Leih deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 2 von 1. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſehedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme den angenommen. V eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————ner: auf 1 Monat: 1 Mrt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 3 4 8„„ 3„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene d defeecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ac.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren ſo i der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weitervetleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welch 5 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Werkes, ſo iſt —— Das Gewifſen oder Geheimniſſe von Stockholm. Roman C. F. Nidderſtad. Aus dem Schwediſchen überſetzt von Gottlob Fink. Achtes bis eilftes Bändchen. 8 8 art. 4 Verlag der„ ſchen Buchhandlung. ͤ Zweiter Theil. Erſtes Kapitel. Eine Morgenpromenade. Jaquette und Paul. Das Haus, das der General Roſenpalm bewohnte, lag, wie wir bereits erwähnt haben, in der Königsſtraße, gegenüber dem Höôtel, das der alte Brauner auf Pauls Rechnung gekauft hatte. Das Gebäude hatte zwei Flügel nach der Hoſſeite hinaus, welche der Hausbeſitzer in mehrere kleine Woh⸗ nungen für Junggeſellen und minder bemittelte Perſonen eingetheilt hatte. Wir befinden uns im Monat November. Ueber Nacht war eine Schneedecke gefallen, aber mit dem erſten Sonnenſtrahl des Morgens wieder verſchwunden. Trotz der vorgeſchrittenen Jahreszeit iſt die Luft klar und lau. Dem Herbſt iſt ein wo möglich ebenſo ſchöner Nachherbſt auf den Ferſen gefolgt. Die Sonne iſt ſo eben aufgegangen. Es iſt unge⸗ fähr ſieben Uhr. Ein Reitknecht in Livree führt aus dem im Hinter⸗ 3 hof liegenden Stall ein ſtattliches feuriges Pferd mit einem zierlichen Damenſattel. Als das edle Thier, ein ächter Mecklenburger, in die Mitte des Hofes kommt, erhebt es wiehernd ſein ſtolzes Haupt und haut ungeduldig mit dem einen Huf gegen die Steine. Das Gewiſſen. II. 1 2 Im nächſten Augenblick zeigt ſich eine junge Dame, die in einem feinen zierlichen Reitkleid die Treppe von des Generals Wohnung herabkommt. Sie trägt einen runden Herrenhut mit breitem auf⸗ geſchlagenem Rand, und darüber wogt eine ſchwarze Straußfeder, mit einem koſtbaren Juwel befeſtigt. In ihrer Hand hält ſie eine mit Silberdraht umflochtene Reitgerte. Das Pferd ſcheint ſeine Herriu zu kennen, denn als ſie ſich nähert, ſpitzt es ſeine Ohren und die Augen blitzen. b„Guten Morgen, Springer,“ grüßte ſie das Pferd mit freundlich lachender Stimme,„guten Morgen, mein Freund.“ Springer ſchnaubte muthig und ſchüttelte ſeine Mähne, gleich als hätte er ihre Worte verſtanden. Während der Reitknecht mit der einen Hand die Zügel überreicht, hält er mit der andern die Steigbügel, worauf die junge Dame mit einer leichten Bewegung ſich in den Sattel ſchwingt. Springer tanzt unter ſeiner Reiterin, und dies ſcheint ihr Vergnügen zu machen, denn ſie lächelt fröhlich und klopft ihm freundlich auf den Hals. Aber ſo wild und muthig der ſtampfende und ſchnau⸗ bende Springer ſich unter ſeiner ſchönen Beherrſcherin geberdet, ſo ſcheint er gleichwohl blindlings jedem ihrer Winke zu gehorchen. Die Reiterin iſt Jaquette. In dem Augenblick, wo ſich Springer in Bewegung ſetzt, kommt vom Hinterhof her ein Reiter, der mit der ſichern Hand eines alten Cavalleriſten ſein Pferd zügelt, deſſen Bruſt und Kopf beweiſen, daß er ein ächter Hel⸗ ſingländer iſt. Als Jaquette auf die Straße kam, ſchlug ſie ſich aufwärts und ritt im gewöhnlichen Schritt den Königs⸗ 3 hügel hinan, während der alte Reiter ihr in einiger Entfernung folgte. Jaquette war ein zierliches Mädchen, eine ſchlanke allerliebſte Amazone zu Pferd, und Springer ſchien mit wahrem Stolz mit den Zügeln zu ſpielen, die in ihrer Hand ruhten. Der Reiter, der ſie begleitete, war ſeit den Kriegen in Pommern, Finnland und Norwegen, während welcher er in derſelben⸗Schwadron gedient hatte, wo der General damals noch als Subalterner fungirte, fortwährend ſein Liebling geweſen. Nach dem norwegiſchen Feldzug, wo er eine ſchwere Wunde erhielt, wurde er mit der ſilbernen Tapferkeitsmedaille dekorirt und bald darauf als dienſt⸗ unfähig verabſchiedet. Der General nahm ihn jetzt in ſeinen eigenen Dienſt und wenn noch nie ein Herr einen treueren und ergebeneren Kammerdiener hatte, ſo konnte auchs kein Kammerdiener je einen edleren und beſſeren Herrn haben. Dieſe beiden Männer hatten alſo den größten Theil ihres ereignißreichen Lebens Seite an Seite verbracht, und die Abendſonne ihrer Lebensbahn leuchtete jetzt auch auf gleich ergraute Scheitel. Als Held... ſo hieß der getreue alte Diener... ſeinen Abſchied bekam, hatte er zum Beweis für die Gunſt, worin er bei ſeinen Vorgeſetzten ſtand, die beſon⸗ dere Erlaubniß erhalten, ſeine Huſarenuniform zu behal⸗ ten und zu tragen. Sie war auch unzertrennlich von ihm und ſowohl zu Hauſe als außer demſelben zeigte er ſich immer in ihr, obſchon er mit militäriſcher Gewiſſen⸗ haftigkeit einen Unterſchied zwiſchen den Fällen machte, folle. die gewöhnliche oder die Paradeuniform tragen Mit ſeiner Feldmütze auf dem Kopf und einer Art von kleinem Ueberrock begleitete er Jaguette. „Reite an meiner Seite, Held,“ bat Jaquette,„wa⸗ rum denn dieſe Entfernung? Ich habe etwas mit Dir zu ſprechen.“ „Sehr wohl, gnädiges Fräulein, hier bin ich. Be⸗ fehlen Sie etwas?“ Die rechte Hand an die Feldmütze emporhaltend, nahm der Alte eine Miene an, als handelte es ſich darum, eine Ordre zu empfangen. „Es ſieht beinahe aus, Held, oder was meinſt Du, als ob wir die Früheſten in der ganzen Stadt wären. Die Straße iſt faſt ganz leer, die Rollvorhänge ſind noch nicht aufgezogen und die Magazine ſind noch verſchloſſen.“ „Das iſt ſehr wahr, Fräulein; aber es iſt immer ſo... Sie ſtehen mit der Sonne auf, Sie... und dann hinaus in's Friſche... Es iſt auch ächtes Sol⸗ datenblut in Ihnen. Wenn Sie ein Junge geworden wären, verzeihen Sie mir, gnädiges Fräulein... ſtatt ein Mädchen, ſo würden Sie ganz wie Ihr Herr Vater ein verdammt tüchtiger Huſarenoffizier geworden ſein.“ „Ich glaube, das hätte Dir Freude gemacht!“ „Wahrhaftig, ja. Was für ein Marſch! Marſch! würden Sie nicht commandirt, was für einen Choc wür⸗ den Sie nicht ausgeführt haben, wie würden ſich die Frauenzimmer nicht in Sie vernarrt haben, welche Abenteuer, welche Liebesintriguen, ganz wie in unſern alten Zeiten... und das wäre ſchön geweſen.“ Jaquette hörte den Alten aufmerkſam an, gleich als hätte ſie gerade ſolche Bemerkungen von ihm erwar⸗ tet. Sie ſchienen ihr ſehr viel Spaß zu machen. „Du liebſt Abenteuer und Intriguen, alter Freund,“ erinnerte Jaquette.„Warüber ſage ich auch nichts, weil ich ſehr wohl weiß, daß das Leben des Soldaten etwas abenteuerlich iſt, aber...“ „Befehlen Sie etwas, mein Fräulein?“ „Wie viele Jahre haſt Du jetzt bei meinem Vater gedient?“ 3 „Um eine runde Zahl zu ſagen, gnädiges Fräulein, fünfundvierzig Jahre. Ich war achtzehn Jahre alt, als ich in den Dienſt kam. Der General iſt zwei Jahre 5 jünger als ich, und vor einem Monat wurde ich drei⸗ undſechzig; alſo, meine Soldatenzeit mit eingerechnet, fünfundvierzig Jahre.“ 1 „Dann mußt Du auch den General beſſer kennen als ich.“ „Der gnädige General kennt ſich ſelbſt nicht ſo gut, wie ich ihn kenne. Ich kann ihn auswendig, Fräulein, gerade wie eine Generalordre. Ich habe im Sonnen⸗ und Mondſchein mit ihm campirt, wo es war. Wenn er Vorwärts! Marſch! commandirte, ſo war es, als hätte der Teufel ſelbſt mich in die Seite geſpornt... es ging... ich wußte nicht immer wohin und warum... aber es ging. Nur Schade, gnädiges Fräulein, daß man alt wird und nicht immer jung und friſch ſein kann. Früher waren wir beſtändig draußen... jetzt heißt es, ſich daheim halten.“ Jaquette ließ den Alten ſchwatzen, ohne ihn zu un⸗ terbrechen; ſie ſchien mit großem Vergnügen auf jedes Wort zu achten, das ihm entfiel. „Du haſt doch ein gutes Gedächtniß, Held; ich erinnere mich, daß Du zuweilen damit geprahlt haſt.“ „Ja, wahrhaftig, kein Menſch kann ein beſſeres haben, gnädiges Fräulein. Ich erinnere mich an das, was vor dreißig Jahren paſſirte, eben ſo gut, ja noch beſſer als an Dinge, die ſich geſtern zutrugen. Wollen Sie mich auf die Probe ſtellen?“ Der Alte prahlte gerne ein wenig, zumal wenn es galt, von ſeinen eigenen jüngern Jahren zu ſchwatzen. „Ich erinnere mich, daß wiein Vater mir manchmal geſagt hat, daß er ein Jugendfreund des alten Groß⸗ händler Kellner, wie auch ſeiner Brüder geweſen ſei, von denen kürzlich einer in Amerika geſtorben iſt.“ „Ganz wahr, mein Fräulein, bei Gott ganz wahr. Luſtige Vögel alle drei... muntere Kameraden.“ „Alle vier, meinſt Du wohl? Der General iſt einer und die Gebrüder Kellner waren ja drei.“ 4 — —õõ— Held wandte ſich dabei haſtig gegen Jaquette und ſchaute ihr forſchend in's Geſicht. „Ganz richtig,“ ſagte er dann,„ſie waren drei.“ „Aber ſchließeſt Du denn den dritten aus? Und überhaupt warum hört man niemals von dieſem dritten ſprechen?“ „Das kommt daher, weil er ein armer Schlucker war, von dem man nichts ſagen kann.“ „Aber wohin iſt er denn gegangen? iſt er todt?“ „Ich kann es nicht ſagen. Nur der liebe tt, mein Fräulein, weiß über alle Sünder Auskunft zu geben. Ich glaube, er iſt geſtorben...“ Jaquette meinte zu finden, daß Held am liebſten von dieſem Gegenſtand abgehen würde, und ſie hatte auch nichts dagegen. Unter den Jugendfrennden meines Vaters war ja auch Baron Krook, oder iſt er eine ſpätere Bekanntſchaft?“ „Nein, gewiß nicht, mein Fräulein. Baron Krook iſt einer der älteſten Freunde des Generals; er war in ſeiner Jugend ein prächtiger Mann, geſchmeidig und ſtark wie eine Säbelklinge, flink und ſicher wie ein Sä⸗ belhieb.“ „Und dann, war er ſchon damals ein vertrauter Freund von Frau Kellners Vater, dem Grafen Curt?“ „Auch ein ſtattlicher Mann... etwas langſam in ſeinen Bewegungen... aber ſicher wie eine Wünſchel⸗ ruthe.“ hee lind mit dem Juden Abraham?“ „Wie ich höre, kennen Sie alle dieſe Lente, gnädi⸗ ges Fräulein. Der Inde Abraham, ja, er war der Caſſier der Geſellſchaft... ein braver Mann, deſſen Caſſe immer offen ſtand, und ungeachtet der General und die Uebrigen ihm einen Spuck um den andern ſpiel⸗ ten. Ich habe nie eine frömmere Seele geſehen. Denken Sie ſich nur, mein Fräulein, ſein größtes Vergnügen war, den Herren zu helfen, und er war ganz untröſtlich, 7 7 wenn eine Woche vorüberging, ohne daß ſie ihn um baar Geld anſprachen. Ein dienſtfertigerer Jude iſt gewiß noch nie auf Gottes grüner Erde umhergelaufen.“ Held ſprach mit wahrer Wärme zu Abrahams Vor⸗ theil, aber Fräulein Jaquette ſchien das Lob dieſes Man⸗ nes nicht mit derſelben lebhaften Sympathie anzuhören. „Kannſt Du mir ſagen,“ begann ſie wieder,„ob mein Vater vor ungefähr zweiundzwanzig Jahren in Geſellſchaft der oben genaunten Freunde oder allein einen Beſuch bei Baron Krook auf Großſmeſtad oder...“ Mit einer heftigen Bewegung⸗ welche Ueberraſchung und Verwunderung ausdrückte, wandte ſich Held von Neuem gegen das Fränulein. „Du antworteſt mir nicht,“ erinnerte ſie. „Vor zweiundzwanzig Jahren?“ wiederholte er. „Mein Fräulein, nein, darau erinnere ich mich nicht.“ Der alte Huſar hatte jedoch ein gar zu aufrichtiges und ehrliches Geſicht, als daß nicht der Ausdruck darin gegen ihn gezeugt hätte. „He, Held, jetzt lügſt Du,“ bemerkte daher Jaquette, die ihren Blick nicht von ihm abwandte,„das ſeh' ich Dir an.“ „Ich lüge, ſagen Sie, Fräulein? Zum Teufel, ich ſoll lügen?“ „Das thut ein ehrlicher Soldat nie, Held, er hält ſich an die Wahrheit, und wenn ſie auch wie die Schneide eines Schwertes ihn verletzen könnte. Nun, nun, erin⸗ nerſt Du Dich nicht eines gewiſſen Barons Lander, der vor zweiundzwanzig Jahren auf eine ſonderbare Weiſe da draußen auf Großſmeſtad oder Aſen, ich weiß nicht recht, auf welchem dieſer beiden Güter umgekommen iſt!“ Als Jaguette den Namen des Barous Lander nannte, fuhr Held zuſammen und drückte dabei ſo heftig ſeinem Pferde die Sporen in die Seite, hielt auch die Zügel ſo übel, daß das ſtarke und weiche Thier ſtieg und bei⸗ nahe mit ihm überſchlug. Aber die Gefahr war bald vorüber und der alte Cavalleriſt gewann zugleich ſeine eigene Ruhe und die Herrſchaft über das Thier wieder. „Tauſend Granaten!“ brummte Held;„Sie haben mich dazu gebracht, daß ich das Thier unter mir ganz vergaß. Aber was beliebten Sie zu ſagen, mein Fräu⸗ lein?... Es iſt wahr, jetzt erinnere ich mich. Sie fragten mich, ob der General vor zweiundzwanzig Jahren auf Aſen geweſen ſei, und ferner, ob ich den Baron Lander gekannt habe, der auf eine ſo ſeltſame Art ge⸗ tödtet wurde? Das war es ja doch, was Sie meinten, mein Fräulein?“ „Allerdings, Held, ich will hören, was Du von der Sache weißt.“ „Nichts, Fräulein, platterdings nichts. Sehen Sie, mein Fräulein, ein Diener weiß nichts, was ſeinen Herrn betrifft, tauſend Granaten!“ Held hatte wohl noch den einen und den andern Fluch auf den Lippen. Dies kam daher, daß auch der General ſich ſolcher Mittel zu bedienen pflegte, um ſeine Reden zu würzen; eine alte ſchlechte Gewohnheit bei dem Militär damaliger Zeit. Held ſuchte ſeinem Herru ſo viel als möglich nachzuahmen. „Du wollteſt noch etwas hinzufügen,“ erinnerte Jaquette. „Tauſend Granaten! nein, mein Fräulein. Alles, was ich ſagen kann, iſt das, daß Baron Lander auf eine ſehr ſonderbare Art ſtarb, und daß der jüngſte der Brü⸗ der Kellner des Mordes angeklagt wurde; das muß der ganzen Welt bekannt ſein, denn er wurde öffentlich für den Mörder angeſehen; mehr weiß ich nicht. Tauſend Granaten!“ Während dieſes Geſprächs waren Springer und der Helſingländer raſch von dannen getrabt, am Obſervato⸗ riumshügel vorbeigekommen und hatten den größten Theil der Nordzollſtraße zurückgeleget. 9 Jaquette that ihrem Pferde Einhalt, nicht aus Mü⸗ digkeit, ſondern um ruhiger die Gedanken ſammeln zu können, die ſie beſchäftigten. „Befehlen Sie, daß wir umkehren?“ fragte Held. „Warum das? mein gewöhnlicher Spazierritt geht bis an die Gitterthore von Haga, zuweilen auch etwas weiter.“ 4 1 Held ſchwieg und der Ritt wurde fortgeſetzt. „Kennſt Du,“ begann Jaquette nach einer kurzen Pauſe wieder,„den alten Brauner, der vor einiger Zeit das Haus uns gegenüber kaufte?“ „Nein, gnädiges Fräulein.“ „Du weißt auch ſonſt nichts von ihm... ſeinem Ruf, ſeinem Charakter? Ob er ein braver und zuverläſ⸗ ſiger Mann iſt, oder...“ „Ich habe nie ein Wort von ihm gehört, Fräulein.“ „Kennſt Du vielleicht auch den Kapitän Roman nicht, der in demſelben Hauſe wohnt?“ „Nein.“ Jaquette verſank in Gedanken und man paſſirte in⸗ zwiſchen durch das Nordzollthor auf die Landſtraße hinaus. „Haſt Du zufällig einmal von einem Frauenzimmer gehört, das die ſchwarze Charlotte heißen ſoll?“ „Ei der Tauſend, mein Fräulein, nie.“ Held begann, Jaquette anzuſtieren, denn er wunderte ſich höchlich über ihre, wie es ihm ſchien, höchſt ſonder⸗ bare Fragen. Noch eine Frage, alter Freund. Haſt Du auch fuunne von einem Manne gehört, der ſich Löwe nennen oll? „Nicht das Geringſte.. platterdings nichts. Das iſt ja ein gewöhnlicher Hundename, mein Fränlein.“ Aber Jaquette ſchenkte der Bemerkung Helds keine Aufmerkſamkeit, ſondern fuhr fort, bei ſich ſelbſt zu über⸗ legen und dazwiſchen hinein die eine oder die andere Frage vorzubringen, um Licht in dem Dunkel zu ſuchen, worin ihre Gedanken arbeiteten. 5 Sie näherten ſich dabei dem Gitterthore von Haga. „Kennſt Du nicht, Held,“ fuhr Jaquette fort, einen flinken, unerſchrockenen, kecken, dabei zuverläßigen und ehrlichen Burſchen, dem ich einen wichtigen Auftrag über⸗ geben könnte, ohne daß ich fürchten müßte, von ihm be⸗ trogen oder verrathen zu werden?“ „Tauſend Granaten! als ich jung und im Dienſt war, hätte ich ein ganzes Regiment ſolcher Burſche auf⸗ treiben können, denn jeder von meinen Kameraden war ſo, aber jetzt... die Zeiten verändert... doch es iſt wahr... Und der Alte lächelte ein wenig, während er ſprach. „Ich habe neulich eine Bekanntſchaft gemacht, ich bin überzeugt, daß ich für dieſen Mann bürgen könnte.“ „Laß hören.“ „Es iſt ein Seemaun, gnädiges Fräulein. Ein lu⸗ ſtiger und ſchnurriger Geſelle, aber ſtark und unerſchrocken, und das Herz hat er auf dem rechten Fleck, das habe ich wohl bemerkt. Er hat neuerdings in einem der Flügel bei uns ein Zimmer gemiethet Befehlen Sie, daß ich mit ihm ſprechen ſoll? Sie haben ihn wahrſcheinlich ſchon hie und da im Hof geſehen, denn er geht oft zu Holtmann hinüber, der ſchief ihm gegenüber wohnt.“ „ rägt er einen weißledernen Hut und eine rothe Wolljake, oder was es ſein mag?“ „Ganz richtig, mein Fräulein.“ „Er ſieht aus wie ein Bruder Liederlich.“ „Das ſind die beſten Leute, mein Fräulein, wenig⸗ ſtens die ehrlichſten.“ 3 „Du kannſt mit ihm ſprechen.“ Jaquette verſtummte plötzlich und hielt ihr Pferd an. „Pferdegetrabe, Pferdegetrabe! hörſt Du.. 4 Das Getöne ſchneller Pferdehufe näherte ſich wirk⸗ lich. 11 „Sie kommen hieher,“ bemerkte Held...„es iſt ein Eilbote... tauſend Granaten, eine Ordonnanz oder ein Kurier.“ Hinter den Bäumen, welche den Weg nach dem Ha⸗ gapark hinab verbargen, kam jetzt ein mit Blitzesſchnelle heraneilender Reiter hervor. 1 Springer hob ſeinen Kopf und ſpitzte die Ohren. Jaquette neigte ſich vorwärts und eine leichte Röthe breitete ſich über ihre Wangen, weil ſie den Kommenden zu erkennen glaubte.— In dieſem Augenblick öffnete ſich das Gitterthor für den Reiter, und als er aus dem Park herauskam, warf er mit einer ſchnellen Bewegung das Pferd ſeitwärts, um den Weg nach der Stadt einzuſchlagen. Jaquette hatte ihr Pferd auf dieſem Platz ange⸗ halten, ſo daß der neue Ankömmling ſich ihr gerade ge⸗ genüberbefand. Das Zuſammentreffen ſchien ihm höchſt unerwartet zu ſein. Trotz ſeiner Eile hielt er jedoch mit einer ebenſo wohl berechneten als anmuthigen Bewegung ſein Pferd an. „Es iſt alſo bei Gott wahr,“ ſagte er, indem er fie höflich grüßte,„Morgenſtund hat Gold im Mund.“ Jaquette, deren Wange von Geſundheit und Lebens⸗ friſche prangte, war unendlich ſchön, als ſie jetzt mit ei⸗ nem freundlichen und fröhlichen Blick das Kompliment des jungen Mannes erwiederte. „Ich glaubte die früheſte in der ganzen Stadt zu ſein,“ antwortete ſie,„und der Gedanke machte mich wirk⸗ lich eitel; aber Sie übertreffen mich, Herr Kellner. Kehren Sie jetzt nach der Stadt zurück?“ „Noch nicht, mein Fräulein. Ich habe zuerſt einen Kontrakt mit Ihnen abzuſchließen.“ „Mit mir?“ 6 „Mit wem ſonſt? Die einzige Perſon in der gan⸗ zen Welt, mit der ich einen Kontrakt abſchließen möchte, ſind Sie.“ 8 „Sie ſetzen mich in Erſtannen, mein Herr, was meinen Sie?“ „Sie nannten mich Herr Kellner, mein Fräulein.“ „Das iſt ja doch Ihr Name?“ „Allerdings; aber wenn Sie dieſen Namen gebrau⸗ chen, können Sie ebenſo gut meinen Vater, meinen Ur⸗ großvater, meinen Onkel, ja ſogar meinen Vetter Franz Kellner meinen, wie mich, denn wir befinden uns alle in den Rahmen des Kellnerſchen Namens eingeſchloſſen. Aber die Sache iſt die, daß ich auch einen Namen be⸗ ſitze, der lediglich mein Privateigenthum iſt, und deßhalb meinem Herzen weit näher liegt; denn wenn man mich mit dieſem anredet, ſo weiß ich beſtimmt, daß man mich und keinen andern meint. Dieſer Name iſt Paul. Soll⸗ ten Sie nicht, mein Fräulein, damit die Morgeuſtunde auch für mich ein wenig Gold habe, mich recht und ſchlecht, Paul oder, wenn Sie durchaus ſo wollen, Herr Paul nennen wollen?“ Jaquette fand zwar den Vorſchlag etwas wunder⸗ lich, aber da er ganz einfach und natürlich, ſowie ohne alle Affektation gemacht war, ſo glaubte ſie keine beſon⸗ dere Bedeutung darauf legen zu müſſen. „Nun gut,“ ſagte ſie,„wir kehren alſo jetzt in die Stadt zurück, Herr Paul?“ Was nun auch die Urſache ſein mochte, es wurde ihr ſchwer, die zunehmende Röthe auf ihren Wangen zu⸗ rückzuhalten. „Wie Sie wünſchen, mein Fräulein. Ich ſage zu Allem Ja, zumal wenn der Vorſchlag von Ihnen aus⸗ geht.“ Sie kehrten alſo ihre Pferde gegen die Stadt und ritten in kurzem Trab weiter. Held blieb ein Stück hin⸗ ter Jaquette zurück. „Sie haben ſich allein heute hinaus begeben,“ nahm Jaquette das Geſpräch auf;„ich glaube, daß Sie am allerliebſten für ſich allein ſind.“ 13 „Gewöhnlich; ich fühle mich am freieſten, wenn ich allein bin. Eine Geſellſchaft, die nicht einen Theil mei⸗ nes Herzens ausmacht, kommt mir immer vor wie etwas Schleppendes, das ich manchmal nothgedrungen mit mir ziehen muß. Allein... befinde ich mich immer in der angenehmſten Geſellſchaft.“ „Aber mein Gott, Herr Paul, dann beklage ich Sie, daß Sie unglücklicherweiſe auf mich geſtoßen ſind; jedenfalls will ich Ihre Freiheit und Ihre angenehme Geſellſchaft nicht ſtören.“ „Mit Ihnen iſt es etwas anders. Vom erſten Au⸗ genblick an, wo ich Sie ſah, ſind Sie immer meine liebſte Geſellſchaft geweſen, und juſt deßhalb kann ich ſagen, daß ich mich in der angenehmſten Geſellſchaft befinde, wenn ich allein bin. Da ich beſtändig mit Ihnen um⸗ gehe, ſo iſt es mir, als ob Sie neben mir ſtünden und mir mit Ihren Augen folgten, und.. ich geſtehe es ganz aufrichtig... begehe ich eine Dummheit, ſo meine ich, daß Sie ſich verlegen von mir abwenden, wogegen es mir vorkommt, als ob Sie fröhlich und vergnügt würden, wenn ich etwas thue, was recht und vernünftig iſt. Die Wahrheit zu ſagen, mein Fräulein, Sie üben einen ſo mächtigen Einfluß auf mich aus, daß ich mich beinah vor Ihnen fürchte.“ Paul ſprach, ohne im Mindeſten genirt zu ſcheinen, ſei es nun, daß er ihr ein Kompliment ſagen, oder daß er etwas ausſprechen wollte, worüber ſie ſich verwundern ſollte; er trug ſeine Gedanken ſo natürlich vor, wie wenn ſich alles von ſelbſt verſtände. Jaquette hörte ihn jedoch nicht ohne Verwunderung an. Sie war an eine ſolche Geradheit nicht gewöhnt, ſondern in den Stockholmer Ton und die Convenienz eingeweiht, welche das Umgangsleben in der Hauptſtadt vorſchreibt. Seine Aeußerungen zeugten jedoch von ſo inniger Aufrichtigkeit und drangen deßhalb auch dermaßen zu 14 ihrem Herzen, daß ihr Buſen ſich unwillkührlich immer mehr hob. „Sie erſchrecken vor mir,“ antwortete ſie, eigent⸗ lich nur um etwas zu ſagen, weil ſie dachte, ihr Schwei⸗ gen könnte ſonſt unvortheilhaft erklärt werden.„Es iſt gut, daß ich das weiß,“ fügte ſie hinzu.„Ich werde Ihnen jetzt ausweichen, dann ſind Sie von Ihrem Schrecken befreit.“ „Thun Sie das jedenfalls nicht; ich bekomme ſonſt noch mehr Angſt vor Ihnen.“ „Vor mir?“ „Sie verſtehen mich gewiß nicht. Sehen Sie, mein Fränlein, ich habe deßwegen Angſt vor Ihnen, weil ich nicht weiß, was Sie von mir denken; wenn ich einmal dieß erfahren könnte, ſo würde ſicherlich auch meine Furcht verſchwinden.“ „Sie möͤchten alſo wiſſen, was ich von Ihnen denke, Herr Paul?“ Pauls Geſicht ſtrahlte. „Natürlich. Schon ſeit ich Sie zum erſtenmal ſah, war es eine Qual für mich, darüber in Unkenntniß zu ſein.“ Jaquette ſah ſchalkhaft aus. „Warum ſich alſo nicht unmittelbar an mich ſelbſt wenden, da ich Sie ſo leicht hätte darüber aufklären kön⸗ nen?“ Je mehr Jaquette ihn hörte, um ſo mehr Grund glaubte Sie zu haben, auf ſeinen Gedanken ganz einzu⸗ ehen. 1„Wahrhaftig, darin haben Sie recht,“ antwortete Paul;„aber es iſt noch nicht zu ſpät dazu: alſo... haben Sie die Güte, mich hören zu laſſen, was Sie von mir denken.“ In Pauls Aufrichtigkeit lag auch etwas ſo Uner⸗ ſchrockenes, daß Jaquette ihrerſeits vor ihm bange zu werden anfing. 15 „Nun wohl,“ erinnerte Paul. Jaquette lächelte, um zu verbergen, was in ihr vor⸗ ging, während Paul vertrauensvoll in ihre dunkelblauen Augen blickte. „Was denken Sie alſo von mir, mein Fräulein?“ „Ich denke... „Sprechen Sie ſich aus...“ Jaquette lächelte noch. „Daß Sie ausgezeichnet gut reiten, Herr Paul.“ Paul konnte nicht umhin, in ein lautes Gelächter auszubrechen. „Daß Sie...“ fuhr Jaquette wieder fort, unter⸗ brach ſich aber ſogleich, indem ihre Verlegenheit zunahm. „Daß ich..“ Jaguette lächelte wieder. „Daß Sie... aber Sie errathen ſicherlich, was ich ſagen will... daß Sie ein Pferd von der edelſten Vollblutrace beſitzen, die ich je geſehen habe.“ „Sie ſchmeicheln mir, mein Fräulein, und ich danke Ihnen dafür, weil...“ „Weil... „Weil Sie meine Furcht vor Ihnen auf eine ent⸗ zückende Art verſcheuchen.“ „Wirklich?“ „Ich ſcherze nie, Fräulein, Sie verſcheuchen meine Furcht, weil ich ſehe, daß Sie...“ „Was 2...“ „Daß Sie ſelbſt, ich will nicht ſagen Furcht vor mir haben, aber dennoch...“ „Sie täuſchen ſich, mein Herr; Sie machen mir eher Spaß.“ Jaquette wandte ſich ab, um ihre Röthe zu ver⸗ bergen. „Gut, mein Fräulein, gut! Ich wäre auch untröſt⸗ lich, wenn ich je das Unglück hätte, mir auch nur einen Augenblick Ihr Mißvergnügen zuzuziehen oder in Ihrem . 16 Herzen die geringſte Furcht zu erwecken. Bei Gott, es ſind ganz andere Gefühle, die ich zu erwecken gedenke; aber haben Sie ſonſt nichts mehr über mich zu ſagen?“ „Sie ſind Amerikaner, Herr Paul?“ „Allerdings.“ „Dies iſt unläugbar ſehr ſonderbar.“ „Warum?“ „Weil Sie mir eher wie ein Engländer vorkom⸗ men.. ſo originell ſind Sie... und ſo ein ſchönes Pferd haben Sie.“ „Immer das Pferd... und nur das Pferd... ich muß es nächſtens beneiden.“ „Der Styl iſt ja der Menſch, Herr Paul, und das Pferd iſt der Reiter.“ Ein plötzlicher Blitz leuchtete in Pauls Augen. „Etwas von Ihrem Beifall fällt alſo auch für den Reiter ab?“ Jaquette verzog den Mund. „Das habe ich nicht geſagt; aber mein Vater würde nie müde werden, Ihr Pferd zu bewundern.“ „Aber Sie werden es müde, nicht wahr? Sie ſind ſehr garſtig, mein Fräulein, Sie ſprechen von meinem Pferd und ſcherzen nur mit mir.“ „Mein Vater würde Ihnen ſogar den Vorſchlag machen, es zu verkaufen.“. „An ihn?“ „Er befaßt ſich nicht mit den Ställen Anderer, aber er intereſſirt ſich um ſo mehr für ſeinen eigenen.“ „Dann iſt die Sache abgemacht, mein Fräulein. Das Pferd gehört Ihrem Vater.“ „Meinem Vater?⸗ „Er will es haben... und ich will es abtreten .. das iſt ja ganz einfach. Ich wünſche aufrichtig, Ihrem Vater, dem General, zu gefallen.“ „Wünſchen Sie das 2“ 17 „Darum, weil Ihr Vater juſt ein ſolcher Mann iſt, den man lieben muß, weil...“ Paul verſtummte und betrachtete ſeine Nachbarin. „Weil er,“ fuhr er dann fort,„eine Tochter hat, wie Sie ſind. Der Adel der Blume beweist den Adel des Baumes. In Wahrheit, mein Fräulein, ich bin ein Emigrant aus Amerika, ein Fremder, der ſich hier nieder⸗ zulaſſen wünſcht. Es wird von Ihnen abhängen, ob es ſo weit kommt.“ Jaquette hatte während des Geſprächs mehrere Male ihre Farbe gewechſelt. Das ſtolze und lebhafte Mädchen hatte ſich von dem Moment an, wo ihre und Pauls Blicke ſich zum erſten Mal begegneten, wunderbar ange⸗ zogen gefühlt; aber die Empfindungen, die dadurch her⸗ vorgerufen wurden, waren noch allzu unbeſtimmt. In den Wochen, die ſeitdem verfloſſen, hatte ihr Herz aller⸗ dings ſeine Gefühle mehr und mehr ausgebildet, gleich⸗ wohl aber war es beſtändig in einer Art von Unmündig⸗ keit geblieben. Paul hatte zwar den General einigemal beſucht, aber das Geſpräch zwiſchen beiden hatte ſich hauptſächlich um Dinge gedreht, die für ſie Geheimniſſe waren. Ihr Inneres lebte inzwiſchen ohngefähr daſſelbe Leben, wie eine frühe Treibhauspflanze, weil ſie fühlte, wie ein gewiſſer Wärmegrad ſich in ihr entwickelte, ohne daß indeß noch eine leuchtende Frühlingsſonne darüber aufgegangen war. Es gab Etwas in Jaquettens Stellung, was dieſelbe ganz originell und ſogar für ſie ſelbſt recht intereſſant machte. Kein Wunder... ſie liebte zum erſten Mal. Der General hatte ſie in ſeiner Schwäche allzufrüh in die Geſellſchaft eingeführt, und dadurch hatte ſie ſich viel angeeignet, was die ſonſt ſo feine und reine un⸗ ſchuldsvolle Kindlichkeit in ihrem Urtheil und Charakter verſcheuchte, obſchon dieß mehr von ihrem Ton im ge⸗ wöhnlichen Umgangsleben, als von ihrem Herzen, mehr Das Gewiſſen. III. 2 4 von den Forderungen der Geſellſchaft des Tages, 4 von ihren eigenen Gefühlen und Neigungen galt. Nebi einer beinah zur Vollkommenheit ausgebildeten Gewohn heit, ſich in der Geſellſchaft zu bewegen, war ſie al in ihrem Inneren und was die heiligſten Fragen de Herzens betraf, noch ein Kind. 4 Wäre Paul wie ein gewöhnlicher Schmeichler auß getreten, ſo würde ſie ſicherlich auch auf eine paſſend Art ſein Gerede abgewieſen haben; aber jetzt ſtand einfach und offen vor ihr, mit warmer Innigkeit die G walt anerkennend, die ſie über ihn beſaß, und den Ei⸗ druck, den ſie auf ihn machte. Je mehr ſie ſeinen Worten lauſchte, um ſo mal meinte ſie von Neuem ein Kind zu werden. Die Geſellſchaft erſchien ihr fade, die Moden len die Convenienz nur als eine läſtige Form. Währen mit ihren Träumen ein nenes Leben für ſie aufgin wurde ſie all dieſer Dinge müde. Sie hatte, obſchon ſie ſo manche Bälle und Soupit mitgemacht und in allen vornehmen Kreiſen eingeführt win bis jetzt noch nie eigentliche Natur und eigentliches Lebn getroffen. Aber wenn auch jedes Mädchen immer ein Geſül ſchwärmeriſcher Sentimentalität in ihrem Herzen trägt ſo ſitzt dennoch ſehr häufig der Scherz lächelnd auf ihr Lippen, als ein zweiter Vorpoſten, der nur dazu bewaf⸗ net iſt, um erforderlichen Falls den geheimen Rückzui der neugeweckten Liebe zu decken. Jaquette lächelte alſo. „Apropos, Emigrant,“ ſagte ſie, auf das Lokal de Gartenvereins deutend, an dem ſie jetzt vorüberkam, „die meiſten dieſer vielen prachtvollen Blumenexemplare, N jetzt unſre Gärten ſchmücken, ſind ja auch Emigrantel aus andern Ländern, und können Sie mir irgend eine einzige ſagen, die, nachdem ſie ſich einmal hier acclima⸗ tiſirt hat, nicht ganz gut gedieh? Aber Ihre Gemüthe⸗ Lebu Geſüt trägt ihre ewaſf ückzu al de ama re, d ranten d eine clima⸗ nüthi⸗ 19 art gleicht vielleicht weniger den Blumen als den Zug⸗ vögeln?“ Paul betrachtete ſie. 1 „Lieben Sie die Blumen, mein Fräulein?“ fragte er ſie ganz kurz. Auch ſie betrachtete ihn jetzt, gleich als hätte ſie ſeine Meinung nicht recht verſtanden. Ihre Blicke be⸗ gegneten ſich. „Sie müſſen die Blumen lieben,“ wiederholte Paul. „Unendlich,“ erwiederte ſie und ſenkte den Blick zur Erde. Ich habe oft eine ganze Stunde nur eine einzige Blume betrachten können und jeden Augenblick neue Farbenbrechungen und Formen zu entdecken gemeint. Es iſt mir vorgekommen, als hätte ich ein kleines Mei⸗ ſterſtück und Wunderwerk zu gleicher Zeit geſehen. Ach, Herr Paul, wie viel Schöͤnheit und Verſtand liegt nicht in der Zuſammenſetzung jedes Blümleins, oder was ſa⸗ gen Sie?“ „Ich habe von Amerika einige Blumen mitgebracht, die hier ſehr ſelten ſind, und wenn Sie es erlauben, will ich mir die Freiheit nehmen, Ihnen die eine oder andere zu ſchicken.“ Das Anerbieten erfreute Jaquette, denn ihre Liebe zu den Blumen war wahr und aufrichtig. „Ich nehme Sie beim Wort, Herr Paul.. Sie vergeſſen es nicht?“ „Eher würde ich mich ſelbſt vergeſſen.“ Paul war während des letzten Theils des Geſprächs ernſthaft geworden, und es ſchien, als ob irgend ein ge⸗ heimer Gedanke ihn beunruhigte. „Erlauben Sie mir eine Frage zu ſtellen? fiel er endlich ein. „Haben Sie die Güte.“ „Aber Sie könnten ſie vielleicht naſeweis finden... vielleicht ſogar knabenhaft.“ „Eine Frage iſt ja immer frei.“ 20 „So ſagen Sie mir ganz aufrichtig, ob es Ihn mißfällt, daß ich, ſeit ich in das Haus Ihnen gegenült gezogen bin, ſo oft am Fenſter ſitze?“ „Wie ſoll mir das mißfallen? Sie haben ja voll 5 Recht dazu.“ „Es handelt ſich nicht darum; die Frage iſt die ob es Ihnen mißfällt.“ „Nein, Herr Paul, das nicht.“ „Aber damit iſt es noch nicht genug— ich be trachte Sie auch unaufhörlich. Beläſtigt Sie das, mer Fränlein, ſo haben Sie die Güte, es friſch weg zu ſt gen. Ich bin auf das Schlimmſte gefaßt.“ „Gewiß nicht, Herr Paul, ich kann nicht einſehen warum mich das beläſtigen ſollte.“ „Gleichviel, Sie erlauben mir alſo, daß ich fortwährend wie bisher betrachten darf? Sie antworte nicht.“ „Ich ſage. 4 „Ich ſage... fahren Sie fort... fahren G „Haben Sie Dank, mein Fräulein... aber udh ſamkeit oft an Sie denke. Darf ich alſo damit fäl⸗ fahren?“— Es wurde Jaquetten wunderlich zu Muth, ſie wußtt nicht, was ſie antworten ſollte. „Ach, mein Herr,“ ſagte ſie endlich,„Sie halten ja z wahres Examen mit mir. Was wollen Sie wohl, d ich Ihnen auf das antworten ſoll?“ „Was Sie wollen, mein Fräulein. Sie haben ellt geſagt, daß eine Frage frei ſei.“ „Und die Antwort...“ „Sie iſt anch frei.“„ „Wenn dieß ſo iſt, ſo antworte ich Ihnen beſtimmt⸗ Nein.“ 21 „Es mißfällt Ihnen, daß ich an Sie denke?“ „Sehr, mein Herr. „Warum, wenn ich bitten darf?“ „Sie wiſſen nicht, Herr Paul, daß ich aus lauter brennbaren Stoffen zuſammengeſetzt bin und aus Capricen und Launen, aus Narrheiten und Kindereien, aus Poſſen und Scherzen, ich verſichere Sie, daß Sie ganz wirr im Kopfe werden, wenn Sie an mich denken. Ich werde bei Ihnen denſelben Wirrwarr hervorbringen, wie eine Petarde mitten in einem feindlichen Lager. Ach nein, ... denken Sie nicht an mich... Sie bereuen es. Den Tag über wird der Gedanke an mich nur Seil⸗ tänzereien in Ihrem Kopfe hervorrufen, ſo daß Sie zu gar nichts Verſtändigem kommen können, und wenn Sie ſchlafen, wird er ſie unaufhörlich aufwecken. Mein armer Vater weiß es recht gut, was es heißen will, an mich zu denken. Er hat niemals Ruhe und Frieden.“ „Nun wohl, ich verſpreche, daß ich nicht mehr an Sie denken will.“ „Sie beruhigen mich dadurch wirklich.“ 1 „Aber wenn ich es verſpreche, ſo geſchieht es nicht darum, weil ich Sie aufgebe.“ „Nicht?“ 2 „Sie haben mir ja verſprochen, daß ich Sie be⸗ trachten darf.“ „Sie mißverſtehen mich gänzlich. Ich habe Ihnen nichts verſprochen, ich habe Sie nur gebeten, damit fort⸗ zufahren, wenn Sie ſo wollen.“ „Ganz richtig, und ich werde es ſo fleißig thun, daß ich gar keine Zeit bekomme, an etwas zu denten.“ „Wie glücklich bin ich, Ihnen ſo vortheilhafte Ge⸗ danken einflößen zu können, daß Sie, wenn Sie mich ſehen, an gar nichts denken.“ Meine Gedanken werden Gefühle werden, wenn ich in Ihre Augen blicke.“ 9 4 „Nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr; wiſſen Si, wol was meine Augen ſind?“ geh „Laſſen Sie hören.“ Si „Ein Labyrinth...“ mir „Wie ſo?“ „Worin Sie ſich leicht verirren können.“.. „Um ſo beſſer, ich bins zufrieden, den Rückweg nih mehr zu finden.“ ich „Sie wiſſen nicht Alles. In meinem Herzen wohn nie ein Minotaurus... noch einmal, nehmen Sie ſich Sc Acht.“ Auf einmal aber wurde Jaquette auch ernſthaf ich Obſchon ſie langſam ritten, waren ſie nahe bei ihr ſche Wohnung angekommen und ſollten ſich bald trennen. wo Jaquette erinnerte ſich jetzt, daß ſie etwas hatte kör was ſie ihm durchaus ſagen wollte. „Herr Paul,“ ſagte ſie alſo,„da Sie verſchieden ha Fragen an mich geſtellt haben, ſo werden Sie mir wu jetz erlauben, auch eine an Sie zu ſtellen.“ He „Gerne, mein Fräulein, unendlich gerne. Es ſol 6 mir ein Vergnügen ſein, ſie zu beantworten.“ ich „Sie haben doch einen alten Mann bei ſich, der ſit Brauner nennt?“ 3„Allerdings.“ „Kennen Sie ihn genau?“ „Vollkommen.“ „Und Sie verlaſſen ſich auf ihn?“ wo „Wie auf mich ſelbſt. „Ich habe inzwiſchen Veranlaſſung zu der Vermu⸗ thung, daß er nicht zuverläßig ſei, und ich glaube Sie T bitten zu müſſen, ihn wohl im Auge zu behalten.“ „Das iſt nicht möglich, mein Fräulein; welchen Grund können Sie zu einem ſolchen Argwohn haben?“ „Nichts anderes, als Geſchwatze und Gerede, wenn Sie ſo wollen... aber obſchon ich mich für den Au⸗ genblick nicht näher erklären kann, ſo bitte ich Sie gleich⸗ 8 Si, u⸗ e en 2 un lu⸗ c⸗ 23 wohl, aufmerkſam zu beobachten, was um Sie her vor⸗ geht. Sie ſind jung und unerſchrocken, aber verachten Sie deßhalb eine Warnung nicht... Sie verſprechen mir doch das?“ „Eine Warnung von Ihnen... ich danke Ihnen .. und ich werde ſie nicht vergeſſeu.“ „Noch Eins. Seit Sie meinen Vater beſuchten, habe ich ihn oft ernſthaft und grübelnd getroffen, und ich kann nicht läugnen, daß das mich beunruhigte. Berührt die Sache meinen Vater auf irgend eine unangenehme Art?“ „Nein, mein Fräulein, nein. Im Anfang glaubte ich es ſelbſt; ſpäter aber habe ich gefunden, daß er, ob⸗ ſchon in eine für mich wichtige Sache verwickelt, gleich⸗ wohl auf keinerlei Weiſe ſelbſt compromittirt iſt. Sie können ſich darauf verlaſſen; ſeien Sie davon überzeugt. „Ich danke Ihnen, Herr Paul, Ihre Verſicherung hat mir eine ſchwere Laſt vom Herzen genommen. Aber jetzt ſind wir an Ort und Stelle!... leben Sie wohl, Herr Paul!“ „Wenn Sie in Ihr Zimmer hinaufkommen, werde ich bereits in dem meinigen ſein und Sie betrachten.“ „Das kann ich nicht glauben.“ „Aber ich habe ja Ihr Verſprechen.“ „Mich zu betrachten, ja.“ „Nun wohl...“ „Aber nicht, daß ich mich im Fenſter einfinden werde, mein Herr.“ „Sie ſind böſe, mein Fräulein.“ „Sehr böſe, Herr Paul, leben Sie wohl!“ Und während Jaquette, gefolgt von Held, auf das Thor links einritt, ſchwenkte ſich Paul rechts. Zweites Kapitel. Pceter Naſch's Abenteuer, nachdem er den Delphin verlaſſen hatte. Als Jaquette ſich auf ihre Morgenpromenade begalh, wurden mehrere Miethbewohner in den Flügeln durt den Lärm geweckt, den Springers Gewieher und Huf⸗ ſchläge verurſachten; wenigſtens ſah man beinahe in ein und demſelben Augenblick zwei Rollvorhänge in da einander gegenüber liegenden kleinen Wohnungen in de Höhe gehen. Aus dem einen Fenſter ſieht ein Mann in einer rothen Wolljake, mit einem noch nicht recht munteren kupfrigen Geſicht, das von einem bis in die ſpäte Nacht unter wilden Orgien verbrachten Abend zeugt. „Verdammter Kupferſchmied!“ brummte er, inden er mit der Hand über ſeinen Kopf ſtrich,„ich ſchwön daß das Gewiſſen... was auch die Pfaffen darübel ſchwatzen mögen— weiter gar nichts anderes iſt, als eine Kupferſchmiede— hu, mein Schädel iſt wenigſtens eine Kupferſchmiedswerkſtätte.“ Aus dem andern Fenſter dagegen blickte ein 1 friſcher Geſundheit blühendes Weib. Beim Aublick de Nachbars gegenüber, der unläugbar eine höehſt betrübte Figur machte, konnte ſie ſich eines Lachens nicht erwehren⸗ Ihre Augen blinzelten dabei ſo lebhaft, daß mal deutlich ſah, daß es nicht affectirt, ſondern ganz natül⸗ lich war. „Ueber was lachſt Du, Netta?“ fragte ſie eine heiſere Mannsſtimme aus dem Innern des Zimmers. „Ueber was anders, lieber Holtmann, als über ull⸗ 2⁵ ſern närriſchen Steuermann? Sein Geſicht verräth gar zu deutlich, was ihr geſtern Abend gemacht habt. Er ſieht aus, als wäre er in Rauch eingehüllt... Du biſt bei weitem nicht ſo rauchig wie er. Dieſer Zollverderb muß doch ein artiges Oertchen ſein.“ „Zum Henker,“ antwortete Holtmann aus dem Bett, indem er an ſeiner Nachtmütze rückte,„mich ſauft man nicht ſo leicht unter den Boden. Ich bin ein Dreidecker, wenn es ſich darum handelt, naſſe Artikel einzuladen, wogegen unſer Steuermann, mit allem Re⸗ ſpekt geſprochen, ſchon mit zwei oder drei Bouteillen umſchlägt. Aber das macht nichts... ſei Du jeden⸗ falls recht artig gegen ihn, er iſt ein guter Kunde. Wie viel Uhr iſts?“ „Es hat ſoeben ſieben geſchlagen.“ „Mehr nicht? Weck mich, wenn der Kaffee fertig iſt. Ich muß um neun Uhr im Packhaus ſein. Wirf dem Kameraden da drüben ein Kußhändchen zu... dann wird er ſchon wieder nüchtern werden. Jetzt laß mich vollends ausſchlafen... vergiß den Kaffee nicht.“ Damit drehte ſich Holtmann im Bette um und ſchlief wieder ein. Der achtungswürdige Mann, der, wie er ſelbſt er⸗ klärt hatte, ein Dreidecker war, wenn es ſich darum handelte, naſſe Waaren an Bord zu nehmen, beſaß in der menſchlichen Geſellſchaft das unſchätzbare doppelte Verdienſt, erſtens, daß er Wachtmeiſter im Packhaus, und zweitens, daß er der Gemahl der lebhaft blickenden Netta war. Der Mann mit der rothen Wolljacke hatte inzwiſchen die Augen etwas beſſer geöffnet, und bald gewahrte er Netta, welche keine Luſt zu haben ſchien, ihren Platz am Fenſter ſo ſchnell zu verlaſſen. Bei ihrem Anblick rieb er ſich die Augen mit den Fingern aus, gleichſam um heller zu ſehen, und dies ſchien ihm auch zu gelingen, weil ſeine eigene Miene, vermuthlich in demſelben Maß, 4 wie er aus dem Nebel heraus trat, der ſeinen Geſichts⸗ kreis umgab, ſich aufzuklären anfing. Als er Netta erblickte, öffnete und ſtreckte er mit einem unnachahmlichen Ausdruck des Entzückens ſeine Arme nach ihr aus. Ein mit den Couliſſenverhältniſſen zwiſchen den würdigen Partheien weniger bekannter Beobachter hätte dieſe Bewegung möglicherweiſe für ein einfaches Strecken, veranlaßt durch Faulheit oder in der Abſicht, den Schlaf zu verſcheuchen, gehalten; aber zu dieſem Schlag von Beobachtern gehörte ſicherlich Netta ſelbſt nicht, denn nach der ſchalkhaften Drohung zu ſchließen, die ſie mit der Hand ausführte, ſchien ſie eher die Umarmung für gut zu nehmen und als ein artiges Morgencompliment zu betrachten. Nach dieſer Einleitung begann auch zwiſchen ihnen eine anhaltende Zeichenſprache mit den Händen, wobei Netta beſonders eine Geſchicklichkeit entwickelte, um welche manche von unſern Provinzialaktricen ſie nicht ohne Grund hätte beneiden können. Nachdem ſich die zuerſt geballte Hand ein wenig geöffnet, begann ſie dieſelbe einmal ums andere an den Mund zu führen, gerade, wie wenn ſie ein Glas gehabt hätte, worauf ſie ſie wieder ſchloß und ihm drohte. Der Seemann ſchüttelte dazu den Kopf, wie wenn er ſich beklagen wollte; aber ſie fuhr nichts deſtoweniger mit ihren Drohungen fort und nahm dabei ein ſo ernſtes und ärgerliches Ausſehen an, daß er augenſcheinlich reu⸗ müthig und bittend die Hände faltete. Dieſe ausdrucks⸗ volle Bewegung ſchien ſie auch ein wenig zu verſöhnen und ſie begann wieder zu lächeln.— 3 Nachdem ſie einmal im Gang waren, durch Zeichen einander dieſes und jenes zu verſtehen zu geben, ſchie⸗ nen ſie gute Luſt zu haben, damit fortzufahren. Der Seemann führte die Hand mit zwei ausge⸗ ſtreckten und emporſtehenden Fingern an die Stirne. 27 Und wenn auch wir eigentlich nicht wiſſen, was er damit meinte, ſo ſchien Netta ein weit beſſeres Auf⸗ faſſungstalent zu haben, denn ſie lächelte und nickte, während ſie ins innere Zimmer auf die Seite deutete, wo Holtmann ſchnarchte; ſodann erhob ſie die Hand und lehnte mit geſchloſſenen Augen ihren Kopf hinein, womit ſie vermuthlich ausdrücken wollte, daß der Mann ſchlafe. Jetzt gab unſer Seemann ſeinerſeits zu erkennen, daß er ſie verſtehe; ſodann zeigte er eine leere Kaffee⸗ taſſe und betrachtete ſie mit einer ſo bittenden Miene, daß ſein Wunſch ſehr leicht zu denten war. Netta lachte. Er zog hierauf eine Uhr hervor und zeigte ſie ihr. Sie nickte. Er rechnete mit den Fingern bis halb acht. Sie ſchüttelte den Kopf. Er zählte anf acht. Sie machte wieder eine verneinende Geberde. Er legte die eine Hand aufs Herz und die andere auf die Kaffeetaſſe. Sie fuhr nichts deſto weniger fort, unter ſchalkhaften Geberden, dieſelbe abſchlägige Bewegung zu machen. Er faltete bittend die Hände. Sie blieb gleich unbeweglich, während ſie in die Kammer hinein auf ihren Mann deutete und zu verſtehen gab, daß er noch ſchlafe. Mit verdrießlicher Miene verließ der Seemann das Fenſter, kam aber bald darauf zurück und zeigte ihr einen ſehr ſchönen Shawl, den er aus Neu⸗Dork mitge⸗ bracht hatte. Netta lächelte. Den Shayl in der einen Hand haltend, zeigte er mit der andern auf die Kaffeetaſſe. Netta nickte. Er begann darauf von Neuem zuerſt auf halb acht zus zählen... ſie ſchüttelte den Kopf... dann auf 28 acht.. ſie verneinte... er hob den Shawl in die Höhe und zählte auf neun... Netta erröthete... er legte die Hand aufs Herz... ſie nickte... ver⸗ ſchwand aber dann vom Fenſter. Nach einer Weile kam ſie jedoch zurück. Die Röthe war von ihren Wangen verſchwunden und ſie ſah jetzt gedankenvoll aus. Unſer Seemann folgte ihr mit unverwandter Auf⸗ merkſamkeit. Sie gab auch jetzt zu verſtehen, daß ſie ihm etwas ſagen wolle. Er nickte. Darauf gab ſie mit den Fingern ein Zeichen, wie wenn ſie Kaffee ſervirte. Er nickte wieder. Nachdem ſie geſehen hatte, daß er ſie verſtand, zählte ſie auf acht. Naſch machte er ein Zeichen, das ſeine Zufriedenheit ausdrückte. Aber ehe ſie fortfuhr, begann wieder eine hübſche Röthe auf ihren Wangen ſich zu verbreiten. Nichts deſto weniger fuhr ſie fort, indem ſie mit den Händen gleich⸗ ſam einen Shawl um ihre Schultern drapirte, worauf der Seemann fröhlich und zufrieden denjenigen ſchüttelte, den er in ſeiner Hand hatte, da er leicht begriff, daß es ſich um dieſen handelte. Beide waren alſo einverſtanden, und nachdem ſie einander noch einmal zugenickt hatten, verließen ſie die Fenſter. 29 Der Leſer hat vielleicht den Seemann, den wir hier eingeführt haben, nicht wieder erkannt, weil die Bekannt⸗ ſchaft, die wir früher mit ihm machten, nur ganz kurz war. Aber einigermaßen dürfte er ſich dennoch an Peter Raſch erinnern... der Steuermann an Bord des Del⸗ phins, der, gemeinſchaftlich mit Paul, Fanny und Hein⸗ rich rettete. Er iſt es, den wir jetzt hier wiederfinden. Vom Schiff aus gedachte Raſch, ſeiner eigenen Er⸗ klärung zufolge, ſich in den Zollverderb zu begeben, um ein Glas zu Ehren Pauls zu leeren. In der Abſicht, dieſen Vorſatz ins Werk zu ſetzen, begab er ſich aufs Land; aber kein Menſch kann ſo krumme, einander ſo häufig kreuzende und nur dem blin⸗ deſten Zufall anheim geſtellte Wege wandeln, als ein noch in den Bummeljahren ſich befindender Seemann, wenn er ſich nach einer längeren Seereiſe wieder auf dem Lande befindet. Für jeden der in Raſch'’s Taſche klin⸗ genden Piaſter tanchte auch in ſeinem Kopf ein neuer Plan auf, über die Art, ihn todtzuſchlagen. Mit zu⸗ gleich freudetrunkenem und raubgierigem Blick forſchte er um ſich her, um wo möglich irgend eine große Narrheit zu entdecken, der er ſich ſogleich hingeben könnte. Seine kritiſch muſternde Aufmerkſamkeit verweilte dabei bei der nächſten Trödlerbude, wo er ein rothwangiges, hübſches Geſicht, mit ein paar dunkeln, lebhaft blinkenden Augen, bemerkte. „Eine ſchöne Flagge auf dem Vordertopp,“ mur⸗ melte er vor ſich hin,„ich will dahin laviren und das Fahrwaſſer ſondiren.“ Geſagt, gethan. Das Geſpräch war auch bald im Gang. Raſch fand, daß Netta... denn ſie war es ... dem erſten Eindruck, den ſie auf ihn gemacht, voll⸗ kommen entſprach, wo nicht ihn noch übertraf. Netta war zungenfertig und ungemein aufgeräumt. Was ihn vor allem anzog, war die Gewandtheit, womit ſie ſich 30 der Seemannsausdrücke bediente und ihm in ſeiner eige nen Sprache antwortete. „Zum Teufel,“ rief er in ſeinem Entzücken,„hier entere ich... was ſagen Sie dazu... darf ich an⸗ legen?“ Er wollte ihr einen Kuß rauben. „Nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr, daß Sie nicht auf die Naſe zu liegen kommen; aber wollen Sie mir nichts abkaufen? Heda, nicht lange beſonnen, neh⸗ men Sie einmal Vernunft an. Die Apfelſinen ſind vor⸗ trefflich, die Aepfel göttlich, obſchon etwas faul, aber das ſchneidet man weg. Ei, ei, laſſen Sie mich in Ruhe, ſage ich Ihnen.“ „Will dieſe kleine Jolle da keinen Rnderſchlag mi mir probiren? Das iſt gut wiſſen für ein andermal, aban Sie verlangten ja, daß ich kaufen ſolle. Setzen Sie einmal das Maſchinenwerk in Bewegung. Wann ſegeln Sie heut Abend nach Hauſe, meine Gnädige?“ „In der Dämmerung.“ „Dann will ich Sie lootſen.“ So ſprechend ſtopfte er ſeine Taſchen voll mit Apfel⸗ ſinen, Früchten und Nüſſen. 5„Schon allzuviel Ballaſt,“ ſagte Raſch endlich⸗ „Leben Sie wohl, meine Schöne, jetzt gehe ich an mei⸗ nen erſten Beſtimmungsort, in den Zollverderb.“ Und er begab ſich dahin. Der Zollverderb iſt eine kleine Schweizerei bei di Schiffsbrücke. Dieſe Schweizerei iſt die einzige in Stot⸗ 1 1 holm, die man unterirdiſch nenneu könnte, denn ſie be⸗ ſteht aus einem großen Kellergewölbe, in welches man von der Schiffbrückenſeite her auf einer ſehr tiefen und ſteilen Treppe hinabſteigt. Drunten iſt alles ganz hübſch und zierlich geordnet, obſchon eine gewiſſe Abenddäm⸗ merung über den Gegenſtänden ruht. Zu oberſt befindet ſich eine Art von Bureau, ein Schrank mit Flaſchen und eine Mamſell, die gewöhnlich recht freundlich ausſieht⸗ 4 31 Der Name des Orts iſt zu bedeutſam, als daß er eine beſondere Erklärung nöthig machte. So viel iſt gewiß, daß der Handel hier nicht unbedeutend iſt, und daß alle möglichen Zollmyſterien hier mit einem Glas in der Hand und an der Wand abgemacht werden, wobei zu erinnern ſein dürfte, daß das Glas die Zunge löſt und die Wände oder Gewölbe von der ſoliden Eigenſchaft ſind, daß ſie keine lauſchende Ohren haben. Als Raſch in die Bude hinab kam, warf er ſich auf einen kleinen Sopha mit geflochtenem Strohſitz und be⸗ fahl Punſch. Die Mamſell brachte auch ſogleich ein Glas, aber beim Anblick deſſelben ſtierte er ſie verwundert an und brach dann in ein gewaltiges Gelächter aus. „Sie wollen mich zum Spektakel machen, meine Gnädige; glauben Sie denn, daß ich gar keine Trag⸗ fähigkeit beſitze und mich mit Handelswaaren nicht ab⸗ gebe? rudern Sie ſogleich mit einem ordentlichen Wacht⸗ glaſe heran, das wenigſtens eine halbe Stunde fließt. Ha, ha, ha!“ Die Mamſell kam ſeinem Verlangen nach und ſtellte ihm eine ganze Flaſche vor. „Gut,“ ſagte Raſch, indem er die Flaſche an ſeinen Mund ſetzte;„nur Schade, daß ich niemand habe, mit dem ich anſtoßen kann; aber... ſehe ich recht... heda, Kamerad, willſt Du mit mir am Steuerbord an⸗ legen und eine Flaſche in Dich hineinpumpen? Das Hafengeld bezahle ich. Heda, Kamerad!“ „Holla,“ antwortete eine Baßſtimme auf dieſe An⸗ rede, und in demſelben Augenblick kam ein wohlbeleibter 2 ia ani kpſaigem Geſiht auf Raſch zu, bereit, wie hien, alles in ſich hinein zu ſein wahte ſich h zu pumpen, was es Die Bekanntſchaft, die Raſch auf dieſe Art machte, war der erſte Wachtmeiſter vom Packhaus, der reſpec⸗ table und achtungswerthe Herr Holtmann, der, obſchon 4 32 ſehr unterſetzt und behaglich von Perſon, dennoch ei ganz abgeſchliffener und pfiffiger Zollmann war und d Herren Schleichhändler mehr als einmal zur Verzweiflun gebracht hatte. Ueberall, wo er einen eerſſt vor Kurzeu nach Hauſe gekommanen, aufgeräumten und offenherzige Seemann treffen konnte, band er ſogleich mit ihm au um ſoviel als möglich auszuforſchen, ob die Rheder un der Kapitain Geheimniſſe, d. h. verbotene Waaren, a Bord mit ſich führten. Raſch ahnte indeß nicht, daß er es mit einem ſolche Raubvogel zu thun hatte, ſondern ſchwatzte ein Lange und Breites, ohne zu überlegen, wie ſeine Worte har aus kamen. Die erſte wichtige Mittheilung, die er ſeinem neut Freund anvertraute, betraf den unerhörten Erfolg, deſſtt er ſich immer bei dem ſchönen Geſchlecht erfreue, eint Erfolg, der ihn, ſo weit man ſeinen eigenen Wort glauben darf, zu einem zweiten Don Iuan machte, wii ihm inzwiſchen in unſern Augen keineswegs zur Empfe⸗ lung gereicht. Das Regiſter ſeiner Eroberungen bilde eine ganze Leporelloliſte, auf der es an Japaneſinnen, Chineſinnen, Hottentottinnen, wie auch an⸗ Cirkaſſierhe nen, Ceylonerinnen und Negerinnen nicht fehle. Holtmann lauſchte aufmerkſam auf ſein Gerede und ſtieß dazwiſchen hinein mit ihm an, was ſeine Geſprächig⸗ keit noch immer erhöhte. 1 Er erzählte jetzt auch, als einen weiteren Beweis für ſein Talent, bei den Weibern ſchnell Glück zu machen, daß er kaum ans Land geſtiegen ſei, ſo habe er beräits eine neue Eroberung gemacht, in der Perſon eines ganz reizenden Weibchens, das bei der Zwiſchentreppe in einer Bude geſtanden. 4 Bei dieſem Bekenntniß runzelte Holtmann ſeint Brauen, und da Raſch dies als einen Ausdruck des Zweifels nahm, ſo wurde er immer eifriger in ſeinen Erzählung und fügte endlich hinzu, er ſei ſeines Glücks er ur h ei dd d iflumg urzen zige in ai r und 1, olcher auge hel⸗ nent deſſtr einen vortet wi pfet ilden nnen, ierde⸗ . und ichig⸗ wen ichen⸗ reits gand einer ſeine des einer lücks 33 um ſo ſicherer, als er von ihr bereits das Verſprechen erhalten habe, ſie heute Abend nach Hauſe führen zu dürfen. Hier jedoch verſchwanden die Runzeln in Holt⸗ manns Geſicht, und ſtatt deſſen breitete ſich ein ſcherz⸗ haftes Lächeln über demſelben aus. In demſelben Maß, wie die Anzahl der Gläſer zu⸗ nahm und Holtmann bemerkte, daß Raſch Vertrauen zu ihm gefaßt hatte und ſeiner Offenherzigkeit die Zügel frei ſchießen ließ, begann er auch mit ſeinen Fragen in Betreff der Waaren, die das Schiff mit ſich führe, heraus⸗ zurücken, während er Raſch's Wunſch, ſich in alle Ange⸗ legenheiten des Schiffes eingeweiht zu zeigen, immer mehr reizte, um aus ihm herauszulocken, was er zu wiſ⸗ ſen wünſchte. Außer einigen wenigen unvorſichtigen Worten, aus welchen Holtmann verſchiedene Schlüſſe zog, begünſtigte ihn jedoch dießmal das Glück, und Holt⸗ mann und er trennten ſich mit dem Verſprechen, einander bald wieder zu treffen, ohne daß er Dinge verrathen hatte, die er vielleicht ſonſt hätte geſtehen können. Den übrigen Theil des Tags benutzte Raſch dazu, ſeine alten Bekannten zu beſuchen, d. h. eine Runde in den Wirthshäuſern zu machen, ohne daß er jedoch ſein Rendezvous auf den Abend vergaß. Zur beſtimmten Zeit in der Dämmerung ſtellte er ſich bei der Bude ein, um ſeinem Verſprechen gemäß Netta in den Hafen zu lootſen. Sie empfing ihn beinahe noch vergnügter und freundlicher als das erſtemal, und ſie lachte nicht wenig, als er ihr ſeinen Arm anbot, gerade wie wenn er die Seeſegel beiſetzte. Ehe ſie den Stand verließen, erklärte Netta, daß er ſie wohl über die Nordbrücke und auf die Königsſtraße, wo ſie wohne, begleiten dürfe, hernach aber ſie verlaſ⸗ ſen müſſe. „Bah,“ antwortete Raſch,„laſſen Sie uns nicht länger plaudern, ſondern unſern Weg gehen.“ Das Gewiſſen. III. 3 Netta hielt nichts deſtoweniger an ihrer Erklärn feſt und ſagte ihm, daß ſie verheirathet ſei. Als 5 glücklich an ihr Haus gekommen waren und ſich vor d Thüre befanden, forderte ſie ihn auf, ſich zu entfernen aber Raſch war nicht minder beharrlich; er beantworte ihre Ermahnung mit Scherzen und beſtand darauf, f hinauf begleiten zu dürfen. „Sie verlangen es alſo entſchieden?“ „Ganz entſchieden.“ Hätte nicht die Dämmerung Netta in ein gewiſſe Dunkel vor Raſch's Augen eingehüllt, ſo hätte er am der Miene, die ſie machte, leicht erſehen können, daß iin liſtiger Plan ſich in ihrem Kopfe zu wälzen anfing. „Wohlan denn, ſo will ich's erlauben; aber E werden mich doch nicht blosſtellen wollen.“ „Weit entfernt; ich bin zu verliebt in Sie.“ „Daun müſſen Sie es ſich gefallen laſſen, daß i einige Bediugungen ſtelle.“. „Ich gehe auf alles ein, was Sie verlangen, wen ich nur mit Ihnen hinaufkommen darf. Erklären Si was Sie wollen.“ 1 „Sie müſſen vor allen Dingen ihre Stiefel abziehen, damit man Sie auf der Treppe nicht hört.“ „Gern.. gern.“ 3 „Wenn Sie hinauf kommen, ſo führe ich Sie in ein Ueberſtübchen, und dort werden Sie einen Schlafrol finden; dieſen ziehen Sie an.“ „Schön... prächtig!“ „Sodann erwarten Sie mich.“ „Gut.“ Mit ſeinen ausgezogenen Stiefeln in der Hand, ſchlich Raſch vorſichtig hinter Netta die Treppe hinauf und wurde in das erwähnte Ueberſtübchen geführt, wo Netta mit einem Zündhölzchen Licht machte, ihm den Schlafrock zeigte und ſich dann entfernte. Raſch war entzückt über ſein Abenteuer und die E ärun lls or d ernen orten 3⁵ Eroberung, die er gemacht hatte; er beſchloß, ſobald er Holtmann träfe, ihm ſeinen neuen unerhörten Erfolg zu erzählen. Glücklich in ſeinen Gedanken, ließ er ſich auf dem Sopha nieder, um nach dem beſchwerlichen Spaziergang in guter Ruhe Athem zu ſchöpfen. 8 Die Stiefel hatte er in eine Ecke geſtellt, dagegen ein Paar Pantoffel angezogen und ſich in den Schlafrock gehüllt. Mit der ganzen Ruhe und Selbſtzufriedenheit ſi eines Muſelmannes erwartete er alſo die Wiederkehr Nettas, der rothwangigen Netta. Eine Minute verging jedoch um die andere und eine Viertelſtunde fügte ſich endlich zu der andern, ohne daß ſie was von ſich hören ließ. Dieß beunruhigte ihn zwar ein wenig, aber über⸗ zeugt von ſeiner Unwiderſtehlichkeit und dem Eindruck, den er auf ſie gemacht zu haben glaubte, gab er bald allen Kummer deßhalb auf. Nichts deſtoweniger näherte er ſich der verſchloſſenen Thüre, um zu lauſchen, ob er nicht draußen etwas hören könnte. Bald vernahm er auch das Getöne einiger leichten Tritte, ſowie klingender Becher oder Gläſer. „Das iſt ſie,“ dachte er,„der Schelm will mich mit einem guten Gläschen traktiren.“ Bald jedoch veränderte ſich ſein Geſicht. „Was will das heißen?“ brummte er vor ſich hin, als er im nächſten Augenblick hörte, daß ein Paar Männer hereintraten und mit einander ſprachen. Inſtinktmäßig griff er nach ſeinen Stiefeln und ſtellte ſich ſeitwärts von der Thüre, um ſogleich hinaus zu ſtürzen, im Fall er entdeckt werden ſollte. „Die argliſtige Netta,“ murmelte er;„ſollte ſie mich betrogen haben?“ Der Angſtſchweiß rann von ſeiner Stirne und zwar um ſo mehr, als er jetzt deutlich hörte, wie jemand ſich der Thüre näherte, bei welcher er ſtand. Er hatte vergeſſen, daß er in Pantoffeln und Nacht⸗ rock daſtand, und dieß fiel ihm erſt jetzt ein, wo er gleicher Zeit ſich überzeugte, daß es zu ſpät war, 1 zu wechſeln. Ungewiß, was er thun ſollte, drückte er ſ ſeitwärts an die Thüre, ſo nahe als möglich. Jetzt wurde ſie geöffnet und er machte eine heſtit Bewegung, um den Eintretenden auf die Seite zu wit fen und ſich einen Ausweg zu bahnen; aber er ſpün daß eine eiſenfeſte, ſtarke Hand ihn am Kragen faßte. „Ein Dieb!“ rief der Mann in demſelben Auge blick.„Kommt her, ein Dieb!“ Dieſer Ausruf erſchreckte Raſch im höchſten Grt und ſeine Arme ſanken ohnmächtig auf die Seite. 6 wimmelte vor ſeinen Augen und er ſah, wie einige Pe ſonen herbei eilten, wovon die eine in Huſarenuniſen und die andere Netta war. Raſch wünſchte ſich weit hinweg und verfluchte i Stillen ſeine Dummheit, ſich auf dieſe Art in ein Schlinge fangen zu laſſen. Sein Verdruß ſteigerte ſich noch, als er zu ſein Ueberraſchung bemerkte, daß Netta ihn nur auslachte Dieß alles ereignete ſich in weit kürzerer Zeit, äls wir brauchten, um es zu erzählen. „Wer ſind Sie? was machen Sie hier?“ fragte de Mann, der ihn am Kragen hielt.„Sie haben meinen Nachtrock geſtohlen.“ Raſch war von der Anklage wegen Diebſtahl dere maßen zu Boden geſchlagen, daß er gänzlich allen Nul verlor; aber als die Anſchuldigung ſich wiederholte, elho er ſein Geſicht, um ſeinem Angreifer dreiſt in die Augen zu ſehen und offen zu erklären, wie alles zugegangen ſi Indeß ſah er ſich jetzt zu ſeiner nicht geringen Uebe raſchung ſeinem Freund Holtmann Angeſicht von Augt ſicht gegenüber. „Biſt Du's, Kamerad?“ ſagte er verwundert un beinahe beſchämt über ſeine Entdeckung. noch Kan in d ſich glar iſt erkl alle als 37 Netta lachte blos und dieß verdroß Raſch immer noch mehr. „Wer iſt dieſes ſchlimme Weib da?“ fragte er. „Meine Frau,“ antwortete Holtmann. „Ah Deine Frau? Das iſt ein treuloſes Geſchöpf, Kamerad! ein verrätheriſches Weib!“ Netta fuhr fort zu lachen, während ſie unaufhörlich in die Hände klatſchte. Holtmann ſah bald Raſch, bald Netta an und kratzte ſich zuweilen am Kopf, weil er kaum wußte, was er glauben ſollte. „Still, Netta!“ befahl er endlich;„einer von uns iſt hier betrogen worden, ich oder der ehrliche Raſch... erkläre dich... was iſt es?“ „Alle beide... merkſt Du es denn nicht?... alle beide. Mein Gott, wie luſtig!“ 4 Und ihre Heiterkeit nahm immer noch mehr zu, als ab. „Alle beide... zum Henker, und Du wagſt mir das ſo ins Geſicht zu ſagen... ich betrogen... ich... Dein Mann?“ „Ja gewiß... Du glaubſt ja, daß Raſch ein Dieb ſei... und darin biſt Du betrogen.“ „Und ich alſo?“ fiel Raſch ein. Sie glauben, daß ich Sie liebe, und darin ſind Sie betrogen.“ Naſch und Holtmann ſtierten einander an, als woll⸗ ten ſie ſich fragen, wer am meiſten betrogen ſei. Der alte Huſar, der mit Netta gekommen, war kein anderer als der Freund und Diener des Generals, der ehrliche Held. Bisher war er ein ſtiller Zuhörer ge⸗ blieben, jetzt aber ſtimmte er in Netta's Heiterkeit ein, und wenn er lachte, ſo klang dieß ordentlich wie ein Rottenfeuer, daher er auch bald mit unwiderſtehlicher Macht Holtmann und Raſch nach ſich zog. Als Netta eudlich die Sache erklärte, erſchien das Abenteuer auch 38 ganz einfach. Sie erinnerte Holtmann, daß er, nachde er Raſch im Zollverderb verlaſſen, ſie erſucht habe, hült 1 freundlich gegen ihn zu ſein und ihn nicht ganz abt weiſen, weßbals ſie auch ſein Anerbieten, ſie nach Hau zu begleiten, angenommen habe; als jedoch Raſch drunte an der Thüre durchaus verlangt habe, mit heraufkomm zu dürfen, ſei es ihr eingefallen, ſowohl Holtmann dt Naſch eine Lection zu ertheilen und dem erſteren zu z gen, welche Folgen ein ſolcher Auftrag, wie er ihn it ertheilt, mit ſich ziehen könne, dem letzteren aber, wo ein allzugroßes Selbſtvertrauen, verbunden mit Zweit an der Treue und Tugend des Weibes, zu führen mer möge. Nachdem die Sache auf dieſe Art, wenn auch nich befriedigend für die Eitelkeit der Parteien, ſo doch zu Beruhigung beider aufgeklärt war, lud Netta die Ge ſellſchaft zu einem Toddy ein, bei deſſen Genuß jede ſeinen Kummer vergaß. Von Stunde an waren Holtmann, Held und Naſt ganz gute Freunde, die gerne jeden freien Abend bei ein⸗ ander zubrachten, wobei Netta die Honneurs auf ein Art machte, die Alle befriedigte, obſchon Raſch manchmal nicht ganz von ſeiner Ueberzeugung abkommen konute⸗ daß ſie ihn dennoch ihrem Manne vorziehe und ihte Karten recht geſchickt ſpiele. In dieſer Ueberzeugung und weil ſowohl Holtmann als Held ihn dazu aufforder⸗ ten, miethete er die zufällig freigewordenen Zimmer im Flügel gegenüber dem erſten und zog da ein. Holtmann ſeinerſeits hatte den Wunſch nie aufgegeben, durch ſeine Annäherung an Raſch jetzt leichter und ſicherer erfahren zu können, ob der Delphin nicht einige Schmuggelwaa⸗ ren mit nach Hauſe gebracht habe. Deßhalb war er ein vortrefflicher Wirth und ſah mit ſchlau lächelnder Mieue durch die Finger, wenn Raſch ſeiner Frau einige kleine Artigkeiten erwies, zumal da, ſo oft Raſch und er im ichde hüͤl abz Half unte mme n d u zu z„ij wog weiſt ver⸗ nich h zu G jede Raſt eine ein hmal latte, ihre ung rder⸗ r in nann eine hren vaa⸗ ein iene eine im 39 Zollverderb zuſammenkamen, erſterer immer mit ver⸗ ſchwenderiſcher Freigebigkeit die Muſikanten bezahlte. So verging die Zeit. Der Delphin lag noch immer draußen auf der Rhede, ſollte aber jeden Tag anlegen, um auszuladen. Holtmann hatte ſeine Blicke unaufhörlich und getreu auf dieſe Stunde gerichtet. Man hatte zwar bereits an Bord viſitirt und durch⸗ aus keine Schmuggelwaaren entdeckt, aber Holtmann war zu ſehr Zöllner, um auch nur einen Augenblick daran zu zweifeln, daß jedes von einem ausländiſchen Hafen kommende Schiff wenigſtens einige verbotene Ar⸗ tikel mit ſich führe. In Folge dieſer Logik mußte auch der Delphin dergleichen haben. Nach dem, was er aus Raſch herausgelockt hatte, glaubte er jetzt dem Geheimniß mit ziemlicher Sicherheit auf der Spur zu ſein und hoffte es vollſtändig zu ent⸗ decken, wenn er ihm nur noch einmal tüchtig zu Leibe ginge. 2 In dieſer Abſicht lud er Raſch am Abend vor dem Tag, wo das Schiff an die Schiffbrücke geholt werden und ſeine Waaren im Packhaus abladen ſollte, in den Zollverderb ein, und bei dieſer wichtigen Gelegenheit wurden weder herzliche Worte noch berauſchende Flüſſig⸗ keiten geſpart, um ihm die Wahrheit zu entlocken. In dem verworrenen Zuſtand ſeines Gehirus, wo ſeine Ge⸗ danken Netta umſchwärmten, und kirre gemacht von der Freundſchaft, die Holtmann ihm zeigte, ſchwatzte Raſch auch mehr als er ſollte, wenigſtens ſoviel, daß Holtmann mit ſeinem Abend zufrieden war und um keinen Preis in der Welt ihn hätte verſäumen mögen. Am Morgen nach dieſem Abend haben wir die würdigen Zechkumpane dem Leſer wieder vorgeführt, und man darf ſich nicht wundern, wenn Holtmann ſeinerſeits noch etwas ſchläfrig war und Raſch, wie ü wedan ſch, wie Netta ſich ausdrückte, etwas rauchig 4 40 Holtmann wollte tüchtig ausſchlafen, bevor er ſ ins Packhaus begab, weil er ſcharf zuſehen mußte, u nach ſeinem Raub greifen zu können. Raſch dageg wünſchte um jeden Preis eine erfriſchende Taſſe Kaft mit etwas Stärkendem darin, bevor er ſich auf de Schiff begebe, um es in den Hafen zu bugſiren. Sowohl Raſch als Holtmann waren in ſofern gm glücklich, daß der erſtere ſich von allem dem, was er d Abend zu viel geſprochen hatte, an gar nichts meir letzterer dagegen ſich an alles zuſammen vollkommen i erinnerte. Nach der Zeichenſprache, die zwiſchen Netta ud Raſch vom Fenſter aus ſtattgefunden, machten ſich bede wieder an ihre Geſchäfte, erſtere um den Kaffee bü fertig zu bekommen, und letzterer, um ſeinen Beſuch dh zuſtatten. Holtmann war inzwiſchen erwacht und aufgeſtande und als Jaquette und Held von ihrem Spazierritt zurit kamen, ſaßen er, Netta und Raſch bereits beim Kaffen Seinem Verſprechen gemäß brachte Naſch den Shau für Netta mit, vielleicht jedoch weniger des Kaffees we⸗ gen, als vielmehr um ihrer ſelbſt willen. Netta hatte ihn ſoeben erröthend empfangen, 3 Held eintrat. Warum erröthete ſie wohl? Dachte vielleicht, daß ein Liebhaber dennoch immer artiger ſe als ein Mann?. „Komm her, Held,“ bat Holtmann, als dieſer ei⸗ trat,„und trinke eine Taſſe mit uns. Du ſollſt da ei Töpſchen bekommen, wie Du noch keines geſchmeckt ha Wir haben ächten Bataviaarrak. Nach Deiner Motiot heute früh kann Dir etwas Warmes nichts ſchaden.“ Während ſeiner kurzen Bekanntſchaft mit Raſch hatt Held den unerſchrockenen, entſchloſſenen Charakter unſts Seemanns kennen gelernt und gefunden, daß er, e Mann von Ehre und Treue war, obſchon er allerding et 1 . „8 SS= — 41 etwas gern ins Gläschen guckte und auch ſeine komiſchen und närriſchen Seiten hatte. Der Kaffee mit dem Bataviaarrak hatte Raſch ſicht⸗ barlich aufgemuntert; vielleicht hatte auch ein kleiner Händedruck, den er heimlich von Netta erhalten, als er ihr den Shawl übergab, das Seinige dazu beigetragen. „Hört mich an, ihr alten Bramſegel,“ ſagte er, vich habe euch einen kleinen Vorſchlag zu machen. Mein Tag hat zwei Theile. Am Vormittag arbeite ich, am Nach⸗ mittag bummle ich. Habt ihr Luſt, ſo wollen wir heute Nachmittag ein kleines Abtreiben in den Thiergarten machen Retta kommt wie eine kleine Jolle in unſerm Kielwaſſer mit. Was ſagt ihr zu dem Vorſchlag? Ich will die Schiffslaterne ſein, die eure Tritte beleuchtet. Ihr antwortet: Ganz wohl! oder wie?“ öl Holtmann und Netta nickten vergnügt zu dem Vor⸗ hlag. „ auſend Granaten,“ fiel jedoch Held ein,„bevor wir etwas ansmachen, hört zuerſt mich an. Ich habe Dir einen Gruß zu melden, Raſch, und hoffe, daß er Dich überraſchen wird.“ Raſch, der eben beſchäftigt war, Arrak in ſeine Taſſe zu gießen, blickte auf. „Einen Gruß? Ich wollte darauf ſchwören, daß er von einem Frauenzimmer iſt. Nicht wahr, Vater Held? Ich kenne ſie, ich?⸗ 31 beralben, Naſch. S biſt ja doch in Fräulein Jaquette verliebt, obſchon Du ſie nur ein Paarmal ge⸗ ſehen haſt.“ 4 ſ Panrmal g Bei ihrem Namen ſprang Raſch von ſeinem Platze auf, ſo entzückt wurde er ſchon vom bloßen Klang deſ⸗ ſelben. „Fräulein Jaquette!“ rief er.„Hat ſie ſich jetzt auch in mich verliebt? Beim Teufel, aus der Flaggen⸗ kiſte meines Herzens hiſſe ich die Campagneflagge für ſie auf. Hellauf, Kamerad, ſie ſoll den erſten Platz in meinem Stenermannskalender haben. Sie läßt mit wirklich grüßen, ſagſt Du, d. h. ſie ſendet Dich m ihrer Botſchaft? Mit Tau und Takel bin ich der Ihrih und werde klar die See halten.“ Aber während Raſch auf ſolche Art ſeinen Gedanke freien Lauf ließ, fiel ſein Blick zufällig auf Netta, d hinter Holtmanns Rücken ihm ſchalkhaft mit der Ham drohte, und nun verſtummte er auf einmal, verlegen, bei nahe beſchämt über ein Geſchwätze, das Netta nothwer dig minder vortheilhafte Gedanken über alle ſeine Wer ſprechungen von Treue und Ergebenheit einflößen mußte „Ich glaube, Du braſſeſt zurück, Raſch,“ ſchaile Holtmann. Raſch fand jedoch hierin nichts Spaßhaftes, ſonden ſah ernſthaft aus. „Sprich, Vater Held,“ erinnerte er ſtatt deſſen mi geſenkter Stirne,„und laß mich hören, was Du zu ſagen haſt. Befiehlt das Fräulein etwas?“ Er warf inzwiſchen einen verſtohlenen Blick au Netta, als wollte er noch einmal ſehen, was ſie mög⸗ licherweiſe von ihm denken könune. „Das Fräulein wünſcht Dich zu ſehen, weil ſie etwas Wichtiges mit Dir zu ſprechen hat.“ 3 Netta, welche die Verlegenheit ſah, worein Naſe verſetzt war, konnte mit ihrer heiteren Laune nicht umhin, den Mund ein wenig zu verziehen. „Nun, Raſch,“ ſagte ſie,„was antworteſt Du? „Antworte Du ſelbſt für mich, Netta, ich ſtelle nih unter Dein Kommando.“ „Dann gehorchſt Du ſogleich dem Befehl des Fräu⸗ leins, oder was meinſt Du, Holtmann? muß nicht Naſc dem Wunſch des Fräuleins nachkommen?“ „Tauſend Granaten, freilich muß er das.“ 3 „Topp alſo, Vater Held, ich folge, und wenn ich Haperei erleiden müßte. Aber ich ſehe Nichts, was uns verhindern könnte, heute Nachmittag den Thiergarten zu mit m hrig anken di Hand bei wel⸗ We⸗ ußte deile nden n agel auf nög⸗ iwas aſch hin, 48 beſuchen. Was ſagt ihr? Meiue Laune iſt ſo ein kleines Falkonet, das man nach allen Seiten hin abſchießen kann. Nun, Netta, haſt Du heute Mittag Zeit, mit uns zu kommen? Dein Compaß iſt hier der entſcheidende. Laß Deine Anſicht hören.“ Nachdem man auf Raſchs Vorſchlag eingegangen war und den Plan für den Nachmittag entworfen hatte, begab ſich Holtmann ins Packhaus, während Raſch die Geſellſchaft verließ, um ſich bei Fräulein Jaqnette an⸗ zumelden. Seine Freunde bemerkten zwar, daß einbildiſche und eigenliebige Vorſtellungen mit ſeinen Gedanken ſpielten, und ſie lachten herzlich darüber; er aber antwortete mit vieler Selbſtzufriedenheit ganz lakoniſch: Wer zuletzt lacht, lacht am beſten. Drittes Kapitel. Vertrauliche Mittheilungen und RUeberraſchungen. General Roſenpalm war ein ſtolzer, edler und aus⸗ gezeichneter Charakter, der, obſchon jetzt in einem vorge⸗ ſchrittenen Alter, viel von dem fröhlichen, friſchen und offenen Weſen beibehielt, das ſeine Jugend charakteriſirte und ihn zu einem der liebenswürdigſten, einnehmendſten Jünglinge ſeiner Zeit gemacht hatte, wenn auch juſt dieſe Umſtände ihn unläugbar in allerlei Abenteuer verwickelten. Trotz dem, daß er von einer der erſten Familie des Landes ſtammte, beſaß er kein großes Vermögen. 8 Seine Ahnen hatten Glied für Glied dem Kriege aande angehört, und viele von den⸗ Lorbeeren, die unſen Geſchichte ſchmücken und den Namen des ſchwediſche Volkes ehren, waren auf dem blutigen Feld des Kriege von ihrem Schwerte errungen worden. Schon in de zarteſten Jahren des Generals war es deßhalb auch ein ausgemachte Sache, daß er dieſelbe Bahn betreten ſolle und ſeine ganze Erziehung wurde dahin gerichtet. Er hatte den ritterlichen Charakter ſeiner Ahnul geerbt und trat früh in die Reihen der ſchwediſchen A⸗ mee, mit Kenntniſſen und Muth, Hoffnungen und Le⸗ bensluſt ausgerüſtet, aber ohne einen andern Beſitz al ſein Wappen. Er glaubte inzwiſchen deßhalb keinen Augenblick ſeine Ausſichten für die Zukunft verdüſten, und während er mit der Lebhaftigkeit eines fröhlichen Jünglings den Tag nahm, wie er kam, bereitete er ſich beſtändig vor, der Beförderungen würdig zu werden, die ihn erwarteten. 3 Die Dienſtauszeichnungen kamen jedoch nicht auf ihn herabgeregnet. Er mußte ſie Schritt für Schritt erwer⸗ ben; aber wenn er ſie erhielt, ſo hatte er ſie auch ver⸗ dient. Viel geprüft und erfahren, aber mit einem von grauen Locken geflochtenen Ehrenkranz um ſeinen Scheiel, wurde er zum Generalmajor ernannt und erhielt die Ji⸗ ſpection eines der Militärdiſtrikte. Aber obſchon die Jahre ihren Schnee in ſeine Locken geſtreut hatten, bemerkte man faſt nichts davon, daß ſie auch ſeine Geſundheit zu brechen anfingen; denn da er gewöhnt war, mit militäriſcher Haltung den Gefahren ent⸗ gegen zu gehen, ſo konnten nur diejenigen, welche wiſſen⸗ ſchaftlich die letzten Sandkörner im Stundenglas des Lebens zu zählen verſtehen, ihn durchſchauen und ſehen, daß die Zeit mehr in ihm verheert hatte, als außer ihm. Eine ſolche Natur, wie General Roſenpalm, kann zwar in ihrer Ingend viel anf dem Altar der Liebe opfern, wo das Füllhorn eines der erſten Embleme iſt⸗ jege inſen iſche iege t de ein ſoll 45 aber ſie kann nur ein einziges Mal recht wahr und tief lieben. Der General hatte auch nicht mehr als ein ein⸗ ziges Mal wirklich geliebt. Als er von dieſer für jedes warme Herz und jede reine Seele ſo ſchönen und ſo leidenſchaftlichen Neigung ergriffen wurde, ſtand er bereits in ſeinen Mannesjahren, und dennoch gewann er nicht blos, ſondern verdiente auch vollkommen die ganze Liebe und Zärtlichkeit ſeiner jungen Gattin. Als Jaquette geboren wurde, verlor er ſeine Frau. Sein Kummer war nicht ſtürmiſch, aber er war ebenſo tief, wie ſeine Liebe es geweſen war. Als Jaquette aufwuchs, ſchien es ihm, als ob die Vorſehung ihm in ihr ſoviel wie möglich den großen Verluſt erſetzt hätte, den er erlitten, und er trug daher auch auf ſie all die Liebe über, die er ihrer Mutter ge⸗ widmet hatte und wovon ſein Herz ſo übervoll geweſen war. Jaquette wurde auch eine neue Auflage ihrer Mut⸗ ter. Sie ſpiegelte vollkommen das Bild wieder, das er noch in ſeinem Herzen trug. Es war dieſelbe Unſchuld, dieſelbe reine und natürliche Kindlichkeit, daſſelbe herz⸗ liche und innige Weſen, daſſelbe liebenswürdige und ein⸗ nehmende Aeußere. Aber es war noch etwas mehr. Sie beſaß nehmlich dabei etwas, was ſie, wie der General meinte, nur von ihm allein geerbt hatte. Das Uuſchuldsvolle und Kindliche an ihr war fröhlich und frei, das Herzliche und Liebenswürdige war friſch; ſie beſaß etwas Ungekünſteltes, Raſches und Offenes, worin er ſeine eigene Jugend, obſchon in jungfräulichen Formen, mild und ſchön wieder aufblühen zu ſehen glaubte. Er täuſchte ſich auch nicht in ſeinem Ürtheil; aber dadurch, daß er ſie früh, vielleicht ſogar allzu früh ins Geſellſchaftsleben eingeführt, hatte er ſelbſt ſehr viel dazu beigetragen, das Offene, Freie und Naive bei ihr 46 auszubilden, während die eigene beſſere Natur das Kind lihe und einfache Unſchuldsvolle in ihr noch bewaht atte. Jaquette war eine von den zwar nicht ſeltenen, abn lieblichen und einnehmenden Erſcheinungen, in deren Ar gen das Herz ſich abſpiegelt, ein Herz, immer offen ml n rein, aber voll von kleinen Eigenheiten und ſchalkhaſte Launen, die zuweilen ſo gut kleiden, manchmal ſo ſeht intereſſiren und erfreuen, ſehr oft entzücken und einnehmen aber es beinahe für jedermann unmöglich machen, das Bild ſo lange feſtzuhalten, als nöthig wäre, um es alz⸗ zeichnen. Nicht ohne Urtheil und Verſtand, wenn es nötz war, ſchien ſie zuweilen aus lauter Kindereien zuſammer geſetzt. Ohne Jemand gefallen zu wollen, gefiel ſie Alle Eben ſo leicht, wie ſie manchmal eine Sache vergah, konnte ſie ſich ein andermal ſogar für eine Bagatelt intereſſiren. Ihre Gedanken flatterten von Blume zu Blume umher, ohne daß ſie ſich bei irgend einer lauge feſthielten. Sie ſuchte Erfahrung, während ſie ſpielte Die Welt erſchien ihr wie ein Puppentheater, wo Alls ſie beläſtigte, ohne daß ſie irgend etwas näher an iht Herz legte. Sie befand ſich noch in der ſchönſten Stunde des Frühlings. Die Sonne des Lebens beſaß Licht für ihre Seele, aber noch keine Wärme für ihr Herz. Die Welt um ſie her träumte noch blos von Blumen, nicht von einer Frucht. In der klaren Woge des Augenblücs ſpiegelten ſich wandernde Sterne und fliehende Wolten,; aber die glühende Roſe der Liebe beugte ſich noch nicht träumeriſch darüber, ſie ganz in ihren Kelch aufnehmend. So war ſie in der Zeit, wo ſie aufwuchs. Der General wachte auch über ſie, mit einer Liebe, die ſich nie verläugnete. Wenn ſeine noch übrige Wirk⸗ ſamkeit, ſein von der Erfahrung geprüfter Verſtand dem Staat angehörte, ſo gehörte ſein Herz nur Jaquette an. Ihre Wünſche waren für ihn Gefahr geworden. 5 zi w Kimd ewahr , aba en Au— en un haſten o ſett hmen⸗ 1, das abal⸗ öthih imen Allen rgah⸗ atell e zu auge ielte. Ales mihr unde für Die nicht lices ken; ſnicht end. ebe, irk⸗ dem an⸗ 47 Wollte man ihr hauptſächliches Weſen in ein ein⸗ ziges Wort zuſammenfaſſen, ſo könnte man ſagen, ſie war friſch: denn nicht blos ihre ganze Figur, ſondern auch ihre Bewegungen und was ſie ſonſt vornahm, be⸗ ſaß einen Charakter der Geſundheit, der ſie mit einem unbeſchreiblichen, immer einnehmenden Liebreiz umgab, denn man meinte, in ihrer Geſellſchaft ſich beſſer zu be⸗ finden, leichter und friſcher zu athmen, als in der Ge⸗ ſellſchaft Anderer. Der General war bei ihrer Erziehung beſtändig ge⸗ wiſſen Regeln gefolgt, was gewiß auch nicht ohne Ein⸗ fluß auf ſie blieb. Sommer und Winter hatte ſie immer mit der Sonne aufſtehen und ſich hinausbegeben müſſen, um auf einer kürzeren oder längeren Promenade die friſche Morgen⸗ luft einzuathmen. Wenn ſie nach Hauſe kam, ſtand ein laues Bad bereit, ſie zu empfangen, dann mußte ſie ſich lagern und einſchlafen. Der General hatte die Lebensweiſe geleſen, die Ninon de 1'Enclos beobachtete, und die ſie bis in ihr ſpä⸗ teres Alter jung, friſch und liebenswürdig erhielt, und er hatte beſchloſſen, auf dieſelbe Weiſe auf Jaquette eine ſolche Zukunft zu bereiten. Er hatte übrigens ſtreug alle künſtliche Mittel ver⸗ bannt, die durch verkehrte und unnatürliche Begriffe ſo ſehr in die Mode gekommen ſind, die ſtatt der Geſund⸗ heit Kränklichkeit, ſtatt der Kraft Schwäche, ſtatt der Geſchmeidigkeit Schlaffheit verurſachen und bei fortge⸗ ſetztem Gebrauch die wahre Roſe der Anmuth erblaſſen machen. Eine friſchere, edlere und ſchönrer pro ortionirte Figur als Jaquette, war daher nicht leicht zu findon. In hren zſere lichen Jungfrauengeſtalt glaubte man etwas Militäriſches zu entdecken, ſowohl Lebhaftigkeit, als Harmonie und Raſchheit. 1 Die Gewohnheiten, mit welchen der General Ja⸗ 48 quette auferzogen hatte, waren allmählig zu einem Ge brauch übergegangen, von dem ſie ſich jetzt nicht mei trennen konnte. Noch immer ſtand ſie jeden Morgen mit der Som auf und begab ſich dann zu Wagen oder zu Pferd hit al aus. Noch badete ſie täglich und genoß dann eine kun a⸗ Morgenruhe. Nichts konnte ſie davon abhalten. Von dem Tag an, wo Paul ins Haus gegenüle einzog, und noch mehr von der Stunde an, wo er li ſt und da einen Beſuch bei ihrem Vater zu machen anfin zu zeigte ſich gleichwohl in verſchiedenen Beziehungen 1 be eine und andere Veränderung bei ihr. Ohne daß u zu Kindliche in ihrem Charakter verſchwand, glaubte um nicht eigentlich mehr Haltung— denn dieſe fehlte in ni nie— ſondern mehr Ernſt bei ihr zu bemerken. 6. war beinah, wie wenn ihr kindliches Weſen verſtändige br geworden wäre: eigentlich beſtand auch die Veränderun w darin, daß ihr Gefühl tiefer und wahrer zu werden al ni fing. Es war die Liebe, die, obſchon ihr ſelbſt unbewuß un ſich ihr näherte. Ihr Herz ließ ſie nicht mehr ſo unge zwungen wie vorher. Manchmal, wenn ſie noch imme fü ſehr heiter war, erinnerte es ſie an ſich, zuweilen durz ich eine Röthe, die unwillkührlich über ihre Wangen ſog⸗ zuweilen durch einen Seufzer, der unwiderſtehlich ih An Bruſt hob. Sie hatte früher über Alle geſcherzt und ge iſt lacht, die ſie ſeufzen gehört oder erröthen geſehen hatten aber ſie vermochte nicht über ſich ſelbſt zu lachen. we Der General konnte nicht umhin, die Veränderung de zu ſehen, die ſich bei ihr kund that, ſeine Unruhe er⸗ wachte deßhalb. „Du biſt krank, Jaquette,“ bemerkte er. „Ach nein. Papa, ich fühle mich ganz geſund. 1 und dennoch... ich weiß nicht, was mich ankommt.“ if 3 „Du ſitzeſt ſo viel am Fenſter; es ſchadet Dir.“ „Glaubſt Du das, Papa? Ich ſitze ſo gerne da. 6 49 en Geiſt ſo angenehm, die Leute zu ſehen, die in der Straße ht mi auf und ab gehen.“ „Wir müſſen mit dem Arzt ſprechen.“. Sonn„Wozu ſoll das helfen? Ich bin ja geſund... :d hi aber vielleicht doch... denn ich ſpüre zuweilen... e kun ach mein Gott... aber es iſt ſo ſonderbar.“ „ Der Arzt kam. enüle Er fühlte ihr den Puls, er ſah ihr ins Auge, er er ſi ſtellte ſeine Fragen, er ſetzte ſich nieder, um ein Rezept aufin zu ſchreiben, aber er warf die Feder wieder weg und en begann von Nenem ihren Puls zu fühlen, ihr ins Auge ß i zu ſehen und ſeine Fragen zu wiederholen. Endlich ſchüttelte er den Kopf, denn er begriff te in nichts. -. G Da entdeckte er Paul im Fenſter gegenüber und er udige brauchte den Blick, den er zu Jaqguette herüberwarf, ſo derun wie auch die Röthe, die dabei auf ihren Wangen flammte, en a nicht lange zu ſtudieren, ſo verſtand er auch als alter ewuß und erfahrener Praktikus die ganze Krankheit. unge„Nun, Herr Doktor, was ſagen Sie von mir? Ich imm fühle mich ſelbſt in dieſem Augenblick ſo geſund; aber durh ich verſtehe nicht...“ flog„Seien Sie ruhig, mein Fräulein,“ antwortete der Hihn Arzt lächelnd,„Ihre Krankheit iſt nicht gefährlich, ſie id ge iſt ſehr gewöhnlich in Ihren Jahren.“ hatte Inzwiſchen vertraute der Arzt dem General an, was er beobachtet hatte, und ſtellte es ihm ſelbſt anheim, du dem Gang der Krankheit näher zu folgen. e el⸗ Das Gewiſſen. n. 4 50 Als Jaquette mit Held von ihrem Spazierritt die Thore von Haga zurückgekommen war, begab ſie ins Bad, das in einem Stübchen neben ihrem Säle zimmer war, und dann ſprang ſie wieder fröhlich u friſch in ihr Bett. Aber dieſen Morgen wollte ſich kein Schlaf einf den, luftige und leichte Fantaſie ſchwärmten durch in Kopf, beflügelte und ſchimmernde Träume arbeiteten ihrer Seele. Vor dem einen ihrer Fenſter befand ſich ein klein Altan, mit Blumen beſetzt, von zierlich gearbeiteten S lieren, wie von einer Hecke oder einem Käfig umpäen und die freundlichen Strahlen der Sonne fielen ſo g zend und friſch darauf. 1 Mit halbgeſchloſſenen Augenlidern glaubte ſie unter dieſe Blumen verſetzt, das kleine Plätzchen erm terte ſich um ſie her, und eine kleine Blume wuchs neben der andern, ſämmtlich mit einander wetteifernd wunderbarer und prachtvoller Schönheit. In einiger Entfernung glaubte ſie eine ſuunſt leiſe Muſik zu hören, und die mit leichten aroml⸗ ſchen Blumendüften geſchwängerte Luftmaſſe wiegte ul ſchaukelte ſich in tiefen Wellen, die ebenſo wohl aus M ſik wie aus Licht beſtanden, um ſie her. Wie in einem mit Blumen und Sonnenlicht durt floſſenen Luftballon glaubte ſie jetzt zu ſchweben, al allen Seiten von einem Himmel umgeben, wo die Sterme rings umher auf ſie herab blickten... mit Pauls ilo ren Augen. Aber plötzlich verwandelte ſich die Scenerie. Es wi in demſelben Augenblick, wo ſie wirklich einſchlumment Die kleine Welt, worin ſie ſich ſoeben geſchauk⸗ hatte, blieb, durch einen augenblicklichen Zauberſchlag! einen ſchönen Park verwandelt, in die ſchönſte Pra des Sommers gekleidet, vor ihr ſtehen, und es war i als läge ſie halbſchlummernd auf der grünen Matte 4 erritt b ſie Schle lich u f einſ ch ihn teten klein en Sm mgen o gi ſie ſ erw ichs ernd ſauft rvonati⸗ 51 Und alle Sterne, die ſoeben mit Pauls Augen auf ſie herabgeblickt, verſchmolzen und gewannen Geſtalt vor ihr, und die Geſtalt bekam Leben, ſie bewegte ſich, ſie näherte ſich ihr und es ſchien ihr, als beugte ſie ſich über ſie herab. Mit einer wunderlichen Bewegung in ihrem Innern betrachtete ſie ihn. Er ſprach zu ihr. Es war ein Jüng⸗ ling mit Iugend und Geſundheit auf ſeinen Wangen, mit Wärme und Feuer in ſeinem Blick, mit Liebe und Treue in ſeinen Werken. Das Licht hatte ſie nie vorher ſo gewärmt, die Muſik hatte nie früher ſo innig an ihr Herz geſprochen, wie das Licht in ſeinem Blick, wie der Klang in ſeinen Worten. 4 Der Kopf des Jünglings war ihr in dieſem Augen⸗ blicke ſo nahe, daß ſie ſeinen Athem fühlte, und ein leich⸗ tes Zittern eilte durch ihre Glieder, wie eine Blume von dem lauen Windhauch zittert. Es kam ihr dabei vor, als wollte er einen ſanften Kuß auf ihre Lippen drücken, und als wiſſe ſie ſelbſt nicht, ob ſie ſich mit einer Thräne davon freibitten, oder mit einem Lächeln darein einwilligen ſollte. „Gib mir, was ich begehre,“ flüſterte er in dieſem Augenblick— ſo däuchte es ſie—„ſonſt erſterbe ich wie ein Ton und erlöſche wie ein Strahl.“ gti„Wer biſt Si ſchöner Jüngling?“ hörte ſie eine Stimme wie aus ihrem eigenen Herzen fragen.„Wer biſt Du?“ 4 4 erden ſage 5 „Meine Seele iſt Deiner Augen Licht, mein Herz iſt Deiner Ohren Klang. In Zukunft wirſt Du nur mich ſehen und hören.“ „Und wohin haſt Du mich geführt, wo bin ich?“ „Im blühenden Park unſerer Liebe.“ Und in dieſem Augenblicke drückte er ſeine Lippen auf ihren Mund, wobei er ſo wunderbar vor ihren Blicken 4 52 gläuzte, und ſie meinte Pauls jugendliches, friſches Ge ſicht zu erkennen. Bei dem Ausruf fröhlicher Ueberraſchung, der jet ſo ganz unberechnet über ihre Lippen flog, ſah ſie ihn wie von einem Winde weggeführt und verſchwinden, wit⸗ rend er auf der Flucht eine Roſe verlor, die... ſ fühlte ſie es... in ihr Herz hinabfiel, gleich als hält er dort eine Spur von ſeinem Beſuch im Traume hinter laſſen wollen. Eine Weile ſpäter erwachte ſie, aber auch wachen meinte ſie noch in dem geträumten Parke zu rufen, während der Jüngling mit ſeiner warmen Wangeſh über ſie hinneigte. Die Stunde, wo ſie nach der Promenade und den Bade zu ſchlummern pflegte, war für ſie immer eint Stunde der lieblichſten Ruhe geweſen, durchflochten voh den angenehmſten Phantaſien, geſchmückt mit den reichſten Bildern. Engel und luftig ſchöne Geſtalten fanden ſih dann immer an ihrem Bette ein, bald Kränze in ihre Locken flechtend, bald ſie in ſchimmernde Silberſchleiet kleidend, bald ihr Nektar vom Olymp der Götter bietend. Dieſer Morgenſchlaf war ihr auch ſo lieb und theuer g⸗ worden, daß ſie ihm um keinen Preis hätte entſagen mögen, weil er ſie immer in ein kleines, ganz eigenthüm⸗ liches Reich führte, wo ſie, noch ein ſpielendes Kind, nur unter guten Elfen und lächelnden Feen luſtwandelte. Aber ſo, wie ſie jetzt geträumt, hatte ſie es früher noch nie gethan, denn bisher hatten die Träume nur flüchtig ſchwärmeriſche, ſchnell verſchwindende Lichtbilder in ihren Gedanken und ihrem Gemüthe hinterlaſſen; aber jetzt hatten ſie in ihrem Herzen eine Saite angeſchlagen⸗ die, während ſie noch vibrirte, ihr Blut in Bewegung ſetzte und, während ſie noch tonte, ſo wunderbar hin⸗ reißende Vorſtellungen in ihrer Seele erweckte. träumte. Lange wußte ſie nicht, ob ſie wach war oder noch 53 Endlich nahte ſich ein heftiges Geklingel ihren Ohren. Beim Getöne deſſelben fuhr ſie zuſammen, und da im gleichen Augenblicke ihre Kammerjungfer eintrat, ſo ſtand ſie auf. Alle die glänzenden und ſchönen Träume verſchwan⸗ den jetzt, und bald ſaß ſie, ſelbſt ſchöner als der ſchönſte Traum, in einem Morgenkleid von blumigtem Sammt mit halbrothem Grund vor ihrem Tollettenſpiegel. Aber das Toilettengeſchäft war für ſie kein Lieblingsvergnügen. Die Natur hatte zu viel an ſie verſchwendet, als daß ſie nöthig gehabt hätte, die Hülfe der Kunſt in Anſpruch zu nehmen. Was die Natur gemacht hatte, das brauchte ſie ſelbſt nur zu ordnen. Im Uebrigen war es ihr nie eingefallen, ihr Ausſehen zu ſtudiren und ſeine Wirkung in Beziehung auf verſchiedene Moden und Farben zu be⸗ rechnen. Ihre Schönheit lag ſo ſeelenvoll in ihrer un⸗ gekünſtelten Lebendigkeit, in ihrer kindlichen Offenheit, in ihrer friſchen Herzlichkeit, und der Adel der Formen wurde gerne überſehen, wie man die typiſch ſchönen Buchſtaben überſieht, wenn der Sinn, den ſie ausdrücken, recht ſchön iſt. Bald verließ ſie auch ihren Toilettentiſch. Bei dem General wurden all die Stunden, wo man ſich im Salon zu verſammeln hatte, war es nun zum Kaffee Morgens oder zum Mittageſſen, durch ein Geläute angekündigt, das Held bei einem beſtimmten Glockenſchlage zu bewerkſtelligen beauftragt war. Ein ſolches Geläute war es, das Jaquettens Aufſtehen beſchleunigt hatte. Als Jaquette hinauskam, hielt ſie einen erbrochenen Brief in ihrer Hand. 54 In Erwartung ſeiner Tochter hatte der General eines der Tagsjournale genommen und beſchäftigte ſich mit Leſung deſſelben; aber ſobald ſie ſich zeigte, warf er das Blatt weg. „Guten Morgen, mein Kind,“ ſagte er, indem er ihr freundlich die Hand reichte,„heute haſt Du Deinen alten Vater lange warten laſſen. Bring' den Kaffee, Held.“ „Verzeihe mir, Papa, verzeihe mir. Ich fühlte mich auf den Ritt etwas müde. Du darfſt mit Deiner kleinen Jaquette nicht unzufrieden ſein, Papa.“ Der Kaffee wurde jetzt hereingebracht und ſervirt. Held begab ſich inzwiſchen in das Privatzimmer des Generals. Vater und Tochter waren allein. Die martialiſche Geſtalt des Generals, ſein ernſter Blick und ſein kräftiges Ausſehen, das vollkommen die geheimen Kämpfe verdeckte, die in ſeinem Innern zehr⸗ ten, und das blühende Mädchen an ſeiner Seite bildeten unläugbar ein einnehmendes Familiengemälde, würdig,⸗ vom Pinſel eines Meiſters gezeichnet zu werden. Der General hatte einen Blick voll zärtlicher Liebe auf Jaquette geworfen, und es kam ihm vor, als hälte ſte etwas auf ihrem Herzen, das ſie ihm anvertrauen wolle. Jaquette war nämlich nicht gewöhnt, Geheimniſſe zu haben; ſie wußte kaum, was ein Geheimniß beſagen wollte. Keine Tochter konnte gegen ihren Vater aufrich⸗ tiger ſein als ſie. Aber der General ging auch, trotz ſeiner Strenge im Dienſt und ſeiner ernſten Haltung im öffentlichen Leben, bei Jaquette auf all ihre kleinen kin⸗ diſchen Launen mit ſo viel Aufmerkſamkeit und Feinheit ein, daß man darin eine faſt mütterliche Zärtlichkeit ent⸗ deckte. Er hatte ſich frühe daran gewöhnen müſſen. „Was Neues, mein Mädchen?“ begann er.„Du mußt etwas auf dem Herzen haben, mein Kind, Du ſiehſt ſo ernſthaft aus.“ = — —& E ZOͤ- ESE —————— r je —=— 8K ½ N 5⁵ Der Ernſt in Jaquettens Miene verſchwand, ſobald ſie angeredet wurde: ſie ſprang von ihrem Platze auf und ſchlang ihre Hände freundlich um den Kopf des Alten, indem ſie ſeine grauen Locken auf die Seite ſtrich. „Du haſt geglaubt, Papa, ich ſei in der letzten Woche krank geweſen; aber jetzt weiß ich die Urſache davon.“ Der General erinnerte ſich an die Erklärung des Arztes und wurde aufmerkſam, was Jaquette ſagen wollte. „Hm!“. „Du ſelbſt biſt die Urſache davon geweſen. Seit Herr Paul Dich zu beſuchen anfing, haſt Du ſo nach⸗ denklich und grämlich ausgeſehen, daß ich juſt darüber erſchrak.“ „Haſt Du es bemerkt?“ „Du weißt doch, daß ich neugierig bin, ſehr neugierig.“ „Nun? 3 „Dieſer Tage ſtand die Thüre zwiſchen dieſem Zim⸗ mer hier und dem Deinigen offen, und da hörte ich im Geſpräch, das Du mit Held hatteſt, worin Du von einem Baron Lander ſprachſt, der vor vielen Jahren ermordet wurde, und von Deinen Verhältniſſen, worin Du zur ſelbigen Zeit mit verſchiedenen Perſonen ſtandeſt; Gott weiß, von was Allem Du ſprachſt, aber ſo viel iſt ge⸗ wiß, daß ich unruhig und ängſtlich wurde, obſchon ich damals nichts gegen Dich zu äußern wagte; aber jetzt iſt es etwas Anderes.“ „Was iſt denn jetzt eingetroffen?“ SsSiehſt Du, Papa, ich glaubte, Du könnteſt auf irgend eine unangenehme Art in all dieſe Sachen ver⸗ miſcht werden, theils weil Du längere Zeit ſo nachdenk⸗ lich ausſiehſt, theils auch weil ich weiß, daß Du in Deiner Ingend viele tolle Abenteuer gehabt haſt; aber ich habe heute mit Herrn Paul geſprochen und er hat mir geſagt...“ 4 56 „So Du haſt mit Paul geſprochen und zwar ſchon heut in der Frühe?“ „Ich begegnete ihm auf dem Spazierritt... Du haſt doch nichts dagegen?“ „Eanz gewiß nicht. Du ſagſt, Du ſeieſt meinet⸗ wegen unruhig geweſen?“ „Natürlich, Du kannſt nicht glauben, wie es mich betrübt, wenn ich nur eine Wolke auf Deiner Stirne ſehe; aber, wie geſagt, Pauls Erklärung hat mich wieder fröhlich und ruhig gemacht, daß wir nicht mehr nöthig haben, mit dem Doktor zu ſprechen. Nur eine einzige Sache beunruhigt mich noch.“ „Laß mich hören.“ „Du haſt geſagt, daß Du heute einige Gäſte hier erwarteſt.“ „Und das beunruhigt Dich?“ „Allerdings; es ſind ja dieſelben Perſonen, von denen ich Dich und Held ſprechen hörte.“ „Nun und dann?“ „Ich hörte, daß Du zu Held ſagteſt, es handle ſich um die Todesart dieſes Barons Lander.“ „Weiter?“ „Paul kann doch nicht auch hineingemiſcht werden?“ Der General fixirte ſie. „Da Du ihn trafeſt, ſo hätteſt Du ihn ja auch darum fragen können, ſo gut Du ihn fragteſt, ob ich darein gemiſcht ſei.“ „Das kann ſein, aber...“ Jaquette ſenkte die Augen zur Erde. „Aber...“ wiederholte der General,...„was willſt Du ſagen? aber..“ „Ich dachte auch einen Augenblick, es zu thun, aber es war mir ganz unmöglich.“ 4 „Warum war es Dir unmöglich?“ „Eine ſonderbare Frage, Papa... ich konnte doch 4 nicht ſo unartig ſein. Aber wie iſt es denn jetzt?“ um hat off 57 „Du kleine Närrin... ich glaube, Du biſt auch um Paul unruhig... Sprich die Wahrheit...“ „Das juſt nicht... aber... „Ich billige es, daß Du Dich mit Deinen kleinen Zweifeln an mich wendeſt... ich kann Dich auch be⸗ ruhigen und verſichern, daß Paul mit der Sache zu thun hat, aber auf eine Art und Weiſe, die ihn mehr ehrt, als herabſetzt.“ Jaquette konnte ihre Freude nicht verbergen. „Und ſein Vater?... ſein Gedächtniß iſt wohl auch rein und fleckenfrei?“ „Verlaß Dich darauf.“ Jaquettens Geſicht glänzte vor Befriedigung. „Jetzt kann ich Dir ſagen, Papa, daß Du recht artig biſt.“ „Du verſprichſt, wieder geſund und fröhlich zu werden?“ 8 „Wie könnte ich anders? mein Gott, ich werde nie mehr betrübt ausſehen.“ „Du intereſſirſt Dich alſo für meine Ehre?“ „Sie iſt meine eigene, Papa. Ach, könnte ich nicht ſtolz auf Dich ſein, ich würde vor Kummer ſterben. Nächſt dem Glück, Dich zum Vater zu haben, weiß ich kein grüſters Füüe b89 Deine Tochter zu ſein.“ „Und ſo glaube ich, daß Du Di i interefteid⸗ g h ß Du Dich auch für Paul „Nicht viel, Papa, aber...“ „Daeheeni wenig.“ „Ein klein wenig, und das iſt i Verwundernee. g, s iſt wohl nicht ſo zum „Findeſt Du das?“ „Er iſt ja unſer nächſter Nachbar, Papa, und dann hat er ein ſo ſchönes Pferd, und es iſt ein Leben in hun ſe friſch und raſch, und dann iſt er aufrichtig und „Und dann iſt er...“ „Und dann iſt er.. aber was ſoll ich ſagen.. 17 und dann iſt er... „Du vergiſſeſt eine Sache.“ „Ich weiß es nicht, aber vielleicht...“ „Und dann ſitzt er ja... „Wo ſitzt er?“ „Er ſitzt täglich an ſeinem Fenſter und ſieht zu Di herüber.“ Eine hohe Röthe verbreitete ſich plötzlich über Jo quettens Wangen. „Erröthe immerhin, meine liebe Jaquette, aber hört nur, was ich Dir ſage.“ „Du biſt garſtig, Papa. Die Sache iſt die, daß er nicht auf mich ſieht, ſondern nur auf die Straße.“ „Wenn man ſich von Jemand anſehen läßt,“ fuhr der General fort, ohne auf ihre Antwort zu achten,„ſo iſt man immer im Complott mit derjenigen Perſon, von der man angeſehen wird. Nicht wahr... lege die Hand auf Dein Herz, ehe Du mir antworteſt.“ Jaquette wußte nicht, ob ſie böſe werden ſollte odet nicht. „Mag ſein,“ antwortete ſie,„aber das iſt auch waht, daß diejenige Perſon, die eine Röthe entdeckt, immer gegen diejenige conſpirirt, welche erröthet, und jetzt con⸗ ſpirirſt Du gegen mich, Papa. Ich kann nichts dafür daß Paul im Fenſter gegenüber ſitzt und ebenſowenig dafür, daß ſeine Blicke ſich manchmal hieher verirren.“ quette.“ Jaquette wurde immer wärmer ums Herz. „Warum ſollte ich's nicht thun?“ verſetzte ſie;„Dr klagſt ihn ja förmlich wie wegen eines Verbrechens au⸗ und er hat keine Gelegenheit, ſich ſelbſt zu vertheidigen.“ „Du vertheidigſt ihn alſo blos deßwegen, weil en abweſend iſt?“ bemerkte der General, welcher ſah, daß „Ich glaube, Du willſt ihn vertheidigen, liebe Ja⸗ er an 1 br da ih At 59 er ihr zu Hülfe kommen mußte.„Ich billige das, Ja⸗ quette... es iſt ſchön von Dir.“ „Gott ſei Dank, daß Du mich doch am Ende immer verſtehſt, Papa. Du haſt mir ja oft geſagt, ich müſſe einen Abweſenden vertheidigen, wenn er angegriffen würde. Geſtehſt Du jetzt auch zu, daß es nichts Ver⸗ brecheriſches iſt...“ „Dich anzuſehen?“ „Du darfſt jetzt keine Winkelzüge machen, Papa; nein, ich meine, daß es nichts Verbrecheriſches iſt, an einem Fenſter zu ſitzen.“ „Und einander anzuſehen?“ „Mein Gott, daß Du mich auch gar nicht verſtehen willſt, Papa; ich meine jetzt nicht, einander anzuſehen, ſondern überhaupt blos... auf eine öffentliche Straße zu ſehen. Verſtehſt Du mich jetzt, Papa?“ „Seit der Arzt dem General ſeine Vermuthung an⸗ vertraut, hatte dieſer Jaquette genan beobachtet und ſehr wohl die Neigung bemerkt, die ganz ſtill bei ihr aufzu⸗ keimen ſchien Er hatte nicht im Sinne gehabt, mit ihr über die Sache zu ſprechen, aber nachdem ſie einmal darauf gekommen waren, konnte er nicht umhin, ſcherzend ihr Inneres ausforſchen zu wollen. Nachdem er genug geſehen, wollte er gerne zu einem andern Gegenſtand übergehen. „Was iſt das für ein Papier, das Du in Deiner Hand haſt?“ fragte er ganz plößzlich. Es entging dem General nicht, daß Jaquettens Ver⸗ legenheit durch dieſe unvermuthete Frage noch vergrößert wurde. „Es iſt ein Brief,“ fügte der General hinzu.„Mit wem correſpondirſt Du, Jaquette? Etwa mit Fränlein .“ Krook, ich meine Axeline?“ Aber Jaquette's Verlegenheit währte blos einen 3 Augenblick; bald lächelte ſie wieder. „Du ſollſt etwas Wunderliches zu hören bekommen, 60 Papa; aber ſiehſt Du... doch das brauche ich Dih nicht zu fragen...“ „Was?“ „Ob Du ſchweigen kannſt?“ in Der General verzog den Mund. 9 „Vertraue mir Dein Geheimniß an; es wird be le mir gut aufgehoben ſein.“ er „So höre denn...“ h „Ich höre.“ e „Du glaubſt gar nicht, was das für ein ſonderbarer Brief iſt.“ „Juſt das hoffe ich von Dir zu erfahren.“ „Betrachte ihn genau, Papa, ſieh nur, wie wunder⸗ lich er ausſieht; aber es iſt auch ein anonymer Brief.“ „Anonym?“ „Das iſt ja ganz merkwürdig. Ein unbekannter Menſch hat geſtern Abend, als es dunkel wurde, dieſen Brief der Dienerſchaft in der Küche abgegeben, und als man von ihm wiſſen wollte, wer er wäre, ſo ſprang er davon.“ „Aber was enthält denn der Brief?“ „Das iſt noch merkwürdiger, Du ſollſt es ſelbſt leſen.“ Als der General den Brief zu leſen anfing, konnte er nicht läugnen, daß der Inhalt höchſt eigenthümlich war. Der Brief war von ungeübter Hand geſchrieben und auf eine Art abgefaßt, aus der man mit Grund ſchließen konnte, er ſei von einem Frauenzimmer, das zu bald die Schule verlaſſen habe. 4 Ohne daß wir ihn ſeiner ganzen Länge nach mit⸗ theilen, genügt es, zu bemerken, daß er lediglich Panl Kellner betraf, von welchem man meinte, er ſei von allen Seiten her mit Gefahren bedroht. Die unbekannte Brief⸗ ſtellerin ging auf eine Charakteriſtik ſeiner nächſten Um⸗ gebung ein und hielt ſich hauptſächlich bei dem alten Brauner auf, als einem höchſt zweideutigen Individuum, 4 das immer aufmerkſam, aber ſtill und vorſichtig, wie —.,—,—,— 2- ͤ..8.-—. dic bei trer 61 durch geheime Gründe geleitet, Paul auflauere. Den Capitän Roman zeichnete ſie mit etwas helleren Farben, fügte aber gleichwohl hinzu, daß er, wenn Paul fort ſei, immer geheime Conferenzen mit Brauner habe. Sie geſtand ferner, daß ſie, ungeachtet dieſe Leute ihr ſchon lange Urſache zum Verdacht gegeben haben, gleichwohl erſt in den letzten Tagen wirkliche Veranlaſſung erhalten habe, für Pauls Sicherheit zu fürchten, weil ſie zufällig ein Geſpräch zweier unbekannter Perſonen angehört, die vor dem Thorgang Halt gemacht und halblant, beinah ſlüſternd ſich einander mitgetheilt hätten. Die eine von ihnen, ein Mann, der ſich Löwe nenne, habe der andern, die er ſchwarze Charlotte genannt, Pauls Charakter, Wohnung und Umgebung ſo vollſtändig geſchildert, daß dies von der allergenaueſten Bekanntſchaft zeuge, von einer Kenntniß, die derſelbe, wie die Brieſſtellerin ver⸗ muthete, nur durch den alten Brauner erhalten haben könne; denn er habe geſagt, der Alte gehöre ihnen, er ſei in ihre Geheimniſſe eingeweiht, nicht blos als alter Kunde des Caffé London, ſondern noch mehr vermöge ſeines taglichen Umgangs mit... der Sprecher hatte hier ein der Briefſtellerin unbekanntes Wort gebraucht . aber ſie glaube dennoch aus dem ganzen Sinn ſchließen zu könuen, daß die Frage ſich um die Räuber und Diebe der Hauptſtadt drehe. Weiter habe der Unbe⸗ kannte hinzugefügt, er ſei überzeugt, daß Brauner jetzt auf eigene Fauſt ſpekulire; übrigens glaube er doch, daß ſie ſich zuletzt noch zu dem Unternehmen aſſociren würden. Die ſchwarze Charlotte habe die Mittheilung des Löwen unter Ausrufungen und Mittheilungen angehört, die von der lebhafteſten Bereitwilligkeit zeugten, ihm blindlings an die Hand zu gehen; gleichwohl habe die Brieſſtellerin nicht gehört, welche Abſicht ſie eigentlich hätten, denn ſie hätten ſich, als ſie auf dieſes Kapitel gekommen, entfernt. Die Brieſſtellerin bat ſchließlich Fräulein Jaquette um Entſchuldigung, daß ſie es wage, ſich an ſie zu wen⸗ 62 den, und führte als Grund an, daß die unbegrenz Hochachtung, die ſie ihr widme, ihr zuerſt den Gedanken eingegeben, daß ſie darin beſtärkt worden ſei, weil ſie bemerkt zu haben glaubte, daß das Fräulein für Pau Theilnahme hege. Sie bemerkte zwar, daß ſie ſich viel leicht eher an den General hätte wenden ſollen, daß aben ihre Furcht und Verehrung für ihn ſie davon abgehalten habe, wogegen ſie jetzt weit aufrichtiger ſein zu können glaube. In einer Nachſchrift fügte ſie die Mittheilung hinzu, daß ſie zu Paul und den übrigen Perſonen in ſeinem Hauſe in Verhältniſſen ſtehe, die ſie zur Vorſicht zwingen; daß ſie aber deſſen ungeachtet gerne offen her⸗ vortreten würde, wenn man es wirklich verlangen ſollte. In einer andern Nachſchrift bat ſie ſchließlich Fräulein Jaquette, diejenigen Maßregeln zu ergreifen, die ſie im Einverſtändniß mit dem General für geeignet halte: denn ſte ſei überzeugt, daß der letztere ſich der Pflicht nicht entziehen würde, mit ſeiner Erfahrung über einen erſt kürzlich in Schweden angelangten, unerfahrenen jungen Fremdling zu wachen, den er nicht blos kenne, ſondern deſſen Nachbar er auch ſei. Der General hatte mit der größten Verwunderung den Brief geleſen. „Und Du haſt durchaus keine Ahnung, von wem dieſer Brief iſt?“ „Ich kann es unmöglich wiſſen, und doch ahne, oder vielmehr vermuthe ich eine gewiſſe Perſon.“ „Verbirg mir nichts; die Sache iſt ganz eigen⸗ thümlich.“ 4. „Du haſt gewiß ſchon ein ſehr ſchönes, junges Mädchen geſehen, das drunten in dem Putzladen ſtand?“ „Sie heißt Fanny, glaub' ich. Ein recht hübſches Mädchen.“ „Ganz richtig, Papa. Dieſe Fanny hat in den letzten Wochen den Putzladen verlaſſen und wohnt jetzt in Pauls Haus im unteren Stock. Ich habe ſie im —— S 63 Fenſter geſehen, wo ſie zuweilen neben einem aälteren Mann ſitzt, der vermuthlich ihr Vater iſt. Ich war frü⸗ her oft in ihrer Bude und kaufte allerlei Kleinigkeiten, ſo daß ich weiß, daß ſie mich kennt. Aber was glaubſt Du wohl, Papa, daß man jetzt mit dieſer ganzen Ge⸗ ſchichte da machen ſoll, da Du Paul lieb haſt?...“ Der General heftete ſeinen Blick auf Jaquette. „Und Du, kleine Närrin?“ fiel er ein. Jaquette ſchlug die Augen nieder. „Es iſt wahr, Papa, ich finde, daß Paul ein ganz hübſcher, junger Mann iſt, und Du haſt mir geſagt, daß Du ihn auch ſo findeſt.“ „Laß mich jetzt zuerſt Deine Anſichten hören, denn ich bin überzeugt, daß Du über die Sache nachge⸗ dacht haſt.“ 3„Das kann ich nicht läugnen. Auf meinem Morgen⸗ ritt habe ich Held gefragt, ob er je von dem Löwen oder der ſchwarzen Charlotte ſprechen gehört habe, aber er wußte nichts von ihnen, und als ich dann ſo unver⸗ muthet mit Paul zuſammentraf, benutzte ich die Gelegen⸗ heit, ihn vor Brauner zu warnen.“ „Was ſagte er da?“ „Er erklärte, er habe Gründe, an Brauner zu glauben wie an ſich ſelbſt; gleichwohl verſprach er auf⸗ merkſam zu ſein.“— „Und Du haſt es dabei bewenden laſſen?“ „Nicht ganz, Papa. Ich bat Held, mir einen ſicheren, zuverläſſigen Mann zu verſchaffen.“ Obſchon der General nur zu gut einſah, daß der Brief und ſein Inhalt nicht ganz verachtet werden durfte, ſo konnte er doch kaum umhin, über die Umſicht zu lachen, womſt Jaquette die Sache behandelte. „Und was haſt Du mi ieſe lã Mank bore haſt mit dieſem zuverläſſigen „Was ich mit ihm vorhabe?“ „Findeſt Du die Frage ſonderbar?“ 64 „Lieber Papa, er ſoll Paul unaufhörlich nachfolgen.“ So.“ . „Er ſoll jeden Augenblick über ihn wachen.“ „Wie ſo?“ „Bei Tag und bei Nacht.“ Der General konnte unmöglich ein Lächeln zurück⸗ halten. „Laß uns jetzt nichts übereilen, meine liebe Freun⸗ din,“ ſagte der General.„Ich weiß ein beſſeres Mit⸗ tel als dasjenige, das Du ausgeſonnen haſt; nämlich mit dem Polizeidirektor zu ſprechen. Wenn meine Ge⸗ ſundheit es erlaubt, ſo werde ich ihn heute beſuchen; doch ich kann ihm auch ſchreiben und er wird mir gewiß den Gefallen nicht verſagen, perſönlich hieher zu kommen.“ „Ach ja, Papa, das iſt weit klüger, als das, was ich thun wollte; aber bedenke, wenn Held bereits mit dem Manne geſprochen hätte, um den ich ihn bat.“ Der General antwortete nichts, aber er klingelte und Held trat ein. „Haſt Du,“ fragte der General,„auf Verlangen des Fräuleins einen Mann gebeten, hieher zu kommen?“ „Das verſteht ſich, Herr General, er wartet draußen.“ „So geh' auf dein Zimmer, Jaquette, während ich mit dem Manne ſpreche. Heiße ihn hereinkommen.“ Raſch trat mit dem gewöhnlichen offenen Selbſt⸗ vertranen ein, das einem Seemann ſo natürlich läßt. Das Toppſegel des Glückes ſchwoll vor dem vollen Wind in ſeiner Einbildung. Fräulein Jaquette, ſchlank wie eine Flaggenſtange, leicht und lebhaft wie ein Wetterhahn, hatte ſich, ſo glaubte er, in ihn verliebt. M 6⁵ Er brauchte künſtig nicht mehr auf der Kuhbrücke For⸗ tuna's ſich umherzuqnälen, ſondern konnte der Göttin ſteif ins Auge ſehen. Als die martialiſche Figur des Generals ſtatt Ja⸗ quettens, wie er erwartet hatte, ihm im Salon ent⸗ gegen trat, wurde er gleichwohl etwas verlegen. „Sie macht krumme Linien vor mir,“ dachte er, „das ſchadet nichts. Das iſt etwas Gewöhnliches bei den Weibern.“ 3 Der General blieb gerade vor ihm ſtehen und be⸗ trachtete ihn mit einem ſtrengen, prüfenden Blick. „Sie ſind gewiß ein braver Mann, mein Freund,“ begann der General endlich.„Ich bin überzeugt, daß man Vertrauen zu Ihnen haben kann.“ „Sollte es unterthänigſt meinen. Mehr als einmal habe ich im ärgſten Sturm das große Bramſegel ein⸗ gerafft, ohne daß meine Manſchetten zitterten. Herr General,“ fügte er dann hinzu, indem er ihm uner⸗ ſchrocken ins Geſicht blickte,„es iſt eigentlich Ihre Toch⸗ ter, Fräulein Jaquette, die... die... die...“ Er begann zu ſtammeln. „Die Held gebeten hat, ihr einen zuverläſſigen Mann zu ſchaffen. Das iſt wahr.. aber ſie that es in meinem Auftrag. Ich bin es, der mit Ihnen zu ſprechen wünſchte.“ Der General äußerte ſich mit einem Ernſt, der ſei⸗ nen Worten noch größeres Gewicht gab, und Raſch em⸗ pfand in ſeinem Inneren Etwas, das einer Niederlage mitten unter ſeinen freieſten Seemannsphantaſien glich, aber er war gleichwohl nicht der Mann, der ſich eine ſolche Sache lang zu Gemüth führte. 3 „Zum Henker!“ ſagte er ganz ungenirt,„alſo Sie, Herr General, wollen mit mir ſprechen. Dieſer ein⸗ fältige Held... meiner Treu, ich will's ihm eintränken, daß er mich für Narren gehalten hat. Befehlen Sie inzwiſchen, Heyr General, ich ſtehe zu Ihren Dienſten.“ Das Gewiſſen. III. 5 —— 66 Der General hätte am liebſten geſehen, wenn ihn ganz einfach los geworden wäre; aber um Jaquer nicht zu compromittiren, hielt er es für nöthig, ihn we nigſtens um etwas zu bitten, ohne daß er ſelbſt not wußte, worin dieß beſtehen ſollte. Je mehr er die Sache überlegte, um ſo mehr glaubt er Urſache zu haben, Jaquettens Vorſchlag zu folgen Er konnte für den Augenblick nichts Beſſeres ausſinuen „Sehen Sie, mein Herr,“ ſagte er zu ihm,„it habe einen jungen Freund, der allen Anzeichen nach vol einer Gefahr bedroht iſt, und ich möchte gerne einen tüchtigen Mann haben, der über ihn wachen ſollte, ohn daß er ſelbſt es bemerkte.“ „Da wenden ſie ſich an den rechten Mann, Hen General. Ich bin, hol' mich der Teufel, an Hunde wachten gewöhnt.“ Der General, der in den Seemannsausdrücken nich zu Hauſe war, ſah ihn verwundert an. „Stellen Sie mich auf die Probe, Herr General ſtellen Sie mich auf die Probe. Ich bin ein ehrlichen Seemann, wenn ich auch zuweilen ins Gläschen gucke. Der General konnte inzwiſchen nicht fortfahren, dem in dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre, und Jaguett ſprang herein mit einem Geſicht, das von der lebhafteſten Frende ſtrahlte. „Papa! Papa!“ rief ſie. „Was willſt Du? warum ſtoͤrſt Du mich?“ Raſch folgte Jaquetten mit raubgierigen Blicken. „Es iſt doch verdammt dumm,“ murmelte er zwiſchen den Zähnen,„daß der General es war, der mit mit ſprechen wollte, und nicht ſie.“ „Komm da heraus, ſo wirſt Du etwas zu ſehen bekommen, das Dir Freude machen wird,“ fuhr Jaquette fort,„komm, komm.“ lind mit unwiderſtehlicher Lebhaftigkeit zog ſie den e dn 67 6 General mit ins Vorzimmer hinaus, das nach dem Hofe ett we noc ubi gen nen „ic vo inen öhm Her nde icht eral ichen cke. dem nett eſten 1. ſchen mir ſehen uette e den u lag. 3 Auf dem Hof ſah der General ein prächtiges, eug⸗ liſches Vollblutpferd, geführt von zwei Livreedienern. Als ein großer Pferdefreund und alter erfahrener Ken⸗ ner konnte er einen Ausruf der Bewunderung nicht zu⸗ rückhalten, als er das ſtolze, wohlgebildete Thier mit ſeinem hochgehaltenen Kopf und den ſchlanken Beinen betrachtete, das mit Hufen und Augen Feuer um ſich warf. „Ein ſtattlicher Springer,“ ſagte er;„wem ge⸗ hört er?“ „Dir, lieber Vater, Dir. Ich habe ihn heute mor⸗ gen für Dich gekauft.“ „Du? von wem?“ „Von Paul.“ „Und was haſt Du ihm dafür gegeben?“ „Nichts.“ „Du Närrin, was will das heißen?“ „Ich weiß es nicht; aber ſieh, da kommt jemand.“ Ein alter Mann mit weißen Locken zeigte ſich auf der Treppe und übergab dem General einen Brief. Er war von Paul. Während der General ihn las, hielt Jaquette ihre Augen unverwandt auf den Alten geheftet. „Ihre Tochter, Herr General,“ ſtand in dem Brief, „hat mir heute erzählt, daß Sie ein großer Bewunderer von ſchönen Pferden ſeien. Das Fräulein hat überdieß die Güte gehabt, meinem„Favori“ ihren Beifall zu ſchenken. Natürlich iſt er mir dadurch noch theurer ge⸗ worden als früher; es iſt aber nur würdig von dem Fräulein oder von Ihnen ſelbſt, Herr General, beſtiegen zu werden. Das Fräulein liebt Blumen, und ich nehme die Gelegenheit wahr, ihr einige Exemplare zu ſenden, die ich aus Amerika mitgebracht habe, und von denen ich glaube, daß ſie nicht ganz unwürdig ſind, von ihr . betrachtet zu werden. Sollten Sie, Herr General, weigern, dieſe unbedeutenden Beweiſe meiner A anzunehmen, ſo würde mich das in meinen eigenm Augen tief herabſetzen, während ich mich im entgegen geſetzten Fall ſtolz und fröhlich fühlend, in dieſem Gei fühl mich mehr als reichlich belohnt ſehen werde.“ Während der General den Brief las, legte ſich ſein Stirne in düſtere Runzeln. Als er fertig war, blieb einen Augenblick ſtill, wie wenn er ſich beſänne. Jaquettens Aufmerkſamkeit war fortwährend auf de Alten geheftet. „Befehlen der Herr General Etwas?“ fragte er. Der Blick des Generals verweilte auf dem„Favori „Ein prächtiges, ein edles Thier,“ ſagte er, men for i ſelbſt, als in der Abſicht, ſich Andern mitze theilen. „Sehr wahr, Herr General,“ fiel der Alte ein nein edles Thier; es würde mich wirklich hart ankom men, es erſchießen zu müſſen.“ „Erſchießen?“ „Im Fall der Herr General nicht die Güte hätte ihm einen Platz in ſeinem Stalle zu überlaſſen, haben wir Befehl, es wegzuführen und ſogleich erſchießen zu laſſen.“ ſ Ohne eine Muskel in ſeinem Geſicht zu bewegen öffnete der General das Fenſter und befahl dem Bedien ten, das Pferd in den Stall zu führen. „Wohin befehlen der Herr General, daß ich die Blumen bringen ſoll?“ fragte der Graukopf weiter. „In den Salon, Papa, in den Salon,“ fiel Ja⸗ quette ein. 3 Auf einen Wink des Alten kamen jetzt vier Be⸗ dienten die Treppe herauf; jeder trug ein Meiſterwerk, beſtehend in Porzellanvaſen im Rococoſtyl, aus der Porzellanfabrik in Meißen, mit Blumen angefüllt, die in chtun fünf den ſchönſten Farben wechſelten. Ihnen folgte noch ein le n rothe Lorbeerroſe. 69 fünfter mit einer Wiener Bronzevaſe, reich geſchmückt und ciſelirt mit Bildern und eingelegten Arbeiten; darin⸗ nen prunkte eine doppelte, kaum erſt aufgegangene hoch⸗ Der obere Theil der Vaſen erweiterte ſich auf den Seiten, wie ein tief ausgehohlter Tiſch, und die Blumen⸗ ſcherben ſaßen darin von feinem Moos umgeben, ſo daß die Blumen in die Vaſen ſelbſt gepflanzt zu ſein ſchienen. Das Ganze gewährte einen außerordentlich pracht⸗ vollen Anblick. Der zugleich antike Styl und moderne Luxus, womit die Vaſen gearbeitet und vollendet waren, übertraf beinah die Meiſterwerke des berühmten Benve⸗ nuto Cellini, und ſchien nur mit der Schönheit vergleich⸗ bar, welche die Blumen ſelbſt entwickelten, die an Glanz und Farbenpracht mit einander wetteiferten. Die Runzeln auf der Stirne des Generals ver⸗ ſchwanden vor dem freundlichen und behaglichen Eindruck, den dieſer Anblick auf ihn machte. Ein Ausruf der Bewunderung flog über Jaquettens Lippen. Es kam ihr vor, als hätte ſie ſich in ihrem Morgentraum juſt von ſolchen Blumen umgeben geſehen, die jetzt mit allen Farben des ſchimmernden Regenbogens die Vaſen füllten. In ihrem Enthuſiasmus vergaß ſie ſogar einen Augenblick den alten Diener, welcher den Brief von Paul überbracht hatte. Die Vaſen wurden in den Salon gebracht und an das Fenſter geſtellt, wo Jaquette gewöhnlich ihren Platz hatte. Der General hatte ſich Anfangs verſucht gefühlt, Panls Geſchenke zurückzuſchicken, aber Jaquettens Freude, der beſchloſſene Tod des edlen Thieres und auch... warum es verſchweigen?... der Verdruß, den Paul darüber hätte empfinden müſſen, hielt ihn davon ab. Als Pauls Bote ſich entfernen wollte, ſagte Jaquette leiſe zu ihrem Vater, dieſer Mann ſei der alte Brau⸗ ner. Als daher der General ſeine Aufmerkſamkeit auf 70 ihn heftete, ſtutzte er beim Anblick des Alten zurit weil er in ſeinen Zügen einen Augenblick einen Bekam ten aus jüngeren Jahren zu erkennen glaubte, ohne de er ſich entſinnen konnte, wo er ihn unter der Maſſe ſe ner Erinnerungen finden ſollte. Jaquette, die in der letzteren Zeit mitunter zu dar Nachbar vis-à-vis hinübergeblickt, hatte Brauner an de Fenſtern geſehen und erkannte ihn jetzt wieder. Die in zugekommene anonyme Anklage machte, daß ſie, als ihn jetzt ſo nahe bei ſich ſah, ſich unwillkührlich ang zogen fühlte, ihn zu betrachten, und dieſer Wunſch reg ſich um ſo lebhafter, als ſie nicht einen einzigen 3. von Unredlichkeit entdeckte, ſondern vielmehr ein Geſit ſehe das nur Ehrlichkeit, Ernſt und Gutmüthigkeit aut drückte. „Wir müſſen einander ſchon früher geſehen haben erinnerte er den Alten. „Das iſt wohl möglich, Herr General. Bei unſen Jahren hat man gewöhnlich viele Leute geſehen.“ Der General fuhr mit der Hand über die Stirn als wollte er die Dämmerung verſcheuchen, die ſein G. dächtniß umgab. „Ganz wunderbar,“ verſetzte er inzwiſchen,„J3 Geſicht... aber Sie haben Recht... ich habe viel ſehen... und wenn man alt wird, verſchmelzen die G. innerungen zuſammen, wofern ſie ſich nicht in Nebelbilde auflöſen.“ Der General fixirte ihn noch einmal mit feſten Blick; aber während er in dem von Jahren und, wie d ſcheinen wollte, von Sorgen durchfurchten Geſicht des Alten Reſignation und Redlichkeit las, erinnerte er ſih auch der Anklage in dem anonymen Schreiben. Er kam jetzt auf einen Einfall, auf welchen ihn ebenſowohl ſein Verſtand als ſein Herz leitete. „Sie ſind ein alter Mann,“ ſagte er,„und auch 71 ich bin bei Jahren. Sie werden mich nicht mißverſtehen, wenn ich...“ Dabei nahm er den Brief von Jaquette, die mit Intereſſe beobachtete, was vor ſich ging. „Wenn ich,“ fuhr der General fort,„Sie erſuche, dieſen Brief zu leſen.“ 3 Kaum hatte Brauner den Brief empfangen und einen Blick hineingeworfen, als er auch voll Begierde die Lek⸗ türe fortſetzte. Er kam jedoch nicht weit, ohne daß ſich eine merkliche Veränderung bei ihm zeigte: die Hand zitterte leicht, die Wange erblaßte, und je mehr er las, um ſo mehr bemerkte man bei ihm Entſetzen und Schrecken, während Schweißtropfen von ſeiner Stirne zu perlen anfingen und die Augen einen immer ſtiereren Ausdruck annahmen. Der General beobachtete ihn genau. Jaquette hatte die Abſicht ihres Vaters, als er dem Alten den Brief übergab, nicht verſtanden, ſah aber jetzt ein, daß er ſich offen an das Herz deſſelben wenden wollte, um eine Erklärung herbeizuführen, die entweder ſeine Un⸗ ſchuld beweiſen oder auch ſeine verbrecheriſche Abſicht entſchleiern ſollte. Sowohl der General als Jaquette waren indeß verwundert über den entſetzlichen Eindruck, welchen der Brief auf den Alten zu machen ſchien. Man hatte zwar erwartet, daß er, im Fall er ſchuldig wäre, dies nicht gänzlich würde verbergen können; aber man hatte nicht vermuthet, daß ihn dieß ſo tief niederſchlagen würde, wie man es jetzt ſah. Als er dem Schluß des Briefes nahe war, legte der General die Hand auf ſeine Schulter. Der Alte ſchaute auf. „Sie ſind ſchuldig,“ vedete ihn der General an. Aber der Alte ſchien dieſe Anklage nicht zu hören, ſondern ſenkte den Blick wieder in den Brief und las ihn zu Ende. 72 „Ihr Ausſehen klagt Sie an,“ begann der Genern wieder;„geſtehen Sie.“ Aber die Worte des Generals ſchienen nur taube Ohren zu treffen. „Mein Gott, mein Gott!“ klagte ſtatt deſſen da Alte, während er das Geſicht in den Händen verbarg. „Es iſt herzzerreißend, ihn anzuſehen,“ flüſtert⸗ Jaquette. „Geſtehen Sie!“ wiederholte der General. „O mein Gott,“ ſeufzte Brauner,„und dieß von ihr... welch ein ſchrecklicher Schlag!...“ und e führte ſeine eine Hand aufs Herz, gleichſam um die hef⸗ tigen, unruhigen Bewegungen deſſelben zu beſchwich⸗ tigen.„und ich,“ fügte er dann hinzu...„der ich mich jetzt ſo glücklich glaubte... o mein Gott, mein Gott!“ „Du weißt, von wem der Brief iſt?...“ fragte der General wieder. „Sollte ich es nicht wiſſen?... er iſt von thr... „Von wem?“ „Von Fanny.“ „Ich errieth alſo recht,“ bemerkte Jaquette.„Du hörſt, Papa, daß er von Fanny iſt.“ „Und Du geſtehſt die Wahrheit des Inhalts ein?“ ſagte der General noch einmal zu Brauner. Brauner ſchaute mit demſelben hohlen Blick wie vorher auf. „Geſtehe Dein Verbrechen,“ wiederholte der Ge⸗ neral. „Mein Verbrechen?“ verſetzte Brauner.„Haben Sie die Güte und nehmen Sie dieſen Brief zurück, er zermalmt mein Herz, er brennt in meiner Hand... nehmen Sie ihn, nehmen Sie ihn.“ „Du antworteſt mir nicht auf meine Aufforderung?“ „Verbrechen?“ wiederholte er.„Ich habe Ihnen blos ein einziges Wort zu erwidern: ich bin unſchuldig.“ 73 Ohne ſich weiter mit einer Erklärung zu befaſſen, entfernte er ſich darauf, aber mit gebeugterem Kopf, als er gekommen war. Jaquette und der General ſahen ihm nach, ohne ſich von der Stelle zu bewegen. Die herzzerreißende Verzweiflung, die ſich ſo un⸗ zweideutig bei dem Alten gezeigt, hatte einen tiefen Eindruck auf beide gemacht. Jaquette brach zuerſt das Schweigen. „Du glaubſt, daß er ein Verbrecher ſei?“ be⸗ merkte ſie. Der General antwortete nicht. „Ich bin überzeugt, daß er unſchuldig iſt. In ſei⸗ nem Ausſehen lag zu viel Kummer... ein tiefer, wah⸗ rer, lebendiger Kummer. Er iſt unglücklich und kein Verbrecher, mein Vater. Was glaubſt Du?“ „Wunderlich, ſonderbar!“ murmelte der General. „Die Zeit iſt eine laufende Takelage, Herr General,“ fiel jetzt Raſch ein, der während der vorhergehenden Scene ſchweigend bei der Thüre verweilt hatte,„und man muß darauf Acht geben. Vormittags, beſonders am Morgen, habe ich viel zu thun, wie eine große Segelſtange; befehlen Sie etwas... ſonſt...“ 1„Verzeihen Sie mir, mein Freund; ich habe Sie gänzlich vergeſſen, aber Sie haben ſelbſt geſehen, daß ich entſchuldigt bin. Wenn der Dienſt Sie ruft, ſo kön⸗ nen wir i ein andermal mit einander reden.“ wahri ſo klar zum Umwenden, Herr General, nicht Der Genexal nickte. 74 Raſch hatte mit Unruhe daran gedacht, daß er zu ſpät auf den Delphin kommen könnte, der dieſen Mor⸗ gen an die Schiffbrücke gebracht werden ſollte, und ob⸗ ſchon er neugierig war, zu erfahren, was der General von ihm wollte, ſo gebot ihm doch ſein Pflichtgefühl, ſich ſogleich zu entfernen. Eine Weile ſpäter ſaß Jaquette unter ihren neuen Freundinnen, den von Paul geſandten Blumen, am Fen⸗ ſter. Schmerzliche Eindrücke bleiben nicht lange in einer jungen und lebhaften Seele, weil ſich darin eine Frühlings⸗ luft voll von friſchem Balſam vorfindet, der unwider⸗ ſtehlich jede Wunde heilt, welche die fliehende Stunde ſchlägt. Jaquette vergaß auch bald den alten Brauner und lächelte wieder der Welt entgegen. In dieſem Moment wurde ſie von einem Blick aus dem Fenſter gegenüber getroffen. Unbewußt ſprang ſie von ihrem Platze auf; es kam ihr vor, als hätte der Strahl aus Pauls Augen verletzend ihre Bruſt getroffen, aber im nächſten Augenblick bereute ſie es und ſelbſt mit Roſen auf ihren Wangen nahm ſie ihren Platz wie⸗ der ein in ihrem kaum erſt empfangenen kleinen Blumen⸗ reich. 75 Viertes Kapitel. Geſchäfte. Großhändler Kellner war eine jener geiſtreichen, aber unwahren Naturen, die aus glänzenden Zufällig⸗ keiten, heftigen Leidenſchaften, Bruchſtücken von tauſender⸗ lei Art zuſammengeſetzt ſind; die raſtlos arbeiten, um ihre Wirkſamkeit zu erweitern, um Einfluß und Macht zu gewinnen, und die begierig nach jedem Mittel als reiner Treppenſtufe zum Ziele greifen, ohne daß deßhalb das Mittel länger als für den Augenblick angewandt wird. Tauſend Pläne kreuzten ſich unaufhörlich in ſeiner Seele; aber vermochte er ſie wohl zu einem einzigen Plan zu verſchmelzen? Bisher hatte Kelluer einem großen, weitverzweigten Geſchäftsleben angehört und er hatte ſich demſelben hin⸗ gegeben, ohne ſich ſelbſt zu ſtudiren. 1 Gourville hatte einem böſen Dämon gleich ſich an ſeine Seite geſtellt, gleichſam in der Abſicht, dieſes Ge⸗ ſchäftsleben in ſeiner ſchwarzen Farbe hervortreten zu laſſen. Das erſchreckte ihn. Bisher hatte ſich auch Kellner im Bewußtſein ſeines Talents mit Erfolg aus den verwickeltſten Verhältniſſen los zu machen, mächtiger als Seines Gleichen, gefühlt und einen ſtolzen freien Blick über die Welt geworfen; aber Gourville ſchien ſeinen Kopf eben ſo hoch tragen zu wollen, und das verdroß ihn; ja noch mehr, Gour⸗ ville beſaß einige Papiere in ſeiner Hand, die ihn ſogar un derrn über Kellner machten— und deßhalb haßte er ihn.. Als Kellner Mamſell Michelſen verließ, war er auf⸗ geregt und der Spielball qualvoller, düſterer Gedanken. Auf die Straße hinausgekommen, wußte er nicht, wohin er ſich wenden ſollte, ſondern ſtreifte willenlos und ohne Ziel umher, gleichgültig, wohin ihn ſeine Füße trugen. Bald war er jedoch von Freunden und Bekannten um⸗ geben, die ſich Glück wünſchten, ihn, den Löwen, in ihrem Geſchäfts⸗ wie in ihrem Geſellſchaftsleben getroffen zu haben. Im Anfang beläſtigten ſie ihn, aber bald wirkte ihr Geplauder von den Ereigniſſen und den on dit des Tags beruhigend und abkühlend auf ihn, ſo daß eine überſpannte Vorſtellung nach der andern verſcheucht wurde. Ein hauptſächlich im praktiſchen Leben beſchäftigter Mann befindet ſich gewöhnlich im Gleichgewicht mit ſich ſelbſt, und verliert er daſſelbe auf einen oder den an⸗ dern Augenblick, ſo gewinnt er es bald wieder, weil der leidenſchaftsfreie Verſtand bei ihm meiſtens überwiegend iſt. Aber obſchon Kellner ruhiger wurde und das Inte⸗ reſſe für das Geſchäftsleben bei ihm zurückkehrte, ſo ver⸗ lor er doch Gourville nicht aus ſeinen Gedanken. Der Haß gegen ihn ſank vielmehr noch tiefer in ſein Herz hinab und wurde ſein geheimſter Gedanke. Von ſeinen Geſchäften weggelockt, zuerſt durch Frau Landers Aufforderung, fie zu beſuchen und dann durch... er wußte nicht, wie er das Dämoniſche in Gourville's anzem Weſen nennen ſollte... hatte er die wichtigen danztwirerhetten des Tages vergeſſen und ſich ins dunkle Labyrinth der Leidenſchaften vertieft. Mit der wieder⸗ kehrenden Ruhe erinnerte er ſich jedoch von Neuem au die Tagesgeſchäfte und die Ankunft der auslaändiſchen Poſt; mit ruhiger, ernſter Stirne, aber kalt und in ſich verſchloſſen, was vielleicht noch der gefährlichſte Zuſtand war, kehrte er nach Hauſe zurück, um ſeinen Platz als Chef des Handelshauſes einzunehmen, das er gegründet hatte, und das für Schweden eines der wichtigſten Ver⸗ A 1 u S u 77 bindungsglieder mit allen bedeutenden Handelsplätzen in der alten und in der neuen Welt war. — Auf ſeinem Heimweg geſchah jedoch Etwas, was auf eine ſeltſame Weiſe in Kellners ganzes Leben ein⸗ reifen follte.— 3 feunt er von der Nordbrücke gegen die Schiffbrücke hinabging, holte ihn eine unbekaunte Perſon ein. „Um Verzeihung,“ ſagte der Mann,„ich habe doch die Ehre, mit dem Herrn Großhändler Kellner zu ſprechen?“ „Ganz richtig; was beliebt?“ „Ihr Name iſt doch Franz Kellner?“— „Allerdings... und der Ihrige, mein Herr?“ „Wer ich bin? meinem Paß zufolge ein Handels⸗ reiſender, aber für Sie ein Kurier.“ Kellner maß den Unbekannnten von Kopf bis zu Fuß. „Auf einer Reiſe, die Sie vor drei Jahren machten,“ fuhr der Unbekannte fort,„hielten Sie ſich ein paar Monate in Wien auf?“ „Es iſt wahr.“ „Sie beſuchten da den Prinzen von...“ „Jedenfalls ſtill, mein Herr,“ unterbrach ihn Kell⸗ ner, indem er ihn heftig beim Arm faßte,„hier iſt nicht der Ort, von der Sache zu ſprechen.“ „Hier wird man uns weniger beargwöhnen, als an jedem andern Ort. Meine Zeit iſt kurz. Kaum erſt aus Wien angelangt, muß ich dahin zurückkehren, ſobald wir mit einander ins Klare gekommen find. In Folge Ihrer Unterrednung mit jener hohen Perſon entſtand ſpäter eine Correſpoudenz zwiſchen Ihnen, die durch Stein⸗ metz und Comp. ging.“ „Sie ſprechen mit einer Sicherheit, als ob Sie...“ „Als ob ich etwas von der Sache wüßte? Ja al⸗ lerdings. Die Correſpondenz hörte bald auf, weil man glaubte, die Zeit zu einer Cataſtrophe ſei noch nicht ge⸗ kommen; aber inzwiſchen hat ſich viel verändert. Euro⸗ pa's Stellung iſt jetzt anders geworden und auch in Schweden haben ſich andere Anſichten geltend gemacht.“ „Noch einmal, mein Herr, wer ſind Sie 2 „Ich komme jetzt mit glänzenden Anerbietungen, im Falle Sie da wieder anknüpfen wollen, wo Sie das Letztemal aufhörten. Sie verſtehen mich doch?“ „Und ich muß Ihnen erklären, daß ich mich auf ein Geſpräch dieſer Art gar nicht einlaſſe, wenn ich nicht zu⸗ vor weiß, wer Sie ſind.“ „Die Südpoſt von heute iſt Ihnen vielleicht noch nicht zugekommen?“ „Nein.“ „Ich kann es glauben, Sie würden ſonſt bereits mein Signalement haben. Wohin ſollen wir uns be⸗ geben, damit ich Ihnen meine Creditive überreichen kann?“ „Mein Comptoir iſt ganz in der Nähe... folgen Sie mir dahin.“ „Nein, mein Herr, nein, laſſen Sie uns lieber einen öffentlichen Ort aufſuchen; der Verdacht folgt uns da weniger.“ „Mag ſein; laſſen Sie uns hier eintreten.“ „Nach einer Viertel⸗ oder höchſtens halben Stunde kam Kellner allein aus dem Caffé, wohin Sie ſich zu⸗ rückgezogen hatten.. Daß das Geſpräch von der höchſten Wichtigkeit ge⸗ weſen war, erſah man am beſten aus der Veränderung, die ſich bei Kellner zeigte, denn ſein Gang war wieder raſch und beſtimmt, ſeine Bewegungen ſtolz und muthig; nur in der Tiefe ſeiner irrenden Augen bemerkte man einen düſteren Ausdruck, der aber mitunter gleichſam von plötzlich hervorglänzenden Blitzen beleuchtet wurde. Sein Weg ging direkt nach Hauſe. 1 5 8 4 4 „ Sn A8RX SSzE , de der ran von 79 Die Zahl der Comptoiriſten im äußern Zimmer hat ſeit unſerm erſten Beſuch zugenommen⸗ Charlek und Kaufmann, die während dieſer Zeit mit allerlei Ver⸗ trauensaufträgen bewährt gefunden worden, ſitzen jetzt nicht unaufhörlich an den Büchern, ſondern gehören mehr der laufenden Expedition an und werden auch als Ohren auf der Börſe und andern Geſchäftsplätzen benützt. Die Kunſt, zur rechten Zeit zu wiſſen, in welchen Geſchäften die Herrn Collegen nicht blos wirklich ſpeku⸗ liren, ſondern auch zu ſpekuliren gedenken, iſt von der größten Wichtigkeit, wenn es ſich darum handelt, was man ſelbſt unternehmen ſoll. Der Geſchäftsmann, der das Glück hat, zuverläßige und gute Ohren zu beſitzen, macht es ſich möglich, manchmal ein Geſchäft zu erhalten, das kein Anderer geahnt hat; folglich iſt ein tüchtiges Ohr von großer Wichtigkeit, zumal wenn es auch einen Mund hat, der weiß, was er ſchwatzt, und wenn es Zeit und Ort richtig abzuwarten verſteht. Seit Charlek und Kaufmann auf eine feine und di⸗ plomatiſche Weiſe die Aufträge ausgeführt, die ſie am Tage nach dem Diebſtahl empfangen, fand Kellner, daß etwas aus ihnen zu machen war, und unterließ es auch nicht, ſich ihrer zu ſeinem Vortheil zu bedienen. Kellner ſah ein, daß viel im Geſchäftsleben von der Kunſt ab⸗ hängt, eben ſo gut zu hören, wie der nordiſche Gott Heim⸗ thaler, von dem man glaubte, daß er das Gras wachſen höre, und er täuſchte ſich nicht in Charlek und Kaufmann, denn er fand in ihnen zwei vortreffliche Ohren. Von andern Geſchäften in Anſpruch genommen, feh⸗ len ſie auch jetzt im Comptoir, ohne daß es deßhalb an Thätigkeit und ſtets beweglichen Federn mangelt. Als Kellner hineintrat, lächelte Brands freundliches und heiteres Geſicht ihm entgegen. „Iſt eine Poſt gekommen?“ fragte Kellner und ließ ſich Brand gegenüber am Pulte nieder. „Nur die nöͤrdliche,“ antwortete der Kaſſier. Kellner war jetzt ganz Geſchäftmann, obſchon ſeit alter Jugendfreund Brand aus ſeinen tiefliegenden, düſten brennenden, unheimlichen Augen bald erſah, daß daß Feuer nach einem kaum erſt unterdrückten Aufruhr noh a in ihm glomm. ſ „Die ſüdliche iſt alſo noch nicht da; welche Lang⸗ ſamkeit!“ Kellner drückte ſich mit Ungeduld aus. „Willſt Du die Poſt ſelbſt leſen?“ fragte Brand. „Du kannſt ſie erbrechen.“ Während Brand den Auftrag vollzog, lehnte Kelw⸗ ner den Kopf in ſeine Hand. „Nun?“ „Man ſchreibt aus Finnland, daß man einen Zol⸗ aufſchlag auf Getraide erwarte, und man räth zu Ge⸗ ſchäften darin, unter der Bedingung, daß der Augenblit benützt werde.“ „Weiter.“ Brand warf den Brief weg und ergriff eine andern. „Stieglitz in Petersburg hat die Wechſel acceptirt, die Preiſe ſind alſo im Fallen.“ 5 „Weiter.“ 1 „Aus Riga wird geſchrieben, daß der Winterrogg eine gute Ernte verſpreche.“ „Weiter.“. „Hier iſt ein anderer Brief aus Petersburg. Auf dem Couvert befindet ſich unſer confidentielles Zeichen.“ Kellner erhob ſich heftig, griff eifrig nach dem Brief d und erbrach ihn.. Während er ihn las, wechſelte er die Farbe, nahm jedoch bald ſeine gewöhnliche Miene wieder an. „Der Brief iſt von Wichtigkeit,“ bemerkte Brand „Du wechſelſt die Farbe.“ 1 „Du irrſt Dich... er enthält nichts.. da lies ſelbſt, wenn Du willſt.“ ſte das och nen tirt 81 „Eine kleine Meuterei in einigen Landregimentern, ehe ich.“ ü„der Kaiſer iſt ein großer Mann. Während er auf ſein Schwert geſtützt daſteht, tanzt die Revolution ſich müde um ihn her.“ 3 „Aber das Schwert hat gleichwohl nicht wie der Baum Wurzeln in der Erde.“ „Weiter, weiter!“ Dieſes Wort bedeutete: kein Geſchwatze, ſondern bei den Geſchäften geblieben! „Aus Nordland wird geſchrieben, daß die Gellivari⸗ werke ſchlecht gehen, und daß man hofft, die Engländer werden ſie übernehmen, um Leben hineinzubringen.“ „Ein ſchlechtes Geſchäft, weiter...“. „In Gefle bereitet man eine Petition zum Vortheil des Freihandels vor.“ „Schade, daß ſie keinen Cobden unter ſich haben, aber weiter!“ „Hier ſind Briefe von zwei Intereſſenten, der eine bei der Geſellſchaft N. und der andere bei der Hypothe⸗ kenkaſſe B.“ Ein kaltes Lächeln glitt über Kellners Lippen. „Was ſchreiben ſie? laß hören.“ „Der Hypothekenintereſſent iſt unruhig über die .500,000 Reichsthaler, welche die Geſellſchaft lehensweiſe empfangen hat. So wie er die Sache beſchreibt, ſieht ſie kitzlich aus.“ „Das kann ich wohl glauben; aber er vergißt, daß die Hypothekenkaſſe und die Geſellſchaft denſelben Präſi⸗ denten haben, und daß auch ich bei beiden Unterneh⸗ mungen betheiligt bin.“ „Der Hypothekenintereſſent bemerkt, die Krone habe viel gewagt, daß ſie auch der Geſellſchaft 80,000 Thaler vorgeſtreckt habe.“ „Vielleicht weil die Krone das Anlehen blos bei dem Das Gewiſſen. III. 6 Bergeollegium eingezeichnet und vergeſſen hat, dieß pflicht⸗ gemäß auch bei dem Schauamt von N. zu thun. Apro⸗ pos, ich habe hier ein Dokument, das Du ſogleich für die Geſellſchaft N einzeichnen laſſen mußt, aber vergiß dann nicht, es auch bei dem Schauamt zu thun.“ „Was ſehe ich? ein Schuldſchein von 80,000 Thaler ſchon quittirt?“ „Wie Du ſiehſt.“ „Gut.“ 85 aufſt meinen Auftrag nicht vergeſſen, weil.. „Weil..“ „Weil ich Dir das Schickſal dieſer Geſellſchaft ſa⸗ gen kann, ſobald die Einzeichnung feſt iſt.“ „Nun?“ „Das Haus macht Ceſſion.“ Brand nickte mit lächelndem Geſichte. „Bravo! verdammt fein. Aber Du vergiſſeſt doch nicht, daß wir ein Hofgericht und Reviſoren haben?“ „Ich vergeſſe das nicht... aber ich vergeſſe auch nicht, daß ich eine reiche Speiſekammer und einen eben ſo reichen Weinkeller habe.“ „Bravo, Kellner, bravo!“ „Was ſchreibt der Intereſſent der Geſellſchaft?“ „Er jammert.“. „Sobald die Ceſſion gemacht iſt, hoffe ich, daß N Prozeſſe, die daraus entſtehen, ſich wenigſtens 10— 15 Jahre hinausziehen werden... Bis dahin werden ver⸗ muthlich die Intereſſenten Gott danken, wenn ſie bei der Vertheilung zwanzig Prozent erhalten... verſteht ſich ohne Zinſen für die verfloſſenen Jahre.“ „Geiſtreich, mein Bruder, höchſt geiſtreich. Wenn irgend Jemand zum Finanzminiſter taugt, ſo biſt Du's.“ „Das iſt wahr... wir haben doch bereits das erſte Angebot für Großſmeſtad erhalten?“ „Die Dokumente ſind hier.“ „Vortrefflich... haben wir noch einige Briefe?“ 8 6 — E— — 83 „Noch einen.“ „Laß ſehen.“ „Erbiſ do dem Geſandten von A. Der Mann iſt in Angſt wegen der Päcke, die heute unter ſeinem Namen, wenn der Delphin ausgeladen wird, das Packhaus paſ⸗ ſiren ſollen.“ „Du haſt doch das Douceur abgeſchickt an... „Natürlich.“ „Dann haben wir nichts zu fürchten. Geſandtengut iſt zollfrei. Charlek iſt doch im Packhaus, um die Waa⸗ ren abzuholen?“ 6 „Er muß bald zurück ſein.“)—. „Apropos, die Bücher in Betreff unſrer letzten Börſe⸗ ſpeculation ſind doch jetzt abgeſchloſſen?“. „Du meinſt die Geſchichte, wo Du durch Deine Verbindung mit der Regierung und ein paar Zeitungen ſo glücklich warſt, den Preis der Baumwolle, der Weine, des Kaffees und Zuckers für einige Tage hinaufzutreiben?“ „Ganz richtig.“ „Sie ſind noch nicht vollkommen abgeſchloſſen, wer⸗ den es aber demnächſt werden. Soviel habe ich indeß bereits geſehen, daß, obſchon die Preiſe ſogleich fielen, als Kapitän Roman nach Hauſe kam und andere No⸗ tizen vom Ausland mitbrachte, als diejenigen, die wir verbreiteten, gleichwohl unſer Vorrath noch immer nicht unbedeutend iſt. Man deckt damit wenigſtens die lau⸗ fenden Ausgaben.“ Kellner richtete ſich vom Pult auf und ging einige⸗ mal im Zimmer umher. „Die ſüdliche Poſt bleibt heute lang äus.“ „Ich ſchickte Kaufmann hin, um ſie zu holen.“ Kellner antwortete nichts, ſondern fuhr fort auf und ab zu ſchreiten, während Brand die Briefe zuſammenlegte und dazwiſchen hinein zuweilen einen Blick auf ſeinen Prinzipal warf. Aber nach einer Weile erhob auch er ſich vom Pult und ſtellte ſich vor Kelluer hin. „Du willſt mir etwas ſagen,“ begann dieſer. „Es iſt wahr, Kellner. Ich habe wirklich etwas auf meinem Gewiſſene was mich in der letzten Woche zu be⸗ nemüigen angefängen hat— und wenn Du mir er⸗ laubſt...“.. „Sprich, ſprich, Brand! Du weißt, daß ich Dich gerne anhöre, ſprich!“ 2 „Ich beſitze doch Dein vollkommenes Vertrauen, nicht wahr?“ 4 „Ganz unbedingt.“ „Deine Geſchäfte liegen in meinen Händen, ich kann ſogar daſſelbe von Deiner Ehre und Deinem Rufe ſagen. Was ſagſt Du dazu?“ „Du haſt Recht, das alles liegt in Deinen Händen.“ „Und ich kann hinzufügen, daß es bei mir ſicherer liegt, als was Du in Deiner Kaſſe verwahrſt.“ „Ich weiß das, mein Freund, ich weiß das.“ „Deine Papiere, Deine Correſpondenz, Deine Ver⸗ bindungen, alles geht ja durch mich.“. „Alles.“ 7 „Und dennoch, Kellner, kommt es mir zuweilen vor⸗ als ob Du ein Geheimniß vor mir hätteſt, das ich ge⸗ wiß nicht ausforſchen will, wenn es in Deinem Intereſ liegt, es zu bewahren, das mich aber nichts deſtoweni⸗ ger beunruhigt, weil ich in Folge dieſes Geheimniſſes Heine Angelegenheiten nicht mit der klaren Berechnung und Ueberſicht beſorgen kann, welche erforderlich wäre. Sage mir aufrichtig, täuſche ich mich oder nicht?“. Kellner blieb vor Brand ſtehen. Langſam kreuzte er ſeine Arme über der Bruſt, während er nachdenklich ſein Haupt ſenkte und zu Boden blickte. „Ich ſpreche nicht von Deiner Stellung zu Gour⸗ ville, auf die ich kein beſonderes Gewicht lege; ich meine auch nicht Deine Verhältniſſe zur Baronin Lander, das 8 8⁵ i*ſt eine Bagatelle. Ebenſowenig zielen meine Worte auf Deine Stellung zu Deiner Frau, das will nichts bedeu⸗ ten. Es iſt etwas ganz anderes, was ich meine.“ „Du ſprichſt in Räthſeln.“ „Du mußt zugeben, daß zuweilen große Summen hiehergekommen und auch ausbezahlt worden ſind, die Du auch nicht in die Bücher eintragen ließeſt.“ Kellner drehte ſich hier auf dem Abſatz und machte einen Gang durch das Zimmer. „Du mußt ferner zugeben,“ fuhr Brand fort,„daß vom Ausland der eine und andere Brief manchmal an⸗ gekommen iſt, den Du mir verborgen haſt.“ Kellner fuhr fort, auf und ab zu gehen. „Nachdem Du die beim Einbruch geſtohlenen Ge⸗ ſchäftsbücher und Dokumente zurückerhalten haſt, ſo iſt Deine Unruhe wegen der noch immer vermißten Pri⸗ vatbriefe beinah unerklärlich.“ Kellner blieb wieder ſtehen. „Du willſt mir vielleicht ſagen, daß ſie von Frau Lander handeln, aber Dein ganzes Verhalten zu ihr kann unter keine andere Rubrik als die des Leichtſinnes kom⸗ men, und wird immer ihr ſelbſt mehr zur Laſt fallen, als Dir, weil Du noch jung und unerfahren warſt. Willſt Du dagegen ſagen, daß die Briefe Paul betref⸗ fen, ſo habe ich noch Abſchriften von ihnen, ich habe ſie genau durchgegangen, und ſie beweiſen ganz und gar nichts, höchſtens daß es ſich darum handelte, mit einem aſſekurirten Schiff ein gewiſſes Geſchäft zu machen, was gar nichts ſo Ungewöhnliches iſt, daß man darüber Mi⸗ ſanthrop zu werden⸗ brauchte. Wenn endlich die Briefe nur Deine geheime Angelegenheiten betreffen, nun dann würden ſie ſelbſt im Fall der Entdeckung mehr geniale Erfindſamkeit von Deiner Seite als irgend etwas an⸗ deres beweiſen. Du ſiehſt mich verwundert an... ich ſpreche wie ein kalter Geſchäftsmann, ohne alle Leiden⸗ ſchaften und Uebertreibung. Es iſt wahr, auch ich meinte 86 im Anfang, der Verluſt dieſer Briefe ſei für Dich von der höchſten Bedeutung, aber ich habe die Sache über⸗ legt, und je mehr ich nachdenke, um ſo unbedeutſamer er⸗ ſcheint ſte mir. Du ſelbſt beſitzeſt zu viel Geſchäftskennt⸗ niß und einen zu ſchnellen und klaren Blick, als daß Du das nicht ſchon längſt hätteſt einſehen müſſen. Aber da ich nichtsdeſtoweniger Wolken auf Deiner Stirne ſehe, eine düſtere Melancholie in Deinem Weſen, eine uner⸗ klärliche...“ „Nun zum Schluß jetzt,“ fiel Kellner ein, welchen das Raiſonnement ſeines Freundes in vielen Beziehungen tröſtete und beruhigte, der ſich aber dennoch durch einen aedndergeund deſſelben verborgenen Pfeil bedroht ühlte. „Du biſt einer der einflußreichſten Männer der Hauptſtadt,“ fuhr Brand fort. .„Aber um Gottes willen, was willſt Du denn ei⸗ gentlich?“ Einige Zuckungen in Kellners Geſicht zeugten von der Unruhe, die ſich in ihm zu regen anfing, ſei es nun aus Ungeduld oder vielleicht auch aus andern Gründen. „Man hat Dich ſchon einige Mal berufen, als Reichs⸗ tags⸗Mitglied an den Berathungen über die wichtigſten Fragen der Nation Theil zu nehmen.“ „Weiter.“ „In den meiſten Commnnaleinrichtungen biſt Du der Wortführer oder wenigſtens ein Mitglied der Direk⸗ tion.“ „Nun?“ „Dein Wort iſt allmächtig auf der Börſe.“ „Ach!...“ „Allmächtig in der Großhändlerſocietät.“ „Auf was zielſt Du denn eigentlich ab? plage mich nicht länger.“ „Weißt Du, was nach meiner Vermuthung die Pa⸗ piere enthalten, die Dich ſo ſehr erſchrecken und wegen — 4 87 welcher Du Dir nicht getrauſt, Gourville über Bord zu werfen?“ „Nein, nein.“ „Politik.“ Bei dieſem einzigen Wort fuhr Kellner zuſammen. „Sei aufrichtig, Kellner,“ fügte Brand hinzu;„habe ich nicht den allerinnerſten Deiner Gedanken getroffen? Wir ſind Freunde, Kellner, Du haſt keinen redlicheren als mich und Du mußt vollkommen klar vor mir liegen, wenn ich Dir wirklich ſoll nützen können.“ Kellner hatte ſich einen Augenblick überraſchen laſ⸗ ſen, aber er nahm bald ſein früheres verſchloſſenes und kaltes Weſen wieder ein. „Sag mir ja oder nein,“ ermahnte ihn Brand. „Du haſt,“ antwortete ihm Kellner,„mehrere der Vertrauensämter aufgezählt, die ich inne habe, und dar⸗ unter verſchiedene von ganz öffentlicher Eigenſchaft.“ „Ja.“ „Du ſiehſt gewiß ein, daß ein öffentlicher Mann auch ein politiſches Glaubensbekenntniß haben muß, und natürlich auch ich das meinige.“ „Du mißverſtehſt mich oder auch willſt Du mich nicht verſtehen. Die Politik, die ich meine, beſteht nicht in den Anſichten, die Du als öffentlicher Mann geltend machen willſt, ſondern in Plänen und Abſichten, die ſich hinter den ſichtbaren Principien verbergen, die hinter den Conliſſen der für ſie an den Tag tretenden Handlungen wirken. Kellner hatte während dieſer Rede Brand mit feſtem und forſchendem Blick betrachtet. „Ich erinnere mich ſehr gut,“ fuhr Brand fort, „daß Du vor ein paar Jahren eine Correſpondenz führ⸗ teſt, deren Inhalt Du vor mir verheimlichteſt, obſchon ich kein weiteres Gewicht darauf legte.“ „Laß uns nicht davon ſprechen,“ unterbrach hier Kellner ſeinen Freund.„Das ſind Zündſtoffe, Brand, und 2 „ — 88 hier auf dem Comptoir haben wir andere Dinge zu thun. Wie viel Uhr iſt's?... Die ſüdliche Poſt muß o doch bald kommen.“ Brand achtete kaum auf die letztere Frage, ſondern ir ergriff ſtatt deſſen Kellners Hand und drückte ſie mit Innigkeit. b d „Ich werde ſchweigen,“ ſagte er,„aber bedarfſt Du einen Freund, ſo wende Dich lieber an mich, als an ir⸗ 5 gend einen Andern.“ 6 In dieſem Augenblick kam Kaufmann mit der ſüd⸗ ſe lichen Poſt und Kellner warf ſich darauf mit einer Un⸗ geduld, welche zeigte, wie wichtig ſie für ihn war. Er nahm zuerſt einen recommandirten Brief aus p Hamburg. „Hier habe ich's,“ ſagte er,„hier...“ und nun f unterſuchte er das Siegel mit der größten Genanigkeit, um nachzuſeben, ob der Brief unerbrochen bis zu ihm u gelangt ſei. Brand folgte ſtillſchweigend ſeinen Bewegungen, 1 ohne zu wiſſen, um was es ſich handelte. b „Bedenke, Brand,“ ſagte Kellner, nachdem er die Siegel unberührt gefunden,„daß alle Briefe, die künf⸗ fe tig von Wien oder Hamburg kommen, ſogleich mir über⸗ 1l geben werden müſſen. Wenn ich fort bin, ſchickſt Du ſie e mir augenblicklich nach mit den Worten: die Poſt iſt an⸗ u gekommen. Ich werde ſie verſtehen. Du kannſt jetzt die übrigen Briefe hier durchgehen und mir über das Wich⸗ tigſte Mittheilung machen. Ich gehe in mein kleines Comptoir hinein, und wenn der Teufel ſelbſt mich zu ſprechen wünſcht, ſo bin ich für ihn nicht zu Hauſe,“ 2 89 Kellner zog dabei den kleinen grünen Vorhang zu oberſt im Zimmer weg und verſchwand hinter demſelben. Brand ſah zu gut ein, daß etwas Ungewöhnliches in Kellner vorging, und er bennruhigte ſich einen Augen⸗ blick um ſeinen Freund, ging aber bald zur Briefexpe⸗ dition über. 1 Damit beſchäftigt, hörte er die Thüre hinter ſich heftig öffnen, und als er ſich verwundert umſah, ſtand Charlek athemlos und aufgeregt vor ihm. „Iſt der Großhändler nicht zu Hauſe?“ fragte Charlek. Ein großes Unglück iſt eingetroffen.“ „Was gibts?... Erzählen Sie... Sie kom⸗ men doch ans dem Packhaus?“ „Man hat auf die Päcke, die unter dem Namen des Geſandten von A. mit dem Delphin gekommen ſind, Be⸗ ſchlag gelegt.“ „Was ſagen Sie? Es iſt eine uralte völkerrechtliche und zur Geſetzeskraft gelangte Gewohnheit, daß die Re⸗ präſentanten der ausländiſchen Mächte ohne Verzollung einführen dürfen, was ſie perſönlich verbrauchen, d. h. für ſich und ihr Haus.“ „lnd dennoch iſt es wahr, was ich ſage. Die Kiſten und Fäſſer ſtanden auf dem Inventar⸗Schiffe. „Ich weiß es, aber er hat ja eine Reklamation des Miniſteriums der auswärttgen Angelegenheiten vorge⸗ bracht.“ „Alles ging auch ganz gut, bis die Päcke abgelie⸗ fert werden ſollten. Der Geſandte war ſelbſt zugegen und die Frachtwagen warteten draußen; aber da trat ein Wachtweiſter vom Packhaus, Namens Holtmann, auf und erklärte die Waare für verdächtig.“ „Ein Wachtmeiſter... und die übrigen?“ „Sie ſtanden verdutzt und rathlos da.“ „Der Geſandte proteſtirte wohl?“ Das half nichts. Holtmann beharrte darauf, daß die Päcke verbotene Waaren enthielten. Der Geſandte „ 90 verlangte Zeit, um mit dem Generalzolldirektor, wie au mit dem Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten m ſprechen, und bemerkte, wofern ſie ſpäter etwas Anden enthielten, als was das Inventar ausweiſe, ſo wären nicht ſein, ſondern könnten wieder exportirt werden.“ „Und darauf antwortete man?“ „Zufällig kamen in dieſem Augenblick der Miniſt der auswärtigen Angelegenheiten und der Generalzul direktor vorbei, und nun begann ein Geſpräch zwiſche ihnen und dem Geſandten.“ „Und dann?“ „Als ſie ihn verließen und er zurückkam, erklärten die Waaren gehörten nicht ihm, und damit begab ſich von dannen.“ „Welch ein unangenehmes Ereigniß!“ „Mit unerſchütterlicher Ruhe beſtand Holtmann a der Unterſuchung, die auch in geſetzlicher Ordnung w ſich ging, da wirklich die großen Päcke und Fäſſer al ſinnreich zum Transport von Schmuggelwaaren eingerichte gefunden worden, denn einige Ballen waren mit mehrer Böden maskirt, jeder Boden ſo eingerichtet, daß er be ſonders geöffnet werden konnte, und andere waren mi kleineren Päcken, nicht größer als eine Mannslaſt, angt füllt, vermuthlich um von jedem beliebigen Strand he überall hin, wo man nur wollte, transportirt werden d können.“ „War Capitän Roman zugegen?“ „Er hat das Schiff verlaſſen und der Steuermar ſteht ihm jetzt vor.“ „Richtig... ich erinnere mich. 4 „Bei der Schätzung der Waare belief ſich die Sum auf 25,000— 30,000 Reichsthaler.“ „Mein Gott, und das iſt blos der Zollwerth. De Verluſt beträgt ungefähr 50,000.“ Brand lief im Zimmer umher, als wäre er gan wirr im Kopfe geworden. 8 e aut ten; nden ren 1.“ . iniſt alzol iſche te à 1b K u al g vo r al ichte rern r be mi ange d he d z man. mn D gan 91 „Ich muß mit Kellner reden,“ murmelte er,„ich muß. Erwarten Sie mich draußen.“ Als Charlek ſich entfernt hatte, näherte ſich Brand der Thüre hinter dem grünen Vorhang; aber ehe er die Hand an den Schlüſſel legte, zögerte er, unſchlüſſig, was er thun ſollte. Er hörte, daß Kellner in dem Stübchen mit einer Heftigkeit auf⸗ und abſchritt, welche bewies, daß etwas Ungewöhnliches in ihm vorging. Dieſe Beob⸗ achtung beſtärkte ihn nicht ſehr in ſeiner Abſicht, einzu⸗ treten, vielmehr zog er ſich immer unſchlüſſiger zurück. Kellners Schritte wurden inzwiſchen immer ſtärker, und Brand hörte, wie zuweilen ein tiefer Seufzer ſeine Bruſt hob. „Welche Stürme müſſen nicht in ihm raſen!“ dachte der ehrliche Brand.„Mein Gott, ich möchte um alles in der Welt nicht an ſeiner Stelle ſein.“ Brand lauſchte wieder. Kellner war ſtehen geblieben. Eine tiefe Stille herrſchte jetzt in dem kleinen Zimmer. In dieſem Augen⸗ blick trafen einige Worte an Brands Ohr. „Mein Beſchluß iſt gefaßt. Alles oder nichts. Es ſei. Va banquel“ Es war Kellner, der vor ſich hin ſprach. Brand erblaßte, weil er ſich der Piſtolen in dem eiſenbeſchlagenen Kaſſenkiſtchen erinnerte, und er klopfte an die Thüre, aber Kellner ſchien es nicht zu bemerken. Euntſchloſſen ergriff Brand den Schlüſſel, drehte ihn im Schloſſe um und trat ein. Er traf Kellner am Schreibtiſch„ mit einem großen Plakate vor ſich, unter das er in dieſem Augenblick ſeinen Namen ſetzte, und er war damit ſo beſchäftigt, daß er Brands Anyeſenheit nicht bemerkte. „Nun ja, jetzt iſt es geſchehen,“ ſagte Kellner, nach⸗ dem er ſeinen Namen unterzeichnet hatte.„Die Zukunft wird zeigen, ob ich mit dem Teufel oder mit meinem Glück einen Vertrag eingegangen habe⸗« 92 Brand blieb auf der Schwelle ſtehen, eben ſo ſe von den Worten, die er hörte, als Kellners Ausſe hine überraſcht. Er hätte ſich gerne wieder entfernt, aber war zu ſpät, denn Kellner feſſelte bereits ſeinen j mel mehr als je düſteren und drohenden Blick auf ihn. hine „Was willſt Du hier?“ fragte ihn Kellner, wünſchte allein zu ſein.“ klei „Ein großes Unglück iſt eingetroffen, und ich glaut es berichten zu müſſen.“ Gei „Laß hören.“ „Du erinnerſt Dich der Ballen, die mit dem Delp für den Geſandten von A. gekommen ſind. Man ein Beſchlag darauf gelegt, ſie ſind verloren.“ die „Weiter nichts? Dieſe Wolke zieht an mir vorüben zah „Wie ſo? der Verluſt iſt...“ „Eine Bagatelle. Der größte Verluſt trifft d Geſandten. Er bekommt einige Zeitungsartikel auf d Hals und wird dann von ſeiner Regierung abberuſt des werden. Ich ahne es.“ „Und Dein Verluſt?“. „Haſt Du die Poſt noch beſorgt?“— Brand zog ſich zurück, weil er ſah, daß er überflüſt we war, und den Kopf voll von wimmelnden Gedanken, nab' ſich er ſeinen Platz am Pult wieder ein. Ein Brief wun ſtie jetzt um den andern erbrochen, während er dazwiſche hinein auf die von Neuem begonnene Aufundabwanderm ſeines Freundes im Zimmer lauſchte. J. „Hier iſt ein Ungewitter im Anzug,“ murmelte Brau vor ſich hin und zeichnete ein paar Zeilen aus eint da Brief auf ein vor ihm liegendes Promemoria ein.„K Ho ner,“ fügte er hinzu,„ſtürzt ſich, von ſchwindelnden P nen hingeriſſen, ins Verderben.“ K In demſelben Augenblick fiel ein Brief aus Pal in ſeine Hand. Er war von Marcuard und Comp. Kaum hatte er ihn erbrochen, ſo ſprang er erſchrott von ſeinem Stuhl auf. ni 93 5 Mit dem Brief in ſeiner Hand blickte er verwirrt ſe hinein. er„Schlag auf Schlag,“ murmelte er.„Beim Him⸗ j mel, Kellner mag böſe werden, aber ich muß zu ihm hineingehen.“ 1 Entſchloſſener als das erſtemal trat er alſo in das kleine Zimmer. auf„Schon wieder,“ bemerkte Kellner kurz, als er Brands Geſicht in der Thüre ſah.„Was gibts denn?“ „Da lies ſelbſt.“ ir Der Brief war eine Ordre von Marcuard und Comp., t einen größeren Wechſel einzulöſen, der auf Rechnung dieſes Hauſes an ein anderes Stockholmer Haus zu be⸗ ve zahlen und verfallen war. „Was iſt zu thun?“ antwortete Brand. d„Es muß natürlich bezahlt werden.“ d„Aber der Kaſſenvorrath reicht nur zur Bezahlung uf des Kaufſchillings von Smeſtadt hin.“ „Ganz richtig. So nimm dieſe Contreanweiſung da auf daſſelbe Haus.“ 2 Und Kellner zog unter einigen Papieren eine An⸗ üſt weiſung hervor, deren Betrag die Summe, um die es aht ſich im Brief handelte, um mehr als das Doppelte über⸗ un ſtieg. che Brand konnte ſich von ſeinem Erſtaunen nicht erholen. run„Das Papier iſt doch gut, will ich meinen? Von J. H. Steinmetz und Comp.“ rar Brand ſchwieg; aber er verbeugte ſich. Es war in das erſtemal in ſeinem Leben, daß er vor Kellner ſein Ke Haupt beugte. 1„Frage einmal, ob Gourville zu Hauſe iſt,“ fügte Kellner hinzu,„und dann laß ihn erſuchen, herabzukommen.“ a„Hieher?“ .„Wie Du hörſt... hieher.“ oh. Dieſer Befehl verminderte Brands Ueberraſchung nicht, denn das Zimmer war für Kellner ein Heiligthum, 94 wohin nur einige wenige Freunde Zutritt erhielten, un er hatte wohl eingeſehen, daß Kellners Stellung Gourville nichts weniger als freundſchaftlich war. Brand empfand ein Bedürfniß, in dieſem Angenblt zu ſprechen, ſo übervoll war ſein Herz; aber er kome kein Wort über ſeine Lippen bringen; deßhalb wamdt er ſich um und entfernte ſich. Der zu Gourville abgeſchickte Bote traf ihn in ſi nem Zimmer. Er hatte ſo eben Gabriele und Wal hahnenfuß nach der Scene im Boudoir der Erſtern, we mit wir den erſten Theil geſchloſſen haben, verlaſſen. Als der Bote Kellners Wunſch meldete, mit Gourvyil zu ſprechen, vermuthete er, daß Waldhahnenfuß ihn bereil angeklagt habe, und mit einem höhniſchen Lächeln bega er ſich, auf alles Mögliche vorbereitet, hinab. Gourville und Kellner waren beide zu geniale Män ner, um nicht zu wiſſen, daß es ſich um etwas Wichtige handelte, wenn ſie zuſammentrafen. Sobald Gourville in das kleine Comptoir gekommen war, verſchloß Kellner ſogleich die Thüre hinter ihm, zan den Schlüſſel heraus und ſteckte ihn in ſeine Bruſttaſche „Sie ſind vorſichtig, mein Herr,“ erinnerte Gourvilt „Das iſt nicht mehr als billig, Chevalier,“ antwor⸗ tete Kellner.„Als wir uns zum erſtenmal trafen, ertheil⸗ ten Sie mir eine Lektion darin, die ich nicht ſo leicht vergeſſe.“ ½ „Damals verſchloß ich die Thüre, meinen Sie, und jetzt iſt die Reihe an Sie gekommen. Das iſt ganz in der Ordnung. Aber zur Sache, wenn ich bitten darf/ Kellner kreuzte die Arme über ſeiner Bruſt. Sei Ausſehen war nie entſchloſſener geweſen. Gourville lehnte ſich nachläſſig an einen Fenſterpfeiler. „Sie ſind ja mein Freund,“ fiel Kellner ein,„oder Sie wollen ſich wenigſtens die Miene geben, es zu ſein „Ich glaube, die Achtung gegen Sie nie verletzt zu haben, wogegen Sie...“ 3 um g i nblit omt and 1 ſai Val we⸗ . cvil- reit 6 egc Nän iges men 3⁰% ſche ille vor⸗ eil icht und in rf. zen jnte der n.“ zu 9⁵ „Ich 4 3 „Wogegen Sie in der Tiefe Ihres Herzens mich immer gehaßt haben.“ „Sie glauben das?“ „Sie haben mich durch Charlek und Kaufmann aus⸗ ſpioniren laſſen.“ „Wirklich?“ „Sie haben heute, als ich Sie bei Mamſell Michel⸗ ſen ließ, meinen Untergang geſchworen.“ „Ah?“ „Sie können es nicht läugnen, denn auch ich habe zwei Spione gehabt, die Sie nicht aus dem Auge ließen.“ „Sie ſind aufrichtig.“ „Charlek und Kaufmann find ſchlechte Spione gegen die meinigen. Die meinigen ſind dieſe zwei Augen ge⸗ weſen.“ Er deutete auf die ſeinigen. „Sind Sie jetzt zu Ende, Chevalier?“ Gourville wollte von Anfang an eine feſte Haltung gegen Kellner einnehmen, aber Kellner ſchien unerſchüt⸗ erlich. „Haben Sie die Güte und fahren Sie fort.“ „Wenn ich Alles zugeſtehe, was Sie mir vorwerfen,“ ſagte Kellner,„werden Sie mich dann für aufrichtig halten?“ „Vollkommen.“ „Wenn ich überdies hinzufüge, daß ich Sie durch⸗ ſchaut habe, werden Sie mir auch dann glauben?“ „Warum nicht? Ich kann ja doch Alles glauben, was ich will.“ „Wiſſen Sie, warum ich Sie gehaßt habe, Chevalier?“ „Es würde mich intereſſiren, es aus Ihrem eigenen Munde zu vernehmen.“ „So vernehmen Sie's. Ich habe Sie gehaßt, weil Sie mir näher auf den Leib gerückt ſind, als ich dieß ſelbſt einem Freund zu erlauben pflege, weil Sie ſich 2 96 mir aufgedrängt haben, weil Sie wie mein eigene Schatten an meiner Seite erſchienen ſind, und weil dieſe Schatten mich mit einem Hohnlächeln auf den Lippen verfolgt hat; ferner deßhalb, weil Sie noch immer Pe⸗ piere in Ihrer Gewalt beſitzen, mit denen Sie mich wie an einer Koppel leiten und wie einen Selaven be herrſchen wollen. Was ſagen Sie dazu?“ „Ich will ebenſo aufrichtig ſein, wie Sie, Hen Kellner. Ich habe Sie nicht beherrſchen, aber ich habe mich durch Sie aufrecht erhalten wollen; es iſt wahr daß ich Ihnen wie ein Schatten gefolgt bin, aber das Düſtere darin lag in Ihrer eigenen Vorſtellung; ich läugn auch nicht, daß ein Lächeln manchmal auf meinen Lippu geſchwebt hat, aber der Hohn, den Sie hineinlegen, bu nicht mir, ſondern Ihrer eigenen Gemüthsſtimmung au⸗ gehört. Ich bin überzeugt, daß der Haß, den Sien ſich getragen haben und vielleicht noch immer in ſit tragen, aus Aerger darüber kommt, daß Jemand in JIhn Karten geſchaut, Sie einen Augenblick hinter der Mask⸗ geſehen hat, und ſonſt von nichts Anderem. Geſtehen Sin daß auch ich aufrichtig bin.“ „Es muß anders werden, mein Herr.“ „Darauf gehe ich gerne ein. Es wird von Ihnen abhängen. Juzwiſchen muß ich bei Abmachung unſeren Geſchäfte daran erinnern, daß ich, obſchon ich beſtändiz feſt an Ihnen hielt, gleichwohl Sie niemals blosgeſtell habe, ſondern Ihnen im Gegentheil auf alle nur mög⸗ liche Arten an die Hand gegangen bin.“ „Das beſtreite ich nicht.“ „Ferner müſſen Sie zugeben, daß ich Sie nicht mi einem einzigen Wort, nicht mit einer einzigen Andeutumg auf den Inhalt der Briefe, in deren Beſitz Sie mich mei nen, beleidigt habe. Ich habe mich nur bei einigen Gelegenheiten, wo ich glaubte, daß dies mit Ihrem eige⸗ nen Intereſſe übereinſtimme, in Ihre Verhältniſſe ge⸗ genen ieſer 92 miſcht, z. B. in Ihren Angelegenheiten mit Paul, wie auch mit dem Baron Lander, aber... aber...“ Gourville ſprach die letzten Worte in einem ſo nach⸗ giebigen und beſcheidenen Ton, wie wenn er auch jetzt Kellner überließe, zu entſcheiden, ob er fortfahren ſolle oder nicht. Kellner bemerkte dieſe Fügſamkeit von Seiten Gourville's ſehr gut, ohne daß er ſich jedoch in ſeinem Plane erſchüttern ließ. „Aber,“ ſetzte Kellner den von Gourville angefange⸗ nen Satz fort,„aber, wollen Sie ſagen, dieſe Briefe enthalten auch Sachen, von denen meine Freiheit, viel⸗ leicht ſogar mein Leben abhängen kann.“ „Das wollte ich ſagen.“ „Und wenn dies der Fall iſt, ſo ſehen Sie auch wohl ein, daß es für mich höchſt nothwendig iſt, ſie mir wieder zu verſchaffen.“ „Das habe ich ſchon längſt eingeſehen und würde dieſem Bedürfniß für Sie auch ſchon entſprochen haben, wenn nicht die Nothwendigkeit, dieſe Papiere noch zu behalten, für mich weit größer wäre; denn wenn ich dieſe Papiere aus den Händen laſſe, ſo laſſe ich auch Sie, Herr Kellner, aus meinen Händen. Ich bin doch aufrichtig?“ Er machte eine Bewegung, wie wenn er ſagen wollte: und dann iſt es aus mit mir. Kellner ging im Zimmer auf und ab. „Aber ſagen Sie mir jetzt eben ſo aufrichtig,“ fügte Gourville hinzu,„warum es Sie ſo ſehr beunruhigt, daß die Briefe bei mir liegen? Sehen Sie nicht ein, daß es gegen mein eigenes Intereſſe wäre, dieſelben gegen Sie zu benützen, ſofern Sie mich nicht dazu zwingen?“ „Ganz gut,“ antwortete Kellner,„aber es iſt gegen meinen Charakter, von irgend Jemand abzuhängen. Schon der Gedanke daran erfüllt mich mit Entſetzen, erſchüttert Das Gewiſſen. In. 7 98 meine Ruhe, verwirrt meine Seele, vernichtet meinen Muth und regt mein Gemüth auf. Ich leide dadurch wie ein Märtyrer. Sie halten mich mit einem Verbre⸗ chen im Schach— o das iſt entſetzlich. Im Uebrigen — was weiß ich— könnte ich dieſe Papiere noch im jetzigen Augenblick bedürfen.“ Gourville richtete ſich bei den letzteren Worten auf, und ſein Blick glänzte wie ein langer Feuerſtrahl. „Wußte ich das?“ murmelte er,„wußte ich das?“ „Ich habe geſagt, daß ich Sie gehaßt habe.“ Ja.;¹ 71. „Hinter dem Haß verbirgt ſich auch die Furcht. Ich habe Sie auch gefürchtet; ich geſtehe es gern.“ „Was wollen Sie damit ſagen, Herr Kellner?“ „Ich will ſagen, daß ich, ungeachtet ich Sie haßte, in Ihnen einen kühnen, berechnenden, kräftigen und ſchlauen, als Feind gefährlichen Mann erblickt habe, und je deutlicher ich dieß einſah, um ſo mehr wuchs mein Haß und meine Furcht.“ „Aber da Sie mir Ihren Haß ſo offen erklären, ſo müſſen Sie jetzt Ihre Anſicht geändert haben.“ „Vielleicht, Chevalier. Hören Sie mich an. Wäh⸗ rend ich ſo eben meine Stellung überlegte, ſo trat auf einmal der Gedanke blos und rein vor mich, daß Jeder⸗ mann, der als Feind gefährlich iſt, in demſelben Ver⸗ hältniß auch als geheimer oder öffentlicher Freund nütz⸗ lich ſein kann.“ „Sie haben es früher nicht eingeſehen? Mein ganzes Verhältniß zu Ihnen iſt vom erſten Augenblick unſerer 8 Bekanntſchaft an von dieſem Grundſatz ausgegangen. Fahren Sie fort, Herr Kellner. Der Gegenſtand beginnt, mich zu intereſſiren, weil er zum Zweck zu haben ſcheint, die Angelegenheiten zwiſchen uns in Ordnung zu bringen.“ „Die Frage iſt ganz einfach. Sie müſſen aufhören, mir in den Weg zu ſtehen, oder Sie müſſen den Weg gehen, den ich Ihnen bezeichae. Ich habe nicht Luſt,. 99 unter Ihnen zu ſtehen... Sie müſſen unter mir ſtehen. Dieß iſt die Urſache, warum ich mit Ihnen zu ſprechen wünſchte.“ „Und wenn ich auf Ihre Forderungen einginge?“ „Sie wollen fragen, welche Garantieen ich zu bieten hätte?“ 1 Gourville zeigte während dieſes Geſprächs eine äußere Ruhe, die an Gleichgiltigkeit gränzte. Aber in ſeinem Innern arbeitete mehr als ein Gedanke, der ihn theils mit Freude erfüllte, weil er jetzt mit Kellner auf einen ſicherern Fuß zu kommen hoffte, theils beunruhigte, weil er den Ausgang des Geſprächs nicht berechnen konnte. Aus Kellners Aeußerungen hatte er bereits den Schluß gezogen, daß ſeit ihrem letzten Zuſammenſein etwas höchſt Wichtiges eingetroffen ſein mußte, was eine ſo ſchnelle Umwälzung in ſeinen Geſinnungen veranlaßte, ohne daß er zu errathen vermochte, worin es beſtand. Daß Waldhahnenfuß die Urſache der Veränderung nicht war, bemerkte er jedoch. „Garantieen,“ wiederholte Gourville,„ganz richtig!“ „Ich glaube Ihnen ſolche geben zu können; nur müſſen wir unſer Verhältniß auf einen ganz praktiſchen Grund bauen.“ „Auf den Grund des gegenſeitigen Eigennutzes. Laſſen Sie hören.“ „Sie kennen den Inhalt der Briefe?“ „ Die Briefe und ihr Inhalt ſind mein einziger 4 Reichthum... ich bin deßhalb für ſie eben ſo beſorgt, * wie für mein Leben, meine Freiheit, meine...“ „Sie ſind dadurch in ein Geheimniß eingeweiht, auf welchen das Schickſal einer Nation beruhen kann... ein Geheimniß, wodurch ein neues Blatt in den Jahr⸗ büchern der Geſchichte eröffnet werden kann.“ „Uud von dem vielleicht ein Thron abhängt.“ 1„„Sie haben Recht, Chevalier. In dieſem Geheim⸗ „ 100 niß ſchwebt ein Schwert an einem Härchen über meinem Haupte.“ „Aber die Correſpondenz iſt abgebrochen„.. der letzte Brief iſt vom 18. Juli 18..“ „Sie wiſſen Alles, ich habe Ihnen nichts zu ver⸗ bergen. Sehen Sie hier, welche Garantie ich Ihnen geben will.“ Kellner übergab Gourville das Papier, das er un⸗ terzeichnet hatte, als Brand hereinkam. „Leſen Sie dieß.“ Gonrville fuhr zuſammen, als er es las. Seine Stirne hob ſich und eine freudige Ueberraſchung ſtrahlte auf ſeinem Geſichte. Das betreffende Dokument bevollmächtigte Kellner, all die Perſonen zu nennen, auf die er mit Sicherheit als Freunde und Bundesgenoſſen rechnen könnte, ſo wie die Anſprüche zu bezeichnen, welche dieſelben möglicher Weiſe für die Zukunft haben könnten. „Belieben Sie Ihren Namen hieher zu ſetzen und Ihre Forderungen hinzuſchreiben.“ Gourville hielt das Papier noch in ſeiner Hand. Ein kalter Schweiß lief über ſeine Stirne: er kam nicht von Furcht und nicht von Unruhe, er kam von Zufrieden⸗ heit und Freude. „Rechnen Sie auf mich,“ antwortete er;„aber ich will Ihnen zuerſt Etwas ſagen, was von meiner Offen⸗ heit, wie auch von meiner Dankbarkeit zeugen ſoll. Sie können nicht wiſſen, Herr Kellner, wer und was ich in Wirklichkeit bin— das iſt auch ganz gleich— Sie haben ſich inzwiſchen in meinem Charakter nicht getäuſcht. Ich gehöre zu der Anzahl der Verworfenen, der Ver⸗ fluchten, der Verſtoßenen in allen Völkern; aber meine Stellung hat mich gedrückt, ich habe im Schmutze nicht gedeihen können; mein Platz hat mich tief in der Seele angeekelt, ich habe Qualen erlitten, die ſchrecklicher ſind als Tortur, und ich habe nur ein einziges Ziel vor* 1⁰1 Augen gehabt, nämlich aus meiner Erniedrigung, aus dem Sumpf, aus dem Abgrund emporzukommen. Gie⸗ rig habe ich nach Mitteln dazu geblickt, als ich zufällig Ihr Geheimniß in meine Hände bekam. Aber dieſes nagelte mich feſt an Sie, um ſo mehr, als ich in Ihnen einen kühnen Hazardſpieler erblickte, im Ganzen Etwas von mir ſelbſt, aber auf einem andern Feld, auf dem der geſetzlichen Bürgerlichkeit. Ich habe es indeß ernſt mit Ihnen gemeint, weil ich redlich zu Ihrem Glück beitragen und mich zu gleicher Zeit Ihrer Perſon als einer ſicheren Brücke über die bodenloſe Tiefe bedienen wollte, welche immer die Verbrecher und die Nicht⸗ verbrecher trennt und trennen muß, die kleinen Ver⸗ brecher und...“ Gourville pauſirte hier einen Augenblick. „Und die großen.“ Hier pauſirte er wieder. „Meine Bahn iſt buntfarbig geweſen, und obſchon noch jung an Jahren, bin ich weit umhergeſchwärmt. Ich habe in Frankreich tief aus dem blutigen Becher der Revolution getrunken und ich bin in die politiſchen Intriguen eingeweiht, die Europa aufrühren. Mit einer Erfahrung, welche größer iſt als die der meiſten Leute, glaubte ich mich auch maskiren und mir den Weg zu einem Hafen bahnen zu können, wo auch ich früher oder ſpäter einmal ausruhen dürfte. Meine Maske iſt auch gut, obſchon nicht vor Ihnen, aber Sie haben mir ein großes Feld der Wirkſamkeit eröffnet— Sie haben mir ein großes Ziel gezeigt— und ich ſchwöre Ihnen, nicht untreu zu werden.“ „Ich habe an Ihren Verſtand appellirt.“ „Das iſt wahr, aber mein Verſtand iſt der Schlüſ⸗ ſel zu meinem Herzen, und ich werde beweiſen, daß ich des Vertranens würdig bin, das Sie in mich geſetzt haben. Sehen Sie hier.“ 4 „ Gourville zog einen kleinen, ſchwarzſeidenen Beutel⸗ 10² den er auf ſeiner Bruſt trug, hervor, und als er ihn auflöſte, fielen einige Briefe in ſeine Hand. „Mein Name ſteht noch nicht auf dieſem Papiere da, und gleichwohl übergebe ich Ihnen die Briefe. Neh⸗ men Sie dieſelben und gebieten Sie jetzt über mich.“ Kellner traute ſeinen Augen kaum, als er dieſe wichtigen Dokumente in ſeinen Händen hielt, und er war über Gourville's offenes Benehmen ebenſo erfreut wie überraſcht. „Ich danke Ihnen, Chevalier,“ ſagte Kellner,„und zece er ſah ihn an... aber ich könnte Sie jetzt aus⸗ ſchließen aus...“ „Mich aus dieſem Dokumente ausſchließen? Es iſt wahr, aber ich glaube nicht, daß Sie es thun.“ „Und Sie glauben es mit Recht nicht, Chevalier, um ſo mehr, als Sie von dieſem Augenblick an keinen Beweis mehr in Händen haben, wodurch Sie mich zu etwas zwingen könnten; ſtatt deſſen... und das iſt weit beſſer... ſtehen wir mit einander auf einem Boden und hängen von denſelben Intereſſen ab. Sehen Sie hier...“ Kellner ſchrieb in dieſem Augenblick Gourville's Namen nieder. „Und Ihre Forderungen?“ „Schreiben Sie, was Sie wollen.“ „Begnügen Sie ſich mit Gunſt und Gnade?“ „Ja.“ „Dut, Chevalier. Laſſen Sie mich jetzt etwas für die Zukunft hinzufügen, damit wir einander richtig ver⸗ ſtehen. Erſtens werde ich in meinen Büchern einen Se⸗ paratconto für Ihre Rechnung anlegen, und zweitens müſſen Sie künftig aufhören, mir wie mein Schatten zu folgen. Ich will nicht, daß es Ihnen an den Mitteln fehlen ſoll, anſtändig zu leben; aber ich will auch nicht ſelbſt durch Ihre Freundſchaft genirt werden, die mir ſchaden könnte, im Fall Sie entlarvt würden. Wir wer⸗ 1 03 den mit einander umgehen, aber vorzugsweiſe an Orten, wo wir keine andere Perſonen treffen; wir werden von einander abhängen, aber ohne dies durch einen Aus⸗ hängeſchild Jemanden zu verrathen. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, wohin die Verſchwörnng führen muß, die wir jetzt eingegangen haben, und eben ſo wenig brauche ich Ihnen die Mittel zu bezeichnen. Die meiſten unſrer Bundesbrüder müſſen unter denjenigen geſucht werden, die Alles zu gewinnen, aber nichts zu verlieren haben. Sie ſuchen dieſelben unter der Maſſe, ich unter den⸗ jenigen, die man gewöhnlich als glücklicher bedacht an⸗ ſieht. Wann der Delphin ſeine Waaren ausgeladen hat, ſo laſſe ich ihn am Thiergarten anlegen, um unſer Flaggenſchiff zu werden, wodurch wir nach einem verab⸗ redeten Signalement in wichtigen Fällen mit einander correſpondiren können, ohne uns perſönlich zu treffen. Sie verſtehen mich. Der Winter iſt im Anzug. Laſſen Sie uns während deſſelben operiren. Im Frühling fährt das Schiff wieder aus— alles auf unſere Rech⸗ nung. Gelingt uns die Sache, ſo iſt auch Ihr Glück gemacht; mißlingt ſie, ſo gehen wir an Bord des Del⸗ phins und retten, was zu retten iſt. Billigen Sie meine Vorſchläge?“ „Vollkommen.“ „So laſſen Sie uns jetzt einander Lebewohl ſagen.“ Gourville machte einen Schritt gegen die Thüre, hielt aber auf einmal inne. „Noch etwas... Sie haben gar nichts von Paul geſagt.“ „Von Paul... es iſt wahr.“ Kellner drehte ſich um und ſchaute zum Fenſter hinaus. Gourville erforſchte den Ausdruck ſeines Geſichtes und zog ſeine Schlüſſe daraus. „Sehen Sie die Fiſchmöve, die da draußen über 104 den Strom hinfliegt?“ bemerkte er, als Kellner ſtill und verſchloſſen blieb. „Ich ſehe ſie, aber was wollen Sie damit?“ „Mit ſcharfem Schnabel und ſicher gerichtetem Blick firirt ſie ganz gewiß eben jetzt einen unter der Waſſer⸗ fläche ſpielenden Fiſch, während ſie ihre Flügel ſpannt und pfeilgeſchwind auf den Raub hinabſchießt.“ „Ja, ja.“ „Sie verſchwand unter den Wellen.“ „Ganz richtig, aber... aber..„ In dieſem Augenblick erhob ſich die Möve wieder aus dem Waſſer, mit einem Fiſch im Schnabel. „Sehen Sie?“ „Allerdings, aber ich weiß nicht...“ „Was ich ſagen will? Sehen Sie den Mann dort, der an der Brücke ſteht und den mit ſeiner Beute davon fliegenden Raubvogel ſo gleichgültig betrachtet?“ „Nun ja.“. „Sieht er nicht aus, als ob er bei ſich ſelbſt dächte: dieſe Sache da geht mich nichts an?“ Kellner maß Gourville mit ſcharfem Blick. „Sind Sie die Fiſchmöve, Chevalier?⸗ fragte er. „Wenn es ſo wäre?“ „Wohlan denn, die Sache geht Sie allein an. Ich lebe in meinem Element, Sie in dem Ihrigen.“ „Ihr Platz iſt am Ufer, der meinige in der Luft.“ „Wie Sie ſagen: die Sache geht mich nichts an.“ „Gut.“ Eine Weile nach Gourville verließ Kellner das Comptoir ruhiger und zufriedener, als er ſeit langer Zeit geweſen war. 10⁵ „Leg' im Ausgabenbuch einen neuen Conto an,“ ſagte er zu Brand, als er an ihm vorbeiging. „Für weſſen Rechnung?“ „Für Gouryille.“ „Für ihn? Mein Gott, was ſagſt Du? Sonſt hatteſt Du ihn einmal wegen des Diebſtahls im Ver⸗ dacht, und jetzt... Iſt es wirklich Dein Ernſt?“ „Daß Du einen Conto für ſeine Rechnung anlegen ſollſt, das iſt mein Ernſt.“. „Ich bin gewöhnt, Deine Befehle zu vollziehen; möge ich nur nicht einen Conto für Deinen Untergang anlegen!“ 8 „Künftig hören Charlek und Kaufmann auf, Gour⸗ ville auszuſpioniren... ſage ihnen dieß“ „Es ſoll geſchehen.“. Als Kellner auf die Hausflur kam, ſah er einen Reiſewagen vor der Thüre. „Wem gehört er?“ fragte er. „Dem Grafen Frank.“ „Wohin will er reiſen?“ „Aufs Land.“ Die Nachricht ſchien Kellner zu überraſchen, aber in demſelben Augenblick meldete ein Bedienter, der Graf wünſche ein Geſpräch unter vier Augen mit ihm, und ſo eilte er in ſeine Zimmer hinauf. In Kellners beweglicher Seele fand ſich noch immer Energie genug für neue leidenſchaftliche Ausbrüche. Des Grafen unvermuthete Abreiſe ſchien auch Veranlaſſung zu neuen Stürmen darin zu geben, aber dießmal be⸗ merkte er ihren Anzug und erſtickte ſie bei Zeiten. Der Sieg, den er ſo eben über Gourville gewonnen hatte, verlieh ihm jetzt wieder die Kraft, auch über ſich ſelbſt zu ſiegen. Nach einer Weile trat Frank ein. Er war mage⸗ rer, bläſſer und trauriger als gewöhnlich. „ Die beiden Männer betrachteten einander eine Weile unter tiefem Schweigen; aber blickte man ihnen recht tief ins Auge, ſo meinte man zwei Donnerwolken zu ſehen, die ſich einander näherten. Fünftes Kapitel. Komm! VWir befinden uns wieder bei dem General Roſen⸗ palm, und Jaquette ſitzt noch an ihrem Fenſter und thront beinahe wie eine Roſenkönigin unter ihren Blumen; aber an ihrer Seite ſehen wir jetzt Axeline, ihre Freundin von der Penſion her. Sie war ſo eben mit ihrem Vater angelangt. „Wie glücklich macht es mich nicht, daß Du Deinen Vater hieher begleiteteſt!“ ſchwatzte Jaquette;„ich bin ſo vergnügt, ſo vergnügt, und es iſt mir ein Bedürfniß, mich Dir mitzutheilen. Aber vor allen Dingen muß ich Dich ausſchelten, weil Du Dich ſo lange nicht mehr ſehen ließeſt... Du wirſt mich doch nicht über andere Be⸗ kanntſchaften ganz vergeſſen wollen?“ „Wie magſt Du ſo ſprechen? Glaubſt Du, ich könnte Dich über irgend jemand vergeſſen?“ „Wer weiß? Es gibt einen Schalk, über welchen wir Mädchen, wenn er ſich einmal einſtellt, gerne Alles vergeſſen.“ „Ich kenne niemand von dieſer Art. Wen meinſt Du?“ Jaquette erröthete über ihren eigenen Gedanken, w 1⁰7 weil ſie in ihrer Offenherzigkeit herausgeſchwatzt hatte, ohne darauf Acht zu geben, was ſie ſagte. „Du antworteſt nicht? Ich weiß niemand, der mich dazu bringen könnte, Dich zu vergeſſen.“ „Niemand?“. „Nein.“ „Und Gott Amor?“ flüſterte Jaquette, indem ſie verſchämt ihre Augen auf den Boden ſenkte. Areline erblaßte inzwiſchen bei dieſem Wort. Axeline war eben ſo ſchön wie Jaquette, aber nicht ſo heiter, vielleicht auch nicht ſo friſch von Seele. Auf dem Grund ihres Charakters lag eine ſtille Schwermuth. Sie lachte nicht wie Jaquette, ſondern lächelte blos. Ihre Weiblichkeit war nicht ſo lebhaft, ſo ſprühend und raſch wie die ihrer Freundin, aber ſie war frömmer. Man konnte ſagen, eine Thräne habe ſich in der Tiefe ihres Herzens niedergelaſſen und zeige ſich gerne in ihren großen ſprechenden Augen, nicht um ſie zu verdunkeln, ſondern um ihren ächten diamantklaren Glanz entwickeln zu dürfen. Beinahe ihr ſelbſt unbewußt, wohnte zwar ein kleiner Schalk in den Grübchen der Wange, aber disſn Schalk war ein lächelnder Lichtelf, flüchtig und cheu. Wir ſagten, daß ſie erblaßte, aber nicht daß Ja⸗ quette es bemerkte. Gleichwohl that ſie es. „Was kommt Dich an, Areline?“ fragte ſie,„Du erſchreckſt mich— Du biſt unwohl— ach ich verſtehe— der Name dieſes Schalks, den ich Dir eben zuflüſterte... ich bin überzeugt, daß Du ſeine Bekanntſchaft gemacht haſt. Sprich die Wahrheit.“ („„Du ſcherzeſt, Jaquette. Ich verſichere Dich, daß ich mich in meiner gewöhnlichen Stimmung befinde. Du weißt ja, daß ich nicht beſtändig lachen kann wie Du.“ „s iſt keine Kunſt, heiter zu ſein; ich halte es für weit ſchwerer, betrübt zu ſein.“ .„Meinſt Du das?“ 108 „Inſofern die Betrübniß nicht daher kommt, daß man ſich etwas ſo ſchwer zu Herzen nimmt, daß dieſes ſich unter ſeiner Laſt nicht mehr leicht und friſch be⸗ wegen kann, ſo verſtehe ich es wahrlich nicht. Nun, Axeline, was iſt es denn, das Du Dir ſo zu Herzen genommen haſt?“ „Nichts, gar nichts... fahre fort, Jaquette, und bekümmere Dich nicht um mich... ich will nur zu⸗ hören.“ 3 In dieſem Augenblick hörte man vom Vorzimmer her eine Klingel. Held öffnete die Salonthüre und ein alter Mann mit grauen Haaren trat ein. Es war der alte Herrmann Kellner, Franz Kellners Vater. Heiter und freundlich begrüßte er die Damen und begab ſich dann ins Zimmer des Generals. „Von was ſchwatzten wir?“ begann Jaquette wie⸗ der, ſobald der Alte ſich entfernt hatte.„Ich habe es doch ganz vergeſſen... aber gleichviel... Du haſt ja noch nicht ein einziges Wort von meinen Blumen ge⸗ ſagt... ſind ſie nicht ſchön... ſiehſt Du, Areline, ich würde Dir gerne davon geben; aber... aber... ich habe ſie ſelbſt zum Geſchenk erhalten. Es iſt doch dumm, ſiehſt Du,“ fügte ſie mit einer etwas verdrieß⸗ lichen Miene hinzu, die ihr ſehr gut ließ,„wenn man etwas zum Geſchenk bekommt, deun man kann ja doch nicht ganz nach Wunſch darüber verfügen.“ Jaquette war im höchſten Grad aufgeräumt, die Ereigniſſe des Morgens warfen noch einen Lichtſchein von Freude und Zufriedenheit über ihr ganzes inneres Weſen.. Ein Seufzer hob dagegen Axelinens Buſen. Jaquette bemerkte es... ſie war heute nicht in der Stimmung, ſich irgend etwas eutgehen zu laſſen. Mit einer lebhaften Bewegung ergriff ſie Axelinens Hand und blickte ihr in die Augen. „Du ſeufzeſt, Areline,“ ſagte ſie.„Geſtehe mir, 109 meine Liebe, daß Du irgend eine Bekanntſchaft gemacht haſt, die Dich zu der Thorheit verleitet, ſentimental zu werden. Du gibſt es doch zu?“ „Wir wollen lieber bei Dir und Deinen Blumen ſtehen bleiben. Von wem haſt Du ſie erhalten?“ „Jetzt willſt Du mich von dem Gegenſtand ab⸗ bringen; aber es ſoll Dir nicht gelingen. Wenn Du mir zuerſt die Urſache dieſes Seufzers da anvertrauſt, ſo werde ich Dir erzählen, von wem ich die Blumen er⸗ halten habe.“ „Gute Jaquette, bitte mich nicht; Du weißt, daß es mir ſo ſchwer fällt, Dir etwas abzuſchlagen.“ „Aber jetzt mußt Du aufrichtig ſein, denn ich will es.“ „Nein, ich kann nicht, nein.“ „So geſtehe wenigſtens, daß es etwas iſt, das Dir ſchwer auf dem Herzen liegt.“ „Etwas? ich gebe es zu, Etwas.“ Axelinens Wimpern ſenkten ſich, um neidiſch den Glanz zu verbergen, den ihre Augen dabei annahmen. Eben jetzt klingelte es von Neuem draußen und die Salonthüre ging auf. Ein ſtattlicher, in ſeiner Bewegung vornehmer, etwas ſteifer Mann trat ein. Es war Gabriele Kellners Vater, Graf Curt Strahl. Auch er machte den beiden jungen Damen ein Compliment und begab ſich darauf ins Zimmer des Generals. „Siehſt Du, Axeline,“ nahm Jaquette den Faden des Geſprächs wieder auf,„es macht mir recht Angſt um Dich, wenn ich bedenke, daß Du Dich kaum mehr als drei Wochen oder wenigſtens nicht mehr als einen Monat in Stockholm aufgehalten haſt und ſchon ſo ernſt⸗ haft dreinſchauſt. Die Luft hier muß Dir nicht recht zuſagen. Wenn Du nicht durchaus auf den Sommer ins Bad gehen willſt, ſo rathe ich Dir, öfter hieher zu kommen und ein Bischen mit mir zu lachen.“ 110 „Jaquette ſah ſchalkhaft aus, als ſie ſo ſprach. „Du haſt mir ja verſprochen, jetzt von Dir zu reden.. Noch einmal, von wem haſt Du die Blumen bekommen?“ „Du geſtehſt, daß ſie ſchön ſind?“ „Unbeſchreiblich ſchön. Ganz beſonders iſt dieſe kleine Blumentraube allerliebſt.“ „Sie gefällt Dir?... ſie gefällt Dir in allem Ernſt?“ 3 „Wie wäre es anders möglich? Sie kommt mir beinah vor, als ob ſie mit den Augen eines Engels auf mich blickte, ſo mild ſieht ſie aus.“ Jaquette brach die Blumentraube ab. „Was machſt Du?... Um alles in der Welt, Du begehſt eine wahre Sünde.“ „Ich breche die Traube ab, um ſie Dir zu ſchenken.“ Axeline ſchüttelte bedächtlich ihren kleinen Lockenkopf. „Wenn ich das geahnt hätte, ſo würde ich geſagt haben, ſie ſei häßlich.“ „Das glaube ich nicht. Du hätteſt nicht lügen können, am allerwenigſten über ein Blümchen.“ „Aber da Du ſie ſelbſt zum Geſchenk erhalten haſt, warum gibſt Du ſie jetzt mir?“ „Das will ich Dir ſagen.“ „Nun?“ „Ich will Dir beweiſen, daß ich eine beſſere Freun⸗ din bin als Du.“ „Dann kennſt Du mich ſchlecht, Jaquette.“ „Du weißt, daß ich die Blumen beinah bis zur Narrheit liebe.“ „Das weiß ich.“ „Und dennoch gab ich Dir die Blume.“ „Und ich habe Dir nichts dagegen zu geben, willſt Du ſagen.“ „Du haſt ein Geheimniß, aber Du willſt es mir nicht anvertrauen.“ „ 111 „Ach Jaquette, jetzt biſt Du garſtig.“ Ai Du vi daß ich auch ein Geheimuiß habe?“ „Wirklich?“ 3 „Aber ich gedenke es nicht vor Dir zu verbergen. „Nicht?“ „Weißt Du, worin das meinige beſteht... aber es iſt wahr, Du kannſt es nicht wiſſen, denn ſonſt wäre es kein Geheimniß. Das meinige beſteht darin...“ „Darin... „Von wem ich dieſe Blumen erhalten habe.“ „Nun... von wem?“ „Von Paul.“ „Wer iſt Paul?“ „Kennſt Du ihn nicht? willſt Du ihn ſehen?“ „Iſt er hier?“ „Sieh zum Fenſter hinaus, quer über die Gaſſe. Er ſitzt am Fenſter dort.“ Jaquette und Axeline kehrten auf einmal ihre Au⸗ gen nach derſelben Seite, und Paul ſaß wirklich am Fenſter, aber etwas weiter innen im Zimmer zeigte ſich ein junges Frauenzimmer, mit dem er im lebhafteſten Geſpräch begriffen war. Jaquette erblaßte beim erſten Blick auf die Unbe⸗ kannte, aber bald lachte ſie wieder. Sie wurde inzwiſchen hierin durch ein neues Ge⸗ klingel, ſowie durch den Eintritt einer neuen Perſon un⸗ terbrochen. Der Kommende war ein grobgliedriger Mann und übermäßig beleibt. Seine Wangen und Lippen hingen beinahe beutelartig herab. Seine Augen waren dunkel und ein ſchmunzelndes Lächeln ſtrahlte aus ihnen. Das Haar war urſprünglich rabenſchwarz geweſen, obſchon es jetzt ziemlich mit Grau melirt war. „Dieſer Mann war der Jude Abraham. * „ 11² Nach einer kurzen und nachläſſigen Verbeugung ge⸗ gen die Damen, begab auch er ſich zum General hinein. „Du erblaßteſt beim Anblick des Frauenzimmers da drüben,“ ſagte Axeline, als der Jude ſie verlaſſen hatte, „und jetzt lachſt Du wieder.“ „Findeſt Du das ſo ſonderbar?“ „Ja allerdings.“ „Dann weißt Du nicht, warum ich lache.“ „Das iſt wahr.“ 3 „Ich lache darüber... daß ich erblaßte.“ „Du haſt ein glückliches Temperament.“ „Kannſt Du ſehen, wie dieſes Frauenzimmer dort usſebt das bei Paul ſitzt? ich glaube beinahe, ſie iſt hübſch.“ lh he⸗ Augen flammen.“ „Das Haar iſt ſchwarz, ſehr ſchwarz... es glänzt wie polirtes Ebenholz.“ „Sie ſpricht jetzt.“ „Ihre Augen ſind auf Paul geheftet.“ „Welche weiße Zahnreihe... ſiehſt Du... ich habe nie ſchneeweißere Zähne geſehen.“ „Sie lächelt mit einer Friſche, um die ich ſie be⸗ neiden könnte.“ „Aber es liegt etwas Wildes in ihrer Miene.“ „Welchen Feuerblick ſie nicht ſoeben Paul zuge⸗ worfen!“— „Er ſcheint alles zu vergeſſen, nur um ſie zu be⸗ trachten.“ „Ich möchte beinahe glauben, ſie habe ihn verzau⸗ bert, ſofern nicht vielmehr er ſie verzaubert hat.“ „Davon bin ich überzeugt.“ Und Jaquettens ſpielende Laune konnte ſich kaum eines ſchalkhaften Lächelns erwehren. „Von ihm haſt Du die Blumen erhalten?“ „Natürlich.“ 113 „An Deiner Stelle könnte ich nicht lachen wie Du, ſondern ich würde...“ „Was würdeſt Du?“ „Eiferſüchtig.“ „Gott bewahre mich vor einer ſolchen Thorheit! Eiferſüchtig! Pfui! im Uebrigen...“ „Sprich Dich aus.“ „Im Uebrigen hat er ja das Recht zu ſprechen, mit wem er will, das kann ich nicht hindern.“ „Ich verſtehe Dich nicht recht.“ „Das iſt wohl möglich, aber dann verſtehe ich mich auch ſelbſt nicht recht.“ „Und Du lachſt dennoch?“ Jaquette nahm eine nachdenkliche Miene an. „Siehſt Du, ich hätte beinahe Luſt... was ſagſt Du dazu... etwas zu verſuchen.“ Wiederum ertönte die Klingel und die Saalthüre ging auf. Es war die Baronin Lander, die hereintrat. Mit vornehmer Haltung ſchritt ſie vorwärts, hochmüthig und eitel zugleich. Ihr Geſicht war bleich und düſter, und dennoch ruhte auf ihren Lippen ein artiges, wie es ſchien, berechnetes Lächeln, als ſie die beiden Mädchen grüßte. Jaquette ging ihr mit zuvorkommender Aufmerkſamkeit entgegen und zeigte ihr, da ſie nach dem General fragte, ſein Zimmer. Im Uebrigen legte weder Jaqguette noch Axeline ein beſonderes Gewicht auf ihre Erſcheinung. „Was wollteſt Du ſagen?“ knüpfte Axeline wieder an..„laß hören.“ „Ich hätte Luſt zu ſehen, ob ich Pauls Verzaube⸗ rung nicht brechen könnte.“ Areline drohte ihr mit dem Finger. „Auf welche Art?“ fragte ſie. „Mit einem einzigen Wort, nur einem einzigen.“ „Sei nicht unvorſichtig, Jaquette.“ Das Gewiſſen. III. 114 „Weißt Du, warum Dein Vater und die Andern, die an uns vorbei zu meinem Vater gingen, heute hieher gekommen ſind?“ „Nein.“ „Auch ich weiß es nicht recht; aber ich ſehe dennoch ein, daß Herr Paul eigentlich die Urſache der Zuſam⸗ menkunft iſt.“ „Dann wird er auch hieher kommen?“ „Ja gewiß, aber Du ſiehſt, daß er zögert... das iſt jedenfalls nicht artig von ihm. Es iſt bereits über zwölf.“ „Nun?“ „Wäre es alſo nicht artig von mir, wenn ich ihn erinnerte, daß er nicht länger zögern ſollte?“ „Das kann ich nicht läugnen. Aber wie willſt Du es thun?“ „O ich weiß es ſchon.“ „Darf ich es ſehen?“ Jaquette ſchrieb etwas auf ein Papier und zeigte es der Freundin. „Aber wenn er böſe wird.“ „Dann lache ich ihn aus... übrigens böſe? Nein, — er kann nicht böſe werden, wenn ich ihm einen Dienſt erweiſe.“ Jaquette gab das Papier Held mit dem Befehl, es zu Herrn Paul hinüber zu tragen. „Böſe, ſagteſt Du,“ fuhr Jaquette fort;„glaubſt Du denn, daß ich ihn um meiner ſelbſt willen daran erinnere? Ei das wäre ſchön.“ „Ich fürchte beinahe, daß Du..“ Axeline beugte ſich vor und blickte mit ihren großen Augen in Jaquettens Augen. „Du lachſt,“ ſagte ſie,„und dennoch...“ „Und dennoch 2 b„Sehe ich in Deinen Augen etwas, das.... as 8. 115⁵ „Das Du nicht verſtehſt... ſtill jetzt, und laß uns verſuchen, ob wir ſehen können, welche Wirkung das Wörtchen auf ihn machen wird.“ Jaquette und Axeline legten ſich in dieſer Abſicht ans Fenſter. Wir eilen dem Boten voraus über die Straße. Für Paul war dieſer Tag von ganz beſonderer Bedeutung. Unterſtützt von Roman, hatte er den Auf⸗ trag vollzogen, den er von ſeinem ſterbenden Vater em⸗ pfangen, und hoffte der Aufklärung der bis jetzt in ein räthſelhaftes Dunkel gehüllten That nahe zu ſein, die dem verehrten Greis noch in ſeiner Todesſtunde ein ſol⸗ ches Entſetzen eingeflößt hatte, daß der Wahnſinn beinahe ſeinen Stempel auf die von Jahren und qualvollen Phantaſien gefurchte Stirne drückte. Da ſein Vater ihm befohlen hatte, um jeden Preis das Hoôtel zu kaufen, deſſen Eigenthümer er jetzt war, ſo hatte er nach ſeiner Inſtruktion auch die Papiere ge⸗ funden, welche nach der Meinung des Greiſes ein guter Leitfaden zur Aufklärung der erſchütternden Umſtände werden mußten, die vorangegangen waren und vielleicht größtentheils ſeine Abreiſe aus dem Vaterlande, ſowie ſeine Ueberſiedlung nach der neuen Welt veranlaßt hatte. Dieſe Papiere hatten ihn auch über Vieles aufge⸗ klärt, was der Sterbende, an deſſen Gemüth Seelenleiden zehrten, die ſeinen Verſtand verwirrten, nicht deutlich hatte machen können; aber nichts deſtoweniger ruhte über dem Ganzen noch immer ein Dunkel, das ein Zuſammen⸗ treffen mit den noch lebenden Perſonen, welche in die „. 116 Faesgeiſ eingegriffen hatten, unumgänglich nothwendig machte. Nach der Ausſage des Sterbenden oder wenigſtens nach der Deutung, die Paul ſeinen Worten gab, kam er nach Schweden mit der Ueberzeugung, daß alle zuſam⸗ men verdächtig ſeien; aber die Papiere bewieſen etwas ganz Anderes, und vor allen Dingen, daß der Charakter des Generals Roſenpalm rein und fleckenlos war. Daraus läßt ſich auch Pauls erſte ſchmerzliche Ueberraſchung, als er erfuhr, daß Jaquette eine Tochter des Generals war, und ſeine nachmalige Annäherung an ihn vollkommen erklären. Auf Romans Rath machte Paul ſeinen erſten Beſuch bei dem General. Er erklärte ihm den Auftrag, den er erhalten, ſowie die Verhältniſſe, ſo weit er ſie kannte, und bat den General um ſeine Mitwirkung zur weiteren Ausmittlung der Frage. Der General ging mit Bereitwilligkeit auf die Sache ein, ertheilte alle Aufſchlüſſe, die er nur konnte, und verſprach, Paul nach beſten Kräften beizuſtehen, zumal da er zugab, daß ſeine eigene Ehre es erfordere. Der General ſetzte ſich auch ſogleich in Correſpon⸗ denz mit ſeinen alten Freunden und erſuchte ſie, an einem beſtimmten Tag um 12 Uhr bei ihm zuſammen⸗ zutreffen. Für Paul beſaß indeſſen die Frage nicht blos das Intereſſe der Sohnespflicht, ſondern auch noch ein größe⸗ res, ganz ſpezielles. Eine Aeußerung, die ſein Vater in ſeiner Todes⸗ ſtunde that, bildete nämlich die innerſte Triebfeder ſeiner Unternehmung, ſpornte ihn beſtändig an und ließ ihm Tag und Nacht keine Ruhe. Sein Vater hatte in ſeinen letzten Augenblicken zu ihm geſagt, aber auf eine Art geſagt, daß Paul nicht wußte, ob er die Aeußerung dem Fieberwahnſinn oder einer gänzlichen Verſtandesabweſenheit zuſchreiben ſolle, ——— ⏑ u 117 daß er— Paul— nicht ſein Sohn ſei, und darauf war er, ohne ſich näher erklären zu können, geſtorben. Lange hatte Paul dieſe Erklärung in ſeinem Innern bewahrt, als ein Geheimniß, das an ihm zehrte und ihn beſtändig quälte. Er hatte ſich ſogar geſcheut, es Roman anzuver⸗ trauen, der übrigens von ſeinem Vater den Auftrag er⸗ halten hatte, ſeine erſten Schritte in Schweden zu leiten. Es war für Paul etwas Schreckliches, ſich die Frage vorlegen zu müſſen, weſſen Sohn er ſei. Zugleich aber fühlte er ſich angeſpornt, mit dem größten Eifer eine Löſung der Myſtifikation zu ſuchen, die ihn von allen Seiten umgab. Wenn er ſein Alter mit der Zeit verglich, in welcher die Exeigniſſe eingetreten waren, deren ſchließliche Aus⸗ mittlung ihm jetzt oblag, ſo hielt er es für wahrſchein⸗ lih daß ſeine eigene Geburt damit in Zuſammenhang and. Endlich und nachdem die bereits erwähnten Papiere von Roman wieder gefunden worden, mit ihnen auch zugleich die Hoffnung erwacht war, daß man dem Gang der Creigniſſe einigermaßen auf die Spur gekommen ſei, vertraute Paul ſich Roman gänzlich rückhaltslos an. Noman wurde nicht davon überraſcht, aber ſein Eifer, Paul zu dienen und die Sache zu betreiben, nahm noch zu. Bei genauer Durchleſung der Papiere, und nachdem man die in den Gang der Geſchichte eingreifenden Per⸗ ſonen ſtreng geprüft hatte, glaubte man zu finden, daß ein Doktor der Medicin, deſſen Name an mehreren Stel⸗ len vorkam, ein wichtiges Glied in der Kette ſämmtlicher Ereigniſſe gebildet haben müſſe. Durch viele Nachforſchungen, die in Folge deſſen angeſtellt wurden, érfuhr man auch, daß der Mann noch lebe, obſchon er ſich in den letzten Jahren von jeder ärztlichen Thätigkeit zurückgezogen habe. „ 118 Roman übernahm es, ihn aufzuſuchen, und hoffte, daß er an dem wichtigen Tag, wo die Zuſammenkunft bei dem General ſtattfinden ſollte, wieder da ſein könnte. Inzwiſchen blieb er noch immer aus. Es war bald zwölf Uhr und Paul ſah, wie ein Wagen nach dem andern bei dem General anlangte, ohne daß der Freund zurückkam. Unruhig darüber wandelte er immer auf und ab. De Zeiger näherte ſich mehr und mehr der Zahl zwölf. Seine Unruhe ſteigerte ſich. Paul kannte nur wenige von den Perſonen, die der General zu ſich eingeladen hatte, und auch dieſe nicht genau. Waren ſie auf eine mehr oder weniger unange⸗ nehme Art in die Sache gemiſcht, ſo ſah er voraus, daß es ihm um ſo ſchwerer werden mußte, den Knäuel zu entwirren, und um ſo wichtiger war ihm daher jeder weitere Aufſchluß, den er erhalten konnte. Er klingelte. Brauner trat ein. „Roman zeigt ſich nicht,“ ſagte er,„was ſoll man glauben?“ „Daß triftige Gründe ihn aufhalten,“ antwortete der Alte,„ſonſt wäre er bereits hier.“. In dieſem Augenblick ſchlug es zwölf. „Ich kann nicht länger zögern. Wenn Roman wäh⸗ rend meiner Abweſenheit kommt, ſo erſuche ihn, ſich ſo⸗ gleich bei dem General einzufinden.“ „Es ſoll geſchehen.“ Paul warf den Mantel über ſeine Schultern und griff nach dem Hut.— Im Rebenzimmer des Salons ſtand ein Käſtchen auf einem kleinen Tiſch. Paul blieb vor demſelben ſtehen. „Bei Gott,“ ſagte er,„hätte ich nun Romans Ruhe und Erfahrung, der Verbrecher ſollte mir nicht entgehen. Dieſe Papiere“... er legte dabei die Hand auf das — 119 Käſtchen...„ſind triftige Beweiſe. Inzwiſchen will ich mich beherrſchen. Wir wollen ſchon ſehen.“ Auf ſeiner Stirn las man edlen Stolz und Muth wie mit deutlichen Worten eingezeichnet. „Wenn das Glück mir recht wohl will, ſo dürſte ich vielleicht von dem Schmerz befreit werden, ſie noch her⸗ vorholen zu müſſen. Welche Schätze ſind ſie jedoch! Sie ſprechen unerſchrocken die Sprache der Wahrheit gegen das Verbrechen.“ Dabei öffnete er das Käſtchen, um ſich, wie es ſchien, zu überzeugen, daß die Papiere noch an ihrem Platz ſeien, und als er ſie da fand, verſchloß er es wieder. Brauner folgte allen ſeinen Bewegungen beinah mit gieriger Aufmerkſamkeit. Man konnte glauben, daß die Sache ihn ſelbſt ſo genau angehe, wie Paul. „„Branner,“ ſagte Paul,„Du mußt mir mit dem Käſtchen folgen.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Saalthüre und ein verſchleiertes Frauenzimmer ſtand vor ihm. „Paul ging auf die Unbekannte zu, die ſichtbarlich ihn ſuchte. Der Schlüſſel ſteckte noch im Käſtchen. „Was wünſchen Sie, meine Gnädige?“ „ Ach, Herr Kelluer,“ ſagte die verſchleierte Dame, eich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu ſprechen und Sie werden mir ſicherlich eine Unterredung unter vier Augen, wenn auch nur auf ein Viertelſtündchen, nicht verſagen.“ Sie betonte das Wort Viertelſtündchen ganz beſonders. „Jetzt iſt es mir unmöglich... ich muß...“ „Sie müſſen mich hören, Herr Kellner, um ſo mehr als das, was ich Ihnen zu ſagen habe, Sie noch mehr angeht, als mich.“ Die Unbekannte war athemlos und ihre Worte klan⸗ gen unſicher, wie wenn ſie beinahe etwas gefürchtet hätte. „„Madame... ich kann nicht... ich...“ 120 „Iſt es möglich? Sollten Sie ſo grauſam ſein köͤn⸗ nen, mir ein Viertelſtündchen zu verweigern? Mit Ihrer edlen Denkungsart, Herr Kellner, kann man einer Unglück⸗ lichen ein ſo geringes Verlangen nicht verſagen.“ „Nun wohl... ein Viertelſtündchen ſagten Sie, nur ein Viertelſtündchen... haben Sie alſo die Güte und treten Sie vor... aber faſſen Sie ſich ſo kurz wie möglich.“ „Ich will dies thun, aber Sie vergaßen, daß ich Sie um eine Unterrredung unter vier Augen bat. „Ach richtig, richtig. Verlaß uns, Brauner.“ Sobald Brauner die Thür hinter ſich geſchloſſen hatte, warf das unbekannte Frauenzimmer ihren Schleier zurück. Paul fühlte ſich wunderbar angeſprochen von der wilden Schönheit, die mit dem Glanz des Blitzes vor ihn trat. Das unbekannte Frauenzimmer war die ſchwarze Charlotte. Gourville hatte zu ihr geſagt: „Du weißt bereits, daß ein junger Mann, Paul Kellner, aus Amerika zurückgekommen iſt, und daß ich zu unterſuchen beabſichtige, ob das Gerücht von ſeinem Reich⸗ thum nicht übertrieben iſt; ohnehin möchte ich ihn auf die eine oder andere Art bei Seite ſchaffen, weil er Per⸗ ſonen im Wege ſteht, für die ich mich zu intereſſiren Ur⸗ ſache habe. „Die Zeit iſt jetzt gekommen, meinen Plan auszu⸗ führen, und dies um ſo mehr, als noch andere Umſtände eingetreten ſind, in Folge deren jeder weitere Aufſchub eine Dummheit wäre. 121 „Höre mich wohl an. „Du kennſt das Lokal, wo er wohnt, denn ich habe Dir eine vollſtändige Beſchreibung davon gegeben. Du kennſt auch Pauls Charakter, wenigſtens ebenſo gut als ich ihn kenne. „Jetzt kleideſt Du Dich an und begibſt Dich zu ihm. Du mußt vor zwölf Uhr dort ſein, denn ſonſt geht er aus. „Du mußt ihm eine Geſchichte erzählen, die ihn an⸗ eht⸗ Der Inhalt der Geſchichte iſt mir gänzlich gleich⸗ gültig. „Folgende Reſultate müſſen indeß nothwendig da⸗ durch erzielt werden: „Erſtens, daß Du ihn ſo lange aufhältſt, daß er ſich vergißt und den Beſuch verſäumt, den er um zwölf Uhr zu machen beabſichtigt; „Zweitens, daß Du bei ihm ein ſo lebhaftes Intereſſe für mich erweckſt, daß er die Einladung zum Mittageſſen, die ich ihm zuſchicken will, annimmt; „Drittens, daß Du ſeine Neugierde und Begierde auf irgend eine Art dermaßen reizeſt, daß er heute Abend um zehn Uhr ſich in den Zimmern einfindet, die wir vor Deiner Verhaftung in der ſüdlichen Vorſtadt bewohnten. „Wenn er Dir verſpricht zu kommen, ſo kenne ich ihn gut genug, um zu wiſſen, daß er auch wirklich kom⸗ men wird.“ „Du forderſt Albernheiten von mir,“ antwortete Charlotte,„wenn Du mir nicht auch einige Angaben machen kannſt, die in ſein Leben eingreifen, und auf die ich meine Erzählung ſtützen kann.“ „Du ſollſt haben, was Du verlangſt.“ Gourville erzählte ihr nun von den Zweifeln über Pauls Geburt, welche die Baronin Lander angedeutet hatte, wie auch noch Verſchiedenes von dem alten Brauner und Jack, dem Pflegevater Fanny's. „Das Material iſt unbedeutend,“ bemerkte Char⸗ lotte, als Gourville aufgehört hatte,„aber ich will mir 122 Enihe geben, daraus zu machen, was ſich nur machen läßt.“ „In jedem Fall,“ verſetzte Gourville,„ſelbſt wenn es Dir mißlingen ſollte, mußt Du bei Paul Argwohn gegen die zwei Letztern, gegen Brauner und Jack, er⸗ wecken, weil ich dieſe entfernt zu ſehen wünſche. Ich „Laß uns gehen. Ich bin ungeduldig, zu ſehen, ob ich während meiner Gefangenſchaft geiſtig abgenommen habe, oder ob ich noch zu etwas tauge. Laß uns gehen.“ „Es iſt wahr, ich darf Etwas nicht vergeſſen. Wenn Paul verſpricht, heute Abend zehn Uhr zu Dir zu kom⸗ ſt Du Dich ein paar Stunden vorher auf traße, Nummero 00, wo Du die Baronin Lander findeſt. Du bitteſt um Erlaubniß, mit ihr ſpre⸗ chen zu dürfen, grüßeſt ſie von mir und ſagſt ihr, Paul Kellner erwarte ſie, im Fall ſie Dir folgen wolle. „Du kommſt alſo eine oder eine halbe Stunde vor Paul Kelluer an den beſtimmten Verſammlungsplatz. „Dieſe Zeit benützeſt Du, um ihr die Dunkelheit des Abends, die abgrundartige Tiefe der Treppen am Stadt⸗ hof zu zeigen, während Du die ausgezeichneten Eigen⸗ ſchaften Deines guten Freundes, meiner Dingo, preiſeſt. „Beobachtet genau, wenn Paul kommt, und befindet er ſich mitten in der ſogenannten Südbergtreppe, ſo hängt ſein Leben nur von einem einzigen Wort von ihren Lippen ab. „Und dieſes iſt... „Geſchwind, Dingo!“ Mit dieſer Inſtruktion ſetzte ſich die ſchwarze Char⸗ lotte jetzt Paul gegenüber, der ſeinen Platz am Fenſter genommen hatte. 123 „Ich habe große Eile,“ begann Paul;„haben Sie die Güte und machen Sie Ihre Sache ſo kurz wie mög⸗ lich. Mit wem habe ich die Ehre zu ſprechen?“ Die ſchwarze Charlotte war höoͤchſt elegant gekleidet und ihre Haltung flößte Achtung ein. „Ich bin ein unglückliches, ſehr unglückliches Mäd⸗. chen,“ antwortete ſie,„mein Name iſt Charlotte**5. Sie wundern ſich darüber, daß ich meine Zuflucht zu Ihnen nehme, während ich Sie nicht kenne; aber ich habe ſo viel Gutes von Ihrem edlen Charakter gehört; ach, mein Herr, als Sie nach Schweden kamen, war Ihr erſtes Werk die Rettung zweier Unglücklichen, die ohne Ihre Dazwiſchenkunft ertrunken wären.“ „Halten Sie ſich an die Sache, Mamſell; ich habe Ihnen ja bereits geſagt, daß meine Zeit ſehr kurz iſt.“ 3 Die letzten, von dem General erwarteten Gäſte ſtiegen jetzt vor ſeiner Thüre aus dem Wagen. Paul war im höͤchſten Grad ungeduldig. „ Ich werde Sie nicht lange aufhalten... hören Sie mich nur an. Mein Vater war Beamter, und Sie wiſſen wohl, daß Beamte in Schweden kein Vermögen hinterlaſſen können. Mein Vater that es auch nicht, und ich und meine Mutter haben uns ſeit ſeinem Dahinſchei⸗ den in Armuth weiter geholfen.“ „Darf ich fragen, ob das, was Sie jetzt erzählen, nothwendig zu dem Gegenſtand gehört, wegen deſſen Sie hieher gekommen ſind?“ „Paul wollte um jeden Preis das Geſpräch abkürzen, während ſein ritterlicher Charakter ihm nicht geſtattete, ſie ungehört ſich entfernen zu laſſen. Sie hatte ja ge⸗ ſagt... daß ſie unglücklich ſei. Charlotte dagegen hatte keinen höheren Wunſch, als das Geſpräch ſo lange als möglich hinauszuziehen. Sie zweifeln an meiner Redlichkeit und Aufrichtig⸗ keit, Herr Kelluer,“ antwortete Charlotte;„dann iſt es am Beſten, ich entferne mich ſogleich.“ „ 124 Der Vorwurf in Charlottens Erinnerung enthielt eine Anklage wegen Pauls Ungeduld, und er fühlte ſich davon getroffen. Als Charlotte die Wirkung ihrer Aeußerung ſah, erhob ſie ſich, als wollte ſie ihn verlaſſen. Sie berech⸗ nete ſehr klug, daß ſie dadurch ein neues Uebergewicht über Paul erringen könnte, und ſie täuſchte ſich nicht, weil er darin den Ausdruck eines edlen Gefühls ſah und ſich Vorwürfe machte, daß er vielleicht eine Unglückliche allzu gleichgültig behandelt habe. „Jedenfalls, Mamſell,“ begann Paul wieder,„muß ich mich wegen meiner Heftigkeit ſchämen, aber wenn Sie die wichtige Angelegenheit kennen würden, die ich jetzt vorhabe, ſo würden Sie ſich nicht beleidigt fühlen. Haben Sie die Güte und fahren Sie fort.“ Paul ſaß wie auf Nadeln. Charlotte erhob ihr Haupt und heftete einen ihrer flammenden Blicke auf ihn. „Ich danke Ihnen,“ ſagte ſie,„und ich ſehe, daß ich mich in Ihrem guten Herzen nicht getäuſcht habe. Aber ich will mich beeilen, da Ihre Zeit ſo kurz iſt.“ Sie ſprach das Eine und dachte das Andere. „Thun Sie das... thun Sie das.“ Paul hörte den gleichmäßigen Gang der Pendeluhr draußen im Saal. „Sie wiſſen vielleicht,“ fuhr Charlotte fort,„die Gerüchte nicht, die umgehen?“ „Welche Gerüchte... Sie ſprachen ſo eben von Ihrer Mutter.“ „Die Gerüchte, die über Sie umgehen.“ Charlotte merkte aus Panls Bewegung, daß ſie ſich nicht gar zu lange bei dem ſogenannten Unglück ihrer Mutter aufhalten dürfte, ſondern ſchnell eine Schlinge um ſeine Neugierde werfen mußte, indem ſie von Dingen ſprach, die ihn perſönlich betrafen. „Ueber mich... was kann man von mir ſagen.. 125 aber gleichviel, das rührt mich wenig... Sie wollten ja von Ihrer Mutter ſprechen.“ „Allerdings, aber das Gerede von Ihnen und dem Unglück meiner Mutter ſteht in nahem Zuſammenhang. Sie wiſſen alſo nicht, was man von Ihnen ſagt?“ „Nein, Mamſell, nein.“ Es war Paul unmöglich, ſeine Verwunderung über die ſonderbare Wendung zu unterdrücken, die das Ge⸗ ſpräch nehmen zu wollen ſchien. „Man ſagt,“ fuhr Charlotte fort,„daß Ihre Ge⸗ burt höchſt zweideutig ſei.“ Charlottens Augen blitzten, aber obſchon Paul auf dieſe Andeutung nicht vorbereitet war, richtete er ſich nun auf und warf einen ſcharfen Blick auf Charlotte, um ſie wo möglich auszuforſchen. Er wußte, daß niemand außer Roman von ſeinen eigenen Zweifeln wiſſen konnte, und er begann zu ahnen, daß hier irgend eine Intrigue gegen ihn angelegt ſei. Charlotte war indeß zu ſehr auf ihrer Hut, um ſich durchſchauen zu laſſen. „Ihre Eltern ſtarben,“ fuhr Charlotte fort,„in Amerika; aber ehe ſie Schweden verließen, waren meine Altern⸗ beſonders meine Mutter, genau mit ihnen be⸗ annt.“ „Und Sie haben Ihre Nachrichten von Ihrer Mut⸗ ter erhalten?“ „Ich kann es nicht läugnen. Sie hat mir Verſchie⸗ denes geſagt, ſcheint aber noch mehr zu wiſſen., Paul wurde nachdenklich; es lag ja nichts Unmög⸗ liches in dem, was ſie ſagte, und wenn es auch wunder⸗ lich war, wie oft iſt es nicht geſchehen, daß man einem ganz unvorhergeſehenen Ereigniß höchſt wichtige Auf⸗ ſchlüſſe zu verdanken hatte! Während der Betrachtungen, die in Paul erwachten, vergaß er immer mehr die Zu⸗ ſammenkunft bei dem General. „ 126 Charlotte. ſteht,“ fragte er.„Sie ſehen wohl ein, daß es mich ſehr intereſſiren muß, zumal, da Sie in Folge der Be⸗ Paul ſprach nicht blos vom Herzen, ſondern jetzt auch von dem Wunſch geleitet, ſte näher mit ſich zu ver⸗ binden, um auszuforſchen, was ſie von ſeinen Eltern und andern Dingen wiſſen mochte. „Worin mein Unglück beſteht? Ach, mein Herr, ich muß vor Ihnen erröthen, denn ich ſchäme mich, es Ihnen zu ſagen. Sie verlangt, daß... daß... daß.) Charlotte überließ ſich den Eingebungen des Aug. blicks und dem Gange des Geſprächs, um auf die Mo⸗ tive hin, die Gourville ihr angegeben hatte, ihre Ge⸗ ſchichte auszuſpinnen. Was ſie dabei nicht vergaß, waren die Reſultate, auf welche ſie durchaus kommen wollte. Ihre Blicke und Geberden ſagten mehr als ihre orte. „Ich glaube Sie zu verſtehen,“ verſetzte Paul.„Sie verlangt vielleicht, Sie ſollen... ſich verheirathen.. iſt's nicht ſo?“ „Sie haben Recht, mein Herr. In meinem Kopfe geht es um und um. Ich habe ſo viel gelitten... ſo viel..“ „Vertrauen Sie mir an, was Sie gegen den Wunſch Ihrer Mutter einzuwenden haben... ſteht es in meiner Macht, Ihnen zu helfen, ſo verlaſſen Sie ſich darauf, daß ich mich nicht entziehen werde.“ „Sie verſprechen es... ach, wie glücklich bin ichl“ d „Mein Gott, wie unglücklich bin ich!“ flüſterte — 5 127 „So ſagen Sie mir Ihre Einwendungen.“ „Um aufrichtig zu ſein, kann ich nicht läugnen, daß die in Frage ſtehende Perſon ein ehrlicher, anſtändiger und redlicher Mann iſt, vermöglich und gebildet, über⸗ dies von guter Herkunft...“ „Nun?““. „Er hat auch eine gute Erziehung genoſſen, hat viele Reiſen gemacht und beſitzt gute Lebensart; er iſt in Frankreich, ich glaube in Paris, geboren. Aber Sie kennen ihn nicht und es hilft alſo nichts, von ihm zu ſprechen.“ „Wie heißt er?“ „Gourville.“ „Gourville? Ach, ich kenne ihn.“ „Thun Sie das?... ach, welch ein Glück!... Sie wiſſen nicht, daß mein Schickſal in ſeinen und Ihren Händen liegt.“ „In den meinigen?“ „Meine Mutter betete Ihre Eltern an. Sie hat ſo viel von ihnen geſprochen. Als ſie Sie ſah!...“ „Sie hat mich geſehen... wo? wenn?“ „Auf der Straße vor einigen Tagen; da ſagte ſie, wenn ſie mit Ihnen zuſammentreffen könnte, ſo wüßte ſie Niemand, auf deſſen Worte ſie ſo gerne hören würde, wie auf die Ihrigen.“ „Auch ich möchte ſie ſehr gerne treffen.“ „Ach, mein Herr, kommen Sie heute Abend zu ihr ... heute Abend...“ Charlotte beugte ſich vor, und ihre ſchwarzen, flam⸗ menden Augen beſtürmten Paul mit einem Feuer, das ſie unwiderſtehlich machte.“ „Und Gourville will Sie heirathen?“ Charlotte nahm eine beinah beleidigende Miene an. „Aber ich will nicht, mein Herr. Ich liebe ihn nicht... ich... ich 8 „Unterbrechen Sie ſich nicht.“ A 128 „Aber wenn Sie mich nicht retten, wie unglücklich werde ich nicht werden!“ flüſterte ſie von Neuem. Charlotte hatte bemerkt, daß die Redensart: ich bin unglücklich, bei Paul immer verfing, und auch jetzt machte ſie den berechneten Eindruck. 3 Er ergriff ihre Hand und drückte ſie ſachte. Char⸗ lotte vergaß ſich nicht. Ihre Hand wurde von einem leichten Zittern geſchüttelt, auf welches ein heftiger, gleich⸗ ſam unwillkührlicher Druck folgte... und der Druck, der mit der Anmuth eines ſchüchternen Mädchens ausge⸗ führt wurde, eilte wie ein elektriſcher Funke durch Pauls Glieder. Auch er beugte ſich gegen ſie vor. „Sie lieben alſo einen Andern?“ Er fühlte in dieſem Augenblick ſo innig, was es heißen wollte, diejenige Perſon nicht zu bekennen, die man liebt. „Ich wäre ſonſt nicht ſo ſehr zu beklagen,“ antwor⸗ tete ſie, und ein Seufzer hob ihren ſchwellenden Buſen. „Wen lieben Sie? Vertrauen Sie ſich mir an.“ „Die Liebe iſt ſchen,“ verſetzte ſie mit geſenkten⸗ Haupte. Jedes Weib hat, wenn es ihre Liebe und Schönheit betrifft, ein natürliches Talent, zu kokettiren. Selbſt die Ungebildetſte iſt darin eine ebenſo gute Schauſpielerin wie die Gebildetſte. Für die Kokette bedarf es nichts anderes als Erfahrung und einen gewiſſen Verſtand, um aus denſelben Nutzen zu ziehen. „Sprechen Sie aufrichtig.“ „Unmöglich, mein Herr; nein, nein, es iſt unmöglich. Ich müßte mir die Augen aus dem Kopfe ſchämen. Bit⸗ ten Sie mich nicht darum. Ich geſtehe recht gern, daß ich, indem ich mich auf dieſe Art in Ihre Hände gewor⸗ fen, bereits die Grenzen der gewöhnlichen Convenienz überſchritten habe; aber ich bin überzeugt, daß Sie, weanm 4* =n 2 129 Sie mit meiner Mutter ſprechen wollten... und da fällt mir etwas ein, wenn Sie ſich gefälligſt an...“ Sie unterbrach ſich hier, beinah verlegen über ihre Kühnheit. Innerhalb des ſchwarzen Rahmens der Locken glitt, belebt von einem unerklärlichen Glanz, ein einnehmendes Lächeln über ihr Geſicht. Es war ſprechend, es war verführeriſch. Einem ſchönen Mädchen gelingt es immer, Eindruck auf einen jungen Mann zu machen, wenn ſie ihn nur machen will. „Wenn Sie ſich an Gourville wenden wollten,“ fügte Charlotte hinzu,„Sie ſagten ja, daß Sie ihn kennen?“ „Ich ſagte es.“ „Wenn Sie ſich an ihn wenden und ihm Vorſtel⸗ lungen machen wollten.“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ Paul blickte jetzt in ihre Augen und ein unwillkühr⸗ licher Seufzer hob ſeine Bruſt. „Ach, aber es muß bald geſchehen, mein Herr; denn auf heute Abend hat meine Mutter eine beſtimmte Ant⸗ wort verſprochen.“ Der mitunter hervorblitzende wilde Ausdruck in Charlottens Miene entging Paul nicht, aber er ſah darin nur einen Beweis des Verdruſſes, den ihre gegenwärtige Lage ihr einflößte. Ihre friſche, verführeriſche Schönheit beſaß übrigens einen Vertheidiger in ſeinem Herzen. „Ich habe,“ fuhr Charlotte fort,„meine Mutter auf den Knieen gebeten, mit ihrer letzten Antwort zu zö⸗ gern. Sie hat dieſelbe auch ſchon manchmal hinausge⸗ ſchoben, dieſe Gerechtigkeit muß ich ihr widerfahren laſſen; aber heute Abend um zehn Uhr wird mein Ur⸗ theil geſprochen werden.“ Das Gewiſſen. III. 9 13⁰ Paul richtete ſich auf. „Heute Abend um zehn Uhr?“ Charlotte drückte ſeine Hand von Neuem. „Es iſt ſehr ſpät, meinen Sie, nicht wahr? Ich habe meiner Mutter dies auch geſagt, aber ihr dennoch dafür gedankt, weil ich wenigſtens noch einige Stunden für mich habe. Gourville iſt auch hartnäckig, und er hat geſchworen, es ſolle keine neue Sonne mehr über meine Unſchlüſſigkeit aufgehen. Ach, mein Herr, heute Abend um zehn Uhr wird er bei uns ſein. Wie glück⸗ lich würden Sie mich nicht machen, wenn Sie mit ihm zuſammentreffen wollten! Mein ganzes Leben würde ein Dankgebet für Sie werden. Sie kommen... aber unter allen Umſtänden...“ Paul konnte ſeine Augen nicht von ihr verwenden. Das leidenſchaftliche, mimiſche Muskelſpiel in ihrem Geſicht feſſelte ihn unanfhörlich wie mit neuen Ketten. Charlotte verſtummte jedoch, während ihr Geſicht ſich verfinſterte. Paul ſah fragend aus. „Ein Gedanke erſchreckt mich in dieſem Augenblick,“ fiel Charlotte ein;„Sie ſagen doch wohl Niemand von dem, was ich Ihnen anvertraut habe?“ Ein warmer Händedruck war Paul's Antwort. „Die Ehre jedes Weibes iſt mir koſtbar,“ fügte er hinzu.„Ich wäre nicht im Stand, Ihr Geheimniß irgend Jemand zu verrathen.“ „Sie ſuchen alſo Gourville heute auf?“ „Ja, ja.“ „Heute Abend um zehn Uhr finden Sie ſich bei meiner Mutter ein?“ „Vielleicht ſchon früher. „Nein, nein, nicht früher; Sie kennen meine Mutter nicht; indeß, wenn ich daran denke.. Charlotte erinnerte ſich, daß Paul verſprochen hatte, Gourville aufzuſuchen; ſie wußte, daß eine Einladung —— 8 1 13¹1 von Letzterem eintreffen ſollte, und ſah ein, daß Paul ſie gewiß annehmen würde, um ihn zu treffen. Sie kannte Gourville gut genug, und wußte wohl, daß er Paul bis zur feſtgeſetzten Stunde aufhalten würde; im Uebrigen hatte es auch nichts zu bedeuten, ob er eine Viertelſtunde zu ſpät oder zu früh kam. „Sie überlegen,“ bemerkte Paul. „Sie ſagten, daß Sie vielleicht ein wenig früher kommen könnten.“ „Wenn Sie es erlauben.“ „Wenn ich meiner Mutter Intereſſe für Ihre Eltern und Sie bedenke, Herr Kellner, ſo glaube ich, daß Sie willkommen ſein werden; und was mich betrifft...“ Ein Seufzer hob ihre Bruſt. Sie war in dieſem Augenblicke unwiderſtehlich. Paul beugte ſich näher zu ihr herab. Ihr Athem fächelte ihn. Ein Gefühl, unter deſſen Einfluß er beinahe zu er⸗ liegen ſchien, bemächtigte ſich ſeiner. Etwas Aehnliches hatte er noch nie erfahren. Charlotte fuhr plötzlich auf. „Beinahe hätte ich etwas vergeſſen,“ ſagte ſie. „Was wollen Sie ſagen? Sie erſchrecken mich.“ „Eine große Gefahr bedroht Sie.“ „Mich“ „Sie haben in Ihrem Dienſt zwei Menſchen, einen gewiſſen Brauner und einen gewiſſen Jack.“ „Ganz richtig; aber was wollen Sie von ihnen ſagen?“ „Sie conſpiriren gegen Sie.“ Paul erinnerte ſich flüchtig, daß auch Jaquette ihn vor Brauner gewarnt hatte. „Glauben Sie mir,“ fuhr Charlotte fort.„Wiſſen Sie, was dieſe Menſchen früher geweſen ſind? Aber Sie können es nicht wiſſen. Brauner iſt ein alter Schuft. Sein Hauptaufenthalt in den letzten Jahren war ein ganz 2 13² verrufenes Neſt, das Café London, wo er nur mit Dieben und Ränubern umgegangen iſt. Jack war Soldat, beging einen ſchweren Subordinationsfehler, wurde entlaſſen und auf die Feſtung Karlsburg geſchickt, um ſeine noch übrige Kapitulationszeit abzuverdienen. Auf der Feſtung wurde er in all die tauſenderlei heimlichen Schliche der Diebe eingeweiht. Später erhielt er einen Dienſt bei dem Groß⸗ händler Kellner und einen Auftrag, den Sie wohl kennen, da er gegen Sie ſelbſt gerichtet war. Sie ſehen mich verwundert an, ſcheinen überraſcht darüber, daß ich alles das weiß. Die Sache iſt ganz einfach... aber ich will Ihnen das ein andermal erzählen. Meine Mutter iſt ein bischen allwiſſend, darin liegt eigentlich das Geheimniß. Aber Sie glauben mir vielleicht nicht?“ Charlotte vergaß keine von den Mittheilungen, die ſie von Gourville erhalten hatte, ſondern benützte dieſelben allmählig, eine um die andere. Paul konnte ſich kaum von der Verwirrung erholen, worein ſie ihn verſetzte. Während ſie ſprach, war ſie aufgeſtanden. Ihre Bewegungen beſaßen eine ſolche Lebendigkeit, daß man nothwendig glauben mußte, die Worte kämen direkt vom erzen. 3 H zaSi. glauben mir vielleicht nicht,“ wiederholte ſie für ſich ſelbſt.„So rufen Sie dieſe Leute herein— fragen Sie ſie— ſie werden nicht läugnen können, was ich ſage... rufen Sie ſie herein... ich bitte Sie darum...“ Paul klingelte. „Man darf mich nicht ſehen,“ ſagte Charlotte. „Erlauben Sie mir, hier herein zu gehen, während Sie mit ihnen ſprechen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, begab ſich Charlotte in das Seitenzimmer und ſchloß die Thüre hinter ſich. Es war daſſelbe Zimmer, wo das Käſtchen ſtand. . 2 1³³ Beim Getöne der Klingel trat Brauner ein. Paul ging auf ihn zu.— „Iſt Jack zu Hauſe?“ fragte er. &n“ „Ja. Paul wollte ſagen, daß auch er heraufkommen ſolle, aber er änderte ſeine Abſicht. Er dachte, daß er für den Anfang mit Brauner genug habe. „Kennſt Du das Café London?“ fragte er. Brauner ſchien verwundert. „Antworte mir, Brauner, kennſt Du es?“ „Ach ja, ich kenne es.“ „Du haſt Dich oft dort aufgehalten 24 „In den letzten Jahren ſehr oft.“ „Es iſt ein verdächtiger Ort?“ „Gott weiß es, ſehr verdächtig.“ Der Alte ſah verwirrt aus. Die Augen auf den Boden geſenkt, ſchien er Paul's forſchendem Blick aus⸗ weichen zu wollen. „Was ſagſt Du, Brauner? Findeſt Du es un⸗ möglich, daß ſich ein Verdacht auch an Dich feſthängen könnte?“ Obſchon Paul ſich ganz mild ausdrückte, ſo machte ſeine Frage nichts deſtoweniger einen tiefen Eindruck. Eine Thräne ſickerte langſam über die erblaßte Wange des Alten hinab. „Mein Gott, mein Gott!“ ſeufzte er. Paul wurde gerührt von dem tiefen Gefühl, das in dieſem Ausruf lag. „Ich bin kein harter Richter,“ fügte Paul hinzu; „wenn Dn etwas Böſes mit mir vor haſt, ſo gebe ich Dir viele Gelegenheiten dazu. Du biſt ein alter Mann und wirſt bald vor Gott Nechenſchaft ertheilen für Deine Handlungen. Bedenke das. Ich will Dich auf die Probe ſtellen. Biſt Du unſchuldig, ſo komm in meine Arme.“ 134 Paul breitete ſie gegen Brauner aus. Einen Augen⸗ blick ſchwankte der Greis, dann aber ſtürzte er an Paul's Bruſt.. Eine Fluth von Thränen kam aus den Augen des Greiſes. „Bei Gott, ich bin unſchuldig,“ flüſterte er. „Gut,“ ſagte Paul,„halte Deine Augen auf Jack, ich werde ſpäter mit ihm reden. Verlaß mich jetzt.“ Tief erſchüttert ging Brauner aus dem Zimmer. Während des letzten Theils der Unterredung zwiſchen Paul und Charlotte hatten Jaquette und Areline ihre Blicke auf ſie gerichtet, und wenn es uns erlaubt wäre, ein bischen aus der Schule zu ſchwatzen, ſo könnten wir verſichern, daß es Jaquetten nicht immer gelang, ihre innerſten Gefühle unter der Maske der Freude und des Scherzes zu verdecken, die ſie vor ihrer Freundin annahm. Areline war nicht ohne Urtheil, aber ſie drückte nur ſanſt ihrer Freundin die Hand, und beide Mädchen lächelten einander wieder entgegen. Als Brauner Paul verlaſſen hatte, kam Charlotte wieder heraus. Der Auftritt mit dem Alten hatte Paul’s Herz noch offener und zugänglicher gemacht. Er war mit ſeinem Benehmen zufrieden. Ueberdieß hatte er gefunden, daß in 13⁵ Charlotte ihn nicht getäuſcht, ſondern die Wahrheit ge⸗ ſprochen hatte, und in Folge deſſen war ſein Vertrauen zu ihr wo möglich noch unbegrenzter als vorher. „Ich werde,“ dachte er bei ſich ſelbſt,„dieſe Un⸗ glückliche von der Ehe retten, die ſie ſo ſehr erſchreckt, und zu gleicher Zeit werde ich mir auch das Vertrauen ihrer Mutter erwerben, um die Auſſchlüſſe zu erhalten, die ſie mir über meine Geburt geben kann.“ „Sie liebt einen Andern,“ dachte er weiter,„und ſie iſt arm. Hier kann leicht Rath geſchafft werden. Aber wer iſt es, den ſie liebt?“ Dieſe Frage ſteckte ihm im Kopf, und gleichwohl fühlte er ſich von der lieblichen Empfindung beſeelt, die jeder Menſch hat, wenn er den aufrichtigen Wunſch hegt, einen andern glücklich zu machen. Er war jung und friſch, und das Blut lief ſo leicht in ſeinen Adern. Die Gedanken in ſeiner Seele, die ſonſt immer be⸗ ſtimmt waren und die Gegenſtände genau feſthielten, hatten ſich unter Charlottens magnetiſchem Einfluß in luftige Nebelbilder aufgelöst. Die Erfahrung war noch nicht groß genng, um ſeinen Verſtand ſtützen zu können. Der Verſtand ſchwankte wie ein vom Rebenſaft trunkener Bachus zwiſchen den Inſpirationen, die von Charlottens glühenden Blicken und nicht minder glühendem Liebreiz hervorgelockt wurden. Sie hatte ſeine Hand gedrückt⸗ das war ein Feuerfunke mitten in ſeine Blutmaſſe ge⸗ worfen; er hatte in ihre Augen geblickt, und er hatte den Himmel geſehen, aber nicht all die Abgründe, wovon dieſer Himmel umgeben war. In der Wirklichkeit begriff Panl ſich ſelbſt nicht. Paul und Charlotte ſaßen wieder beim Fenſter. „Sie haben Recht gehabt. Brauner hat eingeſtanden, daß er mit Miſſethätern Umgang hatte.“ Seine Bruſt hob ſich. Der Rauſch, der ihn hinriß⸗ „ 136 hatte ſeine drückende Seite. Charlottens feuriger Blick unterhielt nichts deſtoweniger den Rauſch. „Sie ſagten, daß Sie Jemand lieben.“ „Habe ich wirklich das geſagt? Iſt es möglich, daß ich ſo unvorſichtig geweſen bin?“ „Sie haben kein Vertrauen zu mir, und gleich⸗ wohl... Es lag ein ſolcher Vorwurf in dieſen letzten Worten, daß er nicht mehr ausgeſprochen zu werden brauchte, um verſtanden zu werden. Er ergriff ihre Hand und drückte ſie zu gleicher Zeit, ohne es ſelbſt zu wiſſen. „Wer hat Ihnen wohl ein unbegrenzteres Vertrauen geſchenkt, als ich? ich erröthe noch, wenn ich recht bedenke, was ich Ihnen anvertraut habe.“ Und ſie erröthete wirklich. „Verbergen Sie mir auch nicht,“ flüſterte Paul, „wen Sie lieben.“ „Wen ich liebe? Ich liebe ja... Niemand... Niemand...“ 1 Der Ausdruck in ihrem Geſicht widerſprach ihren Worten. Die Ungewißheit in Betreff des Mannes, den ſie liebte, war immer eine Feſſel für ſeine Eitelkeit. Paul's Augen glänzten von bangem Zweifel und von Hoffnung. Charlotte machte inzwiſchen ihre Hand von ihm los, und die ſeinige ſank auf ihr Knie. Sie ſchob dieſelbe nicht hinweg. War es Liebe, was ſie bei ihm erweckt hatte? Es iſt nicht wahrſcheinlich. Eher war es Sinnlichkeit; aber was es auch ſein mochte, es war ihm wunderlich zu Muthe. 3 Er fuhr mit der Hand über die Stirne. Seine Pulſe ſchlugen heftig. Das Blut brannte in einen Adern. Charlottens Au en elektriſirten ihn mit g einem flammenden Feuer. — e- 137 „Sie kommen heute Abend?“ flüſterte ſte. „Ich komme.“ „Meine Mutter wird Sie mit offenen Armen em⸗ pfangen.4 „Und Sie?“ „Ach, mein Gott, ich... ich... ich werde Sie fliehen... Sie ſind gefährlich für meine Ruhe... nur in der Flucht gibt es Rettung.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre, und Charlotte, die ſtets aufmerkſam war, ließ den Schleier vor ihr Geſicht fallen. Brauner trat ein. Heftig und unwillig richtete ſich Paul auf. „Was willſt Du?“ fragte er den Alten,„was willſt Du?“ „Hier iſt ein Brief vom General.“ „Ein Brief... laß ſehen... ein Brief?“ Er erinnerte ſich jetzt auf einnal an das, was er ſo lange vergeſſen hatte. Haſtig ergriff er den Brief, und fand darin blos das einzige Wort;: Komm! Er erkannte jedoch, wer dieſes einzige, aber bedeut⸗ ſame Wörtchen geſchrieben hatte, und auf einmal ver⸗ ſchwanden die bezaubernden Wahnbilder, die ſich während des Geſprächs mit Charlotte um ſeine Seele gelagert hatten. Wie ein klarer Stern leuchtete das vereinzelte, aber ſo inhaltsreiche Wort zwiſchen den Nebeln hervor, und warf ſeinen Schein in die Tiefe ſeines Herzens hinab. Er betrachtete Charlotte... wie verändert erſchien ſie ihm nicht jetzt! „Ich muß Sie verlaſſen,“ ſagte er.„Was ich Ihnen verſprochen habe, werde ich getreulich erfüllen. Leben Sie wohl!“ Paul erſchrak vor Charlotte, aber noch mehr vor ſich ſelbſt. 138 8 Sie ſuchte ihn aufzuhalten, aber nichts half. Die Illuſionen, die ihn bisher gefeſſelt hatten, waren verſchwunden.* Jetzt hörte er nur eine Stimme, nur ein einziges Wort, und dieſes Wort hieß: Komm! Ohne auf Charlotte zu achten, begab er ſich in's Seitenzimmer, drehte den Schlüſſel des Käſtchens um, und ſteckte ihn in ſeine Taſche. „Nimm das Käſtchen, Brauner,“ bat Paul den Alten, „und folge mir. Ich habe mich zu lange, gar zu lange aufgehalten.“ Als ſie ſah, wie unmöglich es ihr war, noch länger auf ihn einzuwirken, verließ Charlotte das Hoôtel, froh über die Verſprechungen, die ſie bereits erhalten hatte. Paul bemerkte nichts. Er wurde wie von einem böſen Gewiſſen gejagt. „Komm!“ rief dieſes Gewiſſen,„komm!“ „Ich komme,“ antwortete er,„ich komme!“ Sechstes Kapitel. Eine Zeitſchildernng. Nückblicke. Alle vom General Roſenpalm berufenen Perſonen hatten ſich eingefunden. Nur Paul blieb noch aus. Wer die Gerufenen waren, weiß der Leſer bereits aus dem Vorhergehenden. Während wir Paul's Ankunft erwarten, wollen wir 4 5. die Gelegenheit benützen, um eine kurze Schilderung des Lebens und der Sitten am Schluß des letztvergangenen, ——— * 139 und am Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts zu geben, Dinge, die zu kennen, für uns wichtig iſt, da man darin den Urſprung der Prinzipien und Anſichten ſuchen muß, in welchen die älteren Männer, die wir hier aufgeführt haben, und deren Handlungsweiſe den eigentlichen Aus⸗ gangspunkt dieſer Arbeit bildet, auferzogen waren. Jedermann kennt den Materialismus, der das acht⸗ zehnte Jahrhundert auszeichnete, deſſen Heroen, mit Voltaire an der Spitze, ein zweiter Enceladus, in ihrer Encyklopädie den Oſſa auf den Pelion und den Olymp auf den Oſſa thürmten, um den Himmel zu beſtürmen, und Jupiter, den Vater der Götter, herabzuſtürzen. Man legt der franzöſiſchen Revolution zur Laſt, daß ſie Gott entthront habe, um nur die Vernunft anzubeten; allein Gott war ſchon lange vorher durch die ausgezeich⸗ neteſten Denker des Jahrhunderts entthront. In Zadig, Candide, um nicht noch mehr Arbeiten zu nennen, ver⸗ höhnte Voltaire alle höhere Ordnung und die Ideen einer ewigen Vorſehung. D'Alambert ſuchte in ſeiner Apologie des Abbé Pradt, wie auch in ſeiner Correſpondenz mit Voltaire und in mehreren ſeiner Romane, ſyſtematiſch das Chriſten⸗ thum auszurotten. Diderot predigte eben ſo keck, wo nicht kecker, den, Atheismus. Buffon nicht minder. Man ſuchte das Wiſſen ohne Gott und eroberte dem Volke das herrliche Recht der Diskuſſion, während man alle höhere Offenbarung und allen Glauben dem Hohn⸗ gelächter des Unverſtandes preisgab. Die mit blitzendem Geiſt ausgearbeiteten, in bered⸗ ter Sprache vorgetragenen, von poetiſcher Inſpiration beſeelten und von glänzendem Witz funkelnden Ideen machten ihre Runde um die Welt. Aber obſchon Deutſchland ſeinen Friedrich und ſei⸗ nen Lamettrin hatte, von welchem letztern geſagt worden iſt, daß er mit der Unverſchämtheit eines Narren dte Grundſätze des Laſters predige, was indeß Friedrich nicht „ 140 verhinderte, ihm eine Lobrede zu halten, ſo ſcheint nichts deſtoweniger Luthers Geiſt lange rettend über dieſem Lande geſchwebt zu haben. Die Franzoſen des Nordens, die Schweden, empfin⸗ gen den Eindruck der neuen Lehre leichter, und die Ency⸗ clopädiſten erhielten bald auch hier mehr als einen Apoſtel. In der That könnte man Guſtav III. als den Vol⸗ taire Schwedens betrachten, und unter den geiſtreichen Männern, die ihn umgaben, fanden ſich, wenn auch nur in Miniatur, Abbilder der Encyelopädiſten Frankreichs. Viele unſerer berühmten Schriftſteller am Schluß des vorigen und Anfang dieſes Jahrhunderts haben Ab⸗ handlungen hinterlaſſen, die in idre gedruckte Werke nicht aufgenommen werden konnten, weil ſie nicht blos ihrem Inhalte, ſondern auch ihrem Titel nach höchſt anſtößig waren. Noch dürfte man ſich auch beſonders in Upſala ver⸗ ſchiedener Anekdoten aus dem Jugendleben dieſer hernach ſo berühmt gewordenen Männer erinnern, Anekdoten, welche den moraliſchen Standpunkt, auf dem nicht blos ſie ſelbſt, ſondern die Zeit im Allgemeinen geſtanden, genau charakteriſiren. Wir wollen unter vielen andern folgende hervorheben. Einige dieſer nachmals zu ſo großer Berühmtheit gelangten Männer kamen überein, ein Auferſtehungsfeſt von den Todten zu feiern. Das Feſt wurde folgendermaßen veranſtaltet. Die Eingeweihten verſammelten ſich Abends in einem nüitthshaus, wo man ſich ein Paar Zimmer verſchafft atte. Im innerſten Zimmer wurde auf einem Katafolk ein Sarg aufgeſtellt, in welchen einer der Freunde ſich als Leiche gelegt. Die Thüre öffnete ſich und die Prozeſſion begann. Einer trug eine Punſchbowle, ein anderer einen Punſchlöffel. ——— u.— 9 „ 3 2 . 141 Als die Prozeſſion bei der Leiche ſtehen blieb, be⸗ gann eine Beſchwoͤrung; allein die Leiche blieb unbeweg⸗ lich. Die Beſchwörung wurde fortgeſetzt, aber wiederum, ohne daß von Seiten des Todten eine Veränderung vor⸗ ging. Da führte der Beſchwörer, während er immer mehr Leben und Wärme in ſeinen Vortrag legte, den Punſchlöffel an den Mund der Leiche und nun begann die Leiche, ſich den Mund zu lecken, der Mund öffnete ſich, und als der Todte immer mehr von dem Leben ſpendenden Tranke erhielt, öffnete er ſeine Augen und ſtand auf dieſe Art von den Todten auf. Dieſe Aneldote iſt nicht die einzige aus der genann⸗ ten Zeit. Die Degeneration eines Volkes beginnt bei den Philoſophen und endigt bei der großen Menge. Guſtav III. Hof empfing den Voltairianismus mit demſelben leichtſinnigen Intereſſe wie ein Modejournal und richtete ſich leicht darnach, und wenn er in ſpäterer Zeit nicht mit dem gleichen weltlichen Gaukelſpiel voran⸗ ſchritt, ſo kam dies daher, daß der Hof unter der vor⸗ mundſchaftlichen Regierung und ſpäter unter Guſtav Adolph IV. ſich einer anderen Thorheit hingab, nämlich dem Myſticismus und der Ordensnarrheit. Die Männer, die jetzt mit ergrauten Schädeln auf der letzten Treppenſtufe des Lebens ſtehen, ſind in Wirk⸗ lichkeit entweder ſelbſt aus dieſer Schule, die wir hier gezeichnet haben, hervorgegangen, oder doch die nächſten Nachkommen der Zöglinge derſelben. Unſere Abſicht iſt nicht, eine jetzt vergangene Zeit anzuklagen, und eben ſo wenig eine Apotheoſe der gegen⸗ wärtigen zu ſchreiben. So wenig die Periode des Ency⸗ clopädismus ſich von den Laſtern freiſprechen kann, die von dem Unglauben in allen höheren Fragen und von der Selbſtgefälligkeit in allen niedrigeren erzeugt worden, eben ſo ſicher iſt es auch, daß er es war, der den Völ⸗ kern das Recht des Verſtandes und der öffentlichen Dis⸗ „ 142 kuſſion zurückgab, aus welchem unläugbar die Revolution endlich entſprang. Der Philoſophie blindes Gedankenſpiel mit Himmel und Erde blieb bei den Philoſophen nicht ſtehen, ſondern das einzige eigentlich Göttliche darin, oder das Recht des Gedankens, zu forſchen und zu con⸗ trolliren, ſchritt, einmal geweckt, immer weiter fort, um ſeinen Rundgang unter den Völkern zu vollenden. Man⸗ cher von denen, die bei der Taufe der neuen Zeit zu Gevatter geſtanden, zog ſich jetzt auch zurück, erſchrocken vor den Reſultaten ſeines eigenen Werks, das man nicht mehr in ſeinen Händen hatte. 3 Die Geſchichte hat inzwiſchen, vielleicht mit Aus⸗ nahme des Zeitpunktes von Roms Fall, nicht eine einzige Periode, wo die Demoraliſ ter ausfüllte, wie in der in Frage ſtehenden Zeit. In der Politik Faktionen und Corruption— am Hof Intriguen und Scandale— in der Kirche Jeſuitis⸗ mus und Bigotterie— in der ſchönen Literatur leere Form— in der Beamtenwelt Glücksjägerei und Un⸗ wiſſenheit— im allgemeinen Leben Wolluſt und Indolenz — dies war der Gottesdienſt jener Periode, und der Egoismus war der Gott, der ſich mächtig und allein an⸗ gebetet auf allen Altären erhob. Es war ein neues Heidenthum, das Heidenthum der Philoſophie. Unter den äußeren Lebensformen, welche fein und berechnet waren, wohnte eine Pſyche, die den Glanz ihrer Schwingen verloren hatte, und ein Herz, worin das Prometheusfeuer erloſchen war. Der Verſuch, ſich auf dem Weg der Wiſſenſchaft von der Vorſehung unabhängig zu machen, und in den ⸗ ſeigenen Geſetzen der Natur Gott zu erforſchen, war bei den geiſtreichſten Männern der Zeit Philoſophie und Wiſſen⸗ ſchaft geweſen und geblieben; aber bei der jungen Brut von Thoren, die in ihren Fußſtapfen folgten, verwandelte 4 ſich die Forſchung in Myſticismus und Ordensmanie, wobei man mit allerlei cobatiſtiſchen Narrheiten ſein Ziel auf dem nächſten Weg zu erreichen glaubte.- 143 Das Phänomen war eine andere Seite derſelben Sache. Die erſte Seite war bei all ihrer Unwahrheit doch geiſtreich; die andere, eben ſo wie die erſte, ohne wahren und lebendigen Glauben, war dabei noch das Erzeugniß des ſchwachen Verſtandes, des beſchränkten Witzes, der verwirrten Einbildungskraft. Es iſt daher auch im höchſten Grade intereſſant, die Einwirkung der Ideen auf das allgemeine Leben näher zu beobachten. Wir wollen nicht davon ſprechen, wie die beſtehenden Verhältniſſe in der politiſchen, kirchlichen und literariſchen Welt endlich zu Anfang dieſes Jahrhunderts durch eine neue, von Deutſchland ausgegangene Philoſophie bedroht wurden, die bei uns ihre Apoſtel in einer jüngeren Ge⸗ neration hatte; aber die Folgen davon waren jedenfalls nichts Geringeres als eine neue Dynaſtie auf unſerm Thron, eine neue Staatsverfaſſung, neue Lehrbücher in der Kirche und ein neuer Geiſt in der Literatur. Im allgemeinen Leben, wo die Reform nicht ſo ſchnell voranging, war das hervorſtehendſte Phänomen die Maſſe von kleineren Orden, die gleich ungeſunden Schwämmen überall bei uns hervorwuchſen, natürlich hauptſächlich in der Hauptſtadt, und von denen ſich noch heut zu Tage einige vorfinden. Wer hat nicht von dem Coldinuorden und den Zim⸗ merleuten gehört, die in ihren höchſten Graden mit den Freimaurern verſchmolzen? Wer erinnert ſich nicht der Auguſtbrüder, des Neptunsordens und der Schweden? Wer kennt nicht den noch heut zu Tag blühenden Par Bricoll, der ſo viele vorhergehende, nunmehr aufgelöſte, dem Vergnügen geweihte Vereine in ſich verſchmolzen hat? Weniger bekannt dürfte den meiſten unſerer Leſer der ſchon vor vielen Jahren aufgelöſte Bund„Nutzen und Vergnügen“ ſein, eine Geſellſchaft, die als Mittel⸗ punkt der vornehmen Welt hauptſächlich zu der Zeit florirte, wo die gegenwärtige Excellenz Graf G.— Lö⸗ 144 wenhelm ihr Großmeiſter war. Auch die Geſellſchaft „Nutzen und Einigkeit“, deren Einigkeit ziemlich zweideutig war, und deren Lokal in der Brauerſtraße wie durch eine Nemeſis ſich endlich in ein Marionetten⸗ theater verwandelte, dürfte man vergeſſen haben. Es wird wohl Wenige geben, die ſich der Geſellſchaft„Ver⸗ gnügen und Freu ndſchaft“ erinnern, die mit den zwei vorhergehenden zu gleicher Zeit beſtand. Eben ſo dürfte der Mareiſſanerorden ſo ziemlich vergeſſen ſein, der von ganz bürgerlicher Beſchaffenheit war, weil er jeden Adeligen ausſchloß, und deſſen Auflöſung zu der Zeit begann, wo man, vermuthlich auf den Wunſch junger Damen, adelige Offiziere zuließ. Dieſer Orden blühte inzwiſchen hauptſächlich in den Jahren 1810— 12, wo eine Frau Gödick, eine eben ſo achtungswerthe als lie⸗ benswürdige Dame, Großmeiſterin oder, wie ſie haupt⸗ ſächlich genannt wurde, Großnarciſſe des Ordens war. Alle dieſe Orden und noch mehrere mit ihnen wur⸗ den dem Oberſtatthalter angezeigt und ſtanden unter öffentlicher Aufſicht. Wir wollen nicht ſagen, daß der Geiſt in dieſen Geſellſchaften und Orden atheiſtiſch war; weit entfernt, denn in der Wirklichkeit ſoll man nur den Zweck gehabt haben, ſich, jeder nach ſeinem Humor, zu amüſiren; aber es liegt gleichwohl in der überall und in allen Klaſſen der damaligen Zeit um ſich greifenden Ordensmanie Et⸗ was, das von einer gewiſſen Scheu vor dem öffentlichen Leben zeugte, was immer etwas zweudeutig iſt, und den Uneingeweihten gute Veranlaſſung zu der Vermuthung gibt, daß der ſehr häufig ganz abſichtsloſe, um nicht zu ſagen, unbewußte Atheismus des Alltaglebens in dieſen Verbindungen ſeine eigentlichen Verehrer hatte. Es blieb dabei nicht ſtehen. Es gab auch Orden, und zwar in größerer Zahl, als man ſich jetzt nur vorſtellen kann, von denen die Staatsbehörde nicht die mindeſte Kenntniß beſaß. 2 ft Au —— 2 ͤ.— — 145 Und während das Geheimniß dieſer letzteren Orden nur darin beſtand, daß die Mitglieder der höchſten Grade ſich auf Koſten der übrigen Grade luſtig machen wollten, tobte in ihrer Mitte ſehr oft der zügelloſeſte Leichtſinn mit einer wahnſinnigen Wildheit, die mit den Orgien der Vorzeit rivaliſirte oder ſie ſogar übertraf. Unter ſolchen Geſellſchaften können wir hier den Hoboeorden, gewöhnlich die Hoboen genannt, und die ungenannten Brüder aufführen, die aufgelöſt und endlich wieder erneuert, ſich Conjunctus betitelten, und ihr Hauptquartier in den Kellern von Södermalm hatten, wo der Garten, unter dem Titel das naſſe Parlament, dem Großmeiſter und ſeinem nächſten Nachfolger im Rang als Sommervergnügen diente. Die grüne Scheibe und die drei Riemen beſitzen ebenfalls ihre Antecedentien, die jedoch vorzugsweiſe der Geſchichte der damaligen Literatur angehören. Der Aufnahmsact in dieſem und verwandten Orden war meiſtens von der Art, daß man nicht gerne davon ſpricht. Von dem Großmeiſter und Stifter des Hoboeordens, wo auch Frauenzimmer vom zweideutigſten Charakter aufgenommen wurden, erzählt man ſich eine ſehr charak⸗ teriſtiſche Anekdote. Einige Frauenzimmer, die er kannte, waren vom Land hereingekommen und erſuchten ihn, ſie in der Stadt herumzuführen. „Unmöglich, meine Damen, unmöglich,“ antwortete er,„Ihr Ruf würde gar zu ſehr darunter leiden, wenn man Sie in meiner Geſellſchaft ſähe.“ Das Gewiſſen. III. 10 146 An einem ſchönen und klaren Winterabend des Jah⸗ res 18— begaben ſich einige Freunde unter einem leb⸗ haften Geſpräch von dem Brunkebergsmarkt nach der Jakobsgaſſe und bogen von da in die nördliche Schmied⸗ ſtraße ein. Es waren junge Männer in ihren beſten und fri⸗ ſcheſten Jahren; ſie ſahen fröhlich und munter aus. Nachdem ſie den Mittag zuſammen verbracht und dabei nichts verſäumt hatten, was das Blut in Bewegung ſetzt und den Regungen des Gemüths Lebendigkeit verleiht, beſchloſſen ſie nach dem damals in ſeinem höchſten Flor befindlichen Spielhaus des Sekretärs Ahrengren zu ziehen. 3 Unbekümmert machten ſie ſich auf den Weg. „Aber,“ rief der Eine, als ſie bereits auf der nörd⸗ lichen Schmiedſtraße waren,„zum Henker, ich habe ja gar kein Geld bei mir. Meine Kaſſe iſt leer, wie das Herz eines Schloßkanzliſten.“ Die Kameraden blieben ſtehen und betrachteten den Redner; nachdem ſie ihn dann eine Weile angeſtiert hat⸗ ten, brachen ſie in ein ſchallendes Gelächter aus. „Erzähle uns etwas Neues, lieber Bruder, erzähle uns etwas Neues,“ riefen ſie einer um den andern. „Ihr ſeht doch wohl ein, daß es ſehr einfältig von mir wäre, an einen Beſuch bei Herru Ahrengren zu denken; ſolche Beſuche macht man nie ohne Geld, das werdet ihr einſehen.“ Die Freunde lachten. „Siehſt Du denn nicht ein, ritterliche Beſtie,“ be⸗ merkte ein anderer,„daß man Herrn Ahrengren nicht beſucht, um Geld zu verlieren, ſondern um ſolches zu gewinnen?“ „Schneide jetzt nur Deinen leeren Rockſchoß auf, damit Du Taſchen bekommſt für die Capitalien, die Du nach Hauſe ſchleppen wirſt.“ „Wenn ich in der Schwebe bin, ſo gehe ich immer zu Herrn Ahrengren, um meine Angelegenheiten wieder 147 in Ordnung zu bringen, und bis jetzt iſt es mir vortrefflich gelungen.“ 2 „Das iſt alles recht gut und ſchön, aber wenn ich ſage, daß meine Kaſſe leer iſt, ſo findet ſich kein Stüber mehr darin vor, und man muß doch wohl zum erſten Einſatz etwas zu wagen haben.“ 3 „Gute Freunde ſind beſſer als Geld,“ verſetzte ein Dritter. „So laß uns ſehen, wie weit die Freundſchaft ſich erſtreckt. Heraus mit den Brieftaſchen! heraus damit!“ Die Freunde kamen ſogleich der Aufforderung nach. „Laßt uns jetzt Muſterung darüber halten. Die meinige iſt ordentlich leer.“ „Die meinige dito.“ „Dito.“ „Dito.“ „Dito.“ „Tauſend Teufel, ſeht ihr Jungen, daß dieſe Revue gleichwohl klug war, ehe wir uns in weitere Abenteuer ſtürzten? Leere Brieftaſchen werden bei Herrn Ahrengren nicht als Eintrittskarten angenommen.“ Während man die Revue anſtellte, verſtummten die Lachluſtigen. „Meine Brieſtaſche ſieht aus wie ein Ceſſionsge⸗ ſuch,“ bemerkte der eine. „ Auch die meinige iſt hoffnungslos wie die Seele eines Verdammten.“ „Die meinige dagegen iſt reich,“ rief ein anderer⸗ „Niemand kann reicher ſein als ſie.⸗ „Sie iſt ja ganz leer.“ „Aber ſie iſt reich an herrlichen Erinnerungen von prächtigen Diners und gottvollen Soupers. Ich achte meine leere Brieftaſche weit mehr als alle Schätze auf Herrn Ahrengrens Tiſch.“ „Du biſt ein Narr, was ſollen wir jetzt thun „Natürlich noch mehr zechen.“ 2 ————— nͤͤo 148 „Und dann ſpielen, das iſt klar.“ „Und uns wohl ſein laſſen, das iſt noch klarer.“ „Aber wir ſind ja ganz abgebrannt.“ „O ſag' das nicht, dieſes Wort hat einen ſchlechten Klang in meinen Ohren. Es klingt, wie wenn mir eine Bremſe durch den Kopf flöge, von einem Ohr zum anderen.“ „Wenn ich wüßte, wo irgend eine reiche Wittwe wohnte, ſo würde ich ſie ſogleich aufſuchen und um ſie freien... jedoch unter der Bedingung, daß ſie mir für heute Abend Geld zum Spielen gäbe.“ „Ein dummer Einfall, Kamerad. Man muß niemals ſeine Seligkeit aufs Spiel ſetzen. Laß uns ruhiger über die Sache nachdenken.“ „Ei was? merkt Ihr denn nicht, daß, während wir hier nachgrübeln, alles Geld in die Taſchen von Andern wandert, das ſonſt für die unſrigen gemünzt geweſen wäre? Wahrhaftig, ich ſage auch wie Du, Herr Bruder: Tauſend Teufel!“ Während des Geſprächs war einer von den Frunden ein ſtiller und ſchweigſamer Zuſchauer geblieben. Er war ein ſtattlicher junger Mann, jedoch noch ohne Feſtig⸗ keit in ſeinen Bewegungen und in ſeinem Weſen. Sein Geſicht hatte übrigens die bei den Iuden beſtändig wie⸗ derkehrende Form, welche macht, daß ſie alle zuſammen nach einem und demſelben Portrait gemodelt zu ſein ſcheinen. Als er ſah, daß die fünf Männer— er war ſelbſt der ſechſte— ſich von ihrem Kummer zu erholen ver⸗ mochten, näherte er ſich ihnen. „Darf ich auch einige Worte ſprechen?“ fragte er. „Sprich, Abraham! Im Namen Moſis bevollmächti⸗ gen wir Dich, zu ſprechen. Aber ſprich ſchnell und klug — ſonſt zwingen wir Dich, heute Abend Speck zu eſſen.“ „Ihr habt doch heute Brüderſchaft mit mir getrun⸗ 149 ken, meine Herrn,“ ſagte Abraham, als er zum Worte kam. „Allerdings, beim Teufel, Du hatteſt ja von uns allen verfallene Wechſel. Und überdieß leihteſt du uns das Geld ja zum Mittageſſen, wozu wir Dich heute ein⸗ luden.“ „Dafür habt ihr mich ja auch in eure Geſellſchaft zugelaſſen.“ „Allerdings, aber was willſt Du damit ſagen?“ „Enre Brieftaſchen ſind doch leer.“ „Tauſend Teufel! was Du für feine Augen haſt! Du haſt dies jetzt erſt bemerkt? Die leere Brieftaſche hat mich den ganzen Tag gebrannt, und wäre ich Arzt, ich würde unſterblich werden durch meine Kunſt, den Froſt zu heilen. Ich würde den Patienten verordnen, meine leere Brieftaſche auf's Herz zu legen, und ich bin über⸗ zeugt, daß ſie aus lauter Verzweiflung ſogleich in Schweiß kommen würden.“ „Still, Kamerad! Abraham hat das Wort. Sprich Dich klar und deutlich aus, damit wir Dich verſtehen.“ Die Bemerkung deutete auf Abrahams jiüdiſchen Dialelt⸗ welchen wir uns nicht zutrauen, hier wiederzu⸗ geben. „Wenn die Brieftaſche leer iſt, ſo ſeufzt ſie immer nach Neuem?“ fuhr Abraham fort. „Verſtändig geſprochen, lieber Abraham, es geht den Brieftaſchen wie den Mädchen, wenn ein Liebhaber für ſie verloren gegangen iſt, ſo ſeufzen ſie nach einem andern.“ „Ich habe ja Geld, ich, und der ich euer Saufbruder und Geſellſchafter bin...“ „Abraham hoch!“ „Abraham iſt ein edelmüthiger Mann, ein großer Mann, ein unſterblicher Mann.“ „Wir ernennen ihn zum Finanzminiſter unſerer leeren Taſchen.“ 8 1⁵5⁰0 „Zum Patron unſerer Jugendſünden und Thorheiten.“ „Zum Ritter des unerſchöpflichen goldenen Bechers, auf deſſen Grund das gegebene Prozent für unſere eigene feierliche Rechnung zu leſen ſteht.“ „Zum Marſchall des ewigen Conto Current, worun⸗ ter wohl die Mythe von dem ewigen Juden zu ver⸗ ſtehen iſt.“ „Zum Fürſten unſerer Abenteuer, dem wir Zins⸗ pflichtigkeit ſchwören, wie Schweden einſt Tunis und Marokko geſchworen.“ „Und ihr bürgt für einander, Einer für Alle und Alle für Einen?“ „Ein Hurrah für Abraham!“ „Und der Zins iſt der gewöhnliche und ihr bezahlt ganz nach den Umſtänden.“ „Ganz nach den Umſtänden. Abraham hoch!“ Abraham zog hierauf eine Brieftaſche hervor, die zwar nicht ſonderlich elegant, aber ſehr reichlich mit Banknoten verſehen war. „Wie viel?“ „Hundert für jeden. Du ſchlägſt es doch nicht ab? Das iſt das Wenigſte, was ein junger Mann in ſeiner Taſche haben kann.“ 4 „Ganz richtig... alſo hundert für jeden.. das iſt viel... aber Abraham hat ein gutes Herz und ſieht nicht auf einen Schilling, wenn er einem redlichen Freund helfen kann. Morgen früh werde ich die Ehre haben, Euch zu beſuchen, dann werde ich wohl eine kleine Verſchreibung bekommen und kann auch zugleich zu dem Gewinn gratuliren, den ihr heute Abend bei Herrn Ahrengren zu machen gedenkt.“ „Laß Dich umarmen, Abraham. Du biſt groß auf Erden— wie viel größer wirſt Du nicht im Him⸗ mel ſein!“ 4 „Kommſt Du nicht mit uns, Abraham? Das Glück 3 4 151 wird ſicher nicht von freund.“ „Ach nein, meine Herren, ich habe kein Spielglück. Ich ſpiele auch nie. Mein einziges und größtes Ver⸗ gnügen iſt, meinen Freunden zu dienen.“ Die ſechs Freunde waren keine andern als Graf Curt Strahl, Baron Krook, General Roſenpalm, damals noch Unterlieutnant, Großhändler Hermann Kellner, der ſein eignes Comptoir noch nicht geöffnet hatte, Stellan Kellner, der noch nicht wußte, was aus ihm werden ſollte, und wie der Leſer bereits weiß, der Jude Abra⸗ ham; alle waren erſt vor Kurzem volljährig geworden und waren lebensfriſche, genußſüchtige, flotte junge Burſche, deren Lebensphiloſophie eigentlich in der ein⸗ zigen Frage beſtand: wo zum Teufel ſollen wir unſere Kaſſe rekrutiren, um ſo leben zu können, wie es ſich für uns ſchickt, d. h. um uns luſtig machen zu können? Der eine wie der andere hatte ſich bereit gezeigt, auf jedes Unternehmen einzugehen, wobei anſtändige Leute ſich betheiligten, wenn ſich dabei nur Ausſichten zu einem ſchnellen Glück eröffneten. Einige von ihnen er⸗ griffen auch einige Jahre nachher mit Leidenſchaft den Vorſchlag, Guſtav Adolf IV. und ſeine ganze Dynaſtie abzuſetzen, weil ſie recht wohl einſahen, daß ſich in Folge deſſen mehr Gelegenheiten eröffnen würden, aus denen ſie, wenn ſie ihnen gut ſchienen, Nutzen ziehen könnten. Entzückt und glücklich über die Großmuth des Juden ir weichen, Du edler Menſcheu⸗ Abraham und über das Geld in ibhren Taſchen, ſetzten ſie ihre Wanderung zu dem Sekretär Ahrengren fort. Abraham hatte ſie bereits verlaſſen. 2 152 Wie die nördliche Schmiedſtraße in unſern Tagen ihre Berühmtheit von dem Katholicismus entlehnt, der dort ſeinen Tempel aufgeſchlagen hat und von da aus ſeine Fäden über Stadt und Land ſpinnt, ſo borgte ſie vormals ihren Glanz von dem Ahrengren'ſchen Spielhaus. Wir erlauben uns hier, ein biographiſches Bild von einem Manne zu entwerfen, der die charakteriſtiſchſten Erſcheinungen ſeiner Zeit in ſich zuſammen faßte und unläugbar einen ſehr großen Einfluß auf das damalige Leben ausübte. Da der Mann übrigens mit dieſer Ar⸗ beit nichts zu thun hat, ſo bitten wir alle diejenigen, die ſich nur für den Gang und die Entwicklung derſelben intereſſiren, dieſe Epiſode zu überſpringen. Der Mann heißt Anderſon Ahrengren. 1770 in Cerebro von armen Eltern geboren, kam er 1790 nach Stockholm, und es gelang ihm, als Schrei⸗ eer bei einem Lotteriecollekteur angeſtellt zu werden. Sein Ausſehen und ſeine Art, ſich zu präſentiren, war im höchſten Grad einnehmend. Seine Stirne war hoch, das Haar ſchwarz, die Naſe adlerartig, die Augen ſchwarz und blitzend. Er hatte eine entfernte Aehnlich⸗ keit mit Karl Johann XIV.; er umgab ſich auch, als er ein reicher Mann geworden war, überall in ſeinen Zim⸗ mern mit Portraits von Karl Johann, und wollte einer ſeiner Kunden ihm recht ſchmeicheln, ſo that er, als glaube er, dies ſeien Bilder von Ahrengren ſelbſt. 1792 wohnte er dem Maskenball bei, auf welchem Guſtav III. erſchoſſen wurde. Auf dieſem Ball machte er die Bekanntſchaft eines Italieners, der damals ein Spiel⸗ haus in der großen Neuſtraße beſaß, und mit dem er ſich bald darauf aſſocirte. In den folgenden Jahren hielten ſie ſich Winters in Stockholm, aber den Sommer über in Finnland, Dänemark und Deutſchland auf. Die Geſchäfte gingen gut, und im Jahr 1800 hatte der lub ein großes Vertrauen gewonnen. Der Italiener verließ Schweden, und Ahrengren übernahm das Haus —— 15³ auf eigene Rechnung und zog von der großen Nengaſſe auf den großen Kirchenhügel, ganz im Mittelpunkt der Stadt. Von dieſer Zeit an begann auch ſein Anſehen zuzunehmen und ſein Vermögen in großen Ruf zu kom⸗ men. Als reicher und unabhängiger Mann beſchloß er, ſich einen feſten Platz zu verſchaffen, um auf eine glän⸗ zende Art und nach eigenem Geſchmack, einen Palaſt für Vergnügungen und Genüſſe im Allgemeinen, ganz be⸗ ſonders aber für das Spielvergnügen einzurichten. Nachdem das Urtheil im Jerſen'ſchen Prozeß über Lexow gefällt war, kaufte er daher deſſen, in der großen Schmiedſtraße gelegenes Eigenthum, das weiter nichts. als ein hölzernes Haus war. In einem Zeitpunkt, wo die Baukunſt in Schweden beſonders danieder lag, erhob ſich hier bald, wie durch einen Zauberſtab hervorgerufen, ein noch heut zu Tag unläugbar ausgezeichnet ſchönes, in einem zierlichen und edlen Styl gehaltenes Hötel, wo, ſeit Ahrengren es zu arrangiren verſtanden, die Ge⸗ burts⸗, Geld⸗ und Beamten⸗Ariſtokratie der Hauptſtadt ſich verſammelte, um am Rouletttiſch ihr Glück in die launiſchen Hände des Zufalls zu werfen. Von dieſem Hötel und den Dingen, die darin vorgingen, ſind manche wunderbare Sachen erzählt worden; man hat ſich manche Myſterien zugeflüſtert, und es iſt unläugbar, daß die Leidenſchaften dort mehr als irgendwo anders ihre All⸗ tagsmasken abnahmen und ſich ſo zeigten, wie ſie in der nackten Wirklichkeit ſind. Auch das iſt ſicher, daß das Glück von mehr als einer Familie hier auf die letzte Karte geſetzt worden und daß mehr als ein Herz ge⸗ brochen iſt, während die bleichen Lippen ihr va banque riefen. Nicht blos Herrn Ahrengrens Gewerbe als Haupt⸗ vorſteher des größten Spielhauſes in Schweden, ſondern auch die Eigenheiten ſeines Charakters, ſowie die Ein⸗ richtung und das Ausſehen des Hauſes im Allgemeinen, boten der Neugierde und Klatſchſucht ungemein viel Stoff. Wir wollen einen flüchtigen Blick auf das Ganze werfen, um das Myſtiſche darin in ſeiner Nichtigkeit darzulegen. Das Hôtel, das am ſtillſten und ſchmalſten Theil der nördlichen Schmiedgaſſe lag und auf einer Grund⸗ lage von grauen, viereckigen Steinen ruhte, war drei Stock hoch und mit verzierten, ſehr gut gearbeiteten Leiſten verſehen. Auf dem Dache befand ſich ein Altan, der bei feierlichen Gelegenheiten mit Transparenten ge⸗ ſchmückt wurde. Die aus eichenen Flügelthüren be⸗ ſtehende Eingangspforte war immer verſchloſſen. Wenn man klingelte, kam gewöhnlich eine Frau von kräftigem, beinah männlichem Ausſehen heraus, deren graue Augen, ſcharfe Blicke, ſpitze Naſe und grobe Stimme einen un⸗ behaglichen, ſogar widerlichen Eindruck machten. Sie hieß Chriſtine und war die Thürhüterin. Sämmtliche Fenſter des Hauſes waren immer mit undurchdringlichen Jalonſien verſehen, an denen ſich ausgezeichnet gut ge⸗ malte Portraits befanden, daher man bei flüchtiger Be⸗ trachtung meinen konnte, es ſeien immer Leute dort. Abends, wenn geſpielt wurde, waren die Jalouſien mit noch undurchſichtigeren Stellvorhängen verſtärkt. Die Hausflur war in Oel gemalt und ſtellte einen Wald vor; der Boden war mit einem dicken Schiffsteppich be⸗ deckt. Links vom Thorgang befand ſich ein Zimmer, um die Mäntel und Galoſchen abzulegen, mit numerirten Fächern. Rechts hatte der Eigenthümer ſein Serail. Um in den erſten Stock hinaufzukommen, mußte man eine doppelte Flügelthüre paſſtren, über welcher ſich ein Fenſter befand, von deſſen Mitte ein allſehendes Auge herabſchaute. In den Niſchen, ſeitwärts von der Treppe, ſtanden prächtige Gypsbilder auf ihren Fußgeſtellen. Im erſten Stock wurde geſpeiſt und geſpielt. Links vom Saale war der ſogenannte Schenktiſch, wohin die Spei⸗ ſen durch Hißmaſchinen von der Küche heraufkamen; viele zogen hieraus den Schluß, daß auch die Spieltiſche durch ſolche Maſchinen heraufkämen und verſchwinden, aber dieß war nicht der Fall... Zur Rechten befanden ſich zwei große Salons mit Mahagoni und ſchwarzem Roßhaarzeug möblirt. Ganz innen war das Rauch⸗ zimmer. Der zweite Stock bildete die eigentliche Pracht⸗ wohnung, die nur bei größern Feſtlichkeiten geöffnet wurde. Der dritte Stock war ſeine eigene Junggeſellen⸗ wohnung. Im erſten Zimmer ſtand ſeitwärts von der Thüre ein großer ſchwarzer Schirm, hinter welchem ſich eine ebenfalls ſchwarz bemalte Kiſte vorfand, auf der in weißen Buchſtaben zu leſen ſtand: Beſtelle dein Haus, denn Du mußt ſterben. Wenn man den Deckel der Kiſte öfſnete, ſah man darin Ahrengrens Sarg, ſchwarz mit ſilbernen Füßen, ganz einfach. In ſeinem Schlafzimmer wurden die Bettvorhänge von weißen Tauben getragen. Rechts vom Bett ſtand Martin Luther, ein in Lebensgröße gegoſſenes Gypsbild mit einer Bibel in der Hand. Um Luthers Hals befand ſich ein Immortellenkranz, von Ahrengren ſelbſt gefloch⸗ ten. Links vom Bett ſtand das Bruſtbild Karl Johanns XIV., ebenfalls in Gyps. Auf der einen Seité des Nachttiſches befand ſich ein Kakadugeſtell mit ſeinem Vogel, und auf beſonderen Kiſſen lagen ein ſchwarzer Mops und eine halbgraue und halbrothe Katze. Auf dem Nachttiſch ſelbſt lag immer das Geſangbuch, wie auch Wallius und Choräus Verſuche in neuen geiſtlichen Liedern. Im Uebrigen war das Ameublement des Zim⸗ mers äußerſt luxuriös, theils in modernem, theils in antikem Styl. Nahe bei dem Bett und rechts davon befand ſich eine kleine Thüre, die in ſein beſonderes Ge⸗ betzimmer führte, wohin er jeden Morgen, ſobald er aufgeſtanden war, ſich begab, um ſein Gebet zu ver⸗ richten, eine Gewohnheit, die er niemals außer Acht ließ. Das Glück folgte ihm viele Jahre und ſein Ver⸗ „. 156 mögen nahm immer zu. In Helſingsborg kaufte er ein großes ſteinernes Haus, nebſt einem ungeheuren Garten. Die ſchöne Lage veranlaßte ihn, bedeutende Summen darauf zu verwenden und den Platz immer mehr zu ver⸗ ſchönern. Bei Wadſtena beſaß er ebenfalls ein Gut, genannt Zweigberg, für deſſen Verſchönerung er wie⸗ derum große Capitalien opferte. Während dieſer Zeit kamen die ausgezeichnetſten und höchſtgeſtellten Männer der Hauptſtadt zu ihm, und zwar erſchienen ſie nicht als ſcheue Spielgäſte, ſondern in Equipagen und in ihren gewöhnlichen Kleidern, gerade wie man jede andere beſſere Societät beſucht. Seine Dienſtags⸗ und Freitags⸗Soiréen waren ganz beſonders glänzend, und mancher noch lebende, obſchon gegen das Grab ſich neigende Mann, dürfte ſich mit Entzücken ihrer erinnern. Roulette und Pharao waren die gewöhnlich⸗ ſten Spiele. Ahrengren war, wie die meiſten Menſchen ſeiner Zeit, aus vielen Widerſprüchen zuſammengeſetzt. Außer Proſoliſten zu den Vergnügungen ein, die er mit lukul⸗ liſch feinem Geſchmack anzuordnen verſtand, Freuden des Serails, des Tiſches und Würfelſpiels. Aeußerſt ſchwach für die Vornehmen und ihren Umgang, hoffte er gleich⸗ wohl beſtändig, daß das Glück ihn begünſtigen möchte, um ſie am Spieltiſch plündern zu können. In hohem Grad egoiſtiſch, vergaß er die Armen niemals, ſondern unterhielt eine zahlloſe Menge, die er regelmäßig jeden Weihnachtabend ſelbſt beſuchte und reichlich mit Geſchen⸗ ken bedachte. . u— 15⁵7 Aber trotz all dem ſollte auch er die Wandelbarkeit des Glückes erfahren. Während der Reichstage von 1820— 1830 verlor er ungeheure Summen im Spiel. Im letztgenannten Jahr verkaufte er ſein prachtvolles, wohl eingerichtetes Haus an den Nodeſchneider Käding; er erhielt dafür 33,000 Reichsthaler und zog dann in die rothen Buden im Kaiſer'ſchen Hauſe, eine Treppe hoch. Er ſpielte wieder, aber immer mit Unglück. Er zog ſpäter auf den Jacobsmarkt, ſpielte aber mit fortwährendem Verluſt; Zweigberg war bereits verkauft. Um baar Geld zu er⸗ halten, mußte er beſtändige Auktionen veranſtalten. Seine Mobilien gingen darauf. Zu Grunde gerichtet und in Armuth verſetzt, kam er wegen einer Schuld von nicht mehr als 500 Reichsthalern in den Schuldthurm. Wieder frei geworden, ſpielte er in kleinen Clubs, erlitt aber immer neue Verluſte. Endlich ſtarb er in gänz⸗ lichem Elend am 9. November 1841. Er wurde auf dem Johanniskirchhof begraben und der Pfarrer, Dr. Peterſon, hielt ihm eine Leichenrede in Hexametern. Auf ſeinem Grab beſindet ſich kein Kreuz, kein Stein; es iſt gänzlich unbekannt. Die Einzigen, die ihn aufrichtig betrauerten, waren die Armen. Das Einzige, was ihm von ſeinem früheren Reichthum geblieben, war der Sarg. Man könnte ſagen, daß wir uns zu lang bei Herrn Ahrengren aufgehalten und ſeine perſönlichen Verhältniſſe gar zu ausführlich beſchrieben haben... das mag ſein, aber wir haben in ihm mehr als einen einzelnen Cha⸗ rakter, wir haben in ihm ein Zeitbild geſehen. Während er mit ſtrenger Bigotterie allen äußerlichen Forderungen der Religion nachkam, fürchtete er weder Gott noch Teu⸗ fel, ſo wenig als Voltaire und dieſe Zeit im Allgemei⸗ nen ſie fürchteten. Wohlthätig und gut gegen die Armen, glaubte er im Uebrigen ſündigen zu dürfen, ſoviel er nur wollte. Ueberall mit Erinnerungen an den Tod und * „ 158 die Vergänglichkeit ſich umgebend, lebte er, als ob es weder Tod noch Vergänglichkeit gäbe. Aus nichts em⸗ porgeſtiegen, ſpielte er kurze Zeit eine glänzende Rolle mit des Menſchen Wohl und Weh, wobei ihm nichts als der Fluch übrig blieb, bis er endlich ſelbſt mit bitterm Gefühl der Leere in ſeinem ganzen Leben zur Vernich⸗ tung zurückging und, gleich als hätte die Hand der Vor⸗ ſehung ihn geſtraft, nachdem er aufgehört hatte zu leben, nicht einmal ein Kreuz auf ſein Grab erhielt. Was war er anders als ein Apoſtel des Atheismus, welchen die Philoſophie an ſeiner und ſeiner Zeitgenoſſen Wiege predigte? Die jungen Männer, von denen wir geſprochen haben, ſtanden bald vor dem Spielhauſe und befanden ſich binnen Kurzem in Herrn Ahrengrens Sälen, wo das Spiel bereits in vollem Gange war. Es iſt nicht unſre Abſicht und paßt auch nicht in unſern Plan, eine erſchütternde Spielſcene zu ſchildern; wir wollen nur ganz kurz erwähnen, daß die Freunde nach einer halben oder ganzen Stunde all ihr Geld ver⸗ loren hatten. Etwas verblüfft, aber dennoch nicht entmuthigt, verließen ſie mit leichten Taſchen den Tiſch, um andere von der Hoffnung auf Gewinn gereizten Thoren Platz zu machen, denen die ungetreue Fortuna denſelben Spuck ſpielen ſollte, wie ihnen. Als ſie wieder auf die Straße kamen, ſcherzten ſie indeſſen nicht mehr ſo laut wie vorhin. „Wohin gehen wir jetzt?“ fragte einer von ihnen. „Nach Hauſe und legen uns ins Bett.“ „„Es iſt viel zu früh. Wollen wir nicht lieber zu unſerm Caſſier zurückgehen, die Taſchen füllen und bei Ahrengren noch einen Verſuch machen? Das Glück kann uns doch nicht immer ſo abhold ſein.“ „Abraham iſt um dieſe Zeit nie zu Hauſe, und es wäre vergeblich, ihn aufſuchen zu wollen.“ „Tauſend Teufel!“ „Was machen wir jetzt?“ Die Frage iſt nicht leicht beantwortet, und wie oft i*ſt ſie nicht ſchon von den Junggeſellen der Hauptſtadt aufgeworfen worden!— Wenn Schweden große Mühe zu haben ſcheint, einen Finanzminiſter zu erhalten, der die Angelegenheiten des Reiches zu ordnen, aus nichts viel zu machen und Waſ⸗ ſer in Wein zu verwandeln vermag, ſo kommt dies un⸗ läugbar daher, weil man ihn nicht unter den Jung⸗ geſellen Stockholms oder unter den Ueberzähligen der Garniſon und der Civilbeamten ſucht, die bloß von einem kleinen Wartgelde leben müſſen. Das Talent dieſer Herren, ſich überall und immer mit verſchwenderiſcher Eleganz zu präſentiren, iſt ſo augenſcheinlich, daß man, wenn man weiß, daß ſie in Wirklichkeit nichts beſitzen, ſie nothwendig als Genies höheren Rangs bewundern muß. Als einen unbeſtreitbaren Beweis von Gottes un⸗ endlicher Größe führt man gewöhnlich an, daß er die Welt aus Nichts erſchaffen habe. Unlängbar hat er je⸗ doch gefährliche Rivale in dieſen Extraordinarien von Stockholm. Laßt uns in die erſte beſte Reſtauration gehen uud die Sache ein wenig überlegen,“ meinte einer der Freunde;„es denkt ſich ſchlecht auf der Straße außen.“ „Aber Geld, Geld, Geld.“ „Ich lade euch ein. Kommt nur zu.“ „Laßt ſehen... wie viel haſt Du denn? Biſt 160 Du vielleicht klüger geweſen als wir und haſt etwas für die Bedürfniſſe des Abends erſpart?“ „Wer denkt doch ans Sparen? Nein, aber ich will mit dem Wirth ein vernünftiges Wörtchen reden. Habt jetzt nur friſchen Muth.“ „Aber, aber..“ „Habt ihr denn den höchſt wichtigen Umſtand noch gar nicht beachtet, daß man in einem Wirthshaus nie zu bezahlen braucht, bevor man gegeſſen und getrunken hat? In Folge dieſer weiſen Einrichtung kann man ja hingehen, wohin man will, und riskirt niemals, hungrig und durſtig abziehen zu müſſen.“ „Aber man kommt nicht mehr hinaus.“ „Um ſo beſſer, wenn der Wirth uns ein hübſches ett anweist und unſere Requiſitionen fortwährend ho⸗ norirt. Aber ſeht ibr, das hat keine Gefahr... er wird ſolche Gäſte ſchon wieder abziehen laſſen.“ „Jedenfalls iſt es nicht honett.“ „Bah! Ich möchte einmal den ſehen, der es wagen wollte, mir das in's Geſicht zu ſagen. Er wäre wahr⸗ haftig zu bedauern. Hat er vorher noch keine Lebensart gewußt, ſo will ich ſie ihn lehren. Tritt einer meiner Ehre zu nahe, ſo kann ich ſo wahnſinnig werden, daß man mehr als ein Gaſthofbeſitzer fein muß, um nicht zu erblaſſen. Aber von dem allem handelt es ſich nicht. Ich bin ein artiger Junge... führe mich auf comme il faut... und ſchwatze an alle Meuſchen verrücktes Zeug hin. Ich kann zwar zugeben, daß es etwas genant iſt, wenn ich bezahlen ſoll und keinen Schilling beſitze; aber ich runzle die Brauen... ich ſehe überraſcht aus... ich ſtiere mit den Augen... ich tappe mit den Händen umher... ich nehme Alles heraus, was ich in den Taſchen habe... ich ſtoße mitunter einen kurzen Fluch aus... und erkläre zuletzt zu meinem untröſtlichen Leid⸗ weſen, daß ich meine Brieſtaſche vergeſſen habe, Und habe ich dann nicht vielleicht meine Chre gerettet?“ — * ür ill 161 „Vortrefflich! Herrlich... wir folgen Dir ohue alle Furcht... kommt, kommt.“ „Im Uebrigen hat ein Wirth noch nie beſſere Ge⸗ danken gehabt, als er von uns bekommt...“ „Welche denn?“ „Garantieen, die unſtreitig den größten Reſpekt ein⸗ flößen müſſen. In uns Allen zuſammen beſitzt er nichts Geringeres, als einen Grafen, der mit der Zeit Papa und Mama zu beerben gedenkt; einen Baron, der natür⸗ lich einmal ein großes Vermögen heirathen will, einen Großhändler, dem zwar allerdings noch Comptoir und Waare, ſonſt aber gar nichts Anderes fehlt; einen Unter⸗ lieutenant, der freilich noch keinen Sold bezieht, dafür aber den herrlichſten Schnurrbart beſitzt, und endlich mich ſelbſt, der ich trotz meiner leeren Taſchen dennoch eine bewegliche Zunge beſitze, und Worte, Worte, Worte... und noch mehr Worte, wenn es nöthig iſt.“ „Kein Geſchwatze mehr; laß uns gehen!“ Sie gingen, und verbrachten einige der fröhlichſten Abendſtunden ihres Lebens zuſammen. Der Wirth zog zwar ein etwas ſchiefes Geſicht, als der Wohlthäter vergebens nach ſeiner Brieftaſche ſuchte, und endlich erklärte, er habe ſie vergeſſen; aber was war zu machen? Tags darauf, ſobald die Freunde ihren Banquier Abraham hatten beſuchen können, erhielt er den Betrag ſeiner Rechnung. An dieſem Abend wurde jedoch beim Glaſe ein Entſchluß gefaßt, den wir nicht unerwähnt laſſen dürfen Das Gewiſſen. Ul. 11 4 162 „Wir ſollten doch,“ bemerkte einer,„irgend ein Mittel auszudenken ſuchen, um unſere Angelegenheiten auf einen beſſeren Fuß zu bringen, als jetzt.“ „Du haſt vollkommen Recht, lieber Bruder. In⸗ zwiſchen will es mich bedünken, daß wir gar nicht ſo übel daran ſind.“ „Du findeſt das?“ „Allerdings! Wenn Du Geld brauchſt, ſo verbürgen ſich unſere zwei für Dich, und wenn ich welches brauche, ſo bürget ihr. Ein ſchöneres Verhältniß läßt ſich ja nicht denken.“ „Freilich, aber am Ende wird doch eine bedeutende Summe daraus werden.“ „Hat nichts zu ſagen. Der ehrliche Abraham wird uns nicht geniren, und die Zukunft liegt in weiter Ferne.“ „Schon gut; aber wißt ihr auch, ich glaube etwas ausgeſonnen zu haben, um ein herrliches Leben zu führen, ohne daß es uns das Mindeſte koſtet.“ fte auſend Teufel, Du biſt am Ende gar ein Hexen⸗ meiſter.“ „Hört mich an. Wir ſtiften einen Orden.“ „Wir ſind dabei. Nur muß es luſtig zugehen.“ „Wir können ihn in zehn bis elf Grade eintheilen, ſo viel wir wollen.“ „Aber wir ſind ja blos zu fünf, höchſtens zu ſechs mit Abraham.“ ſelben eingeweiht zu werden, ſo werden ſie, nachdem ſie ——— 163 genommen. Das Geheimniß, das ſie dann erfahren, beſteht darin, daß ſie die einzigen ſind, die ſich in be⸗ ſagtem Grad befinden. Verſteht ihr mich? auf ſolche Art treibt man es ſo lang, wie möglich, während unſere neuen Freunde, um ihrerſeits auch einmal auf Koſten Anderer leben zu können, dem Bund ſortwährend Re⸗ kruten zuführen. Was ſagt ihr zu meinem Vorſchlag?“ „Du ſollſt leben, Kamerad! ein Hoch auf den Gründer eines zukünftigen unſterblichen und weitverzweigten Bun⸗ des, der ſich zum Zweck gemacht hat, auf Koſten ſeiner Nebenmenſchen zu leben!“ „Was uns betrifft,“ fuhr der Antragſteller fort,„ſo behalten wir immer den oberſten Grad für uns allein vor, daher wir uns mit einem undurchdringlichen Dunkel umgeben müſſen... Wir dürfen nicht einmal wiſſen laſſen, daß wir die höchſten Leiter des Bundes ſind. Der Myſticismus wird uns in unſerer Stellung und in unſerem Einfluß befeſtigen. Habe ich Recht oder nicht?“ „Alle ſchenkten ihm Beifall unter ſtürmiſchen Aus⸗ drücken von Zufriedenheit. Der Orden kam bald zu Stande, und das geiſtreiche humoriſtiſche Programm, das ſchriftlich unter Freunden und Bekannten verbreitet wurde, machte Furore, ſo daß der Orden binnen Kurzem unter den Junggeſellen ſehr beliebt wurde. Die Aufnahme von Grad zu Grad... die Coſtüme... die Dekorationen... die Reden, Alles war auf Effekt und Fröhlichkeit berechnet, und zeugte von origineller Erfindſamkeit und ſprudelndem Witz. Die Ungewißheit in Betreff der Inhaber der höchſten Ordensgrade führte zu vielfachen Vermuthungen, und 164 nachle die Myſtification in mehr als einem Falle recht pikant. Biunen Jahr und Tag kam der Orden dermaßen in Schwung, daß auch Frauenzimmer Eintritt erhielten. Der Name des Ordens war:„Freundſchaft in Leid und Freud.“ Siebentes Kapitel. Die Verſammlung bei General Noſenpalm. 12” kehren jetzt zu dem Zeitpunkt dieſer Erzählung urück. 4 General Roſenpalm hatte drei Zimmer für ſich: einen größern Salon, ein Arbeitszimmer und ein Schlaf⸗ zimmer, vor welchem ſich noch ein Vorzimmerchen befand. Wenn wir in'’s Arbeitszimmer treten, finden wir da eine ſchöne Gruppe von etlichen weißhaarigen Greiſen, die in weichen Lehnſtühlen ſitzen. Baron Krook ſtützte ſeinen Kopf in die Hand, mit dem Ellenbogen auf dem Knie. Er war von Figur und Miene der Schwächſte und Aelteſte; ein milzſüchtiger Kummer ruhte auf ſeiner Stirne, und ſein Blick verrieth Leiden und Kummer. Im Uebrigen konnte man nicht wohl ein ehrlicheres Geſicht treffen, dem der Stempel der Rechtſchaffenheit ſo unverkennbar aufgeprägt geweſen wäre. Er war wortkarg, aber auch das Wenige, was er ſprach, wurde noch von einem mühſamen und läſtigen trockenen Huſten unterbrochen. Die Jahre ſchienen ihn am meiſten 165 verheert zu haben, und nun mit baldiger gäuzlicher Ver⸗ nichtung zu bedrohen. Ihm zur Seite ſaß Hermann Kellner. In ſeinen Mannesjahren ein thätiger und pünktlicher Geſchäftsmann, hatte er ſich allgemeines Vertrauen und große Achtung erworben. Mit einem fröhlichen, beinahe jovialen Ge⸗ müthe begabt, beſaß er mehr Freunde, als ein Mann ſonſt gewoöhnlich hat. Obſchon in jüngeren Jahren ein vortrefflicher Sänger Bellmann’'ſcher Lieder, hatte er es nicht verſäumt, mit Klugheit und Ernſt die Intereſſen des Handelshauſes zu beſorgen, deſſen Chef er lange blieb. Um ſein gutmüthiges patriotiſches Geſicht ringelten ſich ſchneeweiße Locken, während ein mildes, freundliches Lächeln ſeine Lippen kräuſelte. Ihm gerade gegenüber befand ſich Graf Curt Strahl. Hoch gewachſen, mit einem ſteifen, beinahe ſtieren Blick, hatte er in ſeiner Haltung etwas Ariſtokratiſches, ohne daß es jedoch abſtoßend war. Man konnte vielleicht die Frage aufwerfen, in wieweit das Ariſtokratiſche an ihm von ſeiner äußeren Stellung kam oder von dem Poda⸗ gra, das ihn höchlich zu beläſtigen angefangen hatte. Der Jude Abraham hatte ſeinen Platz zunächſt bei dem Grafen eingenommen. Er war grobgliederiger und ſtärker als die übrigen, und man meinte in ſeinem gan⸗ zen Weſen etwas von einem Bulldog zu entdecken. Die Lippen und Wangen hingen in fleiſchigen Beuteln herab. Der Teint war dunkel, die Augen lagen tief unter dem Stirnbein, rollten aber nachdenklich, ſchlau und erfin⸗ deriſch. 3 In ihrer Unterhaltung herrſchte jetzt dieſelbe Leb⸗ haftigkeit wie in jüngeren Jahren. „Was Du ſagſt, Bruder General, iſt unläugbar höchſt eigenthümlich,“ ſprach Hermann Kellner,„und es wundert mich in der That, daß mein Herr Neffe Paul nichts davon gegen mich erwähnte, als er mir ſeinen Beſuch machte. Ich erinnere mich ſehr wohl, daß mein 166 Bruder Stellau auf ſeinen Einfall, nach Amerika aus⸗ zuwandern, ſo ganz plötzlich und unvermuthet kam, daß ich fürchtete, er möchte über Nacht den Verſtand ver⸗ loren haben, aber er war überhaupt ſo; gleichwohl hätte ich nie vermuthen können, daß die Reiſe durch Gewiſſens⸗ ſerupeln über das Schickſal unſers jüngſten Bruders veranlaßt worden wäre, ein Schickſal, das allerdings ſehr traurig war, dem abzuhelfen aber nicht in unſerer Macht ſtand, wie auch keiner von uns etwas dafür konnte.“ Der General ging im Zimmer auf und ab. „Es iſt inzwiſchen höchſt unangenehm,“ verſetzte Graf Curt,„daß ſolche Dinge von Neuem aufs Tapet gebracht werden ſollen, obſchon es allerdings wünſchens⸗ werth wäre, wenn in die ägyptiſche Finſterniß, die immer über dieſem Ereigniß geruht hat, einiges Licht gebracht werden könnte.“ Als der Graf aufhörte, beugte er ſich hinab und drückte mit der Hand auf das eine Bein. Es war ein Podagraſchmerz, den er auf dieſe Art zu dämpfen ſuchte. Der General beobachtete Stillſchweigen, während er ſeine Wanderung im Zimmer auf und ab fortſetzte. „Es iſt wahr,“ ſagte Baron Krook,„ſehr wahr... ich denke.. 3 Aber er kam nicht weiter, ſondern wurde hier von einem anhaltenden trockenen Huſten unterbrochen. Abraham hatte ſein Haupt bald dem Einen, bald dem Andern, d. h. immer dem jeweiligen Redner, zu⸗ gekehrt. Mit ſchlauem und forſchendem Blick ſchien er aufmerkſam die Sprechenden zu beobachten, beinah zu ſtudieren. „Mein lieber verſtorbener Bruder,“ begann Kelluer wieder,„ſcheint mir übrigens die Sache ganz verkehrt angegriffen zu haben, da er, nachdem die Gerichte nichts auszumitteln vermochten, dieß von uns verlangt. Da wir glücklicherweiſe der Unannehmlichkeit überhoben wur⸗ mwrdſſſſſſſ⁄⁄ 167 den, bei der gerichtlichen Unterſuchung ſiguriren zu müſ⸗ ſen, ſo ſehe ich nicht ein, warum wir verpflichtet ſein ſollten, uns irgend einer Privatunterſuchung zu unter⸗ ziehen. Das Verfahren iſt unläugbar ſehr merkwürdig. Ein Menſch bekommt auf ſeinem Todtenbett Grillen, und dieſer Grillen wegen will er die Lebenden zur Verant⸗ wortung ziehen. Ich bin bereit, alles zu erzählen, auf was ich mich erinnern kann, aber es iſt nicht viel, und ich fürchte, daß wir hier blos eine alte Wunde aufreißen, ohne ſie heilen zu können. Was ſagſt Du dazu, Abra⸗ ham? Du ſtiereſt mich ſo hartnäckig an.“ „Soll ich meine Anſicht ganz aufrichtig ſagen, ſo war es ein dummer Einfall, dieſen Ordenbund zu ſtif⸗ ten, und ſoviel Vergnügen wir auch in unſrer Jugend davon hatten, ſoviel Widerwärtigkeiten ſind ſpäter daraus entſtanden. Wenn ich mich wohl erinnere, hieß das Motto: Freundſchaft in Leid und Freud’. Es hätte beſſer heißen können: Freundſchaft in Freud' und Leid, denn die Freude kam vorher und mit dem Leidigen iſt es noch immer nicht aus. Ihr lebtet luſtig wie muntere junge Herrn: ihr habt das Capital verbraucht, und jetzt ſoll der Zins bezahlt werden. Das iſt nicht gut für euch, doch noch weit beſſer für mich, obſchon ihr die Hauptleute waret und ich bei euren Sünden blos zu Gevatter ſtand.“ 3 Da in dieſem Angenblick die Baronin Lander ein⸗ trat, ſo wurde das Geſpräch unterbrochen. Der General hieß ſie freundlich willkommen, und auch die Uebrigen unterließen nicht, ihr die Aufmerkſam⸗ keit zu bezeugen, die zu verlangen ſie berechtigt war. „Beim Anblick der Geſellſchaft ſchien ſie eine Weile überraſcht, erholte ſich aber bald wieder. „Herr General,“ ſagte ſie halblaut zu dem Wirth, „was bedeutet das? Gedenken Sie ein Standrecht zu halten?“ 168 Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte ſie ſich zu den Uebrigen. „Ich vermuthe, meine Herren,“ „daß Sie über die Einladung hieher ebenſo verwundert ſind wie ich, obſchon es unläugbar von dem Gene artig iſt, alte Bekannte zuſammen zu führen, ie ſich, wie wir, ſchon etliche und zwanzig Jahre nicht Obſchon die Baronin einen alltäglichen Ton anſtim⸗ ſi ſt ſo ungenirt wie nur as Schweres und Ge⸗ Nur Graf Curt näherte ſich ihr mit mehr Freund⸗ lichkeit. „Sie haben Recht,⸗ ſagte er,„es iſt wirklich ſchon lange her ſeit unſerm letzten Zuſammentreffen. Sie wa⸗ „Und Sie, meine Herren, befanden ſich in Ihren beſten Jahren. Die Zeit hat Sie ſehr verändert.“ ings, Frau Baronin; aber um ſo artiger hat ſie ſich gegen Sie gezeigt. Als wir einander das Letztemal ſahen, wußte ich noch nicht, was das Poda⸗ ra iſt.“ 9„Apropos,“ fiel jetzt der General ein, indem er ganz plötzlich ſtehen blieb,„wo find wir das Letztemal mit der Frau Baronin zuſammengetroffen?“ Die Blicke der Baronin und des Generals begeg⸗ neten fich. Die Frage überraſchte ſie dermaßen, daß es ihr unmöglich war, ihren Unwillen zu verbergen. Der General that, als ob er nichts merkte. ie Frage muß jedoch eine ſehr wichtige Andentung enthalten haben, denn ſie erregte auch bei den Uebrigen verwunderten Baron Krook erhob ſich und ſein Huſten hörte auf. Kellner wandte ſich ab. Der Jude Abraham dagegen — 169 betrachtete die Baronin über die Schulter des Generals weg, nachdenklich und unbeweglich. „Wo wir uns das Letztemal getroffen haben?“ wie⸗ derbolte die Baronin, und ein tiefer Seufzer hob ihre Bruſt.„Es war bei Gelegenheit des ſchrecklichen Todes meines Mannes. Ach mein Gott— und ſie wandte ſich dabei von dem General ab— ich vermag den ent⸗ ſetzlichen Augenblick nicht zu vergeſſen.“ Die Art, wie die Baronin ſich ausdrückte, war ſchmerzlich ergreifend. Mit gekreuzten Armen betrachtete der General ſie feſt. 1 „Verzeihen Sie mir, Frau Baronin,“ ſagte er,„es war nicht meine Abſicht, eine traurige Erinnerung auf eine verletzende Art heraufzubeſchwören. Ich meinte auch nicht das Zuſammentreffen am Todesbett ihres Mannes, ich meinte...“ Die Baronin erhob ihr Haupt mit einer ſtolzen, vielleicht ſogar abſtoßenden Bewegung und ſchien ihn mit einer ſtrengen, vorwurfsvollen Miene zurechtweiſen zu wollen. „Ich meinte,“ fuhr nichts deſto weniger der Ge⸗ neral, ſo unerſchütterlich, wie wenn er ihre Abſicht nicht verſtanden hätte, fort,„wann wir das Letztemal zu⸗ ſammentrafen, ehe dieſes Unglück geſchah.“ „ Ddieſe Frage ſchien die Anweſenden noch mehr zu überraſchen. Die Baronin erblaßte und ſtreckte ihre Hand nach einer Stuhllehne aus, gleichſam um ſich zu ſtützen. Sdie wankte indeß nicht, aber die Augen irrten flüch⸗ tig im Zimmer umher. Graf Curt blickte auf die Seite, gleichſam um ſeine Verlegenheit zu verbergen. Der alte Kellner wandte ſich wieder zurück, von einem unwiderſtehlichen Wunſch geleitet, die Verwirrung der Baronin zu ſehen. Krook 170 und Abraham erhoben ſich zu gleicher Zeit von ihren Plätzen. Der General war unbeweglich geblieben; aber da er keine Antwort erhielt, ſo wan te er ſich auf dem Ab⸗ ſatz von ihr weg und begann wieder im Zimmer auf und ab zu gehen. 3 Es wäre unmöglich, den Blick des Unwillens und Haſſes zu beſchreiben, den ſie ihm nachwarf, und gleich⸗ wohl lächelte ſie im nächſten Augenblick wieder. Bei dem General war allerlei Argwohn gegen ſie erwacht, aus Veranlaſſung der Geſpräche, die er mit Paul gehabt hatte, und es lag nicht in ſeiner Natur, ſich verſtellen zu können. Bei ihrem Eintritt empfing er ſie mit der pflichtſchuldigen Höflichkeit, aber ihre Frage, ob er ein Standrecht zu halten gedenke, verdroß ihn, und er konnte ſich nicht enthalten, ſie von dem conſidentiellen Geſpräch, das ſie eröffnen zu wollen ſchien, wieder zu ſich ſelbſt zurückzuführen. „Sie ſind ein hitziger alter Mann, Herr General,“ bemerkte ſie nach einer kurzen Panſe;„wenn ich mich einmal unvorſichtig benommen habe, ſo verſprechen Sie mir, gleichwohl es zu vergeſſen, und ich appellire an dieſe Ihre Freunde, ob Sie edel gegen mich handeln. Ich befinde mich in Ihrem, Hauſe, d. h. unter dem Schutz Ihrer eigenen Ehre; aber ich verzeihe Ihnen, Herr General.“ Die Verſtimmung, die hierauf erfolgte, brachte Alle zum Schweigen. Der General ging noch einmal im Zimmer auf und ab, blieb aber dann wieder vor ihr ſtehen. 4 „Sie können Recht haben, Frau Baronin,“ ſagte er,„und dennoch fürchte ich, daß Sie Unrecht haben.“ Er ſchwieg, gleichſam um zu überlegen, was er ſagen ſollte. „Verzeihe mir, Bruder,“ fiel Kellner ein, indem er die Gelegenheit benützte,„aber ich muß jetzt auf die ——— 171 Seite der Baronin treten. Du vergiſſeſt die Nachſicht, die Du ihr als einer Dame ſchuldig biſt; noch mehr, Du vergiſſeſt auch, daß ſie in Deinem Hauſe iſt, und endlich vergiſſeſt Du das Verſprechen der Verſchwiegen⸗ heit, das wir ihr gegeben haben. Iſt es Deine Abſicht, die Baronin zu beleidigen, ſo iſt es unſre Pflicht, auf ihre Seite zu treten, oder was ſagt ihr?“ Er wandte ſich dabei an die übrigen Freunde. „Kellner hat Recht,“ gab Curt zu,„das iſt meine Anſicht.“ „Unläugbar hat er ganz Recht,“ verſetzte Krook. „Du darfſt nicht vergeſſen, General, daß wir jetzt in Deinem Hauſe ſind.“ Abraham gab nur durch ſein Kopfnicken zu ver⸗ ſtehen, daß er die Anſicht der Letzteren theile. Die Baronin drückte dankbar Kelluer die Hand; die Stirne des Generals dagegen legte ſich in Runzeln. „Tauſend Granaten,“ brummte der General,„ich pflege niemand zu mir zu bitten, damit ich Gelegenheit bekomme, unhöflich zu ſein. Da inzwiſchen unſre Zu⸗ ſammenkunft hier den Zweck hat, aus der Vergangenheit ein Ereigniß hervorzugraben, das uns noch heute Angſt und Entſetzen einflößen muß; da wir wiſſen, daß wir, ungeachtet wir bei der gerichtlichen Unterſuchung von der Sache wegblieben, gleichwohl verſchiedene Dinge kennen, die ſich vor der Kataſtrophe zugetragen haben; da wir wiſſen, wie ein des Mordes Angeſchuldigter und unter das Gericht der Zukunft geſtellter Mann entweder noch immer unter dieſer Laſt ſeufzt oder mit einem ſchuld⸗ belaſteten Namen in ſeinem Grabe ruht, ohne daß wir ermitteln können, ob er ſchuldig iſt oder nicht; da wir überdieß erfahren haben, daß der nach Amerika ausge⸗ wanderte Kellner ebenſogut wie wir in die Verhältniſſe eingeweiht war, aber bei erwachter Erinnerung in den letzten Zeiten ſeines Lebens keinen Augenblick Gewiſſens⸗ frieden genoß; da wir endlich ſelbſt am Rande des Gra⸗ 172 bes ſtehen und bald vor dem Richterſtuhl Gottes für unſere Handlungen Rechenſchaft ablegen müſſen, da, meine Herren, ſcheint es mir, als ob alle Regeln der Convenienz und perſönliche Rückſichten weichen ſollten. Vor unſerm Gewiſſen ſind wir weder Männer noch Wei⸗ ber, wir ſind Alle zuſammen blos Menſchen. Wenn es ſich um unſre Pflicht, Chre und Redlichkeit handelt, ſo ſind wir weder da noch dort, ſondern überall zu Hauſe, und was die Verſprechungen betrifft, die man als Ge⸗ ſellſchaftsmenſch gibt, ſo gebietet uns juſt unſere eigene Ehre, ſie zu brechen, im Fall... aber entſchuldiget mich... ich weiß nicht, ob ich das Wort aus⸗ ſprechen ſoll.“ „Sprich Deine Meinung geradezu aus,“ ermahnte ihn Curt,„und theile ſie uns mit. Ich glaube, daß ich auf Deine Seite übertrete.“ „Im Fall,“ fuhr der General fort,„ein Verbrechen nur dadurch aufgeſpürt und endlich entſchleiert werden könnte.“ Ein tiefes Schweigen herrſchte im Zimmer. „Ich ſehe nur gar zu gut ein, auf was Sie ab⸗ zielen, Herr General,⸗ verſetzte die Baronin nach einer kurzen Weile.„Sie dürften aus einigen kleinen Jugend⸗ ſchwachheiten, die durch kindiſche Nengierde veranlaßt waren, auf große Dinge ſchließen wollen. Nun wohl, mein Herr, haben Sie die Güte, mir alles zu ſagen, was Ihr Gewiſſen bedrückt. Ich will Ihnen mittheilen, daß ich, obſchon ich im Gefühl meiner Unſchuld Ihrem Wunſch, mich hier einzufinden, nachgekommen bin, den⸗ noch nicht lange dazubleiben beabſichtige. Sprechen Sie alſſo, mein Herr, und faſſen Sie ſich ſo kurz als möglich.“ „Ich werde Ihrer Aufforderung entſprechen, Frau Baronin; aber wir müſſen gleichwohl noch eine Weile warten.“ „Warten?“ — 173 „Wollen Sie die Güte haben und auf dem Sopha Platz nehmen; iſt Paul noch nicht gekommen?“ Die Baronin lächelte. Sie verließ ſich auf Gour⸗ villes Verſprechen, daß Paul ſich nicht einfinden ſollte. Der General kreuzte die Arme über die Bruſt und blieb vor ihr ſtehen. „Sie ſind eine vornehme Dame, Frau Baronin; Sie ſind von hoher Geburt.“ „Fahren Sie fort, Herr General, Sie machen mir wirklich Spaß.“ „Sie ſind ein Räthſel, Frau Baronin, eine Myſti⸗ fication, die ich nie recht verſtanden habe. Sie ſind...“ „Nun ja, Herr General, ſo ſeien Sie doch wenig⸗ ſtens aufrichtig und billig. Sagen Sie mir einmal, was Sie denn eigentlich verſtanden haben. Den Krieg? das mag ſein. Aber das Weib? Sie ſind ja ein wahrer Eisbär, General.“ Der Zorn des Generals nahm zu. „Zum Teufel! Ich will mit einem ganzen Armee⸗ korps leichter fertig werden, als mit einem Weibe, wie Sie ſind.“ „Ach mein Gott, wie Ihre Frau an Ihrer Seite glücklich geweſen ſein muß!“ „ Tauſend Granaten! Sie ſcherzen, Madame. Er⸗ innern Sie ſich des Abends, wo Sie in unſern Orden aufgenommen zu werden wünſchten? Sonſt waren es blos Damen von einem etwas zweideutigen Charakter, die ſich dabei einſtellten.“ „Ganz richtig, Herr General. Sie waren ja der Großmeiſter, nicht wahr?“ „Mit einem Shäwlchen, das Sie über das Geſicht herabgezogen hatten, meldeten Sie ſich wie ein gewöhn⸗ liches Kammerzöfchen.“ 3„Es iſt wahr, General... ich kam... um Sie in der Nähe zu ſehen.. weil Sie da vollkommen an Ihrem Platze waren.“ 174 „Zum Teufel, Madame; Sie kamen, um... um die Rolle eines gewöhnlichen Mädchens zu ſpielen. Er⸗ innern Sie ſich, wie Sie errötheten und erblaßten, als wir Sie entdeckten... erinnern Sie ſich deſſen?“ „Ich erröthete über Sie und Ihre Freunde, Herr General.“ „Wir haben ſeitdem einander nicht mehr geſehen, *M¶ außer am Todtenbett Ihres Mannes. Da waren Sie eine büßende Magdalena. Ich will mit dem allen nur ſagen, daß Sie etwas Abenteuerliches in Ihrem Beneh⸗ men hatten... Sie verſtehen mich doch 7 Die Baronin hatte ihn abſichtlich zu reizen geſucht. Je mehr er ſich gegen ſie verging, um ſo mehr hoffte ſie auf die Theilnahme der Uebrigen rechnen zu können. „Abenteuerlich, Madame, abenteuerlich,“ ſtammelte er wieder,„verdammt abenteuerlich.“ Er ſchien noch mehr ſagen zu wollen, aber er that ſich Einhalt und kehrte ihr ſchnell den Rücken. Wir übergehen die Unruhe, die der General über Pauls Ausbleiben empfand, ſowie die geheime Freude der Baronin darüber. Die Uebrigen ſchienen die Sache ziemlich gleichgültig zu nehmen, ohne daß wir zu ent⸗ ſcheiden wagen, ob dieß von einer wirklichen inneren Ruhe herkam oder nicht. 5 Je länger Paul zögerte, um ſo heiterer und unge⸗ zwungener unterhielt ſich die Baronin beſonders mit Graf Curt und Baron Krook, mit denen ſie ſchon ſo manches Jahr nicht mehr zuſammengetroffen war; aber obſchon ſie mit ihnen ſogar lachte und ſcherzte, was ihr in den letzten Zeiten nicht oft vorgekommen war, ſo warf ſie. eer 17⁵ doch dazwiſchen hinein manchmal einen irrenden Blick im Zimmer umher, als ob dennoch nicht alle Unrnhe von ihr gewichen wäre. Beobachtete man ſie genau, ſo hätte man auch ſehen können, daß ihre Aufmerkſamkeit lebhaft den geriugſten Bewegungen im Zimmer folgte und ſich keine Ruhe zu gönnen ſchien, als wenn ſie bei dem alten Kellner und dem Juden Abraham verweilte. Der General ging auf und ab. Er bemerkte, daß die Anweſenden, die ſich auf ſeine Einladung eingefunden hatten, einmal ums andere ein unzweidentiges Mißver⸗ gnügen über die lange Zögerung, die ihnen ganz uner⸗ klärlich ſchien, zu erkennen gaben. Es entging ihm auch nicht, daß ſie die Sache, um derenwillen ſie zuſammen gekommen waren, als ſchon veraltet zu betrachten ſchie⸗ nen und es für zwecklos hielten, ſie wieder aufzuwärmen. Der freundliche und artige Geſellſchaftston, worin die Baronin Meiſterin war, ſchien gleichfalls auf eine voll⸗ kommen überzeugende Weiſe jeder Schuld von ihrer Seite zu widerſprechen. Als eine natürliche Folge hie⸗ von begann der General zu fürchten, daß er ſich allzuſehr⸗ übereilt habe, indem er den vielleicht mehr auf Illuſionen als auf Thatſachen beruhenden argwöhniſchen Vermu⸗ thungen eines jungen Mannes ſo viel Gehör geſchenkt. Unzufrieden mit ſich ſelbſt, verdoppelte er ſeine Schritte und ſchien ſich um die Andern nicht weiter zu be⸗ kümmern. Je deutlicher die Verlegenheit des Generals hervor⸗ trat, um ſo mehr nahm dagegen die Zufriedenheit der Baronin zu. Endlich warf ſich der General in einen Lehnſtuhl und beugte bekümmert das Haupt in ſeine Hand. Die Baronin richtete ſich jetzt von ihrem Platz auf und näherte ſich dem Fenſter. Ihr Blick flog dabei über die Straße nach dem ſchief gegenuͤber liegenden Fenſter, und mit welcher freudigen Ueberraſchung ſah ſie nicht 176 dort Paul in einem lebhaften Geſpräch mit einem ſehr ſchönen jungen Mädchen begriffen! „Kommen Sie her, meine Herrn, kommen Sie her,“ rief ſie;„Sie können da etwas ſehen.“ rf Curt und Baron Krook begaben ſich ſogleich zu ihr. „Der General hat uns ja geſagt, daß wir auf Herrn Paul warten müſſen. Iſt's nicht ſo?“ „Allerdings... er hat das geſagt.“ „Herr Paul ſcheint gleichwohl intereſſantere Geſchäfte zu haben... ſehen Sie dorthin... es iſt kein Wun⸗ der, daß er uns vergißt.“ „Welcher Leichtſinn!“ fiel der Graf ein. „Das heißt gar zu lange mit uns ſein Spiel trei⸗ ben,“ bemerkte der Baron. Der Graf und der Baron begaben ſich ſogleich zu dem General, um ihm ihre Meinung zu ſagen. Die Baronin hatte Mühe, ihre höhniſche Sieges⸗ freude zu verbergen. Der alte Kellner war inzwiſchen auch ans Fenſter gekommen, um zu ſehen, um was es ſich handelte. Die Baronin verbarg ihre Freude und benützte die Gelegen⸗ heit, ihn um Erlaubniß zu bitten, ihm in den nächſten Tagen einen Beſuch machen zu dürfen. „Ich habe Ihnen etwas höchſt Wichtiges zu ſagen,“ ſagte ſie, aber eine Sache, die das größte Geheimniß erfordert. Sie betrifft Ihren Sohn Franz. Ich fürchte, ja ich bin ſogar überzeugt, daß der General...“ „Der General?“ „Still... er kann uns hören.. ſtill...⸗ Franz war das Liebſte, was der Alte beſaß. Mit ſeinem Namen konnte man ihn führen, wohin man wollte. 4 „Willkommen,“ ſagte er.„Ich erwarte Sie mit Ungeduld.“ ſehr er,“ leich auf äfte zun⸗ rrei⸗ z ges⸗ iſter Die gen⸗ ſten 1,2 niß hte, Mit nan mit Die Ungeduld ſtand bereits augenſcheinlich in ſeinem Geſichte. Der Blick der Baronin wandte ſich jedoch ſogleich von ihm ab und ſuchte nach Abraham. Auch er wollte ſehen, was das Intereſſe der Uebri⸗ gen angezogen hatte, aber auf dem halben Wege zum Fenſter trat ihm die Baronin entgegen. „Hören Sie, Herr Abraham,“ redete ſie ihn an, „Sie ſind doch mein Freund?“ „Ich bin der Freund aller guten Menſchen.“ „Wie ich ſage... alſo auch der meinige.“ Ganz gewiß, meine gnädige Baronin, ganz gewiß.“ „Dann müſſen Sie mir ſobald als möglich ein Ge⸗ ſpräch unter vier Augen geſtatten. Es betrifft Ihre An⸗ gelegenheiten. Wollen Sie nicht rninirt werden, ſo zö⸗ gern Sie nicht. Glauben Sie mir, ich habe etwas ent⸗ deckt... der General... „Ruinirt, ſagen Sie, der General?“ „ Stiſl... jedenfalls ſtill... laſſen Sie gegen Niemand merken, was ich Ihnen geſagt habe. Sie kom⸗ men doch?“ „Ich komme.“ Der alte Kellner hatte inzwiſchen Paul zu ſehen bekommen und er lachte recht herzlich über ihn und die intereſſante Geſellſchaft, der zu Liebe er dieſe Zuſammen⸗ kunft, um welche ſie alle ſich ſo viel Mühe machten, zu vergeſſen ſchien. Graf Curt und Baron Krook hatten inzwiſchen mit dem General geſprochen, der ſelbſt jetzt herankam, um ſich von einer Sache zu überzeugen, an die er nicht glau⸗ ben wollte, nehmlich von dem Leichtſinn, womit Paul ihrer Anſchuldigung zu Folge ſowohl ihn ſelbſt als die andern an der Naſe herumzog. Als er nun zu ſeiner Verlegenheit ſich überzeugt hatte, daß ſeine Freunde die Wahrheit geſprochen, da Das Gewiſſen. III. 12² 178 konnte er ſeinen Zorn nicht zurückhalten, in bitterem Aerger auf den Boden und ſondern ſtampfte brummte ſein: Tauſend Grauaten! Die Baronin beſaß zu viel Verſtand, um nicht ein⸗ zuſehen, daß, wenn die erſte Zuſammenkunft ſo vorüber⸗ ging, wie es jetzt den Anſchein hatte, die Anweſenden ſich nie mehr beſtimmen laſſen würden, ſich aufs Neue zu verſammeln, wenn es auch nur wäre, um ſich wenig⸗ ſteus nicht einem verletzenden Spott auszuſetzen. „Nun, Herr General,“ fragte deßhalb die Baronin endlich,„glauben Sie, es lohne ſich der Mühe, noch län⸗ ger auf Herrn Paul zu warten?“ Der General richtete ſeine martialiſche Geſtalt auf antwortete aber nicht. „Laßt uns gehen,“ fiel Graf Curt ein. viel zu thun.“ „Wie Dyu ſagſt, laßt uns gehen.“ Kellner und Abraham waren derſelben Meinung, und die Baronin zeigte jetzt keine große Eile mehr, weil ſie ihrer Sache allzu ſicher war; aber in demſelben Au⸗ genblick, wo ſie ihre Hüte nahmen, um ſich hinauszube⸗ geben, öffnete ſich die Thüre und die Baronin ſah zu ihrem Schrecken Paul eintreten. „Ich habe „ Pauls Erſcheinung veranlaßte eine allgemeine Stille und Uleberraſchung. Man hatte ihn ſoeben in einem leb⸗ ſchien, und jetzt ſtand er vor ihnen. Trotz der Sorglo⸗ ſigkeit, womit man die Frage wegen der Reviſion eines Theils ihrer Ingend betrachtete, gab es gleichwohl etwas, —.— npfte ſein: ein⸗ ber⸗ nden deue nig⸗ nin än⸗ nuf abe ig⸗ eil u⸗ ze⸗ zu 179 was ſie bei Pauls Anblick gleichſam zuſammenfahren machte. Die raſche und offene Unerſchrockenheit, womit er eintrat, der zugleich jugendlich reine und männlich entſchloſſene Blick, womit er ſie maß, machte einen ſtarken Eindruck auf ſie. Wäre ihre eigene Jugend zurückgekehrt und hätte von ihnen Rechenſchaft gefordert über den Ge⸗ brauch, den ſie von ihr gemacht hatten, der Eindruck hätte wahrlich nicht größer ſein können. Der General, der kaum vorher über Pauls Aus⸗ bleiben im höchſten Grad erzürnt geweſen war, wußte ihm gleichwohl jetzt keinen Vorwurf zu machen. Die Baronin ſchien in einen einzigen trüben, dü⸗ ſteren und fragenden Blick verwandelt. Ihr Geſicht, das ſoeben noch, als ſie überzeugt war, daß er ſich nicht ein⸗ finden würde, eine ungewöhnlich heitere Farbe gezeigt hatte, nahm auf einmal ſeinen bleichen und ſtarren Aus⸗ druck wieder an. Ohne ſelbſt daran zu denken, legte ſie die Hand aufs Herz, um die erſtickende Augſt zu beſchwichtigen, die ſich ihrer bemächtigte. „Es fiel ihr nicht ein zu denken, daß Gourville ſie getäuſcht habe, weil Pauls Miene in dieſem Augenblick ihr ſagte, daß er nicht ſo leicht zu täuſchen war. In tiefem Schweigen folgten die alten Freunde den Bewegungen Pauls. Als er ſie begrüßte, geſchah es mit Chrfurcht und Achtung, aber ohne alle Ueber⸗ treibung. 5 Alle wußten, daß er ein Sendbote von ihrem in Amerika abgeſchiedenen Freunde war; aber mit welcher Botſchaft kam er? Betraf die Frage wohl blos den Tod des Barons Lander?— Der General, der, ohne es ſelbſt zu bemerken, einen Augenblick von dem allgemeinen Eindruck erfaßt wurde, freute ſich indeß bald darüber, daß Paul wenigſtens nicht länger hatte auf ſich warten laſſen. 180 Paul hielt unter dem Arm ein Käſtchen von der Größe eines Portefeuilles. Es war von ſchwarzem Eben⸗ holz und mit Silber eingelegt. Nachdem er es auf einen Tiſch am Fenſter geſtellt, ſtützte er ſeine Hand darauf. Er warf einen Blick voll Leben und Wärme um ſich her. Er wollte ſprechen, wurde aber augenſcheinlich durch ein mächtiges Gefühl zurückgehalten, von dem er ſich nicht zu befreien vermochte. Seine Bruſt hob ſich, ſeine Augen erweiterten ſich, ſeine Stirne glänzte. Eine hohe Röthe breitete ſich über ſeine Wangen. Dieſe Bewegungen, die ganz unwillkührlich waren und von der Wichtigkeit zeugten, welche der Augenblic für ihn hatte, erwarben ihm die Theilnahme der Af⸗ weſenden in noch höherem Grad. „Ich komme,“ ſagte er endlich,„übers Meer mit el⸗ nem Gruß vom Grabe meines Vaters.“ Seine Stimme war klar und wohlklingend, und der Todesgruß, den er den Greiſen brachte, verſcheuchte viel von der Gleichgültigkeit, die ſie bisher gezeigt hatten. „Vernehmen Sie die Grüße, die ich bringe. Mein Vater ſtarb in der Meinung, daß er möglicherweiſe eine unſchuldige, aber dennoch mitwirkende Urſache beim Tode eines Barons Lander geweſen ſei.“ Paul warf ſich ſogleich und ohne alle Einleitung in die Sache hinein. Die Wichtigkeit des Gegenſtandes genügte ihm.. Die Baronin war die Aufmerkſamkeit ſelbſt. . —— u der Eben⸗ eſtellt, 2 um durch ſic ſic en. aren öblick Af⸗ 181 „Noch mehr,“ fuhr Paul fort,„er ſtarb in dem Glauben, daß er auch zu dem Unglück beigetragen habe, das ſpäter ſeinen jüngſten Bruder traf, welcher des Mor⸗ des verdächtig gehalten und unter das Gericht der Zu⸗ kunft geſtellt wurde.“ Pauls Stimme zitterte vor Rührung, als er ſprach; die Anweſenden hörten ihm, ergriffen von dem Ernſt ſeiner Sprache, zu. „Auf meines Vaters Befehl bin ich nach Schweden zurückgekehrt mit der, durch die letzten Worte eines Ster⸗ benden geheiligten Verpflichtung, wo möglich die Geheim⸗ niſſe zu erforſchen, welche das in Frage ſtehende Ereig⸗ niß umhüllen. „Unerfahren und jung, ſehe ich die Schwierigkeiten meines Auftrags gar zu gut ein, aber ich bin überzeugt, daß. und mein Vater ſtarb auch mit dieſer Ueber⸗ zeugung— daß ſeine alten Freunde, denen ich jetz! ſeinen letzten Gruß zu überbringen die Ehre habe, mir beiſtehen werden. „Mein Vater erfuhr, was eine friedloſe Todes⸗ ſtunde heißen will. Zerriſſen von Gewiſſensbiſſen und gequält von den Leiden eines verheerten Herzens, hoffte er nicht einmal in ſeinem Grab Frieden und Ruhe, wo⸗ fern nicht das Ereigniß, an welchem er Theil genommen, und das mit all ſeinen Schreckniſſen ſo lebhaft vor ſeiner Seele ſtand, vollkommen aufgeklärt würde. „Er war überzeugt, daß ſein jüngerer Bruder Alfred unſchuldig gelitten habe, und ſchon der bloße Gedanke daran lag ſchwer wie ein Fluch über ſeinem Haupte.“ Paul verſtummte einen Augenblick. Er hatte ſich ſo ausgeſprochen, wie er fühlte. In dieſem Moment, wo er ſich von den alten Freunden ſeines Vaters umgeben fand, überkam ihn eine feierliche Stimmung. Es ſchien ihm beinah, als ſpräche er eher zu Geſpenſtern oder Geiſtern, als zu einfachen Menſchen. Seines Vaters letzte Leiden ſtanden ebenfalls lebhaft vor ihm. Ihm 182 war, als hörte er noch ſeine mahnenden Worte, oder empfände er noch den Druck ſeiner Hand, als ſähe er noch ſeinen letzten herzzerreißenden Blick. „Mein Vater,“ fuhr er nach einer kurzen Weile fort, „hat mir ſein nicht unbedeutendes Vermögen anvertraut, um es zur Entdeckung des wahrſcheinlichen Verbrechers zu verwenden, jedoch nicht eigentlich blos um dieſer Ent⸗ deckung ſelbſt willen, ſondern um durch dieſelbe dem un⸗ ſchuldig Angeklagten Gerechtigkeit verſchaffen zu können und ich bin bereit, ſeinen Willen zu vollſtrecken. „Der Todte ſpricht durch mich, der Todte wird auch wenn dieß nothwendig geſchehen muß, durch mich hau⸗ deln. „Mein Vater kommt jedoch nicht als Rächer, er kommt als Verſöhner. Er will nicht die weltliche Be⸗ ſtrafung des Verbrechers, wer nun auch der wahre ſein mag; er überliefert ihn nur dem Richterſtuhl ſeines ei⸗ genen Gewiſſens, wo das Leiden zur Verſöhnung führt. „Aber was mein Vater unbedingt fordert, das if die Aufdeckung alles Myſtiſchen in dieſem Ereigniß.“ Paul unterbrach ſich wieder. Seine letzten Worte hatten einen ſtarken Eindruck auf die Anweſenden ge⸗ macht. Es war nicht mehr ihre Jugend, die ſie auf⸗ erſtanden zu ſehen, zu ihnen redend zu hören glaubten. Da die Wichtigkeit des Gegenſtandes Paul ergriffen, ſo hatte er ſich verändert und ſtand jetzt vor ihnen wie eine der Gruft entſtiegene Offenbarung, welche ſie er⸗ mahnte, Rechenſchaft über ihren Wandel abzulegen, be⸗ vor ſie ſelbſt in das Reich der ewigen Dunkelheit hinah⸗ ſtiegen. Der Ernſt auf Pauls Stirne, das Feuer in ſeinen Augen, die Kraft in ſeinen Worten, das Ruhige und dennoch Muthige in ſeinem ganzen Weſen, alles über⸗ zeugte ſie, daß Paul, wenn auch noch jung an Jahren, dennoch von ſeinem Gegenſtand inſpirirt war und ſeinen, v —— O—— 2 ú g oder de er fort, aut, hers Ent⸗ un⸗ nen, tuch, hau⸗ 183 von dem Sterbenden empfangenen Auftrag nicht aufge⸗ ben würde, bevor er das Ziel erreicht hätte. Der General hatte einen Augenblick gefürchtet, Paul möchte nicht Seelenſtärke genng beſitzen, um den em⸗ pfangenen Auftrag würdig zu vollziehen, aber er mußte zugeben, daß er alle ſeine Hoffnungen übertroffen hatte. Die Baronin hatte Paul noch nicht eine einzige Minute aus dem Auge gelaſſen. Von dunkeln und ſchmerz⸗ lichen Ahnungen ergriffen, wie ſie war, hatte ihr Blick beſtändig und feſt auf ihm geruht, und alle Gedanken, alle Gefühle hatten ſich bei ihr in dieſem Blick conzen⸗ trirt. In dem fortdauernden Schweigen, das Paul umgab, erblickte er eine Aufforderung, fortzufahren. „Indem ich mich,“ ſagte er,„dem Auftrag meines Vaters mit allem Eifer widme, habe ich die Maßregeln ergriffen, welche die Umſtände erforderten. Ich habe nicht blos die Aktenſtücke durchgangen, die ich von ihm oder in Folge ſeiner Anweiſung erhielt, ſondern auch die Proto⸗ kolle bei der gerichtlichen Unterſuchung, die ſogleich nach dem Mord ſtattfand. „Aus den Protokollen erſieht man, daß Baron Lan⸗ der den 18. Auguſt 18.. auf Großſmeſted in der Ge⸗ meinde Ryd durch einen Meſſerſtich, den er von hinten erhielt, ermordet wurde, und daß man bei der Entdeckung des Mordes Alfred Kellner an ſeiner Seite knieend traf, in einen Zuſtand verſetzt, der nahe an Geiſtesverwirrung grenzte. „Nicht blos in Folge der unklaren Antworten, die Alfred Kellner gab, ſondern auch, weil ſeine Kleider blu⸗ tig und zerriſſen waren, und weil man wußte, daß er mit dem Ermordeten von der Hauptſtadt nach Ryd ge⸗ reiſt war, wurde er als verdächtig ergriffen, gefangen ge⸗ halten und vor Gericht geſtellt. Er konnte zwar nicht überwieſen werden, aber er wurde, obſchon bei der Un⸗ terſuchung noch einige andere Gründe gegen ihn dazu 184 kamen, unter das Gericht der Zukunft geſtellt. Ich wage zu fragen, ob meine kurze Darſtellung des Sachverhalts richtig iſt?“ „Vollkommen richtig.“ „Vor Gericht wurde ermittelt, daß Herr Baron Krook nebſt einigen ſeiner Diener die Erſten waren, welche die Miſſethat entdeckten. Eine Stunde ſpäter ſol⸗ len Sie, mein Herr, oder wenigſtens einige von Ihnen dazu gekommen ſein.“ „Das iſt wahr.“ „Zugleich wurde bewieſen, daß die Baronin Lander, als der Mord begangen wurde, ſich auf Aſen aufhielt, das ganz nahe bei Großſmeſted liegen ſoll, woraus man den natürlichen Schluß zog, daß ſie keinen Theil an dem Verbrechen habe. Sie fand ſich doch erſt auf Ihre CEin⸗ ladung in Smeſtadt ein?“ „Allerdings. Die Baronin hatte überdieß ihren Mann mehrere Monate nicht geſehen, weil er ſich in wichtigen Angelegenheiten im ſüdlichen Schweden aufhielt. Allen Vermuthungen nach beabſichtigte er, als er nach Stockholm zurückgekommen war, ſie auf dem Lande zu beſuchen, wurde aber unterwegs ermordet. Was uns be⸗ trifft, ſo waren wir von Baron Krook zu einem fröh⸗ lichen Feſte geladen, das ſich jetzt in ein Trauerfeſt ver⸗ wandelte. Vor Gericht legten wir dieſes unſer Zeugniß 8 und hatten dann nichts mehr mit der Sache zu ſchaſ⸗ en.“ „Und damit ſchloß das Gericht ſeine Unterſuchung?“ „Allerdings.“ So warm und kräftig, ſo ernſtlich ans Herz drin⸗ gend Paul zuerſt geſprochen hatte, ſo berechnend und ruhig ſchien er jetzt ſeine Forſchungen anſtellen zu wol⸗ len. Dieſe Ruhe war nicht minder Achtung gebietend, als das Gefühl, das ihn zuerſt hingeriſſen hatte. Es handelte ſich jetzt nicht mehr darum, zum Herzen — vage ;alts rron⸗ ren, ſol⸗ dnen der, elt, nau dem Lin⸗ 18⁵ zu reden, eine Botſchaft von einem Todten zu überbrin⸗ gen, ſondern es handelte ſich ganz einfach darum, die verwickelten Fäden eines Verbrechers ausfindig zu ma⸗ chen, über welches ſchon mehr als zwanzig Jahre der Schimmel der Vergeſſenheit geſponnen hatte. Der Blick der Baronin Lander flammte jetzt nicht mehr; das Feuer darin war erſtorben mit dem Feuer in Pauls Worten, und da ſeine Worte kalt und berech⸗ net waren, ſo waren es auch ihre Blicke. Der General halte Pauls Fragen im Namen der Uebrigen beantwortet. In Folge ſeiner näheren Bekauntſchaft mit Paul, und der vorausgegangenen Unterredung mit ihm, inte⸗ reſſirte er ſich bereits ebenſo warm wie Paul ſelbſt für die Ermittlung der Frage, und hätte es von ihm abgehan⸗ gen, ſo würde eine einfache Darſtellung des Ganges der Ereigniſſe das Myſteriöſe darin bald aufgeklärt haben. Die Uebrigen fühlten ſich durch die Art und Weiſe, wie Paul ſich zum Wortführer ſeines todten Vaters machte, ſtark ergriffen; aber wenn ſie auch wußten, auf was er abzielte, ſo wußten ſie noch nicht, wie viel er wußte, und für ſie war der Gegenſtand während der vieljährigen Ruhe ſchon allzuſehr verdunſtet, als daß ſie ihre Herzen ſogleich zu einem lebendigen Intereſſe er⸗ wärmen konnten. Die fortwährende Aufmerkſamkeit, die ſie ihm ſchenk⸗ ten, bewies inzwiſchen nicht bloß, daß ſie auf ſeine Worte achteten, ſondern verrieth auch ihren Wunſch, daß er fort⸗ fahren möchte. „Durch die Fürſorge meines Vaters,“ begann da⸗ her Paul wieder,„ſind einige Aktenſtücke in meine Hände gerathen, welche allerlei Verhältniſſe hinter den blutigen Couliſſen, wohin die juridiſche Unterſuchnng nie zu drin⸗ gen vermochte, beleuchten. Indem ich ſie erwähne, gehe ich auch zu der zweiten Abtheilung des Gegenſtandes 186 über. Ich frage Sie indeß vorher— wiſſen Sie, wer der Verbrecher war?“ Die alten Männer blieben unbeweglich und die Frage ſchien ſie nicht zu erſchrecken, ſie kam aber doch ſo un⸗ vermuthet, daß ſie es vergaßen, eine Antwort darauf zu geben. Die einzige Perſon, welche die Frage beantwortete, war die Baronin Lander. „Nein,“ ſagte ſie. Aber als ſie nur den Ton ihrer eigenen Stimme hörte, wurde ſie von einem leichten Zittern geſchüttelt. „Noch eine Frage,“ fuhr Paul fort,„wiſſen Sie auch nicht, ob Alfred Kelluer, der unter Gottes Urtheil Geſtellte, noch lebt oder nicht?“ Alle beantworteten die Frage verneinend, mit Aus⸗ nahme der Baronin Lander, die jetzt ſtill blieb. „Nun,“ ſagte er, nich muß alſo fortfahren.“ Was Paul bisher von dem Mord geſagt hatte, war twas, das jeder, der die gerichtliche Unterſuchung kannte, zum Voraus wußte. Als er jetzt zu den bisher unbekannten Umſtänden übergehen wollte, ſteigerte ſich das Intereſſe der Anwe⸗ ſenden noch mehr, zumal, da niemand von ihnen zu läng⸗ nen vermochte, daß ſie wenigſtens ebenſoſehr wie ſein Vater in einer Art von geheimer Beziehung zu der That ſelbſt geſtanden hatten. Mit einer gewiſſen Verwunderung, wo nicht Furcht, ſtellte ſich jeder die Frage, wie weit Pauls Kenntniß von der Sache wohl reichen möge. Der alte Kellner ſenkte ſeine Blicke zur Erde. Hatte er wohl mehr Urſache zur Unruhe als die Andern?“ il 187 Achtes Kapitel. Fortſetzung. Paul war jung; aber er war von ſeinem Gegenſtand durchdrungen, und je tiefer er hinein kam, um ſo mehr vergaß man ſeine Jugend. Während ſeines Vortrags hatte er mit feſtem Blick die alten Männer um ſich her betrachtet, ohne ſich nur ein einziges Mal gegen die Baronin zu wenden. Seine Hand hatte fortwährend auf dem ſchwarzen ſilbereingelegten Käſtchen geruht, das für ihn denſelben Werth zu haben ſchien, wie ein Reichskleinod. Er ſchwieg noch immer. Die Anweſenden erwarteten, daß er wieder anfangen würde. Je länger ſein Schweigen währte, um ſo qualvoller wurde für ſie die Zögerung. Berechnete wohl Paul die entſetzliche Wirkung dieſes Schweigens, oder bedurfte er deſſelben, um ſeine Gedan⸗ ken zu ſammeln? Unläugbar war es ihm jedoch nützlich, weil es den Andern einen höhern Begriff von ihm ein⸗ flößte. Es lag in dieſem Schweigen etwas Geheimniß⸗ volles, etwas Räthſelhaftes, das auf ſie einwirkte. Paul hatte im Vorzimmer des Generals Tritte ge⸗ hört, und er hoffte, daß es Roman ſein möchte. Er wollte ihn erwarten, bevor er fortfuhr. Die Uebrigen waren ſo ſehr von ihren eigenen Ge⸗ danken in Anſpruch genommen, zu welchen ſie von Paul auf eine ſo eigenthümliche Art zurückgeführt waren, daß ſie das Herannahen eines neuen Gaſtes nicht eher be⸗ merkten, bis... nicht Roman, wie Paul hoffte... ſondern Franz Kellner mitten unter ihnen ſtand. Aber er war nicht allein. Gabriele begleitete ihn. 188 Franz Kellners Miene zeugte von einer ſtarken Ge⸗ müthserſchütterung, wie auch Gabrielens ganze Erſcheinung. Die Spuren eines ſchmerzlichen und herzzerreißenden Auftrittes zeigten ſich noch in den bleichen Geſichtszügen Beider. Der Leſer erinnert ſich, daß Franz Kellner beſchloſ⸗ ſen und auch der Baronin Lander erklärt hatte, er würde unter keinen Umſtänden der Zuſammenkunft beim General anwohnen, wozu man ihn übrigens auch nicht eingeladen hatte, und ſeine Erſcheinung hier mußte alſo ganz uner⸗ wartet ſein. Aber als er nach ſeiner Unterredung mit Gourville aus dem Comptoir kam, ſuchte ihn Graf Frank, deſſen Reiſewagen bereits fertig ſtand, auf, und nun er⸗ folgte eine Unterredung zwiſchen Beiden, welche Erklä⸗ rungen höchſt ernſter Art und zuletzt einen Anftritt mit Gabriele hervorrief, in Folge deſſen Kellner, der ſich in einer ungewöhnlichen Aufregung befand, ihr befahl, ihm zu folgen. Er ſchlug ſodann mit ihr den kürzeſten Weg zum General ein. Um den Gang der Ereigniſſe jetzt nicht zu unter⸗ brechen, werden wir das Geſpräch zwiſchen Frank und Kellner an einem andern Ort ausführlicher mittheilen. Mit trotziger Stirne trat er ein, gleich als wäre er bereit, eine ganze Welt in die Schranken zu fordern. Nur als ſein Blick auf Gabriele fiel, glitt ein kaltes Lächeln über ſeine Lippen. „Ich hoffe, Herr General,“ ſagte er zu dieſem, „Sie werden es nicht übel deuten, daß auch ich mich hier einfinde, ungeachtet Sie nicht die Güte gehabt haben, mich einzuladen. Aber es iſt ja eine Familienzuſammen⸗ kunft, und darf wohl ich dabei fehlen? Ich ſehe, daß mein Vetter Paul Etwas zu ſagen hat. Haben Sie die Güte und laſſen Sie ſich nicht ſtören.“ Gabrielens Verwirrung verſchwand beim Anblick ihres Vaters. Mit einer gewaltſamen Anſtrengung be⸗ herrſchte ſie ihr aufgeregtes Herz, um freundlich dem ——— 189 Manne entgegenlächeln zu können, deſſen Zärtlichkeit ſie ſo hoch ſchätzte. „Du hier, mein Vater!“ ſagte ſie,„welche Freude, Dich zu ſehen! Ach, ich hatte es nicht erwartet.“ Und ſie ſchlang ihren Arm um den Greis und lehute ihr Haupt an ſeine Bruſt, vielleicht um die Thräne zu verbergen, die in ihrem Auge glänzte. Sie war betrübt, aber in ihrer Betrübniß war ſie immer liebenswürdig. Der alte Kellner drückte ſeinem Sohne herzlich die Hand. Er war der Einzige, der den aufgeregten Zuſtand deſſelben nicht bemerkte. „Ich bin jetzt hier,“ flüſterte Franz Kellner der Baronin Lander zu, ſobald er ſich ihr nähern konnte. „Kann ich Ihnen dienen, ſo verlaſſen Sie ſich auf mich.“ „Ich danke Ihnen; aber was iſt vorgefallen? Sie ſehen ſo bleich aus.“ „Nichts, nichts. Ich will blos meiner Frau eine kleine Lektion ertheilen. Aber Sie können mich nicht verſtehen.“ Abraham hatte jetzt neue Geſichter zu ſtudiren be⸗ kommen, und ſeine klugen, gleichſam beſtändig ſpähenden Augen wandten ſich ihnen zu. Baron Krook ſchien der gleichgültigſte zu ſein. Sein trockener Huſten quälte ihn zu ſehr, als daß er mit grö⸗ ßerem Intereſſe an irgend Etwas feſthalten konnte. Paul hatte ſich nicht vom Platze bewegt. Als er fand, daß es nicht Roman war, der ankam, ſo blieb er gleichgültig. Seine Gedanken waren zu ſehr auf den Gegenſtand der Zuſammenkunft concentrirt, als daß ſie ſich von irgend etwas, das ihn nicht berührte, hätten ſtören laſſen. So lebensfriſch, fröhlich und frei er war, wenn er ſich ohne Zwang den Eingebungen des Augenblicks und den Neigungen ſeines Herzens überlaſſen konnte, ſo tief wurde er auch von Allem ergriffen, was ihm höhere, 190 ernſtere Verpflichtungen auferlegte und ſein Nachdenken in Anſpruch nahm. Nicht einen Augenblick ließ er daher den wichtigen Gegenſtand aus den Augen. Unbeweglich auf ſeinem Platz, wurde er auch unbeweglich in ſeinem Gedankengang. Franz Kellner, welcher bereits etliche und vierzig Jahre zählte und ſowohl mit einem guten Kopf ausge⸗ ſtattet, als in Geſchäftsangelegenheiten bewährt war, zu⸗ gleich die Gewohnheit hatte, eine Sache von allen Seiten zu betrachten, bemerkte gleich bei ſeinem Eintritt Pauls Stellung gegenüber ſeiner Umgebung, ſah aber auch, daß dieſe nur aus alten Männern und einer Frau beſtand. Er lächelte daher in ſeiner Seele, nicht blos über Paul, ſondern auch über dieſe. Der ſeiner Natur anklebende Egoismus gab ihm fortwährend ein feindliches Gefühl gegen Paul ein, das zwar mitunter abnahm, wenn Paul nicht zugegen war, aber neues Leben erhielt, ſobald er mit ihm zuſammentraf. Von ſeiner Laune beherrſcht, wie er war, verachtete er jetzt den Zweck der Zuſammen⸗ kunft eben ſo ſehr, wie er vorher darüber erſchrocken war. Der Sieg, den er über Gonrville gewonnen, hatte ihm ſeinen Muth wieder gegeben. Paul ſchien inzwiſchen die Leidenſchaften nicht zu bemerken, die um ihn her gährten, ſondern blieb ruhig und ſtill, bis jeder ſeinen Platz wieder eingenommen hatte. „Die Zeit drängt,“ begann Panl jetzt,„und ich fahre in meinem Vortrage fort. Die Glaubhaftigkeit der Akten⸗ ſtücke, auf die ich mich zu ſtützen gedenke, darf nicht be⸗ zweifelt werden, da ein Theil derſelben von Ihnen ſelbſt iſt, und ein anderer Theil Aufzeichnungen enthält, die von dem Sekretär eines Bundes ſtammen, der ſich Freundſchaft in Leid und Frenud nannte. Die höchſten Häupter dieſes Bundes waren, wie dieſe Papiere ausweiſen, keine andere Perſonen als Sie ſelbſt, meine Herren.“ Außer dem General, welchem Paul ſich bereits an⸗ nken igen nem ang. rzig sge⸗ zu⸗ iten uls daß ind. aul, nde ühl aul er cht, en⸗ ken atte zu hig tte. hre eu⸗ be⸗ bſt die ich Die ere ine in⸗ 191 vertraut, hatte Niemand veruuthet, daß dieſe Aktenſtücke ſich in Pauls Händen befinden könnten, ja ſogar kaum, daß der Orden ihm bekannt ſein würde, und ſie konnten ihre Ueberraſchung nicht unterdrücken. Franz Kellner, der von dem Beſtand des Ordens wohl gewußt hatte, und ſogar als junger Mann, kurz vor der Auflöſung der Geſellſchaft, ſelbſt in einen der geringeren Grade aufgenommen worden war, begriff in⸗ zwiſchen nicht, was dieſe Papiere Beunruhigendes ent⸗ halten konnten. Die Baronin dagegen ſchien es weit beſſer zu ver⸗ ſtehen. Als Paul den Namen der Geſellſchaft nannte, begann ein rother Fleck auf ihrer Wange zu flammen und ſchien während der Fortſetzung nicht mehr davon weichen zu wollen. Abraham heftete ſeine Augen auf Paul, wie ein Pudel auf ſeinen Herrn. Gabriele lehnte ſich in eine Cauſeuſe zurück und ſchloß ihre Augenlider, um ſich deſto beſſer ihren eigenen Gedanken überlaſſen zu können. Paul fuhr fort: „Aus den in Frage ſtehenden Dokumenten erſieht man, daß die genannte Geſellſchaft viele Jahre beſtand, daß der Großmeiſter jeden Monat wechſelte, daß das Seeretariat permanent und meinem Vater übertragen war, ein Umſtand, in Folge deſſen er auch die Akten der Geſellſchaft behalten konnte, als ſie ſich ſo plötzlich auflöste, wie es ſchien, aus Schrecken über den entſetz⸗ lichen Tod des Barons Lander.“ Ungeachtet Niemand Panl unterbrach, ſo verſtummte er hier wieder. Es ſchien, als wollte er Jedem die Zeit gönſten, ſeine Mittheilungen recht genau zu überlegen. 4 Nur der General nickte freundlich Beifall. Die Ueb⸗ rigen gaben nicht einmal mit einem einzigen Zeichen zu erkennen, ob ſie ihn verſtanden hatten oder nicht. Ihre Aufmerkſamkeit und die allgemeine Stille war jedoch nicht ganz ohne Bedeutung. „Zur Zeit von Baron Landers Tod,“ ſprach Paul weiter,„war mein verehrter Oheim, Herr Großhändler Hermann Kellner, Großmeiſter der Geſellſchaft.“ Der alte Kellner konnte eine Bewegung nicht unter⸗ drücken. Aller Augen hefteten ſich auf ihn. „Die Macht des Großmeiſters,“ fuhr Paul fort, „war, den Statuten der Geſellſchaft zu Folge, unbe⸗ ſchränkt in dem höchſten Grad, der keine andere Glieder zählte, als Sie. Sie geben dieß doch zu?“ „Es wird zugegeben. Fahren Sie fort, fahren Sie fort.“ Franz Kellner konnte ſeine Augen nicht von ſeinem Vater abwenden. Der ſonſt ſo joviale und freundliche Ausdruck in ſeinem Geſicht war auf einmal verſchwunden. „Eines Tags, es war am 10. Juli 18.. oder et⸗ was mehr als einen Monat vor Baron Landers Ermor⸗ dung, erhielten Sie von dem Großmeiſter ein Schreiben — das Schreiben liegt in dieſem Käſtchen— worin er Sie zu einer geheimen Berathung einberief. Sie traten zuſammen. Kraft ſeiner Macht, wie auch der Tendenz oder Verpflichtung der Geſellſchaft, einander freundſchaft⸗ lich in Leid und Freud beizuſtehen, ohne daß deßhalb Jemand berechtigt wurde, in die geheimen Motive der gegenſeitigen Handlungen einzudringen, forderte der Groß⸗ meiſter Sie zu einer ungewöhnlichen Maßregel auf, um eine Familie, die ſeinem Geſellſchaftskreis angehörte, vor den Sorgen und Gefahren zu reiten, die ſie in Folge der in ihrem Schooße entſtandenen Mißhelligkeiten be⸗ drohten. Man ſagte Ihnen, daß der Mann ein grau⸗ ſamer Tyrann ſei, der ſeine Gattin ſchon lange mißhau⸗ delt habe, daß ſie ſchon ſeit mehreren Monaten von ein⸗ ander getrennt leben, mit der Privatübereinkunft, ſobald wie möglich mit Hülfe der Kirche und des Geſetzes dle war gaul idler iter⸗ fort, ube⸗ eder hren inem liche den. ret⸗ nor⸗ iben n er aten denz zaft⸗ halb der roß⸗ um vor olge be⸗ rau⸗ han⸗ ein⸗ bald die 193 Scheidung ins Werk zu ſetzen, daß aber der Mann ſeinen Entſchluß geändert habe und die Frau jetzt zwingen wolle, zu ihm zurückzukehren. Man malte Ihnen dieſe Seite der Sache mit grellen Farben vor; man beſchrieb auf eine rührende Weiſe die Lage der ſchwachen leidenden Frau und ſtellte es Ihnen auheim, ob Sie nicht durch Ihr Dazwiſchentreten die Unglückliche unterſtützen wollten, indem Sie ſich bemühten, den Mann von der Rückkehr abzuhalten, was inzwiſchen nicht dadurch geſchehen dürfe, daß Sie ihm offen und aufrichtig ſagten, was zu ſeinem Frieden gehöre, weil man in dieſem Falle befürchtete, er möchte, erzürnt über die Entdeckung, alle Vorſtellungen zurückweiſen und augenblicklich ſeinen Beſchluß ins Werk ſetzen. Die Entfernung des Mannes ſollte vielmehr durch allerlei andere Nebenmittel durchgeſetzt werden, und es wurde der Vorſchlag gemacht, auch auf der andern Seite womöglich die beklagenswerthe Frau wieder zu Verſtand zu bringen, welches Ziel man auch zu erreichen hoffte, wenn man nur die nöthige Zeit hätte. Um des edlen Zweckes willen, in einer von gewaltſamen Leidenſchaften zerriſſenen Familie wieder Frieden und Glück einzuführen, gingen die Herren auch auf den Vorſchlag ein. Ich er⸗ laube mir nun die Frage, mein Herr, ob meine Darſtel⸗ lung des Sachverhalts richtig iſt oder nicht.“ „Sie ſtimmt vollkommen mit der Wahrheit überein.“ Der alte Kellner hatte während dieſer Rede ſeinen Kopf immer tiefer ſinken laſſen, ſo daß derſelbe jetzt in ſeiner Hand ruhte. Der Ausdruck in ſeinem Geſichte eühſele und die Lebhaftigkeit verſchwand aus ſeinem Blicke. Franz Kellner begriff noch nicht, was er hörte. Er war der Meinung geweſen, Paul würde einen förmlichen Prozeß eröffnen, und hatte ſich ſchon im Voraus auf die Gelegenheit gefreut, ſeine dialektiſche Ueberlegenheit zei⸗ gen zu können; aber es ſchlug ihn nieder, als er ſah, daß er ſich getänſcht hatte, und daß Paul, auf reine Das Gewiſſen, Il, 13 194 Thatſachen geſtützt, nur den Verlauf eines wirklichen Er⸗ eigniſſes berichtete. Baron Krooks Huſten nahm zu. Der rothe Fleck auf der Wange der Baronin gewam eine immer brennendere Farbe. Die Augen des Juden Abraham rollten fortwährend von einer Perſon zur andern. Graf Curt und der General veränderten keine Miene, ſondern folgten aufmerkſam dem Vortrag Pauli⸗ „Die Familie, in welcher dieſe ſo ſchmerzlichen Ver⸗ hältniſſe eingetreten waren,“ fuhr Paul fort,„war kein andere als die des Baron Lander. Nach den Akten zu ſchließen, ſcheinen Sie ſelbſt überraſcht geweſen zu ſein als Sie den Namen erfuhren; aber Ihr Verſprechen wan bereits gegeben.“ Die Baronin blickte verwirrt auf. „Die unglückliche Frau waren doch Sie, Madame? „Verzeihen Sie mir, mein Herr, aber ich vermöcht meinen todten Mann nicht anzuklagen.“ „Und Sie, mein Onkel,“ fügte Paul gegen den Greis gewandt hinzu,„was antworten Sie?“ Auch der Greis ſchien unſchlüſſig. 1 „So viel iſt ſicher,“ begann Paul wieder,„daß die Aufzeichnungen, die ich beſitze, deutlich beweiſen, daß der Mann, der als harter Tyrann geſchildert wurde, kein anderer war als der Baron Lander.“ „Nun ja, er war es... weiter... weiter.. „General Roſenpalm,“ fuhr Paul fort,„übernahn es, bei einer Inſpectionsreiſe, die er zur ſelben Zeit im ſüdlichen Schweden machen ſollte, die Gelegenheit zu be⸗ nützen und den Baron in allerlei Verhältniſſe zu bringen⸗ die ihn zurückhalten und ſeinen Aufenthalt daſelbſt ver⸗ längern konnten. „Ja,... ja,... ja,... fahren Sie fort... fahren Sie fort.“ en Er⸗ ewam ährend keine Pauls. 1 Vel⸗ keim ten z ſein, n wa ume? nöchte n den aß die aß der kein rnahm eit im u be⸗ ingen, t ver⸗ 195 „Der Großmeiſter, der die Sache vorgetragen hatte, verſprach dagegen, ſich ſelbſt mit der Baronin Lander in Verbindung zu ſetzen und ſich alle Mühe zu geben, um ſie durch freundliche Vorſtellungen zu einer verſöhnlicheren Geſinnung gegen ihren Mann zu bewegen. Sie geben es doch zu, mein Onkel?“ Der Greis antwortete nichts. Die Baronin Lander dagegen erhob ſich nicht ohne einen gewiſſen Uebermuth. „Um Verzeihung, meine Herren,“ ſagte ſie,„aber ich kann nicht länger eine ſtille Zuhörerin bleiben, um ſo mehr, als Sie, mein Herr, die Wahrheit dieſer An⸗ gaben zugeſtehen, weßhalb ich beinahe ein Complott be⸗ fürchte— ich beſitze keinen andern Ausdruck für meine Gedanken— ein Complott, das vielleicht gegen mich gerichtet iſt. Ich muß deßhalb erklären, daß mein ver⸗ ſtorbener Mann, wenn er manchmal hart gegen mich ſein konnte, dennoch niemals ein Tyrann und noch weniger grauſam war, und ich muß hinzufügen, daß ich eben jetzt zum erſten Mal höre, daß es ſich um eine Scheidung zwiſchen uns gehandelt haben ſoll, wie auch, daß Herr Großhändler Kellner ſich ſo lebhaft für mich intereſſirt habe, wie hier angedeutet wird. Was die Geſellſchaft Freundſchaft in Leid und Freud über mich und meinen Mann oder zu Gunſten von uns beiden beſchließen konnte, das iſt etwas, wovon ich nichts weiß, ohngeachtet ich allerdings die guten Abſichten nicht in Zweifel ziehen will. Auch ich muß Sie alſo jetzt zu einer nähern Er⸗ klärung auffordern, Herr Kellner.“ Allle, mit Ausnahme des alten Kellner, ſchienen über die Erklärung der Baronin verwundert. Ich beſitze allerdings keine andere Quellen als die Akten der Geſellſchaft,“ verſetzte Paul,„aber in ihnen ſind die Verhältniſſe ſo angegeben, wie ich ſie dargeſtellt habe. Ich appellire an Sie, meine Herren.“ „Die Angaben ſtimmen unlängbar mit dem wahren 196 Sachverhalt überein,“ bemerkte der General.„Kellner trug die Sache ſo vor, wie ſie hier beſchrieben worden iſt, und wir verpflichteten uns, die uns zugetheilten Rollen zu übernehmen. Es iſt ſehr wahr, daß ich mich ins nördliche Schweden begab, wo ich den Baron Lan⸗ der auf alle erdenkliche Weiſe in verſchiedenen Affairen zu verwickeln ſuchte; aber eines ſchönen Tags verſchwand er plötzlich, und als ich ihn vermißte, reiste ich ihm nach, aber er hatte eine ganze Tagreiſe vor mir voraus, „Graf Curt und Baron Krook,“ fuhr der General fort,„welche Stockholm nicht verlaſſen konnten, ver⸗ ſprachen, ihn dort aufzuhalten... man ſagte ung nämlich, daß die Baronin ſich auf dem Lande befinde... für den Fall, daß ich meinen Zweck nicht erreichen ſollte. Als ich nun in die Hauptſtadt zurückkam und ſie auf⸗ ſuchte, traf ich ſie an einer wohlbeſetzten Tafel, und als ich nach Lander fragte, ſagte man mir, das Mittagt⸗ mahl ſei juſt für ihn veranſtaltet worden, aber er habe ſich vor einem Augenblick in den Garten hinab begeben um friſche Luft zu ſchöpfen. Ich ſuchte ihn daher ſo⸗ gleich dort auf, fand ihn aber nicht. Unruhig darüber eilten wir in ſeine Wohnung. Dort erzählte man uns er ſei vor einigen Minuten in Geſellſchaft Alfred Kelt⸗ ners weggereist, um ſich nach Grosſmeſtad auf das Gut des Barons Krook zu begeben. Auf Krooks Aufforde⸗ rung ſetzten wir uns in den Wagen und reisten nach Als wir an Ort und Stelle kamen, fanden wir ſein blutige Leiche.“ „Was der General geſagt hat,“ fiel Graf Curt ein, „ſtimmt in allen Theilen mit der Wahrheit übereim⸗ Was ſagſt Du, Krook?“ „Ich erkenne, daß die Erklärung des Generalz vollkommen der Wahrheit entſpricht.“ Die Baronin war mißtrauiſch und fand die Ei⸗ klärung ungenügend. Sie fürchtete eine Schlinge und wollte auf nichts eingehen, was ihr zweideutig ſchien. llner rden ilten mich Lan⸗ iren vand ihm aus. teral ver⸗ und Alte. auf⸗ als agk⸗ habe ben ſo⸗ übe uns Kell⸗ Gut rde⸗ ach ſein ein, rein. rals Er⸗ und ien. 197 Des Generals unfreundliche Stimmung bei ihrer Ankunft, ſowie die jetzt mitgetheilten Angaben, von deuen ſie nie ſprechen gehört hatte, erſchienen ihr gefährlich und ver⸗ rätheriſch. Wenn ſie ein feindſeliges Verhältniß gegen ihren Maun eingeſtand, ſo konnte man ja die Urſache ſeiner Ermordung ſo leicht davon ableiten, daß ſie ein Eingeſtändniß des erſteren einem Einverſtändniß der letz⸗ teren gleich achtete. „Ich reſpektire,“ ſagte ſie daher jetzt,„die Worte des Herrn Generals, wie auch die Worte des Herrn Grafen und des Herrn Barons, aber ich muß durchaus läugnen, daß ich jemals Herrn Großhändler Kellner in einer für mich ſo wichtigen und delikaten Frage ange⸗ gangen habe, und ich kann dieß um ſo weniger zugeben, als die Verhältniſſe zwiſchen meinem Mann und mir es niemals nöthig machten.“. Der alte Kellner ſaß noch, den Kopf in ſeine Hand gebeugt, unruhig hin und her ſchaukelnd da. .„ Ich bitte den Herrn Großhändler, ſich gefälligſt er⸗ klären zu wollen,“ fügte die Baronin hinzu. „Auch ich bitte darum,“ ſiel der General ein. „Wenn die Baronin die Wahrheit ſpricht... der Ge⸗ neral ſchien immer ihre Angaben in Zweifel zu ziehen... dann, alter Freund, haſt Du uns Alle wie Marionetten behandelt.“ „Ich ſtimme lebhaft in die Aufforderung des Ge⸗ nerals ein,“ fügte Graf Curt hinzu,„um ſo mehr als Deine Erklärung hier von großer Bedeutung für die Ausmittlung der ganzen Sache zu ſein ſcheint.“ „Auch ich trete dem Wunſch meiner Frennde bei,“ ſagte Baron Krook,„ich habe noch größere Veranlaſſung dazu, weil ich auf den Grund dieſer Angabe hin der Baronin Lander mit Vergnügen für den Verlauf des Sommers eine friedliche Zufluchtsſtätte auf meinem Gut gewährte.“ Der Huſten unterbrach ihn. 198 Die Aufmerkſamkeit Aller war in dieſem Augenblick nur auf den alten Kellner gerichtet. Paul hatte das Geſpräch in Gang gebracht und er hoffte, es würde ſich jetzt von ſelbſt entwickeln. Schweigend, aber aufmerkſam folgte er dem Ver⸗ lauf deſſelben. Mit Theilnahme ſah er das Leiden des alten Kell⸗ ner, aber er erinnerte ſich auch der Todesſtunde ſeines Vaters, ſowie des von ihm empfangenen Auftrags, und er verſchloß ſich daher in ſich ſelbſt. Franz Kellner befand ſich in einer nicht geringeren Verlegenheit und er bereute, hieher gekommen zu ſein. Es war ihm nie eingefallen, daß ſein Vater bei dieſer Zuſammenkunft compromittirt ſein könnte, und ebenſo wenig vermuthete er, daß Paul faktiſch Kenntniß von den Geheimniſſen einer vor etlichen und zwanzig Jahren geſpielten Intrigue beſäße. Nicht blos nachdem er von Gourville die Papiere zurückerhalten hatte, ſondern auch nach ſeiner Unterredung mit Frank ſtellte er ſich aller⸗ dings die Möglichkeit vor, daß die Baronin Lander einiger Galauterieſünden verdächtig ſein könnte, und deß⸗ halb nahm er Gabriele mit, um ihr, wie er ſich gegen die Baronin ausdrückte, eine Lektion zu ertheilen. Im Uebrigen hatte er ſeine eigene Meinung von der Baronin und ging ſogar in ſeinem Argwohn gegen ſie ſehr weit, weßhalb er ſich auch in den letzten Jahren ſo ſehr als möglich von ihr zurückgezogen hatte. Als er inzwiſchen jetzt ſab, daß die Frage eine ganz andere Wendung nahm, und zwar ſogar gegen ſeinen Vater, ohne daß er ſelbſt Gelegenheit hatte, ſich ins Geſpräch zu miſchen oder zu ſeiner Vertheidigung aufzutreten, ſo mußte er ſich ge⸗ ſteben, daß er übereilt und unüberlegt gehandelt habe, indem er ſich durch eine leidenſchaftliche Hitze gegen Ga⸗ briele zu dieſem Beſuch habe verführen laſſen. Es ſchmerzte ihn, ſeinem Vater nicht helfen zu können, es ärgerte ihn, daß die Lektiyn, die er Gabriele verheißen, ein daf un züt der 199 eine Lektion für ihn ſelbſt werden ſollte, es verdroß ihn, daß die Baronin die feindliche Waffe von ſich abgewendet und ihr dieſe nene Richtung gegeben hatte; endlich er⸗ zürnte er ſich auch über die Ruhe, die Paul während der ganzen Verhandlung beobachtete.— Gabriele verſtand eigentlich nicht, von was man ſprach. Wenn ſie die Stimme ihres Vaters hörte, folgte ſie ihm mit ihren Blicken; dazwiſchen hin⸗ ein aber verſank ſie wieder in ihre eigenen Gedanken. Sie beſaß auch darin eine beſſere Welt und einen kla⸗ reren Himmel, der allerdings nicht frei von Wolken und Stürmen, aber dennoch ſchöner und ruhiger war, als die Welt, worin ſie täglich lebte und von der ſie ſich auch jetzt umgeben ſah. Waährend die Blicke Aller mit geſpannter Erwartung auf dem alten Kellner ruhten, richtete er ſich auf. Seine eine Hand zitterte etwas, während er ſich mit ihr auf den Stuhl ſtützte. Mit der andern Hand ſtrich er ſich die weißen Locken aus der Stirne. Obſchon er nie älter ausgeſehen hatte, als eben jetzt, weil das freundliche Lächeln in ſeinem Geſicht gänzlich erloſchen war und ſtatt deſſen Kummer und Sorgen darin thronten, ſo war der würdige Greis dennoch immer eine ſchöne Erſcheinung. Wenn die Jugend ihren Frühling auf der Erde beſitzt, ſo beſitzt das Alter den ſeinigen im Himmel, die Sterne der Erde ſind Blumen, die Blumen des Himmels ſind Sterne. „Man hat mich zu einer Erklärung aufgefordert,“ ſagte er,„ich will ſie geben.“ Sein Blick flog umher und verweilte endlich auf den älteren Männern, ſeinen Jugendfreunden. „ u euch ſpreche ich,“ fuhr er fort.„Wenn man ein Gewehr abſchießt, um einen Freund zu bewillkomm⸗ nen, ohne zu wiſſen, daß eine Kugel ſich im Laufe ver⸗ birgt... ich frage euch... iſt man dann ein Ver⸗ brecher? Wenn man einen Pfeil abdrückt, ohne daß * 200 man den Bogen richtet oder etwas Böſes im Sinn hat venn aber der Pfeil mehr vom Wind, als von irgend etwas anderem geführt, entfliegt und Jemand verwundet ich frage euch... iſt man dann ein Verbrecher? „Wenn man einen Ball wirſt, aber der Ball ſich während ſeiner Luftfahrt verwandelt und wie ein Blitz herabfährt . ich frage euch... iſt man dann ein Verbrecher? Wenn man den vollen Becher ergreift und einen Labe⸗ trunk anbietet, ohne zu wiſſen, daß ein Tropfen Gift auf dem Boden liegt... ich frage euch... iſt man dann ein Verbrecher? Wenn das ein Verbrechen iſt... der Himmel mag richten... dann bin ich ein Verbrecher. Ich bin ein alter Mann und zähle über ſiebzig Jahre. Niemand wird mir... das hoffe ich... wirkliche Verbrechen zur Laſt legen können. Ich habe mich ehr⸗ lich bemüht, der Achtung Anderer würdig zu werden und mir Seelenruhe zu erwerben. Iſt es mir gelungen?“ Der Greis pauſirte hier einen Augenblick. Sein Vortrag belebte ihn und er bekam während deſſelben wie⸗ der Etwas von ſeinem gewöhnlichen unbekümmerten und fröhlichen Ansſehen. „Aber auch ich bin jung geweſen,“ fuhr er dann fort,„auch ich habe nach dem Pokal des Vergnügens gegriffen und ſeinen ſprudelnden Schaum, wie auch ſeine Hefe geleert.“— Er ſenkte ſeinen Blick auf eine kurze Weile zur rde. „Der Himmel iſt nie ſo klar,“ ſprach er weiter, „ohne daß er irgend ein Wölkchen hätte. Dem Blick des gewöhnlichen Alltagslebens erſcheint indeſſen Alles ſo klar und rein, aber das Gewiſſen ſetzt ſein⸗ aſtronomiſches Inſtrument an unſre Angen und das bisher kaum ge⸗ ſehene Wölkchen bedeckt bald den ganzen Himmel. Ich ſehe auch jetzt, daß ich einen Fehler, einen ſehr großen Fehler gegen die Freundſchaft begangen habe: ich habe euch nämlich eine Unwahrheit geſagt.“ 201 Die Art und Weiſe, wie der Greis ſich ausſpräch, vor Allem aber ſein Bekenntniß, rief eine lebhafte, theil⸗ nehmende Bewegung hervor. „Ich will,“ begann er wieder,„hinzufügen, daß dieſe Unwahrheit möglicher Weiſe auf die eine oder an⸗ dere Art den Mord veranlaſſen konnte, von dem es ſich hier handelt, obſchon ich es weder weiß noch begreife, und wenn dieß der Fall iſt, ſo habe ich die Rolle des blinden Höder geſpielt, weil die von meiner Hand ge⸗ worfene Miſtel ſich auf dem Weg zu ihrem Ziel in eine Mordwaffe verwandelt hat.“ Wiederum hielt der Greis inne, und man ſah, daß er verlegen nach Worten ſuchte. „In jüngeren Jahren faßt das Gemüth leicht Feuer, das Herz klopft raſch und die Neigungen leiten uns. Auch ich habe eine ſolche Zeit gehabt und ohne Hoffnung auf Gegenliebe betete ich ein ebenſo ſchönes als achtungs⸗ würdiges und geniales Weib an. Mit ihrem Blick leitete ſie mich, mit ihrem Wort gebot ſie über mich, und da⸗ durch, daß ſie mir nie Etwas zugeſtand, behielt ſie bis auf ihre letzten Augenblicke ihre Macht über mich. Eines Tags vertraute ſie mir das unglückliche Verhältniß zwi⸗ ſchen der Baronin Lander und ihrem Manne an und bat mich, ein Mittel auszuſinnen, wodurch er auf einige Zeit von der Hauptſtadt entfernt werden könnte, während ſie ſelbſt ſich alle Mühe geben wollte, um auf das Herz der Baronin einzuwirken, damit dadurch wieder ein gutes Verhältniß zwiſchen den Gatten hergeſtellt werden könnte. Ich verſprach alles Mögliche zu thun, und trug die Sache auch vor. Die Baronin hat alſo unläugbar inſofern Recht, als ich keinen Auftrag von ihr ſelbſt erhalten hatte und nicht einmal ihr Verhältniß zu ihrem Manne kannte; ihr da⸗ gegen könnt mir vorwerfen, daß ich mit meiner eigenen Verantwortung für die Richtigkeit der Angabe mich in ein Abentheuer miſchte, das mich, wenn auch nur ent⸗ fernt, durch ſeine unangenehme Folgen beunruhigte; aber 20² was ich that, geſchah in guter Abſicht und in der Ueber⸗ zeugung, daß ich ſelbſt keine Marionette ſei.. „Es iſt dennoch ganz unbegreiflich,“ bemerkte der General.„Daraus geht ja dentlich hervor, daß die Dame Dich entweder betrogen hatte, oder auch daß die Baro⸗ nin Lander...“ „Uns jetzt betrügt,“ fügte der alte Kellner hinzu. „Mein Gott, ich kann es nicht läugnen,“ fuhr er fort, „und mein Urtheil ſcheitert entweder an der Scylla oder an der Charybdis.“ „Und wer war dieſe Dame?“ fragte Graf Curt.“ „Ihr Name iſt mir heilig. Sie iſt ſchon ſeit zwei⸗ undzwanzig Jahren todt.“ „Todt? Friede mit ihrer Aſche!“ Während der alte Kelluer ſeine Erklärung abgab, hatte das Geſicht der Baronin Lander beſtändig die Farbe gewechſelt, und ſie folgte allen ſeinen Worten mit einer Aufmerkſamkeit, die unaufhörlich zunahm. Obſchon es nicht leicht war, in das Innere dieſer verſchloſſenen Na⸗ tur einzudringen, ſo ſchien es gleichwohl klar, daß ſie ſich einen Vorwurf machte, der ſie jetzt quälte, und ſie ſchien zu fürchten, es könnte ihr jeden Augenblick, vielleicht in Folge der Unvorſichtigkeit, womit ſie ſelbſt ihre Auffor⸗ derung an Kellner gemacht hatte, der Schleier abgeriſſen werden. Wußte oder ahnte ſie vielleicht, wer die Dame war, die mit Kellner geſprochen und ihn veranlaßt hatte in ihrem Intereſſe zu handeln, ohne daß man ſie von den Mitteln in Kenntniß ſetzte, die zu dieſem Zweck be⸗ nützt wurden? Von Unruhe ergriffen, warf ſie Franz Kellner einen bedeutungsvollen Blick zu, den er zu ver⸗ ——;— * 203 ſtehen ſchien, weil er ihn beantwortete. Als der Grew aufhörte und der General, ſowie Graf Court ihn erſuch⸗ ten, den Namen der unbekannten Dame zu nennten, da ſtockte ihr Athem und ihre Bruſt hob ſich erſt dann wie⸗ der etwas leichter, als er ihnen antwortete, ſie ſei todt und ihr Name ſei ihm heilig. Paul hatte mit nicht geringer Aufmerkſamkeit, aber mit vollkommener Ruhe die Erklärung des Greiſes an⸗ gehört. „Es iſt wahr, die Erinnerungen an die Todten ſind uns heilig,“ verſetzte auch er jetzt,„aber welcher von den Todten, derjenige, der die Aufklärung eines Verbrechens verlangt, oder derjenige, deſſen Handlungen daſſelbe viel⸗ leicht verbergen, wird hier wohl dem andern weichen müſſen?“ Die Frage war richtig, aber der alte Kellner blieb nichtsdeſtoweniger ſtill. Die Baronin warf einen verſtohlenen Blick auf Franz Kellner, und dieſer richtete ſich auf, während ein Ausdruck des Verdruſſes über ſein Geſicht glitt. Dreiſt maß er Paul mit einer ſtolzen Bewegung und einem Blick, welcher andeutete, daß er bereit ſei, den hingeworfenen Handſchuh aufzunehmen. „Wunderliche Fragen!“ begaun er;„eine noch wun⸗ derlichere Art zu raiſonniren,“ fügte er nach einer Pauſe hinzu.„Ich weiß nicht genau, um was es ſich eigentlich hier haudelt; aber es betrifft meinen Vater und deßhalb auch mich. Was verlangt denn mein Herr Vetter? Wie aus einer Bombe geworfen, kommt er hierher und maßt ſich anim Namen einer todten Angehörigen ältere Männer für ihre Jugendhandlungen zur Verantwortung zu ziehen. Was berechtigt ihn dazu? Welche Abſichten hat er da⸗ bei? Hat er vielleicht mehr Recht als irgend ein anderer, in die kleinen Geheimniſſe des Familienlebens einzudrin⸗ gen, um ſodann ſeine Entdeckungen vielleicht dem Ge⸗ lächter eines ueugierigen Publikums preis zu geben? —OO—— — — “ 204 Hat nicht bereits das Gericht unterſucht und geprüft, und hat nicht das Geſetz bereits geurtheilt? Wo ſollen die Verfolgungen des Unverſtandes oder des Leichtſinnes ein Ende nehmen, wenn nicht vor dem Richterſtuhl, und was berechtigt jemand, ſeine Inſtnuationen noch weiter zu treiben, wenn das Geſetz einmal ausgeſprochen hat: hier ſollen deine ſtolze Wellen ſich legen? Es iſt nun die Sache des Herrn, die Kinder bis ins dritte und vierte Glied zu ſtrafen; aber einem ſchwachen einfachen Sterb⸗ lichen ſteht es nicht zu. Mit ſteigendem Verdruß habe ich dieſen Verſuch meines Vetters gehört, ſich ein höhe⸗ res und ausgedehnteres Recht anzumaßen, als der Staat im Allgemeinen zugeſteht. Ich will ſeine eigene Unfehl⸗ barkeit nicht beſtreiten, aber er iſt auf Irrwege gera⸗ then, wenn er dieſelbe in einem ſo hohen Grad zu be⸗ ſitzen meint, daß er ſich das Recht zuſchreibt, jeden An⸗ dern zu meiſtern. Ich will auch der Wahrhaftigkeit ſeines Auftrags von Seiten meines verſtorbenen Qnkels nicht mißtrauen, aber die Art des Auftrags ſelbſt zeugt ganz ſonnenklar dafür, daß der Sterbende, Gott verzeih mir meinen Ausdruck, als er denſelben ertheilte, etwas ver⸗ wirrt war, was auch mein Herr Vetter anerkennt. Und wem hat er dieſen Auftrag ertheilt? Gab er ihn einem erfahrenen, durch Jahre geprüften, mit dem Menſchenher⸗ zen bekannten Manne? Ganz und gar nicht. Ein erfah⸗ rener älterer Mann würde eine ſolche Miſſion nicht über⸗ nommen haben. Er gab ihn einem Jüngling, der aller⸗ dings mit einem warmen Herzen und einer lebhaften Fantaſie ausgerüſtet iſt, aber Andern gegenüber den pflichtſchuldigen Anſtand vergißt, während er ſich von ſeinen eigenen Einbildungen hinreißen läßt. Wenn ich hier ſehe, wie einige ältere Männer, deren Lebensſonne ſich weſtlich hinabneigt, förmlich für ihre Handlungen zur Rechenſchaft gezogen werden von einem jungen Manne, der noch unter dem Einfluß von Selbſttäuſchungen han⸗ deln muß, welche die Morgenſtunde des Lebens immer 205 mit ſich führt, ſo kann ich in Wahrheit nicht umhin,—. Mund zu verziehen. Mein Herr Vetter verlaugt, meih Vater ſolle ihm einen Namen nennen, den er aus Ach⸗ tung verſchweigen zu müſſen glanbt, und er ſtützt fein Verlangen auf die Vermuthung, daß man dadurch mög⸗ licher Weiſe einem Verbrechen auf die Spur kommen könne. Aber was berechtigt ihn wohl zu einer ſolchen Vermuthung? Nichts. Die Vermuthung iſt aus der Luft gegriffen und die Logik geht mit dem Wind, alles in der offenbaren Abſicht, das durch die Jahre ſchwach gewordene Herz eines alten Mannes zu überrumpeln, in die lieb⸗ ſten Erinnerungen ſeiner Seele einzudringen, unter den theuerſten Geheimniſſen, die ſeine Gedanken von Jugend auf bewahrt, eine Hetzjagd anzuſtellen, ſie zu plündern und vielleicht zu verheeren.“ 8 Franz Kellner hatte ſich mit der Beredtſamkeit aus⸗ geſprochen, die ihm nie fehlte, wenn er ſich ihrer be⸗ dienen wollte. Seine Worte blieben auch nicht ohne Eindruck. Paul, der bisher ohne alle Oppoſition die Verhand⸗ lung geleitet hatte, ließ ſich jedoch dadurch nicht zu Boden ſchlagen, ſondern fühlte ſich noch mehr angeſpornt. „Es iſt wahr, mein Herr,“ ſagte er,„daß ich jung bin; ebenſo iſt es wahr, daß ich von der ſchönen Illu⸗ ſion, dem Glauben an allgemeine und beſondere Tugend beſeelt werde, einer Illuſion, die zwar nicht der Jugend allein vorbehalten iſt, die aber bei ihr lebhafter, friſcher hervortritt, und über welcher, wenn ich mich ſo aus⸗ drücken darf, die Sonne in beſtändigem Steigen iſt; da⸗ gegen verſtehe ich Ihre Begriffe von Staat und Geſetz nicht, mein Herr Vetter. Das Recht des Stagtes iſt das Recht der tugendhaften Leute, und es wird nicht dadurch aufgehoben oder außer Wirkung geſetzt, daß das Geſetz dem Verbrecher nicht nahe kommt, und noch weni⸗ ger dadurch, daß der Verbrecher dem Geſetz entgeht. Sie ſcheinen zu glauben, daß das Recht des Einzelnen 206 da aufhören müſſe, wo der geſetzliche Scharfſinn aufbört; aber Sie täuſchen ſich. Die Vorſehung ſelbſt lehrt uns, während ſie in der Stimme eines anklagenden Gewiſſens ſo oft zum Verbrecher ſpricht, daß das Recht keine an⸗ dere Gränze ſeiner Wirkſamkeit hat, als in dem wirklichen. Sieg des Rechten und Guten. Es iſt alſo mein Recht ſo gut wie das Recht jedes andern, im Intereſſe des Ge⸗ ſetzes, d. h. im Intereſſe des tugendhaften Menſchen ge⸗ gen die Verbrecher zu kämpfen. Die Tugend kann nie ſuſpendirt werden, mein Herr Vetter! Die Entſchleierung des Verbrechens kann ſelbſt da, wo das Geſetz ruht, nie⸗ mals ein Verbrechen ſein. Es heißt nicht die Rolle einer böhern Macht ſpielen, wenn man das Gewiſſen ſo lange weckt als das Leben reicht; ſondern es heißt dieſer Macht dienen. Das Geſetz ſpricht niemals zu dem Unſchuldigen, ſondern nur zu dem Verbrecher: hier ſollen deine Wellen ſich legen. Es iſt allerdings ein todter Mann, deſſen letzten Auftrag ich vollziehe; aber wenn Sie darüber lächeln, ſo wenden Sie Ihr Geſicht von dem Grabe ab, denn die Weisheit, die daraus ſpricht, könnte ſonſt ihre Wangen erblaſſen machen. Ein älterer Mann, ſagten Sie, würde ſich mit dem letzten Willen eines Sterbenden nicht befaßt haben; aber was haben wohl alle dieſe al⸗ ten, durch die Erfahrungen eines langen Lebens geprüften Männer gethan, die Sie vor ſich ſehen, und unter denen Sie Ihren eigenen Vater finden? Ich bin nicht gekom⸗ men, um Sie für irgend etwas zur Rechenſchaft zu ziehen, ſondern ich habe Ihnen blos die Bitte eines Sterbenden überbracht, mir bei der Ausmittlung eines Verbrechens, wofür höchſt wahrſcheinlich ein Unſchuldiger gelitten hat, beizuſtehen, und Sie haben auf meine Stimme gehört. Wiſſen Sie vielleicht warum, mein Herr Vetter? Darum, weil dieſe Männer beſſer als Sie, mein Herr Vetter, wiſſen, um was es ſich handelt. Es iſt nicht meine Ab⸗ ſicht, irgend eine der theuren Erinnerungen, die ein alter Mann von ſeinen Jugendjahren her beſitzt, dadurch zu —— — ——— entweihen, daß ich auf bloße Vermuthungen hin e⸗ Argwohn ausſpräche; aber ich frage, wie kann der Nante einer todten Perſon durch bloße Nennung entweihr wer⸗ den, ſofern nicht die Handluͤng ſelbſt, die damit im Zu⸗ ſammenhang ſteht, verdächtig iſt? Ich weiß, was man den Todten ſchuldet, und ſelbſt mein Auſtreten hier müßte davon genügend zeugen; aber darf ich deßhalb die Le⸗ benden vergeſſen? Ünd vielleicht beruht das Schickſal mehrerer Perſonen auf dieſer Zuſammenkunft. In der Kette von Intriguen, die ſich um den Mord ſpinnt, iſt die Ermittelung jedes einzelnen Gliedes gleich wichtig. Ohne jemand anzuklagen, ſogar geneigt, von allen Gutes zu glauben, ſtelle ich daher noch einmal die Frage: wer war die unbekannte Dame? Hängt nicht mein edler Onkel ſelbſt ſowohl ſich, als ſeinen theuren Freunden durch Verheimlichung des Namens einen Schatten an, während er dagegen durch offene Mittheilung deſſelben ſowohl ſich als ſie vor jedem Verdacht frei ſpricht, in ſo⸗ ſern ſie wirklich rein und unſchuldig befunden wird, was ich nicht blos hoffe, ſondern ſogar gerne als gewiß an⸗ nehme?“ Franz Kellner und die Baronin wechſelten einen Blick miteinander, während der erſtere, feſt entſchloſſen Paul den Vortheil ſtreitig zu machen, den er über die Gemüther der Anweſenden gewonnen, ihm einen Schritt näher trat, gleichſam als wollte er auf eine noch über⸗ zeugendere und beſtimmtere Weiſe ſeine Argumentation zunichte machen. Aber ſein Vater legte in dieſem Angenblicke die Hand auf ſeine Schulter. „Still, Franz,“ ſagte der Alte.„Ich danke Dir für den Dienſt, den Du mit. erweiſen willſt... aber es iſt unnöthig... ich bin bereits auf Pauls Seite übergetreten.“ „Ach, mein Vater, was höre ich?“ Franz Kellner ſah verwundert den Greis an⸗ — 208 „Wollen Sie Ihre Erinnerungen verrathen?“ fuhr Franz fort.„Die Erinnerung, die ihre Zuflucht zum Herzen eines Mannes genommen hat, ſollte auch ſicher fein können.“ „Paul hat dennoch Recht,“ antwortete der Greis. „Vor einem Richterſtuhl hat keine Erinnerung das Recht, ſich in meinem Herzen zu verbergen.“ „Und Sie glauben alſo, mein Vater,“ verſetzte Franz,„daß Sie jetzt vor einem Richterſtuhl ſtehen? Welche Blindheit! Verzeihen Sie mir, daß ich das ſage, mein Vater.“ „Ich ſtehe vor dem Richterſtuhl der Freundſchaſt, dead Ich ſtehe auch vor dem Richterſtuhl meines Ge⸗ wiſſens.“ „Sprich, alter Freund, ſprich,“ fiel der General ein,„wer war die Dame?“ „Sprich, ſprich!“ forderten ihn auch Graf Curt und Baron Krook auf. „Ihr Name,“ antwortete der Greis, indem er ſich wieder die weißen Locken aus der Stirne ſtrich,„iſt ſeit zwanzig Jahren nicht über meine Lippen gekommen, und dennoch fühle ich, daß er in meinem Herzen nicht ge⸗ ſtorben iſt.“ Die Stirne des Greiſes ſtrahlte von einem milden Glanz. Unſere Ingendneigungen verwandeln ſich mit den Jahren in fromme Gefühle. Das Leben kleidet unſere Liebe oft mit Diſteln und Dornen, der Tod ſchmückt ſie immer mit einem Heiligenſchein. „Ihr Name,“ fuhr der Greis fort,„iſt die letzte Blume im Kranz meiner Erinnerungen; auch ſie mag fallen wie die andern.“ Man ſah, wie hart es den Greis ankam, den Na⸗ men der todten Freundin zu nennen. „Ihr Name,“ fuhr er fort,„ihr kennt ihn alle.“ Ohne es zu beabſichtigen, ſteigerte der Greis die Neugierde der Anweſenden. — r n e 209 „Sie war der Mittelpunkt vieler unſrer augenehm⸗ ſten Jugendvergnügungen. Als wir ſie umgaben, war ſie die Seele unter uns.“ Die Baronin wurde immer nnruhiger. Man be⸗ merkte ſehr gut, daß ſie errieth, wen er meinte. Franz Kellner hatte dem Wunſch des Greiſes nach⸗ gegeben, aber ſich mit Verdruß zurückgezogen. Gabriele ſaß beinah halb träumend da. Der Gang und Inhalt des Geſprächs war ihr zwar nicht entgangen, aber ſie meinte, daß nichts davon ſie ſelbſt betreffe, außer wenn etwas vorkam, was ihren Vater berührte. „Sie war die Freundin von uns Allen,“ fuhr der Greis fort,„und wir waren ſämmtlich ihre Freunde. Sie war Deine Verwandte, Curt.“ 1 „Meine Verwandte?“ ſiel der Graf ein,„wen meinſt Du?“ Gabriele erhob ihr Haupt, als ſie die Stimme ihres! Vaters hörte. Der alte Kelluer wandte ſich jetzt auch gegen ſie. „Auch Du, Gabriele, kannteſt und liebteſt ſie. Du warſt an ihrem Todtenbette zugegen, glaube ich; ſie ſtarb ja auf dem Lande... auf Aſen.“ ni3 „Ach!“ Der rothe Flecken auf der Wange der Baronin braunte mit einem höheren Purpur. Gabriele ſah fragend aus. „Die Dame, die ich meine,“ fügte der Greis hinzu, „war keine andere als Deine Tante, Gabriele, die Oberſtin Reuter.“ „Meine Tante!“ 8 „Auf einmal ſtand das ganze vorausgegangene Ge⸗ ſpräch klar und deutlich vor Gabviele. Die Baronin beugte ſich gegen den Sopha hinab, um den Ausdruck ihres Geſichtes zu verbergen. 4 Graf Curt zog ſich zurück, Er hatte nicht erwartet, Das Gewiſſen. Il. 14 56181 210 ſeine Verwandte in dieſe Sache gemiſcht zu finden, und ſeine Stirne verdüſterte ſich. Franz Kellner, der ſo gut wie die Baronin errathen hatte, daß der Greis die Oberſtin gemeint, biß vor Ver⸗ druß die Zähne zuſammen und wandte ſich weg. Der General, Krook und Abraham konnten einen Ausdruck der Verwunderung nicht zurückhalten, wurden aber durch die Anweſenheit des Grafen und Gabrielens verhindert, irgend eine Bemerkung über die bekannte Neigung zu machen, welche die geiſtreiche und ſo vielfach intereſſante Tante für ſogenannte kleine und unſchuldige Familienintriguen hegte. Noch einmal wechſelten Franz Kellner und die Ba⸗ ronin einen Blick. 3 1 Kellners Blick bedeutete: man iſt, einem gewiſſen Geheimniß auf der Spur. Der Blick der Baronin be⸗ ſagte: es gilt mir.. Als die erſte Ueberraſchung ſich gelegt hatte, trat ein tiefes Schweigen ein. n Von dem Augenblick an, wo Franz Kellner ſeinen Vater bei der Sache betheiligt gefunden hatte, war ſie ſeine eigene geworden.. 3 Nenntes Kapitel. Das ſchwarze Käſtchen. Schlag auf Schlag. 11 Fortſetzung. Während ſich bei Pauls Umgebung mehr oder weni⸗ ger hitzige Leidenſchaften geltend machten, blieb er ſelbſt unerſchütterlich ruhig. Mit ſeiner heftigen und lebhaften ——-·—-——— — 211 Gemüthsart wohl bekannt, hatte er ſich vorgenommen, derſelben Zügel anzulegen, nicht blos im Gefühl der wichtigen Frage, deren Ausmittlung ihm oblag, ſonvern auch um ſo mehr, weil er Roman, den bewährten, ſtets treu befundenen Freund, an ſeiner Seite vermißte und ſich deßhalb jetzt verwaister fühlte als je. „Erlauben Sie mir,“ begann Paul wieder, ohne bei den Eindrücken zu verweilen, welche die letzte Erklärung des alten Kelluer auf die Uebrigen bervorgebracht hatte, gerlauben Sie mir mit kurzen Worten jetzt die Reſultate zuſammenzuſtellen, zu denen wir gekommen ſind. Vor allen Dingen wiſſen wir jetzt, daß die Herren, in der Ueberzeugung, eine nützliche und gute That zu verrichten, jedoch ohne ſie näher zu unterſuchen und nur im Ver⸗ trauen auf die Angabe eines Freundes, ſich bemühten, den Baron Lander von der Frau Baronin eentfernt zu halten.“ 1 „Ja, ja!“ 1191 „Auch das iſt klar, daß mein edler Oheim, nicht in der Abſicht zu ſchaden, ſondern weil er der Stimme ſeines Herzens gehorchte, die Herren in den Handel hineingezogen hatl“⸗ u„Ganz richtig.“ 3 „Ferner iſt es erwieſen, daß die Oberſtin Reuter, in ihren Angaben über das Verhältniß des Barons Lan⸗ der zu ſeiner Frau, ſich entweder an die Wahrheit ge⸗ halten oder auch die Gränzen derſelben überſchritten hat. Da ſie ſelbſt, als bereits todt, die Urſache ihrer Hand⸗ lungsweiſe nicht erklären kann, die Frau Baronin Lander dagegen hier iſt, ſo hängt es von ihr ab, zu entſcheiden, wie und auf welche Art man die Oberſtin beurtheilen ſoll. Allerdings hat die Frau Barxonin bereits alle größern Mißhelligkeiten zwiſchen ſich und ihrem Mann, wie auch alle Kenntniß von einer beabſichtigten Scheidung in Ab⸗ rede geſtellt, aber es wäre ja möglich, daß ſie zu dieſer Abläugnung den ſchönen, wenigſteus nicht tgdelnswerthen 212 Grund hatte, auf einen Verſtorbenen, überdieß unter ſo traurigen Umſtänden geſtorbenen Mann, keinen Schatten werfen zu wollen. Deßhalb erlaube ich mir noch einmal, die Frau Baronin zu bitten, daß ſie die Güte haben möge, ſich deutlicher zu erklären.“ Jedesmal, wenn Paul ſich an die Baronin wandte, empfand ſie eine eiſige Kälte oder eine brennende Hitze. Der ungeſtörte Ernſt, womit Paul ſich ausſprach, wie auch die Möglichkeit, die er ihr eröffnet hatte, ihre frühere Angabe zurückzunehmen, quälte ſie. Was ſollte ſie thun? Sie fühlte ſich verwirrt, aber nachdem ſie ſich einmal er⸗ klärt hatte, beſchloß ſie, ſich daran zu halten. „Sie beſtreiten alſo, Frau Baronin,“ begann Paul wieder,„daß es ſich jemals um eine Scheidung zwiſchen Ihnen und Ihrem Manne gehandelt habe?“ „Ja, mein Herr.“ „Sie beſtreiten, daß die Oberſtin Reuter den Auf⸗ trag von Ihnen bekommen habe, Ihren Mann von Ihnen entfernt zu halten?“. „Ja.“ „Unzweifelhaft muß man alſo annehmen,“ fuhr Paul fort,„daß die Oberſtin Reuter ſich in ihren Angaben weniger ſtreng an die Wahrheit gehalten habe, als mein Onkel zu vermuthen Urſache hatte. Da ſie jedoch, was ich mit Sicherheit zu wiſſen glaube, eine kluge und ver⸗ ſtändige Dame war, ſo wird es um ſo klarer, daß ſie, wenn ſie ſich einer Unwahrheit bediente, ſehr gültige und nöthigende Gründe dazu gehabt haben muß. Man muß alſo durchaus die Frage ſtellen: worin mochten dieſe Gründe beſtehen? Sie wiſſen es wohl nicht, Frau Baronin?“ init 2 „Es iſt mir unbekaunt.“. „Ich bitte um Entſchuldigung,“ fügte Paul hinzu, „aber ſollte vielleicht jemand von den Anweſenden die Sache beſſer kennen?“ Ein allgemeines Nein beantwortete dieſe Frage. 213 Die Baronin empfand eine unausſprechliche Frude darüber. Sie hoffte nämlich, daß alle weitere Nachfor⸗ ſchungen jetzt aufhören ſollten. Franz Kellner theilte indeß dieſe Freude nicht. Die Anſicht, die er bei Pauls Ankunft über ſeine urtheilskraft gefaßt, hatte ſich bedeutend verändert, und er zog jetzt ſeine eigenen Schlüſſe aus der Ruhe, die er zeigte. Franz Kellner würde die Baronin gern ihrem Schickſal überlaſſen haben, ſogar auf die Gefahr hin, ſeine frühere Verbindung mit ihr ſelbſt eingeſtehen zu müſſen, aber er wurde durch die Furcht zurückgehalten, möglicher Weiſe ſeinen Vater blos zu ſtellen, zumal da er nicht wußte, ob der Greis nicht noch mehr in die Sache verwickelt war, als es ſich bereits berausgeſtellt hatte. Von dem Augenblick an, wo Gabriele ihre Tante nennen hörte, war ihre Gleichgültigkeit gegen das, was ſich um ſie her zutrug, verſchwunden. Niemand folgte jetzt dem Gange des Geſprächs mit größerer Theilnahme, als ſie. Als Paul ſeine Frage ſtellte, ob ſonſt Niemand die Gründe für das Benehmen der Oberſtin anzugeben wiſſe, erröthete ſie unwillkürlich. Sie wußte ſelbſt nicht, warum ſie es that, die un⸗ glückliche Gabriele. Aber es gab eine Erinnerung, eine liebe, theure Erinnerung, die immer in ihr lebte, die auch jetzt mit neuer Kraft erwachte und mit leiſe flüſtern⸗ der Stimme ihr Herz fragte, ob es nicht möglicher Weiſe in einigem Zuſammenhang damit ſtehen könnte. So zieht des Morgens erſter Windhauch über die ſtille Woge hin und verſetzt ſie in leiſe Bewegung. So ſchwebt eine Ahnung durch die Seele und weckt ſie mit milden Flügel⸗ ſchlägen eines Engels zum Leben. Gabriele beantwortete Pauls Frage nicht, aber ſie⸗ erhob ihr Haupt noch höher. —— 214 , Die Uebrigen blieben unbeweglich. Sie erwarteten, kei was⸗Paul weiter zu ſagen hätte. 1 —= Er ließ ſie nicht lange in Ungewißheit darüber. ſei 1 rei „Bevor ich es wagte, hier vor Männern aufzutreten, die ſich in der Welt weit umgeſehen und durch Hand⸗ 90 lungen, die das allgemeine Vertrauen verdienten, ſich ihre 3 Stelle in der Geſellſchaft geſchaffen haben,“ begann Paul n wieder,„war ich Ihnen die Aufmerſamkeit ſchuldig, daz d ich meinerſeits ſoviel als möglich den Gegenſtand klar 6 darſtellte. Außer den bereits von mir genannten Doku⸗ 1 menten, d. h. außer den Protokollen, die bei der gericht⸗ 1 lichen Unterſuchung aufgenommen wurden, und den Tag⸗ büchern, die mein Vater über die Geſellſchaft Freund ſchaft in Leid und Freud führte, hat er auch noch einige andere Aufzeichnungen von nicht geringerer Wich⸗ tigkeit hinterlaſſen. Wenn man dieſe als Leitfaden be⸗ nützt, ſo dürfte es möglich ſein, dem Ziel wenigſtens einigermaßen näher zu kommen.“ So oft Paul erwähnte, daß er neue Aufſchlüſſe mitzutheilen habe, warf die Baronin einen ängſtlich ſcheuen Blick auf das ſchwarze Ebenholzkäſtchen, worin er Ko, wie er bereits zu verſtehen gegeben hatte, aufbewahrte.. „Von den drei Brüdern,“ fuhr Paul fort,„war mein Vater der mittlere. Der jüngſte, Alfred, blieb den beiden älteren immer fremd. Schon ſeit ſeinen Kinder⸗ jahren hatten ſich Kälte und Abneigung zwiſchen ihnen und ihm eingeſchlichen. In ſpäteren Jahren, und als die älteren bereits ein gewiſſes Glück gemacht hatten, war Alfred noch unbemittelt und vernachläſſigte ſeine Zu⸗ kunft noch überdieß in Folge einer Neigung, die er unter , 215 keiner Bedingung aufgeben wollte. Aber als mein Va⸗ ter vom Tod des Barons Lander erfuhr und daß man ſeinen Bruder nicht blos im Verdacht, ſondern auch be⸗ reits verhaftet hatte, als ferner das Gericht erzähne, daß ſich triftige Beweisgründe gegen ihn vorfänden, da wurde er tief davon aufgeregt und er beſchloß, für ſich ſelbſt Nachforſchungen anzuſtellen, um den wahren Sach⸗ verhalt wo möglich zu ermitteln. Ohne allen Aufſchub begab er ſich daher nach Großſmeſtad. Die Freude der Baronin darüber, daß Niemand ſich getraute, die Gründe für das Benehmen der Oberſtin anzugeben, verſchwand gänzlich, als ſie jetzt ſah, daß wiederum ein weites Feld für neue Entdeckungen ſich er⸗ öffnet hatte. Sie zog, gleich als wollte ſie ſich gegen eine Erkältung ſchützen, ihren Shawl dicht um ſich und legte ſich in die Sophaecke zuxück. Um ſich ſoviel wie möglich in ſich ſelbſt zu verſchließen, ließ ſie ihre Augen zufallen, ohne daß ſie deßhalb aufhörte, aufmerkſam Allem zu folgen, was Paul zu ſagen hatte und wofür ſie aus ganz natürlichen Gründen nicht gleichgültig ſein konnte, obſchon ſie es ſcheinen wollte. 4 In Gabrielens Geſicht, das aller Verſtellungskunſt gäuzlich fremd war, wo Seele und Herz ſich beſtändig abſpiegelten, wo Frenden und Leiden abwechſelnd, je nach den Regungen ihres Gemüths, wie ein Strahl oder ein Wolkenfleck aufklärend oder verdunkelnd ſchwebten, in dieſem Geſicht zeigte ſich jetzt das lebhafteſte Intereſſe, womit ſie Paul folgte. Drei Umſtände ſtanden deutlich vor ihrer Seele: daß Großſmeſtad und Aſen ganz nahe bei einander lagen, daß Baron Landers Tod vor 22 Jahren erfolgt war, daß ſie ſelbſt ſich um dieſe Zeit dort aufhielt, wie auch, daß der Tod ihrer Tante in dieſelbe Zeit ſiel. Könnte wohl alles dieß in einem gewiſſen Zuſam⸗ menhang zu einander ſtehen? fragte ſie ſich. Was für Gründe hatte wohl ihre Tante gehabt, ſich in die Fa⸗ * 216 milienangelegenheit des Barons Lander zu miſchen? Was wußte ſie wohl? 3 Wunderhare Gedanken ſtiegen in ihrer Seele auf. Ihr Herz klopfte heftig. „Als mein Vater,“ begann Paul wieder,„nach Smeſtad kam, begab er ſich nicht auf das Gut, ſondern miethete ſich bei einem Bauer in der Gegend ein. Der Mord ſelbſt war damals noch ſo neu, daß Jedermann davon ſprach, aber mit Zuſätzen der abenteuerlichſten Art. Unter Anderem brachte man ihn damit in Verbin⸗ dung, daß der Teufel in Roslagen umgehe, und wie dieſes Thema ſelbſt unerſchöpflich war, ſo waren es auch die Variationen. Eines Tages hatte man einen mit vier Rappen beſpannten Wagen kommen geſehen, von dem man mit der größten Zuverſicht behauptete, daß der Satan ſelbſt ihn kutſchirt und daß ſeine Großmutter darin geſeſſen habe. Man wußte nicht, woher ſie ge⸗ kommen waren, und ebenſowenig, wohin ſie fuhren. Aber in einem Bauernhäuschen war ein Kind abgegeben wor⸗ den, von dem man vermuthete, es ſolle auf Rechnung des Teufels erzogen werden. Nicht genug damit, man erzählte, daß eine Seejungfer ſich jeden Abend kurz vor Sonnenuntergang an dem ſchönen, buntgeſchmückten Strande gezeigt habe. Man behauptete den Geſang des Waſſernixen aus der Tiefe des Meeres gehört und geſehen zu haben, wie die Seejungfer ſich lauſchend über die rollenden Wogen hinneigte. Eines Tages ſoll ſogar der Waſſernir aus dem See geſtiegen ſein, und wenn nicht ein Bauer ihn zufällig mit ſeinem Kuhhorn verſcheucht hätte, ſo würde er ſie, behauptete man mit der größten Sicherheit, in ſeine Corallenſäle in der Tiefe hinabgeführt haben. Auch ihnen ſchrieb man ein Pfand gegenſeitiger Liebe zu. Großſmeſtad und Aſen wurden von den Bauern als verzauberte Plätze betrachtet. Man hatte, ſagte man weiter, ein altes Weib, dem man alle Eigenſchaften einer Here zuſchrieb, zur Nachtzeit zwiſchen Aſen und Smeſtad ꝙ —=SeN — 217 umherwandern geſehen, und als unzweifelhaften Beweis für die Wahrheit in dieſen Phantaſien des blinden Aber⸗ glaubens führte man die beinahe gleichzeitigen Todesfälle des Barons Lander und der Oberſtin Reuter an, wie auch die hartnäckige Krankheit, die zur ſelbigen Zeit die Bewohner beider Güter heimſuchte, und das eine wie das andere erklärte man blos als Folgen des Fluches, den böſe Geiſter über ſie herabgerufen, weil man von der Oberſtin und dem Baron Lander meinte, ſie ſeien dahintergekommen, daß der Teufel und der Waſſernix zu dieſer Zeit ſich in der Gemeinde aufhielten. Man ver⸗ wunderte ſich darüber, daß ſo kluge Leute wie der Ba⸗ ron und die Oberſtin bei dem Spiel des Teufels nicht durch die Finger geſehen, ſondern ſich auf ſolche Art blosgeſtellt hätten, und man ſcheute Aſen und Großſmeſtad als verpeſtete und gefährliche Orte. Obſchon mein Va⸗ ter nicht leichtgläubig war, ſo konnte er doch die Todes⸗ fälle, ſowie die dort herrſchende Krankheit nicht läugnen, während Sie, Frau Baronin, wie Sie ſich ſelbſt erin⸗ nern dürften, kurz nach dem Tode ihres Mannes von einer ſchweren Fieberkrankheit befallen wurden, und Sie, meine Couſine— Paul wandte ſich dabei an Gabriele. „Auch Sie, meine Couſine, auf Aſen, wo Sie nach dem Tod Ihrer Tante ſich aufgehalten haben ſollen, zwiſchen Leben und Tod ſchwebten. Die Barouin Lander ſchien vollkommen gleichgültig. Sie war auf Alles vorbereitet und verſchloß ſich in ihr Inneres; dort aber ſah es um ſo qualvoller aus. Ob⸗ ſchon Paul gewiſſe Sachen in ſeltſamen, durch wirren Volksglauben entſtellten Formen vorgetragen hatte, glaubte ſie doch die innere Bedeutung derſelben zu erkennen und dachte mit Schrecken: Es handelt ſich um mich. „Der rothe Fleck auf ihrer Wange brannte in immer erhöhtem Glanze. Gabriele ſuchte mühſam nach Athem. Auch ſie zog 218 ihre Schlußfolgerung, Hinter dem fantaſtiſchen Sagen⸗ gewand, womit die Einfalt ganz natürliche Verhältniſſe ausgeſtattet hatte, glaubte ſte den wahren Sinn zu er⸗ kenneu, und auch ſie dachte: Mein Gott, das alles gilt ja mir. Hätten die Augen der Baronin und Gabrielens ſich jetzt einander begegnet, ſo würden ſie ſicherlich ihr gegen⸗ ſeitiges Geheimniß entdeckt haben. Franz Kellner richtete ſein Haupt auf und kreuzte die Arme über ſeiner Bruſt. Man hätte glauben können, er wolle ſich mit Stolz gegen die Eindrücke verbarrika⸗ diren, die Pauls Worte bei ihm erweckten. Pauls, mit ſeinem bunten Sagenkleid geſchmückte Erzählung, war auch ihm nicht ganz fremd. Sein Stolz litt gleichwohl in dieſem Augenblicke, nicht um der Baronin willen, ſondern aus ganz andern Gründen. Wir wiederholen noch einmal, daß er Gabriele mitgebracht hatte, um ihr eine Lektion zu ertheilen, weil er glaubte, ſie würde durch die Entſchleierung des Leichtſinus der Baronin eine ſolche erhalten; aber er empörte ſich gleichwohl gegen den Ge⸗ danken, daß auch Gabrielens Fehltritt an den Tag kom⸗ men ſollte, denn er erblickte darin eine harte Demüthi⸗ gung für ſich ſelbſt. Die Uebrigen folgten der Erzählung Pauls mit ge⸗ miſchtem Intereſſe, weil ſie noch nicht wußten, welche Conſequenzen ſich daraus ziehen ließen. Der General hatte ſeinen Blick unverwandt auf den Erzähler geheftet; er hatte noch nie etwas von dem ge⸗ hört, was er jetzt vernahm. Als der Tod der Oberſtin und Gabrielens in die⸗ ſelbe Zeit fallende Krankheit erwähnt wurden, näherte ſich Graf Curt ſeiner Tochter, deren aufgeregte Stim⸗ mung ihm nicht entging. 1 1 Mit väterlicher Zärtlichkeit drückte er ihre Hand, und da er ſie zittern fühlte, beugte er ſich gerührt über ſie und küßte ſie theilnehmend auf die Stirne. ⏑ &·2 —.— ——, —— 219 Die arme Gabriele, ſie beſaß kein Wort, womit ſie die Zärtlichkeit ihres Vaters erwiedern konnte; aber ein Seufzer hob ihre Bruſt. „Das Entſetzen und der Schrecken des Volks,“ fuhr Paul wieder fort,„hatte auch noch andere Gründe, wo⸗ durch es im Glauben an die Wahrheit ſeiner Vorſtel⸗ lungen beſtärkt wurde. Man behauptete im Kirchſpiel noch zwei Abkömmlinge von den in der Gegend graſſiren⸗ den böſen Geiſtern zu beſitzen, und da mein Vater Zwei⸗ fel äußerte, machte ein altes Weib ſich verbindlich, ihn zu ihnen zu führen und ſie ihm zu zeigen. Man hatte iym die Kinder als mit einem Horn auf den Knieen aus⸗ gerüſtet, und das eine mit einem flammenden Feuerzeichen auf der Bruſt und im Geſicht, das andere mit Haaren von grünen Binſen geſchildert, und mein Vater konnte, als er ſie beſuchte, über dieſe Narrheiten nur lachen, denn er fand, daß die zwei vermeintlichen Abkömmlinge Beelzebubs und des Waſſernixen vollkommen allen andern Kindern glichen. Ich habe noch etwas vergeſſen. Eines Tags hatte man an der Kirchthüre der Gemeinde ein Plakat angeſchlagen gefunden, welches alle diejenigen, die Smeſtad und Aſen beſuchen würden, mit dem Fluch Gottes bedrohte. Natürlich trug auch dieß nicht wenig dazu bei, einen paniſchen Schreck vor dieſen Orten zu verbreiten, und folglich auch die Leute davon fern zu halten. Aber noch mehr. Man wußte nicht blos mit Beſtimmtheit, daß das Plakat von dem Teufel ſelbſt an der Kirchenthüre angeſchlagen worden, ſondern man be⸗ hauptete auch ſicher zu wiſſen, daß er ſich noch immer im Kirchſpiel aufhalte. Mehrere erklärten, ſie hätten ihn mit brennenden Augen und flammenden Haaren, ſowie mit einer Büchſe auf der Schulter an ihnen vorbei jagen geſehen, ſtets bereit, diejenigen zu tödten, die ihm in den Weg kämen, um mit ihren Seelen die Hölle zu rekruti⸗ ren. Man ſprach von einer wilden Jagd, in deren Schußweite zu kommen, höchſt gefährlich wäre. Man 220 hatte ſeinen Jagdruf und das Gebelle ſeiner Hunde ge⸗ ſie hört. Man hatte an mehreren Orten Blut geſehen, und He alle diejenigen, die ſtarben, wurden als Opfer des Sa⸗ taus angeſehen. Je mehr mau ſchwatzte, um ſo zahl⸗ ni reicher und ſchrecklicher wurden die Geſchichten. Auf ſolche Art ſcheiterten die Nachforſchungen meines Vaters A. unaufhörlich an den lächerlichen Erdichtungen blinder un Furcht. Etwas anderes als Erzählungen, die der unver⸗ he nünftigſte Aberglaube zuſammengeſchmiedet, konnte er ih alſo nicht erhalten. Er beſuchte Smeſtad wie auch Aſen. zu Aber beide Orte waren nicht bewohut. Die Frau Ba⸗ ronin und meine Couſine Gabriele lagen noch krauk, und unter ſolchen Umſtänden überzeugte er ſich, daß er Nichts ſie zum Vortheil ſeines Bruders auszurichten vermöchte, und th beſchloß alſo nach der Hauptſtadt zurückzukehren. Pauls Erzählung war eine langſame Folterqual fürk- N diejenigen, deren Schickſal davon abhing Nur Gabrie⸗ de len verlieh ſie eine gewiſſe Freude, weil ſie von einer do Zeit und von Umſtänden ſprechen hörte, die zwar aller⸗ dings nicht ohne ihre erniedrigende und ſchmerzliche Seite S waren, gleichwohl aber ein Ereigniß in ihrem Leben be⸗ g‚ trafen, zu welchem alle ihre Gedanken ſo oft geſchwebt, th ohne daß einer von ihnen mit einem Olivenblatt zurück⸗ kommen konnte; einem wichtigen Moment, welchen eine ge Stimme aus ihrem Herzen ſo oft fragend angerufen, ohne P daß bis jetzt noch ein einziges Echo ihr geantwortet hatte. er Zufrieden dankte ſie in der Stille der Vorſehung, die ſie hierher geführt, während ſie immer mehr von der Hoff⸗ do nung ergriffen wurde, daß Paul derjenige ſei, der ſie endlich über etwas aufklären könnte, was ſie bis jetzt ver⸗ ich gebens geſucht hatte.. Eine Geberde der Ungeduld entwiſchte ihr daher S ganz natürlich, als Paul wieder verſtummte und in ſei⸗ nen letzten Worten abermals ein neues Hinderniß fürge die angeſtellten Nachforſchungen anzudeuten ſchien. b Während Paul einen Augenblick ausruhte, beugte m 221 ſte ſich vor, um in ſeinen Augen zu erforſchen, welche Hoffnung ſie beſitzen könne. Die Lebendigkeit, die ſie darin gewahrte, branute ſie nicht, ſie erwärmte blos ſo angenehm ihr Herz.. Wäre ſie allein geweſen, ſie würde ſich in dieſem Augenblick zu ſeinen Füßen geworfen und ihn um Leben und Tod, d. h. nur noch um ein einziges Wort angefleht haben. Aber außer den Uebrigen befand ſich auch noch ihr Vater zugegen, und er hätte niemals den Schimpf zu ertragen vermocht, den ſie über ſein graues Haupt gebracht hätte, im Fall ſie ihr Geheimniß aufdeckte. Die Baronin war immer kälter geworden. Nachdem ſie ihren Beſchluß gefaßt, ſich nicht mehr mit einer Ver⸗ theidigung abzugeben, hatte ſie ſich abgekühlt. 1 Pauls Erzählung erſchien ihr wie eine ganz in der Nähe vollende Donnerwolke, und ſie erwartete blos⸗ daß der Blitz jeden Angenblick einſchlagen würde. Sie ge⸗ dachte ihn lächelnd zu empfangen. Ein unerſchrockener Muth, eine wahrhaft flammende Streitluft ſchienen dagegen bei Franz Kellner ſich zu zei⸗ den⸗ während ein bitterer Zug um ſeine Lippen ſich kund hat. Er konnte Paul die Stellung nicht verzeihen, die er gegen die Anweſenden eingenommen hatte. Es war ein Platz, den er ſich vielleicht ſelbſt gewünſcht hätte, aber er verſchmerzte es nicht, daß ein anderer ihn inne hatte. Ehe Paul wieder zum Wort kommen konnte, ergriff daher Franz daſſelbe.— 7,„ Sie ſind groß, mein Herr Vetter, wirklich groß, ich kann Sie nur bewundern.“ Das lange zurückgehaltene bittere Element in ſeiner Seole, brach auch in ſeinen Worten aus. „Noch einmal,“ fuhr er fort,„ich kann mich nicht genug über die Anweſenden wundern, die Geduld genng beſitzen, Ihnen eine ungetheilte Aufmerkſamkeit zu wid⸗ men. Mit einem dankbareren Publikum, als Sie hier 222 haben, kann ſich wahrhaftig ſelbſt der größte Reduer nicht ſchmeicheln. Ich gratulire Ihnen, mein Vetter. Aber betrachte ich genau, was Sie geſagt haben, ſo kann ich Sie nur beklagen, weil ich nichts anderes als Phraſen finde, und wenn Sie ſelbſt müde werden, uns damit zu traktiren, ſo gehen Sie zu kindiſchen Volksmärchen über, zu wunderlichen Einbildungen, zu närriſchen und lächer⸗ lichen Kinderſagen, womit Sie uns vermuthlich ſchrecken wollen. Aber welche Verſuche Sie auch machen mögen, um Ihr Ziel zu erreichen, ſo ſcheitern Sie unaufhörlich an unausgemittelten Naturkräften, und dieß verzeihe ich Ihnen wirklich; denn das iſt das Schickſal aller derjeni⸗ gen, die den Stein der Weiſen ſuchen. Wenn wir ab⸗ weichende Begriffe vom Staat haben, ſo haben wir ſolche auch von den Erforderniſſen einer auf genügende Art geführten Diskuſſion. Um eine ſolche zu führen, muß man zum mindeſten wiſſen, wo man hinaus will, und man muß auch den Weg kennen, der dahin führt. Sie, mein Herr Vetter, ſuchen Beides, ſind aber ſo unglücklich Kei⸗ nes von Beiden zu finden, Sie gleichen einem Schützen, der einen Vogel in der Luft erlegen will, aber weder Kugel noch Gewehr hat. Vernünftigerweiſe würde jeder unter ſolchen Umſtänden den Muth verlieren; aber Sie, Sie werfen unaufhörlich Knallerbſen gegen die Wolken und ſcheinen darin ganz unermüdlich. Zum Teufel, mein Herr Vetter, beſinnen Sie ſich, ehe Sie weiter gehen. Wenn Sie die Sache ruhig betrachten, ſo werden Sie ohne Zweifel bald einſehen, daß Sie bereits gar zu lange mit Windmühlen gefochten haben. Man hat mir erzählt, ein ſchwediſcher General ſei einmal zwiſchen den Flügeln einer Mühl durchgeritten, aber täuſchen Sie ſich nicht, mein Vetter, Sie ſind kein General und Sie ſind daher auch bereits an einem der Flügel hängen geblieben. Schließen Sie deßhalb bei Zeiten, mein Herr Vetter, oder ſagen Sie uns ſo bald wie möglich, wo Sie hinans wollen, uu 3 * m —,.——=SP.— —— 8 223 Paul hatte mit Verwunderung das Bittere in Kell⸗ ners Worten gehört, ohne daß ſich jedoch ein einziger Zug an ſeiner Miene veränderte. Als Kellner verſtummte, betrachtete ihn Paul nur mit einem Blick voll Ruhe und Kälte. „Sie wollen wiſſen, wo ich hinaus will?“ antwor⸗ tete er gleichwohl auf die letzten Worte.„Sie ſollen es bald erfahren, mein Herr Vetter.“ Die Unterbrechung, die Franz Kellner durch ſeine Bemerkungen veranlaßt, hatte dem Intereſſe der Anwe⸗ ſenden neue Spannkraft gegeben. „Ich habe zu erwähnen vergeſſen,“ fuhr Paul fort, daß mein Vater ſich als Jäger in der Gegend aufhielt und dadurch Gelegeuheit bekam, da und dort umherzu⸗ ſtreifen. Am Abend, bevor er abzureiſen gedachte, begab er ſich noch einmal mit ſeinen Hunden hinaus, aber ehe er dieſe losgelaſſen, hörte er Jagdruf und das Gebelle jagender Hunde tiefer im Wald. Mein Vater wurde be⸗ ſtändig von einem alten Mann begleitet, der Weg und Steg aufs Genaueſte kannte. Beim Getöne des Hundge⸗ bells blieb der Führer erſchrocken und zitternd ſtehen. Laſſen Sie uns fliehen, gnädiger Herr,“ ſagte er mit aufgeſperrten Augen und bleichen Wangen.„Das iſt er... er... laſſen Sie uns fliehen.“ ans„Wer?2“ 1 „Nun ja er.“ 3 3 „Wer denn? Ich verſtehe Dich nicht.“ „Der Teufel natürlich. Ach mein Gott, Herr, kom⸗ men Sie... kommen Sie... das iſt ſeine Jagd, Herr, des Teufels wilde Jagd, kommen Sie, kommen Sie.“ viellnd der bobende Mann hatte ſeinen Satz noch nicht ndet, ſo nahm er Reißaus und⸗ 1 1 er konnte. 4 ß eiüſlos ſo hnel Miein Vater lauſchte.. das Gebell näherte ſich immer mehr... und er beſchloß, dem unbekannten Jä⸗ ger halbwegs entgegen zu gehen. Das Gerede des 224 Volkes reizte ihn. Er wollte ſelbſt die wilde Jagd ſehen, und da ſeine Hunde bereits Wild witterten und ungeduldig danach verlangten, es verfolgen zu dürfen, ſo koppelte er ſie ſogleich los. Bald hörte er auch, wie ihr Gebell ſich in das Gebell der fremden Hunde miſchte... Das Echo in dem hochſtämmigen Buchwald gab das Ge⸗ töne fröhlich und lebhaft zurück... das Gebell näherte ſich... er nahm eine günſtige Stellung... das Wild war haragte in Schußweite und er ſchlug jetzt die Büchſe an. Aber ehe er es aufs Korn bekommen konnte, krachte ſchon ein Schuß hinter ihm, und in dieſem Augenblick ſah er das Thier zuſammenſtürzen. Zugleich hörte er ein fröhliches Lachen, und als er ſich umwandte, ſah er einen ſtattlichen Jäger in dunkelgrünem Jagdrock, noch lachend über den Spuck, den er meinem Vater geſpielt, indem er ihm zuvorgekommen war und das Thier erlegt hatte. Der Unbekannte hatte ein markirtes Ausſehen. Sein Haar war braun, beinah dunkelbraun, wenn man es im Schatten ſah, aber wenn die Sonne ihren Schen darauf warf, ſchimmerte es in Roth. Sein Geſicht war übrigens fröhlich und offen. Sorgfältig, man könnte beinah ſagen, elegant gekleidet, war er in ſeinem Beneh⸗ men rückſichtslos und unerſchrocken. Seine Heiterkeit war lärmend, ſeine Einfälle zügellos, ſeine Scherze ſtür⸗ miſch, zuweilen grob. Mein Vater erzählte ihm, daß man ihn in der ganzen Gegend für den Teufel halte, und das beluſtigte ihn ungemein. Inzwiſchen wurden mein Vater und er ganz gute Freunde. Beide liebten die Jagd und beide hatten tauſend Abenteuer zu erzäh⸗ len. Der Teufel... der Jäger ſoll ſich ſcherzweiſe ſelbſt ſo, genannt haben... bot meinem Vater auch bald Brüderſchaft an. Er war ſonſt Arzt und hieß. Wolkmann.. 3 1 4 Bei dieſem Namen erhoben die Barouin und Ga⸗ briele zugleich ihre Häupter: Sie kannten ihn.” Paul fuhr fort. ie — —— 225 „Laß uns laden und die Hunde noch einmal aus⸗ ſchicken,“ rief Wolkmann endlich meinem Vater zu.„Der Abend iſt kühl und ſchön, und das Jagdglück iſt mit uns. Mein Vater befand ſich in Wolkmanns Geſellſchaft wohl und hatte nichts gegen den Vorſchlag einzuwenden; aber als er laden wollte, hatte er kein Papier zum Pfropf mehr und ſagte es ſeinem neuen Freund. Zum Teufel,“ verſetzte Wolkmann,„da haſt Du Makulatur auf ein ganzes Jahr, und damit warf er ihm einen ganzen Haufen zerkrümpelter Briefe und Papierſtreifen zu, wovon mein Vater nahm, was er gerade brauchte, und den Reſt in ſeine Jagdtaſche ſteckte. Die Jagd wurde hernach fortgeſetzt, aber wir haben nichts mehr damit zu ſchaffen und ebenſo wenig mit Wolkmann. Genug, am folgenden Tag führte mein Vater ſeinen Entſchluß, nach Stockholm zurückzukehren, aus, und die Erinnerung an die Jagd würde ſicherlich wie viele an⸗ dere leicht bei ihm verſchwunden ſein, wenn Wolkmann ihm nicht dieſes Papier zu Pfröpfen gegeben hätte.“ Jedermann ſah ein, daß Paul jetzt zu dem letzten Theil ſeiner Erzählung gekommen war, alle ſchenkten ihm daher noch größere Aufmerkſamkeit. „Ich muß hier einige wenige Worte von meinen Eltern eerwähnen,“ unterbrach Paul nichts deſtoweniger ſeinen Gedankengang.„Mein Vater und meine Mutter waren kinderlos. Das Vermögen, das ſie beſaßen, hat⸗ ten ſie durch kluge Spekulationen und endlich auch durch einen ungewöhnlichen Glückstreffer in der Lotterie ge⸗ wonnen. Aber ſie waren ohne Erben, und dieß war immer etwas, das zu ihrem Glück fehlte. Schon früh⸗ zeitig wurde meine Mutter von einer tiefen Schwermuth ergriffen, und allmählig ſteckte ſie auch meinen Vater damit an. Aus dieſem Gefühl unerklärlicher Unzufrie⸗ denheit mit ihrer Welt, entſtand endlich bei ihnen auch ein immer mehr zunehmendes Verlangen, das Vaterland Das Gewiſſen. III. 1⁵ 226 zu verlaſſen und ſich unter einem andern Himmel, in einem andern Welttheil anzuſiedeln. Während des Pro⸗ zeſſes gegen ſeinen Bruder reifte das alte Verlangen, auszuwandern, und mein Vater beſchloß, es ſogleich ins Werk zu ſetzen. Er realiſirte ſchnell ſeinen Beſitzthum und war bald bereit abzureiſen. Inzwiſchen wurde das Urtheil über ſeinen Bruder ſpruchreif, und es ging ihm dermaßen zu Herzen, daß er darin eine neue Auffor⸗ derung fand, ſeine Abreiſe zu beſchleunigen. Schon war Alles in Ordnung. Er hatte ſeinen Freunden und Be⸗ kannten auf ewig Lebewohl geſagt. Im Norrſtröm lag ein Schiff auf ſeine Rechnung ſegelfertig. Alle ſeine Effekten waren an Bord, und der letzte Abend ſeines Aufenthalts auf ſchwediſchem Boden war gekommen. Meine Eltern hatten beſchloſſen, ihn allein und für ſich ſelbſt zuzubringen. Still und ergriffen von dem wich⸗ tigen Abſchnitt in ihrem Leben, dem ſie jetzt entgegen ſahen, gingen ſie durch die bereits leeren und öden Zim⸗ mer. Sie hatten ſo eben Beſuch von einem Geiſtlichen gehabt, den ſie berufen hatten, um ſich von ihm das Nachtmahl ertheilen zu laſſen. Ihre Herzen waren von tiefer Andacht ergriffen und ihre Gedanken weilten we⸗ niger auf der Erde als bei einer allmächtigen Vorſehung. Die Sonne war untergegangen. In dem Kamin brannke eine helle Flamme. Alles war ſtill um ſie her und in ihrem Inneren herrſchte Frömmigkeit. Da hörten ſie ganz unvermuthet ein ſchwaches Getöne, eine wimmernde zarte Stimme vor der Thüre... ſie lauſchten.... das Getöne ließ ſich von Neuem vernehmen... und als ſie jetzt hinaus eilten, um zu ſehen, was es wäre, fanden ſie eine Schachtel und in der Schachtel ein zar⸗ tes Kind. Mit Zärtlichkeit wurde es aufgenommen. Neben dem Kinde fanden ſie ein kleines Billet, das nur die Worte enthielt: Ein elternloſes Kind ſucht Eltern und hofft ſie in euch zu finden. Es ſtand kein Name darunter. Mein Vater und meine Mutter betrachteten 1 dieſes Geſchenk als einen Wink der Vorſehung und be⸗ ſchloſſen, das Kind mit ſich nach Amerika zu nehmen und als ihr eigenes zu erziehen. Am folgenden Tag lichtete das Schiff die Anker und ſie verließen die Vatererde für immer.“ Verwundert blickten beim letzten Theil dieſer Er⸗ zählung Alle auf. Die Augen der Baronin und Franz Kellners be⸗ gegneten ſich ſchnell und mit einem bedeutungsvollen Ausdruck. Gabrielens Blick glänzte und erloſch wieder. Der alte Kellner erhob ſein Haupt und ſtierte Paul ver⸗ wundert an. Graf Enrt ſtrich ſich gedankenvoll die Stirne. Baron Krooks Huſten hörte auf. Der Ge⸗ neral lehnte ſich gegen den Thürpfoſten, wo er ſtand, ohne ſeine Augen von Paul abzuwenden. Abraham wandte blos ſeinen Kopf hin und her, gleich als wollte er die Mienen der Andern erforſchen. Ohne daß ſie den Zuſammenhang zwiſchen den ver⸗ ſchiedenen Theilen von Pauls Erzählung eigentlich ver⸗ ſtanden, lief eine dunkle Ahnung durch ihre Gedanken. „Unter den Sachen, die mein Vater nach Amerika mitnahm,“ fuhr Paul fort,„befanden ſich auch ſeine Jagdgeräthſchaſten und dabei die Jagdtaſche, in welche er die von Wolkmann empfangenen Papiere geſteckt hatte. In Amerika blieb mein Vater nach wie vor Jagdlieb⸗ haber, und als er einmal einen Streiſzug zu machen be⸗ abſichtigte, fiel es ihm ein, die beſagten Papiere näher zu betrachten. Sie beſtanden in kleinen Bruchſtücken und Billeten. Je weiter man vom Vaterlande entfernt iſt, um ſo mehr liebt man es, und es war nicht Neu⸗ gierde, ſondern eine ganz natürliche Liebe für alles Schwediſche, was ihn veranlaßte, dieſe Billete näher zu unterſuchen. In ſeiner unbeſchreiblichen Verwunderung entdeckte er jetzt, daß ſie in einer Damencorreſpondenz beſtanden, worin er eine entfernte Erklärung verſchiedener Ereigniſſe zu finden glaubte, die ſich zur Zeit der mehr 228 erwähnten blutigen Cataſtrophe auf Großſmeſtad und Aſen zugetragen hatten. Er las die Billete einmal ums andere, und obſchon ihm der Inhalt dunkel blieb, ſo wurde es ihm doch, als er ihn mit dem loſen und ver⸗ worrenen Bauerngerede zuſammenhielt, das er an Ort und Stelle ſelbſt gehört hatte, immer dentlicher, daß dort eine weit verzweigte Intrigne um die von höchſt ge⸗ heimnißvollen Verhältniſſen umgebenen Wiegen zweier Kinder geſpielt, ſowie daß der Tod des Barons Lander in einer gewiſſen Beziehung dazu geſtanden hatte, wozu er indeß den Schlüſſel ſchlechterdings nicht zu finden vermochte. Dieſe unſichern und zweideutigen Entdeckun⸗ gen wurden indeſſen für ihn die Quelle vieljähriger, be⸗ ſtändig zunehmender Grübeleien. Er fügte Ereigniß zu Ereigniß, Umſtand zu Umſtand, und da er ſich endlich auch erinnerte, was in der Geſellſchaft oder dem Orden, dem er hier angehört, ſich zugetragen hatte, ſo glaubte er mit jedem Tage der Wahrheit mehr auf die Spur zu kommen. Gewiſſensqualen und innere Friedloſigkeit ent⸗ ſtanden daraus. Aus einer Bemerkung erwuchs eine andere, aus der einen Frage ging eine neue hervor. Eine Combination folgte unaufhörlich auf die andere. Zuweilen glaubte er die ganze Intrigue vollkommen klar entwickelt zu ſehen, aber im nächſten Augenblick fand er ſich wieder in die dunkelſten Myſterien hineingeworfen. Von ſeinen Erinnerungen gequält, von ſeinen Einbil⸗ dungen gehetzt, von ſeinen eigenen Betrachtungen irre⸗ geführt, wurde er manchmal von einer Verſtandesver⸗ wirrung heimgeſucht, die an Wahnwitz grenzte, und wo⸗ bei er ſich ſelbſt als eine von unerklärten Umſtänden geleitete Urſache, nicht blos von Landers Tod, ſondern auch vom Unglück ſeines Bruders anklagte. Seine Ge⸗ müthskrankheit nahm unaufhörlich zu bis zu ſeiner letzten Stunde, wo er unter dem Einfluß eines gewaltſamen Paroxismus ſogar behauptete, daß das gefundene Kind, das er nach Amerika mitgenommen und dem er eine . 229 ſehr ſorgfältige Erziehung gegeben, eines der Kinder ſei, die er unter ſo eigenthümlichen Umſtänden ſelbſt einmal in der Gemeinde Ryd geſehen, und um deren Geburtsſtunde das Volksgerede einen ganzen Cyclus von übernatürlichen Ereigniſſen erſchuf, wie ſogar noch immer ein undurchdringlicher Schleier darüber ruht.“ Je weiter Paul in ſeiner Erzählung kam, um ſo geſpannter wurde das Intereſſe der Anweſenden. Selbſt Franz Kellner ſchien jetzt ganz Ohr zu ſein. Die Baronin zog ſich zwar zurück, aber auf der unge⸗ wöhnlich bleichen Wange brannte der rothe Flecken immer heller. Gabrielens Bruſt hob ſich ungleich, während ihr Blick unabläſſig auf Paul geheftet war. Es entſtand eine augenblickliche Pauſe. Dieſer Augenblick war ſchwül und bedrückend. Die Aufſchlüſſe, die Paul mitgetheilt, hatten ſich um die Herzen der Auweſenden wie dunkle Wolkenmaſſen geſammelt, aus denen, ſo ahnte man, der beleuchtende Strahl bald hervorſpringen mußte. „Nachdem ich die Frage bis auf dieſen Punkt ent⸗ wickelt habe,“ begann Paul wieder,„ſo iſt es natürlich, daß die gänzliche Ausmittelung ſehr weſentlich davon abhängt, daß man erfährt, wer dieſe Billete geſchrieben hat; und obſchon die Unterſchriften fehlen, ſo ſollte dieß doch nicht ſo ſchwer ſein, da man aus der Handſchrift die nöthigen Schlüſſe ziehen kann.“ Eiin wunderliches, beunruhigendes Gefühl regte ſich jetzt in Franz Kelluers Bruſt. Unbewußt richtete er ſich auf. Sein Blick war umhergeirrt. Die Baronin und Gabriele waren für ihn nicht ſchwer zu durchſchauen. Er blickte bis in die Tiefen ihrer Seelen und las bei der Erſteren Entſetzen, während bei der Letzteren Hoff⸗ nung und Furcht mit einander wechſelten. Er würde kein Bedenken getragen haben, beide ſelbſt zu zermalmen; aber es ärgerte ihn, daß Paul dies thun ſollte. Er be⸗ 230 kümmerte ſich wenig um die Unehre, die dieſe Frauen treffen konnte, aber er dachte mit Verdruß an die Schande, die zu gleicher Zeit auch ihn erreichen mußte. Ein Kummer weilte überdieß auf der Stirne ſeines Vaters, und er ahnte, daß auch der Greis etwas fürch⸗ teun konnte. Franz Kelluer wollte ſprechen, aber zum erſtenmal wußte er nicht, was er ſagen ſollte. Paul hielt bereits den Schlüſſel des Käſtchens in ſeiner Hand und beugte ſich über daſſelbe hinab. Im nächſten Augenblick ſollte das Schloß auf⸗ ſpringen. Was gethan werden ſollte, mußte alſo ſogleich ge⸗ ſchehen. Ein kalter Schweiß lief über Franz Kellners Stirne, als Paul den Schlüſſel ins Schloß ſteckte. „Warten Sie noch ein wenig!“ rief er in dieſem Angenblick,„warten Sie!“ Aller Augen wandten ſich jetzt, wie von einem ein⸗ zigen Faden gezogen, von dem Käſtchen ab und auf Franz. Er hatte einen Einfall bekommen. Die Baronin hatte ihm geſagt, daß Pauls Geburt zweideutig ſei, und Paul hatte ſelbſt von einem Findel⸗ kinde geſprochen. Franz Kellner rechnete dieſe zwei Umſtände zuſam⸗ men, und die Summe wurde für ihn groß genug, um wenigſtens Etwas daraus zu machen. 3 Bei der unerwarteten Aufforderung hielt Paul wirk⸗ lich inne und auch ſein Blick war fragend auf Franz eheftet. 8„Mein Herr Vetter,“ ſagte Franz,„Sie haben von einem Findelkind geſprochen, das mein Onkel nach Amerika mitnahm und dem er dort eine ſorgfältige Er⸗ ziehung gab.“ „Darüber iſt nichts zu ſagen, als was ich bereits erzählt habe... und das darf uns nicht hindern, wei⸗ ter zu gehen.“ „Glauben Sie das, mein Vetter? Lebt dieſes Fin⸗ delkind noch?“ „Darüber will ich Ihnen ein andermal Aufſchluß ertheilen; jetzt thun wir am Beſten, die Papiere ſogleich zu unterſuchen.“ „Dieß iſt nicht meine Anſicht... weil... weil... 4 „Alles hat ſeine Zeit, Herr Vetter,“ unterbrach ihn Paul.„Jetzt iſt die Reihe an den Papieren.“ „Sehr gut, und gleichwohl haben Sie Ihr Recht auf dieſe Papiere noch nicht legitimirt...“ „Nicht?“ „Und ebenſowenig Ihr Recht auf den Namen, den Sie führen, mein Herr Vetter.“ „Wirklich?“ „Und in Folge deſſen auch nicht Ihr Recht auf das Vermögen, das Sie von meinem Onkel erhalten haben.“ „Glauben Sie das?“ „Und wenn Sie weder das Eine noch das Andere thun könnten, ſo werden Sie wohl begreifen, daß dieſe Wadiede niht Ihnen gehören.“ „Ah l“ „Sondern meinem Vater und nächſt ihm mir.“ Franz wollte ſeine Hand auf das Käſtchen legen, da er entſchloſſen war, ſeinen Vorſatz auszuführen und Pauls Recht darauf zu beſtreiten; aber Paul kam ihm zuvor, indem er es vom Tiſch aufhob und über ſeinen Kopf emporhielt. Franz Kellners Bemerkungen waren ſo unvermuthet gekommen, daß niemand von den Anweſenden ſogleich klar ermitteln konnte, ob die Anſprüche und Behaup⸗ tungen, die er gegen Paul vorbrachte, auf Recht und Billigkeit gegründet ſeien oder nicht. ——— 232 Ueberraſcht folgten ſie nur den Bewegungen Pauls und Franz Kellners. Paul war nicht mehr ſo ruhig wie vorher. Fran⸗ zens erneuerte Angriffe regten ſeine Galle. „Sie verlangen, daß ich mich legitimiren ſoll,“ be⸗ merkte er. „Allerdings verlange ich das.“ „Nun, ſo können Sie ſich das Vergnügen machen, in dieſen Papieren danach zu forſchen, während wir die Briefe durchleſen.“ Paul trat dabei an den Divanstiſch vor dem Sopha und ſtellte das Käſtchen auf denſelben. „Ich bitte Sie, meine Herren,“ fuhr er gegen die Greiſe fort,„haben Sie die Güte, hieher zu treten, um die Papiere in Augenſchein zu nehmen, die ich Ihnen vorlegen will.“ Franz Kellners Augen funkelten vor Zorn. Alle Anweſenden hatten ſich erhoben und einen Kreis um den Tiſch gebildet. Nur die Baronin und Gabriele bewegten ſich nicht vom Fleck. Sie waren verſtummt, weniger in Folge deſſen, was ſich um ſie her zutrug, als in Folge ihrer inneren Leiden. „Dieſe Papiere,“ agte Paul,„werden in Verein mit Ihren Erinnerungen hoffentlich viel aufklären, was jetzt noch dunkel und verwickelt iſt.“ Franz war neben Paul getreten, um die Beſchaf⸗ fenheit der Papiere ſogleich überſchauen zu können. Ein tiefes Schweigen herrſchte im Zimmer. Paul ſelbſt fühlte ſich unruhig, ſo wichtig erſchien ihm der Augenblick. Das Einzige, was die Stille ſtörte, waren die kur⸗ zen Athemzüge der Baronin und Gabrielens. ¹ Paul drehte den Schlüſſel um. Das Schloß ſprang auf. Aber wer vermöchte den Ausdruck ſeiner Ueber⸗ ———– ¾ 233 raſchung zu malen, als er in das Käſtchen hineinblickte und es leer fand! Die Papiere waren verſchwunden. Niemand bewegte ſich von der Stelle, aber alle Blicke ruhten fragend auf Paul. Ein halb erſtickter leiſer Ausruf ertönte zu gleicher Zeit von den Lippen Gabrielens und der Baronin. Pauls Beſtürzung theilte ſich auch den Uebrigen mit. Nur Franz Kelluers Stirne erhob ſich ſtolz, wäh⸗ rend ein Hohnlächeln aus ſeinen Augen funkelte. „Mein Herr Vetter,“ ſagte er,„Sie ſind ausneh⸗ mend glücklich, wenn Sie mit älteren Männern ein Gaukelſpiel treiben wollen. Sie ſind ſinnreicher als ich vermuthet hätte. Die Comödie, die Sie geſpielt, würde auf dem königl. Theater Furore gemacht haben; ich bin geneigt, Ihnen zu applaudiren.“ Die Bitterkeit dieſer Worte führte Paul zu ſich ſelbſt zurück. „Man hat mich beſtohlen,“ ſagte er. „Vortrefflich, mein Herr Vetter. Vielleicht hat man das auch hier gethan, obſchon Sie nicht einen einzigen Augenblick Ihre Hand von dem leeren Käſtchen da ab⸗ zogen. Sie ſind unläugbar ein Spaßvogel. Inzwiſchen errathe ich, wer Sie ſind, mein Herr.“ 3 Paul antwortete ihm nur mit einem kalten Blick. „Wo ſind die Legitimationsurkunden, von denen Sie ſprachen?“ „Was meinen Sie damit?“ „Ich frage blos, wo ſte ſind.“ „Sie ſind in Doupletten vorhanden, mein Herr, und werden ſich leicht vorfinden.“ „Sie ſcherzen wohl auch jetzt auf unſre Koſten.“ „Um Ihre Neugierde zu befriedigen, mein Herr Vetter, will ich Ihnen ſagen, daß Sie ſo viele Abſchrif⸗ ten dieſer Urkunden, als Ihnen nur belieben wird, er⸗ halten können, wenn Sie ſich nur die Mühe nehmen 234 wollen, ſich in Neu⸗York oder hier in der Hauptſtadt an die zuſtändigen Behörden zu wenden, bei welchen ſie noch vor meines Vaters Tod hinterlegt wurden.“ „Wirklich, mein Herr? Aber ſie ſagten ja ſo eben auch, daß dieſes Käſtchen wichtige Papiere enthalte.“ 44 „Nun... „Und als Sie es öffneten...“ „Weiter..„ „Da war das Käſtchen leer. Ihre Worte ſind nicht immer zuverläſſig. Wollen Sie meine Meinung hören?“ „Laſſen Sie hören.“ „Meiner Meinung zufolge ſind Sie...“ Franz Kellner verſtummte einen Augenblick, um ſich umzuſchauen. Paul lächelte. „Was bin ich? Sprechen Sie ſich aus.“ „Sie ſind nicht der Neffe meines Vaters, ſon⸗ dern... „Sondern...“ „Sondern dieſes Findelkind, mein Herr, dem mein Onkel eine ſo ſorgfältige Erziehung gegeben hat. Ver⸗ ſtehen Sie mich?“ „Ich verſtehe Sie, aber fahren Sie fort.“ „Sie geben alſo zu, daß ich Recht habe?“ Paul antwortete nicht ſogleich. Die Spannung unter den Anweſenden hatte ihren höchſten Gipfel erreicht. „Sie antworten nicht,“ bemerkte Franz Kellner.. „Ich antworte Ihnen...“ Pauls Stirne hob ſich, und ſein Blick, klar und offen, flog ſchnell wie ein Strahl im Kreis umher. Von der Baronin war ihre Kälte gewichen. Ga⸗ briele fühlte ſich beinah unwohl in Folge dieſer herz⸗ zerreißenden Scene. „Ich antworte Ihnen,“ fuhr Paul fort,„daß ich dieſes Findelkind bin.“ n — ———— 23⁵ Ein Ausruf der Verwunderung und Ueberraſchung ertönte auf einmal von den Lippen ſämmtlicher An⸗ weſenden. Die Baronin und Gabriele ſprangen von ihren Plätzen auf. „Barmherziger Gott,“ dachte Gabriele,„ſollte Paul mein Sohn ſein?“ „Nächende Vorſehung,“ dachte dagegen die Baronin, „wäre er vielleicht mein... mein...“ Sie konnte das Wort nicht über ihre Lippen bringen. Keine von beiden bemerkte die Gemüthsbewegungen der andern. Sie hatten ihre Gedanken nur für ſich ſelbſt und für Paul. Franz Kellner war geblendet von der neuen Aus⸗ ſicht, die ſich ihm ſo unvermuthet eröffnete in der nicht undenkbaren Möglichkeit, daß er, wenn er auch zu einem Prozeß gezwungen würde, Eigenthümer des großen, von ſeinem Oheim hinterlaſſenen Vermögens werden könnte. Ddie Hoffnung glänzte in ſeinen Phantaſien, wie eine Sonne über einem Californien. „Sie geſtehen alſo,“ fuhr Franz fort,„daß Sie blos ein Findelkind ſind?0 „Ich geſtehe es.“ „Gut, mein Herr. Die Folgen davon erklären ſich von ſelbſt, und ich werde die Ehre haben, Sie ſobald als möglich in Geſellſchaft eines Juriſten zu beſuchen.“ „Ich heiße Sie zum Voraus willkommen.“ Eine Viertelſtunde ſpäter hatten Alle den General verlaſſen, jeder mit ſeinen verſchiedenen Eindrücken in Folge deſſen, was vorgefallen war. Als Paul ſich vom General weg begab, drückte ihm dieſer die Hand: „Sie ſind ein braver, rechtſchaffener junger Mann,“ ſagte der General zu ihm,„verlaſſen Sie ſich auf mich, ich bleibe immer Ihr⸗Freund.“ 236 Im höchſten Grad aufgeregt kam Paul nach Hauſe. „Schreckliches Ereigniß!“ ſagte er bei ſich ſelbſt. „Ach mein Gott, wer hat wohl die Papiere ſtehlen können?“ Er erinnerte ſich, daß er ſie in das Käſtchen gelegt, daß er ſie dort noch geſehen, bevor er es wieder ver⸗ ſchloſſen, und daß das Käſtchen ſich ſpäter nur eine kurze Weile in Brauners Händen befunden hatte. Sollte Brauner ſie geſtohlen haben? Als er dieſe Frage an ſich ſtellte, erinnerte er ſich des Argwohns, den nicht blos Jaquette, ſondern auch Charlotte gegen den Alten geäußert hatte, und noch mehr, er erinnerte ſich auch an ſein eigenes Geſtändniß, daß er viele Jahre hindurch mit Leuten von mehr als zwei⸗ deutigem Charakter umgegangen ſei. 4 Seine erſte Abſicht war, ſogleich ein Verhör mit ihm anzuſtellen, aber er beſchloß endlich, damit zu warten, bis Roman zurück käme. Romans Ausbleiben beunruhigte ihn. Bekümmert ging er auf und ab, aber ſeine Gedanken erhielten bald eine andere Richtung, als er auf ſeinem Schreibtiſch einen Brief fand, worin Gourville ihn einlud, Abends ſechs Uhr in den Thiergarten zu kommen, wohin er einige Freunde zu einem kleinen Schmauſe geladen habe. Jetzt erinnerte er ſich ſeines Verſprechens, das er Charlotte gegeben hatte, und er wollte ihm unter allen Umſtänden nicht untren werden. Die Gelegenheit, Gourville zu treffen und mit ihm von ihr zu ſprechen, kam ja ganz apropos, und er be⸗ 3 ſchloß ſich einzuſtellen. Nachdem er eine Weile überlegt hatte, klingelte er und Brauner trat ein. „Iſt Jack zu Hauſe?“ fragte er. „Ja.“. „Er ſoll herauf kommen.“ 4 Paul war in ſeiner Anrede kurz und kalt, und der — 237 Alte heftete einen traurigen Blick auf ihn, bevor er das Zimmer verließ. Einen Augenblick ſpäter ſtand Jack vor Paul. „Ich habe Dir doch Gutes gethan, Jack?“ „Mehr als Gutes, gnädiger Herr, Sie haben mich glücklich gemacht.“ „Ich habe Dich doch von Elend und Strafe gerettet.“ „Das iſt wahr, Herr, und deßhalb kann niemand inniger für Sie zu Gott beten, als ich.“ „Ich habe Dir Deine Pflegetochter wiedergegeben, ſie iſt doch jetzt bei Dir 2⸗ „Ach ja, ich bin glücklich, Herr. Möge der Himmel Sie dafür ſegnen und für all das Gute, das Sie auch andern Unglücklichen erweiſen.“ „Bete für mich, das ſchadet nichts; aber ſei mir auch ergeben. Wenn Du mich betrügſt, ſo zermalme ich Dein Glück eben ſo leicht, wie es mir leicht war, es zu ſchaffen. Vergiß das nicht, Jack!“ Paul verſchmähte es, ihn wegen der Anſchuldigung, die Charlotte gegen ihn erhoben hatte, zur Rede zu ſtek⸗ len; aber er wollte ihn doch warnen. Jack war jetzt ein ganz anderer Mann als zur Zeit wo wir ihit zum erſten Mal an Bord des Delphins ſahen. Mit einer treuherzigen Miene blickte er Paul in die Augen. „Haſt Du Zeit, mir heute Abend einen Dienſt zu erweiſen?“ „Meine Zeit gehört ja ganz Ihnen, gnädiger Herr.“ „Gut. So nimm einen Wagen und finde Dich heute Abend Schlag 10 Uhr am Stadthof ein.“ „Um zehn Uhr.“ „Du verweilſt Dich vorn auf dem Platze und warteſt dort, bis ich komme.“ „Es ſoll geſchehen, gnädiger Herr.“ „s iſt unnöthig, irgend jemand etwas davon zu ſagen. Begreifſt Du?“ 238 „Ich begreife.“ Sobald Paul allein war, verſank er wieder in Be trachtungen. Einen Augenblick blieb er am Fenſter ſtehen und ſah zu Jaquette hinüber. Aber Jaquette befand ſich nicht da. So verging der Tag. ——— Preisermäßigung. Nachſtehenden Artikel unſeres Verlags haben wir im Preiſe ermäßigt, um die Anſchaffung zu erleichtern und ſo eine größere Verbreitung deſſelben zu ermög⸗ lichen: Gedichte J. G. Deeg. 8. geh. Sonſt 2 Thlr. oder 3 fl. 24 kr. jetzt 18 Ngr. oder 1 fl. Wem das Herz höher ſchlägt, wenn es die Worte: Liebe, Freiheit, Vaterland! nennen hört, wem die Poeſie nicht Unterhaltung nur, ſondern das keuſche Licht iſt, das aus dem Sumpfe des Materialismus und aus der Verſunkenheit unſerer Zeit ins edlere Gebiet des Geiſtes leuchtet, der wird unſern Dichter und ſeine Gaben mit Freuden willkommen heißen, er wird ihn, nachdem er ſeine Gedichte kennen gelernt, den Edelſten und Beſten unſeres Volkes an die Seite ſtellen, weil, was Form und Inhalt dieſer anlangt, ſie den Vergleich mit dem Ausgezeichnetſten der deutſchen Poeſie beſtehen, ja theilweiſe es noch übertreffen können. Stuttgart, 1852. Franckh'ſche Verlagshandlung. In unſerem Verlag iſt ferner erſchienen, und um eine größere Verbreitung zu ermöglichen, von uns im Preiſe ermäßigt worden: Gedichte „ 4 von Heribert Nan. (Verfaſſer des Kosziusko.) 80. geh. Preis ſtatt 2 Thlr. od. 3 fl. 24 kr.— jetzt 18 Ngr. oder 1 fl. Wie in unſerer jetzigen Zeit nicht leicht ein Dichter die Liebe der Nation erobern kann, wenn er nicht auch. die Saite ſeiner Lyra greift, die im Herzen des Volkes am lauteſten ſchlägt— wir meinen die Kämpfe der Zeit— ſo ſind auch die volitiſchen Gedichte des Herrn Verfaſſers dem Beſten an die Seite zu ſetzen, was in neueſter Zeit Uhland, Grün, Platen, Herwegh, Pfitzer und Hoffmann v. Fallersleben geſungen haben, und wem nicht die Unnatur und die Phraſendrechſelet. einiger modernen Poeten den reinen Geſchmack an wah⸗ 8 rer Poeſie Prorben hat, der wird dieſen Gedichten 5 die verdiente An Wnung nicht nerfagen. Stuttgart, 1852. 4 Franckh'ſche Verlagshandlung. ſſnſmſſſſiſft ſſſſſſſſnſiſſſinſſſ 9 10 11 12 13 15 1 17 18 5 6 1