2 —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oitmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſ 1 — den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſe wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bicher: G tücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 7 3— 5„ 2„„ 3„ 3„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. V— Das Gewiſſen oder Geheimniſſe von Stockholm. Roman von C. F. Nidderſtad. 3 Aus dem Schwediſchen überſetzt von Gottlob Fink. Stebenzehntes bis einundzwanzigſtes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1852. Dritter Theil. Erſtes Kapitel. Patriotiſche Betrachtungen. Neue Ereigniſſe. Drei Monate ſind ſeit den letzten Ereigniſſen ver⸗ ſchwunden. Wir befinden uns bei Paul. Paul geht in ſeinem Arbeitszimmer auf und ab. Er hält einen Brief, den er mitunter heftig und unruhig zwiſchen den Händen zerreibt. Der alte Brauner ſteht in einer Fenſtervertiefung. Vor ihm befindet ſich ein Tiſch, auf dem ein Paar auf⸗ geſchlagene Bücher liegen. Aber obſchon die Hand des Greiſes auf den Büchern ruht, und anzuzeigen ſcheint, daß ſie ihn eigentlich beſchäftigen, ſo folgt doch ſein irrender Blick allen Bewegungen Pauls. Pauls Ausſehen verändert ſich unaufhörlich. Zu⸗ weilen fliegt die Röthe über ſeine Wangen, zuweilen ver⸗ ſchwindet ſie, und macht der größten Bläſſe Platz. Dabei macht er bald größere, bald kleinere Schritte, je nachdem die Eindrücke wechſeln. Mehr als einmal ſcheint er im Begriff zu ſtehen, den Brief zu zerreißen. Plötzlich bleibt er jedoch ſtehen, und wendet ſich gegen Brauner. Er ſcheint ſich an Etwas zu erinnern. Das Gewiſſen. V. 1 n ſ 3 gewaltſam in ſeinen innerſten Grundveſten erſchüttert wird; das Leben der Völker befindet ſich überall in einem unruhigen Fieberzuſtand, deſſen noch zweideutige Kriſis den Menſchenfreund mit dem höchſten Grad von Hoffnung ſowohl, als Furcht erfüllt. Auch in unſerem geliebten Vaterlande verſpürt man, zwar bis jetzt noch gelinde, aber in Bezug auf die wahr⸗ ſcheinliche Entwicklung höchſt bedenkliche Symptome der allgemeinen politiſchen Bewegung der Zeit. Wird Schweden durch die bevorſtehende große Welt⸗ bewegung gekräftigt, und zu einem höheren und edleren Staatsleben erhoben werden? Oder wird es dadurch zerriſſen, erniedrigt und vernichtet werden? Dieſes und nichts Geringeres iſt der Inhalt der Frage, welche die Zeit mit dem ſtrengſten Ernſt im gegenwärtigen Augenblick an jeden Schweden ſtellt. Kei⸗ ner hat das Recht, vor dem Ruf der Zeit an die Menſch⸗ heit die Ohren zu verſtopfen; Keiner darf das große, bedeutungsvolle Schauſpiel der Zeit in gleichgültiger Nuhe und ſorgloſer Bequemlichkeit blos betrachten; jeder i*ſt verpflichtet, ſeine Rolle auf der Schaubühne der Bewegung zu übernehmen; jeder muß ſich nach Kräften thätig bei der Arbeit betheiligen, welche dem Staats⸗ organismus vorgelegt wird, dem er angehört, damit er am Abend an dem herrlichen Lohn der redlichen Arbeit Antheil erhält, und nicht wie ein unnützes Glied abge⸗ hauen und ins Feuer geworfen wird....“ Paul hatte inzwiſchen ſeine Wanderung im Zimmer auf und ab fortgeſetzt. Zuweilen lauſchte er auf das, was Brauner las; zuweilen aber überließ er ſich wieder ſeinen eigenen ſchmerzlichen Betrachtungen. „Gut geſchrieben, Brauner,“ fiel er gleichwohl hier ein.„Wie ſagteſt Du, daß das Buch heiße? „Gedanken über die geſellſchaftlichen Fragen unſerer Zeit von Thorſten Rudenſköld,“ antwortete Brauner. Es war nicht das erſtemal, daß man Paul dieß ————— „ I 8 4 4 geſagt hatte, aber für den Augenblick war ſeine Erinne⸗ rung nur von einer einzigen Sache in Anſpruch ge⸗ nommen, und dieſe entfernte ihn weit von allen andern. Zerſtreut ging er wieder im Zimmer auf und ab. Eine düſtere Wolke breitete ſich dabei über ſeine ſtolze Stirne. „Lies weiter,“ bat er. „Aber warum das, Herr Paul? Es beläſtigt Sie ja blos. Ihre eigenen Bekümmerniſſe ſcheinen Sie zu beſchäftigen.“ „Lies gleichwohl, ich bitte Dich darum.“ Brauner las: „Was iſt es, das die ſo allgemeine Unruhe und Unzufriedenheit unſerer Zeit verſchuldet? Offenbar ein unabweisbares gemeinſchaftliches Bedürfniß der Menſch⸗ hei das ſeine natürliche Befriedigung ſucht, aber nicht indet. Was bildet denn die Hauptſumme der menſchlichen Bedürfniſſe in dieſer Welt? Was anderes, als daß unter dem Schutz der Staatsgewalt und mit ihrer Hülfe alle zuſammen ſich zu wahren Menſchen, d. h. zu Chriſten entwickeln können, um als ſchon hier in der Welt durch das Chriſtenthum beglückte Jünger in die Schule des Reiches Chriſti aufgenommen, und nach dieſem Leben als geprüfte, würdig befundene Mitglieder der ſeligen Gemeinde im himmliſchen Reich Chriſti empfangen zu werden. Mit Rückſicht auf dieſes große, unabweisbare Be⸗ dürfniß der Menſchheit kommt es jedem Staate zu, ſeiner Beſtimmung zu entſprechen, und zwei Hauptpflich⸗ ten zu erfüllen: Erſtens jedem, ſelbſt dem geringſten Mitglied der Staatsgeſellſchaft, die zweckdienliche geiſtige Nahrung zu geben. Zweitens jedem Mitglied der Staatsgeſellſchaft un⸗ bedingt auch von den äußeren materiellen Vortheilen der 5 Welt ſoviel zukommen zu laſſen, als unumgänglich noth⸗ wendig iſt, damit nicht ein äußerer, unabſtellbarer Druck die freie Entwicklung des chriſtlichen Lebens bei jedem, der ein wahrer Menſch werden will, unterdrücken oder verhindern kann. Wo werden wir jetzt für den Staat das Verbin⸗ dungsglied finden zwiſchen den verſchiedenen Graden von Wahrheit und Gerechtigkeit in den Geſetzen, von Edel⸗ ſinn und Glück im Volksleben?— Es iſt für uns von Wichtigkeit, eine richtige Antwort auf dieſe Frage zu finden, damit jeder in ſeiner Art ſeine bürgerlichen Be⸗ ſtrebungen darnach richten kann. 4 Der lauteſte Ruf unſerer Zeit ruft uns Alle auf die Bahn der politiſchen Reformen, oder wichtiger Formen, mit der Andeutung, daß auf dieſem Weg hauptſächlich die Erlöſung von allem Druck gefunden, und der Menſch⸗ heit eine allgemeine Wohlfahrt beſchieden werde. Kein denkender Menſch wird auch die große, auf die Lage der Menſchheit tief einwirkende Kraft läugnen, die von guten oder ſchlechten Staatsformen ausgeht, und tiefe Achtung, ſowie allgemeinen Dank ſchulden wir den Patrioten, welche in einem richtigen Sinn für gute Staatsformen gearbeitet haben. In unſerer Zeit ſcheint jedoch der Eifer für die Formen zu einer ſchädlichen Aeußerlichkeit geſteigert wor⸗ den, in Leidenſchaft ausgeartet zu ſein, und die Menſchen verwirrt zu haben..... ..... Jetzt ſcheint es jedoch hohe Zeit zu ſein, die allgemeine Aufmerkſamkeit darauf zu lenken, daß, wenn das Leben der Menſchen eine überwiegende, nach Außen gekehrte Richtung erhält, das innere, tiefere, gei⸗ ſtige Leben in Gefahr geräth, zu erkalten. Die gewaltſamen, in ſo vielen Beziehungen wenig⸗ ſtens auf die Gegenwart, wie auch auf die nächſte Zu⸗ kunft verderblich einwirkenden Staatserſchütterungen, mit⸗ telſt welcher die Menſchen nur von außen eine Erloſung — — 1 * 1 zu gewinnen ſuchen, die doch hauptſächlich von innen erſtrebt werden muß, ermahnen uns, mit allen Kräften die allgemeine Aufmerkſamkeit darauf zu leiten, daß der Druck der Zeit blos zum geringeren Theil von mangel⸗ haften Staatsformen herrührt, zum größten Theil aber im Mangel an einen lebendigen chriſtlichen Geiſt in dem eigenen individuellen Leben der Völker ſelbſt ſeinen Grund hat. Daß das politiſche Leben von einer ruhigen, ver⸗ nünftigen Entwicklung abgelenkt worden, und in ſolche unchriſtliche Gewaltthaten ausgeartet iſt, die, wenn ſie noch lange fortwähren, und nicht durch einen ſchnell ſich erhebenden edleren Geſellſchaftsgeiſt gehemmt werden, alles Geſellſchaftsleben mit barbariſcher Auflöſung be⸗ drohen, iſt offenbar nicht, wie von gewiſſer Seite be⸗ hauptet wird, eine neue Folge der Nachgiebigkeit der Regierungen gegen liberalere Staatstheorien, ſondern ein dadurch nur etwas beſchleunigter Ausbruch der ſchon lange im Staatskörper entſtandenen Krankheiten, die jetzt dermaßen zugenommen haben, daß das innenwoh⸗ nende Uebel nicht mehr durch die Tyrannei künſtlicher Kräfte des Staates beſchworen, nicht mehr innerhalb der Riegel der Polizeigewalt eingeſchloſſen und verborgen, nicht mehr mit den eiſernen Feſſeln derſelben gebunden werden kaun. Man preist England glücklich, daß es noch immer durch die Strenge der Polizeigewalt das ſtets zuneh⸗ mende Elend der Armuth, und die in gleichem Maaß mit derſelben immer zunehmenden verbrecheriſchen Nei⸗ gungen verbergen, und den Staat fortwährend eine gute Miene zum böſen Spiel machen laſſen kann; aber da die Staatskrankheit dennoch im ununterbrochenen Zu⸗ nehmen begriffen und dadurch bewieſen iſt, daß der Staat gegenwärtig, namentlich in Bezug auf Irland, mit der Ausübung der von uns eben genannten Haupt⸗ pflichten nicht gut zurecht kommt, ſo will es uns mehr 7 als wahrſcheinlich bedünken, daß auch in dieſem Lande früher oder ſpäter ein gewaltſamer Ausbruch(vermuthlich um ſo gewaltſamer, je länger er durch künſtliche Mittel zurückgehalten wird) bevorſteht, wofern nicht die kräf⸗ tigſten Anſtrengungen eines edlen und erhabenen Gemein⸗ geiſtes den Gräßlichkeiten der Revolution zuvorkommen, und auf dem Wege ruhiger Verbeſſerungen allmählig dem überwiegenden Leben der Staatsgeſellſchaft Geſundheit und Harmonie verleihen. In den Ländern, wo das Gewitter bereits zum Ausbruch gekommen iſt, ſcheint man inzwiſchen ſeine Hoffnungen auf neue Staatsformen als eine abſolute Kraft der Erlöſung geleukt zu haben. Wie wenig dieſe im Ganzen bedeuten, muß wohl leicht eingeſehen werden.“ Paul hatte aufgehört, auf und ab zu gehen, und als Brauner bis hieher gekommen war, ruhte der alte Mann ein wenig aus, um zu ſehen, was Paul mache. An einen Fenſterpfeiler gelehnt, blickte er ſtarr gerade aus. Nach ſeiner Miene zu ſchließen, ſchien er nichts um ſich her zu ſehen, oder zu hören. „Armer Paul,“ ſeufzte Brauner vor ſich hin; „welches Unglück mag ihm wohl dieſer Brief verkündet haben?“ Als der Ton von Brauners Stimme aufhörte, fuhr Paul zuſammen. „Lies weiter, Brauner, lies.“ Paul folgte dem Inhalt des Buches nicht, aber ſein Inneres arbeitete freier unter dem Getöne der leſenden Stimme. Hätte er einen Sturm um ſich hervorzurufen vermocht, er würde ſich ſicherlich noch wohler gefühlt haben. Wie man in gewöhnlichen Fällen über ein un⸗ erwartetes Getöſe erſchreckt, ſo wurde Paul jetzt durch das Schweigen erſchreckt.. Brauner wußte nicht, was in ihm vorging, aber er willfahrte ihm ſo gerne, und ohne ſelbſt darüber nach⸗ zudenken, ob er das Werk in guter Ordnung, Seite 3 8* 9 — 9 1 8 um Seite, Stück um Stück las, flogen ſeine Gedanken zerſtreut über die Blätter hin, und er las da und dort einen kleinen Abſchnitt. „... Um unſern Zweck beſſer aufzufaſſen,“ las er jetzt,„wollen wir die letzten großen Revolutionen betrachten. Von wem wurden ſte ausgeführt? Hauptſächlich von den niedrigſten Arbeiterklaſſen; und zu welchem Zweck? Um die hohen chriſtlichen Ideen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit im Staatsleben zur Ausführung zu brin⸗ gen, ſagt man. Aber geben wohl die Zeichen der Zeit zu erkennen, daß man, mit Ausnahme einiger wenigen Edlen, in der Mehrheit dieſe Worte in ihrer inneren, hohen, geiſtigen Bedeutung aufgefaßt hat? Zeigt es ſich nicht vielmehr, daß man in Bezug auf dieſe Ideen hauptſächlich blos etwas Aeußerliches meint, was, ſofern ihre Ausführung auf die Dauer möglich wäre, als im Grund unnatürlich, zur Erniedrigung des Staatslebens und zum gänzlichen Unglück der Völker führen würde? Auch iſt ſicherlich unr die Minderzahl der thätig in die Revolution eingreifenden Arbeiterklaſſen mit Freiheits⸗ ideen ſolcher Art umgegangen. Die große Mehrheit hat dagegen nicht ihr Leben für einen Schatten gewagt, ſondern für die ernſteſte Wirklichkeit. Ein Blick in die Geheimniſſe von Paris und London, oder unter die armen Bewohner Schleſiens unterrichtet uns hierüber. Perſön⸗ liche Erfahrung oder wenigſtens tägliche Anſchauung einer Armuth, für deren Gräßlichkeit und Unerträglichkeit die Geſchichte keiner früheren Zeit ein Gegenbild liefert, hat das Volk getrieben, für ſich ſelbſt und ſeine Kinder eine von der höchſten Noth gebotene Befreiung zu ſuchen. Daß dieſelbe nicht auf dem Weg chriſtlicher Unterwürfig⸗ keit und Geduld, mit unbedingtem Vertrauen auf die Fügungen der Vorſehung erſtrebt wurde, ſondern durch ein trotziges Eingreifen in die Weltregierung der Vor⸗ ſehung, und dadurch, daß man die Forderungen des ächt 9 chriſtlichen Geiſtes mit Füßen trat, das war eine Geſell⸗ ſchaftsſünde, für welche in erſter Linie die glücklicher bedachten Geſellſchaftsmitglieder, die für die Verwahr⸗ losten nicht thaten, was ſie ſollten, gemeinſchaftlich in einer ſchrecklichen Verantwortung ſtehen. Durch ihre und ihrer Väter Verſäumniſſe in Betreff ihrer bürgerlichen Pflichten, iſt die revolntionäre Feuersbrunſt hervorgerufen worden. Die Anſtifter ſelbſt müſſen inzwiſchen für ihr Verbrechen büßen, indem ſie auf dieſem Weg nicht er⸗ reichten, was ſie verlangten, ſondern vielmehr die ſtrenge Züchtigung, welche die Vorſehung über jedes aufrühre⸗ riſche Volk ergehen zu laſſen genöthigt iſt, um es zu einem wirklichen Geſellſchaftsleben zu erwecken, bis aufs Aeußerſte geſteigert haben. Man hat die Staatsform geſtürzt, in der Hoffnung, daß eine veränderte Form die nöthige Befreiung mit ſich führen würde. Aber die Form iſt ja an und für ſich ſelbſt todt und nicht im Stande, Eigennutz und Gewalt⸗ mißbrauch von der Regierung auszuſchließen. Nehmen wir inzwiſchen an, daß durch die Vortrefflichkeit der Staatsform die Staatsregierung zu vollkommener Un⸗ fehlbarkeit gebracht werden könnte, würde wohl dadurch der Noth der immer tiefer in unerträgliche Armuth und Rohheit verſunkenen Arbeiterklaſſen abgeholfen werden? Gewiß nicht. Was können Regierungen ausrichten? Sie können Volksbildungsanſtalten ſchaffen. Ja, allerdings Anſtalten, aber ſie ſind nicht im Stande, ihnen einen lebendigen Geiſt einzuhauchen..... . Eine Organiſation der Arbeit iſt in Wahr⸗ heit durch die höchſte Noth geboten; aber inſofern man darunter zwingende Staatsgeſetze verſteht, die mit dem Einfluß von Vormündern alle Verhältniſſe zwiſchen dem Landwirth oder dem Fabrikanten und ſeinen Arbeitern regeln, ſo iſt eine ſolche Organiſation unmöglich ins Werk zu ſetzen, oder auf die Dauer anfrecht zu erhalten; 9 10 und wenn ſie auch möglich wäre, ſo würde ſie offenbar zur Trägheit und zu unerhörtem Uebermuth von Seiten der Arbeiter führen, woraus nicht blos ihr moraliſcher, ſondern ſchließlich auch ihr ökonomiſcher Untergang er⸗ folgen müßte, weil die Fabrikanten alle Luſt und Fähig⸗ keit zu weiteren Unternehmungen immer mehr verlieren, und die Gelegenheiten zur Arbeit alſo aufhören würden. Nein, weun induſtrielles Leben und induſtrielle Tüchtigkeit in einem Staat mit Macht aufrecht erhalten werden ſoll, ſo muß in den Detailverhältniſſen Freiheit geſtattet werden. Auf Seiten des Kapitaliſten oder Arbeitgebers die Freiheit, die Anerbietungen der Arbeiter nach Belieben anzunehmen, oder zu verwerfen, die ver⸗ ſchiedenen Arbeiter je nach dem Maaß ihrer Tüchtigkeit und Thätigkeit nach eigenem Urtheil zu belohnen. Dieſe Freiheit iſt und bleibt unumgänglich nöthig, wenn die Arbeitstüchtigkeit, ſowie Fleiß und Beſcheidenheit unter den Arbeiterklaſſen befördert, der Untüchtigkeit, der Faul⸗ heit und dem Uebermuth aber geſteuert werden ſoll; wogegen von Seiten der Arbeiter die Freiheit, keine Arbeit bei Solchen anzunehmen, die ihre Arbeiter un⸗ billig, wenn auch ohne Uebertretung des Geſetzes be⸗ handeln, der einzige Vortheil ſein könnte, welcher ihnen auf dem Weg der Organiſation durch zwingende geſetz⸗ liche Beſtimmungen zu gut käme. Es will nehmlich ganz klar ſcheinen, daß jedes Zwangsgeſetz gegen das eben ausgeſprochene Freiheits⸗ prinzip auf alle Arbeitsunternehmungen nur lähmend einwirken würde, und daß jedes zwingende Organiſations⸗ geſetz, gleich allen äußeren Geſetzen, von den Widerſtre⸗ benden leicht umgangen werden könnte, wobei wie ge⸗ wöhnlich der Mächtige alle mögliche Vortheile an ſich reißt, und der arme Schwächere noch immer tiefer ins Elend niedergetreten wird....... ... Wie für die einzelnen Glieder des menſch⸗ lichen Körpers beſondere, von der Natur angewieſene —— 11 Verrichtungen ſich vorfinden, und wie unter dieſen Glie⸗ dern einige gleichſam zum Regieren geſchaffen ſind, wie zum Beiſpiel das Auge, das Ohr, andere aber zum Ge⸗ horchen, wie die Hand, der Fuß; wie ferner nicht blos die Geſundheit des ganzen Körpers, ſondern auch die individuelle Geſundheit jedes einzelnen Gliedes darauf beruht, daß ſämmtliche einzelne Glieder gemeinſchaftlich und unabläſſig ihre verſchiedene natürliche Verrichtungen vollziehen, ſo finden ſich auch im Staatsorganismus, deſſen arbeitende Glieder die Menſchenindividuen ſind, für die verſchiedenen Charaktere beſondere Verrichtungen vor; die einen ſind zum Regieren geſchaffen, die andern zum Gehorſam, und darauf, daß die verſchiedenen Cha⸗ raktere ihre naturgemäße Verrichtung im Staatsorganis⸗ mus vollziehen, beruht weſentlich die Geſundheit ſowohl des ganzen Organismus als auch aller einzelnen Glieder; wogegen durch jede Umkehrung oder gewaltſame Störung der natürlichen Ordnung nicht blos dem Staat als einem ganzen Körper, ſondern hauptſächlich, wenn auch vielleicht erſt ſpät, dem gegen die Ordnung der Natur ſich verſün⸗ digenden Mitglied der Geſellſchaft Unwohlſein und Leiden bereitet wird. Zu den Verbrechen gegen dieſe natürliche Ordnung gehört, wenn die natürlich Gehorchenden ſich ſelbſt in eine unrichtige Stellung zu den natürlich Regierenden verſetzen oder durch Staatseinrichtungen in eine ſolche verſetzt wurden, und dieß geſchieht, wenn durch eine ge⸗ ſetzliche Organiſation der Arbeit dem lohnempfangenden Arbeiter die Gewalt verliehen würde, ſich von dem lohn⸗ gebenden Capitalbeſitzer andere Arbeitsbedingungen zu erzwingen, als dieſer freiwillig zu geben geneigt iſt. Das Capital vertritt ja in normalen Verhältniſſen die bereits bewieſene Umſicht, Tüchtigkeit, Sparſamkeit, die bereits gefertigte Arbeit. Gleich wie dem höheren Lebensalter, das ſeine Proben beſtanden hat, ein naturgemäßes Recht die unerfahrene Jugend zu lenken, zuerkannt werden muß, S * 1 12 oder wie der erworbenen Wiſſenſchaft das Recht zuſteht, die Kenntnißloſen zu leiten, und zwar zum eigenen wah⸗ ren Vortheil der Jungen und Unerfahrenen, ſo muß auch dem Kapital ein natuͤrliches Herrſcherrecht über die noch nicht gefertigte kapitalſuchende Arbeit zuerkannt werden. Dieſes natürliche Uebergewicht des Kapitals wird allerdings drückend für die Arbeit, wenn der Capitaliſt ſeine moraliſche Pflichten gegen den Arbeiter vergißt; aber wie die drückenden Mißverhältniſſe, welche durch den Deſpotismus des Hausvaters im Familienleben ent⸗ ſtehen, keineswegs durch den Trotz der Ingend zu ibrem wirklichen Vortheil geregelt, wohl aber durch Beſcheiden⸗ heit und Geduld gemildert werden können, ſo würde auch der Trotz des Arbeiters gegen den Capitalbeſitzer blos zum Verderben führen. Wenn hinwiederum der Capital⸗ beſitzer oder im Allgemeinen der natürliche Machtinhaber in der Ausübung ſeiner Gewalt gewiſſenhaft ſeine deut⸗ lich vorgezeichnete moraliſche Pflicht beobachtet, d. h. ſich als ein treuer Verwalter der Güter anläßt, welche die Vorſehung ihm zugetheilt hat, und zwar nur zur Beför⸗ derung des allgemeinen Wohls, da bildet der Mächtige einen ganz unentbehrlichen Stützpfeiler für denjenigen Theil des Geſellſchaftsgebäudes, wo er ſeinen Platz er⸗ halten hat. Es iſt in Wahrheit eine der unglücklichſten politiſchen Verirrungen unſerer Zeit, daß man im Allgemeinen die Macht oder die Exiſtenz der Mächtigen zu haſſen ſcheint. Die Beſorgniß vor dieſen Mächtigen und der Un⸗ wille gegen ſie kann freilich nicht hart getadelt werden. Der leider gar zu allgemeine gewiſſenloſe Mißbrauch der Macht gibt allerdings einige triftige Gründe dazu. Ein nicht geringer Theil der Zerſtörungsſucht unſrer Zeit, gegenüber aller vereinzelten Macht in den Staatsorga⸗ nismen, dürfte jedoch von verbrecheriſchem Neid herrüh⸗ ren, von Mangel an chriſtlicher Demuth und von un⸗ glückſeliger Unkenntniß der wirklichen Bedürfniſſe eines ——+, Staates. Denn nimmt man von einer wohlorganiſirten Staatsgeſellſchaft die in ihrem ganzen Umfang nothwen⸗ dig zerſtreuten guten Mächtigen aller Art, ſo wird die Geſellſchaft bald über den Haufen fallen, wie ein Ge⸗ bäude, welchem die nöthigen Bänder und Stiützpfeiler fehlen. Das für einen Augenblick ſcheinbar gleiche Volk wird binnen Kurzem in zwei Heerden zerfallen, von de⸗ nen die eine, ohne die Möglichkeit einer genügend zurück⸗ haltenden Kraft, von der andern aufs Grauſamſte mit Füßen getreten wird.. Der Glaube an die Gleichheit im Geſellſchaftsleben iſt ein Irrthum, welcher der göttlichen Ordnung wider⸗ ſtreitet und deßhalb zum Verderben führt. Im Geſellſchaftskörper, wie bei jedem Organismus, ſind ja, wie wir ſchon oben angedeutet haben, Geſund⸗ heit und Wohlgedeihen von einer harmoniſchen Wechſel⸗ wirkung zwiſchen den verſchiedenen Gliedern, deren jedes ſeine natürliche Beſtimmung hat, bedingt und in Ueber⸗ einſtimmung mit dieſem Grundgeſetz der Schöpfung gibt es ja Menſchen, die mit einer unendlichen Mannigfaltig⸗ keit ſowohl geiſtiger als phyſiſcher Naturanlagen begabt ſind, welche Anlagen ſummariſch in zwei Hauptklaſſen eingetheilt werden können, die Anlage zum regierenden Prinzip, die einer nach dem Bedürfniß geringeren Anzahl von Menſchen zugetheilt iſt, und die Anlage zum gehor⸗ chenden Prinzip, welche dem Bedürfniß gemäß der großen Anzahl augehört. Die gegenſeitige Bruderliebe zwiſchen dieſen, zu ver⸗ ſchiedenen Verrichtungen begabten Menſchenkindern würde, der Verordnung des Allweiſen gemäß, die blos ſcheinbar ungleichen Looſe Aller ausgleichen und in der inneren Erfahrung allen einen gleichen Grad von Glück ſchenken. Wer iſt z. B. in einer guten Familie am glücklichſten, die Eltern oder die Kinder? die Herrſchaft oder die Dienerſchaft? Wer in einer guten Schule? die Lehrer oder die Schüler? Findet ſich gegenſeitig wahre chriſtliche 1 14 Liebe vor, ſo muß auch die Lebensfreude gleich ſein. Aber man zweifelt im Allgemeinen an der Möglichkeit chriſtlicher Liebe im Staatsleben, und man ſcheint ſeine ausſchließliche Hoffnung auf den äußeren Zwang des bür⸗ gerlichen Geſetzes zu ſetzen. Man beſtrebt ſich ſo ſehr als möglich, die Menſchen auch äußerlich gleich zu ſtellen, und man nimmt an, daß, wenn dieſes geſchehen ſei, jedes Judividuum es ſich ſelbſt zuzuſchreiben habe, wenn es ſich oben erhalte oder unterſinke, und ſo iſt man auf die herz⸗ loſeſte, kälteſte Geſellſchaftsbahn gekommen, die in ihrem Fortgang, wenn ein ſolcher überhaupt denkbar iſt, zu ei⸗ nem ganz entſetzlichen Deſpotismus leitet, der alles, was die Geſchichte vom Deſpotismus vergangener Zeiten er⸗ zählen kann, weit überſteigt. Paul hatte ſich inzwiſchen nur mit ſeinen eigenen Leiden, ſeinem eigenen Gedankengang beſchäftigt. Bald ging er im Zimmer hin und her, bald blieb er ſtehen und lehnte die Stirne in ſeine Hand; bald ſah man, wie die blaſſe Unruhe die Roſen von ſeinen Wangen verjagte; bald richtete er ſtolz ſein Haupt auf, bald glänzte eine Flamme in ſeinen Augen. Einmal ergriff er wieder den Brief, in der ſichtbaren Abſicht, ihn zu zerreißen, that ſich aber Einhalt mit einer Bewegung, welche zu ſagen ſchien: keine Uebereilung, aul! „ Inzwiſchen fuhr Brauner fort zu leſen, und mitunter drang dennoch ein Wort zu Pauls Ohr; mit dem Wort folgte ein Gedanke, mit dem Gedanken ein Eindruck, und der Eindruck tönte durch ſeine Seele, in Harmonie mit ſo vielen der Meditationen, die bald als dunkle Vorſtel⸗ lungen, bald als ſchöne Ahnungen, bald als klar begriffene Anſichten darin gelebt hatten. Und endlich erging es ihm, wie es jedem edlen und warmen Herzen ergehen muß, nehmlich das eigene Leiden räumt dem Intereſſe für die großen Fragen und Forderungen des vaterländi⸗ ſchen Lebens den Platz ein. Je größere Aufmerkſamkeit A 8— 1 8— 8 t 15 er Brauners Vortrag widmete, um ſo mächtiger fühlte er ſich hingeriſſen. „Vortrefflich raiſonnirt,“ ſiel er daher ein, als Brauner ſeine Lektüre ſchloß.„Du fandeſt alſo dieſes Werk im Gefängniß?“ „Ja, Herr Paul. Der Aufſeher lieh es mir.“ Romans und Deine Vorſtellungen haben mir bis⸗ her genügt, um eure Wünſche aufrichtig und lebhaft zu umfaſſen. Du ſollſt bald ſehen, Brauner, daß ich, ſobald ich gefunden habe, daß die Idee patriotiſch iſt, auch meine Verpflichtungen gegen das Volk verſtehe, und daß die Kapitalien dazu gemacht ſind, fürs Allgemeine zu wirken und zu leben, und nicht blos um in dem klein⸗ lichen Bereich des perſönlichen Privateigennutzes hinzu⸗ ſterben. Roman bleibt lange aus... aber er muß wohl bald kommen. Brauner hörte Paul mit fröhlicher Aufmerkſamkeit an. Alles, was Paul that oder ſagte, wenn es auch eine ganz unbedeutende Kleinigkeit war, intereſſirte den alten Mann immer. Paul hielt noch denſelben Brief in der Hand, der ihn kaum erſt ſo unruhig gemacht hatte, und da Brauner bemerkte, daß ſeine Gedanken jetzt eine andere Richtung nahmen, beſchloß er, ihn auf einmal ſeinen bisherigen ſchmerzlichen Betrachtungen zu entreißen. Er überſprang dabei eine ganze Reihenfolge von Prämiſſen. „Zerreißen Sie dieſen Brief, Herr Paul,“ bat er. „Er enthält etwas Unangenehmes... zerreißen Sie ihn.“ Er wollte damit ſagen: vergeſſen Sie alles, was er enthält, aber er gebrauchte eine andere Form, weil er nicht ſo raſch zu Werke gehen zu dürfen glaubte. Es lag indeß eine ſolche Innigkeit, eine ſolche ſee⸗ lenvolle Freundſchaſt und Ergebenheit in ſeinen Worten, daß ſie zu Pauls Herzen drangen und von ihm vollkom⸗ men gut verſtanden wurden. — ——— 16 Eine düſtere Wolke breitete ſich gleichwohl über Pauls Geſicht. „Befaß Dich nicht damit, Brauner,“ ſagte er.„Der Brief berührt nur mich allein. Lies weiter, Brauner, lies.“ Paul ſchien einen Entſchluß gefaßt zu haben, den er nicht an den Tag kommen laſſen wollte. „Lies Brauner,“ wiederholte er, während er noch einen Gang durch das Zimmer machte.„Lies weiter. Das Werk intereſſirt mich im höchſten Grad. Lies.“ Brauner ſah ſich zurückgewieſen, und obſchon er den Seufzer nicht unterdrücken konnte, der ſeine Bruſt hob, ſo begann er dennoch die Stelle zu leſen, wo der Ver⸗ faſſer in einigen wenigen Punkten ſeine Anſichten über den Staat zuſammenfaßt. Er las alſo: .. Die nächſte Urſache der allgemeinen Un⸗ ruhe der Geſellſchaft i*ſt eigentlich nicht ein allgemein er⸗ wachtes Bedürfniß nach freieren Staatseinrichtungen, ſondern das Bedürfniß der Arbeiter nach Hülfe aus drücken⸗ der Armuth, wie auch das Bedürfniß, daß der Fortdauer oder Zunahme dieſer Armuth unter unſern Kindern und Enkeln vorgebaut werde. Dieſes, wie es ſcheint, rein materielle Intereſſe verdient die innige Theilnahme des Staates und muß ſogar einer der Hauptgegenſtände aller Sorgfalt der Staatsgeſellſchaft ausmachen, da auf der Freiheit vom Druck der Armuth die Möglichkeit der Er⸗ reichung des höchſten Zieles des Geſellſchaftslebens d. h. der Erziehung aller Mitglieder zu guten Chriſten beruht. Die Urſachen des in unſrer Zeit entſetzlich geworde⸗ nen Pauperismus, wie auch ſeines Milchbruders, des Ver⸗ brechens, ſind nur zum geringen Theil in fehlerhaften Staats⸗ formen zu ſuchen, ſondern liegen hauptſächlich im Mangel am wahren Chriſtenthum unter der großen Mehrzahl. Aeußere Geſetze, wodurch die Staatsgewalt aufrecht gehalten werden ſoll, ſind zwar allerdings wichtige Hülfs⸗ mittel, aber im Ganzen doch nur unmächtige Arzneien — u n 17 gegen die Hauptkrankheit der Geſellſchaft, die in der Herrſchaft des Egoismus im Privatleben beſteht. Die Gottſeligkeit des Privatlebens iſt eine heilige Kraft, welche die ſchädlichen Einflüſſe mangelhafter Ge⸗ ſellſchaftsſormen beinahe zu vernichten vermag und da⸗ gegen edle Früchte ſelbſt in ihren fehlerhaften Formen hervorbringt, die jedoch ganz natürlich nach den Bedürf⸗ niſſen des lebendigen Geiſtes ſich allmählig verändern müſſen. Die Ungottſeligkeit des Privatlebens dagegen iſt eine unwiderſtehliche Kraft der Geſellſchaftsauflöſung und vernichtet alle weſentlich gute Wirkungen ſelbſt der aller⸗ beſten Staatsformen, welche auch ganz natürlich gemäß dem Weſen des innewohnenden dämoniſchen Geiſtes zu⸗ ſammenfallen müſſen. Auf eine ſolche Weltanſchauung und ſolche Auffaſſung der Zeitfragen gründen wir unſern Glauben, daß das wirkliche Glück jeder Staatsgeſellſchaft in vollkommen gleichem Verhältniß mit dem Maaß des wahren und le⸗ bendigen Chriſtenthums bei der Mehrzahl ihrer verſchie⸗ denen Mitglieder ſteht, und durch dieſen Gedankengang ſind wir zur Ueberzeugung gelangt, daß nicht blos in unſerer Zeit, ſondern in allen Zeiten der höchſte Zweck der politiſchen Bemühungen jedes Menſchen darin be⸗ ſtehen muß, in all ſeinem Thun und Laſſen innerhalb ſeines Wirkungskreiſes edle Geſinnung, d. h. wahren chriſt⸗ lichen Sinn im Privatleben zu fördern, wobei man na⸗ türlich in ſeiner eigenen Familie und zwar zuerſt in ſich ſelbſt anfangen muß. Aus freiwillig, ohne äußeren Ge⸗ ſetzeszwang, im chriſtlichen Drang zuſammengereichten Händen in einem gehobenen Privatleben werden die Kräfte erwachſen, aus denen die gründliche Erlöſung aus dem Clend, jene Freiheit, nach welcher die Menſchen ſchreien, entſtehen wird, ſowie auch jene dauernde Erhebung, nach welcher das Menſchengeſchlecht, mehr oder weniger be⸗ wußt, verlangt.“ Das Gewiſſen. v. 2 * 1 „ 1 18 „Bei Gott, ſchön gedacht, Brauner, ich bin noch ſehr jung, aber mein Herz empfindet die Wahrheit dieſer Sätze. Eine Bemerkung will ich jedoch hier machen. Der Verfaſſer verlangt chriſtlichen eigenen Trieb, das iſt ganz recht; aber dieſer chriſtliche eigene Trieb kann keine wahrhaft ſtarke Wurzeln in unſern Herzen ſchlagen, wenn man nothwendig auf eine gegebene Art glauben ſoll, d. h. ſo lange man in Glaubensſachen den oft nur zu harten Dogmen ausgebildeten Vorſchriften einer allein⸗ herrſchenden Kirche unterworfen iſt, wodurch das Regle⸗ mentariſche wichtiger wird, als das Reinreligiöſe. Ich will Amerika, das Vaterland aller freien Kirchen, an⸗ führen. Die religiöſe Freiheit iſt da die Wurzel der Sittlichkeit in der Familie, zugleich aber auch die Wurzel einer nützlichen, ſtets ruhigen, ſich ſelbſt controlirenden politiſchen Freiheit im allgemeinen öffentlichen Leben. Aber lies weiter, Brauner. Der Gegenſtand iſt von der größten Wichtigkeit. In Amerika lernt man ſchon früh ſein Vaterland lieben, aber das Vaterland thut da auch viel für jeden Einzelnen: es bildet ihn zum Patrioten, es adelt ihn zum Bürger, es ertheilt ihm den Ritter⸗ ſchlag als Vertheidiger einer Freiheit, die auf der Heilig⸗ keit der Geſetze, auf Ordnung und Arbeitſamkeit beruht, und das Ritterſchwert iſt die religiöſe und politiſche Frei⸗ heit. Ich bitte Dich, lies noch mehr. Es iſt mir Be⸗ dürfniß, mich ſelbſt zu vergeſſen.“ Und Paul zerdrückte, als er ſich hier unterbrach, den Brief, den er in der Hand hielt. „Lies!“ bat er noch einmal. Brauner fuhr fort: „„Wird Schweden durch die bevorſtehende große Weltbewegung gekräftigt und zu einem höhern und edlern Staatsleben erhoben, oder wird es dadurch zerriſſen, erniedrigt und vernichtet werden?24„... Die allgemeine Stellung in Schweden, ſo wie ſie jetzt iſt, gibt Veranlaſſung genug zu tiefen Beſorgniſſen in die⸗ 19 ſer Beziehung. Wir finden zwar noch nichi die eigent⸗ liche Nation, aber doch den politiſirenden Theil derſelben in zwei Parteien zerſplittert, die einander mit jedem Tag feindſeliger entgegenzutreten ſcheinen. Auf beiden Seiten befinden ſich aufgeklärte und edle Mitglieder, die, obſchon auf etwas verſchiedenen Wegen, dennoch alle nach einem gemeinſchaftlichen Ziel, nach der Wohlfahrt des gemein⸗ ſchaftlichen Vaterlandes ſtreben. Dieſe Edlen erkennen und ſehen klar ein, daß eine verſchiedene Auffaſſung des Zweckes menſchlicher Wirkſamkeit die nothwendige Folge der menſchlichen Unvollkommenheit iſt, welche nicht jedem geſtattet, alle Seiten einer Sache zu betrachten, daß aber dieſe Wechſelwirkung der Meinungsreibungen zwiſchen ehrlichen, uneigennützigen und guten Menſchen nur dazu dienen kann, in jedem Verhältniß die zur allgemeinen Wohlfahrt leitende Wahrheit klarer an's Licht zu brin⸗ gen..... ... Ddie Hauptſache für die Förderung der Wohlfahrt des ſchwediſchen Volkes, ſowie aller Völker, iſt etwas, das ſich zu den lauteſten Streitfragen des Tages ſo verhält, wie ſich der Kern zur Schale oder das Leben zur Form verhält..... ... Die Hauptbeſtimmung aller Staatsgeſell⸗ ſchaften war ja, jedem Mitgliede die geiſtige Aufklärung und Nahrung beizubringen, die für ſeine Ausbildung zu wahrer Menſchlichkeit erforderlich iſt, und zu dieſem Zwecke jedem Mitglied einen ſo großen Antheil an äuße⸗ ren Vortheilen zuzuſichern, als unumgänglich nöthig iſt, wenn die innere und wahre Ausbildung zum Menſchen möglich werden ſoll. Wenn man nun mit dieſen allgemeinen Geſellſchafts⸗ forderungen all' die in Schweden beſtehende und täglich zunehmende Verdorbenheit in religiöſer und ſittlicher Beziehung, wie auch die Hohlheit und Unmacht in öko⸗ nomiſcher Hinſicht zuſammenhält; wenn man die auch bei uns herzzerreißende Zunahme des Pauperismus, wie — * 1. — 20 auch die alle Fürſorge der Gefangenenpflege überflügelnde Zunahme des Verbrecherperſonals(binnen 10 Jahren von 12,431 auf 19,871 angewachſen und dabei die Zahl der lebenslänglich Verurtheilten beinah verdoppelt, d. h. von 513 auf 971) betrachtet und mit Recht anerkennt, daß dieſes Uebel größtentheils ein jetzt immer mehr ans Licht tretendes Erzeugniß der älteren Mißverhältniſſe im Geſellſchaftsleben oder hauptſächlich als die Ernte der Ausſaat der Vorväter zu betrachten iſt, ſo muß in dieſem Verhältniß ein klarer Beweis dafür liegen, daß die Hauptſache oder die Heilung des Uebels und die Hervor⸗ bringung der Geſundheit nicht im Conſervatismus beruhen kann, inſofern man darunter die Conſervirung aller Ge⸗ ſellſchaftsverhältniſſe verſteht, unter deren Einfluß und Schutz all' dieſes Uebel Wurzel geſchlagen hat und jetzt emporgewachſen iſt. Auch kann die Hauptſache oder die geiſtige Geſund⸗ heit und materielle Kraft aller, ſelbſt der geringſten Glieder des Geſellſchaftsorganismus(welche dadurch in⸗ dividuel mächtig werden) nicht durch die vom Liberalis⸗ mus verlangte Gleichheit oder durch Aufhebung der Subordinationsverhältniſſe gewonnen werden, eben ſo wenig durch die von ihm verlangte Auflockerung aller die perſönliche Freiheit beſchränkenden Geſellſchaftsbande, ſo lange die allgemeinen Symptome des Lebens uns keinen Grund zur Hoffnung geben, daß die Menſchen unter ſich mehr gegenſeitige Liebe und Uneigennützigkeit üben wer⸗ den, nachdem ſie im Geſellſchaftsleben vollkommen gleich⸗ geſtellt worden ſind, als früher unter den Einflüſſen der Klaſſeneintheilung; oder ſo lange die auf der Bahn der freien Konkurrenz zu Reichthum und Macht emporge⸗ kommenen ſogenannten Liberalen in ihrem Umgang mit ſchwächeren, von ihren Capitalien abhängenden Mitmen⸗ ſchen nicht weniger Neigung zu gemeinem Eigennutz und herzloſer Härte oder wenigſtens gedankenloſer Gleichgül⸗ tigk her uns vor ern falt wei um Ge ſon für iſt; nie Fa ner ver der des ble ſer der Be der Fr gr Al rei in mi we ſta ſei ſo me und ül⸗ 21 tigkeit zeigen, als die unter dem Schutz der Monopol⸗ herrſchaft ſtehenden Volksbedrücker bisher gezeigt haben. Wir wollen die Skizzen aus dem Gemälde, welches uns die allgemeinen Verhältniſſe des Geſellſchaftslebens vor die Augen führt, und deſſen garſtige, den Menſchen erniedrigende Parthieen in beinah unendlicher Mannig⸗ faltigkeit Stoff zu den traurigſten Ausſichten geben, nicht weiter fortſetzen. Das bereits Geſagte kann genügen, um uns zu überzeugen, daß der allgemein herrſchende Geiſt im Privatleben unſerer Geſellſchaft nicht Eifer, ſondern Gleichgültigkeit oder wenigſtens Unwirkſamkeit für das religiöſe und ſittliche Leben des ganzen Volkes iſt; er iſt nicht die entſagungsvolle Bruderliebe, ſondern niedriger Eigennutz oder wenigſtens unverantwortliche Fahrläſſigkeit gegen die äußere Wohlfahrt der untergebe⸗ nen und abhängigen Menſchen. Und ſo lange es ſich ſo verhält, müſſen wir, wenn wir ernſtlich an die Sache denken, finden, daß alle Bemühungen zur Verbeſſerung des Staatsorganismus der Hauptſache nach fruchtlos bleiben müſſen, man mag übrigens in liberaler oder con⸗ ſervativer Richtung arbeiten, ſo viel man will. Denn der Gärtner mag all ſeinen Fleiß aufbieten, um einen Baum zu reinigen, zu umgraben und zu düngen, wenn der Baum ſchlecht iſt, ſo wird unvermeidlich auch die Frucht bitter und all ſeine Fürſorge vermag nur einen größeren Reichthum von bitterer Frucht hervorzurufen. Aber macht den Baum gut, ſo wird die Frucht, ob nun reichlich oder ſpärlich, dennoch immer gut ſein. So auch in der Geſellſchaft; macht das Privatleben ſo viel als möglich gottſelig und liebreich, dann wird alles ſo gut werden, als die Beſtimmungen des irdiſchen Lebens ge⸗ ſtatten. Und dies muß jetzt unfehlbar die Hauptſache ſein, die ſich zur Umwandlung der Geſellſchaftsformen ſo verhält, wie der Kern zur Schale oder im Allge⸗ meinen das Leben zu den Formen... 3 Die Antwort auf die oben geſtellte Frage lautet alſo: 22 Daß Erniedrigung und Vernichtung uns treffen müſſen, wenn wir noch länger fortfahren, unter gegenſei⸗ tiger Erbitterung uns in einem ſo leidenſchaftlichen Eifer für unſere äußeren Geſellſchaftsreformen zu vertiefen, daß wir darüber die eigentliche Hauptſache vergeſſen; aber ſtärkend und zu einem höheren und edleren Staats⸗ leben erhebend wird für Schweden die Frucht der großen Bewegungen unſerer Zeit dann werden, wenn wir uns von ihnen aus unſerm Sicherheitstraum erwecken und zu kräftigem Eifer für die Hauptſache ſelbſt beleben laſſen. Dieſe Hauptſache muß den vorhin ausgeſprochenen Anſichten gemäß darin beſtehen, im Privatleben einen wahrhaft chriſtlichen Geſellſchaftsgeiſt hervorzurufen und zur Herrſchaft zu befördern. Zu einem wahrhaft chriſt⸗ lichen Geſellſchaftsgeiſt müſſen drei Haupteigenſchaften gehören: Erſtens ein allgemeines gegenſeitiges und demüthiges Bekenntniß, daß wir alle ohne Ausnahme und ohne Rück⸗ ſicht auf Stand und Verhältniſſe, wir mögen einer Mei⸗ nungsſchattirung angehören, welcher wir wollen, dennoch in hohem Grad in der Erfüllung unſerer Privatpflichten gegen die Geſellſchaft, wenn man dieſe vom wahrhaſt chriſtlichen Standpunkt aus betrachtet, gefehlt haben. Zweitens ein von dem Schuldbewußtſein erweckter Eifer zur Beſſerung und ein vom Licht des Evangeliums erwärmtes Liebesleben voll Selbſtentſagung, das die himmliſche Freude des eigenen Herzens in der Zurück⸗ ſpiegelung der durch meine Selbſtentſagung ihnen berei⸗ teten Freude meiner Mitmenſchen ſucht. Drittens religiöſe Unterwürfigkeit unter ſelbſt man⸗ gelhafte Verordnungen der Geſellſchaft, bis auf dem fried⸗ lichen Weg der Ueberzeugung wohl verbreitete Reformen gewonnen werden können.. Die Menſchen zu einem ſolchen Geſellſchaftsgeiſt zu erwecken, das muß, wie wir oben geäußert haben, die Hauptbedeutung der großen Staatserſchütterungen unſe⸗ △ 8R Sg —r'—S,—4———2— 23 rer Zeit ausmachen. Wir haben jedoch gehofft, daß Schweden dem unerhörten politiſchen Leiden entgehen könnte, welche unfehlbar andern europäiſchen Staatsge⸗ ſellſchaften bevorſtehen, wo die Verheerungen der Anar⸗ chie zu einem tiefen Nachdenken über das, was zu ihrem Frieden gehört, erwecken müſſen. Wir haben gehofft, daß Schweden unter fortgeſetztem Genuß der koſtbaren Segnungen der Geſellſchaftsordnung ſich den veredelnden und erhebenden Geſellſchaftsgeiſt aueignen könnte, welchen die reinigenden Stürme der Zeit unfehlbar herbeiführen werden, an manchen Orten jedoch erſt nach langwierigen und gräßlichen, wenigſtens theilweiſen Verwüſtungen. Wir hoffen dies unter Anderm darum, weil die herrſchen⸗ den Klaſſen in Schweden ſich niemals durch Volksunter⸗ drückung ſo ſehr verſündigt haben, wie in mehreren an⸗ dern Ländern, weßhalb auch die Spannung bei uns nie ſo gewaltſam werden kann, und weil der Kern der ſchwe⸗ diſchen Nation, die größtentheils aus frommen Landbe⸗ bauern beſteht, noch eine tiefe Fundgrube von wahrem Chriſtenthum beſitzt und deshalb fähig iſt, unmittelbar aus einem niedrigen Geſellſchaftsſtadium emporzuſteigen und ſich die ſociale Veredlung anzueignen, welche den der chriſtlichen Frömmigkeit mehr entfremdeten Völkern erſt durch die härteſte Zucht zukommen zu können ſcheint.... ... Die in unſerer Zeit zahlreich aufkommen⸗ den freien Vereine für uneigennützige menſchenfreundliche Zwecke bilden die aufkeimende junge Saat, deren endliche Ernte einmal die Erhebung des Geſellſchaftslebens zu dem höhern Veredlungsſtadium ſein wird, woran die Zeit mittelbar oder unmittelbar laborirt. Dieſe Vereine üben jedoch einen ſehr geringen Theil der Kraft aus, welche auszuüben ſie beſtimmt ſind, ſo lange ſie, um eine Menge beſonderer Gegenſtände herum zerſplittert, ohne Zuſammenhang und gegenſeitige Verſtärkung arbeiten. Mächte man deshalb aus all den zerſtreuten Ver⸗ 24 einen nur einen einzigen bilden, welchen wir den vaterländi⸗ ſchen Verein nennen möchten! Als zuſammenhaltende und leitende Vereinsgrund⸗ ſätze wollen wir, gemäß den oben aufgeſtellten Begriffen, folgende drei vorſchlagen. Erſtens, jedes Mitglied des vorgeſchlagenen Vereins bekennt, daß kein Einzelner die Forderuugen eines chriſt⸗ lichen Geſellſchaftsgeiſtes in ſeiner ſtrengſten Bedeutung recht zu erfüllen vermag, daß aber das beſte Mittel für ſchwache Einzelne, um zum allgemeinen Nutzen ſtark zu werden, darin beſteht, daß ſie, abgeſehen von aller erbit⸗ ternder Mißachtung gegen verſchiedene Anſichten in Be⸗ zug auf untergeordnete Gegenſtände des menſchlichen Le⸗ bens, in freien Vereinen aus allen Klaſſen und Meinungs⸗ ſchattirungen liebevoll einander die Hände reichen zu einer gemeinſchaftlichen Arbeit für die Hauptzwecke des Lebens, unter welchen der Zweck dieſes Vereines einen der wich⸗ tigſten bilden muß. Zweitens, jedes Mitglied dieſes Vereins erkennt und will in allen ſeinen Verhältniſſen gewiſſenhaft als Haupt⸗ grundſatz des chriſtlichen Geſellſchaftslebens beobachten, daß alles perſönliche Vermögen oder alle perſönliche gei⸗ ſtige oder leibliche Fähigkeit von dem Inhaber nicht als ſein Eigenthum betrachtet und benützt wird, ſondern blos als ein ihm zur Verwaltung übergebenes Gut, das ihm die Vorſehung anvertraut hat, mit der Verpflichtung, ſo viel als möglich allgemeinen Nutzen damit zu ſtiften; daß im Bewußtſein, zur Wohlfahrt ſeiner Landsleute beigetragen zu haben, der koſtbarſte Arbeitslohn des Ge⸗ ſellſchaftslebens liegt; daß jede Handthierung, jede Be⸗ ſtrebung und jeder Genuß, der zum allgemeinen geiſtigen oder leiblichen Schaden führt, auch vom Geſetz oder durch alte Ueberlieferung als Recht erkannt, dennoch als unehrenhaft und des Mitgliedes eines chriſtlichen Staates unwürdig geſtempelt werden muß. Drittens, jedes Mitglied dieſes Vereins verpflichte⸗ 2⁵ ſich, die bibliſche Vorſchrift: Seid unterthan aller menſch⸗ lichen Ordnung um des Herrn willen, eine Verordnung, ohne welche kein chriſtliches Geſellſchaftsleben möglich iſt, für ſich ſelbſt zu beobachten und ihre Erfüllung unter ſeinen Nebenmenſchen möglichſt zu befördern....“ Brauner wurde durch Pauls Aufmerkſamkeit auf den Inhalt der Arbeit belebt und anch ſein Intereſſe für den Gegenſtand nahm zu. Ohne einen einzigen Augenblick auszuruhen, fuhr er alſo in der Lektüre fort. 1 Als er jedoch an die oben angeführte Stelle gekom⸗ men war, legte Brauner das Buch weg, weil die Thüre ſich öffnete und Roman eintrat. Alle beide wandten ſich zu gleicher Zeit gegen ihn. „Nun?“ rief Paul. „Die Sache iſt abgemacht.“ „Iſt’s möglich? Großſmeſtad iſt mein?“ „Es iſt Dein.“ „Ich glaubte nicht, daß es Dir gelingen würde.“ „Auch ich zweifelte, und Dein Herr Vetter war wirklich ganz und gar nicht geneigt, das Gut zu ver⸗ äußern. Nichts deſto weniger iſt es jetzt im Reinen.“ „Mußteſt Du die Anweiſung von Mendelſohn Bar⸗ tholdi vorzeigen?“ „Er zwang mich dazu. Aber damit hatte es ſein Bewenden noch nicht.“ „Wie ſo 2 „Ich mußte auch den Wechſel von Steinmetz und Comp. präſentiren.“ „Ah!* „Und gleichwohl war er noch nicht geſchlagen. Aber als ich endlich mit der Anweiſung der Gebrüder Baring und Comp. herausrückte, da entſank ihm auf einmal aller Muth und er ging auf unſer Begehren ein.“ Wir müſſen hier erwähnen, daß Franz Kellner, ſo⸗ bald er erfahren hatte, daß Paul blos der Pflegeſohn ſeines in Amerika verſtorbenen Oheims war, ſogleich 26 einen Advokaten zu ihm ſandte, mit dem Auftrag, auf friedlichem Privatweg das Erbe zurückzufordern, deſſen ſich Paul, wie er meinte, ungeſetzlicher Weiſe bemächtigt hatte. Paul legte inzwiſchen die teſtamentariſchen Ver⸗ ordnungen ſeines Pflegevaters vor, und dieſe wurden nicht blos vollkommen formrichtig befunden, ſondern waren auch bei den Behörden in Amerika ſowohl wie in Schwe⸗ den, bei denen der nordamerikaniſche Conſul ſie deponirt hatte, in ſo guter Verwahrung, daß der Advokat ver⸗ gebens nach Veranlaſſung zu Einwendungen ſuchte und daher Kellner den Rath ertheilte, allen Anſprüchen zu entſagen. Aber damit war es noch nicht genug. Als Paukß und Roman den Juden Abraham nach deſſen verunglück⸗ tem Verſuch, Pauls Geburt aufzudecken, verließen, kam der Doktor ihnen nach und bat Paul um eine Unter⸗ redung, wobei er ihm offen ſeine Uebereinkunft mit Ab⸗ raham, nämlich, daß er ihn von dem Krankheitszuſtand des Generals in Kenntniß zu erhalten habe, eingeſtand und beklagte, daß er ſich zuerſt durch ſchöne Worte habe verführen laſſen, ſpäter aber auch durch eine drohende ökonomiſche Stellung gezwungen worden ſei, damit fort⸗ zufahren; obſchon er zu ahnen aufange, daß Abraham nicht die beſten Abſichten hege. Nach dieſer Erklärung gab ein Wort das aadere und der Doktor wurde von Stund an Pauls Mann; er verhalf ihm zu einem tiefern Blick in Abrahams Charakter und ſeine wirkliche Stel⸗ lung ſowohl zu dem General, wie zu dem Grafen Curt, dem Baron Krook und dem alten Kellner, endlich auch zu deſſen Sohn Franz. Paul konnte allerdings den Be⸗ trag der Kapitalien, um die es ſich zwiſchen ihnen han⸗ delte, nicht genau erfahren, aber er überzeugte ſich bald, daß die Summen ſehr bedentend waren, und daß man mit allem Recht auch hier die eine und andere fein aus⸗ geführte Betrügerei von Abraham vermuthen konnte. Paul hatte nicht einen einzigen Augenblick die Fragen auf ſſen tigt ger⸗ richt aren we⸗ nirt ver⸗ und zu aul ück⸗ kam ter⸗ Ab⸗ and and abe nde ort⸗ dam ung von fern tel⸗ urt, nuch Be⸗ an⸗ ald, nan aus⸗ gen 27 vergeſſen, welche der letzte Wille ſeines Pflegevaters zur wichtigſten Aufgabe ſeines Herzens gemacht, und nun kamen auch noch dieſe neuen Aufgaben zu den älteren. Er glaubte zwar nicht, daß ſie etwas mit einander ge⸗ mein hätten, aber ſie betrafen gleichwohl dieſelben Per⸗ ſonen, und da er ſie in der einen Beziehung ausforſchen wollte, ſo war natürlich alles, was ſie anging und was ihm einigen Halt geben konnte, für ihn von Intereſſe. Die Entdeckung, die er bei Abraham machte, daß nämlich Gabriele und die Baronin Lander, Erſtere vor und Letztere während ihrer Ehe einen Liebeshandel ge⸗ habt, der bisher der Welt verborgen geblieben, über⸗ raſchte ihn nicht blos, ſondern erklärte auch einen großen Theil des Dunkels, worin er bis jetzt herumgetappt hatte. Es war nicht mehr ein unklarer Argwohn ſeines geiſtesſchwachen Pflegevaters, nicht blos myſtiſche Phraſen in einigen zufällig erhaltenen, nicht unterzeichneten Brie⸗ fen, ſondern es war eine faktiſche Wahrheit, daß die Liebe bei dem heimlichen Todesfall des Baron Lander ihren Finger im Spiel gehabt; es war auch nicht mehr blos ein loſes Gerede von verletzten ehelichen Pflichten und verrathener Liebe, nicht mehr blos eine Sage, daß Kinder geboren worden, von deren Schickſalen ſelbſt die Mütter bisher ganz und gar nichts erfahren konnten. Gabriele hatte Alles bekannt. Die zärtliche, mütter⸗ liche Ergebenheit, welche ſie einen einzigen Augenblick ſo ſehr beglückte, als ſie in Paul ihren Sohn zu ſehen hoffte, bewies ihre Unſchuld. 4 Die treue Hingebung an das Kind iſt im Mutter⸗ herzen die ſchönſte Abendröthe der Liebe und verklärt die Frau nicht minder ſchön, als das Morgenroth der Liebe, wenn ſie zum erſtenmal liebt. Paul war von ihren ſanften Leiden gerührt worden. Einen Augenblick war ſein Herz mit warmem kindlichem Gefühl ihr entgegengeflogen. Ein Gefühl, das nicht erſterben konnte, erwärmte ihn jetzt noch. 28 Er hatte ihren Mann eintreten geſehen, er war Zeuge der kalten, gehäſſigen Gleichgültigkeit geweſen, wo⸗ mit er ſie behandelte, und ſeine Theilnahme wurde da⸗ durch noch erhöht. Die Baronin Lander hatte freilich alle Aufſchlüſſe über ſich verweigert, aber weder Paul noch Roman glaub⸗ ten ihr, und durch dieſe Weigerung eröffnete ſich für ſie ein großes Feld argwöhniſcher Betrachtungen. Sie hat⸗ ten nicht erwartet, Franz Kellner in dieſe Geſchichte ge⸗ miſcht zu finden, aber ſie hielten es nicht für unmöglich. Sie hatten bereits genügende Proben von ſeinem Cha⸗ rakter gehabt und konnten an nichts zweifeln. Sie be⸗ klagten zwar, daß Martha, welche unläugbar nur die Ereigniſſe gewußt zu haben ſchien, wahnſinnig geworden; aber ſie ahnten doch, daß man klaren Aufſchluß erhalten könnte, wenn es nur gelänge, Kellner oder die Baronin zu entlarven, gegen welche Beide ſie jetzt Alles aufzu⸗ bieten beſchloſſen. Keiner von ihnen konnte inzwiſchen überſehen, daß ſie Leute vor ſich hatten, die nicht ſo leicht zu über⸗ rumpeln waren, und deßhalb war die größte Vorſicht nöthig. Sie beſchloſſen daher, einen Umweg zu nehmen, und Abraham hatte ihnen eine überaus angenehme Bahn dazu eröffnet, den Weg des Geſchäftslebens, auf welchem ſie Kellner, wenn auch nicht zu fangen, doch wenigſtens entwaffnen zu können hofften. Um dieſen Zweck zu erreichen, gab es nur ein ein⸗ ziges Mittel. Sowohl Roman als Paul beſaßen zu viel Erfah⸗ rung, um nicht zu begreifen, daß Kellner alle Spuren ſeiner Angelegenheiten ſo gut verwiſcht haben werde, daß man ihn nicht leicht anfaſſen könne. Aber ſie waren auch mit den modernen Transactionen unſeres Herrn Großhändler gegenüber dem Ausland nicht unbekannt, und in dieſer Beziehung mußte man Einſicht in Kellners Angelegenheiten zu erhalten ſuchen, in ſo fern ihr Plan gelingen ſollte. Paul war durch ſeine eigenen Geſchäfts⸗ verhaͤltniſſe bereits mit den meiſten Häuſern des Aus⸗ landes bekannt, und Roman ſtand als alter Seemann in perſönlichen Beziehungen zu mehreren von ihnen. Sie eröffneten daher ſogleich eine Correspondenz mit den größten Geſchäftsmännern des Continents, ſowie der neuen Welt. Bald kamen Antworten, worin Kellners Stellung zu jedem einzelnen Hauſe bezeichnet wurde, ſo daß es nicht ſchwer hielt, das Ganze zu überblicken. Mit dieſem Schlüſſel in der Hand wollten ſie ihm jetzt entgegentreten. Zur gleichen Zeit hatte Paul auch den Grafen Curt, den alten Kellner, den Vater des Großhändlers, ſowie den Baron Krook beſucht. Dagegen zeigte er ſich ſel⸗ tener bei dem General Roſenpalm, weil er fürchtete, daß dieſer mit ſeinem ritterlichen, feinfühlenden Gemüth wäh⸗ rend des maskirten Verhältniſſes, worin ſie jetzt zu ein⸗ ander ſtanden, es nicht gerne ſehen würde, wenn er öfter käme. Keinem von dieſen älteren Männern konnte Paul ſeine Achtung verſagen, weil ihre Handlungsweiſe wie auch ihre Grundſätze vollkommen ehrenhaft und redlich zu ſein und von Güte und Menſchenliebe zu zeugen ſchienen. Zwei Umſtände ſchienen indeß ihr Alter zu verdüſtern: Kränklichkeit und der minder gute Stand ihrer finan⸗ ziellen Angelegenheiten. An allen vier Orten fand er auch den Doktor und Abraham in ſeinem Wege. Da der Doktor jedoch jetzt Pauls Freund geworden war, ſo beſaß Letzterer durch ihn einen Schlüſſel zu ihren Geheimniſſen. Graf Curt war, wie der Baron Krook in die Stadt gezogen, um die erforderliche tägliche Pflege nicht zu entbehren. Gabriele beſuchte ihn oft, aber ſie war jetzt nur noch ein träumeriſcher Schatten, ein einnehmender Kummer, ein lebendiger verkörperter Seufzer. 30 Der alte Kelluer ſchien noch munter und raſch: er vegetirte in der Freude über die Erfolge ſeines Sohnes. Wenn Abraham ſich hier einfand, ſchlich er mehr in den Zimmern herum, als daß er ging, und der Doktor drang nicht bis in das Schlafzimmer des Greiſes, ſondern war⸗ tete im Salon. Mit Baron Krook ſchien es dagegen ſehr ſchlimm zu ſtehen. Wenn es darauf ankam, ſich vor Andern zu zeigen, ſo ſchien ſeine Geſundheit noch einigermaßen gut zu ſein; aber daheim, wo die Krämpfe ihr volles Recht ausübten, war er ſeiner ſelbſt nicht mächtig⸗ Auch hier ſchienen noch andere Bekümmerniſſe dazuzukommen. Paul hatte lange Mühe zu entdecken, worin ſie beſtanden, aber allmälich begann er es zu ahnen. Zu dieſen Be⸗ kümmerniſſen gehörte auch ein bei Baron Krook entſtan⸗ dener Zweifel an Kellners Solidität, und die Bezahlung ſeines Kauſſchillings für Grosſmeſtad ſchien ihm keines⸗ wegs geſichert. Dieß gab auch Paul die erſte Veran⸗ laſſung zu dem Gedanken, ſeinem Vetter das Gut abzu⸗ kaufen, ein Gedanke, den er immer lieber gewann, je mehr er ſich damit beſchäftigte. Er ſah zwar ein, daß Kellner auch hier ſehr ſchwer zu bewegen ſein würde; aber Paul beſaß zu viel jugend⸗ liche Energie, um ſich von einer Schwierigkeit beugen zu laſſen. Er befahl daher Roman ſogleich, in Folge der Auf⸗ ſchlüſſe, die er von fremden Plätzen her über Kellners Angelegenheiten erhalten hatte, ſich von da einige Anwei⸗ ſungen auf Kellner zuſchicken zu laſſen. Es war durch⸗ aus nicht ſeine Abſicht, ſich derſelben zu Kellners Scha⸗ den zu bedienen oder ihn eigentlich bloszuſtellen, ſondern er wollte blos ein Werk der Gerechtigkeit verrichten, in⸗ dem er den alten Baron Krook von einem ſehr empfind⸗ lichen Verluſt, der ihm drohte, rettete und ſelbſt ſeine Kapitalien auf eine kluge und gemeinnützige Weiſe an⸗ legte. erg ſein mit ihn Un 31 Die politiſchen Anſichten, welche Brauner ſo mächtig ergriffen hatten, beſtärkten jetzt auch Paul in dieſem ſeinem Vorſatz. Roman übernahm den Auftrag, die Unterhandlung mit Kellner zu eröffuen, und wir haben geſehen, wie es ihm gelang. Nachdem er umſtändlich erzählt, wie er ſeinen Auf⸗ trag vollzogen habe, fügte er hinzu, daß nur noch Panls Unterſchrift erforderlich ſei. Die Aktenſtücke lagen bereits auf ſeinem Schreibtiſch. Paul ergriff die Feder. „Nicht ſo eilig,“ bemerkte indeß Roman, der ſeine Abſicht ſah;„Du mußt ſie zuerſt prüfen und durchleſen.“ „Das iſt nicht nöthig,“ antwortete Paul,„mein Vertrauen zu Dir iſt unbegrenzt. Was Du gethan haſt, erkenne ich Alles an.“ Und Paul ſchrieb ſeinen Namen. „Ihr habt meinen Wunſch, Grosſmeſtad zu kaufen, mißbilligt,“ ſagte er dann;„ihr habt ihn wenigſtens nicht gut geheißen. Höret jetzt meine Gründe. Ich habe euch geſagt, daß ich den Baron Krook retten wolle, und ich glaube es jetzt gethan zu haben. Aber ich habe auch andere Gründe gehabt. Auf Smeſtad wurde Lander ermordet; vielleicht iſt es der Wille der Vorſehung, daß die Geheimniſſe dieſer That dort auch entſchleiert werden ſollen. Wer weiß? Die Wege der Vorſehung ſind un⸗ erforſchlich, aber ſie führen zum Ziel. Ich will dieſes Gut als Eigenthum beſitzen, um ohne alle Hinderniſſe die nothwendigen Nachforſchungen anſtellen zu können. Aber noch eins. Obſchon mein Pflegevater mehr als zwanzig Jahre in Amerika verlebte, ſo vergaß er doch ſein Vaterland Schweden nie; er ſelbſt wollte nicht da⸗ hin zurückkehren. Da, wo er das Grab ſeiner Gattin gebettet, wollte auch er ruhen. Aber ſeine ganze Thä⸗ tigkeit, alle ſeine Gedanken hatten nur einen einzigen Gegenſtand: das Land, an welches die Erinnerungen 1 V 1 9 32 ſeiner Jugend und ſeines Mannesalters ſich knüpften. Er verlangte daher, daß der ganze Reichthum, den er da draußen geſammelt hatte, hieher gebracht werden ſolle, um hier Früchte zu tragen, um die Betriebſamkeit allhier zu beleben und rings umher Segnungen zu ver⸗ breiten. Durch mich vermachte er ihn in ſeinem Teſta⸗ ment an Schweden, und ich gedenke kein undankbarer Erbe zu ſein. Seine Abſichten ſollen erfüllt werden. Mein Wunſch war, zuerſt das wichtige Geheimniß zu entſchleiern, das ſo tief an ſeinen letzten Tagen zehrte; aber Brauner hat Anſichten vorgetragen, welche nicht zu⸗ rückſtehen dürfen. In dieſen Anſichten meine ich die Ge⸗ danken meines Vaters wieder zu erkennen, und es kommt mir vor, als ob meine Kapitalien dazu beſtimmt wären, als natürliche Triebfedern das Werk in Gang zu bringen. Du haſt den einen und andern Zug aus Deinem traurigen Leben erzählt, Brauner; mit Bildung ausgerüſtet, in einer Stellung geboren, welche Dir einen freien Blick über verſchiedene geſellſchaftliche Verhältniſſe geſtattete, wurdeſt Du von den Umſtänden in die Tiefe hinabge⸗ ſchleudert, unter Verbrechen und Elend. Du haſt die Abgründe ermeſſen, Du kennſt ſie. Das Leiden iſt ein ſchrecklicher Lehrer; aber es lehrt Ergebung und Liebe. Die ausgedehnteſten und wahrſten Ausſichten über die Welt werden nicht von dem Glück und Erfolg, ſondern von den Widerwärtigkeiten eröffnet. Du blickſt nicht mit Bitterkeit, ſondern mit Reſignation in die Welt hinaus. Die Sünden der Welt werden auch nur durch die Liebe in unſerem Herzen und die Freiheit in unſerer Seele ge⸗ ſühnt. Angeklagt wegen eines ſchmählichen Verbrechens gegen Ehre und Treue, gegen Freundſchaft und Ver⸗ trauen, fandeſt Du in Deiner Verzweiflung die Gedanken an eine neue verbeſſerte Geſellſchaft, und es kommt mir vor, als wäre es eine Nothwendigkeit in dem Spiel der Vorſehung mit den Menſchen, daß ihre veredelnde Wie⸗ dergeburt von denjenigen ausgehen ſoll, die am meiſten in d Dir aufg Ich Deir frei auf dem errie Han vor nütz nich die ung Ge rech ſchn Err mel abſ bed die end die her Se hin blo Ar ter ab P 33 in der Schule des Leidens geprüft worden. Ich dauke Dir, Brauner, für das Zukunftsgemälde, das Du uns aufgerollt haſt. Du ſtehſt wie ein Miſſionär vor mir. Ich werde Dir auch ein Feld eröffnen, Brauner, wo Du Deine Pläne, die Deine Gedanken ſo warm beſchäftigen, frei ins Werk ſetzen kannſt. Ein großes Verbrechen iſt auf Smeſtad begangen worden; wir wollen dort, auf dem Tummelplatz des Verbrechens ſelbſt, ein Monument errichten, dadurch es geſühnt werden ſoll. Mit edlen Handlungen muß man die Erde rein waſchen, wenn ſie vor dem Himmel weiß erſcheinen ſoll. Brauner, be⸗ nütze, was das Leben Dich gelehrt hat. Vergiß nichts, nicht einmal Deine bitterſten Erinnerungen, denn auch die bitterſten enthalten eine Lehre, ein Heilmittel. Der ungerecht Angeklagte, der unſchuldig Verfolgte kennt die Gebrechen der Staatsgeſellſchaft am Beſten. Jede Unge⸗ rechtigkeit eröffnet ein Feld, das zu betreten, allerdings ſchmerzlich, das aber um nichts deſtoweniger voll von Erndten für das Nachdenken iſt. Der Gedanke hat nie mehr Schärfe, als wenn er in ein zermalmtes Herz hin⸗ abſtürzen muß. Höre mich, Brauner. Zu Deinen Plänen bedarfſt Du eines feſten Ausgangspunktes. Smeſtad ſoll dieß werden. Ich ſtelle Roman an Deine Seite; voll⸗ endet euer Werk.“ Brauner vermochte die Rührung nicht zu verbergen, die ihn ergriff, während Paul ſprach. Um ſich zu be⸗ herrſchen verbarg er das Geſicht in ſeinen Händen. Seine Bruſt hob ſich heftig, und als die Hände wieder hinabſanken, ſchien nur eine einzige Thräne über ſeine blaſſe Wange hinabzurollen. Unbewußt ſtreckte er ſeine Arme aus, ſeine Kniee wankten und ſeine Lippen beweg⸗ ten ſich, ohne daß ein Laut über ſie kam. Roman war ebenfalls erſchüttert, beherrſchte ſich aber bald wieder und eilte vor, um den Greis zu ſtützen. „Beruhige Dich, Brauner,“ flüſterte er.„Ach, Paul,“ fügte er dann hinzu,„ich bin überzeugt, daß Du Das Gewiſſen. V. 3 34 künftig keinen Augenblick und unter gar keinen Umſtän⸗ den mehr, ſo ſeltſam ſie Dir auch erſcheinen mögen, meinen alten Freund verkennen wirſt. Dieſe Thräne in ſeinem Auge iſt der offenſte Beweis für den Edelſinn ſeines Herzens.“ „Du haſt Recht, obſchon ich mich gleichwohl über das Vorgefallene nur freuen kann, weil ich ſonſt vielleicht nicht im Stande geweſen wäre, einen Blick in Brauners Inneres zu werfen. Glaube mir, jetzt verſtehe ich Deinen ergebungsvollen Charakter, Brauner. Jeder ehrenhafte junge Maun könnte mit Stolz zur Welt ſagen: Dieſer grauköpfige alte Mann, der ſo ſchwer verkannt und ver⸗ folgt worden iſt, dieſer Mann iſt mein Vater.“ Dieſe einfachen, aber herzlichen Worte trafen Brauner wie ein Blitz. Aufgeregt und vernichtet ſank er auf ſeine Kniee. Nach einer Weile gelang es Roman, den Greis wieder zu ſich ſelbſt zu bringen. Als er das Zimmer verließ, ſtreckte er die Arme gegen Paul aus. Die Be⸗ wegung war feierlich. Der Greis ſchien Gott als Zeuge ſeiner Liebe für den ſtolzen, rechtſchaffenen Jüngling an⸗ rufen zu wollen. Das Verehrungswürdige in ſeinem Ausſehen gefiel Paul. Wäre er noch einen Augenblick länger geblieben, ſo würde Paul an ſeine Bruſt geſunken ſein. Es lag in dem Weſen des Greiſes etwas Patri⸗ archaliſches, dem Paul nicht widerſtehen konnte. Als der Greis ſich entfernt hatte, blieb Roman auf der Schwelle ſtehen. „Paul,“ ſagte er,„ich habe noch nicht alle Hoffnung, aufgegeben, daß es Dir gelingen werde, den letzten Wil⸗ leu Deines Pflegevaters zu vollziehen und die wirklichen“ Mörder des Barons Lander au's Tageslicht zu bringen, aber es ſieht dennoch trübe damit aus. Wolkmann ſtarb mit dem Geheimniß und die wahnſinnige Martha lieferte zu wenig Aufſchluß; indem ſie die Gelegenheit benützte und von Abraham entfloh, ſchien ſie auch von der Erde⸗ ver „.9.„—,—,—,— in⸗ en, in inn ber cht ers ien fte ſer er⸗ ner auf eis ner Be⸗ uge an⸗ nem lick ken tri⸗ auf ung, Lil⸗ hen gen, arb erte itzte rde. 3⁵ verſchwunden zu ſein. Alles, was wir ſeitdem verſucht haben, iſt mißlungen. Wir haben uns jetzt in die ökono⸗ miſchen Verhältniſſe Anderer gemiſcht, aber blos alltäg⸗ liche Betrügereien auf dem Weg des Wuchers entdeckt. Dies führt nicht zum Ziele, ich ſehe es ſchon voraus.“ „Sehr möglich; aber wenn wir, während wir nach unſerem Ziele ſtreben, zugleich den einen oder andern ſchlechten Charakter entſchleiern, die eine oder andere Betrügerei abwehren, einigen Leuten, die im Begriff ſtehen, durch einen Schurkenſtreich geſtürzt zu werden, helfen können, ſo glaube ich mich durch meine Pflicht dazu aufgefordert. Was die Hauptfrage betrifft, ſo iſt meine Hoffnung noch eben ſo groß wie früher. Blicken wir auf das bereits Geſchehene zurück, ſo finden wir, daß wir am beſten gethan haben, vorwärts zu gehen. Wir ſind zwar allerdings noch nicht weit gekommen, aber wir wiſ⸗ ſen auch nicht, wie weit wir noch bis zum Ziele haben. Vielleicht liegt es auch ganz nahe. Bisher haben wir die Ereigniſſe abgewartet; vielleicht ſind es die Ereigniſſe, die jetzt auf uns warten. Ich bin immer bereit, aber es kommt keine Ruhe in meine Seele, bevor das Ge⸗ heimniß gelöſt iſt. Da fällt mir etwas ein. Die Exeig⸗ niſſe, die ſich ſeit meiner Ankunft dahier zutrugen, haben mir eine ernſte Stimmung gegeben, die ich früher nicht beſaß. Du warſt damals bang wegen meiner Hitze und Heftigkeit; jetzt biſt Du doch ruhig?“ „Vollkommen.“ „Ich habe es bemerkt. Es iſt auch unnöthig, daß wir alle Beide uns jetzt hier aufhalten. Gehe Du mit Brauner. Er kann Deines ſicheren Blickes, Deines kla⸗ ren Urtheils bedürfen. Ueberdies iſt ein Mann erforder⸗ lich, um Smeſtad zu übernehmen. Handle Du dort, ich will es hier thun, und habe Du eben ſo viel Vertrauen zu mir, wie ich zu Dir. Bedürfen wir einander, ſo liegt Ji ein Weg von drei Stunden zwiſchen uns. Reiſe alſo. 3 „Du kannſt Recht haben.“ Mit einem Handſchlag trennten ſich / 6 Noman war nicht der die Freunde. 5 ſäumte. Eine Stunde ann, der ſich jemals ver ſpäter ſaß er mit Brauner i u einem Schlitten. n „ 1 G Es war ein heller Apriltag. Die Sonne ſtand hoch am Himmel, ohne daß ſie noch den Zenith erreicht hatte. l Die Straßen der H * Hauptſtadt waren mit S Das ſchöne Wetter on Spaziergängern hinausgelockt. Der Kl Glö ertönte von chäumenden Schlittenpferden. Dort wieherte ein Eng⸗ länder, während er ſich unter ſeinem Reiter brüſtete. Hier drängten ſich die Fußgänger. Die ganze Straße entlang ſchwatzten und lachten Freunde und Bekannte um einander her. Die Luft war friſch und klar, der 3 Himmel ſo luftig und rein. Es war ein ſchöner Wintertag. Aber Paul, der ſonſt ſo gern ſeinem Renner die Zügel ſchießen ließ, zeigte ſich nicht im Volks Einſam wanderte er ſ gewimmel. in ſeinem Zimmer auf und ab. All' die wichtigen und politiſchen Anſichten, die kaum. ₰ erſt ſein Gemüth beſchäftigt, hatten einen einzigen Ge⸗ ¹ danken in ſeiner Seele nicht zu tödten vermocht. Dieſer einzige Gedanke war der ſtarke Strom, der ſich jetzt„ 1 wieder ſeiner bemächtigte. Mit den Wogen der Leiden⸗ 4 ſchaft war er durch das Meer der öffentlichen Fragen gerollt. 3„Ein ſtarker Strom geht mit eigenen Wogen durch das Meer.“ 4 Paul war an einem Fenſterpfoſten ſtehen geblieben und lehnte ſich an denſelben. nde. ls ve ter i 37 Bald gingen düſtere Schatten über ſein Geſicht, bald zeigte ſich der Strahl einer entfernten Freude darin. Laßt uns über ſeine Schulter blicken und ſehen, was dieſer Brief enthält, der ſo kräftig auf ihn einge⸗ wirkt hat. Er iſt ganz kurz; nur einige wenige Zeilen. Sie lauten alſo: „Mein Herr, Sie lieben Fränlein Jaquette Roſen⸗ palm, ich beklage Sie. Seit ſie als Hoffräulein aufge⸗ nommen worden iſt, hat ein weit vornehmerer Herr als Sie mit Erfolg ihr ſeine Aufmerkſamkeit zuzuwenden angefangen. Fräulein Jaguette iſt jung, munter und lebhaft. Noch einmal— ich beklage Sie.“ Paul ſtampfte auf den Boden. Der Brief berührte den kitzlichſten Punkt in ſeinem Herzen. Er hatte Jaquette mit der treuen Ergebenheit eines jungen Mannes geliebt. Seine Seele war zu einem klaren ruhigen Spiegel verſchmolzen, um rein und wahr ihr ganzes Bild in ſich aufzunehmen. Jetzt war es anders. Die Anklage gegen ſie ſtörte ſeinen Frieden und dieſe friedliche Liebe, die ihn ſo glücklich gemacht hatte. Und dennoch liebte er ſie noch immer. Aber die Liebe, die aus dem Becher der Eiferſucht trinkt, wird leicht Raſerei. Wiederum ging er auf und ab, mit ſich ſelbſt nicht einig, was er thun ſollte. Der Brief war anonym. Ein Unbekannter hatte ihn abgegeben, und Paul konnte ſich an Niemand wen⸗ den, außer an ſie ſelbſt. Sollte er es thun? Sein Stolz wurde von verſchiedenen Leidenſchaften hin und her ge⸗ zerrt und ſchwankte bald auf dieſe, bald auf jene Seite. „Ich will ſie aufſuchen,“ rief er endlich,„ich will ſie betrachten und ein einzigesmal in ihr Auge blicken. Es wird mir ſagen, ob ich dieſen Brief ebenſo zerreißen muß, wie er mein Inneres zerriſſen hat, oder ob ich ihn ihr geben und ihr den Rücken kehren ſoll.“ 38 In der Abſicht, ſogleich ſeinen Be warf er den Mantel um und ergriff ſ Weiter kam er jedoch nicht; genblick wurde die Thüre hefti Frauenzimmer ſtürzte herein. „Retten Sie mich,“ rief ſie,„um's Himmelswillen retten Sie mich.“ Zu ſeiner Verwunderung erkannte Paul ſie ſogleich. Es war niemand anders als die ſchwarze Charlotte. Paul trat einen Schritt zurück. „Was wollen Sie hier?⸗ fragte er. „Retten Sie mich!“ „Sie haben mich ſchon früher einmal d ten, und damals haben Sie mich nicht blos betro⸗ gen, ſondern auch beſtohlen. Sie waren es, die die Papiere in der Schatulle drinnen nahm.“ „Es iſt wahr, ja ich that es; und Sie ſollen die⸗ ſelben wieder erhalten. Reiten Sie mich nur jetzt.“ „Welche lügenhafte Geſchichte haben Sie nicht er⸗ dichtet, um mich an einen beſtimmten Ort zu locken!“ „Ich gebe es zu; aber haben Sie je geliebt?“ „Und dann?“ „Wann Sie geliebt haben, dann wiſſen Sie, daß die Liebe uns zu Allem verleiten kann. Sie kann die Guten zu Engeln, die Schlechten zu Teufeln machen. Aber retten Sie mich, helfen Sie mir jetzt! Man ver⸗ folgt mich.“ Paul blieb unerſchütterlich auf ſeinem Platze. „Sie hatten die Abſicht, mich auf den Treppen dort zu ermorden.“ „Wenn die Liebe den Mordſtahl in die wer kann ſich Einhalt thun? Aber hören Sie... man kommt da außen. Retten Sie mich, wir haben keinen Augenblick zu verlieren.“ Panl betrachtete ſie. Er ſuchte ſte zu durchſchauen, um zu ſehen, ob ſie ihn auch jetzt betrügen wolle. Ihre ſchluß auszuführen, einen Hut. denn in demſelben Au g aufgeriſſen und ein arum gebe⸗ Hand drückt, tihren, Au⸗ ein illen eich. be⸗ tro⸗ die die⸗ 39 Miene verrieth eine ſolch' wilde Furcht, eine ſolch' ver⸗ zehrende Leidenſchaft, daß Pauls zum Voraus aufgereg⸗ des Gemüth dadurch ergriffen wurde. Man hörte auch Tritte im Gang und Stimmen ertönten. „Sagen Sie mir, wer Sie ſind,“ fragte indeß Paul. „Wenn Sie nicht lügen, ſo rette ich Sie.“ „Ich bin Alles, was Sie haben wollen, aber vor allen Dingen:... und ſie beugte ſich dabei gegen Paul vor und flüſterte ihm ins Ohr...„eine große Ver⸗ brecherin.“— Noch einmal flog Pauls Blick über ihr Geſicht. „Treten Sie in dieſes Zimmer da,“ befahl er ihr. Sie gehorchte. Es war auch hohe Zeit. Im nächſten Augenblick traten zwei Polizeidiener ein. Charlotte ſtand wie auf glühenden Kohlen. Sie hörte einige Worte wechſeln... es wurde wieder ſtill. „Sie ſind gerettet,“ ſagte Paul zu ihr, als er end⸗ lich die Thüre wieder öffnete;„kommen Sie heraus.“ Charlotte hatte jetzt daſſelbe wilde und dreiſte Aus⸗ ſehen wie früher, aber es war nicht ſo einnehmend. Sie war bläſſer, leidenſchaftlicher. Ihre Erſcheinung bei Paul war kein Zufall, ſondern ſie war ausgegangen, um ihn zu beſuchen. Ein Wind⸗ ſtoß hatte ihren Schleier gelüftet, als gerade ein Paar Polizeidiener an ihr vorbei gingen. Dieſe erkannten ſie ſogleich, aber unter der Volksmenge gelang es ihr, ihren Verfolgern zu entkommen. Paul hatte dieſelben ganz kurz abgewieſen. „Sie müſſen mir meine Papiere zurückgeben,“ ſagte er. Die ſchwarze Charlotte fühlte ſich für die empfangene Hülfe zu lebhaftem Dank verpflichtet. „Sie ſollen ſie wieder haben... ja, das ſollen Sie... aber Sie ſollen auch noch mehr erhalten.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ Paul war kalt. Er hatte kein Vertrauen zu ihr. Die Liebe kann uns veranlaſſen, das Glück desjenigen zu fördern, Eiferſucht verleibt uns den Muth, die wir lieben. Sind Sie nie eif⸗ uns nicht zögern, man erwartet Sie.“ 40 „Ich betrog Sie, als ich das letztemal hier war, weil derjenige, den ich liebte, es wollte. Ich hatte die Abſicht, Sie zu ermorden, weil derjenige, den ich liebte, es mir befahl. Für einen freundlichen Blick aus den Augen des Angebeteten hätte ich mich ſelbſt zu ſeinen Füßen erſtechen können. Jetzt haſſe ich ihn und will ihn Ihnen überantworten oder Ihnen die Freude gönnen, ich an ſeinem Falle zu weiden.“ „Wahnſinnige, das vermagſt Du nicht.“ „Ich habe es geſchworen.“ „Und ich ſage, daß Du es nicht vermagſt, weil ich mich an Niemandens Fall zu weiden vermag.“ „Sie täuſchen ſich jedoch diesmal. Aus den Papie⸗ ren, die ich hier nahm, habe ich erſehen, was Ihre Ge⸗ danken beſchäftigt.“ „Ich habe geſchworen, d den Baron Lander ermordete.“ „Sie können nicht errathen, wer es war?“ „Nein.“ „Zur ſelben Zeit wurden ein Knabe und ein Mäd⸗ chen geboren.“ „Ganz richtig.“ „Sie wiſſen nicht, wo dieſe ſind?“ „Nein, nein.“ „Haben Sie den Muth, mir zu folgen?“ „Ihnen?“ „Mir zu gehorchen?⸗ „Ihnen? Sie ſind ſonderbar.“ „Die Liebe iſt ein Schatten gegen die Eiferſucht. jeden zu tödten, um den wir lieben. Die diejenigen zu tödten, ferſüchtig geweſen, Herr?“ Pauls Augen flammten. Er dachte an den Brief. „Sie waren es,“ fuhr Charlotte fort,„laſſen Sie enjenigen aufzudecken, der var, die bte, den nen ihn een, 8—9 41 Die Anklage gegen Jaquette lag in dieſem Augen⸗ blicke ſchwer auf Pauls Gemüth. „Ich kann Ihnen jetzt nicht folgen,“ antwortete er .„ auch ich... „Auch Sie?“ „Auch ich fühle das Feuer der Eiferſucht in meinen Adern brennen. Ich habe etwas Anderes zu thun, als Ihnen zu folgen.“— „Denken Sie an den letzten Willen Ihres Pflege⸗ vaters. Alles muß vor ihm weichen.“ Charlottens Stimme tönte, als käme ſie aus einem Grabe. Paul zögerte nicht länger. „Ich folge Dir,“ ſagte er.. In einem bedeckten Wagen verließen ſie das Hotel. Wir müſſen Paul hier verlaſſen, um dem Leſer noch das Eine und das Andere zu erzählen, das ſich in den letzten Monaten anderwärts zugetragen hat. Zweites Kapitel. Der Bund. Im Verlauf dieſer Erzählung haben wir unſer Pub⸗ likum mit einem Leſergeiſtlichen, dem Bruder der ſchwar⸗ zen Charlotte, bekannt gemacht. 3 Er bewohnte einige Zimmer in der Methodiſtenkapelle in der Bereuterſtraße. Bekanntlich iſt dieſe Kapelle ſo eingerichtet, daß ſie auch für ihr Dienſtperſonal Wohnun⸗ gen hat, welche jetzt, nachdem die Kapelle geſchloſſen iſt, vermiethet worden. 42 Der Bruder der ſchwarzen Charlotte hatte zwei Zimmer: das äußere war ein höchſt ärmlicher, aber ſehr großer und geräumiger Salon. Hier hielt er Conventi⸗ kel und empfing ſeine Schüler. Das innere Zimmer war ſein Schlafkabinet. Auch dieſes war einfach und an⸗ ſpruchslos, vielleicht mehr aus Vorſatz oder aus Mangel an Mitteln, als aus innerer Neigung. Ueber eine aufgeſchlagene Bibel hingebeugt, worin ein Frauenzimmermedaillon lag, ſaß Dahl, ſo hieß der Prieſter, da und betrachtete wohlbehaglich die ſchönen, ſanften Züge. „Sie muß mein werden,“ ſagte er dabei,„ſie ſoll mein werden.“ Er betrachtete wieder das Portrait. „Welch ein ſtrahlender und reiner Blick! welche Un⸗ ſchuld und Schönheit! Die Stirne iſt aus einem Blatt von Zions Lilien gewölbt. Die Augen ſind wie Tau⸗ benaugen, die Lippen wie eine roſenfarbige Schnur, die Wangen ſind wie der Ritz am Granatapfel zwiſchen ihren Zöpfen, die Brüſte ſind wie zwei junge Rehzwillinge, die unter den Roſen weiden. Du biſt allerdings ſchön. Deine Liebe könnte mich zu einem zweiten Salomo, mein Herz zu ſeinem hohen Liede machen. In dieſem Augenblicke klopfte es an die Thüre. Dahl erhob ſein Haupt. 3 „Was wollen Sie, Madam?“ fragte er.„Kommen Sie mit meinem Mittageſſen? Treten Sie da ein.“ Die Thüre giug auf, aber die Eintretende war nicht ſeine Aufwärterin, ſondern ſeine Schweſter. Als er ſie ſah, drehte er haſtig ein Blatt in der Bibel um, ſo daß das Medaillon verborgen wurde. Der Leſerprieſter redete die ſchwarze Charlotte nicht ſogleich an, ſondern heftete einen ſcharfen und ſtrengen Blick auf ſie. „Verworfene,“ ſagte er endlich,„was willſt Du bei 43 mir? Du haſt die Erde dem Himmel vorgezogen. Gehe zum Löwen, um auf dem Richtblock zu ſterben.“ Charlotte beſaß einen raſchen Blick. Ihre Aufmerk⸗ ſamkeit flog von der Bibel auf den Bruder und wieder⸗ um von dem Bruder auf die Bibel. „Sei nicht grauſam, mein Bruder,“ antwortete ihm Charlotte.„Gott verzeiht ja, darum mußt auch Du verzeihen können. Du verdammſt meine Liebe zum Löwen?“ „Ich verdamme alle irdiſche Liebe, wir leben für ein höheres Leben, nicht für dieſes da, das aus Staub und Sünde gemacht iſt.“ Ohne ihm zu antworten, trat Charlotte zum Tiſch vor, auf welchem die Bibel lag, und ſchlug das Blatt wieder um, das er ſoeben umgekehrt hatte. „Heuchler!“ ſagte ſie. Der Leſerprieſter erblaßte. Ein Sturm ſchien im Anzug zu ſein. „Entehre die Heiligen nicht!“ wies er ſie zurecht. „Wagſt Du wohl in dieſes reine Auge zu blicken?“ Er deutete auf das Medaillon. „Schlage Deinen Blick nieder, Du Unreine, weißt Du, was es iſt, das Dir in dem ihrigen begegnet? Das iſt der Himmel. Aus dem Deinigen brennt die Hölle.“ Charlotte hörte ihn mit ſteigender Verwunderung an, und der Leſerprieſter fuhr in demſelben fanatiſchen Geiſte fort. „Hör' doch einmal auf,“ bat ſie ihn endlich.„Mit all Deiner Unduldſamkeit vermögen Deine Lippen kein ſolches Urtheil auszuſprechen, was ich ſelbſt über mich ausgeſprochen habe. Ich komme auch voll von Reue hieher.“ „Und Deine Reue iſt tief?“ „Tief wie der Haß. Mögen beide ihren Weg neh⸗ men. Die Rache hat mich hieher geführt. Dir kann es gleichgültig ſein, wenn Du mich nur haſt. Andere mögen 44 von der Liebe geweckt werden. Mich haben Haß und Rache geweckt. Jetzt bin ich Dein.“ „Verirrte, erzähle mir, was geſchehen iſt.“ „Das iſt mit wenigen Worten geſagt. Der Löwe liebt mich nicht allein. Er iſt mir untreu geworden. Ich will... ⸗ „Rache nehmen, willſt Du ſagen... an ihm?“ „Und an derjenigen, die er liebt. Ich will Dir Alles erzählen. Du erinnerſt Dich, als wir das letzte⸗ mal von einander ſchieden, wie ich mich in der Wahl zwiſchen ihm und Dir in ſeine Arme warf und von Dir verſtoßen wurde. Meine Liebe war wild, mein Vertrauen blind. Ich beſaß keine anderen Gedanken, als für ihn, kein Gefühl, außer für ihn. Ich hörte, ich ſah blos ihn. Mein Leben war ſein. Aber die Ereigniſſe führten mich eines Tags mit einem Mädchen zuſammen, das ich ſchon ſeit mehreren Jahren kannte; ſie heißt Anna, die Kö⸗ nigin der wilden Jagd. Ich folgte ihr ins Caffé London. Anna war freundlich gegen mich und ſie gefiel mir recht wohl. Eines Abends, als ich ſie wieder beſuchte, ſah ich einen Mann hinter der eiſernen Thüre, die in den obern Stock führt, verſchwinden, und obſchon er blos einen Augenblick für mich ſichtbar war, erkannte ich ihn ſogleich wieder. Es war der Löwe. Anna ſagte mir auch, daß er es war. Und auf meine Frage, was er thue, ant⸗ wortete ſie, er beſuche ein Mädchen. Dieſe Angabe ge⸗ nügte. Ich brannte. Ich litt. Anna führte mich ihm nach. Ich bekam einen Platz in einem Seitenzimmer. Ich hörte ihn ſprechen und hörte ein Mädchen, das weinte. Ich wollte hineinſtürzen. Anna hielt mich zurück. Als der Löwe ſich entfernte, begab ich mich zu dem un⸗ bekannten Mädchen hinein. Denke Dir meine Ueber⸗ raſchung, als wir beide auf einmal einander erkannten. Es war die bleiche Mathilde, genannt Waldhahnenfuß.“ „Mathilde“— bemerkte der Leſerprieſter—„Wald⸗ hahnenfuß, dieſelbe, deren Mutter auf den Gütern von 5l 5h 45 Smeſtad oder Aſen wohnte? Ich eriunere mich nicht, auf welchem von beiden. „Du erinnerſt Dich ihrer?“ „Als Kinder ſpielten wir zuſammen.“ „Richtig.“ „Wir ſind ungefähr gleich alt.“ „Wie Du ſagſt.“ „Hat auch ſie das Land verlaſſen?“ „Nach ihrer Mutter Tod begab ſie ſich hieher. Aber unterbrich mich nicht. Von ihr wurde ich über mein Un⸗ glück aufgeklärt. Mathilde war es nicht, die er liebte. Ach nein, er liebt eine Frau... Frau Kellner. Der Löwe hat ſich verkleidet bei ihr eingedrängt. Er ſpielt dort den großen Herrn. Ich konnte kaum glauben, was ich hörte; ich zweifelte und raſte gegen mich ſelbſt. All⸗ maͤhlich beruhigte ich mich. Ich beſchloß ihn auszuſpio⸗ niren. Mein Gott, es iſt mir gelungen, mein eigenes Unglück zu ſehen. Jetzt will ich Rache nehmen.“ „Unglückliche, Verirrte, was willſt Du? Die Strafe liegt in Gottes Hand.“ „Dort oben im Himmel, ja wohl. Aber auf Erden liegt ſie in der Hand der Gerechtigkeit.“ „Was willſt Du...“ „Ich will ihn der ſtrafenden Gerechtigkeit überliefern. Bei Gott, ich werde Blut weinen, wenn die Strafe ihn trifft, aber er ſoll beſtraft werden, wenn auch der letzte Tropfen meines Herzens mit meinen Thränen wegränne. Du mußt mir helfen.“ „Ich 2 „Auch Mamſell Michelſen iſt betrogen worden, auch ſie will ſich rächen.“ „An wem?“ „An Kellner. Er hat ſie aufgegeben und betet jetzt Waldhahnenfuß an. Unſere Rache ſoll ſchrecklich werden. Du biſt eine Geißel in Gottes Hand, das haſt Du ſelbſt 46 verkündigt... bereite Dich... der Augenblick der Geißel iſt gekommen... Du haſſeſt den Löwen?“ „Er ſtreitet für die Hölle mit verſchloſſenem Viſtr.“ „Du haſſeſt auch Kellner.“ „Er iſt das moderne Laſter. Er iſt das Verbrechen in Glacéhandſchuhen, der Sünder in ſeidenen Strümpfen und Schuhen. Ich bin geboren, alles Unreine zu haſſen.“ „Willſt Du wiſſen, wie wir ſie erreichen können? Sieh hier. Ich beſitze einige koſtbare Aktenſtücke... Da lies, lies ſelbſt.“ Und jetzt zog ſie die Papiere hervor, die ſie ſich bei dem erſten Beſuch, den ſie Panl machte, angeeignet hatte. Der Leſerprieſter kam Charlottens Wunſch nach. Er las, nnd je weiter er kam, um ſo mehr intereſſirten ihn die Ereigniſſe, die ſich hier entwickelten. „Aber mein Gott,“ fragte er,„wie gehört jedoch alles dieß hieher?“ „Lies weiter... lies nurx...“ Er las. „Ich begreife gleichwohl noch nicht...“ „Das mag ſein. Auch ich verſtand im Aufang dieſe Papiere nicht recht. Aber ich las und las ſie wieder bei der flammenden Lampe der Eiferſucht, und endlich ver⸗ ſtand ich ſie. Hier iſt von zwei Kindern die Rede, welche... aber laß uns leiſe reden...“ Flüſternd ſetzten ſie das Geſpräch fort. Wir über⸗ gehen es hier und wollen nur erwähnen, daß des Leſer⸗ prieſters düſtere Miene immer noch drohender und trüber wurde, gleich als hätte ſich ein Ungewitter durch ſeine Seele gezogen. Als Charlotte ihm ihren Plan anvertraut hatte, er⸗ griff er gewaltſam ihre Hand. „Entſetzlich, Schweſter!“ rief er.„So werden die Verbrecher auf Erden beſtraft. Ich werde Dich in meine 47 Gemeinde aufnehmen. Darin haben wir beide unſere Geißel.“ „Du hilfſt mir.“ „Da fällt mir etwas ein.“ Der Leſerprieſter war mit den Fingern in ſein Haar gefahren und hatte es aufwärts geſchoben, ſo daß es ſtarr, ſtruppig empor ſtand. Seine Augen ſtierten kugel⸗ rund vor ſich hin. Charlotte bemerkte, daß er überlegte. „Was iſt Dir eingefallen?“ fragte ſie. „Still!“ Eine gedankenvolle Düſterheit gab ſeinem bleichen Geſicht einen tieffinnigen Ausdruck. Auf ſeinen blaſſen und zuſammengedrückten Lippen ruhte gleichſam ein ſchwärmeriſcher, fanatiſcher Gedanke. „Du täuſcheſt Dich nicht in mir, Charlotte,“ ſagte er endlich.„Ich werde Dir helfen. Aber nur unter einer Bedingung. Du und Michelſen, ihr müßt auch mir helfen.“ „Wir?“ „Juſt ihr.“ „Laß hören.“ „Du haſt dieſt „Allerdings.“ „Begreifſt Du, warum es da liegt?“ „Du liebſt.“ „Ja. „Wen?“ „Eine vornehme und reiche Dame, mit Schönheit und Jugend ausgeſtattet...“ „Aber wie ſollen wir Dir helfen können?“ „ Auch ich habe einen Plan ausgeſonnen... Wir müſſen ihn ausführen... ich verlaſſe mich auf euch.“ „Thu’ das.“ es Medaillon da geſehen?“ 48 „Ich verſchaffe euch Rache und ihr helft mir zu dem Gegenſtand meiner Liebe.“ „Ich ſchwöre Dirs.“ „Charlotte,“ begann der Leſerprieſter nach einer kurzen Pauſe, während welcher er zu überlegen ſchien, was bisher geſchehen war,„Du biſt alſo ernſtlich ent⸗ ſchloſſen, mir künftig zu folgen?“ „Ja.“ „Gut. Du ſollſt es nicht bereuen. Ich werde Dir eine Bahn eröffnen, die Dich in eine weit glücklichere Stellung führen ſoll, als der Löwe je vermocht hätte. Aber davon ſpäter. Für den Augenblick will ich Dir etwas entdecken, was Dich vielleicht noch mehr an mich ketten kann. Folge mir.“ Charlotte folgte. Der Leſerprieſter gieng ihr voran die Treppe hinab. Unten angekommen, gingen ſie in einem dunkeln Corri⸗ dor weiter, bis ſie ans Ende kamen. Hier öffneten ſie eine Thüre. „Wohin führſt Du mich?“ fragte Charlotte. „Geh' leiſe und entdecke Dich nicht ſogleich,“ bat er. Sie traten in ein kleines Zimmer, wo die Rollvor⸗ hänge herabgelaſſen waren. In einem Bett an der einen Wand lag eine kranke Perſon. An ihrer Seite ſaß eine Krankenwärterin. Es herrſchte vollkommene Ruhe und Stille im Zimmer. Ohne ein Wort zu ſprechen, ergriff der Leſerprieſter Charlottens Hand und führte ſie an das Krankenbett. „Gehen Sie leiſe,“ bat die Wärterin,„die Kranke iſt ſo eben eingeſchlafen. 49 Charlotte wurde es bange zu Muth. Bei ihrem freien Weſen fand ſie es da innen ſo qualmig. Aber ihr Bruder ließ ſie nicht los. „Beuge Dich über das Bett vor, damit Du die Kranke im Geſicht ſehen kannſt,“ flüſterte er ihr zu. „Erkennſt Du dieſe alten Züge wieder?“ „Rächende Vorſehung,“ antwortete ſie mit gefalte⸗ ten Händen,„das iſt unſre Mutter.“ „Sie iſt es, Charlotte. Eines Abends kam ich ſpät von einem Beſuch bei einem Neuerweckten, als ich in der Dunkelheit beinahe über etwas fiel, das vor meinen Füßen lag. Ich befühle es und fand, daß es ein Weib war. Ich hob ſie auf und trug ſie nach Hauſe. Es war unſre Mutter. Sie hat ſeitdem hier gelegen.“ Der Aublick der alten Frau ergriff Charlötte tief. „Wir haben uns ſchwer gegen ſie verſündigt,“ fuhr Dahl fort.„Daß ſie einen Katholiken heirathete, mögen wir ihr verzeihen, denn ſie liebte ihn. Daß ſie uns in die katholiſche Schule ſchickte, mögen wir ihr ebenfalls zu gut halten, denn ſie verſtand es nicht beſſer. Die Vorſehung hat ſie ſelbſt beſtraft. Wir giengen aus der Schule durch, ihr Mann war hart, roh und grauſam. Kummer und Gewiſſensqualen haben ſeitdem ihre Geiſtes⸗ kräfte zerrüttet. „Sie iſt wahnſinnig. „Sie ſpricht blos von uns, und macht ſich beſtändig Vorwürfe darüber, daß ſie unſchuldiges Blut an den An⸗ tichriſt verrathen habe. Sie ſcheint ſich vorzuſtelleu, daß wir noch Katholiken, und von dieſen in die Ferne ge⸗ ſchickt oder verborgen worden ſeien. Fall' auf die Kniee, Charlotte. Unſre Mutter erwacht.“ Beide Geſchwiſter ſanken am Bett der Mutter nieder. „Meine Kinder!“ begann Martha, als ſie erwachte. „O mein Gott! ich drückte ſie an meine Bruſt... aber jetzt verſchwanden ſie wieder im Himmel.“ Das Gewiſſen. V. 4 50 „Sie hat geträumt„“ flüſterte Dahl. ihrem Verſtand zu Hülfe kommen.“ „Hier ſind Deine Kinder; ſie ſind nicht verſchwun⸗ den... ſieh! hieher...“ Martha ſchlug ihre Augen auf. „Hat Jemand zu mir geſprochen?“ fragte ſie.„Die Stimme war mir bekannt. Mein Herz zitterte bei dem Tone.“ „Es ſind Deine Kinder, die zu Dir „Meine Kinder,“ wiederholte ſie. Marthas Wahnſinn war nicht mehr ſo gewaltſam wie früher. Die Krankheit und die gute Pflege hatten gemeinſchaftlich dazu beigetragen, ihn zu mildern. Jetzt fiel ihr Blick auf die Knieenden. Die Rollvorhänge waren hinaufgezogen und das Licht fiel klar und rein auf ihre Geſichter. Beide ſtreckten ihre Hände gegen ſie aus. „Das ſind Deine Kinder, meine Mutter, die Du vor Dir ſiehſt. Erkennſt Du uns nicht mehr?“ Charlottens Stimme war ſo weich, ſo herzlich. „Dieſe Stimme„ dieſes Geſicht,“ ſagte die Alte, indem ſie Charlotte beſtändig betrachtete.„Ich habe Dich ſchon früher geſehen... ich kenne Dich.. Du.. Du...⸗ „O meine Mutter, ich bin es... Deine Charlotte ... auch mein Bruder iſt hier. .. Du erkennſt uns gewiß wieder... nicht wahr... Du kennſt uns?“ „Dein Bruder?“ ſtammelte die Alte. „Dein Sohn, wollte ich ſagen.“ „Mein Sohn,“ wiederholte ſie. Dabei fuhr ſie mit der Hand über das Geſicht. „Deine Kinder,“ fügte Dahl hinzu. „Meine Kinder?“ Sie beugte ſich vor. Sie blickte ihnen in die Au⸗ gen. Auf einmal lief ein krampfhaftes Zucken durch ihre Glieder. Das Geſicht veränderte ſeine Farbe. Das 3 Auge ſchoß einen langen und brennenden Strahl. „Laß uns ſprachen.“ 51 „Ihr ſeid es... ja... ja.. ihr ſeid es, rief ſie und ſiel dann mit einem Angſtſchrei wahnſinnig auf die Kiſſen zurück. Die Geſchwiſter betrachteten die Mutter mit zärt⸗ licher Rührung. „Dieſe gewaltſame Kriſis wird ihr vielleicht den Ver⸗ ſtand wieder geben,“ bemerkte Dahl.„Laß uns einen glücklichen Ausgang hoffen.“ „Möge Gott dieſe Hoffnung in Erfüllung gehen laſſen!“ Dahl nahm ſeine Schweſter bei der Hand und führte ſie weg, indem er die Mutter der Pflege der Wärterin überließ. 1 „Biſt Du mit Deinem Beſuch bei mir zufrieden, Charlotte?“ fragte er ſie, als ſie wieder in ſeine Zim⸗ mer hinauf gekommen waren. „Du haſt mir meine Mutter zurückgegeben; gib mir auch meine Ruhe zurück.“ „Du biſt weniger verirrt, als ich glaubte. Gott hat noch einen guten Keim in Dir bewahrt,... die Liebe zu Deiner Mutter. Sei daher ruhig; Du ſollſt gerächt werden und die Nache wird hinfort eine unüber⸗ ſteigliche Mauer zwiſchen Dir und dem Löwen errichten.“ Charlotte wurde bei dieſen Worten von einem plötz⸗ lichen Schauder ergriffen, aber ſie drückte ihrem Brnder die Hand. „Wir ſind doch einverſtanden?“ fügte er hinzu. „Ja, allerdings.“ Der Leſer hat gewiß in Dahls und Charlottens Mutter dieſelbe wahnſinnige Frau erkannt, mit welcher wir vorher bei Abraham Bekanntſchaft gemacht haben. 52 4 Der Leſerprieſter hatte ſie bewußtlos in eine liegend an demſelben Abend, wo ſie v gefunden. Ein glücklicher Zufall gab ihr auf dieſe Art ihre beiden ſo lange geſuchten Kinder zurück. Sie hatte ſie geſehen, hatte ſie wieder erkannt und war in Ohnmacht geſunken Sollte wohl dieſe Kriſis in der Krankheit ihr den Verſtand zurückgeben? Man hoffte es. Das Geſpräch zwiſchen Charlotte inzwiſchen die Grundlage eines Bünd Da Manſell Michelſen dazu kam, ſo bildeten ſie ein Triumvirat, das ſich zum gegenſeitigen Nutzen ver⸗ einigte. Wir wollen den Ereigniſſen nicht vorgreifen, ſon⸗ dern dieſe Perſonen die Pläne entwickeln laſſen, die ſie entworfen haben. Für den Angenblick glauben wir blos erw müſſen, daß Charlotte und Michelſen ſich ſchnell aus ih⸗ ren bisherigen Wohnungen entfernten, und zwar ohne irgend jemand in Kenntniß zu ſetzen, wohin ſie gingen. Einige Tage ſpäter, als Gourville und Kellner beide ſuchten, fanden ſte die Zimmer von neuen Miethgäſten beſetzt. bänaier von ihnen konnte ſeine Verwunderung unter⸗ drücken, aber die öffentliche Thätigkeit, die ihre Zeit in Anſpruch nahm, veranlaßte ſie bald, die beiden Weiber zu vergeſſen. r Straße om Juden entfloh, und Dahl wurde niſſes unter ihnen. ähnen zu Drittes Kapitel. Ein Abend im königlichen Theater. Das theaterliebende Publikum der Hauptſtadt be⸗ fand ſich in voller Bewegung. Ein neues Stück, dem viele Zeitungspüffe vorangegangen waren, ſollte aufge⸗ führt werden. Equipagen rollten von allen Seiten nach den Tho⸗ ren des Theaters und die Fußgänger ſtrömten in Maſſen herbei. Die Laternen in den Vorzimmern und Gängen warfen ihren Schein auf das bunte Gewimmel. Ueberall ſuchte man ſich mit Püffen und Elleubogen vorwaärts zu helfen. Die Logenthüren knarrten, während man ſie bald öffnete, bald ſchloß. Die Ouvertüre hatte bereits begonnen. Es war eine alte ſchon tauſendmal gehörte Muſiknummer, die jetzt dem Publikum in die Ohren zu klingen ſchien, wie wenn ſie von Marionetten geſpielt würde. Unter den Equipagen, die am Theatereingang hiel⸗ ten, befand ſich auch die Kellner ſche. Als der Wagenſchlag ſich öffnete, ſ und Gourville heraus. Gabriele erhob ſich, um ihnen zu folgen. In demſelben Maß, wie Kellners politiſche Pläne ſich entwickelten, fand er es mit ſeinen Intereſſen ver⸗ prangen Kellner einbar, an den offentlichen Vergnügungen immer mehr Theil zu nehmen.. Wiährend der verfloſſenen Wintermonate hatte er oft Gelegenheit gehabt, Gourville zu prüfen, und er hatte ür den Umſturz der beſtehenden ihn eben ſo entſchieden f 54 Geſellſchaftsverhältniſſe, als kühn, ſcharffinnig und be⸗ rechnend gefunden. Kellner hatte ihn abſichtlich mit mehreren Notabili⸗ täten zuſammengeführt, unter welchen ſich der Chef der Polizei befand, um ſehen zu können, ob er dieſen Leuten verdächtig ſei oder nicht. Aber alle dieſe Zuſammen⸗ künfte liefen zu Gourville's Gunſten ab. Kellner wurde dadurch immer zuverſichtlicher und ruhiger. Gourville hatte auch bereits einen nicht unbedeuten⸗ den Einfluß auf eine große Anzahl der jüngeren Männer der Hauptſtadt gewonnen. Er war für ſie eine voll⸗ ſtändige Encyklopädie in der Kunſt, den Tag fröhlich und luſtig hinzubringen, kurz in Allem, was zum mo⸗ dernen Vagabundenthum gehört. Kellner meinte jedoch, er könne freundſchaftlich mit ihm umgehen, wie mit allen andern. Ihre Intereſſen und Gedanken ſympathiſirten voll⸗ ſtändig Kellner vergaß dadurch mit jedem Tag immer mehr den Unterſchied, welchen frühere Verhältniſſe ſonſt zwiſchen ihnen hatten beſtehen laſſen. Alle großen politiſchen Intriguen ſpinnen ſich ge⸗ wöhnlich nicht blos zwiſchen denjenigen, welche ſie wirk⸗ lich lenken, ſondern auch unter Frauenzimmern aus Frau Kellner zeigte ſich jetzt auch mehr draußen und war ge⸗ zwungen, mehr Geſellſchaft bei ſich zu ſehen, als je zu⸗ vor. Sie ahnte nicht, warum Kellner das von ihr ver⸗ langte; aber ſie erfüllte ſeinen Willen und brachte da⸗ durch ein neues Opfer. Sie hatte Alles verloren, was ſie verlieren zu können glaubte.. Ihr ganzes Leben war ſo leer an Liebe geweſen, bis Waldhahnenfuß kam. Dieſe, ſelbſt ein leidendes „Weſen, eine zarte Blume des Kummers, ſchloß ſich ſo innig an ſie an, und ſie lernte ſie lieben. Es war, als ob derſelbe milde und ſanfte Schmerz zwiſchen beiden ——, 5⁵ duftete. Die Hoffnung, daß Paul ihr Sohn ſei, kam endlich und erfüllte Gabrielens Bruſt mit namenloſer Seligkeit. Ihre Tage bekamen etwas von der ſchönen und lebendigen Anmuth eines Nachſommers. Wie kurz war indeß nicht dieſer Traum von Glück! Waldhahnen⸗ fuß war verſchwunden und die Hoffnung auf Paul war dahin. Still und ſchweigſam verbarg ſie ihren Kummer in ihrem Buſen, aber nichts deſto weniger zehrte er an ihr. Da trat Gourville wieder an ihrer Seite auf. Wild wie ein Gewitterbimmel ſetzte er ſie in Er⸗ ſtaunen; zuweilen blitzten die Gedanken aus ſeiner Seele auf; bewußtlos wurde ſie von ihm hingeriſſen und es war ihr, als ginge die Fahrt bald über neue Länder, bald zwiſchen Sonnen und Sternen hin. Ohne ihn würde ſie in öder Melancholie hingewelkt ſein. Aber in dieſer Wüſte häufte er mit fantaſtiſcher Kraft Felſen auf Felſen, ohne alle Furcht, wenn es galt, den Himmel ſelbſt zu erſtürmen. Er dachte wie ein Gi⸗ gant. In ſeinem Verhältniß zu Gabriele ſchien er nur zu leben, um die Welt in Staunen zu ſetzen. Der erſte wunderbare Eindruck, den ſein Anftreten auf Gabriele gemacht, fand ſich nicht mehr vor, und dennoch lauſchte ſie ſo gerne ſeinen Worten, denn dieſe waren für ſie der einzige ſtarke Flügel, der ſie über ſich ſelbſt hinweg⸗ führte. Er erſchien ihr wie ein Wolkenzug, der ſie un⸗ widerſtehlich fortriß. Wohin? Zum Himmel oder zur Hölle? Sie wußte es nicht. In ſeiner Geſellſchaft ver⸗ gaß ſie dieſe Fragen. Zuweilen kam zwar eine Furcht über ſie, aber ſelbſt dieſe Furcht war angenehm. Jeder ſchwache Menſch, welchem der ſtarke ſchmeichelt, befindet ſich immer wohl in der Nähe deſſelben. Gourville reichte ihr auch verbindlich die Hand und half ihr aus dem Wagen. Aber in demſelben Augen⸗ blick, wo er ihr den Arm bot, um ſie in ihre Loge hin⸗ auf zu begleiten, hörte er dicht hinter ſich eine Stimme. 56 „Bei der Hölle,“ ſagte die Stimme,„da hab' ich ihn endlich.“ Unwillkührlich wandte ſich Gourville, um zu ſehen, ob die Aeußerung ihm gelte. Aus dem Schatten dicht unter einem Laternenpfahl blickten des Stiers brennende Angen ihm entgegen. Gourville gedachte der finſtern und drohenden Er⸗ innerung, die ihn ſeit dem Ereigniß im franzöſiſchen Ho⸗ tel im Thiergarten verfolgte. Wäre er allein geweſen, ſo würde er den Stier beim Kragen gepackt und zu einer Erklärung gezwungen haben. Jetzt drückte er Gabrielens Arm näher an ſich und führte ſie durch die Volksmaſſe. Umgeben von herzuſtrömenden Freunden, ging Kell⸗ ner ihnen voran. Kellner hatte auf eine Loge abonnirt. Mit Gabriele und Gourville zugleich trat er in dieſelbe ein. Die Loge lag zunächſt neben der Loge der Direktion. Gourville hatte ſich in den letzten Monaten an öffent⸗ liches Auftreten gewöhnt. Er wußte, daß er keine Ge⸗ fahr lief, einige ſeiner älteren Bekannten in denjenigen Kreiſen zu treffen, mit denen er jetzt umging. Im Uebri⸗ gen verließ er ſich auf ſeine Vermummung, welche er be⸗ ſtändig mit der größten Sorgfalt zu vervollkommnen ſuchte. Nur ein einziger drohender, dunkler Wolkenfleck verdunkelte ſeine Ausſichten. Dieſer Wolkenfleck war die eigenthümliche, aber verworrene Erinnerung, die er von dem Stier hatte. Nachdem er ſich zu wiederholten Ma⸗ len mit den Kellnerinnen im Thiergarten darüber beſpro⸗ chen, hatten ſie unter vielen Poſſen und Schwierigkeiten ihm erzählt, daß ein einfach gekleideter Burſche ſich ein⸗ gefunden habe, ohne daß ſie ihm weitere Aufſchlüſſe zu geben vermochten. Die dunkle Erinnerung war alſo kein Hirngeſpinſt. Aber was konnte der Stier ihm wohl thun? Gourville vermochte eine Feindſchaft nicht zu begreifen. die nicht von gegebenem Intereſſe herkam, und welches Intereſſe konnte er wohl haben, ihm zu ſchaden? Inzwi⸗ ſchen beſchloß er das Caffé London zu beſuchen, wo er den Stier zu treffen, und die Sache auf die eine oder andere Weiſe mit ihm abzumachen hoffte. Au die ſchwarze Charlotte dagegen niger. dachte er we⸗ ³ Als die Welt ſich ihm öffnete, und Bildung und mehr zu ihnen hin⸗ und von ſeinen früheren Sympathien abgezogen. Charlottens brennende Liebe harmonirte früher mit der Glut ſeines eigenen Herzens, aber bei Gabriele fand er etwas Rührendes: einen Kummer, der ein ſtilles träumeriſches Behagen um ſich verbreitete, einen Schmerz, der die Roſen der Wangen ſo mild machte und ihren Li⸗ lien eine überirdiſche Lieblichkeit gab: in der Tiefe ihrer Angen lag eine ſo unerklärliche Schwärmerei, und unter den Wimpern funkelte eine Thräne. In demſelben Maß, wie ſie ſich von ihm zurückzog, fand er ſie liebenswürdi⸗ ger und ſie zog ihn unaufhörlich an ſich. Ohne daß er es fühlte und noch weniger erkannte, wirkte ſie veredelnd auf ihn. Das Paſſive in dieſem Verhältniß verdroß ihn zwar mitunter, aber im nächſten Augenblick verwandelte ſich nichts deſto weniger der Verdruß ſelbſt in ein genuß⸗ reiches Gefühl in ſeinem Herzen. Er hatte ſie als ein roher, berechnender Verführer überrumpelt, aber ſeine eigene Natur hatte ſich in ibrer Hand verwandelt, und nur in den Augenblicken, wo er ſich ſelbſt wegen der ſen⸗ timentalen oder tugendhaften Znrückhaltung zürnte, die er jetzt beobachtete, ſchwur er kurzen Prozeß zu machen. Reichthum ihm entgegen kamen, da fühlte er ſich immer 58 In ſolchen Augenblicken bildete er ſich immer ein, daß er ſie erobern könnte, wenn er nur wollte, und daß ſie lediglich von ſeiner Gnade lebe, obſchon er im nächſten Augenblick, wenn ihr mildes und reines Auge wieder auf ihm ruhte, ſich ſelbſt in der Stille bekennen mußte, daß er es war, der von ihrer Gnade lebte. Gabrielens und Gourvilles Verhältniß war etwas Wunderbares. Erſtere wollte in ihren meditirenden Kummer zurückverſinken, wurde aber durch die lebensfriſchen, wilden Phantaſien des Letz⸗ teren aus demſelben heraus und wieder in das äußere Leben hineingeriſſen. Letzterer wollte den von ihrer Hand gereichten Becher der Wolluſt leeren, um ihn dann für immer wegzuwerfen; aber er wurde gebändigt durch die Unſchuld in ihrem Blick. Vielleicht verſtanden alle beide nicht, was es war, das ſie unaufhörlich zu einander hin⸗ zog, und zu gleicher Zeit gefeſſelt in einem gebührenden Abſtand erhielt. Die Beſchaffenheit dieſes Gefühls war jedoch folgende: Sie liebten einander, ſo dachten ſie manch⸗ mal; ganz ſicher aber war, daß ſie einander auch fürch⸗ teten. Als er Charlotte in ihrer gewöhnlichen Wohnung ſuchte und nicht fand, nahm er es als ausgemacht an, daß ſie ihn aufgegeben habe und einen Andern liebe. Im Anfang grämte er ſich darüber, weil er ſie geliebt hatte, wenn er ihr auch nicht treu geblieben war, und da er ſich aus dem erſten ein Verdienſt machte, ſo dachte er an das letztere nicht mehr. Er betrachtete ſich auch als ver⸗ rathen, beruhigte ſich aber und pries bald ſein Glück, ſie losgeworden zu ſein, weil ſte ihm doch in ſeiner gegen⸗ wartigen Stellung wie eine Feſſel um ſeine Füße erſchien, die ſeinen freien Gang hinderte. Aber wir kehren zur Erzählung zurück. Gabriele hatte bereits Platz genommen; Kellner und Gourville ſtanden noch da und ſchauten um ſich. — 59 Die Logenreihen und die Amphitheater waren ſehr zahlreich beſetzt. Noch währte die Quvertüre. Gourville wandte ſich zu Kelluer. „Iſt es wahr,“ ſagte er zu ihm,„daß König hieber kommt?“ „Er wird bald hier ſein.“ „Und... der Manu.. Sie verſtehen mich...“ Gourville deutete mit einer lächelnden und beden⸗ tungsvollen Geberde an, was er ſagen wollte, wußte aber nicht, ob er wagen ſollte, es auszuſprechen. „Ich verſtehe Sie,“ antwortete Kellner,„Sie wer⸗ den ihn zu ſehen bekommen und zwar in der Suite des Königs;“ er legte auf die letzten Worte eine bedeutungs⸗ volle Betonung. Aber er hat Sie ja noch nicht beſucht, Herr Kellner?“ „Er kam erſt dieſer Tage hier an. Er verließ Wien im vorigen Monat und kommt jetzt, um als Geſandter hier zu bleiben. Geſtern hatte er Audienz und überreichte ſeine Creditive.“ „Und bei Ihnen...“ „Er fürchtet ſich zu kompromittiren. Morgen Abend werden wir uns auf dem Maskenball treffen.“ „Sprechen Sie nicht ſo laut. Glauben Sie den Ort für eine ſo wichtige Verhandlung vorſichtig genug ge⸗ wählt?“ 4 Kelluer ſah ſich um und bemerkte, daß zwei Perſo⸗ nen in der nächſten Loge zur Rechten ſich vorbeugten. Er heute Abend der konnte nicht wiſſen, ob ſie die Abſicht hatten, zu lauſchen, aber es war ja möglich. „Ich habe,“ fügte er jetzt ganz laut und ungenirt, hinzu, um dadurch die Bedeutung ſeiner letzten Flüſter⸗ ung zu verwiſchen,„meiner Frau ſchon lange verſprochen, mit einer kleinen auserwählten Geſellſchaft incognito den Maskenball zu beſuchen. Sie iſt neugierig, Chevalier, und ich will ihren Wunlch gern erfüllen. Sie kommen doch mit?“ „Das verſteht ſich.“ Gourville und Kellner wechſelten einen Blick, der zu erkennen gab, daß ſie einander verſtanden „Die zwei Perſonen da haben wirklich gelauſcht,“ meinte Gourville, indem er ſich zu Kellner vorbeugte. „Ich glaube es... aber laſſen Sie uns von et⸗ was Anderem reden.“ Er glaubte ſeinen Rückzug auf eine geſchickte Art ge⸗ deckt zu haben, im Fall möglicherweiſe ein Wort gehört worden wäre. Die zwei Perſonen, die ſich in der Loge daneben befanden, und denen Gourville und Kellner übrigens durch⸗ aus keine Aufmerkſamkeit ſcheukten, ſchienen ſich in hohem Grad für ſie zu intereſſiren. Sie hatten ſich wirklich vorgebeugt, um wo möglich Etwas von ihrem Geſpräch aufzufangen, aber obſchon ſie nur etn einziges Wort hörten, nehmlich das Wort Mas⸗ kenball, ſo drückten ſie einander dabei die Hände, als wollten ſie zu einander ſagen: Du haſt's ja gehoͤrt. Die eine von dieſen Perſonen war der Leſerprieſter, die andere war Charlotte. Alle beide ſaßen in der Thürvertiefung, ſo daß ſie ſich, da die Loge im Uebrigen vollkommen beſetzt war, ſehr wohl vor Entdeckung ſchützen konnten. Charlotte trug über⸗ dieß einen Hut, der einen großen Theil ihres Geſichtes verbarg; die übrigen Theile deckte der Theaterzettel, den ſie vor ſich hielt. hen, nirt, ter⸗ hen, den und doch ge⸗ hört eben arch⸗ hem glich n ſie Nas⸗ als eſter, ß ſie ſehr iber⸗ chtes den 61 Der Leſerprieſter hatte ſich aller Sicherheit wegen ſo unkenntlich gemacht, daß er nichts riskirte. Ein ſchreckliches, wildes Gefühl hatte Charlottens Herz aufgeregt, als ſie Gourville mit Gabriele in die Loge treten ſah. Wenn er tauſend Leben gehabt hätte, ſo hätte ſie in dieſem Augenblick gleichwohl Luſt empfun⸗ den, ihn zu tödten. „ Iſt der Polizeimeiſter hier? fragte ſie ihren Bru⸗ der, indem ſie krampfhaft ſeine Hand faßte. „Er hat ſeinen Platz im Amphitheater.“ „Und Du haſt ihm verſprochen...“. „Ich habe nichts verſprochen: ich habe mein Verſpre⸗ chen gegen Dich getreulich gehalten und ihm nur geſagt, ich glaube, daß einer der größten Verbrecher der Stadt ſich hier einfinden werde, und ich hoffe, ihm zu einem gu⸗ ten Fang verhelfen zu können. Siehe dort... der Po⸗ lizeimeiſter hat ſeine Augen auf mich geheftet, wir haben ein Zeichen verabredet.“ „Mir läuft es gleichwohl eiskalt über den Rücken. Du gibſt doch das Zeichen nicht, bevor...“ „Bevor Du ſagſt, thue es. Du haſt mein Wort... verlaß Dich drauf. „Ich darf mich alſo rächen. Ha! der Gedanke daran beruhigt mich bereits... Michelſen und Waldhahnenfuß zeigen ſich nicht.“ „Sie ſitzen im Ochſenauge, Dir gerade gegenüber.ℳ „Ich friere und brenne abwechſelnd.... ich ſehe gleichſam Schatten drinnen.“ „Zwei von ihnen ſind Mathilde und Michelſen, die dritte iſt Anna oder die Königin der wilden Jagd, wie Du ſie zu nennen pflegſt. Ihr haben wir es zu ver⸗ danken, daß Mathilde ihrem Gefängniß entkommen konnte.“ „Ich ſehe einen weißen Handſchuh, mit dem man uns zuwinkt.“ „Sie haben uns bemerkt... ſei vorſichtig.... er⸗ wiedere kein Zeichen.“ „Fürchte nichts. Ich bin ruhig. Ich bin kalt... eiskalt.“ Dieſes Geſpräch wurde ſo leiſe geführt, daß die beiden Sprechenden mehr aus den Bewegungen der Lip⸗ pen auf den Inhalt der Worte ſchloſſen, als dieſelben vernahmen. Kellner und Gourville hatten ihren Operngucker hervorgezogen. Sie betrachteten das Publikum und führ⸗ ten ihre Gläſer muſternd über die Gallerien und Logen hin. „Sehen Sie dort, Chevalier,“ ſagte Kellner.„Ken⸗ nen Sie den Mann, der dort ſteht?“ „Es iſt der Miniſter der auswärtigen Angelegen⸗ heiten. Ich habe einmal die Ehre gehabt, bei Ihnen, Herr Kellner, ihn zu treffen. Es iſt ein genialer Mann.“ „Ich meinte nicht ihn, ſondern den Mann an ſeiner Seite; nicht den mit dem Seraphinenband, ſondern den mit dem Schwertorden.“ „Dieſes ernſte Geſicht mit dem grau melirten Haar und der Adlernaſe? Wer iſt es?“ „Ein Politikus, ein moderner Politikus vom erſten Rang. Er hat ſich dadurch emporgeſchwungen, daß er der Staatsgewalt unaufhörlich mit der drohenden Vor⸗ ſpiegelung, es ſei eine Revolution im Anzug, Schach bot. Es wäre indeß möglich, daß er der Wahrheit näher gekommen wäre, als er ſelbſt wußte. Ich werde die Gelegenheit benützen und ihm einige nene Stoffe zum Schwatzen bieten. Haben Sie inzwiſchen die Güte, Chevalier, meinen Platz bei meiner Frau einzunehmen.“ Kellner fuhr mit ſeinem Opernglas noch einmal über die Volksmaſſe hin. „Sind das nicht unſere Publiciſten Brundell und Weidner, die da unten im Parterre ſitzen?“ „Sie ſehen zu uns herauf.“ „Ich hätte Luſt, mit ihnen zuerſt zu ſprechen.“ Auf ein kaum bemerkliches Zeichen von Kellner er⸗ hoben ſich auch Brundell und Weidner ſogleich und gingen hinaus. Es war Kellners Abſicht, ſie im Gang zu treffen, und er nahm ſeinen Hut, um ſich zu entfernen; aber in dieſem Augenblick öffnete ſich die königliche Loge und der König trat ein. „Die Nationalhymne!“ rief Kellner jetzt,„die Na⸗ tionalhymne!“ Von allen Seiten ſtimmte die dichtgedrängte Volks⸗ maſſe ein und auf einmal erſcholl gleich einer ſchmettern⸗ den Salve der Ruf nach der Nationalhymne. Der König hatte bemerkt, von wem die erſte Auf⸗ forderung ausging, und er grüßte Kellner mit freund⸗ lichem Nicken. Kellner verbeugte ſich tief. Ein Lächeln kräuſelte Gourville's Lippen. Neben dem König ſtand ein ſtattlicher Mann mit hohem und kahlem Scheitel. Er war ganz ſchwarz ge⸗ Pe det Nur blitzte der Mariathereſienorden auf ſeiner ruſt. „Das iſt er,“ flüſterte Kellner Gourville zu.„Er iſt zur guten Stunde gekommen. Die Vorarbeit iſt fertig, bald werden die letzten Minen ſpringen; dann iſt 6 gut, jemand hier zu haben, der das Wort führen ann.“ „Haltung und Ausſehen des Mannes ſind vortreff⸗ 64 lich. Der Miniſter ſteht bereits auf ſeiner Stirue zu leſen. Wir treffen ihn doch morgen Abend?“ „Auf dem Maskenballe, ja.“ Die Nationalhymne war inzwiſchen geſpielt worden. Das Orcheſter hatte jetzt Schwung und Leben. Die Volksmaſſe ſtimmte ein. Alles ſchien von einem hinrei⸗ ßenden Enthuſiasmus belebt. Kellner verließ die Loge, ehe noch die Hymne zu ife war, um Brundell und Weidner im Gange zu reffen. Sobald der Vorhaug aufging, wurde auch der Kron⸗ leuchter des Saales hinaufgezogen. Der Zuſchauerplatz wurde dunkel und die Schau⸗ bühne hell. Dieß erleichterte dem Leſerprieſter und der ſchwarzen Charlotte ihren Plan, Gonrville und Gabriele fortwährend zu beobachten, obſchon dieſe, da ſie ebenfalls ins Dunkel verſetzt waren, ſich jetzt vollkommen unbe⸗ merkt glaubten. Gourville hatte neben Gabriele Platz genommen. Beiden war es wohl zu Muth bei dieſem téte à tete, obſchon ſie ſich das Gefühl, das ſie beherrſchte, nicht erklären konnten. Die Sympathie zwiſchen ihnen hatte viele verſchie⸗ dene Grade durchlaufen und ſich dabei immer mehr ge⸗ läutert. Das Rohe und Sinnliche daran verdunſtete immer mehr. Gourville war niemals offen, gut und rein in ſeiner Seele, außer wenn er von dieſer weiblich holden Milde beſtrahlt wurde, die er in ſeinem ganzen Leben niemals bei einer andern Perſon, ſo wie bei Ga⸗ briele gefunden hatte. An ihrer Seite fühlte er ſeinen „ͤ— zu den. Die rei⸗ zu zu 6⁵ böſen Genius entwaffnet, und wenn er in einem Augen⸗ blick der Leidenſchaft ſich ſelbſt darüber zürnte, ſo war dieß nur ein neuer Sieg für Gabriele, denn im nächſten Augenblick legte auch dieſer ſein Zorn zu ihren Füßen die Waffen nieder. Wir haben geſagt, daß bei ihr un⸗ gefähr daſſelbe Verhältniß ſtatt fand. Der Kummer in ihrer Bruſt entfloh, wenn er kam. Die Melancholie in ihrer Seele verſchwand, wenn er ſprach. Sein Athem war die friſche Luft ihres kranken Herzens, ſein Blick war die Geſundheit deſſelben. Seit ſie näher bekannt wurden, ſeit Gourville die wirkliche Reinheit ihrer Seele kennen gelernt hatte und bei Gabriele der Rauſch der erſten Ueberraſchung vorüber war, fanden ſie ſelbſt etwas Unerklärliches in ihrem Verhältniß; doch war es voll von einem Behagen, das ſie unaufhörlich näher zu ein⸗ ander hinzog und gleichwohl in einem gewiſſen Abſtand von einander hielt⸗ In dem Stück, das aufgeführt wurde, kam eine Seene zwiſchen zwei Liebenden vor. Beide waren arm, aber glücklich in ihrer blinden Ergebenheit. Sie dachten nicht an die Zukunft, ſondern nur an den Augenblick. Worte glühender Liebe wurden zwiſchen ihnen gewechſelt. Der Mann ſollte in die Welt hinaus, um ſein Glück zu machen. Mit vulkaniſchem Feuer in ihren Herzen ſchwu⸗ ren ſie einander Treue in Leben und Tod. Unwiderſtehlich hob ein Seufzer Gourville’s Bruſt. „Sie ſeufzen, Chevalier,“ bemerkte Gabriele. „Die Scene iſt gut gezeichnet,“ antwortete er; „werden wohl dieſe Liebenden, die ſich jetzt ſo innig zu⸗ gethan ſind, ihre Eide auch halten?“ — Gabriele heſtete einen ernſten, fragenden Blick auf ihn. „Ich ſehe, daß eine Erinnerung aus Ihrem eigenen Leben vor Ihre Gedanken tritt. Vergeſſen Sie nicht, daß Sie mir verſprochen haben, Ihre Schickſale zu er⸗ zählen.“ Das Gewiſſen. V. 5 66 „Entheben Sie mich dieſer Verpflichtung, Frau Kellner. Ich möchte nicht gern...“ rigtung, 3 Gourville ſchien verlegen, wie er fortfahren ſollte. „Sie haben meine Neugierde gereizt,“ fiel Gabriele ein,„ich entbinde Sie nicht von Ihrem Verſprechen. Was möchten Sie nicht gern?“ „Sie belügen, Madame.“ „Sie ſind ein ſonderbarer Mann, Chevalier; Sie ſprechen von ſich ſelbſt immer übler, als von Andern.“ „Es iſt ja möglich, Frau Kellner, daß ich auch weit ſchlechter bin, als alle andern. Nehmen Sie zum Bei⸗ ſpiel an, mein ganzes Weſen wäre eine lebendige Lüge.“ „Sie ſind ein Räthſel für mich, Chevalier.“ „Und Sie ſind neugierig, es gelöst zu finden?“ „Sie haben Recht, ich wünſche nichts ſehnlicher, als eine Löſung deſſelben; aber ich wünſche dieſe nicht aus Neugierde, ſondern aus einer tieferen, aufrichtigeren Theilnahme.“ „Aber nehmen Sie an, ich wäre, wie ich ſo eben ſagte, eine lebendige Unwahrheit, eine freche Lüge, was würden Sie dann von mir denken?“ Gabriele antwortete nicht. „Sie würden mich verachten,“ fuhr Gourville fort, „mich verachten, und...“ „lnd.. „Und während meines Umgangs mit Ihnen iſt mir gleichwohl ein Bedürfniß theuer geworden.“ „Und dieſes iſt?“ „Das Bedürfniß, an Ihre Achtung zu glauben.“ Seine Erklärung erfreute Gabriele. „Meine Bahn iſt buntfarbig und wild geweſen. Ich bin vorangeſtürmt und habe Zerſtörung und Unglück hinter mir gelaſſen. Die Geſellſchaft hat für mich keine Grenzen, die Geſetze haben keine hemmende Markzeichen gehabt, ich habe mit manchem Herzen geſpielt und es zermalmt, habe manches heilige Band zerriſſen. Ich habe 67 dazu gelacht und bin auf meinem Weg der Zerſtörung weiter gegangen. Auch über Sie, Madame, wollte ich Verderben herabrufen, aber ich ſcheiterte an Ihrer Schwäche. Ich hatte keinen Sieg zu gewinnen und ich verachtete mich. Des Weibes Schwachheit iſt ihre Stärke. Sie haben mich das gelehrt. Ihre ungekünſtelte Milde iſt der ſchönſte Schutz Ihrer Tugend. Ich bin von die⸗ ſen Waffen in meinem eigenen Herzen geſchlagen wor⸗ den. Ich erblicke in Ihnen das Unglück, das Leiden, die Guͤte, aber dennoch bei all dieſem Nichts, was mich mit ſeiner ſtrengen Tugendſamkeit zermalmt, weil Sie...“ Gabriele wurde es wunderbar zu Muth⸗ Es lag etwas aus ihrem eigenen Herzen Gegriffenes in dem, was er ſagte. Aber ſie verſtand nicht, auf was er mit ſeinen letzten Worten abzielte. „Weil,“ fiel ſie ein,„was wollen Sie ſagen... weil... „Weil Sie, wie ich, dennoch...“ Eine kurze Pauſe entſtand. Ihre Blicke begegneten ſich. Gourville ergriff ihre Hand und drückte ſie leicht. „Eine Gefallene ſind,“ fügte er in dieſem Augen⸗ blick hinzu. Gabriele fühlte ſich heftig aufgeregt, und wandte ſich ab, um die Röthe zu verbergen, die ihre Wangen bepurpurte. „Wären Sie vollkommen,“ fuhr Gourville fort, „hätten Sie nie einen Fehltritt begangen, ſo wüßten Sie nicht, was ein Verbrechen wäre; ach, ich hätte Sie dann bereits gelehrt, ſolche zu begehen, oder auch würde ich mich von Ihnen entfernt haben,“ ſetzte er ſo unge⸗ zwungen, wie wenn er von etwas ganz Gewöhnlichem ſpräche, hinzu;„aber Sie wiſſen, wie weit eine Leiden⸗ ſchaft uns führen kann, und wir begegnen uns in einem Punkt unſerer Gefühle: im Gefühl der Schwachheit des Menſchen, im Gefühl unſeres eigenen Falles. Werde ich Ihnen wohl meine Schickſale an Ihre Achtung behalten können?⸗ Saite in ihrem Leben berührt, und ein Ton voll von wehmüthigem Leiden ſcholl durch ihre Seele. zwar ſeine Worte mit Schonn ſogar freundlich und mild; aber ſie fühlte ſich verlegen, gleich als hätte das Auge eines Mannes ſie in einen unbewachten Moment überraſcht. Aber Gourville that, als ob er nichts davon bemerkte. Er wollte ſo zeigen, was ſie war, um ihr dann um ſo aufrichtiger ſagen zu können, was er ſelbſt war. „Sie liebten,“ fuhr er fort,„ehe Sie ſich verhei⸗ ratheten; Sie haben den Mann, mit welchem Sie jetzt verheirathet ſind, nie geliebt.“ „Schonung, Chevalier,“ b Schmerz nicht länger zu verberge Sie um Schonung. Sie können mir die Geheimniſſe Ihres Lebens anvertrauen, ohne daß Sie vor mir zu erröthen brauchen.“ „Sie haben,“ fuhr Gourville nichts deſtoweniger mit unbeweglicher Ruhe hinzu,„ein Kind gehabt, bevor Sie ſich verheiratheten.“ „Ums Himmels Willen, warum dieſe ſchmerzliche Wunde aufreißen? Um Gottes Willen, Barmherzigkeit!“ „Ich kannte dieſes Geheimniß Ihres Lebens, Ma⸗ dame, ſchon ehe ich Sie ſelbſt kannte, und gleichwohl...“ Gourville machte eine lange Pauſe, während welcher er ſie beſtändig betrachtete. „Und gleichwohl,“ fuhr Gourville fort,„haben Sie immer Etwas beſeſſen; aber was ſage ich,“ unterbrach er ſich,„Sie dürften vielleicht durchaus keinen Werth darauf legen.“ „Auf was?“ Auf meine Achtung.“ 2 htung at Gabriele, die ihren vertrauen, und dennoch 3 Gabriele blieb noch ſtill. Er hatte die empfindlichſte 3 Er legte ng, ſeine Stimme war n vermochte,„ich bitte 69 Geleitet von der Eingebung des Augenblicks, ergriff Gabriele ſeine Hand und drückte ſie. 3 „Haben Sie Vertrauen zu mir,“ fügte ſie hinzu, „erzählen Sie mir Ihre Geſchichte. Sie vertrauen die⸗ ſelbe dem Herzen einer Freundin an. Sie ſagen, daß Sie nicht derjenige ſeien, der Sie ſcheinen... ach, Chevalier, bin wohl ich ſelbſt, was ich ſcheine?“ Gabrielens Hand ruhte noch in Gourville's Hand. Es war ihm ſo wunderlich zu Muthe. „Wohlan denn...“ Die Vorſtellung hatte inzwiſchen ihren Fortgang genommen. Der Held im Stück trat jetzt vermummt in einem glänzenden Kreis auf. Ein glücklicher Zufall hatte ihm die Bekanntſchaft einer vornebmen Dame ver⸗ ſchafft, der er mit Erſolg ſeine Aufmerkſamkeit widmete. Gourville hatte den Uebergang im Stück nicht beobachtet, und es lag etwas Unheimliches in dem Gefühl, das ſich in ſeinem Innern regte, als er jetzt den Verlauf des Ereigniſſes betrachtete. Er ſah ſich darin ſelbſt abgemalt. „Sie ſchweigen, Chevalier... Gourville war unruhig. Er erſchrack bei dem Ge⸗ danken, die Maske abzunehmen, die ein Leben voll von Abenteuern bedeckte. „Erzählen Sie mir Ihre Geſchichte. Ich will ſie aus Ihrem eigenen Mund, aus Ihrem eigenen Herzen hören.“ „Es wäre doch ſchade, mitten in der Entwicklung des Schauſpiels den Helden deſſelben zu demaskiren,“ antwortete er endlich;„jetzt nicht, Madame, ein andermal.“ „ Ich bitte Sie... ſprechen Sie... erzählen Sie... jetzt.. jetzt... Sie kommen doch auf den Maskenball, morgen Abend?“ „Ich hörte, daß Kellner davon ſprach, aber ich weiß nicht, ob es ihm Ernſt war.“ 70 „Ich glaube es ganz beſtimmt; „Wollen Sie mir dann Ihre S „Ich verſpreche es.“ „Wohlan, ich komme.“ Sie kommen hin.“ chickſale erzählen?“ Kellner traf Brundell und Weidner im Corridor. Dieſe Herren hatten ihren Beſchluß, eine Zeitung heraus⸗ zugeben, ins Werk geſetzt. Schon einige Wochen vor Weihnachten erſchien die Probenummer, und ſie erregte unerhörtes Aufſehen, weil die königliche Familie und die Regierung darin mit einer bisher nicht erlebten Energie und Bitterkeit angegriffen wurden. Alle Mißvergnügte nahmen die Zeitung mit Jubel auf, weil ſie jetzt einmal ein Organ zu ſehen glaubten, das friſch von der Leber weg ſpreche; alle Liebhaber von Skandalen äußerten eine beinahe wahnſinnige Freude darüber, und die große Maſſe ſtimmte ein. Mit jeder Nummer ſtieg der Abſatz des Blattes. Brundell und Weidner waren bisher beinahe ganz unbemerkte Perſonen geweſen, aber jetzt ſprach man nur noch von ihnen. Zwar wurden ſie von Manchem verwünſcht, und hinwieder von Andern bewundert, aber in Einem Punkt ſtimmten Alle überein: ſie laſen die Zeitung, obſchon der eine Theil ihre Mittheilungen ab⸗ läugnete, und der andere laut damit prahlte. Die wirk⸗ lich fehlerhaften Einrichtungen wurden mit der keule des Ernſtes angegriffen; die tau den Abſichten der Redaktion im Wege ————fj— e — u d 71 geſtürzt, und dem Spott und Hohn eines Publikums preisgegeben, welches glaubt, ohne ſelbſt unterſuchen zu wollen; Handlungen, die aus wahrer und warmer Vater⸗ landsliebe hervorgegangen, wurden verdächtigt. Den bür⸗ gerlichen Tugenden wurden die Eichenkränze abgeriſſen, oder dieſelben in Dornenkronen verwandelt; der Lorbeer des Kriegers wurde zu einem Fluche. Mau predigte Gleichheit und Brüderlichkeit, obſchon man ſelbſt aller Humanität und Toleranz ermangelte. Dem Publikum malte man eine Zukunft vor, ſo blühend und idylliſch, als ob alle Laſter aus dem Menſchengeſchlecht entfernt werden könnten, wenn man nur zuerſt Alles über den Haufen werfen dürfte, was die Vorväter gethan hatten, Alles, was gegenwärtig in einiger Achtung ſtand. Was ebenfalls nicht wenig dazu beitrug, dem Journal einen beſtändig zunehmenden Abſatz zu verſchaffen, das war das Gerücht, daß daſſelbe geheime Beſchützer habe, und zwar nicht blos in großen und ausgezeichneten ſchrift⸗ ſtelleriſchen Talenten, ſondern auch in Perſonen mit un⸗ erſchöpflichen Kapitalmitteln, obſchon es noch Niemanden gelungen war, über dieſe Talente oder Kapitaliſten näheren Aufſchluß zu erlangen. „Ich gratulire Ihnen zu Ihrem unerhörten Erfolg, meine Herren,“ redete Kellner ſie an„Ihre letzten Ar⸗ tikel haben Furore gemacht. Fahren Sie in Ihrer ſchönen Bahn fort. Es iſt ein wahres Vergnügen, tüchtige Männer ſo offen und beharrlich für die Zukunft des Vaterlandes kämpfen zu ſehen, wie Sie es thun. Er⸗ müden Sie nur nicht. An Materialien ſoll es Ihnen nicht fehlen. Ich werde nicht unterlaſſen, Ihnen mehrere wichtige Aufſchlüſſe über die innere Tages⸗ und Regie⸗ rungsgeſchichte mitzutheilen. Wenn ich Zeit hätte, würde ich jetzt.. aber ich muß mit dem Miniſter**“ ſprechen ... ich habe ein ernſtes... Sie dürfen mirs wohl glauben... ein eruſtes Wort mit ihm zu reden... jeben Sie wohl, meine Herren, leben Sie wohl!“ 72 Und mit einem Blick, der etwas bedeuten ſollte, eilte er von ihnen weg. Im nächſten Augenblick trat er in die Loge des Miniſters. „Ich komme im Namen des Vaterlandes,“ ſagte er, „und unſerer merkantilen Intereſſen, um die Aufmerk⸗ ſamkeit Ew. Excellenz darauf zu lenken, wie höchſt noth⸗ wendig es iſt, dem Unfug der Zeitungspreſſe zu ſteuern. Die Unruhe in den Gemüthern nimmt zu, die Unord⸗ nungen im öffentlichen Leben mehren ſich. Man braucht keine Ohren zu baben, um zu hören, wie der Strom der Revolution auwächst, und bei all dem verlieren wir das Vertrauen auf den ausländiſchen Plätzen; die größeren Häuſer dort wollen ſich kaum mehr auf Geſchäfte mit einem ſchwediſchen Kaufmann einlaſſen. Unſere Börſe fällt in ihrem Anſehen, die Fonds ſinken, die Unſicherheit nimmt zu. Sie müſſen Brundell und Weidner beim Kragen nehmen. Dieſe zwei Geſellen ſind an der ganzen Auflöſung im Lande ſchuld; zerdrücken Sie die Hyder nicht bei Zeit, ſo wächst ſie uns bald über den Kopf. Das ſchwediſche Volk liebt eine kräftige Regierung, und ein kleiner Staatsſtreich würde einen ſehr guten Eindruck machen. Thun Sie dieſen Schritt, Excellenz, und ſeien Sie überzeugt, daß alle guten Bürger es mit Freude ſehen werden. Ueber eine ſchwache Regierung zuckt man nur die Achſeln. Es iſt nicht das erſtemal, daß ich Ihnen dieſe Frage ans Herz gelegt habe. Gott weiß, daß ich mein Vaterland und unſer Königshaus liebe. Mißdeuten Sie mirs nicht, daß ich ſo ungekünſtelt und aufrichtig ſpreche. Es iſt dieß meine Natur.“ Der Miniſter gab zu, daß er Recht habe, und ver⸗ ſprach, die Sache überlegen zu wollen. Als Kellner in ſeine Loge zurückkam, entſtand ein langes Geſpräch zwiſchen ihm und Gourville. „Die Kataſtrophe rückt heran,“ ſagte Kellner im Verlauf deſſelben.„Uns thut ein Ereigniß Noth, deſſen Verfaſſungswidrigkeit Allen in die Augen fällt. Kann — 73 man die Regierung dazu bringen, daß ſie die Verfaſſung umgeht, und Brundell und Weidner einſperren läßt, ſo ſchwöre ich, daß die Hauptſtadt binnen vierundzwanzig Stunden in hellen Flammen ſtehen wird.“ iſt auch meine Ueberzeugung. An Brundell „Das i— und Weidner liegt ſehr wenig, doch ſind ſie immerhin gut zu Sündenböcken.“ Unvermuthet wurde Kellners und Gourvilles Ge⸗ ſpräch durch einen leiſen, halberſtickten Ausruf von Seiten Gabrielens unterbrochen. „Mein Gott, ſehen Sie dorthin.. „Wohin?“ „Das Ochſenauge.“ Gourville und Kellner wandten ſich auf einmal nach der bezeichneten Stelle, und konnten die Ueberraſchung nicht verbergen, die ſich ihrer bemächtigte, als ſie Wald⸗ hahnenfuß erblickten. Kellner zog ſich unwillkührlich zurück, und Gourvilles Stirne legte ſich in düſtere Falten. Das Mädchen hatte einen Augenblick den Schleier zurückgeworfen, und heftete in dem Moment, wo ſie beobachtet wurde, ihren Blick auf die Kellnerſche Loge. Sobald ſie ſich bemerkt ſah, ließ ſie den Schleier wieder fallen, und zog ſich zurück. „Es iſt Mathilde,“ ſagte Gabriele, eich habe ſie ganz genau geſehen. Wollen Sie mit ihr ſprechen, Chevalier?“ Nach Mathildens Verſchwinden hatte Gabriele alles Mögliche gethan, um ſie wieder aufzufinden. Kellner und Gourville konnten ebenfalls nicht umhin, ſich den 4 74 Anſchein zu geben, als ob ſie ſich um das arme Kind intereſſirten. Gourville ſtellte endlich die Vermuthung auf, daß ſie, da ſie von Jugend auf an ein freieres und leichtſinnigeres Leben gewöhnt geweſen, wahrſcheinlich zu demſelben zurückgekehrt ſei, und daß es ſicherlich ganz vergebens wäre, ſie auf den Gaſſen und in all den Höh⸗ len des Laſters, die ſich da finden, zu ſuchen. „Bekümmern Sie ſich nicht um Mathilde, Frau Kellner,“ ſagte er daher.„Wenn ſie es wirklich iſt, ſo können Sie juſt daraus erſehen, daß ſie keinen ſonderlich ehrenhaften Wandel führt, denn dieſer Platz da koſtet Geld. Glauben Sie mir, ſie verdient nichts Anderes, als Ihre Verachtung. Vergeſſen Sie das Mädchen.“ „Ach, Chevalier, ihr Blick war ſo bittend.“ „Sie ſehen die Welt durch ihr eigenes Herz. Kein Wunder, daß ſie Ihnen ſchön und edel erſcheint.“ „Sie machte eine Bewegung mit ihren Armen. Ich glaube, ſie ſtreckte ſie gegen mich aus.“ „Sie iſt falſch und ſcheinheilig.“ Gabriele konnte ihre Aufmerkſamkeit nicht von dem Ochſenauge abwenden. Sie hoffte, Mathilde noch einmal zu Geſicht zu bekommen. Gourville benützte dieſen Umſtand, um leiſe einige Worte zu Kellner zu ſagen „Welche Unvorſichtigkeit,“ ſagte er,„daß Sie ſich auf dieſe Art blos ſtellten!“ „Ich?“ „Haben nicht Sie dem Mädchen dieſen Ausflug er⸗ laubt, Herr Kellner?“ „Ich bin ebenſo verwundert, wie Sie; ich weiß gar nichts davon.“ „Das Mädchen muß von hier fortgeſchafft werden.“ „Sie haben Recht. Ich will mit ihr reden. Bleiben Sie hier.“ Kellner entfernte ſich wieder. —— 7⁵ „Sie ſind aufgeregt, Frau Kellner,“ ſagte jetzt Gourville zu Gabriele.„Sie liebten das Mädchen, aber es verdiente Ihr Wohlwollen nicht.“ „Sie war unglücklich, Chevalier.“ Gourville antwortete ihr mit einem Achſelzucken. „Ich erinnere mich,“ ſagte er inzwiſchen, um ihre Gedanken auf einen andern Gegenſtand zu lenken,„daß ich Ihnen einmal verſprochen habe, Mamſell Michelſen zu zeigen. Sie äußerten, wenn ich mich recht entſinne, den Wunſch, ſie zu ſehen.“ „Dieſe Perſon iſt mir gänzlich gleichgültig, Chevalier.“ „Ich könnte auch ſelbſt mit dem beſten Willen mein Verſprechen jetzt nicht erfüllen.“ j 2 „Nicht? „Mamſell Michelſen iſt wie Waldhahnenfuß ver⸗ ſchwunden, ohne daß Jemand ihren Aufenthaltsort ent⸗ decken kann.“ „Auch ſie?“ „Wie ich ſage. Sie hören, daß es unter dieſem Schlag von Weibern Mode wird, Reißaus zu nehmen. Aber warum von ſolchen Gegenſtänden ſprechen?“ „Sie haben Recht, laſſen Sie uns nicht davon reden. Unſere Gedanken ſchweben über einer ganzen Sündfluth.“ Das Schauſpiel hatte inzwiſchen ſeinen Fortgang genommen. Der Held traf mit der Heldin ſeiner erſten Liebe wieder zuſammen. Nur einige wenige Monate waren verſchwunden, und er erkannte ſie nicht mehr. Nichts ahnend von der Veränderung, die in ſeinem Herzen vorgegangen war, kam ſie mit offenen Armen ihm entgegen.. Er befand ſich in einer großen Geſellſchaft. „Das Weib iſt wahnſinnig,“ ſagte er,„ich kenne ſie nicht.“ Und die Geſellſchaft verlachte die Unglückliche, die 76 mit blutendem niederſank. „Welche herzzerreißende Scenen.“ bemerkte Gabriele Man kann einen wahren Ekel vor dem Leben bekommen.“ „Sie vergeſſen, Madame, daß das, was wir hier ſehen, nur eine Dichtung iſt.“ „Welcher Unterſchied beſteht denn zwiſchen einer Dich⸗ tung und der Wirklichkeit!“ „Die letztere kann man nie bezweifeln, die erſtere kann man nie glauben. Das Gedicht iſt eine Un⸗ Knbelt⸗ die von der Wirklichkeit nur ihr Fußgeſtell entlehnt.“ Herzen ohnmächtig zu ſeinen Füßen Belohnung der Tugend und die B brechens. Die Schönheit der Dicht ſolche Ereigniſſe und an ſolche Leidenſchaften, wie wir ſie hier ſehen?“ die ſich einbildet, lluſt der Stunde, „ wo ſie alles Andere ver⸗ ewig zu ſein. Die Liebe iſt die Wo die Wolluſt eines Augenblicks fall des großen ushängen, An⸗ aſſer Wahrheit und Natur in das Stück zu legen verſtanden, ſo lacht ſie in einer 8 77 Weile über ihre eigene Thorheit. Die Welt iſt nun ein⸗ mal ſo. Wir werden ſchon ſehen.“ 1 „Ihr Urtheil iſt ungerecht. Sie können nicht wiſſen, was ein Mutterherz empfindet.“ „Das Mutterherz iſt nichts anderes, als ein Weiber⸗ herz: nicht die Liebe, ſondern die Umſtände beherrſchen es. Der Augenblick regiert uns. Die Tücke lauert von allen Seiten.“ „Sie kennen das Weib nicht. Sie haben allzu oberflächlich in ihr Inneres geblickt, um ſie recht beur⸗ theilen zu können. Die Umſtände wirken allerdings auf ihre Handlungen ein, wie auf die des Mannes. Aber überlaſſen Sie ſie einmal ſich ſelbſt, und das beſſere Ge⸗ fühl wird immer ſiegen. Der Mann iſt Egoiſt, und dieſer Egoismus iſt es, der das Weib zu Grunde richtet. Kann ſie ſich auf ſeine Liebe, auf ſeine Worte verlaſſen? Von einer unwiderſtehlichen Hingebung überwältigt, hat manches Weib ſich gänzlich in die Gewalt des Mannes gegeben, und was iſt ihr Loos geworden?... Schande und Verzweiflung. Die Welt öffnet dem Manne ihre Pforten und empfängt ihn mit offenen Armen, ſelbſt wenn er ſeinen Verſprechungen untren wird; dem Weib dagegen verſchließt die Welt ihre Thüren, und wenn ſie dennoch das Gefängniß ein wenig öffnet und einen ver⸗ ſtohlenen Blick hinauswirft, ſo kommt ihr der Fluch der Welt entgegen. Dieſelbe Liebe, welche den Mann ſo glücklich machte, wie unglücklich macht ſie nicht das Weib? Was für ihn ein Glück oder Seligkeit war, das wurde für ſie Verbrechen. Des Mannes Herz vergißt, das Weib kann nie vergeſſen. Können Sie mir ein Weib nennen, das demjenigen, den es einmal geliebt, zuerſt ungetren worden wäre? Sie können das nicht, weil es der Natur des Weibes widerſtreitet. Die Liebe iſt für uns unſer Leben, unſere Seligkeit, Alles. Für Sie iſt ſie blos eine Gelegenheit. Sie halten es für Liebe, ſchöne Worte für Jede bereit zu halten; wir halten das 78 für Liebe, daß man bis in den Tod getreu bleibt, Wanken wir einmal, ſo kommt es daher, daß die Welt um uns her wankt. Iſt der Boden nicht feſt, auf dem wir ſtehen, ſo wird ſicherlich der Himmel es verzeihen, wenn wir fallen. Aus der Tiefe unſerer Herzen rufen wir um Liebe— Liebe— Liebe; aber wie oft rufen wir nicht in einer Wüſte, wo nicht einmal ein Echo als Ant⸗ wort aus des Mannes Bruſt uns entgegentönt! Dieß die Urſache, warum Viele fallen und hinwelken, während Andere ſich rächen. Gourville hörte Gabriele mit Theilnahme zu. Sie hatte ſich mit einer mehr als gewöhnlichen Wärme aus⸗ geſprochen, welche bewies, daß der Gegenſtand ſie in⸗ tereſſirte. Er lächelte inzwiſchen zweifelnd. „Sie können,“ fügte ſie hinzu,„nicht die Hand auf's Herz legen, Chevalier, und meine Worte in Ab⸗ rede ſtellen.“ „Sie ſprachen von Rache.“ „Warum halten Sie ſich nur an dieſes Wort? Es iſt kein edles Gefühl, ſich zu rächen, aber es iſt doch ein Gefühl. Sie runzeln Ihre Stirne. Haben Sie ſelbſt etwas zu fürchten? Wahrhaftig, ich will Sie kennen lernen; ganz gewiß werde ich Sie dann auch beſſer be⸗ urtheilen. Ihr Blick iſt düſter. Sie haben ſich auch eine Untreue vorzuwerfen. Seh ich recht?“ Gourville empfand wirklich eine gewiſſe Unruhe. Gabrielens Fragen waren ſo einfach, ſo natürlich und drangen eben deßhalb um ſo ſicherer zum Ziel, nehmlich zu ſeinem Herzen. Er warf indeß plötzlich den Kopf zurück und blickte auf, wie wenn er alle ihre Vorwürfe verſcheuchen wollte. „Sie ſehen unrecht, Madame. Auch ich habe wie Andere gelebt— aber geliebt? Niemand. Meine Schick⸗ ſale ſind mannichfaltig. Ich habe bald da, bald dort geſchwärmt. Wenn ich das Weib verachten lernte, ſo i 79 iſt es kein Wunder: das erſte Weib, das mich lieben ſollte, verachtete ja auch mich.“ „Wen meinen Sie?“ „Meine eigene Mutter; aber laſſen Sie uns das vergeſſen. Ich kann nicht ohne einen halben Fluch auf meinen Lippen davon reden. Welche Achtung kann man wohl vor Ihrem Geſchlecht bekommen, wenn man die⸗ jenige verdammen muß, die Einem das Leben geſchenkt at 2 3 Ein ſchmerzliches Gefühl ergriff Gabriele, während er ſprach. Gourville intereſſirte ſie jetzt noch weit mehr als vorher. Eine unnatürliche Mutter war für ſie das Unnatürlichſte von Allem. Sie wußte ihm auch jetzt nichts zu antworten und blieb daher ſtill. „Sie ſprechen von Rache? Könnte von einer Rache die Rede ſein, ſo habe ich mehr an dem Weibe zu rächen, als irgend ein Weib an mir zu rächen hat.“ Obſchon Gourville mit einer ſolchen Sicherheit ſprach, als ob es unmöglich geweſen wäre, ihm die mindeſte Einwendung entgegenzuſetzen, ſo gab es gleichwohl ein Ereigniß in ſeinem Leben, das ſein Herz zittern machte, nehmlich ſein Verhältniß zur ſchwarzen Charlotte. Gabriele hatte ihren Kopf geſenkt. Ihr Schweigen erſchien Gourville als ein Vorwurf, und er fürchtete, ſie verletzt zu haben; um zu ſehen, welchen Eindruck er ge⸗ macht, beugte er ſich nieder, in der Abſicht, in ihre Augen zu ſchauen, und er ſah eine Thräne darin glänzen. „Habe ich Sie beleidigt, Madame?“ fragte er. Verzeihen Sie mir! Ich bin nicht immer Herr über meine Gedanken. Sie verzeihen mir doch?“ „Von ganzem Herzen.“ Und Gabrielens thränenvolle Augen wandten ſich dabei gegen ihn mit einer ſo milden und verzeihenden Wehmuth, als ob die wärmſte Liebe ſie durchſchimmert hätte. Gonrville fühlte ſich wie von einem Strahl von oben getroffen. 80 „Bisher habe ich den ſchönſten Reichthum meines Lebens, die edelſten Schätze meines Herzens auf eine undankbare Art verſchleudert. Verſöhnen Sie mich mit der Welt, verſöhnen Sie mich mit mir ſelbſt. Ach, daß ich Sie gekannt hätte, ehe ich noch die Welt kannte Wie viel wäre da nicht ganz anders geworden! Das Verſöhnliche, das Milde an Ihnen zähmt meine wilde Natur. Ihre Nähe verſcheucht die Gewitterluft in meiner Seele. Ihr Blick beſchwichtigt die Stürme in meiner Bruſt. Die ungekünſtelte Güke in Ihrem ganzen Weſen thut mir wohl wie ein Frühlingshauch, und ich fühle, daß auf der kahlen und kalten Klippe meines ſonſt von Stürmen umgebenen Lebens Blumen wachſen. In ſeinem Entzücken ſchlang er ſeinen Arm um ihren Leib. Sie zog ſich nicht zurück. „Gabriele,“ flüſterte er. Er war unwiderſtehlich in dieſem Augenblick; aber eben jetzt fiel auch der Vorhang ranſchend hinab, und es wurde wieder hell im Saal. Wenn Gabriele einen einzigen Augenblick nahe daran geweſen war, ſich zu vergeſſen unter dem Einfluß eines beirrenden Traumes, der für ſie keine Wirklichkeit auf Erden haben konnte, ſo kam ſie gleichwohl jetzt wieder zu ſich. „Rächen Sie ſich auf dieſe Art an den Weibern für das Unrecht, das Sie ihnen zugefügt haben?“ fragte ſie ihn;„dann haben ſicherlich auch die Weiber viel an Ihnen zu rächen.“ „Sie ſind die Erſte, Gabriele, in deren Geſellſchaft ich mich beſſer fühle, als ich bin. Alle übrigen haben mich ſchlechter gemacht.“ „Und Sie haben ſich ſelbſt nichts vorzuwerfen?“ Gourville wandte ſich auf die Seite, um nicht ant⸗ worten zu müſſen; aber in dieſem Augenblick ſpürte er⸗ daß Etwas auf ſeinen Schoos fiel, und er ſtreckte die Hand darnach aus. eines eine ) mit daß inte! Das vilde einet einer eſen ihle, von um 81 Es war eine Caramelle. Auch Gabriele hatte dieſelbe bemerkt, als ſie ihm auf den Schoos fiel; allein ſie hatte nicht beobachtet, von welcher Seite das Ding gekommen war. Gourville betrachtete die Caramelle in der Abſicht, die Deviſe zu leſen. 2 Unruhig erhob er ſich dabei und ſein Geſicht wechſelte die Farbe. „Die ſchwarze Charlotte,“ las er auf dem Cara⸗ mellenpapier mit Bleiſtift geſchrieben,„weiß ſich zu rächen.“ „Was iſt es, das Sie ſo erſchreckt? Sie erblaſſen.“ „Haben Sie geſehen, woher dieſe Caramelle kam?“ „Enthält ſie etwas Unangenehmes?“ 3 Gourville's Augen flogen umher, aber er entdeckte Niemand, den er beargwöhnen konnte. „Sie antworten mir nicht.“ „Es iſt nichts... nichts.“ Während Gourville von Loge zu Loge und von Bank zu Bank forſchte, erhob er ſeinen Blick auch gegen die fünfte Gallerie. Auf einmal verweilte er da, ge⸗ feſſelt von der Anſchauung einer Perſon, die er ſich in den letzten Zeiten nicht ohne Widerwillen hatte denken und noch weniger anſehen können. Die Perſon, die auf ſolche Art ſeine Aufmerkſamkeit anzog, war Niemand anders als der Stier, der mit zäher Beharrlichkeit ſeinen flammenden Blick auf ihn ge⸗ heftet hielt. Gourville beſaß gewöhnlich große Selbſt⸗ beherrſchung und war im Allgemeinen ganz kaltblütig; aber dieſen giftigen Blick, der ihn durchbohren zu wollen ſchien, vermochte er nicht zu ertragen. Ein kalter Schweiß lief ihm über die Stirne, während er, gleichſam um ſich gegen dieſes unbehagliche Gefühl zu ermannen, einen ſtillen Eidſchwur that, bei der erſten paſſenden Gelegen⸗ heit ſeine Rechnung mit dem Stier abſchließen zu wollen, Das Gewiſſen. V. 6 vor welchem er, wie er wohl ſah, gar zu ſehr bloſ⸗ geſtellt war. „Sie erſchrecken mich,“ bemerkte Gabriele. „Beruhigen Sie ſich... ich befinde mich nicht ganz wohl... Die Wärme im Saal treibt mir das Blut nach dem Kopf... es geht bald vorüber.“ „Ich meinte, daß Sie einen Schwur murmelten.“ „Sie täuſchen ſich.“ „Ihre Augen blitzen.“ „Sie können nicht immer lächeln.“ „Ihre Stirne iſt voll von Wolken.“ „Der Sonnenſchein kehrt wieder, wenn nur Ste gut ſind und mir ein freundliches Wort ſagen.“ „Laſſen Sie mich die Deviſe bei dieſer Caramelle da leſen.“ „Caramellendeviſen enthalten immer nichts als Dumm⸗ heiten.“ Gleichgültig warf er ſie alſo weg. Waldhahnenfuß zitterte an allen Gliedern, als ſie, begleitet von Mamſell Michelſen, in's Ochſenauge eintrat. „Armes Kind,“ ſagte Michelſen, Deine Furcht ſchreckt mich ordentlich. Aber warum biſt Du ſo ängſt⸗ lich? Du haſt ja nichts gethan, worüber Du zu er⸗ ſchrecken brauchteſt, und überdieß biſt Du jetzt unter Freunden.“ „Ich weiß es und dennoch fürchte ich mich.“ „Aber warum? Man muß für Alles einen Grund haben. Du biſt jetzt ſo lange in dem Arreſt da geſeſſen, daß ein kleines Vergnügen ein wahres Bedürfniß für Dich ſein muß.“ ſe b nelle imm⸗ ſie, trat. ircht gſt⸗ er⸗ nter und ſen, für 83 „Sie haben mir verſprochen, daß ich Frau Kellner ſehen ſolle.“ „Das ſollſt Du auch; nur mußt Du Dich zuerſt beruhigen. Hier hat es durchaus keine Gefahr für Dich.“ „Wohin iſt Anna gegangen? „Du gefällſt Dir in ihrer Geſellſchaft beſſer als in der meinigen.“ „Das juſt nicht, aber ich kenne ſie beſſer; ſie war ſo gut gegen mich, daß ich es gar nicht ſagen kann.“ „Sie wachte Dir während Deiner Krankheit.“ „Tag und Nacht, gerade wie eine Schweſter oder eine Mutter.“ 3 „Anna hat ein gutes Herz, aber es kann wohl noch Mehrere geben, die auch ein gutes haben.“ Waldhahnenfuß und Michelſen ſetzten ſich im Ochſen⸗ auge, die Schleier über ihre Geſichter berabgelaſſen. Es entſtand eine Pauſe in ihrem Geſpräche. Mathildens Bruſt hob ſich hoch; ſie war voll Angſt. Noch nie hatte ſie ein Theater geſehen, noch nie war ſie unter einer ſo großen Menſchenmenge geweſen. Sie dachte nicht daran, daß ſie ſelbſt ſich an einem verborgenen Platze befand, von wo aus ſie Jedermann ſehen konnte, ohne ſelbſt geſehen zu werden. Im Gegentheil meinte ſie, daß Alle ſie betrachten, und das blaſſe Mädchen er⸗ röthete vor Verlegenheit und Schüchternheit unter ihrem Schleier. Die Ouvertüre wurde geſpielt. „Ach wie ſchön!“ bemerkte ſie,„ich habe nie etwas ſo Mildes und Liebliches gehört.“ „Es iſt blos eine alte Muſik,“ antwortete Michelſen. „Für mich iſt ſie neu.“ „Es iſt wahr, Du biſt auch noch ein Kind, ich ver⸗ geſſe das. Ach, Mathilde, wer ein Kind wäre wie Du!“ Ich bin nicht ſo jung, wie ich ausſehe.“ „Aber Du biſt jung in Deinem Herzen, Du biſt kirdlich in Deinen Gedanken, unſchuldig in Deiner Seele⸗ Das iſt Jugend genug. Wir wiſſen dieſe zu ſchätzen, bis ſie vorüber iſt.” Die Muſik ertönte ſo wunderbar für Waldhahnen⸗ fuß. Mit Rührung folgte ſie allen ihren Uebergängen. Die Töne brausten in der Tiefe ihres Herzens und er⸗ weckten darin hohe, unerklärliche Genüſſe, aber bald wurden ſie wieder ruhiger, und jetzt kosten ſie wie milde Frühllngshauche ihre Seele, in deren klaren empfäng⸗ ſ dſtunde Jugend nicht lichen Spiegel ſich gleichſam eine ſternhelle Aben hinabſenkte. Michelſen folgte mit Intereſſe den verſchiedenen Ein⸗ 3 drücken, welche die Muſik bei Waldhahnenfuß hervorrief. . Sie ſelbſt hatte ſo viel, ja das Beſte von ihrer Ingend 6 verloren; um ſo mehr freute ſie ſich jetzt, eine Jugend in ihrer vollen naiven Uuſchuld zu ſehen. Anna kam herein. „Sind ſie ſchon da? fragte Michelſen. „Ich begegnete ihnen draußen im Gang.“ „War Kellner dabei?“ „Er ging den Andern voraus.“ „Ich werde ihn alſo ſehen; aber Du biſt ſo ſchweig⸗ ſam. Iſt etwas Unangenehmes eingetroffen?“ „Juſt nichts Unangenehmes, aber doch etwas, das mir ſeltſam vorkommt.“ „Laß hören... etwas Sonderbares.“ Es iſt wahr, ich ſah etwas, das mich in Verwun⸗ derung ſetzt; aber wenn ich es auch ſage, ſo verſtehen Sie mich doch nicht.“ „Erzähle es jedenfalls.“ „Die Sache iſt die, daß ich da draußen einen Kerl ſah, den wir gewöhnlich Stier nennen, und der ſich auf . den Treppen dem Chevalier Gourville nachſchlich, und zwar, wie es ſchien, juſt nicht in den frömmſten Abſichten. 2 Ich fürchte, er hat etwas Schlimmes im Sinn. Ich werde inzwiſchen die Augen auf ihn halten. Er i*ſt jetzt 3 auf die fünfte Gallerie hinaufgegangen.“ —,———— ———— N—,————— ᷣ 8 S R=———-———— ,—,—— 8⁵ Aus dem bisher Geſagten hat der Leſer ſicherlich bereits erfahren, daß zwiſchen Michelſen, der ſchwarzen Charlotte und Anna ein Complott ſich entſponnen hatte, in welches man Anna hereingezogen hatte, ohne ihr die eigentliche Abſicht zu ſagen. Charlotte, an welcher eine brennende, niemals ruhende Eiferſucht nagte, war, beſon⸗ ders ſeit ſie jetzt von ihrem Bruder unterſtützt wurde, die Haupttriebfeder dieſer Verſchwörung, und in Folge ihrer Zureden hatte Michelſen erſt jetzt Bekanntſchaft mit Anna gemacht. Ohne Anna hätte man nicht weit kommen kön⸗ nen, weil es nur mit ihrer Hülfe möglich war, Wald⸗ hahnenfuß auf etliche Stunden aus ihrem Arreſt zu be⸗ freien. Anna ging jedoch auf den Vorſchlag der Andern, Waldhahnenfuß herauszulaſſen, nur unter der beſtimmten Bedingung ein, daß ſie gleich nach der Vorſtellung in's Café London zurückkehren müſſe, und daß man keinen Verſuch mache, ihren Aufenthalt Jemanden zu entdecken oder ſie zu befreien. Waldhahnenfuß ſelbſt widerſetzte ſich dieſem Vorſchlag nicht, weil man ibr verſprach, daß ſie Gabriele ſehen dürfe, und mit dieſem Verſprechen konnte man ſie führen, wohin man wollte. Im Uebrigen ſehnte ſie ſich nach friſcher Luft; ihre Geſundheit erforderte dies. Als ſie von Gourville entführt worden war und ſich wieder im Café befand, da wurde ſie von einer Verzweiflung über⸗ wältigt, die ſie auf's Krankenlager warf. Während die⸗ ſer Zeit hatte die Königin der wilden Jagd ſie mit exem⸗ plariſcher Güte verpflegt. Zwiſchen Beiden entſtand da⸗ durch auch eine wirkliche Freundſchaft. Auna lerute von Waldhahnenfuß Achtung für gute Sitten, ſo daß ihr Abſchen vor ihrem gewöhnlichen Lebenswandel immer mehr Ernſt und Starke gewann; Waldhahnenfuß aber lernte Anna's trotz allem Leichtſinn in der That gutes Herz ſchätzen. Während dieſer Zeit hatte ſie nur einen einzigen 86 Beſuch von Gourville gehabt, der in ſeiner gewöhnlichen Matroſenkleidung erſchien. Bei dieſer Gelegenheit benützte er ihre krankhaft er⸗ ſchrockene Gemüthsſtimmung, um ihr ein eidliches Ver⸗ ſprechen abzunehmen, Niemanden entdecken zu wollen, unter welchem Namen er ſich bei Kellner eingeführt hatte, Ihre Krankbeit kam übrigens Gourville höchſt un⸗ gelegen. Als er ſie ins Café führte, war es nicht ſeine Abſicht, ſie länger als nur über Nacht dableiben zu laſſen, Es war verabredet, daß Kellner ſchon am folgenden Tag eine Privatwohnung für ſie ſchaffen ſollte. Warum dies nicht ſogleich geſchah, hatte ſeinen Grund darin, daß die Entführung beinah erſt in derſelben Stunde be⸗ ſchloſſen worden war, wo ſie auch ins Werk geſetzt wer⸗ den ſollte. Später verhinderte die Krankheit jeden Um⸗ zug. Kellner hatte zwar die Wirthin einigemal beſucht und nach Mathilde gefragt, aber er war nicht bei ihr oben geweſen. ¹ Mathilde wußte alſo noch nichts anders, als daß Gourville ſie gefangen hielt, aus Furcht, ſie möchte Kell⸗ ner und Gabriele entdecken, wer er eigentlich wäre. Ihre Geneſung ging langſam von ſeatten. Nach mehreren Monaten war es jetzt das erſtemal, daß ſie hinauskam; auch war dies ihr erſter Theaterbeſuch. Mit welcher Wolluſt athmete ſie, daher nicht die friſche Luft ein, mit welcher frohen Verwunderung be⸗ trachtete ſie nicht die dichte Menſchenmenge, die ſie von allen Seiten umgab, und welchen Genuß gewährte ihr nicht die Muſik! aber alles das verlor ſeinen Werth ge⸗ genüber der Freude, welche ſie empfand, als ſie Gabriele in die Loge ſchief gegenüber eintreten ſah. Gonrville an Gabrielens Seite war der einzige Schatten, der den fröhlichen Eindruck verdüſterte. Verabredetermaßen winkte Anna mit ihrem Hand⸗ ſchuh der ſchwarzen Charlotte zu, um ihr zu zeigen, daß ſie auf ihrem Poſten ſeien, bereit, ihrem Wink zu gehorchen. ———-— c-— Mathilde bemerkte es nicht. Sie war zu ſehr mit der Betrachtung deſſen beſchäftigt, was um ſie her vor⸗ ging. Ganz beſonders folgte ſie mit der innigſten Theil⸗ nahme allen Bewegungen Gabrielens. Als endlich der König eintrat, wandte ſie ihre Neugierde ihm zu. Ob⸗ ſchon ſie ſchon lange ſich in der Hauptſtadt aufgehalten, hatte ſie ihn noch nie geſehen. Dies war auch für ihr Herz ein feſtlicher Augenblick. Er ſah ſo gut und⸗milde und grüßte nach allen Seiten ſo freundlich. Es entging ihr nicht, daß Kellner der erſte war, der die National⸗ hymne verlangte, und ſie dankte ihm in ihrer Seele für dieſen Beweis von Liebe gegen den Monarchen. Aber bald wurde es wieder ruhiger im Saal. Das Stück begann und jetzt theilte ſie ihre Aufmerkſamkeit zwiſchen dieſem und Gabriele. Weder Michelſen noch die Uebrigen wollten bemerkt werden; ſie hatten verabredet, die Schleier vor ihren Geſichtern zu laſſen. Aber Waldhahnenfuß wünſchte, daß Gabriele ſie ebenfalls ſehen ſollte. Als ſie ihre Anſicht hierüber vortrug, wechſelten Mi⸗ chelſen und Anna einen Blick, und es ſchien, als ob dieſe es vorausgeſehen hätten, wenn es nicht wirklich ſogar in ihren Plan paßte. Einen Augenblick, als Gabriele ihre Aufmerkſamkeit auf das Ochſenauge heftete, ſchlug Ma⸗ thilde ihren Schleier zurück. Aber ſie erſchrak über ihre eigene Kühnheit, und die Blicke Beider hatten ſich kaum begegnen können, als ſie auch ſchon den Flor wieder fallen ließ. „ Jetzt können Sie überzeugt ſein, daß Herr Kelluer hieher kommt, denn er hat Waldhahnenfuß geſehen,“ flüſterte Anna der Mamſell Michelſen zu,„und ich ent⸗ ferne mich auf eine Weile. Ich kann von meiner Vor⸗ ſtellung, daß der Stier etwas Böſes im Sinne hat, nicht abkommen. Aber ich will ihn zu bekommen ſuchen.“ 1 Nach einer Weile öffnete ſich die Thüre des Ochſen⸗ auges und Kellner trat ein. Im Anfang ſchien er unſchlüſſig, welches von beiden Frauenzimmern er anreden ſolle. Beide waren verſchleiert. Beide blieben ſtill. „Erlauben Sie mir, meine Damen,“ ſagte er end⸗ lich,„daß ich mich einen Au genblick hier ſetze.“ Beide ſchwiegen. „Wer ſchweigt, willigt ein,“ ſagte er. Und er nahm ſeinen Platz neben ihnen. „Es iſt ein hartes Schickſal,“ ſprach er dann weiter, „daß ich kein ſchönes Frauenzimmer ſehen kann, ohne zu fühlen, daß ich ein ſchwaches Herz habe.“ Da keine ihm antwortete, ſo betrachtete er ſie von Nenem. Die luftigen Schleier bewegten ſich von den leichten Athemzügen. „Welch' einnehmende Koketterie!“ begann Kellner wieder;„dieſe Schleier, wie beneide ich ſie! nichts reizt einen Mann mehr als ſolche eiferſüchtige Gärnchen. Wenn man ſie ſich erheben und ſenken ſieht, welche ſchöne Vorſtellungen erwecken ſie nicht! Die Fantaſie hat freien Spielraum. Man ahnt ſo viel Schönes in ſeinen Träumen. Bald denkt man ſich hinter ihnen eine ungekünſtelte Grazie, bald eine reizende Sirene, bald eine erröthende Hebe oder eine hochbuſige Daphne. Ach, meine Damen, gleich Zeus möchte ich in einen Dukaten verwandelt in ihre Arme ſinken.“ Die beiden Frauenzimmer beharrten bei ihrem Schweigen. „Nächſt den Schleiern,“ fuhr er fort,„wiſſen Sie, was ich da am meiſten an Ihnen bewundere?“ Das Schweigen währte fort.. „Ich bewundere Ihr Stillſchweigen, weil es mich überzengt, daß Sie Launen haben, und ein Frauenzim⸗ mer ohne Launen iſt wie eine Roſe ohne Dornen. Juſt darum, weil die Roſe ſich vertheidigen kann, wird ſie chſen⸗ eiden end⸗ iter, ohne von den lner eizt hen. öne ien ten. zie, ebe ich hre em ie, ich n⸗ 89 um ſo verlockender. Kleine Launen würzen das Ver⸗ gnügen, beleben den Mann. Sie ſind entzückend, meine Damen.“ 3 Er hörte auf, erhielt aber keine Antwort. Mit prüfendem Blick betrachtete er ſie noch einmal. Ihr hartnäckiges Schweigen begann ihn zu verdrießen. „Verſchleiert und ſchweigend,“ begann er von Neuem, „und überdies in dieſe kleine Zelle da eingeſperrt, glau⸗ ben Sie ſich vielleicht in einem Kloſter zu befinden, ſchöne Nonnen? So laſſen Sie mich Ihren Beichtvater werden. Der Beichtſtuhl kann ja, wenn Sie es erlauben, mein Schoos ſein. Ziehen Sie jetzt Ihre Roſenkränze hervor und laſſen Sie mich Ihre Sünden hören. Ich ertheile zum Voraus Abſolution für alle. Sie fahren gleichwohl in Ihrer unbeweglichen Grauſamkeit fort. Aber ich ſage nichts darüber. Die Schönheit hat alles Recht, hart zu ſein und ein bischen den Tyrannen zu ſpielen; denn die Tyrannei der Anmuth macht ſie noch ſchöner. Inzwiſchen beſitze ich auch eine Eigenſchaſt, die ſowohl Ihr Schweigen als Ihre flatternden Schleier be⸗ ſchämen wird; ich verſtehe mich nämlich auf die Wahr⸗ ſagerkunſt. Darf ich Ihnen wahrſagen?“ Keine von Beiden antwortete ihm. Kellner hatte ſie inzwiſchen aufmerkſam betrachtet; er wußte ſehr gut, daß eine von ihnen Waldhahnenfuß war, und er konnte ſich unmöglich täuſchen: ſie war un⸗ zweifelhaft die zarteſte und ſchlankſte. Er ergriff daher jetzt ihre Hand. „Ein Wahrſager ſieht durch jeden Schleier. Sie ſind ein einnehmendes Geſchöpfchen, aus denſelben leichten und luftigen Elementen zuſammengeſetzt, wie ein Lichtelf. Ihr Geficht. ich ſchieße gewiß nicht fehl... iſt leidend. Glücklich derjenige, der ein Lächeln auf demſel⸗ ben hervorrufen kann! Ihre Wange iſt blaß Selig derjenige, der eine Roſe veranlaſſen kann, auf dieſem Grund von Lilien zu blühen. Ihre Augen ſind blau, hellblau und klar. Die Liebe wird Feuer in ſie hinein⸗ legen. Sie geben gewiß zu, daß ich Recht habe. Darf ich jetzt auch einen Blick hinter den Schleier werfen, der Ihre Zukunft bedeckt? Sie weigern ſich nicht? Nun wohl, Sie werden Glück, Reichthum, Unabhängigkeit finden, aber wiſſen Sie wo?“ Keine Antwort. „In meinen Armen, Mathilde. Ich liebe Dich.“ Und Kellner griff jetzt in den Schleier und warf ihn zurück. „Herr Kellner,“ ſagte ſie im Tone des Vorwurfs, „was wollen Sie von mir? Ihr Scherz iſt unartig.“ „Schöner Flüchtling,“ antwortete er blos und drohte ihr ſchalkhaft mit der Hand. Kellner hörte zwar, wie ein Seufzer die Bruſt des andern noch verſchleierten Frauenzimmers hob, aber er war zu ſehr von Mathilde eingenommen, um ſich jetzt mit irgend einer andern zu befaſſen. Die ſtarke Beleuchtung, die vom Kronleuchter des Saales ausging, fiel jetzt in's Ochſenauge herein, und die Muſik umſchwebte die Geſellſchaft behaglich und mild, in zitternden Akkorden, in hinreißenden Melodien. Für Kellner lag in dieſem Augenblick eine ſolche Wolluſt, daß er ſich unbeſchreiblich glücklich fühlte. Seine Augen ruhten unverwandt auf Mathilde. Die Krankheit hatte ihre Wangen noch mehr ge⸗ bleicht, aber keine Leidenſchaft hatte noch ihren Fuß auf den friſch gefallenen Schnee derſelben geſetzt. Der Augen ſanfter Glanz war noch immer derſelbe, aber er ſchien tiefer, wie wenn der Himmel ſich hinter dem Himmel verborgen hätte, in einer fortgeſetzten Perſpective, in deren Tiefe Unſchuld und kindliche Schüchternheit ſich verbarg. Kellner verſank in ihre Betrachtung. Waldhahnenfuß hatte ganz und gar keine Ahnung von der Intrigue, welche die zwei übrigen Mädchen ihrer 91 Umgebung ſpielten. Sie hielt Kellners Beſuch für zu⸗ fällig oder auch für eine Folge davon, daß er ſie von ſeiner Loge aus geſehen hatte. Die Königin der wilden Jagd hatte inzwiſchen vom erſten Augenblick an den Verdacht gehegt, daß Mathil⸗. dens Entführung, obſchon von Gourville bewerkſtelligt, dennoch auf Kellners Rechnung geſchehen ſei. Aber als ſie ganz wie zufällig ihre Meinung darüber hinwarf, zeigte Waldhahnenfuß ſo offenbare Symptome von Ent⸗ ſetzen und Abſcheu, daß Anna ſeitdem, zumal da ſie auch durch die Wirthin des Café's ſicheren Aufſchluß darüber erhalten hatte, kein Wort mehr in der Sache ſagen wollte. Ohne alle Kenntniß von dem Complott, das ſich jetzt um ſie her bewegte, ſaß Waldhahnenfuß alſo in unſchuldsvoller Unwiſſenheit da. „Schöner Flüchtling,“ wiederholte Kellner,„warum haben Sie uns verlaſſen? Meine Frau liebte Sie ja, und ich, ich betete Sie ja an.“ Mathilde würde ihm gerne ihre Lage anvertraut haben, aber ihr Verſprechen gegen Anna band ſie. „Sie antworten ihm nicht. Sie wiſſen nicht alles, was ich für Sie gethan habe. Ich habe ſogar alle Launen geopfert... Mathilde hatte Kellner immer eine Aufmerkſamkeit bewieſen, die der Ergebenheit einer guten Tochter glich; aber ſo bald er von ſeiner Liebe zu ihr zu ſprechen an⸗ fing, zog ſie ſich erſchrocken zurück. Auch jetzt ſaß ſie blaß, zitternd und ſtumm da. Kellner wollte ihre Hand ergreifen. „Werde doch einmal verſtändig, Mathilde,“ ſagte er.„Die Liebe, die ich Dir anbiete, hat nicht Elend, Hohn und Verachtung, ſondern Vergnügen, Glück und Reichthum in ihrem Gefolge. Drücke meine Hand nur ein einziges Mal, zum Beweis, daß meine Worte Dein Herz geöffnet haben.“ 92 Aber Mathilde ergriff ſtatt deſſen die Hand ihrer verſchleierten Nachbarin. „Helfen Sie mir fort von hier,“ bat ſie. Zur Antwort drückte Michelſen die dargebotene Hand. Kellner, der bisher gänzlich vergeſſen zu haben ſchien, daß er im Ochſenauge mit Waldhahnenfuß nicht ullein war, wandte ſich jetzt gegen ihre unbekannte Nach⸗ barin. „Sie machen ſich den Spaß, noch immer die Nonne zu ſpielen. Während ich mit Mathilde beſchäftigt war, haben Sie ſicher Ihr Paternoſter geleſen. Sind Ihre Kloſterregeln ſtreng, meine Gnädige?“ Kellner glaubte, Mathildens Nachbarin ſei eins der Nädchen, die ſich im Café aufhielten. „Auch Ihnen könnte ich jedoch wahrſagen. Sie ſind blaß wie Mathilde, aber nur Schade, daß Ihre Bläſſe von ganz anderer Beſchaffenheit iſt. Auf Mathil⸗ dens Wangen haben ſich die Roſen noch nicht entwickeln können, auf den Ihrigen ſind ſie bereits verwelkt, todt, baben ausgelebt. Ihre Augen glänzen auch, aber dieſer Glanz iſt ganz anders. Da leuchtet die Flamme von einem kranken Herzen, von einer zerſtörten Geſundheit: dies iſt die abnehmende Glut, das erlöſchende Feuer der Leidenſchaft, und Ihre Lippen... dieſer Tummelplatz des Vergnügens... wo die Roſen, die von der ſchönen und friſchen Röthe des Frühlings zur bläulichen Röthe des Herbſtes übergegangen ſind, verheert daliegen, ver⸗ heert von... wie ſoll ich nur ſagen... von der Jahreszeit. Jedes Wort von Kellner verletzte die unglückliche Verlaſſene auf eine ſchreckliche Art. Anfrühreriſch klopfte ihr Herz, heftig hob ſich ihre Bruſt. Michelſen war nicht rachſüchtig. Sie hatte ſich viel⸗ mehr mit Schwachheit, ja ſogar mit Schlaffheit verlaſſen geſehen. Ihre Liebe war berechnend und paſſiv geweſen, ihrer and. aben nicht ach⸗ une bar, hre 93 und ſie hatte Kellner dieſelbe, theils als Erſatz für die glänzenden Geſcheuke und die Bequemlichkeit, womit er ſie umgab, theils endlich aus Gewohnheit gewidmet. Sie hatte ihm jedoch ausſchließlich angehört und konnte nicht ohne Gram ſehen, daß er ſie aufgab. An Rache würde ſie indeß nicht gedacht haben, wenn nicht Charlotte ihr dieſes Gefühl eingeflößt hätte, von dem ſie ſelbſt vergiftet war. Aber jetzt, als er ſie ſo anredete, vermochte ſie ihre Ruhe nicht zu behaupten. Sie ſah zwar wohl ein, daß Kellner ſich ganz an⸗ ders ausgedrückt haben würde, wenn er gewußt hätte, daß ſie es ſei, die er vor ſich habe; aber dieß vermin⸗ derte gleichwohl das Verletzende in der Sache ſelbſt nicht, denn das Schrecklichſte blieb doch immer übrig, nehmlich die Wahrheit in ſeinen Worten. So lange Kellner fortfuhr, ſie mit Glück und Freude zu umgeben, hatte ſie noch einige Jugendfriſche behauptet, obſchon ſie ſich ſelbſt, namentlich, nachdem ſie mit dem Leſerprieſter Bekanutſchaft gemacht, manchmal geſtehen mußte, daß dieſelbe bereits auf einem Vulkan blühe, der ſich darunter befinde. Aber in dem Augenblick, wo Kellner ſie verließ, da vermehrte der Gram darüber juſt die Wirkung des Vulkans. Sie war gleichwohl noch nicht verwelkt; aber der Frühling war nicht mehr Frühling, die Jugend war nicht mehr Jugend, ſie glich einer Frau von dreißig Jahren, mit vieler Anmuth, viel Seele und mit noch immer einnehmender Liebenswürdigkeit; allein der Morgenglanz war dahin. Es war in eß nicht blos die Wahrheit in ſeinen Worten, die ſie ſo ſchmerzlich verletzte; ach nein, die Furienflamme wurde über ihr bis jetzt unter ſo manchen verführeriſchen Lockungen ſchlummerndes Herz durch den Gedanken geſchüttelt, daß juſt der Mann, dem ſie ſich und ihre glücklichen Kindheitsträume geopfert hatte, 94 es war, der jetzt mit der ganzen Schärfe der Wahrheit das Verdammungsurtheil über ſie ausſprach. Es war dieß die bitterſte Erfahrung, die ſie in ihrem ganzen Leben gemacht hatte. „Ich ſehe, daß Sie über mein Geſchwatze ungeduldig ſind,“ fuhr Kellner fort.„Aber Sie müſſen wiſſen, daß ich auch die unge duldigen Frauenzimmer liebe. Die Er⸗ fahrung iſt nicht zu verachten. Aber mein Gott... Sie ringen die Hände... habe ich Sie beleidigt, viel⸗ leicht ſind Sie gar die Aebtiſſin der einnehmenden Grazien unſerer Hauptſtadt... o ich beuge mich vor Ihnen... Ihr Kloſter iſt ſicherlich das erſte im Reich... die Zellen göttlich nicht wahr... Sie ſind die Vor⸗ ſteherin eines e, ese. Michelſen vermochte ihren Unwillen nicht länger zu unterdrücken; aber ſie ſagte nicht ein einziges Wort zu ihrer Vertheidigung, ſondern warf nur ihren Schleier zurück. Es war das erſtemal, daß ſie mit ſtolzer Verachtung Kellner anſchaute. Kellner fuhr bei ihrem Anblick zuſammen: der Scherz erſtarb auf ſeinen Lippen, die leichtfertige Freude ver⸗ ſchwand aus ſeinem Herzen. „Genießen Sie Ihren Sieg, mein Herr,“ ſagte Michelſen.„Betrachten Sie dieſe bleichen Züge, ſie ſind Ihr Werk; erfreuen Sie ſich an dem erloſchenen Glanz meiner Augen, das iſt Ihre Ehre; machen Sie ſich luſtig über meine verwelkten Lippen, Sie ſind es, der ihre Roſen verheert hat.“ Jetzt war es Kellner, der verſtummte. „Sie ſind meiner überdrüſſig geworden, ich verzeihe Ihnen; zu meiner Nachfolgerin in Ihrem Kloſterdienſt haben Sie ein ſchwaches, gutes, unſchuldiges und uner⸗ fahrenes junges Mädchen auserſehen— ich verachte Sie, mein Herr.“ Ohne daß jemand von den Anweſenden die Abſicht 9⁵ ihrer Bewegung verſtand, erhob ſie ihren Handſchuh ſo, daß die ſchwarze Charlotte ihn ſehen konnte. Dieſe Be⸗ wegung war ein verabredtetes Zeichen, wenn die Stunde gekommen ſein würde, den letzten Schlag auszuführen. „Aber Ihre Freude wird kurz ſein, Herr Kellner. Das Verbrechen kann manchmal die Tugend ſchützen, das Laſter kann die Unſchuld vertheidigen. Seien Sie deß⸗ halb Ihres Erfolges nicht gar zu ſicher. Ich bin Ihr Opfer geweſen, aber das Opfer lebt noch... Nehmen Sie ſich in Acht! Ziehen Sie ſich bei Zeit zurück! Sie wiſſen nicht, was der nächſte Angenblick in ſeinem Schooße bringen kanu.“ Kellner fand inzwiſchen ſeine Faſſung wieder. Ohne ihr zu antworten, maß er ſie mit kalter, höhniſcher Ver⸗ achtung, während er ihr den Rücken kehrte. „Mathilde,“ ſagte er in befehlendem Tone,„Du gehſt ſogleich mit mir. Die Geſellſchaft dieſes Weibes paßt nicht für Dich. Folge mir.“ „Ich folge Ihnen nicht. Mein Platz iſt hier.“ „Aber ich verlange es.“ „Mathilde bleibt bier,“ ſiel Michelſen ein,„Ich habe ſie hieher geführt und mit mir geht ſie auch wieder.“ „Dann nehme ich ſie mit Gewalt mit.“ „Nehmen Sie ſich in Acht. Bedenken Sie wohl, daß Sie in des Königs Burg ſind, und jede gewalt⸗ ſame Handlung könnte Ihnen theuer zu ſtehen kommen.“ „Ah, Sie ſind ſchlau, meine Gnädige. Wohlan denn, ſo bleibe ich auch hier.“ Und die Arme über ſeine Bruſt gekreuzt, ließ er ſich ganz ruhig neben den Frauenzimmern nieder. 96 Mit der Aufmerkſamkeit und der glühenden Unruhe, die der ſchwarzen Charlotte ſo eigen und überdieß jetzt durch die Eiferſucht auf den höchſten Grad geſteigert war, hatte ſie nicht blos Gourvilles Geſpräch mit Gabriele, ſondern auch das, was ſich im Ochſenauge gegenüber zu⸗ trug, beobachtet. Das Zeichen, das Michelſen in Folge der getroffenen Uebereinkunft gab und das ſie ſo wohl verſtand, trat bald nach dem Augenblick ein, wo ſie, außer Stande, ihrem aufbrauſenden Verdruß Einhalt zu thun, Gourville die Caramelle zugeworfen, auf deren Papier ſie einige von dieſem Verdruß diktirte Worte geſchrieben hatte. Die Stunde ihrer Rache war jetzt gekommen. „Soll ich jetzt ſogleich zum Polizeimeiſter gehen?“ fragte Dahl, welcher die Bewegungen ſeiner Schweſter nicht ans dem Auge ließ. „Warte noch ein wenig,“ bat ſie indeß,„nur noch einen Augenblick. Ich muß mich zuerſt noch beſinnen.“ Kein Weib, ſo leidenſchaftlich auch ihre Eiferſucht ſein mag, ſtürzt denjenigen, den ſie einmal geliebt hat, ohne zaghaftes Bedenken. Jedes Band kann zerriſſen werden, aber man fühlt, daß man ſein eigenes Innere zerfleiſcht, wenn man die Bande zerreißt, die man ſelbſt geknüpft hat. 4 Als Typus für die innern Kämpfe im Leben des Mannes ſtellt man Herkules auf dem Scheidewege auf. Die Mythen geben uns kein weibliches Gegenbild, aber die Welt hat uns ihrer ſo viele geliefert. Nicht blos der männliche Charakter kann in entſetzliche Kämpfe ge⸗ rathen; in ſeiner ſtillen Tiefe hat das Herz des Weibes oft noch ſchwerere zu beſtehen, aber das öffentliche Leben ſpricht ſelten davon: dieſe Colliſionen ſterben mit dem brechenden Herzen, ohne alle andere äußere Offenbarung als die Selbſtbiographie, die in dem letzten Seufzer liegt. 3 Die ſchwarze Charlotte hatte mit einer Leidenſchaft ———·D——— àX geliebt, welche gleich den Cyklopen nur ein einziges Auge hatte, und dieſes hatte in der Welt nichts anderes ge⸗ ſehen, als nur eine einzige Perſon: Gourville. Er hatte ſie verlaſſen und jetzt ſtand ſie im Begriff, ihn zu ver⸗ derben. Der Augenblick war für ſie ſchrecklich: er rollte in ihrer Seele das Gemälde ihrer ganzen Liebe auf, und auf einmal ſah ſie alle lichten und dunkeln Theile derſelben wie mit einer raſchen und kräftigen Hand gezeichnet. Ueber dem Gemälde brach wie aus einer dunkeln Wolke ein flammender Blitz hervor und breitete über die Gruppe ihrer Sthickſale und Leidenſchaften verheerende Feuermaſſen. Das brennende Verlangen nach Rache war es, was ihren Vorſtellungen dieſen rothen Feuerglanz verlieb, worüber ſie ſich ſelbſt entſetzte. Es handelte ſich nicht mehr darum, ob es mit ihrer Liebe aus ſei; es handelte ſich darum, ob Alles, Alles aus ſei. Erſchüttert ſuchte ſie eine Antwort darauf, und ihr Blick haftete dabei anf der Bühne, wo die Vorſtellung ihren Fortgang nahm. Bis jetzt war ſie derſelben nicht gefolgt, weil ſie gänzlich von dem in Anſpruch genommen war, was ſie ſelbſt betraf. Beinah bewußtlos beobachtete ſie jetzt den Verlauf des Stücks. Die Scene war auch geeignet, ſie aufs Tiefſte zu ergreifen. Wir haben im Vorhergehenden mit einigen wenigen Federzügen die gegenſeitige Stellung des Helden und der Heldin im Stück gezeichnet. Jetzt wurde die Verzweiflung und der Schmerz des verlaſſenen Weibes dargeſtellt. Ein kleines Kind ſpielte zu ihren Füßen. „Was machſt Du, Mama?“ fragte das Kind. „Ich ſchleife einen Dolch.“ „Was willſt Du damit anfangen?“ fragte das Kind wieder. Das Gewiſſen. V. 7 98 „Treuloſigkeit und Tücke haben drei Menſchen des Lö Lebens unwürdig gemacht. Dieſe drei ſind Dein Vater, im Du und ich. Die Rache wandert immer in der Spur der verrathenen Liebe, um die Erde mit Blut rein zu waſchen. Ich erwarte Deinen Vater hier. Der Augen⸗ blick iſt gekommen. Bete, mein Kind, bete.“ Der Knabe faltete ſeine Händchen, ſank auf die Kniee und ſtammelte ein kindliches, ſanftes Gebet. ſcl Die Mutter fuhr fort, ihren Dolch zu ſchleifen. „Dein Vater kommt,“ ſagte ſie endlich.„Ich höre ſeine Tritte.— Er iſt hier.“ 4 Ein zerlumpter, abgelebter und abgezehrter Mann w trat jetzt ein. Die Mutter blickte auf... ſtierte ihn ar an... richtete ſich von ihrem Platze auf. Der Mann erkannte ſie wieder... ſie ſtreckte ihre Arme aus... er ſtürzte auf ſie zu... einen Augenblick ſchwankte ſie, dann aber warf ſie den Dolch weit von ſich und fiel mit einem Angſtſchrei in ſeine Arme. Eine Weile ſpätet lagen beide, jedes auf einer Seite des kleinen Jungen, auf ihren Knieen, und man hörte, wie ſie Gott Preis und Dank darbrachten. Der Blick der ſchwarzen Charlotte hatte auf dieſer Gruppe verweilt. Sie fühlte ſich ſo wunderbar ergriffen davon. Sie erinnerte ſich an die ſchönſte Zeit ihrer Liebe, an ihr eigenes Kind und ſein Schickſal. „Nun,“ fiel Dahl von Neuem ein,„laß uns die Gelegenheit nicht länger verſäumen, der Polizeimeiſter beginnt ungeduldig zu werden. Er hat mir gewinkt, ich gehe.“ Charlotte ſtierte ihn bewußtlos an. „Ich melde, daß Waldhahnenfuß wiedergefunden iſt, daß Kellner ſie hat rauben laſſen, und Michelſen weiß 1 ja, was ſie ſelbſt hernach zu thun hat.“ „Ja gewiß, ja, ja.“ „Ich melde, daß Gourville kein Anderer iſt, als der 22 — des ter, pur zu een⸗ die öre ann ihn ann ſie, mit äter gen, reis eſer ffen Frer die iſter ich iſt, eiß der 99 Löwe, und Du weißt auch, was Du hinzuzufügen haſt im Augenblick, wo er ergriffen wird.“ 4 1 8 „Ich weiß es... ja... ich weiß es. „Ich gehe.“ Noch ſtarrte Charlotte unaufhörlich ihn an. Dahl richtete ſich auf. Bei dieſer Bewegung wurde Charlotte von einem ſchnell vorübergehenden Zittern geſchüttelt. „Was haſt Du im Sinn? Ich verſtehe nicht.“ „Ich gehe zum Polizeimeiſter.“ „Zum Polizeimeiſter? Was ſagſt Du? Ach, jetzt weiß ichs; wart ein wenig... ſieh... ſieh dahin, auf die Scene hinab.“ „Auf die Bühne? Und dann?“ „Siehſt Du, ſie beugen dort die Kniee.“ „Nun...“ „Sie beten.“ „Wie ſo?“ „Sie hat die Mordwaffe weit von ſich geworfen.“ „Was meinſt Du damit?“ „Der Treuloſe iſt zu ihr zurückgekehrt.“ „ Ah... „Er liebt ſie wieder, Alles iſt wieder gut... ſiehſt Du.. er ſchlingt ſeine Arme um ihren Leib... 34 küßt ſeinen Sohn. Siehſt Du... ſie ſind glück⸗ ich...⸗ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Daß... „Daß?“ „Daß der Löwe auch zu mir zurückkehren kann.“ „Die Liebe täuſcht Dich. Sie täuſcht das Weib un⸗ aufhörlich, und dennoch glaubt ſie daran, um ſich von Neuem täuſchen zu laſſen.“ „’Du mußt noch warten. Du ſprichſt von Tänſchung.. ich kenne eine, die lieblich iſt.“ „Eine Täuſchung?“ 100 „Ja, eine... die Täuſchung der Liebe.“ „Es iſt nicht die Liebe, was dieſen Theaterhelden dort zu ſeiner betrogenen Geliebten zurückgeführt hat.“ „Nicht die Liebe? Was iſt es denn?“ „Es iſt die Armuth... das Elend... der Jammer.“ „Du glaubſt das?“ „Ich bin vollkommen davon überzeugt.“ „Du kannſt Recht haben. Weißt Du, was ich thu will?“ „Nein.“ „Ich werde künftig nicht den Gott der Liebe, ſondern den der Armuth anbeten.“ „Du biſt mehr als kindiſch, Charlotte. Auf der Bühne iſt der Held zu ſeiner erſten Liebe zurückgekehrt; die Kunſt fordert Verſöhnung und der Verfaſſer hat ſte gegeben. In der Welt geht es anders zu. Da iſt nicht das Leben, ſondern die Strafe die Verſöhnung. Der Löwe wird nie zu Dir zurückkehren.“ „Sagſt Du das?“ „Ich habe dieſe Natur der Verderbniß und des Verbrechens durchſchaut. Wen er einmal verlaſſen hat, zu dem kehrt er nicht zurück.“ „Sollteſt Du möglicherweiſe Recht haben können?“ „Zweifle nicht daran. Der Sohn dieſer Leute hier iſt am Leben. Er iſt der Vereinigungspunkt für ihre Herzen, das Verbindungsglied zwiſchen ihren Gefühlen, das Band, das ſich um ihr Leben ſchlingt. Was habt ihr? Gemeinſchaftlich habt ihr das Weſen vernichtet,, das als eine Verſöhnung zwiſchen euch hätte aufwachſen können. Wo iſt euer Kind?“ Die ſchwarze Charlotte erhob ihr Haupt, und ihre Augen glänzten, wie wenn ihre Seele einen Blitz um ſich hergeworfen hätte.. „Es iſt ermordet,“ antwortete ſie... zo mein Gott, es iſt ermordet.“ 101 „Uund damit iſt auch alles zwiſchen euch vorüber. Die zwiſchen euren Herzen ſich aufdrängenden Gebete um Glauben und Liebe ſind von euch ſelbſt in einen Fluch verwandelt. Was bleibt euch alſo noch übrig* Nichts...“ „Sollte es ſo ſein?... nichts... ſagſt Du.. das iſt ſchrecklich... nichts... ganz und gar nichts.“ „Betrachte Gourville... ſiehſt Du den Blick, den er jetzt auf Frau Kellner heftet? Es iſt Liebe... es iſt Feuer darin... ſieh nur.“ Charlotte ergriff von Qua ders Arm. len überwältigt ihres Bru⸗ „Ich ſehe... ich ſehe... geh ſogleich zum Poli⸗ zeimeiſter.. laß den Löwen feſſeln und fortführen. Haſt Du Dich noch nicht entfernt? Zwiſchen ihm und mir gibt es nichts mehr. Ach wie blickt er ſie jetzt an! Tummle Dich! Ich brenne vor Ungeduld; Rache, Rache!“ Es war alſo abgemacht. Dahl erhob ſich haſtig, um keinen Augenblick verloren gehen zu laſſen, weil er den Wankelmuth ſeiner Schweſter in Betreff Gourvilles kannte. Er berührte auch bereits das Thürſchloß, um ſich zu entfernen, als es von außen klopfte⸗ Die Thüre ging auf und Anna ſtand vor ihm. „Ich habe ein paar Worte mit Charlotte zu ſprechen.“ „Was willſt Du von ihr?“ „Hindern Sie mich nicht. Ich habe ihr etwas Wichtiges zu ſagen“ Die ſchwarze Charlotte erkannte Anna, die leiſe ihren Wunſch vortrug. Sie lehnte ſich alſo zur Thüre hinaus, um zu erfahren, was Anna wolle.“ „Der Stier iſt da,“ flüſterte Anna ihr ins Ohr. „Der Stier? „Wie ich ſage. Er iſt auf der fünften Gallerie. Ich habe ihn geſucht und da droben getroffen. Er hat mir etwas anvertraut.“ 102 „Er hat Dir etwas anvertraut? Was denn? Du erſchreckſt mich.“ „Er iſt ſoeben hinabgegangen, zugeben. Jede Minunte iſt wichtig. Die ſchwarze Charlotte verſtand ſich ſelbſt nicht. Ihr Kopf ſchwindelte. Sie fuhr auf und ſetzte ſich wieder Dahl, welcher den Kampf ſah, der in ihr tobte, bat ſie ſich zu beruhigen. „Du haſt doch Deinen Beſchluß gefaßt?“ ſagte er, „Ich eile zum Polizeimeiſter. Sei nur ruhig, Charlotte ich bitte Dich darum.“ Aber Charlotte wurde dadurch nicht ruhiger. „Bleib,“ ſagte ſie,„ich will, daß Du bleibſt.“ Die Logenthüre wurde wieder geſchloſſen und die kleine Unordnung, die durch Annas Beſuch entſtanden war, hatte kaum die Aufmerkſamkeit der nächſten Nach⸗ barn angezogen. Charlotte hatte den Löwen ſelbſt in die Hände der Juſtiz überliefern zu können geglaubt, ſie hatte dieß ogar für eine billige und gerechte Rache gehalten; aber jetzt, da ſie hörte, daß ein Anderer die Abſicht hatte, es zu thun, erſchrack ſie darüber und fand dieß ebenſo un⸗ edel als verrätheriſch, ſie dachte daher in dieſem Augen⸗ blicke nur an die Gefahr, welche Gourville von einer fremden Seite her bedrohte. Die Gedanken kamen jetzt dicht auf einander. Sie riß ein Stück von ihrem Theaterzettel ab, ſchrieb ein paar Zeilen darauf, wickelte dann das Papier um eine Caramelle und warf dieſe wiederum Gourville zu, dem ſie auf dieſelbe Art, wie die vorhergehende in den Schooß fiel. Gourville bemerkte das Papier ſogleich und las es. „Rette Dich, Löwe,“ ſtand darauf geſchrieben,„Du biſt vom Stier angegeben und wirſt in einigen Minuten verhaftet. Mach, daß Du fortkommſt.“ Gourville erblaßte, als er die Nachricht las. um den Löwen al⸗ . hörſt Du.. 4 5 —, 103 Ohne daß er daran dachte, ſich zu erkundigen, von wem die Warnung gekommen ſein möchte, kerfüllte die Warnung ſelbſt ihn mit Befürchtungen. 1 Sollte er der Mahnung nachkommen und die Loge verlaſſen oder nicht? Er wußte nicht, was er thun ſollte. Die Klugheit gebot ihm jedoch bald, gegen den Inhalt des Schreibens nicht gleichgültig zu bleiben. Der Blick des Stiers hatte kaum erſt auf ihm ge⸗ ruht und er hatte Bosheit und Haß darin geleſen. Gabriele war zu aufmerkſam, um nicht zu bemerken, daß etwas Ungewöhnliches vor ſich ging. „Gedenken Sie mich zu verlaſſen?“ ſagte ſie.„Wo iſt Kellner? Ich bleibe nicht allein hier.“ „Wo der Großhändler iſt? Er muß bald zurückkom⸗ men. Ich fühle mich unwohl und ſehne mich nach Hauſe.“ Gabriele richtete ſich auf. „Wollen Sie mich an meinen Wagen führen?“ fragte ſie.„Ich folge Ihnen“ Dieſe Erklärung kam Gourville nicht ungelegen. In ihrer Geſellſchaft konnte er das Theater am leichteſten verlaſſen; ohne etwas zu antworten, bot er ihr daher den Arm und ſie verließen die Loge. Kellner, der es vom Ochſenauge aus bemerkte, konnte ſich die Urſache nicht erklären. Verwundert beſchloß er, ſich Aufſchluß darüber zu verſchaffen, und begab ſich hinaus, jedoch in der Abſicht, bald zurückzukommen. Dahl folgte allen Bewegungen ſeiner Schweſter. Die Veränderlichkeit ihrer Gemüthsſtimmung ſchmerzte ihn, aber er hatte ihr ſein Wort gegeben, nichts ohne ihre Zuſtimmung zu thun, und er wollte nicht dagegen handeln. Im Uebrigen kannte er die Heftigkeit ihrer Leidenſchaften zu gut, um nicht vergewiſſert zu ſein, daß die Eiferſucht ſich bald gänzlich ihrer bemächtigen würde. Sobald Gourville und Gabriele das Theater ver⸗ ließen, eilte auch Dahl ihnen nach. 104 Schon hatten ſie den Corridor hinter ſich, ſchon waren ſie die Treppen hinabgekommen und befanden ſich auf der Hausflur. Um jeder Nachſtellung zu entgehen, machte Gourville einen Umweg Er war mit Gabriele vom Guſtav⸗Adolphs Markt her ins Theater getreten, verließ es aber jetzt auf der Seite der Arſenalſtraße. Charlotte folgte ihm ohne eine eigentliche Abſicht, Unruhe und Inſtinkt trieben ſie vorwärts. Dahl eilte hinter ihm her. Schon hatten Gourville und Gabriele den Thorgang paſſirt und ſie traten eben auf die Straße hinaus, als Jemand Gourville bei der Schulter faßte. „Hieher Wache!“ rief im gleichen Augenblick eine Stimme neben ihm. Gourville ſah ſich um. Es war der Stier, der ihn am Kragen gefaßt hatte. „Laß mich los!“ befahl Gourville,„ſonſt bringe ich Dich um.“ —— S „Du haſt Deine Kameraden verrathen. Ich will 9 ſie rächen. Hieher Wache, hieher!“ begann der Stier von Neuem zu rufen. 4 Gourville verſuchte ſich los zu reißen, aber der Stier hielt ihn feſt. Schon hörte man Getöſe und Unordnung in der Hausflur und auf den Treppen; auch auf der Straße näherte ſich die eine und andere Perſon. Um ſeinen Gegner bequemer überwältigen zu können, machte ſich Gourville von Gabriele, die wie ein Espenlaub an ſeiner Seite zitterte, los, und ergriff nun ſeinerſeits den Stier an der Kehle, ſo daß er beim erſten Stoß auf die Straße ſtürzt.. Aber der Stier verlor deßhalb ſeinen Muth nicht, ſondern packte den Löwen an den Füßen. Gour⸗ ville gedachte juſt mit einem kräftigen Tritt ſich von ihm zu befreien und ihn zugleich zu beſtrafen, als er eine neue Hand verſpürte, die ihn auf der andern Seite am 8 10⁵ Kragen packte. Die Straße war ſinſter, nur ſchwach beleuchtet von dem Schein, der aus der Hausflur des Theaters drang. In dieſem Augenblick hörte man Waf⸗ fengeraſſel von dorther. Gourville merkte ſehr gut, daß er verloren war, wenn er ſich nicht augenblicklich von ſeinem Gegner zu befreien vermochte. Der Stier war wieder auf die Beine gekommen und machte ſich zu einem neuen Angriff fertig, während er unaufhörlich der Wache rief. Dieſe kam auch mit eiligen Schritten herbei. Die Gefahr hatte niemals drohender über ihm geſtanden. In ſeiner Verzweiflung ſteckte er die Hand in die Bruſttaſche, und als er ſie zurückzog, glänzte eine Waffe darin. „Noch einmal,“ ſagte er,„laſſen Sie mich los, ſonſt ſtoße ich Sie nieder.“ Aber man ließ ihn nicht los, ſondern packte ihn nur noch ſicherer. „Wache ber, Wache!“ rief man. Beim Laternenſchein von der Hausflur ſah man, wie das Volk zuſammenlief und Soldaten herbeieilten: blanke Gewehrläufe und Bajonette ſchimmerten im Lichte. „Wache her, ſchnell, ſchnell,“ begann man von mehren Seiten zu rufen,„tummelt euch, hieher, hieher!“ Noch einmal befahl Gourville den Perſonen, die ihn feſthielten, loszulaſſen; aber als ſie ſeiner Aufforderung nicht nachkamen, glänzte die Mordwaffe in ſeiner Hand, und die eine Perſon ſank mit einem Angſtſchrei zu ſeinen Füßen nieder, während er ſelbſt ſich mit einer heftigen Bewegung von der andern losmachte. Alles dieß ging ſchneller vor ſich, als wir es hier zu erzählen vermochten. Gabriele hatte zu ihrem Schrecken geſehen, was vor⸗ gefallen war. Sie war nahe daran, ohnmächtig nieder⸗ zuſinken. „Reichen Sie mir den Arm,“ bat ſie Gonrville,„und kommen Sie nur mit.“ 106 „Wer iſt der Mörder?“ ſchrie man rings um ſie her;„packt ihn, packt ihn!“ Aber vergebens ſuchte man nach ihm. Er war in der Volksmaſſe verſchwunden. Die Mordwaffe in Gourvilles Hand hatte Dahl getroffen, und blutend trug man ihn in ein Haus nahe beim Theater. Als der Stier ſah, daß es ihm nicht gelang, die Verhaftung des Löwen zu bewerkſtelligen, ergriff er ſelbſt die Flucht. Kellner hatte vergebens auszumitteln geſucht, wohin Gourville und Gabriele ſich begeben und warum ſie das Theater verlaſſen hatten. Als er das Gerücht von dem begangenen Mord hörte, miſchte er ſich neugierig unter den Haufen. Hier ſtieß er endlich auf ſeinen alten Jugendfreund und Kaſſier, den redlichen Brand, der ihm mit ſeinem gutmüthigen und herzlichen Geſicht entgegen kam, worauf jetzt geſchrieben ſtand, daß er ihm etwas Wichtiges mit⸗ zutheilen habe. Dieß war auch der Fall. Ohne daß jemand darauf achtete, nahm er ſeinen Prinzipal bei der Hand und bat ihn um Erlaubniß, ihm unter vier Augen etwas ſagen zu dürfen, was ihn gewiß freuen würde. Kellner ſtand im Begriff, ins Ochſenauge zurückzu⸗ kehren, um Waldhahnenfuß nicht aus den Blicken zu verlieren, und das Auftreten ſeines Freundes ſchien ihn daher nicht ſonderlich zu erfreuen. „Was willſt Du?“ fragte er mit einiger Ungeduld. „Du ſagteſt mir einmal, daß ich, wenn Briefe mit einem gewiſſen Siegel und von einer gewiſſen Hand kä⸗ men, Dich überall und wo es nur wäre, aufſuchen ſolle.“ „Ich erinnere mich deſſen.“ „Die Poſt iſt gekommen, bateſt Du mich, zu ſagen. jetzt iſt ſie da.“ „Ah...ℳ „Der Brief iſt offenbar von der höchſten Wichtigkeit.“ 107 „Gieb ihn her.“ Kellner konnte ſich nicht enthalten, ihn ſogleich zu erbrechen und beim Schein einer Laterue zu leſen. „Komm in meine Arme, Brand,“ rief er, nachdem er einige Zeilen geleſen hatte.„Wenn mir auch noch ein ſchwerer Schritt zu thun übrig bleibt, ſo lächelt mir das Glück mit einem Glanz entgegen, der alle meine visherigen Hoffnungen überſteigt. Du wirſt bald ver⸗ ſtehen, was ich meine, bald, bald.“ Kellner kehrte hierauf ins Ochſenauge zurück; aber als er dort eintrat, fand er es leer. Anna hatte Michelſen von dem Vorfall unterrichtet, und ſie fanden es deßhalb rathſam, das Theater ſogleich zu verlaſſen. Als die ſchwarze Charlotte auf die Straße hinaus⸗ kam und fand, daß der Stier mit dem Löwen bereits im Handgemenge war und nach der Wache rief, wurde ſie von einem heftigen Schwindel ergriffen und lehnte ſich an die Mauer, um nicht in Ohnmacht zu ſinken. Dieſe einzige Pauſe war auch genügend, um den Kampf zu entſcheiden, und als Charlotte wieder zu ſich kam, ſah ſie, wie ihr Bruder blutend von fremden Perſonen weg⸗ getragen wurde. Aus Furcht, ſelbſt entdeckt zu werden, wagte ſie es nicht, ihm zu folgen. Die Vorſicht gebot ihr, ſich ſtatt deſſen vom Tummelplatz zu entfernen, der ſich allmählig mit Polizeidienern und Wachmannſchaft füllte. Sie zog ſich alſo zurück und begab ſich den Markt Karls XIII. hinab, wo ſie unter den kahlen und entlaubten, aber hochſtämmigen Bäumen verſchwand. — 108 Eine Stunde der Arſenalſtraße. Vorſichtig um ſich blickend, eilte ein einſames Frauen⸗ zimmer vorwärts. Als ſie an das Haus kam, in welches Dahl getragen worden, blieb ſie ſtehen und ſah zu den Fenſtern empor. In einem von ihnen glänzte noch der Schein eines Lichtes. „Hat man ihn wohl hieher gebracht?“ murmelte ſie fragend vor ſich hin.„Ich muß es wiſſen.“ Sofort begab ſie ſich in die Hansflur. Auch hier blieb ſie ſtehen und lauſchte; dann aber begab ſie ſich an die Thüre, die zu dem Zimmer führte, von wo ſie ſoeben noch Licht hatte ſchimmern ſehen. Sachte beugte ſpäter war alles wieder ganz ſtill in ſie ſich nieder und hielt ihr Ohr ans Schloß. „Hier muß es ſein,“ ſagte ſie wieder vor ſich hin, „ich höre jemand da innen ſeufzen. Es kann kein andrer ſein als er.⸗ Jetzt ergriff ſie den Schlüſſel und drehte ihn um. Die Thüre ging auf. Sie hatte ſich nicht getäuſcht. Dahl bleich und entſtellt. Als er hörte, daß die Thüre aufging, drehte er den Kopf danach um, und beim Anblick des eintretenden Frauen⸗ zimmers legte ſich ſeine Stirne in düſtere Falten. Die Eintretende war Niemand anders, als Charlotte. „Mein Gott,“ ſagte ſie,„wie ſehe ich Dich wieder! Ich bin an dieſem Unglück ſchuld. Kannſt Du mir ver⸗ zeiben? Meine Unſchlüſſigkeit koſtet Dich vielleicht das Leben. Wie ſchmerzt mich das! O mein Bruder, ver⸗ zeihe mir...“. „Verflucht,“ brummte Dahl,„daß ich mich je mit Deinen Leidenſchaften befaßte. Das Verderben iſt mit dem Weibe gekommen. Fluch über Dich, Du Nattern⸗ brut.“ Auf einem Sofa lag „Verfluche mich nicht,“ bat Charlotte,„beklage mich vielmehr.“ I in nen⸗ gen vor. tes. ſie zier ſich ſie gte in, rer m. ag nicht.“ 109 „Meine Pläne,“ murmelte Dahl,„werden durch dieſes Unglück vernichtet werden. Wehe mir und Dir!! „Deine Pläne... ja... ja... Du biſt ans Bett gefeſſelt. Ach, mein Gott, welches Unglück! O ſage mir, was ich thun ſoll, und ich werde Dir wie eine ge⸗ treue Sklavin dienen.“ „Warum erlaubteſt Du mir nicht, zu handeln? Der Löwe wäre jetzt...“ Charlotte hatte neben ihrem Bruder Platz genommen, und betrachtete ihn mit Zärtlichkeit. „Iſt Deine Wunde tödtlich?“ fragte ſie. „Der Doktor weiß es nicht... ich weiß es auch „Da fällt mir Etwas ein. Willſt Du mich hören?“ „Iſt es Deine Abſicht, meine Vorwürfe zum Schwei⸗ gen zu bringen?“ „Du ſagteſt, Deine Pläne müßten jetzt in Folge Deiner Krankheit ſcheitern.“ „Dieß iſt die Strafe des Himmels dafür, daß ich mich in die fluchwürdigen Angelegenheiten eines Weibes miſchte.“ „Verfluche nichts. Höre mich an. Deine Krankheit kann im Gegentheil Deine Pläne fördern.“ Dahl wandte ſich von ihr ab. „Du zweifelſt an dem, was ich ſage?“ „Ich vermuthe, daß es Dich freut, mich jetzt los zu werden, weil Du Dich um ſo unbekümmerter dem Löwen wieder in die Arme werfen kannſt.“ Charlotte ſprang heftig vom Platze auf. „Argwöhniſcher Menſch!“ rief ſie.„Dem Löwen werfe ich mich nie mehr in die Arme. Ich habe jetzt alle Bedenklichkeiten überwunden; er ſoll fallen. Ich ſah Dein Blut von ſeiner Hand fließen, und ich ſchwur, mit Kälte und Ruhe zu handeln. Nein, mein Bruder, ich bin jetzt von allen Selbſttäuſchungen zurückgekommen. Zwiſchen dem Löwen und mir iſt es aus. Betrachte mich 110 genau, und Du wirſt ſehen, daß meine Geſichtszüge ſich verhärtet haben unter dem Eindruck eines einzigen Ge⸗ dankens, und dieſer Gedanke heißt Rache. Ich habe geſchwankt, das iſt wahr. Ach, ich kannte das Rache⸗ gefühl in meiner Seele noch nicht gut genug, aber jetzt kenne ich es.“ Dahl ſuchte zu erforſchen, ob ſie ſich in ihrem eigenen Gefühl nicht täuſche, und zu ſeinem Entſetzen bemerkte er die eiſige Kälte, die ſich in ihren Zügen ausdrückte. Ihr Herz ſchien ausgekämpft zu haben, und der Haß ſiegreich vorangeſchritten zu ſein. Mit unbeweglicher Strenge blickte ſie um ſich. „Was iſt alſo Deine Abſicht?⸗ „Fürchte nichts. Du hörteſt, daß Gourville und Kellner morgen auf den Maskenball gehen wollen. Sie ſollen mich ſchon vorher dort treffen.“ „Aber ich vermag Dir nicht zu helfen.“ „Das habe ich ſchon eingeſehen, aber ich werde einen Andern finden. Ich weiß ſchon wen. Aber ich ſagte, daß auch Deine Pläne durch Deine Krankheit nicht vereitelt zu werden brauchten. Deine Wunde iſt ja doch nicht tödtlich, mein Bruder?“ „Ich hoffe, daß ſie es nicht iſt.“ „Das iſt gut; aber nimm an, Du wäreſt tödtlich verwundet.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Daß Du diejenige, die Du liebſt, auf eine ſchreck⸗ liche Art prüfen könnteſt, wenn Du Dich für einen Sterbenden ausgäbeſt... ich ſehe, Du begreifſt, was ich meine... Deine Augen ſagen mir das... Du willſt Dich aufrichten... jedenfalls rühre Dich nicht; der Verband könnte aufbrechen... Du billigſt meinen Vorſchlag.“ Dahl konnte ſeine Freude über dieſen Einfall ſeiner Schweſter kaum verbergen. „Du haſt Recht,“ ſagte er;„daß es mir nicht ſchon ——,———ß 111 Dieſer Mordanfall wird mir bei Gott Reichthum, Glück und Liebe ſchenken. Er wird den abe Gegenſtand meiner Ergebenheit in meine Arme werfen. hat ſie mir wider⸗ ſich früher eingefallen iſt! he⸗ Ja, ja So lange ich geſund war, etzt ſtehen können; aber krank, leidend auf dem Todtenbett liegend... ſie iſt mein... ſie iſt mein..“ en„Biſt Du mit mir zufrieden, mein Bruder?“ kte„Du mußt mich von hier wegführen. Schon morgen te. will ich ſie ſehen. Ich will mich dahin bringen laſſen... aß ſterbend... krank... barmherziger Himmel, wenn mich er nur die Freude nicht tödtet!“ „Ich werde Deinen Wunſch erfüllen. Morgen laſſen wir Dich abholen.“ id„Und Deine Rache 2 ie„Ich werde ſelbſt dafür Sorge tragen.Ä“ „Du ſagteſt, Du habeſt Jemand, auf den Du Dich verlaſſen könneſt.“ de„Ja, ſo iſt's... aber morgen mehr.“ 5„Laß mich Deine Hand drücken, Charlotte, morgen ſt holſt Du mich ab.“ h„Morgen.“ h ⸗ 1 Viertes Kapitel. 8 u f Axeline. 2 „Komm her, Axeline, komm her, mein Kind. Setz⸗ r Dich hier zu mir. Du ſiehſt heute ſo blaß aus. Du kommſt zu wenig in die friſche Luft.“ „Meinen Sie das, Papa?“ 112 „Iſt der Doktor noch nicht gekommen?“ „Noch hat er ſich nicht blicken laſſen.“ „Er ſollte heute meine Bruſt mit dem Stethoſkop unterſuchen. Mein Huſten nimmt unaufhörlich zu. Es wird mein Tod, Arxeline. Aber Dein Vater iſt alt, mein Kind, und Du mußt Dich bereit halten, ihn zu verlieren. Dahl iſt auch nicht da geweſen?“ „Nein, auch er nicht.“ „Daß die Menſchen doch nie Wort halten! Er ver⸗ ſprach mir ſo beſtimmt, heute zu kommen. Höre jetzt, mein Kind, willſt Du mir einen Dienſt thun?“ „Von Herzen gern, Papa. Was befehlen Sie?“ „Fühle mir den Puls, mein Kind. Wie findeſt Du ihn? Geht er ruhig und gleichmäßig, Axeline?“. „Dieß nicht gerade, Papa; er geht mitunter etwas ſchneller... jetzt geht er wieder langſamer.“ „Ich glaube es wohl. Ich fühle mich auch nicht ganz gut. Ich glaube, daß ich Fieber habe. Der Doktor hat mir geſagt, ich habe ein organiſches Herzleiden, und wenn ich daran nur denke, ſo bekomme ich Fieber. Es wird mein Tod, Arxeline; aber wer kann da helfen! Wir Alle müſſen einmal ſterben. Biſt Du noch bei Michelſen drüben geweſen? Das iſt ein höchſt liebens⸗ würdiges Weib. Ich fühle mich Dahl zu großem Danke verpflichtet, daß er ſie zu unſerer Nachbarin gemacht hat. Und dann dieſe Charlotte! Sie iſt ein bischen heftig, aber eine allerliebſte Perſon. Du haſt ſie doch auch Beide recht lieb, mein Kind? Die zurückgezogene, ſtille Lebensweiſe dieſer Frauenzimmer hat mich eingenommen. Sie ſind wahrhaft gute Menſchen, vielleicht etwas zu religibs— aber das ſchadet ja nicht. Du mußt Dir ihre Freundſchaft zu erhalten ſuchen, mein Kind; bedenke das wohl.“ „Da Sie es wünſchen, ſo werde ich nichts unter⸗ laſſen, Papa, ihre Freundſchaft zu gewinnen.“ —— p B= — ———— 118 „Thue das, mein Kind, thue das. Wie lange iſt es, daß ſie jetzt hier ſind?“ „Ungefähr zwei Monate, Papa.“ „Zwei Monate; mir iſt's, als wären es kaum zwei Tage. Aber die Zeit vergeht ſchnell, wenn man in Geſellſchaft guter Menſchen iſt. Wie viel Uhr iſt's, mein Kind?“ „Es hat noch nicht zehn geſchlagen.“ „Noch nicht. Du kannſt ja jedenfalls den Patience⸗ tiſch in Ordnung bringen, und die Karten auf ihren Platz legen. Ich habe noch keine Perſon gefunden, die ſo gut Patience legt, wie Mamſell Michelſen. Weißt Du, wohin ſie geſtern Abend gegangen ſind?“ „Charlotte und ſie? Nein, Papa.“ „Ich habe ſeit langer Zeit keinen ſo langweiligen Abend gehabt. Keine Patience, nicht eine einzige Par⸗ thie; aber wir wollen uns heute dafür ſchadlos halten. Es iſt traurig, Arxeline, vom Arzt zu einem ſo einge⸗ ſperrten und ſtill ſitzenden Leben verurtheilt zu ſein, und dennoch wollte ich nicht darüber klagen, wenn... wenn...“ „Was meinen Sie, Papa?“ „Wenn... wenn... wenn ich nur immer Jemand hätte, mit dem ich Patience legen könnte. Du glaubſt gar nicht, wie dieſe Michelſen mit ihrem munteren Ge⸗ plauder mich belebt. Sie iſt unläugbar ein allerliebſtes Frauenzimmer. Der Arzt hat mir geſagt, daß ich mich, wenn mir mein Leben lieb ſei, vor jeder heftigen Körper⸗ und⸗Gemüthsbewegung hüten müſſe, und ich fühle mich nie ſo ruhig, als wenn ſie hier iſt. Wie alt biſt Du jetzt, Axeline?“ „Neunzehn Jahre, Papa.“ „Neunzehn, wie... neunzehn Jahre.. Hm... Du biſt noch ein Kind... was würdeſt Du ſagen, wenn... wenn...“ Das Gewiſſen. V. 8 114 „Wenn...“ Axelinens Vater, der alte Baron Krook, verſtummte hier, und verſank auf eine Weile in ſtille Betrachtung. „Wenn?“ wiederholte Axeline. „Nichts, mein Kind, ganz und gar nichts.“ Man ſah indeß gar zu gut, daß er Etwas auf dem Herzen hatte, womit er nicht gerne herausrückte. „Wie gefällt Dir Dahl, mein Kind?“ begann er nach einer Weile wieder.„Er i*ſt ein ebenſo gebildeter, als verſtändiger und edler Menſch. Nach einer Unter⸗ redung mit ihm fühle ich mich immer beſſer. Es iſt in Wahrheit ein guter Chriſt. Aber ich bin alt, und Du biſt jung... wir urtheilen vielleicht verſchieden.“ Dazwiſchen hinein wurde die Rede des Greiſes durch einen Huſten unterbrochen, der ſein ſchweres Bruſtleiden verkündete. Axeline antwortete nichts, aber ſie ſenkte ihren Blick zur Erde. „Als wir nach Stockholm zogen,“ fuhr ihr Vater fort,„da hoffteſt Du vielleicht alle Vergnügungen der Hauptſtadt genießen zu dürfen, und ich hoffte es ſelbſt auch. Aber wir haben uns Bälle, Theater und Soireen aus dem Sinn ſchlagen müſſen. Meine Krankheit hat mich ſo gefeſſelt, daß dieſer Krankenſtuhl meine ganze Welt geworden iſt; dadurch ſind auch alle Deine Ver⸗ gnügungen verdunſtet, und Du biſt darauf beſchränkt, meine Krankenwärterin zu ſein. Es iſt ſehr Schade um Dich, Axeline; aber man muß ſich, ſagt Dahl, der Fügung Gottes unterwerfen. Du haſt ſogar ſeit langer Zeit Deine gute Freundin Jaquette nicht mehr treffen können.“ „Sie iſt bei Hof, lieber Vater, und hat an viele andere Sachen zu denken. Ich beklage mich ja auch über nichts, lieber Vater.“ „Das ſage ich auch nicht; aber Du haſt meine Frage, wie Dir Dahl gefallen, noch nicht beantwortet. Sein Aeußeres iſt nicht übel, oder wie, Axeline?“ unte 11⁵ 41 „Nein, das nicht, Papa; aber... aber... „Er iſt ein gelehrter Mann, und die Gelehrſamkeit hat in unſern Tagen hohen Werth.“ „Auch das gebe ich zu.“ „Er iſt tief ergriffen von den Wahrheiten der Re⸗ ligion. Wenn er ſpricht, ſcheint er von höheren Offen⸗ barungen inſpirirt zu ſein. Hätte ich als Jung ſo gelebt, wie er, ſo müßte ich jetzt nicht von Krämpfen gefeſſelt da liegen. Ach, mein Kind, wenn man alt wird, ſo ſieht man die Welt mit andern Augen an, als wenn man jung iſt. Aber wie viel Uhr iſt es jetzt?“ „Gerade zehn Uhr.“. „Gott ſei Dank, meine Liebe. Iſt der Patiencetiſch in Ordnung? Ich glaube, es kommt Jemand draußen.“ Der Huſten verhinderte den Greis fortzufahren, aber er drückte Axeline die Hand, gleich als wollte er von ihr Kraft gegen das Leiden borgen, das ihn quälte. „Du ſagteſt mir nicht, was Du von Dahl hältſt,“ begann er wieder, als der Huſten aufhörte. Axeline ſchlug auf einmal ihre ſchönen Augen auf, und blickte ihrem Vater offen ins Geſicht. „Sie wollen es wiſſen, und doch weiß ich ſelbſt nicht, wie ich Ihre Frage beantworten ſoll. Sie erinnern ſich, daß ſein Auftreten hier einen ſonderbaren Eindruck auf mich macht, wie denn auch in der ganzen Art, wie er ſich bei uns einführte, etwas höchſt Sonderbares lag. Sie waren krank, und hatten ſich ſchon lange einen Freund gewünſcht, mit dem Sie ſprechen könnten, und der Sie recht verſtände. Ihr Wunſch wurde erhört. Eines Abends in der Dämmerung öffnete ſich die Thüre, und ein Mann trat ein, welcher ſagte, er ſei zu Ihnen geſandt, um Ihnen Ruhe und Seelenſtärke einzuflößen, damit Sie Ihre Leiden ertragen könnten.“ „Geſandt?“ fragten Sie,„von wem?“ „Vom heiligen Geiſt, antwortete der Unbekannte. Sodann erzählte er, er habe eine Offenbarung gehabt, 116 t den empfangenen Auftrag, indem er Sie beſuche. Wir Beide, Papa, als ich konnten unſere Verwunderung nicht unterdrücken. Es lag etwas Imponirendes in ſei üſt Ausſehen, etwas Hinreißendes in ſeiner Rede. Sie er⸗ innern ſich deſſen gewiß ſelbſt. Wenn ich mich recht ent⸗ ſinne, ſo äußerten Sie ſich ſo.“ „Es iſt wahr, mein Kind,“ fiel Kro innere mich der Sache ganz gut.“ „Seitdem iſt er allmählig ein beinahe täglicher Gaßt hier geworden, und ich habe bei Ihnen eine beſtändig zunehmende Anhänglichkeit an ihn w „Du haſt dieß ok ein,„ich e⸗ ahrgenommen.“ eß geſehen? Ach ja, Axeline, ich liebe ihn, wie wenn er mein eigener Sohn wäre.“ „Vor einigen Monaten führte er die Michelſen und Charlotte hier ein. Sie ſind die einzigen Perſonen, mit denen wir jetzt umgehen, und ſie ſprachen immer ſo gut von ihm. Er iſt wohlthätig und fromm, er führt einen muſterhaften, gottſeligen Lebenswandel, Auf allen Seiten finde ich mich gleichſam eingeſpertt unter ſeine Bewunderer, und ich kann nicht läugnen, daß ich ihn ſehr lieb habe, aber wiſſen Sie, was ich fürchte, Papa?“ „Was fürchteſt Du?“ „Ich fürchte, daß er... aber... aber...“ „Sprich heraus, was Du denkſt, aber.... aber... „Ich kaun nicht, Papa; ich fühle, daß ich erröthe.“ „Sei nicht kindiſch, Axeline, laß mich hören, was Du fürchteſt“ 2 „Ach, mein Papa, ich kann es Ihnen unmöglich ſagen.“ Warum nicht? Einem Vater kann man Alles ſagen, h was man will.“ „Nun...“ „Nun...“ . Mamſellen dem er ls ich, Es lag etwas iie er⸗ t ent⸗ ch e⸗ Gaft ändig liebe ellen igen ichen mm, ndel. errt jen, ich 117 „Wenn ich Ihnen ſagen ſoll, was mich beunruhigt, ſo müſſen Sie Ihr Geſicht wegwenden und mich nicht ſo anſehen.“.„ „Wie Du willſt; aber laß mich jetzt hören, was Dich beunruhigt.“ Krook wandte das Geſicht von Axeline ab. „Ich fürchte...“ „Heraus mit dem Wort, mein Kind.“ „Daß er mich liebt, Papa.“. Krook wandte ſich wieder haſtig gegen Axeline und betrachtete ſie ernſthaft.— „Axeline,“ fiel er dann ein, indem er ihren Arm ergriff,„liebſt Du einen Andern?“ Axeline ſchlug ihre Augen nieder.. „Antworte mir, mein Mädchen. Du mußt auf⸗ richtig gegen Deinen Vater ſein.“ „Ach, Papa, was ſoll ich Ihnen antworten? Ich kenne ja beinahe keinen Menſchen.“ Du biſt eine kleine Närrin, Axeline. Stockholm hat Dir den Kopf verdreht. Dahl iſt doch ein ſchöner Mann.“ „Ich habe nichts gegen ihn, aber er iſt mir ſo un⸗ erklärlich: zuweilen meine ich, er ſähe ſo gut, ſo mild und frenndlich aus; manchmal aber ſcheint es mir wie⸗ der, als ob er bösartig, hart, höhniſch, bitter wäre. Er kommt mir immer wie eine doppelte Perſon vor, wie wenn zwei Perſonen in ihm vereinigt wären. Manchmal iſt dieß Etwas, das mich zu ihm hinzieht; manchmal aber iſt es wieder Etwas, das mich von ihm abſtößt. „Du biſt eine Schwärmerin, Axeline; aber jedenfalls iſt das ſehr ſonderbar. Du ſagſt, daß Du ihn mitunter liebeſt.“ „Das nicht; aber dennoch.. nun ja, mitunter kann ich ihn auch wieder gar nicht ausſtehen.“ Ihre Worte gaben dem Greis Veranlaſſung zu 118 eigenthümlichen Betrachtungen, und er lehnte den Kopf in ſeine Hand. Es entſtand eine kurze Pauſe. Axeline, die mit einer kleinen Frauenarbeit beſchäftigt war, hatte ihren Platz neben dem Fenſter. Plötzlich zog ein ungewöhnliches Schauſpiel auf der Straße ihre Aufmerkſamkeit an. Umgeben von einigen, wie ſie vermuthete, neugieri⸗ gen Perſonen, wurde eine Krankenbahre von vier Per⸗ ſonen langſam vorangetragen. Der Zug näherte ſich ſtil und Axeline folgte ihm mit einem eigenthümlichen In⸗ tereſſe. Die Krankenbahre war ein kleines viereckiges Zelt⸗ auf zwei langen Stangen ruhend, welche die Träger hielten. Was das Mädchen am meiſten in Erſtaunen ſetzte, war gleichwohl der Umſtand, daß man die Bahre am Eingang in das von ihrem Vater bewohnte Hotel nie⸗ derſetzte. Einen Augenblick ſpäter hörte man auch die Glocke im Vorzimmer. „Es iſt Michelſen, die kommt,“ bemerkte der Vater bei dieſem Tone.„Empfange ſie, Axeline, ſpute Dich.“ „Mein lieber Vater, ſie iſt es nicht. Eine Kranken⸗ bahre hat vor unſerem Haus angehalten und ich ſah eine Perſon, die ſo eben hier hereinging.“ 3 „Sieh'’ nach, mein Kind, ſieh' nach. Vielleicht iſt einem unſerer Freunde ein Unglück begegnet.“ „Axeline eilte hinaus und kam bald darauf mit einem Brief an ibren Vater zurück.* Er war von Dahl. 2 „Herr Baron!“ ſchrieb er.„Ich habe Ihnen auf heute Vormittag einen Beſuch zugeſagt. Aber ich wurde geſtern von einer großen Widerwärtigkeit betroffen. Beim Verſuch, einen Verbrecher feſtzunehmen, bin ich von ſeinem Mordſtahl verwundet worden, ohne daß, ich noch weiß, ob die Wunde tödtlich iſt oder nicht. Noch. 119 Verſprechungen erfüllen. Ich habe mich deßhalb hieher tragen laſſen, um meinen Beſuch abzuſtatten. Erlauben Sie mir, ſo wie ich bin, bei Ihnen einzutreten. Ich if der bin von Perſonen umgeben, die treu an mir hängen. Kopf bis zu meiner Todesſtunde werde ich jedoch getren meine äftigt Ihr. gieti⸗ 3. hrefenee eren Araake mi t Per„Heiße ihn willkommen, Axeline, rief Kroo„nich ) ſtil minder gerührt von Dahl's treuem Worthalten, als von dem Unglück, das ihn getroffen hatte.„Ich will ihn ſehen und ſprechen. Tummle Dich, mein Kind, tummle Zelt Dich.“— Jaer Aber Dahl hatte keine Antwort abgewartet, ſondern befohlen, man ſolle ihn ſogleich hinauftragen. etzte Als Axeline die Salonthüre öffnete, ſtand auch be⸗ am reits der Tragſeſſel im Vorzimmer draußen, und man war beſchäftigt, Dahl herauszunehmen. In⸗ räger nie3 Er irng einen in tiefen Falten herabfallenden ocke ſchwarzen Sammtnachtrock, der ſeinem Geſichte eine noch größere Düſterheit gab, als es ſonſt gewöhnlich hatte. ater Geſtützt von zwei Männern, wankte er in's Zimmer ch.“ herein, wo man ihn in einen Lehnſtuhl ſetzte. bha⸗ Seine Augen waren geſchloſſen ſein Kopf war ſeit⸗ eine wärts gelehnt und ruhte auf der Schulter. Mehr todt als lebendig ſaß er leidend und kraftlos da. it Seine Begleiter waren an der Thüre ſtehen geblieben und betrachteten ihn mit ſtiller Andacht. Axeline konnte den Eindruck nicht läugnen, den er auf ſie machte, und gleich⸗ mit wohl miſchte ſich etwas Unbehagliches hinein. Baron Krook 3 hatte ſich erhoben. Theinehmend beugte er ſich über den anf jungen Mann, der ſeine Gefühle zu feſſeln verſtanden hatte. rde Er fragte um nähere Aufſchlüſſe über das Vorgefallene en und erhielt ſie auch. Noch hatte Dahl kein Wort ge⸗ ich ſprochen, noch hatte er nicht einmal ſeine Augen aufge⸗ ich ſchlagen. Hätte man nicht gewußt, daß er lebte, ſo würde man ihn für todt gehalten haben. Inzwiſchen 120 war Mamſell Michelſen, wie auch Charlotte und die kleine Sophie hereingekommen. Ihr Aufzug und ihr Benehmen war jetzt ganz anders, als wir früher be⸗ ſchrieben haben. Michelſen trug ein einfaches, einfar⸗ biges Tibetkleid ohne alle Zierrathen; mit Sophie an ihrer Hand, glich ſie einer kummervollen jungen Wittwe. Die kleine Sophie, die früher immer die Heiterkeit ſelbſt. ein ächter Wildfang geweſen war, ging jetzt beſcheiden und ſtill an ihrer Seite, ein religiöſes Buch unter dem Arm tragend. Charlotte ſah düſter und verſchloſſen aus. Manchmal fuhr ihr flammender Blick im Zimmer umherz im Uebrigen aber verſchloß ſie ſich in ſich ſelbſt und ſchien ein Opfer großer Leiden zu ſein Die Bewegun⸗ gen Aller waren indeß abgemeſſen und nicht ohne Würde. Mit reſignirender Ergebenheit und ruhiger Haltung ſchie⸗ nen ſie bereit, allen Schlägen des Schickſals zu begegnen. Dahl's Unglück ging ihnen ſichtbarlich tief zu Herzen All die Perſonen, die ihn umgaben, waren den Glaubensanſichten zugethan, die man gewöhnlich den Leſern zuſchreibt. In Dahl betrachteten ſie einen höchſt begabten, von der Vorſehung ſelbſt zu ihrem Troſte geſandten Mann. Das Schweigen, das im Zimmer herrſchte, gab dem Ganzen einen impoſanten Charakter, welcher mächtig auf die Gemüther⸗-der Anweſenden wirkte. Als Dahl endlich ſeine Augen aufſchlug und ſeinen Blick im Zimmer umherſchweben ließ, empfanden ſie eine Rührung, die ſie nicht zu verbergen vermochten. „Heilig, heilig, heilig!“ begann er, wie von einer höheren Eingebung erfaßt. In kurzen, haſtig ausgeſprochenen Worten bezeichnete er dann Gott als Rächer und Begnadiger. Er klagte ſich ſelbſt an, ſündliche Gedanken gehabt zu haben, und er ſah in dem Unglück, das ihn betroffen, eine gerechte Strafe des Himmels; dagegen betrachtete er es als eine œ☛ Æ& 121 Gnade, daß er noch lebte, um Gottes unendliche Macht zu verkündigen. Baron Krook hatte in einem kleinen Eckſopha Platz genommen und hörte mit gefalteten Händen die Er⸗ gießungen des vom heiligen Geiſte inſpirirten Predi⸗ gers an. Gegen ſich ſelbſt ſtreng in ſeinen Worten, war er nicht minder ſtreng gegen Andere. Alles, ſagte er, ſei zum Nutzen der Guten und zur Strafe der Gottloſen und Verbrecher geſchaffen. Und um den letzten Theil dieſes Satzes, an den er ſich ganz beſonders halten zu wollen ſchien, zu beweiſen, ſprach er aus der Bibel: Es ſind Geiſter, die zur Strafe geſchaffen ſind. Zur Zeit des Endes werden ſie ihre Kraft ausgießen und den Zorn deſſen, der ſie geſchaffen hat, ſtillen. Feuer, Hagel, Hunger und Tod, dieſe Dinge alle ſind zur Rache ge⸗ ſchaffen. Die Zähne der wilden ſchädlichen Thiere, die Scorpionen, die Schlangen und das Schwert ſind zur Nache geſchaffen, um die Gottloſen zu verderben. Mit Freude erfüllen ſie ſein Gebot und ſind bereit zu Allem, wozu er ſie auf Erden bedarf; und ſo ihre Stunde da iſt, ſo ſtehen Sie nicht zurück. Alle Werke des Herrn ſind gut, und er gibt jedes zu ſeiner Zeit und ſo es nöthig iſt.*) *) Siehe Jeſus Sirach, Kapitel 39. Im Zuſammenhang damit, wollen wir hier einige Aeußerungen mittheilen, welche Biſchoff Tegner über die Leſerprieſter gethan hat. „Unter dem ſchönen Deckmantel häuslicher Andacht verſammeln und bethören dieſe Eiferer ein einfäl⸗ tiges Bauernvolk, und verläumden ihre Amtsbrüder, von welchen ſie behaupten, daß ſie den Geiſt nicht ha⸗ ben. Darin haben ſie auch Recht, denn ſie haben glücklicher Weiſe nicht denjenigen Geiſt, von dem ſie ſelbſt getrieben werden. Ihr Eifer iſt ſelten oder nie⸗ 12² Von da ging er auf das an ihm begangene Ver⸗ brechen über, ſowie auf die Verpflichtung, ihn zu rächen und die Gottloſen zu beſtrafen. Und indem er wie eine mals frei von Heuchelei und verliert ſeinen Werth meiſtens durch engbrüſtige Unverträglichkeit, ſowie durch eine kindiſche Eitelkeit, ſelbſt bei mittelmäßigen Ga⸗ ben ſich vor Andern auszeichnen zu wollen, und wenn ahnen das gelingt, durch einen geiſtlichen Hochmuth, den keine Scheinheiligkeit zu verdecken vermag. Was das Schlimmſte iſt, ſo kommt häufig noch ein ſchmutzi⸗ ger Eigen nutz dazu. Sie werden von einer nüchter⸗ nen Schwärmerei getrieben, die juſt durch ihre Nüch⸗ ternheit und Berechnung verächtlich iſt. Daß ich für meinen Theil dieſe falſchen Propheten, dieſe Phariſäer der Jetztzeit, dieſe Glücksritter in der Kirche, die auf geweihtem Boden nach Beifall haſchen, mißbilligen, ja verabſcheuen muß, das brauche ich nicht zu ſagen, denn das geht von ſelbſt aus den Grundſätzen hervor, die ich oft, ja immer ausgeſprochen habe. Sie beru⸗ fen ſich auf das Urtheil der Apoſtel, die ebenfalls zur Zeit und Unzeit predigten. Aber dieß waren ganz an⸗ dere Verhältniſſe. Die Apoſtel hatten eine Weltreli⸗ gion, eine Kirche zu begründen, die jetzt nicht blos begrüͤndet, ſondern auch geordnet und geheiligt iſt. Nings um ſie her blühte das Heidenthum. Wir da⸗ gegen leben in einer chriſtlichen Geſellſchaft, deren Gebräuche und Verordnungen ſchon ſeit. langer Zeit feſtgeſetzt ſind, und vernünftiger Weiſe nicht aufgege⸗ en werden dürfen. Gott hat mir ſowohl Willen, als auch einige Fähigkeit verliehen, dieſer, ſowie mancher andern Verkehrtheit entgegen zu wirken, dabei auch den nöthigen Muth verliehen, es offen und ohne Men⸗ ſchenfurcht zu thun. So viel ich vermag, werde ich mit Gottes Hülfe dieſer Narrheit entgegen wirken, welche eine Läſterung nicht blos gegen die Vernunft iſt, ſon⸗ dern auch gegen die höhere Vernunft, die Chriſtenthum heißt, und es iſt nicht wahrſcheinlich, daß dieſe ſcham⸗ loſe Glücksritterei irgendwo Glück macht, wenn ich es verhindern kann. 123 Stimme Gottes, wie ein in ſeine Rathſchläge Einge⸗ weihter ſprach, ermahnte er die Anweſenden, Gottes Werk zu erfüllen und nicht zu ruhen, bevor die Strafe den Miſſethäter getroffen, der ſich gegen ihn vergan⸗ gen habe. Hier verſtummte er eine Weile, indem er in ſich ſelbſt zurückverſank, um neue Eingebungen zu gewinnen. Charlotte war ihm mit einer Aufmerkſamkeit gefolgt, die ſich keinen Augenblick verläugnete. Während er pauſirte, trat ſie zu ihm vor. „Ich will Dich rächen,“ ſagte ſie. Dahl ſchante zu ihr auf. „Segne mich in meinem Werk,“ bat ſie. Dahl breitete ſeine Hände über ihr Haupt aus und murmelte Etwas, das ſie als einen Segen nahm. Charlotte entfernte ſich darauf von der Geſellſchaft. In den Grundſätzen, die Dahl aufſtellte, als er wieder das Wort ergriff, fand ſich keine Duldung, in ſeinen Forderungen keine Nachſicht. Man hätte ſagen können, er verkündige ein Chriſtenthum wie zur Zeit, wo Chriſtus ſelbſt noch nicht unter den Menſchen auf⸗ getreten war; eine Lehre, worin das Haupt des Teufels noch nicht zertreten war; einen Glauben ohne Verſöh⸗ nung; ein Bekenntniß ohne Chriſti Hinabſteigen zur Hölle und Auferſtehen von den Todten. Er war leidend und blaß; der Schweiß perlte von ſeiner ſtolzen und ſtrengen Stirne herab. In ſeinem harten Ernſt glich er einer ſprechenden Mumie, einem aus dem Grab zurück⸗ gekehrten erzürnten Geiſt, welcher den Kindern der Erde die Flüche der Todten verkündet. Zuweilen erhob er ſich geſpeuſterbleich und ſtrafend aus ſeiner gebeugten Stellung. Aber unwiderſtehlich riß er ſeine Zuhörer mit ſich fort, unwiderſtehlich griff er in ihre geheimſten Gedanken ein und führte ſie mit ſchwindelnder Eile über die Wüſten der Erde, die Vergänglichkeit des Staubes, die Abgründe des Verbrechens und Laſters, die Eitelkeit des Lebens, die 124 ſchnellerlöſchenden Irrlichter der Freude zeigend und nach⸗ weiſend, wie der Tod endlich Allen ihr Grab grabe. Er ſprach lange. Das Stundenglas lief aus und Niemand bemerkte es. Aber auf einmal verklärte ſich ſein Geſicht gleich⸗ ſam. Eine lieblichere und mildere Cingebung ſchien ihn zu beleben. Man hätte glauben können, ein Engel Gottes ſei mit hellen, lichten Schwingen an ſeiner Seele vorbeigeflogen, und das Licht habe ſich in ſeinem ganzen Weſen abgeſpiegelt. Dabei verſtummte er einen Augenblick, gleich als betrachtete er eine Offenbarung in ſeinem eigenen In⸗ nern. Der Ausdruck ſeines Geſichtes war voll von ſchöner Inſpiration; er ſchien beinah verklärt. Als er ſeine Stimme wieder erhob, war ſie nicht ſtreng und hart, ſondern mild und lieblich, ſchmeichelnd und biegſam. „Ich habe ein Geſicht geſehen,“ ſprach er dann,„ein herrliches, ein ſchönes Geſicht.“ Und er blickte um ſich und ſah wie Aller Augen auf ihn geheftet waren. „Zur Rechten vom Throne Gottes ſteht ein Engel mit leuchtenden Schwingen; zwei von ihnen ſind erho⸗ ben und bedecken ſein Geſicht, zwei ſind geſenkt und dieſe bedecken ihn abwärts bis zur Fußſpitze.“. Und wieder ſchaute er ſich ringsum, und die Auf⸗ merkſamkeit war nur auf ihn allein geheftet. Niemand achtete darauf, daß die Thüre in dieſem Augenblick ſich öffnete und daß Charlotte ſtill und leiſe zurückkam, begleitet von Paul. „Dieſer Engel mit den vier leuchtenden Schwingen iſt der Engel der Strafe. „Wenn die Erde in Verbrechen und Laſter verſinkt, wenn das Menſchengeſchlecht ſich den Sünden überläßt, da ſendet der Herr ſeinen ſtrafenden Engel aus, und wäh⸗ —*———* 12⁵ rend dieſer dahin fliegt, rollt der Donner und zündet der Blitz, der Sturm tobt und die Sonne erliſcht, die Sterne fallen und die Erde ſeufzet. Das Schwert verheeret, der Engel fliegt dahin, die Peſt verwüſtet und böſe Jahre ſchlagen die Geſchlechter zu Boden. „Aber die Menſchen beten und das Gebet ſühnt ihre Verbrechen, und der Engel kehrt zum Himmel zurück, um ſelbſt für die Menſchen zu beten vor dem Throne des Herrn. „Blicket hinein, ihr Völker, in Gottes Reich. Wer leidet mehr als der Engel der Strafe unter den Stra⸗ fen, die er ſelbſt euch aufzuerlegen genöthigt iſt? Bei jedem Urtheil, das er über die Verbrecher fällt, blutet eine Wunde in ſeinem eigenen Herzen; bei jedem Schlag, den er euch mit ſeiner Geißel verſetzt, erleidet er den Schmerz des Schlages in ſeiner Bruſt: bei jedem Fluch, den er herabruft, glänzt eine Thräne des Kummers in ſeinem Auge.“ Paul ſtand noch an Charlottens Seite. Er war ihr vertrauungsvoll gefolgt. Verblüfft hörte er die Worte des Sprechers, ohne ſie ſich recht erklären zu können. Unter den Anweſenden kannte er nur den Baron Krook, und auch Axeline kannte er: die Uebrigen waren ihm unbekannt, obſchon er wohl einſah, daß er in eine religiöſe Sekte eingeführt worden war, wo der Fanatismus nicht die unbedeutendſte Stelle ſpielte. „Dieſelben Qualen, die der Engel der Strafe dro⸗ ben erleidet, erleidet auch jeder Menſch, der ſich durch höheres Gebot aufgefordert fühlt, mit der Geißel der Wahrheit und Gerechtigkeit die Gottſeligen an den Un⸗ gottſeligen zu rächen. „Bei jedem Schlag, den er verſetzt, öffnet ſich eine Wunde in ſeiner Bruſt, und doch kann er ſeinen Arm nicht zurückhalten. Die Geißel muß gehen, ſo lange das Verbrechen ſich vorfindet, und der Geißler ſelbſt muß zu⸗ gleich mit dem Opfer an den Stufen des Altars ver⸗ bluten. „Aber Gottes milder Blick heilt die Wunden des Engels droben; der Hauch des Troſtes kühlt ſeine zerriſ⸗ ſene Bruſt; der Kuß der Liebe verwandelt das tropfende Blut in blühende Roſen in ſeinem Herzen. Aber weſſen Blick heilt wohl die Wunde des zerfleiſchten Mannes hienieden?“ Dahl verſtummte und ſchaute ſich fragend um. „Der Blick deſſelben Gottes,“ erwiederte ihm in die⸗ ſem Augenblick einer der Zuhörer eben ſo ernſthaft als würdevoll. Bei dieſer unvermutheten Antwort wandten ſich alle Anweſenden nach der Richtung, von welcher ſie gekom⸗ men war. Es war der alte Krook, der ſie gegeben hatte. Der Alte ſaß, von ſeiner eigenen Aufmerkſamkeit gefeſ⸗ ſelt, da, und blickte unabläſſig auf Dahl. Es lag nicht blos Andacht in dieſer Aufmerkſamkeit, ſondern vielmehr Anbetung. Die Antwort, die er gegeben hatte, war ſo unmittelbar aus ſeinem Herzen gefloſſen, daß er ſelbſt nichts davon wußte. Als Dahl die Worte des Greiſes vernahm, ſah man eine düſtere Muskelbewegung längs ſeiner Augenlinie; aber ſie verſchwand eben ſo ſchnell, als ſie gekommen war. „Welcher Troſt,“ fuhr inzwiſchen Dahl fort, ohne daß er ſich durch die Aeußerung des Greiſes in ſeiner Kälte ſtören ließ,„welcher Troſt heilt wohl hienieden die Bruſt deſſen, der im Kampf für die Gerechtigkeit der Menſchen verwundet worden iſt?“ „Das befriedigende Bewußtſein, für den Sieg der göttlichen Wahrheiten auf Erden zu ſtreiten,“ fiel wie⸗ derum Krook ein. Es lag etwas ſo Feierliches in der Art und Weiſe, wie der alte Mann ſich ausſprach, daß ſeine Worte die Anweſenden erſchütterten. Man hörte ſo gut, daß die Wahrheit unmittelbar 127 von ſeinem belebten Gefühl kam, ohne alle Berechnung, ohne daß er ſelbſt nur daran dachte. Paul folgte mit ſteigendem Intereſſe dieſer Scene, die ihm immer ſonderbarer vorkam, je länger er ſie be⸗ trachtete.— Er hatte Dahl noch nie geſehen und ſuchte verge⸗ bens in ſein Inneres einzudringen; während er ſprach, ſchien er hermetiſch gegen jeden forſchenden Blick verſchloſſen. Die Uebertreibung, die Paul in dem Vortrag fand, veranlaßte ihn zu der Vermuthung, daß Privatabſichten hinter der ſchwärmeriſch⸗religiöſen Draperie lauern müß⸗ ten, und er beſchloß wohl auf ſeiner Hut zu ſein. Paul hatte bemerkt, daß bei Krooks zweiter Ant⸗ wort daſſelbe mißvergnügte Muskelzucken über Dahls Angenlinien hingeflogen war, daß aber Dahl ſich auch jetzt mit großer Geſchicklichkeit ſogleich beherrſchte. „Welcher Kuß der Liebe, der milden Barmherzig⸗ keit,“ fuhr Dahl fort, ohne in ſeinem Gedankengang ge⸗ ſtört zu ſcheinen,„verwandelt wohl hienieden die Bluts⸗ tropfen, die aus der Bruſt des kämpfenden Mannes flie⸗ ßen, in Roſen, in Segen, in Seligkeit, mit einem Wort in Belohnung für ſeine Mühen, in Freuden auf Erden?“ Bei dieſer neuen Frage wandten ſich wiederum alle Blicke dem alten Krook zu, wie wenn man auch jetzt eine Antwort von ihm erwartete; aber diesmal blieb er ſtill, wie wenn es ihm ſelbſt an einer ſolchen fehlte. „Was iſt Schönheit, Unſchuld und Tugend auf Er⸗ den?“ fuhr Dahl fort, als keine Stimme ſich gegen ihn erhob.„Das iſt die Liebe Gottes, die mitten unter uns wandelt; die Liebe, die gekommen iſt, den Sieges⸗ kranz um den Scheitel der Gerechten zu flechten; die hier iſt, um die Bemühungen des im Namen des Herrn Kämpfenden zu belohnen. Beuget enre Kniee, ihr Völker, euer Kämpfer leidet, ſeine Seele iſt zerriſſen, ſeine Bruſt iſt verwundet, er hat geſtritten und gelitten, und er wird ſtreiten und ſterben. Aber wer kommt wohl mit dem 128 friedlichen Kuß der Belohnung zu ihm in der letzten Stunde? Kommt Niemand, um die beruhigende Hand auf ſeine heiße Stirne, auf ſeine unruhig klopfende Bruſt zu legen? kommt Niemand mit dem Lohn für den müden Arbeiter? kommt Niemand zu ihm in ſeiner Nacht, Liebe, Glaube, Hoffnung und Ruhe flüſternd? Betet, ihr Völker, betet! flüſtert nicht ein Engel ein erweckendes Wort zu einem Herzen hier innen, ſpricht keine Stimme für mich zu irgend einem freundlichen Gemüth hier innen? Ewige Barmherzigkeit, wohnt nicht ein Engel in jedem Herzen? Was der Engel befiehlt, dem muß es gehorchen, ohne die Welt um Rath zu fragen. Betet, betet, der Engel umſauſt euch... er iſt uns nahe... er ſpricht... und das Herz gehorcht, denn der Engel ſagt, daß es zu mir kommen ſoll, und der Engel ſagt, was es thun ſoll ... es kommt... es kommt⸗... Es lag ſo viel Inſpiration, eine ſolche hinreißende Gewalt in dieſen Worten, daß Alle ſich wie von einem Anhauch der unendlichen Welt der Liebe ſelbſt berührt fühlten. Man blickte auf; man wollte, nachdem ſeine Lippen ſchon verſtummt waren, gleichſam in ſeinen Augen die Fortſetzung ſeiner Rede leſen; man beugte ſich vor; man wollte gleichſam durch ſeine Augen hindurch in der Tiefe ſeines Herzens nach den Gefühlen forſchen, die ſeine Worte diktirt hatten. Dahl war auch in dieſem Augenblick nicht mehr der düſtere Fanatiker; ganz andere Anſchauungen ſchienen ihn jetzt zu beleben. Glühende Schwärmerei glänzte von ſeinem Geſichte; ſeelenvolle Innigkeit ſtrahlte von ſeiner Stirne. Aber die ganze Wärme ſeines Herzens und das ganze Leben ſeiner Seele ſchien hauptſächlich in ſei⸗ nen Blicken concentrirt zu ſein, die jetzt unverwandt auf Arelinen ruhten, und dieſer ſo ſprechende Blick zog auch bald alle Aufmerkſamkeit der Andern auf ſie. Axeline wechſelte die Farbe. Noch ſchwollen ſeine Worte vor ihren Ohren; noch bildete ſich die Erſcheinung⸗ 129 die er beſchrieben hatte, vor ihren Augen zu einer Geſtalt; noch fühlte ſie durch den Eindruck ſeiner Worte ihr Herz wie durch einen Zauberſtab berührt. Aber hatte er wohl zu ihr geſprochen?“ „Ein ſchönes Weib,“ fuhr Dahl fort,„wenn ſie fromm iſt,„ſo iſt ſie wie eine klare Lampe an dem hei⸗ ligen Leuchter. „Sie kommt, ſie kommt!“ fügte er dann, noch im⸗ mer ſie anblickend, hinzu,„ſie kommt, ſie kommt!“ Axeline verſtand ſich nicht mehr. Es kam ihr vor, als würde ihr Selbſtbewußtſein in dieſem Blick aufgelöſt, als würde ſie von einer magnetiſchen Kraft unwiderſteh⸗ lich angezogen. Die Exaltation, worein Dahl verſetzt war, wirkte auf ihre Nerven, auf ihr ganzes Weſen. Sie wurde wie von einem Fieber geſchüttelt. Unbewußt richtete ſie ſich auf. „Wie die Sonne, wenn ſie aufgegangen iſt,“ ſprach Dahl weiter,„eine Zierde iſt am hohen Himmel des Herrn, alſo iſt ein tugendhaftes Weib eine Zierde in einem Hauſe. „Sie kommt,“ fügte er hinzu,„ſie kommt.“ Dahls Blick flammte; ſie ſah nichts Anderes als dieſen Blick, ſie hörte in ihrem Innern nichts Anderes als ſeine mahnende Stimme. Langſam trat ſie einen Schritt vorwärts. Alle betrachteten ſie wie ein Wunder; man wagte kaum zu athmen, um ſie nicht aus dem lebendigen Traum zu erwecken, in welchen ſie verſetzt ſchien. „Sie kommt!“ Während Axeline mehr ſchwebend als gehend ſich Dahl näherte, hatte man Gelegenheit, die zarten, äthe⸗ riſch feinen und edlen Züge des ſchönen Mädchens zu bewundern, die ihr auch das Ausſehen eines Geiſtes ga⸗ ben, eines höheren Weſens, das die ſchönſte und bezau⸗ berndſte Form angenommen. In dieſem Augenblick ſchien Das Geviſſen. v. 9 130 ſie nicht der Erde anzugehören, ſondern einer höhern Welt, der Zauberwelt ihrer eigenen Inſpirationen. Was ſah ſte wohl? Ihn, den leidenden, den ſterbenden Kämpfer für die Wahrheiten des göttlichen Wortes auf Erden. Was hörte ſie? das Gebet des Sterbenden um Liebe in ſeiner letzten Stunde. Jetzt ſtand ſie vor ihm: jetzt ſtrich ſie ſein ſchwarzes Haar auf die Seite; jetzt fuhr ihre Hand haſtig über ſeine Stirne; jetzt beugte ſie ſich hinab und drückte einen ſtillen friedlichen Kuß auf dieſelbe. Ein leiſes Gemurmel der Bewunderung erhob ſich von Seiten der Anweſenden. Nur Charlotte veränderte keine Miene und nur Paul empfand keine Bewunderung. Eine unklare Ahnung ſagte ihm, daß ſich hier Etwas zutrage, das nicht ganz in der Ordnung ſei. Ohne eigentliche Veranlaſſungen zu beſitzen, erblickte er bereits in Axeline ein Opferlamm und in Dahl einen wunderthätigen Zauberkünſtler, der unter dem Deckmantel der Religion das Opfermeſſer über ihr ſchwang. „Aber was mag wohl ſeine Abſicht ſein?“ fragte Paul ſich ſelbſt.„Ahne ich wohl recht? Ha, ich muß ihn beobachten.“ Kaum war er jedoch zu dieſem Schluß gelangt, als Dahl langſam ſein Haupt anfrichtete und ſeine Hand gegen die Anweſenden ausſtreckte. „Entfernt euch,“ befahl er,„entfernt euch im Namen des dreieinigen Gottes!“ Dabei ſank ſein Haupt wieder in den Lehnſtuhl hinab und ſeine Wimpern ſchloſſen ſich. Auch Paul wollte* ſeines Weges gehen, aber Charlotte ergriff ſeine Hand und bat ihn, zu verweilen. 131 ern Axeline hatte einen Kuß auf Dahls Stirne gedrückt, Jas und unmittelbar darauf löſte er den Conventikel auf. fer Axeline zog ſich zurück. Sie empfand etwas, wie en. wenn ſie aus einem Traum erwachte. in An ihres Vaters Arm befand ſie ſich bald in ſeinem Privatzimmer. es„Liebſt Du Dahl, mein Kind?“ fragte ſie der Vater. ver Axeline ſah ihn nur verwundert an. teen„Du liebſt ihn; ich habe es geſehen.“ Sie antwortete nicht, fuhr aber mit der Hand über ch ihr Geſicht. „Du küßteſt ihn.“ ur„Mein Gott, that ich das? Ach ja, es iſt wahr; ig ja, ja, ich glaube, ich that es.“ 1„Beruhige Dich, Axeline, es war nichts Böſes daran; en Dein eigener Vater tadelt Dich nicht... Du haſt Dir m nichts vorzuwerfen.“ er Aber Axeline ſchien nicht auf ihn zu hören, ſondern er ſank auf den Sopha und lehnte ihre Stirne in die Hand. „Dahl iſt ein geiſtreicher, ein genialer Mann,“ fuhr e nichts deſto weniger Krook fort;„er hat hohe und er⸗ ß habene Eingebungen, er iſt ein wirklicher Mann des Geiſtes. Wenn er wieder geſund wird, was Gott in 8 Gnaden fügen möge, ſo könnte er eine Frau ſehr glück⸗ d lich machen.“ Axeline fuhr auf. n„Eine Frau?“ wiederholte ſie. „Du biſt jung und zart, Axeline, unerfahren und 1 kindlich, und Du bedarfſt einen Mann mit feſten Grund⸗ * ſätzen, der Dich unterſtützt und im Guten beſtärkt. Ver⸗ heirathet“... „Verheirathet?“ „Warum erſchrickſt Du vor dieſem Wort? Es liegt ja gar nichts Neues, gar nichts Beſonderes darin.“ Axeline ſank von Neuem in den Sopha nieder. „Du biſt ſehr kindiſch, Axeline, gar zu kindiſch für 13² Deine Jahre. Du weißt nicht, was Du willſt... warum küßteſt Du ihn?“ „Ihn? Ach, Papa, ich habe ja nicht ihn geküßt“ „Nicht ihn?“ „Es war ein Anderer, Papa, ein Anderer.“ „Du fängſt an, mir ganz unerklärlich zu erſcheinen. Ein Anderer, ſagſt Du, wer? ein Anderer? wie kindiſch! Du keunſt ja keinen Andern.“ „Das iſt alles wahr, Papa, was Sie ſagen, und dennoch habe ich auch nicht Unrecht. Ich kenne keinen, aber ich habe einen geſehen. Ach Papa, Sie wiſſen es nicht, aber ich träumte einmal“. „Du träumteſt?“ „Ich träumte einmal, ich liebe...“ „Wen?“ „Was weiß ich? Aber ich ſah ihn im Traume; der Ausdruck in ſeinem Blick war ſo ſeelenvoll und belebt... o mein Gott... ich habe ihn nur einmal geſehen... „Im Traume?“ Axeline hörte ihren Vater nicht mehr. Sie verſank in ſich ſelbſt. „Aber Dahl hatte ja, ich meine wenigſtens, daß Du ſagteſt, im Traume viel Aehnlichkeit mit ihm?“ „Zuweilen ja.“ „Du biſt mehr als kindiſch, meine arme Axeline, ich möchte beinah ſagen, ein bischen einfältig. Aber noch einmal, Dahl iſt ein rechtſchaffener Mann, und was kannſt Du mehr verlangen?“ „Ich weiß nicht.“ „Du haſt keine Eigenſchaften, die Dich berechtigen, allzu große Anſprüche zu machen. Dahl iſt ein gelehrter Mann und was für Begriffe machſt Du Dir denn von Dir ſelbſt?“ „Ich weiß nicht.“ „Die Zeit iſt gekommen, wo Du Deinen Entſchluß faſſen mußt. Gibſt Du das nicht zu?“ .. er k △☛— 133 „Ich weiß nicht.“ 3 3 „Du kannſt mich recht betrüben, Axeline. Was ſoll denn noch aus alle dem werden?“ 1I „Ich weiß nicht, Papa, ich weiß nicht.“ Paul und Charlotte blieben bei dem Leſerprieſter urück. 1 Sobald ſie allein waren, ſtellte Charlotte ihren Bruder Paul als denjenigen vor, von dem ſie überzeugt ſei, daß er ihr bei den Plänen, die ſie entworfen, mit Vergnügen helfen würde. Paul wünſchte ihre Abſichten zu hören und ließ ſie ausſprechen, ohne ſie zu unterbrechen. Ehe ſie jedoch in nähere Erklärungen einging, über⸗ gab ſie ihm die Papiere und Aktenſtücke, die ſie ihm ein⸗ mal geſtohlen hatte. Paul durchforſchte ſie mit der größten Genauigkeit und fand ſie richtig. Der Leſerprieſter beobachtete wohl, was Charlotte ſagte, ſchien jedoch der Sache kein wärmeres Intereſſe zu ſchenken. In den Lehnſtuhl zurückgelehnt, ſaß er mit geſchloſ⸗ ſenen Wimpern und überließ ſich ſeinen eigenen Gedanken. Axeline ſchwebte in ſeiner Seele wie eine beflügelte und luftige Geſtalt voll Anmuth und reizender Liebens⸗ würdigkeit an ihm vorbei. Charlotte war dagegen nur um ſo mehr von ihrem Gegenſtand belebt. Sie bat um Erlaubniß, mit Paul gewiſſe Theile der Aktenſtücke zu durchgehen, und fügte Aufſchlüſſe hinzu, die ihn im höchſten Grade überraſchten. 134 In die Ereigniſſe, die in dieſen Papieren vorkamen, war Charlotte ſo gut eingeweiht, wie in ihr eigenes Le⸗ ben; ein Theil davon enthielt ſogar Dinge, die ſie aufs allernächſte berührten. Verſchiedenes von dem, was Paul bisher mit ſo viel Kummer und ſo ungetheilter Umſicht zu ermitteln geſucht hatte, wurde jetzt, wo er am wenigſten daran dachte, klar für ihn. Mehr als einmal ging ein Ausruf der Verwunde⸗ rung über ſeine Lippen, und er erhob ſich fröhlich und zufrieden bei dem Gedanken der Löſung aller Schwierig⸗ keiten, die bisher ein Räthſel für ihn geblieben waren, jetzt ſo nahe zu ſtehen. Charlotte erzählte hierauf ihre Pläne, wobei Paul fand, daß ſie von einem grenzenloſen Haß, von einer ungezügelten Eiferſucht geleitet wurde. So ſehr Paul das Geheimniß, wofür er ſich in⸗ tereſſirte, bis zur vollkommenen Gewißheit zu ermitteln wünſchte, ſo wenig konnte er ſich zum Werkzeug ihrer Privatabſichten hergeben. Charlotte hatte in Mamſell Michelſens Intereſſe mit derſelben Wärme geſprochen, wie in ihrer eigenen Sache. Sie machte Paul mit all' den Perſonen bekannt, die in dem für ſie wichtigen Drama eine Rolle ſpielten, und er konnte nicht läugnen, daß ſie ihren Plan ziemlich gut entworfen und entwickelt hatte, obſchon er unſtreitig in vielen Beziehungen noch auf zufälligen Umſtänden be⸗ ruhte, die jedoch, wie er nicht zweifelte, günſtig für ſie ausfallen konnten. Soviel ſchien jedenfalls ſicher, daß ſie ihr Ziel erreichen und daß die Rache die Schuldigen ereilen würde, obſchon Paul ſehr wohl einſah, daß die⸗ ſelbe dann auch einige Unſchuldige treffen konnte, ein Umſtand, der ihn bereits mit Kummer erfüllte. „Habe ich Sie getäuſcht?“ fragte ſie endlich,„als ich Sie bat, mit mir hieher zu kommen?“ ⸗ 13⁵ „Ganz und gar nicht, Sie haben mir ſogar mehr gegeben, als ich vermuthete.“ „Kommen Sie heute Abend auf den Maskenball?“ „Ich verſpreche es.“ Glauben Sie jetzt noch, daß ich Sie hintergehen wolle?“ „Nein.“ „In welches entſetzliche Labyrinth von Verbrechen und Schwachheiten, von Neid und Eiferſucht, von Laſter und Haß habe ich nicht geblickt!“ ſagte Paul zu ſich ſelbſt, als er nach Hauſe kam.„Grauſames Spiel des Zufalls! Wie erzeugt nicht ein Verbrechen das andere, ein Fehltritt den andern, bis das Maß voll iſt und der Fehler ſich ſelbſt rächt!“ Paul hatte keine Ruhe in ſeiner Seele. „Gehe es, wie es wolle, ich muß Gabriele und Waldhahnenfuß retten, dieſes ſchwache und ſchüchterne Weſen, das ich zwar nicht kenne, für das ich aber gleich⸗ wohl eine zärtliche Theilnahme hege. „Meine eigenen Angelegenheiten müſſen jetzt zurück⸗ ſtehen... er dachte dabei an den Brief, der ihn ſo ſehr aufgeregt hatte... wichtigere Fragen erfordern in dieſem Augenblick meine Vorſorge.“ Er ergriff die Schnur und klingelte. Jack trat ein. „Wünſcheſt Du dir Etwas, Jack? ſprich es uner⸗ ſchrocken aus.“ „Ich habe keinen höheren Wunſch, als Ihnen an⸗ genehm zu ſein, Herr.“ „Sonſt nichts?“ „Ihnen nützen zu können.“ 136 „Du liebſt das Geld nicht?“ „O ja, aber blos um Fanny's willen.“ „Du ſiehſt dieſe Börſe.“ „Ja.“. „Sie iſt Dein, wenn Du bis heute Abend um fünf Uhr den Weg nach Großſmeſtad zurücklegen und mit Faditän Roman zurückkommen kannſt. Es iſt jetzt Ein Uhr.“ „Bis fünf Uhr. Es ſoll geſchehen, Herr.“ „Grüße Roman, und er ſoll ſogleich mit Dir kom⸗ men.“ Nach einer Weile ſah man einen leichten Wett⸗ ſchlitten mit einem muntern Traber beſpannt durch das Thor ſurren. Die einzige Perſon, die darin ſaß, war Jack. Etwas ſpäter ging Paul, von ernſten Gedanken in Anſpruch genommen, allein aus. Fünftes Kapitel. Paul im Café London. Paul ſchritt langſam vorwärts. Die Mittheilungen, die Charlotte ihm gemacht, gaben ihm viel zu denken. n⸗ ⸗ n — 137 Pauls Charakter war edel und gut. Es empörte ihn im höchſten Grad, irgend jemand, ſelbſt den größten Verbrecher, in einen Abgrund ſtürzen zu ſehen, wo künf⸗ tig keine Macht mehr dem Gefallenen eine rettende Hand reichen könnte, und noch ſchrecklicher regte ihn der Ge⸗ danke auf, ſelbſt an einer ſolchen Verfolgung gegen Leute Theil zu nehmen, die vielleicht nur durch unglückliche Umſtände irre geführt waren. Die Rachepläne, die Charlotte entwickelt, ſtellten das Wohl und Wehe mehr als einer Familie, mehr als einer Privatperſon an den Rand eines ſolchen Abgrundes. Der glänzende Betrug, der dieſelben noch aufrecht erhielt, vermochte dieß nicht mehr lange zu thun. Die Liebe, die ſich jetzt in Eifer⸗ ſucht und Haß verwandelt hatte, erhob hinter ihnen be⸗ reits ihre Hand, nicht blos um ihnen die Maske des Betrugs von den Geſichtern zu reißen, ſondern auch, um ſie in die Tiefe hinab zu ſtürzen. Die Zeit war kurz. Jeder Augenblick war wichtig. Nur ein einziger Gedanke erfüllte Pauls Seele, der Gedanke ihnen zu Hülfe zu eilen und, ſo weit er es vermochte, die Unglücklichen zu retten. Tauſend verſchiedene Pläne gingen ihm durch den Kopf, aber noch führte keiner von ihnen zum Ziel. Einen Augenblick dachte er daran, ſich zu ſeinem Vetter Kellner zu begeben; aber er betrachtete ihn als denjenigen, der von allen am wenigſten bedroht war, und obſchon er den Haß, den dieſer ihm gezeigt, gerne ver⸗ geſſen hätte und jetzt in der Stunde des Unglücks ihm zu Hülfe geeilt wäre, ſo fürchtete er dennoch, nur mit Kälte und Verachtung aufgenommen und abgewieſen zu werden. Weit eher glaubte er, Urſache zu haben, ſich zu Gabriele zu begeben; aber was er ihr ſagen ſollte, war von ſo aufregender Natur, daß ihm der Muth ge⸗ brach, es vorzutragen. Naach vielen Ueberlegungen beſchloß er endlich, Gour⸗ ville und Waldhahnenfuß aufzuſuchen, und je mehr er 138 lüer dieſen Entſchluß nachſann, um ſo beſſer erſchien er ihm. Von Charlotte hatte er erfahren, daß Waldhahnen⸗ fuß ſich im Café London aufhielt, und er begab ſich alſo dahin. Paul hatte noch niemals dieſe Gäßchen beſucht, wo die Verachtung aller guten Ordnung haust, wie wenn jeder Tag der letzte wäre. Obſchon mit ſich ſelbſt einig, konnte er doch ein Gefühl des Unbehagens nicht überwinden, als er ſich in die Schifferkarlsgaſſe hinabbegab. Mit noch größerem Widerwillen betrachtete er die Thüre des Cafés, aber nachdem er einmal über den Rubikon geſetzt hatte, ſo verſchwand auch alle Unſchlüſſigkeit. Als er in die Wirthsſtube trat, ſah er ſich forſchend um, weil er hier überall etwas Ungewöhnliches zu ſehen erwartete, aber zu ſeiner Verwunderung fand er lauter ganz alltägliche Sachen. Paul war in die Geheimniſſe Stockholms zu wenig eingeweiht, um zu bedenken, daß der Tag noch nicht ſonderlich weit vorangeſchritten und daß es erſt am Abend, aber auch da nicht Jedermann erlaubt war, einen Blick hinter die Couliſſen zu werfen. Er war zwar auf der Treppe einigen Perſonen von zweideutigem Ausſehen begegnet, aber dieſe waren an ihm vorübergegangen, ohne ihn auf irgend eine Weiſe zu beunruhigen. Am Schenktiſch im Kaffeezimmer ſaß eine Mamſell und las einen Roman. Im Uebrigen war Alles ſtill und ruhig. Sobald er die Thüre zugemacht hatte, erhob ſich die Mamſell und fragte ihn, was er befehle. Paul bemerkte nur zu gut, daß ſie dabei einen ſehr fragenden und prüfenden Blick auf ihn heftete; inzwiſchen aber verrieth ihr ganzes Ausſehen eine ſolche Gleichgül⸗ tigkeit, daß er nicht weiter darüber nachdachte. „Iſt Madame zu Hauſe?“ fragte Paul als Autwort auf die Frage des Mädcheus.„Ich wünſche mit ihr zu ſprechen.“ — —————& 139 „Sie iſt im Augenblick ausgegangen; aber wenn Sie mir ſagen, was Sie wollen, ſo bin ich an ihrer Stelle da. Sie brauchen nur zu befehlen, mein Herr.“ Es lag in den letzten Worten des Mädchens etwas ſo eigenthümlich Bedeutungsvolles und Unerwartetes, daß Paul ſich einen Augenblick beinah verlegen fühlte. Hier war jedoch nicht der Ort, ſich von ſolchen Eindrücken leiten zu laſſen. „Hören Sie, meine Liebe,“ ſagte er,„iſt hier nicht ein Mädchen, Namens Anna, die Königin der wilden Jagd? Ich wünſchte ſie zu ſprechen.“ Die Kellnerin betrachtete ihn forſchend. „Kennen Sie Anna?“ fragte ſie dann. „Das juſt nicht, aber ich habe von ihr gehört und möchte ſie kennen lernen.“ „Ich vermuthe, daß Sie ein rechtſchaffener Mann ſind,“ bemerkte die Mamſell,„und daß Sie nicht hieher kommen, um uns Unannehmlichkeiten zu bereiten.“ „Seien Sie in dieſem Fall vollkommen ruhig. Als Beweis, daß ich es nicht böſe mit Ihnen meine, behalten Sie dieß für Ihre eigene Rechnung.“ Paul warf dabei einen Speciesthaler auf den Schenktiſch. „Führen Sie mich jetzt zu Anna, ich habe Eile.“ Der Widerſtand des Mädchens war überwunden. Sie nahm einen kleinen Schlüſſel aus einer Schublade im Schenktiſch und bat Paul, ihr zu folgen. „Einen Augenblick darauf öffnete ſich die eiſerne Thüe⸗ die eine Treppe hinauf führte, und Paul ſtieg inan. Es war das erſte Mal, daß er ſich an einem ſolchen Ort befand, und er konnte eine gewiſſe Neugierde nicht unterdrücken. „Im Zimmer Nro. 4, rechts!“ rief die Mamſell ihm nach, die unten an der Treppe ſtehen geblieben war. 140 „Anna wird Ihnen den Weg zeigen, wenn Sie wieder gehen wollen.“ Darauf ſchloß ſie die eiſenbeſchlagene Thür hinter ihm und er befand ſich allein auf der Treppe. Paul empfand ein ganz eigenthümliches Gefühl, ging jedoch dreiſt hinein. Als er auf den Gang eine Treppe hoch kam, ſah er mehrere numerirte Thüren auf den Seiten und ent⸗ deckte bald Nro. 4. Er trat ein. Das Zimmer Nro. 4 war ſehr klein. Auf der einen Seite ſtand ein kleiner Sofa, auf der andern ein Bett, umgeben von weißen Flor⸗Draperien. Ein Toilettenſpiegel mit ſeinem Tiſch und ein paar Stühle füllten die Zwiſchenräume aus. Die Wände waren mit Lithographien von allerlei leicht⸗ ſinnigem Inhalt behangen. Das Licht fiel durch ein einziges Fenſter herein, an welchem Anna ſaß, mit einer Näharbeit beſchäftigt. In der Fenſtervertiefung ſtanden ein paar Blumen⸗ töpfe und ein Vogelkäfig, worin ein paar Kanarienvögel zwitſcherten. Sobald Anna bemerkte, daß Jemand zu ihr herein⸗ kam, ſprang ſie ihm ſogleich entgegen. „Ach wie freut es mich, daß Jemand kommt!“ ſchwatzte ſie,„ich fing juſt an Langeweile zu bekommen. Bleiben Sie nicht da ſtehen, ſondern treten Sie vor, ſo werden Sie ſehen, daß ich ein artiges Mädchen bin. Setzen Sie ſich hier auf den Sofa. Aber mein Gott, was will das heißen? Sie bewegen ſich ja nicht vom Platze.“ „Du heißeſt doch Anna?“ unterbrach Paul ſie. „Eine wunderliche Frage, Herr. Was kann Ihnen daran liegen, wie ich heiße?“ „Man nennt Dich auch die Königin der wilden Jagd?“ „Das iſt ein bloſer Scherz, Herr; eigentlich habe ich hier einen ganz andern Namen.“ 141 „Einen andern Namen?“ „Warum wundert Sie das? Sie baben meinen rechten Namen draußen an der Thüre geleſen.“ „Wie ſo? An der Thüre?“ „Erſcheint Ihnen das ſo kurios? Es verſteht ſich ja von ſelbſt, ſonſt hätten Sie den Weg hieher nicht ge⸗ funden.“ „Sollte man mich falſch gewieſen haben? biſt Du Anna, die Königin der wilden Jagd?“ „Ich kann Ihre Frage ſowohl mit ja, als mit nein beantworten. Aber das iſt doch recht luſtig. Ich glaube, daß Sie mich nicht recht verſtehen.“: Anna klatſchte vergnügt in die Hände und lachte von ganzem Herzen. „Haben Sie die Güte und ſagen Sie mir, wie Sie heißen,“ fiel inzwiſchen Paul ein;„wenn ich irre gegangen bin, ſo entferne ich mich ſogleich. Ich ſuche ein Mädchen, das Anna heißt.“ „Und Sie haben ſie gefunden.“ Anna fuhr fort zu lachen und in die Hände zu klatſchen. „Die Anna, die ich ſuche, wird auch die Königin der wilden Jagd genannt.“ „Und ich antworte Ihnen, daß Sie ſie auch gefun⸗ den haben; aber das iſt doch recht luſtig.“ „Sie ſagten gleichwohl ſoeben, daß Sie auch noch anders heißen.“— „Ich ſagte, daß ich nicht blos anders heiße, ſondern daß ich hier eigentlich recht und ſchlecht...“ „Nun wie heißen Sie denn?“ „Nummer 4, mein Herr, Nummer 4.“ Anna glaubte hiemit eine Erklärung abgegeben zu haben, die nicht blos genügend, ſondern auch von der Art wäre, daß ſie Jedermann Luſt zum Lachen erregen müßte; wenigſtens überließ ſie ſich ſelbſt dieſem Ver⸗ gnügen mit einer Leidenſchaft, die Paul beinahe in Ver⸗ legenheit ſetzte. „Aber in aller Welt,“ ſchwatzte ſie endlich, indem ſie ſich ſchnell unterbrach,„Sie ſcheinen meinen Namen nicht ebenſo drollig zu finden, wie ich. Und nun, das mag wohl ſein, aber wenn er auch nicht ſo luſtig iſt, ſo iſt er doch wenigſtens von Madame ganz pfifſig ausgedacht.“ Paul ließ ſie reden und hörte blos zu, er wollte einen Augenblick ihren Charakter ſtudieren. „Ich ſage pfiffig; aber darum bekümmern Sie ſich nicht, das merke ich ſchon... Treten Sie jetzt nur vor und ſtehen Sie nicht ſo da... es iſt langweilig, die Herrn ſo daſtehen zu ſehen, kommen Sie doch.“ Anna ergriff Pauls Hand, und er that, wie ſie wollte. „Ach, Sie müſſen wiſſen, daß ich es heute recht langweilig gehabt habe, weil ich zufällig ein altes Buch in die Hand bekam... Ich bin jetzt wieder an einem ganz dummen Kapitel... aber ſo ſprechen Sie doch ein Wort, beſter Herr, damit ich weiß, ob Sie wünſchen, daß ich lachen oder weinen ſoll.“ Scherz und Lachen waren inzwiſchen von Annas Lippen verſchwunden, und als ſie jetzt ihre Augen nieder⸗ ſchlug, ſah Paul, daß eine Thräne ihre Wimpern feuchtete. Er ergriff ihre Hand. „Armes Kind!“ ſagte er. „Warum ſprechen Sie ſo? Ich habe mich über nichts zu beklagen. Wenn ich irgend etwas bin, ſo bin ich nicht ein armer Tropf, ſondern nur eine große När⸗ rin. Aber Sie ſind bereits unzufrieden mit mir und das dürfen Sie nicht bleiben. Ich laſſe Sie nicht los, bis Sie wieder zufrieden werden.“ Paul hörte ſie mit aufrichtiger Theilnahme an. Er hatte noch nie eine Perſon geſehen, bei welcher Freude und Kummer ſo leicht wechſelten wie bei ihr. „Du ſagteſt,“ bemerkte inzwiſchen Paul,„ohne ihr 143 ſeinen innerſten Gedanken mitzutheilen,„daß es von Madame ganz pfiffig ſei, daß ſie Dich numerirt habe.“ „Das dürfen Sie glauben, Herr, o Madame weiß wohl, was ſie thut. Fürs Erſte, ſehen Sie, Herr, kann ich ja ſterben.“ „Das begreife ich.“ „Aber Nro. 4 kann niemals ſterben, das werden Sie ſicherlich auch begreifen, und ſehen Sie, Herr, wenn jetzt jemand eine kleine Neigung für mich faſſen ſollte, ſo bin eigentlich nicht ich es, die er liebt, ſondern Nro. 4, und die Nummer wird immer wieder ausgefüllt..., Das iſt doch gewiß recht luſtig, finden Sie es nicht auch ſo? Denn wenn man die Sache wohl überlegt, ſo lie⸗ ben unſre Gäſte nicht juſt Anna oder Aennchen oder Betty, ſondern blos eine Nummer.... Im Uebri⸗ gen...“ „Fahren Sie fort.“ „Im Uebrigen iſt die Nummer der Ordnung halber gut. Alle Brünetten haben z. B. ungleiche Nummern und alle Blondinen gleiche. Außerdem...“ „Außerdem?“ „Außerdem ſehen Sie, Herr, behält man nicht immer dieſelbe Nummer. Als ich hieber kam, bekam ich Nro. 2, jetzt habe ich Nro. 4, bald werde ich Nro. 6 haben, zu⸗ letzt 8 und 10 oder 12, und dann... dann iſt meine Jugend dahin. Madame gibt mir blos eine Nummer und ich weiß mein Urtheil.“ „Und dann?“ „Dann gehöre ich wieder der Straße an, gerade wie ich ihr angehörte, als ich das erſtemal hieher kam. Aber das iſt gar nicht der Mühe werth, daran zu denken. Man muß lachen und das Leben luſtig nehmen, ſo lange man jung iſt. Tanze, ſo lang Du darfſt, bald iſt es aus mit dem Tanze, heißt es.“ Anna lachte wieder; aber Paul bemerkte jetzt, daß ihr Lachen mit ſeinem beſchwingten Fuße, ſowie man 144 das Glück zu zeichnen pflegt, auf einer Kugel ſtand; allein die kleine Kugel, auf welcher das Lachen hier ſtand, war eine Thräne. Er konnte ſich nicht täuſchen und er beſchloß wo⸗ möglich noch einen tieferen Blick in ihr Herz zu werfen. Zwar hatte ihm bereits die ſchwarze Charlotte in ihrer Erzählung einen Begriff von Anna gegeben, aber er wollte ſie jetzt auch ſelbſt prüfen. „Die Sprache iſt davon,“ ſagte Paul,„daß Du es heute ſo langweilig gehabt habeſt, weil Du zufällig in einem alten Buche laſeſt. Willſt Du mir ſagen, was für ein Buch das war?“ „Von Herzen gern, Herr; aber es iſt nur eine neue Dummheit von mir und beweiſt blos, daß ich, wie ich ſo eben ſagte, eine große Närrin bin. Aber ich fürchte, Sie finden es langweilig bei mir.“ „Mach Dir darum keinen Kummer.“ „Verſprechen Sie mir, wenigſtens Madame nicht ſagen zu wollen, daß ich langweilig ſei, denn ſie wird ſonſt böſe, und ich habe ſchon ſo manchen Verdruß dar⸗ über gehabt, daß man behauptete, ich ſei in den letzten Monaten mürriſch und unfreundlich gegen die Gäſte ge⸗ worden. Aber Sie ſehen ſo gut und freundlich aus, Herr, daß ich nicht glauben kann, daß Sie es böſe mit mir meinen, und ich kann ja auch nicht dafür, daß ich nicht mehr dieſelbe bin. Ich bemühe mich zwar, ſo luſtig als möglich zu ſein, aber... aber...“ „Unterbrich Dich nicht.“ Anna antwortete nicht, ſondern wandte ſich ab und ſuchte verſtohlen eine Thräne aus ihrem Auge zu wiſchen. „Du vergiſſeſt das Buch, um das ich Dich fragte.“ „Das Buch, ja, richtig. Aber davon iſt ja nichts zu ſprechen. Es iſt ein altes Buch, Herr, das mich an meine Kindheit erinnerte. Verzeihen Sie mir, aber ich rede nicht gerne davon. Es liegt da, im Fall Sie es ſehen wollen, Herr.“ 1 145⁵ Paul nahm das Buch, das neben ihrem Nähzeug auf dem Tiſche lag, und als er es aufſchlug, fand er, daß es das neue Teſtament und der Pſalter war. Auf der ungedruckten Seite neben dem Titelblatt ſtand geſchrieben: „Für Anna als koſtbare Erinnerung an den 24. Juli 18.. Pſalm 119, Vers 106.“ Paul ſchlug den Pſalm und den Vers auf. Er las: „Ich ſchwöre und will es halten, daß ich die Rechte Deiner Gerechtigkeit halten will.“. Obſchon Paul ſehr wohl verſtand, was ſie empfunden haben mußte, ſo behielt er doch dieſelbe Gleichgültigkeit bei, wie früher.. „Von wem haſt Du dieſes Buch bekommen?“ fragte er blos. „Ich bekam es von meinem Lehrer,“ antwortete Anna mit kaum hörbarer Stimme,„als ich das erſte Mal zum heiligen Abendmahl ging. Ich war damals noch Kind,“ fügte ſie hinzu,„jetzt dagegen... aber laſſen Sie uns jedenfalls von etwas anderem reden,... ich könnte recht zu weinen anfangen, wenn ich au all die Sachen denke. Es iſt weit beſſer für mich, daß ich lache, um ſo mehr, als ganz gewiß eine Zeit kommen dürfte, wo ich weinen muß. Nun laſſen Sie uns jetzt an etwas Geſcheidteres denken. Sie ſagten doch, Sie wollen Auna, die Königin der wilden Jagd, treffen? Nicht wahr?“ „Darin haſt Du recht.“ „Und nun haben Sie ein winſelndes Mädchen ge⸗ troffen, das nichts als das Maul verziehen kann; ich möchte darüber lachen.“ Und Anna lachte wirklich wieder, wie wenn ſie ihr ganzes Leben lang an nichts anderes gedacht hätte, als fröhlich und vergnügt zu ſein. 1 Das Geyiſſen. v. 10 „Ich begreife nicht recht, warum Du jetzt lachſt.“ „Sie begreifen es nicht?“ „Iſt es nicht vielleicht zum Lachen, daß ich jetzt daſitze und weine, und daß Sie mit dem neuen Teſta⸗ ment vor ſich daſitzen? Ich bin überzeugt, daß 99 unter 100 dies ſehr komiſch finden würden. Wollen Sie jetzt das Buch weglegen und hieher kommen?“ Paul kam ihrem Wunſche nach; aber als er ſich an ihre Seite ſetzte, ergriff ſie ganz vertraulich ſeine Hand, beugte ſich zu ihm vor und blickte ihm in die Augen. „Sie müſſen doch ein guter Menſch ſein,“ ſagte ſie endlich,„weil Sie allen andern, die ich noch hier geſehen habe, ſo ungleich ſind.“ „Meinſt Du das?“ „Und dann fragten Sie auch nicht nach Nr. 4, ſon⸗ dern nach Anna.. nicht wahr? Gewiß haben wir einander ſchon früher gekaunt; nur haben Sie ſich meiner erinnert, während ich Sie vergeſſen habe. Deshalb liebe ich Sie jetzt auch recht herzlich. Wir haben einander ſchon früher geſehen, nicht wahr?“ „Du liebſt mich, ſagſt Du?“ „Sollte ich nicht? Da Sie mich lieben, ſo muß ich doch Sie auch lieben. Sie haben ja doch wirklich mich geſucht und keine andere?“ „Wie ich Dir geſagt habe. Ich wollte keine andere treffen. Darf ich eine Gewiſſensfrage an Dich ſtellen? Es verſteht ſich, ich wünſche, daß Du mir aufrichtig ant⸗ worten ſollſt.“ „Fragen Sie, Herr, fragen Sie. Ich täuſche nie Jemand, lieber wollte ich ſchweigen.“ „Die Gemälde da, die hier an der Wand hängen, gehören doch nicht Dir?“ „Sie gehören der Madame.“ „Und das Bett, und der Sofa und die Toilette?“ „Auch ſie gehören der Madame.“ Paul konnte ſeine Verwunderung nicht unterdrücken. 7 147 „Und die Blumen?“ „Sie gehören mir.“ „Und die Vögel?“ „Auch ſie ſind mein.“ „Das dachte ich mir doch.“ „Das iſt ſonderbar... Sie glaubten es, Herr. Aber warum glaubten Sie es?“, „Darum, weil ich überzeugt bin, daß Du ein gutes Mädchen biſt, Anna.“ „Das kommt darauf an. Ich bin nicht immer ſo gut. Ich habe meinen Kopf, das dürfen Sie glauben, Herr, obſchon er in den letzten Zeiten viel ſchwächer ge⸗ worden iſt als vorher.“ „Du liebſt die Blumen?“ Anna lächelte herzlich und ſprang von ihrem Platze auf und zu den Blumen. „Ich bin überzeugt, Herr, daß Sie auch ein großer Büumenfteund ſind, Herr. Sagen Sie mir ernſtlich, ſind ie es?“ „Du täuſcheſt Dich nicht. Ich liebe wirklich die Blumen ſehr.“ „Ich dachte mirs. Sehen Sie dieſe Camelia hier, wie ſchön ſie iſt.“ „Ja wirklich.“ „Werden Sie mir wohl glauben, wenn ich Ihnen ſage, daß ich ordentlich darein verliebt bin.“ „Warum ſollte ich denn Deine Worte bezweifeln?“ „Wie glücklich machen Sie mich! Sie ſagen, daß Sie mir glauben.“ Ohne noch mehr zu ſprechen, brach Anna die be⸗ wunderte Camelia. Paul hinderte ſie nicht daran. Mit der Camelia in der Hand begab ſie ſich jetzt an den Spiegel und ſtrich gewandt ihr Haar zurück, ſo daß Stirne und Geſicht frei wurden und die reine Form der⸗ ſelben ſich in ihrer ganzen einfachen natürlichen Schön⸗ heit zeigte. Darauf befeſtigte ſie die Blume zierlich in 148 ihrem Haar. Auf ſolche Art geſchmückt, kehrte ſie mit verführeriſchem Lächeln zu Paul zurück. „Sie ſagen gar nichts?“ ſchwatzte ſie jetzt.„Steht mir die Blume vielleicht nicht gut? Ei wie, Sie ſehen mich ſo düſter an, und Ihnen zu Liebe habe ich doch das Koſtbarſte gebrochen, was ich beſaß.“ Die Blume ließ ihr unläugbar gut, und dennoch fand Paul keinen Gefallen an dieſer Koketterie. Anna bemerkte feinet Gedanken und wurde unzu⸗ frieden mit ſich ſelbſt. Sie riß ſogleich die Blume aus dem Haar und warf ſie auf den Boden. Verdrießlich ſank ſie dann wieder auf den Sofa. Dieſe Veränderung in ihrer Laune war augenblicklich. „Sie ſind mit mir unzufrieden,“ ſagte ſie. „Juſt nicht unzufrieden, obſchon“.. „Sagen Sie jedenfalls nichts zu mir; ich ſehe ſchon ein, daß es dumm von mir war, vor Ihnen zu kokettiren und mich ſchön machen zu wollen; aber jedenfalls“... Anna verſtummte. „Jedenfalls,“ wiederholte Paul. „Jedenfalls kann ich verſichern, daß Sie der Einzige ſind, vor dem ich ſchon ſeit vielen, vielen Jahren einiger⸗ maßen hübſch auszuſehen gewünſcht habe. 8 „Und ich kann mich auf das verlaſſen, was Du ſagſt?“ Anna führte die Hand an ihr Herz. 4 „Ach Herr, glauben Sie, daß ich für irgend einen Andern meine ſchöne Camelia gebrochen haben würde, die ich ſelbſt gepflanzt, ſelbſt gepflegt habe? Ich kann ſagen, daß ſie die letzte Blume meines Herzens war. Jetzt iſt es damit vorbei, jetzt iſt ſie todt.“ „Aber warum thateſt Du das für mich? Du kennſt mich ja nicht.“ 1 3 3 „Das mag ſein, aber Sie wollten keine andere hier treffen als mich; Sie haben in dieſem Buch da geleſen und nicht darüber gelacht, daß es ſich bei mir vorfand; ich ganz uneigennützig ſei⸗ 149 Sie haben mit mir von meinen Blumen geſprochen, und Sie haben nicht geglaubt, daß dieſe garſtigen Bilder da von mir herkämen; dann haben Sie mich auch ſo freund⸗ lich angeſehen. Ich verſpreche Ihnen, mein Herr, daß es das letztemal war, daß eine Camelia in mein Haar kam. Ich verſtehe nur Eines nicht.“ „Laß hören, was Du nicht verſtehſt.“ „Aber Sie werden vielleicht wieder böſe auf mich, wenn ich es ſage.“ „Fürchte das nicht. Ich verſpreche, nicht böſe auf Dich zu werden.“ „Warum Sie hieher gekommen ſind, und noch über⸗ dies warum Sie gerade zu mir gekommen ſind?⸗ „Die Urſache iſt ganz einfach die, daß man mir geſagt hat, Du ſeieſt ein gutes Mädchen.“— Annna ſenkte ihren Kopf und legte ihre Hand auf's Herz, während die Wangen ein wenig errötheten. „Wer hat es geſagt? Gibt es wohl Jemand, der mich kennen will?“ „Ich habe mit der ſchwarzen Charlotte von Dir geſprochen.“ „Ah, ich verſtehe, ſie iſt auch ein gutes Mädchen, obſchon ich ſie nicht immer begreife.“ „Ferner bin ich hieher gekommen, um Dich zu fra⸗ gen, ob Du nichts wünſcheſt.“ „Ob ich nichts wünſche? Ich verſtehe nicht... ob ich nichts wünſche?“ Anna ſchien bei ſich ſelbſt zu überlegen. „Du glaubſt vielleicht,“ ſiel Paul wiederum ein,„daß 9 g aber das bin ich nicht; ich wünſche auch etwas von Dir.“ „Iſt das wirklich wahr?... wollen Sie etwas von mir, Herr?... laſſen Sie hören... ach wenn ich doch zu etwas nützlich ſein könnte!“ »Ich nehme an, daß Du nichts dagegen hätteſt dieſes Haus hier zu verlaſſen.“ Fegen vinteß, 1⁵⁰ Anna fuhr auf. „Das Haus zu verlaſſen?“ „Eine eigene Heimath zu haben, unabhängig zu ſein, allein ſein zu dürfen, wenn Du willſt, zu gehen und zu kommen, wenn Du Luſt haſt.“ Eine unausſprechliche Frende belebte Anna immer mehr. Die Augen funkelten mit einem höheren Glanz und ihre Stirne hob ſich. „Und was wünſchen Sie von mir, Herr... ich will es wiſſen.“ „Ich will eine Perſon treffen, von der ich weiß, daß ſie ſich hier im Hauſe vorfindet; ich will Waldhah⸗ nenfuß treffen, Mathilde.“ Die Freude in Anna's Geſicht erloſch dabei auf ein⸗ mal und ihr Haupt ſank wieder hinab. „Du antworteſt mir nicht.“ „Sehen Sie, Herr, dies kommt daher, weil ich auf Ihren Vorſchlag nicht eingehen kann.“ „Warum nicht?“ „Sie wollen Waldhahnenfuß treffen, Herr?“ „Ja gewiß.“ „Und ich werde es nicht erlauben, Herr, nicht ein⸗ mal, wenn mir die Madame unten befehlen würde, Ihnen den Weg zu zeigen. Lieber mag man mich auf die Straße werfen. Sie hineinzulaſſen... nein, nein, nie. Jeden andern, aber Sie nicht, Herr.“ „Warum juſt mich nicht?“ Weil... aber das iſt ganz gleich... ich verſtehe mich auf ſolche Dinge. Kurz und gut, es wird nichts daraus, denn Sie ſind gefährlicher als andere, und auch Waldhahnenfuß iſt doch blos ein Mädchen. Der Bos⸗ heit zund Unverſchämtheit kann ſie wohl widerſtehen, aber Sie ſehen ſo gut aus... Sie ſprechen ſo mild... und dann verſtehen Sie ſich auch auf uns und unſere Schwachheiten. Nein, Herr, glauben Sie mir, daß Sie, we⸗ nigſtens ſo lange ich da bin, nicht zu Waldhahnenſuß hinein⸗ kommen können. Gott bewahre mich, ich weiß, was ein Leben voll Elend bedeuten will, und um Alles in der Welt würde ich Waldhahnenfuß nicht daſſelbe wünſchen. Sie hat ſich in meinen Schutz begeben und ich verlaſſe ſie nicht— o nein... da kennen Sie Anna nicht, dazu gibt ſie ſich nicht her.“ Paul freute ſich lebhaft über den warmen und ge⸗ treuen Schutz, weichen Anna Waldhahnenfuß angedeihen ließ. t„Aber ich habe nichts Böſes mit Waldhahnenfuß vor, das verſichere ich Dich.“ „Ei gehorſamer Diener, ſo ſagen ſie alle, bis ſie ihren Willen durchgeſetzt haben. Sie wollen, behaupten Sie, das Mädchen blos ſehen und höchſtens ein Paar Worte mit ihr ſprechen; aber ich weiß, was es heißen will, einen Mann recht tief in's Auge blicken zu laſſen .. nein, ich danke; und dann Ihnen zuzuhören, wenn Sie ſo ſprechen, daß das Herz zu pochen anfängt. Mei⸗ nen Sie vielleicht, daß das gar nichts heißen wolle?“ Anna begann wieder in die Hände zu klatſchen und herzlich zu lachen. Paul wurde jedoch deſſen bald überdrüſſig und er⸗ hob ſich. „So hör' doch einmal mit dieſem einfältigen Lachen auf,“ ſagte er;„ich muß Mathilde ſehen und ſprechen.“ „Darauf antworte ich nein.“ „Wann Du es gut mit ihr meinſt, ſo mußt Du mich zu ihr führen. Wo befindet ſie ſich?“ „An einem Ort, wohin Sie nie gelangen werden.“ „Du willſt ſie ja doch heute Abend von hier weg⸗ bringen.“ „Was ſagen Sie da?“ „Geſtern Abend warſt Du mit ihr im Theater.“ Und wenn ich das auch war?“ „Und heute Abend willſt Du auf den Maskenball gehen.“ 152 „Das hat die ſchwarze Charlotte Ihnen geſagt.“ „Allerdings.“ „Das iſt höchſt ſonderbar... aber da Sie es ein⸗ mal wiſſen, ſo will ich es auch nicht läugnen. Die Sache ſollte ſonſt ein Geheimniß zwiſchen ihr und uns ſein.“ „Du liebſt ja Mathilde und willſt es ſicherlich nicht veranſtalten, daß ſie auf irgend eine Weiſe einer Intrigue Preis gegeben werde, welche ſie tief kränken müßte.“ „Darin haben Sie Recht.“ „Und die ſchwarze Charlotte hat eine ſolche Intrigne im Sinn.“ „Sie hat mir geſagt, daß ſie blos aus Freundſchaft für Waldhahnenfuß ihr ein Vergnügen gönne.“ „Sie hat Dich betrogen. Charlotte iſt eine gute Freundin von einer Mamſell Michelſen. Erſtere will ſich an dem Löwen rächen, der ſie aufgegeben, und Letztere an dem Großhändler Kellner, der ſie ſeiner Neigung für Waldhahnenfuß geopfert hat. Begreifſt Du jetzt? Beide haben ſich zu einem und demſelben Plan verbunden.“ „Ich verſtehe, ich verſtehe, aber da iſt leicht abge⸗ holfen. Ich bleibe mit Mathilden daheim und bekümmre mich nichts um den Maskenball, ſo luſtig es auch ſonſt ſein mag, ihn zu beſuchen.“ Dieſer Beſchluß ergab ſich ganz natürlich, widerſtritt aber der Abſicht Pauls, weil er, um verſchiedene Sachen, die er wiſſen mußte, deutlich und klar ausmitteln zu können, Waldhahnenfuß auf dem Maskenball zu ſehen wünſchte, dort aber ſie vor dem Schimpf retten wollte, den Charlotte und Michelſen ihr zudachten. „Das geht nicht an,“ antwortete daher Paul,„ſie muß hinkommen.“ Anna heftete einen verwunderten und fragenden Blick auf ihn. „Wie ſo?“ bemerkte ſie,„Sie ſagen, daß eine Ge⸗ fahr ihr dort drohe, und dennoch wünſchen Sie, daß ſie hingehen ſolle? Ich kann das nicht begreifen.“ 153 Paul fand, daß ſie Recht hatte, und überlegte, was er antworten ſollte. „Wenn ich fragen darf, ſo möchte ich wohl wiſſen, wer Sie ſind, mein Herr; ich bin ſo oft von Männern betrogen worden, daß ich ihnen juſt nicht zu viel vertraue, und obſchon Sie ſo gut und freundlich ausſehen, ſo... ſo... ſon... „Ich habe nicht nöthig, ein Geheimniß aus meinem Namen zu machen; ich heiße Paul Kellner.“ Anna richtete ſich auf, als ſie dieſen Namen hörte. Ueber ihr ganzes Weſen breitete ſich Etwas, das man Entzücken nennen könnte. „Paul Kellner,“ ſprach ſie;„ich weiß, ich weiß... Sie waren es, der Mamſell Fanny und Heinrich vor dem Ertrinken rettete. Ach mein Gott, daß Sie mir das nicht ſogleich ſagten, daß ich es nicht ſogleich in Ihrem Geſicht leſen konnte! Sie haben ihn, Heinrich, gerettet. Gebie⸗ ten Sie über mich, Herr Paul. Ich führe Sie ſogleich zu Mathilde, ſogleich. Derjenige, der Heinrich gerettet hat, kann es mit keinem Menſchen böſe meinen. Ich glaube Alles, was Sie ſagen, ich thue Alles, was Sie verlangen. Sie haben über mich zu befehlen.“ Pauls Name hatte wie ein Zauberſchlag gewirkt, und er wollte dieſen Umſtand benützen und ſie bitten, ihn zu Mathilde zu führen, als eben jetzt ein heftiger Lärm von unten gehört wurde. Unwillkürlich thaten ſich Beide Einhalt, indem ſie auf das ungewöhnliche Getöſe lauſchten. „Was bedeutet das?“ fragte er. Anna fuhr noch fort zu lauſchen. „Es iſt nichts,“ antwortete ſie endlich,„nichts.“ Aber ihre Blicke drückten das Gegentheil aus, und Paul ahnte, daß ſich etwas Eigenthümliches unter ihnen zutrug. Das Getöſe glich einem lärmenden Beifallsſturm von mehreren Perſonen. „Sie wollen ja mit Mathilde ſprechen,“ ſiel Anna ein, gleichſam um ſeine Aufmerkſamkeit von dem Getüm⸗ mel abzulenken.“ „Zuerſt mußt Du mir ſagen, was dieſes Getöſe bedeutet. Ich ſehe, daß Du es weißt.“ „Wenn ich es auch wüßte, ſo ſehen Sie wohl ein, daß ich nicht von Allem ſchwatzen darf, was hier geſchieht, denn ich gehöre ja zum Hauſe.“ „Aber Du haſt ja Vertrauen zu mir, Anna, und ich will, daß Du mir ſagſt, was hier vorgeht. Ich habe meine wichtigen Gründe, es erfahren zu wollen... „Laſſen Sie mich Ihre Gründe hören.“ „Meine Abſicht iſt, wo möglich dieſes ganze Neſt aufzuheben. Ich habe etwas davon gehört und das ge⸗ nügt. Das Geſpräch mit Dir hat mich in meinem Ent⸗ ſchluſſe befeſtigt. Fürchte nicht, daß ich Jemand anzuge⸗ ben gedenke, nicht einmal die Eigenthümerin des Hauſes. Ich will blos die Geſellſchaft von dem Krebsſchaden ret⸗ ten, den ich hier entdeckt habe, und ich will Dir und Deinen Freunden aus dem Abgrunde des Verderbens helfen, worein ihr gefallen ſeid. Vertraue Dich mir an. Wenn Alle ſo ſind wie Du, ſo werdet ihr Gott für meine Abſicht danken. Ich habe nur euer eigenes Beſtes im Auge. Du glaubſt mir... ich ſehe es Dir an. Nun willſt Du mir ſagen, was da unten vorgeht?“ Anna hatte Paul mit einer Miene angehört, die von eben ſo großer Rührung als Bewunderung zeugte. „Sie wollen uns von hier forthelfen... allen... allen... und dazu bin ich eine kleine Veranlaſſung. O mein Gott, mein Gott, wie glücklich machen Sie mich! Aber es iſt ja wahr“... „Was iſt wahr?“ „Daß Sie auch Herr Paul Kellner ſind, der einmal mit eigener Lebensgefahr Heinrich rettete.“ Ohne daran zu denken, hatte Anna ihm die größte Artigkeit geſagt, die man ihm je gemacht hatte. A A 1⁵⁵ „Willſt Du mir ſagen, was ſich da unten zuträgt?“ Das Vertrauen, das Anna zu Paul gefaßt hatte, zeigte ſich ganz deutlich. Sie neigte ihren Kopf bald auf die eine, bald auf die andere Seite, während ſie ihn unaufhörlich betrachtete, zwar ſchweigend, aber mit einer ſolchen Ergebenheit im Blick, daß dieſer mehr ſprach als alle Worte. Dabei vergaß ſie alles Andere gäuzlich, nicht blos die Frage, die er an ſie gerichtet hatte, ſon⸗ dern auch das Getöſe im untern Stock, ja ſogar Ma⸗ thilde, die ihr ſonſt ſo ſehr am Herzen lag. „Ach Herr Paul... es iſt mir noch nie ſo wunder⸗ lich zu Muth geweſen wie jetzt. Ich bin ſo fröhlich ... ſo vergnügt“... Und eine Freudenthräne rollte über die Wange des gutherzigen Mädchens hinab. „Ich bin Dir gut, Anna, ich verſpreche Dir, daß es Dir noch ganz gut gehen ſoll, wenn Du mir künftig nur gehorchen willſt.“ „Ich verſpreche das.“ „Aber erkläre mir jetzt die Urſache des Getöſes da unten.“ „Ich habe das beinahe vergeſſen... aber Sie machen mich doch nicht unglücklich und auch ſonſt Nie⸗ mand?“ „Du Närrin, das habe ich Dir ja ſchon geſagt.“ „Nun wohl denn, der Löwe iſt da unten.“ „Gourville?“ Anna erblaßte, als Paul den Namen des Chevaliers nannte. „Jedenfalls ſtill!“ bat ſie;„ich glaube, daß der Löwe ſich manchmal auch dieſes Namens bedient; aber ich weiß es nicht beſtimmt. Man flüſtert zwar immer davon, aber wenn er erführe, daß wir es wüßten, ſo wären wir unglücklich. Um Gotteswillen ſagen Sie es nicht. Der Löwe iſt mächtiger, als wir glauben. Sein Haß hat lange Arme, und wir wiſſen nicht, ob er ein 156 vornehmer Mann oder einer von unſerem Gelichter iſt. Still... hören Sie.... jetzt ſchwatzt man wieder drunten.“ „Was für Leute hat er bei ſich?“ „Creti und Pleti... es iſt nicht leicht zu ſagen, was das für Volk iſt.“ 3 „Kann man zu ihm hinein kommen?“ „Der Himmel bewahre Sie davor. Sie würden ſich dadurch ins Verderben ſtürzen. Danken Sie viel⸗ maht Gott, im Fall Niemand weiß, daß Sie nur hier ind.“ „Aber ich muß, ich will ihn treffen.“ „Sie wünſchten ja Mathilde zu beſuchen? Folgen Sie mir.“ Anna wollte ihn dadurch von ſeinen Gedanken au den Löwen ablenken. „Wo befindet ſich Mathilde?“ „Wohl verwahrt. Sie können ohne mich nicht zu ihr kommen. Man hat ſie heute von hier wegführen wollen. Der Großhändler Kellner, der im Theater mit ihr zuſammentraf, hat Madame bereits aufgefordert, ſie auszuliefern; aber ich habe erklärt, Mathilde ſei krank und könne ihr Zimmer nicht verlaſſen. Wollen Sie ſie ſehen? Wir brauchen nicht aus dieſem Zimmer da zu gehen, um ſie zu treffen. Sie ſehen mich verwundert an; aber es iſt wahr, was ich ſage. Sehen Sie, Herr, Alles, um was ich Furcht habe, verwahre ich wohl... wollen Sie zu ihr hinein... ſie iſt hier... „Hier? Wo?“ Anna machte eine ſchalkhafte Miene. „Hinter meinem Bett.“ „Wie?“ „Ich bin mißtrauiſch, müſſen Sie wiſſen, Herr, und deßhalb habe ich das Bett vor ihre Thüre geſtellt, um deſto ſicherer zu ſein. Iſt das vielleicht nicht klug gehandelt?“ „Du haſt Recht, Anna, daß Du um eine Freundin — 15⁵⁷ in Angſt biſt. Aber ich habe jetzt keine Zeit ſie zu be⸗ ſuchen; Du kannſt die Sache ſo gut beſorgen wie ich. Höre mich nur aufmerkſam an.“ „Ich höre.“ „Siehe, da haſt Du Geld; ich weiß, daß es aus⸗ reichen wird.“ Anna machte große Augen. „Du kaufſt für Dich und Mathilde Kleider, um auf den Maskenball zu gehen. Ich will, daß ihr nichts ſparen ſollt. Vor allen Dingen wünſche ich, daß Ma⸗ thildens Koſtüm ausgeſucht ſein ſoll.“ Anna war lebhaft erfreut und klatſchte in die Hände. „Wie gut Sie ſind, Herr Paul! Verlaſſen Sie ſich auf mich. Waldhahnenfuß ſoll als... aber das muß ich erſt überlegen.“ „Ungefähr um neun Uhr Abends erwarte ich euch mit dem Wagen in der Oeſterlangſtraße.“ „Um neun Uhr?“ „Vielleicht komm ich ſchon etwas früher... wie ſoll ich euch dann treffen?“ „Ich weiß ein Mittel.“ „Laß hören.“ „Wollen Sie ſich die Mühe nehmen und in den Gang drunten treten?“ „Und wenn ich das thue?“ „Dann ſtellen Sie eine kleine Klapperjagd an.“ Kaum hatte Anna dieſes Wort ausgeſprochen, als 5 hohe Röthe ihre Wangen färbte und ihr Kopf ſich enkte. „Es iſt wahr,“ fügte ſie leiſe hinzu,„Sie, Herr Paul, können nicht wiſſen, was eine Klappeclagd iſt.“ „Erkläre mirs.“ Verlegen ſchwieg Anna eine Weile und wurde dabei immer röther. „Gott weiß, wie es kommt,“ ſagte ſie endlich,„aber was ich Andern ſonſt immer ohne Mühe ſagen konnte, 15⁵8 das will mir jetzt nicht über die Lippen. Indeß wennt ein... „Nun... „Wenn,“ fuhr ſie zögernd fort,„ein Mann nach eingetretener Dunkelheit ein Mädchen treffen will, das z. B. eine Treppe hoch wohnt, ſo braucht er nur im Gang einmal in ſeine Hände zu klatſchen. Sogleich kommen dann alle Mädchen heraus, die im Stock woh⸗ nen; will er... aber Sie werden böſe auf mich, denn ich ſehe, wie Sie die Augenbranen runzeln.“ 5„Sprich immerhin, Anna, ich werde nicht böſe auf Di 44. „Will er dagegen ein Mädchen treffen, das zwei Treppen hoch wohnt, ſo klatſcht er zweimal, und wünſcht er ein Mädchen vom dritten Stock, ſo klatſcht er dreimal. Bei zwei Klatſchen kommen alle Mädchen vom zweiten Stock heraus, bei drei alle vom dritten u. ſ. w Jetzt verſtehen Sie es doch, Herr Paul?“ „Wie oft willſt Du, daß ich klatſchen ſoll?“ „Ein einziges Mal. Ich werde wohl aufpaſſen und ſogleich mit Waldhahnenfuß herauskommen.“ „Wir ſind darüber einverſtanden. Benütze jetzt die Zeit und mache Dich fertig. Auf dem Weg zum Masken⸗ ball können wir weiter von der Rolle ſprechen, die Du ſpielen ſollſt. Sage mir jetzt, wie ſoll ich den Löwen treffen?““ Anna erſchrak ſichtlich über dieſes neue Begehren. „Sie wollen ſich doch nicht unglücklich machen?“ bemerkte ſie.„Sagen Sie mir lieber, was Sie von ihm wollen, und ich verſpreche es an den Mann zu brin⸗ gen. Vor mir branchen Sie nicht zu erſchrecken. Ob⸗ ſchon ich mich vielleicht wie eine kindiſche Närrin gezeigt habe, ſo beſitze ich doch Muth genug, wenn ich es mit Leuten zu thun habe, wie der Löwe iſt. Ihre Freund⸗ lichkeit war es, die mich ſo weich gemacht hat. Ach, glauben Sie mir, der Löwe ſpricht nicht mit mir vom 159 neuen Teſtament, auch nicht von meinem erſten Abend⸗ mahl, nicht einmal von meinen Blumen, und da muß man wohl etwas mehr Muth beſitzen, als ich jetzt be⸗ wieſen habe. Ich gehe zu ihm hinab; ich fürchte mich nicht im mindeſten vor ihm. Sagen Sie mir nur, was Sie wollen, Herr Paul, aber ſtellen Sie ja ſich ſelbſt nicht blos. Ich könnte keine Ruhe mehr in meiner Seele bekommen, wenn Ihnen ein Leid widerführe. Nein, bei Gott, ich wäre untröſtlich.“ Anna nahm einen ganz eifernden Ton gegen Paul an. Aber Paul beharrte auf ſeinem Entſchluß, und alle Verſuche Anna's, ihn davon abzubringen, waren vergeb⸗ lich. Als nichts half, bat Anna, ihr zu folgen, und ver⸗ ſprach, ihn auf einem andern als dem gewöhnlichen Weg in das Verſammlungszimmer zu führen. Paul folgte ihr dann die Treppen hinab und kam wieder durch die große eiſenbeſchlagene Thüre, an deren Seite ſie den Eingang in ein anderes Zimmer öffnete, in das ſie durch einen ſchmalen Gang eintraten. Sie konnten hier bereits ſpre⸗ chende Stimmen aus dem Zimmer hören, wo der Löwe und ſeine Freunde ſich jetzt befanden. „Bereuen Sie es nicht, Herr Paul?“ fragte ſie ihn noch einmal, als ſie an eine kleine Thüre kamen, die hinein führte.„Noch iſt es Zeit, umzukehren.“ Paul antwortete ruhig, daß er nur den Löwen treffen wolle, und dann auch die Uebrigen, im Fall es möglich ſei. „Wenn Sie wollen, ſo ſteht es Ihnen jetzt frei,“ antwortete ſie mit einem Seufzer;„Sie brauchen nur den Haken hinaufzudrücken, der dieſe Thüre verſchließt, und dann ſind Sie drinnen.“ Paul ſtreckte ſogleich ſeine Hand nach dem Haken ase aber Anna griff noch einmal abwehrend in ſeinen rm. „Ich will Ihnen gleichwohl noch ſagen,“ ſprach ſie, ndaß Sie, wenn Sie die Thüre leiſe aufdrücken, von den — 160 Leuten drinnen nicht ſogleich bemerkt werden. Die Thüre ſelbſt iſt in ein altes Gewölbe eingepaßt und wird vom Schatten deſſelben bedeckt. Wenn Sie vorſichtig ſind, ſo können Sie alſo wieder umkehren, nachdem Sie das Volk drinnen überblickt haben. Und jetzt ſei Gott mit Ihnen!“ Auna hatte kaum ihre letzte Warnung beendigt, als ſie mit ſichtbarer Furcht hinwegeilte und ihn allein ließ. Paul hatte ein unbehagliches Gefühl empfunden, als er zum erſtenmal in die Schifferkarlsgaſſe hinabkam; aber nachdem er das Café erreicht hatte, verſchwand das Unbehagen. Ohne alle Furcht trat er ſogar in die Höhle ein, wo er ſich jetzt befand. Er wußte, daß er in guten Abſichten kam, und er ging unerſchrocken voran. So ungezwungen, als ſtünde er auf der Schwelle ſeiner eige⸗ nen Zimmer, erhob er den Haken und die Thüre glitt auf. Anna hatte ihn nicht getäuſcht. Als er hineinblickte, ſtand er in einem dunkeln Gewölbe, von wo er einen vollſtändigen Ueberblick über die Leute hatte, die ſich im Zimmer befanden. Von dem eingeſchloſſenen und engen Hinterhof her begann es bereits zu dämmern, und das ſpärliche Licht, welches durch das ſchmutzige, von Schimmel und Spin⸗ nenweben verdunkelte Fenſter hereinfiel, beleuchtete die Gegenſtände ſehr ſchwach. Die erſte Perſon drinnen, die Paul in die Augen fiel, war der Löwe, der ſein Geſicht gegen den matten Schein zukehrte. Die Uebrigen, die etwa zehn an der Zahl ſein mochten, kehrten ſämmtlich Paul den Rücken 161 und befanden ſich auf der andern Seite des Zimmers, zunächſt dem gewöhnlichen Ausgang. Der Löwe trug Matroſenkleider, die er gewöhnlich anhatte, wenn er das Café beſuchte. Die Andern waren im Allgemeinen ſehr ſchlecht gekleidet und ſahen aus wie gänzlich abgeriſſene Vagabunden. Der Löwe ſprach und ſeine Rede wurde von den Andern mitunter durch Mißbilligungen oder Beifall un⸗ terbrochen; hauptſächlich wurde jedoch letzterer an ihn verſchwendet. Im Augenblick, wo Gourville oder der Löwe eine der Perſonen niederſtieß, die ihn vor dem königlichen Theater im Dunkeln angegriffen, verſchwand er im Volks⸗ haufen. Gabriele hatte die Mordwaffe blinken geſehen und gehört, wie eine Perſon, als die Waffe ſich ſenkte, ſtöh⸗ nend auf die Straße fiel. Das Entſetzen machte ſie ganz verwirrt und ſie war nahe daran, mit einem Angſt⸗ ſchrei niederzuſinken, als der Löwe ihren Arm ergriff und ſie fortführte. Bald ſaß ſie in ihrem Wagen. Noch irrten ihre Gedanken aufgeregt und verwirrt umher. „Sie ſind doch da, Chevalier?“ fragte ſie und ſtreckte ihre Hand aus, um zu fühlen, ob er ſich bei ihr im Wagen beſinde.„Barmherziger Gott, was haben Sie jetzt gethan? Ein Mord, glaube ich? Ewige Vorſehnng, ein Mord! Das iſt entſetzlich! An was haben Sie ge⸗ dacht? Schrecklich, ſchrecklich!“ Das Gewiſſen. v. 11 162 Gourville blieb lange ſtill, hart und kalt. „Ich habe Ihnen geſagt,“ bemerkte er endlich,„daß ich nicht derjenige bin, der ich ſcheine. Glauben Sie mir jetzt?“ „Ich glaube es, aber es iſt gleichwohl ſchauerlich.“ Was Gabriele geſehen, hatte ihr die Augen geöff⸗ net; aber trotz des entſetzlichen Eindrucks fürchtete ſie ſich nicht vor Gourville. Sie empfand allerdings ein Gefühl des Abſcheues, als ſie ſich zum erſten Male an der Seite eines Mörders dachte, aber dieſes Gefühl war vorübergehend und ver⸗ miſchte ſich mit Bewunderung, Neugierde, Staunen, wäh⸗ rend ſie zu gleicher Zeit fürchtete, er möchte entdeckt und ergriffen werden. Gourville blieb verſchloſſen und düſter, und ſchien ſich auf kein Geſpräch einlaſſen zu wollen. Inzwiſchen hörte Gabriele, daß ſein Athem kurz war und ſie ſchloß daraus auf eine peinliche Unruhe, die ihn quälen müſſe. „Sie haben mir verſprochen, die Ereigniſſe ihres Lebens zu erzählen.“ „Jetzt habe ich keinen Grund mehr, Etwas zu ver⸗ bergen,“ antwortete er ihr.„Wir treffen uns doch morgen auf dem Maskenball?“ „Ja.“ Als der Wagen endlich anhielt, hob er Gabriele heraus und eilte dann fort von ihr. Bald befand er ſich in Södermalm und auf den ſogenannten Söderbergstreppen, wo er in das verborgene Häuschen eintrat, das er dort beſaß. Dingo kam ihm mit freundlichem Geheul entgegen, aber er bemerkte dieſen ſeinen getreuen Freund kaum. In ſtarke Aufregung verſetzt, warf er ſich auf einen Stuhl und verbarg das Geſicht in ſeinen Händen. Seine Bruſt arbeitete heftig, bedrückt von Leidenſchaften, die ſein Inneres zerfleiſchten. In dieſer Stellung leckte ihm 163 Dingo mit ſeiner warmen Zunge die Hand und er fuhr auf. Sein Geſicht war finſter, aber kalt. „Du haſt Recht, Dingo, ich darf meine Zeit nicht verſäumen.“ Nachdem er ein Licht angezündet, zog er ohne alle weitere Umſtände ſeine Matroſenkleider an und nahm die Veränderungen vor, die er zu treffen pflegte, wenn er für einen Matroſen gelten wollte. Als er fertig war, ſchaute er ſich im Zimmer ringsum. Dingo lag vor ihm auf dem Boden. „Armes Thier,“ murmelte er,„dein Herr ſtreichelt dich jetzt nicht oft.“ Während er dabei freundlich Dingo tätſchelte, be⸗ merkte er, daß dieſer mit den Tatzen mit etwas Schwar⸗ zem ſpielte; er nahm es ihm weg, um zu ſehen, was es wäre, und fand einen kleinen Handſchuh. Er erinnerte ſich, daß er denſelben Charlotten bei ſeinem letzten Be⸗ ſuche geſchenkt hatte. Als die ſchriftliche Drohung, die ihm in ſeiner Loge zugeworfen worden und auf welche eine Weile ſpäter eine Warnung vor der Gefahr folgte, worin er ſchwebte, ihm jetzt in den Sinn kam, da hob ein tiefer Seufzer un⸗ widerſtehlich ſeine Bruſt. Es war ein Seufzer voll von Vorwürfen, weil er dennoch ſich ſelbſt geſtehen mußte, daß er Charlotte vernachläſſigt hatte; aber auch ein Seufzer voll von Sehnſucht nach ihr. „Sollte ſie mich wohl verlaſſen haben, in der Mei⸗ nung, daß ich ihr untreu geworden ſei?“ Dieſe Frage war ihm früher nie eingefallen. „Wenn es ſo iſt... ha... jetzt verſtehe ich die Drohung! Und dann die Warnung vor dem Stier? Sie haßt und liebt mich zu gleicher Zeit... aber mein Gott, ſie hat Recht...'ich habe mich wirklich gegen ſie vergangen.“ „Ein kalter Schweiß lief dem Löwen über die Stirne. 164 Mit dem Schwanz wedelnd erbob ſich Dingo gegen ihn, die Vorderbeine auf ſeine Bruſt ſetzend. „Sollte ich wirklich aus meinem früheren Leben niemand mehr als Dich beſitzen, der mich liebt?“ Ein wunderſam melancholiſches Gefühl zitterte durch ſein Herz, aber er gab ſich ihm nicht lange hin. Im nächſten Augenblick ſteckte er den Handſchuh in ſeine Bruſttaſche und koppelte Dingo an. „Du darfſt mir folgen,“ ſagte er; und der Hund heulte wieder und wedelte mit dem Schwanz, gleich als hätte er ihn verſtanden. 3 Das Licht wurde gelöſcht. Dingo au einer leichten Kette führend, begab er ſich dann hinaus. 5 Ueberall war es bereits dunkel in der Stadt; nur da und dort ging ein einſamer Wanderer an ihm vor⸗ über. Am Ende der Nordbrücke ſtanden einige Per⸗ ſonen, die er von dem ſoeben begangenen Mord ſprechen hörte, und er ging langſam an ihnen vorbei, um zu ver⸗ nehmen, was ſie ſagten. Dadurch erfuhr er zu ſeinem Schrecken, daß die Mordwaffe nicht den Stier geiroffen habe, ſondern einen Leſergeiſtlichen. Der Stier lebte alſo noch. Bei dem qualvollen Eindruck, einen Mord begangen zu haben, war dem Löwen doch der tröſtliche Glaube geblieben, daß er den Stier, der offenbar ſeine neue Stellung ausſpionirt, auf die Seite geſchafft habe. Aber jetzt verlor er auch dieſen Troſt. Die Nachricht beugte ihn wirklich tief. Der Löwe war ausgegangen, um ſich entfernt zu 16⁵ halten, bis er genau wüßte, ob man ihn beargwöhne oder nicht; jetzt hatte er ganz andere Dinge zu thun. Der Stier war ihm jetzt gefährlicher als je und er wünſchte ihn um jeden Preis zu treffen. Qualvolle Ge⸗ danken jagten ihn von einem Ort zum andern. Mehrere ihm ſeit lauger Zeit wohlbekannte Verſammlungsplätze wurden wieder aufgeſucht. So begab er ſich in den Landſtreicherhof in der oberen Schiffergaſſe, in das große Faß in der Todtengräbergaſſe, in das Café Paris in der Ecke der breiten Gaſſe und der Oſterlangſtraße, in die Tiſchlerei in der Kaufmannsgaſſe, in den Feuerofen in der Schwarzmannsgaſſe, in die Kegelbahn in der äußerſten Quergaſſe. Er beſuchte noch viele andere ähn⸗ liche Orte, aber alles vergebens. Der Stier war wie verſchwunden, und niemand konnte ihm den mindeſten Aufſchluß geben, wo er zu finden ſein könnte. In Dingos Geſellſchaft verbrachte er unter unaufhörlichen Wande⸗ rungen die Nacht, und als der Tag kam, ſtand er gänz⸗ lich erſchöpft und frierend am Café London, wo er freund⸗ lich empfangen wurde. Der Löwe beſaß indeß zuviel Energie und Schlau⸗ heit, als daß er die Zeit unbenützt hätte dahin geheu laſſen. Von dem Augenblick an, wo er das Bündniß mit Kellner eingegangen, hatte ein großes Ziel ihm vor⸗ geſchwebt, ein großes politiſches Ziel, und überall in die⸗ ſen Höhlen des Laſters und Verbrechens gab er dem Ge⸗ ſpräch diejenige Richtung, die mit ſeinen Intereſſen über⸗ einſtimmte; er fand auch zu ſeiner Befriedigung, daß ſeine Freunde mit Jubel auf ſeine Vorſtellungen ein⸗ gingen und ſich bereit erklärten, ſobald als möglich plün⸗ dernd über die dermalige beſtehende Ordnung herzufallen. Man könnte ſagen, er habe auf dieſe Art in einer einzi⸗ gen Nacht eine ganze Armee angeworben, theils von be⸗ kannten Schelmen, über deren Häupter die Juſtiz bereits den Stab gebrochen hatte, theils von neuen und jungen Verbrechern, die, durch ſchlechte Neigungen verleitet, kaum 166 erſt die Grade in der Polizeikammer durchgemacht hatten, theils auch von ſcheinheiligen Schurken, die mit dem Hnt in der Hand lächelnd und demüthig vor der Heilig⸗ keit der Geſetze ſich beugten, während ſie als Käufer ge⸗ ſtohlener Waaren oder Diebshehler, die Diebe ſelbſt be⸗ ſtahlen, theils wieder von ſolchen, die mit dem Bettelſtab als Angelruthe im trüben Waſſer nach dem Eigenthum ihres Nebenmenſchen fiſchen, oder ſolchen, die bei der Branntweinflaſche ihren Verſtand verloren hatten und jetzt mit den Glückswürfeln in der Hand zu allem Mög⸗ lichen bereit waren. Im Löwen erblickten ſie einen Mann, deſſen Kraft und Klugheit ihnen wohlgefiel, ſeine Unter⸗ weiſungen waren für ſie die Leſung einer Zukunft, wo Freiheit, Brüderſchaft und Gleichheit, nicht vom Geſichts⸗ punkt einer edlen und wahren Humanität, ſondern vom allergröbſten und gemeinſten Standpunkt aus betrachtet, ihnen vor die Augen traten. Der Löwe war hocherfreut: er ſah ein, daß er blos eine Fahne zu erheben, ein Sig⸗ nal zu geben brauchte, um eine Cohorte von Menſchen ans Tageslicht zu rufen, auf die er ſich um ſo mehr ver⸗ laſſen konnte, da ſie alles zu gewinnen und nichts zu verlieren hatten; ſie beſaßen überdieß ein noch unſchätz⸗ bareres Verdienſt, nehmlich ganz und gar nicht zu raiſonniren. Einige der hervorragendſten Perſonen lud er zu ei⸗ ner Zuſammenkunft im Café London ein, wo er auf die Freundſchaft der Wirthin rechnen konnte. Sie hatten ſich auch eingefunden, und einige von ihnen waren es, denen Paul bei ſeiner Ankunft im Café auf den Treppen begegnete. Bei dieſer Zuſammenkunft entfernte ſich die Wirthin, weil ſie, im Fall die Leute feſtgenommen würden, ſich nicht compromittiren wollte. In ihrer Abweſenheit konnte ſte nicht für die Gäſte bürgen, die das Café beſuchten. Der Löwe hatte viel zu den Anweſenden geſprochen. Es handelte ſich dabei eigentlich nicht darum, ſyſtematiſch zu Werk zu gehen, ſondern die Leute anzuregen und für 107 die Richtung zu gewinnen, die er zur ſeinigen gemacht att e. Er ſagte ihnen, daß er hohe und mächtige Verbin⸗ dungen beſitze, daß er, um ſeine Pläne durchführen zu können, einen andern Namen habe annehmen müſſen, gleichwohl aber ſie und ihre Stellung niemals vergeſſe, ſondern vor allen Dingen für die Durchführung ſeiner Abſichten juſt auf ſie gezählt habe, um ſie kraft ihrer eigenen Mitwirkung aus dem tiefen Abgrund zu ziehen, worin ſie lebten. Er vertraute ihnen an, daß der Stier ihn habe verrathen wollen, fügte aber hinzu, daß dieſer Verrath nicht ihm allein, ſoudern in ſeiner Perſon allen zuſammen gelte. Er verlangte, daß der Stier vogelfrei im Bund erklärt und ohne weitere Unterſuchung oder Urtheil getödtet werden ſolle, wo man ihn treffe. Die Auweſenden gingen mit ſtürmiſchem Beifall auf ſeinen Vorſchlag ein. Er ſchilderte ihnen dann, welche Vortheile ſie aus einem Umſturz ziehen könnten; es bewies ihnen aus der franzöſiſchen Revolution zu Ende des letzten Jahrhunderts, wie alles Erhabene in den Staub getreten, alles Edle verkannt, wie Gott ſelbſt als eine dumme Erfindung, um die Menſchen zu betrügen, erklärt und alle Religion verbannt worden ſei; wie dagegen Henker Land und Reich beherrſcht, Unwiſſenheit und Rohheit Macht und Gewalt an ſich geriſſen, wie ſie Geſetze nach der Bequemlichkeit der Herrſcher eingerichtet, die Gerechtigkeit proſcribirt worden ſei, und ſo weiter. 8 Welch' ein ſchönes und herrliches Reich malte er ihnen nicht vor! Während ſeiner Rede trat Paul ein. Mit raſchen und kühnen Zügen ſchilderte er weiter, daß die Geſellſchaft zahlloſe Elemente beſäße, die alle in derſelben Richtung arbeiten, und in welchen ſie alſo auf treue Bundesbrüder zählen könnten, da ihr Weg zu dem 168 gleichen Ziel führe, nehmlich zu Auflöſung und Unord⸗ nung. „Man behauptet,“ ſagte er,„Schweden ſei ein armes Land; aber man täuſcht ſich; Schweden iſt eben ſo reich wie manches andere Land und reicher als mehrere; aber der Schwede iſt arm, weil er im Allgemeinen weder ar⸗ beiten noch haushalten kann, d. h. weil er weder ſeine Anſprüche auf die Zeit, dieſes eigentlichſte Kapital des thätigen Mannes, noch auf den Arbeitsverdienſt, die Zinſen des Kapitals, geltend machen kann. „Der Schwede lebt,“ fuhr er fort,„wie der Fran⸗ zoſe, in den Tag hinein; ſeine Solidität liegt hauptſäch⸗ lich im äußeren Ausſehen; um dieſes iſt er daher ebenſo beſorgt und ängſtlich, wie der Franzoſe. Er ſpeculirt ſelten auf Grundlage bereits vorhandener Mittel, ſondern gewöhnlich nur im Gebiet der Hoffunng. Jeder ſolcher Spekulant balancirt immer über einem Abgrund. Unter tauſend Geſchäftsmännern bei uns, ſei es auf dem Land oder in den Städten,“ ſagte er,„wird man neunhundert finden, deren Fortbeſtand eine andauernde Seiltänzerei mit der Balancierſtange iſt. „Man hat ſich mit Hypothekeneinrichtungen und Leihanſtalten mebrerer Art zu retten geſucht, aber dieſe mögen machen, was ſie wollen, ſo vermindern ſie die Schulden nicht, ſondern vermehren ſie noch. „Wir glauben,“ fuhr der Löwe fort,„gewöhnlich, daß die Armuth unſer weſentlichſter Antheil ſei, und es ſchadet nichts, daß wir es glauben, weil ſie uns das Recht gibt, gegen die Einrichtungen zu klagen; aber es gibt eine Armuth, die weit ſchrecklicher iſt als die unſrige, und dieſe Armuth kann uns niemals treffen, ſondern ſie gehört einzig und allein den ſcheinbar glücklich Bedachten, wie ein angeborner Krebsſchaden, der an ihm zehrt und ſie, wenn auch langſam, endlich aufzehren wird, ſei es nun unter dem Ordensband oder der ſeidenen Weſte, und dieſe Armuth heißt Schulden ohne entſprechende 169 ſichere Mittel. Dieß iſt mehr als eine gewöhnliche Ar⸗ muth, denn während der äußere Luxus beibehalten werden ſoll, nimmt der Mangel unaufhörlich zu und der Schuld⸗ ner finkt zuletzt in ein maskirtes Elend, eine maskirte Verzweiflung, die weit entſetzlicher iſt, als die offene, eingeſtandene und bekannte, mit einem Wort, entſetzlicher als die unſrige. „Auf den Höhen und unten in der Tiefe begegnen ſich die Gefühle der Menge in einem einzigen Brenn⸗ punkt, in der Armuth, im Elend. Es lebe die Armuth, ſie iſt es, welche die Welt reformiren wird, weil ſie etwas zu hoffen hat, weil ſie von Träumen einer beſſern Zu⸗ kunft lebt, weil ſie die Gegenwart verlaſſen kann, wie ein Bettler das Haus verläßt, das eine Feuersbrunſt in einen Aſchenhaufen verwandelt hat, ohne etwas verloren zu haben. Auch wenn der Himmel voll von düſteren Wolken iſt und das Gewitter über den Häuptern hin⸗ rollt, beſitzt ſie immer einen verheißungsvollen Regenbogen⸗ Es lebe die Armuth!“ 1 Der Löwe entwickelte hierauf ſeine Anſichten über die Geſellſchaftsklaſſen in ihren verſchiedenen Theilen und ſuchte nachzuweiſen, wie Forderungen und Bedürfniſſe überall ſich unbefriedigt zeigen; er betrachtete dieſe Um⸗ ſtände als Symptome einer nach innen zehrenden kum⸗ mervollen Stellung. Er wies auf die Beamten, er be⸗ merkte, wie wenig Plätze eine wirkliche ökonomiſche Un⸗ abhängigkeit verliehen und wie viele Tauſende ſich darum ſchlugen. Er ſprach von unſern Gewerben, welche ver⸗ achtet, weil die Luxusmittel des ausländiſchen Marktes moderner ſeien, nur mit geringer Kraft arbeiten könnten und unmächtig wären, ſich zum wirklichen Leben zu er⸗ heben. Von allen Seiten zog er Kummer und Armuth, Elemente des Mißvergnügens ans Tageslicht. Alle po⸗ litiſchen Eruptionen unſerer Zeit rührten, behauptete er, von einem weit und tief eingreifenden materiellen Drucke her, Ueberall, ſagte er, wünſche man deßhalb eine Ver⸗ 170 änderung, obſchon nur wenige den Muth beſäßen, es laut auszuſprechen. Die Zeitungspreſſe betrachtete er als den Kanal, worin alle Elemente der Unruhe und des Mißvergnügens ihren Ablauf hätten, deſſen Strömung im ganzen Reich ſeine Wellen ſchlage und alle Intereſſen gleich Räder⸗ werken nach derſelben Richtung in Bewegung ſetze. Nach der Anſicht des Löwen arbeitete man alſo von allen Seiten auf den Untergang der gegenwärtigen Ord⸗ nung hin, obſchon jeder einzelne auf ſeine Art und in ſeinem Intereſſe arbeitete. „Gehet aus,“ rief er ihnen endlich zu,„und wirket alle in derſelben Richtung. Die Ereigniſſe eilen pfeil⸗ geſchwind vorwärts. Gebt Acht, wenn der Augenblick da iſt, ſo wird das Signal nicht auf ſich warten laſſen. Ich werde euch mit einem Aufruf zu erreichen wiſſen, den ihr verſtehen ſollt: aber wehe über jeden Verräther unter uns! Wehe! Vogelfrei erklärt, ſchon im Voraus zum Tode verdammt, wird er unſerm gerechten Straf⸗ urtheil nicht entgehen; und jetzt...“ Der Löwe verſtummte und ſein kühner Geiſt warf einen Blitz um ſich her in dem Zlick, den er über die Anweſenden hinrollen ließ.„Und jetzt,“ fügte er dann hinzu,„fort mit euch... Mein Wille hat in eurem eigenen Intereſſe zu euch geſprochen, fort mit euch.. arbeitet und handelt in unſern gemeinſchaftlichen Inte⸗ reſſen... fort mit euch... wann wir einander wieder⸗ ſehen, gilt es einen Kampf auf Leben und Tod... noch einmal, fort!“ Und wie von einem Sturmwind verjagt, verſchwan⸗ den ſie auf einmal durch die Thüre auf der andern Seite, Paul gegenüber. Paul hatte ſich eingefunden, in der Abſicht, hier auf⸗ zutreten und ſowohl dem Löwen als den Uebrigen eine Zukunft anzubieten, welche ſie ökonomiſch ſicher ſtellen 171 und daher zum Gehorſam gegen die Staatsgeſetze zurück⸗ führen, mit den Forderungen derſelben verſoͤhnen würde. Aber der erſte Anblick des Löwen, den die Natur mit einer beinahe fürſtlichen Haltung begabt hatte, und der hier von einem Perſonal umgeben war, wo die ge⸗ meinen und thieriſchen Leidenſchaften ſich auf eine ab⸗ ſtoßende Art in den Formen ausprägten, war für Paul ein ſo neues und überraſchendes Gemälde, daß er ſich unwillkürlich Einhalt that und ihn mit ſtummer Verwun⸗ derung betrachtete. Dabei fuhr der Löwe fort, auf eine lebendige und warme Art ſeine Gedanken zu entwickeln, und Pauls Ueberraſchung wurde dadurch noch erhöht. Seit dem Vorfall im Thiergarten war Paul dem Chevalier als einem zweideutigen und verrätheriſchen Menſchen ausgewichen. Seinen Argwohn hatte er noch beſtätigt gefunden durch die Aufſchlüſſe, die er von der ſchwarzen Charlotte erhielt. Alle ihm zu Ohren gekommene Umſtände überzeug⸗ ten ihn jedoch, daß Gourville oder der Löwe ein ganz ungewöhnlicher Charakter ſei, an welchen man nicht den gewöhnlichen Maßſtab anlegen dürfe. Aber was er ſah und hörte, übertraf dennoch alle ſeine Erwartungen. Er hatte einen Mann zu hören erwartet, der ſich auf Koſten Anderer bereichern wollte, und nun fand er einen Mann, der mit nichts Geringerem als dem Um⸗ ſturz der beſtehenden Ordnung umging. Er hatte Per⸗ ſonen zu finden erwartet, die den Plan zu irgend einem nächtlichen Gaunerſtreich beriethen, und nun fand er Leute, die ſich bereit machten, die ganze Staatsgeſellſchaft in Aufruhr zu bringen. Die Ueberraſchung feſſelte daher ſeine Aufmerſam⸗ keit an das, was er hörte. Mehr als einmal wollte er voreilen, um den Vor⸗ trag des Löwen zu beantworten; aber da vieles darin vorkam, was ſich wohl ſagen ließ, ſo wurde er unauf⸗ hörlich von dem Bedürfniß, ihn bis zu Ende zu hören, zurückgehalten, und dadurch verlor er die Gelegenheit, ſeine ſchöne Abſicht auszuführen, weil der Löwe ganz haſtig und unvermuthet ſeine Zuhörer verabſchiedete. Paul hatte zu Allen reden wollen, aber jetzt blieb ihm nur der Löwe übrig. Er trat jedoch ſogleich vor und legte die Hand auf ſeine Schulter. „Chevalier,“ ſagte er,„blicken Sie auf.“ Sobald der Löwe ſich allein glaubte, ſenkte er den Kopf in ſeine Hand und überließ ſich ſeinen Gedanken. Aber als er mit ſeinem geborgten Titel angeredet wurde, wandte er ſich um. Bei Pauls Anblick zog er ſich überraſcht zurück. „Als wir uns zum erſten Mal auf dem Delphin trafen,“ fuhr Paul fort,„und Sie mir Freundſchaft ſchwuren, da glaubte ich nicht, daß wir uns hier treffen würden.“ Gourville antwortete nicht, aber ſein Geſicht verzog ſich und er ſchlug die Augen nieder. „Dingo,“ ſagte er blos,„wach auf, Dingo.“ Paul folgte ſeinem Blick und ſah zu den Füßen des Löwen das Unthier, das er vorher nicht bemerkt hatte. Der Hund heftete einen flammenden Blick auf ihn, während er ſeinem Herrn mit dem Schwanz zuwedelte. „Ich kam hieher, um den Chevalier Gourville zu treffen,“ fuhr Paul fort, ohne ſich durch das Drohende in den Blicken Dingo's und des Löwen ſtören zu laſſen, „und wen habe ich getroffen? Einen Unruheſtifter, einen Aufwiegler.“ Der Löwe würdigte Paul nicht eines einzigen Blicks. „Komm' her, Dingo,“ ſagte er blos,„leg Deine Tatzen hieher... hieher auf meine Kniee... ſo, ſo iſt's recht.“ „Ich habe,“ fuhr Paul fort,„nicht den franzöſiſchen Edelmann gefunden, wofür Sie ſich ausgaben, ſondern 173 einen Mann, der mit genauer Kenntniß all' der ſchreckli⸗ chen Ereigniſſe ausgeſtattet, welche Frankreich in Aufruhr verſetzt haben, auch Schweden in einen Schutthaufen verwandeln will, um ſodann aus ſeinen Trümmern für ſich und ſeine Freunde eine Räuberhöhle zu bauen.“ „Beruhige Dich, Dingo,“ ſagte der Löwe, indem er das zottige Fell des Thieres mit ſeiner Hand ſtrei⸗ chelte,„beruhige Dich, mein Junge.“ „Wollen Sie mir einen Augenblick Ihre Aufmerkſam⸗ keit ſchenken?“ fuhr Paul fort.„Ich habe Ihnen Ver⸗ ſchiedenes zu ſagen.“ „Still, Dingo, ſtill.“ Paul bemerkte nur zu gut, daß entſetzliche Gedanken in dem Löwen gährten, aber er bekümmerte ſich wenig darum. „Da Sie jetzt einmal entſchleiert vor mir ſtehen,“ ſprach Paul weiter,„ſo müſſen Sie ſich auch erinnern, daß ich ein ehrlicher Mann bin und nicht Ihren Unter⸗ gang will.“ „Dingo, Dingo!“ „Aber ich verlange, daß Sie Ihre Aufforderung an Ihre Leute zurücknehmen.“ Der Löwe lächelte blos.. „Ich will,“ ſprach Paul,„über Ihre Art, den ge⸗ gegenwärtigen Zuſtand Schwedens aufzufaſſen, nicht mit Ihnen rechten, ſondern nur Ihnen ſagen, daß Sie blos die minder guten Seiten deſſelben dargeſtellt haben, und daß jedes Land, unter welchen Inſtitutionen es ſein mag, ſolche hat; ich will Ihnen ſagen, daß Sie das innere moraliſche Leben der Nation nicht in Berechnung gezogen haben, ſondern blos die phyſiſchen Krankheiten, die ihre Extremitäten ſchwächen; ich will Ihnen ſagen, daß das Land der Ordnung und Ruhe, welche die zweckgemäße Entwicklung des Landes erfordert, viel zu ſtark und zäh iſt, als daß Sie es zu zerreißen vermöchten; daß eine Emeunte zwar Unruhe im Lande hervorbringen kann, daß 174 aber die Freunde der Ordnung dennoch allzu zahlreich ſind, als daß Sie damit etwas anderes zu Stand brin⸗ gen könnten, als die Hinſchlachtung neuer Opfer dieſer wahnſinnigen politiſchen Agitation, die zwar ihre Selbſt⸗ täuſchungen berechnet, nicht aber ihre Kräfte; ich will. Ihnen ſagen, daß die Hauptſtädte nicht mehr das ſind, was ſie früher waren, weil die Exaltation, die in den letzten Jahrzehnten ihre Handlungen leitete, ihren Einfluß geſchwächt hat; ich will Ihnen ſagen, daß, obſchon un⸗ zweifelhaft ſehr viele Elemente des Mißvergnügens vor⸗ handen ſind, dieſe gleichwohl größtentheils von den über⸗ wiegenden Intereſſen und Bedürfniſſen der Ordnung be⸗ herrſcht werden, und daß das Mißvergnügen, inſoferne es als eine Stimme aus dem Volk angeſehen werden kann, ruhige und friedliche, nicht aber umſtürzende und gewalt⸗ ſame Veränderungen erheiſcht, daß es Aufklärung fordert, und nicht Auflöſung, den Einfluß und die Einſicht des discutirenden Verſtandes, nicht aber blinde Kampfwuth. Eben ſo wenig als Sie in die innere politiſche und ſo⸗ ciale Beſchaffenheit des Landes geblickt haben, eben ſo wenig haben Sie Ihre eigenen Kräfte zu berechnen ver⸗ mocht. Nicht blos um Ihrer ſelbſt und der Unglückli⸗ chen willen, welche Sie mit Ihren Aufträgen ausgeſandt haben, ſondern auch und noch mehr um der Geſellſchaft ſelbſt willen verlange ich daher, daß Sie mit derſelben Entſchiedenheit, womit Sie Ihre Befehle ausgefertigt haben, dieſelben jetzt zurücknehmen; ich verlange es um Ihretwillen, weil Sie bei all' Ihren Fehlern und Ver⸗ brechen gleichwohl noch eine Bahn betreten könnten, wo Sie ſchönere Lorbeeren zu gewinnen hätten, als die des ſtrafwürdigen Rebellen. Ich verlange es um Ihrer Freunde willen, weil es mich empört, zu ſehen, wie ſelbſt die größten Verbrecher, von blinden Leidenſchaften gelei⸗ tet, ſich gegen die Geſellſchaft erheben, um im nächſten Augenblick mit blutigen und gebrandmarkten Stirnen, ſchrecklicher als je zermalmt, in den Abgrund zurückzuſinken. 175 Ich verlange es um der Geſellſchaft willen, weil jede ÜUnordnung, durch welche die ruhig arbeitenden Intereſſen unterbrochen und erſchüttert werden, den Gang des Staats⸗ räderwerks hemmt und dadurch dem Volke einen natio⸗ nalen Verluſt bereitet, der in demſelben Maß unberechen⸗ bar iſt, wie die Unordnung in ihrer Blindheit geraſt hat; ich verlange es endlich im Namen der vaterländiſchen Politik, weil wir, wenn man nur die allgemeinen und nicht die beſonderen Vortheile im Auge hat, die Regie⸗ rungen und die Völker ruhig die Kämpfe unſerer Zeit da draußen auskämpfen laſſen können, überzeugt, daß wir, wie es nun auch gehen mag, jedenfalls in dem Kielwaſſer der allgemeinen europäiſchen Bewegung nach⸗ folgen werden.— Sie antworten mir nicht?“ „Was ſagſt Du, Dingo?“ erwiederte der Löwe blos, indem er den Hund an ſeinem Halsbande ſchüttelte. Dingo ſtieß ein klagendes, aber leiſes Geheul aus. „Sie wollen nicht auf meine Forderungen eingehen?“ fuhr Paul fort;„wiſſen Sie, wozu Sie mich da zwingen?“ Gourville wandte ſich gegen Paul. „Sie anzuzeigen,“ fügte Paul hinzu,„und feſtneh⸗ men zu laſſen.“ Ein halberſtickter Ausruf entrang ſich den Lippen des Löwen. „Wiſſen Sie auch, wozu Ihre Erklärung mich zwin⸗ gen kann?“ fragte er. 5„Sie zwingt Sie, auf meine Forderungen einzu⸗ gehen.“ „Sie täuſchen ſich... Sie zwingt mich, Sie zu tödten.“ „Sie werden nicht den Muth haben, Hand an ei⸗ le i enaſfnelen zu legen, der als Freund zu Ihnen pricht.“ „Ich bedarf deſſen nicht... ein Wort zu Dingo und er vollführt meinen Willen pfeilſchnell.“ Paul erinnerte ſich an Söderbergstreppen und den damals ausgedachten Plan gegen ſein Leben. „Thun Sie, was Sie wollen,“ antwortete er jedoch, „aber ich werde nicht aufhören, Sie gegen ſich ſelbſt zu vertheidigen.“ „Erinnern Sie ſich gefälligſt nur, daß wir allein ſind: Dingo iſt kein Zeuge.“ „Ich kam, ungeachtet ich wußte, in welcher Geſell⸗ ſchaft Sie ſich befanden, und obſchon ich in Ihrem Cha⸗ rakter keine Garantie für mein Leben beſaß.“ „Nun?“ „Es war nicht mein Verſtand, Chevalier, der mich hieher leitete, es war nur mein Herz.“ „Hm!“ „Ich wußte damals noch nicht, daß Sie gegen den Staat conſpirirten, ſondern nur, daß Sie ein tiefgeſunke⸗ ner Menſch, ein der Juſtiz anheimgefallener Verbrecher waren.“ „Ha!“ „Ich kam, um Ihnen drei Sachen zu ſagen.“ „Drei?“ „Zuerſt wollte ich Sie warnen und mahnen, Ihre gegenwärtige Laufbahn, ſo lange es noch Zeit iſt, zu verlaſſen und eine neue zu betreten, welche Sie zu Glück und Zufriedenheit führen kann.“ „Weiter.“ „Angenommen, daß Sie darauf eingingen, wollte ich Sie dann zu den Füßen eines Weibes führen, deſſen Liebe Sie jetzt nicht verdienen.“ „Wer iſt dieſes Weib?“ „Es iſt Ihre Mutter.“ Der Löwe ſprang von ſeinem Platz auf und faßte Paul beim Kragen. „Sie lügen,“ ſagte er;„ſagen Sie mir, daß Sie lügen. Ach, es wäre entſetzlich, wenn Sie die Wahrheit ſprächen— Sie lügen; iſts nicht ſo?“ 177 Paul war verwirrt von dem wilden, beinahe wahn⸗ ſinnigen Ausdruck, der ſich im Geſicht des Chevalier ab⸗ iegelte. 3e zintworten Sie mir, Sie lügen doch,“ fuhr der Löwe fort,„nicht wahr, Sie lügen? Meine Mutter iſt todt... todt... todt... ſie muß todt ſein.“ „Ihre Mutter lebt.“ „Unmöglich, aber ich will Ihnen etwas ſagen.“ Der Löwe war in eine ſo ungewöhnliche und exal⸗ tirte Stimmung verſetzt, daß es jetzt ganz unmöglich ſchien, einige Macht über ihn zu erhalten. Paul, der ihn juſt durch den Namen ſeiner Mutter zügeln zu können geglaubt hatte, fand ſich darin ge⸗ täuſcht, ohne daß er ſich die Urſache erklären konnte. „Was wollen Sie ſagen, Chevalier?“ fragte er in⸗ zwiſchen. „Hören Sie wohl auf meine Worte. Im Fall meine Mutter wirklich lebt, ſo entdecken Sie ihr niemals, wer und was ihr Sohn iſt, und führen Sie mich nie mit ihr zuſammen. Verſprechen Sie mir das?“ „Es hängt nicht von mir ab.“ „Wohlan denn, ſo führen Sie mich ſogleich zu ihr. Ich will ſie an mein Herz drücken, während ich...“ Wilde Leidenſchaften verzerrten auf eine ſchreckliche Art ſein Geſicht. 1 „Sie ſind von Sinnen.“ „Während ich ſie verfluche.“ „Unglücklicher, was ſagen Sie?“ „Ich habe geglaubt, daß ſie todt wäre und mich nicht hätte verpflegen können, und ich habe ihr das Ver⸗ brechen meines Daſeins verziehen; aber ſie lebt und ſie hat nicht über mich gewacht.“ „Hören Sie mich, Chevalier.“ „Vertheidigen Sie das Weib nicht... ich will keine Vertheidigung hören... vor Gott und den Me⸗⸗ ſchen kann ſie nicht vertheidigt werden.“ Das Gewiſſen. V. 12 178 „Hören Sie mich an.“ „Sie wiſſen, wer ich bin, ſagten Sie ſoeben.“ „Ich ſagte es.“ „Ich bin ein Räuber...“ „Ah.. 6„Ein Dieb... verſtehen Sie mich, ein Einbruchs⸗ dieb.. „Jedenfalls...“ „Ich bin ein Weibverführer... verſtehen Sie mich . ein Mann, der den ſchönſten Tempel der Unſchuld veiht hat... ein Tempelräuber... ein Altarſchän⸗ er... „Sie ſind entſetzlich...“ „Juble, Hölle! Ich bin ein Rebell... ein Volks⸗ aufwiegler... ein Aufruhrſtifter... ein gegen die Geſellſchaft ſich empörender Straßenheld... ein.. hahaha... ich muß lachen.. hahaha...“ „Um Gottes Willen, bernhigen Sie ſich.“ „Freue Dich, Satan! Ich bin ein... ein... Mörder...“ Gourville ſank, von ſeinen Qualen zermalmt, auf die Kniee, aber im nächſten Augenblick ſprang er wieder auf.“ „Sagen Sie ihr nicht, was ich bin“ fuhr er fort, indem er Pauls Arm ergriff,„denn ſie könnte mich nicht anſehen, ohne mich zu verfluchen.“ „Wenden Sie ſich von Ihrer gegenwärtigen Bahn ab, und Ihre Mutter wird Sie ſegnen.“ „Still, antworten Sie mir nicht.“ „Schwören Sie mir, daß Sie ihr nichts ſagen wollen...“ „Was verlangen Sie von mir?“ „Ich verlange einen Eid... hören Sie... ich verlange einen Eid von Ihnen, daß Sie ihr nicht mit⸗ theilen, wer und was ich bin, und ebenſowenig mir, wer ſie iſt, denn treffen wir mit einander zuſammen.... e en 179 Sie verſtehen mich doch... dann wäre nicht blos ſie genöthigt, ihren Sohn zu verfluchen, ſondern ich... ich ... barmherziger Gott... auch ich wäre genöthigt, ſie zu verfluchen.“ „Sie... „Iſt nicht ſie es, die mich gleichgültig von ſich ge⸗ ſtoßen hat? Iſt nicht ſie es, die, um ihre eigene und ihrer Familie Schande zu verbergen, mich aufgeopfert hat? Iſt nicht ſie es, die, nachdem ſie ihre Luſt befrie⸗ digt, mit Verachtung das Erzeugniß derſelben von ſich geſtoßen und es dem Hohn, dem Elend, dem Verbrechen preisgegeben hat? Iſt je mein Herz von der zärtlichen und warnenden Stimme einer Mutter berührt worden? Haben jemals ihre freundlichen Worte mein Gefühl an⸗ geregt? Habe ich ihre Arme nach mir ausgeſtreckt ge⸗ ſehen, um mir auf meinem verbrecheriſchen Weg Einhalt zu thun? Hat ihre Hand mir vom Abgrund zurückge⸗ winkt? Niemals, niemals! Ewige Vorſehung! Wer iſt es, der meine Schickſale geſchaffen hat, ſie oder ich? ... Fluch... Fluch!“ Der Löwe war außer ſich. „Hören Sie mich an,“ bat Paul,„hören Sie mich an.“ „Ich will Sie nicht hören. Entfernen Sie ſich von hier, verlaſſen Sie mich.“ „Folgen Sie mir, kehren Sie zu ſich ſelbſt zurück; Verlaſſen Sie den Weg, den Sie bis jetzt gewandelt haben. Ich werde Ihnen eine Zukunft eröffnen, worin Sie einen edlen Wirkungskreis finden ſollen.“ Mit einer gewaltſamen Bewegung unterdrückte der Löwe ſeine aufbrauſende Heftigkeit und wurde auf ein⸗ mal wieder kalt und rubig. „Ich will nicht wiſſen, wer ſie iſt,“ erklärte er. „„Sie können nicht wiſſen, daß Ihre Mutter lebt, ohns daß Sie auch wünſchen müſſen, ſie zu ſehen.“ „Das iſt ihre Schuld.“ 180 „Sie ſind ein unnatürlicher Sohn.“ „Sie war zuerſt eine unnatürliche Mutter.“ „Ihr Herz kann nicht fühlen, was Sie ſagen.“ „Führen Sie ſie nicht in meinen Weg, hören Sie: ich will mir das Entſetzen eines ſolchen Zuſammentreffens nicht denken. Ich fühſe, daß ich noch nicht tief genug gefallen bin und daß ich noch tiefer fallen könnte.“ „Wenn Sie ſich vor ſich ſelbſt nicht zu ſchämen brauchten, ſo brauchten Sie ſich auch nicht vor ihr zu ſchämen.“ „Ich ſchäme mich nicht vor ihr und eben ſo wenig vor mir: ich erröthe für die Natur und die Geſellſchaft.“ „Oeffnen Sie Ihr Herz der Stimme der Natur und Sie werden ſich allmählig mit ihr verſöhnen.“ „Zwiſchen mir und der Geſellſchaft ſteht die Erin⸗ nerung meines eigenen Lebens. Sprechen Sie mit mir nicht davon. Ich bin bisher meinen eigenen Weg ge⸗ gangen und werde ihn auch künftig gehen. Ueberlaſſen Sie mich mir ſelbſt. Gehen Sie.“ „Wahnſinniger!“ „Sollte mein Glücksſtern, d. h. der Zufall... denn ich bin ein Kind des Zufalls... mich zu einem hohen und ehrenvollen Platz führen... dann... dann ... o mein Gott... dann...“ „Was meinen Sie, Chevalier? dann... ſagen Sie, dann?“ „Dann dürften Sie mich zu meiner Mutter führen und ich würde ihr zu Füßen fallen und zu ihr ſagen...“ „Was würden Sie ſagen?“ „Daß ich ihr verzeihe.“ „Hoffen Sie nicht auf Glück. Das Verderben ſchwebt bereits über Ihrem Haupte. Denken Sie an ein ande⸗ res Ziel.“ „An den Richtblock...“ „Nun?“ „Das iſt ganz recht. Hören Sie mich an, Kellner; 1 3 2 18¹1 in einem ſolchen Fall müſſen Sie mir auch einen Dienſt erweiſen.“ „Sprechen Sie...“ „Dann müſſen Sie meine Mutter zu mir führen, damit ich ihr ſagen kann: da ſieh mich an, aber denke 1s an Dich ſelbſt.“ g„Sie ſind entſetzlich... gehorchen Sie mir...“ „Nie...“’ n„Kehren Sie zu Ihrer Vernunft zurück.“ 5„Unmöglich.“ „Iſt es Ihr unerſchütterlicher Entſchluß, fortwährend g auf der Bahn zu beharren, die Sie betreten haben?“ 1„Allerdings.“ „Ich bemerkte ſchon, daß ich Ihnen drei Sachen zu ſagen habe.“ „Ich erinnere mich deſſen.“ „Eine bleibt noch übrig. Das gezogene Schwert 2 der Gerechtigkeit ſchwebt bereits über Ihrem Haupte.“ 1„So lange ich lebe, hat es über demſelben ge⸗ ſchwebt.“ „Aber in wenigen Augenblicken wird es Sie treffen.“ .„Wirklich? Durch Ihre Hand?“ n„Vielleicht; aber vielleicht auch durch eine andere.“ — A n„Sie drohen mir vergebens. Ich bin unempfindlich gegen alle Drohungen.“ n„Wiſſen Sie, was eine Liebe beſagen will, die ſich in Haß verwandelt hat?“ n„Können Sie das bezweifeln? Sie haben ſoeben gehört, was ich von meiner eigenen Mutter denke.“ „Dann kennen Sie auch die Geſinnungen der ſchwar⸗ zen Charlotte.“ t. Die Züge des Löwen veränderten ſich. 1„Charlotte?“ murmelte er,„ha!“ „Sie haben ſie verrathen... jetzt werden Sie von ihr verrathen werden.“ Der Löwe blieb ſtill. 182 „Wenn Sie ſich nicht in meine Arme werfen, wer⸗ den Sie ſich ihrem Haß nicht entziehen können.“ „Sie hat ein Recht, ſich an mir zu rächen.“ „Sie wird es auch thun.“ Charlottens Name hatte einen Augenblick ſeine auf⸗ brauſende Heftigkeit gleichſam überwältigt. Aber auf einmal befeuerte ſich ſein Blick wieder und ſeine Stirne hob ſich, während ſie ſich in Runzeln legte. „Sie wird das nicht thun,“ ſagte er,„nein, ſie wird es nicht thun.“ „Nicht?“ „Die Liebe kann haſſen, ſie kann ſogar tödten, aber nicht verrathen.“ Der Löwe hielt dieſelbe Mordwaffe in ſeiner Hand, die er vor dem Theater gebraucht hatte. Während er ſprach, ſpielte er mit ihr. „Wenn ich bedenke, was Sie geſagt haben, Herr Kellner, ſo überzeuge ich mich immer mehr von einer einzigen Sache.“ „Von was?“ „Daß Sie es ſind, der mich betrogen hat.“ „Wie ſo?“ Der Löwe ſprach mit einer Ruhe, die Paul weit gefährlicher ſchien, als ſeine Heftigkeit. „Sie haben geſagt, daß meine Mutter lebe.“ „Allerdings.“ „Daß Charlotte mich zu verrathen gedeuke?“ „Auch das.“ „Beides iſt unmöglich.“ „Sie zweifeln an meinen Worten?⸗ „Dingo, mein Dingo!“ „Sie hören mich nicht an.“ „Du leckſt Dein Maul, Dingo, Deine Augen glän⸗ zen, als ob Feuer in Deinem heißen Blut waͤre. Be⸗ ruhige Dich, Dingo.“ Der Löwe ſpielte unaufhörlich mit der blanken Waffe. 183 Etwas Entſetzliches ſchien in ihm vorzugehen. Sein Ge⸗ ſicht wurde immer ſchärfer und ſchärfer. „Wollen Sie wiſſen,“ fuhr der Löwe fort,„wer es iſt, der mich zu verrathen beabſichtigt, ſo werde ich es Ihnen ſagen können.“ „Laſſen Sie hören.“ „Sie ſelbſt ſind es, Herr Kelluer, aber ich verſpreche Ihnen, daß Sie es nicht vermögen ſollen, weil Ihr Ur⸗ theil bereits gefällt iſt.“ „Mein Urtheil?“ „Sie leſen es in Dingos Augen.“ „Sie wollen mich demüthigen, Chevalier, aber es ſoll Ihnen nicht gelingen.“ Mein Entſchluß iſt gefaßt. Ich kann die Pläne, deren Durchführung ich mein Leben geweiht habe, nicht dadurch blosſtellen, daß ich Ihnen erlaube, ſich von hier zu entfernen.“ „Gedenken Sie mich zu tödten?“ „Eine einzige Sache kann Sie retten; wollen Sie ſchwören, gegen Niemand von dem zu ſprechen, was Sie hier gehört haben?“ „Sie wollen mich zwingen, mich an ihren verbre⸗ cheriſchen Unternehmungen zu betheiligen?“ „Das iſt meine Abſicht.“ „Dann kennen Sie mich noch nicht, Chevalier, ich laſſe mich nicht zwingen.“ Nichts ſchien die kalte Entſchloſſenheit des Löwen erſchüttern zu können. „Richte Dich auf, Dingo. Ich will die Kette von Deinem Hals los machen. Nun, Dingo.“ Paul entſetzte ſich mehr über die Kälte des Löwen, als über den Blick der wilden Beſtie. „Ich bin in Ihrer Gewalt,“ ſagte er inzwiſchen; „aber wofern Sie nicht ein elender Feigling ſind, ſo ſehen Sie mir ehrlich ins Auge und ſtoßen Sie mich mit Ihrer Mordwaffe nieder, ſtatt einen Hund auf mich zu 184 hetzen. Sie müſſen früher oder ſpäter doch zu Ihrer Waffe greifen, weil ich Ihren Hund mit meinem Fuß tödte.“ „Wir wollen ſehen, wir wollen ſehen.“ Ein kalter Schauer lief Paul über den Rücken. Der Hund war jetzt losgebunden und die weißen Zahnreihen in ſeinem Rachen glänzten wie Diamanten. „Setz Dich hieher, Dingo,“ befahl der Löwe, hieher neben mich!“ Dingo ſetzte ſich. Ein feines klagendes Geheul ging dabei wieder von ihm aus. Die Haare auf ſeinem Rücken ſtränbten ſich empor. Seine Augen erweiterten ſich. Sie wurden immer röther und röther. „Laſſen Sie uns jetzt parlamentiren,“ begann der Löwe gegen Paul gewandt.„Wollen Sie ſchwören, mich nicht zu verrathen? „Nie.“ „Wollen Sie ſich ſelbſt den Dienſt erweiſen, mich genau zu betrachten, Herr Kellner? Sehe ich wohl aus, wie wenn ich von einem einmal gefaßten Entſchluß ſo leicht abginge?“ „Nein.“ „Ich habe mir vorgenommen, daß Sie nicht von der Stelle kommen ſollen, wofern Sie mir nicht Ver⸗ ſchwiegenheit zuſchwören.“ „Ich ſterbe lieber als Mann von Ehre, als...“ „Sie ſind alſo bereit zu ſterben?“ Paul hörte ſeine Worte kaum; aber er bemerkte, daß in der Stimme des Löwen etwas Unſicheres und Zweifelhaftes lag. Inzwiſchen war er aufs Schlimmſte gefaßt. Im Fall Dingo ihn angriff, gedachte er ſich auf die Seite zu werfen, den Löwen von hinten anzu⸗ greifen, ihm wo möglich die Waffe aus der Hand zu reißen und ſich dann gegen beide zu vertheidigen, wäh⸗ rend er ſich nach der Gewölbthüre zurückzog, durch welche er hereingekommen war. Der Plan war kühn, aber nicht 8 18⁵ unausführbar, weil der Löwe noch immer mit der Waffe in der Hand ſpielte und an die Möglichkeit, ſelbſt ange⸗ griffen zu werden, gar nicht dachte. Paul richtete ſeinen Blick auf Dingo. Noch einmal ſchien der Löwe ſprechen zu wollen, fuhr aber ſtatt deſſen mit der Hand über ſeine Stirne. „Entſetzlich,“ murmelte er,„entſetzlich. Paß auf, Dingo... es muß geſchehen...“ Der Löwe ſprach vor ſich hin. „Biſt Du fertig, Dingo?“. Dingo ſtellte ſich auf die Hinterfüße. Er athmete kurz und heftig. „Beharren Sie auf Ihrem Entſchluß, Kellner?“ „Ich bin bereit.“ Paul wagte ſeinen Blick nicht von Dingo abzu⸗ wenden. „Wohlan denn...“ Als wäre dieſes Wort ein Befehl geweſen, bückte ſich Dingo augenblicklich nieder, man konnte ſagen, er kroch zuſammen, und obſchon Paul kaum daran denken konnte, kam es ihm doch vor, als hätten Beide, der Löwe und Dingo, vom Angriff abgeſtanden, als auf einmal Dingo pfeilſchnell aufſchoß und ſich augenblicklich über ihn herwarf. Der Anfall war ſo heftig, ſo gewaltſam, daß Paul, obſchon er darauf gefaßt war, gleichwohl ſich nicht von der Stelle bewegen konnte. Unzweifelhaft würde er auch ſogleich der Raſerei der wilden Beſtie zum Opfer gefallen ſein, wenn nicht dieſe in demſelben Augenblicke von einem Dolchſtoß getroffen zu ſeinen Füßen niedergeſtürzt wäre. Der Angriff.. der Tod des Hundes... alles zuſammen ging ſo ſchnell wie ein Wunder vor ſich. Paul begriff das eine ſo wenig, als das andere. Als er ſich umſchaute, ſtand der Löwe drohend und blaß an ſeiner Seite, den Blick auf Dingo geheftet. „Armer Dingo,“ ſagte er,„die Strafe iſt dem Ver⸗ 186 brechen auf dem Fuß nachgefolgt. Du haſt angegriffen, ehe ich Dirs befahl... Du wirſt niemand mehr an⸗ greifen. Armer getreuer Dingo, auch Du ſtirbſt von meiner Hand.“ Dingo bewegte ſich noch einmal: er leckte den Lö⸗ wen am Fuß. Dieß war der letzte Beweis ſeiner Er⸗ gebenheit. Paul bemerkte eine Thräne in den Augen des Lö⸗ wen. Ein Seufzer hob auch Pauls Bruſt. „Nächſt Gott, Herr Kellner, haben Sie dieſem Hund Ihre Rettung zu verdanken.“ So ſprechend, warf der Löwe ſeine Mordwaffe von ſich. „Nun ja,“ fügte er hinzu,„jetzt können Sie hin⸗ gahen⸗ und mich der Polizei überliefern, wenn Sie Luſt haben.“ „Ich kann einen Verbrecher nicht verrathen,“ ant⸗ wortete Paul,„wohl aber jeden beklagen. Die Geſell⸗ ſchaft wird ihr Opfer haben, denn Liebe und Haß haben Ihren Untergang geſchworen. Wenden Sie ſich zu Gott. Er, aber nicht ich, vermag Sie zu retten.“ Paul verließ den Platz. Sechstes Kapitel. Ein Maskenball. 2 Seit dem Jahr 1792, wo König Guſtav III. auf einem Maskenball als blutiges Opfer eines Mörderſchuſ⸗ ſes fiel, waren die Maskenbälle eingeſtellt worden und 187 etwa vierzig Jahre lang nicht mehr in die Mode gekom⸗ men. In den letzteren Zeiten haben ſie wieder aufzule⸗ ben begonnen, obſchon ſie nie mehr recht in Schwung kommen konnten. Die Herren Davidſon, de la Croix und Wallmann bieten inzwiſchen alles Menſchenmögliche auf, um dieſes höchſte Vergnügen des Südens von Neuem auf nordi⸗ ſchen Boden wieder zu verpflanzen. Eines Tags las man folgende Ankündigung in den Journalen: Ehemaliges Kirſteiniſches Haus an der Klarakirche. Ein Maskenball unter dem Namen Licht und Blumen wird im obengenannten Lokal gegeben. Im großen Saal wird eine Tanzmuſik von einem vollzähligen Orcheſter unter der Leitung des Herrn Johannes Mayer aufgeführt. Programm. 1) Die Debutanten, Walzer von Strauß. 2) Gazellenpolka von Gungel. 2* 3) Pickpocket, Françaiſe von Cuzent. 4) Ernanigalopp von C. Behrens. 5) Almacks⸗Tänze, Walzer von Lanner. 6) Heimonskinderpolka von Behrens. 7) Die Zigeuner von Paris, Francaiſe von Muſard. 8) Eiſenbahngalopp von Lymbye. Ein⸗ bis zweiſtündige Pauſe. 9) Oeſterreichiſche Jubeltöne, Walzer von Strauß. 10) Finapolka von B. 11) Der Poſtillon von Lonjumeau, Francaiſe von Muſard. 12) Stradellagalopp von C. Behrens. 13) Kopenhagentivoli, Feſtwalzer von Lymbye. 14) Kathinkapolka von Strauß. 15) Die Nachtwandlerin, Francaiſe von Bleckert. 16) Schnellpoſtgalopp von Gungel. 4 Im Theaterſaal, wo ebenfalls moderne Tanzmuſik von einem kleinern Or⸗ cheſter aufgeführt wird, arrangirt ſich um zwölf Uhr, nach⸗ dem man mit Trompetertuſchen das Sigual gegeben, Ein Fackelzug. der ſich in den großen Saal verfügt. Vorüberzieht Klora, die von ihrem im Hintergrunde angebrachten Blumentempel den reſpektiven Damen ein Bouquet lebendiger Blumen austheilt. Darauf beginnt eine Promenadenpolonaiſe. en u 189 Am Fackelzug und an der Promenadenpolonaiſe können alle Luſttragende Theil nehmen. Die Annouce war geſchrieben, um das Volk herbei⸗ zulocken und die Nengierde zu reizen, eine Saite, die man bei den Bewohnern Stockholms nur leiſe zu be⸗ rühren braucht, damit ſie mächtig vibrirt. Wenn die öffentlichen Maskenbälle in der höhern Societät nicht Mode ſind, ſo ſind ſie es um ſo mehr bei unſern Herren Junggeſellen, welchem Kreis ſie ſonſt angehbren mögen, wie auch bei allen Damen, welche den Gott des Wergnügens vor andern Hausgöttern anbeten. Die Maskenbälle haben ſich ein eigenes Publikum ge⸗ bildet, wo der freie Mann aus den vornehmeren Kreiſen ſich den engen Feſſeln der Convenienz entwindet, um mit dem freien Weib der Cafés, der Wirthshäuſer und der Straßen zu tanzen, zu ſcherzen und zu ſchwatzen. Was man immer dieſen Vergnügungen vorwerfen mag, an Freiheit fehlt es ihnen nicht. Manchmal geſchieht es inzwiſchen, daß die eine und die andere Familie im ſtreng bewahrten Incognito des Domino einen Beſuch allda abſtattet. Die Neugierde iſt noch immer eine Schlange im Paradies, welche die Menſchen verlockt, wenn auch nicht immer von der verbotenen Frucht zu eſſen, ſo doch we⸗ nigſtens ſie zu betrachten. Schon zwiſchen neun und zehn Uhr Abends war daher das Kirſteiniſche Haus in der vollſten Bedeutung des Wortes von Equipagen und Menſchen belagert. Laßt uns in die Gallerie eintreten. 190 Die erſte Gruppe, die uns in die Augen fällt, be⸗ ſteht aus vier Frauenzimmern, die als Blekinger Bauern⸗ mädchen koſtümirt ſind. Einige Cavaliere haben ſich juſt um ſie geſchaart. „Guten Abend, ſchöne Masken,“ grüßte ſie einer der Herren,„ſind Sie hier, um unſre armen Herzen zu verrücken?“ „Sagen Sie lieber arme Köpfe, Herr Lieutenant, dann tänuſchen Sie ſich nicht ſo ſehr.“ Wir müſſen dem Leſer mittheilen, daß auf ſolchen Bällen zwar die Damen immer maskirt ſind, die Herren aber höchſt ſelten. „Deine Lieutenantsphyſiognomie iſt in der ganzen Welt berüchtigt, Kamerad,“ rief einer ſeiner Freunde, „hahaha!“ „Lachen Sie nicht, Herr Sekretär,“ fiel das andere Bauernmädchen ein,„man könnte ſonſt glauben, Sie lachen über ſich ſelbſt; wenigſtens hätten Sie mehr Recht dazu, als über andere Leute zu lachen.“ „Verdammt nette Kinder,“ bemerkte ein dritter von ven detten„Die Mädchen in Stockholm ſind doch aller⸗ liebſt.“ „Sie täuſchen ſich, Herr Graf, und zwar paſſirt Ihnen das nicht zum erſten Mal. Wir ſind ganz und gar keine Stockholmerinnen, ſondern bloß beſcheidene Bauernmädchen.“ „Von Coſtüme ja, hahaha, von Coſtüme; ſonſt aber ſieht man euch allenthalben in Stockholm.“ Lachen und Scherz wechſelten. „Seien Sie nicht anzüglich, Herr Großhändler. Eine Stockholmerin kann wohl eben ſo gut ſein, wie ein kleines Bauernmädchen aus Blekingen.“ „In gewiſſen Fällen iſt ſie weit beſſer; aber darüber erröthen die Bauernmädchen auch.“ „Sie ſollen daran erinnert werden, beſter Herr Graf, ſobald Sie wieder einmal zu ſeufzen anfangen.“ 191 „Aber, mein Gott, wer ſind Sie denn, ſchöne Masken? Sie kennen uns und wir kennen Sie nicht; das iſt un⸗ gerecht.“ „Ei wie luſtig! Sie kennen uns nicht? Das iſt ja göttlich. Man möchte ſich zu Tod lachen. Suchen Sie nur in Ihrem Gedächtniß... aber freilich, Ihr Gedächtniß iſt weiter nichts als eine Leporelloliſte, und auf dieſer werden Sie uns nicht finden.“ „Wir müſſen Sie examiniren. Sind Ihre Geſichter ebenſo gut gemalt wie ihre Masken?“ „Das kommt auf eine Unterſuchung an.“ „Wir behalten ſie uns auf ſpäter vor.“ „Was ſoll das heißen? Eine Sache iſt jedenfalls gewiß, nehmlich daß wir unſere Masken abnehmen können, Sie aber nicht, weil Sie mit den Ihrigen ge⸗ boren ſind. Wir kennen Sie.“ „Bah, Sie wollen uns fortſcheuchen; hahaha.“ „Weit entfernt. Wir beſtreuen unſern Weg von und zu Maskenbällen gerne mit Lieutenants und königlichen Leleetirene Dieß ſind die holdſeligſten Herren von der elt.“ „Wenn Sie ſo großen Ueberfluß daran haben, ſo ſind wir alſo überflüſſig.“ „Lieutenants und koͤnigliche Sekretäre wachſen überall wild um uns her.“ „Sie ſind heute bei ſehr ſpöttiſchem Humor; aber Ss wiſſen doch, daß wir in die Frauenzimmer vernarrt ſind.“ „Wir wiſſen, daß der einzige Vorzug, den Sie bei ihnen haben, darin beſteht, ihnen nachziehen zu dürfen.“ Aa) klatſchte in die Hände und lachte von Herzens⸗ grund. „Welche wilde kleinen Beſtien! Sie ſind wie Zünd⸗ hölzchen; man braucht nur daran zu reiben, ſo fangen ſie ſogleich Fener. Sie müſſen uns ſagen, wer Sie ſind. Zum Henker, Sie haben unſre Neugierde gereizt. Sie 192 können unſern Blicken, Bitten und Seufzern nicht wider⸗ ſtehen.“ 3„Ihre Blicke ſind bloß Caramellen: ſie verſchmelzen, ohne daß man weiß, wohin ſie ihren Weg nehmen.“ „Ihre Bitten ſind Theebrödchen: man kann ein Halb⸗ dutzend verzehren und immer noch meinen, man habe gar nichts bekommen.“ „Ihre Seufzer ſind Confektdeviſen: es iſt ein Reim, aber kein Verſtand darin.“ Man lachte auf beiden Seiten.. „Sie ſind unverbeſſerlich, ſchöne Masken. Wie kön⸗ nen Sie doch ſo grauſam gegen uns ſein, während wir Sie doch noch mehr als Champagner lieben!“ „Das halten wir für unglaublich, weil wir in Ihren Einfällen immer Champagnerpfröpfe knallen hören.“ „Welche tollen Geſchöpfe! Ah ſie ſind ſuperb, char⸗ mant... wir bewundern Sie mehr als ächte Havanna⸗ cigarren.“ „Und wir freuen uns an Ihrer Bewunderung, ge⸗ rade wie wir nns am Cigarrenrauch freuen: er beläſtigt uns nur einen Augenblick.“ „Bravo, Mädchen! Ihre Lippen ſind nicht blos da, um geküßt zu werden, ſondern auch um zu beißen.“ „Aber die Ihrigen ſind blos dazu da, uns Comp⸗ limente zu ſagen, und dennoch gehen Sie äußerſt ſpar⸗ ſam damit um.“ „Sagen Sie uns, wer ſie ſind, dann ſollen Sie ſehen, daß wir artig ſein können, wie es Cavalieren uſteht.“ 1 1 lehurſinen Diener. Es iſt Ihre Schuldigkeit, die Räthſel zu errathen, die wir vorſtellen.“ „Sie ſind Räthſel?“ „Ja gewiß.“ „Und wir ſollen ſie löſen.“ „Natürlich.“ „Dann löſen wir Ihre Masken ab.“ — ————-——-—. 193 „Auf dieſe ſind wir eben ſo eiferſüchtig wie... wie auf...“ „Auf was... vielleicht auf die verheiratheten Frauenzimmer?“ „Jetzt täuſchen Sie ſich wieder. Dieſe beklagen wir, weil ihre Männer gegen uns weit artiger ſind, als gegen ſie.“ „Auf was ſind Sie alſo eiferſüchtig?“ „Auf Ihre Schlauheit, meine Herrn; ſie ſcheint wirk⸗ lich unübertrefflich, wahrhaft bewundernswerth zu ſein.“ „Sie ſind boshaft.“ „Aber wenn wir Ihnen ſagen, wer wir ſind, werden Sie dann heute Abend unſre Cavaliere bleiben wollen?“ „Wir ſchwören es.“ „Sie werden unſre erklärten Ritter?“ „Wir ſchwören es.“ „Sie beten uns an, tanzen mit uns, umſchwärmen uns?“ „Wir ſchwören es.“ „Sie folgen uns, wie unſre Schatten?“ „Es ſei geſchworen.“ Die Mädchen brachen in ein herzliches Lachen aus. „Ach, mein Gott,“ riefen ſie, was für allerliebſte junge Herren; ein Mädchen kann ſie ſchwören laſſen, auf was es nur will. Man kann ſich aber auch darauf ver⸗ laſſen, daß ſie ſchon ebenſo oft geſchworen als geſeufzt haben. Ein Junggeſellenſchwur und ein Junggeſellen⸗ ſeufzer, das ſind Zwillinge, geboren in einem perlenden Champagnerkelch. Mit ſolchen Herren, wie Sie ſind, kann man ſich wirklich vergnügte Stunden machen; aber glauben kann man ihnen nicht ſoviel...“ „Sie ſind wahre kleine Kobolde... nehmen Sie nur einmal Ihre Masken ab.“ „Um Gnade für Recht ergehen zu laſſen, könnten wir uns dazu entſchließen.“ Das Gewiſſen. v. 13 „Parbleu, die blauäugige Marie!“ „Ihre Dienerin, Herr Lieutenant!“ „Donnerwetter, die lange Charlotte!“ „Gehorſamſte Dienerin, Herr Graf.“ „Goddam, die goldgelockte Auguſte!“ „Allergehorſamſte Dienerin, Herr Sekretär.“ „Tauſend Teufel, die ſchlanke Finke!“ Ie N Herr Großhändler, jetzt engagiren Sie mich doch?“ „Ach ja, Finke, ich engagire Dich auf einen ganzen Tanz zu einer Polketta.“ „Still, man ſpielt auf. Es iſt ein Walzer. Hört, Mayer geigt doch ganz göttlich... welche Töne... kommen Sie... laſſen Sie uns tanzen... tanzen ... tanzen.“. „Still, Mädchen, ſeht hieher.“ Alle Blicke wandten ſich dabei gegen die Thüre, um einige Masken zu betrachten, die eben jetzt eintraten. Die erſten waren drei ſchwarze Dominos, unter denen eine Dame, welche ängſtlich zu ſein ſchien und ſich ſo feſt als möglich an ihren Cavalier anſchloß. „Wohin ſollen wir uns wenden?“ flüſterte ſie halb⸗ laut demjenigen zu, der ſie führte.„Es kommt mir alles hier ſo ſonderbar vor. Ich meine beinahe, daß auf je⸗ dem Schritt eine Gefahr mich bedrohe. Sie dürfen mich nicht verlaſſeu, Chevalier, hören Sie?“ „Halten Sie ſich getroſt an meinem Arm; Sie brauchen nichts zu fürchten.“ Der andere Casvalier ergriff in dieſem Augenblick den Arm des Redenden. „Suchen Sie einen Platz aus, Chevalier, von wo Sie mit meiner Frau das Ganze überſchauen können. Ich verlaſſe Sie auf einen Augenblick und ſuche, Sie wiſſen ſchon, wen ich meine.“ Die beiden Dominos nickten einander bedeutungsvoll zu, worauf der eine von ihnen ſich entfernte. Inzwiſchen waren vier andere Masken hinter ihnen herangekommen. Diejenigen von ihnen, welche die größte Aufmerk⸗ ſamkeit anzogen, waren zwei Frauenzimmer, beide in höchſt elegantem Coſtüme. Die eine war ein zartes, ſchlankes und einnehmen⸗ des Geſchöpf, in einem zierlichen, unſchuldsvollen Kinder⸗ aufzug; weiß, ganz weiß. Das Kleid war ſehr kurz, fiel aber in reichen Falten um die ſchöne Geſtalt. Die weiten Mameluken, die unten zugeſchnürt und mit Spitzen um die Füßchen garnirt waren, nahmen ſich ungemein nett aus und machten ihren Gang ſo leicht und anziehend, daß ſie wirklich alle Augen bezauberte. Oben war das Kleid zwar ausgeſchnitten, aber feine Tüllſpitzen ent⸗ wickelten ſich dort und geſtatteten dem Betrachter blos die Schönheit zu ahnen, die ſich darunter verbarg. Leichte und luftige Locken, die ſich um Hals und Buſen ringelten, vollendeten den Liebreiz der Erſcheinung. „Eine charmante Maske,“ flüſterte der Lieutenant der blauäugigen Marie zu. „Sie haben Recht, Herr Lieutenant, ſie iſt unläugbar ſehr niedlich.“ Neben der Dame in dem Kindercoſtüm ging eine andere als Jägerin. Ein leichter grüner Rock mit reichen Goldſtickereien umſchloß ihren Leib, war aber vorn offen. Auch ſie trug Mameluken, aber ganz in grün und Gold. Eine weiße Seidenchemiſette mit breiten Spitzen bedeckte ihren Buſen. Auf dem Kopf, von welchem die Locken frei herabfielen, trug ſie einen ſpitzigen Hut, mit einer Reiherfeder geſchmückt. Ueber der Schulter hatte ſie eine Jagdtaſche, und in der Hand eine zierliche kleine Büchſe, zwar blos von Holz, aber meiſterhaft gearbeitet. Die beiden Mädchen gingen neben einander, begleitet von zwei Cavalieren in feuerrothen Dominos. „Das ſind ſie,“ ſagte der eine rothe Domino zum 196 andern, während er auf die drei ſchwarzen Masken vor ſich deutete.„Derjenige, der ſich jetzt entfernt, iſt...“ Der Sprechende beugte ſich dabei hinab und flüſterte einen Namen ſo leiſe, daß Niemand außer derjenigen Perſon, an die er ſich wandte, ihn hören konnte. „Ihr müßt ihm folgen,“ fügte er dann hiuzu. „Wir wollen das thun,“ antwortete die Jägerin; „komm mit mir... Sei ohne Furcht... komm nur.“ Und Hand in Hand hüpften die beiden Mädchen dem ſchwarzen Domino nach, der vor ihnen ging, und ſich von den andern entfernt hatte. 1 Die beiden rothen Dominos wandten ſich dann zu⸗ rück, und blieben bei zwei andern Masken an der Thüre ſtehen, die blaue Mäntel mit weißen Spitzen trugen, aber ohne eigentlichen Charakter. 4 6 Die Blekinger Bauernmädchen hatten ihre Plätze nicht 3 verlaſſen, ſondern nur neugierig die Unbekannten be⸗ obachtet. „Hörten Sie, was ſie ſprachen?“ fragte die gold⸗ gelockte Auguſte. „Nur das eine und andere Wort,“ meinte der Groß⸗— händler. „Der rothe Domino forderte die zwei Frauenzimmer auf, der ſchwarzen Maske zu folgen.“ 1 „Hier iſt eine Intrigne im Spiel.“ „Ganz ſicher, aber das geht uns nichts an... 2 man ſpielt da drinn...“ „Laß uns tanzen, Marie,“ rief der Lieutenant.„Wir 8 kommen bald wieder heraus.“ „Das iſt wahr,“ fiel der Graf ein,„komm, Char⸗ 1 lotte, komm. Ein Walzer iſt das Allerlieblichſte, was ich weiß.“ 9 „Mit meiner goldgelockten Auguſte,“ meinte der kö⸗ nigliche Sekretär,„möchte ich Tag und Nacht tanzen.“ Ei wie, Finke, willſt Du mir nicht in die Arme 197 fallen,“ ſagte der Großhändler,„um uns vom Wirbelwind der Töne entführen zu laſſen?“ „Sie ſind ſo ſtill, Mamſell Michelſen; Sie ſcheinen mit ſich ſelbſt noch nicht ganz einig zu ſein. Bereuen Sie bereits?...“. „Das nicht, Charlotte, aber obſchon ich heftig, ja ſogar erbittert ſein kann, ſo fühle ich doch, daß meine Seele nicht die erforderliche Spannkraft beſitzt, um mit Vergnügen einer Rache entgegen zu ſehen.“ „Sie ſind ſchwach,“ fiel Charlotte ein.„Sie haben Kellner nie recht geliebt, und Ihre Eiferſucht iſt nichts Anderes, als Mißvergnügen über Ihre veränderte Stellung. Ich dagegen... ich...“ Die ſchwarze Charlotte konnte kaum ſprechen, ſo ſehr ſchien ſie von ihrer Leidenſchaft überwältigt. Michelſen und die ſchwarze Charlotte waren die bei⸗ den Masken in blauen Mänteln mit weißen Spitzen. „Mein Herz,“ fuhr Charlotte fort,„zittert vor Wolluſt, wenn ich bedenke, daß der Augenblick nahe iſt, wo ich ihnen die Masken von den Geſichtern reißen und Alles ſagen darf, was ich empfinde.“ „Sprechen Sie nicht ſo laut, Charlotte. Es könnte uns Jemand hören.“ „Sie haben Recht. Der Augenblick iſt noch nicht gekommen. Wir wollen uns indeſſen mit etwas beſchäf⸗ tigen. Folgen Sie mir.“ In dieſem Augenblick näherten ſich ihnen die beiden rothen Dominos. „Wohin?“ fragte der eine von ihnen. 198 „Ins Schenkzimmer,“ antwortete Charlotte;„wollen Sie mitkommen?“ „Jetzt nicht; wir haben etwas Anderes zu beſorgen,“ antworteten die Rothen. Man darf ſein Ziel nicht eine Minute aus dem Auge laſſen. Wir gehen da hinein.“ „Thun Sie das; Sie können uns hier ſuchen,“ antwortete Charlotte. „Champagner!“ rief ſie dann dem Kellner zu,„wir wollen Champagner, hören Sie.“ Charlotte und Michelſen ließen ſich an einem Tiſch⸗ chen im Schenkzimmer nieder, während der Champagner⸗ pfropf hoch aufflog. Die beiden rothen Dominos kamen durch die Gallerie zurück. „Es iſt gut, daß Du kamſt, Roman, denn ich bedarf Deiner jetzt an meiner Seite,“ ſagte der eine von ihnen. „Ich habe Dir bereits erzählt, was vorgefallen iſt, und daß wir alle Urſache haben, zu glauben, daß wir heute Abend unſerem Ziel um ein Gutes näher rücken werden. Ich kann inzwiſchen nicht läugnen, ich wünſchte von gan⸗ zem Herzen, daß die arme Gabriele, wie auch die gute Mathilde, von der ſchmerzlichen Scene, die Charlotte beabſichtigt, gerettet werden könnten. Aber ich weiß nicht recht, wie dieß geſchehen ſoll. Ich für meinen Theil weiß nur ein einziges Mittel.“ „Laß mich Deine Meinung hören, Paul. Ich bil⸗ lige Deine freundliche Abſicht im Allgemeinen, und bin überzeugt, daß das Mittel, das Du ausgedacht haſt, auch gut iſt, obſchon ich geſtehen muß, daß wir gleich⸗ wohl uns durch keinerlei Rückſichten verleiten laſſen dürfen, 199 die Reſultate der Aufſchlüſſe zu verpfuſchen, die Du zu erhalten ſo glücklich warſt. Ich kann deßhalb nicht um⸗ hin, die Art und Weiſe, wie Du Gonrville behandelteſt, im höchſten Grade zu loben, obſchon ich allerdings zu⸗ gebe, daß es Deinem menſchenfreundlichen Herzen wehe thun mußte, ihn nicht auch vor dieſem Maskenball war⸗ nen zu dürfen.“ „Es iſt wahr, Roman, es that mir weh: aber ich dachte an die letzten Leiden meines Pflegevaters, wie auch an Dich, und ich feſſelte meine Zunge. Hab' indeß Dank, Roman, für die Art, wie Du dieſes Opfer auf⸗ faſſeſt. Bei Gott, es that mir wehe. Aber laß uns das vergeſſen, und auf Mittel denken, Gabriele und Mathilde zu retten.“ „Du mußt vorher Deine Meinung ſagen.“ „Ich weiß nichts Anderes, als wenn man durch eine Art Hokus Pokus, z. B. durch eine Coſtümveränderung, ein Paar beliebige andere Perſonen... man wird hier ſchon einige auftreiben... dazu veranlaſſen könnte, Gabrielens und Mathildens Rolle in dem Augenblick zu ſpielen, wo ihre Masken fallen müſſen... was ſagſt Du dazu?“ „Das hat ſeine Schwierigkeiten. Wie ſoll man Frau Kellner von Gourville hinweg bekommen, und eine andere Perſon an ihre Stelle bringen, ohne daß dieſer es be⸗ merkte? Dieſelbe Einwendung findet auch in Bezug auf Kellner und Mathilde ſtatt.“ „Ganz richtig, aber ich glaube, die Sache auf mich nehmen zu können, wenn ich den mit der Königin der wilden Jagd verabredeten Augenblick, wo ſie den Chevalier und Kellner von Gabriele und Mathilde weglocken ſoll, klug zu benützen verſtehe. Die Sache iſt die, einige andere wirklich paſſende Perſonen an ihre Stelle zu be⸗ kommen, was wohl auch nicht unmöglich ſein dürfte, obſchon...“ „Wäre es nicht weit klüger, zum Voraus dem 200 Polizeimeiſter ein Wort zu ſagen? Er iſt doch hier, wenn auch maskirt?“⸗ „Das will ich nicht, Roman. Ich will mich mit Nichts befaſſen, was die Denunciation ſelbſt betrifft. Nach meinem letzten Zuſammentreffen mit dem Chevalier würde ich das als eine gemeine Verrätherei anſehen.. Damit mögen ſich Andere befaſſen; ich thue es nicht. Es ſchmerzt mich genug, daß ich nicht auch ihn retten kann.“ „Du biſt gar zu zartfühlend, Paul. Die öffentliche Gerechtigkeit hat ihre Forderungen, die ſie an Jedermann ſtellen darf. Du ſchuldeſt dem Staat ein Opfer aller ſolchen Gefühle. Du haſt ihn vor dem Geſetz zu retten geſucht, jetzt mußt Du die Geſellſchaft vor ihm retten. Er iſt ein hartgeſottener Böſewicht, den man zwar be⸗ klagen, aber in ſeinem Fall nicht aufhalten kaun. Das Recht des Herzens muß gegen die bürgerlichen Pflichten zurückſtehen.“ „Du magſt Recht haben, und gleichwohl...“ „Stille.“ Paul und Roman waren in ein Stübchen getreten, das nur von einer Alabaſterlampe matt beleuchtet war. Im Uebrigen war es in eine doppelte Blumenlaube ver⸗ wandelt, die von Wohlgerüchen duftete, und in verſchie⸗ deuen prachtvollen Farben prunkte. Roman bemerkte ſogleich, daß zwei ſchwarze Dominos auf einem kleinen Sofa ſaßen, der in der Tiefe der einen Laube angebracht war. „Da haben wir ſie,“ flüſterte er Paul zu. „Sie iſt’s...⸗ „Und er...“ 201 Im großen Saal wimmelten die Masken um ein⸗ ander her in bunten, beſtändig wechſelnden Maſſen, be⸗ leuchtet von einer diamanthellen Lichtfluth, die von den blitzenden Cryſtallkronen herabſtrömte, während die Muſik des Orcheſters eine fliegende Gazellepolka von Gungel ſpielte. 5„Ich bin in meinem Leben nie ſo vergnügt geweſen, wie heute,“ ſchwatzte die blauäugige Marie:„hier weiß man doch, was das Leben heißen will. Tanzmuſik und einen Lieutenant, kann man etwas Beſſeres in der Welt verlangen?“ „Du biſt auch ganz allerliebſt heute Abend,“ ant⸗ wortete ihr der Lieutenant.„Du übertriffſt Dich ſelbſt. Wollen wir wieder Eins tanzen?“ „Sie tanzen mich zu Tod, Herr Lieutenant, aber es macht nichts.“ Mayer dirigirte das Orcheſter, und ſein Strich und ſeine Saiten ſchienen ſelbſt gänzlich in Muſik verwandelt zu ſein: es war ein Ton, der auf Tönen tanzte. Das Orcheſter folgte ſeinem Chef getreu. Pauken, Hoboen, Flöten, Violoncellen und Klarinetten machten gemein⸗ ſchaftliche Sache mit einander. Eine Harmonie flog um die andere mit beflügelter Eile durch den Saal, zum Tanze auffordernd. Zum Tanz, ertönte es auch in allen Herzen. Der Tanz war nicht blos ein gewöhnliches Vergnügen, er war ein Rauſch. Gleich einem zweiten Oberon blickte Mayer über den Saal hinaus, lächelnd über den Zauber, den er hervorgerufen, lächelnd über die Raſerei, die Alle ergriffen hatte. „Laſſen Sie mich einen Augenblick zu Athem kom⸗ men,“ bat die lange Charlotte.„Sie tanzen mich ins Grab, Herr Graf.“ „Was kann man Beſſeres verlangen, als tanzend ſter⸗ ben zu dürfen!“ „Sie haben Recht, Herr Graf, laſſen Sie uns alſo tanzen... tanzen... tanzen.“ 202 Ein Meer von Tönen erbrauste hier; bald glitten die Melodien mit dem leichten Gang einer ſonnenhellen Welle hinan, bald erſtarben ſie wie ein Wind, der ſäu⸗ ſelnd ſeufzt und ſtirbt; bald brausten ſie wieder, als hätte der Geiſt des Sturmes ſeine Schwingen über ſie geſchüttelt.. „Wie glücklich bin ich,“ ſagte die goldgelockte Au⸗ guſte.„Sie tanzen ganz göttlich, Herr Sekretär. Da man es im ledigen Stande ſo angenehm hat, wie ein⸗ fältig iſt es da nicht, zu heirathen; wenn man alt wird, muß man freilich daran denken, einen Mann zu bekom⸗ men; aber ſoviel iſt gewiß, wenn er einmal kommt, ſo entfliehen auch Jugend, Liebe und Tanz.“ „Laß uns die flüchtige Stunde benützen. Laß uns lieben und tanzen... tanzen und lieben.“ Eine Maske ſchwebte um die andere über den Boden hin. Aus den bemalten kalten Papiergeſichtern flammten zwei Augen. Der Anblick war eigenthümlich und wunderbar. Es gab Momente, wo man kaum unter lebendigen Menſchen zu ſein glaubte: alle Geſichter waren ja gleichſam todt, ſtarr und leblos. „Ich... ich... ich,“ ſtammelte die ſchlanke Finke, ich glaube... daß aß... daß ich vergehe.“ „Du vergehſt vor Seligkeit, Finke, wie glücklich biſt Du!“ „Mayer, dieſer Mayer... er ſpielt wie ein Gott.“ Sie konnte kaum ſprechen, ſo heftig hatte ſie ſich dem Tanz hingegeben. „Du haſt Recht; hier iſt es gottvoll, laß uns tanzen.“ „Ach ja, laß uns tanzen.“ Und ſie verſchwanden wieder im Wirbel des Tanzes. Der Zufall führte die vier Paare auf einen Augen⸗ blick mitten im Saale zuſammen. „Haben Sie etwas bemerkt?“ fragte die lange Char⸗ lotte ihren Tänzer. 203 tten„Was denn?“. llen„Sehen Sie da hinauf gegen das Orcheſter... al⸗ unmittelbar unter demſelben... da ſtehen zwei Masken als... zwei ſchwarze Masken...“ ſie„Und dann?“ 1„Alle tanzen, nur dieſe nicht.“ lu⸗„Dieß iſt nichts Ungewöhnliches.“ Da„Mir erſcheint es im Gegentheil höchſt ungewöhnlich.“ in⸗„Meinſt Du?“ rd,„Sie bekümmern ſich ganz und gar nicht um den n⸗ Tanz... Sehen Sie... nicht das Mindeſte.“ ſo„Vielleicht... aber was weiter?“ „Der eine von ihnen iſt kein Anderer, als der ns ſchwarze Domino, der ſich draußen von den Uebrigen trennte.“ en„Darin haſt Du wirklich Recht... ich erkenne ihn ru jetzt auch wieder.“ ch„Wiſſen Sie, wer er iſt?“ er„Nein.“ en„Ich glaube ihn zu erkennen.“ „Glaubſt Du?“ e,„Es iſt kein Anderer, als der Großhändler Kellner, 85 ich hörte ſo eben ſeine Stimme.“ ch„Aber wer iſt derjenige, mit dem er ſpricht?“ „Das iſt ein großer, ſtattlicher Mann.“ „Er hat ſchwarze Haare.“ h„Er trägt ſich ſchwarz, und hat nur eine Maske vor dem Geſicht.“ 3„Als er ſo eben ſeinen Frack aufknöpfte, ſah ich deutlich einen um ſeinen Hals befeſtigten Orden hervor⸗ blitzen. Es iſt ſicherlich ein vornehmer Herr.“ „Wenn der Andere Kellner iſt, ſo iſt es nicht un⸗ . wahrſcheinlich. Kellner beſitzt viele Verbindungen.“ „Sie ſprechen eifrig mit einander. Gewiß haben Sie ſich wichtige Dinge zu ſagen.“ „Sie wechſelten ſo eben einige Papiere.“ „Thaten ſie das?“ „Kellner verbeugte ſich dabei tief.“ „Aber das geht ja uns gar nichts an; wir ver⸗ ſäumen blos den Tanz.“ „ Darin haſt Du Recht. Aber es weilig, ſeine Beobachtungen zu machen. iſt immerhin kurz⸗ „Das iſt wohl wahr. Erinnern Sie ſich, daß der feuerrothe Domino draußen zu ſeinen Frauenzimmern ſagte, ſie ſollten ihm folgen, juſt dieſem Manne da, in b dem wir jetzt Kellner wieder erkennen.“ „Nun und dann?“ „Ich ſagte gleich, daß hier eine Intrigue im Werk ſei, und daß es ſehr angenehm wäre, ihr auf die Spur zu kommen. Bedenken Sie einmal, wenn wir hier einen Spuk anſtiften könnten!“ Die ſchöne Maske in dem weißen Kinderkleid kam 4 in dieſem Augenblick, gefolgt von der Jägerin, an ihnen vorüber. „Da ſind ſie wieder,“ bemerkte die Finke,„ſie ſcheinen ſich Kellner bemerklich machen zu wollen.“ „Das ſchlägt nicht fehl... aber jetzt errathe ich, um was es ſich hier handelt.“ „Du erräthſt es, nun, ſo ſage es nur, ſage es nur.“ „Sie ſind neugierig, ſehr neugierig, das müſſen Sie zugeben.“ „Wir läugnen es nicht... aber ſag' uns, was f Du glaubſt.“ 6 „Sie haben doch den Blumentempel im andern 2 Saal ſchon geſehen?“. „Nun ja...“ „Sie wiſſen doch auch, daß heute Abend ein Fackel⸗ zug ſtattfinden und daß er am Tempel vorüber kommen d ſoll?⸗ J „Das ſteht ja im Programm.“ G „Ganz richtig, und jetzt ſoll jemand zur Göttin 205 Flora auserſehen werden, um an uns Andre lebendige Blumen zu vertheilen... begreifen Sie...“ „Nicht recht.“ „Es handelt ſich ſicherlich darum, wer zur Flora auserſehen werden ſoll... ich glaube, daß ſie... unſre kleine, weiße Kindermaske da, nach dieſer Aus⸗ zeichnung Gelüſte trägt; nun meinetwegen wohl, ich ri⸗ valiſire nicht mit ihr; das iſt blos läſtig.“ „Da ſieh' hin... Kellner hat ſeine Augen auf ſie gerichtet, ſie betrachten einander.“ „Mögen ſie ibre Geheimniſſe im Frieden mit einan⸗ der haben. Wir wollen ja auch im Frieden bleiben... fort mit aller Neugierde!“ „Jetzt müſſen wir tanzen.“ „Tanzen... ja tanzen... es lebe der Tanz!“ Der ſchwarze Domino, von dem man ſo eben ge⸗ ſprochen hatte, war wirklich Kellner. Er hatte ſich auf dem Maskenball eingefunden, um eine höchſt vornehme diplomatiſche Perſon zu treffen, die kürzlich in der Hauptſtadt angelangt war, und mit wel⸗ cher er einige politiſche Angelegenheiten von der größten Wichtigkeit abzumachen hatte. Er hatte ſeinen Mann auch getroffen. Wären die neugierigen Kellnerinnen vom Thiergarten nicht geweſen, ſo hätte dieſe Zuſammenkunft ſtattgefunden, ohne daß jemand darauf geachtet hätte, und was die Mädchen betraf, ſo dachten ſie ſelbſt nicht weiter daran. Es lag auch gar zu wenig Merkwürdiges in dem Um⸗ ſtand, daß ein paar Masken mit einander ſprachen.“ 206 Sobald das Geſpräch vorüber war, entfernte ſich der Fremde und ließ Kellner allein zurück. Wäre die Maske in dieſem Augenblick von ſeinem Geſicht gefallen, ſo würde man eine von Stolz ſtrahlende Stirne, einen Muth und Erfolg verkündenden Blick, eine von friſchen Kräften inſpirirte mannhafte Miene geſehen⸗ haben, denn Kellner hatte neue überzeugende Beweiſe des unbegrenzten Vertrauens erhalten, welches Perſonen von der höchſten politiſchen Bedeutung in den Erfolg ſeiner Pläne ſetzten. Es hing jetzt nur von ihm ſelbſt und der Klugheit in ſeinen Unternehmungen ab, ſich auf die höchſten Gipfel der Geſellſchaft emporzuſchwingen. Einen Augenblick erfreute er ſich an dem Gedanken, zu herrſchen, und er zweifelte nicht an ſeinem Erfolg. Ihm war, als befänden ſich Cäſar und, ſein Glück auf dem Schifflein ſeines Lebens. Aber auf einmal fühlte er ſeinen Blick gleichſam herabgezogen aus den Räumen, worin er ſchwebte, herab⸗ gezogen von etwas Magnetiſchem, und als er das Auge ſenkte, verweilte es auf einer Damenmaske, die ihn auf eine auffallende Weiſe betrachtete. Kellner kannte das Weib wohl, und er hatte ſie in vielen Auflagen, immer eine ſchöner als die andere, ſtu⸗ dirt, aber er mußte zugeben, daß das, was er jetzt ſah, alles übertraf, was er früher geſehen hatte. Sie war ſo fein, ſo geſchmeidig und dennoch voll⸗ kommen ausgebildet. Sie war eine Jungfrau in ihren ſchönſten Jahren, wie ein Kind gekleidet mit unſchulds⸗ voller Grazie, mit liebenswürdiger Naivetät, mit be⸗ zaubernder Schüchternheit. War es ein ausgewachſenes Weib, das aus natürlichem Gefühl ſich noch wie ein minderjähriges Mädchen gerirte, mit Locken um Hals und Buſen, in ihren zierlichen, mit ſchneeweißen Spitzen bordirten Höschen, oder war es die ſtudirte Kokette, die ihre Mittel wohl berechnet hatte und ſpielend den Bei⸗ fall der Männer erobern wollte? 207 Kelluer vermochte ſeine Frage nicht zu beantworten, aber er genoß mit dem ganzen Kunſtſinn eines Kenners. Er vergaß daher auf einmal alle ſeine ehrgeizigen Pläne, alle ſeine politiſchen Ausſichten, alle ſeine diplomatiſchen Unternehmungen. Die Sinnlichkeit befeuerte ſein Herz und ſchmeichelte für einen Augenblick ſeinen Gedanken mit ihren Flammen. „Ich muß ſie kennen lernen,“ flüſterte die Wolluſt in ſeinem Herzen. Das Frauenzimmer im Jagdkleid blieb in dieſem Augenblick an ſeiner Seite ſtehen. Der Leſer hat gewiß bereits errathen, daß dieß keine andere war, als die Königin der wilden Jagd, welche die Embleme ihres Coſtümes von dem Namen geborgt hatte, den man ihr gegeben. Die ſchwarze Charlotte hatte ihr geſagt, ſie ſolle Mathilde ſo führen, daß Kellner ſeine Augen auf ſie 3 richte. Dagegen hatte Paul Anna gebeten, Kellner, im Fall er Mathilde verfolge, dieß ganz ungehindert thun zu laſſen; zugleich aber ſolle ſie ſich bereit halten, ihn auf ein gegebenes Zeichen von ihr zu entfernen, wenigſtens für eine kleine Weile. In der That ſelbſt wußte Anna nicht, warum ſie dieſe Aufträge erhalten hatte; aber ſie fürchtete ſich vor nichts, da Paul, an den ſie wie an einen Gott glaubte, ſeine Hand dabei im Spiele hatte. Mathilde hinwiederum war in Bezug auf ihre Ge⸗ danken ſo kindlich, wie man aus dem Kleid ſchließen konnte, das ſie jetzt trug, und dadurch, daß man ihr die Hoffnung ließ, mit Gabriele zuſammenzutreffen, konnte man ſie führen, wohin man nur wollte. Ohne übrigens zu wiſſen, daß der Domino, der ſie jetzt verfolgte, Kellner war, vermuthete ſie, es möchte ein Freund Gabrielens ſein, dem ſie ſich anvertrauen könne, Sie ſehnte ſich alſo nach einem Geſpräch mit dem unbekannten Domino; aber ängſtlich und ſchüchtern, wagte ſie nicht ſelbſt ihm nahe zu treten, ſondern blieb ſtehen, um ihn nur zu betrachten. Die Königin der wilden Jagd, die muthiger war, trat inzwiſchen dreiſt vor. „Sie betrachten die Maske mit dem weißen Kinder⸗ kleid,“ ſagte ſie zu Kellner,„wollen Sie ſie treffen, ſo folgen Sie mir.“ Kellner folgte ſogleich und ſtand bald an Mathildens Seite. „Schöne Maske,“ redete er ſie an,„Sie haben mich ganz verzaubert.“ 3 Mathilde hatte kaum ſeine Stimme gehört, ſo er⸗ kannte ſie dieſelbe auch wieder. „Komm,“ flüſterte ſie ihrer Freundin zu,„es iſt der Großhändler Kellner. Führe mich fort von hier, ich bleibe nicht bei ihm ſtehen... folge mir... komm!“ Ohne Annas Antwort abzuwarten, eilte Mathilde weg und verſchwand unter den übrigen Masken. „Du kennſt ſie,“ ſagte Kellner zu Anna,„wer iſt ſie?“ Mathilde war für Kellner wie eine ſchöne und wunderbare Erſcheinung aufgetaucht und ſogleich wieder verſchwunden, hatte jedoch in ſeinem Herzen den Eindruck einer ſolchen Erſcheinung zurückgelaſſen. Anna war durch Mathildens haſtige Flucht in Ver⸗ legenheit geſetzt, zumal da ſie fürchtete, ſie könne jetzt die Verſprechungen, welche ſie der ſchwarzen Charlotte und Paul gegeben, nicht erfüllen. In ihrer Verlegen⸗ heit antwortete ſie Kellner nicht, ſondern blieb nachdenkend und ſchweigſam. „Wer biſt Du ſelbſt?“ fragte Kellner, der ihre Ver⸗ legenheit bemerkte.„Dein Jagdruf hat mich geweckt, aber die Taube iſt bei dieſer Gelegenheit entflohen. Wer biſt Du ſelbſt?“ „Dort zeigt ſich die weiße Tanbe wieder,“ antwor⸗ tete ſte, ohne ſich um Kellners letzte Frage zu bekümmern, 209 wir wollen ihrem Flug folgen.“ So ſprechend eilte auch Anna von ihm weg. Dieſes kleine Ereigniß erſchien Kellner ebenſo inte⸗ reſſant als ſonderbar. Unter dem Gewimmel von Masken tauchte die Kin⸗ dermaske, gleich einer leichten Sylphide in ihrem zierlichen, ſchneeweißen Gewand wieder auf. Die grüne Jägerin holte ſie juſt jetzt ein und Kell⸗ ner ſah beide Arm in Arm unter den bunten Masken ſich durcharbeiten und wieder verſchwinden. Kellner lächelte unter der Maske. „Sie iſt eine Kokette,“ murmelte er;„koſte es, was es wolle, ich werde ſie zu finden wiſſen.“ Nach der einnehmenden Geſtalt forſchend, die einen ſo lieblichen Eindruck auf ihn gemacht hatte, miſchte er ſich unter den Haufen, wobei er zuweilen durch einen Schimmer der beiden unbekannten Masken geleitet wurde. Als er nach ein paar Gängen im Saal ſich wieder mit⸗ ten in demſelben oder nahe bei der Thüre des Theater⸗ ſaales befand, ſah er, wie ſie ſich hinausbegaben, und folgte ihnen ſogleich nach. Als er hinanskam, befanden ſie ſich bereits am andern Ausgang des Saales. Wäh⸗ rend Kellner ſich bemühte, ſie einzuholen, hatte ſeine Neugierde unaufhörlich zugenommen. Er hatte beobach⸗ tet, wie mehrere Cavaliere, während die beiden Damen vorbeigingen, hingeeilt waren und ihnen Anträge gemacht, aber nichts als abſchlägige Antworten erhalten hatten, damit jedoch nicht genug, es entging ihm auch nicht, daß ſie die allgemeine Aufmerkſamkeit anzogen und die übrigen Masken ihnen Platz machten, ſowie auch, daß ein lärmender Beifall ihnen nachſcholl. „Sie wollen mein Intereſſe und meine Neugierde ſteigern,“ dachte Kellner,„und darin liegt nichts Böſes. Sie werden ſchon ſtehen bleiben, wenn ich ſie nur nicht aus dem Auge laſſe.“ Das Gewiſſen. v. 14 210 Er folgte ihnen alſo dicht auf den Ferſen. Wenn er durch die eine Thüre eintrat, zogen ſie durch die andere hinaus. So ging es von Zimmer zu Zimmer. „Schlaue Masken,⸗ ſagte er vor ſich hin,„wir wol⸗ len ſchon ſehen, wer von Fliehens oder ich des Verfolgens.“ Sie befanden ſich jetzt im Schenkzimmer. Kellner bemerkte, daß ſie dort an der zimmern ſtanden, die blaue M trugen, und daß ſie haſtig einige Worte mit i ſelten. Es war ſeine Abſicht, ſie dort einzuholen, aber ſobald ſie ihn bemerkten, entflohen ſie wieder. Kellner war nichts deſtoweniger aber es war ihm gleichwohl ſo ei bei dem Blick, welchen das ei zimmer auf ihn warf, daß er ſogleich ſeinen Weg fort⸗ ſetzts. Auf dieſe Art trat er in die Gallerie und kam endlich in das eine doppelte Laube bildende Stübchen, wo er, während er es ganz ſchnell durchlief, tief in der einen Laube ein paar ſchwarze Dominos ſah. Es waren dieſelben, von denen er bei ſeiner Ankunft auf dem Maskenball ſich getrennt hatte; aber er war jetzt von ſeiner Jagd auf die ſchöne Unbekannte ſo eingenommen, daß er ſich ihrer nicht mehr erinnerte Als er wieder in den großen er die beiden Masken, auf die er mehreren Cavalieren umringt. ft wußte, wer ſie waren, em⸗ Ungeachtet Kellner nich pfand er doch einen Stich in ſeinem Herzen, wie von Eiferſucht. Er drängte ſich vor, entſchloſſen, den Raub zu grei⸗ fen und nicht los zu laſſen, wenn er ihn einmal gefaßt hätte. Aber kaum w . Saal hinauskam, ſah Jagd machte, von ar es ihm gelungen, ſich zu ihnen vor⸗ uns zuerſt müde wird, ihr des — —,—, u 211 zudrängen, als das Mädchen in dem weißen Kindercoſtüme ihn und ſeinen gegen ſie ausgeſtreckten Arm bemerkte. Ein halberſtickter Angſtſchrei war im Begriff, über ihre Lippen zu entfliehen, aber ſie beſchwichtigte ſich ſelbſt wieder. „Ich will tanzen, mit Ihnen tanzen...“ ſagte ſie ſtatt deſſen und warf ſich dem nächſten Cavalier in die Arme. Kellner hatte den Verdruß, ſie im wirbelnden Tanz fortgeriſſen zu ſehen, juſt in dem Augenblick, wo er ge⸗ ſchworen hatte, daß ſie ihm nicht entgehen ſollte. Wir wenden uns ins Schenkzimmer zurück. „Du biſt melancholiſch, Michelſen,“ ſagte die ſchwarze Charlotte;„ſiehe, wie der Champagner ſchäumt. Keine Melancholie iſt ſo groß, um nicht im Champagnerkelch zu ertrinken. Trinke alſo, trinke.“ „Ich friere und ſchwitze zu gleicher Zeit.“ „Deine Gedanken halten ſich an die Erde: Du haſt etwas von den Gütern derſelben verloren und grämſt Dich darüber. Die meinigen fliegen mit ſchwarzen Wol⸗ ken und durchblitzen dieſelben mit eigenem Feuer. Da droben in den Wolken grämt man ſich nicht um die Erde, aber man ſtraft ſie mit Blitzen.“ „Ich beſitze Deinen kraͤftigen und wilden Charakter nicht. Ich zittere in Deiner Geſellſchaft. Du biſt küh⸗ ner als ein Mädchen ſein ſoll.“ „Trinke, ſo wirſt Du es auch. Siehſt Du, wie die Perlen des Weines arbeiten? Ich liebe den Cham⸗ pagner, weil Leben darin iſt. So arbeiten auch die 212 Leidenſchaften in meinem Herzen. Sie ſieden und ſchäu⸗ men. Trink, Michelſen, trink!“ Michelſen leerte ihr Glas. „Es wärmt, es belebt,“ ſagte ſie.„Ach, Charlotte, wenn doch dieſe Nacht vorüber wäre. Ich fürchte eben ſo ſehr für Dich, als für mich. Es iſt nicht genug, ſich zu rächen... aber es kommt auch nach der Rache eine Zeit, wo man ſie bereuen kann. Haſt Du jemals Reue empfunden? Haſt Du je Gewiſſensqualen gehabt?“ „Reue?... Gewiſſensqualen?... Nie nie! Dieß ſind Mährchen, womit man die Kind Ich glaube nicht daran, es ſind Geſpenſter, die von uns ſelbſt erfunden ſind, um uns zu ſchrecken. Im Uebrigen „warum davon ſprechen? Laß uns trinken, Mi⸗ chelſen. Der Champagner iſt vortrefflich. Laß uns ein Glas auf unſre Jugendliebe trinken. Sie war ſchön, Michelſen, nicht wahr? Sie erwärmte das Herz, ſie be⸗ lebte die Gedanfen, ſie erleuchtete die Seele. Eine Ge⸗ ſundheit auf unſre erſte Liebe, auf die erſte Morgenröthe in unſerem Leben, auf die erſte Frühlingsblume in un⸗ ſeren Träumen, auf den erſten Stern, der über uns auf⸗ ging! Eine Geſundheit darauf!“ „Ach ja, ein Hoch auf unſre erſte Liebe!“ „Du erinnerſt Dich ihrer noch... ich leſe ſie in Deinem Blick... die meinige hieß der Löwe; wie hieß die Deinige?“ Michelſen mußte ihren Blick vor Charlotte ſenken. „Ich kann mich des Namens nicht erinnern,“ flüſterte ſie mit leiſer Stimme. Unter der Maske färbten ſich ihre Wangen von einer Röthe, nehmlich der Röthe der Verlegenheit. 5 „Du erinnerſt Dich des Namens nicht. Was iſt auch ein Name? Ein Schild, der ſich ſehr oft als falſch ausweist. Liebe ohne Namen, das iſt wahre Liebe. Trink, Michelſen, trink! Ich ſehe, wie Dein Auge brennt. So lange das Auge noch einen Strahl beſitzt, ... er ſchreckt. 213 hat auch das Herz Feuer genug. Ein Hoch, Michelſen! Ein Hoch auf die Liebe!“ Die Gläſer wurden geleert. „Ein Hoch auf unſre letzte Liebe!“ fiel Michelſen ein. „Immerhin. Ein Hoch auf unſre letzte Liebe, auf die Blume, welche der Froſtabend brach, auf den Stern, welcher vom Firmament hinab in die Nacht verſank, und auf den letzten Seufzer, der unſre Buſen vor Wolluſt hob und ſodann auf bleichen Lippen erſtarb, auf die Roſe, welche ſeliges Entzücken auf unſre Wangen lockte, um im nächſten Augenblick von der Verzweiflung in unſeren Herzen begraben zu werdef. Ein Hoch auf unſre letzte Liebe! Aber weißt Du auch, auf was wir da trinken?“ „Ich ahne es aus Deinem Blick... wir trinken .. wir trinken...“ „Auf den Haß... auf die Rache... dieß iſt meine letzte Liebe.“ „Die letzte, nein, Charlotte, ich kann nicht leben ohne zu lieben.“ „Trink, Michelſen, trink! Ich bin überzeugt, daß Deine Wange blaß iſt. Ein blaſſe Wange iſt ein ſchwa⸗ ches Herz. Trink... und die Wange wird ſich färben und das Herz wird ſich beleben...“ „Es iſt mir ſo ſonderbar im Kopf... glaubſt Du, daß es uns gelingen wird?...“ In dieſem Augenblick traten die Königin der wilden Jagd und Mathilde herein und blieben eine Weile bei ihnen ſtehen. Ihnen auf den Ferſen folgte Kelluer. Bei ſeinem Anblick wurden ſie auf einmal ſtill, aber er entfernte ſich bald und das Geſpräch begann von Neuem. „Du ſahſt ihn,“ bemerkte Charlotte. „Ach ja, ich ſah ihn.“ Es lag Verdruß und Leidenſchaft in ihren Worten. „Trink, Michelſen!“ „Laß uns trinken, ja, ja, laß uns trinken.“ 214 „Nächſt der Liebe kenne ich nichts Angenehmeres als den Haß. Die Liebe erfüllt die Seele mit Sonnenſchein, der Haß erfüllt ſie mit einer ganzen Gewitternacht. „Mit Sturm, ja... ja... ich fühle das.“ „Es iſt ſchön auch im Sturm.“ „Auch im Sturm, ja...“ „Leben heißt lieben oder haſſen; weder das Eine noch das Andere, das heißt ſterbeu.“ „Läfß unns die Gläſer leeren. Wie viel Uhr iſt's?“ „Elf. „Kellner folgte ihr. Sollen wir nicht ſehen, wohin ſie ſich begeben haben?“ „Nein.“ „Iſt es noch nicht bald Zeit?“ „Noch nicht.“ 3 „Die Sache geht langſam von Statten.“ „Du biſt ungeduldig.“ „Meine Seele brennt.“ „Kühle Dich ab, trink... trink.“ „Laß uns trinken! Glaubſt Du, daß er ſich ge⸗ demüthigt fühlen wird?“ „Zweifle nicht daran.“ „Ich zweifle nicht. Ich kann nicht zweifeln. Er wird gedemüthigt werden, bei Gott, er muß es werden.“ „Jetzt verſtehe ich, daß ich ihn haſſe. Charlotte, fühle, wie meine Hand brennt! Ach, wie bewundere ich Dich! Du biſt eine Heldin, Charlotte, in Liebe und in Haß. Du biſt muthig, und ich bin feig. Aber die Nacht iſt noch nicht vorüber. Du darfſt mich nicht ver⸗ laſſen, Charlotte. Ich fühle mich wohl in Deiner Ge⸗ ſellſchaft. Ich bin Feuer von Deinem Feuer, Seele aus Deiner Seele. Beim Himmel, trink, Charlotte! Der Champagner iſt vortrefflich... ich will ihn bis auf den letzten Tropfen leeren. Was glaubſt Du?... glaubſt Du nicht, daß die Zeit ſchon da iſt?⸗ „Noch nicht. 215 8„So laß uns trinken, ſo lange wir warten müſſen.“ ,„Laß uns trinken... „Sie verfliegen, die brauſenden Perlen, trink...“ „Ja, ja.“ „ 1 Wir verließen zwei ſchwarze Dominos in einem Stübchen, das zwei Lauben bildete. Die Zwiſchenwand von lebendigen Blumen, welche beide trennte, ſtand ſehr bedeutend vor. Das Zimmer war nur von einer Lampe beleuchtet, ſo daß eine zauberiſche Helle auf dem Ganzen zu ruhen ſchien. In jeder Laube befand ſich nur Platz für zwei Perſonen. Die Menge der Ballgäſte, die von den ſtürmiſcheren Vergnügungen in Anſpruch genommen war, ging auch nur flüchtig an dieſem Zimmer vorüber. — Unſere beiden Dominos konnten ſich daher ungeſtört dem Geſpräch überlaſſen, das ſie beſchäftigte. „Ich habe eine entſetzliche Nacht gehabt, Chevalier,“ ſagte der eine ſchwarze Domino. Inanfhörlich habe ich die Mordwaffe in Ihrer Hand blinken, und das Opfer blutig zu Ihren Füßen liegen geſehen, dabei kam es mir vor, als blinke die Waffe über mir, und als blute ich ſelbſt zu Ihren Füßen. Wer ſind Sie, Chevalier? Sie müſſen mir es ſagen. Ich kann mir die Unruhe nicht erklären, die mir die Ungewißheit einflößt, aber ſie macht mich krank.“ Der Leſer kann ſich in den Perſonen dieſer zwei ſchwarzen Dominos nicht täuſchen: die Damenmaske iſt Gabriele, und die Herrenmaske iſt Gourville. „Sie wollen wiſſen, wer ich bin?“ antwortete Gour⸗ ville anf ihre Frage.„Warum nicht? Sie haben einen Menſchen von meiner Hand fallen und bluten geſehen, 216 und dadurch befindet ſich zwiſchen uns jetzt ein Band des Blutes, das allerdings entſetzlich iſt, aber dennoch das einzige, das mich an irgend Jemand in der Welt knüpft. Sie haben ein Recht, zu erfahren, wer ich bin.“ Gabriele durchſchauerte es eiskalt, während er ſprach. „Ich fühle,“ fuhr Gonrville fort,„daß es mir ſelbſt ein Bedürfniß iſt, mich Ihnen anzuvertrauen, weil Ihr Herz freundlich, und Ihr Blick mild iſt. Dieſer letzte Tag hat mich mächtig ergriffen, und es wird mir gewiß ein lieblicher Troſt ſein, wenn ich Ihre Theilnahme ge⸗ winnen kann.“— Gabriele ergriff ſeine Hand. „Chevalier,“ ſagte ſie,„Sie erſchrecken mich; viel⸗ leicht iſt es am Beſten, Sie erzählen mir nichts.“ Gourville betrachtete ſie mit Kälte. „Sie haben Recht, Madame,“ antwortete er ihr nach kurzer Ueberlegung,„es könnte vielleicht auf ein Stünd⸗ chen den Schlaf aus Ihren Augen verſcheuchen, und das wäre recht Schade.“ Es lag etwas Beißendes und Ironiſches in ſeinen Worten. Gabriele fuhr zuſammen, und blickte ihm in die Angen; ſie merkte, daß ihre Worte ihn verletzt hatten, und ſie bereute ſie bereits. „Ich glaube,“ fiel ſie daher ein,„Sie erklärten mir, daß es Sie beruhigen würde, mir Ihre Schickſale anver⸗ trauen zu dürfen. Ach, ich gab nicht recht Acht darauf. Nehmen Sie Ihren Platz wieder ein, Chevalier, ich werde Sie anhören. Dieſer Mord vereinigt uns auf eine gräß⸗ liche Weiſe. Mein Auge hat ihn geſehen, ich kenne ihn, und wage nicht, davon zu ſprechen. Der Vorwurf eines entſetzlichen Geheimniſſes bedrückt mich. Sprechen Sie, ſprechen Sie! Ich will Ihre Erzählung hören. Vielleicht wird ſie auch mich beruhigen.“ Gourville hatte ſeinen Blick nicht von ihr abgewandt. „Wollen Sie ruhig werden?“ fragte er. ᷣ— 217 Ja, ja.“ 7 1* 8 8.——. „Wollen Sie Ihr Herz von dem Geheimuniß befreien, das Sie jetzt bedrückt?“ . „Ja. a 41 „Ich weiß ein Mittel.“ „Um Gotteswillen, ſagen Sie mir's.“ „Denunziren Sie mich, Madame!“ Gabriele fuhr erſchrocken zurück. „Sie verhöhnen mich, weil ich Bedenken trug, Sie anzuhören. Verzeihen Sie mir,“ bat ſie dann,„ich gebe zu, daß ich Unrecht hatte.“ „Bitten Sie mich nicht, Madame. Mein Leben iſt ein trauriges Drama, das Ihrige iſt eine ſanfte Idylle. Ich könnte vielleicht den Frieden in Ihrer Bruſt ſtören, wenn ich Ihnen meine Schickſale anvertraute. Laſſen Sie die Sache ſein, wie ſie iſt. Sie haben bereits genng von mir. Ein Blutstropfen von meiner Mord⸗ waffe befleckt bereits Ihre Erinnerung. Beim Himmel, ich habe kein Recht, den Engeln zu befehlen, daß ſie zu mir in die Hölle herabſteigen ſollen. Weichen Sie zurück, Madame. Vergeſſen Sie einen Wunſch, den Sie nur aus Barmherzigkeit ſtellen. Sie können doch geſchehene Dinge nicht verändern. Sie ſind eine Taube, und ich bin ein Raubvogel. Nehmen Sie ſich in Acht... Kommen Sie meinen Klanen nicht zu nahe... ich warne Sie, ich bitte Sie darum.“ Gabriele hatte ſich wieder beruhigt, und ergriff jetzt vertrauensvoll Gonrville’'s Hand. „Seien Sie, wer Sie wollen,“ ſagte ſie,„ich bin auf's Schlimmſte gefaßt. Aber die Vorſehung hat es einmal ſo gefügt, daß ich mitten in die Brandungen Ihrer Handlungen, in Ihrer Art das Leben anzuſehen, hineingeworfen worden bin, und wenn Sie nicht wollen, daß ich untergehen ſoll, ſo müſſen Sie mir eine Seekarte geben, welche mir die Gefahren und die Mittel, mich zu retten, zeigt. Ein Blutband vereinigt uns, ſagten Sie. Dieſes Blutband hat der Tod geknüpft, der Tod in Ihrer Hand. Ich habe das Recht, eine Erklärung darüber von Ihnen zu fordern. Sie können mir dieſes Recht nicht rauben. Ein Opfer hat von Ihnen geblutet; Sie können nicht wollen, daß ich bei der Erinnerung daran verblute, ohne daß Sie mich den Namen meines Mörders wiſſen laſſen. Sprechen Sie, Chevalier, ich fordere Sie dazu anf bei meinem Frieden, bei Ihrer Ehre. Ich ahne ſchreckliche Dinge, aber ich will ſie nicht blos ahnen, ich will ſie kennen lernen. Die Dämmerung, die mich jetzt umgibt, erſchreckt mich. Laſſen Sie die Nacht mit all ihren Finſterniſſen kommen... ſie hat immer einen Stern. Wollen Sie mich tröſten, ſo entlarven Sie Ihr Leben. Hinter der Maske ſehe ich jetzt Furien, die mich zerfleiſchen. Sie ſind verpflichtet, ſich zu rechtfertigen, weil Sie dadurch mein eigenes Gefühl rechtfertigen. Meine Seele wird jetzt von Unruhe, Zweifeln, qualvollen Vermuthungen zerfleiſcht: ſprechen Sie, Chevalier, ſprechen Sie! Ich bitte Sie nicht mehr darum, ſondern ich be⸗ fehle Ihnen.“ Der Chevalier konnte ihrer Aufforderung nicht länger widerſtehen. Nichts deſtoweniger ſchwieg er noch einen Augenblick, indem er überlegte, wie er anfangen ſollte. Siebentes Kapitel. Chevalier Gouroille's Erzählung. „Es ſind,“ begann er dann,„ungefähr zwölf Jahre, oder auch etwas mehr, ſeit ein fröhlicher, munterer Junge 219 hier in den Straßen der Hanuptſtadt ſpielte, ebenſo wenig darüber nachgrübelnd, wenn ihm mitunter das Noth⸗ wendigſte fehlte, um ſich zu bedecken, als er je daran dachte, woher er das Stück Brod nehmen ſollte, deſſen er für den Tag bedurfte. Gleich einem Sperling hüpfte er hin und her, unbekümmert nicht blos um den morgenden, ſondern auch um den heutigen Tag. Obwohl noch ſehr jung, trug er in ſeinem Geſichte ſchon damals einen Stempel der Entſchloſſenheit und Kühnheit, der Geſundheit und Kraft, der ihm mehr als einmal die Aufmerkſamkeit der Vorübergehenden zuzog.“ „Und dieſer Junge waren Sie, Chevalier?“ fiel Gabriele ein. „Ja, Madame.“ „Ich hatte zwei Geſchwiſter, wenigſtens glaubte ich, ſie zu beſitzen, eine Schweſter und einen Bruder.“ „Sie glaubten, ſie zu beſitzen? Was meinen Sie damit?“ „Das werden Sie im Verlauf der Erzählung hören. So offen und fröhlich ich war, ebenſo verſchloſſen und düſter war mein Bruder. Ich war verwegen, er be⸗ dächtlich; ich fürchtete nichts, er ſah überall Geſpenſter; ich lachte über die ganze Welt, er zog ſich ſcheu vor ihr zurück. Je offener ich meinen Charakter an den Tag legte, um ſo verſchloſſener zeigte ſich der ſeinige. Ich begriff damals nicht, ſah es jedoch ſehr bald ein, daß das, was der Gemüthsart meines Bruders eine ſolche Richtung gab, nichts anderes, als Eiferſucht auf mich war. Unſere Mutter liebte mich wegen meiner Uner⸗ ſchrockenheit und Munterkeit, und meine Schweſter zollte mir lauten Beifall, ſelbſt wenn ich nur ganz gewöhnliche Gaſſenjungenſtreiche beging. Sie nahm es nicht ſo ge⸗ nau, ſie war mit Wenigem zufrieden, wenn nur ich es gethan hatte. „Ich erinnere mich noch eines kleinen Ereigniſſes, 220 das unſere Charaktere zu dieſer Zeit näher beleuchtet, und wobei jedes von uns eine kleine Rolle ſpielte. Meine Mutter wohnte im ſüdlichen Theil der Stadt, und bis zu uns erſtreckte ſich ein kleiner Garten. Eines Tages hatte unſer Nachbar, der ein ſehr vermöglicher Mann war, Kleider heraushängen laſſen, um ſie im Garten auszulüften. Wir Kinder, mein Bruder, Char⸗ lotte und ich, die wir im Allgemeinen Alles genau wiſſen wollten, was unſere Nachbarn thaten, betrachteten durch den Zaun hindurch mit beſonderem Intereſſe all die ſchönen Kleider, und waren voll Bewunderung für dieſelben. Ein grünes Jäckchen mit vielen blanken Knopfreihen zog ganz beſonders das Staunen meines Bruders an.“ „Gefällt es Dir, Karl?“ fragte ich. „Ach, mein Gott, ja,“ rief er,„wie glücklich wäre ich, wenn ich das bekommen könnte!“ „Würdeſt Du mich lieb haben, wenn ich Dir ein ſolches verſchaffte?“ „Kannſt Du daran zweifeln?“ „Ich war ganz vergnügt über die Antwort meines Bruders, und ſchrieb ſie mir hinter's Ohr. „Inzwiſchen fuhren wir fort, die aufgehängten Kleider zu betrachten. „Nun, Charlotte,“ ſagte ich,„iſt nichts da, was auch Dir gefiele?“ „Ach ja, Alles zuſammen,“ antwortete ſie. „Aber welches Stück gefällt Dir am Beſten?“ „Das Kleidchen dort.“ „Würde es Dir große Freude machen, wenn Du es bekämſt?“ „Schon beim bloßen Gedanken daran klatſchte ſie voll Vergnügen in die Hände. „Eine Stunde ſpäter war ich auch ein wenig ſtolz. „Hier haſt Du die Jacke,“ ſagte ich da zu meinem Bruder,„und hier, Charlotte, haſt Du das Kleid. „Beide waren außer ſich vor Vergnügen, und ohne 221 mich um die Art zu fragen, wie ich die Kleidungsſtücke bekommen hatte, probirten ſie die Sachen ſogleich an. Aber kaum waren ſie damit ins Reine gekommen, als die Dienſtboten des Nachbars unter lärmendem Geſchrei in unſer Höfchen hereinſtürzten. „Nehmt die Diebe feſt! ſchrieen ſie, nehmt ſie feſt! „Es war das erſtemal, daß ich dieſen garſtigen Ruf hörte, und ich fühlte, wie das Blut aus meinen Wangen ſchwand. „Meine Mutter war zufällig fort. „Charlotte ſchwieg... aber eine Thräne rann über ihre Wangen hinab... mein Bruder dagegen betheuerte ſeine Unſchuld, und ſchob den Diebſtahl auf mich. „Natürlich hatte er Recht, aber ich hatte in Wahr⸗ heit nicht einmal daran gedacht, daß ich etwas Unrechtes that, und ſeine Anſchuldigung ſchmerzte mich ſehr, zumal da ich ihm blos ein Vergnügen hatte bereiten wollen. „Man wollte mich auch feſtnehmen, aber ich eilte fort, während mein Bruder mich der Feigheit u. ſ. w. beſchuldigte. Ich blieb indeſſen nicht ſtehen, weil ich mir bereits Etwas vorgenommen hatte. Ich begab mich näm⸗ lich zum Nachbar ſelbſt. Glücklicherweiſe traf ich ihn, und erzählte ihm jetzt ganz aufrichtig, nicht blos von der Bewunderung, welche die dahängenden Kleider bei uns hervorgerufen, ſondern auch von unſerem Geſpräch, und von der Freude meiner Geſchwiſter bei dem Gedanken, die nette Jacke und das ſchöne Röͤckchen bekommen zu können. Ohne alle Heuchelei ſagte ich ihm, ich habe mich ſo glücklich gefühlt bei dem Gedanken, ihnen Etwas verſchaffen zu können, auf was ſie ſo hohen Werth legten. Ach, ich war damals noch ebenſo aufrichtig, als kindlich. „An Dich ſelbſt haſt Du nicht gedacht?“ ſiel der Nachbar fragend ein.— „Es war mir gar nie eingefallen, an mich zu denken. 222 „Nachdem ich meine Erzählung beendet hatte, heftett er ſeine Blicke feſt auf mich. „Kleiner Krauskopf,“ ſagte er dann, indem e ſeine Hand auf meinen Kopf legte,„Du biſt ſtraf⸗ würdig, aber ich verzeihe Dir. Thue es nur nicht zum zweitenmal.“ „Da ich ihn ſo freundlich fand, ſo wurde ich immer kühner und kühner. „Ach beſter Herr,“ ſeufzte ich. „Was willſt Du ſagen, mein Junge? ſprich es aus... hab' keine Angſt.“ „Bruder Karl verſprach, mich lieb freundlich gegen mich zu ſein, wenn ich da verſchaffte.“ „Verſprach er das?“ 3 „Und dieſes Röckchen da ſtand der Schweſter Char⸗ lotte gar zu gut.“ „Du kleiner Schelm, Kleider abbetteln?“ „Vor dem Wort Betteln habe ich meiner Lebtage einen Abſcheu gehabt, und ich hatte ihn ſchon damals. „Nicht betteln,“ antwortete ich ihm alſo,„ſondern Sie herzlich darum bitten.“ „Der Nachbar war ein alter Mann mit freundlicher und gutherziger Miene. Ich erinnere mich ſeiner noch ganz gut. „Du ſollſt die Kleider für Deine Geſchwiſter be⸗ kommen, mein Sohn, aber verſprich mir jetzt, daß Du nie mehr ſo Etwas thun willſt. Blos die böſen Kinder thun das.“ „Außer mir vor Freude ſprang ich hoch auf, und wollte forteilen, um meinen Geſchwiſtern das Glück zu verkünden, das mir wiederfahren war; aber der Alte hielt mich an. „Du erbitteſt Dir nichts für Dich ſelbſt, und Du ſcheinſt doch auch wohl Etwas zu bedürfen.“ zu haben, und ihm dieſe Jacke willſt Du mir vielleicht die fftete er traf⸗ zum 223 „Ach nein, guter Herr,“ antwortete ich;„ich bekümmere mich nicht um Kleider, und komme mit den meinigen immer aus. Wenn nur mein Bruder freundlich iſt, und die liebe Schweſter hübſch ausſieht, ſo bin ich ganz zu⸗ frieden.“ 4 „Aber die Lumpen hängen Dir ja um den Leib.“ „Gleichviel, ich bin fröhlich und vergnügt.“ „Es kann ein braver Junge aus Dir werden,“ er⸗ klärte er;„ſieh, hier ſollſt Du auch eine Jacke haben, damit Du Dich putzen kannſt.“ „Ich muß geſtehen, daß ich mich ſchämte, ſie anzu⸗ nehmen; gleichwohl that ich es, während die Thränen aus meinen Augen ſtürzten. „Als ich ein Triumphator von neun bis zehn Jahren wieder nach Hauſe kam, fiel Charlotte weinend in meine Arme, während mein Bruder rief: „Seht, da iſt der Dieb.“ „Die Nachbarsleute hatten unſern Hof noch nicht verlaſſen. Ich erzählte ihnen, was ich bekommen hatte, aber man wollte mir nicht glauben. „Er lügt,“ erklärte mein Bruder,„er hat noch eine Jacke dazu geſtohlen, diejenige, die er jetzt an hat.“ „Meines Bruders Argwohn und Vorwurf perletzte mich tief; es lag nach meinem Gefühl etwas Unedles darin. „Bald kam jedoch auch der gute freundliche Nachbar hinzu, und beſtätigte Alles, was ich geſagt hatte. „Charlotte war ſo glücklich darüber: ich erinnere mich noch, wie ihre Augen ſtrahlten, während ſie mich liebkoste. Es war das erſtemal, daß wir einander küßten. „Mein Bruder behielt die Jacke, nahm aber keinen Theil an unſerer Freude; er dankte nicht einmal dafür, daß ich ſie ihm angeſchafft hatte. „In meiner Aufrichtigkeit beging ich inzwiſchen eine Unvorſichtigkeit in Folge dieſes Ereigniſſes. Ich prahlte 224 nämlich mit meinem Erfolg, jedoch weniger aus Eigen⸗ liebe, als um mich über meinen Bruder luſtig zu machen, der, wie ich wohl ſah, ſich darüber ärgerte. Es war 3 eine Art von Rache, die ich auf dieſe Art nahm. So⸗ 3 oft er die Jacke anziehen wollte, lachte ich, und behaup⸗ tete, er habe ſie mir zu verdanken. Schweigſam, ver⸗ 6 ſchloſſen und erbittert zog er ſich immer mehr von mir zurück. „Seit der Kleidergeſchichte hatte unſer freundlicher Nachbar ein gewiſſes Wohlwollen für uns gefaßt; er bat uns oft, zu ihm zu kommen, und mit ſeinen Kindern zu ſpielen. Ich kann nicht läugnen, daß ich von uns allen zuſammen der größte Wildfang war. Es fehlte auch nicht an luſtigen Poſſen und kleinen Bubenſtreichen. „Im Garten, wo wir gewöhnlich ſpielten, befand ſich ein kleines, ſchönes Luſthäuschen, in jeder Beziehung zierlich angelegt; unſer alter Nachbar liebte es, wie ſeinen Augenſtern, und verbot uns ſehr ſtreng, dahin zu gehen, zumal da es eben jetzt friſch angeſtrichen, und die Farbe noch nicht trocken war. „Eines Nachmittags, als wir im Garten herum⸗ ſprangen, und uns uſtig machten, fand ſich der Alte mitten unter uns ein. Seine Miene war ernſthaft, ſogar ſtreng; ohne viel Worte zu machen, bat er uns, mit ihm zu kommen. Als wir an das Luſthäuschen kamen, ſah⸗ ich, daß eine Fenſterſcheibe zerſchlagen war, und der Alte fragte uns, wer es gethan habe. Ich bemerkte, daß mein G Bruder einen verſtohlenen, aber anklagenden Blick auf d mich warf. Ich erröthete unwillkührlich, nicht weil ich ſchuldig war, ſondern aus Verdruß. Nichts deſtoweniger 3 blieb ich ſtill.“ „Wer von euch iſt heute hier geweſen?“ „Erich iſt da geweſen,“ antwortete mein Bruder. „Ich ſah ihn hier zur Mittagsſtunde.“ dieſe Zeit da geweſen. Der Verdacht bekam dadurch auch „Ich konnte es nicht läugnen. Ich war wirklich um 225 eine äußere Stütze, obſchon ich vollkommen unſchuldig war. Während der wenigen Wochen, die wir beinahe täglich in den Garten gekommen waren, hatte ich bemerkt, daß der Nachbar eine immer größere Neigung zu mir faßte, und es fiel mir jetzt ein, daß er vielleicht den Fehler verzeihen würde, wenn er nur ein aufrichtiges Geſtändniß erhielte. Davon überzeugt, beſchloß ich, mich für das allgemeine Beſte zu opfern. Ich nahm alſo jetzt den Fehler auf mich. Die Folge war jedoch ganz anders, als ich vermuthet hatte.“ 4 „Komm mit mir,“ ſagte der Alte, und faßte mich bei der Hand. „Das Luſthaus war grün angeſtrichen, und hatte weiße Pfeiler. „Der Alte führte mich auf die andere Seite, und nun erſchrack ich wirklich über das, was ich ſah. „Die Farben waren verwiſcht, ſo daß man ſie nicht mehr unterſcheiden konnte, und mitten drin ſtanden die Anfangsbuchſtaben meines Namens. „Der Alte ſprach nicht ein einziges Wort, ſondern betrachtete mich blos. Ich wußte nicht, was ich ant⸗ worten ſollte. „Nach einem Augenblick ſah ich jedoch ein, daß er, wenn ich die Unthat läugnete, mich für einen Lügner halten würde, und damals haßte ich die Lüge noch ebenſo ſehr, wie die Bettelei. Ganz beſonders widerwärtig war mir der Gedanke, daß der alte Herr, der ſo gütig gegen mich geweſen war, glauben ſollte, ich ſei nicht aufrichtig, während ich wohl bemerkt hatte, daß er auf dieſe Tugend hohen Werth legte. Obſchon mit peinlichem Schmerz, nahm ich daher auch dieſes Verbrechen auf mich. Was ſollte ich auch thun? Die Anfangsbuchſtaben mit Weiß ins Grüne gemalt, klagten mich ja deutlich an. „Der Alte ſprach nicht ein einziges Wort, ſondern nahm mich zum zweitenmal beim Arm. Das Gewiſſen. V. 15 226 „Er öffnete jetzt die Thüre, und führte mich ins Luſthaus hinein. „Derjenige, der die Scheibe zerbrochen und die Farben verwiſcht hat,“ ſagte er,„der iſt auch hier innen geweſen. Siehe, da ſind noch die Spuren von ſeinen Füßen und von der Farbe.“ „Ich ſtand ſprachlos da. „Betrachte die Büſte da,“ fuhr er fort. „Es war eine ſchöne Gypsbüſte auf ihrem Piedeſtal — jetzt war ſie zerſchlagen. „Der Kopf des Bildes war von den übrigen Theilen losgebrochen, und auf den Schreibtiſch des Alten gelegt worden, gleichſam, um ihn zu verhöhnen. „Du antworteſt nichts,“ bemerkte er. „Ich war im höchſten Grad erſchüttert von dem, was ich ſah, und fuhr erſchrocken zurück, als ich die vor⸗ wurfsvolle Stimme des Alten hörte. „Nichts in der Welt hätte mich vermögen können, den ſchändlichen Unfug, der hier an ſeinen Lieblings⸗ gegenſtänden verübt worden war, auf mich zu nehmen. Ich verſicherte ihn daher, daß ich an Allem ganz un⸗ ſchuldig ſei, und gar nichts davon wiſſe. „Und gleichwohl biſt Du es, der die Scheibe zer⸗ ſchlagen hat.“ „„Ich ſchwieg. „Und Du biſt es, der die Farben da außen ver⸗ wiſcht hat.“ „Ich blieb ſtill. „Siehe, da ſind die Spuren von Deinen Füßen, und da die Spuren von den Farben.“ „Die Worte erſtarben auf meinen Lippen. „Da ich die erſten Verbrechen auf mich genommen, ſo hatte ich auch die Schuld vom letzteren auf mich gewälzt. „Ich bereute es jetzt; aber es war zu ſpät. ins die inen inen eſtal ilen legt em, vor⸗ een, gs⸗ een. un⸗ er⸗ er⸗ en, en, ich 227 „Erzürnt erklärte mich der Alte für einen unartigen Jungen, und verbot mir alle weiteren Beſuche. „Meine Geſchwiſter bat er indeß, nach wie vor zu ihm zu kommen. W „Mein Bruder Karl nahm es dankbar an, aber Charlotte ſiel mir um den Hals, und ſagte, wenn ich nicht mit ihr kommen dürfe, ſo wolle ſie auch nicht mehr kommen. „Als ich den Garten verließ, ſtand mein Bruder am Gatterthor. „Nun, Erich,“ ſagte er,„willſt Du's in Zukunft bleiben laſſen, mich auszulachen?“ „In ſeinem gewöhnlich düſtern Geſichte ſpielte dabei ein Lächeln, das ich nicht begreifen konnte. „Was meinſt Du?“ fragte ich. „Nichts,“ antwortete er,„aber ich glaube, daß ich mich jetzt für Dein Hohnlächeln gerächt habe. Spotte mich in Zukunft nicht mehr aus... nimm Dich in Acht ... ſonſt... Du ſiehſt, daß ich auch Etwas thun kann.“ „Ich verſtand jetzt Alles. Mein eigener Bruder war es, der mit mehr Bosheit und Haß, als ich mir nur vorſtellen konnte, für meinen offenen Uebermuth Rache zu nehmen gewußt, und mich dabei am empfindlichſten Punkte meines Herzens getroffen hatte. Ich verſchmähte es, zu⸗ rückzukehren, und dem Alten zu erklären, wie die Sache ſich verhielt... Dieß war auch das Beſte. denn er würde mir nicht geglaubt haben, da ich es nicht be⸗ weiſen konnte. Von dieſem Augenblick an hegte ich gegen meinen Bruder eine Verachtung, die ich unmöglich be⸗ ſchreiben kann; meine Ergebenheit gegen Charlotte da⸗ gegen nahm unaufhörlich zu. Wir waren auch unzer⸗ trennlich von einander.“ Gabriele hatte mit inniger Befriedigung Gourville's Erzählung angehört. Bisher war zwar viel kindlicher Unverſtand, aber keine wirkliche Bosheit, die von einem 228 ſchlechten Herzen zeugte, vorgekommen, und jeder Zug, der Güte und Unſchuld verrieth, erfreute ſie. „Bei einer beſſeren Erziehung alſo,“ bemerkte ſie, „was würde da nicht aus Ihnen geworden ſein?“ „Urtheilen Sie nicht, bevor Sie das Ende gehört haben,“ bat Gourville;„wenn Sie wollen, ſo fahre ich jetzt fort.“ „Ich höre... fahren Sie fort... fahren Sie fort.“ „Ich habe erwähnt, daß meine Mutter die Wittwe eines armen Arbeiters war. Wir waren drei Kinder, und ihre Arbeit wollte nicht ausreichen. Unſtreitig that ſie jedoch alles Mögliche für uns, und unter Anderem ſchickte ſie uns auch in eine Armenſchule, wo ich bald zu den Geſchickteſten gezählt wurde, weßhalb mein Lehrer mich aufmunterte, und mir erlaubte, auch in der Zwiſchen⸗ zeit der Lektionen bei ihm zu Hauſe zu leſen. Meine Fortſchritte waren daher wirklich nicht unbedeutend, und ich ließ meine Kameraden weit hinter mir. Dieß war für meinen Bruder nun Urſache neuer Verzweiflung. Da ich indeß jetzt nur noch ſelten mit ihm umging, ſo ſcha⸗ dete mir ſeine Eiferſucht nichts. In Schulen fehlt es nicht an Umgang. Meine heftige, ſchon damals ſogar etwas herrſchſüchtige Gemüthsart machte jedoch, daß die beſcheideneren und ſanfteren unter den Jungen ſich vor mir zurückzogen. Ich bekümmerte mich wenig darum, und gefiel mir am Beſten unter den größten Wildfängen. In allen Schulen gaben die Knaben einander Spitznamen. Dieß war auch hier der Fall. So war Einer da, dem wir in Folge ſeines ſtörriſchen Humors und ſeiner Hart⸗ näckigkeit den Stier nannten, und ein Anderer, den wir wegen ſeines liſtigen und verſchlagenen Charakters Fuchs tauften. Ich erinnere mich auch eines Dritten, der Kull⸗ blom hieß; dieſer durfte zwar ſeinen Namen’ behalten, aber wir ſuchten ihm doch immer etwas Spöttiſches an⸗ zuhängen. Mir gaben meine Schulkameraden ſchon da⸗ 229 mals den Namen Löwe, und dieſen habe ich mein ganzes Lebenlang behalten. „Einen Umſtand habe ich vergeſſen. „Zu meiner Mutter kam manchmal ein Jude von grobem und rohem Ausſehen; aber wenn ich mich nicht täuſche, ſo kennen Sie ihn.“ „Ich?“ „Wie ich ſage, Madame. Der Jude heißt Abraham. Die Veranlaſſung ſeiner Beſuche bei meiner Mutter iſt mir unbekannt geblieben; genug, er beſuchte ſie zuweilen, und ſie empfing ihn immer artig.“ „Meinen Sie den Großhändler Abraham?“ „Allerdings, es iſt dieſer Inde. Er trug damals einen langen Rock mit großen Taſchen, gerade wie ein Engländer; den Rock pflegte er bis unter das Kinn zu⸗ zuknöpfen, aber wenn er ihn aufknöpfte, ſo ſah man eine außerordentlich prachtvolle Buſennadel. Charlotte, die immer Schmuckſachen liebte, und überdieß noch ſehr kin⸗ diſch war, äußerte jedesmal offen ihre Bewunderung. Die Buſennadel ſtellte ein glänzendes emaillirtes Inſekt vor. Charlotte träumte ſchlafend und wachend davon. Sie hätte einmal, ſagte ſie, ein ſolches Inſekt auf einer Blume geſehen, zur Zeit, wo ſie auf dem Lande war. Sie war allerliebſt in ihrem Entzücken. Ich meine ſie nie ſchöner geſehen zu haben, als wenn ſie von der Buſennadel ſprach, die ſie immer bald ihren kleinen Schmetterling, bald ihre goldene Biene, bald ihre Diamantfliege u. ſ. w. nannte. Bei einer Privatlektion, welche der Rektor der Schule mir gab, beſuchte ihn ein Bekannter, ohne daß ich den Eintretenden nur beachtete. „Ich erinnere mich noch, daß ich gerade allgemeine Weltgeſchichte leſen ſollte, ein Studium, das mein Lehrer vorzugsweiſe liebte. Und in der Geſchichte, das muß ich beſonders erwähnen, bildete die Revolutionsgeſchichte der Völker ſeine Lieblingsbeſchäftigung; er konnte ſich in ſei⸗ nen Vorleſungen oder Erklärungen darüber oft ſo ver⸗ 230 tiefen, daß er alles Andere vergaß. Ich habe nie einen Menſchen gehört, der die Revolutionen und ihre hervor⸗ ragenden Züge ſo innig bewunderte, wie mein Lehrer. Wie oft entzückte er uns Jungen nicht durch ſeine war⸗ men und lebhaften Vorträge von den Märtyrern, die noch in ihrer letzten Stunde für die Sache des Volkes kämpfend gefallen! Genug— ich bemerkte nicht, wer der Mann war, der zu ihm eintrat, ſo ſehr war ich von den im Buche erzählten Ereigniſſen in Anſpruch genommen, und für den Angenblick gefeſſelt. Aber als ich endlich aufſchaute, glänzte in einem Spiegel mir gegenüber die von Charlotte ſo ſehr bewunderte Buſennadel, und ich vergaß auf einmal alle Revolution und Freiheitshelden der Welt, um nur ſie zu betrachten. „Abraham beobachtete mich jedoch nicht, da er in eine wichtige Unterredung mit meinem Lehker vertieft war. Je mehr ich indeß die Nadel betrachtete, um ſo ſchöner fand ich ſie. Sie glich einem klaren Waſſer, und mir lief auch wirklich das Waſſer im Mund zuſammen, wenn ich ſie anſah. Das Einzige, was ich damit vergleichen zu können glaubte, waren Charlottens Augen. Vor mei⸗ ner Einbildungskraft glänzten ſie wetteifernd neben ein⸗ ander. Ich ſah ſo deutlich, wie ſie in die Nachbarſchaft von einander gebracht ſich gegenſeitig verſchönen müßten. Aber in demſelben Angenblick, wo mich das freute, ärgerte es mich auch. Es kam mir vor, als hätte ein Wettſtreit zwiſchen Charlottens Augen und dem Diamant ſtattge⸗ habt, oder als würde der Glanz ihrer Augen in Frage geſtellt. Dieſe Fantaſie wurde für mein Herz immer wichtiger und wichtiger, gleich als wäre ſie eine Wirklich⸗ keit geweſen. Ich gerieth in einen Kampf mit mir ſelbſt, und ſie hatte in meinem Herzen einen guten Vertheidiger, obſchon meine Einbildungskraft ſie nicht ungeſchickt be⸗ kämpfte. Es kam mir vor, als handle es fich um etwas Wichtiges, worauf ihre Ehre und meine Freude beruhte. Um was es ſich nun handeln mochte, nichts hätte mich ——ñç,/——— 231 abhalten können, mich der Buſennadel zu bemächtigen, um mich genau zu überzeugen, daß Charlottens Augen wirklich den Vorzug verdienten. Ich gebe ſehr gerne zu, daß meine Einbildungskraft auf einen Irrweg gerieth⸗ obſchon ich damals noch nicht Verſtand genug beſaß, es einzuſehen, ſondern mich blindlings hinreißen ließ. Abraham und der Rektor waren von Geſchäften in Anu⸗ ſpruch genommen, und der Erſtere ſetzte ſich, um Etwas zu ſchreiben, ich weiß nicht was. „Mein Auge ruhte unverwandt auf der Nadel. „Nach einer Weile wandte ſich Abrabam um. in der Abſicht, mit dem Rektor zu ſprechen, als er auf einmal mich ſah und erkannte.“ „Ach, mein Junge, Du hier! Guten Tag, Erich!“ „Ich erhob mich ſchnell, und fiel in ſeine Arme. Es war wirklich weniger der Jude, den ich umarmen wollte, als die Buſennadel. Und während ich mich— ich weiß kaum mehr, wie es mit mir war, aber ich fühlte mich wie von einem Schwindel erfaßt— in ſeine Arme warf, ſtahl ich die Nadel. „Ich erblaßte und erröthete, ich fror und zitterte dabei. „Ich wußte, daß ich ein Verbrechen beging, und ich erblaßte vor Furcht und Bangigkeit, aber es war mir auch, als ob Charlottens ſtrahlende Augen mich mit einer Art von Glorie umgäben, und ich erröthete vor Entzücken. „Die Nadel brannte in meiner Hand, und glitt in die Bruſttaſche meines Rocks hinab. Da fühlte ich, wie ſie gleichſam auf mein Herz brannte. „Ich war noch nicht wieder zu mir ſelbſt gekommen, als ich ein ſchallendes Gelächter hinter mir hörte. „Haſtig drehte ich mich um.“ „Komm in meine Arme, mein Sohn,“ ſagte der Rektor, und ich erfüllte ſeinen Wuͤnſch, weniger aus Be⸗ geiſterung, als um meine Verlegenheit zu verbergen. 232 „Da er mir ſeine Bruſt hinbot, begriff ich die Ur⸗ ſache ſeines Lachens nicht, und da er lachte, ſo begriff ich nicht, warum er mich umarmen wollte. „Ich verbarg indeß mein bald in Purpur flammen⸗ des, bald vor Furcht erblaſſendes Geſicht in ſeinem Schooße. „Weißt Du, was der Schelm da gethan hat, Abra⸗ ham?“ fragte der Rektor endlich. „Der Jude ſchaute auf. „Er hat Dir einen ſchönen Streich geſpielt,“ fuhr der Rektor fort. „Mir?“ „Vermutheſt Du nichts?“ „Bei Moſes nein.“ „Er hat Dich gleichwohl beſtohlen, aber mit ſolcher Geſchicklichkeit, daß ich ihn bewundern muß.“ „Mich beſtohlen? Um was? Der Satansjunge! Prügle ihn durch, laſſe ihn ſich ausziehen... was haſt Du geſtohlen, Du Wechſelbalg?“ „Der Jude war außer ſich. „Der Rektor lachte. „Als ich bemerkte, daß der Rektor meinen Diebſtahl entdeckt hatte, erwartete ich, er würde mir mit all der Strenge begegnen, die er, wie ich wußte, gegen mich anzuwenden berechtigt war, und ich würde vielleicht wegen dieſer Unthat aus der Schule geworfen werden. Deßhalb wunderte ich mich auch über ſeine Art, wie er die Sache auffaßte. Eine Weile wußte ich ſogar nicht, ob ich die Scherze und das Lachen des Rektors mehr fürchten ſollte, als den Zorn des Inden, denn das Erſtere erſchien mir unnatürlicher, als das Letztere. Wider mein Vermuthen fand ich jedoch bald, daß ich in meinem Lehrer den beſten Advokaten beſaß, den ich mir wünſchen konnte.“ „Iſt es möglich?“ bemerkte Gabriele, die ihre Ver⸗ wunderung nicht unterdrücken konnte. „Ihre Frage ſinde ich ganz natürlich, Madame; der 23³ Charakter des Mannes iſt nicht leicht zu verſtehen, aber Sie müſſen mich bis zu Ende hören. Wie geſagt, er trat zu meiner Vertheidigung auf, und zwar auf eine Art, die meinen Anlagen ihre Richtung für das ganze Leben gab. Es iſt mir nicht möglich, jetzt Alles anzuführen, was er ſagte; einen großen Theil verſtand ich nicht ein⸗ mal, weil ich bereits Verſtand genug beſaß, darin nur eine ganze Maſſe verworrener metaphyſiſcher Spitzfindig⸗ keiten zu ſehen. Abraham gab auch immer mehr nach, und die Scene endete mit einem Privatgeſpräch zwiſchen den würdigen Männern, ſowie für mich damit, daß ich die Buſennadel wieder herausgeben mußte. „Von dieſem Augenblick an war ich ein entſchiedener Günſtling des Rektors. So oft ſeine Zeit es ihm ge⸗ ſtattete, lud er mich zu ſich ein, aber er las jetzt nicht mehr mit mir, ſondern er ſprach. Von was? dürften Sie fragen. Ich kann antworten: von Allem. Ich habe nie einen Mann gehört, deſſen Geiſt ſoviel umfaßte, der mit ſo großer Leichtigkeit neue Ideen entwarf und zu Syſtemen ausbildete. Wenn er ſprach, wurde Alles ſo deutlich und klar, und Dinge, die mir früher gänzlich unge⸗ reimt ſchienen, erklärte er auf eine ſo einfache und natür⸗ liche Art, daß man ſich verwundern mußte, wie man dieß Alles nicht ſchon vorher mittelſt des gewöhnlichen Men⸗ ſchenverſtandes eingeſehen hatte. Ich habe geſagt, daß ich eigentlich noch ein Kind war, aber er verſtand es ſo gut, ſich auf meinen Standpunkt zu ſtellen, und mich allmählig zu dem ſeinigen zu erheben, daß ich den Ueber⸗ gang kaum bemerkte, bis ich mich ſchon in ſeine Welt hineingelenkt hatte. Meine Seele war empfänglich, kein Knabe konnte es mehr ſein, und er ſäete mit vollen Händen hinein, indem er ſich bereits freute, daß er bald würde erndten dürfen. Ich bemerkte es damals nicht, aber ich glaube, es jetzt zu begreifen, daß der Mann einer jener gefährlichen Dämonen der Civiliſation war, die mit den Menſchen experimentiren wollen. Unläugbar 234 hatte er auch eine Natur getroffen, die all ſeinen Hoff⸗ nungen entſprach. „Aber die Entwendung dieſer Buſennadel ſollte noch andere Folgen für mich haben. „Als ich mich eines Tags in der Schule einfand, hatten meine Kameraden Kenntniß davon erhalten. „Die Aelteſten organiſirten ſich zu einem Gerichtshof, vor welchen ich mich ſtellen mußte. „Ich muß hier erwähnen, daß es in der Schule zwei Partheien gab, die einander oft große Schlachten lieferten; die eine Parthei hatte den Stier zum Führer, die andere mich, den Löwen. Wir rivaliſirten immer. Meine Par⸗ thei war gewöhnlich die ſtärkſte, aber der Stier hatte mich jetzt beſiegt, alle waren auf ſeine Seite übergetreten. Meine Macht war zu Ende... man wußte, daß ich geſtohlen hatte. 3 „Ich wurde von meinen Kameraden zu Stockſchlägen verurtheilt, und gründlich durchgeprügelt. „Ich drohte zwar, ſie beim Rektor zu verklagen; ſie aber drohten, mich bei der Schulverwaltung anzu⸗ zeigen. 1„Wir ſchwiegen deßhalb gegenſeitig, und ich mußte meine Prügel behalten. „Von dieſem Augenblick an bemerkte ich, daß meine Kameraden mich verabſcheuten, mit Ausnahme des Fuchſes und Kullbloms. „Ich begriff nicht, wie man in der Schule die Ge⸗ ſchichte mit der Buſennadel hatte erfahren können; aber ſie erzählten mir, daß mein eigener Bruder mich ver⸗ rathen habe. „Jetzt verſtand ich Alles. „Charlotte, der ich mich anvertraut, hatte in einem unbewachten Augenblick gegen meinen Bruder einige Worte fallen laſſen, und dieß genügte ihm, um eine förmliche Anklage zu erheben. „Das Uebrige pollendete ich durch mein Geſtändniß. 23⁵ „Bisher hatte die Feindſeligkeit meines Bruders mich tief geſchmerzt; jetzt aber wurde ich von einem Haſſe ergriffen, der von jener Zeit an unauslöſchlich ge⸗ blieben iſt.“ Gourville verſtummte hier einen Augenblick. „Sie dürften denken, Madame,“ fuhr er fort,„daß ich in Betreff dieſer Ereigniſſe aus meiner Kindheit zu umſtändlich geweſen ſei, aber viele Gründe haben mich dazu veranlaßt.“ „Ich habe Sie mit der höchſten Theilnahme ange⸗ hört, Chevalier,“ antwortete Gabriele,„und ich kann Sie nur bitten, fortzufahren. Vieles in Ihrer Erzählung regt mich auf; ach, aber Vieles beruhigt mich auch.“ „Meine Schweſter und mein Bruder bilden eigent⸗ lich die zwei Stadien, in welche mein Leben fällt. Auf allen Seiten umſchließen ſie mich von meinen erſten Jahren an, die eine mit blinder Liebe, der andere mit blindem Haß. Alle Beide erweckten mich zum Gefühl, zum Nachdenken, zur Handlung, und⸗gaben meinem gan⸗ zen Weſen ſeinen Charakter. Die innige Ergebenheit meiner Schweſter lehrte mich lieben, der Neid meines Bruders lehrte mich haſſen, und dieſe Eingebungen führ⸗ ten mich gemeinſchaftlich auf die Bahn des Verbrechens. Aber die Wege des Schickſals ſind unerforſchlich.“ Hier verſtummte er wieder, und ein Seufzer hob ſeinen Buſen. Dabei ergriff er augenblicklich Gabrielens Hand. „Rathe ich unrecht?“ fragte er.„Wenn Sie mich ſeufzen hören, ſo müſſen Sie Mitleid mit mir empfinden, denn Sie haben Urſache dazu. Aber wunderbar. Obſchon ich erſt in den letzten Monaten kühnere Pläne als je zuvor in meinem Haupte zu wälzen begonnen habe, obſchon ich jetzt ſogar bereit ſtehe, im öffentlichen Leben einen Schritt zu thun, von dem ich hoffe, daß er mir eine feſte, unab⸗ hängige und ehrenvolle Stellung in der Geſellſchaft ver⸗ ſchaffen werde, ſo überſchleicht mich doch in dieſem Augen⸗ kaun⸗ u mi ahren de iſ vis a r al⸗ zehn ſchaf damn klich⸗ Veih, 3 ich Sie Nähe eſem Achtes Kapitel. Fortſetzung von Gourville’s Erzählung. Gabriele und Gourville waren zu ſehr mit einander beſchäftigt, als daß ſie auf das achteten, was um ſie her vorging. So nahm der Maskenball ſeinen Verlauf, ohne daß ſie nur daran dachten. Gourville's letzte Frage veranlaßte ein tiefes Schwei⸗ gen. Sie ſannen Beide darüber nach, ohne daß ſie daran dachten, ſie zu beantworten. „Ich habe geſagt,“ begann der Chevalier endlich wieder, daß die Natur mich mit einem ſehr frühzeitigen Verſtand begabt hatte; unter Anleitung des Schulvor⸗ ſtehers wurde meine Urtheilskraft immer noch mehr ge⸗ ſtärkt. Er unterließ wenigſtens nichts, um dieſelbe durch unaufhörliche Vorlegung neuer ſophiſtiſcher Spitzfindig⸗ keiten zu ſchärfen. Im Allgemeinen wurde er indeß ſelbſt für mich ein großes, unausgemitteltes Räthſel, die einzige Spitzfindigkeit, die ich nicht begriff, ſo wenig als ich je⸗ mals begriff, was er eigentlich mit mir im Sinn hatte. Ich weiß nicht einmal, ob er es damals ſelbſt wußte. „Nachdem ich in der Schule wieder Muth gefaßt, bemühte ich mich, mir von Neuem meinen früheren Ehren⸗ platz unter den Kameraden zu erkämpfen. „Ich hatte mich dem Rektor anvertraut. Er ermun⸗ terte mich in meinem Vorſatz, und obſchon es nicht ohne blutige Köpfe abging, wobei hauptſächlich mein kühner Gegner, der Stier, zu leiden hatte, ſo gelang es mir dennoch. „Nach dieſem Sieg wurde ich ein ſtrenger Tyrann 238 in der Schule, und konnte dieß um ſo ſicherer ſein, ne Alle wußten, daß ich den Rektor auf meiner Seite atte. „So verging ungefähr ein halbes Jahr. „Eines Morgens, als ich in die Schule kam, wurde ich zum Rektor hineingerufen, der mir befahl, mich nach der Lektion zu dem Inden Abraham zu begeben, welcher mit mir ſprechen wolle. 3 „Während der ganzen Lektion ſann ich darüb er nach, was der Jude von mir wollen könne, allein es gelang mir nicht, dieß zu ergründen. „Als ich bei ihm eintrat, ſchloß er die Thüre hinter mir. Darüber wunderte ich mich zwar, aber ich erſchrack nicht.“ „Erinnerſt Du Dich, mein Junge,“ ſagte er, daß Du mir vor einiger Zeit eine Bruſtnadel geſtohlen haſt?“ „Ich erinnerte mich deſſen nur zu gut.“ „Auf die Fürbitte Deines Lehr ers habe ich bisher unterlaſſen, Dich anzuzeigen. Die ß wäre ſonſt meine Schuldigkeit geweſen.“ „Ich war jung, und erſchrack vor der Drohung.“ „Du darſſt jedenfalls nicht glauben, daß ich es böſe mit Dir meine,“ fuhr Abraham fort,„aber Du mußt mir einen Dienſt erweiſen.“ „Ich war die Aufmerkſamkeit ſelbſt.“. „Vielleicht weißſt Du nicht, daß Deine Mutter ſich zu verheirathen beabſichtigt?“ 3 „Ich hatte bereits das Eine und Andere davon ge⸗ hört, und ahnte, daß es ſich um etwas Aehnliches handelte.“ „Der Mann iſt katholiſch. Ich kenne ihn nicht, aber ich habe mir ſagen laſſen, daß er ein böſer Menſch ſei. Ich beklage Dich, und gebe Deiner Mutter Unrecht. Sie muß nicht viel Liebe für ihre Kinder haben.“ „Ich fühlte mich geneigt, ſie zu vertheidigen, blieb jedoch ſtill; auch der Jude ſchwieg eine Weile.“ 239 „Deine Mutter hat einige Papiere,“ begann er dann wieder,„die eigentlich mir gehören.“ „Ich ſah ein, daß er jetzt der Sache näher kam, wegen welcher er mich berufen hatte, und wurde noch immer aufmerkſamer.“ „Deine Mutter weigert ſich, mir dieſe Papiere zurückzugeben.“ „Gehören ſie Ihnen?“ fragte ich. „Wie ich Dir geſagt habe. Ich glaube, daß ſie ſich in dieſer Sache von Deinem künftigen Stiefvater leiten läßt.“ „Abrahams Augen rollten hin und her, während er ſprach; ich bemerkte, daß er meine Gedanken auszu⸗ forſchen ſuchte.“ „Inzwiſchen muß ich die Papiere haben, und Du ſollſt ſie mir herbeiſchaffen.“ „Ich?“ „Kein Anderer als Du kann es thun. Die Papiere liegen in ihrer Kommode in der Schublade rechts. Du mußt ſie nehmen.“ „Ich fühlte, daß ich erblaßte.“ „Du liegſt in demſelben Zimmer, wie Deine Mutter. Während ſie ſchläft, kannſt Du leicht den Schlüſſel unter ihrem Kopfkiſſen wegnehmen, die Kommode öffnen und Dich der Papiere bemächtigen.“ „Sie ſtehlen? Ach, mein Herr!“ „Noch war ich nicht vollkommen gefallen: ich ent⸗ ſetzte mich vor einem mit kalter Ueberlegung ausgeführten Diebſtahl.“ 23. „Allerdings,“ fuhr der Jude fort,„D ßt ſi ſtehlen gs,“ fuhr der Jude fort,„Du mußt ſie „Das thue ich nicht, Herr; ich beſtehle meine Mutter nicht. Sie iſt gut gegen mich geweſen.“ „Sagſt Du das?“ „Ich ſage es, und bleibe feſt dabei.“ „Wenn man bereits ſo ſchöne Proben von der Kunſt „Mein Muth „Wenn Du,“ thuſt, was ich der Polizei.“ zu ſtehlen abgelegt hat, wie Du braucht man ſich nicht ſo entſchied verlange, en zu weigern.“ begann zu ſinken.“ fuhr Abraham fort, „nicht freiwillig ſo übergebe ich Dich ſogleich „Aber mein Herr.. „Du glaubſt vielleicht, daß das, w eine leere Drohung Sieh' her.“ „Er öffnete jetzt die Thüre eines an mers, und ich ſah einen Polizeidiener, „Haben Sie d e as ich ſage, nur ſei; in dieſem Fall täuſcheſt Du Dich. grenzenden Zim⸗ der da wartete.“ ie Güte, und warten Sie noch eine Weile,“ redete er den Polizeidiener an. „Dieſer verbeu „Darauf macht „Nun?“ fragte „Ich war zermalmt; von mir fordern kön „Du gehſt auf „Ja, ja.“ „Ich hatte kaum auszuſprechen.“ „Ich will Dir anrechnen, aber es t als einen Zwang betrachteſt; ich hätte wenn Du gutwillig n Forderung eingegang „Mein Auge war au nichts zu antworten.“ „Ich habe Dir Mutter heirathet. D gegen euch gehandelt „Ich gab es ſtill „Sie verdient al als Du ihr ſchenkeſt.“ gte ſich. e Abraham die Thüre wieder zu. er. z in dieſem Augenblicke hätte er unen, was er gewollt hätte.“ meinen Vorſchlag ein?“ Athem genug, dieſe kurzen Wörtchen Deine Einwilligung als Verdienſt hut mir doch leid, daß Du die Sache lieber geſehen, und aus eigenem Antrieb auf meine en wäreſt.“ geſagt,“ fuhr er fort,„daß Deine u mußt zugeben, daß dieß ſchlecht iſt.“ ſchweigend zu.“ ſo nicht ſoviel Ergebenheit von Dir, „ mein Freundchen, ſo f den Boden geſenkt. Ich wußte er er 241 „Es lag etwas Wahres in ſeinen Worten. „Im Uebrigen weißt Du ja bereits, daß die Papiere von Rechtswegen nicht ihr gehören, ſondern mir.“ „Das iſt wahr.“ „Dein Rechtsgefühl ſollte ſich gegen Deine Mutter erheben, die ſie mir rauben will.“ „Was ſollte ich antworten? Er hatte ja Recht. „Ich würde die Hülfe des Geſetzes anrufen, aber das Geſetz verlangt Beweiſe. Wo keine Beweiſe beigebracht werden können, da erlahmt die Wirkſamkeit des Geſetzes. Das Rechtsgefühl des Einzelnen muß in ſolchen Fällen die Unvollkommenheit des Geſetzes ergänzen. Du begreifſt mich doch 2“ „Ganz gut.“ „Was antworteſt Du mir jetzt?“ „Daß Sie morgen die Papiere haben ſollen.“ „Nach dieſem Verſprechen verließ ich ihn. „In der Nacht nahm ich den Schlüſſel unter dem Kopf meiner Mutter weg. Nie habe ich einen ſo ent⸗ ſetzlichen Augenblick gehabt. Als ich an ihrem Bett ſtand, zitterte ich. In meinen Adern brannte es fieberheiß. Sie athmete... ich bebte zurück... ſie bewegte ſich... ich floh. Tauſend verſchiedene Vorſtellungen kämpften in meiner Seele, aber der Gedanke an Abraham ſchlug wie ein Blitz unter dieſelben. Endlich lag der Schlüſſel in meiner Hand. Die Schublade, von der er geſprochen hatte, war mir wohl bekannt, und ich nahm Alles, was ſie enthielt... Es war kaum erſt Tag, als ich damit forteilte. „Abraham empfing die Papiere gleichgültig, warf mir aber einige Silbermünzen zu. Ich verließ ihn, ohne das Geld aufzuheben. „Von dieſem Angenblick an hatte der Rektor in mir einen noch aufmerkſameren Schüler, als vorher. Das Gewiſſen. V. 16 242 „Meine Mutter verheirathete ſich. Von der Ent⸗ wendung der Papiere ſprach ſie niemals. Daß ſie früher oder ſpäter dieſelben vermißte, iſt natürlich, aber ich habe mir den Grund ihres Schweigens nie erklären können. Mein Stiefvater war ein böſer Menſch. Darin hatte Abraham die Wahrheit geſprochen. Meine Geſchwiſter wurden aus der Schule, die ſie bisher beſucht hatten, genommen, und in eine katheliſche geſchickt. Er wollte auch, daß ich in dieſelbe eingeſchrieben werden ſolle, aber ich weigerte mich, und hatte an dem Rektor eine Hülfe. Später traf ich meine Geſchwiſter nicht mehr ſo oft Die Schule nahm ihre ganze Zeit in Anſpruch. Um meinen Bruder bekümmerte ich mich auch nicht. Charlotte traf ich noch zuweilen, und ſie grämte ſich tief darüber, daß wir nicht täglich beiſammen ſein konnten. Mein Stief⸗ vater wurde immer unfreundlicher. Er nahm mich aus der Schule, und behandelte mich grauſam. Meine Mutter liebte ihn noch, und ſah es nicht, oder wollte es nicht ſehen. Sie ging heimlich zum katholiſchen Glauben über. Die Feindſeligkeit gegen mich nahm eher zu, als ab. In meinem großen Schmerz beſuchte ich heimlich den Rektor, und vertraute mich ihm an. Er rieth mir, zu entfliehen. Aber wohin? Wirf Dich Deinem Schickſal in die Arme, antwortete er mir. Vertraue Dich dem Zufall an, und er wird Dich nicht verlaſſen, weil er Dich ausſchließlich auf Dich ſelbſt anweist. Ich dachte lange über ſeine Worte nach, ohne einen Schritt zu thun. „Eines Tags fragte mich mein Vater wieder, ob ich nicht katholiſch werden wolle. Ich ſagte neiu. „Ich ſchlage Dich, wenn Du nicht gehorchſt.“ „So ſchlage mich, antwortete ich.“ „Ich war bitterböſe über ihn. „Er ſchlug mich. 4 „Meine ganze Seele war im Aufruhr; aber er war mir weit überlegen. var 243 „Du ſchreiſt nicht,“ rief er,„Du trotzeſt mir. Ich will Dich beugen, ich.“.. „Je mehr ich Prügel bekam, um ſo erbitterter wurde ich. Um ihm nicht die Freude zu machen, einen Schmerzenslaut von mir hören zu dürfen, biß ich die Zähne zuſammen, ſo daß mir das Blut aus dem Munde floß „Endlich ſank ich unmächtig nieder.. 3 „Als ich wieder zum Bewußtſein kam, befand ich mich an einem ganz dunkeln Orte. 3 „Ich athmete eine ſtinkende, verdorbene Luft ein. Der Boden, auf dem ich lag, war feucht. „Nachdem ich mich einigermaßen beruhigt hatte, entdeckte ich einen ſchwachen Lichtſchein, der durch ein kleines Loch nahe an der Decke hereinfiel. Von dieſem geleitet, unterſuchte ich den Boden und fand, daß man mich in einen Keller geſperrt hatte. „Nach vieler Mühe und Arbeit, nachdem ich lange hin und her getappt, gelang es mir endlich, einige hölzerne Geſchirre an der Kelleröffnung aufeinander zu ſtellen und hinaufzuſteigen. „Wie ſchön war es, die friſche Luft einzuathmen! Ich hatte früher niemals einigen Werth auf die Luft gelegt. Ich ſah, wie die Sonne unterging, der Tag ab⸗ nahm und die Nacht mit ihren freundlichen Sternen kam. Endlich ſchlief ich an dem Kellerloch ein. Als ich wieder erwachte, war es heller Tag und eine friſche Luft fächelte mir entgegen; aber kein Menſch zeigte ſich. Alles war ſtill um mich her. Ein ſchrecklicher Hunger begann mich bereits zu quälen. Ich rief um Hülfe, um mich zu er⸗ kennen zu geben, im Fall jemand vorbei ging. Aber die Sonne ging auch zum zweiten Mal unter, ohne daß je⸗ mand mich hörte. Es wurde wieder Nacht. Man ſchien mich vergeſſen zu haben. Der Hunger nahm zu. End⸗ lich ſchlief ich aus Mattigkeit ein. Ich träumte, daß ich mit Charlotte an einem reich beſetzten Tiſche ſitze. Ach, —— 244 wie glücklich war ich! Aber als ich wieder erwachte, fühlte ich mich nur um ſo elender, denn ich begann zu fürchten, daß man mich entweder vergeſſen habe oder ver⸗ hungern laſſen wolle. Halb ſchlummernd vor Mattigkeit, mit tödtlicher Verzweiflung in meiner Seele blieb ich: unbeweglich am Kellerloch liegen und rief dazwiſchenhinein um Hülfe. Endlich gegen Mittag hörte ich Schritte ſich nähern und meinen Namen leiſe nennen. Es war Char⸗ lotte, die mich vermißt und aus Argwohn nach mir zu ſuchen angefangen hatte. Entſchloſſen und kühn unter⸗ ſuchte ſie ſogleich den Eingang zum Keller und fand, daß er nur zugeriegelt war. Sie öffnere die Thüre und wir lagen einander an der Bruſt. „Während meiner Einſperrung hatte ich Muße ge⸗ nug gehabt, über meine Lage nachzudenken, und des Rektors Rath, zu entfliehen, war bei mir zu einem feſten Entſchluß gereift, den ich jetzt Charlotten mittheilte. „Ich hatte nicht geglaubt, daß ſie einen ſolchen Schritt gut heißen würde, aber ihr kühner Charakter war damit einverſtanden. „Nachdem wir mit dem Verſprechen, einander zu treffen, zärtlich und herzlich Abſchied genommen hatten, entfernte ich mich wirklich. Von dieſer Stunde an wurde das Schifflein meines Lebens mehr von den Ereigniſſen und Umſtänden, als von meinem eigenen Willen dahin getrieben. „Erſt in den letzten Jahren ſah ich Charlotte wieder. „Ich befand mich auf der Straße, hungrig, beinahe nackt, ohne zu wiſſen, wo ich ein Obdach ſuchen ſollte. Ich wankte auf den Straßen umher. Der Abend kam, 245⁵ es wurde dunkel. Ich kann ſagen, daß ich in dieſen Tagen um mehrere Jahre älter wurde. Ich fühlte, daß ich nicht mehr ein Knabe war, ſondern ein Jüngling. Die Menſchen eilten an mir vorbei. Mehr als einmal griff ich zur Mütze, um meine Noth zu klagen, aber ich verabſcheute die Bettelei, und ſtatt die Mütze abzunehmen, zogeich ſie jedesmal tiefer in mein Geſicht herab. „Endlich ſiegte meine Verzweiflung und ich wandte mich bittend an einen einſamen Wanderer. Aber er wies mich mit Verachtung zurück und der erſte Fluch über die Menſchheit ertönte aus meinem armen Herzen. Ich war in eine ſchmale Gaſſe gekommen und ging ſie langſam hinan, als auf einmal ein Menſch aus einer Thüre herausſtürzte und raſchen Schrittes an mir vorübereilte. Beinahe in demſelben Augenblick hörte man oben in den Treppen des Hauſes Lärm und Getöſe, und meinen Ohren nahte ſich deutlich der Ruf: Nehmt den Dieb feſt. „Ich kann nicht beſchreiben, welche Angſt mich dabei überfiel. „Es war das zweite Mal, daß ich dieſen Ruf hörte. „Meine Lage war unläugbar höchſt zweideutig, meine Kleidung und mein Ausſehen gleichfalls, und auf einmal ergriff mich der Gedanke, daß man mich für den Schuldigen nehmen könnte. Ich floh daher ebenfalls, und zwar in derſelben Richtung, wie der Verfolgte. „Ich hörte die Tritte des Fliehenden vor mir und den Ruf: Nehmt den Dieb feſt! hinter mir; ich folgte bewußtlos den Tritten des Verbrechers. „Endlich erſtarb der Ruf hinter uns, aber unſre Flucht währte fort. „Wir waren in eine andere ſchmale Quergaſſe ge⸗ kommen. „Auf einmal machte der Fliehende vor mir Halt und ſank auf ſeine Kniee nieder. „Barmherzigkeit,“ bat er,„um Alles in der Welt, 246 verhaften Sie mich nicht. Ich verſpreche, nicht mehr zu ſtehlen.“ „Er glaubte, ich ſei einer von Denen, die Jagd auf ihn machten. „Ich erkannte ſogleich die Stimme wieder und konnte trotz meiner Erſchöpfung nicht umhin, in ein lautes Ge⸗ lächter auszubrechen. „Der Fliehende war kein anderer als der Fuchs. „Von dieſem Augenblick an eröffnete ſich für mich ein ganz anderes Leben, ich könnte beinahe ſagen, auch eine ganz andere Welt. „Aber ich wurde nicht auf einmal in die düſteren Labyrinthe eingeweiht, die ſich in der Tiefe der Geſell⸗ ſchaft hinwinden und deren Eingänge mit dem Fluch des Geſetzes beſiegelt ſind. „In der That haben auch dieſe Abgründe ihre Vor⸗ höfe da, wo Müſſiggang und die damit verbundenen Laſter von den Behörden geduldet werden. „Auch ich mußte ſie durchmachen, bevor ich Zutritt in die geheimſten Neſter erhielt. „Ich geſtand dem Fuchs, daß ich von Haus davon gelaufen ſei, und er war entzückt darüber. „Wo wohnſt Du jetzt?“ fragte er. „Was weiß ich? auf der Straße.“ „Er blieb ſtehen und ſah mich an. „Du biſt obdachlos und vielleicht auch hungrig.“ „Ich läugnete es nicht, und nun führte er mich in eine Schenke, wo er mich tüchtig bedienen ließ. „Ich fühlte mich ganz beglückt durch ſeine Freund⸗ zu nuf nte ze⸗ ich uch ren ell⸗ des or⸗ nen ritt von 247 ß ich mich wieder ſchaft. Ihm hatte ichs ja zu danken, da einmal ſatt eſſen durfte. 2 „Als wir die Schenke verließen, ſagte er, wir müſſen uns um ein Nachtquartier umſehen. Natürlich erfrente mich der Vorſchlag, und ich kann wohl ſagen, daß ich in meiner gegenwärtigen Lage ihm überallhin in der Welt gefolgt wäre. „Unſre Wege führten uns bald da bald dorthin, und bald befanden wir uns unter den weißen Bergen im Süden der Stadt. „Nachdem ich gegeſſen, hatte ich meinen guten Hu⸗ mor wieder bekommen und war wieder unerſchrocken und guten Muths⸗ Ich fand auch den Weg ganz angenehm. „Wohin führſt Du mich?“ fragte ich inzwiſchen. „Wir ſind bald an Ort und Stelle.“ „Endlich kamen wir in die Stadtgartenſtraße. „Du weißt vielleicht nicht, wie dieſes Quartier hier heißt?“ fragte er. „Nein.“ „Der große Winterzoll.“ „Iu dieſem Augenblick ſtanden wir an der Thüre eines medrigen Gebäudes, das nur ein einziges Stock⸗ werk hatte. 4 „Du weißt gewiß auch nicht, was für eine Nummer dieſes Haus hat? bemerkte er von Neuem. „Nein“ „Nummero 55. Haſt Du von der Armenbarake re⸗ den gehört?“ „Niemals.“ „Wir ſind jetzt da. Laß uns hineingehen.“ „Es war mir ganz ſonderbar zu Muth, aber ich folgte ihm. „Als wir in den Hausgang traten, kam uns ein verworrenes Getöſe, wie von einer größeren Volksmaſſe entgegen. Ich hatte auch nie zuvor eine ſolche Menge zerlumpter, ſchmutziger und gänzlich verwahrloster Men⸗ 248 ſchen geſehen, wie hier. Nur die Noth konnte mich ver⸗ anlaſſen, in dieſes Neſt einzutreten. „Der Fuchs lachte über meine Bedenklichkeiten. „Hier zur Linken,“ ſagte er,„wohnen die Damen. Wollen wir hineingucken?⸗ „In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und ich ſah ein langes ſchmales Zimmer mit doppelten Prit⸗ ſchen, eine an der andern, voll mit Weibern von einem widrigen, eckelhaften Ausſehen. Ich ſtand wie feſtgenagelt vor Uleberraſchung da. Was jedoch den unbehaglichſten Eindruck auf mich machte, das war der Anblick des einen oder andern jungen und friſchen Mädchengeſichtes, das mitten unter dieſer Menge von Weibern ſteckte, die größtentheils der tiefſten Ver⸗ dorbenheit anheimgefallen ſchienen. Aber ich hatte nicht lange Zeit, Betrachtungen anzuſtellen. „Sind noch mehr da, die aufgezeichnet werden ſol⸗ len?“ rief eine grobe und ſcharfe Stimme. „Der Fuchs nahm mich jetzt bei der Hand und führte mich ein. „Ein qualmiger und ungeſunder Geruch kam mir bis an die Thüre entgegen. Man hatte zwar die unge⸗ ſunde Beſchaffenheit dieſes Dunſtes mit einem Wachholder⸗ rauch zu verwiſchen geſucht, aber der Qualm war da⸗ durch nur um ſo größer geworden. Der Saal war un⸗ geheuer lang, mit Pritſchen auf beiden Seiten und von einigen matten Nachtlampen erhellt. Seine zerlumpten Bewohner, deren Zahl ich im erſten Augenblick nicht be⸗ rechnen konnte, trieben ſich wie traurige und bleiche Ge⸗ ſpenſter um einander herum. „Beim Anblick dieſes lebendigen Elends vermochte ich kaum weiter zu gehen, ſondeen faßte die nächſten Gegenſtände an, um mich zu ſtützen. Meine Hand glitt dabei aus, weil der Gegenſtand, den ich ergriffen hatte, ſchlüpfrig war, und ich ſiel beinahe um. „Ich hatte einen alten Waſſerzuber berührt. —,— u nunun— 249 „Links von mir, neben der Thüre, dieſem Waſſer⸗ zuber gegenüber, war ein Bretterverſchlag des großen Zimmers. „Die Thüre zu dieſem Verſchlag ſtand offen. Es war ein Zimmer möblirt mit einem Bett, ein paar Stüh⸗ len und einem Tiſch, worauf ein paar Notizbücher lagen. An dem Tiſch ſaß ein Aufſeher. 4 „Du mußt dahinein,“ flüſterte der Fuchs mir zu, „und Dich aufſchreiben laſſen.“ „Aber dadurch verrathe ich ja, daß ich entflohen bin.“ „Sei ohne Furcht, Du kannſt ſagen, was Du willſt, denn hier gibt es niemand, der ſich die Mühe nähme Dich zu controlliren oder wegen Deiner Angaben weitere Erkundigungen einzuziehen.“ „Haben ſich jetzt alle aufſchreiben laſſen?“ rief der Aufſeher wieder. Ich trat ein. „Wie heißeſt Du?“ fragte er. „Ich ſagte meinen Namen und bemerkte, daß er ſich nicht einmal die Mühe gab, mich anzuſehen. „Wann biſt Du geboren?“ „Ich nannte die Jahreszahl. „Welcher Gemeinde gehörſt Du an?“ „Er ſchrieb meine Antwort auf. „Haſt Du Atteſte?“ „Nein. „Der Mann hatte ſich nicht einmal umgeſehen, ſon⸗ dern blos meine Angaben aufgezeichnet. „Geh' jetzt hinaus und ſchweige.“ „Der Fuchs und ich ſuchten uns Platz, wo wir finden konnten. „Aber um Gotteswillen, was ſind denn das für Leute?“ fragte ich ihn, als ich mich umſah. „Lauter arme Tröpfe, antwortete er mir lachend, „Landſtreicher, wenn Du ſo willſt.“ „Alles, was ich ſah, beſtätigte die Richtigkeit ſeiner — 250 Ausſage. Die Hölle kann kein Neſt mit einem ſchreckliche⸗ ren Perſonal beſitzen. Ich empfand Eckel, aber ich legte mich. Einige aßen und tranken, während andere über Hunger und Durſt ſluchten; einige jammerten, von Krank⸗ heit gequält, andere ſchnarchten und wieder andere ſangen, ſchwatzten oder balgten ſich herum. „Ich hatte an meiner Seite einen alten Mann mit einem aufgedunſenen Geſicht, unreinlich und zerlumpt. Eine alte Pferdedecke war das einzige Kleidungsſtück, das er beſaß, um ſeine Blöße zu decken. „Ich wurde unwohl, als ich ihn betrachtete, und ich beklagie mich gegen den Fuchs. „Du biſt noch ein Mutterſöhnchen,“ erklärte er, waber bleib nur noch eine Weile bei uns, ſo wirſt Du bald nicht mehr ſo zimperlich ſein.— Welche Nummer haſt Du im Aufzeichnungsbuch erhalten? Haſt Du da⸗ rauf Acht gegeben?“ „Nummer dreihundert.“ „Bemerkteſt Du nicht, daß in den Notizen vor den meiſten Namen ſteht: ohne Atteſte.“ „Allerdings.“ „Welche Schlüſſe kannſt Du wohl daraus ziehen?“ „Schluſſe?“ „Klingt das ſo wunderlich? Ich für meinen Theil ziehe folgende. Erſtens, daß ſich hier in gegenwärtiger Stunde nicht weniger als 300 Schelme befinden, verſteht ſich, uns beide eingerechnet. Zweitens, daß man uns hier auf unſer Wort, d. h ohne Atteſte glaubt, und das iſt doch ganz honett. Drittens, daß wir alle dieſe Be⸗ guemlichkeiten, die Du jetzt um Dich herum ſiehſt, umſonſt haben. Du biſt höchſt unbillig, wenn Du für ſo wenig etwas beſſeres verlangſt. Nimm deßhalb dankbar mit dem vorlieb, was uns beſchieden iſt, und laß uns jetzt ſchla⸗ fen.— Der Schlaf würzt das Leben— gute Nacht, Bruderherz. Ich ſchnarche bereits.“ 2n 2 eil er ht ns a48 e⸗ iſt ig m a⸗ t, 25¹ „Schlafen war leichter geſagt als ausgeführt. In⸗ zwiſchen verging die Nacht. 1 „Am Morgen erhielten wir ein Quart Bier und ein Schillingsbrödchen. Darauf wurden wir wieder zur Thüre hinausgejagt. Als wir die Barake verließen, fragte ich den Fuchs, wohin wir uns begeben ſollten. „Wir gehen wohl in derſelben Richtung, antwortete er mir,„wie die Uebrigen.“ „Wohin gehen denn die?“ „Wohin ſie wollen. Ich finde wirklich,“ fügte er hinzu,„daß dieß das allerbeſte iſt, und ich kann die Vor⸗ ſorge der Behörden um uns und unſre Freiheit nur preiſen. Hier wird man ja jeden Abend umſonſt auf⸗ genommen und jeden Morgen ordentlich wieder hinaus⸗ getrieben, um am Abend von Neuem aufgenommen zu werden. Man thut, was man mag, nur muß man ſich in Acht nehmen, daß man nicht gepackt wird. Kann man ſich wohl etwas Beſſeres wünſchen?“ „Als der zweite Abend kam und es ſich wieder um ein Obdach handelte, weigerte ich mich entſchieden, nach der Barake zurückzukehren. „Wohlan,“ ſagte der Fuchs,„da Dir dieß ſo wider⸗ lich erſcheint, ſo laß uns an einen andern Ort gehen. Man ſoll, meinte er, nie etwas gegen ſeinen Willen thun.“ „Ich bemerkte zwar, daß er dabei heimlich lächelte, aber ich folgte ihm nichts deſto weniger. Mit den all⸗ gemein beſuchten gewöhnlichen Theilen der Stadt ſehr wohl bekannt, wußte ich dagegen von denjenigen Gegen⸗ din wohin der Fuchs mich führte, ſehr wenig oder gar nichts. „Kannſt Du errathen, wo wir ſind?“ fragte der Fuchs endlich.„Wir ſind auf dem Holzmarkt,“ beantwor⸗ tete er ſeine eigene Frage: aund dieſes Quartier da heißt der Hechelberg.“ „Auf einem Berg, auf der einen Seite des Marktes erhebt ſich ein weißes Gebände, mit hoher ſteinerner Unterlage. „Es iſt mit einem Frontiſpice verſehen und an und für ſich nicht häßlich, aber mehrere Fenſter ſind zerſchla⸗ gen und einige haben Scheiben von Eiſenblech Das Ganze zeugt von beſſeren Zeiten, auf welche Elend und Armuth gefolgt ſind. „Da haben wir endlich das Haus Nro. 13,“ rief der Fuchs. Du bekommſt da etwas Stattliches zu ſehen. Hier wohnen die Invaliden, die man die Alten des Prinzen nennt... prächtige alte Kerls, ſage ich Dir, jeder von ihnen iſt ein wahrer Paſcha. Du wirſt ſicherlich Deine Freude an ihnen haben. 3 „Als wir den Hügel hinangeſtiegen waren, gingen wir an mehreren kleinen Holzhütten vorbei und kamen endlich auf den Hof.. „Es war ein Samstag Abend. „Als wir die Thüre öffneten, befanden wir uns in einem gewöhnlichen Zimmer mit ein Paar Fenſtern, an den Wänden ſtanden Pritſchen und Strohbetten. „Obſchon nicht in ſo großartigem Maßſtab angelegt, war dieſes Neſt nicht beſſer, als die Barake. Das Per⸗ ſonal ſchien ein und daſſelbe zu ſein. Lumpen und Un⸗ reinlichkeit gehörten auch hier zur Uniform. Am Ofen ſtand ein ganz nackter Kerl, der einer Bildſänle glich. Ein Anderer ſaß in demſelben Zuſtand auf einer Pritſche. In einer Ecke jammerte ein Kranker An einem andern Ort flickte man Stiefel. Weiterhin ſaßen Einige, die nähten. Mehrere, die auf den Pritſchen keinen Platz mehr fanden, lagen daneben oder unter denſelben. Ein großer Theil trug graue zerriſſene Mäntel, und Hoſen von Sackleinwand. Die Meiſten dieſer Leute haben bei den Garderegimentern gedient, und ſind wegen Wunden, Krankheiten, oder anderer untauglich machender Fehler verabſchiedet worden. Es lauft aber viel Betrug mit unter. Viele tragen z. B. Krücken, ohne daß ſie ihrer —— 2⁵³ bedürfen, oder geben ſie ſich für blind aus, ohne es zu ſein. Als ich den Ort beſuchte, waren ſie hundert dreißig an der Zahl, und wohnten in acht kleinen Sälen. Sonſt werden hier alle mögliche Leute aufgenommen, ohne daß man ſich darum bekümmert, zu unterſuchen, wie Viele wirklich Platz finden können. Von Ordnung iſt da gar nicht die Rede. Die Bewohner müſſen ſich ſelbſt aufrecht erhalten. Die Saalthüren ſind immer offen. Die Alten, wie man ſie gewöhnlich nennt, obſchon ſich auch mancher junge Geſell unter ihnen befindet, gehen und kommen, wenn ſie Luſt haben. Manchmal geſchieht es allerdings, daß die Krankenpflege der Gemeinde ihnen mit dem Einen und dem Andern aushilft. Mehrere beſitzen auch Penſionen von ihrer Soldatenzeit her, aber die Penſions⸗ decrete ſind in einer Schenke verſetzt, die der Aufſeher des Hauſes hält, und die Penſion ſelbſt wird vorſchuß⸗ weiſe in Branntwein aufgezehrt. Die Kranken bekommen fünf Schillinge nebſt einer Portion Suppe und Brod per Tag. Die Reconvalescenten erhalten drei Schillinge nebſt dem Uebrigen. Man ſollte nicht glauben, daß ſich irgend Jemand gern hier aufhielte, und dennoch gibt es Hunderte, die ſich um dieſes Glück ſchlagen. Sie glau⸗ ben mir vielleicht nicht? Aber was ich ſage, iſt voll⸗ kommen wahr. Die hier geſtattete Freiheit iſt höchſt verlockend, und obſchon die öffentliche Wohlthätigkeit ihnen eigentlich nichts Anderes, als Holz, Licht und ein Obdach zukommen läßt, ſo beſitzen ſie doch ein Privilegium, das ihnen noch Niemand ſtreitig gemacht hat, nämlich das Recht, die Bettelei als einen geſetzlichen Nahrungszweig zu betreiben. Beſonders Abends, wenn die Sonne un⸗ tergeht, zieht dieſes Ungeziefer auf die Straßen. Wer hat wohl nicht ſchon, nachdem es dunkel geworden, da und dort an den Straßenecken einen grauen Mantel, ein lauerndes Auge, einen abgenützten Hut geſehen? Mit kluger Fürſorge für ihr eigenes Beſte theilen ſie die Stadt in gewiſſe Betteldiſtrikte ein. Sehr oft kommen ſie nicht * vor Mitternacht nach Hauſe, und dann ſind ſie gewöhnlich voll. Fluchen und Balgereien gehören übrigens hier zum Leben, und gleichſam zur Tagesordnung. „Der Fuchs, den man in der Anſtalt wohl kannte, wurde freundſchaftlichſt aufgenommen, und ihm zu Liebe auch ich. „Inzwiſchen kamen immer Mehrere herein. Einige, die ſich bereits vollgeſoffen hatten, ſtießen ſich unter den Pritſchen herum, Andere, die es noch nicht ſo weit ge⸗ bracht hatten, verlangten Getränke aus der Schenke. „Man zündete ein Feuer an. „Ich habe geſagt, daß es ein Samſtag Abend war, als wir den Ort beſuchten. Die Samſtage ſind ganz beſondere Jubeltage für die Bewohner allda. „Während ihres vieljährigen Vagabundenlebens in der Hauptſtadt haben ſie ſich ſogenannte Kunden ver⸗ ſchafft, welche ſie an den Samſtagen beſuchen dürfen, und von denen ſie immer Etwas erhalten. „Das Leben im Hauſe iſt nie ſo ſtürmiſch und wild, wie an dieſen Abenden. Punſch, Toddy und Bier iſt da immer im Ueberfluß vorhanden, bis man endlich, zu weiteren Thaten unfähig, auf dem Platze einſchläft.“ Aber auf einmal unterbrach Gourville ſeine Er⸗ zählung. „Verzeihen Sie mir, Frau Kellner,“ ſagte er;„ſtatt meine Lebensereigniſſe zu erzählen, bin ich auf einen Abweg gerathen, und habe mich gar zu lange bei ge⸗ wiſſen Verhältniſſen in der Hauptſtadt aufgehalten. Nach⸗ dem ich Ihnen indeß ein Bild von ſolchen Orten entworfen habe, will ich Ihnen noch ſagen, daß dieſelben die Vor⸗ höfe waren, durch welche ich wanderte, bevor ich in alle Geheimniſſe des Vagabundenthums eingeweiht wurde. In wie weit Anſtalten gleich dieſen übrigens den Forderungen der Bildung entſprechen, womit unſere Zeit prahlt, oder in wie weit ſie von wahrer Wohlthätigkeit zeugen, und nicht vielmehr ſchädlich, als nützlich auf die Staaten ein⸗ X * 25⁵ wirken, wo ſie gleich ungeſunden Schwämmen ſich vor⸗ finden, darüber ſteht mir keine Entſcheidung zu. Durch die Bekanntſchaften, die ich jetzt machte, öffnete ſich in⸗ zwiſchen, ich geſtehe es aufrichtig, auf einmal die Hölle für mich, und ich gehörte ihr an. Von dieſem Angen⸗ blick begann für mich ein wechſelreiches, abentheuerliches und entſetzliches Leben. Es wäre vergeblich, ſeinen man⸗ nigfachen Verirrungen folgen zu wollen. Bald war ich der Kühnſte, Muthigſte, Entſchloſſenſte von Allen. Männ⸗ liche Kraft begann meine Handlungen zu charakteriſiren, und neue Pläue blitzten unaufhörlich aus dem unerſchöpf⸗ lichen friſchen Kopfe des Jünglings. Bald folgten mir meine Kameraden blindlings mit vollkommenem Vertrauen auf mein Urtheil, meine Klugheit und Schlauheit. Bei einem kühnen Unternehmen wurde ich indeſſen in Folge der Dummheit eines meiner Freunde verhaftet. Ich er⸗ wähne dieſen Umſtand beſonders, weil er mich mit einer Perſon zuſammenführte, von der ich mich bereits ver⸗ geſſen glaubte. „Man hatte mich in eines der Gewölbe unter dem Rathhaus eingeſperrt. „Als ich es am wenigſten erwartete, höͤrte ich den Schlüſſelbund des Gefangenwärters vor meiner Thüre raſſeln. „Ich vermuthete, daß man mich, obſchon es nicht die gewöhnliche Zeit war, vor das Gericht führen würde, aber zu meiner Verwunderung erkannte ich in dem Ein⸗ tretenden den Rektor. 5 „Er hatte vermuthlich Erlaubniß erhalten, mich zu beſuchen, deunn der Gefangenwärter entfernte ſich, und der Rektor blieb allein zurück. „Mit einem Blick, der wie ein ſcharfer Strahl unter den buſchigen Augenbrauen bervorſchoß, betrachtete er mich eine Weile, ohne ein einziges Wort zu ſprechen. „Ich war gefangen, und ich ſchämte mich. — ʒ————— 256 „Endlich brach er in ein Lachen aus, und zu gleicher Zeit nahm er mich freundlich bei der Hand. „Haſt Du den Muth verloren?“ fragte er. „Ganz und gar nicht.“ „Du biſt zu großen Dingen geboren.“ „Woher wiſſen Sie das?“ „Aus Deinem Charakter, Deiner Klugheit und Dei⸗ nem Ausſehen. Dein Blick iſt kühn, Deine Stirne zeugt von Entſchloſſenheit, Dein Wuchs iſt feſt und ſtark.“ „Warum ſind Sie hieher gekommen?“ fragte ich. „Weil ich ſehen wollte, wie Du Dich in dieſer Lage ausnimmſt, und weil ich die Abſicht habe, Dich aufzu⸗ muntern. Erſt heute habe ich aus den Zeitungen er⸗ fahren, daß Du feſtgenommen worden biſt; ſonſt wäre ich ſchon früher gekommen.“ „Während er ſprach, betrachtete er mich auf dieſelbe Art, wie etwa ein Botaniker eine Blume, oder ein Chirurg einen Cadaver betrachtet, wenn er durch neue Studien und Erfahrungen die Wiſſenſchaft zu bereichern hofft.“ „Du haſt Deine Bahn gewählt,“ ſagte er,„und gedenkſt alſo nicht zurückzutreten?“ „Ich bin,“ antwortete ich,„entſchloſſen, zu gehen, wohin die Umſtände mich führen. Ich habe keine andere Wahl.“ „Gut, mein Freund. Man muß nichts halb thun. Wenn Du einmal meiner Dienſte bedürfen ſollteſt, ſo vergiß mich nicht.“ „Es war, als ſei ein böſer Geiſt von mir gewichen, als er ſich entfernte. „Sowohl in den Gefängniſſen, worin man mich während der Unterſuchung hielt, als auch auf Rindön, wohin ich durch gerichtlichen Spruch zum Sträflingscorps abgeführt wurde, erwarb ich mir neue Bekanntſchaften, und einen Einfluß, der mich unter dieſem Volk beinahe allmächtig machte. er 257 „Nach einem halben Jahr entfloh ich von Rindön. Ein Plan war in mir aufgetaucht, und ſobald ich in die Hauptſtadt kam, begab ich mich ſogleich zum Rektor. „Er empfing mich mit demſelben Lachen und dem⸗ ſelben freundlichen Handſchlag, wie gewöhnlich. „Ich dachte mir's wohl, daß Du mit Deinen An⸗ lagen Dir in Rindön nicht gefallen würdeſt. Kann ich Dir jetzt auf irgend eine Art zu Dienſten ſein?? „Ich erklärte ihm, daß ich das Land zu verlaſſen, und meine Profeſſion in der Fremde zu ſtudiren wünſchte. „Seine Stirne erheiterte ſich, während ſein ſcharfer Blick mich zu durchdringen ſuchte, und über ſeine Lippen ging ein Ausruf der Zufriedenheit. „Du willſt nach Paris,“ ſagte er.„Ah, ich ver⸗ ſtehe. Das iſt ein auter Gedanke... wahrhaftig, dort wird ſich für Dein Talent und Deinen Muth ein großes Feld eröffnen.“ „Er verſtand mich, ohne daß ich meine Ideen näher zu entwickeln brauchte, und das freute mich. „Mein Wunſch war, daß er mir eine Gelegenheit verſchaffen möchte, ſobald als möglich fortzukommen. „Durch ſeine Vermittlung ſtand auch ſchon am fol⸗ genden Tag in den Zeitungen zu leſen, daß ein anſtän⸗ diger, thätiger und kenntnißreicher junger Mann, der ſich in eigenen Angelegenheiten nach Paris begeben wolle, bei einer reiſenden Familie in Dienſte zu treten wünſche. Der Rektor verſah mich mit Zeugniſſen, und binnen vier und zwanzig Stunden war ich als Bedienter angeſtellt und befand mich auf dem Weg nach meinem neuen Be⸗ ſtimmungsort. „Es wäre mir unmöglich, das wunderbar großartige Gefühl zu beſchreiben, das mich ergriff, als ich mich in Paris, dieſem Herzen Europas, von welchem die ganze Civiliſation unſerer Zeit ausſtrömt, um in ewigem Kreis⸗ lanfe⸗ zurückzuſtrömen, zum erſtenmal auf die Straßen begab. Das Gewiſſen. V. 17 — 258 258 „Ich hielt mich etwas länger als zwei Jahre in Paris auf. Mit einer Kühnheit, die nur derjenige be⸗ ſitzen kann, der nichts zu verlieren hat, benützte ich alle Gelegenheiten, um in jedes Verhältniß einzudringen, wo⸗ bei ich mir den mindeſten Vortheil verſprechen konnte. Den Kühnen gelingt es oft, das habe ich erprobt. Der Erfolg begleitete mich, nicht wie mein Schatten, ſondern wie mein beſſeres Ich. Die Hölle hat in Paris ihren Schlund erweitert, und ſtreitet mit dem Himmel um den Vorzug. Wie in Pompeji findet man auch in der Hölle Abgötter. Wie liebte ich Paris! Das Leben bewegt ſich dort in ſo vielen verſchiedenen Schattirungen, daß das Verbrechen ſelbſt dadurch maskirt wird. In Schweden dunſtet die Geſellſchaft eine Gasart aus, die gleich der Hundsgrotte am Agnanerſee tödtet oder lähmt. In Paris dagegen wanken die Inſtitutionen beſtändig, und tauſend Hülfsquellen eröffnen da dem kühnen und kräftigen Mann tauſend neue Wege zu neuem Leben. Die Ereigniſſe befeuern den Mann, und heben ihn empor, oft ohne daß er ſelbſt davon weiß. Da erzeugt das Feuer in der Bruſt der Männer einen zweiten Monte Nuovo unter ihren Füßen. Paris! Paris! Du lehrteſt mich, was ein Mann bedeutet, du lehrteſt mich leben. Gleich einer zweiten Venus Kallipyga führte dein Genius mich vor⸗ wärts, vorwärts, und mit Wolluſt genoß ich die Liebe, die du in ſo reichem Maße allen deinen Verehrern in der ganzen Welt ſchenkſt; du läſſeſt nicht deinen Schleier über das Geſicht fallen, ſondern er flattert hinter dir, während du mit aufgehobener Tunika beſtändig deinen Anbetern berauſchendes Entzücken verleihſt. Ach Paris! Paris! Man vergißt, daß es einen Gott gibt, wenn du einen an das Herz drückſt, und man dich anbeten darf.“ Gourville verſtummte hier. Seine Augen glänz⸗ ten, ſeine Stirne ſtrahlte, er war außer ſich vor Be⸗ geiſterung. —————— 259 Gabriele war mit beinahe ſtille ſtehendem Herzen ſeiner Erzählung gefolgt. Jeder Zug, worin ein Schim⸗ mer von einem edlen Gemüth hervorſchien, jede Reflexion, die ein reines Gefühl zurückſpiegelte, erweckte bei ihr eine ſo aufrichtige und innige Freude. Sie war mit Wohl⸗ behagen bei den erſten Aeußerungen ſeiner Selbſtſtändig⸗ keit verweilt, weil ſie noch von Abſcheu vor dem Verbrechen zeugten, aber mit einem Entſetzen, wie wenn es ſie ſelbſt anginge, bemerkte ſie, wie er ſich immer mehr demſelben hingab, bis er ihm ſchließlich mit ganzer Seele ange⸗ hörte. Jetzt lauſchte ſie mit banger Unruhe auf jedes Wort, in der Hoffnung, doch einmal die Stimme eines ſtrafenden Gewiſſens, und den Ausdruck der Stimme eines leidenden Herzens hören zu dürfen. Aber ſie vernahm nichts von der Art, und empfand einen doppelt nagenden Schmerz darüber. Ganz beſonders betrübte ſie das jubelnde Entzücken, womit er Paris beſchrieb, indem er die Stadt nur vom Standpunkt eines dem Laſter gün⸗ ſtigen Tummelplatzes betrachtete. Sie ließ den Kopf ſinken, ſie wandte ſich zitternd vor Schreck von ihm ab, aber er achtete nicht auf ihre Bewegung, ſondern war gänzlich von ſeinem Gegenſtand ergriffen. Und gleichwohl hob mitten in ihrem Schmerz ein Seufzer ihre beklommene Bruſt, und durch ihre Seele fuhr der Gedanke: Was hätte nicht bei beſſerer Leitung aus ihm werden können? „Ich gehörte allen geheimen Clubs und Geſellſchaften an,“ fuhr inzwiſchen Gourville fort,„nicht blos den po⸗ litiſchen, ſondern auch denjenigen, wo die Induſtrie mit dem Dolch im Buſen und den Glückswürfeln in der Hand eine Hauptrolle ſpielte. „Aber ich will nicht weiter davon ſprechen, ſondern nur eine ſonderbare Laune des Schickſals erwähnen. „ Ich hatte mich bereits gegen zwei Jahre in Paris aufgehalten, als eine Perſon in mein Zimmer trat, bei 260 deren Aublick ich im höchſten Grade überraſcht von mei⸗ nem Platze aufſprang. „Es war der Rektor. „Ganz unbewußt hatte ich meine Arme gegen ihn geöffnet, und er ſank an meine Bruſt. „Sie hier, mein Lehrer!“ rief ich. Dieß waren die einzigen Worte, die ich über meine Lippen brachte. „Ebenſo unerklärlich wie immer antwortete er nicht, ſondern trat einen Schritt zurück, und betrachtete mich blos. Ich war wie ein ächter Pariſerlöwe nach der neueſten Mode gekleidet. Weder an meiner Toilette, noch am Ameublement meiner Zimmer war Etwas aus⸗ zuſetzen. Ich ſelbſt war elegant, und Alles, was mich umgab, war prachtvoll, Niemand konnte brillanter leben, als ich. „Geſtehen Sie, daß ich Sie nicht unrecht beurtheilt habe,“ ſagte er endlich.„Ich ſehe, daß Ihnen Alles gut geht. Ich gratulire.“ „Warm und herzlich drückte er meine Hand. „Er fragte mich, ob ich viele Bekanntſchaften hätte, und ich bejahte es. „Sie müſſen mich bei ihnen einführen,“ bat er. „Wie ſo?“ „Sein Verlangen genirte mich, weil die Geſellſchaft nicht gerade die ſauberſte war. „Er bemerkte meine Verlegenheit, und errieth ſicher⸗ lich die Urſache, erneuerte aber nichts deſtoweniger ſein Verlangen. „Inzwiſchen hatte ich Gelegenheit bekommen, ihn näher zu betrachten, und ich bemerkte, daß er bläſſer und magerer war, als gewöhnlich. „Es kann nicht Ihre wirkliche Abſicht ſein, meine Freunde kennen zu lernen?“ „Zweifeln Sie nicht daran, es iſt mein ernſtlicher Wunſch.“ „Wie lauge gedenken Sie ſich in Paris aufzuhalten?“. 261 „Wahrſcheinlich den ganzen Reſt meines Lebens.“ „Meine Verwunderung ſtieg. „Was will das heißen? Kehren Sie nicht nach Schweden zurück?“ „Niemals.“ „Warum?“ „Bei dieſer Frage legte er zwei Finger auf den Mund, und ich fragte nicht weiter.— „Seit meiner Rückkehr nach Schweden erfuhr ich, daß der Mann hier im Vaterland ein Verbrechen be⸗ gangen hatte, um deſſen willen er fliehen mußte. Wie ich hörte, glanben Viele, er habe es mehr im Intereſſe der Wiſſenſchaft, als aus menſchlicher Schwäche begangen; aber wenn es ſich auch ſo verhält, ſo erſcheint er mir als ein um ſo größerer Verbrecher, weil der Menſch in Folge ſeines Herzens ſchwach, die Wiſſenſchaft aber mit⸗ telſt ihrer Erfahrung und Weisheit ſtark iſt. „Das combinirte Laſter iſt nicht blos gefährlicher, ſondern auch ſtrafwürdiger, als das von der Leidenſchaft oder den Umſtänden hervorgerufene. „Die Verbrecher der metaphyſiſchen Verfeinerung ſind keine Menſchen, ſie ſind noch tiefer gefallen, ſie ſind Teufel. „Jetzt wurde ich meinerſeits ſein Lehrer, und unter meinem Schutz erhielt er überall Zutritt. Aber bald war ich wieder ſein Schüler, obſchon jetzt nicht mehr ſo leicht zu leiten, wie früher. Je mehr er Einfluß unter meinen Bekannten gewann, um ſo mehr verlor ich an meiner Bedeutung bei ihnen. Ich bemerkte dieß, und obſchon ich mit aller Gewalt dagegen ankämpfte, wurde ich doch beſtändig überliſtet. Meine Löwenkühnheit begann vor ſeinen ſcharfſinnigen Berechnungen im Schatten zu ſtehen. Es war ein Wettkampf unter uns, nicht mit Waffen und Worten, ſondern mit Verſtellung und Liſt, und in dieſem Kampf mußte einer von uns zuletzt untergehen. Um nicht zu fallen, fand ich es für gut, mich zurückzuziehen. 262 Ich beſchloß, nach Schweden zurückzukehren. hwede Ich hoffte, daß ich dort keinen Wettſtreit mehr mit Leuten zu be⸗ ſtehen hätte, die mit dem Scharfſinn des philoſophiſch gebildeten Mannes in meinem Handwerk arbeiteten. Ich reiste ab...“ Gourville war ſo weit gekommen, als ein aus den inneren Sälen dringender ſtürmiſcher Lärm, beſtehend aus einer verworrenen Miſchung von Trompetentuſchen, Lachſalven und Händegeklatſche, ihn unterbrach. Auch Gabriele wurde unangenehm dadurch geſtört, und horchte verwundert auf den eher zu⸗ als abneh⸗ menden Lärm. Sie blieben indeß aufmerkſam lanſchend Beide an ihren Plätzen. Mit Erlaubniß des Leſers wollen wir ſehen, was dieſes fröhliche, ſtürmiſche Getöſe veranlaßt hat. Der Ball hatte ſeinen Fortgang genommen. Mayers Bogen war nicht müde geworden, ſondern ſchien beſtändig neue Inſpirationen zu empfangen. Ein Tanz löste un⸗ aufhörlich gleichſam die Schwingen von den Schultern des vorhergehenden, um mit glühenden Blicken und flat⸗ ternden Locken den nur durch kurze Pauſen unterbrochenen Flug durch die Säle fortzuſetzen. In den Schenkzimmern wurden die Schönen mit Salven von knallenden Cham⸗ pagnerpfröpfen ſalutirt. Freude und Scherz emancipirten ſich von allem Zwang; durch das prismatiſche Glas der Wolluſt gläuzte die Welt ihnen in ſchimmernden, lachen⸗ den Farben eutgegen. Je weiter die Nacht voranſchritt, um ſo mehr hatte die Zahl der Gäſte zugenommen. Unter den Neuangekommenen erregte hauptſächlich ffte, be⸗ iſch Ich den end en, rt, eh⸗ an as 263 ein Pierrot die Aufmerkſamkeit durch ſeine nicht leichte und graziöſe, vielmehr plumpe, und eben dadurch poſſir⸗ liche und komiſche Grimaſſen und Wendungen. In ſeiner Geſellſchaft befanden ſich zwei Masken, ein rothbackiges dickes Baueruweibchen und ein Bauer. Pierrot ſprach nicht viel, aber wenn er ſich zuweilen äußerte, ſo miſchte er ſo viele Seemannsausdrücke in ſeine Rede, daß er dadurch zwar etwas unbegreiflich, aber nur um ſo drol⸗ liger erſchien. Es ſchlug zwölf. Trompetengeſchmetter verkündete den Beginn des Fackelzugs, Alles eilte in die Gallerie, um an demſelben Theil zu nehmen. Verwirrung und Getöſe war dabei nicht gering. Man lachte und ellbogte ſich vorwärts. Jeder wollte der Erſte ſein. Roman und Paul, die beiden feuerrothen Dominos, hatten im Fackelzug bereits ihren Platz eingenommen. „Der Maskenball naht ſich ſeinem Ende,“ ſagte Paul; „mögen uns unſere Pläne gelingen!“ Statt aller Antwort drückte Roman ihm die Hand. Beide hatten ihre Dame am Arm. In Ermange⸗ lung beſſerer Mittel, Gabriele und Mathilde von dem Skandal zu retten, wodurch die ſchwarze Charlotte ſie zu beſchämen gedachte, hatten ſie auf Pauls Vorſchlag bald einige Frauenzimmer herausgeſucht, die ſich, ohne den Zweck zu kennen, zu dem Scherz hergaben, welchen Paul gegen einige Bekannte ausführen zu wollen be⸗ hauptete. Das eine dieſer Mädchen war auch die ebenſo nichtsnutzige und neugierige, wie blauängige Marie, das andere war die in nicht geringerem Grad ſchelmiſche und lebhafte Auguſte. Paul kannte ſie von ſeinem Beſuch im Thiergarten her, und ſie gingen ohne alle Schwierigkeiten auf ſeinen Plan ein, zumal da es ſich hier um einen bloßen Scherz handeln ſollte. — 264 Der Lieutenant und der königliche Sekretär wurden ſogar auch halb ins Vertrauen gezogen. So viel iſt ſicher, daß Paul ſich nie an beſſere Subjekte hätte wenden können. „Wir dürfen an einer kleinen Intrigune Theil nehmen,“ riefen ſie entzückt, und klatſchten voll Zufriedenheit in die Hände. Wenn der Plan gelingen ſollte, ſo war es noth⸗ wendig, daß ſie ähnliche Koſtüme trugen, wie Gabriele und Mathilde. Gabriele trug nur einen ſchwarzen Do⸗ mino, und dieſer war leicht zu erhalten. Mathildens kindlicher Anzug dagegen war ſchwerer zu bekommen, indeß verſchaffte man ſich doch einen möglichſt ähnlichen, und hoffte, daß die Ungleichheit für den kurzen Augen⸗ blick, wo die Illnſion in dem matt beleuchteten Zimmer, das zum Schanuplatz der Kataſtrophe auserſehen war, feſtgehalten werden ſollte, nicht an den Tag kommen würde. Um nicht zu früh Mißverſtändniſſe zu veranlaſſen, hatte man über das weiße Kleid des Mädchens auch einen Domino geworfen. Als das Signal zum Fackelzug gegeben wurde, fuhren die ſchwarze Charlotte und Michelſen zuſammen. „Jetzt, jetzt!“ rief die Erſtere, und von demſelben Gedanken in Anſpruch genommen, rief wie ein Echo auch die Zweite:„Jetzt!⸗ Auf einmal erhoben ſie ſich. Sie ſchienen demſelben Geſetz zu gehorchen, von demſelben Gefühl beherrſcht zu werden. „Noch ein Wort,“ ſagte Michelſen. „Wir haben keine Zeit zum Schwatzen mehr. Was willſt Du?“ „Kannſt Du Dich in Deinen Angaben über Gonr⸗ ville und Waldhahnenfuß nicht täuſchen?“ „Nein.“ „Aber wie iſts möglich, daß Du mit ſo großer — z— 265 Sicherheit ein Geheimniß kennſt, das ſie ſelbſt nicht ein⸗ geſtanden haben ²“ 3 „Wie es möglich iſt? Habe ich Dir nicht geſagt, daß die Papiere, die Paul Kellner beſitzt, nebſt meiner eigenen Kenntniß von der Sache mir den Weg dentlich vorgezeichnet haben? Meine Mutter hat mich in meinen Anſichten beſtärkt.“ „Martha?“ „Ja gewiß.“ „Ich fühle mich ſo unruhig.“ „Fürchte nichts. Folge mir nur.“ Beide nahmen darauf Platz im Fackelzug. Ein Feſtmarſch wurde aufgeſpielt, der Zug ſetzte ſich in Bewegung. An der Spitze deſſelben marſchirte Pierrot unter lächerlichen, plumpen Verbeugungen. Hinter ihm kamen mit höchſt gravitätiſchem Ernſt der Bauer und die Bäuerin, Paar um Paar folgten hierauf alle übrigen Ballgäſte. Aus der Gallerie begab man ſich durch kleine Zimmer in den Theaterſaal. Den ganzen Abend hatte man da einen Blumentempel geſehen, wie⸗ wohl nicht beleuchtet; Viele hatten deßhalb vermuthet, die lebendigen Blumen würden dort ausgetheilt werden; aber der Tempel fand ſich jetzt nicht mehr da vor. Wäh⸗ rend der Pauſe, die bei der Anordnung des Fackelzugs eingetreten, war der Tempel wie durch einen Zauberſchlag in den großen Saal verſetzt worden. Prachtvoll breitete ſich hier ſeine Facade aus, auf Säulen ruhend, die aus den üppigſten, in bunten Farben reich ſchimmernden Blumen zuſammengeſetzt waren, beleuchtet von kugel⸗ artigen Lampen, die man hinter ihnen befeſtigt hatte, ſo daß das Feenartige in der Anordnung die Illuſion nur um ſo ſtärker machte. Langſam ſchritt der Zug vorwärts. Beim Anblick des Tempels lief ein Beifallsgemurmel durch die dichten Maſſen der Masken. 266 Aber ſo glänzend der Tempel ſelbſt war, ſo war er gleichwohl nicht dasjenige, was am meiſten bezauberte. Auf einer Erhöhung mitten im Tempel ſtand ein weiß gekleidetes Mädchen, Flora vorſtellend. Es war niemand anders, als Waldhahnenfuß, auf deren Locken⸗ kopf man einen Kranz befeſtigt hatte, während um ihren Leib eine Blumenguirlande ſich ſchlang. Ihre ſchlanke, feine Geſtalt war unendlich anmuthsvoll, und das Kind⸗ liche in ihrem Anzug erhöhte auf einnehmende Weiſe die Grazie in ihren Bewegungen. Aber neidiſch bedeckte die Maske ihr Geſicht, und verſagte den Zuſchauern das Vergnügen, den Anblick ihrer ganzen Erſcheinung zu genießen. Die allgemeine Bewunderung drückte ſich daher eine Weile nur in allge⸗ meinem Schweigen aus, während indeß die Muſik fort⸗ fuhr und Flora Blumen auszutheilen begann. Aber im nächſten Augenblick wurde das durch eine Stimme unterbrochen, welche bat, daß Flora ſich demaskiren möchte. Alle ſchienen denſelben Wunſch gehabt zu haben, obſchon Niemand zuerſt ihn ausſprechen wollte, aber nachdem er einmal geäußert war, ſtimmten die Anweſenden Alle darin ein, und je länger Flora zögerte, dem allgemeinen Verlangen nachzukommen, um Schweigen ſo hartnäckiger wurde man. Der Feſtordner, dem Mathildens zierlicher Aufzug in die Augen gefallen war, hatte ſie, wiewohl nicht ohne viel Schwierigkeiten, beredet, die Stelle Floras zu über⸗ nehmen, und ſie ging darauf ein unter der Bedingung, daß ihre Geſellſchafterin, die Königin der wilden Jagd, bei ihr bleiben dürfe. Anna in ihrem Jagdkleid ſtand auch wirklich an ihrer Seite, und reichte ihr die Bonquette, die ſie austheilen ſollte. Aber wie erſchrack nicht die ſchüchterne, ängſtliche Mathilde, die überdieß nur zu gut wußte, daß ſie ohne Erlaubniß auf den Ball gekommen war, als man laut zu verlangen anfing, ſie ſolle ſich demaskiren. Sie hoffte 8 267 zwar im Anfang, dieſe Forderungen würden nach einer Weile aufhören; aber als ſie fand, daß ſie ſich hierin täuſchte, und daß das Geſchrei immer ſtärker wurde, ſo ſah ſie ſich nach einer Möglichkeit um, auf die eine oder andere Art der allgemeinen Aufmerkſamkeit zu ent⸗ gehen. Da einige der Cavaliere, die ſich vermuthlich im Schenkzimmer ein weuig überſehen hatten, eine Be⸗ wegung machten, als wollten ſie, während das Geſchrei der Uebrigen anhielt, mit Gewalt ihr die Maske vom Geſicht nehmen, ſo eilte ſie jetzt von der Eſtrade herab, und verſchwand unter der Maſſe. Ein ſchwarzer Domino, der ſich an die eine Seite des Tempels ſtützte, bot ihr dabei ſeinen Arm, und in ihrer Unruhe nahm ſie den⸗ ſelben an, ohne weiter darüber nachzudenken. Paul und Roman, wie auch die ſchwarze Charlotte und Michelſen hatten in der Flora des Tempels ſogleich Waldhahnenfuß erkannt, und waren unangenehm davon überraſcht, weil ſie einſahen, daß ein Theil ihrer Pläne dadurch ſcheitern mußte, ohne daß es eine Möglichkeit gab, dieſem Uebelſtand zuvorzukommen. Sie waren auch die Einzigen, die ſich über ihre Flucht von der Höhe herab frenten, zumal da ſie bemerkt hatten, daß ein ſchwarzer Domino, in welchem ſie Kellner erkannten, lauernd an der einen Seite des Tempels ſtand, und, als das Mädchen herabſprang, zuvorkommend ihr den Arm bot, wie wenn er ſie wegführen wollte, endlich auch, daß ſie dieſen Arm annahm. Blitzſchnell in ihren Gedanken, eilte auch die ſchwarze Charlotte hinzu, und ergriff Waldhahnenfuß am an⸗ dern Arm. „Du biſt müde,“ flüſterte ſie. „Sehr.“ „Komm da herein... komm... laß Deinen Cavalier nicht los.“ Waldhahnenſuß war ſo erſchüttert, daß ſie nichts überlegte, ſondern blindlings that, um was man ſie bat. Die ſchwarze Charlotte führte ſie in das ſchwach beleuchtete Zimmer, und veranlaßte ſie, in der zweiten, noch nicht beſetzten Laube ihren Platz zu nehmen. Gabriele und Gourville ſaßen in der erſten. Waldhahnenfuß ſank ermattet auf den Sofa, und der Domino ſetzte ſich neben ſie. Charlotte kehrte dann ſogleich zu Michelſen zurück, die im Fackelzug geblie⸗ ben war. Als Waldhahnenfuß den Tempel verließ, hatten Paul und Roman gehofft, Alles würde jetzt nach ihrer Berechnung gehen, aber die Königin der wilden Jagd ſollte ihnen aus Unbeſonnenheit einen Spuck ſpielen, den ſie nicht vorgeſehen hatten. Dem Blumentempel fehlte ſeine Flora, und der Feſt⸗ ordner, welcher fürchtete, die Blumenvertheilung möchte unterbrochen werden, eilte daher vor, und bat Anna, deren Jagdaufzug nicht minder elegant, als für die Ge⸗ legenheit paſſend war, den erledigten Platz einzunehmen. Anna hatte die Abſicht gehabt, Mathilde zu folgen, glaubte nun aber, das Anerbieten nicht ablehnen zu dürfen. Sie nahm daher den Platz der Göttin ein. Mathildens Flucht, Annas Auftreten und die Ver⸗ legenheit des Feſtordners beluſtigten das Publikum un⸗ gemein. Nachdem das Unweſen einmal im Gange war, hörte es nicht mehr auf. „Die Maske herab,“ rief man jetzt mit beinahe noch größerer Heftigkeit, als vorher, die Maske herab!“ Auch Anna erſchrack über die ſtürmiſche Aufforderung. Nichts deſtoweniger theilte ſie einige Bonquette aus⸗ Ob Anna fortwährend die Rolle Floras ſpielte, oder nicht, das galt Charlotte und Michelſen ganz gleich, nachdem ſie jetzt Waldhahnenfuß auf dem Platz wußten, den ſie wünſchten; aber für Panls und Romans Gegen⸗ intrigne war dieß nicht ſo, weil Anna es über ſich ge⸗ 269— nommen hatte, Gourville und Kellner einen Augenblick von Gabriele und Mathilde wegzulocken.. Juſt darauf hatten ſie auf die Möglichkeit gebaut, Gabriele und Mathilde gegen die blauäugige Marie und die goldgelockte Auguſte auszutauſchen, die ſich noch immer herzlich darüber freuten, an einer kleinen Theaterkomödie, wie ſie das erwartete Abenteuer zu nennen beliebten, Theil nehmen zu dürfen. „Sie hat ihr Verſprechen vergeſſen,“ bemerkte Paul, „Ich müchte raſend werden vor Verdruß.“ Roman ſtimmte ſeinem Freund bei. 4 Die Aufforderung, daß ſie ſich demaskiren ſolle, wiederholte ſich immer ſtärker. Anna fand ſelbſt ihre Lage höchſt peinlich. Nahm ſie die Maske ab, ſo fürchtete ſie, daß man ſie als eine gewöhnliche Gaſſendirne erkennen möchte. Sie entſetzte ſich vor dieſem Gedanken. Niemand kannte ſie jetzt, aber die Maske war zier⸗ lich und das Coſtüm ausgezeichnet elegant. Jetzt be⸗ wunderte man ſie; aber würde man dieß auch thun, wenn man ſah, wer ſie war? Je länger ſie zoͤgerte, den Wunſch des Publikums zu erfüllen, um ſo mehr wurde die Neugierde gereizt. 1 Von allen Seiten beſtürmt, fühlte ſie ſich von einer fu i en Augſt gequält, ohne zu wiſſen, was ſie thun ollte. Pierrot ſchrie am ärgſten. „Bei allen See⸗ und Landwinden,“ rief er,„die Maske herab. Klar da vorn! fort damit! Laß den Toppenant gehen.“ Sie fürchtete Gewalt, und dachte einen Augenblick daran, denſelben Weg einzuſchlagen, wie Waldhahnenſuß; aber Pierrot verſperrte ihr den Paß. Der Feſtordner, der die Wünſche des Publikums gerne erfüllt hätte, bat ſie, den Leuten ihren Willen zu thun, und erhob ſeine Hand, um ihr die Maske ab⸗ 270 nehmen zu helfen; aber Anna weigerte ſich, und wollte ſich vertheidigen. Bei einer dieſer allzu heftigen Bewegungen ſiel ihr die Maske ab. Eine Weile herrſchte tiefe Stille unter der Menge. Das Mädchen war unläugbar ſchön, und ſie erröthete vor Verlegenheit. Aber bald erholte ſich das Publikum von ſeiner Ueberraſchung, und das Schweigen verwandelte ſich in ein wildes Lachen mit Händegeklatſch und Füßegeſtampf. Man hatte ſie erkannt. „Ha, ha, ha,“ lachte man,„das iſt Anna, unſere Unſchuld aus dem Café London, die Königin der wilden Jagd, unſere Gaſſendirne, die Zierde der Bordelle, die Blume der ſchmalen Gäßchen! Ein Hurrah für die Tu⸗ gend! Anna hoch! ha, ha, ha!“ 8 Anna wankte, einer Ohnmacht nahe, von Scham ergriffen, vom Hohn zermalmt. Wenn ſie früher nie recht gewußt hatte, was ſie war, ſo wußte ſie es jetzt, und zwar hatte ſie es auf eine Art erfahren, die ſie mit Abſcheu vor ſich ſelbſt erfüllte. Pierrot war einer der Lauteſten geweſen, ſo lange es ſich darum handelte, Anna demaskirt zu ſehen; aber ſobald die Maske gefallen war, verſtummte er auf einmal. Die Schönheit des Mädchens, jetzt durch das pracht⸗ volle Koſtüm erhöht, nahm ihn ein. Er ſah, wie ſie bald erröthete, bald erblaßte, wie eine Thräne ſich in ihre Augen drängte, wie ſie wankte, und nahe daran war, zu fallen. Je mehr ſein Intereſſe für ſie ſich ſteigerte, um ſo mehr verdroſſen ihn jetzt auch die Ausfälle des Publikums gegen das Mädchen. Seiner Neigung folgend, ſprang er auf die Eſtrade, und faßte Anna um den Leib, um ſie zu ſtützen. Das grüngekleidete Mädchen lehnte ſich freundlich an den wei⸗ ßen Pierrot. Die Gruppe war ſehr ſchön, veranlaßte —————-———,—— 8 ——9 — — Au. 271 jedoch das Publikum zu noch lärmenderen und höhni⸗ ſcheren Ausrufungen. Das Unweſen war ſchrecklich, zumal da auch noch die Muſik fortwährend ſpielte. Dieſer Lärm war es, der Gabrielens und Gourville’s Aufmerkſamkeit auregte, und die Erzählung des Chevaliers unterbrach. Es gelang jedoch Pierrot bald, die Königin der wilden Jagd vom Tempel hinabzuführen. Ein anderes Frauenzimmer nahm ihren Platz ein. Stille und Ord⸗ nung kehrten zurück, und der Fackelzug nahm wieder ſeinen Gang. Roman und Paul eilten zu Anna, um ſie aufzu⸗ muntern und zu erſuchen, daß ſie ihr Verſprechen erfüllen möchte; aber ſie fanden ſie niedergeſchlagen, verzweifelt und unfähig, ſie im Augenblick zu begreifen. „Was ſollen wir thun,“ fragte Paul,„um Gabriele und Mathilde von dem Schimpf zu retten, der ſie er⸗ wartet? Ich gehe direkt zu ihnen...“ „Thue das nicht,“ antwortete Roman;„Du würdeſt Alles vereiteln. Bedenke, was für uns auf dem Spiel ſteht. Du haſt Deinem Pflegevater geſchworen, nichts zu ſcheuen, um das Geheimniß in Bezug auf Landers Tod und die damit zuſammenhängenden Umſtände aufzu⸗ decken. Ich kenne das menſchliche Herz. Unter gewöhn⸗ lichen Umſtänden wird es uns nicht gelingen, dieſe Sachen zu entſchleiern; man muß die Leute überrumpeln. Denke auch an das ſchreckliche Urtheil, das noch immer an⸗ klagend auf einem des Mordes verdächtigen, vielleicht ſchuldloſen Manne laſtet. Es iſt ja möglich, daß er noch lebt, obſchon er durch das Urtheil gezwungen iſt, in ver⸗ vorgener Niedrigkeit zu vegetiren. Welch' ein trauriges und qualvolles Leben! Vergiß auch die zwei ſchutzloſen Kinder nicht, die elternlos im Leben umherirren. Bei Gott, es finden ſich hier gar zu wichtige Gründe vor, als daß wir uns durch ein Gefühl, ſo ſchön es auch ſonſt ſein mag, abhalten laſſen dürften, die Gelegenheit zu 272 benützen. Die Sache der ſchwarzen Charlotte und Mi⸗ chelſens iſt uns fremd; wir halten nur hinter ihnen un⸗ ſei⸗ lebrelele Keine Uebereilung, Paul, jetzt mußt Du kalt ſein.“ Ich muß Dir Recht geben, Roman. Ach ich wußte wohl, daß ich Deiner bedurfte. Wohl mir, daß Du ge⸗ kommen biſt! Ich will kalt ſein.“ Gourville und Gabriele ließen ſich durch die dröhnen⸗ den Lachſalven und das Händegeklatſche in dem großen Saal nicht lange ſtören. Sie waren zu ſehr von ihren eigenen Gegenſtänden in Anſpruch genommen, als daß ſie ihre Aufmerkſamkeit Dingen zuwenden wollten, die ſie nichts angingen. „Sie kehrten nach Schweden zurück,“ nahm Gabriele den Faden des Geſprächs wieder auf. „Ich kehrte zurück und kam in die Hauptſtadt,“ fuhr Gourville jetzt fort„Schon in Paris hatte ich mich des Namens bedient, unter dem Sie mich kennen gelernt ha⸗ ben, und es wurde mir nicht ſchwer, alle erforderlichen Papiere zu erhalten. Mein Paß war in gebührender Ordnung ausgefertigt; bei einiger Veränderung in meiner Toilette war ich ſicher, nicht erkannt zu werden. Ich präſentirte mich auch ſelbſt dem Polizeimeiſter. Alles ging, wie ich vermuthete; aber ich beſchloß, nicht eigent⸗ lich öffentlich aufzutreten, ſondern mich erſt vorzuſehen, und erſt nach einigen Wochen ließ ich meinen Paß für Reiſen im Lande ſelbſt viſiren. Auf ſolche Art verließ ich das Hotel, wo ich abgeſtiegen war, zog Matroſen⸗ kleider an und verſchaffte mir als wohlbeſtallter Seemann eine heimliche Wohnung im ſüdlichen Theile der Stadt. v. „Mein einziger Freund während dieſer Zeit, wie auch meine einzige lebendige Erinnerung von Paris war ein Hund. Ein herrliches, ein prächtiges Thier... aber es iſt jetzt todt... es ſtarb von meiner Hand... welcher Lohn für die bewährte Treue!“ Bei der Erinnerung an Dingo verſtummte er einen Augenblick. Sein Gedanke verweilte ſchweigend bei der Ver⸗ gänglichkeit der Treue. Es lag in dieſem Schweigen ein tiefes Gefühl, das Gabriele nicht entging. „Aber weiter,“ fuhr er fort,„doch was ſoll ich wei⸗ ter erzählen! Es hilft nichts, wenn ich hier umſtändlich all die unbedentenden Vorfälle meines Lebens mittheile. Als Matroſe gekleidet, ſuchte ich meine alten Bekannten wieder auf. Der Stier hatte in meiner Abweſenheit den erſten Platz unter ihnen eingenommen, aber ſeine Macht ging unter, ſobald ich auftrat. Der Fuchs hatte geal⸗ tert, vermuthlich aus ehelichem Kummer, denn er hat eine wahre Hexe geheirathet; deß ungeachtet aber war er noch immer derſelbe Fuchs. Vor meiner Reiſe nach Paris hatten wir unſer Hauptquartier in einer Schenke auf dem Leodugardsfeld. Die Wirthin war mit einem Gardiſten verheirathet und ein kühnes, flinkes Weib. Bei meiner Rückkehr fand ich die Schenke verſchloſſen, erfuhr aber, daß die Wirthin ſtatt deſſen ein Café in der Schiffer⸗ karlsgaſſe gemiethet hatte, wo ſie ihr altes Geſchäft in ſehr großem Maßſtabe betrieb. Ich ſuchte ſie auf und fand Gnade vor ihren Augen. Seitdem habe ich mein Hauptquartier dort gehabt... un... was ſoll ich ſagen ... ich könnte hier ſchließen.“ „Schließen?“ „Ja, Madame; ich ſchäme mich, vor Ihnen fortzu⸗ fahren... ich komme jetzt an Ereigniſſe in meinem Le⸗ ben, in welche Sie einzugreifen anfangen“ Oas Gewiſſen. V. 18 274 Gabriele beſaun ſich. Sollte ſie ihn auffordern, fortzufahren oder nicht? Dabei drängten ſich ihr einige Fragen auf, deren Beantwortung ſie gleichwohl wünſchte. „Sie haben etwas nicht erwähnt, Chevalier, nämlich wie Sie mit meinem Manne bekannt wurden... und ebenſo..“ Auch Gabriele verſtummte. „Und ebenſo?“ ſprach Gourville ihr nach. „Ebenſo auch nicht, wie Sie das eine und das andere mich Betreffende erfahren konnten, das nach mei⸗ ner Meinung allen Fremden unbekaunt ſein mußte.“ „Ich könnte es Ihnen mit wenigen Worten ſagen, und gleichwohl fürchte ich mich davor.“ „Was haben Sie denn von mir zu fürchten?“ „Sie wollen es wiſſen?“ „Ja.“ 3 „Nun wohl, Madame. Ich glaube, Ihnen beichten zu müſſen. Ihre Milde entwaffnet mich. Sie können den Einbruchsdiebſtahl bei Ihrem Manne nicht vergeſſen haben?“ „Nein.“ „Ich war es, der ihn beging.“ „Ach mein Gott!“ „Als ich ihn auszuführen beabſichtigte, hörte ich im Gang zwei Perſonen, ein Frauenzimmer und einen Mann, in einer offenen Thüre ſprechen.“ Gabriele konnte ihre Augen nicht von ihm abwenden. „Der Maun war Graf Frank und das Frauenzim⸗ mer waren Sie.“ „Ich erinnere mich, ich erinnere mich.“ „Aus Ihrem Geſpräch konnte ich verſchiedene Dinge errathen.“ „Aus den Papieren, die ich im Comptoir fand,“ fuhr er fort,„entdeckte ich allerlei Geſchäftsgeheimniſſe, die von der größten Wichtigkeit für Ihren Mann waren, und nun ging ich dreiſt zu ihm. Ich feſſelte ihn mit — 6 ——&é —, ern, nige hte. lich und das ſei⸗ en, 275 ſeinen eigen Geheimniſſen an mich feſt. Jetzt ſind wir durch die Intereſſen noch unauflöslicher an einan⸗ der gebunden... aber dies gehört nicht hieher. Ich ſah inzwiſchen, daß der Zeitpunkt gekommen war, den Namen wieder anzunehmen, den ich in Paris uſurpirt hatte, und jetzt als Chevalier aufzutreten.“ Gourville's Leben lag klar entwickelt vor Gabriele, und dennoch war es ihr, als ſtecke noch das eine und andere dunkle und räthſelhafte Verhältniß dahinter. „Im Anfang Ihrer Erzählung ſprachen Sie von einem braven alten Mann, welcher der Nachbar Ihrer Mutter geweſen ſei... haben Sie ihn nie wieder ge⸗ troffen, ſeit er Sie aus ſeinem Garten verwies?“ „Er ſtarb bald darauf.“ „Und der Rektor?“ „Ich glaube, daß er noch immer in Paris operirt, aber ich habe nie etwas von ihm gehört.“ „Und Abraham? Sind Sie nie mit ihm zuſammen⸗ getroffen, ſeit Sie ſeinen Willen erfüllten und die Papiere aus der Schublade Ihrer Mutter nahmen?“ „O ja, oft. Er kauft, was die Diebe der Haupt⸗ ſtadt zuſammenſtehlen. Er iſt ein ſicherer Kunde bei allen Diebsanktionen. Perſönlich bin ich ihm jedoch ausgewichen, weil ich mir von Niemand kommandiren laſſen will.“ „Und die Papiere... Sie wiſſen alſo noch nicht, was ſie enthielten, Chevalier?“ „s iſt mir unbekannt geblieben. Ich habe auch niemals weiter darüber nachgedacht.“ „Aber Ihre Eltern und Iyre Geſchwiſter?“ „Mein Stiefvater, wie er ſich nannte, war ein Ty⸗ rann gegen meine Mutter, und ich glaube, daß ſie Gott dankte, als der Tod ſie endlich von ihm befreite.“ „Er iſt todt?“ „Schon ſeit mehreren Jahren.“ „Und Ihre Mutter?“ 276 „Ich kann keine Aufſchlüſſe über ſie geben... nach bi⸗ dem Tode ihres Mannes verſchwand ſie, ſo daß ſelbſt de ihre Kinder nicht wußten, wo ſie ſich aufhielt.“ wi „Und dieſe Kinder... Ihre Geſchwiſter?“ de „Nach einigen Jahren folgten Sie meinem Beiſpiel ge und entflohen von Haus, ſowie auch von der katholiſchen Schule. Mein Bruder wurde ein fanatiſcher Leſerprieſter ſo und Charlotte... aber wir fanden einander nach mei⸗ 3i ner Rückkehr aus Frankreich wieder, und ihre Liebe war G unverändert geblieben.“ 6 Gabriele ſchwieg eine Weile. Ihre Bruſt hob ſich heftig. Es war klar, daß ſie an etwas dachte, was ſie 1 beunruhigte. 1 „Sie kennen mich jetzt, Frau Kellner,“ bemerkte 1 Gourville;„welches Urtheil fällen Sie über mich?“ „Aber dieſe Liebe... dieſe Liebe zu Ihrer Schwe⸗ 3 ſter,“ fiel Gabriele ein,„Sie ſcheinen beinah darüber 1 hinweggehen zu wollen, Chevalier.“ „Sie ging in eine Leidenſchaft über, die uns gleicher Zeit unendlich glücklich und machte. Erlanben Sie mir, einen Sch len zu laſſen.“ Gabriele ſenkte ihr Haupt, aber ihre Bruſt hob ſich in immer höheren Wogen. „Sie wollen Ihr Urtheil über mich nicht ausſpre⸗ chen,“ begann Gourville wieder. Ich geſtehe, daß meine Laufbahn abſcheulich iſt, aber Verſchiedenes fällt dennoch Andern zur Laſt. Ach Madame, Sie wiſſen, daß es mir unendlich lieb wäre, wenn Sie mich nicht gänzlich ver⸗ dammten. Ich betrachte Sie als mein Gewiſſ ſen. Haben Sie Schonung mit mir. Seit dem unglücklichen Ereig⸗ niſſe vor dem Theater habe ich ſelbſt nicht ohne Vor⸗ würfe mein Leben überblickt und ich hege keinen ſehnli⸗ cheren Wunſch, als durch eine große und in das Leben der Geſellſchaft tief eingreifende Handlung beweiſen zu können, daß ich zu etwas Anderem tange, als was ich* zu höchſt unglücklich leier darüber fal⸗ —„— 277 bisher geweſen bin. Meine Seele brennt vor Ungeduld, den Gang der Ereigniſſe zu beſchleunigen. So Gott will, werde ich bald eine Aufmerkſamkeit erregen, welche der Welt beweiſen ſoll, daß, wenn meine Jugend anders geweſen wäre, dann auch ich...“ Gabriele hatte kaum ſeine Worte anhören können, ſo ſehr beſchäftigte ſie ein einziger Gedanke, nur ein ein⸗ ziger, nämlich ſein Verhältniß zu Charlotte. „Sie werfen ſich,“ bemerkte ſie,„auf einen andern Gegenſtand, um meine Fragen nicht beantworten zu müſſen. Sagen Sie mir doch, Chevalier, wie ſoll ich Ihre Liebe erklären... Sie war ja Ihrer Schweſter gewidmet?“ „Ach ich verſtehe! Es iſt wahr, ich habe Ihnen wirklich geſagt, daß Charlotte meine Schweſter geweſen ſei... ja, ja... ich war auch von Kindheit auf ge⸗ wöhnt, ſie ſo zu nennen, wenn ich von ihr ſprach... aber ſie war es nicht... nein, nein... ſie war es nie... meine Mutter war blos meine Pflegemutter und ich war blos der Pflegebruder meiner Geſchwiſter. Die⸗ ſes Verhältniß iſt es auch, dem ich die Hauptſchuld an der Richtung gebe, die mein Leben empfangen hat, und wenn ich mich recht erinnere, ſo meine ich, Ihnen ſchon früher davon erzählt zu haben. Ja, ja, ich habe es gethan, ich bin es überzeugt, weil ich juſt von dem Ver⸗ werfungsurtheil, das meine Eltern von meinen zarteſten Jahren an über meinem Haupt laſten ließen, mein Ver⸗ derben ableite. Meinem Vater will ich verzeihen, weil der Mann gewöhnlich kälter und härter iſt... aber meine Mutter, ſie, die mich unter ihrem Herzen getragen hat... ach, ihr kann ich die unnatürliche Kälte nicht verzeihen, womit ſie ihr eigenes Kind verſtieß. Hätte ſie, ſelbſt in Elend und Armuth verſetzt, außer Stands, für mich zu ſorgen, mich getödtet, beim Himmel, ich würde ſie nicht darum tadeln; aber mich zu verſtoßen, mich zu vergeſſen.... o mein Gott.... jedes Herz muß dieß verurtheilen. Hätte ich, wie Andere, eine müt⸗ 278 terliche Pflege genoſſen... was ſagen Sie ſelbſt... bin ich denn ſo kalt, bin ich ſo hart, bin ich ſo granſam von Natur, daß die ſchönſte Stimme der Natur meine Neigungen nicht beherrſcht haben würde? Durchgehen Sie mein Leben, unterſuchen Sie es, Madame, und Sie werden Keime von etwas Beſſerem entdecken, obſchon das Unkraut kam und ſie erſtickte, weil keine zärtliche Hand das Feld reinigte. Was glauben Sie ſelbſt? Keine Mutter kann ſich ein herrlicheres Denkmal im Leben er⸗ richten, als in ihren Kindern, vorausgeſetzt, daß dieſelben ſie dafür ſegnen können, daß ſie ihnen ihre Pflege ge⸗ widmet und ſie dadurch zu einem Segen für andere gemacht hat. Was bin dagegen ich für meine Mutter? Ein Fluch auf ihrem Grab.“ Dieſer Gegenſtand regte Gourville immer auf und er ſprach mit einem vulkaniſchen Feuer, das gleich dem Lavaſtrom alles andere mit ſich riß. Als er an die letzten Worte kam, ergriff Gabriele mit nervöſer Heftigkeit ſeinen Arm. „Fluchen Sie ihr nicht,“ flüſterte ſie.„Ums Him⸗ melswillen thun Sie das nicht.“ Seine Worte klangen in ih ſie gegen ſie ſelbſt gerichtet. „Warum nicht?“ fragte er,„warum nicht? Sie können ihr Benehmen nicht gut heißen. Sie ſind ſelbſt zu milde und zärtlich, um es zu thun.“ 4 Gabriele dachte an den Sohn, dem auch ſie das Leben gegeben... wo befand er ſich?... wurde ſie vielleicht auch von ihm verflucht? „Seien Sie barmherzig,“ hat ſie,„ſtill, ſtill Wiſſen Sie auch, ob Ihre Mutter nicht unſchuldig ſein kann? Was wiſſen Sie von Ihrer Mutter? Erzählen Sie mirs.“ ren Ohren, als wären In ſeiner aufbrauſenden Heftigkeit hatte Gourville die Maske abgenommen und ſein männlich ſchönes, blei⸗ ches Geſicht zeigte einen höchſt impoſanten Ernſt. 2 279 Gabriele fühlte ſich von dieſem Ernſt mächtig an⸗ geregt. Der Zorn hat nie einen plaſtiſcheren Ausdruck beſeſſen, Jetzt verſtand ſie ihn ſo gut. Der Fluch war nicht ein zufälliges Aufbrauſen, ſondern ein Gefühl, das während ſeines abenteuerlichen Lebens in ſeinem Verſtand zu einer für ſein Urtheil maßgebenden Ueberzeugung ge⸗ reift war. Der Gedanke, daß auch ſie einen Sohn be⸗ ſitze, der möglicher Weiſe in ſeiner Lage ſein könnte, feſſelte ſie aufrichtig an ihn, obſchon ſie vor ſeinem fin⸗ ſtern Blick zitterte, flog doch ihr Herz theilnehmend zu ihm, und ſie ergriff noch einmal ſeine Hand. In dieſem Augenblick hätte ſie dieſelbe ſogar an ihre Bruſt legen mögen, um ihr ſtürmiſches Wogen zu beruhigen; aber welches Recht hatte ſie dazu? Ihr freundlicher Händedruck lief inzwiſchen wie ein wohlthätiges Feuer durch Gourvilles Adern, und er ſprang von ſeinem Platze auf. „Gabriele,“ ſagte er,„Sie verdammen mich alſo nicht?“ Die kühne und ſtolze Natur, die Gourville aus⸗ zeichnete, war kühn und ſtolz auch in dem Augenblick, wo er fühlte, daß er in Wahrheit um Schonung flehte. Es war nicht der Preis der Schönheit, nicht Liebeslohn, was er ſich wünſchte; es war die Milde, die verzei⸗ hende Güte, die verſöhnende Liebe, Gabriele hatte ſeine Leidenſchaften allmählig in ein Feld hineingeleitet, wo die friedlichen Blumen des Lebens ebenfalls einen Werth hatten. Ihre Nachſicht war ihm wichtig wie ein Sieg, den er mitten in der Hölle über einen da hinabgeſtiege⸗ nen Engel errungen. Er fühlte, daß dieſe ihn nicht de⸗ müthigen würde, weil es dennoch ein Sieg war, den er gewann; aber er fühlte auch, daß ſie ihn unausſprechlich glücklich machen köunte, weil er dieſen Sieg über ein gutes Weib errungen hatte, und ſein Herz bedurfte einer freundlichen Stütze, um ihn in ſeinen eigenen Augen empor zu richten und ihm die Kraft zu verleihen, ſeiner 280 Zukunft mit großartigeren Abſichten entgegen zu Weit mehr, als er ſich ſelbſt Mordanfall auf ſeinen Pflegebruder ihn ergriffen. In Gabrielens Augen ſuchte er ſeine Ruhe wieder zu be⸗ kommen, in ihrem Herzen ſuchte er den Leitfaden zu einem neuen Leben. Gabriele bedeutete für ihn ſo viel, weil ſte das einzige Weib von edler Geburt und Charakter war, das ihn nicht gedemüthi gehen. geſtehen wollte, hatte der gt hatte, und wie hätte ſie dieß auch thun können? Sie war ja ſelbſt nicht flecken⸗ 1 frei. Ein ſanftes Wort, das in dieſer Stunde über ihre Lippen kam, würde ihn für immer legt haben. Er hatte ſie mit i —= X zu ihren Füßen ge⸗ hrem Vornamen angeredet: es war nicht der Chevalier, es war ſein Herz, das Schutz bei ihr ſuchte. Gabriele bemerkte ſeine Bewegung und zu verſtehen. Gleichwohl wunderte ſie ſich Heftigkeit. „Setzen Sie ſich, Chevalier,“ bat ſie,„ſetzen Sie ſich .. ich verurtheile Sie nicht... ich mißbillige Ihr Benehmen in vielen Stücken, aber ich verurtheile Sie nicht. Ihre Lei⸗ denſchaften ſind heftig, Ihr Verſtand hat nicht die Richtung erhalten, die er ſollte, Ihr Herz iſt irre geführt worden, min⸗ der glückliche Umſtände haben auf Sie eingewirkt, aber Gott iſt gut, er ſieht in die Tiefe unſeres Innern, er unter⸗ ſcheidet zwiſchen dem, was aus uns ſelbſt hervorgewachſen iſt und dem, was die Umſtände eingeimpft haben. Und unter der Oberfläche mancher Verbrechen geht bei Ihnen eine Ader, die, wenn ſie auch nicht immer ungetrübt war, gleichwohl noch bis auf dieſen Augenblick manches Ge⸗ fühl für etwas Beſſeres gerettet hat. Sie wollen mein Urtheil wiſſen und ſcheinen einiges Gewicht darauf zu legen. Nun, Chevalier... werden Sie in Zukunft beſſer, verlaſſen Sie die Bahn, auf der Sie bisher ge⸗ wandelt, beginnen Sie ein neues Leben, und Sie werden Ihre Fehler ſühnen. Ich ſpreche, wie ich fühle, Chevalier⸗ glaubte ſie über ſeine —y 8 8 — 281 Die Tugend trägt eine Siegerkrone auf ihrer Stirne, aber man muß ihr ehrlich dienen, um die Belohnung zu empfangen, nehmlich Ruhe und Zufriedenheit in der eig⸗ nen Bruſt. Werden Sie kühn im Guten, wie Sie es bisher im Böſen waren; wenden Sie das Blatt im Buch Ihres Schickſals um. Die neue Seite wird ein Licht über Ihre Seele verbreiten, das Sie glücklich ma⸗ chen wird. Aber Sie verdammen Ihre Mutter, Cheva⸗ lier. Thun Sie das nicht! Wer ſelbſt nicht verdammt werden will, ſoll Andere nicht verdammen. Nehmen Sie an, ſie ſei ein unglückliches ſchutzloſes Weib geweſen, das ſchwach und voll Vertrauen auf die Verſicherungen eines Mannes, nach ihrem Erwachen aus dem augenblicklichen Rauſch ſich betrogen und verlaſſen gefunden. Bedenken Sie ihre Stellung. Bedenken Sie die Schande, die von allen Seiten nicht blos ſie ſelbſt, ſondern auch ihre Verwandte und das Kind bedrohte, dem doch die zärt⸗ lichſte Liebe das Leben geſchenkt hatte. An wen kann das Weib in einer ſolchen Lage ſich wenden? An⸗ Nie⸗ mand. Wendet ſie ſich an ihren Vater, ſo wird ſein Fluch ſie treffen; wendet ſie ſich an ihre Mutter, ſo wird ſie ihr Herz dadurch zerfleiſchen; wendet ſie ſich an ihren Bruder, ſo wird er ſie verächtlich von ſich ſtoßen; wendet ſie ſich an ihre Schweſter, ſo wird ſie dieſer ein Leben voll von Thränen bereiten. Sie muß ihre Verzweiflung in ſich ſelbſt verſchließen. Will ſie ſich tödten, ſo wird ſie vielleicht durch eine Bewegung unter ihrem Herzen erinnert, daß ſie verpflichtet iſt zu leben; will ſie das Pfand ihrer Liebe tödten, ſo muß ſie zuerſt ihr eigenes Herz tödten.“ „Gabriele lehnte die Stirne in ihre Hand; ſie fühlte, daß ſie ſelbſt alle die Qualen durchgemacht hatte, die ſie jetzt berührte. Gourville hörte ihr mit ungetheiltem Intereſſe zu. Ihre Worte ſielen wie Thautropfen unter ſeine brennen⸗ den Gedanken. „Denken Sie ſich ſo Ihre Mutter! Denken Sie ſich 282 4 d dieſelbe am Rand der Verzweiflung, verloren, wenn ſie 1 ſpricht, verloren, wenn ſie ſchweigt. Wenn ſie dann ihr F dind einem Andern überließ, was will das heißen? 6 Ach, Chevalier, Sie müſſen ihr verzeihen, und Ihren d neuen Weg mit Liebe betreten. Die Liebe eines Kindes TW ſind nicht ſtark genug Rauſch der Verlockungen fordern Sie das von einem ſchwachen Weibe? Glauben Sie nicht, daß ſie durch reits geſtraft genug ſei? riſche Mann wird nicht Gleichen geſtraft, wohl aber ſie; und was war noch in der Stunde vor ihrem Fall? N. ſeiner Leidenſchaften. Ich vertheidige den L aber ich will das Gefühl vertheidigen. Hören Sie mich, Chevalier. Kann man nicht lieben, und dennoch ein tugendhaftes Weib ſein? Weiß die Liebe von andern Geſetzen, die das Herz vorſchreibt? Hängen wir in unſerer Liebe von etw Hängen wir nicht von äu dieſe wohl unſern Kräften, zu ſeiner Mutter iſt nächſt der Liebe der Mutter für ihr t Kind die ſchönſte von allen Arten der Liebe. Sie ſelbſt geweſen, um dem Zauber und d widerſtehen zu können; warum die Folgen ihrer Verirrung be⸗ Der zugleich mit ihr verbreche⸗ durch die Verachtung von ſeines ſie doch ur ein Opfer eichtſinn nicht, vertheidigen, ich will die Liebe als denjenigen, nicht gleichwohl as Anderem, als von ihm ab? ßeren Vorſchriften ab, und ſind den Bedingungen unſers Glücks, dem Maße unſerer Gefühle angemeſſen? Weit entfernt. Der Mann iſt der ſtärkere, und mit einem Lächeln auf ſeinen Lippen thut er Alles, wozu er Luſt hat; das Weib dagegen iſt der ſchwächere Theil, und von ihr fordert man gleichwohl, daß ſie mit überlegener Kraft ihre Nei⸗ f gungen ſoll beherrſchen können. Für uns iſt das häus⸗ liche Glück in der That ſelbſt die Seligkeit des Herzens, die Befriedigung unſers Gefühls iſt die Freude unſers Lebens, und gleichwohl fordert man, daß wir dieſe in unſere Natur niedergelegte Man verbietet uns, die Beſtimmung vergeſſen ſollen. Hausgötter unſers Herzens zu ½ — OR Æ 2— 283 verehren, man will, daß wir diejenigen anbeten ſollen, welche der Mann in der öͤffentlichen Meinung eitirt hat. Fällt eine von uns der Leidenſchaft anheim, in welcher Geſtalt kommt dann die Leidenſchaft zu uns? Derſelbe, der morgen unſer ſtrenger Richter iſt, war heute unſer Verführer. Die bürgerliche Verachtung, welche die Eine trifft, müßte billigerweiſe auch den Andern treffen. Uns entzieht man die Achtung, euch ſchenkt man ſie, und dennoch war das Verbrechen gemeinſchaftlich. Nicht ge⸗ nug damit, Chevalier. Laſſen Sie uns noch einen Schritt weiter gehen. Wenn tauſend Weiber, die von Verwandten und Freunden wegen eines Fehltritts zurückgeſtoßen wer⸗ den, Seelenſtärke genng beſitzen, um ſich ergebungsvoll in ihrem eigenen Kummer zurückzuziehen und darin zu verzehren, wie viele andere Tauſende, welche den Muth und die Kraft dazu nicht haben, zwingt man nicht bei⸗ nahe in ihrer Verzweiflung über ihr Unglück zu lachen, und wenn ſie die verlorene bürgerliche Achtung nicht wieder gewinnen können, für alle Zeiten blind ſich dem Verderben zu überlaſſen? Werden ſie nicht unfreiwillig durch die Ungerechtigkeit der Welt in die Bahn des Laſters hineingejagt? Wie viele ſolche Opfer klagen nicht die Geſellſchaft, klagen nicht die öffentliche Moral an, die in dieſem Fall von einem ausgetrockneten, herzloſen Mönch geſchrieben iſt, nicht aber von einem Menſchen, der für die Macht des Herzens über unſere Handlungen Gefühl hat. Ach, verzeihen Sie Ihrer Mutter, Gourville! Unſere Religion macht das Weib nicht zur Nonne, und nichts deſtoweniger werden wir durch alt hergebrachte urtheile in Zellen eingeſchloſſen, wo wir uns mit unſerm Gefühl verzehren müſſen. Ich kann klagen, aber nicht ſagen, wie es ſein ſoll. Ich kann über die Ungerechtig⸗ keit ſeufzen, aber nichts Beſſeres angeben.“ Gabriele ſprach mit einer ſo warmen Liebe für ihren Gegenſtand, daß ſie alles Andere vergaß; ſie hielt jedoch hier eine Weile ein. Gourville hatte nicht das Herz, ſie zu unterbrechen. „Ich habe gleichwohl Unrecht,“ fuhr ſie fort, wenn ich ſage, daß ich nicht wiſſe, wie es ſein ſolle.“ Ihre Augen ſtrahlten mit verklärtem Glanz durch die Maske; Gourville hätte Luſt gehabt, ſie ihr vom Geſicht zu reißen, um daſſelbe in ſeiner ganzen Inſpi⸗ ration betrachten zu dürfen. „Unterbrechen Sie ſich nicht,“ bat er inzwiſchen. „Es gibt zwei Mittel, dieſes für unſer Geſchlecht ſo wichtige Problem zu löſen.“ „Welche? Laſſen Sie hören.“ „Das eine beſteht darin, daß die öffentliche Moral den Mann mit derſelben Härte verurtheilt, wie das Weib, daß ſie ihm die allgemeine Achtung entzieht, ihn mit dem Abſchen der Familien, mit der bürgerlichen Verachtung beſtraft, ihn jedes Genuſſes von öffentlicher Ehre unwürdig macht, bis er durch die Ehe ſein Ver⸗ brechen geſühnt hat. Sie würden dann bald erfahren, daß, wenn der Mann aufhörte zu betrügen, dann auch das Weib aufhören würde zu fallen.“ „Und das andere Mittel?“ „Daß der Mann dieſelben alt hergebrachten Vor⸗ rechte fortwährend behält, wie jetzt...“ „Nun...“ „Daß aber die allgemeine Moral die Fehler des Weibes in demſelben Grad duldet.“ „Sie ſcherzen wohl, Madame?“. Gabriele warf ihr Hanpt zurück, und betrachtete Gourville mit Schweigen. „Ich ſcherze,“ ſagen Sie,„wahrhaftig Sie haben Recht. Ich mache eine Satyre über die Geſellſchaft, aber ich habe gleichwohl ſchon viele ſolche Grundſätze in vollem Ernſt aufgeſtellt geſehen.“ „Was verlangen Sie alſo, Madame?“ „Ich verlange nicht blos Gerechtigkeit für beide 28⁵ Geſchlechter, vor dem Geſetz, ſondern hauptſächlich auch Gerechtigkeit für ſie vor der öffentlichen Meinung. Ver⸗ ſtehen Sie mich, Chevalier, ich verlange Gleichheit.“ Gourville hatte Gabriele nur ein einziges Mal früher ſo geſehen, wie jetzt; aber auch damals beſchäf⸗ tigte ſie derſelbe Gegenſtand, der jetzt die innerſte Trieb⸗ feder ihrer geheimſten Gedanken bildete. Ihr ganzes Leben war ein fortgeſetztes Nachdenken darüber. Die Exaltation war jedoch bald wieder bei ihr vorbei und ihr Flug erlahmte in Kurzem wieder. „Sie ſehen mich verwundert an,“ fuhr ſie ruhiger fort;„aber verzeihen Sie mir, ich weiß ja, daß es von Seiten des Weibes bereits tadelhaſt iſt, ſich vertheidigen zu wollen. Halten Sie mirs zu gut, Chevalier. Wir wollen nicht weiter davon reden. Sie verſprachen mir ja... oder ich bat Sie darum... ich erinnere mich jetzt nicht mehr genan... einiges von Ihrer Mutter zu erzählen.“ Gourville wandte ſich verwundert gegen ſie. „ Von meiner Mutter?“ antwortete er.„Was könnte ich von ihr ſagen. Ich habe ſie nie gekannt... nie . nie.. „Nie 2“ fragte Gabriele,„nie?“ Sie zog ſich dabei auf die Seite und ſtarrte ihn an. „Sie ſollen hören.“ „Sprechen Sie, ſprechen Sie.“ „Mehrere Jahre lang glaubte ich, daß meine Pflege⸗ nunther meine wirkliche Mutter ſei, und ich liebte ſie als olche. „Ich habe Ihnen erzählt, wie ich vom Nachbar meiner Mutter fortgewieſen und mir aller weitere Beſuch bei ſeiner Familie und in dem Garten unterſagt wurde. „Mit Charlotte kehrte ich nach Hauſe zurück und erzählte, was mir begegnet war, worüber meine Mutter ſich tief betrübte. „Ich muß dabei bemerken, daß ſie immer ſehr räth⸗ 286 ſeihaft von meiner Geburt und Zukunft ſprach, obſchon ich natürlich nicht begreifen konnte, was ſie damit meinte. „Ich hatte ihr Gerede als einen Beweis von Liebe zu mir angeſehen und ich bin auch überzeugt, daß ich mich hierin nicht tänſchte. „Charlotte hing unermüdlich an meinem Arm, wäh⸗ rend ich mich meiner Mutter anvertraute. Die Strafe, die unſer guter Nachbar mir auferlegt hatte, ging ihr tief zu Herzen. Thränen ſtanden in ihren Augen und ſie blickte mir ſo treu und vertrauensvoll ins Geſicht. „Ich bin überzeugt, dieß war das erſte Mal, daß meine Mutter auf die Neigung achtete, welche das ein⸗ nehmende Mädchen an mich kettete. „Charlotte,“ ſagte ſie jetzt, ⸗„Du benimmſt Dich ge⸗ rade, wie wenn Du in Erich verliebt wäreſt.“ geef„Charlotte antwortete nichts, aber ihre Thränen floſſen.. „Die alte Fran beſaß keine Menſchenkenntniß. Da wir noch ſo klein waren, ſo brauchte ſie nichts zu fürch⸗ ten. Jetzt weckte ſie uns aus unſerm Traum. „Ich verbiete euch, einander zu lieben,“ ermahnte ſie weiter,„und Du mußt Dich für zu gut halten, Erich, um Charlotte zu lieben; Du verſtehſt es freilich jetzt nicht, aber Du wirſt es mit der Zeit ſchon erfahren... Du darfſt deßhalb kein Unglück über mein Haus bringen, V 1 das ſage ich Dir.“ „Jemehr unſere Mutter ſchwatzte, um ſo mehr lieb⸗ ten Charlotte und ich einander, und wie dieß nun auch war, obſchon die Alte uns manchmal auszankte, ſo ſchien es uns doch immer, als ob ſie im Ernſt gegen unſre Liebe nichts einzuwenden hätte. „So machten wir ſchon damals in unſern Spielen den Papa und die Mama. „Am Abend vor ihrer zweiten Vermählung bat mich meine Mutter um ein Geſpräch unter vier Augen. ——̈⏑ʒ—·— —.,— „pCharlotte ſtand lauſchend an der Thure und ich hörte ihr mit klopfendem Herzen zu. „Unter vielen Entſchuldigungen, daß ſie in Folge ihrer bevorſtehenden Heirath nicht mehr Gelegenheit haben werde, mich ſo genau im Auge zu halten, wie bisher, und weil ſie mich warnen wolle, mich in Charlotte zu verlieben, was ganz unpaſſend wäre, vertraute ſie mir an, daß ſie nicht meine Mutter ſei. 3 „Ich könnte unmöglich beſchreiben, wie ſehr dieſes Bekeuntniß mich überraſchte. „Sie ſagte mir ferner, ich ſei von vornehmer Ge⸗ burt und ſie erwarte täglich, daß jemand von meinen Eltern von ſich hören laſſe; ſie habe mich von einer alten Verwandten meiner rechten Mutter empfangen und, nach⸗ dem ſie auf die heilige Schrift Verſchwiegenheit geſchwo⸗ ren, ſogleich nach meiner Geburt mit ſich genommen. Gabriele hielt ſich an ein einziges Wort. „Sogleich nach Ihrer Geburt?“ „So ſagte ſie und fügte hinzu, die alte Verwandte ſei jetzt todt, aber meine Mutter lebe noch.“ cebi 7. alte Verwandte iſt todt; aber Ihre Mutter eb 20 „Sie ſoll verheirathet ſein... „Verheirathet? Barmherziger Gott, was ſagen Sie? Sie ſind ja hier in Stockholm geboren... Sie haben ja hier auf den Straßen als Kind geſpielt?“ „Wo ich geboren bin, weiß ich nicht... aber ich erinnere mich ganz gut, daß ich in einem Alter von zehn bis zwölf Jahren vom Lande hereinzog.“ „Und woher?“ 4 Ueber Gabriele war eine Angſt gekommen, die ihre Gedanken verwirrte und ihre Bruſt bedrückte. Es flim⸗ merte vor ihren Augen, ihre Pulſe klopften heftig, das Herz ſchlug gewaltſam. „Vorher wohnten wir in den Scheeren.“ „In den Scheeren?“ Gabriele ſtieß dieſes Wort haſtig aus. Ihr Athemt verweigerte ihr ſeinen Dienſt. „Ich entſinne mich noch gut,“ fuhr Gourville fort, der Gabrielens Unruhe ganz richtig als einen Beweis lebhafter Theilnahme deutete,„wie augenehm Charlotte und ich es fanden, über das Meer hinaus zu blicken und zu ſehen, wie die hohen Wogen ſich am Strande brachen. Aber es iſt jetzt vorbei. Als Unterpfand für die Wahr⸗ heit ihrer Angaben zog meine Mutter einen goldenen Ring vom Finger und zeigte ihn mir.“ „Einen goldnen Ring?“ „Als ſie ſich verheirathete, übergab ſie ihn mir ſogar als eine Erinnerung an meine Mutter und in der Hoff⸗ nung, daß er mir Glück bringen ſollte. Im Verlauf der Jahre verlor ich ihn, fand ihn aber bei Waldhahnenfuß wieder, die ihn, vermuthe ich, obſchon ich es nicht be⸗ greifen kann, geſtohlen hoben muß.“ 3 „Mathilde... geſtohlen? ach 1... „Ich kann dieß um ſo weniger bezweifeln, als einige Worte in den Ring eingravirt waren. Sie können es ſelbſt ſehen... ſchauen Sie da... ich habe den Ring, ſeit ich ihn wieder erhielt, als Amulette auf der Bruſt getragen... da ſteht... Sie ſehen es ſelbſt... Vergiß Deinen Eid nicht! Meine Pflegemutter hatte den Ring von derſelben Verwandten bekommen, die mich ihr übergab, und der Ring ſollte ſie an den Eid der Verſchwiegenheit erinnern, den ſie abgelegt hatte. Sie müſſen geſtehen, daß meine rechte Mutter ſich mit ſolcher Vorſicht umgürtet hat, daß ich keine Urſache habe, ihre Liebe zu preiſen.“ „Ich begreife nichts,“ ſagte Gabriele.„Dieſer Ring .. ich verſtehe es nicht... aber Ihre erſten Jahre verfloſſen in den Scheeren, ſagten Sie, und die alte Ver⸗ wandte iſt todt... allmächtige Vorſehung... und und Ihre Mutter iſt verheirathet 2„ 6 „Ihre Heftigkeit beweist, Madame, daß Sie das V 289 Weib nicht läuger vertheidigen können; geſtehen Sie auch, daß ſie mich auf eine barbariſche Art verſtoßen hat. Sie lebt noch, oder ſie lebte wenigſtens, als meine Pflege⸗ mutter mich von meiner unehelichen Geburt in Kenntniß ſetzte, und ſie hatte nie nach mir gefragt. Ich begreife Ihre Theilnahme ſehr wohl und bin überzeugt, daß Sie mit mir einſtimmen werden... in meinen...“ „Still, mein Herr, ſtill...“ Ein Schauder ſchüttelte Gabriele und ſie war ihrer ſiuſt nicht mehr mächtig; ſie ſprach wie im Fieberwahn⸗ nu. Gourrille ergriff ihre zitternde Hand. „Madame,“ ſagte er blos,„Sie ſind unwohl.“ Gabriele hörte ihn nicht mehr. „Wie hieß Ihre Pflegemutter?“ fragte ſie;„wie hieß ſie? ſagen Sie mir das, wie hieß ſie?“ Gourville wollte antworten, als der Fackelzug ein⸗ trat und er auf eine höchſt unerwartete Art unterbrochen wurde; aber ehe wir davon berichten, müſſen wir zuvor einen kurzen Beſuch machen bei... Dem ſchwarzen Domino und der Kindermaske, die in der andern Laube ihren Platz genommen hatten. Es verging eine Weile, ehe ein Wort zwiſchen ihnen gewechſelt wurde. Der Domino lächelte inzwiſchen, weil er dachte, die ſchöne Kindermaske bilde ſich ein, ihn gefangen zu haben, während er ihr beweiſen wollte, daß ſie ſelbſt von ihm gefangen worden ſei. Sobald die Kindermaske wieder zu Athem gekom⸗ Das Gewiſſen. V. 19 290 men war, bat er ſie, ſich zu demaskiren; aber beim Klang ſeiner Stimme fuhr ſie erſchrocken auf, und es wäre ihr ſicherlich gelungen, ſich zu entfernen, wenn nicht Kellner ſchnell ſeinen Arm um ihren Leib geſchlungen und ſie genöthigt hätte, ſich zu ſetzen. Mathilde würde um Hülfe gerufen haben, aber ſie hatte viele Gründe, die ſie davon abhielten. Sie konnte nicht vergeſſen, daß ſie ſich ohne Erlaubniß von Haus entfernt hatte und daß ſie, wenn ſie ſich entdeckte, jeden⸗ falls Anna Verdrießlichkeiten bereiten mußte; überdieß dachte ſie, Kellner würde gewiß Gabriele erzählen, daß er ſie auf einem Maskenball getroffen, und wenn ſie auch in aller Unſchuld dahin gekommen war, ſo hatte ſie doch bereits ſo viel geſehen, daß ein Beſuch allda juſt nichts Empfehlendes war; ferner wollte ſie auch Kellner, deſſen Ehre ihr am Herzen lag, nicht dadurch blosſtellen, daß ſie die Aufmerkſamkeit der Gäſte erweckte. Von dieſen Gedanken geleitet, beſchloß ſie mittelſt eines unverbrüch⸗ lichen Schweigens ihr Incognito zu bewahren. Kellner dagegen ſprach um ſo mehr, und wie ent⸗ ſetzte ſich nicht das arme Mädchen über die Einſicht, die ſie in den leichtſinnigen Charakter und die lockeren Grundſätze dieſes Wüſtlings gewann! In den Vorſtel⸗ lungen, die er ihr mit einer angenehmen Rhetorik und mit lebhafter Phantaſie vor die Augen hielt, erblickte ſie das Laſter, bald ſich umhüllend, bald ſich entblößend, immer aber verlockend und reizend, ſo nahe bei ſich, daß ſie unter ihrer Maske ſcheu erröthete. Kellner bot ſeine ganze Beredtſamkeit auf, um die reizende Unbekannte dahin zu bringen, daß ſie ihm ant⸗ worten, ein Geſpräch eröffnen und auf ſeine Anſichten eingehen möchte, aber ſie ſchwieg beharrlich. Mehr als einmal machte ſie große Anſtrengungen, um ſich von ihm loszum achen, aber vergebens. Je mehr ſie ſich bemühte, dieſen Zweck zu erreichen, um ſo näher kamen ſie nur zu einand er. „Aber können Sie mir erklären, warum Sie mir nicht antworten?“ fragte er endlich verdrießlich.„Ihr Schweigen beleidigt mich.“ Waldhahnenfuß blieb ſtumm. „Sie trotzen mir. Nehmen Sie ſich in Acht. Ich könnte Ihnen die Maske vom Geſicht reißen.“ Waldhahnenfuß antwortete nicht. „Ich bin überzeugt, daß Ihr eigenes Geſicht gegen meine Anerbietungen nicht ſo kalt iſt, wie dieſe bemalte Papiermaske da.. 8 Waldhahnenfuß ſchwieg beharrlich. „Ihr Stolz muß entwaffnet werden. Ich bin nicht unerfahren in der Kunſt, Weiber zu entwaffnen.“ Kellner war an einen beharrlichen Widerſtand nicht gewöhnt und erhob erbittert ſeine Hand, um die Schöne, die nach ſeiner Ueberzeugung blos die ausſtudirte Rolle einer Kokette ſpielte, dadurch zu beſtrafen, daß er ihr die Maske vom Geſicht riß. Mathilde, die auf eine ſolche Gewaltthätigkeit nicht vorbereitet war, konnte keinen Widerſtand entgegenſetzen. Die Maske fiel, und wenn Kellner auch beim Anblick Mathildens etwas verblüfft war, ſo fand er doch eigent⸗ lich blos ſeine alte Anſicht von ihr beſtätigt und beſchloß, die Gelegenheit jetzt nicht aus den Händen zu laſſen. Mathilde ſtand erſchrocken und bleich da, ſcheue Blicke um ſich werfend, wie eine Gazelle, die von einem Jäger aufgeſchreckt iſt, aber nicht weiß, nach welcher Seite hin ſie der Gefahr entfliehen ſoll. „Schöne, bezaubernde, angebetete Mathilde,“ flüſterte Kellner und ſchlang ſeinen Arm noch feſter um ihren weichen Leib.„Welche Freude, Dich hier zu treffen!“ „Ums Himmelswillen,“ bat ſie,„laſſen Sie mich los, laſſen Sie mich los! Ich bitte Sie um Alles.“ „Scheues Täubchen...“ In dieſem Augeublick wurde auch Kellner mitten in 292 ſeinem Satz durch den hereinkommenden Fackelzug auf eine Art unterbrochen, die alle Fortſetzung unmöglich machte. Man muß ſich das Stübchen recht lebhaft vorſtellen, um die Scene, die jetzt erfolgte, richtig aufzufaſſen. Das Zimmer war auf der einen Seite der Eingangsthüre zu zwei Lauben hergerichtet, die mit einer Zwiſchenwand von leichtem und weichem Laubwerk, prachtvoll mit üppigen Blumen durchflochten, verſehen war. Das Ganze war blos von einer Alabaſterlampe beleuchtet, von welcher ein matter Schein ausſtrömte. Wir wiſſen auch, daß Gourville und Gabriele in der einen, Kellner und Ma⸗ thilde in der andern Laube ſich befanden. Auf beiden Seiten hatte ſich das Geſpräch zu einer wichtigen und entſcheidenden Kriſis entwickelt. Gabriele hatte ſoeben Gourville um den Namen ſeiner Pflegemutter gefragt, und ſie hatte ſich dabei er⸗ hoben, ihre Hand auf ſeinen Arm gelegt, und einen Blick auf ihn geheftet, als hinge von ſeiner Antwort Leben und Tod für ſie ab. Kellners Arm ſchlang ſich dagegen um Mathildens ſchlanken Leib, und er betrachtete ſie mit einem Entzücken, welches bewies, wie ſehr ihre Schönheit ihn berauſchte. „Göttlich! Prächtig! Charmant! Herrlich! Aller⸗ liebſt!“ ertönten in dieſem Augenblick fröhliche Stimmen ihnen entgegen. Der Fackelzug war eingetreten; das Zimmer war auf einmal ſo klar beleuchtet worden, daß ſelbſt der ge⸗ ringſte Gegenſtand Jedermann deutlich vor die Augen trat. 293 „Hier iſt die Hofmacherei Trumpf,“ rief eine Stimme, „es lebe die Hofmacherei!“ Die Maſſe ſtimmte einen Lachchor an, welcher den im Freiſchütz noch übertraf. Gourville und Kellner erhoben ſich, ein jeder auf ſeiner Seite. Gabriele und Mathilde zogen ſich, denſelben Ge⸗ fühlen gehorchend, ſcheu zurück. Aber in dieſem Augenblick trat die eine der Masken, welche blaue Mäntel mit weißen Spitzen trugen, einen Schritt näher zu Kellner. „Kennt ihr dieſe Maske nicht?“ fragte ſie die Menge, auf ihn deutend. Man antwortete ihr nicht, ſondern fuhr blos fort zu lachen. „Kennt ihr den Großhändler Kellner nicht?“ fragte ſie daher weiter;„er iſt berühmt in ſeiner Art.“ „Bravo, Braviſſimo,“ rief man,„es lebe der Groß⸗ händler Kellner und die Maskenbälle!“ Kellner war im höchſten Grad aufgebracht. Er hätte ſich um Alles in der Welt nicht blosſtellen mögen. „Unverſchämte,“ ſagte er und eilte auf den blauen Mantel zu. Wer biſt Du ſelbſt?“ Die Blaue riß die Maske von ihrem Geſicht und Manſell Michelſen ſtand vor ihm. „Beruhigen Sie ſich, Herr Großhändler,“ ſagte ſie, „Sie haben hier ein Rendezvous zu Ihrem Vergnügen aber Sie wiſſen nicht mit wem...“ Kellner wandte ſich unwillkürlich gegen Mathilde, die in ihrer Ueberraſchung zwar nicht daran gedacht hatte, ihre Maske wieder vorzunehmen, ſondern nur, von ihrer natürlichen Schüchternheit geleitet, ihren Kopf ab⸗ wandte. Michelſen ließ ihn einen Augenblick das zarte Mäd⸗ chen betrachten. „Sie wollen auch die Ehre dieſes Mädchens zer⸗ 294 ſtören,“ fuhr ſie fort,„aber ich will dieß verhindern und Ihnen ſagen, wer ſie iſt.“ „Vortrefflich, erbaulich!“ rief die Menge. „Wer ſie iſt?“ ſtammelte Kelluer. „Sie iſt Ihre eigene Tochter, mein Herr.“ Kellner ſchauderte zurück. „Ich will Ihnen auch ſagen, wer ihre Mutter iſt,“ fuhr Michelſen fort; dabei trat ſie ihm noch einen Schritt näher und flüſterte einen Namen in ſein Obhr. Paul hatte erwartet, Mathilde vernichtet zu ſehen, aber er täuſchte ſich. Als Michelſen erklärte, wer ſie war, erbob ſie ſtolz ihr Haupt gegen die jubelnde Menge, und als ſie be⸗ merkte, wie Kellner wankte, eilte ſie vor und ſtützte ihn mit ihrem Arm. „Iſt es Ihre Abſicht, uns zu beſchimpfen?“ fragte ſie darauf Michelſen. Ihre Stimme war lieblich und mild, übertönte aber klar und rein das Getöſe. „Zurück, Mamſell,“ ſprach ſie weiter.„Die Ehre des Großhändlers Kellner iſt unantaſtbar.“ Ihre Worte imponirten, der Lärm hörte auf. „Da Sie ſich in ein Familienverhältniß einmiſchen,“ fuhr Mathilde fort,„ſo müſſen Sie auch wiſſen, in wel⸗ cher Abſicht wir... mein Vater und ich... ſie legte eine Betonung auf dieſe Worte... uns hier getroffen haben.“ „Ich habe es bereits geſagt.“ „Sie täuſchen ſich, Mamſell, wir haben uns getrof⸗ fen, weil es ein Vater war, der ſeine Tochter treffen, der ihre Hand an ſein Herz drücken und ſie ſegnen wollte.« Paul bewunderte das zarte Mädchen. Während ſie ſprach, erröthete ſie, und ein ſtolzer Verdruß gab ihr eine Haltung, die Achtung gebot.. Michelſen hatte dieſe Wendung nicht erwartet und ſie fand ſich auf eine Art zurechtgewieſen, welche ſie ihre Niederlage recht ſchmerzlich empfinden ließ. Kellner drückte zärtlich Mathildens Hand. Sie hatte eine Unwahrheit geſagt, aber ſie hatte dieß ihrem Vater zu Liebe gethan und hatte dadurch ſeine Ehre gyrettet. „Verliere den Muth nicht, Michelſen,“ flüſterte ihr Charlotte zu,„ich werde uns beide rächen.“ Mathildenus Auftreten hatte Jedermann zu ihrem Vortheil eingenommen, und man achtete auch Kellner. Die Muſik fuhr fort. Der Fackelzug wollte unter Scherz und fröhlichem Lärm ſich weiter bewegen. „Halt!“ rief jetzt der andere Blaumantel,„wir haben noch ein Gemälde.“ Bei der Maſſe hatte ſich der Eindruck der erſten Scene bereits verwiſcht. Lachend und neugierig drängten ſich die Masken voran, um zu ſehen, welche ſchöne Rari⸗ tät ihnen jetzt entgegen treten würde. „Auch hier iſt Liebe!“ fuhr ſie fort;„auch hier ſeufzt man. Auch hier klopfen zwei Herzen für einander.“ Gourville hatte nicht geahnt, daß auch er der Ge⸗ genſtand einer beleidigenden Aufdeckung werden ſollte; aber kühn und entſchloſſen von Natur, trat er dem Hohn mit unerſchrockener Miene entgegen, und in ſeinem Ver⸗ druß würde er ſich unter die Ballgäſte geworfen und ſie hinweggejagt haben, hätte er nicht in dieſem Augenblick geſehen, wie Gabriele wankte und nahe daran war, nieder⸗ zuſinken. Er ließ daher den bereits erhobenen Arm wie⸗ der fallen und wollte ſie um den Leib faſſen. „Drück dieſes Frauenzimmer da nicht ſo in Deine Ae bemerkte der Blaumantel;„Du entehrſt ſie, denn ſee iſt...⸗ Gourville ſprühte Flammeun. „Sie iſt.. Deine Mutter.“ Gourville ſetzte Gabriele auf den Sopha nieder und ſtürzte auf die blaue Maske zu. „Wahnſinnige!“ rief er. 295 296 Aber in demſelben Augenblick fiel ihre Maske und die ſchwarze Charlotte ſtand vor ihm. Wie vom Blitz getroffen, blieb er auf einmal ſtehen und ſeine Augen ſenkten ſich. Die ſchwarze Charlotte bewegte ſich nicht vom Fleck, ſie folgte blos mit ruhiger Kälte allen Bewegungen Gour⸗ villes. Aber Gabriele war wieder zu ſich gekommen, ſie hatte bereits geahnt, daß Gourville ihr Sohn ſei, jetzt hörte ſie es und ſie bedurfte keiner weitern Beſtätigung. Sie ſprang daher auf, das Mutterherz gebot ihr, den Sohn zu vertheidigen. „Es iſt wahr,“ ſagte ſie,„darf nicht ein Sohn ſeine Mutter treffen?“ Und ſie breitete ihre Arme aus, um ihn an ihr Herz zu ſchließen. Gourville wandte ſich gegen ſie.. „Verzeih Deiner Mutter,“ bat ſie, noch immer ihren Buſen ihm entgegenhaltend. Der mächtige Eindruck des Augenblicks hatte Gour⸗ ville beſiegt und er wollte an ihre Bruſt fallen. „Zurück!“ rief die. ſchwarze Charlotte,„zurück!“ Ihre Stimme war hart und kalt. Sie ſelbſt glich, während ſie unbeweglich auf ihrem Platz ſtehen blieb⸗ einem drohenden und rächenden finſteren Geiſt. Die ein⸗ zige Bewegung, die ſie machte, beſtand darin, daß ſie ihre Hand zwiſchen Gourville und Gabriele ſtreckte, als wollte ſie ihnen verbieten, einander näher zu treten. „Sie haben ihn als Ihren Sohn erkannt,“ fügte ſie dann hinzu.„Erfahren Sie jetzt auch, wer er iſt. Wache!“ rief ſie. Einige maskirte Polizeidiener traten vor. „Ergreift den Chevalier Gourville,“ befahl ſie,„er iſt Dahls Mörder.“ Alle ſtanden verblüfft da. „Fort mit dieſem Blumengeſtell!“ ſprach Charlotte 297 weiter, als hätte ſie nicht Zeit, einen Augenblick bei ihrem Werk der Verheerung zu verweilen.„Fort mit dieſem Geſtell!“ Und von einem Stoß ihrer Hand fiel die Scheide⸗ wand zwiſchen den beiden Lauben. „Mögen ſie jetzt einander betrachten,“ ſagte ſie mit einem Blick auf Gabriele und Kellner. Gabriele entſetzte ſich. Sie vermochte ſich nicht recht klar zu machen, was um ſie her vorging. Ohne Widerſtand überlieferte ſich Gourville der Wache. „Charlotte,“ flüſterte er blos, als er an ihr vorbei⸗ ging,„Du haſt Dich gerächt, ich will es auch thun. Siehe da... und er zog Etwas unter ſeiner Weſte hervor... Du haſt dieß Ding da verloren, und ich habenes an meinem Herzen bewahrt. Lebe wohl, Char⸗ otte! Als die Wache Gourville fortführte, ſank Gabriele ohnmächtig nieder, und als Charlotte betrachtete, was ſie von Gourville empfangen hatte, war es ein kleiner Handſchuh, derſelbe, den er auf dem Boden in ſeiner Wohnung an Söderbergs Treppen gefunden hatte. Bei dieſem Anblick wurden ihre Wangen weiß. Mechaniſch ergriff ſie Michelſens Hand und verſchwand mit ihr in der Volksmaſſe. Der Fackelzug war zu Ende. Mayer ſpielte öſt⸗ reichiſche Jubellieder auf, einen verführeriſchen Walzer von Strauß. In buntem Gewimmel warfen ſich die Gäſte lachend in den Tanzſaal. In der Entfernung hörte man das fröhliche Geknalle von Champagnerpfröpfen. In dem lärmenden allgemeinen Vergnügen verſchwindet jeder Privatkummer. Die nach dem Tanz verlangende Freude zertritt unbekümmert die Thräne unter ihrem beſchwingten Fuße. Der tolle Scherz hat keine Zeit, auf den letzten Seufzer des brechenden Herzens zu achten. Das Allge⸗ 298 meine geht ſeinen Gang und kehrt ſich wenig an den Schmerz des Einzelnen. Pierrot hatte die Königin der wilden Jagd, deren Verzweiflung durch das allgemeine Hohngelächter aufs Höchſte geſteigert war, nicht verlaſſen. Als ſie endlich ruhiger wurde, erinnerte ſie ſich an Waldhahnenfuß, ſo⸗ wie an ihr Verſprechen gegen Paul, und wollte jetzt ihr Verſäumniß wieder gut machen; aber ſie kam zu ſpät und konnte Niemand von ihren Bekannten im Ballſaale wiederfinden. Sie beſchloß deßhalb, den Maskenball zu verlaſſen. 3 „Darf ich Ihr Leeſegel werden?“ fragte der Pierrot und bot ihr den Arm. Wir wollen ſchnell fortfahren und neun Knoten in der Stunde machen, bis wir Land eerrichen.“ Anna dankte für das Anerbieten. Je länger Pierrot ſie betrachtet und angehört hatte, um ſo mehr hatte er ſich von ihr angezogen gefühlt. Anna war ſchön und jung, aufrichtig und unglücklich. Dem Pierrot war, als habe ſein Herz nie ſo warm ge⸗ ſchlagen, wie in ihrer Nähe. Bei ihr fand ſich auch nicht die mindeſte Ziererei vor. Alles, was er meinte, das meinte auch ſie. Alles, was er wünſchte, wünſchte auch ſie. Anna bewunderte ihn, weil er ihr ſo muthvoll und freundlich zu Hülfe gekommen war. Dieß bewies eine ſolche Herzensgüte, daß ſie ſich zu innigem Dank verpflichtet fühlte. Die Seemannsausdrücke, die er in ſeine Rede miſchte, waren ihr nicht unbekannt, weil ſie im Café manchmal dergleichen gehört hatte. Er fragte ſie, ob ſie eine beräderte Kajüte wünſche, und erbot ſich⸗ 299 eine ſolche zu ſchaffen; aber ſie erklärte, daß ſie eben ſo gerne zu Fuß gehe. „So laß uns den vortheilhaften Wind benützen,“ ſagte Pierrot, der jetzt eine weite Jacke angezogen hatte, „aber wohin ſteuern wir?“ „Wohin? Ja Sie haben Recht, wohin?“ „Du mußt mir einige Merkzeichen angeben, ſonſt weiß ich nicht, ob ich nach der Windſeite oder ſeewärts gehen ſoll.“ Anna blieb ſtehen und ſah ſich verwirrt um. „Wohin wir geben ſollen?“ wiederholte ſie.„Es iſt wahr, ich habe keine Heimath, o mein Gott, keine Heimath.“ „Gar keine Kabuſe?“ „Ich habe eine Heimath gehabt, aber dahin kehre ich nicht zurück. Haben Sie gehört, wie man mich deß⸗ halb höhnte? Nein, ach nein, dahin kehre ich nie zurück, und ich habe Niemand auf Erden, der ſich um mich be⸗ kümmert.“ „Wie? aber wohin willſt Du denn, daß ich Dich führen ſoll?“ „Sie ſollen mich hier laſſen.“ „Hier?“ „Man ſagte ja da droben, daß ich eine Gaſſendirne ſei; laſſen Sie mich alſo auf der Gaſſe.“ „Die Schurken... ſie ſagten es... und wenn ich Dich nicht hätte ſtützen müſſen, ſo würde ich ihnen allzuſammen das Fell ausgeklopft haben. Eine Gaſſen⸗ dirne? Als ob es nicht auch Gaſſenherren gäbe. Sind dieſe Kerls da etwas beſſer? Gehauen iſt wie geſtochen, ſollte ich meinen. Zum Teufel, ſolche Unterſchiede be⸗ greife ich nicht. Was kann man von einem Mädchen verlangen? daß ſie ſchön und artig ſei, das iſt Alles. Die Schurken ſagten wirklich, Du ſeieſt eine Gaſſendirue ... die gemeinen Kanaillen! Erwiſche ich einen ſolchen Schreier, ſo will ich ihm eines auf den Pelz geben, das 300 verſpreche ich Dir. Aber ſieh, Du darfſt durchaus nicht auf der Gaſſe ſtehen bleiben, das dulde ich nicht. Du könnteſt ſonſt erfrieren und es wäre Schade um Dich. Geh lieber mit mir heim... ich habe ein Dach über meinem Kopf, das darfſt Du glauben.“ „Verlaſſen Sie mich, Herr, ich bitte Sie darum. Ich werde in einem Thorgang beſſer ſchlafen, als. dals.. „Herz in meiner Bruſt,“ brummte Pierrot. Des Mädchens Arm ruhte ſo warm und weich in dem ſeinigen. Ihm graute vor dem Gedanken, daß ſie erfrieren könnte. Nach einer Weile begann er mit langen Pauſen zu huſten; es war ein ſolcher Huſten, wie er zu⸗ weilen Leute überfällt, wenn ſie recht tiefſinnig über etwas nachdenken. Während dieſer Zeit gingen ſie ſchweigend neben einander her. „Du biſt ein gutes Mädchen und Deine Takelage iſt auch gut,“ ergriff Pierrot endlich ſtammelnd das Wort. „Siehe, da fällt mir etwas ein, was gar nicht dumm wäre... aber es iſt wahr, wie heißeſt Du?“ „Anna.“ „Ein ſchöner Wimpel! ich meine beinahe noch ſchöner als der Name Netta. Sieh, Anna, ich habe jetzt eine Art ausgedacht, wie ich Dir eine Heimath verſchaf⸗ fen könnte.“ „Wirklich? Ach wie gütig Sie ſind!“ „Du kennſt mich nicht... aber das hat nichts zu bedeuten... ich bin ein ganz ehrlicher Kerl.“ „Das weiß ich am allerbeſten; gegen mich ſind Sie ſo gütig geweſen, daß ich es nie vergeſſen könnte.“ „Bei allen Bramſegelteufeln! ſagſt Du das?“ fchelrut drückte ihren Arm immer näher und näher ch.⸗ .. „Ich bin ein ehrlicher Kerl,“ ſagte ich,„aber ich „daß ich meiner Lebtage in die Wei⸗ ber vernarrt geweſen bin und ſie bald hier, bald dort, auf dem ganzen Compaß herum ein wenig geliebt habe. Ich habe in Balamango und Pitzigitone, in Calcutta und Calculetto, in Syrakus und Knoxville, in Frauen⸗ burg und Barlovento mit ihnen geſchäckert. Die Weiber mochten ſchwarz oder weiß, braun oder grau, gelb oder roth, hellviolett oder flaſchengrün ſein, ich habe ſie den⸗ noch geliebt, alle zuſammen geliebt, aber ſie ſind auch in mich recht vernarrt geweſen. Es iſt faſt eine Schande, es zu ſagen, man hat mich weder in der alten noch in der neuen Welt in Frieden gelaſſen. Wenn Don Juan nicht mein Stammvater war, ſo glaube ich beim Teufel, daß ſein Bedienter Leporello es war. Sie ſagen, Du ſeieſt eine Gaſſendirne... ei zum Henker, ich bin ein Weltmenſch. Das iſt noch ſchlimmer. Und ſo viel kann ich Dir wohl von meinen Geheimniſſen entdecken, daß die ſchwediſchen Mädchen dennoch beſſer ſind, als alle andern. Aber antworte mir doch, biſt Du dabei?“ Anna hatte zwar ſein Geplauder gehört, verſtand aber von allem juſt nicht viel. „Bei was?“ fragte ſie dann;„ich weiß ja nicht, was Sie meinen.“ „Nun, bei allen Toppenanten in der Welt, habe ich Dirs nicht geſagt? Glaube mir nur, es iſt mir Ernſt.“ „Die Weiber ſeien in Sie vernarrt geweſen, ſagten Sie, und dann ſagten Sie noch, daß Sie mir eine Hei⸗ math verſchaffen wollen.“ „Das hat allerdings ſeine Richtigkeit, aber ich ſagte auch, daß ich ein ehrlicher Kerl ſei, dem es vor dem Teufel nicht graut.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt.“ „Und Du erklärteſt, daß Niemand ſich um Dich be⸗ kümmere, und das erklärte ich auch von mir; wir wollen ſchon ſehen.“ „Das iſt wahr.“ „Mit den Jahren wird man ein wenig melancho⸗ liſch. Ich habe die ganze Welt geliebt, und dennoch war meine Liebe nur ein Wetterlicht, das allerdings unanf⸗ hörlich angezündet wurde, aber doch nur, um ſogleich wieder zu erlöſchen. Jetzt habe ich Luſt zu etwas Soli⸗ derem. Löſe die Boleinen des Hinterſegels, mein Mäd⸗ chen! Stecke den Fockmaſt auf! Breit vor, meine Schöne! Es iſt wohl wahr, daß ich krahnbalkenweiſe Netta in meinem Gucker gehabt habe, aber es ſind verdammt viel Brandungen in dieſem Fahrwaſſer da, und es iſt gar nicht ſo leicht, ans Land zu kommen, zumal da ihr Alter doch ein abgefeimter Spitzbube iſt, wie ich wohl gemerkt habe. Nun, haſt Du Luſt, Anna, ſo machen wirs mit dem Handſchlag feſt. Ich habe geſagt, wie ich bin, und ich weiß wie Du biſt. Es iſt eine Flagge an der Schute .... was ſagſt Du?“ „Aber mein Gott, ich verſtehe ja gar nicht, was Sie meinen.“ „Ich will Dich für mein ganzes Leben in mein Boot nehmen, mein Mädchen. Der Teufel hole alles längere Geſeufze. Begreifſt Du mich jetzt?⸗ „Nein.⸗ „Wir wollen einander gegenſeitig ins Schlepptau nehmen, bis wir an dem Hafen des Grabes anlangen, wo der Hottentotte ebenſogut ein Chriſt, wie der Chriſt ein Hottentotte iſt. Wenn wir uns noch dazu lieben, ſo treffen wir zwei Fliegen auf einen Schlag.⸗ „Wie ſo?“ „Wir wollen die Ringe mit einander wechſeln.“ „Sie ſind ganz unbegreiflich, mein Herr.“ Anna meinte zwar wirklich zu verſtehen, was er wollte, aber ſie glaubte ihrer Vermuthung nicht trauen zu dürfen, weil ihr die Sache ganz unmöglich erſchien. „Sieh mir ins Auge, Anna,“ begann Pierrot wie⸗ der.„Du biſt eine Gaſſendirne, ich bin ein Gaſſenjunge. Du haſt viel geliebt, ich noch mehr; Du haſt unter ſchwediſcher Flagge geliebt, ich unter allen Flaggen der Welt; wir beſitzen beide in verſchiedenen Dingen Erfah⸗ rung; wir brauchen beide nicht zu kitzlich zu ſein; antworte mir ja oder nein... willſt Du mein Weib werden? Wir brauchen nicht viel Umſtände mit der Sache zu machen. Wir können nicht immer auf dem Weltmeer umherirren, ſondern wir bedürfen auch eines Hafen. Haſt Du Luſt, nun topp, ſo ſchlage ein.“ Einen Mann zu bekommen, Braut zu werden, zu heirathen, einen eignen Heerd zu erhalten, dieß alles waren für Anna ganz neue Gedanken... ihre Augen wurden immer klarer, ihre Lippen lächelten, ihr Geſicht bekam einen ſo ſtrahlenden Ausdruck. „Nun denn alſo topp,“ ſagte ſie. Und ſie berührten ſich mit den Daumen und nikten freundlich einander zu. „Aber mein Gott,“ begann Anna nach einem kurzen Bedenken wieder,„es iſt doch gewiß nicht Ihr Ernſt.“ „Schwatz keine Dummheiten, Anna. Was ich geſagt habe, habe ich geſagt. Wenn man etwas anfangen will, ſo muß man nicht zu lange darüber nachgrübeln, denn ich habe bemerkt, daß die Gedanken Einen oft ganz kollerig machen. Es muß reines Spiel ſein. Laß laufen, iſt mein Sprichwort.“ „Aber...“ ſtammelte Anna...„aber..“ „Kein Aber, Anna, wenn man heirathet; kein Stammeln, wenn man einander lieben will.“ „Aber Sie wiſſen ja, wer ich bin?“ „Und dann... ich habe Dir ja auch geſagt, wer ich bin.., ein Pirat unter den Weibern.“ „Aber wenn man mich Arm in Arm mit Ihnen ſähe, man mit den Fingern auf mich deutete, dann würden Sie ſich vielleicht meiner ſchämen, würden es bereuen, mir Vorwürfe über eine Sache machen, der man doch nicht mehr abhelfen könnte.“ Pierrots Geſicht verzerrte ſich. „Mit den Fingern auf uns deuten?“ Ich will den Leuten rathen, dieß bleiben zu laſſen. Es bereuen? Zum 304 Teufel, es giebt ein Mittel gegen jede Reue, es iſt ein tüchtiger Grog. Dir Vorwürfe machen? Bah, ich denke, geſchehen iſt geſchehen, und damit rudere ich ins Weite hinaus.“ Anna ging ſchweigend eine Weile neben ihm her. „Du antworteſt nichts.“ Haß„Ich wollte ſagen, daß ich ein einziges mal geliebt a e.“* „Tauſendmal, Anna, tauſendmal. Sags nur grade heraus... ich bin kein Gimpel, ich, ſondern verſtehe mich auf die Welt.“ „Ich meine, daß ich nur ein einziges Mal recht geliebt habe... Sie begreifen, ſo recht von Herzen.“ „Hm, ich verſtehe... dieß iſt noch ſchlimmer... Du liebſt ihn vielleicht noch?“ „Heinrich hat mich nie beirathen wollen, er hat überhaupt nie Etwas von mir gewollt... er, hat mich verachtet... ich glaube, daß ich Sie noch mehr lieben könnte... Sie wollen mich ja heirathen... mir eine Heimath geben... aber Sie ſagten ja, daß Sie viele Tauſende geliebt haben... ich fühle, daß ich eiferſüchtig werden könnte... aber gleichviel, ich verſpreche es, nicht zu werden, denn Sie haben mich doch von der Straße weggenommen.“ Anna's Kopf ſchwindelte. „Mein Gott, mein Gott!“ ſchwatzte ſie weiter... „heirathen... Braut werden... eine Heimath beſitzen... einen Einzigen lieben dürfen... ach wie werde ich mich bemühen, Sie glücklich zu machen... aber wo wohnen Sie. ich merke in Ihrer Rede, daß Sie Seemann nd.“ „Mein Name iſt Raſch, Anna, jetzt Kapitain auf dem Schiff Delphin, das im Frühjahr nach Amerika ſegeln ſoll. Wir werden in derſelben Cajüte wohnen, Anna, begreifſt Du, in derſelben Cajüte, wenn jemand wagt, zu Dir herein zu ſchauen, ſo werfe ich ihm einen innlſinn nmnmim IIrmmmmnmnrrmmranananua 3 14 15 16 17 7 8 9 10 11 12 1