iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 8. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—— 5 3.(aution. Unbekannte Perſonen mäſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mek.— Pf. der Leſer zum 7. Ausleihezeit. der Bücher nicht ſelben von mir ge Das Geyiſſen Geheimniſſe von Stockholm. Roman von C. F. Nidderſtad. Aus dem Schwediſchen überſetzt von Gottlob Fink. Fünſtes bis ſiebentes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 8 1852. Zehntes Kapitel. Hauskauf.— Geklatſche.— Der Portier. Neue Myſterien.— Das Haus gegenüber.— Der Schreibpult. 4 4 Ein paar Monate vor der Zeit, womit unſre Erzäh⸗ lung beginnt, befand ſich ein alter Mann mit ſilberweißen Haaren und genügſamem, einfachem Ausſehen, in einem der zierlichſten und größten Häuſer auf der Königin⸗ traße. 4 haeno Miene war freundlich und gut, voll von der Reſignation, die große Unfälle bei jedem ſchuldfreien und reinen Gemüth gemeiniglich hervorrufen. Die Kleidung war mehr als einfach. Sie zeugte von Armuth, denn ein grauer beinah ſchon ganz abge⸗ nützter Rock bildete das beſte Stück der Garderobe. Der Hut war grob und ſo alt, daß er durchs Bürſten nichts mehr gewinnen konnte. Als er ins Haus trat, paſſirte er durch die geräu⸗ mige Hausflur und begab ſich nach einem kleinen Flügel im Hinterhof, wo er fragte, ob der Hauseigenthümer zu Hauſe ſei, und als man die Frage bejahte, den Wunſch äußerte, ihn zu ſprechen. Der grau gekleidete Greis war kein anderer, als derſelbe alte Mann, mit welchem wir den Leſer im erſten Kapitel dieſer Erzählung, im Café London, kurz vor dem Einbruch bei Kellner, bekannt ge⸗ macht baben. Das Gewiſſen. II. Als der Wirth ihn ſah, glaubte er, es ſei ein Hülfs⸗ bedürftiger, und da er nur aus ſeinem Ausſehen ſchloß, nahm er einige Pfennige aus der Taſche, um ſie ihm zu geben. Aber der Alte ſchob die ausgeſtreckte Hand weg, jedoch ohne ſich durch die wohlwollende Abſicht des Wir⸗ thes verletzt oder verdrießlich zu zeigen. „Obſchon ich ſehr arm ſcheine,“ ſagte der Alte, „und es unleugbar auch bin, ſo bin ich gleichwohl kein Bettler.“ „lim ſo beſſer, mein Freund; aber in welcher Be⸗ ziehung kann ich Ihnen daun zu Dienſten ſtehen? Ver⸗ muthlich ſind Sie nicht umſonſt hieher gekommen.“ „Das iſt wahr; ich bin im Gegentheil in einem ſehr wichtigen Geſchäft gekommen, aber ich befinde mich beinahe in Verlegenheit, wie ich damit hervorrücken ſoll.“ „Geniren Sie ſich nicht, ſondern gehen Sie gerade auf die Sache los; ich bin gewöhnt, ſelbſt in meinen Reden kurz zu ſein und liebe es auch bei Andern.“ „Das freut mich... und...“ Aber der Alte verſtummte gleichwohl wieder und zeigte ſich ſichtbar verlegen. „Nun,“ verſetzte der ungeduldige Wirth,„was haben Sie zu ſagen?“ „Ich habe eine Frage an Sie zu richten, aber ich fürchte, Sie möchten ſie mißdeuten.“ „Seien Sie ohne Furcht, ich bin ein liberaler Mann, und ganz und gar nicht empfindlich; alſo gehen Sie un⸗ erſchrocken zur Sache über.“ „Nun denn, mein Herr, haben Sie Luſt, dieſes Haus zu verkaufen?“ „Mein Haus zu verkaufen?“ „Wie ich die Ehre habe, zu fragen.“ „An Sie?“ „An mich.“ „Der Hausbeſitzer betrachtete den Unbekannten, und 3 * als er den abgenützten Rock, ſo wie die Ar ganzen Erſcheinung ſah, kam er auf den Ge er entweder einen alten Schalk oder einen entſ Tollhäusler vor ſich habe. „Nein, mein Freund, ich verkaufe mein an Sie,“ antwortete der Herr und drehte ſich Abſatz um, in der Abſicht, wegzugehen. 8 „Wie ich es vorausſagte, mein Herr,“ begann der Alte wieder,„ſo war meine Frage alſo doch von der Art, daß ich gerechtes Bedenken trug, mit derſelben her auszurücken. Nichtsdeſtoweniger und da das Geſpräch jetz einmal in den Gang gekommen iſt, bin ich überzeugt, daß Sie Ihr Beſitzthum an mich verkaufen.“ 3 „Wie kann ich ein Eigenthum von ohngefähr 200,000 Reichsthalern Werth an Sie verkaufen?“ „Allerdings können Sie das.“ „Und aus welchem Grunde glauben Sie es?“ „Erſtens darum, weil ich nicht markte, und zweitens, weil ich die ganze Summe baar bezahle.“ „Sie?“ „Natürlich, da ich es Ihnen einmal ſage.“ „Sehr kurios... ich weiß nicht, ob Sie mit mir ſcherzen wollen oder ob nicht vielmehr die Vorſehung mit Ihrem eigenen Verſtand einen Spuck getrieben hat.“ „Glauben Sie, was Sie wollen, mein Herr; was ich ſage, iſt indeß mein vollkommener Ernſt. Aber ich be⸗ greife Sie.... Sie beurtheilen mich nach meinem Rock... und ich wundere mich nicht darüber... viel⸗ leicht erlauben Sie mir deßhalb mich auszuweiſen, dann werden Sie finden, daß ich nicht ſpaſſe, was übrigens auch bei meinen Jahren nicht paſſend wäre.“ Der Wirth wußte nicht recht, was er glauben ſollte, aber ſeine Neugierde war geweckt. „Wer ſind Sie?“ fragte er. „Mein Name iſt Brauner.“ „Und was ſind Sie?“ „Nichts, Herr, ganz und gar nichts.“ rauner zog dabei eine ſchmutzige, altmodiſch große Brieftaſche hervor, öffnete ſte und nahm einige Papiere heraus „Der Inhalt dieſer Dokumente,“ ſagte er, indem er ſie dem Wirth übergab,„muß wenigſtens noch einige Zeit ein Geheimniß zwiſchen Ihnen und mir bleiben; inzwiſchen können Sie daraus erſehen, daß ich nicht ſcherze, ſondern daß ich... „Ich ſehe, ich ſehe,“ ſagte der Wirth;„zum Teu⸗ fel, das iſt ja Alles ganz in der Ordnung... ich kenne die Uuterſchriften... geachtete und angeſehene Namen... überdies iſt das Dokument von dem ſchwediſchen Conſul eidlich bekräftigt... ſehr ſonderbar... wahrhaftig ſonderbar... und Sie wollen das Haus hier kaufen?“ „Ich wünſche es.“ „Aber ich habe es ja nicht zum Verkauf ausgebo⸗ ten.. ich begreife nicht...“ „Die Sache verhält ſich ſo, daß ich, ſeitdem ich den Auftrag erhielt, hin und her gegangen bin und mich bald da bald dort ein wenig umgeſchant habe. Ich kam jedoch unaufhörlich auf dieſes Haus zurück, als dasjenige, was meinem Geſchmack am meiſten zuſagte.“ „Sie ſind ein kluger und vortrefflicher Mann, mein alter Freund; aber... wenn ich es jetzt nicht verkau⸗ fen will? Der Kauf ſoll, wie ich aus den Papieren ſehe, in Ihrem Namen abgeſchloſſen werden?“ „In meinem Namen, ja Herr.“ „Aber wie geſagt, wenn ich es nicht verkaufen will!“ „Als Sie es kauften, gaben Sie nicht mehr als 100,000 Reichsthaler dafür.“ „Es ſind indeſſen viele Jahre, mehr als zwanzig Jahre verfloͤſſen, und die Häuſer ſind in den letzten Jah⸗ ren bedeutend im Werth geſtiegen.“ „Unleugbar, aber wenn Sie jetzt danach bezahlt werden und ein gutes Geſchäft machen... das Haus 5 bedarf bald einer Reparatur, und das iſt ein weiterer Grund, es loszuſchlagen.“ Der Wirth rieb ſich am Kopf und war unſäliſfa was er thun ſollte. „Aber der Kaufſchilling... ich dachte, S von baarem Geld?“ „Der Kauſſchilling wird in Anweiſungen auf die ie prachen Bank von Hamburg hinterlegt werden, Anweiſungen, die jedes Handlungshaus, an das Sie ſich wenden wollen, mit Vergnügen annehmen wird.“ „Machen Sie mir ein Angebot, ſo will ich hören.„ Der Mann liebte ſein Haus, aber ein Gewinn war auch verlockend, und er konnte die Wahrheit der Bemer⸗ kung, daß eine größere und koſtſpielige Reparatur bald nöthig ſei, nicht in Abrede ſtellen. „Ich werde Ihren Wunſch erfüllen, obſchon eigent⸗ lich Sie es ſein ſollten, der die Summe beſtimmt, aber da das Haus mir einmal gefällt und ich keinen höheren Wunſch kenne, als daß das Geſchäft bald abgemacht ſein möge, ſo bleteich hneilece 666 Reichsthaler 32 Sbilländen Der Wirth konnte ſeine Freude unmöglich verk hehlen. Das Haus war damit überreichlich bezahlt. „Und der Kauſſchilling wird in ſicheren, guten Pa⸗ pieren erlegt?“ „Ich verpflichte mich dazu“ „Und wann würden Sie wünſchen, daß das Geſchäft abgemacht würde?“ „Sogleich.“ „Sogleich? Ich muß mich doch auch bedenken... Der Vorſchlag kommt ſo unerwartet... was Teufels ſoll ich machen? 166,666 Reichsthaler 32 Schillinge, ſagen Sie... und überdies in baarem Geld?“ „Das iſt mein Angebot, unter der Bedingung, daß⸗ der Kauf ſogleich abgeſchloſſen wird... und daß über⸗ dies der Name meiner Mandanten ein Geheimniß zwiſchen uns bleibt.“ hl denn... aber, mein Gott, ſo ſchnell... das iſt unmöglich... ich kann ja gar achdenken... mich befinnen... caleu⸗ th ging oder lief vielmehr im Zimmer auf und ab. ache iſt leicht calculirt. Wenn Sie Ihre een zuſammenzählen und davon die Abgaben an at und Stadt abrechnen, ſo haben Sie kaum 4 Pro⸗ cent... ja ſogar nicht viel mehr als drei und ein halb i dem Gebot, das ich Ihnen gemacht habe. Der Ge⸗ i iſt ja alſo immer auf Ihrer Seite. Entſchließen Sie ſich jetzt, mein Herr, und wir begeben uns ſogleich zu einem Notar.“ Der Wirth ſtarrte den Alten noch eine Weile an, daun ſtreckte er ſeine Hand aus und nickte mit dem Kopfe. „So ſei es denn,“ ſagte er,„166,666 Reichsthaler 32 Schillinge...“ „Jetzt ſogleich?“ „Sogleich.“ „Laſſen Sie uns alſo zum Notar gehen, bei dem ich mir inzwiſchen vorbehalte, daß nur mein eigener Name genannt wird.“ Der Kauf wurde abgemacht und die Summe in An⸗ weiſungen auf die Hamburger Bank erlegt. Der Haus⸗ beſitzer war übrigens ein zuverläßiger Mann und erfüllte getreulich ſein Verſprechen, Brauners Geheimniß zu be⸗ wahren; ſo wurde alſo nur der Namen des Alten im Kaufvertrag angeführt, und kein anderer als er, wurde als der neue Eigenthümer bekannt. Aber das Ereigniß war zu merkwürdig, als daß es nicht bald ein Gegenſtand des allgemeinen Geſprächs in der Hauptſtadt geworden wäre. „Haben Sie ſchon gehört,“ ſchwatzte man auf der Straße, daß ein Bettler eines der größten Häuſer in der Königinſtraße gekauft hat?“ „Ja, das iſt ſehr merkwürdig, und er ſoll es mehr 7 als theuer bezahlt haben, blos weil es ihm einmal geſiel. Wahrhaftig in unſern Tagen iſt es ſchon der Mühe werth, ein Bettler zu ſein.“ 3 „Er ſoll Rauner heißen.“ „Nein; ich glanbe Raumann oder ſo etwas.“ „Ich habe erzählen hören,“ fiel ein Anderer ein, „daß der Mann ein alter Wucherer ſein ſoll und ſich beim Erwerb ſeines Vermögens alle möglichen Mittel erlaubt habe.“ „Man hat mir auch etwas Aehnliches, wo nicht etwas noch Schlimmeres geſagt.“ 3 „Was hat man Dir geſagt?“ „Er habe.“ „Was habe er?... Du ſiehſt ſo geheimnißvoll aus... laß hören... er habe...“ „Eine entſetzliche That begangen.“ Und der Mann machte dabei eine Geberde, die man nach Belieben deuten konnte. „Vielleicht einen Mord?...“ „Oder einen Kirchendiebſtahl?“ „Das iſt ja abſcheulich. Wir leben wirklich in einer ſchrecklichen Zeit. Nichts iſt mehr heilig... Verbrechen und Laſter mehren ſich... die Unverſchämtheit nimmt überhand... wohin ſoll das alles führen?“ Aber die Verwunderung ſollte noch größer werden, als eines Tags zwei Stadtdiener im Hötel erſchienen und ſämmtlichen Miethbewohnern bis auf die nächſte Zug⸗ friſt aufkündigten. „Aber wo iſt denn der Mann, der das Haus ge⸗ kauft hat?“ fragte man die Stadtdiener. „Wir wiſſen es nicht... der Notar, der die Auf⸗ kündigung vidimirt hat, hat ſie uns übergeben.“ „Und wo wohnt denn der Käufer, wo befindet er ſich?“ „Das wiſſen wir nicht...“ „Aber können wir nicht mit ihm reden?“ Die Stadtdiener zuckten die Achſeln, ohne Auſſchlüſſe ertheilen zu können. Sie wußten nichts. Die Miethleute beſuchten den alten Wirth und auch den Notar, jedoch ohne großen Erfolg. Der Wirth hatte ſeit dem Verkauf ſeines Hauſes den Käufer nicht mehr geſehen, und der Notar hatte zwar ſeitdem einen Beſuch von ihm erhalten, wobei er ihn aufforderte, den Miethbewohnern aufzukün⸗ digen, im Uebrigen aber wußte er nichts von ihm, weder was er war, noch wo er wohnte. Beide lobten indeß die Pünktlichkeit, womit ſie be⸗ zahlt worden waren, und erklärten, ſie hätten gar keine Urſache, ſich über ihn zu beklagen. In all den Umſtänden, die ſich mit dem Kauf ver⸗ knüpften, lag etwas Ungewöhnliches und Wunderbares, was die Aufmerkſamkeit erweckte, weßhalb die Sache auch auf tauſend verſchiedene Arten ausgelegt wurde und die allgemeine Neugierde ſich der baldigen Zugfriſt zuwandte, wo man das Räthſel gelöst zu ſehen hoffte. Einige Budenmamſellen in der Nachbarſchaft mach⸗ ten ſich's vor allen Dingen zum Geſchäft den Handel zu beſprechen. Es iſt eine Schande, eine wahre Schande,“ rief die ſtulpnäſige Liſette,„daß ein Bettler ein ſo prächtiges Haus ſoll kaufen können.“ „Ein Bettler?“ antwortete ihr die etwas dicke roth⸗ backige kleine Klara,„ein ſchöner Bettler, der auf einem Brett ſo viel Geld hinlegt. Haſt Du denn nicht gehört, daß er den ganzen Kaufſchilling in blanken Dukaten be⸗ zahlt haben ſoll?“ „Mein Gott, was Du ſagſt! mir hat man geſagt, er habe die ganze Summe in kleinen Kupfermünzen be⸗ zahlt, die er zuſammengebettelt. Weißt Du, was ich zu glauben aufange?“ „Laß hören.“. „Daß die Bettler weit reicher ſind als diejenigen, die geben. Von dieſer Stunde an will ich den Bettlern —— —— — 9 ein freundlicheres Geſicht machen, als ich bisher gethan abe.“ „Darüber will ich nichts ſagen... aber was meinſt Du wohl, er ſoll das ganze Haus allein bewohnen.“ „Gott ſteh' mir bei, das iſt ja geradezu die ver⸗ kehrte Welt. Er will das ganze Haus ſelbſt bewohnen?“ „Ich weiß es um ſo ſicherer, als der Bediente des Staatsraths, der im erſten Stock wohnt, mir geſtern erzählte, man habe allen bisherigen Miethleuten bis zur nächſten Friſt aufgekündigt, und es würden keine neuen einziehen.“ 8 „Das iſt gar zu toll; man möchte vor Aerger aus der Hant fahren, daß man gar nicht herausbringen kann, wer dieſer Bettler iſt.“ Dem verkauften Hötel gegenüber befand ſich ein Putzmagazin, worin ein äußerſt reizendes Mädchen ſaß, das bei der Eigenthümerin der Bude im Dienſt war. Das Mädchen war jung und ſchön, wie ein Sonnen⸗ aufgang. Ihre Wangen waren ſo friſch wie die Roſen an einer Morgenwolke, und ihre Angen glänzten wie zwei Thauperlen, die von einem klaren Strahl durch⸗ ſchimmert ſind. Obſchon ſie heiter und mild ausſah, machte ſie doch nicht gerne Bekanntſchaften, ſondern ſchien am liebſten für ſich ſelbſt leben zu wollen. Sie unterſchied ſich von ihren Kamerädinnen auch dadurch, daß ſie ſich unter keiner Bedingung dazu verſtand, einen Hut zu kaufen, dieſer moderne Schmuck, welchem der Mamſellentitel folgt, wie die Deviſe der Caramelle folgt, ſondern ſie blieb ihrem frühern Kopfputz, einem zierlichen Schälchen, getreu. Sie hatte auch ihre Gründe dazu, welche beweiſen, daß ſie die Sache überlegt hatte. Der Hut, ſagte ſie, iſt unbequem und hat eine lächerliche Form, welche den Kopf entſtellt. Warum ſoll man ſich entſtellen? 4 Die Herren nennen ja uns Mädchen Engel; aber 10 wenn man einen Engel auf einem Altargemälde mit einem gewöhnlichen Frauenzimmerhut malte, ſo würde man vor lauter Lachen die Andacht in der Kirche verlieren. Mich ſoll man nie auslachen. Bekäme mich jemand mit dem Hut zu ſehen, der mich früher mit dem Schälchen geſehen hat, ſo könnte man mit Recht dies und jenes von mir denken. Es iſt zweideutig... und ſo und ſo. Für'’s Erſte würde man glauben, ich ſei eitel und bilde mir ein, vornehmer zu ſein, als ich bin, und doch bin ich mir ſchon gut genug, wenn ich nur ein fleißiges und beſcheidenes Mädchen bleiben kann. Für's Zweite würde man glauben, der Hut habe mich mehr gekoſtet, als er werth iſt, und ich erröthe, wenn ich nur daran denke. Das Schälchen dagegen iſt eine hübſche Draperie, und läßt mir ganz gut, weil ich es nach meinem Belieben und Geſchmack façoniren kann; ſollte es mir einmal ein⸗ fallen, kokettiren zu wollen, ſo läßt ſich dies mit dem Schälchen weit leichter thun, weil man es in kleine Falten legen und ganz nach Wunſch ordnen kann. Und wenn ich mir jemals die Liebe eines artigen Jungen erwerben kann, ſo wird er mir ſicherlich deßhalb nicht untreu werden, weil ich an meinem kleinen Schälchen feſthänge, das mich unaufhörlich an meine Kindheit er⸗ innert, welche... kurz und gut, Ehre dem Schälchen! Ein Mädchen ſoll erſt den Hut erhalten, wenn es ſich verheirathet. Der Hut ſoll das Hochzeitsgeſchenk des Mannes ſein. 1 So raiſonnirte die ſchöne Fanny, und war nicht wenig entzückt über ihr eigenes Raiſonnement. Es ſchmei⸗ chelte ihr, das Schälchen vertheidigen zu können, ſelbſt wenn es bewieſe, daß auch ſie eitel wäre, obſchon ſie das nicht ſein wollte. In allen Fällen war Fanny ein ganz eigenthümliches und ſehr hübſches Mädchen. 7 1 11 Sie konnte nichts dafür, daß ein klein bischen Phi⸗ loſophie irre gelaufen war, und ſeinen Wohnſitz in ihrem ſchalkhaften Lockenköpfchen aufgeſchlagen hatte. Die Neugierde, die man dem Frauenzimmer vor⸗ wirft, war ihr Entzücken, und ſie vertheidigte auch die Neugierde auf dieſelbe Weiſe, wie ſie das Schälchen vertheidigte. Die Herren nennen ihre Neugierde Wißbegierde, und wir nennen unſere Wißbegierde Neugierde. Das iſt der ganze Unterſchied zwiſchen uns. Die Herren ſtoßen die Thüre auf und treten in die Welt hinaus, um ſie von allen Seiten zu betrachten. Wir ſtehlen uns hinzu, um ſie durch das Schlüſſelloch zu betrachten Wenn ich nicht neugierig wäre, ſo glaube ich be⸗ ſtimmt, daß es recht langweilig wäre, zu leben. Dadurch, daß ich neugierig bin, meine ich mit allen Menſchen etwas zu thun zu haben, ohne daß irgend jemand das Mindeſte mit mir zu thun hat. Alles zu ſehen, ohne ſelbſt bemerkt zu werden, ein klein wenig von Andern zu wiſſen, ohne daß die Andern etwas von mir wiſſen, ach, wie angenehm iſt das! Die Geſchichte von dem Hausverkauf hatte auch ihre volle Neugierde geweckt. Fanny's zierliche Erſcheinung zog viele Kunden in ihren Laden; ſie wußte alles, was man von der Sache ſchwatzte. Als ſie ihre nächſten Nachbarinnen Liſette und Clara davon plaudern hörte, konnte ſie ſich nicht enthalten, auch ein Wörtchen drein zu reden. Jetzt weiß ich's,“ fiel ſie ein,„wer es iſt, der das Haus gekauft hat.“ „S8Du weißt es... laß hören... laß hören...“ „Rathet einmal.“ „Es ſoll ein Bettler ſein?“ „Das wäre mir etwas Schönes... es iſt ein ver⸗ mummter... aber rathet, wenn ihr könnt...“ „Ein vermummter...“ „Ja, ein vermummter Ausländer,... ein vermumm⸗ ter Prinz oder Herzog, glaube ich. Er hat ſich mit der ganzen Stadt einen Spaß gemacht. Es iſt ein Engländer, der gerne Schwänke aufführt.“ „Was ſagſt Du, ein Prinz... ein Herzog... ein Engländer 2...“ „Aber Ihr dürft es Niemand ſagen... es ſoll ein Geheimniß bleiben.“ „Ei, glaubſt Du denn, wir werden herumſpringen und alles ausplaudern, wir?...“ Genug, ein Gerücht glich dem andern, und da ſie ſich gegenſeitig kreuzten, ſo machten die abgeſchmack⸗ teſten, ſagenhafteſten Erzählungen die Runde durch die Hauptſtadt. Der Tag des Auszugs kam endlich, und die allge⸗ meine Neugierde hatte ihre ganze Aufmerkſamkeit aufs munnderbare gerichtet, was man jetzt zu ſehen bekommen ollte. Das Haus war in voller Bewegung. Die Mieth⸗ bewohner packten und ließen einen Wagen mit Effekten nach dem andern wegführen; allmählig leerte ſich auch das Haus, und der Wirth war endlich die einzige Per⸗ ſon, die ſich in den leeren Zimmern aufhielt, um den neuen Eigenthümer zu erwarten, und ihm die Schlüſſel zu übergeben. Aber es zeigte ſich niemand. Unſchlüſſig, was er thun ſollte, ging er auf und ab, zog mitunter ſeine Uhr heraus, und betrachtete ſchweigend den langſam voranſchreitenden Zeiger. Es wurde acht Uhr Abends, es wurde neun, es wurde bald auch zehn Uhr. Die Magazine waren bereits verſchloſſen, und die Straßen leerten ſich. Der Wirth beſchloß jetzt, das Haus — — 13 zu verlaſſen, als er Tritte in der Hausflur hörte, die Thüre ſich öffnete und der alte Brauner eintrat. „Gottes Frieden,“ grüßte er, indem er ſeinen ab⸗ genützten Hut abnahm.„Ich ſehe, daß Sie mich er⸗ wartet haben, mein Herr, aber ich wollte nicht eher kommen, als bis ich glaubte, daß das Haus leer und die Straßen finſter wären.“ „Ich heiße Sie in Ihrem Eigenthum willkommen, und bin bereit, Ihnen die Schlüſſel zu übergeben... das Einzige, was mir noch zu thun übrig bleibt.“ „Ich danke, ich danke.“ Der Wirth konnte ſeine Verwunderung nicht unter⸗ drücken, nicht blos über den Handel im Allgemeinen, ſondern beſonders auch darüber, daß man allen Mieth⸗ bewohnern aufgekündigt, und keine neuen angenommen hatte; aber Brauner antwortete ihm ausweichend, und verſicherte blos, daß das Haus ſeiner Zeit ſchon bewohnt werden ſolle.. Ohne das Geheimniß durchſchauen zu können, wo⸗ mit Brauner ſich umgab, überließ ihm der alte Beſitzer endlich das Hötel, und Brauner begleitete ihn bis an die Thüre hinab, die er ſorgfältig hinter ſich verſchloß. Sobald Brauner ſich in dem großen Gebäude allein ſah, begab er ſich in das Portierſtübchen hinab, wo er eine kleine Handlaterne nebſt Zündhölzchen aus der Taſche zog und Licht machte Darauf ſtellte er die Laterne von ſich weg auf den Boden und ſank auf ſeine Kniee nieder, die Hände zum Gebet faltend. Die Neugierde, die am Abend um den Genuß ge⸗ kommen war, den neuen Beſitzer zu ſehen, hoffte am fol⸗ genden Tag glücklicher zu werden.. Von mehr als einer Seite hatte man auch jetzt 14 ſeine Augen auf das Hotel gerichtet, und man freute ſich nicht wenig, endlich ein lebendiges Weſen zu ſehen, das ein Fenſter öffnete und auf die Straße hinabblickte. „Mein Gott,“ rief Liſette,„da iſt er, da iſt er!“ „Ums Himmelswillen, ganz weißköpfig... ein ab⸗ gelebter Greis.“ „Und welch ein Rock... ein wahrer Bettler... nein, das iſt wahrhaft lächerlich.“ „Es muß etwas Wunderbares darunter ſtecken,“ ſagte nunüh Fanny, die ſich von ihrem Erſtaunen nicht erholen onnte. „Allerdings ganz wunderbar... und er ſoll allein in dem unmöblirten Hauſe wohnen... in allen Stock⸗ werken zugleich... das iſt wahrhaft lächerlich.“ Aber das Sonderbare ſollte noch ſonderbarer wer⸗ den. So ſtill und öde das Höôtel am erſten Tage blieb, ſo viel Leben und Bewegung verkündigte es am zweiten. Handwerker von allen Arten fanden ſich nämlich ein, um durch ihre Arbeit dem Hauſe ein neues, verſchönertes Anſehen zu geben und es von Neuem auf's Comfortabelſte und Prächtigſte zu möbliren. Man bemerkte jedoch als ein großes Curioſum, daß das Erſte, wofür man ſorgte, die Anbringung von Roll⸗ gardinen an den Fenſtern war. Das Haus hatte bisher, ohne eigentlich verfallen zu ſein, dennoch alt und verwahrlost ausgeſehen. Seine Farbe war nicht blos ſchmutzig grau, ſondern auch die Uebertünchung war an mehren Orten abgefallen. Dies alles wurde wieder in Ordnung gebracht, dabei neues Geſimſe und Zierrathen an den Fenſterbögen und Ein⸗ gängen hergerichtet, und zwar mit einer Sorgfalt und einem Geſchmack, welche bewieſen, daß man kein Mittel ſparte. Von allen Seiten her wurden die modernſten und koſtbarſten Möbel hingetragen, Spiegel und Divane, Tiſche, Cauſeuſen und kryſtallene Kronleuchter, Gardinen —— — —y— 1⁵ von den ſchönſten Farben und Zeugen, Betten, Tiſche und Stühle von Mahagoni und Facarandaholz, mit reichen Einlegungen, koſtbaren Schnitzeleien und glänzenden Ver⸗ goldungen. Die ausgezeichnetſten Handwerker begaben ſich dahin, um ſelbſt alles auf's Luxuriöſeſte zu ordnen. So⸗ gar Künſtler, wie z. B. Maler und Bildhauer, fanden ſich ein, um mit ihrem Schönheitsſinn das Ganze zu vollenden, und die Wände, ſowie die verſchiedenen Theile der Zimmer mit den Erzeugniſſen ihrer edlen Wirkſam⸗ keit zu ſchmücken. Die klatſchenden Zungen wußten nicht mehr, was ſie von all dieſen Dingen denken ſollten. Liſette und Clara waren ganz in Verzweiflung dar⸗ über, daß ſie das Geheimniß nicht zu eutſchleiern ver⸗ mochten, das nothwendig bei all dem vorwalten mußte. „Weißt Du, was ich thue?“ ſagte endlich Liſette zu Clara,„ich gehe gerade hin und bitte um Erlanbniß, mit dem Wirth zu ſprechen.“ 1„Thuſt Du das?.... nun.... dann gehe ich mit.“ „Die Ungewißheit wird mir gar zu unerträglich. Das Ding da muß ein Ende nehmen.“ Geſagt, gethan. „Ah, mein beſter Herr,“ ſchwatzte Liſette, als ſie Brauner auf einer der Treppen begegnete,„wir haben eine ſolche Menge ſchöner Sachen hieher führen ſehen, daß wir...“ Das ernſte Ausſehen des Alten machte ſie beinahe verlegen. „Still, liebe Liſette, laß mich reden,“ fiel Clara ein. „Die Sache iſt die, mein Herr, daß wir mit dem Eigen⸗ thümer des Hauſes ſprechen möchten.“ „So ſprechen Sie,“ ſagte Brauner ganz kurz und gut,„ich bin der Wirth.“ „Wirklich... Sie ſind der Wirth?“ „Und wer wird dieſe Zimmer hier miethen?“ „Niemand.“ „Gütiger Gott! Aber wer benützt denn all die ſchö⸗ nen Sahei die täglich hierher gebracht werden 2“ „3.. „Aber, mein Gott, gedenken Sie denn allein das ganze Haus zu bewohnen?“ „Das wird ſich zeigen.“ „Aber wer ſind Sie denn? Sie können ſich nicht darüber wundern, wenn man gern ſeinen nächſten Nach⸗ bar kennen lernen möchte.“ „Ich bin Portier.“ „Das ſind ja lauter Räthſel das.... Sie kön⸗ nen uns wirklich in Verzweiflung bringen, mein Herr.“ „So.“ Fanny war klüger, als ihre beiden Nachbarinnen. Sie verließ ihre Bude nicht, war aber überzeugt, daß der alte... Bettler... wie er auch genannt wurde... bald die Maske abwerfen und als Prinz oder Herzog hervortreten würde. Etwas mißvergnügt, ungeduldig war jedoch auch ſie, aber dieß galt eigentlich bloß den Rollvorhängen, die mit zäher Beharrlichkeit herabgelaſſen blieben und ſie hinder⸗ ten, einen Blick in die Zimmer zu werfen. Sie hätte ſich zufrieden gegeben, wenn ſie nur ein klein wenig hätte hineinſchauen dürfen. ——— Das Hôtel war inzwiſchen wieder in vollkommen guten Stand geſetzt, durch die vorgenommene Repara⸗ tur in eines der ſchönſten der ganzen Hauptſtadt ver⸗ wandelt worden. Die Arbeiter hatten ſich entfernt und alles war wieder ſchweigſam und ſtill. Die einzige Per⸗ 17 ſon, die man manchmal aus⸗ und eingehen ſah, war der alte Brauner mit ſeinem ſchneeweißen Haar, und ſeinem abgeſchabten grauen Rock. Wir übergehen eine Woche. Eines Morgens, als Fanny in ihre Bude kam, wa⸗ ren die Rollvorhänge aufgezogen und die inneren Fenſter⸗ draperien traten ihrem Blick mit all den ſchimmernden Farben des Regenbogens entgegen. Ihr Herz klopfte bei dieſem Anblick heftiger als ge⸗ wöhnlich, und ihre Augen ſtrahlten von erhöhter Leb⸗ haftigkeit. Mit Erlaubniß des Leſers begeben wir uns ins Hotel hinauf. A In einem der prachtvoll, um nicht zu ſagen fürſt⸗ lich möblirten Zimmer, finden wir zwei Perſonen, wovon die eine, ein junger Mann mit lebhaften und feurigen Bewegungen, auf⸗ und ab ging, während die andere, ein Mann von mehr vorgeſchrittenem Alter, mit gekreuz⸗ ten Armen daſtand und den Bewegungen des erſteren mit den Blicken folgte. Beide ſahen offen und friſch aus, obſchon das Ge⸗ ſicht des einen mehr Fröhlichkeit und Sorgenfreiheit, das des anderen mehr Ernſt und Nachdenken verrieth. Der eine war auch Paul Kellner und der andere war Roman. An der Thüre ſtand der alte Brauner. „Es iſt gut, daß Du kommſt, Roman,“ ſagte Paul, indem er fortwährend auf⸗ und ab ſchritt,„ich habe Dich mit brennender Ungeduld erwartet. Paul, der am Abend vorher ins Haus gezogen war, hatte ſogleich erklärt, er wünſche allein zu ſein, und dieß waren eigentlich ſeine erſten Worte, die er ſeit ſeiner Ankunft geſprochen hatte. ls der alte Brauner den Ton ſeiner Stimme hörte, ſchien eine haſtige Bewegung durch ſeinen Körper zu Das Gewiſſen. II. 2 eilen und er blickte vom Boden auf. So unmerklich dieſe Bewegung war, ſo entging ſie dennoch Paul nicht, er erinnerte ſich jetzt, daß er nicht allein mit Roman war. „Iſt der Wagen angeſpannt?“ fragte er, zu Bran⸗ ner gewandt,„ich gedenke, bald auszufahren.“ „Soll ichs beſtellen? „Ach ja. Seien Sie ſo gut, beſter Brauner; ſorgen Sie, daß alles in Ordnung kommt, ich wünſche, nicht lange da zu bleiben.“ Brauner entfernte ſich, indem er noch in der Thüre einen Blick auf Paul warf. Als Paul und Roman allein waren, ließ Paul in ſeinem Gange nach. „Ich glaube,“ ſagte er,„daß wir uns auf den Al⸗ ten hier verlaſſen können, er ſieht redlich und gut aus. Es liegt etwas in ſeinen Augen, das mir ſagt, daß er uns liebt. „Zweifle nicht daran. Wenn ich nicht mit meiner eignen Ehre für die des Alten bürgen könnte, ſo würde ich ihn Dir nicht empfohlen haben, Paul, davon kannſt Du überzeugt ſein. Er hat auch den Auftrag, dieſes Haus zu kaufen und einzurichten, zu Deiner vollkommenen Zu⸗ friedenheit ausgeführt. In Romans Vertheidigung des Alten lag ein ge⸗ wiſſer Vorwurf gegen Paul. „Laß Dich meine Frage nicht verdrießen,“ bemerkte dieſer.„Meine Abſicht war nicht, ihn zu beleidigen, und noch weniger Dich.“. Obſchon Paul und Roman von ſehr verſchiedenem Alter waren, ſo beſtand doch zwiſchen ihnen Vertrauen und Freundſchaft, ſo daß ſie ſich mit dem traulichen Du anredeten. „Du kennſt den wichtigen Auftrag, den mein Vater mir auf ſeinem Todtenbett ertheilte, und der mir weit wichtiger iſt, als Du noch weißt. Aber Du wirſt dies 19 in Zukunft alles erfahren. In der Wahl meiner Ver⸗ trauten muß ich vorſichtig ſein.“ „Wichtig nur für Dich, Paul?“ Als Roman dieſe Bemerkung machte, konnte er die Ueberraſchung nicht verbergen, die Pauls Aeußerung bei ihm hervorgerufen hatte. Aber Paul ſchien nicht darauf zu achten, ſondern ſchritt nur noch haſtiger im Zimmer auf und ab. „Apropos,“ begann er wieder,„ich habe eine ſchlaf⸗ loſe Nacht gehabt, Roman. Ich bin vielleicht zehn bis zwölf Stunden in dieſen Zimmern herumgewandert, ich habe jeden Gegenſtand geprüft... alle Tapeten unter⸗ ſucht... an jede Wand geklopft, und endlich, da ich nicht glaubte, daß ich die Länge der Wohnung und der einzelnen Zimmer durch Abſchreiten genau erfahren könnte, ſo habe ich ſie mit der Elle gemeſſen. Ich habe gefun⸗ den, daß alles mit den Angaben meines ſterbenden Vaters zuſammentrifft, und ich bin jetzt vollkommen überzeugt, daß ich hier innen die Papiere ſuchen muß, von denen er ſo eifrig ſprach. Ich habe bemerkt, daß die Mauern über⸗ all gleich dick ſind, mit Ausnahme dieſer da; Du wirſt es ſelbſt finden, wenn Du das Fenſter auf der Seite öffneſt und zuerſt den Abſtand vom Fenſterpfeiler bis zur Wand, ſodann die äußere Seite der Wand bis zur Decke abmiſſeſt... der Unterſchied iſt nicht unbedeutend.“ „Ich bin überzeugt, daß Du Recht haſt, und ſo wollen wir bald genug die Papiere bekommen. Willſt Du mir dieſen Auftrag überlaſſen, ſo werde ich und Brauner noch vor Abend die Mauer durchbrochen haben. „Du verläßſt Dich alſo unbedingt auf Brauner?“ „Unbedingt.“ „Gut, ſo thue ich's auch.“ „Ich meine, Du ſagteſt, Du habeſt im Sinne aus⸗ zugehen... entſchuldige mich... aber wohin?“ „Wohin? Natürlich zu denjenigen, die mir mein Vater als Mitſpieler in dem noch ſo wenig aufgeklärten, 20 aber entſetzlichen Drama genannt hat, das nach Verlauf von mehr als 20 Jahren die bitterſten Gewiſſensbiſſe in ihm hervorrief, ſeine Geſundheit untergrub, ihm den Ver⸗ ſtand raubte und ihn aufs Todtenbett warf. Ach, Roman, Du hätteſt dabei ſein und ſeine Seelenleiden ſehen ſollen, und wenn Du je an der ſtrafenden Macht einer höheren Vorſehung gezweifelt hätteſt, ſo würdeſt Du da auf Deine Kniee niedergefallen ſein und dieſelbe in Deinem Herzen wieder anerkannt haben. Schrecklichere Martern und Qualen als die, welche ich an ſeinem Krankenbette ſab, laſſen ſich nicht denken. Die Seelenleiden verzehrten ihn gänzlich, und er war zuletzt nur noch eine trockene, bleiche Mumie, die den Fluch über ihr eigenes Haupt herab beſchwor. Kein Schlaf kam in ſeine Augen, keine Rube in ſeine Seele, kein Troſt in ſein Gemüth, keine Hoff⸗ nung in ſein Herz... und warum... 2 Er vermochte es ſich ſelbſt nicht klar zu machen, und dennoch ſchwebte ſeiner Einbildung ein gräßlicher Dämon vor, eine Er⸗ innerung, eine Vorſtellung, die ihm ſagte, daß er ein von Gott verworfener Verbrecher ſei. Daß er gleichwohl ein rechtſchaffener und guter Mann war, der die allge⸗ meine Theilnahme und Achtung verdiente, das weiß ich und das wußten wir alle; aber was half es, wenn er es in ſeinen eigenen Augen nicht war? Noch einmal, Du hätteſt ſeine letzten Stunden ſehen ſollen... dann würdeſt Du mich nicht fragen, wohin ich gehen wolle.“ „Sei überzeugt, Paul,“ antwortete ihm Roman,„daß ich die Gefühle, die Dich leiten, ſehr gut verſtebe und vollkommen billige; ich ſah auch voraus, daß Du bei Deinem lebhaften und warmen Gemüth mit Deinem Beſuch bei den Perſonen, die Du mir genannt haſt, nicht lange zögern würdeſt, aber ich wollte Dich blos warnen und bitten, vorſichtig zu ſein, weil die geringſte Ueber⸗ eilung Deine Sache verderben könnte, weil dieſe Per⸗ ſonen, zu denen Du gehen willſt, Dir gewachſen ſind, r 21 und man übrigens noch nicht recht weiß, in welchem Grad man ihnen eine Schuld beimeſſen kann.“ „Man weiß doch, daß ein Mord begangen wurde.“ „Zugegeben, aber die näheren Umſtände dabei ſind ja noch ins tiefſte Dunkel gehüllt.“ „Man weiß gleichwohl, daß... daß...“ „Daß Dein einer Onkel, der jüngſte von den drei alten Gebrüdern Kellner, des Verbrechens augeklagt wor⸗ den iſt... ganz richtig; inzwiſchen aber kann er nicht überwieſen werden.“ 4 „Mag ſein, aber nach Gottes Rathſchluß muß er, wenn er noch lebt und wirklich unſchuldig iſt, ſein Leben unter der Laſt des entſetzlichen Argwohns wegen einer begangenen Blutſchuld dahinſchleppen.“ Paul ging im Zimmer auf und ab. „Im Uebrigen...“ ſagte er dann...„iſt ſoviel klar, daß eine kühne Frauenzimmerintrigue gleich einer Schmarotzerpflanze ſich hier um den Mord flicht, wie um einen blutigen Stamm. Und wenn auch mein Vater das Stillſchweigen gar zu ſpät gebrochen und mir deßhalb den Sachverhalt nur unvollſtändig mitgetheilt hat, ſo weiß ich doch genng, um einzuſehen, daß die Kataſtrophe mehr als ein einziges Verbrechen verbirgt.“ „Du haſt Recht, ja, ja.“ „Verrathene eheliche Treue.“ Ha!“ „Hel. „Betrogene Freundſchaft und Verwandtſchaft.“ „Und... und...“ „Ich verſtehe, unſre Gedanken begegnen ſich; und dieſe zarte und unſchuldige, durch verbrecheriſche Nei⸗ gungen ſo zu ſagen in die Welt geſchmuggelte und ſchon in ihrer Geburtsſtunde verlaſſene und verſtoßene Kinder, die Erzeugniſſe einer rohen ſinnlichen Liebe, was hat man aus ihnen gemacht, was iſt aus ihnen geworden?“ „Entſetzliche Fragen! Du haſt einen wichtigen und großen Auftrag erhalten, Paul, als Dein Vater Dir die 22 Ermittelung all' dieſer Gegenſtände anvertraute. Mögeſt Du nur mit Deinem offenen und vertrauensvollen Cha⸗ rakter nicht ſelbſt untergehen in dem Labyrinth, in das Du eindringen willſt!“ Ich fürchte nichts. Den Ariadnefaden beſitze ich bereits und der Minotaurus wird von meiner Hand fale len... was liegt daran, wenn ich auch ſelbſt im Kampf untergehen ſollte? Ich hoffe dennoch das Beſte... wir werden ſehen.“ „Gehe nichts deſtoweniger vorſichtig zu Werke, das iſt immer das Rathſamſte. Du findeſt, daß die Perſonen, die Dein Vater genannt hat, ſich durch einen langjährigen achtungswerthen Lebenswandel allgemeines Vertrauen er⸗ worben haben und alſo nicht ſo leicht angegriffen werden können. Wenn man annimmt, daß ſie Verbrecher ſind, was der Himmel verhüten möge, ſo werden ſie ſich zu ver⸗ theidigen wiſſen; nimmt man dagegen an, daß ſie es nicht ſind, ſo ſtellſt Du Dich ſelbſt blos, inſofern Du zu weit gehſt. Uebereile Dich deßhalb nicht. Man thut weit beſſer, einen Pfeil in ſeinem Köcher zu ſparen, als ihn unnöthig in die Luft zu verſchießen.“ „Verlaß Dich auf mich.“ Roman hatte im Verlauf des Geſpräches ſeinen Blick auf die Wand gexichtet, von der Paul vorher geſprochen. „Ich empfinde ein unwiderſtehliches Verlangen,“ ſagte er,„die Arbeit ſogleich zu beginnen“ Roman ſah noch einmal Paul an. „Und Du ſagſt,“ fuhr er fort,„daß Du auch für Dich ſelbſt ein perſönliches Intereſſe habeſt, das Geheim⸗ niß zu entſchleiern?“ „Ja, Roman, ich habe das.“ „Nun wohl denn ans Werk!“ Und Roman begann die Mauer zu unterſuchen, während Paul in Gedanken über die Art und Weiſe, wie er vor den Perſonen aufzutreten hätte, die zu be⸗ ſuchen er jetzt im Begriff ſtand, ſeinen Spaziergang im Zimmer auf und ab fortſetzte. Zuweilen blitzten ſeine Augen dabei, wie wenn er auf einen neuen Gedanken gerathen wäre; manchmal dagegen nahm ſeine Stirne einen Ernſt an, wie wenn ihm etwas vorſchwebte, das er nicht zu löſen vermöchte.“ Das Schweigen währte indeſſen ununterbrochen fort. Paul war theils vor ſo kurzer Zeit erſt im Hotel angelangt, theils auch von ſeinen eigenen Gedanken ſo beſchäftigt geweſen, daß er noch nicht ein einziges Mal einen Blick durchs Fenſter geworfen hatte. Ernſte Pläne in ſeinem Haupte wälzend, blieb er vor demſelben ſtehen, und ſein Blick irrte auf der Straße umher. In dem Putzmagazin gegenüber ſtand in dieſem Augenblick Fanny, oder vielmehr, ſie hatte von dem Au⸗ genblick an, wo ſie die Rollvorhänge aufgezogen ſah, die Ladenthüre nicht verlaſſen, ſondern neugierig zum Fenſter emporgeblickt, in der Hoffnung, etwas Wunderbares zu ſehen, was ſie ſo lange erwartet hatte. Paul und Fannys Blicke begegneten ſich auch zu gleicher Zeit und ſie erkannten ſich ſogleich. Fanny hatte ja Paul Gelegenheit verſchafft, eine gute Handlung zu verrichten, d. h. ſie aus einer augen⸗ ſcheinlichen Gefahr im Hafen zu retten, als ſie nahe da⸗ ran waren, vom Schiff Delphin überfahren zu werden, und Paul hatte ja Fanny das Leben wiedergeſchenkt. Ein Ausruf der Freude erſcholl auch von Fannys Lippen, und Pautl lächelte vergnügt, als er das hübſche Mädchen wiederſah. Bei einem lebensfriſchen Manne ſind die Gedanken lebhaft und ſchnell vorübergehend. Der Augenblick ſchließt für ihn eine ganze Welt in ſeinem Schooß, wo Ernſt und Scherz, Schatten und Licht neben einander gedeihen und beſtändig wechſeln. Die geringſte Veranlaſſung reißt ſehr oft ſein Ge⸗ müth auf die eine oder andere Seite, und wenn in einem Angenblick eine tiefſinnigere Betrachtung ſeine ganze 24 Seele erfüllt und alle ſeine Gedanken in Anſpruch nimmt, ſo wird er im andern von dem fröhlichen Gefühl fort⸗ geriſſen, das die Gelegenheit hervorruft. Es war für Paul eine wahre Freude, Fanny zu ſehen, und er grüßte ſie herzlich mittelſt einer Handbe⸗ wegung. In dieſem Augenblick hatte er ſeinen Vater und all die Leute, von denen er ſo eben geſprochen, ſogar die Beſuche, die er zu machen gedachte, vergeſſen. Die Gefühle haben ihre Ebbe und Fluth ſo gut wie der Nil. Sie begräbt mit ihrer Woge manche Ge⸗ danken, um anderen Leben zu geben. Das Land wird vom Nil nicht verändert, ebenſowenig als das Herz von den Gefühlen, aber es wachſen da doch immer neue Saaten. Die Iugend iſt glücklich, hanptſächlich deßhalb, weil ihr Gemüth immer neue goldene Ernten der Erfahrung gewinnt. Fanny hatte ſich zurückgezogen, um ſeinem Blicke zu entgehen, aber ihr hübſches Geſichtchen ſchien ſortwährend hinter den Blumen, Bändern und Häubchen hervorzu⸗ gucken, die zum Verkaufen im Fenſter ausgeſtellt waren. „Kann er etwa der Beſitzer dieſes Hauſes ſein?“ dachte ſie,„das wäre ja recht angenehm.“ „Recht angenehm?“ fügte ſie gleichwohl nach kurzem Bedenken hinzu und ſah dabei ſehr nachdenklich aus,„viel⸗ leicht wäre es dennoch nicht ſo angenehm.“ Paul blieb am Fenſter ſtehen... der Tag war ſo friſch und klar... die Sonne ſchien ſo prächtig und ihre Strahlen fielen auf ihn. Inzwiſchen rollte die eine und die andere Equipage auf der Straße vorbei, während die Fußgänger ſich hin und her bewegten. Von Neuem blickte er nach dem Fenſter, an welchem Fanny ſaß, und er ſah ſie juſt jetzt unter einem grünen Myrthenkranz hervorgucken. „Ein allerliebſtes Geſchöpfchen,“ murmelte er vor — — —— 2⁵ ſich dbin.„Ich will doch einige Kleinigkeiten bei ihr kaufen... es muß ein Vergnügen ſein, mit ihr zu pläu⸗ dern; ich kenne ſie ja ſchon.“ Indem er auf ſolche Art mit ſeinen Gedanken unter holden und angenehmen Phantaſieen umherſchwärmte, blieb ſeine Aufmerkſamkeit an dem Fenſter gegenüber haften, das die gleiche Höhe mit demjenigen hatte, wo er ſtand. S Der Rollvorhang war herabgelaſſen und hinderte ihn, ins Zimmer zu ſehen, aber er bemerkte, daß das Zeug ſich bewegte, und er vermuthete, daß man ihn auf⸗ zuziehen gedenke. Er täuſchte ſich auch nicht, denn jetzt begann der Vorhang ſich immer mehr zu heben, obſchon es ungewöhnlich langſam von Statten ging. Er ſah gleichwohl bereits ſo viel, daß es eine Dame war, die ſich damit beſchäftigte, und aus dem geſchmei⸗ digen, bildſchönen Wuchs zu ſchließen, der ſich bereits zum größern Theil zeigte, hoffte er ein entzückendes Weſen zu ſehen. Es war ihm daher unmöglich, ſeine Angen von der Gardine abzuwenden. Mit Ungeduld folgte er allen Bewegungen derſelben und wunderte ſich nur, daß ſie ſo langſam hinaufgerollt wurde. Aber er begriff bald, daß die Schnur auf irgend eine Art ſich verfangen hatte, weil er eine Hand erſcheinen ſah, welche ſie los machen zu wollen ſchien. In der Hoffnung, noch mehr zu ſehen, betrachtete er inzwiſchen das, was ſich bereits zeigte: ihre Taille, Bruſt und Hals und das ſchneeweiße Händchen. Ein Kleid von weißem und blaugeſtreiftem Seidenzeug fiel in reichen Falten über die Taille hinab. Der Leib, der mit einer Schnibbe nach unten und einer nach oben ſich erweiternden Falte verſehen war, und Taille und Bruſt umſchloß, war oben mit einer weißen brodiolen Tüllgarnirung eingefaßt. Der Buſen ging ruhig und gleichmäßig unter der Arbeit, womit ſie ſich beſchäftigte. Paul verweilte hier mit ſeinem Blick und bewunderte dieſe Siſyphusklippe Gott Amors, die ſich nur hob, um ſich 26 wieder zu ſenken. Um den ſammtweichen Hals ſah er die eine und andere ſchwarze Locke ſpielen. Der Contraſt zwiſchen dem glänzenden, hellrothſchimmernden Alabaſter des Buſens und dem ſchwarzen Glanz der Locken hob die Schönheit beider. Die Hand war wieder von der Gardine verſchwunden, aber er hatte ſie geſehen und Paul war, was er vorher nie gedacht hätte, ein großer Bewunderer ſchöner Hände geworden. Dieſe waren auch ausgezeichnet ſchön, weich, weiß und fein, beinahe durch⸗ ſichtig, mit kleinen Grübchen in den Gelenken, weniger geſchaffen, um etwas Nützliches zu thun, als um zu koſen und ſich koſen zu laſſen. Noch war es ihr nicht gelungen, die Gardine in die Höhe zu bringen, und noch verbarg dieſe Paul ihr Geſicht, aber in ſeinen Gedanken entwarf er ſich bereits ein Bild davon. Um die ſchwarze Farbe des Haares zu mildern, wünſchte er, daß ſie blond, dun⸗ kelblaue Augen haben möchte, aber voll von einem klaren Waſſer, von dem unendlichen Glauz des Edelſteines, von Himmeln, die in ſein Herz hinabſanken. Um den ver⸗ borgenen Reizen, die ihm vorſchwebten, während ſein Blick auf den Formen ihrer Bruſt ruhte, Bedeutung und Leben zu geben, wünſchte er, daß ihr Mund, das Brant⸗ bett der Küſſe, friſch und glühend ſein möchte. Die Ge⸗ fühle, die in einem ſolchen Buſen wohnen mußten, hatten ganz gewiß... er glaubte es nicht anders möglich... die ſchönſten Lippen zu Dolmetſchern. Man darf ſich nicht wundern, wenn Paul ein wenig träumte, da er noch in den Jahren ſtand, wo nicht blos der reflektirende Verſtand ſich geltend macht, ſondern Träume und Phantaſieen ſich in alles miſchen wollen. Dießmal ſollte ihn jedoch ſeine Phantaſie nicht täuſchen. ſaen⸗ einmal wurde der Vorhang endlich hinaufgerollt, die unbekannte Dame ſtand in ihrer ganzen Geſtalt vor ihm, und er fühlte ſich überraſcht, weil ihr Ausſehen ganz ſo war, wie er es ſich gedacht hatte; aber aus den Au⸗ —— 27 gen ſtrahlte der Himmel noch klarer, als er ſich vorge⸗ ſtellt, noch reiner, als er zu träumen gewagt, und die Lippen lagen bei einander wie zwei halb ſchlummernde Roſen, welche der Weſtwind kaum mit einem Kuß zum Leben zu erwecken ſich entſchließen könnte. Er hatte ihre Figur geſehen, bevor er ihr Geſicht ſehen konnte: er hatte alſo das Piedeſtal ohne die Büſte, den Tempel ohne den Altar, die Erde ohne die Sonne geſehen; jetzt ſah er auch die letztere und dieſe verklärte ſie: Leben, Geſund⸗ heit, Friſche und naive ſchalkhafte Freude ſtrahlte ihm entgegen. Sobald ſie am Fenſterpfeiler die Schnur feſtgemacht hatte, trat ſie ans Fenſter und warf einen Blick hinaus. Er traf den Blick Pauls. Auch ſie hatte, wie alle andern, an den vorhergehenden Tagen nur den weißköpfigen Brauner am Fenſter gegenuͤber geſehen, und zu ihrer Ueberraſchung ſah ſie jetzt einen Mann mit friſcher, ju⸗ gendlicher und anmuthsvoller Miene. Paul konnte ſeinen Blick nicht von ihr abwenden. Sie ſchien ſich ebenſowenig von ihrer Verwunderung er⸗ holen zu können. Inzwiſchen ſtieg gleichwohl auf einmal die Röthe in beider Wangen. Waren es wohl ihre Herzen, die auf ſolche Art telegraphirten, daß ſie von den gegenſeiti⸗ gen Blicken getroffen wurden? Ein Lächeln gleich einem Sonnenſtrahi flog über die Lippen der Dame, und daſ⸗ ſelbe Lächeln ſchien ſich auch ihm mitzutheilen. Spiegelte ſich auf dieſe Art irgend ein fröhlicher Gedanke ihrer Seelen wieder? Schnell zog ſie ſich indeß zurück, gleich als wäre ſie vor ihm oder auch vor ſich ſelbſt erſchrocken. Aber Paul verließ das Fenſter nicht. Er ſchloß ſtatt deſſen ſeine Augenwimpern, um in ſich ſelbſt ihr Bild wieder hervorzurufen, und er fand es gleich ſchön und rein in ſeinem Herzen wieder. Eine Weile verging, während er auf ſolche Art ſeine EEEEE Wimpern, dieſe Brauthimmel des warmen Herzens und reinen Gemüths, über ſeinem Inneren ruhten. Plötzlich wurde er indeß aus ſeinen Träumereien durch ein heftiges Gepolter oder Geraſſel geweckt, und zu gleicher Zeit rief Roman ihn beim Namen. 4½ 1 „Komm her, Paul, ich habe es gefunden... ſieh hier... ſieh hier.“ Roman hatte fortwährend die Wand nach allen Sei⸗ ten unterſucht. Dabei kam es ihm unglaublich vor, daß die Papiere eingemauert ſein ſollten, ſondern er dachte ſich, irgend ein geheimes Käſtchen oder Thürchen müſſe in der Wand ſein, wiewohl ſo genau eingepaßt, daß ein Ungeweihter es nicht leicht entdecken könnte. Er bemerkte auch, daß das Getäfel in Vierecke eingetheilt war, und daß jedes Viereck abwechſelnd ſich hob und ſenkte, ferner daß die Mitte jedes Vierecks eine gemalte Roſette hatte, in welcher ein Meſſingknopf ſich befand. Und ſeiner Ein⸗ gebung gehorchend, begann er jetzt auch auf die Roſetten zu drücken und daran zu ſchieben, jedoch ohne Erfolg. Von den Roſetten ſelbſt ging er bald zu den Meſſing⸗ knöpfen über, und er brauchte ſich nicht lange damit ab⸗ zugeben, bis er fühlte, daß einer von ihnen nachgab... Je mehr er nachgab, um ſo beharrlicher fuhr er fort daran zu drücken, und jetzt ſah er mit Frenden, wie eines der Vierecke des Getäfels ſich von den übrigen zu tren⸗ nen aufing und endlich raſſelnd niederfiel, wie die Klappe eines gewöhnlichen Schreibpults. Außer ſich vor Vergnügen, rief er Paul. Paul wandte ſich um und mit einem Freudenruf eilte auch er bin, um die Entdeckung zu betrachten, die Roman gemacht hatte. Das Innere des in die Wand eingeſetzten Pultes war von ſchwarzem Ebenholz und die vielen kleinen Laden darin waren ſämmtlich mit Beſchlägen von vergol⸗ detem Silber verſehen, obſchon der Glanz in Folge des Alters jetzt nicht mehr beſonders lebhaft war. 29 „Es unterliegt keinem Zweifel,“ ſagte Roman,„daß wir hier finden müſſen, was wir ſuchen.“ „Wie glücklich bin ich, Roman, daß ich Dich au meiner Seite habe,“ bemerkte Paul.„Du biſt die Ruhe und Beſonnenheit ſelbſt. Du handelſt, während ich phan⸗ taſire.“ 1 Roman antwortete nicht; er war bereits damit be⸗ ſchäftigt, die Laden zu unterſuchen. In der einen fand man einige Bänder und Sterne, von denen man denken konnte, daß ſie zu einer Art von Ordensverbindung gehörten. In der andern traf man verſchiedene Karten, worauf Deviſen allerlei Inhalts, wie auch verſchiedene fremde Zeichen und Figuren zu ſehen waren. In der dritten lagen einige Masken, aber auf eine lächerliche und ſonderbare Art bemalt, beinahe wie wenn ſie tätowirt wären. Jede Lade enthielt etwas, aber alles zuſammen war, wie es ſchien, von unbedeutendem oder geringem Werth, und ganz und gar nichts von dem, was ſie ſuchten. „Sonderbar,“ bemerkte Paul;„es ſieht aus, als ob wir nichts finden ſollten.“ „Gib die Hoffnung nicht auf. Wir ſind jedenfalls dem Geheimniß auf der Spur, und ich glaube, daß es nicht mehr ſo ferne liegt. Ich bin überzeugt, daß ſich irgend eine verborgene Schublade hier vorfinden muß; laß uns nur unſre Nachforſchungen hier fortſetzen.“ Sie unterließen dieß auch nicht, aber ohne daß ir⸗ gend etwas ihre Verſuche aufmunterte. Roman verlor inzwiſchen den Muth nicht. Die Hoffnung, ſagt man, iſt das letzte, was der Menſch ver⸗ liert, der Muth wetteifert mit der Hoffnung, um das letzte in der Seele eines Seemannes zu ſein. „Sieh, Paul,“ ſagte er endlich,„ietzt errathe ich, wie das Ding zuſammenhängt.“ „Laß hören.“ 30 „Der ganze innere Theil dieſes Pultes läßt ſich ge⸗ wiß herausnehmen.“ Man verſuchte es auch ſogleich, aber es gelang nicht. „Der Teufel ſolls holen,“ brummte Paul, deſſen Geduld nicht groß war. 4 „Fluche nicht,“ ermahnte Roman,„Du wirſt bald ſehen, daß es ohne Hülfe des Satans geht.“ RNoman hatte nämlich zwei kleine ſtählerne Nägel, einen auf jeder Seite des Aufſchlags, entdeckt und ver⸗ muthete, daß Federn unter denſelben verborgen ſein könnten. Er hatte nicht Unrecht. Als er auf die zwei ſtählernen Nägel drückte, gaben ſie nach, und als er in demſelben Angenblick an dem Pult zog, kam dieſer mit. 5 „Siehſt Du, Paul, ſiehſt Du? Nicht mit Gewalt, ſondern mit guten Worten und Geduld muß man ein ſo verworrenes Garn zu entwirren ſuchen. Und als er dabei in die Vertiefung hinter dem Pult blickte, glaubte er zu entdecken, was er ſuchte. „Papiere,“ rief Paul in dieſem Augenblick,„Pa⸗ piere!“ 3 Der Ruf klang Romans Ohren ſo lieblich, wie nach einer ſchweren Fahrt der Ruf Land am Bord erklingt. „Gott ſei Dank,“ ſagte er, wir haben ſie alſo ge⸗ funden.“ Bald zogen ſie aus der Vertiefung einen Pack nach dem andern hervor; aber man konnte dabei leicht bemer⸗ ken, daß Roman, ſo ruhig er gewöhnlich ſchien, doch jetzt ſogar heftiger und eifriger war, als Paul ſelbſt, ob es nun daher kam, daß Pauls früher bewieſenes Intereſſe ſich etwas abgekühlt oder mit einem andern vermengt hatte, ſeit er die ſchöne Unbekannte geſehen, oder daß Roman ein größeres Intereſſe bei der Sache hatte, als er zeigen wollte. 3 Mit der größten Genauigkeit unterſuchte er die Ver⸗ — 31 tiefung, gleich als fürchtete er, es könnte noch etwas ver⸗ geſſen ſein oder verloren gehen. Sobald ſie alle Papiere vor ſich auf dem Tiſch lie⸗ gen hatten, fügten ſie den herausgezogenen Pult wieder ein und ſtellten alles wieder in die alte Ordnung. Kaum waren ſie damit fertig, als auch Branner wieder eintrat. „Iſt der Wagen angeſpannt?“ fragte Paul, der glaubte, daß er jetzt hereinkomme, um ihn davon in Kenntniß zu ſetzen. Während Branner die Frage beantwortete, warf Paul einen Blick durch das Fenſter über die Straße hinüber, um zu ſehen, ob die ſchöne Unbekannte ſich zeige, und er bemerkte zu ſeiner Freude, daß ſie ſich eben jetzt hinter der Gardine vorbeugte, aber ſchnell zurücktrat, als ſie ſich bemerkt ſah. Brauners Antwort war inzwiſchen für ihn verloren gegangen. „Wer wohnt in dem Hauſe gegenüber?“ fragte er jetzt Brauner. General Roſenpalm.“ Paul zuckte zuſammen, als er den Namen hörte, und wandte ſich an Roman. „Das iſtsja einer von denen, die mein Vater be⸗ zeichnet hat,“ ſagte er. „Auf der Liſte ſteht kein General Roſenpalm, wohl aber ein Oberſt dieſes Namens; er iſt der dritte in der Reihe.“ Paul nahm die Liſte und ſchaute ſie durch. Sein Herz ſtand dabei ſtill. Er athmete kaum. Halblaut las er: „Graf Curt Strahl, Baron Krook, Oberſt Roſen⸗ palm, Großhändler Hermann Kellner, Herr Stellan Kell⸗ ner und der Jude Abraham. „Richtig... mein Vater nannte auch ein Frauen⸗ 32 zimmer, aber ſeine Stimme war bereits gebrochen... und ich konnte den Namen nicht recht unterſcheiden.“ Paul fuhr mit der Hand über die Stirue und ſchien über etwas unruhig zu ſein. Aber bald richtete er ſich wieder gerade auf, gleich als wollte er ein aufkeimendes inneres Gefühl erſticken. Brauner, der inzwiſchen von Roman genau beobachtet wurde, verzog keine Miene. „Kennen Sie einen von dieſen? fragte er hierauf Brauner. 3 Ein ſchnell verſchwindender Farbenwechſel im Ge⸗ ſichte des Alten bezeugte, daß dieſe Frage ihm nicht ganz gleichgültig war. „Ich kenne ſie ſehr gut,“ antwortete Brauner, d. h. ziemlich gut,“ verbeſſerte er ſich. „Sie leben noch?“ „Ja. Die Tochter des Grafen Curt iſt mit Her⸗ mann Kellners Sohn Franz verheirathet. Baron Krook hat neuerdings ſein Gut Großſmeſtad an den Letzteren, nämlich an Franz Kellner, verkauft und iſt dieſer Tage in die Hauptſtadt gezogen. Oberſt Roſenpalm iſt in den letzten Jahren zum Generalmajor avaneirt.“ Ein ſchmerzlicher Ausdruck zeigte ſich in Pauls Geſicht. „Und das iſt die Tochter des Generals, die hier bei ihm wohnt? Wie heißt ſie?“ „Jaquette.“. „Es iſt wohl dieſe da, die ſo eben ein wenig her⸗ vorguckte?“ Und er deutete dabei gerade über die Straße hinüber. „Dieſe? Ja, ja, ſie war es.“ Paul konnte nicht umhin, noch einen Blick durch das Fenſter zu werfen, aber dieſer Blick ſtrahlte nicht mehr von Entzücken und Freude.... Er verließ jetzt ſeinen Platz und ging im Zimmer auf und ab „Hermann Kellner,“ fuhr Brauner fort, ohne Pauls Zerſtreutheit zu bemerken,„hat ſich von den Geſchäften 2 ¹ 33 zurückgezogen und findet jetzt ſeine Freude an der Thä⸗ tigkeit ſeines Sohnes. Stellau Kellner dagegen...“ „Ihn kenne ich wohl, Brauner, er war mein Vater.“ „Dann bleibt nur noch der Inde Abraham übrig, und von ihm hat man alles geſagt, wenn man⸗ ſagt, daß er der größte Wucherer des Reiches iſt“ Paul hörte nicht mehr auf den Alten. Er hatte etwas erfahren, was ihn zu beunruhigen ſchien. Ohne daran zu denken, begab er ſich nichts deſto⸗ weniger wieder aus Fenſter. Ihm gegenüber ſaß Jaquette jetzt an einem Stick⸗ rahmen und ſtickte in Gold und Perlen. Noch glühten ihre Wangen. Im Ladenfenſter lächelte Fanny ihm entgegen. „Soll der Wagen vorfahren?“ fragte Brauner. Paul antwortete nicht. Roman, der im Anfang ihres Geſprächs Pauls Leb⸗ haftigkeit einen Hemmſchuh anlegen zu müſſen geglaubt hatte, verwunderte ſich höchlich über die Veränderung, die mit ſeiner Stimmung jetzt vorgegangen zu ſein ſchien. Eine augenblickliche Pauſe entſtand, während welcher Romans und Brauners Augen ſich mit einem Ansdruck der Verwunderung begegneten, aber bald wandte Paul ſich wieder um. „Ich glaube, Sie fragten mich, Brauner, ob der Wagen vorfahren ſolle. Was ſoll ich thun, Roman? Da wir jetzt die Papiere haben, wäre es vielleicht das Beſte, ſie ſogleich zu durchleſen, bevor ich andere Maß⸗ regeln ergreife, die ich möglicherweiſe ſpäter mißbilligen müßte.“ 1„Gut geſprochen, Paul; ich billige dies... das iſt immer meine Anſicht geweſen.“ So ruhig Paul ſprach, ſo unruhig klopfte gleichwohl ſein Herz. „Laſſen Sie alſo wieder ausſpannen... warten Das Gewiſſen. II. 3 Sie ein wenig... hat Jack ſich noch nicht ſehen laſſen? Aber es iſt wahr, Sie können ihn nicht kennen, lieber Brauner; er iſt inzwiſchen in meinem Dienſt und Sie können ihm, wenn er ſich meldet, die zwei Zimmer Ihnen gegenüber anweiſen, ſo daß er ſeine Fenſter auf die Straße hinaus hat... dadurch wird ihm das Vergnü⸗ gen zu Theil, beſtändig ſeine ſchöne Fanny anſehen zu können.“ „Es ſoll geſchehen.“ Brauner entfernte ſich und Paul warf noch einen Blick durch das Fenſter... ſeine Augen flammten dabei .. das Blut ſchwand aus ſeinen Wangen und eine Wolke ſchwebte über ſeine Stirne. Was hatte er geſehen? Eine ſchöne männliche Geſtalt an Jaquettens Seite. Bald wandte er ſich mit einer heftigen Bewegung vom Fenſter ab und nahm an Romaus Seite Platz, um die Papiere zu durchſchauen. 8 Er ſchien ruhig; war er es auch? Kaum hatte er jedoch Platz genommen und einen Blick auf die vor ihm liegenden Akten geworfen, ſo ſprang er wieder vom Tiſche auf. Roman ſah ihn verwundert an. „Nein, Roman,“ ſagte er,„heute nicht... nein, nein... ich bin heute nicht in der Stimmung, etwas zu thun... ich muß hinaus... es iſt mir unmöglich, hier zu bleiben... hier iſt es ſo ſchwül... hier iſt es ſo eng... ich will hinaus... hinaus... mein Herz klopft ſo heftig und in meiner Seele wimmelt, ich weiß ſelbſt nicht recht was... verzeihe mir.“ Dabei ſchob er mit Heftigkeit den Tiſch von ſich und ergriff eine Klingel. Bei ihrem Ton trat Brauner wieder ein. Laſſen Sie ſogleich ein Pferd ſatteln,“ befahl Paul. Noch einmal warf er einen Blick durch das Fenſter. Jaquette lächelte jetzt dem fremden Manne entgegen —* 35 und Paul fuhr mit der Hand über die Stirne... er wußte nicht recht, warum. Da ſenkte er ſeinen Blick anf den Putzladen hinab. Zwiſchen den Blumen lächelte noch Fanny... nur ihm ſelbſt entgegen. Einen Augenblick ſpäter ſaß er zu Pferd und der flinke Renner eilte mit ihm der Königinſtraße zu. Brauner war in das Zimmer zurückgekommen, wo Roman ſich befand. Als ſie den Ton der Roßhufe ver⸗ ſchwinden hörten, ſanken der bewährte Seemann und der grauhaarige Portier einander in die Arme. „Biſt Du jetzt zufrieden, lieber Brauner?“ fragte der erſtere. „Mein Gott, ſollte ich es nicht ſein?“ antwortete dieſer,„er iſt ja hier.“ Eilftes Kapitel. Das nördliche Correktionshaus. Die ſchwarze Charlotte. Der Löwe hatte ſeinen Plan, der ſchwarzen Charlotte Gelegenheit zur Flucht aus ihrem Gefängniß zu verſchaf⸗ fen, nicht übel ausgedacht. Er hätte allerdings auf eine gewöhnlichere Art, als dadurch, daß er ſich von Frau Buchholz eine Bötin er⸗ kaufte, Charlotte von ſeinem Plan unterrichten können, aber er wollte eine zuverläßige ſichere Botſchaſt haben und wählte daher lieber dieſes Mittel. Sonſt wäre es ihm ſehr leicht geweſen, für ein Paar Reichsthaler irgend Jemand vom Aufſeherperſonal des Kaſtenhofgefängniſſes zu erkaufen und ſich mit einer Ge⸗ fangenen in Verbindung zu ſetzen, die zur Correktions⸗ ſtrafe verurtheilt worden: das allergewöhnlichſte Mittel, wodurch die Gefangenen ſehr häufig eine beſtändige bor reſpondenz mit ihren Freunden außerhalb des Gefäng⸗ niſſes unterhalten. Eines von den Mädchen der Frau Buchholz... Agnes... ging mit Vergnügen auf den Vorſchlag ein, weil ſie ſich nicht blos verpflichtet glanbte, einer Freun⸗ din einen Dienſt zu erweiſen, ſondern weil ſie auch auf dieſe Weiſe mehr verdiente, als auf irgend eine andere. Agnes ſtand bald vor dem Polizeicommiſſär, der Landſtreicherei angeklagt. „Streichſt Du nicht jetzt ſchon wieder auf den Straßen herum?“ redete er ſie an.„Haſt Du nichts Anderes zu thun?“ 4 „Nein, gnädiger Herr Landrichter.“.* „Du biſt jung und geſund, Du ſollteſt Dich beſſer aufführen und Dir einen Schutz ſchaffen.“ „Das iſt unmöglich, königlicher Herr Landrichter, ſofern nicht Ew. Hochwohlgeboren ſelbſt mich in Ihren Schutz nehmen wollen.“ Der Polizeimann lächelte.. „Nun ja,“ ſagte er,„ich gebe allen denjenigen Schutz, die ſich an mich wenden... aber nur in den Gefängniſſen. Du bekommſt acht Tage, verſteht ſich im Kaſtenhofgefängniß... um Dir einen geſetzlichen Schutz zu verſchaffen; bekommſt Du einen ſolchen innerhalb die⸗. ſer Zeit nicht, ſo wirſt Du in das Correktionshaus ab⸗ geführt.“— 1„Danke allerunterthänigſt, hochwürdiger Herr Poli⸗ zeicommiſſär.“ „Schon gut... führet ſie ab... Es iſt eigenthümlich genug, daß man ein ſchutzloſes 37 Weſen einſperrt und ihm die Verpflichtung auferlegt, ſich Schutz zu verſchaffen; aber es geht nun einmal ſo zu. Nach acht Tagen ſtand Agnes wieder vor der Po⸗ lizei, und da ſie auch jetzt wie das erſtemal ſich als ſchutzlos erklärte, ſo wurde ſie in das Correktionshaus abgeführt. Das nördliche und das ſüdliche Correktionshaus in der Hauptſtadt haben in den letzten Jahren, beſonders im letztverfloſſenen, große Veränderungen und unläugbar auch bedeutende Verbeſſerungen erfahren. Das nöͤrdliche Correktionshaus beſtand früher in zwei von einander unabhängigen Abtheilungen. Die eine wurde von dem Spinnhaus gebildet und war blos für Weiber beſtimmt; die andere, oder das Schmidhofgefäng⸗ niß, war ein allgemeines Landes⸗Unterſuchungsgefängniß von ſehr harter Art, ſo wie unſere ältern Gefängniſſe gewöhnlich waren. Mit dem Schmidhofgefängniß iſt im Anfang des verfloſſenen Jahres eine große Reparatur vorgenommen worden; man hat es mit dem Spinnhaus verbunden, und jetzt wird es ausſchließlich für Weiber gebraucht. Gleichzeitig damit wurden die Gefangenen nach den verſchiedenen Verbrechen qualificirt und zuſammen einge⸗ theilt. Vollkommen conſequent läßt ſich übrigens dies nicht immer durchführen. Ferner wurde alle männliche Bedienung verabſchiedet und der Wachtdienſt von demſel⸗ ben Geſchlechte verſehen, dem die Verbrecher angehören. Viel Sittenloſigkeit und manche Intrigue ſind dadurch verſchwunden. Außer den Vorſteherinnen, welche der Staat bezahlt, wie er früher die Aufſeher bezahlte, hat gewählte Untervorſteherin, die in erſter Linie für die Ordnung verantwortlich iſt, und dieſe Einrichtung hat jedes Zimmer eine unter den Verbrecherinnen ſelbſt aus⸗ ſehr viel dazu beigetragen, einen beſſern Geiſt einzuführen. Als Beleg dafür mag erwähnt werden, daß, als der Verfaſſer dieſer Arbeit das Gefängniß beſuchte, kurz vorher folgendes Ereigniß ſich zugetragen hatte. Ein Weib... der Name iſt uns entfallen... das wegen Kindsmords zu einer gewiſſen Anzahl Jahre Zuchthaus verurtheilt worden, wurde bei der Ankunft im Gefängniß mit Perſonen zuſammengebracht, die wegen Fernniüntihene und geringeren Diebſtählen gefangen aßen. Sie ſah verſchloſſen, ſonſt aber ſtark und friſch aus; ſie ſchien beſchränkten Verſtandes zu ſein und beſchäftigte ſich nur mit einer einzigen, durch ihre Gewiſſensbiſſe her⸗ vorgerufenen fixen Idee, nämlich ſterben zu dürfen. Im Gefängniß begegneten ihr die Kamerädinnen mit Spott und Hohn: ſie wiederholten beſtändig, ſie ſelbſt hätten kein Verbrechen begangen, ſondern ſeien nur ſchutzlos; ſie aber habe ſich als Kindesmörderin einer großen Sünde ſchuldig gemacht. Dadurch tief leidend, erbat ſie ſich als Gnade, in diejenige Abtheilung des Gefängniſſes verſetzt zu werden, wo die Kindesmörderinnen wohnten; aber dies wurde ihr verweigert, weil ihr Urtheil nicht in der Art lautete, daß man ſie dorthin verſetzen konnte. Der Wunſch, ihr Leben los zu werden und ſich von ihren gegenwärtigen Kamerädinnen zu befreien, machte ſich immer ſtärker bei ihr geltend, und um ihr Ziel zu erreichen, beſchloß ſie, die Vorſteherin zu ermorden. Auf irgend eine Weiſe gelang es ihr auch, ſich ein Meſſer zu verſchaffen, und ſie verbarg ſich eines Tags hinter einer Thüre, um ihr Vorhaben auszuführen. Die in den Verbrecherannalen der Haupiſtadt ſo be⸗ 8 —e ——2— 39 kannte Julie war damals Untervorſteherin in dieſem Zimmer. 1 Durch ihre Aufmerkſamkeit und Kühnheit wurde das Leben der Vorſteherin gerettet. Die Unglückliche wurde wegen dieſes Mordplans zur Strafzelle verurtheilt und hegte noch in dem Augenblick, wo wir ſie ſahen, keinen andern Wunſch, als den, zu den Kindesmörderinnen verſetzt zu werden; weil dieſe nicht beſſer ſeien, als ſie ſelbſt, und deshalb auch keinen Grund hätten, ſie herabzuſetzen. Das Verbot, mit einander zu ſprechen, in Folge deſſen jetzt ein ewiges Schweigen in dieſen großen und zahlreich bevölkerten Sälen vorherrſcht, iſt allerdings eine moraliſche Feſſel, einer der herrlichſten Eigenſchaften angelegt, welche die Vorſehung dem Menſchen ertheilt hat und mittelſt deren er ſich ſo weſentlich über das Thier erhebt, deßungeachtet aber iſt dies eine wohlthuende Strafe, welche den Verbrecher zu ſich ſelbſt, zu ſeinem Herzen und ſeinem Gewiſſen zurückführt. Dieſes Schweig⸗ ſyſtem iſt ein zweites Zelleuſyſtem von gänzlich geiſtiger Beſchaffenheit. Der Verbrecher wird dadurch in die Ge⸗ fängnißzelle ſeiner eigenen Gedanken, ſeiner eigenen Seele eingeſperrt. Er wird in ſich ſelbſt verhaftet. Es iſt ein anderer Zuſtand der Selbſtbeobachtung, worin er verſetzt wird, und können je Nachdenken und Gewiſſen in ihm noch geweckt werden, ſo muß es wohl auf dieſe Art ge⸗ ſchehen; nur auf dieſe Art kann ſeine Seele zur Wieder⸗ geburt gelangen. Die erſten Folgen dieſes Schweigſyſtems ſind eine Ordnung und eine Arbeitsluſt, die bei den Meiſten beinah bis zur Leidenſchaft ſteigt. Die Arbeit wird hier die einzige Zerſtreuung des in ſich ſelbſt eingeſchloſſenen Gedankens. Viele geben ſich ihr mit einem Fleiß und Eifer hin, worüber ſie die ganze Welt zu vergeſſen ſcheinen, und dieſe Arbeit iſt auch in materieller Beziehung nicht ganz undankbar, weil nach Beendigung der für Rechnung der Krone beſtimmten Wochenarbeit die Gefangenen, wenn auch zu herabge⸗ ſetzten Preiſen, für jede Mehrarbeit Bezahlung erhalten; dieſes Geld wird ihnen von den Gefäng⸗ nißbeamten aufbewahrt, bis ihre Strafzeit vorüber iſt* und ſie wieder entlaſſen werden. Das ſüdliche Correktionshaus, worin nur Männer ſind, iſt ebenfalls mit Anfang oder der Mitte des letzt⸗ veerfloſſenen Jahres nach denſelben Principien organiſirt, unnd die Reſultate ſind ungefähr dieſelben, ohngeachtet die Arbeitſamkeit und Reinlichkeit der Weiber bei weitem größer iſt, als bei den Männern. Auf den Grund der Kenntniß, die wir uns von die⸗ ſen Strafanſtalten erhaſcht haben, können wir, ohne blos ein fades Kompliment zu ſagen, hinzufügen, daß die Be⸗ amten, denen die Oberaufſicht jetzt anvertraut iſt, nicht blos mit ſtrengem Ernſt, ſondern zugleich mit großer Umſicht und erträglicher Milde ihre Pflichten erfüllen, was auch von Seiten der Gefangenen ſichtbare Achtung, Aufrichtigkeit und Ergebenheit zur Folge hat. Sowohl in der Reorganiſation der Gefängniſſe, wie auch und ganz beſonders in der Wahl ihrer Beamten, hat die Regierung eine rühmliche Thätigkeit an den Tag ge⸗ legt, und wenn auch der Charakter der gegenwärtigen Periode darin beſteht, alles von verſchiedenen Seiten zu betrachten, ſo wird ganz ſicherlich die Zukunft über den eben berührten Punkt nur ein einziges Ürtheil fällen. Am Ende der Königinſtraße, wenn man an dem großen Lokal des Gartenvereins vorbeigekommen iſt, wo der Conditor Davidſon ſein prachtvolles, allerliebſtes — 41 Etabliſſement angelegt hat, beginnt eine Quergaſſe links, genannt die Schmidhofgaſſe. Dieſe ganze Gaſſe entlang und rechts von ihr erſtreckt ſich ein weitlänfiges Quartier, wo die Kindheit und das Alter, die Unſchuld und das Verbrechen ihre Scylla und Charybdis haben; den ober⸗ ſten Theil des Quartiers bildet das allgemeine Findlings⸗ haus, den unterſten das nördliche Correktionshaus, früher Schmidhofgefängniß genannt. Wie manche, die in Un⸗ ſchuld und Frieden ihre erſten Tage in dem erſteren zu⸗ gebracht, haben nicht einige Jahrzehnte ſpäter ſchuldbe⸗ laſtet ihr Leben in dem letzteren beendigt! Obſchon von der Armuth oder dem Verbrechen, vom Elend oder Leichtſinn zur Welt erzeugt, können alle dieſe Kinder, die auf dem großen Burghof des allgemeinen Findelhauſes ſpielen oder Bett au Bett in den geräu⸗ migen Sälen deſſelben ſchlummern, mehr als Kinder Gottes und des Staates betrachtet werden, als andere: denn ſie kennen keinen Vater außer Gott und keine Mutter außer dem Staat. Zwiſchen ihnen und einem beſondern elterlichen Hauſe, wie zwiſchen ihnen und ihrer Zukunft ruht ein undurch⸗ dringlicher Schleier. Das Einzige, das bezeugt, was ſie geweſen ſind und woher ſie ſtammen, wenn ſie in die Welt hinausgehen, iſt das Stückchen Blei, das man ihnen um den Hals hängt; es iſt ihr Schildzeichen, ihr einziges Vater⸗ und Muttergut. Wie viele von ihnen findet man nicht nach einem halben oder nach längerem Lebensalter im Correktionshaus wieder, nachdem der Eigennutz, um das Jahrsgeld zu erhalten, das der Staat für jedes ausgelöſte Kind bezahlt, ſie übernommen hat. Das ganze Leben der Mehrzahl ſcheint beinah nur in einer vieljährigen Arbeit zu beſtehen, deren Zweck iſt die Mauer zu überklettern, welche die beiden Anſtalten trennt. Agnes wurde aus der Polizei direkt in das Correk⸗ tionshaus geführt. Als ſie an dem Findelhaus vorbei⸗ 42 kam, war es ihr unmöglich, den Seufzer zu erſticken, der ſich aus ihrer Bruſt hervordrängte. Auch ſie war ein Findelkind geweſen. Durch das große Thor des Correktionshauſes herein⸗ gekommen, wurde ſie in vierzehntägige Quarantainezelle geſetzt, eine Einrichtung, der ſich jeder Gefangene unter⸗ werfen muß. Sie hatte ſich dieſen Zeitverluſt nicht be⸗ rechnet, und er kam ihr daher um ſo härter vor. In⸗ zwiſchen wurde ſie mild behandelt und zählte jeden Tag, der kam, bis ſie endlich jede Stunde und zuletzt auch jede Minute zählen konnte. Als man ihr ihre eigenen Kleider abnahm und das weiße Leinwandkleid anlegte, das alle weibliche Gefan⸗ genen bekommen, da war es ihr, als hätte ſie ihr Leichen⸗ kleid angezogen, und ein kalter Anhauch machte gleich einem Todesgedanken ihr Blut auf einen Augenblick u Eis. 1 Das Bedürfniß, zu gefallen, iſt ein natürlicher und angeborener Inſtinkt des Weibes. Ohne dieſes Bedürf⸗ niß würde ihr einer der ſchönſten Reize der Weiblichkeit fehlen, denn der Wunſch, zu gefallen, iſt die nie verſie⸗ gende Quelle der Liebenswürdigkeit, wodurch ſie ſo be⸗ zaubernd wird. Es dürfte vielleicht Manchen etwas fabelhaft vor⸗ kommen, daß man von Gefallſucht ſpricht, wenn man ſich auf einem Beſuch im Correktionshaus befindet, aber in dieſem wie in andern Fällen hört die Strafgefangene nicht auf, eine Tochter Evas zu ſein. Vierzehn Tage lang war Agnes auch nur mit ihrem Aufputz beſchäftigt. Sie veränderte ihre weiße Jacke, ſo daß ſie ihr wie angegoſſen ſaß; ſie kämmte ihr langes braunes Haar und legte ihr weißes Kopftüchlein in tau⸗ ſend neue Falten. 43 Als charakteriſtiſche Anekdote von Gefallſucht im nördlichen Correktionshaus mag hier folgende Epiſode einfließen, obſchon ſie eigentlich unſere Erzählung nichts angeht. gehen Mädchen von friſchem und ſehr anmuthigem Aeußeren, zum drittenmal wegen Diebſtahls verurtheilt, hatte, nachdem ſie ſich einige Zeit in der Anſtalt befun⸗ den, einer ihrer Kamerädinnen ein Leintuch geſtohlen und wurde deshalb zur Strafzelle verurtheilt. „Du haſt Dir da ſchöne Weihnachten bereitet,“ ſagte der Zuchthausdirektor,„wenn man nicht Gnade für Recht ergehen laſſen will.“ Das Mädchen ſchwieg, brach aber in Thränen aus. „Du haſt oft geſtohlen,“ bemerkte er. Sie antwortete nicht, ſondern weinte blos. „Aber wie kommt, es daß Du ſo ganz den Verſtand verloren haſt? Du ſiehſt doch, daß Du nothwendig ent⸗ deckt werden mußt, und Du kaunſt Deine ſchon jetzt harte Lage dadurch uur verſchlimmern.“ 4 Sie beharrte auf ihrem Schweigen, während ihre Thränen floſſen. „Du mußt doch wohl auf irgend eine Art bei Dir ſelbſt die Sache überlegen, ehe Du Dich entſchließſt, zu ſtehlen. Sei aufrichtig!“ Böſe Gedanken,“ antwortete ſie jetzt,„erwachen in mir.“ „Aber ſahſt Du denn nicht, daß Du entdeckt werden mußteſt, als Du das Leintuch ſtahlſt, zumal da Du es einer Kamerädin nahmſt und ihrer Aufmerkſamkeit nicht entgehen konnteſt?“ „Ach ja, ich ſah es wohl ein.“ „Und dennoch... aber was wollteſt Du denn mit dem Leintuch machen?“ „Ich wünſchte...“ „Was wünſchteſt Du?“ „Ein Schnürleibchen.“ 44 Eine Stunde ſpäter kam ich an ihrer Zelle vorbei und öffnete den kleinen Schieber an der Thüre. An die Wand gelehnt und mit den Händen vor ihrem Geſicht, weinte ſie bittere Thränen Sie zählte erſt neunzehn Jahre. Eines Samſtags Morgens wurde Agnes aus ihrer Zelle röüläſſen und in die Abtheilung der Landſtreicherinnen gebracht. Was ſie jetzt ſah, war für ſie ein neues Gemälde: überall fand ſie Ordnung, Reinlichkeit und Arbeitſamkeit. Sie hatte ſich das Gegentheil gedacht und war erſtaunt. An ein unordentliches, träges und leichtſinniges Leben gewöhnt, athmete ſie anfangs ſchwer unter dieſen beſtän⸗ dig raſſelnden Webſtühlen, ſurrenden Spinnrocken und den Näherinnen, die kaum Zeit zu haben ſchienen, von ihrer Arbeit aufzublicken. Sie wußte jedoch, daß ſie nur kurze Zeit hier zu verbringen hatte, und das freute ſie jetzt mehr, als je. Nachdem ſie ſich von ihrem erſten Erſtaunen erholt, dachte ſie jedoch an alles andere weniger, als an den Zweck ihres Beſuchs, nämlich die ſchwarze Charlotte zu treffen. Die ſchwarze Charlotte war wegen Kindesmords zu drei Jahren Gefängniß verurtheilt. Agnes hoffte ſie zur Mittagszeit zu treffen, aber es gelang ihr nicht. So kam der Sonntag und ſie begab ſich mit den Uebrigen in den Gottesdienſt. Die Kirche iſt ein ſehr geräumiger Saal mit doppel⸗ ten Bankreihen und einem eiſenfarbig angeſtrichenen Chor. 45⁵ Mitten auf dem Altar befindet ſich ein vergoldetes, all⸗ ſehendes Auge, und auf der einen Seite die zwei Tafeln mit den zehn Geboten, auf der andern ein aufgeſchlagenes Buch. Ueber dem Altar iſt die Kanzel. Ein vergoldeter Engelskopf trägt den Kanzelpult und der Prediger tritt von der Sakriſtei durch eine Thüre ein, die mit rothen Vorhängen bedeckt iſt. Agnes hatte lange keine Kirche mehr beſucht, und der Gottesdienſt machte einen tiefen Eindruck auf ſie, ohne daß ſie deshalb den Grund vergaß, warum ſie hie⸗ hergekommen war. Auf den unteren Bänken links vom Eingang ſitzen die Kindesmörderinnen. Die Vagabunden dagegen ſitzen rechts am Chor. Agnes veranſtaltete es ſo, daß ſie zu äußerſt am Gang zu ſitzen kam, und ſie hoffte auf dieſe Art leicht diejenige, die ſie ſuchte, ſehen und ihr ein geheimes Zei⸗ chen geben zu koͤnnen. Aber obſchon ihre Blicke genau alle einzelne Gefan⸗ genen muſterten, ſo konnte ſie die ſchwarze Charlotte nicht entdecken. Beim Hinausgehen aus dem Tempel erfuhr ſie je⸗ doch, daß Charlotte ſich im Krankenhaus befinde, wo ſie als Untervorſteherin angeſtellt ſei. Dieſe Nachricht freute ſie und ſie erkrankte jetzt ſo⸗ gleich auch, ſo daß ſie am folgenden Tag ins Kranken⸗ haus abgeliefert wurde. Wie ſie in den Zimmern, die ſie bereits beſucht, Arbeitſamkeit und Ordnung gewahrt hatte, ſo fand ſie im Krankenhaus ſogar ein gewiſſes Behagen. Man lebte da freier und hatte Gelegenheit, leichter und unbewachter ſich einander mittheilen zu können. Als ſie in den großen Saal trat, waren Rekon⸗ valescentinnen damit beſchäftigt, denſelben aufzuräumen. An der obern Seite des Saales entlang ſtanden 46 die Krankenbetten mit einem größeren, freien Zwiſchen⸗ platz, mitten im Zimmer. Dieſer freie Platz ſchien vor allen Dingen den Gegenſtand ihrer ordnenden Vorſorge zu bilden. Sie waren krank und wollten ſich doch mit etwas beſchäftigen. Drei oder vier der Verbrecherinnen lagen hier auf den Knieen, den Kopf vorwärts gebeugt und die Hände damit beſchäftigt, kurz gehackte Tannenzweige in gewiſſe kleine Formen zu legen. Alle dieſe Weiber waren in einem Alter von 20 bis 30 Jahren, nicht mehr.. Seitwärts von ihnen ſtand ein Mädchen von ge⸗ wöhnlicher Größe, aber mit feſten und wohlgebildeten Formen. In der Hand hielt ſie einen Korb voll Tannen⸗ zweigen und warf den Arbeiterinnen je nach ihren Be⸗ dürfniſſen eine Hand voll zu. „Die Reihe iſt an mir heute, die Hoffnung legen zu dürfen,“ rief eines der Mädchen. „Und an mir die Liebe,“ rief eine andere. „Und an mir der Glaube.“ „Und ich darf die Engel machen.“ „Da haſt Du die Zweige zur Liebe.“ „Du gibſt mir zu wenig; das reicht nicht aus.“ „Ich kann nicht mehr geben. Da haſt Du eine Hand voll zum Glauben.“ „Du biſt heute geizig.“ „Seht ſelbſt, der Korb iſt beinah leer. Ihr müßt mit altem Tannenreis ausfüllen. Da haſt Du auch zur Hoffnung. Die Engel und der Blumentopf müſſen doch auch etwas haben.“ „Wir bekommen alſo nichts zu den Vierecken und der Einfaſſung?“ „Ich kann nicht mehr geben, als ich habe.“ „Aber Du haſt noch Etwas übrig; Du kannſt uns das alles geben.“ 47 „Das kann ich nicht... ich will heute auch etwas legen.“ 8 Das Mädchen mit dem Korb am Arm hatte ein⸗ ganz ungewöhnliches Ausſehen. Schlank von Wuchs und voll von Buſen, beſaß ſie in ihren Bewegungen eine Ge⸗ ſchmeidigkeit, die von einer außerordentlichern Energie zeugte. Ihre Stimme war klar und rein, ihre Aus⸗ drucksweiſe ſo beſtimmt, als ob ein Widerſpruch gar nicht denkbar wäre. Ihr Kopf war ungewöhnlich dunkel. In einiger Entfernung glich ſie einer kleinen ſchwarzen Wolke, aus welcher eine Flamme hervorblitzte; aber eine Flamme, die ſich, je mehr man ſie betrachtete, zu einem blaſſen, mitunter auch erröthenden Geſicht geſtaltete. Das Haar war kurz, etwas länger als der gewoͤhnliche Kopfſchmuck à la Johannes, denn er fiel in freien, von der Natur eigener Hand gedrehten Locken geringelt, bis auf ihre Schultern herab. Ein ſchwärzeres, glänzenderes Haar ließ ſich unmöglich denken, es war ebenholzſchwarz, wirk⸗ lich rabenſchwarz. Die Augenbrauen hatten dieſelbe Farbe, waren jedoch nicht ſo fein gepinſelt wie diejenigen, die vorzugsweiſe die Bewunderung auf ſich ziehen, aber obſchon breiter, als die Schönheitsregeln fordern, ſtanden ſie ihr gut und befanden ſich in Harmonie mit dem Uebrigen. Wenn ſie die Wimpern aufſchlug, ſchien eine ganze Nacht aus ihren Augen zu ſtrahlen, ſo dunkel waren ſie. Das Geſicht war voll von Anmuth und Geſundheit, obſchon die Backenknochen ein wenig hervorſtanden, aber man ſah das nicht, weil das friſche Lächeln von ihren vollen, wollüſtigen, beſtändig etwas offenen Lippen und die ſchneeweißen, ſchimmernden Zahnreihen die Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich zogen. Sie hatte etwas ſo Wildes und Leidenſchaftliches an ſich, als wäre ſie aus lauter Naturtrieben zuſammen⸗ geſetzt. Blickte man in ihre dunkel glühenden Augen, ſo 48 meinte man zu begreifen, daß, wenn ſie ſich mit jemand innig verbinde, dieſer ſie bis zum Wahnſinn lieben oder auch fürchten müſſe. Alle ihre Bewegungen beſaßen eine ſolche Lebendigkeit, daß dieſe unbedingt ihre Triebfeder im Junerſten ihrer Bruſt haben mußte, und jeder ihrer Blicke war ſo feurig, als würde er aus einem Vulkan in ihr Herz geſchleudert. Während die vier andern fortfuhren, ſtill und ſorg⸗ fältig die Tannenzweige in ſchöne zierliche Formen zu legen, hatte ſie ihren Blick feſt auf ſie geheftet. Der Platz war in zwei große Quadrate eingetheilt, von denen die oberſte Seite noch drei weitere Unterab⸗ theilungen hatte. In der mittleren wurde das Kreuz des Glaubens zu oberſt gelegt, und darunter der Anker der Hoffnung und das Herz der Liebe. Im Quadrat zur Linken wurde ein Engel mit einem Herzen gebildet und in dem zur Rechten ein Engel mit einem Pfeil. In das große untere Quadrat wurde ein Blumentopf oder eine Vaſe, worin Blumen wuchſen, ge⸗— ſtellt, und endlich wurde das Ganze von einer breiten Einfaſſung umgeben; Alles aus Tannenzweigen. Die Arbeit beluſtigte ſichtbarlich die Kranken und ſie bildete bald ein Gemälde, welches die Hieroglyphen ihres Herzens enthielt, diejenigen, die ihre Seligkeit ausgemacht und ſicherlich auch ihr Verderben hervor⸗ gerufen hatten, weil ſie ihre wahre Bedeutung nicht ver⸗ ſtanden. Wenn Jemand im Krankenzimmer geſtorben wäre, ſo würden ſie ſicherlich den Glauben, die Liebe, die Hoffnung, die beiden Engel, wie auch die Blumen genommen und die Treppen damit beſtreut haben, wäh⸗ rend man die Todte hinweggetragen hätte. Glaubet nicht, daß es den Verbrechern an Herz fehle, es fehlt ihnen eher an Verſtand. Als alles fertig war, beugte ſich das Mädchen mit dem Korb ebenfalls nieder und legte mit leichter Hand 49 zwiſchen den Glauben, die Liebe und die Hoffnung ein L, ſo daß alles ſich zu einem Ganzen verband. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte man ſie. „Nichts, nichts.“ 1 „Du mußt es uns ſagen... Du biſt ſo geheim⸗ nißvoll... warum willſt Du es beſtändig ſein.. nun, was bedeutet das Ding da?“ „Nichts,“ habe ich geſagt. „Du biſt garſtig, recht garſtig.“ „Ihr wollt alſo wirklich wiſſen, was es bedeutet?“ „Ja, ja, ja!“ rief man von allen Seiten. „Das bedeutet...“ Ihre Augen blitzten dabei. „Was bedeutet es?“ „Leviathan.“ „Ha, ha, ha,“ lachte man. „Leviathan hält hier anf Erden den Glauben, die Liebe und die Hoffnung zuſammen.“ Von dem Platz aus, den man Agnes gegeben, hatte ſie die ganze Zeit über aufmerkſam die Scene betrachtet, die vor ihren Augen vorging, aber jetzt trat ſie vor und legte ihre Hand ſanft auf die Schulter des ſchwarzlockigen Mädchens, das ſich haſtig umwandte. „Du täuſcheſt uns,“ ſagte ſie,„dieſes L da bedeutet nicht Leviathan.“ „Was bedeutet es denn? weißt Du es vielleicht?“ „Das bedeutet... darf ich es laut ſagen?“ „Gerne, wenn Du es weißt... Es bedeutet?“ „Löwe.“ Beim Klang dieſes Namens ſprang das Mädchen aus ihrer gebeugten Stellung auf und eine glänzende hohe Röthe flog über ihre Wangen. „Du kennſt ihn? He, wo iſt er, was macht er?“ Und ſie fragte nicht, ob er noch an ſie denke, weil etwas Anderes ihr gar nicht einfallen konnte. Das Gewiſſen. J. 4 50 „Komm mit mir dorthin... ich bringe Dir Grüße von ihm.“ Agnes und die ſchwarze Charlotte... denn das braune Mädchen war keine andere als ſie... ſprachen lang mit einander, und Agnes theilte ihr den empfange⸗ nen Auftrag mit. 3 Das Nachfolgende wird den Inhalt des Geſprächs 3 erklären, An einem der folgenden Tage las man an der Mauer, gegenüber der großen Eingangspforte im Hof, das Wort Krankenhaus mit Kohle geſchrieben. Niemand von dem Auſſeherperſonale der Anſtalt achtete darauf, weil ihnen dieſes Wort vollkommen be⸗ deutungslos und unſchuldig erſchien. Aber vor dem Thor befand ſich ein Mann, der ſich um ſo mehr dafür intereſſirte. Der obere Theil des Eingangsthores iſt von Latten, wie bei einem Gitterthor, und er hatte täglich eine Wanderung dahin gemacht, um nachzuſehen, ob das verabredete Zeichen nicht ſichtbar werde. Sobald er die ſchwarzen Buchſtaben entdeckte, begab er ſich hinweg. Aber eine Stunde ſpäter hielt eine verſchloſſene Miethkutſche auf der Straße vor dem Thor, und ein eleganter Cavalier in blauem Mantel, ſowie eine verſchleierte Dame ſtiegen aus dem Wagen; der Cavalier bot der Dame höflich den Arm, befahl dem Kutſcher zu warten und klingelte, worauf eine Pförtuerin herauskam. 4 „Iſt der Direktor zu Hauſe?“ fragte er. „Ja.“ „Kann man ihn treffen?“ 51 „Ja wohl. Er wohnt eine Treppe hoch, ſchief über dem Hof, an dieſer Treppe dort. Belieben die Herr⸗ ſchaften gefälligſt ſich hinauf zu bemühen.“ Und die Pförtnerin öffnete das Thor und ließ ſie ein, worauf ſie dasſelbe wieder wohl verſchloß und ſich auf ihr Stübchen zurück begab. 2 Sobald der Cavalier und die Dame ſich im Hof befanden und die Pförtnerin hinter ihnen verſchwunden war, begaben ſie ſich direkt nach demjenigen Theil des Gebändes, wo die Krankenzimmer liegen. Agnes hatte den ganzen Vormittag am Fenſter auf dem Poſten geſtanden, und ſobald ſie die Herrſchaft kommen ſah, gab ſie mit ihrem weißen Halstuch ein Zeichen, daß Alles in Ordnung ſei. Außer der ſchwarzen Charlotte, wußte niemand von den übrigen Gefangenen, was das Zeichen bedeutete, das ſie übrigens auch ſo unmerklich als möglich gab. Char⸗ lotte begab ſich indeß ſogleich hinaus, und da ſie als Untervorſteherin die Schlüſſel zum Gartenthor des Krankenhauſes zur Verfügung hatte, ſo war es ihr nicht ſchwer, hinaus zu kommen. Die unbekannte Herrſchaft und Charlotte trafen zu gleicher Zeit in der unteren Hausflur ein. Ohne ein Wort zu wechſeln, begaben ſich Charlotte und die ver⸗ ſchleierte Dame in ein Stübchen ſeitwärts der Treppe, während der Cavalier draußen wartete. Er hielt da Wache, aber niemand zeigte ſich. Nach einer kurzen Weile kam jetzt Charlotte nebſt der Dame aus dem kleinen Schlupfwinkel zurück, aber⸗ beide in ganz anderem Aufzuge als vorher. Charlotte hatte den Mantel der Dame angezogen und es war wohl darauf berechnet, ſie gänzlich zu be⸗ decken; ferner hatte ſie den Hut derſelben aufgeſetzt und den dichten Schleier herabgelaſſen. Die Füße waren mit zwei niedlichen Frauenzimmerſtiefelchen mit hohen Schaften bedeckt. 5² * 1 „Laß uns gehen,“ flüſterte ſie dem Cavalier zu, und ſchob ihren Arm in den ſeinigen. Die andere Perſon, die jetzt eine einfache Frau, mit einem Halstuch über dem Kopf und einem großen Shawl um die Schultern, war, war niemand anders als Mutter 8 Jonſſon, die mit einer heiligen, frommen Miene mehrere Schritte hinter den andern herging. Der Cavalier ging ruhig und unerſchrocken an das Thor zurück, während er ſeinen Mantel in Falten dra⸗ pirte, worin Charlotte ihren Arm barg. Charlotte war nicht ſo ungezwungen wie er. Ihr Herz pochte nicht und ſie wagte kaum Athem zu ſchöpfen. 3 Der Hof iſt ſehr weitläufig, ſo daß es einige Zeit währte, bis ſie an das Thor kamen. Charlotte war niemals mit ſo ſchweren Schritten darüber hingegangen und er kam ihr ungleich länger vor als ſonſt. Es war eine ganze Ewigkeit innerhalb einiger we⸗ niger Minuten. Der Cavalier führte Charlotte unter dem rechten Arm. Als er an das Thor kam und wieder klingelte, um hinaus zu kommen, ſtand er zwiſchen der Pförtnerin und ſeiner Dame. „Die gnädige Herrſchaft iſt nicht lange weggeblieben,“ bemerkte die Pförtnerin;„ich glaubte, Sie wollten ſich die Anſtalt beſehen.“ „Der Direktor hat heute keine Zeit und wir werden wohl morgen zurückkommen müſſen. Sehen Sie hier ein kleines Trinkgeld, meine gute Madame. Dank, Dank, für die Mühe.“ 3 3 In demſelben Augenblick, wo das Gitterthor auf⸗* ging, warf er ihr gleichgültig einen Silberpfennig zu, worauf die Alte ſich verneigte und dankte. Charlotte drückte die Hand ihres Cavaliers unter dem Mantel; dieß war das einzige Lebenszeichen, das ſie in dieſer Minute von ſich zu geben vermochte. Ohne ihre Tritte mehr als vorher zu beſchleunigen, 2* 53 ſtiegen ſie in die ſie erwartende bedeckte Kutſche, worauf Mutter Jonſſon ſich am Thore zeigte, in der Abſicht, ebenfalls hinaus zu kommen. „Wer ſind Sie?“ fragte die Pförtnerin,„ich habe Sie noch nie geſehen. Wann und wie ſind Sie hieher gekommen?“ „Das iſt eine Frage das,“ antwortete Mutter Jonſſon;„glauben Sie, daß ich über die Mauern ge⸗ flogen ſei? Herr, mein himmliſcher Vater, wie man doch einem Verdacht ausgeſetzt ſein kann!“ „Ich glaube, daß ich die Frau da kenne,“ fiel, der Cavalier ein und ſchaute aus dem Wagen.„Ja meiner Treu, ich kenne ſie. Sind nicht Sie es, Mutter Jonſſon?“ „Du ewiger Schöpfer, allerdings bin ich's, wer ſollte ich ſonſt ſein? Aber ſo hier verhindert zu werden, wenn man ſeinen ordentlichen Geſchäften nachgeht, das iſt doch eine Schande. Ich ſollte wohl meinen, daß ich heute früh hieher gekommen ſei, aber Sie hatten damals die Augen noch nicht recht ausgerieben, und dafür ſoll nun ich entgelten.“ „Laſſen Sie die Alte hinaus,“ rief der Cavalier vom Wagen aus.„Ich garantire für ſie... ſie iſt eine ehrliche Frau... ſehen Sie, da haben Sie noch ein Trinkgeld.“ Und er warf der Pförtnerin einen Reichsthaler zu, worauf ſie ohne weitere Bemerkung Mutter Jonſſon paſ⸗ ſiren ließ. „Wenn Sie fahren wollen, Mutter Jonſſon,“ fuhr denabüle fort,„ſo ſteigen Sie ein, wir haben Platz „Herr Jemine, welche Ehre für mich,“ ſchwatzte Frau Jonſſon;„darf ich gar mit der gnädigen Herrſchaft fahren. Gott ſegne alle guten Menſchen!“ 8„Das war doch ein recht braver Herr,“ murmelte die Pförtnerin, als ſie ſich wieder in ihr Stübchen be⸗ 54 gab,„ein verdammt braver Herr,“ fügte ſie hinzu, in⸗ dem ſie ihre Münzen in die Rocktaſche ſteckte. „Fahr zu,“ rief es aus dem Wagen dem Kutſcher zu.„Wir haben Eile... hörſt Du... Fahr zu.“ Der Kutſcher war ſchon vorher gut bezahlt worden und wußte bereits, wohin er fahren mußte; er fuhr in geſtrecktem Galopp weg. Als ſie auf die Königinſtraße kamen, ſchlug er ſich links und bog auf den Platz vor der Akademie ein; ſodann fuhr er durch die Holländer⸗ und die Kammacherſtraße, dicht an der Ringmauer hin zur Kirche Adolph Friedrichs. An der Kirchthüre auf der Nordſeite angelangt, hielt der Wagen ſtill, und die Reiſenden ſtiegen aus. „Du biſt doch tüchtig bezahlt worden, nicht wahr?“ fragte man den Kutſcher. „Ja freilich, Herr Baron, das bin ich, und wenn Sie wiederum fahren wollen, ſo vergeſſen Sie den klei⸗. nen Scheken und die braune Ingeborg nicht.“ Die Miethkutſcher von Stockholm nennen gewöhnlich alle beſſer gekleidete Reiſende, Herr Baron, ſie mögen im Uebrigen ſein, wer ſie wollen. „Lebt wohl, lebt wohl!“ „Vergeſſen Sie den Scheken nicht, gnädiger Herr Baron, und auch die Ingeborg nicht. Es ſind die beſten Thiere von der Welt, wenn ſie nur nicht den Spat und die Kehlſucht hätten.“ Aber weder der Löwe noch die beiden Weiber hör⸗ ten auf das Gerede des Kutſchers. Sie waren bereits auf den Adolph⸗Friedrichs⸗Kirchhof getreten und eilten vorwärts. Bald befanden ſie ſich auch jenſeits der Kirche — 5⁵ und in der Seilergaſſe, von wo ſie ſich nach der Apfel⸗ berggaſſe begaben, bis ſie in die Holzmachergaſſe kamen: Alles minder beſuchte Gaſſen. Mutter Jonſſon, die in einer paſſenden Entfernung der Herrſchaft nachfolgte, verließ ſie dort und ſchlug ihren Heimweg nach der weſtlichen Hopfengartenſtraße ein. In dieſem Augenblick ſchlug es zwölf Uhr. Alle Menſchen waren in voller Bewegung, aber jeder dachte mehr an ſich ſelbſt als an andere, und von Polizeidienern, deren Aufgabe es eigentlich iſt, mehr an andere als an ſich ſelbſt zu denken, bekam man nichts zu ſehen. Nichts deſtoweniger hüllte ſich Charlotte noch dichter in ihren Mantel und ſchlug den Schleier noch tiefer herab, wie ſie ſich auch aus natürlicher Furcht feſter an des Löwen Arm anſchloß. Der Löwe warf den einen Zipfel ſeines Mantels über die Schulter und führte ſeine Dame unerſchrocken weiter. Auf dem Trompeterhügel angelangt, gingen ſie hinab. Mitten in der Straße bog der Löwe in eine Thüre ein. Wir wollen ihnen ins Haus voran eilen. Zwölftes Kapitel. Mamſell Michelſen und der Leſerpfarrer. Aus der Erzählung im erſten Kapitel, wie die Kö⸗ nigin der wilden Jagd Kellner fing, als ſie am Abend vor dem Einbruch ſeinen Wagen auf der Straße traf, wiſſen wir, daß er ein Liebesverhältniß hatte. 56 Dieſes Extra⸗Vergnügen hatte er viele Jahre lang genoſſen, ohne gegen jemand einen Hehl daraus zu machen: die ganze Hauptſtadt wußte es. Der Name des Frauenzimmers war Michelſen. Daß Kellners Geſchmack gut und Mamſell Michelſen ein hübſches Mädchen war, das zu bezweifeln, iſt kein Grund vorhanden. 8 Mamſell Michelſen, die Kellner von der Straße hinweg genommen hatte, genoß unter ſeinem Schutz alle Annehmlichkeiten einer reichen verheiratheten Frau, ohne die Unannehmlichkeiten dieſes Verhältniſſes im Mindeſten kennen zu lernen, ausgenommen, daß ſie früher oder ſpä⸗ ter, wenn er ihr einmal überdrüſſig würde, wieder auf die Straße geſtellt werden konnte. Von Nichts gekommen, mußte ſie einmal wieder ins Nichts zurückkehren. Dies iſt in kurzen Worten die Geſchichte der gan⸗„ zen Menſchheit, ganz beſonders aber die Geſchichte ſol⸗ cher Weiber. Sie ſind ſchöne Sonnenblumen, aber ihr ganzes Leben fällt in einen Aprilmonat. Um ihr einen möglichſt feinen Geſellſchaftston bei⸗ zubringen, hatte Kellner ſie einen Sommer hindurch auf Reiſen mitgenommen, nach Paris, nach London, ſowie in mehrere Bäder, und überall trat er Arm in Arm mit ihr auf. Mamſell Michelſen beſaß auch einen guten, na- türlichen Verſtand, und zu Kellners Freude präſentirte ſie ſich mit ſo viel Anmuth, daß ſie mit den vornehmſten Damen rivaliſirte. Als er nach Schweden zurückkam, war ſie auch ſein höchſter Stolz. Alles, was der Modehandel* Schönes und Koſtbares beſaß, wurde ihr geſchenkt. We⸗ —— nige Damengarderoben konnten mit der ihrigen wett⸗ eifern. In der Hauptſtadt Schwedens glauben die Damen der Mode ebenſo ſehr auf der Ferſe zu folgen, wie man dies in einigen andern europäiſchen Hauptſtädten thut, aber man tänſcht ſich ſehr und iſt weit entfernt davon. 57 Wenn eine Farbe oder ein Zeug in Stockholm in die Mode kommt, ſo kaufen ſogleich alle davon. Das⸗ ſelbe Verhältniß entſteht auch, wenn ein gewiſſer Schnitt der Kleider oder ein Shawl das Glück hat, den Tonau⸗ gebern zu gefallen. Sind einmal poult de soie rayée oder Drap de zephyr oder Saxonie bei irgend einer Ge⸗ legenheit am Hof getragen worden, ſogleich ſieht man poult de soie rayée oder Drap delzephyr oder Saxonie in allen Salons. Damit glaubt man in der Mode zu ſein. Die wirkliche Mode fordert jedoch Geſchmack, und der wahre Geſchmack fordert, daß man ſich ſelbſt ſtudirt, ehe man Farbe und Schnitt beſtimmt. Was für eine Blondine paßt, paßt nicht für eine Brünette, was eine junge Perſon kleidet, das kleidet eine ältere nicht, und ein Ballkleid iſt etwas ganz anderes als ein Kleid für die Geſellſchaft, oder ein Morgenkleid. In Paris ſind dieſe Gegenſtände bereits mit wiſſen⸗ ſchaftlichem Scharfſinne abgehandelt; bei uns wird man noch darüber lachen, daß man nur an die Möglichkeit wiſſenſchaftlicher Behandlung eines ſolchen Gegenſtandes zu denken wagt. Die Urſache hierzu dürfte man jedoch bei den mei⸗ ſten Damen mehr in den mangelnden Mitteln als im Mangel an Schönheitsſinn und Neigung ſuchen müſſen. Bei einem aufmerkſamen Blick über die Hauptſtadt wird der Leſer bald bemerken, daß nur der eréme der haute volée und ſogar nur ſehr wenige unter dieſem, wie auch die eine oder andere aus der Claſſe, welcher Mamſell Michelſen angehörte, die einzigen ſind, welche die Myſte⸗ han und Reſſourcen der Toilette recht tief ergründet aben. Was die Mittel betrifft, ſo hatte Mamſell Michelſen ſich nicht darum zu bekümmern, weil ſie von Kellner einen Jahresgehalt bezog, der ſich auf 15— 20,000 Reichs⸗ thaler belief. Im Uebrigen war ihre Neigung zur Toi⸗ . 58 lette nicht blos Natur, ſondern auch Pflicht, denn ihre höchſte Pflicht war, Kellner zu gefallen. In der Kleidung einer Frau tritt immer ihr Cha⸗ rakter hervor: ſchmack, ihr H einem Kind. Aber um tiſtiſcher Blick in ihr legt ſie ihre Launen, ihren Ge⸗ erz nieder. In ihrem Putz ſpielt die Frau immer mit ſich ſelbſt, wie mit einer Puppe oder mit ſich in geſchmackvoller Uebereinſtimmung mit ihrem eigenen Ausſehen zu kleiden, dazu iſt ein ar⸗ und Bekanntſchaft mit der Harmonielehre der Farben erforderlich, überdies auch Sinn für den Cha⸗ rakter der Farben ſelbſt. Man kann allerdings zu einigen gegebenen Regeln für die Toilett e kommen, aber ſie hat auch etwas, das nur das eigene Urtheil des Individuums aufzudecken ver⸗ mag, etwas das unendlich verſchönt und Alles aufwiegt; allein dieſes Etwas beſitzen nur diejenigen, in deren Herzen der Philoſophenſtein ſich vorfindet, wir meinen nicht den Stein der Weisheit, ſondern den der wahren Schönheit. Ninon l'Enclos und Gabriele d'Eſtrees beſaßen ihn. Auch Mamſell Um einen Michelſen durfte ſich deſſelben rühmen. Begriff von ihrem Beobachtungstalent zu geben, dürften wir hier einige der Reſultate namhaft machen, zu denen ſie gekommen war. Eine Blo Roſa, Blau u allen Dingen ndine mußte ſich nach ihrer Anſicht in ud Kirſchroth kleiden. Letztere Farbe vor zu Halstüchern, Shälchen, Fiancées und Bandſchärpen. Sie paßt am beſten zu unbeſtimmten Mode⸗ farben in weiß, braun und grün. Orange o dern und der violett. Chamois, der blau zieren die Brünette, mit Hutbän⸗ gleichen Kleinigkeiten in braun und hell⸗ d. h. Lachsfarbe, in leichten Zeugen, mit braun und grün, darf nur von ſehr eigenthümlichen Damen getrag en werden. 59 Piſtache grüne Zeuge können mit Vortheil nur von ſolchen angewendet werden, die ſchöne Haare und eine friſche, lebendige Farbe beſitzen. Man ſieht ſie auch ſel⸗ ten, weil ſie, wenn ſie auch die Schönen noch ſchöner machen, alle Andern entſtellen. Zum Piſtachegrün trägt man roſa, hellviolett, ſehr oft auch kirſchroth. Zu den Roſazeugen paſſen am beſten Blumen von brauner und grüner Farbe; zu blauen Zeugen dagegen weiße Blumen. Lila wird von allen Altern getragen, aber da dieſe Farbe die Eigenſchaſt hat, bei Licht bedeutend häßlicher zu werden, als bei Tag, ſo paßt ſie am beſten für den Sommer. Hat die Dame eine friſche und ſchöne Farbe, ſo kann ſie lila tragen, ohne Rückſicht darauf, ob ſie blond oder brünett iſt. Aeltere Frauenzimmer benützen dieſe Farbe hauptſächlich bei feſtlichen Gelegenheiten, wo man nicht weiß oder ſchwarz tragen muß. Hellgrüne Zeuge werden vom Hofe getragen, wenn er ſich in Luſtſchlöſſern aufhält, man nennt ſie deßhalb auch Hagafarbe. Für ältere Damen paſſen hauptſächlich braune, graue, grüne und ſchwarze Farben. Schwarz wird vorzugsweiſe von eleganten Perſonen im Winter getragen, ſowie grau und Modefarben im Sommer. Aber die Geheimniſſe der Toilette beſaßen für Mam⸗ ſell Michelſen noch ein wichtiges Kapitel, nämlich die Erforderniſſe derſelben bei verſchiedenen Gelegenheiten. Wir laſſen gleichwohl dies bei Seite und begnügen uns mit dem, was wir bereits angeführt haben. „Ihre Gedanken ſchwammen in einem Lichtmeer der beſtändig veränderlichen Wellen der Mode; aber in dem⸗ ſelben Maß, wie ihr Geſchmack ſich ausbildete, folgte ſie der Mode nicht ſklaviſch, ſondern ſelbſtſtändig. Zuweilen war es ihr ſogar ein Vergnügen, launiſch mit ihr zu ſpielen, ein Spiel, deſſen kleine Bizarrerien ihre von Na⸗ tur ganz ungewöͤhnliche Schönheit beinah noch erhöhten. Das Ameublement ihrer Wohnung entſprach nach 60 allen Theilen der Eleganz ihrer Garderobe; beſonders war ihr Toilettenzimmer eines der zierlichſten, die man * ſehen konnte, obſchon nur ſehr wenige ſich damit ſchmei⸗ cheln durften, hineingeblickt zu haben, Schmuckſachen von Perlmutter, Döschen von Silber mit goldenen Zierrathen und Flaſchen von geſchliffenen— Bergkryſtallen verliehen dem ſtark vergoldeten Toiletten⸗ tiſch mit einem auf Sphinxen ruhenden Spiegel ein pracht: volles Ausſehen. Das ganze Zimmer war mit Pompadour drapirt, einem koſtbaren blumigen Seidenſtoff, mit Franzen ver⸗ ſehen und getragen von gleichfalls vergoldeten Amou⸗ retten. Im Fond ſtand ein kleiner Divanſofa mit demſelben Zeug überzogen. Da er reich mit Federn verſehen war, ſo konnte man beinah in einer weichen Schaukel zu ruhen glauben, wenn man ſich darauf ſetzte. In den Ecken lagen Kiſſen, kleine Meiſterwerke der Straminſtickerinnen der Hauptſtadt. Seitwärts vom Sofa ſtand ein kleiner Tiſch, worauf einige Bücher lagen, unter welchen man nebſt ein paar ausländiſchen Romanen die neuſten Schriften von Frau Carlén, Auguſt Blanche und Onkel Adam bemerkte. Der Ofen bildete ein Kamin, eine ſinnreiche, künſt⸗ liche Arbeit aus der Gießerei der Fabrikanten Sonberg in Stockholm. Er diente hier zum Piedeſtal eines der ſchönſten Gedanken der griechiſchen Mythe, nämlich einer Aphrodite, im Augenblick, wo ſie den Wellen des Meeres entſteigt. Natürlicher für den Platz, wo die Bildſäule jetzt ſtand, konnte man bemerken, daß ſie hier dem Feuer entſtieg. Dieſes Stübchen war Mamſell Michelſens Herzens⸗ kammer; es war das Innerſte ihres Liebestempels, an deſſen Schwelle nicht blos ſie ſelbſt als Prieſterin, ſondern auch Kellner als Oberprieſter wachte, 61 Als Mamſell Michelſen in die Wohnung zog, fand ſie ihr Schlafzimmer zwiſchen zwei großen Zimmern pla⸗ cirt; aber dies gefiel ihr nicht, und ſie meinte hier nie⸗ mals recht zu gedeihen. Auf ihr inſtändiges Verlangen wurde daher ein kleiner Theil des inneren großen Zimmers abgeſondert, und ſie ſchuf daraus allmälich das kleine zierliche Aſyl, das wir hier zu beſchreiben geſucht haben. Den übrigen Theil des großen Zimmers nahm der Wirth wieder, und es hatte bereits ſeit ein paar Jahren öde und leer dageſtanden. Mamſell Michelſen genoß ihre Stellung in vollem Maße, ſie hatte in ſo manchen Büchern geleſen, daß das Leben ſo kurz ſei, und ſie wollte nicht eine einzige Mi⸗ unte unbenutzt vorübereilen laſſen. Die Oekonomie berührte ſie nur wenig. Sie hatte einen Jahresakkord mit ihrem Miethkutſcher, und die Eqnipage koſtete ſie tauſend Reichsthaler; überdies hatte ſie eine Jahresrechnung nicht blos mit dem beſten Re⸗ ſtaurateur und Weinhändler der Hauptſtadt, ſondern auch mit Folker, Medberg, Ahlhom und andern Magazinen, denen ſie ihre Kundſchaft zuwandte. In ihrem Haus ging es ganz zu wie bei einer jungen Dame, die vor kurzem Wittwe geworden, nur mit dem Unterſchied, daß Mamſell Michelſen ihren Mann nicht verloren hatte und dennoch keinen beſaß. Um dieſe Parallele, welche ſie ſelbſt als die aller⸗ wichtigſte betrachtete, für Andere um ſo deutlicher zu machen, hatte ſie aus dem Findelhauſe der Freimaurer ein Kind genommen, dem ſie die ganze kokettirende Er⸗ gebenheit einer jungen Mutter widmete. In frühern Zeiten pflegten Damen in Mamnſell Mi⸗ chelſens Verhältniſſen einen kleinen Mops zu kaufen, um ſich damit zu beluſtigen; in unſern Tagen kaufen ſie ſich tin kleines Kind, um ſich an ſeinem Geplauder zu amü⸗ ſiren. 5 62 Das Kind, das Manſell Michelſen unter hundert ausgewählt hatte, war ſchön und fröhlich, wie eines Mädchens erſter Blick in die Welt. 3 Sie verſchwendete auch Alles, was ſie konnte, an die kleine Sophie, gerade als ob das junge Mädchen noch eine Puppe geweſen wäre, mit der ſie ſpielte. 3 Fuhr ſie aus, ſo mußte Sophie neben ihr im Wa⸗ gen düben; ging ſie aus, ſo ſprang Sophie an ihrer Hand. 3 Ein kleines Fürſtenkind konnte nicht zierlicher auf⸗ geputzt ſein, als Sophie war. Die Locken glänzten wie Gold um ihr Geſicht und ein Schäferhütchen ſaß wie ein Schmetterling über ihnen. Und wenn Kellner kam und man von nichts anderem zu ſprechen hatte, nahm Mamſell Michelſen ihren kleinen Liebling auf den Schooß und koste und tätſchelte ihn. Wenn Kellner vorher etwas verdrießlich oder ernſt⸗ haft war, ſo wurde er dann immer fröhlicher und milder. „Was Du eine gute Gattin und Mutter geworden wäreſt!“ flüſterte er ihr zu. Sie ſeufzte... bald ſeufzte auch er. Wenn Kellner Zeit hatte, kam er täglich zu ihr und lud oft ſeine Freunde ein, eine Abendſtunde dort zuzu⸗ bringen. Dieſe kleinen Zirkel waren unendlich angenehm. Niemand brauchte an etwas Anderes zu denken, als fröh⸗ lich und einander angenehm zu ſein. Im Sommer hatte ſie ihre kleine Sommerluſt im Thiergarten, aber auch dort beſuchten ſie ihre wenigen Freunde, und nie war ſie liebenswürdiger als im Schooße der Natur, in dem hübſchen Thiergarken. Manchmal konnte man Kellner mit ſeiner Frau eine Runde im Park machen ſehen, weil er des Scheines hal⸗ ber ſich dennoch zuweilen mit ihr zeigen wollte, aber eine Stunde ſpäter machte er dann immer dieſelbe Runde mit Mamſell Michelſen. Am Neujahr, wenn die Rechnungen für alles kamen, 63 was ſie im vergaugenen Jahr verſchwendet hatte, brummte er zwar einen Tag lang, aber der Tag ging vorüber; und er vergaß die langweiligen Ziffern... er brauchte ja jetzt wieder ein ganzes Jahr nicht mehr daran zu denken. Eines Nachmittags... es war ſchon Dämmerung.. hatte Mamſell Michelſen die kleine Sophie fortgeſchickt und hielt ſich allein in ihrem Lieblingsſtübchen auf. Auf dem ſchwellenden Divan ruhend, lehnte ſie ihren Kopf an ein Straminkiſſen. Sie hatte ſoeben im No⸗ ſtradamus Ring von Oettinger ein Kapitel von Hein⸗ rich 1V. und der ſchönen Gabriele deEſtrees geleſen, und die matten Augenwimpern ſanken zuſammen, die Bruſt hob ſich ſanft und ihre Gedanken flogen mit erſchlaff⸗ ten Schwingen über einen ganzen Roſengarten voll wol⸗ lüſtiger Träume. Anf dem Tiſch neben ihr brannten ein Paar Wachs⸗ kerzen, und bei dem Schein, der auf ſie fiel, nahmen ihre Wangen eine unbeſtimmte Farbe an, die ihr ein mattes und empfindſames, mildes und ſchwärmeriſches Anſehen gab, mehr anmuthsvoll als eigentlich ſchön, und mehr reizend als anmuthsvoll. Es war etwas von einer Sybaritin hier oben in unſerm kalten Schweden, eine halbſchlummernde Sy⸗ baritin. Ihre Lippen lächelten. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre. Sdie erwartete Kellner, und ſie wollte thun, als ob ſie ſchlafe und träume: Natürlich war er es ja, der hereinkam. Das Lächeln auf ihren ſchönen Lippen währte fort ... ſie wollte ihn bezaubern, ihn berauſchen mit dieſem olympiſchen Champagner, woran ſich das Herz in ſo rei⸗ chem Maße erlabt, wenn es mit der Göttin der Schön⸗ heit allein iſt in den dämmernden Orangenhainen von Paphos. 64 Aber in demſelben Augenblick ſpürte ſie eine kalte Hand, die ihre, nur von einem leichten, dünnen, weißen Tüllkragen bedeckte Schulter berührte. Erſchrocken ſchlug ſie die Augen auf, und erſchrack noch mehr, als ſie einen unbekannten Mann von finſte⸗ rem und düſterem Ausſehen über ſich hingebeugt ſah. „Was bedeutet dieſer Beſuch?“ fragte ſie.„Was wol⸗ 4 len Sie hier?“ Ihr Herz klopfte ſo heftig, daß ſie ihre Hand da⸗ gegen drücken mußte, um ſeine Schläge zu beruhigen. „Sie ſind eine laſterhafte Perſon, eine große Sün⸗ derin, ein tiefgefallenes und erniedrigtes Weib,“ ſprach der Unbekannte.„Kehre um, Du abfälliges Geſchöpf, ſpricht der Herr, denn ich will Dich mit mir verloben.“ Mamſell Michelſen ſtierte ihn au. „Wer ſind Sie?“ wiederholte ſie. „Fragſt Du, woher die Worte des Herrn Deines Gottes kommen und wohin ſie gehen? Bodenlos geſun⸗ kenes Weib, ich komme mit dem goldenen Leuchter in der einen und mit der blutigen Geißel der Strafe in der andern Hand. Wähle!“ Mamſell Michelſen glaubte zuerſt, der Mann ſei wahnſinnig; aber je mehr er ſprach, um ſo deutlicher ſah ſie ein, daß es ein Leſerprediger war, der vor ihr ſtand. In dieſer Vermuthung wurde ſie noch mehr beſtärkt, als ſie den fanatiſch brennenden und dennoch kalten Blick bemerkte, womit er ſie betrachtete. Seine Anweſenheit flößte ihr ein Gefühl unendlichen Unbehagens ein, und ſie äußerte ein Paar Worte, um ihn ſich vom Halſe zu ſchaffen. „Wie wankeſt Du ſo ſehr,“ antwortete er ihr,„und fällſt bald hier, bald dort... glaube mir... Du wirſt dennoch zu Schanden werden mit Aegypten, wie Du mit Aſſyrien zu Schanden geworden biſt.“ Mamſell Michelſen griff nach der Klingelſchnur, um v- 6⁵ einen Diener zu rufen; aber mit feſtem Arm hielt er ſie urück. 4 Als ſie die Klingel losließ, nahm er eine Scheere auf ihrem Tiſche, ſchnitt die Schnur ab und warf ſie ihr zu Füßen. Sie wollte ſich entfernen, aber er ſtellte ſich vor ſie an die Thüre. Und während dieſer ganzen Zeit fuhr er fort, mit ſeinen Worten ſie nach allen Seiten anzugreifen, und zwar mit einer Lebhaſtigkeit, einer Wärme, einer Kraft, als glaubte er, mit dem Schwerte des Geiſtes ſie augen⸗ blicklich beſiegen zu können... Sie ſah zuletzt, daß ſie ihm nicht entkommen konnte, und unterwarf ſich dem Schickſal, ihn anhören zu müſſen. Ohne alle Barmherzigkeit zerriß er den Schleier der Einbildungen und modernen Phraſen, hinter dem ihr Leichtſinn Schutz geſucht hatte. Die gauze ſcheinbare Sittenlehre, die auf falſchen ſophiſtiſchen Schlußfolgerungen beruht, hinter denen ſie ſich wie hinter einer Barrikade verſteckt hatte, weniger vor Andern als vor ihrem manchmal noch ſprechenden Gewiſſen, zertrat er ohne alle Schonung zu Trümmern. Und ſie erſchrak bald weniger vor dem Fanatiker, als vor ſich ſelbſt. Von allen Selbſttäuſchungen eutkleidet, nach allen Seiten hin nackt und blos, hielt er ihr ihr Leben vor; er unterſuchte die böſen Gelüſte in ihren Gedanken mit derſelben Genauigkeit und Kälte, wie ein Arzt mit dem Secirmeſſer die Nerven einer Leiche unterſucht. Er öffnete ihr die Beſchaffenheit des Abgrundes, an deſſen Rande ſie ſtand, er ſtürzte ſie hinab, damit ſie ſelbſt in der Tiefe ſich recht betrachten könnte, er zeigte ihr die ſtrafende Hand Gottes, die in der dunkeln Wolke über ibrem Haupt ſchwebte, und nur deßwegen noch zögerte, ihren Blitz in ihr Herz hinabzuſchleudern, weil ſie ſehen wollte, ob nicht Das Gewiſſen. II. 5 6⁸ ſie ſelbſt reumüthig und bußfertig ſich vom Wege des Laſters und der Verdammniß zurückwenden würde; end⸗ lich apellirte er an den Richter in der Tiefe ihres Buſens, um zu richten zwiſchen ihr und ihm. Er hatte mit ſolcher Energie geſprochen, daß er endlich Mamſell Michelſens Gedanken wirklich beſchäftigte, und er hörte nicht auf, all' die geträumten ſchönen und lachenden Luſttempel, womit ſie ſich umgeben hatte, nie⸗ derzureißen, bis er jetzt in ihr ſchutzloſes Herz eingedrun⸗ gen war und endlich eine Sturzfluth von Thränen aus ihren Augen gepreßt hatte. Aber dieſe Thränen waren für ihn nur Oel in's Feuer. Je mehr ſie weinte, um ſo brennender wurden ſeine Vorſtellungen, um ſo höher flammte die Gluth in ſeinen Blicken, um ſo feuriger fielen ſeine Worte. „Weine,“ rief er,„weine Du kannſt nicht genug weinen; Deine Strafe ſteht bereits in dem Buch des Ewigen eingezeichnet. Weine,“ fügte er hinzu,„weine. Es bedarf eine ganze Sündfluth von Thränen, um die Erde von den Verbrechen zu reinigen, die Du bereits begangen haſt. „Du biſt erweckt,“ ſagte er endlich,„Du biſt ſogar gerührt; aber Du biſt nicht erleuchtet und nicht ſtarkz ich werde wiederkommen.“ Sein Auftreten hatte einen entſetzlichen Eindruck auf ſie gemacht. Das Saitenſpiel in ihrem Buſen, das bis jetzt nur wollüſtige Weiſen hatte erklingen laſſen, war zertreten. Aber die Stimme der Klugheit bekam wieder ihre Gewalt über ſie, und wenn ſie ihr gebot, ihre Stellung nicht zu verändern, ſo gebot ſie ihr auch, vor Kellner zu verbergen, was in ihrem Innern vorging. Der Fanatiker kehrte inzwiſchen zurück und der Kamdf zwiſchen Mamſell Michelſens Neigungen und Ge⸗ wohnheiten auf der einen Seite und ſeinen ſtrafenden und beſſernden Bemühungen auf der andern währten fort. 67 An demſelben Vormittag, wo die ſchwarze Charlotte mit dem Löwen aus der nördlichen Correktionsauſtalt eutfloh, hatte der Leſerprieſter ſich wieder eingefunden. Mit einer Predigt über die Vergebung der Sünden beſchäftigt, hörte er ganz unvermuthet, wie die Thüre zum Nebenzimmer ſich öffnete und leidenſchaftliche Aus⸗ drücke ſich ergoßen. 3 Gleichſam überraſcht von dem, was er hörte, unter⸗ brach er ſeine Rede und hielt mitten in einem Satze ein. „Ewig ſtrafende Vorſehung!“ rief er,„wer wohnt in dieſem Zimmer? die Stimme iſt mir bekannt.“ Der Leſer erinnert ſich, daß nur eine dünne Bret⸗ terwand ſich zwiſchen den Zimmern befand, ſo daß, was in dem einen Zimmer einigermaßen laut geſprochen wurde, immer auch in dem andern gehört werden mußte. „Still, ſtill, jedenfalls ſtill!⸗ Der Leſerpfarrer zeigte eine Unruhe, die Mamſell Michelſen im höchſten Grade aufmerkſam machte. Dreizehntes Kapitel. Das Zimmer daneben. Auf ihrer Flucht hatte ſich die ſchwarze Charlotte in einem exaltirten Zuſtand der Unruhe und Beſorgniß befunden. Alle ihre Gedanken, ihr ganzes Weſen hatten ſich dabei in ihrem Innern conzentrirt. Es war ihr unmöglich geweſen, ſich in Worten zu äußern. In jedem Blick, den Vorbeieilende ihr zuwarfen, glaubte ſie zu le⸗ ſen, daß ſie entdeckt ſei. In dem Getöne jedes Fußtritts 68 hinter ſich meinte ſie einen Verfolger zu hören: das weiße Spinnhauskleid, das ſie noch unter ihrem Mantel trug, brannte ſie wie ein Neſſusgewand. Ihr Puls ging un⸗ gleich, zuweilen ſchlug er kaum, und zuweilen hörte ſie ſelbſt ſeine unregelmäßigen Schläge, ſo gewaltſam ging er. Manchmal hielt ſie den Athem ein, indem ſie ängſt⸗ lich auf jedes Getöſe um ſie her lauſchte. So kamen ſie auf die Zimmer, welche der Löwe gemiethet hatte, und hier athmete ſie zum erſtenmal die ſo lang im Herzen eingeſchloſſenen Lebensgeiſter recht aus, während ſie außer ſich vor Liebe, glühend von Dankbarkeit und Leidenſchaft, ihre Arme um den Löwen ſchlang und ihn an ihre von vulkaniſchen Gefühlen po⸗ chende Bruſt drückte. Charlotte und der Löwe bildeten zuſammen eine Gruppe, die dem Pinſel eines Künſtlers Ehre gemacht hätte. Es war keine Convenienz in ihrer Liebe, es war die ungeheuchelte wahre Natur. Man glaubte, die Liebe eines Löwen und einer Löwin zu ſehen. Die Augen brannten von Feuer, die Lippen glühten von Wärme, die Wangen wurden von Hingebung bepurpurt. Charlotte hatte Mantel und Hut abgeworfen. Gegen das weiße Sträflingskleid, das ſich dicht um ihren Leib ſchloß, ſtach das glänzende ſchwarze Haar auf eine blen⸗ dende Weiſe ab. Der Mann beſitzt einen Olymp in feinem Kopf, das Weib in ſeinem Herzen. Der Verſtand bevölkert den erſtern mit ſeinen Göttern, gefühlvolle Wünſche das letztere. Aber es gibt einen Gott, das ungezügelte Re⸗ ſultat des Willens und der Begierde, der über ihnen allen ſteht, und vor deſſen Scepter ſie ſich beugen. Die⸗ ſer mächtige Saturn iſt die Leidenſchaft mit Attributen, die ſowohl von dem Himmliſchen als dem Irdiſchen in uns entlehnt ſind; ſie entführt uns von beidem hinweg 69 zu ihrem eigenen einſeitigen Ziel, und zwar in einer Gewitterwolke. Die Leidenſchaft iſt die unerforſchliche Macht in uns, die im Uebermaß ihrer Neigung den Menſchen oft auf der Grenze zwiſchen der Ordnung der Geſellſchaft und der Ordnung Gottes aufhält nnd ihm gebietet, ihr zu folgen, indem ſie ihn zu einem Tempel und zu einem Altar führt, wo er zuletzt Niemand anders beſitzt, den er anbeten kann, als ſich ſelbſt. Wenn die Leidenſchaften die Fahnen des Menſchen⸗ geſchlechtes tragen, ſo werden dieſe nicht zum Frie⸗ den und zur Verſöhnung getragen, ſondern zum Krieg. Die Leidenſchaft will aber vor nichts niederfallen und anbeten: ſie will über alles berrſchen. Von einer ſolchen Leidenſchaft waren wenigſtens der Löwe und die ſchwarze Charlotte belebt. Er war der Kopf, ſie war das Herz. Ihre Liebe war für ſie beide ein Bedürfniß. „Ich bin alſo frei,“ rief Charlotte,„und wieder bei Dir!“ Die Freiheit und die Liebe, das ſind die Pole der Axe, um welche ſich das menſchliche Leben in all ſeinen verſchiedenen Gebieten ewig bewegt. „Du biſt mein Himmel,“ fuhr ſie fort,„und Du biſt meine Hölle. Ich habe an Dich gedacht und bin glücklich geweſen; ich habe mich von Dir getrennt gefühlt und habe bittere Qualen erlitten.“ Die Bruſt des Löwen hob ſich, ſein Ausſehen gewann an Muth und Kraft, er athmete freier. In dieſem Au⸗ geublick hätte keine Macht Charlotte aus dem Arm zu reißen vermocht, der ihren Leib umſchloß. Aehnlich zwei mächtigen, aber gefallenen Engeln lehnten ſie ſich gegen einander und athmeten ernente Jugend in ihrer gegenſeitigen Anſchauung. In dem Blick, den ſie auf einander hefteten, lag eine ganze Nacht mit ihrem Sternenglanz. 1 70 Die Morgenröthe iſt die Abendröthe der Nacht und die Abendröthe iſt ihre Morgenröthe: wenn man ſie ſich ſo denkt, ſo lächelten eine Abendröthe und eine Morgen⸗ röthe durch die Nacht hindurch aus ihren Herzen einan⸗ der entgegen. 4 Erſcheinungen und Bilder wie dieſe zwei Perſonen ſchwebten ganz gewiß oft an Milton's Seele vorbei, wäh⸗ rend er von den hinreißenden Mythen des verlorenen Paradieſes begeiſtert wurde. „Du biſt mein Donner,“ flüſterte Charlotte dem Löwen zu,„wo Du auch ſein magſt, höre ich Deine Stimme und mein Herz zittert.“ „Du biſt mein Blitz,“ antwortete er ihr,„in Dir fühle ich meine Gedanken und meine Beſtrebungen zu einem Strahl zuſammenſchmelzen, der mich erleuchten und leiten wird... ja, er wird mir den Weg zu mei⸗ nem Ziele bahnen.“ „Du biſt nicht gefangen, nicht in Ketten geſchmiedet, nicht von der Welt abgeſchieden, nicht der Freiheit be⸗ raubt geweſen; ich war es, ich; mein Gedauke an Dich iſt mir gefolgt und hat mich aufrecht erhalten.“ „Rein, ich bin auch nicht frei geweſen,“ antwortete er,„deun mein Herz ſaß gefeſſelt bei Dir. Jetzt erſt fühle ich mich wahrhaft frei.“ „Im Gefängniß habe ich Zeit gehabt, mein Leben zu durchgehen und zu prüfen, ob ich Deiner würdig bin. Ich habe mich unſerer erſten Jahre erinnert, wo wir zu⸗ ſammen ſpielten, ohne Ahnung deſſen, was wir in Zu⸗ kunft für einander werden ſollten. Erinnerſt Du Dich der Hütte in dem Ryder Kirchſpiel... mit ihren ſchiefen Wänden, ihrem vermoderten Strohdach?... erinnerſt Du Dich der Meereswoge, die den ſteinigen Strand veitſchte?... erinnerſt Dn Dich, wie wir in den brau⸗ ſenden Wellen ruderten, uns an der Raſerei des Sturmes erfreuten, die mitternächtigen Blitze genoſſen... O, es 3 — * 71 war doch ſchön, klein zu ſein und in ſeinen Gedanken mit der ganzen Welt zu ſpielen.“ „Ich habe nichts vergeſſen, Charlotte. Deiner Mut⸗ ter düſteres und verſchloſſenes Weſen, ihr räthſelhaftes Gerede von meiner Herkunft, und daß ich dereinſt vielleicht ein großer Mann werden würde, ihre Nachſicht für unſere gegenſeitige Ergebenheit, während Dein Bruder immer neidiſch und gehäſſig gegen mich blieb, alles das übte einen merkwürdigen Einfluß auf mein junges Gemüth aus und legte in meine Seele ſo viel Hochmuth, ſo viel Selbſtſucht, daß es mich noch heute empört, nicht mit meiner Hand die Geſellſchaft zermalmen zu können, die mich verachtet oder verfolgt.“ „Erinnerſt Du Dich, mit welchem Kummer wir uns von den Klippen und Wäldern trennten, als meine Mut⸗ ter endlich nach Stockholm zog und ſich da niederließ? Erinnerſt Du Dich, wie wir in jedem Baum, in jeder Blume einen Freund zu haben glaubten, von dem wir Abſchied nehmen müßten?“ „Herrliche und dennoch närriſche Zeit! Ich erinnere mich, daß ich mir in einem Stachelbeerbuſch ein gutes Weſen vorſtellte, und ich fiel vor demſelben nieder, um von der Heimath meiner Kindheit Abſchied zu nehmen, als ein Ereigniß mich unterbrach und mich in meinen eigenen Augen lächerlich machte.“ „Ein Ereigniß?“. „Ich hörte ein wildes, höhniſches Lachen über mei⸗ nem Kopfe.“ „Ein Lachen?“ „Ich ſtierte verwundert auf... es war eine Elſter, die mich auslachte. Aber, fahre fort, Charlotte, fahre fort... dieſe Erinnerungen erfreuen mich, weil ſie von Dir kommen, fahre fort.“ 1 „Wir verließen das Land,“ ſprach ſie weiter,„wir kamen in die Hauptſtadt. Meine Mutter war ihres 72 Wittwenſtandes müde geworden, und verheirathete ſich wieder.“ „NManchmal habe ich an dieſe Ehe gedacht... und es will mich noch jetzt bedünken, als ob ſie der Anfang zu ihrem und unſerem Unglück geweſen wäre.“ „Du konnteſt meinen Stiefvater nie leiden, und ich glaube, daß Du Recht hatteſt. Er wollte Dich, wie 4 auch mich und meinen Bruder zwingen, ſelnen Namen anzunehmen.“ 8 „Ich war, wie Du Dich erinnerſt, bald entſchloſſen und deſertirte von ihm. Später habe ich nichts mehr von ihm gehört. Er betrachtete mich vermuthlich als einen Verdammten.“ „Ach daß ich Deinem Rath gefolgt und mit Dir geflohen wäre! Mich und meinen Bruder führte er eines ſchönen Tags mit ſich fort, und man taufte uns förmlich. Damals verſtand ich nicht viel davon, jetzt verſtehe ich es ganz gut. Mein Stiefvater war Katholik und er ließ uns zu Katholiken taufen, worauf wir in die katholiſche Schule gegeben wurden, um erzogen zu werden. Das beſtändige Einerlei, das jetzt folgte, das unaufhörliche Kirchgehen, das ewige Meſſebeſuchen und Beten ſagte meinem Geſchmacke nicht zu. Mein Bruder blieb immer gleich verſchloſſen, und da er Dich nicht mehr beneiden konnte, ſo beneidete er alle andern. Was in ihm vor⸗ ging, konnte ich mir nie recht klar machen. Innerhalb der Schulwände nahm ſein Charakter jedoch eine düſtere religiöſe Richtung an. Ich glaube, daß er von geiſtlichem Ehrgeiz und Hochmuth beherrſcht wurde. Eines Tags fragte er mich, ob ich entfliehen wolle, und ich freute mich über den Vorſchlag, denn ich dachte an Dich; doch fragte ich ihn um die Urſache ſeines Vorſchlags. Ich will ſie Dir mit wenigen Worten ſagen, antwortete er, und erzählte mir jetzt, daß er vor ein paar Wochen an einem Haus in der Stadt vorbeigegangen ſei, und als er da gehört habe, daß mehrere Perſonen ein geiſtliches —.—— —.— Lied ſangen, ſo habe er ſich hineinbegeben, Dort habe er, erzählte er weiter, einem ordentlichen Gottesdienſt angewohnt, und zwar ſei derſelbe von einem Manne ge⸗ halten worden, der, nach ſeinen Kleidern zu ſchließen, durchaus kein Geiſtlicher geweſen. Juſt dieſer Umſtand zog ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich, weil er darauf den Schluß baute, daß auch er die Erlaubniß erhalten könnte, zu predigen, wenn er auch kein Geiſtlicher wäre, ſondern nur von einem wahren Geiſte belebt würde. Von dieſer Stunde an betrachtete er auch den Katholicismus nur als eine Feſſel ſeiner Freiheit, als ein Hinderniß, auf eigene Fauſt etwas zu werden, und deßhalb wollte er jetzt ſo ſchnell wie möglich fliehen. Ich grübelte nicht lange darüber nach. Mir war es ganz gleich, was mein Bruder zu werden beabſichtigte. Ich dachte blos an Dich und hoffte, Dich ausfindig machen zu können. Wir flohen. Wohin mein Bruder ſich begab, weiß ich nicht Ich trieb mich bei Nacht auf den Straßen herum und verbarg mich bei Tag, aber Du kamſt nicht zum Vor⸗ ſchein. Wie unglücklich fühlte ich mich nicht! In die äußerſte Noth gebracht, begab ich mich aufs Land, in die Heimath unſerer Kindheit. Ich glaubte beinah, daß ich Dich dort finden würde.“ „Arme Charlotte! Ich ſehe Deinen Kummer... ich verſtehe Deine Sehnſucht.“ Und der Löwe drückte ſie noch feſter in ſeine Arme. „Ich zählte nur ſiebzehn Jahre. Ach mein Herz war voll von Wehmuth. Ich rief Deinen Namen an der Klippe und im Wald; aber bei der Klippe antwor⸗ tete mir nur die brauſende Woge und im Wald ant⸗ wortete mir nur der pfeifende Wind. Ich ſuchte ein Obdach in dem alten Häuschen meiner Mutter, ich freute mich, auf ſeinem verfallenen Heerde die Flamme wieder lodern zu ſehen.“ „Zur ſelben Zeit,“ bemerkte der Löwe,„war ich 74 bereits im Ausland. Meine Neigungen zogen mich nach der Hauptſtadt der Welt, nach Paris.“ „Der Hunger begann endlich an mir zu zehren.“ „Armes Mädchen! ich machte damals gute, glänzende Geſchäfte.“ „Ich verließ die Hütte und begab mich zum nächſten Nachbar. Dort erkaunte man mich wieder und ich er⸗ zählte einen Theil meiner Geſchichte. Der Hofbeſitzer war ein junger Mann, den ich von meiner Kindheit auf kannte. Er bot mir einen Dienſt bei ſich au und ich verſtand mich mit Vergnügen dazu.“ „Ach, mein Gott, ich ſpielte zu dieſer Zeit die Rolle eines großen Herrn unter den jungen Windbenteln der Hauptſtadt Frankreichs: die Schule war gut.“ „Der Hofbeſitzer, mein neuer Herr, war ein roher und eingebildeter Burſche, dabei noch unverheirathet. Er beauftragte mich, ſeinen Viehſtand zu beſorgen, und ich that es ſo gut ich konnte. Aber jetzt ſollte mein Unglück erſt angehen.“ „Bei dem Bauer?“ „Ja, durch ſeine Schuld: Der Hof lag im Dorfe und der nächſte Nachbar wohnte ganz nahe bei uns, bei⸗ nahe Haus an Haus. „Ich bewohnte damals ein prachtvolles Hôtel in der Babylonſtraße zu Paris.“ „Unſer Nachbar hatte ein kleines Kalb...“ „Ach, ein Vollbluthengſt ſtampfte da mit ſeinen kräftigen Hufen in meinem Stall, und wenn ich mich im 6 Boulogner Walde zeigte, blickten alle Damen mit Be⸗ S wunderung auf mich. 3 „Dieſes kleine Kalb war mein Entzücken, und ich nahm einmal eine Hand voll feines Hen vom Futterboden meines Bauern und brachte es ihm. Es war mein Vergnügen, das ſchöne Thierchen zu ſtreicheln und zu bewirthen, ſo gut ich konnte.“ 5 „Mein größtes Vergnügen war damals, das Theater — 7 — 7⁵ Fraucais und die übrigen öffentlichen Verſammlungs⸗ plätze der großen Stadt zu beſuchen.“ „Mein Bauer begann ungewöhnlich freundliche Blicke auf mich zu werfen, und dies nahm immer mehr zu, ſo daß ich mich endlich über ſeine Abſichten nicht mehr täuſchen konnte. Ich wies ihn auch zurecht und erklärte ihm mein Mißvergnügen; aber da drohte er, mich als Diebin zu verklagen, wenn ich ſeinen Wünſchen nicht nachgebe. Ich forderte ihn auf, es zu thun, um ſo mehr, als ich mich unſchuldig wußte und nicht glaubte, daß er eine Veranlaſſung haben könnte, ſeine Drohung auszu⸗ führen. Einige Tage nachher erſchienen gleichwohl Burſche mit einer Vorladung. Ich war angeklagt, die Hand voll Heu geſtohlen zu haben, die ich meinem kleinen Liebling, dem Kalb des Nachbars, gebracht hatte. Die Stirne des Löwen legte ſich in düſtere. drohende Runzeln. Seine Fäuſte ballten ſich. Seine Bruſt hob ſich. Seine Naſenflügel erweiterten ſich und ſchnaubten wilden Mutb. 4 Er ſelbſt bebte vor einem Verbrechen nicht zurück, er liebte es ſogar bei Charlotte, aber hier zeigte ſich ein Beiſpiel, wo der in der Geſellſchaft geachtete Mann kalt und gleichgültig ein unſchuldiges, junges Mädchen brand⸗ markte, weil ſie ſich ſeinen Begierden nicht unterwerfen wollte. „Nun?“ bemerkte er. Dieſes einzige Wort wurde mit einer Stimme aus⸗ geſprochen, die von Haß und Wuth zitterte. „Ich trat vor das Gericht, geſtand alles und er⸗ zählte, wie die Sache zuſammenhing. Das Urtbeil wurde gefällt und ich des Diebſtahls ſchuldig erklärt. Man hatte die Hand voll Heu zu acht Schillingen angeſchlagen. Einige Bekannte, die au meinem Schickſal Theil nahmen, riethen mir, an das höhere Gericht zu appelliren; ich that es und die Sache wurde vor das Hofgericht gewie⸗ ſen; aber dieſes beſtätigte das Urtheil.“ 1 „Gerechte Vorſehung!“ rief der Löwe,„Du wurdeſt 76 alſo im Namen der öffentlichen Moral, im Namen des Geſetzes und der Geſellſchaft verurtheilt? Keine Zeit hat ſo philanthropiſch geſchwatzt, wie die unſere... gleich⸗ wohl... was hilft es gegen die Verbrecher barmherzig zu ſein, wenn man Unſchuldige zum Verbrechen zwingt?1* „Sobald mein Urtheil gefällt war, entließ man mich aus meinem Dienſt, und ich bekam Zeugniſſe, worin es hieß: verurtheilt wegen eines kleinen Diebſtahls, ohne daß jedoch die Verhältniſſe genauer angegeben waren.“ „Fluch!“ rief der Löwe, dem es unmöglich war, ſeinen Zorn zu unterdrücken.“ „Ich ſuchte Dienſt... aber ſobald man mein Zeugniß zu ſehen bekam, kehrte man mir höhniſch den Rücken.“ „Wehe, über unſere ſcheinheilige Philanthropie; man liebkoſt den Schwachen mit der einen Hand, während man ihm mit der andern das Stück Brod entreißt.“ „Alle Thüren waren mir verſchloſſen. Ichh war nahe daran zu verhungern, und ich beſchloß, ein ſo nutz⸗ loſes und verlorenes Leben, wie das meinige bereits war, abzukürzen. Ich begab mich nach der alten Hütte meiner Mutter zurück... ich ſuchte unſere Lieblingsplätze auf... ich nahm noch einmal Abſchied von ihnen und beſtieg dieſelbe Klippe, auf deren Gipfel wir ſo oft als Kinder geſpielt hatten. Unter meinen Füßen wälzte ſich die Woge düſter und tief, und es war mir, als rief ſie mich zu ſich. In dieſem Augenblick, einem der verzweiflungs⸗ vollſten meines Lebens, als ich eine Welt, die mich ver⸗ laſſen hatte, für immer zu verlaſſen gedachte, hörte ich unten an der Klippe meinen Namen rufen. Ich blickte hinab... und da entdeckte ich einen Menſchen, der herankam. Erſchrocken wollte ich mich über die Klippe hinabſtürzen, um mich ihm zu entziehen, weil ich ein Geſchlecht haſſen gelernt hatte, das mich ſo grauſam ver⸗ kannte. Aber der Fremde war in ſeinen Bewegungen raſcher, als ich; am Rande des Abgrundes ergriff er † 2 —— 77 mich und hielt mich zurück. Was machſt Du? fragte er mich. Du biſt wegen Diebſtahls verurtheilt, ich weiß es, fuhr er fort, aber darum haſt Du wohl keinen Grund, Dein Leben abzukürzen. Die Geſellſchaft hat Dich aus⸗ geſtoßen... das Geſetz hat Dich gebrandmarkt... aber was will das heißen? man kann dennoch leben. Folge mir und Du ſollſt ſehen, daß Du es noch recht angenehm in der Welt bekommen kannſt. Ich folgte. Ich erblickte in dem Unbekannten einen Retter, einen vom Himmel geſandten Engel, und ich dankte Gott, der ihn in der rechten Stunde ausgeſchickt, um mir die be⸗ freiende Hand zu reichen. Der Mann hieß Ephraim.“ „Ah, ich weiß... der Fuchs...“ „Ich wußte es damals nicht, aber er hat ſich ſpäter unter dieſem Namen bekannter gemacht. Sein Vater befand ſich in armſeligen Umſtänden. Ephraim war der älteſte Sohn. Er nahm mich mit in ſeines Vaters Haus und theilte mit mir das Wenige, was er hatte. Er be⸗ wies mir deutlich, daß ich keine Hoffnung mehr hätte, einen Dienſt zu finden, ſondern, daß ich in Folge des von zwei Gerichtshöfen ausgeſprochenen Urtheils, ſowie des Wortlautes meines Pfarrzeugniſſes und meines Ent⸗ laſſungsſcheines für immer von der Möglichkeit ausge⸗ ſchloſſen ſei, auf gewöhnlichem Wege mein Auskommen zu ſuchen. Nachdem ich zugeſtanden, daß er meine Stel⸗ lung richtig beurtheilte, erklärte er, daß ich, wenn ich nur ſeinem Rath folgen wolle, immer noch gute und barmherzige Menſchen finden könne, die mich mit theil⸗ nehmender Liebe behandeln würden. Ich verſprach, mich an ſeinen Rath zu halten und bat ihn, nur zu ſagen, was er glaube, daß ich thun ſolle. Ein andermal, ant⸗ wortete er mir, ein andermal; aber nichts deſto weniger begann er eine Menge Perſonen, nicht blos aus der Gegend, ſondern aus dem ganzen Reich aufzuzählen, bei denen ich wohlwollenden Schutz und Unterkommen finden würde, wofern ich mich ihnen nur durch ein Loſungswort 78 zu erkennen gäbe, das er mich lehrte. Das alles kam mir ſehr ſonderbar vor, aber er betheuerte, daß eine große Geſellſchaft beſtehe, die beinah in allen Gemeinden verzweigt ſei, und deren Zweck dahin gebe, einander unter ſich, ſo wie allen unſchuldig wegen irgend eines Ver⸗ brechens Verurtheilten zu helfen; dieſe Geſellſchaft habe ihren eigenen König, ihre eigene Sprache, ihre eigene Geſetze, ihre eigene Verfaſſung, ihre eigenen Strafen und Strafgerichte; ja, man könne ſie beinah als eben ſo gut organiſirt betrachten, wie den Staat ſelbſt.“ „Der Fuchs iſt immer liſtig geweſen. Er wollte Dich in unſern großen Bund verlocken.“ 5) *) Um der Vermuthung zu eutgehen, daß des Verfaſ⸗ ſers Fantaſie etwas erſchaffen habe, was in der Wirklichkeit ſelbſt nicht vorhanden iſt, wollen wir erwähnen, daß verſchiedene Verhältniſſe den wirk⸗ lichen Beſtand einer ſolchen ſehr weit verzweigten Diebsverbindung im Laude zur Gewißheit erhoben; daß dieſe Verbindung ihren eigenen König, ihre eigene Sprache, ihre eigenen Geſetze und mitunter * ihren eigenen Strafeodex hat, ſteht vollkommen außer aller Frage, und wir werden im Verlauf dieſer Arbeit Gelegenheit haben, vollſtändigere Aufſchlüſſe darüber zu ertheilen. Im Uebrigen verweiſen wir jeden Zweifler an den Kommandanten von Langſholm, der gleichzeitig mit dem Verfaſſer Kenntniß von der Sachlage erhielt. Was die Verzweigungen im Lande betrifft, ſo nimmt man in Oſtgothland all⸗ gemein an, daß ſich eine eombinirte Diebsbande 4 auf dem Weg zwiſchen Norrköping und Jönköping vorgefunden habe. Man glaubt ſogar bereits, meh⸗ reren Ausläufern in den Bezirken Ryſtadt, Kaga, Kärna, Tollſtadt, Veta, Herrberg, und Wardsberg, um nicht eine noch weit größere Anzahl zu nennen, auf der Spur zu ſein. Die Diebe ſtehlen gewoͤhn⸗ lich nicht in der Nähe ihrer eigenen Wohnorte, ſondern ſie erhalten durch Korreſpondenz mit den * 2 79 Charlotte hatte während ihres langen Arreſtes ganz in ſich verſchloſſen gelebt und dabei Gelegenheit erhalten, ihre Gedanken zu einem einzigen Bilde zu ſammeln; ein unwiderſtehliches Verlangen trieb ſie, als ſie ſich wie⸗ der frei und von dem Manne ihrer Liebe umarmt ſah, ſich ihm gänzlich zu entſchleiern. Bisher hatte ſie noch in gewiſſen Beziehungen unklar vor ihm geſtanden. Sie hatten einander geliebt und manche aufopfernde Tugend für einander gezeigt, aber ſie hatten nie daran gedacht, einander die Urſachen an⸗ zuvertrauen, warum ſie ſich auf demſelben Wege begeg⸗ neten. Sie hatten dieſes Zuſammentreffen für natürlich angeſehen, weil es für ihre Herzen natürlich war, und ſie hatten nicht weiter geforſcht. Während ihrer Gefangenſchaft warf ſich indeſſen Charlotte beinah mit Gewiſſensqual dieſes Schweigen vor, und ſie beſchloß, ſobald ſie wieder mit ihm zuſam⸗ mentreffe, ihm alles anzuvertrauen, was ſie berühre. Sie ſprach auch mehr aus innerem Bedürfniß, als weil ſie bedachte, ob er ſie mit Vergnügen anhöre oder nicht. Der Löwe empfing indeß ihre Mittheilungen mit wirklichem Vergnügen, denn alles, was Charlotte berührte, das berührte auch ihn. Gleichwohl verſtummte ſie hier eine Weile, gleichſam um ſich zu beſinnen, wohin ſie ſich jetzt wenden ſollte in ihrer Erzählung von der umfaſſenden Bahn, die ſie be⸗ trat, als ſie den Fuchs verließ und ſeinem Rath folgte. Nachbarn die erforderlichen Mittheilungen, worauf ſie ſich bei Nacht zu Wagen vor dem Hauſe des Opfers einfinden, den Einbruch veranſtalten, das Geſtohlene auf Wagen laden, und ſich auf die Flucht begeben. Die Verbrecherliſten hier im Ort machen dieſe Art und Weiſe, wie die Diebe zu Werke gehen, ganz unzweifelhaft. 80 „Fahr fort, fahr fort,“ ermahnte ſie der Löwe, als ſie in ihrer Schweigſamkeit beharrte. „„’Du bitteſt mich fortzufahren. Aber was kann das helfen? Ich wurde, was ich bin. Gleichwohl... es iſt wahr... zwei Augenblicke will ich doch nicht ver⸗ geſſen, zwei große, wichtige Augenblicke, die das Werk vollendeten.“ „Zwei Augenblicke, ſprich, ſprich.“ 3 „Ein paar Jahre waren vergangen. Es war Nacht.. ich befand mich mit einigen andern, auf dem Thiergar⸗ tenberge... wir hatten zwiſchen den Bergklippen ein Feuer angemacht... und wir bildeten uns ein, daß wir Zigeuner wären. Ich wurde zur Prezioſa der Ge⸗ ſellſchaft ernannt... ich ſang und tanzte.“ „Ich verſtehe, auf was Du abzielſt... ſtill, ſti 4 „Nein, mein wilder Löwe, nein! Du mußt mich hören. Wie geſagt, ich ſang und tanzte. Wir waren vergnügt und ſahen ruhig der Zukunft entgegen.. denn damals hatten wir wenigſtens eine Freiſtätte in dieſen Bergen, weil die Polizei noch nicht angefangen hatte, dort eine Hetzjagd auf uns anzuſtellen. Auf ein⸗ mal hielt ich jedoch in meinem Tanz und Geſang ein, denn ein Jagdruf in den Bergen nahte meinen Ohren. Ich lauſchte... man forderte mich auf, fortzufahren... aber ich lauſchte blos... Noch einmal wurde der Jagd⸗ ruf wiederholt. Ein ſonderbares Zittern überfiel mich. Die Stimme war mir bekannt.“ „Ich bitte Dich, Charlotte, ſchweig, ſchweig; Du machſt mich erröthen.“ „Erröthe immerhin, das ſteht Dir gut. Mein Herz war noch unſchuldig. Mitten unter all den Laſtern, die mich umgaben, war ich rein. Ein dritter Jagdruf ließ ſich hören; und jetzt wußte ich bereits, von wem er kam, und mit einem einzigen Sprung ellte ich über das Feuer weg, oh, ja, ich hätte durch daſſelbe ſpringen können, — 81 8 wenn es ſich darum gehandelt hätte... ich verſchwande im Walde... ich eilte meinem Jäger entgegen.“ „Du eilteſt mir entgegen,... ja, ja, ich erinnere mich.“ 9. Jc hatte Dich viele, viele Jahre hindurch nicht geſehen... Dein Bild ſtand fortwährend vor meinen Augen. Jetzt ſchloß ich Dich in meine Arme.“ „Aber ſchweig jetzt wenigſtens, Charlotte.. er⸗ niedrige mich nicht in meinen eigenen Augen.“ „Das nicht, aber Dun mußt mich anhören. Ich war wahnſinnig vor Freude, Dich wiederzuſehen... und Du?“ „Ich war noch wahnſinniger... aber ſo höre doch auf.“ „In Wahrheit, Du warſt wirklich noch wahnſinniger. Mit der Scheu eines verunglimpften Mädchens zog ich mich auch bald von Dir zurück. Du verfolgteſt mich. Ich floh. Du befahlſt mir ſtehen zu bleiben. Du droh⸗ teſt mir. Ich wurde zornig. Unſere ganze Freundſchaft ſchien abgebrochen zu ſein. Du bateſt, und ich weigerte mich. Du befahlſt, und ich trotzte.“ „Ich war von Sinnen... noch einmal, ſtill... um alles in der Welt, ſtill...“ „Du zogſt ein Piſtol hervor und drohteſt mich nie⸗ derzuſchießen. Erinnerſt Du Dich meiner Antwort?“ „Ganz gut...“ „Ich bat Dich, zu ſchießen. Dieſe Bitte brachte Dich zu Dir ſelbſt zurück und die Reue folgte der Narr⸗ heit auf der Spur, obſchon ſie nur eine andere Narrheit erzeugte. Mein Muth vernichtete Dich.“ „Charlotte, Du haſt Recht; dieſer Augenblick war entſetzlich. Ich fand Tugend, mitten im Verbrechen; ich fand eine Blume aus meiner erſten Kindheit, die noch nicht vernichtet war. Wenn ich in dieſem Augen⸗ blick in die Hände eines redlichen Mannes gefallen wäre, Das Gewiſſen II. 6 ſo hätte ich vielleicht zu der Geſellſchaft zurückkehren können, aber es war nicht ſo vom Schickſal beſtimmt. Fahre jetzt fort, da Du mich durchaus plagen willſt.“ „In Deinem Geſicht las ich auch die Qualen, ich kann wohl ſagen, Gewiſſensqualen, die in Deiner Seele rasten, und indem Du eben ſo heftig jetzt dem Gefühl einer blinden Reue voll Verachtung... ich kann kein anderes Wort gebrauchen... voll Verachtung gegen Dich ſelbſt gehorchteſt, drehteſt Du die Piſtolennündung um, in der Abſicht, Dir die Kugel durch die eigene Stirne zu jagen.“ „Fahr fort, fahr fort,“ bat der Löwe, als Char⸗ lotte ſich hier plötzlich unterbrach.„Warum fährſt Du nicht fort?“ „Darum, weil ich nach Worten ſuche, um Dich und mich in dieſem Augenblick zu ſchildern, und weil ich dieſe Worte nicht finde. Der Wahnſinn in Deinem Blick, die Verzweflung in Deiner Miene, der entſetzliche Anblick der Piſtolenmündung vor Deiner Stirne vernichtete jetzt mich. Ich ſank zu Deinen Füßen und flüſterte Dir zu: ich bin Dein.“’ „Und der Schuß, Charlotte, der Schuß? Da Du Dich an alles ſo gut erinnerſt, ſo haſt Du auch ſicherlich ihn nicht vergeſſen können.“ „Ach, nein. Du erhobſt die Piſtolenmündung gegen den Himmel, und der Schuß ging los, während Du der Kugel befahlſt zu den Sternen aufzufliegen und ihnen Dein Glück zu verkündigen.“ „Du biſt das einzige Weib in der Welt, Charlotte, vor dem ich mich einmal habe ſchämen müſſen, vor dem ich mich gedemüthigt fühlte und das meinen kühnen Sinn gebeugt hat... darum liebe ich Dich, Charlotte, ich liebe Dich mit einer ſolchen Leidenſchaft, daß ich ohne Dich nicht mehr gedeihen kann. Aber Du ſpracheſt von einem andern wichtigen Augenblick... laß mich hören... berührt das auch mich?“ 83 „Beurtheile es ſelbſt. Ein Jahr verging nach un⸗ ſerem Zuſammentreffen; ich war glücklich, denn ich beſaß Dich. Ich ſchenkte Dir einen Sohn.“ 3 Bei dieſen Worten nahm das Geſicht des Löwen eine ganz blaßgelbe Farbe an. Ohne, daß ſeine Lippen ſich von einander trennten, hörte man einen Laut, einen dumpfen Laut. Seine Hände ballten ſich. Etwas Ent⸗ ſetzliches und Dämoniſches ſchien in ihm zu arbeiten. Während des vorhergehenten Geſprächs hatte der Leſerpfarrer in Mamſell Michelſens Zimmer ſtill lauſchend 4 an der dünnen Bretterwand geſtanden. Auch Manſell Michelſen war mit weiblicher Neu⸗ gierde dem Gang der Erzäblung gefolgt. Sie hörte zwar nicht alles, was geſagt wurde, ſon⸗ dern vieles ging verloren; aber das Wichtigſte davon entging wenigſtens dem Pfarrer nicht, der unabläſſig und mit geſpaunter Aufmerkſamkeit den Sprechenden folgte, wie wenn die Sache, um die es ſich handelte, ihn ſelbſt ſehr nahe berührt hätte. Er hatte alſo gehört, wie Charlotte erzählte, daß . ſie vom Gericht wegen Diebſtahls verurtheilt, und bernach in einen großen Bund getreten ſei, deſſen Cha⸗ rakter und Zweck er unſchwer errathen konnte. Ferner hörte er, wie ſie als Landſtreicherin herumgeirrt und end⸗ lich im Thiergartenberg, als freiwilliger Raub des Löwen gefallen ſei.“ Während er dieſe gräßliche Geſchichte anhörte, die jedoch weniger gräßlich war, wenn man ſie vollſtändig, als wenn man ſie nur theilweiſe hörte, hatte die Miene des Leſerpfarrers ſich immer mehr verdüſtert. Leidenſchaften von gewaltſamer und heftiger Art ſchie⸗ nen in ihm zu ziſchen. Die ſchwarze Charlotte begann mittlerweile den an⸗ dern wichtigen Augenblick ihres Lebens zu beſchreiben, und während ſie ſprach, ſchwand jeder Blutstropfen aus ſeinem Geſicht, und er nahm einen ſo todähnlichen, un⸗ heimlichen Ausdruck an, daß Mamſell Michelſen beinah vergaß, den Sprechenden zuzuhören, um ſtatt deſſen nur ihn zu beobachten. Die Erzählung, die Charlotte jetzt gab, enthielt eine Schilderung jener, nicht ſo ganz ſeltenen, aber abſcheu⸗ lichen Verhältniſſe aus dem geheimen Leben unſrer Tage, wo die Eltern ſelbſt, hie und da durch religiöſe Schwär⸗ merei verleitet, zuweilen aber auch nur aus Rückſicht auf ihre bedrückte Lage, um das Liebſte, was ſie beſitzen, vor Verdammniß und Elend zu retten, das Leben ihrer eigenen Kinder verkürzen zu müſſen glauben. Charlotte, die eine lebhafte Phantaſie und ein war⸗ mes glühendes Herz hatte, warf auf dieſen Moment ihres Lebens ein entſetzliches Licht. „Ein Kind,“ ſagte ſie,„das durch zwei Verbrecher zur Welt gefördert worden, iſt zum Verbrechen geboren. Die Geſellſchaft erkennt es nie an; es muß wie ein Raubthier neben der Geſellſchaft heranwachſen, und auf dem Richtblock, wo es einſt bluten muß, wird es mit Recht einen Fluch anf diejenigen zurückſchleudern können, die ihm das Leben gegeben haben.“ Mit flammenden Worten entwarf ſie die Zeichnung, und das Colorit glänzte von dem pulkaniſchen Fener, das in ihrem eigenen Buſen brannte. Als ſie ſchloß, glaubte Mamſell Michelſen, die nur das eine und andere Wort von der Erzählung gehört hatte, zu bemerken, daß in dem Leſerpfarrer etwas Un⸗ gewöhnliches vorgehe. Er lehnte ſich dicht an die Wand, 8⁵ als ob er ſie durchdringen wollte. Sein Mund ſtand halb offen, als wollte er ſprechen; ſein Blick ſtierte. Murmelte er nicht einen Fluch? wo ſteht es mit mir,“ rief Charlotte.„Jetzt bin ich Dein,“ fügte ſie darauf hinzu und drückte den Löwen an ihre Bruſt. Im Himmel und auf Erden nur Dein .. und Du...“ „Dein... nur Dein.“. „Ich glaube Dir, denn ich würde ſterben, wenn ich zweifelte. Gebiete jetzt über mich.“ Der Löwe betrachtete ſie mit feurigen Blicken. „Du biſt mein Leben,“ ſagte ſie,„Du biſt mein Haupt, Du biſt mein Wille, befiehl.“ „Du biſt mein Juwel, mein Schmuck...“ „Du biſt mein Arm...“ „Du biſt mein Alles...“ „Befiehl, befiehl!“ Sie waren dermaßen mit einander beſchäftigt, daß ſte nicht bemerkten, wie die Thüre des Zimmers ſich öff⸗ nete und ein bleiches Geſicht bereinſchaute. „Während meines Aufenthaltes in Paris entſtand ein großer Gedanke in mir und dieſer Gedanke iſt zu neuem Leben erwacht. Ein Zufall hat mir die erſten Hinderniſſe überwinden geholfen, und Vieles iſt jetzt an⸗ ders, als zur Zeit, wo wir das letztemal beiſammen waren. Du ſollſt einmal alles erfahren. Jetzt müſſen wir handeln. Wir brauchen Geld... Geld.... und abermals Geld.“ 1 „Ich gehorche Dir... befiehl nur.“ 86 3„Du ſollſt auch zu thun bekommen... zweifle nicht aran.“ „Befiehl, befiehl! Hier unten und da droben biſt Du mein Gott! Befiehl!“ Die Thüre wurde jetzt geſchloſſen; ſie hörten die Fußtritte eines Hereintretenden und ſahen ſich um. Vor ihnen ſtand der Leſerpfarrer. 3 Charlotte ſprang bei ſeinem Anblick mit einem Aus⸗ ruf der Ueberraſchung vom Löwen zurück. „Ha, mein Bruder!“ rief ſie. „Wahnwitzige, Verlorene!“ redete er ſie an.„Er⸗ ſchrick, das iſt ganz recht, denn ich bin Dein Bruderz und er... dieſer da...“ Er warf einen verächtlichen Blick auf den Löwen. „Er iſt Dein Gott hier unten und dort oben?“ ½ Und ein höhniſches, obſchon halb erſticktes Lachen, ertönte von ſeinen bleichen, dünnen Lippen. Seine Stimme, ſeine Worte und ſein Ausſehen lähmten Charlotte und ſogar den Löwen auf einen Au⸗ genblick. „Ich babe Deine Beichte gehört, Weib,“ fuhr der Leſerpfarrer fort, indem ſeine Stimme immer eiſiger und kälter wurde;„Du biſt ſo tief geſunken, als ein Weib nur ſinken kann. Thaten wie die Deinigen ſind es, die den Henker auf Erden nothwendig machen.“ Deer Löwe kam inzwiſchen wieder zu ſich und trat jetzt gegen den Leſerpfarrer auf. „Entfernen Sie ſich von hier,“ ſagte er zu ibm, „entfernen Sie ſich augenblicklich.“„ Und er machte eine drohende Bewegung, aber der Pfarrer achtete nicht darauf, ſondern hielt ſeinen eiskal⸗ ten Blick nur auf Charlotte geheftet. „Wegen Diebſtahls verurtheilt,“ ſagte er. Er ſchien beinahe für ſich allein zu ſprechen. „Kindsmörderin!“ fügte er dann hinzu. * Er ſprach das Wort ſo langſam wie möglich aus, 87 als wollte er dadurch das Gräßliche in der Anſchuldi⸗ gung ſelbſt verlängern. „Komm!“ ſagte er dann,„Du mußt mir felgen.“ Und er ergriff Charlottens Hand, um ſie mit ſich zu ziehen. 1 .„Zurück!“ rief der Löwe, zwiſchen Dir und Char⸗ lotte ſtehe ich.“ „Du?“ Der Leſerpfarrer warf einen neu auf ihn. „Wer biſt Du? Eine Handvoll Staub... ein Rohr... ein Blatt, das der Wind hin und her weht .. Du biſt nicht einmal das, Du biſt ein tief verhär⸗ teter Verbrecher, ein gebrochenes Rohr, ein verwelktes Blatt.“ „Wer ich ſein mag, gleichviel... aber ich befehle Dir, Charlolte loszulaſſen; ſie iſt mein.“ „Du tänſcheſt Dich... ſie iſt mein... meine Schweſter.“ „Laß ſie los, ſage ich Dir noch einmal; ich habe Dir geſagt, daß ſie mein iſt.“ „Folge mir, Charlotte... ich befehle Dir... folge mir.“ „Und ich befeble ibr dazubleiben.“ „Komm, komm!“ „Ehe Du ſie wegführſt, betrachte doch ihr Kleid; das iſt ihr Brautkeid mit mir.“ Der Geiſtliche war bisher von ſeinen eigenen Gedanken allzubeſchäftigt geweſen, um auf ihr Kleid zu achten; aber er warf jetzt einen Blick darauf, und als er das weiße Sträflingskleid ſah, ließ er ſie los mit einem Schreck, wie wenn er ein giftiges Thier berührt hätte. Der Löwe lächelte bitter. „Barmherziger Gott,“ ſagte der Leſerpfarrer, niſt es ſo weit gekommen?“ en verächtlichen Blick 88 Aber bald richtete er ſein Haupt wieder auf und blickte den Löwen ſtolz an. „Allmächtige Vorſehung!“ rief er dann,„noch am Nande des Abgrundes will ich ſie retten. Folge mir, Charlotte! im Namen der ewigen Gerechtigkeit fordere ich Dich auf, mir zu folgen.“ „Zurück!“ brüllte der Löwe,„im Namen der Hölle verlange ich, daß ſie da bleibt.“. Der Leſerpfarrer maß ihn von Kopf zu Fuß. „Fort von hier,“ ſagte der Löwe,„ſonſt... „Sonſt?“ wiederholte der Geiſtliche herausfordernd. Der Löwe hielt dieſe Verachtung und den Hohn, den er zeigte, nicht länger aus, ſondern erhob ſeine Hand, um ihn am Kragen zu faſſen und die Treppe hinab zu werfen. Charlotte bemerkte ſeine Abſicht bei Zeit und ſprang zwiſchen beide. „Vergiß nicht, daß es mein Bruder iſt,“ rief ſie. „Dein Bruder?“ ſagte der Löwe...„wohlan denn... Dn liebſt alſo Deinen Bruder mehr als mich ... gut... ſo folge ihm.“ Jetzt war es der Leſerpfarrer, der lächelte. Charlotte ſenkte ihr Haupt. Sie blieb ſtill. „Wähle!“ ſagte ihr Bruder. „Wähle!“ rief der Löwe. „Der Himmel ruft Dich zur Reue, zur Beſſerung, zur Verſöhnung und Gnade.“ „Die Hölle ruft Dich 3u.. zu.... „Zum Schaffot!“ fiel der Prieſter ein. „Wähle!“ „Wähle.“ Charlotte erhob ihr Haupt wieder und ihre Blicke irrten zwiſchen beiden umher. „Wähle!“ wiederholten ſie,„wähle!“ 3 „Ich habe gewählt,“ ſagte ſie.„Ich bin Dein.“ Und ſie ſtürzte in des Löwen offene Arme. 89 Der Leſerpfarrer wurde leichenblaß. „Fluch!“ rief er,„Fluch!“— Und er kehrte ihr den Rücken und entfernte ſich. Vierzehntes Kapitel. Die Baronin Lander. Schweden beſitzt eine Staatskirche und ein Straf⸗ geſetz, welches jeden, der von derſelben abfällt, mit Lan⸗ . desverweiſung bedroht. . In dem Glauben, worin man geboren iſt, ſoll man auch ſterben. Die Ueberzeugung oder das Gewiſſen be⸗ ſitzen kein Forum, an das man in dieſer Beziehung appel⸗ liren kann. Der Status quo iſt das Loſungswort unſerer Staatskirche. Nichts deſtoweniger fehlt es in Schweden nicht an einer katholiſchen Kirche, einer katholiſchen Prieſterſchaft und einer katholiſchen Gemeinde. Ebenſo ſteht feſt, daß dieſe Gemeinde mehr als einen gebornen Lutheraner in ihrer Mitte zählt, der ſeinem Glaubensbekenntniß zwar nicht öffentlich entſagt und nicht öffentlich die katholiſche Confeſſion angenommen, ſondern dieß in aller Heimlichkeit * gethan hat. Wir glaubten dieſe Bemerkungen vorausſchicken zu Räſſen, damit das Nachfolgende recht verſtanden werden ann. Die Baronin Lander bewohnte ein Haus in der Regierungsſtraße. Daſſelbe war nicht groß, es hatte nur vier Fenſter in der Breite, und ſie konnte alſo nicht 90 ſonderlich viel Raum haben. Ihre Wohnung beſtand ganz anſpruchslos aus drei Zimmern, einem Salon, ei⸗ nem Wohnzimmer und einem Schlafkabinet, denn ein kleines Toilettenſtübchen vor demſelben konnte nicht als ein ordentliches Zimmer betrachtet werden. 4 Vor der Thüre dieſes Hauſes ſtand eine Equipage, obſchon man nur von dem Kutſcher, der die freiherrliche Livree trug, ſagen konnte, daß er die Anſprüche der Fa⸗ milie auf äußere Pracht repräſentire, während dagegen Pferde und Wagen zwar recht gut waren, offenbar a er. nicht aus einem Stall mit Marmorkrippen, ſondern aus 3 dem Stall und der Remiſe eines Miethkutſchers ſtammten. In Bezug auf dieſe Vermuthung iſt durchaus kein Irrthum möglich. 4 Der Baronin erlaubten ihre ökonomiſchen Verhält⸗ niſſe nicht, einen eigenen Stall zu halten. Dennoch be⸗ durſte ſie einer Equipage, weil ſie manchmal fahren mußte. Was war alſo natürlicher, als daß ſie ſich eine Equipage miethete, und, um dieſelbe ſo ſehr als möglich zu ihrer eigenen zu machen, den Kutſcher ihre freiherrliche Livree anziehen ließ? Vom ganzen Zugehör eines ge⸗ wöhnlichen Stalls konnte ſie nur die Livree ihr eigen nennen. Ihre Eitelkeit war mit einem livreegekleideten Kut⸗ ſcher auf dem Bock feſtverwachſen. So lange ſie ſich erinnern konnte, hatte ſie einen Menſchen in Livree die Peitſche handhaben geſehen, und es wäre ihr etwas Schreckliches geweſen, wenn der Livreediener vom Kut⸗ ſchenbock herabgeſtiegen wäre, ehe ihre Eitelkeit ins Grab geſtiegen war. Ihre Equipage hielt inzwiſchen vor der Hausthüre. „Beabſichtigt die Frau Baronin auszufahren?“ wurde der Kutſcher von einem eleganten jungen Herrn gefragt, der am Wagen vorbeiging und angenſcheinlich im Sinne hatte, ſich ins Haus hinauf zu begeben. „Die Frau Baronin hat ihre Pferde beſtellt...“ 4 91 Der elegante Herr... in welchem wir den jungen Diplomaten wiedererkennen, den wir bei Kellners Ban⸗ quett ſchon einen Augenblick geſeben haben... beſchleu⸗ nigte ſeine Schritte und eilte zur Thüre hinein. Wir wollen ihm folgen. Nachdem er eine Treppe hinaufgegangen war, blieb er, die Hand nach der Klinke ausgeſtreckt, vor einer Flü⸗ gelthüre ſtehen. Kaum hatte er jedoch die Klingel er⸗ faßt, als er mit einer raſchen Kopfbewegung ſeinen Ent⸗ ſchluß änderte und ſtatt deſſen nach der Klinke griff. Ein fröhlicher Ausdruck zeigte ſich in ſeinem Geſicht, als er bemerkte, daß die Thüre nicht von innen ver⸗ ſchloſſen war, ſondern aufging, ſobald er ſie berührte. „Gut, ſo ſchlüpfe ich einmal zu meiner Frau Mutter hinein, ohne daß die Glocke vorher von meiner Ankunft ſchwatzt.“ 8 Ohne Lärm zu machen, verſchloß er die Thüre hinter ſich, legte im Salon ſeinen Ueberrock ab und be⸗ gab ſich ſtill und leiſe ins Wohnzimmer. „Es iſt doch unvorſichtig von meiner Mutter,“ be⸗ merkte er, als er ſo weit gekommen war,„daß ſie ihre Thüren nicht verſchloſſen hält; da kann ja jedermann hereindringen und mitnehmen, was er nur will. Laß ſehen, wie weit ich kommen kann, ohne daß jemand mich bemerkt.“ Die Thüre des Schlafzimmers war zu und er öffnete ſie mit der größten Vorſicht. Er that dieß auch nicht ohne eine gewiſſe Nengierde. Seine Mutter hatte ihm zwar nie verboten, ins Schlafzimmer einzutreten, aber ſie hatte ihn auch nie eingeladen, dahin zu kommen; es hatte ſich immer ſo ge⸗ fügt, daß ſie ihn im Salon oder im Wohnzimmer em⸗ pfangen hatte. Es war alſo das erſtemal, daß er jetzt die Thüre des Schlafkabinets öffnete. Den Kopf hinein geneigt, blickte er um ſich, um die 92 Gegenſtände zu betrachten, zumal da er ſeine Mutter nicht ſogleich ſah. 3 „Iſt das Haus leer?“ fragte er ſich verwundert, „aber was bedeutet denn das, daß der Kutſcher drunten wartet?“ Eine leiſe betende Stimme traf in dieſem Augen⸗ blick ſein Ohr, und als er ſeine Aufmerkſamkeit nach dieſer Seite wandte, ſah er die Thüre eines kleinen Stübchens halb offen.— So leiſe wie möglich ſchlich er darauf zu. „Meine Mutter macht ihre Toilelte,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„ich will ſie überraſchen.“ Aber wenn ſeine Mutter durch ſeine ungebetene Er⸗ ſcheinung überraſcht werden ſollte, ſo wurde er es ſeiner⸗ ſeits noch mehr. Als er in das Stübchen hineinblickte, ſchien es ihm, als ob daſſelbe ganz und gar nicht einem Toilettenzimmer, ſondern vielmehr einem Betzimmer gliche. Ein Rollvorhang, ſo dicht, daß er jeden Sonnen⸗ ſtrahl ausſchloß, verdunkelte das Zimmer. Eine einzige Lampe, die vor einem Chriſtus am Kreuz hing, beleuchtete es dagegen. Seitwärts vom Kruzifix hingen zurückgeſchlagene Gardinen. Ein Stück davon ſtand ein ganz eigenes Möbel; aber er vermuthete, es werde ein Beichtſchemel ſein. Vor dem Chriſtusbild ſah er ſeine Mutter in ge⸗ beugter, betender Stellung. „Mein Gott,“ ſagte er für ſich ſelbſt,„ſehe ich recht? Sollte meine Mutter eine heimliche Katholikin ſein? Ich muß die Sache zu erfahren ſuchen.“ Aber er that ſich Einhalt in demſelben Augenblick, wo er zu ihr eintreten wollte.— „Warum ſoll ich mich jedoch in ihre Geheimniſſe einſchleichen?“ bemerkte er.„Meine Mutter mag glau⸗ f ben, was ſie will... ſie iſt jedenfalls immer eine gute„ 93 Muiter... und ich muß ihre Ueberzeugung ehren... das iſt ja doch etwas, was jedermann nur mit ſeinem ei⸗ genen Gewiſſen abzumachen hat.“ Unter dieſen Betrachtungen zog er ſich immer mehr zurück, und zwar mit ſolcher Vorſicht, daß er bereits wieder an der Thüre des Schlafzimmers ſtand, ohne ge⸗ hört worden zu ſein. „Ich muß gleichwohl mit ihr ſprechen,“ erinnerte er ſich hier.„Ich will ſie auf meine Gegenwart aufmerk⸗ ſam machen⸗ Nichts war auch leichter und er brauchte blos etwas ſtark auf die Klinke zu drücken, um ſie zur Beſinnung zurückzurufen. Im nächſten Augenblick trat ſie aus dem Stübchen heraus. Beim Anblick ihres Sohnes warf ſie einen mißver⸗ gnügten, fragenden Blick auf ihn, ohne jedoch ein Wort zu aͤußern. 1 „Sie ſind gar zu unvorſichtig, liebe Mutter,“ ſagte der Sohn,„daß Sie Ihre Thüren offen ſtehen laſſen; man könute, ohne daß Sie Etwas davon merkten, in Ihr Allerheiligſtes eindringen.“.— Er legte auf die letzten Worte einen beſondern Ton, der ſeiner Mutter nicht entging. „Was willſt Du hier?“ bemerkte ſie jedoch ganz kurz.„Meine Thüren mögen verſchloſſen oder offen ſein, ſo müſſen ſie dennoch immer, wenigſtens für meinen Sohn, heilig ſein. Indem auch ſie ihre Worte betonte, gab ſie die kleine Anſpielung zurück, die er gegen ſie gerichtet hatte. „Sie ſind unzufrieden mit mir, liebe Mutter; aber um alles in der Welt ſeien Sie das nicht. Ich habe die Achtung gegen Sie nicht verletzen wollen. Aber da ich niemand ſah, ſo vermuthete ich, Sie würden hier ſein.“ 94 „Schon gut, Fritz; laß uns ins Wohnzimmer hin⸗ ausgehen.“ Fritz wollte jedoch den Platz nicht ſo bald räumen; er wünſchte ſogar in das Allerheiligſte eindringen zu können, inzwiſchen jetzt nicht aus Neugierde, ſondern vielmehr in der edleren Abſicht, ſeine Mutter zu beſtim⸗ men, daß ſie ihm offen ihr Geheimniß anvertrauen möchte, was ihn ſehr gefreut und vielleicht ihrem gegenſeitigen Verhältniß einen aufrichtigeren und innigeren Charakter gegeben haben würde, als er bis jetzt beſaß. „Sie wohnen ſehr nett, liebe Mutter,“ ſagte er daher;„wahrhoftig, ich hätte kaum geglaubt, daß Ihr Schlafzimmer ſo augenehm wäre, wie ich es jetzt finde. Und dieſes Toilettenſtübchen dort... es iſt ja ganz charmant... es iſt bequem und nett.“ Die Baronin hörte ihn an, ohne ihren Platz oder eine Miene zu verändern. Sie firirte ihn blos. „Es freut mich, daß meine Wohnung Dir gefällt; Du dürfteſt vielleicht mein Toilettenſtübchen ſehen wollen.“ Während ſie ſprach, lag etwas Strenges und Kal⸗ tes in ihrem Geſicht, ſo daß man unmöglich erforſchen konnte, was in ihrem Innern vorging. „Wirklich, liebe Mutter, Sie ſellten es mir zeigen wollen?... das iſt beinahe mehr, als ich zu hoffen wagte.“ „Warte ein wenig, ich will den Rollvorhang hinauf⸗ ziehen.“ Die Baronin kehrte darauf ins Toilettenſtübchen„ zurück, und Fritz hörte darin ein kurzes Getöne, wie wenn Holz auf Holz ſchlägt, worauf die Gardine hörbar in die Höhe rollte. „So... jetzt ſei mir willkommen.“ Aber als Fritz jetzt in das Zimmer trat, wie ver⸗ ſchieden war es nicht von dem, was er ſo eben geſehen hatte! —— 1 9⁵ Das Tageslicht fiel jetzt durchs Fenſter herein, und das Zimmer hatte ein heiteres und angenehmes Ausſe⸗ hen. Der Beichtſchemel war wie durch einen Zauber⸗ ſchlag in einen Toilettentiſch verwandelt, und Fritz be⸗ merkte, daß dieſe Verwandlung nur durch Herablaſſung einer vorher hinaufgeſchobenen Klappe vor ſich gegangen war, die jetzt die Tiſchſcheibe ſelbſt ansmachte und worin ein in einer Angel ruhender Spiegelrahmen eingepaßt war. Schmuckſachen fanden ſich jedoch nicht auf dem Tiſche vor; aber er bemerkte ſtatt deſſen auf den Seiten einige Schublädchen und vermuthete, daß der Toiletten⸗ bedarf bier ſeinen Platz babe. Die Lampe war ebenfalls ausgelöſcht und die Gardinen waren vor dem Chriſtus⸗ bild zugezogen. Die Verehrung, die ſeine Mutter ihm immer ein⸗ geflößt, verwehrte ihm indeß alle Zeichen von Verwun⸗ derung, und da er ſah, daß ſie ihr Geheimniß bewahren wollte, ſo glaubte er ſie auch nicht durch Andeutungen und Bemerkungen verletzen zu dürfen. Er begnügte ſich daher damit, das bübſche Toilettenſtübchen zu rühmen. „Laß uns jetzt aufbrechen,“ ſagte ſie, nachdem Fritz ſich umgeſehen hatte,„und hiuaus gehen. Es iſt recht gut, daß Du kamſt... ich habe etwas mit Dir zu ſprechen.“ Langſam ſchritt ſie aus dem Zimmer und Fritz folgte ihr nach. 4 Obſchon die Baronin Lander keine geborne Fran⸗ ſn war, ſo wollte ſie ſich doch gerne dafür anſeben aſſen. Frankreich war für ſie der Inbegriff aller Herrlich⸗ 96 keiten der Welt. Von dieſem Lande her war nach ihren Begriffen alles Bewundernswerthe gekommen, was ſich nur vorfand; gute Sitten und nützliche Gewohnheiten, feine Bildung und Etikette, Geſchmack und ſchöne Adn Alles ſtammte daher. Aber unter Frankreich verſtand ſie nichts anderes, als die franzöſiſche Ariſtokratie. In der ehemaligen Größe und den glänzenden Ei⸗ genſchaften derſelben erblickte ſie den Gipfelpunkt aller menſchlichen Entwicklung und Kultur; in ihrer Eitelkeit und in ihrem Leichtſinn ſah ſie nur ein unſchuldiges, fröhliches Spiel, das man gegenwärtig nicht zu beur⸗ theilen verſtand. In manchen Fällen war ſie mit ihrer Anſchanungsweiſe für ihre Bekannte ein Räthſel. Selbſt in ihrer Vertheidigung des franzöſiſchen Leichtſinnes lag ein Widerſpruch mit ihrem eigenen ſteifen Weſen. Sie ſelbſt hatte ſich, wie es ſchien, in dieſer Beziehung nie⸗ mals etwas vorzuwerfen; aber wollte man ihre Angen blitzen und ihre Wangen feuerroth werden ſehen, ſo brauchte man ſie nur in dieſem Punkt auzugreifen. Die Motive zu ihrer Vertheidigung entlehnte ſie am liebſten aus der franzöſiſchen Geſchichte, und darin fehlt es nicht an den nöthigen Beweismitteln. Während der franzöſiſchen Revolution, zur Zeit des entſetzlichen Ereigniſſes im Karmelitergefängniß, wo am 2. September 1792 die Gefangenen von den Jacobinern ermordet wurden, befand ſich unter denſelben ein Opfer, für welches ſich ein junges Mädchen, nicht aus Liebe, ſondern wegen der Dienſte, die der betreffende Mann„ ihr und ihren Aeltern geleiſtet hatte, aufs Höchſte intereſ⸗ ſirte, weßhalb ſie auch aus Erkenntlichkeit beſchloß, ihm den letzten Liebesdienſt zu erweiſen und ihm ein Grab in geweihter Erde zu verſchaffen. Von dieſem Gedanken gänzlich in Anſpruch genommen, hörte ſie einen unge⸗ wöhnlichen Lärm auf der Straße und das Getöſe eines heranrollenden Wagens. Schnell eilt ſie ans Fenſter 97 und nun ſieht ſie den Wagen mit Leichnamen beladen, unter denen ſie auch den Mann entdeckte, den ſie ſo hoch geachtet hatte. Ein Feldſcheerer, der in ihrer Nachbarſchaft wohnte, war zufällig bei ihr. Ihm zeigte ſie den Todten und forderte ihn auf, ſich hinabzubegeben und die Leiche zu kaufen, unter dem Vorwand, daß er ſie zu anatomi⸗ ſchen Studien brauche. Der Chirurg geht und kommt nach einer Weile mit dem Opfer zurück. Sie begannen bereits ſich über die Beerdigung zu berathen, als ſie zu ihrer Beſtürzung den Todten ſich aufrichten ſahen, worauf er um Kleider bittet, um ſich zu bedecken. Nachdem er ſie erhalten, erzählte er: als er das ſchreckliche Schickſal ſeiner Unglücksgefährten geſehen, da ſei es ihm eingefallen, ſich unter die Ermordeten zu wer⸗ feu und ſich todt zu ſtellen; die Sache ſei auch gelungen, man habe ihn entkleidet und nebſt den übrigen auf den Karren geworfen. Das Blut, womit er bedeckt war, war von den Leichnamen, unter denen er lag, auf ihn herab⸗ gefloſſen; er ſelbſt war nicht im mindeſten verletzt. Hätte nicht die Erkenntlichkeit des jungen Mädchens über ihn gewacht, ſo wäre er mit den übrigen Leichen lebendig begraben worden und hätte ſeinem gräßlichen Schickſal nicht entgehen können. Nach dieſem Ereigniß erwachte eine zärtlichere Nei⸗ gung zwiſchen dem Erretteten und ſeiner Retterin. Es gelang ihnen, einen Theil ihres Vermögens in Sicherheit zu bringen; dann emigrirten ſie aus Frank⸗ reich und heiratheten ſich, ſobald ſie über der Grenze waren. Henriette Lander hatte dieſer Verbindung ihr Leben zu verdanken.. Nichts deſtoweniger lag etwas Myſtiſches über ihrem ganzen Leben, ſogar über ihrer Geburt. Ihr Vater hatte ſich für einen Grafen von Laupun, ihre Mutter für ein Fräulein von Ponts ausgegeben, ſo Das Gewiſſen. II. 3 7 98 daß ſie beide von Geſchlechtern abſtammten, die von den älteſten Zeiten her, beſonders aber ſeit Ludwig XIV. her, berühmt waren; inzwiſchen hatten ſie während der Re⸗ volution ihrem Namen und Rang entſagen müſſen und dieſelben auch auf fremdem Boden nicht wieder annehmen wollen, weil ihre Vermögensumſtände in Verfall gerathen waren. Henriette wurde in Stockholm geboren und vermähſte ſich dort mit einem Baron Lander, einem ſtrengen, un⸗ freundlichen, ernſten Manne, der ſich nicht beſonders dazu eignete, ein Weib glücklich zu machen. Der einzige Sprößling dieſer Ehe war Fritz. 3 Ungeachtet ihre Eltern Katholiken waren, ſo hatte man ſie doch im proteſtantiſchen Glauben erzogen, und im Publikum glaubte man nicht anders, als daß ſie den Grundſätzen deſſelben treu ergeben ſei. Was ſie veranlaßt hatte, von dem lutheriſchen Glau⸗ ben abzufallen, wußte niemand, um ſo weniger, als ſelbſt) ihr Uebertritt ein Geheimniß war. Man erinnerte ſich wohl, daß ſie in frühern Jahren ein fröhliches und wildes Mädchen geweſen war... aber dies alles war ſie jetzt nicht mehr. Baron Lander, ihr Mann, war einige Jahre nach ihrer Vermählung auf eine ebenſo plötzliche als ſchreck⸗ liche Art durch die Hand eines Meuchelmörders gefallen, und obſchon man Alles that, um den Mörder zu ent⸗ decken, ſo ruhte dennoch ein undurchdringlicher Schleier über der Sache. Ihr Vermögen war nicht groß und gleichwohl lebte ſie mehr commeé il faut, als, wie man glaubte, ihre Mittel ihr hätten erlauben ſollen. Man wußte auch nichts davon, daß ſie beſonders einflußreiche Verbindun⸗ gen gehabt hätte, und dennoch konnte man nicht läugnen, daß ſie manchmal Verſprechungen machte, die gänzlich 8 99 außerhalb ihrer Sphäre zu liegen ſchienen, aber gewöhn⸗ lich ſogleich erfüllt wurden. Kurz und gut, ſie war ein Räthſel. Die Baronin Lander und ihr Sohn hatten im Wohn⸗ zimmer auf dem Sofa Platz genommen. „Deine Liebe zu Fräulein Jaquette, der Tochter des Generals,“ begann die Baronin,„iſt ſich noch immer gleich?“ „Ja, meine Mutter, ich liebe ſie und bin hieher ge⸗ kommen, um mit Ihnen darüber zu ſprechen. „Du weißt, daß ich lange Deine Neigung mißbil⸗ ligt habe, weil die Angelegenheiten des Generals nicht ſonderlich glänzend ſind und Du eine reichere Parthie machen ſollteſt; inzwiſchen habe ich jetzt meine Anſicht verändert.“ „Was höre ich, meine Mutter?... Sie ſollten auf meine Seite übergetreten ſein... Sie wiſſen alſo nicht..⸗ „Was meinſt Du...? Was ſollte ich nicht wiſſen?“ „Ich bin drei Wochen lang krank gelegen, liebe Mutter.“ „Krank? und Du haſt mich nicht davon in Kennt⸗ niß geſetzt?“ „Warum hätte ich Sie beunruhigen ſollen? Sie konnten mir ja doch nicht helfen. Im Uebrigen war die Krankheit nicht tödtlich... ungeachtet...“ „Ungeachtet... 2 Sprich ruhig, Fritz; ich liebe Ruhe... Du weißt es... ruhig geſprochen und ruhig gedacht.“ 100 „Ich habe gefreit und eine abſchlägige Antwort er⸗ halten.“ 4 „Einen Korb? Ich fürchtete es beinahe. Aber was kann der General damit meinen? Laß mich Deine Anſicht hören... weißt Du etwas?“ 4 „Während ich krank lag, konnte ich die Verhältuiſſe nicht genauer unterſuchen; aber man hat mir geſagt, Jaquette habe ſich verliebt...“ „In einen andern... in wen?“— „In einen kürzlich erſt in Schweden angekommenen jungen Amerikaner, einen Verwandten des Großhändlers Kellner, der, nachdem ſeine Eltern drüben geſtorben, mit einem ungeheuren Vermögen hieher zurückgekehrt ſein ſoll. So viel iſt wenigſtens ſicher, daß er das Haus gegenüber dem General gekauft hat, wie auch, daß Fräu⸗ lein Jaquette und er beſtändig am Fenſter ſitzen und einander anſehen ſollen. Dieſer Tage ſagte mir ſogar jemand, man habe ſie öffentlich beiſammen geſehen.“ 4 Die Baronin Lander folgte der Erzählung ihres Sohnes mit einem Ausdruck der Verwunderung, wie wenn ſie ſich über jedes Wort, das ſie hörte, beunruhigte. „Und wie heißt denn dieſer aus Amerika zurückge⸗ kommene Verwandte Kellners?“ fragte ſie.„Du weißt doch wohl ſeinen Namen?“ 5 Ihre Stimme war nicht mehr ſo ruhig wie vorher, ebenſo wenig ihre Miene. Sie ſchien den Namen be⸗ reits zu errathen, aber ihn nicht ohne Bangen anhören zu können. „Er heißt Paul Kellner.“ 5b Als ſie Pauls Namen hörte, erbob ſie ſich heftig. „Ich ahnte es,“ ſagte ſie. Und ſie ging im Zimmer auf und ab, als wollte ſie ſich beruhigen; das gelang ihr auch. „Höre, Fritz,“ ſagte ſie dann.„Du weißt, daß ich Dich lieb habe und eigentlich nur dafür lebe, Dir eine unabhängige und geſicherte Zukunft zu verſchaffen, Du 191 mußt mich ebenfalls lieben... nicht wahr... Du thuſt es?“ 2 „Gewiß, liebe Mutter, Sie flößen mir ſowohl Ehr⸗ furcht als Ergebenheit ein.“ „Das iſt ſchön, Fritz. Du wirſt ſicherlich ein Ver trauen nicht mißbrauchen, das ich Dir zwar jetzt noch⸗ nicht ſchenken wollte, das Dir aber in Folge deſſen, was Du mir erzählteſt, nicht länger vorenthalten wer⸗ den darf.“ „Seien Sie überzeugt, Mutter, daß ich niemals Ihr Vertauen verrathen könnte, am allerwenigſten, wenn die Sache Sie ſelbſt betrifft. Haben Sie die Güte, zu ſprechen, meine Mutter.“ „Als Du mir Deine Neigung für Fräulein Jaquette zum erſtenmal anvertrauteſt, widerſetzte ich mich dagegen und ich hatte mehr als einen Grund dazu, unter An⸗ derem fürchtete ich wirklich eine abſchlägige Antwort; aber ſeit ein paar Wochen ſind Umſtände eingetroffen, die mich veranlaßt haben, auf Deine Seite überzutreten und eine Verbindung mit dem Hauſe des Generals zu wünſchen. Du kannſt mich nicht recht verſtehen und ich kann mich auch nicht vollſtändig erklären. Die Sache iſt mit kurzen Worten die, daß der General um ein älteres Verhältniß weiß, das zwar allerdings nicht von beſon⸗ derer Wichtigkeit iſt, dennoch aber Geſchwätze und Ge⸗ klatſche veranlaſſen und möglicherweiſe die garſtige Ge⸗ ſchichte von dem entſetzlichen Ende Deines Vaters, meines ſeligen Mannes, wieder aufrühren könnte. Ach, mein Gott, wenn ich daran denke, ſo verwirren ſich meine Sinne und ich möchte am liebſten todt ſein. In meinen Jahren, Fritz, wünſcht man Ruhe zu bekommen, und Du kannſt Dich nicht darüber wundern, wenn Deine alte Mutter, nachdem ſie alles gethan hat, was in der Macht eines Menſchen ſteht, damit das ſchauerliche Ereig⸗ niß vollſtändig an den Tag käme, am Abend ihres Le⸗ bens nicht gern von Neuem eine Wunde aufreißen will, die nach zwanzig Jahren endlich geheilt worden war. Frieden mit den Todten heißt es, und ich will hinzu⸗ fügen: Frieden mit den Lebendigen! Der General iſt ein in vielen Beziehungen achtbarer und vortrefflicher Mann, das kann ich nicht läugnen; aber er iſt aufbrau⸗ ſend, heftig, argwöhniſch, und ich fühle mich immer bang in ſeiner Geſellſchaft. Als ich dies ruhig bedachte, ſo glaubte ich auch Deinen Wünſchen nachgeben und meine Intereſſen ſo gut wie möglich mit denen des Generals vereinigen zu müſſen. In einem Augenblick heftigen Auf⸗ brauſens wäre er im Stand, alles herauszuſchwatzen, und ſein Anſehen könnte der Sache eine Bedeutung geben, die ſie in Wahrheit nicht beſaß, der man ſich aber doch nicht gerne blosſtellen möchte:“ „Ich verſtehe Sie vollkommen, meine Mutter,“ fiel Fritz ein.„Der General iſt unläugbar etwas zu heftig .. aber er iſt ein alter Mann und man muß Nachſicht haben. Im Uebrigen theile ich aufrichtig Ihren Wunſch, daß die Umſtände bei dem traurigen Tod meines Vaters nicht von Neuem Gegenſtand des allgemeinen Geplauders und der öffentlichen Neugierde werden mögen. Dadurch wird die Sache nicht verbeſſert, ſondern nur verſchlim⸗ mert. In unſern Tagen treibt die öffentliche Diskuſſion dermaßen Wucher mit dem Skandal, daß man, wenn man ihm einmal überantwortet iſt, nicht mehr berechnen kann, wohin er ſeinen Weg nimmt. Meines Vaters Ge⸗ dächtniß iſt mir wie Ihnen theuer und werth; mögen wir alſo im Stillen ſeinen Tod beweinen und ſein An⸗ denken verehren, aber nichts thun, wodurch unſer Name von Neuem vor das Publikum gebracht wird, und zwar mit Inſinuationen, die ſich ganz und gar nicht beweiſen laſſen, deßungeachtet aber für die öffentliche Meinung maßgebend ſind. Ich habe die Protokolle durchleſen und die Ueberzengung gewonnen, daß Kellner, der jüngere Bruder des alten Hermann Kellner, den Mord begangen hat. Obſchon es ihm übrigens gelungen iſt, ſich dem 103 Gericht zu entziehen, ſo ſcheint doch ſein Gewiſſen ihn hinreichend geſtraft zu haben, denn man hat nie mehr von ihm reden gehört... er iſt verſchwunden... „Du haſt einen klaren Blick, Fritz; es freut Deine Mutter, Dich reden zu hören, und ſei überzeugt, daß Du Dich in Deinem Urtheil nicht täuſcheſt. Dieſer Kellner hat Deinen Vater immer gehaßt. Es beſtand zwiſchen ihnen eine perſönliche Feindſchaft, die ich gleichwohl nicht zu ergründen vermochte. Derjenige von den drei Brü⸗ dern Kellner, der ins Ausland reiste und deſſen Sohn jetzt ius Vaterland zurückgekehrt iſt, haßte uns ebenfalls immer, und der Sohn wandelt in den Fußſtapfen ſeines Vaters. Ich traue ihm auch ſchlechte Abſichten gegen uns oder wenigſtens gegen euch zu; ja ich bin ſogar überzengt davon, und es wäre nicht gut, wenn Pau Kellner und der General in nähere Berührung mit einan⸗ der kämen. Glaube mir, ich kenne dieſe Herren. Wir muüſſen deßhalb dem Verhältniß zwiſchen ibnen ein Ende machen, und während ich Dich vorher bat, Deine Be⸗ werbung um Jaqguette zu unterlaſſen, ſo bitte ich Dich jetzt, ſie fortzuſetzen. Die Baronin ſprach ſich mit ſolcher Offenheit aus, daß Fritz unmöglich dabei etwas Böſes denken konnte. „Aber Jaquettens abſchlägige Antwort, kann ich..“ „Nimm die Sache ganz ruhig, Fritz⸗ Lache über ihre Weigerung und fahre in Deinen Aufmerkſamkeiten gegen ſie fort.“ „Sie glauben alſo, daß..4 5„Ich kenne die Frauenzimmer, Fritz; ſie ſind nicht 1 ſo ungeberdig, wie ſie ausſehen wollen. Eine Dame hat weiter Nichts, als ihr Herz zu vergeben, und ſie möchte gern den Herren weißmachen, daß dieſes eine wahre Feſtung ſei, obſchon ſie weiß, daß es blos ein Mobilien⸗ ſtück iſt. Wenn ſie einen Korb gibt, ſo weiß ein Mäd⸗ chen gewoͤhnlich nicht, ob ſie recht daran thut, und hinter jeder abſchlägigen Antwort ſeufzt meiſtens ein beklom⸗ F menes Herz nach. Eine Dame will beim erſten Angriff ihre Bruſtwehr nicht aufgeben, aber ſie widerſteht ſelten dem zweiten, wenn man nur im Mindeſten etwas von Taktik verſteht. Lache Du, Fritz, und fahre fort. Ich will Dir etwas anvertrauen, was Dir nützlich ſein kann, wenn Du es recht zu benützen verſtehſt. Du weißt nicht, daß es mir gelungen iſt, Jaquetten die Ernennung zum Hoffränlein zu verſchaffen.“ „Wirklich?“ „Wenn ſie nicht bereits berufen iſt, ſo wird ſie es heute oder morgen.“* „Dann kann ich ſie alſo im Schloß ſehen?“ „Allerdings; ſie wird in ihre Zimmer dort einziehen und von ihrem Vater, ſowie von dem Nachbar gegenüber, getrennt werden.“ „Welch ein Glück, meine Mutter; aber wenn ſie gleichwohl...“ „Dir wieder einen Korb gibt? dann iſt es Deine Schuld, Fritz, und auch...“ „Was meinen Sie?“ „Die meinige.“ Die Baronin ſagte dieſes Wort beinah wie eine Drohung. Fritz, der einen mildern Charakter hatte als ſie, empfand einen unwillkührlichen Schauder, einen Schauder, den er ſchon vorher manchmal empfunden hatte, wenn ſie, aufgeregt durch einen für ſie wichtigen Gegenſtand, ihr Inneres ganz unmittelbar hatte hervor⸗ treten laſſen. Aber die moraliſch ſchönen Sätze und Sentenzen, mit denen ſie ſonſt um ſich warf, erhielten ihr gleichwohl beſtändig ſeine Verehrung, und auch jetzt verſchwand das unbehagliche Gefühl, das ihre Worte hervorgerufen hatten, bald wieder. „Ich ſage,“ fuhr ſie daher fort, als ſie den un⸗ vortheilhaften Eindruck bemerkte, den ſie auf ihren Sohn gemacht,„daß es nicht blos Deine, ſondern auch meine Schuld wäre, wenn Du bei Jaquette keinen Erfolg er⸗ 10⁵ ringen ſollteſt; ich ſage es, wie Du wohl bemerkt haſt, daß ich trotz meiner unbedeutenden Stellung nicht ganz ohne Einfluß bin; aber es verhält ſich damit, wie mit allem in der Welt, nämlich, daß diejenigen, die nur das Gute und Rechte wollen, die Menſchen beherrſchen, wenn ſie auch ſelbſt einige Schwachheiten haben.“ „Ich danke Ihnen, meine Mutter, für dieſe Worte. Ich fürchtete ſonſt beinah, Sie wollten eine Drohung gegen Jaquette ausdrücken, und obſchon ich das Mäd⸗ chen innig liebe, ſo möchte ich doch um alles in der Welt ſie zu nichts zwingen.“ „Ganz gut, Fritz; darin ſind wir einverſtanden. Laß jetzt ſehen, wie viel Uhr es iſt... Mein Gott.. beinahe elf... Du mußt mich jetzt verlaſſen; ich darf mich nicht mit Dir allein beſchäftigen. Handle inzwiſchen, wie Du jetzt willſt. Du kennſt meine Anſichten und ich bin überzeugt, daß Du Dein eigenes Intereſſe nicht verderben wirſt. Sei nur vorſichtig in Deinem Umgang mit Paul Kellner, im Fall Du mit ihm zuſammentreffen ſollteſt. Erinnere Dich, daß ſein Vater unſer Feind war. Mit der Heftigkeit des Generals mußt Du Nachſicht haben, das verſteht ſich.— Du weißt, daß ihm manch⸗ mal gar vieles aus dem Munde kommt, aber man darf es ſich nicht zu Herzen nehmen. Gott behüte uns übri⸗ gens davor, lieber Fritz, daß die alte ſchmerzliche Er⸗ innerung an den Tod Deines Vaters wieder aufgeriſſen würde. Sie würde mich ins Grab bringen und vielleicht für Deinen Erfolg in der Beamtenlaufbahn ein Hinder⸗ niß werden.. Leb' jetzt wohl, Fritz... leb' wohl!“ Sobald die Baronin ſich allein befand und die Thüre des Wohnzimmers wieder verſchloſſen war, ſank ſie auf den Sopha nieder, das Geſicht in ihre Hände verborgen. Unruhe und Qualen beherrſchten ſie. „Die Geſchichte meines Vaters,“ ſagte ſie für ſich ſelbſt,„wie er ſein Haupt wieder aufrichtete, ſcheint bei⸗ 3 106 nah' ein Vorbild meines Schickſals zu werden. Schon auf den Leichenwagen geworfen, um in ſein Grab abge⸗ führt zu werden, erhebt er ſich von den Todten. Das iſt ſchrecklich. Sollte wohl nach etlichen zwanzig Jah⸗ ren auch mein Mann oder die Erinnerung an ſeinen ſchrecklichen Tod wieder auferſtehen? Das muß um jeden Preis verhindert werden.“ „Gräßliche Erinnerung,“ fügte ſie weiter hinzu, „werde ich niemals Ruhe vor Dir finden? Mein Gott, mein Gott!“ ſeufzte ſie dann. 1 Bleich und düſter ſtand ſie auf und begab ſich in ihr Schlafzimmer. Mit irrenden Blicken ſah ſie die Gegenſtände dort an, wie wenn ſie etwas ſuchte; aber als ſie von ihrer Zerſtreutheit zurückkam, machte ſie eine heftige Bewegung und trat in das geheime innere Stübchen, wo ſie vor dem Toilettenſpiegel ſtehen blieb. „Alle Blumen meiner Jugend ſind verſchwunden,“ ſagte ſie, indem ſie ihr Bild im Spiegel betrachtete;„ſie ſind dahin gewelkt; aber nicht die Jahre haben ibre froſtige Hand auf ſie gelegt... ſondern... ſondern...“ Ein tiefer, beklommener Seufzer hob ihre Bruſt. Noch eine Weile gedankenvoll ſich betrachtend, bückte ſie ſich endlich nieder und drückte auf eine Feder, worauf der Spiegel in der Scheibe des Toilettentiſches ſank, während die Scheibe ſelbſt ſich erhob, die Seitenſtücke des Tollettentiſches ſich theilten und das Ganze ſich wie⸗ der in einen Beichtſchemel verwandelte, auf welchem ſie langſam niederſank, das Geſicht von Neuem in ihre Hände verbergend. Ohne daß ein recht vernehmbares Wort über ihre Lippen kam, hörte man ſie ein Gebet um das andere murmeln. Die Uhr im äußeren Zimmer ſchlug jetzt elf und bei dieſem Getöne richtete ſie ſich auf. „Ich bin begierig, ob er kommen wird,“ bemerkte — — 107 ſie.„Es iſt elf Uhr. Er ſollte jetzt hier ſein. Still... ich glaube wirklich, daß jemand draußen geht. Möchte ich ihn nur jetzt behandeln können, wie ich ſoll!“ Sie lauſchte noch einmal und man höͤrte wirklich Tritte im Gang. In dieſem Augenblick führte ſie wieder die Hand an die Feder und bei einem Druck auf die⸗ ſelbe, fiel ſogleich die obere Platte wieder herab und der Beichtſchemel verwandelte ſich in einen Toilettentiſch. Ihr Blick fiel noch einmal in den Spiegel. „Ich wünſchte nur,“ ſagte ſie,„daß ich in dieſer Stunde, wenn auch nur auf einen einzigen Augenblick, meine zwanzig Jahre wieder hätte. Ich würde ihn dann mit einem einzigen Blicke zermalmen.“ Dabei orduete ſie ihre Locken und legte den Kragen zierlicher um ihren Hals, aber es ſchien ſie nicht ſehr zu befriedigen. Man hoͤrte jetzt, wie die Salonthüre ſich öffnete und jemand eintrat. Schnell zog ſie eine kleine Lade im Toilettentiſch heraus und nahm zwei Schminkdoſen, eine rothe und eine weiße, die mit ihren kleinen, äußerſt fei⸗ nen und weichen Schwämmen verſehen waren. Auf die Fußtritte im äußeren Zimmer lauſchend, fuhr ſie mit leichter und gewohnter Hand über Wangen und Stirne, ſedaß ſie ein blendenderes und jugendlicheres Colorit bekam. Obſchon an den Gebrauch ſolcher Hülfsmittel ge⸗ wöhnt, ſchien ſie doch bei dieſer Gelegenheit ein Gefühl des Unmuthes darüber nicht überwinden zu können. „Ihn...“ murmelte ſie... Aber ſie ſchwieg wieder und lächelte, lächelte gleich⸗ ſam über ihre in einem verheerten Herzen auf ewig er⸗ loſchenen Hoffnungen. „Ihn auf dieſe Art feſſeln zu wollen,“ nahm ſie ihren Gedanken wieder auf,„das iſt hart, das zermalmt mich.“ Noch einmal beirachtete ſie ſich. Der Anblick belebte 108 ſie jedoch nicht, ſondern erhöhte vielmehr ihr Miß⸗ vergnügen. „Er hat bereits lange genug auf mich gewartet,“ ſagte ſie dann,„jetzt muß ich hinaus.“ Als ſie ins Zimmer trat, fand ſie den Großhändler Franz Kellner bereits da. Das Kompliment, womit ſie einander begrüßten, war kalt und abgemeſſen. „Sie haben nich hieher berufen, Frau Baronin, und ich habe dem Ruf Folge geleiſtet, ſagte Kellner. „Es hat ſo eben elf geſchlagen und Sie finden, daß ich pünktlich bin. Aus ihrer Equipage vor dem Hauſe ſchloß ich auch, daß Sie nicht im Sinne hatten, mich länger zu erwarten, im Fall ich nicht ſogleich gekommen wäre.“ Die Baronin folgte ſeinen Worten mit einer Auf⸗ merkſamkeit, als wollte ſie den Ton keines einzigen ver⸗ loren gehen laſſen. Eine tiefe innere Bewegung ſpiegelte ſich dabei in ihrem Geſicht, obſchon man unmöglich ſagen konnte, ob ſie durch Liebe oder eine wohlgeübte Ver⸗ ſtellungsgabe hervorgerufen wurde. „Kellner,“ ſagte ſie dann, gleich als wäre ſie von ihrem Gefühl überwältigt,„warum dieſe beleidigende Kälte, dieſe bitter verletzende Gleichgültigkeit? Wer hat mehr für Sie geopfert als ich? Ach mein Herr, Sie ſind ſehr hart, Sie ſind grauſam.“ „Ich bitte, meine Baronin,“ erwiederte Kellner, ohne ſeine Faſſung zu verlieren,„haben Sie die Güte, ſich an den Gegenſtand zu halten; meine Zeit iſt ſehr kurz.“ „So haben Sie vor etlichen zwanzig Jahren nicht geſprochen, mein Herr.“ „Das mag ſein, Madame, aber Sie vergeſſen auch, daß ich damals noch ein Knabe war. Die Knabenjahre Verhältniß eine — 109 der Jüngling die ſeinige. Ich bin ſeit zwanzig Jahren Mann geworden.“ 4 „Und das will etwa heißen, daß Sie ſeit zwanzig Jahren alles, was Sie vor dieſer Zeit thaten und ſag⸗ ten, als Thorheiten anſehen?“ „Ganz richtig, Madame.“ Eine leidenſchaftliche, ſtolze Bewegung bewies, daß dieſe Antwort ſie tief ergriff. „Welch' ein für das Weib lehrreicher Egoismus,“ bemerkte ſie.„Ich will indeß hinzufügen,“ fuhr ſie mit gleichgültiger Geberde fort,„daß Sie zur Zeit Ihrer Thorheit weit liebenswürdiger waren als jetzt, wo Sie thöricht genug ſind, ſich für einen verſtändigen Mann zu halten.“ „Noch einmal, Madame,“ verſetzte Kellner mit der⸗ ſelben Kälte,„haben Sie die Güte, zu dem Gegenſtand überzugehen, wegen deſſen Sie ſo dringend meinen Be⸗ ſuch wünſchten. Sie ſprechen in Ihrem Brief davon, daß Sie ein Schreiben von dem General Roſenpalm er⸗ halten hätten.“ Die Baronin unterdrückte mit einer gewaltſamen Geberde die Bewegung, die in ihrem Innern arbeitete, und auch ſie wurde kalt und hart. „Nun wohl, mein Herr,“ ſiel ſie ein,„Sie wollen alſo nicht den Frieden, ſondern Krieg.“ „Bitte um Entſchuldigung, Frau Baronin, ich will weder das Eine noch das Andere; ich will nur wiſſen, warum Sie mir zugemuthet haben, hieher zu kommen.“ Ein bitteres Lächeln ſchwebte über das Geſicht der Baronin. „Wirklich? So laſſen Sie uns zu dem Gegenſtand übergehen,“ antwortete ſie.„Sie wiſſen vermuthlich, daß Ihr Vetter, Paul Kellner, aus Amerika zurück⸗ gekehrt iſt?“ „Allerdings.“ „Gewiß iſt Ihnen auch bekannt, daß ſein Vater 110 nicht blos mit einem ſehr ſchönen Vermögen von Schwe⸗ den abgereiſt iſt, ſondern daß er auch in der neuen Welt ſein Kapital ſo gut zu benutzen verſtand, daß er in der kurzen Zeit von etlichen zwanzig Jahren einen ungeheu⸗ ren Reichthum erworben hat?“ Kellner begriff nicht, auf was ſie zielte, aber er wurde immer aufmerkſamer; er ſchien zu fürchten, daß ſie auf eine Hinterliſt ausgehe. „Ich nehme auch an,“ fuhr ſie fort, als Kelluer ſtill blieb,„daß es Ihrem Gedächtniß nicht entfallen iſt, daß Ihr Onkel nur zwei Brüder hatte, wovon der eine Ihr eigener Vater iſt und der andere nach dem unglück⸗ lichen Ausgang von dem Prozeß meines Mannes ver⸗ ſchwand; wie auch, daß folglich Sie der einzige Univer⸗ ſalerbe Ihres reichen Onkels, des nunmehr in Neu-York verſtorbenen Amerikaners, ſind.“ „Sie vergeſſen da ſeinen Sohn, Paul Kellner.“ „Ganz und gar nicht, mein Herr, aber denken Sie ſich, Paul Kellner wäre möglicher Weiſe nicht...“ Die Baronin ſprach dieſe Worte auf eine Art, daß Kellner ganz beſondere Schlüſſe daraus ziehen konnte, und da die Frage für ihn unläugbar von ungeheurer Wichtigkeit war, ſo that er dies auch. Ihre Andeutung öffnete vor ſeinen Gedanken einen Abgruͤnd, in welchen ſie immer mehr niederſanken. Die Baronin, welche den Eindruck bemerkte, den ſie machte, mußte ſich große Gewalt anthun, um. ihre Befriedigung darüber zu unterdrücken. Kellner kannte ſie indeß zu gut, um ſich ihr voreilig zu überlaſſen. Aber nichts deſtoweniger war in ihm ein Gedanke erwacht, der ihn immer mehr anzog. „Denken Sie ſich die Möglichkeit,“ fuhr ſie fort, „Paul wäre nicht... was ſoll ich jetzt ſagen... wäre nicht...“ Sie unterbrach ihren Satz, als ſuche ſie nach einem Ausdruck, aber eigentlich um zu ſehen, ob Kelluer ihn 111 nicht ergänzen wolle. Sie hoffte, wenn ſie ihn nur dazu brächte, ein einziges Wort auszuſprechen, daß ſie aus der Art, wie dieſes geſprochen wurde, am leichteſten erſehen könnte, auf welchem Punkt ſie ihn im Augenblick habe. „Was meinen Sie, Madame,“ fiel er ein,„für den Fall, Paul wäre nicht...“ Ein leichtes Zittern eilte bei dieſen Worten durch die Glieder der Baronin, weil ſie den Schluß machte, daß ihre Inſinnation auf einen fruchtbaren Boden ge⸗ fallen ſei. Aber Kellner beſaß auch einen feinen Blick, überdieß kannte er ſeine Gegnerin ganz genau und ſah ſeine Un⸗ vorſichtigkeit ſogleich ein. Er beſchloß deshalb, in Zu⸗ kunft um ſo mehr auf ſeiner Hut zu ſein und ihr den⸗ noch wo möglich ihr Geheimniß abzulocken, im Fall nicht blos eine einfache Weiberliſt ſich hinter ihren Worten verbürge. Er zeigte ſich jedoch nicht gleichgültig dafür, ſondern eher noch neugieriger und vertrauensvoller als vorher. Aber ohne daß die Baronin ſeine Abſicht durchſchaute, war ſie doch ebenfalls auf ihrer Hut. „Sie ſetzen den Fall, Kellner,“ fuhr ſie fort,„Paul wäre nicht... ich weiß beinahe nicht, wie ich mich ausdrücken ſoll... er wäre nicht...“ „Sie ſind geheimnißvoll, Baronin... um Gottes⸗ winen ſprechen Sie ſich aus... was ſollte er nicht ein?“ Kellners lebhafte Neugierde täuſchte ſie vollkommen, weil ſie das, was er jetzt ſagte, als den Ausdruck eines leidenſchaftlichen Intereſſes betrachtete, während es gleich⸗ wohl nichts anderes als ein Ausdruck ruhiger und be⸗ rechnender Ueberlegung war. Sie glaubte auch jetzt mit der Hauptſache ſelbſt hervorrücken zu müſſen, um ihr an⸗ gefangenes Werk zu vollenden. „Denken Sie ſich die Möglichkeit,“ fuhr ſie deshalb fort,„Paul wäre nicht der Sohn Ihres Onkels...“ 112 „Nicht mein Vetter? was höre ich? wäre es mög⸗ lich? Aha... dann wollen Sie ſagen, wäre ich der einzige...“ „Erbe... allerdings.“ „Und Sie, Frau Baronin, ſollten etwas davon wiſſen? Sie ſetzen mich in Erſtaunen, Sie über⸗ raſchen mich.“ „Sie erinnern ſich vielleicht, daß Ihre Tante, die Frau Ihres Onkels, und ich intime Freundinnen waren.“ „Es iſt wahr, Madame, Sie machen mich höchſt neugierig und ungeduldig, und gleichwohl verkaufen Sie Ihre Erinnerungen nur ſtückweiſe.“ Kellner ſpielte ſeine Rolle ſo gut, daß die Baroniu ganz ſicher wurde. „Sie begreifen gewiß ſehr gut,“ fuhr ſie daher fort, „daß unter Freundinnen manche vertrauliche Mittheilun⸗ gen gewechſelt werden, die man nicht dem nächſten beſten als Beute überläßt.“ „Und Sie, Frau Baronin, ſollten von meiner Tante im Vertrauen erfahren haben, daß ihr Sohn.... nicht ihr gehörte?“ Kellner beſaß nicht genug Macht über ſich, um ſich noch länger hinter ſein diplomatiſch feines Mienenſpiel zu verbergen, und ein ſchnelles Lächeln flog über ſeine Lippen, als er die letzten Worte ausſprach. Die Baronin erkannte ihre Stellung ſogleich und ſah, daß er ihr entgehen würde, wofern ſie nicht alsbald ihre Macht über ihn wieder gewänne. „Ich habe dieß nicht geſagt, mein Herr,“ entgeg⸗ nete ſie jetzt, und ihre Stimme war dabei ſo kalt, daß ſie Kellner beinahe abkühlte und ihm zeigte, daß er ent⸗ deckt war.„Ich ſage blos,“ fügte ſie nach einer kurzen Pauſe mit demſelben Ernſt hinzu,„daß Ihre Tante mir Mittheilungen gemacht hat, die nicht ohne alle Wichtig⸗ keit für Sie ſind.“ Aus der Beſtimmtheit, womit ſie ihre Worte be⸗ 113 tonte, ſah Kellner, daß er durch ſeine Unvorſichtigkeit die Mittheilung, von der ſie geſprochen, vielleicht für im⸗ mer verſcherzt habe. Kellner wußte ſehr gut, daß die Baronin und ſeine Tante in ganz intimen Freundſchaftsverhältniſſen geſtan⸗ den, und vermuthete, daß wirklich vertrauliche Ergießun⸗ gen von beſonders delikater Art zwiſchen Beiden ſtatt gefunden hatten. Aber konnte wohl irgend eine dieſer Mittheilungen voon der Art ſein, daß Pauls Geburt und ſeine rechtliche Erbanſprüche ſich dadurch vernichten ließen? Hatte dieſe Inſinuation zuerſt eigenthümliche Be⸗ trachtungen in ihm erweckt, ſo hatte er ſie bei näherer Ueberlegung ſo abgeſchmackt gefunden, daß er ſie gänz⸗ lich verwarf. Die ebenſo ernſthaft als ruhig und beſtimmt aus⸗ geſprochene letzte Aeußerung der Baronin, rief inzwiſchen neue Betrachtungen bei ihm hervor. Erhielt er nur den mindeſten gültigen Grund zu einem Prozeß gegen Paul, ſo konnte... aber was konnte er? Seine Vorſtellungen waren noch ſo unklar, daß er es bei ſich ſelbſt nicht auszumitteln vermochte, was er konnte. Soviel war ihm jedoch deutlich, daß er die Möglichkeit nicht verſcherzen durſte, von der Baronin Kenntniß der vertraulichen Mittheilungen zu erhalten, in deren Beſitz zu ſein, ſie andentete. Aber wie ſollte er das Geſpräch wieder aufnehmen, ohne ſich noch ferner vor ihr blos zu ſtellen? Er brauchte ſich inzwiſchen nicht lange zu beſinnen. „Sie umgürten ſich, meine Baronin, mit ſo großer Vorſicht, daß ich nicht recht weiß, ob ich es wagen ſoll, Sie zu verſtehen oder nicht. Sie dürſten nichts deſtowe⸗ niger einſehen, daß das, was Sie andeuten, für mich von der größten Wichtigkeit iſt, und daß ſelbſt der geringſte Aufſchluß über Pauls zweifelhafte Geburt für mich ein Das Gewiſſen. II. 8 Schritt zu einer ganzen Goldgrube wäre. Laſſen Sie uns alſo aufrichtig ſein... theilen Sie mir die Auf⸗ ſchlüſſe mit, die Sie von ſeiner Mutter empfangen ha⸗ ben, und ſeien Sie überzeugt, daß... daß...“ Cr ſchöpfte noch Athem, um ſich zu beſinnen, was er ihr dagegen verſprechen ſolle. Kellners Aeußerung war, wenn auch vom Eigen⸗ nutz diktirt, gleichwohl vollkommen aufrichtig, und die Aufrichtigkeit verleiht der Stimme immer einen Charak⸗ ter und ein Leben, das zum Herzen dringt. Sie ſchien auch jetzt theure Erinnerungen bei der Baronin zu er⸗ wecken, und eine leichte Röthe glitt über ihre Wangen, während ihr Buſen ſich höher hob. „Sie brauchen mir nichts zu verſprechen, Kellner,“ fuhr ſie in milderem Tone fort;„Sie brauchen mir nur zu beweiſen, daß Sie mein Freund ſind, und ich will Ihnen etwas ſagen, das ſie reichlich belohnen wird. Zwei⸗ undzwanzig Jahre Winter haben mein Herz abgekühlt und ich beſitze keine Anſprüche mehr an Sie. Behalten Sie deßhalb alle Verſprechungen, aber erweiſen Sie mir ſtatt deſſen einen Dienſt.“ „Ich bin bereit... laſſen Sie hören, was Sie fordern.“ Als Kellner hörte, daß ſie Bedingungen ſtellen wollte, ſtellte ſich wieder ein Zweifel gegen ſie ein, und zwar noch ſtärker als vorher. Während der Lebzeiten ihres Mannes hatten Kel⸗ ner und ſie auf einem ausnehmend vertraulichen Fuß ge⸗ ſtanden, weil ſie für einander eine Neigung hegten, welche weniger die Grenzen ihres Einfluſſes berechnete, als viel⸗ mehr das Verlangen, dieſelben zu überſchreiten. Seit dem Tode des Barons Lander hatten dagegen alle Verhält⸗ niſſe zwiſchen ihnen aufgehört, weil argwöhniſche Gedan⸗ ken oder Erinnerungen höchſt unbehaglicher Ark, Kellner nicht blos abgekühlt, ſondern faſt mehr noch von jeder Fortſetzung der Bekanntſchaft abgeſchreckt hatten. Alle 115⁵ Bemühungen der Baronin, ihre früheren Verbindungen wieder anzuknüpfen, waren an Kellners beharrlichem Weg⸗ bleiben und ſeiner unbeugſamen Schweigſamkeit geſchei⸗ tert. Zwar hatte er als alter Freund und vielleicht auch, um nicht gar zu weit zu gehen, ihrem Sohn Fritz ſein Haus geöffnet; aber dabei hatte es auch ſein Bewen⸗ den gehabt. Im Uebrigen warf er einen für Jedermann undurchdringlichen Schleier über das, was in ihrer Ju⸗ gend zwiſchen ihnen vorgefallen war. Kellner hegte eine Scheu davor, ſich in die Angelegenheiten der Baronin ein⸗ zumiſchen, beſonders in ſolche, die ſich nur entfernt auf ihr Verhältniß zu ihrem Mann bezogen, wie er auch an die Todesart deſſelben nicht ohne Entſetzen denken konnte. Er beſchloß inzwiſchen zu hören, was ſie verlangte, ehe er weiter urtheilte. „Sprechen Sie, Frau Baronin. Ich höre.“ „Sie wiſſen, daß ich einen Brief von dem General erhalten habe.“ „Ganz richtig; Sie erwähnten denſelben in Ihrem Schreiben an mich.“ ant hat dem General einen Beſuch gemacht.“ „Nun...“ „Paul hat aus Amerika einen Auftrag mitgebracht, den ihm ſein Vater ertheilte, als er in den letzten Zügen ag.“ Kellners Aufmerkſamkeit wurde wieder im höchſten Grade geſpannt, weil er wiederum nicht begriff, auf was ſie abzielte. 3 „Und worin beſteht denn dieſer Auftrag?“ ſiel Kell⸗ ner ein. „Darin, daß er die Frage über die Todesart mei⸗ nes Mannes von Neuem anregen ſoll.“ „Ich verſtehe...“ „Daß er erforderlichen Falls ſein ganzes Vermögen daran ſetzen ſolle, die damit verknüpften Umſtände zu erforſchen.“ 1— „Weiter, Madame, weiter.“ Kellner war unruhig und ängſtlich über die Mit⸗ theilung, die ſie ihm machte, aber er wollte ſie gleichwohl ganz anhören. „Der General hat deßhalb an mich geſchrieben und mich gebeten, ihn zu beſuchen, weil eine unbedeutende Un⸗ päßlichkeit ihn verhindert, auszugehen.“ „In welcher Abſicht erbittet er ſich dieſen Beſuch?“ „Offenbar in der Abſicht, mein Herr, weil er mich einem neuen confidentiellen Verhör unterwerfen will, mit beſonderer Rückſicht auf einige neue Aktenſtücke, die Paul aus Amerika mitgebracht und von ſeinem Vater erhalten haben ſoll.“ Aber, Madame, ich ſehe wahrhaftig nicht ein, welche Rolle Sie dabei mir übertragen wollen. Sie können ja auf die Fragen des Generals nichts anders zu antworten haben, als was Sie bereits zu Protokoll gaben, als die Sache vor Gericht anhängig war. „ Das iſt allerdings wahr; aber ich bin jetzt älter, und weder meine Stimmung noch meine Geſundheit ge⸗ ſtatten mir, auf ein ſolches Geſpräch einzugehen. Ueber⸗ dieß kennen Sie die beſchränkte Logik des Generals, und was verhindert ihn, aus einem voreiligen Wort von meiner Seite diejenigen Schlüſſe zu ziehen, die er gerne möchte?“ „So lehnen Sie das Rendezvous ab, Frau Ba⸗ ronin.“ „Sollte nicht auch das vielleicht ürſache zu arg⸗ wöhniſchen Vermuthungen geben können? Ich kenne jetzt die Welt, Herr Kellner, und Sie haben Iprerſeits nicht wenig dazu beigetragen; ich bin geſpenſterſcheu geworden.“ Die Baronin ſprach in einem bewegten, überzeugen⸗ den Ton und glaubte Kellner bereits überwunden zu haben. „So laſſen Sie mich wiſſen, was Sie glauben, daß ich thun ſoll.“ 117 Nicht ohne Unruhe ſtellte Kellner dieſe Frage. Ihm war, als ſtünde er auf einem ſchlüpfrigen Boden, und er fürchtete, daß er bei der mindeſten Unvorſichtigkeit in einen Abgrund hinabgleiten könnte. „Ich wünſchte, daß Sie ſich an meiner Stelle zu dem General begeben möchten.“ Kellner war nahe daran, aus Ueberraſchung einen Schritt zurückzuthun, als er die Zumuthung vernahm, daß er ſich für ſie in die Breſche werfen ſolle; aber er bemeiſterte ſeine Bewegung und blieb ruhig. „Weiter!“ ſagte er blos, weil er jetzt vollſtändig wiſſen wollte, was ſie von ihm verlangte;„weiter!“ „Sie ſollen den General beruhigen und die Phan⸗ taſie Ihres Vetters zum Schweigen bringen; Sie ſollen dieſen Herren ſagen, daß meine Jahre mir ſolche aufre⸗ gende tétes-à-téte verbieten müſſen; daß der Gerichtshof ſchon vor vielen Jahren die Sache abgemacht habe, und daß endlich Sie ſelbſt für den Fall, daß neuere Auf⸗ ſchlüſſe gewonnen wären, auf Erklärungen darüber ein⸗ gehen köͤnnen, weil Sie.. Kellner vermochte ſeine Gefühle nicht länger zurück⸗ zuhalten. „Und zum Lohn dafür, Madame, wollen Sie mir ein Geheimniß anvertrauen, das die Erbanſprüche meines Vetters zu nichte macht?“ Dieſe Frage, die mit Eifer und Wärme vorgetragen wurde, brachte die Baronin auf den Glanben, daß Kell⸗ ner wirklich auf ihren Wunſch eingehe. „Ich werde Ihnen ein hohes Geheimuiß anvertranen,“ antwortete ſie daher,„ein Geheimniß, das, wenn es auch nicht vollkommen beweiskräftig iſt, gleichwohl einem Be⸗ weiſe nahe kommt.“ Kellner glaubte ſie jetzt genügend durchſchaut zu haben und dachte, es ſei Zeit, ſeine wahre Auſicht zu zeigen.. Seine Bruſt hob ſich, ſeine Stirne richtete ſich auf. Sie ſah die Veränderung an ihm, ohne ſich die Bedeu⸗ tung derſelben erklären zu können. Noch hoffte ſie. „Sie ſind doch zu Ende?“ fragte Kellner. „Ja, mein Herr, ja.“ „Und Sie wollen meine Antwort hören?“ „Ja, ja.“ „Erinnern Sie ſich aus dem neuen Teſtament zweier ſehr verſchiedener Perſonen, die ſich einmal auf den Zin⸗ nen des Tempels begegneten?“ Die Baronin ſah ihn verwundert an. „Ich vergleiche mich natürlich nicht mit dem Einen.“ Ein Blitz glänzte in den Augen der Baronin; ſie ahnte, wo er hinaus wollte. „Ei wirklich,“ ſagte ſie,„Sie vergleichen ſich nicht mit dem Einen; das iſt unleugbar ſehr beſcheiden; fahren Sie fort, mein Herr.“ „Wie geſagt, ich vergleiche mich nicht mit dem Einen.“ „Alſo vermuthlich mit dem Andern?“ „Auch nicht; ich überlaſſe dieſe Ehre Ihnen.“ „Sehr ſchmeichelhaft.“ Die Baronin ſah an Kellners Blick und hörte am Ton ſeiner Stimme, daß ſie ſich in ihm betrogen hatte; auch brauchte ſie ſich kaum an ſeine Worte zu halten, um ſich davon vollkommen zu überzeugen. Verdruß und bitterer Schmerz bemächtigten ſich ihrer. „Wenn ich alles zuſammenhalte, was Sie mir mit⸗ getheilt haben,“ fuhr Kellner mit unerſchütterlicher Ruhe fort,„ſo ließe es ſich kürzer in die Worte zuſammen⸗ drängen, welche die zweite Perſon zu der erſten auf den Zinnen des Tempels ſagte: Falle nieder und bete mich an, ſo will ich Dir alles geben, was Du rings um Dich ſiehſt.“ „Und Ihre Antwort, mein Herr?“ „ Weiche von mir, Du garſtiger Verſucher. Haben Sie mich verſtanden, Frau Baronin?“ — 1¹9 Die Baronin machte eine Bewegung der Ungeduld, welche bewies, daß ſie ſich kaum zu beherrſchen vermochte. „Ich habe Sie verſtanden, Herr Kelluer; aber lei⸗ den duͤrften Sie mich noch nicht gänzlich verſtanden haben.“ „Nicht? nun... das ſollte mich intereſſiren.“ „Wiſſen Sie, welchen Beſchluß ich gefaßt habe?“ „Sie ſind gewöhnt, ſich ſo gut zu maskiren, Ma⸗ dame, als daß ich mir das zutrauen könnte.“ „Als Sie hieher kamen, ſahen Sie doch meine Equi⸗ page vor der Thüre?“ „Allerdiugs.“ „Sie erwartete mich, damit ich unmittelbar nach Empfang Ihrer Antwort zum General fahren könnte.“ Um eine neue Tortur auszuſtehen? Ich beklage aufrichtig Ihren Entſchluß.“ „Beklagen Sie ſich ſelbſt, mein Herr, denn ich ge⸗ denke ſehr aufrichtig gegen den General zu ſein, und ihm— merken Sie ſich das, Herr Kellner— die genaue Verbindung anzuvertrauen, worin wir während der Leb⸗ zeiten meines Mannes zu einander ſtanden, wie auch von der Eiferſucht zu erzählen, die ſich deßhalb ſeiner bemäch⸗ tigt hatte.“ Kellner riß ſeine Augen weit auf; er glaubte nicht wohl zu hören. „Ich werde ihm dieſe Eiferſucht, ſo wie ſie war, be⸗ ſchreiben, und ich werde nicht unterlaſſen, ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf die Gefahr zu lenken, welche Sie, keinen andern als Sie bedrohte, als mein Mann... zu Ihrem Glück, mein Herr, juſt im rechten Augenblick aus der Zahl der Lebenden verſchwand. Sie verſtehen mich doch?“ Der Aerger kochte in Kellners Blut. „Sachte, Madame,“ ſtammelte er,„ſachte, Sie dürf⸗ ten etwas nicht wiſſen.“ „Was?“ „Daß Drohungen von Ihren Lippen keine ſonder⸗ liche Bedeutung haben.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Daß wir nicht allein ſind, Madame. Urtheilen Sie ſelbſt.“ Mit dieſen Worten ſtieß er die während des Ge⸗ ſprächs nur theilweiſe offene Thüre vollends auf, und Chevalier Gourville kam zum Vorſchein. Ich kenne Sie zu gut, Madame, um mich in Ihre Schlingen locken zu laſſen. Urtheilen Sie jetzt ſelbſt, wie viel ich von Ihnen zu fürchten haben kann.“ Die Baronin ſank mit dem Ausdruck der Ueberra⸗ ſchung und des Verdruſſes auf den Sofa nieder, ſprang aber ſogleich wieder auf. Ihr Ausſehen war wild, man konnte ſagen, ſie glich einer Furie. „Ihr Beuehmen iſt ſchlecht, Herr Kellner, erbärm⸗ lich, niederträchtig. Sie vergeſſen, daß Sie es mit einem Weibe zu thun haben, das keine Hinterliſt ahnte. Sie haben gemein gehandelt, mein Herr.“ „Wir haben einander auf halbem Wege getroffen, Frau Baronin, nichts anderes. Ich kannte Sie zu gut, als daß ich es gewagt hätte, mich ohne Zeugen Ihren Intriguen zu überlaſſen, und ich nahm deßhalb einen Freund mit. Sie haben übrigens zwar allerdings Ver⸗ ſchiedenes angedeutet, aber nichts förmlich eröfſnet, was Ihnen ſchaden könnte. Sie ſind nur inſofern entwaffnet, daß Sie es nicht wagen können, mich anzugreifen. Nicht wahr, Chevalier?“ Mit einer gleichgültigen und ſtolzen Bewegung des Kopfes grüßte Gourville. Kellner hatte die Wahrheit geſprochen. Als er den Brief der Baronin erhielt, war Gourville zufällig bei ihm, und Kellner, der nicht blos die Baronin, ſondern auch den verſchlagenen Kopf Gourvilles kannte, hielt es für rathſam, Letzteren um ſeine Begleitung zu bitten, 121 „Ohngeachtet ich es nicht ganz billige,“ ſagte Gour⸗ ville, gegen die Baronin gewandt, und ſo viel Artigkeit als möglich in ſeine Rede legend, und ohngeachtet es überdies ganz unabſichtlich geſchah, kann ich nicht leug⸗ nen, daß ich das eine und andere, was hier geſprochen worden iſt, gehört habe; aber dieſes Bekenntniß darf Ihnen gleichwohl keine Furcht einflößen, weil ich nicht im Stande wäre, mich deſſelben zum Schaden von irgend jemand zu bedienen. Im Gegentheil gibt es mir Ver⸗ anlaſſung, daß ich mir das Recht erbitte, meine Anſicht auszuſprechen, indem ich überzeugt bin, daß dieſelbe Sie beide beruhigen und die gegenſeitigen Verhältniſſe wieder auf einen guten Fuß ſtellen wird.“ Gourville hatte mit ſicherem Maßſtab augenblicklich den Charakter der Baronin gemeſſen und glaubte über⸗ dies genug gehört zu haben, um ſich über die Art der früheren Ereigniſſe, welche hier den Gegenſtand des Ge⸗ ſpräches ausmachten, nicht zu tänſchen. 3 Die ruhige und würdevolle Art, wie er als Ver⸗ mittler auftrat, gefiel der Baronin ſogleich. Sie betrach⸗ tetete ihn mit einem langen prüfenden Blick und fand in ſeinem kühnen und entſchloſſenen Ausſehen Etwas, das ihr wohlgefiel. Kellner dagegen, welcher wußte, daß er in Gour⸗ vile ſeinen Mann hatte, begriff nicht, auf was ſie ab⸗ zielte. „Wenn ich mich nicht täuſche,“ fuhr Gourville fort, „ſo gibt es eine Sache, worin die Frau Baronin und der Herr Großhändler einig ſind, nämlich die Gemein⸗ ſchaftlichkeit einer minder freundlichen Geſinnung gegen Paul Kellner.“ Er ſchwieg, um eine Antwort abzuwarten, aber die Baronin und Kellner verblieben ſtumm. „Wenn dieſe meine Vorausſetzung,“ fuhr Gourville fort,„richtig iſt, ſo bildet ſie bereits einen triftigen Grund zu einem Bunde zwiſchen Ihnen.“ Keine der zwei Partheien unterbrach ihn. „Der Herr Großhändler würde, wenn Paul Kellner ſtürbe, deſſen ganzes Vermögen erhalten.“ „Das iſt wahr, bemerkte die Baronin. „Die Fran Baronin würde unter der gleichen Vor⸗ ausſetzung von der Unannehmlichkeit eines Zuſammen⸗ treffens mit ihm befreit werden.“ „Auch das iſt wahr,“ bemerkte Kellner. „Nun denn,“ fuhr Gourville mit derſelben hartnäcki⸗ gen Ruhe, als ob er von einer Bagatelle ſpräche, fort, „was iſt alſo natürlicher, als daß Sie ſich von ihm be⸗ freien?“ Aber ungeachtet Gourville ſo behutſam wie möglich den Deckel von dem Abgrund wegnahm, den er vor ihren Füßen öffnete, flößte er doch ſeinen beiden Zuhörern einen Schrecken ein, welcher den Lippen der Baronin einen Ausruf abpreßte und Kellner erblaſſen machte. Der Ausruf der Baronin ertönte jedoch, wie wenn ſie in demſelben Augenblick in den Abgrund hinabge⸗ glitten wäre, während Kellners erbleichende Wange blos bewies, welchen Eindruck der Vorſchlag bei ihm her⸗ vorrief. Kellner war zwar nicht ohne Moral, aber dieſe war blos oberflächlich, weil ſie ſich nicht auf eine innere, freie und ſelbſtſtändige Ergebenheit gegen das Gute und Rechte an und für ſich gründete, ſondern auf ſeine Achtung vor dem Urtheil der Welt, im Fall er gegen die äußeren, durch Geſetze und Gewohnheiten feſtgeſtellten Formen verſtieße. 3 Auch eine ſolche Moral kann jedoch ihre Kraft haben. Mit einem empfindſamen, kühnen und an Plänen reichen Kopf, ſowie einem unermüdlichen Unternehmungs⸗ geiſt ausgeſtattet, der ſich durch einen erſten Unfall nicht gerne irre machen ließ, war Kellner in moraliſcher Be⸗ ziehung ein ganz ſchwacher, man könnte beinah ſagen⸗ —xV — 123 gewöhnlicher Menſch, obſchon glücklicher Weiſe nicht alle gewöhnliche Menſchen durch den Gang der Ereigniſſe in eine ſo ungewöhnliche Stellung gebracht werden, wie diejenige war, worin Kellner ſich befand. Seinen Erfolg hatte er einem gut und kalt berechnenden Verſtand, nicht den Erweckungen eines guten Herzens zu verdanken, Das Sittengeſetz war für ihn mehr eine äußere Hülle, als das lebendige und leitende Prinzip ſeiner Handlungen und Anſichten. Als Paul nach Stockholm kam, hatte er ihn zwar in einer Abſicht, die er kaum ſelbſt näher unter⸗ ſuchen wollte, an Gourville überlaſſen und war dabei nur den Eingebungen des erſten Augenblicks gefolgt; aber der Gedanke, es gethau zu haben, hatte ihn gleichwohl manche ſchlafloſe Nacht gekoſtet, obſchon die Träume, die ihm dabei vorſchwebten, allerdings nicht blos aus Vor⸗ würfen beſtanden, ſondern auch mit phantaſtiſchen Vor⸗ ſtellungen von all dem Großen, das er ausführen könnte, im Fall er Pauls Vermögen beſäße, vermiſcht waren. Als Gourville jetzt wieder mit demſelben Gedanken her⸗ vorkam, erweckte er bei ihm eine noch weit unbehaglichere Verwirrung als das erſte Mal, weil er jetzt ruhiger als damals und überdies nicht allein war. Was er kaum in der Stille zu denken gewagt hatte, wurde da jetzt in Gegenwart einer andern Perſon wiederholt; das er⸗ ſchreckte ihn. Aber Gourville that, als ob er die Aufregung ſo⸗ wohl der Baronin als Kellners nicht bemerkte. „Meine Frageſtellung,“ fuhr er ſo ungezwungen wie vorher fort,„geht natürlich lediglich von mir allein aus; ſie iſt aber nichts deſtoweniger die logiſche Schlußfolge der Umſtände, worin ſowohl Sie, Frau Baronin, als Sie, Herr Großhändler, ſich befinden. Ich bitte Sie zu be⸗ merken, daß ich nicht geſagt habe, daß jemand von Ihnen ſo denke, ja nicht einmal, daß ich ſelbſt ſo denke; ich laſſe alles Andere bei Seite und ſtelle nur die Frage auf ihren rechten Standpunkt.“ Dadurch, daß Gourville ſeine Zuhörer, wie auch ſich ſelbſt von der Möglichkeit eines ſolchen Verbrechens, ja ſogar von einem Gedanken daran, freiſprach, aber den⸗ noch den verbrecheriſchen Schlußſatz ſelbſt ſtehen ließ, fand ſich bald wieder Ruhe bei ihnen ein, ohne daß man von dem Gegenſtand des Geſprächs abging. Es handelte ſich jetzt mehr um ein Prinzip, als um die Art, daſſelbe ins Werk zu ſetzen. „Niemand kann das Verbrechen mehr haſſen und verabſcheuen als ich,“ fuhr gleichwohl Gourville fort, „aber ich gebe gerne zu, daß bei mir der Begriff von Verbrechen ganz zweideutig iſt. Wie manchmal haben wir nicht Regenten theils mit Waffengewalt, theils auch durch diplomatiſche Spitzfindigkeiten einander Reich und Krone rauben ſehen, und zwar gewöhnlich im Namen des allgemeinen Völkerrechts oder des Nationalwillens! Aber ungeachtet die Sieger Triumphe feierten und ihre Tha⸗ ten unter Lobpreiſungen in das Gedächtnißbuch der Ge⸗ ſchichte eingezeichnet wurden, iſt gleichwohl die Sache ſelbſt nichts anderes als ein moraliſches Verbrechen, von dem Stärkeren gegen den Schwächeren ausgeübt, ein Verbrechen, das ſeine Ehre lediglich von dem Erfolg ent⸗ lehnt. Ueberall, wohin man ſeine Aufmerkſamkeit lenkt, trifft man auf ſolche Grundſätze. Die Regenten und die Nationen— urſprünglich Räuberhauptleute und Räuber⸗ horden— haben allerdings bei den Fortſchritten der Ci⸗ viliſation ſolche Räubergrundſätze innerhalb der Horden verboten, während ſie ſich gleichwohl in den Inſtitutionen geltend gemacht haben. Die Privilegien im Allgemeinen ſind nichts anderes, als juſt die Anwendung ſolcher Prin⸗ cipien. Ich haſſe das Verbrechen, ſagte ich... aller⸗ dings... aber haſſe ich es in einer Beziehung, ſo muß ich es überhaupt haſſen. Man ſagt, daß die Civiliſation allmälig verbeſſernd und ausgleichend voranſchreite, und ich bin weit entfernt, es zu beſtreiten, aber ungeachtet all' deſſen wird es mir nicht klar, was Verbrechen iſt — 125⁵ oder nicht. Einige Beiſpiele aus unſerer eigenen Zeit ſollen meinen Satz deutlich machen. Man hat ziemlich viele Jahrhunderte hindurch das Eigenthumsrecht als heilig betrachtet, und Gott weiß, daß auch ich es ſo an⸗ ſehe; aber unläugbar iſt, daß weitberühmte Denker, Perſonen von europäiſchem Ruf, juſt in unſern Tagen mit der Anſicht aufgetreten ſind, das Eigenthumsrecht ſei Diebſtahl und Raub an dem allgemeinen Recht, ich kann nicht läugnen, daß auch dieſe Behauptung viel für ſich hat. Tauſende von Menſchen haben auch dafür ge⸗ kämpft, gelitten und in ihrem Tod die Märtyrerkrone errungen. Allerdings habe ich bemerkt, daß dieſelben Perſonen, die auf ſolche Art für den allgemeinen Satz oder dafür, daß das Eigenthumsrecht als Diebſtahl am Staat und der Gemeinſchaft erklärt werden ſolle, gekämpft haben, manchmal ſelbſt mit großer Strenge den einzelnen Dieb beſtraften, obſchon dies unläugbar ihrem Syſtem widerſtritt und als Inconſequenz betrachtet werden muß. Ein Syſtem, das für Alle gilt, muß auch für den Ein⸗ zelnen gelten. Auf die gleiche Art verhält es ſich auch mit der Ehre. Man hat ſie Jahrhunderte lang für hei⸗ lig angeſehen, und es iſt gleichwohl bereits ſyſtematiſch bewieſen, daß ſie eine der Haupturſachen des Mißver⸗ gnügens in Europa iſt. Wenn dies ſo iſt, ſo handle ich ja nur im Intereſſe der Zukunft, wenn ich mir in dieſer Beziehung keine Scrupeln mehr mache. Ich für meinen Theil bin nicht ſcharfſinnig genug, um das wirklich Rich⸗ tige in dieſen Grundſätzen unterſuchen zu können, ſondern ich befinde mich in der Lage, daß ich nicht weiß, was ich glauben ſoll; aber ich fühle gleichwohl, daß ſchon dies mir große Ruhe einflößt; denn wenn ich auch nicht das eine Syſtem für mich habe, ſo habe ich doch das andere.“ Es mag vielleicht dem einen oder dem andern ſon⸗ derbar erſcheinen, daß dieſe Anſichten aus Gourville's Munde kamen, aber ſo philoſophiſch das Ganze klingen mag, ſo beweiſt es nur, daß er mit Aufmerkſamkeit die Journale der letzten Jahre geleſen hatte, vor allen die⸗ jenigen, die hauptſächlich für die größere Maſſe berechnet ſind, und daß er die für ſeine eigene Stellung paſſenden Schlußſätze daraus zu ziehen wußte. Gourville bemerkte den Eindruck, den er hervorbrachte, und fuhr fort: „In unſern Tagen wird auf allen Seiten gekämpft. Die Völker kämpfen gegen die Könige und die Könige kämpfen gegen die Voͤlker. Beide laſſen ihre Gewalten gegen einander los und auf beiden Seiten zeigt ſich die Mißachtung für das Leben und das Recht des Einzelnen, wie denn auch der Einzelne nothwendig daraus lernen muß, das Recht ſeines Nächſten zu mißachten. Was iſt daran verbrecheriſch? Aber laſſen Sie uns zum Einzel⸗ nen herabſteigen, und wir werden bald ſehen, daß es da nicht beſſer ſteht. Ein junger Mann nach der Mode oder ein alter berechnender Geſchäftsmann ſtürzt ſich in Schulden, um ſich ſo lange als möglich fortzuhelfen. Endlich macht er Güterabtretung... man beklagt den guten Mann... und die Gläubiger bekommen bei der Vertheilung höchſtens 25 Prozent; fünfundſiebenzig Pro⸗ zent hat er ihnen geſtohlen. Man nennt dies einen ehr⸗ lichen Vergleich. Ein anderer ſtiehlt direkt und wird für ſeine ganze Lebenszeit dafür gebrandmarkt. Wer war ein groͤßerer Verbrecher, derjenige, deſſen ganzes Leben eine lange andauernde überlegte Betrügerei war, oder⸗ derjenige, den vielleicht der Hunger auf die Bahn des Verbrechens trieb? Ein Wucherer... o das iſt eine vortreffliche Seele... er hilft Allem aus, während er ſie plündert. Man nennt ihn zwar hinter ſeinem Rücken einen Schurken, aber in’s Geſicht iſt man artig gegen ihn; er geht mit den höchſten Beamten des Landes um, gedeiht wie ein Kröſus, und wenn er, müde von Wohl⸗ befinden und Genüſſen, ſtirbt, ſo hinterläßt er Millionen, und alle ſeine Kunden paradiren in ſeinem Leichenzug. 127 Ein armer Teufel, der zum viertenmal wegen Diebſtahls verurtheilt wird, bekommt, ſelbſt wenn der Diebſtahl nicht acht Schillinge beträgt, lebenslängliches Gefängniß. Wer war der größere Schurke? Wie viele Angehörige gibt es nicht, die demjenigen den Tod wünſchen, den ſie zu beerben hoffen! Iſt dieſer Wunſch vielleicht nicht ein Mord? Haben wir nicht in demſelben Augenblick, wo wir einem Andern den Tod wünſchen, uns von dem mo⸗ raliſchen Gebot entfernt, das uns befiehlt, unſern Nächſten ebenſo zu lieben, wie uns ſelbſt, und was anderes als der äußere Schein, die Furcht vor der Strafe iſt es, was uns abhält, wenn der Prozeß mit unſerm Gewiſſen einmal fertig iſt, ihn auch in Wirklichkeit ſo kurz wie möglich zu machen? Und die Furcht? Iſt die Furcht et⸗ was anderes als die Feigheit? Ein ſchlechtes Gefühl rettet alſo eine ſchlechte Perſon von einer ſchlechten That, die um ſo ſchlechter iſt, weil ſie ſich hier innerhalb der Verwandtſchaftsbande bewegt, welche unſere Religion vor allem heiligt, und deß ungeachtet wird ſie fortwährend ein Jahrzehnt hindurch als ein warmer Wunſch gehegt. Dagegen beſtraft die Geſellſchaft denjenigen am Leben, der z. B. mit Gewalt einem andern die Naſe abſchueidet. Wer von ihnen iſt jedoch der größere Verbrecher? Wenn eine Aeußerung, wie z. B.: des Einen Tod iſt des An⸗ dern Brod, als Sprüchwort in die allgemeine Anſchau⸗ ungsweiſe übergehen konnte, ſo beweiſt dies, auf welchem Standpunkte dieſe Anſchauungsweiſe ſteht.“ Die Baronin und Kellner wagten einander nicht anzuſehen, hörten aber Gourville mit einem Gefühl an, dem ein gewiſſer Schrecken beigemiſcht war. Beſonders wechſelte der Ausdruck in Kellners Geſicht während des letzten Theils ſeiner Aeußerung zwiſchen Furcht und Ent⸗ ſetzen, weil er ſich darin auf eine Art gezeichnet fühlte, deren Wahrheit er ſich ſelbſt geſtehen mußte. Gourville betrachtete jetzt beide, weniger um zu ſehen, ob ſie ſeine Grundſätze billigten, als um den Ein⸗ druck zu ſtudiren, den er auf ſie gemacht hatte. Beider Augen waren jetzt unverwandt auf ihn ge⸗ heftet. Die Baronin ſchien in ihm ein unerklärliches Weſen, ein der Unterwelt entſtiegenes Geſpenſt zu er⸗ blicken. Auf Kellners Wangen brannte eine dunkle Röthe. Er athmete ſchwer. Das Schweigen, das in dieſem Au⸗ genblick vorwaltete, war grabähnlich. Gourville ſah, daß er ſie beherrſchte. „Wohlan,“ begann er jetzt wieder,„geſtehen Sie, daß ich Recht habe?“ Die Frage kam ſo unerwartet, daß die Baronin zu⸗ ſammenfuhr und Kelluer anſtarrte, gleich als wünſchte ſie von ihm eine Anleitung zu ibrer Antwort zu erhalten. Kellner ſenkte mit einer ſcheuen Bewegung den Blick zur Erde. Die Anſichten, die Gourville entwickelt hatte, waren an und für ſich nichts Ungewöhnliches, weil man auch ſchon vorher ähnliche Raiſonnements gehört hat; das Un⸗ gewöhnliche lag nur darin, daß ſie vorgetragen wurden, um das verbrecheriſche Treiben des Einzelnen zu vertheidigen. Man vermuthet beinah allgemein, daß Schwedens Hauptſtadt keine Myſterien beſitze. Die Bevölkerung ſieht auch, von der Sonnenſeite betrachtet, fromm und alltäglich aus; aber die Nachtſeite iſt finſter, wie in an⸗ dern ſtark bevölkerten Städten. Die gefährliche Leicht⸗ fertigkeit der Grundſätze, welche Gourville vertrat, kann kaum von Jemand geläugnet werden, und dann iſt es blos ein Zufall, wenn die Anſicht nicht auch zur Hand⸗ — 129 tung wird. Das allgemeine verbrecheriſche Treiben iſt kein Zufall, ſondern das Ergebniß einer geſunkenen Mo⸗ ral, und wo dieſe in innerer phyſiſcher Beziehung geſun⸗ ken iſt, da iſt ihr Beſtand im äußern Leben nur ein Zufall. Das Urtheil über Stockholm darf in der That nicht milder ausfallen als über andere große Städte. Entſetzliche Belege hiefür bilden die Geburts⸗ und Sterbtabellen des Jahres 1850, wo die Anzahl der Geſtorbenen die der Geborenen um 715 überſteigt, und die geboreuen ehelichen Kinder ſich nur auf 1604, die unehelichen auf 1340 belaufen. Wir fürchten, daß der moraliſche Zuſtand im Verhältniß zur Zahl der Bevöl⸗ kerung in andern Hauptſtädten ſchwerlich ſchlimmer ſein kaun, nicht einmal in London und Paris. Auch der ökonomiſche Druck iſt nicht unbedeutend, weil es nur 2017 Haushaltungen gibt, die aus eigenen Mitteln mehr beſitzen, als was zu ihrem Unterhalt nöthig iſt, während dagegen die andern nur knapp beſtehen können, im Fall ſie nicht durch öffentliche oder Privatwohlthätigkeit unter⸗ ſtützt werden. Gewiß iſt es auch problematiſch, in wie weit der ruhige nordiſche Charakter nebſt klimatiſchen Urſachen bei uns die Leidenſchaften abkühlt, bevor ſie die Grenzen des Verbrechens überſchreiten, wenn man mit Bezugnahme auf die Bevölkerung des ganzen Reichs in den letzten fünf Jahren folgendermaßen zählt: ermordete Kinder 11,0; ermordete ältere Perſonen 57,4; nach richterlichem Spruch Hingerichtete 8,0; Selbſtmörder 217,4; durch ſtarke Getränke Umgekommene 66,23 Er⸗ frorene 110,2; Ertrunkene 1181,0; durch Unvorſichtig⸗ keit von Müttern oder Ammen erdrückte Kinder 291,0; durch Fall⸗ und äußere Beſchädigung Umgekommene 307,0; Verhungerte 31,8; durch abſichtliche Vergiftung Getödtete 10,0. Ohne hier auf weitere Kommentare einzugehen, wollen wir nur noch hinzufügen, daß dieſe Zifferangaben zu beweiſen ſcheinen, daß all die Leiden⸗ Das Gewiſſen. Il. 9 ſchaften, die in andern Ländern bei der Zeichnung des Geſellſchaftslebens ſo ſtark in Anſpruch genommen wer⸗ den, auch bei uns in reichem Maße ſich vorfinden, ob⸗ ſchon der Schwede, der erſt in den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren eine Publizität erhalten hat, nicht im Stande war und es noch jetzt kaum iſt, ſich ſelbſt voll⸗ ſtändig unterſuchen zu können, ohngeachtet ihm in dieſer Beziehung ganz und gar nichts fehlt, wenn es ſich um Ausländer handelt. Um endlich durch einige beſondere Beiſpiele Vor⸗ ſtehendes noch weiter zu bekräftigen, wollen wir nur noch die Deprez'ſche Vergiftung, die Fyrwald'ſche, Nyſſer ſche, Lagerpranz'ſche, Breitfeld'ſche und Aroſiniſche Mordge⸗ ſchichte, die Ceſſion und Todesart Morſings, von andern Ceſſionen nicht zu ſprechen, die Löwenmarkeſche Geſchichte, wie auch die große weitverzweigte Diebsbande in und außer der Hauptſtadt, der man erſt neuerdings auf die Spur gekommen iſt, namhaft machen; davon nichts zu ſagen; daß die täglichen Polizeiprotokolle beſtändig er⸗ neuerte Beweiſe von der Exiſtenz und der Zunahme des Vagabundenlebens liefern. Wir hoffen, daß man nns dieſe kleine Epiſode, wozu Gourville's Anſichten Veranlaſſung gegeben, zu gut hal⸗ ten wird. Gourville's Frage war unbeantwortet geblieben. Die Baronin ſchien ſprechen zu wollen, aber kein Wort kam über ihre Lippen... Auf Kellners Wangen brannte noch eine dunkle Röthe und ſein Blick war zu Boden geſenkt. . 13¹ Nach einer Weile erhob er jedoch ſein Haupt wieder und ſeine Augen glänzten mehr als gewöhnlich. Der entſchloſſene Ausdruck, der auf ſeiner Stirne ruhte, rivaliſirte mit einem feinen Lächeln auf ſeinen Lippen. Gourville, der lange geahnt hatte, daß Kellners ſtolzer Charakter einen ſchweren Kampf gegen die mora⸗ liſchen Demüthigungen, die ſeine Einmiſchung in die Ge⸗ ſchichte ihm auferlegte, zu kämpfen gehabt, hatte von ihm nicht ein fröhliches Lächeln, ſondern vielmehr einen düſtern und niedergeſchlagenen Ernſt erwartet. Inzwiſchen war es ihm angenehm, daß Kellner die Sache unbeläſtigt und leicht hinnahm. Während Gourville ſprach, hatte Kellner Zeit gehabt, zu überlegen und zu einem Schluß zu kommen. War er wohl deßhalb wieder ein ſelbſtſtändiger Mann oder nicht?“ „Laſſen Sie uns Ihre Vorſchläge hören,“ ſagte Kellner.„Sind ſie annehmbar, ſo gehe ich darauf ein. Sprechen Sie, Chevalier.“ Die Baronin war mit Kellners Fügſamkeit noch zu⸗ friedener als Gourville. Für ſie lag gleichwohl etwas Unbegreifliches darin, was für ihn nicht vorhanden war. „Für's Erſte,“ antwortete Gourville,„wünſche ich einen Bund zwiſchen uns, dahingehend, daß wir einander in Freude und Leid freundſchaftlich beiſtehen.“ „Sie verlangen immer Freundſchaft,“ bemerkte Kell⸗ ner lächelnd,„aber ich billige das... alſo Freund⸗ ſchaft.“ „Sie gehen darauf ein, Kellner,“ fiel die Baronin ein.„Dank, Dank, Kellner!“ „Für's Zweite,“ fuhr Gourville fort,„Krieg gegen Paul Kellner!“ „Nun wohl!, auch darauf gehe ich ein.“ Kellners Lächeln wurde noch zufriedener. 13² „Ach Kellner,“ bemerkte die Baronin von Neuem, „Sie wiſſen nicht, wie glücklich Sie mich machen.“ 1„Krieg auch gegen Pauls Freunde,“ fügte Gourville hinzu. „Alſo Krieg gegen den General,“ erinnerte die Baronin. „Krieg auch gegen ihn.“ „Aber Ihr Sohn freit ja, wenn ich mich nicht täuſche, um ſeine Tochter,“ fiel Kellner ein. „Das mag ſein; aber jedenfalls Krieg gegen den ſtarrköpfigen Alten.“ „Da Sie es verlangen,“ verſetzte Kellner,„alſo auch Krieg gegen ihn.“ „Krieg!“ rief Gourville,„Krieg gegen... Er vollendete ſeinen Satz nicht. „Krieg,“ fügte Kelluer lächelnd hinzu,⸗Krieg gegen Alles, gegen die Menſchheit, gegen die Welt, gegen Gott.“ Gourville ſtrahlte von Befriedigung. Die Baronin war belebt von Enthuſiasmus. „Krieg!“ rief auch ſie. „Hören Sie mich, Frau Baronin,“ fuhr Gourville fort;„Sie waren noch unſchlüſſig, ob Sie zu dem Ge⸗ neral gehen ſollten oder nicht.“ „Richtig; was rathen Sie mir, Chevalier?“ „Gehen Sie hin, gehen Sie allein hin.“ „Sagen Sie das?“ „Ich verſpreche Ihnen eins— Paul Kelluer wird ſich nicht einfinden.“ „Verſprechen Sie das?“ „Ich ſchwöre es.“ Die Baronin hatte bereits ein unbedingtes Vertrauen zu Gourville gefaßt. „Und heute Abend,“ fuhr er fort,„heute Abend...“ Aber ehe er ſeinen Satz vollendete, ging er nach⸗ denklich im Zimmer auf und ab. „Heute Abend,“ wiederholte die Baronin. „ 13³3 „Heute Abend,“ nahm Gourville ſein Wort wieder auf,„werde ich Paul in Ihre Hände überliefern, im Fall Sie ſich blindlings nach mir richten wollen.“ „Verlaſſen Sie ſich darauf.“ „Inzwiſchen,“ fuhr er fort,„Frieden zwiſchen uns und Krieg gegen alle andern!“ „Friede!“ wiederholte ſie. „Krieg!“ fügte Kellner hinzu. 1 Kellners Stimme war dabei drohender und dumpfer als vorher, obſchon ſein Geſicht dabei noch lächelte. Fünßzehntes Kapitel. Eine Viertelſtunde bei Mamſell Michelſen. Nachdem man übereingekommen, daß die Baronin ſich etwa um zwölf Uhr Mittags bei dem General ein⸗ finden ſollte, verabſchiedeten ſich Kellner und Gourville von ihr. Als ſie auf die Straße kamen, ging Kellner auf⸗ wärts. Gourville folgte ihm. Kellner hatte gehofft, daß er ihn los werden könnte. „Haben Sie nicht im Sinn, Chevalier,“ bemerkte Kellner,„die Sache ſo einzuleiten, daß Paul ſich nicht bei dem General einfindet?“ „Allerdings, ich werde es auch nicht unterlaſſen.“ „Dann gehen Sie aber fehl. Paul wohnt weiter hier unten.“ 14. „Ganz richtig, aber ich gedenke mich nicht ſelbſt zu ihm zu begeben, ſondern jemand anders zu ihm zu ſchicken.“ Sie gingen alſo weiter zuſammen. Kellner war ſchweigſam und gedankenvoll; er ſchien eine wichtige Sache zu überlegen, die ihm viel Kummer machte. Der Ernſt hatte ſich wieder auf ſeinem Geſichte gelagert, wo ſo eben noch ein zweideutiges Lächeln vor⸗ herrſchte. So kamen ſie an den Trompeterhügel. „Leben Sie wohl, Chevalier,“ ſagte Kellner, indem er ſich den Hügel hinaufwandte. „Sie werden mich nicht ſo leicht los,“ verſetzte Gourville gleichgültig;„noch immer laufen unſere Wege zuſammen.“ Kellner empfand ein unangenehmes Gefühl bei dieſer Antwort, aber was wollte er machen? Sie gingen auch noch ein Stück vom Hügel zuſam⸗ men, aber ſo bald Kellner das Haus erreicht hatte, wo Mamſell Michelſen wohnte, blieb er ſtehen. „Jetzt müſſen wir uns doch wohl trennen,“ bemerkte er, wobei ſeine lächelnden Lippen ſonderbar gegen den düſtern Ernſt der Stirne contraſtirten. „Warum das?“ fragte Gourville.„Juſt in dieſes Haus will ich gehen.“ „Hieher?“ „Sie wundern ſich darüber und doch gibt es nichts Einfacheres.“ Kellner antwortete nicht, ſondern erſtickte den in ihm gährenden Unwillen, der mehr an Haß grenzte, als bloß ein gewöhnliches Mißvergnügen war. Sie traten in's Haus und gingen dieſelbe Treppe hinauf. „Gedenken Sie mir auch hier herein zu folgen, Herr Chevalier?“ fragte Kellner, indem er vor Mamſell Michelſens Thüre ſtehen blieb. „Auf dem Fuß, wo wir mit einander ſtehen, würden Sie ſicherlich nichts dagegen haben,“ erwiederte Gour⸗ ville;„aber meine Zeit geſtattet mir jetzt nicht, Sie 13⁵ länger zu begleiten, obſchon es ſonſt mein größtes Ver⸗ gnügen wäre.“ Als Kellner bei Mamſell Michelſen eintrat, öffnete die ſchwarze Charlotte die Thüre für Gourville, der zu ihr hineinging. In Kellners Seele war ein ſchwerer Kampf vor ſich gegangen. Er, der tüchtige und thätige, in der öffent⸗ lichen Meinung ſo hoch ſtehende, durch ſeine Erfolge ſelbſtſtändig gewordene Geſchäftsmann konnte nicht ohne tiefen Schmerz an den Einfluß denken, den Gourville auf ihn ausübte. Er erblickte in ihm einen düſtern Schatten, der nicht von ſeiner Seite wich, und er begann zu glauben, daß er verurtheilt ſei, beſtändig von ihm be⸗ gleitet zu werden... wohin? Dieſe Frage erſchreckte ihn und entſetzliche Spuckgeſtalten tauchten in ſeinem In⸗ neren auf. Die Anſichten, welche Gourville bei der Baronin ausgeſprochen, hatten ſeine Augen vollſtändig geöffnet, und er beſchloß, mit ihm zu brechen, obſchon die Klugheit ihm gebot, ſo vorſichtig wie möglich zu Werke zu gehen. In ſeinem aufgeregten Zuſtand begab er ſich zu Mamſell Michelſen, um bei ihr ſeinen Kummer zu er⸗ gießen. 4 Im Wohnzimmer traf er ſie nicht und ging daher in's Toilettenzimmer, wo ſie auf dem Sopha ruhte; aber ſtatt eines Lächelus auf ihren Lippen, das er erwartet hatte, bemerkte er eine Thräne in ihrem Auge. Sobald ſie Kellner erblickte, fuhr ſie jedoch mit der Hand über die Augen und die Thräne verſchwand. Jetzt lächelte ſie wieder. „Willkommen, Kellner!“ grüßte ſie ihn.„Wie habe ich mich nach Ihnen geſehnt!... Sie ſind mehrere Tage nicht hier geweſen... Zuerſt wurde ich böſe darüber... dann wurde ich betrübt.“ Kellner ſchwieg, betrachtete ſie aber. Er wollte ſeine Sinne durch ihre Anſchauung berauſchen; dies war ein 136 Rauſch, er wußte es, deſſen er in melancholiſchen Stun⸗ den bedurfte, um wieder fröhlich zu werden. Mamſell Michelſen war auch höchſt einnehmend, wenn ſie ſo in einer nachläßigen, deßhalb aber nicht minder reizenden Haltung ruhte, der, von den reichen Wanddra⸗ perien des Zimmers umgeben, beinah einem Alkoven glich. In einem Morgenkleid mit reich verziertem Leib und einfachem Unterrock, worüber ſich eine hübſche Jacke à la Charles V. von nakaratfarbigem Sammt mit gothiſchen Verzierungen aus verſchlungenem Weinlaube ſchloß, zeigten ſich ihre warmen weichen Formen in einer Anmuth, die das Auge entzückte. Ein breiter Spitzenvolant kan⸗ tirte die Jacke und umſchloß ihren Leib, und um die weißen runden Arme ſielen weite Aermel, mit Volants von prachtvollen Wollſpitzen verſehen. Aber ungeachtet Kellner wollüſtig und in tiefen Zü⸗ gen den Duft der blühenden Reize dieſes Weibes ein⸗ athmete, ſo wichen dennoch die düſteren Gedanken, welche ſein Verhältniß zu Gourville ihm eingeflößt, nicht aus ſeiner Seele. Keine Wolluſt in der Welt konnte die Wunde heilen, welche die in ihm nagende Unruhe geſchlagen: dazu war, er fühlte es in dieſer Stunde, eine Zärtlichkeit ohne alle Berechnungen, eine Liebe ohne alle Koketterie, eine milde, reine und wahre Hingebung ohne alle Nebenabſichten er⸗ forderlich. Er verbarg das Geſicht in ſeinen Händen und ſank auf eine Couſeuſe nieder. Den Troſt, den er bei Mamſell Michelſen zu finden gehofft hatte, fand er nicht. „Du biſt betrübt, Kellner; ach, mein Freund, es iſt Dir etwas Unangenehmes zugeſtoßen; aber Du mußt fröhlich werden... Was ſoll ich doch anfangen, um Dich aufzuheitern? Es iſt wahr, Du ſollſt etwas Schö⸗ nes zu ſehen bekommen, womit ich Dich juſt zu überra⸗ ſchen gedachte.“ 3 1 Damit ſprang ſie auf und verließ ihn. 137 Kellners Gedanken folgten ihr jedoch nicht, ſondern zogen ſich immermehr in ſein Inneres zurück. 1 Nach einer Weile kam Mamſell Michelſen wieder in einer andern Jacke. „Siehſt Du,“ ſagte ſie, indem ſie ihm fröhlich ent⸗ gegen lächelte,„ſiehſt Du, was für einen hübſchen Con⸗ drillon ich mir angeſchafft habe... gefällt er Dir nicht? ... ſteht er mir nicht unbeſchreiblich gut?... ei be⸗ trübe mich doch nicht mit Deinem Schweigen... nicht wahr, er ſteht mir gut?“ Die Condrillons ſind moderne, kleine, ausnehmend zierliche Damenjacken. Kellner geſtand, daß die Jacke ihr gut ließ, und einen Augenblick glänzte ein Strahl der Zufriedenheit in ſeinem Geſichte; aber bald erloſch er wieder. Manſell Michelſen fühlte ſich etwas beleidigt durch dieſe Gleichgültigkeit. „Jetzt biſt Du garſtig, Kelluer; aber Du glaubſt vielleicht nicht, daß es modern iſt, und ich will Dir deß⸗ halb ſagen, daß es gar nichts Moderneres gibt, als dieſe kleinen allerliebſten Condrillons... oder gefällt Dir vielleicht die Farbe nicht?.. iſt denn braun nicht ſchön? brauner Sammet mit roſenfarbigem Plüſch gefüttert, ſagt meinem Geſchmack ſehr zu, und Du darſſt Dich künftig darnach richten. Ich kann Dich verſichern, daß Medberg in ſeinem ganzen Magazin nichts Schöneres hatte; dieſen Sammt da bekam er erſt in den letzten Tagen aus Paris. Aber Du ſiehſt mich ja gar nicht an. Du haſt nicht einmal die hübſche Verſchnürung bemerkt, die ein wahres kleines Meiſterſtück von Hähnel in der Schmidt⸗ gaſſe iſt... Verſtehe ich vielleicht nicht zu wäblen? Du ſollſt mir wenigſtens nicht vorwerfen, daß es mir an Geſchmack fehle. Aber ich habe Dir noch eine Ueber⸗ 8 zugedacht... wart ein wenig, ſo ſollſt Du ehen.“ Sie hüpfte wieder hinaus. 138 Obſchon Mamſell Michelſen all ihre Talente aufbot, um Kellner zu zerſtreuen und aufzuheitern, ſo wollte es doch nichts nützen. Zum erſtenmal fühlte er, daß in dieſem Verhältniß mit ihr eine Leere vorherrſchte. Es war eine innigere Theilnahme, was er jetzt bedurfte, eine holde Herzensfreundin, deren warmer, uneigennütziger Liebe er ſich anzuvertrauen ſehnte. Ein tiefer Seufzer hob daher ſeine Bruſt, ohne daß er ſich jedoch die Be⸗ deutung deſſelben recht erklären konnte. Bald ſtand inzwiſchen Mamſell Michelſen mit einem neuen Hut auf dem Kopf wieder vor ihm, und ein ſchwaches Lächeln ſpielte abermals auf ſeinen Lippen, weil es ihm unmöglich war, das einnehmende Weſen des gefallſüchtigen Weibes zu läugnen. „Nun, Kellner, was ſagſt Du jetzt?“ Seine Augen ruhten auf ihr, aber er ſprach nichts. „Haſt Du je einen ſchöneren Hut geſehen?“ fuhr Mamſell Michelſen fort;„Fran Weber in der Königs⸗ ſtraße hat gewiß noch nie etwas Zierlicheres zu Stande gebracht.“ Der Hut war von ſchneeweißer Seidenſarſche und mit einer langen Straußenfeder geſchmückt. „Denk Dir jetzt, Kellner,“ fuhr ſie fort,„zu dieſem Hut ein Moorkleid mit bordirtem Leib und halblangen Aermeln, unter welchen doppelte Spitzen hervorſtehen, ſowie eine Mantille von weißem Caſimir, geſchmackvoll und reich mit Wollſpitzen garnirt... das muß ſchar⸗ mant ſein, nicht wahr, Kellner? Im nächſten Sommer, wenn ich in den Thiergarten hinaus ziehe, werde ich mir eine ſolche Mantille anſchaffen... eine weiße Ca⸗ ſimirmantille... ach, wie angenehm das ſein muß... glaubſt Du nicht, daß alle Damen, die mit der Mode gehen, mich mit Neid betrachten werden? Ich bin es überzeugt; ich kenne dieſe Damen wohl... Sie gön⸗ nen mir nichts und ärgern ſich krank, wenn ich etwas 139 Schönes habe; aber dießmal will ich ihnen auch Anlaß genug geben, ſich zu ärgern.“ Kellner ſtreckte freundlich ſeine Hand gegen ſie aus, aber bevor ſie die ihrige hineinlegen konnte, ſank die ſeinige wieder hinab. „Kellner!“ ſagte Mamſell Michelſen in vorwurfs⸗ vollem Tone, während Zeichen von Mißvergnügen ihre hübſchen Lippen in Falten legten,„was iſt denn heute an Dir? Du biſt ja gar nicht freundlich. Meinſt Du, daß es artig ſei, ſo gleichgültig drein zu ſehen? Thue ich nicht alles, was ich kann, um Dich wieder aufzu⸗ heitern? und doch ſiehſt Du ſo mißvergnügt aus, wie wenn Du Dich nicht im Mindeſten um mich bekümmer⸗ teſt. Nimm Dich wohl in Acht, Kellner, daß ich nicht auch böſe werde: das würde Dir gewiß nicht gefallen; aber Du glaubſt vielleicht nicht, daß ich es werden kann. Sitz nur noch ein Viertelſtündchen ſo da, dann wollen wir ſchon ſehen. Aber da fällt mir etwas ein.. höre... willſt Du... ich glaube, daß Du nicht im Wagen gekommen biſt, ſondern zu Fuß.“ „Ich kam zu Fuß... es iſt wahr... ich kam wirklich zu Fuß.“ „Nun Kellner, ſo laß uns ein wenig ſpazieren gehen. Das Wetter iſt ſchön, der Himmel klar... was ſagſt Du dazu... eine Promenade auf dem Markt Karls XIII. würde Dich erfriſchen... willſt Du?²“ „Nein, nein...“ „So laß uns fahren, ich ſchicke nach meinem Wagen... er wird nicht lange auf ſich warten laſ⸗ ſen... wir machen eine Runde um den Thiergarten... und dann diniren wir im blauen Thor oder im Caſino .. was meinſt Du?...“ 3 „Nein, meine Freundin, nein, ich habe heute keine Luſt, mich hinaus zu begeben.“ „Keine Luſt... was ſoll das heißen? Du höͤrſt ja, daß es mir Freude machen würde.“ „Ganz gut, aber ich befinde mich heute nicht in der Stimmung, andern Leuten Freude zu machen.“ „Auch nicht einmal mir? Nun, ſo will ich ſtatt deſſen Dir Freude zu machen ſuchen. Ich will zu eini⸗ gen Deiner Freunde ſchicken und Du dinirſt mit ihnen bei mir. Ein ganz delikates kleines Mittageſſen für vier oder fünf Perſonen. Du bekommſt... laß ſehen... ja, Du bekommſt Kalbsprieschen mit Champignons. Ich weiß, daß Du das liebſt. Ferner bekommſt Du Hummer in Gelee mit Auſtern; ich glanbe, das wird dem gnä⸗ digen Herrn wohl ſchmecken... dann Ente mit Trüf⸗ feln... nun, nun, bin ich nicht eine ganz artige Köchin .. ich hoffe, Du wirſt das zugeben... Meraskin⸗ pudding mit Manilleſauce geht wohl auch an.“ „Sprich nicht vom Eſſen, liebe Freundin, ich könnte nichts genießen.“ „Ach wie garſtig Du biſt; grade wie ein verzogenes Kind. Heute taugſt Du auch gar nichts... aber warte nur... Du weißt nicht, was ich Dir noch mehr zu bieten habe... rathe einmal, rathe einmal...“ „Ich bin jetzt nicht in der Laune, Räthſel zu er⸗ rathen... ich bitte Dich, laß mich in Ruhe.“ „Aber Du mußt rathen...“ „Laß mich, meine Liebe, laß mich.“ „Welcher erbärmliche Humor! Mich zu bitten, ich ſoll ihn in Ruhe laſſen; ach mein Gott, iſt das auch eine Antwort! Nun, Du ſollſt Dir ja jetzt den Kopf nicht mehr zerbrechen müſſen... Siehſt Du, ich habe eine Flaſche ſuperfeinen Chambertin und eine... was glaubſt Du wohl... eine Flaſche Fleur de Bazy, ſo ächt und lieblich, daß man in des Königs eigenem Kel⸗ ler vergebens nach beſſerem ſuchen würde. Ei wie, Du lächelſt noch immer nicht? Ach, Du mußt krank ſein, Kellner, oder haſt Du vielleicht einen häuslichen Verdruß, gehabt, hat vielleicht Deine Frau...“ Kellner befand ſich wirklich bei ſchlechtem Humor 141 und es verdroß ihn ſogar, daß Mamſell Michelſen von ſeiner Frau ſprach. „Oder... oder...“ ſtammelte ſie und ihre Augen erweiterten ſich und ſtrahlten von einem höheren Glanz, während ſie ihn immer ſtärker fixirte...„oder... oder...“ „Oder?“ wiederholte Kellner mit einem fragenden Ausdruck. „Du haſt mich nicht mehr lieb,“ ſiel ſie ein,„Du liebſt vielleicht eine andere, Du...“ Kellner heftete einen verwunderten Blick auf ſie. „Ja, Kellner, ich verſtehe Dich,“ fuhr Mamſell Michelſen fort,„Du gedenkſt mich aufzugeben. Ach mein Gott, wie unglücklich bin ich, ich, die ich Dich ſo innig geliebt, die ich alles für Dich geopfert habe, die ich nicht ohne Dich leben kann! Der Kopf thut mir ordentlich weh, wenn ich nur daran denke. Was ſoll ich thun? So ſeid ihr Alle. So lange wir taub gegen euch blei⸗ ben, da kommt es euch auf Verſprechungen und Artig⸗ keiten nicht an; aber hernach... hernach werfet ihr uns weg, wie verwelkte Blumen. Aber es geſchieht mir recht; ich bin zu treuherzig geweſen. Ach mein Gott, wie kindiſch war ich doch, daß ich einen einzigen Augen⸗ hl an Deine Ehre und Deine Verſprechungen glauben onnte...“ Mamſell Michelſens Kummer war nicht erheuchelt; ſie litt wirklich ſehr bei dem Gedanken, daß Kellner ſie aufzugeben gedenke. Ihr unzweidentiger Schmerz that auch Kellner weh, zumal da er ſie noch liebte, obſchon er ſich allerdings von gelegentlichen Trenloſigkeiten nicht freiſprechen konnte. „Setz Dich hier neben mich, meine Freundin,“ bat er ſie;„glaube nicht, daß ich daran denke, Dich aufzu⸗ geben... ach nein... aber ſetz Dich nieder... ich will mich bemühen, fröhlich und gut zu ſein.“ Kellner ſchlang jetzt ſeinen Arm um ihren Leib und 14⁴² zog ſie näher an ſich; Mamſell Michelſen war wieder verſöhnt, beugte ſich über ihn hinab und ſtrich ihm koſend die dunkeln Haare auf die Seite. Aber Kellner war von dem Gedanken über ſeine Stellung zu Gourville zu tief aufgeregt, als daß ein fröhliches Gefühl in ihm aufkommen konnte. Die Erfolge in der Welt entwickeln unſern Muth, unſere Kräfte und unſer Selbſtvertrauen; die Freude macht uns das Leben immer lieber und theurer; Wider⸗ wärtigkeiten und Bekümmerniſſe dagegen führen uns zu uns ſelbſt zurück, zum Ernſt in unſerem Herzen, zu einer tieferen Ueberlegung in unſerer Seele. Er liebte in dieſem Augenblick Mamſell Michelſen, wenigſtens ſchmeichelte ſie ihm auf eine ſo angenehme Art, und gleichwohl war ihm der Gedanke widerlich, ſie an ſein Herz zu drücken: dieß kam daher, weil ſein Herz in dieſem Augenblick reiner war als ſonſt. Die Ahnung eines bevorſtehenden Unglücks ſprach zu ihm. In unſern⸗ Ahnungen kommt Gott zu uns, und wenn er kommt, fällt alles weg, außer unſer beſtes, unſer ſchönſtes, unſer reinſtes Gefühl. Nur dieſes wagt die Kniee zu beugen und in Gottes Auge zu blicken. Er liebte ſie, er hatte ſie viele Jahre geliebt, und gleichwohl ſiel es ihm erſt jetzt ein, daß ſie dennoch nicht ſeine Frau war. Der Gedanke ſchmerzte ihn, und er ſchloß ſie in ſeine Arme und neigte ſein Haupt gegen ſie, um ihn zu verſcheuchen; aber er bildete ſich immer ſtär⸗ ker in ihm aus. Bald umgaben ihn auch eine ganze Menge neuer Vorſtellungen... Allerlei Fragen tauchten wie aus einem Chaos auf, ohne daß er die Kraft hatte, ſich ihrer zu erwehren, und jede neue Frage war eine neue Qual. „Habe ich jemals,“ fragte ihn die Stimme des Ge⸗ wiſſens,„ſie wirklich geliebt? habe ich mich nicht einer Verirrung hingegeben, blos deßwegen, weil ſie meiner Eitelkeit ſchmeichelte? lag nicht in meiner Ergebenheit K 14⁴³3 ein Trotz gegen das Verhältniß zu meiner Frau? War nicht meine Liebe hier blos ein Mittel, meine Gleich⸗ gültigkeit gegen dieſe zu zeigen?“ So folgte Frage auf Frage, bis er ſich endlich vor ſich ſelbſt entſetzte. In der krankhaften Reizbarkeit ſeiner Stimmung vergaß er, daß mehr ſeine von Gourville be⸗ drohte geſellſchaftliche Stellung es war, was all die Ge⸗ ſpenſter einer milzſüchtigen Phantaſie aufjagte, als ſein Verhältniß zu Mamſell Michelſen; aber wenn ein Be⸗ kümmerniß uns zu belagern anfängt, ſo werden wir bald von Tauſenden belagert, und ſind wir einmal in ihre Wirbel hinein gerathen, ſo verſchwinden wir auch darin. Während er den einen Arm um ihren ſchlanken Leib ſchlang, ſchob er ſie inzwiſchen mit dem andern von ſich, und mit einer Thräne in ihrem Auge zog ſie ſich von ihm zurück. So unklar die Gedanken waren, die in Kellners Kopf rumorten, eben ſo klar vergegenwärtigte ſie ſich einen einzigen. Er iſt für mich verloren, dachte ſie. Dieſer einzige Gedanke war für ſie die Quelle eines tiefen, augenblicklichen Schmerzes. So lange die gegenſeitigen Verhältniſſe unter den Menſchen freundſchaftlich und herzlich ſind, fühlt man nicht, wie ſehr man liebt; aber wenn die Bande zu reißen, wenn ſie ſich aufzulöſen beginnen, dann empfindet man es wohl. Die Predigten des Leſerpfarrers hatten ſie aufge⸗ regt, Reue und Gewiſſensbiſſe in ihr geweckt; aber noch weit mehr wurde ſie jetzt von den Vorſtellungen aufge⸗ regt, die in Folge dieſer Handlungsweiſe Kellners bei ihr auftaachten, und alles, was der Fanatiker geſprochen hatte, verſchwand jetzt wie ein flüchtiger Rauch. Eine Thräne glänzte in ihren Augen, als Kellner in ihr Lieblingsſtübchen trat. Während ſie einen Blick über ihr Leben geworfen hatte, waren ihre Gefühle 144 gleichſam zu einem einzigen Schluß gekommen: zu dieſer Thräne. Aber bei Kellners Anblick⸗ verwiſchte ſie die⸗ ſelbe und lächelte wieder. Jetzt glänzte eine neue Thräne in ihren Augen; aber es fiel ihr nicht ein, ſie wegzuwiſchen; langſam ſuchte ſie ſich einen Weg über ihre Wangen hinab. Aber Manmſell Michelſen handelte eben ſo ſchnell als ſie dachte, und ſie dachte eben ſo ſchnell als ſie fühlte. Ohne ein Wort zu ſagen, verließ ſie Kellner plötz⸗ lich, einem augenb licklichen Einfall gehorchend. Kellner bemerkte kaum, daß ſie ſich entfernte; aber als ſie zurückkam, führte ſie die kleine Sophie an der Hand. Sophie war ein lebhaftes, zierliches, kleines Mäd⸗ chen, ſtets uach dem neueſten Modejournal für Kinder gekleidet. Wie eine goldgelbe Woge fielen die leichten Locken 3 um ihren Hals herab. Die Augen ſpielten in ihrem Kopf. Ein kurzes Kleid mit weiten, reich bordirten weißen Höschen und kleine Zeugſchuhe von derſelben Farbe, wie das Kleid, ließen ihr allerliebſt. „Ach ſieh, der Onkel iſt da,“ rief ſie, als ſie Kell⸗ ner ſah.„Nun, das iſt recht ſchön, daß man Dich auch wieder ſieht, Onkel. Ich glaubte beinah, Du hätteſt uns vergeſſen.“ Sie nannte Kellner: Onkel. „Einmal als die Tante weinte, war ich recht böſe auf Dich, weil Du uns ſo vernachläſſigſt, aber für dieß⸗ mal will ich Dir verzeihen... Sag mir, bin ich nicht artig?... aber Du nimmſt mich ja nicht einmal auf Deinen Schooß, Onkel... das iſt ſonderbar... haſt Du ſchon wieder an etwas Anderes zu denken, als an mich?... Pfni Onkel... wie kann man auch ſo ernſt⸗ haft ausſehen?... das ſteht Dir gar nicht gut... Nein, da iſt es etwas ganz Anderes, wenn Du fröhlich biſt... dann kann man Dich auch lieb haben. Sieh, 145 Onkel, die Tante hat mir dieſer Tage ein ſo ſchönes Blumenkränzchen gegeben, das ich an meinem Hut haben werde, wenn ich ausgehe... willſt Du es ſehen?... aber es iſt wahr...“ Als Sophie verſtummte, ſah ſie ganz ernſthaft aus, wie wenn ſie ſich an etwas Unangenehmes erinnerte. Kellner lauſchte inzwiſchen aufmerkſamer auf das Geplauder des kleinen Mädchens, als er Mamſell Michel⸗ ſen ſelbſt angehört hatte. „Nun, was iſt denn wahr?...“ „Ach ja, ſiehſt Du, ich hatte eine ſolche Freude an dem lieben Kränzchen, daß ich...“ „Daß Du...“ „Daß ich jedes Blümchen betrachten und unterſuchen wollte, und ſo...“ Sie verſtummte wieder und ſah ihn ſchalkhaft an. „Und ſo,“ fuhr ſie fort,„zerpflückte ich den ganzen Kranz, und jetzt habe ich nichts mehr, denn die Tante ſagte, wenn man mit den kleinen Blümlein ſo übel um⸗ gehe, ſo bekomme man keine mehr.“ Sophie ſprach ganz eruſthaft; aber als ſie ſchloß, lächelte ſie wieder. „Aber weißt Du auch,“ fiel ſie wieder ein,„was ich weiter dachte?“ „Was dachteſt Du?“ „Ich dachte, daß ich dennoch einen Kranz bekom⸗ men könnte.“ „Du dachteſt es... aber wie willſt Du einen ſolchen bekommen, wenn Deine Tante Dir keinen ge⸗ ben will?“ „Ei, ich weiß ein Mittel, das nicht fehlſchlagen kann.“ Es machte Kellner Vergnügen, das unſchuldige Ge⸗ plauder des Mädchens anzuhören. Ohne daß er darüber nachdachte, gefiel es ihm jetzt mehr als ſonſt. „Ja, ſieh Onkel...“ Das Gewiſſen. II. 10 146 Sophie machte ein ſchalkhaftes Geſichtchen. „Fahre fort,“ bat Kellner,„fahre fort.“ „Erſtens glaube ich, daß, wenn Du mich auf Dei⸗ nen Schooß nimmſt...“ Mamſell Michelſen freute ſich über die ſichtlichen Fortſchritte, die das hübſche Kind bei Kellner machte. Sie ſelbſt hatte ſo lange gekämpft als ſie konnte; jetzt war es Sophie, die für ſie kämpfte. Mamſell Michelſen bereitete ſich nur darauf vor, ſich aller Trophäen des bevorſtehenden Sieges zu be⸗ mächtigen. „Und wenn ich Dich jetzt,“ antwortete Kellner, „wirklich auf den Schooß nehme.“ „Dann glaube ich, daß, wenn ich Dich tätſchle, Onkel... „Wenn Du mich tätſchelſt?“ „Und wenn ich Dir einen Kuß gebe, Oukel, ſo glaube ich...“ „Was glaubſt Du?“ „Daß Du nicht umhin kanuſt, mir das zu geben, um was ich Dich bitte.“ „Und um was bitteſt Du mich?“ „Um einen neuen Kranz, Onkel; und ich weiß, daß Du mir ihn auch gibſt.“ „Du weißt es?“ „Ach ja, ich glaube es ganz beſtimmt; aber Du nimmſt mich ja nicht auf Deinen Schooß.“ Ein Seufzer hob Kellners Bruſt. „Siehſt Du, Onkel, wenn Du jetzt artig gegen mich biſt, ſo werde ich einmal auch ſo artig, ſo artig gegen Dich ſein.“ „Einmal...“ „Ach ja freilich. Wenn ich groß werde, ſiehſt Du, ſo werde ich Dich ſo lieb haben, daß ſelbſt die Tante Dich nicht lieber haben könnte.“ „Wirſt Du das?“ 147 „Ja, ich werde Dich tätſcheln... ich werde Dich küſſen... ich werde Dich liebkoſen“ Des Mädchens freundliche Worte ſchmerzten gleich⸗ wohl Kellner beinah. „So komm her,“ bat er ſie,„dann darfſt Du zu mir ſitzen.“ Aber Sophie zögerte, gleich als hätte ſie jetzt etwas dagegen einzuwenden. „Du zögerſt,“ bemerkte Kelluer,„warum zögerſt Du?“ „Warum ich zögere?...“ „Ja. „Ich denke an etwas, das kann ich Dir ſagen, Onkel... ich weiß nicht...“ „Was weißt Du nicht?“ „Ob es ſich recht paßt, daß ich auf Deinen Schooß ſitze.“ „Ob es ſich paßt?“ „Sieh Onkel, darum... „Weiter...“ „Darum, Onkel... weil Dein Schooß.. ja der Platz der Tante iſt... und ich darf ihn ihr nicht nehmen; überdieß...“ „Ueberdieß... „Ueberdieß haſt Du mir den Kranz noch nicht ver⸗ ſprochen...“ „Wohlan, Du ſollſt ihn haben.“ Sophie klatſchte vor Freude in ihre Händchen. „Siehſt Du, Tante,“ rief ſie,„ſiehſt Du, Tante, er hat mir jetzt doch eiinen neuen Kranz verſprochen, und ich wußte es wohl, daß Du mir es nicht abſchlagen könnteſt, Onkel. Ach wie bin ich ſo froh, wie bin ich ſo froh!“ Und während ſie auf dem Boden hin und her ſprang, hüpfte ſie endlich auf Kellners Schooß. Aber das un⸗ ſchuldsvolle kindliche Geplauder des Mädchens wirkte 148 jetzt ganz anders auf ihn, als es bei andern Gelegen⸗ heiten auf ihn gewirkt haben würde. Als Sophie fröhlich und liebkoſend auf ſeinen Schooß ſprang, ſtellte ſich eine neue ſchmerzliche Betrachtung bei ihm ein⸗ „Sie iſt dennoch,“ dachte er,„nicht meine Tochter.“ Und mit einer heftigen Bewegung ſchob er ſie zurück und richtete ſich auf. „Verzeih mir, meine Liebe,“ ſagte er zu Mamſell Michelſen,„ich muß Dir heute recht ſonderbar vorkommen, aber ich kann nicht dafür. Ich weiß nicht, was mir fehlt. Es iſt ſo vieles, was auf mich einſtürmt. Die Gedanken gehen mit mir im Kreiſe herum. Ich bin meiner ſelbſt nicht mehr mächtig. Sei jedoch nicht be⸗ trübt... ich... ich... ich leide von der Liebe, die mich umgibt, von der Freundlichkeit, womit ich behandelt werde... von... gleichviel... ich werde bald wieder hier ſein und alles erklären... jetzt vermag ich es nicht.“ Mamſell Michelſen und Sophie folgten ihm mit verwunderten Blicken und Mienen. Als er in die Hausflur hinauskam, klopfte es an die äußere Thüre. Er lauſchte. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und Gourville zeigte ſich auf der Schwelle. „Ich bitte um Entſchuldigung,“ ſagte er,„aber vielleicht errlauben Sie mir, Herr Kellner, Ihnen den Boten vorzuſtellen, den ich jetzt zu Ihrem Vetter Paul icke.“ ſ Gourville machte dabei eine Bewegung mit der Hand und zeigte ihm ein Franeuzimmer an ſeiner Seite. Kellner vermochte ſeine Ueberraſchung, nicht blos über Gourvilles Eintritt, ſondern auch über die ſüdlich feurige Miene des unbekannten Frauenzimmers nicht zu unterdrücken. Er ahnte mit Schrecken Gourvilles Plan, und er fühlte, daß ein ſolches Weib etwas auszurichten 149 vermöge, wenn man ſie zu einer ſchlau angelegten Schlinge benütze. Das unbekannte Frauenzimmer war die ſchwarze Charlotte. Sie war jetzt prächtig equipirt, ihre friſche, lebhafte, beinahe von einer heißen Zone zeugende Schoͤnheit trat auf eine Art hervor, die ſogleich in die Augen fallen mußte. Er fühlte, daß er zitterte vor dem brennenden Blick, den ſie flüchtig auf ihn warf. Mit Stolz... einem Stolz, der eigentlich durch Gourvilles ungebetenes Eintreten hervorgerufen wurde, maß er ſie. Ein feines Lächeln zeigte ſich dabei in Gourvilles Geſicht. Er legte Kellners Stolz als Verlegenheit aus. „Laß uns gehen,„bemerkte er gegen Charlotte,„und ſie verließen ſogleich das Zimmer⸗ Kellner warf den Mantel über die Schulter, um ihnen zu folgen; er wußte ſelbſt nicht recht, was er wollte, er wollte nur hinaus. Zerſtreut ſetzte er ſeinen Hut auf und ſtand bereits unter der Thüre, als er hörte, daß jemand die Treppe heraufkam; jetzt blieb er ſtehen, um den Kommenden an ſich vorbei zu laſſen. „ Beim Himmel, er ſoll geſtürzt werden,“ murmelte in dieſem Augenblick eine ſcharfe Stimme mit Bitterkeit von unten. Kellner hörte die Worte und er zuckte zuſammen. Dieſe wenigen Worte enthielten auf einmal die Erklärung aller verworrenen, ſchmerzlichen und herzzerreißenden Ge⸗ danken, die in der letzten Viertelſtunde ſeine Seele be⸗ unruhigt hatten. Es war ihm, als hätte ein ſchnell flamm ender Blitz ſein Inneres erleuchtet. 15⁵0 „Beim Himmel,“ murmelte er jetzt,„Gourville ge⸗ denkt mich zu ſtürzen... ich muß ihm zuvorkommen.“ Ohne etwas Anderes zu denken, eilte er an dem Kommenden vorüber und auf die Straße hinaus. Im nächſten Augenblicke trat der Leſerpfarrer bei Mamſell Michelſen ein. Der Fanatiker hatte im Thorgang Gourville ge⸗ troffen und ſeine Schweſter Charlotte, trotz ihres neuen Kleides und herabgelaſſenen Schleiers wieder erkannt. Er war es auch, der beim Hinaufgehen auf der Treppe den Untergang ihres Begleiters geſchworen hatte. Sechzehntes Kapitel. Verwickelte Verhältniſſe. Der Ning. Als Gourville ſich von Kellner verabſchiedete, be⸗ eibe er Charlotte nur bis auf die Malm⸗Killnads⸗ ſtraße. „Laß jetzt ſehen,“ ſagte er da zu ihr,„daß Du das, was ich Dir geſagt habe, auf eine, für die Umſtände paſſende, kluge und feine Art anbringſt. Der Ausgang liegt in Deinen Händen und ich verlaſſe mich vollkommen auf Dich.“ Die ſchwarze Charlotte machte nun eine bedeutungs⸗ volle Geberde, als wollte ſie ſagen: ſei ruhig. Sodann ging ſie den Stückgießerhügel hinan, und auf die Königin⸗ ſtraße hinab; Gouroille dagegen begab ſich auf den Brunkebergsmarkt, wo er in eine Droſchke ſtieg und dem Kutſcher befahl, ihn auf die Schiffbrücke zu führen. Da 151 er ſah, daß Kellner noch bei Mamſell Michelſen war, entſtand in ihm ſogleich der Gedanke, den Augenblick zu benützen und ſeiner Frau einen Beſuch zu machen. Er forderte daher den Kutſcher auf, ſchnell zu fahren, und ſo kam er geſchwind die Malmmarktſtraße hinan, ſodann über den Guſtavadolphsmarkt und auf die Nordbrücke. Bald war er auch an Ort und Stelle. Gourville hatte in den letzten Wochen in Kellners Familie keine Beſuche gemacht, weil er ſich nicht zudringlich zeigen und zu keinem Argwohn Veranlaſſung geben wollte, aber er verlor gleichwohl Frau Kellner nicht aus den Augen. Er hatte ihr zu folgen und das Geheimniß ihres Ver⸗ hältniſſes zu dem Grafen Frank zu erforſchen geſucht, ohne daß es ihm jedoch gelungen war, weitere Auſſchlüſſe darüber zu erhalten, als was er zum Voraus wußte, nehmlich daß ſie eine gegenſeitige zärtliche Neigung hät⸗ ten, auf ältere Umſtände begründet, die zwar für ihn in Dunkel gehüllt waren, von denen er aber doch nicht glaubte, daß ſie ganz comme il faut ſeien. 3 Nachdem er ſich zuvor auf ſein Zimmer zwei Trep⸗ pen hoch begeben und eine leichte Morgentoileite gemacht hatte, begab er ſich hinab, in der Abſicht, unangemeldet einzutreteu. In den Wochen, die ſeit unſerem letzten Beſuche im Kellner ſchen Hauſe verfloſſen war in Gabrielens Leben eine einzige wichtige Veränderung eingetreten⸗ welche wir hier erwähnen müſſen. Sie war nehmlich jetzt nicht mehr ſo allein wie früher; Waldhahnenfuß wohnte bei ihr. 1 Als der Pfarrer das ſchwache, arme Mädchen aus 1⁵52 der Gewalt der Madame Buchholz rettete, war ſeine Ab⸗ ſicht, ihr allein all die Pflege zu widmen, deren es ſo ſehr bedurfte. Aber auch Graf Frank beſtand darauf, die Zukunſt des Mädchens garantiren zu dürfen, und es wäre beinahe ein wirklicher Kampf daruͤber ausgebrochen, wem von beiden eigentlich die gute Handlung zukomme. Als der Pfarrer inzwiſchen ſeinen Bericht, wie die Zuſammenkunft mit Madame Jonſſon abgelaufen ſei, bei Gabriele abſtattete und ihr die Aufſchlüſſe mittheilte, die man empfangen hatte, erzählte er ihr auch die Geſchichte mit Waldhahnenfuß. ei jedem neuen Zuſatz in ſeiner Erzählung ver⸗ änderte ſich der Ausdruck in Gabrielens Geſicht, ſo ſehr intereſſirte ſie ſich für das, was ſie hörte. Wenige Geſichter konnten auch ſo lebhaft wie das ihrige die Regungen des Herzeus abſpiegeln. Sie erfuhr alſo, wie Frau Weſſelius ungefähr zu der Zeit, wo ihre eigenen Umſtände es erforderten, auf eine geheimnißvolle und ſonderbare Art nach der Gegend, wo ihre Tante wohnte, berufen und geführt worden ſei; wie der Kutſcher ſein Incognito zu bewahren geſucht habe, wie das Kind unterwegs in einem kleinen Hauſe mit einem Gitterthor abgegeben und Frau Weſſelius endlich auf dieſelbe geheimnißvolle Art nach Stockholm zurückgebracht worden ſei. Gabriele konnte nicht einen Augenblick daran zwei⸗ feln, daß die Geſchichte ſie ſelbſt angehe, ebſchon ſie ver⸗ gebens ihr Gehirn abmarterte, um zu errathen, wer der unbekannte, fremde Mann geweſen ſein möge. Nur in dieſem Punkt ſchien ihr die Erzählung dunkel oder falſch, weil ſie ihre Tante kannte und gar zu gut wußte, daß dieſelbe nicht blos aus Liebe zu ihr, ſondern auch aus Furcht, es möchte jemand die mindeſte Ahnung von die⸗ ſer kitzlichen Sache erhalten, nicht gern eine fremde Per⸗ ſon zugezogen hätte. Der Pfarrer ging hierauf zur Erzählung von Wald⸗ 153 hahnenfuß über, und Gabriele ſchauderte eben ſo ſehr vor dem Unglück, das über dem Haupte des Mädchens geſchwebt hatte, als ſie über den Ausgang gerührt und erfreut war. „Und ſie iſt,“ fragte Gabriele,„im gegenwärtigen Augenblick bei Ihnen zu Hauſe?“ „Natürlich, obgleich auch Graf Frank darauf beſteht, für ihre Zukunft ſorgen zu wollen.“ „Thut er das? Ach ja, Frank iſt ein guter Menſch⸗ Auch meine Mittel und mein Herz ſtehen ihr offen.“ „Ich bin es überzeugt. Aber hören Sie weiter. Seit ich ſie in mein Haus mitgenommen, habe ich ein langes Verhör mit ihr angeſtellt und...“ „Sollte ſie etwa Ihrer Güte nicht würdig ſein? O zweifeln Sie nicht an ihr... ſie iſt ja eine Un⸗ glückliche. Schenken Sie ſie mir.“ „Hören Sie mich nur an... ich habe entdeckt, daß ſie in der Gegend geboren iſt, wo Ihre Tante wohnte.“ Gabriele erblaßte. Ihr Herz zog ſich zuſammen unter dem Einfluß eines einzigen Gedankens, der augen⸗ blicklich durch ihre Seele blitzte. „Und ſie iſt im Herbſt 18— geboren, deßhalb iſt mir ein Gedanke gekommen.“ „Wäre es möglich?“ Gabriele vermochte nicht mehr zu ſagen. „Hoffen Sie nicht zu viel, Madame; ich habe mir aus ihrer Erzählung nur die jetzt erwähnten zwei Um⸗ ſtände gemerkt, ohne daß ich mich darüber gegen ſie äußerte, weil ich...“ „Ich muß ſie ſehen,“ unterbrach ihn Gabriele, die ibrer ſelbſt nicht mehr mächtig war.„Ich will mit ihr ſprechen, ſie hören... o mein Gott... ſollte ſie es ſein? Herr Pfarrer, Sie führen mich zu ihr... nicht wahr... jetzt, ſogleich?“ 3 ₰ 154 „Das iſt es juſt, was ich wünſchte. Mein Wagen wartet drunten.“ Das Mutterherz bedarf nur eines Strahls in der Nacht, um den Gegenſtand zu entdecken, den es liebt, 5 nur eines Strohhalms, um ſelbſt über einen Abgrund hin ihm zu Hülfe zu eilen. Im Wagen des Pfarrers gelangten ſie bald zu ſei⸗ ner Wohnung, und einen Augenblick ſpäter ſtand Wald⸗ hahnenfuß vor Frau Kellner, die ſie allein empfing. Erröthend, ſchüchtern und ängſtlich verneigte ſich Waldhahnenfuß, als ſie die, ihr noch unbekannte, elegante Dame vor ſich ſah, ohne zu ahnen, in welcher Abſicht ſie berufen worden war. 4 Gabriele drückte die eine Hand hart an ihre Bruſt, um ihr unruhig klopfendes Herz zum Schweigen zu brin⸗ gen. Lange kam nicht ein einziges Wort über ihre Lip⸗ pen, aber um ſo eifriger forſchten ihre Blicke im Geſichte des Nädchens, gleich als wollte ſie darin leſen, und ſie konnte keinen Ausdruck entdecken, der ihr ſagte, in wie⸗ fern ſie etwas zu hoffen habe oder nicht. 4 Dabei verſchwand die Röthe von den Wangen des Mädchens und ihre Wimpern ſenkten ſich zu Boden. Sie ſah in dieſem Augenblicke ſo leidend und bleich aus, daß man glauben konnte, ein Seufzer habe nur für einen flüchtigen Moment in ihrem ſchwachen, zarten Körper Geſtalt gewonnen. Ein Seufzer hob auch unwiderſtehlich Gabrielens Bruſt. Sie konnte nicht läugnen, daß in dem Ausſehen des ſchwachen, aber in ſeiner Schwachheit beinahe äthe⸗ riſch einnehmenden Mädchens, viel war, was mit ihr ſelbſt ſympathiſirte, und gleichwohl fand ſich nichts darin, was ſie an ihre eigene oder an Franks Jugend erinnerte. Das Mädchen war ihr zugleich bekannt und unbekannt: das Leiden, das in ihrem Ausſehen lag, erſchien Gab⸗ riele ſo wohlbekannt, aber das Ausſehen ſelbſt war ihr fremd. Der Kummer in den blaſſen Zügen ſympathiſirte * 1⁵⁵ mit ihren eigenen, in den ſpäteren Zeiten ſo tief empfun⸗ denen Bekümmerniſſen, aber der übrige Ausdruck des Ge⸗ ſichts erinnerte durch nichts an die tolle, friſche Jugend⸗ luſt, die ihre und Frauks erſte Liebe charakteriſirte. Sie hatte eine friſche Ceder zu ſeben gehofft, denn dreiſt wie die Ceder hatten ihre Jugendphantaſien ihre Kronen gen Himmel erhoben, aber ſie ſah ſtatt deſſen ein Bild ihres gegenwärtigen Lebens, eine zarte Thränenweide, die ſich über ihr eignes Grab hinneigte. „Armes Mädchen,“ flüſterte endlich Gabriele, indem ſie damit nicht blos eine herzliche Theilnahme für Wald⸗ hahnenfuß ausſprach, ſondern auch eine Klage über ihre igenen fehlgeſchlagenen Hoffnungen. Das Mädchen ſchlug, gerührt von den freundlichen Lorten, ihre Augen auf, und heftete ſie treu und herz⸗ lich auf Gabriele. „Komm näher, mein Kind, komm näher,“ bat Gab⸗ riele.„Setz Dich hier neben mich und laß uns miteinan⸗ der ſprechen. Ich habe von dem Herrn Pfarrer Deine Geſchichte gehört und ich nehme einigen Theil an Deinem Schickſal. Du biſt ganz allein in der Welt?“ „Jetzt nicht mehr,“ antwortete Waldhahnenfuß, in⸗ dem ſie verlegen an ihrer Schürze zupfte,„denn ich fühle, daß ich jetzt unter gute Menſchen gekommen bin.“ „Du haſt ganz Recht; aber in der That ſelbſt biſt Du niemals allein geweſen.“ „Ach ja, gnädige Frau, ach ja, ich bin allein ge⸗ weſen, ganz und gar allein.“ „Vertrane Dich mir an, mein Kind; ich will Dir wohl... ſprich aufrichtig... es würde mich freuen, Dich ſelbſt Deine Schickſale erzählen zu hören. Stelle Dir vor, ich ſei Deine Mutter; haſt Du je Deine Mut⸗ ter gekannt? Sprich, mein Kind, ſprich.“ Gabrielens Brnſt hob ſich, als ſie den Mutternamen ausſprach. Die Hoffnung, in Waldhahnenfuß ein ſeit vielen Jahren verloren geglaubtes Kind wiederzufinden, 156 war zwar beim erſten Anblick des Mädchens erblaßt; aber die Hoffnung gleicht der Waſſerlilie, die von der einen Woge begraben wird, aber nur, um ſich auf der nächſten Woge ſchaukelnd, in größerem Glanz wieder zu entwickeln: die Hoffnung verſchwindet zwar, aber ſie ſtirbt nicht. Ihr Grab iſt nur eine Puppe, aus welcher ſie beſtändig als neugeborner Schmetterling emporfliegt. Was der eine Augenblick von unſrer Vorſtellung entfernt hat, das erweckt der nächſte wieder zum Leben bei uns. Nichts iſt ſo unbeſtimmt wie unſere Eindrücke. Sie wechſeln oder kehren zurück, je nach dem Einfluß der Stunde, und auch Gabriele fand, daß ſie vernünftigerweiſe den erſten Eindruck nicht als ein ſicheres Zengniß betrachten dürfe. Sie mußte mehrere haben, ſie mußte ſie aus des Mäd⸗ chens eigenem Munde vernehmen, und je deutlicher ſie ſich das ſagte, um ſo mebr lag ihr auch daran, ſie ſelbſt ihre Geſchichte erzählen zu hören. „Ich ſagte,“ bemerfte Gabriele, als Waldhahnenfuß noch ſtill blieb,„daß Du eigentlich niemals allein geweſen ſeieſt, aber Du glaubſt es geweſen zu ſein.“ Waldhahnenfuß ſah Gabriele von Neuem an, gleich als dächte ſie über die Bedeutung der Worte nach, die ſie hörte. „Sie haben Recht, gnädige Frau,“ ſagte ſie daun, wich bin niemals allein geweſen und dennoch ſehr allein.“ „Wie ſo? Du biſt nicht allein geweſen und dennoch allein.“ „Gott iſt immer mit mir geweſen.“ Dieſe Erklärung war ſo einfach, kam ſo unmittelbar aus dem Herzen des Mädchens und gab ſo vollſtändig Gabrielens eigene Meinung wieder, daß ſie ſich durch das Unſchuldsvolle darin innig angezogen fühlte. In jedem Mauerſtein, womit die St. Sophienkirche in Konſtantinopel gebant wurde, waren die Worte einge⸗ graben:„Gott iſt in ihr, ſie wird nicht wanken; Gott wird ſie anfrecht erhalten von einem Morgen zum an⸗ 157 dern.“ In jedem Gedanken der wahrhaft tugendhaften und guten Menſchen ſind dieſelben Worte ſo tief einge⸗ drückt, daß Nichts ſie zu verwiſchen vermag. Mehr als je wünſchte Gabriele jetzt, Waldhahnen⸗ fuß möchte ihre Tochter ſein. „Und gleichwohl,“ nahm Gabriele den Faden des Geſprächs wieder auf,„biſt Du ſehr allein geweſen.“ „Ach ja, vor allen Dingen war ich ſehr allein, als meine Mutter ſtarb.“ Eine unbeſchreibliche Angſt überfiel Gabriele bei dieſer Erklärung. „Als Deine Mutter ſtarb?“ wiederholte ſie.„Du haſt alſo eine Mutter gehabt, Du haſt ſie gekannt, mit ihr geſprochen, ſie geſehen, ſie gehört?“ „Ja, Madame, ich habe ſie ſterben geſehen; ſie ſtarb in meinen Armen.“ 3 „Und Du weißt, daß es Deine Mutter war, Du weißt es ſicher?⸗ „Ich glaube es, ach ja, warum ſollte ich es nicht glauben? Sie war ſo gut gegen mich; obſchon arm, gab ſie mir immer das Beſte, was ſie hatte; ihr letztes Gebet galt auch mir.“ „Du biſt doch in dem Kirchſpiel Ryd geboren?“ „Soweit ich mich zurückerinnere, wohnte meine Mut⸗ ter dort.“ „Auf welchem Gut?“ „In einem Hinterhäuschen, das zu Großſmeſtadt gehörte“ „Smeſtadt, liegt Smeſtadt in dem Bezirk Ryd?“ Gabriele erinnerte ſich, daß dieß der Name des Gutes war, das ihr Mann gekauft hatte. Waldhahnen⸗ fuß bejahte ihre Frage. „Kennſt Du einen kleinen Herreuhof im Bezirk Ryd, der Aſen heißt, ein hübſcher Ort?“ „Sollte ich ihn nicht kennen? Aſen gehört jetzt zu 158 Smeſtadt... meine Mutter wohnte juſt auf der Grenze zwiſchen den Gütern Smeſtadt und Aſen.“ „Der Eigenthümer von Smeſtadt iſt alſo auch der Herr von Aſen?“ „Ich vermuthe es. Baron Krook verwaltete wenig⸗ ſtens beide Güter zuſammen.“ „Du kennſt alſo den Baron Krook und auch ſeine Tochter?“ „Fräulein Axeline? Ach ja, ſie kaufte mir im Som⸗ mer Erdbeeren ab, und als meine Mutter ſtarb, wollte ſie durchaus, ich ſollte auf den Herrenhof ziehen und ihre Kammerjungfer werden.“ „Und warum thateſt Du es nicht?“ „Meine Mutter hatte mir in ihrer Todesſtunde be⸗ fohlen, ich ſolle mich nach Stockholm begeben und einen Mann aufſuchen, der... der... der...“ „Unterbrich Dich nicht.. ſprich... ſprich.. „Der mir, ſo behauptete meine Mutter, viel Gutes thun könnte und wohl auch dazu verpflichtet wäre, weil... Aber ich weiß nicht, ob ich es Ihnen ſagen kann.“ „Fürchte nichts, vertraue Dich mir an, weil... ſagteſt Du.“ 1 „Weil er mein Vater wäre.“ „Du keunſt alſo auch Deinen Vater?“ „Ich kenne ihn wenigſtens von Ausſehen und Namen.“ Das Mädchen legte einen ſo ſchmerzlichen Ausdruck in ihre Worte, daß derſelbe Gabrielens Aufmerkſamkeit nicht entgehen konnte. „Mit ihrem letzten Segen gab mir meine Mutter einen kleinen Goldring und ſagte mir, dieſen brauche ich ihm nur zu zeigen, ſo werde er ſicherlich für mich ſorgen und mich gewiß über Vieles aufklären, wovon ſie nicht ſprechen dürfe.“ „Und Dein Vater kennt alſo auch Dich?“ „Nein, Madame, nein.“ 159 „Wie ſo? er kennt Dich nicht? Wer iſt er denn?“ „Fragen Sie mich nicht darum. Ich verſprach meiner Mutter, den Namen keinem Andern zu nennen, als ihm ſelbſt.“ „Du mußt es mir ſagen, Du mußt es.“ „Unmöglich, bitten Sie mich nicht; ich ſehe meine Mutter noch immer in dem Augenblick, wie ich ihr mein Verſprechen gab.“ „Du weißt nicht, um was es ſich handelt, Du mußt ſprechen.“ „Trotz aller Widerſprüche in der Erzählung des Mädchens bildete ſich gleichwohl bei Gabriele die Ver⸗ muthung aus, daß ſie ihre Tochter vor ſich habe. Sie hielt Madame Jonſſons Erzählung mit dem zuſammen, was ſie jetzt hörte, und ſtellte ſich vor, daß die Frau, welche Waldhahnenfuß für ihre Mutter gehalten, daſſelbe Weib ſein könnte, dem Frau Weſſelius das Kind über⸗ geben habe. Dagegen war es ihr ſchwer zu erklären, wie ſie wiſſen könnte, wer ihr Vater war; aber ſie er⸗ innerte ſich, daß Frank ſelbſt während ſeines Aufenthalts im Ausland einen Bevollmächtigten gehabt hatte, und ſie dachte, dieſer könnte vielleicht, obſchon er die Sache im Uebrigen nur verwirrte, dennoch der Pflegemutter ſo viel von dem Geheimniß eröffnet haben. „Sprich, ſprich!“ wiederholte Gabriele, während ſie ihren Arm um das Mädchen ſchlang.„Du weißt nicht, wie viel von Deinem Worte abhängt. Sprich.. ſprich... „Ich kann nicht, ich darf nicht,“ Gabriele fuhr mit ihrer Hand über die Wangen des Mädchens und blickte ihr ins Auge. „Dn darfſt nicht, ſagſt Du; antworte mir nur auf⸗ richtig, auf eine einzige Frage, ſo will ich Dich nicht mit mehreren beunruhigen.“ „Fragen Sie.“ „Verſprichſt Du mir aufrichtig zu ſein?“ Gabrielens Bruſt hob ſich heftig. Unruhe und Zweifel malten ſich in ihren Zügen. „Wenn ich antworten kann, ſo zweifeln Sie nicht an meiner Aufrichtigkeit.“ „Iſt Graf Frank Dein Vater?“ Der Blick, den Gabriele auf Wald hahnenfuß heftete, umſchloß ihre ganze Erſcheinung. „Nein, Nadame, nein.“ Ein leichtes Zittern lief durch Gabrielens Glieder. „Weißt Du es gewiß?“ „Ich habe nie ſeinen Namen gehört.“ Waldhahnenfuß war alſo nicht ihre Tochter. Die Ungewißheit war eutſetzlich geweſen. Jetzt athmete ſie wieder. Das Intereſſe für Waldhahnenfuß war inzwiſchen einmal bei Gabriele geweckt und wurde dadurch nicht vermindert, daß ſie keine Hoffnung mehr hegen konnte, in ihr eine Tochter zu umarmen. Das Zuſammentreffen zwiſchen ihnen hatte für Gabriele eine wunderbare und ſeltſame Seite. Während ſie nämlich nach ihrem eigenen Kind ſuchte, hatte ſie ein anderes gefunden, das in ſo ähnliche Umſtände verſetzt war, daß nothwendig eine qualvolle Ungewißheit darüber entſtehen mußte, wer das arme Geſchöpf eigentlich war. Gabriele hatte Aufrichtigkeit und Wahrheit in den Augen des Mädchens geleſen und jetzt fragte ſie ſich nicht mehr, ob ſie ihre Tochter ſei, ſondern weſſen Tochter ſie wohl ſein möge. Das Intereſſe für das ſchutzloſe Kind war noch eben 3 ſo warm wie früher, hatte aber eine andere Richtung erhalten. Nicht blos die Aehnlichkeit der Verhältniſſe, ſondern auch ihre einſame und verlaſſene Lage hatte ihr in Gabriele bereits eine neue Mutter verſchafft. „Du weißt, wer Dein Vater iſt,“ fuhr Gabriele fort, und obſchon Du es mir nicht anvertrauen willſt, ſoweißt 161 Du doch, daß Graf Frank es nicht iſt. Du biſt doch aufrichtig?“ Ohne zu antworten, legte Waldhahnenſuß die Hand auf's Herz, gleich als wollte ſie Gott zum Zeugen aufrufen, daß es ſich ſo verhalte. „Ich glaube Dir und ich will Dich nicht mehr nach Deinem Vater fragen; aber Du haſt ihn wohl beſucht, oder hält er ſich vielleicht nicht mehr in der Hauptſtadt auf?“ „Doch, Madame, ich befolgte den Befehl meiner Mutter und begab mich hin. Unbekannt, ſchüchtern und ängſtlich, nur an das Land und die Armuth meiner Mutter gewöhnt, ſtand ich auch bald vor demjenigen, der mir das Leben geſchenkt hatte; aber denken Sie ſich meine Verlegenheit, als ich in ihm keinen Mann von meinem Stande fand, ſondern einen vornehmen Herrn, umgebeu von Reichthum und Pracht. Ach mein Gott, alles, was ich ihm hatte ſagen wollen, erſtarb auf meinen Lippen. Ich vermochte kaum einige undentliche Worte zu ſtam⸗ meln, ich war nahe daran, zuſammenzuſinken, meine Kniee wankten unter mir.“ „Du zeigteſt ihm doch den Ring?“ „Ich ſtreckte den Ring gegen ihn aus, aber er ver⸗ ſtand mich nicht... er glaubte, ich wolle betteln, und warf mir einige kleine Münzen zu.“ „Armes Kind!“ „Einige junge Herren, die im Zimmer waren, lach⸗ ten mich aus. Wenn ich gekonnt hätte, würde ich geflohen ſein; aber meine Füße bewegten ſich nicht von der Stelle.“ „Arme Kleine!“ „Eine Stimme... es war meines Vaters Stimme ... aus einem innern Zimmer, wohin er zurückgekehrt war, befahl endlich den Herren, mich hinauszujagen.“ „Und man that es?“ 1 „Sie nannten mich eine Gaſſenſtreicherin.“ Das Gewiſſen. II. 11 162 „Und Du haſt ihn nicht wieder aufgeſucht?“ „In dieſem Augenblick, gnädige Frau, fühlte ich, daß ich allein war. Später habe ich meinen Vater nur noch einigemal geſehen.“ „Du haſt ihn nicht mehr aufgeſucht?“ „Wie konnte ich es wagen, ich, ein armes, ausge⸗ hungertes, zerlumptes und ſchmutziges Mädchen? Er würde mich hinausgejagt oder verachtet haben... mein Gott, ich konnte nicht.“ „Fahre fort... fahre fort.“ „Mein Elend wurde immer größer; ich irrte hei⸗ mathlos auf den Straßen umher und lag bei Nacht in den Hausgängen oder auf den Treppen, wie es ſich fügen mochte. Eines Nachts warf man mich aus einer Thüre, die geſchloſſen werden ſollte... es war kalt... hui, ich friere noch, wenn ich daran denke.“ „Unglückliche!“ „Ich wußte nicht, wohin ich fliehen ſollte, als ich von einem Mädchen angeredet wurde.“ „„Du biſt ja beinahe nackt,““ ſagte ſie,„„wer biſt Du?2““ „Ich friere,“ antwortete ich. „„Wohin willſt Du?““ „Ich bin hungrig,“ antwortete ich. „Das Mädchen ſchaute mir ins Geſicht und bat mich, mit ihr zu kommen; ſie wolle mir Kleider und Nahrung geben.“ „ Wer war dieſe brave Perſon?“ „Eines von den Mädchen der Frau Buchholz. Sie heißt Anna. Man nennt ſie die Königin der wilden Jagd... ein gutes Mädchen, aber es iſt Schade um ſie... ſie iſt ebenfalls unglücklich.“ Der Leſer weiß das Uebrige und wir laſſen alſo die weitere Erzählung bei Seite. Gabrielens Theixlnahme war warm und herzlich; lebhaft erwachte in ihr der Wunſch, das Mädchen mit ſich nach Hauſe zu nehmen 163 und ſie wie ihre eigene Tochter zu pflegen. Sie fragte auch Waldhahneuſuß, ob ſie nichts dagegen habe. „Ich will Dir eine Mutter, eine Freundin, eine äl⸗ tere Schweſter ſein,“ ſagte Gabriele, indem ſie freund⸗ lich dem Mädchen die Hand drückte.„Dein Herz iſt be⸗ kreits entwickelt— das Leben entwickelt es immer am beſten— Deinen Verſtand will ich pflegen: wir wollen mit einander leſen und ſpielen, Du ſollſt meine Geſell⸗ ſchafterin ſein. Jeder Fortſchritt, den Du machſt, wird meine Freude ſein. Ach Du weißt nicht, wie arm an Freude auch mein Leben geweſen iſt.“ Während Gabriele ſprach, war es intereſſant, das Geſicht des Mädchens zu beobachten. Es verbreitete ſich darüber ein Schein, der zuerſt matt war, aber beſtändig an Glanz zunahm. Dieſer Schein kam von der unauf⸗ hörlich ſich ſteigernden Freude in ihrem Herzen. Die bisher ſo dunkeln Augen begannen immer höher zu ſtrah⸗ len von einem Gefühl der Dankbarkeit und Liebe. Ihre feine Geſichtszüge waren durchſichtig. Man ſah die wech⸗ ſelnden Regungen ihres Herzens. Wenn man etwas an ihr vermißte, ſo war es mehr das Irdiſche als das Aethe⸗ riſche. Die unſchuldige Erziehung, die ſie empfangen, die Leiden, die ſie ausgeſtanden, hatten ihrem ganzen We⸗ ſen einen Stempel der Reſignation aufgedrückt, der ſie zwar ſchön machte, aber auf eine andere Art, als man ſich gewöhnlich die Schönheit des Weibes denkt, weil es eine Schönheit war, die nichts von ſich ſelbſt wußte: es war die von einer holden, hinreißenden Rührung erweckte 8 Schönheit des Herzens, belebt von einem unſchuldsvollen Lüächeln und geſchmückt mit der Aumuth milder und rei⸗ ner Hoffnungen. . Gabriele betrachtete ſie mit Freude und Rührung. Sie begriff jetzt beſſer als je, warum man das Mädchen Waldhahnenfuß nannte. „Ich ſehe, daß Du in meinen Wunſch willigſt.. nicht wahr, Du willigſt ein?“ 164 Eine Thräne glänzte in den Augen des Mädchens. Sie beugte ſich gegen Gabrielens Hand hinab und drückte ihre Lippen auf dieſelbe. „Wie glücklich machen Sie mich, Madam!“ flüſterte ſe„Nie hat jemand ſo zu mir geſprochen, wie Sie thun.“ „Man nennt Dich Waldhahnenfuß,“ bemerkte Ga⸗ briele, die ihren Blick nicht von ihr abwenden konute, „und ich begreife den Grund wohl, weil etwas von der erſten, zarten, ſchneeweißen Blume des Frühlings in Dei⸗ nem ganzen Weſen liegt; aber Du haſt wohl auch einen andern Namen?“ „Daheim bei meiner Mutter nannte man mich Ma⸗ thilde. Ach, wenn ich es wagen dürfte, Sie um etwas zu bitten.“ „Thue es.“ Waldhahneufuß erröthete leicht und ſenkte den Blick wieder zur Erde. „Ich liebe,“ ſagte ſie,„dieſen Namen, den meiner Mutter Lippen heilig gemacht haben, ſo ſehr, und wenn Sie mich lieb haben, gnädige Frau, ſo neunen Sie mich künftig auch Mathilde.“ Gabriele ſchloß das Mädchen an ihre Bruſt. „Aber ich habe noch einen Wunſch,“ fuhr das Mäd⸗ chen fort;„ich weiß nicht, wer Sie ſind, gnädige Frau.. ich wünſche.. aber Sie werden wohl böſe auf mich, weil ich ſo viel ſpreche?“ „Du wünſcheſt, ſagteſt Du...“ „Ich wünſche Ihren Namen zu wiſſen, damit ich...“ Waldhahnenfuß oder Mathilde, wie wir ſie jetzt lie⸗ ber nennen wollen, war ſichtlich verlegen, was ſie ſagen ollte. „Damit Du,“ wiederholte Gabriele...“ „Damit ich Sie in meine Gebete einſchließen könnte.“ „Liebes Mädchen,“ ſagte Gabriele,„je mehr ich 6 N 3. e e e 165⁵ Dich höre, um ſo mehr liebe ich Dich. Mein Name iſt Gabriele Kellner. Beim Ton dieſes Namens zog ſich Mathilde ſcheu und furchtſam zurück. Die Freude erloſch in ihrem Ge⸗ ſicht, ein Schatten breitete ſich über ihre Stirne mit ei⸗ nem Ausdruck der Ueberraſchung, der Sorge und Be⸗ kümmerniß, der lebhaft bewies, daß etwas Schmerzliches in ihrem Innern vorging. r Gabriele konnte dieſe Veränderung nicht begreifen. 3„Du liebſt meinen Namen nicht?“ 8 —1„O bewahre!“ Mathilde antwortete indeß zerſtreut; ſie ſchien ſich einer ganz andern Empfindung zu überlaſſen. „Ich verſtehe Dich nicht,“ bemerkte Gabriele,„an was denkſt Du? Du mußt aufrichtig gegen mich ſein.“ „Ich denke,“ ſtammelte ſie,„ich denke daran... Wach mein Gott, wie nuglücklich ich bin...“ „Du denkſt...“ „Daß es dennoch am beſten wäre, wenn ich nicht mmit Ihnen ginge. Sie könnten nur Verdruß mit mir ha⸗ ben. Ich bin ein armes Mädchen, ich fange an meine Armuth zu lieben.“ Gabriele war ganz überraſcht von dem, was ſie hörte. „Du biſt launiſch, Mathilde,“ bemerkte ſie,„ich hätte das nicht von Dir erwartet.“ „Ich bin nicht launiſch, gnädige Frau, aber ich habe mich beſſer beſonnen; ich kann Ihnen nicht folgen... ich... f„Wirklich?“ „Unmöglich... ich...“ 1„Warum?“ „Weil... weil... ich nicht darf. Gabriele ſtand auf. Sie war verdrießlich über dieſen unerwarteten Beweis von launiſcher Unentſchloſſenheit, wofür ſie es hielt. bB9 9AꝑXdcq9õyg;́;t ⅛ ⅛üywKnnmmnmnmnmnlnmnmnnnnn— 166 „Schon gut,“ ſagte Gabriele,„laß uns nicht wei⸗ ter davon reden. Kleine Launen kommen und vergehen... Du folgſt mir, ich bin es überzengt.“ Je beſtimmter Gabriele wurde, um ſo beſtimmter wurde auch Mathilde. „Mein Entſchluß iſt gefaßt... ich...“ „Du willſt mich alſo betrüben, Mathilde; ich glaube das nicht gern.“ „Oh, nein, glauben Sie es nicht; aber glauben Sie auch nicht, daß ich Ihnen folgen kann.“ Gabrielens Mißvergnügen zeigte ſich deutlich in ihrer Miene. Sie liebte das ſchutzloſe Mädchen bereits und ſie hielt an dem Gedanken feſt, eine Perſon zu be⸗ ſitzen, an welche ſie ungeſtört ihre ganze Liebe verſchwen⸗ den könnte. „Wenn nicht ſoviel dagegen ſpräche,“ verſetzte ſie jetzt,„ſo könnte ich glauben, daß Du Capricen hätteſt.“ Mathilde wurde tief gerührt von den Vorwürfen, die man ihr machte. „Beurtheilen Sie mich nicht ſo hart,“ bat ſie; wenn Sie in mein Herz ſehen könnten, würden Sie fin⸗ den, wie dankbar ich für Ihr gütiges Anerbieten bin, und wie ſehr es mich ſchmerzt, es ablehnen zu müſſen, aber... ich kann nicht vergeſſen, wer ich bin.“ „Du biſt ein gutes kleines Mädchen und folgſt mir.“ „Bitten Sie mich nicht, o bitten Sie mich nicht.“ „Du mußt...“ Mathilde ſank vor Gabriele nieder und umfaßte ihre Kniee. 3 „Ich kann nicht, ich darf nicht.“ „Im Namen Deiner Mutter befehle ich Dir.“ „Wenn meine Mutter lebte, ſo würde ſie es nicht thun.“ „Deine Mutter ſpricht durch mich.“ „Sie vergeſſen meine Sache, die meine Mutter nicht vergeſſen würde.“) 5 ⸗ — 167 „Welche? „Daß ich...“ „Daß Du.. ℳ „Daß ich in einem Bordell war.“ Es war herzzerreißend, den Kummer zu ſehen, wo⸗ mit die Aermſte dieſe Worte ausſprach. Gabriele ſtutzte. „Der Argwohn, der ſich an mich anhängt,“ fuhr Mathilde fort,„würde vielleicht auch Sie beflecken.“ Indem ſie ſich ſelbſt anklagte, litt ſie Qualen, die ſich lebhaft in ihrem Geſicht wiederſpielten. Gabriele ſchwieg. „Welche Freude würde ich wohl beſitzen, wenn ich wüßte, daß ich Ihr Glück ſtörte und ſelbſt...“ „Und ſelbſt...“ „Es nicht wagen dürfte, jemand offen ins Geſicht zu ſehen.“ Gabriele hielt ſich an dieſe Worte. „Der Pfarrer hat mir das Ereigniß erzählt, das ſich zutrug, als er zum erſten Mal mit Dir zuſammen⸗ traf, und wir ſchloſſen daraus, daß Du rein und un⸗ ſchuldig ſeieſt. Wir haben uns alſo getäuſcht.“ Mathilde ſprang mit einer heftigen Bewegung aus ihrer bittenden Stellung auf. „Nein, Madame, Sie haben ſich nicht getäuſcht.“ „Nicht?“ „Ich bin unſchuldig“ „Wohlan, Du biſt unſchuldig... dann kannſt Du auch jedermann offen ins Geſicht ſehen. Du biſt an einem Ort der Schande geweſen?“ „Ja.“. „Um ſo mehr Ehre für Dich, daß Du unſchuldig geblieben biſt.“ „Aber die Leute werden mir nicht glauben.“ „Sie werden Dir glauben, wenn ſie Dich kennen lernen. Im Uebrigen gedenke ich ihnen nicht mitzuthei⸗ —y 168 len, woher Du kamſt oder wer Du biſt... Nun wohl... Du folgſt mir doch?“ „Nein.“ „Du mußt.“ „Nie.⸗ „Haſt Du alſo noch andere Gründe?“ Mathilde antwortete nicht, aber ihr Kopf ſank in ihre Hände hinab, wie eine verwelkte Blume ihren Kopf auf das Blatt ſinken läßt. Gabriele betrachtete ſie noch eine Weile; dann aber ging ſie von ihr weg und öffnete die Thüre, worauf der Pfarrer eintrat. Als Mathilde auf das Zureden dieſes würdigen Die⸗ ners der Kirche ihr Haupt erhob, glänzte eine helle Thräne in ihren Wimpern. So wenig Gabriele die Urſache der Veränderung verſtand, die ſo ſchnell mit Mathildens Gedanken vorge⸗ gangen war, ebenſowenig verſtand ſie auch der Pfarrer. Der Pfarrer, der nicht blos in Gabrielens, ſondern auch in Mathildens warme und liebevolle, aber von Lei⸗ den zeriſſene Bruſt geblickt hatte, fand, daß ſie einander gegenſeitig den Labetrunk reichen könnten, der erforderlich war, um ihre zerfleiſchten Herzen zu heilen. In dieſer Ueberzeugung billigte er Gabrielens Abſicht, Mathilde mit uach Hauſe zu nehmen, und unterſtützte ihren Plan mit einer ſo ſieghaften Logik und einem ſo unwiderſteh⸗ lichen Ernſt, daß Mathilde das von Zärtlichkeit und Wohlwollen ausgegangene Auerbieten nicht länger ab⸗ weiſen konnte, wenn ſie nicht gar zu ſprechende Beweiſe von Undankbarkeit und Starrköpfigkeit geben wollte. Schweigend gab ſie daher jetzt nach. Aber obſchon die Sache jetzt ſoweit abgemacht war, ſo waren gleichwohl noch nicht alle Hinderniſſe über⸗ wunden.. Sowohl Gabriele als der Pfarrer ſahen ein, daß Kellners Einwilligung nicht ſo leicht zu gewinnen ſein 169 durſte. Daß Gabriele dabei nichts auszurichten vermochte, war klar. Der Pfarrer nahm alſo die Sache auf ſich. Aber jemehr er darüber nachſann, um ſo ſchwerer fand er ſie. Kellner gerade heraus zu ſagen, daß Gabrielens krankhafte Gemüthsſtimmung der Zerſtreuung durch eine Geſellſchafterin bedürfe, und zwar juſt einer ſolchen, wie Waldhahnenfuß war, das hatte ſeine große Bedeuklich⸗ keiten, weil es beinahe unmöglich war, eine ſolche For⸗ derung zu motiviren, ohne daß ſie zu einem Raiſonne⸗ ment über die Folgen von Gabrielens erſtem Liebesver⸗ hältniß mit Frank führte, einem Verhältniß, das Kellner jetzt, ſei es nun unabſichtlich oder aus Berechnung, aus Gleichgültigkeit oder aus Verachtung, beinahe vergeſſen zu haben ſchien. Ein ſolches Raiſonnement mußte jedoch immer manche, nunmehr wirklich oder blos äußerlich ge⸗ heilte Wunde wieder aufreißen und Leidenſchaften, die jetzt ſchlummerten oder zu ſchlummern ſchienen, erwecken, wodurch die Verhältniſſe eher verſchlimmert als verbeſſert werden konnten. Je mehr der Pfarrer die Sache über⸗ dachte, um ſo delikater ſchien ſie ihm. Er war jedoch ein Mann, der, wenn es klar vor ſeinen Gedanken ſtand, daß er nützen könne, nicht gerne den Muth verlor; aber ſo ſehr er auch nachſann, ſo wußte er kein beſſeres Mit⸗ tel ausfindig zu machen, als daß man es auf die eine oder andere Art verſuchen ſollte, Mathilde in Kellners Familie einzuſchmuggeln. Dagegen ſtemmte ſich zwar ſein religiöſes Gefühl, aber eine geringere Rückſicht mußte vor einer wichtigern weichen, und das Wichtigſte war hier, Gabrielens Seelenfrieden und Gemüthsruhe zu retten. Er kämpfte zwar einen harten Kampf mit ſich ſelbſt, aber dieſer ſchloß mit der Ueberzeugung, daß er ſein eigenes Ich auf die Seite ſtellen und jede eigene Meinung auf⸗ opfern müſſe, um ſeiner durch Kümmerniſſe niedergedrück⸗ ten Mitchriſtin zu nützen. Er litt allerdings ſelbſt davon, aber er faßte ſeine Pflicht, für Andere zu leiden, als evangeliſch lutheriſcher Prieſter auf. Ruhig fügte er ſich alſo nach den Umſtänden, ent⸗ ſchloſſen, alles Mögliche zu thun, und dieſen Plan theilte er auch Gabriele mit. In Bezug darauf erinnerte eines Tages Gabriele ihren Mann, daß ſie ſchon lange Zeit den Pfarrer der Gemeinde nicht mehr bei ſich geſehen hätten; er wurde deßhalb nebſt noch einigen andern Freunden ſogleich ein⸗ geladen. Die Soupers bei Kellner waren immer ſehr ange⸗ nehm und auch dießmal war es der Fall. Aber vom Scherzen und Geplander über allerlei gleichgültige Ge⸗ genſtände kam man zuletzt auf Gemeindeangelegenheiten, wobei hauptſächlich der Pfarrer das Wort führte. Als ein gewöhnlicher Apropos erzählte er dabei, jedoch ohne das Ereigniß näher zu detailliren, daß ein Zufall ein vater⸗ und mutterloſes armes und ſchwaches Mädchen in ſeine Hände geworfen habe. Ihr Herz ſei ebenſo rein und gut, wie ihr Verſtand für Unterweiſung und gute Lehren empfänglich. Er klagte über die rathloſe Stellung der Armen, wenn ſie wieder auf die Straße geworfen werden ſollte, bemerkte, daß hier eine gute That verrich⸗ tet werden könnte, welche jedem, der die Mittel und Luſt dazu beſäße, alle Ehre machen würde. Der Gegenſtand wurde mit ſo viel Takt und Fein⸗ heit entwickelt, daß die Sache allen Anweſenden zu Her⸗ zen ging. Der Pfarrer blickte dabei abwechſelnd auf Herrn und Frau Kellner, aber dieß alles ging mit ſo natür⸗ licher Einfachheit zu, wie er denn in der That nur ſein für die ganze Menſchheit warm ſchlagendes Herz ergoß, daß niemand irgend eine Berechnung argwöhnen konnte und nur die beſſeren Gefühle der Anweſenden geweckt wurden. Aus natürlicher Furcht über den Ausgang wurde Gabriele abwechſelnd roth und blaß. Die Aufforderung ſchien ſie lebhaft anzuregen. 171 „Ach Kellner,“ ſagte ſie, als der Pfarrer geendet hatte, wollteſt Du mir nicht erlauben, das arme Mäd⸗ chen nach Hauſe zu nehmen und für ſie zu ſorgen?“ Kellner hatte viele Fehler, aber in ſeinem Herzen fand ſich nichts deſtoweniger auch viel Gutes vor. „Von Herzen gerne, meine Liebe; Du biſt mir zu⸗ vorgekommen; ich gedachte wirklich Dir ſelbſt dieſen Vorſchlag zu machen.“ Wir laſſen es dahin geſtellt ſein, in wie weit die Gitelkeit Antheil an Kellners Erklärung hatte, und wir glauben gern, daß er jetzt nur durch den Wunſch geleitet wurde, eine gute That zu verrichten. Es war auch das erſtemal, daß Gabriele ihn um etwas gebeten hatte, viel⸗ leicht trug dieß ebenfalls zum Erfolg bei. Gabriele dankte ihm herzlich für ſeine Bereitwillig⸗ keit und der Pfarrer füllte ſein Glas und brachte einen Toaſt zu ſeiner Ehre aus. Nach Tiſch, ſo lange die Geſellſchaft noch zugegen war, wurde Mathilde in einer von Kellners Equipagen abgeholt. 3 Der Pfarrer und Gabriele hatten ſie bereits mit neuen und hübſchen Kleidern verſehen, damit ſie ſich ſo vortheilhaft als möglich zeigen konnte. Die Gäſte waren aus Intereſſe für die Erwartete im Salon verſammelt, als Mathilde eintrat. In ihrer neuen Kleidung war ſie hübſcher als ge⸗ wöhnlich; ja ſogar die ſonſt ſo blaſſen Wangen wurden von einer leichten und lieblichen Röthe belebt, wie wenn ein Sonnenſtrahl durch ein roſenfarbiges Glas auf ſie gefallen wäre. Ihre Art ſich zu bewegen und all das Wohlwollen zu empfangen, das jetzt an ſie verſchwendet wurde, hatte auch eine Anmuth, die ſie noch einnehmender machte. Alle gratulirten deßhalb beinah mehr Frau Kellner zu der Eroberung, die ſie gemacht, als Mathilden, die ſich mit ſo viel natürlichem Takt bewegte, daß man es 172 kaum wagte, ſich ihr ebenſo ungezwungen zu nähern, wie einem gewöhnlichen armen Mädchen. Es fand ſich ein gewiſſer angeborener Adel bei ihr vor, den man nicht erwartet hatte, obſchon dieſer ange⸗ borene Adel ſich weit gewöhnlicher findet, als man in der Regel zugibt. Der Einzige, der ſeit Mathildens Eintritt vollkom⸗ men geſchwiegen hatte, war Kellner, und wenn man ſich die Zeit genommen hätte, ihn genauer zu beobachten, ſo würde man Ueberraſchung und Verwunderung in ſeinem Geſichte gefunden haben. Bald jedoch beherrſchte er ſich und hieß Mathilde willkommen. Als er ſie dabei an der Hand nahm, verſchwand der letzte Strahl von Purpur aus Mathildens Geſicht, und die Wange wurde von einer Farbe übergoſſen, ſo blaß wie der Stern der Nacht. Ein leichtes Zittern eilte durch ihren Körper und der Blick ſeukte ſich zur Erde. Ueber Kellners Lippen dagegen ſchwebte ein freund⸗ liches, beinahe mit einem wollüſtigen Gefühl verwandtes Lächeln. Nur der Pfarrer beſaß allzuviel Menſchenkenntniß und Scharfſinn, um nicht zu bemerken, daß zwiſchen Kellner und Mathilde ein beſonderes und eigenthümliches Verhältniß ſtattfand, oſchon er nicht zu rathen vermochte, worin es beſtehen konnte. Nichtsdeſtoweniger beunruhigte es ihn. Won dieſem Tag an blieb Mathilde in Kelluers Haus. Für Gabriele, deren Leben ſonſt ſo einſam geweſen, war ſie wie ein milder und verſöhnender Engel ge⸗ kommen. Gabriele beſaß jetzt eine Freundin, der ſie alle ihre Gedanken und ihre ganze Liebe mitheilen konnte. Sie fühlte ſich nicht mehr allein wie früher, ſondern meinte jetzt etwas bekommen zu haben, wofür ſie leben könnte. — 173 Mathilde widmete ſich auch ihrer Wohlthäterin mit rüh⸗ render Hingebung. Aber wenn Mathilde auch manchmal in Stunden, wo ſie mit Gabriele allein war, Spuren eines fröhlichen und lebhaften Gemüthes zeigte, ſo verſchwand dieß im⸗ mer, wenn Kellner eintrat. Sein Anblick ſchien beſtändig einen großen Kummer in ihr zu erwecken. Dieſes Verhältniß entging Gabriele nicht, aber ſie erklärte es als Verlegenheit und Schüchternheit. Eines Tages war Gabriele ausgegangen, um einige Einkäufe für ihren Liebling zu beſorgen, als Kellner eintrat. Mathilde fuhr erſchrocken von ihrem Nähtiſch auf, als ſie ſich mit ihm allein ſah. Kellner ergriff lächelnd ihre Hand. „Du haſt bange vor mir,“ fragte er,„ich begreife wohl warum; aber fürchte nichts, auch ich kann ein Ge⸗ heimniß bewahren.“ 3 Mathilde zog ſich ſo weit als möglich von Kellner zurück, aber er ließ ihre Hand nicht los und ſie kam nicht weit. „Du begreifſt wohl,“ fuhr er fort,„daß ich Dich erkannte, und ich habe Dir auch angeſehen, daß Du Dich meiner erinnert haſt; aber warum ſprangſt Du von mir weg, Du kleine Närrin? Du kannſt Dir doch denken, daß ich nichts Böſes mit Dir vorhatte. Siehſt Du, mein Kind, der Zufall führte mich eines Abends... es war an demſelben Abend, wo man bei mir einbrach... zu Madame Buchholz, und dort ſah ich Dich im Vorbei⸗ gehen am Schenktiſch halb ſchlummernd im Lichtſchein * Du warſt wirklich ganz zierlich und allerliebſt.“ Es lag etwas Verführeriſches und Bezauberndes in der Art, wie Kellner ſich ausdrückte.. „Um Gotteswillen, ſchweigen Sie, Herr Kellner... ich bitte Sie auf meinen Knieen, verlaſſen Sie mich.“ „Du biſt kindiſch, meine Freundin, ſehr kindiſch, aber es läßt Dir ganz gut. Du kannſt wohl nichts da⸗ 174 gegen einzuwenden haben, wenn ich Dich gerne ſebe. Ein Mädchen betrübt ſich über ſo etwas nicht ſo leicht, eher müßte es Dich verdrießen, wenn ich es nicht thäte. In der Schule der Madame Buchholz lernt man übri⸗ geus keine Ziererei. In Wahrheit, ich bezahlte ſie ſehr gut für Dich... das ſollte Dir ſchmeicheln. Sage mir aufrichtig etwas...“ Mathilde litt von jedem Wort, das ſie hörte. Schmerzliche Qualen zogen ihre Brauen zuſammen und rollten eine Thräne vom Herzen ins Auge. „Als ich Dich hier ſah,“ fuhr Kellner fort,„ſo ahnte ich, daß Madame Buchholz, welche weiß, daß ich Dir gut bin, unſern würdigen Paſtor über den Löffel barbirt hat, damit er Dir Eintritt in mein Haus verſchaffen ſollte. Wenn es ſich ſo verhält, ſo iſt es recht ſinnreich und ingeniös von ihr. Aufrichtig, meine Freundin, ver⸗ hält es ſich nicht ſo?“ Mathilde war außer Stand ein Wort hervorzubrin⸗ gen. Zerriſſen von Seelenqualen wandte ſie ſich von Kellner ab. „Mein Gott, mein Gott!“ ſeufzte ſie. Kellner war wirklich verführeriſch. Wie Abyſſiniens ſtolzes und empfindſames, akazienliebendes Hochwild ſchien er jetzt mit ſtrahlenden und rollenden Augen ſich nach mehr als einer Seite umzuſehen, nicht aus Furcht vor einem lauernden Feind, ſondern um auf einmal den gan⸗ zen Liebreiz des einnehmenden, für ſeine Augen ſo aͤthe⸗ riſch feinen Mädchens zu genießen. „Du kleine Närrin, jetzt wirſt Du mir nicht mehr entſpringen, wie Du bei Madame Buchholz thateſt, das kannſt Du als gewiß annehmen. Das Geheimniß unſeres Verhältniſſes kann in keinen beſſeren Händen ruhen, als in denen meiner Frau, und es freut mich, wenn Du Dich gut mit ihr ſtellſt, denn je vollſtändiger Dir es ge⸗ lingt, um ſo weniger wird ſie an etwas Boͤſes denken. Im Uebrigen kannſt Du wegen Deiner Zukunft ruhig — 175 ſein, denn ich pflege diejenigen nicht zu verlaſſen, die ich einmal geliebt habe. Sei in dieſer Beziehung ganz ge⸗ troſt, Du haſt es mit einem anſtändigen Manne zu thun.“ Kellner ſtreckte ſeinen Arm gegen ſie aus, um ihren Leib zu umſchlingen, aber mit einem Angſtſchrei, der ein ſolches Entſetzen ausdrückte, daß Kellner ſelbſt einen Au⸗ genblick erſchrocken zurückbebte, riß ſie ſich von ihm los, eilte ins nächſte Zimmer und verriegelte die Thüre hin⸗ ter ſich. Der Leſer erſieht hieraus, warum das Mädchen an jenem Abend bei Frau Buchholz geflohen war. „Sie iſt ſolider, als ich gedacht hätte,“ murmelte er für ſich.„Zum Henker, hübſch iſt ſie doch... und ein Vergnügen kann nicht zu theuer bezahlt werden... wir wollen ſchon ſehen.“ Bei einiger Kenntniß von Mathildens Charakter konnte man Urſache haben zu glauben, daß ſie ſich von dem Augenblick an noch mehr als bisher vor Kellner zurückgezogen haben würde, aber ſie verſchwieg nicht blos gegen Gabriele die ganze Scene, ſondern ſie ſchien ſich auch noch mehr als bisher zu bemühen, Kellner ihren inneren Werth, das Unſchuldsvolle und Milde in ihrem kindlichen Herzen, das Reine und beinahe Holdſelige in ihrem Charakter zu zeigen. „Sie kokettirt mit mir,“ dachte Kellner, als er ihre Bemühungen bemerkte,„ſchon gut... ich habe ſie...“ Dagegen wich ſie allen Gelegenheiten aus, wo er ſie allein treffen konnte. „Ein liſtiges Dirnchen,“ bemerkte Kellner;„wenn Madame Buchholz mich fangen will, ſo hätte ſie keine beſſere Bötin wählen können.“ Kellner pflegte täglich nach Tiſch ein Schläfchen zu machen. Die Thüren der übrigen Zimmer ſtanden aber gewöhnlich offen und konnten um ſo mehr ſo gelaſſen werden, als im Allgemeinen eine tiefe Stille in ſeinem Hauſe herrſchte. Einmal wurde er von einem Geräuſche geweckt, und als er die Angen aufſchlug, ſah er ein Frauenzimmerkleid in der Thüre verſchwinden. „Sie war es,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Der kleine Schalk.“ Inzwiſchen ließ ſich Kellner nichts anmerken, beſchloß aber, ſie zu fangen, ſobald ſie einen ſolchen Beſuch er⸗ neuern würde. An dem folgenden Nachmittage warf ſich Kelluer zwar wie gewöhnlich auf den Sopha, ſchlief aber nicht, ſondern ſtellte ſich nur ſo. Nach einigen Tagen ſah er auch, obſchon mit beinah verſchloſſenen Augenlidern, daß Mathilde hereinkam und ſich leiſe näherte. Er folgte ihr mit ſeinem Blick ſo ge⸗ nau wie möglich. Er bemerkte jetzt... und dieß ſchmeichelte ihm ſehr . wie ſie an ſeiner Seite ſtehen blieb, ſich mit zurück⸗ gehaltenem Athem über ihn hinbengte und ihn betrachtete. Seine erſte Regung war, in dieſer Stellung ſeinen Arm um ſie zu ſchlingen und ſie an ſein Herz zu drücken; aber er that ſich Einhalt, weil er ſehen wollte, was ſie weiter unternehmen würde. Zu ſeiner Verwunderung ſollte er es bald erfahren. Mathilde beugte ein Knie an ſeiner Seite, faltete ihre Hände und verrichtete ein Gebet. „Mein Gott,“ dachte er dabei,„ſollte ſie mich wirk⸗ lich lieben? Armes Kind!“ Als ſie ihr Gebet vollendet hatte, erhob ſie ſich wieder. Kellner wollte nicht länger heucheln, ſondern ſchlug ſeine Augen auf, und betrachtete ſie mit offenem Blick, da nun Mathilde mit einem Seufzer ſich wieder gegen ihn wandte, ſo begegnete ſie demſelben., Als ſie ſah, daß Kellner wach war, erröthete ſie bis an die Haarwurzeln. „Schönes Mädchen,“ flüſterte Kellner;„es iſt alſo wahr, daß Du mich liebſt... daß Du mich ſehr liebſt.“ hi —, 177 Erſchrocken über ſeine Worte, eilte ſie flüchtig wie eine Gazelle von ihm hinweg. Kellner liebte ſie eigentlich nicht, aber er war ihr gut, er konnte ſie wohl leiden, ſie hatte in ihrer Geſtalt etwas ſo Subtiles, was ſeiner Sinnlichkeit auf eine andere Art ſchmeichelte, als er bisher empfunden hatte. So ſtand es in Kelluers Familie, als er die Ein⸗ ladung zur Baronin Lander erhielt und die Ereigniſſe eintraten, die wir oben beſchrieben haben. Wir gehen jetzt zu Gourville zurück, der, nachdem er aus der Droſchke geſtiegen, eine ſchnelle Morgentoilette gemacht hatte, um einen Beſuch bei Gabriele abzuſtatten, während Kellner ſich noch bei Mamſell Michelſen aufhielt. Als Gourville an die Thüre kam, die in Frau Kellners Zimmer führte, hörte er ſanfte Claviertöne ſich entgegenkommen. Lauſchend blieb er einen Augenblick vor der Thüre ſtehen, dann aber ergriff er entſchloſſen die Klinke, drehte ſie und trat ein. Frau Kelluer ſaß an ihrem Piano. Das Piano war ihr ein treuer, beſtändiger Freund. Ihm vertraute ſie ihre Kümmerniſſe, ihre Betrachtungen, ihre Träume und Gefühle an; es beruhigte auch ihre Qualen und antwortete ihr mit holden milden Schmei⸗ cheltönen. So oft ſie eine Weile geſpielt hatte, war es ihr, als ob ihre Sorgen ſich in Harmonietönen auflöſten, und ohne daß ſie es wußte, ſtimmte ſie, gelockt von der Melodie, die fur den Augenblick ihrem Herzen am näch⸗ ſten lag, ſingend ein. Das Gewiſſen. II. 12 178 Bei Gourville's Anblick hörte ſie jedoch plötzlich auf. Man hätte glauben ſollen, alle Melodien ſeien auf ein⸗ mal in ihrer Seele erſtorben, ſo haſtig unterbrach ſie ſich, während Leichenbläſſe ſich über ihr Geſicht verbreitete. „Sie erſchrecken, Madame,“ ſagte Gourville, indem er ſie begrüßte.„Ich muß Ihnen ein großes Entſetzen eingeflößt haben oder auch... Sie erwarteten vielleicht einen Audern?“ Gabriele ſtand von ihrem Piano auf. Wollte man aus ihrem Aeußern ſchließen, ſo ſchien ſie eher vor einem ſtrengen Richter als vor einem Gaſte zu ſtehen. „Sie erwarteten den Grafen Frank, Madame,“ fuhr Gourville fort,„nicht wahr?“ 1 Gabriele fühlte, daß dieſer Mann einen ſchrecklichen Einfluß auf ſie ausübte, und doch wurde ſie unwider⸗ ſtehlich zu ihm hingezogen. Sie dachte unwillkürlich an die Klapperſchlange, von der man ſagt, ſie vermöge die Vögel, die ſich ihr nähern, mit ihrem Blick dermaßen zu bezaubern, daß ſie ſich nicht mehr von der Stelle bewe⸗ gen können. Gourville's Augen, ſeine Haltung, ſeine Sprache, ſeine ganze Perſönlichkeit magnetiſirte ſie gleichſam und verwandelte ſie in ein willenloſes Weſen, das inſtinkt⸗ mäßig nur ihm gehorchte. „Sie erwarteten den Grafen Frank,“ fuhr Gonr⸗ ville fort,„läugnen Sie es nicht, und es überraſchte Sie, als Sie mich an ſeiner Stelle eintreten ſahen.“ Frank wohnte in den Zimmern über Gourville, und als der letztere ſeine Toilette für den beabſichtigten Be⸗ ſuch bei Gabriele machte, hatte er Franks Tritte über ſich gehört, wobei er deutlich bemerkte, daß auch er ſeine Toilette machen müßte, weil er hauptſächlich auf dem Platz umhertrippelte, wo der Spiegel ſtand. Daraus ſchloß er, daß Frank ausgehen wolle, und es fiel ihm ſogleich ein, daß er zu Gabriele zu gehen ᷣ 179 gedenke, weßhalb er, um vor ihm anzulangen, ſich mög⸗ lichſt beeilte. Als er die Veränderung ſah, die bei ſeinem Eintre⸗ ten bei Gabriele vor ſich ging, wurde er in ſeiner Ver⸗ muthung noch mehr beſtärkt. „Der Graf dürfte auch bald hier ſein,“ begann Gourville wieder,„aber inzwiſchen will ich die Zeit be⸗ nützen und etwas ausſprechen, was mir lange auf dem Herzen gelegen hat. Sie hören mich doch, Madame?“ „Ich höre Sie,“ ſtammelte Gabriele, vermochte aber ihre Stellung nicht länger beizubehalten, ſondern ſank auf einen neben ihg ſtehenden Emma. Gourville beträchtete ſie eine kurze Weile unter tie⸗ fem Schweigen. „Sie ſind unglücklich, Madame,“ ſagte er dann. „Schonung,“ bat ſie,„Schonung, mein Herr.“ Es fiel Gabriele nicht ein, ſich darüber zu verwun⸗ dern, daß Gourville ſie kannte, vom erſten Augenblick ihres Zuſammentreffens an hatte ſie es bereits als aus⸗ gemacht angenommen, daß Gourville ſie durchſchaut habe. Dies ſchien ihr ſo natürlich, daß ſie nicht einmal daran dachte, die Urſache zu unterſuchen, warum ſie es glaubte. „Unglückliche Umſtände oder der Zufall... dieſer mächtige Gott, der unſere Schickſale beherrſcht... haben Fi in die Hände Ihres gegenwärtigen Mannes gewor⸗ en. „Mein Herr...“ „Sie beſitzen kein Mittel, Madame, ſich gegen das zu ſchützen, was ich ſage. Schon ehe Sie daran dachten, Kellner zu heirathen, liebten Sie den Grafen Frank.“ „Ah... „Sie wiſſen, daß ich Sie zweimal vor einer Ueber⸗ raſchung durch Ihren Mann gerettet habe. Glauben Sie wohl, daß ich immer über Sie werde wachen können?“ Gabrielens Gedanken verwirrten ſich, je mehr ſie ihn hörte.. 180 „Es thut mir leid um Sie, Madame. Jeder Un⸗ glückliche iſt mein natürlicher Freund. Ich bin auch un⸗ glücklich. Aber Ihr Unglück kommt von Ihnen ſelbſt, das meinige habe ich nicht verſchuldet. Ihr Unglück beſteht eigentlich darin, daß Ihr Herz krank iſt. Sie müſſen die Welt etwas vorurtheilsfreier betrachten, dann werden Sie friſcher und ebendadurch auch glücklicher werden. Wenn Sie mir erlauben, will ich Ihnen mit kurzen Worten ſagen, wie Ihre Welt ausſieht... wollen Sie dieſelbe ſehen?“ Alles, was Gourville ſagte, war ſo deutlich, ſo dreiſt und enthielt ſo viel, was Gabriele nicht beſtreiten konnte: ſie überließ ſich auch ganz dieſem Eindruck. „Sie lieben Ihren Mann nicht und er liebt Sie auch nicht. Sie wiſſen, daß, obſchon er bereits nicht mehr jung iſt, allzu jugendliche Leidenſchaften in ſeiner Seele ſpielen. Kennen Sie Mamſell Michelſen?“ „Nein, Chevalier, nein.“ „Wenn Sie wollen, ſo werde ich Ihnen eine Gele⸗ genheit verſchaffen, ſie zu hören und zu ſehen. Sie ant⸗ worten nicht.“ Gabriele war ganz Ohr, und doch hörte ſie nur verworren, was er ſagte. b „Sie glauben Frank zu lieben,“ fuhr Gourville fort, „und gleichwohl paßt er nicht für Sie. Seine melan⸗ choliſche Gemüthsart verſtimmt die Ihrige. Sein kränk⸗ licher ſentimentaler Charakter vermehrt nur Ihre eigene Sentimentalität. Sie begraben Ihr Herz in einem Ab⸗ grund von Sorgen, ohne daß Sie ſich daraus zu retten vermögen. Sie ziehen ſich von dem friſchen und fröhli⸗ chen Leben, das unter einer klaren Sonne und einem reinen Himmel ſo wohl gedeiht, zurück, um zu ſeufzen und unter milzſüchtigen Mondſcheinsträumereien zu ſter⸗ ben. Madame, laſſen Sie die Gedanken an den Grafen Frank fahren. Er zieht Sie nur in die Tiefe ſeiner eigenen traurigen Einbildung hinab und kann Ihnen 18¹ keine heitere und Geſundheit gebende Anſicht von der Welt beibringen. Ich ſage Ihnen auch ganz einfach, Sie lieben ihn nicht. Die Liebe zwiſchen Ihnen beiden hat ausgebranut und was davon noch übrig blieb, iſt blos der Dunſt oder, weun Sie lieber wollen, der Rauch von dem, was geweſen iſt. Gabriele glaubte, daß er Recht habe, und empfand gleichwohl einen neuen Schmerz, wie wenn er von ihren Augen einen Schleier weggeriſſen hätte, der mit ihrer Seele feſt verwachſen war. „Das Verhältniß zwiſchen Ihnen und Frank hat nur ſein Alter für ſich... und möglicherweiſe...“ „Möglicherweiſe... was meinen Sie?“ Gabrielens Bemerkung kam über ihre Lippen, ohne daß ſie es ſelbſt wußte. „Einen Fehltritt.“ Ah!“ 1„ ¹ „Erlauben Sie mir, Ihnen ganz rückhaltslos meine Meinung zu ſagen?“ „Sprechen Sie... „Sie müſſen mit Ihren gegenwärtigen Verhältniſſen brechen.“ „Brechen?“ „Brechen mit Kellner und mit Frank.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Sie müſſen ſich von ihnen trennen: von dem erſtern durch das Geſetz, von dem letztern in Ihrem Herzen.“ Sie ſtarrte ihn verwundert an. 3 „Sie ſind reich,“ fuhr Gourville fort;„Ihre Eltern leben zwar noch, aber der Reichthum derſelben gehört dennoch Ihnen.“ „Weiter...“ Der Gedanke, ſich durch eine geſetzliche Scheidung von Kelluer frei zu machen, war für Gabriele gänzlich nen, aber ſie hielt ſich daran feſt, als an eine verlockende, entzückende, bezaubernde Ausſicht. 4 44 182 „Mich trennen?“ „Sie ſind reich... in Ihrem Reichthum liegt Ihr Glück, wenn Sie es nur recht zu genießen verſtehen.“ „Ich verſtehe Sie kaum.“ „Ich will Ihnen eine Sache anvertrauen. Ihr Mann iſt ruinirt und er wird Sie früher oder ſpäter mit ſich in's Verderben ſtürzen.“ „Mein Gott!“ „Franks Liebe iſt nicht mehr Liebe, ſondern nur noch ein Schatten deſſen, was ſie geweſen iſt, ein Schat⸗ ten, der Sie mehr erſchreckt als beglückt. Das Feuer muß brennen, um Feuer zu ſein.“ „Was wollen Sie alſo, daß ich thun ſoll?“ „Wie ich ſchon geſagt habe, Sie ſollen ſich trennen.“ „Aber... aber...“ 3 „Sie brauchen einen Mann an Ihrer Seite, der Sie verſteht und mit friſchem Muth auch Ihrem Herzen Friſche eingießen kann.“ Gourville führte ſie ſo leicht mit ſich, wie ein Strom eine ruderloſe Barke mit ſich führt. „Sie billigen, was ich ſage,“ fuhr er fort. „Ja, ja.“ „Sie dürften auch wiſſen wollen, wer der Mann iſt, den ich meine.“ „Wer iſt es?“ „Ich.“ Gourville legte dabei die Hand auf ſeine Bruſt und heftete einen brennenden Blick auf ſeinen Raub. Seine Erklärung machte auf ſie eine ſchreckliche Wirkung; ſie zitterte, wie wenn ſie von einem elektriſchen Schlage ge⸗ troffen wäre. Aber als Gourville den erſchütternden Effect ſeiner Aeußerung ſah, that er ſich Einhalt und er empfand ein Gefühl der Reue, ein Mitleid, das er früher nicht gekannt hatte. 183 Dadurch, daß er ſich dreiſt in das ſchwache Gebände des Innerſten ihrer Seele geworfen, hatte er mit einigen raſchen, man kann wohl ſagen, Arthieben, daſſelbe umge⸗ ſtürzt und ſtand jetzt ſiegreich darin... aber zu was ſollte er ſeinen Sieg benützen? War ſein Zerſtörungswerk nur von einer unwiderſteh⸗ lichen Neigung, Alles um ſich her zu zerſtören, hervor⸗ gerufen, oder wurde er von einer beſondern Abſicht ge⸗ leitet, die ihn in den Stand ſetzte, unter den Trümmern einen Tempel wieder aufzubauen... einen Tempel, worin der wahre Gott wieder angebetet werden ſollte, oder vielleicht auch Beelzebub? Gourville lehnte ſeine Stirne gedankenvoll in die Hand, gleich als lauſchte er einen Augenblick einer Stimme in ſeinem Innern. „Ich denke mir eine entſetzliche Wahrheit,“ begann er darauf das Geſpräch wieder,„ich denke mir das alte Europa, Schweden mit inbegriffen, voll von Verbrechen und Laſtern, voll von angeborenen und geerbten Sünden, reich an Widerſprüchen in Inſtitutionen und Grundſätzen, vegetirend in einer Geſchichte voll von Blut, noch blu⸗ tend in dem Kampfe zwiſchen unverſöhnlichen, entgegen⸗ geſetzten Prinzipien, bedroht von einer Zukunft der Auf⸗ löſung oder der Unterdrückung, vergiftet durch falſche Begriffe von Recht und Unrecht, geſchwächt durch eine egoiſtiſche Moral, erſchlafft durch Laſter, entnervt durch die in unſern gegenwärtigen Verhältniſſen wie in einen Brennpunkt zuſammengedrängten Verirrungen und Ver⸗ brechen vieler Jahrhunderte. „Ich denke mir ferner,“ fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort,„einen Dreimaſter, der drunten im Strome liegt, und am Bord dieſes Dreimaſters alle diejenigen, welche durch die Vorurtheile der alten Welt unglücklich geworden; ich ſehe ſie entſchloſſen, vereinigt dieſes Baby⸗ jon der Verwirrung zu verlaſſen und ſich mit ihrem ge⸗ retteten Reichthum nach der neuen Welt, nach dem neuen 184 Jeruſalem des Geſellſchaftslebens, nach Amerika zu flüch⸗ ten. Ich ſehe, wie der Wimpel bereits frei über dem Topp des Schiffes flattert, wie das weiße Segel herab⸗ gelaſſen, wie der Anker gelichtet wird, wie der Vor⸗ derſteven ſich hinauswendet.... hinaus nach dem freien Meer, und wie endlich der Wind unter dem Vi⸗ vatrufen vom Maſtkorb aus von dannen fährt. Ich denke mir bereits, wie das Schiff den Ocean durchfurcht, und wie wir mit ſehnſuchtsvollen Blicken nach einem neuen Lande forſchen; und ich ſehe, wie wir dort landen, ſehe, wie wir fröhlich die Kniee beugen auf der neuen Erde, wo unſer Glück nicht verdüſtert oder verdunkelt wird von den Gewitterwolken, die uns hier beſtändig bedrohen. Ich ſehe, wie wir an den Ufern des Miſſiſſipi, in des Ohio Thälern oder an Miſſouris Quellen eine neue Colonie gründen, deren Einrichtungen auf einfachen, der Menſchenwürde entſprechenden, natürlichen und billi⸗ gen Geſetzen beruhen. Hinter mir ſehe ich Europa wie einen entſetzlichen, einen böſen und meine Seele zerflei⸗ ſchenden Traum liegen; vor mir dagegen glänzt die neue Welt mit lockenden Träumen von Frieden und Glückſe⸗ ligkeit, von Freuden und gegenſeitiger Liebe. Wollen Sie mir folgen, Madame?“ Gourville drückte ſich mit Leidenſchaft aus. Da er ſelbſt von ſeinem Gedanken belebt war, ſo erhielten ſie eine Wärme, ſogar eine gewiſſe hinreißende Schönheit in der Form, auf die er zwar nicht gerechnet hatte, die aber auf Gabriele einen um ſo größern Eindruck machte, als ihr feinfühlendes Gemüth eine natürliche Empfäng⸗ lichkeit dafür beſaß. „Ich folge Ihnen,“ flüſterte ſie, ſeine Frage beant⸗ wortend,„ich folge Ihnen.“ Aber es lag etwas ſo Unbewußtes, ſo eine blinde Zuverſichtlichkeit, ſo eine ſchutzloſe Willfährigkeit in ihrer Antwort, daß Gourville dadurch mehr niedergeſchlagen als erfreut und befriedigt wurde. Er empfand ein Ge⸗ fühl, das einem Gewiſſensbiſſe glich. Der Sieg koſtete ihn keinen Kampf und ſchenkte ihm deßhalb keinen Trinmph. Er hatte ein wehrloſes Weſen beſiegt und das ſchmerzte ihn. „Sie dürfen jedoch nicht vollkommen unüberlegt an mich glauben und meine Rathſchläge befolgen,“ ſagte er deßhalb, von dieſem neuen Gefühle geleitet,„denn Sie wiſſen ja doch nicht recht, wer ich bin.“ „Sollte ich Sie nicht kennen? O, Chevalier, ich kenne Sie.“ „Sie dürften ſich täuſchen; bedenken Sie, wenn ich.. Er wußte nicht, ob er ſeinen Satz ausſprechen ſollte. „Wenn Sie...“ „Wenn ich weiter nichts als ein Abenteurer wäre?“ Es war Gabriele zu Muth, als ob ſie ſelbſt ſich durch dieſe Beſchuldigung beleidigt fühlte. „Dann würde ich Sie gegen Sie ſelbſt vertheidigen, Chevalier.“ „Aber wenn ich es dennoch wäre, oder vielleicht et⸗ was noch Schlimmeres?“ „Sie ſcherzen grauſam, Chevalier.“ Gabriele gewann ihr eigenes Urtheil wieder, als Gourville ſich ſelbſt anzugreifen begann. Dagegen fühlte ſich Gourville um ſo mehr aufge⸗ fordert, wenigſtens zu verſtehen zu geben, wer er wäre, ohne jedoch darin allzuweit zu gehen. „Aber denken Sie ſich gleichwohl die Möglichkeit,“ fügte er alſo hinzu,„daß ich ein von der Geſellſchaft ausgeſtoßener Menſch wäre?“ „Sie? Gabriele lächelte. „Daß ich ein vogelfreier Verbrecher wäre.“ „Sieht das Verbrechen ſo aus, Chevalier, dann folge ich gerne dem Verbrecher.⸗ 186 Gourville hatte einen ſolchen Erfolg nicht erwartet und ſtand gänzlich verwundert da. „Sie haben eine warme und lebhafte Seele, Cheva⸗ lier, ein edles und gutes Herz, einen kühnen und feurigen Charakter,“ ſagte Gabriele, als er in ſeinem Schweigen beharrte;„Sie nehmen tiefen Antheil an jedem Unglück⸗ lichen und reichen dem Leidenden eine hilfreiche Hand.“ Gourville war nie früher gelobt worden, wenigſtens nicht von ſo reinen Lippen wie jetzt. Seine Gewiſſens⸗ biſſe nahmen noch zu. „Ich will aufrichtiger gegen Sie ſein,“ fiel er ein, „als ich es bisher gegen irgend einen Menſchen geweſen bin. Folgen Sie mir hieher an den Spiegel.“ Gabriele folgte ihm. „Bitte,“ ſagte er,„haben Sie die Güte, mich genau zu beͤtrachten. Wie alt glauben Sie, daß ich bin?“ „Ungefähr vierzig Jahre.“ „Sie ſchließen das vermuthlich aus dieſer bläulichen Schattirung unter meinen Augen?“ „Ja, ja.“ „Aus dem da und dort etwas grau geſprengelten Haare?“ „Auch das.“ Der Leſer dürfte ſich erinnern, daß wir bei Gour⸗ ville's erſtem Auftreten ihn ſo gezeichnet haben. „Aber das Alles iſt falſch... entlehnt... nur eine Vermummung,“ fiel Gourville ein. „Welche Art zu ſcherzen, Chevalier!... ich bin kein Kind.“ „So urtheilen Sie ſelbſt.“ So ſprechend wiſchte er mit ſeinem Nastuch die bläu⸗ liche Farbe unter den Augen weg und nahm eine in ge⸗ wiſſen ſchmalen Verzweigungen um den Kopf laufende Perücke, die ſich in ſeinen ſchwarzen Haaren einflocht, herab. „Was glauben Sie jetzt?“ fragte er, als er ihre † 187 Ueberraſchung ſah;„aber vielleicht macht mich dieſer Backenbart noch zu einem vierzigjährigen Mann.“ Er drückte auf eine am Ohr befeſtigte Feder und der Backenbart fiel in ſeine Hand. „Wie alt ſchätzen Sie mich jetzt, Madame?“ Alles, was Gourville geſprochen, hatte keinen ſtär⸗ keren Eindruck auf Gabriele gemacht, als die Verwand⸗ lung, worin er jetzt vor ihr ſtand. Zwanzig Jahre waren wie auf einmal von ihm verſchwunden.„ Eine kräftige, jugendliche Seele ſtrahlte aus dem dunkelbraunen Auge. Die Stirue glänzte hoch und gleich⸗ ſam verjüngt ihr entgegen, das ſchwarze Haar ringelte ſich in Locken darüber, ſo daß ihre reine ſchneeweiße Farbe um ſo deutlicher hervortrat. „Glauben Sie nicht, daß ich ein Abenteurer bin?“ fragte er ſie von Neuem. „Weit entfernt, Chevalier; Ihr Ausſehen beweiſt mir jetzt noch mehr als vorher, daß Sie es nicht ſind.“ Gourville ſpitzte ſeine Ohren. Er höͤrte Tritte in der Hausflur. „Graf Frank kommt,“ ſagte er,„ich höre.“ Schnell befeſtigte er ſeinen Backenbart wieder und flocht die Perücke in ſein Haar. Gabriele hörte und ſah nichts als Gourville. „Sie hören ſelbſt ſeine Tritte draußen.“ „Weſſen?“ „Frank’s.“ Franks Name klang beinah widerlich in Gabrielens Ohren. „Es iſt wahr,“ ſagte ſie,„ich erwartete ihn.“ „Er kommt...“ In dieſem Augenblick öffnete ſich wirklich die Thüre und der Graf trat ein. Auch er hatte Gabriele lange nicht beſucht. Seit ſie ihm mitgetheilt hatte, daß Kellner ihr früheres Verhältniß kannte, fürchtete er ihn wie einen 188 lauernden Feind, hielt ſich jedoch immer bereit, ihm ent⸗ gegenzutreten, im Fall er losbrechen ſollte. Es gab ſo⸗ gar Augenblicke, wo er nichts ſehnlicher wünſchte, als daß Kellner ein Wort ſagen möchte, das ihm Veran⸗ laſſung geben könnte, mit ihm anzubinden, denn er war überzeugt, daß er ihm nichts ſchuldig bleiben würde. Eine Stunde vor ſeinem Beſuch hatte er ſich durch ſeinen Bedienten ordentlich angemeldet. Aber er hatte nicht darauf gerechnet, Gourville vor ſich zu finden, und dieſes Zuſammentreffen verdroß ihn ebenſoſehr, als es ihn beläſtigte. Er hatte gewünſcht, mit Gabriele einige vertraute Worte ſprechen zu dürfen, und nun fand er ſich daran gehindert. 3 Gourville dagegen wurde durch Franks Anweſenheit gereizt, ſein Uebergewicht zu zeigen, und das Gefühl der Reue, das ihn kaum noch gequält hatte, verſchwand. Er verglich ſeine eigene und Franks Stellung mit der zweier Wilden, die um ein gefaugenes Opfer ſpielen, bevor ſie das Urtheil deſſelben verkündigen, es freute ihn und ſchmeichelte ihm, daß er einen Gegner beſaß, der ſich ſeiner Ueberlegenheit ſicher glaubte. Gabriele war in eine Art von Rauſch verſetzt: ſie betrachtete die Verhältniſſe, worin ſie ſich befand, nicht rein und klar, aber ſie fühlte ſich beklommen und nieder⸗ geſchlagen. „Ich will Ihnen etwas Neues erzählen, Herr Graf,“ begann Gourville ſo gleichgültig, wie wenn er zu ſcher⸗ zen beabſichtigte. „Etwas Neues,“ wiederholte Frank mit einem Ernſt, der ihm ſo eigen war.„Ich frage,“ fügte er dann hinzu, wenig nach dem, was heut zu Tage geſchieht.“ „Und doch,“ verſetzte Gourville,„vermuthe ich, daß das, was ich Ihnen zu erzählen habe, Sie ſogar auf's Höchſte intereſſiren wird.“ „So laſſen Sie hören, was Sie zu ſagen haben.“ „Frau Kellner...“ 189 Frank runzelte die Angenbrauen. Von Gabrielen ſprechen, hieß ſeine ſchönſten Gefühle profaniren. „Frau Kellner,“ fuhr Gourville fort,„aber vielleicht wiſſen Sie es ſchon?“ Gabrielen war es wunderlich zu Muth. Was wollte Gourville erzählen? „Ich weiß nichts,“ antwortete Frank,„aber,“ fügte eer mit einem bitteren und ironiſchen Ausdruck hinzu, „ich vermuthe, daß Sie Frau Kelluers Handlungen und Gedanken beſſer zu erklären wiſſen, als ich.“ „Das kann möglicherweiſe der Fall ſein.“— Gabriele ſah bald den Einen, bald den Andern an. „Sie wollten mir etwas Neues erzählen,“ erinnerte Frank. „Nun oder nicht, ich gedachte Sie zu fragen, ob Sie wiſſen, daß Frau Kellner ſich von ihrem Manne ſcheiden zu laſſen gedenkt?“ Frank wandte ſich verwundert gegen Gabriele, die ſelbſt kaum wußte, wohin ſie ſich wenden ſollte, ſo un⸗ vermuthet war Gourville’'s Erklärung gekommen. Gourville hätte ſicherlich nicht vor jedem Andern ſo offen und ungenirt erzählt, was er wußte; aber es war ſicher, daß Frank die Sache eben ſo treu wie er ſelbſt bei ſich bewahren würde, und es hatte alſo nichts zu bedeuten, wenn er es ſagte. „Aber dieß iſt noch nicht Alles, Herr Graf; Frau Kellner hat mir auch anvertraut, daß ſie abzureiſen gedenkt.“ „Nach Hanſe zu ihren Eltern?“ „Weit entfernt... nach Amerika.“ Nichts, was es auch hätte ſein mögen, hätte Frank ſo zermalmen können, wie dieſe Nachrichten. „Sie belieben zu ſcherzen, Chevalier; Sie täuſch⸗ ten mich. Ich bin Fran Kelluers Ingendfreund, und Sie würden mir dieſen Entſchluß früher anvertraut haben, als Ihnen.“ 190 Frank vergaß ſich länger zu verſtellen. Gabriele athmete nicht mehr, ihre Bruſt hob ſich nicht, ihr Herz klopfte nicht. „Sprechen Sie, Gabriele,“ forderte ſie Frank auf, „ſprechen Sie! Was ſoll ich von der Erzählung des Chevaliers glauben?“ „Jedes Wort, Herr Graf,“ verſetzte Gourville,„ich habe nicht mehr geſagt, als was Frau Kellner ſoeben zugegeben hat.“ Frank rührte ſich nicht. Er ſchien beinahe verſtei⸗ nert zu ſein. Gabrielens Schweigen ſagte ihm alles. „Mein Gott,“ verſetzte er nach einer Weile,„ſollte es möglich ſein?“ Ein ſtolzes Lächeln flog dabei über ſeine zuſammen⸗ gepreßten Lippen. „Warum denn nicht?“ fuhr er fort.„Ich habe eben ſo wunderbare Veränderungen geſehen. Der ſchlüpfrigſte Grund, auf den man bauen kann, iſt das Herz des Men⸗ ſchen. Leben Sie wohl, Gabriele, leben Sie wohl! Sie haben kein Wort mehr für mich. Ich ſehe auch, daß ich hier überflüſſig bin. Leben Sie wohl!“ Mit würdiger, aber kalter Haltung wandte er ſich von ihr ab, um ſich zu entfernen, aber kaum hatte er einige Schritte gethan, als er wieder ſtehen blieb und zurückſchaute. Der Blick, den er auf ſie heftete, glänzte durch eine Thräne. „Ihr Gedächtniß, Gabriele,“ ſagte er,„wird mir, ſo lang ich lebe, heilig und theuer ſein. Sie werden mich nicht wiederſehen. Ich werde mich von hier wegbegeben, um mir eine Grabſtätte auf dem kleinen Holm auszu⸗ ſehen... Sie können ihn nicht vergeſſen haben.. auf dem kleinen Holm zwiſchen dem Gut Ihres Vaters und dem meinigen... dort, wo wir früher ſo oft zu⸗ ſammenſpielten“ Frank wandte ſich hierauf an Gourville. „Möge Gott Ihnen das Unheil verzeihen, das Sie 191 angerichtet haben! Leben Sie wohl,“ rief er dann,„le⸗ ben Sie wohl!“ Als er die Thüre ſchloß, ſank Gabriele mit einem ſchwachen Angſtſchrei zu Boden. Gourville hatte zu lächeln gedacht, als Frank ſich entfernte, aber das Lächeln erſtarb. Selbſt überraſcht von ſeinem Erfolg, vermochte er ſich nicht darüber zu freuen. Der Gedanke, den lieblich⸗ ſten Traum zweier Herzen zerſtört zu haben, flößte ihm ein Unbehagen ein, das er nicht einmal bei Handlungen empfunden hatte, welche das Geſetz ſelbſt als Verbrechen ſtempelt. Gabriele lag wie eine verwelkte und gebrochene Blume zu ſeinen Füßen. Er erinnerte ſich des kleinen Bondoirs und beſchloß ſie dahin zu bringen. Der Umzug war bald bewerkſtelligt und er legte ſie auf die Ottomanne nieder, welche die eine Seite des Zimmers ſchmückte. Alles war ſtill um ihn her. Gabriele glich, als ſie ſo da lag, mehr einer Todten als einer Lebendigen. Die Lage, worin Gourville ſich befand, erregte bei ihm ungewöhnliche, wunderliche Gefühle. Gabriele war nicht mehr jung, aber noch einnehmend. Die äußere Schönheit vergeht leicht, aber nicht ſo die innere, zumal wenn ſie mit den Formen verſchmolzen iſt, weil ſie ei⸗ nen Nachherbſt beſitzt, der mit ihrem eigenen Hochſom⸗ mer rivaliſirt, zuweilen ſogar ihn übertrifft, obſchon er nicht blos mit Blumen, ſondern auch mit Früchten prangt. Gonrville labte ſich an der ſchmeichelhaften Vorſtellung, daß ſie ihn liebe und in ſeiner Gewalt ſei, und gleich⸗ wohl geſchah es nur mit einer gewiſſen Unentſchloſſenheit, wenn er ihre Hand ergriff, die Locken um ihre Stirne auf die Seite ſtrich, ſein Ohr zu ihren Lippen hinabneigte und lauſchte, ob ihr Athem nicht wiedergekehrt ſei. Tu⸗ gend und Unſchuld beſitzen einen Heiligenſchein, der un⸗ 192 widerſtehlich ſelbſt dem Geſunkenſten eine inſtinktmäßige Achtung einflößt, zumal wenn ſie noch überdieß ſchutz⸗ los ſind. Es iſt beinah, wie wenn Gott ſelbſt mit ſeinem Finger in dieſes, nicht für unſer äußeres, wohl aber für unſer inneres Auge ſichtbarer Glorie einen unüberſteig⸗ lichen ſchützenden Zauberkreis um die Seinigen gezogen hätte. Gourville hatte niemals ſo viel Achtung vor einem Weibe gezeigt, als er in dieſem Augenblicke gegen Ga⸗ briele zeigte, obſchon er ſeine Gewalt über ſie kannte und ſie ohnmächtig vor ihm lag. Nichts deſtoweniger labte ſich ſein Gemüth mit wollüſtigem Behagen ſowohl an ihrem Anblick, als an den holden Gedanken, die da⸗ durch hervorgerufen wurden und ihn in eine ſtille, aber hinreißende Schwärmerei verſetzten. Gonrville hatte nie⸗ mals eine ſolche Ruhe und einen ſolchen Frieden in ſich gefühlt, wie jetzt. Die Weiber, die er bisher bewundert oder geliebt, hatten beunruhigende und erſchütternde Lei⸗ denſchaften in ſeiner Seele geweckt. Gabriele dagegen⸗ brachte die Leidenſchaften darin zum Schweigen. Der Eindruck von ihr verbreitete gleichſam ein Sonnenlicht über ſein Herz, das in dieſem Angenblick ſo ruhig und klar war wie eine Meeresfläche, die nicht von Stürmen aufgeregt wird, ſondern in ihrer ſchimmernden Ruhe den Himmel und ſeine Sterne abſpiegelt. Gonrville verſtand ſich ſelbſt kaum. Die wilden Be⸗ gierden waren in ſeiner Bruſt verſtummt. Seine Augen⸗ lider fielen zuſammen und ſein Blick ſchwebte wie eine Taube über ſeine innere Welt— aber dieſe war jetzt keine brauſende Sündfluth, ſie war ein neues, hauptſäch lich ihm ſelbſt vollkommen neues, gleichſam verzaubertes Reich, ſo wie die Feenmärchen es ſchildern, voll von ſchö⸗ nen wunderbaren Pärken, voll von Blumen und fanta⸗ ſtiſchen Herrlichkeiten. Aber kräftige und gewaltige Naturen gleichen dem Tropenhimmel: in einem Augenblick werden ſie nur von Licht und Ruhe durchſtrömt, im andern ſind ſie in vollem 193 Aufruhr; und woher kommt wohl dieſe ſchnelle Verwand⸗ lung? Nur von einem Wolkenflecken am Rande des Horizontes. Die Leidenſchaft iſt immer ein ſolcher kleiner Wolken⸗ fleck. Woher kommt ſie, wohin geht ſie? Während Gourville ſich den glänzenden, ſchwärmeri⸗ ſchen, von ihm nie zuvor geſehenen Traumbildern in ſeiner Seele hingab, ſchwebte ein finſterer Schatten an ihm vorüber. Er fuhr zuſammen. Dieſer Schatten war der Gedanke an die ſchwarze Charlotte, und der Zauber in ihm war im gleichen Augenblick verſchwunden. Gourville richtete ſich auf. „Was anderes iſt gleichwohl auch ſie, als ein ge⸗ wöhnliches Weib?“ ſagte er, indem er ſeine Hand aus⸗ ſtreckte und auf Gabriele zeigte. Zu ſehr von ſeinem Gedanken eingenommen, bemerkte er nicht, daß die Thüre hinter ihm ſich öffnete und eine Perſon auf der Schwelle ſtehen blieb. „Von Staub iſt ſie gekommen,“ fuhr Gourville nach einer kurzen Panſe fort,„zu Staub ſoll ſie wieder werden.“* Bei Gourville's Anblick blieb die eintretende Perſon ſchweigend ſtehen und firirte ihn unerſchütterlich in dem i ſeiner Seite hängenden Toilettenſpiegel, worein ſein Billd fiel. 4 „Dieß iſt die ganze Geſchichte,“ ſagte Gourville weeiter, und ein verächtlicher Ausdruck verzog ſein ſonſt dedel gebildetes Geſicht.„Eine lumpige Geſchichte, welche die Welt ſeit der Schöpfung wiederholt hat und die ſich wiederholen wird, bis ſie ſelbſt dem gleichen Urtheil verfällt.“ Ein kurzes, halblautes, höhniſches Lachen zitterte bei dieſer Erinnerung über ſeine Lippen. Das Gewiſſen. II. 3 13 194 Dieſes Lachen ſchien einen entſetzlichen Eindruck auf die hinter ihm ſtehende Perſon zu machen, die mit leichen⸗ blaſſer Miene und ſtarrer Aufmerkſamkeit ſich vorbengte, um ihn deſto beſſer im Spiegel betrachten zu können. Gourville beugte ſich wieder zu Gabriele nieder 8½ und ſtrich ihr von Neuem die herabgefallenen Locken aus der Stirne. „Ein recht ſchönes Weib,“ murmelte er. Ein wollüſtiger, befriedigter Zug zeigte ſich dabee auf den ſchwellenden Lippen und ſein Geſicht begann vor Begierde zu glänzen. „Ihr Arm iſt rund, weich und ſchneeweiß... der Leib iſt ſchlank.. ihr Buſen... ach... ich muß ſie wecken, muß ſie wecken mit einem glühenden Kuß.“ Und er neigte ſich hinab, um ſeinen Entſchluß aus⸗ zuführen. Die in der Thüre ſtehende Perſon war unabläſſig ſelbſt ſeinen geringſten Bewegungen mit ihrer Aufmerk⸗ ſamkeit gefolgt, wobei Furcht, Entſetzen, Bekümmerniß und Unruhe ſich lebhaft in ihren Zügen ſpiegelten. Als Gourville ſich hinabbeugte, eilte ſie entſchloſſen vor und faßte ihn bei der Schulter. „Zurück!“ rief ſie. Gourville ließ Gabrielens Hand los und ſchaute überraſcht zurück, noch mehr aber war er verwundert, als er, was er am wenigſten erwartet hatte, Wald⸗ hahnenfuß vor ſich ſah. Mathilde ſchien nicht weniger verwundert, Gonrville hier zu ſehen. „Wenn die Unſchuld ſchläft,“ ſagte ſie... „Halten die Engel Wache, willſt Du wohl ſagen,“ fiel Gourville ein, ohne daß er das Hohnlächeln zu un⸗ terdrücken ſuchte, das auf ſeinen Lippen ſpielte.„Wahr⸗ haftig ein ſchöner Engel... ein Engel von der Frau Buchbolz... ein Engel aus einem Bordell.“ Gabriele hatte Mathilden ein Stübchen neben ihrem Boudoir eingeräumt. Mit Lektüre beſchäftigt, hatte ſie ſich den ganzen Vormittag dort aufgehalten und würde ſicherlich auch jetzt noch geblieben ſein, wenn ſie nicht deutlich gehört hätte, daß im Boudoir etwas Ungewöhn⸗ liches vor ſich ging. Sie begab ſich alſo hinein, um zu ſehen, was ſich zutrug. Als ſie Frau Kellner in Ohn⸗ macht und einen fremden Mann über ſie hingebeugt ſah, wollte ſie ſogleich zu Hülfe eilen; aber in dieſem Moment fiel ihr Blick in den Spiegel und ſie traute ihren Augen kaum, als ſie ſah, wer es war. Obſchon Gourville's Scherz beleidigend und grob war, ſchlug Mathilde nicht einmal ihre Augen vor ihm nieder. „Wer hat Dich hieher geſchickt? Was willſt Du hier?“ fragte er ſie.„Entferne Dich ſogleich aus dieſem Zimmer.“ „Nicht ſo lange Sie hier ſind.“ „Du ſcheinſt mich zu kennen?“ „Ebenſo gut als Sie mich kennen.“ „Dich, ein öffentliches Mädchen, hat Jedermann das Recht zu kennen. Pack Dich fort, Waldhahnenfuß.“ „Deine Maske mag für Andere gut genug ſein,“ antwortete ſie,„iſt aber gleichwohl zu wenig gelungen, als daß ich ſie nicht durchſchauen ſollte.“ Gourville war einen Augenblick verlegen, dann aber hob er ſeine Stirne und ſah ihr kühn in die Augen. „Du ſcherzeſt, meine Liebe, fort... in dieſem Hauſe bin ich mehr befreundet als Du... fort... „Ich weiche nicht von der Stelle und jetzt deßhalb nicht, weil ich Dich kenne.“ 3 Gourville ſtreckte ſeinen Arm aus, um ſie auf die Seite zu ſchieben, aber Mathilde ergriff Gabrielens Hand und hielt ſich an ihr feſt. „Keine Macht in der Welt,“ ſagte ſie,„kann mich von der Seite meiner Wohlthäterin trennen... nicht einmal Du, Löwe!“ 5 196 Gourville ſchüttelte ſich. „Fort,“ ſage ich Dir, fort!“ wiederholte er.„Da Du mich kennſt, ſo hüte Dich auch, meinen Zorn zu wecken.“ „Ich fürchte ihn nicht und befinde mich nicht mehr unter dem Einfluß Deines Willens, ſo wenig als in der Gewalt von Frau Buchholz... Noch einmal ſage ich Dir, verlaß dieſes Haus... ſonſt rufe ich um Hülfe, und die Dienerſchaft wird ſich ſogleich einfinden.“ Gourville oder der Löwe, wie man dieſen kühnen Mann lieber nennen will, betrachtete Waldhahnenfuß mit Ver⸗ achtung. Er ſchien über ihr keckes Auftreten weniger * ärgerlich als verwundert, weil er nicht blos überhaupt an keinen Widerſtand gewöhnt war, ſondern auch einen ſolchen am allerwenigſten von dieſem Mädchen erwartet hatte, das er immer als ein ſchwaches und willenloſes Weſen betrachtete. Der Widerſtand reizte ihn jetzt, und wenn er ſich auch vorher nicht viel um Gabriele beküm⸗ mert hatte, ſo machte juſt dieſer Umſtand ſie um ſo in⸗ tereſſanter und verlockender für ihn. „Wahrhaftig, Waldhahnenfuß,“ ſagte er mit ge⸗ dämpftem Grimm,„Du wählſt Dir einen gefährlichen Platz, indem Du Dich zwiſchen den Löwen und ſeinen Raub ſtellſt. Schreie ſo lang Du willſt, das rührt mich wenig... gib mich an, wenn Du Luſt haſt... das bekümmert mich wiederum nichts... Du wirſt mehr Mühe haben, Deine Maske zu behalten als ich. Jeder⸗ mann weiß hier, daß ich Kellners Freund bin“ Ein leichter Schauder überfiel Mathilde bei dieſer Erklärung. „Kellners Freund?“ wiederholte ſie.„Glaubſt Du, ich wiſſe nicht, daß Du es warſt, der den Einbruch hier veranſtaltete?“ „Ha, ha, ha,“ lachte Gourville. Gleichwohl konnte er ſeinen Zorn nicht zurückhalten, ſondern ergriff das Mädchen, um ſie auf die Seite zu werfen. Seine Hand * 197 kam dabei in ihr Halstuch, das ſich löste und allein in ſeiner Fauſt blieb. Ein neuer Aerger verzog ſein Ge⸗ ſicht und er warf das Halstuch auf den Boden. Als es fiel, hörte er etwas Hartes klingen, und er ſah einen Goldring auf den Boden rollen und zu ſeinen Füßen ſich legen. Der Ring gehörte Mathilde. Es war derſelbe, den ſie von ihrer Mutter erhalten hatte, und ſeit ihrem Einzug in Kellners Hauſe pflegte ſie ihn an einer unter dem Kleid verborgenen Schnur um den Hals zu tragen. Gourville hatte die Schnur zerriſſen und der Ring war mit dem Halstuch gefallen. Als er ihn bemerkte, war 8 bei ihm eine ganz natürliche Regung, daß er ihn aufhob. Kaum war jedoch ſein Blick auf denſelben gefallen, als auch ſchon eine neue Regung der Verwunderung ſich in ſeinem lebhaften Geſichte ſpiegelte. „Du ſagſt, ich hätte den Diebſtahl hier begangen,“ ſprach er. „Ich habe es geſagt.“ Mathilde verließ ihren Platz an Gabrielens Seite nicht. 3. „⸗eißt Dn, was ich dagegen Dir anvertrauen kann?“ „Nein.“- „Daß Du dieſen Ring geſtohlen haſt.“ „Daß Wan el zeioßlen baſt „Wie ich ſage.“ „Ich habe ihn von meiner Mutter bekommen.“ „Du lügſt. Du haſt ihn geſtohlen. Und weißt Du auch wem?“ „Wem?“ „Mir. Ich kann es beweiſen und zwar mit mehr als einem Zeugen.“ „Du?“ „Willſt Dn ohne allen Lärm dieſes Zimmer ver⸗ laſſen?“ „Willſt Du mir ſchwören, daß Du niemand davon ſagen willſt, daß Du mich für den Löwen hältſt?“ „Nein, nein.“ „Willſt Du verſprechen, Dich ſo zu benehmen, wie wenn Du mich gar nicht kennteſt?“ „Nein.“ „Ich bitte Dich wahrlich um nichts, weil ich Dich eigentlich nicht fürchte, aber doch möchte ich ganz und gar nicht von Dir abhängig ſein. Wenn Du ſchwörſt, treu zu beobachten, was ich von Dir fordere, ſo gebe ich Dir den Ring zurück.“ „Der Ring iſt mein.“ „Ich verklage Dich ſonſt wegen Diebſtahls... begreifſt Du?⸗ „Du wirſt es nicht wagen.“— „Glaubſt Du, daß es mir ſchwer ſein wird, Zeugen zu finden?“ 4 „Du wirſt es ſelbſt nicht wagen, gegen mich auf⸗ zutreten.“ „Glaubſt Du denn, daß es mir ſchwerer wird, einen Ankläger zu finden, als die Zeugen?“ „O mein Gott!“ „Nun, verſprichſt Du, was ich verlange?“ „Nein, nein.“ Mathilde drückte ſich ſo feſt an Gabriele, als fürch⸗ tete ſie augenblicklich von ihr weggeriſſen zu werden. „Willſt Du wiſſen, auf welchen Grund ich behaup⸗ ten kann, daß der Ring geſtohlen iſt?“ Ja.“ „Da ſieh her, Du kannſt Dich ſelbſt überzeugen, hier innen ſind die Worte gravirt: vergiß Deinen Eid nicht.“ „Nun und dann?“ „Ich habe einen Ring mit denſelben Worten ver⸗ loren.“ 199 „Du?“ „Meine Pflegemutter gab mir einen ſolchen Ring, als wir das Land verließen und in die Stadt zogen.“ 4„Du täuſcheſt mich.“ p„Beim Himmel, es iſt wahr. Sie lebt noch und wird bezeugen, daß Du den Ring geſtohlen haſt.“ „Ich habe ihn von meiner Mutter auf ihrem Todten⸗ bett erhalten.“ „Gleichviel, wer von euch beiden ihn geſtohlen hat. Genug, er iſt mein und für mich ſehr wichtig, denn er ſoll das Geheimniß meiner Geburt enthalten.“ „Ein Geheimniß... deine Geburt?“ „Nun ja.“ „Auch für mich hat er dieſelbe Bedeutung.“ „Auch für Dich?“ „Ja, jg.“ Gourville ahnte eine Liſt. „Du hoffſt mich täuſchen zu können... bah... aber wie geſagt... der Ring hat für mich keinen Werth mehr, weil ich in unſern Tagen an kein Wunder mehr glaube. Du kannſt ihn alſo wieder erhalten... aber ſchwöre mir, was ich gefordert habe.“ „Unmöglich, nein.“ „Unmöglich?“ ſagſt Du. „Sollte ich dieſes Haus Dir preisgeben... die⸗ ſes Haus, beim Himmel... nie... nie... eher magſt Du mich anklagen, um was Du nur willſt... eher magſt Du mich unter Deinen Füßen zertreten... eher mag 2 ich ſterben... mein Leben, mein Herz, meine ganze 6 Seele gehören dieſem Haus an; nimm immerhin den 4 Ring... nimm ihn... aber verlaß mich.“ Gourville kreuzte die Arme über ſeine Bruſt. d willſt alſo nicht auf meine Seite treten?“ „Nein.“. Er ſteckte den Ring in ſeine Taſche. „Wir werden ſchon ſehen,“ ſagte er. 200 Gourville war wieder ruhig, wie wenn nichts zwi⸗ ſchen ihnen vorgefallen wäre. 3. „Entfernen Sie ſich,“ ermahnte ihn Mathilde... „Sehen Sie nicht, daß Frau Kellner zu athmen anfängt ... ſie kommt zu ſich... verlaſſen Sie uns... es iſt uns Bedürfniß, allein zu ſein.“ „Du willſt alſo nicht auf meine Wünſche eingehen? Ich frage Dich zum letztenmal.“ „Nein... nein... nein.“ „So bedenke, daß wir einander bald wieder treffen werden.“ Nach einer Weile erwachte Gabriele aus ihrer Ohnmacht, und als ſie die Augen auſſchlug, ſchien ſie jemand zu ſuchen. „Gourville!“ flüſterte ſie,„Gourville!“ Gonrville hatte bereits das Zimmer verlaſſen. „Gonrville!“ wiederholte Gabriele noch einmal und ſtreckte ihre Arme aus. „Mein Gott,“ ſeufzte Mathilde,„was höre ich, und was ſehe ich?“ Anhang. Etwas über die Leſerei im Allgemeinen. In der Hauptſtadt hat man eigentlich nie von Leſerei gehört, bis der Methodiſt Scott auftrat. Im Sommer 1826 kam ein junger Methodiſten⸗ prieſter Stephans nach Stockholm und machte ein paar Monate ſpäter mit einem der eifrigſten lutheriſchen Pfar⸗ — — 201 rer der Hauptſtadt Bekanntſchaft. Als ſie mit einander vertrauter wurden, erzählte ihm Stephans, daß er von der Methodiſtenconferenz beauftragt ſei, verſchiedene Pre⸗ digten und andere religiöſe Vorträge auf Schwediſch zu halten; wegen ſeiner unzulänglichen Bekanntſchaft mit der Sprache aber glaubte er ſich dem Auftrag nicht ge⸗ wachſen, wenn er nicht jemand finde, der ihm Ausdrücke und Styl corrigire. Er erſuchte deßhalb den eben be⸗ zeichneten lutheriſchen Geiſtlichen, ihm dieſen Dienſt zu erweiſen, und dieſer Geiſtliche hatte um ſo weniger da⸗ gegen einzuwenden, als er bei näherer Bekanntſchaft mit Stephans fand, daß ihre religiöſen Anſichten überein⸗ ſtimmten. Das Freundſchaftsband zwiſchen beiden wurde immer feſter, und als Stephans mit den corrigirten Predigtconcepten Glück machte, eröffnete er ſeinem Freund ſeine ganze Seele und vertraute ihm an, daß er beauf⸗ tragt ſei, ſich mit den Leſern in Nordland in Verbindung zu ſetzen, Miſſionen unter den Leſern einzurichten und in Stockholm Conventikel zur Ausbreitung des Methodis⸗ mus zu gründen. Was dieſe Gegenſtände weiter betrifft, ſo haben wir uns einen ziemlich vollſtändigen Bericht darüber ver⸗ ſchaffen können, aus welchem wir direkt Folgendes anführen. „Die Punkte, die er mir anvertraut hat, waren von kitzlicher Art, und es hielt ſchwer, Hand dabei anzulegen, aber eben ſo war es auch ſchwer, dieſe delikaten Gegen⸗ ſtände Wind und Wellen preis zu geben. Ich verlangte Bedenkzeit bis auf den folgenden Tag. Sie wurde ge⸗ ſtattet. Als wir wieder zuſammentrafen, verlangte ich nähere Aufſchlüſſe über die Hauptlehren ſeiner Kirche, als man aus ſeinen Predigten hatte ſchöpfen können, und entwickelte ihm die Hauptlehren derjenigen Kirche, der ich angehörte. Wir geriethen in einen langen Streit, wobei jeder von uns ſich bemühte, ſeine Waare möglichſt hoch im Preiſe zu halten. Inwieweit ich meiner Pflicht als Opponent genügte, kann ich nicht genau ſagen, aber — 20² das Ende war, daß er nicht mehr ſo große Eile hatte, das ins Werk zu ſetzen, was ſeine Prinzipale in den letzteren Punkten ihm vorſchrieben; denn er hatte auf meinen Rath gehört, die Aufführung eines neuen Ge⸗ bäudes nicht zu beginnen, bevor er ſich unterrichtet hätte, ob das Alte, das eingeriſſen werden ſollte, möglicher Weiſe nicht beſſer wäre. Ich bat ihn, ſowohl die innere als äußere Einrichtung unſrer Kirche genau zu ſtudiren, bevor er an die Arbeit ginge, ſie niederzureißen oder überflüſſig zu machen. Er folgte dem Freundesrath und fand, je mehr er forſchte, daß die ſchwediſche Kirche Ach⸗ tung gebot. So verging der Winter. Er vermuthete, daß die Leſerei in Nordland und Weſterbotten ein vom Körper der Kirche abgehauenes Glied ſei, das verfaulen würde, wenn niemand ſich ſeiner annähme und es geſund machte; wogegen ich ihm bewies, daß das Phänomen auf den Grund unſerer eigenen Kirche aufgekommen ſei, und ihm als Beweis dafür anführte, daß die Leſer für ihre eigene Rechnung die lutheriſche Poſtille in 5000 Exemplaren haben auflegen laſſen und ſich derſelben bei ihren Zuſammenkünften als ihres Andachtsbuches bedien⸗ ten, daß ſie es ferner mit der Reinheit der Lehre ge⸗ wiſſenhaft ängſtlich nähmen und die orthodoxeſten Ar⸗ beiten unſrer eigenen Geiſtlichen, blos wegen einer einzigen wirklichen oder ſcheinbaren Abweichung von der Bibel oder Luther caſſirt hätten. Ich ermahnte Stephans überdieß, ſich nicht auf meine Angaben zu verlaſſen, ſondern ſelbſt an Ort und Stelle die Sache zu unter⸗ ſuchen, was er auch that und meine Angaben beſtätigt fand. Die Folge davon war, daß er eine ſolche Vor⸗ liebe für unſere Kirche bekam, daß er ſich erkundigte, was nöthig wäre, um Geiſtlicher der ſchwediſchen Kirche zu werden. Nachdem er ſodann erfahren, daß der Weg zu dieſem Platz nur durch philoſophiſche und theologiſche Studien gebahnt werde, begann er ſo eifrig zu ſtudiren, daß dies die Aufmerkſamkeit ſeiner Umgebung erregte „. & ——.,— 203 und an die Methodiſtenconferenz in London berichtet wurde, welche ihn zurückrief und ihm einen ſtrengen Dienſt in Briſtol und der Nachbarſchaft auferlegte, um ſeinen Trieb zu Studien zu hemmen, die in der Sekte nicht gerne geſehen wurden, obſchon das geiſtliche Feuer⸗ löſchen der Conferenz gleichwohl nur das Ergebniß hatte, daß die Flamme aufſchlug und ſich in einer warmen Menſchenliebe, ſowie in der Agitatur bei der Parla⸗ mentswahl zum Vortheil der Kinder äußerte, die in den Fabriken, ſowohl phyſiſch als moraliſch, zu Krüppeln gemacht werden, durch Ueberanſtrengungen, ſowie durch Mangel an Nahrung, an Belehrung und Schlaf. Er hat auch die Bill, welche die Arbeitsſtunden der Kinder beſtimmt, feſtgeſetzt; er ſelbſt aber hat als Lohn für ſeine Menſchenliebe Gefangenſchaft, Abſetzung u. ſ. w. erlitten.“ „Zum Erſatz für dieſen aufgeklärten und ehren⸗ werthen Mann, der jetzt eine eigene Kirche, im Sinn der ſogenannten Unabhängigen, gegründet hat, welche der ihm ſo theuer gewordenen ſchwediſchen aufs Ge⸗ naueſte gleicht, kam der ehemalige Schneidergeſelle Scott hieher, ein unwiſſendes und blindes Werkzeug der Zwecke der Sekte. Er hatte von Stephans Empfehlungsbriefe an mich, als er 1830 kam, und auch er übertrug mir im Anfang das Vertrauensgeſchäft, ſeinen Styl zu corri⸗ giren; er ermüdete mich aber bald, zumal da er erklärte, daß er von ſeinen Prinzipalen beſtimmte Befehle habe, nach denen er handeln müſſe.“ Von einer nicht minder zuverläſſigen Seite haben wir Aufſchlüſſe über Scott insbeſondere erhalten. Scott ging in den Häuſern umher und bildete Ver⸗ eine, Zirkel und Klaſſen, richtete Meetiugs oder Con⸗ ventikel ein, wo ſie laſen, ſangen, Gebete verrichteten und endlich ihm ſelbſt oder den von ihm eingeſetzten Vorſtehern der Vereine, Zirkel oder Klaſſen beichteten, und zwar in Gegenwart aller übrigen. Ich wohnte ein⸗ mal in ſeinem Hauſe einem Klaſſenmeeting mit Beichte an, aber dieſe war abſcheulich und eine wahre Bildungs⸗ anſtalt für Heuchler, denn der eine copirte die Beichte des Andern mit ſolchen Zuſätzen, wie er ſie Herrn Scott wohlgefällig glaubte. In dieſem Inſtitut hat die ver⸗ derbliche Predigerkrankheit ihre Wurzel. Ihre Sekte nennt ſich nicht Spaſſes halber Methodiſten, denn jeder wird aufs Gründlichſte in dem ſogenannten Bußkampf, oder was unſere Kirche die Sündenreue nennt, erzogen, wobei der Prieſter oder ſein Stellvertreter neben dem Reuevollen ſteht und Schwefelflammen über ihn aus⸗ gießt, was für ſtarke Naturen nur 48 Stunden reicht, bis ſie ganz mürbe gemacht und willenloſe Werkzeuge in der Hand des Führers geworden ſind. Darauf gibt er ihnen Troſt, erklärt ſie für neugeborne Kinder Gottes, die nicht im Stande ſeien, weiter zu ſündigen. Sollte es jedoch geſchehen, daß dieſe Heiligen, was leicht vor⸗ kommt, den Schein gegen ſich bekommen und etwas thun, was wie Sünde ausſieht, ſo kommen ſie leicht weg; denn dann iſt es der leidige Teufel, der dieß auf ihre Rechnung gethan hat, um ſie in einen üblen Geruch zu bringen. Ihre Catecheſe beſteht hauptſächlich aus zwei Geboten, wie die der Phariſäer: Das erſte iſt, daß ſie ſich ſelbſt einander ehren und loben ſollen; das zweite, daß ſie die Andern läſtern und verdammen. Die Er⸗ klärung dieſer zwei Gebote iſt leicht und ſinnreich: Wir Methodiſten ſind Kinder Gottes, deßhalb ſpielen wir nicht Karten, tanzen nicht, beſuchen die Theater und Conzerte nicht; alle Andern, die ſich dieſen Entſagungen nicht unterwerfen, ſind Kinder des Teufels. Das iſt ſchnell abgemacht, und man wird auf dem Wege des Methodismus beginnen, ein großer Heiliger, wie auch Prediger. Durch dieſes Gaukelſpiel will man die Leute dazu bringen, daß ſie dem Kirchenperſonal alles geben, was ſie beſitzen oder erwerben. Auf dieſe Art verbreitet ſich der Methodismus in der ganzen Welt, denn ſie ſuchen überall Leute auf und machen ſie alle zu Heiligen in 20⁵ ihrer eigenen Einbildung, blos um dieſelben Perſonen, nebſt ihrem ganzen Beſitzthum und Erwerb zu miß⸗ brauchen und dadurch Mittel zu neuen Eroberungen zu erhalten. Ihre Lehre iſt eine Accommodationslehre, und ſie ſchmiegen dieſelbe bisweilen gerne bis auf weitere lokalen Forderungen an. Von Kartenſpiel und Theater, was auf dem Lande unbekannt iſt, wird da nicht ge⸗ ſprochen, ſondern da beſteht die Gottſeligkeit darin, daß man gewiſſen Arten von Zeugen und Kleiderſchnitt, ſo⸗ wie dem Tanz und ſo weiter entſagt. Bei andern Le⸗ ſern richten ſie ſich nach ihren vorgefaßten Meinungen, warten aber immer auf Gelegenheit, die eben erwähnten gleichgültigen Dinge einzuſchärfen, die bald zu Haupt⸗ ſachen erhoben werden. Meetings mit Beichte wurden durch die ernſtlichen Bemühungen des Biſchofs Wallin und in Folge einer Denkſchrift des Pfarrers Eichthal verboten und konnten nie mehr aufkommen, bis nach dem Tode Wallins, wo alle Dämme ſich dem Fanatismus öffneten. Der Freudetaumel bei dieſer Parthei ging ſo weit, daß Luſtfahrten auf Dampfſchiffen, zum Denk⸗ mal des Miſſionärs Ansgarius, unternommen wurden, bei welchen Fahrten man all dieſe verbotene Mechanik anwandte und die Namenseinzeichnungen in einer metho⸗ diſtiſchen Matrikel vorgenommen wurden. Emiſſäre wur⸗ den ausgeſandt und die Predigerkrankheit, eine metho⸗ diſtiſche Seuche, verbreitete ſich in allen Theilen des Reiches. Scott entfernte ſich, als der Cultminiſter Grubbe dem Conſiſtorium von Stockholm tüchtig an die Hand ging und das Unweſen von Seiten dieſer Leute ihn be⸗ unruhigte; aber er ließ die junge Brut unter der Lei⸗ tung ſeines Gehülfen Roſanius, der große Vortheile ge⸗ nießt als Lokalemiſſär der Conferenz in London, und die Miſſionen in Lappland ſtellte er unter die Leitung des Malergeſellen Tellſtröom. Dieſe Leute und ihr An⸗ hang bearbeiten die Leſerei überall in methodiſtiſcher 206 Richtung. Ihr letzter Hauptverſuch galt der inneren Miſſion, bei welcher Geiſtliche von der Weingart'ſchen Parthei ſich an die Spitze ſtellten. Inzwiſchen werden täglich hier von den Partheichefs Conventikel gehalten, ſehr oft von Morgens 8 Uhr bis Abends 11 Uhr. Die⸗ ſelben Perſonen können zuweilen in verſchiedenen Ge⸗ meinen an einem Tage 6— 8 Conventikel halten. Die Netze ſind ausgeworfen. Die Heiligen leben im Uebrigen nicht immer ſo heilig. Scott's Kindsmagd, die ſo hei⸗ lig war, daß ſie nicht hier bleiben konnte, ſondern ihr übers Meer folgte und als ein ächtes, auserleſenes Schaaf unter den Methodiſten geachtet wurde, iſt als Kammerjungfer hieher zurückgekommen und hat alle Stadien der Verdorbenheit durchlaufen, ſie hat aber auch mit dem wunderbaren Talent einer Heiligen ihre Erzeſſe, ſowohl vor den Hausleuten als vor andern, zu verbergen gewußt, bis ein Mitglied der Findelhausdirektion voll⸗ ſtändige Aufſchlüſſe über die Sache gab. —————— In unſrem Verlage find ferner erſchienen: Bernoulli Prof. Dr. Chr., Technologiſche Handency⸗ klopädie, oder eine gedrängte Darſtellung der techniſchen Gewerbe, ihrer weſentlichſten Fortſchritte in neueſter Zeit und ihres dermaligen Betriebs zumal in Deutſchland. Lex.⸗S. 15 Bog. broſch. Preis 1 Thlr. 3 Ngr. oder 1 fl. 48 kr. Biſchoff, Dr. G. W., Prof. in Heidelberg, Die Bo⸗ tanik in ihren Grundriſſen mit Rückſicht auf ihre hiſto⸗ riſche Entwickelung. 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Scherr, Dr. J., Allgemeine Geſchichte der Literatur von den älteſten Zeiten bis auf die Gegenwart. Ein Handbuch für alle Gebildeten. 37 Bogen. Lex.⸗S. br. 2 Thlr. 15 Ngr. oder 4 fl. 12 kr. Schwegler, Dr. A., Geſchichte der Philoſophie im Um⸗ riß. Ein Leitfaden zur Ueberſicht. Lex.⸗S. 14 Bogen. broſch. 1 Thlr. oder 1 fl. 36 kr. Weber, Dr. W. E., Gymnaſ.⸗Director in Bremen, Claſſiſche Alterthumskunde oder überſichtliche Darſtellung der geographiſchen Anſchauungen und der wichtigſten Momente an dem Innenleben der Griechen und Römer, eingeleitet durch eine gedrängte Geſchichte der Philolo⸗ gie. Lex.⸗S. broſch. 25 Bog. 1 Thlr. 20 Ngr. oder 2 fl. 54 kr. Wedekind, G. W., Freiherr v., Oberforſtrath in Darm⸗ ſtadt, Encyklopädie der Forſtwiſſenſchaft. Lex.⸗S. broſch. 9 Bog. 18 Ngr. oder 1 fl.— Zeller, Dr. C., Profeſſor, Geſchichte der chriſtlichen Kirche überſichtlich dargeſtellt. Lex. 58. broſch. 10 Bogen. 21 Ngr. oder 1 fl. 12 kr. Franckh'ſche Verlagshandlung in Stuttgart. — ſſſſiſſſiſſiſnſininiſiſſiiſſſiſſſſiſſiſ Kmmſtnnlſtn HIrnunnmmnrananmmnnnuunun 5 1 6 17 8 9 10 11 12 13 14 1