Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 6 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von d jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 1— „ 5 3 2„—„„=„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und— defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 4 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſt der Leſer zum Exſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die e⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. G ———— —— —— 2 —„„— Das Gewiſſen Geheimniffe von Stockholn. Roman C. F. Nidderſtad. Aus dem Schwediſchen überſetzt Gottlob Fink. Zwölftes bis ſechzehntes Bändchen. —— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1852. — Zehntes Kapitel. Der Thiergarten. Als Gourville Kellner verlaſſen, hatte er mit einem ſchnellen Blick ſeine ganze Stellung überſchaut, und er athmete jetzt friſcher und leichter als ſeit langer Zeit. Von der Stunde an, wo das Glück ihn begünſtigt hatte, ſo daß er in das Innerſte von Kellners Angelegen⸗ heiten und Handlungen blicken konnte, ſah er in ihm ei⸗ „nen kühnen und genialen Corſaren, obſchon unter der all⸗ täglichen Flagge der Geſetzlichkeit, und er beſchloß, ihn zu überrumpeln und ſein Schickſal mit dem Schickſal Kellners zu vereinigen. Daß dieſer den ungebetenen Gaſt nicht mit offenen Armen aufnahm, ſchreckte ihn nicht ab, ſondern beſtärkte ihn nur noch in ſeinem beharrlichen Be⸗ mühen ſich unentbehrlich zu machen. Jetzt war er es. Seine Bruſt hob ſich friſch, während er von ſeinen Fenſtern aus den Wald von Maſten überſchaute, die in der Schiffsbrücke unten wogten. Gourville hatte keine ſchöneren Augenblicke, als wenn er kühne und großartige Pläne entwarf; wenn ſein Geiſt ſich damit beſchäftigte, ſo fühlte er ſich in ſeinem rechten Element. Aber die Pläne, die er jetzt ausgeſonnen hatte, beruhten auf älteren und waren in Wirklichkeit nur die Vollendung von ſolchen. Das Gewiſſen. IV. 1 2 Ein ganzer Cyelus von Gedanken ſchlich ſich ſachte an Gonrville's Seele vorüber, während er ein paar 5 Mal im Zimmer auf- und ab ging. „Charlotte wird die Sache durchführen,“ dachte er, „Paul wird kommen.“ .„Geld, Geld,“ murmelte er dann halblaut.„Es kann 4 nicht mehr fehlen.“ „Ich muß Kellner beweiſen, daß ich ein guter po⸗ litiſcher Bundesgenoſſe bin.“ 4 Mit einer Miene, die mehr einen Herrſcher als et⸗ was Anderes verkündete, blieb er von Neuem beim Fen⸗ ſter ſtehen. 1 Man hätte in dieſem Augenblick glauben können, . er habe über Alles zu gebieten, was er vor ſich ſah. Stolze Gedanken flößen Muth und Kraft ein. „Das Loſungswort iſt alſo endlich gefunden,“ dachte er bei ſich ſelbſt,„das Loſungswort für mein Leben, für meine Seele, für mein Herz, für meine Zukunft. Ich bin ein Mann, der niemals den Schutz einer Mutter oder eines Vaters beſeſſen hat, ein in die Welt hinausgewor⸗ fenes Weſen, aufgewachſen außerhalb der Schwelle des . Familienlebens und ebenſo auch des Staates, ohne alle Verpflichtungen, ohne alle Schuld der Dankbarkeit gegen den Einen wie gegen den Andern. Frühzeitig ſank ich dem Verbrechen in die Arme... das Verbrechen ſoll mich retten. Die allgemeine Landſtraße führt nicht zu meinem Glück. Mein Weg ſchlängelt ſich unter den Krümmungen des Waldes vorwärts. eine Seele hat mehr deun die meinige nach einem großen Ziele dürſten können, für das ſie hätte wirken mögen. Kein Herz hat heftiger als das meinige für Mittel und Gelegenheiten, eine Rolle zu ſpie⸗ len, entbrennen können. Jetzt ſehe ich das Ziel, jetzt weiß ich das Mittel, jetzt verſtehe ich meine Rolle. Kellner hat mit einem einzigen Wort das Räthſel meines Lebens gelöst, Die Loſung heißt Revolution.“ 3 Als er dieſes Wort ausſprach, klopfte ſein Herz ge⸗ waltſam. „Vorwärts!“ flüſterte auch eine freudige, muthige Stimme in ſeinem Innern,„Vorwärts!“ Eine Viertelſtunde ſpäter verließ Gourville ſeine Wohnuug und ging aus. Auf die Straße hinabgekommen, nahm er ſeinen Weg gegen Lödermalm und begab ſich über die blaue Schleuße nach dem Stadthof. Als er an die Treppen von Löderberg kam, zog er den Mantelkragen hinauf, drückte den Hut tief in die Stirne und ging dann dieſe Treppen hinan. Etwas über die Hälfte angelangt, blieb er ſtehen und ſah ſich vor⸗ ſichtig um. Die Treppen waren ſowohl über als unter ihm ganz menſchenleer. Schnell zog er einen Schlüſſel heraus und öffnete eine Thüre oder Thürenlucke, die auf der Seite in einer Bretterwand eingefügt war. Bald ver⸗ ſchwand er und verſchloß vorſichtig die Thüre hinter ſich. Der Hof, wo er ſich jetzt befand, war ganz klein. Auf der einen Seite lag ein unſcheinbares wackeliges, einſtockiges Haus; die drei übrigen dagegen wurden durch die Hinterſeite von Nebengebäuden begrenzt, die zu an⸗ dern Häuſern gehörten. Die einzigen Fenſter, welche eine Ausſicht auf den kleinen Hof hatten, waren diejenigen, die dem einſamen Häuschen angehörten. In demſelben Augenblick, wo Gourville auf den Hof dieſes einſamen und von allen andern abgeſchloſſenen Häuchsens trat, hörte man von der Flur her ein klagendes, aber freundliches Geheul, und ein Hundekopf guckte durch die offene Eingangspforte heraus. 4 „Dingo, mein Dingo 1“rief Gourville.„Dingo, hierher, mein Dingo!“ Die Augen des Hundes flammten, während er mit dem zottigen Schweif ſeinen Willkomm wedelte. Sein Ausſehen war übrigens ganz eigenthümlich. Er ſchien keiner beſtimmten Race anzugehören, ſondern eine Miſchung von einem Bluthund und einem Neuhol⸗ länder zu ſein, aber mit einer überwiegenden Hinneigung zum Letzteren, weßhalb er auch den bei den Eingebore⸗ nen dieſes Landes gebräuchlichen Namen Dingo behalten hatte. 5 Sein Körper glich in der Größe einem Bluthund, aber der Kopf war der eines Fuchſes, ganz wie bei einem Neuholländer, mit emporſtehenden Ohren. Der Schweif war ebenfalls lang und ſehr haarig. Aber nicht blos das äußere Anſehen deutete auf ſeine gemiſchte Abkunft, ſondern noch mehr der Charakter. Der Bluthund i*ſt bekannt durch ſeinen ſcharfen Ge⸗ ruch, weßhalb er oft dazu gebraucht wird, verlaufenes und angeſchoſſenes Wild aufzuſpüren, zuweilen auch Diebe zu verfolgen u. ſ. w. Im ſpaniſchen Weſtindien werden bekanntlich die Verbrecher mit Bluthunden gejagt. Der Jäger iſt unzertrennlich von ſeinem Hund; zu Haus wird er angebunden gehalten und erſt in dem Angenblick los⸗ gelaſſen, wo er den Raub angreifen ſoll. Der Neuholländer iſt gewöhnlich etwas kleiner, ſonſt gleicht er einem ſtarken Fuchs, namentlich auch darin, daß er beinah niemals billt, ſondern nur von Zeit zu Zeit einige Töne ausſtößt, meiſtens jedoch blos ein kla⸗ gendes Geheul. An Wildheit und Gefräßigkeit wetteifert er mit jeder andern Hunderace. Der Känguru hat einen gefährlichen Feind in dem Neuholländer. „Dingo, mein lieber Dingo!“ ſagte Gourville, wäh⸗ rend er die mit offenem Rachen, ſchneeweißen glänzenden Zähnen und blitzenden Augen zu ſeinen Füßen ſich wäl⸗ zende Beſtie ſtreichelte.„Du bettelſt mich an,“ fuhr Gour⸗ 5 e fort,„daß ich dich auf einen Raub loslaſſen ſoll... die Hundehütte zu klein?“ Aber Gonrville gieng bald weiter und trat in ein höchſt nothdürftig möblirtes Zimmer. Auf der einen Seite ſtand ein abgenutzter, alter und zerriſſener Sofa, worauf ſich einiges Bettzeug befand, welchem man an⸗ ſah, zu was es gewöhnlich benützt wurde. Ein paar Stühle, auf denen einige Matroſenkleider lagen, und ein wackeliger Tiſch, worauf ein Spiegel ſtand, bildeten die ganze Ausſtattung des Zimmers. Auf dem Ofen, der aus ungeſchliffenen Ziegelſteinen beſtand, lagen einige Stücke Holz, ſowie etliche umgeworfene Küchengeräth⸗ ſchaften. Dingo hatte ſein Lager in der Hausflur, wo er an⸗ gebunden war, jedoch mit einer ſo langen Kette, daß er auf den Hof hinaus und auch im Zimmer umhergehen konnte. Als Gourville jetzt dort eintrat, folgte ihm Dingo. Es ſchien nicht Gourvilles Abſicht zu ſein, lauge an dieſem Ort zu bleiben, weil er ſogleich Mantel und Rock von ſich warf, und die auf den Stühlen liegende See⸗ mannstracht anzuziehen anfieng. Während er ſich damit beſchäftigte, nahm er an dem Tiſch vor dem Spiegel Platz. Dingo folgte ihm unaufhörlich mit ſeinen Augen. Bald lag etwas Hingebungsvolles, bald etwas Wildes und Gieriges darin; bald war ſein Ausſehen unterwür⸗ ſig, bald war es drohend. Gourville hatte ſein Halstuch aufgelöst und abge⸗ nommen. Dingo richtete ſeine Naſe empor und ſchnüffelte. Wenn man aus dem Ausſehen eines Hundes ſchließen darf, ſo ſchienen entſetzliche Gedanken bei ihm zu er⸗ wachen. Ddie Augen wurden immer feuriger, die Rückenhaare richteten ſich empor. vill iſt 6 Ganz beſonders auf den nackten Theil des Halſes heftete Dingo ſeinen brennenden Blick. Als Gourville ſeinen Kopf beugte, ſchwollen die Adern, und die Sehnen am Halſe bewegten ſich. Dingo leckte ſich das Maul, und da Gourville, mit ſeiner Metamorphoſe beſchäftigt, auf ſeinem Platz ver⸗ weilte, erhob ſich Dingo endlich auf die Hinterfüße, und legte die Vordertatzen auf die Stuhllehne hinter ihm. Gourville fuhr mit ſeiner Toilette fort, ohne auf den Hund zu achten, bis dieſer nach einer Weile ſeinen Hals zu belecken anfing. „Mein Freund Dingo, du liebſt alſo deinen Herrn ſehr,“ ſchwatzte Gourville mit ihm.„Armer Dingo, daß du immer ſo im Arreſt bleiben mußt! Armer, ehrlicher Dingo!“ Der Hund antwortete ihm bloß mit einem langen, klagenden Getöne, worauf er ihm wieder den Hals zu belecken anfing. Gourville liebte ſeinen Dingo ſehr und konnte es nicht übers Herz bringen, ihm dieſe deutlichen Beweiſe von Freundſchaft und Ergebenheit zu verwehren. Es geſchah ja ſo ſelten, daß ſie jetzt einander trafen. Gourville fuhr mit ſeiner Toilette fort, und der Hund fuhr fort, ihm den Hals zu belecken. „Treuer, redlicher Dingo!“ ſchwatzte Gonrville da⸗ zwiſchen. Dingo antwortete mit einem Geheul, das aber, obſchon ebenſo klagend wie vorher, heftiger war. „Du biſt leidenſchaftlich in deiner Liebe zu mir, mein armer Dingo.“ Dingo heulte noch mehr. „Armes, getreues Thier.“ Dingo murrte. „Du mnßt hier in deiner Einſamkeit deine eigenen Gedanken haben über meine immer ſeltener werdenden Beſuche, mein lieber Dingo.“ 7 Dingo leckte ihm den Hals. „Vielleicht biſt du ein wenig philoſophiſch geſtimmt, mein Freund Dingo.“ Dingo antwortete nicht mehr, ſondern fuhr fort, ſeinem Herrn den Hals zu belecken. „Armer Dingo!“. 3 Dingo hatte ſich an eine und dieſelbe Stelle ſeines Halſes gehalten, und Gourville fühlte jetzt, daß es ihn zu brennen anfing. „Sachte, mein Freund, ſachte.“. 3 Nach dem Brennen ſtach es ihn heftig in die Haut, wie mit einem Pfriemen. Gourville beugte ſich dabei gegen den Spiegel vor, um zu ſehen, was es war. Hätte der kühne Abenteurer beim Anblick einer drohenden Gefahr von Angſt überraſcht werden können, ſo würde er ſicherlich in dieſem Augenblick eine ſolche empfunden haben. Als nehmlich ſein Blick in den Spie⸗ gel fiel, ſah er, daß der Hals an dem Platz, wo Dingo ihn beleckt hatte, roth, gleichſam entzündet war, und daß ein Blutstropfen herausquoll. Aber nicht genug damit. Dingo's Augen flammten von Wildheit und garſtiger Gefräßigkeit, während ſeine Kinnbacken bereits mit ihren ſchneeweißen Zahnreihen gleich einem doppelten Bogen von funkelnden Dolchen ſeinen Hals umſchloſſen. Der Hund war zum Raubthier geworden. Er hatte Blut gekoſtet und wollte noch mehr. Seine Schmeicheleien waren nicht von Ergebenheit, ſondern von Blutdurſt ver⸗ anlaßt. Sein Blick folgte unverwandt den rinnenden Blutstropfen. Er ſchien ſich an dieſem Anblick zu laben, und gab ſein Wohlbehagen durch ein dumpfes brummen⸗ des Geheul zu erkennen. 3 Trotz der Gefahr des Augenblicks bewegte ſich Gouxville nicht vom Platze. Mit Ruhe betrachtete er Dingos Bild im Spiegel. Der Hund bemerkte nicht, daß er beobachtet wurde. „Prächtiges Thier,“ dachte Gourville bei ſich ſelbſt. Dingos Naslöcher erweiterten ſich. „Wenn ich nicht derjenige wäre, der ich bin,“ fuhr Gourville in ſeinem Gedankengange fort,„ſo hätte ich ein Dingo werden mögen, wie du, aber nicht angekettet, ſondern jagend in Auſtraliens öden Wäldern.“ Das Geheul des Hundes nahm zu. Er ſcharrte mit den Hinterfüßen, ſeine Naslöcher ſchnaubten. Gourville merkte an dem thieriſch wilden Ausdruck in ſeinem Blick gar zu gut, daß es nicht die Furcht war, die ihn zurückhielt, ſondern die Genußſucht. Er genoß ſeinen Raub, wie der Wilde, bevor er ihn tödtet, und er zögerte unr deßwegen, ihn zu todten, weil er dadurch ſeinen Genuß um ſo mehr ſteigern wollte. Es war die rohe Gourmandiſe einer blutdürſtigen, wil⸗ den Beſtie, die ſich bei ihm zeigte. Aber auf einmal zer⸗ ſchmolzen Dingos Augen zu kleinen rothen Punkten, aus denen blos ſchmale Feuerſtrahlen hervorſchoſſen. Das Geheul wurde feiner. Gourville betrachtete jede ſeiner Bewegungen genau. Mit einem einzigen bellenden Ton ſchien Dingo jetzt dem thieriſchen Spiel mit ſeinem eigenen Blutdurſt ein Ende machen zu wollen. In dieſem Augenblick ſprang Gourville wie ein Pfeil von ſeinem Stuhl auf und wandte ſich gegen ihn. „Dingo,“ rief er,„Dingo!“ Der Ton der Stimme ſeines Herrn, der Anblick ſeines Geſichtes wirkte wie ein Zauberſchlag auf den Hund. „Leg dich, Dingo!“ Dingo ſtürzte von ſeinem Platz zurück. „Leg dich, Dingo, habe ich geſagt.“ Das Thier ſenkte den Kopf. „Hörſt du nicht, Dingo? leg dich, habe ich beſohlen.“ Dingo legte ſich. So wild er kaum erſt geweſen war, ſo zahm er⸗ bſt. uhr ich tet, rrte ruck dar, er en, lte. vil⸗ ger⸗ aus au. ngo urſt ein ihn. lick deu n.“ 9 ſchien er jetzt wieder; aber obſchon die Augenlieder ſich geſchloſſen hatten, ſo leckte er ſich noch die Naſe mit der Zunge. Gourville hatte inzwiſchen ſeine Toilette vollendet und die abgelegten Kleider in einen Bündel zuſammen ge⸗ packt, den er unter ſeinen Arm nahm, dann entfernte er ſich. Seine Toilette hatte ihn aus einem eleganten und modernen Cavalier in einen ganz gewöhnlichen Hafen⸗ knecht verwandelt. Ueber einem rothen wollenen Hemd trug er ein Wams von grobem Tuch, und auf dem Kopf eine ſogenannte Südweſt. Als Gourville an die Thüre kam, heulte Dingo klagend ihm nach. Das traurige Getöne ging Gourville u Herzen, und er kehrte zu dem Hund zurück, den er jetzt freundlich ſtreichelte. „Du biſt ein ſtattliches Thier, mein lieber Dingo,“ ſagte er zu ihm,„und ich verzeihe dir deine beabſichtigte Bosheit gegen mich, weil ſte doch wenigſtens beweist, daß du Charakter haſt. Jetzt mußt du hungern bis heute Abend; dann vielleicht... wer weiß... dann vielleicht gibt es beſſere Biſſen für dich, als ich bin. Hierauf verließ Gonrville den Platz. Man klagt, daß der Thiergarten nicht mehr derſelbe angenehme Vergnügungsort ſei, wie früher. So viel ſteht jedoch feſt, daß er noch immer das größte Sommerver⸗ guügen Stockholms ausmacht. Allerdings, behauptet man, daß der eichenbekränzte, den ſchalkhaften und heitern Ver⸗ gnügungen geweihte Park nicht mehr das ſei, was er zu den Zeiten Guſtavs III. und Bellmanns war, wo der 10 berühmte Haſelhügel noch voll von Haſelſtauden ſtand, wo man an Seeiſſchankeln ſich ſchwang, wo die Tänze wirbelten und die Violinen und Harfen in das allgemeine Entzücken mit einſtimmten, wo der geniale und heitere Dichter des ſchwediſchen Volkslebens, Vater Bellmann, ſich zuweilen unter die große Eiche ſetzte, die noch anf dem Hügel ſteht, und durch Geſang und Reden die Freude erhöhte, oder wo man mitunter Guſtav III. ſelbſt in Civilkleidern ſich luſtig machen ſah, gleich jedem andern armen Sünder. Aber andere Zeiten, andere Sit⸗ ten. Und wenn man jetzt unſre feinen Stockholmer Jung⸗ fräulein ebenſowenig dazu bringen kann, im grünen Graſe zu tanzen, als einen der fröhlichen Sänger unſrer Zeit, die Lieder vom Haſelhügel zu ſingen, ſo weiß gleichwohl der Himmel und auch die Kaſſenbücher wiſſen es, daß es an Vergnügungen nicht mangelt; unſere Zeit ſcheint keine Luſt zu haben, etwas Feudales ſtehen zu laſſen. Sie nimmt ſich ein Recht über Alles heraus, und ſowohl die eruſteſten Forſchungen, wie auch die ſcherzenden Gei⸗ ſterſpiele, die früher in den höchſten Kreiſen am meiſten gediehen, erobert ſie für das: größtmögliche Publi⸗ kum. Nur diejenigen, die bereits ausgenoſſen haben, kön⸗ nen darüber klagen, daß es kein Vergnügen mehr gebe. Man braucht blos einen Blick auf die Zeitungsannoncen zu werfen und man wird ſogleich finden, wie die öffent⸗ lichen Vergnügungen ſich nicht blos drängen, um recht ſichtbar zu werden, ſondern förmlich die Spalten über⸗ laden. Ein kurzer Gang durch den Thiergarten überzeugt auch Jedermann leicht, daß es nicht an Gelegenheit fehlt, ſich auf jede beliebige Weiſe zu amüſiren: überall ſind dem Vergnügen Tempel errichtet, überall ſtehen Wirths⸗ häuſer und Conditoreien. Hier ein Theater, wo Thalie mit der Maske in der Hand Dich zu ihren Zerſtreuungen einlädt, dort ein Tivoli, ein zweiter olympiſcher Circus, wo alle Zauberkünſtler ſich ein Rendezvous geben, nur um Dich zu erheitern. Aber mit den zunehmenden, überall 11 winkenden Vergnügungen haben ſich auch Geſchmack und Schönheit, dieſe einnehmendſten Geſellſchaften edler Freuden, entwickelt und immermehr ausgebildet. Auf dem grünen Platz, wo früher ein Jägerhäuschen ſtand, erhebt ſich jetzt das zierliche Roſenthal, ein Luſtſchloß mitten in einem bezanberten Blumenpark, überdies ein kleines Kunſtmuſeum für einheimiſche Meiſter, wie Gjalmar, Mörner, Fahlcrantz, Weſtin, Södermark, Etsdorf, Graff⸗ man, Rydingſvärd ꝛc., vor Allem eine ſchöne und prachtvolle Zierde im Lorbeerkranz ſeines hohen Grün⸗ ders. An einer andern Stelle, wo früher blos eine ſchroffe und kahle Klippe emporragte, erhebt ſich jetzt Byſtröms prachtvolle Villa, ein italieniſcher Sommmerpalaſt auf ſchwediſchem Boden, ein Muſeum von Marmor auf einem unerſchütterlichen Grund von Granit, ein Muſenm, das einer ganzen unſterblichen Olympiade gewidmet iſt. Aber nicht genug damit. Betrachte das Waldemars⸗ und das Biſchoffsvorgebirge mit ihren reichen und ſchattigen Pär⸗ ken. Beſuche Liſtonhill und Allnäs, dieſe reizende Plätze. Vergiß nicht das zierliche Vorgebirge, ein ande⸗ res kleines Paradies, das ſeines Namens würdig iſt. Von allen Seiten her ruft man Dir zu: Sei friſch an Seele, lebe und genieße! Fühleſt Du Dich dennoch miß⸗ muthig geſtimmt, ſo darfſt Du nicht mehr die Natur oder Kunſt anklagen, ſondern nur Dich ſelbſt, der Du weder für die eine noch die andere Sinn beſitzeſt, vielmehr denſelben bereits verloren haſt. Aber ſollteſt Du trotz der Mittheilungen, die wir Dir hier gegeben haben, Dich gleichwohl lieber in frühere Zeiten zurückverſetzen wollen, nun wohl, ſo laß ſehen, ob wir es nicht auch thun können. Hier zu Deiner Rechten ſiehſt Du eine Maſſe mit Dächern... das iſt die Thiergartenſtadt, eine wahre Muſterkarte von allem, was Künſte und Geſchmack, Reich⸗ thum und Unternehmungsgeiſt, Schönheitsſinn und Ge⸗ nußſucht in früheren Zeiten ausführten. Unter dieſen klei⸗ 12 nen, rothfarbigen, nicht ſonderlich ſern, die ſich dermaßen zu drän den Platz zu könnte, es möchte mehr als eines über den peln, erhebt ſich der Lübecker Keller, Schenke. Hier in dieſem, jetzt nur ſo ſelten beſuchten und ſeinen Kameraden ſo weit nachſtehenden Wirthshaus, wurde der Becher des Vergnügens ff h früher vorzugsweiſe gefüllt. Aber gehe weiter, betritt die krummen, ſteinigen Gäßchen, die ſich zwiſchen den Hütten hinſchlängeln, blicke durch die zerbrochenen oder zuſammengeflickten Fenſter⸗ ſcheiben hinein, betrachte die zerlumpte Kinderſchaar, die aus ihnen hervorguckt, ſo haſt Du ein ganz getreues Bild früherer Zeiten, ein Bild, das in Wahrheit nicht benei⸗ denswerth iſt. ch fürchten Haufen rum⸗ als die vornehmſte Der Gang der Geſchichte führt dieſe armſelige Vorhöhle von Städten aus einer Zeit, wo die Oeffentlichkeit noch weniger entwickelt war, als in unſern Tagen. Wir begeben uns alſo die ſteile Treppe hinan, die in den Lübecker Keller hinaufführt; wir paſſiren die Haus⸗ flur, die uns mitten durch den Keller und auf die ſoge⸗ nannte lange Straße hinausführt; von da wenden wir uns auf die allgemeine Straße, und von dieſer aus kom⸗ men wir endlich durch ein Quergäßchen an den Strand hinab. Der Platz gleicht hier einem minder gut beſtellten Bauerndorf in den Scheeren. Zunächſt am Strand, der von einer nackten Klippe gebildet wird, die augenſchein⸗ lich mehr als einmal von den Wogen rein gewaſchen worden, umgeben Dich Fiſchergeräthſchaften und See⸗ uns jetzt anch in ———— &ᷣ S SO——rSSS=S, c, 13 mannszubehör aller Art. An einer kleinen, durch das Bedürfniß extemporirten Brücke, liegen ein paar kleine Boote mit flatternden Fahnen. Weiter hinweg, auf der einen Seite zeigt ſich ein größeres Schiffswrak, deſſen Vorderſteven in der Tiefe der Wogen begraben liegt, deſſen Hintertheil aber hoch über dieſelben emporragt, allerdings in ziemlich verfallenem Zuſtand, aber nichts⸗ deſtoweniger unterhalten und, wie es ſcheinen will, ſogar auch bewohnt. Rechts und Links liegen übrigens Schiffe mit ausgeworfenem Gabelanker, um theils friſch ange⸗ ſtrichen, theils verkupfert zu werden, oder irgend eine an⸗ dere Reparatur über ſich ergehen zu laſſen. Die Aus⸗ ſicht iſt auf der einen Seite von dem Kaſtellholm begrenzt, dieſer kleinen ſtolzen Miniatur⸗ oder Salutationsfeſtung, welche die Waſſerfläche rings umher beherrſcht, und auf der andern vom Beckholm. Gerade vor Dir und im Hintergrunde der Scenerie erhebt ſich Södermalm mit ſeinem Scheitel, den weißen Bergen, an deren Fuß To⸗ gelvik, Erſta und der Stadthof liegen. In dieſem Augenblick ſchaut ein von üppigem, rothem und rauhem Haar beſchattetes Geſicht aus der Schiffs⸗ luke im Hintertheil des Wraks. Wir täuſchten uns alſo nicht, das Wrak iſt bewohnt. Nachdem der Mann einen forſchenden Blick auf das Land geworfen, zieht er ſeinen Kopf wieder unter das Deck zurück und verſchließt die Luke hinter ſich. „Der Teufel ſoll's holen,“ fluchte er dabei,„Lena, der Pechengel, kommt immer noch nicht.“ „Du biſt zu ſanft gegen ſie,“ antwortete ihm ein anderer Mann in der Kajüte.„Beim Henker, ein Weib 14 muß man feſt im Zaume halten, wenn man jemals mit ihr fertig werden will.“ „Auch ich denke ſo, aber dennoch komme ich nie recht dazu. Lena iſt ein Satan von einem Weib, das darfſt Du glauben; aber im Ganzen, wenn ſie mir nur Brannt⸗ wein herſchafft, ſo bin ich ſchon zufrieden und kann doch immer ſaufen. Der Teufel weiß, wo ſie die Sachen immer nimmt; jedenfalls aber verfluche ich mein Loos: arbeiten und mich abquälen, mich abquälen und arbeiten, ſo geht es in Einem fort. Da iſt das Stehlen doch viel beſſer; das iſt keine ſo ſchwere Arbeit. Jetzt habe ich eine ganze Woche lang auf einer von den alten Schuten des Großhändlers Kelluer Waaren packen geholfen und nicht ein einzigesmal Zeit gehabt, mich zu beſaufen; das iſt doch verdammt hart. Aber heute Mittag, da wollen wir uns einmal wieder die Gurgel ſchmieren.“ „Du ſagteſt vom Stehlen...“ „Allerdings.“ „Erinnerſt Du Dich, als wir das letztemal bei Frau Buchholz waren?“ „Ich habe ein ſchlechtes Gedächtniß, doch vergeſſe ich nicht alles. Ich ärgere mich noch darüber, daß Du den Herrn dort auf der Treppe nur ein bischen gerizt haſt. Es wäre beſſer geweſen, Du hätteſt ihn umgebracht.“ „Davon handelt es ſich jetzt nicht, ſondern von dem Schmiedslehrling... Du erinnerſt Dich doch noch an ihn... ich glaube, er hieß Andreas Kullblom oder ſo etwas... erinnerſt Du Dich noch?“ „Nun ja.“ „Wenn wir damals keine Eſel geweſen wären, ſo könnten wir jetzt reiche Männer ſein; denn er ſprach wie ein ganzer Kerl, als er uns rieth, wie wir dieſen reichen Schlingel aus Amerika drankriegen ſollten. Zum Teufel auch, wie einfältig, daß wir ihm nicht gehorchten, ſondern ſtatt deſſen auf den hochmüthigen Löwen hörten, der uns doch immer nur cujonirt.“ em an ſo ſo ach ſen um ten, en, 15 „Ich will Dir nicht ganz widerſprechen, aber es iſt doch ein Satanskerl, und wenn er ſpricht, ſo tönt es mir immer in der Bruſt, wie wenn man in ein altes Faß hineinruft. Im Uebrigen ſehe ich jetzt auch ein, daß er uns blos wie ein Stück Vieh behandelt.“ „Ja, er zieht uns immer an der Naſe herum Du wirſt ſehen, daß er dieſen Amerikaner da für ſich allein behandelt hat. Oh, ich kenne ihn und traue ihm nicht mehr über den Steg.“ „Wenn er das gethan hat... dann... dann..“ „Sei überzeugt, daß ihm immer der Schalk hinter den Ohren ſteckt. Seit er mir damals bei der Buchholz dieſe Ohrfeige gegeben hat, da habe ich geſehen, auf was er ausgeht. Aber er ſoll ſchon einmol erfahren, daß ich auch noch am Leben bin.“ 24„Und Du glaubſt, daß er ganz allein hingegangen iſt? „Ich bin ſo feſt davon überzeugt, daß ich darauf ſchwören möchte.“ Die Sprechenden waren Niemand anders als der Stier und der Fuchs, welche hier nicht ihr Verſteck, ſon⸗ dern ihre Sommerwohnung hatten. „Aber,“ bemerkte der Fuchs,„er hat uns ja ſo be⸗ ſtimmt verſprochen, daß er ſich an die Spitze des Unter⸗ nehmens ſtellen wolle.“ „Verſprechen und Halten iſt zweierlei.“ Ein liſtiges Grinſen verzerrte das Geſicht des Fuchſes. „Denk einmal,“ ſagte er,„wenn wir dem Löwen einen Spuck ſpielten.“ „Laß hören.“ „Wir ſuchen Kullblom auf.“. „Nun ja.“ „Wir können auch Schwerdt mitnehmen.“ „Schwerdt... wen meinſt Du? „Dieſen vormaligen Artilleriſten, der uns bei der 4 4 16 Buchholz von den Herren da erzählte, über die wir in der Hausflur herfallen wollten.“ „Ah richtig, der Invalid.“ „Das iſt ein ſchlauer Geſelle. auch ſo gut wie ein Mann.“ „Nun und weiter.“ „Wir machen dem Amerikaner auf eigene Fauſt unſern Beſuch. Das muß etwas Schönes eintragen.“ „Topp, ich bin dabei.“ Das Geſpräch wurde in aller Freundſchaft und mit den Ausdrücken der größten Vertraulichkeit geführt. Der Stier ſaß auf einem dreibeinigen runden Stuhl, mit dem Rücken gegen die Wand gekehrt. Der Fuchs dagegen hatte ſich auf ein Bett von an⸗ geſtrichenen Brettern geworfen, aus welchen ſeitwärts aus einigen ſchmutzigen Kiſſen das Stroh hervorſah. „Zum Teufel,“ ſagte der Stier,„Dein Plan gefällt mir um ſo beſſer, als wir dadurch dem Löwen einmal zeigen könnten, daß wir nicht zu dumm ſind, um auf eigene Fauſt Etwas zu unternehmen.“ „Ich glaube, Du kannſt ihn nicht ausſtehen.“ „Nein, das iſt mir unmöglich. Zumal da ich voll⸗ kommen überzeugt bin, daß er trotz all ſeinem Geſchwatz von Kameradſchaft u. ſ. w. früher oder ſpäter uns ver⸗ rathen wird,... wofern wir ihn nicht vorher verrathen.“ „Vielleicht haſt Du Recht. Er läßt ſich jetzt auch nur noch ganz ſelten blicken.“ „Es iſt wie ich ſage... der Tenfel weiß wer und was er iſt... und was er im Schild führt... ich habe geſpäht und geſpäht... aber noch immer ver⸗ gebens.“ „Haſt Du das?“ „Wie ich ſage... aber ich will nicht immer ver⸗ gebens mein Jagdpulver verbrennen... ich bin eigen⸗ ſinnig wie die Sünde, das weiß ich wenigſtens„... und...“ Und dann iſt Lena un 17 Drei heftige Fußtritte auf das Verdeck über ihnen unterbrach hier das Geſpräch. 1 Der Fuchs und der Stier ſprangen heftig von ihren Plätzen auf. Sie lauſchten.— 3 Ein vierter Fußtritt auf das Verdeck ließ ſich jetzt hören. „Ach,“ ſagte der Fuchs,„es iſt einer unſerer Bekann⸗ ten. Wenn das Glück uns wohl will, ſo iſt es vielleicht Kullblom... oder Schwerdt.“ „Der Teufel weiß, wie dieß kommt; aber ſo oft ich jemand den Fuß auf das Verdeck hier ſetzen höre, ſo iſt es mir immer, als wenn mir das Blut in den Adern gefröre.“ Als ſie die Luke öffneten und weder Kullblom noch Schwerdt, ſondern ſtatt ihnen den am allerwenigſten er⸗ warteten Löwen ſahen, zogen ſie ſich zurück, indem ſie einen beſtürzten Blick mit einander wechſelten. Ohne fich etwas anmerken zu laſſen, ſtieg der Löwe zu ihnen hinab. Wir überlaſſen es der Fortſetzung dieſer Erzählung, das Geſpräch zu entwickeln, das jetzt begann, und wir ſtellen es der eignen Einbildungskraft des Leſers anheim, ſich die Schlüſſe daraus zu ziehen. Für den Augenblick wollen wir blos erwähnen, daß Lena nach einer Stunde zurückkam, begleitet von Kullblom und Schwerdt, wie auch von Anna oder der Königin der wilden Jagd, die ſie in der Stadt getroffen hatte. Ungefähr eine halbe Stunde ſpäter wurde die Schiffs⸗ Das Gewiſſen. IV. 3 luke auf die Seite gezogen und der Löwe kam aus de in il Kajüte heraus. Die Zufriedenheit, die ſich auf ſein Jah Geſicht zeigte, bewies, daß ihm ſein Geſchäft gelunge war. hera Als er auf der einen Seite des Wraks in ein Be ſeine hinabſprang, eilte die Königin der wilden Jagd ausd mer Kajüte herauf und ſprang auf der andern Seite ebenfal in ein Boot. dari „Nudert mich um die Landſpitze an das franzöſiſt Muſ Hotel,“ befahl der Löwe den Ruderweibern. der „Führt mich an die Schleuſe hinüber,“ ſagte dag duft gen die Königin der wilden Jagd zu ihren Rudererinne men „Ich habe Eile, ſputet euch.“ Nachdem beide Boote das Wrak verlaſſen hatta Der ſtieg der Stier aufs Verdeck. Der „Ihr habt Recht, daß ihr ihm glaubt, ſagte er ter ſeinen Kameraden, aber ich thue es nicht. Geht iß der euren Weg, ich gehe den meinigen. So viel kann beide euch ſagen, wenn er euch betrügt, ſo werde ich euch ie chen. Und wenn ihm der Teufel jetzt Flügel gäbe, Erei ſoll er mir nicht entkommen. Indeß lebt wohl!“ dem auf Thor —— ſpitze vor und daru Wenn wir jetzt das Innere des Thiergartenpart haus betreten, ſo finden wir es nicht ſo prachtvoll und ſor mergrün, wie man es am liebſten zu ſehen wünſcht. lichen Der Herbſt iſt weit vorangeſchritten. Der Wim als iſt im Anzug. Die ſonſt ſo ſaftgrünen und dunkeln Kronen i Art Eichen ſind vergilbt, die Linden, Ulmen und Ahornbäum Zeug ſtehen entlaubt da. Nur die Tannen und Fichten trotze nicht ¹s d ſeine lunge 1 Bo us d enfal oſiſ dag inne attel er 19 in ihren ewig grünen Jagdkleidern allen Wechſeln des Jahres.— Da und dort rollt nur eine einſame Cquipage herau, da und dort wandert ein einſamer Fußgänger ſeines Weges; die Vergnügungen ſcheinen mit dem Som⸗ mer fortgezogen zu ſein. Die Wirthshäuſer ſtehen nicht leer, aber es wimmelt darin jetzt nicht von zahlreichen Schaaren, wie ſonſt, die Muſik ſchallt nicht ſo fröhlich von den Altanen herab, der Geſang ertönt nicht ſo lebhaft, der Cigarrenrauch duftet nicht von allen Seiten ſo aromatiſch den Ankom⸗ menden entgegen. Der Tag iſt nichtsdeſtoweniger ſchön und freundlich. Der Spätherbſt iſt eine Fata Morgana des Frühlings. Der Frühling iſt bei uns eine Blume, die auf den Win⸗ ter folgt. Der Spätherbſt iſt eine Blume, auf welche öt iß der Winter folgt. Frühling und Herbſt ſind bei uns in i h ri de, int da umt otzel beide mit dem Winter verwandt. Eine halbe Stunde oder noch etwas ſpäter nach dem Ereigniß, das wir ſoeben beſchrieben haben, oder nach⸗ dem der Löwe das Wrak verlaſſen, ſaß der Stier allein auf der Bank an der großen Landſtraße, die vom blauen Thor an dem Reithaus vorbei und bis zur Blockhaus⸗ ſpitze läuft. „Wieder iſt mir der Löwe entwiſcht,“ brummte er vor ſich hin, aber ich habe ihn gleichwohl eingekreist, und ich weiß, wo ich ihn habe. Es handelt ſich jetzt darum, wie ich auf die paſſendſte Art in dieſes Wirths⸗ haus da kommen ſoll.“ Der Stier war nicht viel beſſer als ein gewöhn⸗ licher Hafenknecht gekleidet. Er ſah noch ſchlechter aus als vorher. Neben der zerlumpten grauen Hoſe trug er eine Art von Paletot, der aber mit ſo verſchiedenartigem Zeug verflickt war, daß man ſeine urſprüngliche Farbe nicht mehr unterſcheiden konnte. An den Füßen hatte er keine Schuhe mehr und der Kopf war mit einem ehemal⸗ ſchwarzen Hut mit vielen Buckeln und breitem Ran bedeckt. Die Gedanken des Stiers waren ausſchließlich a das Wirthshaus zu ſeiner Rechten gerichtet. Dorthi ſtand ſein Sinn, aber er begriff nur zu gut, daß mu ihn, wenn er da einträte, mit einem Gnadengeſchenk vor einem Schilling oder einem Stück Brod abſpeiſen würde wofern man ihn nicht gar zur Thüre hinauswärfe. Das Problem, hineinzukommen, und nach Umſtän den auch dort bleiben zu können, war alſo nicht leich zu löſen. Während er noch darüber nachſann, zogen drei, au der Rumſtückgaſſe kommende Perſonen ſeine Aufmert ſamkeit auf ſich. Ihr Ausſehen war von der Art... und das wan es, was er ſich hauptſächlich merkte... daß ſie ohn⸗ alle Schwierigkeit in jedem Wirthshaus Zutritt finde konnten. „Zum Teufel,“ dachte er,„das ſcheinen wohlhäbig Leute zu ſein und hier wäre vielleicht etwas zu machel, Ich wills doch einmal verſuchen.“ 1 Der Stier war nicht derjenige, der eine Gelegenhet gerne aus ſeinen Händen ließ. Er ſtand alſo ſogleich auf und näherte ſich den Au⸗ kommenden. Einer von ihnen, augenſcheinlich das leitende Prin⸗ zip der Geſellſchaft, war ein unterſetzter rothbackigen Mann, deſſen Kleidung und Gang den Seemann ver⸗ kündete. Er ſchien übrigens Verſchiedenes verzehrt zu haben und, ohne überladen zu ſein, ſich in einem alf⸗ geräumten Zuſtand, in einer weinheitern Laune zu he⸗ finden. Trotz der ſpätern Jahrszeit trug er einen leichten Strohhut von feinem Geflecht, ein rothes nach Matroſeu⸗ manier geſchlungenes Tuch, eine offene weiße Weſte und einen Ueberrock. Am Arm führte er ein Frauenzim⸗ mer fenn Fur dige eine Sch Sh Pet weit wen haut ſeine von mels wenn weßl ums chen, emal Ram h al rthi mat 8 vo ürd ſtän leich au nert wal ohm. nden big⸗ hen hen Al⸗ rin⸗ igen ver⸗ zt ruff⸗ be⸗ zten ſen⸗ und im⸗ 21 mer von geſundem, friſchem Ausſehen, mit kleinen, aber feurigen, blinkenden Augen, die von Zeit zu Zeit einen Funken um den andern gegen ihre Lokomotive, den wür⸗ digen Seemann, ausſprühten. Sie trug einen Hut mit einem großen Blumenſtrauß und vielen Bändern; die Schultern waren in einen weiten, ausnehmend koſtbaren Shawl gehüllt. Dieſe zwei Perſonen waren niemand anders als Peter Raſch und Netta. Hinter ihnen ſchwankte Holtmann, jetzt in einem weiten, ſeinen Paletot und mit einem Hut geſchmückt, der, wenn er auch nicht bei Herrn Söderſtröm auf dem Ritter⸗ hausmarkt gekauft war, doch keineswegs irgend einem ſeiner faſhionablen Produkte nachſtand. Holtmann ſah auch aus wie ein anſtändiger Bürgersmann, deſſen ſich Netta in keinerlei Weiſe zu ſchämen brauchte, ohngeachtet er ihr Mann war und ſie dennoch, wenn es ſich um eine Promenade im Thiergarten handelte, lieber einen Hage⸗ ſtolz unter dem Arm hielt, verſteht ſich deßhalb, weil es ſich jetzt um nichts anderes handeln ſollte, als ſich luſtig zu machen. Alle drei ſchienen bereits müde zu ſein, und ob nun das von der ſtarken Bewegung oder von dem Ballaſt herkam, den ſie vor ihrem Abgang aus der Stadt ein⸗ genommen hatten, genug, ſie puſteten, ſie ſchwitzten und arbeiteten ſich, ſo gut es gehen mochte, auf ihrem Wege voran. Peter Raſch, der ein ebenſo verſtändiger als artiger Mann war, nahm es als ausgemacht an, daß die Wärme von der Sonne komme, da er ſie ganz dentlich am Him⸗ melsgewölbe funkeln ſah, wie auch, daß Netta, eben ſo wenig als er ſelbſt, ſich von ihr plagen zu laſſen brauche, weßhalb er ihr mehr als einmal ſeinen Parapluie anbot. „Der verdammte Landweg,“ brummte er einmal ums andere.„Die Straße verderbt Ihre kleinen Füß⸗ chen, Netta, und die Sonne Ihren Teint. Sie müſſen 6 * — 4 4 22 meinen Armen erlauben Sie zu tragen, und meinen Händen den Parapluie über Sie zu halten; es iſt ja ein ordentliches Sonnenzelt, ſollte ich meinen.“ „Nein, Herr Kapitän, nein. Es iſt nicht der Müh⸗ werth ſo viele Umſtände zu machen, ich kann wohl gehe .. und was die Sonne betrifft, ſo brennt ſie nich mehr: wir ſind ja bereits im November.“ Netta nannte unſern Steuermann am allerliebſten Herr Kapitän, und Peter Raſch ließ ſich auch am liebſten ſo tituliren. „November hin und November her,“ antworten Naſch;„wenn ich auf dem Land bin, ſo ſind mir all Monate ganz gleich. Ich bin in einem ſo heiß wie in andern.“ „Geht doch ein bischen lan 8 gſamer, zum Henker, ei bischen langſamer,“ puſtete Holtmann hinter ihnen.„Di nimmſt ja förmlich Reißaus mit meiner Frau. Du ver⸗ giſſeſt ganz, daß ich heute eine ordentliche Schiffslaß eingenommen habe, und ich bin auch nicht bodenlos. Ein bischen langſamer, ein bischen langſamer!“ Mit der ordentlich eingenommenen Schiffslaſt ver⸗ hielt es ſich ſo, daß Holtmann, in ſeiner Freude ü ber die geglückte Beſchlagnahme auf die mit Kellners Schiff hereingekommenen verdächtigen Päcke, wovon wir oben geſprochen, ſeine Frau und Peter Raſch zu einem Mit, tagsmahle eingeladen hatte, wobei es recht toll oder, wie man in zweideutigem Sinne auch zu ſagen pflegt, ganz anſtändig zuging. Sie kamen jetzt direkt von dieſem Mahle her, um auf Raſchs dringende Einladung im Thiergarten ein Abendbrod einzunehmen. In Folge der Bemerkung Holtmanns blieb man einen Augenblick ſtehen, um auszuathmen. er Stier machte ſich in ihre Nähe, ohne noch zu wiſſen, wie er ein Geſpräch mit ihnen einleiten ſollte. Nichts war jedoch leichter, da Peter Raſch ihn be⸗ meinen ja ei Mühl gehe 2 nich iebſte jebſten ortet r all ie in , ein „Dl ver⸗ fs l af Ein ver⸗ ü ber chif yben Mit⸗ wie anz um ein tan zu be⸗ 23 reits bemerkt hatte und an dem ſchwankenden Gang ſo⸗ gleich einen alten Seemann wieder erkannte. „Ho ho, Branſegelteufel,“ rief er ihm im gleichen Augenblick zu. Peter Raſch empfand ein Bedürfniß, mit allen Menſchen zu ſprechen, ganz beſonders mit allen denjenigen, die er für Seeleute hielt. „Halloh, Kapitän,“ antwortete der Stier, der das Loſungswort verſtand.. „Willſt Du über das Stag gehen,“ fuhr Raſch fort, „ſo komm her.“ Der Stier näherte ſich ihm mit dem Hnt in der Hand, froh über den Anruf. „Du ſiehſt mir aus als ob Du Arbeit bedürfteſt,“ ſagte Raſch weiter zu ihm,„und kannſt Du mit dieſem Ding da umgehen, ſo darfſt Du es über uns halten. Es iſt warm wie unter dem Aequator, obſchon wir mitten im November ſind... ganz recht ſo... ſchlage das Sonnenzelt auf... Mit mir brauchſt Du es uicht ſo genau zu nehmen, aber Nettas Teint iſt empfindlicher, ſiehſt Su. Zum Teufel, komm ihr doch nicht ſo nah... Du kannſt Dich wohl in einer reſpektabeln Entfernung halten... Laß uns jetzt weiter gehen, Vater Holtmann . was meinſt Du?“ Holtmann war nicht recht damit zufrieden, daß Raſch einen beſondern Parapluieträger auſtellte, zumal da das Ausſehen des Maunes nicht gerade empfehlend war, aber Netta hegte ein unbeſchränktes Vertrauen zu Raſchs Welterfahrung und erblickte darin einen neuen Beweis ſeiner Aufmerkſamkeit. „Brumme nicht, mein Engel,“ antwortete ſie auf die Bemerkung ihres Mannes,„der Kapitän iſt mehr als einmal um Gottes grüne Erde herumgereist, und er weiß beſſer als Du, daß es draußen ein bischen anders zugeht als hier daheim und bei Dir auf dem Packhauſe.“ „Ja, das will ich meinen,“ ſagte Raſch. 24 Die Geſellſchaft ſetzte alſo ihren Spaziergang fan während der Stier mit emporgehobenem Arm den Par pluie über Netta hielt, um nach der Anſicht des aufmet ſamen Raſch ihren Teint gegen die brennenden Strahl der Novemberſonne zu ſchützen. Der Stier hatte unaufhörlich das franzöſiſche Hot im Auge. „Biegen Sie da ein, Kapitän,“ ſagte er,„es ii für die Füße der gnädigen Franu beſſer, im grünen Graf zu gehen.“ „Gut, mein Freund, ganz gut geſagt,“ antwortet Raſch.„Die Füße der Damen fahren beſſer im grüne Gras als in dieſer Sandwüſte da, die einen Weg vor ſtellen ſoll.“ „Wenn es dem gnädigen Herrn Kapitän gefiele, meinte der Stier von Neuem, ſo könnten wir den Fuß⸗ weg da gehen. Das Gras möchte ein bischen zu naß ſein für die Füße der gnädigen Frau.“ „Fahr immer zu, mein Freund. Du biſt ein guter Compaß, ein verdammt guter Compaß, aber halte Dich an das Gras und die Frau.“: Während die Andern puſteten, hatte der Stier un⸗ aufhörlich geſeufzt. „Du biſt ein Seemann geweſen, Kamerad,“ bemerkte Raſch,„und gewiß ein tüchtiger Seemann?“ Der Stier ſeufzte. „Wie Sie ſagen, wohlgeborner Herr Kapitän, auß ich bin Seemann geweſen... aber das waren andere Zeiten, das.“ Der Stier ſeufzte wieder. Bei jedem erneuten Seufzer warf Raſch einen neuen forſchenden Blick auf den Stier Naſch hatte ſeine Fehler und Schwachheiten, aber Netta behauptete, ſein Herz ſei ſo gut wie Eierkuchen, und ſie hatte Recht darin, ein Beweis, daß ſie Menſchen⸗ kenntniß beſaß. fon Pan men ahle Hott es i Gra rtet üne vor⸗ ele,“ Fuß⸗ naß uter Dich un⸗ rkte uch dere uen ber en, en⸗ 25 „Aber zum Teufel,“ ſagte Raſch,„Du ſiehſt noch grob und ſtark aus wie ein Vierundzwanzigpfünder⸗ und doch biſt Du in Lumpen gekleidet; Du haſt Dich, wie es ſcheint, auf der See nicht recht gut durchlotſen können.“ „Unglücksfälle, Herr, große Unglücksfälle,“ ſeufzte der Stier. 1 Der Stier beſaß Welterfahrung genug, um zu wiſ⸗ ſen, daß die Jeremiade von großen Unglücksfällen ein Hauptſchlüſſel zu dem Herzen guter Menſchen iſt, und er hatte bereits bemerkt, daß er einen guten, wenn auch der Landwege etwas ungewöhnten Mann vor ſich hatte. „Unglücksfälle, ſagſt Du?“ „Allerdings, wohlgeborner Herr Kapitän... aber ..“ unterbrach er ſich hier...„jetzt ſind wir an Ort und Stelle, Herr.“ „An Ort und Stelle?“ „An Ort und Stelle, vor dem franzöſiſchen Hotel. Ich glaubte zu ſehen, daß der gnädige Herr Kapitän hieher wollten, oder Sie ſagten das auch, meine ich. Raſch nickte zufrieden. Die rothwangige Netta ath⸗ mete leichter. Holtmann puſtete. „Was willſt Du jetzt für Deine Mühe haben, Ka⸗ merad?“ fragte Raſch und raſſelte mit den Piaſtern in ſeiner Taſche. „Nichts, Herr. Ich bin zwar ein armer Teufel, aber ſehen Sie, für das hier nehme ich nichts, inſofern ... inſofern nicht...“ Der Stier ſtammelte, fuhr aber dann fort: „Inſofern die gnädige Herrſchaft mir nicht einen Schnaps und etwas zu eſſen bezahlen will. Das wird einem ausgehungerten armen Schlucker wohl thun, denn, um die Wahrheit zu ſagen, ich habe den ganzen Tag noch nichts auf die Zunge gebracht.“ Der Stier hatte ſich vorgenommen, ſich unter allen Bedingungen ins Wirthshaus einzuſchmuggeln. 26 „Zum Teufel,“ ſagte Raſch, noch gar nichts ge geſſen?“ kle „Armer Mann,“ ſtimmte Netta ein. Br Holtmann puſtete. Das Mittagsmahl lag noz an ſchwer auf ſeinen Lebensorganen. „Man trifft nicht alle Tage ſo ehrenwerthe um fal vornehme Herrſchaften,“ bemerkte der Stier. ein Die Herrſchaften ſahen einander zufrieden an. ren „Eine ſo gnädige und ſchöne Frau.“ ſte Netta nahm das Lob als gute Münze und lächelte, an „Und einen ſo achtungswerthen und reellen Herrn. wie der Herr Hammerbeſitzer.“ ſich 1 Holtmann verſtand das Compliment und puſtete ver⸗ zu gnügt. „Und dann einen Kapitän... aber ich ſage nichts der ... obwohl... „Schon gut, Kamerad, ſchon gut! Du ſollſſt nicht länger hungern, das ſchwöre ich Dir. Komm mit mir zuß. und Du ſollſt wenigſtens auf acht Tage zu eſſen haben“. Bei dem wohlbehaglichen Zuſtand, worin Holtmam jer ] und Raſch ſich befanden, berechnete der Stier ganz rich⸗ de tig, daß ſie es nicht übers Herz bringen könnten, Je⸗ ſch manden hungrig zu ſehen. „Sie ſind gar zu gut, gnädiger Herr Kapitän, aber man wird mich in der Küche nicht aufnehmen... ich A weiß ſchon, wie es da geht. Sobald ſie meine Lumpen zu ſehen, werden ſie mich hinauswerfen.“. ſb „Das iſt meine Sache... komm nur jetzt, mein GC Junge... ich bürge für den Reſt.“ „Nun, mein Herr, wir wollen ſchon ſehen.“⸗ „Komm nur jetzt und ſei ruhig.“ Sie gingen hinein. ts ge⸗ non e um helte. errn, ver⸗ ichts nicht nein 27 Oſtſüdöſtlich von Beckholm lag zur ſelben Zeit ein kleines Dampfſchiff an einer dort befindlichen einſamen Brücke, von welcher man direkt in den Thiergarten und an das franzöſiſche Hotel heraufkommt. Von dem kleinen Dämpfer her, der nur für Luſt⸗ fahrten auf dem Strom und in den nächſten Scheeren eingerichtet iſt, hörte man eine ſchöne Blechmuſik, wäh⸗ rend die Geſellſchaft, aus einigen luſtigen Freunden be⸗ ſtehend, die das Schiff für den Abend gemiethet hatten, aus Land ſprang. Arm in Arm und begleitet von der Muſik, begaben ſich die fröhlichen Geſellen, die auf dem Platz vollkommen zu Hauſe waren, auf einem Fußſteig in das Wirthshaus, ſo daß ſie von der Hinterſeite oder durch den kleinen an der See liegenden teraſſenartigen Garten dort ankamen. „Blauäugige Marie!“ „Lange Charlotte!“ „Goldgelockte Auguſte!“ 3 Schlanke Finke!“ ⸗ Soſ riefen die Herren einer um den andern, und bei jedem Namen ſprang eine jener Sylphiden vor, die mit dem Symbol eines Schmetterlings auf dem Kopf“) das ſchimmernde, aber leicht gebrochene, ſchnell erblaſſende Leben einer Blume führen. „Muſik!“ rief einer der Gäſte.„Spielt, komm, Amarillis, zu Chren des ſchönen Geſchlechtes und ſpeziell zu Chren der vier unvergleichlichen Grazien, die uns jetzt ſo freundlich entgegenlächeln.“ „Fangt an, fangt an,“ riefen die jungen Herren im Chor,„komm, Amarillis.“ Die Muſik blies. *) Die Hänbchen, welche dieſe Mädchen tragen, haben eine unverkennbare Aehnlichkeit mit bunten Schmet⸗ terlingen. „Willkommen, lieber Herr Lientenant,“ ſagte die blu ängige Marie.„Das iſt recht ſchön, daß Sie ſich aut haft wieder zeigen... aber wo ſind Sie denn ſo lange ge Wie blieben?... erinnern Sie ſich noch, wie wir uns die ich letztemal ſo göttlich amuſirten?“ 1 „Ich vergeſſe das nie, Du blauäugiger kleiner Sr erſte an... nie,... ich ſchwöre Dirs bei all dem Chau daß pagner, den wir damals tranken, hörſt Du... nie, nie’ geli „Ci, ei, Herr Graf, fangen Sie nur nicht gleich unartig an,“ wies die lange Charlotte einen jungn neu Mann mit kurzem gekräuſeltem Schnurrbart und diple ich matiſchem Backenbart zurecht,„Sie zerrunzeln mir j Nor mein Kleid und das iſt ein Majeſtätsverbrechen gegn zur mich. Was werden die Leute denken? Laſſen Sie mich auf in Ruhe, ſage ich.“ iſts „Du Schalk, meinſt Du, das ſei eben ſo leicht ge⸗ b than als geſagt? Warum biſt Du auch ſo ſchön, Du nah kleiner Wechſelbalg, daß man gar nicht von Dir laſſen d kann?⸗ Lier „Ei der Tauſend, Herr Sekretär, was für ein Spaßvogel Sie doch ſind,“ ſchwatzte die goldlockige Au⸗ guſte, während ſie vor Lachen beinahe keuchte,„kaun fra⸗ man ſich etwas Aergeres denken? Und das glauben Sie von mir, Herr Sekretär? das iſt das Lächerlichſte, was ich je gehört habe. Sie müſſen ſich ſaubere Begriff doch von einem armen Mädchen machen, wie ich bin. Nein⸗ 5 ich bin allerdings zu meiner Zeit recht toll geweſen, abet do ſo närriſch bin ich doch niemals, das kann ich Ihnen doe ſchwören.“ „Schwatz mir jetzt nicht die Ohren voll, Du kleiner„a Schelm, da komm her und thue, was ich verlange.“ „Ei warum nicht gar; damit hat es keine Eile.“ „Glauben Sie das, Herr Großhändler?“ ſchmollte Wwe die ſchlanke Finke mit einem lebensfriſchen jungen Bör⸗ ſche ſenherrn. Was für Begriffe dieſe Herren doch von ſich ſelbſt und von andern Leuten haben! Ich könnte wahr⸗ dur blau⸗ aut ge ge 5 dai So ham⸗ nie ch ngen iplo⸗ ir ji egel mich Ae. Du aſſen ein Al⸗ raun Sie was riffe ein, aäbet nen 29 haftig darüber weinen, wenn ich überhaupt weinen könnte. Wie habe ich doch in der Stadt ſein können, während ich die ganze Woche nicht aus dem Hauſe gekommen bin? Ja das iſt mir etwas Schönes. Aber das iſt nicht das erſtemal, Herr Großhändler, daß ich von Ihnen höre, daß Sie mir Böſes nachſagen; es ſoll Ihnen jedoch nicht gelingen, denn man kennt mich wohl.“ 3 3 „Still, mein Engel, ſtill! Du brauchſt Deine ſchö⸗ nen Augenbrauen nicht zu runzeln, denn ſonſt erſchrecke ich dermaßen, daß ich ſogleich fortlaufe und mich im Norrſtröm erſäuſe. Im Uebrigen nehme ich gern alles zurück, was ich geſagt habe, wenn ich nur ein Lächeln auf Deinen friſchen Lippen zu ſehen bekomme... ſo, ſo iſts recht... noch ein wenig... nun, nun...“ Die Muſik hatte mittlerweile aufgehört, und nun nahm auch die Converſation eine andere Wendung. „Wohin iſt wohl unſer Poet gegangen?“ rief der Lieutenant jetzt. „Und unſer Künſtler?“ ſiel der Graf ein. Der Poet und Notar Weidner? Ja wo iſt der?“ fragte der königliche Sekretär. „Und der Künſtler Brundell?“ Die vier Freunde ſahen einander an. „Tauſend Teufel,“ verſetzte der Lieutenant,„ich weiß doch genau, daß ſie mit uns auf der Brücke waren.“ fdalt ihr ſie geſehen, Mädchen? Ihr kennt ſie och?“ „Ich juſt nicht,“ meinte die blauäugige Marie, „aber die lange Charlotte iſt ſehr bekannt mit ihnen.“ Die lange Charlotte erröthete. „Wie kannſt Du ſo ſchwatzen?“ antwortete ſie;„ich werde doch nicht alle Leute kennen müſſen, aber ich weiß ſchon, wer ſie kennt. Fragen Sie Auguſte zum Beiſpiel.“ Die goldgelockte Auguſte lächelte ſchalkhaft. „Ei warum nicht gar?“ verſetzte ſie;„ich habe jetzt durchaus keine Bekanntſchaften, und was insbeſondere den Notar Weidner und den Künſtler Brundell betrift ſo möchte ich dieſe Herren nicht einmal kennen, und wen ich über ſie ſtolperte, darauf gebe ich Ihnen mein Ehren wort; aber die Finke.. ſie... ſie... man ſich es ihr ſchon an.“ Die ſchlanke Finke ſchüttelte lachend ihren Locken kopf. „Nun ja, ich will ſchon eure Sünden auf mich ne⸗ men, das macht mir gar nichts aus, da ihr ſelbſt eun daran ſchämt; aber das kann ich ſagen, daß, wenn Dui Auguſte, Weidner und Brundell nicht kennſt, ſelbſt wen Du über ſie ſtolpern würdeſt, dieß blos daher kommt weil Du in der Dämmerung mit Ihnen Bekanntſchaft machteſt. Im Uebrigen ſind Weidner und Brundell durch⸗ aus keine Leute, an denen man ſich zu ſchämen braucht Sie ſind ſogar viel artiger als manche andre, die ich indeß nicht nennen will. Der Notar Weidner hat ver⸗ ſprochen, ein Gedicht auf mich zu ſchreiben und ins Abend⸗ blatt ſetzen zu laſſen, und der Künſtler Brundell will mein Portrait machen.“ „Ja, in Holzſchnitt,“ riefen die drei andern Mäd⸗ chen,„in Holzſchnitt!“ „Tauſend Teufel, laßt uns doch einmal ein per⸗ nünftiges Wort reden,“ fiel der Lieutenant wieder ein; „Weidner und Brundell haben doch wohl ein Gouter hier beſtellt?“ „Weidner und Brundell? Nein.“ „Gar nichts?“ „Nein.“ „Tauſend...“ „Fluchen Sie nicht ſo, lieber Herr Lieutenant. Wit müßten es doch wiſſen, wenn irgend eine Beſtellung ge⸗ macht worden wäre.⸗ „Was will das heißen? Sollte man einen Scherz mit uns getrieben haben?“ „Das wäre ein unverſchämter Poſſen.“ hier nich drol von nom gela aber auch zimn Fam im. wohl Cher ihn 1 hört. triff wen hreu fie cken ne eut Du wen mm chaff jirch⸗ ucht. ich ver⸗ end⸗ will täd⸗ 31 „Ein ganz ſchlechter Spaß.“ „Mit uns Scherz treiben?“ „Aber Brundell und Weidner waren doch mit uns hier... ich weiß es.“ „Laßt uns nach ihnen ſehen.“ „Sie ſind vielleicht noch unten am Ufer.“ 1 „Beim Dampſſchiff, das iſt ſehr möglich, obſchon ich nicht begreifen kann... was ſage ich... die Zimmer droben ſind doch wohl frei?“ „Nein, lieber Herr Lieutenant; der ganze Stock iſt von dem Chevalier Gourville beſtellt.“ „Und der Altan?“ „Auch dieſer iſt für ſeine Rechnung in Beſchlag ge⸗ nommen.“ „Und die Zimmer hier auf der Seite?“ „Sie ſind ebenfalls für den Chevalier gemiethet.“ Zum Teufel, da muß er ja die ganze Stadt ein⸗ geladen haben.“ „Weit entfernt, nur zehn bis zwölf Perſonen... aber er will ungenirt ſein.“ „Nun ſo iſt doch wohl der Garten frei?“ „Mau ſollte es meinen, aber der Chevalier hat ſich auch dieſen vorbehalten. Es war nur noch ein Neben⸗ zimmer oben frei, und das hat ſoeben ein Seemann mit Familie, wie mirs ſchien, in Beſchlag genommen.“ „Nun ſo wird man doch wohl die Bänke drunten im Hof haben können? und für Speiſe und Trank wird wohl auch geſorgt ſein.“ „Auch damit ſieht es ganz curios aus, weil der Chevalier...“ „Der Chevalier und immer nichts als der Chevalier .. das muß ein Erzſuitier ſein, und dennoch kenne ich ihn nicht.“ „Ich auch nicht,“ fügte der Graf hinzu. „Zum Teufel, auch ich habe nie von ihm reden ge⸗ hört. 32 „Und ich ebenſowenig.“ lendi Die Mädchen ſahen einander ſchalkhaft an und kom ſelbſ ten beinahe das Lachen nicht verhalten. „In dieſem Fall, meine Herrn,“ meinte die lamf Charlotte,„haben Sie jetzt Gelegenheit, eine recht in tenon tereſſante Bekanntſchaft zu machen.“ „Das denke ich auch,“ fügte die ſchlanke Finke hing nants Tdh Chevalier iſt der gentilſte Herr, den ich je geſeht ne habe.“ „Ach ja,“ fiel die blauäugige Marie ein,„einen liebenswürdigen und artigen Mann trifft man nicht au jeder Gaſſe.“ wberr „Und was für allerliebſte Manieren er hat!“ be merkte die goldlockige Auguſte,„das muß man ihm liß ſtill ſen. Er braust nicht gleich ſo auf, wie wenn er gat nichts beſſeres wüßte; man ſieht wohl, daß er ſich in der Welt umgeſehen und ſich Talente von allen Arten erworben hat.“ „Chevalier Gourville,“ wiederholte der Graf,„Che⸗ valier Gourville. Täuſche ich mich nicht, ſo habe ich..“ „Von ihm reden gehört,“ fiel der Lieutenant ein .„auch ich will mich erinnern.“ „Es iſt ganz richtig,“ fügte der Großhändler hinzuz Weiſ nache „jetzt entfinne ich mich, daß ich, es war, glaube ich, vor ein paar Monaten, bei Großhändler Kelluer mit ihm zu⸗ ſammentraf. Wenn es derſelbe iſt, den ich vermuthe, ſo minde hat er dort wirklich Furore gemacht. Ein hübſcher Kerl⸗ aber ein bischen ſchauſpielerartig.“ „Ja, ja... ein bischen ſchauſpielerartig...“ ſchalk ſtimmte die blauäugige Marie ein... ger hat etwas von Almlöfs Feuer in ſeinen Augen.“ weg; „Und etwas von Dahlyviſts Stolz auf der Stirue/ 1 fügte die lange Charlotte hinzu. „Aber den Mund,“ bemerkte die ſchlanke Finke,„zum „ſcheint er von unſerm ſchönen Sundberg zu haben.“ Das „Die Naſe dagegen,“ lachte die unverbeſſerliche gold⸗ lockige Auguſte,„die hat er beſtimmt von dem Direktor ſelbſt entlehnt.“ konn„Und die Beine?“. 3 „Natürlich von dem Regiſſeur,“ ſiel ſie ein. „Nach eurer Beſchreibung, Mädchen,“ ſagte der Lieu⸗ tenant, muß er ja ein wahrer Adonis ſein.“ lang öt in in„Das iſt er auch... es fehlt ihm nur die Lieute⸗ la nantsuniform.“ 1 ſeh„Und der Bart des Herrn Grafen.“ „Und die geiſtreichen Einfälle des Herrn Sekretärs.“ en„Und die Kennermiene des Herrn Großhändlers.“ t al In dieſem Augenblick hörte man ein Geklingel vom b obern Stock. -„Still!“ riefen die Mädchen alle zugleich.... laß ſtidl ⸗ guf Sie lauſchten. Es klingelte noch einmal. „Das iſt er,“ riefen ſie wieder,„er klingelt.“ 3„Gehorſamſte Dienerin, Herr Lieutenant!“ Che⸗ Und die blauäugige Marie verneigte ſich mit un⸗ nachahmlicher Schalkhaftigkeit gegen ihn. „Gehorſamſte Dienerin, Herr Graf!“ 3 Und die lange Charlotte verneigte ſich auf dieſelbe 1zu; Weiſe. „Allergehorſamſte Dienerin, Herr Sekretär!“ zll⸗ Und die goldgelockte Auguſte machte einen nicht „ſo minder einnehmenden Knix vor dem Sekretär. eerl,„Ihre Dienerin, Herr Großhändler, Ihre Dienerin.“ Die ſchlanke Finke gab ihren Kamerädinnen an ſchalkhafter Anmuth nichts nach. was Und auf einmal eilten ſie von der Geſellſchaft hin⸗ „ weg zur Thüre hinaus. ie,„Wohin? Wohin?“ riefen die Freunde ihnen nach. „Zum Chevalier Gourville,“ antwortete es im Chor, te,„zum Chevalier Gourville!“ Das Gewiſſen. IV. 3 ld⸗ „Tauſend Teufel,“ brummte der Lieutenant,„dieſt tigkei Chevalier da hat den armen Mädchen ordentlich di tik. Köpfe verrückt. Ich hätte gute Lnſt zu ſehen, ob erſt die Männer eben ſo gefährlich iſt, wie für.... a was ſollen wir jetzt vornehmen?“ ſchaf „Dies iſt allerdings eine Frage. Hier bekomm wir nichts.“ wenn „Die Zimmer ſind beſetzt.“ dieſe „Die Mädchen verrückt.“ hinz „Speiſe und Trank, alles verkauft.“ um; „Die Wirthsleute fort.“ geht. „Wahrhaftig recht ſchöne Auſpizien für den Abem? Das Einzige, was uns übrig bleibt, iſt unſre Blechmuſſ wiſſe aber ich für meinen Theil liebe die Muſik nur dam wenn ich auch Wein und Nädchen dazu habe. Ein gun rief Rath wäre jetzt etwas werth. Wollen wir nach der ſend blauen Thor gehen?“ „Und den Platz räumen vor...“ „Vor dieſem verdammten Chevalier, der die Unan hat, ſich ganz allein hier den Leuten aufthun zu wollen! Ich ſtimme für das blaue Thor.“ beme „Nun wohl ins blaue Thor!“ „Ins blaue Thor!⸗ euch Aber in dem Augenblick, wo ſie nicht ohne einen unſer gewiſſen Verdruß ſich anſchickten, den Platz zu räumen traten Notar Weidner und der Künſtler Brundell ein. uns „Verzeiht uns ihr Herrn,“ begann der Poet Weid⸗ ner,„d wir ſo lange ausgeblieben find; aber das Talent...“ „Geht ſeinen eigenen Weg, willſt Du ſagen, abet. es geht gleichwohl höchſt dumme Wege, wenn es melr ſollte verſpricht, als es hält... hier iſt ja gar kein Gouter beſtellt.“ gibt „Ich bitte um Entſchuldigung,“ fiel der Künſtler Mäde Brundell ein, aber ein Geſpräch von der größten Wich⸗ rigen 3⁵ di tigkeit hat fich zwiſchen uns entſponnen... die Kri⸗ h un tik...⸗ er„Zerſtört uns, willſt Du ſagen, ja ſie zerſtört uns, a wenn ſie uns zu einem Gouter einlädt, ohne ein ſolches ſchaffen zu können.“ 1 mu Beruhigt euch, meine Herrn, beruhigt euch für dieſen Fall,“ antwortete Weidner.„Was habe ich ſo eben geſagt?“ fügte er dann gegen Brundell gewendet hinzu,„dieſe Herren da beſitzen alle zu wenig Kunſtſinn, um zu begreifen, daß das Talent ſeinen eigenen Weg eht. ben deh„Ganz richtig, lieber Bruder; die Kritik der Un⸗ enuft wiſſenden iſt es, die uns zerſtört.“ dam Aber das Gouter, meine Herren, das Gouter!“ gunt rief der Lieutenant im Uebermaß ſeiner Ungeduld.„Tau⸗ del ſend Teufel, was ſoll aus dem Gouter werden?“ „Das Gouter, das Gouter!“ wiederholten die Ueb⸗ rigen. lna Weidner und Brundell ſahen einander verwundert an. llen„Wir haben euch ja eine Ueberraſchung verſprochen,“ bemerkte jedoch Weidner. „Ja ſo iſts,“ fügte Brundell hinzu,„wir haben euch ja eine Ueberraſchung verſprochen und wir gedenken eine unſer Verſprechen zu halten.“ men,„Wahrhaftig, eine verdammt prächtige Ueberraſchung, t. uns auf ein Gonter einzuladen!“ zei⸗„Ein großartiges Gouter!“ das„Ein ſouperartiges Gouter!“ „Ein Gouter mit Champagner!“ abet„Ein Gonter, das bis nach Mitternacht währen neht ſollte!“ uter„Und wenn man an Ort und Stelle ankommt, ſo gibt es weder Speiſe noch Trank, weder Zimmer noch ſtler Mädchen, ja kaum eine Cigarre... das nenne ich..“ ich⸗„Eine prächtige Ueberraſchung.“ Brundell und Weidner konnten ſich unmöglich ent⸗ Freunde auf ſie machte, laut zu erkennen zu geben.“ „Wir haben euch ja zu einem ordentlichen Goute einem Gouter von ſechs Uhr Abends bis zwei Uhr u Mitternacht, ganz nach eurem eigenen Wohlgefallen ei geladen.“ „Das habt ihr.“ „Wir haben euch eine Ueberraſchung verſprochen. „Auch das iſt wahr.“ „Nun wir gedenken beides zu halten. Aufgeſpich Muſik... einen Marſch... und laßt uns jetzt An in Arm nach den Zimmern ziehen, die uns erwarten.“ Die Muſik ſpielte auf und die Freunde zogen al ohne zu wiſſen, wohin es gehen ſollte. Als aber Brum dell und Weidner, die an der Spitze marſchirten, nat der Treppe zum obern Stock abbogen, rief der Lieute nant mit donnernder Stimme: „Halt!“ Der Zug machte Halt. „Es ſcheint klar,“ ſagte er,„daß das Talent und di Kritik, die heute Abend unſre Wirthe ſind, eine Art von Florkappe aufhaben müſſen, da ſie uns in Zimmer zu führen gedenken, die von andern beſetzt ſind. Ich re⸗ ſpektire zwar die alten ſchlechten Gewohnheiten des To lents und der Kritik, in fremdes Gebiet einzugreifel aber einen Heereszug hier halte ich, vom ausſchließlic proſaiſchen Geſichtspunkt aus beträchtet, für minder paſ⸗ ſend. Ich für meinen Theil will wenigſtens mein Tapferkeitsmedaille nicht auf den Treppen der franzöſt⸗ ſchen Hotels verdienen. Kurz und gut... die Zimme ſind bereits beſtellt, und wir müſſen das Recht des Zu⸗ erſtgekommenen reſpektiren.“ Brundell und Weidner lachten blos. „Du biſt ein heller Kopf,“ antwortete Weidnen, „aber Du haſt doch mitunter Deine dunkeln Augenblicke halten, den luſtigen Eindruck, welchen der Verdruß ihn Du eht. folgt begr⸗ Welt raſch unſer Platz nant⸗ das mir i nennt den Weg ville. zu er obſche ſichtie niger große ihne oute r n n ei en. ſpic An 1. 4 1 l zrun nad eut die von r zu re⸗ Ti⸗ fen lit vaß eint bſt mel Zu⸗ ter, ce. 37 Du weißt nicht, daß das Talent ſeinen eigenen Weg eht.“ „Und die Kritik dem Gedicht auf den Ferſen nach⸗ olgt.“ 35„Zum Teufel aber, das hier begreife ich nicht.“ „Glaubſt Du, die Welt ſei ſo geſchaffen, daß Du ſie begreifen kannſt? oder Du ſeieſt dazu geboren, um die Welt zu begreifen? Wir haben euch ja eine Ueber⸗ raſchung verſprochen und wir ſind jetzt auf dem Weg, unſer Verſprechen zu erfüllen... Vorwärts...“ „Ganz gut und ſchön... aber ich gehe nicht vom Platz, bevor ich weiß, wohin ihr uns führt.“ „So wiſſe denn, Du friedliebendſter aller Lieute⸗ nants in der Welt, daß wir einen Wirth über uns haben.“ „Sprichſt Du vom Himmelreich... bei der Hölle, das wird immer unbegreiflicher.“ „Einen Lieutenant ins Himmelreich einzuladen, kann mir nie einfallen... er würde da nicht gedeihen. Ihr nennt uns indeſſen eure Wirthe?“ „Allerdings ſo lange ihr etwas zu bieten habt.“ „Aber wenn es jetzt ein dritter iſt, der uns eingela⸗ den hat, wie wollt ihr dann ihn nennen?“ „Natürlich euren Wirth.“ „Begreifſt Du uns jetzt, Du Plutusgenie. Unſer Ales geht auch zu unſerm Wirth, zum Chevalier Gour⸗ ville.“ Ein fröhlicher Ausruf von Seiten der Freunde gab zu erkennen, daß es ihnen jetzt klar zu werden anfing, obſchon die Sache ihnen noch immer nicht ganz durch⸗ ſichtig erſchien. „„Vorwärts Marſch!“ kommandirte nichts deſto we⸗ niger der Lieutenant. „Aufgeſpielt, Muſik!“ Unter Muſik und fröhlichem Getöſe kamen ſie im großen Saal eine Treppe hoch an. „Ei Du Schlingel,“ ſagte der Graf zu Weidne malſo ihr ſeid es nicht geweſen, die uns eingeladen haben! „Zum Henker, Bruder, was hätte denn auch un einer zu bieten?... das Talent...“ „Iſt obdachlos in Schweden, denkſt Du. opponire nicht.“ „Die Sache iſt die, daß der Chevalier, der längere Zeit hier zu Lande aufzuhalten gedenkt, die Tage einmal äußerte, er wünſche einige Bekanntſchaft zu machen, um ſeine Zeit angenehmer vertreiben zu it neu, und da verſprachen wir ihm, ihn mit Freunden verſorgen, während er für nichts anderes zu ſorgen haͤn als...„ „ „Für einen kleinen Schmaus, willſt Du ſagen.“ „Juſt das. Ich begreife nicht, warum er nicht l. reits hier iſt. Komm einmal eine her!“ Auf dieſen Ruf ſtellte ſich ſogleich die blauäugit Marie ein. „Hat der Chevalier ſich noch nicht gezeigt?“ „O freilich, er iſt drinnen im Stübchen... abe er macht eben ſeine Toilette.“. „Seine Toilette, was ſagſt Du? Du faſelſt, mei Kind.“ Mariens ſchalkhafte Miene war beinahe ſtereotyp „Du lächelſt blos... was meinſt Du... de Toilette, ſagteſt Du?⸗ „Was ſoll ich anderes ſagen? Aber man ſieht wohl daß die Herren den Chevalier noch nicht recht kennen Er hat Poſſen in ſeinem Kopf, die über alles anden gehen; doch ich weiß nicht, ob ich davon ſprechen darf. „Sag lieber, mein ſchönes Kind, daß Du nich weißt, ob Du es verſchweigen kannſt.“ „Ach ja, vielleicht iſt es das, aber... und uoc einmal aber...“ „Keine geheimnißvollen Mienen jetzt, die Schalt⸗ hafti nünf Cher hat, was dürf wie unte eine ſehr beite ſolch mer auch man erſte Abe liebe eidne aben! un mei p. di 39 haftigkeit ſteht Dir beſſer an, als die nüchterne Ver⸗ nünftigkeit.“ 3 4 „Die Sache iſt die, müſſen Sie wiſſen, daß der Chevalier ſo viele Talente und ſo viele Liebesabentener hat, daß der hundertſte Theil davon mehr iſt als alles, was ihr Herren zuſammen in eurem ganzen Leben haben dürftet.“ „Was plapperſt Du uns da vor?“ „Tauſend Teufel!“ „Gleich als ob wir nicht auch...“ „Eben jetzt erſt, müſſen Sie wiſſen, kam er ganz wie ein Arbeiter gekleidet hieher... mit einem Bündel unter dem Arm.“ „Was zum Henker ſchwatzeſt Du, Du Närrin?“ „Ich habe auch meine Berechnungen. Er kam von einem Rendezvous...“ „Mit irgend einer kleinen Arbeiterin?“ „Ei warum nicht gar? Ich glaube, daß es eine ſehr vornehme Dame iſt, in deren Haus er nur als Ar⸗ beiter Zutritt finden kann.“ „Der verſchlagene Schelm.“ „Und was ſagte er denn, als er hieher kam?“ „Ach, wir Mädchen, wir lachten ihn blos aus. Bei ſolchen Dingen darf man nicht thun, als ob man etwas merkte. Aber lachen darf man und das bedentet doch auch etwas.“ „Und er?“ „Er lachte mit.“ „Ihr verſtandet einander?“ „Wer denkt wohl daran, einander zu verſtehen, wenn man ſich nur amüſirt? Im Uebrigen war es nicht das erſte Mal, daß er auf dieſe Art kam. Er iſt ein rechter Abenteurer... ein Menſch, den man unwillkürlich zu lieben gezwungen iſt, unwiderſtehlich...“ Die jungen Herren hatten jetzt ſo viel vom Chevalier Gourville ſprechen gehört, daß ſeine Aktien in ihrem l theil ſehr hoch ſtanden. „Zum Henker,“ begann der Lieutenant,„dieſer E⸗ valler da muß ein famoſer Kerl ſein, und ich interef mich bereits für ihn. Aber ich meine, daß ich ſchon w hin von ihm gehört oder ihn geſehen habe.“ „Gewiß haſt Du das,“ antwortete Brundell,„ert nerſt Du Dich nicht, als wir das letztemal zu Kell eingeladen waren, an demſelben Abend, wo er Großfſi ſtadt kaufte?“ „Laß hören.“ „Dein Kompagnlechef, Kapitän Helm, meine in war ja auch mit dabei, ebenſo der junge Baron Lande und der Großhändler da. Es war ja am Abend Baͤl könnt ihr euch denn nicht mehr erinnern? Aber il ließet euch wie gewöhnlich am Spieltiſch nieder, und deß halb erinnert ihr euch an nichts mehr. Wenn ihr not obendrein verloret, ſo wird die Sache ganz verzeihlich. Auf dieſem Ball wurden Weidner und ich mit ihm be kannt, und ſeitdem haben wir Umgang mit einander ge⸗ habt. Daß er ein ganz angenehmer Mann iſt, ſovie ſteht feſt, Geld gennug hat er auch... aber ein bischel ſtolz, das iſt das einzige.“ „Nun gleichviel... wir wollen ſchon gute Freunde werden... ſo viel ich verſtehe, iſt er eine wahre Acqui⸗ ſition für uns.“ „Dieß iſt auch meine Meinung, weil er erſtens ein Ausländer, zweitens weil er bei den Damen in der Mode iſt, drittens...“ 2„Hat er viele Amonretten kühner und abenteuerlicher rt. „Und viertens..“ „Beſitzt er baares Geld in Maſſe und ſieht nicht auf den Stüber.“ „Ueber eine Sache ſollten wir indeß übere inkom⸗ men.“ und weit einf nen hinz was Fre und unſ mei an ſiche erſt in Taf nich Kel holl Dir haſt Da eli dell ßſ ſchen unde qui⸗ ein lode chet icht 41 „Laß hören.“ „Daß wir ihn für unſre eigene Rechnung behalten und den Kreis ſeiner Bekanntſchaften nicht noch mehr er⸗ weitern... man muß mit ſeinen Kapitalien haushalten.“ „Sehr gut bemerkt, mein Bruder. Wir wollen ihn einfaſſen wie eine Perle in...“ „In unſere Arme?“ 1812 „Allerdings. Es kann immer gut ſein, mitunter ei⸗ nen ſolchen Schatz zu beſitzen und ihn nicht aller Welt hinzuwerfen. Ich weiß Augenblicke, wo ich gerne Alles was ich beſaß, gegeben hätte, blos um einen reichen Freund zu bekommen.“ Das Rollen einiger Wagen ließ ſich jetzt wahrnehmen und man guckte zum Fenſter hinaus. „Ach ſiehe, da kommt Lander, eine der Hoffnungen unſrer ſchwediſchen Diplomatie.“ „Und Kapitän Helm, der ausgezeichnetſte Exerzier⸗ meiſter der Armee. Wahrhaftig iſt nicht jede Bewegung an ihm ein ordentliches Tempo, eins, zwei, drei...“ „Dort in der Allee kommt ein Reiter.“ „Sein Pferd geht im Schritt... der Mann iſt ſicherlich kein paſſionirter Freund von Gouters.“ „Aber wenn er gar nicht hieher käme?“ „Ich glaube, daß ihr den Reiter nicht kennet?“ „Ich nicht... wer iſt es denn?“ „Zum Henker, ein enorm reicher, junger Mann, der erſt neulich nach Schweden gekommen iſt; ein Jüngling in ſeinen beſten Bummlerjahren, mit Millionen in ſeiner Taſche. Ach mein Gott, welch ein glänzendes Leben könnte nicht Der führen!“ „Zum Henker, ich verſtehe... Es iſt alſo Paul Kellner, den Du meinſt, er, von dem bereits ganz Stock⸗ holm als von einem ächten Gentleman ſpricht. Ich danke Dir ſehr, Bruder Brundell, daß Du mich hieher geführt haſt, denn ich denke, es wird hier etwas ſcharf zugehen. Das iſt kein Künſtlermahl, wozu Du uns einludeſt, ſon⸗ 42 dern ein Kapitaliſtenmahl. Alſo Sturm, Sturm! 3i will nicht der Erſte ſein, der die Fahne verläßt. Sturm! Der junge Baron Lander war ſoeben, nebſt Kah⸗ tän Helm, aus dem Wagen geſtiegen und heraufgekomm Daß die Freunde ſie mit fröhlichem Händeſchlag un herzlichen Willkommsgrüßen empfingen, verſteht ſich von 1 ſelbſt Einen Augenblick ſpäter ſprang Paul Kellner von Pferd und übergab es ſeinem Bedienten. Beinah in demſelben Augenblick, wo Paul in der Salon trat, öffnete ſich die Thüre des inneren kleinen Zimmers und Gonrville trat heraus. Obſchon einander ſehr ungleich, beſaßen dennon Beide ein einnehmendes und ritterliches Ausſehen. Gour⸗ ville war vielleicht noch ſchöner, aber er bewegte ſich nicht mit derſelben Anmuth und abgerundeten Leichtigkeit. Ei forſchendes Auge entdeckte in ſeinem Benehmen leicht et⸗ was Erkünſteltes. Dagegen war Paul die Natur ſelbſt; offen, frei und ungezwungen. Sein Geſicht drückte je⸗ doch jetzt nicht ſo viel Heiterkeit aus, wie gewöhnlich; die Aufregung in Folge der Scene bei dem Geueral hob noch immer ſeine Bruſt und beſchäftigte ſeine Ge⸗ danken. Er war auch nicht gekommen, um ſeinem jugend⸗ friſchen Gemüth auf ein Stuͤndchen die Zügel frei ſchießen zu laſſen, ſondern hauptſächlich, um mit Gourville von Charlotte zu ſprechen, die auf eine ſo ungewöhnliche, aber aufrichtige Art ihr Schickſal in ſeine Hände gelegt hatte. Indem er ſeinen übrigen Gäſten im Vorbeigehen ein flüchtiges Compliment machte, eilte Gourville auf Paul zu und drückte ihm herzlich die Hand. Freundſchaft in Freud und Leid, ſagte er dabei, indem er ſeine eigene Worte bei ihrem erſten Zuſammen⸗ treffen an Bord des Delphins wiederholte. „In Leben und Tod,“ fügte er hinzu. Gourvilles warmer und aufrichtiger Gruß wirkte ! turm Kayj⸗ mma ug um ch von von n daſ leinen eunoh Gour nicht . Ein ht et⸗ elbſt: te je⸗ llich; neral Ge⸗ gend⸗ ießen von aber datte. gehen auf abei, nen⸗ irkte 43 vortheilhaft auf Paul, und die Wolke auf ſeiner Stirne ſchien wie vor einem Zauberſchlag zu verſchwinden. „Gut, Kamerad,“ antwortete er,„gut!“ Holtmann und Peter Raſch erhielten ein kleineres Seitenzimmer, das eigentlich die Schlafkammer der Auf⸗ wärterinnen war, aber ſich in derſelben Linie mit den⸗ ſelben befand, die man Gourville und ſeiner Geſellſchaft überlaſſen hatte. Was der Stier von ſich ſelbſt prophezeit hatte, nehmlich, daß man ihn nur ungern in der Küche auf⸗ nehmen würde, traf wirklich ein, aber Raſch war ge⸗ wöhnt, ſeine Verſprechungen zu halten, und er nahm den ausgehungerten Kameraden mit ſich hinauf in das Zimmer, das ihm geöffnet wurde, um den armen Sün⸗ der recht gründlich zu traktiren. Der Stier war auch nicht weuig froh darüber, daß ſeine Wünſche ſich noch beſſer verwirklichten, als er je zu hoffen gewagt hatte. Holtmann, Raſch und Netta ſaßen bereits um einen mit leckeren Gerichten und guten Weinen reichlich ſervir⸗ ten Tiſch. Der Stier hatte zwar einen beſonderen Platz erhalten, wurde indeſſen nicht minder gut traktirt. Inzwiſchen nahte das Getöſe von der Ankunft der neuen Gäſte den Ohren Gonrville's, der noch allein auf ſeiner Seite auf⸗ und abwanderte. „Wer iſt da innen?“ fragte er und runzelte die Stirne. „Nur drei Gäſte,“ antwortete die blauäugige Marie ſich verneigend. „Was ſoll das heißen? Gäſte da?“ heit zur Rache. 44 „Nur ein Seemann, Chevalier, und ſo ein Wacht meiſter, glaube ich,“ fiel die goldgelockte Auguſte ein. „Und eine Trödlerin,“ fügte die ſchlanke Finke hing „Ich habe ſie ſchon früher einmal geſehen.“ „Und dann ein ganz einfacher Hafenknecht,“ ergäng Marie. Gourville's Stirne wurde immer düſterer. „Habe ich nicht geſagt, daß ich heute Abend allet über das Wirthshaus verfügen wolle?“ „Allerdings, Herr Chevalier,“ verſetzte Auguſt „ich ſagte das auch, aber 4 „Aber, meinte man, ſolche Leute können Sie nith geniren, obſchon auch ich...“ 1 „Ihr müßt ſie fortſchaffen... unter allen Umſtän⸗ den fort mit ihnen... ſogleich, ich verlange es.“ „Seht ihr,“ bemerkte die ſchlanke Finke,„ſeht ihn ich bekomme am Ende doch Recht.“ 4 „Es iſt nicht unſere Schuld, Chevalier... die lange Charlotte hatte es ſo ſchlecht veranſtaltet.“ „Wäre die lange Charlotte nicht geweſen, ſo hätte man ſie nicht aufgenommen, aber ſie..“— „Sie miſcht ſich in Alles, Herr Chevalier, und ſo müſſen wir die Schuld tragen, obſchon...“ „Gleichviel... ich will heute Abend allein hier Herr ſein.“ Die Mädchen merkten, daß mit dem Chevalier im Augenblick nicht zu ſpaſſen war. Seine Stirue war finſter und gebieteriſch, ſeine Worte beſtimmt; ſie wußten daher nicht, was ſie thun ſollten, als ſie jetzt hinaus⸗ ſprangen. Die lange Charlotte hatte von der Hausflur aus die Angaben ihrer Kamerädinnen gegen ſie gehört, und obſchon ſie ſich darüber ärgerte, ſo ließ ſie ſich doch nichts anmerken, ſondern wünſchte ſich nur eine Gelegen⸗ ... Ohne Charlotte ein einziges Wort zu ſagen, ſteckten inz zuſ lan ein Wacht ein. hing rgän dallei uguſt e nith mſtäl⸗ öt ihr . die hätte nd ſo hier er im war ußten naus⸗ aus und doch gen⸗ ckten 45 inzwiſchen Marie, Auguſte und die Finke ihre klugen Köpfe zuſammen, um ſich aus ihrer Verlegenheit zu retten. Alle drei waren auch verſchlagen genug, um keiner langen Ueberlegung zu bedürfen, und ſie hatten bald ein Mittel ausgedacht, woher es nun kommen mochte. Der Plan, die ehrlichen Leute mit einer Kriegsliſt zu überrumpeln und fortzujagen, war alſo bald fertig. Und vergnügt lachten ſie ſchon in der ſicheren Ueberzeu⸗ gung, daß ihnen dies nicht blos gelingen, ſondern daß ſie zu gleicher Zeit auch ſehr viel Spaß dabei haben würden. Sie hatten bei ihren drei Gäſten ſogleich etwas Originelles entdeckt, an was ſich die ſchalkhaften, um nicht zu ſagen bübiſch boshaften, Mädchen zu halten beſchloſſen. In Holtmanns würdigem und wohlhäbigem Aus⸗ ſehen bemerkten ſie den Typus eines Mannes, der in egoiſtiſchem Selbſtvertrauen ganz getroſt auf ſeinen Lor⸗ beeren ausruhen zu können glaubt. In Raſchs Aufmerk⸗ ſamkeiten und Netta's verſtohlenen Blicken ſahen ſie da⸗ gegen einen kleinen Schleichhandel in Liebesangelegen⸗ heiten, der ihnen äußerſt angenehm erſchien. Aus dem Ganzen war auch etwas für ſie zu machen, und mit ihrem reifen Verſtande und ihrer reichen Erfah⸗ rung brauchten ſie das Terrain und die Charaktere nicht lange zu ſtudiren, um einen Schwank auszuſinnen, der für die Umſtände paßte. „Wiährend ſie den Augenblick abwarteten, wo Gour⸗ ville's Gäſte ſich verſammeln und der Schmaus beginnen würde, fanden ſich einige von ihnen unter höflichen Vor⸗ wänden in dem Stübchen ein. „Iß, Kamerad, und trink auch,“ rief Raſch dem Stier zu.„Haſt Du vorher keinen Wind im Segel gehabt, ſo haſt Du ihn jetzt und ſollſt ihn nicht verlaſſen, bis Du Deine Schute ganz voll geladen.“ Der Stier ließ ſich auch nichts abgehen; er ver⸗ ſchlang in dieſem Augenblick ein ganzes Beeſſteak. „Soll das Bier ſein, bayeriſch Bier, verſteht ſich? .. fragte Raſch darauf Holtmann und Netta,„ode 5 iſt es vielleicht blos ein geringer Wein oder Limonade! Hf „Bier!“ antwortete Holtmann, indem er ſeine Häm mir über dem Magen kreuzte, während ſein Blick auf ein Co Portion Geflügel haftete,„Bier! ich liebe das Bis Aber kein bayeriſches, das ſchmeckt nach Harz.“ an „Und Sie, Frau Netta... lieben Sie das Bier auch! n⸗ „Nein, Capitän Raſch, aber ein wenig Limonal der —, oder vielleicht wäre Sodawaſſer beſſer, was ſagn Sle, Kapitän?“ und „Beides, Frau Netta, das eine zuerſt und das a dere hernach.“ ken Die blauäugige Marie hatte ſich die Namen gemelt ein und meinte, jetzt einen kleinen An griff wagen zu können „Ach mein Gott,“ ſagte ſie,...„aber verzeihen gen Sie mir, Herr Kapitän... ich weiß nicht... es geh mir wahrlich im Kopfe um u ud um.“ ver. Raſch und Retta blickten zu gleicher Zeit auf. M s iſt die einzige Sprache in un rſtehe, ſonſt ſpreche ich eben ſo gut japaneſiſch, wie hottentotiſe i den Eingebornen wird t⸗ dah⸗ en, wenn ich recht bei ihnen anlege. Pumpe immerhin Dein Herz au zu... ſprich.“ ſage „Verzeihen Sie mir,“ verſetzte Marie,„aber habe Ihn ich nicht die Chre, mit dem Capitän Raſch zu ſprechen? Ach ja, Sie find es, Herr Capitän, es kann kein an⸗ derer ſein.“ „Capitän Peter Raſch, mir zur Ehre...“ 3 „Und Andern zur Schande, ja! Juſt das, Herr Ich Capitän... wenigſtens... aber Sie werden doch mal nicht böſe auf mich werden, weil ich, wie Sie ſelbſt wiſſen, nichts dafür konnte.„.⸗ Wir bin dt ſich? ,„ode onade! e Häm uf ein 8 Bie auch! no na ſaga as ar emelt önnen zeihe 3 geh 47 „Was zum Henker ſoll das bedeuten?“ ſagte Raſch, „willſt Du das Stag mit mir wenden, oder mir einen Strick um meinen ehrlichen Namen ſchlingen? Heraus mit der Campagne⸗Flagge, mein Mädchen.“ „Ich glaube, Sie kennen mich nicht mehr, Herr Capitän?“. Die blauängige Marie nahm eine ſo gerührte Miene an, als ihr nur möglich war.— Netta warf einen argwöhniſchen Blick auf Raſch, der bei dieſer Frage etwas erſchrocken zurückfuhr. „Ob ich Dich noch kenne? Ich habe ein wenig hier und ein wenig dort vor Anker gelegen; ob ich Dich noch kenne, ſagſt Du? Nein, meine Freundin, nein, das iſt ein Mißverſtändniß.“ Raſch ſah, daß ſowohl Holtmann als Netta ihn aufmerkſam betrachteten, und da er dadurch immer verle⸗ gener wurde, ſo beſchloß er, beſtimmt zu läugnen. „Sie haben alſo den Keller: Schwedenus Sonne vergeſſen?“ „Schwedens Sonne, ſagſt Du? Nein, die vergeſſe ich nie; aber zum Teufel... was ſage ich... es iſt unmöglich, ſich an Alles zu erinnern... Schwedens Sonne... laß ſehen...“ Marie begriff ganz gut, daß Peter Raſch alle Virthshäuſer des Reichs kennen würde, und ſie konnte daher unerſchrocken jeden beliebigen Namen nennen. „Ich erinnere mich wohl noch der Zeit, wo Sie zu ſagen pflegten, es ſei viel Sonnenſchein da, wenn ich Ihnen aufwartete.“ „Und auch viel Sonnenrauch... zum Henker, ich bin nirgend rauchiger geweſen als dort.“ „Das haben Sie mir ſo oft geſchworen...“ „Geſchworen?“ unterbrach ſie Raſch,„geſchworen? Ich habe niemals einem Weibe Treue geſchworen, nie⸗ mals, zum Henker... wie ſoll ich ſchwören?“ Als Netta dieſe Verſicherung Raſchs hörte, heftete ſie einen beſtürzten Blick auf ihn und er ſchien ſogleit glaub die ganze Bedeutung deſſelben zu begreifen. Sie „Das heißt,“ berichtete er ſich ſogleich,„ein einz gesmal ausgenommen, aber das geſchah erſt in dieſe begal Tagen.“ Jetzt war es Holtmann, der verwundert aufſchaut behal Raſch fühlte das Brennende in ſeinem Blick. „Wie dumm ich herausſchwatze,“ corrigirte er ſi 6 eich meine nicht in diefen Tagen, ich meine einmalt dieſen Nächten.“ Raſcl Netta wurde blutroth im Geſicht. Holtmann ru Du zelte die Stirne und ſtarrte ihn forſchend an. Raſt merkte auch jetzt erſt, daß er, um ſich aus einer kleinen zurü⸗ Dummheit zu helfen, eine noch größere begangen ham Hand „Erinnern Sie ſich nicht, wie Sie mir damat ſchworen,“ fuhr die blauängige Marie fort, die bereit leicht eine Frucht ihres Einfalls zu genießen glaubte...„wie nicht Sie mir ſchworen...“ Ihre „Tod und Teufel, ich bin bei den Frauenzimmen immer glücklich geweſen, das iſt wahr; aber wer zun„hol Henker kann ſich auf alle Eroberungen beſinnen? Nu geme ſo viel weiß ich, daß ich niemals... merke Dir das, mein gnädiges Püppchen... niemals auf irgend etwas jetzt einen Eid abgelegt habe. Ich will frei ſein, wie ein bezer Seeräuber, und jagen... verſtehſt Du mich... und unbe jagen und auch entern, wenn es dazu kommt, aber ich ſeini ſchwöre nie.“ Ei d „Sie ſchwören nie, gleichwohl...“ Marie kam noch nicht weiter, als die Thüre auf⸗ ſprang und die goldlockige Auguſte hereinſtürzte. ging „Ich habe gehört, der Capitän Raſch ſoll hier ſein; Sas ja, ach ja, da iſt er ja. Geliebter Raſch.. geliebter..“ Wei Raſch ſtierte beſtürzt das ſchöne Mädchen an. nahn „Sollten Sie mich ſchon vergeſſen haben?“ meinte ner ſie, indem ſie dreinſah, wie die Treuherzigkeit ſelbſt,... naber ſo geht es in der Welt; wenn man den Herreu D 49 gleit glaubt, geht man ſeinem Verderben entgegen... aber ein ieſe aute ſic alh run taſt ine atfe na reit wie ner zun Nur das, vas ein und ich nuf⸗ in; 76 nte ren Sie ſollen ſchon noch etwas erfahren.“ Und eben ſo ſchnell, als ſie hereingekommen war, begab ſich Auguſte wieder hinaus. Holtmann fixirte Netta, die kaum ihre Ruhe beizu⸗ behalten vermochte. Raſch ſaß ſprachlos da. „Sie ſchwuren mir,“ begann Marie wieder. „Zum Teufel, ſo ſchweig doch einmal,“ brummte Raſch, der immer heißer um die Ohren wurde,„wenn Du ſagſt, daß ich geſchworen habe... ſo ſchwöre ich...“ In dieſem Augenblick kam die goldlockige Auguſte zurück, ein kleines in Oel gemaltes Kinderporträt in der Hand haltend. „Sehen Sie, Capitän, ſehen Sie, kennen Sie viel⸗ leicht dieſes kleine Porträt nicht wieder?... gibt es nicht eine Stimme, die von dieſen kleinen Lippen zu Ihrem Herzen ruft?“ „Ihr ſeid alle Beide verrückt,“ antwortete Raſch, „hol euch der Teufel! Hat man je in der Welt ein Oel⸗ gemälde etwas rufen hören?“ „Aber, meine Herrſchaften“— Auguſte wandte ſich jetzt an Holtmann und Netta—„Sie können gewiß bezeugen, daß die Naſe des Kindes der des Capitäns unbeſchreiblich ähnlich iſt, daß das Haar vollkommen das ſeinige iſt, daß das Kinn dem ſeinigen gleicht, wie ein Ei dem andern, daß die Stirne...“ „Still, Du infames Lügenmaul!“ „Naſch war beinahe außer ſich. Netta's Verzweiflung ging ihm zu Herzen. Dagegen begann Holtmann die Sache kälter zu nehmen, und als er Auguſte an ſeine Weisheit appelliren hörte, ſetzte er ſeine Brille auf und nahm eine Miene an, gleich als hätte er als Geſchwore⸗ ner in einem wichtigen Preßprozeſſe zu entſcheiden. „Weißt Du auch, Brnder, die Naſe des Kindes Das Gewiſſen. IV. 4 gleicht wirklich der Deinigen, obgleich die Deinige rölt 1m* lwähr und verwitterter iſt... was das Haar betrifft, Haln . ſo... ſo.. Hen. Pie v „Laß einmal mich ſehen,“ rief jetzt Netta, den⸗ Intereſſe ſich unaufhörlich ſteigerte,„ich beſitze doch dihn wiß auch einiges Urtheil. O Gott bewahre mich, norau kannſt Du ſo ſchwatzen... das Kind hat eine Su ſonde naſe, lieber Holtmann, und Raſch hat die ſchönſte M von der Welt. Ja, das verſteht ſich,“ fügte ſie hin Ich als ſie bemerkte, daß ſie in ihrem Lob zu weit geganz deſſe war,„es verſteht ſich, mit Ausnahme Deiner eigen gega mein lieber Holtmann, die unſtreitig noch ſchöner iſt“ habe So lange dieſe Vergleichung zwiſchen den Naſ ſtund Raſchs und des Kindes andauerte, wurde es Raſch imm heſſe übler zu Muth, und es war ihm, als ſäße er in eint habe Ameiſenhaufen. ſo k Im Uebermaße ſeines Verdruſſes richtete er ſiſagt endlich auf, entſchloſſen, der Sache ein Ende zu machelerlog aber in dieſem Augenblicke ſprang die ſchlanke Fillich. hervor, die bisher nur die ſtille und zurückgezogene 3 ſchauerin gemacht hatte.„Du „Auch mich kennen Sie wohl nicht mehr?“ frag ſie;„aber doch vielleicht dieſen Ring da?“ Cha Ihre Frage traf Raſch wie ein Schlag. ankl. „Mein Gott,“ bemerkte Holtmann mit ungemeinaklein Hochweisheit,„da ſieht man die Folgen der Jugendberſoll, irrungen.“ tion Netta ſchlug ihre Augen nieder und ſtieß eine tiefen Seufzer aus. jetzt letz Raſch, der in ſeinem Geiſte eine ganze Verthei daß dungsrede entworfen hatte, verlor von Neuem dalläun Concept. Der Himmel weiß auch, wie die Sache hätte enderſpra können, wenn nicht die lange Charlotte jetzt dazu gekon Ueb⸗ men wäre. dent Bei ihrem Anblicke fuhr Raſch einen Schritt zurütverr 51 4 rötwährend Neita gewiß zum zwanzigſtenmal erblaßte und „Holtmann zu huſten anfing. Man ahnte, daß auch ſie, die vierte in der Reihe, jetzt komme, um Anſprüche an daihn zu machen. och Charlotte runzelte inzwiſchen jetzt nicht ihre Augen⸗ h brauen, wie ſie gegen den Großhändler gethan hatte, Sti ſondern ſie lachte, wie man nur lachen kann. te M„Ach mein ewiger Himmel,“ rief ſie,„wie luſtig! hin Ich ſage es doch immer, die vornehmen Leute ſind weit ganz veſſer, als wir armen Schlucker, die wir in keine Penſion eigen gegangen ſind und keine Erziehung genoſſen haben. Hier iſt“ haben Sie jetzt, Madame, die Güte gehabt, eine Viertel⸗ Naßſtunde lang ganz freundlich zuzuhbren, was dieſe unver⸗ immbeſſerlichen Weibsbilder da ins Blane hineingeſchwatzt ein haben. Aber wenn die gnädige Herrſchaft ſie nicht kennt, ſo kenne ich ſie um ſo beſſer. Die blanäugige Marie er ſifagt, ſie ſei in der Sonne geweſen. Das iſt gänzlich nacheſerkogen. Sie iſt ſo wenig in der Sonne geweſen als Füllich. Aber ſehen Sie, das macht nichts.“ ne 3„Still, Du Schwätzerin, ſtill,“ rief Marxie jetzt, „Du darfſt nicht allein das Wort führen.“ rag„Und dieſes Porträt dort,“ fuhr nichtsdeſtoweniger Charlotte fort,„wegen deſſen man jetzt den Herrn Capitän anklagt, o es iſt doch gar zu närriſch... das iſt ein meinckleines Stück, welches den Tobias als Kind vorſtellen endverſoll, und das Auguſte dieſer Tage einmal in einer Auk⸗ tion kaufte..“ ein„Schweig, ſage ich Dir, Charlotte, jedeufalls ſchweig ietzt, ſiel Marie ein,...„o es iſt zum Raſendwerden, theiddaß man kein Wörtchen ſagen darf, wenn man ſo ver⸗ n daläumdet wird.“ „Und was dieſen Ring betrifft, Herr Capitän,“ endelſprach Charlotte weiter, ohne auf die Proteſtation der gekom Uebrigen zu achten, den hat die Finke von einem Stu⸗ denten bekommen, der ſich vor einigen Wochen in ſie zurüt vernarrte. Die gnädige Herrſchaft meint, dies alles ſei 52 ganz unmöglich, aber es iſt dennoch wahr, was ich ſage. Als dieſe Mädchen da den Herrn Capitän ſahen, von dem ſie vermutheten, er ſei vielleicht kürzlich erſt aus Oſtindien zurückgekommen, ſo witterten ſie ſogleich hübſche geſchmuggelte Zeuge, und das würde juſt in ihren Kram paſſen, und dann ſieht der Herr Capitän auch ein bischen danach aus und heißt noch obendrein Raſch, es iſt ja doch ſo?2“ Raſch war bereits wieder zu ſich gekommen und begann von Neuem aufzuleben. Holtmann ſchielte miß⸗ trauiſch bald die einen, bald die andern an. Netta em⸗ pfand ein Gefühl wahrer Dankbarkeit gegen Charlotte. „Die blauäugige Marie und die goldlockige Auguſte,“ ſchwatzte Charlotte, deren Zunge, wenn ſie einmal in Bewegung geſetzt war, keine Luſt hatte, ſtehen zu bleiben, ſondern jetzt unanfhörlich ging, gerade wie ein Windmüh⸗ lenflügel,„die blauäugige Marie und die goldlockige Auguſte leben nur für einen einzigen Gedanken, nämlich, ſich verheirathen zu können. Morgens beten ſie zu Gott um einen Bräntigam und Abends um einen Mann. Statt um das tägliche Brot zu beten, beten ſie um einen Anbeter. Etwas anderes iſt ihnen noch nie am Herzen ge⸗ legen und wird ihnen auch nie am Herzen liegen, bis ſie Leſerinnen geworden ſind, was gewiß ihr letztes Schick⸗ ſal ſein wird. Wenn die Welt nichts mehr mit uns zu ſchaffen haben will, ſo ſind wir den Leſerpfarrern noch gut genug, und das iſt unſer letzter Troſt.“ „Aber dieſer Eid da, mein lieber Raſch,“ ſiel end⸗ lich Holtmann ein, der unaufhörlich von dem Gedanken daran gequält wurde,,dieſer Eid da, den Du erſt vor einigen... vor einigen...“ Er ſtammelte, weil er nicht wußte, ob er das Wort herausſagen ſollte oder nicht. Netta warf einen verſtohlenen Seitenblick auf Raſch, der ſich verpflichtet fühlte, zu antworten; aber Charlotte 53³ kam ihm zuvor, denn ſie ſchien jetzt Niemand mehr ein Wort in der Sache geſtatten zu wollen. „Dieſer Eid,“ verſetzte ſie,„dieſer Eid? damit ver⸗ hält es ſich ſo, daß der Capitän mir geſchworen hat.. 24 Netta's Geſicht verdüſterte ſich wieder. „Ihnen geſchworen?“ fiel Raſch ein. „So, ſo, ſo, er hat Ihnen geſchworen 2“ bemerkte Holtmann,„ah, jetzt beginne ich zu verſtehen.“ „Er hat geſchworen, daß er... Charlotte betrachtete die drei Gäſte, um die ver⸗ ſchiedenen Mienen zu ſtudiren.. „Er hat mir geſchworen, daß er mich niemals würde leiden können.“ Raſchs Stirne klärte ſich auf und Netta athmete leichter. Holtmann dagegen leerte ſein Bierglas bis auf den Grund und ſah ganz zufrieden aus. „Wills doch glauben,“ ſagte er,„wills doch glauben.“ Die drei andern Mädchen hatten unanfhörlich Char⸗ lotte unterbrechen wollen, aber dieſe hatte hartnäckig das Wort behalten, und als die Andern endlich ſahen, daß all ihre Bemühungen an dem anhaltenden Redefluß ihrer Kamerädin ſcheiterten, begannen ſie zu lachen, was den Rückzug eines hübſchen Mädchens im Augenblicke der Verlegenheit immer deckt. Die lange Charlotte benutzte die Gelegenheit, um Netta ein Wort ins Ohr zu flüſtern. „Nun, nun, meine liebe Madame, ich habe Sie ja gerettet,“ ſagte ſie.„Ich ſehe wohl, wie die Sache ſteht... aber das macht gar nichts. Wer kann wohl dafür, wenn das Herzchen klopft? Alle Weiber ſind Mädchen... nicht wahr?“ Ein heftiges Geklingel vom großen Salon unterbrach hier alles weitere Raiſonnement. Man könnte vielleicht glanben, Holtmann habe über das, was ſich zugetragen, mißvergnügt ſein müſſen, aber es war gleichwohl nicht der Fall. Er war ruhig wie dan ein Käſekuchen, was offenbar eben ſo ruhig iſt wie eine dieſ geſtandene Milch. „Das ſind doch Teufelsmädchen, dieſe Kellnerinnen die da,“ raiſonnirte er;„man weiß nie, wie man mit ihnen daran iſt. Wirſt Du mirs glauben, Raſch... auch hal meine Frau war einſt ein ſolch niedliches Püppchen, als ſie noch jung war. Man ſollte es nicht meinen, wemn Me man ſie jetzt ſieht.“ er Netta und Raſch wechſelten einen Blick. „Apropos, mein lieber Raſch,“ fuhr Holtmann forh ehr „Du mußt doch in Deinen Tagen ein Hauptſpitzbube ge⸗ bei weſen ſein.“ er „Ich kanns nicht läugnen,“ antwortete er mit einer ter nicht minder gutmüthigen als ſelbſtzufriedenen Miene, „die Weiber waren damals alle in mich vernarrt, aber ne jetzt iſt es leider Gottes anders, oder was glauben Sie, de Netta?“ ö„O, Gott bewahre mich... davon verſtehe ich gar„i nichts... ich glaube gar nichts.“ Als die vier Mädchen auf die Hausflur hinaus ka⸗ R men, wurde die lange Charlotte von den drei andern an⸗ he gegriffen. „Du haſt Dich abſcheulich gegen uns benommen,“ m. begann die blauängige Marie. „Recht garſtig,“ ſtimmte die goldlockige Auguſte ein. „Wir waren auf ſo gutem Wege,“ fügte die ſchlanke Finke hinzu,„und da kamſt Du und verderbteſt uns alles zuſammen. Das war dumm von Dir, aber wir wollen uns ſchon rächen.“ „Thut es immerhin,“ antwortete ihnen Charlotte⸗ „aber ich will euch jetzt nur ſagen, daß es von euch abſcheulich, garſtig und dumm war, als ihr euch vor einer Viertelſtunde bei dem Chevalier Gourville auf meine Koſten rechtfertigen wolltet. Glaubt ihr, ich habe es nicht gehört..„o, ich habe auch meine Ohren... und vit ine nen nen uch als eun ort, ſe ner ene, ber Sie, gat ka⸗ an⸗ en,“ ein. anke alles ollen otte, euch vor neine nicht und 5⁵ dann wolltet ihr hineingehen und euch ohne mich über dieſe ehrlichen Leute da luſtig machen.“ „Aber was ſollen wir jetzt dem Chevalier ſagen, der dieſe Leute durchaus vom Halſe haben will?“ „Wann ihr nichts ſagt, ſo vergißt er es ſchon; deß⸗ halb ſchweiget, das iſt das Beſte.“ Der Stier aß mehr, als er auf den Scherz der Mädchen mit Raſch geachtet, und mehr als er aß, achtete er auf das, was im Zimmer neben ihm vorging. „Eure Geſundheit, meine Herrſchaften, auf meinen ehrenwerthen Freund Holtmann und ſeine gute und lie⸗ benswürdige Frau!“ ſagte Raſch, ohne zu bedenken, daß er der einzige in der Geſellſchaft war, der die Herrſchaf⸗ ten repräſentirte. Nach einer Weile hörte der Stier im Zimmer da⸗ neben eine Stimme ſprechen und er blinzelte dabei mit den Angen. „ Dies iſt der Löwe,“ murmelte er vor ſich hin, „ich habe ihn. Warte nur!“ Einen Angenblick ſpäter ſchlug eine Stimme auch an Raſch's Ohren, ſo daß ſeine Hand mit dem Glas auf halbem Weg zum Mund einhielt. „Ei der Tauſend,“ dachte er,„da drinnen iſt ja mein Freund Paul. Ich möchte doch wohl ein Glas mit ihm trinken.“ Eilftes Kapitel. Fortſetzung. Der Schmaus des Chevalier Gourville h atte inzwi⸗ ſchen ſeinen Fortgang genommen. Man aß und trank, enn er nur zuvor e erfüllen können. 1 nder herum; alle waren belebt und fröhlich. Gourville galt in den Angen der Herren für einen ganz vortrefflichen Wirth. ſagte der Künſtler Brundell zu ng von den übri⸗ zufrieden mit den Gäſten, ie ertheilten mir eine ſo unumſchränkte Vollmacht, daß die Wahl ſchwer hielt.“ „Ich bin vollkommen zufrieden. Sie beſitzen Urtheil und Geſchmack, mein Herr. Man ſieht wohl, daß Sie Künſtler ſind.“ Der Lieutenant und der Gr Gourville zu ihrem Freunde zu lichen Gelegenheiten, um in ei kommen. Sie traten jetzt au „ eich merke, daß and auf dem Tapete ha⸗ Marie oder vielleicht der fällt beinahe Anguſte noch v . 3 ͤ —— 57 „Sie täuſchen ſich, Herr Lieutenant, wir ſprachen juſt von gar nichts.“ „Wirklich? Ah, ich verſtehe, Sie wollen die Er⸗ oberung maskiren. Chevalier, Sie ſollen juſt der Mann nach dem Herzen der Damen ſein. Man weiß auch Ver⸗ ſchiedenes von Ihnen zu erzählen. Sie glauben vielleicht, daß ich in dieſer Beziehung ganz unwiſſend ſei. Täu⸗ ſchen Sie ſich indeſſen nicht Man weiß eine Menge Sa⸗ chen, obſchon man auch zu ſchweigen verſteht, z. B.... dieſe vornehme Dame... bei welcher Sie als Arbeiter Geſchäfte machen... Sie werden ernſthaft... ver⸗ zeihen Sie mir, Chevalier, verzeihen Sie, ich verſpreche, bei Ihren Freunden nicht davon zu plaudern. Sie kön⸗ nen ſich auf mich verlaſſen... Ihr Geheimniß...“ Brundell bemerkte, daß der Chevalier wirklich einige Verlegenheit zeigte, und er glaubte ſich verpflichtet, ihm zu helfen. „Du haſt doch immer mehr Worte als Gedanken, Du liebenswürdiger Diviſionschef,“ ſagte er daher.„Du darfſt mir alſo auch glauben, daß wir von keinen Lie⸗ besgeſchäſten ſprechen... ſondern von ſehr ernſten An⸗ gelegenheiten. Du weißt nämlich nicht, daß ich und Waidner juſt heute beſchloſſen haben, eine Zeitung heraus⸗ zugeben.“ „Heute...6 eine Zeitung... ihr...“ „Wie ich ſage. Davon ſprachen wir; dieſer Gegen⸗ ſtand beſchäftigt uns, und Du kamſt dabei auf die ein⸗ fältige Vermuthung, daß wir euch über Tiſch einen Bären aufbinden wollten.“ „Parbleu! Gedenkt ihr wirklich eine Zeitung heraus⸗ zugeben?“ „Ihr zwei? eine Zeitung?“ tobte man um ſie her. „Ein guter Einfall, ein vortrefflicher Einfall! na⸗ türlich dürfen dann eure Freunde dieſes Blatt als ein offentliches Organ benützen, im Fall ſie je Feinde angrei⸗ fen müſſen, verſteht ſich von ſelbſt, daß ſie dagegen die Verpflichtung übernehmen, ſo gut ſie können, für euch in die große Trompete zu ſtoßen.“ „Welche Farbe wird ſie erhalten?“ „Unbeſtimmt... unbeſtimmt.“ „Sie darf kein Strom mit eigenen Wogen werden, ſondern muß dem Strome folgen.“ „Man wird nicht populär, wenn man Principien hat; keine Principien iſt alſo das beſte Princip.“ „Die Redaktion darf niemals zugeſtehen, daß ſe Unrecht haben kann.“ „In einer ſo aufgeklärten Zeit wie die unſrige, we alle Menſchen geiſtreich ſind und die Dummheit gänzlich von der Erde verſchwunden iſt, verſpricht die Redaktion in jeder Nummer eine Dummheit zu begehen, damit die Race nicht ganz ausſtirbt.“ „Die erſte Nummer wird einen Grundſtock enthalten, wovon der ganze Jahrgang vegetiren kann.“ „Die Zeitung muß eine Achſe haben, um die ſie ſich drehen kann... eine Idee... einen leitenden Ge⸗ danken.“ „Das iſt unnöthig; wenn ſie ſich nur dreht, ſo glaubt das Volk ſchon, daß ſie eine Achſe habe.“ „Aber zwei Pole muß ſie beſitzen, wovon der eine Wenn und der andere Aber heißt. Um ſich zu drehen, bedarf es nicht mehr.“ „Wenn ihr von reiſenden Künſtlern ſprecht, ſo iſt der letzte immer der größte.“ „Einheimiſchen Talenten ſchenkt ihr ſo wenig als möglich Aufmerkſamkeit, inſofern es nicht in eurem In⸗ tereſſe liegt, ſie niederzuſäbeln, und es iſt dann immer ein Gewinn für euch, weil ſie euch ſonſt über den Kopf wachſen könnten. Das wäre unerhört... haut die Canaille nieder.“ Mit den Gläſern in der Hand waren die guten 3 Freunde unerſchöpflich an guten Rathſchlägen. Brundell 59 uch i und Waidner labten ſich ſchon vorſchußweiße an der Chre, die ihnen auf der publiciſtiſchen Bahn zufallen müßte.“ „Man hat,“ ſagte Waidner,„meinen Schriften bis⸗ her niemals Aufmerkſamkeit widmen wollen, und ich habe erden geſchworen... „Dich jetzt ſelbſt zu recenſiren,“ fiel man ein. cipie Die Freunde lachten und tranken.. „Ganz daſſelbe Verhältniß iſt mit mir,“ bemerkte uß ſe Brundell.„Obſchon ich weiß, daß meine Arbeiten höchſt verdienſtvoll ſind, hat man gleichwohl beſtändig Spott we und Tadel darüber ausgegoſſen; aber läßt man mir künf⸗ nzlich tig keine Gerechtigkeit widerfahren, ſo werde ich ſchon aktion von mir hören laſſen..“)— it die„Du mußt handeln wie Waidner, und Waidner muß handeln wie Du: ihr dürft nur euch ſelbſt und einander alten, gegenſeitig bewundern. Die Zeitung wird dann con⸗ ſequent.“ e ſich„Wir wollen ſchon ſehen... ich bin auch nicht ſo Ge⸗ dumm.. 5— 1 Gourville hatte das Brundell⸗Waidneriſche Zeitungs⸗ laubt Projekt ſtill und aufmerkſam angehört. Es iſt klar, daß es ihm in Folge der Pläne zu einer durchgreifenden ein Veränderung der Staatsgeſellſchaft, die ſich jetzt in ſei⸗ eben nem Haupte wälzten„ ſehr vortheilhaft geweſen wäre, hüber eine Zeilung verfügen zu können. Er kam jetzt auf d ſſ eine Idee und beſchloß den tüchtigen Zeitungsredakteuren bei paſſender Gelegenheit einen Vorſchlag zu machen, von als dem er hoffte, daß ſie ihn annehmen würden. In⸗ umer Kopf— die en: 2 s 2 Der junge Baron Lander war während des vorher⸗ gehenden Geſprächs mit diplomatiſcher Feinheit ein ſchweig⸗ ——O——, 60 ſamer Zuhörer geblieben. Dagegen hatte er mit dem Grafen und Capitän Helm von dem letzten Maskenball bei Hof geſprochen, und er konnte nicht genug Worte des Lobes finden für die Pracht und Ueppigkeit, die ſich dabei entwickelt hatte. „Du äußerſt Dich gar nicht über unſer Zeitungs⸗ projekt,“ ſagte Waidner zu Baron Lander.„Es wäre doch intereſſant, auch Deine Anſicht zu hören.“ Der Diplomat zuckte blos die Achſeln. „Du willſt mit Deiner Meinung nicht herausrücken: aber Herr Graf und Herr Capitän, was denkt ihr? Laßt hören.“ „Meine Anſicht,“ antwortete der Graf,„geht dahin, daß alle Zeitungen verbrannt werden ſollten. Ich kann das Recht der öffentlichen Aeußerung nicht ertragen, weil es eine allgemeine Meinung ſchafft, die meine Grafen⸗ krone ebenſo leicht verſchlingt wie eine Meringue.“ „Aber,“ antwortete Waidner,„was wäre ohne dieſe öffentliche Meinung die Nation? und Deine Anſicht, Capitän?“ „Ich ſtimme mit dem Grafen überein, nur mit dem Zuſatz, daß man alle Publiciſten in meine Rekrutenſchule ſtecken ſollte: ich wollte ſie ſchon marſchiren lehren, ich.“ „Ihr ſeid Conſervateurs, meine Herren. Begreift ihr nicht, daß die Publicität die Stimme des allgemeinen Verſtandes iſt? daß die Publieiſten die Sachführer der nationalen Intereſſen ſind? daß die Fragen der Menſch⸗ heit künftig nur auf dem Weg der ruhigen Erörterung, aber nicht mehr mit Bajonetten und auf dem Schlacht⸗ feld, zum Vortheil der Menſchheit entſchieden werden müſſen?“ „Phraſen, leeres Gerede.“ Gourville's Falkenblick ſchwebte über die Geſellſchaft und machte es ihm möglich, immer da einzufallen, wo ſein Intereſſe es gebot. „Sie haben Unrecht, mein beſter Graf,“ bemerkte er —, 61 jetzt,„daß Sie die Zeitungen verdammen; an Ihrer und des Capitäns Stelle würde ich ſie ſegnen.“ „Wie ſo 2“— Verſtehen Sie mich recht,“ fuhr Gourville fort, „Sie ſind alle beide Männer in den beſten Jahren.“ „Das mag ſein.“ „Sie wollen vorwärts, aufwärts!“ „Allerdings.“ „Sie ſind ehrgeizig, und in Bezug auf Ihre billigen Wünſche geht es unter gewöhnlichen Umſtänden mit der Beförderung allzu langſam voran.“ „Wir können das nicht läugnen.“ „Können Sie das nicht läugnen, ſo müſſen Sie noth⸗ wendig ein Heilmittel dagegen ſuchen.“ „Nun?“ „Ein ſolches können Sie nur in den Zeitungen finden.“ „Wir verſtehen Sie nicht.“ „Es iſt ja klar, daß die Regierung Freunde bedarf, ohne Freunde könnte ſie nie beſtehen.“ „Zugegeben.“ „Das Bedürfniß von Freunden wird für jede Re⸗ gierung immer fühlbarer, je mehr ſie von ihren Gegnern angegriffen wird.“ „Gewiß.“ „Sorgen Sie alſo dafür, daß ſie, je heftiger je beſſer, angegriffen wird, dann werden auch in Folge zwingender Umſtände ihre Sympathien für die Freunde ſich entwickeln.“ „Aber... „Aber, dürften Sie bemerken wollen, wenn man die Feinde gegen die Regierung bewaffnet, ſo iſt man ja nicht der Freund der Regierung.“ „Juſt das, ja.“ „Mein Gott, die Schweden ſind noch Kinder in der Politik. Die Sache iſt ja doch ganz einfach. Sehen 62 Sie, meine Herren, um Freunde der Regierung zu wer⸗ den, verurtheilt man öffentlich alle diejenigen, die ſie an⸗ greifen, und um dieſer Freundſchaft Werth zu verleihen, überliefert man den Angreifern unaufhörlich in aller Stille und auf Privatwegen ſo viel wie möglich Auf⸗ ſchlüſſe, die der Regierung ſchaden. Sie verſtehen mich doch?" Die Zuhörer gaben die größte Verwunderung zu erkennen. „Sie ſind Graf,“ fuhr Gourville ungezwungen fort; „nun wohl, ſo geben Sie der Preſſe heimlich Veranlaſ⸗ ſung, das gegenwärtige Königshaus mit der Familie Waſa zuſammenzuſtellen, während Sie ſelbſt laut und offen dieſe Handlungsweiſe der Preſſe verdammen, dann können Sie ſicher ſein, daß man Sie ſchätzen wird. Sie, Capitän, müſſen dagegen als Angriffsmittel den Zeitun⸗ gen ganz privatim Aufſchlüſſe über alle mögliche mili⸗ täriſche Fragen mittheilen, zu gleicher Zeit aber ihren offiziellen Dienſteifer recht deutlich an den Tag legen, dann wird das Bedürfniß Ihre Beförderung beſchleuni⸗ gen. Wenn Sie, meine Herren, ſolche kleine Finten außer Acht laſſen, ſo laſſen Sie ſich blos von Ihren Kameraden übertölpeln, welche das A B C der politiſchen Moral beſſer kennen als Sie.“ „Aber der Staat wird ja auf dieſe Art in ſeinem innerſten Heiligthum zerriſſen, und man ruft ja ſelbſt früher oder ſpäter nothwendig eine Criſis hervor.“ „Und dann? Inſt ſolche Gährungen ſind es, die Männer von Kopf und Herz wünſchen müſſen.“ „Aber der Ausbruch kann ja uns ſelbſt begraben und vernichten.“ „Eine kindiſche Befürchtung, Herr Graf. Welche Partei auch ſiegen mag, ſo ſind Sie immer gerettet. Siegt die Regierung, ſo ſind Sie ja ihr officieller Freund geweſen; ſiegt die Gegenpartei, ſo haben Sie ihr ja im Stillen immer angehört. Geben Sie zu, daß ich Recht ab 2 u habe Dn⸗ eine Antwort auf ſeine Frage abzuwarten, kehrte Gourville ihnen den Rücken und ließ ſie ſtill und gedankenvoll ſtehen. 3 Er war inzwiſchen überzengt, daß er in ihre Ge⸗ müther einen Samen zukünftiger Früchte geworfen habe, die er einmal ſelbſt pflücken zu dürfen hoffte. „Chevalier,“ rief in demſelben Augenblick der Lieu⸗ tenaut von einer andern Seite,„haben Sie die Güte und kommen Sie hieher. Sie müſſen Richter ſein zwiſchen mir und dem Künſtler Brundell.“ Gourville fand ſich ſogleich bei ihnen ein. 4 „Unſer Freund Brundell,“ fuhr der Lieutenant fort, „iſt berühmt durch die Genialität, womit er die Gemälde⸗ ausſtellung in der Künſtlergilde anordnet. Er behauptet jetzt ausgemittelt zu haben, daß Stockholm eine ſolche Menge alter vortrefflicher Meiſter beſitze, daß es ſogar mit Paris rivaliſiren könne. Was ſagen Sie dazu, Chevalier, Sie, der Sie die Kunſtſchätze von Paris wahrſcheinlich mehr als einmal an Ort und Stelle ſtu⸗ dirt haben?“ Brundell erhob ſein Haupt, um ſich ein intereſſantes Anſehen zu geben. In der That ſelbſt hatte er geglaubt, er könnte in dieſer Beziehung ohne die geringſte Befürch⸗ tung, auf die Finger geklopft zu werden, dem Lieutenant alles vorſchwatzen, was ihm nur einfiele. Da der Lieutenant inzwiſchen Gourville zu Hülfe rief, gerieth er in einige Verlegenheit, verlor jedoch ebenſo wenig den Muth, als er die Hoffnung aufgab, ſich zu vertheidigen. Brundell war einer von jenen vielen Künſtlern, die das Land zwar niemals gekannt hat und auch niemals kennen wird, die aber der Künſtlerzunft Leben und Auf⸗ ſchwung geben und von dem Katheder derſelben herab⸗ mit geläufiger Zunge zu ſchwadroniren wiſſen. Aus einer unbekannten Beſcheidenheit war er eine bekannte Unbe⸗ ſcheidenheit geworden. Er hatte zwar die Unterakademis durchlaufen, aber da er dort kein ſonderliches Glüch machte, ſo rächte er ſich durch eine beſtändige Oppoſition gegen dieſelbe und benützte hierzu alle möglichen Vor⸗ kommniſſe innerhalb der Gilde. Je heftiger daher die Angriffe wurden, um ſo höher ſtieg ſein Anſehen in der⸗ ſelben. So lange er in die Anfangsſchule ging, war es ihm zuletzt gelungen, einen Preis für Zeichnung einet großen Naſe zu gewinnen; hernach war er in die untere Antike verſetzt worden, und nachdem er dort einige Jahre nach Gypsbildern gezeichnet, kam er endlich ins Modell oder in die höhere Antike, wo er die lebenden weiblichen und männlichen Modelle zu ſtudiren anfing, bei welcher Gelegenheit die Profeſſoren als Hüter am Altar der Un⸗ ſchuld Dienſte verrichten. Es war ihm allerdings nie gelungen. den höchſten Preis zu erhalten, und deßhalb war er auch nicht berechtigt, ein Stipendium anzuſprechen, aber dies kam nach ſeiner eigenen Behauptung nur vom Neid, der ein Genie zurückſetzen wollte, das, wenn es ſich hätte ausbilden dürfen, die Profeſſoren ſelbſt ver⸗ dunkelt haben würde. Nichts deſtoweniger ſchritt er auf ſeiner Bahn fort, indem er ſeine Verehrung hauptſächlich den italieniſchen Meiſtern weihte, obſchon die Bosheit be⸗ hauptete, daß er in der italieniſchen Malerkunſt es nicht ſehr weit gebracht habe, ſo wenig als in der italieniſchen Buchhaltung. Als glücklicher Weiſe die Künſtlergilde aufkam, wurde er eines der eifrigſten Mitglieder derſel⸗ ben; ja er arbeitete ſo eifrig, daß man ſagen konnte, ——.—,—9——ꝛ,——. —„ 65 er arbeite nicht blos mit dem Mund, ſondern auch mit Händen und Füßen. Hier wurde er daher bald ein leitendes Licht, und dieß war kein Wunder, da einige Zeitungen ihn auch als Referenten über das, was im Schooße der Gilde vorgieng, annahmen, und es ihm alſo frei ſtand, nach Belieben diejenigen herunter zu ma⸗ chen, denen er übel wollte. Der Chevalier ſah nicht ungern, daß der Lieutenant ihn zum Richter über Brundell aufrief, denn als er ſich kurz vorher an ihn gewandt hatte, um ſich einen ent⸗ fernten Einfluß auf die Zeitung zu verſchaffen, die Weid⸗ ner und Brundell herausgeben wollten, zeigte der Letztere keine Luſt, ihn anzuhdren. Der Chevalier hoffte, daß er jetzt eine Gelegenheit bekommen würde, ihn ein wenig nachgiebiger zu ſtimmen. „Bei der Bekanntſchaft, die der Chevalier mit Paris und ſeinen Kunſtſchätzen gemacht hat,“ begann Brun⸗ dell mit einem vornehmen Lächeln, ehe Gourville ſich hatte äußern können,„kann es dem Lieutenant nicht ſchwer werden, ein Geſpräch über die ſchönen Künſte mit ihm zu führen, aber gleichwohl will ich erwähnen, daß ich mehr als ein Paradoxon, als in irgend einer andern Abſicht die Behauptung aufgeſtellt habe, daß Schweden eine größere Sammlung von älteren Gemäl⸗ den beſitze, als ſogar Paris. Es iſt wahr, daß Schwe⸗ den au ſolchen ſehr reich iſt, und unter anderen beſitze ich ſelbſt eine Sammlung von nicht unbedeutendem Werth. Ich habe z. B. zu verkaufen...“ Gourrille unterbrach hier Brundell, indem er ganz ſachte die Hand auf ſeine Schulter legte. „Sie haben Recht, Herr Brundell,“ verſetzte Gour⸗ ville,„was Sie ſagen, kann nicht beſtritten werden. Ihre eigene Künſtlerſchaft ſteht außerdem zu hoch, als daß nicht auch Ihr Urtheil unfehlbar ſein ſollte. Ich für meinen Theil verſtehe mich übrigens ſehr wenig auf die Das Gewiſſen. IV. 5 66 ſchönen Künſte und habe äußerſt geringe Kenntniſſe da⸗ von. Ich weiß nur eine einzige Sache.“ „Und die iſt?“ Gourville heftete einen feſten Blick auf Brundell. „Daß die meiſten alten Gemälde, die jetzt im Handel cirkuliren, verfälſcht ſind. Das iſt,“ fügte er mit ei⸗ nem Achſelzucken hinzu,„das Einzige, was ich in Kunſt⸗ ſachen gelernt habe.“ „Verfälſcht?“ Die Gäſte ſammelten ſich um Gourville, neugierig auf die Erklärung, die er ſeinen Worten geben würde. Brundell biß ſich in die Lippen, ohne eine gewiſſe Verlegenheit verbergen zu können. „Was ich hinzufügen will,“ fuhr Gourville fort,„iſt ſicherlich keinem unſerer Herren Künſtler unbekannt, wenn auch das große Publikum vorher nichts davon gewußt hat. Oder was glauben Sie, Herr Brundell?“ „Aber die Verfälſchnng?“ rief man rings um ihn her. „Erklären Sie ſich!“ Gourville, der Brundells ſteigende Verlegenheit be⸗ merkte, konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren. „Wollen Sie zum Beiſpiel wiſſen, wie eine alte Handzeichnung von einem großen Meiſter verfertigt wird?“ fragte er. „Ja, ja 14 „Vielleicht thue ich jedoch Unrecht, im Fall ich eines der Geheimniſſe unſerer Künſtler verrathe,“ bemerkte Gour⸗ wille gegen Brundell gewandt. Brundell hörte ſeine Frage kaum. „Tauſend Teufel,“ fiel der Lieutenant ein,„Sie machen gar zu lange Einleitungen, Herr Chevalier, ſprechen Sie doch, ich bitte Sie.“ „Nun wohl, meine Herren, um eine falſche alte Hand⸗ zeichnung zu machen, braucht man blos das neue Papier mit einem ganz dünnen Tabaksöl anzufeuchten, wodurch es ein recht antediluvianiſches Ausſehen bekommt; ſodann a⸗ nimmt man eine Schüſſel voll Kleiſter, läßt ihn ſtehen und ſchimmeln, und hält, das verſteht ſich, das Papier dar⸗ über. Hierauf zeichnet man mit Tinte, die ſtark mit Vi⸗ triol verſetzt iſt, und auf dieſe Art kann jeder Künſtler el ſoviel claſſiſche Handzeichnungen produziren, als ihm nur i⸗ einfällt.“ ſ⸗„Vortrefflich, charmant!“ rief man,„jetzt begreifen wir, woher Du Deine Sammlungen nimmſt, ha ha ha!“ Der Chevalier wandte ſich während des allgemeinen ig Getöſes ganz unbemerkt gegen Brundell und fragte ihn, ob er ſich in Betreff der Zeitungsfrage beſonnen habe. ſe Brundell ſtreckte die Hand gegen Gourville aus, zog ſie aber haſtig wieder zurück, gleich als hätte er es bereut. ſt„Will man dagegen ein Gemälde zu einem alten in Meiſterwerk machen,“ fuhr der Chevalier gleichgültig fort, t.„ſo braucht man nur eine alte Leinwand von einem an⸗ dern alten Gemälde zu nehmen. Der Grund wird auf r. die gewöhnliche Weiſe präparirt. Man kopirt darauf ein altes Stück. Sodann überſtreicht man es mit Gummi e⸗ oder einem ähnlichen Harz.“ 2 Brundell trat jetzt näher zu dem Chevalier. te„Und läßt es in ſtarker Temperatur trocknen, wodurch 7 das Gemälde Millionen kleine Ritzen bekommt.“ „Sie verſtehen die Charlatanerie, Chevalier,“ be⸗ merkten die Zuhörer, die um ihn her ſtanden,„bravo, bra⸗ 3 viſſimo!“ ⸗ Zrnndell ſchien mit ſeinen Augen um Gnade und Barmherzigkeit zu flehen. „Um die Arbeit zu vollenden,“ fuhr indeß der Chevalier en fort,„hängt man das Gemälde dann in den Schornſtein und ſe räuchert es; hat es endlich den ächten alten Ton, das ge⸗ wünſchte Ausſehen gewonnen, ſo wird es gefirnißt. Auf d⸗ dieſe Art haben mehr als ein Schwede in Rom gute Ge⸗ ſchäfte gemacht, weil das ſchärfſte Auge kaum den Betrug h zu entdecken vermag.“— n Gourville hielt inne und fixirte Brundell. 68 „Auch hier in Schweden,“ fügte er hinzu, als Brun⸗ dell nicht nachgeben zu wollen ſchien,„auch hier in Schwe⸗ den hat man in den neueſten Zeiten ſich auf dieſelben Ge⸗ ſchäfte zu werfen angefangen... ich kenne zum Bei⸗ piel... 3 Der Chevalier beobachtete dabei Brundells Bewe⸗ gungen ganz genau. Brundell beſann ſich jetzt nicht mehr lange, ſondern gab Gourville ein Zeichen, das dieſer verſtand. Er verſtummte. „Fahren Sie fort, fahren Sie fort!“ ermahnten ihn die Uebrigen. „Verzeihen Sie mir, meine Herren,“ antwortete er ihnen,„ich vergeſſe meine Pflichten als Wirth, um von Dingen zu ſchwatzen, wovon ich nichts verſtehe. Sie be⸗ greifen wohl, daß ich nur geſcherzt und es mit meinen Aeußerungen hier durchaus nicht ernſt genommen habe. Laſſen Sie uns jetzt aus Deſſert gehen.“ „Sie haben mit uns geſcherzt,“ rief man ihm von rechts und links zu,„bravo, Chevalier, das war verdammt gut gegeben... ha, ha, ha!“ „Zum Henker!“ brummte der Lieutenant, tröſtete ſich aber bald während der Fortſetzung des Schmauſes. „Nun,“ flüſterte der Chevalier Brundell zu,„die An⸗ gelegenheit wegen der Zeitung iſt doch zwiſchen uns im Reinen?“— „Wir wollen mit Weidner ſprechen. Wann treffen wir uns?“ „Wann Sie wollen.“ „Gut.“ „———,——— 69 Paul Kellner konnte es zu keiner behaglichen Stim⸗ mung bringen. Er war zu ſehr von ernſten Gegenſtänden in Anſpruch genommen, als daß ihm nicht die lärmende Freude und das Geplander der Andern bedentungslos und langweilig hätte erſcheinen müſſen. Wäre er ſein ei⸗ gener Herr geweſen, ſo würde er ſogleich das Wirthshaus verlaſſen haben und nach der Stadt zurückgeritten ſein; aber er mußte einen Angenblick abwarten, wo er mit Gourville allein ſprechen konnte, um ſein Verſprechen ge⸗ gen Charlotte erfüllen zu können. Schweigſam und ver⸗ ſchloſſen ſchritt er unter den Gäſten einher, bald mit dem einen, bald mit dem andern ein Wort wechſelnd, jedoch ohne Intereſſe für irgend jemand. Das einzige Geſicht, das ihn frappirte, war der junge Baron Lander, in wel⸗ chem er denſelben Herrn wieder erkannte, den er, als er zum erſtenmal Jaquette an ihrem Fenſter entdeckte„ihr zur Seite geſehen hatte. Sein Aublick machte inzwiſchen jetzt nicht mehr denſelben Eindruck auf ihn wie damals, weil er wußte, daß Lander zwar um Jaquette gefreit, aber einen Korb bekommen hatte. Baron Lander, der durch Gourville in Kenntniß geſetzt worden war, daß er hier mit Paul zuſammentreffen würde, hatte ſich haupt⸗ ſächlich deßwegen eingefunden, weil er dem Wunſch nicht widerſtehen konnte, ſeine Bekanntſchaft zu machen. In⸗ zwiſchen war es gegen ſein Gefühl, ſich ihm zu nähern, obſchon er, deſſenungeachtet, ſeinen Blick nicht von ihm abzuwenden vermochte. Auf ſolche Art begegneten ſich ihre Augen oſt, ohne daß ſie noch ein einziges Wort mit einander gewechſelt hatten. Die Liebe zu demſelben Gegenſtand war es, was ſie in dieſer Ferne hielt. Zufällig ſtießen ſie jedoch endlich bei einer Aunſternſchüſſel zuſammen. „Haben Sie die Güte, und bedienen Sie ſich, mein err l⸗ „Nach Ihnen, ich bin nicht preſſirt,“ becomplimentir⸗ ten ſie einander. „Wenn ich Auſtern ſehe,“ bemerkte Lander,„ſo muß ich 8 70 gewöhnlich an das Weiberherz denken; es iſt ſelten genug, das man eine ächte Perle drin findet.“ Unſer junger Diplomat wollte ſich durch dieſe Wen⸗ dung Gelegenheit verſchaffen, das Geſpräch auf Jaquette zu bringen, dieſes Hauptthema aller Meditationen ſeines Herzens. „Ich beklage Ihre Erfahrung,“ antwortete Paul, „aber ich kann Ihnen nicht Unrecht geben, weil Sie ver⸗ muthlich mehr ſtudirt haben, als ich. Lieben Sie die Au⸗ ſtern bereits aufgebrochen?“ „Natürlich, wer wird ſich die Mühe nehmen wollen, ſie ſelbſt aufzubrechen 2“ Lander hatte ſeine Vergleichung zwiſchen den Auſtern und dem Weiberherze bereits vergeſſen, wogegen Paul ſie noch in ſeinem Gedächtniß bewahrte. „In dieſem Fall,“ fügte Paul daher hinzu,„müſſen Sie entſchuldigen, wenn derjenige, der ſie aufgebrochen, die Perke behalten hat und Sie die Muſchel leer finden. Ich erbreche meine Auſtern am liebſten ſelbſt, und zwar juſt der edlen Perle wegen.“ Lander runzelte die Augenbrauen, weil er jetzt merkte, was Paul ſagen wollte.. „Apropos,“ ſagte er, theils um ſein Mißvergnügen über ſich ſelbſt zu verbergen, theils auch um einen ver⸗ wundenden Pfeil in Pauls Herz abzudrücken,„ich kann Ihnen eine Neuigkeit erzählen, die Ihnen, da ich weiß, daß Sie in näheren Freundſchaftsverhältniſſen zu dem General Roſenpalm ſtehen, viel Freude machen muß.“ „Sie haben Recht, Herr Baron, ich intereſſire mich wirklich für den General.“ „Nun denn wird es Sie auch freuen, zu erfahren, daß ſeine Tochter, Fräulein Jaquette, heute Mittag zum Hoffräulein ernannt worden iſt, und morgen ihren Vater verlaſſen wird, um ihren Dienſt anzutreten.“ Was höre ich? Sie wird von ihrem Vater weg⸗ ziehen?“ 71 „Natürlich... Sie bekommt jetzt ihre Zimmer im Schloſſe.“. Mnder bemerkte, daß ſeine Nachricht Paul aufregte, 0 und da er nicht weiter gehen wollte, ſo verließ er ihn ſogleich. Paul begab ſich, noch ernſter geſtimmt, als vorher, in eines der kleineren Zimmer. Ende war und man anfing, die Als der Schmaus zu ſuchte der Chevalier Paul hier Bowle hereinzubringen, auf. Bei Gourville's Eintritt erhob ſich Paul ungeduldig und ging ihm entgegen. „Endlich,“ ſagte er,„haben Sie doch Zeit für mich, Chevalier.“ „Entſchuldigen Sie mich, Herr Kellner; aber Sie haben ſelbſt geſehen, daß ich nicht einen einzigen Augen⸗ blick frei war. Die Freundſchaft hat ihre Anſprüche und die Eigenſchaft eines Wirthes führt ihre Pflichten mit ſich. Jetzt ſtehe ich übrigens zu Dienſten— mit was kann ich Ihnen nützen?“ „Laſſen Sie uns Platz nehmen, Chevalier. Die Sache betrifft eigentlich Sie mehr als mich, und ich würde mich nicht hineinmiſchen, wenn nicht ein ganz beſonderes Ereigniß mich dazu veranlaßte.“ Gourville begriff ſehr gut, daß Charlotte aus dem Material, das er ihr geliefert, irgend eine Fabel zuſam⸗ mengeſchmiedet und ihn hinein gemiſcht habe. Er war auch nicht ohne Neugierde, zu erfahren, wie das ſchlaue Mädchen die Sache behandelt hatte. „Ein beſonderes Ereigniß,“ wiederholte er daher; nich 72 hoffe doch, daß es fröhlicher und nicht trauriger Natur iſt.“ „Urtheilen Sie ſelbſt, nachdem Sie mich gehört ha⸗ ben. Sie lieben doch, Chevalier?“ Gourville, der nicht wußte, was Charlotte geſagt hatte, wußte nichts zu antworten. „Und Sie gedenken ſich auch zu verheirathen,“ fuht Paul fort, als Gourville beharrlich ſchwieg.„Sie läug⸗ nen es nicht?“ „Nun, und wenn es wirklich der Fall wäre?“ ant⸗ wortete er jetzt, indem er weder ja noch nein ſagte. „Sie dürfen ſich nicht ohne Grund darüber verwun⸗ dern, daß ich Kenntniß von einer Sache habe, die Sie vielleicht geheim zu halten wünſchten, bis ſie vollkommen entſchieden iſt. Aber ich hatte heute den Beſuch von ei⸗ ner Perſon...“ „Von einer Perſon, die Ihnen auvertraute?“ Paul ſchloß aus Gourvilles zweidentiger Antwort, daß er ſein Geheimniß ihm nicht preis geben wolle, und er erblickte darin eine Beſtätigung der Angaben Charlottens. „Wie ich ſage.“ „Sie haben wohl keine Urſache, mir zu verſchweigen, wer dieſe Perſon war?“ 3 „Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen ſagen kann“ „Und gleichwohl haben Sie Auftrag erhalten, mit mir darüber zu ſprechen?“ „Es iſt wahr. Das Frauenzimmer, das Sie lieben, heißt doch Charlotte? Sie hören, daß ich unterrichtet bin.“ 3 Gourville wandte ſich ab, um das Lächeln zu ver⸗ bergen, das er nicht zurückzuhalten vermochte, als er jetzt zu begreifen anfing, wie Charlotte die Sache be⸗ handelt hatte. „Sie haben,“ fuhr Paul fort,„die Mutter auf Ihrer Seite, aber das Mädchen, das wiſſen Sie ſelbſt am Be⸗ ſten, denkt anders.“ 73 In dieſer Erklärung lag Etwas, das Gourville ver⸗ droß. Und da er noch immer die Wahrheit von Pauls Geſchichte weder zugegeben noch gelängnet hatte, ſo ſtand es ihm alſo offen, zu thun, was er wollte. Er brauchte ſich nicht lange zu beſinnen, um einen Entſchluß zu faſſen. 1 „Ah, Sie glauben es,“ ſagte er,„aber nichtsdeſto⸗ weniger habe ich gegen Alles das Etwas zu bemerken, was Ihr Urtheil ſehr verändern wird.“ 1 „Haben Sie die Güte, zu ſprechen, ich bin die Auf⸗ merkſamkeit ſelbſt.“ „Aber, vielleicht ſetzen Sie die Wahrheit meiner Worte in Zweifel.“ Weit entferut, Chevalier, dazu habe ich durchaus keine Urſache.“ Werden Sie indeſſen nicht überraſcht, aber ich ver⸗ ſichere Sie, daß ich ebenſo wenig ans Heirathen denke, als ich überhaupt von einer Parthie weiß.“ „Was höre ich?“ „Die Wahrheit, mein Herr.“ Gourvilles Miene war inzwiſchen in dieſem Augen⸗ blick nicht vollkommen aufrichtig, und Paul wußte nicht, ob er an ſeine Erklärung glauben ſollte, oder an den zweideutigen Blick, der ſie begleitete und von etwas ganz anderem zeugte. Gourville hatte nicht daran gedacht, daß Charlotte ihn in ihr Geſpräch mit Paul miſchen würde, aber als er bemerkte, daß ſie es gethan, hielt er es für das Klügſte, ſich zurückzuziehen, weil man es ſonſt ihm hätte zur Laſt legen können, wenn Charlotte und die Baronin Lander in ihrem Unternehmen gegen Paul kein Glück hatten. Ueber⸗ dieß wußte er ſehr gut, daß man eine Liebesaffaire läug⸗ nen kaun, ohne daß Jemand es glaubt. Auf dieſen Punkt wollte er auch Paul führen, und es gelang ihm. „Ich verſtehe Sie vollkommen, Chevalier,“ ſagte Paul.„Sie wollen Ihre Privatangelegeuheiten ſelbſt aus⸗ 74 machen, und dulden die Einmiſchung einer dritten Per⸗ ſon nicht. Ich mißbillige das nicht, aber da Sie wiſſen, daß die Dame, um die es ſich handelt, einen Andern liebt, ſo bin ich überzeugt, daß Sie ein zu ehrenhafter Mann ſind, um Sie durch Ihren Einfluß auf die Mut⸗ ter zu einem Schritt zwingen zu wollen, der Sie Beide gleich unglücklich machen müßte. Die offene Freundſchaſt, die Sie mir ſeit unſerm erſten Zuſammentreffen zeigten, hat mich glauben laſſen, daß ich ein Geſpräch über dieſe Sache wagen könute.“ „Aber, mein Gott, Herr Kelluer, ich habe ja geſagt, daß man Sie getäuſcht habe.“ „Ihr Ausſehen zeugt gegen Sie.“ „Aber ich verſichere...“ „Sie meinen, daß Sie keine Aufrichtigkeit ſchuldig ſeien?“ „Ich betheure, daß ich das meine, was ich ſage.“ „Ehevalier, ich weiß, daß Sie heute Abend...“ „Heute Abend?“ „Sich bei Charlottens Frau Mutter einfinden wer⸗ den.“ „Ach, Herr Kellner, jetzt wollen Sie mit mir ſcher⸗ zen.“ 5 „Es gelingt Ihnen nicht, mich irre zu leiten... ich habe verſprochen Sie dort zu treffen, und ich gedenke, Wort zu halten.“ Das Getöſe im äußern Zimmer nahm immer mehr zu; man vermißte den Wirth, und wurde ungeduldig. „Aber noch einmal, Sie täuſchen ſich.“ Gonrvilles lächelnde Lippen und glühende Blicke widerſprachen ihm gleichſam unaufhörlich. „Ich glaube, was ich will, Chevalier, und ich ver⸗ muthe, daß wir uns heute Abend um 10 Uhr treffen werden; inzwiſchen entferne ich mich jetzt, da ich finde, daß ich hier nichts ausrichten kann.“ Als Paul dieſen Entſchluß zu erkennen gab, bereute 75 Gourville ſeine frühern Verſicherungen, weil er dadurch ſelbſt Paul Veranlaſſung gab, ſo ſchuell aufzubrechen. Zu⸗ rücknehmen wollte und konnte er ſie nicht gut, und noch weniger durfte er Paul erlauben, ſich zu entfernen. Was ſollte er thun? Er war einen Augenblick unſchlüſſig. „Sie gedenken mich zu verlaſſen...“ „In gewöhnlichen Fällen liebe ich Lebhaftigkeit und Geſellſchaft um mich her, aber heute nicht,“ „Sie ſind melancholiſch.“ „Das iſt's nicht; aber ich habe an viel zu denken, und man denkt am Beſten, wenn man allein iſt. Alſo... ich ſage nur Ihnen Lebewohl, die Uebrigen werden mich nicht vermiſſen.“ „ Nein, nein, Herr Kellner, Sie dürfen nicht gehen. Wir werden Sie aufmuntern. Ein fröhlicher Umgang belebt das Gemüth. Sie müſſen bleiben.“ „Unmöglich.“ „Aber ich erlaube nicht, daß Sie ſich entfernen.“ „Ich gehe.“ „Sie ſtören die allgemeine Freude.“ „Glauben Sie das nicht.“ Paul war entſchloſſen und Gourville fand kein Mit⸗ tel, das ihn zurückzuhalten vermochte, ſondern fürchtete, der Hauptzweck der ganzen Einladung, darin beſtehend, daß er Paul abhalten wollte, nach Hauſe zurückzukehren, möchte ihm aus den Händen wiſchen. „Sie haben mir Freundſchaft verſprochen,“ ſagte er;„aber Sie handeln feindſelig.“ „Chevalier,“ antwortete Paul, indem er ſich auf⸗ richtete,„Sie müſſen zugeben, daß es Augenblicke gibt, wo man nicht Herr über ſich ſelbſt iſt; Augenblicke, wo ernſte Prüfungen uns in unſre Herzen zurückdrängen, und wo wir nicht immer gerne oder leicht den Schatten von etwas anderem als unſere eigene Gedanken ertragen. Dieſes Verhältniß findet wenigſtens für den Augenblick bei mir ſtatt. Ich habe Ihnen den wichtigen Auftrag 76 noch nicht anvertraut, den ich von einer ſterbenden ge⸗ liebten Perſon erhielt, und weßhalb ich eigentlich nach Schweden zurückgekehrt bin. Sie wiſſen auch nicht, daß ich heute einige Dokumente von der koſtbarſten Beſchaffen⸗ heit verloren habe; Sie wiſſen nicht, daß ich zu mei⸗ nem wirklichen Schmerz die Ehrlichkeit meiner eigenen Umgebung bezweifeln muß; mit einem Wort, Sie wiſſen nicht, daß dunkle Wolken aufgeſtiegen ſind, daß Gefahren, oder wenigſtens Verdrießlichkeiten von ſehr fühlbarer Art mich zu bedrohen ſcheinen. Wundern Sie ſich alſo nicht, wenn ich für mich ſelbſt zu ſein wünſche. Meine Anwe⸗ ſenheit hier ſtärkt nur die Freude der Andern, ohne daß ſie mich ſelbſt zu beleben vermag. Halten Sie mich al⸗ ſo nicht zurück, ſondern laſſen Sie mich gehen, aber er⸗ blicken Sie darin keine Feindſeligkeit. Wenn ich nicht ein inneres Bedürfniß empfände, für mich allein zu ſein, ſo wäre ich der Letzte, der Sie verlaſſen würde.“ Gourville wollte ihn inzwiſchen um jeden Preis nicht aus ſeinen Händen laſſen, und dennoch beſaß er kein Mittel, ihn zurückzuhalten. Dieß quälte ihn. Wie viel mußte nicht verloren gehen, wenn Paul jetzt in ſein eigenes Hotel zurückkehrte! Er ſah auf die Uhr. Es war erſt 8 Uhr. Ein ganz eigenthümlicher Ausdruck zeigte ſich dabei in Gourvilles Geſicht. Seine Augen, ſonſt groß und bell, wurden kleiner und feuriger. Die Stirne legte ſich in eine einzige große Runzel. Das Kühne in ſeinem Weſen be⸗ kam eine Wildheit, die jedoch nur einen einzigen Augen⸗ blick andauerte. Seine eine Hand ballte ſich, während die andere noch mit der Uhrkette ſpielte. Der Strahl ſeiner Augen flog über den Boden hin und blieb in ei⸗ nem Winkel haften, wo das von dem cryſtallenen Kron⸗ leuchter ſonſt ſtark beleuchtete Zimmer gleichſam alle ſeine noch übrigen Schatten geſammelt hatte. Wäre Paul nicht von ſeinem eigenen Gedanken ſo ſehr beſchäftigt gewe⸗ ſen, ſo hätte er in dieſem Augenblick leicht in das In⸗ 77 nere dieſes vielſeitig erfahrenen, gefährlichen Mannes blicken können. „Ich danke Ihnen, Chevalier,“ ſagte Paul, ohne auf die ungewöhnliche Bewegung zu achten, die in Gour⸗ ville vorging,„daß Sie mich zurückhalten wollen; aber ich muß Sie jetzt verlaſſen. Leben Sie wobl!“ Gonrville fuhr zuſammen, als er Pauls Lebewohl hörte.. „Nein, Sie dürfen nicht gehen, Herr Kellner, Sie müſſen da bleiben. Ich will es.“. Seine Worte waren heftig, aber ihr Ton milderte ſich, ſobald er wieder zur Beſinnung kam. „Das heißt,“ fuhr er fort,„Sie müſſen zuvor ein Glas mit mir trinken. Sie ſtarren mich an. Verzeihen Sie mir, aber ich bin leidenſchaftlich, d. h.... ich hatte ſo gewiß auf Sie gerechnet, daß, um die Wahrheit zu ſagen, ſogar die ganze Einladung eigentlich nur Ihret⸗ wegen veranſtaltet worden iſt. Wollen Sie nicht die Güte cht haben, hier zu bleiben, Herr Kellner?“ ein Paul zögerte einen Augenblick mit ſeiner Antwort. „Es ſchmerzt mich, Ihnen nein zu ſagen,“ antwor⸗ en tete er dann,„aber ich fühle mich hier gedrückt, ich be⸗ te! finde mich in der That nicht wohl. Iuzwiſchen glaube ich nicht, daß Sie vollkommen aufrichtig gegen mich ſind, bei weil ich mir unmöglich vorſtellen kann, daß man mich ell, in der Erzählung von Ihrer Liebe und Freiwerbung ge⸗ ine täuſcht habe. Hat man mich wirklich getäuſcht, dann... be⸗ dann... aber es iſt unmöglich.“ en⸗ Gourvilles Abläugung hatte Paul zu allerlei ſtillen end“ Betrachtungen Anlaß gegeben. Der Gedanke, daß Char⸗ ahl lotte ihn getäuſcht haben ſollte, regte ihn um ſo mehr ei⸗ auf, als in dieſem Augenblick, obſchon erſt jetzt, geich ei⸗ on⸗ nem Lichtſtrahl die Idee durch ſeine Seele flog, daß Char⸗ ine lotte während ihres Beſuches bei ihm, eine kurze Weile cht allein in dem Zimmer geweſen ſei, wo das Käſtchen mit ve⸗ den Papieren geſtanden, und daß ſie alſo... wenn ſie zu⸗. ——— ihn in dem einen Fall betrogen, auch im Stande ge⸗ weſen ſei, es im andern zu thun, oder ihn beſtohlen, eine Vorſtellung, die ihm, wenn er ſich an Charlottens offe⸗ nes und warmes Weſen erinnerte, ſo entſetzlich erſchien, daß er lieber bei dem Gedanken ſtehen blieb, Gourville ſei nicht aufrichtig. Nichts deſtoweniger beſtärkten dieſe Betrachtungen ihn noch mehr in dem Wunſch, ſobald als möglich wegzukommen und ſich Gewiſſheit zu verſchaffen. So wenig übrigens Gourville den begangenen Pa⸗ pierdiebſtahl ahnte, ebenſowenig wollte auch Pauledavon ſprechen, weil es ihm unmöglich war, nur auf den Grund eines ſchwachen Argwohns hin, jemand eines Verbrechens anzuklagen. „Sie glauben nicht, daß ich aufrichtig bin,“ wieder⸗ holte Gourville;„ich kann mich über Ihr Mißtrauen beklagen, aber meine Worte nicht zurücknehmen.“ „So leben Sie wohl, Chevalier. Sprechen Sie wirklich die Wahrheit, ſo iſt es für mich um ſo wichtiger, von hier wegzueilen.“ „Was wollen Sie ſagen... ich verſtehe Sie nicht.“ „Ich werde Sie ein andermal darüber aufklären; leben Sie wohl!“ Mit einem entſchloſſenen Ausdruck erhob Gourville dabei ſeine noch verdüſterte Stirne, und ein unheimlicher, finſterer Blick flog noch einmal über das Zimmer. „Ich will Sie alſo nicht länger zu verhindern ſuchen,“ ſagte er;„aber Sie verſagen mir wohl das Vergnügen nicht, ein Glas mit Ihnen trinken zu dür⸗ .. Kommen Sie her... nehmen Sie mich unter dem Arm... ein Glas verweigern Sie mir nicht, das weiß ich, um ſo weniger, als ich ſagen muß, daß Sie, Herr Kellner, der einzige Menſch ſind, für den ich, ſeit meiner Ankunft in Schweden, wirkliche Freundſchaft fen. Das nimmt Ihnen nicht viel Zeit. Mau iſt drau⸗, ßen munter... ich glaube, man rief mich bei Namen ge kon fü 79 gefaßt habe. Laſſen Sie uns ein Glas trinken,... kommen Sie, kommen Sie...“ Und er ſchob ſeinen Arm unter Pauls Arm und führte ihn mit ſich hinaus. Im großen Saal hatte ſich die Unterhaltung, wäh⸗ rend Gourvilles Abweſenheit, fortwährend um allerlei gleichgültige Gegenſtände gedreht; aber man ſcherzte nicht mehr gruppenweiſe und von beſtimmten Dingen, ſondern allgemein und von allen möglichen Dingen, je nachdem der Rauſch wirkte. „Tauſend Teufel,“ ſagte der Lieutnant,„ich glaube, Du haſt Recht; es wäre gar nicht ſo übel, eine kleine Gymnaſtik für die Herzen der Frauenzimmer anzulegen.“” „Zum Henker, freilich habe ich Recht,“ antwortete der Großhändler.„Bedenke, wenn die Mädchen ſchon in den Penſionen ordentlichen Unterricht darin erhielten, zu ſeufzen, zu erröthen, zu klagen, zu weinen und der Himmel weiß wie alle dieſe närriſchen gymnaſtiſchen Be⸗ wegungen des Herzens heißen, ſo müßte die Folge davon ſein, daß die Herzen der Mädchen ſo abgehärtet und ſtark würden, daß ſie ſich nicht bei jedem Kummer in eitel Thränen, vor jedem Blick in eitel Seufzer auf⸗ lösten, und endlich auch nicht in eitel Träumen und Ah⸗ nungen dem Bräutigam in die Arme ſänken.“ „Es iſt zu verwundern, daß keiner von unſern alten Garniſonsoffizieren an die Anlegung einer ſolchen Gym⸗ naſtik gedacht hat; das würde ihnen gewiß viel einge⸗ tragen haben.“ „Jetzt gehen ſtatt deſſen unſre jungen Poeten umher,“ 80 fiel der Graf ein,„und ſondiren die Herzen der Mäd⸗ chen mit ihren Seufzern und ihrer Sehnſucht.“ „Das heißt förmlich den Bock zum Gärtner ſetzen.“ „Die Herzen der Frauenzimmer mit lauter Poeſie zu ſondiren, das muß ihren Zuſtand noch verſchlimmern. Siehe zum Beiſpiel Braun; ach mein Gott, er hat ſie jetzt ordentlich verrückt gemacht.“ „Manchmal gelingt es jedoch dem Poeten auch,“ bemerkte Weidner.„Ich habe zum Beiſpiel eine Pati⸗ entin gehabt, die ich mit einem Dutzend Sonetten von der Schwindſucht heilte.“ 3 „Lauter dummes Zeug, meine Herrn,“ fiel ein an⸗ derer ein:„ich will Ihnen ſagen, wer der größte Frauen⸗ zimmerarzt in der Welt geweſen iſt.“ „Laß hören.“ „Hamlet, meine Herrn, Hamlet. Und er hat ein Recept für alle Zeiten und alle Krankheiten hinterlaſſen, ein einziges, das, wie man auch die Sache betrachten will, dennoch das einzige Heilmittel bleibt, welches taugt.“ „Und das iſt?“ „Das Recept lautet folgendermaßen...“ „Warum unterbrichſt Du deinen Satz?“⸗ „Es lautet: Geh' ins Kloſter, Ophelia, geh' ins Kloſter!“ „Gar nicht ſo dumm, Herr Bruder. So wie die Sachen jetzt ſtehen, paßt es verdammt gut. Derjenige, dem es gelingt, der erſte zu ſein, der einem Mädchen ſagt, daß ſie ſchön ſei, der kann auch mit Sicherheit darauf rechnen, den erſten Kuß zu erhalten; und die Erinnerung an den erſten Kuß wird immer ein Fiſch bleiben, dem man die Schuppen nicht ſo leicht abmachen kann, ſelbſt der erſte Mann nicht, falls ſie je einen be⸗ kommt.“ „Das mag wohl ſein; aber ich möchte kein Mäd⸗ chen heirathen, das nicht über einen erſten Kuß zu er⸗ röthen oder zu erblaſſen hätte. Nur diejenigen, die wiſſen, — α 2 — —₰. — 81 was ein Kuß iſt, können mich einnehmen. Alle übrigen ſind langweilig... das bin ich überzeugt... und die langweiligen... Gott bewahre mich vor dieſen!“ „Zum Henker,“ fiel der Lieutnant ein,„wenn ich mir ein ſiebzehnjähriges Mädchen denke, ſo könnte ich vor Entzücken geradezu vergehen. So ein roſenrothes, zierliches Dingelchen von ſiebzehn Jahren iſt das Aller⸗ ſchönſte, was ich auf der Welt weiß.“ 4 „Und vollends eine zwanzigjährige, wenn die Reize in der ſchönſten Blüthe ſtehen.“. „Ganz richtig. Sie iſt auch ſchön, beim Teufel auch ſchön, ich glaube beinah noch ſchöner.“ „Und eine fünfundzwanzigjährige, wenn die Blume ſich zur Frucht zu entwickeln und ſie ſelbſt zu ahnen an⸗ „Und dann eine dreißigjährige. Vollendet, aus Lilien und Roſen gegoſſen von einem Marmor, welcher lebt und brennt?“ „Ja, auch ſie, auch ſie. Sie iſt die allerſchönſte.“ „Und eine fünfunddreißigjährige, die, ſelbſt mit den Räthſeln des Lebens bekannt, mit einem milden und warmen Blick das Räthſel Deines eigenen Lebens zu löſen verſteht?“ „Du machſt mich närriſch, Bruder, auch ſie iſt das Schönſte, was ich weiß.“ „Die Frauenzimmer ſind unſere gefährlichſten Con⸗ ſpirateurs.“ „Beim Teufel, das iſt wahr.“ „Sie conſpiriren gegen unſere Herzen.“ „Manchmal auch gegen unſere Köpfe.“ „Das iſt die dummſte Conſpiration von allen.“ „Für die Verheiratheten, ja!“ „Seht, Kameraden, da kommen die Bowlen. 8 Hoch auf die Damen, meine Herrn! Es leben ihre Das Gewiſſen. IV. 6 Schwachheiten... je mehr, um ſo beſſer... um ſo weniger bemerkt man ſeine eigenen.“ „Keine Gymnaſtik für ihre Herzen! Die Natur allein mag ihr Turnlehrer bleiben.“ „Es leben ihre kleinen Launen! durch dieſe werden ſie für uns beſtändig neu geboren.“ „Fort mit Hamlets Syſtem! ich habe ein beſſeres Recept: Geh' aus dem Kloſter, Ophelia! eile fort aus dem Kloſter, Ophelia,... eile... dein Leben iſt ſo kurz... es währt nur einen Augenblick... eile in meine Arme. Ein Hoch den Damen!“ „Wo iſt der Chevalier?“ rief einer. „Gourville? wo iſt er? er ſoll den Toaſt aus⸗ bringen.“ „Er iſt der größte Mädchenjäger unter uns. Es lebe der Chevalier!“ „Es leben die Mädchen!“ „Es leben die Grazien!“ „Es lebe die Liebe!“ In dieſem Augenblick trat Gourville, Arm in Arm mit Paul, aus dem innern Zimmer heraus. „Ein Hoch auf die Damen!“ rief man ihm entgegen⸗ „Ein Hoch auf das Weib, die Quinteſſenz des Lebens!“ ſchrie ein anderer. „Ein Hoch, ein Hoch!“ Gourville blickte ſchweigend um ſich. Er ſchien eine Veränderung erlitten zu haben, ohne daß man ſagen konnte, worin ſie beſtand. Aber ſein Ausſehen war ernſter und verſchloſſener, und dieſer Umſtand wirkte auch auf die übrigen ein. Statt des fröhlichen Lärms, herrſchte daher im Salon jetzt bald die tiefſte Stille. „Ein Toaſt auf die Damen,“ ſagte Gourville end⸗ lich,„muß immer in Champagner getrunken werden. Aber ich habe einen andern Toaſt, ebenfalls einen Cham⸗ pägnertoaſt, den ich in dieſem Augenblick vor dem Toaſt ſo atur rden eres aus ſt ſö 2 i aus⸗ Es Arm gen⸗ des eine agen war auch rms, end⸗ rden. ham⸗ Toaſt auf die Damen und die Liebe ausbringen zu dürfen bitte, und dieſer gilt der Freundſchaft!“ „Es lebe die Freundſchaft!“—— „Ein Hoch auf die Freundſchaft!“ ſchrie man ſo⸗ leich. 9 Alber Gourville achtete nicht darauf, ſondern verließ das Zimmer, um Champagner zu beſtellen. Raſch und ſeine Geſellſchaft waren in ihrem Zimmer geblieben. Die Unterhaltung drehte ſich um allerlei Gegenſtände, wobei nicht blos Raſch, ſondern auch Holt⸗ mann, der in Betreff ſeiner Frau in ſeinen Gedanken wieder getroſt auf ſeinen Lorbeeren ausruhte, und auch Netta, die jetzt wieder das unbedingteſte Vertrauen zu Raſch beſaß, ihre Zungen nach Herzensluſt ſpazieren ließen. Der Stier allein ſaß ſchweigſam und verſchloſſen da, nur auf das lauſchend, was in dem Zimmer daneben vorging. Als einmal Gourvilles Stimme ſich vernehmen ließ, fuhr er mit gerunzelter Stirne auf, gleich als erwachte er aus einem Traum. Im Verlauf des Abends begann es zu dunkeln und überall wurden Lichter angezündet. Sogar auf der kleinen Gartenterraſſe ſah man einige Windlichter, die gegen den dunkeln Nachthimmel einen prachtvollen hellen Schein verbreiteten. Raſch verlangte Punſch und Biſchoff, und während er ſeinen Gäſten mit dem Glas zu Leibe ging, drückte er von Zeit zu Zeit auch ſeitwärts unter dem Tiſche Rettas 84 weiches Händchen und fühlte ſich dabei unbeſchreib⸗ lich ſelig. Holtmann war nicht minder aufgeregt als ſeine Frau, die kleine Netta mit den blinkenden Aeuglein; beide ſtrahlten vor Freude. Und daun Raſch... er hätte um keinen Preis der Welt die Glückſeligkeit dieſes Abends verkaufen mögen. Der einzige düſtere Schlagſchatten im Zimmer war der Stier, aber die übrigen dachten nicht weiter an ihn, als wenn es ſich darum handelte, ſein Glas zu füllen. Aber es war nicht blos die magnetiſche Kraft der Getränke und der Liebe, die das Behagen und die An⸗ nehmlichkeit der Stunde ſo wunderbar erhöhte; die Frende wurde auch unterhalten und belebt durch das fröͤhliche Getöſe in den anſtoßenden Zimmern, durch die muntere Aufregung, die ſie von allen Seiten umgab, durch den Lichtſtrom, der allerwärts zu ihnen drang, und endlich auch durch die Blechmuſik, die jeden Augenblick Etwas zum Beſten gab. „Man könnte wahrhaftig glauben, man wäre ſelbſt dabei, mitten in einem recht tollen Zechgelage,“ ſagte Holtmann und rieb ſich voll iunigen Vergnügens die Hände.„Ach Netta, wenn wir einmal reich werden, was ich wohl glaube, was ſoll es da für Schmanſereien geben! Ich ſage Dir, dann ruhe ich nicht eher, als bis ich den Zollinſpektor und den Controleur an meinem Tiſche geſehen habe.“ „Laß uns darauf anſtoßen, Bruder Holtmann, ich gratulire Dir zum Voraus, aber ich hoffe, daß Du dann auch alte Freunde nicht vergiſſeſt.“ „Du ſchwatzeſt vom Anſtoßen.. übel... wenn die Gläſer alle leer ſind. ein guter Junge, Du...“ „Zum Henker, ich meinte, ſie wären voll... ich will ſogleich mehr beſtellen.“ . das iſt nicht Ja, Du biſt k 22 —. 85⁵ eib⸗ Raſch rief auch nach einem der Mädchen, aber es „ keine herein. Eün kann mcdin darüber ſtand er auf und öffnete die ein; Thüre, um zu ſagen, was er verlangte. :rep In dieſem Augenblick ertönte die Muſik aus den les inneren Zimmern und übertäubte das Geknarre der auf⸗ gehenden Thüre. 8 war Als er den Kopf hinaus ſtreckte, öffneten ſich ſeine ihn Lippen, um einer Kellnerin zu rufen, aber ſie ſchloſſen 1. ſich ganz leiſe wieder, ſo überraſcht wurde er durch das, Ar⸗ was er jetzt hörte. Idd„Paul Kellner,“ ſagte ein Mann in der Hausflur. 3 — Raſch hörte im Anfang nicht mehr als dieſen ein⸗ liche zigen Namen, aber es war auch ein Name, an dem all ttelt ſeine edleren Gefühle mit wahrer Ergebenheit feſthingen. Ddel„Dieſes Glas bieteſt Du ihm,“ fuhr der Sprecher fort, dlich„und dieſes da mir.“ was „Sie ſind doch der luſtigſte und feinſte Kauz, den ich kenne, Chevalier,“ antwortete ihm die goldgelockte elbſt Anguſte.„Ich will es ſchon beſorgen.“ agte„Was ſoll man machen, meine liebe Auguſte? Kell⸗ die ner und ich lieben eine und dieſelbe Perſon, und da er was uns jetzt verlaſſen will, um zu ibr zu eilen, ich aber als reien Wirth nicht abkommen kann, ſo iſt es nicht mehr als bis billig, daß ich meine Vorſichtsmaßregeln ergreife. Ein kleiner Schlaftrunk hat ja noch nie geſchadet, und wenn 1 er erwacht, wird er ſelbſt lachen über den unſchuldigen „ich Poſſen, den ich ihm geſpielt habe.“ inem dann„Es iſt, wie ich ſage, Herr Chevalier, Sie ſind der 1 luſtigſte und abentheuerlichſte Menſch, den ich je ge⸗ nicht ſehen habe.“ biſt„Schon gut, laß uns nicht länger ſchwatzen; viel⸗ . leicht ſollte ich noch etwas mehr von meinem wohl⸗ . ich thuenden Pulver hinein ſchütten.“ So aufgeräumt auch Raſch war, ſo lief es ihm eiskalt durch die Glieder, als er den Unbekannten, der 86 kein anderer als Gourville war, eine kleine Doſe heraus⸗ nehmen und in das eine Glas etwas ſchütten ſah, was vermöge ſeiner weißen Farbe und ſeinen übrigen Eigen⸗ ſchaften, vollkommen geſtoßenem Zucker glich. „So, ſo! jetzt wirſt Du ſehen, daß das Ding bei⸗ nah augenblicklich wirkt. Schütte den Zucker in das andere Glas. Vergiß nicht, daß mein Glas zur Rechten und Kellners Glas zur Linken zu ſtehen kommt. Der Sicherheit wegen kannſt Du mir zuerſt anbieten.“ „Verlaſſen Sie ſich auf mich, Chevalier, ich bin nicht ſo dumm.“ „Ich gehe wieder hinein, bleib nicht lange aus. Ich will um keinen Preis, daß er vor mir ankommt... Du weißt ſchon, bei wem ich meine.“ Raſch's erſte Abſicht war, vorzuſtürzen und mit ge⸗ ballten Fäuſten den Unbekannten zu Boden zu ſchlagen; aber er that ſich Einhalt, zog für einen Augenblick die Thüre ſachte wieder zu, dann öffuete er ſie von Neuem in großer Heftigkeit und trat hinaus. Gourville hatte ſich inzwiſchen entfernt und nur Auguſte war noch da. „Punſch,“ ſagte er,„ich will Punſch haben... eine ganze Flaſche... ſogleich... tummle Dich... Raſch ſprach mit Heftigkeit, weniger um des Punſches willen, als wegen der Gedanken, die ſich in ſeinem Kopfe wälzten.“ Auguſte, welche fürchtete, Raſch möchte, im Fall er nicht ſogleich das Verlaugte erhielte, Lärm anfangen, ſo daß der Chevalier erführe, daß die ungebotenen Gäſte noch da ſeien, ſprang ſogleich weg, zumal da ſie nur einen Augenblick brauchte, um die verlangte Flaſche zu holen. Sobald das Mädchen auf der Treppe war, eilte Raſch, der ſich deſſen, was er that, vollkommen bewußt war, vor und verwechſelte die Gläſer. Im nächſten Augenblick war Auguſte wieder oben. Mit der Punſchflaſche in der Hand und ſeinem Athem im Hals, zog ſich Raſch zurück. Was er gethan hatte, erſchreckte ihn, und dennoch war er nur einem blinden Inſtinkte gefolgt. Als er Holtmanns Glas füllte, zitterte ſeine Hand, und als er mit ihm anſtieß, floß der Schweiß von ſeiner Stirne. Eben ſo ſehr als der Stier vorher ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf die Stimme daneben geheſtet hatte, wandte jetzt auch Raſch die ſeinige derſelben Richtung zu. Als Gonrville zu ſeinen Gäſten zurückkam, nahm er einen Platz an Pauls Seite ein. „Ihre Bemerkung war richtig, Chevalier,“ ſagte Weidner,„die Freundſchaft zuerſt und dann die Liebe. Das iſt in der Ordnung.“ „Die Freundſchaft, das iſt etwas, etwas, wie ſoll ich nur ſagen...“ fiel ein anderer ein, ohne weiter zu kommen.. „Die Freundſchaft iſt Brüderſchaft.“ „Ganz richtig. Man ſtößt mit einander an und die Freundſchaft iſt der Klang, dieſer Ton, welcher... welcher... ſo unbeſchreiblich ſchön iſt.“ „Und die Freunde ſind Saufbrüder.“ „Es lebe die Freundſchaft!“ „Ohne Freunde könnte ein ehrlicher Kerl ganz leicht verhungern, blos weil er keine Bürgen hätte, wenn er Geld entlehnen muß.“ „Ohne Freunde wäre es verdammt langweilig Abends im Wirthshaus.“ „Ohne Freunde wären wir blos rufende Stimmen in der Wüſte.“ 88 „Es lebe die Freundſchaft!“ „Es lebe Chevalier Gourville!“ In dieſem Augenblick ging die Salonthüre auf, und man hörte das Geknalle einiger ſpringenden Champagner⸗ pfröpfe. Darauf erſchien die goldlockige Auguſte mit zwei großen Champagnergläſern auf einem Teller, ge⸗ folgt von der langen Charlotte mit noch mehreren Glä⸗ ſern. Die ſchlanke Finke und die blauäugige Marie trugen die Flaſchen. Auguſte ging mit ihrem Teller gerade auf Gourville zu, welcher Paul nöthigte, das Glas zur Linken zu neh⸗ men, während er ſelbſt das zur Rechten ergriff. Gourville war bläſſer als ſonſt; während Marie den Champagner ſervirte, folgte ſein Blick den Be⸗ wegungen der ſchäumenden Perlen. Die Anweſenden glaubten, er überlege, was er ſagen ſolle. „Es iſt das erſtemal,“ ſprach er, nachdem alle ihre Gläſer ergriffen hatten, und die tiefſte Stille im Zimmer eingetreten war,„es iſt das erſtemal, meine Herrn, daß ich die Ehre habe, Sie bei mir zu ſehen. Ich hätte alſo gewiß das Recht, einen für uns Allen gemeinſchaftlichen Toaſt vorzuſchlagen, aber ich beſchränke mich dennoch auf denjenigen, der zuerſt unſer freudiges Gelag verlaſſen will, und der auch— mein Herz ge⸗ bietet mir, es anzuerkennen— in meiner Ergebenheit am höchſten ſteht. Ein Hoch auf Herrn Paul Kellner!“ Die Muſik blies dazu einen Tuſch und der Beifalls⸗ ſturm ſchien ſich nicht legen zu wollen. Schon in den urälteſten Zeiten hat man verſchiedene chemiſche Präparate gekannt, die bei allen, welche ſich ihrer bedienen, die wunderlichſten Wirkungen hervorrufen. So erzeugt die Belladonna einen tollen Wahnſinn, auf welchen ein Schlaf folgt, der volle 24 Stunden währen kann. Das Opium erzengt, bis zu einer gewiſſen Doſis genommen, in dem Schlaf, den es nach ſich zieht, ſo ſchöne und reizende Träume, daß keine Wirklichkeit damit 89 verglichen werden kann. Muchamor, eine Art von Champignon, verurſacht oft den Tod, aber immer einen heftigen Wahnſinn, zuweilen ſpielend und heiter, mitunter jedoch auch voll Angſt und Schrecken. er. Es iſt uns nicht bekannt worden, aus welchen Ele⸗ menten der Schlaftrunk zuſammengeſetzt war, womit Gourville das Glas füllte, das er für Paul beſtimmt hatte, aber in Folge der Dazwiſchenkunft Raſch's ſelbſt leeren mußte. 1— Er hatte zu Auguſte geſagt, daß der Trank augen⸗ blicklich wirken würde, und das that er auch. 1 Von dem Moment an, wo er zu Holtmann zurück⸗ gekehrt war, hatte Raſch keine Ruhe in ſeiner Seele mehr gehabt. Er bereute, daß er das Glas nicht zuſammen⸗ geſchlagen, ſondern blos verwechſelt hatte. Ein Unglück war, wenn es auch den Schuldigen traf, für die ehrliche Theerjacke immer ein Unglück. Als die ſtürmiſchen Beifallsäußerungen im Salon ausbrachen, ſprang Raſch erſchrocken von ſeinem Platze auf. Mit qualvoller, unerträglicher Unruhe lauſchte er; das Getöſe währte fort, ſeine Pulſe ſchlugen heftig und der Schweiß perlte von ſeiner Stirne. Auch der Stier richtete ſich auf und folgte mit ge⸗ ſpanntem Intereſſe dem Getöſe. Da fiel es Raſch ein, daß Auguſte oder Gourville die Verwechslung, die er mit den Gläſern vorgenommen hatte, möglicherweiſe entdeckt und zur rechten Zeit wieder gut gemacht haben konnte. Bei dieſem Gedanken lief ein kalter Schweiß über ſeinen Rücken, und er hätte ſich durch nichts in der Welt verwehren laſſen, die Thüre, die zum Salon führte, zu öffnen und zu ſehen, ob Paul ein Unglück widerfahren ſei. Holtmann und Netta, die nicht wußten, um was es ſich handelte, ſahen nur verwundert ſeinem Gebahren zu. Als Raſch die Thüre öffnete, erhob ſich der Stier 90 hinter ihm, ſo daß er einen Kopf höher ſchien. Auf dieſe Art ſahen beide zu gleicher Zeit in den Salon hinein. Der Anblick, der ſich ihnen darbot, erſchien ihnen ebenſo fantaſtiſch, wie unerwartet. Gonrville ſtand noch mit dem Glas in ſeiner Hand da, aber die Hand zitterte. Der narkotiſche Ranſch wirkte bereits, ſeine Augen erweiterten ſich, die Stirnmuskeln bewegten ſich unter haſtigen Nervenzuckungen, die Wangen erblichen und nahmen eine gelbliche Farbe an. In dieſem Augenblick fiel das Glas aus ſeiner Hand und zerſprang klirrend auf dem Boden. Noch jubelten die Gäſte und die letzten Töne des Tuſches klangen um ihn her, aber auf einmal verſtummte aller Jubel, als Gourville's Lippen ſich öffneten und ein höhniſches, heftiges Lachen von ihnen erſcholl. Aller Augen wandten ſich jetzt auf ihn. Die Ver⸗ änderung, die mit ihm vorgegangen, war entſetzlich. Beinah unkenntlich ſtand er da, man konnte ſagen, eine lebendige Leiche mit dem Gepräge des Fluchs auf ſeiner Stirne und dem Feuer der Hölle in ſeinem Blick. Er⸗ ſchrocken zog man ſich zurück. Ein unheimliches Gefühl bemächtigte ſich ſeiner Gäſte. 4 Noch ertönte Gourville's wildes Lachen. Raſch war entſetzt und wünſchte ſich weit hinweg, beſchloß jedoch, unter allen Umſtänden Paul mit ſich zu nehmen. Leiſe ſchlich er daher in den Salon. Er brauchte inzwiſchen nicht zu fürchten, daß man ihn bemerken konnte, denn Aller Blicke waren wie auf Gourville feſt⸗ genagelt. „Folgen Sie mir,“ flüſterte er jetzt Paul zu, indem er ihn bei der Hand nahm... kommen Sie... jetzt ſogleich.“ Paul erblickte mit Freude Raſch an ſeiner Seite, verſtand aber ſeine Aufforderung nicht, Raſch ließ ihn jedoch nicht mehr los, ſondern führte ihn mit ſich. 91 if„Man hat Sie hier vergiſten wollen oder was weiß 1. ich?“ flüſterte Raſch ihm zu. 1 n„Was höre ich?... Du tänſcheſt Dich. „Ich werde mich ſogleich erklären; aber zögern Sie d nicht, ſondern folgen Sie mir.“ te Paul folgte. n Der Stier blieb in der wiederum nur angelehnten en Thür ſtehen. Er ſchien die ſonderbare Scene bis an ihr Ende beobachten zu wollen. 3 er Als die Lachſalve auf Gourville's Lippen erſtarb, verfinſterte ſich ſeine Stirne, während er ſeine Hand mit 3 einer heftigen Bewegung auf die Bruſt legte. Dabei te öffnete ſich ſein Mund und ein verworrenes Getön ging in daraus hervor. Er wollte ſprechen, aber die Gedanken und die r⸗ Stimme kamen nicht überein. Endlich ordneten ſie ſich h. gleichwohl, und ein Wort kam nach dem andern hervor, he aber in einer ſo ſinnloſen Verwirrung, daß man un⸗ er möglich mehr verſtehen konute, als daß eine diaboliſch re wilde Phantaſie ſeine Seele beſchäftigte. 3 hl Von einem Fluche auf die Welt und die Menſchen ging er zu einer Beſchwörung über, worin er Satan ſelbſt heraufrief, um die Welt, ſein trauriges Werk, da⸗ 3 durch zu krönen, daß er ſein brandmarkendes Siegel auf 3; jedes lebendige Weſen drücke. z0 Außer dem Stier hörten ihn die Anweſenden alle 8 mit Eutſetzen an. Der Stier lächelte. ſt„Oeffne Dich, Hölle!“ rief Gourville, in einen voll⸗ „ kommenen Wahnſinn verſetzt.„Komm, Satan, komm.“ i Bu ihrem großen Schreck ſahen die Gäſte jetzt auch zt in dieſem Augeunblick eine zerlumpte unheimliche Geſtalt 4 an die andere Seite des Tiſches gerade auf Gourville d zutwrten⸗ Der Anblick des unbekaunten Landſtreichers, hn der natürlich kein anderer war als der Stier, erhöhte das Unheimliche in dem Gemälde noch mehr. Ein unzweideutiger Ausruf ertönte im Salon. — Als Gourville den zerlumpten Kameraden bemerkte, beugte er ſich vorwärts, gleichſam um beſſer ſehen zu können, wer es wäre. Der Stier drohte ihm mit der geballten Fauſt. „Jetzt kenne ich Dich,“ ſagte er.„Nimm Dich von dieſem Augenblicke an in Acht.“ Gourville hörte die Worte und erkannte die Stimme. Noch einmal wurden ſeine Glieder durch einen nervöſen Ueberreiz geſchüttelt, noch einmal ertönte ein wildes Lachen von ſeinen Lippen. Darauf fiel er unbeweglich und gefühllos nieder, wie ein Adept der nadoweſiſchen Sekte, der von der heiligen Pflanze gegeſſen hat. Mehrere Gäſte eilten zwar vor, um ihm zu helfen, aber der Stier trat zwiſchen ſie. „Er iſt mein,“ ſagte er,„fort mit euch!“ Dieſe Worte brauchten nicht wiederholt zu werden. Das Ereigniß an und für ſich hatte ſchon allzuviel Ent⸗ ſetzlichs, als daß nicht Jedermann ſich gerne entfernt hätte. Eine Minute ſpäter befand ſich auch Niemand mehr im Saale als Gourville und der Stier, der jetzt ſeinen Kameraden anfhob und auf einen Sofa im innern Zim⸗ mer trug. 3 Zwölftes Kapitel. Die Königin der wilden Jagd und Heinrich. Löderbergs Treppen. In demſelben Augenblicke, wo der Löwe, nachdem er dem Stier und Fuchs auf dem Schiffswrak ſeinen Beſuch gemacht hatte, ſich in das franzöſiſche Hotel begab⸗ eilte die Königin der wilden Jagd in einem andern Boot nach der Schleuſe. e, zu ch. dem nen gab, Zoot 93 Sie hatte Eile. Ihre großen ſchimmernden Augen brannten von Ungeduld, und die purpurrothen, ſonſt von Wolluſt ſchwellenden Lippen bewegten ſich jetzt mitunter, gleich als wollte ſie etwas ſagen. Der aufmunternde Blick, der dabei auf die Ruderweiber geworfen wurde, bedeutete eine Aufforderung, tüchtig zuzurudern; inzwiſchen kam kein Wort über ihre Lippen. Der weiße Schleier flatterte im Wind, und die dunkelrothe Roſe auf dem Hut wogte auf und ab. Aber obſchon ihre Stirne ſich muthig und ſtolz erhob, ſo waren gleichwohl ihre Wan⸗ gen bleicher als gewöhnlich, und der Buſen hob ſich unruhig. Der Weg, den ſie zurückzulegen hafte, war lang genng, und die Ruderweiber handhabten ihre Ruder mit gewöhnlicher Ruhe. Ein kalter Wind blies über die Bucht und die Kö⸗ nigin der wilden Jagd hüllte ſich feſt in ihren Mantel. Endlich lehnte das Boot an der Rentmeiſtertreppe an, und in demſelben Augenblick ſprang ſie ans Land und verſchwand eiligſt unter dem Volksgewimmel, das ſich über die Schleuſe gegen Südermalm zu bewegte. In einer Tiſchlerwerkſtätte, ziemlich weit oben in der Hornſtraße, arbeitete Heinrich als Geſelle. Sein unermüdlicher Fleiß, ſein exemplariſcher Wandel und ſeine Ehrlichkeit machten ihn zu einem würdigen Vorbild für ſeine Kameraden, und das war er auch, wenn es ſich um etwas Wichtiges handelte; manchmal aber in unter⸗ geordneten Fällen betrachteten ſie ihn mit neidiſchen, hie und da ſogar mit boshaften Blicken. Der Umſtand, daß er gleichzeitig mit ſeinem erſten Nachtmahlsbeſuch in einen 94 Nüchternheitsverein eingetreten war und ehrlich und treu⸗ lich ſein Verſprechen hielt, war der erſte Grund zum Verdruß der Kameraden, weil ſich dadurch allmälig eine unüberſteigliche Kluft zwiſchen ihnen öffnete, Aufangs für alles, was Bekanntſchaften und Zerſtreuungen an den Ruhetagen betraf, endlich aber auch in wichtigen Lebens⸗ verhältniſſen und beruhigenden Hoffnungen für die Zu⸗ kunft. Die Völlerei führt zu lärmenden und unſittlichen Vergnügungen, die Nüchternheit zu friedlichen und ſittli⸗ chen Freuden, wie auch zuletzt zu einer unabhängigen ökonomiſchen Exiſtenz. Je ſichtbarer die Reſultate für ihn und ſeine Kameraden an den Tag traten, um ſo mehr ärgerten ſich die letzteren, und ſie ſagten ihm end⸗ lich gerade heraus, er ſei ein hochmüthiger und ſtarr⸗ köpfiger Menſch, der den Herrn ſpielen und beſſer als ſie ſein wolle, ja ſogar beſſer, als er in der That ſei. Heinrich ließ ſich ihren Verdruß gefallen, ohne ſein Be⸗ nehmen zu ändern. Für ihn war es eine Freude, wenn eine Arbeit ihm wohl gelang und wenn er einen wohler⸗ worbenen zuſammengeſparten Schilling auf die Seite legen konnte; denn er betrachtete jeden einzelnen als einen Schritt, der ihn näher zu Fanny führe, die er innig und von ganzem Herzen liebte, zwar noch immer ohne Hoffnung liebte, aber nicht ohne das Bewußtſein, daß er ihrer würdig ſei. Heinrich hatte Paul nicht vergeſſen und dankte ihm in der Tiefe ſeines Inneren, daß er mit eigener Gefahr Fanny und ihn ſelbſt gerettet hatte, aber er empfand auch eine gewiſſe Unruhe darüber, weil er fürchtete, Fanny's Dankbarkeit könnte eine gewiſſe Grenze über⸗ ſchreiten und die Eigenſchaft der beflügelten Liebe au⸗ nehmen. 3 Von dieſer Unruhe gequält, hielt er ſich mit um ſo größerem Eifer an ſeine allzeit getrene Freundin, die Hobelbank, und arbeitete, man könnte beinahe ſagen, eu⸗ um ine für den ns⸗ Zu⸗ hen tli⸗ gen für mer ein, bm ahr and ete, ver⸗ an⸗ ſo die geu, 95⁵ Tag und Nacht, denn die Arbeit war das Einzige, was ſeine Fantaſie ein wenig verſcheuchte. Bald kam ihm inzwiſchen das Gerücht zu Ohren, daß Fanny ihren Putzladen verlaſſen habe und zu ihrem Pflegevater Jack gezogen ſei, der ſich jetzt in Pauls Dienſten befand. Dies war neue Nahrung für ſeinen mit Eiferſucht nahe verwandten Schmerz. „Ich will arbeiten,“ rief er ſich ſelbſt zu,„arbeiten und die ganze Welt vergeſſen.“ In dieſen Worten lag etwas Verzweiflung und auch keine geringe Doſis von Mißtrauen gegen Fanny; aber er arbeitete jetzt mit einer Hartnäckigkeit, als hinge das Glück und die Seligkeit ſeines ganzen Lebens davon ab, und wie dies nun kommen mochte, die Arbeit ſchenkte ihm immer neue Kräfte und neue Ruhe. Mehr als ein⸗ mal kam es ihm vor, als ſei in und mit der Arbeit ein tröſtender Gott in ſeine Seele hinabgeſtiegen, um darin die Hoffnung anzuzünden und ihm zu neuen beruhigende⸗ ren Gedanken zu leuchten. Heinrich hatte einige Wochen keine Zeit gehabt, ſich in den Norden der Stadt zu begeben, wohin er ſonſt, ſo oft er konnte, wandelte, immer in der Abſicht, die ſchöne Fanny, wenn auch ſo flüchtig, zu Geſicht zu be⸗ kommen. Die Arbeit, die ſo ausſchließlich ſeine Zeit in An⸗ ſpruch genommen, war inzwiſchen fertig geworden, und er beſchloß jetzt, ſich ein paar Stunden Ruhe zu gönnen, um ſeinen gewöhnlichen Spaziergang zu machen. Eine unklare qualvolle Ruhe gab ihm dieſen Entſchluß ein. Sollte wohl ein freundlicher Blick von Fanny, das Ein⸗ zige, was er ſich wünſchte, die treue Arbeitſamkeit des redlichen Jünglings belohnen? So fragte er ſich. Die Antwort löſte ſich in einen Seufzer auf. Er kleidete ſich an und begab ſich hinaus. 96 3 Zur gleichen Zeit, wo die Königin der wilden Jagd über die blaue Schleuſe in den Süden ging, paſſirte Heinrich über die rothe Schleuſe nach dem Norden zu. Die Königin der wilden Jagd hatte Heinrich nie⸗ mals in ſeiner Werkſtatt beſucht. Kein Mädchen konnte unzufriedener mit ſich ſelbſt ſein als Anna, und gleichwohl ſank ſie immer tiefer und tiefer. Sie hatte... ſo ſchien es ihr... das Recht verloren, Jemand zu lieben, und ſie wollte mit trunkener Leidenſchaft in der Liebe für Alle ihr Unglück betäuben. Aber nicht blos ihre innere Gemüthsſtimmung, ſon⸗ dern auch die allgemeine Verachtung, die, wie ſie wußte, an ihrem Namen und ihrer Perſon klebte, war es, was ihre Bahn beſtimmte. Nur in ihrer Liebe zu Heinrich ſchimmerte noch ein Stern vom Morgenhimmel ihrer Kindheit. Aber juſt weil dieſe Liebe die einzige nicht zertretene, noch mit friſchem Kelch blühende Roſe in ihrem Herzen war, ſtand Heinrich ſo hoch vor ihr da, daß ſie kaum wagte, zu ihm hinaufzublicken, und für ihn immer eine Achtung 3 hegte, die ſie ſonſt keinem andern Menſchen widmete. Sie liebte und achtete ihn, ſie betete ihn an und fürchtete ibn. Sie ſah ein, daß ſie, wenn ſie ihn aufſuchte, einen Flecken auf ſeinen Ruf werfen würde, und ſie wollte das nicht thun. Nichts deſtoweniger trat ſie jetzt in die Werkſtatt und fragte nach ihm. Bei ihrem Anblick machten Heinrichs Kameraden große Augen und die Arbeit ruhte eine Weile. „Hier arbeitet doch Herr Heinrich?“ fragte ſie. 97 „Seien ſie ſo gut und ſagen Sie mir, ob ich ihn treffen kann.“ Man antwortete nicht. Man ſah ſie blos an, und Anna ſah, was man dachte. Sie hatte ſeit mehreren Jahren nicht erröthet, aber in dieſem Augenblick breitete ſich eine Röthe über ihre Wangen⸗ „Was willſt Du von Heinrich?“ fragte man ſie endlich. 1 „Ich will ihn in einer höchſt wichtigen Angelegenheit ſprechen,“ antwortete ſie. „In einer höchſt wichtigen Angelegenheit? Das will ich glanben; wir kennen ſolche Angelegenheiten, wir, und auch ſolche Mädchen, wie Du biſt. Aber es iſt recht, daß Du kommſt... jetzt ſehen wir, mit was Heinrich ſich an den Sonntagen luſtig macht. O er ſoll ja ein ausgemachter Heiliger ſein. Wir wollens ihm eintränken.“ ta Und man ſchloß damit, daß man das Mädchen aus⸗ achte. 3 In Geſellſchaft ihrer eigenen Bekannten und ihrer gewöhnlichen Umgebung war ſie entſchloſſen, muthig und unerſchrocken, aber hier fühlte ſie ſich verlegen und ſcheu; ſie zog ſich daher niedergeſchlagen zurück. Der Gedanke, daß ihre Anweſenheit einen Schimpf auf Heinrich geworfen habe, zermalmte ſie. Inzwiſchen hatte das Dunkel zugenommen und man begann die Straßenlaternen anzuzünden. Die Nacht war für ſie der eigentliche Tag, und in der Dunkelheit war es ihr immer wohler zu Muth als beim Tageslicht. Es gelang ihr von einem Tiſchlerjungen, der im Hof arbeitete, zu erfahren, daß Heinrich ausgegangen ſei, obſchon der Junge nicht wußte, wohin er ſich begeben hatte oder wann er zurückkommen würde. Sie beſchloß zu warten. Das Gewiſſen. Iv. 7 98 Die Tiſchlerwerkſtatt lag in der Nähe der Marien⸗ kirche und der Kirchbof erſtreckte ſich bis an ihre Fenſter. Sie begab ſich hinein, um ſelbſt in deſſen Dunkel⸗ heit verborgen, ungenirt und frei beobachten zu können, wenn Heinrich heimkäme. Während ſie auf⸗ und abging, und ihre Aufmerkſamkeit nach außen gerichtet hielt, ver⸗ ging eine Viertelſtunde um die andere. Der Platz hatte indeſſen etwas Unheimliches für ſie. Mit dumpfen eher⸗ nen Schlägen gab die Thurmuhr den Verlauf der Zeit zu erkennen. Bei jedem Schlag, der ertönte, ging ein wunderbares Gefühl durch ihre Seele, der Ton war ſo feierlich, ſo ernſt, ſo mächtig. Mit Zittern und Beben warf ſie ihren Blick zu den finſtern hohen Tempelgewöl⸗ ben empor. Sie erſchienen ihr ſo unergründlich, ſo voll von unendlichen Myſterien. Einen Aungenblick vergaß ſie ſich ſelbſt und ihre Gedanken wanderten in dem großen Raume umher, ohne daß ſie die Wege verſtand, auf denen ſie wandelte, oder die Träume, die ſie umflatterten. Es lag etwas Verführeriſches und zugleich etwas Ent⸗ ſetzliches in ihrer Lage. Ohne ſich der Urſache zu erin⸗ nern, warum ſie eigentlich hieher gekommen war, und 85 „ nur von dunkeln ſeltſamen Fantaſien geleitet, näherte ſie ſich der Kirchenthüre. Sie hätte gewünſcht, daß ſie offen wäre, denn ſie ſehnte ſich einzutreten, nicht weil ſie wußte, was ſie da wollte, ſondern vielmehr weil ſie nicht wußte, warum ſie ſich hier außen befand. Unruhig pochte ſie daher an der Thüre. Nur ein dumpfes Echo antwortete ihr. Aber dies war vollkommen genug, das Getöne war ja doch eine Stimme, in welche ihre eigene aufgeſchreckte Einbildungskraft jede Bedeutung legen konnte, die ſie wollte. „Mach' auf,“ rief ſie,„mach' auf.“ „Mach' auf!“ antwortete ihr das Echo zurück. „O mein Gott, man redet mich an, man antwortet mir. Was habe ich zu öffuen. Mein Herz? Barmher⸗ ziger Gott!“ 99 Von verwirrenden Gedanken hingeriſſen, beugte ſie ihr Haupt gegen die Thüre.. 9„Wie is kalt!“ flüſterte ſie,„nur hier“... ſie legte die Hand auf ihr Herz...„brennt es. 4 Eine Weile ſpäter ſaß ſie auf einem Grabſtein, das Geſicht in ihre Hände verborgen. Niemals war es ihr ſo zu Muth geweſen wie jetzt. Sie durchging ihr Leben und ſah eine leere Oede. Sie zitterte vor Kälte; dies war nicht blos phyſiſch, ſondern auch moraliſch. Freilich ordneten ſich ihre Gedanken nicht zu einem gegebenen Bilde; ſie ſuchten oder tappten vielmehr nach einem ſol⸗ chen in ſich ſelbſt, worauf ſie ſich ſtützen könnten, aber ſie fanden keines. Eine Thräne rann über ihre Wangen hinab. Sie litt... und dennoch verſtand ſie ihre Lei⸗ den nicht. Als ſie endlich ihre Stirne erhob, ſah ſie einen Stern, deſſen Glanz durch beide Kirchenfenſter fiel, auf ſie herabblicken, gleich als blickte er aus der Kirche ſelbſt. Dieſer milde Strahl kam ihr ſo wohlthätig und ſo lieb⸗ lich vor, und gleich wie die Augen zweier Liebenden manchmal in einander verſinken, ſo verſank auch ſie in die Betrachtung des Sternes. Er klagte ſie nicht an, er verzieh ihr, ſo ſchien es ihr. Wenn Jemand ihr in dieſem Augenblicke die Hand gereicht hätte, um ſie aus ihrer unglückſeligen Stellung in der Geſellſchaft zu retten, ſie würde ihn wie einen Heiligen angebetet haben. Aber in dieſem Augenblick ſchlug es acht Uhr und ſchnell kam ſie jetzt von ihren Schwärmereien zurück, in⸗ dem ſie ſich Heinrichs erinuerte. Erſchrocken darüber, daß ſie ſich verſäumt hatte, eilte ſie jetzt auf ihren Platz zurück. Aber wie ſollte ſie er⸗ fahren, ob er inzwiſchen nach Hauſe zurückgekommen war, oder nicht? Sie machte ſich jetzt wie über ein Verbrechen Vorwürfe darüber, daß ſie ſich nur einen einzigen Au⸗ genblick thörichten Träumen hatte überlaſſen können. Mit dieſen Vorwürfen kehrten Muth und Entſchloſ⸗ ſenheit zurück. 100 Sie ging einigemal an der Werkſtatt vorbei, ent⸗ ſchloſſen, dem Hohn Trotz zu bieten und noch einmal einzutreten. Inzwiſchen ſchlug es halb neun. Sie trat jetzt in die Hausflur. Aber ehe ſie die Thüre öffnen konnte, war das Glück ihr diesmal holder als bisher. Es näherten ſich Tritte von außen, und als ſie ſich umſah, fand ſie Heinrich von ſich. „Heinrich,“ rief ſie,„halt! Ich habe Dir etwas höchſt Wichtiges zu ſagen, komm, laß uns auf die Straße hinausgehen.“ Im Anfang erkannte Heinrich die Stimme nicht; als ſie ihm aber erklärte, von wem ſie kam, konnte er ein gewiſſes Mißvergnügen über den Beſuch nicht unter⸗ drücken. „Ich wußte wohl, daß Du böſe auf mich ſein wür⸗ deſt, Heinrich, weil ich es wagte, Dich zu beſuchen,“ antwortete ſie,„aber was war zu machen?... ich komme ja doch Deinetwegen hieher. Laß uns nur von da hinaus gehen, damit Niemand uns beiſammen ſieht. „Was willſt Du von mir?“ Heinrichs Frage war ſtreng und kalt, „Komm nur erſt ein wenig mit mir.“ „Nicht bevor Du mir ſagſt, was Du willſt.“ „Das iſt nicht ſo ſchnell geſagt... ich habe Dir viel zu erzählen.“ Heinrich hatte ſo eben Fanny geſehen und er fühlte ſich glücklicher als ſchon ſeit langer Zeit. Anna's An⸗ weſenheit verjagte die ſchönen Träume aus ſeiner Seele. —— „Ich weiß nicht,“ verſetzte Heinrich,„daß wir etwas mit einander auszumachen hätten; unſere Wege ſind ſchon lange getrennt. Du gehſt den Deinen, ich den meinen.“ Fanny's Bild umſchwebte ſein Herz. Alles andere war für ihn unrein. 101 Die Königin der wilden Jagd war tief betrübt über ſeine Worte. 4 „Heinrich, Heinrich!“ klagte ſie. 4 „Du kommſt blos hieher, um durch Deinen Beſuch auch auf mich einen Schatten zu werfen.“ „Welche Anklage, Heinrich! Ich, die ich eine ſo gute Handlung zu verrichten glaubte... welcher Lohn!“ „Was müßte Fanny von mir denken, wenn ſie er⸗ führe, daß ich von Dir beſucht würde, nachdem ich von ihr komme?“ Anna war nahe daran, ſich zu ſeinen Füßen zu wer⸗ fen und um Barmherzigkeit zu betteln; ſie machte auch eine Bewegung, die ihre Abſicht verkündete. „Keine Scenen,“ bemerkte Heinrich,„keine affektir⸗ ten Auftritte... Du weißt, Daß ich Dich kenne... verlaß mich... hörſt Du, Anna, ich will Dich nicht mehr treffen. Dieß muß das letztemal wie das erſtemal ſein, daß ich Dich hier treffe.“ Mit der Hand auf ihrem klopfenden Herzen, that die Königin der wilden Jagd dem zärtlichen und reinen Gefühle Einhalt, das ſie belebt hatte. Sie fühlte ſich beleidigt und mit dieſem Gefühle kehrte all ihr Stolz, ihre ganze Entſchloſſenheit zurück. „Du ſagſt, daß Du mich kenneſt,“ verſetzte ſie,„aber Du täuſcheſt Dich: Du kennſt nur meine Fehler, aber nicht meine gute Seiten, und ich habe auch ſolche. Du heißeſt mich in einem abſtoßenden und harten Ton von Dir gehen, und Du weißt nicht, daß es ein größeres Opfer von mir iſt, wenn ich hieher kam, weil ich wohl vorausſah, wie man mich empfangen würde, als von Dir, wenn Du anhörſt, was ich zu ſagen habe. Du weißt, daß ich Dich liebe, und Du magſt mich immerhin dafür verachten; aber meine Liebe zu Dir macht mich verträg⸗ lich und gut, während Deine Neigung zu Fanny Dich hart und böſe macht. Magſt Du inzwiſchen von mir den⸗ ken, was Du willſt, Du kannſt nichts Schlimmeres denken, 10² als ich ſelbſt thue, aber jedenfalls gehe ich nicht von hier weg, bevor ich Dir geſagt habe, was mir anf dem Her⸗ zen liegt. Ich bin mehrere Stunden hier außen herum⸗ gegangen, um Dich zu erwarten; mein Kopf hat an der Kirchenthüre dort geruht, ich habe an den Grabſteinen geſeufzt. Der liebe Gott kennt mich ſo gut wie Du, aber dennoch ließ er einen Stern von ſeinem Himmel herab funkeln. Inzwiſchen gleichviel, Gott iſt Gott, und Du biſt Du; magſt Du mich verachten, ſo ſehr Du willſt, aber ich muß, ich werde mit Dir ſprechen;... denn ſiehſt Du... die Frage betrifft Dein Glück, was den⸗ noch das einzige iſt, wofür ich in Zukunft noch lebe... und zwar, ohne daß ich mich darum bekümmere, was Du von mir denkſt.“ Heinrich bereute ſeine Härte, als ſie ſich ſo aus⸗ ſprach. Es war ja doch die Freundin ſeiner Kindheit, die mit uneigennütziger Liebe zu ihm redete. Ohne zu antworten, betrachtete er ſie eine Weile. „So laß uns von hier weggehen,“ ſagte er ganz kurz. 3 5 „Das iſt auch das Einzige, um was ich Dich gebe⸗ ten habe.“ „Komm!“. Als ſie auf die Straße hinaus kamen, blieb Heinrich an der Ecke eines Gäßchens ſtehen, und bat ſie, ſich zu erklären.“ „Heinrich,“ begann ſie,„kennſt Du einen Menſchen, der ſich Paul Kellner nennt?“ Heinrich liebte und fürchtete dieſen Namen zu glei⸗ cher Zeit; er zog ſich unwillkührlich zurück, als er ihn hörte, weil er dabei auch an Fanny dachte, und die Ge⸗ danken verwirrten ſich in ſeinem Innern. „Du ſchweigſt... Du antworteſt mir nicht.“ „Allerdings... ich kenne ihn... ja, ja... aber was mehr?“ „Kennſt Du ihn nicht gut... ſehr gut... hat 103 er nicht... ich meine, etwas davon gehört zu haben... hat er nicht Dich einmal aus einer großen Gefahr ge⸗ rettet... es iſt ja doch ſo... oder hat man mich vielleicht getänſcht... und wenn es ſich ſo verhält...“ „Ach nein, man hat Dich nicht getäuſcht... es iſt leider wahr.“ „Leider... Du liebſt ihn alſo nicht?“ „Ich liebe ihn im Gegentheil ſehr und ich fürchte beinahe gar zu ſehr.“ „Ich verſtehe Dich nicht... er hat Dein Leben gerettet und Du ſcheinſt ihn nicht zu lieben. Du hätteſt doch nicht lieber ſterben wollen?“ „Es kommt darauf an... ich glaube es beinahe.“ „Mein Gott, was ſagſt Du?“ „Ich gebe gerne zu, daß ich närriſch bin... aber ſiehſt Du, er rettete auch Fanny das Leben und wir wä⸗ ren doch ſo gerne mit einander geſtorben. Ich war ſo glücklich, ſo glücklich; aber als ich wieder erwachte, und zum Bewußtſein kam, da ſtand er au ihrem Bett, und ſie erröthete, als er mit ihr ſprach. Vor mir hat ſie nie erröthet. Anna beſaß viel Erfahrung in dergleichen Dingen und verſtand ſehr gut, was Heinrich ſagen wollte. Sie beſann ſich jedoch eine Weile im Stillen. Willſt Du Paul los werden? ſag' es mir auf⸗ richtig. Du weißt, daß Du mit Deiner einzigen Jugend⸗ freundin ſprichſt, der einzigen, die Dich geliebt hat von ihren und Deinen zarteſten Jahren an.“ „Was meinſt Du... ihn los werden? „Daß er ſterben ſoll“ Heinrich fuhr erſchrocken auf. „Sterben,“ rief er,„allmächtiger Gott, was ſagſt Du... er... ſterben!⸗ „Das lautet zwar ſchrecklich,“ bemerkte die Königin der wilden Jagd;„aber Du wirſt ihn los... ſiehſt Du und Du branchſt ihn dann um Fannys willen nicht mehr zu fürchten. Uebrigens handelt es ſich nicht darum, ob Du oder ich ein Verbrechen begehen ſollen; es gibt noch andere, die dafür ſorgen können, ohne uns darum zu fragen. Ich für meinen Theil, mußt Du wiſſen, kenne Paul Kellner nicht, es kann mir alſo ganz gleich ſein, ob er lebt oder nicht; aber um Deinetwillen... ich bin nur deßhalb hiehergekommen, um Dir Gelegen⸗ heit zu verſchaffen, ihm einen großen Dienſt zu erwei⸗ ſen, weil ich glaubte, daß Du ihn liebteſt; aber ſo wie es jetzt ſteht, dürfte es wohl am beſten ſein, der Sache ihren Gang zu laſſen. Uns geht es ja nichts an und dann brauchen wir uns auch nicht darum zu bekümmern.“ Während Anna ſprach, hatte Heinrich den Kopf in ſeine Hand gelehnt. Der ſchwache Schein, der von der nächſten Straßen⸗ laterne fiel, zeigte ein Geſicht voll von Bekümmerniß und Unruhe. „Weißt Du auch, Anna,“ ſagte er, als ſie ver⸗ ſtummte,„ich glaube, daß Du beſſer biſt als ich.“ Heinrichs Worte rührten ſie. „Nein, Heinrich, ich habe viele Fehler und Du haſt keine.“ „Ich meinte, Du ſagteſt, Anna, Du ſeieſt hieher gekommen, um mir eine Gelegenheit zu verſchaffen, den Mann zu retten, der mich einmal gerettet hat!“ „Das iſt allerdings wahr, Heinrich; denn ſieh, ich dachte, daß Du doch eine ſolche Schuld gerne bezahlen möchteſt.“ Heinrich ergriff ihre Hand und drückte ſie. „Du haſt Dich darin nicht getäuſcht, Anna; aber als Du hörteſt, daß ich mit Paul unzufrieden war, ſo wollteſt Du ihn ſterben laſſen... Du haſt doch ſo geſagt?“ „Ja, allerdings.“ „Du mußt mich ſehr lieben, daß Du nicht Dich — 8 — 8 105 ſelbſt beſragſt, ſondern blos meinen Wunſch. Warum muß ich Dich nicht auch lieben können, Anna??“ Hätte ein helleres Licht ſie beſchienen, ſo würde Heinrich eine Thräne in Annas Augen erblickt und ge⸗ ſehen haben, wie ſie langſam über ihre Wangen hinab rollte. „Sprich jetzt nicht davon, Heinrich; das verſtehe ich nur zu gut. Der eine liebt die eine, der andere eine andere, dafür kann man nichts, ſondern das iſt ganz natürlich. Wenn Du mich nur nicht ganz verachteſt, ſondern mir nur erlaubſt, Dich ſtill und einſam lieben zu dürfen, ſo bin ich ſchon zufrieden.“ In dieſem Augenblick ſchlug es auf der Thurmuhr halbzehn. Anna zählte leiſe die Schläge und erſchrak, als ſie hörte, wie viel es war. „Aber von was ſchwatzen wir da?“ ſiel ſie ein. „Mein Gott, wir vergeſſen ja das Wichtigſte. Paul iſt ja von einer großen Gefahr bedroht. Beſtimme über ſein Schickſal: ſoll er ſterben oder nicht? Soll man ihn beſtehlen oder nicht? Entſcheide ſein Schickſal; ich lege es in Deine Hand.“ Wir kennen Heinrich von früher her. Wir wiſſen, wie warm und lebhaft ſein Rechtsgefühl, geläutert durch anhaltende Arbeit und Liebe zur Arbeit, bis zur ſpar⸗ taniſchen Strenge gegen ſich ſelbſt und Andere, die Tu⸗ gend liebte und das Verbrechen und Laſter verabſcheute. Wenn auch die Eiferſucht gegen Paul, deſſen viele Vor⸗ züge er eingeſtehen mußte, ihn für einen Augenblick bei gewöhnlichen Fällen gleichgültig gegen ihn machen konnte, ſo war dieß doch jetzt nicht mehr möglich, im Augenblick, wo eine Gefahr ihn bedrohte. Die Heftigkeit, womit Anna ſprach, rief ihn voll⸗ kommen zu ſich ſelbſt zurück. „Es iſt doch nicht blos ein kindiſches Gerede, Anna, wenn Du da von einer Gefahr ſchwatzeſt, die 106 Paul bedrohen ſoll? Antworte mir, hörſt Du... antworte mir.“ Und er ergriff ſie dabei ſo heftig am Arm, daß ſie nahe daran war, einen Angſtſchrei auszuſtoßen. „Welches Unglück erwartet ihn denn? Wann? Wo? Von welcher Seite her?“ „Erinnerſt Du Dich des unbekannten Mannes, der, als Du eines Abends eine Menge Geſindel daheim in Deiner Mutter Haus überraſchteſt, Dich vor dem böſen Geſellen rettete, der über Dich herfallen wollte? Das war ja doch ein Mann, ein wilder Menſch... er hält, was er verſpricht... o, ich kenne ihn gut.“ „Nun...“ „Dieſe ganze Gaunerſchaar hat unter Anführung deſſelben Unbekannten, Pauls Untergang geſchworen; man wird ihn plündern und...“ „Tödten?“ „Ja.* „Wann?“ „Heute Abend.“ „Um welche Stunde?“ „Um zehn Uhr... oder zwiſchen zehn und elf.“ „Es iſt bereits über halb zehn Uhr.“. „Wir haben keinen Angenblick zu verlieren.“ „Barmherziger Gott!“ „Ich habe ſchon ſeit fünf Uhr hier auf Dich ge⸗ wartet.“ 1 „Und Du kamſt, um mir Gelegenheit zu geben, ihn zu retten?“ „Wie ich Dir geſagt habe.“ „So laß uns eilen.“ „Aber Du weißt ja noch nicht, wohin.“ „In ſein Hötel.“ „Höre... wir müſſen uns trennen.“ „Uns trennen?“ 1 „Der Angriff auf Paul iſt zwei Weibern übertragen.“ — o— 8 107 „Du kennſt ſte?“ 3 „Nur eine. Ich nehme jedoch beide auf mich.“ „Ich folge Dir.“ „Nein.“ „Die Männer werden ſein Haus plündern.“ „Pauls Leben iſt koſtbarer als ſein Reichthum.“ „Du kannſt nichts dabei thun.“ „Nichts?“ „Suche einige Polizeidiener auf.“ „Weiter?“ „Eile mit ihnen ins Hötel.“ Es ſchlug dreiviertel auf zehn. „Hörſt Du?“ „Ich fürchte, daß wir nicht mehr zur Zeit an⸗ kommen.“ „Auch ich zweifle.“ „Aber Pauls Leben...“ „Denk auch an Fanny. Sie wohnt ja in Pauls Haus.“ „Du haſt Recht.“ „Spute Dich.“ „Wohin gehſt Du? „An Söderbergs Treppen.“ „Wie?“ „Ich habe jetzt nicht Zeit, Dir alles zu ſagen.“ „Laß uns Abſchied nehmen.“ „Ja, ja.“ Und Heinrich und die Königin der wilden Jagd eilten in verſchiedenen Richtungen fort. 108 Die Zeit war vorangeſchritten. Ehe Anna an den Stadthof kam, hatte man bereits zehn Uhr gerufen. Belebt, nicht blos von dem inneren Drang, Heinrich einen Dienſt zu erweiſen, ſondern auch von dem Wunſch, eine gute That zu verrichten, lief ſie mehr als ſie ging. Als ſie an Söderbergs Treppen kam, war alles dunkel um ſie her. Nur den Stadthof ſelbſt entlang leuchtete da und dort eine, bereits dem Erlöſchen nahe Straßenlaterne. Mitten auf den Treppen brannte mit mattem Schein auch eine einzige. Rings um ſie her war es menſchenleer, von der Seeſeite her blies ein kalter Wind. Die Maſten und das Takelwerk der im Hafen liegenden Schuten knarrten und raſſelten. Die Wogen ſchlugen an die Brücke. Sie befand ſich jetzt am Fuß der Treppen. Kühn, aber zugleich vorſichtig und unruhig, blickte ſie hinauf. Sollte es ihr gelingen oder war es bereits zu ſpät? Ihre Bruſt hob ſich hoch, während ein muthiges und warmes Gefühl ihr Herz belebte. Sie begann hinauf zu ſteigen, aber bei jedem Ab⸗ ſatz blieb ſie ſtehen und blickte um ſich her; endlich als ſie ſich überzeugt hatte, daß niemand außer ihr ſich da befand, beſchloß ſie zu warten, weil ſie ſich vorſtellte, daß Paul noch nicht angekommen ſei. Anna hatte vom Löwen ſelbſt den gegen Paul ent⸗ worfenen Plan gehört. Sie wußte alſo, daß der wilde Dingo in dem Augenblick, wo Paul mitten auf der Treppe wäre, losgelaſſen werden ſollte, und wer konnte wohl bezweifeln, daß die blutdürſtige Beſtie das Opfer augenblicklich vernichten würde? Aber Anna kannte auch ihre Macht über dieſes Thier, mit dem ſie mehr als einmal geſpielt hatte, und ſie baute darauf ihren Plan, Paul zu retten. Anna hatte ſich auf die Treppe geſetzt, um Pauls Ankunft abzuwarten. — * 109 Sie wunderte ſich zwar, daß er ſo lange ausblieb, weil ſie die Stunde des Rendezvous genau kannte; aber ſie machte ſich keine weiteren Gedanken darüber. Sie hatte jedoch nicht lange dageſeſſen, ſo hörte ſie ein klagendes, heulendes Getöne, das ihre Aufmerkſam⸗ keit anzog. Dazwiſchen hinein wurde das Geheul durch ein kurzes Geklefze unterbrochen. Anna richtete ſich auf. Sie lauſchte. „Es iſt der Dingo.“ Ein kalter Schweiß breitete ſich dabei über ihre Stirne. „Sollte es bereits zu ſpät ſein?“ Es ſchlug jetzt halb elf. Bei dem Gedanken, der ſich jetzt in ihr auszubilden begann, empfand ſie eine eiſige Kälte rings um ihr Herz. Schnell eilte ſie weiter die Treppe hinan und ſtand bereits an der kleinen Thürluke, durch welche wir Gour⸗ ville einmal hineingehen ſahen. Hier blieb ſie ſtehen und legte das Ohr aus Schloß. Jetzt hörte ſie dentlich Dingos klagendes Geheul und dn abgebrochene Geklefze, das er dazwiſchen hinein ausſtieß. Aber ſie hörte auch eine menſchliche Stimme drinnen. „Biſt Du ſatt, Dingo? Armer Dingo, ich glaube, Du bluteſt.“ Sie erkannte die Stimme. Es war die ſchwarze Charlotte, die ſie ſchon ſeit vielen Jahren kannte. Der Schein einer Laterne, welche die ſchwarze Charlotte in der Hand trug, fiel dabei durch eine Ritze der Thüre. Anna guckte hinein und ſah, daß Dingo mit einem rohen Stück Fleiſch beſchäftigt und blutig war. „Komm her, Dingo, mein Freund, komm her,“ ſprach die ſchwarze Charlotte wieder.„Dn biſt blutig wie ein Henker.“ 110 Ein eiſiger Schauer durchfuhr Anna und ihre Glie⸗ der zitterten vor Entſetzen. „Ich bin zu ſpät gekommen,“ dachte ſie;„ach mein Gott, zu ſpät!“ In ihrer Ungeduld begann ſie heftig an die Thüre zu pochen. In dieſem Augenblick erloſch das Licht und Dingos Geheul verſtummte, aber Anna hörte deßhalb nicht auf zu pochen. „Mach auf! Mach auf!“ rief ſie zugleich. Annas Angſt war entſetzlich. Sie machte ſich Vor⸗ würfe wegen ihrer Zögerung und glaubte Pauls Tod verſchuldet zu haben. „Wer pocht da außen?“ fragte endlich die ſchwarze Charlotte. In ihrer Verwirrung hatte Anna vergeſſen zu ſagen, wer ſie war. „Ich bin's, die Königin der wilden Jagd, Anna.“ „Ach Du!“ „Mach' auf, mach' auf!“ Ich kanu nicht. Der Schlüſſel iſt fort; ich bin eingeſperrt.“ „Du hältſt mich nur zum Beſten! mach' auf!“ „Anna, Du mußt mir einen Dienſt erweiſen.“ „Was denn?“ „Du mußt einen Schmied hieher ſchaffen, der mich hinaus läßt.“ „Du willſt mich nur von hier entfernen.“ „Sei nicht ſo kindiſch, ich will blos hinaus. Um alles in der Welt möchte ich nicht, daß man mich mor⸗ gen hier ſähe,“— „Ich gehe nicht. Was haſt Du vor Dir liegen?“ „Nichts.“ „Du täuſcheſt mich. Was macht der Dingo?“ „Er frißt.“ „Was?“ — e— 111 „Fleiſch.“ „Ich ſah ſo eben, daß er blutig war.“ „Er hat ſich geſtoßen.“ Als Anna fand, daß Charlotte unter keinen Um⸗ ſtänden ſie hinein laſſen wollte, beſchloß ſie, ſich ins Caffé London zu begeben und dort einen ihrer Bekannten zu holen, der das Schloß öffnen könnte. Unruhig und arg⸗ woͤhniſch wollte ſie ſich von Pauls, wie ſie ahnte, ent⸗ ſetzlichem Ende überzeugen. Die ſchwarze Charlotte hatte ſämmtliche Vorſchriften des Löwen getren befolgt. Gegen Abend hatte ſie ſich zur Baronin Lander begeben und ihr einige Zeilen von der Hand des Löwen gezeigt, worauf dieſe ſogleich ihr Anerbieten annahm, in der Miethkutſche, deren ſie ſich bediente, mit ihr zu kommen. Um neun Uhr kamen ſie an Söderbergs Treppen an und traten in das Häuschen, das vorzugsweiſe nur als Dingos Wohnſtätte betrachtet werden konnte. Nach der Zuſammenkunft bei dem General Roſen⸗ palm, hatte inzwiſchen die Geſinnung der Baronin gegen Paul eine große Veränderung erlitten. Sie haßte ihn nicht mehr, ſie fürchtete ihn kaum noch. Die gefürchtete Zuſammenkunft war ohne alle Gefahr für ſie abgelaufen, obſchon es ihr unaufhörlich zu Muth geweſen war, als höre ſie Pfeile um ihre Ohren ſauſen. Ein anderer Ge⸗ danke war ſtatt deſſen bei ihr aufgetaucht. Weſſen Sohn iſt wohl Paul? lautete dieſer Gedanke. Kalt und gleich⸗ gültig für alles, außer für ſich ſelbſt, hatte ſie niemals mit Liebe an den natürlichen Sprößling gedacht, den ſie beſaß; ſie hatte nie an ihn gedacht bis jetzt, wo ſich die Möglichkeit vorfand, daß er derjenige war, der vor ihr ſtand. Im Gefolge dieſes Gedankens befand ſich eine gewiſſe Reue, nebſt Vorwürfen über eine mehr als zwanzigjährige Gleichgültigkeit. Und ſie wollte ihn ſehen... ſie wollte mit ihm ſprechen. Mit dem Verluſt ſeiner Papiere ſtand Paul ent⸗ waffnet vor ihr, und ſie ſtand unter dem Einfluß ihrer neuen Idee ebenfalls entwaffnet vor ihm. Der Baronin war es indeß nicht ſonderlich wohl zu Muth, als ſie in das elende Gehöfte eintrat und ſich mit Schrecken umſah. Sie war an ſolche Orte nicht gewöhnt und hätte gerne wieder umgekehrt, aber es war bereits zu ſpät. Charlotte hatte den Miethkutſcher verabſchiedet. Inzwiſchen war ſie nicht diejenige, deren Muth ſich allzuleicht niederſchlagen ließ, und ſie beſchloß ruhig zu ſein. e o iſt Paul Kellner?“ fragte ſie.„Er zeigt ſich nicht.“ „Gedulden Sie ſich eine Weile, Frau Baronin,“ antwortete Charlotte,„er wird wohl kommen.“ Charlotte hatte eine Laterne angezündet und führte ſie inzwiſchen hinein. 3 Als ſie in die Hausflur kam, hörte ſie ein klagen⸗ des Geheul drinnen, und zwei feurige, wilde Augen fun⸗ kelten ihr entgegen. Es war Dingo, der eine unbekannte Perſon witterte und ſie mit raubgierigen Augen betrachtete. Bei dieſem unerwarteten Anblick wurde ſie von einer Furcht überfallen, die ſie nicht ſogleich zu beherrſchen vermochte. „Was iſt das hier?“ fragte ſie und ergriff Char⸗ lottens Hand. „Ein Hund.“ „Welch ein Unthier!“ Dingo richtete ſich auf. — ,— 113 „Komm her, Dingo,“ befahl Charlotte. Dingo gehorchte. Charlotte hielt die Laterne abwärts, um den Hund in ſeiner ganzen Wildheit zu zeigen, und die Baronin zog ſich einen Schritt zurück.— „Betrachten Sie ſeine Augen,“ bat Charlotte. „Sie ſprühen Feuer.“ „Seinen Rücken.“ „Er erhebt ſich; die Haare ſtehen aufwärts.“ „Und dann ſeine Zähne.“ „Sie glänzen wie Dolche.“ „Laſſen Sie uns etwas überlegen.“ „Sprich... Du erſchreckſt mich beinah.“ „Bedenken Sie, wenn wir jemand hätten, den wir recht von Herzen haßten.“ „Was dann?“ „Denken wir uns einmal, er käme da draußen die Treppe herauf.“ „Ach, ich verſtehe.“ „Und man öffnete die Thürluke.“ „Weiter.“ „Und man riefe in dem Augenblick, wo der Ver⸗ haßte ſich noch einige Stufen unter ihr befände, dem Hunde zu: Faß!“ „Sie ſind entſetzlich.“ „Sein Schickſal würde...“ „Was?“ „Ein einziger Hundsbiß.“ „Und er ſelbſt?“ „Eine Portion Hundefutter.“ „Gräßlich!“ „Er würde von der Erde verſchwinden, ohne eine einzige Spur hinter ſich zu laſſen.“ „Ja, ja.“ „Und wer hätte wohl zu Dingo geſagt: Das Gewiſſen. IV. 8 Faß!“ 114 „Wer?“ „Niemand... oder... der Wind.“ „Der Wind?“ „Faß iſt ja nur ein kleines Wörtchen, das in der Luft pfeift.“ „Im Wind... mein Gott, Sie haben Recht. „Und wer hätte wohl die Luke geöffnet?“ „Wer 2 „Niemand, bemerken Sie das wohl, ganz und gar niemand.“ 3 „Still!“ „Apropos, Sie haſſen doch jemand?“ „Ich 2 „Sollen wir die Thüre öffnen?“ „Sie öffnen? was ſagen Sie?“ „Sie brauchen blos zu Dingo faß zu ſagen, wenn derjenige, den Sie haſſen, heraufkommt.“ „Derjenige, den ich haſſe?“ „Sie wiſſen, wen ich meine?“ „Nein, nein. Wen haſſe ich?“ Die Baronin war überwältigt von dem Schauer⸗ lichen, das in dieſem Vorſchlage lag, und ihre Gedanken arbeiteten nicht ſelbſtſtändig, ſondern unter dem Einfluß von Charlottens Darſtellung. „Sie haſſen,“ antwortete ſie,„Sie haſſen ja.. „Ich weiß nicht.“ „Aber ich weiß es, Sie haſſen Paul Kellner.“ Die Baronin war erſchüttert. Sie zitterte, als ob ſie fröre. „Ich habe ihn gehaßt,“ antwortete ſie,„aber ich haſſe ihn nicht mehr. Ich will mit ihm ſprechen.“ „Ich verſtehe Sie, Frau Baronin. Still... ich glaube, er kommt bereits... Dingo... mein Dingo hein gutes Mahl erwartet Dich.“. Das Entſetzen der Baronin erhöhte ſich mit jedem 4 3 — 8☛ 115 Worte, das Charlotte ſprach, und ſie verlor immer mehr ihre gewöhnliche Selbſtbeherrſchung und Geiſtesgegenwart. Charlottens Kälte ſchien ihr noch ſchrecklicher, als Dingos ſichtbarer Blutdurſt.. Wäre es ihr möglich geweſen, den Ort zu verlaſſen, ſo würde ſie die Dunkelheit und die Gefahr der Ein⸗ ſamkeit nicht geſcheut haben, ſondern ſo eilig geflohen ſein, als hätte ein böſer Dämon ſie verfolgt. Charlotte und Dingo kamen ihr vor, als wären ſie von demſelben Stoff geſchaffen, von demſelben Geiſt be⸗ lebt. Je mehr ſie beide betrachtete, um ſo mehr er⸗ ſchreckte ſie; ihre Beine wankten und ſie fühlte ſich unwohl. Endlich raffte ſie ihren Muth zuſammen. „Hören Sie mich, Mamſell,“ ſagte ſie;„Sie müſ⸗ ſen mich hinaus laſſen. Ich befinde mich hier nicht wohl. Die Luft erſtickt mich.“ Aber Charlotte antwortete ihr blos mit einem lau⸗ ten Lachen, und als ſie lachte, klefzte der Hund. Die Baronin verlor alle Luſt, ihren Verſuch zu er⸗ neuern. Nichts deſtoweniger ſteigerte ſich ihre Angſt mit jedem Augenblick. „Still!“ rief Charlotte,„ſtill!“ Sie lauſchte. Die Baronin zitterte. „Ich höre Tritte,“ bemerkte Charlotte,„hören Sie.“ Es wurden wirklich Tritte gehört. „Sind Sie bereit, Frau Baronin?“ Der Baronin fehlte es in ihrer Aufregung an Kraft, um ſich Charlotte zu widerſetzen. Tir Kopf war ſchwindlich. Sie wußte kaum mehr etwas von ſich ſt. Was ſollte ſie thun? üich ſelbſt. Was „Dingo, mein Dingo,“ ſchwatzte Char baß auf Aae⸗ go“ ſchwatzte Charlotte,„paß Charlotte beugte ſich nieder, um ihn von der Kette loszulaſſen. — 116 Dingo wuchs beinah, während ſie das that. Sein Rücken erhöhte ſich. Seine Sehnen ſpannten ſich. Er ſchien zu verſtehen, um was es ſich handelte. „Machen Sie die Thüre auf, Frau Baronin. Sehen Sie hinaus. Schauen Sie ſich wohl um.“ Jetzt kam der Baronin ein Gedanke und ſie athmete wieder, obſchon ihr Athem kurz und brennend heiß war. Als ſie die Thüre aufgeſchloſſen hatte, zog ſie den Schlüſſel heraus. „Iſt er es, der kommt?“ fragte Charlotte. „Es iſt finſter, ich ſehe nichts.“ „Folgen Sie ihm mit ihrem Blick, bis er ſchief vor die Laterne kommt; ſie brennt ja noch.“ „Ja. ² „Nun, zeigt er ſich?“ „Still.“ Der Kommende, der wirklich Paul war, ging in dieſem Augenblicke an der Laterne vorbei und die Ba⸗ ronin erkannte ihn. „Sie ſchweigen, Frau Baronin. Sehen Sie denn nicht? Ich höre ſeinen Schritt bis hier. Antworten Sie mir, ſo laſſe ich den Dingo los. Ich vermag ihn nicht länger zu halten.“. Die Baronin war nicht mehr unentſchloſſen, aber ihre Beine wankten unter ihr. „Still, Dingo, ſtill!“ befahl Charlotte.„Iſt er es nicht, Frau Baronin? Paſſen Sie wohl auf!“ Der Augenblick war gekommen. Die Baronin konnte ihn nicht aus den Händen laſſen. Sie ermannte ſich alſo, und indem ſie alle ihre Kräfte aufbot, fühlte ſie ſich ſtark genug, eine entſchloſſene That zu wagen. „Er iſt es,“ antwortete ſie. „Faß!“ rief Charlotte. Der Hund rauſchte gegen die Thüre. Aber in demſelben Augenblicke, wo die Baronin er⸗ klärte, daß der Kommende wirklich Paul ſei, eilte ſie — 117 aus dem Höfchen hinaus und ſchlug mit dem Schlüſſel in der Hand die Thüre wieder zu. Die Baronin bewerkſtelligte das, während Charlotte den Hund losließ. Die Duntelheit und Eile halfen ihr. Blind vor Wuth rauſchte Dingo auf die Thüre zu, ſtürzte aber mit zerſchlagener Naſe von derſelben zurück. Alles zuſammen war nur das Werk eines Augenblicks. Schäumend vor Zorn eilte Charlotte voran, als ſie bemerkte, daß ſie betrogen war. Ein entſetzlicher Schwur ging über ihre Lippen. Um das Maß ihres Verdruſſes voll zu machen, fand ſie ſich eingeſperrt. In Folge der Schlußſcene bei Gourville's kleinem Bankett im Thiergarten kam Paul früher, als er ver⸗ ſprochen hatte, an Söderbergs Treppen. Damit unbekannt, begab er ſich langſam hinauf, um nicht fehl zu gehen. Als er in die Mitte kam, hörte er das Getöne von gewechſelten Worten und beſchloß daher, die Sprechenden nach dem Hauſe zu fragen, wo Charlottens Mutter woh⸗ nen ſollte; aber in demſelben Augenblick bemerkke er, wie die Thüre gewaltſam zugeſchlagen wurde, und beinah im gleichen Moment ſpürte er, wie ein Frauenzimmer ſeinen Arm ergriff. „Retten Sie ſich ſelbſt und mich,“ ſagte ſie zu ihm; „ſowohl Sie als ich ſind betrogen. Helfen Sie mir. Ret⸗ ten Sie mich! Laſſen Sie uns forteilen.“ 1 Paul fand die Unbekannte tief erſchüttert und folgte ihr. Während er ſich entfernte, nahte ſich ein klagendes Geheul und ein höhniſcher Fluch ſeinen Ohren. 118 Ohne eigentlich zu begreifen, um was es ſich han⸗ delte, ſah Paul, daß ein Betrug oder ein Verbrechen begangen ſein mußte, und froh darüber, daß er in einer glücklichen Stunde gekommen war, führte er das in der Dunkelheit ihm unbekannte Frauenzimmer in den Wagen, mit welchem Jack in einiger Entfernung ihn erwartete, behielt ſich indeß vor, zurückzukehren und ſein Verſprechen gegen Charlotte zu erfüllen; aber von dieſem Vorſatz ging er ſogleich ab, als das Frauenzimmer ihm ſagte, wer ſie war und was ſich jetzt zugetragen hatte. Er nahm jetzt an ihrer Seite Platz und befahl Jack, nach ihrer Wohnung in der Regierungsſtraße zu fahren. — Eine halbe Stunde nachher, vielleicht auch elwas ſpeäter, kam die Königin der wilden Jagd zu Charlotte zurück, von einem Bekannten begleitet, der ſich vortrefflich auf die Kunſt verſtand, Schlöſſer mit Dietrichen zu öff⸗ nen. Als er in den Hof hineingekommen war, erzählte Charlotte, was ſich zugetragen hatte, denn ſie glaubte vor ihrer alten Freundin nichts verbergen zu müſſen. Dingo blutete zwar noch, aber um ſeine wilde Wuth zu beſchwichtigen, hatte Charlotte ihm ein Stück Fleiſch gegeben, was man immek zum Voraus aufkaufte. Auna dankte Gott in der Stille für Pauls Rettung, ohne ſich darüber zu ärgern, daß er ſie ihr nicht ſelbſt zu verdanken hatte. — 119 Dreizehntes Kapitel. Des Löwen zweiter Plan. Zur ſelben Zeit, wo das ſo eben Erzählte ſich im Süden zutrug, wanderten einige minder gut gekleidete Perſonen von der Odinsgaſſe her nach der Königinſtraße hinab. Sie gingen indeß nicht zuſammen, ſondern blie⸗ ben in einem längern Abſtand von einander. Als ſie auf die Königinſtraße kamen, ſchlich ſich die erſte, die ein Weib war, in Paul Kellners Haus, woge⸗ gen die Uebrigen ſich um das Haus herum zerſtreuten, jedoch ſo, daß ſie einander ſehen konnten. Die Laternen brannten noch mit hellem Schein auf der Straße, obſchon nicht mehr ſonderlich viel Welt hin⸗ und herſtrömte. Nach einer Weile kam das Weib, die keine andere Perſon als Lena, die Frau des Fuchſes, war, heraus und begab ſich quer über die Straße, wo ſie, ihre Auf⸗ merkſamkeit auf den Eingang gerichtet, ſtehen blieb. Dies ſchien ein verabredetes Zeichen dafür zu ſein, daß man keine Gefahr zu fürchten habe, denn unmittelbar darauf trat der zunächſtſtehende Mann ein, hierauf der zweite und dann der dritte, bis ſie ſich alle zuſammen in der Hausflur befanden. Die Geſellſchaft beſtand aus dem Fuchs, dem Schmiedslehrling Andreas Kullblom, dem Invaliden Schwerdt und noch einigen Andern. Der Fuchs war Anführer der Bande. „Alles iſt ruhig und ſtill,“ ſagte er. „Ruhig und ſtill.“ „Es bleibt bei dem verabredeten Plan. Jeder an ſeinen Platz. Ihr verriegelt die Thüren auf den Hof hinaus. Still, ich glaube, ich höre etwas. Es war der Wind. Raſch ans Werk. Ich und Du, Schwerdt, neh⸗ men Brauner auf uns. Sind die Hofthore verſchloſſen, ſo haben wir Niemand ſonſt zu fürchten. Jack iſt fort. Meine Füchſin hat dies heute Mittag ausgeſchuüffelt. Still, es kommt wirklich Jemand. Wir müſſen uns zu⸗ rückziehen. Im Schatten verborgen ſahen ſie, wie die Thüre rechts von der Hausflur geöffnet wurde und ein alter Mann mit einem Licht in der Hand heraustrat und quer über die Hausflur nach der Thüre links ging, die er öffnete und dann hinter ſich verſchloß. „Es war Brauner,“ flüſterte der Fuchs. „Verdammt dumm, daß wir ihn nicht ſogleich faßten. Aber er ſah ſo ehrwürdig aus. Sollen wir ihm nach⸗ gehen?“ „Laßt uns lieber eine Wache an die Thüre ſtellen, während die Vorbereitungen getroffen werden. Kommt er nicht heraus, bevor wir die Sachen im Reinen haben, ſo kann man ihn in Ruhe laſſen. Was ſagt ihr?“ „Ganz richtig. Ans Werk alſo!“ Der Fuchs ſtellte ſich vor der Thüre, wo Branner verſchwunden war, auf die Wache, und die übrigen theil⸗ ten ſich in zwei Parteien, wovon die eine die Hofthüre verriegelte und die andere die Thüre⸗ des Vorzimmers von Pauls Wohnung aufbrach. Als Brauner die Thüre links hinter ſich ſchloß, befand er ſich in einem hübſchen und gemüthlichen Stübchen. Eine Thüre gegenüber führte in ein anderes Zimmer. Der — 121 Greis blieb eine Weile ſtehen, gleich als überlegte er etwas; dann aber ging er weiter und näherte ſich der inneren Thüre. Auch hier verweilte er einen Augenblick, ehe er mit einer Vorſicht, die von der größten Furcht zeugte, ſie endlich öffnete. Die Thüre ging inzwiſchen dadurch ſo leiſe auf, daß die im Zimmer befindliche Perſon den Eintritt des Alten nicht bemerkte. Er blieb daher auf der Schwelle ſtehen, um ſich an dem hübſchen Gemälde zu erfreuen, das er vor ſich hatte. Das Hauptbild dieſes Gemäldes war ein Mädchen, das, beleuchtet von einem auf ihrem Nachttiſche ſtehenden Lichte, am Rande ihres Bettes ſaß, ein Liedchen vor ſich trällernd, während ſie, obſchon beinahe nur noch halb gekleidet, ſich damit beſchäftigte, ein kleines Shäwlchen in verſchiedene Falten zu legen. Ihr Ausſehen war jugendlich und friſch, ihre Bewe⸗ gungen kindlich und einfach. Das unbedeutende Geſchäft, das ſie vor ſich hatte, ſchien ihr unendlich viel Vergnügen zu machen. Das Mädchen war auch Niemand anders als die hübſche Fanny. „Heinrich iſt heute viermal hier vorbeigegangen,“ ſagte ſie vor ſich hin.„Das erſtemal wagte er blos, zu mir herauf zu ſchielen. Es war recht luſtig zu ſehen. Das zweitemal zog er den Hut ab, und das machte er gar nicht übel. Das drittemal ſah er mich ordentlich an, erröthete aber, und das ließ ihm am allerbeſten. Ich liebe Männer, die erröthen können, weil dies doch be⸗ weiſt, daß ſich noch ein wenig Morgenröthe in ihrem Herzen vorfindet. Als er das viertemal vorüberging... ach ja, da weiß ich nicht, wie er ſich benahm, denn da ſchlug ich meine Augen nieder und das war recht ein⸗ fältig von mir.“ Während ſie pauſirte, trällerte ſie wieder ihr Lied⸗ chen und legte ihr Shäwlchen in neue zierliche Falten. „Ich habe mich gefragt, ob ich ihn liebe; aber ich habe noch nicht darauf antworten können. Es iſt ſchwer, eine ſolche Frage zu beantworten, und Gott weiß, ob man eigentlich je ſo Etwas fragen und nicht vielmehr die Sache ſich von ſelbſt geben laſſen ſollte, wie z. B. ein Sternfall. Paul, ach ja, Paul... ich erröthe vor ihm, wenn er mich anſieht, aber ſonſt frage ich nicht viel nach ihm. Dagegen denke ich oft an Heinrich, und es macht mir immer Freude, an ihn zu denken. Er hat mich auch einmal an ſein Herz gedrückt. Das hat kein anderer gethan; aber wir waren damals auch im Begriff zu ertrinken. Ach, ich fühlte ordentlich, wie heftig es ſchlug. Sonderbar genug, ich, die ich das Leben ſo ſehr liebe, habe doch ſeitdem immer gedacht, es müßte nicht ſo ſchrecklich ſein, zu ſterben. Ach, da habe ich einmal eine ſchöne Falte herausgebracht; ich werde das nächſte⸗ mal daran denken, wenn ich ausgehe. Ich bin überzeugt, daß ſie auch Heinrich gefallen wird.“ Und wieder trällerte ſie einen Vers ihres Liedchens. Brauners Blick weilte mit innigem Wohlbehagen auf ihr, und ſeinem Ohr ſchienen die ſchönen, reinen, melodiſchen Töne recht eigentlich wohl zu thun. Fanny's ganzes Weſen war voll von Unſchuld und Naivität, und dies ſchien den Alten in ſeiner innerſten Seele zu erquicken. Uuwillkürlich erhob ſich ſeine Bruſt und ein Seufzer ertönte im Zimmer. Das Mädchen fuhr zuſammen und ſchaute auf. Bei Brauners Anblick erblaßte ſte und erhob ſich haſtig, wäh⸗ rend ſie den Shawl feſter um ſich zog. „Ah, Sie hier, Herr Brauner,“ ſagte ſie,„ſo ſpät? Was wollen Sie, wenn ich fragen darf? Sie wiſſen ja, daß mein Pflegevater fort iſt.“ Brauner ſtellte das Licht ganz ruhig ab und näherte ſich ihr. iij Eben deßhalb, mein Kind, weil Ihr Pflegevater 123 fort iſt, bin ich hier,“ antwortete er.„Ich habe wichtige Dinge mit Ihnen zu beſprechen.“ „Sie? Ich weiß doch nicht, daß wir Etwas mit einander zu ſprechen haben könnten.“ „Das iſt möglich, und dennoch können nie zwei Leute mehr mit einander zu ſprechen haben, als wir Beide.“ „Aber um dieſe Zeit?“ „Man muß die Zeit nach den Umſtänden wählen, mein Kind. Ich weiß wohl, daß es ſpät iſt, aber beſſer ſpät als nie, ſagt das Sprichwort. Ich bin übrigens ein alter Mann und Sie haben nichts zu fürchten. Ur⸗ theilen Sie alſo nicht über mich, bevor Sie mich ange⸗ hört haben. Setzen Sie ſich, ich bitte Sie.“ Obſchon es Fanny im höchſten Grad zuwider war, ſo übte doch die Ruhe und die Würde des alten Mannes einen ſehr mächtigen Einfluß auf ſie aus. „Ich werde Sie anhören, Herr Brauner,“ ſagte ſie, indem ſie ſich ſetzte, naber ich bitte Sie, ſich möglichſt kurz zu faſſen, weil Sie mich beläſtigen.“ Fanny's Wangen wechſelten in weiß und roth, als ſie dem Wunſche des Alten nachgab, weil ſie mit ſich nicht darüber im Klaren war, ob ſie rechthandle oder nicht. „Sie haben heute oder geſtern einen Brief an Fräu⸗ lein Jaquette geſchrieben, Fanny.“ Fanny erinnerte ſich deſſen ſehr wohl, fühlte ſich aber von der Aeußerung des Alten überraſcht, weil ſie nicht erwartet und noch weniger gewünſcht hatte, daß er Kenntniß davon erhalten ſollte. „Sie haben mich durch dieſen Brief tief verletzt,“ fuhr der Alte fort.„Sie haben mich verkannt und ange⸗ klagt. Sie müſſen mir ſagen, aus welchen Gründen.“ „Ach, Herr Brauner.“ Fanny war zu ſehr überrumpelt, um ſich jetzt er⸗ klären zu können, und dennoch war ſie von einem gewiſ⸗ ſen Argwohn gegen den Alten nicht frei. „Bei Ihrem guten und reinen Herzen, Fanny,“ 124 fuhr der Alte fort,„würden Sie ſich ſicherlich nicht erlaubt haben, einen am Rande des Grabes ſtehenden Mann ohne triftige Gründe anzuklagen.“ Fanny war es nicht wohl zu Muth, weil ſie zuge⸗ ben mußte, daß der Alte Recht hatte; aber nichts deſto⸗ weniger hegte ſie einen Widerwillen gegen ihn, den ſie ſich nicht zu erklären vermochte. „Ich habe wie ein Kind gelitten, Fanny, weil es ein Kind war, das mich anklagte. Sie haben mir ſehr wehe gethan, Fanny, ſehr weh. Als alter Mann ver⸗ zeihe ich jedoch gerne ein kindiſches Benehmen, und beſon⸗ ders Ihnen. Verſprechen Sie mir nur eine Sache, mein Kind.“ Der Greis ſprach mit ſolcher Rührung, daß Fanuy ganz weich zu werden anfing. „Verſprechen Sie mir,“ fügte er hinzu,„daß Sie mich künftig nicht mehr beargwöhnen wollen.⸗ Fauny war beſiegt. „Nun ja, Herr Brauner, ich verſpreche es; aber dann müſſen Sie auch den Brief vergeſſen... Sie thun es doch! Ich weiß ſelbſt nicht, wie ich dazu kam, ihn zu ſchreiben; aber es iſt wahr... jetzt erinnere ich mich... obſchon...“ Fanny unterbrach ſich hier plötzlich und ſenkte die Augen zur Erde, indem ſie ver⸗ legen über das erröthete, was ſie zu ſagen gedachte. „Verbirg nichts, mein Kind, ſondern ſprich mit mir, wie wenn ich Dein Vater wäre. Glaube mir, ich liebe Dich ſo innig, wie wenn ich es wirklich wäre.“ Fanny konnte nicht umhin, den Greis anzuſehen, weil die Zärtlichkeit, die er gegen ſie äußerte, ihr doch ein wenig ſonderbar vorkam. „Wirklich? Sollten Sie mich ſo ſehr lieb haben, Herr Brauner?“ „Ja, Fanny, ja, ich habe...“ Auch Brauner unterbrach ſich hier. „Sie haben,“ wiederholte Fanny, die ihre Neugierde nicht unterdrücken konnte,„Sie haben...“ 12⁵ „Ich habe Dich ſchon als ein kleines, ganz kleines Kind gekannt, Fanny. Aber davon will ich jetzt nicht ſprechen. Laß mich ſtatt deſſen die Urſache hören, warum Du den Brief ſchriebeſt.“ „Aber Sie könnten böſe auf mich werden, Herr Brauner.“ 3 „Fürchte nichts. Ich kann nicht böſe auf Dich werden, Fanny.“ 3. „Die Urſache war, um es kurz zu ſagen, die, daß ich, als ich neulich einmal Abends über die Straße ſprang, um meine frühere Prinzipalin zu begrüßen, die jetzt, ſeit ich ſie verlaſſen habe, ſelbſt im Putzladen ſteht, zwei Perſonen, einen Mann und ein Frauenzimmer, be⸗ merkte, die ſich dem Hauſe hier auf eine Art näherten, welche mir ganz ſonderbar vorkam.“ „Wie... zwei Perſonen?“ „Ich zog mich in die Hausflur zurück und da hörte ich ein Geſpräch zwiſchen ihnen, das recht merkwürdig war. Unter Anderm ſprachen ſie auch von Ihnen.“ „Von mir? Was ſagten ſie?“ Brauners Augenbrauen runzelten ſich und er machte alle Zeichen der Ueberraſchung. „Sie ſagten allerlei und doch nichts, was ſonderlich ſchmeichelhaft war.“ Fanny beobachtete den Alten. „Ich habe es lange gefürchtet,“ murmelte er laut genug, daß Fanny es hören konnte,„ſehr lange...“ „Die eine der ſprechenden Perſonen nannte ſich Löwe.“ Brauner fuhr zuſammen. „Die andere hieß die ſchwarze Charlotte. Ich hörte es ganz deutlich.“ Brauners Augen wurden von einer trüben Wolke verſchleiert. „Ach, ich verſtehe, Du haſt ſie gehört... dann iſt mir alles klar.“ Fanny's Argwohn bekam durch dieſen Ausruf und 126 die Art und Weiſe, wie er ihre Erzählung aufnahm, neue Nahrung. „Soll ich auch erzählen,“ fragte Fanny, und zwar nicht ohne eine gewiſſe kleine Bosheit,„was ſie von Ihnen ſagten, Herr Brauner?“ „Nein, mein Kind, nein. Ich ſehe jetzt Deine Gründe ein. Laß uns ſtatt deſſen von etwas Anderem reden. Würdeſt Du mir erlauben, eine Frage an Dich zu ſtellen, die Dein Herz betrifft?“ „Sehr gern. Fragen Sie nur.“ Fanny fühlte ſich friſcher, weil ſie ſich einbildete, eine kleine Ueberlegenheit über den Alten bekommen zu haben. „So ſage mir, Fanny, warum Du den Brief an FFränlein Jaquette Roſenpalm adreſſirteſt? Du kennſt ſie ja nicht.“ Fanny ſchlug ihre Augen nieder, als wollte ſie ſich bedenken. „Du haſt vielleicht bemerkt, daß Herr Paul ſeine Augen auf ſie geworfen hat, und wollteſt Du ihn wohl durch dieſen Brief für das Fräulein noch intereſſanter machen, oder wollteſt Du, in der Vorausſetzung, daß er auf die eine oder die andere Art von Deinem Beneh⸗ men erführe, ſeine Aufmerkſamkeit auf Dich ſelbſt lenken?“ „Pfui, Herr Brauner! pfui! ich habe an gar nichts der Art gedacht; meine Hand war nicht blos unbekannt, ſondern es ſtand nicht einmal mein Name unter dem Brief. Welche Spekulation konnte ich alſo dabei haben? Ich ſchickte den Brief dem Fräulein hinüber, weil.. weil... ich weiß keinen andern Grund, weil es ſich gerade ſo traf.“ Fanny war verdrießlich, erröthete aber gleichwohl bis über die Augen. Brauner hatte zwar, als er bei ihr eintrat, gehört, daß ſie nicht ausſchließlich für Paul ein zärtlicheres Ge⸗ fühl hegte, aber er fürchtete dennoch, ſie möchte ſich ſelbſt — 127 nicht ſo genau kennen, und er erblickte in dem Brief einen Beweis, daß ſie gleichwohl mitunter auch an Paul denke. „Verzeih mir, mein Kind,“ fuhr der Greis fort; „aber in meinen Jahren nimmt man ſich die Freiheit, ſich in Vieles zu miſchen, was Einen nichts angeht. Ich warne Dich daher jetzt vor Paul. Du magſt ihn lieb haben, ach ja, wie eine Schweſter, wenn Du wilſſt, ſonſt aber mußt Du nur Heinrich lieben. Nicht Paul... wohl aber Heinrich kann Dich glücklich machen.“ Fanny erröthete einmal übers andere, während ſie das Geſchwatze des Alten ganz ſonderbar, beinahe uner⸗ klärlich fand. „Sie wiſſen alſo... 2“ ſagte ſie, verſtummte aber wieder, indem ſie argwöhniſch dem Alten ins Geſicht ſchaute. „Ich weiß alles, mein Kind. Heinrich iſt ein recht⸗ ſchaffener braver Junge, aus dem mit der Zeit etwas werden kann.“ Aus der ungeduldigen Bewegung, die Fanny ver⸗ rieth, erſah jedoch der Alte, daß er bei ihr nicht ganz gut angeſchrieben war, und das that ihm weh. Freundlich ſtreckte er ſeine Hand aus, als wollte er ſie um Erlaubniß bitten, die ihrige zu drücken, aber ſie ſchob ſie zurück. „Du biſt böſe auf mich, mein Kind,“ ſagte er,„und dennoch habe ich Anſprüche auf Deine Freundſchaft.“ „Sie, Herr Brauner? ei wirklich?“ „Erinnerſt Du Dich, daß Du einmal von der Frau Deines Pflegevaters Jack floheſt?“ Fanny richtete ſich auf und ſah den Alten verwun⸗ dert an. „Erinnerſt Du Dich, daß Du einmal gewaltſam angegriffen wurdeſt von einem...“ Bei dieſen Worten ſchwand jeder Blutstropfen aus Fannys Wangen. 128 „Erinnerſt Du Dich, daß damals ein Mann Dich und Deine Ehre rettete?“ Die erſchrockene und ängſtliche Miene der armen Fanny bewies, welche Beſtürzung die Worte des Alten bei ihr hervorriefen. „Dieſer Mann, den Du in der Dunkelheit nicht er⸗ kennen konnteſt, war ich.“ „Wie... Sie, Herr Brauner?“ „Ich rettete Dich vor allen Verfolgungen. Ja noch mehr... ich war es auch, der Dir den Platz in dem Pußladen gegenüber verſchaffte, wo Du ſeither Dich auf⸗ hielteſt.“ „Sollte es möglich ſein... Sie... Sie...“ Fanny konnte ihm gleichwohl kaum glauben. „Sieh, ich kannte Deine Eltern, und deßhalb liebte ich Dich. Möchteſt Du vielleicht wiſſen, wo Deine Mutter begraben liegt? Niemand außer mir kennt den Platz. Wir wollen ihn einmal zuſammen beſuchen. Willſt Du 2 Brauners ganzes Geſpräch kam Fanny wunderlich vor. Sie wußte nicht, was ſie davon denken ſollte. Sie fürchtete ihn und mißtraute ihm, während ſie ihn zugleich liebte. Fanny hatte ihre Mutter niemals gekannt und kaum von ihr reden gehört; aber bei jedem Weib iſt es ein natürliches Gefühl, die Mutter zu lieben. Die Mut⸗ ter, welche nicht die Liebe ihrer Tochter beſitzt, iſt immer eine unnatürliche Mutter. Brauners Verſprechen, ſie an das Grab ihrer Mutter zu führen, erfreute und rührte ſie. Sie gedachte ihm auch mit den lebendigen Er⸗ gießungen eines warmen und hochklopfenden Herzens da⸗ für zu danken, aber ſie wurde durch ein Geräuſch von Außen unterbrochen, das Fanny nicht weniger überraſchte als es den Alten in Verwunderung verſetzte. Das un⸗ erklärliche Geräuſch erneuerte ſich noch einmal und Brau⸗ ner erhob ſich lauſchend und beſtürzt, um das Zimmer zu verlaſſen und nachzuſehen, was es gäbe. Fanny wollte 7 131 jedem neuen Unterſuchungsgefangenen angeſtellt und ihm die beſten Mittel eingeſchärft, wie er ſich vor der geſetz⸗ lichen Behörde von ſeiner Anklage los zu machen habe. Hier wird auch über jeden Gericht gehalten, der unter den Dieben ſelbſt ein Verbrechen gegen ihre Re⸗ geln begeht. 1 Die Strafe kann verſchieden ſein, doch beſteht ſie gewöhnlich aus drei Arten: Die ſchwerſte Strafe iſt natürlich die Todesſtrafe, die je nach Umſtänden vollzogen wird. Im ſüdlichen Zuchthaus ſind einige Beiſpiele von Vollziehung ſolcher Urtheile vorgekommen. So wurde ein Gefangener, den ſeine Kameraden zum Tod verurtheilt hatten, in die Schmiede gelockt, wo man ihn, während man fortwährend hämmerte, um ſein Geſchrei zu übertönen, mit Eiſenſtangen zuerſt vom Fuß bis zum Kopf und dann vom Kopf bis zum Fuß ſchlug. Dadurch in einen Blutklumpen verwandelt, wurde er in eine Ecke gelegt und mit Stroh zugedeckt. Die Abſicht der Verbrecher war, wie ſie ſpäter ſelbſt eingeſtanden, ihn in Stücke zu zerſchneiden und in den Abtritt zu werfen. 3 Das Verbrechen wurde vorher noch entdeckt. Der Mann wurde wieder zum Leben gebracht, bekam aber die Schwindſucht und ſtarb. Ein anderer, den man gleichfalls zum Tod verur⸗ theilt hatte, wurde gezwungen, Gift zu nehmen. Wir können hier auch noch zwei ſchwere körperliche Strafen anführen, wovon die eine in der Baſtonade be⸗ ſteht, wobei Hände und Füße zuſammengebunden werden, zwiſchen dieſelben eine hölzerne Stange geſteckt, der Ver⸗ urtheilte vom Boden aufgehoben und unter fortgeſetztem Hin⸗ und Hergeſchaukel an eine Wand oder Mauer ge⸗ ſtoßen wird. Die andere, die für noch ſchlimmer gilt, beſteht darin, daß der Delinquent, nachdem er auf dem Boden ſitzend eine geduckte Stellung eingenommen hat, an einen Pfahl, den man zwiſchen ſeine Beine ſteckt, gebunden, und ſodann mit Stricken immer feſter und feſter daran zuſammengeſchnürt wird. Dieſe Strafe, die ſie„Krummbiegen“ nennen, ſoll noch heut zu Tage auch in der norwegiſchen Armee gebräuchlich ſein. Die innere Organiſation unter den Verbrechern in Bezug auf ihr Benehmen vor Gericht beſteht in einigen wenigen Regeln. Wenn jemand bei einem Einbruch oder einem ähn⸗ lichen Unternehmen ſich ſo dumm anſtellt, daß er feſtge⸗ nommen wird, ſo darf er unter keiner Bedingung ſeine Mitverbrecher angeben, ſondern muß die Sache entweder allein verantworten oder ſie noch lieber auf Andere ſchie⸗ ben, die gar nichts damit zu ſchaffen gehabt haben, und dabei iſt es von der höchſten Wichtigkeit, folgende zwei Umſtände zu beobachten: Erſtens, daß alle, die wegen gröberer Verbrechen bereits verurtheilt ſind, die Verpflichtung haben, auch die Verantwortung für kleinere, ſo viel es nun ſein mögen, auf ſich zu nehmen. Z. B. ein zu lebenslänglicher Ge⸗ fangenſchaft Verurtheilter iſt verpflichtet, für alles Mög⸗ liche einzuſtehen. Zweitens, daß jeder, der unglücklicherweiſe einmal als Verbrecher geſtempelt worden iſt, auch beim beſten Willen niemals mit Sicherheit ſagen kann, er ſei vor dem Einfluß der Verbrecher gerettet, weil dieſe alle ſolche Renegaten haſſen, ſie am liebſten in ihre Unternehmungen hineinziehen und ſogar auch angeben, wenn die Umſtände es gebieten. In Folge ſeiner Antecedentien wird es einem ſolchen wieder freigewordenen Sträfling ſehr ſchwer, wo nicht unmöglich, irgend etwas, was man von ihm fordert, zu verweigern, weil man ihm droht, daß man ihn, falls man früher oder ſpäter einmal in Gefangenſchaft geriethe, als den Rädelsführer angeben und die ſchwerſte Verantwor⸗ tung auf ihn werfen würde, ſo daß er bald wieder ſich im Gefängniß befinden und dann nach Umſtänden von den Kameraden verurtheilt würde. Bei ſolchen Opera⸗ tionen ſpekulirt man ganz klug auf den Argwohn, welchen die Geſellſchaft immer gegen einen einmal verurtheilten Menſchen hegt, und der es dem auf ſolche Art fälſchlich Angetlagten um ſo ſchwerer macht, ſeine Unſchuld zu be⸗ weiſen. Im Verein mit verſchiedenen Gebrechen in der Or⸗ ganiſation und Geſetzgebung des Staates ſelbſt ſind dieſe Umſtände für jeden einmal Gefallenen ein nicht unbe⸗ deutendes Hinderniß, zur Ordnung und Geſetzlichkeit zu⸗ rückzukehren, zumal da die Verbrecher ſich ſo viel als möglich rekrutiren wollen und natürlich auch Jeden, der einmal in ihre Reihen getreten iſt, zu behalten ſuchen. Ueber jedem, der alſo ein Verbrechen begangen hat und in den Gefängniſſen bekannt geworden iſt, ſchwebt nicht blos der Argwohn der Geſellſchaft und die geſetz⸗ liche Verurtheilung, ſondern auch ein ſcharf geſchliffenes Damollesſchwert, das die Verbrecher ſelbſt über ihn halten. Sobald der alte Branner dem Fuchs und Schwerdt in die Hände gefallen war und ſie ihm die Veranlaſſung ihres Beſuches erklärt hatten, ſah er ein, daß er verlo⸗ ren war, ob er ſich nun weigerte, ihnen zu folgen oder ob er ihnen willfahrte. Mehr todt als lebendig ſchleppten ſie ihn jetzt mit ſich die Treppen hinauf. Aber trotz aller Vorſicht hatten die Diebe gleichwohl eine einzige Perſon überſehen. Dieß war Fanny. Ent⸗ weder wußten ſie nicht, daß dieſe ſich im Hauſe vorfand, oder ſie begingen hier eine große Nachläſſigkeit. Genng, ſie nahmen keine Notiz von ihr. Fanuy, die über den Lärm, welchen ſie hörte, eben ſo verwundert war, wie Brauuer, ließ ſich von ihrer Neugierde, vielleicht auch von einer gewiſſen Aengſtlich⸗ keit verleiten, nicht blos ihr Licht auszuloͤſchen, ſondern auch an der Thüre, die zur Hausflur führte, zu lauſchen. Auf dieſe Art erfuhr ſie, daß etwas ganz Ungewöhn⸗ liches und Gewaltſames vor ſich ging, und mehr bedurfte es nicht, um ihre lebhafte Einbildungskraft, die unterſtützt von ihrem Argwohn gegen Brauner, bald Diebe und Mörder um ſich her ſah, in Thätigkeit zu ſetzen. Der ruhige Muth dürfte nicht öfter zu einer raſchen und eutſchloſſenen Handlung inſpirirt haben als die Furcht. Bei Fanny war es die Angſt, was ſie zu einer ſchnellen Handlung trieb. Den Shawl über den Kopf gezogen, ſchlich ſie ſich leiſe über die Hausflur. Rings um ſie her war es fin⸗ ſter und ſtill. Sie wußte nicht, was ſie thun ſollte. Zitternd vor Furcht ſpraug ſie an der Wand hin die Treppe hinauf, weil ſie dentlich hörte, daß die Perſonen, die ſo eben noch vor ihrer Thüre geſprochen, ſich nach dieſer Richtung begeben hatten. Auf dem letzten Trep⸗ penabſatz angekommen, ſpürte ſie vor ihren Füßen Etwas, das klapperte. Sie beugte ſich hinab und hob es auf. Es war ein Schloß, das ſie gefunden hatte, und bei der bloßen Berührung mit den Händen wurde es ihr nicht ſchwer, daſſelbe als das Vorzimmerſchloß zu erkennen. Obſchon über dieſe Entdeckung erſchrocken, zog ſie gleich⸗ wohl den natürlichen Schluß daraus, daß hier ein Ein⸗ bruch begangen werden ſollte. Sie eilte jetzt hinab, um diejeuigen von Pauls Dienerſchaft zu rufen, die in den Flügeln gegen den Hof hinaus wohnten. Aber ſie fand die Thüre nach dieſer Seite hin verſchloſſen. Abgeſchnit⸗ ten von der einzigen Möglichkeit der Rettung verzweifelte ſie. In Augenblicken der Verlegenheit löſen ſich indeſſen 13⁵ die Gedanken ſchnell ab; ſo erinnerte ſich jetzt Fanny des Generals, der gegenüber wohnte, und beſchloß dahin zu eilen und ihn um Hülfe anzurufen. Aber kaum hatte ſie ein Paar Schritte gethan, als ſie, obſchon ſie ſich ſelbſt noch in der dunkeln Hausflur befand, dennoch beim Licht⸗ ſchein auf der Straße ein Weib entdeckte, das vor der Hausthüre des Generals her ſcharf und beharrlich den Eingang von Pauls Hotel fixirte. Ihr Blick war ſo ſchneidend und unbeweglich, daß Fanny ſogleich ahnte, die Unbekannte müſſe mit im Complott und nichts ge⸗ ringeres als eine Schildwache ſein. In dieſem Augen⸗ blick fand Fanny ihre Lage ganz entſetzlich, weil ſie es für unmöglich hielt, unbemerkt an dem weiblichen Cerbe⸗ rus vorbei zu kommen. Noch war ſie zwar ſelbſt nicht entdeckt worden, aber ſie brauchte nur einen einzigen Schritt zu thun, ſo mußte das Licht von der Straße her durch die Thüre auf ſie fallen und die Unbekannte ſie ſogleich ſehen. Mit bekümmertem Herzen war ſie ſchon im Begriff auf ihr Zimmer zurück zu gehen und die Hoff⸗ nung aufzugeben, daß ſie hier etwas anders thun als ihre eigene Rettung ſuchen könnte, als ein neuer Gedanke ſie wiederum belebte. Sie hielt nehmlich das beſagte Vorzimmerſchloß noch in ihrer Hand und glaubte, daß ſie mit demſelben möglicher Weiſe der unbekannten Schild⸗ wache eine Diverſion machen könnte, die wenigſtens ge⸗ nügend wäre, um ſie unbemerkt über die Straße kommen zu laſſen. Sie hob alſo das Schloß in die Höhe, zielte ſo gut ſie konnte und warf es mit Aufbietung all ihrer Kräfte quer über die Straße. Das Glück begünſtigte ſie. Das Schloß flog wirklich gegen die Häuſerreihe auf die andere Seite und machte kein geringes Getöſe, als es auf die Steine niederfiel. Eine unmittelbare Folge die⸗ ſes unerwarteten Geränſches war, daß Lena den Kopf nach demſelben richtete, um zu ſehen, was es wäre, und Fanny verlor dieſen Augenblick nicht, ſondern eilte hinaus. Wie fröhlich ſie athmete, als ſie ſich auf der Straße 136 fand und nach der von Lenas Wachpoſten entgegenze⸗ ſetzten Richtung eilte. Nach einem langen Umweg kehrte ſte wieder zurück und jetzt war es nicht ſchwer zum Ge⸗ neral hineinzukommen, ohne irgend Argwohn zu erregen. Der Fuchs und ſeine Kameraden hatten inzwiſchen ihr Werk fortgeſetzt, ohne daß ſie Brauner auch nur eine Minute aus dem Auge ließen. Sie waren alſo bis in Panls inneres Zimmer gedrungen, wo ſie die Pulte und Schränke erbrachen und alles Werthvolle nahmen, was ſie bekommen konnten. Nicht blos ihre Unterredung, ſondern auch die Art und Weiſe, wie ſie zu Werke gingen, bewies, daß ſie das Lokal aufs Genaueſte kannten. Der alte Brauner konnte nicht umhin, ſich darüber zu verwundern, aber er hoffte gleichwohl noch immer, daß ſie Pauls Kaſſenkiſte nicht entdecken möchten. Er täuſchte ſich jedoch.„Jetzt an die guten Biſſen,“ befahl der Fuchs. Dieß alles da iſt nur ſchofles Zeug gegen das, was uns noch erwartet.“ Das Schloß mit einem Dietrich zu öffnen und in das Kaſſencomptoir zu treten, war dem Fuchs ein Leichtes. Brauner war im höchſten Grad erſchüttert. Sprach⸗ los folgte er den Banditen mit irrenden Blicken. Der Greis hatte eine Zeitlang von einem glücklichen und frohlichen Alter geträumt, aber er ſah jetzt auf ein⸗ mal ſeine Hoffnung in ihren Grundfeſten erſchüttert. Wäre eine ganze Welt um ihn her eingeſtürzt, er hätte darüber nicht ſo erſchrecken können wie jetzt. Der Alte, der dem Leſer immer noch ein Räthſel — 4 137 iſt fühlte ſich von tauſend Qualen, immer eine ſchmerz⸗ licher als die andere, zerfleiſcht. In den Tagen ſeiner Jugend würde er über ſeine Feinde hergeſtürzt ſein und unaufhörlich gekämpft haben, bis er ſie getödtet hätte oder von ihnen getödtet worden wäre.. Aber er war jetzt alt und ſein Arm ſank ohnmächtig hinab. Er hätte ſich ſelbſt tödten können, aber wichtige Umſtände hielten ihn zurück. Während auf ſolche Art düſtere Wolken ſein Herz umgaben, lösten ſich alle ſeine Bemühungen in einem einzigen Seufzer auf, aber dieſer Seufzer war ſo tief und gewaltſam, daß er ihm beinahe die Bruſt zerſprengte. Obſchon nicht ohne Schwierigkeit, gelang es dem Fuchs und ſeinen Kameraden, die Kaſſenkiſte endlich zu erbrechen. Ein wilder Ausruf der Freude und Befriedigung ertönte von ihren Lippen, als ſie den unermeßlichen Reich⸗ thum erblickten, der ihnen hier entgegenglänzte. Außer einer großen Menge von Banknoten, blinkten Dukaten, Piaſter und Speciesthaler in ihre Augen. Mit einer Wolluſt, welche die höchſte Gierde aus⸗ drückte, begannen ſie die Kaſſe zu leeren. „Tummelt euch,“ rief der Fuchs,„damit wir bald fortkommen. Es wäre ſchrecklich, wenn wir dieſen Raub verlören. Wir ſind jetzt Millionäre. Sputet euch nur.“ „Wenn ich glücklich wegkomme,“ fiel Kullblom ein, „ſo gehe ich mit meinem Antheil nach Amerika und laſſe mirs dort wohl ſein.“ „Hurrah, Kameraden!“ rief Schwerdt,„ich verſaufe meinen Theil. Morgens Schnaps, Mittags Schnaps und Abends einen köſtlichen Toddy.“ „Schwatzt nicht lange,“ fiel der Fuchs ein,„fort, ſchnell fort!“ Und man war mit den eingepackten Waaren unter⸗ wegs, als Brauner ſie erſuchte, noch zu warten. „Ehe ihr euch entfernt,“ ſagte er zu ihnen,„will ich euch um einen einzigen Dienſt bitten.“ „So ſprich,... aber mach ſchnell!“ „Ibr dürſt meine Bitte nicht abſchlagen, hört ihr . ihr dürft ſie nicht abſchlagen.“ „Was willſt Du denn? laß hören.“ „Exrweist mir den Dienſt und bindet mich hier an die Kaſſenkiſte... ſehet, da ſind meine Hände... da meine Arme... da meine Füße... Aus Barm⸗ herzigkeit, bindet mich!“ Die Diebe antworteten ihm mit einem lauten Ge⸗ lächter. „Du verlangſt, daß wir Dich binden ſollen, damit man glaubt, Du habeſt keinen Antheil am Diebſtahl ge⸗ nommen, hahaha!“ „Auf meinen Knieen bitte ich euch, bindet mich.“ „Ei wir ſind nicht ſo dumm. Wenn wir entdeckt werden, ſo ſollſt Du der erſte ſein, den man greift, das ſchwöre ich Dir.“. „Habt Mitleiden! ich bin alt... rettet meine Ehre und ich will euch ſegnen.“ „Schweig, närriſcher alter Geſell. Wir machen Dir den Vorſchlag, mit uns zu kommen und den Raub zu theilen. Wir ſind gute Kameraden, das weißt Du wohl“ Brauner war auf die Kniee niedergefallen und ſtreckte bittend ſeine Hände zu ihnen empor. Ihre kalte, froſtige Antwort überzeugte ihn, daß er ſie nicht erweichen konnte, und er richtete ſich auf. „Willſt Du mit uns kommen, Brauner?“ rief man. Bei der Hölle, Du ſollſt Deinen vollen Antheil erhalten.“ „Fort mit euch;“ antwortete er,„ich folge euch nicht, es mag gehen wie es wolle.“ Der Alte hatte alle ſeine Kräfte aufgeboten und ſank jetzt ohnmächtig nieder. Ein neues höhniſches Gelächter ſcholl ihm entgegen. 139 „Laßt uns jetzt gehen,“ ſagte der Fuchs,„wir haben ein gutes Geſchäft gemacht... kommt, kommt.“ Aber in demſelben Augenblick, wo ſie ausſchreiten wollten, um ſich mit ihrer Beute zu entfernen, öffnete ſich die Thüre, und der General ſtürzte herein, gefolgt von Held und Fanny. Ein Pfiff ertönte von den Lippen des Fuchſes. Schnell warf er ſeine Beute von ſich und griff nach ei⸗ nem Meſſer. Die Kameraden folgten ſeinem Beiſpiel. General Roſenpalm ſtutzte beim Anblick der Anzahl und der Rüſtungen der Banditen. Fanny hatte, als ſie in ſein Hotel kam, ſeinen alter ego, den alten Held, getroffen und ihm anvertraut, was ſie zu ſagen hatte. Held war ein warmer Bewunderer Panls, weil er ales bewunderte, was der General und Fräulein Jaquette liebten. Held eilte alſo ſogleich zu dem General, und Fanny konnte ihm ohne Zögerung ſelbſt ihren Bericht abſtatten. Bei der Heftigkeit und Hitze des Generals ſtand es nicht lange an, ſo erfuhr auch Jaquette, was ſich zutrug. und ohne an eine Gefahr zu denken, begab ſich der Ge⸗ neral, begleitet von Held, angenblicklich auf die andere Seite der Straße. Lena, die keinen Hinterhalt erwartet hatte, konnte dieſes Manöver nicht verhindern. Sie ſuchte zwar ihre Freunde durch ein Pfeifen zu warnen, aber ihr zahnloſer Mund war eine ſchlechte Pfeife und wollte keinen ver⸗ nehmbaren Ton hervorbringen. In ſeiner Eile hatte der General vergeſſen, Waffen mitzunehmen, und Held war gleichfalls unbewaffnet. Es war ihm nicht eingefallen, daß die Banditen in ſo großer Anzahl erſchienen ſeien, und ebenſowenig, daß ſie es wagen könnten, ſich zur Gegenwehr zu ſetzen. Er griff inzwiſchen nach dem nächſten Gegenſtand, der ihm in die Hand kam, nehmlich nach einem Stnhl. Held folgte ſeinem Beiſpiel und ſo gingen ſie muthig auf die Feinde los. Der General forderte die Diebe auf, ſich zu ergeben, aber ſie antworteten ihm mit Drohungen. Er griff darauf den Fuchs an und würde trotz ſei⸗ nes Alters, indem er mit hochgeſchwungenem Stuhl auf ihn losſtürzte, ſicherlich ihm den Schädel eingeſchlagen haben, wenn nicht der Dieb mit einer gewandten und raſchen Bewegung ſeitwärts ausgewichen wäre, ſo daß der Stuhl auf dem Boden in Stücke zerſprang. Dieſen Augenblick wußte der Fuchs zu benützen, indem er ſeiner⸗ ſeits über den General herſtürzte und ihm durch einen tiefen Meſſerſtich den Arm lähmte. Der General biß die Zähne zuſammen und brummte einen ſchrecklichen Fluch, zumal da er ſah, daß es Held ungefähr ebenſo erging wie ihm, und daß ſie beide jetzt ohne alle Mittel, ſich zu vertheidigen, umzingelt daſtanden. Gleichwohl machte er noch einen muthigen Verſuch, ſich zu einem Fenſter Bahn zu brechen und um Hülfe zu rufen; aber überwältigt und verwundet wie er war, konnte er daran ohne Mühe verhindert werden. In dieſem Augenblick beſaß er keine andern Aus⸗ drücke für ſeinen Zorn, als einen Fluch um den andern und Held, der in allen Stücken ſein getreues Echo war, drückte ſich auf dieſelbe Art aus. Es war wirklich ſehr tragiſch, die alten Krieger in der Gefangenſchaft einiger Hallunken zu ſehen, aber dieß hatte auch ſeine komiſche Seite, zumal in der Art, wie beide ihren Verdruß laut gaben. „Wir wollen ſie an Händen und Füßen binden,“ rief der Fuchs ſeinen Frennden zu,„und dann mit dem Raub entfliehen.“ „Sputen wir uns alſo,“ fügte ein anderer hinzu, „jeder Augenblick iſt koſtbar.“ Geſagt, gethan. Dem General wurde ſogleich eine Schlinge um Arme und Hände geworfen, und in dieſelbe 4 — 141 Schlinge ſteckte man auch Helds Arme und Hände, ſo daß beide mit dem Rücken gegen einander ſtehen blieben. Die Diebe lachten dazu und machten ſich auf ihre Koſten luſtig. Der General und Held fuhren fort zu brummen, jeder nach ſeiner Weltgegend zu.. Aber während die Diebe noch mit dieſer Operation beſchäftigt waren, hörte man Tritte von außen. Man lauſchte. Die Tritte näherten ſich.. Die Anweſenden gaben keinen Laut von ſich. Hoff⸗ nung und Furcht ſpannten ihre Aufmerkſamkeit auf den höchſten Grad. Der General und Held hofften, die Ban⸗ diten fürchteten. In dieſem Augenblicke athmete man kaum. Man lauſchte blos. Die Tritte kamen inzwiſchen immer näher und näher. Schon hörte man Stimmen. „Laßt uns fliehen,“ flüſterte der Fuchs;„ſchnell laßt uns nehmen, ſoviel wir können. Durch dieſe Thüre da kommen wir auf einer andern Seite auf die Treppe hinaus. Schnell, ſchnell!“ Der General ſtampfte auf den Boden, außer ſich vor Wuth, daß ſie entkommen ſollten; aber er ſpürte jetzt ein Zucken an dem Strick. Es war Held, der ſich los zu machen ſuchte. Die Hände des Generals begeg⸗ neten in dieſem Augenblick denen Helds, ſie wechſelten einen kurzen Druck miteinander und dieß wurde ein Sig⸗ nal zu neuen Anſtrengungen. Der Fuchs und ſeine Ge⸗ noſſen hatten bereits das Wichtigſte von den geſtohlenen Waaren aufgehoben; das Getöne der Schritte von Außen kam immer näher und näher. Der Fuchs bedurfte nur noch eines einzigen Augenblicks, um durch die kleinere Seitenthüre entkommen zu können. Der General ſtampfte und fluchte in wildem Grimm über ſeine Lage... aber bei dieſer Gelegenheit ließ die Schlinge um ſeine Hände nach... der Strick fiel hinab... und von einer und derſelben Eingebung geleitet, ſtürzten zu gleicher Zeit der General über den Fuchs und Held über Schwerdt her, 14² entriſſen ihnen in der Ueberraſchung des Augenblicks ihre Meſſer, hielten ſie über ihren Köpfen und zwangen ſie auf dieſe Art, ihren Raub niederzulegen und ſtehen zu bleiben. Im nächſten Augenblicke trat Heinrich mit Polizei⸗ dienern ein. Der alte Brauner hatte mit beinahe wahnſinnigen Blicken den Gang der Ereigniſſe beobachtet. Obſchon ſeine Gedanken verwirrt bald da bald dorthiu ſchwebten, ſtand gleichwohl wie ein entſetzliches Geſpenſt die Vor⸗ ſtellung vor ihm, daß der Fuchs, im Fall man ihn feſt⸗ nehme, ihn in die Diebſtahlsgeſchichte mit verwickeln würde, ohne daß er noch ein einziges Mittel zu ſeiner Vertheidigung und Rettung ſah. Wie vernichtet fühlte er ſich nicht, wie unmächtig und verſtummt! Brauners Vermuthung traf auch ein. Sobald der Fuchs ſah, daß er anf keinerlei Weiſe eutkommen konnte, nahm er die Sache kalt und erklärte Brauner als Rädelsführer, der ihn zu dem Unternehmen verlockt habe. Der Mund des alten Mannes ſchien verſiegelt zu ſein. Nur ſeine Augen irrten ſeelenlos umher. Der General erinnerte ſich wohl an Fannys Brief, den ſie an Jaquette geſchrieben, ſowie an die darin vor⸗ kommenden Angaben; aber jemehr er den Alten betrach⸗ tete, um ſo geneigter fühlte er ſich auf ſeine Seite zu treten. Held wurde von demſelben Gedanken geleitet. „Retten Sie ihn, Herr General,“ bat er;„Sie können es, wenn Sie bei der Polizei für ihn bürgen wollen.“ Fanny hatte von der Thürſchwelle aus mit Entſetzen und Schrecken Alles geſehen. Sie hörte auch jetzt Helds Worte und bemerkte ſehr gut, was der General zu thun geneigt war; aber blitzſchnell erinnerte ſie ſich an die Unterredung, die ſie kaum erſt mit Brauner gehabt hatte, +₰— und dieſe ſtand jetzt in ihrer gauzen Zweideutigkeit vor ihren Augen. Sollte ſie ſchweigen oder ſprechen? Sie ſah ein, daß Brauners Freiheit von ihrem Ausſpruch abhängen konnte. Einen Augenblick zögerte ſie zwar, aber bereits regte ſich ein Gewiſſensbiß in ihr, und ſie glaubte, es nicht vor ſich ſelbſt verantworten zu können, wenn ſie der Juſtiz ihr Opfer entzöge, ſo hart es ſie auch ankam, als Anklägerin aufzutreten. Der General hatte den Polizeidienern gewehrt und wollte ſich eben zu Brauners Gunſten erklären, als Fanny vortrat. „Mag Gott mir verzeihen,“ ſagte ſie, im Fall ich mich täuſche; aber ich glaube, daß Herr Branner ſchul⸗ dig iſt. Er hat heute Abend ein gar zu ſonderbares Geſpräch mit mir gehabt und ich kann von meinem Ver⸗ dacht nicht abkommen. Wenn Sie es mit Paul gut meinen, Herr General, ſo ſuchen Sie Brauners Verhaf⸗ tung nicht zu verhindern.“ Ein nervöſes Zucken ſchüttelte die Glieder des alten Mannes. Zermalmt, gleichſam auf einmal zu Boden geſchlagen von der ſtrafenden Hand der Vorſehung, ſank er zuſammen. „Allmächtiger Gott, wie hart prüfeſt und ſtrafeſt Du nicht,“ rief er. Die klagende Stimme des Greiſes drang Allen tief zu Herzen. Fanny bereute bereits, was ſie gethan hatte, aber es war ſchon zu ſpät, ſie wankte aus dem Zimmer, als der Greis nebſt den übrigen Verhafteten von den Polizeidienern weggeführt wurde. ————— Vierzehntes Kapitel. Der Jude Abraham.) An der nördlichen Klarakirchengaſſe wohnte ein Mann, der ſehr weſentlich in die Ereigniſſe eingriff, de⸗ ren Schilderung wir in dieſem Werke unternommen haben, Dieſer Mann war der Jude Abraham. Mit ſeinen vorzugsweiſe thieriſchen Anlagen, ſeinen kalten, aber beſtändig klug und herzlos berechneten egoi⸗ ſtiſchen Beſtrebungen, ſeinen geizigen Neigungen und ſei⸗ ner allenthalben und allzeit auf gewinnreiche Unterneh⸗ mungen lauernden Raubgier verſtand er es ſehr gut, auf die Schwachheiten und minder vortheilhafte Charakter⸗ eigenſchaften der Menſchen Wechſel zu ziehen, dadurch, daß er der Eitelkeit und dem Leichtſinn Vorſchüſſe bot und auf dieſe Art allmälig die Individuen ſowohl in äußerer als innerer Beziehung zu ſei nen Sklaven machte. Abraham hatte als armer Jun ge angefangen und verfügte jetzt über ein Vermögen, das ſich auf Millionen belief, obſchon gleichwohl nur Klagelieder über die Ar⸗ muth des Landes und den ſin kenden Credit unaufhörlich von ſeinen Lippen ertönten. Abraham war nicht blos Wucherer, er kaufte auch Gold und Silber auf, und zu dieſem Behufe war er ein beſtändiger Kunde bei allen Auctionen, wo edle Metalle veräußert wurden. *) Die Zeichnung, die wir hier von Abraham geben, mag der Leſer nicht als einen Typus der Juden in der Hauptſtadt nehmen. Unter ihnen finden oder fanden ſich allerdings merkwürdige Exemplare von derſelben Gattung wie unſer Mann, aber glück⸗ licherweiſe iſt er dennoch eine Ausnahme. — u— 145 Natürlich hatte ſeine Induſtrie alle möglichen Ver⸗ zweigungen, ſowohl erlaubte als unerlaubte, obſchon er ſehr gut verſtand, die letzteren mit den erſteren zu ver⸗ decken. Während ſeiner vieljährigen Praxis war er zur Ueberzeugung gelangt, daß die vortheilhafteſten Geſchäfte ſich entweder auf den Höhen oder im tiefſten Schlamm der Geſellſchaft machen ließen, entweder im Bereich der vornehmen Geburt und hervorragenden Stellung, wo man gewöhnlich über ſeine Mittel verbraucht, oder unter jenen abenteuerlichen Rittern der Nacht, welche den Zu⸗ fall als ihren Gott verehren und keine anderen Geſetze anerkennen, als diejenigen, die ſie ſich ſelbſt geben, wäh⸗ rend ihre Mittel, die ſie auf den Ruinen des Eigen⸗ thumsrechtes geraubt haben, immer größer ſind, als daß ſie ſie mit Leichtigkeit los werden könnten. Nur die Mittelklaſſe verachtete er, weil mit ihr nichts zu machen war, nämlich in dem Sinn, den er meinte. Die beiden Extreme der Geſellſchaft dagegen beſaßen in ihm, erſteres einen Darleiher, letzteres einen Aufkäufer geſtohlener Güter. In dem Hof, wo er wohnte, befand ſich ein langes, aber niedriges Haus, das alle Aehnlichkeit mit einer Werkſtatt hatte. Es war auch wirklich etwas von dieſer Art, denn hier war es, wo alle von verſchiedenen Seiten ihm zuſtrömenden Metalle nicht wie in einem bodenloſen Schlund verſchwanden, ſondern wie in einer Zauberhöhle ihre Form veränderten, um ſodann, ohne eine Spur deſſen, was ſte früher geweſen, als koſtbare Rohſtoffe wieder in die Welt hinauszugehen und ſich in neuen Bearbeitungen im allgemeinen Verkehr zu verbreiten. Er hatte nämlich hier ſeine Schmelzöfen. Seelbſt ein großer, grobgliedriger, wohlbeleibter Mann beinahe vonthieriſchem Ausſehen, war er in nichts ſonderlich fein, außer in ſeinen Plänen, ſich auf alle mögliche liſtige Arten die Güter Anderer anzueignen und dabei ſeine un⸗ Das Gewiſſen. IV. 10 14⁶ erlaubten Unternehmungen in ein ſolches Gewand zu hüllen, daß er vor dem forſchenden Urtheile und den prüfenden Blicken ſeiner Zeitgenoſſen immer rein daſtand. Während ſeines wechſelreichen Lebens war er im Fall geweſen, in mehr als ein Familiengeheimniß zu blicken, und in der That ſelbſt gab es wohl wenige Men⸗ ſchen, die beſſer als er zu ſagen wußten, was hinter den Couliſſen des an den Tag tretenden Familienlebens vor⸗ ging; aber wer konnte auch deſſen würdiger ſein als er? Er war ja immer einer der argloſeſten, beſcheidenſten und hilfreichſten Menſchen in der Welt, weil er niemals ungebührliche Bemerkungen machte und ſeine Kaſſe immer für die Bedürftigen offen hielt. Es lag etwas ſo Zartes und Chriſtliches in ſeiner Art, Andern zu helfen, daß man ja nicht umhin konnte, ihn hoch zu ſchätzen. „Geh zu dem ehrlichen Abraham,“ ſagte mancher vornehme Roué zu dem andern,„er hilft Dir ſchon.“ Man ging und er half, ohne daß man, geblendet durch den eigenthümlichen Beiſtand, bemerkte, daß man ſich für alle Zukunft dem Teufel verſchrieb; ohne allen Argwohn, daß er die vertraulichen Mittheilungen, die man ihm machte, wohl im Gedächtniß behielt, um ſich ihrer ſodann nach den Umſtänden zu bedienen. Auf die Aufforderung der Baronin Lander, ihr einen Beſuch zu machen, ſtellte er ſich eine Stunde, nachdem die Verſammlung bei dem General auseinander gegangen war, gehorſam bei ihr ein. Sie hatte ihm geſagt, daß die Frage ſeine eigenen Angelegenheiten betreffe, und er fand nicht Ruhe genug in ſeiner Seele, um ſeinen Beſuch aufſchieben zu können. Beruhigt durch den Ausgang der Unterſuchung bei dem General und überzeugt, daß Abraham ſich bald einfinden würde, erſchien die Baronin mit Hilfe einer ſorgfältigen Toilette einnehmender, als ſie in den letzten Jahren geweſen. Als Abraham ſich anmeldete, warf ſie ſich nachläſſig ——————' 147 in einen Emma und ließ ihn eintreten. Es lag gleich⸗ wohl nicht in ihrer Abſicht, die Rolle einer Kokette zu ſpielen, ſondern vielmehr nur, ihn zu myſtificiren. „Es iſt ſehr gut, daß Sie kommen, Herr Abraham, denn ich habe Ihnen recht wichtige Sachen mitzutheilen,“ begann ſie.„Kennen Sie die ganze Gefahr Ihrer Stellung?“ Abraham erſchrak gewaltig über das, was er hörte. „Wie ſo?... Die Gefahr meiner Stellung... Was ſagen Sie da, Frau Baronin... Sie erſchrecken mich... ſollte ich...“ „In welchem Verhältniß ſtehen Sie zu dem General und ſeinen Freunden, die wir ſoeben verlaſſen haben, Abraham? Wenn ich Sie aufrichtig finde, ſo werde ich nicht ermangeln, es ebenfalls zu ſein.“ Abraham zuckte die Achſeln und ſeine Augen kehrten ſich ſpähend der Baronin zu, gleich als wollte er in der Tiefe ihrer Seele ihre innerſten Gedanken erforſchen. „Sie ſind meine guten Freunde,“ ſagte er dabei, n„meine ganz guten Freunde.“ „Das heißt,“ fiel die Baronin ein,„Sie ſind der ganz gute Frennd dieſer Herren, Abraham, nicht wahr, Sie ſind es ja doch?“ „Ihr alter guter Freund; das iſt ganz richtig... ganz richtig.“ Abraham pflegte immer ſeine eigenen Worte zu wiederholen, um ihnen die ganze Bedeutung zu geben, die er hineinlegen wollte. „Ihre vornehmen Freunde geben Ihrem Haus ein gewiſſes Anſehen, Abraham,“ fuhr die Baronin fort,„ſie beſuchen Sie, ſie ſpielew ihre kleine Whiſtparthie, trinken bei Ihnen ein Glas und ſoupiren bei Ihnen, Alles, wie Sie es nur wünſchen.“ „Ja wohl, ja wohl.“ „Sie rufen ſie und ſie kommen.“ „Ich requirire ſie, ich requirire ſie.“ 148 „Sie haben ein ſicheres und feſtes Band um ihre Füße geſchlungen.“ Abraham lächelte freundlich. „Und dieſes Band, womit Sie die Herren zu ſich ziehen, wenn Sie nur wollen, und wieder loslaſſen, wenn es Ihnen beliebt, beſteht in gewiſſen, ſchon in älteren Zeiten von denſelben ausgefertigten und noch nicht ein⸗ gelöſten Schuldverſchreibungen.“ „Unter Freunden, Frau Baronin, unter Freunden iſt es gewöhnlich, daß man einander hilft, wenn man kann. Das iſt die Pflicht aller guten Menſchen... aller guten Menſchen...“ „Sie ſind viel zu gut für dieſe Welt, Herr Abraham; Sie ſind ein Mann, der feſt au der Freundſchaft hält; ich muß Sie wirklich bewundern.“ Die Baronin war etwas ſatyriſch in ihrer Aeußerung. Abrahams Augen rollten, gleich als überlegte er, was er hörte. „Sie ſind ſelbſt ein artiger und rechtſchaffener Mann und glauben deshalb, die Andern ſeien es alle auch.“ „Ein ſehr ehrlicher Mann, Frau Baronin, ſehr ehrlich.“ „Sie ſind dienſtfertig und verlaſſen ſich auf die Worte Anderer, obſchon niemals irgend einer Ihnen ge⸗ holfen hat, und Sie ſelbſt ſind allein immer zuverläſſig geweſen.“ „Nur ich bin zuverläſſig geweſen, ganz richtig, nur ich. Sie faſſen meinen Charakter auf, wie er iſt, ganz ſo wie er iſt.“ „Ihre eigene Ehrenhaftigkeit wiegt Sie gleichwohl in einen Traum der Sicherheit ein... aber.. aber...“ Die Baronin ſprach mit einer Sicherheit, welche Eindruck machte. Abraham begann auch unruhig zu werden, was er überhaupt ſehr leicht wurde, weil der Hauptzug in ſeinem Charakter Mißtrauen gegen Andere war. 149 „Aber,“ wiederholte er, indem er den Stuhl näher zu der Baronin rückte, die vertraulich die Hand auf ſeine Schulter legte...„aber, ſagen Sie...“ „Aber bald werden Sie mit Schrecken erwachen, Herr Abraham, und mit Schrecken ſehen, wie man Sie betrogen hat.“ „Barmherziger Gott, was ſagen Sie, mich betrogen?“ „Haben Sie nicht bemerkt, wie Ihre Freunde hin⸗ ter Ihrem Rücken über Sie lachen?“ „Ich habe es nicht geſehen, ich habe es nie geſehen.“ „Wie man Sie zum Geſpötte macht, während man Ihnen unaufhörlich mit zärtlichen Freundſchaftsnamen ſchmeichelt?“ „Sie erſchrecken mich.“ „Wie man beſtändig Spott mit Ihnen treibt?“ „Der Menſch iſt doch ein erbärmliches Weſen.“ „Wie man Sie verhöhnt und verlacht?“ „Die Treuloſen, die Treuloſen!“ „Merken Sie ihren Plan nicht?“ „Ihren Plan?“ „Sie an der Naſe herumzuführen, Abraham, bis der Tod die Geſchäfte mit Ihnen in's Reine gebracht hat... dann werden Sie der Univerſalerbe... der Armuthsdokumente des Sterbehauſes.“ Abraham kratzte ſich ganz bekümmert am Kopfe. „Graf Curt hat angefangen, ſeine zerſtreuten Güter zu verkaufen, während er das Hauptgut zum vollen Be⸗ laufe einzeichnet.“ Abraham konnte kaum ruhig ſitzen. Die Baronin bemerkte ihren Erfolg. Sie nahm es nicht ſo genau, ob ihre Angaben vollkommen ſicher wa⸗ ren oder nicht, wenn ſie nur ihren Zweck erreichte. „Baron Krook hat ſein Erbe Smeſtadt verkauft,“ fuhr ſie fort,„und ſeine Angelegenheiten ſollen ziemlich ſchlecht ſtehen. Ich habe mir ſagen laſſen, daß er, um ſein Anſehen aufrecht zu erhalten, jetzt genöthigt ſei, auf 150 großem Fuß zu leben... Sie wiſſen doch, was das heißen will...“ „Ach ja, ich weiß es,“ ſtammelte Abraham,„ich weiß es.“ „Und der alte Kellner... aber es iſt wahr... ſein Sohn hat alle Verbindlichkeiten des Alten übernom⸗ men, und da ſteht es gut. Franz iſt ein ſolider Mann.“ „Ein ſolider Mann.“ „Der General dagegen... o er iſt ein kluger Diplomat... warten Sie nur, bis er todt iſt... wir werden dann ſchon ſehen... Sie werden überraſcht werden... man wird die Ceſſion am allerbeſten in Ihrem eigenen Geſichte leſen können.. davon bin ich überzeugt.“ Abraham richtete ſich auf, von wahren Qualen ge⸗ martert. „Aber... aber...“ ſtammelte er wieder. „Aber er hinterläßt ja ein ſchönes Eigenthum, wol⸗ len Sie ſagen...“ Abraham lauſchte.— „Ein ſchönes Eigenthum... wie ſo... wirklich ... ein ſchönes Eigenthum...“ „Ja gewiß, eine ſchöne Tochter. Das iſt ja doch auch Etwas.“ „Hm!“ „Sie lächeln über ein ſolches Eigenthum, Abraham; aber unſtreitig iſt dennoch ein ſchönes Mädchen immer ein Kapital.“ Abraham lächelte wirklich. „Vielleicht, Frau Baronin,“ antwortete er jedoch, „vielleicht; aber es kommt darauf an, wie man es anlegt.“ „Juſt das, Abraham; Sie ſind ein eben ſo heller Kopf als ein aufrichtiger Menſch. Wie man es anlegt, ja, ja, das iſt die Sache.“ Aber auf einmal unterbrach Abraham ſie. „Jetzt verſtehe ich Sie, Frau Baronin, ich verſtehe * h h 151 Sie... ach, mein lieber Abraham, Du warſt doch ein dummes Vieh... ein ganz dummes Vieh.“ Die Baronin verſtand dieſen Ausruf nicht, weil es ihr ganz unmöglich ſchien, daß Abraham einſehen könne, wo ſie hinaus wollte. „Ein dummes Vieh?“ wiederholte ſie,„ich verſtehe Sie nicht... haben Sie die Güte und...“ „Sie haben mich gerettet, Frau Baronin, mich gerettet... hören Sie... Dank, Frau Baronin, großen Dank. Ich verſtehe wohl, daß Sie Geld von mir entlehnen wollen, und obſchon ich, Gott weiß es, Mühe habe, etwas Baares zuſammen zu bringen... ſo verlangen Sie immerhin, was Sie wollen, und ich werde Ihnen zu Dienſten ſtehen. Abraham iſt ein guter und dankbarer Mann, ein ſehr guter Mann, Frau Baronin.“ Die Baronin wunderte ſich über dieſe Aeußerung Abrahams um ſo mehr, als ſie wirklich nicht daran ge⸗ dacht hatte, ein Anlehen von ihm zu verlangen. In Parentheſe geſagt, betrachtete Abraham die Men⸗ ſchen nur von zwei Geſichtspunkten. Der eine war der Geſichtspunkt der Glückſeligkeit, der andere der Geſichts⸗ punkt der Unglückſeligkeit, d. h. die Möglichkeit, Geld entlehnen zu können und die Verpflichtung, es zurückzu⸗ bezahlene Ihm erſchien es alſo ganz natürlich, daß ihre freund⸗ lichen Rathſchläge nur von dem Wunſch herkämen, ſich bei ihm einzuſchmeicheln, um hernach mit dem Verlangen eines Anleihens hervorzurücken. ſtedber mein beſter Abraham, ich begreife Sie nicht recht.“ 1 ſlörahuns Augen ſpielten jetzt lebhaft in ſeinem opf. Sie ſagten ja, Frau Baronin, ein Mädchen ſei ein Kapital, wenn man es nur gut anzulegen wiſſe.“ „Sie ſind ein ſcharfſinniger Mann, Abraham.“ mlnd ich hoffe, es gut anlegen zu können.“ 15² „Wirklich? Laſſen Sie hören.“ Die Baronin wurde ängſtlich. Die Anlegung des in Frage ſtehenden Kapitals gedachte ſie keinem Andern zu überlaſſen. „Ich glaube es,“ antwortete Abraham,„z. B. dieſer ⁵ Paul Kellner da; er iſt reich, unermeßlich reich. Die Spekulation iſt gut, das Geſchäft iſt vortrefflich. Ich will mich auch erinnern, daß man davon geſchwatzt hat, er ſei in das Fräulein vernarrt. In dieſem Fall wird er ſich nicht weigern, meine Schuldſcheine zu acceptiren. Wenn ein Jüngling verliebt iſt, ſo iſt er, das habe ich oft gemerkt, immer bereit, Thorheiten zu begehen. Ihre Idee iſt vortrefflich, Frau Baronin, ganz vortrefflich.“ Abraham hatte ſich in den Abſichten der Baronin getäuſcht und ſie war mißvergnügt, lächelte aber nichts deſtoweniger. „Ach, beſter Abraham,“ ſagte ſie mit einem kurzen Lachen,„Sie ſind, wie ich ſo eben ſagte, der ehrlichſte— und bravſte Mann von der Welt; aber Welterfahrung beſitzen Sie nicht.“ „Wie ſo, Frau Baronin?“ 1„Der General iſt ein ſtolzer, zeſfabtiger Mann.“ *„Vielleicht, vielleicht.“ „Und ſeine Tochter nicht minder.“ „Vielleicht.“ „Und Paul?“. „Iſt reich.“. 3„Aber von ſchlechter Geburt... Sie haben es 2 heute ſelbſt gehört.“ „Bedeutet nichts.“ „Da kennen Sie den General nicht; aber ich wette mit Ihnen, daß er den Gedanken nicht ertragen könnte, ſeine Tochter gleichſam an den erſten Beſten zu ver⸗ kaufen, um ſeine Angelegenheiten in Ordnung zu brin⸗ gen; ſie an einen Mann zu verkaufen, der weder Vater noch Mutter hat, und deſſen Vermögen noch überdieß, ½ — 15³ wenn man Franz Kellners Anſprüche in Betracht zieht, ganz zweideutig iſt.“— Abrahams Geſicht verfinſterte ſich. Er konnte nicht läugnen, daß in der Anſchauungsweiſe der Baronin eine gewiſſe Wahrheit lag.. „Aber was meinten Sie denn, Frau Baronin?“ bemerkte er. „Sie wiſſen vielleicht nicht, daß Fräulein Jaquette zum Hoffräulein ernannt worden iſt?“ 46 „Ah... „Eine Schönheit am Hof, Abraham? Nun, ich glaube, Ihre Stirne wird ſich jetzt aufklären. Welche Ausſichten! dort ſind ja ſolche Kapitalien wohl angelegt.“ „Ja, ja.“ „Dort... Aber Abraham rang ſeine Hände und wanderte im Zimmer auf und ab. „Am Hof,“ fuhr die Baronin fort,„dort... dort...“ „Ja, ja.“ Abraham hörte nicht mehr auf das, was ſie ſagte ... Nachdenklich ging er auf und ab, gänzlich von eigenthümlich neuen Betrachtungen in Anſpruch genom⸗ men. Die Baronin bemerkte es und beſchloß ihn aus⸗ zuforſchen, aber in dieſem Augenblick ergriff er ſeinen Hut. 3„Ich glaube, Sie wollen ſich entfernen?“ fragte ſie, überraſcht von einem ſo unerklärlichen Entſchluß. „Viel zu thun, Frau Baronin, gehorſamſter Diener, gehorſamſter Diener.“ „Aber mein Herr, Sie haben mich ja nicht zu Ende gehört, ich bitte Sie...“ „Gehorſamſter Diener!“ Und ohne weiter auf die Baronin zu achten, ent⸗ fernte er ſich. Als die Baronin die Sache überlegen konnte, war ſie auch damit zufrieden. Eigentlich hatte ſie die Grenze 154 g ihres beabſichtigten Geſprächs mit ihm überſchritten, in⸗ dem ſie Jaquette zum Gegenſtand deſſelben machte, denn ſie hatte ſich anfangs blos vorgenommen, den alten Filz zu erſchrecken, indem ſie ihm höchſt weſentliche Verluſte vorſpiegelte, für den Fall, daß der General einmal ſtürbe. ½— Sie war überzeugt, daß Abraham dann ſchon ſolche Maßregeln ergreifen würde, von denen ſie hoffte, daß ſie vollkommen geeignet ſein ſollten, ſeinen Tod zu beſchleu⸗ nigen, den ſie je eher je lieber wünſchte Abraham begab ſich ſogleich nach Hauſe. Die Ba⸗ ronin hatte bei ihm die Beſorgniß erweckt, möglicher⸗ weiſe etwas verlieren zu können, und ſein Kopf wurde 7 dadurch in volle Thätigkeit geſetzt. Als er nach Hauſe kam, ging er nicht in ſein Wohnzimmer, ſondern hinab in die Werkſtätte oder ſein Laboratorium, wie das Flü⸗ gelgebäude auch genannt wurde, wo zwei dalekarliſche 3 Weiber ſein ganzes Dienſtperſonal bildeken. Sobald ſie ihn ſahen und ſeinen unruhigen, heftigen Gang, ſowie die Wallung und Gährung, worin ſein Gemüth verſetzt ſchien, bemerkten, entferuten ſie ſich in eine innere Kam⸗ 1 mer. Ihre Inſtruktion befahl ihnen auch immer zu ver⸗ 4 ſchwinden, ſobald etwas Ungewöhnliches einträfe oder ein 3 Fremder ihn beſuchte. In ſolchen Augenblicken wollte er allein ſein, weil immer etwas vor ſich gehen konnte, was keiner Zeugen bedurfte. Inzwiſchen traf jetzt nichts 3 Merkwürdiges ein. Auf und ab wandernd in dem lan⸗ gen, aber ſchmalen Zimmer, an deſſen Ende ein großer Schmelzofen angebracht war und verſchiedene Tiegel und Retorten um einander herſtanden, ſchien er ſich blos ſei⸗ nen eigenen Gedanken zu überlaſſen, aber auf eine ſo 2 1 —·—* 15⁵ ungeduldige Art, daß man deutlich ſah, wie ſehr ſie ihn quälten, und wie er ſie dennoch nicht zu ordnen ver⸗ mochte. 2 Endlich warf er ſeinen Rock ab und zog einen ‿ „— weißen Leinwandkittel an, der an verſchiedenen Stellen mit Ruß und andern Unreinlichkeiten beſchmutzt war. In dieſem Laboratoriumsrock und die Hände in die tiefen Seitentaſchen geſteckt, ſchien Abraham ſich mit mehr Leichtigkeit zu bewegen, und ſein Gang wurde lebhafter und haſtiger. Bald klärte ſich auch ſeine Stirne, wäh⸗ rend die klugen, beſtändig rollenden Augen auf einem einzigen Fleck ſtehen blieben, gleich als hätte er jetzt einen Gegenſtand gefunden, den er fixiren müßte. „Hm!“ murmelte er,„man muß mit ſeinen guten Freunden auf der Hut ſein, darin hat die Baronin Recht; man muß ſich aber auch hüten, ſich in die An⸗ gelegenheiten Anderer einzumiſchen. Ich glaube, ſie wollte das. Abraham iſt kein ſo gutmüthiger Kerl... er iſt mit Männern fertig geworden und er wird wohl auch mit einem Weibe fertig werden, wenn es darauf ankommt. Das Fräulein iſt ein Kapital... zugege⸗ ben... aber bei Hof angelegt, wird ſie höchſtens eine Hutſchachtel mit kleinen Galanteriewaaren als Zins ein⸗ bringen. Das darf nicht ſein, im Fall ſie mir die Schulden ihres Vaters bezahlen ſoll. Dieſer Paul da ſcheint mir ein Fantaſt zu ſein, der für eine Idee lebt. Brav, mein lieber Junge, ganz brav, aus Dir iſt etwas zu machen.“ Abraham begann wieder auf⸗ und abzugehen. Seine Gedanken beſchäftigten ſich hauptſächlich mit dem Ge⸗ neral, ſowohl weil ſeine Geſundheit zu ſehr untergraben war, als daß er trotz der äußeren friſchen Schaale ſich noch lange behaupten konnte, als auch, weil er der am wenigſten Bemittelte war und ſeine Schulden ſich im Verlauf der Jahre bis zur größten Ziffer erhoben hatten. „Doktor, Doktor!“ ſagte er wieder und ſtampfte auf den Boden;„ſollteſt Du mich betrügen wollen? Beim Barte Moſis, wenn Du das thuſt, ſo ſperre ich Dich ein, Du ſollſt innerhalb vier Mauern verſchimmeln und Gottes Tageslicht nur noch durch einen eiſernen Käfig zu ſehen bekommen. Ich muß ihn aufſuchen... ich muß ihn aufſuchen und mit ihm ſprechen, und wäre es in der Hölle.“ Dabei begann er den weißen Kittel wieder abzu⸗ ziehen, hielt aber inne, während ſein Geſicht von einem grinzenden Lächeln verzerrt wurde, das ihm ein ganz widerwärtiges Anſehen gab. „Du biſt liſtig, Baronin,“ murmelte er;„aber wir wollen ſchon ſehen. Glaubteſt du vielleicht, ich wiſſe nicht, daß auch dein Sohn um das Fräulein freit? Ha, jetzt ahne ich, wo du hinaus wollteſt. Man muß euch Weiber nur ein Bischen kennen, um euch in den Hän⸗ den zu haben. Ich kenne dich und dürfte nöthigenfalls einen Pfeil in Bereitſchaft haben.“ Je mehr er die Aeußerungen der Baronin überlegte, um ſo mehr wurde er durch den Gedanken an einen möglichen Verluſt aufgeregt, und zu gleicher Zeit fürchtete er ſie ſelbſt und die Abſichten, die er bei ihr zu arg⸗ wöhnen anfing. 3 „Juſt das,“ unterbrach Abraham ſeinen eigenen Gedankengang,„ich muß mit Madame Martha ſprechen, bevor ich den Doktor aufſuche. Das Eine zuerſt, das Andere hernach. Man thut am Beſten, die Fragen in guter Ordnung zu behandeln, in guter Ordnung.“ Und er zog den bereits halb abgelegten weißen Rock wieder an und öffnete eine Seitenthüre in einen kleinen Corridor hinaus, welchen er entlang ging, bis er an eine Thüre kam, durch die er eintrat und ſie dann ſorgfältig hinter ſich ſchloß. Er befand ſich jetzt in einem beinah finſtern Gang, nur von zwei Halbfenſtern beleuchtet, die hoch oben gegen die Decke zu angebracht waren, und dieſer Gang führte in ein weiter innen gelegenes Zim⸗ 1⁵⁷ mer, das mit ſtarken Eiſenſtangen verriegelt war. Als er ſich dieſem letzten Zufluchtsort näherte, hörte man ein immer zunehmendes Gebrumme, das, wie es ſchien, eher ein eingeſperrtes Thier als ein menſchliches Weſen an⸗ kündigen ſollte. Inzwiſchen ertönte doch etwas, das Peitſchenſchlägen glich, denn ſo ſausten die Töne, ſo pfiff es, und wenn die Peitſchenhiebe aufhörten, brummte wieder eine klagende und jammernde Stimme. Ohne ſich von dieſem unbehaglichen und in allen möglichen Modulationen wechſelnden Getöne ſtören zu laſſen, ſchloß Abraham die Eiſenriegel auf und trat ein. „Heiliger Vater!“ rief ihm eine Stimme entgegen, „Du hier, heiliger Vater... ha, ha, ha, ha, das iſt luſtig, Deine Füße küſſen zu dürfen, heiliger Vater.“ Die Perſon, die ihn auf dieſe Art anredete, war eine alte Frau mit verwirrtem, wildem und wahnſinnigem Ausſehen, nnd im gleichen Augenblick ſtürzte ſie zu Abrahams Füßen nieder. „Still, Martha,“ ſagte er mit befehlender und har⸗ ter Stimme.„Steh' auf, ſage ich Dir, ich dulde ſolche Kuiefälle nicht.“ „Ha, ha, ha, hier iſt mein Platz. Du haſt mich zu Deiner Rechten erhöht, haſt mir befohlen, Dein Brod zu eſſen und über das Waſſer zu fahren, und ſo will ich ſie zuletzt finden. Erlaube mir, Deine Füße an mein Herz zu drücken, niederzufallen und bei ihnen zu beten. Ha, ha, ha!“ „Haſt Du die Pönitenz erfüllt, die ich Dir auferlegt habe?“. .„Mein Körper zittert, mein Herz brennt. Ich habe die Pſalmen Davids in der Frühpredigt geſungen und das Vaterunſer in die Haut eingepeitſcht. Hu, hu, hu! Es geht wie eiſiges Waſſer über meinen Kopf, wenn ich denke, daß ſie nicht zu finden ſind. Du haſt ſie geſucht und auch ich bin im Oelgarten geweſen— aber es iſt keine Spur von ihnen zu ſinden. Aber da hat mir auch 4 4 4 1 Bener — 1⁵⁸ der Erlöſer noch nicht entgegen gelächelt, ſondern Bluts⸗ tropfen ſind unaufhörlich aus der Dornenkrone herab⸗ gefloſſen. Ich habe die Wunden in ſeiner Seite gezählt und aus jeder Wunde hat er einen Platzregen von blut⸗ rothen Thränen über die Erde geweint. Ich habe ge⸗ betet, daß ich rein werden möchte, aber je mehr ich betete, um ſo unreiner bin ich geworden. Heiliger Vater, eines Tags wird die Verklärung kommen und der Er⸗ löſer lächeln, und ich werde meine Kinder wieder an mein Herz drücken dürfen... Ach... meine armen Kinder... meine verrathenen Kinder... meine dem Teufel übergebenen Kinder.“ Die wahnſinnige Frau ſprach die letzten Worte in einem ſo erſchütternden Tone, daß ſie nothwendig zu jedem Herzen dringen mußten. Selbſt Abraham ſchien ſie eine Weile nicht ohne ein gewiſſes Gefühl tiefen Mitleids zu betrachten, aber dieſes Gefühl verſchwand bald, um dem raiſonnirenden, berechnenden Verſtand Platz zu machen. „Verrücktes Weib!“ murmelte er,„Du heulſt, daß der Teufel ſelbſt es nicht aushalten könnte, Dich anzu⸗ hören. Nimm Dich in Acht, daß ich Dir nicht eine nene Pönitenz auferlege... nimm Dich in Acht, daß nicht der Satan wieder Macht über Dich erhält.“ Martha zitterte an allen Gliedern. „Hu, hu, hu!“ brummte ſie. „Sollte es nicht möglich ſein,“ dachte Abraham,„ſie wieder zum Verſtand zurückzurufen, wenn auch nur für einen einzigen Augenblick... nur einen einzigen... aber es läßt ſich nicht wohl denken.“ Martha lag auf ihren Knieen, den Kopf in ihre Hände verbergend und hin und her wiegend. Das Zimmer war dunkel, und um ſie recht betrach⸗ ten zu können, begab ſich Abraham ans Fenſter und griff in eine Schnur, worauf eine äußere Schindeljalouſie ſich öffnete, ſo daß die Sonne hereinſchien. Marthas Blick ruhte unverwandt auf dieſem Ge⸗ mälde. „Sieh', ſieh',“ rief ſie dabei,„ſieh', wie der Erlöſer lächelt, ſieh'!“ Mitten in der einen Wand befand ſich ein Gemälde, das mit ſeinem tiefen Rahmen gleichſam in die Mauer ſelbſt eingefaßt war.. Das Gemälde ſtellte einen gekrenzigten Chriſtus vor, der jetzt von dem helleren Tageslicht, das Abraham hereinließ, beleuchtet wurde. „Er ſtrahlt, er wird verklärt, er hellt ſich auf,“ murmelte Martha, während ſie ſich krümmend und win⸗ dend bis zum Chriſtusbilde hinkroch. Abraham verwandte ſeinen Blick nicht von ihr. Die Arme über der Bruſt gekreuzt, ſchien er in die Tiefe ihrer Seele eindringen zu wollen. „Martha,“ ſagte er endlich, mißvergnügt, wie es ſchien über die Reſultate, zu denen er durch ſeine Ueber⸗ legungen kam—„Martha, kannſt Du mir verſtändig eine Frage beantworten?“ Martha wandte blos ihren Kopf und ſtarrte ihn an. Ein lautes Lachen war ihre einzige Antwort. „Erinnerſt Du Dich auch nicht an die Baronin Lander?“ Martha fuhr fort zu lachen. „Und an Fräulein Gabriele Strahl? Erinnerſt Du Dich auch nicht an ſie?“ Sie lachte blos. „Du erinnerſt Dich an nichts anders als an Deine Kinder?“ „Meine Kinder, meine Kinder,“ klagte ſie jetzt. „Heiliger Vater, Du mußt ſie erlöſen, Du mußt ſie mir wiedergeben. Ach, Du haſt es verſprochen und Du mußt auch Dein Wort halten.“ „Bete,“ befahl ihr Abraham,„bete und Du wirſt ſie wiederbekommen.“ . —— 160 Dieſes einzige Wort hatte die Wirkung, daß ſie wiederum vor dem Bilde des Erlöſers niederſank, und während ihre Finger an den um ihre Bruſt hängenden Roſenkranz hinliefen, murmelte ſie vermiſchte Gebete. Unter allen Aeußerungen der Baronin legte Abra⸗ ham, je mehr er die Sache überdachte, das hauptſäch⸗ lichſte Gewicht darauf, daß dem General und Jaqguette ihr Stolz verbieten würde, einen Antrag von Pauls Seite anzunehmen, ſo lange ſeine Geburt nicht ausge⸗ mittelt wäre. Aber ſo wenig mittheilſam Abraham auch war und ſo gut er ein Geheimniß bewahren konnte, ſo wiſſen wir doch, daß er mehr als mancher Andere in Familien⸗ verhältniſſe eingedrungen war, obſchon er niemals Ge⸗ brauch davon machte und nie etwas ſagte, wofern nicht ſeine eigenen Intereſſen und Vortheile es ihm geboten. Jetzt ſchien ein ſolches Intereſſe entſtehen zu wol⸗ len, und er begann ſeine Erinnerungen in ſeinem Kopfe zu ſammeln und zu ordnen. Abraham, der im Allgemeinen als der Banquier der vornehmen Welt angeſehen werden konnte, war auch der Geſchäftsmann der Oberſtin Reiter geweſen, die ſich oft an ihn gewendet hatte. Die jetzt alte Martha hatte in ihrer Jugend mehr als einmal Billete zwiſchen der Oberſtin und ihm hin und her getragen. Für jedes Anlehen, das er ihr bewilligte, hatte er von ihr eine vertrauliche Mittheilung empfangen. Es iſt wahr, daß dieſe Mittheilungen nicht immer vollkommen zuverläſſig waren, aber im Ganzen war doch etwas daran, und hätte Abraham bei der Zuſammenkunft beim General ſich äußern wollen oder Urſache gehabt, ſich auszuſprechen, ſo wären ſeine Worte ſowohl für Paul als für die Uebrigen nicht ohne Intereſſe geweſen. Aber er ſchwieg, weil die Sache noch immer keine ſeiner Spekulationen, ſeiner Geſchäfte betraf. Jetzt begann es u 8o- u nm A 161 jedoch ganz anders auszuſehen, und er beſchloß ſich bei Zeit in den Stand zu ſetzen, um nöthigenfalls nach⸗ drücklich operiren zu können. In Martha ſah er daher einen unfehlbaren Haupt⸗ ſchlüſſel für die Löſung des Geheimniſſes, obſchon er jetzt zum erſtenmal mit Unruhe daran dachte, daß ſie ver⸗ rückt war. Wir haben erwähnt, daß Abraham die Wahnſinnige betrachtete, während ſie vor dem Chriſtusbilde nieder⸗ gebeugt ihre verworrenen Gebete murmelte. Auf einmal erwachte ein neuer Gedanke bei ihm. Er hatte ihr bis⸗ her immer befohlen zu beten, aber er hatte ihr niemals Geld gegeben. Jemehr ſie ſich dem Gebet überließ, um ſo verrückter ſchien ſie ihm geworden zu ſein, und bisher hatte er nichts dagegen gehabt; aber jetzt, wo er wünſchte, daß ihr Verſtand momentan zurückkehren möchte, fiel es ihm ein, die Wirkung etlicher blanker Silberthaler zu verſuchen. Dieſer Einfall, den Mancher gewiß als höchſt einfach betrachten wird, wurde von Abraham als eine lichte Idee aufgefaßt. Um ihn ſogleich ins Werk zu ſetzen, näherte er ſich jetzt auch dem Gemälde und ſagte zu Martha, ſie ſollte ſich von demſelben entfernen. Murmelnd kam ſie der Aufforderung nach. Abraham ſchob jetzt einen Theil des Rahmens zu⸗ rück, worauf ein Schloß zum Vorſchein kam; dann zog er einen Schlüſſel heraus und öffnete das Gemälde, gerade wie eine gewöhnliche Thüre. Als das Chriſtusbild auf dieſe Art ſich zu bewegen anfing, fiel Martha andächtig auf ihre Kniee nieder und verbarg betend das Geſicht in ihren Händen. Abraham trat in ein kleines Stübchen hinter dem Gemälde. Hier verwahrte er ſein Silber, theils in noch ungeſchmolzenen Münzen, theils in Gußklumpen. Während Abrahams Kapitalien unaufhörlich an⸗ wuchſen, bildete nicht blos der Gedanke, ſie ſo vortheil⸗ Das Gewiſſen. IV. 11 162 haft wie möglich anzulegen, den Gegenſtand ſeiner Be⸗ rechnungen, ſondern auch die Sorge, wie er das, was er zu Hauſe beſaß, am beſten bewahren könnte. Ver⸗ gebens wünſchte er ſich einen wahrhaft zuverläſſigen Freund; ein ſolcher war nach ſeiner Meinung nicht zu finden, und ihm ſelbſt geſtattete ſeine Thätigkeit nicht, beſtändig vor dem Thore des Paradieſes zu wachen. Endlich jedoch fand er eine Perſon, die er, ohne ſie in ſeine Geheimniſſe einzuweihen, zum Drachen ſeiner Schätze verwandelte. Dieſe Perſon war Martha. Sie war wahnſinnig und katholiſch, fanatiſch und wild; und er überzeugte ſich, daß, wenn er ſich ſelbſt in ihren Au⸗ gen in einen rettenden heiligen Vater und die Thüre zur Silberkammer in ein Altargemälde verwandelte, das die Kreuzigung Chriſti vorſtellte, keine Macht ſie in der Vertheidigung der Heiligthümer überwältigen könnte, wie er auch dadurch Jedermann von dem Gedanken fern zu halten vermöchte, daß er ſeinen größten Reichthum hier verberge. Nach einer Weile trat er wieder heraus und brachte einige blanke Silbermünzen mit. „Martha“ befahl er,„komm hieher. Siehſt Du, was ich da habe. Liebſt Du das Geld?“ Abrahams Augen funkelten, als er ihr die Silber⸗ münzen zeigte. Martha ſtierte mit ihren leeren, ſeelenloſen Augen ihn an. Sie ſchien nicht ſogleich zu verſtehen um was es ſich jetzt handelte. „Geld,“ begann der Jude wieder,„wirkliche Silber⸗ münzen. Siehſt Du, wie ſie glänzen?“ „Hu, hu, hu,“ brummte Martha, indem ſie ſich niederkauerte, aber den Blick feſt auf die Silbermünzen geheftet. 4 Abraham freute ſich bereits über ſeinen Einfall, weil er meinte, ſie nehme eine verſtändigere Miene an, als er ſeit langer Zeit bei ihr bemerkt hatte. „ 163 „Willſt Du das Geld haben?“ fuhr der Jude fort, „viel Geld, womit Du anfangen kannſt, was Du willſt.“ Martha erhob und ſenkte ihren Kopf, während zu⸗ gleich ihr Blick immer klarer und reiner zu werden anfing. Abraham ſtreckte die Hand mit den Münzen gegen ſie aus. „Du ſollſt das alles bekommen, wenn Du Dich anu die Oberſtin Reiter erinnern kannſt.“ Martha erhob den Kopf. Ihre Augen begannen zu funkeln. „Oder wenn Du Dich an etwas von der Baronin Lander oder an Fräulein Gabriele, jetzt Frau Kellner, erinnern kannſt, ſonſt... ſonſt...“ Der Jude konnte nicht weiter ſprechen, weil Martha plötzlich aufſprang und mit einem Hohngelächter auf ſeine Hand ſchlug, daß die Silberlinge herausgeworfen wurden und klingend auf den Boden fielen. „Du biſt nicht der heilige Vater, Du biſt ein Un⸗ gläubiger, ein Verräther, Du willſt meine Seele mit Judasgeld kaufen. Ich habe meine Kinder verkauft, unſchuldiges Blut verkauft. Gottes Gericht liegt auf mir. Wehe, wehe, wehe! Fort, Belzebub! Fort, Satan! Verſuche mich nicht! Ha, ha, ha!“ Der Schaum ſtand um ihren Mund, als ſie ſprach, und ſie fiel wieder vor dem Chriſtusbild nieder, ihr Ge⸗ ſicht in den Händen verbergend. Abraham wurde zornig und verlegen zugleich, als er ſah, daß er mit Martha nichts ausrichten konnte. „Zum Doctor,“ ſagte er jetzt, alle weiteren Kom⸗ mentare und Experimente abbrechend;„zum Doctor!“ † Aber obſchon Abraham nicht blos ein einzigesmal,” ſondern mehreremale den Doctor aufſuchte, traf er ihn nicht zu Hauſe. So verging der Tag und am Abend hatte er einige andere Geſchäfte zu beſorgen, in Folge deren er ſehr ſpät heimkehrte. 3 4 1 164 Die Nachricht von dem Diebſtahl im Kellner'ſchen Hauſe verbreitete ſich wie ein Lauffeuer unter den allzeit neugierigen Nachbarn, und binnen einer Viertelſtunde war das gute Volk in voller Bewegung. Während Brauner und die Diebe von den Polizei⸗ dienern ins Gefängniß abgeführt wurden, brachte man den General und Held im wahren Triumph nach Hauſe zurück, wobei der General, den ſeine Wunde bedeutend ſchmerzte, ſich auf Heinrich ſtützte, Held aber von der erſchrockenen und noch immer zitternden Fanny ſich führen ließ, die man nicht allein zurücklaſſen wollte und daher gebeten hatte, zum General hinüber zu kommen, bis ihr Vater nach Hauſe zurückkehren würde. Auf allen Seiten rings um ſie her ſchwatzte das zuſammengeſtrömte Volk dies und jenes Die zwei neugierigen Ladenjungfern, die ſtülpnäſige Liſette und die rothwangige Klara, die ſich ſo lebhaft für den geheimnißvollen Nimbus intereſſirten, in welchen der alte Brauner den Aufkauf des Hotels gehüllt hatte, intereſſirten ſich nicht minder auch für dieſes neue Ereigniß. „Erinnerſt Du Dich noch, was ich immer vom erſten Augenblicke an von dieſem alten Fuchs da, Rauner oder Brauner wie er heißt, geſagt habe, der uns ſo unhöflich begegnete, als wir ihm aus Artigkeit einen Beſuch mach⸗ ten, um zu erfahren, wer eigentlich der Herr des Hauſes ſei, erinnerſt Du Dich noch?“ „Was denn?“ „Nun natürlich, was ich von dieſem Rauner da ge⸗ ſagt habe.“ „Meine gute Liſette, Du eigneſt Dir doch immer das an, was ich zuerſt ausſpreche. Wenn Du ein wenig nachdenken willſt, ſo war ich es, die es ſagte, und⸗ nicht Du.“ „Ei du lieber Himmel, wie kannſt Du in Abrede ſtellen, daß ich es zuerſt ſagte? Die ganze Stadt kann es bezeugen, daß Du mir blos nachplapperteſt; aber es 165 iſt nicht der Mühe werth, ſich um den ferndigen Schnee herumzuzanken, ich weiß dennoch wohl, was ich weiß⸗ „Nun, wenn man auch nicht ſo viel plappern kann, wie Du, ſo kann man dennoch auch leben.“ 1 „Was ſie ſich für hohe Gedanken macht von ihrem kleinen Perſönchen!“. „Du kannſt ſagen, was Du willſt, das regt mich gar nicht an.“ „Gehorſame Dienerin, Manſell.“ „Gehorſame Dienerin.“ Raſch kam mit Netta und Holtmann juſt noch zur rechten Zeit, um am Triumphzug des Generals Theil zu nehmen, vom Thiergarten an. 4 Der General war allgemein beliebt, und während man ihn wegen ſeiner Armwunde beklagte, bewunderte man höchlich den Muth und die Entſchloſſenheit, die er bei ſeinen Jahren bewieſen hatte. Auch Held erhielt ſei⸗ nen gebührenden Antheil am Ruhme. 2 Holtmann und Netta begaben ſich nach Hauſe; Raſch dagegen folgte dem General, weil es ihm vorkam, als ob er nach dem Geſpräch am Morgen gleichſam zur Familie gehörte. Noch ſtanden die Gruppen auf der Straße, als der Jude Abraham einhergewandert kam, um nach den vielen Geſchäften des Tages nach Hauſe zu gehen. Der immer aufmerkſame Inde hörte, daß etwas Bemerkenswerthes eingetroffen war; er blieb daher ſtehen und ließ ſich erzählen. Als er erfuhr, daß der General verwundet worden, empfand er Unruhe. Der Jude wußte bereits, daß die Geſundheit des alten Kriegers untergraben war, und er fürchtete die Folgen des Meſſerſtiches. Er erfuhr auch, daß man nach einem Arzt geſchickt hatte, und er beſchloß deshalb, ihn vor der Thüre zu erwarten. Inzwiſchen entfernte ſich das Volk und die Straße war wieder leer. 1 166 Abraham überſah nicht, wie vortheilhaft das für ſeine Wünſche war, daß der General Paul einen großen Dienſt erwieſen hatte, und er berechnete ſchon zum Voraus die Dankbarkeit, welche der von einem ſo warmen Rechts⸗ gefühl belebte, unerfahrene junge Mann ihm dafür wid⸗ men würde. Von der Dankbarkeit aber war es nach der Vorſtellung des Juden kaum ein kleines Sprüngchen bis zur Liebe, und ſo flogen ſeine Gedanken von der Liebe zu der Hochzeit und von der Hochzeit zur Einlöſung ſeiner Schuldſcheine, was natürlich den eigentlichen Schluß⸗ ſtein bei allen ſeinen Betrachtungen machte. Nach einer Weile kam der Arzt und Abraham hing ſich ſogleich feſt an ihn. „Vergeſſen Sie unſere Uebereinkunft?“ fragte er ihn. „Weit entfernt, mein Herr; ich denke im Gegentheil vielleicht gar zu viel daran.“ „Man kann nicht zu viel daran denken. Sie wiſſen, Doctor, daß Ihre Schuldſcheine verfallen ſind.“ „Ich weiß es.“ „Die Geſundheit des Generals iſt ſchwach.“ „Sie war es ſchon lange, aber noch haben ſich keine Symptome von der Art gezeigt, daß man ein allzuſchnel⸗ les Abſcheiden fürchten müßte.“ „Das iſt möglich.“ „Wir wollen ſehen.“ „Sei es, wie es wolle, aber acht Tage, bevor er ſtirbt, will ich es wiſſen. Bleiben Sie deſſen eingedenk, Herr Doctor; Sie ruiniren mich, wenn Sie es verſaͤumen, und ich gebe Ihnen Ihre Schuldſcheine ſogleich heraus ... hören Sie... ich gebe ſie Ihnen ſogleich heraus.“ „Ich habe Ihnen verſprochen, Herr Abraham, daß ich, in ſo weit es der Wiſſenſchaft möglich iſt, Leben und Tod vorauszuſagen, Sie einige Tage vorher, ehe es mit dem General ſo weit kommt, in Kenntniß ſetzen werde. Nach ſeiner heftigen Gemüthsart und Conſtitution zu 167 ſchließen, wird es ſicherlich ſchnell mit ihm gehen, wenn die Sache einmal in Gang kommt.“ 2 Die alte Geſchichte erzählt von einem Volk, deſſen Staatsverfaſſung dem Gläubiger erlanbte, Beſchlag auf eine Leiche zu legen, bis die Hinterbliebenen deſſen Schul⸗ den bezahlt hatten; erſt dann waren ſie berechtigt, den Todten zu begraben. Etwas Aehnliches ſchwebte auch Abraham vor. Er wollte wenigſtens in der Todesſtunde des Genexals, im Fall nichts anderes half, ſeine Anſprüche geltend machen. „Noch etwas,“ fuhr Abraham fort.„Haben Sie nichts davon ſchwatzen gehört, daß Paul Kellner, der vor Kurzem zurückgekommene Amerikaner, in Fräulein Ja⸗ quette verliebt ſein ſolle?“ „Man ſchwatzt viel, aber hier iſt der Rauch nicht ganz ohne Feuer; ich als Hausarzt weiß ſehr gut, daß das Fräulein ihn liebt und daß er...“ „Jung und raſch iſt.“ Abraham rieb ſich voll Befriedigung die Hände. „Treiben Sie die Sache dahin, Herr Doctor, trei⸗ ben Sie die Sache dahin, daß ſie ſich verheirathen oder wenigſtens verloben, und ich ſchwöre Ihnen, Ihre Schuld⸗ ſcheine ſogleich zu zerreißen... wollen Sie das?“ „Ich will an die Sache denken, obſchon...“ „Aber vergeſſen Sie nicht, daß ich Ihnen die Schuld⸗ ſcheine zurückgebe, vergeſſen Sie das nicht. Die Sache iſt doch abgemacht, was ſagen Sie?“ „Topp! Ich will thun, was ich kann, zumal da ge⸗ wiß das Glück Beider dadurch begründet wird. Jetzt leben Sie wohl.“ „Warten Sie ein wenig, ich möchte gar zu gerne wiſſen, wie der General ſich jetzt befindet. Wenn Sie bald zurückkommen, ſo will ich Sie hier erwarten.“ „Das können Sie immer thun, ich werde mich mög⸗ lichſt beeilen.“ 4 3 Als der Doctor ſich zum Geueral hinaufbegab, blieb alſo Abraham vor der Thüre ſtehen. Jaquettens Liebe zu ihrem Vater entwickelte ihre ganze Zärtlichkeit, als er verwundet und blutend zurück⸗ kam. Nicht blos wurde ſogleich der Hausarzt beſchickt, ſie machte auch ſelbſt den Arzt und ergriff alle Maßre⸗ geln, die ihr Herz ihr eingab. „Aber Sie ſagen mir gar nicht, lieber Vater,“ ſagte ſie dabei,„wie es mit Paul ſteht. Hat ihn irgend ein Unglück getroffen?“ Der General betrachtete ſie mit väterlicher Liebe. Ein hoher Purpur verbreitete ſich über Jaquettens Wangen. „Fürchteſt Du für ihn?“ „Ach ja, lieber Vater, warum ſollte ich es längnen? Sie wiſſen ja, daß ich ihm ſehr gut bin.“ „Dann fürchte nichts. Paul war nicht zu Hauſe.“ Jaquette drückte dankbar ihres Vaters Hand. Noch hatte ſie viel, was ſchwer auf ihrem Herzen lag und um was ſie ihn fragen wollte, aber ſie ſah ein, daß ihr Va⸗ ter der Ruhe und Stille bedurfte, und deßhalb ſchwieg ſie. Sobald der Arzt kam, trat ſie inzwiſchen ihm den Platz ab und begab ſich in den Salon hinaus. wo Hein⸗ rich, Fanny und Raſch ſich aufhielten. Sie kannte Fanny von alten Zeiten her, aber ſie fühlte ſich jetzt noch herzlicher zu ihr angezogen. Unſern Heinrich hatte ſie noch nie geſehen, aber die deutlich in ſeinen Zügen eingeſchriebene Ehrlichkeit empfahl ihn. Für Naſch's Ehre und Rechtſchaffenheit hatte Held 169 gut geſprochen und er war ihr in dieſer Beziehung ganz zuverläſſig.— Jaquette wünſchte von Paul ſprechen zu dürfen, aber ſie genirte ſich vor den Anweſenden. Hätte nur Fanny allein ſich hier befunden, dann.. aber jetzt... Ihr Buſen erhob ſich indeß unruhig, und, ſie ging auf und ab, um ſeine Wünſche zum Schweigen zu brin⸗ gen. Aber das Verlangen wurde dadurch nicht gemin⸗ dert, ſondern noch erhöht. Fanny und Heinrich hatten Alles erzählt, was ſie von dem Einbruch wußten. Dabei war Pauls Name mehrmals über die Lippen Beider gekommen, und nun glaubte Jaquette, daß ſie es auch wagen dürfte, ihn zu nennen. 3 „Aber mein Gott,“ ſagte ſie,„weiß denn Niemand, wo er ſich ſo ſpät aufhalten mag? Es iſt ja nicht un⸗ denkbar, daß die ſchlechten Leute ihn durch Liſt fortgelockt und auf die Seite geſchafft haben.“ 3 Sowohl Raſch als Heinrich erinnerten ſich jetzt zu gleicher Zeit an das, was ſie von Paul wußten, und ein kalter Schweiß überlief ſie. „Es iſt wahr, mein Fräulein,“ ſagten ſie daher Beide,„man hat.. oh... es iſt entſetzlich, daran zu denken, aber wir haben Urſache, das Schlimmſte zu fürchten.“ „Sprechen Sie, meine Herren, ſprechen Sie, um's Himmelswillen, was wiſſen Sie?“ „Ich bin heute Abend mit Herrn Paul Kellner im Thiergarten beiſammen geweſen,“ antwortete ihr Raſch, „und daß man dort etwas gegen ihn im Schild führte, das iſt ganz unzweifelhaft, obſchön es natürlich in gar keinem Zuſammenhang mit dem ſtehen kann, was hier vorgefallen iſt; denn ich hörte deutlich, ganz deutlich...“ Raſch unterbrach ſich, weil er nicht wußte, ob er erzählen durfte, was er von einem angeblichen Beſuch bei einem Frauenzimmer gehört hatte, was, wie ſich der 1 5 4 170 Leſer erinnern dürfte, Gourville der blondgelockten Au⸗ guſte gegenüber als Grund für die Verwandlung des Champagners in einen Schlaftrunk angegeben hatte. „Ganz deutlich, wiederholte Jaquette, die mit einer an Gierde grenzenden Theilnahme ſeinen Worten folgte, „ganz deutlich, ſagten Sie.“ Die Heftigkeit, womit Jaquette ſprach, machte Raſch aufmerkſam.„Ah,“ dachte er,„war es vielleicht das Fräulein ſelbſt, das ſie zu beſuchen beabſichtigten? Ver⸗ hält es ſich ſo? Aha, ich verſtehe.“ Aber ungeachtet er von ſolchen minder guten Gedanken beſchäftigt war, regte ſich doch in ihm eine Stimme, welche ſagte, daß er ſie durch Ausſprechung derſelben nicht beleidigen dürfe. Heinrich, welcher bemerkte, daß Raſch verſtummte, benützte dieſen Umſtand. „Das, was der Herr Steuermann ſagt, mag ſich verhalten, wie es will,“ meinte er,„aber ſo viel ſteht feſt, daß Herr Paul Kellner heute Abend ſich auf Söder⸗ bergs Treppen einfinden ſollte.“ Raſch fühlte ſich verletzt durch das Mißtrauen, das in Heinrichs erſten Worten lag, und fand ſich aufgefor⸗ dert, ihn zurecht zu weiſen. „Sie tänſchen ſich, mein Herr; ich habe ihn mit meinen eigenen Schiffslaternen im Thiergarten geſehen, und alſo konnte er nicht im Süden ſein. Sie müſſen das Fahrwaſſer loggen, ehe Sie unter Segel gehen, ſonſt wiſſen Sie nicht, ob es ſegelbar iſt.“ „Ich will nicht mit Ihnen ſtreiten,“ verſetzte Hein⸗ rich,„ſondern ich halte mich an den Umſtand, daß Herr Paul heute Abend um zehn Uhr auf Söderbergs Trep⸗ pen ſein ſollte.“ „Um zehn Uhr, ſagen Sie...“ „Allerdings...“ „Das iſt auch möglich, denn er verließ den Thier⸗ garten ungefähr um nenn Uhr. Er ritt mit Sturmeseile davon.“ 171 „Ferner weiß ich,“ fuhr Heinrich fort, ohne ſich durch Raſchs Bemerkung in ſeiner Ruhe ſtören zu laſſen, „daß eine große Gefahr dort ſein Leben bedrohte, aber daß dieſelbe Perſon, die mich von dem Einbruch in Kenntniß ſetzte, ihn auch aus dieſer Gefahr retten ſollte. „Eine große Gefahr,“ wiederholte Jaquette;„ach, verhehlen Sie mir nichts... eine große Gefahr... worin ſollte ſie beſtehen... unter allen Umſtänden ſprechen Sie, ich bitte Sie darum.“ 1 „Erſchrecken Sie nicht, mein Fräulein, ich bin über⸗ zeugt, daß er gerettet iſt, obſchon...“ „Obſchon...“ 4 „Obſchon man ihn zu ermorden beabſichtigte.“ „Ihn zu ermorden, o mein Gott!“— Es war Jaquette unmöglich, ihre wahren Gefühle länger zu verbergen. Hätte Fanny ſie nicht geſtützt, ſo wäre ſie zuſammengeſunken. „Ermorden,“ wiederholte Raſch,„ermorden? Gibt es hier zu Lande auch ſolche Wolfsgruben? Ah Fräulein, wenn ich mein ganzes Leben in eine einzige lange Hun⸗ dewacht verwandeln ſoll, ſo werde ich ihn ausfindig ma⸗ chen, das ſchwöre ich beim Compaß.“ Jaquette hielt ſich an dieſem Gedanken feſt. „Sie wollen ihn retten,“ ſagte ſie,„ach ja, ja, das iſt edel gedacht. Es iſt wahr, ich wollte mit Ihnen heute darüber ſprechen... aber mein Vater kam dazwiſchen...“ Obſchon Juquettens Worte nichts beſonders Merk⸗ würdiges enthielten, ſo ſprach fie dieſelben gleichwohl in ſolchem Tone, daß ſie den Anweſenden tief zu Herzen drangen. „Alſo Sie, mein Fräulein, Sie ſelbſt wollten mit mir ſprechen... ach, ich dachte mir's wohl... Sie wollten mich...“ Raſch machte ſich immer gewiſſe Einbildungen von f ſelbſt, und dieſe Schwäche verläugnete ſich auch jetzt nicht. 4 1 „Ich wollte Sie als einen Freund des Herrn Paul bitten, ihn ſchützend zu umgeben, weil auch ich zu wiſſen glaubte, daß ein Unglück ihn bedrohe.“ Raſch ſtrich ſich un den Mund. Er hatte erwartet, daß Jaquette etwas ganz anderes von ihm gewollt hätte,„ aber trotz ſeiner kleinen Eigenliebe war Raſch ein gut⸗ herziger Mann, der, ſo oft er auch betrogen wurde, den⸗ noch nie gegen Jemand einen Groll hegte. Statt darüber zornig oder verdrießlich zu werden, daß er ſich in ſeiner Vermuthung getäuſcht fand, freute er ſich, daß man ihn eines Vertrauens würdig geglaubt hatte, „Sehr wohl, mein Fräulein,“ rief er,„Sie ſind ſchöner als der Vorderſteven am Delphin, und ich ſchwöre noch einmal, alles zu thun, was ich kann. Ich werde die Segel preſſen, verlaſſen Sie ſich drauf, bis ich zurück⸗ komme, und wenn auch der Teufel ſelbſt mit im Spiel iſt, ſo will ich dennoch mit ihm in die Wette rudern. Ich bin Seemann, ich, und pflegte zehn Knoten in der. Stunde zurückzulegen.“ „Suchen Sie ihn auf, finden Sie ihn und retten Sie ihn,“ ermunterte ihn Jaquette, außer ſich vor Be⸗ kümmerniß. Raſch entfernte ſich allein. Zwar hatte Heinrich ſich erbeten, ihn zu begleiten, aber Raſch hatte dies mit einer Miene und Geberde, die keinen Widerſpruch duldete, abgewieſen. 3 Er wollte die Ehre allein haben. Jaquettens Leben war bisher ſo morgenfriſch, ſo frühlingsmilde geweſen. Keine Wolke hatte ihre Seele verdüſtert, keine Stürme hatten ihr Herz aufgeregt. 173 Sonnenſchein hatte über allen ihren Gedanken geruht, und Lilien nud Roſen waren an ihrem Buſen gewachſen. Der Duft der Blumen hatte ſich mit ihrem erſten reinen Schimmer in ihrem Gemüth niedergelaſſen. Aber auf einmal ſtand jetzt eine drohende Gewitterwolke am Rande ihres Lebenshorizontes. Im Innerſten ihrer Seele dadurch erſchreckt, beſaß ſie nicht Kraft genug, zu verbergen, was in ihr vorging, und um der Aufmerkſamkeit der Anweſenden zu entgehen, begab ſie ſich aus dem Salon und eilte zu ihrem Vater, vor dem ſie nichts geheim zu halten gewöhnt war. Deer Doctor hatte ſich in ein anderes Zimmer ver⸗ fügt, um einen Umſchlag für den Arm des Generals zu bereiten, ſo daß ſie den Greis allein fand. „Ah Vater, ah Vater,“ rief ſie,„Sie wiſſen nicht, welches Unglück Paul bedroht.“ Obſchon nicht ohne Schwierigkeit richtete ſich der General auf, ſo ſehr überraſchte ihn nicht blos das Un⸗ glück, wovon Jaquette ſprach, ſondern auch die Art und Weiſe, wie ſie ſich ausdrückte. „Beruhige Dich, meine Tochter. Welches Unglück kaun ihn wohl bedrohen? Du täuſcheſt Dich ganz ſicher⸗ lich oder auch übertreibſt Du.“ „Gauz und gar nicht, lieber Vater. Ach nein! Es ſind Anſchläge gegen ſein Leben gemacht. Barmherziger Gott... wenn er ſchon todt wäre!“ Ddieſer Gedanke bemächtigte ſich ihrer gänzlich und det gefalteten Händen ſank ſie am Bette ihres Vaters nieder. „Gute Jaquette, ich bitte Dich, komm' zur Beſin⸗ nung... um Alles in der Welt, Du todteſt Dich ſelbſt, wenn Du Dich einem ſolchen Kummer hingibſt.“ „Mein Vater, mein Vater!“ im Gotteswillen, meine liebe Jaquette. Du biſt ſehr unverſtändig... was iſt denn geſchehen?“ „Sie wiſſen nicht, lieber Vater... ich habe es Ihnen nicht geſagt... ich muß ſprechen... ja, ja, ich muß es... ich muß das.. und Sie können mich nicht tadeln... Sie wiſſen nicht...“ „Was iſt es, was ich nicht weiß, mein Kind?“ „Daß... „Daß?“ „Daß ich Paul liebe.“ Jaquette ſchlang dabei die Arme um ihren Vater und drückte ihn feſt an ihr gewaltſam klopfendes Herz. „Du reißeſt meine Wunde auf, Jaquette. Nimm Dich in Acht, Du könnteſt mir ſchaden.“ Aber Jaquette hörte nicht auf ſeine Ermahnung, ſondern druͤckte ihn noch feſter an ihre Bruſt, gleich als wollte ſie auf dieſe Art die Ruhe ſuchen, die ihr fehlte. Der General bat ſie nicht mehr, aufzuhören, obſchon er einen entſetzlichen Schmerz litt. Statt deſſen drückte er einen herzlichen Kuß auf ihre Stirne, und dieſer Beweis von Liebe beruhigte ſie. „Setze Dich hier an meine Seite. Jaquette, und laß uns aufrichtig mit einander ſprechen.“ Jaquette ſetzte ſich. „Du weißt, daß ich Paul gut bin.“ „Ich weiß es, mein Vater.“ 3 Die Salonthüre öffnete ſich dabei leiſe und ein Mann trat ein, zog ſich aber wieder zurück, als er Va⸗ ter und Tochter in einem herzlichen vertraulichen Ge⸗ ſpräch mit einander ſah. Dieſer Mann war Paul. „Ohne alle Uebertreibung,“ fuhr der General fort, „könnte ich ſogar ſagen, daß auch ich Paul liebe, wie wenn er mein eigener Sohn wäre, denn er hat etwas Ritterliches, Offenes, Entſchloſſenes und Lebhaftes, das mich von der erſten Stunde anſprach.“ „Ach ja, lieber Vater.“ „Du ſagſt mir jetzt, daß Du ihn liebeſt, Jaquette, 175 und das wundert mich nicht, um ſo weniger, als ich es bereits bemerkt hatte.“ Jaquette tätſchelte ihren Vater. 3 „Du haſt es geſehen, lieber Vater,“ fiel ſie ein,„und dennoch haſt Du nichts geſagt. Du mißbilligſt alſo meine Neigung nicht?“. „Weit entfernt, Jaquette; ich kann eine Neigung, die edel und wahr iſt, nicht mißbilligen; aber ſiehſt Du, mein Kind, ich habe dennoch die eine und andere Be⸗ merkung zu machen.“ „Wirklich?“ Der General ſprach nicht von der Gefahr, von wel⸗ cher Jaquette Paul bedroht meinte; theils weil er eine ſolche nicht glaubte, theils auch weil er Jaquettens Ge⸗ danken davon ablenken wollte, denn er kannte ihre Er⸗ regbarkeit und wünſchte ſie zur Ruhe zurückzuführen. „Höre mich an, meine artige Jaquette, und Du wirſt ſelbſt billigen, was ich Dir zu ſagen habe.“ Paul hörte, daß man von ihm ſprach; ja noch mehr, er hörte, um was es ſich handelte, und er vermochte ſei⸗ nen Platz nicht zu verlaſſen. Mit unruhig klopfendem Herzen blieb er, wie in eine Bildſäule verwandelt ſtehen. Er wollte nicht lauſchen, und dennoch lauſchte er. Ueber ihm weilte gleichſam ein Zauber, den er nicht zu brechen vermochte Der in ſein eigenes Bild verliebte Narciß konnte es nicht verlaſſen, ſondern ſtarb am Rand der Quelle. Paul liebte auch, zwar nicht ſich ſelbſt, aber deßhalb nicht weniger warm, und er wollte lieber ſterben, als einen Platz verlaſſen, wo er die Entſcheidung ſeines Schickſals hören konnte.“ „Ich höre, mein Vater,“ ſagte Jaquette. „Du weißt, mein Kind,“ fuhr der General fort, „daß ich von allen Gütern der Welt keines ſo hoch ſtelle als die Ehre oder jene Soldatenmoral in unſerm Herzen, die unſern Schild rein, unſern Namen fleckenfrei, unſer Gewiſſen ruhig erhält und uns den Muth verleiht, der — 4 4 1 Gefahr unerſchrocken ins Auge zu ſehen und dem Tod entſchloſſen entgegen zu gehen. Jaquette, mein ganzer Reichthum beſteht darin, daß ich ein Mann von Ehre bin.“ Jaquette hörte ihren Vater mit der gewöhnlichen Aufmerkſamkeit an. Seine Worte zeugten immer von ſeinem reinen und ritterlichen Gemüth, und drangen deß⸗ halb auch immer zu dem offenen und friſchen Herzen des edlen Mädchens. Folgte man ihren Bewegungen genau, ſo konnte man leicht bemerken, wie ihre Augen von einem höhern Glanz zu funkeln anfingen, und wie ihre Stirne ſich hob, während ſie den Worten des ſo innig geliebten Grei⸗ ſes lauſchte. Der General blickte ſie auch mit Befriedigung an. „Ihre Ehre, mein Vater,“ antwortete ihm Jaquette, „iſt auch die meinige. Würde ſie Ihrem Leben nicht Glanz verleihen, ſo würde ich mich arm und unglücklich fühlen, das wiſſen Sie; mit ihr dagegen bin ich ſtolz, fröhlich und glücklich. Ach ja, wenn Ihre Ehre ein Opfer von meiner Seite forderte, ſo fühle ich, daß ich zu dem größten fähig wäre; aber ich begreife nicht, warum Sie ſich jetzt auf dieſe berufen. Paul iſt ja doch auch ein Mann von Ehre. Sie haben mirs ja ſelbſt geſagt.“ „Vollkommen wahr, Jaquette, und gleichwohl...“ Der General ſenkte ſeinen Blick. „Und gleichwohl?“ „Hier handelt es ſich nicht um ſeine Ehre, ſondern um etwas ganz anderes.“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen, mein Vater.“ „Das Urtheil der Welt, meine Tochter, das Urtheil der Welt! Während eine Menge von Schriftſtellern, die nach Popularität haſchen, vor dieſem Urtheil ſelbſt ihr Knie beugen, geben ſie, um den Leidenſchaften der rohen Menſchen zu ſchmeicheln, Werke heraus, worin dieſes Ur⸗ theil ſo dargeſtellt wird, als ob es nur die Verachtung aller ehrlichen Menſchen verdiente. Das Urtheil der 177 Welt iſt inzwiſchen nichts Geringeres als das Urtheil der allgemeinen Moral, und wehe jedem, der dieſes verachtet! Sein Spruch iſt leicht gefällt.“ „Aber mein Gott, auf was zielen Sie ab? das Urtheil der Welt? In welcher Beziehung könnte die Welt meine Liebe mißbilligen?“ Paul fühlte, wie er erröthete, weil er, ohne recht zu verſtehen, was der General meinte, gleichwohl ſich verletzt and. 3 3„Du wirſt mich bald verſtehen, Jaquette,“ ſuhr der General fort;„Paul iſt reich, unermeßlich reich.“ „Aber es iſt ja nicht ſein Reichthum, was ich liebe nicht ſein Geld; ach nein... es iſt...“ „Gleichviel; er iſt ein reicher Jüngling und Du biſt ein armes Mädchen, Jaquette.“ „Mein Gott, was haben Armuth und Reichthum mit der Liebe zu ſchaffen?“ „Die Welt, meine Jagquette, wird ſagen, daß ich Dich als eine Lockſpeiſe gebraucht habe, um in Geſchäfte mit meinem ichen Nachbar zu kommen.“ „Ah!“ „Ich kenne Pauls Herz und das meinige. Ich würde meinen Kummer vor ihm nicht verhehlen können, und er würde nicht unterlaſſen können, mir zu Hülfe zu kommen. Da würde man ſagen, ich habe ihn betrogen, und nicht ich, ſondern er habe ein ſchlechtes Geſchäft gemacht.“ „Mein Vater, mein Vater!“ „Man würde ſagen, ich habe Dich verkauft...“ „O mein Gott!“ „Man würde ſagen, ich habe hinter Deinem hüb⸗ ſchen Geſichtchen ihn plündern wollen, ich habe mit Dei⸗ ner Schönheit gemäckelt. Siehſt Du, Jaquette...“ Der General ergriff ihre Hand. „Siehſt Du, Jaquette,“ fuhr er fort,„das würde mich tödten.“ Das Gewiſſen. IV. 2 178 Paul hörte jedes Wort. Seine Wangen brannten, aber nicht mehr vor Ver⸗ druß, ſondern vor Hochachtung und Liebe. Er wollte voran eilen, aber der General fuhr fort. „Meine Angelegenheiten ſtehen nicht gut,“ ſagte er, „Du weißt es, aber ich hoffe ſie noch in Ordnung brin⸗ gen zu können. Mein alter Freund Abraham iſt ein guter und rechtſchaffener Mann.“ „Das iſt wahr, mein Vater.“ „Ich kann noch Verſchiedenes realiſiren. Ich bin nicht ohne alle Freunde.“ „Ach ja.“ „Beherrſche alſo Deine Neigung noch einige Zeit, mein Kind. Alles wird gut werden, davon ſei überzeugt. Wenn nur meine Wunde geheilt wird, ſo werde ich meine ganze Thätigkeit aufbieten, um die Angelegenheit ordnen zu können.“ „Du verſprichſt es?“ „Die Königin hat die Gnade gehabt, Dich zum Hoffräulein zu ernennen.“ Jaquette fuhr mit der Hand unruhig über ihre Stirne. „Morgen,“ fügte der General hinzu,„beginnt Dein Dienſt.“ 3 „Glauben Sie nicht, mein Vater,“ fiel Jaquette ein,„daß ich dieſe Gnade ablehnen könnte?“ Der General ſah fragend auf. „Sie ablehnen?“ „Ich paſſe nicht für den Hof, mein Vater. Ich liebe die Natur und die Freiheit; ich bin ungekünſtelt und aufrichtig, ausgelaſſen und unbeſonnen, und ich er⸗ ſchrecke bei dem bloßen Gedanken an den Hof.“ „Danke Gott, mein Kind, für die Gnade und das Wohlwollen, womit man Dir dieſe Gnade wiederfahren läßt, zumal jetzt, da ſie Dir Gelegenheit gibt, auf einige 179 Zeit Dein Haus und den Nachbar auf der andern Seite der Straße zu verlaſſen.“ „Aber ich will weder das eine noch den andern ver⸗ laſſen; ich... „Schweig, Jaquette.“ „Legen Sie Ihre Hand hieher, mein Vater.“ „Auf Dein Herz?“ „Spüren Sie, wie gewaltſam es ſchlägt?“ „Ich ſpüre es.“ „Glauben Sie, daß es möglich wäre, zu ſchweigen, wenn das Herz ſo klopft? Nein, mein Vater, nein, ich muß ſprechen. Die Sprache iſt das Luftrohr des Her⸗ zens. Das Haus jetzt zu verlaſſen, wo Sie krank ſind? unmöglich. Und es zu verlaſſen, ohne Pauls Schickſal zu wiſſen? Verlangen Sie das nicht; es wäre grauſam, mein Vater.“ Während Jaqguette ſprach, hörte ſie eine leiſe Be⸗ wegung hinter ſich und blickte zurück. Im Schatten der Thüre ſah ſie eine Jünglingsgeſtalt, welche mit ſtrahlen⸗ den Augen ſie betrachtete, und ſie verſtummte, ohne zu wiſſen, ob ſie ſich ſelbſt glauben ſollte oder nicht. Wäh⸗ rend ein leichtes Zittern ihre Nerven erſchütterte, legte ſie voll Verwunderung die Hand auf iyre Bruſt. Sie wußte nicht, ob die Erſcheinung eine Wirklichkeit oder blos die lebhafte Vorſtellung einer aufgejagten Phantaſie war. Sie wagte ſich nicht von der Stelle zu bewegen, aus Furcht, die Geſtalt möchte verſchwinden; aber ſie beugte ſich vor und ein Seufzer flog unmittelbar über ihre Lippen. Ohne zu bedenken, was ſie that, näherte ſie ſich ihm endlich. Paul blieb unbeweglich ſtehen. Der Augenblick hatte für ihn einen ſo eigenthümlichen Reiz. Er meinte in ſeinem Herzen jeden Schritt zu ſpüren, den ſie that, in⸗ dem ſie ſich ihm näherte. Müde vom Geſpräch, beugte der General ſein Haupt anf das Kiſſen hinab. „Paul,“ flüſterte Jaquette endlich, ihren Augen kaum trauend, biſt Du's, Paul?“ Ihre Stimme ſchwebte wie ein warmer Sommer⸗ hauch über Pauls Inneres. Es war das unmittelbare Eutzücken der Liebe, es war ihr auf der Grenze einer Offenbarung ſtehendes Gefühl, ihre zwar ſtille, aber nichts deſtoweniger mächtige Eingebung, die in dieſem Augenblicke beide beſeelte. Sie lebten in einander, nicht wie Menſchen von Staub und Materie, ſondern wie Engel, die aus ſchönen Träumen und lieblichen Ahnungen, aus Licht und Duft zuſammen⸗ geſetzt ſind. Solche Augenblicke ſchmeckt die Liebe, aber ſie können nicht beſchrieben, ſie können nur genoſſen werden, denn ſie ſind ſelbſt nur Gefühle von der Allmacht der Liebe über eine niedergetretene, eine vergeſſene ir⸗ diſche Natur. Paul hörte ſeinen Namen gleichſam durch ſeine Seele ſäuſeln, als Jaquette ihn flüſterte, und die Sprache beſaß kein Wort, das ſeine Gedanken zu denten vermochte; aber er appellirte auch nicht an ſie, ſondern an ſein eigenes Entzücken, indem er vor ihr niederſank. Er beugte ſich jedoch in dieſem Augenblicke nicht vor der irdiſchen Jaquette, ſondern vor der himmliſchen, vor der durch ihre gemeinſchaftliche Liebe verklärten Jaquette. Jaquette bückte ſich hinab und drückte einen Kuß auf ſeine Lippen. Wußte ſie wohl ſelbſt, daß ſie es that? Berührt von ihren Lippen, flammte das Feuer in Paul; er richtete ſich auf und ſchlang ſeinen Arm um ihren Leib. „Jaquette, Du liebſt mich?“ flüſterte er. Sie antwortete nicht, aber ihr Haupt ſank an ſeine Schulter. Paul drückte ſie an ſeine Bruſt, hochbeglückt von — 181 einer Liebe, die ſich ihm auf eine ſo wahre und unge⸗ künſtelte Weiſe überließ. 4 Jaquette hatte kaum vorher noch für Pauls Leben gefürchtet, und als ſie es am wenigſten erwartete, ſtand er wieder vor ihr. Ihr Herz hatte ſtille geſtanden vor Freude, und nur das unüberlegte Gefühl hatte ihre Be⸗ wegungen geleitet.. Ae ſae Aber als ſie ſich jetzt an ſeine Bruſt gedrückt fühlte, da ſtrahlte auch ihr Blick von dem Feuer, das in ihrem Innern brannte. 3 „Komm, flüſterte ſie, komm!“ Und ſie führte ihn an das Bett des Generals. Nach einer Ruhe ſuchend, deren er bedurfte, hatte der General ſeine Augen geſchloſſen; aber als er jemand nahen hörte, ſchlug er ſie wieder auf. Er ſchien nicht überraſcht, als Paul zu ihm vortrat, ſondern reichte ihm freundlich ſeine Hand. Paul war, nachdem er die Baronin Lander in der Regierungsſtraße verlaſſen hatte, nach Hauſe zurückge⸗ kehrt, und als er dort das Vorgefallene erfahren, über die Straße hinüber zu dem Genueral geeilt. Mit einem Gefühl tiefer Ehrfurcht ſtand er am Bett des Greiſes Er hatte Jaquettens Erklärung gegen ihren Vater gehört und er kannte die Bedenklichkeiten des Letzteren. Drei Gefuͤhle erfüllten ſeine Seele: Dankbarkeit, Liebe und Hochachtung. Das Jugendliche in all ſeinen Vor⸗ ſtellungen ertheilte ihnen Friſche und Leben. Jaquette war die ſeinige... ſie liebte ihn. Das war Glück ge⸗ nug... mehr als Glück.. es war Seligkeit. Des Generals ritterliches Feingefühl erhob ſich indeß zwiſchen ihnen. Es war ein Wolkenfleck mitten in der lichten Welt ſeiner Träume, aber ein Wolkenfleck, welcher nichts von ſeiner Seligkeit verdunkelte. „Herr General,“ begann er... 4 2 1 5 182 Aber die Worte entwichen ihm. Sein Herz war übervoll. Es ſchien ihm, als ob er ſeine Liebe entweihte, indem er ſie erklärte. „Mein Vater,“ fiel auch Jaquette ein. Aber auch ſie brach ab. Sie kannte ja die Ge⸗ danken ihres Vaters und ſie ſchätzte ihn zu hoch, als daß ſie ihm nur einen Augenblick Kummer hätte verurſachen wollen. Der General ſah, was in den jungen Leuten vor⸗ ging, und es ſchmerzte ihn, daß er nicht ſegnend ihre Hände zuſammenlegen konnte. „MNeine Kinder,“ ſagte er,„ihr braucht mir nicht zu ſagen, was ſich in eurem Innern bewegt. Du, Jaquette, haſt mir Dein Geheimniß bereits anvertraut, und das Deinige, Paul, leſe ich in Deinem Auge, und gleichwohl . ir aber wie ſoll ich mich ausdrücken?... und gleich⸗ wohl... Auch der General verſtummte hier. Zwiſchen ihm und ſeiner Tochter herrſchte das innigſte Vertrauen, er hatte ſich alſo ganz offen gegen ſie erklären können, aber der Gegenſtand war doch von ſo delikater Natur, daß der Gedanke, ſich auch vor Paul bloszuſtellen, ihn ver⸗ legen machte. Außer Jaqnette hatte noch niemand in ſeine Angelegenheiten eindringen dürfen. Vor der ganzen Welt wollte er einen Schleier darüber werfen. Die ein⸗ zigen Schatten, die ſich anklagend gegen ihn erhoben, kamen von dem Abgrund, welchen dieſe Verhältniſſe ge⸗ graben hatten und an deſſen Rand er ſich zu ſeinem Schmerz ſtehen fühlte. Er entſetzte ſich vor dem Ge⸗ danken, einen Zipfel der Decke zu lüften und ein fremdes Auge hineinſehen zu laſſen; er entſetzte ſich nicht blos, er ſchämte ſich auch. Ein alter Soldat ſtirbt lieber, als daß er ſich einem Umſtand ausſetzt, der ſeinen ritterlichen Stolz beugt und ſeine Ehre demüthigt. Der General hatte auch mehr als einmal gewünſcht, 183 mit geretteter Kriegsehre, wie er ſich zu äußern pflegte, ſterben zu dürfen..— Eingaben, gerichtliche Eintreibungen, Schuldthurm und Ceſſionen waren nach ſeinem Dafürhalten erniedri⸗ gend, und der bloße Gedanke daran verurſachte ihm wirk⸗ liche Qualen.— Der General verſtummte daher, als er im Begriff ſtand, zu den Einwendungen überzugehen, die er gegen die Wünſche des jungen Paares erheben wollte. Jaquette ſah, wie tief er litt, und ſie verſtand es nur zu gut. Sie beugte ſich auch über ihn hinab und ſtrich freundlich ſeine blaſſe Wange. Paul ergriff von Neuem die Hand des Greiſes. Er hatte während der Zeit ſeine ganze Stellung aufgefaßt. „Herr General,“ begann er wieder,„auch ich weiß, was Sie ſagen wollen. Als ich hier ins Zimmer trat, hörte ich Ihre Aeußerungen gegen Ihre Tochter, und daß Sie in keinen Verbindlichkeiten gegen mich ſtehen möchten. Um aufrichtig zu ſagen, was ich denke, billige ich Ihre Anſicht nicht, muß ſie aber dennoch, da ſie auf einer tiefen Wahrheit bei einem feinfühlenden Charakter beruht, hochachten. Der General drückte Pauls Hand, die noch in der ſeinigen ruhte. „Sie wollen,“ fuhr Paul fort,„den Wunſch Ihrer Tochter und den meinigen nicht bewilligen, wenigſtens nicht eher, als bis Sie ſelbſt gewiſſe Angelegenheiten in Ordnung bringen konnten?“ „Nein, mein Freund, nein, noch nicht. Sie be⸗ greifen...“ „Ich begreife die Hochachtung, die ein junger Mann einem Greis ſchuldet, zumal, wenn es die zarteſten Fä⸗ den in ſeinem Leben betrifft. Hier muß ein Opfer ge⸗ bracht werden, aber das Opfer ſollen nicht Sie bringen, Herr General, nicht der Vater, nicht der Greis, ſondern wir, die Kinder, die jungen Leute.“ 184 Paul ſprach ſich mit klarer und reiner Stimme aus, aber nichts deſtoweniger hörte man, wie ſchwer jedes Wort ihn ankam. „Sie ſchlagen Ihrer Tochter und mir unſern Wunſch ab, Sie thun das, Herr General?⸗ Jaquette richtete ſich auf. Die Gluth, die bisher auf ihrer Wange gebrannt hatte, verſchwand, und ſie ſtarrte blaß und verwirrt Paul an. Der General blieb ſtill. „Ihre Weigerung bereitet Ihnen Ruhe in Ihrem Innern, und Alle, die Sie lieben, müſſen dazu beizu⸗ tragen ſuchen. Ich billige Ihre Weigerung, zumal da ich weiß...“ Jaquettens Wangen wurden immer bläſſer und bläſſer. „Da ich weiß,“ fuhr Paul fort,„daß Sie dennoch Freundſchaft, wo nicht Liebe für mich hegen, Herr Ge⸗ neral; daß Sie, geſtärkt durch das Bewußtſein vollkomm⸗ ner Unabhängigkeit, Ihre ganze Thatkraft aufbieten wer⸗ den, um die Angelegenheit zu ordnen, wovon zu ſprechen meine Aufmerkſamkeit gegen Sie mir verbietet. Herr General, Sie thun Recht und ich nehme Ihre Weigerung auch für meine eigene Rechnung an. Sie wiſſen, daß ich über einen ſehr bedeutenden Reichthum zu verfügen habe, und ich gebe zu, daß dieſer Umſtand leicht Andere demüthigen kann, weil große Forderungen ſich daran knüpfen. Aber auch ich will unabhängig und frei in meinen Handlungen ſein, auch in Beziehung auf Sie, Herr General. Die Liebe Ihrer Tochter hat mich zu Ihrem Sohne gemacht; in meiner Achtung für Sie werde ich beweiſen, daß ich würdig bin, es zu ſein.“ Paul wandte ſich dabei um und betrachtete Jaquette. Sie war verwirrt und ſchien ſeinen Gedankengang nicht recht zu begreifen. Während ſein Blick liebestrunken über ihr Geſicht — A u —,——— —ͤ——— 18⁵ flog, verſchwand die Wolke, die ſich eine Weile über ſeine Stirne gebreitet hatte. „Jaquette,“ ſagte er,„jetzt beſitzen wir nichts als einander ſelbſt.“ 3 Eine heftige Bewegung zeigte ſich bei Jaquette. „Einander,“ flüſterte ſie zweifelnd. „Wenn äußere Hinderniſſe ſich gegen die Liebe er⸗ heben, entwickelt ſie ſich am ſtärkſten. Die Liebe iſt ein Feuer. Der Verſtand wärmt ſich daran und pflegt es zur gleichen Zeit. Ach, Jaquette, meine Seele wird ſich jeden Tag tauſendmal bei dem Gedanken an Dich er⸗ wärmen, und dennoch werde ich Herr über meine Leiden⸗ ſchaft bleiben, bis wir alle Hinderniſſe beſiegt haben. Dann haben wir einander verdient. Man weiß nicht, daß man liebt, bevor man um ſeine Liebe kämpfen muß, und nur das, was wir uns erſtreiten, iſt uns recht theuer.“ Jaquette beugte bedachtſam ihre Wangen in die Hände. „Jedes Opfer iſt für mich nur ein theures Ver⸗ gnügen,“ fuhr Paul fort,„bei dem Gedanken, Dich einmal zu beſitzen. Die augenblickliche abſchlägige Ant⸗ wort Deines Vaters verſchafft mir Gelegenheit, zu be⸗ weiſen, wie ſehr ich Dich liebe; dies flößt mir Muth und Vertrauen auf unſer Glück ein. Diejenigen, die einander lieben, beſitzen das Beſte von einander. Erfülle auch Du ſeinen Wunſch. Geh' an den Hof. Ich bitte Dich darum“ „Du willſt es?“ „Ich bitte Dich. Wir ſind nicht von einander ent⸗ fernt, wenn wir einander anch nicht ſehen. Was das Herz einmal gewonnen hat, das kann ihm Niemand ent⸗ reißen.“ Jaquette war aufmerkſam Paul's Aeußerungen ge⸗ folgt. Ihre Bruſt hob ſich dabei; aber jetzt nicht mehr vor Unruhe, ſondern vor lieblichen Gefühlen. Eine leichte 4 * 4 1 186 Roſenfarbe belebte und verſchönte ihre Wangen. Die Stirne begann zu glänzen. Das Ange klärte ſich. Als ſie die Hand von ihrer Wange wegnahm, ſah man weiße Blümchen als Spuren der Fingerſpitzen in dem roſigen Beete. Ueber ihrem Geſicht ruhte eine Morgenfriſche, die ihr etwas naiv Einnehmendes gab. „Ja,“ ſagte ſie,„ich verſtehe,... ach ja...“ Die Worte gaben ſich mit einer ſolch innigen Poeſie in ihrem Blick und ihren Bewegungen, daß Paul tief davon ergriffen wurde. „Wir lieben einander,“ fügte ſie hinzu. „Ja, ja.“ „Ein Hinderniß hat ſich erhoben.“ „Nur zufällig; es iſt wahr.“ „Mein Vater iſt nicht gegen uns, ſondern für uns; aber er will die Achtung vor ſich ſelbſt bewahren.“ 5„Allerdings.“ „Er will ſich nicht gedemüthigt fühlen, er wiſggfei und unabhängig ſelbſt das Hinderniß beſiegen.“ „So iſt's.“ „Wir müſſen ihm helfen, durch unſere Hochachtung für die Redlichkeit ſeines Charakters.“ „Ach ja.“ „Du, Paul...“ 4 „Ich bin unabhängig und werde handeln, wie ich ſoll. Aber laß uns nicht davon ſprechen.“ „Wir verſtehen einander.“ „Und Du?...“ „Morgen begebe ich mich zur Königin.“ 8 „Brav, Jaquette.“ „Mein Vater ſoll nicht über ſeine Tochter klagen müſſen.“ „Meine Gedanken werden Dir folgen.“ „Mein Herz bleibt bei Dir zurück.“ Der General folgte theilnahmsvoll der Wendung, welche der Gedankengang der jungen Leute genommen 187 hatte. Ihre rührende Ergebenheit ergriff ihn immer mehr, und er vermochte ſein Gefühl nicht länger zu unterdrücken. Ungeachtet Paul mit der ganzen Friſche eines Jüng⸗ lings auf die Anſichten des Generals eingegangen war, bemerkte dieſer nichts deſtoweniger, daß er die Größe des Opfers tief empfand. Hingeriſſen vom Augenblick, ſtreckte der General daher auch ſeinen Arm aus, um beide an ſeine Bruſt zu drücken. Paul ſtürzte ſich ſogleich an ſeinen Buſen. Aber der Segen, den der General über ihre Häupter ausſprechen wollte, erſtarb auf ſeinen Lippen vor dem Schmerz, den er dabei in ſeinem Arm empfand, deſſen Wunde in Folge der heftigen Bewegung aufging. Um die rührende Scene nicht in einen tragiſchen Moment zu verwandeln, biß er ſeine Zähne zuſammen und überwältigte ſeinen Schmerz. In dieſem Augenblick wurde ein Schlüſſel in der Zimmerthüre des Generals umgedreht, und man hörte daß ſich Jemand näherte. Paul und Jaquette erhoben ſich ſogleich. „Sie ſchlagen alſo meine Bitte um die Hand Ihrer Tochter ab, Herr General,“ ſagte Paul, als er ſah, daß der Eintretende der Doktor war, denn er glaubte, das Vorgefallene auch vor ihm verbergen zu müſſen.„Sie ſchlagen meine Bitte ab?“ „Sie haben meine Anſicht gehört, Paul,“ antwortete der General. Der General freute ſich über Paul's Frage; er hegte eine Art von Geſpenſterſcheu davor, daß Jemand einen Blick in ſeine Angelegenheiten werfen könnte. In dieſem Punkt war er ſchwach. Panl's Frage und die Antwort des Generals ent⸗ gingen dem Arzte nicht. Paul verließ hierauf das Zimmer, und Jaquette 5 188 folgte ihm nach, weil der Doktor erklärt hatte, daß er während des Verbandes mit dem Patienten allein ſein wolle. Abraham befand ſich noch immer im wartete die Rückkehr des Arztes ab. derte er hin und her. „Sollte man blos Scherz mit mir getrieben, mich an der Naſe herumgezogen, mich hinter meinem Rücken verhöhnt haben, wie die Baronin behauptete? O, dieſe Herren kennen mich noch nicht; aber ſie ſollen bald er⸗ fäcren daß ich nicht der Mann bin, der mit ſich ſpaſſen äßt.“ Nachſinnend ſchwieg er einen Augenblick. „Mich rächen,“ fuhr er dann fort.„Mein lieber Abraham, jetzt ſchwatzeſt du in den Bart. Mich rächen? Dummheiten! Ich bin ein guter und dienſtfertiger Menſch, ein rechtſchaffener und gefälliger alter Mann. Was würde die Rache nützen? Platterdings nichts. Aber man ſoll mich nicht betrügen, man ſoll mir nichts rauben. Ich will wachen... nicht mich rächen... ſondern nur meine Intereſſen bewachen... das iſt Rache genug. Sie haben ſich ein für allemal in meine Hände geworfen, und ich laſſe ſie nicht los. So lang ſie leben, ſollen ſie au meinem Gängelband gehen, das aus verfallenen Schuld⸗ ſcheinen beſteht; an ihrem Todtenbett wacht der Arzt darüber, daß der letzte Todesſeufzer ihnen nicht entfährt, bevor meine Geſchäfte in's Reine gebracht ſind. Sie mögen ſich wohl hüten, daß ſie mich nicht für einen Narren halten wollen... ich ſchieße ſonſt herab... ich ſchieße herab wie ein Raubvogel... ja, ich liebe die Raubvögel... ſie ſind wachſame Thiere.“ Bald ſtand der Doktor wieder an ſeiner Seite. Thorgang und Ungeduldig wan⸗ 189 „Nun, Doktor, wie ſteht's mit der Wunde nicht gefährlich, vermuthe ich... nicht gefährlich...“ „An und für ſich iſt ſie es allerdings nicht, aber die Geſundheit des Generals iſt ſchwach und die Folgen können noch nicht ſo genau berechnet werden.“. „Sie antworten ausweichend; beim Himmel, Sie wollen ihn vielleicht ſterben laſſen, um ihn meinen Händen zu entziehen. Bedenken Sie, Doktor, wenn er ſtirbt, ſo laſſe ich Sie in den Schuldthurm ſtecken.“ „Glauben Sie nicht, daß ich Sie täuſchen wolle, Herr Abraham. Aber Sie wünſchten ja auch über das Verhältniß zwiſchen Paul und Fräulein Jaquette etwas zu erfahren.“ 1 „Ganz richtig, ganz richtig. Ihre Verlobung, ja. Sind ſie vielleicht bereits verlobt? Ach, mein Gott, Sie retten mich; danke, Doktor. Morgen ſollen Sie Ihre Schuldſcheine zurück haben, ich ſchwöre das bei Moſes und ſeinem Bart.“ „Sie ziehen allzu raſche Schlüſſe aus meinen Wor⸗ ten, Herr Abraham. Ich habe nicht geſagt, daß Paul und das Fräulein verlobt ſeien... ich wollte blos ſagen, was ich davon weiß, und leider ſtimmt dies nicht mit Ihren Intereſſen überein.“ „Nicht?“ „Der General hat...“ „Sollte der General ihm eine abſchlägige Antwort gegeben haben? O, ich weiß, Paul iſt vor Kurzem hinauf gegangen. Er kam unter der Thüre an mir vorbei. Er hat vielleicht bereits gefreit...“ „Wie Sie ſagen, Herr Abraham... und einen Korb bekommen.“ „Bei dem Propheten, iſt das möglich? Und viel⸗ leicht blos darum, weil ſeine Geburt in ein Dunkel gehüllt iſt. Welche Einfalt... wiegt denn nicht der Reichthum Geburt und Rang auf? Und Sie wiſſen beſtimmt, was Sie da ſagen?“ — 4 4 190 „Ich habe es mit meinen eigenen Ohren gehört.“ Abraham ging händeringend auf und ab. „Sie ſagen, der General ſei krank.“ „Krank, ja allerdings.“ „Sehr krank?“ „Nicht gerade, und doch...“ „Leben Sie wohl, Doktor, leben Sie wohl.“ „Wohin?“ „Wohin? Natürlich zum General.“ „Aber bedenken Sie doch...“ „Ich habe Alles wohl bedacht. Leben Sie wohl!“ Als Abraham den Arzt verließ, begab er ſich in die Wohnung des Generals hinauf. Fanny und Heinrich waren im großen Salon allein gelaſſen worden, als Raſch hinausging, um nach Paul zu ſichen, und Jaquette ſich zu ihrem Vater hinein begab. 4 Mit Ausnahme der Seefahrt nach dem Thiergarten zu, damals, als das Boot mit ihnen umſchlug, hatten ſie ſich nie mehr unter vier Augen geſehen. Beide waren eine Weile verlegen; Fanny erröthete und Heinrich drehte ſeine Mütze herum; aber bald be⸗ gegneten ſich ihre verſtohlenen Blicke, und jetzt lächelten ſie wieder. „Du biſt immer garſtig gegen mich, Fanny,“ be⸗ merkte Heinrich. „Wie magſt Du ſo ſprechen. Ich garſtig? Wie ſoll ich denn ſein, damit Du zufrieden ſein zu können glaubſt? Du haſt immer etwas an mir auszuſetzen.“ „Aber warum kannſt Du mir nicht auch ein freund⸗ liches Geſicht machen?“ 191 „Das iſt ja zum Lachen. Sehe ich denn jetzt un⸗ freundlich aus?“ „Das juſt nicht; aber doch...“ „Aber doch, ja, ſo hörſt Du immer auf, und ich weiß nie, was Du mit Deinem doch meinſt.“ „Ich meine damit, daß Du gegen alle Andern freund⸗ lich ausſieheſt, aber nicht gegen mich.“ „Gott ſteh' mir bei, wie kannſt Du mir das vorwerfen, Heinrich? Sehe ich denn überhaupt die Leute an?“ „Du willſt vornehm ſein, Fanny, und ich, ich bin blos ein armer Arbeiter.“ „Pfui, Heinrich, jetzt biſt Du ſelbſt garſtig. Wenn habe ich vornehm ſein wollen?“ „Du haſt Deinen Platz verlaſſen.“ „Und ich bin zu meinem Pflegvater gezogen, ja. Iſt daran etwas Böſes?“ „Nicht gerade etwas Böſes... aber doch...“ „Haben wir jetzt nicht ſchon wieder ein doch? Dieſes Wörtchen gefällt mir gar nicht. Es enthält Vorwürfe, die ich nicht begreife. Aber doch, ſagteſt Du, was mein⸗ teſt Du denn jetzt damit?“ „Es wohnt ein gewiſſer reicher Junggeſell in dem⸗ ſelben Haus, wie Dein Vater.“ 1 Fanny erhob ihr Köpfchen. Sie empfand etwas, das man Zorn nennen könnte. Heinrich bemerkte es indeß nicht, ſondern fuhr in ſeiner Rede fort. „Er iſt nicht blos reich, ſondern auch hübſch⸗“ „Und dann?“ 4 „Er hat Dich einmal aus einer Lebensgefahr ge⸗ rettet.“ „Nun und weiter?“ „Du mußt ſehr dankbar gegen ihn ſein, nicht wahr, Fanny,... ſehr dankbar... Du biſt jung und hübſch, und er iſt jung und ebenfalls hübſch. Ich könnte wahn⸗ ſinnig werden, wenn ich daran denke. Wenn ich nicht — 19² Kraft und Muth zum Arbeiten hätte, wie ich arbeite, ich würde mich wahrhaftig umbringen.“ Als Heinrich in Exaltation gerieth, verſchwand auf einmal Fanny's Zorn, und ſie begann ihn auszulachen. „Du lachſt,“ fiel Heinrich ein,„warum lachſt Du?“ „Darum, weil Du ein Narr biſt.“ Heinrich merkte, daß er ſich wirklich ein wenig lächer⸗ lich gemacht hatte, indem er eine Eiferſucht verrieth, zu welcher er ganz und gar nicht berechtigt war, da er durchaus kein Recht über Fanny beſaß. Er beſchloß daher, ſeine Dummheit durch Aufrichtigkeit wieder gut zu machen. Einen günſtigeren Augenblick konnte er nie erhalten. „Fanny!“ begann er alſo. „Was willſt Du ſagen?“ „Mach' mich nicht mit Deinen Fragen verrückt. Du weißt ja wohl, was ich ſagen will.“ „Wie ſo? das iſt ja ganz unmöglich, Heinrich. Ich weiß blos, daß Fanny mein Name iſt.“ „Unverbeſſerliches Ding. Ich liebe Dich, Fanny. Verſtehſt Du mich jetzt?“ „Wirklich? Du ſollteſt mich lieben? Ach, mein Gott, wie freut mich das! Jedenfalls bleib' jetzt einen Augenblick ruhig ſtehen, damit ich einmal ſehen kann, wie ein Liebhaber ausſchaut. Ganz gut, Heinrich. Als Liebhaber nimmſt Du Dich gar nicht übel aus; und Du ſagſt, daß Du mich liebeſt?“ „Zu meiner Verzweiflung muß ich es geſtehen.“ „Du ſprichſt von Verzweiflung? Ei, ei, Heinrich; dieſe Miene da ließ Dir ſchlecht; aber es macht nichts; was war es doch, was ich ſagen wollte? Ach, richtig; wenn Du mich liebſt, ſo wirſt Du auch wohl wiſſen, warum Du mich liebſt.“ „Du haſt kein Herz, Fanny, Du biſt grauſam und hart; Du ſpielſt mit meiner Liebe.“ „Iſt es mein Ausſehen, was Du liebſt?“ -—— 193 „Ach ja.“ „So ſuch' Dir eine Schönere, Du wirſt leicht tau⸗ ſend finden.“ „Fanny, Fanny, ich liebe...“ „Meine Fehler vielleicht?“ „Auch ſie liebe ich.“ 3 „So ſuch' Dir eine noch Fehlerhaftere, Du wirſt nicht lange zu ſuchen brauchen.“ „Böſe Fanny. Warum treibſt Du ſolchen Scherz mit mir?“ „So ſag' mir doch, warum Du gerade mich liebſt und keine andere?“ „Warum ich Dich liebe?...“ „Findeſt Du dieſe Frage etwa ſonderbar? Man muß ſich doch wohl ein wenig klar darüber ſein, warum man ſo oder ſo, und nicht anf eine andere Art liebt. Wenn ich Jemand liebte, ſo wollte ich ganz genau wiſſen, warum ich es thäte, das bin ich überzeugt.“ „So höre mich an.“ „Ich bin ganz Ohr.“ „Für's Erſte liebe ich Dich darum, weil noch kein Mädchen ihre Augen ſo auf mich geheftet hat, wie Du.“ „Ei, ei, wabrhaftig ein vortrefflicher Grund.“ „Für's Zweite liebe ich Dich darum, weil... weil... weil...“ „Nun... weil... weil... weil...“ „Weil... weil...“ „Weil.“ „Hol' mich der Teufel,“ ſiel Heinrich jetzt ganz ſchnell ein,„wenn ich weiß, warum ich Dich liebe... Genug, wenn Du einen ehrlichen Arbeiter nicht ver⸗ ſchmäheſt, ſo mache ich Dir den Antrag, Freud und Leid mit mir zu theilen. Jetzt iſt es endlich heraus, und ich danke Gott dafür... Deine Antwort, Fanny.“ Fanny ſah ihn an. Das Gewiſſen. IV. 13 194 „Du biſt eiferſüchtig, Heinrich,“ antwortete ſie ihm dann. „Nun ja, wer kann wohl anders ſein?“ „Du biſt heftig, Heinrich.“ „Du allein machſt mich dazu.“ „Du biſt mißtrauiſch, Heinrich.“ „Und Du ſteigerſt mein Mißtrauen noch immer.“ „Du biſt ein Narr, Heinrich.“ „Ich bin in Dich vernarrt, ja, ja.“ „Alle dieſe Fehler mußt Du ablegen, bevor Duffreieſt.“ „Du tödteſt mich. Kannſt Du denn nicht einen ein⸗ zigen Augenblick ernſthaft ſein, oder wenigſtens ſo thun.“ „Dein Vorſchlag iſt gar nicht ſo dumm. Ich will wirklich daran denken.“ „Und was antworteſt Du mir dann?“ „Es fällt mir etwas ein.“ „Was?“ „Komm, Du ſollſt was zu hören bekommen.“ Heinrich ſah ſie verwundert an, als ſie mit einer leichten und aumuthsvollen Bewegung au's Clavier hüpfte, das an der einen Seite des Zimmers ſtand.“ „Hörſt Du,“ ſagte ſie, während ſie einige Töne anſchlug. So lang Fanny ſich im Dienſt der Putzmacherei befunden, hatte ſie ihre freien Stunden dazu benützt, Muſik zu lernen. Ohne eine gute Clavierſpielerin zu ſein, wußte ſie ſich doch nicht übel fortzuhelfen, und konnte ſich zu kleineren Geſangſtücken accompagniren. Ihre Stimme war auch recht lieblich. „Soll ich Dir ein Liedchen ſingen?“ fragte ſie. Ein ſchalthafter Blick begleitete die Frage. „Sing’, Fanny; ach ja, ſing', aber lache nur nicht.“ Ihre lachende Miene wurde indeß immer noch eher ſchalkhafter als das Gegentheil. „Ich will ſingen, hör' nur zu.“ Uud ſie ſang, indem ſie ſich auf dem Inſtrument gecompagnirte: 195 Ein Knabe ging aus zur Mittagsſtund, Juchhei ſo fröhlich und luſtig. In dieſem Augenblick kamen Paul und Jaquette aus dem Zimmer des Generals wieder in den äußern Salon. Als ſie den Geſang hörten, blieben ſie ſtehen und lauſchten. Fanny fuhr fort: Er trifft eine Maid im roſigen Hain, Willſt Du mein ſein? fragte der Knabe. Die Töne drangen mild und einſchmeichelnd Paul und Jaquette zu Herzen, und ihre Augen begegneten ſich, während ſie mit warmer Zärtlichkeit einander die Hände drückten. Heinrich ſtand wie auf brennenden Kohlen. Er kannte das Lied, das Fanny ſang; aber ſcherzte ſie wohl, oder nicht? Fanny lächelte und ſang weiter: Nein, nein, nein, Ich bin nicht Dein, Ich krieg' einen Andern, antwortet die Maid. „Soll dieß Deine Antwort ſein, Fanny? fragte Heinrich, als ſie aufgehört hatte. Fanny lachte. „Du ſiehſt meine Qualen, und Du lachſt blos. Komm doch zur Beſinnung...“ „Habe ich geſagt, daß ich Dir antworten wolle? Ich habe ja blos verſprochen, Dir ein Liedchen zu ſingen. Ich dächte, Du ſollteſt mir dafür danken.“ 4 Jaquette ahnte, um was es ſich handelte. Auch Paul ſah es ein. Selbſt von einer innigen und wahren Liebe belebt, wollte ſie auch rings um ſich her Liebe ſehen. Von derſelben Regung geleitet, näherten ſie ſich der meiſterloſen Fanny. Jaquettens Bekümmerniſſe waren jetzt wieder ver⸗ ſchwunden, und ſie fühlte ſich fröhlich wie früher, obſchon 196 ihre Heiterkeit nicht ganz dieſelbe war, weil ein tiefes inniges Gefühl jetzt den Grundton ihrer Stimmung bildete. Früher hätte ſie Fanny's Benehmen vielleicht recht luſtig gefunden, aber jetzt meinte ſie, daß Heinrich anch ein Recht auf Theilnahme beſitze. 3 „Fanny, Fanny!⸗ ſagte ſie daher in vorwurfs⸗ vollem Tone, indem ſie ſich näherte,„ich glaube, Du biſt boshaft, Fanny.“ „Heinrichs Blicke klagen Dich an,“ fiel Paul ein.. „Ach ja, ſie iſt ſehr boshaſt,“ erklärte Heinrich. „Ich habe ſie gebeten, nur einen Augenblick ernſthaft zu ſein, und doch hört ſie nicht auf zu ſcherzen.“ „Wollt Ihr mich zum Richter über Euch annehmen?“ fragte Jaquette. „Gerne, gerne,“ riefen Beide. „So laßt mich hören, was Ihr gegen einander zu bemerken habt.“ „Er iſt heftig,“ ſagte Fanny. „Sie iſt grauſam,“ klagte Heinrich. „Er iſt aufbrauſend.“ „Sie quält mich zu Tode.“ „Er gibt ſelbſt zu, daß er närriſch iſt.“ „Sie macht mich zum Narren“ „Er iſt eiferſüchtig.“ „Sie treibt Scherz und Spott mit meiner Liebe.“ „Er iſt ſo ernſthaft.“ „Sie iſt leichtfertig.“ „Er ſchmählt mich.“ „Sie weiß nicht, was ſie will.“ „Er iſt neugierig.“ 1 „Sie will mir keine ordentliche Antwort geben.“ Paul und Jaquette lächelten. Sie konnten nichts Anderes thun. Heinrich's und Fanny's Liebe zeigte ſich in ihren Blicken, man hörte ſie in ihren Worten, man erkannte ſie an der Waͤrme, womit ſie einander anklagten, und gleichwohl ſcherzte Fanny. 197 „Ihr ſeid Beide ſchuldig,“ begann daher Jaquette. „Ich muß jetzt Euer Urtheil ſprechen. Fallen Sie auf die Kniee, mein Herr.“ Heinrich gehorchte. „Ich... haben Sie die Güte, meine Worte nach⸗ zuſprechen.“. „Ich...“ wiederholte Heinrich. „Schwöre, in Zukunft alles Aufbrauſen ab..“ „Schwöre, in Zukunft alles Aufbrauſen ab..“ „Und verſpreche, verſtändig zu werden...“ „Und verſpreche, verſtändig zu werden...“ „Biſt Du jetzt zufrieden, Fanny?“ „Meinetwegen ja.“ „Jetzt kommt die Reihe an Dich, Fanny,“ fuhr Jaquette fort.„Für den Anfang verurtheile ich Dich, Deine Augen niederzuſchlagen, und auszuſehen.“ „Wie eine große Verbrecherin,“ fiel Paul ein. „So iſt's recht. Ganz gut, Fanny,“ begann Jaquette wieder;„ſprich jetzt nach, was ich ſage... Ich bitte Heinrich um Verzeihung...“ „Ich bitte Heinrich um Verzeihung.“ „Und verſichere, daß ich ihn recht lieb habe..“ „Und verſichere, daß ich recht lieb habe..“ Fanny konnte ſich kaum enthalten, ihrer ſcherzhaften Laune Luft zu machen; aber als ſie jetzt das weſentliche Wörtchen ausließ, wandte ſie ſich gegen Jaquette. „Du läſſeſt ja,“ bemerkte Jaquette,„das wichtigſte Wort ihn aus. Sei ſo gut, und ſetze es noch dazu.“ „Warten Sie ein wenig, Fräulein. Sie müſſen wohl zugeben, daß Sie eine ſtrenge Richterin ſind.“ „Und wenn ich dieß zugebe?“ „So erlauben Sie mir wohl, nachher auch Ihre Richterin zu ſein?“ 8 „Recht gerne, zuvor aber erfülle meinen Urtheil⸗ ſpruch.“ „Was war es doch, was ich nachſagen ſollte?“ 198 „Ich bitte Heinrich um Verzeihung, daß ich mit ihm geſcherzt habe, und verſichere, daß ich ihn recht lieb habe.“ Fanny ſprach Wort für Wort nach, was Jaquette vorgeſagt hatte. „Jetzt kommt die Reihe an mich,“ ſprach ſie dann. „Laß hören, wie willſt Du über mich richten?“ Fanny nahm eine würdige und ernſte Miene an. „Vielleicht willſt Du auch über mich Gericht halten?“ fiel Paul ein. „Wenn Sie es erlauben, ſo wird es mir Freude machen.“ „Thue, wie Du willſt.“ „So ſtrecken Sie Ihre Hand aus, Herr Paul.“ Paul kam ihrem Befehl nach. „Jetzt, Fräulein, gilt es Ihnen. Legen Sie Ihre Hand in Herrn Pauls Hand.“ Jaquette that es; aber ſie fühlte, daß ſie erröthete. „Jetzt ſprechen Sie meine Worte nach, Fräulein... Bedenken Sie wohl, daß Sie nichts vergeſſen dürfen.“ Jaquette hatte große Luſt, ihre Hand zurückzuziehen, aber Paul hielt ſie feſt. „Ich... haben Sie die Güte, und ſprechen Sie nach, Fräulein.“ 3 „Ich...“ wiederholte Jaquette. „Liebe...“ Das Wort wollte nicht recht über Jaquettens Lippen kommen. Sie ſtammelte, ohne es hervorbringen zu können. 1 „Sie ſehen jetzt ſelbſt, Fräulein,“ bemerkte Fanny „wie ſchwer es iſt, dieſes Wort herauszubringen.“ „Heinrich hat Recht,“ verſetzte Jaquette,„Du biſt ſehr boshaft, Fanny.“ „Sag' das nicht,“ fiel Paul ein,„ich finde, daß Fanny ganz artig iſt.“ „Ich liebe,“ wiederholte die unbewegli che Fanny. 199 „Sch.. lie.. lie... be.. ⸗ Fanny folgte Jaquettens ſtammeluden Worten mit einer Lebhaftigkeit, die von ihrer Zufriedeuheit zeugte. „Liebe,“ fuhr ſie dann fort, und ſetzte noch hinzu: „Herrn... Herrn... Paul.“ 4 Aber gleich, als fürchtete ſie, zu weit gegangen zu ſein, ergriff ſie jetzt lachend die Flucht, und ehe Jemand es hindern konnte, eilte ſie zur Thüre hinaus, und lief fort, bis ſie wieder daheim bei ihrem Pflegvater war. Eine kurze Weile nachher, als Paul und Heinrich ſich ebenfalls nach Hauſe begeben hatten, wurde die Saalthüre geöffnet, und Abraham trat ein. Er war im Vorzimmer von Held aufgehalten worden. Mit ab⸗ gemeſſenen Tritten ſchritt er nach dem Zimmer des Generals vor. Fünfzehntes Kapitel. Erklärungen. Die geheimnißvollen Briefe. Die Entführung. Gabriele Kellner hatte ſo eben das Fortepiano ver⸗ laſſen. Noch erklangen gleich einem ſterbenden Echo im Zimmer die letzten Töne einer brauſenden, fantaſtiſchen Compoſition. Sie liebte nämlich jetzt nicht mehr die ſanften, in einem ſtillen Adagio zerſchmelzenden Töne, Bee 6. 4 200 worein ſie früher ſo gerne ihre Gedanken gekleidet hatte; je wechſelnder, je wilder und leidenſchaftlicher die Muſik war, um ſo mehr gefiel ſie ihr jetzt. Früher, während ihr Leben blos eine fortgeſetzte Betrachtung über ein einziges trauriges Thema war, badete ſie ihre Seele ſo gerne in einer ſtillen, friedvollen, ſonnebeglänzten Welle von Tönen: jetzt fühlte ſie ſich am wohlſten, wenn ein Sturm ſeine Flügel über dieſelben ſchüttelte. Sie war zu einem Reſultat gekommen, das zwar in der That ſelbſt ſo höchſt unbedeutend, ſo klein, aber dennoch für ſie ſehr viel war. Bisher hatte ſie gleichſam in einem endloſen Raume, ohne feſten Grund unter ihren Füßen, ohne einen leuch⸗ tenden Stern am Himmel gelebt; ſie hatte gelebt in dem Wunſch, dasjenige an ihr Herz drücken zu dürfen, was, wie ſie wußte, einmal unter demſelben gelebt und ſich bewegt hatte; allein ungeachtet dieſer Wunſch mit jedem Tag ſtärker wurde, hatte ſie doch ihr Ziel nicht erreicht. Auf allen Seiten war ſie gleichſam von Nebeln um⸗ geben, ohne Hoffnung, daß irgend ein leitender Strahl dieſelben durchbrechen könnte. Aber ſie hatte Pauls Erklärung gehört, und eine unausſprechliche Freude bahnte ſich jetzt den Weg zu ihrem Herzen. 3 In dieſer Erklärung ſtrahlte ein Licht auf ſie herab; in ihr glaubte ſie auch eine Stütze unter ihren Füßen zu beſitzen. „Wie dankbar werde ich nicht gegen die Vorſehung ſein,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„wenn Paul mein Sohn iſt!“ Ihr Herz hatte in einer beſtändigen Sehnſucht ge⸗ ſeufzt. An Frank waren alle ihre theuerſten Erinne⸗ rungen feſt geknüpft; aber ſie hoffte auch auf ihn, ſie hoffte, daß er ihr die Frucht, nicht blos ihrer gemein⸗ ſchaftlichen Liebe, ſondern auch des ſchönſten Gedankens ihres Lebens zurückgeben würde; als jedoch ſeine Be⸗ mühungen nicht von Erfolg gekrönt wurden, da wurde u S-n do nmnn 201 ſie kühl gegen ihn, ſie wußte ſelbſt nicht warum. Viel⸗ leicht betrachtete ſie ſeinen mißlungenen Verſuch als einen Beweis von Gleichgültigkeit. Da trat Gourville auf, ungewöhnlich, kühn, unerklärlich. Wie ein Comet glänzte er einen Augenblick in ihrer Nacht, und ſie ſchlug über⸗ raſcht und befangen ihr Auge auf. Sie wurde von ihm nicht ſowohl eingenommen als erobert. Sie fühlte ſich gegen ihren Willen zu ihm hingezogen. War es Liebe? Darüber ſtellte ſie ſelbſt keine Betrachtungen an. Aber ſie fühlte, daß ſie zitterte, wenn er kam, und erblaßte, wenn er ging. Gourville hatte ſie nicht gefragt, ob ſie ihn liebe; aber er ſagte ihr, daß er ſie liebe. Es han⸗ delte ſich nicht um ihre Neigung, ſondern nur um die ſeinige. Sie blickte zu ihm auf, wie zu einem Meteor, ohne zu wiſſen, ob ſein Glanz es war, was ſie über⸗ raſchte und verblendete, oder ob es die Furcht war, daß er ſich in einen Blitz verwandeln und in der nächſten Stunde ſie zermalmen könnte. Jetzt hatte ſie Paul ge⸗ ſehen, hatte ſeine Erklärung gehört, und jetzt erſt ver⸗ ſtand ſie ſich ſerbſt und machte es ſich klar, daß die Sympathien, welche ſie bald da bald dorthin gezogen hatten, in der That ſelbſt nicht die gewöhnliche Liebe eines Weibes waren, ſondern vielmehr die nie ruhende Sehnſucht des Mutterherzens nach dem Gegenſtand ſei⸗ ner einzigen Ergebenheit; dieſe Sehnſucht, welche raſt⸗ los, aber vergebens nach einem Ziel verlangte und un⸗ aufhörlich nach jedem Gegenſtande griff, wie nach einem grünen Zweig, auf dem ſie ausruhen konnte. Gourville war bles ein kühlender Hauch in dieſer qualmenden Hitze, nur eine Quelle in der Wüſte, nur eine Zer⸗ ſtreuung für ihre Gedanken geweſen. Erblaßt ſank jetzt ſein Bild wieder und Paul trat an deſſen Stelle, während zugleich Frank ſeine Gewalt über ſie wieder erhielt. Sie glaubte in Paul endlich den ſo lange Ge⸗ ſuchten geſehen zu haben, und glücklich in ihrem Glau⸗ 4 8 — 292² ben entwickelte das Mutterherz ſeine ganze Gewalt über ſie und verklärte ſo ihre Seele. Gourvilles lockende Vorſpiegelungen, daß ſie, von Kellner getrennt, an Bord eines beflügelten Schiffes alle alten Erinnerungen und Bekümmerniſſe hinter ſich legen und ſich in einem neuen Lande niederlaſſen ſolle, um eine neue Kolonie zu gründen, verſchwanden wie ein poetiſcher Traum. All die blendenden Verſprechungen, womit ſie ſich umgeben hatte, erloſchen wie glänzende Irrlichter vor P ſchmücktem Bilde auls von der Mutterliebe ſo reich ge⸗ „ welches jetzt nichts mehr vor ihrem Blick zu verdunkeln vermochte. Gabriele hatte den Angenblick vergeſſen, wo Frank ſie mit Gourville zuſammen überraſchte, während ſie, hingeriſſen von ſelbſt nicht mächt ſeinen irreleitenden Hypotheſen, ihrer ig war. Sie erinnerte ſich ſogar ſehr lebhaft des Kummers, der ſich in Franks Worten und Bewegungen gezeigt hatte, als er ſie verließ, wie auch, daß ſie ohnmächtig niederſank, als er ihr Lebewohl ſagte und die Thüre hinter ſich ſchloß. Mit Schmerz dachte ſie an dieſen Augenblick, ob⸗ ſchon ſie ſich kaum etwas vorwerfen konnte, weil ſie in ihrem Herzen nicht gewankt hatte, wenn ſie auch in ihrem Benehmen unentſchloſſen geweſen war. Sie proteſtirte alſo in ihrem Innern gegen Gourvilles Einfluß, ohne daß ſie indeß recht derſelbe ſich erſtreckte zu beſtimmen vermochte, wie weit , oder auch nur wie er hatte ent⸗ bis ſie endlich zur Ueberzeugung gelangte, daß er blos ein origineller Menſch ſei, der nichts an⸗ Phantaſie erobert habe. Nichts deſtoweniger empfand ſie mitunter bei dem Gedanken an Gourville eine gewiſſe Unruhe. Sie ver⸗ ſtand ſelbſt nicht warnm. hatte ſo eben eine Ouvertüre geſpielt, worin ihre Seele Gelegenheit gehabt hatte, ihre Unruhe und Sehnſucht auszuathmen. Lauſchend auf die er⸗ 203 ſterbenden Töne, nahm ſie ſodann in einer Sophaecke Platz und überließ ſich ihren Träumen. Dabei warf ſie einen Blick auf die Umſtände, welche ſie ſo wunderbar zu ihrem Zuſammentreffen mit Paul geleitet hatten. Wäre Gourville nicht bei Frankes letztem Beſuch bei ihr geweſen und hätte er dem Grafen nicht durch ſein Gerede Veranlaſſung zu einem Mißvergnügen gege⸗ ben, in Folge deſſen er den Entſchluß faßte, die Haupt⸗ ſtadt zu verlaſſen, ſo würde der Graf ſeinen Abſchieds⸗ beſuch bei Kellner nicht gemacht haben, und hätte dieſer nicht ſtattgefunden, ſo wäre auch der heftige Auftritt nicht erfolgt, der Kellner veranlaßte, ſie zur Zuſammen⸗ kunft bei dem General zu führen. Ohne ſtreng zu prüfen, ob ſie die größte Verbind⸗ lichkeit gegen Gourville, oder gegen Frank oder Kellner hatte, erblickte ſie in der Wirkung der gemeinſchaftlichen Handlungsweiſe dieſer Männer den leitenden Finger der Vorſehung. Als Graf Frank, nach dem ſo eben beſprochenen Rendezvous, Gabriele verließ, beſchloß er, ſich zurück⸗ zuziehen, um dem Kummer zu entgehen, Zeuge der Triumphe ſein zu müſſen, die, wie er ſich vorſtellte, der ihm ſo gründlich verhaßte Gourville erringen würde. Er beſtellte daher ſogleich ſeinen Reiſewagen, und dieſer ließ nicht auf ſich warten. Aber in demſelben Augenblick, wo er im Begriff ſtand das Haus zu verlaſſen, erinnerte er ſich an Kellner. Lange hatte er mit ihm zu ſprechen beabſichtigt. Jetzt war die Stunde gekommen. Er erbat ſich alſo eine Beſprechung unter vier Augen. Im Zim⸗ 204 mer oben angekommen, für betrachteten die beiden Männn get⸗ einander, und es war kei ne ſonderliche Menſchenkenntuiß für beide nothwendig, um die Feindſchaft einzuſehen, die ſie gegen einander hegten. gel Wir müſſen hier das Geſpräch mittheilen, das zwie ſie ſchen ihnen ſtatt hatte. nur „Sie haben mit mir zu ſprechen gewünſcht, Hen Ha Graf,“ begann Kellner. Ju welcher Beziehung kann ich Ihnen zu Dienſten ſtehen?“ Frank's Unterlippe zitterte. Er gedachte nicht hiu⸗ ter dem Berg zu halten; aber es widerſtritt ſeinem der Gefühl, das Schweigen zu brechen. ſein „Ich komme nicht, Sie um einen Dienſt zu bitten, der Herr Großhändler,“ begann er endlich;„ich komme rei blos, um meine Gedanken über Sie und eine gewiſſe Ge Handlung auszuſprechen, die Ihnen keine ſonderliche Ehre uis macht.“ i Nachdem Frank das erſte Wort über ſeine Lippen, abe gebracht hatte, folgten die übrigen von ſelbſt. be. ellner fixirte den Grafen mit kalter und drohender der Miene. ver „Ich glaube,“ bemerkte er, ohne einen einzigen Zug Ge in ſeinem Geſicht zu ändern,„daß Sie noch mehr zu we ſagen haben; unterbrechen Sie ſich nicht, Herr Graf.“ Das verächtliche Lächeln, womit Kellner dabei Frank hat betrachtete, erhöhte den Verdruß des Grafen nur noch for Br mehr. „Fürchten Sie nicht, Herr Großhändler,“ antwortete hie Frauk, daß ich aufzuhören gedenke, bevor ich von der gei Hauptſache geſprochen habe. Als ich vom Ausland zu⸗ ar rückkam...“ „Ich danke Ihnen ſehr,“ fiel Kellner ein,„daß Sie un jetzt zur Sache ſelbſt übergehen zu wollen ſcheinen.⸗ 50 „Ja wohl, mein Herr, zur Sache. Als ich vom 3 Ausland zurückkam, und hierher zog, hielt ich Sie noch T. 20⁵ fr einen Mann von Ehre; aber ich habe mich grauſam Nänn getänſcht.“ untnij Kellner zuckte mitleidig die Achſeln.— en, di„Ich glaubte,“ fuhr Frank fort,„daß es Ihnen gelungen wäre, Gabrielens Liebe zu gewinnen, und daß s zwie ſie nicht beſſer wäre, als ſo viele andere, welche heirathen, nur um zu heirathen; aber jetzt kenne ich Ihre treuloſe Her Handlungsweiſe.“ nu ich Kellner kreuzte ganz ruhig die Arme über ſeine Bruſt. t hiu⸗„Zwiſchen Gabriele und mir fand ſich ein Geheimniß einem der delikateſten Art vor. Wir waren ſchuldig, das mag ſein, aber unſere Schuld war die Folge der wärmſten, ritten, der hingebungsvollſten, der innigſten Liebe. Wir fielen omme rein in unſern Herzen, voll von Unſchuld in unſern ewiſſe Gedanken, und gleichwohl hatte unſer Fall den aufrich⸗ Ehre tigſten Kummer, die bodenloſeſte Reue zur Folge. Es iſt mir unbekannt, wie Sie unſer Geheimniß erfuhren; ſppen aber auf eine niedrige Weiſe, mein Herr, haben Sie es benützt, indem Sie dem Mädchen drohten, ihre Schande ender den Eltern zu entdecken, wofern ſie ſich nicht mit Ihnen verheirathe. Ach, mein Herr, Sie ſcheinen kaum ein Zug Gewicht darauf legen zu wollen, daß ich Ihre Handlungs⸗ r zu weiſe als eine niedrige erkläre.“ „ Kellner blieb unerſchütterlich ſtill, man ſah nur ein rrank haſtiges Zucken in den Muskeln ſeiner Stirne. noch„Und in welcher Abſicht, mein Herr, fuhr der Graf fort,„haben Sie dieſe That begangen? So lange ich rtete hier wohnte, habe ich Ihre Lebensweiſe beobachtet, und der gefunden, daß Sie ſich blos verheirathet haben, um die zu⸗ arme Frau zu martern, um in ihr einen täglichen Spiel⸗ ball Ihrer gehäſſigen Laune zu beſitzen, um einen Wurm Sie unter Ihren Füßen zertreten zu können, um ein Opfer zu haben, das Sie zerfleiſchen wollten, blos um des vom Vergnügens willen, es zu zerfleiſchen. Sie ſind ein ioch Tyrann, der dieſe Frau verachtet. Ihr Verhältniß zu 206 ihr hat nur ein einziges Ziel, das Unglück Gabrielens, und gleichwohl kann ich keine vernünftige Urſache von all dieſem, eben ſo wenig als einen vernünftigen Zweck dabei entdecken.“. Ein höhniſches Lächeln ſpielte auf Kellners Lippen. „Iſt es Ihre Abſicht, Herr Graf,“ fragte er in⸗ zwiſchen, indem er ſich vollkommen beherrſchte,„mich blos zu beleidigen, oder eine Erklärung zu erhalten?“ „Meine Abſicht, Herr Großhändler, iſt, Sie wiſſen zu laſſen, was ein ehrlicher Mann von Ihnen deukt. Finden Sie, daß ſeine Anſichten einer Antwort werth ſind, ſo bin ich ſchuldig, Sie anzuhören.“. 4 Mit hochgehaltener, gerunzelter Stirne wandte ſich Kellner ab und entfernte ſich, that aber plötzlich ſeinem Gang Einhalt. Als er jetzt zurückſchaute, war er leichen⸗ blaß. Zern und Leidenſchaft hatten Gewalt über ihn erhalten, und. er vermochte ſie nicht länger zu unter⸗ drücken. „Ich habe Luſt, Herr Graf,“ ſagte Kelluer in dieſem Augenblick,„Ihnen größere Aufmerkſamkeit zu erweiſen, als Sie verdienen. Ich habe nämlich Luſt, mich zu er⸗ klären, weil ich Ihnen dadurch am allerbeſten beweiſen werde, wie gleichgültig Sie und Ihr Urtheil für mich ſind.“ 3 Frank bekümmerte ſich wenig um ſeinen Zorn, in⸗ tereſſirte ſich aber höchlich für das, was er zu ſagen haben konnte. „Sie wollen wiſſen, wie ich Kenntniß von dem Geheimniß erhielt, das Sie mit Ihrer Schönen hatten?“ „Ich geſtehe es.“ „Sie ſchmeicheln ſich vielleicht damit, daß ein ganzer neufranzöſiſcher Roman mit glänzenden Intriguen und brillanten Effekten ſich um daſſelbe abſpinne. Sie täu⸗ ſchen ſich, Herr Graf. Ich erhielt die erſte Kenntniß von Ihrem und Gabrielens leichtſinnigem Verhalten in einem öffentlichen Keller, wo daſſelbe Gegenſtand der Sch heit rech ſch Si au mi er 207 Scherze einiger halbbeſoffener Burſche war. In Wahr⸗ heit, Herr Graf, ohne alle Skrupel trieb man auf eine recht witzige Art mit Ihrer Ehre und Gabrielens Un⸗ ſchuld Spott. Alle Anweſenden lachten, ich mit. Da Sie auf Reiſen gingen, ſo hatten Sie ja das Mädchen auf eine ganz geſchickte Weiſe zum Beſten gehabt; das müſſen Sie zugeben.“. Frank hatte eine ſo zermalmende Erklärung nicht erwartet; darin hatte Kellner unläugbar Recht, und der Graf fühlte ſich geſchlagen. „Zur Ehre des betrunkenen Erzählers,“ fuhr Kellner fort,„muß ich erwähnen, daß er blos Gabrielens Vor⸗ namen kannte. Bei mir hatte die Erzählung inzwiſchen nicht blos einen gewiſſen Argwohn, ſondern noch mehr Neugierde geweckt, und ich beſuchte den Erzähler am folgenden Tag.“. Kellner verſtummte, in der Abſicht, Frank recht ein⸗ ſchlürfen zu laſſen, was er bereits geſagt hatte. „Sie glauben ja an Freundſchaft, Herr Graf,“ fuhr er dann fort,„Sie glauben an Ehre und Redlich⸗ keit? Nicht wahr, Graf, Sie glauben an die Heiligkeit der Eide, an den Werth von Verſicherungen?“ „Warum dieſe Fragen, mein Herr 24 „Darum, weil ich Sie darüber aufklären will, daß es ein Freund von Ihnen war, der mir Ihr Geheimniß für einen ganz lumpigen Kaufſchilling verkaufte.“ Es war Frank unmöglich, den aufregenden Ein⸗ druck zu verbergen, den dieſe Erklärung auf ihn machte. Kellner bemerkte es, aber er lächelte dazu. „Der redliche Ehrenmann, der Sie verkaufte,“ fuhr Kellner fort,„war nämlich Ihr eigener Geſchäftsmann; ich glaube, er iſt jetzt todt, aber ich erinnere mich noch ganz gut, daß er weidlich über Ihre Treuherzigkeit lachte. Sie müſſen verſchiedene Geſchäfte mit ihm gehabt haben, nicht wahr, Herr Graf? Ich bin überzeugt, daß Sie von ihm tüchtig betrogen worden ſinv.“ 84 b 2,,— — — theidigen. Es war ja derſelbe Juriſt, dem er die hei⸗ ligſten Geheimniſſe ſeines Herzens anvertrant, und der ihn in Allem betrogen hatte. „Sie ſchweigen, Herr Graf. Sie ſind jetzt beinahe ebenſo ſtill, wie ich es war, als Sie ſprachen. Geben Sie gleichwohl zu, daß es eine ganz gute Welt iſt, worin wir leben. Aber es iſt wahr, Sie wollen ja auch wiſſen, warum ich mich mit Gabriele verheirathete, und es wäre eine große Sünde, Sie darüber nicht aufzuklären.“ Frank begann zu bereuen, daß er eine Erklärung verlangt hatte. 4 Bis zu dieſem Augenblick hatte er nicht blos das Leben im Allgemeinen, ſondern auch ſeine Liebe und ſein Verhältniß zu Gabriele von einem edlen und hohen Geſichtspunkte aus betrachtet; aber Kellner zeigte ihm jetzt ſowohl das eine wie das andere von einem niedrigen und gemeinen Geſichtspunkt, worüber er erſchrak. „Ich hatte um ein armes Mädchen gefreit und einen Korb bekommen. Meine Feinde lachten mich aus, meine Freunde ſcherzten. Ich beſchloß, mich zu rächen. Ich ertrage eine Niederlage nicht, nicht einmal in der Liebe. Ich ſchwur alſo, daß ich binnen vierzehn Tagen mit einer reichen und vornehmen Dame verlobt ſein wolle. Gleichviel, wer es war. Ich hielt Wort. Gabriele wurde das Opfer, nicht weil ich ſie liebte, ſondern weil ich ein leichtes Mittel beſaß, ſie unter meinen Willen zu bringen. Sie ſinden meine Handlungsweiſe abſcheu⸗ lich, gräßlich, treulos; ich dagegen betrachte ſie als ſehr wohl berechnet und natürlich. Nennhundert neun und neunzig unter tauſend würden daſſelbe gethan haben. Es war ja ein gutes Geſchäft; ein ſchönes und reiches Mädchen war mit ganz erlaubten Mitteln gewonnen.“ Frank blieb ſtill. Kellner hatte ihn durch ſeine gänzlich materialiſtiſchen Anſichten vernichtet. „Sie beſchuldigen mich,“ begann Kellner von Neuem, Graf Frank konnte ſeinen Geſchäftsmann nicht ver⸗ 2⁰9 „der Tyrannei gegen Gabriele. Sie haben Unrecht— meine Tyrannei beſteht nur darin, daß ich mich nichts um ſie bekümmere. Hören Sie einige Urſachen dazu. Ich habe geſagt, daß ich ſie weder haßte noch liebte, als ich freite, ſondern daß ich dabei blos eine Laune, einen Vorſatz, ein Verſprechen, das ich mir ſelbſt gegeben hatte, ausführte. Meine Abſicht war gleichwobl, weder ſie zu haſſen, noch ſie unglücklich zu machen. Meine Meinung ging im Gegentheil dahin, daß wir wie Andere ohne Murren das eheliche Joch würden ertragen können. Mit den vornehmſten Familien des Landes befreundet, wollte ich mein Anſehen erhöhen, und als künftiger Erbe von Gabrielens Vermögen wollte ich meinen Wirkungs⸗ kreis noch mehr erweitern. Große Pläne wälzten ſich in meinem Haupte; aber an weſſen Willen ſollten ſie wohl ſcheitern? Am Willen Gabrielens, denn ſie verlangte die Aufſetzung eines Vertrages zwiſchen uns. Ich hoffte, daß ſie in dieſem Punkt nachgeben würde, ſobald wir verheirathet wären, aber ich täuſchte mich. Nun wohl, habe ich nicht Urſache gehabt, kalt und gleichgültig zu werden, und ſie ſo zu behandeln, wie wenn ſie gar nicht exiſtirte? Aber ich frage Sie nicht darum, Herr Graf, weil meine Ueberzeugung Ihres Beifalls nicht bedarf. Auf den Knieen bat ich ſie einmal um ihre Liebe und um Aufhebung des Vertrags. Sie gab mir ihre Ver⸗ achtung. Ein Weib muß wiſſen, daß ſie Weib iſt. Die Liebe und Achtung des Mannes gewinnt ſie durch Opfer, nicht durch Kälte.“ Kellner glaubte ſelbſt an die Richtigkeit ſeiner Aeuße⸗ rungen und war überzeugt, daß ſich nichts dagegen ein⸗ wenden ließe. Die Ruhe, die ſich bei ihm zeigte, war indeß nur ein äußerer Schein. Er war nicht blos von Frank tief beleidigt worden; Frauks Liebe zu Gabrielen war es auch, die gleich einer unüberſteiglichen Mauer zwiſchen ihm und ihr, zwiſchen ſeinen Anſprüchen und Das Gewiſſen. IV. 14 4 2* 8 “ 210 ihrem kalten, beſtimmten Wiederwillen ſtand. Liebe be⸗ durfte er nicht; ſie konnte er überall reichlich finden, wohin er ſich wandte, beſonders bei Mamſell Michelſen. Aber Kapitalien! mit Kapitalien glaubte er Kraft und Vermögen zu beſitzen, um eine ganze Welt zu ſchaffen; ohne ſie dagegen... da ſiel ſein Muth, da ſank ſein hochfliegender Geiſt, da brachen ſich ſeine Hoffnungen. Frank betrachtete dagegen mit Entrüſtung den kalten Materialismus, den er bei Kellner entdeckte, worin ſtatt der Ehre nur Eigennutz, ſtatt eines moraliſchen Recht⸗ gefühles nur das Intereſſe vorherrſchte. Nichts deſto weniger glaubte Frank, daß Gabriele in Kellners Zorn einen beſſern Schutz haben würde, als in Gourvilles Liebe, und es war ſeine Abſicht, nicht an⸗ zuklagen, ſondern zu warnen. „Ich ſagte, daß ich ſie einmal auf meinen Knieen um Liebe gebeten habe,“ fuhr Kellner inzwiſchen fort; „beim Himmel, ich bitte ein Weib nicht zweimal; ſtatt deſſen habe ich jetzt geſchworen, daß der Tag kommen ſolle, wo ſie mich darum bitten muß. Wir wollen ſehen, was ich ihr dann antworte.“ Frank vermochte den Unwillen, der in ihm gährte, nicht länger zu unterdrücken. „Ihr kalter Egoismus, der keine andere Grenzen anerkennt, als ſolche, die mit Ihren Privatintereſſen übereinſtimmen, macht Sie verabſcheuungswürdig, Herr Kellner. Sie haben zuerſt das Herz der armen Frau zermalmt und jetzt wollen Sie ſie auch noch demüthigen; aber hüten Sie ſich wohl— auch ein Weidenzweig hat ſeine Stärke.“ Kellner lächelte wieder. „Ich habe es bemerkt,“ ſagte er. Sie glauben viel⸗ leicht, Herr Graf, daß Ihre Aufmerkſamkeit gegen meine Frau, ſeitdem Sie hiehergezogen, mir entgangen ſei. Ich will Ihnen gleichwohl ſagen, daß ſie mich freute, weil ... weil...“ 3 —— A u Der Blick, welchen Kellner auf Frank warf, war eniſetzlich.““ „Weil,“ wiederholte Frank. 1 „Sie gedenken doch die Stadt jetzt zu verlaſſen, Herr Graf,“ ſiel Kellner fragend ein. „Mein Wagen wartet bereits.“ „Ich kann dieß nur beklagen..—— Frank wußte nicht, wie er ſich dieſe Worte erklären ſollte. „Ich glaube, Sie verſtehen mich nicht. Aber meine Frau verliert ja dadurch einen zärtlichen Freund.“”“ Frank begriff nicht all das Diaboliſche, das in Kell⸗ ners Aeußerung lag; aber es überkam ihn ein Schauder. „Ich hatte etwas gehofft, Herr Graf. Sie ſehen ſo verwundert aus. Muß ich Sie über das aufklären, was ich gehofft habe? Ich hoffte, daß das Vertrauen, das ich Ihnen bewies, mir früher oder ſpäter das Ver⸗ gnügen ſchenken würde, Sie in einem zärtlichen téte-à- tete mit meiner Frau zu überraſchen. Verſtehen Sie mich, dann wäre der Weidenzweig gebrochen worden.“ Es iſt ſchwer zu beſtimmen, ob Kellner wirklich die⸗ ſen ſataniſchen Plan gehegt hatte, aber man muß ſeinen eigenen Worten glauben. Je mehr Frank in das Innere dieſes Mannes blickte, um ſo mehr entſetzte er ſich. Er begann ſogar zu fürch⸗ ten, daß Kellner, wenn er ihn vor Gourville warnte, denſelben eher in ſeinen Abſichten unterſtützen, als ab⸗ wehren würde. Erſchrocken über dieſe Möglichkeit hielt er das Wort zurück, das er auszuſprechen im Begriff geweſen war. Kellner blieb vor ihm ſtehen und warf einen über⸗ müthigen Blick um ſich her. „Wenn ich mich recht befinne,“ ſagte er,„ſo habe ich gleichwohl alle Urſache, Ihnen für Ihre Beleidigungen zu danken, Herr Graf.“ Auf was zielte wohl dieſer neue Angriff Kellners? 21² „Aus Ihren Mittheilungen, Herr Graf, kann ich nehmlich ſchließen, wie herzlich meine Frau mich liebt ſie ſchont mich nicht vor andern Leuten. Das freut mich, denn ich bin es müde, ihr blos gleichgültig zu ſein, und ich empfinde ein großes Bedürfniß nach triftigen Gründen, um ſie zu haſſen. Sie haben mir ſolche gegeben, und ich danke Ihnen ganz aufrichtig dafür. Ich brauche ſie jetzt auch nicht mehr zu ſchonen.“ „Ach, mein Herr, Sie ſind mehr ein Unthier, als ein Menſch. Aber Sie können doch nicht noch grau⸗ ſamer werden, als Sie bereits ſind!“ „Glauben Sie das wirklich?“ „Ich habe es gewagt, Sie zu verachten, mein Herr, weil ich weiß, daß die Verachtung eines ehrlichen Mannes dennoch einigen Einfluß auf Menſchen Ihres Gelichters 44 hat. „So?“ „Ich habe Ihnen die Maske vom Geſicht reißen und Sie vor Ihren eigenen Augen in Ihrer Nacktheit darſtellen wollen, in der Ueberzeugung, daß Sie erſchrecken und ſich gedemüthigt fühlen würden.“ „Eine höchſt edelmüthige Abſicht.“ „Es gibt eine Grenze für alle Tyrannei: dieſe Grenze iſt das Geſetz.“ „Aber das Geſetz klopft vergebens an die Thüre der Geheimniſſe des Familienlebens; man öffnet nicht. Wollen Sie ſehen, wie man eine Frau behandeln kann? Wollen Sie ſehen, daß ich noch nicht ſo grauſam ge⸗ weſen bin, wie ich konnte? Wollen Sie ſehen, daß der Haß weit gräßlicher iſt, als die Gleichgültigkeit? Warten Sie einen Augenblick.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, begab ſich Kellner in die innern Zimmer und kam augenblicklich mit Gabriele zurück. Er führte ſie nicht ſowohl, ſondern ſchleppte ſie vielmehr mit ſich. „Sie haben dem Grafen Frank Ihr Herz gegeben, »* Ma frag wöl der und Elt M mi we 213 Madame, und mir Ihre Hand. Weſſen Frau ſind Sie?“ fragte Kellner. Gabriele war einer harten Behandlung nicht unge⸗ wöhnt, aber ſie fühlte ſich jetzt doppelt verletzt. „Keines von beiden,“ antwortete ſie. „Sie haben mir Treue und Liebe geſchworen.“ „Aber ſie wußten, daß ich beide bereits einem Au⸗ dern geſchenkt hatte. Sie forderten blos meine Hand und ich habe ſie Ihnen gegeben, um die Ruhe meiner Eltern zu bewahren. Können Sie mehr verlangen?“ „Ich will blos ſagen, was Sie ſind; eine doppelte Meineidige, zuerſt gegen den Grafen und dann gegen mich. Weſſen Frau ſind Sie?“ „Vor dem Geſetz die Ihrige, vor Gott...“ Gabriele war noch nie ſo behandelt worden. Es war ihr unmöglich, ihren Stolz zu unterdrücken. „Noch Niemandens,“ vollendete ſie ihren Satz. „Sie lügen, Madame; Sie ſind die Frau des Gra⸗ fen geweſen.“ Gabriele kehrte Kelluer mit einem verachtungsvollen Blick den Rücken und wollte ſich entfernen; aber er hielt ſie zurück. „Ich befehle Ihnen zu bleiben.“ „Es muß gleichwohl auch für Ihre Befehle eine Grenze geben, mein Herr.“ „Nicht, ſo lange wir leben.“ „Ich weiß dennoch ein Mittel, das eine unüberſteig⸗ liche Kluft zwiſchen uns eröffnen könnte.“ „Und das iſt?“ „Die Scheidung, mein Herr.“ Von Allem, was Gourville zu ihr geſagt, war der Vorſchlag einer Scheidung das Einzige geweſen, was ſie in ihrem Gedächtniß behalten hatte. Wenn Gabriele noch nie vorher ſo ſchonungslos be⸗ handelt worden war, ſo hatte ſie ſich auch noch nie ſo muthig gefühlt, wie jetzt. 6 4 1 1 214 „Glauben Sie, daß ich Sie fürchte? Ich halte Sie mit demſelben Mittel an meiner Seite zurück, womit ich ſie zum Brautſchemel geführt habe. Wagen Sie einen Schritt, den ich nicht billige, ſo eröffne ich Ihre Schande Ihren Eltern.“ „Thun Sie das, mein Herr. Ich bin jetzt älter und... Sie heftete einen fragenden Blick auf Frank. „Und vergeſſen Sie auch nicht, Herr Kellner;“ fügte Frank hinzu,„daß ich jetzt zu Hauſe bin.“ Ein Ausdruck der Ueberraſchung zeigte ſich bei Kell⸗ ner. Er wandte ſich von einem zum andern, während ein bitteres Lächeln über ſein Geſicht glitt. „Ach, ich fange jetzt an, Sie zu verſtehen, Herr Graf,“ ſagte er. Ihre zärtliche Fürſorge bei Ihren Beſuchen, die Sie meiner Frau machten, haben alſo nicht bei einer gewöhnlichen Hofmacherei ihr Bewenden ge⸗ habt, ſondern ſich auch bis zur Ausdenkung von Mitteln, ſie mir zu entreißen, erſtreckt. Verhält es ſich wirklich ſo? Nun dann iſt es am Beſten, wenn ich die Zeit be⸗ nütze, um Ihnen, Madame, zu beweiſen, daß ich noch immer Ihr Mann bin.“ Kellner drückte die geballte Fauſt gegen ſeine Stirne. Er ſchwieg einen Augenblick. Er überlegte— dann lachte er laut.; „Ich werde Ihnen zeigen, Madame, in welcher Lage ſich eine Frau beſindet, die gegen ihre Pflicht geſündigt hat. Die Lektion iſt paſſend für Sie... kommen Sie, Madame, kommen Sie... Wenn Sie Ihr Verbrechen bisher nicht gekannt haben, ſo werde ich Ihnen einen Spiegel vorhalten, der Sie im wahren Lichte darſtellen wird... Haben Sie die Güte, mir zu folgen... Wir haben keine Zeit zu verlieren.“ „Wohin, mein Herr?“ Das ſollen Sie bald genug erfahren, Folgen Sie mir nur... ich befehle Ihnen...“ — alte mit nen nde lter gte ell⸗ end err ren cht ge⸗ In, 215 Franks Blut gährte. Sein Herz klopfte gewaltſam. Er beſchloß dazwiſchen zu treten, aber Gabriele hielt ihn zurück. „Fürchte nichts für mich, Theodor,“ ſagte ſie;„ſchaffe mir nur mein Kind wieder, und bei ſeinem Anblick wird es mir nicht an Muth fehlen, die Bande zu zerreißen, die mich jetzt erniedrigen.“ „Folgen Sie mir,“ befahl Kelluer,„folgen Sie mir.“ „Reiſe,“ rief Gabriele noch einmal,„und komm zu⸗ rück mit.. Ihre Stimme erſtarb in den inneren Zimmern. Frank begab ſich in ſeinen Reiſewagen, und tief er⸗ ſchüttert von dem Unglück, das er über die ſchwache Ga⸗ briele herabzurufen beigetragen hatte, befahl er dem Kutſcher zuzufahren. Eine Weile nachher kam auch Kell⸗ ners Equipage aus dem Hoſthor hervor. Er begab ſich mit Gabriele zur Verſammlung bei dem General, über⸗ zeugt, daß gewiſſe Entdeckungen von der Baronin Lander an den Tag kommen würden, die ſich wohl eignen dürf⸗ ten, auch Gabriele zu zermalmen. Wir haben dieſe Zuſammenkunft bereits beſchrieben und wiſſen, daß er ſich zum größten Theil verrechnete. Nichts deſto weniger nahm er es als ausgemacht an, daß das, was ſich dort zugetragen, ſie mit Schrecken erfüllen würde, und er wunderte ſich daher nicht wenig, als er ſie im Gegentheil ruhiger und fröhlicher fand, als er ſie je geſehen hatte. Kellner ahnte nicht, daß ſie an Paul dachte, und daß von dieſem Gedanken Friede und Glück über ihr ganzes Weſen ausſtrömte, ſo daß ſie jeden Kummer dar⸗ über vergaß. Im erſten Augenblick beſchloß Gabriele an Frank zu ſchreiben und ihn von ihrer Entdeckung zu be⸗ nachrichtigen; aber ſie kam davon ab, weil ſie zuvor nähere Kundſchaft über den ganzen Sachverhalt einziehen wollte. Ihre Gedanken flogen dabei weit umher. Eine Weile wollte ſie an Paul ſchreiben, und ihn um ein per⸗ ſönliches Zuſammentreffen bitten, aber auch das gab ſie auf, denn ſie erinnerte ſich jetzt wieder an den Pfarrer und hielt es fürs Beſte, den Auftrag ihm zu überlaſſen, Ehe ſie jedoch dies ausführen konnte, erhielt ſie einen ganz geheimnißvollen Brief, worin ſie aufgefordert wurde, ſich zu einer beſtimmten Zeit in einer der Alleen auf dem Markt Carls XIII. einzufinden, wo man ihr höchſt wichtige Aufſchlüſſe über eine Perſon ertheilen würde, für welche ſie... obwohl ſie dieſelbe ſchon für verloren gehalten... die wärmſte und innigſte Liebe hege. Um dieſen Brief ſchwärmten jetzt unaufhörlich ihre Gedanken. Es ſchien ihr unmöglich zu ermitteln, von wem er war, doch meinte ſie die Abſicht davon errathen zu können. Für ſie konnte es ſich um niemand anders handeln als um Paul. Sie wiegte ſich in ihre Träume ein und lächelte; wenn ſie ſich ans Fortepiano ſetzte, ſo flogen die Ge⸗ danken kühn und dreiſt hinaus in brauſenden Harmonien. Verließ ſie es wieder, ſo träumte und lächelte ſie von Neuem. Waldhahnenfuß oder Mathilde, wie ſie im Kellner⸗ ſchen Hauſe genannt wurde, obſchon wir lieber den erſten Namen beibehalten, hatte ſich jetzt vollkommen in ihre neue Stellung eingelebt; ganz beſonders liebte ſie Ga⸗ briele mit einer Ehrfurcht und Aufrichtigkeit, die beinah an Abgötterei grenzte. Ihr Verhältniß zu Kellner wurde dagegen ſehr eigenthümlich, beinah unerklärlich, weil ſie zu gleicher Zeit ihn aufzuſuchen und ihm auszuweichen ſchien. 217 Gabriele beſaß in ihr eine vertrante Freundin, den Großhändler dagegen umſchwebte ſie in größeren und kleineren Kreiſen gleichſam beſchützend, während ſie ſich aller nur möglichen Gelegenheiten bediente, um jede Wi⸗ derwärtigkeit zwiſchen den beiden feindlichen Lagern zu verhindern. Als Waldhahnenfuß merkte, daß Kellners und Gour⸗ villes Verhältniß immer inniger wurde, trat ſie eines Tags zu dem erſteren, und berichtete ihm ganz aufrichtig, daß der letztere niemand anders ſei, als einer der größten Verbrecher der Hauptſtadt, genannt der Löwe; daß er mit den übrigen Dieben und Schelmen der Stadt in näherer Verbindung ſtehe und in der That ſelbſt der Vor⸗ nehmſte unter ihnen ſei; endlich, daß er es ſei, der den bnt Comptoir begangenen Einbruchsdiebſtahl bewerkſtelligt abe. Kellner nahm die Nachricht zwar mit Intereſſe und Neugierde auf, aber gleichwohl nicht mit der Ueberraſchung, auf welche Waldhahnenfuß gerechnet hatte. Nachdem ſie ihre Erzählung vollendet, ſagte Kellner, er wiſſe alles das ſchon lange, und befahl ihr, Niemand zu ſagen, was ſie wiſſe, ſondern es als größtes Geheim⸗ niß zu bewahren, wenn ſie nicht das Kellnerſche Haus und ſich ſelbſt unüberſehbaren Gefahren blos ſtellen wolle. Mathildens Bruſt hob ſich vor Unruhe, während Kellner ſprach. Von innerem Feuer belebt, glühte eine matte, aber nichtsdeſtoweniger hübſche Röthe auf ihren Wangen, die ſonſt dem weißeſten Schnee gliechen. Jemehr Kellners Blick auf den ſchüchternen Reizen des zarten Mädchens ruhte, um ſo mehr erwachten ſeine Begierden. Er ergriff ihre Hand. „Mathilde,“ flüſterte er,„warum flieheſt Du be⸗ ſtändig vor mir? Wir müſſen uns treffen. Ich ſehe, daß Du mich lieb haſt und zu gleicher Zeit auch fürchteſt. Du biſt kindiſch. Fürchteſt Du Dich vielleicht vor meiner 218 Tan,; Willſt Du nicht länger dableiben? Erwartet ſie Dich?“ In ihrer Verlegenheit erfaßte Waldhahnenfuß, ohne ſich zu bedenken, mit Vorliebe die Frage, ob Gabriele ſie erwarte. „Sie erwartet mich, ja ſie erwartet mich. Laſſen Sie mich fort, Herr Kellner, ich muß ſogleich zurückkeh⸗ ren.“ „Warum mich ſo heftig abweiſen? was thut meine Frau?“ „Sie liest einen Brief, einen geheimnißvollen und eigenthümlichen Brief. Laſſen Sie mich gehen, Herr Kell⸗ ner, ich habe keine Zeit, da zu bleiben.“ „Deine Unruhe macht Dich nur um ſo hübſcher, Mathilde; aber was hat es denn für eine beſondere Be⸗ wandtniß mit dieſem Briefe da?“ „Es ſteht kein Name darunter. Aber in allen Fällen laſſen Sie mich gehen, Herr Kellner. Man forderte ſie auf, hente Abend auf dem Markt Karls XIII. zu erſchei⸗ nen. Ich ahne, daß man etwas Böſes gegen ſie im Schilde führt. Aber mein Gott, wenn Sie mich nicht gehen laſſen, ſo rufe ich um Hülfe.“ „Du biſt doch allzu ängſtlich. Und meine Frau ge⸗ denkt ſich an dem bezeichneten Platz einzufinden?“ „Das kann wohl ſein; ich weiß es nicht beſtimmt.“ Kellner wunderte ſich mehr über dieſes Zuſammen⸗ treffen, als über das, was er in Betreff Gourvilles ver⸗ nommen hatte, denn von ihm hatte er immer zweideutige Gedanken gehegt. Gabrielen dagegen hatte er niemals Kraft genug zugetraut, Etwas auf eigene Fauſt zu un⸗ ternehmen. In ſeiner Verwunderung ließ er die Hand des Mäd⸗ chens los und ſie eilte von ihm weg. „Ganz ſicher iſt der Brief von keiner andern Per⸗ ſon, als von dem Grafen Frank, der ſich noch immer heimlich hier aufhält und in ſeinem Intereſſe ſpekulirt. 11 tn— 219 Könnte ich ſie überraſchen, o dann... dann... dann.“ Als er eine Weile ſpäter bei Gabriele eintrat, be⸗ merkte er auch, daß ſie ein Papier verbarg; überdieß er⸗ fuhr er von der Dienerſchaft, daß ſie auf eine gewiſſe Stunde des Abends, den Wagen beſtellt habe. Er konnte alſo nicht bezweifeln, daß etwas Ge⸗ heimes unterwegs ſei, und er rief Gourville zu ſich. Gourville war auf ſeinem Zimmer. Wir verließen ihn das letztemal im Thiergarten in den oberen Gemächern des franzöſiſchen Hotels. Durch Verwechslung der Gläſer hatte er den für Panl beſtimmten Schlaftrunk geleert. Der Schlaftrunk wirkte augenblicklich und nach einer gewaltſamen Kriſis fiel er wie todt zu Boden. Entſetzt über dieſen ſo höchſt unerwarteten Auftritt, entfernten ſich die Freunde von ihm. Der Stier war der Einzige, der zurück blieb und ſich ſeiner annahm. Später in der Nacht kam er, allmählig erwachend, wieder zu ſich. Als der Stier ſah, daß keine Gefahr für ſein Leben vorhanden war, entfernte er ſich. Gourville wußteé im Anfang ſelbſt nicht, was vorge⸗ fallen war. Aber als die narkotiſchen Nebel allmählig von ſeinen Sinnen verdunſteten, kehrte ſeine Erinnerung zurück, und nun begannen auch die Ereigniſſe immer kla⸗ rer vor ihm zu ſtehen. Das Einzige, worüber er ſich ſelbſt verwunderte, war, daß des Stiers drohendes und düſteres Bild ſich in die Fantaſien hinein wob, die an ſeinen Augen vorbei 220 ſchwebten. Es war ein ſchwarzer Schlagſchatten, der das Gemälde verdunkelte; er wollte ihn verſcheuchen, aber es gelang ihm nicht. Sollte wirklich der Stier bei der bacha⸗ naliſchen Orgie, die er gegeben, zugegen geweſen ſein? Er konnte ſich dieſe Möglichkeit nicht erklären. Da er jedoch über dem Gedanken erſchrack, weil er von keinem ſeiner alten Bekannten und am allerwenigſten von dem Stier geſehen und erkannt werden zu ſein wünſchte, ſo ſuchte er die Kellnerinnen auszuforſchen; aber ſie ant⸗ worteten ihm ausweichend, und da er nicht beſtimmt mit der Farbe heraus wollte, ſo hatte es damit ſein Bewen⸗ den. Mit ſeinen Bekannten wollte er auch nicht davon ſprechen. Er verſchloß alſo die Frage in ſich, und grübelte darüber nach, wie über ein dunkles und nnerklärli⸗ ches Räthſel. Als er die Nachricht empfing, daß der Diebſtahl bei Paul mißlungen ſei, vermochte er eine augenblickliche Furcht nicht zu unterdrücken. Aber bald verſchwand dieſes, ihm ſonſt ſo fremde Gefühl und er blickte der Zukunft dreiſt ins Auge. Kellner hatte in ſeinen politiſchen Plänen für ihn ein rettendes Brett über den Abgrund geworfen und er beſchloß daſſelbe mit ſchnellen Schritten zu betreten. An Kraft, Geiſtesgegenwart und Muth fehlte es ihm nicht, und dieſe Eigenſchaften waren erforderlich, wenn er all den Gefahren ſollte entgehen können, die ihn aus ſeinem verfloſſenen Leben bedrohten, und von denen er mitunter dennoch meinte, daß ſie ihn wie ein gehetztes Wild ver⸗ folgten. In F Folge ihrer gemeinſamen politiſchen Intereſſen, trafen ſich Gourville und Kellner jetzt täglich, obſchon an ſo verſchiedenen Orten, daß Niemand der Sache einige Aufmerkſamkeit widmen konnte, um ſo weniger, als ſie dazwiſchen hinein ihren gegenſeitigen Umgang beinah gänzlich abbrachen. 221 Bei den Berathungen, die ſie mit einander pflogen, reifte alſo ihr Revolutionsplan. Der Bote, welcher Gourville Kellners Wunſch, mit ihm zu ſprechen, gemeldet, hatte ſein Geſchäft mit der⸗ ſelben Haſt ausgeführt, womit Kellner den Auftrag er⸗ theilt hatte. In der Meinung, die Frage betreffe den Hauptgegenſtand ihres gewöhnlichen Geſprächs, kam Gour⸗ ville der Aufforderung ſogleich nach. „Sind etwa neue Ordres von Wien eingetroffen?“ fragte er, als er bei Kellner eintrat. „Nein.“ Was gibt es denn? Wird die politiſche und mo⸗ raliſche Verderbniß unter dem Volk nicht raſch genug be⸗ trieben? Iſt es nicht bereits Mode geworden, alles zu tadeln und zu beſchmutzen, was man ſonſt unter gewöhn⸗ lichen Verhältniſſen achten mußte? War es nicht ein gu⸗ ter Vorſchlag von mir, zuerſt Mißtrauen, Haß, Neid, Skandal und Verachtung. Geſetzesübertretungen, Unord⸗ nungen hervorzurufen, ſodann Auflöſung... hernach...“ Kellner wollte ihn unterbrechen, obſchon er ihn gleich⸗ wohl mit Intereſſe anhörte. „Hernach greift ein männlicher Arm in ein Chaos ein,“ fuhr Gourville fort,„und formt ſich mit ſeinem: Es werde! einen neuen Staat nach ſeinem Kopf.“ „Gut, Gourville, ganz gut. Ich bereue nicht, daß ich mich mit Ihnen verbündet habe. Ihr Blick iſt ſcharf, Ihr Kopf hell und Ihr Wille unerſchütterlich. Für den Augenblick handelt es ſich indeß nicht um Staatsange⸗ legenheiten. Ich habe auch Familienintereſſe, und Sie müſſen mir einen Rath ertheilen.“ „Gilt es Ihre Neigung für Waldhahnenfuß, ſo wiſſen Sie meine Meinung bereits... entführen Sie das Mädchen.“ Kellner lachte blos. „Ich kenne Ihre Abſicht über dieſen Fall, aber ich — aenn 222 kenne jetzt auch die Urſache derſelben. Sie ſind dem Mäd⸗ chen nicht hold, weil es Sie kennt.“ „Bah!“ „Sie hat mir ſoeben erſt bis auf das geringſte Detail erzählt, wer Sie ſind.“ „Deſto beſſer, Herr Kellner. Ich habe alſo kein Ge⸗ heimniß mehr vor Ihnen, ebenſowenig, als Sie eines vor mir haben. Wir kennen einander.“ Gourville hatte zwar Waldhahnenfuß gedroht, ſie als Diebin des goldenen Rings verklagen zu wollen, den er bei ihr gefunden hatte, aber er brauchte nicht ſoweit zu gehen, nachdem ſeine Stellung zu Kellner eine ganz andere Wendung genommen und eine politiſche Bedeu⸗ tung erhalten hatte. Jetzt fürchtete er Waldhahnenfuß nicht mehr und wünſchte ſie blos entfernt zu wiſſen, da⸗ mit ſie ihm bei Gabriele nicht im Weg ſtehen ſollte. Um dieſen Wunſch zu erreichen, wollte er die Neigung, die er bei Kellner für Waldhahnenfuß entdeckt hatte, ausben⸗ ten, und war überzeugt, daß ihm dieß glücken würde, weil er den Leichtſinn ſeines Prinzipals kannte. Er brauchte alſo nichts mehr von dem Mädchen zu fürchten, und nur ſie ſelbſt wurde dabei erniedrigt. „Diesmal betrifft jedoch die Frage nicht ſie,“ ver⸗ ſetzte Kellner,„ſondern meine Fran.“ Und er erzählte Gonrville, was er ſo eben erfahren, und welche Vermuthungen dies bei ihm hervorgerufen hatte. Gourville verbarg das Vergnügen, womit er die Sache anhörte, hinter einer wichtigen und nachdenklichen Miene; und was erfuhr er dann? dürfte man fragen. Er erfuhr, daß Kellner ſich beinah frente über den Gedanken, daß Gabriele und Frank geheime Zuſammen⸗ künfte hätten, unter der Vorausſetzung jedoch, daß es ihm glücken würde, ſie zu überraſchen. Gourville hatte noch nie in dieſen Theil von Kellners Herzen geblickt. Aber er konnte ſich nicht täuſchen: Kellner wollte ſie in ———„—,————— — ——— — einem téte à téte fangen, wodurch er ſie demüthigen und ſodann zu allen möglichen Zugeſtändniſſen zwingen konnte, und wozu wollte er ſie zwingen? Zur Aufhebung des eingegangenen Vertrags. Wir haben geſagt, daß Gour⸗ ville bei dieſer Entdeckung ein Vergnügen empfand. Dies war wirklich der Fall, denn, dachte er, ich brauche mich alſo in Zukunft mit meinen Spekulationen auf die Frau dem Manne gegenüber nicht beſonders zu geniren. Kellner verlangte einen Rath von Gourville. Gourville ſann nach. 3 Auf einmal gab er zu erkennen, daß er ein paſſen⸗ des Mittel zur Behandlung der Frage gefunden habe, und er ſtellte als Möglichkeit vor, zu gleicher Zeit nicht blos Gabriele auszuſpioniren, ſondern auch Waldhahnen⸗ fuß wegzuſchaffen. Kellner ging vergnügt auf ſeinen Vorſchlag ein. Wir haben Gabriele beſchrieben, wie ſie in bequemer Stellung in einem der Eckſophas des Salons ſitzt. Mit geſchloſſenen Augen und den Kopf auf einem Stramin⸗ kiſſen ruhend, ſchwebten ihre Gedanken auf Feldern um⸗ her, die jetzt blühend und ſonnenbeglänzt waren, blühend von den lieblichſten Hoffnungen der Mutterliebe, ſonnenbe⸗ glänzt von Pauls klarem Blick. Der geheimnißvolle Brief, das ahnte ſie, ſollte ihn band an die Bruſt führen, die ſo lange nach ihm geſeufzt hatte. Sie hatte ihren Wagen beſtellt und ſie erwartete, daß die Stunde bald ſchlagen würde. Ihr Buſen hob ſich von entzückenden Gefühlen; ihre Farbe war ſchöner als gewöhnlich. Die Freude in ihrer 4,A. 224 Bruſt gab ihr auch eine heitere Farbe. Ihre Mutter⸗ liebe war nicht jung, aber ihre Mutter freude war ein Kind des Augenblicks und der Phantaſie. Waldhahnenfuß hatte hinter ihr geſtanden, noch bebend vor Angſt bei dem Gedanken an ihr kurz zuvor gepflogenes Geſpräch mit Kellner. Gabriele bemerkte die Anweſenheit des Mädchens nicht eher, als bis ſie den warmen Athem deſſelben an ihrem Hals verſpürte. „Sie haben mir aufgegeben, gnädige Frau,“ ſagte Waldhahnenfuß,„Ihnen zu melden, wenn es gegen fünf Uhr gehe.“ Gabriele erhob ſich. „Iſt es ſchon ſo weit... o mein Gott, dann muß ich ſogleich fortfahren. Iſt der Wagen ſchon angeſpannt? ich habe Eile.“ „Den Wagen haben Sie erſt auf ſechs Uhr beſtellt, und es iſt noch nicht ganz fünf.“ „Sagteſt Du nicht, es ſei bereits ſechs Uhr? Wa⸗ rum mich alſo wecken... ich träumte ſo ſchön. Es iſt eine Sunde, mich in meinen Träumen zu ſtören, ſie ſind n einzigen Freuden, welche das Leben mir geſchenkt at.“ „Aber Ihre Toilette, gnädige Fran, Sie befahlen mir, Sie eine Stunde vorher darau zu erinnern.“ „Das iſt wahr; aber ich bin ganz gut ſo wie ich bin... was bekümmere ich mich um die Toilette?“ „Aber Sie können ja nicht wiſſen, wohin Sie kom⸗ men. Der Brief gibt das nicht an.“ „Nun denn, wie Du willſt.“ Und es iſt alſo Ihr beſtimmter Vorſatz, ſich nach dieſem Briefe da zu richten?“ Gabriele ſtierte verwundert Waldhahnenfuß an, gleich als verſtände ſie nicht, wie man nur eine ſolche Frage thun könne. — 8 ☛ n h 7 e 225 „Aber wenn es blos eine Hinterliſt wäre, gnädige Frau?“ Gabriele lächelte. „Sie fürchten nichts?“ „Nichts. Ach nein, nichts.“ Ein Seufzer hob den Buſen des Mädchens. Sie empfand eine qualvolle Unruhe um Gabriele. „So komm denn mit in mein Toilettenzimmer,“ bat Gabriele. „Aber bedenken Sie noch einmal; bedenken Sie, wenn...“ Waldhahnenfuß ſprach nicht aus. Sie wollte ſagen: Bedenken Sie, wenn der Brief lr ein Fallſtrick von Gourville wäre! aber ſie wagte es nicht. Langſam folgte ſie Gabrielen ins Toilettenzimmer. Gourville hatte Kellner gerathen, zu Waldhahnenfuß zu ſagen, daß er, obſchon er ſich auf eine Weile in einem wichtigen Geſchäfte aus dem Hauſe begebe, doch bald zurückzukommen gedenke und ſie dann allein zu treffen e. Gourville hatte ſehr wohl die Folge davon berech⸗ net, nehmlich, daß Waldhahnenfuß unter allen Umſtänden ſich von Gabriele die Erlaubniß ausbitten würde, mit ihr gehen zu dürfen. So geſchah es denn auch. Als der Wagen vorfuhr, ſtiegen beide ein, und nun ging es nach dem Markt Carls XIII. Waldhahnenfuß hatte mitkommen dürfen gegen das Das Gewiſſen. Iv. 15 Werſprzihen, im Wageun zu bleiben, bis Gabriele zurück⸗ kehrte. Es dunkelte bereits, als ſie ihre Fahrt unternahmen. Auf dem Markt angekommen, fuhren ſie in die ent⸗ legenſte Allee, und dort ſtieg Gabriele aus. Im Allgemeinen ängſtlich und ſchwach, beſaß ſie jetzt einen Muth und eine Unerſchrockenheit, welche be⸗ wies, wie kräftig ein ſtarkes Gefühl ſein kann. Unter andern Umſtänden würde ſie eine Spazier⸗ fahrt wie dieſe, für unmöglich gehalten haben; jetzt da⸗ gegen erſchien ſie ihr ſo natürlich, daß ſie dieſelbe um keinen Preis hätte verſänmen mögen. Es war dunkel um ſie her, weil der Platz nur ſpär⸗ lich beleuchtet iſt. Waldhahnenfuß folgte ihr mit Aufmerkſamkeit, ſo weit es ihr möglich war, aber bald verſchwand ſie zwi⸗ ſchen den hochſtämmigen Bäumen. Gabrielens Blicke flogen in der Allee umher, um zu erſpähen, ob jemand ſich zeige. Dabei glaubte ſie zwar zu bemerken, daß ein Schatten ſich zwiſchen oder vielmehr hinter den Bäumen bewege, aber als ſie ſtehen blieb, um ihn zu erwarten und er ſich gleichwohl nicht näherte, da nahm ſie an, daß er ſie nichts angehe, und ſetzte alſo ihren Weg fort. Nach einer Weile hörte ſie Tritte vor ſich. Sie kamen näher. In der Abſicht, zu erforſchen, wer der Kommende ſein möge, blieb ſie ſtehen, um ihn an ſich vorübergehen zu laſſen. Der Schatten war ihr bereits ganz nahe, und ſie entdeckte jetzt, daß es ein Frauenzimmer war. Sie ſah ſogar, daß die Unbekannte gleich ihr ſelbſt den Schleier vor ihrem Geſicht herabgelaſſen hatte. Sobald die Kommende bis zu Gabriele vorgeſchrit⸗ ten war, blieb auch ſie ſtehen. „Bitte um Verzeihung, ſuchen Sie Jemand?“ fragte die Unbekannte. e ſ 5 8 — 227 „Allerdings ſuche ich jemand. Sollten vielleicht Sie einen Brief geſchrieben haben?“ „Einen Brief? Ich habe keinen geſchrieben, wohl aber ſelbſt einen empfangen.“ 1 „Was ſoll das heißen? Sie? auch ich habe einen empfangen.“ „Sprechen Sie aufrichtig, Madame. Glauben Sie nicht, daß es Ihnen gelingen wird, mich irre zu führen, wenn dieß Ihre Abſicht iſt.“ „Ich fürchte, Madame, daß vielmehr Sie mich zum Beſten haben wollen.“ „Die Sache iſt ſehr ſonderbar.“ „Sehr ſonderbar; ich kann es nicht läugnen.“ „Darf ich fragen, wer Sie ſind?“ „Wer ich bin? Aha, Madame, wer ſind denn Sie ſelbſt?“ „Ich bin... aber das iſt ja ganz gleich... Wir haben uns geirrt und darüber iſt weiter nichts zu ſagen.“ Sowohl Gabriele als die Unbekannte hatten gleich⸗ wohl den Ton ihrer gegenſeitigen Stimmen belauſcht, und ungeachtet beide ſich an etwas erinnern zu wollen ſchienen, ſo konnte dennoch keine von ihnen errathen, wen ſie vor ſich hatte. Die Unbekannte entfernte ſich jetzt auch einige Schritte, kehrte aber bald wieder um und bl an ſchnell Gabriele nach, ſo daß ſie im nächſten Augenblick von Neuem an ihrer Seite war. „Sie ſind allein, Madame, gerade wie ich. Es iſt ſehr dunkel hier und ich habe Angſt.“ „Ich für meinen Theil weiß nicht, daß ich etwas zu fürchten haben könnte.“ „ Dann müſſen Sie nicht aus Stockholm ſein, wenn Sie ſich nicht fürchten, um dieſe Zeit allein auf einer Straße zu gehen. Haben Sie nicht bemerkt, daß jemand uns dort folgt?“ „Wo 7 228 „Sehen Sie den Schatten dort?“ „Der Schatten hat mich von dem Augenblick an, wo ich in die Allee hereinkam, verfolgt, aber ich glaube nicht, daß er etwas von mir will, weil er ſonſt gewiß nicht, wenn ich ſtehen bleibe, ebenfalls ſtehen bleiben, ſondern ſich mir nähern würde.“ „Es iſt ein Mann; ich ſehe es ganz deutlich.“ „Ich denke nicht, daß er uns etwas Böſes thun könnte. Wenn es ihm Freude macht hier herumzuſchlei⸗ chen, ſo kann man nichts dagegen einwenden.“ „Sie ſind muthiger als ich, Madame.“ „Ich habe nie etwas Böſes gethan und glaube auch nicht, daß ich etwas zu fürchten habe.“ „Ich ſehe überall Schatten. Erlauben Sie mir, Sie begleiten zu dürfen?“ „Ich kann Ihnen das nicht verwehren, obſchon ich am liebſten allein zu ſein wünſchte. Sie wiſſen, daß ich nicht ohne Urſache hieher gekommen bin, ſo wenig als Sie.“ Sie hatten ſich inzwiſchen ſo ſehr wie möglich ge⸗ nähert. „Täuſche ich mich nicht.. ich kenne Sie, Madame.“ „Ihre Stimme... ach ja, Madame... ich kann mich nicht täuſchen... auch ich glaube zu wiſſen, wer Sie ſind.“ „Sie ſollten mich wieder erkennen?“ „Und Sie... es iſt nicht möglich...“ „Wer bin ich denn? o ſagen Sie mirs.“ „Sie müſſen mir vorher ſagen, wer ich bin.“ „Laſſen Sie uns einmal den Schleier vor einander abuehmen.“ Die Unbekannte nahm dabei Gabriele bei der Hand und bat ſie, ihr zur nächſten Laterne zu folgen, wo ſie die Schleier etwas luͤften könnten. „Sie brauchen ſich nicht vor mir zu fürchten,“ ſagte . Ihre Stimme. 1 k 5 5 6 — 4* 229 ſie dabei.„Wir ſind beide aus Veranlaſſung eines Brie⸗ fes hiehergekommen. Es iſt wohl nicht anders möglich, als daß eine und dieſelbe Perſon uns hieher berufen hat.“ „Auch ich fange an, das zu glanben... und dennoch kann ich nicht begreifen, wie dieß möglich iſt.“ In dieſem Augenblicke gingen ſie an der Laterne vorbei, und ohne ſtehen zu bleiben, hoben ſie den Schleier ein wenig in die Höhe. Sie erkannten einander ſogleich. Die Unbekaunnte war die Baronin Lander. „Senken Sie den Schleier wieder, Fran Kellner,“ flüſterte die Baronin plötzlich.„Sehen Sie den Schatten dort hinter uns... er ſchlich ſich auf die Seite, um uns mit den Augen folgen zu können.“ „Ich denke an gar nichts anderes als an den Brief, den ich erhalten habe; wollen Sie mir aufrichtig ſagen, was der Ihrige enthielt?“ „Da ich Sie jetzt kenne, recht gern. Man erſucht mich zu einer gewiſſen Stunde hieher zu kommen.“ „Ganz wie im meinigen.“ „Man verſpricht, mir Aufſchlüſſe über eine Perſon zu geben, von der man meint, daß ich ſie für verloren halte.“ „Aber mein Gott... wie ſoll ich das erklären... der Brief an mich war Wort für Wort deſſelben Inhalts.“ „Es iſt unläugbar recht zum Verwundern.“ „Ich habe meine Muthmaßungen.“ „Laſſen Sie hören, laſſen Sie hören... ich ver⸗ mag nichts zu vermuthen. Seit ich dieſen Brief be⸗ kommen habe, iſt mein Verſtand gleichſam ſtille geſtanden. Was vermuthen Sie?“ Die Baronin Lander war ſo begierig, Gabrielens Vermuthung zu erfahren, daß man wohl ſah, wie die Sache ſie intereſſirte.“ „Ich vermuthe,“ ſagte Gabriele,„daß ein großes Glück mich erwartet, ein großes Glück.“ „Da befinden Sie ſich in einer ganz andern Stel⸗ ebn . 4 230 lung, als ich. Ich für meinen Theil habe nur an Un⸗ glücksfälle gedacht.“ „Unmöglich, nein. Ein großes Glück erwartet mich. Ich fühle es. Mein Herz ſagt es mir.“ „Sagen Sie mir Ihre Anſicht.“ Die Dunkelheit, die Einſamkeit und ihre gleichartige Stellung in Betreff der anonymen Briefe führten die beiden Damen nahe zu einander. Ehe Gabriele ſich weiter erklären konnte, näherte ſich ihnen eine Perſon mit einer Laterne in der Hand. „Es kommt Jemand.“ Beim Schein der Laterne erforſchten ſie das Aus⸗ ſehen der Kommenden.. „Es iſt eine Dalekarlierin... ſie ſieht ſich vorſichtig um. Sie ſcheint Jemand zu ſuchen... vielleicht uns.“ Als die Dalekarlierin jedoch ganz in ihre Nähe kam, hob ſie ihre Laterne in die Höhe, ſo daß der Lichtſchein auf die beiden Damen fiel. Sie betrachtete ſie genau. „Es iſt gut, daß ich Sie ſo bald treffe,“ ſagte ſie endlich.„Wollen Sie die Güte haben, mir zu folgen.“ „Wohin?“ „Ich darf es jetzt nicht ſagen. Folgen Sie mir nur.“ „Täuſchen Sie ſich nicht in unſern Perſonen?“ „Fürchten Sie das nicht. Ich kenne ſowohl Sie, Frau Baronin, als Sie, Frau Kellner. Aber halten Sie ſich jetzt nicht auf. Wir haben weit zu gehen und man erwartet Sie.“ „Man erwartet uns? Und wenn wir Dir nicht folgen wollten?“ „Mir nicht folgen? Es iſt wahr, ich könnte ſagen, daß ich Befehl erhalten habe, Sie zu einer Perſon zu führen, die vor ganz kurzer Zeit zwei Briefe geſchrieben hat, einen an jede von Ihnen. Sie haben ſie doch er⸗ halten?“ „Wir haben jede einen Brief erhalten.“ 231 „So folgen Sie mir.“ Die Dalekarlierin nahm die Sache ganz kurz und gut und bezweifelte gar nicht mehr, daß ſie ihr folgen würden.“ 1 „Du willſt uns nicht ſagen, wer die Perſon iſt, welche die Briefe geſchrieben hat.“ „Es iſt mir verboten, dieß zu thun... aber laſſen uns nicht länger zögern.“ „Was ſollen wir machen?“ fragte die Baronin. „Natürlich mitgehen,“ antwortete Gabriele. „Ich bin jedoch unſchlüſſig, denn ich habe Augſt.“ „Vor was?“ „Ich weiß nicht.“ „Dann laſſen Sie uns ſogleich mitgehen.“ Gabriele war ungeduldig, und ohne ihre Furcht eftohüh überwinden zu können, gab auch die Baronin nach. Beleuchtet von der Dalekarlierin, verſchwanden ſie bald darauf hinter dem alten Arſenalgebände. Derſelbe Schatten, der ſie in der Allee verfolgt hatte, folgte ihnen auch jetzt. Als Gabriele ihren Blicken entſchwand, lehnte ſich Waldhahnenfuß, von ihren eigenen Gedanken in An⸗ ſpruch genommen, in den Wagen zurück. Sie erinnerte ſich an Kellners Verſprechen, nach einer Weile zurückzukommen, in der Hoffnung, ſie dann allein zu treffen, und ſie freute ſich, dem Auftritt ent⸗ gangen zu ſein, der ſie erwartete. Ihre Gedanken waren noch damit beſchäftigt, als der Wagenſchlag ſich öffnete und eine Perſon einſtieg. In demſelben Augenblick ſetzte ſich der Wagen in Bewegung. Erſchrocken und ohne zu wiſſen, was ſie denken ſollte, zog ſie ſich in die eine Wagenecke zurück. Ein Ausruf flog unwillkührlich über ihre Lippen, Si 232 tien ſie wurde jetzt von einer ſtarken Hand am Arme gefaßt. geit„Sie müſſen ſchweigen,“ redete man ſie zu gleicher eit an. Der Wagen fuhr immer ſchneller. Der Schreck des armen Mädchens verwandelte ſich in Entſetzen, als ſie die Stimme wieder erkannte. Der Mann, der ſie fortführte, war Gourville, „Sie haben mich bei Kellner angegeben,“ ſagte dieſer weiter;„wiſſen Sie, was Sie dadurch gethan haben?“ Waldhahnenfuß vermochte nicht zu antworten. „Sie haben ſich ſelbſt geſtürzt,“ fuhr Gourville fort, „weil ich jetzt mein Verſprechen ausführe, Sie wegen Entwendung meines Ringes bei der Polizei zu verklagen.“ Waldhahnenfuß athmete wieder. „Bei der Polizei?“ wiederholte ſie. „Ich halte vielleicht nicht immer mein Wort, wohl aber meine Drohungenz ich führe Sie jetzt auf die Polizei.“ Der Kutſcher fuhr friſch darauf zu und der Wagen rollte immer ſchneller von dannen. „Thun Sie, was Sie wollen; ich habe nicht die Kraft, mich Ihrem Willen zu widerſetzen, und ich bin zufrieden, auf die Polizei geführt zu werden.“ Und ſie war auch nicht unzufrieden darüber. Sie hatte gefürchtet, von Gourville fortgeführt und in irgend einem geheimen Winkel eingeſperrt zu werden. Sie hielt es daher in ihrer Lage für ein Glück, unter den Schutz des Geſetzes zu kommen, denn ſie war überzeugt, daß ſie ihre Unſchuld beweiſen könnte, zumal wenn der An⸗ kläger ein Menſch wie Gourville war. Mit der Ruhe kehrte auch ihr Selbſtvertrauen zurück. Während der Wagen voran rollte, redete Gourville ſie zuweilen an, aber ſie antwortete nicht. Als der Wagen anhielt und geöffnet wurde, befan⸗ den ſie ſich in einer kleinen Nebengaſſe. 233 Ehe ſie ausſtiegen, ſagte Gourville zu ihr, ſie ſolle den Schleier über ihr Geſicht herablaſſen. „Wenn Sie einen Laut von ſich geben,“ bemerkte er weiter,„und die Aufmerkſamkeit der Vorübergehenden auf ſich zu ziehen ſuchen, ſo werde ich aller Welt erklä⸗ ren, daß Sie eine Diebin ſind. Um alle unangenehmen Auftritte zu vermeiden, bleiben Sie ſtill und folgen Sie mir ſchnell.“ „Sind wir bald im Polizeigebäude 24 „Es iſt hier unten.“ Waldhahnenfuß wollte ſo bald als möglich Gour⸗ ville los werden, und ſie hegte keinen höheren Wunſch, als einen Polizeidiener zu treffen, deſſen Schutz ſie an⸗ rufen könnte. Sie kam alſo Gourville's Aufforderung ohne den geringſten Widerſtand nach. Den Schleier dicht über ihr Geſicht herabgezogen, folgte ſie ihm. Sie hatte ſelbſt den ſehnlichſten Wunſch, alles unangenehme Aufſehen zu vermeiden. Gourville führte ſie unter dem Arm. Obſchon Waldhahnenfuß nicht darauf achtete, wo ſie war oder wohin ſie ging, da ſie nur ſo bald als möglich das Ziel zu erreichen hoffte, ſo mußte ſie ſich doch ſehr verwundern, theils über die Dunkelheit, die ſie von allen Seiten umgab, theils auch über die ſchmale Gaſſe, die ſie zu paſſiren hatten. „Aber mein Gott, führen Sie mich wirklich auf die Polizei? Ich dächte...“ „Du brauchſt gar nichts zu denken, Waldhahnenfuß,“ fiel ihr Gourville ins Wort,„wir ſind jetzt an Ort und Stelle. Sei ſo gut und komm herauf. In einem Au⸗ genblick wirſt Du vor Deinem Richter ſtehen.“ . Waldhahnenfuß wurde beruhigt durch die Sicherheit, womit ihr Begleiter ſprach und ſtieg die Treppe hinan. Schon in der untern Hausflur hörte ſie ein verworrenes Gelärm von oben. Sie lauſchte unruhig. 234 „Dieſes Umwerfen... was bedeutet es. Ich er⸗ kenne es.“ „Es iſt der Lärm von Polizeidienern, die ſich mit einander herumzanken. Komm herauf.... ſei ohne Furcht.“ Waldhahnenfuß zitterte an allen Gliedern. Eine unbeſtimmte Furcht regte ſie auf. Sie ahnte, daß ſie betrogen worden ſei. Als ſie in den erſten Stock kam, lief ihr der Angſt⸗ ſchweiß über den Rücken und ein Schrei des Entſetzens drang durch ihre Bruſt. Beim Schein einer dort hängenden einſamen Lampe ſah ſie, wo ſie jetzt war. 3 Sie wollte fliehen, aber Gourville faßte ſie um den Leib. Eine eiſerne Thüre, die zur Treppe des andern Stocks führte, öffnete ſich in dieſem Augenblick, und ohnmächtig wurde Waldhahnenfuß hinaufgetragen. 6 Dröhnend ſchloß ſich die eiſerne Thüre wieder hinter ihnen. Waldhahnenfuß befand ſich von Neuem im Caffé London. Sechzehntes Kapitel. Martha. Die Kronleuchter waren angezündet in den Zimmern des Juden Abraham. Alles ſah aus, als ob irgend eine Feſtlichkeit im Anzug wäre; nur Gäſte fanden ſich nicht ein. — ⁵-„—— O— 235⁵ Der Jude Abraham trat, gefolgt von dem Haus⸗ arzt des Generals, nach einer Weile ein. 4 1 „Sie glauben alſo, Herr Doktor, daß man mit ei⸗ niger Hoffnung auf Erfolg einen Verſuch wagen könne.“ Die mediziniſche Wiſſenſchaft iſt in ſo fern noch eine terra incognita, als man nicht auf alle pſychiſche oder phyſiſche Umſtände, wenigſtens nicht, ſo lange ſie ſich noch in ihrer erſten Entwicklung befinden, beſtimmte Voraus⸗ ſetzungen gründen kann. Die Viſſenſchaft ſucht mit tap⸗ penden Händen unaufhörlich nach der Natur, dem natür⸗ lich Richtigen. Ich erkläre Ihnen daher noch einmal, daß ich mit Sicherheit nichts vorauszuſetzen vermag; aber gleichwohl iſt es nicht unwahrſcheinlich, daß eine närriſche Perſon, wenn ihr etwas widerfährt, was tief in ihr Leben eingreift, einen ſo mächtigen Eindruck davon em⸗ pfängt, daß die Stimme der Vernunft ſich augenblicklich geltend machen kann. Einen Verſuch iſt die Sache ja immer werth.“ Während der Doktor ſprach, hörte man eine dumpfe brummende Stimme von dem innern Zimmer her. „Sie lauſchen, Herr Doktor?“ „Ich vermuthe, daß es Martha iſt, die ſich da drinnen befindet.⸗ „Wir wollen ſie in ein noch entlegeneres Zimmer führen, weil die Mißlaute, die ſie von ſich gibt, bis hie⸗ her dringen, und ich nicht will, daß man ihre Gegenwart ahnen ſoll, bevor der Augenblick gekommen iſt. Wollten Sie die Güte haben, Herr Doktor, ſich drinnen bei ihr aufzuhalten, um ihrer Gemüthsſtimmung wo möglich die⸗ jenige Richtung zu geben, welche für die Umſtände am beſten paßt. Was ſagen Sie dazu?“ „Sehr gerne, Herr Abraham, ich gehe ſogleich.“ Wir verließen Abraham das letztemal in dem Au⸗ genblick, wo er bei dem General eintrat, in der Abſicht, ſeine Geſchäfte ins Reine zu bringen. Als er ihn aber bei beſſerer Geſundheit antraf, als er vermuthet hatte, 4 4 4 1 4 * * 236 und der General ihn dringend erſuchte, ſich zu entfernen mit dem Verſprechen, die Angelegenheiten nach ſeinem Wunſch zu ordnen, wann er es ſonſt nur verlangen würde, ſo entfernte er ſich wieder. Inzwiſchen ſah er wohl ein, daß der General ſelbſt beim beſten Willen ihm keine gültige Garantie verſchaffen konnte. Eine ſolche hatte er jedoch, geleitet durch die Vorſtellung der Ba⸗ ronin Lander, in der Liebe zwiſchen Jaquette und Paul entdeckt, und er wollte dieſen Gedanken nicht ſo leicht fahren laſſen. Die Urſache der abſchlägigen Antwort, die Paul erhalten, mußte nach ſeiner Anſicht in der un⸗ bekannten Geburt des Jünglings beſtehen, denn er ver⸗ muthete, daß der in ariſtokratiſchen Vorurtheilen ergraute General eine Verbindung zwiſchen ihm und Jagnette als eine Mesalliance betrachten würde. Abrahams Gedanken waren von dieſem Augenblick an ausſchließlich auf Mittel und Wege gerichtet, wie er am beſten entweder die Sache ſelbſt oder auch die Anſicht des Generals darüber ver⸗ ändern könnte. Von alten Zeiten her war ihm Verſchie⸗ denes bekannt, und dieſe Erinnerungen tauchten jetzt in ſeiner Seele wieder auf. Die eine wurde in ſeinem er⸗ finderiſchen Kopfe zu der andern gelegt, und auf ſolche Art entſpann ſich bei ihm eine ganze Intrigue. Er grü⸗ belte— er berieth ſich mit dem Doktor— er ſprach mit ſich ſelbſt— und grübelte von Neuem. Die Folge war, daß er zwei anonyme Briefe ſchrieb, einen an die Ba⸗ ronin Lander und einen an Gabriele Kellner. Wäre er perſönlich aufgetreten, ſo fürchtete er, daß man an ihm zweifeln würde. Bei größter Geheimnißthuerei dagegen war er überzeugt, ſich zum Herrn über die Neugierde der beiden Frauen zu machen. Sein Plan beruhte ja auch größtentheils auf Ueberraſchung. Paul Kellner dagegen machte er einen perſönlichen Beſuch. „Bei der Zuſammenkunft im Hauſe des Generals,“ nen tem 237 ſagte er zu ihm: äußerten Sie, daß Sie Ihre Eltern nicht kennen?“ Paul gab es zu. „Wenn Sie mich beſuchen wollen, Herr Paul— er veſtimmte die Zeit— ſo getraue ich mir Ihnen einige wichtige Aufſchlüſſe mittheilen zu können, die wenigſtens für weitere Forſchungen ſehr maßgebend ſein dürften.“ Paul griff dankbar nach jedem, wenn auch noch ſo geringen Umſtand, der ihn aus dem Labyrinth führen konnte, worein er gerathen war, und er verſprach ſich einzufinden, zumal da er auch Abrahams perſönliche Be⸗ kanntſchaft zu machen wünſchte, weil er wußte, daß die Angelegenheiten des Generals ſo weſentlich in ſeinen Händen lagen. Roman war noch nicht zurückgekehrt. Paul konnte ſich ſein Ausbleiben nicht erklären. Zur feſtgeſetzten Zeit verließ Paul ſein Haus und begab ſich zu Abraham. So oft Paul ausging, ſagte er ſeiner Dienerſchaft, wohin er ſich begab, und bedeutete ihr, wenn Roman inzwiſchen nach Hauſe komme, ſo ſolle man ihn ſogleich davon in Kenntniß ſetzen oder auch Roman bitten, ihn aufzuſuchen. Als er zu Abraham kam, empfing dieſer ihn mit zuvorkommender Höflichkeit und erſuchte ihn, in ein Sei⸗ tenzimmer links zu treten, um dort abzuwarten, was weiter erfolgen ſollte. Paul wunderte ſich zwar über das Myſtiſche in Abrahams Benehmen, vermuthete aber, daß dieß in ſei⸗ nem Charakter liege und achtete nicht weiter darauf. Eine Weile ſpäter kamen auch die Baronin Lander b35— Gabriele, denen die Dalekarlierin den Weg gezeigt hatte. Als ſie ſahen, daß ſie ſich bei dem Juden Abraham befanden, glaubte man zu bemerken, daß ſie ihre Hoff⸗ nungen bereits als getäuſcht zu betrachten anfingen. Im 1 „ 4 8 “ 8 8 Geſicht der einen zeigte ſich überdieß Mißtrauen und auch Furcht. Gleichwohl beherrſchte ſie ſich bald und die gewöhnliche Kälte ſtellte ſich wieder ein. „Mein Herr,“ ſagte ſie, was ſoll dieſes Gaukelſpiel bedeuten? Glanben Sie mit uns eben ſo ſpaſſen zu können, wie der General?“ „Wir werden ſchon ſehen,“ antwortete ihr Abraham kurz,„wir werden ſchon ſehen. Haben Sie die Güte und treten Sie inzwiſchen hier rechts ein. In dem Zimmer gerade vor dem Eingang des Sa⸗ lons, worin Abraham ſich in dieſem Augenblick befand, Auf dem fleiſchigen Geſicht des alten Inden thun ſich ſebr verſchiedene Eindrücke kund. Er iſt unſicher, ob ſein Plan gelingen wird oder nicht, aber er hofft nichts deſto weniger das Beſte. Noch einmal überlegt er. Seine Veranſtaltung erſcheint ihm finnreich genng, aber der „Was willſt Du?⸗ fragte er die Eintretende in rauhem Tone.„Du weißt, daß ich allein ſein will.“ „Ein frem der Herr draußen wünſcht mit Ihnen zu ſprechen, Herr Großhändler,“ antwortete das Weib. 239 „Ich empfange Niemand... hörſt Du... ich em⸗ pfange Niemand.“ 1 „Aber er ſagt, er entferne ſich nicht, bevor er Sie getroffen habe.“ „Sage ihm, daß ich fort ſei, Du Vieh... verſtehſt Du, daß ich fort ſei.“ „Ich habe ihm das ſchon geſagt, aber er antwortete mir, er wiſſe ganz beſtimmt, daß Sie zu Hauſe ſeien.“ „Sage ihm, er habe ſich getäuſcht und er ſolle ehen.“ 1„Auch das habe ich ihm geſagt, aber er behauptet, ich lüge, und Sie müſſen ihn empfangen.“ „Wirf ihn zur Thüre hinaus.... ich habe keine Zeit, mich mit ihm abzugeben... wirf ihn hinaus.“ „Es iſt ein ſtämmiger Mann, Herr Großhändler, und er ſieht nicht aus, als ob er mit ſich ſpaſſen ließe.“ Abraham rang nach alter Gewohnheit die Hände und ging im Zimmer auf und ab. „Was wollen Sie, daß ich thun ſoll, Herr Groß⸗ händler?“ fragte ihn das Weib inzwiſchen. „Habe ich Dir's nicht ſchon geſagt.... bitte ihn hereinzutreten.... bitte ihn, hereinzutreten... aber er mag ſich ſputen, meine Zeit iſt koſtvar.“ Abraham ſah ein, daß er weder die Damen noch Paul länger bei ſich aufhalten durfte, ſondern den Au⸗ genblick benützen mußte. Der Fremde beläſtigte ihn deß⸗ halb und er begegnete ihm zuerſt grob und roh, als er eintrat. „Was wollen Sie, mein Herr!“ fragte er ihn, „vermuthlich Geld entlehnen, nicht wabr... Geld ent⸗ lehnen... das iſt das gewöhnliche Lied!... aber ich ſage Ihnen, daß ich keins habe... hören Sie, was ich ſage... ich habe keins... alſo leben Sie wohl, mein Herr, leben Sie wohl, hören Sie nicht, leben Sie wohl.“ Ohne beleidigt zu ſcheinen, ſtarrte der Unbekannte nur verwundert Abraham an. 240 „Ich habe kein Geld,“ wiederholte Abraham,„ich dahe kein Geld. Verlaſſen Sie mich... verlaſſen Sie mi 14 „Darum handelt es ſich auch nicht,“ autwortete der Unbekannte.„Aber Sie haben in dieſem Augenblick Je⸗ mand bei ſich, Herr Abraham, mit dem ich ſprechen will und muß.“ „Ich? Wen?“ „Paul Kellner.“. Abraham glaubte ſich von einem undurchdringlichen Schleier des Geheimniſſes umgeben, und es verdroß ihn, daß jemand durch denſelben geſchaut haben ſollte. Der Unbekannte ſprach mit einer Sicherheit und Ruhe, daß Abraham ſein Verlangen nicht abweiſen zu dürfen glaubte. „Es mag ſein,“ antwortete er,„daß Herr Kellner hier iſt, aber wir haben Geſchäfte mit einander, und er hat jetzt keine Zeit für Sie. Was ſind Sie überhaupt?“ „Ich bin ſein Freund, Kapitän Roman.“ Abraham hatte von ihm reden gehört und wußte, daß er Pauls Faktotum war; es war alſo kein Grund vorhanden, ſich ihn zum Feinde zu machen. „So warten Sie, Herr Kapitän,“ ſagte er,„Sie ſollen ihn ſogleich treffen.“ Paul wurde von Abraham in Kenntniß geſetzt, daß Roman da ſei und ihn zu ſprechen wünſche. Er eilte hinaus und lag im nächſten Augenblick an der Bruſt des redlichen Freundes. Im erſten Moment hatte Abraham die Erſcheinung Romans als eine Widerwärtigkeit betrachtet; aber er 2 ᷣ 241 bekam bald Urſache, ſeine Anſicht zu ändern, und ſeinem glücklichen Stern zu danken, der ihm juſt jetzt dieſen Mann zugeſandt. Ungeduldig fragte Paul ſeinen Freund, warum er ſo lange ausgeblieben und wie ſeine Reiſe abgelaufen ſei. „Du kaunſt ganz aufrichtig ſprechen,“ erklärte ihm Paul.„Der Grund, warum ich hier bin, ſteht mit der⸗ ſelben Sache in Verbindung, warum Du den alten Mann aufgeſucht haſt, nach welchem zu forſchen mein Vater mich in ſeinen Papieren aufforderte. Ich meine Wolk⸗ mann.“ Bei dieſem Namen that ſich eine merkliche Verände⸗ rung auf Abrahams Geſicht kund. Man hätte ſagen können, er ſei darüber zugleich erſchrocken und erfreut, und wiſſe ſelbſt nicht recht, was er vorzugsweiſe ſein ſolle. Roman erzählte, daß er Wolkmann zwar getroffen habe, aber auf ſeinem Todtenbett liegend, und daß er ſich zuerſt geweigert habe, auf Erklärungen einzugehen. Wolkmann hatte ſich nehmlich als Arzt verpflichtet geglaubt, in allen Vertrauensfällen gänzliches Stillſchwei⸗ gen zu beobachten, und er verſicherte, daß er unter kei⸗ nen Umſtänden die Geheimniſſe Anderer zu verrathen gedenke. Nichts deſtoweniger lag Roman ihm beharrlich an, er möchte doch erzählen, was er von den Ereigniſſen wiſſe, die der Ermordung des Barons Lander vorange⸗ gangen ſeien und damit im Zuſammenhang ſtänden. Nichts ſchien ihn jedoch hiezu beſtimmen zu können, und Noman fürchtete bereits, unverrichteter Dinge nach der Hanptſtadt zurückkehren zu müſſen, als Wolkmanns Krank⸗ heit immer bedenklicher wurde, und Roman, ohne ſich um den Wunſch des Patienten zu bekümmern, den zu⸗ nächſt wohnenden Geiſtlichen rufen ließ. Beim Anblick des Religionslehrers der Gemeinde, bei Anhörung ſeiner auf Verſöhnung und göttlicher Gnade beruhenden Er⸗ Das Gewiſſen. IV. 1 16 . 8, 4 mahnungen, endlich in der Ueberzeugung, daß der Tod immer näher und näher heranrücke, begann er auf Ro⸗ mans Wünſche zu hören und gab zuletzt nach. All dieſe beſondern Umſtände in Romans diploma⸗ tiſcher Sendung koſteten inzwiſchen Zeit und waren Ur⸗ ſache an ſeiner ſpäten Rückkehr. Nach dem, was Wolkmann diktirte... womit er indeß zu ſpät begann, um es vollenden zu können... nahm der Geiſtliche ein Protokoll auf, das Roman jetzt bei ſich hatte. Paul lauſchte mit lebhafter Aufmerkſamkeit auf jedes Wort in der Erzählung ſeines Freundes. Auch Abraham folgte ihm mit Intereſſe. Er hatte Wolkmann in früheren Jahren gekannt und wußte gar zu gut, daß, wenn irgend jemand vollſtändige Aufſchlüſſe über dieſe verwickelten tragiſchen Ereigniſſe geben konnte, dieſer Mann es ſein mußte. Und Abraham freute ſich bei dem Gedanken, daß ſeine Erzählung möglicherweiſe mit ſeinen eigenen Wünſchen übereinſtimmen könnte, aber er empfand eine gewiſſe Angſt, wenn er ſich dachte, Wolkmann habe vielleicht auch das Eine und Andere äußern können, was Abraham am liebſten verſchwiegen gewußt hätte. Als er indeß nach einer kurzen Berathung mit ſich ſelbſt fand, daß, was auch Wolkmann über ihn geäußert haben möge, dieß gleichwohl nur eine minder gute Anſicht von ſeiner Ehrlichkeit veranlaſſen könnte, jetzt aber nicht mehr als Beweis angeſehen werden dürfte und auch ſonſt ſei⸗ nen Angelegenheiten nichts zu ſchaden vermöchte, ſo fand er auch, daß es mit ſeinen Intereſſen am beſten über⸗ einſtimmte, wenn er Kenntniß von dem Protokoll erhielte, das man nach Wolkmanns Ansſagen aufgenommen hatte. Er bat alſo Paul, er möchte, ohne ſich um ſeine An⸗ weſenheit zu bekümmern, ſogleich zu demſelben übergehen. Roman ſchien indeß keine Luſt zu haben, in Ge⸗ 243 genwart einer fremden Perſon dieſem Wunſch nachzu⸗ kommen. Paul verſtand ſeine Meinung. „Als Sie mich hieher zu kommen baten,“ ſagte er zu dieſem,„verſprachen Sie mir, die eine und andere wichtige Mittheilung zu machen; ich halte es deßhalb für billig, daß Sie mir zuerſt mittheilen, was Sie wiſſen.“ Abrahams Augen rollten, während er Paul ſcharf betrachtete. Er fürchtete, dieſer möchte ihm das Schrei⸗ ben nicht zeigen wollen, und er hatte ſich jetzt vorgenom⸗ men, es unter allen Umſtänden ſehen zu wollen, weil er hoffte, daß ſein Inhalt ihm einen guten Leitfaden für ſeine eigenen Pläne geben könnte. „ Das mag ſein, antwortete er,„aber wenn ich jetzt keine Luſt hätte, Ihnen anzuvertrauen, was ich weiß, ſoferne Sie mir nicht mittheilen, was Wolkmann diktirt hat? Verſtehen Sie, Herr Paul?⸗ „Das iſt ja etwas ganz anderes,“ bemerkte Roman. „Paul hat Ihnen durchaus keine Aufſchlüſſe verſprochen.“ Abraham beharrte indeſſen feſt auf ſeinem Verlangen, und da weder Paul noch Roman ſich etwas entgehen laſſen wollten, ſo verſtanden ſie ſich endlich dazu. „Als wir an Wolkmanns Krankenlager gerufen wur⸗ den,“ begann Roman hierauf ſeine Erzählung,„da be⸗ gann er bereits mit dem Tode zu ringen. Sein Athem war ungleich— mitunter haſtig und heiß— mitunter langſam und beinahe kalt. Jeden Augenblick fürchtete ich, ſein letzter Lebensfunke moͤchte erlöſchen. Aber ſein Auge ruhte noch unverwandt auf einem einzigen Punkt, , H 4 4 und dem Blick mengelte es nicht an Lebhaftigkeit. Im Auge bleibt der Engel der Hoffnung noch zurück, bis alle Lebenskräfte uns verlaſſen. In dem unverwandten Blick ſah ich, wie er noch mit einem ſtarken Willen über Leben und Tod gebot. „Der Pfarrer ſetzte ſich zu ſeinen Häupten, ich etwas weiter unten. „In den vorhergehenden Tagen hatte ich zu wieder⸗ holten Malen die Frage vorgetragen, deren Beantwor⸗ tung ich vor allen Dingen wünſchte. Sie waren alſo bereits wohl bekannt. „Er hatte den Geiſtlichen erſucht, das Protokoll zu führen. 27 „Mit der Feder in der Hand erwartete dieſer alſo, was Wolkmann zu ſagen haben konnte, und hielt ſich bereit, es aufs Papier zu bringen. „Da Wolkmann inzwiſchen jetzt ſtill blieb und ich fürchtete, er könnte jeden Augenblick ſeinen letzten Athem⸗ zug thun, ſo erſuchte ich ihn noch einmal, ſeine Kräfte zuſammenzunehmen und uns, ſoweit ſein Gedächtniß ge⸗ ſtatte, zu erzählen, was er von der fraglichen Kata⸗ ſtrophe wiſſe. „Langſam wandte er ſich gegen mich. Ein heftiges Zittern erſchütterte ſeinen Körper, die Lippen bewegten ſich, die Augen glänzten. Sichtbarlich war er von einer tiefen, gewaltſamen Bewegung ergriffen. Hierauf faltete er ſeine Hände und hielt ſie betend aufwärts. „In Gottes Namen denn, ſagte er mit tiefer Stimme, ich will ſprechen und dennoch niemand verrathen.— „Ein Arzt, fuhr er fort, wird leicht Materialiſt. Selbſt ſeine Wiſſenſchaft leitet ihn auf dieſe Bahn. Das organiſche Leben wirkt und offenbart ſich durch die phy⸗ ſiſchen Geſetze, und die meiſten Aerzte bleiben dabei ſtehen, weil es ihnen an der Fähigkeit fehlt, in das innere Leben der Natur einen tieferen Blick zu werfen. Ich wurde Materialiſt. das fen. 245 „Wolkmann ſchöpfte Athem. „Schreiben Sie alles auf, was ich ſage, Herr Pfar⸗ rer, bat er dann, es iſt mein Sündenbekenutniß, das ich ablege. „Der Pfarrer ſchrieb. „Das Elend umgibt einen Arzt von allen Seiten, ſprach Wolkmann weiter; ich lachte dazu, während ich mit den Gebrechen der Menſchen auackſalberte, ſo gut wie irgend ein anderer. Ich verſtand mich beſſer auf Heilung eines phyſiſchen als eines pſychiſchen Leidens, und ich glaubte mehr an die Erde als an den Himmel. Mein Leben floß munter und raſch dahin. Es gehört nicht hieher, alles zu erzählen, ſondern nur ein einziges Abenteuer. Ich könnte jedoch tauſend ähnliche aus meinem ereignißreichen Leben aufführen. Roman hielt es für beſſer, Wolkmanns Aeußerungen aus dem Gedächtniß zu erzählen, als ſein Protokoll vorzuleſen; aber die Zeit geſtattet uns nicht, ihm in alle Details zu folgen. Die Baronin und Gabriele Kellner, die ſich im Zimmer zur Rechten befanden, erwarteten mit Ungeduld die Enthüllung der Urſachen, warum Abraham ſie auf eine ſo geheimnißvolle Weiſe berufen hatte. „Während ſie der Löſung des Räthſels entgegenſahen, hörten ſie im Salon draußen Stimmen, ſowie auch hie und da eine Phraſe von dem Geſpräch, das ſich zwiſchen Noman und den Uebrigen entſponnen hatte. Die Baronin Lander hatte ein beſtändig arbeitendes Element der Unruhe in ſich, das ihre Furcht und ihren Argwohn unterhielt. 246 Auch jetzt lauſchte ſie, als ſie ſprechen hörte, neu⸗ gierig. So hörte ſie alſo den Namen Wolkmann, und mehr bedurfte es nicht, um ihr Intereſſe im höchſten Grad anzuregen. „Was ſagt man da außen?“ fragte Gabriele. „Man ſpricht von einem Arzt... und es iſt wahr ... Sie kannten ihn gewiß auch... er war Haus⸗ arzt der Oberſtin Reuter...“ „ Ah, Wolkmann!“ rief Gabriele und fuhr von ihrem Platz auf.„Was ſagt man von ihm?“ „Laſſen Sie uns lauſchen.“ Sie lauſchten. „Meine Prarxis,“ fuhr Roman fort,„indem er Wolk⸗ mann ſprechend einführte... vermehrte ſich unaufhör⸗ lich. In allen Häuſern, wo es Skandale oder Intriguen gab, war ich der Arzt; dieß ſchien ſich binnen Kurzem von ſelbſt zu verſtehen. Das Vertrauen zu mir und meiner Verſchwiegenheit war unbegrenzt. Bald genug kannte ich auch alle Geheimniſſe der Damen in der Hauptſtadt. Eines Tags, als ich einer meiner Patien⸗ tinnen, einer vornehmen alten Dame einen Beſuch machte, bat ſie mich um ein Geſpräch unter vier Augen. Sie erzählte mir, daß eine junge Verwandte von ihr, die man ihrer Obhut anvertraut habe, von einem großen Unglück betroffen worden ſei, indem ſie ſich auf dem Wege befinde, Mutter zu werden. Die Sache mußte, ſowohl um die Ehre der Familie als ihre eigene zu ret⸗ ten, verheimlicht werden; aber auf welche Art? Der Schrecken der alten Frau war grenzenlos; mit Entſetzen — fr 3⸗ dachte ſie an die Möglichkeit, daß die Lage des Mäd⸗ chens entdeckt werden könnte, und bat mich um meinen Rath. Ich verſprach an die Sache zu denken. Einige Tage ſpäter wurde ich zu einem andern von meinen Pa⸗ tienten, einem thätigen jungen Geſchäftsmanne, gerufen. Auch er vertraute mir eine ganz ähnliche Sache an. Er erzählte mir nämlich, daß eine junge Dame, deren Mann, ein heftiger eiferſüchtiger Charakter, ſich ungefähr ein ganzes Jahr lang im füdlichen Schweden aufgehalten habe, ſich in derſelben Lage befinde. Auch hier handelte es ſich darum, die Sache geheim zu halten. Ich kam ſogleich auf den Gedanken, dieſe zwai Geſchichten zu⸗ ſammen zu nehmen und in eine einzige zu verwandeln, da ich überzeugt war, die peinliche Lage der beiden jungen Damen um ſo leichter verheimlichen zu können, und zwar ohne daß die eine von der andern etwas wüßte. In dieſer Abſicht wandte ich mich an die alte Dame, die mir zuerſt ihren Kummer anvertraut hatte. Ich hatte ſie bereits als das ſichtbare Verbindungsglied zwiſchen den beiden jungen Damen und mir auserſehen, und da es mir gelang, ſie zu überzeugen, daß man den Fehltritt ihrer Mündel am leichteſten verbergen könnte, wenn man nur ſo glücklich wäre, eine andere zu bekommen, auf die ſich im Fall irgend einer Entdeckung die Schuld ſchieben ließe, ſo ging ſie darauf ein. Ein glücklicher Zufall wollte, daß ſie ungefähr zur ſelben Zeit niederkommen ſollten. Ich machte weiter den Vorſchlag, die jungen Damen ſollten aufs Land ziehen und ſich während der kritiſchen Monate in der Nähe von einander niederlaſſen, ohne deßhalb von einander zu wiſſen. Sämmtliche Fäden der Intrigue waren dadurch lediglich in die Hände der alten Dame gelegt und konnten von ihr nach Belieben behan⸗ delt werden. Mein Plan wurde gut befunden und auch ins Werk geſetzt. „Wolkmann ruhte hier, ermüdet von der langen Er⸗ 2418 zählung, einen Augenblick aus. Ein kalter Schweiß, eine Folge der Anſtrengung, perlte über ſein Geſicht hinab. „Ich muß hier,“ begann er wieder,„erwähnen, daß die Dame, deren Name ich aus Achtung vor einem ge⸗ gebenen Verſprechen nicht neunen will, mit vielen ſehr einflußreichen und unabhängigen Männern jener Zeit in Verbindung ſtand. Damit ihr Plan gelingen konnte, hatte ſie namentlich zwei Schwierigkeiten zu überwinden. Die eine beſtand darin, einen paſſenden Landſitz in der Nähe ihres eigenen Gutes zu erhalten, und die andere darin, daß der Mann der jungen Frau verhindert werden mußte, während dieſer Zeit nach der Hauptſtadt zurück⸗ zukehren. Sie hielt inzwiſchen weder das eine noch das andere für unmöglich, denn ſie ſagte, daß ſie Freunde habe, auf die ſie ſich verlaſſen könne. Ohne daß ich übrigens wußte, welcher Mittel ſie ſich bediente, erklärte ſie mir einige Tage ſpäter, daß Alles jetzt in Ordnung ſei. Eine Woche nachher zog ſie wirklich mit ihrer Mün⸗ del aufs Land, zu gleicher Zeit, wo die andere junge Dame ſich ebenfalls dahin begab. Sie hatte auf einem Gut im nördlichen Roßlagen, Namens Großſmeſtad, eine Wohnung erhalten. Paul hörte Romans Erzählung mit beſtändig ſtei⸗ gendem Intereſſe an. Noch ruhte großes Dunkel auf der Geſchichte, aber es begann gleichwohl ſich immer mehr aufzuklären; er ſah deutlich, wie durch die wechſeln⸗ den Ereigniſſe, von denen er vorher nur gleichſam de⸗ tachirte Theile geſehen hatte, jetzt eine ordnende Kraft ging. 3 Abraham ließ ſeine großen Augen umherrollen, während er dazwiſchen ſeinen Beifall nickte, gleich als wollte er ſagen: ich kenne dies Alles wieder ganz gut. — u u—— A —= 249 Die Baronin Lander und Gabriele hörten Romans Erzählung nicht vollſtändig; aber wenn er zuweilen ſeine Stimme erhob, ſo drangen die Worte bis zu ihnen. Was ſie dabei empfanden, läßt ſich leichter denken, als beſchreiben. Jede von ihnen erkannte ſich ſelbſt, ohne zu wiſſen, daß die Frage ſie Beide berührte. Hingeriſ⸗ ſen von dem Intereſſe, das Romans Worte ihnen ein⸗ flößten, vergaßen ſie es, ſich vor einander zu verſtellen. Lauſchend lehnten ſie ſich gegen die Thüre, je weiter die Erzählung voranſchritt, um ſo mehr erblaßten die Wangen der Baronin, Gabriele dagegen erröthete immer mehr. 1„Laſſen Sie uns die Thüre öffnen,“ ſagte die Ba⸗ ronin. „Um alles in der Welt thun Sie das nicht. Man bemerkt uns.“ „Ich muß und will die Sache hören oder auch die Herren unterbrechen.“ „Thun Sie es nicht. Laſſen Sie uns hören... ſie ſprechen wieder...“ „Während ſie ſprechen, werden ſie es nicht bemerken, wenn ich vorſichtig die Thüre öffne.“ Gabriele ſuchte die Baronin zurückzuhalten, dieſe aber faßte dreiſt das Schloß. „Sie hatten im Dunkeln auf dem Markt keine Furcht,“ bemerkte die Baronin,„während ich voll Angſt war, jetzt bin ich es nicht.“ Dabei drehte ſie leiſe den Schlüſſel herum. „Ich zittere,“ fiel Gabriele ein. „Ich fühle mich kalt und entſchloſſen.“ Die Thüre ging leiſe auf, ſo daß ſie hinter derſelben jetzt jedes Wort hören konnten, das geſprochen wurde. „Hören Sie.“ „Hören Sie.“ 4 * 4. 8 250 „Da ich es einmal übernommen hatte,“ ſetzte Ro⸗ man die Erzählung des ſterbenden Wolkmann fort,„den beiden unglücklichen Damen aus ihrer Verlegenheit zu helfen, ſo war es meine ernſte Abſicht, dies nach beſten. Kräften zu thun, und ich benutzte alle Mittel dazu. Unter Anderem nahm ich auch den Aberglauben der Bauern und ihre Neigung zu Geſpenſtergeſchichten in Anſpruch. So brütete ich eine dumme Geſchichte nach der anderen aus, erzählte, daß ich Geſpenſter geſehen, mit dem Teufel ſelbſt geſprochen hätte, und die alten Weiber glaubten mir meine Phantaſie und erzählten ſie ihrerſeits mit tanſend Zuſätzen weiter. Eines Tags na⸗ gelte ich einen mit dem Namen Beelzebub unterzeichneten Wiſch Papier an die Kirchenthüre, und die Gemeinde wagte es einen Monat lang kaum mehr Gottes Haus zu beſuchen. Großſmeſtad, das den Hauptgegenſtand meiner Erdichtungen bildete, wurde ärger als die Peſt gefürchtet. Dadurch entfernte ich alle Spionage, und meine Patientinnen konnten, jede an ihrem Ort, im Frieden mit ihrem Kummer leben. Zur rechten Zeit verabredete ich mit einer geſchickten Hebamme, daß ſie ſich bereit hielt, mir zu folgen. Aber auch vor ihr wollte ich das Incognito der Damen ſchützen. Ein Arzt muß in unſern Tagen die Stelle eines mittelalterlichen Ritters gegen das ſchöne Geſchlecht ſpielen. Die Ehre der Frauen liegt gar zu oft in ſeinen Händen, und deshalb iſt dies eine ſeiner erſten Pflichten geworden. Ich ſagte der Hebamme, daß ſie, wenn ſie einen verſiegelten, aber leeren Brief erhielte, ſich ſogleich auf die Straße hinabbegeben ſolle, wo ein Wagen ſie erwarte. Niemand konnte vor⸗ ſichtiger ſein als ich, Niemand konnte ſein gegebenes Verſprechen gegen die Leidenden getreuer zu erfüllen ſuchen. Zur Nachtzeit begab ich mich auf's Land, und ehe die Sonne aufging, kehrte ich zurück. Blieb ich ein⸗ mal länger, ſo jagte ich in den Wäldern und zeigte mich ſo wenig als möglich. Eine meiner Patientinnen, das 251 junge Mädchen, verſiel inzwiſchen in ein hitziges Fieber und ihr Leben ſtand in Gefahr. Es gelang mir jedoch, ſie zu retten, aber die Krankheit beſchleunigte die Stunde, wo ſie Mutter wurde. Ich mußte ſie dabei ſelbſt mit der ganzen Fürſorge eines Weibes bedienen. Meine andere Patientin dagegen war kräftiger. Ich verwandelte mich ſelbſt in den Kutſcher, um die Hebamme zu holen. Die Zeit war kurz. Der Augenblick wichtig. Die Pferde brauſten wie Sturmwind dahin. Wir kamen zur rechten Zeit an. Die Frau verrichtete, was ſie zu thun hatte, und ich führte ſie zurück. In dieſelbe Zeit, ich erinnere mich jetzt nicht mehr, ob es vor oder nach dieſem Augenblicke war, fiel die Ermordung des Baron Lander.“ Die fortgeſetzte lange Erzählung war für Wolkmann höchſt mühſam. Sein Athem wurde kürzer, aber die Bruſt hob ſich höher und heſtiger. Man ſah, daß er litt. Inzwiſchen führte er ſeine Hand an die Bruſt, gleichſam um ihr eine äußere Stütze zu geben. „Ich habe erwähnt,“ fuhr er indeß nach einer kurzen Pauſe fort,„daß eine ältere Dame die Vermittlerin zwiſchen meinen Patientinnen und mir war, aber ich muß noch erwähnen, daß ſie nicht die am wenigſten kranke war, obſchon ſie ſich mit einer Seelenſtärke beherrſchte, die ich bewundern mußte. Die Qualen, die ſie am Krankenbett ihrer Mündel erlitt, bewieſen, wie ſehr ſie ſich über den Fall des jungen Mädchens grämte, obſchon ſie ſich ſelbſt deshalb mehr anklagte als die Schuldige. Landers Tod wirkte ebenfalls tief auf ihre bereits auf⸗ geregte Seele. Altersſchwäche, phyſiſche Leiden und eine tief eingedrungene Melancholie brachen auf einmal ihre letzten Kräfte. Ich bin überzeugt, daß Landers Tod... obſchon ich nicht weiß, in welchem Verhältniß ſie zu demſelben ſtand... ihr den Todesſtoß verſetzte. Sie bekam einen Schlag und als ich ihr zu Hülfe eilte, fand ich ſie todt. Jetzt ſtand ich zwiſchen zwei Leichen, der des Barons Lander und der alten Dame, neben den Br —2 4— 4 5 1 252 Betten zweier kranken Damen. Meine Stellung war nicht angenehm, aber ich beſaß guten Muth und that Alles, was meine Pflicht forderte.“ Roman hatte zu wiederholten Malen angedeutet, wie ſehr Wolkmaan durch ſein Bekenntniß angeſtrengt wurde, aber auch der Capitän fühlte ſich jetzt müde und pauſirte hier. Paul hatte allen ſeinen Mittheilungen eine unab⸗ läſſige Aufmerkſamkeit geſchenkt. Er wollte mehreremal ſeinen Freund unterbrechen, um nähere Aufſchlüſſe zu verlangen, aber er unterdrückte dieſen Wunſch, um den Gang der Erzählung nicht zu ſtören. Als Roman jetzt Athem ſchöpfte, konnte er die Fra⸗ gen, die lange auf ſeinen Lippen geruht hatten, nicht mehr zurückhalten. „Aber wie ſoll man dieſe ganze Geſchichte Wolk⸗ manns erklären?“ ſagte er.„Sie ſcheint mir allerdings einige Umſtände, die wir bereits kannten, zu beleuchten, aber die handelnden Perſonen haben ja keine Namen.“ Abrahams Augen hafteten auf Paul. Ein liſtiger Ausdruck der Zufriedenheit glitt über ſein Geſicht. In⸗ der Abſicht aufzuſtehen, ergriff er mit beiden Händen die Stuhllehne, verblieb aber in dieſer Stellung. Die Baronin Lander und Gabriele fühlten beide die Wichtigkeit des Augenblicks. Keine von ihnen kannte die Intrigne, die Wolkmann jetzt erzählt hatte, genau, aber ſie wußten doch ſo viel davon, daß ſie von ſtarken und mächtigen Gefühlen durchbebt wurden, die indeß bei beiden einen ſehr verſchiedenen Charakter annahmen. Gabriele ſchämte ſich, aber ſie hoffte. Die Baronin ver⸗ war that utet, eengt und nab⸗ emal zu den Fra⸗ nicht eide unte nau, rken bei nen. ver⸗ ſchloß ſich furchtſam in ſich ſelbſt. Che Paul bemerkte, daß in der Erzählung Wolkmanns kein Name vorkomme, war dies auch ihnen aufgefallen. Während ſie lauſchend Romans Antwort erwarteten, ſtanden ihre Herzen ſtill. Ohne daran zu denken, öffneten ſie die Thüre immer mehr, und ohne daß ſie es ſelbſt wußten, beugten ſie ſich vorwärts. 1 Roman und Paul kehrten ihnen in dieſem Augen⸗ blicke den Rücken. Abraham beugte ſein Haupt auf die Seite und war in eine ſtille Ueberlegung verſunken. „Erhalten wir,“ fuhr Paul gegen Roman fort,„keine beſtimmten Aufſchlüſſe darüber, wer die in die Intrigue verwickelten Perſonen ſind, ſo ſtehen wir noch auf dem⸗ ſelben Punkt wie früher. Wer war dieſe alte Dame, welche Wolkmann die Schande ihrer Nichte anvertraute, und wer war dieſe Nichte? Wer war dieſer Freund, der Geſchäftsmann, der ihm die unglückliche Lage der jungen Dame anvertraute, und wer war dieſe Dame? Was wurde endlich aus ihren Kindern, und iſt von der Ver⸗ anlaſſung, ſo wie von den Details der Ermordung des Barons Lander ihr nichts weiter bekannt geworden?“ Bei jeder Frage legte ſich eine düſtere Runzel in Romans Stirne. Man konnte ſeine Antwort in der Be⸗ kümmerniß leſen, die ſich darin ausdrückte. Gabrielens Blicke, die kaum noch ſo gierig auf Paul geheftet geweſen, ſenkten ſich zu Boden. Ihre Füße wankten und ſie ſtützte ſich an die Thüre. Er hatte das Wort Schande gebraucht, und ſie fühlte ſich muthlos und zermalmt. In der Baronin ging ein entſetzlicher Kampf vor. re 4 8, 68 254 Wie viel kam nicht auch auf Romans Antwort an? In den düſtern Runzeln auf ſeiner Stirne ſah ſie nur droh⸗ ende Wolken, in ſeiner Bekümmerniß ſah ſie nur ein ſchmerzliches Leiden, in Folge deſſen, was er, wie ſie vermuthete, mitzutheilen hatte. So kalt, ja ſogar hart ſie ſonſt in der Stunde der Gefahr war, ſo hatte gleich⸗ wohl aller Muth ſie jetzt verlaſſen. Nur Abraham ſchien vollkommen ruhig. Seine gro⸗ ßen Augen rollten nicht mehr, er hatte ſie nur vom Bo⸗ den aufgeſchlagen und ſtierte jetzt Roman an.; Paul beugte ſich vor, als wollte er Romans Geſicht noch beſſer ſtudiren. „Du antworteſt mir nicht,“ ſagte er.„Sollte Wolk⸗ mann die Antwort auf alle dieſe Fragen ins Grab mit⸗ genommen haben?“ „Das hat er auch,“ antwortete Roman endlich. „In der That ſelbſt beſinden wir uns noch bei unſerem Ausgangspunkt.“ Paul ließ verzagt den Kopf ſinken. Gabrielens Bruſt wurde von einem Seufzer gehoben; ſie wußte nicht, ob ſie ſich beklagen oder Gott danken ſollte. Die Baronin athmete leichter. Es kam ihr vor, als ſei eine große Gefahr an ihr vorübergeſchwebt. Ein übermüthiges Lächeln breitete ſich indeſſen über Abrahams Geſicht und er erhob ſich jetzt. „Hören Sie mich an,“ ſagte er. 3 Abraham war inzwiſchen vollkommen ſtill geblieben und ſeine Aufforderung kam ganz überraſchend. Verwirrt und fragend blickten die Anweſenden zu ihm empor. „Sie wollen wiſſen, wer die ältere Dame war, die Wolkmann ihre Mündel anvertraute?“ „Ja, ja!“ „Es war die Oberſtin Reuter. Sie wollen wiſſen, wer der Handelsmann war, der Wolkmann das Geheim⸗ niß einer jungen Dame anvertraute?“ In oh⸗ ein ſit art ch⸗ ro⸗ Bo⸗ icht olf⸗ nit⸗ lich rem lens ißte Die eine ber den zu die ſſen, eim⸗ „Sprechen Sie, ſprechen Sie!“ „Das war Ihr Vetter, Franz Kellner.“ „Sie wollen wiſſen, wer die beiden jungen Damen waren, die unverheirathete und die verheirathete?“ „Um alles in der Welt unterbrechen Sie ſich nicht ... fahren Sie fort, fahren Sie fort!“ „Ich will ſie Ihnen zeigen.“ In der Abſicht, Gabriele und die Baronin zu holen und hereinzuführen, wandte ſich Abraham jetzt gegen die Thüre. Paul und Roman folgten ihm aufmerkſam und ihre Blicke hafteten plötzlich auf Gabrielen, deren Wangen in Weiß und Roth wechſelten, und auf der Baronin, die von einer eiſigen Kälte geſchüttelt wurde. „Sehen Sie da,“ fügte Abraham hinzu,„da ſehen Sie beide.“ Ergriffen von den ſo ſchnell auf einander folgenden Erklärungen, ſtanden alle Anweſenden wie in Bildſäulen verwandelt da. Einen Augenblick betrachtete man einander mit un⸗ verwandter Aufmerkſamkeit. „Sie wollen wiſſen,“ fuhr Abraham fort,„was aus den Kindern geworden iſt, deren Mütter Sie vor ſich ſehen?“ Eine heftige, unmittelbare Erregung durchlief die Anweſenden. „Ich ahne,“ ſprach Abraham weiter,„ich hoffe es beweiſen zu können, daß Sie, Herr Paul, in einer dieſer Damen Ihre Mutter vor ſich ſehen; moͤgen dieſe Da⸗ men ſelbſt entſcheiden, welche von ihnen es iſt.“ Ein wunderbares, unerklärliches, warmes Gefühl erweiterte Pauls Bruſt. Gabriele und die Baronin fühlten ſich wieder be⸗ lebt, aber auf verſchiedene Arten. Gabriele wurde von einem holden, ſanften Ent⸗ zücken durchſtröͤmt. Es war ihr nicht, als wäre ſie aus 256 einem Traume erwacht, ſondern vielmehr, als wäre ſie in einen ſolchen eingewiegt worden. Die Baronin dagegen empfand Mißvergnügen, Bir⸗ terkeit, beinahe Haß. „Sie ſind ein Betrüger, Abraham,“ fiel ſie ein, indem ſie kühn ihren Kopf zurückwarf und alle ihre Kräfte wiederfand.„Ich läugne, was Sie geſagt haben.. hören Sie... ich läugne es.“ Gabrielens Seele ſtrahlte aus ihren Augen Paul entgegen. Ibr Herz flog zu ihm, und der Stimme ihres Gefühls gehorchend ſank ſie zu Pauls Füßen nieder und umfaßte ſeine Kniee. „Ich bete zu Gott, daß Abraham die Wahrheit ge⸗ ſprochen haben möge. Möge die Vorſehung mir die Freude vergönnen, einmal meinen Sohn umarmen zu dürfen! Auf der Erde hege ich keinen ſehnlicheren Wunſch. Eine Umarmung von ihm.... dann möchte ich gerne ſterben und ich würde genug gelebt haben.“ Ihr Geſicht glänzte von ſanfter und heiliger Fröm⸗ migkeit, während eine Thräne gleich einer klaren Perle über ihre Wange hinabrollte. Sobald Roman die letzte Angabe Abrahams hörte, trat er vor, offenbar in der Abſicht Etwas zu ſagen; aber das Wort erſtarb auf ſeinen Lippen, als er das Gebet aus Gabrielens Herzen ver⸗ nahm. „Madame,“ ſagte er inzwiſchen eine Weile nachher, indem er ſich tröſtend zu ihr hinabbeugte,„die tiefe Rüh⸗ rung, welche Sie ergriff, flöſt mir Achtung und Theil⸗ nahme ein; aber hier findet ein Irrthum ſtatt. Paul kann nicht Ihr Sohn ſein.“ „Barmherziger Gott, ſollte er es nicht ſein? Mein Herr, tödten Sie nicht die Hoffnung in meiner Seele.“ „Erlauben Sie mir Ihnen vorzuſtellen, was Wolk⸗ mann mir geſagt hat. Sie geben zu, daß die ältere Dame, von welcher Wolkmann ſprach, Ihre Tante, die Oberſtin Reuter war?“ 257 ſi„Ja, ja., „Sie geben auch zu, daß diejenige Dame, deren it Geheimniß ſie ihm anvertraute, Sie ſelbſt waren?“ 1„Das war ich... allerdings... ja, jo a. in„Sie dagegen, Frau Baronin, läugnen alle Kennt⸗ uiß deſſen, was hier erzählt worden iſt?“ ä Die Baronin hatte ihre Kälte, ihre gewöhnliche „ Selbſtbeherrſchung wieder gewonnen. „Ich geſtehe,“ antwortete ſie,„daß ich mich um die un Zeit, wo dieſe Ereigniſſe eintrafen, in Grosſmeſtad auf⸗ n hielt, wie auch, daß ich ſchwer erkrankt war.... eine 4 Krankheit, die durch den ſchauerlichen Tod meines Man⸗ nes hervorgerufen wurde... ferner daß Wolkmann mein Arzt war; ſonſt aber habe ich nichts zu geſtehen.“ 6 Pauk hatte im Begriff geſtanden, ſich in Gabrielens zu Arme zu werfen, einen ſo lebhaften Eindruck hatten ihre 9. Worte auf ihn gemacht; aber Romans Bemerkung hielt ne ihn davon zurück. Abraham bezweifelte die Richtigkeit ſeiner Angabe n⸗ in Bezug auf Pauls Geburt nicht. Nicht blos ſtimmte ſo natürlich le ſein Alter damit überein, es kam ihm auch ſ te vor, daß die Oberſtin Reuter ihn ſchon als zartes Kind, er da ſie ihn nicht ſelbſt anerkennen wollte, einem Manne en übergeben habe, den ſie nicht blos kannte, ſondern der r⸗ auch im Begriff ſtand, das Vaterland zu verlaſſen und ſich in die neue Welt zu begeben. 5 Da jedoch Roman ſich ſeiner Anſicht widerſetzte, ſo 3 begannen ſeine Augen von neuem hin und her zu rollen, t während er mit ſeinem ganzen Scharſſinn nach irgend ul, einem Fehler in der Logik des Kapitäns ſuchte, um den⸗ n felben auszubenten und ſeine Anſicht zu nichte zu ma⸗ chen. 4 Roman, der von ſeinem eigenen Gedanken ergriffen * war, folgte den Bewegungen der Uebrigen nicht. e„In jedem Fall,“ ſagte er,„können Sie, Frau Ba⸗ ie Das Gewiſſen. IV.. 47 258 Lonin, Ihre Bekanntſchaft mit der Oberſtin Reuter nicht Ka in Abrede ziehen, und da wiſſen Sie gewiß auch, daß ſme ſie eine Perſon in ihrem Dienſt hatte, für welche ſie das große Freundſchaft hegte. we „Ach ja,“ fiel Gabriele ein,„ich erinnere mich ihrer, obſchon ſie für mich gleichſam aus der Welt verſchwun⸗ den iſt. Sie hieß...“ „Martha.“ Abrahams Augen blinkten dabei und er lächelte auf we eine unerklärliche Art. 4 Auch die Baronin gab zu, daß ſie Martha gekannt the habe. bo „So laſſen Sie uns auf Wolkmanns Mittheilungen In zurückkommen,“ begann Roman wieder. 1 .„„Wolkmanns Mittheilungen? Was meinen Sie da⸗ ⸗ 1 mit?“— „Eben ſo wenig,“ fuhr Roman fort,„als Paul es unterlaſſen konnte, die Fragen an mich zu ſtellen, die er Lo vorhin machte, eben ſo wenig konnte ichs unterlaſſen, ſie an Wolkmann zu ſtellen.“ G „Nun?“ A .„Abraham hat einige von ihnen erklärt, über welche Wolkmann Aufſchluß verweigerte.“ ka „Nun und dann?“ „Zwei Fragen bleiben noch unausgemittelt.“ 4 m „Welche?“ „Das Schickſal, das die neugeborenen Kinder be⸗ traf.“ „Sie haben Recht.“ ſi „Und das Detail von Baron Landers Tod.“ ſi „Auch das.“ 3 1 „Die Kinder wurden ſogleich nach ihrer Geburt d Martha übergeben.“ 3 b „Martha... ach was höre ich?“ in Wolkmann verſicherte mit der ganzen Wahrheits⸗ 9 liebe eines Sterbenden, daß er einige Jahre nach der n 2⁵9 Kataſtrophe ein paar Orte in der Gegend von Gros⸗ ſmeſtad beſucht und da die beiden Kinder geſehen habe; das eine war bei Martha und das andere ein Stück weit davon bei einer andern alten Frau. „Er hat ſie geſehen?“ „Daraus folgt...“ „Was folgt daraus 2 „Daß Paul unmöglich eines von ihnen ſein kann, weil er damals bereits ein paar Jahre in Amerika war. Wolkmann beſchrieb die Kinder. Der Knabe... Mar⸗ thas Pflegeſohn war ein Knabe... wurde auf Aſen ge⸗ boren und war ein geſunder, ſchwarzhaariger, kräftiger Junge.“ 3 8 Gabriele lauſchte mit ihrer ganzen Seele. „Das andere Kind war ein Mädchen, ſchwach und ſchmächtig. Es war von Grosſmeſtad.“ Die Baronin Lander wandte ſich mit dem halben Leib von den übrigen ab. „Und Sie ſind deſſen ſicher, was Sie ſagen?“ fragte Biſſäle⸗„Marthas Pflegeſohn war ein Knabe von ſen.“ „Es iſt ein Sterbender, der es geſagt hat. Wer kann ſeine Worte bezweifeln?“ „Dieſer Knabe war alſo mein. Ich danke dir, Him⸗ mel, denn jetzt weiß ich etwas.“ Gabriele verſank in ſich. Wolkmann ging darauf zum Morde über. Die Baronin bewegte ſich nicht vom Platze. Da ſie ihrer ſelbſt vollkommen mächtig ſein wollte, ſo blieb ſie auch ganz unbeweglich. 4 Wolkmann begann... er ſtammelte einige Worte... die Töne wurden immer undeutlicher... er hatte ſich bereits über ſeine Kräfte angeſtrengt... eine Ader war in ſeiner Bruſt geſprungen... das Blut drang mit au⸗ genblicklicher Haſt bis in ſein Geſicht herauf, um im nächſten Augenblick eben ſo ſchnell wieder zu verſchwin⸗ “ 4 8 260 den... Wir eilten hinzu... Wir glaubten, daß er ſter⸗ ben würde... aber die Kriſis verwandelte ſich in einen Blutſturz.. „»lind... „Er mußte ſeine Erzählung unterbrechen, und von dieſem Augenblick ſprach er nicht mehr, obſchon er uns zu verſtehen ſchien. Auf alle Fragen, die ich an ihn ſtellte, murmelte er Martha's Namen als Antwort. Er ſchien mich an ſie verweiſen zu wollen wegen der Kinder, wegen des Mordes... „An Martha?“ „An ſie, ja.“ „Sie iſt gewiß todt.“ „Ganz ſicher todt.“ 4 „Welch ein entſetzliches Unglück! Alle diejenigen ſind todt, die das Dunkel in dieſen Ereigniſſen aufklären könnten.“ 3 „Noch einmal, hören Sie mich an,“ bat Abraham. „Es ſind noch nicht alle todt. Martha lebt noch.“ „Sie lebt? Wo?“ 5 „Hier.“ „Hier?“ „Sie iſt drinnen im Zimmer.“ „Welch ein Glück! Wir können alſo mit ihr ſpre⸗ chen. Sie wird uns ſagen, was ſie weiß. Das Dunkel wird ſich erhellen.“ „Es wird ſich erhellen,“ ſagte Abraham,„und ich glaube noch immer, aus ihrem Zeugniß wird hervor⸗ gehen, daß Paul Kellner der Sohn iſt von...“ Er vollendete ſeinen Satz durch eine bedeutungs⸗ volle Bewegung mit der Hand. „Martha mag ſprechen,“ fügte er hinzu und ent⸗ fernte ſich nach der Thüre im Hintergrund. Abraham empfand jedoch Etwas, das einem kalten Schweiß glich, als er ſich jetzt an den Wahnſinn Mar⸗ thas erinnerte. Romans Aeußerung hatte ſeine Hoffnung —g ſter⸗ inen von uns ihn Er der, ſind ären am. pre⸗ nkel ich vor⸗ igs⸗ ent⸗ lten ar⸗ 261 Paul Eltern zu verſchaffen, bedeutend herabgeſtimmt, und er begann jetzt auch zu fürchten, daß er ſich von den Re⸗ ſultaten des Eindrucks, welchen der Anblick Gabrielens und der Baronin auf ſie hervorbringen würde, übertrie⸗ bene Vorſtellungen gemacht habe. Sämmtliche Anweſenden ſahen der Erſcheinung Mar⸗ thas mit einem Intereſſe entgegen, das in dieſem Augen⸗ blick von nichts anderem aufgewogen werden konnte. Von Abraham geführt, trat ſie nach einer Weile ein. Ihr Ausſehen war wie gewöhnlich verwirrt. Die grauen Haare hingen zerzaust um ihren Kopf herab. Beim Anblick der ſtill und langſam heranſchreitenden Martha wurden alle von einem unheimlichen Gefühl er⸗ griffen. Man hatte ſich zwar ihren Wahnſinn und nament⸗ lich den Grad deſſelben noch nicht eingeſtanden, aber ihr Anblick allein ſchon flößte eine Ahnung deſſelben ein. Gabriele, welche ihr hatte entgegeneilen wollen, zog ſich erſchrocken zurück. Etwas ſpäter kam der Doktor hinter Abraham. Man muß ihm zu ſeiner Ehre nachſagen, daß der Einfall mit Martha nicht von ihm gekommen war, daß er aber bei ſeiner Abhängigkeit von dem Juden dieſen bei ſeinem Plan nicht verhindert hatte. Martha ſagte nichts, fuhr aber fort, heranzukom⸗ men und blickte verwundert um ſich. Alle Anweſenden blieben ſtill, unbeweglich, aufmerkſam. „Ich habe Furcht,“ ſagte ſie endlich,„heiliger Vater, führe mich hinweg, ich habe Furcht.“ „Weißt Du, wo Du biſt?“ fragte Abraham. 42„ 8— “ 88 262 „Ja, ja.“ „Sieh Dich um, kennſt Du niemand hier?“ „Ich kenne ſie.“ Martha war ruhiger, als gewöhnlich, und drückte ſich mit langſamer, aber nur halblauter Stimme aus, Abraham blieb mit ihr vor Gabriele ſtehen. „Kennſt Du dieſe Dame nicht?⸗ fragte er wieder. „Sie ſieht mich an, hu, hu, hu!“ Er führte ſie darauf zur Baronin. „Du erkennſt wohl auch dieſe Dame wieder?“ „Ja, ja, heiliger Vater, ja! Aber,“ fügte ſie flüſternd hinzu,„Du mußt mir ſagen, warum Du mich hieher geführt haſt.“ „Hieher?“ „In dieſen Grabchor„.. ja.. Du mußt es mir ſagen... aber leiſe, heiliger Vater, leiſe... Treffe ich meine Kinder hier?“ „Du erkennſt alſo dieſe Damen wieder?“ 4 „Sie haben einmal gelebt, ja, aber jetzt ſind ſie todt. Siehſt Du, wie blaß ſie ſind? Still... Du darfſt nicht ſo laut reden, Du könnteſt ſie wecken; hu, hu, hu, es iſt kalt, ich friere. Siehſt Du,... ſiehſt Du... jetzt bewegt ſie ſich dieſe Leiche da... auch dieſe da... heiliger Vater... rette mich... Sie ſchauen mich an... ſiehſt Du?⸗ Martha wurde nicht ſo ergriffen, wie Abraham er⸗ wartet hatte. Er wandte ſich mit einem fragenden Blick an den Arzt, der jedoch that, als ob er ihn nicht ver⸗ tände. 1 Abraham hatte ſie zu Paul vorgeführt. „Kannſt Du Dich erinnern,“ fragte er,„wer es iſt, den Du jetzt vor Dir haſt?“ Sie ſtierte ihn an. „Ja gewiß,“ flüſterte ſie,„auch ihn kenne ich.“ „Wer iſt es?“ 1 „Er iſt es nicht,“ ückte 263 „Welcher er?* „Nicht mein Sohn.“ Sie ſprach mit Abraham ganz wie im Vertrauen. „Aber kannſt Du mir nicht ſagen, wer es iſt?“ „Er iſt nicht mein Sohn... er iſt ein anderer irgend ein anderer.. 341 „Kennſt Du ihn nicht?“ Martha ſtierte wieder, aber dießmal ſtierte ſie Ab⸗ raham an, der in der That ſelbſt beinahe verzweifelte über ſeinem mißlungenen Verſuch, eine Wahnſinnige zum Verſtand zurückzubringen. Hätte er ſich allein mit ihr befunden, ſo dürſte ſie ſehr handgreiflich ſeinen Zorn empfunden haben, aber jetzt nahm derſelbe eine andere Wendung. „Du kennſt alſo niemand hier?“ fragte er ſie mit Verdruß in Stimme und Geberden. Kannſt Du Dich denn auch nicht an Deine alte Gebieterin, die Oberſtin Reuter, erinnern?“ Abraham erinnerte ſich ſehr wohl, daß er ſchon früher einmal dieſelbe Frage geſtellt hatte, ohne eine genügende Antwort erhalten zu können, indeß erneuerte er ſie abſichtlich, weil er glaubte, das Gedächtniß beruhe bei einem Wahnſinnigen hauptſächlich auf dem Zufall. Aus dem Ausdruck in Marthas Geſicht zu ſchließen, ſchien er hierin auch Recht zu haben. Sie lachte nehmlich jetzt nicht, ſondern ſtrich bedenk⸗ lich die grauen Haarflechten aus dem Geſicht. „Reuter, Reuter,“ wiederholte ſie den Namen der Oberſtin. ,ſt Fräulein Gabriele da? Erinnerſt Du Dich ihrer anch nicht?“ „Gabriele,“ ſtammelte ſie, Gabriele.“ „Und die Baronin Lander? An ſie erinnerſt Du Dich wohl?“ „Lander... Lander...“ „Und ihre Kinder... erinnerſt Du Dich nicht.. 8 7 —— 264 nicht mehr an den Pflegebruder Deiner eigenen Kinder?“ Bei dieſer Frage veränderte ſich Marthas Ausſehen auf einmal. Eine ſchreckliche, wilde Flamme leuchtete in ihrem Geſicht. Die Lippen begannen von nervöſen Zuckungen erſchüttert zu werden. Die Töne, die übel ſie kamen, waren nicht Worte, ſondern unartikulirte, hervorgeſtoßene Lante. „Ihn... ihn...⸗ ſtammelte ſie, als ſie endlich ihrer ſelbſt mehr mächtig wurde,„hätte ich ihn hier... den Löwen... der meine Kinder zu Grunde gerichtet hat... der ſie ins Verderben gelockt hat... meine armen Kinder... Belzebub... haſt Du eine Tigerin geſehen... nimm dich in Acht... die Hölle wird die Hölle zermalmen. Der Löwe wird von Löwenklauen zer⸗ riſſen werden, wo iſt er... wo iſt er?“ Ihre Blicke flogen wild umher, und hafteten endlich auf Gabriele. „Glauben Sie nicht, daß ich Sie wieder erkenne? He, he, he! Verdammt ſeien Sie und er... der Löwe... er hat meine Kinder verführt, und ihre Mutter betrogen. Möge die Erde ihren Abgrund unter ihm eröffnen... verflucht... verflucht... hüte dich, Löwe, der Tiger kommt...⸗ Marthas Angriff auf Gabriele war furienartig. Gabriele fühlte ſich von einem heftigen Unwohlſein er⸗ griffen. Paul eilte ihr zu Hülfe. „Berlaſſen Sie mich nicht,“ flüſterte ſie.„Ich glaube, ich erſticke.“ Du haſt ja eins davon aufgezogen. Erinnerſt Du Dich „Ihr Schmerz,“ flüſterte aul,„macht mich zu 3 mehr als zu Ihrem Freund, er macht mich zu Ihrem Sohn in meinem Herzen. Ich werde Sie nicht verlaſſen. Stützen Sie ſich auf meinen Arm.“ Marthas Wahnſinn nahm eher zu als ab. Unter gräßlichen Grimaſſen ließ ſie ſich gegen Gabrielens Sohn aus, den ſie fortwährend den Löwen nannte. Flüche und Dich r?“ ehen tete öſen iber rte, lich htet ine rin die Hohngelächter wechſelten mit einander. Der Schaum ſtand ihr um den Mund. Ihre Verzweiflung über den Verluſt ihrer Kinder war gräßlich. Sie war eine zweite Gudula, die hier in wahnſinnigen Ergießungen ſich ihrem unheimlichen Kummer überließ. Das Leben und die Welt verhöhnend, ſchloß ſie mit einem wilden Lachen, und ſtürzte dann auf die Thüre zu. „Ich will meine Kinder ſuchen,“ rief ſie,„ich will mit den Wolken fliegen, ich will mit den Strömen der Klippen weinen, ich will mit den Winden des Waldes klagen, und früher oder ſpäter werden ſie mich hören. Fort von hier... ich will frei ſein... frei... frei... ha, ha, ha!“ Und ſie ſtürzte hinaus. Alle ſtanden von Entſetzen ergriffen da. Gahriele war unmächtig in ein anderes Zimmer getragen worden. Nur die Baronin hatte ſich in ihrer Art an der entſetz⸗ lichen Laune erfreut, weil der Sturm mit etwas in ihrem Innern harmonirte, was ſie unter den Umſtänden, worin das Mittel ſie verſetzt, zwar zu unterdrücken, wenigſtens zu verbergen gewußt hatte, aber dennoch bei ſich lebendig fühlte. Roman hatte mit dem vollen Verſtand eines ruhigen und ernſten Mannes die Ausbrüche von Marthas Wahnſinn beobachtet, um das Vernünftige, was mög⸗ licher Weiſe in der Tiefe deſſelben liegen konnte, nicht zu verlieren. Abraham dagegen ſank in ſeinen Lehnſtuhl nieder. Er betrachtete ſeinen ganzen Plan als miß⸗ lungen, und achtete nicht mehr auf die Worte der Wahnſinnigen. Erſt als Martha zur Thüre hinaus ſtürzte, fuhr Abraham aus ſeinen traurigen Betrachtungen auf. 3„Verſchließt die Thüre, haltet ſie feſt... eilet ihr nach...“ rief er, indem er ſelbſt an die Thüre ſprang. Abraham hatte keine Luſt, die Thürhüterin ſeines Mammonstempels, der ſchon oben beſchriebenen Silber⸗ 267 Abraham ſprach in einem höhniſchen Tone. „Ha, mein Herr...“ „Oder vielleicht haben Sie mehr Vertrauen zu Ihrem Vetter Paul?...“ Abraham war bitter. Kellner wandte ſich von ihm ab, und die Arme über ſeine Bruſt gekreuzt, betrachtete er ſeine noch be⸗ wußtloſe Gattin. Roman blieb gleichgültig gegen alle Seitenaugriffe und Nebenausflüchte. Seine Gedanken waren treu und beharrlich mit der Ausmittlung der ſchrecklichen Kataſtrophe beſchäftigt, die vor etlichen und zwanzig Jahren auf Aſen und Großſmeſtad eingetroffen war. „Entſetzlich,“ murmelte er vor ſich hin, als er Abraham verließ;„Martha iſt die einzige lebende Seele, die jetzt noch über dieſe Ereigniſſe Beſcheid geben könnte, und ſie iſt wahnſinnig.“ Siebenzehntes Kapitel. Der Arreſt Nro. 5. Die Polizeiſtube. Der Gang der Geſchichte führt uns jetzt in den Kaſtenhof. Wenn man von der Malmmarktſtraße nach dem Kaſtenhof hinkommt, ſo liegt die Gefängnißthüre ſogleich links. Eine Treppe führt zu den Gefängniſſen hinan, welchen entlang ein Corridor ſich erſtreckt. Für Männer finden ſich hier vier Stuben, nämlich die Num⸗ mern 2, 3, 4 und 5. Für Weiber dagegen nur eine einzige, nämlich Nro. 6. Nach Nro. 1 kommen ſolche 268 Perſonen, die zu Waſſer und Brod verurtheilt ſind. Im Kaſtenhof oder auf dem Stadthaus in Södermalm ſperrt man alle diejenigen ein, die noch kein Polizeiverhör überſtanden haben. Da die Polizei nicht ſelbſt abur⸗ theilt, ſondern die Prozeſſe an das Rathhausgericht ver⸗ weist, ſo werden auch die Gefangenen in die Zellen unter dem Rathhaus gebracht, von wo aus ſie, je nach der verſchiedenen Beſchaffenheit des Verbrechens, nach der größeren oder geringeren Strenge der Richter, in die Correktionsanſtalten oder Feſtungen des Reiches ge⸗ ſandt werden. 4 Wir haben erzählt, daß der alte Brauner nebſt dem Fuchs, dem Schmiedlehrling Andreas Kullblom, dem Invaliden Schwerdt und noch einigen Andern ergriffen und abgeführt worden ſind. Im Wachtzimmer wurden ſie von einem ungewöhn⸗ lich kleinen, aber durch ſeine Dicke und ſeinen Umfang noch ungewöhnlicheren Mann empfangen, deſſen Koſtüm den erſten Polizeigerichtsdiener verkündete. Sein rundes und rothes Geſicht war ein Schild, welcher von ſeiner raſtloſen Sorgfalt für ſein eigenes Wohlbefinden zeugte. Auch war er nicht blos der erſte Aufſeher im Hauſe, ſondern er verband damit auch eine ſehr einträgliche Speiſeanſtalt für die Gefangenen. Wie hätte er ſich anders als wohl befinden können, da die Polizei ſelbſt ſich die Mühe nahm, ihm tagtäglich neue Kunden zuzu⸗ führen? Nachdem man die jetzt ergriffenen Gefangenen ſtreuge durchſucht und ihnen alle verbotenen Gegenſtände abge⸗ anommen hatte, wurden ſie nach Nro. 5 geführt. Es war bereits Nacht, als ſie in den Arreſt ein⸗ traten. Bei der Laterne des Gefangenwärters ſahen ſie einige andere Burſche, die ſchon vor ihnen da waren, auf Pritſchen liegen. Die Stube Nro. 5 iſt ſehr groß, hat aber blos ein —,—&O Se 269 einziges Fenſter, durch welches ein höchſt ſpärlicher Theil des Nachthimmels ſichtbar war. Die neuen Ankömmlinge blieben unmittelbar vor der Thüre ſtehen. Der Fuchs, der natürlich als ihr Anführer galt, wollte hören, was für Leute ſchon vorher da ge⸗ weſen ſeien, und er wußte nur zu gut, daß ſie ſich bald genng hören laſſen würden. Wenn ein Verhafteter, der ſich ſeines Verbrechens bewußt iſt, in ein Gefängniß, und beſonders in ein Unterſuchungsgefängniß tritt, ſo verſteht er es, vorſichtig zu ſein. Wir haben ſchon weiter oben erwähnt, daß ſich in jedem Gefängniß ein Präſident befindet. In den Unter⸗ ſuchungsgefängniſſen kommt dieſe Würde denjenigen zu, die ſchon die längſte Zeit da geſeſſen haben. Auf den Präſidenten kommt viel an, weil die Ver⸗ hältniſſe im Gefängniß durch ihn in ſehr vielen Be⸗ ziehungen ihren Charakter erhalten. In den Strafgefängniſſen liegen die Intereſſen der Verbrecher gar zu ſehr in der Hand des Präſidenten, als daß da nicht die Zeit allein ſchon einen gewiſſen Vorzug ſchenken ſollte. In den Unterſuchungsgefäng⸗ niſſen dagegen, wo man oft nur ſehr kurz beiſammen iſt, kommen ſelten größere Intereſſen zur Frage, und man erkennt alſo denjenigen, der ſich am längſten an Ort und Stelle aufgehalten hat, als Vorgeſetzten an. Unter den Obliegenheiten des Präſidenten mag hier noch erwähnt werden, daß er an der Thürluke die Speiſen in Empfang nimmt, und unter die Uebrigen vertheilt. Ferner weist er jedem neuen Ankömmling. ſeinen Platz auf der Pritſche an, wobei die reinlichſten und ſauberſten immer den beſten, die ſchmutzigſten und unflätigſten aber den ſchlechteſten erhalten, ja ſogar einen Platz auf dem Boden, der hier den eigenen Namen Ungezieferpritſche führt. Abgeſehen davon, ob nun der Präſident ſelbſt ein Spitzbube iſt oder nicht, können ſich inzwiſchen in einem Gefängniß immer Leute befinden, zu denen man kein rechtes Vertrauen faſſen kann. Dem Fuchs gebot alſo ſeine Vorſicht, ſich wohl vorzuſehen, oder vielmehr in Folge der Dnnkelheit, die ihn von allen Seiten umgab, wohl zu lauſchen. Der Gefangenwärter war noch beſchäftigt, die Doppel⸗ thüren des Gefängniſſes zu verſchließen, und ſo lange man hörte, daß er ſich nicht entfernt hatte, war alle Urſache vorhanden, ſtill zu bleiben. Bald ſchob indeß der Wärter ſeinen letzten Eiſenriegel vor, und zog den Schlüſſel aus dem Schloſſe. In demſelben Augenblick hörte man auf der linken Seite der Stube ein Getöſe.— Der Fuchs ſpitzte ſeine Ohren. Das Getöſe kam von einem Mann her, der von der Prilſche herab auf den Boden ſprang. „Wie heißt ihr, Kameraden?“ fragte zugleich eine Stimme. Aus Vorſicht bediente ſich der Unbekannte der Diebs⸗ ſprache, die wir hier als zu wenig verſtändlich nicht wiedergeben können. Aber es war nicht das erſtemal, daß der Fuchs ſich in einer ſolchen Lage befand, und auch er wollte ſich nicht durch Uebereilung blos ſtellen. „Was ſitzen hier für Männer?“ fragte er dagegen, ohne ſich auf eine Beantwortung der an ihn geſtellten Frage einzulaſſen. „Tüchtige Diebe,“ antwortete der Unbekannte. „Ja, ich verſtehe.“ „Sind keine Hallunken unter euch, welche die Ver⸗ räther machen?“ fragte derſelbe von Neuem. „Kennſt Du die andern Kameraden oder Brüder hier im Arreſt?“ fragte der Fuchs, der ſeiner Sache noch nicht ſicher war. „Sie ſind alle zuſammen tüchtige Burſche. Kennſt Du die Deinigen?“ G M er ch 271 „Alle bis auf einen Mann, vor dem wir uns fürchten. Gedenkt ihr auszureißen?“ „Ja, wir haben es im Sinn. Sprich Du mit dem Mann, vor dem Du Dich fürchteſt.“ „Habt ihr Licht?“ „Das kannſt Du wohl glauben.“ „Wollt ihr mithalten?“ „Ja.“ „Wann gedenkt ihr durchzugehen?“ „Heute Nacht.“ „Wie könnt ihr es veranſtalten?“ „Durch die Wand.“ „Ganz gut, ich gehe mit.“ „Wen fürchteſt Du?“ „Einen alten Mann.“ 1 Wir haben hier ein kleines Geſpräch anführen zu müſſen geglaubt, dergleichen bei Gelegenheiten wie die gegenwärtige in den Gefängniſſen gewöhnlich ſtattfinden. Als der Fuchs ſagte, daß er ſich auf einen von ſeiner Geſellſchaft nicht verlaſſen könne, meinte er damit den alten Brauner. Inzwiſchen wurde das Licht angezündet, und bei ſeinem Schein erkannten der Fuchs und der Unbekannte einander ſogleich. Letzterer war nämlich kein anderer, als der Stier. Keiner von Beiden hatte den andern hier zu treffen erwartet. „Ihr ſeid,“ rief der Stier,„bei eurem Einbruch bei dieſem Paul Kellner da feſtgenommen worden. Was habe ich euch doch geſagt? Habe ich euch nicht vor dem Löwen gewarnt? Er iſt ein Verräther... denkt an meine Worte. Um euch los zu werden, hat er euch ſelbſt an⸗ gegeben. Darauf ſchwöre ich.“ „Das iſt unmöglich,“ meinte der Fuchs,„ich kann es nicht glauben.“ „Habt ihr euch dumm angeſtellt, oder wen habt ihr ſonſt im Verdacht?“ * 8 „Ich weiß nichts zu antworten; aber der Teufel war dießmal nicht mit uns, das iſt die ganze Geſchichte.“ „Ich glaube, was ich glaube. Ihr müßt wiſſen, daß ich dem Löwen auf der Spur nachfolgte... mich wird er nicht mehr betrügen.“ „Du folgteſt ihm... wer iſt er denn?“ „Ein feiner Schurke, ein vornehmer Dieb.“ „Jetzt lügſt Du, Stier. Ich habe ihn ſchon als Kind gekannt, und habé in der Kunſt, von den Kaſſen Anderer frei zu leben, die Grade mit ihm durchgemacht. Verſtehſt Du, er iſt nicht vornehmer, als wir, aber er i*ſt klüger und kühner.“ „Du biſt ſein närriſcher Bewunderer, und das macht Dich blind. Meine Augen lockt er mir nicht aus dem Kopf, und ich ſchwöre, daß ich ihm folgen will, bis er ſich an meinen Hörneru ſpießt. Ich werde ſowohl euch, als mich rächen, im Fall es uöthig iſt, darauf ver⸗ laßt euch.“ „Tauſend Teufel, Du ſagſt ja gar nicht, wie Du hieher gekommen biſt.“ „Vom Wrack, wo der Löwe uns verließ, begab ich mich in den Thiergarten, und als ich endlich von da wegging, griff mich ein Polizeiheiduk als Landſtreicher auf, und führte mich ſogleich hieher.“ „Ah, blos wegen Landſtreicherei... und doch ſprachſt Du, sglaube ich, vom Durchgehen.“ „Zum Henker, wenn man mich einmal am Kragen hat, ſo wird man wohl allerlei aufzufinden wiſſen, was ich am liebſten für mich ſelbſt behalte, und überdieß, wer geht nicht durch, wenn ſich eine Gelegenheit zeigt? Als ich hieher kam, hatten der Präſident und die andern bereits die Wand durchbrochen, und jetzt handelt es ſich nur noch um das Marſchiren. Ihr geht wohl mit uns. Vor wem fürchteſt Du Dich?“ Der Fuchs deutete auf Brauner. „Ha, der Alte! Unſer weißköpfiger Freund. Aber 2 viel Br alle ſich 273 vielleicht flieht er mit uns. Was ſagen Sie dazu, Brauner?“ Brauner war als alter Kunde des Caffé London in alle Geheimniſſe der Diebe eingeweiht, und man hatte ſich gewöhnlich ſeinetwegen nicht genirt. „Ich fliehe nicht,“ antwortete er ganz kurz und gut. „Sprich Du mit ihm, Fuchs, während wir die Gitter losreißen,“ bat der Stier.„Wir haben immer noch eine Stunde zu thun. Du haſt vielleicht einigen Einfluß auf ihn.“ Die Gefangenen hatten ſich der Diebsſprache bedient, ſo lange ſie einander nicht kannten, und man diplomati⸗ ſirte damit, ſo gut man es verſtand. Trotz des Miß⸗ trauens gegen Brauner ſprach man ſodann ganz ungenirt über Allerkei, weil man in der That nichts hatte, was man verbergen konnte, oder in Folge ſeiner Stellung zu ihnen zu verbergen brauchte. Es handelte ſich ganz einfach darum, ob er ſich bei ihrem Fluchtverſuche betheiligen wolle, oder nicht. Im erſten Fall war die Sache ganz gut, im letzteren konnte man immer befürchten, daß er, nachdem man den Arreſt glücklich verlaſſen hätte, durch Rufen oder andere hörbare Mittel die Wache von ihrer Flucht in Kenntniß ſetzen könnte, ſo daß ſie ſelbſt leicht wieder feſtgenommen wür⸗ den, bevor ſie ſich aus dem Hof entfernt, und alle die Schwierigkeiten überwunden hätten, die auch dort ihrer warteten. Der Fuchs ließ ſich daher jetzt neben Brauner nieder, der in einer Ecke Platz genommen hatte, und ſich gegen die Pritſche anlehnte. Das Gewiſſen. IV. ee “ L — „Sie ſind ein ſonderbarer und unerklärlicher Mann,“ begann er;„Sie haben ſich ſchon zehn bis fünfzehn Jahre bei uns aufgehalten, ohne daß wir Sie begreifen. Es muß irgend ein großer Fluch auf Ihrem Haupte ruhen. Wir haben manchmal von Ihnen geſprochen, und Keiner hat etwas Geſcheidtes über Sie mitzutheilen gewußt. Gleichwohl ſind wir darin einverſtanden, zu glauben, daß irgend ein entſetzliches Ereigniß ſich in Ihrem Leben zugetragen hat, um Sie ins Elend und endlich in unſere Reihen zu werfen.“ Der Fuchs wollte ſich bei Brauner einſchmeicheln, und er ſprach ſo ſchön, als er nur konnte. Brauner dagegen achtete kaum auf das Gerede ſeines liſtigen Kameraden, und beſchäftigte ſich vielmehr mit ſeinen eigenen Gedanken. „Sie müſſen auch zugeben, daß wir Ihnen immer Vertrauen und Freundſchaft bewieſen haben. Wir haben uns nie vor Ihnen eingeſperrt, uns nie zurückgezogen, wenn es ſich darum handelte, einem Armen mit einem Scherflein zu nützen. Unſer Leben, unſern Wandel, un⸗ ſere Gedanken und unſere Geheimniſſe, Alles das kennen, Sie ſo gut, wie wir ſelbſt. Es war dumm, Brauner, daß Sie bei dem Verſuch bei dieſem Herrn Paul da mir in den Weg kommen mußten. In der Stunde der Noth hängt ſich der Dieb, ſo gut er kann, an denjenigen feſt, der auf einigen Schutz rechnen darf, und daran fehlt es Ihnen nicht; wir haben es wohl bemerkt; aber es iſt dennoch beſſer, unabhängig und frei zu ſein... iſts nicht ſo... ſagen Sie mir's... wollen Sie nicht mit uns fliehen?“ „Ich fliehe nicht,“ antwortete Brauner auf die direkt an ihn geſtellte Frage, jetzt ebenſo kurz wie früher. „Ich kann nicht glauben, daß Sie uns zu verrathen. beabſichtigen; wüßte ich das...“ Der Fuchs ballte ſeine Fauſt, und etwas von ſeiner 5 27⁵ heftigen und liſtigen Natur kam dabei ganz unwillkührlich zum Vorſchein. „Fürchten Sie nichts. Ich verrathe Niemand; weit lieber laſſe ich mich ſelbſt verrathen. Beſſer verrathen werden, als verrathen.“ „Das iſt allerdings recht ſchön, Brauner,“ fuhr der Fuchs fort,„aber es ſind dennoch bloße Phraſen... und... und... Der Fuchs bemerkte, daß Brauner eigentlich nur dann auf ſeine Rede achtete, wenn die Sache ihn direkt anging, und er brach ſeinen Satz ab, um einen neuen anzufangen. „Erzählen Sie uns Ihr Leben, die Widerwärtig⸗ keiten, die Sie verfolgt, die Unglücksfälle, die Sie durch⸗ gemacht haben. Wir ſind ja doch Ihre natürlichen Freunde.. mit uns haben Sie gegeſſen, mit uns addn Sie getrunken, kurz und gut, mit uns haben Sie gelebt.“ Brauner heftete nur einen gleichgültigen Blick auf den Fuchs, und verſank dann wieder in ſeine frühere Apathie. „So lange Sie ein ſo geheimnißvolles Räthſel für uns zu bleiben ſuchen, ſo erhebt ſich immer ein Miß⸗ trauen gegen Sie. Das iſt Ihre eigene Schuld, Brauner. Im Uebrigen müſſen Sie zugeben, daß es etwas ſonder⸗ bar iſt, ſich unter uns aufzuhalten, und dennoch niemals an unſern Abentheuern Theil zu nehmen. Sie wollen rein ſein unter den Unreinen, das gelingt nicht immer. Nicht als ob ich es geglaubt hätte, aber ich habe doch den Einen und Andern flüſtern gehört, daß Sie weiter nichts als ein Spion unter uns ſeien. Seien Sie auf⸗ richtig gegen mich, Brauner. Wir ſind nicht ſo gefähr⸗ lich, wie wir ausſehen, das wiſſen Sie ſelbſt am Beſten. Sie antworten mir nicht, Brauner.“ „Ich habe bereits geantwortet, daß ich nicht ent⸗ 276 andere von den Vorſtellungen des Fuchſes einzulaſſen. „Es kann uns ganz gleichgültig ſein, ob Du mit⸗ kommſt, oder nicht; aber nichts bürgt uns dafür, daß Du uns nicht angibſt, ſobald wir hinausgekommen ſind... Du brauchſt blos der Wache zu rufen, oder an die Thüre zu poltern, und man wird uns draußen im Hof auf⸗ greifen.“ „Alles iſt jetzt fertig,“ agte in dieſem Augenblick der Stier vom Fenſter her;„tummle Dich, Fuchs. Wie geht es mit dem alten Brauner?“ „Er will nicht...“ „Dann muß er... führe ihn hieher.“ Sie wußten ſehr gut, wären, es nicht wagen würde, ſie anzugeben. Brauner wurde an die Oeffnung in der Mauer geführt. „Haſt Du nicht Luſt, freiwillig mit uns zu kommen?“ ie.⸗ „So halte ihn hinauf,“ befahl der Stier,„und laß ihn zuerſt hinausklettern. Auf dem Hof können wir ihn dann ſchon mitſchleppen, im Fall er nicht freiwillig echappiren will. Aber hier innen darf er nicht bleiben,“ „Still... ſtill...“ flüſterte der Eine und Andere, „hört ihr?“ Man lauſchte. „Ha, ha, ha,“ lachte ein Dritter.„Ihr habt Angſt, glaub' ich. Hört ihr... es klopft wieder... ha, ha, he! wißt ihr, was das für Schläge ſind?“ „Nein, nein.“ „Juſt dieſes Klopfen ſoll unſere Flucht erleichtern.“ „Wie, was!“ „Ihr kennt den Platz nicht, merke ich. Dieſes Ge⸗ töſe, das euch erſchreckt, kommt von Pferdehufen her... Hört ihr jetzt... wißt ihr nicht, daß wir auf der fliehe,“ verſetzte Brauner noch einmal, ohne ſich auf eine daß er, ſolange ſie zugegen —— — — eine ihr -——-* 277 einen Seite des Hofes einen Stall haben. Begreift ihr jetzt?“ „Es iſt wirklich das Getöne von Pferdehufen.“ „Raſch alſo jetzt fort... wenn die Aufſeher einen Lärm von hier aus hören, ſo werden ſie glauben, es komme von den Pferden. Iſt der Alte in Ordnung?“ Branner war von fünfzehn bis ſechszehn Burſchen umgeben, die ſämmtlich entſchloſſen waren, für ihre Frei⸗ heit Leben und Blut zu wagen. Wenn er ſie verrieth, ſo hätte er ſich ſelbſt getödtet, und der Greis wollte nicht ſterben, weil er noch Vieles hatte, wofür er zu leben wünſchte, weit mehr, als nur für ſich allein. Sich zur Gegenwebr zu ſetzen, wäre ein thörichter Gedanke ge⸗ weſen. Etliche und dreißig derbe Arme erhoben ſich ja hier gegen zwei bereits alte und kraftloſe. „Du ſiehſt alſo,“ bemerkte der Fuchs,„daß Du uns mit Gewalt folgen mußt; warum willſt Du es nicht ebenſo gerne in Gutem thun?“ „Macht mit „Nie,... nie...“ ſtammelte er. mir, was ihr wollt, aber gutwillig folge ich euch nicht.“ „Aber dieſer Widerſtand iſt ja läͤcherlich... hier ſieht Dich ja Niemand.“ 3 „Einer ſieht mich.“ „Wer?“ „Gott!“ „Bah! Schieb' ihn durch das Loch hinaus. Es iſt kaum eine Elle bis auf den Boden hinab.“ Wir müſſen hier erwähnen, daß, obſchon die Arreſt⸗ lokale vom Eingang aus eine Treppe hoch liegen, gleich⸗ wohl die Fenſter derſelben ganz nahe am Boden ſind, weil das Haus auf dem Abhang des Hügels liegt, der von der Malmmarktſtraße gebildet wird. Ein Sprung vom Fenſter aus war alſo ganz und gar nicht gefährlich. Eigentlich braucht man blos hinauszuſteigen. Brauner ließ alles mit ſich machen, was die Andern nur wollten, und er war der erſte, der hinausgelaſſen “ 66 278 wurde. Sobald er auf dem Hof ſtand, folgte ein anderer ſogleich nach, und dann die übrigen. Während dieſer Zeit ertönte dazwiſchen hinein das dumpfe Getöſe der Pferdehufen im Stall. Man hörte ſogar ein Paarmal, wie eine Thüre geöffnet wurde, und ein Wagen in die Remiſe herein rollte... dann wurde alles wieder ſtill. Der Stier und der Fuchs darauf ein, daß ſie ſich, nachdem man ſie kaum v hatte, ſchon wieder auf freiem Fuß befanden. Die ganze Geſellſchaft ſtand jetzt im Hof. erhaftet Wir müſſen im Vorbeigehen dem Leſer eine nähere Beſchreibung von dieſem Hofe machen. Er iſt auf allen vier Seiten von Mauern einge⸗ ſchloſſen, und bildet einen Hinterhof, der, wenn man ſo will, überflüſſig iſt, weil auf dieſe Art eingemauert; aber nothwendig, inſofern ohne dieſen Hof kein Licht in die Gefängniſſe hereindringen könnte, deren Fenſter nach ihm hinausgehen. An die eine Seite des Hofes greuzt ein Wagenhaus und ein Stall von unbedentender Höhe. Dieſes Gebäude hat zwei ziemlich große Doppelthüren, die einzigen Eingänge in dieſe Höhle, welche wir zum Nang eines Hofplatzes erhoben haben. Warum dieſe Thüren ſich hier befinden, iſt nicht ſo leicht auszumitteln. Wir haben uns ſagen laſſen, man habe ſie angebracht, damit es dem Hof nicht an allen Zugängen fehle. Dieß iſt jedoch jedenfalls zweifelhaft, und man könnte eher glauben, ſie ſeien dazu da, um bei allen Gelegenheiten die Flucht der Gefangenen zu erleichtern. Soviel iſt gewiß, daß ein Gefangener, wenn es ihm einmal ge⸗ bildeten ſich nicht wenig 279 lungen iſt, aus dem Gefängniß zu enwiſchen, auf den Thürabſätzen, Thürangeln leicht auf das niedrige Dach klettern kann, von wo aus er nur noch eine kurze und bequeme Promenade auf die Jacobsſtraße hat, wofern ihm da nicht das Unglück in Geſtalt einer nächtlichen Patrouille, eines Polizeidieners oder Stallknechts ent⸗ gegentritt.. Nach dieſen lokalen Aufſchlüſſen ſieht Jedermann leicht ein, daß die Hoffnung der Gefangenen auf eine glückliche Durchführung ihres Vorhabens ganz und gar nicht übertrieben war. 4. Sie beſchloſſen jetzt das Stalldach von vier Plätzen aus, d. h. zwei an jeder Thure, zu beſteigen, und ſo, daß die erſten von denjenigen unterſtützt werden ſollten, die im Hof zurückblieben, die letzten im Hof aber eine Hülfe an denjenigen hätten, die zuerſt auf das Dach hinaufgekommen wären. Um Brauner bekümmerte ſich jetzt Niemand mehr. Sie hatten anch jetzt nichts von ihm zu beſorgen, wei ſie, ſo lange ſie ſelbſt etwas befürchteten, ihn unter ihren Augen hatten. 4 Das Dach wurde ohne alle Schwierigkeiten beſtiegen. Das Gebände iſt auch nicht ſonderlich hoch. Wenn es ſich um die Freiheit, vielleicht um das Leben handelt, ſo verſchwinden gewöhnliche Schwierigkeiten gänzlich. „Laßt uns vorſich tig hinaufkriechen,“ ermahnte der Fuchs. „Nehmt euch in Acht,“ ſagte ein Anderer,„daß wir die Ziegel nicht verrücken; dieß könnte die Stallknechte wecken.“ Man kroch. „Still, ſtill!“ fiel der Stier ein.„Ich höre das Geraſſel eines Wagens.“ Der Stier befand ſich in einiger Entfernung von den Uebrigen, nicht vor ihnen, ſondern ſeitwärts. Es nahte ſich wirklich ein Wagen. — 1— 88 280 „Verdammt,“ fluchte der Fuchs; kommt hieher. Wir müſſen uns auf als möglich platt legen.“ Der Invalide Schwerdt, der, nieder, daß er mit einem Fuchs kam, in deſſen unmittelbar „ich glaube, man dem Dach ſo ſehr h ohne ein Held zu ſein, dennoch hitzig und heftig war, warf ſich ſt o unvorſichtig Theil ſeines Körpers auf den er Nähe er ſich befand. „Du Satanshund,“ brummte der Fuchs, willſt Du mich über das Dach hinabſtoßen?“ Zugleich verſetzte er Schwerdt einen ohne daß der Alte jedoch v „Still... jedenfalls ſtill...“ mit leiſer Stimme.„Haſt Du ſo wenig daß Du Deinen Zorn nicht einmal i wie dieſer, bändigen kannſt?⸗ ſetzt. Schwerdt wollte ſich zur Aerger ſtieß er mit dem Fuß nach dem Hierauf folgte von Seiten des Fu Schlag, der ſeine Verſtand, Fuchs, n einem Augenblick, Der Fuchs hatte Schwerdt noch ei nen Schlag ver⸗ ückziehen, aber in ſeinem Fuchs. chſes ein neuer rſeits einen neuen Stoß von Schwerdt veranlaßte. Man ſprach nichts, man „Ihr verdammte Schurken,“ wollt auch ihr uns verrathen?“ Der Stier ſchwitzte vor Grimm. Er Geſellſchaft durchprügeln mögen. ei jedem Schlag, den der Fuchs au ein Ziegel, und bei jedem Stoß, den zurückverſetzte, löste ſich einer. In ihrem brum am Haar, während ſie mit der andern ſchlugen. Sie hörten nichts, nichts; ſie rasten blo Der ankommende Wagen machte an auf der Jacobsgaſſe Halt. In griff einander blos an. mte der Stier, hätte die ganze stheilte, raſſelte Schwerdt ihm immer zunehmenden Grimm faßten die würdigen Kämpfer endlich einander mit der ei nen Hand auf einander los ſie fühlten und dachten s wahnſinnig gegen einander. der Stallthüre demſelben Angenblick, Fauſtſchlag, on der Stelle kommen konnte. ermahnte der Stier 281 wo der Kutſcher vom Bock ſprang, um den Schlag zu öffnen, fiel der erſte Ziegel vom Dach, und zerſprang auf dem Straßenpflaſter. Der Kutſcher ſah ſich ruhig um. „God damm!“ fluchte eine Stimme aus dem Wagen, hier iſt nicht gut landen... öffne die große Luke.“ Der Sprecher meinte den Wagenſchlag. „Man greift uns an, Backford... zum Teufel... da geht es heiß zu. Wenn ich eine Memme wäre, ſo kröche ich wieder hinein.“ Der zweite Ziegel fiel jetzt herab, und zerſprang dicht neben ſeinen Füßen zu Stücken. „Hier hilft das Kreuzen nichts,“ ſagte der Mann wieder.„Was willſt Du für die Landung haben?“ fragte er dann den Kutſcher; aber der Kutſcher ant⸗ wortete nicht auf die Frage, ſondern erſuchte ihn, an das Dach hinauf zu ſehen. Der dritte Ziegel fiel jetzt raſſelnd herab. Als ſie hinaufſahen, bemerkten ſie mehrere Köpfe längs der Firſte. „Zum Teufel, Kamerad, was machen die da oben? pflegt man denn hier zu Lande die Dächer bei Nacht zu decken?“ Der Kutſcher ſagte leiſe etwas zu dem Manne, den er geführt hatte. „Ich verſtehe,“ ſiel der Andere ein,„das iſt ein wahrer Glückszug. Verlaß Dich auf mich, ich werde die Langhälſe ſchon lehren, dem Ruder zu gehorchen.“ Der Kutſcher entfernte ſich darauf ſchuell. Der Fuchs, der ſonſt ein feines Ohr und ein noch feineres Auge beſaß, hatte während der Schlägerei mit Schwerdt beides verloren. Der Stier dagegen ließ nichts unbemerkt vorübergehen. Er bemerkte alſo auch die Sprechenden auf der Straße, und wie einer von ihnen ſich ſchleunigſt entfernte. Er ahnte ſogleich, um was es ſich jetzt handelte. 5 4,. 88 282 Kühn richtete er ſich auf; hier handelte es ſich darum, den Augenblick zu benützen. Der Fuchs und Schwerdt zankten ſich noch herum. „Ihr Schurken,“ ſagte er zu ihnen,„ihr habt un⸗ ſern Plan verdorben. Hätte ich Zeit, ſo wollte ich euch den Rücken mit meinen Fäuſten gerben, daß ihr euer Lebtage an mich denken ſolltet, aber jetzt heißt es: Rette ſich, wer kann!“ Von mehreren Seiten her begannen jetzt die auf dem Dach Befindlichen ſich in Bewegung zu ſetzen, jeder, wie er es am Beſten glaubte. „Ruhig da oben,“ rief es in dieſem Angenblick von unten her,„ſonſt ſchieße ich.“ Und man ſah wirklich beim Schein der Wagen⸗ laterne, wie der Mann unten auf ſie anlegte. Einige blieben ſtehen, andere bekümmerten ſich nichts um die Drohung. Der Stier warf ſich nieder, und ließ ſich herab. An der untern Kante des Daches that er ſeiner Eile Einhalt, und ließ ſich ſo darüber hinab, daß er, an die Dachleiſte geſtützt, die hervorſpringende Waſſerrinne er⸗ greifen konnte. Gleich wie eine Schlange glitt er jetzt längs derſelben hinab. „Wenn ihr auszureißen ſucht, ſo gebe ich ſogleich Feuer,“ drohte die Stimme von der Straße noch einmal. Der Stier ſprang jetzt herunter, und man hörte, daß er nicht der einzige war, dem es gelang, auf den Boden zu kommen. Das Getöſe raſcher Schritte ließ ſich jedoch jetzt von der Malmmarktſtraße her vernehmen. Der Stier hatte im Sinn gehabt, den Mann anzugreifen, der zu ſchießen drohte, aber jetzt ergriff er die Flucht. Einen Augen⸗ blick ſpäter kam der Kutſcher mit einer Wachtpatrouille zurück, und als man dem Gefängnißwärter auseinander⸗ geſetzt hatte, was geſchehen war, wurden die noch auf 283 dem Dach Befindlichen zur Rückkehr gezwungen, und von Neuem eingeſperrt. Bei der Unterſuchung ſtellte es ſich heraus, daß Alle glücklich entkommen waren, mit Ausnahme derjenigen, die man in Paul Kellners Haus aufgegriffen hatte. „Der Mann auf der Straße mit den vielen Seemanns⸗ phraſen war kein anderer, als unſer alter Steuermann Raſch, der, nachdem er ſeinem Verſprechen gegen Fräulein Jaquette gemäß umher geflattert war, um Paul zu ſuchen, bald die Fruchtloſigkeit aller ſeiner Bemühungen eingeſehen hatte, und jetzt zurückkam. Man kann ſich wohl denken, daß er keine Büchſe bei ſich führte, aber... Raſch gehörte nicht zu den rathloſen Menſchen... er Regenſchirm angeſchlagen, und in der Dunkel⸗ hatte ſeinen Regen heit war es für den Fuchs und ſeine Freunde nicht ſo leicht, die verſchiedenen Waffen zu unterſcheiden. Wenn man Stockholm und ſein communales Leben betrachtet, könnte man zuweilen meinen, die Stadt ſei beſtändig von einem böſen Gewiſſen gequält, und da⸗ durch unfähig, in Ruhe und Harmonie mit ſich ſelbſt zu kommen. Keine Stadt in Schweden ſollte in ihren Communaleinrichtungen beſſer organiſirt ſein, als die Hauptſtadt, und gleichwohl ſind die Straßen voll von Bettlern, wie wenn es gar keine Armenpflege gäbe, und die Zeitungen ſind täglich mit Beiſpielen von Sitten⸗ loſigkeit, Völlerei und Diebereien überladen, als ob man gar keine Behörde beſäße, die im Stande wäre, Ord⸗ nung und Geſetzlichkeit aufrecht zu erhalten. Kommt man hergereist, ſo ſtehen die Quais voll von Bettlern, und kaum hat man ein Zimmer im Hötel in Beſchlag — 284 genommen, ſo ſtellen ſich bereits Bettl einer Vollmacht vom einer förmlichen Vollmacht zum B geht man auf die Polizei, ſo iſt d von Angeklagten, ſo daß man im Gedanken kommen Polizei beſitze. Man mag ſich wohl um die Urſache dieſer traurigen Verhältniſſe fragen, iſt nicht ſo leicht gefunden. Fehlen etwa hier mehr, Leute, die ernſtlich etwas Beſſeres wollen? Ganz gewiß nicht. Mehr als einmal hat man Verſammlun kündigt geſehen, um gewiſſe Theile der verwaltung zu ordnen, Freunden des allgemeinen Wohls gefehlt, Stimme erhoben. Aber zu gelangt? Während der Erörterung hat man ſich in Partheien zerſpalten, und man iſt in donnernden Phraſen gegen einander losgezogen, bis man einander glücklich von der Unmöglichkeit überzeugte, zu einer Einigkeit zu gelangen, worauf die Verſammlungen ſich meiſtens auf⸗ lösten. Aber, dürfte man bemerken, h pekuniären Mitteln, um ein wirkliche zu bringen? Dieß iſt indeß nicht d ſind enorm, wenn man all die Kapitalien zuſammen⸗ rechnet, die jetzt in verſchiedenen Richtungen zur Unter⸗ haltung all der vielen Verſorgungsanſtalten verwendet werden, welche ſich theils in den verſchiedenen Corpo⸗ rationen und Innungen, theils in den verſchiedenen Ge⸗ meinden überall zerſtreut befinden. Aber juſt die Arbeit mit dieſer Maſſe verſchiedener Einrichtungen ruft ein erhöhtes Bedürfniß von zahlreichen Verwaltungsbeamten und Dienern hervor, die ihrerſeits nicht blos am Kapital zehren, ſondern auch die Intereſſen in tauſend kleinen Privatberechnungen und egoiſtiſchen Intriguen zerſplittern, etteln, verſehen. Und as Vorzimmer übervoll Polizeigebäude auf den die laut ihre ier fehlt es wohl an s Reſultat zu Stande er Fall. Die Mittel er ein, häufig mit Oberſtatthalter, oder der Polizei, aber die Antwort könnte, daß die Stadt gar keine als an andern Orten die gen ange⸗ Communal⸗ und es hat nicht an warmen welchem Reſultat iſt man 8 285⁵ ſo daß endlich der reelle Werth zerbröckelt wird, ohne daß man den eigentlichen Zweck zu erreichen vermag. Würden dagegen alle die Summen, die jetzt nach verſchiedenen Richtungen weggehen, zuſammengenommen, würden alle Beſſerungs⸗ und Armenanſtalten in Ueber⸗ einſtimmung mit einem ganzen und in ſich zuſammen⸗ hängenden Syſtem geordnet, ſo daß all die beſonderen Einrichtungen in jeder einzelnen Klaſſe der Communal⸗ pflege vereinigt würden, und würde ſodann die neue Organiſation unter eine einzige thätige und einſichtsvolle Verwaltung geſtellt, ſo wären ſicherlich die Folgen davon nicht blos für die Steuerpflichtigen vortheilhaft, ſondern auch die meiſten der jetzt mit Recht ſprüchwörtlich ge⸗ wordenen Klagen gegen die Hauptſtadt würden ver⸗ ſchwinden, und zu gleicher Zeit würden die Bettelei und die Verbrechen merklich abnehmen. Jetzt arbeitet man mit tauſend Händen, ohne daß die eine Hand weiß, was die andere thut. Eine Maſſe von Bruchſtücken, eine Maſſe von guten Abſichten iſt in raſtloſer Thätigkeit, ohne daß die Bruchſtücke einem ge⸗ meinſamen Geſetz gehorchen, ohne daß die Abſichten von einem gemeinſamen Prinzip belebt werden, weßhalb die Wirkſamkeit zerſplittert wird, und der gute Bürger mit Schmerz einſehen muß, daß er nicht einmal weiß, wo⸗ hin ſeine eigenen Bemühungen und beſtändigen Opfer ihren Weg nehmen. Man könnte viele Beiſpiele dafür anführen, daß mehrere der kleineren Städte des Reichs, ungeachtet ſie im Vergleich mit der Hauptſtadt kaum einige Mittel beſitzen, gleichwohl in gewiſſen Fällen nütz⸗ liche Veränderungen durchgeführt haben, während man dagegen in der Hauptſtadt ſelbſt in denſelben Fällen nicht weiter gekommen iſt, als zur Erkenntniß, daß eine Verbeſſerung nothwendig ſei. In mehreren Provinzial⸗ ſtädten hat man, um ein Beiſpiel aufzuführen, bereits durch Aktienzeichnungen Arbeiterwohnungen gegründet; die Hauptſtadt dagegen hat ſich lange, nur allzu lange — 5. 4 286 mit dem Plane dazu beſchäftigt, und erſt in der neueſten Zeit haben die Unterzeichnungen einigen Fortgang ge⸗ nommen. Wenn wir hier nicht von dem ſprechen, was der eine und andere Privatmann gethan hat, ſo kommt dieß daher, daß es ſich hier um Communalthätigkeit, und nicht um die Thätigkeit von Privaten handelt. Aber, fragt man, was iſt denn wohl die Urſache dieſer Schlaffheit, dieſes Wirrwars, dieſer reſultatloſen Bemühungen, die unſere Hauptſtadt auf eine ſo auffallende Weiſe charakteriſiren? Wir antworten: Der Mangel an Communalgeiſt, der Mangel au allgemeiner Moral, der Mangel an ausgezeichneten, en⸗ ergiſchen und uneigennützig in die Verhältniſſe eingrei⸗ fenden Männern. Gäbe es einen wirklichen Communalggeiſt, ſo würde er leicht die Intereſſen verſchmelzen, weil er jeden die Vortheile davon einſehen lehrt; gäbe es eine allgemeine Moral, ſo würde ſie zu denſelben Schluß⸗ folgerungen führen, weil ſie jeden ermahnt, etwas von ſeiner Selbſtſucht dem Allgemeinen zu opfern, weil ſie uneigennützige Achtung vor dem Menſchlichen lehrt; fände ſich endlich nur ein einziger Mann von kräftigem Willen, der nicht mit den Meinungen der Kotterien markten wollte, ferner mit einem Scharfſinn, welcher das gegen⸗ wärtige Elend klar durchſchaute, dabei mit einem ſchaf⸗ fenden und reformirenden Verſtand, der an einem reiflich überlegten Plan beharrlich feſthielte, ſo würde dieſer ein⸗ zige Mann bald die Mehrheit für ſich gewinnen, und es könnte eine Bahn betreten werden, auf der nicht blos Schritt für Schritt ein nützlicher Communalgeiſt ſich aus⸗ bilden, ſondern allmählich auch die allgemeine Moral ſich entwickeln würde. Jetzt ſucht man das Ziel, einen verbeſſerten Zuſtand der Dinge und Sitten, auf tauſend verſchiedenen Wegen, auf dem Weg der inneren Miſſion, der Leſerei, des — —— eſten 287 Katholicismus, der Nüchternheit, za hlloſer Armenanſtalten Arbeiter⸗ und Bildungsvereine, wie auch der Privatmild⸗ thätigkeit, während zu gleicher Zeit ein beſtändiger Krieg zwiſchen den verſchiedenen Meinungen geführt wird. Auf keinem dieſer Wege erreicht man das Ziel; das Einzige, was man auf jedem neuen Wege findet, iſt ein neues und vermehrtes Elend. Unter den gegenwärtigen Verhältniſſen ſteigern ſich unaufhörlich die Forderungen der minder gut Bedachten zugleich mit den Schwierigkeiten, ſie zu erfüllen. Und dennoch, wo amüſirt man ſich mehr, als in der Hauptſtadt? Man könnte ſagen, Stockholm gleiche einer Perſon, die unaufhörlich Zerſtreuungen ſuche, um ihre Gewiſſensqualen zu übertäuben. Die Materialiſten und Moraliſten unſerer Tage müſſen ſich gleichwohl auf eine kluge Art vereinigen, um mit gegenſeitiger Hülfe gemeinſchaftlich das Problem zu löͤſen. Nur unter einer einzigen Fahne erreichen ſie das Ziel, unter einer Fahne, die ein Syſtem in der ganzen Communalpflege bezeichnet, unter der Fahne wohl berechneter Eintracht, unter der Fahne der ver⸗ einigten materiellen und moraliſchen Kraft. Früher, als die Armuth mehr individuell war, und es noch für eine Schande galt, zu betteln, war die Privat⸗ wohlthätigkeit von religiöſem und menſchlichem Gefühl vorgeſchrieben. Sie war ein vom Herzen aufgeſtelltes Geſetz. Jetzt, wo die Armuth kaum noch Grenzen hat, wo die Schande des Bettlers aufgehört hat, und die Bettelei ſogar ein Induſtriezweig geworden iſt, da muß die Privatwohlthätigkeit den Communalmitteln zugewandt werden, aber zugleich muß auch die Gemeinde die nöthige Verwendung derſelben beſorgen. Die Allgemeinheit hat auf dieſe Art die Verpflichtungen der Einzelnen über⸗ nommen, muß ſich aber zugleich, da die Anſprüche an ſie immer größer werden, der Controle der Einzelnen unter⸗ werfen. Es iſt jetzt nicht mehr blos das Herz und Ge⸗ fühl, was die Wohlthätigkeit vorſchreibt, es iſt auch der Verſtand; was jetzt nicht auf eine verſtändige Weiſe ge⸗ geben und ausgetheilt wird, das wird unnöthig, wenn nicht ſogar ſchädlich gegeben. Man hat nichts unterlaſſen, um durch neue Or⸗ ganiſationsverſuche die Polizei auf diejenige Art einzu⸗ richten, welche für die Sicherheit der Regierung ſowohl, als der Einwohner nöthig iſt. In der neueſten Zeit iſt ſie unläugbar ſehr verbeſſert worden, und bei oberfläch⸗ licher Betrachtung erſcheint ſie ſogar recht gut. Aber als man der Polizei eine neue Form gab, vergaß man, ihr einen neuen Geiſt einzuhauchen. Die gegenwärtige Polizei iſt ebenſo gut wie die ältere kitzlich, deſpotiſch, eigen⸗ mächtig, egoiſtiſch, oder, um es mit einem Wort zu ſagen, abſolutiſtiſch, ſtatt daß ſie bürgerlich ſein ſollte. Mit unermüdlichem Eifer verſteht ſie es, Verbrechen auf⸗ zuſuchen, und Verſäumniſſe ans T dagegen ſcheint ſie ihre eigentliche wichtigſte und ſchönſte Bedeutung, nämlich dem Verbrechen zuvorzukommen, und Ordnung zu erhalten, ſo daß keine Störungen ent⸗ ſtehen, nicht zu kennen. Die Polizei iſt alſo eine Plage, ein Schrecken, ein Tyrann für den ärmeren Theil des Volkes geworden, der deßhalb auch immer bereit iſt, ſie zu verhöhnen oder zu verfluchen. Man ſagt, der Schwede habe keinen Begriff von Geſetzlichkeit, ſondern er ſei trotzig, und man hält ihm dagegen den Engländer als Muſter vor. Mag ſein. Aber der Engländer weiß, daß ſeine Sache nicht in jahrelangen Unterſuchungen hinausgezogen, ſondern in & ageslicht zu ziehen; eini ſtre wer der ge⸗ nn 289 einigen Stunden abgemacht wird; er weiß auch, daß er ſtrenge und ſchnelle Gerechtigkeit zu erwarten hat. Wie ſteht es bei uns? Wir wollen uns doch ein wenig umſehen. Die niedre Polizei berechnet bei uns ihre Verdienſte nach der Zahl der Fälle, die ſie im Verlauf des Jahres anhängig gemacht hat, ſtatt daß das Verdienſt in der Ordnung liegen ſollte, welche man in den Bezirken auf⸗ recht erhält. Die Neigung zum Einſperren wird leicht zur Lei⸗ denſchaft. Jemehr Leute eingeſperrt werden, um ſo beſ⸗ ſer, während gerade das Gegentheil richtig iſt; und hat man manchmal Jemand verhaftet, der ſich ſpäter als un⸗ ſchuldig herausſtellt, ſo iſt die Schande und die Ver⸗ antwortung vor dem Vorgeſetzten zu groß, daß man nicht all ſeine Mittel aufbieten ſollte, um ihn auf irgend eine Art zu verwickeln, damit er dennoch feſtgenommen wird. Unſre Polizeiannalen liefern Beiſpiele, daß eine Perſon durch eine große Menge einzelner Zeugen als unſchuldig und nun von der Polizei als ſchuldig erklärt worden iſt; wenn dann ein ſolcher Menſch nach langer Gefangen⸗ ſchaft ſeine Freiheit wieder erhielt, welche Genugthnung wurde ihm gegeben? Ganz und gar keine. Dazu kommt noch, daß jeder, der nur ein einzigesmal in die Hände der Polizei gefallen iſt, von dieſer Zeit an moraliſch, wenn auch nicht legal unter Aufſicht derſelben ſteht. Du haſt ſchon früher einmal geſeſſen, heißt es dann, Du biſt ein ſauberer Vogel... man darf Dir nicht zu viel glauben. Der erſte Diebſtahl führt üblen Leumund mit ſich, und kein übel Beleumundeter darf für ſich ſelbſt wohnen oder, wie es eigentlich heißt, ſich ſelbſt vertheidigen. Steht er in einem Dienſt, ſo kann ſeine Herrſchaft ihn, wenn er als übelbeleumundet erklärt wird, ſogleich weg⸗ ſchicken. Er muß ſich dann einen andern geſetzlichen Das Gewiſſen. IV. 19. 290 Schutz verſchaffen, obſchon man gewiß ſein kann, daß ein gut Beleummundeter in denſelben nicht geben wird. Da⸗ durch wird er gezwungen, ſich pro forma einen Schutz zu kaufen. Iſt ein Verbrechen groß, ſo iſt es um ſo ſchwerer, den Schutz zu erhalten, und er muß viel mehr dafür bezahlen, weil ſein Beſchützer ſelbſt ſich verdächtig macht. Schon durch ſein Verbrechen gänzlich entblöst, weil er den Werth des Geſtohlenen und die Buße er⸗ legen muß, wird er jetzt noch mehr entblöst, da er auch ſeinen Schutz bezahlen muß. Die kleinen Mittel, die er beſitzt, müſſen veräußert werden, und reichen ſie nicht hin, was thut er dann, theils um fortwährend Schutz bezahlen zu können, theils um ſeinen Unterhalt zu beſtreiten, was ihm jetzt ſchwerer gemacht wird, als vorher, theils auch um nicht von Neuem in die Hände der Polizei zu fallen die immer drohend über ihm ſteht? Was kann er ma⸗ chen? antwortet ſelbſt. Wir haben die eine Seite der Stellung des unbe⸗ mittelten Volkes in der Hauptſtadt dargeſtellt; wir wollen nun auch eine andere zeigen, die ausſchließlicher das Weib daſelbſt betrifft. Die erſte Verführung geht in den meiſten Fällen vom elterlichen Hauſe aus, wo eine Menge demoraliſiren⸗ der Elemente bereits vorwalten. So beſitzt die Haupt⸗ ſtadt eine Maſſe Kinder, die man elternlos nennen kann, ſelbſt wenn die Eltern noch leben. Die Kinder rennen auf den Straßen umher und leben vom Bettel und klei⸗ nen Diebſtählen. An den öffentlichen Vergnügungsorten iſt die Ver⸗ führung minder groß. In Folge der allgemeinen Ri⸗ valität wird wenigſtens der äußere Schein der Sittlich⸗ keit bewahrt. Die Muſik, Natur und Vergnügen wirken ebenfalls veredelnd. Von eigenen Phantaſieen oder Verſprechungen Andrer verlockt, beſchließt endlich das junge Mädchen, das von Kindheit auf aller beſſeren Leitung entbehrte, für ſich · 291 ſelbſt zu wohnen, d. h. bei irgend einem gefälligen alten Weib, das für 6, 8— 10 Reichsthaler wöchentlich ein Zimmer vermiethet. Die Zimmer werden nur auf dieſe kurze Zeit vermiethet. Dieſe Unglücklichen ſind dem ſpähenden Auge der niedern Polizei verfallen. Sie droht ihnen bald mit dieſem, bald mit jenem, und um allen Arten von Beläſtigungen zu entgehen, bezahlen ſie. Nach einem Jahr ſind ſie gewöhnlich ihrer Lebensweiſe müde. Jetzt werden falſche Dienſtſcheine gekauft, aber man kommt ſelten weit damit, und trotz aller Verſuche, ſich aus dem Schlamm empor zu arbeiten, fallen ſie unaufhörlich in denſelben zurück. Ein Verbrechen klebt am andern. Der Weg hat kein Ziel außer dem Zuchthaus. Man hat mit Uebertretung der Gebote der Sittlichkeit angefangen und bald übertritt man die Geſetze auch in ihren andern Forderungen. Der einzige Advokat, der ihnen zuletzt noch übrig bleibt, iſt die Frechheit; die einzige Barm⸗ herzigkeit, die ſie zu erwarten haben, iſt Verachtung. Sie haben ſo lange die Geſellſchaft verhöhnt, bis die Geſellſchaft ſie verhöohnt. Aber wenn die Einzelnen höhnen, darf die Staatsgeſellſchaft es auch thun? Jeder Verbrecher iſt ein Kranker. Darf die Wiſſenſchaft den Kranken verlachen? Die Staatskunſt ſoll ſo gut wie die Medizin heilen. Thut die Geſellſchaft das auch? Die Geſellſchaft gleicht inzwiſchen hier einem ſolchen Arzt, der, um von ſeinem Patienten ein fortwährendes Ein⸗ kommen zu beziehen, ihn beſtändig auf dem Krankenbette hält; aber der Staat kommt dabei ſchlechter weg als der Arzt, denn ihm bleibt nichts übrig als der Ver⸗ brecher ſelbſt. Ein ſchon einmal Beſtrafter, der wieder verhaftet wird, wird von neuem wegen ſeines erſten Verbrechens angeklagt: in der Polizeizeitung liest man nehmlich, daß der und der frühere Züchtling oder Sträfling wieder vor⸗ gekommen ſei u. ſ. w. 292 Sein ganzes früheres Sündenregiſter bildet jetzt ſeinen Titel. Schon dieſer allein iſt ein Pranger, der dem Ver⸗ brecher den letzten Glauben an die Möglichkeit, zur Ge⸗ ſellſchaft zurückzukehren, rauben muß. Eine andere öffent⸗ liche Prangerſtellung iſt nicht minder mörderiſch in Be⸗ zug auf die Möglichkeit, ſich wieder empor zu richten. Wir meinen das Herumführen der Verbrecher zwiſchen den Polizeidienern. Dieſe Tortur, dieſes entſetzliche Gaſſenlaufen hilft zu nichts, ſondern tödtet nur noch den Reſt von Scham, dieſen Keim, aus welchem, ſo lange er friſch im Herzen iſt, immer noch ein beſſerer Menſch aufblühen könnte. Im Vorhergehenden iſt vom geſetzlichen Schutz die Rede. Aber darüber muß noch Einiges bemerkt werden. Jede Perſon, welche ſich in der Stellung befindet, daß ſie Schutz haben muß, ihn aber nicht beſitzt, iſt verdächtig. Wird ein ſolcher Menſch von der Polizei aufgegrif⸗ fen, ſo führt ſie ihn ins Gefängniß ab und am folgenden Tag hat er vor dem Polizeigericht zu erſcheinen. Wenn nun der Schutzloſe nicht wegen ungewöhnlicher Fehltritte ſchon bekannt iſt, wenn die Polizeidiener nichts Unvortheilhaftes über ihn ausſagen und der Polizeimeiſter ſich gerade bei guter Laune befindet, ſo kann er ſogar vierzehn Tage Zeit erhalten, um ſich auf freiem Fuß einen Schutz zu verſchaffen. Iſt dagegen der Wandel des Verhafteten zweideutiger, hat er ſich irgend einmal eine Unhöflichkeit gegen einen Polizeidiener erlaubt, ſo fällt auch der Bericht darnach aus, und kommt dann noch eine ſchlechte Laune des Polizeicommiſſärs hinzu, ſo kann der Mann, ohne daß er irgend ein Verbrechen be⸗ gangen hat, ſogar verurtheilt werden, ſich binnen acht Tagen im Gefängniß den erforderlichen Schutz zu ver⸗ ſchaffen, was, da ſich dieß natürlich nicht ausführen läßt, ——4,, ſ 293 indirekt ſogar die Verurtheilung auf eine beliebige Zeit in irgend eine Strafanſtalt in ſich ſchließt. Zwiſchen dieſen beiden Alternativen hat der Polizei⸗ commiſſär ſich zu bewegen und das Feld iſt groß genug für Experimente aller Art. Ein Verbrecher, der ſo eben ſeine Strafe überſtan⸗ den hat und ſogleich berechtigt i*ſt, wieder in die Geſell⸗ ſchaft einzutreten, wird auf dieſelbe Art behandelt. Kennt er irgend einen Polizeidiener, der ihn empfiehlt, oder ſind andere Gründe vorhanden, die für ihn ſprechen, ſo kann er ſich auf freiem Fuß vierzehn Tage lang nach einem Schutz umſehen; inzwiſchen kann es auch vorkom⸗ men, daß er deſſen ungeachtet während dieſer Zeit auf⸗ gegriffen wird und eine achttägige Friſt erhält, um ſich im Gefängniß den betreffenden Schutz zu verſchaffen. In Folge deſſen geſchieht es auch gewöhnlich, daß die meiſten, die in den Correktionsanſtalten ihre Strafzeit ausgeſtan⸗ den haben, nach höchſtens vierzehntägiger Freiheit in dieſelben zurückwandern, wenn es ihnen nicht, was der glücklichſte Fall iſt, gelingt, daß ſie ſich, wie wir bereits erwähnt haben, einen Schutz kaufen können; inzwiſchen iſt auch dieß noch keine Bürgſchaft für eine wirkliche Menſchenalter und noch länger feſtgeſeſſen haben. um dieß Gemälde zu vollenden, wollen wir ſchließ⸗ lich eine kleine Anekdote erzählen, deren Wahrhaftigkeit Eine, in den Verbrecherannalen der Hauptſtadt ſehr bekannte Weibsperſon, die im nördlichen Zuchthaus ihre Strafjahre abgeſeſſen hatte, wurde freigelaſſen. Sie kaufte ſich Schutz. Eines Tags kam ſie zum Direktor der Anſtalt, für welchen ſie Achtung und Vertrauen ge⸗ faßt hatte, zurück und ſagte ihm, ſie könne nirgends 294 Ruhe vor der Polizei haben, weil dieſe beſtändig drohe, ſie und die Frau, bei der ſie eingeſchrieben ſei, vor den Commiſſär zu führen, und man habe ihr durch ſolche Drohungen Alles abgenöthigt, was ſie beſeſſen habe; da ſie nun keine Mittel beſitze, um dieſe Leute auch noch ferner beſtechen zu können, ſo fürchte ſie jeden Tag wie⸗ der ergriffen zu werden. Der Direktor, der ein rechtſchaffener Mann war, begab ſich ſogleich zum Polizeicommiſſär und bat, man möge dieſe Perſon nicht mehr beunruhigen, da ſie nichts Böſes gethan habe. Der Commiſſär verſprach darüber zu wachen. Eines Abends, es war ungefähr fünf oder halb ſechs, ſtand der Direktor zufällig auf dem Markt Guſtav Adolphs II., als dieſelbe Perſon eiligſt auf ihn zuge⸗ ſprungen kam. „Retten Sie mich!“ bat ſie,„um Gotteswillen, ret⸗. ten Sie mich.“ „Was gibt es denn?“ „Die Polizei will mich wieder ergreifen.“ „Haſt Du etwas Böſes gethan?“ „Nein“ Jetzt kamen einige Polizeidiener in der Abſicht, ſie zu ergreifen. „Was wollt ihr von dem Mädchen?“ fragte der Direktor,„hat ſie geſtohlen?“ „Nein.“ „Gemordet?“ „Nein.“ „Lärm gemacht?“ „Nein.“ „Händel gehabt?“ „Nein.“ — „Sie geht auf der Nordbrücke ſpazieren.“ „Das geht euch nichts an.“ „Was hat ſie denn gethan?⸗ — e er 29⁵ „Sie läuft den Männern nach.“ „Das geht euch wieder nichts an.“ „Sie raucht Cigarren.“ „Das kann ihr niemand verwehren. „Sie hat uns den Cigarrenrauch ins Geſicht ge⸗ blaſen.“ „Haſt Du das gethan?“ G 44 „Ja. „Warum?“* „Darum, weil ſie mich mit Scheltworten beleidigten, als ich an ihnen vorbeiging.“ Der Direktor warf den Polizeidienern ihren Unfug vor und das Mädchen entfernte ſich. Eine Bemerkung mag man uns noch beizufügen er⸗ lauben. Je mehr man den Fehlenden oder Verbrechern die Möglichkeit erſchwert, in die Geſellſchaft zurückzukehren, um ſo gewiſſer werden ſich auch die Verbrecher in ihrer eigenen Mitte zu befeſtigen und gegen die Geſellſchaft zu organiſiren ſuchen. Am Tag nach dem nächtlichen Auftritt im Kaſſenhof, den wir hier beſchrieben haben, wurden Brauner, der Fuchs, Schwerdt und Kullblom in den Polizeiſaal ge⸗ führt und ſtanden bald vor dem Pontius Pilatus der Hauptſtadt, dem Polizeimeiſter, ſämmtlich mit Handſchellen verſehen. „Was gibt es da wieder?“ brummte der alte Po⸗ lizeimeiſter, als die Sache vorgetragen wurde. Ihr ſeid ja eine ganze Diebsbande; aber ich will euch ſchon Mo⸗ res lehren. Wollt ihr tanzen, ſo ſollt ihr auch die Gei⸗ 296 ger bezahlen. Wer iſt der Vornehmſte unter euch... Nun, nun... heraus mit der Sprache.“ „So wahr Gott lebt, gnädiger Herr Landrichter,“ ſagte der Fuchs, als die Uebrigen ſchwiegen.„wir wollen gewiß die Wahrheit ſagen, denn ſehen Sie, lügen könne wir nicht.“ „Wer iſt der Vornehmſte unter euch? habe ich ge⸗ fragt. Ich dulde keine lange Redensarten.“ „Wenn der königliche Herr Landrichter mir erlauben zu antworten, ſo...“ „Juſt das befehle ich Dir ja.“ „Wir ſind alle gleich vornehm, gnädiger Herr Land⸗ richter, aber wenn einer unter uns will, ſo iſt es dieſer da.“ Der Fuchs deutete dabei auf Brauner. 3 Brauner fuhr bei dieſer Anklage zuſammen. Er bot alle ſeine Kräfte auf, um ſein Haupt zu erheben. Ernſt und Ruhe ſprachen aus ſeinem Geſicht. Die ſchnee⸗ weißen Locken ringelten ſich um ſeine Stirne und gaben ihm ein würdiges Ausſehen. „Meine Kameraden werden ſicherlich daſſelbe bezeu⸗ gen, wie ich,“ fügte der Fuchs hinzu,„daß nehmlich der alte Brauner...⸗ Der Polizeimeiſter fixirte ſie genau. „Was unſer Kamerad ſagt, iſt wahr,“ bezeugten auch der Vornehmſte ſein ſie;„denn ſehen Sie, hochwürdiger königlicher Herr Po⸗ lizeimeiſter, wenn Jemand uns angeführt hat, ſo iſt es der Alte da. Er hat uns dazu verlockt.“ Der Polizeimeiſter ſchien ſich bereits eine gewiſſe Meinung gebildet zu haben. „Wer biſt Du,“ fragte er den Fuchs. „Hafenarbeiter,“ antwortete dieſer. „Und Du?“ „Ich bin in die Interimsmilitärverſorgungsanſtalt aufgenommen, gnädiger Herr Landrichter.“ „Und Du?“ ——— 297 „Ich bin Schmiedlehrling.“ „Und wer biſt denn Du 2“. „Nur ein alter Mann, Herr Landrichter.“ „Das ſehe ich; aber wo haſt Du Schutz und womit ernährſt Du Dich?“ „Ich bin Portier Königinſtraße.“ „Beim Eigenthümer des Hauſes, wo der Diebſtahl verübt wurde?“ „Ja, Herr Landrichter.“ Der kühne Diebſtahlsverſuch hatte in der Hauptſtadt ein ungeheures Auſſehen erregt und der Sitzungsſaal war voll von Neugierigen, die von allen Seiten herbei⸗ geſtrömt kamen. Es war auch einer der frechſten Ein⸗ brüche, die ſeit langer Zeit ſtattgefunden hatten. Die Zuſchauer ſuchten aus den Mienen der Angeklagten ihr Verbrechen zu leſen, und jeder glaubte große Geſchicklich⸗ keit in Entzifferung dieſer Schrift zu beſitzen. Brauner läugnete die Anklage, und dieß war bereits ein Verdacht gegen ihn. Sein ernſtes und ehrliches Ausſehen wurde für Heuchelei ausgelegt, die grauen Haare machten ihn jetzt nur zu einem alten Spitzbuben. Der Fuchs und die übrigen dagegen geſtanden ihr Verbrechen ſogleich ein, denn ſie hielten es für nutzlos, zu läugnen, da ſie auf friſcher That ertappt worden waren, und das Publi⸗ kum erblickte darin eine ſchöne Aufrichtigkeit, die ihnen immerhin zur Chre gereichen müſſe. So nahm die Un⸗ terſuchung ihren Verlauf, aber da einige Zeugen noch nicht berufen waren, ſo wurde die Entſcheidung etliche Tage hinausgeſchoben. Wir übergehen hier die Unterſuchung, die wegen des Fluchtverſuchs angeſtellt wurde, weil ſie keinen Ein⸗ fluß auf dieſe Erzählung hat; genug, der Fuchs erklärte, keiner von ſeinen Kameraden habe die älteren Gefangenen gekannt, ſondern man habe blos die ſich darbietende Ge⸗ legenheit benützt, und damit ließ man die Sache fallen. bei Herrn Paul Kellner in der 298 „Die Gefangenen wurden hierauf ins Gefängniß zu⸗ rückgeführt, um an einem andern Tag wiederum vor Ge⸗ richt geſtellt zu werden. Am Abend deſſelben Tages trat der Wachtmeiſter zu ihnen ins Gefängniß. „Sie ſind ein gefährlicher Mann,“ ſagte er zu Brau⸗ ner.„Sie waren der Rädelsführer ſowohl bei dem Ein⸗ bruch in Herrn Paul Kellners Hauſe wie auch bei dem Fluchtverſuch, ich muß Sie von Ihren Kameraden tren⸗ nen. Folgen Sie mir.“ Brauner ſah mit Schrecken, wie der Argwohn ſich gegen ihn kehrte, aber er folgte ruhig Der Wachtmeiſter, dem einige Gefangenwärter folg⸗ ten, brachte ihn jetzt in eine andere Stube, wo er ſich jetzt allein befand. Brauner war nicht unzufrieden mit ſeiner Einſam⸗ keit, im Gegentheil freute er ſich darüber; aber er litt tief von den Beſchuldigungen, die gegen ihn gerichtet wurden. Bekümmert warf er ſich auf die Pritſche und war außer Stands, einige Ruhe zu finden. In der Dunkel⸗ heit, die ihn umgab, ſah er um ſo klarer ſeine eigene Noth. Seine ſchmerzlichen Vorſtellungen ſtanden wie eine brennende Feuerſchrift vor ſeiner Seele. Ganz in ſich verſchloſſen, vergaß er alles andere. Er wußte nicht, wie der Tag hinging, wie die Stunden entflohen. Ein Geräuſch erweckte ihn endlich aus ſeiner qual⸗ vollen Betäubung, und er hörte, wie die Thüre ſeines Gefängniſſes ſich öffnete und Jemand eintrat. tre rie 299 In der Dunkelheit konnte er das Ausſehen des Ein⸗ tretenden nicht unterſcheiden. „Brauner!“ redete ihn richtete ſich auf. „Wer ſind Sie? Was wollen Sie?“ fragte er. „Ich bin Ihr Freund,“ antwortete der Unbekannte, „ich komme, um Sie zu retten.“ Beim Gedanken, daß er noch einen Freund beſitze, feuchtete ſich das Auge des Alten von einer Thräne. „Sie ſehen wohl ein, daß Ihr Untergang gewiß iſt,“ fuhr der Unbekannte fort,„im Fall Sie ſich nicht bald der ſtrafenden Hand der Gerechtigkeit entziehen.“ Brauner vermochte nicht länger an ſich zu halten. Das Bedürfniß, ſich zu vertheidigen, überwältigte ihn. Wir wollen nun auch hören, wie er ſeine eigene Stellung beurtheilt. „Ich weiß nicht, wer Sie ſind, mein Herr; aber wer Sie auch ſein mögen, ich habe nichts dabei zu fürch⸗ ten, wenn ich aufrichtig bin. Sie ſprechen von der Strafe, die mich erwarte, wenn ich mich nicht bald der Gerech⸗ tigkeit entziehe. Ach Herr, könnte ich nur Gerechtigkeit finden, ſo hätte ich keine Strafe zu fürchten. Jetzt da⸗ gegen..“ „Es freut mich,“ fiel der Unbekannte ein, als Brau⸗ ner pauſirte,„daß Sie die Gefahr begreifen, worin Sie ſchweben, und ich hoffe Sie mit meinem Vorſchlag zu⸗ frieden zu finden. Heute Nacht um zwei Uhr werden Sie frei ſein.“ „Frei?“ „Sie haben Freunde, welche die Wege kennen; die Stallknechte da drunten im Hof ſind erkauft. Man wird von dort aus die Thüre öffnen, die Gitter vor Ihrem Fenſter zerſägen, und Morgen früh wird man vergeblich nach Ihnen ſuchen. Sie billigen doch den Vorſchlag.“ Es lag in der Stimme des Redenden Etwas, das Brauner nicht recht verſtand. Sie war ungleich, unſicher. eine Stimme an. Der Greis — ,ͤ A 5 300 Der Greis ſchärfte auch ſeine alten Augen ſo ſehr wie möglich, um in der Dunkelheit das Geſicht des Sprechers fixriren zu können; aber er ſah blos einen Schatten und er vermochte nicht einen einzigen Zug zu erkennen. „Sie machen mir den Vorſchlag zu entfliehen,“ be⸗ merkte Brauner.„Ich habe ſchon einmal ſeit meiner Ver⸗ haftung es zu thun verweigert, und ich weigere mich jetzt wieder.“ „Wie ſo?“ „Ich will nicht von meinen Jahren ſprechen davon, daß ich am Rande des Grabes ſtehe, bereit, Stunde vor einen höheren Richter zu treten. Ich Ihnen vielmehr ſagen, daß ein einziges. finſteres entſetzliches Geheimniß durch mein Leben läuft, und daß ich, in der Hoffnung, es einmal erklärt zu ſehen, genöthigt bin, mich unter die Umſtände zu beugen, ſelbſt wenn ich dabei untergehen ſollte. Mein Leben gehört nicht mir ſelbſt, es gehört Perſonen, die mir weit theurer ſind. und jede will und Ach Herr, meine Lage iſt ſchrecklich. Ich befinde mich mitten in einem Gewebe von gräßlichen Beargwöhnungen und Angaben, und ich muß ſchweigen. Mein Gott, ver⸗ leihe mir das Recht, einmal ſprechen zu dürfen, ohne dadurch diejenigen zu entehren, die ich liebe. Sie ver⸗ ſtehen mich nicht, ich bin ein Verbrecher und dennoch un⸗ ſchuldig; ich bin ein todter Mann und dennoch lebendig; ich bin einſam, ganz einſam und doch nicht allein; ich bin unthätig, aber viele wirken um mich her und für mich; ich bin frei und gleichwohl auf allen Seiten ge⸗ bunden. Ich für meinen Theil kann nur die Hand der Vorſehung meine Bahn leiten laſſen und mich damit be⸗ gnügen, wohin ſie führt. Sprechen Sie nicht vom Ent⸗ fliehen. Wenn ich es auch wollte, ſo könnte ich nicht. Ich lebe für die Erfüllung meiner heiligen Verpflichtung ... aber warum davon ſprechen?... ich... ich... —e 301 Brauner unterbrach ſich hier, von einer tiefen innern Bewegung erſchüttert. Der Unbekannte hatte ihn mit ſo angeſtrengter Auf⸗ merkſamkeit angehört, als fürchte er, auch nur ein ein⸗ ziges Wort könnte ihm verloren gehen. „Ihre Worte klingen wunderlich,“ ſagte er darauf, „und ich finde, daß man mit Recht behauptet, Sie ſeien ein Räthſel. Inzwiſchen ſind ſchwere Auklagen gegen Sie vorhanden und man kann nicht wohl glauben, daß Sie unſchuldig ſeien, obſchon Sie es behaupten. Was hat Sie z. B. veranlaſſen können, mehrere Jahre hindurch nur mit Verbrechern als Kamerad und Freund zuſammen zu leben?“. „Ich könnte Ihnen antworten, Herr, aber Sie dürften mich nicht verſtehen.“ Brauner wußte nicht, wen er vor ſich hatte. Es war ihm auch ganz gleich. Er lebte nur für eine Sache, worüber zu ſprechen keine Macht ihn veranlaſſen konnte, über alles andere dagegen konnte er offen reden, mit wem er nur wollte. „Haben Sie nichts wegen ſchlechter Handlungen zu fürchten, ſo ſprechen Sie, ich verſtehe Sie ſchon.“ „Warum ich,“ wiederholte Brauner,„unter Ver⸗ brechern, unter Dieben gelebt habe?“ „Ich fragte Sie nur das.“ „„Ich habe es aus Verzweiflung, aus Elend gethan, weil ich keine andere Wahl hatte; aber wiſſen Sie wohl was Verzweiflung iſt? Einmal bin auch ich in glück⸗ lichen Umſtänden geweſen, in ſehr glücklichen; aber un⸗ vermuthet wurde ich in das tiefſte Elend geſtürzt... ich konnte nicht tiefer ſinken. Als ich Stockholm ver⸗ ließ, nahm ich meine Zuflucht auf eine Scheere, wo ich auf einem entlegenen Inſelchen mir eine Wohnſtätte ſuchte bei armen, aber braven Leuten. Ich lernte Netze knüpfen, rudern, ſiſchen und brachte mich fort, ſo gut ich konnte. Der Beſitzer der Hütte begab ſich eines Tags nebſt ſeiner 30² Frau auf die See hinaus. Sie wurden von einem Sturm überfallen und kamen beide um. Ein paar Tage ſpäter ſchwamm das leere Boot ans Land. Ich wurde krank vor Kummer. Meine Kräfte ſchwanden und ich hatte keine andere Wahl für meinen Lebensunterhalt, als auf offener See in meinem kleinen Boot, mit dem Hut in der Hand, herumzuſegeln und um ein Scherflein zu bet⸗ teln. Auch unſre ſchwediſchen Scheeren haben viele Men⸗ ſchen, die ſich auf ſolche Art ernähren. Eines Tages hatte ich das Glück, zwei Unglücklichen das Leben zu retten, die ſich auf die See hinausbegeben hatten, in einem Boot, das jeden Augenblick im Begriff ſtand, unter⸗ zuſinken. Ich führte ſie in meine Hütte und erfuhr jetzt, daß es Diebe waren, die von der Feſtung Waxholm ge⸗ flohen. Als ſie mich verließen, verſprachen ſie ſich dank⸗ bar zu erweiſen, im Falle wir uns wiederträfen. Wir trafen uns auch wieder, aber erſt nach einigen Jahren. Es war Winter. Die Schiffahrt war zu Ende. Ueberall lag dickes Eis. Alle Einahmsquellen waren erſchöpft. Ich hungerte und fror. Der Tod ſtand an meinem Lager, einem Lager von Lumpen und Moos. Da öffnet ſich die Thüre und zwei Perſonen traten ein. Ich er⸗ kannte ſie. Es waren dieſelben, denen ich einſt das Le⸗ ben gerettet. Jetzt retteten ſie mich. Während ich ſelbſt kaum etwas davon wußte, legten ſie mich auf einen Schlitten, ſchnallten ihre Schlittſchuhe an und führten mich fort. In Folge ihres freundlichen und aufopfern⸗ den Benehmens gegen mich, genas ich wieder. Wiſſen Sie, wo ich mich befand, als ich mit vollem Bewußtſein die Sache zu erfahren ſuchte? Ich befand mich in einem verborgenen Stübchen des Caffés London. Die Geſell⸗ ſchaft, in welche der Gang der Ereigniſſe mich gefuͤhrt, erfüllte mich mit Entſetzen: aber was blieb mir für eine Wahl? Durchaus keine. Ich gehörte denjenigen an, die mir das Leben gerettet hatten.“ „Und Sie behaupten,“ bemerkte der Unbekannte, — zdaß Sie niemals an ihren Verbrechen Theil genommen haben?“ „Beim Himmel, niemals, und gleichwohl, ich kann es nicht läugnen, verſöhnte ich mich endlich mit meinem Loos, weil ich manchmal im Fall war, verbrecheriſche Unternehmungen abwehren zu können.“ „Dann habe ich Ihnen einen andern Rath zu ge⸗ ben. Verrathen Sie die Geheimniſſe der Andern, ent⸗ decken Sie die ganze Diebsbande, und der Staat wird Ihnen Rechnung dafür tragen und Sie begnadigen.“ Der Unbekannte ſprach langſam, um genau zu be⸗ obachten, welchen Eindruck ſeine Worte machen würden. „Sie verrathen? O unmöglich, dieſe Diebe und Schelme waren die einzigen, die mir Schutz und Hülfe verliehen, als ich dem Hungertode nahe und von aller Welt verlaſſen war. Sie verrathen? nein, niemals, ſelbſt nicht im peinlichen Verhör.“ „Bedenken Sie doch, dieſe Leute liegen in Ihren Händen.“ „Juſt deshalb können ſie ſich auch auf mich verlaſ⸗ ſen. Ich werde Dankbarkeit nicht mit Undank, Freund⸗ ſchaft nicht mit Feindſchaft belohnen. Nie...“ „Man ſpricht ſonſt davon, daß die Bande in ganz Schweden verzweigt ſei, daß ſie ordentliche Höhlen habe und ſogar Auktionen mit den geſtohlenen Waaren halte. Wie verhält es ſich damit? Iſt es wahr?“ „Ich weiß nicht.“ Brauner war aufrichtig geweſen, ſo lange es ihm ſelbſt galt; jetzt wurde er vorſichtiger. Er wußte nicht, wen er vor ſich hatte. „Dann dürſte ich mehr wiſſen als Sie, Brauner. Eine der Diebshöhlen liegt am Ende der weſtlichen Hop⸗ fengartenſtraße und in der Verlängerung der Sauerbrun⸗ nenſtraße. Im Herbſt bei einer Auktion daſelbſt begaben Sie ſich hin, das weiß man. Sie ſollen ſich mit einer Laterne geleuchtet haben. Das ſcheint doch wohl zu be⸗ 304 weiſen, daß Sie nicht ſo rein ſind, wie Sie durchſchim⸗ mern laſſen möchten.“. Während der Pauſe, die jetzt entſtand, ſuchte Brau⸗ ner noch einmal mit ſeinem Blick das Dunkel zu durch⸗ dringen, um zu entdecken, mit wem er ſprach. „Sie waren von zwei Perſouen begleitet,“ fügte der Unbekannte hinzu,„ich weiß es mit Sicherheit.“ Dieſe Bemerkung war unvorſichtig von Seiten des Unbekannten, weil Brauner in ſeinen Muthmaßungen von ihr geleitet wurde. Der Greis begann auch jetzt genauer auf die Stimme des Unbekannten zu achten, als er bisher gethan hatte. „Und wenn ich zugäbe, daß Sie Recht haben,“ antwor⸗ tete Brauner, welchen Schluß wollten Sie daraus ziehen?“ „Daß Sie ſich von den Dieben dazu gebrauchen ließen, ehrliche Leute in ihre Schlingen zu locken... daß Sie... Der Unbekannte drückte ſich hitzig ans, ſchien dies aber ſogleich ſelbſt zu mißbilligen, und verſtummte, um⸗ ſeinem Zorn ein Ende zu machen. „Ihre Schlüſſe ſind fehlerhaft, Herr,“ verſetzte Brau⸗ ner.„Ich leuchtete wirklich zwei Perſonen, aber ich that dies in der That nur, um einer einzigen in etwas zu nützen.“ „Und wer war dieſe? Aber vermuthlich wollen Sie den Mann auch nicht verrathen?“ Brauner konnte ſich nicht länger in der Perſon ſei⸗ nes Beſuchers täuſchen. „Wer er war?“ wiederholte Brauner die Frage. „Ein Mann, Herr, der in Folge ſeiner Stellung in der Welt und ſeiner reichen Naturanlagen ein Muſter in allem Guten und Edlen hätte ſein ſollen, der aber gleich⸗ wohl, fürchte ich, in einen Wirbel, wenn auch nicht von Verbrechen, ſo doch von Laſtern hineingezogen worden iſt. Dieſer Mann hat es weit gebracht, aber er ſteht dennoch am Rande ſeines Verderbens. Allzu großart ge Spekulationen, ſowie der Hochmuth, die Hitze und der 30⁵ beſtändig maskirt, werden ihn grund hinabreißen. Die ſeine Seite Leichtſinn, womit er ſich früher oder ſpäter in den Ab Hölle hat auch tückiſcherweiſe einen Boten an geſtellt, der ſeinen Fall beſchleunigen wird. Mögen Sie mir glauben, ich intereſſire mich für dieſen Mann, und er war es, dem ich nicht den Weg nach der Diebeshöhle zeigen, ſondern beweiſen wollte, welchen Weg er wandelte, als er ſich dahin begab; ich wollte ihm den Weg voll Schmutz zeigen, auf dem er einherſchritt, wollte ihm zei⸗ gen, daß es Jemand gab, der wußte, wohin ſein Weg führte. Ich hoffte, er würde ſich Einhalt thun, er würde erſchrecken, ſo lange es noch Zeit zur Rückkehr wäre. Beim Eingang in die Diebshöhle leuchtete ich ihm mit meiner Laterne ins Geſicht. Ich wollte ſehen, wie er auf der Schwelle des Verderbens ausſah... er war bleich wie eine Leiche, aber er trat ein.“ Der Unbekannte hörte Brauner voll Verwunderung an. „Und wer iſt denn dieſer Mann?“ fragte er in der Abſicht, den Greis auszuforſchen;„aber Sie dürften ſeinen Namen vielleicht nicht ſagen wollen.“ Ich begehe keinen Verrath, wenn ich Ihnen ſage, wer der Mann war.“ „Nicht?“ „Nein.“ „So laſſen Sie mich's wiſſen.“ „Sie waren es ſelbſt, mein Herr.“ Der Unbekannte zog ſich zurück. Er fühlte ſich ge⸗ ſchlagen, er war ertappt. „Und wer bin ich?“ ſtammelte er. „Sie ſind der Großhändler Franz Kellner. Ich habe Sie an Ihrer Stimme erkannt. Aber Ihr Beſuch hier kommt mir unerklärlich vor... inſofern Sie nicht die Geſchäfte eines Andern beſorgen.“ Der Unbekannte war Kellner; es verdroß ihn, ſich entdeckt zu ſehen. Uuter dem Schutze der Dunkelheit hatte er gehofft, daß dies nicht der Fall ſein würde. Das Gewiſſen. IV. 20 306 Ohne daß Gourville in nähere Erklärungen einge⸗ gangen war, hatte er Kellner, dem ſein geachteter Name und die perſönliche Bekanntſchaft mit dem Polizeimeiſter Eintritt in das Gefängniß verſchaffen konnte, veranlaßt, Brauner zu beſuchen. Als Lockmittel gebrauchte Gour⸗ ville die Neugierde Kellners, den Greis auszuforſchen, mit dem er früher in einer ſeltſamen Berührung geſtan⸗ den hatte. Unter Anderem hatte Gourville ihn die Möglichkeit befürchten laſſen, daß Brauner im Polizei⸗ verhör von ſeinem Beſuch in der Diebshöhle ſchwatzen könnte, und ihm vorgeſpiegelt, es wäre ein Vortheil, wenn man den Alten zur Flucht veranlaſſen könnte. Der Fuchs hatte bei ſeinem Diebſtahlsverſuch in Pauls Haus Gourville's Plan verfolgt, und dieſer ſah ein, daß der Fuchs, als er auf friſcher That ergriffen wurde, die Schuld von ſich auf Brauner zu wälzen ſuchte. Gour⸗ ville berechnete daher ſchnell, daß, wenn man Brauner zur Flucht veranlaßte, der Argwohn der Polizei ſich um ſo ſicherer gegen ihn wenden würde. Zur rechten Zeit konnte man ja immer noch die Polizei wieder auf ihn hetzen. Gelang der Plan, ſo gedachte Gourville einen von den Stallknechten zu erkaufen, der ihn in den Hof herauslaſſen ſollte. Kellner verſchaffte ſich alſo eine Ein⸗ trittskarte, und der Wachtmeiſter ließ ſich leicht überre⸗ den, Brauner in ein eigenes Zimmer zu führen. Dieſer Plan war nicht übel ausgeſonnen. Während inzwiſchen Kellner hier in ſeinem eigenen Intereſſe zu handeln meinte, war er gleichwohl ein Werkzeug für Gourville's Abſichten. Die Pläne Beider ſcheiterten jedoch an Brau⸗ ners Beſchluß, deſſen Motive jedoch keiner ſo leicht ein⸗ ſehen konnte. „Sie ſchweigen,“ begann Brauner, als Kellner ſtill blieb.„Wer hat Sie zu dieſem Beſuch verleitet? Es gibt einen großen Verbrecher, der, ich weiß nicht unter welchem Namen, bei Ihnen eingedrungen iſt; hat er Sie geſandt?“ 3⁰7 Kellners Stolz erwachte von Neuem. „Ich beſorge nicht die Geſchäfte Anderer, ſondern nur meine eigenen. Ich wollte wiſſen, warum Sie...“ „Warum ich...“ Kellner war noch nicht mit ſich im Reinen, ob er jetzt, nachdem er erkannt worden, aufrichtig ſprechen ſollte oder nicht. „Warum Sie, fuhr indeß Kellner fort,„ſich in meine Handlungen eingemiſcht haben?“ „Warum? Das gehört zu meinem Geheimniß.“ „Sie ſagten, Sie wollten mich vor dem Beſuch in der Diebshöhle warnen? Der Beſuch geſchah in der Hoff⸗ nung, verlorene wichtige Papiere zurückzuerhalten.“ „Und Sie täuſchten ſich.“ „Laſſen Sie das ſein, das geht nur mich allein an. Sie wollten mich warnen, ſagten Sie, ſo weit ich mich zurückerinnern kann, haben Sie ſich immer warnend in meine Angelegenheiten eingemiſcht... obſchon ich jetzt erſt erfahren konnte, wer Sie ſind.“ Dieſen Aufſchluß hatte er in ſeinem Geſpräch mit Gourville erhalten. „Beim Eingang in die Diebshöhle leuchteten Sie mir ins Geſicht.“ „Nun, Herr Kellner, rief Ihr Herz Ihnen nicht ein einziges Wort zu, als Sie auf der Schwelle des Ver⸗ brechens einen alten grauhaarigen Mann ſahen, der Ihnen mit Vorwürfen entgegentrat?“ „Ha, alter Heuchler, haben Sie etwa Luſt, die Rolle meines Gewiſſens zu ſpielen? Als ich mich verheirathete, traf ich Sie in einer Gaſſe, und Sie warnten mich; als ich eine gewiſſe Verbindlichkeit gegen Mamſell Michelſen einging, traf ich Sie am Thorgang... Sie warnten mich; bei einer andern Gelegenheit, als ich ein Mädchen Namens Fanny umarmte, überraſchten Sie mich und riſſen mir das Mädchen aus meinem Arm. Sie gebrauch⸗ 308 ten da nicht blos warnende, ſondern auch drohende Worte. Was wollen Sie von mir?“ „Ich habe Sie gewarnt, ohne daß Sie ſich irgend eine Warnung zu Nutzen machten. Jetzt hilft es Ihnen nichts, Sie werden Ihrem Verderben entgegen gehen.“ „Noch einmal, ich will wiſſen, in welcher Abſicht Sie mich verfolgt haben.“ „Und ich antworte noch einmal, daß dies mein Ge⸗ heimniß iſt. Aber ich frage jetzt Sie auch, warum Sie hiehergekommen ſind, und warum Sie wünſchen, daß ich entfliehe?“ „Sie wollen es wiſſen?⸗ „Ja. Kellner lächelte verächtlich.— „Es liegt in meiner Natur, aufrichtig zu ſein. Sie haben mich durch Ihre Zudringlichkeit, durch Ihr ge⸗ ſpenſterartiges Auftreten im Dunkeln beleidigt und ich wünſchte mich von Ihnen zu befreien.“ „Ich ahnte das. Aber ich ahne noch mehr; wiſ⸗ ſentlich oder unwiſſentlich beſorgen Sie die Geſchäfte der Diebsbande. Man wünſcht, daß ich entfliehen ſoll, um dann deſto ſicherer anklagen zu können, aber ich fliehe nicht, Herr Kellner, Gott wird den Unſchuldigen retten.“ „Er wird Sie nicht retten; denn Sie haben etwas gegen ſich, womit man ſolche Geſchäfte da auf Erden nach Belieben leiten kann.“ „Und das iſt?“ „Mein Geld.“ Nachdem Kellner entdeckt war, glaubte er die Vor⸗ ſicht, womit er zuerſt aufgetreten, nicht mehr beobachten zu müſſen, ſondern ſprach ganz unerſchrocken. „Und warum dieſe Feindſchaft?“ fragte Brauner. „Wenn ich Ihnen nichts genützt habe, ſo habe ich Ihnen wenigſtens nie geſchadet.“ „Sie haben mich gekränkt und verletzt, ſo oft Sie ſich vor mir zeigten; aber Sie ſind ausgeblieben, als 2 mwoeggrund der Myſtifikation, die Sie ſich mi 309 eine ⸗Warnung nützen konnte. Sie warnten mich nicht vor Roman, der mich und mein Intereſſe verrathen ha⸗ ben muß; Sie warnten mich nicht vor Paul, welcher mein Feind iſt. Während Sie die Rolle eines Geheim⸗ nißkrämers ſpielen, wollen Sie ſich als mein Freund ge⸗ berden. Aber ich habe Sie durchblickt. Von meinen Feinden beſoldet, haben Sie mich ausſpähen wollen, um bei der nächſten beſten Gelegenheit ihnen meine Chre preiszugeben. Es iſt Ihnen indeß nicht gelungen.“ Welche Anklagen!“ „Ein einziger Umſtand überzeugt mich von dem Be⸗ t mir erlaub⸗ ten. Sie waren es, der das Haus für Paul kaufte... Sie waren alſo ſchon vor ſeiner Ankunft allhier ſein Commiſſionär. Später ſind Sie in ſeinen Dienſt getre⸗ ten und vielleicht belohnte er Sie nicht genug, da Sie ſchließlich auch ihn an die Diebe verriethen.“ 4„Haben Sie die Güte und entfernen Sie ſich, Herr. Sie dürfen einen alten Mann nicht beleidigen, der ſich nicht vertheidigen kann. Sie bleiben noch... haben Sie noch etwas zu ſagen?“ Kellner kam wieder zu ſich ſelbſt. „Sie hören, daß ich Sie auch kenne,“ ſagte er. „Ich habe noch eine Frage an Sie zu richten.“ „Seien Sie ſo kurz wie möglich; ich höre Sie an.“ „Nun ſo hören Sie. Ich weiß, daß Sie der An⸗ führer einer ſehr großen Diebsbande dahier ſind, daß Sie unter einer ſcheinheiligen und frommen Maske die Andern leiten. So ſind Sie einige Zeit in meinen 4 Fußtapfen nachgeſchlichen— die Folge davon war ein Einbruch. Hernach haben Sie ſich bei Paul eingeſchmei⸗ chelt— die Folge davon war auch da ein Einbruch. Im ſtillen Waſſer ſchwimmen große Fiſche. Nun wohl, Sie müſſen mich fürchten oder ſich mir unterwerfen.“ „Was verlangen Sie ³“ „Mein Einfluß bei den Behörden, die jetzt Ihr 310 Schickſal entſcheiden werden, ſteht Ihnen zu Dienſten, wenn Sie ſich künftig unbedingt unter meine Befehle ſtellen und, vorausgeſetzt, daß Sie, von Ihren Richtern freigeſprochen, Ihren Dienſt bei Paul wiedererhalten, dieſen an mich verrathen wollen.“ „Nie, in Ewigkeit nie!“ „Bedenken Sie ſich wohl.“ „Ich habe mich ſchon bedacht.“ „Nun ſo fürchten Sie mich. Ich ſtürze Sie. Das nächſtemal, wenn Sie ins Verhör kommen, iſt Ihr Schickſal entſchieden.“ Kelluer verließ die Stube. Der zur Fortſetzung der Unterſuchung beſtimmte Tag kam. Die Gefangenen wurden von der Stadtwache abgeholt und der Zug ging über den Markt Guſtav Adolph II. und die Nordbrücke nach dem Polizeiſaal. Der Weg iſt nicht lang, führt aber über die beſuchteſten Plätze der Hauptſtadt. Brauner hatte den Hut ſo tief wie möglich herab⸗ gedrückt und den Rockkragen über ſein Geſicht hinaufge⸗ ſchlagen. Es war dem Unglücklichen, als er jetzt mitten unter den Verbrechern ging, zu Muth, wie wenn er jetzt ſelbſt der groͤßte Verbrecher wäre. Auf dem Trottoir am Markt Guſtav Adolphs ſtand Kellner mit einigen Bekannten. „Da geht,“ ſagte er zu ſeinem Nachbar,„der größte Dieb von Stockholm. Haſt Du ihn geſehen?“ „Welcher? Der da mit dem rothen Haar?“ Er deutete auf den Fuchs. „Ich meine den mit dem weißen Haar, den Alten.“ 311 Brauner hörte ſeine Worte und ſein Haupt ſank immer tiefer und tiefer. Noch in der Entfernung hörte er, nachlachte. Aber dies war nicht die ſchwerſte Prüfung, die er auszuſtehen hatte. Als er in den Sitzungsſaal trat und vor den Po⸗ lizeimeiſter geführt wurde, bemerkte er unter den beru⸗ fenen Zeugen auch Paul Kellner und Fanny. Bei ihrem Anblick vermochte er ſich kaum aufrecht zu erhalten. Seine Füße ſchwankten unter ihm, und wäre nicht ein Polizeidiener herbeigeeilt, um ihn zu unterſtützen, ſo würde er unmächtig zuſammengeſunken ſein. „Beginnen endlich die Gewiſſensqualen Dich zu ſchlagen, Du eingefleiſchter Böſewicht?“ redete ihn der Inquirent an.„Es iſt nicht zu früh. Du biſt im Ver⸗ derben und in Laſtern ergraut, aber wir wollen ſchon verſuchen, über Dich klar zu werden. Willſt Du heute bekennen?“ „Gnädiger Herr Polizeimeiſter,“ verſetzte Brauner, „Sie nehmen den Schein als Wirklichkeit, die Verläum⸗ dung als Wahrheit. Laſſen Sie ſich nicht durch äußere Umſtände irre leiten. Unterſuchen, prüfen und urthei⸗ len Sie, ſo werden Sie mich gewiß unſchuldig finden.“ „Aha, mein Alter, Du willſt mich meinen Dienſt lehren. Ich werde ſchon mit Dir fertig werden, ich. Noch einmal, geſtehe jetzt nur.“ „Herr, Herr!“ klagte Brauner. In ſeiner Stellung wußte er nicht ein einziges Wort zu ſeiner Vertheidigung anzuführen. 1„Hier ſind ſchöne Sachen an den Tag gekommen, ſeit Du das letztemal hier warſt,“ fuhr der Inquirent fort.„Du ſollſt, wie man mir ſagt, nicht mehr und nicht weniger als der Fürſt aller Diebe ſein. Ein ſchö⸗ nes Fürſtenthum fürwahr. Ich will verſuchen, Eurer Majeſtät die Krone vom Kopfe und den Purpur von wie man ihm 312 Ihren glorwürdigen Schultern zu reißen. Sie werden in Ihrem Reich keinen aufrichtigeren Unterthanen haben, als ich bin. Das ſind wohl Deine vornehmſten Höflinge, mit denen Du Dich umgeben haſt?“ Brauner ſchwieg. Er ſah, daß ſeine Sache verloren war, und daß jedes Wort, das er hier äußerte, mißver⸗ ſtanden und mißdeutet werden würde. „Wie ſtehts?“ ſagte der Polizeimeiſter zu den Uebri⸗ gen,„ſeid ihr wirklich die Höflinge des Alten, ſeid ihr ſeine nächſten dienſtbaren Geiſter? Geſteht es nur, ſonſt weiß ich Mittel, euch die Zunge zu löſen, das dürft ihr glauben. Steht der Alte da an der Spitze aller Schelme in der Hauptſtadt? was antwortet ihr? Ja oder nein?“ „Ja, gnädiger Herr Landrichter, ja!“ „Er iſt alſo, ſagt ihr, der Fürſt der Diebe... der König.. oder wie ihr ihn nennen wollt.“ „Ja ja.“ Brauner hatte bisher nicht gewagt, ſich gegen Paul und Fanny zu wenden. Aber als dieſe nun ihr Zeugniß ablegen ſollten, da heftete er ſeinen Blick auf ſie. Paul erzählte, daß er von einem unbekannten Frauen⸗ zimmer... Charlotte... vor dem Alten gewarnt worden ſei und alſo Verdacht gegen ihn geſchöpft, daß er aber ſelbſt keinen Grund zu Bemerkungen gegen ihn gefunden habe.“ Fanny erzählte alles, was ſie wußte, und ſie wußte eine ganze Menge Sachen, weil ſie den Alten lange be⸗ argwöhnt und eine Hinterliſt gegen Paul geahnt hatte. Jedes Wort, das Paul und Fanny ſprachen, ſchnitt Brauner tief ins Herz. Die Gefangenen trugen Handſchellen. Brauner hob die Hände empor und dankte Gott, daß er ſie wie zu einem Gebet falten konnte. Was die übrigen Zeugen anführten, hörte er nicht. Der Fuchs und ſeine Kameraden freuten ſich. Je größer Brauners Verbrechen ſchien, um ſo mehr verminderte 313 ſich ihre eigene Schuld. Sie hofften zwar nicht freige⸗ ſprochen zu werden, aber ſie hofften dennoch viel. „Nun alter Schelm,“ begann der Inquirent wieder, „willſt Du noch nicht bekennen?“ Brauner vermochte nicht zu antworten. „Ueberall und in allen Stücken zeugt man gegen Dich. Du biſt verhärtet und ſehr frech, daß Du es noch wagſt, mir mit Deinem Schweigen Trotz zu bieten. Sprich!“ Brauners Handſchellen raſſelten. Hände. Das Publikum ſchien ſich vor ihm zu entſetzen. Fanny und Paul zogen ſich mitleidig zurück. In dieſem Augenblick hörte man ein Getöſe an der Thüre. Der Inquirent ſah ſich um. Es waren zwei neue Perſonen, welche eintraten: Roman und der ſchon öfter erwähnte Geiſtliche. Ruhig und ernſt näherten ſie ſich dem Polizeimei⸗ ſter und baten um Erlaubniß, ein Wort ſprechen zu dürfen. „Brauner iſt unſchuldig!“ erklärte Roman. „Unſchuldig,“ wiederholte der Polizeimeiſter,„was will das heißen?“ „Das will heißen,“ bemerkte der Pfarrer,„daß er unſchuldig iſt.“ Das Publikum ſtarrte beide verwundert an. „Sie täuſchen ſich,“ antwortete der Polizeimeiſter. „Alle klagen ihn als den größten Verbrecher an.“ „nd er iſt dennoch unſchuldig,“ antwortete Roman. „Erlauben Sie mir, Herr Polizeimeiſter, Ihnen ein Wort ins Ohr zu flüſtern.“ Der Polizeimeiſter neigte ſein Haupt gegen ihn und Roman flüſterte ihm ein einziges Wort zu. „Was höre ich?“ rief der Polizeimeiſter und rich⸗ tete ſich überraſcht auf.„Können Sie das beweiſen?“ „ Ich kann es, wenn Sie mir auf einen Augenblick ein Geſpräch unter vier Augen geſtatten. Der Herr Er rang ſeine 4 8 bee. c ic Kaeasn 4 3* 314 Pfarrer iſt mit mir gekommen, um ſeine Ausſage mit der meinigen zu verbinden.“ Sie gingen in das beſondere Zimmer des Polizei⸗ meiſters. Die Neugierde war auf's Höchſte geſpannt. Ueberall wurden verwunderte Blicke gewechſelt. Nach einer kurzen Weile trat der Polizeimeiſter wieder heraus. Ueberraſchung und Verwunderung zeig⸗ ten ſich noch auf ſeinem Geſichte. In tiefem Schweigen erwartete man, was er ſagen würde. „Ich ſpreche Brauner von der Anklage frei,“ ſagte er;„ſeine Unſchuld iſt mir vollkommen bewieſen. Nehmt ihm die Handſchellen ab.“ Dies geſchah. 4 Roman eilte vor und ſchloß den Greis au ſeine Bruſt. In unſerem Verlag iſt ferner erſchienen, und um eine größere Verbreitung zu ermöglichen, von uns im Preiſe ermäßigt worden: Gedichte ll r 5 V von 1. Heribert KRan. (Verfaſſer des Kosziusko.) 80. geh. Preis ſtatt 2 Thlr. od. 3 fl. 24 kr.— jetzt 18 Ngr. oder 1 fl. Wie in unſerer jetzigen Zeit nicht leicht ein Dichter die Liebe der Nation erobern kann, wenn er nicht auch ddie Saite ſeiner Lyra greift, die im Herzen des Volkes aam lauteſten ſchlägt— wir meinen die Kämpfe der Zeit— ſo ſind auch die volitiſchen Gedichte des Herrn Verfaſſers dem Beſten an die Seite zu ſetzen, was in neueſter Zeit Uhland, Grün, Platen, Herwegh, Pfitzer und Hoffmann v. Fallersleben geſungen haben, und wem nicht die Unnatur und die Phraſendrechſelei einiger modernen Poeten den reinen Geſchmack an wah⸗ rer Poeſie verdorben hat, der wird dieſen Gedichten die verdiente Anerkennung nicht verſagen. Stuttgart, 1852. Franckh'ſche Verlagshandlung. — 4 8 „ Preisermäßigung. Nachſtehenden Artikel unſeres Verlags haben wir im Preiſe ermäßigt, um die Anſchaffung zu erleichtern und ſo eine größere Verbreitung deſſelben zu ermög⸗ lichen: Gedichte von J. G. Deeg. 8. geh. Sonſt 2 Thlr. oder 3 fl. 24 kr. jetzt 18 Ngr. oder 1 fl. Wem das Herz hoͤher ſchlägt, wenn es die Worte: Liebe, Freiheit, Vaterland! nennen hört, wem die Poeſie nicht Unterhaltung nur, ſondern das keuſche Licht iſt, das aus dem Sumpfe des Materialismus und aus der Verſunkenheit unſerer Zeit ins edlere Gebiet des Geiſtes leuchtet, der wird unſern Dichter und ſeine Gaben mit Freuden willkommen heißen, er wird ihn, nachdem er ſeine Gedichte kennen gelernt, den Edelſten nud Beſten unſeres Volkes an die Seite ſtellen, weil, was Form und Inhalt dieſer anlangt, ſie den Vergleich mit dem Ausgezeichnetſten der deutſchen Poeſie beſtehen, ja theilweiſe es noch übertreffen können. Stuttgart, 1852. Franckh'ſche Verlagshandlung. ——Jö 6 —— —— 4 8 =828ö8höohoo ——— ſſſſſſſſſfliſiſſſenenmſnfnniſlnnnſinththn 7 8 9 10 11 12 13 14 1 ſinſf 5 16 1