. Aber Puke ließ ihm auch keine Zeit zur Beſinnung, weil er ſich von ihm hinweg ſogleich zu Creutz und Röhr wandte. „Vielleicht habe ich auch bei Ihnen, meine Her⸗ ren, nicht mehr Glück?“ fuhr er gegen ſie fort. Creutz und Röhr waren ſichtlich beide ſehr genirt. „Es iſt wohl möglich, daß ich Sie gekannt habe,“ antwortete von Röhr nicht ohne Verachtung;„ich will mich Ihres Namens erinnern.“ Puke maß ihn mit kaltem Blick. „König Aſtolf in der Sage,“ verſetzte er,„kam nach dreihundert Jahren in ſein Vaterland zurück, und da er es nicht mehr erkannte, ſo betrübte er ſich ſehr darüber. Ich dagegen komme nach einer Abweſenheit von blos wenigen Jahren zurück und habe Urſache, mich noch mehr zu betrüben, denn ich erkenne Alle wieder, aber Niemand erkennt mich. Vielleicht auch Sie nicht, Fräulein Creutz?“ Alma fuhr zuſammen. Mit der größten Theil⸗ nahme war ſie allen Umſtänden des Auftrittes ge⸗ folgt. Sie hatte ſich das Benehmen ihres Onkels Chrenpreutz nicht erklären können, und noch weniger das ihres Bruders und Röhrs. Hätte ſie es gewagt, oder hätte es ſich geſchickt, ſo würde ſie ſchnell zwi⸗ ſchen ſie getreten ſein. Dagegen trat ihr Herz voll⸗ 117 ſtändig auf Puke’s Seite. Bei ſeiner einfachen Hul⸗ digung gegen die Königin trat ihr eine Thräne in's Auge; bei ſeiner ebenſo entſchloſſenen als ſchonungs⸗ vollen Erklärung gegen Chrenpreutz bewunderte ſie ſeine ruhige und feſte Haltung, ſowie die Ruhe, wo⸗ mit er die wohlverdiente Zurechtweiſung ausſprach. Als er ſich zu ihrem Bruder und zu Röhr wandte, betrübte ſie ſich über die Art, wie dieſe Herren ihn behandelten. Puke's Vergleichung zwiſchen ſich und König Aſtolf in der Sage rührte ſie innig: es war ihr, als vermöge ihr eigenes Gefühl, ſo viel es auch in die⸗ ſem Augenblicke umfaßte, gleichwohl die ganze tiefe Wehmuth darin nicht zu ermeſſen. Aber als er zu⸗ letzt auch ſie ſelbſt anredete, da bekam ihre Seele auf einmal Freiheit und Luft, ihr Herz erhielt das Recht, ſein Gefühl auszuhauchen. Unbekümmert ſchlug ſie ihre Augen, die von rei⸗ nem Glanz der Jugenderinnerung und des Wieder⸗ ſehens ſtrahlten, gegen ihn auf. „Sie fragen mich, Puke, ob ich Sie kenne. Ich bin überzeugt, daß Sie nicht daran zweifeln. Unter Tauſenden würde ich Sie wieder erkennen, der Sie, als ich noch ein kleines Mädchen war, ſtets mein Ritter waren, der Sie...“ Aus der weißeſten Lilie verwandelt, ſtand Alma jetzt als die glühendſte Purpurroſe da. Aber es lag in dieſer Röthe mehr Schalkhaftig⸗ keit als Verlegenheit. Ein holdes Lächeln ſchaukelte auch wie ein Sonnenſtrahl auf den friſchen Lippen. Ohne lange Ueberlegung ließ ſie ſich von dem naiven Gefühl des Augenblicks leiten. Sie hatte nichts 118 Anderes ſagen können, daher auch ihre Worte ſo ungekünſtelt und heiter ausfielen, als kämen ſie von einem Kinde. Jedes Weib ſcheint beinahe mit einem Geheim⸗ niß und einer lächelnden Maske, um es zu bedecken, geboren zu ſein. Wirkliche Selbſtſtändigkeit des Gedankens und Verſtandes darf ſie kaum entwickeln; die einzige Selbſtſtändigkeit, die ſie beſitzt, iſt die des Herzens; aber obſchon ſie an dieſer ſo feſt hängt, wie an der Wurzel ihres ganzen Lebens, ſo wagt ſie es doch ſo ſelten ſie auszuſprechen. War deshalb nicht auch dieſes friſche Lächeln blos die Maske, womit Alma aus angeborenem Inſtinct das wirkliche Gefühl bedeckte, das unwiderſtehlich die Worte dictirte, mit denen ſie Puke entgegenkam? Die Umgebung hatte ſie verſtanden, glaubte ſie aber dennoch nicht recht verſtanden zu haben. Man hätte mehr und weniger haben mögen; mehr, um eine Herzensbeichte zu bekommen, weniger, um das Bekenntniß einer bloßen Jugendfreundſchaft zu haben. Sie hatte inzwiſchen geantwortet, aber zum erſten Mal— ſo leiſe war es im Zimmer— hörte ſie den Ton ihrer eigenen Stimme, und ihre Stimme erſtarb. Glücklicher Weiſe wandte ſich in dieſem Augen⸗ blick die Aufmerkſamkeit von Alma ab und dem Könige zu, der nach vollendeter Spielpartie in den Salon trat. Wir finden gleichwohl Fräulein Creutz nach einer ner 119 kurzen Weile in einem der kleinen Cabinete wieder, die damals an den Salon ſtießen. Es war ein prachtvolles Zimmerchen, dieſes Ca⸗ binet, und, ſollte man glauben, lediglich für ein jun⸗ ges Mädchen hergerichtet, um ein Stündchen darin zu verträumen. Die rothen Damaſtdraperien, welche die Wände bedeckten, waren mit Bändern und tief herabhängen⸗ den goldenen Quaſten aufgeheftet. Die Fenſterzierrathen, über welchen die Gardinen in doppelten Wogen hingen, wurden von zwei Venus⸗ bildern getragen. Dem Fenſter gegenüber ſtand ein Divan, gleich⸗ falls mit rothem Damaſt überzogen. Auf einem Conſoltiſch auf der Seite duftete eine Pyramide von den ſchönſten Blumen des Herbſtes. Hieher war Alma mit ihren Gedanken geflohen; aber die Gedanken eines jungen Mädchens ſind ei⸗ gentlich Träume, die aus ihrem Herzen aufſteigen, wie Aphrodite aus den Wellen ſtieg. Sie hatte ſich auf den Sopha geworfen und ver⸗ ſtand ſich ſelbſt nicht. Sie war bange, ſie möchte zu weit gegangen ſein; und doch fürchtete ſie, zu wenig geſagt zu haben. Sie war recht froh, daß, der Eintritt des Königs ihr Gelegenheit verſchafft hatte, ſich zu entfernen, und doch war ſie recht ärgerlich darüber, daß ſie ſich nicht mehr draußen befand. Phantaſien— halb Schatten und halb Licht— flatterten durch ihre Seele. Es war ein Tanz von kleinen Elfen, in deren Zauberkreis ſie gerathen war, und aus dem ſie nicht loszukommen vermochte; die 120 Wahrheit zu ſagen, bemühte ſie ſich auch nicht da⸗ al rum, ſondern gab ſich ihm vielmehr gerne hin. he Aber jetzt hörte ſie Tritte herannahen; ſie ſchaute auf, und ihr Bruder und von Röhr ſtanden vor ihr. w „Alma,“ redete Creutz ſie an,„ich hätte Dir. viele Vorwürfe zu machen.“ il Wie ein in tauſend Farben ſchimmernder Mor⸗ u gennebel, ſchwand auf einmal die ganze Zauberwelt ſt in Alma's Innerem, und das Leben ſtand wieder 5 deutlich und alltäglich vor ihr. Es gibt Augenblicke, wo unſer ganzes Leben blos b. Blume und Duft iſt, andere— und wir bemerken ſj den Uebergang kaum— wo wir blos Stengel, Wur⸗ zel, Staub ſind. „Welcher Bruder,“ antwortete Alma,„hat nicht v immer ſeiner Schweſter viele Vorwürfe zu machen? ... Nun ja... Du biſt mein Bruder...“ li Alma ſchien auf einmal recht praktiſch geworden V zu ſein. Die Träume waren fort, und ſie lächelte 3 einer Wirklichkeit entgegen.. „Du willſt immer auf Deine eigene Art handeln, Alma,“ begann Creutz;„glaubſt Du, daß das ſich k ſchicke?“ w „Aber auf welche Art ſoll ich denn handeln! k Sag' mir das, Wilhelm, ich will Dich gerne anhören.“ e Dieſer Puke da...“ 1 „Nun ja, dieſer Puke da...“ „Ein für allemal, Schweſter, ich will Nichts mit ihm zu ſchaffen haben.“— „Nichtsdeſtoweniger, Wilhelm, warſt Du ja früher ganz gut Freund mit ihm.“ „Als Junge hat man tauſend Freunde, Alma, ute dir 121 als Jüngling hat man einige Bekannte, als Mann hat man nur einen oder zwei.“ „Und ſo, mein Bruder, verdient man, als Greis weder das Eine noch das Andere zu haben.“ Alma beſaß Herz und Verſtand; aber während ihr Herz blos Sterne und Haine, Sonnenſchein und Blumen zurückſpiegelte, ſtand ihr Verſtand mit ſteter Aufmerkſamkeit beim Eingang deſſelben auf der Wache. „Wir wollen jetzt nicht darüber rechten. Ich bin hierhergekommen, um von etwas Anderem zu ſprechen.“ „Alſo... von etwas Anderem.“ „Herr von Röhr hat Dich um ein Geſpräch unter vier Augen erſucht.“ „Das iſt vollkommen wahr. Herr von Röhr be⸗ liebe ſich zu ſetzen.“ Creutz ſchien dieſe Nachgiebigkeit nicht erwartet zu haben und ergriff herzlich ihre Hand. „Ach, Alma, Du weißt nicht, wie ich Dich liebe.“ „Weiß ich es nicht? Ach ja, ich weiß es voll⸗ kommen, beſter Wilhelm. Du haſt mich gerade ebenſo lieb, wie Du die über Dein Wappen gravirte Grafen⸗ krone liebſt; nicht wahr, Wilhelm? Du liebſt mich ebenſo ſehr, wie Du Deinen Namen liebſt. Nun wohl, ich verlange auch nicht mehr. Haben Sie die Güte und ſetzen Sie ſich, Herr von Röhr.“ Röhr nahm an ihrer Seite Platz. Abgeſehen von ſeinem übermüthigen Weſen, war er ein ſehr einnehmender Mann. Ein Löwe ſeiner Zeit, ein Modeherr, war er an leichte Siege gewöhnt. Vom ſchönen Geſchlecht ver⸗ 122 zogen, glaubte er an keine Niederlagen. Widerſtand betrachtete er blos als eine feine Koketterie. Die gleichgiltige Sicherheit, womit er ſich an Almass Seite niederließ, erſchreckte dieſe inzwiſchen; ſie war nahe daran, ihrer erſten Eingebung zu folgen und ihn zu verlaſſen. Ein etwas unerwarteter Umſtand half ihr indeß bald auf eine paſſende Art aus der minder ange⸗ nehmen Lage. Ein Page trat nämlich in dieſem Augenblicke ein und übergab zwei Briefe, den einen dem Grafen Creutz, den andern Herrn von Röhr. Sie erbrachen und laſen ſie beide auf einmal. Nach der heftigen Aufregung zu urtheilen, welche ſie zeigten, war der Inhalt überraſchender Art. Creutz preßte die Lippen zuſammen und legte die Hand an ſein Degengefäß; Röhr ſprang vom Divan auf. „Sieh da, ſieh da!“ rief er und überreichte Creutz den Brief.„Welche Unverſchämtheit! Will Puke ſich an unſere alte Bekanntſchaft erinnern... gut... Creutz faßte ihn beim Arm, während er ihn mit ſeinem Blick an Alma's Anweſenheit zu erinnern ſuchte. „Still! Aber Alma hatte bereits genug geſehen und ge⸗ hört, um Alles zu verſtehen. Mit ihren Gedanken an der ganzen Logik der Umſtände vorbeieilend, befand ſie ſich augenblicklich bei der Kataſtrophe eines blutigen Duells. Ohne lange Ueberlegung ging ſie auf ihren 123 Bruder und Röhr zu, ſie handelte, die Herren wun⸗ derten ſich. Mit der Angſt, die in ihrem Geſichte gemalt ſtand, ergriff ſie die beiden Briefe; ſie brauchte blos einen einzigen Blick hineinzuwerfen, um ihre Vermuthung beſtätigt zu finden. Beide waren von Puke gefordert worden: die Briefe waren gleichlautend. „Die Bekanntſchaft, die Sie anzuerkennen ſich geweigert haben, macht mich jeder andern Bekannt⸗ ſchaft unwürdig, bis ich mich Ihrer würdig gezeigt habe. Ich bitte Sie, gefälligſt Platz, Stunde und Waffe zu beſtimmen.“ Dies war der ganze Inhalt. „Das darf nicht geſchehen,“ ſagte Alma,„nein, nein, das darf nicht geſchehen. Du verſprichſt mir's doch, Bruder?“ Creutz antwortete mit einem Achſelzucken. „Und Sie, von Röhr... Sie...“ Auch er hatte blos ein Achſelzucken als Antwort. Aber ſie las auch eine andere, nicht minder hoff⸗ nungsloſe in ihren gerunzelten Stirnen. Ohne alſo länger zu bitten, überlegte ſie einen einzigen Augenblick und eilte dann wieder in den Salon hinaus. Röhr hatte über dem lebhaften Intereſſe, das Almas warme Theilnahme ihm einflößte, die Her⸗ ausforderung beinahe vergeſſen. „Sie liebt mich,“ ſagte er alſo zu Creutz;„haſt Du geſehen?“ Creutz antwortete nicht. Als Alma in den Salon hinauskam, forſchten 124 ihre Blicke nach Puke; aber er war nicht mehr da, er hatte ſich bereits entfernt. Sie verſchwand unter den Uebrigen. „Wann ziehen Ew. Majeſtät in die Hauptſtadt?“ fragte Palmſtjerna den König. „Morgen oder übermorgen, Baron. Ich wünſche in Ordnung zu ſein, wenn die Reichsſtände kommen. Apropos Stände... ich habe an die Thronrede gedacht. „Wenn Ew. Majeſtät erlauben, wollen wir ſie Ew. Majeſtät bei der erſten Reichsrathsſitzung zur Unterſchrift vorlegen.“ Der König warf einen Blick auf ſeine Gemahlin, um zu ſehen, ob ſie die Antwort gehört habe; aber Teſſin hatte ſich ihr genähert und ſie in Anſpruch genommen. „Die Thronrede, ſagten Sie, Baron... aber was ſagten Sie eigentlich?“ „Daß ſie bereits fertig iſt, Ew. Majeſtät.“ Dem König fehlte es in dieſem Augenblicke nicht an einer würdigen Haltung, ſeine Züge drückten ein großes Mißvergnügen aus, jedoch ohne Feind⸗ ſeligkeit. „Wenn ſie bereits fertig iſt, Baron,“ antwortete er,„ſo iſt ja meine Unterſchrift nicht nöthig.“ „Die Verfaſſung, Ew. Majeſtät...“ Der König, der jetzt merkte, daß das Geſpräch ihn in das Labyrinth der nicht minder politiſchen als dialektiſchen Spitzfindigkeiten der Zeit hineinführen würde, zog ſich unmerklich weiter weg, damit die Königin, die in dieſer Beziehung noch weit feinere 125 Nerven hatte, als er ſelbſt, kein Wort davon hören ſollte. Teſſin hatte ein Geſpräch über den Kronprinzen eingeleitet, zu welchem ſein Herz ihn hinzog, obſchon er als Staatsmann und in Folge ſeiner Regierungs⸗ anſichten, wie ſich von ſelbſt verſtand, in vielen Fällen ſein Gegner war. „Der Kronprinz zeigt ſich nicht,“ bemerkte Teſſin. „Es würde mich freuen, ihn zu treffen.“ „Der Kronprinz,“ erwiederte die Königin abweh⸗ rend,„entwickelt ſich auf eine erſtaunliche Art, Graf. Er beſitzt nicht blos eine ungewöhnlich leichte Faſ⸗ ſungskraft, ſondern auch ein überraſchendes Urtheil. Sicherlich, Graf, wird er mit der Zeit einen großen und ruhmvollen Platz in der glänzenden Reihe ſchwe⸗ diſcher Könige einnehmen, eine Zierde des Thrones und eine Freude des Volkes werden. Dalin...“ Teſſins Haß gegen Dalin war bekannt. Die Gunſt, welche die Königin ihm ſchon im Jahr 1754 ſchenkte, trug nicht wenig dazu bei, Teſſin vom Hof abwendig zu machen. „Dalin iſt ein ausgezeichneter Informator,“ fuhr die Königin fort, da ſie bemerkte, daß ſchon dieſer Name böſes Blut machte. Ich kann ihn nicht genug rühmen. Wenn ich indeß Dalin lobe, ſo darf ich auch Nils Bjelke, den Gouverneur des Prinzen, nicht vergeſſen. Er beſitzt unſer Vertrauen und die Liebe des Prinzen in gleichem Grad.“ Jedes neue Wort ſchnitt Teſſin in's Herz. Obſchon er als Reichsrath und auch als Parkeichef einen hervorragenden Platz in den Reihen derjenigen einnahm, die der königlichen Familie und ihrem Ver⸗ 126 langen nach erhöhtem Einfluß auf den Gang der öffentlichen Angelegenheiten Oppoſition machten, ſo konnte er doch den Gedanken nicht aufgeben, daß der Kronprinz eigentlich ihm ſeine ganze Erziehung zu verdanken habe. Die Senatorstoga genügte ihm nicht, er wollte auch Etwas vom Königsmantel haben. Er wollte nicht blos um die Gegenwart, ſondern auch um die Zukunft Verdienſte haben. Während die Königin ſprach, bemerkte ſie, daß Palmſtjerna, obſchon in einiger Entfernung durch eine Unterredung mit dem König in Anſpruch ge⸗ nommen, ſie gleichwohl beharrlich mit finſter drohen⸗ dem Blick anſah. Es lag für ihr Gefühl etwas Beleidigendes darin, was ſie reizte. „Als ich meine Briefe an den Kronprinzen ver⸗ öffentlichte,“ ſagte Teſſin, der ſich noch immer über das ausſchließliche Lob ärgerte, das Bjelke und Dalin geſpendet wurde, da mißbilligten Ew. Majeſtät meine Handlungsweiſe.“ „Ganz richtig, Teſſin. Ich will mich erinnern, daß es Briefe an den Prinzen waren und nicht an das Publikum.“ „Ein Kronprinz, Ew. Majeſtät, ein Prinz, der früher oder ſpäter ein ganzes Volk beherrſchen ſoll, muß unter den Augen des Volkes erzogen werden. Seine Kinderſtube iſt die ganze Nation.“ Palmſtjernas Blick kränkte die Königin beinahe ebenſo ſehr, wie Teſſins Worte. „Meinen Sie alſo, Teſſin,“ entgegnete ſie, nicht ohne Verdruß, obſchon mit lächelnden Lippen,„daß 7 ¼ ☛△ 127 die Reichsſtände vielleicht ſein Vater ſeien, und der Senat, oder was weiß ich, ſeine Mutter?“ „Warum nicht, Ew. Majeſtät?“ Der König, welcher den lebhaften Character be⸗ merkte, den das Geſpräch zwiſchen der Königin und Teſſin annahm, näherte ſich, um ihm eine ruhigere Richtung zu geben. Palmſtjerna und Chrenpreutz folgten ihm. „Aber,“ fuhr die Königin fort,„falls die Reichs⸗ ſtände die Vaterſchaft bei meinem Sohne annähmen und der Senat— doch das iſt ja gar zu lächerlich — ſeine Mutter ſpielen wollte, ſagen Sie mir dann, Teſſin, welchen Platz Sie ſeinen wirklichen Eltern einräumen wollen.“ Teſſin hatte ihr blos zeigen wollen, daß er keine Antwort ſchuldig blieb, wenn man ihn beleidigte, weiter war ihm nicht eingefallen; aber als die Kö⸗ nigin ſeine Aeußerung feſthielt und hartnäckig ihre Richtigkeit beſtritt, da drehte er den witzigen Einfall einen Augenblick in ſeinem Geiſte um und entdeckte jetzt einen neuen, nicht ganz unwichtigen politiſchen Gedanken darin, wie man in einer groben, zufällig aufgegriffenen Muſchel eine edle Perle findet. Der König, der zu ſeiner Ueberraſchung fand, um was es ſich handelte, wandte ſich mit einem trö⸗ ſtenden Blick gegen ſeine Gemahlin. Es iſt etwas Anderes, einen neuen Gedanken zuerſt auszuhecken, etwas Anderes, ihn zu verarbeiten. Für das letztere Geſchäft beſaß Palmſtjerna ein nicht unbedeutendes Talent. Er hatte alſo kaum die Aeußerung der Königin vernommen, ſo zog er auch ſchon ſeine Folgerungen daraus. 128 „Ew. Majeſtät...“ begann er. Aber Teſſin, der das ganze unermeßliche Feld, wozu die Frage führen konnte, mit einem einzigen Blick überſchaute, und in ſeinem Geiſte vielleicht be⸗ reits der Zukunft ihre Richtung anwies, unterbrach ihn ſchnell. „Als ich meinen Satz ganz flüchtig hinwarf, Ew. Majeſtät, war es nicht meine Abſicht, auf einen ſo ernſten Geſprächsgegenſtand einzugehen. Ich wollte blos im Allgemeinen ſagen, daß Europa die frag⸗ lichen Briefe mit andern Augen aufgenommen hat, als Ew. Majeſtät. Dieſe Briefe ſind nämlich in mehrere fremde Sprachen überſetzt worden.“ Die Königin wurde durch die gegenſeitige Feind⸗ ſeligkeit immer mehr aufgeregt. „Ich wünſche Ihnen Glück zu Ihrem Triumph, Teſſin. Ohne Zweifel werden Sie, wenn Sie bei der bevorſtehenden Reichsverſammlung den Ständen Ihre Briefe vorlegen, auch von ihrer Seite Beifall zu ernten haben.“. Teſſin, welcher ſeine diesfallſige Abſicht noch im⸗ mer für ein wohlbewahrtes Geheimniß gehalten hatte, war überraſcht. Palmſtjerna hob inzwiſchen den Handſchuh auf. „Ganz ſicherlich, Ew. Majeſtät, werden die Reichs⸗ ſtände das Werk des Grafen Teſſin hoch zu ſchätzen wiſſen.“ „Die Arbeit,“ fügte Chrenpreutz hinzu,„iſt reich an großen Wahrheiten, und die Kunſt, einen Prin⸗ zen zu erziehen, beſteht darin, daß man ihm einfach und ungekünſtelt Wahrheiten in allen Richtungen des Lebens vor Augen hält.“ ——— S—— ₰ — n c= ſ 8E — 129 „Sie meinen alſo, meine Herren, das ſei es, was Teſſin gethan habe. Wärmer und lebhafter als eine Mutter kann Niemand wünſchen, daß ihr Sohn in der Liebe für Wahrheit und Recht erzogen werde; aber wenn es ſich darum handelt, die wirk⸗ liche Wahrhaftigkeit der Lehrſätze zu beurtheilen, ſo beſitzt auch Niemand einen ſo ſichern und ſcharfen Blick wie ſie. Beſorgen Sie die Staatsangelegen⸗ heiten, meine Herrn, erziehen Sie auch Ihre eigenen Kinder nach Ihrem Gutdünken; aber laſſen Sie auch mein Mutterherz ungehindert ſeine heiligſten und zugleich ſchönſten Rechte genießen, welche die Natur ihm anweist.“ Die Königin hatte ſich bei der Frage um ihren Sohn erhoben. Es war nicht mehr eine Königin, es war eine Mutter, die ihr Kind vertheidigte. Ihr ganzes Weſen wurde daher auch in dieſem Augen⸗ blick von einer warmen und wahren Würde beſeelt. Der Sonnenſchein, der im Frühling Blumen hervor⸗ ruft, erzeugt im Herbſt Früchte. Die Liebe, die bei dem jungen Mädchen einen holden Traum hervor⸗ ruft, iſt dagegen für eine Mutter die höchſte Wirk⸗ lichkeit des Lebens. Nachdem die Königin ausgeſprochen hatte, ſank ſie auf die Ottomane nieder. Man hatte eine Saite berührt, deren Töne ſie verwirrten. Der König ergriff theilnehmend ihre Hand, wäh⸗ rend er ſich mit ernſtem und vorwurfsvollem Blick gegen die Reichsräthe wandte. Seine Lippen be⸗ wegten ſich, er wollte offenbar einige beſchwichtigende Worte ſprechen, als auf einmal der ſiebenjährige Herzog Karl in's Zimmer hereingeſprungen kam und Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. I. 9 3 130 ſich einen Platz an der Seite ſeiner Mutter ſuchte, ein kleines, unberechnetes Intermezzo, das, nach der liebkoſenden Freundlichkeit zu ſchließen, womit ſie die Hand auf ſeinen Kopf legte, ſie ebenſo zu rühren als zu erfreuen ſchien. „Was macht Dein Bruder Guſtav?“ fragte ſie. „Bruder Guſtav ſitzt da und regiert, Mama.“ „Regiert?“ Ein Ausdruck der Verwunderung machte ſich im Kreiſe laut. Die lebhafte Seele der Königin ging haſtig von einem Eindruck auf den andern über. Kaum noch vom Kummer niedergedrückt, richtete ſie ſich jetzt ſtrahlend wieder auf. „Teſſin,“ ſagte ſie,„Ihre Briefe ſind es, die ihm dieſe frühzeitige Neigung zum Regieren einge⸗ flößt haben. Laſſen Sie uns jetzt auch ſehen, wie Sie ihn gelehrt haben, es zu thun.“ Es war bei Hof nicht unbekannt, daß Guſtav ſchon um dieſe Zeit kleine dramatiſche Vorſtellungen extemporirte, worin man zu ſehen glaubte, wie die Zukunft bereits in ſeiner Seele arbeitete. Herzog Karl hatte die Thüre zum Kabinet halb offen gelaſſen. Die Königin ſtieß ſie leiſe auf und begab ſich mit dem König und den Reichsräthen hinein. Das Gemälde, das ſich jetzt zeigte, war pikant genug. Am obern Ende eines Tiſches ſaß Guſtav, um⸗ geben von einigen Jungen ſeines Alters, unter denen man den Sohn des Grafen Brahe, den ſpäter ſo be⸗ rühmt gewordenen Schröderheim und Andere bemerkte. ———.— — 131 Mit einer Papierkrone auf dem Kopf und einem Mantel, der aus einem purpurrothen Shawl für dieſen Zweck hergerichtet war, über ſeinen Schultern, wandte ſich Guſtav gegen Schröderheim, der gerade als eine Art vortragender Rath an ſeiner Seite ſtand. Die kleinen regierenden Herren ſaßen mit dem Rücken halb gegen die Thüre gekehrt, konnten alſo nicht bemerken, daß man ſie beobachtete. „Es handelt ſich von Regierungsgrundſätzen,“ ſprach Guſtav.„Laſſen Sie mich Ihren Antrag hören, Schröderheim.“ Schröderheim huſtete. In ſeinem Alter glaubt man immer, alle Reden müſſen mit Bruſtbeſchwerden beginnen. „Wie und auf was Art,“ las Schröderheim aus einem Papier vor,„kann ein Monarch die Denkungs⸗ art ſeines Volkes am beſten erfahren?“ „In Wahrheit, Ew. Majeſtät,“ flüſterte Teſſin der Königin zu,„ſie beſchäftigen ſich nicht mit Lap⸗ palien.“ „Laſſen Sie uns die Antwort hören.“ Guſtav ergriff ein vor ihm liegendes Buch. Mit Verwunderung bemerkte Teſſin, daß dieſes Buch kein anderes war, als das Exemplar ſeiner Briefe, das er ſelbſt dem Kronprinzen verehrt hatte. „Wir wollen nachſehen,“ ſagte Guſtav,„was die Urkunde ſpricht. Laſſen Sie uns ſehen. Hier habe ich's, hier. Spionerei... Geklatſche... nein, nein! Es wäre unwürdig, die Denkungsart des Volkes auf ſolche Art erforſchen zu wollen. Laſſen Sie weiter ſehen. Hier habe ich's. „Soll man wählen, ſo halte ich die Gewohnheit der orientaliſchen Fürſten, verkleidet in der Stadt umherzugehen, für beſſer.“ „Was ſagen Sie, meine Räthe? Iſt die Sache abgemacht?“ Die kleinen Räthe verbeugten ſich voll Ernſt, ganz wie chineſiſche Puppen. „Gehen Sie auf den andern Punkt über, Schrö⸗ derheim.“ Guſtav verlor ſeine Majeſtät nicht einen einzigen Augenblick. „Wie und auf was Art,“ las Schröderheim, „wird ein König ſeinem Volk am beſten gefallen?“ Guſtav ſchlug das Buch wieder auf. „Es iſt ſchwer zu gefallen,“ las er darin,„wenn man ſich nicht in die Umſtände der Leute ſchickt, mit denen man umgeht, z. B. wenn man bei Ungelehr⸗ ten ſeine Gelehrſamkeit zeigen und bei ſolchen, die von Kummer und Angſt niedergedrückt ſind, den Lu⸗ ſtigen ſpielen will. Die Fürſten müſſen ſich, ſofern ſie angenehm ſein wollen, wie alle andern Menſchen in die Leute ſchicken, die ſie mit ihrem Umgang be⸗ ehren. Im höchſten Grad liebenswürdig wäre der Fürſt, der, wenn ihn dieſe Eigenſchaften ſchmücken, nicht damit zu prunken ſuchte, ſondern ſie gleichſam unter einem ungezwungenen und natürlichen Weſen verbärge...“ „Die rechte Höflichkeit,“ las er weiter,„beſteht darin, daß man die Behaglichkeit derjenigen erzielt, mit denen man umgeht, daß man das ſagt, was für ihre Begriffe und ihre Lage paßt, und daß man dafür ſorgt, daß ſie mit uns und mit ſich ſelbſt zu⸗ frieden ſein müſſen.“ ¼%= „Ein König,“ heißt es an einer andern Stelle, „muß freundlich mit ſeinen Unterthanen reden und den Ruf des Volkes hören, ſo wird es ewig mit Treue an ihm hängen.“ „Haben Sie Etwas dagegen zu bemerken, meine Herren?“ fragte Guſtav, nachdem er geleſen,—„oder fahren wir fort?“ „Wir fahren fort.“ „Leſen Sie den dritten Punkt.“ Schröderheim las: „Was macht eines Königs Wohlfahrt und Glück aus?“ „Hören Sie die Antwort, meine Herren.“ „Das Glück des Königs und der Gewaltigen auf Erden,“ las er,„beſteht darin, daß ſie dieſelbe Ruhe und Zufriedenheit erreichen, die ſich im Leben der Privatperſonen vorfindet. Alſo iſt ein König glücklich, wenn ſeine Unterthanen ihn als einen Freund betrachten; wenn er in gewiſſen Fällen als Ihres⸗ gleichen erſcheint; wenn ſie die Schwere ſeines Scep⸗ ters nicht fühlen; wenn ſeine Gewalt auf Liebe be⸗ ruht, und wenn die allgemeine Zuneigung ihre Sicher⸗ heit ausmacht. Dann iſt er wie ein guter Vater in ſeinem bürgerlichen Hauſe, er freut ſich an der Mun⸗ terkeit ſeiner Kinder und ſpielt ſogar ſelbſt mit ihnen, wenn ihn die Luſt ankommt. Ein geliebter Herr iſt immer angenehm.“ Auf einen Wink Guſtav's fuhr Schröderheim fort. „Wie ſoll ein König denjenigen begegnen, die ihn nicht lieben, ſelbſt wenn er all' ſeine Kräfte auf⸗ bietet, um gut zu regieren?“ Guſtav ſchlug ein neues Blatt auf. 134 „Ein König,“ las er,„der gut regiert, thut blos ſeine Schuldigkeit; gleichwohl hat er das Recht, Druck anzuwenden, wenn die Welt ihm das Lob und die Unterthanen den Dank verweigern, den ſie ihm zur Belohnung ſchulden.“ Die kleinen Rathsherren ſchienen Nichts einzu⸗ wenden zu haben: ſie verbeugten ſich von Neuem und ſahen ſehr vergnügt aus über die wichtige Rolle, die ſie zu ſpielen glaubten. Guſtav beherrſchte ſie durch die Ueberlegenheit ſeines frühgereiften Verſtandes, eines Verſtandes, welchen er ſelbſt zu zügeln für nöthig fand, um ſich ungeſtört an der Freundſchaft und dem Vertrauen ſeiner Altersgenoſſen erfreuen zu können. „Nun wohl, Teſſin,“ bemerkte der König,„was halten Sie von dieſem Regiment? Das iſt jetzt ein Spiel auf dem Boden, den Ihre Lehren geebnet haben;— was meinen Sie, wenn es einmal zur Wirklichkeit würde?“ Teſſin blieb ſtumm. „Vergeſſen Sie dieſe Recenſion nicht, Teſſin,“ fügte die Königin hinzu,„wenn Sie Ihre Arbeit den Reichsſtänden vorlegen.“ Die Königin ergriff die Thüre, um ſie ebenſo leiſe zuzumachen, wie ſie dieſelbe geöffnet hatte. „Um Verzeihung, Ew. Majeſtät,“ bat Teſſin; „aber ich wünſche einige Worte mit dem Prinzen zu ſprechen.“ Teſſin trat in's Cabinet. Beim Geräuſche ſeiner Tritte wandte ſich der ganze kleine Berathungsſenat um, und die kleinen Rathsherren ſchienen in der erſten Verlegenheit ſämmtlich fliehen zu wollen. ——— 135 Guſtav allein blieb da, erröthete aber bis unter die Augen. „Erlauben Sie mir, mein Prinz,“ ſagte Teſſin, „an Ihrem kleinen Rathstiſch Platz zu nehmen. Ich habe Nichts dagegen, daß Sie regieren, wenn ich nur rathen darf.“ Guſtav ſtarrte ihn an. Teſſin nahm inzwiſchen Platz am Tiſch der kleinen Herren. „Wohlan,“ ſagte er,„regieren Sie jetzt, Hoheit.“ Guſtav ſchien ihn nur zu gut zu verſtehen, nahm jedoch ſeinen Platz nicht wieder ein. Im Salon wartete man mit Ungeduld, was er thun würde; aber er fuhr noch immer blos fort, Teſſin verwundert und fragend anzublicken. „Nun, Ew. Hoheit, warum zögern Sie?“ „Warum ich zögere?“ wiederholte Guſtav. „Ich zögere darum... darum,“ ſtammelte er jedoch nach einer Weile,„weil ich keine Luſt zum Regieren habe, wenn...“ „Fahren Sie fort, Ew. Hoheit.“ „Wenn Sie rathen ſollen, Teſſin.“ Er warf noch einen fragenden Blick auf den Grafen. „Nein, Teſſin, ich habe keine Luſt,“ fügte er dann hinzu.„Lieber ſteige ich von dieſem Thron da herab und lege den Scepter nieder.“ Ein unwiderſtehliches Gelächter brach im Saale aus. Der Ernſt in der Erklärung des Prinzen war voll von komiſchem Effect. Guſtav führte auch ſeinen Entſchluß ſogleich aus: er legte Krone und Scepter nieder und ſprang er⸗ röthend von Teſſin weg zu ſeinen Eltern. „Der Zweck unſeres Beſuches iſt verfehlt,“ flü⸗ ſterte Ehrenpreutz ſeinem Collegen Palmſtjerna zu. „Nicht ganz.“ „Kehren wir in die Hauptſtadt zurück?“ „Wir wollen zuerſt mit Teſſin reden.“ Der König machte einen Gang im Salon: er wollte Teſſin nicht mit ſeinem Anblick beläſtigen, als er vom Rathstiſch der Jungen zurückkam, von wel⸗ chem er, wie man wohl ſagen konnte, eine kleine Niederlage erlitten hatte. Die Damen und Cavaliere folgten dem Beiſpiel des Königs und vertheilten ſich gruppenweiſe nach allen Seiten. Man wartete, daß die Reichsräthe ſich entfernen würden, damit der Hof ſeinen gewöhnlichen fröhli⸗ cheren und freundlicheren Charakter wieder annehmen könnte; aber auf einmal hörte man ein heftiges Nothgeſchrei, und Jedermann blieb ſtehen und horchte unwillkürlich, was es wohl ſein möchte. Man hörte ganz deutlich, daß es von unten, vom Park her kam und wie vom Fall eines Körpers begleitet wurde. Der König, der zufällig am Fenſter ſtand, ſchaute begierig hinaus. Er entdeckte jetzt bewaffnete Sol⸗ daten, die unter Anführung eines Unteroffiziers her⸗ beieilten, und einen Augenblick ſpäter ſah er, wie ſie einen jungen Mann und ein Mädchen, beide unter Aeußerungen der höchſten Verzweiflung, in ihrer Mitte wegführten. Das Mädchen, beinahe noch ein Kind, warf einen um Hilfe flehenden Blick um ſich, dem der Gazelle ähnlich, wenn der Jäger auf ſie anlegt. Der Mann oder vielmehr Jüngling an ihrer 137 Seite ſchlang ſeinen Arm um ihren Leib, als wolle er ihr Troſt und Hoffnung einſprechen. Des Königs gutes Herz ſprach bereits zu Gun⸗ ſten der zwei jungen Leute. „Mein Gott,“ rief er,„warum hat man ſie ver⸗ haftet? Sie ſehen nicht aus, als ob Sie etwas Böſes gethan hätten. Fragen Sie nach, Creutz...“ Creutz ſtand zufällig an der Seite des Königs. Das Ereigniß hatte bald die Runde im ganzen Saal gemacht. Die zerſtreuten Gruppen ſchaarten ſich neugierig um den König und die Königin. Auch die Reichsräthe nahmen ihren Platz da ein, da ſie vielleicht nicht weniger intereſſirt waren als die Uebrigen. „Erzählen Sie, Creuz,“ forderte der König den Lieutenant auf, als er zurückkam;„was haben die armen Leute gethan?“ „Das iſt ſehr ſchwer zu ſagen, Ew. Majeſtät. Beide waren dermaßen geängſtigt und ſprachen ſo verworren, daß ich nicht verſtehen konnte, was ſie ſagen wollten. Wenn ich jedoch recht begriffen habe, ſo glaubten ſie in der Bibliothek eingeſperrt zu ſein; — ſie fürchteten, ich weiß nicht warum, den König, die Königin, die Reichsräthe;— genug, in ihrer Angſt hatten ſie beſchloſſen, durch das Fenſter hinaus die Flucht zu ergreifen, wobei das Mädchen auf den Rücken fiel und den Nothſchrei ausſtieß, der die Wache zum Einſchreiten veranlaßte. Die Erzählung erſchien dem König, wie auch den Reichsräthen und dem übrigen Hof höchſt ſonderbar. Die einzige Perſon, welche die Sache begriff, war die Königin. Sie befand ſich in der höchſten Ver⸗ 138 legenheit. Als die Reichsräthe ankamen, hatte ſie Clara und ihren herzugerufenen Bruder in der Bi⸗ bliothek ihrem Schickſal überlaſſen müſſen. Dieſe an und für ſich ſo einfache Handlung konnte aber, wenn es jetzt zur ernſtlichen Unterſuchung kam, wobei ſie nicht zweifelte, daß die beiden Geſchwiſter den gan⸗ zen Sachverhalt der Wahrheit gemäß angeben wür⸗ den, zu allerlei Mißdeutungen Anlaß geben. Wenn Clara, die ihre Unterredung mit Höppener und Dalin belauſcht hatte, Etwas davon erzählte, welcher wei⸗ tere Kummer! Aber was ſollte die Königin thun? Die Anweſenheit der Reichsräthe verhinderte ſie an Allem. Voll Unruhe preßte ſie die Hände zuſammen. Die Reichsräthe, welche dachten, Alles müſſe ſeine natürliche Löſung haben, ahnten, daß nur die Königin den Schlüſſel des Räthſels beſaß. Noch ſtrenger als bisher folgten ſie ihr alſo mit ihren Blicken. Bald entdeckten ſie auch ihre Unruhe und Aufregung, was ſie immer mehr in der Ueberzeugung beſtärkte, daß ihre Vermuthung richtig ſei. „Ich ſah den irrenden Blick des armen Mäd⸗ chens,“ ſagte der König;„es war ein Kind, das um Barmherzigkeit zu flehen ſchien. Was ſagen Sie, meine Herren? Könnte man nicht der Wache befeh⸗ len, ſie loszulaſſen?“ Palmſtjerna fürchtete, man könnte, wenn die An⸗ ſicht des Königs durchginge, möglicher Weiſe um eine wichtige Entdeckung kommen, die vielleicht den Schlüſſel zur einen oder andern von den Intriguen enthielte, welche dem Gerücht zufolge eben jetzt bei Hof ausgeheckt wurden: aber zugleich ſah er ein, daß man die Arreſtanten, wenn ſie im Schloß blie⸗ ‿ ——.—— „——— 139 ben, ohne alsbald verhört zu werden, leicht zu falſchen Angaben verleiten konnte. „Ich weiß,“ antwortete er daher,„Ew. Majeſtät Theilnahme für zwei ſicherlich ganz unſchuldige, ob⸗ ſchon in Angſt gejagte Perſonen vollkommen zu ſchätzen und wage es deßhalb anheimzuſtellen, ob... aber ich bitte Ew. Majeſtät, mir zu verzeihen, wenn mein Vorſchlag vielleicht etwas Unpaſſendes hat.. 25 „Laſſen Sie hören, Baron, ſprechen Sie ſich aus.“ „Ich wollte es Ew. Majeſtät anheimſtellen, ob man die Leute nicht vielleicht ſogleich hieher rufen ſollte, um durch eine aufrichtige Erzählung ihrer Abenteuer unſre allgemeine Neugierde zu befriedigen — gewiß iſt es nichts Anderes als ein Abenteuer — vielleicht zwei Liebende, die ſich verirrt haben.“ Glauben Sie, daß es angehe, Palmſtjerna?“ „Das kommt lediglich auf Ew. Majeſtät ſelbſt an.“ Ehrenpreutz näherte ſich Teſſin. „Gut geſprochen,“ flüſterte er,„vortrefflich!“ Die Königin glaubte ſich verloren. Aber ſie fühlte, daß die Aufmerkſamkeit der Räthe auf ihr ruhte, und wagte deshalb weder einen Schritt zu thun, noch ein Wort zu ſagen. Haben Sie die Güte, Creutz, und laſſen Sie die Leute vorführen. / Wir müſſen hier berichten, was Clara und Da⸗ niel zu dem unvorſichtigen und halsbrecheriſchen Schritt veranlaßte, den ſie thaten. Clara hatte von der Königin Befehl erhalten, ihre Rückkehr in die Bibliothek zu erwarten. Daniel 140 war unter dem Verſprechen, ſeine Schweſter wieder⸗ ſehen zu dürfen, dahin geführt worden. Schon im Vorſaal des Schloſſes kam ihm Alles düſter und geheimnißvoll vor. Als er in die Biblio⸗ thek trat, war es ihm, als wolle das große Zimmer ihn verſchlingen. Er meinte ſich auf allen Seiten von Schreckniſſen umgeben, deren Eindruck er nicht ab⸗ zuſchütteln vermochte. In dieſem Augenblick kam Clara ihm entgegengeſprungen und erzählte ihm ſo⸗ gleich die ganze Furcht, die ihre Lage ihr einflößte. „Du haſt mit der Königin geſprochen?“ fragte er mit einer Aeußerung der größten Verwunderung. „Wie Du ſiehſt, mit der Königin ſelbſt.“ So erſchrocken Clara war, ſo war ſie doch auch nicht ohne einige Eitelkeit. „Sie war ſo böſe, ſo böſe, Du kannſt's gar nicht glauben. Ach ja, Daniel— und dann die Reichs⸗ räthe, und der König... mein Gott... ich weiß gar nicht, was ich thun ſoll. Denk' nur, eine Un⸗ terſuchung, eine Unterſuchung. Sieh, Daniel, ich könnte gerade ſterben vor Angſt.“ Ungeachtet Daniel nicht wußte, was vorgefallen war, ſo war er doch bald ebenſo in Angſt gebracht, wie Clara. „Was ſprichſt Du denn da, um Gottes willen? Haſt Du Dich gegen den König oder die Königin oder die Reichsräthe vergangen? Was haſt Du Böſes gethan?“ Er trat jedoch ſchnell einen Schritt zurück. Seine Augenbrauen runzelten ſich, und er betrachtete ſeine Schweſter mit Entſetzen. „Clara,“ ſagte er,„Du haſt doch nicht...“ 141 „Ach ja, Daniel, aber ſei jetzt nur nicht auch böſe auf mich, juſt das habe ich.“ „Du haſt Dich in's Schloß geſchlichen... haſt zugegriffen... Doch nein, nein, das iſt unmöglich. Du kannſt nicht..“ Clara betrachtete jetzt ihren Bruder mit nicht geringerer Verwunderung. Daniels Bruſt hob ſich. Er wußte nicht, wie ihm war. „Zugegriffen?“ wiederholte Clara.„Bei was ſollte ich zugegriffen haben?“ „Beruhigen Sie ſich, Daniel,“ ſagte in dieſem Augenblicke eine Stimme hinter ihnen.„Clara hat nicht zugegriffen, aber die Sache kann jedenfalls ſehr ernſthaft werden.“ Als Clara und Daniel ſich umwandten, ſtand Amanda vor ihnen. Sobald Amanda ſah, daß die Königin abgerufen wurde, um bei dem Beſuch der Reichsräthe zugegen zu ſein, eröffnete ſich für ſie eine Gelegenheit, um ohne alle Furcht vor Ueberraſchung mit Clara ſpre⸗ chen zu können. Als Daniel in die Bibliothek geführt wurde, er⸗ kannte ſie auch ihn wieder. Sie hatte Clara hinter der Thüre des Marmor⸗ cabinets lauſchend zurückgelaſſen. Sollte wohl die Königin, fragte ſie ſich mit der größten Unruhe und Angſt, das Mädchen dort entdeckt haben? Unter allen Umſtänden mußte ſie zu erfahren ſuchen, wie ſie dran war, und ſie ſchlich ſich alſo vorſichtig in die Bibliothek. Die Sache war für ſie von der höchſten Wich⸗ 14⁴² tigkeit. Wir kennen zwar die geheimen Verhältniſſe noch nicht, worin ſie ſich befand; aber daß ſie nicht allein ſtand, ſondern von andern äußeren Banden abhängig war, ſchien vollkommen klar zu ſein. Wenn die Königin entdeckt hatte, daß Amanda durch falſche Vorſpiegelungen Clara veranlaßt, hinter der Thüre zu bleiben und zu lauſchen, ſo wurde ein für allemal ihr Mißtrauen rege gemacht; dies konnte zu weite⸗ rem Argwohn und zuletzt wohl gar zu Unterſuchun⸗ gen führen, die möglicher Weiſe ihre ganze Stellung veränderten. Amanda's Erſcheinung verſetzte Daniel in die größte Verwirrung. Er erkannte ſie zwar auf den erſten Blick als alte Freundin und Spielkamerädin wieder; aber wie ſehr hatte ſie ſich nicht verändert! Welche geſchmackvolle Kleidung, welche ſchöne Formen, welche Sicherheit in ihrer ganzen Haltung! Ein junges Gemüth kann für dergleichen Dinge nicht gleichgültig bleiben. Wie lebhaft erinnerte er ſich jetzt an ihr häufiges, angenehmes Beiſammenſein als Kinder! Amanda bemerkte den Eindruck, den ſie machte, ſehr wohl. Sie freute ſich darüber, es konnte immer⸗ hin etwas Gutes daraus erwachſen. „Nun, Herr Daniel,“ begann ſie mit einem Lä⸗ cheln, deſſen Deutung ſie ſeinem eigenen Gutdünken anheimſtellte, was ſagen Sie jetzt? Was meinen Sie, daß Clara thun ſolle? Dies iſt eine recht un⸗ angenehme Geſchichte.“ „Es iſt wahr... ja, ja... meine Schweſter A ... ja.. Auch Clara bemerkte die Verlegenheit ihres Bru⸗ 143 ders. Trotz aller Bekümmerniß ſtrahlte ein ſchalk⸗ hafter Blick aus ihren Augen. Daniel hatte ihr anvertraut, daß er liebe; er hatte ihr zwar nicht geſagt, wen? aber jetzt... jetzt war ihr Alles ganz klar. Wir haben geſehen, wie Daniel ſich einem Ge⸗ fühl hingab, das er ſich ſelbſt kaum zu geſtehen wagte. Wie eine Sternſchuppe war Fräulein Alma's Bild in ſein Herz herabgefallen und hatte es bald mit Schatten, bald mit Licht erfüllt. Es war eine Thorheit, aber eine ſo liebliche Thorheit, eine Thorheit vom Himmel, die in ſeiner Bruſt keinen andern Namen beſaß, als den Seufzer, der ſich darin hob. Eine Andere ſtand jetzt vor ihm. Welcher milde Zauber in ihrer Anmuth! Welcher Blitz von Schönheit! Die Kontraſte üben auch eine Gewalt auf uns aus. Wie licht war nicht die Eine, wie dunkel die Andere! Dort eine Morgenröthe, hier eine Mitter⸗ nacht. Amanda hatte Daniels Anſicht zuerſt zu hören gewünſcht. Sie fürchtete, Clara möchte ſie bereits bei ihrem Bruder verklagt haben. Sie wollte dies wiſſen, um ſich dann nach ihm zu richten. Aber da er ſtill blieb, ſo brach ſich ihre Unruhe einen andern Weg. 3 „Arme Clara,“ ſagte ſie,„wie mußt Du nicht erſchrocken ſein, als die Königin Dich entdeckte!“ Bei näherer Ueberlegung nahm ſie die Ent⸗ 144 deckung als eine handgreifliche Sache an, weil na⸗ türlich Daniel ſonſt nicht hätte gerufen werden können. „Ich habe vor lauter Angſt beinahe meinen Ver⸗ ſtand verloren,“ antwortete Clara, die jetzt ihren Bruder und alles Andere vergaß:— aber die Kö⸗ nigin war auch ſo ſchrecklich... Du kannſt Dir gar keinen Begriff davon machen.“ Amanda's Blick flog an Clara und Daniel vor⸗ bei. Sie wollte auf einmal ſehen, was in ihnen vorging. Daniel ſchüttelte ſich, wie wenn er ſich ſelbſt aus einem Traum wecken wollte. Clara war ein Kind, das nicht begriff, auf welchen Füßen es eigentlich ſtand, das aber ein Bedürfniß hatte, davon zu ſprechen. „Aber die Königin, die Königin,“ verſetzte Amanda;„um Gotteswillen, erzähle mir Alles. Ver⸗ giß Nichts... kein Wort.“ „Die Königin,— ſie.. Clara's augenſcheinliche Angſt machte auch Amanda zittern. „Sie... ſagſt Du... ſie... „Sie befahl mir hier zu bleiben und... ſie drohte mit einer ſtrengen Unterſuchung.“ Das war es, was Amanda fürchtete: aber je größer ihre Angſt, um ſo nothwendiger war es, daß ſie auf's Umſichtigſte zu Werke ging. Sie überdachte ihre Stellung einen Augenblick. Die Gefahr von Seiten der Königin war nur dann groß, wenn ſie von Daniel und Clara Etwas 4 145 zu fürchten hatte. Zu einer Unterſuchung durfte es nicht kommen— lieber alles Andere. Aber ſie hatte blos eine kurze Spanne Zeit vor ſich, und dies mußte benützt werden. Noch einmal betrachtete ſie Daniel und Clara, und ſie wurde ſich ihres Einfluſſes auf dieſe Gemüther immer mehr bewußt; gleichwohl war ſie des Erſteren nicht vollkommen ſicher, weil ſie noch nicht genau wußte, was Clara ihm anvertraut haben konnte. Ihr Blick war auf Daniel haften geblieben, und ſie ſenkte ihn mit einem wahrhaft verzaubernden Glanz tief in ſeine Bruſt hinab. „Um Clara iſt mir nicht bange,“ ſagte ſie,„ſie hat doch einen Bruder, der ihr helfen kann.“ Daniel fühlte ſich beinahe wie elektriſirt. „Ihr helfen kann!“ rief er und fuhr auf,„aber mein Gott,“ fügte er hinzu, während er mit ſeinen Augen gleichſam Amanda's ganzes Bild umfaßte, vich weiß ja noch nicht, was ſie gethan hat... ich weiß nicht...“ „Sie wiſſen nicht...“ Dieſes Bekenntniß war für Amanda immerhin erfreulich. Sie wünſchte Nichts mehr, als daß er gar Nichts wiſſen möchte. „Dann will ich Ihnen Alles ſagen,“ fuhr Amanda fort.„Hören Sie mich an. Die Königin hat Jeder⸗ mann ſtreng verboten, ohne ihre Erlaubniß dieſe Zimmer zu beſuchen.“ „Sie hat es verboten?“ „Wie ich ſage; aber jetzt waren die Königlichen fort, und da traf ich zufällig Clara, und da ſie ſo Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. I. 10 5 146 ſehr wünſchte, die Zimmer ſehen zu dürfen... es war doch ſo, Clara?“ „Ja gewiß, Amanda, ich wünſchte es ſehr, ſehr.“ Ich zeigte alſo Clara das Cabinet und die Toi⸗ lette der Königin, ihr Audienzzimmer und ihr Schlaf⸗ gemach, den Trabantenſaal und das Rathszimmer, und dies Alles war mir ſehr angenehm, weil ich ja einer alten Freundin ein Vergnügen bereitete... aber da kamen wir hieher... und kaum waren wir ein kleines Weilchen da geweſen, ſo hörten wir Tritte, und es blieb uns nichts Anderes übrig, als uns zu verſtecken... Clara weiß ſelbſt am aller⸗ beſten, wie langſam ich war, um ſie zu verbergen.“ „Du warſt recht artig und freundlich; Du dach⸗ teſt gar nicht an Dich ſelbſt. Aber da entdeckte mich die Königin.“ Daniel ſah bald die Eine, bald die Andere an. Er begriff weder was er ſagen, noch was er thun ſollte. „Du haſt der Königin natürlich geſagt, daß ich Dich hieher geführt habe?“ fuhr Amanda fort. Clara ſchlug ihre Augen nieder. Das ſtille, aber deutliche Geſtändniß war für Amanda genug. Ein bitteres Gefühl des Mißver⸗ gnügens ſchnitt ihr in's Herz, aber dennoch lächelten ihre Lippen. „Das war ganz recht von Dir, Clara; das kann Dich vielleicht einigermaßen entſchuldigen, weil ich doch immer das Recht habe zu gehen, wohin ich will. Indeſſen iſt es doch unangenehm, ſehr unangenehm.“ Ein gewiſſes Zittern in Amanda's Stimme zeugte 147 von ihrem Verdruß. Aber Daniel und Clara ach⸗ teten nicht darauf, ſondern hielten ſich blos an ihre letzten Worte, die ihren Kummer um die Freundin ausdrückten. In der Lage, worin Amanda ſich augenblicklich befand, hatte ſie blos jetzt vergeſſen, Clara auszu⸗ fragen, was ſie von der Unterredung zwiſchen der Königin, Dalin und Höppener hinter der Thüre gehört habe. Jetzt erinnerte ſie ſich auf einmal daran.: „Ihr dürft mir glauben,“ ſagte ſie zu den Ge⸗ ſchwiſtern,„daß Ihr in mir eine wirkliche Freundin beſitzet.“ Während ſie ſo ſprach, legte ſie ihre Hand auf Daniels Schulter. „Mein Gott, ja, ja,“ wiederholte Amanda,„es iſt ſehr, ſehr unangenehm.“ Daniel und Clara verwandten ihre Augen nicht von ihr. „Erkläre Dich, ſag' Alles, wir ſind auf Alles gefaßt.“ „Um Gottes Willen, Mamſell Amanda,“ bat Daniel,„ſagen Sie uns Alles. Ich fange an zu verſtehen, obſchon...“ „Bedenket eine Unterſuchung... den Zorn der Königin... das Mißvergnügen des Königs. wißt ihr, wohin die Königin von hier aus gegan⸗ gen iſt?“ „Nein, nein.“ „Zum König.“ „O mein Gott!“ „Das iſt noch nicht Alles.“ 148 „Noch nicht Alles?“ „Drei Reichsräthe ſind ſo eben angekommen.“ „Drei?“ „Graf Teſſin, Baron Palmſtjerna und Ehren⸗ preutz. Die Königin ſagte Dir doch von einer ſchreck⸗ lichen Unterſuchung?“ „Ja, ja.“ 3 „Laß mich einmal nachdenken. Gibt's denn kein Mittel zur Rettung? Da fällt mir Etwas ein. Sage mir, Clara, hörteſt Du, was die Königin mit den zwei Herren ſprach, die bei ihr in der Bibliothek waren?... Wenn Du mir Etwas ſagen kannſt... nur ganz wenig... ſo glaube ich...“ „Was die Königin ſprach? Nein, nein... das iſt rein unmöglich. Ich hörte kaum ein einziges Wort. Es ſummte blos vor meinen Ohren.“ Daniel hatte jetzt Etwas gehört, was auch er begriff. „Keine Dummheiten jetzt, Schweſter. Du mußt Dich doch wohl an irgend Etwas erinnern. Wenn Mamſell Amanda ſo freundlich iſt, Dir aus dieſer Widerwärtigkeit helfen zu wollen, ſo mußt Du doch auch Etwas thun.“ „Bedenke, Clara, daß dein Bruder jetzt auch von der Königin hieher berufen worden iſt. Du mußt doch einſehen, daß ſie dieß nicht gethan hätte, wenn ſie ihn nicht...“ „Wenn ſie ihn nicht...“ „Für einen Mitſchuldigen hielte. Denke wohl nach... wenn Du mir auch nur das Geringſte ſagen kannſt...“ „Still,“ unterbrach ſie Clara.„ZJetzt fällt mir ——„— S S— — —90 8 2Sℳ 149 Etwas ein. Die Königin ſprach von den Ständen des Reichs und von den Reichsräthen...“ „Da ſiehſt Du.“ „Einer der Herren verlas eine Schrift, die ſie ihm übergab.“ Clara ſammelte alle ihre Gedanken. Es handelte ſich ja um Beſchaffung eines Mittels, das ihr aus dieſer Verlegenheit helfen ſollte. „Eine Schrift... eine... „Eine Anklageſchrift... ſo nannte ſie’s... gegen die Reichsräthe. Ja, ſo war es wirklich. Die Schrift ſollte den Ständen eingereicht werden. Jetzt erinnere ich mich wieder.“ „Sie griff die Reichsräthe an,“ fuhr Amanda fort,„ſie tadelte ſie, ſprach davon ſie abzuſetzen, ſie... „Ja, ja.“ Amanda konnte ihre Freude nicht verhalten. Der Eifer, den ſie zeigte, war eine Abſpiegelung dieſer Freude. Da ſie Höppeners und Dalins Geſinnun⸗ gen kannte, ſo vermuthete ſie allerlei, vielleicht weit mehr, als die Schrift wirklich enthielt. Aber ihre Lebhaftigkeit verlor ſich ſchnell wieder. Jetzt erhob ſich nämlich auf's Neue die Frage, wie ſie Clara und Daniel ſo ſchnell als möglich, jedenfalls vor der Rückkehr der Königin, fortſchaffen könnte. Daniel hatte auf jedes Wort genau Acht gege⸗ ben. Amanda's Theilnahme flößte ihm das größte Vertrauen ein. Er erblickte in ihrer Unruhe nichts Anderes als das lebhafteſte Intereſſe für ihre Freunde. Aber auch er ſann jetzt nur noch auf ein 4 150 Mittel, um wegkommen zu können, bevor die Königin zurückkehrte. „Hören Sie, Mamſell Amanda,“ bemerkte er, „wäre es nicht das Allerbeſte, wenn wir, da doch die Thüre offen ſteht und die Königin oben iſt, ganz einfach unſeres Wegs gingen?“ Amanda war zu ſehr an Schleichwege und kleine Intriguen gewöhnt, als daß ſie daran gedacht hätte; aber wenn ſie im erſten Augenblick auch ihre Freude an dem Vorſchlag hatte, ſo verwarf ſie ihn doch nach einer Weile. „Das taugt nicht,“ ſagte ſie,„draußen ſtehen überall Wachen; nein, nein, man könnte vielleicht Verdacht gegen euch ſchöpfen; nein, nein!“ Amanda fürchtete, ſich ſelbſt bloszuſtellen. Sie überlegte einen Augenblick. „Sage mir, Clara,“ fiel ſie haſtig ein,„fragte die Königin, wo Du ſeieſt?“ „Das hat ſie nicht gethan. Nein!“ Auch das war für Amanda ein kleiner Sonnen⸗ ſchein am Saum einer finſtern Wolke. Nichtsdeſto⸗ weniger konnte ſie zu keinem Entſchluß kommen. „Das Beſte iſt,“ ſagte ſie endlich,„wenn ich ſogleich zur Königin gehe und mit ihr ſpreche. Er⸗ wartet mich da, ich komme bald zurück.“ Damit entfernte ſie ſich. Es verging eine Vier⸗ telſtunde, eine halbe Stunde, eine Stunde, und Amanda kam nicht wieder zum Vorſchein. Daniel und Clara ihrerſeits wurden mit jedem Augenblick unruhiger. Selbſt ohne alle Welterfahrung, zumal ohne alle Kenntniß vom Hof, ſeinen Gewohnheiten und Ge⸗ 151 bräuchen, glaubten ſich die Geſchwiſter von einer großen Gefahr bedroht, zumal da Amanda es ihnen geſagt hatte, Amanda, an deren Freundſchaft ſie ſo wenig zweifeln konnten, als an ihrer Aufrichtigkeit. Daniel war übrigens in Folge der Ereigniſſe des Tags nicht minder verwirrt als Clara. Beide waren aus ihrer gewöhnlichen Lage gekommen, und es fehlte ihnen an einem Maßſtab für die Beurtheilung dieſer neuen Verhältniſſe. Wenn ſie auch gezweifelt hätten, ſo wären ſie damit noch nicht weiter gekommen. Amanda's Ausbleiben war indeß kein vorſätz⸗ liches, ſondern machte ihr ſelbſt ebenſo viel, wo nicht noch mehr Kummer als den Andern. Statt ſich zur Königin zu begeben, eilte ſie auf ihr eigenes Zimmer. Dort finden wir ſie, wie von Kopfweh geplagt, auf und ab gehen. Der Argwohn der Königin war mit Recht er⸗ wacht, als ſie Clara an der Thüre lauſchend fand, und ſie bebte vor dieſem Argwohn. Amanda war darüber im Klaren, daß Daniel und Clara fortgeſchafft werden mußten, aber ſie wußte nicht, wie ſie es anſtellen ſollte. Allerdings wußte die Königin bereits, daß Amanda das Mädchen in die Bibliothek geführt hatte; aber war nur Clara einmal verſchwunden, ſo hoffte Aman⸗ da allein ſich ſchon ausreden zu können. Wenn es möglich wurde, gleichſam einen kleinen Schatten auf die Art zu werfen, wie Clara ſich ent⸗ fernte, ſo konnte dies für Amanda immerhin einiger⸗ maßen nützlich werden. So verging denn eine Viertelſtunde um die an⸗ dere. Endlich klärte ſich ihr Geſicht auf. Sie be⸗ 15² gab ſich eilig hinab. Vorſichtig unterſuchte ſie den Garten, beobachtete, wie die Poſten ſtanden, und fand, daß eines der Fenſter unbewacht war. Sie war alſo jetzt ihrer Sache gewiß und kehrte daher zu ihren Freunden zurück. „Ihr müßt fliehen,“ rief ſie gleich beim Eintritt. „Es gibt keine andere Hilfe. Ich habe mit der Kö⸗ nigin geſprochen. Sie iſt ſchrecklich aufgebracht. Ihr ſeid verloren, wenn ihr nicht fliehet... jetzt ſogleich .. im Augenblick... fliehet, fliehet!“ Clara erblaßte. Daniel ſprang von ſeinem Platze auf. „Fliehen?“ wiederholte er.„Ich fliehe nicht. Warum ſollte ich fliehen?“ Eine Flucht verletzte ſein Gefühl als Mann. „Ihrer Schweſter zu lieb.“ Seine Arme ſanken. „Mir zu lieb,“ fügte Amanda hinzu,„ich bitte Sie darum.“ „Sie wollen es?“ „Das Fenſter hier iſt nicht gar zu hoch vom Boden. Ich gehe in den Park hinab. Bemerke ich, daß Niemand um den Weg iſt, ſo winke ich mit mei⸗ nem Nastuch. Sie öffnen das Fenſter, ſpringen hinab und helfen dann Ihrer Schweſter. Dies alles iſt im Nu geſchehen. Und ſeid ihr einmal unten, ſo könnt ihr gehen, wohin ihr wollt.“ Es kam Daniel hart an, ſich dazu zu ver⸗ ſtehen; aber die Gefahr ſeiner Schweſter und Aman⸗ da’s Bitten brachten alle ſeine Bedenklichkeiten zum Schweigen. Aus dem Vorhergehenden wiſſen wir, daß die ——,——„—— — X₰+&σQðʒl 1 SSͤe—— 153 Flüchtlinge in demſelben Augenblick verhaftet wur⸗ den, wo ſie ſich außer aller Gefahr glaubten. Amanda ſah ihre Verzweiflung, als die Wache ſie feſtnahm, aber ſie konnte ihnen nicht helfen. Gleichwohl folgte ſie aus der Ferne. Als Graf Creutz zum erſten Mal hinabkam, erkannte er Daniel ſo⸗ gleich. „Zum Henker, Schedvin,“ ſagte er,„Du biſt verhaftet?“ Creutz hatte Daniel oft vor ſeinem Hauſe in der Hauptſtadt geſehen, an welchem der Jüngling ſo häufig als möglich vorbeiging, weil er in den Fen⸗ ſtern hie und da die Schweſter des Grafen, Fräu⸗ lein Alma, zu ſchauen bekam. Als ein ächter Sol⸗ datenfreund hatte Creutz auch mit Wohlgefallen Da⸗ niels vielverſprechende militäriſche Figur bemerkt und ſchon zu wiederholten Malen mit ihm darüber ge⸗ ſprochen. Beim Anblick des Grafen kam Daniel noch mehr in Verlegenheit. Der arme Sünder wußte in ſeiner Verwirrung wirklich nicht, was er antwortete. Aber Graf Creutz kam zum zweiten Mal und brachte den Gefangenen den Befehl, ihm zu folgen. Daniel hatte jetzt wie⸗ der Muth gefaßt. Er fürchtete zwar den Zorn des Königs und der Königin, aber er hatte ja doch kein Verbrechen begangen, ſondern nur eine Dummheit. Nur das Lächerliche in ſeiner Lage verdroß ihn. Der Gedanke, daß er vor den König und den Hof zu treten habe, brach ſich auf eine wunderbare Art durch ſein ganzes Weſen. Einen Augenblick wim⸗ melte es vor ſeinen Augen, aber bald ſchoß ein hel⸗ ler Strahl aus ihnen hervor. Er ſchämte ſich, daß 154 er fliehen gewollt; aber als er einen Blick auf ſeine Kleider warf, ſchämte er ſich beinahe noch mehr. Der Augenblick macht den Gedanken, der Gedanke macht den Mann. Er konnte ſich nur durch einen kühnen Schritt aus ſeiner Angſt retten. Was früher nur eine flüchtige Phantaſie für ihn geweſen, wurde jetzt eine Nothwendigkeit. Die Hoffnung ſtand bei ihm in keiner Verbindung mit der Erinnerung; aber ſie ſchlug auf einmal ihr Auge auf und blickte über die Gegenwart hinweg in die Zukunft. „Herr Graf,“ ſagte Daniel,„Sie könnten mi⸗ einen großen Dienſt erweiſen.“ „Wie ſo?“ „Sie ſollen mich ja doch vor den König ſelbſt führen?“ „Du haſt's gehört.“ „Alle Könige, Herr Graf, haben doch die Sol⸗ daten lieb?“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Sie wiſſen, wer ich bin, Herr Graf; Sie wiſ⸗ ſen, daß ich, wenn auch in vielen Stücken ein armer Narr und Phantaſt— was Sie wollen— dennoch kein Verbrecher bin. Ich habe hier eine Dummheit begangen, das iſt Alles, eine Dummheit, die ich ehrlich bekennen und erklären werde; aber machen Sie mich zum Soldaten, Herr Graf, damit ich als ein rechter Kerl und nicht ſo jämmerlich vor dem König ſtehen kann. Sie haben mir ſchon mehrmals einen Platz angeboten... nehmen Sie mich jetzt... ich ſchwöre, daß ich ein braver Soldat werden will .. nicht wahr, Sie nehmen mich an?“ Daniel hatte ſich aufgerichtet— er war ein —2— & 75- ng —— 8 2 ſt 15⁵ ſtattlicher Junge, ein guter Soldatenſtoff. Muth und Entſchloſſenheit leuchteten aus ſeinen Augen. Daniel ſah ein, daß er ſich wie ein Stümper benommen hatte und keinen Augenblick verlieren durfte, um ſeine Dummheit wieder gut zu machen. Creutz fand den Vorſchlag auch gut. „Es bleibt dabei,“ ſagte er. „Noch eine Bitte, han Graf,“ fuhr Daniel fort. „Laſſen Sie mich auf die Hauptwache gehen; es findet ſich immer eine Uniform vor, oder iſt wenig⸗ ſtens Einer auf der Wache, deſſen Uniform mir paßt. Sie könnten mir erlauben, ſie anzuziehen. Ich ſchäme mich, in dieſem Aufzug da vor den König zu treten. Was ſagen Sie, Herr Graf? Ich will treu ſein wie ein Hund, das ſchwöre ich, wenn nur Sie, Herr Graf...“ . Es lag in ſeinem Verlangen eben ſo viel Ehrge⸗ fühl als Redlichkeit und Aufrichtigkeit. „Nun ſo ſpute Dich,“ antwortete Creutz;„ich will mit dem Wachtcommandanten ſprechen.“ Die Sache war ſchnell abgemacht, und nach we⸗ nigen Minuten kam Daniel in Leibgardeuniform aus der Wachtſtube. Clara ſchlug die Hände zuſammen. Daniel war ein recht ſchmucker Soldat. Auch war ſein Gang jetzt rüſtiger, ſein Ausſehen entſchloſſener. Der Sol⸗ datenkittel erfriſcht den Muth eines jungen Mannes. Amanda hatte den Befehl gehört, daß Daniel und Clara auf's Schloß geführt werden ſollten. Bange um den Ausgang der Sache, ſchlich ſie hintennach. 156 Vom Augenblick an, wo der König dem Grafen Creutz befohlen hatte, die Gefangenen heraufzufüh⸗ ren, bis zur Ankunft derſelben herrſchte tiefe Stille im Saal. Die Anweſenheit der Reichsräthe feſſelte alle Zungen. Die Blicke des Königs und der Königin begeg⸗ neten ſich nur ein einziges Mal, aber der Erſtere ſchloß gleichwohl aus der betretenen Miene ſeiner Gemahlin, daß ſie vielleicht eine Unvorſichtigkeit be⸗ gangen habe, und dieſe Vermuthung gab auch ihm ſelbſt etwas Gezwungenes. Jeder Hof ſpürt in der Luft, wie es den Herr⸗ ſchern zu Muthe iſt; aber im gegebenen Fall verſie⸗ gelten Neugierde, Ungewißheit und Furcht alle Lippen. Die Aufmerkſamkeit der Reichsräthe flog über Allen hin, wie ein Adler, Auge und Schnabel auf Raub geſpannt, in den Wolken fliegt. Endlich traten Clara und Daniel ein. Die Aufregung ihrer unerfahrenen Gemüther, als ſie ſich ſo plötzlich vor dem Könige ſahen, wäre ſchwer zu beſchreiben. Clara war ſo blaß, als hätte nie eine Roſe ihren lieblichen Kelch auf ihren Wangen erſchloſſen. Kaum noch ſo einnehmend, ſo kindlich und natür⸗ lich, glich ſie jetzt einem Schatten, obſchon dem Schat⸗ ten einer Blume. Daniel dagegen beſaß eine Haltung, welche an⸗ kündete, daß er auf einmal ein Mann geworden. Sein regelloſes, unklares und überſpanntes Weſen ſchien wie in einer Form zu ruhigem Bewußtſein, klugem Vertrauen und praktiſcher Einfachheit umge⸗ goſſen worden zu ſein. Der wahre militäriſche Geiſt⸗ 157 iſt angeboren. Es bedarf blos eines großen Augen⸗ blicks in unſerem Leben, um ihn zu entwickeln und uns ſeiner bewußt zu machen. Daniel war jetzt auch feſt entſchloſſen, ohne alles weitere Bedenken die Verhältniſſe ſo aufzuklären, wie er ſie ſelbſt kannte. Der Eindruck, welchen die Geſchwiſter machten, war ein guter und angenehmer. Daniels rüſtiges und offenes Ausſehen ließ ihm ebenſo natürlich, wie ſeiner Schweſter ihre verſchämte Schüchternheit. Aber die geſpannte Stimmung, die am Hof vorherrſchte, lähmte ſogar die Zunge des Königs. „Erlauben Ew. Majeſtät,“ begann Palmſtjerna, als der König ſtumm blieb,„daß ich einige Fragen an die Leute richte?“ „Haben Sie die Güte, Palmſtjerna.“ Die Königin ſtand im Begriff ſich zu entfernen, um einem ſo peinlichen Akt, wie ſie jetzt erwartete, nicht anwohnen zu müſſen. „Erzählen Sie uns,“ begann Palmſtjerna gegen Daniel,„was Sie hier gethan haben, wie Sie hie⸗ her gekommen ſind, und warum Sie ſich zum Fenſter hinaus entfernen wollten? Seien Sie aufrichtig und ſprechen Sie die Wahrheit.“ „Ich will die Wahrheit ſprechen,“ antwortete Daniel;„ja wohl, ich habe noch nie gelogen. Ich für meinen Theil ſaß auf dem Quai unten auf einer Bank, als ein Bote kam und mir befahl, ihm in's Schloß zu folgen.“ Die Königin hatte ſeit Daniels erſtem Auftreten ihre Aufmerkſamkeit nicht von ihm abwenden können; als ſie jetzt ſeine Stimme hörte, ſchien ſich ihr In⸗ tereſſe noch zu erhöhen. „ 158 „Der Bote,“ fuhr Daniel fort,„ſagte mir, ich würde im Schloß meine Schweſter wiederſehen.“ Palmſtjerna wurde durch dieſe Antwort in ſeiner Vermuthung eines heimlichen Verhältniſſes noch mehr beſtärkt, und hoffte das Räthſel bald gelöst zu ſehen. „Gut, mein Freund,“ fuhr er alſo fort,„aber aus welcher Veranlaſſung befand ſich Deine Schwe⸗ ſter hier im Schloſſe?“ „Sie wurde gegen ihren Willen zurückgehalten.“ „Gegen ihren Willen? Was meinſt Du damit?“ „Nichts Anderes als was ich ſage. Meine Schweſter kann darüber ſelbſt die beſte Auskunft er⸗ theilen.“ Aller Augen wandten ſich jetzt gegen Clara. Sie fühlte ſich vernichtet, der Kreis um ſie her beſaß allzu viel Hoheit und Glanz; ſie wagte nicht einmal aufzuſchauen. Die Königin konnte jedoch nicht länger in ihrem Schweigen verharren. Sie war zu ſtolz, um nicht offen vorzutreten. Ihre Seele war unter einem gol⸗ denen Diadem geboren, und ſie verleugnete ihre Geburt niemals. Ungeachtet Daniel die Uniform der Leibgarde trug, hatte ſie ihn bereits wieder erkannt. Aber auch der Kronprinz hatte ihn nicht minder aufmerkſam betrachtet, als die Königin. „Ach Mutter,“ rief er, indem er zu Daniel vor⸗ ſprang und ſeine Hand ergriff,„das iſt der Mann, der mich vorhin drunten im Park rettete. Komm heran, komm heran... und er zog Daniel mit ſich ... der König wird Dir auch danken.“ Der Ruf des Prinzen verurſachte eine neue Ueber⸗ ————— — ——O—— — A 159 raſchung, die zu neuen Erklärungen führte. Wer beſchreibt die Verwunderung Daniels, als er in dem Jungen, den er vom Baume herabgeholt, den Kron⸗ prinzen, und in der Dame, deren Dankſagungen er empfangen hatte, keine geringere Perſon als die Königin ſelbſt ſah. Es war, als ſei ein Sonnenſchein über das Ge⸗ mälde gefallen, als ſei ein klarer Tag zwiſchen einer Gruppe von dunkeln Geſtalten vorgebrochen, als ſei ein Stern mit ſeinem Glanz unter Wolken durchge⸗ drungen. Aber die Reichsräthe wollten den Leitfaden, den ſie einmal in ihre Hand bekommen hatten, nicht los⸗ laſſen. „Erkläre uns,“ ſagte Palmſtjerna zu Clara,„wie Du in die Bibliothek eingeſperrt werden konnteſt.“ „Eingeſperrt,“ fiel jetzt die Königin ein,„iſt ein unrichtiger Ausdruck. Bei einem Beſuch in der Bibliothek fand ich ſie dort, und ſie konnte ſich nicht genügend ausreden. Ich befahl ihr deßhalb, meine Rückkehr abzuwarten, während ich nach ihrem Bru⸗ der ſchickte, der ſie auf dem Quai erwartete. Das verwickelte Verhältniß löste ſich auf, wie eine ſeidene Pupe unter einer leichten und geübten Frauenzimmerhand. Amanda, welche bemerkte, daß der Wind von einer andern Seite zu blaſen anfing, hielt es für's Rathſamſte keinen Augenblick zu verlieren. „Ach, Ew. Majeſtät,“ ſagte ſie bittend, indem ſie vortrat,„ich war es, die, während Ew. Majeſtät im Park ſpazieren gingen, Clara die königlichen Ge⸗ mächer zeigte; aber als Ew. Majeſtät zurückkamen 160 und ganz unerwartet in die Bibliothek traten, da er⸗ ſchrack ich dermaßen, daß ich, ohne an Etwas zu denken, fortſprang und ſie allein ließ. Clara beſtätigte dies, indem ſie leiſe einen Dank flüſterte. „Aber die Flucht,“ bemerkte Pa imſtjerna,„die Flucht?“ „Da ich das Mißvergnügen der Königin fürch⸗ tete,“ antwortete Amanda,„ſah ich kein anderes Rettungsmittel, als daß ich ſie zur Flucht äufforderte.“ Amanda war zu klug, um jetzt nicht Alles auf ſich zu nehmen. Palmſtjerna zog ſich zurück. Die Reichsräthe fan⸗ den, daß ſie auch dieſes Spiel verloren hatten. „Gnade, Ew. Majeſtät!“ bat Amanda,„Gnade!“ Amanda's Erklärung hatte nicht wenig zur Ver⸗ einfachung und Abkürzung der ganzen Frage beige⸗ tragen. Damit zufrieden reichte ihr die Königin ihre Hand zum Kuß. Nachdem die Reichsräthe ſich überzeugt hatten, daß hier Nichts mehr zu machen war, entfernten ſie ſich. Als ihre Wägen fortrollten, athmeten der König und die Königin leichter. Es war Beiden zu Muth, als ſei eine Gewitterwolke vom Himmel verſchwunden. Fünftes Kapitel. Der Landrichter Erich Wrangel. Es war Abend. Die Sonne warf ihren letzten Abſchiedsblick über die Erde und verſank unter den Wolken. Die Schatten, die freundlichen Brautfüh⸗ rer der Nacht, ſchwehten in luftigen Mänteln über Feld und Thal. Die Natur, in deren Bauſt nicht daſſelbe un rubige Herz klopft, wie in der meſchlichen, bereitete ſich zur Ruhe. Die Vögel zwitſcher en nicht mehr, und der Wind regte ſeine Flügel ni In der Dämmerung ſieht man reitende Perſ o⸗ nen auf dem Weg von Drottningholm nach der Haupatiad. Die Pferdehufe erdröhnten in dieſem Augenblick auf der Traneberger Brücke. Den Uebrigen etwas voran, ſaß auf einem kohl⸗ ſchwarzen feurigen Renner eine ſchlanke Dame. Das Reitkleid umſchwebte leicht und anmuthig ihre edlen, inen Formen, während das ſchwarze Sammtbarett auf ihrem Kopf einen Schwall von weichen, blonden Locken feſ hielt. Zu ihren beiden Seiten zügelten zwei Leibtra⸗ banten ihre muthigen Pferde. Die gelben Reiter⸗ kollette waren von blauen, weiten Mänteln bedeckt, die halb flatterten, nicht weil ein Wind ging, ſon⸗ dern weil man große Eile hatte Zuletzt kam ein Läufer. „Ich verſtehe mich nicht auf das, was Du da ſagſt, Wallenſtjerna,“ antwortete der eine Leibtra⸗ bant auf eine vorhergegangene Aeußerung;„meine ganze Politik liegt in meiner guten Klinge; ich für meinen Theil bin der Anſicht, daß die Welt zu viel ſchwatze und zu wenig handle.“ „Viel Schwatzen, Hermelin, iſt meine Sache auch nicht,“ erwiederte Wallenſtjerna;„aber da jetzt Alles Ridderſtad, Lniſe ulriken'’s Hof. I. 11 —, 162 ſchwatzt und die Welt mit eitel Phraſen regiert wird, ſo will ich auch mein Wort drein reden.“ „Ich habe Dir tauſendmal geſagt, daß dies noch Dein Unglück wird. Du weißt Dein Pferd beſſer zu zügeln, als Deine Zunge, Wallenſtjerna. Glaube mir, Du taugſt nicht zum Wortklauber, dazu haſt Du zu viel Feuer im Leib.“ „Dein Schweigen iſt keinen Heller werth, Her⸗ melin. Wenn's drauf und dran kommt, wirſt Du eben ſo wenig ſchweigen können, als ein Anderer. Gilt es einmal, ſo bin ich überzeugt, daß wir weder im Handeln noch im Reden die Letzten ſein werden.“ „Apropos Handeln, wie gefiel Dir Puke? Ein wackerer Geſell...“ Die Blicke vorwärts gerichtet, ſchien die Reiterin an nichts Anderes als an möglichſte Eile zu denken. Derſelbe einzige Wunſch ſchien auch ihren edlen Springer zu beleben, der ſie windſchnell voran⸗ trug. Beide waren wie zuſammengewachſen, denn die Bewegung der Einen ſchmiegte ſich mit ſo vollende⸗ ter Anmuth der Bewegung des Andern an, daß ſelbſt das feinſte Auge keine Ungleichheit zu ent⸗ decken vermochte. Die Dame hatte keinen Theil am Geſpräch ge⸗ nommen und ſchien ihm nicht die mindeſte Aufmerk⸗ ſamkeit zu widmen. Aber als Puke's Name genannt wurde, that ſich eine plötzliche Veränderung bei ihr kund. Im erſten Augenblick richtete ſie ihren Kopf empor, als beabſichtige ſie dem Geſpräch zu lau⸗ ſchen. Aber bald nahm ſie ihre frühere Haltung wieder an, drückte ihre Ferſen leicht an die Seite 163 des Pferdes, überließ ihm die Zügel frei und eilte noch raſcher vorwärts. „Wir haben keine Zeit zu verlieren, meine Herren,“ erklärte ſie;„laſſen Sie uns eilen.“ Ohne weitere Worte zu wechſeln, ritten die Krie⸗ ger noch ſchärfer zu, und bald paſſirte man den Zollbaum an Kungsholm. Die Dämmerung hatte inzwiſchen zugenommen, und es war beinahe ganz dunkel geworden, als man nach Kungsholm kam. Auf der alten Brücke von Kungsholm angelangt, hielt die Dame auf einmal die Zügel an. „Hier, meine Herren,“ ſagte ſie,„ſcheiden ſich mehrere Wege. Jedes von uns hat ſeinen beſon⸗ deren Auftrag und muß alſo auf ſeinem Platze ſein. Bedarf ich Ihrer, ſo finde ich Sie...“ „Auf der holländiſchen Düne, in der Oeſter⸗ langſtraße.“ „SOder bei Frau Hoffmann zur Perle in der Weſterlangſtraße.“ „Hören Sie, Ernſt,“ rief die Dame dem Läufer zu,„Sie kommen mit mir.“ Der Läufer war kein Anderer, als der ſpäter ſo bekannt gewordene Ernſt Anton Angel. Die Leibtrabanten bogen bei der erſten Gaſſe rechts ab, und verſchwanden im Dunkel. Die Dame dagegen ritt gerade aus und bog endlich in die Drottninggata(Königinſtraße) ein. Der Gang der Ereigniſſe führt uns zu einer andern Scene. 3 Wir befinden uns in einem großen Zimmer mit 164 Seitenthüren rechts und links. Die einfachen Möbel ſchließen alle Verſchwendung aus und zeugen nur von ſchlichtem Ordnungsſinn. Zuoberſt im Zimmer ſteht ein Schreibtiſch, bedeckt mit Akten und Schreib⸗ materialien. Um die Wände her erheben ſich meh⸗ rere Bücherſchränke. Auf den kleinen Tiſchen an den Fenſtern liegen Broſchüren und Zeitungen unter einander. Im großen Kamin lodert ein praſſelndes Abendfeuer. „Es iſt ein großes Unglück für ein Land, wenn die Korruption alle Selbſtändigkeit untergräbt. Da⸗ durch geht alle feſte Grundlage für eine geſunde Politik verloren. Man befindet ſich gleichſam in einer Art von Chaos, wo Verſtand und Wiſſenſchaft noch immer vergebens ihre Kräfte aufbieten, um die verborgenen Naturgeſetze kennen zu lernen.“ Der Sprecher war ein Mann in ſeinen kräftig⸗ ſten Jahren. Trotz des dicken Puders, der nach da⸗ maligem Brauch ſein in einen langen Zopf zuſam⸗ mengedrehtes Haar bedeckte, konnte man bemerken, daß es ſeine urſprüngliche Farbe zu verlieren und in ein eigenthümliches Grau zu ſchillern anfing. Die Jahre waren indeß nicht Schuld daran. Bei man⸗ chen Naturen iſt es ein inneres Feuer, das nicht blos die friſche Farbe, ſondern auch das Haar er⸗ bleichen macht. Am Rand des Veſuv erſtirbt alle Vegetation. Bei einem feurigen und thätigen Geiſt muß ſein Leben nicht nach der Zahl der Jahre, ſon⸗ dern nach Gedanken und Gefühlen berechnet werden. Solche Augenblicke ſind jedoch gewöhnlich nur Cha⸗ rakteren vorbehalten, die von der Vorſehung reich⸗ lich ausgeſtattet worden. Die Gedanken müſſen hoch 165 und kühn fliegen, um mitten im Sommer des Lebens die Schneeregion zu erreichen. Der Sprecher ging auf und ab, während er ſei⸗ nen Ideen Luft gab. Die markirten Geſichtszüge verkündeten das Selbſt⸗ vertrauen, das kühne, weitverzweigte Pläne und Unternehmungen eingeben, obſchon die etwas gerun⸗ zelte Stirne beinahe einer Wolke glich, die über den ganzen Mann ein gewiſſes Dunkel der Unerklärlich⸗ keit bereitete. Das Muskelſpiel des Geſichts, das mitunter heftige Gerolle des Auges, wie auch die veränderliche, bald haſtige, bald langſame Bewegung in ſeinem Gang deuteten auf ungewöhnliche Lebhaf⸗ tigkeit und Unruhe. So viel von der äußeren Erſcheinung des Land⸗ richters von Gottland, Barons Erich Wrangel. Ein einflußreicher und hochgeſchätzter Günſtling der Königin Luiſe Ulrike, hatte er alle Fäden ihrer politiſchen Intriguen in ſeiner Hand. In der Mützen⸗ partei ſpielte er eine der bedeutendſten Rollen. Feind⸗ ſelig gegen die Ariſtokratie, welche von den Räthen vertreten wurde, kämpfte er mit Wort und Schrift für eine Veränderung, die darauf ausging, dem Thron eine größere Macht einzuräumen. Nicht ſon⸗ derlich ſkrupulös in ſeinen Mitteln, wußte er einen Stoß nicht blos zu pariren, ſondern auch zu ver⸗ ſetzen. Schlau und abgeſchliffen, ſpielte er ſeine Trümpfe nicht auf einmal aus. Ein Plan war bei ihm häufig nicht blos ein Deckmantel, hinter welchem ein anderer ſich barg. Beleſen und geiſtreich, wurde für ſeine Gegner gefährlich. Seine Reſourcen vermehrten ſich in demſelben Maß, wie ſie in An⸗ 3 1 166 ſpruch genommen wurden. Bei all ſeiner eigenen Kraft und Macht war das Material, das er bear⸗ beitete, noch nicht zu einem großen Reſultate reif, und er mußte äußere Hilfsmittel ſuchen, die dem Zweck meiſt entſprachen. „Die Korruption,“ fuhr Wrangel fort, indem er fortwährend im Zimmer auf und ab ging,„löst alle Bande der Geſellſchaft auf. Ueberall, wohin man die Hand nach einem Ariadnefaden ausſtreckt, ver⸗ flüchtigt er ſich wie Staub. Wer kann ſagen, auf was man ſich verlaſſen darf oder nicht! Geſetze und V Verfaſſungen, Verſprechungen, Treue und Ehre ſind Handelswaaren, die dem Meiſtbietenden zufallen. Aber nicht die Korruption allein iſt es, was die gegenwärtige Lage des Landes ſo unglücklich macht, ſo unheilvoll für nationale Entwicklung, Patriotis⸗ mus und Volksfreiheit, die Art und Weiſe, wie die regierenden Herren die Regierungsform ſelbſt auf⸗ faſſen und auslegen, bildet eine noch weit ſchreckli⸗ chere Tyrannei. Wenn, ſagt man, die Menge bei Anordnung des Staats ihren gewählten Vertretern das Recht und die Macht übertragen hat, die Re⸗ gierungsweiſe feſtzuſetzen, ſo hat ſich, behauptet man, dieſe Menge auch einer bleibenden Verpflichtung gegenüber dem feſtgeſtellten Geſetz unterworfen, und dieſe Verpflichtung können nur diejenigen ändern, welche die Macht beſeſſen haben, ſie zuallererſt ein⸗ zuführen und zu verordnen. Dieſer Grundſatz, wel⸗ chen man das Reichstagsrecht nennt, macht die innerſte Triebfeder des Staats gänzlich unwirkſam. Predigt man ferner, wie dies bei uns geſchieht, daß die Menge bei der Wahl ihrer Vertreter nicht ſchon durch d 1 t i 1 d 1 G 1 d G 8 167 dieſen Wahlakt ſelbſt ihren Auserkorenen Macht und Anſehen verleihen könne, ſondern daß die Berechti⸗ gung blos in einer paſſiven Ernennung der Perſo⸗ nen beſtehe, welche in die Macht der Geſetze eintre⸗ ten ſollen, ſo unterdrückt man damit auch die Selb⸗ ſtändigkeit der Vertreter und verwandelt dieſelben in Werkzeuge für den todten Buchſtaben des Geſetzes — ich ſage todt, weil das Geſetz für Alle todt iſt, mit Ausnahme der herrſchenden Partei, welche allein das Recht beſitzt, ihm die ihr beliebige Deutung zu geben. Der einzige Anſatz zur Freiheit, den ich in unſerer Verfaſſung zu erkennen vermag, iſt das Recht, ſich frei vor Tadel und Verantwortung auszuſpre⸗ chen, wenn dies in redlicher und getreuer Abſicht geſchieht, was nur der Allwiſſende allein mit Sicher⸗ heit beurtheilen kann, und auf beſcheidene, höfliche und anſtändige Art, worüber die Regierenden ſich das Recht der Auslegung vorbehalten. Wie ſoll das Land unter ſolchen Umſtänden ausſehen? In welche erdrückende Zwangsjacke iſt nicht alle politiſche Frei⸗ heit geſteckt? In welchem Zuſtand der Erniedrigung befindet ſich nicht die moraliſche Kraft der Nation? Werden wir nicht, in unſerer innern Selbſtändigkeit gehemmt, in jammervollen äußern Parteiſtreitigkeiten uns zerſplittern, worin der Schwächere dem Stärke⸗ ren heuchleriſch Beifall zollen muß, um nicht gänz⸗ lich zertreten zu werden? Wie lange wird das Volk, dieſes einſt ſo ſelbſtändige Volk, ein Joch ertragen, das alle ſeine Glieder lähmt?“ „Es gibt,“ antwortete eine heiſere Stimme,„ein altes Sprichwort, daß derjenige, der ſich zum Schaf macht, von den Wölfen gefreſſen wird.“ 168 Es war des alten Schecta Stimme. Wrangel wandte ſich verdrießlich von ihm ab. „Meine Worte waren nicht für Dich gemünzt, Schecta.“ Schecta, der bisher am Kamin geſeſſen und im Feuer geſtöbert hatte, richtete ſich langſam auf und nahm ſeinen Hut. „Du haſt Recht, Wrangel,“ verſetzte er; vich habe allerdings nichts hier zu ſchaffen. Leben Sie wohl, meine Herren!“ Die übrigen Anweſenden waren nur zwei Perſo⸗ nen: Lars Forbus, Bataillonspfarrer beim Weſter⸗ botten'ſchen Regiment, und Lars Larsſon von Ma⸗ ſängen, Reichstagsabgeordneter für den Bezirk Kihl in Wermland. Forbus war eine jeher ſchwärmeriſchen Naturen, welche das praktiſche Leben zuweilen in Folge eines Mißgriffs aus höheren Regionen zu ſich herabzieht. In gewöhnlichen Verhältniſſen war er rückhal⸗ tend, ruhig und ſchweigſam; aber gleich einem Opfer⸗ altar ſtand ſeine Seele in Flammen, wenn ein wahr⸗ haft zündender Gedanke hineinfiel. Doch wir werden ihn ſpäter genauer zeichnen. Lars Larsſon, der Reichstagsabgeordnete, gehörte zu jenen redlichen Männern von altem Schrot und Korn, die in der Alltagsſchule des Staates in Ge⸗ duld und Tugenden, in mannhafter Strebſamkeit und Ergebung unterrichtet und geprüft werden, die aber, wenn es einmal gilt⸗ ihren natürlichen Aerger über Unrecht oder jene Berſerkerwuth des Rechtsge⸗ fühls, die unmittelbar vom Wort zur That übergeht, nicht zu unterdrücken vermögen. 169 Als Schecta bis zur Thüre gekommen war, wandte er ſich um. In dieſem Augenblick lag etwas Frommes und Freundliches in ſeinem Ausſehen, obſchon ſein Blick gleich einem Pfeil durch's Zimmer ſchoß. „Als einmal,“ ſagte er,„die Götter des Olymp in den Kampf ziehen ſollten, entſtand ein Zwiſt unter ihnen, wem die Ehre der Anführerſchaft zukommen müſſe. Der Eine wollte Merkur haben, der Andere Apollo, der Dritte Mars. Da kam Jupiter. Wißt ihr, wen er zum Anführer wählte? Die Verſchwie⸗ genheit. Wählet ebenfalls dieſe Gottheit zu Eu⸗ rem Chef, dann werdet ihr ſiegen; eher nicht. „„Ich habe mir vorgeſetzt,““ ſteht in der Bibel ge⸗ ſchrieben,„„ich will auf meiner Hut ſein, damit ich nicht ſündige mit meiner Zunge.““„„Zunge,““ fragte einmal ein Philoſoph,„„wohin nimmſt Du Deinen Weg?““— Leben Sie wohl, meine Herren!“ Schecta's Worte machten auf die Anweſenden einen tiefen Eindruck, obſchon ſie ſich deſſelben zu erwehren ſuchten. Aber als Wrangel ſein Angeſicht erhob und einen trotzigen Blick um ſich warf, da ſenkten Forbus und Lars Larsſon ihre Köpfe, als fühlten ſie ſich von einem Schlag aus wohlbekannter Hand getroffen. Man wußte da, daß es das Beſte war, zu ſchweigen. „Schauen wir uns um,“ begann indeß Wrangel nach einer. kurzen Weile wieder;„wohin hat nicht die gegenwärtige Staatsordnung uns geführt? Das böſe Prinzip wirkt nach allen Richtungen hin. Iſt nicht die öffentliche Meinung unmächtig? Arbeitet nicht die Zwietracht an unſerem Verfall? Tritt nicht 170 der Eigennutz unſerem Emporkommen entgegen? Wer⸗ den nicht die Geſetze verachtet? Waren die Gewerbe je einmal ſo übel dran? Sind nicht die Gelder gleichſam aus dem Lande geflogen? Sind nicht die alten, einfachen Sitten und die Genügſamkeit gleich⸗ ſam ausgewieſen? Reißt nicht ausländiſcher Ge⸗ ſchmack bei den Bauern in unſern Thälern ein? Spricht man die Wahrheit ohne Neid? Werden nicht Freunde mit ſchönen Worten verrathen? Setzt man nicht einen hohen Stempel auf untaugliche Waaren? Gewinnt nicht die Erbärmlichkeit den Lohn der Ehre? Iſt das Gold nicht das Kalb, das Alle umtanzen? Wird nicht die Dummheit mit Lorbee⸗ ren bekränzt? Werden nicht Eſel in Ehrenſtellen eingeſetzt? Huldigt man nicht jedem Schwindelhirn, wenn es nur grauköpfig iſt? Werden nicht die Ver⸗ dienſte Anderer aus eigener Ruhmſucht unterſchätzt? Verwahrt nicht die Falſchheit die heiligſten Siegel? Führt man nicht das Volk wiſſentlich an den Ab⸗ grund? Füllen ſich nicht die Taſchen unſerer Edel⸗ leute mit ihren ſteuerfreien Gütern? Iſt der Bauer nicht ein bloßer Käthner des Staats?“ Wrangel verſtummte und betrachtete den Geiſt⸗ lichen und den Abgeordneten. Forbus' Augen war⸗ fen Flammen um ſich. „Ich bin blos ein armer Bauer,“ ſagte Lars Larsſon, von Wrangels Vortrag ergriffen,„aber darum fühle ich auch am allerbeſten, daß Alles, was Sie ſagen, ſeine vollkommene Richtigkeit hat. Der Bauer hat keine Privilegien, wie die Andern, ſon⸗ dern blos Verpflichtungen. Gott tröſte uns, Herr Baron! Die Stellung des Bauernſtandes wird im⸗ 171 mer ſchlechter. Wir haben gar zu viele Leute, die regieren, Herr Baron; das iſt das Ganze. Hätten wir, wie früher, nur einen Einzigen, ſo ginge es beſſer. Eine einzige Taſche läßt ſich ſchon füllen, aber nicht hunderttauſende. Zu einem Einzigen kann unſere Klage dringen, aber nicht zu ſo Vielen;— ſie hören nur auf ſich ſelbſt. Das Brod reicht nicht für Alle, die jetzt daran nagen und ſcharren; aber für uns und für einen Einzigen reichte es wohl aus.“ „Chrlicher Lars!“ verſetzte Wrangel,„Sie ſpre⸗ chen wie ein redlicher und braver Mann, ſchlicht und unverſtellt. Aber laſſen Sie uns den Muth nicht verlieren, Lars. In Schweden iſt ſchon hie und da das Brod ausgegangen, aber niemals der Muth. Wenn Alles verloren ſchien, war unſer Muth ſtets unſer Rettungsanker. Sie haben unſere Geſchichte ſtudirt, Lars. Erinnern Sie ſich, wer, als die Dä⸗ nen unſer armes Land erdrückten, Adel und Geiſt⸗ liche ermordeten, Bürger und Bauern plünderten, ja ſogar die Weiber vor den Pflug ſpannten, wer damals das Land rettete? Ein Bauer war es, Lars, ein Bauer, wie Sie, und er hieß Engelbrecht. Laſſen Sie uns nur zuſammenhalten, ſo werden wir ſtark werden, wie das Eiſen, das wir aus unſern Bergen brechen. Forbus iſt unſer Freund, Lars. Sprechen Sie mit ihm, ſprechen Sie mit Ihren Kameraden. Vertrauen erzeugt Macht, Lars, gleichwie die Ent⸗ ſchloſſenheit zum Erfolge führt.“ „Tod und Leben ſtehen in der Gewalt der Zunge,“ ſagte Lars mit einem Citat aus den Sprü⸗ chen;„wer ſie liebt, ſoll von ihrer Frucht eſſen.“ 172 Aber, Herr Baron, ich werde mit meinen Kamera⸗ den ſprechen und zu Rathe gehen; ich werde ihnen ſagen, was mir und meinen Leuten daheim auf dem Herzen liegt. Ueberall, wohin ich auf meiner Reiſe hieher kam, hörte ich dieſelben Klagen. Noth und Unzufriedenheit ſind allenthalben gleich groß. Die Alten ſprechen von der Zeit, wo man doch Jemand hatte, an den man ſich wenden konnte; aber jetzt hat man Niemand als die Reichsſtände, und dieſe gehen ja nur darauf aus, einander die Augen aus⸗ zukratzen. Allerdings würde ich lieber ſchweigen, und Sie, Herr Pfarrer, wiſſen wohl am beſten, daß ich ein ſtiller und begnügſamer Mann bin; aber ich halte es nicht länger aus, denn Noth führt das Wort beim Bauernſtand, und ich werde ſprechen, darauf können Sie ſich verlaſſen, Herr Baron. Gott weiß, daß ich, wenn es der Wahrheit gilt, nicht ängſtlich bin, entſtehe daraus, was da wolle.“ „Ich habe die beſte Hoffnung, Lars. Unſere Sache iſt gut. Ich will eine Königsmacht, die, ob⸗ ſchon von den Geſetzen begrenzt, gleichwohl durch dieſe auch zu einer Wirklichkeit für das Volk, zu einer Bedeutung vor den Parteien, zu einer Wahr⸗ heit in allem Guten, Rützlichen und Edlen gemacht wird; ferner will ich ein Volk, das, obſchon es von den Geſetzen regiert werden muß, nichtsdeſtoweniger zum Gefühl ſeiner großen Bedeutung, zu lebhaftem Intereſſe für die unabweisliche Nothwendigkeit des Fortſchritts und zu dem Bewußtſein erhoben wird, daß ſeine Worte, ſein Rath und ſein Wille, in erſter und letzter Linie, der Handlungsweiſe der Regierung ihre Richtung und ihr Gepräge geben müſſen. Ich habe einige Gedanken hierüber zu Papier gebracht. Sehen Sie hier, Lars; wollen Sie das Ding auch leſen, Forbus? Vielleicht treten Sie in dieſes Zim⸗ mer... ich... Er vollendete nicht, ſondern öffnete die Thüre zu einem Seitenzimmer, wo Lars Larsſon und For⸗ bus eintraten. Sobald Wrangel allein war, ſetzte er ſich an den Schreibtiſch. Den Kopf in ſeine Hände gelehnt, ſtarrte er lange vor ſich hin. Man konnte glauben, er ſei in die Betrachtung eines wunderbaren Ge⸗ mäldes verſunken, das er vor Augen habe. Wer malt uns jedoch intereſſantere, kühnere und für uns ſelbſt wichtigere Bilder vor, als die eigene Phantaſie! Bald baut ſie unſern Hoffnungen herrliche Luſtpärke zwiſchen Erde und Himmel, bald ſtürzt ſie die ſchönen Throne unſerer Wünſche in Staub und Schutt. Den Doctor Luther lächelte einmal der Teufel ſo an; da nahm er ſein Dintenfaß, warf es ihm in's Geſicht, und der Teufel verſchwand. Von Wrangel ſchien die Erſcheinung nicht weichen zu wollen. Jeder Staatsmann, der mit ſeiner Zeit ringen will, muß in ſeinem Willen eine neue aufbauen. In der ge⸗ witterſchweren Nacht, die ihn umgibt, muß die Sonne in ſeiner Seele zu einem neuen Tag aufgehen. Wie oft befindet er ſich jedoch nicht in der Gährung zwi⸗ ſchen Nacht und Tag, Dunkel und Licht, Schatten und Morgendämmerung! In ſeiner Gedanken küh⸗ nem Flug ſitzt er zuweilen gleichſam mitten in einer Wolke, wo er vergebens nach einem ſtrahlenden Stern ſchaut. Da tappt auch er herum und zieht 174 ſich ſcheu in ſich ſelbſt zurück. War dies der Fall mit Wrangel? Wir wiſſen's nicht. Nur ſo viel wiſſen wir, daß er zweien ſeiner politiſchen Freunde eine Zeichnung ſeiner Zeit entwarf, je nachdem ihre Erſcheinungen ſich ihm offenbarten. Ob dabei ein neuer Gedanke vor ihn trat, ob dieſer neue lichtvolle Ausſichten für ihn eröffnete oder ihn in Dunkel ein⸗ hüllte, ob er ihm mit glänzenden Verſprechungen winkte, oder ſich drohend und düſter erhob... wer weiß? Wie manche Räthſel ein Staatsmann auch löſen mag, ſo bleibt doch er ſelbſt gewöhnlich das unlösbarſte von allen. Der Staatsmann iſt mehr als jeder andere ein Sohn des Augenblicks, aber eines Augenblicks, der eine Ewigkeit in ſich ſchließt. Die große Wanduhr im Zimmer ſchlug Etwas; Wrangel fuhr zuſammen und wandte ſeinen Blick nach der Uhrtafel. Es war halb ſieben Uhr. Plötzlich ergriff er die Klingelſchnur, als erinnerte er ſich auf einmal an Etwas; bei dieſem Getöne trat ein Bedienter ein. „Iſt Capitän Puke noch nicht angekommen?“ fragte er;„es iſt ſchon ſpät.“ „Er war ſchon vor einer halben Stunde hier, aber ich wagte es nicht, Sie zu ſtören, Herr Baron.“ „Wo iſt er, Anders?“ „In dem Zimmer links vom Saale.“ „Gut. Iſt meine Toilette in Ordnung?“ „Sie wartet.“ „Still! Was iſt das?“ Man hörte Roſſehufe im Hof. Wrangel lauſchte. „Sag dem Kutſcher,“ befahl er hierauf,„er ſolle ——,— —+— —289— ———.— 175 anſpannen und ſich bereit halten. Wenn dieſe Pferde⸗ hufe im Hof einen Beſuch für mich bedeuten, ſo ſag, ich ſei fort.“ „Aber der Befehl kam bereits zu ſpät, denn als der Bediente die Thüre öffnete, um ſich zu entfernen, ſtand Fräulein Creutz in ihrem bis auf den Boden reichenden Reitkleid vor Wrangel. Der ganze Rimbus von politiſchen Grübeleien, der ihn kaum noch umgab, war auf einmal ver⸗ ſchwunden. Er ſchien gleichſam aus einer andern Welt, einer Welt voll Donnerwolken und Blitze, zum Leben in ſeinen praktiſchen, gewöhnlichen Formen zurückgekehrt zu ſein. Er empfing daher Fräulein Creutz nicht mit den Manieren eines grübelnden Staatsmannes, ſondern mit der ganzen Verbindlich⸗ keit eines artigen Lebemannes. Er hatte jetzt nicht den Staat vor ſich, ſondern nur ein Mädchen, und die Staatstheorien wichen vor der ſchuldigen Auf⸗ merkſamkeit des welterfahrenen Mannes. Der Leſer hat ſicherlich bereits errathen, daß die Reiterin, die wir ſo eben gezeichnet haben, keine an⸗ dere war als Alma. „Sie ſelbſt hier, mein Fräulein?“ ſagte Wrangel. „Anders,“ rief er dem Bedienten zu,„ſchließ die Thüre, ich empfange Niemand mehr, aber heiß den Kutſcher anſpannen. Ich vermuthe, mein Fräulein,“ fuhr er dann gegen Alma fort,„daß Sie von der Königin kommen. Laſſen Sie mich hören, welche Botſchaft Sie bringen.“ Fräulein Creutz ſchien von nicht minderem Eifer beſeelt, um ihren Auftrag auszurichten, als Wrangel, um ihn zu erfahren. Sie übergab ihm 176 alſo ohne alle Zögerung das Schreiben, das ſie mit⸗ brachte. „Haben Sie die Güte, mein Fräulein, und treten Sie in dieſes Zimmer hier. Es würde ſich nicht wohl paſſen, Sie in meinem Arbeitszimmer zu em⸗ pfangen.“ Wrangel hatte erwartet, neue politiſche Nach⸗ richten zu erfahren; er fand jedoch bald, daß er ſich darin getäuſcht hatte. Nachdem er das Schreiben bereits geleſen hatte, hielt er es noch vor ſich hin, warf aber darüber hin⸗ weg einen prüfenden Blick auf Alma. „Und dies zu Stande zu bringen,“ ſagte er dann,„haben Sie, mein Fräulein, auf ſich ge⸗ nommen?“ Alma konnte ſich nicht recht beherrſchen, ſo feſt hafteten Wrangels Augen auf ihr, ſo verwundert klang ſeine Frage. „Ich mußte in die Stadt, Baron; warum blicken Sie ſo verwundert drein?“ „Kennen Sie den Inhalt dieſes Briefs?“ Alma wandte ſich halb weg, ſie hatte Nichts zu antworten. „Die Königin ſchreibt mir, Capitän Puke habe zwei Forderungen ergehen laſſen, und zwar an Ihren Bruder und an Ihren... ich meine Herrn von Röhr.“ Alma ſchaute kaum auf. „Die Königin kennt alſo Puke,“ fuhr Wrangel fort.„Nach Allem, was ich gehört habe, iſt er erſt heute früh aus der Fremde arucgekomnen er iſt —— ·ꝛ, aSc= o— BH— — 177 alſo bereits in Drottningholm geweſen und hat Au⸗ dienz gehabt! Es iſt doch ſo?“ „Wie Sie ſagen, Baron, aber darin liegt weiter nichts Bemerkenswerthes.“ „Allerdings; aber dieſes Intereſſe?“ Alma ſchlug ihre großen Augen auf. „Was weiß ich, Baron?“ antwortete ſie;„ich kenne die Abſicht der Königin nicht.“ So ſehr ſie ihre Verlegenheit zu unterdrücken ſuchte, ſo konnte ſie dieſelbe doch vor Wrangels prü⸗ fendem und urtheilgeübtem Blick nicht verbergen. „Die Königin befiehlt mir die Duelle zu ver⸗ hindern.“ „Ich glaube wohl,“ Wrangel warf noch einen Blick in den Brief, dann aber ſah er von Neuem Fräulein Creutz an. Er ſchien alle Beide, den Brief und das Fräulein, gänzlich durchſchauen zu wollen. „Man beherrſcht die Menſchen,“ begann er dann, „wenn man nur ihre Herzen kennt. Der Verſtand räth uns blos, aber das Herz regiert uns. Der Verſtand iſt eine Frucht, die allmälig wächst, ein Erzeugniß der Umſtändeg aber das Herz iſt das Bleibende, woraus wir, Mie aus einer Wurzel, unſer Leben ſaugen. Soll ich den Auftrag der Königin glücklich ausführen, ſo muß ich Pukes Herz kennen. Aber gleichviel, die Königin will— ich gehorche. Darf ich Sie bitten, mich hier zu erwarten?“ Als Wrangel ſich in's nächſte Zimmer hinaus begab, ließ er die Thüre halb offen hinter ſich. Alma begriff zwar nicht recht, warum er ſie ge⸗ beten hatte, zu bleiben; aber die Art, wie er ſich Ridderſtad, Luiſe Ulriken’s Hof. I. 12 —— 178 ausdrückte, machte in ihr augenblicklich den Gedanken rege, daß Puke um den Weg ſein müſſe. Jede Ahnung hat eine Stille in unſerem Innern, in unſerer Seele und in unſerem Herzen zur Folge. Wir wollen gleichſam in beiden lauſchen, ob nicht unſre eigene Ahnung noch etwas mehr zu erzählen habe, als das, worüber ſie im erſten Augenblick einen geheimnißvollen Wink gibt. Alma's Gedanken machten einen förmlichen Stillſtand. Aber während man in ſich ſelbſt lauſcht, lauſcht man auch auf das, was um uns her vor⸗ geht. Das Aeußere und das Innere verſchmelzen in Gedanken. Sie hörte, daß Wrangel durch den äußeren Saal ging, daß er die Thüre in ein jenſeits deſſelben gelegenes Zimmer öffnete, daß er ſich hinein begab, und daß er auch die Thüre zu dieſem Zimmer offen ließ. „Willkommen wieder im Vaterland, Puke!“ hörte ſie Wrangel ſagen.„Kommen Sie in meine Arme; ich war doch Ihres Vaters beſter Freund.“ Alma hatte ein wunderſames Gefühl der Ver⸗ wirrung. „Als ich Ihren Brief erhielt,“ antwortete Puke, „war es mir unmöglich, länger zu zögern.“ Wrangel und Puke waren alſo alte Bekannte. Das war Etwas, was Alma vorher nicht gewußt hatte. „Aber ich war doch nicht der Erſte, der Ihren Beſuch empfing,“ fuhr Wrangel fort.„Nun, nun, ich kann nicht verlangen, daß ich Ihnen zunächſt am Herzen liege.“ 179 Wrangel ſprach laut und deutlich. Alma fragte ſich, ob er das wohl mit Abſicht thue; wollte er, daß ſie hörte, was er ſagte? „Sie ſind in Drottningholm geweſen, Sie haben Audienz gehabt.“ „Das iſt wahr, Baron.“ „Sie haben Fräulein Creutz getroffen.“ „Ich war ſo glücklich; das verſöhnte mich wieder mit dem ganzen Leben.“ Obſchon ganz allein, wurde Alma bald roth, bald blaß. „Und dennoch haben Sie ihren Bruder ge⸗ fordert?“ „Sprechen Sie nicht davon; es thut mir leid, aber es mußte geſchehen.“ Pukes Stimme veränderte ſich beinahe, als er dieſe Antwort gab. Sonſt ſo klar und wohlklingend, wurde ſie jetzt hart und kalt. „Aber Sie dürfen ſich weder mit ihm noch mit Herrn von Röhr ſchlagen. Leſen Sie dieſen Brief — er iſt von der Königin.“ Puke las: „Wenn irgend Jemand Einfluß auf die Men⸗ ſchen hat, ſo ſind Sie es, Baron. Ich kann mich deßhalb in einer unangenehmen Geſchichte, die hier vorgekommen iſt, an Niemand beſſer wenden, als an Sie. Man hat mir heute einen Capitän Puke vor⸗ geſtellt. Bei dieſer Gelegenheit wurde er von dem Grafen Creutz bei der Leibgarde und von Herrn von Röhr beleidigt, und man hat mir ſpäter geſagt, daß er Beide gefordert habe. Nun aber intereſſirt mich Puke und auch noch eine andere Perſon. Das 180 Duell darf nicht ſtattfinden. Suchen Sie es abzu⸗ wenden. Wenn Sie Puke nicht ſchon vorher kennen, ſo will ich Ihnen ſagen, daß er ein Mann iſt, der die Achtung und Freundſchaft Aller verdient. Er hat mir ein Recht gegeben, über ſein Leben zu ge⸗ bieten; befehlen Sie ihm deßhalb zum Anfang, daß er ſein Leben ſchone. Ich dachte mich in dieſer Sache zuerſt an den Grafen Hard zu wenden, der Puke ſehr ſchätzt; aber Hard iſt ebenfalls Krieger, und ich fürchtete, er möchte nicht auf meine Anſicht eingehen. Thun Sie Alles was Sie können, Wrangel. Ich zeichne Ihre wohl affectionirte L. U. Puke gab den Brief zurück. Mit ungekünſtelter, aber männlicher Ruhe wandte er ſich gegen Wrangel. In ſeinem Geſicht bewegte ſich keine Muskel. Ein einziger Wille erfüllte ſeine Bruſt, erfüllte ſeine Seele. „Die Königin,“ ſagte er,„wird immer das Recht haben, über mein Leben zu gebieten; aber keine Königin auf Erden wird je ein Recht haben, über meine Ehre zu gebieten. Sie iſt mein einziger Reich⸗ thum, mein Fideicommiß, von dem ich hoffe, daß es niemals aus meiner Familie gehen wird. Aber ich habe andere Dinge mit Ihnen zu beſprechen, Herr Baron.“ Die Antwort war unzweideutig, aber Wrangel wollte ſeine Abſicht nicht aufgeben. Er hatte einen ganz geraden und nahen Weg zu ſeinem Herzen, und er beſchloß, ihn auf dieſem anzugreifen. 181 „Immer gleich unerſchütterlich und ſtarrköpfig,“ bemerkte er alſo.„Ueberſehen Sie vielleicht die Güte der Königin gegen Sie? überſehen Sie, daß auch... noch eine andere Perſon.. ſich für Sie intereſſirt?“ „Ein Mann, der wie ich allein ſteht, muß hier ſeine Selbſtändigkeit fürchten, weil er mit ihr doch immer Etwas, ohne ſie aber gar Nichts iſt. Die Güte der Königin rührt mich, kann mich aber von meinem Entſchluß nicht abbringen. Und handelt es ſich um meine Ehre, ſo gibt es keine„„andere Per⸗ ſon.““ Laſſen Sie uns jetzt den Gegenſtand ab⸗ brechen, Baron. Die Sache iſt unangenehm genug, ohne daß man ſie noch durch langes Gerede davon zu verſchlimmern braucht.“ Alma ſank auf einen Stuhl nieder. Ein Gefühl von Stolz und Mißvergnügen zugleich regte ſich in ihr. Sie fühlte, daß ſie als Mann ebenſo geant⸗ wortet haben würde, und doch verdroß es ſie als Weib. Wie ſie ſeine Worte auffaßte, ſchien es ihr, als habe er ſagen wollen: Zuerſt meine Chre, dann meine Liebe! Pukes Gedanken beſchäftigten ſich mit ganz an⸗ dern Dingen. Vom Grafen Hard wiſſen wir, daß oft eine tiefe Schwermuth ſich ſeiner bemächtigte. So gelaſſen und ruhig er unter Andern ſchien, ſo düſter war er zuweilen. Sein Leben war auch nicht in lachenden Gefilden dahin gefloſſen; es hatte ſich gleich einer Woge über Klippen herab geſtürzt. Die freundſchaftlichen Berhältniſſe, die zwiſchen Wrangel und ſeinem Vater ſtattgefunden hatten, überzeugten 182 ihn, daß Wrangel auch der einzige Mann war, der ihm manchen bis jetzt nicht aufgehellten Umſtand erklären konnte. Aber nicht blos das. Wrangel war auch derjenige, der von dem Augenblick an, wo er das Vaterland verlaſſen, freiwillig und mit Auf⸗ opferung eine für ihn höchſt wichtige Rolle über⸗ nommen hatte. Puke ging einmal im Zimmer auf und ab. Das Schreiben der Königin und ihr Vor⸗ ſchlag, das Duell rückgängig zu machen, hatte ſeinen Gedankengang kaum einen Augenblick unterbrochen. In ſeiner Seele drängten ſich große Fragen, Fra⸗ gen, die für ſein ganzes Leben von unendlicher Wich⸗ tigkeit waren; man ſah dieſe in dem ſtrengen Ernſt, der über ſeiner Stirne ruhte, der ein ſo tiefes Düſter in ſeine Augen legte und ſeine Wangen bleichte. Auf einmal blieb er vor Wrangel ſtehen. „Herr Baron,“ ſagte er,„meine Ehre verlangt, daß ich mit zweien meiner Jugendbekannten, ich kann nicht mehr ſagen Jugendfreunde, einen Waffengang mache. Den Erfolg kann Niemand vorherſehen. Ich habe vielleicht nur noch wenige Stunden zu leben. Zur Sache alſo, Herr Baron. Sie wiſſen, was ſich zugetragen hat, ehe ich mein Vaterland verließ, und was mich ſogar gezwungen hat, es zu verlaſſen. Das Leben meines Vaters hat ein für mich noch immer unaufgeklärtes großes Geheimniß im Hintergrund. Ich bin überzeugt, daß, wenn irgend Jemand davon weiß, Sie es ſind. Mein Vater ſagte oft, daß ich, wenn einmal die Zeit käme, von Ihnen alle erforderlichen Aufſchlüſſe bekommen könnte. Unter Verſicherungen, daß er ein getreuer und wahrer Patriot ſei, bat er auch, niemals die 183 Redlichkeit ſeines Wandels zu bezweifeln, im Fall ich je das Gegentheil flüſtern hören ſollte. Genug, ich ſchloß hieraus und aus dem, was er mir ſonſt manch⸗ mal erzählte, daß das Geheimniß von ſchrecklicher Art ſein müſſe. Mit Achtung vor ſeinem Willen, mit kindlicher Rührung mich vor dem empfindlichen Ehrgefühl beugend, das ich ſo oft bei ihm entdeckte, wagte ich's nie, ihn auch nur mit einem einzigen Wort ausforſchen zu wollen; im Gegentheil erblickte ich darin eine Mahnung, mich, meinem eigenen Ur⸗ theil zum Trotz, blindlings ſeinen Wünſchen zu unter⸗ werfen, weil ich beſtändig fürchtete, auf irgend einen Umſtand zu ſtoßen, der ſeinen Schmerz und ſeine Unruhe wecken könnte. Unter ſolchen Umſtänden kam ich, Sie dürften ſich ſelbſt noch erinnern, vor unge⸗ fähr fünf Jahren hier in der Hauptſtadt an. Sie wiſſen, Herr Baron, daß ich bei Major Brandting wie ein Sohn empfangen wurde, Sie wiſſen, daß mein Vater bald darauf verlangte, ich ſolle Marie, die Tochter des Majors, heirathen, Sie wiſſen, wie ſehr mir das nißbehagte, wie mein Vater mich zu⸗ letzt nur dadurch für den Vorſchlag gewinnen konnte, daß er mir erllärte, nur mein Gehorſam könne ihn vor dem größten Unglück retten, nämlich der Auf⸗ deckung älterer Verhältniſſe, wovon ſeine Ehre, ja ſogar ſein Leben abhänge. Was Puke erzählte, waren für Alma ſchmerzliche Enthüllungen. Jedes Wort ſchnitt ihr in die Seele. Sie war mit ihrem Bruder auf einem der in Sma⸗ land gelegenen Güter ihres Onkels, des Reichsraths Ehrenpreutz, erzogen worden. Die ganze Nachbar⸗ ſchaft beſtand aus dem alten Herrn von Röhr, dem 184 reichſten Gutsbeſitzer der Gegend, und dem alten Puke, einem verabſchiedeten Militär; aber von dieſen hatte jeder einen Sohn, und ſo kam es, daß Alma und ihr Bruder mit dem jungen Röhr und dem jungen Puke ein Quartett bildeten, das in die ſonſt öde Gegend einiges Leben brachte. Puke— Bruder Johann, wie er damals gewöhnlich genannt wurde — ſtand von dieſer Zeit an noch immer als Held in der Zauberwelt ihrer Kindheitsträume. Sie er⸗ innerte ſich zwar des Tages, wo er die Heimath verließ und ſich in die Hauptſtadt begab; ſie hatte auch den Tag nicht vergeſſen, wo man ihr meldete, er ſei in's Ausland gereist, um fremde Dienſte zu nehmen, aber mehr hatte ſie niemals erfahren. In ihrer Seele wurde Puke noch immer von ihren ſchön⸗ ſten Jugendilluſionen umſchwebt. Die Gedanken dagegen, die jetzt in ihr aufſtiegen, erhoben ſich wie Nebel vor ihrem Geiſt; ſie bedeckte ihr Geſicht mit der Hand und ſank in den Stuhl zurück. „Wie ich mit mir ſelbſt gerungen habe,“ fuhr Puke fort,„um meines Vaters Willen auszuführen, das können Sie erſt jetzt beurtheilen, wo ich das Recht habe, Ihnen zu ſagen, daß ich eine Andere liebte. 1 Dieſes Bekenntniß von Puke's eigenen Lippen flog wie ein Feuer durch Alma's Adern; ſie lächelte, ſie erröthete, ſie richtete ſich auf, ſie ſank wieder in den Stuhl zurück. Wrangel ging auf und ab. Einige Male warf er einen unruhigen Blick in das Zimmer, wo Alma war; ſonſt aber ſchien er ſie zu vergeſſen. Andere 185 Gedanken beſchäftigten ihn. Auf der einen Seite beſaß er zu viel Herz, um nicht den Schmerz mitzu⸗ fühlen, der ſich in jedem Wort Puke'’s ausſprach, zumal da er dugeben. mußte, daß es Wahrheit war und ohne alle Uebertreibung; aber auf der andern Seite war er dennoch durch das Leben und ſeine Erfahrungen dermaßen abgehärtet und, wenn dieſer Ausdruck erlaubt iſt, innerlich ſo ausgebrannt, daß er ſein Gefühl nicht allzu ſtark auf ſich einwirken ließ. Mit der ruhigen Zuverſicht des Weltmannes ſenkte er ſeinen Blick in die Tiefe von Puke's Herz hinab, mit dem Selbſtvertrauen eines Phyſiognomen belauſchte er jede V Veränderung in ſeinen Geſichts⸗ zügen, und mit dem Scharfſinn des Menſchenkenners berechnete er den Werth eines Mannes, der in den gewöhnlichen Gefahren des Lebens, in manchem Kampf auf Leben und Tod überzeugende Proben von unerſchütterlicher Ruhe und mannhafter Ent⸗ ſchloſſenheit abgelegt hatte, obſchon er in Allem, was ſein inneres moraliſches und pſychiſches We ſen be⸗ traf, von einer glühenden Leidenſchaft, von einer hin⸗ reißenden Gewalt, von der großen Macht eines wah⸗ ren Selbſtändigkeitsgefühls befeuert wurde Dieſer Mann, dachte daher Wrangel, muß un⸗ ſerer Partei angehören. Entwickeln ſich die Ereigniſſe ſo, wie ich es ahne, ſo wird er unſer Kampfſchwert. In ſeiner nie raſtenden Seele ſuchte er alſo be⸗ reits nach Mitteln, um ihn an die Intereſſen der Partei zu feſſeln, wobei er jedoch nicht überſah, daß ein Charakter wie Puke ſich nicht durch Worte über⸗ 186 reden und verleiten läßt, ſondern durch Bande, die er ſich ſelbſt auflegt, feſtgehalten werden muß. „Ich bin,“ fuhr Puke fort,„in mein Vaterland zurückgekehrt, aber nicht, um das Geheimniß meines Vaters zu erforſchen, nein! Er hat mir geſagt, daß Sie es mir offenbaren würden, wenn einmal die Zeit käme. Ich begnüge mich damit, ich begnüge mich, wenn dieſe Zeit auch nie eintrifft, denn ich ehre die Geheimniſſe meines Vaters, ſelbſt wenn ſie mit ihm ſterben. Alma konnte kaum Athem holen. Man konnte ſagen, ihr Herz habe aufgehört zu ſchlagen. Sie war nur noch ein lauſchendes Ohr. „Die Ungleichheit zwiſchen meiner Frau und mir, ihre Kälte und mein Feuer, ihr regelrechtes, ſteifes Weſen und mein glühendes Gefühl, das war es, was uns von einander ſchied. Ebenſo wohl durch eigene Neigung, als durch Rückſichten auf ihre Ruhe weit, weit von ihrer Seite hinweg gejagt, erlitt ich, ferne von ihr, vielleicht noch größere Qualen, als in ihrem Umgang. Aber der bittere Kelch war einmal gefüllt, und es war meine Pflicht ihn als Mann zu leeren. Der wilde Krieg, an dein ich Theil nahm, wie armſelig war er nicht gegen die Kämpfe, die ich mit mir ſelbſt auszufechten hatte! Doch gleichviel. Sie ſtarb, und ich war erhört, ich war frei, ich konnte wieder athmen, konnte Alles vergeſſen, nur nicht die Erinnerung, die mir meine Handlungsweiſe vorwarf, und die Hoffnung, die auf ewig in die Nacht hinab⸗ gegangen war. So durfte es jedoch nicht immer bleiben. Meine zerfleiſchte Bruſt ſollte noch ſtärker durch ein Gefühl zerwühlt werden, das tiefer war, —0ͤ8 Z— dA — ⁸—————. S 0OO R& ee ——.———--—.,.—ro,— als alle vorhergehenden. Aus Ihrem letzten Brief erfuhr ich erſt, daß meine Frau in ihrer Todesſtunde mir einen Sohn geſchenkt hatte. Ich will nicht von den Vorwürfen reden, die ich mir jetzt machte. Meine Frau und ich, wir hatten einander allerdings nie geliebt; aber ich hatte doch Pflichten gegen ſie, und hatte ich dieſe ſo erfüllt, wie ich ſollte? Sie war geſtorben, während ſie mir einen Sohn gebar. Wer ſtand dabei an ihrer Seite? Ich nicht, ſondern fremde Leute. Fremde Perſonen empfingen ihren letzten und des Neugebornen erſten Blick auf Erden. Aber Frieden mit ihr, Frieden dort oben und auch hienieden! Ich bin jetzt wieder hier. Meine Bruſt überwallt von Unxuhe, bis ich meinen Sohn geſehen habe. Wo iſt er, Herr Baron? Er befindet ſich in dieſem Haus, nicht wahr? Sie wurden ihm, was ich ſein ſollte, ein Vater? Führen Sie mich zu ihm. Ich will ihn ein einziges Mal an meine Bruſt drücken, um ſodann mit Creutz und Röhr meine Rechnung abzuſchließen, vielleicht auch mit dem ganzen Leben.“ Je mehr Puke von ſeinem Gegenſtand hingeriſſen wurde, um ſo tiefer wurde ſein Gefühl. Es war das erſte Mal, daß er einem Andern die Quelle ſeines Herzens, den Himmel und die Erde ſeines Lebens erſchloß; das erſte Mal, daß er über die Ab⸗ gründe in ſeinem Innern, über die darin verwahrten Denkwürdigkeiten aus einer Zeit, die jetzt auf immer für ihn verſchwunden war, Auskunft ertheilte. Wir haben gehört, daß er dabei von einem Vorwurf ge⸗ jagt und gehezt wurde, wie der Reiter in der Sage Tag und Nacht von einem Geſpenſt gejagt wird. Gleich den Hufen vom Roſſe des Reiters tönten auch 188 die Schläge ſeines Herzens immer raſcher, ſchlugen ſeine Pulſe immer haſtiger. Wrangel bemerkte die innere Aufregung ſeines Freundes nur allzu gut; in ſolchen Eſſen ſuchen po⸗ litiſche Spekulanten häufig ihr Eiſen zu ſchmieden. Alma lauſchte nicht mehr: ſie lebte ſich mit ihrem ganzen Weſen in Pukes Stimmung hinein; ſie hörte ſeine Pulſe klopfen, ſie empfand die Gluth, die ſein Inneres verkohlte. „Sie wiſſen, wo mein Sohn iſt, Baron Wrangel,“ wiederholte Puke;„laſſen Sie mich ihn umarmen.“ Wrangel zögerte einen Augenblick mit der Ant⸗ wort; dann wandte er ſich haſtig gegen Puke. „Sie ſollen Ihren Sohn treffen, Kapitän; aber laſſen Sie mich einen Augenblick allein; haben Sie die Güte und treten Sie in dieſes Zimmer hier.“ Als Puke hinausging, verſchloß Wrangel die Thüre hinter ihm. Ob wohl Wrangel bereits auf das Zuſammen⸗ treffen ſpeculirt hatte, das jetzt ſtattfinden mußte? Alma ſank vor Schreck beinahe in die Erde. Hätten ihre Füße ihr nicht den Dienſt verſagt, ſo würde ſie geflohen ſein. Sie ſchämte ſich und war zugleich bang; ſie ſchämte ſich, ihn gehört zu haben und war bang vor ſeiner Erſcheinung. Puke kam immer näher, er öffnete die Thüre, ihre Blicke begegneten ſich. Nur ein Ausruf der Ueberraſchung kam über ſeine Lippen: im nächſten Augenblick lag er zu ihren Füßen. Gleich als wäre die innerſte Feder ihrer Seele angeſchlagen, gewann Alma jetzt ihre ganze Stärke V 189 wieder. Sie richtete ſich auf, ging aber nicht weg. Blaß wie eine Lilie ſtand ſie da. „Es iſt alſo wahr, mein Fräulein,“ ſagte Puke, als die erſte Ueberraſchung vorüber war,„Sie haben meine ganze Beichte mit angehört?“ Alma ſtammelte eine Bejahung. „Ich danke Gott dafür,“ fuhr Puke fort.„Als ich mich verheirathete, bat ich meinen Vater, Sie darüber in Unkenntniß zu laſſen; Ihre Familie be⸗ kümmerte ſich ohnehin Nichts um mich und nahm nicht die mindeſte Notiz von mir. Dem Himmel ſei Dank, daß Sie mein Sündenbekenntniß gehört haben. Ich habe frei, unverblümt, offen geſprochen, und ich preiſe mich glücklich, daß ich nicht wußte, daß Sie mich hörten. Fräulein Alma,“ fügte er dann hinzu, indem er in ihre Augen aufſchaute,„es iſt ſchon lange her, daß wir einander nicht mehr geſprochen haben.“ Alma's Bruſt hob und ſenkte ſich. Sie war wie eine Waſſerwoge nach einem Sturm. Seine Gegen⸗ wart, ſeine Sprache, ſeine ganze Art und Weiſe, Alles wirkte von Neuem ſo einnehmend auf ſie. Sie fühlte weder Scham noch Furcht, und gleichwohl irrte ihr Blick erſchrocken und unruhig umher. Ihr Gefühl hatte ein ganz anderes Leben und Weſen angenommen; ſie empfand jetzt ein wonniges Be⸗ hagen, aber ein Behagen, vor welchem ſie zitterte. Kaum noch war ſie erblaßt, jetzt erröthete ſie. „Erlauben Sie, mein Fräulein, daß ich ganz aufrichtig mit Ihnen ſpreche?“ „Sprechen Sie, Johann, ſprechen Sie!“. Sie nannte ihn bei ſeinem Vornamen. In 190 dieſem Augenblick vergaß ſie die fünf Jahre, die verſtrichen waren. Sie weilte in ihren Gedanken wieder auf dem Lande, wieder in ihrem Geburtsort, wieder im herrlichen Schooße einer ſchönen Natur, an der Seite des erſten Freundes ihrer Kindheit. „Sie haben mein Bekenntniß gehört. Sie wiſſen, was ich durchgemacht habe, wiſſen, daß ich verhei⸗ rathet war, daß ich einen Sohn beſitze; aber Sie wiſſen auch, daß ich vorher eine andere Perſon mehr als Alles in der Welt liebte, Sie wiſſen, daß ich meine Gedanken nicht von den ſchönſten Träumen meines Jugendlebens loszureißen vermochte: von dieſer wunderbaren, zauberreichen, kleinen Welt, die den Jüngling entzückte und noch jetzt den Mann hinreißt, die aber auch nicht aus einem Chaos her⸗ vorgegangen iſt, ſondern aus Ihrem reichen Herzen, das gleichſam durch ein aus einem Roſenkelch ertö⸗ nendes Werde geſchaffen worden. Verzeihen Sie mir, mein Fräulein; aber Ihre Gegenwart ſchlägt alle Saiten in meiner Seele an, und ich fühle Töne der lieblichſten Harmonie durch eine Bruſt ſtrömen, worin fünf lange Jahre hindurch nur Disharmonien geklungen haben. Laſſen Sie mich Ihnen nur ein einziges Mal ſagen, daß ich Sie mit der ganzen Kraft eines Mannes liebe. Laſſen Sie mich ein einziges Mal Ihre Hand drücken, ein einziges Mal recht aufrichtig in Ihr Auge ſchauen... ſo, ſo... jetzt mögen die Thüren hinter meiner Seligkeit zu⸗ ſammenſtürzen. Wie Prometheus das Feuer vom Himmel ſtahl, ſo habe ich eine Erinnerung heraus⸗ geſtohlen, und ich werde jetzt, wie er, ruhig den U wi 191 Urtheilsſpruch ertragen, der gefällt wird, er laute wie er wolle. Aber auf einmal erhob er ſich von ſeinem Platze. „Es iſt wahr,“ ſagte er,„man hat mir geſagt.«.“ „Sie ſind ſo heftig, Puke,“ bemerkte ſie.„Was hat man Ihnen geſagt?“ „Daß Sie mit Röhr verlobt ſeien.“ Alma ergriff ſeine Hand. „Dies iſt doch wohl nicht der Grund, warum Sie ſich mit ihm ſchlagen wollen, Puke?“ „Das Gerücht iſt alſo wahr?“ „Beantworten Sie zuerſt meine Frage.“ „Nun wohl, mein Fräulein, nein, tauſendmal nein! Ich habe ihn darum gefordert, weil er mich beleidigt hat, und aus keinem andern Grund. Ich habe ja auch Ihren Bruder gefordert, und gleich⸗ wohl würde mir Alles gebieten, ihn eher zu ſchonen, als anzugreifen. Er iſt ja Ihr Bruder.“ „Und Sie gedenken Ihren Vorſatz auch auszu⸗ führen und ſich mit Beiden zu ſchlagen?“ „Das iſt mein unveränderlicher Entſchluß. Was dieſe Herren mir nicht freiwillig geben wollen, ihre Achtung, muß ich ihnen abzwingen.“ „Aber, mein Gott, Sie können ſie ja tödten.“ „Fürchten Sie für Röhr's Leben?“ „Ihre Frage iſt eine Anklage, Puke, aber ich verzeihe ſie Ihnen. Als Schweſter und Freundin kann ich das Recht haben für alle drei zu fürchten.“ „Dann ſeien Sie ohne alle Furcht, mein Fräu⸗ lein: Sie werden nur für einen Einzigen zu fürchten brauchen.“. „Wie können Sie das mit ſolcher Beſtimmthelt 192 verſichern? Das Duell iſt ein Hazardſpiel, deſſen Ausgang Niemand weiß.“ „Iſt man ſeines Armes und nicht minder ſeiner Waffen ſicher, ſo iſt man auch im Zweikampf kein willenloſes Werkzeug des Zufalls. Seien Sie deß⸗ halb ruhig, mein Fräulein.“ „In welcher Beziehung könnte ich ruhig ſein?“ „Sie werden weder für Ihres Bruders noch für Röhr's Leben zu fürchten haben.“ „Alſo... 3 Alma vermochte nicht fortzufahren. „Erinnern Sie ſich des Schweizers,“ fuhr Puke fort,„der ſich auf eine feindliche Linie vorſtürzte, mit einer Umarmung ihre Spieße umſchloß und ſie in ſeine Bruſt drückte? Lieber tauſendmal ſterben als Ihnen einen einzigen Kummer verurſachen.“ „Alſo... wollen Sie ſagen... gedenken Sie Ihr eigenes Leben auf's Spiel zu ſetzen?“ „Für Sie... ja.“ Alma ließ ihren Kopf ſinken. Ihre Bruſt hob ſich. Sie war in ein Labyrinth gerathen, aber ob⸗ ſchon es nicht finſter war, ſondern ſtrahlend und hell, wußte ſie doch nicht, wie ſie ſich herausfinden ſollte. Nie hatte das Geheimniß, das ſo lange in der Tiefe ihres Herzens geblüht, offener und klarer vor ihr gelegen, und doch wollte kein Wort davon über ihre Lippen. Sie war in dieſem Augenblicke— mehr als je — blos ein ſchwaches Mädchen. Puke's Blick flog auf einmal über zwei Welten: die eine voll von Sonnenlicht und Seligkeit, die an⸗ dere noch voll von mitternächtigem Dunkel und Kum⸗ ———₰.———.——.—. 193 mer. Aus Gehorſam gegen den Willen ſeines Vaters hatte er ſchon vor mehreren Jahren der erſteren entſagt und die letztere betreten, obſchon die Vor⸗ ſehung jetzt, nach harten Prüfungen, wieder alle beide offen vor ihn legte. Aber die Wahl war auch jetzt noch weniger als das erſte Mal in ſeine Hand ge⸗ geben. Das Gerücht hatte ihm geſagt, daß Alma ſich einem Andern hingegeben habe. War es wirk⸗ lich ſo oder nicht? Er wußte es nicht; er glaubte und zweifelte zugleich. Aber die Leidenſchaft hat ihre plötzlichen, launenhaften Regungen; er beugte ſich zu ihr hinab, er ſchaute in ihr Geſicht, und er glaubte hinter der jungfräulich ſcheuen Bewegung, die ſich bei ihr zeigte, einen Strahl ſich entgegen⸗ ſchimmern zu ſehen, einen Strahl, der neue Hoffnung in ſeine Seele goß. „Alma,“ flüſterte er. Alma fuhr zuſammen. Sie ſah, daß Puke ſeine Hand gegen ſie ausſtreckte, und ſie ergriff dieſelbe. „Darf ich Sie um eine einzige Sache fragen,“ fügte er hinzu,„blos um eine einzige?“ „Fragen Sie, Johann.“ „So ſagen Sie mir aufrichtig, lieben Sie Röhr?“ „Nein, Puke, nein, nein!“ „Sind Sie mit ihm verlobt?“ „Nie, nie! Das Gerücht iſt grundlos. Ich weiß, daß er ſolche Abſichten hegt, aber er hat ſich noch nicht einmal erklärt.“ „Er iſt reich.“ Alma heftete einen drohenden Blick auf Puke. „Aller Reichthum der Welt in der einen Wage 13 Ridderſtad, Luiſe Ulriken’s Hof. I. 194 wiegt mein Gefühl in der andern nicht auf. Alles mag vielleicht feil ſein, aber Eines wird es nie...“ „Und das iſt...2“ „Die Liebe des Weibes.“ „Aber Sie ſchienen von der Furcht für ſein Leben ſo aufgeregt.“ „Ich habe nicht geſagt, daß ich für ihn fürchtete.“ Alma lächelte: ihr Herz war es, das ihr ganzes Weſen erhellte, und deſſen Strahl auf ihren Lippen ſchimmerte. „Sie wollen alſo,“ fuhr ſie fort,„daß ich Ihnen ſagen ſoll, für weſſen Leben ich hauptſächlich fürch⸗ tete?“ „Wenn man, wie ich, lange Jahre im Finſtern, in einem Gefängniß des Kummers gelebt hat, ſo zweifelt man an dem Tag, der Einen unvermuthet anlächelt, an der Seligkeit der wiedergewonnenen Freiheit. Die Ahnung— wiſſen Sie— geht der Wirklichkeit voran, aber darf man darum glauben, daß die Wirklichkeit auch immer der Ahnung folge? Für wen fürchteten Sie, für wen ſind Sie hierher gekommen, für wen...?“ Alma faßte Muth. Puke's Zweifel verletzte ſie nicht, es lag im Gegentheil etwas Schwärmeriſches und Liebliches darin. „Für wen?“ wiederholte ſie,„für wen anders, als für Sie, Puke?“ „Alma, Sie wollten, daß ich von einem Vor⸗ haben abſtehen ſollte, das mir durch meine Ehre ge⸗ boten iſt?“ „Ich dachte nicht an Ihre Ehre, ich dachte an Ihr Leben.“ „Ein Leben ohne Ehre...“ „Sie ſtellen vie Ehre höher als Ihre Liebe? „Eine Liebe ohne Ehre...“ „Aber welche Ehre können Sie durch eine Thor⸗ heit gewinnen? „Das Duell iſt nicht meine Thorheit, es iſt eine Thorheit der Zeit, der Generation, der Welt.“ „Und darum, weil die Welt dieſe Thorheit hei⸗ ligt, ſoll die Liebe dem blinden Ungefähr hingeopfert werden? Iſt das Liebe?“ „Alle Liebe, die nicht auf der Grundlage der Achtung ruht, iſt ein Verbrechen oder eine Schwachheit.“ „Laſſen Sie uns nicht länger rechten. Handeln Sie wie Sie wollen, handeln Sie frei. Vielleicht hat der Mann Pflichten, die wir Weiber nicht recht begreifen. Erfüllen Sie deßhalb das Gebot der Ehre— ein Mann ohne Ehre— ich verſtehe Sie wohl— iſt blos der Schatten eines Mannes. Aber verſprechen Sie mir Eines... ſtellen Sie ſich nicht blos... denken Sie... denken Sie...“ „An wen ſoll ich denken?“ ſiel Puke ein.„Sagen Sie mir's, an wen?“ „Zweifler,“ flüſterte Alma,„an mich.“ Das Entzücken iſt ein Blitz. Puke ſprang, ge⸗ troffen von ſeiner wunderbaren, blendenden Macht, auf. Alma verbarg ihr erröthendes Geſicht an ſei⸗ ner Bruſt. Wie ein Harfenton im Haine erſtirbt, wie ein Stern über das blaue Firmament hineilt, ſo leuchtete und verſchwand ein Augenblick vom Leben der bei⸗ den Liebenden. Es war ein Augenblick, deſſen flüchtiger Fuß 196 keine Spur auf der Erde zurückließ, aber vor deſſen wehendem Flügelſchlag eine ganze Welt von Selig⸗ keit in ihnen erblühte. Gleich einem Eliaswagen trägt uns die Liebe über das gewöhnliche Leben hinweg, erhöht uns in Licht und Wonne. Als ſie wieder zu ſich kamen, ſtand ein kleiner Junge an ihrer Seite. „Papa,“ rief er,„Papa!“ Puke nahm ihn auf ſeine Arme, hob ihn empor und betrachtete ihn mit freudiger Zärtlichkeit und Liebe. „Das iſt er,“ ſagte Puke.„Beim Himmel, er iſt’s.“ Es war ein Vater, der zum erſten Mal einen Sohn in ſeinen Armen hielt. Der Junge ſchmiegte ſich ſo innig und vertraulich an ihn— er ſchien lange auf dieſen Augenblick gewartet zu haben. „Alma,“ flüſterte Puke,„wir haben einen Zeugen gehabt.“ „Sie haben mehr als nur Einen gehabt,“ be⸗ merkte Wrangel, indem er vortrat.„Möge die Vor⸗ ſehung mit Ihnen ſein!“ fuhr er fort.„Schon vor vielen Jahren habe ich Ihre Neigung bemerkt, aber es ſtand mir nicht zu, den Gang der Ereigniſſe zu verändern. Alles geht inzwiſchen früher oder ſpäter ſeinem rechten Ziele zu. Sehen Sie hier, mein Fräu⸗ lein,“ fügte er hinzu,„das iſt meine Antwort auf den Brief der Königin: ich hoffe, ſie wird befriedi⸗ gend erfunden werden.“ Wrangel faßte die Hände Beider. 8 —ä— n „Ich habe ein Gefühl des Kummers, indem ich Ihr Glück betrachte.“ Er ſchwieg einen Augenblick, ohne ihre Hände loszulaſſen. Wichtige Ereigniſſe, große, tief in's Menſchen⸗ leben eingreifende Ereigniſſe, die Ihnen noch unbe⸗ kannt ſind, finden ſich im Leben Ihrer Eltern vor. Ich fürchte, ſie möchten ſich gleich Geſpenſtern aus ihren Gräbern erheben und zwiſchen Sie treten. Wollen Sie einen Rath von mir befolgen?“ „Gerne, gerne!“ „So laſſen Sie Ihre Neigung für alle Andern noch ein Geheimniß bleiben, ohne daß ſie in Ihnen ſelbſt minder ſtark werde. Verſprechen Sie das? Ich werde über Sie wachen.“ „Wir verſprechen.“ „Im Namen Ihrer Eltern lege ich dann Ihre Hände zuſammen und ſegne Sie.“ „Amen!“ ertönte eine Stimme,„Amen!“ Es war Forbus, der an der Thüre ſtand und das feierliche Wort ausſprach. Ein wenig hinter Forbus ſtand Lars Larsſon. Beim Anblick Puke's ging eine ſichtliche Verän⸗ derung mit ihm vor. Beſtändig ernſthaft, wie der ſchwediſche Bauer gewöhnlich iſt, wurde er es jetzt in doppeltem Maße. Seine Augen ſtierten, ſein Blick wurde immer ſchärfer und beſtimmter. Puke zog ſeine ganze Aufmerkſamkeit, um nicht zu ſagen Verwunderung auf ſich. Aber kein Wort kam über ſeine Lippen— er betrachtete ihn blos unter dem tiefſten Schweigen. 198 Einen Augenblick ſpäter führte der Läufer Ernſt Fräulein Alma's Pferd vor die Haustreppe. Wrangel's Cquipage folgte. Leicht und flink, wie ein junger Page, ſchwang ſich Alma in den Sattel und lachte Puke aus, als er ihr helfen zu müſſen glaubte. „Zum Baron Pechlin!“ rief Wrangel dem Kutſcher zu, als er und Puke in dem Wagen Platz genommen hatten.. „Wir treffen uns in einer Weile,“ ſagte Alma, während ſie auf ihrem raſchen Springer, gefolgt von Ernſt, dahinflog. Forbus und Lars Larsſon wandelten allein die Straße hinan. „Wohin gehen wir?“ fragte Lars Larsſon. „Nach der holländiſchen Düne.“ „Es iſt wahr; aber das wollte ich eigentlich nicht fragen. Kannten Sie den Herrn, der mit dem Baron wegfuhr, Herr Pfarrer? Hieß er nicht Puke?“ „O ja.“ „Puke... ja, ja, es konnte kein anderer ſein.“ Ohne ſich weiter auf ein Geſpräch einzulaſſen oder auf die Bemerkungen ſeines Begleiters zu achten, ſchritt Lars Larsſon ſtill und grübelnd an ſeiner Seite dahin. Er hatte etwas ganz Anderes zu denken bekommen. Sechstes Kapitel. Die hollaͤndiſche Düne. Die holländiſche Düne lag in der Ecke der Oſter⸗ langſtraße und der Brunnengaſſe. Es war in der Abenddämmerung. Der größere Theil der Reichstagsabgeordneten hatte ſich bereits in der Hauptſtadt eingefunden. Die politiſchen Parteichefs hatten bereits ange⸗ fangen, ihre Anhänger in verſchiedenen Clubbs zu ſammeln, ein Brauch, der zuerſt beim Reichstag von 1734 in Schweden aufgekommen ſein ſoll. Der parlamentariſche Vorpoſtenkrieg, der ſtets lebhafter und pikanter iſt als der Krieg, d. h. als die Reichsverſammlung ſelbſt, hatte ſomit auch be⸗ gonnen. Alle, die mit der gegenwärtigen Lage der Dinge mehr oder weniger unzufrieden waren, hatten— man wußte nicht recht, von wem— einen Wink er⸗ halten, daß ſie in der holländiſchen Düne willkommen ſein würden, wo ſie, nicht in den gewöhnlichen Wirths⸗ zimmern, ſondern eine Treppe hoch, Freunde und Bekannte ſinden würden. Da die Abgeordneten noch nicht recht in ihre Reichstagsrollen eingewöhnt waren, ſo wurde der Zulauf ſehr groß; es fanden ſich viele Geiſtliche ein, noch mehr Bürger, vorzugsweiſe aber Mitglieder des Bauernſtandes. Schon früh am Abend und lange vor allen An⸗ dern hatte ſich ein Bettler vor der Wirthshausthüre eingeſtellt. 200 Darin lag zwar nichts Ungewöhnliches: im Gegen⸗ theil, wo viele Menſchen ſich verſammeln, da zeigen ſich gewöhnlich auch Armuth, Bedürftigkeit und Noth. Vor den Thüren der Reichen ſtehen ſie am häufigſten Wache. Das geübte Auge der Stockholmer unterſcheidet einen ankommenden Reichstagsabgeordneten ſehr leicht von der eigenen Bevölkerung. Die Gäſte ſind ſo neu gekleidet, ſo ſonntäglich aufgeputzt; ſie gehen mit einer auffallenden ſteifen Bedächtigkeit einher und ſehen ſich ſo verwundert um. Der Bettler, der ſtets aus dem Aeußeren des Menſchen ſein Inneres ſtudiren muß, beſitzt in die⸗ ſer Beziehung einen nicht minder ſcharfen Blick, als jeder andere. Vor jedem neuen Kunden, der in der holländi⸗ ſchen Düne ankam, zog der arme Sünder ſeinen lumpigen Hut ab und ſtreckte ihn mit einer Verbeu⸗ gung vor; jeder Vorübergehende blieb ſtehen und gab ihm ein Scherflein. Nichtsdeſtoweniger ſchaute der Bettler mitunter neugierig, beinahe liſtig um ſich, als wollte er unter⸗ ſuchen, ob ſich Jemand auf der Straße zeige oder ob ſie leer ſei; in letzterem Fall zog er aus ſeinem Hutfutter Papier und Bleiſtift hervor und machte größere oder kleinere Notizen, worauf er Beides vor⸗ ſichtig wieder an dem alten Ort aufbewahrte. Das Getöne haſtiger Schritte, gefolgt von dem Geklirre beſpornter Stiefel, ſchlug dabei an ſein Ohr. Sogleich zog er ſich die Brunnengaſſe hinab zurück, ſichtlich in der Abſicht, den Kommenden auszuweichen. Zwei hohe Geſtalten, die Leibtrabanten Wallen⸗ ſtjierna und Hermelin, kamen zum Vorſchein. So bald ſie ihre Pferde in den königlichen Stall geſtellt, machten ſie ſich auf den Weg nach der holländiſchen Düne. Drinnen in der Wirthsſtube ſaß ein einſamer Gaſt. Eine große weiße Perücke mit Locken und Zopf bedeckte ſein Haupt. Er ſchien vorzugsweiſe der Mann der Gegenſätze zu ſein. Die weiße Perücke kontra⸗ ſtirte mit der Jugendlichkeit ſeiner Bewegungen, ſeine Dickleibigkeit mit der Kürze ſeiner Taille, die große, hinausſtehende Kupfernaſe mit dem ſonſt etwas blaſ⸗ ſen und magern Geſichte, wie auch ſeine dichten und buſchigen Brauen mit den beweglichen Aeuglein, die darunter lagen. In einem Armſtuhl angelehnt, hatte der Mann bequem ſeine Füße ausgeſtreckt. Vor ihm ſtand eine Kanne Bier, wovon er mitunter behaglich nippte. Je zahlreicher ſich die Gäſte im obern Stock ver⸗ ſammelten, um ſo lauter wurde das Getrappel ihrer Füße und das verworrene Gemurmel ihrer Stimmen. Der Mann vor der Bierkanne ſpitte ſichtlich mit⸗ unter ſeine Ohren, als wollte er durch die Wand hindurch erlauſchen, was droben vor ſich ging. Mitunter öffnete er ſeinen Mund, um ein Ge⸗ ſpräch mit dem Kellner anzufangen, aber da hörte er neues Getöſe, und er legte ſich wiederum auf's Lauſchen. In dieſem Augenblick langten unſere zwei Leib⸗ trabanten an. „Erich, Johann, Auguſt!“ rief Wallenſtjerna dem Kellner zu,„oder wie Du heißen magſt, Polycarpus, 20²2 Chryſoſtomus, Arcadius oder Peregrinus; verzeih' mir, Freund, aber der Teufel mag alle Kellnerna⸗ men in der Welt wiſſen.“ „Ich heiße Janne,“ antwortete der Kellner, „Janne!“ „Gut alſo, Janne! Schaff' uns einen warmen Trunk... aber tummle Dich... wir haben Eile... ſag' einmal, Janne, haben ſich droben ſchon Einige eingefunden?“ „Volles Haus, Herr, vollkommen voll.“ „Gut geſprochen, Janne; jetzt ſpute Dich.“ „Verlangen Sie's mit Cognac oder Rhum?“ „Mit Cognac, Dummkopf!“ Das Original am Bierkrug war inzwiſchen auf⸗ geſtanden und hatte ſich vorſichtig Hermelin und Wal⸗ lenſtjerna genähert. Ein großer Plan lauerte in ſeinen kleinen Augen. „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung,“ ſagte er, während er unter wiederholten Bücklingen heranſchlich, „die Herren ſind Militäre, Offiziere?“ „Leibtrabanten, Herr, in des Königs Dienſt. Was iſt gefällig, wenn wir fragen dürfen?“ „Ich bin ein alter Mann, meine Herrn, bin noch nie in der Hauptſtadt geweſen, bin mit einigen Reichstagsherren von Schonen gekommen, kenne kei⸗ nen einzigen Menſchen hier, nicht einmal eine ein⸗ zige Straße, bin überdies jetzt von meinen liebens⸗ würdigen Reichstagsſchlingeln im Stich gelaſſen wor⸗ den, weiß gar nicht, was ich anfangen ſoll, befinde mich in einer recht unangenehmen Lage, habe in⸗ zwiſchen immer hohen Werth auf Herrn vom Mili⸗ tär geſetzt, bin ſelbſt eine Zeit lang Militär geweſen, d. h. ich dachte eine Zeit lang daran, einer zu wer⸗ den, aber da ſtarb mein Vater, und ich wurde Guts⸗ beſitzer ſtatt Fähndrich, und verheirathete mich, ſtatt am letzten finniſchen Krieg Theil zu nehmen. Be⸗ lieben die Herren ein Glas zu trinken... bitte, es mir zu gut zu halten... Kellner, eine Flaſche Champagner! erlauben Sie, meine Herrn... ha ha ha!“ Hermelin und Wallenſtjerna ſahen bald einander, bald den wunderlichen Alten an. „Meine Herrn, haben Sie die Güte und ſetzen Sie ſich... verzeihen Sie einem alten Mann. Tummle Dich mit dem Champagner, Junge! So iſt’s recht... nein, nein... große Gläſer, Freund⸗ chen, große Gläſer, ha ha ha ha! Welcher ſchreck⸗ liche Lärm da oben... ich habe die Ehre, meine Herrn... Apropos, Militär, iſt es wohl wahr, was man ſich erzählt?“ Der Alte lächelte ſo freundlich und ſah überhaupt ſo verbindlich und zuvorkommend aus, daß ſeine Neugierde, oder, wenn man ſo will, ſeine Naſeweis⸗ heit ſelbſt die ſkrupulöſeſten Leute, was unſere Leib⸗ trabanten nideſimis nicht waren, zumal wenn der Vorwitz ſich mit Hilfe von Champagner breit machte, nicht verdrießen konnte. „Ich ſehe es Ihnen ſchon an, meine lieben Herrn, Sie ſchlagen das nicht ab; wer ſchweigt, der willigt ein... ha ha ha ha!“ „Um Verzeihung,“ bemerkte Hermelin,„aber was lerzählt man denn? es dürfte nothwendig ſein, uns das erſt wiſſen zu laſſen, bevor wir ant⸗ worten.“ 204 „Sollten Sie die große Neuigkeit nicht gehört haben? Es iſt wie ich ſage, man weiß auf dem Lande mehr als in der Stadt. Ha ha ha! Ich will's alſo ſagen; man...“ er ſah ſich vorſichtig um... „man kann uns doch nicht hören...2 Kellner, noch mehr Champagner, hörſt Du, mehr Champagner... ſo, ja... jetzt iſt er fort, ha ha ha... eine ſchlaue Art, um einen Kellner fortzubringen.“ „Aber zum Teufel, mein Herr,“ begann Wallen⸗ ſtjerna,„lachen Sie doch nicht ſo viel, ſondern ſagen Sie uns lieber ganz einfach, was Sie meinen, daß geſchehen ſei oder geſchehen ſoll... Wir wiſſen wahrhaftig Nichts.“ „Die Neuigkeit, die Neuigkeit...“ „Ganz richtig, ja, die Neuigkeit, ganz richtig. Auf dem Land... in Schonen, von wo ich komme . erzählt man ſich, aber es iſt vielleicht nicht wahr, ſondern leeres Gerede, ein gemeines Gerücht . aber hören Sie nur, welcher Lärm da oben!“ „Wahr oder nicht, was erzählt man ſich?“ Der Alte ergriff ſein Glas und ſtieß an, während er ſich lächelnd und mit blinzelnden Augen ver⸗ beugte. „Man erzählt ſich... Ihre Geſundheit, meine Herrn... daß der Zuſammentritt der Stände dies⸗ mal beinahe ſo viel bedeute als...“ er ſah ſich noch einmal um...„als eine Revolution“*). *) Solche Gerüchte wurden während der Freiheits⸗ zeit von den Parteien ſehr oft ausgebreitet; ſie gehörten zu den Mitteln, die ſie gegen einander anwandten. 20⁵5 „Eine Revolution!“ „Still, meine Herrn, ſtill... ſprechen Sie jedenfalls nicht ſo laut. Trinken Sie doch... ich habe die Chre... da iſt noch mehr Champagner... darf ich einſchenken?“ Jede Zeit birgt einen gewiſſen Gedanken, eine gegebene große Anſicht, eine Meinung in ihrem Schooße, und jeder Einzelne trägt, wenn er ſich deſſen auch nicht klar bewußt wird, nach Maßgabe ſeiner Mittel das Seinige dazu bei. Aber wenn dieſe Anſicht einmal zu einer verarbeiteten Meinung wird und die Maſſen gleichſam elektriſirt, ſo braucht nur noch das betreffende Wort ausgeſprochen zu wer⸗ den, und Jedermann wird von der Wahrheit getrof⸗ fen, wie von einem Blitz, der aus der öffentlichen Meinung heraus zündet. Hermelin und Wallenſtjerna leerten ihre Gläſer, konnten ſich aber nicht recht von ihrer Ueberraſchung erholen. Sie betrachteten bald einander, bald wie⸗ der den Alten, der eine Saite angeſchlagen hatte, von welcher ſie erſt jetzt bemerkten, daß ſie in ihnen ſelbſt vollkommen gut geſtimmt war. „Nun ja,“ bemerkte Wallenſtjerna endlich,„wenn ſo Etwas um den Weg ſein ſollte, ſo iſt ein Tra⸗ bant allzeit bereit... für oder wider, wie es ſich un gerade trifft...“ SHermelin trat ſeinem Kameraden warnend auf den FJuß. Aber Wallenſtjerna war nicht derjenige, der eigen konnte, wenn er einmal auf einen Gegen⸗ gerathen war, der in ſeine eigene Gedanken apaßte. 206 „So, man ſpricht in Schonen alſo von ſolchen Dingen,“ fuhr er fort;„hier oben weiß man von Nichts dergleichen.“ „Wirklich... ei ei... und gleichwohl erzählt man ſich... hören Sie... man ſpricht da oben... man hört ganz deutlich eine Stimme... wir ſind ja doch wohl in der holländiſchen Düne?“: „Wie Sie ſagen, mein Herr, in der holländi⸗ ſchen Düne.“ „Mir erzählte man, daß... daß... aber es iſt ſicherlich eitel Lüge... ha ha hal Sonſt erzählte man ſich, daß der Rädelsführer der Revolution... Sie kennen wohl alle Leibtrabanten, Sie... daß der Rädelsführer der Revolution ein Leibtrabant ſein ſolle... „Ein Leibtrabant... was zum Teufel ſchwatzen Sie... ein Leibtrabant...?“ „Ganz gewiß eine Lüge, meine lieben Herrn... ich bin es vollkommen überzeugt... eine baare Lüge... „Der Name, der Name.. „Es gibt vielleicht nicht einmal Einen mit dem Namen, den man angegeben hat; wahrſ cheinlich Nichts als Sand, den man drunten in Schonen einander in's Geſicht wirft...“ „Der Name...“ „Er ſoll Wallenkamp heißen... Wallenberg.. Ihre Geſundheit, meine Herrn... nein, nein.. Wallenſtjerna... ja ſo iſt's.“ Wallenſtjerna konnte den Schauder nicht uſw⸗ drücken, der ihm durch die Glieder fuhr, als e nd 7 hen von ählt ſind ndi⸗ res ühlte daß ſein atzen 1... aare dem dichts inder 207 nen eigenen Namen hörte. Aber der Alte ließ ihm keine Zeit zu Einwendungen. „Ferner ſagt man,“ fuhr er fort,„daß hier... in der Düne... gerade hier...“ „Nun ja?“ „Daß die Verſchwörung hier ihr eigenes Kern⸗ gehäuſe... ihre Samenkapſel... ihren Haupt⸗ clubb habe... hören Sie, jetzt iſt es ſtill da oben...“ Der Alte hatte inzwiſchen einen ganz eigenthüm⸗ lichen Eindruck auf die zwei Leibtrabanten gemacht. Was ſo Viele gleichſam in der Luft zu ſpüren mein⸗ ten, aber keiner noch bei ſeinem rechten Namen zu nennen gewagt hatte, das ſprach er ohne Weiteres aus, als handelte es ſich um eine bloße Spielſache. „Ich bitte um Entſchuldigung,“ bemerkte Wal⸗ lenſtjerna, der ſich gleichwohl von ſeiner Ueberra⸗ ſchung noch nicht erholt hatte,„darf ich fragen, wer Sie ſind?“ „Ein Liebhaber von Revolutionen, meine Herrn ... ſehen Sie... ich bin beinahe unter Revolu⸗ tionen aufgewachſen... Sie kennen mich vielleicht nicht, aber die Gemeinde, worin ich wohne, iſt, ſo weit mein Gedächtniß reicht, von revolutionären Be⸗ wegungen erſchüttert worden.“ „Von revolutionären Bewegungen?“ „Die Propaganda arbeitet unaufhörlich da.“ „In einer Landgemeinde... Sie ſetzen mich in Erſtaunen...“ „Das wundert mich nicht; die Sache iſt die, daß wir ein paar ehrenwerthe Kirchenälteſte gehabt haben, 208 und daß die übrigen Bauern ſie nicht ausſtehen konnten...“ „Nun.. „Grund genug zu einer revolutionären Agitation in unſern Zeiten... ja, ſo iſt's... ich bin ein Sohn großer Bewegungen, ein Kind kühner und ver⸗ wegener Verſchwörungen. Bedenken Sie, ein Kirchen⸗ älteſter...“ Die Ausdrucksweiſe des Alten, noch mehr aber ſein Ausſehen, ſeine Stimme und ſein ganzer Schick hatten etwas ſo Ungekünſteltes, Gutmüthiges und Schwatzhaftes, daß unſere Leibtrabanten bald nur noch einen alten Bekannten in ihm erblickten, mit dem man über alles Mögliche reden könne. „Sie glauben nicht, meine Herrn,“ fuhr der Alte fort,„wie ſehr ich von einem Wunſche glühe.“ „Laſſen Sie hören.“ „Zuerſt müſſen die Gläſer gefüllt werden, dächte ich... Sie nippen ja blos, meine Herrn. In mei⸗ ner Gegend thun die Herrn Offtziere herzhafter Be⸗ ſcheid in Champagner.“ „Sie ſagten, daß Sie von einem Wunſche glühen.“ „Ganz richtig; ich weiß Nichts in der Welt, was ich ſo ſehr wünſche, als daß ich Wallenſtjerna's Be⸗„ kanntſchaft machen und dann... in den Clubb hie ſ aufgenommen werden könnte... wiſſen Sie...“ Wallenſtjerna ſchob den Tiſch von ſich. „Sie wünſchen es wirklich?“ V 3 11 „Mehr Champagner, Junge, mehr Champagner!“ Ich bin im Fall, Ihren Wunſch erfüllen zu können,“ fuhr Wallenſtjerna fort;„aber es thut mir 1 en — ₰ —₰ „ſtellungen getäuſcht finden werden. zum Voraus leid, daß Sie ſich in allen Ihren Vor⸗ In den Clubb hier kann ich Sie einführen.“ „Sie können das? Nun, Kellner, wo bleibſt Du ſo lang mit dem Champagner?“ „Und was Wallenſtjerna betrifft, ihn hier vor ſich.“ Der Alte war in ſeinem ganzen Weſen zu natür⸗ lich, als daß Hermelin irgend einen Argwohn auf ihn werfen konnte; aber ſein Inſtinkt ſagte ihm doch, daß man ihn mit größerer Vorſicht behandeln müßte. 3 Wenn jedoch Wallenſtjerna einmal Vertrauen zu Jemand gefaßt hatte, ſo halfen alle Warnungen nichts mehr. In der Art, wie der Alte ſeinen Wunſch, ihn kennen zu lernen, ausſprach, ſchien ihm eine ſo un⸗ verkennbare Achtung und Bewunderung zu liegen, daß er ſich dadurch nicht blos geſchmeichelt fühlte, ſondern wirklich eine Art von Freundſchaft für ihn faßte. Wenn Sie Luſt haben,“ bemerkte er,„ſo gehen wir ſogleich hinauf.“ „Das letzte Glas, meine Herren, das letzte Glas!“ Mit Erlaubniß des Leſers gehen wir ihnen ins ſo ſehen Sie „Clubbzimmer voran. 4 „Die Geſchichte,“ ſprach eine klare Männerſtimme, „iſt die eigentliche Grammatik der ganzen Mitzeit und Zukunft, die Grammatik des Lebens und der Entwicklung der Menſchheit; ohne die Geſchichte zu kennen, kann man die Sprache nicht verſtehen⸗ welche Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. I. 14 210 die Zeit zu uns redet. Die Geſchichte iſt das große Lexikon der Völker: was wir nicht begreifen, können wir darin aufſchlagen, und wir erhalten immer Ant⸗ wort; es iſt der vollſtändigſte und ſicherſte Rath⸗ geber: ſind wir unentſchloſſen, was wir zu thun haben, ſo brauchen wir uns nur an dieſes Buch der Bücher zu wenden, und wir erhalten einen Rath, dem wir voll Zuverſicht folgen können.“ Es war Höppeners männliche Stimme, die er⸗ klang. Man hatte ſo eben eine Sitzung geſchloſſen, bei welcher die Frage über die Stellung der ſogenannten freien Grundbeſitzer, der Geiſtlichkeit, des Bürger⸗ und des Bauernſtandes zur Ritterſchaft und zum Adel verhandelt worden war und verſchiedene An⸗ ſichten ſich geltend gemacht hatten. Höppener war nicht der Mann, der einer Ver⸗ ſammlung ein Stückchen von der vollen Wahrheit erließ. Die geſchichtliche Wahrheit war für ihn ein Dogma, für welches er, wie für nationale Freiheit, gerne kämpfte, wenn auch als Märtyrer. Um ſeine Anſichten klar zu entwickeln, hatte er das Wort ergriffen. Seine Augen ſtrahlten, ſein Herz klopfte. „Das Stundenglas der ſouveränen Herrſchaft war abgelaufen,“ fuhr Höppener fort.„Sein letztes Santtorn war die Kugel, die den Helden Karl XII. bei Friedrichshall traf. Dieſe Herrſchaft hatte das Land an den Rand eines großen Abgrundes geführt, und die Vaterlandsliebe gebot den Männern der Nation, nicht blos das zu retten, was gerettet wer⸗ den konnte, ſondern auch für die Zukunft ein Boll⸗ — — werk gegen eine Regierungsform zu errichten, deren ganze Grundlage in dem Willen eines Einzigen beſtand. „Von einer alleinherrſchenden Königsgewalt ging man zu einer Königsgewalt über, welche durch die Mehrheit des Raths und durch einen von den regie⸗ renden Ständen abhängigen Rath gebunden war. Das auf einer ſolchen Grundlage aufgeführte Werk hätte eine Staatsordnung hervorrufen können, die der Bewunderung der Geſchichte würdig geweſen wäre und den Bedürfniſſen des Vaterlandes entſpro⸗ chen hätte; aber leider blieben die Folgen weit hin⸗ ter den Möglichkeiten zurück. „Und warum?“ fragt ihr.„Ich will es zu be⸗ antworten verſuchen.“ „Das ſchwediſche Land iſt mit dem Schwert in der Hand groß, ruhmreich und mächtig geweſen; aber mit dem Pflug war es arm und mittellos. Es hat Helden auf dem Thron und Bettler in den Hütten gehabt; es lebte von den blutigen Ernten ſeiner ſiegreichen Waffen, nicht vom Ertrag der mä⸗ henden Sichel; es hoffte auf die Früchte des Krie⸗ ges, nicht der Arbeit; kurz, es hat viele Karle und Guſtave gehabt, aber nicht einen einzigen Numa Pompilius. Wenn man an das Nationalgefühl des Volkes appellirte, ſo geſchah es niemals, um uns in der inneren, bürgerlichen Entwicklung oder in nütz⸗ licher induſtrieller Thätigkeit zu fördern, ſondern vielmehr einzig und allein, um für einen großen Heldenſtaub, ein abenteuerliches Waffenſpiel, einen ritterlichen Heereszug Sympathien zu wecken. Die Welt bewunderte unſern Muth und unſere Siege; 212 aber ſie wußte nicht, daß unter der ſchimmernden Kriegsrüſtung blos Lumpen verborgen waren. Mit den Ländern, die man eroberte, und mit den Schätzen, die man erbeutete, gewann das Land Lorbeeren und Anſehen vor der Weltgeſchichte, und ſeine tapfern Heerführer errangen Ruhm und Glanz; aber das Volk ſelbſt gewann nie Etwas; nach jeder großen Heldenthat ſtand es nur noch mehr ausgeplündert, ausgeſogen und verarmt da. Der Staat ſchritt in zwei unaufhörlich auseinander laufenden Rich⸗ tungen voran, in einer glänzenden, ſiegjubelnden, übermächtigen und herrſchenden— ſiehe da unſere Ariſtokratie!— und in einer immer ſchwächer, im⸗ mer ärmer und magerer werdenden,— ſiehe da unſere freien Grundbeſitzer. Das Regierungsproblem der Nation ging in der Bildung eines mächtigen und ſtarken Kriegerſtammes im Norden auf, mit der ge⸗ bietenden Macht der Heerführer auf der einen Seite, dem unbedingten Gehorſam und der Unterwürfigkeit des disciplinirten Soldaten auf der andern. So lernte der Adel zu befehlen, das Volk ſklaviſch zu dienen. „Dies iſt das Bild, das ſich im Verlauf von ungefähr zwei Jahrhunderten darbietet. „Die Staatsverfaſſung der Jahre 1719— 1720 wurde nicht weniger vom hohen Adel als vom Volk willkommen geheißen, obſchon unter entgegengeſetzten Hoffnungen, worin beide Theile ſich getäuſcht haben. „Der hohe Adel bewillkommte ſie, weil der Rath noch immer eine vergleichungsweiſe unabhängige Stellung zu behalten hoffte; das Volk, weil es hoffte, daß die Staatsrechte hinfort gleichmäßiger vertheilt, —— —— 213 die bürgerlichen Intereſſen höher geachtet würden und die Grundſätze der politiſchen Freiheit ſich voll⸗ kommener zum Nutzen des Ganzen entwickeln könnten. „Iſt das Eine oder Andere eingetroffen? „Schon 1723 reichte der Bürgerſtand der Ritter⸗ ſchaft und dem Adel eine Denkſchrift ein, worin er mit Anführung von Gründen, die ſich ſtaatsrechtlich nicht umſtoßen ließen, verlangte, daß die Civilämter des Reichs zur Hälfte mit Unadeligen beſetzt werden ſollen. „Wie antworteten Ritterſchaft und Adel auf die⸗ ſes billige Verlangen? „„Der löbliche Bürgerſtand,““ antworteten ſie, „nhat eine ſchwere Zumuthung geſtellt, indem er die Hälfte aller Civilämter für ſich verlangt, unter wel⸗ chem Begehren die ſchädliche Abſicht verborgen iſt, unſere Kinder und Nachkommen, entgegen der Re⸗ gierungsform und den Privilegien des Standes, aus⸗ zuſchließen, wie auch durch den Beifall und die Zu⸗ ſtimmung der andern Stände den verderblichen Zu⸗ ſtand zu begründen, wo ſie durch die unter ihnen vereinbarte Stimmenmehrheit über die Vortheile, Freiheiten und das Eigenthum des Adelſtandes ge⸗ bieten könnten; dann können und dürfen wir als ehrliche ſchwediſche Rittersmänner nicht dulden und geſtatten, daß unſere theure Freiheit auf ſolche Art mit Füßen getreten, unſere Wohlfahrt dem Belieben und Wohlgefallen der andern Stände unterſtellt und unſer einziges Mittel zur Aufrechterhaltung des Standes, nämlich der Beſitz adeliger Güter und Aemter, uns, der Regierungsform und den Privi⸗ legien zuwider, abgeſprochen und genommen werde. 214 Derohalben haben wir in Betracht deſſen und durch dieſe einſtimmig unter uns beſchloſſene und aufge⸗ ſetzte Vertrags⸗ und Verbindungsſchrift, auf's Kräf⸗ tigſte, bei unſerer adeligen Ehre und Treue uns zu⸗ ſammenfügen und verbinden gewollt, um Alle für Einen und Einer für Alle zu ſtehen, und nöthigen⸗ falls weder Gut noch Blut zu ſparen, um die allge⸗ meine Freiheit zu vertheidigen und weder dieſen be⸗ denklichen Verſuch des löblichen Bürgerſtandes, noch irgend Etwas, was in gleich ſchädlicher Richtung gegen die Regierungsform und unſere theuer erwor⸗ benen Privilegien unternommen werden könnte, Fort⸗ gang gewinnen zu laſſen, ſondern nach Kraft und Vermögen Widerſtand zu leiſten und als ehrliche ſchwediſche Rittersmänner lieber das Aeußerſte zu wagen, als uns ſolchen Drangſalen zu unterziehen und von irgend einem Stand ein ſchädliches Geſetz anzunehmen.““ „Aber damit nicht genug,“ fuhr Höppener fort, „auch die Regimentschefs vereinigten ſich zu einer im ſelben Geiſt abgefaßten Antwort. „Da wir mit Mißfallen vernehmen,“ heißt es darin,„wie die hier anweſenden Bevollmächtigten des löblichen Bürgerſtandes, vermuthlich aus eigenem Drang und Trieb, und ohne Mitwiſſen ihrer daheim gebliebenen Mitbrüder, einige ſchädliche Unterneh⸗ mungen zu des Adelsſtandes, ſowie zu unſerem und unſerer Nachkommen unvermeidlichem Verderben ein⸗ zuleiten, durchzuſetzen und zu weiteren gefährlichen Folgen den Weg zu bahnen verſucht haben: ſo will es uns als ehrlichen ſchwediſchen Männern und Re⸗ gimentschefs nicht anſtehen, unſre lieben Mitbrüder u—— G——— — 215 von der Ritterſchaft und dem Adel in der Bedräng⸗ niß zu laſſen, von einem andern Mitſtande im Reich Geſetze anzunehmen oder die Ehre, Wohlfahrt und das Eigenthum des vornehmſten Standes von der Willkür, dem Gutdünken und der Entſcheidung eini⸗ ger abholden, übelgeſinnten und unredlichen Ver⸗ ſchwörer abhängen zu laſſen. Wir erklären alſo hiemit für uns und unſre daheim weilenden Mit⸗ brüder, daß wir als ehrliche ſchwediſche Männer nöthigenfalls mit Gut und Blut der Ritterſchaft und dem Adel, ſowie denjenigen Mitgliedern der andern Stände, welche die Anſicht der Ritterſchaft und des Adels theilen, beiſtehen wollen, um die Freiheit des Reichs und die allgemeine Freiheit aufrecht zu er⸗ halten und zu vertheidigen, ſo daß wir Jeden, wer es auch ſei, der ſich unterſteht, den geringſten Ein⸗ griff in dieſelben zu machen, als offenbaren Reichs⸗ feind, Friedensſtörer und Eidbrecher anſehen und ohne Unterſchied mit gebührendem Nachdruck be⸗ kämpfen werden.“ Höppener ſchwieg hier. Keiner der Anweſenden bewegte ſich von ſeinem Platze, Alle hatten ihre Blicke auf den Redner geheftet. Die meiſten Zu⸗ hörer hatten die angeführten Aktenſtücke entweder nicht gekannt oder wieder vergeſſen. Indem Höp⸗ pener jetzt, beim Beginn einer neuen Reichsverſamm⸗ lung, daran erinnerte, ſtiftete er einen Brand, deſſen Wirkung nicht zweifelhaft ſein konnte. „Dieſe Erklärungen der Ritterſchaft, des Adels, ſowie der Regimentschefs beweiſen,“ fuhr Höppener fort,„auf welchem Fuß ſie mit einander ſtanden.“ „Aber die feindſelige und verachtungsvolle Ant⸗ 216 wort des Adels wurde auch der Samen, woraus die Feindſchaft zwiſchen dem Adel und dem Stand der freien Grundbeſitzer ſich entwickeln ſollte, um zuletzt eine Frucht von der bittern Art des Zank⸗ apfels zu tragen. „Den ariſtokratiſchen Elementen iſt es inzwiſchen bis jetzt gelungen, die Rechtsforderungen der bürger⸗ lichen Stände zu unterdrücken. „Aus den Aktenſtücken, die ich angeführt habe, kann Jedermann erſehen, was Ritterſchaft und Adel unter„„Freiheit des Reichs und allgemeiner Wohl⸗ fahrt““ verſtehen; man kann daraus auch erſehen, daß ſie Jeden, der ſeine Stimme gegen ihre Intereſſen erhebt, als„offenbaren Reichsfeind, Friedensſtörer und Eidbrecher“ betrachten. „Dieſe Art, die Staatsverfaſſung zu deuten, geht von Stund an auch durch alle Reichsverhandlungen. „Der Ausdruck„ſouveräne Stände“ hat nichts Anderes bedeutet, als„der ſouveräne Adel.“ In die wichtigſten Reichstagsausſchüſſe wählte der Adel allein ebenſo viele Mitglieder, wie die andern Stände zuſammen. Erklärte man nicht bei einer wichtigen Frage geradezu, die Bauern hätten Nichts damit zu ſchaffen, der Bauernſtand dürfe in politiſchen und ökonomiſchen Angelegenheiten keine Stimme haben? Hat man ihn nicht, zuerſt von allen Ausſchüſſen ohne Ausnahme, ſpäter wenigſtens vom eigentlichen Sitz der Regierungsgewalt, dem geheimen Ausſchuß, ausgeſchloſſen? Wer unter uns kann vergeſſen, wie der Bauernſtand im Jahr 1734, als der Reichstag ſich ſchon ſeinem Ende zuneigte, eine Deputation an den geheimen Ausſchuß abſandte, mit der Bitte um Mittheilung der eigentlichen Urſache, warum man die „Stände zuſammenberufen habe? Welch eine krän⸗ kende Bedrückung gegen einen ganzen Stand, ihn nicht einmal vom Zweck ſeiner Zuſammenberufung in Kenntniß zu ſetzen!“ Höppeners Aufmerkſamkeit flog im Saale umher; er las auf den Geſichtern der Anweſenden, in wie weit ſeine Worte in ihren Seelen wiederklangen oder nicht. Er hielt eine Art von Revue. Auf einmal jedoch blieb ſein Blick haften. Durch die halb offene Thüre waren nämlich ſo eben unſere zwei Leibtrabanten, Hermelin und Wal⸗ lenſtjerna, gefolgt von dem freundlichen, neugierigen Alten, hereingekommen. Die Blicke Höppeners und des Greiſes begegne⸗ ten ſich. Beide ſchienen dabei von einem elektriſchen Schlag getroffen zu werden. Offenbar ging etwas Eigenthümliches und Bemerkenswerthes in ihrem Innern vor. Beſaßen ſie Etwas, was ſie zu, ein⸗ ander anzog oder was ſie feindlich von einander abſtieß? Mit einer Bewegung voll Stolz und Trotz, Muth und Kampfbegier wandte ſich Höppener zuletzt von dem Unbekannten ab. „Ich habe,“ fuhr er mit einer Stimme fort, die noch beſtimmter klang als vorher,„ich habe nicht davon geſprochen, wie die königliche Gewalt eine kurze Zeit hindurch bemüht war, die Splitter ihrer Macht aus dem allgemeinen Umſturz zu retten, aber nichtsdeſtoweniger bald gezwungen wurde, ſich beſiegt zu geben und unterwürfig ihre Vernichtung zu unter⸗ ſchreiben in König Friedrich's denkwürdigen Worten: 218 „„Wir werfen Uns den Reichsſtänden in die Arme und erklären, daß Unſere Abſicht einzig und allein dahin geht, Uns in allen Stücken an die Rathſchläge und Verfaſſungen zu halten, welche die Reichsſtände als nothwendig und nützlich erprobt haben.““ „Ich habe auch nicht davon geſprochen, wie die erſte Rathsverſammlung, die doch von älteren Zeiten her eine Art von nationaler Bedeutung hatte, raſt⸗ los für die Erhaltung ihres geretteten Uebergewichts ſtritt, bis endlich die Kriſis eintrat, worin ihre Macht durch den nicht minder berühmten Ausſpruch des Grafen Horn, daß das Anſehen des alten und vor⸗ nehmeren Adels im Reich aufgehört habe, gebrochen wurde. „Ebenſo habe ich nicht von der Parteierbitterung geſprochen, die ſich in den eigenen Reihen des Adels entwickelte, und die ſich jetzt, unter dem Namen Hüte und Mitzen, auf dem Grab der urſprünglichen Rathsgewalt in feindlichem Zweikampf erhebt. Gebt Acht auf dieſen Streit. Es iſt Saturn, der ſein eigenes Geſchlecht zerfleiſcht. Die Zwietracht rast mit der größten Heftigkeit. Das ganze Land iſt hineingezogen. Wir ſelbſt ſind blos Theile dieſes Kampfes. Es iſt ein Sturmwind, der Alles mit ſich fegt. Um einander zu ſtürzen, ſchichtet man den Oſſa auf den Pelion, und den Olymp auf den Oſſa. Während die Zwietracht ihr pro patria et libertate ſchreit, verſinkt die ganze Selbſtändigkeit der Nation in den bodenloſen Abgrund der Corruption. Bald verkauft man uns an Rußland und England, bald an Frankreich. Nicht die Königsmacht, nicht der Wille der Nation, nicht unſere berathenden Stände ſind es, die uns regieren. Wir werden von St. Petersburg oder von Paris aus regiert. Die Stände, hat ein Engländer geſagt, gehören dem Meiſtbieten⸗ den, gerade wie wir in Smithfield Vieh kaufen.“ Höppeners Blick fiel eben jetzt auf den an der Thüre ſtehenden Fremden, deſſen Augen nicht mehr von Güte und Freundlichkeit leuchteten; es entglitt ihnen vielmehr ein Funke bitteren Haſſes. „Iſt unſer Regierungsſyſtem— frage ich mit Fuiedbaun— Monarchie, Ariſtokratie oder Anar⸗ hie?“ Die Zuhörer vermochten ihre ſchon allzu lang unterdrückten Gefühle nicht mehr zurückzuhalten. Ein ſtürmiſcher Beifall lief durch den Saal. Höppener ſchien darin die Aufforderung zu einer neuen, ſchließ⸗ lichen Anrede zu erblicken und wandte ſich alſo gegen die Mehrzahl. „Wie auch die Wogen der Zeit von raſenden Winden zum Kampf gegen einander gejagt und in ihrem eigenen Streit zermalmt werden mögen,“ ſprach er weiter,„ſo tritt doch etwas Ewiges als ein ſtar⸗ ker und mächtiger Stern aus der Tiefe hervor, und das iſt das Chriſtenthum, und das iſt die Civiliſation, das iſt der Volksgeiſt. Was wollen dieſe? Sie wollen Geſetze, die alles Menſchenrecht heiligen und der Thätigkeit ein Feld eröffnen, das von keiner andern Macht begrenzt wird, als von derjenigen, die in der eigenen Natur wahrer Thätigkeit liegt; ſie wollen eine Ordnung, die in Weisheit und Wahrheit belebt und entwickelt in Freiheit und Selbſtändigkeit ſtark und vertrauensvoll iſt. Sie wollen Gleichheit der Rechte Aller vor denjenigen, die dieſſeits und jen⸗ ſeits der Gräber richten. In einer weitentlegenen Zukunft ſehe ich, nach dem Einſturz unſerer Babel, aus den Ruinen eine Staatsform erwachſen, welche den rechtmäßigen For⸗ derungen der Geſchlechter würdig entſprechen wird. Aber ſteht es uns zu, bis dahin zu ſchlummern? Tretet ſchon heute vor die Machthaber und ſpre⸗ chet, die Hand auf Euerm Herzen, die Bekümmerniſſe aus, welche die Nation mit Bangigkeit erfüllen. Ich fordere Niemand zu einem Verbrechen gegen die beſtehende Staatsverfaſſung auf, aber ich fordere Jedermann auf, zu verlangen, daß ſie eine Wahrheit werde. In früheren, uralten Zeiten beſaß jeder freie Grundbeſitzer Stimmrecht bei den allgemeinen Volks⸗ verſammlungen: man kam mit Schild und Schwert, und wenn man mit dem Schwert an die Schilde hämmerte, ſo war dieſe Beredtſamkeit genug, um den Willen des Volks durchzuſetzen. Dies war eine bewaffnete Preßfreiheit, eine Buchdruckerkunſt mit Schild und Schwert, eine Oeffentlichkeit, die auf wirklicher Freiheit beruhte. Seitdem iſt ein erſticken⸗ der Rauch durch den Staat gegangen, und bei Ida⸗ vall ſuchen wir jetzt die Tafeln der Erinnerung, eine verlorene Nationalität, Freiheit und Selbſtändigkeit. Gewiß würden jedoch alle Bemühungen ſie wieder⸗ zufinden gänzlich fruchtlos ſein, wenn nicht während der hundertjährigen Nacht eine neue Macht ihr Auge geöffnet hätte, aus welchem neues Licht über die Welt ſtrahlt, während ihr Blick immer tiefer durch das Dunkel vordringt, und dieſe Macht iſt die Preßfrei⸗ — ⏑̈ꝗb3³⁰, 2Z/2 —— ⏑ᷣᷣ——— ——— — heit. Mit ihr werden die Völker Alles wieder ge⸗ winnen, was ſie verloren haben, und zwar verherr⸗ licht und veredelt von dem Kampf ſelbſt, worin ſo lange Zeit ihre Rechte niedergetreten und ihr Werth unterſchätzt worden. Fordert alſo vor allen Dingen Preßfreiheit, die Bedingung aller Freiheit, Wahrheit und Gerechtig⸗ keit. Ohne ſie beſitzt unſer Geiſt nicht das Recht, ſich in der Welt umzuſehen und zu überdenken, was er ſieht; ohne ſie beſitzt unſer Geiſt nicht das Recht zu Bitterkeit oder Freude, nicht das Recht, ſich von der Macht wahren Gefühls hinreißen zu laſſen. Erſt durch die Preßfreiheit erhält der Einzelne das Recht, das Viſir vor ſeinem innern Leben aufzuſchlagen, mit unverhülltem Geſicht vor die Geſellſchaft zu treten und offen für ſeinen Glauben zu kämpfen*). Die Preßfreiheit iſt das helle Tageslicht des po⸗ litiſchen und moraliſchen Lebens. Ohne Preßfreiheit iſt es noch Nacht darinnen. Während der Nacht ſchleicht das Verbrechen heran, aber mit Tagesanbruch zieht es ſich gleich Nebeln in ſeine Neſter zurück, als ſchämte es ſich, der Sonne Gottes in's Auge zu ſchauen. Nur die Preßfreiheit vermag die Strah⸗ len der Gedanken einer ganzen Nation in ihrem Brennſpiegel zu ſammeln, um ihrerſeits mit ver⸗ einigter Gluth jeden Bund von Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu Staub zu verbrennen. Nur durch *) Vor 1766 war geſetzlich keine Preßfreiheit geſtattet. In der Verfaſſung von 1719— 1720 wurde ſie gänzlich vergeſſen. 222 ſie wird das Recht und die Fähigkeit erworben, von den Geſetzen Schutz zu verlangen, die Unabhängig⸗ keit des Einzelnen, das unverkümmerte Recht auf den Beſitz deſſen, was man geſetzlich erworben hat, die Freiheit von Steuern, die das Land nicht freiwillig auf ſich genommen hat, die Zulaſſung der Geſchick⸗ lichkeit und Erfahrung zu allen Staatsämtern, die Abſchaffung der ausſchließlichen Privilegien der vor⸗ nehmen Geburt, ſowie die Sicherheit der Perſon, die bis jetzt blos der Adel beſitzt, nämlich das Recht, blos wegen erwieſener Verbrechen gefänglich einge⸗ zogen zu werden. Von Kaiſer Theodoſius II. wird erzählt, er habe ſich mit ſolchem Eifer in die heilige Schrift vertieft, daß er Tag und Nacht darin geleſen. Alle Wahrheit, die im Himmel und auf Erden vorhanden iſt, alle Freiheit und Gerechtigkeit, welche die Geſellſchaft und die Individuen veredelt, hat ſich auch in die Bibel gerettet, dieſen großen Geſetzes⸗ codex voll von göttlicher und menſchlicher Belehrung, dieſe Lebensquelle, deren Spiegel ſich löst, ſobald unſer Herz in die wahre Bedeutung des Wortes ein⸗ geweiht iſt. Während der Nacht der Jahrhunderte hat ſich die Menſchheit, wie Theodoſius, in dieſe Schrift vertieft. In die Lampe, welche keuchend dabei leuchtete, hat keine menſchliche, ſondern eine göttliche Hand be⸗ ſtändig neues Oel eingefüllt. Die Lampe leuchtet noch in dieſer Stunde. Noch in dieſer Stunde ſitzt das Menſchengeſchlecht in Er⸗ wägungen vertieft. Wie lange wird es ſo ſitzen bleiben?. Ich habe eine große, eine unſterbliche Zuverſicht. So lange die Bibel vorhanden iſt, ſo lange iſt auch Hoffnung vorhanden, daß die Menſchheit ſich in Licht und Freiheit erheben werde. Die Bibel iſt uns Gottes Bürgſchaft für ihre Zukunft. Gleich der Morgenröthe wird die Lampe zu einem neuen Tag anwachſen. Die Geſellſchaft wird eine Bibel werden. Das Chriſtenthum wird uns wahre Menſchen⸗ würde lehren.“ Hier verſtummte Höppener. Seine Stirne ſtrahlte, ſeine Augen leuchteten von Muth und Zuverſicht, ſeine Bruſt hob ſich. Langſam ſchweifte ſein Blick von Neuem im Zimmer umher; aber auf einmal warf er ihn nach der Thüre, als hätte er dort einen Feind gehabt, den er mit der Kraft eines einzigen Ausdrucks zermalmen wollte. Aber der Alte war fort. 3 Er hatte ſich vor einer Weile mit Hermelin und Wallenſtjerna entfernt. Statt ihrer ſtanden Forbus und Lars Larsſon da. „Warum blieben Sie nicht länger drinnen?“ fragte Wallenſtjerna den Alten, als ſie in die Haus⸗ flur hinauskamen. „Muß ſagen,“ antwortete dieſer,„war ſo warm da innen, griff mir den Kopf an, ſchwache Geſund⸗ heit, liebe lange Reden nicht, wird immer finſterer da außen.“ 5 Indeß wollte es Hermelin, der ſich durch das 224 treuherzige Weſen des originellen Alten nicht ganz blenden ließ, bedünken, als ob ſein ſo plötzlicher Ent⸗ ſchluß, ſich zu entfernen, Etwas enthielte, was mit ſeinem früher ausgeſprochenen Verlangen, in den Clubb eingeführt zu werden, nicht ganz zuſammen⸗ paßte. Ueberdies hatte er auch bei Höppener in dem Augenblick, wo er die Anweſenheit des Unbe⸗ kannten gewahr wurde, einen ganz eigenthümlichen Ausdruck bemerkt. Er begann hieraus allerlei Schlüſſe von nicht vollkommen befriedigender Art zu ziehen. „Höppener ſpricht wie ein ganzer Kerl,“ bemerkte Hermelin in der Abſicht, dem Alten immer näher auf den Leib zu rücken. „Ein vortrefflicher Redner,“ antwortete dieſer lächelnd,„ein ausgezeichneter Redner, obſchon er einen großen Fehler hat, einen ſehr großen Fehler, aber dieſer klebt allen ausgezeichneten Rednern an; der Gerichtsbauer in meiner Gemeinde hat denſelben Fehler. 9 „Wirklich?... alle großen Redner... der Gerichtsbauer mit inbegriffen? Darf ich mir die Frage erlauben, in was dieſer Fehler beſtehen ſoll?“ „Dieſe Herren ſchneiden in's Gewächs... Sie verſtehen mich doch, meine Herren, in's Gewächs... d. h. ſobald ſie von den Häuten Anderer ſchneiden.“ Der Alte ſchloß damit, daß er einen Gaſſenhauer trillerte. Bei dieſer Gelegenheit hatte er ſich all⸗ mälig die Treppen hinabgezogen und ſtand jetzt am Ausgang, der auf die Straße führte. „Sie wollen ſich entfernen?“ begann Wallen⸗ ſtjerna;„kommen Sie lieber mit uns in die Düne herein und trinken Sie ein Glas mit uns. Sie ſind ein gemüthlicher alter Herr... verdammt ge⸗ müthlich.“ „Hab' keine Zeit, meine Herren, muß mich ſputen, habe Eile, ganz finſter heute Abend... ich hätte Ihnen etwas anzuvertrauen... ſehr finſter heute Abend.“ Bei Hermelin war nun einmal Mißtrauen oder Neugierde, was man am liebſten will, geweckt und wollte nicht mehr von ihm laſſen. Im Augenblick, wo der Alte auf der Treppe ſtand, um ſich hinab zu begeben, legte Hermelin die Hand auf ſeine Schulter. „Verzeihen Sie,“ ſagte er,„daß ich mich noch erdreiſte, Sie mit einer Frage zu beläſtigen; aber Sie haben uns nicht geſagt, wer Sie ſind, und. in Wahrheit... wir ſetzen bereits zu großen Werth auf Ihre angenehme Bekanntſchaft, als daß wir nicht auch Ihren Namen im Gedächtniß zu haben wünſchten.“ „Sehr richtig, ganz wie ſich's gebührt, vollkom⸗ men in Ordnung,“ antwortete der Alte, indem er ſich umwandte;„habe vergeſſen, Ihnen meinen Namen zu ſagen, blos Bagatell, von gar keinem Werth; er⸗ lauben Sie mir, meine Herren, meine Karte dazu⸗ laſſen... Namen und Adreſſe auf demſelben Wiſch.“ Dabei zog der Alte ein paar Karten hervor und überreichte ſie, worauf er ſich wiederum unter Bück⸗ lingen der Treppe näherte; aber gleich als hätte er Etwas vergeſſen, blieb er einen Augenblick ſtehen; dann wandte er ſich von Neuem um. „Sie erinnern mich auch an Etwas,“ ſagte er, „ſollte Ihnen ein Geheimniß anvertrauen.“ Ridderſtad, Luiſe uUlriken's Hof. I. 15 226 „Wirklich! Sie ſagten das.“ „Verſprechen Sie mir blos, keinem Andern Etwas davon mitzutheilen, müßte mich ſonſt ſchämen... Sehen Sie...“ „Seien Sie überzeugt...“ 4. „Habe große Gile, iſt ſehr finſter draußen.“ 3 „Nun?“ „Ich bin... „Sie ſind...“ „Geſpenſterſcheu, meine Herren, geſpenſterſcheu.“ Damit ging der Alte eilig und ohne ſich umzu⸗ ſehen, die Treppe hinab und auf die Straße hinaus. Hermelin folgte ihm mit einem mißtrauiſchen Blick in der Dunkelheit. 1 „Zum Henker,“ rief er plötzlich, indem er Wal⸗ lenſtjerna beim Arm faßte,„ſiehſt Du...4 „Was?“ „Der Alte hat uns betrogen... da ſieh... der Bettler und er...“ Sobald der Alte auf die Straße hinausgekom⸗ men war, nahm er nämlich den Bettler beim Arm und verſchwand lachend in der Brunnengaſſe. „Der Gauner!“ war Alles, was Wallenſtjerna ſagte.„Zum Henker,“ fügte er jedoch hinzu,„wir haben ja ſeine Karte; wollen ſie anſehen.“ 4 „Bah, Karten... Narrenſpiel... falſche Karten...“ Inzwiſchen begaben ſie ſich in die Wirthsſtube hinein, um ſie näher in Betracht zu ziehen. Sie laſen: „Zum Souper eingeladen... das Datum war ausgeſetzt... zum Unterzeichneten.“ Die Einladung trug die Unterſchrift: Baron Pechlin. Verwundert ſahen Wallenſtjerna und Hermelin einander an. „Was ſagſt Du?“ bemerkte Hermelin.„Glaubſt Du immer noch nicht, daß man uns an der Naſe herumgezogen hat?“ Wallenſtjerna warf ſich lachend in einen Stuhl. „Zum Henker, nein,“ antwortete er,„wenn es Pechlin ſelbſt war, was ich jedoch nicht glaube, ſo iſt er noch mehr zum Narren gehalten, als wir. Du begreifſt doch, er muß ſich in den Karten geirrt ha⸗ ben. Hat vermuthlich ſeine Hand in die rechte Taſche geſteckt, ſtatt in die linke. Weißt Du, was wir thun müſſen?“ „Nein.“ „Wir müſſen von den Karten Gebrauch machen.“ „Wie das?“ „Wir ſind ja ordentlich eingeladen. Ich gehe hin. Kommſt Du mit?“ „Aber wir haben verſprochen, daß wir hier zu finden ſein wollen.“ „Gleichviel. Einen Trabanten holt man nicht von dem Zweig, auf den man ihn ſetzt. In einer Viertelſtunde haben wir unſere Toilette gemacht. Was meinſt Du?“ „Die Königin...“ „Hat uns blos den Auftrag gegeben, die öffent⸗ liche Meinung zu ſondiren... glaube mir... wir thun das am allerbeſten in Pechlins Geſicht. Wir gehen...“ „Wohlan denn.“ ſſſnſſfſnſi ſſſſnſſnſſſn 8 9 11 12 13 14 15 1 1 6 7 18