—— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 59 Pf. 2 Mr.— Pf. 5. Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Das ewiffen oder Geheimniſſe von Stochalm Roman von C. F. Nidderſtad. Aus dem Schwediſchen überſetzt von Gottlob Fink. Erſtes bis viertes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1852. Erſtes Kapitel. Die Königin der wilden Jagd. „Sie bleibt lange aus; hol ſie der Teufel! Hört ihr, es ſchlägt ſchon halb elf... Alles ſollte ſchon auf den Beinen ſein.“ „Wenn man von einem Weibsbild abhängt, darf man nichts Beſſeres verlangen.... Ich kann dieſe Un⸗ terröcke nicht ausſtehen.... ſie haben mich immer be⸗ trogen.“ „Es iſt doch Alles in Bereitſchaft?“ „Es kommt nur darauf an, wie viel die Burſche drinnen finden.“ Man hörte von Zeit zu Zeit dumpfe Hammerſchläge aus einem inneren Zimmer. „Iſt das Boot drunten am Strand ſegelfertig?“ „Vollkommen.“ Der erſte der Sprechenden war ein bildſchöner Mann, in ſeinen beſten und kräftigſten Jahren. Die hohe Stirne, die gebogene Naſe und der darunter liegende, friſche und wohlproportionirte Mund erhielten Leben und Bedeutung von dem Glanz des Adlerblickes, der aus ſeinen dunkel⸗ braunen, muthig blitzenden Augen ſtrahlte. Der Wuchs Das Gewiſſen. I. 1 entſprach ſeinem Geſichte. Er hatte mehr als mittlere Größe, und die Derbheit der Schultern, die Schlankheit der Taille, die Breite der Bruſt, ſo wie das zum Gan⸗ zen vortrefflich paſſende Beingeſtell zeugte von Geſchmei⸗ digkeit und Kraft, Unverdroſſenheit und Jugend, Ent⸗ ſchloſſenheit und Geſundheit. Man nannte ihn auch den Löwen. Der Andere dagegen war älter, und ſein Ausſehen war einfacher. Die niedrige, von einem rothen, rauhen Haar überſchattete Stirne ſtand in einer entſtellenden Biegung über den kleinen, liſtigen und beſtändig blin⸗ zelnden Augen hervor. Von ſeinen Freunden wurde er der Fuchs genannt. „Aber bedeukt, wenn ihr feſtgenommen würdet,“ begann ein Dritter und ſenkte dabei laugſam den Kopf zur Erde. „Feſtgenommen!“ rief jetzt der erſte, indem er ſich aufrichtete.„Zum Henker mit allen Unglückspropheten! Man läßt ſich nicht ſo mir Nichts dir Nichts feſtnehmen.“ „Hol der Teufel alle Polizeihunde!“ „Du zitterſt... Ha, wüßte ich, daß Du im Sinn hätteſt, uns zu verrathen...“ „Wir würden Dich in den Bock ſpannen.“ „Wir würden Dir das Fell abziehen.“ „Du wagſt nicht aufzuſchauen.“ „Du biſt leichenblaß.“ Der Beargwohnte brummte, blickte aber, wiewohl nur ziemlich ſcheu, auf; man bemerkte, daß es ihm nur mit großer Anſtrengung gelang, ſeine Ruhe zu behaupten. Die Freunde nannten ihn gewöhnlich den Stier. Die zwei Andern ſtanden, die geballten Fäuſte über ihn erhoben, da, und hielten ſich bereit, zuzuſchlagen. „Dummköpfe!“ ſagte er endlich, ſich aufrichtend. „Was hätte ich denn auch zu verrathen?... Mädel... Waldhahnenfuß... hörſt Du... da komm her... noch mehr Branntwein... tummle Dich.“. 3 „Brav geſprochen, Kamerad... brav geſprochen... Schnaps her!“ Inzwiſchen hatte man fortwährend den einen und andern dumpfen Hammerſchlag vom inneren Zimmer her gehört. Das Geſpräch, das wir hier angeführt haben, fand in dem jetzt eingegangenen, ſeiner Zeit aber wohlbekann⸗ ten Café London ſtatt, das ungefähr mitten in der Schiffer⸗ Carlsgaſſe lag, einem jener ebenſo ſchmutzigen als engen und berüchtigten Gäßchen, die zwiſchen der langen Oſt⸗ ſtraße und der Schiffbrücke hingehen. Vor dem Cafsé hing ein Schild, beſtehend in einem großen, grünen Kranz aus Eiſenblech, und mitten darin befand ſich eine Laterne. Es war ein Oktoberabend. Die Laterne war ange⸗ zündet, verbreitete aber nur einen matten Schein, und die enge, ſchmutzige Gaſſe war finſter wie eine Januar⸗ nacht. Der Wind blies von der Schiffbrücke her, und der Schild fuhr raſſelnd hin und wieder. Das Licht drinnen im Café war ſtärker und wurde noch erhöht durch die zugezogenen, zinnoberfarbigen Gar⸗ dinen, jene für eine gewiſſe Art von Kneipen und Cafés in der Hauptſtadt ſo modernen Aushängeſchilder, unſchul⸗ dige Wegweiſer für alle Diejenigen, die ſonſt nicht wiſſen, wo das Laſter wohnt. Die Treppe, die ins Café hinaufführte, gehörte wahr⸗ ſcheinlich in die Verwandtſchaft der Gaſſe: ſie war ſchmal, dunkel, ſchlüpferig, und hatte nicht ein einziges Fenſter. Mit den Händen tappend mußte man den Weg hinauf⸗ ſuchen: droben angekommen, hat man nur eine Thüre ver ſich, und wenn man vorwärts will, muß man auch hinein. Die Treppe zum zweiten Stock war durch eine eiſen⸗ beſchlagene, mit einem eiſernen Riegel verſehene Thüre verſchloſſen. 3 Wir dürften ſpäterhin Gelegenheit erhalten, die Ge⸗ genſtände auf der andern Seite derſelben näher in Be⸗ tracht zu ziehen. Das erſte Zimmer... dicht vor der Thüre, von der Hausflur aus... war das Cafs ſelbſt, jetzt durch einen kleinen lakirten Kronleuchter, der an der Decke hing, er⸗ hellt. Hinter dem Schenktiſch, der ſich unmittelbar beim Eingang rechts befand, ſtand ein blaſſes, ſchlankes Mäd⸗ chen in einem geſtreiften, ſaubern und zierlich ſitzenden Baumwollenkleide. Es lag etwas Mattes oder vielmehr Leidendes in ihrer Miene, aber dieſes Leiden hatte ihre Jugend und Schönheit noch nicht zu verwiſchen vermocht. An Orten, wie dieſer und ähnliche, ſind Beinamen oder ſogenannte Spitznamen noch immer allgemein gäng und gäbe, und das blaſſe Mädchen war unter dem Namen Waldhahnenfuß bekannt. 5 Als ſie ſich rufen hörte, fuhr ſie zuſammen, wie wenn ſie plötzlich aus einem ſchwermüthigen Traum ge⸗ weckt würde; mit einem Seufzer leiſtete ſie dann dem Ruf Folge, und begab ſich in das innere Zimmer. Dieſes war nicht unangenehm meublirt. Vor den Fenſtern prangten auch hier zinnoberrothe Vorhänge An der Wand gegenüber ſtand ein mit ſchwar⸗ zem Leder überzogener Sopha, und auf den andern Sei⸗ ten befanden ſich kleine rothangeſtrichene Tiſche und Stühle. An dem zu oberſt ſtehenden Tiſch, der Thüre gerade gegenüber, ſaßen die drei Perſonen, deren Geſpräch wir ſoeben angeführt haben. Sie trugen Matroſenkleider, und man konnte ſie für nichts Anderes als für Bootsleute oder Hafenarbeiter halten. 3 „Schnaps!“ rief man dem Mädchen zu.„Schnaps!“ Ohne einen einzigen Zug in ihrem Geſicht zu ver⸗ ändern, holte die Kellnerin, was man verlangte. „Eure Geſundheit!“ rief der Stier, der jetzt Wohl⸗ thäter war. 4 KV XG¼n—õ— 8— 8 5 Aber in demſelben Augenblick, wo der Fuchs ſein Glas ergriff und mit Begierde an den Mund führte, ſchob der Löwe das ſeinige von ſich. ¹ 1 „Ich habe mich anders beſonnen,“ ſagte er;„ich trinke jetzt nicht. „Nicht?... ei was... das eine Gute ſchließt das andere nicht aus.“ Und der Fuchs ergriff das Glas des Löwen; aber ehe er es an ſeinen Mund führen konnte, ſchlug der Löwe es ihm aus der Hand, ſo daß es auf dem Boden in Splitter zerfiel. Im Zimmer befand ſich noch eine vierte Perſon. Es war ein alter Mann mit beinahe ſilberweißen Haaren. In ſeinem offenen und ſchönen, aber von den Jahren gebleichten Geſichte drückte ſich Genügſamkeit und Ehr⸗ lichkeit, Frömmigkeit und Güte aus. Nur ein einziger Zug in dieſem ſonſt ſo heitern und freundlichen Geſichte war räthſelhaft und dunkel: die Li⸗ nie der Augenbrauen. Zwiſchen den hervorſtehenden und beſtändig in Run⸗ zeln zuſammengezogenen Wulſten, welche die Augenbrauen bildeten, lag eine Wolke; Niemand wußte, was ſie be⸗ deutete, auch machte ſich Niemand die Mühe, eine Erklä⸗ rung dafür zu ſuchen. Er trug einen abgenutzten grauen Rock, der bis unter das Kinn zugeknöpft war. Das ſchneeweiße Haar fiel in Locken auf den Rock⸗ kragen herab. Der Alte ſaß an einem einſamen Tiſch auf der an⸗ dern Seite des Zimmers und nippte mit Wohlbehagen aus einer Bierkanne. In dem Augenblick, wo der Löwe dem Fuchs das Glas aus der Hand ſchlug, ſtürzte dieſer von ſeinem Platz auf und faßte den Löwen bei der Schulter; der Löwe aber ſchleuderte ihn ſo leicht, wie einen Handſchuh von ſich, ſo daß er rücklings zu Boden fiel. Jetzt erhob ſich der Stier langſam, und aus der Bewegung ſeiner Lippen erſah man, daß er von Neuem Etwas vor ſich hinbrummte. Er war ein grobgliederiger, unterſetzter Burſche, mit einem breiten, derben Geſichte. Sein Haar war weißgrau und ſtand wie Borſten auf dem Kopf umher. Er hatte nur ein einziges Auge. „Willſt Du auch mit den Hörnern ſtoßen?“ fragte der Löwe herausfordernd. Der Stier antwortete Nichts, aber man ſah an ſei⸗ nen Hoſentaſchen, daß er die Fäuſte darin ballte. „Wir haben uns noch nie mit einander gemeſſen,“ murmelte er jedoch endlich;„es könnte wohl einmal an⸗ genehm ſein...“ „Mit Dir verſpreche ich mir wenig Angenehmes,“ fiel der Löwe ein, indem er ſeine ſtolze Stirne noch höher aufrichtete.„Wenn Dir übrigens nicht der leibhaftige Teufel ſelber hilft, ſo werde ich Dir Dein anderes Guck⸗ loch auch noch zumauern.“. „Du willſt den Herrn im Hauſe ſpielen.“ „Unter euch... allerdings... Wenn ich mich mit Euch vergleiche, ſo fühle ich wahrhaftig, daß ich zum Herrn, zum Herrſcher geboren bin.“ „Du geberdeſt Dich gar zu vornehm... Wir brau⸗ chen das nicht zu dulden.“ Der Löwe lachte. „Du haſt mich angeklagt, daß ich Euch verrathen wolle.“ Der Löwe fuhr fort zu lachen.—— „Du haſt nicht mit mir trinken wollen... Du lachſt mich aus.“ „Ich lache... allerdings... was könnte ich auch anders thun, wenn ich Dich anſehe? Du ſchauſt ſo jäm⸗ merlich drein.“) Dieſer Spott trieb den Stier immer ſtärker in die Wuth. Die Haare ſtanden ihm empor wie bei einem n 2 Stachelſchwein, und Schaum drang aus ſeinem Munde. Die Augenmuskeln waren hinabgezogen und bläulich. Die geballten Fäuſte hingen ſtarr und unbeweglich an ſeinen Seiten hinab. Er ſchien im Begriff, auf ſeinen Gegner loszuſtürzen. Die Kellnerin hatte ſich ängſtlich ins äußere Zimmer zurückgezogen und die Thüre hinter ſich verſchloſſen; dann war ſie in ein Stübchen auf der andern Seite des Schenk⸗ zimmers gegangen, um die Wirthin von dem, was vor⸗ ging, zu unterrichten. Dieſe aber ſchien ſich nicht darum zu bekümmern, und es fehlte ihr auch nicht an Gründen für ihre Gleichgiltigkeit. Wie alle Induſtrie, ſo fanden auch Cafés von der Art, wie dieſes London, ihr Hauptintereſſe in der Erwei⸗ terung ihres Verkehrs, obſchon freilich nicht gerade in einer für den Staat nützlichen und preiswürdigen Rich⸗ tung, ſondern vielmehr blos als beglaubigter Stammſitz für Verbrechen und Laſter. Um nun dieſen Zweck ſo vollkommen wie möglich zu erreichen, muß man haupt⸗ ſächlich zweierlei beobachten; erſtens muß man das Ver⸗ brechen maskiren, ſo daß es der Aufmerkſamfeit des Ge⸗ ſetzes und der Polizei entgeht; zweitens muß man gleich⸗ wohl dieſe Maske ſo dünn und leicht machen, daß alle Diejenigen, die ſich der betreffenden Beſchäftigung con amore widmen, ſie durchſchauen können. Hierin das Rechte zu treffen, eine ſolche Maske zu wählen, die gerade ein paſſendes Mittelding bildet und auf der einen Seite den Arm des Geſetzes nicht herausfordert, auf der andern, ſämmtliche Liebhaber des Laſters deutlich genug anlockt, das iſt eine Aufgabe, welche die klügſten Berechnungen der Wirthinnen erfordert. Die erſte Bedingung des Er⸗ folgs beſteht darin, ſich ſelbſt ſo zu placiren, daß man ſie niemals überweiſen kann, Etwas geſehen zu haben, ſon⸗ dern daß ſie vielmehr bei Allem, was um ſie her vor⸗ geht, eine gänzliche Unwiſſenheit zur Schau tragen kön⸗ nen, während gleichwohl Nichts ihrer Kenntniß entgeht. Dadurch, daß ſie ſich der Möglichkeit bloßſtellen, als Partei oder Zeugen auftreten zu müſſen, würden ſie ihr ganzes Gewerbe, ihre ganze Stellung als Mittelpunkt des moraliſchen Verderbens, mit deſſen Beſtand und Zu⸗ nahme ſie Wucher treiben, aufs Spiel ſetzen. Ein altes Sprichwort ſagt:„Je ſpäter am Abend, je ſchönere Leute.“ Dieſes Sprichwort kann ſowohl in einer edlen als auch in einer ſchlimmen Bedeutung ge⸗ nommen werden. Es galt auch für die Wirthin von London. Die eigentliche Tagsarbeit begann für ſie erſt mit der Dämmerung, wenn ſie die Lichter anzündete und die zinnoberfarbigen Fenſtervorhänge ihren wahren Schimmer erhielten. 8 Im Anfang geht Alles ganz ordentlich von ſtatten, und wir können ſogar ſagen, daß ſelbſt die Unordnung im Allgemeinen hier ein ganz ordentliches Ausſehen habe. Man trinkt ſeine Taſſe Kaffee, ſeinen Thee, ſeinen Grog, ſein Gläschen Rum. Man ſchwatzt und befindet ſich recht heimlich; Alles ſieht ganz unſchuldig aus. Da und dort ſieht man zwar ein Geſicht, das nachdenklich dreinſchaut und mitunter geheimnißvolle Blicke um ſich wirft. Das bedeutet Vorſicht oder Neugierde. Aber je mehr die Anzahl und Fröhlichkeit der Ze⸗ cher zunimmt, um ſo mehr ſteigert ſich auch die Lebhaf⸗ tigkeit und das Intereſſe der Wirthin. Bald hört man von einem andern Zimmer her das Getöne eines Walzers oder einer Polka und allmälig verläßt man die Gläſer und begibt ſich, von der Muſik verlockt, in den Tanzſaal. Die Violine wird mit Geiſterkraft von dem blinden Sunt oder irgend einem andern blinden Virtuoſen ge⸗ pielt.. Mädchen von ſchmachtender Schönheit kommen, der Himmel weiß woher... aber ihre Anzahl mehrt ſich, wie auch die Zahl der Cavaliere. — ‧—,— 9 Der Tanz beginnt und man wird im Wirbel des Vergnügens fortgeriſſen. Wenn die Muſik zuweilen ver⸗ ſtummt, erklingen die Gläſer. Die Mädchen trinken Glas um Glas mit den Männern. Endlich lichten ſich die Reihen der Tanzenden, und zuletzt entfernt ſich auch der Virtuos: der Saal iſt leer, die Lichter werden gelöſcht. Von dieſem Augenblick an läßt ſich die Wirthin nicht mehr blicken. Aber vor dem Zahltiſch im Schenkzimmer ſitzt eine Aufwärterin. Die Aufwärterin war in dem Augenblick, wo unſere Erzählung beginnt, der Waldhahnenfuß. Eine andere Auflage von Kunden nimmt jetzt die Stelle der ſoeben verſchwundenen ein. Dieſe tanzen nicht... ſie laſſen ſich von keinen ſichtbaren und lärmenden Ver⸗ gnügungen hinreißen, trinken zuweilen auch Nichts, oder doch nur äußerſt wenig; aber obſchon ſie die Wirthin ſelten zu Geſicht bekommen, ſo wiſſen ſie dennoch, wo und auf welche Art ſie dieſelbe unter vier Augen treffen können. Dieſe Kunden können als die geheimen Bundes⸗ truppen des Cafés betrachtet werden. Es geht eine ſtille und geheime Freimaurerei durch die Welt, ſowohl im Guten wie im Böſen, und die Wir⸗ thinnen an ſolchen Orten, wie der in Frage ſtehende, halten, was das Letztere betrifft, die Fäden derſelben in ihrer Hand. DObſchon ein noch nicht ganz durchſichtiger Schleier die Urſache der nunmehrigen Gleichgiltigkeit der Wir⸗ thin für jetzt noch halb bedeckt, ſo dürfte er gleichwohl bald fallen. Der Stier ließ ſich nicht mehr bändigen. Ingrimm hatte ſich ſeiner gänzlich bemächtigt. „Tod und Hölle!“ rief er,„ich laſſe mich nicht eu⸗ joniren... paß auf!“ und mit dieſen Worten ſtürzte er auf den Löwen zu. Aber trotz ſeiner Raſerei berechnete er ſeinen An⸗ griff ganz gut. Gewarnt durch das Schickſal des Fuch⸗ ſes, beugte er ſeinen Kopf hinab und ſenkte den Körper ein wenig, während er mit einem kühnen und kräftigen Sprung den Löwen um den Leib faßte und mit unwider⸗ ſtehlicher Kraft vom Boden aufhob, um ihn im nächſten Augenblick ebenſo energiſch wieder auf die Dielen hinab⸗ zuſtoßen. Das Manöver glückte auch, und der Löwe lag, niedergedrückt unter der Laſt ſeines Gegners, bereits auf den Knieen. Aber ſeine Arme waren frei, und wenn er auch in ſeiner jetzigen Stellung den Stier nirgends ge⸗ ſchickt anfaſſen konnte, ſo ſchwebten doch ſeine geballten Fäuſte über deſſen Haupt. Uebermüthig gemacht durch ſeinen Erfolg, ſchaute der Stier jetzt auf, um ſeinem Feind ins Geſicht zu ſehen, aber in demſelben Augenblick fiel die Fauſt des Löwen ſo hart, als wäre ſie mit einem eiſernen Kloben verſe⸗ hen, auf ſein einziges Auge, ſo daß er brüllend ſeinen Raub losließ, und rücklings zu Boden ſtürzte. Mit ſtolzem Lächeln richtete ſich der Löwe auf. Der Zweikampf hatte ſo kurz gewährt, daß der Graukopf am andern Tiſch, der die Streitenden aufmerkſam beobachtet, ſich während deſſelben kaum von ſeinem Stuhl hatte auf⸗ richten können. „Still, Jungen,“ ſagte der Alte,„ſtill.... Wozu dieſes Gezänke... dieſe Rauferei... Warum ſchlagt ihr euch um eine ſolche Kleinigkeit herum?“ Der Löwe ſah ihn verächtlich an. „Halt's Maul, alter Schwätzer!“ antwortete er. „Um Kleinigkeiten ſchlägt man ſich; in großen Fällen geht man ſchon einig. Leg Dich nicht in Sachen, die Dich Nichts angehen. Trink Dein Bier und packe Dich, das iſt das Allerbeſte; es könnte Dir ſonſt auch gehen wie — 2—— ⁸⏑——* 11 dieſen da...“ Und er deutete auf den Stier und den Fuchs. „Wahnſinniger!“ verſetzte der Alte.„Du pochſt auf Deine Jugend und Deine Stärke.. aber auch ſie ſind vergänglich. Nimm Dich in Acht, daß nicht der Tag kommt, wo auch Du Deinen Herrn findeſt. Das Ge⸗ wiſſen...“ „Schweig,⸗ unterbrach ihn der Löwe,„ich verlange, daß Du ſchweigſt. Gewiſſen, ſagſt Du.... eitles Ge⸗ ſchwätze. Deine gewöhnliche Redensart. Du willſt das Gewiſſen ſpielen, Du... bah... Iſt das Gewiſſen ein ſchwacher Greis, ſo kann ich darüber lachen.... Zum Teufel... ein graubärtiges Gewiſſen fürchte ich nicht, das iſt blos dumme Schulfuchſerei in ſchwachen Schä⸗ deln... eine lumpige Grillenfängerei in einem von Al⸗ terskrämpfen kranken Gehirn. Ich habe bemerkt, daß man nicht eher davon ſpricht, als bis es ans Sterben geht... Es ſind alſo Todesſymptome... ha, ha, ha, ha!“ Und der Löwe lachte ſo, daß es im Zimmer wieder⸗ tönte, gleich als hätte ein Echo ſeine höhniſche Freuden⸗ äußerungen wiederholt. „Thor, junger Selbſtmörder!“ fiel der Alte ein, ohne eine Miene in ſeinem Geſicht zu verändern oder ſeinen Platz zu verlaſſen. Der Löwe ballte dabei unwillkürlich ſeine Fäuſte, und bitterer Zorn malte ſich in ſeinem Geſichte. Inzwiſchen öffnete ſich die Thüre des Zimmers, von woher die Hammerſchläge gehört wurden, und zwei neue Perſonen, rußig, beinahe ſchwarz wie Kaminfeger, tra⸗ ten ein, ohne daß jedoch weder der Löwe noch der Alte ſie bemerkten. „Haſt Dn nicht gehört, daß ich Dir befohlen habe, zu ſchweigen? Es gibt Nichts, was ſo unangenehm an mein Ohr ſchnarrt, wie Deine Stimme, und wenn ich es ertragen kann, Dich zu ſehen, ſo kann ich es doch nicht 12 ertragen, Dich zu hören... Deine Stimme tönt wie eine Nachtwächterraſſel.. 4 „Das Gewiſſen iſt eine ſolche Nachtwächterraſſel; es weckt die Schlafenden, weckt ſie mitten in der Nacht,“ fuhr der Alte fort, als bemerkte er die Gefahr nicht, die ihn aus den flammenden Augen des Löwen bedrohte. Weder der unvermuthete, beinahe hinterliſtige An⸗ griff des Fuchſes, noch der boshafte, heimtückiſche Anfall des Stieres hatten den Zorn des Löwen zu wecken vermocht, aber die Worte des Alten thaten es. Mit einer Schnelligkeit, die ſich nur mit der eines gereizten, wilden Thieres vergleichen ließ, warf er ſich jetzt über den Alten, ohne daß dieſer ſich die Mühe nahm, eine Hand zu ſeiner Vertheidigung auszuſtrecken. Der Alte war ein hochgewachſener Mann, als er ſich ſeiner ganzen Länge nach erhob. Aber mit einer kühnen, und von der wilden Gluth des Aergers eutflammten Miene hatte der Löwe ihn mit der rechten Hand an dem Rock gefaßt, der ſeinen Leib umſchloß, und hob ihn auf ſolche Art vom Boden empor hoch in die Luft hinaus, während er, hingeriſſen von augenblicklicher Wuth, ihn ſchüttelte und ſich geberdete, als wollte er ihn zermalmend von ſich ſchleudern. Die Scene war wirklich unheimlich. Der Fuchs hatte ſich aufgerichtet, ſaß aber noch, betäubt von der Kraft, womit er niedergeworfen worden, auf dem Boden. Der Stier krümmte ſich in ſeinem Blute, ohne zu wiſſen, was um ihn her vorging. Der Löwe ſchüttelte den Alten, der gleichwohl unerſchütterlich ruhig liehr obſchon eine augenſcheinliche Todesgefahr ihn be⸗ drohte. „Bravo, verdammt brav!“ riefen die Neueingetre⸗ tenen im Chor. ⸗Knicke ihn. Wir bedürfen eines ſolchen Hofmeiſters nicht... Schlag zu!“. Der Zorn des Löwen wurde durch den Beifall an⸗ gefeuert. 13 „Dieſe Alten da nennen uns junge Leute Thoren,“ bemerkte er höhniſch.„Wie ſollen wir Jungen Euch Alte nennen? Was biſt Du jetzt, was bedeuteſt Du jetzt?“ „Bravo! Knicke ihn, knicke ihn!“ Die Lippen des Alten bewegten ſich leiſe. Mit from⸗ mer Ergebung rief er Gott um Hülfe an. Der Löwe hörte es, und dies ſchien ihn noch mehr zu reizen, denn ſein Geſicht flammte jetzt von wildem Haß. „Zerſchmettere ihn am Boden,“ riefen die Andern, „ſo richtet er ſich nicht mehr auf.“ Eine einzige Bewegung würde genügt haben, um die Aufforderung ins Werk zu ſetzen, und der Löwe ſchien auch geneigt, ihr nachzukommen, als auf einmal ein ſeiner, aber geller Pfiff von der Straße her ſich verneh⸗ men ließ. Ein Pfiff bedeutet unter Verbrechern ſo viel als: Aufgepaßt! 3 Der Löwe lauſchte auch auf den Ton, indem er den Alten noch immer in der Luft ſchwebend hielt. Mittlerweile wurde die Thüre vom Schenkzimmer aus heftig aufgeſtoßen, und eine neue Perſon trat ein, ein Mädchen mit flammenden, friſchen Wangen. „Was gibt es hier?“ fragte ſie beim Anblick der Scene, die wir beſchrieben haben.„Was hat der Alte Böſes gethan, daß Du ihn ſo behandelſt? Laß ihn los, ſage ich.. hörſt Du... ich will, daß Du ihn los⸗ laſſen ſollſt.“ Die Stimme des Mädchens war gebieteriſch, gleich als fürchtete ſie keinen Widerſpruch und wäre ſich ihres Einfluſſes bewußt. Ihre Worte wurden von einer Hand⸗ ewegung begleitet, die ihren Willen noch vollſtändiger er⸗ klärte nnd zu erkennen gab. In ihrer Miene fand ſich nichts Bedächtliches vor. Der Muth leuchtete aus ihren aren, ſchimmernden und großen Augen; ihre Stirne glänzte von Entſchloſſenheit. Die friſchen, blühenden Wan⸗ gen zeugten von Geſundheit und Jugend, oder von der geſteigerten Lebhaftigkeit, die juſt jetzt ihre Gedanken, vielleicht auch ihre Gefühle erfüllte. Die Lippen waren purpurroth, ſchwellend von Wolluſt. Im äußern Zimmer hatte ſie ihren Mantel abgeworfen, und ſtand jetzt ſchlank und geſchmeidig in reizender Ungezwungenheit da. Der Hut bedeckte noch ihren Kopf und ein zurückgeworfener weißer Schleier umgab ihn wie eine leichte Draperie. Auf der linken Seite ſchwankte eine einſame, dunkelrothe Roſe mitten in einem Knoten von Bändern, deren Enden flatterten. Der Rand einer weißen Spitzenhaube umgab das Geſicht, wie ein zierliches Rähmchen innen im Hute und war nur abwärts durch einige hellbraune Ringel⸗ locken verdeckt. Das Mädchen, das wir hier mit einigen raſchen Federzügen zu zeichnen verſucht haben, iſt keine erdichtete Perſon, ſo wenig als es der Löwe iſt. Beide ſind in den Verbrecherannalen der Hauptſtadt wohl bekannt, und wenn der eine und andere von unſern Leſern den Letz⸗ tern unter dem Namen, womit wir ihn aufgerufen haben, wieder erkennt, ſo werden vermuthlich noch Mehrere das Mädchen wiedererkennen, wenn wir ſie jetzt unter ihrem allgemein bekannten Titel als Königin der wilden Jagd einführen. Als der Löwe ihrer Aufforderung nicht ſogleich nach⸗ kam, legten ſich ihre feingezeichneten Brauen in eine Run⸗ zel, die Mißvergnügen ausdrückte. „Nun?“ wiederholte ſie. Das Geſicht des Löwen erheiterte ſich jetzt, und er zögerte nicht mehr lange, ihrem Wunſche zu willfahren. Ohne ein Wort zu ſagen, nahm der Alte ſodann ſeinen Platz beim Bierkrug wieder ein; aber als er jetzt an dem Mädchen vorbeikam, drückte er haſtig ihre Hand, 15 und man ſah, wie ſeine Bruſt ſich hob, gleich als hätte ein Seufzer den Weg aus ſeinem Herzen geſucht. „Du biſt lang ausgeblieben,“ bemerkte der Löwe; „wir haben auf Dich gewartet... und wenn man war⸗ tet, muß man ſich doch mit Etwas beſchäftigen.“ „Sich herumbalgen und wüſt thun... pfui...“ „Es pfiff draußen... was bedeutete das?“ „Ich pfiff... ich wollte euch warnen... er iſt U...“ „Er? Iſt's möglich 2... Du biſt eine Perle unter den Weibern... Laß Dich umarmen, Königin.... Wir können alſo aufbrechen... Du prächtigſte unter den Prächtigen...“ „Er iſt drunten... er wartet.“ „Wie haſt Du ihn aufgegabelt? Erzähle. Er kann wohl ein Weilchen warten.“ „Die wilde Jagd hielt ihren Zug durch die Stadt... über die Nordbrücke hin.... im Norden herum.. Alle Jägerinnen waren draußen... ich an der Spitze. Zuerſt ſuchte ich ihn daheim in ſeinem eigenen Hauſe...“ „Thateſt Du das?... Du biſt keck...“ „Was hälfe es auch, ängſtlich zu ſein? Ich ſuchte ihn dort, fand aber nur ſeine Frau. Ach, wie gutmüthig ſie ausſah... aber traurig. Sie ſagte, der Herr Groß⸗ händler ſei in Geſchäften ausgegangen; und ich ahnte, was für Geſchäfte es waren...* Die Anweſenden folgten ihr mit ſichtbarem Inte⸗ reſſe, und als ſie die letzten Worte ſagte, ſchien man ihre Bedeutung nur gar zu gut zu verſtehen, denn auf allen Lippen ſhwebte ein Lächeln. „flber was nützt dieſe Erzählung?“ unterbrach ſie ſich ſelbſt.„Er wartet auf der Tredpe und er könnte ſich entfernen n.* „Hat keine Gefahr, erzähle, er mal in Deine Augen ver uckt, Sprich, ſprich!“ 3 zähle! Hat er ſich ein⸗ ſo iſt er feſtgebannt. „Nun wohl, ich ließ der wilden Jagd die Zügel ſchießen und wir ſpähten nach ihm. Er war bei ſeiner Flamme, die ſein Entzücken, das Alles in Allem ſeiner freien Gefühle iſt.“ „Der Tanſend! und Du fingſt ihn von ihr weg?“ „Ich klopfte an... die Thüre war verſchloſſen. Ich klopfte noch ſtärker, aber vergebens. Da entdeckte ich in einiger Entfernung ſeinen Wagen... der Kutſcher ſchlief... Ich war ſchnell beſonnen... ich öffnete leiſe den Schlag und ſprang hinein, entſchloſſen, ihn da zu erwarten. Es ſtand lange an.. ich glaube wohl eine Stunde... Endlich rief man den Namen des Kutſchers und der Wagen rollte vor das Haus. Im nächſten Augenblick hüpfte unſer Großhändler herein und ich empfing ihn mit offenen Armen.“ Der Löwe gab mit einem ſchallenden Gelächter ſei⸗ nen Beifall zu erkennen, und die Uebrigen ſtimmten ein. Die Königin der wilden Jagd lächelte vor Befrie⸗ digung. „Im Anfang,“ fuhr ſie fort, ſchien er zwar etwas verblüfft... aber ich brachte ihn bald ſo weit, daß er ganz zufrieden war.“ 3 „Ja, Du haſt Deine eigenen Mittel, um einem armen Schlucker das Maul zu ſtopfen.“ „Ganz gewiß... Als wir an die Schiffsbrücke kamen, ſtiegen wir beide aus dem Wagen... und jetzt ſteht er draußen, und ich bin hier...“ „Vortrefflich, Königin, vortrefflich. Du haſt die Medaille für preiswürdige Handlungen verdient, und Du wirſt ſie auch mit der Zeit erhalten, das darfſt Du glauben...“ ſcheinlich.“ Alle lachten, als wäre das ein guter Einfall geweſen. „Laßt uns nicht länger die Zeit verſchwatzen.. * Ich gehe jetzt zu meinem Großhändler... und ihr...“ „Im Spinnhaus, ja; das iſt mehr als wahr⸗ 17 „Wir wiſſen ſchon, was wir zu thun haben... Nur fort mit ihm in die Rattenfalle...“ „Lebt wohl, lebt wohl!“ Und die Königin der wilden Jagd eilte weg. „Die Inſtrumente ſind doch in Bereitſchaft? fragte der Löwe die zwei Burſche, die aus dem inneren Zim⸗ mer eingetreten waren. „Wir haben tüchtig gearbeitet... da ſieh her...“ „Und die Brechſtange, die Handſäge und die Strick⸗ leiter?“ „Verlaß Dich auf uns... wir haben Nichts ver⸗ geſſen... Was ſagſt Du?“ Der Löwe unterſuchte mit der Aufmerkſamkeit eines Kenners ein Werkzeug um das andere. „Vortrefflich... wir werden ſie bald probiren.“ Man höͤrte jetzt, wie eine Thüre in der Flur ge⸗ öffuet und eine Weile nachher wieder ſchwer und dröhnend zugeſchlagen wurde. Es war die Thüre, die in den zweiten Stock führte. 3 „Er iſt in der Schlinge gefangen... jetzt ans Werk... Gehſt Du mit, Fuchs?“ „Heb mich auf... ich folge.“ „Und Du, Stier?“ „Geh zum Teufel!“ „Tragt ihn in den Küchenwinkel hinein. Eure Schmideſſe iſt gut genug zum Krankenbett für ſeinen Stierſchädel.“ Nach einer Weile war das Zimmer leer. Der alte Graukopf war der Letzte, der den Ort verließ; aber als er auf die Gaſſe hinabkam, nahm er nicht deuſelben Weg wie die Uebrigen, ſondern verſchwand im Dunkeln in einer entgegengeſetzten Richtung. Noch ſpät in der Nacht ſaß der Waldhahnenfuß, auf den Ellbogen ge⸗ ſſtützt, ganz allein am Burean. K Müde von Nachtwachen und Seelenleiden war ſie Das Gewiſſen. 1. 2 18 bläſſer als je. Sie glich einer Flamme, die dem Er⸗ löſchen nahe iſt, gleichwohl aber noch in ihrem letzten Augenblick leuchtet.* Zweites Kapitel. Der Einbruchsdiebſtahl. Der Löwe ging, gefolgt von ſeinen Kameraden, auf die Gaſſe hinab. Sie hatten ſich jedoch nicht einmal auf Wurfweite vom Café entfernt, als ſie auch ſchon wieder ſtehen blieben. „Laßt uns geſchwind darauf losgehen, ſagte einer von der Geſellſchaft;„unſer Ziel iſt ja das nächſte Haus.“ 4 „Seid ruhig und gehorchet mir;“ bemerkte der Löwe. „Ich habe meinen Plan, und obſchon er gewagt iſt, ſo bin ich doch ſicher, daß er glücken wird.⸗ 3„Aber wir ſind ja noch nicht an Ort und Stelle. 4 Der Großhändler wohnt bei der Schiffsbrücke, und der Eingang iſt ebenfalls von da aus.“ „Laß uns jetzt handeln und nicht ſchwatzen. Ihr i 3 zwei begebt euch an das Boot hinab, wo ihr drei Ka⸗ meraden findet. Die Loſung iſt Stehlen. Nachdem ihr ihnen mitgetheilt, daß wir an der Arbeit ſind, ſtellt ihr wei von ihnen auf dem Weg zwiſchen hier und de Fat⸗ auf. Ihr ſelbſt poſtirt euch vor dem Contor enſter... ißt j s iſt. i 19 iſt wahr, noch ein Wort. Hört ihr leiſe an das Con⸗ torfenſter von innen klopfen, ſo wißt ihr, daß wir am rechten Platze ſind, und empfanget ſchnell Alles, was wir hinaus werfen... dann laßt ihr die Waaren auf dem ſchnellſten Weg von Mann zu Mann ins Boot wandern. Ihr verſteht mich doch... ſo ſo... jetzt tummelt euch.“ Die Befehle des Löwen wurden auch ſogleich aus⸗ geführt, gleich als hätte die ſtrengſte Disciplin unter der Bande ſtattgefunden. Der Löwe und der Fuchs blieben allein zurück. Letzterer ſchien ſich nach der kaum erſt empfangenen Züchtigung noch nicht vollkommen erholt zu haben, denn er verhielt ſich ſchweigſam und befolgte nur paſſiv die Befehle des Erſteren. Bei allen Einbrüchen und Räubereien gehorcht man dem Kühnſten und Klügſten, gleich als wäre er ein un⸗ beſchränkter Monarch. „Es iſt Zeit, ans Werk zu gehen,“ ſagte der Löwe. „Wir ziehen die Stiefel aus. Man geht leichter in den bloßen Strümpfen.“ „Wie Du willſt, Du biſt der König. Statt klin⸗ gender Münze wird der Herr Großhändler morgen alte Stiefel in ſeiner Geldkiſte finden... und ich kann mir ſchon denken, was für ein langes Geſicht er ſchnei⸗ den wird.“ „Eine herrliche Nacht,“ bemerkte der Loͤwe „Wir können ſie nicht beſſer wünſchen... Aber ſag mir jetzt Deine Abſicht; ich verſtehe Dich nicht recht. mie meiuſt Du, daß wir ins Contor hinein kommen ollen?“ „Du verſtehſt mich nicht? Nun, das iſt ſchön... wirſt mich jedoch bald verſtehen, ich bin's überzeugt... Komm nux...“ Und der Löwe ging nach einem eben ſo ſchmalen, als dunkeln Thorgang in der Gaſſe, dicht neben dem Haus, deſſen Facade auf die Brücke ſelbſt ging. „Du gehſt irr,“ bemerkte der Fuchs...„wir müſ⸗ ſen ja ins nächſte Haus.“ „Sei unbekümmert... folg mir nur... verlaß Dich darauf, daß ich wohl weiß, wohin ich gehe.“ Als ſie in die Hausflur kamen, befanden ſie ſich in der tiefſten Dunkelheit. „Wohin gehſt Du denn? Hier iſt es finſter wie in einer Kuh... ich ſehe gar Nichts.“ „Nimm mich bei der Hand... ſo ſo... fall nicht um... ſtütze Dich auf mich.“ Still und langſam ſtiegen ſie Stufe um Stufe hinan, ohne von Jemand entdeckt oder geſtört zu werden. Von Zeit zu Zeit blieben ſie auf den Treppenabſätzen ſtehen und lauſchten; aber Alles war ſtill um ſie her. Das einzige Getöne, das ihren Ohren nahte, war ein Pfeifen des Windes in den da und dort zerbrochenen Fenſter⸗ ſcheiben. 4 So gelangten ſie endlich bis auf den Dachboden. „Wir ſind beinahe am Ziel,“ flüſterte der Löwe und hauchte jetzt den bisher aus Vorſicht zurückgehaltenen Athem aus. „Beinahe am Ziel?“ wiederholte der Fuchs;„hol mich der Teufel, wenn ich Dich verſtehe!“ „Zieh die Dieteriche heraus und komm mit mir.. hier... ſieh hier...“ „Ein Schloß?“ „Mach es auf!“ 3 Das Schloß war bald geöffnet, und der Löwe ſteckte ein Zündhölzchen an. „Aber zum Henker, was ſollen wir denn in dieſem Winkel machen? Ich glaube, Du biſt nicht bei Troſte.“ „Und dieſe Treppe da?“ ————— 21 „Du meinſt das Leiterchen... doch nur weiter... was noch mehr?“ „Nur Muth... und glaube an mich. Du biſt ja flink wie ein Eichhörnchen.“ 3 „Was das betrifft, ſo kann ich klettern wie eine Katze.“ „Folg mir jetzt nur. Der Spaziergang dürfte zwar etwas ſchwer ſein... aber drunten erwarten uns auch wohlgefüllte Geldkiſten, und wir wollen uns ſchon ent⸗ ſchädigen.“ Der Löwe hatte bereits die Leiter betreten und das Zündhölzchen ausgeblaſen, ſo daß die Finſterniß ſie aufs Neue von allen Seiten umgab. Der Fuchs folgte ihm dicht auf den Ferſen, noch ungewiß über die Abſichten ſeines Kameraden; aber bald hörte er ihn über ſeinem Kopfe arbeiten, und einen Augenblick ſpäter fiel ein mattes Licht durch das Dach ſelbſt, und der eine und andere hellfunkelnde Stern, der zwiſchen den Sturm⸗ wolken hervorguckte, blickte auf ſie hernieder. „Ah, jetzt fange ich an Dich zu begreifen;“ flüſterte der Fuchs.„Du willſt auf's Dach hinaus... Nicht ſo dumm, Löwe. Der Spaziergang iſt zwar nicht ſo be⸗ quem, aber...“. „Was willſt Du ſagen, aber..“ „Aber auf dem Dach draußen gerathen wir wenig⸗ ſtens mit keinen Polizeidienern zuſammen..“ Der Fuchs beurtheilte die Sache ganz richtig. Der Löwe hatte wirklich den eiſenbeſchlagenen Laden, der den Aufgang zum Dach bedeckte, geöffnet und kroch jetzt hin⸗ aus. Bald ſaßen ſie auf dem Dachgiebel. Der Löwe blickte ſpähend um ſich her. Der Fuchs athmete friſche Luft ein. „Wenn wir uns aufrichten, ſo könnte man uns vielleicht, wegen der Helle zwiſchen den Wolken, von der Straße her ſehen,“ bemerkte der Löwe. 22 Nun, ſo laß uns kriechen... Du kennſt doch den Weg?“ „Ich habe ihn ſchon früher einmal unterſucht.“ „Vorwärts alſo!“ Bei Tag würde die Wanderung, welche die beiden Abenteurer jetzt begannen, nicht blos halsbrecheriſch, ſondern auch komiſch ausgeſehen haben; aber zu ihrem Glück war es Nacht. Ohne noch mehr Worte zu wechſeln, krachen ſie un⸗ aufhörlich weiter und befanden ſich binnen Kurzem auf dem Dach des andern Hauſes. Hier ruhten ſie eine Weile aus. Die geduckte Haltung war ermüdend. Sieh einmal nach der Laterne dort,“ ſagte der Löwe. „Ich ſehe... „Gegen den Lichtſchein bewegt ſich Etwas... es iſt ein Menſch.“ „Sollte man uns ſehen können?“ „Bah! es iſt überdies einer von unſern Leuten... alſo ein gutes Zeichen... jetzt wieder vorwärts!⸗ Und auf dieſelbe Art wie vorhin wurde die unbe⸗ queme Promenade von Neuem begonnen; aber für dieſe Leute gab es nichts Unbequemes; vielmehr hatten ſie blos das Kühne ihres Unternehmens im Auge, und das erfreute und ermunterte ſie. Derſelbe Muth, welcher den Krieger anregt, ſein Leben in einem kecken Abenteuer zu wagen, um eine Fahne zu erobern, eine Mine anzuzünden oder eine Ba⸗ ſtei zu nehmen, belebt auch den Einbruchsdieb. Es iſt nicht blos das Geld, das ihn ermuntert, es iſt das Abenteuer ſelbſt. „Wir ſind an Ort und Stelle,“ flüſterte der Löwe. „Die Luke zu der Winde in dieſem Haus iſt hier dicht neben dem Schornſtein. Nimm die Brechſtange und halte mich bei der Hand.“ Mit einem kräftigen Griff wurde die Luke erbrochen, h 23 und der Löwe und der Fuchs ſtiegen auf die Winde hinab. 1 Sie waren jetzt in dem Haus, wohin ſie gewollt hatten. „Laß uns ein wenig ausſchnaufen,“ bat der Fuchs. „Wir haben keine Zeit dazu.“ „Eine ſchlimmere Promenade zwiſchen Himmel und Erde habe ich noch nie gemacht. Einen Augenblick ſtand ich im Begriff umzukehren, aber ich ſchämte mich.“ „Du biſt doch nicht feig?“ „Das habe ich am beſten dadurch bewieſen, daß ich Dir folgte; aber auf demſelben Weg gehe ich nicht zu⸗ rück, es koſte, was es wolle.“ „Du wirſt es nicht nöthig haben. Komm nur.“¹ Sie befanden ſich jetzt in keinem eingeſchloſſenen Ranm, ſondern auf der offenen Winde ſelbſt, und brauch⸗ ten ſich alſo ihrer Werkzenge nicht zu bedienen. Sachte ſchlichen ſie ſich vorwärts und begannen be⸗ reits die Treppe hinabzuſteigen. Alles ſchien auch ganz nach Wunſch zu geben, als der Löwe auf einmal Halt machte und den Fuchs bei der Schulter anfaßte. „Still!“ flüſterte er. Sie waren ſchon unten auf der Treppe zum erſten Stock. „Höre!“ Man hörte ganz deutlich das Getöne leiſer, ſchlei⸗ chender Tritte in einiger Entfernung. Der Fuchs ſpürte, daß der Löwe ihn auf die Seite zog, und er folgte ohne den mindeſten Widerſtand. Hätte die Dunkelheit ihn nicht verhindert zu ſehen, ſo würde er die Lokalkenntniß ſeines Kameraden bewundert haben, weil ſie bald in einem Winkel der Hausflur waren, wo Niemand, der nicht vorher um ihre Anweſenheit wußte, ſie hätte ahnen, oder überhaupt denken können, daß ein Menſch hier eine Zuflucht ſuchen wollte. Die Fußtritte, die ſie erſchreckten, kamen inzwiſchen immer näher, und im nächſten Augenblick eilte ein wohl⸗ gekleideter Mann an ihnen vorbei, mit einer kleinen La⸗ terne in der Hand, bei deren ſchnell verſchwindendem, matten Schein ſie inzwiſchen ſeine Geſichtszüge nicht zu erkennen vermochten. Sie hofften, er würde ſich in eines der Zimmer be⸗ geben, die auf Seiten des Corridors lagen, und ſie täuſchten ſich auch nicht. Der Unbekannte verweilte bei einer Thüre, ſchief gegenüber dem Winkel, wo der Löwe und der Fuchs ſtanden; er öffnete ſie jedoch nicht, ſondern gab ſeine Anweſenheit nur durch ein Klopfen zu erkennen, das ſo leiſe und vorſichtig war, daß man ſich über ſeine geheim⸗ nißvolle Bedeutung nicht täuſchen konnte. In dieſem Augenblick wurde eine Thüre geöffnet, aber auch dies geſchah ſo langſam und behutſam, daß unſre nächtlichen Abenteurer dadurch nur um ſo mehr in ihrer bereits gefaßten Vermuthung beſtärkt wurden, daß hier Etwas vorgehe, wobei man keinen Zeugen wünſche. Beim Lichtſchein, der durch die Thüre herausſtrömte, zeigte ſich eine Dame, die allerdings weder jung noch ſchön war, aber deßungeachtet etwas ſehr Einnehmendes hatte, jenes Gepräge von Herzlichkeit und Güte, wodurch das Weib immer liebenswürdig erſcheint, wenn auch die Formen nicht vollkommen regelmäßig ſind. Die Augen waren nicht ſowohl prächtig, als vielmehr von einer höchſt anziehenden Milde beſeelt, die überdies im gegebenen Augenblick eine ungekünſtelte und natürliche Verlegenheit andentete. Sie trug ein hübſches, zierliches Oberkleid, 1 ein einfaches Negligé, und erſchien ohne alle Präten⸗ tionen. Der Fuchs zwinkerte mit den Augen. Eine unklare Sehnſucht regte ſich in der Bruſt des Löwen. „Ich habe Ihnen ein Rendezvous verſprochen, Herr Graf,“ ſagte die Dame, indem ſie fortwährend in der Thüre ſtehen blieb,„weil ich ein Bedürfniß empfinde, mit bl⸗ La⸗ m, zu e⸗ ſie jef hs ne —— ö2=VS-——-'eeAn 2⁵ Ihnen zu ſprechen; aber wir müſſen es auf ein ander Mal aufſchieben. Mein Mann iſt noch nicht heimgekom⸗ men, und ich erwarte ihn jeden Augenblick.“ „Verlangen Sie nicht das Unmögliche. Ich ver⸗ laſſe Sie nicht... Nein, nein... beim Himmel... ich thue es nicht. Sie haben mir ſchon gar zu lange dieſe Zuſammenkunft verweigert, und jetzt... Ach, Sie werden mich noch wahnſinnig machen.“ „Keine leidenſchaftlichen Uebertreibungen, Herr Graf. In unſern Jahren muß alles das vorüber ſein... Ich bitte Sie, ſeien Sie ruhig. Nur unter dieſer Bedingung will ich Sie in Zukunft noch ſehen... Ich bin jetzt verheirathet... ſeit vielen Jahren verheirathet... Vergeſſen Sie das nicht, Graf... Still... ich meinte Etwas zu hören..„Verlaſſen Sie mich.“ Es war der Löwe, der ſich bewegte. Aus Neu⸗ gierde beugte er ſein Haupt vor und verlor beinahe das Uebergewicht, weßhalb er einen Schritt ausgreifen mußte. „Ihre von der Angſt aufgejagte Einbildungskraft ſchreckt Sie. Das ganze Haus ſchläft, und wenn Ihr Mann heimkommt, begibt er ſich auf ſeine eigenen Zim⸗ mer... Fürchten Sie Nichts... Oeffnen Sie die Thüre... Ich habe viel mit Ihnen zu ſprechen. Weder der Löwe noch der Fuchs wagten jetzt Athem zu ſchöpfen, um ſich nicht zu verrathen.“ 3 „Was haben Sie zu ſagen?“ fuhr die Dame fort...„Ach, es wird uns wohl hier Niemand hören können.“ „Ich will von unſern früheren Verhältniſſen ſpre⸗ chen... von unſrer Jugend... von unſrem Glück... von unſrer Liebe.“ „Und wie Sie ins Ausland reiſten, wollen Sie vielleicht hinzufügen, um mich allein zu laſſen, einen Raub der Qualen und Selbſtvorwürfe. Es iſt beſſer, Herr Graf, Sie laſſen den Schleier über die Vergangen⸗ heit fallen, als daß Sie ihn zurückſchlagen.“ „Sie ſind bitter. Ach, Gräfin... Sie haben ſich ſehr verändert.“ „Die Zeit verändert Alles; unter Anderem bin ich auch keine Gräfin mehr; ich theile den Rang meines Mannes, und dieſer iſt der einzige, der mir zukommt... Alſo, Herr Graf... blos Frau...“ „Sie machen mir Vorwürfe, daß ich auf Reiſen ging; aber was konnte ich denn anders thun? Meine Familienverhältniſſe zwangen mich dazu.“ „Es mag ſein, wir wollen auch nicht davon ſprechen.“ „Und doch machen Sie mie Vorwürfe, das iſt granſam. Was habe nicht ich dagegen Ihnen vorzu⸗ werfen?.. Während meiner Abweſenheit vergeſſen Sie mich und knüpfen ein Band, das uns ewig trennt. Das iſt nicht die Art, Madame, wie man ſeine Verſprechun⸗ gen und Schwüre halten muß.“ „Ich erlaube Ihnen, von mir zu glauben, was Sie wollen, Herr Graf, weil Sie die entſetzliche Art nicht kennen, wie ich gezwungen worden bin... O mein Gott... daß Sie es ſind, der mich daran erin⸗ nern muß!“ „Sprechen Sie, ums Himmels willen, ſprechen Sie! Man hat Sie gezwungen, ſagen Sie. Wer hat das thun können? Ihre Eltern lieben Sie... beten Sie an... und ich bin überzeugt, daß ſie niemals Etwas von Ihnen verlangt haben, was Sie, Madame, nicht ſelbſt wollten.“ „Sie lieben mich, ach ja, das iſt wahr, und wie innig vergelte ich Ihnen nicht dieſe Liebe! Nie haben ſich Eltern ſo unbedingt einer Tochter hingegeben, als die meinigen es thaten!, und nie hat ſich eine Tochter inniger mit denjenigen verbunden gefühlt, die ihr das Leben ſchenkten, als ich es that.“ „Und Sie ſagten gleichwohl, Sie ſeien zu Ihrer Ehe gezwungen worden.“ „Da Sie es durchaus wiſſen wollen, nun wohl, ſo 27 hören Sie mich an. Sie wiſſen... wie wir einſt ein⸗ ander liebten. Mein Herz blutet vor Schmerz, wenn ich daran denke...“ „Sie machen ſich darüber Vorwürfe, daß Sie mich liebten... Madame...“ „Unterbrechen Sie mich nicht Ich weiß nicht, welcher böſe Geiſt unſer Geheimniß meinem nunmehrigen Manne verrathen hat.“ „Er ſollte davon wiſſen?“ „Ja, mein Herr, ja! und er drohte, es meinen Eltern zu entdecken...“ „Was höre ich? Das iſt entſetzlich.“ „Eine ſolche Entdeckung hätte ſie getödtet... was konnte ich machen?“. Während ſie ſprach, war ſie immer bläſſer gewor⸗ den; ihre Wangen waren in dieſem Augenblick weiß wie ein Leichentuch. „Entweder mußte ich ſie tödten oder ſein Verlangen erfüllen.“ „Und was verlangte er für ſein Schweigen?“ „Meine Hand, Herr Graf.“ „Ach, ich verſtehe, er liebte Sie...“ „Sie täuſchen ſich... er hat mich nie geliebt und wird es auch nie thun können, weil er Urſache hat, mich zu verachten... aber ich glaube...“ „Was glauben Sie?“ „Still...⸗ „Fürchten Sie Nichts.“ „Ich hörte deutlich Etwas...“ „Es war der Sturm...“ „Nein, nein, ich hörte deutlich Etwas ſich bewe⸗ gen.. Mein Gott, wenn Jemand uns hörte... Verlaſſen Sie mich.“ „Wann darf ich Sie wiederſehen?““ „Nur in Geſellſchaft meines Mannes... Entfernen 28 Sie ſich... Sie können nicht ſo grauſam ſein, mich blosſtellen zu wollen... gehen Sie... gehen ie.““ „Sie zittern... Sie werden ſchwach... nur noch ein einziges Wort.. ich bitte Sie... nur ein einziges... Sind Ihre Nachforſchungen noch immer ohne allen Erfolg geblieben? Um Alles in der Welt, antworten Sie mir.“ „Ja, mein Herr, ja... aber verlaſſen Sie mich jetzt... ich werde unwohl.“ „Auch ich habe vergebens geſucht...“ „Ermüden Sie nicht... ich bitte Sie... Mein Gott, ich glaube, daß ich in Ohnmacht falle... gehen Sie... gehen Sie.“ „Ich gehe...“ Die Thüre wurde wieder geſchloſſen, bevor der Un⸗ bekannte... der Graf, wie er genannt worden war... ſeinen Satz vollendet hatte, und der Löwe und der Fuchs hörten, wie er langſam wieder die Treppe hinaufging. Noch eine lange Weile nachher blieben Beide auf ihren Plätzen ſtehen, einen ſo, wenn auch nicht tiefen, doch eigenthümlichen und ſeltſamen Eindruck hatte das Ge⸗ ſpräch auf ſie gemacht, weil es ein wichtiges Geheimniß enthielt, das von ganz entſetzlicher Art zu ſein ſchien, obſchon es mehr bloßen Stoff zu Vermuthungen, als wirkliche Enthüllungen und vollſtändige Beweiſe darbot. Inzwiſchen und für den Nothfall hatten alle beide die Geſichter der Sprechenden ihrem Gedächtniß tief ein⸗ geprägt. „Weißt Du, wer die Dame war?“ flüſterte der uchs. „Sollteſt Du es vielleicht wiſſen?“ „Warum nicht? Ich ſetze meinen Kopf daran, daß ſie nichts Größeres und nichts Geringeres iſt, als die Frau unſres Großhändlers; ich nenne ihn den unſern, weil wir im Verlauf einer Stunde mehr beſitzen werden - 1, n 29 als er ſelbſt, wenn wir uns nämlich ſeiner Kaſſe be⸗ mächtigt haben werden.“ „Laß mich Deine Gründe hören.“ „Ich glaube es deßhalb, weil die Königin der wil⸗ den Jagd ſagte, daß ſie ſanft und gut ausſehe, aber traurig. Dies trifft ja vollkommen zu.“ „Ja, ich erinnere mich.“. „Ferner deßhalb, weil ſie ſelbſt ſo eben äußerte, daß ihr Mann ſie nicht liebe, und da es jetzt feſtſteht, daß er es auf eine Andere abgeſehen hat, ſo kann er ja ſie nicht zu gleicher Zeit lieben.“ „Und dann der Graf?“ „Ueber ihn werden wir leicht ins Klare kommen... Saheſt Du, daß er ein Ordensbändchen im Knopfloch hatte?“ „Weiß und roth... ich ſah es.“ „Und dann ſieht man ihm noch an, daß er in ſei⸗ nen Tagen ein ſchöner Mann geweſen ſein muß.“ „Es ſind noch Spuren vorhanden.“ „In den magern Geſichtszügen ſchaute ſein Herz recht deutlich hervor. Er ſah betrübt aus, nicht wahr? Wir werden ihn ſchon ausfindig machen... er kann ein guter Kunde zum Ausſaugen werden.“ Ihre Gedanken hatten unvermerkt eine ganz andere Richtung genommen, als diejenige, wegen welcher ſie urſprünglich hieher gekommen waren. Der Löwe kam zuerſt wieder auf den eigentlichen Zweck ihres Beſuches zurück. „Zum Teufel,“ brummte er,„wir vergeſſen das, was wir zu thun haben, über Dingen, die uns Nichts an⸗ gehen. Vorwärts, Kamerad! Wir müſſen uns jetzt rühren und die verſäumte Zeit wieder einbringen.“ Siiee begannen jetzt die Treppen vollends hinabzu⸗ ſteigen, und bald ſtanden ſie in der untern Hausflur neben der Contorthüre, die beim Schein eines Zünd⸗ hölzchens von allen Seiten genau unterſucht wurde. Sie war mit doppelten eiſernen Riegeln, wovon der eine nach oben, der andere nach unten ging, verſehen, und mit gro⸗ ben, gegen Dieteriche geſicherten Hängeſchlöſſern ver⸗ ſchloſſen, noch ungerechnet das mittlere Schloß, das eben⸗ falls allen möglichen Arten von Dietrichen trotzen zu können ſchien. Der Fuchs unterdrückte einen grimmigen Fluch, der ſich über ſeine Lippen dräugen wollte. „Weh uns! wir müſſen denſelben Weg zurückgehen. An dieſen eiſernen Riegeln wird die Brechſtange abſprin⸗ gen wie Glas; und dieſe Schlöſſer da... ich bekomme graue Haare, wenn ich ſie nur anſehe.“ Der Löwe unterſuchte die Thüre noch einmal. „Stell Dich dort bei der Treppe auf die Wacht... Kommt Jemand, ſo tritt ihn nieder... Nimm die Brechſtange mit, im Fall Du einen Schädel einſchlagen müßteſt... Tummle Dich... hier kann nichts An⸗ deres helfen als Entſchloſſenheit.““ Der Fuchs vollzog den Befehl. So bald der Löwe ſich vor Ueberraſchung ſicher glaubte, zog er einen Boh⸗ rer hervor und bohrte ein Loch in den Rand der Thür⸗ füllung, dann ſteckte er ſeine Handſäge hinein und be⸗ gann, indem er dem Rand des Feldes folgte, daſſelbe herauszuſägen. Nichts ſtörte ſeine Arbeit. Alles um ihn her war ſchweigſam und ſtill, und man hörte nur das gleichmäßige, einförmige Schaben der Säge an der dünnen Thür⸗ planke, die ſich bald lockerte und einen Durchgang für Beide öffnete. Wir ſind unſern Abenteurern bis hieher gefolgt und wollen nur noch hinzufügen, daß ſie, obſchon ſie das Contor und die Geldkiſten wohl verſchloſſen fanden, dennoch alle Hinderniſſe überwanden. In den Kaſſen fanden ſie mehrere Bündel Papier, aber kein Geld, wie ſie erwartet hatten. Aus Verdruß über ihre getäuſchte Hoffnung bemächtigten ſie ſich der 31 Papiere, in der Hoffnung, daß ſie doch auch einigen Werth haben könnten Im Uebrigen war der Raub nicht unbedeutend. Er beſtand aus mehreren Päcken Zitze, Seidenſtoffe und Tücher, wie auch etlichen Silberſtücken, welche die Schreib⸗ pulte ſchmückten. Die Waaren wurden mit Leichtigkeit durch das Fen⸗ ſter hinausgereicht, vor welchem die Kameraden ſie in Empfang nahmen, und ſo bald ſie Alles zuſammenge⸗ ſcharrt hatten, was ſie für werthvoll hielten, entfernten ſich der Löwe und der Fuchs durch das Fenſter, indem ſie die Contors geplündert und in der wildeſten Un⸗ ordnung hinterließen. Eine Viertelſtunde ſpäter ſah man ein kleines, von vier Männern gerudertes Boot eiligſt in die See hinaus⸗ fahren und zwiſchen dem Schiffsholm und dem Blaſie⸗ holm verſchwinden. Die Wolken hatten ſich immer dichter zuſammenge⸗ zogen, der Himmel war finſter und trübe, eine undurch⸗ dringliche Nacht weilte über Stadt und Land. Kein Stern ſpiegelte ſich in der aufgeregten Waſ⸗ ſerfläche; nur der Sturm ſchüttelte ſeine Schwingen im⸗ mer kräftiger und wilder. Spurlos verſchwand das eilende Boot. Drittes Kapitel. Das Contor. Die Firma Kellner und Compagnie dürfte vielleicht mehreren unſrer Leſer unbekannt ſein, aber nichts deſto⸗ weniger iſt ſie ſo gut wie jede andere. Die Geſchäfte von Kellner und Comp. waren weit verzweigt; in der alten und in der neuen Welt gab es kaum ein namhaftes Hauptdepot für Handel und Induſtrie, womit dieſes Haus nicht im Verkehr geſtanden hätte. Als Beweiſe für die Bedeutung der Firma können wir anführen, daß ſie mit Neuorleans Geſchäfte in Baumwolle und Tabak machte, mit New⸗York nur in Tabak, mitChar⸗ lestown in Reis, mit Fernambuc auch in Baumwolle, mit Bahia in Kaffee und Zucker, mit Rio Janeiro in Zucker, mit Buenos Ayres in Fellen, mit Marſeille in Häringen, mit Cette, Bordeaux und Oporto in Weinen, mit Paris und London in Tuch und Seide, mit Petersburg in Talg und Hanf, mit St. Ybes, Terra Vecchia und Trapani in Salz, mit Liſſabon und Meſſina in Früchten u. ſ. w. Als ein ſprechendes Zeugniß für die Betriebſamkeit und Umſicht der Firma köunen wir wohl erwähnen, daß ſie mit einem der ausgezeichnetſten Handelshäuſer in London einen beſondern Vertrag hatte, kraft deſſen ſie mit den beſten Portweinen verſehen wurde, weil, wie man weiß, England das Monopol auf dieſen Wein hat. Aber Kellner und Comp. importirte nicht blos; das Haus exportirte auch. Es verſchickte Eiſen nicht aͤllein nach Boſton, New⸗ York und Charlestown, dieſen vornehmſten Abſatzplätzen, die unſer ſchwediſches Eiſen auf amerikaniſchem Gebiete hat, ſondern auch nach London, Bremen und Lübeck. ————O 4 33 Auf franzöſiſchen Schiffen wurde überdies manche Ladung der reichſten Erzſchätze aus unſern Bergwerken nach St. Malo, St. Brieux und Rennes geſandt. Der Stahl von Dannemora und Gyſinge, in den letztern Zeiten auch von Schebo, wurde vorzugsweiſe in Hull abgeſetzt, wo es bei dem ſtarken Bedarf der Fab⸗ riken ſelten an gutem Abgang fehlte. Aber damit begnügte ſich die Firma immer noch nicht; ſie ſpeculirte auch in Holzwaaren. Und Algier, Tunis und Marocco nicht minder als Marſeille, Livorno, ja ſogar der griechiſche Archipel kann⸗ ten den Namen Kellner und Comp. Eine ſolche Betriebſamkeit mußte dem Hauſe noth⸗ wendig die größte Aufmerkſamkeit in der Handelswelt zuwenden. Die Bank der Reichsſtände beſaß kein größeres Zu⸗ trauen als dieſes Haus Im Inland hatten die von ihm ausgeſtellten Anwei⸗ ſungen ſeit vielen Jahren im allgemeinen Verkehr ebenſo viel Geltung gehabt, als nur je das von den Ständen garantirte Papiergeld, und im Ausland... Das Contor von Kellner und Comp. hatte auch ein Aeußeres, das der Bedeutſamkeit des Geſchäftes voll⸗ kommen entſprach. Nachdem man eine kleine Hausflur paſſirt hatte, kam man in ein größeres Zimmer mit mehreren Doppel⸗ pulten, wo die Contoriſten ſaßen, theils mit Buchführung, theils mit Copirung von Briefen und Beſtellungen oder mit Ausfertigung neuer, nach der Anordnung des Prin⸗ eipals, beſchäͤftigt. „Welch ein ſchreckliches Ereigniß!“ ſagte ein junger Contoriſt zu ſeinem Nachbar auf der andern Seite des Pultes;„Du kannſt Dir gar nicht vorſtellen, wie es aus⸗ ſah, als ich heute früh hier ankam. Die Pulte waren mit Dieterichen ge öffnet, alle Thüren aufgebrochen, die Das Gewiſſen. I. 3 34 Geldkiſten ſtanden weit offen, die Bücher lagen drunter und drüber auf dem Tiſche umher, aus mehreren waren Blätter ausgeriſſen, an andern ſah man noch ſchmutzige Spuren von unreinen Männerfüßen.“ „Und der Großhändler wußte noch nicht das Ge⸗ ringſte?“ „Nicht das Geringſte. Nachdem ich mich von meinem Entſetzen erholt hatte, ſah ich die Nothwendigkeit ein, ihn ſogleich von dem Geſchehenen in Kenntniß zu ſetzen .. aber das war nicht ſo leicht, denn er lag noch im Bett... Du darfſt mir glauben, daß ich ſchon frühe hier war.“ „Und was ſagte er, als Du endlich zu ihm gelangen konnteſt? „Denk Dir, er lächelte... er glaubte gewiß, ich wolle Scherz treiben.“ „Er lächelte 2“ „Allerdings, wie wenn ich ihm eine frohe Nachricht mitgetheilt hätte.“ „Das iſt geiſtreich, ſage ich Dir... wahrhaft ge⸗ nial... meiner Treu, wirklich originell... Du wirſt ſehen, daß ſein Anſehen jetzt noch mehr zunimmt... Zu lächeln bei der Nachricht von einem ſolchen Einbruch .. das iſt göttlich... ſo muß man in der Stunde der Gefahr ſein... ruhig wie geſtandene Milch“ „Ich habe das nicht ſo bedacht... aber Du haſt Recht... es iſt, hol mich der Teufel, originell.. Inzwiſchen ſtand er ſogleich auf... und ſo bald er herabkam, ließ er alle innern Contorthüren verſchließen und ſchickte nach dem Kaſſier.“ „Lächelte er nicht auch beim Anblick all dieſer Un⸗ ordnung, die er da vorfand?“ „Nein, wahrhaftig nicht; im Gegentheil ſah er ganz verwirrt und niedergeſchlagen aus. Die Art, wie daß. Contorzugerichtet war, ging ihm ſichtlich ſehr zu Herzen „Was ſagte er jetzt?“ 4 iter ren zige Ge⸗ nem ein, tzen im ühe gen olle icht ge⸗ 4 virſt ruch unde haſt de ßen, 35 * „Er blieb ganz ſtill. „Sagte er nicht eik einziges Wort?“ „Nicht ein einziges ⁴. „Iſt es nicht ſo, ſage? Eine ſolche Conte⸗ nance beweist, daß e ib und Seele Kaufmann, ein ächter und gerechter Kdüfmann iſt. Ich behaupte, daß er zum Finanzminiſter geboren iſt... Du darfſt mirs glauben... er iſt ein Satanskerl... man muß ſichs zur Ehre ſchätzen, auf ſeinem Contor zu ſein... Ich verſtehe mich auf ſolche Dinge, ich...“ „Nichtsdeſtoweniger... aber Du haſt wohl bereits von dem dummen Gerede gehört?“ „Von welchem Gerede?“ „Nun auf der Börſe.“ „Ach was, dort ſchwatzt man immer mehr, als man handelt. Wie viele ſind wohl da, die man mit Recht Kaufleute nennen kann? Höchſtens drei bis vier. Die übrigen treiben ſich nur in den niedrigſten Regionen he⸗ rum.. wagen vielleicht ein klein Bischen in Branntwein, verſchreiben eine Ladung Talg im Jahr... leben aber auf den blanken Kredit. leben auf neunzig Tage Sicht und gehen dann eines ſchönen Morgens zum Teufel... Das iſt die ganze Geſchichte. Ihr Geſchwatze wiegt nicht ſo viel, als eine Flaumfeder auf der Wagge der Ereig⸗ niſſe; Du kennſt doch die Aeußerung unſres Beranger, ich meine Wadman. Aber was ſagen denn die Leutchen... Laß hören...“ „Sie ſagen...“ er Kaſſier ſteckte jetzt ſein rundes röthliches Geſicht zur innern Thüre herein und unterbrach das Zwiege⸗ ſpräch. „Charlek,“ ſagte er zu dem Contoriſten, der zuletzt geſprochen hatte,„der Herr Großhändler hat Ihnen Ct⸗ was zu ſagen“ Charlek leiſtete der Aufforderung ſogleich Folge und trat zu ihm ein. Der andere Buchhalter warf dem 36 3 ...„. Freund einen Blick nach, als beneide er ihn um die Aus⸗ zeichnung, die ihm zu Theil geworden „Die Reihe wird wohl einmal auch an mich kom⸗ men,“ ſagte er und fuhr Bahia zu kopiren. Die Reihe kam auch wi ich an ihn und zwar vermuth⸗ lich ſchueller, als er ſich vorgeſtellt hatte, denn nach einer„ Weile ſteckte der Kaſſier ſeinen Kopf von Neuem heraus und rief: „Kaufmann, der Herr Großhändler wünſcht Sie zu ſprechen. Kommen Sie herein.“ Fröhlich erhob er ſich und eilte hinein. Wir eilen an Beiden vorüber, um nicht blos eine Ueberſicht vom Contor zu uehmen, ſondern auch in das Innere des Herrn Kellner einen Blick zu werfen Das Zimmer zunächſt dem der Contoriſten war ein Leſezimmer; es war einfach, aber dennoch ſehr zierlich möblirt. Zwei Sofa verwandelten die Ecken des Zim⸗ mers in angenehme Ruheplätze und außer einigen wohl⸗ gearbeiteten Mahagonitiſchchen neben jeder Sofaecke ſtand in der Mitte ein größerer runder Tiſch, bedeckt mit einem grünen, in ſchwarzen Figuren gepreßten Teppich. Ueberall lagen Handels⸗ und Schifffahrts⸗Journale beinahe aus allen Weltgegenden, mit denen das Haus 1 im Verkehr ſtand; wenigſtens fehlte keines der bedeuten⸗ deren Journale von Plätzen wie London, New⸗York, Paris, Hamburg und Lübeck. 1 Nicht genug, daß Kellner Handelsverbindungen mit dieſen Plätzen hatte, er ſchien auch dem Gang des Ge⸗ ſchäftslebens daſelbſt folgen zu wollen, vermuthlich, um ſeine eigenen Unternehmungen deſto ſicherer berechnen zu 5 8 3 können. So mußte wenigſtens Jeder denken, der ins Cont⸗ kam. Vor den Fenſtern befanden ſich chineſiſche Schin Jalouſien, in bunten Farben gemalt, die das hereinfallende inen Originalbrief aus us⸗ om⸗ aus th⸗ ner aus 37 Tageslicht milderten Sie bedeckten jedoch die hohen Fenſter nicht ganz, ſondern von dem obern„nicht be⸗ deckten Theile fiel ein helles Sonnenlicht herein, ſo daß das Zimmer auf eine angenehme und für verſchiedene Augen ganz beſonders zuträgliche Art beleuchtet war. Unmittelbar vor dem Leſezimmer lag das Caſſa⸗ contor. Weniger hell, weil die Fenſter auf die Gaſſe hinaus ſahen, bot es auch einen weniger angenehmen Anblick dar. An dem Pfeiler zwiſchen den Fenſtern ſtand ein großer, altmodiſcher Schreibpult auf einer Erhöhnng. Mit Briefen, Papieren und Contocourants aus verſchie⸗ deuen Jahren bedeckt, flößte er ein Gefühl der Achtung ein, weil man ſich des Gedankens nicht erwehren konnte, daß hier Geſchäfte abgeſchloſſen wurden, die für mehr als einen Welttheil Wichtigkeit hatten. Dieſes Gefühl wurde nicht vermindert durch den Anblick zweier großen, mit Riegeln und mehreren Schlöſſern verſehenen, grün und ſchwarz angeſtrichenen, feuerfeſten Geldkiſten, die auf beiden Seiten des Pultes ſtanden, die eine rechts von Herrn Kellner, der gewöhnlich mit dem Rücken gegen die Thüre, und die audere links vom Kaſſier, der in um⸗ gekehrter Richtung ſaß. Nachdem wir nunmehr die Zimmer beſchrieben ha⸗ ben, wie ſie vor dem Einbruch waren, müſſen wir ein wenig zurückgehen, um von ihrem Zuſtand nach demſel⸗ ben einen Begriff zu geben. Im Leſezimmer lagen die meiſten Journale unter einander geworfen auf dem Boden, theils zerriſſen, theils zertreten. Einige der kleinen Tiſche waren umgeworfen und an dem großen zeigten ſich Spuren einer gewaltſamen Be⸗ handlung. Im Caſſacontor lagen die Bücher in der größten Unordnung; aus einigen waren Blätter herausgenommen und andere waren gänzlich aus ihren Einbänden geriſſen. Beide Geldkiſten waren erbrochen; die eine trug Spuren 38 einer Sprengung durch das Brecheiſen, die a gegen ſchien mit einem Dietrich geöffnet word welcher der Erfindſamkeit des geſchickteſten S loſſers Ehre gemacht haben mußte, eeil die Kiſte nicht im Min⸗ deſten beſchädigt war. Am Pult ſaß auch der Kaſſier, ſein Geſicht in bei⸗ den Händen verborgen und die Ellenbogen auf den Rand geſtützt. Der Schlag, der das Contor getroffen, hatte ihn tief niedergeſchlagen. Von ſeinen Schuljahren her mit Kellner bekannt, hatte er ſchon damals als nnbe⸗ mittelter Junge vielfache Beweiſe ſeiner Freundſchaft und Güte genoſſen. Allein in der Welt ſtehend, da er ſeine Eltern ſchon(rühe verloren hatte, und überdies mit einem nachgiebigen, gutmüthigen und fröhlichen, wenn auch minder ſelbſtändigen Charakter ausgeſtattet, gab er ſich mit Leib und Seele Kellner hin, als dieſer ſein Groß⸗ handelsgeſchäft eröffnete und ſeine Operationen begann. Die Freundſchaft des Prinzipals wies ihm auch ſogleich den nächſten Platz am Pulte deſſelben an, und Brandt, ſo hieß der Kaſſier, rechtfertigte dieſes Vertrauen durch eine unermüdliche Thätigkeit, eine unbeſtechliche Ergeben⸗ heit und— was noch mehr als alles das— durch eine Verſchwiegenheit, die allen, ſelbſt den diplomatiſchſten Verſuchen, in die inneren Geheimniſſe des Contors zu ſchauen, Trotz bot. Großhändler Kellner, konnte man mitunter zu ihm ſagen, iſt ein wahrer Reformator in unſerer Handels⸗ welt: er eröffnet Verbindungen mit Ländern, von denen wir bisher auf der Börſe kaum geträumt haben.“ Brandt antwortete Nichts... er nickte blos und lächelte... und man konnte ſeine Mimik deuten, wie man wollte. 7 Kellner,“ ſagte man ein ander Mal,„iſt in Allem kühn und unvorſichtig; das kann nicht gut enden. Wi können jeden Tag eine Kataſtrophe erleben, die uns zu⸗ ſammen die Augen öffnen wird.“ 3 39 Brandt antwortete auf dieſelbe Weiſe: er nickte zu⸗ erſt, dann lächelte er, und die böſen Zungen verſtummten, wie wenn man ſie aufs Handgreiflichſte zurechtgewie⸗ ſen hätte.. Beſuchte man ihn im Contor, wenn Kellner fort war, ſo ſtand er gewöhnlich auf und ſtützte ſich mit der Hand auf die Geldkiſte, ſo lange der Fremde ſeine An⸗ gelegenheit vortrug. 7 In ſolchen Fällen handelte er eben ſo unbeſchränkt, wie der Principal. Nie hatte man eine zweideutige Runzel auf ſeiner Stirne, nie einen trüben Blick in ſeinen Augen, nie einen Kummer in ſeinem Geſichte geſehen. Ganz anders verhielt es ſich jedoch jetzt. So bald Kellner den Einbruch entdeckt, hatte er nach ſeinem Freunde geſchickt, und als dieſer ankam und die erbrochenen Geldkiſten ſah, da erblaßten ſeine ſonſt ſo friſchen Wangen und die ſonſt ſo feſten Beine wankten, gleich als wäre er von einem entſetzlichen Schickſalsſchlag getroffen worden. „Du ſiehſt, was vorgefallen iſt,“ ſagte Kellner,„hier muß ein raſcher Entſchluß gefaßt werden.“ Aber Brandt antwortete nicht, ſondern ſank auf ſeinen Platz am Pulte nieder und verbarg ſein Geſicht in ſeine Hände. Kellner hatte bis jetzt einen ziemlich guten Muth beibehalten; aber als er den Schrecken ſeines Freundes ſah, da entſank auch ihm das Herz. Am obern Ende des Caſſacontors befand ſich ein grüner Vorhang, hinter welchem einige Kleidungsſtücke hingen, damit man ſie zur Börſenſtunde und dergleichen ſogleich bei der Hand hatte. Aber was nur einige wenige Eingeweihte wußten, das war der Umſtand, daß die Kleider eine Thüre bedeckten, die in ein kleines Zimmer führte, ein friedliches Sansſouci für Kellner, wohin er ſeine Zuflucht nahm, ſo oft er allein zu ſein wünſchte oder Urſache hatte, zu ſagen, daß er ausgegangen ſei. Als Brandt bei ſeinem Schweigen beharrte, nahm Kellner ſeine Zuflucht in dieſes Stübchen. Die Diebe waren nicht hieher gedrungen; aber es hätte ſich auch kaum der Mühe verlohnt, ſo einfach war dieſes Zimmer. An der einen Wand ſtand ein perlfar⸗ biger Sopha, alt und unmodern, aber gleichwohl bequem und behaglich. Eine Strecke davon befand ſich ein Pult mit ſeinem Dreifuß, und daneben eine kleine hölzerne Kaſſenkiſte, mit feſten Eiſenbändern eingefaßt Am Fenſter ſah man einen Spiegeltiſch, und der Luxus von Toiletten⸗ ſtücken, womit er prangte, machte ihn zur größten, um nicht zu ſagen, einzigen Zierrath des Zimmers. Keiner vom ganzen Großhändlercorps der Haupt⸗ ſtadt hatte im Verlauf einiger weniger Jahre ſo große Thätigkeit und Kraft entwickelt, wie Kellner; aber wenn man zuweilen mit unparteiiſchem Kennerblick die Art beobachtete, wie er Geſchäfte machte, ſo lag darin weniger logiſche Berechnung, als vielmehr ein überraſchendes Talent, immer neue Hilfsquellen zu entdecken. Die Ge⸗ ſchäfte bildeten nicht eine Reihenfolge, worin die eine Quantität das nothwendige Ergebniß einer vorhergehen⸗ den war, ſondern ſie beſtanden aus vereinzelten Problemen, die man arithmetiſche Wagniſſe nennen könnte. Er ſelbſt war ein lebhafter, ſeelenvoller, ſtarker Geiſt, aber voll von Exaltation und Selbſttäuſchungen. Je mehr er ſein Geſchäft erweiterte, um ſo mehr wuchs auch ſeine Hoffnung und ſein zuverſichtlicher Glaube an ſein Glück, obſchon er ſehr häufig einen neuen Handel nur abſchloß, um ſich aus einer mißlungenen Speculation zu helfen. Kellner hatte mit den meiſten Schweden den Fehler gemein, ſeine Blicke immer nur vorwärts, aber ſelten oder nie rückwärts zu richten. War eine Schwierigkeit umgangen, ſo war ſie für ihn nicht mehr vorhanden. 4 41 In der großen und wichtigen Kunſt, niemals rathlos zu ſein, hatte er wenig Seinesgleichen. Die Mittel wur⸗ den allerdings nicht immer auf der Goldwage gewogen... aber gleichviel, wenn ſie nur zum Ziel führten, eine Ge⸗ fahr abwandten oder ein Aufſehen erregten, das ſeiner Eitelkeit ſchmeichelte.— Er wußte gar zu gut, daß die große Menge im Allgemeinen mehr auf den Effekt, als auf die Motive ſieht. Sein beſtändig zunehmender Ehrgeiz ſättigte ſich alſo mit Erfolgen, die er auf einem Felde gewonnen, wenn er auch die Feſtungen hinter ſich nicht eingenommen oder nur durch eine Kriegsliſt umgangen hatte; und ſo drang er unaufhörlich vorwärts, ohne ſeine eigene Stel⸗ lung zu überlegen, indem er ſich nur an den neuen Triumphen erfreute, die jeder Tag ihm ſchenkte. Obſchon Kellnet ſelbſt in den mittleren Jahren ſtand, ſo hatte er doch ſeinen Vater noch. Während ſeiner Be⸗ rufsthätigkeit hatte der Alte den Grund zu einem der achtungswertheſten, wenn auch nicht größten Handelshäuſer in Stockholm gelegt. Ordnungsliebe und Pünktlichkeit in den Geſchäften, ſtrenge Redlichkeit und Rechtſchaffenheit in ſeinem öffentlichen Benehmen, Ernſt und kluge Be⸗ rechnung in Allem, was er unternahm, dabei ſehr aus⸗ gedehnte Familien⸗ und Freundſchaftsverbindungen, er⸗ warben und erhielten ihm die allgemeine Achtung, eine Achtung, die an Verehrung grenzte. Einen größeren, einen koloſſalen Reichthum ſammelte er indeß nicht. Als er ſich endlich, müde von Jahren und Anſtrengungen, aus dem Geſchäftsleben zurückzog, war ſein Vermögen nicht größer, als erforderlich war, um ihm ein nach ſeinen Gewohnheiten und Anſprüchen comfortables Leben zu ſichern. „Ich bin reich, weit mehr als reich, ich bin glück⸗ lich,“ pflegte der Alte mitunter zu ſagen,„denn ich habe einen Sohn, welcher vollenden wird, was ich angefangen habe. Es iſt wahr, ich habe den größten Theil meiner 42 Einkünfte auf ihn verwendet, aber er wird ſie mit Zinſen zurückgeben. Ich war der Verſtand... aber Franz iſt das Genie.“ Franz war der Vorname des Sohnes. Das Glück ſchien auch dem Sohn getreulich bei⸗ zuſtehen.. Als man auf der Börſe einmal viel von einem großen und empfindlichen Verluſt zu ſchwatzen hatte, den er in einer mißlungenen Branntweinſpeculation erlitten, brachte er am folgenden Tag ſeinen ganzen Schaden im Korn⸗ handel wieder herein.. „Seht ihr,“ rief der Alte,„ſeht ihr...“ Einige Zeit ſpäter kam die Hiobspoſt, daß ſein da⸗ mals noch einziges Schiff mit Mann und Maus im ſpa⸗ niſchen Meerbuſen zu Grunde gegangen, und man kaatſchte bereits, daß er ruinirt ſei; aber einen Monat ſpäter lagen zwei neue Dreimaſter mit Balken und Theer aus Nordland befrachtet, im Strom, und der Eigenthümer dieſer ſtolzen Fahrzeuge war kein anderer, als Franz Kellner. Der Alte rieb ſich die Hände vor Vergnügen. Kellner freite um ein armes Mädchen in der Haupt⸗ ſtadt, bekam aber einen Korb. Seine Feinde lachten. Sechs Wochen nachher heirathete er eine Dame, die einer der ausgezeichnetſten Familien Schwedens ange⸗ hörte und von ihren ahnenreichen Eltern ein ſehr bedeu⸗ tendes Vermögen zu erwarten hatte. „Was habe ich geſagt?“ prahlte der Alte.„Das Glück folgt meinem Sohn auf den Ferſen, wie ein Sclave ſeinem Herrn. Kellner war Mitglied der Rentencommiſſion. In einer für die Stadt wichtigen Angelegenheit gerieth er in Oppoſition gegen das ganze Collegium und verlangte ſeine Entlaſſung. Er erhielt ſie und man lachte auf ſeine Koſten. 43 Drei Monate nachher wurde er nicht blos unter die fünfzig Aelteſten, ſondern auch mit großer Majorität zum Mitglied des Reichstags gewählt. Der Alte jubelte und die Verleumdung verſtummte. Die Umſtände hatten inzwiſchen weit mehr dazu beigetragen, ihn auf die Bahn zu werfen, die er wählte, als die Erziehung. In Stockholm hat man kaum einen Begriff davon, was die Erziehung zu einem ausgedehnten Geſchäftsleben erfordert. Man ſucht da auch vergebens nach einem Eliten⸗ corps von geſchickten jungen Zukunftsmännern, die ſich durch Kenntniſſe und Studien allmälig zu dem verant⸗ wortungsvollen Beruf einweihen, mit der Zeit die Ge⸗ ſchäfte ihrer Väter zu übernehmen. Stockholm hat zwar Großhändler, aber keine Groß⸗ händlerſöhne: es hat eine Gegenwart, aber eine Gegen⸗ wart ohne lebendige Zukunft, die Handelſchaft ſelbſt iſt daher ein Baum, der zwar Wurzeln hat, aber keine wirk⸗ liche Frucht trägt, keine wahre Lebensfähigkeit beſitzt. Ein Großhändlersſohn in Stockholm lebt luſtig mit den Garniſonsoffizieren und jungen Beamten; er findet ſich nur Samſtags auf der Börſe ein, um— für den Sonntag eine Luſtparthie zu verabreden. Das Contor des lieben Papas beſucht er blos, wenn er Geld braucht. Um doch Etwas zu werden, wird man zuletzt Groß⸗ händler, wenn Papa die Augen ſchließt. Wir ſprechen hier nicht von allen denjenigen, die es werden, nachdem ſie zuvor als Kleinhändler einige Ceſ⸗ ſionen gemacht baben; ebenſo wenig von ſolchen, die da glauben, daß ſie für das Vergnügen eines klangvolleren Titels wohl einen erhöhten Steuerzettel bezahlen können. Nun hatte zwar Kellner ſeine Laufbahn ſchon lange vor dem Abſterben ſeines Vaters betreten; aber er hatte das nicht in Folge einer vorhergegangenen Thätigkeit 44 auf dem Contor, nicht nach vieljährigen Studien über den europäiſchen Geſchäftsgang oder auf den Grund einiger Kenntniſſe des wichtigen Berufes, dem er ſich widmen wollte, gethan. Ohne daß er am Morgen ſelbſt daran gedacht hatte, war er am Abend Großhändler. Mit einem Wort, es war eine Laune.. Bisher hatte er wie alle andern ein Schlaraffenleben geführt, aber man muß zu ſeiner Ehre geſtehen, daß er, nachdem er ſich einmal in die Geſchäfte geworfen, ſich mit einer höchſt ſeltenen Euergie denſelben widmete. Das Anſehen ſeines Vaters verſchaffte ihm zwei Creditbriefe, den einen für Hamburg bei Mendelſohn Bartholdy, und den andern für London bei Gebrüder Baring und Comp. Mit dieſen begann er ſein Geſchäft. Er zog auf den Einen und bezahlte ſeine Verbindlichkeiten bei ihm mit dem Andern. Aber auf die Länge wurde das Be⸗ triebskapital zu klein. Er begann eine Geſchäftsverbin⸗ dung in Paris mit A. Marcuard u. Comp., in Peters⸗ burg mit Stieglitz u. Comp., in Wien mit J. H. Stein⸗ metz und Comp, und binnen Kurzem hatte er das un⸗ ſchätzbare Glück, auch von ihnen Credit zu erhalten. Von dieſem Augenblick an ſtand ihm die ganze Welt offen. Er brauchte blos zu ſpeculiren und zu befehlen. Seine Mittel erſchienen unermeßlich, und Niemand wußte, woher ſie kamen. Wer kann ſich daher auch wundern, wenn der alte Vater über die glänzende Betriebſamkeit ſeines Sohnes im höchſten Grade erfreut war? 4 Weudet man inzwiſchen ſeinen Blick von dieſem ſo bunten und ſchimmernden Gemälde ab, in deſſen Rahmen ein einziger Mann die Marionettenfäden zu ſo vielen 3 wichtigen und weitverzweigten Intereſſen in ſeiner Hand zu halten ſcheint, und betrachtet man ſtatt deſſen lediglich 45⁵ ihn ſelbſt, ſo wie er ſich in dieſem Augenblick zeigt, wie ganz anders geſtaltet ſich nicht da der Eindruck! Nachdem er in das kleine Zimmer gekommen war, hatte Kellner ſich auf den perlfarbigen Sopha geworfen, ohne daß er nur daran dachte, ſich ein Kiſſen unter den Kopf zu ſuchen.. Wie Brandt, verbarg auch er ſein Geſicht in beiden Händen. Kreuzende Gedanken flogen wie Blitze durch ſeinen Kopf. Drohende und ſchmerzliche Vorſtellungen löſten einander wimmelnd ab. Wohin er blickte, trat ihm nur ein Chaos von Finſterniß entgegen. Vergebens verſuchte er ſeine Gedanken zu etwas Ganzem zu concentriren. Es kam ihm vor, als wäre ſeine Denkkraft in Bruch⸗ ſtücke zerfallen, als wären alle ſeine Hoffnungen und Pläne auf einmal in ſeiner Seele eingeſtürzt. Stunden vergingen, ohne daß er ſeine Haltung ver⸗ änderte. Endlich ſprang er vom Sopha auf, und die Hände ſanken von ſeinem Geſicht Aber obſchon er ſich in ſeinen beſten Mannesjahren befand und im Allgemeinen eine kräftige, friſche Natur beſaß, ſo erſchien er doch in dieſem Augenblick ſo alt, als hätten achtzig Jahre ihm ihren lähmenden Stempel aufgedrückt. Seine wimmelnden, unklaren Gedanken hatten ſich allmälig um drei gruppirt, aber dieſe drei waren jeder ein Blitz, der ihn in ſeinem Innerſten zermalmte. „Das geheime Hauptbuch des Contors iſt fort... in weſſen Händen iſt es... das Publikum wird bald meine Geſchäftsgeheimniſſe erfahren. „Die Kaſſen ſind erbrochen... es gibt ein menſch⸗ liches Ange, das in ſie hinabgeblickt und ſie... leer geſehen hat. Auf der Börſe wird man es bald er⸗ fahren. „nnd dann dieſe Briefe und Aufzeichnungen... dieſe Papierbündel... die Antecedentien meiner Fa⸗ 46 milie und die Entwürfe meiner eigenen Pläne... wo befinden ſie ſich jetzt?... vielleicht in der Gewalt meiner Feinde. „Schreckliches Ereigniß, das drei ſolche Zeugen gegen mich aufgerufen hat. „Kaum noch hochgeehrt... bald entehrt! Wie ſoll ich mein Angeſicht vor der Welt verbergen können?“ Hier hielt er inne, gleichſam ſeine eigene Frage überlegend. „Wie?“ wiederholte er, indem er zuſammenfuhr, während eine wilde Flamme aus ſeinen Augen zu leuch⸗ ten begann und die Lippen ſich zu einem höhniſchen Lächeln verzogen.„Einfältiger Narr! fügte er dann hinzu, „auf meine Frage gibt es nur eine einzige Antwort.“ Seine Miene, die ſo eben noch ſo ſchnell gealtert zu haben ſchien, bekam wieder einen männlichen und entſchloſſenen Ausdruck, aus deſſen Hintergrund gleich⸗ wohl etwas Düſteres und Unheimliches hervorleuchtete. „Wohlan denn, va banque!“ ſagte er dann mit einer Ironie, als ſcherzte er auf Koſten ſeines Lebens. „Schande und Verachtung ſollen mich niemals lebendig treffen; eher mögen ſie mich in meinem Grabe zertreten. Va banque! „Ich habe wie ein Fürſt gelebt; man ſoll nicht ſagen, daß ich wie ein armer Schlucker geendet habe. Ein Mann, der ſeinen Untergang überlebt, kann blos auf Ueberbleibſel... auf den Abfall der menſchlichen Barmherzigkeit Anſpruch machen; weiß er dagegen zu ſterben, ſo zieht er noch in ſeinem Fall die allgemeine Bewunderung auf ſich. 8 „Neue Lorbeeren flechten ſich um eines Feldherrn Stirne in dem Angenblick, wo er, nachdem er einen Feldzug verloren, im erſten Glied ſeiner Bataillone de Tod ſucht. Jeder Mann iſt ein Feldherr... ich werd als ſolcher zu ſterben wiſſen...“ „Hier... 47 Und er legte die Hand auf die kleine hölzerne Kaſ⸗ enkiſte.. „Ich habe immer den Gedanken gefürchtet, dereinſt mit der Welt, mit meinem Gewiſſen und mit meinen Gläubigern Abrechnung halten zu müſſen. „Hier habe ich einen Schatz niedergelegt, als ich meine Art zu leben wählte, einen Schatz, der Herr iſt über Leben und Tod, einen Schatz... der meine letzte Zuflucht ausmacht. Der Augenblick iſt gekommen, ihn zu heben.“ Das Käſtchen war mit mehreren Schlöſſern verſehen; aber er drückte blos auf eine kleine Feder, und es ſprang ſogleich auf.— Die Schlöſſer waren nur da, um die Aufmerkſam⸗ keit unberufener Beſchaner irre zu leiten. Auf dem Boden des Käſtchens lagen blos zwei Piſtole. „Als ich Großhändler wurde, habe ich euch hier niedergelegt... als ich um eine Frau warb, lud ich euch... jetzt ſpanne ich euch.“ „Va banque e rief er wieder und führte die Mün⸗ dung gegen ſeine Stirne. Ein einziger Druck, und er wäre nicht mehr ge⸗ weſen. Aber er that ſich Einhalt. Ein neuer Gedanke tauchte in ihm auf, ein Gedanke, der ihm immer wichtig geweſen war, der Gedanke an ſeinen Vater. „O mein Vater,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„was wirſt du ſagen...“ Und er vollendete ſeinen Satz nicht, ſondern warf ſchnell die Piſtole in das Käſtchen zurück, ſo gewaltig ergriff ihn der Gedanke an den Schmerz ſeines Vaters. War es indeß blos kindliche Ergebenheit und Ach⸗ tung, die ihm ſein Benehmen dictirte, oder war es nicht vielmehr die Furcht vor dem Urtheil des Alten? „Mein Vater! mein Vater!“ rief er,„warum trittſt du zwiſchen mich und den Tod, während doch er allein wenigſtens den Schein meiner Ehre retten kann!“ Dabei ſchloß er ſeine Augen und ſchwieg eine Weile. „O Vater, du lächelſt mir entgegen,“ ſagte er dann, gleich als hätte er ſeinen Vater vor ſich und ſpreche mit ihm. „Deine Lippen bewegen ſich... du biſt nicht böſe... du willſt Etwas ſagen... ſprich... ſprich... ha... was höre ich... wär's möglich... Rettung, ſagſt du... auf welche Art... durch welche Mittel... O ſag es mir... ſag es mir...“ In dieſem gereizten Zuſtand wirkte bei ihm die Einbildungskraft mit einer Lebhaftigkeit, welche die Gren⸗ zen ihres gewöhnlichen Maßes überſchritt. „Gibt es wirklich ein rettendes Brett... o ſo laß es ſehen...“ Seine Bewegungen waren, wie ſeine Worte, heftig und unregelmäßig, und obſchon ſeine Gedanken ſich jetzt in einem gewiſſen Geleiſe hielten, ſo hüpften ſie doch mehr, als ſie gingen. Beherrſcht von ſeiner neuen Phantaſie, ſetzte er ſich am Pult nieder und ergriff eine Feder, um auf dem Papier in geordneter Reihenfolge die Umſtände zuſam⸗ menzuſtellen, die ſeine Stellung am meiſten erſchwerten. Aber er fuhr nicht lange damit fort, ſondern warf haſtig die Feder weg und erhob ſich.⸗ In ſeinem Innern arbeitete ein neuer Gedanke. „Ich bin gerettet!: rief er endlich.„O mein Vater, du biſt es, der mich gerettet hat, weil du zur rechten Stunde zwiſchen mich und die Piſtolenmündung trateſt.“ Dabei erhob ſich ſein Haupt wieder, ſein Geſicht färbte ſich von einer neuen Gluth, ſeine Angen gewannen Feuer und ſeine Lippen Purpur. Ein leichtes Zittern lief durch ſeine Glieder; er zitterte vor Freude. 3 „Brandt! Brandt!“ rief er. Es war ihm ein unwiderſtehliches inneres Bedürfniß ſich ſogleich dem unbedingt ergebenen Freunde mitzutheilen. 49 Kaum war jedoch Brandts Name über ſeine Lippen gekommen, ſo hörte er Brandt vom äußeren Zimmer her den ſeinigen rufen. „Kellner! Kellner!“ Im Uebermaß ſeiner Freude eilte er nach der Thüre... aber dieſe öffnete ſich, ehe er ſie erreicht hatte... und Brandt eilte ihm entgegen. „Ich habe ein Mittel gefunden, Dich zu retten,“ rief Brandt. „Auch ich habe eines gefunden...“ „Du? Sollten wir denſelben Gedanken zugleich ge⸗ habt haben?“ „Laß Deine Anſicht hören; ich will die meinige nachher ſagen.“ „Du ſprichſt mit Deiner Frau... ihre Eltern ſind reich...“ Kellner trat einen Schritt zurück. „Nie, mein Freund, nie. Zwiſchen ihr und mir er⸗ hebt ſich ein Vertrag wie eine unüberſteigliche Mauer... und im Uebrigen... nein, Brandt, ſprich nicht davon.“ Brandts Freude legte ſich bedeutend bei Kellners be⸗ ſtimmter Antwort. „Nun wohl, Kellner, dann gibt es nur ein einziges Mittel.“ „Wenn es gut iſt, ſo iſt es auch genug.“ „Deine Stellung iſt ſchon lange verzweifelt geweſen. Benutze die Gelegenheit... laß in die Zeitungen ſetzen, daß ein abſcheulicher Einbruch bei Dir ſtattgefunden habe... und gib Dein Ceſſionsgeſuch ein. Das Un⸗ glück wird Dir Freunde ſchaffen... und ich garantire dafür, daß Deine Ceſſion ein honettes Ausſehen bekommen ſoll.“ Kellner ſchüttelte Brandts Hand; er war erſchüttert von dem bloſen Gedanken, zu dem Schritt genöthigt zu ſein, den dieſer vorſchlug. „Du meinſt es gut mit mir,“ ſagte er;„aber ich Das Gewiſſen. I. 4 50 kann keinen Deiner Rathſchläge annehmen. Sieh hie⸗ her... ich wähle da lieber...“ Und er zeigte auf die Piſtole im Käſtchen. Brandt ſtierte Kellner erſchrocken an. Das einzige Geheimniß, das Kellner bisher vor ihm bewahrt hatte, war der Inhalt dieſes Käſtchens geweſen. Auch dieſes Räthſel war jetzt zu ſeinem Schrecken gelöſt. „Fürchte gleichwohl Nichts, wenigſtens für diesmal,“ fuhr Kellner fort;„ich weiß andere Mittel, die mich retten.“ „Aber all die verfallenen Wechſel?“ „In acht Tagen, ja! Nicht wahr? Wir wollen ſchon ſehen. In Ermangelung eines Beſſeren ſtellen wir neue Anweiſungen aus auf Mendelſohn Bartholdy, auf Ge⸗ brüder Baring und Comp., auf Stieglitz, auf Marcnard, auf Steinmetz... „Aber ihre Creditive ſind bereits überſchritten... Mag ſein; aber ſie haben keinen Grund, mich zu ſtürzen, weil ſie ſonſt alle Hoffnung verlieren, das Ihrige je wieder zu erhalten... alſo... Du verſtehſt mich... während der Zeit verkaufen wir unſer Lager gegen baar.“ „Aber die Conjunctur iſt ſchlecht..“ „Es iſt wahr... aber... aber.. Kellner richtete ſein Haupt auf, als fürchtete er dieſe Bemerkung nicht. 1 „Unſer Lager beſteht hauptſächlich aus Baumwolle, Weinen, Kaffee und Zucker... und Du ſiehſt wohl ein, daß die Conjunctur beſſer werden kann, wenn man nur ein Gerücht über Mißwachs in dieſen Artikeln in Umlauf ſetzt. Jetzt war es Brandt, der mit einem vergnügten Lächeln nickte. „Ich will mit den Miniſtern ſprechen... noch ein paar Beſuche in den Zeitungsbureaux. ausgezeichnete Weine und will dieſen Herrn e tiges Bankett geben.“ „Aber der Einbruch, der Einbruch .„ 51 hier eine kleine Notiz aufgeſetzt, die ich juſt in einer Zeitung veröffentlichen zu laſſen gedachte. „Gib ſie her. Ah, Du gibſt an, ich ſei um eine enorme Summe beſtohlen worden... obſchon...“ Kellner lächelte dabei. „Warum nicht? das iſt ſchon recht... Schicke Charlek herein... und ſchreibe dann die Anweiſungen.“ Charlek kam herein. Zu Kellners guten Eigenſchaſten gehörte auch die, daß er ſeine Contoriſten immer höflich und freundlich behandelte. „Ich habe gewiſſe Gründe, meine Feinde glauben zu machen, daß der Diebſtahl von heute Nacht bedeu⸗ tender geweſen ſei, als er in der That war. Nehmen Sie deßhalb dieſen kleinen Wiſch... ich weiß, daß ich Ihnen mein unbedingtes Vertrauen ſchenken kann... und ſuchen Sie auf irgend eine kluge Weiſe das Ding in eine der verbreitetſten Zeitungen zu bringen... hüten Sie ſich blos, daß es nicht den Anſchein gewinnt, als ob die Sache von mir ausginge... Sie verſtehen mich doch?“ „Vollkommen.“ „Gut... 3 Als jetzt Kaufmann eintrat, verließ Charlek das Zimmer. Treten Sie näher, mein Freund, treten Sie näher. Sie ſehen bekümmert aus...“ „Wie könnte ich auch anders...“ „Wenn ich lächle, wie Sie jetzt ſehen, ſo können Sie immerhin lachen. Das Unglück iſt allerdings hart, doch kann man es noch verſchmerzen. Wie Sie ſelbſt bemerken, haben die Diebe dieſes Stübchen hier nicht beſucht, und was ſie draußen genommen haben, ſind nur Kleinigkeiten. Wären ſie dagegen hieher ge⸗ drungen... dann... dann... Doch ich ſage Ihnen das nur im Vertrauen... denn es würde mich ſogar 52² freuen, wenn man auf der Börſe glaubte, ich ſei ruinirt. Apropos, die Börſenſtunde iſt bald da... Hier ſind ein paar Anweiſungen... wenn Jemand ihrer bedarf, ſo erweiſe ich meinen Freunden gern einen Dienſt damit, daß ich ſie ihnen überlaſſe... Sie können ſie mitneh⸗ men. Im Uebrigen... laſſen Sie ſehen... ja, es iſt doch recht, Sie erkundigen ſich nach Wein, Baum⸗ wolle, Kaffee und Zucker.“ „Aber, Herr Großhändler, Sie beſitzen ja ſelbſt große Lager von dieſen Waaren.“ „Immerhin, aber ich habe meine Gründe... die Preiſe ſtehen jetzt niedrig... man kann nicht wiſſen... Fragen Sie indeß vorſichtig darnach, ich bitte Sie, da⸗ mit man nicht an die Möglichkeit einer baldigen und ſchnellen Preiserhöhung denkt; aber vor Allem vergeſſen Sie nicht jedes Angebot aufzuzeichnen... verſäumen Sie Nichts... fragen Sie genau nach.“ Kellner machte eine Handbewegung, die zu erkennen gab, daß Kaufmann ſich entfernen könne; aber der junge Mann blieb gleichwohl ſtehen. „Sie wollen Etwas ſagen, nicht wahr?“ „Ach ja, Herr Großhändler. Ich bin überzeugt, daß man auf der Börſe ſehr neugierig ſein wird, zu er⸗ fahren, was hier vorgefallen iſt... und ich weiß nicht, wie viel ich ſagen darf.“ 3. „Alles, mein Freund, was Sie wollen. Man glaubt, ich habe Geheimuiſſe, und man täuſcht ſich in Nichts ſo ſehr, wie hierin. Sprechen Sie friſchweg und befriedigen Sie die allgemeine Neugierde. Des Spaſſes halber können Sie mir dann auch mittheilen, was man auf der Börſe geſagt hat... Geſchwätze iſt allerdings blos Geſchwätze, aber man kann doch immer darauf ören.“ 4 h Der Contoriſt hatte ſich kaum entfernen könne als Brandt in Kellners Arme ſank. „Ich will nicht ſagen, daß Du gerettet ſeieſt, Kelluer, 8*2————— 53 aber Deine Geiſtesgegenwart flößt mir wenigſtens Hoff⸗ nung ein. Du biſt Menſchenkenner. Was Du jetzt zu Kaufmann geſagt haſt, das wird er auspoſaunen, und Deine wirkliche Stellung wird ſich in den Labyrinthen der Klatſcherei nicht ſo leicht ausmitteln laſſen. „Friſchen Muth alſo, mein Freund; iſt man ſchwer krank, ſo dankt man Gott auch für ein Palliativ. Gib meinen Hut her... ich muß jetzt ausgehen...“ „Wohin?“ „Zu meinem Vater.“ Viertes Kapitel. Der Unbekannte. Es war am Abend deſſelben Tages. Nach den wilden Stürmen, die im Verlauf des Tages durch Kell⸗ ners Seele gerast, hatten Müdigkeit und Bedürfniß nach Ruhe ſich eingeſtellt. Gegen ſeine Gewohnheit blieb er auch für den Abend zu Hauſe. Die Wohnung, in welche wir jetzt den Leſer ein⸗ führen, war auf die ausgeſuchteſte Art, in wahrhaft fei⸗ nem und luxuriöſem Pariſer Styl ausgeſtattet. Die doppelten Gardinen waren von den weichſten und koſtbarſten Stoffen. Ueber die ſchneeweißen, mit werthvollen Stickereien und feinen Spitzen geſchmückte innere Tülldraperie fiel von den goldverzierten Fenſter⸗ bogen prachtvolle, auf der Seite zurückgeſchlagene Seiden⸗ ſarſche herab. Die Fenſterpfeiler waren mit hohen Trü⸗ meaux geſchmückt. Hier ſtand eine Cauſeuſe, dort ein weicher Emma, mit weißem und rothem Sammt über⸗ zogen. An den Wänden prangten ſchöne Oelgemälde von unſern ausgezeichnetſten einheimiſchen Künſtlern, von Weſtin, Fahlcranz, Wahlbom, Wickenberg, Berger, die ſich gegenſeitig die Aufmerkſamkeit und den Beifall der Beſchauer ſtreitig machten. Seitwärts von den Trümeaux ſtanden auf hübſchen Pfeilern kleinere Meiſterſtücke aus Marmor von Sergel, Fogelberg, Byſtröm, wie auch von unſrem genialen, noch jungen Landsmann Molin. Schönheit und Reichthum ſchienen ſich hier eine eigene Heimath gegründet zu haben. Wohin das Auge blickte, fiel es auf einen Gegenſtand, der ſeine Bewunde⸗ rung feſſelte. Selbſt der Teppich, auf welchem der Fuß ſtand, war ein Prachtſtück von einer reichen orientaliſchen Natur, wo die Blumen in herrlichen, glühenden Farben prangten, wie im ſchönſten Hochſommer. Die von Gold und Kriſtallen ſchimmernden Kron⸗ leuchter verbreiteten inzwiſchen über all dieſe das Auge ſo ſtark blendenden Gegenſtände nur ein halbes Licht; aber wenn der Mangel vollſtändiger Beleuchtung ihnen auch viel von ihrem üppigen Glanz ranbte, ſo zeigten ſie ſich gleichwohl jetzt in einem magiſchen Schein, der ihnen ein Leben gab, welches bei den Zuſchauern einen gewiſſen fantaſtiſchen Eindruck hervorrief. Die Gemälde ſchienen zu leben, die Bilder ſahen aus, als wollten ſie von ihren Geſtellen herabſteigen, und in den Trümeaux erblickte man gleichſam ſein eigenes Geſpenſt; es war ein eigenthümlicher, wunderbarer Zauber. Man vernahm luftige Klaviertöne, die durch die Zimmer ſtrömten; es waren die Präludien zu einer wohl⸗ bekannten Melodie, und bald hörte man eine ſchwache, aber helle und reine Frauenſtimme wehmüthig ſing „Ich weiß ein Land, wo in ſtiller Sternennacht,“ dieſ Lied, das der von hellen Sternen gekrönte Genius der ſchwediſchen Natur ſelbſt, in einem Augenblick des ſchö 5⁵ ſten Entzückens, in weichen und ſchmelzenden Tönen aus⸗ gehaucht zu haben ſcheint. Der Geſang kam aus dem Zimmer der Frau Kellner. Es war acht Uhr... etwas darüber... die Stunde der Beſuche war gekommen. Sämmtliche Zimmerthüren im ganzen Stockwerk ſtanden offen, aber Niemand zeigte ſich, nur der Geſang fuhr fort, wie ein beflügelter Geiſt in holden Tönen durch die Gemächer zu ſchweben. Frau Kellner hatte ſich in ihre Zimmer zurückge⸗ zogen und Herr Kelluer in die ſeinigen. Sie wiegte ſich in die ſanften Träume des Ge⸗ ſanges ein; er ſann über die neueſten Ereigniſſe nach. Kühn und unverdroſſen, wenn es galt, hatte Kelluer im Verlauf des Tags keinen Augenblick unbenutzt ge⸗ laſſen, ſondern Alles aufgeboten, um ſich aus ſeiner ſchwe⸗ ren Verlegenheit zu retten. Er hatte mehrere Staatsräthe beſucht und ihnen beiläufig erzählt, wie er von verſchiedenen Seiten her die Nachricht erhalten habe, daß die diesjährige Baumwollen⸗ erndte in New Orleans und Fernambue ſchlecht ausge⸗ fallen, wie auch, daß in Südamerika ausgedehnte Cafee⸗ und Zuckerpflanzungen von Inſekten verheert worden ſeien, die gleich ſchwarzen Wolken aus dem Weſten ge⸗ kommen. Ebenſo könne man ſich in Spanien und Süd⸗ frankreich keinen guten Herbſt verſprechen, weil allzufrühe ſcharfe Froſtnächte dieſe Theile des Continents heimge⸗ ſucht und, wo ſie den Ertrag nicht ganz vernichtet, doch die Qualität der Trauben bedeutend verſchlechtert hätten. Er prophezeite deßhalb ein hartes Jahr, und nach⸗ dem er ſeine Anſicht nicht blos mit geologiſchen und me⸗ teorologiſchen, ſondern auch mit aſtrologiſchen Hypotheſen unterſtützt, ſchloß er mit der Bemerkung, die Regierung ſollte aus patriotiſcher Umſicht bei Zeiten die zweckdien⸗ lichen Maßregeln ergreifen. Von den Miniſtern ging er zu den einflußreichſten 56 Zeitungsredaktionen. Wie die Abſicht, ſo die Rede. In jedem Land, wo die Regierung ſchwach iſt, ſagte er, müſſen die Journale eine ernſte und beſtimmte Sprache führen. Die Frage müßte, wenn man ſie ins rechte Licht ſtellte, das größte Aufſehen erregen und dem Journal die Achtung der ganzen Nation erwerben. Im Uebrigen erbiete er ſich, wenn man dieß wünſche, Abſchriften ſeiner Correſpondenzen direkt aus den betreffenden Plätzen mit⸗ zutheilen. Kellner hatte die Zeit für ſeinen Beſuch bei der an⸗ geſehenſten Redaktion ſo berechnet, daß er ungefähr in dem Augenblick ankam, wo die Zeitung in die Preſſe gegeben werden ſollte. Der Hauptredakteur, welcher die dem Contoriſten Charlek übergebene Notiz auf Umwegen erhalten hatte, beklagte mit aufrichtiger Wärme den ſchrecklichen Verluſt, der Kellner betroffen habe. „Sie ſprechen von einem großen, einem ungeheuren Verluſt... ich weiß nicht, was Sie meinen...“ „Der Einbruch, der Einbruch...“ „Ah ich verſtehe, es iſt wahr, man hat allerdings bei mir eingebrochen, aber ein Verluſt... das iſt mir unbekannt.“ „Ernſtlich?“ „Auf meine Ehre...“ „Und der Redaktion iſt gleichwohl eine Mittheilung zugegangen, worin erzählt wird, daß...“ hal„Bon wem hat die Redaktion dieſe Mittheilung er⸗ alten?“ „Von wem? Wahrhaſtig das kann ich nicht ſagen. Genug... eine ſolche Notiz iſt uns zugekommen und in die heutige Nummer aufgenommen worden.“ „Mein Gott, was höre ich? Eine ſolche wofſß könnte mich ruiniren.. jedenfalls... die Zeitung iſt doch nicht ſchon gedruckt?“ „Sie liegt in der Preſſe.“ — 57 „Sie wollen mich doch nicht zu Grunde richten mein Herr?“ 7 „Weit entfernt... aber das Blatt iſt fertig... o wie unangenehm!“. „Warten Sie ein wenig. Ich bezahle mit dem größ⸗ ten Vergnügen die Exemplare, die bereits gedruckt ſind, und um ſo wenig als möglich Mühe zu machen, habe ich im Grunde nichts dagegen, wenn die betreffende Notiz in die ganze Auflage kommt. Nur müſſen Sie die Güte haben und mit geſperrter Schrift darunter bemerken, daß Sie aus zuverläſſiger Quelle, und nachdem ſich die Zei⸗ tung bereits in der Preſſe befunden, die ſichere Nachricht empfangen haben, daß die Notiz inſoferne richtig ſei, als allerdings ein frecher Einbruch ſtattgefunden, daß aber die Diebe Nichts von Werth mitgenommen haben, ja ſogar nicht einmal in das Zimmer gedrungen ſeien, wo die eigentliche Kaſſe des Contors verwahrt werde. Die Redaktion konnte dieſes billige Verlangen un⸗ möglich abſchlagen, und Herrn Kellners Wunſch wurde erfüllt. Müde von all dieſen Anſtrengungen des Tags war er jetzt von ſeinen Beſuchen nach Hauſe gekommen und ruhte in einem bequemen Schaukelſtuhl, ſich hin und her wiegend. In der Ferne hörte er die erſterbenden Töne der Stimme ſeiner Frau, und ohne daß ſie zu ſeinem Herzen drangen, ſchmeichelten ſie gleichwohl ſeinen Sinnen. Seine Gedanken weilten bei ſeinen Angelegenheiten. Je mehr er über den Plan nachdachte, den er ent⸗ worfen hatte, um ſo mehr fand er auch Urſache, ihn aus⸗ zuführen, denn er war überzeugt, daß dieſer ihn nicht blos aus ſeiner augenblicklichen Verlegenheit retten, ſon⸗ dern auch den Grundſtein zu neuen Unternehmungen bil⸗ den könnte, die ihm noch mehr Ehre und Reichthümer einbringen müßten. Im Treibhaus eines verſchlagenen Kopfes wächst ouf ſolche Art ein plötzlicher Einfall bald 58 zu einem Baume empor, der wenigſtens Hoffnungen als Früchte darbietet. In der Hand hielt er ein Journal; dieſelbe Nummer, worin die Nachricht von dem Einbruch ſo mitgetheilt wurde, wie er es ſelbſt verlangt hatte. Er lächelte, als er das Blatt betrachtete. „Was für Schlüſſe wird man wohl aus dieſer dop⸗ pelten Notiz ziehen?“ fragte er ſich ſelbſt.„Wird man nicht, wenn man die erſte liest, ſich über die enormen Kapitalien verwundern, die ich beſeſſen und verloren haben ſoll? und wenn man aus der zweiten erfährt, daß ich Nichts verloren habe, wird man da nicht glauben, daß ich noch immer ungeheure Kapitalien beſitze? „Ganz ſicher. „Die Menſchen überlegen im Allgemeinen nicht, was ſie leſen, ſondern laſſen ihr Urtheil durch den erſten Ein⸗ druck beſtimmen. Die öffentliche Meinung hat ſehr häufig ihre eigene Logik, die mehr vom Gefühl diktirt, als von der reinen Vernunft geleitet wird. Wenn man das all⸗ gemeine Gerede zum Bundesgenoſſen hat, kann man ohne Gefahr dem Scharfſinn aller Einzelnen Trotz bieten.“ Er verſtummte und blickte in das Journal. „Je mehr ich das Vorgefallene überdenke, um ſo mehr fühle ich mich geneigt, Gott für den Einbruch zu danken, der verübt worden iſt, denn er hat mich zur Thätigkeit angeſpornt und mir meine Entſchloſſenheit und Kraft wiedergegeben, die ich zu verlieren im Begriff ſtand. „Nur eine einzige Sache ängſtigt mich,“ fügte er nach einer Weile hinzu. 3 Während er ſprach, ſank ſein Kopf in ſeine Hand hinab. „Das Hauptbuch, das Hauptbuch,“ murmelte er da⸗ bei,„und dann dieſe Papiere da; hätte ich nur ſie wieder, ſo wollte ich nichts fürchten.“ Der Geſang ertönte nicht mehr aus dem inner Zimmer, und Kellner verſank in ſich, gleich als hätte da ernſtere Nachdenken es ſeinem innern Gefühl anheimge —— 59 ſtellt, das Raiſonnement über die Ereigniſſe des Tages zu vollenden. Endlich erhob er jedoch haſtig und lauſchend ſein Haupt, als er an die Thüre klopfen hörte. „Wer iſt da?“ fragte er. Als er ſich umſah, näherte ſich ihm ein Bedienter von hinten. „Was willſt Du?“ „Ich ſoll dem Herrn Großhändler melden, daß der Herr Graf hier iſt.“ „Was für ein Graf?“ „Graf Frank, der die Wohnung oben gemiethet hat.“ In demſelben Augenblicke klopfte es von Neuem. „Oeffne die Thüre... Du hörſt doch, daß Je⸗ mand klopft.“ Als die Thüre geöffnet wurde, fragte eine Stimme von außen, ob Großhändler Kellner hier wohne und ob man ihn treffen könne. „Haben Sie die Güte, einzutreten,“ antwortete Kellner ſelbſt.„Du kannſt,“ fügte er gegen den Be⸗ dienten hinzu,„meine Frau erſuchen, daß ſie den Grafen empfange. Ich werde ſogleich kommen.“ Der Bediente entfernte ſich. 3 Die Perſon, die jetzt eintrat, war Kelluer gänzlich unbekannt.. „Erlauben der Herr Großhändler, daß ich meinen Mantel ablege? fragte der Unbekannte. Kellner ſah ihn verwundert an. Als der Fremde inzwiſchen, ohne auf eine Antwort zu warten, ſein Ueberkleid abwarf, bemerkte Kellner, daß er Etwas zu verbergen ſuchte, das er bisher unter dem Arm getragen hatte. Kelluer ließ ihn gewähren, folgte ihm aber aufmerkſam mit ſeinen Blicken. „Wenn Sie übrigens,“ fuhr der Unbekannte fort, „Nichts dagegen haben, ſo nehme ich mir die Freiheit, 60 die Thüren ihres Zimmers zu verſchließen, weil ich Et⸗ was zu ſagen habe, das nur Sie allein hören dürfen.“ Dieſe Bemerkung verſetzte Kellner in noch größeres Staunen. Aber ohne ſich im Mindeſten geniren zu laſſen, that der Unbekannte, wie er geſagt hatte. Als er jedoch an die Thüre kam, die zum Empfangs⸗ zimmer führte, verweilte er ein wenig, indem er einen Blick hineinwarf. Es war der Moment, wo Frau Kellner den Grafen Frank empfing. Der Großhändler, der den Unbekannten nicht aus dem Auge verlor, bemerkte dieſen Blick und ſah auch, daß derſelbe einen eigenthümlichen, unerklärlichen Aus⸗ druck in ſeinem Geſichte hervorrief; ein Umſtand, welcher den Eindruck der Sonderbarkeit, den das ganze Auf⸗ treten des Mannes auf ihn machte, in Nichts ſchmälerte. Die Geſichtsbildung, die Figur und der Aufzug des Unbekannten hatten etwas Einnehmendes, Stolzes, Di⸗ ſtinguirtes. Die hochgewölbte Stirne verkündete einen kräftigen, klugen und entſchloſſenen Geiſt. Das Auge war voll von Feuer und Muth. Sein Wuchs war hoch, wohlproportionirt und ſchlank; ſein ganzes Ausſehen war kräftig und energiſch, jugend⸗ lich und friſch. Das dunkle, beinahe ſchwarze Haar ſah gleichwohl aus, als hätte es bereits zu grauen angefangen, und unter den dunklen Augen zog ſich eine bläuliche Schat⸗ tirung hin, die ihn zwar nicht entſtellte, aber dennoch den Schluß geſtattete, daß er nicht mehr ſo jung ſei, wie er auf den erſten Blick ſchien, oder auch, daß er ſchnell ge⸗ lebt haben müſſe. Ein ſchwarzer, vorwärtsgekämmter Backenbart ſtach auf eine intereſſante und gefaͤllige Art gegen das ſonſt blaſſe Geſicht ab. 61 Niemand konnte leugnen, daß er ein hübſcher Mann war; er ſchien ſogar in ſeinen jüngeren Jahren bild⸗ ſchön geweſen zu ſein. Seine Kleidung war elegant, obſchon vielleicht etwas prunkhaft; über ſein Benehmen und ſeinen Charakter konnte Kellner noch nichts Anderes urtheilen, als daß es dem Manne nicht an Kühnheit fehle. So bald er die Thüren verſchloſſen hatte, kehrte der Unbekannte zu Kellner zurück, der unbeweglich auf ſeinem Platz ſitzen geblieben war. „Sie ſcheinen über mein Auftreten erſtaunt zu ſein,“ begann der Unbekannte,„und das kann mich nicht wun⸗ dern. Ich bin ſelbſt beinahe erſtaunt darüber...“ „Wer ſind Sie, mein Herr?“ fragte Kellner. „Ich habe über wichtige Dinge zu ſprechen,“ fuhr der Unbekannte fort, ohne dieſe Frage zu beachten oder zu beantworten,“ und ich glaube, daß Sie mich mit Ver⸗ gnügen anhören werden.“ „Haben Sie vorerſt die Güte, mir zu ſagen, wer Sie ſind,“ wiederholte Kellner. „Die Sache verträgt keinen Aufſchub,“ ſprach der Unbekannte, ohne ſich in ſeinem Gedankengang ſtören zu laſſen,“ und ich bin überzeugt, daß ich Ihre Freundſchaft verdienen werde.“ Kellner wußte nicht, wie er dieſen Mann behandeln ſollte; aber er begann die Kühnheit genau zu beobachten, die er ihm Anfangs mehr als Unverſchämtheit, dann als bn Charaktereigenſchaft von edlerem Gehalt ausgelegt atte. „Herr Großhändler,“ begann der Unbekannte wieder, ohne ſich auf eine lange Vorrede einzulaſſen,„ich will Ihnen mit kurzen Worten ſagen, daß ich den Stand Ihrer Angelegenheiten kenne.“ Kellner ſprang, wie von einer giftigen Schlange ge⸗ ſtochen, von ſeinem Stuhl auf und ſtellte ſich mit duße⸗ rem, drohendem Blick gerade vor den Unbekannten. 62 „Ich wiederhole,“ fuhr dieſer nichtsdeſtoweniger fort, „daß ich Ihre Angelegenheiten eben ſo gut kenne wie Sie ſelbſt, und damit Sie ſehen, daß ich nichts ins Blaue hineinſchwatze, will ich Sie mit einem einzigen Wort über den wahren Beſtand derſelben aufklären: Sie ſind ruinirt, mein Herr.“ Hätte ein Dolchſtoß Kellner ins Herz getroffen, er würde ihn weniger geſchmerzt haben, als dieſe nackt aus⸗ geſprochenen, den Nagel auf den Kopf treffenden Worte; aber es lag nicht in ſeiner Natur, ſich überrumpeln zu laſſen und ſich vor einem Fremden bloszuſtellen. „Ich habe Sie,“ ſagte Kellner, ohne daß man mer⸗ ken konnte, was in ſeinem Junern vorging, zweimal zu der Erklärung aufgefordert, wer Sie ſind, und Sie ha⸗ ben meine Frage nicht beantwortet. Jetzt weiß ich es, ohne daß Sie es ſelbſt geſagt haben.“ Kellner bemerkte dabei einen leichten Farbenwechſel im Geſicht des Unbekaunten; aber er konnte die Urſache davon nicht errathen. „Sie wiſſen, wer ich bin...“ „Sie ſind ein Narr, mein Herr, den ich, wenn er ſich nicht ſogleich gutwillig entfernt, zur Thüre hinaus⸗ werfen werde.“ Das Geſicht des Unbekannten erheiterte ſich während dieſer Erklärung und nahm ſeine frühere unerſchrockene und offene Ruhe wieder an. „Es ſteht Ihnen frei, Herr Großhändler, zu thun was Sie wollen, und mir für meinen Theil macht es ſehr wenig aus, wenn Sie mir die Thüre weiſen; aber es würde mir um Ihretwillen leid thun, denn Sie würden ſehr viel dabei verlieren.“ „Verlieren?“ ſind... „Mein Herr...“ „Allerdings. Ich habe ja geſagt, daß Sie ruinirt— „Und wenn Sie mich hinauswerfen, wozu Sie un⸗ 63 leugbar vollkommen berechtigt ſind, ſo wird in einer Stunde die ganze Stadt daſſelbe ſagen wie ich„..“ „Daß ich ruinirt ſei?“ „Ja, mein Herr.“ Der Unbekannte drückte ſich mit ſolcher Sicherheit aus, daß Kellner eine Furcht empfand, die ſonſt nicht oft Gewalt über ihn erhielt. „Aber vorausgeſetzt, daß Sie mich nicht hinaus⸗ weiſen,“ fuhr der Unbekannte fort,„ſo glaube ich Ihnen inzwiſchen bemerken zu müſſen, daß ich beinahe einen ganzen Tag ausſchließlich über Ihre Angelegenheiten nachgedacht habe... und über die Möglichkeit, Sie zu retten.“ Kellner begann den Mann unverbeſſerlich zu finden, und er zuckte die Achſeln nicht mehr aus Verdruß, ſon⸗ dern aus Ungeduld. „Wenn Sie Nichts dagegen haben, will ich Ihnen ein kurzes Gemälde Ihrer Angelegenheiten aufrollen.“ „Keinen Scherz, mein Herr.“ „Sie haben vollkommen Recht, keinen Scherz... ich gedenke auch gar nicht zu ſcherzen,“ antwortete der Unbekannte mit derſelben hartnäckigen Ruhe, und ohne ſich weiter ſtören zu laſſen, ging er auf eine kurze Schil⸗ derung von Kellners Angelegenheiten ein, wobei er eine ſo genaue Detailkenntniß entwickelte, daß Kellner über⸗ raſcht und geſchlagen daſtand. „Wer ſind Sie? wer ſind Sie?“ rief er. Aber der Unbekannte beantwortete dieſe Frage nicht, ſondern zog ſtatt deſſen eine Nummer der Zeitung her⸗ vor, welche die Notiz über den Einbruch enthielt. „Wiſſen Sie, Herr Großhändler, wer dieſe Notiz hat einrücken laſſen?“. „Was meinen Sie damit?“ „Nichts, ich frage nur...“ „Nunwohl, nein, mein Herr... 64 „Dann will ich es Ihnen ſagen... es iſt Niemand anders als Sie ſelbſt.“ Kellner zog ſich erſchrocken zurück, weil er ſich nicht nur blosgeſtellt ſah, ſondern auch fühlte, wie der Unbe⸗ kannte ihm Schritt für Schritt immer näher zu Leibe rückte, ohne daß er ſeine Abſichten zu errathen vermochte. Ein qualvolleres Gefühl hatte Kellner noch nie em⸗ pfunden, als in dieſem Augenblick. Er ſchwebte über einem Abgrund, und es hing nicht mehr von ihm ſelbſt, ſondern von einem andern ab, ob er hineinſtürzen ſollte oder nicht. 8 „Sie müſſen wiſſen,“ fuhr der Unbekannte fort, der ſich durch Nichts in ſeinem Vorſatz ſtören ließ, Kellner ſeine unglückliche Lage vor die Augen zu halten.„Sie müſſen wiſſen, daß es durchaus unerlaubt iſt, durch Aus⸗ ſprengung falſcher Gerüchte das Publikum irrezuführen, und Sie ſehen gewiß ein, daß ich, der ich aufs Genaueſte unterrichtet bin, eine Ehrenſache darin finden muß, mor⸗ gen in daſſelbe Journal einen vollſtändigen Rechenſchafts⸗ bericht ſetzen zu laſſen, der Ihre wahre Stellung mit Ziffern nachweist.“ Bei dieſer Drohung ſchwand alles Blut aus Kellners Geſicht. „Im Zuſammenhang damit,“ ſprach der Unbekannte weiter,„müßte ich das Publikum auch über andere Kleinig⸗ keiten aufklären, z. B. über... über...“ Kellners Augen vergrößerten ſich vor Unruhe und er ſtarrte ſeinen Gegner an. „Ueber... über...“ wiederholte er. „Z. B. über die eine und andere bemerkenswerthe Schmuggelei...“ „Was höre ich?“ d „Ueber Ihre intime Verbindung mit der einen und andern Behörde...“ „lleber... 1 8 65 aber nichtsdeſtoweniger recht intereſſante Familienver⸗ hältniſſe.“ „Ah 3.4 „Ueber eine bewerkſtelligte oder beabſichtigte In⸗ grundbohrung eines Schiffes, das vor ein Paar Monaten von New York abfuhr.“ Wir wollen uns nicht mit einer Beſchreibung von Kellners Gefühlen während dieſer grauſamen Tortur aufhalten, welche der Unbekannte ihn ausſtehen ließ, und zwar mit einer ſo unerſchütterlichen Ruhe, als ſpielte er mit einem Inſekt. Aber zermalmt, bleich und entſtellt ſank er auf ſeinen Stuhl nieder. „Da ich jetzt,“ begann der Unbekannte nach einer kurzen Pauſe wieder,„überzeugt bin, daß Sie mich nicht mehr zur Thüre hinauszuwerfen gedenken, ſo will ich zum zweiten Kapitel übergehen.“ „Um Alles in der Welt, ſeien Sie ſtill, mein Herr, ſeien Sie ſtill... Iſt's nicht genug, daß Sie mich zermalmt haben? Wollen Sie den Zermalmten auch noch höhnen?“ „Der Anblick Ihrer Verzweiflung betrübt mich. Hätten Sie mich nicht ſelbſt durch Ihre Verachtung und Ihre Drohungen dazu genöthigt, ſo würde ich nicht ſo weit gegangen ſein, weil ich nicht hieher gekommen bin, um Sie zu vernichten, ſondern um zu Ihrer Rettung beizutragen.“ „Was verlangen Sie von mir?“ „Nichts Anderes, als daß Sie mich als einen Freund betrachten und anhören ſollen. Nach dem zu urtheilen, was ich weiß, beſitzen Sie einen glänzenden Kopf, viel Erfindſamkeit und Kühnheit, wie auch große Kraft und Unternehmungsgeiſt. Ich bin alſo auch überzeugt, daß Sie bereits manches Ciſen im Feuer haben, um ſich zu retten; aber darf ich Ihnen meine Anſicht ſagen, ſo müſſen Sie... wenn Sie nicht bereits daran gedacht Das Gewiſſen. I. 5 ma haben... ſogleich ein großes, recht in die Augen fal⸗ lendes Geſchäft in Schweden ſelbſt abſchließen, ſo daß man hier an Ort und Stelle, als dem Ausgangspunkt aller Ihrer Operationen, Gelegenheit erhält, den Umfang derſelben zu begreifen und zu controliren.“ Kellner erhob ſein Haupt wieder und ſah erſtaunt den nicht mehr blos unbekannten, ſondern auch unerklär⸗ lichen Mann an. „Sie müßten nach meiner Auſicht ſchon morgen ein Landgut ſo nahe wie möglich bei der Hauptſtadt kaufen, ein Landgut von einer halben Million.“ Kellner fuhr zuſammen und erhob ſich heftig. Die Augen des Unbekannten blitzten. Beide betrachteten einander während einer kurzen Pauſe. „Aber Sie kennen ja meine Angelegenheiten,“ be⸗ merkte Kellner nach einer Weile, indem er ſeinen Blick wieder zu Boden ſenkte. „Ich kenne ſie, aber ich weiß auch, daß Sie einen Namen haben.“ „Einen Namen?“ „In Schweden braucht man nicht mehr. Man kann hier ein armer Schlucker ſein... wenn man nur für reich gilt, ſo kann man alle Geſchäfte machen, die man nur will. Man kann hier in der Wirklichkeit ein Schurke ſein; wenn man nur für einen ehrlichen Kerl gilt, ſo wird Niemand ſich bedenken, Einem die größte Ehre zu erweiſen. Man kann hier ein dummer Eſel ſein; wenn man nur einen Namen hat, ſo darf man mit Sicherheit darauf rechnen, zu den höchſten Würden zu gelangen. Wie ich ſage, Sie haben einen guten Namen.“ „Aber die Kaufbedingungen... vielleicht fordertt n... 8 „Baar Geld? Das müſſen Sie ſelbſt anbieten. dagegen müſſen Sie alle Einzeichnungen enngfci a Kelluer war überraſcht von der kühnen Ausſicht 67 eine neue Betriebſamkeit, welche der ſonderbare Manu ihm eröffnete, und ſeine Sympathien erwachten. „Wer ſind Sie?“ fragte Kellner von Neuem; aber er ſtellte dieſe Frage jetzt in einem ganz anderen Ton als früher. „Natürlich,“ fuhr der Unbekannte, als ob er die Frage ganz überhört hätte, fort,„natürlich werden ſolche An⸗ gebote und Bedingungen das allgemeine Urtheil von der Solidität Ihrer Angelegenheiten noch mehr befeſtigen.“ „Aber wenn man das Kapital erheben wollte?“ „Bah, kein Menſch will eine halbe Million erheben. Beharren Sie entſchieden bei Ihrem Angebot, ſo wird man Ihnen bald gehorſamſt danken, wenn man für das Gut... Ihren Namen bekommt, und dann...“ „Dann...“ „Dann... zeichnen Sie es wohl für ihre eigne Rechnung ein.“ Der Unbekannte hatte aus Kellners eigener Seele geſprochen, und dieſer fühlte ſich unwiderſtehlich zu ihm hingezogen. Er öffnete auch ſeine Arme, um ihn an ſeine Bruſt zu drücken. „Wer ſind Sie?“ rief er wieder.„Wer ſind Sie?“ Aber der Unbekannte ſchien ſich über dieſen Punkt auf keine Erklärung einlaſſen zu wollen. „Herr Großhändler,“ fuhr er ſtatt deſſen fort,„wenn Sie meinen Vorſchlag für zweckmäßig halten, ſo wünſche ich nur, daß Sie ihn auch ausführen, und es würde miſh freuen, wenn Sie all die Vortheile ernteten, die Sie verdienen. Sie können auf mich immer als auf einen dienſtwilligen Bundesgenoſſen rechnen.“ Wenn ſich zwei gleichgeſtimmte Inſtrumente in einem Zimmer befinden und man auf dem einen davon einen gewiſſen Ton anſchlägt, ſo erklingt derſelbe Ton auch von der entſprechenden Saite auf dem andern. Das zſehältniß zwiſchen Kellner und dem Unbekannten war 1) von dieſer Art. Der Charakter des Erſteren har⸗ 68 monirte mit dem des Letzteren, und in ſeiner Seele tön⸗ ten die Anſichten deſſelben wie ein Echo wieder. Auch 1 hatte Kellner ſich einen Augenblick der Freude über dieſe Gleichgeſtimmtheit hingegeben, obſchon er ſich von einer unwillkürlichen Furcht vor dem finſtern Blick, womit der Unbekannte ihn zuweilen betrachtete, nicht freizumachen vermochte. „Sie ſind,“ begann der Unbekannte wieder,„erſtaunt über meine Bekanntſchaft mit Ihren Angelegenheiten; aber Ihr Staunen wird bald aufhören. Haben Sie die Güte und ſehen Sie hierher.“ Der Unbekannte begab ſich dabei zu ſeinem Mantel, worin Kellner ihn Etwas verſtecken geſehen hatte, und zog... das geſtohlene geheime Hauptbuch des Kellner⸗ ſchen Contors hervor. „Aus dieſem Buch habe ich meine Einſicht in Ihre wirkliche Stellung geſchöpft.“ Ohne zu bedenken, was er that, ſtürzte Kelluer vor und griff nach dem Buch. „Es iſt mein,“ rief er...„geben Sie es her!“ „Sie müſſen geſtehen, daß ich es der Polizei hätte übergeben können und vielleicht auch ſollen.“ „Geben Sie es her, es iſt mein...“ 5 „Freiwillig bin ich hierher gekommen, und nur mit meinem freien Willen können Sie das Buch von mit zurückerhalten. Beſinnen Sie ſich alſo.“ „Ich rufe meine Dienerſchaft; Sie müſſen es mit geben.“ „Rufen Sie immerhin, mein Herr, aber halten S mich denn auch für ſo dumm, daß ich mit dem Buz hierhergekommen wäre, wenn ich nicht vorher beglaub Abſchriften von ſeinem Hauptinhalt genommen hätte? 0 „Sie machen mich wahnſinnig, mein Herr. iſt Ihre Abſicht?“ „Sie zu retten.“ „So geben Sie mir das Buch.“ 69 „Freiwillig? ja; aber nicht mit Gewalt.“ „Sagen Sie, was Sie von mir fordern, und ich bewillige es Ihnen.. Nur geben Sie das Buch her..“ „Ich fordere Nichts; ſehen Sie, da iſt es...“ Mit beinahe wahnſinniger Freude empfing Kellner das Buch. Er vergaß, daß er nicht allein war, und blätterte es mit gierigen Blicken und blindem Eifer durch. Auf einmal hielt er inne und ſchaute zu dem Un⸗ bekannten auf. „Die Briefe, die Dokumente, die Papiere... ich vermiſſe ſie...“ „Wirklich?“ „Sie müſſen auch dieſe wieder herbeiſchaffen... ich habe aus Ihrem Gerede entnommen, daß Sie dieſelben beſitzen...“ „So, Sie haben das entnommen...“ „Sonſt hätten Sie meine Angelegenheiten nicht ſo genau ausmitteln können...“ „Ich habe mir mit Vermuthungen weiter geholfen.“ „Sie betrügen mich...“ Kellner ſchien ſeinen Satz vollenden zu wollen; aber er unterbrach ſich auf einmal und trat dicht vor den Unbekannten. 4 „Jetzt weiß ich, wer Sie ſind, mein Herr.“ „So.“ „Daß ich es nicht ſogleich begriff! Jetzt weiß ich es.“ „Wer möchte ich wohl ſein?“ „Sie ſind der Dieb... Sie ſind es, der dieſe Pa⸗ piere geſtohlen hat.“ Der Unbekannte maß Kellner mit einem kalten Blick vom Kopf bis zum Fuß. „Geſtohlen?“ wiederholte er;„Sie täuſchen ſich, ich habe ſie gefunden.“ „Wie? wo? wann?“ „Als ich geſtern Abend an Ihrem Hauſe vorbeikam, ſtieß mein Fuß auf Etwas, und als ich darnach ſah, 70 was es war, fand ich Ihr Buch. Die Diebe hatten es verloren.“ „Und die Briefe... die Dokumente?...“ „Kaum hatte ich das Buch aufgehoben, ſo hörte ich im Dunkeln einige Perſonen vor mir halblaut mit ein⸗ einander ſprechen. Aus ihren Worten entnahm ich, was geſchehen war... noch mehr...“ „Sie hörten, was die Leute ſagten?...“ „Sie kamen überein, ſich heute Abend zu treffen.“ „Wo? wo?“ „Wenn⸗Sie ihnen einen Beſuch machen wollen, ſo glaube ich, den Ort zu kennen.“ „Man könnte ſie alſo feſtnehmen laſſen?“ „Was würde das Ihnen nützen? Sie würden dabei blos wieder verlieren, theils weil Ihre Privatkorreſpon⸗ denz bekannt werden könnte, theils auch, weil man dann erführe, daß Ihre Kaſſe leer war.“ „Sie können Recht haben; aber was iſt da zu thun?“ „Sie müſſen die Leute aufſuchen und das Verlorene zurückkaufen.“ „Sie glauben, daß es gelingen würde?“ „Es kommt anf einen Verſuch an.“ „Und Sie würden den Ort ſinden?“ „Ich hörte ſie ihn ganz deutlich beſchreiben und werde ihn, im Fall Sie es wünſchen, wohl ermitteln können.“ Kellner betrachtete den Unbekannten eine Weile ſchwei⸗ gend, gleich als wollte er ſein Innerſtes erforſchen. Die Art, wie der Unbekannte aufgetreten war und ſeine Rolle bisher geſpielt hatte, erſchien Kellner ſo eigen⸗ thümlich, daß er ſich kein klares Urtheil über ihn zu bil⸗ den vermochte. Da er einen allzu ſchwachen Glauben an menſchliche Uneigennützigkeit hegte, ſo blieb ihm der Gedanke ganz fern, daß der Mann ohne beſondere B weggründe handeln könnte. Aber worin beſtanden dieſe ben wohl? Dieſe Frage war nicht leicht zu beantworten. 71 Wollte er ſich bezahlen laſſen? Es hatte wenigſtens nicht den Anſchein. Verbarg ſich vielleicht perſönliche Feind⸗ ſchaft hinter der Maske, die er angenommen hatte? Das klang nicht wahrſcheinlich, denn welchen Grund konnte er wohl dazu haben? Handelte er nicht vielleicht eher aus bloßer Sonderlingslaune? Kellner verweilte bei dieſem Gedanken, und indem er den Mann noch einmal betrachtete, mußte er ſich ſagen, daß ſeine Erſcheinung von großer Selbſt⸗ ſtändigkeit zeuge. Er konnte ſich ſogar einer gewiſſen Beſchämung nicht erwehren, als er ihm jetzt in's Geſicht ſchaute und daran dachte, daß er ſich aus plötzlicher, un⸗ mootivirter Aufwallung in ſeinen Aeußerungen gegen ihn 8 vergangen, während der Unbekannte nicht einen Augen⸗ blick ſeine ſtoiſche Ruhe verloren hatte. Aber ungeach⸗ tet aller Reflexionen blieb das Bild noch immer dunkel und unklar für Kellner, nur eine einzige Sache ſchien ihm ſicher, nemlich daß er einen eben ſo dreiſten als ver⸗ ſchlagenen Mann vor ſich habe. Da er ſich nun mit Unruhe geſtehen mußte, daß er gänzlich wehrlos in deſſen Hand gefallen, ſo mußte er es für zweckdienlicher halten, ſß zu ſeinem Freunde zu machen, als ihn von ſich zu ſtoßen. In der Erklärung des Unbekannten, über die Art, wie er das Buch bekommen, und in ſeiner Mittheilung, daß er aus dem Geſpräch der Diebe den Ort errathen könne, wo ſie den Raub zu theilen gedächten, lag nichts Unwahrſcheinliches. Kellner trug gleichwohl einen Augenblick Bedenken, ob er ihm folgen ſolle oder nicht; aber er fand bald, daß er, wenn er gezwungen war, ſich in dem ſonderbaren Mann einen Freund zu erwerben, ihm nothwendig auch ein unbedingtes Vertrauen beweiſen mußte. „Wohlan denn,“ ſagte er alſo,„ich folge Ihnen.“ „Das iſt ſchön,“ antwortete der Andere;„Sie ha⸗ ben alſo Vertrauen zu mir. Unſer Geſpräch kann jetzt beendet und die Thüren können wieder geöffnet werden.“ Und mit derſelben Ungezwungenheit, womit er ſie geſchloſſen hatte, öffnete er ſie jetzt wieder. Die Thüre zum Empfangszimmer wurde indeß mit ſolcher Behutſamkeit geöffnet, daß ſie nicht den mindeſten Ton von ſich gab. Als der Unbekannte ſeinen Blick in's nächſte Zim⸗ mer warf, fiel ſein Auge auf den ihm gegenüber befind⸗ lichen Trümeau, deſſen Spiegelglas ein Bild, beſtehend aus einer Dame und einem Cavalier, von dem daneben liegenden Zimmer auffaßte, wozu die Thüre offen ſtand. Beim Anblick des Spiegelbildes hörte man einen halb erſtickten Ausruf von den Lippen des Unbekannten. „Was iſt das?“ fragte Kellner. „Nichts, Nichts,“ antwortete der Unbekannte, wie⸗ wohl ſo laut, daß man es im andern Zimmer hören konnte. Das Bild im Spiegel veränderte ſich dabei ſogleich. „Nichts... und dieſer Ausruf?“ „Sehen Sie da...“ und er deutete auf den Spiegel,„„.. der einnehmende und milde Ausdruck im Geſicht dieſer Dame überraſchte mich.“ Kellner leiſtete gleichgültig der Aufforderung des Unbekannten Folge. „Niemand anders als meine Frau,“ fügte er dann hinzu, aber in demſelben Augenblick fiel es ihm ein, daß er eine Gelegenheit finden könnte, den Namen des Unbe⸗ kannten zu erfahren, wenn er ihn ihr vorſtellte, und er erbot ſich alſo, dies zu thun. „Sehr gern,“ antwortete der Unbekannte. „Unter welchem Namen?“ „Sie können mich Chevalier Gourville nennen.“ „Sie ſind alſo Franzoſe?“ „Ich bin in Frankreich geboren, habe mich aber nur ſehr wenig in meinem Vaterlande aufgehalten.“ 4 Als ſie in den Salon kamen, trafen ſie Frau Kellner r 73 in einer Sophaecke und den Grafen Frank in einem Lehnſtuhl nahe bei ihr. Chevalier Gourville... ſo müſſen wir den Unbe⸗ kannten jetzt nennen... bemerkte die Verlegenheit, die ſeine und Kellners Erſcheinung hervorrief. Frau Kellner erröthete zuerſt⸗und dann erblaßte ſie; Graf Frank ſchien nicht zu wiſſen, wohin er ſeine Blicke richten ſollte. Die Vorſtellung ging dazwiſchen vor ſich, aber das Geſpräch wollte nicht in Gang kommen. Gonrrille ſah Kellner an, daß er ungeduldig zu werden und mit for⸗ ſchender Aufmerkſamkeit ſeine Frau und den Grafen ge⸗ nauer zu beobachten anfing. Der unvorſichtige Ausruf, der dem Chevalier kaum erſt entfahren war, ſeine minder genügende Erklärung und die Verlegenheit, die ſich jetzt kund that, konnten unlengbar einem Mann Veranlaſſung zu argwöhniſchen Gedanken gegen ſeine Frau geben, zumal wenn es ihm Vergnügen machte, eine ſolche zu ſuchen und zu finden. Je zweideutiger die Stellung der Anweſenden er⸗ ſchien, um ſo mehr ſteigerte ſich ihre Spannung und Verlegenheit. Kellner's Unterlippe zitterte bereits... er beabſich⸗ tigte Etwas zu ſagen. Aber in dieſem Augenblick ſchlug die Uhr. „Hören Sie,“ ſagte jetzt Gourville.„Es ſchlägt, Herr Großhändler... und Sie haben ja verſprochen, mich zu begleiten... halten Sie ſich alſo bereit... die Zeit iſt da.“ Mehr bedurſte es nicht, um Kellners Gedanken eine andere Richtung zu geben, und er begab ſich wieder auf ſein Zimmer. Kaum war Kellner fort, ſo trat Gonrville auf die Dame zu.. „Sie haben unleugbar außerordentlich ſchöne Hände, Madame,“ ſagte er zu ihr;„aber wenn Sie Jemand 74 erlauben, ſie zu küſſen, ſo ſollten Sie ſie gleichwohl ſo placiren, daß Ihr Mann... wenn er die Thüre drinnen öffnet... es nicht in dieſem Spiegel da ſehen kann.“ Frau Kellner erblaßte und verbarg ihr Geſicht in ihren Händen; Graf Frank warf einen drohenden und finſtern Blick auf Gourville. „Ha, mein Herr, was wagen Sie zu ſagen?“ „Ich wage, Ihre Aufmerkſamkeit darauf zu lenken, Herr Graf, daß Großhändler Kelluer einige Urſache hätte, gewiſſe argwöhniſche Betrachtungen auf den Umſtand zu gründen, daß er beobachtete, wie Sie in der Zerſtreunng das battiſtene Nastuch ſeiner Frau in Ihren Hut geſteckt aben.“ Graf Frank biß ſich in die Lippen, da er ſah, daß er die Zerſtreutheit begangen hatte, worüber der Cheva⸗ lier ſeine Bemerkung machte. Mit einem ruhigen Lächeln auf den Lippen entfernte ſich Gourville. Sobald er fort war, erhob ſich Frau Kellner. Sie war nicht mehr jung, und gleichwohl hielt es ſchwer, ihr wirkliches Alter zu errathen. Wohl lag etwas vollkommen Gereiftes und Ausgebildetes in ihrem Weſen, beſonders in dem Ernſt, der die eigentliche Krone ihres Lebens und ihres Gemüths auszumachen ſchien; aber die Jahre hatten unter den feinen und edlen Zügen, die ihr mildes Weſen ſo trefflich charakteriſirten, keinen feſten Fuß zu gewinnen vermocht. Gleich der Sinnpflanze ſchienen ſich dieſe edlen und feinen Züge, als die kalte Hand der Zeit herannahte, furchtſam in ihr Herz zurück 7⁵ gezogen und auf ſolche Art von der zerſtörenden Gewalt der Zeit gerettet zu haben. Wenn man in ihre blauen Augen ſah, fühlte man ſich zu dem Glauben verſucht, daß der ſchimmernde Glanz, der ſie belebte, von einer ſilberhellen Thräne käme. So viel Kummer meinte man in der Tiefe der Ruhe zu ſehen, die aus ihnen ſtrahlte. 1 Ihre Geſtalt war nicht hoch, ſondern harmonirte vollkommen mit ihrer einfachen und ſchüchternen Art und Weiſe. In dieſem ſchlanken und zierlichen Modell eines weiblichen Weſens ſchien ſich Alles auf ein zärtliches und gefühlvolles, vielleicht in ſeiner Empfindſamkeit ſchwaches Herz zu beziehen und davon auszugehen. Obſchon es den Wangen nicht an ihren Roſen und den Lippen nicht an ihrer Glut fehlte, ſo glänzten doch die Roſen nicht und die Glut flammte nicht, aber nichts deſtoweniger waren ſie voll von Anmuth, wiewohl einer frommen und ergebungsvollen Anmuth. Augenſcheinlich hatte ein Kum⸗ mer ſie ſchon frühzeitig getroffen, und ohne ſie zu zer⸗ malmen, ſchien er ſie gleichſam in ihrem Wachsthum ge⸗ hemmt, bei einem wichtigen Augenblick ihres Jugendlebens aufgehalten und ihr einen unauslöſchlichen Stempel auf⸗ gedrückt zu haben. 4 Manchmal treffen Ereigniſſe von ſo tief eingreifender Bedeutſamkeit ein, daß das ganze Leben die Form oder das Gepräge derſelben annimmt; aber wenn Viele davon gebrochen und vernichtet werden, ſo gibt es hinwiederum auch die eine und die andere Seele, die hernach ganz allein von ihnen lebt. Die Folgen beruhen nicht darauf, wie tief das Unglück in unſere Herzen eingreift, ſondern wie ſie den Schlag aufnehmen. Ein ſolches zermalmendes Ereigniß ſchien Frau Kellner getroffen zu haben; aber wenn die Liebe es ver⸗ anlaßt oder hervorgerufen hatte, ſo ſchien die Liebe auch alle ſeine zerſtörenden Wirkungen abgewendet zu haben. 6.½„Sie ſehen, Graf,“ ſagte ſie zu Frank,„zu welchen 76 unangenehmen Folgen Ihre Beſuche führen können. Ich ſchäme mich nicht blos bei dem Gedanken, daß mein Mann uns in einer minder gut gewählten Stellung hätte überraſchen können, ſondern auch darüber, daß wir die Abwendung dieſer Unannehmlichkeit einem Fremden zu verdanken haben. Sahen Sie den Blick, den der Cheva⸗ lier auf mich heftete? Er erſchreckte mich... und doch ... ach ja, Sie müſſen Ihre Beſuche hier aufgeben oder wenigſtens mir ausweichen. Gourville...“ Frank kreuzte ſeine Arme über der Bruſt und näherte ſich ihr; aber der Ausdruck in ſeinem Geſicht war dabei nicht ſtolz... er war bittend und voll Liebe. „Nicht wahr, Gabriele,“ antwortete er ihr,„Sie denken nicht, wie Sie ſprechen? Nein, nein, Sie können nicht ſo denken.“ „Wiegen Sie ſich nicht mit Selbſttäuſchungen ein. Haben Sie das Lächeln geſehen, womit Gourville uns betrachtete?“ „Sie ſind mit Selbſttäuſchungen behaftet, nicht ich. Für uns gibt es ein Vereinigungsband, das Nichts im Leben zu löſen vermag.“ „Das aber der Tod bereits gelöſt haben dürfte.“ „Sie täuſchen ſich, mein Herz ſagt mir das. Wenn auch alle Nachforſchungen bis jetzt an einem unfreundli⸗ chen Schickſal geſcheitert ſind, ſo beweiſt dies ja Nichts. Sollte der Tod unſer Vereinigungsband aufgelöſt haben, ſo hinterläßt der Tod auch, ſo gut wie das Leben, ſeine Spuren; aber wir haben ja ſolche noch nicht gefunden. Glauben Sie mir... die Hoffnung hat mich nicht ver⸗ laſſen, und bald... ſehr bald dürfte ich Ihnen wichtige Aufſchlüſſe mittheilen können. Eine gleichgültige Ruhe ſoll mir wenigſtens nicht zur Laſt gelegt werden, bevor ich gefunden habe, was ich ſuche. Es wird mir auch gelin⸗ gen; ſeien Sie deſſen ſicher.“ „Möge der Himmel Ihr Vorhaben mit Erfolg krö⸗ nen! Aber hüten Sie ſich nur vor Gourville... er meint 77 es nicht gut mit uns... weichen Sie ihm aus... er iſt ein gefährlicher Menſch...“ 4 „Seien Sie unbeſorgt, ich fürchte keinen Menſchen.“ Ohne zu antworten, richtete ſich, Gabriele unruhig auf. „Sie ſind unwohl, Madame, Sie ſind ſo heftig...“ „Verlaſſen Sie mich, Graf; um Alles in der Welt, verlaſſen Sie mich, ich wünſche allein zu ſein... es iſt ſchon ſpät... wenn ich mich nicht täuſche, ſo ſagten Sie ja, Sie hätten heute Abend noch etwas Wichtiges zu beſorgen.“ „Es iſt wahr, Gabriele... aber bei Ihnen vergeſſe ich Alles.. es geht ſchon auf zehn... nun wohl, ich verlaſſe Sie... ach, aber nur, das dürfen Sie glauben, nur um...“ „Um was...“ „Um noch eifriger und mit größerer Hoffnung als bisher ſogleich unſere gemeinſame Nachforſchungen fort⸗ zuſetzen... und zwar ſchon heute Abend... aber Sie ſollen es nachher erfahren.“ „Möge es Ihnen gelingen, Graf! Ich flehe zu Gott darum. Aber ſuchen Sie dem Chevalier auszuweichen er hatte Etwas an ſich... ich weiß ſelbſt nicht, was ... aber es machte mich zittern.“ 3 „Vor dem Chevalier?“ „Ja, ja!“ Sobald Gabriele allein war, ſank ihr Haupt in ihre Hände hinab. Aber bald erhob ſie es wieder und begann im Zimmer auf- und abzugehen. Ihre Bewegun⸗ gen waren ungeduldig und unruhig. Bald legte ſie ihre Hand auf's Herz, bald fuhr ſie damit an die Schläfe. Sie wußte ſelbſt nicht, was ſie empfand, und ſie hatte dieſe Empfindung noch nie gehalt. Ihr Geſicht verlor dadurch Nichts von ſeiner Milde, aber es wurde lebhafter. Wenn die Zeit bis jetzt gleichſam an ihren Reizen ſtehen geblieben war, ſo könnte man ſagen, daß ſie nunmehr wieder angefangen hatte, zu gehen. Gleichſam um ihren 78 Gefühlen einen Abgang zu verſchaffen, ſetzte ſie ſich an das Piano. Aber die Töne, welche ſie ſeinen Saiten entlockte, waren nicht mehr blos lieblich und melancholiſch; ein friſcherer Hauch ſauſte jetzt durch dieſelben. Fünftes Kapitel. Die Diebshöhle. Nachdem Kellner und Gourville ihre Mäntel genom⸗ men, begaben ſie ſich weg, ohne Gabriele einen weitern Beſuch zu machen. An der Schiffsbrücke angelangt, gingen ſie am Schloßflügel vorbei und nach der Nord⸗ brücke, ſodann ſchief über den Guſtav⸗Adolfsmarkt, am Opernhaus vorüber auf den Markt Karls XIII. Als ſie an Leas Galanterieladen vorbeigingen, bat der Chevalier, Kelluer möchte einen Augenblick warten, während er in die Bude eintrat. „Was machten Sie da?“ fragte ihn Kellner, als er nach einer kurzen Weile wieder herauskam. „Ich kaufte etwas für uns beide,“ antwortete Gourville. „Für uns beide?“ wiederholte Kellner, dem dieſe Antwort ſonderbar erſchien. „Sie werden es bald ſehen, aber laſſen Sie uns jetzt weiter gehen.“— In ihre Mäntel gehüllt und jeder tief in ſeine Ge⸗ danken verſunken, ſetzten ſie ſtillſchweigend ihren Weg fort. Auf dieſe Art kamen ſie in die Nordlandsſtraße. In Kellners Kopf arbeiteten viele Gedanken. Ver⸗ * ,—pyj 1 ——-—cd 79 leitet von gewiſſen fröhlichen Zukunftsbildern, die ihm zu gleicher Zeit die Ausſicht auf eine neue Wirkſamkeit eröff⸗ neten und die Hoffnung einflößten, durch eine feine Hand⸗ habung der Geſchäftsverhältniſſe in der Hauptſtadt nicht blos ſich aus einer Verlegenheit zu retten, ſondern auch noch weitere Vortheile zu erwerben, hatte er ſich einen Augen⸗ blick über den Diebſtahl gefreut, der ihn zwang, mit ver⸗ doppeltem Eifer und erneuter Umſicht ſeine Thätigkeit zu erhöhen; aber obſchon dieſe Gedanken ihn wirklich noch nicht verließen, ſo konnte er ſich doch einer gewiſſen Nie⸗ dergeſchlagenheit und Angſt nicht erwehren, wenn er jetzt bedachte, daß das Geheimniß ſeiner Angelegenheiten nicht mehr ihm allein gehörte, ſondern in die Hände eines Mannes gerathen war, den er nicht einmal kannte. So lange der Vorhang ſeines Contors herabge⸗ laſſen war, ſo lange Niemand in die Geheimniſſe deſſel⸗ ben geblickt oder ſeine eigenen perſönlichen Verhältniſſe durchſchaut, hatte er ſich kühn gefühlt und war muthig ſeinen Weg gegangen, um ſo mehr als die öffentliche Meinung ſchützend ihm zur Seite ſtand und ganz und gar kein Argwohn ihn verfolgte. Jetzt hatte ein einziges fremdes Auge ihn durchſchaut und er zitterte. Der Unbekannte nannte ſich Gourville, aber er war ihm darum nicht weniger unbekannt. Kellner hatte jetzt vollkommen Zeit, in ſeinen Mantel eingehüllt, das zu überdenken, was ſich mit dieſem Manne zugetragen hatte. Er begann ſich Vorwürfe zu machen, daß er ſich in einem unbewachten Augenblicke habe überrumpeln laſſen. Aber je näher er dieſen Vorwurf betrachtete, um ſo unrichtiger erſchien er ihm, weil er fand, daß er, von welcher Seite er nun Gourvilles Anfall betrachten mochte, in ſeinen Verhältniſſen blosgeſtellt und zur Ohnmacht verurtheilt war.. Wenn Gourville inzwiſchen bisher undeutlich und dunkel vor ihm geſtanden hatte, ſo klärte ſich dennoch 80 r Unterſuchung ſein Bild immer mehr, ohne bei genauere d deßhalb größere Zuverſicht einzuflößen; im Gegentheil wurde ſeine Unruhe und ſein Kummer dadurch vermehrt. Kellner hatte Entſchloſſenheit und Ruhe, Scharfſinn und Urtheil zu beſitzen geglaubt, aber er mußte zugeben, daß er in Gourville ſeinen Meiſter gefunden. Einen Augenblick hatte er gemeint, daß Gourville ſich zu ſeinen Handlungen nur durch eine hervorragende Eigenheit ſeines Charakters habe verleiten laſſen, und dieſen Gedanken hatte er mit Wohlgefallen ergriffen, weil er für ihn beruhigender war, als jeder andere; aber im Hintergrunde erhob ſich zugleich ein neuer weit ſchreckli⸗ cherer Gedanke, nemlich daß Gourville dennoch kein an⸗ derer ſei, als derſelbe, der den Diebſtahl begangen habe. In dieſen Gedanken lag ein Abgrund, der ſich auf allen Seiten um ihn her öffnete und erweiterte. In dem Augenblick, wo er beſchloß, ihn nach der Diebshöhle zu begleiten, wollte er noch, von gewiſſen Illuſionen beherrſcht, durch einen Beweis ſeines Ver⸗ trauens, ihn zum Freund zu gewinnen ſuchen; jetzt be⸗ reute er das, obſchon er nicht zu ermitteln vermochte, auf welche Art er ausweichen könnte. 3 Kellner empörte ſich über den Gedanken, in eine nähere Freundſchaftsbeziehung zu dem Chevalier zu kom⸗ men, ſo wie er ihn jetzt betrachtete; aber noch mehr regte ihn der Gedanke auf, einen Feind in ihm zu be⸗ kommen. Unter dieſen Ueberlegungen, die ihn ohne alles Re⸗ ſultat im Unklaren erhielten, konnte er nicht umhin, einen prüfenden Blick auf ſeinen Begleiter zu werfen, der ganz nahe bei ihm ging. Die Sicherheit und Zuverſicht, womit Gourville ſich bewegte, und die ſeine ganze Erſcheinung charakteriſirte, überraſchte ihn zuerſt. 3 Kellner wollte durchaus auch in ſeiner Art und Wei 81 etwas Verbrecheriſches ſehen; aber vergebens ſuchte er danach. Einer von den ausgezeichnetſten Löwen der Haupt⸗ ſtadt hätte ſich nicht vortheilhafter zeigen können. Dieſer Umſtand beruhigte Kellner etwas, und es fiel ihm wieder ein, daß der Mann möglicherweiſe das ſein konnte, wofür er ſich ausgegeben hatte, nämlich ein Franzoſe... vielleicht ein Abenteurer, aber doch ein anſtändiger Menſch.. Unſere Wanderer hatten inzwiſchen einen großen Theil der Nordlandsſtraße zurückgelegt und waren an diejenige Strecke gekommen, die nach der Hopfengarten⸗ ſtraße führt. Hier wandte ſich Gourville links der öden, ver⸗ wahrloſten und verdächtigen Gegend zu, die ihren großen Markt in dem ſogenannten Sumpf beſitzt, ihren Palaſt in der auf einem Berg gelegenen, von ÜUnreinlichkeit und Armuth umgebenen Wohnung, worin die ſogenannten „Alten des Prinzen“ einlogirt waren, und ihre Monu⸗ meute in dem Schandpfahl und Schaffot. An ſchönere Gegenſtände und beſſere Ausſichten ge⸗ wöhnt, kann man dieſen Theil von Stockholm nicht ohne einen gewiſſen Schauder beſuchen. Kellner empfand auch ein Gefühl der Unruhe, ob⸗ ſchon er ein zu energiſcher Mann war, um einer wirk⸗ lichen Furcht Raum zu geben. Aber der Muth ſtellt ſich bei einem unerſchrockenen Mann immer mit der Gefahr ein, und auch Kelluers Unruhe verſchwand in dem Augenblick, wo er die öde Gegend betrat. „Wohin führen Sie mich?“ fragte er inzwiſchen ſeinen Begleiter, mehr aus unwiderſtehlichem Bedürfniß das Schweigen abzubrechen, als aus irgend einem andern Grund. „Wohin? Natürlich in die Diebshöhle. Wir haben es ja ſo verabredet.“ 5 Ein Gewiſſen. 1, 6 82 Um auf alle Fälle vorbereitet zu ſein, ſteigerte Kellner ſeine Aufmerkſamkeit. Gourville ſtieg jetzt rechts einen ſteinigen und holperigen Hügel hinan, welcher den Anfang der weſt⸗ lichen Hopfengartenſtraße bildete. 8 Eine Laterne hing in der Ecke, wo die Straßen zuſammenliefen. Beim Schein ihrer matten Flamme las Kellner am Eckhaus den Namen des Quartiers„Hechelberg.“ Der Name flößte ihm ein unbehagliches Gefühl ein; aber er zuckte die Achſeln und ſchritt nur um ſo muthi⸗ 83 e tralinſtitut für die privilegirte Bettelei in der Hauptſtadt und die Betrügereien, die unter der Maske der Armuth von ſolchen getrieben werden, denen ein allerdings ur⸗ ſprünglich ſchönes Gefühl, aber eine nicht gehörig über⸗ legte Art von Wohlthätigkeit eine Freiſtätte in dem n ſogenannten Interimsmilitärverſorgungshaus oder dem Aſyl für die bereits genannten Alten des Prinzen eröff⸗ n net hat. Die weſtliche Hopfengartenſtraße iſt nicht gepflaſtert, ;3 ſondern gleicht einem gewöhnlichen Landweg. Der Herbſt⸗ regen hatte ſie aufgeweicht, und ſie war weniger gangbar als ſonſt. 5 Mit allem Fug und Recht hatte Kellner alſo den g Wunſch geäußert, den Mann mit der Laterne, der vor ſt ihnen ging, wo möglich einzuholen; aber jemehr ſie ihre Saeni beſchleunigten, um ſo ſchneller entfernte auch . er ſich. ie„Laſſen Sie uns immer raſcher drauf zugehen,“ er⸗ nd mahnte Kellner, den die Dunkelheit, aber noch mehr der en tiefe Koth und die Goſſen, worin er da und dort herab⸗ iſt floß, im höchſten Grade beläſtigten. n, Aber ungeachtet ſeine Mahnung befolgt wurde, kam ie man gleichwohl dem Lichte nicht näher... Es fuhr en fort, ſich unaufhörlich zu entfernen und es flatterte immer e⸗ in gleichem Abſtand vor ihnen her. „Es ſcheint beinah, wie wenn der Laternenträger or wüßte, daß wir ihn einzuholen ſuchen,“ bemerkte ſeiner⸗ e⸗ ſeits Gourville,„denn er hält auf dieſe Art immer gleichen Schritt mit uns und entfernt ſich in gleichem er, Maß, wie wir uns nähern. Inzwiſchen iſt er immerhin zu etwas gut, nämlich uns den Weg zu zeigen.“ n⸗„Mir kommt es eher vor,“ fiel Kellner ein,„wie is wenn wir blos inſofern Nutzen von der Laterne hätten, als ſie uns über den ſchrecklichen Weg aufklärt, den e⸗ wir gehen.“ n⸗ 84 Die dichtere Häuſerreihe hörte jetzt auch links auf und der Weg ging nur zwiſchen Zäunen vorwärts. „Sind wir bald an Ort und Stelle?“ „Noch nicht.“ „Wenn ich mir vorher einen richtigen Begriff von dem Weg gemacht hätte, den Sie mich zu führen ge⸗ dachten, ſo würde ich auf Ihren Vorſchlag, dieſen Ort zu beſuchen, nicht eingegangen ſein.“ „Und die Waaren, die man Ihnen geſtohlen hat, und dann die Papiere?“ Kellner antwortete nichts, gab aber ſchweigend zu, daß er nichts anders habe thun können, als mitzugehen. Man kam an dem einen und andern vereinzelten Hauſe rechts vorbei, und gegen den ſchwarzgrauen Nacht⸗ himmel empor erhoben ſich auch ein Paar Mühlen; ſonſt ſchien die Gegend vollkommen öde. Das vor ihnen flatternde Licht war das einzige Zeichen von Leben und Bewegung, das ſich entdecken ließ. Düſtere Gedanken begannen wieder in Kellners Seele aufzuſteigen. Der Unbekannte... Gourville fuhr nämlich fort, in Kellners Augen eine unbekannte Perſon zu ſein... konnte ja ſehr leicht ihn nur in eine Schlinge gelockt haben, und er ſah einen Augenblick ſein Leben in Gefahr. Aber die Gedanken ſind Eingebungen der Vorgänge in uns ſelbſt, Töchter aus der ewigen Ehe der äußeren Welt mit unſerem inneren lebendigen Geiſt, das Ergeb⸗ niß ihrer beſtändig fortgeſetzten Wechſelwirkung. Kellner, deſſen Blick unaufhörlich dem Lichte folgte, das ſich vor ihm her bewegte, ſah, daß es ſtehen blieb. Alle ſeine Gedanken blieben gleichfalls, nebſt ſeiner ganzen Aufmerkſamkeit, bei demſelben ſtehen. „Das Licht ſcheint uns jetzt zu erwarten,“ be⸗ merkte er. „Es iſt vorn beim Ziele.“ Von dem Punkt, wo die weſtliche Hopfengartenſt 8⁵ mit der Sauerbrunnenſtraße oder dem dieſelbe fortſetzen⸗ den Weg zuſammen ſtößt, geht auch ein dritter Weg aus, der zu der Königin Chriſtinenſtraße und weiter zum Ladugardfeld führt. Auf der einen Seite des Vereinigungspunktes dieſer drei Straßen liegt ein verfallenes und unanſehnliches hölzernes Haus, deſſen Bauart ein Alter von wenigſtens hundert Jahren verräth. 1 Man kann von dem Hauſe ſagen, daß es haupt⸗ ſächlich in zwei Theile eingetheilt iſt, den unteren und den oberen.. 6 Derjenige Theil, worin die Wohnzimmer liegen, iſt niedrig und hat ein dürftiges Ausſehen; das Dach da⸗ gegen, das in zwei Abſätze getheilt iſt, ſieht ſtattlicher aus und iſt beinah doppelt ſo hoch. Das Haus ſcheint dadurch weit mehr des Daches wegen da zu ſein, als das Dach des Hauſes wegen. Ueberall zeigen ſich Spuren von Alter und Verfall. Auf dem einen Giebel iſt eine kleine ſteinerne Mauer, die zum Theil die Wand ſelbſt ausmacht und urſprünglich mit einer dunkelrothen Farbe beſtrichen war; aber dieſe iſt jetzt zum größeren Theil verwittert und theilweiſe nebſt der Uebertünchung abgefallen. Auf der andern Seite ragt in einem rechten Winkel gegen das Gebäude ein Stück von einem Nebenhaus hervor, wovon jedoch die nächſten Theile in den letzten Jahren zu Wohnzimmern verwandelt worden ſind. Auf dem Dach ſitzt eine Windfahne und knarrt. Zwei kleine einzelne Gebäude und einen Tabaks⸗ laden abgerechnet, die in einiger Entfernung liegen, iſt die nächſte Umgebung öde und unbewohnt. Auf drei Seiten iſt das Haus von Tabakspflan⸗ zungen umgeben, und weiter hin auf den Höhen ſtehen ein paar Mühlen, unter denen ein ſchmaler, aber tiefer Thalgang ſich zwiſchen Felſenklippen nach dem Sumpf hinab zieht.. 86 Auf der andern Seite des Weges verkettet ſich die eine Berghöhe mit der andern und darüber erhebt der hinten liegende Nadelwald ſeine dunkeln Wipfel. Weiter hin links ſieht man hohe Sandhügel, bald aus kürzlich erſt eingetretenen Erdſtürzen beſtehend, bald in tiefen Gruben liegend, denen man anſieht, daß man Kies daraus geholt hatte. Bei dieſem Gebäude blieb das Licht ſtehen. Als Kellner und Gourville ſich ihm näherten, hörte man aus der Ferne von der Sauerbrunnenſtraße her das Getöſe eines Wagens. Es war kein Grund für ſie vorhanden, einiges Ge⸗ wicht darauf zu legen, weil der Wagen irgend einem Reiſenden angehören konnte, der auf der Roßlager⸗Zell⸗ ſtraße an dem alten Wirthshaus Clars an der Ecke vorbei kam; aber gleichwohl blieb Gourville ſtehen und lauſchte darauf. „Der Wagen kommt hieher,“ äußerte er. „Glauben Sie das?“ „Ich höre, daß der Trab der Pferde immer lauter wird... er kommt ganz ſicherlich hieher... es iſt ſehr ſonderbar.“ „Sonderbar... warum das?“ „Weil mir dieſe Gegend ſo abgelegen und unbe⸗ wohnt ſcheint, daß ein Reiſender juſt keinen Grund haben ſollte, hier zu paſſiren.“ 5 „Laſſen Sie uns weiter gehen. Die Sache geht uns nichts an. Kommen Sie.“ 3 „Warten Sie ein wenig.“ „Warum?“ „Sie wiſſen, daß der Ort, den wir jetzt beſuchen, ein Diebsneſt iſt.“ „Nun ja.“ 3 „Sie finden wohl, daß wir vorſichtig ſein müſſen.“ „Das gebe ich zu.“ „Sie ſehen wohl auch die Pothwendigken ein, wo 87 möglich unbekannt zu bleiben. Ich möchte um keinen Preis in der Welt, daß Sie, ein geachteter Mann im Staate, an einem ſo verdächtigen Ort wie dieſer, hier geſehen würden.“ „Ich billige Ihr Zartgefühl, aber wer ſollte uns hier kennen?“ „Ei man hat in Neſtern dieſer Art ein ſicheres Auge, eine feine Naſe, ein vortreffliches Gedächtniß, und man zieht hier ſeine Schlüſſe ebenſo ſcharfſinnig, wie an andern Orten.“ „Was wollen Sie alſo, daß wir thun ſollen?“ „Wir müſſen Masken benützen.“ „Masken? Wir haben ja keine.“ 3 „Was glauben Sie wohl, daß ich bei Lea drinnen that? Sehen Sie, hier ſind zwei Masken.“ Kellner dankte Gourville für dieſe feine Aufmerkſam⸗ keit und ſie bedeckten beide ihre Geſichter. Das Wagengetöſe kam inzwiſchen immer näher. Als Kellner und Gourville ſich wieder in Bewegung ſetzten, bemerkte der erſtere, daß das Haus gänzlich un⸗ bewohnt ſcheine, weil er vom Fenſter aus keinen Licht⸗ ſchein entdeckte. „Seien Sie überzeugt, daß Leute drin ſind,“ ver⸗ ſetzte der Chevalier,„aber die Fenſterläden ſind dicht zugeſchraubt, das iſt der Handel.“ Die Laterne, welche die weſtliche Hopfengartenſtraße entlang ihnen vorgeſchwebt, war vor dem Hofthore ſtehen geblieben; aber als ſie ſich näherten, bewegte ſie ſich wieder vorwärts und blieb darauf am Eingang des Hau⸗ ſes von Neuem ſtehen. „Ehe wir weiter gehen,“ flüſterte Gourville ſeinem Begleiter zu,„muß ich Sie noch einmal bitten, vorſichtig zu ſein. Ich kann Ihnen ſagen, daß ich mit ſolchen Leuten, wie wir jetzt beſuchen, nicht ganz unbekannt bin, und wenn Sie ſich nicht blos ſtellen wollen, ſo ſetzen 88 Sie volles Vertrauen in mich und folgen Sie mir ſo blind wie möglich. Kommen Sie jetzt...“ Sie näherten ſich inzwiſchen dem Eingang, wo der Mann mit der Laterne ſie noch zu erwarten ſchien. Kellner war ihm jetzt ſo nahe, daß er beim Scheine ſein Geſicht betrachten konnte; aber bei dieſem Anblick glitt beinah ein Ausruf der Ueberraſchung über ſeine Lippen. Der Mann, der vor ihm ſtand und die Laterne in dieſem Augenblick über ſeinen Kopf emporhielt, gleich als wollte er ſich ſelbſt beleuchten, war ein Greis mit ſilberweißen Haaren, die in einem Schwall von Locken hinabfielen. 6 Frömmigkeit und Gutmüthigkeit glänzten von ſeinem durch das Alter erblichenen Geſicht, und dennoch waren die Augenbrauen zu einem ernſten, beinahe drohenden Wulſt zuſammengezogen. Er trug einen abgenutzten grauen Rock und ſchien an Armuth zu leiden. Der Alte war derſelbe, deſſen Bekanntſchaft der Leſer bereits im Cafe London gemacht hat. Nicht ein einziges Wort kam aus ſeinem Munde, aber ſein Blick ruhte auf Kellner. Kellner vergaß, daß er eine Maske trug und zog ſeinen Mantelkragen über das Geſicht hinauf. „Wehe Dir,“ murmelte gleichwohl der Alte,„wohin gehen jetzt Deine Wege?“ Die Worte wurden leiſe ausgeſprochen, drangen aber dennoch mit ſo ſtarkem Vorwurf an Kellners Herz, daß er ſich einen Schritt zurückzog. Aber bald wurde er von einem andern Gedanken ergriffen und trat heftig auf den Alten zu. „Du ſollſt mir jetzt nicht entrinnen,“ ſagte er.„Ich will wiſſen, wer Du biſt, wir haben uns ſchon früher getroffen.“ Und er erhob ſeine Hand, um den Alten an der 4* 89 Schulter anzufaſſen und ihn zurückzuhalten, aber ehe er ſeine Abſicht ausführen konnte, wurde das Licht ausge⸗ blaſen und in dem tiefen Dunkel, das ſie umgab, ver⸗ ſchwand der Alte. Inzwiſchen hatte Gourville an die Stubenthüre ge⸗ pocht und eine Stimme von innen ließ ſich hören, wor⸗ auf die Thüre ſich öffnete. Im vordern Zimmer war es vollkommen finſter. „Wer biſt Du?“ fragte die Stimme. „Krulon,“ antwortete Gourville. Kellner verſtand nicht, was dieſes Wort bedeutete, aber da in dieſem Augenblick der Eingang in ein inneres Zimmer geöffnet wurde, ſo ſchloß er ſich dicht an ſeinen Begleiter an und trat ein. Der Anblick, der ſich jetzt für ihn eröffnete, war von ſo eigenthümlicher und beſonderer Art, daß er aus Ueberraſchung ſchnell an der Schwelle ſtehen blieb, nur beſchäftigt, die Gegenſtände näher zu betrachten und zu erforſchen. Zu oberſt im Zimmer brannte eine Oellampe, mehr qualmend als leuchtend. Dicht unter der Lampe zeigten ſich einige Burſche von wildem und gefährlichem Ausſehen, die auf mehreren neben einander liegenden Waarenpäcken ſaßen, worin Kellner bald diejenigen erkannte, die man ihm geſtohlen hatte. Dazwiſchen und neben den Päcken lagen Silber⸗ ſtücke und andere Prezioſen, ſämmtlich ſein Eigenthum. In einiger Entfernung davon ſtanden andere Per⸗ ſonen, deren Kleidung andeutete, daß ſie den wohlhaben⸗ den Klaſſen angehörten. Dieſe waren wie Gourville und Kellner gleichfalls mit Masken bedeckt. Obſchon ſie ſich dicht an einander geſchloſſen hatten, beobachteten ſie ein Stillſchweigen— richteten ihre Aufmerkſamkeit nur auf die Päcke. Von der einen Ecke des Zimmers, wo die Finſterniß Alles bedeckte, hörte man inzwiſchen nicht blos das eine 90 und andere Geflüſter, ſondern ſah auch dann und wann einen feurigen Blick funkeln. Nach dieſer Ecke hatten einige Weiber ihre Zuflucht genommen, obſchon die ſie umgebende Finſterniß es un⸗ möglich machte, ihr Ausſehen näher zu unterſcheiden. Von einem Seitenzimmer her, deſſen Eingang ge⸗ ſchloſſen war, hörte man eine gellende und eintönige Naſenſtimme eine Pſalmmelodie ſingen. Die Thüre eines andern Seitenzimmers ſtand offen. Auch hierin brannte eine Lampe, bei welcher ein paar Burſche beſchäftigt waren, kleine Platten von Blei zu verfertigen und zu ſtempeln. Einer von ihnen erhob ſich juſt in dem Augenblick, wo Kellners Blick auf ſie fiel, und ſtrich eben jetzt mit der einen Hand die kleinen Blei⸗ platten in die andere. Er hatte rothe Haare und ein abſcheuliches Geſicht. „Laßt uns jetzt den Verkauf beginnen,“ ſagte er, indem er aus dem Zimmer trat.„Lena Greta, hörſt Du'’s, alte Hexe, putze die Lampe, damit wir beſſer ſehen. Wir haben keine Katzenaugen, wie Du weißt. Tummle nha⸗ Füchſin, ſonſt holt Dich der Teufel, ſo viel iſt ſicher.“ Ein altes Weib von gebrechlichem Ausſehen, aber mit einem ſcharfen Blick und einer nicht minder ſcharfen dhaie kam bei dieſer Aufforderung aus der dunkeln Ecke ervor. Sie taumelte ein wenig, als ſie durch das Zimmer ging... ſie ſchien voll zu ſein. „Füchſin,“ ſagte ſie,„ja meiner Treu; des Teufels Schwiegermutter mag Dein Weib ſein, Du alter Fuchs. Soll ich die Lampe putzen, ſo muß ich auch etwas dafür haben. Beim Kukuk, einen Schnaps, Fuchs, ſonſt löſche ich die Lampe aus, ſtatt ſie zu putzen.* „Wage es, wenn Du das Herz haſt. Du kennſt Branntwein her!“ meine Fänſte. In einer Sache haſt Du indeß Recht. 91 „Wenn ich Deine Fäuſte kenne, ſo kennſt Du auch meine Nägel. Ich möchte nicht tauſchen... Schaff mir Branntwein, ſag' ich Dir.“ „Du brennende Branntweingluth, wenn Du die Lampe auslöſcheſt, ſo blaſe ich Dich auch aus. Brannt⸗ wein! Sind wir ſo arm, daß wir nicht einmal einen Schnaps haben!“ „Komm nicht her, denn ſonſt zerſchlage ich Dir den Schädel mit dem Oelkrug.“⸗ „Branntwein, Branntwein!“ Der Kerl mit dem rothen Haar war kein anderer, als der Fuchs und Lena Greta war ſeine getreue und ergebene Ehehälfte. Diejenigen, die auf den Päcken ſaßen, lachten über den ehelichen Streit, der zwiſchen den holdſeligen Gatten entſtanden war, indeß bald verſöhnt wurde, als jemand eine Flaſche aus der Taſche zog und ihnen reichte. „Deine Geſundheit, Lena, Du garſtiger Uhn, Deine Geſundheit! Da haſt Du die Flaſche, laß uns jetzt an⸗ fangen.“ „Deine Geſundheit,“ antwortete ihm Lena Greta, „Du biſt doch ein verdammt geſcheidter Junge.“ Die eintönige Pſalmmelodie vom Seitenzimmer her erſtarb allmählig. 3 Nan band jetzt die Päcke auf, um ihren Inhalt näher zu unterſuchen. In einigen befanden ſich prächtige Seidenſtücke, in andern Tücher, ſämmtlich von ausgezeichneter Feinheit und großem Werth. „Erkennen Sie dieſe?“ flüſterte Gourville ſeinem Begleiter ins Ohr. „Es ſind die meinigen.“ „Sie ſind ungeſtempelt, aber es ſieht aus, als ob Sie dieſelben jetzt geſtempelt zurückkaufen könnten.... das wäre ja immerhin ein Gewinn.“ „Geſtempelt, wie ſo?“ 92 „Ich ahne es, da ich die Bleimünzen dort ſehe.“ Der Chevalier hatte nicht unrecht. Die kleinen neu⸗ geſtempelten Bleiſtücke waren wirklich ſo gut nachgeahmte Zollſtempel, daß das ſchärfſte und gewandteſte Auge die Fälſchung nicht hätte entdecken können; mit einer er⸗ ſtaunenswerthen Geſchicklichkeit begann man jetzt auch ſie auf die Zeuge zu drücken, im Uebrigen verrichtete man ſeine Arbeit mit ſolcher Pünktlichkeit, daß der gewandteſte Zollbeamte es unmöglich hätte beſſer machen können. Gleichzeitig ging eine Art von Auktion vor ſich. Kellner blieb inzwiſchen ſtill... er hatte ganz und gar die Luſt verloren, auf die Waare zu bieten; gleich⸗ wohl folgte er Allem, was ſich zutrug, mit der größten Aufmerkſamkeit. Die Diebe boten ihre Waaren aus und beſtätigten den Verkauf mit ordentlichem Zuſchlag. Das Geſchäft konnte bei einer Stadtauktion kaum beſſer ausgeführt werden. Die maskirten, in einer Gruppe ſtehenden Perſonen waren Spekulanten. Ihre Angebote waren kurz und be⸗ ſtimmt. Tuchſtücke von ſechzig bis ſiebzig Ellen wurden für 6— 7 Reichsthaler verkauft. Seidenſtoffe ungefähr für denſelben Preis, zuweilen noch wohlfeiler. Einige Male wurde der Preis noch durch Dreingabe einer Flaſche Branntwein erhöht. Die meiſten Masken hatten auf dieſe Art Gebote gemacht und ſich verſchiedene Waaren angeeignet. Die Bezahlung geſchah baar. Kelluer hatte alſo Gelegenheit gehabt, die Stimmen der meiſten zu horen, obſchon die Masken ihre Geſichter verdeckten. Zu ſeiner Verwunderung glaubte er viele von ihnen zu erkennen, aber er wußte nicht, wo er ſie vorher gehört hatte. Er glaubte zwar nicht, daß die Perſonen dem Handelsſtand der Hauptſtadt angehörten, aber daß ſie Commiſſionäre zwiſchen den Kaufleuten und ——— —. den Dieben ſeien, Commiſſionäre, mit denen er möglicher Weiſe ſelbſt ſchon zu thun gehabt hatte. Er lauſchte mit geſpannter Neugierde auf die ver⸗ ſchiedenen Nüancen in dieſen Stimmen, um zu irgend einem beſtimmten Schluß zu gelangen. Unter Fluchen, Gelächter, plumpen Einfällen in Angeboten wurde auf dieſe Art ein Pack um den andern verkauft, und als ſie veräußert waren, ging man zum Silber über. „Ein paar Leuchter von fünfzig Loth Gewicht!“ rief man.. Nur ein einziger Spekulant auf das Silber fand ſich zugegen. „Sechs Schillinge für das Loth!“ bot er.*) Während man ihm für dieſes Angebot in's Geſicht lachte, klang ſeine Stimme noch immer in Kellners Oh⸗ ren nach. Der Mann, der das Angebot machte, war ein großer Burſche von grobem und ſtarkem Gliederbau. Aber da er den Mantelkragen rings um den Kopf hinaufgeſchlagen, vor dem Geſicht eine Maske und den Hut tief hinabgedrückt hatte, ſo war es unmöglich, etwas weiteres zu entdecken. „Nun denn, acht Schillinge für das Loth!“ Die Stimme hatte eine fremde Brechung. Kellner konnte ſich nicht täuſchen. Er kannte dieſen Mann. Er war einer der größten Wucherer der Haupt⸗ ſtadt, mit dem wir künftig unſern Leſer auch bekannt machen werden. „Nur acht Schillinge,“ bemerkte der Fuchs lachend, „nein, das geht nicht, Herr, da weiß ich ſchon, wie ich beſſere Zahlung dafür bekomme. *) Dieſe Beſchreibung iſt nicht erdichtet, ſondern der Wirklichkeit entnommen. 4 t 94 So ſprechend ſetzte der Fuchs ſeinen Fuß auf einen der Leuchter und ſtampfte dermaßen darauf, daß er ſich erbog. 4„In den Schmelzofen damit,“ rief er dann, worauf er beide nahm und in das innere Zimmer warf. Gourville und Kellner hatten ihren Platz neben ein⸗ ander nicht verlaſſen. „Sie laſſen die Waaren aus Ihren Händen gehen,“ bemerkte der erſtere vorſichtig flüſternd. „Wie Sie ſagen, aber ich habe alle Luſt verloren, ſie auf dieſe Art zurückzukaufen. Wenn die Papiere, Dokumente und Briefe vorkommen, ſo bieten Sie darauf, ſo hoch Sie wollen; ich mag hier kein Wort ſprechen.“ „Nicht?“ „Ich meine die eine und andere Stimme hier zu erkennen und will mich nicht der gleichen Unannehmlich⸗ keit ausſetzen.“ „Sie haben Recht... ich will gerne darauf bieten, ſobald ſie vorkommen.“ Kellner beobachtete übrigens das, was vor ihm ge⸗ ſchah, mit ſolcher Aufmerkſamkeit, daß er alles Andere vergaß. Sein Wirkungskreis lag im Bereich der größeren Spekulationen, und er hatte, wie die Mehrzahl der Be⸗ wohner der Hauptſtadt, ſeine Blicke nicht auf das ge⸗ fahrloſe Geſchäftstreiben hinabgeſenkt, das unkrautartig im Finſtern gedeiht. Wie überraſcht war er nicht, die⸗ ſelben organiſchen Geſetze, die ſich im öffentlichen Treiben der Geſellſchaft entwickeln, auch hier nachgeahmt zu ſehen. Er hatte ſich niemals von ſo Etwas einen Begriff ge⸗ macht. Wenn man ihm geſagt hätte, daß es in Paris und London ſo zugehe, ſo würde es ihn nicht gewundert haben, denn dieſe Städte ſind nun einmal ſo beſchaffen, daß man von ihnen Alles dichten kann, was man nur will, weil ihre Größe und die Maſſe ihrer Bevölkerung es unmöglich macht, die Angaben zu kontroliren, wenn ſie auch noch ſo phantaſtiſch klingen; wenn man ihm da⸗ 1 2——— 2 gegen geſagt hätte, daß auch Stockholm ſolche Höhlen und Scenen darbiete, wie er jetzt vor ſich ſah, ſo würde er dem Erzähler ins Geſicht gelacht und dieß für dumme Romangrillen oder eine närriſche Nachäffung von Eugen Sue und Paul Feval erklärt haben. Er hatte zwar nie daran gezweifelt, daß ſehr böſe Verbrechen aller Art in der Hauptſtadt begangen würden, aber er hatte ſich vor⸗ geſtellt, daß ſie vereinzelt daſtänden und blos Miniatur⸗ bilder deſſen wären, was das Ausland in dieſem Fache zu bieten hat. Wie erſtaunt war er daher nicht über die Scene, die er jetzt ſah... und doch hatte er noch nicht viel geſehen. Gänzlich eingenommen von den Gegenſtänden, die ihn umgaben, bemerkte Kelluer nicht, daß die Zimmer⸗ thüre ſich öffnete und zwei neue Perſonen hinter ihm eintraten. Die eine war ein Mädchen. Sie trug einen Hut mit einer hochrothen Bandroſette, und war in einen knappanliegenden Mantel gehüllt. An ihrer friſchen, of⸗ fenen, entſchloſſen lächelnden Miene erkannte man ſogleich die Königin der wilden Jagd. Die zweite Perſon war ein Mann, der den Man⸗ telkragen bis vor das Geſicht heraufgezogen, und ganz wie die Andern ſeinen Hut tief über die Stirne hinein⸗ gedrückt hatte. Wohin haben Sie mich geführt?“ flüſterte er der Königin zu.„Das iſt ja eine Räuberhöhle.“ „Seien Sie ganz ruhig. In meiner Geſellſchaft haben Sie hier nichts zu fürchten. Aber Sie wünſchten la eine gewiſſe Perſon zu treffen... Sie wohnt hier...“ „Aber all' dieſe Menſchen kommen mir mehr als verdächtig vor: das ſind ja wahre Banditengeſichter... und daun dieſe Masken.“ Die Königin lachte laut und zog ſich dadur die Aufmerkſamkeit der edrigen zu. os ſic 3 Chevalier Gourville war der erſte, der die Anweſen⸗ ———— 96 heit der neuen Ankömmlinge bemerkte, mit forſchendem Blick fixirte er den Begleiter der Königin. Aller Augen wandten ſich auf einmal den beiden zu. „Was gafft Ihr da?“ fragte die Königin. Ihr ſeht uns an, als ob wir wahre Wunderthiere wären... kann ich nicht auch einmal einen Bekannten mit hieher⸗ bringen? Wir wollen übrigens nichts von Euch und wür⸗ den nicht hieher gekommen ſein, wenn ich gewußt hätte, daß heute Nacht eine ſolche Zuſammenkunft hier wäre.. Iſt die Jonſſon daheim? mein Beſuch gilt ihr.“ Kellner erkannte ſogleich die Königin der wilden Jagd, die ihn über die Zeit, wo der Einbruch begangen wurde, beſchäftigt hatte. 4 Als er ſie jetzt hier ſah, fiel es ihm ein, daß ſie mit den Dieben in Verbindung ſtand, und er empfand einen unwiderſtehlichen Wunſch, mit ihr zu ſprechen. Der Chevalier hatte fortwährend den Begleiter der Königin fixirt, der ſich ſeinerſeits, ſo weit es möglich, von der Thüre zurückgezogen hatte. In dem Augenblick, wo Kellner ſich der Königin näherte, trat auch der Chevalier dicht vor den Fremden. „Sie ſind unvorſichtig, mein Herr,“ ſagte Gour⸗ ville zu ihm,„daß Sie unmaskirt hieher kommen.“ Die Beleuchtung im Zimmer war ſo ſchwach, daß der Fremde keine Erkennung zu fürchten brauchte.... War er jetzt erkannt worden oder nicht? Gourville folgte ſeinen Bewegungen mit noch ſchär⸗ ferem Blick. Ich will nicht ſagen, daß Sie hier etwas zu fürch⸗ ten haben; aber wenn Sie entdeckt würden, ſo könnten daraus mehr Unannehmlichkeiten für Sie entſtehen, als für mich. Nehmen Sie daher meine Maske.“ 4 „Sie ſollten mich kennen?“ „Ich kenne Sie,“ flüſterte Gourville von Neuem; „Sie ſind Graf Frank, nicht wahr?“ Es war wirklich des Chevaliers durchdringendes 5 97 Auge nöthig, um Frank in der Dunkelheit, worin er ſich befand, zu erkennen. „Und wer ſind denn Sie?“ Der Chevalier antwortete nicht, ſondern wandte ſich weg und nahm ſeine Maske ab, welche er Frank über⸗ ließ, ſobald er ſein Geſicht in ſeinen Mantel verborgen hatte. „Wer ich bin? das kann Sie nicht intereſſiren, mein Herr...“ Und Gourville zog ſich darauf wieder zurück. Kellner hatte ſich der Königin genähert und ihre Hand ergriffen. Bei dieſer Bewegung befeuerte ſich ihre Miene, wie wenn ein ſympathetiſches Gefühl ihr geſagt hätte, daß es ein Bekannter ſei, der an ihrer Seite ſtehe. „Laßt die Auktion vor ſich gehen,“ riefen einige Stimmen in demſelben Augenblick. „Die Auktion, die Auktion!“ Die Königin der wilden Jagd ſchob dabei gleich⸗ gültig Kellners Hand von ſich, wie wenn ſie etwas An⸗ deres zu thun hätte, als mit ihm zu ſprechen. Kellners erſter Wunſch, mit ihr zu reden, hatte ſich auch abgekühlt, und da man in dieſem Augenblick mehr zum Scherz als im Ernſt einen Bündel ſchmutziger Pa⸗ piere ausrief, verſchwand ſein Gedanke daran gänzlich. „Ich frage nach der Jonſſon,“ unterbrach indeß die Königin den Ausrufer, ungeduldig darüber, daß man ihre Frage noch nicht beantwortet hatte,„wo iſt die Jonſſon? Habt ihr gehört, daß ich mit ihr ſprechen will?“ „Ein Pack Papier!“ rief der Fuchs. Keellner ſtieß Gourville, um ihn an das Aufgebot zu erinnern. „Hundert Reichsthaler ſind geboten,“ ſiel Gour⸗ ville ein. „Ich will wiſſen, wo die Jonſſon iſt,“ fragte die Königin lant. Das Gewiſſen. I. 7 98 „Schweig, Du roſenrother Satan,“ antwortete der Fuchs.„Hundert Thaler ſind geboten. Ein gutes Ange⸗ bot... Paßt auf...“ „Die Jonſſon, die Jonſſon 46 „Willſt Du auch eine Leſerin werden wie ſie, ſo ſuche ſie in der Hölle. Einhundert.... wer bietet mehr 2⁰ „Ich befehle Dir, daß Du mir antworteſt,“ verſetzte die Königin und wandte ſich gegen den Fuchs, indem ſie einen entſchloſſenen Blick um ſich warf.„Sagſt Du mir nicht, wo die Jonſſon iſt, ſo...“ Sie machte eine drohende Bewegung. Lena Greta ſtürzte jetzt nebſt den übrigen Weibern im Wirbel vor und ſchloß ſich der Königin der wilden Jagd an. „Du biſt unſere Königin,“ kreiſchten ſie,„wir wol⸗ len Dir gegen den Fuchs helfen, wenn es nöͤthig iſt.⸗ Die Königin bemerkte in dieſem Augenblick die Flaſche, welche die alte Lena noch in ihrer Hand hielt, und ſie entriß ihr dieſelbe ſogleich und hob ſie gleichſam als eine Angriffswaffe über das Haupt des Fuchſes empor. „Willſt Du mir antworten... ſonſt ſchlage ich Dir mit dieſer Flaſche die Stirne ein.“— Der Fuchs warf einen liſtigen Blick auf ſie. „Wenn Du erfährſt, wo die ſcheinheilige Hexe iſt,, ſagte er,„verläſſeſt Du uns dann?“ Aber kaum hatte der Fuchs ſeinen Satz vollendet, als man auch ſchon wieder die eintönige Pſalmmelodie hörte, von der wir oben geſprochen haben. Die Königin lauſchte. „Das i*ſt die Jonſſon,“ ſagte ſie.„Ich brauche wei⸗ ter nichts zu wiſſen. Kommen Sie mit mir,“ wandte ſie ſich hierauf zu Frank und faßte ihn am Mantel.„Kom men Sie, kommen Sie...“ 1 99 Frank folgte ihr und ſie begab ſich nach einer klei⸗ nen windigen Thüre dicht neben dem Ofen. „Oeffne, Jonſſon!“ rief ſie, während ſie an die Thüre pochte,„öffne, öffne.“ Aber dieſe Aufforderungen ſchienen keine andere Wirkung zu Stande zu bringen, als daß die Andacht ſich drinnen vermehrte. „Oeffne, öffne!“ Der Geſang wurde ſtärker und verfiel immer mehr in den gewöhnlichen gellenden Naſenton. „Oeffne doch, öffne!“ Der Geſaug verſtummte. „Hebet Euch weg von mir, ihr Verlornen!“ antwor⸗ tete ihr endlich eine keifende Stimme.„Ihr Gottesläug⸗ ner, ihr Schänder, ihr Räuber, ihr Mörder, laßt mich um Barmherzigkeit für Eure Sünden beten.“ „Ich bin da... Mach auf... ich...“ „Unreine Geiſter, entfernt euch und ſtöret diejenige nicht, die ihr ganzes Leben dazu verwendet, für eure Seelen zu beten.“ „Jedenfalls, Mutter Jonſſon, mach' jetzt auf.“ „Treibet da draußen, was ihr wollt, aber laßt mich 3 weiein Betzimmer in Ruhez fort von hier, fort... ort!“ 3 3 Der Fuchs lachte. „Siehſt Du, Du Hexe,“ ſagte er,„daß die Jonſſon ſich nicht einmal von Dir verführen läßt. Sie iſt eine Heilige und zwar ſo gut wie etwas Anderes.“ Da die Königin gleichwohl von ihrem Beſchluſſe, zu der Heiligen einzudringen, nicht abſtand, öffnete ſich end⸗ lich die Thüre und man ſah eine ältere Weibsperſon mit einer Heiligenmiene und einer Brille auf der Naſe her⸗ einſchauen. „Im Namen aller Heiligen... was wollt ihr was wünſcht ihr...“ Aber die Königin unterbrach den von ihr beabſich⸗ 100 tigten Wortſchwall, beugte ſich vor und flüſterte einige Worte in ihr Ohr. Das Geſicht der Jonſſon erheiterte ſich dabei und ſie ſah mit blinzelnden Augen um ſich...„Er will mit mir ſprechen, ſagſt Du... führe ihn herein... es iſt ſchon lange, daß Jemand mit mir ſprechen wollte.... was kann er wollen?... führe ihn hieher.“ Je mehr ſie ſich darüber verwunderte, daß Jemand ſie ſuchte, um ſo mehr begannen auch ihre Augen zu funkeln. Frau Jonſſon empfing Frank mit vielen Bücklingen. Sobald er in das Stübchen getreten war, ſchob die Kö⸗ nigin die Thüre wieder hinter ihm zu. Kellner hatte dieſen Auftritt beobachtet, ohne jedoch Frank zu erkennen. „Wer war der, der da hineinging?“ fragte er Gour⸗ ville.„Ich dachte, Sie ſprachen ſoeben mit ihm.“ „Ganz richtig, aber ich kannte ihn nicht.“ Die Auktion wurde jetzt fortgeſetzt und Kellner folgte dem Ausruf der Papiere mit dem größten Intereſſe. Als ſie dann ihm zugeſchlagen wurden, emfing er ſie von Gourville und ſteckte ſie unter ſeinen Arm, ent⸗ ſchloſſen, ſich um keinen Preis in der Welt mehr von ihnen zu trennen. Kellner wollte Gourville eben bemerken, daß es jetzt Zeit ſei, ſich aus dieſem Neſt zu entfernen, als man ein heftiges Klopfen, bald an die äußere Thüre, bald an die Fenſterläden, hörte. Bei dem unvermutheten gewaltigen Gepolter von außen ſprangen alle Anweſenden auf. „Still,“ rief man. „Horcht!“ ſagten andere. „Es ſind Schergen.“ „Es ſind Polizeidiener.“ „Still!“ befahl die Königin,„Ihr ſeid feige Mem⸗ men. Ich will hinausgehen und nach der Sache ſehen.“ 101 Sie vollzog auch ſogleich ihren Entſchluß. Es verging eine gute Weile.— Kellner war ebenſo erſchrocken wie die Uebrigen. Er ſteckte ſeine Papiere vorn in ſeinen Rock und hüllte ſich noch dichter in ſeinen Mantel. „Was ſollen wir thun?“ fragte er Gourville. „Halten Sie ſich nur dicht an meiner Seite und fürchten Sie nichts. Ich werde Sie retten und wäre es mit eigner Lebensgefahr. Laſſen Sie uns inzwiſchen ganz ruhig hier an die Thüre ſtehen; ſo hier. Jetzt halten Sie ſich auf alles bereit, was kommen mag.“ Das Gepolter an der Thüre währte inzwiſchen fort, indeſſen die Stille innen im Zimmer immer tiefer und tiefer wurde. Man höͤrte jetzt Tritte von außen, und daß eine Hand ſich ans Schloß legte. „Löſcht die Lampe aus!“ befahl eine Stimme. Beſchäftigt von der Gefahr des Augenblicks, hörte Niemand, wer dieſen Befehl gab. Der Fuchs vollzog ihn indeß ſogleich. Die Dunkelheit und die Stille wetteiferten mit ein⸗ ander im Zimmer. Kellner hörte nur einen einzigen Laut, nämlich das Pochen ſeines unruhig ſchlagenden Herzens. Um alles in der Welt hätte er nicht mit ſolchen Perſonen, wie die⸗ jenigen waren, die ihn jetzt umgaben, öffentlich vermengt werden mögen. In dieſem Fall wäre er für immer ver⸗ loren geweſen. Die Thüre ging jetzt wieder auf. Vor geſpannter Erwartung wagte in dieſem Augen⸗ blick Niemand auch nur Athem zu holen. Obſchon man nicht die Hand vor dem Auge ſah, konnte man doch ſagen, daß die Stille noch größer war als die Finſterniß. finie ertönte in dieſem Augenblick eine Stimme, nſti 81 Es war die Königin, die wieder kam. „Sprich... was iſt's?“ riefen einige. „Sind es Polizeidiener?“ fragten andere. „Ich weiß gar nichts ſicher, als Eins.“ „Laß hören!“ „Daß ihr nichts zu fürchten habt, weil nicht mehr als eine einzige Perſon ſich draußen befindet.“ Alle athmeten wieder. „So öffnet!“ befahl eine Stimme,„und zündet die Lampe an.“ Auch diesmal konnte Kelluer nicht recht unterſcheiden, von wem die Aufforderung kam, aber er glaubte einige Aehnlichkeit mit Gourvilles Stimme zu erkennen. Der Befehl wurde vollzogen. Sobald die Thüre geöffnet war, ſtürzte ein junger Mann herein, der im höchſten Grade erzürnt und aufge⸗ regt ſchien. Er war blaß, aber dieſe Bläſſe war nicht natürlich: ſie war der Ausdruck eines inneren heftigen Verdruſſes. Seine Augenmuskeln waren ſtark zuſammen⸗ gedrückt. Die Farbe der Augen konnte nicht geſehen wer⸗ den, ſie war in einem einzigen Blitz aufgelöst. Sonſt war das Geſicht regelmäßig, ſogar ſchön, und die hellen, jugendlichen und natürlichen Locken, die über ſeine Wan⸗ gen herabfielen, ließen ihm ſehr gut. Die Lippen waren hart zuſammengepreßt und die geballten Fäuſte waren erhoben, gleich als hätte er ſowohl Luſt als Muth, alle Anweſenden anzugreifen. Sein Anblick erregte Zweifel über ſeine Abſicht und zu gleicher Zeit einen gewiſſen Schreck. „Was macht ihr hier?“ rief er endlich, wie wenn eine Heftigkeit ihn überwältigt hätte.„Soll ich mein elterliches Haus in eine Räuberhöhle verwandelt wieder⸗ ſehen? Wer berechtigt euch in dieſe Wohnung einzu⸗ dringen? Meine Nutter, antwortet ihr mir vielleicht. Aber ihr lügt jetzt, wie immer. Meine Mutter kann ſich und mich nicht mit ſolchen Dingen beſudeln, und thäte 103 ſie es... bei Gott, ich würde ſie ſelbſt an den Schand⸗ pfahl führen. Ihr werft zornige Blicke auf mich. Glanbt ihr vielleicht, daß ich euch fürchte, ſo täuſchet ihr euch. Ich habe Muth für euch alle zuſammen. Entfernt euch: ich wiederhole es nicht zweimal. Wenn ich auch einen Mord von euch zu fürchten hätte, die ihr mit Gewalt in mein elterliches Haus eingebrochen ſeid, ſo werde ich doch den einen und den andern packen und euch hinaus⸗ werfen. Ihr begreift nicht, wie muthig ein anſtändiger Mann ſein kann, wenn es ſich darum handelt, die Ehre ſeines Hauſes zu vertheidigen. Ich bin ein freier Ar⸗ beiter, aber ein freier Arbeiter auf andere Art als ihr: die Freiheit, die ihr verlangt, lehrt euch Canalllenſtreiche und Schurkenſtücke, während ſie mich das lehrt, was gut und recht iſt.... Hinaus mit euch! habe ich geſagt. Wer nicht augenblicklich dieſe Zimmer verläßt, den werde ich, das ſchwöre ich, für ſeine ganze Lebenszeit zeichnen.“ Ein dumpfes unzufriedenes Gemurre ließ ſich von Seiten der Anweſenden vernehmen. Ein gewaltſamer Ausbruch ſchien ſehr nahe zu ſein. Scharf wie Meſſer⸗ ſpitzen fielen die Blicke auf den unvorſichtigen Jüngling, der von ſeinen Gefühlen hingeriſſen ſeine Schwäche ver⸗ geſſen und die Verſammlung trotzig bedroht hatte. 1 Ddie Weiber ſchloſſen ſich dicht an die Männer; ſchmutzig, zerlumpt, angefeuert ſowohl vom Aerger, als von brauſenden Getränken, und ohne alles Bedürfniß, ihre Laſter und ihre Schmach zu verbergen, glichen ſie Furien. Nur die Königin der wilden Jagd unterſchied ſich von ihnen. Sobald ſie bemerkt hatte, wer der Jüngling war, zog ſie ſich mit einem Seufzer nach dem entlegenſten Winkel zurück, als wellte ſie ſich dort verbergen. Kellner wünſchte ſich weit weg von hier. „Laſſen Sie uns weggehen!“ ſagte er zu dem Chevalier. 104 2 Aber der Chevalier antwortete ihm nicht, ſo ſehr ſchien er von der Anweſenheit des Jünglings in Anſpruch ge⸗ nommen, auf den er einen bitteren und ſcharfen Blick heftete. „Du trotzeſt uns,“ redete er ihn an und trat gerade auf ihn zu.„Dein Leben liegt in unſerer Hand.“ 4 Kellner blickte verwundert zu Gourville auf. 1 „Ich bekümmere mich nicht um mein Leben,“ ant⸗ wortete der Jüngling;„ihr mögt es mir immerhin neh⸗ men, wenn ihr könnt und Luſt dazu habt; aber dieſe Entheiligung der Wohnung meines verſtorbenen Vaters, des Hauſes meiner Mutter und des Platzes, wo ich als Kind geſpielt habe, muß ein Ende nehmen. Es iſt ſo ſelten, daß ich jetzt Zeit habe, das Haus zu beſuchen; aber wenn ich komme, finde ich, daß der Abſchaum der Hauptſtadt ſich an den Plätzen eingeniſtet hat, wo ich früher meinen Vater ſah. Ich habe geſagt, daß dies ein Ende nehmen muß, und wenn ich meine eigene Mut⸗ ter anklagen müßte, damit ſie unter dem Schutze des Geſetzes ihre Unſchuld beweiſen kann. Ihr ſeid viele und ich bin blos einer... aber ich fürchte nichts... denn ihr ſeid Verbrecher, und ich bin eines ehrlichen Mannes Sohn und ſelbſt ein ehrlicher Mann.“ Ein ſchreckliches, eiskaltes Hohnlachen kam über Gourvilles Lippen, und die übrigen ſtimmten mit ihm ein. „Du willſt Deine eigene Mutter augeben,“ ſagte 2 er und erhob ſeinen Arm, um den Jüngling am Kragen zu faſſen. Aber der Fuchs bückte ſich und ſtürzte in dieſem Augenblick mit einem blanken Meſſer unter Gourvilles Arm durch, auf den jungen Mann zu. „Das muß ſchnell verhindert werden,“ rief er. Kellner erſchrack beim Anblick der heftigen und un⸗ vermutheten Bewegung des Fuchſes; er ſah das Meſſer blinken, und obſchon er dem Jüngling zu Hülfe eilen wollte, hielt doch die Angſt ihn zurück. Aber eben ſo ſchnell als der Fuchs von ſeiner Seite — herbeigeeilt war, war auch die Koͤnigin der wilden Jagd von der ihrigen herangekommen, und in dem Augenblick, wo er den Arm ſenkte, um zuzuſtoßen, ergriff ſie ihn am Handgelenke und that ihm Einhalt. Der Fuchs ſuchte ſich frei zu machen, aber ſie hielt ihn mit ſolcher Kraft feſt, daß alle ſeine Bemühungen vergeblich waren. „Bravo, Königin,“ ſagte Gourville;„aber was kommt Dich an? Er verdient Deinen Schutz nicht.“ „Laßt mich los,“ rief der Fuchs,„laßt mich los!“ „Wenn ihr ihn tödten wollt,“ antwortete die Kö⸗ nigin,„ſo müßt ihr zuerſt mich tödten.“ „Aus dem Weg,“ verſetzte Gourville;„er hat da⸗ von geſprochen, daß er uns verrathen wolle; das iſt et⸗ was, was Niemand ungeſtraft ausſpricht.“ Kellner erkannte kaum den Chevalier, ſo heftig und ſchrecklich ſah er jetzt aus. „Ich weiche nicht vom Platz,“ erklärte die Königin. 3 „Ihr bürgt mir für jedes Härchen auf ſeinem Kopf. Taſtet ein einziges davon an, ſo liefere auch ich euch in die Hände der Gerechtigkeit.“ Eine grenzenloſe Wuth ergriff bei dieſer Drohung die Anweſenden. Selbſt die Weiber, die von dem Augen⸗ blick an, wo die Königin ſich zwiſchen den Fuchs und ſeinen Raub geworfen, ſich paſſiv verhalten hatten, zeig⸗ ten ſich jetzt nicht weniger wild, als die Männer: die eine erhob eine Fauſt, die andere ein Meſſer, und Dro⸗ hungen und Flüche erſchollen von allen Seiten her. Kellner hatte ſich bei eigenen Gefahren kaum je ſo aufgeregt gefühlt, wie bei dieſem Ereigniß. Er ſchaute ſich um, ob er nicht unter den übrigen Masken einige finden könnte, die den Muth beſäßen, da⸗ zwiſchen zu treten, aber er fand zu ſeinem Schreck, daß dieſe ſich bereits entfernt hatten, und daß er allein zu⸗ rückgeblieben war. Sein Urtheil ſagte ihm, welche Gefahr er lief, 106 wenn er ſich in den erhobenen Streit miſchte; aber ſein Rechtsgefühl gebot ihm, es zu thun. Gewöhnt, das Leben Anderer zu achten, ſchanderte er vor der Möglichkeit eines Mordes, und der Gedanke erſchütterte ihn, daß er als ein gleichgültiger Zuſchauer dabei betrachtet werden könnte. So ſehr er indeß jeden Verſuch, den ungeberdigen Haufen auf eine handgreifliche Art zurechtzuweiſen, ver⸗ warf, eben ſo ſehr gebot ihm die Pflicht, durch eine be⸗ ſonnene und würdige Sprache den Unholden womöglich Einhalt zu thun.. Während die Königin der wilden Jagd muthig den jungen Mann vertheidigte, hatte dieſer gleichſam vergeſſen, es ſelbſt zu thun und betrachtete nunmehr ſeine Be⸗ ſchützerin mit einer Verwunderung, einer Ueberraſchung, einem ſo eigenthümlichen Gefühl, als ob er über ihrem Anblick alles audere vergeſſen hätte. Dadurch wurde ſeine Stellung noch bedenklicher. Dem Fuchs war es gelungen, ſich von der Königin loszumachen, und, aufgemuntert von dem Beifallsgeſchrei der Uebrigen, ſchien er blos auf einen paſſenden Augen⸗ blick zu warten, um ſeine erſte Abſicht auszuführen. In dieſem Augenblick trat Kellner auf. So bald er durch Zeichen zu verſtehen gab, daß er ſprechen wolle, ergriff Gourville den Fuchs beim Kragen, um ihn, wie es ſchien, je nach Umſtänden gegen das Opfer zu hetzen oder auch auf den Boden zu werfen. „Chevalier,“ ſagte Kellner zu Gonrville,„warum betheiligen Sie ſich bei den Drohungen gegen einen ſchutzloſen Jüngling und ein ſchwaches Mädchen? Was dieſe ſagten, hat doch weder Sie noch mich beleidigt oder wenigſtens nicht beleidigen ſollen. Ich bin in gutem Glauben hiehergekommen, und was ich geſehen habe, ge⸗ nügt vollſtändig; befreien Sie mich von dem Entſetzen, auch einen Mord ſehen zu müſſen. Chevalier, bernhigen — 107 Sie ſich. Es iſt eines Mannes unwürdig, ein Mädchen und einen Knaben anzugreifen.“ Kellner ſprach ſich mit Würde aus. Er beſaß per⸗ ſönlich eine Haltung, die Achtung einflößte. Es war der Mann von Erziehung und Welterfahrung, der ſprach, und ſeine Worte beſaßen all die Einfachheit und Wahr⸗ heit, die nothwendig war, um auch überzeugend zu ſein. „Dieſer Jüngling,“ fuhr er fort,„hat nichts anders gefordert, als was Jedermann billigen muß; er hat Frieden in ſeinem väterlichen Hauſe gefordert.“ Gourville hörte Kellner an, ohne ihn zu unter⸗ brechen. „Aber er hat uns zu verrathen gedroht,“ bemerkte er endlich. „Gedroht? Warum nicht gar? Aufgeregt, heftig, jung und unvorſichtig hat er geſprochen, ohne es vorher überlegt zu haben. Obſchon ich ihn nicht kenne, verbürge ich mich dafür, daß er nicht einen Augenblick ernſtlich daran gedacht hat, euch zu verrathen.“ Stille und Ruhe hatten ſich wieder eingefunden, aber da und dort ſah Kellner den einen oder andern liſtigen und zweidentigen Blick, und er wußte nicht recht, was er darans ſchließen ſollte. Gourville hielt den Fuchs noch am Kragen, Kellner bemerkte in ſeinen Geſichtszügen, daß er bei ſich ſelbſt überlegte. Ein kaltes Lächeln begann ſich allmälig dar⸗ über auszubreiten. Er war der Richter; der Fuchs war der Henker. „Fort!“ rief er endlich, fort... er warf den Fuchs auf die Seite... Was Sie geſagt haben,“ fügte er dann gegen Kellner hinzu,„iſt richtig, und was ich ſah und hörte, verwirrte mich, und ich war meiner ſelbſt nicht mehr mächtig. Fort jetzt—“ und er wandte ſich dabei an den Fuchs und das übrige Diebsgeſindel— „hinaus mit ench, ſonſt werde ich euch den Weg zeigen. 108 Tummelt euch, ihr Galgenvögel. Gebrumm! fort mit euch!“ fünf Minuten war der eine und Zimmer verſchwunden, gleich als ſie weggefegt. „Es iſt bereits Mitternacht,“ „Wie Sie ſagen, ich bin vo daß das Getöſe ſeiner Räder es ge ihrem Herweg Frank und Frau Jonſſon, die durch gang das Haus verlaſſen hatten, 8 das größere Verſammlungszimmer, h Kaum hatten Gourville und Ke Licht vor ſich flattern ſahen, das ihr gezeigt hatte⸗ Ohne ſeine Abſicht zu äußern, aus, in der Hoffnung, den Laterne fort,„es iſt Zeit, daß auch wir die llkommen einverſtanden.“ Kein Gemurre und Die Wirkung ſeines Befehls war wunderbar. Nach der andere aus dem hätte der Sturmwind fuhr er gegen Kellner ſe Höhle verlaſſen.“ Als ſie auf die Landſtraße hinauskamen, fanden ſie einen Wagen, der dort wartete. Gourville begriff ſo⸗ gleich, daß Graf Frank in demſelben angekommen, und weſen war, was auf nach der Diebshöhle au ihre Ohren ge⸗ ſchlagen hatte. In Anbetracht des langen und ſchlechten egs, den ſie zurückgelegt hatten, konnten ſie ſich eines Wunſches nicht erwehren, den Kutſcher für eigene Rech⸗ nung zu erkaufen; aber ſie bemerkten bald, daß zwei Perſonen im Begriff ſtanden, in den Wagen und daß er ſich unmittelbar darauf in Bewegung ſetzte. Dieſe zwei Perſonen waren Niemand anders als zu ſteigen, —— einen eigenen Aus⸗ ohne daß ſie durch atten gehen müſſen. Ulner in die weſtliche Hopfengartenſtraße eingebogen, als ſie von Neuem daſſelbe 5 nen den Weg hieher griff Kellner tüchtig. nträger einzuholen; 109 aber jemehr er ſeinen Gang beſchleunigte, um ſo ſchueller entfernte ſich auch das Licht, ſo daß es ſich immer in gleichem Abſtand hielt. Statt unſeren Wanderern zu folgen, wollen wir einen Augenblick nach der Diebshöhle zurückkehren. Die Thüren ſtanden offen, der Wind blies kalt und feucht hindurch, die Lampe rauchte und überall in den Zimmern zeigten ſich Spuren von Unordnung; aber die Königin der wilden Jagd und der Jüngling, die ein⸗ zigen, die ſich noch da befanden, ſchienen nicht darauf zu achten. „Du ſtarrſt mich ſonderbar an,“ bemerkte ſie.„War⸗ un bekraihteſt Du mich ſo, Heinrich? Du ſchreckſt mich wirklich.“ „Dein Gewiſſen iſt es, das Dich ſchreckt, nicht ich.“ „Du biſt unfreundlich, Heinrich, aber ich habe kein Recht, mich darüber zu beklagen, weil Du mir viel vor⸗ geworfen haſt. Ach, wer doch todt wäre!“. „Ich kann nicht umhin, Dich zu betrachten, Anna, Du biſt ſo ſehr verändert.“ „Es iſt auch ſchon lange, ſchon ſehr lange her, daß wir einander nicht mehr ſahen. Unſere Wege treffen nicht mehr zuſammen. Der Deinige geht vorwärts... zu Ruhe und Frieden mit Dir ſelbſt... der meinige...“ „Es iſt ſchrecklich daran zu denken; kehre um, Anna, noch kann es nicht zu ſpät ſein. Arbeite wie ich und Du kannſt Ruhe und Frieden erhalten.“ „Unmöglich, Heinrich, es iſt zu ſpät.“ „Du weißt nicht, wie man die Arbeit lieb gewinnt, wenn man ſich einmal hineingeworfen hat; an die Ar⸗ 1ʃ0 beit knüpft ſich alles Gute, auf das ich hoffe. Sie iſt vor allen Dingen meine Kaſſe, mein Einkommen, meine Unabhängigkeit; ſie iſt auch meine Geſundheit und meine Kraft; ſie iſt mein Friede und meine Freude. Jede Stunde des Tags iſt ein Schilling in meiner Taſche, ein beleben⸗ der Athemzug für meine Bruſt und ein Gedanke voll von Befriedigung für meine Seele; wenn daun der Abend kommt, ſo verſchmelze ich alles zuſammen in einem ein⸗ zigen Gebet, und hernach ſchlafe ich ſo ruhig und ver⸗ gnügt, ganz wie zur Zeit, da wir noch Kinder waren und zuſammen ſpielten.“ „Du erinnerſt Dich alſo noch der Zeit, wo wir mit einander ſpielten?“ 3 „Sollte ich das nicht? Man verzißt ſeine Kindheit nicht ſo leicht.“ „Ach, ich entſinne mich, wenn wir mit andern Kin⸗ dern paarweiſe ſprangen, ſo waren Du und ich immer...“ „Ein Paar... ach ja...“ „Uud jetzt biſt Du ſehr erſchrocken, als Du mich ſahſt?“ „Mußte ich nicht erſchrecken, als ich Dich... hier... in dieſer Geſellſchaft da ſah?... ich wußte kaum, ob ich meinen Augen trauen ſollte oder nicht.“ „Wenn man Dich nicht angegriffen hätte, ſo hötteſt Du mich nicht zu ſehen bekommen.“ „Nicht?“ 8 111 ſage mir das auch ſo oſt, ſo oft, daß ich beinahe nie⸗ mals Frieden vor mir ſelbſt habe, und gleichwohl...“ „Und gleichwohl...“— „Werde ich nicht beſſer. Es iſt gerade als hätte ich mich in ein Netz verſtrickt, das der Teufel ſelbſt zu⸗ gezogen hätte... ich zappele zwar, aber das hilft wenig. und ſo iſt es am beſten, den Kummer ſo ruhig wie möglich zu ertragen. Jedenfalls iſt ſoviel gewiß... und das iſt das Einzige, was mich einigermaßen tröſtet, daß... daß...“ 1— 4 „Sprich heraus, was Du ſagen willſt, daß... daß... „Aber Du wirſt nur böſe auf mich werden.“ „Gewiß nicht... ſprich nur... daß... ſagteſt Du.. daß..“ 1 „Daß Du eben ſo Schuld an meinem Unglück biſt, wie irgend jemand anders.“ „„Ich... „Du weißt, daß ich früh in einen Dienſt kam... Meine Herrſchaft war recht freundlich gegen mich, aber meine Kamerädinnen neckten mich beſtändig, weil ich keine ſo ſchöne Kleider hatte wie ſie, und ſie wollten nie⸗ mals mit mir ausgehen, weil ſie ſich meiner ſchämten. Eitel wie alle andern Mädchen, fühlte ich mich ſo ver⸗ ſtoßen und unglücklich, daß ich es nicht beſchreiben kann. Wenn ſie ausgingen und ſich luſtig machten, ſo verſchloß ich mich auf mein Zimmer, ſaß da und weinte; und um ihnen nicht nachzuſtehen, begann ich endlich zu lügen und ſagte zu ihnen, wenn ſie heimkamen, daß auch ich aus⸗ gegangen ſei.“ „Arme Anna!“ „Aber ich bekam dadurch keine beſſern Kleider und der Lohn reichte nicht weiter, als daß ich mir das Aller⸗ nöthigſte anſchaffen konnte. Als daher meine Kamerä⸗ dinnen entdeckten, daß ich ſie belogen hatte, da verhöhn⸗ ten ſie mich noch ärger. Von der erſten Stunde au, 112 wo ich in den Dienſt kam, ſchoben ſie alle Schlechtig⸗ keiten, die ſie begingen, mir auf den Hals. Wenn etwas zerſchlagen wurde, ſo hatte ich es gethan, und wenn etwas wegkam, ſo war es wiederum keine andere als ich, die es verſchuldet hatte. Eines Tags ſagte man mir gradezu ins Geſicht, ich habe ſowohl das eine als das andere begangen, und da ich mich nicht anders als durch Thränen zu vertheidigen vermochte, ſo glaubte man nur um ſo beſtimmter an die Anſchuldigung. Meine Herr⸗ ſchaft, die bisher ſo freundlich gegen mich geweſen war, begann jetzt auch Argwohn zu faſſen. Ach Du kannſt nicht glauben, wie unglücklich ich mich fühlte. Endlich kam ein ſilberner Löffel weg... Gott weiß, daß ich nichts dafür konnte... aber man ſah auf mich, und flüſterte hinter meinem Rücken, und ſo erröthete ich bis unter die Augen. Und wie man vorher die Thränen als Zeugen gegen mich genommen hatte, ſo legte man mir jetzt auch mein Erröthen aus. Natürlich läugnete ich, aber man führte mich auf die Polizei, und da war alles Reden umſonſt... der Polizeikommiſſär machte die Sache kurz ab, er nahm die Anſchuldigungen meiner Kamerädinnen als Wahrheit an und legte mir mein Schweigen als Geſtändniß aus. Ich wurde verurtheilt ... verurtheilt und aus dem Dienſte gejagt, mit einem Dienſtſchein, der mich für mein ganzes Leben brand⸗ markte.“ 3— Der Anblick von Annas Kummer ſchnitt Heinrich tief ins Herz, und dennoch wandte er ſeine Augen von ihr ab. 3 „Du wendeſt Dich von mir ab, Heinrich; ich ſage Dir, das iſt eine Strafe... vielleicht härter als die⸗ jenige, die der Richter ausſprach.“ „Du ſagteſt, ich ſei die Urſache Deines Unglück geweſen...“ „Es iſt wahr, ich ſagte das. Als ich nach Hauſe zu meinen Eltern zurückkam, wollten ſie mich kaum wie⸗ 113 der aufnehmen. Mein Vater... Du erinnerſt Dich vielleicht ſeiner noch— ſparte nie etwas, ſondern ver⸗ brauchte alles, was er verdiente, mit Branntwein. Je⸗ mehr er Schnaps trank, um ſo ſchwächer, böſer und kränklicher wurde er auch, und endlich fehlte ihm ſowohl das Einkommen als der Branntwein.“ W „Es iſt ganz richtig, was Du ſagſt... ich erin⸗ nere mich noch,... obſchon ich früher nicht ſo darüber nachgedacht hatte.“ „So war es, als ich wieder nach Hauſe kam.. und er behandelte jetzt ſowohl meine Mutter als mich auf eine ſo barbariſche Art, daß an gar keinen Haus⸗ frieden mehr zu denken war. Weh allen denen, die es ſo haben, wie wir es hatten! Mir machte er immer Vorwürfe... und mein Dienſtſchein, und meine Ver⸗ urtheilung auf der Polizei gaben ihm Veranlaſſung dazu. Obſchon ich in meinem Herzen noch unſchuldig war, ſo betrachteten mich alle als das ſchuldhafteſte und ſchlech⸗ teſte Geſchöpf von der Welt. Mit der Zeit war ich in⸗ deſſen herangewachſen, und man entdeckte, daß ich nicht ſo übel ausſähe. Als ich zum Erſteumal dieß Urtheil über mich hörte, frente es mich ſo ſehr, denn ich dachte .. ach ja, warum ſollte ich es jetzt nicht ſagen, da ja doch alles zuſammen nun vorbei iſt... es freute mich ſo ſehr, denn ich dachte an Dich, und daß auch Du Dich darüber freuen würdeſt, daß Deine Spielkamerädin hübſch ausſteht. Aber die Freude währte nicht lange: bald bekam ich Urſache, mich darüber zu grämen, daß ich ſauber war, denn juſt mein Ausſehen wurde mein Ver⸗ derbeu. Es wäre unmöglich, Dir alles zu ſagen, was meine Eltern mir vorſchwatzten; aber mein Vater ſagte, er könnte Schnaps trinken, ſoviel er wollte, und meine Mutter, ſie würde wieder Frieden im Hauſe bekommen, wenn ich nur einwilligte. Ich hatte weder Luſt, ſie zu verſtehen, noch durfte ich es, und nun beſchuldigte man Das Gewiſſen. 1. 3 8 114 mich, ich ſei ebenſo ſchlecht als dumm, und eine ebeuſo ſchlechte Tochter, wie eine ſchlechte Perſon, man könne gar keinen Dank von mir haben... und dabei verglich man mich mit andern Mädchen, welche die Freude ihrer Eltern ſeien.“ „Was Du ſagſt, iſt ſchrecklich.“ „Und gleichwohl iſt es etwas ganz Gewöhnliches, Heinrich. Denke Dir meine Lage, ich wurde nicht blos verdächtigt, ich war auch öffentlich verurtheilt und ge⸗ brandmarkt; ich hatte nicht blos in meinem Vater einen beſtändigen Ankläger, ſondern auch in meiner Mutter eine Zuchtmeiſterin.... Aber nicht genng damit... meine Kleider begannen immer lumpiger zu werden, und manchmal mußte ich mich zu Bette legen, ohne den gan⸗ zen Tag etwas genoſſen zu haben. Aber warum Dir ſo umſtändlich mein Elend beſchreiben?... ich werde da⸗ durch doch nicht beſſer als ich bin. Als meine Eltern endlich ihren Willen durchſetzten, o mein Gött, wie un⸗ glücklich wurde ich nicht da! Verlauge nicht, daß ich Dirs erzählen ſoll. Ich mußte ins Lazareth gebracht werden. Dort wurde ich mit Andern bekaunt, die ſich in der gleichen Lage befanden. Meine Qualen vermag ich Dir nicht zu beſchreiben. Ich ſah klar ein, daß ich für meinen erſten Gedanken, für Dich verloren war, und .. und je deutlicher ich das einſah, um ſo dentlicher begriff ich auch, daß ich keine Wahl mehr beſaß. Was⸗ die Umſtände angefangen hatten, das vollendeteſt Du. In dem Urtheil über mich ſelbſt fällteſt Du Dein eigenes Urtheil. Meine Jugendhoffuungen ſtürzten wie eine Ruine um mich zuſammen, und mir war, als höre ich Deinen Fluch darans ertönen. Der Schrecken von dem Gedanken an Dich jagte mich immer mehr und mehr ins Verderben. Ich bekam keinen Frieden vor Dir, außer wenn ich mich dem Verbrechen weihte... und im Laſter ſelbſt... was glaubſt Du wohl, daß es war, was ich liebte?... Dnu warſt es. Der Haß.. ich 115 hatte noch nie ein Weſen gehaßt... begann dabei in meiner Bruſt aufzukeimen, und ich haßte alle Menſchen ... alle.. der einzige, den ich nie haſſen konnte, das warſt Du. Du hingeſt feſt an meiner Seele, wie die Erinnerung au meine Kinderjahre, wie das erſte Gebet, das ich gelernt, und obſchon der Schreck vor der Liebe, die mir einmal aus Deinem Auge entgegengeſtrahlt, mich immer tiefer in den Abgrund trieb, ſo hörte ich dennoch niemals auf Dich, zu lieben. Es erging mir wie unſrer Stammmutter Eva, die, nachdem ſie von der verbotenen Frucht gegeſſen, von einem Engel Gottes aus dem Para⸗ dies getrieben wurde... du haſt mich aus dem meini⸗ gen getrieben...“ Heinrich konnte ihr ſeine Theilnahme nicht verſagen ... aber das war auch alles, was er ihr zu ſchenken vermochte. Er war Arbeiter.. aber die Arbeit hatte ibm ſo ſtrenge Begriffe von Ordnung und Fleiß, von der Anwendung jeder Stunde zu einem guten und nütz⸗ lichen Zweck eingegeben, daß er auch in der Arbeit ein unfehlbares Mittel für jedermann erblickte, ſich aus Noth und Laſter zu retten. In einer redlichen Arbeit glaubte er Gott zu preiſen, er glaubte auch, daß Gott den Mann in ſeiner redlichen Arbeit belohne. In dieſem Glaubeu war er eben ſo ſtreng gegen ſich ſelbſt wie gegen andere, und er konnte ſich mit dem Gedanken nicht verſöhnen, daß jemand, der nur arbeiten wolle, zu ſinken brauche .. oder daß uicht jeder Menſch ſich von ſeinem Fall zu erheben vermöge, wenn er nur Luſt habe, zu arbeiten. In der Faulheit erblickte er den Anfang aller Laſter, und die Faulheit war für ihn daſſelbe, was das Miß⸗ trauen einer ſchwachen Seele und eines ſchwachen Cha⸗ rakters ſowohl gegen ſich ſelbſt als gegen Gott iſt. Er beklagte auch Auna, aber er war im Begriff, ihr als Troſt den Rath zu geben, daß ſie ſich wieder nach einer nützlichen Arbeit umſehen ſolle, als er ſich auf einmal veränderte und blos ſagte: V 116 „Und jetzt?“ Bei dieſer kurzen Bemerkung oder Frage, die von keiner ſonderlichen Wärme zeugte, heftete Anna ihre Au⸗ gen auf ihn, gleich als wollte ſie in ſeinem Herzen nach troſtreicheren und theilnahmsvolleren Worten ſuchen. „Und jetzt...“ wiederholte ſie, indem ein melan⸗ choliſches Lächeln ſich über ihr Geſicht verbreitete... „jetzt habe ich mir bei meinen Bekannten die zweideutige Ehre erworben, die Königin der wilden Jagd genannt zu werden. Du weißt vielleicht nicht, was dieſe Jagd beſagen will...“ „Nein, Anna, nein.“ „Der Jagdplatz ſind die Straßen der Hauptſtadt... die Jagd beginnt, wenn die Sonne untergeht... und was wir jagen, ach rathe einmal... rathe einmal.“ „Unmöglich, ihr jaget...“ „Alles, was dem Menſchengeſchlecht angehört, hoch und niedrig; es iſt eine entſetzliche Jagd, Du...“ Heinreich richtete ſich auf und der Schrecken zeichnete ſich in ſeinen gerunzelten Augenbrauen ab. „Du täuſcheſt mich, das iſt nicht möglich.“ „Nein, Heinrich, es iſt mir nicht ſo wohl, daß ich ſpaſſen möchte.“ „Unglückſelige! Was höre ich!“ „Die Wahrheit, Heinrich, die lautere Wahrheit.“ b b * „Und Du haſt keine Luſt, zu einem andern Leben zurückzukehren?“ Jetzt erhob ſich Anna ihrerſeits von ihrem Platze. Der friſche, freie Muth, der ihre Erſcheinung gewöhnlich charakteriſirte, ſchien zurückgekehrt zu ſein. Die Wangen glühten wieder und die Lippen lächelten, als wären ſie belebt von der Gluth der Liebe. „Ach ja, Heinrich, ich habe wohl Luſt, zu etwas Beſſerem zurückzukehren; aber ich fühle, daß nur ein ein⸗ ziges Mittel mich retten kann...“ — 117 „Und das iſt die Arbeit,“ ergänzte Heinrich ihren Satz. 3, Rein mein Freund, nicht die Arbeit, ich verſtehe mich nicht ſehr darauf... die Liebe iſt es, Heinrich.“ „Die Liebe...“ „Du ſiehſt verwundert aus... Du meinſt, daß ich Liebe genug genoſſen haben könnte, um ihrer ſatt zu ſein; aber Du täuſcheſt Dich. Mitten im Jagdſchloß der Liebe, vermiſſe ich nichts ſo ſehr als die Liebe. Die Liebe Aller iſt eine herzloſe Liebe... aber die Liebe eines Einzigen... o eines Einzigen... das iſt Treue i. das iſt Liebe im Leben und Tod... Beſäße ich i... 4 Erröthend verbarg ſie einen Augenblick das Geſicht in ihren Händen, aber ſie richtete es bald wieder auf und fuhr fort: „Die Liebe eines Mannes... oh wie würde ſie mich glücklich machen... und wie würde ich auch ihn glücklich machen können!“ „Du täuſcheſt Dich, Anna... ein ſolches Gefühl kannſt Du nicht mehr kennen.“ „In dieſem Fall täuſcht ſich kein Weib, und ich um ſo weniger, weil ich weiß, weſſen Liebe einen ſolchen Einfluß auf mich ausuͤben könnte.“ Heinrichs Bruſt hob ſich unruhig, er begann zu ahnen, auf was ſie zielte. „Jedenfalls ſchweig, Anna! ich bitte Dich.“ „Du bitteſt mich, ſtill zu ſein, Heinrich, und ich ſollte vielleicht ſchweigen, aber wir treffen uns jetzt ſo elten, und noch ſeltener bekomme ich Gelegenheit, mein Herz zu öffnen. Laß mich alſo immerhin ſchwatzen... es iſt doch ein Troſt... obſchon ich nur gar zu gut weiß, daß der erſte Wind ihn verweht. Deine Liebe, Heinrich, könnte mich retten, nur die Deinige.“ „Wenn das wahr iſt, was Du da ſagſt, Anna, ſo thut es mir leid um Dich.“ „Du liebſt mich nicht, willſt Du hinzufügen.“ „Ich bin Dir gut geweſen, Anna, unbeſchreiblich gut, und ich glaube ſogar, daß ich Dich geliebt habe; aber als Du mich verließeſt, da fühlte ich mich einige Zeit ganz unbehaglich darüber, wiewohl ich nachher...“ „Wiewohl Du nachher Deine Neigung verändert und Dich einer Andern hingegeben haſt, nicht wahr? Nun gut, ich darf am allerwenigſten es tadeln: mag der Himmel Dir Glück verleiben, Heinrich! Niemand kann es lebhafter wünſchen, als ich. Natürlich wirſt Du auch wiedergeliebt?“ „Ich weiß es nicht,“ ſtammelte Heinrich, und ſeine Wangen wechſelten in Weiß und Roth. Es war das erſtemal, daß er es gewagt hatte, von ſeiner Liebe zu ſprechen. Anna ergriff ſeine Hand und eine zärtliche Theil⸗ nahme drückte ſich in ihrem Blicke aus. 3 „Ich ſehe wie dieß iſt,“ begann ſie wieder,„und ich beklage Dich, Heinrich. Aber laß mich Dir einige Worte ſagen. Dn kannſt mich nicht lieben und ich finde das nicht zum Verwundern. Aber Du mußt mir erlauben Deine Freundin zu ſein. Sage mir wer ſie iſt, die Du liebſt, und ich werde Dir gewiß nützlich ſein können. Du ſchweigſt. Du haſt kein Vertrauen zu mir. Bedenke indeß, daß ich die Freundin Deiner Kindheit bin... und daß ich als ſolche einiges Vertrauen verdiene. Ich bin aufrichtig gegen Dich geweſen... ſei Du es auch gegen mich... Du kannſt nicht glauben, wie unendlich Du mich dadurch erfreuen würdeſt.“ Mürbe gemacht von ihren Worten, vertraute ſich Heinrich Anna an. Ueber dem Gegenſtand ihres Geſpräches hatte Hein⸗ rich ſeine Mutter, das Gedächtniß ſeines Vaters, den Streit, der ſoeben ſtattgefunden und der beinahe ſo ſchreck⸗ lich für ihn geendet hätte, vergeſſen. 4 119 Anna vergaß dagegen⸗„. von demſelben hinge⸗ riſſen... die ganze Welt. Wir laſſen ſie hier. —x; „ Sechstes Kapitel. Ein Bankett. Vor Kellners Haus an der Schiffbrücke war Leben und Bewegung. Die eine Cauipage fuhr die Auffahrt heran und die andere entfernte ſich. Perſonen von jedem Alter und Geſchlecht hüpften aus den Wagen und bega⸗ * ben ſich eine um die andere die Treppen hinauf, nach der koſtbar beleuchteten Wohnung. Uniformen und Civil⸗ fräcke bewegten ſich untereinander. Unter den zahlreichen Gäſten, die Kellner bei ſich verſammelt hatte, erblickte man mehrere Miniſter, die an⸗ geſehenſten Mitglieder der Großhändlergeſellſchaft, ver⸗ ſchiedene hochgeſtellte Beamte, den einen und andern ein⸗ flußreichen Bürger und auch einzelne junge Männer, die eben in der Mode waren. Kellner verſtand es, ſich mit Perſonen zu umgeben, die ihrerſeits ſein Anſehen erhöhen ſollten. Die Menge urtheilt nach dem äußeren Schein. Künſtler und Schriftſteller... wenn auch nicht die ausgezeichnetſten, doch ſolche, die gerade einen Namen hatten... zeigten ſich ebenfalls allhier. An Damen von vornehmer Geburt, großem Reich⸗ thum und glänzenden Verbindungen fehlte es nicht. Wo ¹ die Natur keine Schätze zu verſchwenden die Güte ge⸗ habt, hatte die Toilette das Mangelnde erſetzt. Die Geſellſchaft war unleugbar eine glänzende. Alle Gäſte hatten ſich bereits eingefunden, aber der Wirth ſelbſt kam noch nicht zum Vorſchein. Man ſagte, daß eine Angelegenheit von der höchſten Wichtigkeit, die nicht einen Augenblick Aufſchub dulde, ihn beſchäftige. Dieſe Angabe erſchien ſonderbar, war jedoch als der erſte Gegenſtand des Geſprächs höchlich willkommen. Ueber nichts hört man ſo oft klagen, als über die Langweiligkeit des Geſellſchaftlebens bei uns, und gleich⸗ wohl fährt man fort, die Geſellſchaft zu beſuchen. Das Langweilige iſt zur Mode geworden. Die Urſache vom Verfall des Geſellſchaftlebens liegt an Denen, die darin leben. Es kommt daßer, daß die Geſellſchaft bei uns blos aus der Geburt, dem Privile⸗ gium und dem Capital beſteht, während Wiſſenſchaft, Literatur und ſchöne Künſte verbannt ſind. Die erſteren gehen in den meiſten Fällen mit Masken vor den Ge⸗ ſichtern; die letzteren leben unmaskirt und können auch nur ſo leben, weil ſie nur das Natürliche im Staat re⸗ präſentiren. Stockholm wird ein klein Paris genannt, aber Paris hat für das Geſellſchaftsleben das erobert, was ſeinen Werth ausmacht, und während man in Stockholm von Vergnügen wohl ſprechen kann, iſt in Paris das Geſpräch ſelbſt ein Vergnügen. Die bei Kellner verſammelte Geſellſchaft beſaß gleich⸗ wohl etwas von dem Geiſte, der die Geſellſchaften ande⸗ rer Länder ſo mächtig belebt. Frau Kellner machte die Honneurs auf eine ſo ent⸗ ſprechende und bezaubernde Weiſe, daß ein Gefühl lieb⸗ licher Befriedigung ſich über Alles verbreitete. Schon in ihren Bewillkommungsgruß legte ſie einen ſo frenndlichen Charakter, daß ſie dadurch mit zauberiſcher Anmuth den gewöhnlichen Zwangsgürtel des vornehmen Geſellſchaft⸗ lebens löste; man athmete leichter und glaubte ſich nicht in einem fremden, ſondern im eigenen Hanſe. 2 —— 121 Jeues muntere, fröhliche Getöſe, welches beweiſt, daß alle auf eine angenehme Art beſchäftigt ſind, wogte auch von Zimmer zu Zimmer. „Sie ſind ſehr glücklich, Frau Kelluer,“ ſagte eine Dame, die auf der Höhe der Mode ſtand,„Sie verſtehen es ſo gut, Behagen und Freude um ſich her zu verbrei⸗ ten... Wahrhaftig, wenn ich Gäſte bei mir habe, ſo ſcheinen ſte ſich nur vorgenommen zu haben, ſich alle zu⸗ ſammen zu langweilen.“ „Es iſt in der That,“ fügte eine andere hinzu,„ein daukbares Geſchäft, ſolche Perſonen bei ſich zu ſehen, wie Sie thun. Auch ich verſäume gewiß nichts, um meinen Gäſten Frende zu machen, aber...“ Frau Kellner achtete indeß nicht ſehr auf die Aeu⸗ ßerungen ihrer ſchwatzbaften Freundinnen; ihre Aufmerk⸗ ſamkeit hatte, obſchon ſie ſich auf Alle ausdehnte, gleich⸗ wohl ihren eigenen Zielpunkt, und theilte ſich zwiſchen der Thüre, die zu Kellners Zimmer führte, und derjeni⸗ gen, durch welche die Gäſte eintraten. Es war indeß eine große Menſchenkenntniß erforderlich, um zu entdecken, daß ein ihrer Umgebung fremder Gedanke ſich in ihrem In⸗ neren bewegte, ſo einnehmend und zuvorkommend erwies ſie ſich allenthalben. Graf Frank war ſoeben eingetroffen.— Frank war nicht mehr jung; er zählte etliche vierzig Jahre und beſaß in vollkommenem Maße die männliche Haltung, die ſich gewöhnlich erſt mit dieſem Alter ein⸗ findet. Ohne ſchön zu ſein, war ſein Aeußeres ſehr vor⸗ ſprengelt, das Geſicht ernſt und blaß, die Taille wohl proportionirt und geſchmeidig. Was ihn beſonders aus⸗ zeichnete, war die vortheilhafte, wenn auch ſtolze und vor⸗ nehme Art, wie er ſich präſentirte. Er war ein Mann von Welt und gewöhnt, ſich in den beſten Kreiſen zu bewegen, das ſah man ſogleich. Der melancholiſche Aus⸗ druck, der in ſeinem Geſicht und beſonders in den tiefen, die Verzweiflung ſeiner Freunde ausmachte. dunkelblauen Augen ruhte, verlieh ihm ein Intereſſe, das Als er die Wirthin begrüßte, befanden ſie ſich von der übrigen Geſellſchaft etwas getrennt, und er benützte dieſen Umſtand.* „Sie müſſen mir erlauben, heute Abend einige Worte unter vier Augen mit Ihnen zu ſprechen.“ „Heute Abend? Unmöglich. Gourville kommt her.“ „Ich ſehe nicht, wie das Sie verhindern kann, meinen Wunſch zu erfüllen. Ich habe Ihnen höchſt wichtige Dinge mitzutheilen.“ „Nein, Graf, nein! Gourville...“ „Immer Gonrville. Hüten Sie ſich, daß Sie mich nicht zu ſeinem Feinde machen. Ich m uß inzwiſchen mit Ihnen ſprechen.“ „Sie müſſen?“ „Wie ich ſage. In einer Stunde... Iſt es er⸗ laubt?...“ „In einer Stunde. „Im grünen Kabinet...“ „Man kann uns hören... ſtill... 4ʃ Unter den Gruppen von Gäſten, die Kellners Salon füllten, fiel beſonders eine in die Augen, obſchon ſie nur aus zwei Perſonen, nämlich aus zwei älteren Männern beſtand. Der eine von ihnen war Kelluers Vater, deſſen Ausſehen einen gutmüthigen Mann mit patriarchaliſcher Haltung verkündete; der andere bekleidete einen hohen militäriſchen Rang; er war General der Infanterie, hatte mehre Orden auf der Bruſt, eine martialiſche Geſtalt, 123 einen ſcharfen Blick und eine ſtrenge Miene. Sein Name war Roſenpalm. Beide hatten ſchneeweiße Haare, und wenn Kellners Vater auch älter war, als Roſenpalm, ſo trug er ſich gleich⸗ wohl mit derſelben Kraſt und Leichtigkeit. Der alte Kellner war freundlicher und fröhlicher, als er es ſeit vielen Jahren geweſen. Wie hätte er auch anders ſein können! Ein paar Tage, nachdem der bei ſeinem Sohne be⸗ werkſtelligte Einbruch zu ſo verſchiedenen Gerüchten An⸗ laß gegeben, hatte das Glück dieſen auf die erſtaunlichſte Weiſe begünſtigt. Mehrere Artikel, die zu den niedrigſten Preiſen ge⸗ ſtanden und manchen Börſenmann mit Untergang bedroht hatten, waren auf einmal im Preiſe geſtiegen, und zwar überdies nachdem er im ungünſtigen Moment die meiſten Vorräthe an ſich gebracht hatte. „Dieſe unvermuthete, aber für Kellner ſo günſtige Preisveränderung war die Folge eines Gerüchts, das man ſich in die Ohren flüſterte, und das nicht blos durch die Notizen, welche die ausländiſchen Zeitungen darüber mittheilten, ſondern auch durch Berichte von den Maß⸗ regeln, welche, wie man ſagte, die Regierung zu ergreifen beabſichtigte, beſtätigt wurde. So unvermuthet, ſo unvorhergeſehen hatten dieſe Ge⸗ rüchte ſich verbreitet, daß ſie die größte Verblüfftheit und Augſt hervorriefen, und die Haſt, womit die Preiſe ſtie⸗ gen, ſchien am allerbeſten zu beweiſen, daß man vollkom⸗ men Grund dazu hatte. Man wunderte ſich über Kellners ſcharfen Geſchäfts⸗ blick und das Publikum erklärte ihn für den klügſten Mann auf der Börſe, obſchon es dem Neid ſchwer fiel, die Gedanken ſeines Herzens zu verbergen, beim Anblick der ungeheuern Vortheile, die er davon genoß. Kellner beobachtete ein unverbrüchliches Stillſchwei⸗ gen, verſäumte aber keinen Augenblick, ſich der vortheil⸗ haften Conjunktur zu bedienen, während ſein Caſſier voll inniger Zufriedenheit lächelte und mit ſeinem klugen Kopf nickte. Aber wenn der alte Kellner ſtolz war auf ſeinen Sohn und deſſen Erfolge, ſo beſaß ſein Freund Roſen⸗ palm ebenfalls Grund, ſtolz zu ſein auf die Auszeichnun⸗ en, die er als verdienſtvoller und redlicher Militär im Staatsdienſte errungen hatte, noch mehr aber auf eine Tochter, deren Schönheit alle Andern überglänzte. Jaquette war auch ſein Augapfel. Sie war eines jener bezaubernden Geſchöpfe, die man aſchblond nennt, weder blond noch brünett, auf der Grenze zwiſchen Nacht und Tag, eine Tochter der Morgenſtunde. Aus den blauen Augen ſtrahlte eine Seele klar und rein wie der wolken⸗ freieſte Himmel, und in den dunkeln Locken ringelte ſich eine ganze Mitternacht um den ſammtweißeſten und ſei⸗ denreichſten Hals, den man ſich denken konnte. Was ihren Charakter betrifft, ſo war auch er ein Gemiſch von entgegengeſetzten Farben, oder er beſaß vielmehr noch keine beſtimmte Farbe. Man konnte ſagen, er ſei marmo⸗ rirt geweſen, bald hell und bald dunkel, von wechſelndem Colorit. Erfahrung und Jahre hatten ihm noch nicht die erforderliche Einheit und Beſtimmtheit gegeben. Der alte Kellner erſchöpfte ſich in Bewunderung für ſeinen Sohn, den er als einen Typus der Geſchäftsleute in der Hauptſtadt betrachtete, und der General ſtrich ſei⸗ nen weißen großen Schnurrbart, wenn er zuweilen nach ſeiner Tochter blickte, die auf eine Weile aus ſeinen Au⸗ gen entſchwunden war. „Unleugbar iſt er Schwedens ausgezeichnetſter Han⸗ delsmann,“ verſetzte der alte Kellner...„ich verſichere Sie, ich ſchmeichle nicht, ſondern urtheile aus Erfahrung. Niemand beſitzt einen ſchärferen Blick als mein Sohn, Niemand ein ſichereres Urtheil, und dann Muth... bei⸗ nah nur zu viel Muth. Mit mehr als einer Schwierig⸗ 125 keit hat er zu kämpfen gehabt, und man hat nie eine Spur von Kummer in ſeinem Geſichte entdeckt.“ Der General verſtand ſich zwar auf Affären, aber er war kein Geſchäftsmann. „Ei der Tauſend,“ ſagte er,„ich glaube das Alles; aber wo iſt Jaquette?“ Der General war eine prunkloſe und einfache Natur, ein antiker Charakter, der es als entſchieden annahm, daß alle Menſchen ehrlich ſeien, nicht einen einzigen Augen⸗ blick daran zweifelte, daß man daſſelbe von ihm denke. Er war wie ſein Schwerdt fleckenrein und zuverläſſig, und Niemand wagte mit ihm zu ſcherzen, außer ſeine Tochter, die ihn wie eine Spielſache behandelte. In ſei⸗ nem ehrlichen Geſicht und ſeinem unverſtellten offenen Blick meinte man ſeine finniſche Geburt zu leſen, wie man in der ſtrengen Beharrlichkeit, womit er einen Vor⸗ ſatz ausführte, den finniſchen Charakter wieder erkannte. Jaquette war die einzige Perſon, die nicht ganz feſt an die Unerſchütterlichkeit ſeiner Vorſätze glaubte. ie wußte, was ſie wußte... ſie ſcherzte und lächelte. ſie that, was ſie wollte.. „Sehen Sie, da iſt ja mein kleiner Rekrut,“ fügte er hinzu, als er ſeine Tochter in der Doppelthüre zum inneren Salon bemerkte.„Aber der Tauſend, wer iſt das Frauenzimmer an ihrer Seite?... ein ſchönes Mäd⸗ chen... Jaquette, komm her, Jaquette!“ 4 Die Arme in einander geſchlungen, hüpften die bei⸗ den Mädchen leicht und graziös heran. „Ich ſuchte Sie ſoeben, Papa,“ ſagte Jaquette,„um Ihnen meine einzige und beſte Freundin, Axelnie, vorzu⸗ ſtellen... ach, ich bin ſo glücklich, daß ich ſie einmal wieder getroffen habe... Wiſſen Sie, Papa... ſie bleibt den Winter über in Stockholm... ihre Eltern ziehen in die... wie wollen wir nicht ſo oft beiſammen ſein.. gefällt Ihnen Axeline nicht ſehr gut, Papa... ſie iſt die Güte ſelbſt... und dann ſo ſchön.“ Areline erröthete über das Lob ihrer Freundin, aber ſie verdiente es ohne Zweifel, denn ſie war ein liebliches, einnehmendes Mädchen, und ihrer eigenen Reize ſich noch nicht bewußt. In ihren großen, klaren Augen lag ſo viel Schwärmerei, die Lippen waren kaum erſt aufge⸗ ſprungene Roſen, voll von der Unſchuld eines milden Herzens, und ſie hatten noch kein Wort von Liebe geflü⸗ ſtert. In den Grübchen der Wangen wohnte ein lächeln⸗ der Schalk, und kleine Grazien ſchienen mit den um ihren Hals her tanzenden Locken zu ſpielen. Der General liebte ſchöne Geſichter und beſonders ſchöne Mädchen; er blickte mit Befriedigung auf die er⸗ röthende, dadurch aber noch ſchönere Axeline herab. „Es freut mich, mein Fräulein, Ihre Bekanntſchaft zu machen... Ihr Vater und ich, wir ſind Jugend⸗ freunde.... wir haben manchen loſen Streich zuſam⸗ men ausgeführt.... er hat mich ſicherlich nicht ver⸗ geſſen.“ 4 „Weit entfernt, Herr General, er ſpricht von nichts ſo gerne, als von Ihnen.“ „Ich glaube das... Ihr Vater iſt ein vortreffli⸗ cher Mann und ein redlicher Freund... der Himmel hat ihn aber anch mit einer liebenswürdigen Tochter belohnt... er iſt nicht mit Ihnen in der Stadt?“ „Sie haben ihn alſo nicht getroffen... er beglei⸗ tete mich hieher; aber es iſt wahr... Großbändler Kellner und er hatten, glaub ich, einige Geſchäfte mit⸗ einander abzumachen.“ „Komm, Axeline, komm,“ fiel ihr Jaquette ins Wort, „ich habe Dir ſoviel zu ſagen. Mein Papa darf Dich mir nicht ſtehlen... komm... komm...“ 3 Und die beiden Mädchen hüpften in das grüne Ka⸗ inet. 127 Als die Mädchen herankamen, hatte der alte Kell⸗ ner den General verlaſſen und ſich zu einer andern Gruppe begeben. „Ihr Sohn iſt ein ungewöhnlicher Mann,“ äußerte Jemand dort,„aber man hat ſeinen Werth noch nicht vollkommen erkannt.“ In dieſer Gruppe befand ſich ein Maler und ein Poet, beide von einer gewiſſen Berühmtheit. 8 „Er iſt nicht der Cinzige,“ gab der Maler zu,„der von ſeiner Mitwelt nicht erkannt wird, aber die Nach⸗ welt wird das thun. Der Neid verfolgt alle wahre Größe. Aber ich ſage nichts, ich... das Talent geht ſeinen eigenen Weg.“ „Auch ich habe ein wenig über dieſe Sache nachge⸗ dacht,“ fügte der Poet hinzu,„und ich glaube den Grund von all dem Böſen einzuſehen, das unſre Zeit aufregt und den Werth und die Wirkſamkeit des einzelnen Man⸗ nes ſchwächt.“ Der alte Kellner hörte die Aeußerungen der jungen Männer aufmerkſam an. „Und die Urſache iſt?⸗ fragte er. „Die Kritik, meine Herren, die Kritik; ſie macht das Schwarze weiß und das Weiße ſchwarz, je nachdem das Kotterieintereſſe es gebietet. Man ſagt, die Literatur unſerer Tage ſei eine ephemere; aber was iſt wohl ephemerer als die Kritik unſerer Tage? Ich habe neu⸗ lich eine Gedichtſammlung herausgegeben... aber was wurde ihr Schickſal? Der eine Rezenſent tadelte den Reim, der andere die Sprache, der dritte den Gegenſtand, der vierte die Tendenz und der fünfte den Druck. Wie ich ſage... die Kritik iſt es, die uns zerſtört.“ „ Allerdings, allerdings,“ verſetzte der Künſtler.„Die Kritik hat mir Pinſel und Palett verleidet, und ich ver⸗ ſchmähe es, um Künſtlerehre in einem Lande zu rivali⸗ ſiren, das ſo undankbar i*ſt wie Schweden; ich habe ſtatt 1 deſſen... aber ich ſage nichts... das Talent geht ſeinen eigenen Weg...“ „Wie ich ſage— die Kritik iſt es, die uns zer⸗ ſtört.“ c3 dieſem Augenblick kamen Jaquette und Axreline vorbei. „Mein Gott, welche vollendete Schönheiten!“ rief der Künſtler. „In der That, ſie ſind unbeſchreiblich reizend.“ „Ein ſolches Modell, wie die rechts, und ich würde ein zweiter Raphael werden“ „Eine ſolche Muſe, wie die links... und Schweden würde ſeinen Petrarca erhalten.“ „Laß uns ihnen nachgehen.“ „Ja. Sie ſind entzückend.“ Die beiden Talente näherten ſich Jaquette und Axelinen, aber die Mädchen hielten nicht Stand, ſondern hüpften Arm in Arm vor ihnen weg. 3 „Sie ſind einfältige Kinder.“ „Sie wußten ſicherlich nicht, wer wir waren.“ p dee wußten nicht, daß meine Feder und Dein Pinſel... „Sie berühmt machen könnten.“ „Beneidet von allen andern.“ „Unſterblich.“ Bei den ältern Damen hatten ein Gardecapitän und ein junger Baron aus der königlichen Kanzlei ſich niedergelaſſen, als der alte Kellner bei ihnen eintrat. „Mein Sohn bleibt lange aus,“ bemerkte er,„aber die Geſchäftsaffären, die Geſchäftsaffären...“ 1 „Die Affären... wie Sie ſagen,“ fiel eine Dame ein,„.. der Herr Capitän unterhielt uns juſt mit ſolchen.“ 129 „Mit Affären?“ „Ich ſpreche von den Affären bei Järfva, Haga, Norrbacka, Drottningholm.“ „Wie Sie hören, Herr Großhändler,“ verſetzte die Dame,„iſt der Herr Capitän ein ächter Mann der Affären.“ „Wenn ich recht darüber nachdenke,“ meinte unſer Capitän,„iſo könnte ich gewiß noch mehrere Affären nennen, denn es ging hitzig zu bei der letzten...“ „Was war dieſe?“ „Das Luſtlager auf dem Lodeyardsfeld.“ Der junge Diplomat ſpitzte ſeine Ohren. „Nur ſchade,“ ſagte er endlich,„daß die Feinde euch immer beſiegten.“ „Uns beſiegten? Welche Feinde?“ eer Capitän war nahe daran, hitzig zu werden. „Die einzigen, die ihr meines Wiſſens hattet: die müden Beine, die hungrigen Mägen, die durſtigen Keh⸗ len und endlich... die Mücken. „Sie ſcherzen.“ Der Diplomat lehnte ſeinen Kopf in die Hand und machte eine tiefſinnige Miene. „Es muß doch ſehr ärgerlich ſein,“ begann er nach einer Weile wieder,„wenn man die Sache recht überlegt.“ Die Bemerkung kam, wie wenn er für ſich ſelbſt ge⸗ ſprochen hätte, und Niemand wußte recht, um was es ſich handelte. „Welche Sache?“ fragte der Kapitän. „Einen ganzen Tag gekämpft zu haben und gleich⸗ wohl, wenn der Abend kommt...“ „Wenn der Abend kommt.. 8 „Dieſelben Mücken ihre Siegeslieder um ſeine Naſe ſummen zu hören, die man am Morgen hörte, als man mit Heeresmacht gegen ſie auszog.“ Das Gewiſſen. I. 9 Einige bedeutende Männer von der Großhändlergeſell⸗ ſchaft ſtanden in einer Fenſterniſche, mit einem lebhaften Geſpräch beſchäftigt. „Glaubt ihr, daß der Kaffee und der Zucker noch mehr im Preis ſteigen werden? Jeder Schilliug, um den dieſe Waaren noch aufſchlagen, vermehrt Kellners Reich⸗ thum. Es grämt mich, daß ich ihm mein Lager verkaufen mußte. Was denkſt Du davon? Du calculirſt...“ „Ich überlege...“ „Laß Deine Meinung hören.“ „Eigentlich überlege ich nicht, ſondern beobachte blos.“ „Du beobachteſt... gut, Herr Bruder, gut... „Wenn ich die Sache recht bedenke, kann ich wohl ſagen, daß ich ſowohl überlege, als beobachte.“ „Um ſo beſſer, die Frage iſt wichtig...“ „Unendlich wichtig, das iſt keine Frage.“ „Und das Reſultat... 2, „Es iſt nicht leicht, auf irgend ein beſtimmtes Re⸗ ſultat zu kommen.“ „Ich will das nicht beſtreiten, aber in allen Fällen...“ „Das eine drückt das aus, das andere etwas An⸗ deres.“ „Wie ſo?“ 1 as Reſultat hängt zu ſehr von der Individuali⸗ ät ab.“. „Von was ſprichſt Du? Von Individualität?... Wir ſprechen von...“ „Von den Augen der Frauenzimmer, nicht wahr?“ „Biſt Du Geſchäftsmann, Du?““ „Eine einfältige Frage. Bin ich nicht auf allen Börſenbällen dabei? Bin ich nicht mit in der Innocence? Verbringe ich nicht jeden Abend ordentlich in der großen Geſellſchaft? Spiele ich nicht um jeden Point, den man nur will? Habe ich nicht ein Contor und eine Equi⸗ pa ge? Wer beſitzt eine ſchönere Wohnung, als ich?... 4 4 131 und endlich...“ Er ſchloß nicht, drückte aber ſeinen letzten Gedanken mit einem ſchalkhaften Lächeln aus. „Dies iſt leichtſinnig...“ „Fehlt es mir etwa an Erfahrung?“ „Das nicht.“ „Fehlt es mir vielleicht an Scharfſinn?“ „Das auch nicht.“ „Macht man vielleicht dadurch Geſchäfte, daß man anf die Börſe geht und ungeheuer vernünftig dreinſchaut?“ „Der Verſtand... die Redlichkeit... die Specu⸗ lation...“ „Lauter Phraſen, meine Herren. Will man Ge⸗ ſchäfte machen, ſo ſoll man leben und leben laſſen. Ein Handelsmann muß ein moderner, ein eleganter Menſch, ein fixer Kerl ſein. Er muß auf dem Altar des Ver⸗ gnügens und der Mode opfern, weil das Vergnügen und die Moden am allermeiſten depenſiren und die beſten Kunden ſind. Die Börſe hält uns zuſammen, das iſt wahr, aber unſere wahre Börſe iſt die Welt. So wie die Welt iſt, müſſen auch wir ſein: iſt ſie fröhlich und luſtig, ſo müſfen auch wir es ſein. Mit dem Wind ſegelt man leicht, gegen den Wind hält es ſehr ſchwer. Ich mache, wie Ihr wißt, in Frauenzimmerartikeln, und für mich iſt alſo nichts ſo wichtig, als die Frauenzimmer zu ſtudiren, d. h. ihre Augen, die ein Inbegriff von all' dem Schönen ſind, was ſie beſitzen.“ „Es iſt ſchwer zu wiſſen, ob Du im Ernſt ſprichſt, aber was Du ſagſt...“ „Was ich ſage, iſt die Wahrheit. Jeder muß ſich nach den Geſchäften richten, die er treiben will. Wie ein Juriſt das Recht, ein Diplomat Aie Diplomatie, ein Arzt die Medizin ſtudiren muß, ſo muß auch ein Kaufmann ſeine Kunſt ſtudiren. Daher kommt das eigentlich für uns geltende Sprüchwort: Er hat ſeine Kunſt in Hamburg ſtudirt. Wollt ihr guten Abſatz für euern Kaffee haben, ſo macht allen Kaffeeſchweſtern in der Welt den Hof; O wollt ihr in Wein machen, ſo geht mit den Herrn Kel⸗ lermeiſtern; wollt ihr in Tabak machen, ſo kannegießert mit allen Rauchern und Schnupfern, aber vor allen Dingen fangt damit an, daß ihr ſelbſt rauchet und ſchnupfet. Ich mache in Galanteriewaaren und halte mich an die Damen, welche doch die ſchönſten Galante⸗ riewaaren von der Welt ſind.“ „Aber was war das, was Du beobachteteſt?“ „Eine ſehr wichtige Sache; die nemlich, daß ein Frauenzimmerauge unaufhörlich ſeinen Ausdruck verändert, woraus auch für ſie die Nothwendigkeit entſteht, unauf⸗ hörlich ihre Kleidung zu verändern, um den Nuancen ihrer Schönheit zu folgen.“ „Aber Du überlegteſt ja auch. „Eigentlich hätte ich ſagen ſollen, daß ich mich an Verſchiedenes erinnerte...“ „Laß Deine Erinnerungen hören.“ „Ihr wißt, daß ich gerne Bälle beſuche.“ „Das iſt Deine ſchwache Seite, wir wiſſen es.“ „Ich erinnerte mich, daß vor allen Dingen auf den Bällen die Damenaugen beſtändig ihren Ausdruck verändern.“ „Vermuthlich haſt Du neue Zeuge abzuſetzen und Du willſt davon profitiren.“ „Wenn eine Dame walzt, ſo liegt etwas Verlangen⸗ des und Schmachtendes in ihrem Blick.“ „Du machſt Deine Sachen vortrefflich, Herr Bruder.“ „Wenn ſie einen Francaiſe tanzt, ſo iſt das Auge lebhaft und funkelnd. „Charmant!“ „Wenn ſie eine Polka tanzt, ſo ſind die Wimpern geſenkt, ſie ſieht träumeriſch aus...“ „Vortrefflich!“ „Wenn ſie Sturmgalopp tanzt, ſo iſt ihr ganzes Weſen feurig, brennend, flammend.“ „Und das Reſultat, das Reſultat?“ 133 „Daß ich weiß, was für Zeuge ich für die bevor⸗ ſtehende Saiſon requiriren muß.“”“ „Bravo, Herr Bruder, braviſſimo!“ 8 Die Thüre zu dem Privatzimmer des Großhändlers Kellner öffnete ſich endlich und er trat in Begleitung mehrerer Freunde ein. Wenn ſeine Stirne je Zeichen von Stolz getragen, wenn ſein Auge je von Muth und Siegesfreude geſtrahlt oder ſein Geſicht je Zufriedenheit ausgedrückt hatte, ſo war es zu dieſer Stunde. Mit zuvorkommender Höflichkeit begrüßte er ſeine Gäſte, aber es lag darin ſo viel Zuverſichtlichkeit, ſo viel Würde, daß er auch bei der verbindlichſten Aufmerkſam⸗ keit jeden in einer gewiſſen Entfernung hielt. Man erblickte in ihm den Mann der unerſchöpflichen Hülfsmittel, den Mann des beſtändig wachenden Scharf⸗ blicks und einer immer arbeitenden und in kühnen Plänen lebenden Kraft, den Pfeiler der Börſe, den Finanzmann, den keine Widerwärtigkeit beugen und kein Unglück nie⸗ derſchlagen konnte, deſſen Blicke aber gleich denen Hugins und Munin's über die Welt hinflogen, und deſſen Ohr gleich dem Ohr Hoienthals ſelbſt in den entfernteſten Ländern das Gras wachſen hörte. Nie hatte ſein Name vortheilhafter von den Lippen der Fama ertönt, nie hatten ſeine ausgezeichneten Eigen⸗ ſchaften glänzender in den fliegenden Blättern der öffent⸗ lichen Meinung geſtanden. Auf ſeiner einen Seite ging ein alter Mann von vufrhen und achtungswerthem Ausſehen, aber müde von ahren. 134 3 Kelluer präſentirte ihn unter dem Namen Baron rook. Als der General ſeinen Namen hörte, eilte er vor, und die beiden Greiſe ſanken einander an die Bruſt. Baron Krook war kein anderer als Axelinens Vater, der Jugendfreund des Generals. „Ei der Tauſend, welche Freude, Dich wiederzuſehen!“ rief der General, von ſeinem Gefühl hingeriſſen. „Auch ich habe mich nach dieſer Stunde geſehnt,“ antwortete der Baron,„wir wollen uns jetzt nie mehr trennen. Ich bin nach Stokholm gekommen, um unter meinen Freunden ſterben zu dürfen.“ „Du willſt ſagen, um unter ihnen zu leben.“ Der alte Kellner ſchloß ſich bald ebenfalls an ſie an und die drei Greiſe ſchienen unzertrennlich verbunden. Wenn die Sonne der Hoffnung für den Mann unter⸗ geht, ſo geht die Sonne der Erinnerung um ſo ſchöner auf. Im Reich der Erinnerung war es auch, wo die Alten jetzt die von den Göttern verlorenen Tafeln ſuchten, von denen unſere nordiſchen Mythen ſprechen. An Kellners anderer Seite ſah man Gourville. Im geſchmackvollſten Style gekleidet, zeigte er ſich auf eine Art, die leicht manches Herz zum Klopfen bringen konnte. Aber auch er war ſtolzer als je. Der kühne Blick, den er im Salon umherwarf, ſchien mehr Huldigung zu fordern, als ſolche ſpenden zu wollen, er ſchien eher Be⸗ wunderung zu erheiſchen, als zu erweiſen. Bei ſeinem Anblick durchlief unwillkürlich ein leichtes Zittern Frau Kellner's Glieder und eine plötzliche Bläſſe kam und verſchwand auf ihren Wangen. Kellner präſentirte ihn dann als einen kenntnißrei⸗ chen Mann von Familie aus Frankreich, mit welchem er auf ſeinen Reiſen ſchon vor mehreren Jahren Bekanntſchaft gemacht habe, und den er jetzt in den Zirkeln der Haupt⸗ ſtadt einzuführen die Freude habe, daher er auch wage, ihn ſeinen Freunden zu empfehlen. 135 „Ein Ausländer!“ flüſterten die Damen untereinan⸗ der.„Mein Gott, wie intereſſant er ausſieht! Wie frei und ungezwungen er ſich bewegt! Die Ausländer haben doch etwas.. wie ſoll man nur ſagen, ſo etwas comme il faut... etwas Unausſprechliches... was wir Schwe⸗ den nicht beſitzen. Wir mögen, ſo lang wir wollen, nach Paris reiſen, ſo kommen wir doch wieder als die alten Schweden zurück. Es iſt doch recht angenehm, auch ein⸗ mal einen ächten Ausländer zu Geſicht zu bekommen... wie wollen ihn zu nus einladen... er ſoll keine Urſache haben, ſich über unſere Gaſtfreundſchaft zu beklagen.“ „Siehſt Du, wie hübſch er gekleidet iſt,“ flüſterte fun andere,„es iſt eine wahre Freude, ihn nur anzu⸗ ſehen.“ Dicht hinter Kellner hielt ſich ſein Kaſſier nebſt eini⸗ gen anderen Freunden. Der Kaſſier hielt eine Papier⸗ rolle in ſeiner Hand, und während er ſchalkhaft ſeine Bekannten damit bedrohte, lächelte und nickte er bedeu⸗ tungsvoll. Kellners Vater hatte ſich mit dem General Krook in den äußern Salon hinausbegeben, wo die meiſten Cavaliere ſich aufhielten. Kellner ſelbſt ging dicht hinter ihnen ber. 4 Als er die Damen verließ, benützte Frank die Gele⸗ genheit, ſich an Frau Kellner zu wenden. „Gabriele,“ flüſterte er,„vergeſſen Sie Ihr Ver⸗ ſprechen nicht.“ „n Herren ſehen ſich bald an dem Spieltiſch.“ „Nun... 3 „Erwarten Sie mich alſo.“ Frau Kellner bemerkte in dieſem Augeublick, daß Gourville ſeinen Blick auf ſie geheftet hatte, und ſie fühlte, daß ihr das Blut in die Wangen ſtieg. „Sie erröthen?“ bemerkte Frauk. 8 „Ich fühle es... ich fürchte mich... 136 „Vor was, Gabriele? Vor einer Zuſammenkunft mit mir?“ 4 „Ich fürchte mich vor Gourville... aber verlaſſen Sie mich jetzt, man beginnt hieher zu ſehen.“ Kellner war mitten im äußern Salon ſtehen geblie⸗ ben. Vor ſich hatte er einen Tiſch, auf welchen gerade jetzt eine Bowle gebracht wurde, während die Cham⸗ pagnerpfröpfe umher knallten. Kellner ſenkte nachdenklich den Blick in den ſchäumenden Traubenſaft; man ſah, daß er überlegte, daß man eine Rede zu erwarten hatte, und die Gäſte ſammelten ſich neugierig um ihn, um zu hö⸗ ren, was er zu ſagen habe. „Meine Herren,“ begann er. Das Getöſe erſtarb, als er ſeine Stimme erhob. Kellner war ein geübter und wohlbekannter Redner; in mehr als einer wichtigen Staatsfrage hatte er ſeine Stimme erhoben und man hörte ihn immer mit Intereſſe an. Die Neugierde war allgemein. 3 „Ich bitte Sie,“ fuhr er fort,„mit mir ein Glas auf das Glück des Kaufes leeren zu wollen, der vor einem Augenblick zwiſchen dem Herrn Baron Krook und mir abgeſchloſſen worden iſt.“ Die Gäſte riſſen überraſcht die Augen auf und ſahen einander verwundert an. Der Toaſt betraf nichts von dem, was man vermuthet hatte, ſondern ein neues Ge⸗ ſchäft. Kellner erſchien ihnen als ein wahrer Zauberer, vor deſſen weitausſehendem, niemals ruhendem ÜUnterneh⸗ mungsgeiſt Jedermann ſein Haupt ſenken müſſe. „Das Geſchäft iſt nicht unbedeutend, meine Herrn,“ fuhr Kellner fort,„es handelt ſich um eine halbe Million und verdient wohl ſeinen Toaſt. Herr Baron Krook hat mir nämlich durch einen Kaufbrief ſein bisheriges Eigen⸗ thum Großſmeſtad, ungefähr zwei Meilen von der Haupt⸗ ſtadt, abgetreten. Einen Toaſt auf den Herrn Baron und zu gleicher Zeit auch einen Toaſt auf dieſen Kauf!“ Ein Jubelgeſchrei begrüßte Kellner. Der Neid er⸗ 137 ſtarb, Kellner hatte ſich über ihn erhoben, das Mißtrauen verſchwand, er hatte ihm ſeine letzte Wurzel ausgeriſſen. Kellner hatte Gourvilles Plan befolgt und es war ihm gelungen. Während des Ausbruchs der Bewunde⸗ rung, die ihm jetzt gezollt wurde, athmete er indeß nicht: ſeine Wange war blaß, ſein Herz klopfte nicht. Das Geſchäft hatte nur 8 Tage erfordert, um ab⸗ gemacht zu werden. Auf einen Beſuch bei Wilſon, dem angeſehenſten Güterverkäufer Schwedens, erhielt er Aufſchluß über die größten zum Verkauf ausgeſetzten Beſitzungen. Es folgen hier einige von ihnen. Tyrnſen... im Bezirk Tyrnſen... zwei Meilen über dem Schanzzoll... 200,000 Reichsthaler Banko. Warby mit Zubehör... im Bezirk Sahlheim... fünf Viertelmeilen über dem Hornzoll... 250,000 Reichsthaler Banko. Großhalla... in der Nähe von Lidköping... ſechs bis ſiebenhundert Tonnen Ausſaat... 200,000 Reichsthaler Banko. Almnäs am Wetterſen... ganz nabe bei Czjo, mit prachtvollem Schloß und Park... 300,000 Reichs⸗ thaler Banko. Stabſee, Kanonengießerei und das Hammerwerk Wira, mit einem großartigen Hauptgebäude, vollſtändigem Inventar und 32,000 Morgen Wald... 500,000 Reichsthaler Banko. Aber all dieſe Anweiſungen wurden verworfen, theils weil die Güter nicht den Werth beſaßen, den Kellner wünſchte, theils auch weil ſie von der Hauptſtadt zu ent⸗ fernt waren. Er blieb alſo in ſeiner Wahl bei Groß⸗ ſmeſtad ſtehen, vielleicht hauptſächlich deßwegen, weil er den Eigenthümer dieſes Guts ſchon vorher perſönlich annte. 3 3 „Für tauſend Tonnen,“ murmelte der General. „Das iſt einmal eine Affaire,“ rief der Gardekapitain. 138 „Das Talent geht ſeinen eigenen Weg,“ bemerkte der Künſtler. „Man kann im Geſchäftsleben groß werden,“ fiel der Poet ein,„weil es da keine Kritik gibt, die alles zerſtört.“ „Wenn Du ſeine Augen beobachteſt,“ flüſterte der Großhändler in Galanteriewaaren,„ſo ſiehſt Du, daß der Augapfel ſtill ſteht: ich ahne etwas.“ Der Diplomat ſchwieg, zuckte aber die Achſeln. Kellner hatte ſich kurz und einfach geäußert und ſchien ſich auf keine weitere Erklärung über die Sache einlaſſen zu wollen. Sicher geſchah es auch, um die Aufmerkſamkeit von ſich abzulenken und auf einen andern Gegenſtand zu führen, wenn er in dieſem Augenblick der Dienerſchaft einen Wink gab, die beiden Flügelthüren des größeren Feſtſaales zu öffnen, wo ein ſtark beſetztes Orcheſter, dirigirt von Schnötzinger, in dieſem Augenblick eine belebende Tanzmuſik aufführte. „Wählen Sie ſelbſt, meine Herrſchaften,“ ſagte er, „hier iſt Gelegenheit zum Tanzen und in einem Zimmer ſind die Spieltiſche in Bereitſchaft geſetzt. Während des verworrenen Gewimmels, das jetzt dler den Gäſten entſtand, winkte Kellner ſeinen Kaſſier zu ſich. 4 3. „Sobald der Tanz und die Spielpartien im Gang ſind,“ flüſterte er ihm leiſe ins Obr,„will ich Dich im Contor treffen. Schleiche Dich weg, ohne daß jemand es bemerkt. Ich habe Dir wichtige Dinge zu ſagen.“ Der Kaſſier lächelte und nickte. Der Tanz gehört zu den uralten Lieblingsvergnü⸗ gungen der Schweden, obſchon er jetzt zuweilen gegen ein modernes Vergnügen, nämlich das Kartenſpiel, in * 8 — 139 den Hintergrund treten muß. Die Tanzmuſik hat auch eine erſtaunliche Wirkung in jeder Geſellſchaft. Die von Leben ſprudelnden Töne machen die Augen der Jugend ſtrahlen vor Freude und die Füße bewegen ſich wie durch einen Zauber. Der Schwede tanzt im Allgemeinen gut und leicht, und die Schwedin iſt ebenſo graziös wie jung⸗ fräulich. Die edle Haltung beider würde ihnen in jedem Lande Beifall und Bewunderung erwerben. „Ueberraſchung auf Ueberraſchung!“ rief die Frau nach der Mode und ſchlug vor Freude ihre Hände zu⸗ ſammen. „Frau Kellners Kunſt der Anordnung iſt ebenſo ausgezeichnet, wie Herr Kellners Geſchäftstalent,“ fügte ihre Nachbarin hinzu. Der Ball begann. Die Frangaiſe war glänzend, die Gruppen zerſtreuten ſich und ordneten ſich paarweiſe. Man ſchwatzte und ſcherzte. Jetzt ſchwebten die beiden Geſchlechter um einander her, luftig und leicht, dem Takt der Muſik gehorſam. Die eleganten Toiletten, die anmuthsvollen, wohl abgemeſſenen Bewegungen verliehen dem Gemälde ein prachtvolles Ausſehen. Hier blitzte ein ſtrahlendes Auge, dort ein in Diamant eingefaßter Stern. Hier folgte die Aufmerkſamkeit und der Beifall einer vorher noch nie bemerkten, neuerdings aufgekom⸗ meuen franzöſiſchen Mode, dort einer neuen Uniform, die ihr Daſein dem letzten Tagesbefehl zu verdanken hatte. Hier wetteiferte die Geburt mit dem Reichthum, dort der Reichthum mit der Toilette, aber beide wurden beſiegt von der Jugend und Schönheit. Der Gardekapitain tanzte mit Jaquette und der Diplomat mit Areline. Aller Augen folgten ihnen... aber die Lorgnette des Großhändlers folgte nur ihren Augen. Der Poet und er Künſtler hatten ſich an die zwei Damen nach der ode gewandt und waren nicht wenig ſtolz auf ihre Eroberung. Gourville tanzte nicht... Frau Kellner und Graf Frank ließen ſich nicht ſehen. 140 „Sie tanzen gerne,“ bemerkte der Kapitain. „Ach ja,“ antwortete Jaquette,„ich kenne kein größe⸗ res Vergnügen. Es iſt mir, als töne die Tanzmuſik aus meinem eigenen Herzen, und als wäre ich blos dazu da, um ihrem Rufe zu gehorchen.“ „Grade ſo geht es mir auch mit dem Gewehr⸗ exerzieren... ich fühle mich zum Exerziermeiſter geboren.“ „Jeder hat ſeinen eigenen Geſchmack. Ich meine nur dann zu leben, wenn ich tanze.“ „Und ich nur an der Spitze meiner Compagnie. Apropos, kennen Sie dieſen neuen Gaſt, den Chevalier Gourville? Was ſagen Sie von ihm? Sieht er nicht aus, als ob er Aufſehen machen wollte?“ „Vielleicht.“ „Sie ſind ganz kürzlich erſt in der Hauptſtadt an⸗ gelangt, mein Fräulein? redete der Diplomat ſeine Dame, die hübſche Axeline, an. „Ja, ganz kürzlich.“ 1 „Ich halte es für ausgemacht, daß Sie ſich bei Hof vorſtellen laſſen werden.“ „Mein Vater hat ſich darüber noch nicht geäußert.“ „Sie müſſen in den Amaranth und die Innocenen. Ich glaube zu wiſſen, daß dieſe Winterſaiſon höchſt bril⸗ lant wird. Es handelt ſich bereits von Tanzſoireen, welche wir Junggeſellen von der haute volée arrangiren wollen. Man will durchaus mich zu einem der Unter⸗ nehmer machen. Sie müſſen ſie beſuchen, mein Fräu⸗ lein. Aber ſehen Sie einmal dorthin... wie gefällt Ihnen dieſer Chevalier Gourville? Sieht er nicht ganz ſteif aus?... man ſollte kaum glauben, daß er Fran⸗ zoſe wäre.“ „Er kommt mir etwas abſtoßend vor, ſonſt...“ „Sie geben nicht Acht auf Ihre Tour,“ erinnerte die Dame nach der Mode den Künſtler. „Das iſt immer meine Untugend.“ — 141 „Aber das Talent, wollen Sie ſagen, geht ſeinen eigenen Weg.“ „Sie ſind entzückend, Madame.“ „Kennen Sie den Chevalier Gourville? Er ſieht aus, wie wenn er ein höchſt einnehmender junger Mann wäre; er iſt neuerdings erſt von Paris gekommen... Sie müſſen es veranſtalten, daß er mir vorgeſtellt wird... Wir müſſen alles für ihn thun, damit es ihm in Schweden gefällt.“ „Wie warm es hier iſt,“ beklagte ſich die andere Dame gegen den Poeten.„Finden Sie nicht, daß Schnötzinger heute Abend ganz göttlich iſt?“ „Sie wollen ſagen, daß etwas von Jofurs Blitz in ſeinem Striche ſei...“. „Süperb, charmant... etwas von Jofurs Blitz in ſeinem Strich... das iſt vortrefflich... höchſt originell... aber was ſagen Sie von Gourville, dem Chevalier, mein ich?“ „Von dem Franzoſen?... mein Gott, ich bewun⸗ dere alle Franzoſen.“ „Ach, wenn alle Menſchen Franzoſen wären, wie intereſſant wäre das; wenn Sie wollen, ſo können Sie ihn in mein Haus bringen.“ Als der Tanz zu Ende war, ließ Gourville ſich den beiden Damen vorſtellen, aber ſein Stolz wich nicht vor der Macht der Grazien, ſondern blieb fortwährend auf ſeiner Stirne thronen. „Sie werden uns beſuchen,“ bat die eine der Damen. „Auch mir erweiſen Sie wohl die Ehre?“ „Wir werden von Frankreich ſprechen...“ „Von Paris... Gourville antwortete ihnen nur mit einem von Selbſtzufriedenheit zeugenden Lächeln, während ſein Blick Jaquette und Axeline folgte, die eben jetzt vorbeigingen. Er machte eine Bewegung, um ſich auch ihnen vor⸗ ſtellen zu laſſen, aber ſie kehrten ihm den Rücken. Da⸗ 142 durch fühlte er ſich beleidigt; ſeine Stirn legte ſich in Runzeln und ſeine Miene wurde noch ſtolzer und kälter. „Ich weiß nicht, was das iſt, aber dieſer Gourville da gefällt mir gar nicht,“ bemerkte Jaquette. „Ja, er hat etwas an ſich, das nicht ganz natürlich ausſieht,“ verſetzte Axeline. „Sein Lächeln iſt theilweiſe höhniſch.“ „Und dieſe vornehme Haltung da iſt nicht ganz frei und ungezwungen.“ „Höre!“ „Man ſpielt wieder auf.“ Sowohl Kelluer als Frank hatten beide ein Ge⸗ ſpräch unter vier Augen gewünſcht, der erſtere mit ſei⸗ nem Kaſſier Brandt, der letztere mit Frau Kellner. Die Unterredung fand zu gleicher Zeit ſtatt: die erſtere im Contor, die letztere im grünen Kabinet. Kellner ging, die Hände auf dem Rücken, im Con⸗ tor auf und ab, als der Kaſſier eintrat. „Ich bin bekümmert, Brandt, ſehr bekümmert,“ ſagte Kellner, indem er ſeine Wanderung zwiſchen den Thü⸗ ren fortſetzte. „Und dennoch ſind die Geſchäfte lange nicht ſo gut geſtanden, wie jetzt. Das Glück lächelt Dir ja wieder entgegen, alles geht ja nach Wunſch.“ d 143 „Nur ſchade, Brandt, ohne allen Kern.“ „Wie ſo?“ „Die auswärtige Poſt iſt ſo eben angelangt. Da ſieh her. Sie meldet, daß die Jahresernte nie beſſer war als heuer... und morgen wird alle Welt es wiſſen.“ „Was höre ich?“ „Durch eine Staffete, die eben anlangte, als wir den Kaufbrief von Großſmeſted aufſetzen wollten, erfuhr ich, daß der Delphin im Delarö vorbeigekommen iſt und jede Stunde hier eintreffen kann.“ „Und Dein Vetter Paul?“ „Vermuthlich friſch und geſund, da man nicht ein einziges Wort von ihm ſchreibt.“ „Der verdammte Jack, daß er ſeine Sachen nicht beſſer machen konnte!“ „Bedenke, wenn auch er mich jetzt verriethe.“ „Das wäre ſchrecklich. Gleichwohl glaube ich nicht, daß der Kapitän etwas gegen Dich wagen wird.“ „Roman iſt ein ſtarrköpfiger und ſelbſtändiger Ge⸗ ſelle. Es iſt ſchlimm genug, von ſolchen Leuten abzu⸗ hängen. Und dann die Ladung.“ „Auch Kaffee, Zucker und Wein. Das wird uns ruiniren. Bedenke ſtatt deſſen, wenn Jack den Plan glücklich durchgeführt hätte. Schiff und Ladung waren hoch verſichert.“ „Und dann das Erbe...“ „Mein Gott, ich wage kaum daran zu denken. Du wärſt in ſämmtliche Rechte Pauls eingetreten.“ „Ja, ja,.. aber es lohnt ſich jetzt nicht mehr der Mühe, über die Sache nachzugrübeln.“ „Sage das nicht.“ „Du glaubſt alſo, daß man nie aufhören darf, an einem guten Gedanken feſtzuhalten... man muß nur nie verzagen.“ Verlaß Dich darauf, obſchon...“ 144 „Was willſt Dn ſagen?“ „Obſchon in gegenwärtiger Stunde noch viele an⸗ dere Dinge mich niederdrücken. Dieſer Gourville da ſchreckt mich mehr als alles andere...“ „Gourville?... der Chevalier?... Er iſt ja Dein Freund.“ „Es gibt Freunde, die gefährlicher ſind als Feinde, und Gourville iſt ein ſolcher Freund. Ich habe Dir nicht alles von ihm geſagt.“ 4 „Verbirg nichts. Du weißt, daß Du Dich mir an⸗ vertrauen kannſt. Wer Dich auch verlaſſen mag, ich thue es nicht.“ „Dieſer Gourville...“ „„Nun... „Kann unmöglich der ſein, für den er ſich ausgibt.“ „Was höre ich? wer ſollte er denn ſein?“ „Ein Abentheurer, einer... ich mag es kaum vor Dir ausſprechen, was ich denke... er iſt...“ „Sprich Deine Anſicht aus... Du kannſt Dich doch wohl vor mir nicht fürchten...“ 1 „Gourville iſt niemand anders als...“ wAlanrile, „Als einer... der Diebe im Contor.“ „Unmöglich... Was gibt Dir Veranlaſſung zu einer ſolchen Vermuthung? Er iſt ja ein Mann von Welt... ein eleganter, einnehmender Burſche... ein ganz ungewöhnlicher und gebildeter Mann.“ „Für ein gewöhnliches Auge... das iſt wahr... 1 aber ich habe ihn durchſchaut... und je genauer ich all die Umſtände erwäge, worin ich ihn geſehen habe, 3 um ſo mehr überzeuge ich mich, daß ich mich nicht täuſche.“ „Da ſollte man ihn ohne alle Barmherzigkeit ein⸗ ſperren laſſen.“ 1 „Das geht nicht an, er kennt meine Angelegen heiten; noch mehr, er hat aller Wahrſcheinlichkeit nach mehrere wichtige Papiere in ſeiner Hand. Vor einigen 1 —. 145 Tagen glaubte ich ſie zurückgekauft zu haben... aber was ich erhielt, war nicht alles... die wichtigſten Documente fehlen mir noch.“* „Und gleichwohl gehſt Du mit ihm um, wie mit einem intimen Freunde.“ „Was ſoll ich thun? Geſtern miethete er ſich in den Zimmern über mir ein und iſt bereits eingezogen... heute Abend ſtellte er ſich bei mir ein, ohne irgend eine Einladung erhalten zu haben. Er hängt ſich an mich feſt... und verfolgt mich wie mein Schatten...“ „Du erſchreckſt mich.“ „Er iſt in das Geheimniß meiner Angelegenheiten eingedrungen, und feſt und dicht, wie die Schlange um Laokoon, ſchlingt er ſich um mich.“ „Aber ich begreife nicht warum...“ „Was weiß ich? vielleicht aus demſelben Grund, warum die Schlange ſich um Laokvon ſchlang... um mich zu erſticken“ „Da fällt mir etwas ein.“ „Laß hören.“ „Du ſagteſt, er habe zwei Zimmer droben ge⸗ miethet...“ „Ja, allerdings...“ „Aber ich weiß, daß vier Zimmer frei waren.“ „Er hat die mittlern genommen.“ „Um ſo beſſer, dann werde ich die beiden äußerſten miethen, ich habe dann ein Zimmer auf jeder Seite der ſeinigen.“ „Und was willſt Du damit thun?“. „Wir beſitzen in Charlek und Kanfmann zwei gute Buchhalter.“ „Und dann...⸗ „Sie ſollen in dieſe Zimmer ziehen und, ohne daß ſie es ſelbſt wiſſen, Gourpille ausſpioniren. Iſt er der⸗ lenige, wofür Du ihn hältſt, ſo werden wir ihn ſchon ein⸗ mal in unſre Gewalt bekommen.“ Das Gewiiſſen. J. 10 146 Kellners Stirne erheiterte ſich ein wenig bei dieſem Vorſchlag, aber die Bekümmerniß wich nicht aus ſeiner Seele. Das grüne Kabinet war Frau Kellners eigentliches Bondoir. Sie hatte in ſeinem Ameublement ihre ganze Fürſorge niedergelegt. Der Eingang in dieſes kleine hübſche Zimmer war wie die Fenſter mit grünen Seide⸗ vorhängen drapirt, die auf einem reichvergoldeten Diana⸗ ſpieß ruhten. Eine Ottomanne und kunſtreich gearbeitete Stühle, ebenfalls grün überzogen, umgaben die Wände. An der Decke hing eine mattleuchtende Alabaſterlampe. Bei dem Pfeiler zwiſchen den Fenſtern ſtand ein Toilet⸗ tentiſch mit all den kleinen Zierrathen geſchmückt, womit die Frauenzimmer ſo gern dieſe Tiſche verſehen. Eine Etagere voll mit kleinen hübſchen Bildern, Statuetten und dergleichen, ſchmückten die eine Ecke. An der Hin⸗ terwand hing ein Gemälde, das eine einnehmende Land⸗ ſchaft vorſtellte. Die Tanzmuſik drang nur in ſchwachen, erſterbenden Tönen bis zu dieſem Zimmer vor. Als Frank ſah, daß Gabriele verſchwand, verließ auch er den Ballſaal. Gabriele hatte bereits auf der Ottomanne Platz ge⸗ nommen, als er zu ihr eintrat. „Ich bin Ihrem Wunſche uachgekommen,“ ſagte ſie, „aber Sie müſſen ſich ſo kurz wie möglich faſſen, weil ich uicht will, daß man mich draußen vermiſſe.“ „Immer dieſelbe Ungeduld, Gabriele... Ihr Herz hat ſich ſehr verändert... Sie haben kein Ge⸗ fühl mehr... wenigſtens nicht für mich.“ * n—*— u „Sie werfen mir vor, daß ich mich verändert habe; ach, iſt nicht alles um mich her ganz anders, als es früher war?... Aber wie dem nun ſei... Sie hatten mir etwas Wichtiges zu ſagen... laſſen Sie uns dazu übergehen... Wir haben nur wenige Minuten für uns.“ Frank fuhr mit der Hand über ſeine Stirne und ein melancholiſches Lächeln ſchwebte auf ſeinen Lippen. „Sie ſind ſtärker als ich, Madame: Sie können vergeſſen, Sie...“ In dieſen wenigen Worten lag ein ſo tiefer Vor⸗ wurf, daß ſie Gabrielen zum Herzen drangen. Aber ob ſie nun die Erinnerungen, die dadurch in ihr hervorge⸗ rufen wurden, oder ihre eignen Gefühle im Augenblick mißbilligte, ſie erhob ſich haſtig mit Unruhe und Schmerz auf ihrem Geſichte. „Sie wollen mir vielleicht ſagen, Graf, daß Sie mich noch immer lieben,“ begann ſie dann:„Sie müſſen dieſe Worte zurücknehmen... Sie thun es... nicht wahr... Sie lieben mich nicht... Nein, nein,... Sie dürfen mich nicht lieben.“ Ihre Stimme war heftig und ſie legte die Hand auf ihre Bruſt, als wollte ſie die Schläge ihres Herzens beſchwichtigen. Frank hob ſein Haupt empor und blickte ihr ins uge. L „Ich dürfe nicht, ſagen Sie; warum? Etwa darum, weil Sie verheirathet ſind? Verheirathet oder nicht, der Himmel ſelbſt kann mich nicht verhindern... zu lieben. Es mag ſein, daß ich das verſchließen muß, was ich tief in mir empfunden, daß ich von ſeinem Feuer ver⸗ zehrt werden muß; aber Sie zu lieben, das iſt ein Recht, das mir niemand beſtreiten kann.“ „Niemand?“ wiederholte Gabriele,„und doch, es gibt jemand, der dieſes Recht beſtreiten kann, und zw ar.. „Wer? Ihr Mann 2⸗ 8 148 „Er nicht... ſondern ich.“ „Gabriele, Gabriele!“ „Wir liebten einander, als wir jung waren.“ „Sie haben es alſo nicht vergeſſen. Dank, Gabriele, haben Sie Dank dafür“ „Sie verließen mich,... und ich liebte Sie den⸗ noch.“ „Sie thaten es... mein Gott... Sie zer⸗ malmen mich mit Ihrer Milde.“ „Ich vermählte mich... und meine Liebe währte gleich innig fort... In manchem Seufzer und Gebet flogen meine Gedanken nach Italien... nach Frank⸗ reich... nach England. So oft Sie Ihren Aufent⸗ haltsort veränderten, folgten Ihnen meine Gedanken nach den verſchiedenen Theilen der Welt.“ „Wie unausſprechlich glücklich machen Sie mich nicht ... jetzt erkenne ich Sie wieder... Sie ſind dieſelbe Gabriele wie früher.“ Und hingeriſſen von ſeiner Seligkeit, ſank Frank auf ein Knie vor ihr nieder. „Stehen Sie auf, Graf,“ bat fie ihn.„Ich habe Sie geliebt,... aber...“ „Aber, aber...“ „Ich kann nicht vor Ihnen heucheln, Herr Graf. Sie beſitzen ein gewiſſes Recht, Aufrichtigkeit von mir zu fordern.“ „Aber, ſagten Sie, aber...“ „Ich habe Sie geliebt, aber... ich liebe Sie nicht mehr.“ Wie von einem Donnerſchlag aus der holden Phan⸗ 5 taſie ſeiner Träume geweckt, ſprang Frank aus ſeiner knieenden Stellung auf. „Sie lieben mich nicht mehr... was ſagen Sie? ... Wen lieben Sie denn?“ 653 denn damit geſagt, daß ich jemand beuon muß?“ — D8— 149 „Ein Weib muß lieben... das iſt ihre Beſtim⸗ mung. Lieben Sie Ihren Mann?“ „Er hat um meine Hand geworben, nicht um mein Herz.“ Frank ging im Zimmer auf und ab.. „Ich weiß... ich verſtehe... ich ahne,“ ſagte er,„mein Gott, daß es dahin kommen mußte!“ „Still... Sie ſind ſo heftig... was ahnen Sie?“ Frank blieb vor Gabriele ſtehen und betrachtete ſie. „Sie wollen wiſſen, was ich ahne?“ „Nein, ganz und gar nicht, nein. „Sie lieben...“ „O ich liebe niemand... ſtill... ich bitte Sie.“ ſet„Sie wollen den Namen deſſen hören, den ſie jetzt.. „Ich bitte Sie, Frank, haben Sie Barmherzigkeit mit mir. Ich verſtehe mich ſelbſt nicht. Ich weiß nicht, ob ich liebe oder nicht. Mein Kopf dreht ſich mit mir herum.“ „Sie müſſen es hören.“ „Seien Sie nicht grauſam, Frank. Ich bin ein unglückliches Weib. Das Unglück hat mich ſchwach ge⸗ macht und die Schwachheit macht mich hinwiederum noch unglücklicher. Sie ſind es, der das Gleichgewicht in meinem Herzen ſtörte, und ſeit dieſer Zeit habe ich nur in Ergebung und Reſignation Troſt gefunden. Jetzt da⸗ gegen... ich weiß nicht, was mir fehlt... warum ich ſeufze... wonach ich mich ſehne... O verzeihen Sie mir.. mein eigenes Gewiſſen ſagt mir, wie unrecht ich handle... aber ich will es nicht hören... Nein, —. nein... Verlaſſen Sie mich, Frank... laſſen Sie mich allein mit meinen verwirrten Gedanken, und alles wird ſich ſchon wieder legen... die alte Gleich⸗ gültigkeit gegen Alles wird wiederkehren; nur ſtill, kein Wort... keinen Namen... vielleicht denken wir an 150 eine und dieſelbe Perſon... laſſen Sie es ſo ſein... ... denken Sie... aber ſprechen Sie nicht.“ Gabrielens Leben war eine Kette von Unglücksfällen geweſen, die allmählig alle friſche Blumen einer friſchen Liebe verheert hatten, und an ihrer Stelle wuchs jetzt eine beſtändig wechſelnde, aber krankhafte Phantaſie und ein fieberhaftes Gefühl. Der Gedanke, unglücklich zu ſein und niemand zu haben, dem ſie ſich anvertrauen konnte, war ihr theuer geworden. Aber jemehr ſie ſich in ſich ſelbſt verſchloß, um ſo weniger vermochte ſie zu deuten, was in ihrem Innern vorging. In demſelben Maß, wie ſie ſich ihrem Gefühl hingab, wurde es dun⸗ kel vor ihrem Verſtand, während das Gefühl ſelbſt ihr theurer erſchien, je unklarer es wurde. Sie wiegte ihre Seele ſo gerne in Traumbilder ohne wirkliche Geſtalt, ohne gegebenen Zweck ein. Sie liebte ihre Umgebung, weil dieſe ſo ganz unbeſtimmt, ſo ganz unbegrenzt war. Auf der Seite ihres Herzens, wo Kellner ſtand, war die Küſte des Lebens für ſie wie ein nachtſchwarzes, wolken⸗ umhülltes Ufer... aber ohne Klippen... ohne ver⸗ ſteckte Scheeren. Ihr Mann... bekümmerte ſich ja nichts um ſie. Auf der andern Seite, wo Frank ſtand, war es Dämmerung... Die Gegenſtände zeigten ſich, kamen aber nicht recht zum Vorſchein. Es war ihr, als wäre ſie fortgeſegelt, aber auf das Meer hinausgekommen ... konnte ſie weder zurück noch vorwärts, ſondern war ſich ſelbſt überlaſſen... feſtgeſchmiedet an einen auf den Wogen beſtändig auf und ab ſchaukelnden Kahn. Eine Art von Verzauberung umgab ſie, eine Verzaube⸗ rung, von der ſie ſich nicht losmachen konnte. Unver⸗ muthet trat jetzt ein Mann vor ſie... ein Maun... ſie konnte es nicht erklären... aber er ſchien ihr einen Angenblick gleichſam aus ihrer eignen Seele entſprungen ... War er es, auf den ſie ſo lange gewartet, war er es, von dem ſie geträumt hatte? Sie wußte es nicht. Sie fühlte blos, daß ſein Blick ſich tief in ihr Herz —— . ————— uUun, 151 ſenkte, daß ihr Herz wiederum klopfte, und daß ſie, gleich⸗ ſam wieder erweckt zu einem Leben in der Wirklichkeit, jetzt anfing, die Erſcheinungen um ſich her von Neuem klar zu unterſcheiden. Man hätte ſagen können, daß es der Verſtand war, der einen Lichtſtrahl auf das unruhige und in Nebeln wogende Meer ihrer Gefühle warf, aber für ſie war es nichts anderes, als ein neues Luftgebilde in dem Gefühl ſelbſt. Sie hatte ſich die Grenze zwiſchen dem Wirkungskreis des Gefühls und des Verſtandes nicht klar gemacht. Frank hatte mit Beben ihre letzte Aeußerung gehört und er verſtand kaum ſoviel davon, als nöthig war, um ſich ſelbſt und ſeinen eigenen ſchmerzlichen Eindruck zu vergeſſen, ſtatt die arme Frau zu beklagen. Mit einem Blick dem ſeine Zärtlichkeit Flügel ver⸗ lieh, durchging er ihr Leben, und je tiefer er in die Ge⸗ heimniſſe deſſelben ſchaute, um ſo deutlicher erkannte er die Nothwendigkeit, ſie zu ſchonen. Er wußte, wie ſchwach ſie war. Ein Seufzer hob ſeine Bruſt, aber damit war auch ſein Entſchluß gefaßt. „Madame,“ ſagte er,„wir ſind zu weit gegangen; laſſen Sie uns zu dem Gegenſtand zurückkehren, der mich eigentlich hieher führte.“ Er ſprach ruhig, aber ohne alle Kälte. „Während ich,“ fuhr er fort,„im Ausland von ganz anderen und glücklicheren Verhältniſſen träumte, fand ich, als ich kürzlich ins Vaterland zurückkehrte, daß man mich betrogen und uns den Gegenſtand unſrer ge⸗ genſeitigen Liebe entwendet hatte.“ Während Frank ſprach, beherrſchte er ſeine Gefühle, und dieß wirkte beruhigend auf Gabriele ein. „So find ungefähr 21 Jahre, wo nicht noch mehr verfloſſen... eine Zeit, die ich für mein Herz als ver⸗ loren betrachte.“ Frank war nahe daran, von Neuem in den ſenti⸗ 152 mentalen Ton zu verfallen, den das Geſpräch vorher ge⸗ habt hatte, aber er that ſich Gewalt an. „Als ich nach Hauſe zurückkam, ſuchte ich die Ver⸗ ſäumniſſe oder Fehler wieder gut zu machen, die mir mit Recht zur Laſt gelegt werden können. Ich habe nichts unterlaſſen, ich habe mir keinen Augenblick Ruhe gegönnt, ich habe fortwährend geforſcht, geſucht und vor allen Dingen gehofft.“ Gabriele athmete wieder leichter. Ihre Gedanken bekamen in dem, was Frank jetzt ſagte, einen feſteren und ſichereren Stützpunkt, als ſie in den Gefühlen beſeſſen, die ſo eben noch allein in Anſpruch genommen wurden. „Ich habe alle mögliche Orte in der Hauptſtadt beſucht, ich habe mich an die Polizeibehörden gewendet, ich habe... Sie wiſſen das... nichts außer Acht gelaſſen.“ Als Frank ſo weit kam, ergriff ihn Gabriele am Arm und blickte erſchrocken nach dem Eingang. Frank wandte ſich unwillkührlich um. „Hören Sie, es kommt jemand... entfernen Sie ſich... auf dieſem Weg hier, auf dieſem hier...“ „Werde ich denn niemals ausreden dürfen... ſtil... Sie täuſchen ſich... es iſt vollkommen ſtill.“ „Vielleicht tänſchte ich mich... fahren Sie fort .. doch nein... ich höre wieder Tritte... ver⸗ laſſen Sie mich... dieſe Seitenthüre führt auf die Hausflur.“ „Sie haben Recht, man kommt hieher. Ich will blos noch einige Worte ſagen. Es iſt mir endlich ge⸗ lungen, ein Weib auszumitteln, die im Stande ſein muß, wichtige Aufſchlüſſe zu ertheilen. Ich werde Ihnen ihre Adreſſe ſchicken.“ „Leben Sie wohl...“ „Ich habe das Weib zu überreden geſucht, Ihnen einen Beſuch zu machen, aber...“ 4 „Still... A 1⁵5³ „Aber ſie weigert ſich?...“ „Jedenfalls..“ „Welches ſchreckliche Leben ich führe... voll von Bekümmerniſſen und Qualen... ohne Ruhe und Hoff⸗ „Fort... fort... er iſt es, der kommt.“ Inzwiſchen hatten ſich die Tritte genähert, und in demſelben Augenblick, wo Frank durch die Seitenthüre verſchwand, wurde der ſeidene Vorhang auf der andern Seite aufgehoben. Gourvilles Geſicht zeigte ſich zwiſchen den Draperien. Zitternd und aufgeſchreckt bei ſeinem Anblick, ſank Gabriele vor dem Gemälde mit der ſchönen Landſchaft nieder, gleich als hätte ſie ſich in den Hainen derſelben vor ihm verbergen wollen. „O meine Kinderheimath,“ betete ſie, ihre Hände emporhebend, wäre ich wieder bei dir, bei dir, in dei⸗ nem kühlen Schatten, unter deinen laubigen Bosketten!“ „Madame,“ unterbrach ſie Gourville,„Ihr Gemahl fragte ſo eben nach Ihnen, er kommt hier.“ In dieſem Augenblick trat Kellner ein. „Man hat Dich vermißt, Gabriele, Du darfſt Deine Gäſte nicht verlaſſen.“ „Ich folge Ihnen, mein Herr.“ Als Gourville ins Ballzimmer zurückkam, machte er einen Gang durch daſſelbe, und dann ſuchte er Gabriele von Neuem auf. „Zum zweitenmal ward mir das Glück vergönnt, daß ich Sie vor einer Ueberraſchung durch Ihren Mann retten konnte,“ flüſterte er ihr zu. Gabriele blickte auf, während alle Röthe von ihren Wangen floh. „Begreifen Sie die Urſache, warum ich auf dieſe Art über Sie wache?“ fuhr er fort. 154 „Nein, mein Herr, nein, nein!“ „Ich liebe Sie, Madame.“ Gabriele ſchloß ihre Augen und ſank auf ein Kanape. Siebentes Kapitel. Paul Kellner. Wenige Städte in der Welt präſentiren ſich ſchöner als die Hauptſtadt Schwedens, wenn man ſich ihr von der Seeſeite nähert.. Sobald man die Blockhausſpitze paſſirt hat, das Zellthor für dies ganze nordiſch herrliche Gemälde, das ſich von da aus eröffnet, bieten ſich dem Betrachter von allen Seiten her ſo viele Ausſichten dar, die das Auge bezaubern und den Schönheitsſinn beleben, daß man ſich durch einen unerklärlichen Zauberſchlag in eine Natur verſetzt glauben kann, die zu gleicher Zeit von der kühn⸗ ſten und hinreißendſten Inſpiration, ſowie unter dem milden Einfluß eines glühenden Südhimmels erſchaffen wäre. Wäre ich Dichter geweſen, als ich in Schweden war, ſagt einer von Italiens größten Geiſtern, Alfieri, ſo hirde ich dort meine herrlichſten Gedichte geſchrieben aben. Er dürfte Recht gehabt haben. Die Natur um Stockholm her iſt ein Inbegriff alles Schönſten, was Schweden beſitzt. Bella Napoli! ruft der Neapolitaner. Schönes Stock⸗ holm, antworten wir ihm. 15⁵ Die Poeſie iſt ein Kind der Natur. Unſere Höhen ſind nicht von Weintrauben und Orangen, von Lorbeeren und Oliven bekränzt, aber die ſtolze Fichte winkt und die ernſte Tanne ſauſt von ihnen herab. Es iſt kein ſiedendes Feuer im Blut unſerer Pflanzen, daſſelbe iſt gemildert durch das Klima. Hundert⸗ jährige Cedern beſchatten unſere Thäler nicht, aber hun⸗ dertjährige Eichen tragen hier ihre laubige Kronen auf Armen von Eiſen, welche die Nordſtürme nicht fürchten und kaum die Zeit ſcheuen. Und wenn die Anemone, die Akazie und die Camelia in unſern Gärten nicht mit der brennenden und leiden⸗ ſchaftlichen Gluth der Liebe in ihren Augen dareinblicken, ſo lächelt uns gleichwohl die Roſe und die Windblume hier ſo ſanft und unſchuldsvoll entgegen, wie der Jung⸗ frau erſter lächelnder Blick, wie der erſte Liebestraum zweier glücklichen Liebenden. Und wenn mitten in der prachtvoll blühenden Natur die Kunſt Schlöſſer und Landſitze erbaut, luftig und poetiſch, um den Feenpaläſten der Mährchen Wirklichkeit zu geben, und wenn ein von tollem Vergnügen hingeriſſenes Ge⸗ ſchlecht dort auf einer Matte von der üppigſten Vegetation tanzt, was iſt das gegen einen Winterabend, eine Mond⸗ ſcheinnacht bei uns, wenn die dich mitten in einer Welt von wunderbaren Arabesken findet, die von den ſchönſten Juwe⸗ len glänzen, von dem feinſten Lichte ſchimmern? Jeder Baum trägt einen glänzenden, ſchneeweißen Kranz... jeder Zweig iſt eine harmoniſche Filigranarbeit von den edel⸗ ſten Cryſtallen, jeder Thalgang iſt in die weißeſte Schnee⸗ decke gekleidet, jede Wohnung gleichſam von Silber be⸗ deckt, und das Geſchlecht, das ſich in dieſer wunderbaren Natur, voll von zauberiſcher Pracht, bewegt, iſt friſch, ſtark, mannhaft und fröhlich. Das Herz iſt warm, der Blick feurig und die Wange glüht von Geſundheit. Viele Schweden, die Italien beſucht, haben ſich nach ihrer Wiederkehr ſchmerzlich in das Land zurückgeſehnt, 156 wo die Orange blüht. Ich möchte die Südlande be⸗ ſuchen, um den Norden recht beſingen zu können. Wenn man die kleine Värta hinter ſich und die Federholme paſſirt hat, ſo befindet man ſich bei der Blockhausſpitze. Von da aus erweitert ſich der Golf, welcher den Preis vor dem Edinburgs verdient, mit dem Neapels rivaliſirt und nur vom Bosporus übertroffen wird. Am Tag nach dem Bankett bei Kellner lief bei vollen Segeln ein ſtattlicher Dreimaſter in das umfaſ⸗ ſende Waſſerbaſſin, in welchem die Salzſee ſich zwiſchen Scheeren und Klippen bis an die Hauptſtadt hinſchlängelt. Das Fahrzeug gehörte der Handelsflotte an, aber ſein ſtattliches und ſchlankes Takelwerk, die ſchön propor⸗ tionirten Raaſtangen, der ſymmetriſche Bau des Schiffes, die gemalten Stückp forten, wie auch der wohlgearbeitete, glänzende und marmorweiße Delphin am Vorderſteven gab ihm das zierliche Ausſehen eines Kriegsſchiffes. Ein ſtarker Wind hatte ſich am Morgen erhoben, der Befehlshaber des Schiffes, Kapitän Roman, hatte alle Segel beigeſetzt, weil ſein Seemannsſtolz ihm gebot, ſeinen Dreimaſter ſo feſtlich wie möglich gekleidet, in der Hauptſtadt einlaufen zu laſſen. Mit dem Sprachrohr in der Hand ſtand Roman auf dem Hinterdeck, halb gegen die Ueberwölbung der Kajü⸗ treppe gebeugt, ſeinen Blick auf die Segel gerichtet. Seine Bruſt ſchwoll von einem unnennbaren Gefühl. Halb war es Stolz darüber, daß er ein Schiff gleich dem Delphin commandirte, halb die Freude, ſein Vaterland wieder begrüßen zu dürfen. Sein Geſicht war wettergebräunt, ſtark und kräftig. Er war einer jener offenen und ehrlichen Seemannsna⸗ turen, die man nur zu ſehen braucht, um ſie hochzu⸗ achten und zu ſchätzen. Ein feierlicher, beinah religiöſer Ernſt rnhte auf ſeinem Geſichte. Wenn der Seemann in ſeinen ernſten Kämpfen mit den Elementen zur Ueberzeugung kommt, 157 daß des Menſchen Kraft und Beſtrebungen nur vergäng⸗ liche Kartenhäuſer ſind, die ſehr häufig bei dem erſten Windhauch zuſammenſtürzen, ſo geht er gewöhnlich all⸗ mälig zu einer wahrern und für das Herz beglückenderen Philoſophie über, zur Erkenntniß, daß der Menſch den⸗ noch der Herr der Elemente iſt, immer ſtark genug, um ſiegreich durch die Welt zu ſchreiten, wenn er ſich nur nicht blos als ein organiſches Atom betrachtet, ſondern als das Werkzeug einer Ordnung, die von Gottes ewiger Weisheit und Gnade ausgeht und darauf beruht. Im Glauben des ächten, von der Erfahrung geprüften See⸗ mannes gibt es keinen Zufall, kein Ungefähr, keine Laune des Schickſals. Er ſieht in Allem ein Naturgeſetz und Gottes Finger, der ihn darauf hinweiſt. Heute Le⸗ ben... Morgen vielleicht Tod... was mehr?... er iſt bereit zu kämpfen, aber auch bereit unterzugehen, und in ſeinem Untergang ſieht er nicht eine Verdammniß, ſondern ein allmächtiges Wohlgefallen. Solcher Art iſt der wahre Seemann. Er iſt ein Apoſtel unter den Elementen auf dem Meer im Kämpfen und Wirken. Solcher Art war wenigſtens Roman. Sein Herz klopfte auch hoch, als er jetzt nach vielem Fahren und mancherlei Mühſalen die theuren Küſten wieder ſah, die er ſo lange im Fernrohr ſeiner Wünſche erblickt hatte. Er war freudig, aber die Freude war religiös. In ſeiner ſtolzen und ruhigen Seele dankte er Gott. Aber nicht alle, die ſich an Bord befanden, begrüß⸗ ten die Hauptſtadt des Landes mit demſelben Gefühl. Zu oberſt am Bramſegel des großen Maſtes ſtand ein junger Mann und warf feurige Blicke um ſich her. Um ſeine breite und freie Stirne flogen dunkelbraune Locken, das Geſicht war friſch, das Auge lebendig, die Wange jugendlich. Ein kurzer, weicher, feiner Bart be⸗ ſchattete ſein Kinn. Er beſaß auch alle Eigenſchaften, die ſo ziemlich allgemein, aber auf eine ſo ſchöne Art 158 einen wohlerzogenen Jüngling auszeichnen: ein fröhliches und ungezwungenes Gemüth, ein raſches und entſchloſſenes Weſen, ein lebensfriſches und rechtlich geſinntes Herz. Der Jüngling war Paul Kellner. Mit einem Vermögen oder vielmehr einem Reich⸗ thum, der ſogar in Amerika für ſehr bedeutend galt, und den er von ſeinen in New⸗York oder einige Meilen davon, in Milborne verſtorbenen Eltern geerbt hatte, kehrte er jetzt nach Schweden zurück, von der Sehnſucht nach dem Lande getrieben, von welchem ſeine Eltern während ſeiner ganzen Kindheit ihm ſo viele liebe Er⸗ innerungen zu erzählen gehabt hatten. „Herrlich! Göttlich! Prächtig!“ rief er vom Maſt⸗ korb herab, während er mit Wolluſt die ſchöne, reizende Scenerie um ſich her betrachtete. „Hier werde ich Amerika vergeſſen können,“ fuhr er fort, gänzlich von dem Eindruck befangen, welchen die umgebende Natur auf ihn machte.„Welche Thoren,“ fügte er weiter hinzu,„ein Land wie Schweden zu ver⸗ laſſen, um jenſeits des Meeres ein Glück zu ſuchen, das ihnen hier ſo nahe liegt!“ „Thoren,“ murmelte eine Stimme neben ihm.„So kann man ſchon ſagen, wenn man Geld genug in der Taſche hat und ſo viel Grog, als man ſich wünſchen mag... aber... aber...“ Aber Paul hörte die Bemerkung nicht, ſo ſehr war ſeine ganze Aufmerkſamkeit von den Ausſichten beſchäftigt, die ſich rings um ihn eröffneten. Links von ihm zeigte ſich zuerſt Häſtholm, ſodann Finnsbodaland und endlich auch Södermalm mit ſeinen terraſſenförmigen Höhen, um welche die Natur ſo man⸗ chen zierlich grünenden Gürtel voll einfacher Pracht ge⸗ ſchlungen, welche die Kunſt mit ſo manchem ſchönen Sommerhauſe geſchmückt, und denen die tagtägliche Be⸗ triebſamkeit ein buntes, beſtändig wechſelndes kaleidoſko⸗ piſches Leben verleiht. Rechts dagegen breitete ſich der — 159 Thiergarten aus mit ſeinen Bergen und Hügeln, ſeinen Ebenen und Thalgängen, geſchmückt mit dunkeln, düſtern Eichen, in deren Schatten Jahrhunderte zu thronen und ihre Erinnerungen zu erzählen ſcheinen, und mit ewig grünenden Fichtenwäldern, dieſen uralten Kindern des Nordens, Sprößlingen des ſtarken Geiſtes unſres nordi⸗ ſchen Starkodder. Wie in einem Diorama flog ein Gemälde um das andere an ihm vorbei: die zierliche Spitze Manilla, Alnäs und Liſtonſill, die Biſchofsſpitze, die Waldemars⸗ ſpitze, der Theerhof und die Schanze oder die ſogenannte Burgmannseeitelkeit. Im Hintergrund dieſer allenthalben von Thätigkeit und Natur zeugenden Seitenſtücke erhob ſich endlich die Hauptſtadt, von der Seeſeite aus einer großen Werkſtätte gleichend, wo Fleiß und Arbeit auf einer zahlreichen, in ſämmtlichen Buchten des Golfes liegenden Handelsflotte dem Betrachter mit Geſang und fröhlichem Gemurmel entgegenkamen, während vielfarbige Flaggen und Wimpeln von jedem Strande her flatterten und die blaue Waſſerfurche der Bucht von Böten durch⸗ kreuzt wurde, die um einander ſegelten und ruderten. Das Schiff hatte ſich dem Caſtellholm genähert, die⸗ ſem zwiſchen dem Thiergarten und der Stadt hinaus⸗ geworfenen Wachtſchiff auf einer Klippe. „Schön, prächtig, bewundernswerth,“ rief Paul von Neuem. „Achtung bei den Kanonen,“ befahl der Kapitän durch das Sprachrohr. Das Schiff machte ſeine neun bis zehn Knoten. Der Wind hatte zwiſchen den Holmen zugenommen. Die Segel ſtanden voll und buchtig wie ein geſpannter Bogen. Die Fahrt ging raſch von dannen. „Fertig zum Gruß!“ rief eine Stimme vom Vorder⸗ theil des Schiffes. „Feuer!“ rief der Kapitän in demſelben Augenblick. Und ein von dem Echo von allen Seiten her zurück⸗ gegebener Kanonenſchuß ertönte aus einem Sechspfünder, das Schiff ſchien vor Freude auf den Wogen beinah aufzuſpringen, als es der Hauptſtadt Schwedens ſeinen dröhnenden Gruß zuſandte. Alle hatten ihre Blicke theils auf die Gegenſtände im Hafen gerichtet, theils... und vielleicht hauptſächlich auf das Caſtellholm, wo nicht blos die blaue und gelbe ſchwediſche Flagge wehte, ſondern von wo aus auch die Batterie den Gruß erwiedern ſollte. Paul erfreute ſich dieſes Augenblickes, der gewiß an und für ſich ſelbſt weniger großartig war, als durch das Gefühl, womit er ihn betrachtete, und womit übrigens jeder Seemann die Stunde genießt, wenn er nach langen Jahren ſein Vaterland von Neuem wiederſieht. Der abgefeuerte Kanonenſchuß hatte inzwiſchen Pauls Blicke auf das Vordertheil des Schiffes gezogen. Ein Schreckensruf flog dabei über ſeine Lippen.. „He, he!“ rief er,„da ſchaut hin!“ k Aber auf dem Verdeck waren alle zu ſehr in An⸗ ſpruch genommen; nur der Steuermann, der an ſeiner e Seite ſtand, folgte der Richtung ſeiner Hand. „Schaut auf! helft!“ rief auch er. 9 Aber der Wind blies den Ton ſeiner Stimme weg, h und er konnte das Verdeck nicht erreichen. Ein kleines, aus etlichen dünnen, alten Brettern verfertigtes Bord, eine ſogenannte Folle, wie man ſie im ſt Kielwaſſer unſerer Scheerenſchuten nachzuſchleppen pflegt, iſſ Phrechlich und mangelhaft, befand ſich mitten vor dem chiffe und beinah ſchon unter ſeinem hochgewölbten Bug. Ein Mädchen mit einem kleinen Shawl um den Kopf W ſaß im Hintertheil des Bootes. Bleich vor Schrecken S warf ſie einen Blick des Entſetzens auf das über ihrem da Fnahte ſchwebende kohlſchwarze Vordertheil des Schiffes inauf. 1 Ein junger Mann ruderte das Boot. Er hatte Ge er 161 ſeine Mütze abgeworfen und arbeitete, während der Schweiß über ſeine Stirne tropfte aus Leibeskräften. Die Schiffsmannſchaft, die durch die Schanze ver⸗ deckt, von den Geſchäften am Bord in Anſpruch genom⸗ men war, hatte das Herannahen des Bootes nicht be⸗ merkt. Der Lootſe ſtand am Geländer des Backbords, wäh⸗ rend dagegen das Boot von der Steuerbordſeite herkam. Der Ruderer, der an die See nicht gewöhnt war, hatte keine Gefahr geahnt, bis er dem Schiff ſo nahe gekommen war, daß er nicht mehr ausweichen kounte. Er hatte zuerſt geglaubt, er könnte es überholen, bevor es vorbeiführe; ſodann glaubte er, es würde ihm gelingen, ſich daran vorbeizuarbeiten, aber in beiden Fällen verrechnete er ſich. „Fürchte nichts, Fanny,“ bat er ſeine Begleiterin, „fürchte nichts... es hat keine Gefahr... nur ein kleines Abentener.“ Obſchon er ſich bemü er doch gänzlich verwirrt. „Wir werden hier ertrinken,“ rief ſie,„o mein Gott, Niemand ſieht uns von da oben. Mag uns der Himmel helfen, Heinrich!“ Und ſie faltete ihre Hände. „Sei nur nicht äugſtlich...„und wenn wir auch ſterben müſſen... ſo dürfen wir doch... aber das iſt freilich eine Freude für Dich..“ ihte, ruhig auszuſehen, ſo war „Was? Sie waren bereits in der ſchäumenden, ſchneeweißen oge, welche wie ein großer Keil das Vordertbeil des Schiffes umgab, und die Jolle tanzte auf und ab, ſo daß jeder Ruderſchlag bereits unmöglich war. „Was? fragſt Du... mit mir zuſammenzuſterben. O, Fanny, ich für meinen Theil wüßte kein größeres Glück, das mir begegnen könnte.“ „Als zu ſterben..“ Das Gewiſſen. I. 11 „Ja, mit Dir zu ſterben...“ Heinrich ſah, daß ſeine Bemühungen jetzt nichts mehr nützten, er warf daher die Ruder weg und beungte ſich ſtatt deſſen über das hübſche Mädchen hin. „Fanny,“ flüſterte er,„ich liebe Dich... Fanny! laß mich Dir's jetzt ſagen... dann ſterben... komm, Fanny...“ Sie lächelte dem Jüngling entgegen, aber keine Röthe auf ihren Wangen erhöhte den Glanz des Lächelns. Heinrich ſchlang ſeinen Arm um ihren Leib und drückte ſie an ſeine Bruſt. „Wir wollen uns jetzt in die See werfen, vielleicht kann ich Dich retten... halte Dich nur feſt an mir... kommſt Du nicht lebendig herauf, ſo werde ich's auch nicht thun.“ Paul und der Steuermann hatten beinah in dem⸗ ſelben Angenblick vom Maſtkorb aus dieſe erſchütternde Scene beobachtet, während der erſte Salntationsſchuß vom Verdeck abgefeuert wurde. „Komm, Kamerad,“ rief Paul und warf ſeine See⸗ mannsjacke von ſich.„Wir müſſen ſie zu retten ſuchen.“ Der Steuermann— ſein Namen war Peter Raſch— ließ ſich nicht zweimal auffordern.„Laß uns kappen,“ ſagte er blos und eilte über die Wand hinab. 3„Du willſt mir das Vergnügen rauben, ihnen zu helfen, ſchlechter Raſch... aber wir wollen ſchon ehen.“ 1 Pauls Aufmerkſamkeit hatte ſich bei einem der Taue verweilt und ohne weiteres Bedenken ſchlang er Arme und Beine um daſſelbe und glitt mit der Schnelligkeit eines Pfeils hinab. In dieſem Augenblick ertönte der zweite Salutations⸗ ſchuß und hüllte das Verdeck in eine neue Wolke von Pulverdampf. 3 Paul ſtand bereits auf dem Rande des Geländers. „Was fällt Dir ein, Du raſender Wildfang?“ ri 163 Raſch, der bis jetzt nur zwei Drittheile der Wand hin⸗ abgekommen war. „Wirf ein Ende nach mir aus,“ antwortete Paul, und die erhobenen Hände wie in einem Keil über ſeinem Kopf zuſammenhaltend, ſtürzte er ſich jetzt über Bord in die See hinab.. „Hieher, hieher!“ rief Raſch einem der übrigen Mannſchaft zu,„ein Tauende, ein Seil!“ In dieſem Augenblick hörte man vorn ein Gekrache: es war die kleine Jolle, die von dem Vorderſteven des Schiffes zermalmt wurde. Paul verſchwand auf einen Augenblick in der Tieſe, aber als er wieder heraufkam, ſah er den jungen Ruderer, Heinrich, und das junge Mädchen, Fanny ein Stück von ſich. 2 Fanny hatte Heinrich mit ihren Armen um den Hals gefaßt. Sie wußte es nicht beſſer, und vergebeus ſtrengte der Jüngling alle ſeine Kräfte an; ſie zog ihn auf den Grund hinab. Der dritte Salutationsſchuß ertönte jetzt. „Wir ertrinken,“ flüſterte Fanny. „Barmherziger Himmel,“ autwortete Heinrich,„ich vermag nicht mehr.“ „Du liebſt mich?“ fuhr Fanny fort. „Und Du?⸗ „Ach ja, ich habe lange...“ Eine Woge ſpülte die letzten Worte weg und ihr Kopf verſchwand. Noch kämpfte Heinrich, aber immer vergebens... und die nächſte Woge begrub auch ihn. Aber Paul war nicht weit entfernt. Als er ſie ver⸗ ſöiunen ſah, tauchte er hinab, um ſie in der Tiefe zu uchen. Der Zuruf des Steuermanns batte die Aufmerkſam⸗ keit des Kapitäns nach dieſer Richtung gezogen. „Macht das Boot les!“ befahl er. 164 Paul war allgemein beliebt, und mehrere von der Mannſchaft eilten, den Befehl zu vollziehen.— Mit qualvoller Unruhe blickte man dem kühnen Jüng⸗ ling ins Waſſer hinab nach. „Ewige Vorſehung!“ murmelte der Kapitän,„muß⸗ teſt du ein ſolches Unglück bis auf die letzte Stunde aufſparen. Vorwärts, Jungen!“ Das Boot war bald in der See und Raſch ſprang mit Seilen und Draggen verſehen hinein. „Laßt los!“ Die Verwirrung war allgemein, nur der Hochboots⸗ mann ſtand ruhig bei der geladenen Kanone und zählte die Minuten nach der Uhr. „Mein Gott, rette Paul,“ betete der Kapitän in ſeinem Herzen. Seine Lippen bewegten ſich dabei blos, es kamen keine Worte über ſie. Aber Paul kam nicht zum Vorſchein. Angſt und Verzweiflung bemächtigte ſich aller Gemüther. „Er iſt verloren,“ rief Raſch und ſenkte zum dritten oder viertenmal die Dragge hinab. 5 „Allmächtiger Himmel,“ murmelte der Kapitän wie⸗ der... doch nein... ſieh da... da... und dabei erhob ſich Panls Kopf auf einer Woge weiter hinweg, und Fannys und Heinrichs Köpfe kamen zum Vorſchein, jeder auf einer Seite von ihm. Der vierte Salutationsſchuß krachte vom Schiff. „Dorthin mit dem Boot, tummle Dich, Raſch!“ Aus der Bewegung ſah man, daß auch Pauls Kräfte erſchöpft waren; aber krampfhaft hielt er Heinrich und Fanny feſt, während er ſich, mit den Füßen arbeitend, oben erhielt. Aber Raſch war jetzt auch mit dem Boot an ſeiner — Fan⸗ und indem er ſich über ſie hinbeugte, ergriff er aul. „Zieh' zuerſt das Mädchen heraus,“ bemerkte Paul,⸗ ——= — 16⁵ „dann den Jungen.. werde ich nur ſie los, ſo kann ich mir ſelbſt helfen.“ Geſagt, gethan. Unter dem herzlichen Vivatrufen der Mannſchaft wurden die Geretteten an Bord gebracht. Roman drückte Paul an ſeine Bruſt. Paul hüpfte vor Freude.. „Du Tollkopf, warum hatteſt Du es ſo eilig?“ fragte Raſch.. „Warum ich es ſo eilig hatte? ha, ha, ha,“ lachte Paul,„warum warſt Du ſo langſam?“ Heinrich nnd Fanny, die in Ohnmacht lagen, wurden in eine Kajüte neben der des Kapitäns gebracht. Zwei grobe Schüſſe ertönten inzwiſchen von dem Caſtell Holm als Antwort auf den Gruß des Schiffes. Sobald der Dreimaſter an der Batterie vorbei war, kehrte der Kapitän gegen den Wind, die Fahrt wurde weniger eilig, dann begann man die Segel einzuraffen und den Anker auszuwerfen. Während der Zeit fuhr von der ſogenannten Mitteltreppe der Schiffsbrücke ein Ruderboot ab. In dem Boot ſaß Franz Kellner. „Rudert mich zu dem Schiffe,“ ſagte er zu den Nuderreibern und dentete auf den Delphin. Aber kaum hatte er ſich ein paar Kabellängen vom Hafen entfernt, als ein von etlichen Männern gerudertes Boot in einiger Eutfernung ebenfalls ausfuhr. In dieſem ſaß Gourville. „Ich bezahle euch das Doppelte von dem, was ihr verlangt, wenn ihr einen ſo großen Bogen um dieſes Boot und das Schiff macht, daß der Mann, welcher in 166 dem erſtern ſitzt, mich nicht entdeckt, und daß ich gleich⸗ wohl in demſelben Augenblicke an die eine Seite des Schiffes komme, wo er auf der andern anlangt.“ „Friſch drauf zu, Kamerad,“ antwortete ihm der eine Ruderer,„denk an den doppelten Lohn.“ Und während das Boot in dem Bogen nach ſeinem Ziel geſteuert wurde, hüllte Gourville ſeinen Mantel dicht um ſich, damit es Kellner ganz unmöglich wäre, ihn zu erkennen. Beide Boote legten auch in einem und demſelben Augenblick jedes auf einer Seite des Schiffes an, und als Kellner von der Steuerbordſeite hinaufkam, begegnete ſein Blick Gourville, der ſich von der Backbordſeite in der Lucke zeigte. Kellner hatte dieſe Begegnung nicht erwartet und ſeine Stirne legte ſich in Runzeln des Mißvergnügens. „Ueberall treffe ich Sie auf meinem Weg,“ bemerkte er ihm auch. „Die Umſtände ſcheinen es zu wollen,“ antwortete Gourville,„unſere Wege kreuzen ſich. 4 „Wo iſt Capitän Roman? fragte Kellner einen von der Mannſchaft, ohne ſich an Gourville's Bemerkung zu halten. „In der Kajüte.“ Roman, Paul und Raſch waren in einer Nebenkajüte beſchäftigt, Fanny und Heinrich in's Leben zurückzurufen. „Haben Sie auch mit meinem Capitän Geſchäfte?“ fragte er hierauf Gourville mit einem ironiſchen Lächeln; „wenn dieß ſo iſt, ſo können Sie vielleicht Ihre Ange⸗ legenheiten zuerſt abmachen, ich habe Zeit, zu warten.“ Gourville antwortete mit einem ſtolzen Blick: „Ich habe keine andere Geſchäfte, Herr Kellner, als mit Ihnen. Ich bin alſo auch nicht des Capitäns wegen hieher gekommen, ſondern Ihretwegen. In meinem gan⸗ zen Leben habe ich keinen Cdarakter gefunden, zu dem ich mich ſo ſympathetiſch hingezogen gefühlt hätte, wie 167 zu Ihnen. Ich weiche nicht von Ihrer Seite. Und wenn Sie mein Schickſal nicht zu dem Ihrigen machen wollen, ſo muß ich das Ihrige zu dem meinigen machen. Ungeachtet ich Ihnen bereits nicht unbedeutende Dienſte geleiſtet habe, ſetzen Sie noch immer kein Vertrauen in mich. Seien Sie überzeugt, daß dies meinen Blicken nicht entgeht. Aber gleichviel... ich nehme es nicht ſo genau.. ich werde Ihnen Ihr Vertrauen abzwingen. Sie müſſen wiſſen, warum ich hier bin. Ich will es Ihnen mit ein paar Worten ſagen. Sie ſelbſt ſind in wichtigen Angelegenheiten hieher gekommen.“ „Ich... „Läugnen Sie nichts: ich kenne Sie ja.“ „Ich verſtehe... meine Papiere... verdammt... meine Papiere,“ murmelte Kellner „Beklagen Sie ſich nicht darüber... dieſe Papiere werden Ihnen niemals ſchaden, inſofern Sie mir nicht ſchaden wollen... Inzwiſchen... läugnen Sie ja nicht, daß Sie in der Abſicht gekommen ſind, Ihren Vetter in Schweden herzlich willkommen zu heißen und ihm zu gratuliren, daß er mit ſeinen Kapitalien glücklich über das Weltmeer gekommen iſt.“ Seinerſeits legte jetzt Gourville eine gewiſſe Ironie in dieſe Worte. „Herr Kelluer,“ begann er indeß gleich wieder ernſt⸗ haft und offen,„laſſen Sie uns nur einmal einander recht verſtehen, ſo werden wir einander nützen können. Z. B. jetzt.. Sie möchten gern Ihren Vetter auf die Seite ſchaffen...“ Kellner ſah erſchrocken zu Gourville auf. „Ich könnte Ihnen das beſte Mittel dazu ſagen,“ fuhr dieſer fort Kellner ſenkte ſeinen Blick. „Ueberlaſſen Sie ihn mir,“ fügte Gourville hinzu. „Ihnen?“ .„Ich nehme meinen Vorſchlag nicht zurück.“ 168 „Und weun ich ſagen würde...“ „Nehmen Sie ihn,“ ergänzte Gourville den Satz. „Nun wohl, was würden Sie dann fordern?“ „Ich habe ja bis jetzt noch nichts gefordert.“ „Es iſt wahr... aber ich glanbe...“ „Sie haben Recht, Herr Kellner. Hören Sie alſo meine Bedingungen. Ich verlange für's Erſte, daß Sie mir vor den Angen der Welt Freundſchaft und Vertrauen zeigen, und für's Zweite, daß Sie mir eine Verbindlich⸗ keit unterzeichnen... ſehen Sie hier das Concept... was ſagen Sie dazu... Sie ſchweigen...“ Eine qualvolle Angſt ergriff Kellner. Er wußte nicht, wie er dem Kühnen entkommen ſollte. „Sie wollen vielleicht nicht?“ bemerkte Gourville, als Kellner bei ſeinem Schweigen beharrte. „Unmöglich, nein! ich kann nicht, ich will nicht!“ antwortete endlich Kellner, indem er mehr mit ſeinem eigenen Gewiſſen, als mit Gourville ſprach. Aber ſeine Hand fuhr dabei über die Stirne und e Blick irrte unter den Wolken am fernen Horizonte umher. „So thun Sie, was Sie wollen.“ Gourville ſagte dies ſo ruhig, als ob es ſich um nichts gehandelt hätte. Aber um ſo mehr verdroß es Kellner. Die verletzte Eigenliebe gab ihm auch den Stolz zurück, den ſein Herz ihm nicht mehr zu geben vermochte. Er ſchob Gourville ſachte bei Seite und begab ſich in des Capitäns Cajüte hinab. 169 Fanny und Heinrich waren wieder zum Bewußtſein gekommen, lagen aber noch auf ihren Betten. Paul hatte ſich in ſeine Cajüte begeben, um die Kleider zu wechſeln, und der ehrliche Raſch war ihm dabei behülflich. Der Capitän, der ſo eben Fanny verlaſſen hatte, war mit einigen Schiffsangelegenheiten beſchäftigt. Als Kellner und er einander begrüßt und über die Geſchäfte des Schiffes geſprochen hatten, entſtand eine kurze Pauſe. Beide ſahen aus, als ob ſie einander etwas Wich⸗ tiges zu ſagen hätten, beide aber ſchienen ſich auch genirt zu fühlen, nicht recht zu wiſſen, wie ſie damit hervor⸗ rücken ſollten. „Sie haben meinen Brief, den ich Ihnen über Bremen aus New⸗York ſchickte, doch wohl erhalten?“ Roman fixirte Kellner ſcharf, als er dieſe Frage ſtellte. „Es iſt wahr... ich habe wirklich einen Brief von Ihnen erhalten...“ Kellner äußerte ſich nicht ohne Verlegenheit. „Sie kennen alſo das abſcheuliche Anerbieten...“ „Natürlich... aber ſie überlieferten den Schurken doch wohl ſchon auf dem nächſten Platze den Händen der Juſtiz?“ „Nein, Herr Großhändler, das that ich nicht. Ich habe ihn mit mir hieher geführt, damit er vor allen Dingen von Ihnen gerichtet werde.“ „Was ſagen Sie... damit er von mir gerichtet werde?“ „Steuermann!“ rief der Capitän,„komm herein.“ Als Raſch eintrat, flüſterte ihm Roman etwas in's Ohr, worauf er ſich ſogleich wieder entfernte. Kellner ging unruhig in der Cajüte auf und ab; er ſchien unentſchloſſen und ſeiner ſelbſt nicht ſicher. „Und mein Votter Paul?“ fragte er. „Er befindet ſich, Gott ſei Dank, vortrefflich... er 170 wird in einem Augenblicke hier ſein. Inzwiſchen iſt es am beſten, wenn wir zuvor über Jack's Schickſal einen Beſchluß faſſen.“ Kellner blieb ſtehen und ſah Roman forſchend an. „Aber welches Schickſal Sie ihm auch zudenken mö⸗ gen, mein Herr,“ verſetzte Kellner,„ſo kann es doch wohl kein anderes ſein, als daß... daß... daß er der Strenge des Geſetzes überantwortet wird.“ „Das wäre unläugbar das Richtigſte, Herr Groß⸗ händler; aber ſehen Sie, hier kommt er, und Sie mögen ſelbſt hören, was er zu ſeiner Vertheidigung anzuführen hat. Ein Seemann mit einem verſoffenen und verſtörten Geſicht trat jetzt ein, gefolgt von dem Steuermann Raſch, der ihn geholt hatte. Kellner warf einen ſcheuen Blick auf den Ankömmling. Roman gab durch ein Zeichen Raſch zu erkennen, daß er ſich entfernen ſolle. b „Nun,“ begann Kelluer... Er ſchien nicht recht mit ſich einig, wie er den Mann anreden ſolle. Jack blickte ſcheu zu ihm auf. Er war niedergeſchla⸗ gen und verſtimmt. Seine verſtörte Miene zeugte bei genauerer Betrachtung von Kränklichkeit und Schwäche. „Ich bin mehrere Wochen im Arreſt geſeſſen, gnä⸗ diger Herr Großhändler, d. h. ſeit wir New⸗York ver⸗ ließen“ „Im Arreſt... was ſoll das heißen?“ „Nichts iſt einfacher,“ fiel Roman ein.„Als ich Jacks Verrätherei entdeckte, ließ ich ihn feſtnehmen, damit er mit dem übrigen Perſonal der Mannſchaft in keine Be⸗ rührung kommen ſollte, weil... Sie verſtehen mich viel⸗ eicht.“ 1 Kellner ſah ein, daß ſeine Bemerkung runvorſichtig war. „Die ganze Sache iſt gar zu unangenehm,“ verſetzte er darauf,„und ich will mich nicht weiter darein miſchen, 171 als inſofern ich als Rheder dazu verpflichtet bin. Laſſen Sie mich kurz hören, was er zu ſeiner Vertheidigung anführt.“ „Ich... ich...“ ſtammelte Jack. „Sprechen Sie, Herr Capitän,“ unterbrach ihn Kellner. „Und Sie befehlen mir, kurz und deutlich zu ſein?“ „Ich ſehe das am liebſten“ „Dann will ich's mit wenigen Worten ſagen. Jack führt zu ſeiner Vertheidigung an, daß Sie ihn überredet hätten, das Schiff in Grund zu bohren und Paul aus der Welt zu ſchaffen.“ „Welche Unverſchämtheit! und man ſchenkt ſeiner Angabe vermuthlich Glauben?“ „Die Mannſchaft weiß nichts. Jack iſt ja im Arreſt geweſen.“ Kellner begriff die ausweichende Antwort, aber er ließ es dabei beruhen. „Die Sache kann nicht der Vergeſſenheit übergeben werden,“ bemerkte Kellner hierauf,„das würde gar zu ſonderbar ausſehen... alſo überliefern Sie ihn dem Geſetz.“ Jack hatte blos ſcheu ſeine Augen zu erheben gewagt, aber als er Kellner's Worte hörte, ſchob er die über ſeine Stirne herabhängenden Haare hinweg und ſtierte ihn erſchrocken an „Sie, gnädiger Herr, wollen mich der Juſtiz über⸗ liefern... und Sie wiſſen doch, daß ich unſchuldig bin, daß Sie mich beauftragt haben, ſo zu handeln, wie ich that, daß Sie mir ſogar eine Inſtruction gegeben haben.“ „Eine Inſtruction... Du mußt von Sinnen ſein ... laß mich ſie ſehen.“ „Die Inſtruction... man hat ſie mir weggenommen ... ich habe ſie verloren... ſie iſt mir abhanden gekom⸗ men... Aber Sie können ſie nicht vergeſſen haben, gnä⸗ diger Herr. Die Inſtruction war zwar nicht mit Ihrem Namen unterzeichnet, aber Sie übergaben ſie mir ſelbſt und verſprachen mir dabei, wenn ich Ihren Willen richtig 172 ausführe, ſo ſolle keine Noth je über mich und die Meinigen kommen, ſondern Sie wollten dann für uns ſorgen und uns vor allen Verfolgungen ſchützen. Es iſt unmöglich, daß Sie das Alles haben vergeſſen können. Sagten Sie nicht, Sie würden mein Nädchen verheirathen und ihr eine ſchöne Ausſteuer ſchenken, und nun... wenn ich auch ein ſchlechter Mann bin und meine Frau... aber das iſt ganz gleich... ich liebte dennoch mein gutes Mädchen... ſie war ſo hübſch und ſo artig... ſo daß ich gerne auf Alles einging, um ſie glücklich und fröhlich zu machen.“ Jack ſagte Alles, was ſeine Verlegenheit ihm eingab. Roman lehnte ſich an den Thürpoſten und blickte beharr⸗ lich die Wand ihm gegenüber an. Kellner ſah durch eine Schießlucke, worin das Fenſter der Kajüte angebracht war. „Geſchichten, Geſchichten!“ unterbrach. ihn endlich Kellner und ſtampfte zornig auf den Boden.„Verrückte dumme Geſchichten, die man böchſtens im Tollhaus glau⸗ ben würde, oder wie, Capitän?“ Roman ſchwieg. „Dadurch, daß Du mich in die Sache miſcheſt,“ fuhr Kellner gegen Jack fort,„wird es um ſo nothwendiger für Dich, daß man Dich der Juſtiz überliefert.“ Jack ſtarrte ihn wieder ſcheu an. „Und wenn ich Sie nicht hineinmiſche?“ bemerkte er. Kellner drehte ſich auf dem Abſatz um und warf dabei einen flüchtigen Blick auf Roman. Aber Roman ſtand unbeweglich da und ſtarrte gerade an die Wand, ohne daß er etwas zu bemerken ſchien. „Nun,“ fuhr Kellner fort,„laß hören, was Du zu ſagen haſt. Nimmſt Du vielleicht Deine Angaben gegen mich zurück?“ Jack zerdrückte ſeinen abgenützten Hut mit dem Dau⸗ men und ſein Körper zitterte. — 173 „Haſt Du die Sprache verloren? Sprich... Du haſt gelogen...“ „Ja, gnädiger Herr, ja, ich habe gelogen.“ „Du haſt niemals eine Inſtruction von mir gehabt?“ „Nein, ich habe nie eine gehabt.“ „Das Bohren war ein Einfall von Dir ſelbſt?“ „Ein Einfall von mir ſelbſt, ganz richtig... ein Einfall.“ „Und die Abſicht, meinen Vetter zu tödten?“ „Sie war auch mein eigener Gedanke.“ „Hören Sie, Capitän?“ „Ich böre.“ „Sie ſind gewiß ſelbſt Zeuge, daß Jack ſeine einfäl⸗ tigen Angaben zurückgenommen hat. Aber Sie müſſen noch mehrere herbeiſchaffen, und dann, und dann..„ „Dann?“ „Dann werden Sie weitere Ordre erhalten.“ Auf Befehl des Capitänus trat Raſch ein und Jack legte daſſelbe Renebekenntniß ab. „Und was iſt jetzt Ihr Befehl?“ fragte Roman. „Daß Sie ſo ſchleunig als möglich eine gerichtliche Unterſuchung anhängig machen und Jack den Gerichten übergeben.“ Jack ſank vor Schrecken zuſammen. „Herr!“ rief er,„gnädiger Herr... was wollen Sie thun?...o mein Gott, ich bin unſchuldig... Gnade... Gnade.“ „Keine Gnade... führt ihn weg.“ Roman gab Raſch einen Wink, Jack fortzuführen, aber in dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre der Nebenkajüte und Paul trat ein. „Nicht ſo eilig,“ ſagte er. Franzens und Pauls Augen begegneten ſich. Die beiden Vetter hatten einander noch nie geſehen, aber an dem Blick, den ſie wechſelten, ſchienen ſie ſich dennoch zu erkennen. —— Che wir die Beſchreibung dieſes Aktes fortſetzen, müſſen wir mittheilen, was in der Nebenkajüte vorge⸗ gangen iſt. Nachdem man Fanny und Heinrich hineingebracht hatte, wurden ſie jedes auf ein Bett gelegt und kamen nach einer Weile wieder zum Bewußtſein. Heinrich war kein anderer als der junge Arbeiter, mit welchem der Leſer ſchon in der Diebshöhle Bekannt⸗ ſchaft gemacht hat, wohin ihn ſein tiefer Unmuth darüber getrieben hatte, daß er ſein elterliches Haus in ein Raub⸗ neſt verwandelt ſehen mußte. Fanny dagegen, wer war Fanny? Als die jungen Leute die Angen aufſchlugen, befan⸗ den ſie ſich allein. „Welch einen ſchönen Traum habe ich nicht gehabt!“ ſagte Heinrich, als ſein Blick dem Fanny's begegnete. „Und dann ich... auch ich habe geträumt... aber was war es, das Du träumteſt?“ „Ich träumte, daß ich fliege. Ach, es war ſo an⸗ genehm, ſo lieblich.“ „Du träumteſt, daß Du. Flügel hatteſt? wie luſtig muß das geweſen ſein!“ „Ich flog, ſo ſchien es mir, aufwärts... hinauf zum Himmel.“ „Ach, welch' ein ſchöner Traum!“ „Aber ich war nicht allein... Du.. ich meinte...“ „Unterbrich Deine Rede nicht, Du meinteſt... „Daß ich Dich in meinen Armen hielt und von allen Sünden und Verbrechen der Erde retten wollte.“ „Wie ſonderbar... und das träumteſt Du wirklich?“ „Es war ſo angenehm, zu fliegen. Siehſt Du, die Luft war ſo klar und leicht um mich her.“ a und Du kamſt bis zum Himmel hinauf?“ „Ich weiß nicht recht... ich flog blos... flog unaufhörlich... aber je höher ich hinanfkam, um ſo mehr ſchienſt Du Dich allmälig zu verwandeln.“ 175 „Was Du ſagſt...“ „Du verwandelteſt Dich in eine Blume, die mir ſo mild entgegenlächelte, ich drückte die Blume an mein Herz. Aber... Du hörteſt vielleicht, daß ich mit einem Angſtſchrei erwachte.“ „Nun ja.“ „Eins, zwei, drei, während ich ſo die Blumen an meine Bruſt drückte, empfand ich einen unausſprechlichen Schmerz im Herzen.“ „Einen Schmerz?“ „Denke Dir, es war ein Dorn, den ich hineinge⸗ drückt hatte. Aber Du träumteſt ja auch?“ „Ja gewiß, Heinrich; ich träumte, ich ſei in einem Boot.“ „Einem Boot, ſagſt Du?“ Heinrich hob ſeinen Kopf von dem Kiſſen empor. „Und wir waren nahe daran, zu ertrinken.... Du ſagteſt mir, wir würden mit einander ſterben, und das mache Dich glücklich, weit...“ „Weil... warum errötheſt Du?⸗ „Weil... wie ſoll ich's nur ſagen?“ „Warum machte es mich ſo glücklich? Du darfſt Deine Rede auch nicht unterbrechen.“ „Weil Du mich liebteſt.“ „Und Du.... „Ich dachte, daß auch ich...“ „Daß auch Du mitch liebteſt. Ach jetzt erinnere ich mich, wie das iſt. Du haſt nicht geträumt. Was Du ſagſt, iſt wahr... und ich habe Dir wirklich alles dieſes geſagt.“ „Wie Du ſprichſt! Ich weiß wohl, daß ich ge⸗ träumt habe.“ „Nein, nein. Wenn wir nicht anders noch träumen, ſo iſt das in der That wirklich geſchehen, was Du ge⸗ träumt zu haben glaubſt. Denk einmal nach, ſo wirſt Du Dich erinnern. Wie kommt es. daß wir hier bei⸗ 176 ſammen ſind, während wir niemals zuvor allein mitein⸗ ander waren? Und wo ſind wir wohl? Alles erſcheint mir ſo ſonderbar: Du und ich in demſelben Zimmer... und dann in einem ſo kleinen Zimmer.“ Heinrich und Fanny waren in eine überreizte, fiebe⸗ riſch krankhafte Spannung verſetzt: die Folge deſſen, was ihnen kaum erſt zugeſtoßen war, der Gefahr, die ihre ganze Angſt aufgejagt hatte, des langen Bades und endlich auch ihres bewußtloſen Zuſtandes. Heinrich war gleichwohl bereits vollkommen zur Be⸗ ſinnung zurückgekehrt, er warf ſich aus dem Bett. „Jetzt erinnere ich mich an alles,“ ſagte er und er⸗ griff eine der Hände des Mädchens.„Du wollteſt eines Geſchäftes wegen in den Thiergarten, als ich Dir auf der Schiffbrücke begegnete und Dir den Antrag machte, Dich hinüber zu rudern. Ich entlehnte ein Boot von einem Fiſcher und wir fuhren weg.“ Fanny’s Erinnerung klärte ſich immer mehr, während Heinrich ſprach. „Es war mir nie wohler zu Muth, als in dem Augenblick, wo Du ins Boot ſtiegeſt, wo wir auf der⸗ ſelben Woge ſchaukelten und einander gegenüber ſaßen; aber da ſollten wir aus dem Thiergarten zurückkehren und... und nun geſchah es...“ „Daß wir beinah mit einander geſtorben wären... jetzt erinnere ich mich auch.“ „Aber wie ſind wir hieher gekommen?“ „Man hat uus gerettet.“ „Gerettet?“ „Wir befinden uns am Bord eines Schiffes?.. ich höre deutlich, wie das Steuer knarrt... ſtill, ſpricht man nicht da draußen?“ „Ich glaube es beinahe... aber was geht das mich an... ich erinnere mich jetzt lebhaft, was wir in dem Augenblick zu einander ſagten, wo die Jolle nahe daran k w war, von dem Vorderſteven des großen Schiffes zermalmt zu werden.“ „Das iſt unmöglich... Du kannſt Dich deſſen nicht erinnern.“ „Ich ſagte, daß ich glücklicher ſei, als je.“ „Du täuſcheſt Dich gewiß.“ „Ich ſagte, daß ich Dich liebe.“ „Gewiß, Du phantaſirſt...“ „Und Du autworteteſt mir...“ „Ich antwortete Dir...“ „Daß auch Du mich liebteſt.“ „Du träumſt, Heinrich, das habe ich nie ſagen können...“ „Wie?“ Still... es kommt Jemand. Heinrich ſprang auf und ſetzte ſich wieder auf ſein Bett, weil auch er hörte, daß jemand das Thierſchloß berührte. Paul trat ein. Fanny's kaum noch nicht bloß todtenblaſſes, ſondern beinah todtes Geſicht hatte wieder Leben und jenen hol⸗ den, reizenden Glanz erhalten, der gewöhnlich einem fieberhaften Nervenreiz ſchnell nachfolgt. Sie war auch unendlich ſchön, während ſie noch ſo da lag, ſelbſt nicht wiſſend, ob ihre Kräfte ihr geſtatten würden, vom Bett aufzuſtehen, oder nicht. Paul vermochte ſeinen Blick von dem hübſchen Mäd⸗ chen nicht abzuwenden, und als ſie das bemerkte, errö⸗ thete ſie nur noch mehr. Heinrich fühlte, wie der Dorn, von dem er geträumt hatte, ſchmerzlich ſeinen ſcharfen Stachel in ſein Herz trieb. Er ahnte zwar, daß er in Paul ſeinen Retter vor ſich ſahe, aber er wurde um ſo unruhiger, weil dieſer ein friſcher, einnehmender Jüngling war, gegen welchen nicht blos er ſelbſt, ſondern Fanny in ſo großen Ver⸗ bindlichkeiten ſtand, daß ſchon die Dankbarkeit ihm immer Das Gewiſſen. J. 12² 178 einen großen Einfluß auf Fanny's Herz verleihen und überdies bei Heinrich ſelbſt den Unwillen gegen ihn ent⸗ waffnen mußte. Heinrich blieb ſtill... es war ihm, als hätte er die Sprache verloren. Fanny ſagte ebenfalls nichts, aber ihrem Erröthen fehlte es nicht an Ausdruck. Auch Paul ſprach kein Wort. Seine Seele badete ſich in Fanny's klaren Augen. Sie waren alle drei jung und ſie ſprachen nichts, weil ihre Herzen durch verſchiedene Aufregungen einen Angenblick zum Stillſtand gebracht waren. Zwar glaubte jedes ein Recht zum Sprechen zu haben, aber keines konnte es über ſich bringen, anzu⸗ fangen.. 1 Zwiſchen der Capitäns⸗Cajüte und derjenigen, worin ſie ſich befanden, befand ſich bloß eine dünne Bretterwand, 6 wie es auf den meiſten Schiffen gewöhnlich iſt. Bei der geringſten Aufmerkſamkeit hätten ſie alſo nothwendig jedes Wort hören müſſen, das drinnen beim Kapitän mit etwas lauter Stimme geſprochen wurde. 1 Von ſich ſelbſt in Anſpruch genommen, hatten Hein⸗ i rich und Fanny auf das Geſpräch zwiſchen Franz Kellner und Roman nicht geachtet; aber jetzt, da ſie ſelbſt ſchwie⸗ gen, vernahmen ſie weit beſſer, was draußen geſprochen wurde. Es war Jack, der ſich in dieſem Augenblick zu ver⸗ theidigen ſuchte und an die Schonung des Großhändlers— appellirte. 1 di Im Aufang ſprach er leiſe, aber allmählig erhob er ſeine Stimme, ſo daß jedes Wort klar und deutlich zu Pauls, Heinrichs und Fanny's Ohren drang. Ihre Aufmerkſamkeit wurde dadurch von ihnen ſelbſt m —,. abgezogen und auf den Unglücklichen gelenkt, den man eines ſchweren Verbrechens beſchuldigte. Vor allem war es Fanny, die ſich immer mehr und mehr für das inte⸗ reſſirte, was ſie hörte. Sie erhob ihr Haupt, richtete ſich im Bett etwas empor, endlich ſetzte ſie ſich gänzlich auf, und ihre Augen begannen von einem immer höheren Glanz zu ſtrahlen, während die Röthe auf den Wangen verſchwand. Zuletzt ſprang ſie plötzlich auf den Boden, gleich als hätte ſie ihre Schwäche gänzlich vergeſſen. „Iſt's möglich, daß ich mich täuſche... o nein, es iſt nicht möglich... er iſt's... ich kenne dieſe Stimme 1... es iſt mein Pflegevater.“ Paul und Heinrich wurden durch dieſe Erklärung nicht wenig überraſcht und ſie blickten einander an, gleich als glaubten ſie, daß ſie noch im Fieberwahnſinn ſpreche. „Dein Pflegevater? Es iſt unmöglich.“ „Hören Sie, wie man ihn anklagt und ihm droht, ihn der Juſtiz zu überliefern? Retten Sie ihn, wenn Sie können... oh, thun Sie das.“ . Der Mann, der ſich da drinnen zu vertheidigen ſucht, hat ein Verbrechen begangen.“ Das iſt wohl möglich, aber er iſt mein Pflegevater und er iſt gegen mich ſehr gut geweſen... Suchen Sie ihn zu retten, ich bitte Sie darum.“ „Sie müſſen ſich täuſchen.“ „Sein Name... ſein Name.“ „Jack.“ „Dieß war ſein Soldatenname; oh ja, er iſts.“ „Aber Jack iſt ja Matroſe.“ „Ganz richtig; er ging vor ein paar Jahren auf die See. Wie heißt dieſes Schiff?“ „Delphin.“ „So war es. Er ging mit dem Delphin fort, ich erinnere mich jetzt ganz gut. Der Kapitän des Schiffes muß Boman oder Roman heißen. „Roman...“ „Ja, ja, Roman. Aber Sie hören ja, daß man rnu 180 ihn wegführen will O retten Sie ihn, wie Sie mich gerettet haben. Fanny ſprach mit der ganzen Wärme einer treuer⸗ gebenen Tochter, und war ſie vorher hübſch geweſen, ſo war ſie in dieſem Augenblick unwiderſtehlich. Heinrich empfand eine unbeſtimmte Qual bei dem Gedanken, daß Paul ihr noch ferner einen wichtigen Dienſt leiſten ſollte, obſchon er ſich zu gleicher Zeit des Wunſches nicht enthalten konnte, daß man für ihren Pflegevater, an deſſen Schickſal ſie ſo innigen Antheil nahm, etwas auszurichten vermöchte. Paul hatte im Sinne gehabt, ſich nicht in Jacks Augelegenheiten zu miſchen; aber was vermag nicht ein feuriger Blick aus einem ſtrahlenden Auge, und eine warme Bitte von blühenden Lippen über einen Jüngling von ein⸗ oder zweiundzwanzig Jahren! „Ich werde thun, was ich kann,“ antwortete er und trat ſodann in die Kapitäns⸗Cajüte. Franz und Paul Kellners Blicke begegneten ſich. Paul beſaß Menſchenkenntniß genug, obſchon er jung war, und er glaubte, im Geſicht ſeines Betters etwas Feindſeliges zu bemerken, was ihm das Herz zuſammen⸗ zog. Vielleicht kam dieſe feindliche Kälte bei Franz Kellner von dem Argwohn, den er nach Jacks Angeben bei Roman und Paul vorauszuſetzen Urſache hatte. Was man mit Gewißheit annehmen kann, iſt, daß Franz Kell⸗ ner erwartet hatte, in Paul einen ſowohl auf Verſtand, wie auch auf Erfahrung und Kräfte minderjährigen Kua⸗ ben zu ſehen, und daß es ihn niederſchlug, als er jetzt einen vollkommen herangereiften Jüngling, oder vielmehr —— 181 einen jungen Mann mit lebensfriſcher Miene, mit fröb⸗ lichem, entſchloſſenen und kräftigen Gemüth vor ſich ſah, etwas von einem jungen Seemann, ehrlich und über⸗ müthig, muthvoll und leichtſinnig, dreiſt und geradeaus. „Mein Herr Vetter,“ begann Paul, nachdem der Eindruck des erſten Augenblicks ſich gelegt hatte,„es freut mich, Ihre Bekanntſchaft zu machen, obſchon es mir leid thut, daß ich ſogleich als Supplikant auftreten, d. h. für den armen Jack bitten muß. Er hat ſich eigentlich gegen mich verſündigt, und deßhalb werden Sie ihm ver⸗ zeihen können, wenn ich mich für ihn verwende.“ Kellner wußte nicht, was er von Pauls Vorſchlag glauben ſollte, aber er argwöhnte, man wolle ihn in eine Schlinge verlocken. „Es ſchmerzt mich, Ihnen Ihren erſten Wunſch ab⸗ ſchlagen zu müſſen,“ antwortete er daher nach kurzem Bedenken,„obſchon es mich ſebr freut, daß wir endlich zuſammentreffen; aber das Geſetz muß ſeinen Gang haben.“ „Wirklich?“ „Meine Ehre fordert es.“ „Ernſtlich?“ „Ich ſcherze ſelten.“ „Iſt es möglich?“ „Zweifeln Sie nicht daran.“ „Dann bin ich überzeugt, daß Sie noch nicht recht wiſſen, wie die Sache zuſammenhängt.“ „Vielleicht haben Sie noch etwas mehr zu erzählen und in dieſem Fall ſtehe ich zu Ihren Dienſten.“ „Ich danke Ihnen... aber was ich zu ſagen habe, muß unter uns bleiben. Kapitän Roman wird dieß ge⸗ wiß entſchuldigen.“ Kaapitän Roman verſtand den Wink und entfernte ſich mit Raſch und Jack. „Wir ſind alſo allein, mein Vetter,“ begann jetzt Paul,„ich gehe ſogleich zur Sache über. Aus Romans Brief wiſſen Sie, daß ich zur Zeit, als das Schiff auf der Rhede von New⸗York lag, es oſt beſuchte. Sie wiſſen auch, daß ich eines Tags dort ankam, als die ganze Mannſchaft ſich auf dem Lande befand, um Pro⸗ viant zu holen, und Jack allein als Schildwache auf dem Verdeck war.“ 6 „Ich weiß es.“ „Sie wiſſen ferner, daß Jack Schiffszimmermann und damals noch ein flinker, ſtarker Burſche war... ob⸗ ſchon der lange Arreſt ihn hart mitgenommen hat.“ „Auch das begreife ich.“ „Ferner iſt Ihnen bekannt, daß Jack mich durch allerlei Gerede in den Raum des Schiffes... in das Kielſchrein zu locken wußte, und daß er mich dort auf eine heimtückiſche Weiſe überfiel.“ „Aber was nützt es, Dinge zu wiederholen, die ich bereits weiß? „Nachdem er mich an einen hervorſtehenden Balken feſtgebunden, ſtieß er mit einem eiſernen Spieß ein ſchon vorher gebohrtes Loch in den Rumpf, ſo daß das Waſſer hereinſprudelte, wie bei einer gewöhnlichen Waſſerkunſt. Mein Tod war ſicher, ich erblickte keine Möglichkeit des Entkommens. Jack dachte gewiß daſſelbe, zögerte aber gleichwohl, ſich zu entfernen... ich glaube weniger in der Abſicht, ſich von meinem Untergang zu überzeugen, als aus Entſetzen von ſeinem eigenen Verbrechen.“ „Aber noch einmal, wozu dieſe Wiederholung?“ „Das Waſſer füllte den Schiffsraum immer mehr und reichte mir beinahe bis an den Leib, als Jack ſich wieder näherte.“ „Er näherte ſich?“ „Ich hatte ihn von dem Augenblick an, wo ich mich ſo heimtückiſch überfallen ſah, nicht angeredet, weil ich es verſchmähte, einen ſolchen Feind um Gnade zu bitten, und ich glaube, er kam in der Abſicht, zu unterſuchen, ob ich noch lebe, oder ſchon todt ſey. Seine Miene war — — u 183 inzwiſchen verſtört, beinahe wahnſinnig. Als er meinem Blick begegnete, zitterte er am ganzen Leib. Gewiſſens⸗ qualen hatten ſich bereits eingeſtellt, und offenbar war er unſchlüſſig, ob er mich losbinden ſolle oder nicht. Er redete mich auch mit einigen verworrenen Worten an, und ich befahl ihm, den Strick aufzulöſen, den er mir um den Leib und die Arme gebunden hatte. Angſt und Qualen zerfleiſchten ihn, das war leicht zu ſehen. Löſe den Strick auf, befahl ich ihm von Neuem.“ „Und wenn ich ihn auflöſe, werden Sie mich dann einſperren laſſen?“ „Ich verachte Dich, und ich ſtrafe einen Menſchen nicht, den ich verachte.“ „Sie werden mich nicht mehr ausſtehen können und gleichwohl...“ „Gleichwohl...“ „Bin ich unſchuldig,... ich... ich...“ „Ich begann zu ahnen, daß er von jemand erkauft ſei, und ich fragte darnach; und nun nannte er mir einen Namen, den ich am allerwenigſten zu hören erwartet hätte.“ Kelluer vermochte dem Blick nicht zu begeguen, den Paul auf ihn warf, ſondern ſenkte den ſeinigen auf den Boden. „Ich antwortete ihm, daß er lüge, aber in dieſem Augenblick hörte man von oben ein Geſchrei; Jack ſtoͤckte mir ein Papier vorn in die Weſte und ergriff in der größten Verwirrung die Flucht. „Das Waſſer ſtand mir bereits über den Schultern und erhob ſich immer mehr; bald mußte es mich begra⸗ ben. Dann nahte ſich mir ein wildes Geſchrei von oben. „An die Pumpen... keck... erſcholl es. „Man hatte Jack ergriffen, als er eben in die Jolle ſpringen und das Schiff verlaſſen wollte,... bald ent⸗ deckte man auch meine Lage, und ich wurde gerettet.“ Paul ſchwieg, fuhr aber nachher fort: 184 „Haben Sie Luſt, mein Vetter, einen Blick auf die⸗ ſes Papier zu werfen, das Jack in der Verwirrung mir zuſteckte, ſtatt es in ſeiner eigenen Taſche zu behalten? Da it es... iſt die Handſchrift Ihnen bekannt, oder wie?“ Kellner hatte genug geſehen. „Die Handſchrift,“ antwortete er, ohne einen ein⸗ zigen Zug in ſeinem Geſicht zu verändern,„gleicht der meinigen unſtreitig, wie ein Ei dem andern, iſt aber nichts deſto weniger falſch. Gleichwohl... ich kann dafür nicht blind ſein... würde es mir ſchwer werden, das letztere zu beweiſen, und der Verdacht, daß ich die Sache geſchrieben haben könnte, müßte mir immerhin ſehr unangenehm ſein. Sie ſind einer meiner nächſten Verwandten, Paul, und können nichts Böſes gegen mich vorhaben... Sagen Sie ſelbſt, was glauben Sie, daß ich thun ſoll?“. „Sie wünſchen einen Rath von mir?“ „Ich geſtehe es... laſſen Sie mich Ihre Anſicht hören.“ „Meine Anſicht iſt die, daß Sie mir vor allen Din⸗ gen einen offenen, ehrlichen und warmen Handſchlag geben, daß Sie mich in Schweden, das künftig auch mein Vaterland bleiben ſoll, herzlich willkommen heißen und mich verſichern ſollen, daß Sie ſchuldlos ſind und die Handſchrift falſch iſt.“ „Sehen Sie, hier iſt meine Hand, Paul.“ „Ferner würde ich Sie auffordern, Jack zu ver⸗ zeihen, theils weil er durch den ſtrengen Arreſt, worin man ihn gehalten, bereits genugſam beſtraft iſt, theils wegen der Reue, die er gezeigt hat, theils auch, weil dieß meine erſte Bitte an Sie iſt.“ Kellner vermochte ſeine Freude nicht zu verbergen. „Sie ſind ein edler junger Mann, Paul,“ rief er, zein vortrefflicher, rechtſchaffener und guter Jüngling; —,——— ☛——6 & SS— 185⁵ gewiß werden wir einander hoch ſchätzen lernen. Komm in meine Arme, mein Bruder!“ Als Roman, Raſch und Jack wieder eintraten, be⸗ folgte Kellner den Rath Pauls, erklärte, daß er Jack begnadige, führte auch ſeine Gründe dafür an und be⸗ auftragte Roman, die Mannſchaft davon in Kenntniß zu ſetzen. Paul ſteckte, während Kelluer ſprach, das Papier in ſeine Taſche und ein neuer Handſchlag wurde zwiſchen ihnen gewechſelt. „Auch ich habe Dir ein Wort zu ſagen, mein lie⸗ ber Jack,“ begann jetzt Paul:„Du weißt, daß ich Dich kenne, Du weißt, daß Du die milde Schonung nicht ver⸗ dienſt, die mein Vetter Dir ſo wohlwollend erweist; aber laß uns jetzt auch ſehen, daß Du wieder ein recht⸗ ſchaffener Mann wirſt. Ich begreife nur zu gut, daß ein Menſch, der von Armuth oder anderem Elend ver⸗ folgt wird, der den Branntwein liebt und ſich der Völlerei überläßt, tief fallen und zum Verbrecher werden kann, und ich glaube gerne, daß Du unter ſolchen Um⸗ ſtänden das geworden biſt, was Du jetzt biſt. Damit Dir jedoch künftig keine Noth mehr zu nahe komme. damit Du keine Urſache habeſt, die Schuld auf Deine Stellung zu ſchieben, im Fall Dich die Luſt ankäme, neue Galgenſtreiche zu begehen, ſo nehme ich Dich von dieſer Stunde an in meinen Dienſt. Biſt Du damit zufrieden?“ Jack glaubte ſeinen eigenen Ohren kaum. Alles, was er hörte, war für ihn wie Manna in der Wüſte. Gottes Segen hätte ihn nie ſo unvorbereitet erreichen können. Eine heftige tiefe Bewegung ſchüttelte ſeine Glieder, und man ſah, wie er in ſeinen Lumpen zitterte. Außer Stand, ſeine Gefühle auszudrücken, ſank er auf die Kniee und ſtreckte ſeine Arme zu Paul empor. „Beuge Dein Knie vor Gott, aber nicht vor mir. Ein Kniefall vor dem Herrn des Himmels und der Erde 186 beweist, daß man ein guter Menſch iſt; ein Kniefall vor einem Menſchen beweist, das man ein Thier iſt. Ich will, daß Du Dich ſelbſt achten ſollſt, Jack, weil ich dann glaube, daß Du dann auch mich ein wenig achten wirſt. Nun ſteh’ nur jetzt wieder auf.“ Kellner folgte dieſem Ereigniß mit einem auf Paul gehefteten, prüfenden und forſchenden Blick. In Romans Auge ſchimmerte eine große Thräne, aber er wandte ſich auf die Seite und trocknete ſie mit der Hand ab. „Ich kenne Deine Lebensverhältniſſe nicht, Jack,“ fuhr Paul fort,„aber wenn Du verheirathet biſt und Deine Frau lebt, ſo zieht ſie natürlich mit Dir in mein Haus.“ Jack rieb ſich am Kopf, während Unruhe und Angſt in ſeinem Geſichte zu arbeiten anfingen. „Nein, gnädiger Herr,“ ſagte er,„laſſen Sie ſie bleiben, wo ſie iſt. Sie... ſie...“ „Wie Du willſt, Jack, aber wenn Du Kinder haſt...6 eine Tochter...“ „Ach ja... ich habe eine... und Sie erlauben mir, ſie mitzunebmen... o mein Gott, wie gütig Sie ſind... verlaſſen Sie ſich darauf, von dieſer Stunde an werde ich ein braver Mann... meine Tochter...“ „Du willſt ſagen, Pflegetochter...“ „Pflegetochter oder Tochter... ich liebe ſie, wie man nur ein Kind lieben kann.“ „Ich glaube es und werde ſie Dir ſogleich wieder⸗ geben... ſieh hier..“ Er öffnete die Thüre und Fanny eilte herein. Wir überlaſſen es dem Leſer, ſich die Scene zu denken, die jetzt ſtattfand, eine Scene voll rührender Freude und herzlicher Zärtlichkeit. Roman drückte Paul die Hand. Kellner begab ſich aufs Verdeck hinauf. Heinrich guckte durch die Thüre qNν 187 hinein und beobachtete mit glühender Aufmerkſamkeit den Ausdruck der milden Ergebenheit Fannys. „Du biſt ein Satansjunge, mein lieber Paul,“ ſagte Raſch,„Du machſt uns weinen wie Kinder und lachen wie Narren, wenn Du willſt. Ich habe Dich lieb, Paul... der Zeug an Dir iſt gut... aber weißt Du, was ich jetzt thue? Ich gehe in den Zellverderb, ein ganz vortrefflicher Platz, wo ich Dich ſpäter auch bekannt machen will... dort will ich ein Glas zu Deiner Ehre leeren.“ Als Kellner aufs Verdeck kam, fand er Gourville noch an Bord. „Nun,“ beinerkte dieſer,„Sie haben Ihren Vetter getroffen?“ „Ich habe ihn getroffen und... und... „Sprechen Sie heraus, was Ihnen auf dem Her⸗ zen liegt.“ „Ich überlaſſe ihn Ihnen.“ „Gut.“ „Den Contrakt, den Sie mir ſo eben zeigten, will ich unterſchreiben, wenn Sie mich mit einem Beſuch auf dem Comptoir beehren wollen.“ „Gut.“ „Kellner ſprang in ſein Boot und kehrte nach der Stadt zurück.“ 188 1„Fünf Minuten ſpäter waren Gonrville und Paul bereits Bekannte“ „Sie ſind ein flinker, entſchloſſener und ritterlicher junger Mann,“ ſagte Gourville zu ihm.„Die Mann⸗ ſchaft hat mir einen Zug von Ihnen erzählt, der Sie hochehrt. Sie haben ſo eben einem Mädchen und einem Jungen das Leben gerettet, das iſt ſchön. Sie ſind Amerikaner, ich Franzoſe. Amerika und Frankreich ſind die einzigen wahrhaft freien Staaten in der Welt und ſie haben einander immer hochgeſchätzt. Laſſen Sie uns daher Freunde werden. Als Ausländer haben wir beide Urſache, feſt zuſammen zu halten. Wir ſind beinahe gleich jung und müſſen die Welt mit einiger Lebensfriſche ge⸗ nießzen können. Was ſagen Sie von meinem Vor⸗ ſchlag... Sie finden ihn vielleicht etwas zudring⸗ lich... aber wenn man, wie wir, auf fremdem Boden ſteht, ſo hat man nicht Zeit, lange herum zu gehen und über die Gedanken ſeines Herzens nachzugrübeln Raſch gehandelt, iſt gut gehandelt... nun wohl, hier iſt meine Hand.“ „Topp Kamerad, antwortete Paul. „Freundſchaft in Freude und Leid!“ „In Freud' und Leid!“ „Im Leben und im Tod.“ „Es gilt!“ 8 Bo d- Achtes Kapitel. Gabriele Kellner's Beichte. „Ich ſehe Ihre Verwunderung, Herr Pfarrer, über die aufgeregte Stimmung, worin ich mich befinde. Aber Sie werden mich bald verſtehen und ich hoffe, daß Sie auch den Schritt, den ich gethan habe, billigen oder wenigſtens nicht verdammen werden. Ich bin ein allein ſtehendes Weib, ſchwach und leidend, ohne einen Freund, dem ich mich anvertrauen könnte. Lange habe ich mit mir ſelbſt gekämpft und mein Verſtand und mein Herz haben mir tauſend Pläne eingegeben, die aber einen inneren Zwieſpalt nur noch vergrößerten und mich nur noch mehr verwirrten. Ich habe Augenblicke gehabt, wo ich kaum zu glauben wagte, daß ich wirklich den Gebrauch meiner Sinne beſitze, Augenblicke, wo ich bereit war, mein elendes Leben abzukürzen. In einer ſolchen Stunde fiel mein Gedanke auf Sie... Sie ſind ein Diener der Religion... vertraut mit den Bekümmer⸗ niſſen der Menſchen, bekannt mit ihren Schwachheiten und eingeweiht in jene Geheimniſſe der Qual und des Leidens in uns, denen nur Gottes Wort Troſt zu ver⸗ leihen vermag; deßhalb beſchloß ich, Sie zum Vertrauten der Geheimniſſe meines Lebens zu machen, mich Ihrer Lei⸗ tung zu übergeben, bei Ihnen Troſt und Rath zu ſuchen.“ „Sprechen Sie, Madame, ſprechen Sie vollkommen aufrichtig, ich bin Prieſter und kenne die wichtige Be⸗ deutung dieſes Amtes; ſprechen Sie, Madame.“ Dieſes Geſpräch fand in Gabriele Kellners grünem Kabinet ſtatt, welches der Leſer bereits kennt. Gourvilles letzte Worte am Ende des Balles, wo er auf eine indiskrete Art, ohne alle wahre Feinheit und herz⸗ liche Milde, ihr ſeine Liebe erklärte, hatte ſie aufgeregt. 190 Hätte ſich ein Abgrund nuter ihren Füßen geöffnet, ſie würde ihn nicht ſo ſehr gefürchtet haben, wie ſie jetzt Gourville, und was noch ſchlimmer war, ſich ſelbſt fürchtete. Dieſer Mann iſt mir verhaßt, ſagte ſie zwar... welche Keckheit... welche geckenhafte Eigenliebe... aber trotz dieſer Zuverſicht klopfte dennoch das Herz in ihrem Buſen. Wir wollen inzwiſchen ihrer eigenen Erklärung nicht vorausgehen; genug, indem ſie unter widerſtreitenden Gefühlen und Gedanken umhertappte, faßte ſie den Ent⸗ ſchluß, ſich dem Geiſtlichen der Gemeinde anzuvertrauen. Auf ihren Ruf ſtellte er ſich auch ſogleich ein. Er betrachtete ſie mit einem freundlichen und gut⸗ müthigen Ausdruck, welcher zu ſagen ſchien: Komm heran zu mir und Du wirſt finden, was Du ſuchſt, einen Freund und einen Tröſter. Deßhalb wirkte ſchon ſeine bloße Gegenwart auf ſie. 4 Es kam ihr vor, als ob ſie jetzt zum erſtenmal ſeit mehreren Jahren recht ausathmen dürfte, als ob ihrer vom Leiden müden Seele eine augenblickliche Ruhe geſchenkt würde, als ob ein Himmel ſich in ihren Gedanken ge⸗ klärt hätte, als ob die Luft, die ſie einathmete, friſcher und leichter geworden wäre. Das war ja auch natür⸗ lich. Sie hatte eine Stütze bekommen, einen ſicheren Arm, auf den ſie ſich lehnen, ein unpartheiiſch prüfendes Urtheil, an das ſie appelliren konnte. Ohne vorher viel gelitten zu haben, ſieht man nur ſelten klar ein, daß die Religion der Ararat iſt, von welchem die Taube des Friedens und der Verheißung kommt, und deſſen Spitze ſich immer über die alles Andere begrabenden Wogen der Sündfluth erhebt.. „Damit Sie mich recht beurtheilen können,“ ſagte Gabriele,„iſt es nothwendig, daß ich Ihnen ein voll⸗ ſtändiges Gemälde meines Lebens aufrolle.“. „Meine Eltern gehören einer der älteſten und aus⸗ ——,——— —— 2 gezeichnetſten Familie Schwedens an. Alles, was Ge⸗ burt und Reichthum Glänzendes beſitzen, umgab auch ſchon meine Wiege. Das beſte jedoch von all der Pflege, die mir gewidmet wurde, war die Zärtlichkeit, die meine Eltern mir ſchenkten. Sie waren viele Jahre verhei⸗ rathet geweſen, ohne einen Erben zu erhalten und wie willkommen war ich ihnen daher nicht! Ihre innigſten Hoffnungen und ihre ſchönſten Wünſche erhielten in mir Wirklichkeit, Leben, Geſtalt, Zukunft.“ „Ihre Liebe zu mir greuzte auch an Schwachheit, um nicht zu ſagen, daß ſie Schwachheit war.“ „Schon von meinen erſten Jahren an umgab man mich mit all der Bequemlichkeit, die dieſe Liebe vor⸗ ſchrieb; wenn ich weinte, eilte man, alle meine kleinen Wünſche zu erfüllen: wenn ich ſchrie, entſtand ein Auf⸗ ſtand im ganzen Hauſe, und wenn ich fiel, ſo war dieß ein Ereiguiß, das in meiner Eltern Haus einen ebenſo großen Lärm machte, wie ſeiner Zeit Ludwigs XVI. Sturz in Europa hervorrief. Ich wollte ſpielen, wie andere„Kinder, und meine Fröhlichkeit erfreute meine Eltern unbeſchreiblich; aber ich durfte nicht ſpringen, weil ich fallen und mich ſtoßen konnte; ich durfte nicht mit andern Kindern zuſammen ſein, weil ſie mich ver⸗ derben konnten; ich durfte nicht ausgehen, weil ich mich erkälten konnte. Ich durfte nicht... was ſoll ich ſagen... ich durfte nicht einmal an eine Blume riechen, weil ſie giftig ſein konnte, und ich durfte keinen Stein, kein Sandkörnchen aufheben, weil es mich beſchmutzte.“ „Als ich größer wurde, erhielten dieſe Vorſchriften zwar eine umfaſſendere Ausdehnung, behielten aber den⸗ ſelben Charakter bei.“ „Ueberall kam mir eine Zärtlichkeit entgegen, die beſtändig für mich dachte und handelte... und das Wenige, was ich ſelbſt that, war immer ausgezeichnet, vortrefflich, göttlich, das verſteht ſich, in den Augen meiner guten Eltern.“ 192 „Ich war auch ein Urbild von einem eigenmächtigen und verweichlichten kleinen Mädchen, das ohne alle Er⸗ fahrung nur ſeinen Inſtinkten folgt. Mit einem Wort, ich war ein verhätſcheltes und verwöhntes Kind.“ „Meine Eltern wohnen in Südermannland anf Helmſtanäs, einer der ſchönſten und zierlichſten Herren⸗ ſitze dieſer reizenden Landſchaft. Das Gut wird von einer in den Mälarſee hinausragenden großen Landzunge gebildet, iſt durchſchnitten von Höhen und Thalgängen, geſchmückt mit Eichen⸗, Linden⸗ und Birkenwäldern. Die Gegend iſt unendlich reizend, der Boden ungewöhnlich fruchtbar. Helmſtanäs iſt unläugbar ein prachtvolles Ge⸗ mälde von großem Werth, auf drei Seiten in einen Rahmen von des Mälars kleinen Waſſern eingefaßt. Das Hauptgebäude, das von meinen Stammvätern auf⸗ geführt worden iſt, kann mit Recht ein Schloß genannt werden, nicht blos wegen ſeiner zierlichen Architektur, ſondern auch wegen ſeiner Größe und Geräumigkeit, ſowie wegen ſeiner Lage und ſeiner Flügel, wovon der eine zu einer Kirche eingerichtet iſt, die zwar nicht mehr benützt wird, gleich wohl aber von ausgezeichneter Schönheit iſt, indem namentlich Gemälde von berühmten Meiſtern ſowohl die Decke als auch den Altar zieren. Im Uebrigen iſt das Schloß von einem großen Park umgeben, der ſich in drei Richtungen nach dem See hinabzieht. Mein Vater beſchränkte indeß ſeine Thätig⸗ keit nicht auf das Gut, wo er in Wahrheit wie in einem Paradies wohnte, von jedermann geliebt und geſchätzt als guter Gatte, Vater und Grundherr. Vermöge ſeines gräflichen Wappenſchildes, glaubte er auch gegen das Vaterland Verpflichtungen zu haben und intereſſirte ſich für die allgemeine politiſche Frage beinah ebenſo ſehr, wie für mich.“ „Aber die Politik ſollte auch einen großen Einfluß auf mein Schickſal ausüben.“ „Es iſt ſonderbar; man ſagt, wir Frauenzimmer — 193 ſollten uns nicht mit Politik befaſſen, und wir thun es gewöhnlich auch nicht, wenigſtens habe ich es nicht ge⸗ than... und gleichwohl, wie oft hängt nicht unſer ganzes Leben davon ab! „Der Reichstag des Jahres 1817 zum Beiſpiel hat auf mich den größten Einfluß gehabt... ich war zwar blos ungefähr vier Jahre alt, aber ich habe meinen Vater ſo oft davon erzählen gehört, daß ich ihn ganz genau kenne, und ich weiß jetzt nur gar zu gut, daß damals das Ereigniß eintraf, das mit der Zeit meinem Leben ſeine Richtung geben ſollte, während es mein Herz zermalmte. „Die öffentlichen Angelegenheiten des Landes waren, ſo dachten wenigſtens viele, ſeit der Revolution von 1809 in ein allzu blindes Vertrauen auf die neuen In⸗ tereſſen verſunken, in deren Hand man damals und im Jahr 1810 den Scepter der Macht legte. „Ich muß erwähnen, daß mein Vater ſeinen Grund⸗ ſätzen nach demjenigen Theil der Ariſtokratie angehörte, der ſich geboren glaubt, um für das Volk zu kämpfen, berufen in den erſten Reihen der Nation zu fechten und dur Freiheiten und Rechte des Vaterlandes mehren zu elfen. „Als daher bei der Reichsverſammlung 1817 der jetzt ſo bekannte Graf Ankerſchwert aufſtand und im pa⸗ triotiſchen Geiſt ritterlich eine Lanze mit der Regierung rach, da wurde mein Vater aufs Lebhafteſte. davon an⸗ geregt, und Karl Heinrich war von dieſem Augenblick an meines Vaters politiſcher Held, ein zweiter Engel⸗ brecht, ein neuer Wilhelm Tell. „Der Gutsnachbar meines Vaters war ein Graf Frank, und bisher hatte ein freundſchaftliches Verhältniß zwiſchen den beiden Familien ſtattgefunden; jetzt aber eröffneten die verſchiedenen politiſchen Anſichten eine be⸗ ſtändig ſich erweiternde Kluft zwiſchen ihnen. Das Gewiſſen. I. 13 194 „Graf Frank war Ariſtokrat auf eine andere Art, und ſo ſehr mein Vater ſich den von Ankerſchwert ent⸗ wickelten Principien hingab, eben ſo ſehr verdammte Graf Frank dieſelben. „Sie, Herr Pfarrer, ſind gewiß ſchon oft in den Fall gekommen, über die menſchlichen Leidenſchaften nach⸗ zudenken. Gewöhnlich glaubt man, daß die Leiden⸗ ſchaften, die durch die Liebe hervorgerufen werden, die entſetzlichſten ſeien. Ich habe geſehen, daß die politiſchen Leidenſchaften nicht minder gewaltſam ſind. „Die erſte Folge der verſchiedenen Denkungsart war, daß der Umgang zwiſchen meinem Vater und dem Grafen Frank aufhörte; darauf folgte Verläumdung, Mißvergnügen, endlich Haß und bittere Feindſchaft. „Dieſe Feindſchaft hatte ſich, als ich einige Jahre alt war, zu einer blinden Verfolgungsſucht entwickelt, zu einem Haß, der dem Grafen Frank und meinem Vater nicht einmal geſtattete, die Kirche der Gemeinde zu gleicher Zeit zu beſuchen. „Sah mein Vater die Equipage des Grafen Frank die Allee hinauf nach der Kirche fahren, ſo kehrte er ſogleich wieder um, und ebenſo kehrte Graf Frank um, im Fall meines Vaters Wagen vor ihm fuhr. „Graf Frank hatte einen Sohn, der einige Jahre älter war als ich. Er hieß Theodor. „Es war während eines Reichstags... ich er⸗ innere mich nicht mehr in welchem Jahr... aber ſo⸗ wohl mein Vater als Graf Frank hatten ſich nach der Hauptſtadt begeben, um demſelben anzuwohnen; damals bekam ich, ſelbſt noch ein Kind, das von den Streitig⸗ keiten zwiſchen den Eltern nichts begriff, in der Kirche zum erſtenmal Theodor zu ſehen. „Ich erinnere mich dieſes Angenblicks noch ſo gut. Es war ein Weihnachtsmorgen; ich hatte meine Mutter ſchon mehrere Tage lang gebeten, der Frühpredigt an⸗ wohnen zu dürfen, und endlich erlaubte ſie es mir. Es 1 war ein klarer Wintermorgen. Der Schnee lag ſo weiß und rein auf Bäumen und Feldern, von allen Seiten her erklingelten Glöckchen und das Volk wimmelte feſtlich ge⸗ kleidet den ganzen Weg entlang. Ich fühlte mich ſo friſch und fröhlich. Als ich in die Kirche trat, ſah ich die große Verſammlung, das Gewölbe und den Chor von einem klaren Licht beleuchtet und das Chriſtusbild zu oberſt am Altar beinah von demſelben verklärt.. da kam eine Thräne voll unendlicher Seligkeit und Freude in meine Augen, ſo tief war der Eindruck davon. Ich zählte bereits zwölf bis dreizehn Jahre... ich betete... es waren nicht blos die Lippen, die ſich be⸗ wegten... ich betete aus tiefem Herzen... ich glaube, es war das erſtemal, daß ich ſo gebetet hatte. „Meiue Mutter i*ſt religibös und gottesfürchtig; ſie hatte mich ſoviel Schönes von dem Chriſtuskinde gelehrt, daran dachte ich auch, während ich betete. „Aber als ich die Augen aufſchlug, wie überraſcht war ich nicht! „Auf der Bank mir gegenüber ſaß ein Junge mit dunkelm Lockenhaar, mit Augen ſo klar wie zwei Waſſer⸗ tropfen, ſo friſch und ſo bübſch Auch er ſchien ſo eben zu Gott gebetet zu haben, denn ich ſah auch in ſeinen Augen eine Thräne glänzen. „Unſere Blicke begegneten ſich. Von dieſem Moment an konnten wir ſie nicht mehr von einander abwenden. Ich wußte nicht wer er war, und ſicherlich wußte auch er nicht, wer ich war, ſo verwundert ſah er mich an. „Ohne daß meine Andacht verſchwunden war, konnte ich gleichwohl nicht mehr ſo innig beten, wie ich vorhin gethan hatte. „Nach beendigtem Gottesdienſt trafen wir einander im Gange. Wir grüßten einander nicht, aber wir drückten einander die Hände. „Wie heißeſt Du?“ fragte er. „Gabriele, antwortete ich; und Du? 196 „Theodor. „Der politiſche Meinungskrieg, der zwiſchen unſern Eltern unaufhörlich fortwährte, machte, daß wir einander lange nicht mehr trafen. 3 „Als ich vierzehn Jahre zählte, konnten meine Eltern Muth genug aufbieten, mich in eine Penſion nach Stock⸗ holm zu ſchicken. Natürlich wuͤrde ich in die am beſten renommirte gebracht, wo ſich die meiſten Kenntniſſe und die ſchönſten Sitten erwerben ließen und der feinſte Ton vorherrſchte. „Meine Eltern beabſichtigten zwar während dieſer Jahre ſelbſt nach der Hauptſtadt zu ziehen, aber es kam nicht dazu, weil man, nachdem der Beſchluß, mich in eine Penſion zu geben, einmal gefaßt war, glaubte, es würde mir nützlich ſein, auf eigne Fauſt und ganz unter unbe⸗ kannten Menſchen zu leben. „ Damals hielt ich die Penſion, worin ich mich be⸗ fand, für eine vortreffliche Schule. Jetzt denke ich anders davon. „Die Penſion hatte ihren guten Ruf daher, daß die Vorſteherin eine ehemalige vornehme Dame war und man alſo die feinen Sitten und den guten Ton daſelbſt über allen Zweifel erhaben glaubte. „Aber ich habe meine eigenen Gedanken. Sie kennen Guſtavs III. leichtſinnige Zeit und es iſt mir manchmal vorgekommen, als ob dieſe Zeit, obſchon ſie im allgemei⸗ nen Leben aufgehört hat, in ſolchen Penſionen noch fort⸗ lebe, gleichſam um ſich in eine neue Generation hinein zu retten, dadurch daß ſie dieſelbe in ihrem Geiſte erziehe. „Als ich nämlich in ſpätern Jahren über das Eine und Andere nachdachte, kam es mir vor, als ob ich mehr die Erziehung einer Puppe als eines menſchlichen Weſens erhalten hätte. Ich lernte mich präſentiren, tanzen, ja ſogar erröthen und lächeln, mit einem Wort, ich lernte in allen vorkommenden Fällen ſo ſein comme il faut. „Dieſe Penſion hatte ſich ihr größtes Vertrauen da⸗ durch erworben, daß es Männer waren, die in den wiſ⸗ ſenſchaftlichen Theilen unſres Courſes den Unterricht er⸗ theilten. Aber wie kann man ſich nicht in ſeinen Urthei⸗ len täuſchen! Was lernten wir da? Wir lernten ſprechen, ohne etwas von der Grammatik kennen zu lernen, Muſik, ohne die Skala zu ſtudiren, und alles Uebrige im glei⸗ chen Verhältniß. Wenn wir unſre Lectionen nicht gelernt hatten, was ſehr oft geſchah, ſo kokettirten unſre Augen mit den Lehrern, und ſie vergaßen es, uns zu tadeln. Ich bin auch blos ein Menſch, ſeufzte der eine; und ich habe auch ein Herz, ſeufzte der andere... und ſo ver⸗ gingen die Lectionsſtunden und wir wünſchten nichts An⸗ deres. Beim Eramen wußten wir zum Voraus, was man uns fragen würde; wir erhielten gute Zeugniſſe und unſre Eltern waren hochvergnügt. „Ach, Herr Pfarrer, man ſpricht von R unſeren Tagen und man beſchäftigt ſich beinahe mit nichts Anderem, aber wenn irgend etwas einer Reformation be⸗ darf, ſo ſind es unſre Mädchen⸗Penſionen. „Manner taugen nicht zur Erziehung der Weiber. Die Weiber müſſen einander ſelbſt erziehen, aber jede, die eine Penſion errichten oder als Lehrerin in derſelben eintreten will, ſollte verpflichtet werden, zuerſt ein öffent⸗ liches Examen zu beſtehen, um ſich über die Kenntniſſe auszuweiſen, die zum Erzieherberuf nothwendig ſind. „In den modernen Penſionen der Hauptſtadt war es zu meiner Zeit gewöhnlich, daß die Vorſteherin mit⸗ unter einen Ball veranſtaltete, in der Abſicht, uns einen Begriff vom Geſellſchaftsleben zu geben und an die Tour⸗ nüre zu gewöhnen, welche Mode und Convenienz vor⸗ ſchreiben. Dieſe kleinen Bälle waren unſer Entzücken... or, und an ſie dach⸗ eformen in Auf ſie bereiteten wir uns jedesmal v ten wir unaufhörlich. „Zu dieſen Bällen wurden immer eben ſo Kuaben eingeladen, als wir viele junge Mädchen waren, und dieſe 198 kleinen Cavaliere wurden theils von Karlberg, theils auch von andern Knabenpenſionen genommen. Ich dürfte wohl kaum zu erwähnen brauchen, daß die Cadetten am Karl⸗ berg immer einen großen Vorzug bei uns hatten. „Auf einem ſolchen Ball ſah ich Theodor wieder. Er war damals Cadett, und ich erinnere mich von die⸗ ſem Ball an nichts Anderes mehr, als daß wir den gan⸗ zen Abend mit einander tanzten, worüber meine Kame⸗ rädinnen ſich ſehr luſtig machten. Sie nannten uns den kleinen Bräutigam und die kleine Braut „Cinige Jahre vergingen. Ich hatte die Penſion verlaſſen und war zu meinen Eltern zurückgekehrt. Theo⸗ dor hatte ſeinen Cours am Karlberg durchgemacht und war Offizier bei der Garde zu Pferd geworden. „Ich war ein Mädchen, das bei Allem nur ein wenig herumgeflattert hatte, ohne einen klaren Blick in die Welt, ohne ein wahres, tieferes Gefühl in meinem Herzen, ohne daß mein Charakter gleichſam aus mir ſelbſt her⸗ aufgewachſen war. „Alles dies hatte meine Erziehung der Zeit und der Welt überlaſſen. Ich habe es jetzt auch gelernt, aber welch eine Schule von Fehlern und Schwachheiten habe ich nicht durchlaufen müſſen! „Sie denken vielleicht, Herr Pfarrer, daß ich gar zu umſtändlich geweſen ſei; aber ich mußte es ſein, damit Sie mich richtig beurtheilen können. 4 „Ich gehe zu einem ſpäteren Theil meines Lebens über. „Ich war ſiebzehn Jahr alt und hatte den Kopf voll von Träumen und Kindereien. 1 „Ebenſo ſehr wie in meinen Kinderjahren der Wille meiner Eltern den meinigen beſtimmte, ſo beherrſchte jetzt mein Wille den ihrigen. Kaum konnte ich meine Wünſche mit Worten ausdrücken, ſo hatte man ſie ſchon in mei⸗ nen Augen geleſen. „Zwiſchen den Gütern meines Vaters und des Gra⸗ 1 199 fen Frank ragte eine Bucht mit einigen Inſelchen her⸗ vor. Eines von dieſen Inſelchen... ich weiß heute noch nicht, ob es meinem Vater oder dem Grafen Frank ge⸗ hört, weil ein Prozeß über das Eigenthumsrecht auf dem⸗ ſelben entſtanden iſt... war unbeſchreiblich hübſch. „Mein Vater hatte auf meinen Wunſch ein kleines Boot mit zierlichen Rudern bauen laſſen. Es war weiß angeſtrichen und mit einem grünen Rand eingefaßt. Ich nannte es die Muſchel und mein größtes Vergnügen war, in derſelben allein auf der eben ſo ruhigen, wie klaren und von ſchönen Ufern umgebenen Bucht umherzufahren, und dies war mein beſtändiges Sommervergnügen, und es verging kein heller Sommerfeiertag, ohne daß ich mich auf dieſe Art beluſtigte. „Mein Vater war froh darüber, weil er behauptete, dies würde meine ſonſt ſchwache Conſtitution ſtärken, und er nannte mich den Liebesgott in der Muſchel, nach einer kleinen Statue von Vogelberg, die er ſo ſehr bewun⸗ derte. „Meine Mutter hinwiederum war froh darüber, daß mein Vater froh war, und nannte mich koſend ihren jun⸗ gen Schwan. „Meine Fahrten erſtreckten ſich indeß nicht weiter, als auf das kleine, im Prozeß liegende Inſelchen, das für mich ein neues Paradies geworden war, wo ich allein ſpielte, Lauben einrichtete, Kränze flocht, Büſche und Bäume damit ſchmückte, Blumen pflanzte, die ich aus dem Treibhaus holte, wilde Blumen begoß, während ich mit ihnen ſchwatzte, gerade als ob ſie mich verſtehen könnten, ja ihnen zuweilen ſogar Liedchen vorſang, ohne daran zu zweifeln, daß ſie mich mit ſehr großem Ver⸗ gnügen anhören müßten. Es waren die ſchönſten Tage meines Lebens. Ich war Kind und dennoch ſiebzehn Jahre alt. „In meinem Herzen, Herr Pfarrer, fand ſich eine wahre und reine Unſchuld, und mag der Himmel mir 200 verzeihen, aber es kommt mir vor, als ob es noch un⸗ ſchuldsvoll wäre, denn ich erfreue mich in dieſem Augen⸗ blick an all dieſen Erinnerungen noch ebenſo innig, wie wenn ich jetzt nicht ganz anders geworden wäre, als damals. „Ich war inzwiſchen bei meinen Beſuchen auf dem kleinen reizenden Holm nicht allein. In meinen Gedau⸗ ken und Vorſtellungen war ich dort immer in Geſellſchaft eines dunkellockigen Jünglings... und dieß war kein anderer als Theodor. „Ich hatte die Zweige einiger Bäume zuſammenge⸗ bunden, deren Stämme wie Tempelſäulen daſtanden. In der Mitte hatte ich einen kleinen Altar von Mooſen und Steinen errichtet und ihn mit Kränzen und Guirlanden geſchmückt, wie auch rings umher mit Blumen bepflanzt. Auf ein Papier, das ich mitten auf den Altar feſtmachte, hatte ich ein T. geſchrieben. 3 „Meine Arbeit war fertig... und ich fand ſie aus⸗ nehmend hübſch. „Während der Arbeit hörte ich zwar in einiger Ent⸗ 4 fernung ein Getöſe, aber ich achtete nicht weiter darauf. „Ich ſetzte mich nieder und betrachtete mit Befriedi⸗ gung, was ich gemacht hatte. „Mein Gott, wie erſchrack ich nicht, als ich jetzt ganz in meiner Nähe Tritte hörte und einen Augenblick darauf Theodors Geſicht zwiſchen den Zweigen meines Fantaſietempels hervorſchauen ſah. „Inſtinktmäßig ſprang ich auf und riß das Papier vom Altar hinweg, während mein Geſicht ſich vor Ver⸗( legenheit färbte. „Theodor lachte und ich erröthete noch mehr, indem t ich das kleine Papier in meiner Hand zerknitterte. 2 „Wenn mein Herz je gepocht hat, ſo war es in dieſem Augenblick. G „Er trat in meinen kleinen Tempel. Er ſchwatzte... u er war nicht im mindeſten verlegen, während ich es ſo n 201 ſehr war.... er wollte das Papier ſehen, das ich in meiner Hand hielt... ich weigerte mich... er ſcherzte. Wir waren beide jung. Endlich... ich weiß nicht, wie es kam... aber ich ließ mich überreden... und von dieſem Augenblick an trafen wir uns täglich. „Theodor hatte Urlaub; er ſollte den ganzen Som⸗ mer zu Hauſe bleiben, und der kleine Holm, um welchen unſre Väter prozeſſirten, wurde der Platz, wo die Her⸗ zen der Kinder einen ewigen Bund mit einander ſchloſſen. „Theodor fand ein ebenſo großes Vergnügen darin, wie ich, das Inſelchen nach unſerm Belieben zuzurichten, und Grotten und Blumenanlagen erſtanden eine neben der andern. „Aber ich habe vergeſſen zu erzählen, daß eine Wolke bereits am ſchönen Morgenhimmel meines Lebens herauf⸗ zuziehen anfing. Mein Vater hatte einen entfernten Verwandten, der ſeinen Namen trug, und ein verdienſt⸗ voller Beamter war. „Bei Ihrer Welterfahrung, Herr Pfarrer, wiſſen Sie nur zu gut, was in der ariſtokratiſchen Welt ein Name bedeutet. „Der Name iſt für eine Familie der Ritterſchild, mittelſt deſſen ſie durch die Zeitperiode vorangeht, für das Allgemeine eine Lanze brechend, an jedem Lorbeer ſich erfreuend, den ſie gewinnt, über jeden Verluſt ſich grämend, den ſie erleidet. „Der Name iſt der Rahmen, in welchen die Geſchichte der Ehre unſrer Väter zuſammengefaßt iſt, ſowie der Ehre, die noch heutzutage jeder erwerben kann. „Der Name iſt der Spiegel, worin das unbedeu⸗ tendſte Familienmitglied in ſich das Conterfei von etwas Ausgezeichnetem zu erblicken glaubt. „Im Namen glaubt ein Stammvater ſeinen eigenen Geiſt, ſeine eigene Größe den Nachkommen zu vermachen, und jeder Teſtamentstheilhaber betrachtet ſich als Schuld⸗ ner des Teſtators. 202 „Die Macht des Namens iſt von unendlich großem Einfluß. Er iſt die Zauberformel, die viel Gutes her⸗ vorruft und vor manchen Schlechtigkeiten rettet, wenn . auch unleugbar zu vielen Narrheiten Veranlaſſung ibt. 3„Der Name iſt ein moraliſcher Haltpunkt, wenn er auch viele politiſche Verirrungen hervorgerufen hat. Der Name zermalmt auch manches Herz; aber genug damit, mein Verwandter führte denſelben Namen wie ich, und dieſer Umſtand war meinem Vater ein triftiger Haupt⸗ grund dafür, daß er mein Mann werden ſollte. „Da mein Vater keinen Sohn beſaß, ſo wollte er, daß unſer Vermögen durch die Ehe in der Familie blei⸗ ben ſollte. „Ich hatte inzwiſchen nie davon geträumt, bis er eines ſchönen Tags auf Helmſtanäs ankam. „Ich ehrte ihn ſehr, ſo lange ich ſeine Abſichten auf mich nicht kannte, weil er ein achtungswerther Mann war; aber ich verabſcheute ihn von dem Augenblick an, wo ich die Urſache feines Beſuches zu ahnen anfing.* „Inzwiſchen hinderte mich noch nichts, das Inſelchen zu beſuchen. „Theodor und ich hatten kleine Lauben auf den Aeſten zweier ganz nahe bei einander ſtehenden Linden eingerichtet, deren Zweige ſo zuſammengewachſen waren, daß man von dem einen Baum auf den andern ſpringen konnte. 4 „Dort pflegten wir zu ſingen, zu ſcherzen und zu ſpielen, denn obſchon wir groß waren und ſonſt nicht ſpielten, ſo ſpielten wir doch immer, ſobald wir uns auf dem Holm trafen. „Wir hatten mit einander Stroh geflochten. „Ich wußte nicht, daß wir um etwas ſpielten; aber Theodor behauptete, wir hätten um einen Kuß geſpielt und er habe gewonnen. 203 „Ich wollte ihm answeichen und ſprang von dem Baum herab; er folgte mir nach. „Denken Sie ſich meinen Schrecken, als in dieſem Augenblick meine Mutter vor mir ſtand. „Komm ſogleich mit, Gabriele, ſagte ſie und führte mich weg, ohne daß ich Zeit hatte, zu Theodor ein Ab⸗ ſchiedswort zu ſagen. „Meines Vaters Feindſchaft gegen den Grafen Frank und ſeine Familie war auch auf meine Mutter übergegangen. „Sie war aus Neugierde auf den Holm gekommen, um zu ſehen, was ich da mache, da ich ſo verliebt darein war. Auf dem Heimweg geſtand ich ihr Alles und ſie hörte mich an, ohne mir zu antworten. „Am folgenden Tag... ich glaube, daß ſie mei⸗ nem Vater alles anvertraut hatte, was vorgefallen war... äußerte dieſer ſeinen Wunſch, daß ich meinem Vetter mehr Aufmerkſamkeit ſchenken möchte, als bisher. Mit großer Entſchloſſenheit und mit ziemlich klarer Ahnung der Ab⸗ ſicht, weigerte ich mich, es zu thun; mein Vater wurde böſe, meine Mutter betrübt, aber es half nichts. „Nach vielen Erklärungen hin und wieder beſchloß man, daß ich das älterliche Haus verlaſſen ſollte, da⸗ mit mein Urtheil durch Welterfahrung veredelt und be⸗ feſt würde. Dieſer Grund wurde wenigſtens ange⸗ geben. „Ich nahm die Nachricht als einen harten Schlag auf, zumal da man mir ſogleich verbot, den Holm zu beſuchen, und da man, um der Wirkung dieſes Verbots um ſo ſicherer zu ſein, mein Boot aufs Land ziehen ließ. Es war mir zu Muth, wie ich mir einen Vogel denke, den man ſeiner Flügel beraubt hat. „Das Thor meines idylliſchen Jugendparadieſes war verſchloſſen. „Wir befanden uns bereits am Ende Auguſts. Es war Abend... der Mond ſchien klar und rein.. der 204 Park glich einem Zauberwald in Tauſend und eine Nacht. Die Zweige und Blätter warfen, vom Winde bewegt, lange phautaſtiſche Schatten, und die Schatten bewegten ſich beinahe wie Geſpenſter. In meinem Kammerfenſter, das nach dieſer Seite ging, betrachtete ich mit melancho⸗ liſchen Gefühlen dieſes Phantaſieſpiel, das mit meiner eigenen Stimmung ſo wunderbar harmonirte. „Es war nicht mehr als acht Uhr, aber ich hatte mich unwohl erklärt, um allein ſein zu können. „Während ich mich dunkeln Ahnungen und einer noch dunkleren Sehnſucht überließ, verging ungefähr eine Stunde. „Da ſehe ich Jemand vorſichtig zwiſchen den Bäu⸗ men hinſchleichen. Mitunter blieb er ſtehen, als ob er ſich forſchend umſehe; dann bewegte er ſich wieder vor⸗ wärts und, immer in der Richtung meiner Fenſter. „Ich wurde aufmerkſam, beinah ängſtlich... ich wußte nicht, wer es war. „Endlich ſtand der Unbekannte unter meinem Fen⸗ ſter, und denken Sie ſich meine Verwunderung, als er ſich hinabbeugte, einige Blumenknospen brach und ſie an mein Fenſter heraufwarf. „Dies wiederholte er zwei oder dreimal, aber ich hatte auch bereits erkannt, wer es war. „Es war Theodor. „Schnell öffnete ich das Fenſter und bat ihn, er moͤchte ſich entfernen, weil ich fürchtete, er könnte entdeckt und von meinem Vater vielleicht auf eine beleidigende Art behandelt werden; aber Theodor verſicherte bei allem, was ihm heilig ſei, daß er ſich lieber Allem ausſetzen, als ſich wieder entfernen wolle, ohne mit mir ſprechen zu können.— „Ich meinte, daß ich ſeinem Wunſch nachkommen müſſe, und ſchlich mich aus meinem Zimmer. „Wir hatten einander über acht Tage nicht geſehen. Ich erzählte ihm, was geſchehen war, und wir gelobten 205 einander Liebe und Treue. Er erklärte, daß er mit ſei⸗ nen Eltern ſprechen würde, und ich erklärte, daß ich mit den meinigen reden wolle. „Noch hatten wir nicht daran gedacht, uns zu tren⸗ nen, als ich von meinem Fenſter herab, das ich offen gelaſſen hatte, meinen Namen rufen hörte. Es war meine Mutter, die mich da ſuchte. „In der Angſt wußte weder Theodor noch ich, wo wir uns verbergen ſollten, zumal da im ſelben Augen⸗ blick mein Vater und meine Mutter nebſt mehreren Be⸗ dienten in den Park herauskamen, um Nachforſchungen nach mir anzuſtellen. Das Mädchen iſt krank, ſagte mein Vater, ſie hat das Fieber, ſie delirirt. Mein Gott, ſie kann ſich leicht erkälten, wenn man ſie herumſpringen läßt, wie ſie will. „Theodor drückte mich feſt an ſein Herz, gleichſam um mich zu vertheidigen. 5 „Und ohne uns zu bemerken, ging mein Vater vorüber. „Ich verlaſſe Dich, Gabriele, ſagte Theodor, wir tref⸗ fen uns morgen wieder. „Mit unruhig klopfendem Herzen kehrte ich ins Schloß zurück, und obſchon es mir Gewiſſensqual machte, eine Unwahrheit ſagen zu müſſen, ſo that ich es dennoch lie⸗ ber, als daß ich meine Zuſammenkunſt mit Theodor ein⸗ geſtehen wollte. „Am folgenden Tag erklärte ich, daß ich nur ihn lieben könne, und daß ich den Vorſtellungen meines Vet⸗ ters niemals Gehör ſchenken würde. „Bis jetzt hatten meine Wünſche in meinem elter⸗ lichen Hauſe eine Art von Geſetzeskraft gehabt, aber jetzt gerieth ich mit den Familienintereſſen meiner Eltern in Streit und ich ſtieß auf einen hartnäckigen Widerſtand. „Meine Vorſtellungen wurden kurz abgewieſen und meine Reiſe beſchleunigt. „An demſelben Abend traf ich Theodor wieder. Auch 206 er hatte mit ſeinem Vater geſprochen, aber auch er war mit einer beſtimmten Weigerung zurückgewieſen worden. „Um nicht im Park überraſcht werden zu können, hatte ich mir den Schlüſſel in die Schloßkirche ver⸗ ſchafft und dort erneuerten wir unſer Gelübde und ſchwuren einander ewige Treue. „Der Mond ſchien durch die Fenſter der Kirche herein und warf einen ſilberweißen Glanz auf die Gegen⸗ ſtände. Der Augenblick war feierlich... wir athmeten nur Liebe, aber eine Liebe, ſo rein wie das Mond⸗ licht ſelbſt. Wir hatten am Altar vor dem Chriſtusbild die Kniee gebeugt, und es war uns, als lächelte der Erlöſer ſo mild vom Kreuze herab und habe Wohlgefallen an unſern gegenſeitigen Verſprechungen. Die Schwärmerei gab unſeren Gefühlen eine religiöſe Bedeutung, die uns noch mehr in unſerer Liebe beſtärkte. „Ich kehrte auch ruhiger, als ich lange geweſen, aber mit einem Herzen, das nur noch von Ergebenheit für Theodor glühte, nach Hauſe zurück. „Einige Tage ſpäter wurde ich nach der Hauptſtadt geſchickt und daſelbſt meiner alten Tante übergeben, die, wie ich bald erfuhr, das ganze Vertrauen meiner Eltern beſaß. Ich wurde jetzt ſtreng bewacht und hörte zu meinem Schrecken von keinem andern, als von meinem Vetter ſprechen. Aber je mehr man von ihm ſprach, um ſo mehr ſteigerte ſich mein Widerwille. „Meine kluge und intrigante Tante merkte das auch bald. Sie veränderte daher ihre Taktik und begann mitunter das eine und andere freundliche Wort von Theodor fallen zu laſſen. Dadurch wurden meine Ge⸗ danken wieder licht, mein Gemüth hell und klar, und ich fing an, immer mehr Vertrauen zu ihr zu faſſen. „Sie merkte es und ſchritt auf der betretenen Bahn weiter. „In allen Kreiſen ſprach man damals von einem 207 Maskenball, welchen das diplomatiſche Corps im Kir⸗ ſtein'ſchen Hauſe zu arrangiren gedachte. Meine Tante, in deren Haus mehrere Ausländer ein⸗ und ausgingen, war eingeladen, und als ihre Nichte erhielt ich auch eine Einladung. „Obſchon meine Tante mich in ſpäteren Zeiten ver⸗ ſtändiger behandelte, ſo hatte ich doch niemals mit Theodor zuſammentreffen dürfen, wiewohl ich wußte, daß er wieder in der Hauptſtadt war, indem ſein Urlaub zu Ende gegangen. „Es fiel mir ein, daß ich meine Tante prüfen ſollte, ob ſie es wirklich mit ihrer jetzt freundlichgren Art, mich und Theodor zu beurtheilen, ernſtlich meine, und ich er⸗ klärte ihr, daß ich keine Luſt habe, auf den Ball zu gehen, weil... weil... „Sie ſah mich verwundert an. „Weil ich dennoch dort Niemand anders treffen würde, als Perſonen, die ich nicht liebe. „Meine Tante hatte mich wirklich ſehr lieb und war ſogar etwas ſtolz darauf, mich au ihrer Seite zu haben, weil dies einigermaßen dazu beitrug, daß man ihr viele Beſuche und Complimente machte. „So gut ich ſelbſt ſah, daß ſie mich ſchlechterdings auf den Ball mitzunehmen wünſchte, ebenſogut verſtand auch ſie meine halb unterdrückte Aeußerung. „Sie unterließ daher nichts, wodurch ſie mich von meinem Beſchluß abbringen zu können glaubte; aber je hartnäckiger ſie wurde, um ſo unerſchütterlicher wurde auch ich. Nach manchen Kämpfen deßhalb erzählte ſie mir eines Tags, ſie habe gehört, daß Theodor Frank eben⸗ falls zum Ball eingeladen ſei. „Ich lächelte für mich ſelbſt. „„„An einem andern Tage erzählte ſie mir, ſie habe erfahren, daß er ſich ſo und ſo koſtümiren werde. „Ich lächelte noch mehr. 208 „Am dritten Tag ſagte ſie mir ganz aufrichtig, ſie habe nichts gegen meine Neigung zu Frank, wenn man nur meine und ſeine Eltern überreden könnte, und ſie würde durch die Fiuger ſehen, im Fall wir uns auf dem Ball träfen. „Alle meine Einwürfe gegen den Beſuch des Balls hörten jetzt auf. Statt deſſen erkundigte ich mich bei meiner Tante genauer, in welchem Aufzug er erſcheinen würde, und als ſie jetzt ſah, wie innig ich mich dem Gedanken an ihn hingab, verſprach ſie auf eine kluge und feine Art, ihm die Möglichkeit zu erleichtern, mich ebenfalls zu erkennen. „Meine Tante zeigte ſich ſo gütig, daß ich ſie beinah anbetete. „Der Ball kam. Ich hatte die Rolle der Prezioſa gewählt; das Koſtüm ließ mir vortrefflich, und ich war fröhlicher und glücklicher, als ich ſeit langer Zeit geweſen; ich ſollte ja denjenigen wiederſehen dürfen, an dem alle meine Gedanken feſthingen. „Das Feſt war glänzend. Unläugbar gehörte es zu den eleganteſten Veranſtaltungen, die in den letzteren Zeiten ſtattgefunden hatten. Die Masken waren zahl⸗ reich und prächtig. „Bald näherte ſich mir eine Perſon in Rittertracht. „Er iſt es, flüſterte meine Tante. „Ich drückte ihr voll Dankbarkeit die Hand und ſchwebte in einem Tanz mit meinem Cavalier fort. Da nun Sie, Herr Pfarrer, jetzt mein Inneres und die warme Neigung kennen, die mein Herz beherrſchte, ſo können Sie ſich leicht vorſtellen, wie glücklich ich war. „Wir tanzten... wir ſchwatzten... wir lachten. Ich bemerkte zwar bald, daß er nicht mehr ſo offen und fröhlich war wie früher, daß er weniger ſprach, daß ſeine Stimme ſo grell und ungleich war, aber ich zweifelte nicht an ſeiner Liebe und ſchrieb die Veränderung den -24 2 209 ſteiferen Gewohnheiten des Geſellſchaftslebens, einiger⸗ maßen auch der Maske und dem Koſtüme zu. „Wir waren ja nicht mehr allein, wie auf unſerm kleinen Holm. „Inzwiſchen überließ ich mich gänzlich meinem Glücke. Ich ergoß meine Hoffnungen, meine Gefühle. Ich konnte mein Inneres niemals aufrichtiger an den Tag legen, als ich jetzt that. „Mehrere Tänze waren vorbei und wir hatten nur mit einander getanzt. Ich fühlte mich müde, und wir ſetzten uns in ein etwas abgelegenes Zimmer. „Gewöhnt, vor Theodor nichts zu verbergen, plau⸗ derte ich unaufhörltch und ließ ihm nicht viel Zeit, eben⸗ falls zu ſprechen. In meinem Glück war ich ſo kindiſch, als wäre ich eben erſt der Kinderſtube entlaufen. „Wir hatten uns nicht demaskirt, weil wir fürch⸗ teten, unſere Seligkeit könnte von irgend einem andern menſchlichen Auge entdeckt werden. Wir waren eifer⸗ ſüchtig darauf. „Was ich ihm ſagte, berührte inzwiſchen nicht ihn ſpeciell... ich hätte es zu jedem andern auch ſagen können, vorausgeſetzt nur, daß wir einander innig ge⸗ liebt hätten. 3 „Es iſt alſo wahr, rief er endlich, Sie lieben mich. Ich wagte es kaum zu hoffen. „Seine Worte ſetzten mich in Staunen, ich ſtarrte ihn an. Nicht blos ſeine Aeußerung, ſondern auch etwas in ſeiner Stimme erregte meine Verwunderung. Ich richtete mich auf, mein Herz ſtand einen Augen⸗ blick ſtill. „Gabriele, flüſterte er, warum ſo heftig... Du liebſt mich ja jetzt? Ich kann den ſonderbaren Gedanken nicht beſchrei⸗ ben, der mich erfaßte; aber von einem unwiderſtehlichen „Gefühl geleitet, riß ich ihm die Maske vom Geſicht. 14 Das Gewiſſen I. „Denken Sie ſich mein Entſetzen, als ich ſah, daß es nicht Theodor war, den ich vor mir hatte, ſondern mein Vetter. „Verblüfft, überraſcht und muthlos, ſtürzte ich von ihm weg. Als ich an die Thüre kam, ſah ich meine Tante in Begleitung einiger Freundinnen lachend von der andern Seite eintreten. „Ich begriff augenblicklich ihren Plan. Sie hatte mich in einer Schlinge fangen und in einem zärtlichen téte-à tète mit ihrem Günſtling überraſchen wollen, um mich mit Hülfe der Convenienz und Anſtandsgeſetze zu einer Verbindung zu nöthigen. „Allein eilte ich in den Tanzſaal hinaus. Es war mir, als ſchauten alle Augen nach mir. Mein Blick fiel auf den Eingang des Toilettenzimmers und ich eilte dahin. „Ich war erzürnt, und dennoch ſaß eine Thräne in meinem Auge. Ich glaubte mich verrathen. „Im Toilettenzimmer fanden ſich mehrere Masken und auch einige Dominos vor. In meiner Unruhe nahm ich meine Maske ab und ſetzte eine andere auf, wie ich auch einen zweiten Domino über mein Prezioſakoſtüm warf. „So kehrte ich in den Saal zurück. Bald ſah ich meine Tante und die übrigen, welche an der Eſtrade herabkamen, und ich ging an ihnen vorbei, ohne daß ſie mich erkannten. Der Ball nahm inzwiſchen ſeinen Fortgang. Die Koſtümirten begannen ſich zu desmaskiren. Jetzt begann ich auch Theodor zu ſehen und wandte mich ſogleich au ihn. Ich drückte ihm die Hand und flüſterte ſeinen Namen. „Setz Deine Maske auf,“ ſetzte ich hinzu,„und laß uns tanzen. „Wir tanzten. In meiner Aufregung in Folge der Scene, die ſoeben ſtattgefunden, hatte meine Neigung ein Feuer bekommen, das ich füher nie empfunden hatte. Ich war heftig und leidenſchaftlich; der Tanz und die — wi hat die find ein, war ein mit der 211 Muſik waren überdies gleichſam beſtändig neuer Breun⸗ ſtoff in meine Leidenſchaft. Ich hatte ein Gefühl, wie wenn ich mich an meiner Tante rächen wollte. „Als die Zeit zum Souper herannahte, wünſchte ich nicht mehr im Saal zu bleiben, weil ich den Meinigen den Aerger bereiten wollte, mich ſuchen zu laſſen und nicht zu finden. Ich vertraute meinen Einfall Theodor an, und er billigte ihn. „Nach einer Weile ſaß ich auch in ſeinem Wagen und an ſeiner Seite auf dem Weg nach der Wohnung meiner Tante. Dort angekommen, bat er um Erlaubniß, mich hinaufzubegleiten und das Zimmer zu ſehen, das ich bewohnte, und ich konnte ihm das nicht verweigern. Erröthend führte ich ihn hinein. „Mit glühender Zärtlichkeit betrachtete er mein Stüb⸗ chen. Es war auch recht nett... meine Tante hatte nichts verſäuumt, um es ſo angenehm wie möglich zu ma⸗ chen. Er bewunderte Alles... er ſah meine kleinen Ar⸗ beiten an... er küßte meinen Strickrahmen... endlich verließ er mich, während ein Seufzer ſeine Bruſt hob. „Von dieſem Augenblick an war das Verhältniß zwiſchen meiner Tante und mir ein geſpanntes. Sie wurde ſchweigſam und ich gleichfalls. „An einem trüben Herbſtabend, als ich ihr bereits gute Nacht geſagt und die Leute im Hotel ſich gelegt hatten, ſaß ich allein an meinem Feuſter und ſtarrte auf die Straße hinaus, die von einer in meiner Nähe be⸗ findlichen Laterne beleuchtet wurde. „Meine Fantaſiten und Gedanken hatten nur einen einzigen Gegenſtand, um den ſie ſich gerne drehten: dieß war Theodor. „Auch jetzt beſchäftigte ich mich mit ihm, als ich ein Gemurmel von der Straße her hörte. „Ich blickte hinaus und ſah eine Menge Leute, die mit drohendem Geſchrei einen einſamen Mann verfolgten, der entfliehen zu wollen ſchien. 212 „Als ich mich vorbeugte, um beim Laternenſchein die Gegenſtände womöglich näher unterſcheiden zu können, erkannte ich bald Theodor. „In dieſem Augenblick waren die Verfolger dicht bei dem Fliehenden, und ich ſah bereits, wie ein Knittel über ſeinem Kopf erhoben wurde; aber auf einmal drehte er ſich um, ergriff den Knittel und riß ihn ſeinem Ver⸗ folger aus der Hand. „Theodor war vorher ganz unbewaffnet geweſen. Mit erhobenem Stock ſprang er die äußere Treppe des Hauſes hinauf, wo ich wohnte. Ich hörte Geſchrei und Drohungen, Flüche, das Krachen der Hiebe, und obſchon ich ſah, wie Theodor den einen und den andern zu Boden warf, ſo vermehrte ſich doch die Zahl der An⸗ greifenden beſtändig. „Was ich empfand, können Sie ſich leicht denken, Herr Pfarrer. In meiner aufgejagten Fantaſie ſah ich ihn blutend, ſterbend, und vom Schreck getrieben eilte ich hinab. Theodor wankte auch bereits, als ich die, Thüre hinter ihm öffnete und ihn hereinzog, worauf die Erbitterung des aufgebrachten Volks ſich allmählig legte, und die wieder verſchloſſene Thüre allen Verſuchen, ſie zu erbrechen, Trotz bot. „Meine Freude war namenlos, als ich Theodor ge⸗ rettet in meinem Zimmer ſah. Er war matt, ſchwach und übel zugerichtet. Das Blut rann von ſeinem Ge⸗ ſichte. Unter Freudenthränen wuſch ich ſeine offenen Wunden und verband ſie, ſo gut ich es verſtand. Er war von herzlicher Dankbarkeit bewegt. Welche Stunden unendlicher Seligkeit! Die Arbeit war vollendet und wir ſaßen auf meinem kleinen Sofa. Wir ſprachen nicht... Meine Seele löſte ſich in ſeinem klaren, warmen Auge auf. Er ſchlang ſeinen Arm um meinen Leib, und von unſrer Liebe hingeriſſen, vergaßen wir die ganze Welt. „Inzwiſchen ließen ſich jetzt Tritte vernehmen. Wer konnte noch ſo ſpät mich beſuchen? Die kommende Perſon —ſͤ 213 war bereits ſo nahe, und es war für Theodor unmöglich, zu entfliehen. „Ich ſprang bleich und erſchrocken vom Sofa auf. Das Blut war in meinen Adern gleichſam erſtarrt. Was ſollte ich thun? „Die Thüre öffnete ſich und meine Tante ſtand vor mir. Sie war durch das Getöſe auf der Straße geweckt worden und kam, um mir ihre Befürchtungen mitzutheilen. „Ich antwortete nicht. Die Angſt hatte mich, ich kann wohl ſagen, in eine Marmorſäule verwandelt. „Was iſt Dir?“ fragte ſie.„Der Lärm auf der Straße hat auch Dich erſchreckt. Du biſt mehr todt, als lebendig. „Ich wunderte mich, daß ſie mir wegen Theodors Anweſenheit keine Vorwürfe machte; aber als ich mich endlich umſchaute, war Theodor nicht mehr zu ſehen. „Er hatte ſich in meinen Alkoven verſteckt und die raperien um denſelben wieder zugezogen. „Ich athmete; aber meine Tante, deren Furcht beim Anblick der meinigen verſchwand, bemerkte jetzt da Blut unf dem Boden und an dem Handtuch, das ich benützt hatte. „Ein neues Eutſetzen ergriff mich... es fehlte mir an Worten, um etwas zu erwiedern, aber ſie half mir ſelbſt aus meiner Verlegenheit. „Du biſt ſehr krank,“ ſagte ſie,„Du haſt aus der Naſe geblutet, der Lärm hat... „Ich umfaßte mit Begierde ihre Vermuthung und allmählig beruhigten wir uns beide. „Ich folgte meiner Tante auf ihr Zimmer, damit Theodor Zeit hätte, ſich zu entfernen. Aber als ich zu⸗ rückkam und den Vorhang an meinem Alkoven aufzog, fand ich ihn auf den Knieen an meinem Bett, das Ge⸗ ſicht in ſeine Hände verborgen. „In dieſem Augenblick hätte ich ſtark ſein müſſen; aber der aufgeregte Zuſtand, worin ich mich befand, be⸗ 214 täubte meinen Verſtand. Ich raiſonirte nicht, ich fühlte blos. Ich ſah Theodor vom Tode und mich vor einer Entdeckung gerettet... und ich vergaß alles vor grenzen⸗ loſer Seligkeit. „In zwei jungen Herzen brannte daſſelbe Feuer; in zwei reinen Seelen glühte derſelbe Gedanke. Die ganze Welt hätte einſtürzen können, wir würden nichts davon vernommen haben. Wir hörten nicht einmal, wie unſere Herzen vor Unruhe püchten; wir erſearde in Liebe, Veu an Weuſt... 4... 4 Gabriele hatte ohne Unterbrechung ihre Erzählung fortgeſetzt, aber hier verſtummte ſie und ſchlug ihre Augen nieder. Sie wagte es nicht, ihrem Zuhörer ins Geſicht zu blicken. In der Seele des reuevollen Menſchen iſt das Blut eines ächten Religionslehrers der Wiederſchein der Worſehung. Der Pfarrer, der ihr mit theilnehmender Aufmerk⸗ ſamkeit gefolgt war, verſtand die Urſache ihres Schwei⸗ gens und ergriff tröſtend ihre Hand. Der ſanfte und aufmunternde Händedruck ſprach auch beſſer, als alle Worte, zu ihrem zerknirſchten Herzen. Gabriele ſchlug ihre Augen wieder auf. Eine Thräne glänzte in ihren Wimpern. „Meine Verzweiflung, als ich wieder zu Verſtand kam, war entſetzlich. Ich erlitt alle Qualen, die ein fühlendes und in ſeinem tiefen Innern tugendhaftes Herz erleiden kann. Jetzt erſt ging mir ein Licht auf, das mein ganzes, bisher zurückgelegtes Leben erleuchtete; ich begann die Oberfläche deſſelben einzuſehen. Aber je mehr ich mich erforſchte, um ſo mehr dunkelte es vor meinem Blick. „Da es mir an einer Freundin fehlte, der ich mich mittheilen konnte, verſchloß ich mich immer mehr in mich ſelbſt, und da beſchäftigte ich mich blos mit einem einzi⸗ gen Gedanken, einem einzigen Augenblick, dem des Ver⸗ u 1 ———————*. 215⁵ brechens. Daraus ſchöpften alle meine Leiden neues Leben; ich verwuchs mit demſelben, als wäre es die Wurzel meines ganzen Daſeins. Ich vergaß meine früheren Jahre, all meine ehemaligen Zukunftshoffnungen, und lebte nur in der Erinnerung an eine einzige That. Ueberall ſtieß ich in meinen Gedanken anf ſie und wurde von ihnen unaufhörlich zurückgeführt. Die Welt war für mich bis zu dieſem einzigen Punkt eingeſchrumpft. „Das Verhältniß zwiſchen meiner Tante und mir wurde dadurch natürlich nicht beſſer. Je kälter und ver⸗ ſchloſſener ich wurde, um ſo mehr wurde auch ſie es. Meine Stimmung war ungleich; wenn ich nicht verzwei⸗ ſelte, ſo weinte oder lachte ich, ohne daß jemand die Ur⸗ ſache einſehen konnte. Ich war nahe daran, wahnſinnig zu werden. „Meine Tante ſchrieb meinen Eltern, und ſie melde⸗ ten mir, daß ſie in die Stadt kommen würden. „Beim Gedanken, mit ihnen zuſammenzutreffen, war ich meiner nicht mehr mächtig. Am Abend vor ihrer Ankunft, ach, ich erinnere mich deſſen ſo gut, war ich nahe daran, einen entſetzlichen Entſchluß zu faſſen. „Ich war allein... ich ſtand an meinem Feuerr ich öffnete es und blickte über die hohe Mauer hinab. Es war ſo ſtill um mich her, die Nacht war ſo dunkel, kein Laut ſtörte meinen Schmerz, ich ſtand auf einem Stuhl, ich ſah mich rings um, der Tod war ſo verlockend. Wie viel glücklicher erſchien es mir im Grab unter dem Raſen zu liegen, als im Grab über demſelben umher zu wandeln! Noch ein Augenblick und es wäre ans ge⸗ weſen... aber in dieſem Augenblick empfand ich eine ewegung unter meinem Herzen und ich fuhr mit einem Angſtſchrei zurück. „Ich hatte von Gott ein Zeichen erhalten, daß ich verpflichtet ſei, leben zu bleiben: ich fühlte, daß ich Mut⸗ ter werden ſollte. Auf mein Knie gebeugt, betete ich jetzt an demſelben Fenſter, ans welchem ich mich einen 216 Augenblick vorher hatte hinausſtürzen wollen, zum Him⸗ mel. Ein Stern funkelte zwiſchen den Wolken... ich erblickte darin einen neuen Wink vom Himmel, und Ruhe und Friede kehrten allmälig in meine Seele zurück. „Am Morgen deſſelben Tags, wo meine Eltern kom⸗ men ſollten, ſprach mir meine Tante wieder von meinem Vetter vor und bat mich, den Wünſchen der Meinigen zu willfahren. „Ich bedachte mich jetzt nicht lange, was ich ant⸗ worten ſollte, ſondern bekannte Alles. „Es iſt mir umöglich, zu beſchreiben, welches Ent⸗ ſetzen und welcher Schrecken meine Tante ergriff, als ſie dies Bekenntniß hörte. Eine lange, lange Weile ver⸗ mochte fie keine Antwort zu finden und blieb todesblaß. „Mein Bekenntniß kam wie eine Todesbotſchaft. Es ergriff ſie ſo tief, daß ich über ihren kalten Kummer beinahe meinen eigenen vergaß. „Sie machte ſich Vorwürfe, daß ſie die Urſache meines Fehltrittes ſei, und ſie klagte ſich ſelbſt auf eine herzzerreißende Weiſe an. Sie bewies mir, wie unmög⸗ lich es für Theodor und mich ſei, unſern Fehler wie der gut machen zu wollen, da die beiderſeitigen Eltern ſich widerſetzten. Sie erklärte mir, daß mein Vater und meine Mutter die Nachricht von meiner Unehre nicht übe leben würden, daß die Sache um jeden Preis ver⸗ heimlicht und die Ehre der Familie, ihre eigene mit in⸗ begriffen, gerettet werden müßte. „Als meine Eltern kamen, befolgte ich auch die Vorſchriften meiner Tante und machte eine fröhliche zu⸗ friedene Miene. Meine Tante erleichterte auch meine 7 Bemühungen, indem ſie auf meine Seite trat und von der Verbindung abrieth, auf die mein Vater ſo eifrig gedrungen hatte. „Nach einigen Tagen verließen meine Eltern die 4 Stadt wieder und kurz darauf zog ich mit meiner Tante — 217 auf ein hübſches Gütchen auf dem Land, das ſie zuwei⸗ len beſuchte und ihr Sansſonci zu nennen pflegte. „Mein Unglück hatte ihr die Welt verleidet und ihre Geſundheit gebrochen. Voll Unruhe ſah ich, wie ihre Kräfte täglich abnahmen. „Mit einer Umſicht und Zärtlichkeit, an die ich noch jetzt mit gerührtem Herzen denke, ergriff ſie inzwiſchen alle nothwendigen Maßregeln, meine Lage zu verheimli⸗ chen. Sie ſchien nur dafür zu leben... und ich glaube, daß nur dieſer Umſtand es war, der in jener trauervol⸗ len Periode ſie noch am Leben erhielt. „Ihr Gütchen lag in den Scheeren und mein einzi⸗ ger Spaziergang war nach dem Meeresſtraud. Es war mir ein Vergnügen, von einer wilden kahlen Klippe in die Tiefe zu ſehen, wie die Wogen kamen und gingen, wie ſie an der Klippe zerſchollen und wie der weiße Giſcht ihren Scheitel umſchäumte. Es war ein Kampf, der meine Seele erfreute und meine Gedanken belebte. „Eines Tags, als ich an mein Lieblingsplätzchen kam, erblickte ich draußen auf den Wogen ein kleines weißes Segel und ich folgte ihm mit den Augen. „Aber das Segel kam immer näher und ich ſah, daß das Boot auf den Strand zuſtenerte, wo ich ſtand. „Um nicht entdeckt zu werden, aber dennoch dem Segler folgen zu können, zog ich mich hinter ein Gebüſch zurück. Bald legte das Boot in einer Bucht an, und wer glauben Sie wohl, daß an's Land ſprang?... Kein anderer als Theodor. „Meine Tante hatte mir eine Zuſammenkunft mit ihm ſtreng verweigert und ich reſpectirte ihren Willen... ich hatte ihn nicht mehr geſehen ſeit dem Augenblick, wo ich ihn rettete... um mich ſelbſt in's Unglück zu ſtürzen. „Es freute mich unendlich, zu ſehen, daß er mich nicht vergeſſen hatte, denn ich hielt es für ausgemacht, daß er meinetwegen komme. „Ich konnte mir daher das Vergnügen nicht verſa⸗ 218 gen, ihm dafür zu danken; ich trat aus meinem Verſtecke hervor. „Er ahnte nicht, wie es um mich ſtand und ich ſchämte mich, davon zu ſprechen. Dagegen erzählte er mir, ſeine Eltern hätten den Wunſch gegen ihn geäußert, daß er eine Reiſe in's Ausland unternehmen ſolle; er aber habe das Vaterland nicht verlaſſen wollen, ohne mich davon zu benachrichtigen. Für ihn war die Welt noch ſo freundlich und ſchön. Er ſprach mit ſolcher Zuverſicht von unſerer Zukunft, mit ſolchem Vertrauen von unſerer Liebe. „Ich hätte ſchlechterdings nicht das Herz gehabt, ſeinen Muth und ſeine Freuden durch die geringſte An⸗ deutung auf einen Kummer niederzuſchlagen. Ohne daß eine Thräne in mein Auge trat, ohne daß ein Seufzer meine Bruſt hob, drückte ich ſeine Hand, als wir uns trennten. „Endlich erkrankte ich. Ich war dem Tode nahe. Sieben bis acht Wochen hatte ich gar kein Bewußtſein. Als ich wieder zu Kräften und zu Verſtand zu kommen anfing, fand ich einen Arzt an meinem Bette. Aus dem unklaren, fieberhaften Traum, der meine Sinne umgab, tauchten gleichwohl endlich die Verhältniſſe der Wirklich⸗ keit hervor. Ich ſtarrte um mich her und fragte nach meiner Tante. „Des Arztes mitleidige Miene erſchreckte mich. „Ich bat ihn zu ſprechen, und da er fürchtete, die Ungewißheit würde bei meiner Schwäche und dem Ueber⸗ reiz der Nerven noch mehr ſchaden, ſo erzählte er mir: „Er habe aus meiner Krankheit ſchließen können, daß ich einem Kind das Leben gegeben; aber dieſes ſei ſchon vor ſeiner Ankunft weggebracht worden und er könne mir keine weiteren Aufſchlüſſe darüber ertheilen; meine Taute habe, vermuthlich aus Zerknirſchung und Kummer, einen Schlag bekommen und ſei ſo ſchnell geſtorben, daß eine ärztliche Hülfe nicht mehr möglich geweſen ſei. 219 „Was ich bei dieſen Nachrichten litt, kann Niemand wiſſen, wer ſich nicht in einer ähnlichen Lage befand, wie ich. Vierzehn Tage lang ſchwebte ich zwiſchen Leben und Tod. Der Arzt wich keinen Augenblick von meiner Seite. „Meine Eltern hatten ſich, als man ſie vom Tod der Tante und meiner Krankheit in Kenntniß geſetzt, eingefunden. Und als ich jetzt die Gegenſtände um mich her wieder klar unterſcheiden konnte, fand ich meine Mut⸗ ter an meiner Seite. „Ich konnte gleichwohl kaum ihren Namen flüſtern, als der Arzt ſie erſuchte, ſich zu entfernen. „Sobald wir... der Arzt und ich... allein waren ... ergriff er meine Hand. „„Ich habe Ihr Verhältniß geahnt, weil mir viele Umſtände ſo eigenthümlich erſchienen, daß ich nur einen einzigen Schluß daraus zu ziehen vermochte. Ihre Eltern lieben Sie zärtlich, wiſſen aber nicht, was ſich zugetra⸗ gen hat. Die Nachricht davon würde ſicherlich ein ent⸗ ſetzlicher Schlag für ſie ſein... und ſie ſollte wenigſtens von keiner andern Seite kommen, als von Ihnen ſelbſt. Ich bin deßhalb nicht von Ihrer Seite gewichen und es iſt mir gelungen, alles wegzuſchaffen, was zu einer unangenehmen, vorzeitigen Entdeckung führen könnte. Beſchließen Sie jetzt, wie Sie handeln müſſen... die Wahl ſteht Ihnen frei... Ihre Geſundheit befindet ſich nunmehr außer aller Gefahr.““ „Ich drückte gerührt dem redlichen Manne die Hand, und da mir das Schickſal meiner Tante vor Augen trat, ſo wurde es mir nicht ſchwer, einen Entſchluß zu faſſen. Ich hatte überdieß ſchon lange vorher der Ver⸗ ſtorbenen mein Verſprechen gegeben, zu ſchweigen. „Der Arzt billigte auch dieſen Entſchluß. „Meine Geneſung ging raſch vor ſich und bald darauf war ich wieder in Holmſtanäs. „Aber wie anders erſchien mir jetzt alles als früher? — 220 Theodor befand ſich auf Reiſen und meine Eltern hatten alſo nichts dagegen, daß ich den kleinen Holm wieder zu beſuchen anfing. Aber ich ſang nicht mehr dort, ich ſchwatzte nicht mehr kindiſch mit den Blumen, dagegen ſeufzte ich und vergoß manche bittere Thräne. „Ich war jetzt ernſthafter, als früher, und man ſagte mir, das ſtehe mir gut, ich ſei herangereift, ich ſei jetzt ſeelenvoller und reizender als je.— „Meine Eltern ſprachen nicht mehr von meinem ehe⸗ maligen Freier. Das war doch wenigſtens eine Freude in meinem Schmerz. „Während meines Beſuchs auf dem Inſelchen, wo ich Gelegenheit hatte, in Frieden und Ruhe meine Ge⸗ danken zu ſammeln, beſchloß ich, an Theodor zu ſchreiben, der ſich damals in Italien aufhielt, und ihm alles zu erzählen, was vorgefallen war. „Als er meinen Brief erhielt, beſchloß er, ſogleich in’s Vaterland zurückzukehren und ſchrieb ſeinem Vater davon; aber ſein Vater ſcheint noch Gründe gehabt zu haben, ſeine Neigung für mich zu fürchten, und es gelang ihm, eine Ordre von der Regierung zu erwirken, kraft welcher Theodor dem ſchwediſchen Miniſter in Paris als Attaché beigegeben wurde. Dieſe Anſtellung wurde als eine Auszeichnung angeſehen, und obſchon er ſie ſicherlich gerne abgelehnt hätte, ſo wurde er doch durch ſeinen Begriff von militäriſchem Gehorſam daran verhindert. „Ohne mich bloszuſtellen, beauftragte er gleichwohl einen bekannten Geſchäftsmann in Stockholm, das Kind auszumitteln, deſſen Vater er war. Der Geſchäftsmann übernahm es und meldete Theodor bald, daß ſeine Be⸗ mühungen geglückt ſeien. Zugleich verlangte er Geld, um gewiſſe nothwendige Veränderungen vorzunehmen. An Geld ſehlte es auch nicht und die Sache ſchien auf ſo guten Füßen zu ſtehen, als dies unter den obwalten⸗ den Umſtänden möglich war. „Theodor blieb inzwiſchen in der Fremde und unſere N 221 Correſpondenz wurde fortgeſetzt, ohne daß Jemand ſie entdeckte. Da die Feindſchaft zwiſchen ſeinen und meinen Eltern fortdauerte und wir alſo noch viele Jahre keine Hoffnung hatten, durch den Segen der Kirche einander anzugehören, ſo kamen wir dahin überein, daß er im Ausland bleiben ſollte, bis die Umſtände ſich ändern würden. Er erhielt alſo von der Regierung jetzt einen Vertrauensauftrag um den andern und er erbot ſich manch⸗ mal ſogar ſelbſt dazu, weil die diplomatiſche Laufbahn ihn intereſſirte, je mehr er in ihre Geheimniſſe eingeweiht wurde. „Eine fröhlichere Zukunft lächelte uns noch, wenn auch in weiter Ferne, entgegen. Aber als ich am we⸗ nigſten daran dachte, ſollten alle dieſe zwar geringe, aber doch theure Hoffnungen zerſtört werden. „Eines Tags ſaß ich auf einem Schaukelbrett im Hof, als eine Equipage anlangte. In derſelben ſaß Großhändler Kellner. Ohne daß ich eigentlich darauf geachtet, hatte ich bei meiner Tante ſeine Bekanntſchaft gemacht. Ich kannte ihn alſo ſogleich wieder, ſchenkte ihm aber keine weitere Aufmerkſamkeit. Mein Vater da⸗ gegen empfing ihn ausnehmend freundlich als den Sohn eines ſeiner alten Bekannten, aber die Freude verwandelte ſich in ernſthaftere Betrachtungen, als er nach mehrtägi⸗ gem Aufenthalt bei uns förmlich um meine Hand anhielt. „Meine Eltern hatten bereits eingeſehen, daß ich mich in dieſem Falle nicht nach ihrem Willen richtete, und um keine neuen Zwiſtigkeiten hervorzurufen, erſuchten ſie ihn beide, ſich an mich ſelbſt zu wenden. „Ich gab ihm nun eine eben ſo beſtimmte, als kurze abſchlägige Antwort und wollte das Zimmer verlaſſen. Aber er erſuchte mich, zu verweilen. „Wir waren allein, und da ich nun begierig war, was er mir wohl zu ſagen hätte, ſo blieb ich auch bei ihm. „Er erzählte mir hierauf mein ganzes Verhältniß zu Theodor und ſchloß mit der Erklärung, daß er meinen 222 Eltern alles aufdecken würde, wenn ich mich nicht unter ſeinen Willen beugte. „Es ſchwindelte mir vor den Augen. Was ſollte ich antworten? Ich bat um Barmherzigkeit, um Aufſchub, um Gnade, um... um... um alles, was mein Ent⸗ ſetzen mir eingab. Aber kalt und barſch wies er meine Bitten ab. „Sollte ich dem meiner Tante gegebenen Verſpre⸗ chen untreu werden? Sollte ich meine eigene Ehre ver⸗ rathen? Sollte ich über die einzige Freude meiner Eltern, ihren Glauben an mich, und nicht blos darüber, ſondern über ihr Leben den Stab brechen? Die Aufdeckung mei⸗ ner Schande wäre ihr Tod geweſen. „Ich habe nie einen Menſchen ſo ſehr gehaßt, wie ich Kellner in dem Augenblick haßte, wo ich in die äußerſte Verzweiflung verſenkt, ihm meine Hand reichte, und verſprach, ſeine Gattin zu werden. „Nachdem ich meine Einwilligung gegeben, erhielt er auch das Jawort meiner Eltern, und die Hochzeit wurde von ihm mit einem Eifer beſchleunigt, als fürchtete er, mich zu verlieren, was auch der Fall geweſen wäre, wenn ich nur Gelegenheit bekommen hätte, Theodor von dem zu unterrichten, was im Werke war. „Aber Kellner bewachte mich auf allen Seiten, und in demſelben Maß, wie ich die Hoffnung verlor, ihm zu entgehen, verlor ich endlich auch den Muth. „Mehr als einmal war ich nahe daran, ſelbſt mei⸗ nen Eltern alles zu entdecken, aber bei ihrem Anblick erſtarb das Wort auf meinen Lippen. „Mein Hochzeitstag wurde auch der Begräbnißtag meines Herzens.— „Kurz vor dieſem Act beſaß ich jedoch Kraft genug, um eine Handlung zu vollziehen, die ich noch jetzt billige. Daß Kellner nicht aus Liebe freite, war nicht ſchwer einzuſehen, und mein Kopf beſchäftigte ſich beſtändig da⸗ mit, die Beweggründe ſeiner ſonderbaren Handlungsweiſe 223 zu ermitteln. Bald glaubte ich, ſie auch gefunden zu haben. Er freite um mein Geld, um das Erbe meiner Eltern. Ich grämte mich darüber, daß ich es nicht ſo⸗ gleich eingeſehen hatte, weil ich mich dann vielleicht hätte retten können. Jetzt war es zu ſpät, aber ich beſchloß, wenigſtens mein Erbe zu retten für... für... und ich machte einen Vertrag zwiſchen Kelluer und mir. „Sein Verdruß war grenzenlos, aber ich ließ mich durch nichts in meinem Entſchluſſe erſchüttern. Zwar drohte er mir mit denſelben Waffen, wodurch er meine Einwilligung in die Ehe erzwungen hatte, aber jetzt war mir alles in der Welt ganz gleichgültig und ich forderte ihn auf, zu thun, was er nur wolle. Er ſchämte ſich und ſchwieg. „Nach der Hochzeit erklärte er mir, daß er mich nie geliebt und ſich nur aus Aerger über den Korb, den er von einer Andern erhalten, mit mir verheirathet habe. „Mehrere Jahre ſind indeß verfloſſen und das Ver⸗ hältniß zwiſchen Kellner und mir i*ſt fortwährend daſſelbe geblieben. „Vor der Welt ſind wir Gatten... für einander ſind wir nichts weniger als dies. In dieſem Fall bin ich vollkommen mit meinem Loos zufrieden und wünſche keine Veränderung. „In London, wohin Theodor ſich begeben hatte, er⸗ hielt er die Nachricht von meiner Vermählung. Ich ſchrieb ihm darüber und ſetzte ihm auch meine Gründe auseinander. Seine Geſundheit litt dadurch und die Aerzte verurtheilten ihn, in's ſüdliche Italien zurückzu⸗ kehren, um das milde Klima dieſes Landes zu genießen. „Manche Jahre ſind inzwiſchen dahingegangen... er hoffte, daß er mich draußen vergeſſen könnte, aber es gelang ihm nicht.. „Vor einem Jahr ſtarb inzwiſchen ſein Vater, bald darauf auch ſeine Mutter, und jetzt kehrte er in die Heimath zurück. 224 „Vor kurzer Zeit miethete er einige Zimmer in die⸗ ſem Hauſe, drei Treppen hoch, wo er jetzt wohnt. Ich brauche nicht zu ſagen, daß er mich noch immer liebt. „Aber wichtiger als unſere Liebe, wichtiger als all' die Verhältniſſe, die uns zu dem Punkt geführt haben, wo wir jetzt ſtehen, iſt die Frage, wie wir das Kind wiederfinden ſollen, das uns gehört. „Theodors Bekannter... der Geſchäftsmann... hatte ihn betrogen. Um ſich einige lumpige Summen anzueignen, unter dem Vorwande, daß ſie vorſchriftsge⸗ mäß angewendet würden, hatte der Mann die Lüge aus⸗ geheckt, daß er unſer Kind ausgemittelt und in gute Hände übergeben habe. „Ich glaubte an das, was Theodor mir ſchrieb, und ich wagte es nicht, ſelbſt nähere Erkundigungen einzu⸗ ziehen, weil ich mich bloszuſtellen fürchtete. Theodor wünſchte es auch ſo. „Erſt als er in's Vaterland zurückkäam, wurde das Verhältniß aufgedeckt. Er hat ſeitdem nichts unterlaſſen, um den geheimen Fäden auf die Spur zu kommen, aber, noch immer Alles vergebens. „Ich habe in den Papieren meiner Tante geforſcht, aber nicht eine einzige aufklärende Zeile gefunden. War mein Kind todt? War es mit ihrer Abſicht geſchehen, daß man es mir auf dieſe Weiſe entriſſen hatte? „Der Verſtand ſteht mir ſtill, aber in meinem Herzen breunt es vor Unruhe und Selbſtvorwürfen. Herr Pfarrer, helfen Sie uns ſuchen, forſchen, ausmitteln. „Frank ſagt, er habe einige Veranlaſſung, jetzt zu hoffen, und er hat mir eine Adreßkarte geſandt mit der Bitte ich möchte mich heute Abend an einem darauf bezeichneten Orte einfinden. „Ich geſtehe, daß ich mich fürchte, das zu thun. Der Ort, den er angibt, ſoll, wie man mir geſagt bat, im höchſten Grade zweideutig ſein. Ueberdieß trau ich mir nicht Scharfſinn genug zu, um ein verwickeltes Ge⸗ webe zu durchdringen, worin es ſicherlich nicht an Liſt und Ränken fehlt. Erweiſen Sie mir den Gefallen, Herr Pfarrer, und beſuchen ſie den Ort in meinem Namen. Ihre Perſon und Ihr Beruf werden Achtung einflößen, Ihr Urtheil und Ihr Blick wird ſicher das Rechte unter⸗ ſcheiden. Sie verſprechen es mir doch?“ „Ich verſpreche...“ Während Gabriele in ihrer Erzählung fortſchritt, war Gourvilles Bild zuerſt aus ihren Gedanken, ſodann aus ihrem Herzen verſchwunden, und Frank hatte ſeinen früheren Platz darin wieder eingenommen. Die qualvollen Gemüthsbewegungen, die Gourville bei ihr hervorgerufen, hatten unſtreitig ſehr mächtig auf ihren Entſchluß eingewirkt, ſich dem Paſtor der Gemeinde anzuvertrauen; aber dieſe Gemüthsbewen ungen waren jetzt verſchwunden, und ſie glaubte von einer Schwach⸗ heit nicht ſprechen zu müſſen, die zu überwinden ſie, we⸗ nigſtens ſchmeichelte ſie ſich damit, in dieſem Augenblick Kraft genug beſäße. Sie ſchloß alſo hier. Der achtungswerthe Geiſtliche, der mit ſchweigender Theilnahme ihrer Beichte gefolgt war, trennte ſich von ihr erſt, nachdem er manches Wort des Troſtes geſpro⸗ chen und ihr die Rathſchläge ertheilt hatte, die ihre Stellung erforderte. Seine öffentliche Wirkſamkeit im Vaterland hatte ihm einen Namen verſchafft, der gleich einer zweiten Harfe Davids in deu Annalen unſrer Kirche und der Literatur klingt, einen Namen, der in allzuhoher Ach⸗ tung und Verehrung ſteht, als daß wir ihn durch Nen⸗— nung in einer Erzählung dieſes Schlags profaniren möchten. Das Gewiſſen. J. 15 Neuntes Kapitel. Der Waldhahnenfuß. Das Volk wimmelte nach beendigter Tagesarbeit anf den Straßen hin und her, die meiſten, um nach Hauſe zurückzukehren. Es war um diejenige Zeit des Abends, wo die vornehme Welt und die Manſellen in gewiſſen verdächtigen Gäßchen ihre Toiletten zu machen beginnen, erſtere um die Societät zu beſuchen, die letz⸗ teren um auf den Straßen herumzuſtreifen; mit einem Wort, es war Dämmerung. Zwei Perſonen in Paletots gingen langſam die Kauf⸗ mannsſtraße hinauf nach dem ſogenannten Brandplatz. Dort angekommen, ſchlugen ſie ſich links nach der Oeſter⸗ landſtraße und wandelten auf derſelben vorwärts, bis auf die Schifferkarlsgaſſe, wo ſie im Dunkel verſchwanden. „Dieſe Gaſſen ſind für mich etwas Entſetzliches,“ ſagte der Eine.„Sie beläſtigen mein Gewiſſen, ſie quä⸗ len meine Gedanken, und gleichwohl... wie ſoll man abhelfen? Das Verbrechen und Laſter haben ſich hier mit einer Zähigkeit und Hartnäckigkeit feſtgewurzelt, die allen Bemühungen Trotz bietet. In Folge meines Be⸗ rufs habe ich doch auch hier die Worte der Religion er⸗ tönen laſſen, aber vergebens. Sie ſind zum einen Ohr hinein und zum andern heraus gegangen. Man hat ge⸗ weint und gebetet, um im nächſten Augenblick von Neuem zu ſündigen.“ „Aber die Polizei,“ fiel der Andere ein,„ſollte wohl dieſe Kloake reinigen können. Es fehlt ihr wenigſtens nicht an Mitteln. um kräftig aufzutreten.“ „Darüber ließe ſich viel ſagen, und obſchon es mich hart ankommt, der Polizei einen Platz neben der Kirche 227 einzuräumen oder ſtatt des verſöhnenden und beſſernden Einfluſſes des Kirche irgend einen Theil der Gemeinde an die Polizei abzutreten, ſo muß ich in der That ge⸗ ſtehen, daß der Oberprieſter in dieſen Gaſſen eigentlich der Polizeimeiſter iſt, und daß die übrige hier thätige Prieſterſchaft aus Leuten beſteht, deren Prieſterkragen die Polizeimütze iſt. Aber laſſen Sie uns auf unſern Gegenſtand zurückkommen, Herr Graf.“ Der eine der Sprechenden war derſelbe Geiſtliche, mit welchem wir den Leſer ſo eben bekannt gemacht ha⸗ ben; der andere war Graf Theodor Frank. Sobald der Pfarrer Gabriele verlaſſen hatte, begab er ſich ohne Weiteres zu Frank, und nachdem er ihm die Veranlaſſung ſeines Beſuches, ſowie den Umſtand auseinandergeſetzt, daß Gabriele ſich ihm anvertraut hatte, beſchloſſen ſie miteinander zu gehen. Der Ort der Zuſammenkunft war das Caffé London. „Sie haben Recht, Herr Pfarrer, aber wo war ich doch? Ja richtig. Ich hatte, ſagte ich eben, beinahe die Hoffnung aufgegeben, irgend einen Leitfaden für meine Nachforſchungen zu finden, als ich eines Abends, wäh⸗ rend ich auf der Nordbrücke ſpazieren ging, ein ſehr wohl gekleidetes Mädchen traf, das mich ungewöhnlich firirte. Das Mädchen ſah nicht übel aus, ihr Geſicht war friſch, ihr Blick freundlich, und ich redete ſie an. Ich habe Ihnen bereits geſagt, daß ich mich ſchon früher mehr als einmal durch den Zufall in meinen Nachfor⸗ ſchungen hatte leiten laſſen. Das Mädchen war artig, es antwortete mir munter und offen, und ich konnte leicht erratben, welchem Stand ſie angehörte. Nachdem ich von allerlei Dingen geſprochen, die ſie intereſſiren konnten, ging ich plötzlich um etwa zwanzig Jahre zurück und fragte nach ihrer Kinderzeit und was mir ſonſt ein⸗ fiel; bei dieſer Gelegenheit erzählte ich endlich als ein abentenerliches und merkwürdiges Ereigniß einen Theil oder wenigſtens ſo viel als für meine Forſchung noth⸗ 228 wendig war, von dem, was Gabriele Ihnen heute au⸗ vertraut hat. Das Mädchen wurde dabei immer auf⸗ merkſamer, und als ich ſie fragte, ob ſie eine Perſon kenne, die vor ſo und ſo langer Zeit fremde Kinder auf⸗ zuziehen, oder auch zu ſtehlen gepflegt habe, antwortete ſie mir mit einem lakoniſchen: Vielleicht. Die Antwort führte zu neuen Fragen und neuen Antworten; endlich verſprach ſie mir weiter über die Sache nachzudenken und erſuchte mich ein Paar Tage ſpäter ſie zu treffen. Bei dieſer neuen Zuſammenkunft nannte ſie eine Perſon, eine Madame Jonſſon, die mit dergleichen Dingen ſehr bekannt ſei; ſie rieth mir, dieſe Frau aufzuſuchen und erbot ſich, mir den Weg zu weiſen. Eines Abends be⸗ gaben wir uns alſo zu der genannten Frau, und obſchon das Haus voll von Leuten war und mir als ein vollen⸗ detes Räuberneſt erſchien, traf ich doch die Alte, die mir auch eingeſtand, daß ſie ſich früher mit allerlei dergleichen Schmuggelwaaren abgegeben, jetzt aber die Sache bereut und vergeſſen habe. Ich wollte inzwiſchen den kleinen Faden, den ich in die Hand bekommen hatte, nicht los⸗- laſſen, ſondern ſuchte ihr Gedächtniß aufzufriſchen, und es gelang mir auch theilweiſe. Uebrigens wollte ſie ſich auf kein eigentliches Geſpräch einlaſſen, ohne zuvor mit einer Freundin zu reden, einer andern Madame, auf de⸗ ren Namen ich mich nicht entſinne, die aber die Wirthin eines Kaffeehauſes dahier ſein ſoll. Um das Zuſammen⸗ treffen der beiden Frauen zu beſchleunigen, bot ich der Alten einen Platz in meinem Wagen an und führte ſie nach der Stadt. Sie ſagte jedoch, ſie könne die Sache unmöglich früher als heute Abend ausmitteln, und ſie weigerte ſich mit einer Beſtimmtheit, die unerſchütterlich ſchien, an irgend einem andern Ort mit mir zuſammen⸗ zutreffen.“: „Die Kröte kriecht nicht gern aus dem Sumpf,“ bemerkte der Pfarrer; aber hören Sie doch, welcher Lärm da oben!... Wir müſſen an Ort und Stelle ſein!“ Freank war zu ſehr von ſeinem Gegenſtand beſchäftigt, um etwas anderes zu hören, als die Stimme, die ihm in ſeinem Herzen gebot, ſein wichtiges Geſchäft auszu⸗ führen. „Ich bhabe,“ fuhr er fort,„ſo kurz wie möglich die hauptſächlichſten Gründe zu der Zuſammenkunft, die wir bald haben werden, mitgetheilt, aber natürlich ſind mir viele beſondere Abenteuer und Scenen aufgeſtoßen, die zu allerlei Betrachtungen Anlaß geben könnten; ſie ge⸗ hören jedoch nicht hierher.“ „Hören Sie, welches wilde, hölliſche Gelächter, welcher bachanaliſche Lärm! Die Orgien der Alten konnten nicht ſchlimmer ſein... Hier werden wir vermuthlich herein müſſen.“ Frank hörte jetzt auch das Getöſe und ſchaute ſich aufmerkſam um. „Ganz richtig, Herr Pfarrer, ganz richtig, da iſt der Schild und dort die rothen Gardinen.„Laſſen Sie uns drauf zu gehen, Herr Pfarrer.“ Als ſie in die Hausflur kamen, befanden ſie ſich in gänzlicher Dunkelheit und blieben ſtehen, weil ſie nicht wußten, wohin ſie ſich wenden ſollten. Zu ihrer Verwunderung hörten ſie in einem Seiten⸗ zimmer eine gellende Stimme eine geiſtliche Melodie ſingen. Gegen die Lachſalven und die Tanzmuſik vom ſooberen Stock bildete der einfache, aber pipende Pſalmton einen eigenthümlichen Kontraſt. „Es iſt mir,“ bemerkte der Geiſtliche,„bei dieſer Andacht mitten unter ſolchen Orgien nicht wohl zu Muth. Kennen Sie die Wege hier, Herr Graf?“ „Nicht genau, aber ich weiß ein Zeichen, das uns voranhelfen wird.“ Und er klatſchte hierauf ſtark in ſeine Hände, was er mit kurzen Unterbrechungen dreimal wiederholte. Der geiſtliche Geſang hörte ſchon beim zweiten Schlag auf, und beim dritten wurde vorſichtig eine Thüre auf der 230 einen Seite von ihnen geöffnet, und ein altes Weib ſteckte den Kopf heraus und fragte, was los ſei. Frank erkannte ſogleich die Mutter Jonſſon und ſagte, daß er jetzt komme, um zu hören, was für Nach⸗ richten ſie mitzutheilen habe. Die Alte bat ihn herein⸗ zutreten, erſchrack aber nicht wenig, als ſie den Paſtor der Gemeinde an ſeiner Seite ſah. Ci du himmliſcher Vater,“ rief ſie,„der würdige Herr Pfarrer ſelbſt! Ach du ewiger Gott, ich hätte nie an einen ſolchen Beſuch geglaubt. Das iſt es, was im Pſalm ſteht: der Engel des Herrn lagert ſich um die⸗ jenigen, ſo ihn fürchten. Ich fürchte ihn, ich, und ich zittere wahrhaftig an allen Gliedern vor Furcht, wenn ich an ihn denke, und ſo ſendet er ſeinen Engel hierher, o mein Gott!... Mutter Jonſſon befand ſich in einem vorgeſchrittenen Alter. Eine gewöhnliche Nachthaube bedeckte als Ne⸗ gligé ihren Kopf und verbarg das nunmehr ganz weiß gewordene Haar. Das Geſicht war runzlig, aber der Blick noch lebhaft und argliſtig. Ihre Kleidung war übrigens ganz einfach und beſtand aus einer kurzen Jacke, unter welcher ein geſtreiftes, dunkles, banmwollenes Kleid zum Vorſchein kam. Das Zimmer war klein, aber recht hübſch: die Mö⸗ bel beſtanden aus einem roth angeſtrichenen Sofa, einigen Stühlen und einem Tiſch. Auf dem Tiſch lag ein altes in Leder gebundenes Andachtsbuch, ſchon vor etlichen Jahrhunderten gedruckt. Das Titelblatt war herausge⸗ riſſen, der Einband und die Blätter durch vielfachen Ge⸗ brauch beſchmutzt, ſonſt aber war der Text noch in gutem Zuſtand. 3. „Ach gnädiger, geliebter Herr Pfarrer,“ fuhr die Alte fort,„Sie ſehen mich ſo ſtreng und ernſthaft an, aber meine Angſt iſt eine wahre, und ich zittere aus Andacht vor Gott und dem Diener ſeines Wortes, und das iſt das deutlichſte Zeichen eines chriſtlichen Gemüths. —,... — ——,—— e n u — 231 Die Furcht des Herrn nimmt die Sünden weg, ſteht geſchrieben. Wer den Herrn fürchtet, habe ich auch ge⸗ leſen, der geht auf dem rechten Weg. Sagt nicht Hiob: Siehe die Furcht des Herrn iſt Weisheit, und Tobias ſpricht: Wir bekommen viel Gutes, wenn wir Gott fürchten; und Sirach erklärt, daß es demjenigen gut ge⸗ hen werde, der den Herrn fürchte. Und ferner ſteht in den heiligen Büchern zu leſen: der Herr thut, was die⸗ jenigen wünſchen, ſo ihn fürchten; ferner: die Furcht des Herrn iſt ein geſegneter Oelgarten, endlich die troſt⸗ reichen Worte nicht zu vergeſſen: der Herr ſegnet die⸗ jenigen, ſo ihn fürchten, groß und klein.— Wir laſſen den Pfarrer und Frank einen Augen⸗ blick bei Mutter Jonſſon und wollen uns ſtatt deſſen eine Treppe hinaufbegeben, wo wir einige andere Bekannte wieder finden werden. Links vom Schenkzimmer ſaßen der Löwe, der Stier und der Fuchs nebſt einigen andern Männern, wie auch Leue, des Fuchſes hochgeehrte Chehälfte. Im Zimmer rechts tanzte man zu einer ſchlecht geſtimmten Geige, die Damen beſtanden aus den Schülerinnen oder Pen⸗ ſionärinnen der Wirthin, die Herren aus ein Paar Ma⸗ troſen und andern, die dem Leichtſinn und Laſter ihre mühſam erworbene Baarſchaft zum Opfer brachten. In allen Ecken ſchwatzte, lachte und trank man. Am Schenktiſch ſtanden der Waldhahnenfuß und die Wirthin. „ Spiel eine Polka auf,“ rief eine Stimme im Tanz⸗ zimmer. 232 „Keine Polka,“ ſchrieen einige andere Stimmen, „ſondern einen Walzer, einen Walzer!“ „Laßt uns lieber eine Francaiſe tanzen,“ forderte eine dritte Parthie. „Den Paradiestanz,“ rief ein Vierter,„den Para⸗ diestanz!“ Alle lachten. „Ein Glas auf dieſen Einfall!“ ſchlug eine fünfte Stimme vor. „Punſch her für die Mädchen und Branntwein für uns Männer!“ „Einen Toaſt, einen Toaſt!“ Die Königin der wilden Jagd war auch die Köͤni⸗ gin des Balles; ihre Wangen glühten, ihre Lippen brann⸗ ten, ihre Augen glänzten. Ihre Bruſt hob ſich hoch. Der Tanz und. der Punſch hatten alle ihre Lebensgeiſter in Bewegung geſetzt. „Spiel eine Polka,“ befahl ſie dem Muſikanten.„Ich will die Polka. Spiel auf.“ „Gut, Königin, gut,“ lärmte man von allen Seiten, „laß uns eine Polka aufſpielen. Ein Glas auf unſre Königin.“ Im Zimmer links ging es juſt nicht ſtiller zu. „Eine gute Woche, eine prächtige Woche,“ jubelte der Fuchs, indem er ſein Glas leerte,„unſere Freunde und Kameraden haben ſich viel Ehre erworben. Sehet her, da könnt ihr im Polizeiblatt ein kurzes Regiſter von ſämmtlichen Thaten der Woche erblicken.“ „Laß ſehen, laß hören.“ „Achtzehn Diebſtähle, worunter vier Einbrüche,... ſchön... verdammt ſchön. Zwanzig Schlägereien und darnnter fünf mit Meſſern. Prächtig... hahaha!... Ein Mord... gut... das läßt ſich hören... Fünf Ueberfahrungen auf den Straßen, wobei eine Perſon todt liegen blieb und zwei andere auf den Tod warten ... gar nicht ſo dumm das. Mehrere des Diebſtahls zu kei 233 Verdächtige ſind eingefangen, aber wegen mangelnder Be⸗ weiſe wieder freigegeben worden... Vortrefflich, vor⸗ trefflich... Beim letzten Einbruchsdiebſtahl wurde einer auf der That ertappt und er hat auch alle übrigen Dieb⸗ ſtähle auf ſich genommen... ein honetter Kerl, ein ver⸗ dammt braver Kerl... ſo ſollten alle ſein.... eine Diebsbande, die aus blos minderjährigen Jungen, etwa zehn Stück, beſteht, iſt ebenfalls aufgefangen worden, aber ſie läugnen ihr Verbrechen frech ab, obſchon mehrere Zeugen gegen ſie aufgetreten ſind... göttlich, wahrhaft göttlich... Sie fangen gut an, die kleinen Satane, und ſie werden mit der Zeit noch beſſer werden, wenn ſie nur einmal mehr Erfahrung haben... Nun was ſagt ihr... die Woche verdient ein Glas, ein Glas auf die Woche und alle die Lumpenſtreiche, die in der Welt gelingen!“ Man trank und lachte. Der Stier ſtieß dabei ſachte den Fuchs und deutete auf den Löwen. „Gib acht auf ihn,“ flüſterte er,„ſieht er uns nicht gerade an, als ob er uns freſſen wollte?“ „Zum Henker, er hat den ganzen Abend ſo dage⸗ ſeſſen, was mag er wohl haben?“ „Seit dem Einbruch bei Kellner hat er ſich nicht blicken laſſen. Wir wollen ſehen, ob er nicht am Ende der Erſte iſt, der uns verräth.“ 3„Du biſt ihm nie grün geweſen.“ „Sein Auftreten in der Diebshöhle bei unſerer Auk⸗ tion war auch auffallend genug.“ „Er hat uns alle zuſammen hinausgeworfen.“ „Ich habe geſchworen, ihn nicht aus den Augen zu laſſen, und komme ich ihm einmal auf die Spur, ſo... Der Fuchs und der Stier hatten dabei ihre Köpfe zuſammengeſteckt und ihr Geſpräch zog die Aufmerkſam⸗ keit der Uebrigen nicht auf ſich. 234 Der Fuchs nickte inzwiſchen dem Stier ſeinen Bei⸗ fall zu und fuhr dann in ſeinem Gerede fort: „Wollt ihr einen prächtigen Fang thun,“ begann endlich einer der andern, der bis jetzt geſchwiegen hatte, aber mit dem größten Intereſſe der Deklamation des Fuchſes gefolgt war,„ſo kann ich euch eine gute Gele⸗ genheit angeben.“ „Einen guten Fang, ſagſt Du? Sprich... laß hören... gibt es etwas zu ſchaffen, ſo ſind wir nicht die letzten, die dabei ſind.“ „Die Sache iſt die, ſeht ihr, daß ich dieſer Tage .. ich bin, wie ihr wißt, Schloſſer... von meinem Meiſter den Auftrag erhielt, in einem Hauſe auf der Königinſtraße einige neue Schlöſſer einzuſetzen. Gut, ich ging und that, was mir der Meiſter befahl. Aber wißt Ihr auch, bei wem es war?“ „Keine Räthſel... reines Spiel... und gerade heraus, wie der Großmutter Feuergabel, Du kenuſt doch das Sprichwort.“ „Es war bei einem jungen Wildfang, der ganz kürzlich erſt aus Amerika gekommen iſt und ſo viel Geld mitgebracht hat, daß ihr es gar nicht glauben könnt. Er ſoll der Reichſte ſein, der je von da herübergekommen iſt... ein wahrer Goldklumpen der ganze Kerl oder vielmehr der ganze Junge, denn hol mich der Teufel, wenn er ſchon hinter den Ohren trocken iſt.“ „Und Du biſt Deiner Sache gewiß?“ „Wie meiner ſelbſt, denn ich ſah es mit meinen eigenen Augen, und im Uebrigen können wir uns ja noch vorher erkundigen... wenn einer Geld hat, erfährt man es ſchon.“ Als der Löwe hörte, von was ſie jetzt ſprachen, er⸗ hob er ſein Haupt und ſeine Miene gewann wieder Le⸗ ben und Spannkraft. 3 „Wenn man einmal einem ſolchen Kerl auf den Pelz kommen könnte,“ bemerkte der Fuchs mit funkelnden Blicken, beim Beelzebub, das wäre etwas⸗“ Der Löwe richtete ſich auf. „Seid unbeſorgt, das werdet ihr ſchon,“ ſagte er und ſah ſich kühn und raſch um, dafür ſtehe ich euch.“ Die Aufmerkſamkeit lenkte ſich ausſchließlich dem Löwen zu. Der aus Amerika zurückgekommene junge Mann ſſt ein Vetter des Großhändlers Kellner, bei dem wir neulich einen kleinen unſchuldigen Beſuch machten. Aber der Großhändler iſt nur eine arme Kirchenmaus gegen ſeinen Herrn Couſin. Vom erſten Augenblick an, wo er den ſchwediſchen Boden betrat, habe ich meine Augen auf ihn geheftet, ich habe bereits meine Nachforſchungen und Berechnungen angeſtellt, und ſoviel ſteht feſt, daß wir ihn nicht ungerupft laſſen dürfen. Seid ihr dabei, Kameraden? Aber jetzt wie immer verlange ich blinden Gehorſam.“ Der Löwe hatte in ſeinem Weſen etwas Mannhaf⸗ tes und Hinreißendes, und ſo groß auch der Unwille manchmal gegen ihn ſein mochte, ſo zog er dennoch alle nach ſich, wann er nur wollte. Er ſchien auch niemals an die Möglichkeit eines Widerſtandes zu denken, und vielleicht war er juſt deß⸗ halb ſo unwiderſtehlich für dieſe Leufe. Er ſprach ſeine Wünſche als Befehle aus und ſeine Befehle als Geſetze, die blinden Gehorſam erheiſchen. Seine ſpannkräftigen und muskulöſen Arme ſchienen auch ſtets bereit, ſeinen Worten Nachdruck zu verleihen. Wenn ſein Auge blitzte, fürchteten ſeine Kameraden ſeine geballten Fäuſte wie zwei Donnerkeile, Allerdings lag in allem dieſem ein gewiſſer despoti⸗ ſcher Trotz, der das Mißvergnügen gegen ihn unterhielt, allein es wagte nicht auszubrechen. „Als er das beifällige Gemurmel hörte, ſchien es ihn einen Augenblick zu freuen. 236 „Gut Kameraden,“ antwortete er,„ich werde euch ſpäter meine Gedanken ausführlicher entwickeln. Seid überzengt, daß der Raub uns nicht entgehen wird; ich laſſe ihn nicht ans dem Auge. Ein Plan wälzt ſich in meinem Kopfe, ſeid nur darauf bedacht, daß ihr euch be⸗ reit haltet, es wird wohl nicht mehr lange anſtehen, ſo können wir Hand ans Werk legen. Als der Löwe ſchloß, kehrte er ihnen den Rücken, um das Zimmer zu verlaſſen, aber kaum war er an die Thüre gekommen, als ein anderer Mann, noch lumpiger und ſchmutziger als die übrigen, mit ſolcher Haſt herein⸗ kam, daß er kaum athmen konnte. Der Stier hatte ſich juſt zu dem Fuchs hingeneigt, um ihm zu bemerken, daß die Art und Weiſe des Löwen ihm noch weit despotiſcher und eigenmächtiger vorkomme, als bisher; er wurde indeß daran verhindert, weil der Neuangekommene ſeine Aufmerkſamkeit anzog. Der Mann war ein längſt verabſchiedeter Artilleriſt und in das ſchon früher erwähnte Interimsmilitärver⸗ ſorgungshaus in der weſtlichen Hopfengartenſtraße auf⸗ genommen. „Ich habe euch eine Nenigkeit zu erzählen,“ ſagte er, während ſeine Augen hin und her rollten. Als ich die Schifferkarlsgaſſe hinabging, ſah ich zwei Perſonen vor mir. Sie gingen hierher in das Haus herein, und ich ſah, daß die Thüre in der Hausflur da unten geöffnet wurde.“ „Weiter... weiter.“ „Was wollt ihr weiter?... Wenn ſie wieder ihres Wegs gehen, könnte man ihnen aufpaſſen... ſie waren wohl gekleidet und haben gewiß gelbe Vögel in der Taſche... im Dunkeln läßt ſich ja die Sache leicht abmachen.“. Topp, Kamerad, topp.“ Der Löwe war an der Thüre ſtehen geblieben, um ———— —— &= 237 zu hören, was der Neuangekommene zu ſagen habe; dann aber ſetzte er ſeinen Weg fort, ohne ſich weiter um die Berathungen der Kameraden zu bekümmern. Wir haben erwähnt, daß die Wirthin und der Wald⸗ hahnenfuß im Schenkzimmer ſtanden. Ich habe Dir meinen Willen erklärt,“ ſagte die Wirthin mit Heftigkeit, das Ding muß einmal ein Ende nehmen. Glaubſt Du, daß ich Dich um nichts kleiden und füttern kann, ohne das Mindeſte dafür zu bekom⸗ men?“ 3 Ach nein, beſte Madame, ich gebe zu, daß dieß nicht in der Ordnung iſt... aber ich kann Ihnen nicht gehorchen. Verabſchieden Sie mich... jagen Sie mich fort, aber... aber.. aber...“ „Einfältiges Geſchwätz. Glaubſt Du denn, daß ich es übers Herz bringen könnte, Dich fortzujagen, ſo daß Du wieder eine ebenſo arme Kröte würdeſt, wie damals, als ich Dich von der Straße aufhob? Erinnerſt Du Dich noch, was Du damals warſt? Ohne Kleider, ohne Nahrung, ohne Obdach und obendrein ohne allen Schutz, kamſt Du vom Lande hierher, wie wenn Du da alles nur aus dem Schranke herauszunehmen hätteſt. Wie geſagt, jetzt mußt Du gehorchen. Ich habe Geduld ge⸗ nug mit Dir gehabt... und die Geduld ermüdet auch. Der Herr droben iſt einer meiner beſten Kunden und ich habe keine Luſt, ihn zu verlieren. Siehſt Du, du blaſſes Satanshexchen, wie hoch ich Dich ſchätze. Du biſt mit deinen bleichen Wangen keinen Thaler werth und er ver⸗ ſpricht mir fünfzig für Dich, ohne die Geſchenke, die Du 238 ſelbſt bekommen wirſt. Berubige dich jetzt, mein artiges Kind, und zwinge mich nicht, Strenge zu gebrauchen.“ Madame Buchholz hatte unleugbar ein ſo reſpectab⸗ les Ausſehen, daß es Niemand für ratbſam halten konnte, ſich ihren handgreiflichen Zorn zuzuziehen. Bei einem Alter von ungefähr fünfzig Jahren hatte ſie eine ſtarke, kräftige Figur, mehr männlich als weiblich Sie war groß und mager; ſie hatte kohlſchwarze Haare, grimmige finſtere Blicke und dünne, ungewöhnlich blutloſe Lippen. Wenn ſie auch in jüngeren Jahren manchmal durch eine wärmere Neigung ihre Handlungen hatte beſtimmen laſſen, ſo war ſie jetzt mit mehr Welterfahrung, und nach⸗ dem ſie in ein reiferes Alter gekommen, kalt und hart, und ließ ſich nur noch durch Eigennutz und Geldgier leiten, denn Geld zuſammen zu ſcharren, war ihr einziges Vergnügen. Die Mittel zu dieſem Zweck waren ihr alle gleichgültig. Es war ihr ganz gleich, ob ſie mit dem Verbrechen und Laſter, oder der Unſchuld und Tugend Wucher trieb. Für ſie beſaß nichts einen höhern Werth als das Geld. Als ſie die letzten Worte ſprach, erhob ſie ihre kno⸗ tige Hand, gleich als wollte ſie zeigen, daß ſie auch zu⸗ ſchlagen könne. Der Waldhahnenfuß duckte ſich vor Angſt zuſammen und eine Thräne zitterte in den Augen des armen Mäd⸗ chens. Schlagen Sie mich nicht, gute Madame,“ bat ſie, „ich werde ja alles thun, was Sie wollen; nur verlangen Sie nicht, daß ich da hinaufgehen ſoll.“ „Garſtiges Ding, jetzt verlange ich es gerade,... hörſt Du... ich verlange es, und ſo wabhr ein Teufel in der Hölle iſt, Du ſollſt mir geborchen. Ich habe be⸗ reits Handgeld empfangen und er erwartet Dich droben ... gehorche, ſage ich Dir, gehorche.“ 239 „Um Gotteswillen, zwingen Sie mich nicht zu einer Sünde. „Sünde hin und Sünde her, gleich als ob es etwas anderes als Sünden in der Welt gäbe. Sperre Dich jetzt nicht mehr lang... gehe, ſage ich Dir, gehe ſo⸗ gleich, ſonſt... „So tödten Sie mich lieber.“ „So. Du willſt, daß ich Dich tödten ſoll... nein, Du ſollſt leben... dann aber auch leben...“ Und jetzt ergriff ſie das arme Mädchen beim Haar, und eine Scene erfolgte, mit der wir unſre Leſer ver⸗ ſchouen wollen.. Das Blut ſtrömte dem Mädchen über das Geſicht, doch gelang es ihr endlich, aus den Klauen der aufge⸗ reizten Hyäne loszukommen, und ſie nahm ihre Zuflucht in den Tanzſaal, wo ſie mit höhniſchen Bemerkungen und allgemeinem Gelächter empfangen wurde. Sie hatte einiges Mitleid hier zu finden gehofft, wie tief ſchnitt es ihr nicht ins Herz, daß ſie das Ge⸗ gentheil erfahren mußte! Verlaſſen von Jedermann rang ſie die Hände und ſank in einem Winkel nieder. Sie beſchämt uns ordentlich, der Waldhahnenfuß,“ bemerkte eine der Mamſellen. „Laßt das arme Ding nur zuerſt an den Schnaps ſich gewöhnen,“ rief eine andere,„ſo wird ſie mit der Zeit ſchon recht werden.“ „Sie ſpricht von Tugend, wie der Blinde von der Farbe, verſetzte eine andere. Hahaba! „Sie iſt eine echte Landpomeranze mit ihrem zim⸗ perlichen Gewimmer und Geſtöhne. „Gebt ihr Branntwein und Punſch, das wird ſie ſchon heilen und ihr das Geſichterſchneiden abgewöhnen.“ „ Ihr hättet ſie ſehen ſollen, als ſie das erſtemal hieher kam. Sie war da nicht ſo fein. Das muß man ſuen⸗ daß Frau Buchholz ſie recht freundlich behandelt at.“ 240 „Und dennoch hat ſie nichts gethan, als gewinſelt und geheult, ſeit ſie hier iſt.“ „Branntwein und Punſch fehlen ihr.“ „Frau Buchholz bat ſie von der Straße aufgehoben und wird jetzt mit Undank belohnt. Der Waldhah nen⸗ fuß iſt ein ſcheinheiliges, herzloſes Mädchen, und man ſollte ibr noch mehr Prügel geben.“ „Und auch mehr zu trinken.“ 3 Wenn ſie unr ſelbſt wollte, ſo könnte ſie es ſo an⸗ genehm haben, wie wir, denn ſie ſieht nicht übel aus... und man würde ihr gewiß auch ordentlich den Hof machen. „Es fehlt ihr der Verſtand.“ „Und das Herz ebenfalls.“ „Es wird nie etwas Tüchtiges aus ihr.“ „ ‚Ja, das iſt wahr, wenn ſie nur einmal zuerſt trin⸗ een lernte. Jedes neue Wort war ein neuer Pfeil, der die edelſten Gefühle des armen Mädchens verletzte. Sie verbarg ihr Geſicht in ihren Händen und lehnte in ihrem Verſteckwinkel ihre Stirne an die kalte Wand, aber die Verunglimpfungen verfolgten ſie noch immer. Möge man dem ſchwachen und wehrloſen Geſchöpfe verzeihen, wenn ſie in dieſem Augenblick ſich fragte, ob es einen Gott gebe, der die Tugend auf Erden beſchütze. Man reichte ihr ein Glas Punſch und Branntwein. „Trink, Waldhahnenfuß, ſo wirſt Du ſehen, wie an⸗ genehm die Welt iſt.“ „Trink, ſo wirſt Du Luſt bekommen, mit uns zu tanzen.“ „Trink, und mache Dein Leben nicht noch erbärm⸗ licher, als es ohnehin iſt.“ „Trink, trink, trink.“ Der Waldhahnenfuß erhob endlich das Haupt. Ihre Augen ſtarrten unbeweglich umher. Ihre Lippen zitter⸗ 241 ten. Die Verzweiflung hatte ſich ihrer gänzlich be⸗ mächtigt. „Gebt her,“ ſagte ſte,„und laßt mich trinken.“ Sie leerte das Glas auf einen einzigen Zug. „Noch mehr,“ rief ſie,„mehr, mehr... mehr .ich bin durſtig... ich will mich abkühlen. noch mehr!“ Man füllte einen neuen Becher und reichte ihn ihr; auch dieſen leerte ſie, ohne Athem zu ſchöpfen. „Waſchet das Blut von meinem Geſichte ab„“ fuhr ſie fort..„tummelt euch, tummelt euch... ich habe Eile... er wartet ja droben... tummelt euch.“ Das Geſpötte hatte aufgehört und man erfüllte ihre Wünſche mit einem Wohlwollen, das mit Ueberraſchung und Verwunderung gemiſcht war. „Macht mir das Haar zurecht... wie ſehe ich jetzt aus? Es iſt wahr... ich habe einen kleinen gol⸗ denen Ring draußen,... das Letzte, was mir meine Mutter ſchenkte... ſie gab ihn mir nebſt ihrem Se⸗ gen... holt ihn... ſputet euch... er wartet ja... eilet... eilet...⸗ Eines der andern Mädchen holte das Ringlein, aber ehe der Waldhahnenfuß es an den Finger ſteckte, küßte ſie es. So ſo, jetzt bin ich ja fertig... glaubt ihr, daß ich ihm gefallen werde?... ich ſehe doch nicht gar zu übel aus... aber dies wäre ja auch eure Schuld, die ihr mich als Braut geſchmückt habt.“ Der Waldhahnenfuß hatte einen entſetzlichen Ent⸗ ſchluß gefaßt. Nachdem ſie ſo lange als moͤglich gegen die Laſter gekämpft, in deren Wirbel ſie hineingezogen worden, ſchwanden endlich ihre Kräfte, und um da, wo ſie war, Frieden und Ruhe zu gewinnen, faßte ſie in ihrer Verzweiflung den Entſchluß, ſich ihrem Schickſal zu unterwerfen. Es brannte in ihrer Bruſt, es wimmerte Das Gewiſſen. I. 16 vor ihren Augen, aber die ſtarken Getränke gaben ihr den Muth wieder, während ſich ihre Sinne berauſchten. Ob⸗ ſchon ſie noch immer ſchwach war, ſo gewannen doch jetzt ihre Augen Feuer und ihre Wangen Farbe. Sie glaubte nicht mehr an einen mächtig leitenden und ſchützen⸗ den Finger Gottes, und ſo verlor ſie auch den Glauben an den Werth der Tugend und die Macht der Unſchuld. Sie hatte ſich vor den Befehlen ihrer Ernährerin nicht geduckt, aber die Verachtung und den Hohn ihrer Kamerädinnen vermochte ſie nicht zu ertragen. So tief gefallen die Mädchen waren, die ſie um⸗ gaben, und deren bittere Worte ihren letzten Widerſtand gebrochen hatten, ſo waren ſie doch gerührt über ihren eigenen Sieg und die beinah wahnſinnige, aber dennoch milde Ergebung, womit ſie ſich zu Ihresgleichen einweihte. „Alles iſt ja jetzt gut... nicht wahr.. alles iſt ganz gut,„ſagte ſie, als ſie den Tanzſaal verließ und ſich ins Schenkzimmer hinausbegab;„ja ja, es iſt ganz gut.“ Als es dem Waldhahnenfuß gelang, ſich aus den Hän⸗ den der Madame Buchholz loszumachen und ins Tanz⸗ zimmer zu kommen, folgte Madame ihr nach, blieb aber auf der Schwelle. ſtehen und freute ſich darüber, daß ſie ihre ſogenannten Schülerinnen ihr Werk fortſetzen hörte. Sie bemerkte dabei, daß die Königin der wilden Jagd, die ſonſt einen großen Einfluß auf die Andern ausübte, ſtill blieb, und ſie fürchtete deßhalb, daß dieſe, die mit⸗ unter Proben von einem guten Herzen ablegte, auf die Seite des Opfers treten und daſſelbe retten könnte. Um dieſer Unannehmlichkeit zuvorzukommen, rief ſie Anna 8 r 243 ſogleich zu ſich, und zwar um ſo mehr, als ſie ihr auch noch etwas Anderes zu ſagen hatte. Sobald Anna her⸗ auskam, nahm ſie aus einem kleinen Körbchen einen hübſchen Spitzenkragen und eine dünne Kette von einer Compoſition, die wie Gold glänzte. „Du biſt ein braves, artiges Mädchen, Königin,“ ſagte ſie;„ſiehſt Du dieſe ſchönen Sachen da... für wen glaubſt Du wohl, daß ſie ſind?“ Annas Geſicht glänzte vor Zufriedenheit. Sie war wie alle andere Mädchen ſchwach für jeden Flitter, der ſie gut kleiden konnte. „Gute und brave Mädchen muß man belohnen,“ fuhr Madame Buchholz fort,„wie man die böſen be⸗ ſtraft, und Du biſt juſt mein beſtes Mädchen, Du biſt kein ſo einfältiges Ding, wie der Waldhahnenfuß, was würdeſt Du thun, wenn ich Dir das alles gäbe?“ „Was ſagen Sie, Tante... Sie wollen mir das alles geben... ach, wie gut Sie ſind! Man mag von Ihnen ſagen, was man will, aber gut ſind Sie.“ Die Penſionäre an ſolchen Orten, wie das Café London iſt, nennen die Vorſteherin immer Tante. „Aber Du weißt vielleicht nicht, Du hübſcher Wech⸗ ſelbalg, warum Du es bekommſt? Du glanbſt vielleicht, es geſchehe für nichts?“ „Gleichviel, Tante, warum Sie mir es geben, wenn ich es nur bekomme. Ich erinnere mich nicht, etwas ge⸗ than zu haben, was eine Belohnung verdiente, daß ich meine Pflicht thue, das iſt nichts Beſonderes... aber laſſen Sie mich nur dieſes Krägelchen da ſehen... ach, wie ſchön, wie ſchön!“ „Nicht ſo eilig, nicht ſo eilig. Du haſt gleichwohl dieſer Tage einen guten Fang gethan.“ „Ich, einen guten Fang? Sie ſchmeicheln mir, Tante; ich weiß nicht, daß ich etwas gethan hätte.“ „Du liſtiges Hexchen! Du haſt doch dieſen dummen Grafen da in unſere Klauen gelockt.“ „Ach, ich verſtehe... aber das war ja ganz ein⸗ fach, Tante; er warf ſich ja ſelbſt in meine Hände, und nichts war natürlicher, als daß ich ihn dann den Ihrigen überlieferte, das Uebrige iſt Ihr Werk, denn Sie ſind auf den Einfall gekommen, daß ich ihn zu Madame Jonſſon führen ſollte... und dann weiß ich nicht, was Sie mit ihm gemacht haben.“ „Er iſt hier, denk Dir, hier im Hauſe...“ „Ah 12 „Ganz gewiß. Er iſt drunten im Zimmer und die Mutter Jonſſon bei ihm. Sie i*ſt ein vortreffliches und zuverläſſiges Weib, das darfſt Du glauben. Während ſie ihre geiſtlichen Lieder ableiert, hat ſie ihre Gedanken bei ſich. Es macht ihr Ehre, daß ſie ſich in ihrem Alter noch ſo nützlich zu machen ſucht... ſie iſt ein wahrer Schatz für uns, das muß ich ſagen...⸗ „Aber was will deun dieſer Graf, Tante? das kann ich nicht begreifen.“ „Das iſt ganz gleichgültig, mein Kind, aber jeden⸗ falls ſoll er bezahlen, was er wiſſen will, darauf kannſt Du Dich verlaſſen. Nimm jetzt inzwiſchen dieſe Ge⸗ ſchenke da, Du brauchſt Dich ihrer nicht zu ſchämen. Deinen Kamerädinnen wird der Mund nicht ſchlecht wäſſern; wenn ſie das alles ſehen— die Kette iſt vom reinſten Gold und der Kragen...“ Madame Buchholz hielt die Kette noch in der Hand, als der Waldhahnenfuß aus dem Tanziaal herauskam. „Siehſt Du,“ fuhr ſie auch gegen letztere fort, indem ſie die Kette in ihrer Hand ſchüttelte,„was für ein Ge⸗ ſchenk diejenigen erhalten, die artig und gehorſam ſind. Siehſt Du.. es lohnt ſich wohl der Mühe, daß man ſich in der Welt beliebt macht.“ „Geben Sie mir den Schlüſſel zur äußeren Thüre,“ bat der Walohahnenfuß, ohne auf Madame Buchholz Gerede zu achten,„geben Sie mir ihn.“ „Nun, das läßt ſich hören... da haſt Du ihn, —* ——— n — ——— 245 mein Kind... und wenn Du artig biſt, ſo verſpreche ich Dir, daß Du bald auch eine ſolche Kette bekommen ſollſt. Anna iſt Zeuge, daß ich Dir das verſpreche.“ „Geben Sie mir den Schlüſſel,“ wiederholte der Waldhahnenfuß. „Sogleich, Du kleiner Satan... vielleicht hat man es jetzt ſogar ſehr eilig— ſieh, da iſt der Schlüſſel.“ Sobald der Waldhahnenfuß ihn empfangen hatte, entfernte ſie ſich, und Madame Buchholz, die ihr in die Hausflur nachſchaute, ſah ſie hinter der raſſelnden Eiſen⸗ thüre, die nach dem zweiten Stock führte, verſchwinden. „Sie kann noch ganz gut werden, dieſe da,“ be⸗ merkte Madame Buchholz gegen Anna,„aber Alles muß ſeine Zeit haben.“ Obſchon Anna ſich über die erhaltenen Geſchenke freute, ſo hob gleichwohl ein Seufzer ihre Bruſt, als ſie in den Tanzſaal zurückkehrte. Es war am Ende dieſer Unterredung, als der Löwe aus der Stube der Männer heraustrat. Als er Madame Buchholz und Anna beiſammen ſah, wartete er, bis letztere ſich entfernt hatte, und dann näherte er ſich der Dame. „Wie ſtehts, mein Junge? ich ſehe, daß Du etwas auf dem Herzen haſt. Iſt die Bruſttaſche leer?“ „Nicht die Taſche... aber die Bruſt... die Bruſt.“— „So, Du mußt Dir aber Gewalt anthun; brennt es ſo ſehr in dem Herzchen? „Laſſen Sie uns ernſthaft ſprechen, Madame Buch⸗ holz. Was ich zu ſagen habe, iſt für mich von der 246 größten Wichtigkeit. Meine Gemüthsſtimmung hat ſich ſeit Kurzem bedeutend verändert, und ich glanbe, daß auch meinem ganzen Leben eine Veränderung bevorſteht. Das alles ſind jedoch Sachen, worüber ich Sie jetzt noch nicht aufklären kann. Aber Sie wiſſen ſchon lange, daß ich eine Perſon geliebt habe, die jetzt im Spinn⸗ haus ſitzt.“ „Ach, ja, ich weiß es.. die ſchwarze Charlotte.“ „Sie errathen es; und obſchon ich viele Urſachen habe, mich vor ihr zu ſcheuen, ſo fühle ich gleichwohl, daß ich ſie noch immer liebe.“. „Das iſt vernünftig; der Deckel paßt zu dem Topf, aber jedenfalls ſitzt ſie jetzt im Arreſt.“ „Ganz richtig... aber juſt das iſt es, was auf⸗ hören muß.“ „Aufhören?“ „Wie ich ſage. Sie muß ſich Gelegenheit verſchaffen, zu entfliehen, und ich habe ein Mittel ausgeſonnen, das gelingen muß.“ „Alles recht ſchön, aber wie wollen Sie das Mäd⸗ chen davon unterrichten? Das wird meiner Seel nicht ſo leicht ſein.“ „Dazu ſollen Sie mir helfen, deßhalb wende ich mich jetzt an Sie.“ „Ich? ich danke ſchön. Soll ich Ihnen dazu helfen 2 Glauben Sie, daß ich bexen könne?“ „Das nicht; aber Sie können mir eines Ihrer Mäd⸗ chen verkanfen.“ „Verkaufen?“ „Warum nicht? Wenn ich nur baar und ordentlich bezahle, ſo haben Sie wohl nichts dagegen.“ 24 Das kann ſein; aber was wollen Sie denn mit ihr?“ „Sie ſoll ſich auf einige Tage verhaften laſſen.“ „Aber keine von ihnen hat ja ein Verbrechen be⸗ gangen; und ſie werden doch nicht wollen...“ 2— —— 247 „Ich will ihnen gar kein Leid zufügen; aber ſie brauchen blos ein paar Tage ohne Schutz auf den Stra⸗ ßen herumzuſtreichen, dann wird die Polizei ſchon dafür ſorgen, daß ſie ins Korrektionshaus kommen.“ „Ich beginne Ihre Abſicht zu verſtehen; Sie wün⸗ ſchen eine Bötin an die ſchwarze Charlotte. Aber Sie vergeſſen, daß ſie im Spinnhaus ſitzt.“ „Ich habe es nicht vergeſſen, aber die Mädchen können ſich doch wenigſtens ein Zeichen geben, wenn ſie im Speiſeſaal oder in der Kirche, wo ſie beiſammen find, an einander vorbeigehen.“ „Und worin ſollte wohl das Zeichen beſtehen?“ „Darin, daß alle beide erkranken würden.“ „Erkranken?“ „Sie ſtellen ſich einfältiger, Madame Buchholz, als Sie ſind, ich meine, die Mädchen könnten ſich im Kran⸗ kenhaus treffen, wo ſie wenigſtens frei mit einander reden dürfen.“ „Jetzt verſtehe ich Sie... und das iſt alles ganz ſchön.. aber ich kann keines meiner Mädchen entbehren.“ „Sie können nicht? aber Sie müſſen, Madame Buchholz, ſage ich Ihnen; Sie müſſen. Der Wald⸗ hahnenfuß ſcheint mir hier nicht beſonders nützlich zu ſein... kann man ſich auf das Mädchen verlaſſen?“ „Es taugt nichts und iſt überdies ſchon verkauft.“ „An wen?“ „Möchten Sie's gern wiſſen, Löwe? Die Kaufleute für ſolche Waaren haben keinen Namen. Verſtehen Sie mich?“ „Nun wohl, dann ſpreche ich mit der Königin der wilden Jagd, ſie wird ſicherlich nichts dagegen haben, eeiin paar Wochen im Gefängniß auszuruhen... das wird ihr ſo wohl bekommen, wie eine Brunnenkur. „Mit der Königin iſt es nichts, Löwe; ſie kann ich nicht abgeben, ſie iſt mir unentbehrlich. Nehmen Sie lieber irgend eine andere.“ 9 248 „Es iſt alſo ausgemacht... eines Ihrer Mädchen wird wegen Landſtreicherei verurtheilt und Sie löſen es dann zur rechten Zeit wieder aus.“ „Und Sie geben ihr die Inſtruktion...“ „Das iſt meine Sache.“. CEin Angſtgeſchrei vom Gang her unterbrach die Sprechenden... ſie ſahen erſchrocken auf und lauſchten. „Was iſts? Sollte ein Unglück geſchehen ſein?“ „Es klang wie ein Todesſchrei.“ Die Muſik verſtummte im Tanzſaal und alle die⸗ jenigen, die ſich eben noch im lebhaften Walzer herum⸗ geſchwungen hatten, ſtürzten in wilder Unordnung hinaus. „Hörtet ihr's?“ Alle ſtanden vor Schreck wie auf ihre Plätze feſtge⸗ nagelt. Madame Buchholz, die ſonſt keine Schwäche zu zeigen pflegte, ließ die Hände ſinken und wußte nicht, was ſie thun ſollte. Der Löwe ſprang ſogleich an die Thüre und öffnete ſie, um zu ſehen, was es gäbe; da kam ihm der Wald⸗ hahnenfuß entgegen, der mit todesblaſſer, verſtörter Miene vom obern Stock hergeſtürzt kam. Ehe wir dieſe Seene ſchließen, iſt es nothwendig, daß wir zuerſt auf einen Augenblick zu Mutter Jonſſon zurückkehren, bei welcher Graf Frank und der Pfarrer waren. Aus dem Geſpräch zwiſchen Madame Buchholz und der Königin der wilden Jagd kann man leicht erfahren, daß die erſtere und Mutter Jonſſon, wie man zu ſagen pflegt, unter derſelben Decke ſpielten, um aus dem Grafen Frank den größtmöglichen Gewinn zu ziehen. Mutter wegen ſeines Eifers überall bekannten Pfarrers, eintreten 3 ſah, weßhalb ſie fürchten mußte, daß ſie ihre Karten nicht ſo leicht werden miſchen können, wie ſie berechnet hatte, wird daher leicht erklärlich. Abgeſehen davon, daß es in ihrer Natur lag, ihre Reden mit Bibelſprüchen und andern religiöſen Ausdrücken zu ſpicken, ſtrengte ſte ſich im vorliegenden Fall um ſo mehr an, um einige Zeit zu gewinnen und die Frage, um welche ſich die Zuſammenkunft drehte, beſſer über⸗ legen zu können. Aber der Paſtor, deſſen ſicherer Blick bald entdeckte, daß die Religion hier nur eine Maske war, unter welcher ein kaltes und berechnendes Herz ſich verbarg, unterbrach ſie freundlich und erſuchte ſie, ſich ſtreng an den Gegen⸗ p ſtand ihres Beſuches zu halten. Franks Gedanken waren an die Hoffnungen feſtge⸗ 6 knüpft, die er ſich von den jetzt zu erhaltenden Auf⸗ . ſchlüſſen machte, und er freute ſich, daß der Pfarrer auf dieſe Art das Geſpräch einzuleiten ſuchte. Nach manchen Bibelcitaten begann das Weib endlich: „Sie haben mir angegeben, gnädiger Herr Graf, daß das Kind, nach dem ſie ſo eifrig ſuchen, den 18. Oc⸗ tober 18.. geboren ſei.⸗ „Ganz richtig, den 18. October 18..“ Mein Gott, wie merkwürdig! Der 18. fiel in * dieſem Jahr auf den 19. Sonntag nach Trinitatis, als 4 man von dem verlorenen Sohn predigte, Mätthäi im 9. Kapitel.“ „Weiter, weiter.“ Dann haben Sie ferner geſagt, gnädiger Herr Graf, das Kind ſei auf dem Lande geboren worden, in dem Kiretſpiel Ryd, nahe bei Warholm.“ 4„Das hat ebenfalls ſeine Richtigkeit.“ † 249 4 250 „Aber Sie wiſſen ganz und gar nicht, ob es ein Kuabe oder ein Mädchen war?“ „Ich weiß nichts... ganz und gar nichts, was meine Vermuthung für den einen oder andern Fall be⸗ ſtärken könnte. Allerdings hat man mir geſagt, es ſolle ſein Knabe geweſen ſein, allein ich kann mich nicht darauf verlaſſen, weil mein Gewährsmann mich in ſo vielen andern Beziehungen betrogen hat, daß ich überzeugt bin, er werde es auch in dieſer gethan haben“ „Die Lüge iſt Gottes Entſetzen und des Satans Freude. So iſt es... aber warum lügt man denn, während man doch nur durch Chrlichkeit die himmliſche Seligkeit gewinnen kann? Sie finden gleichwohl, wür⸗ digſter Herr Pfarrer, daß die Angaben ſehr wenig be⸗ ſagen, und daß es nicht ſo leicht ſein kann, die Wege des Herrn zu erforſchen. In dieſem Augenblick hörte man aus dem Zimmer über ihnen ein ſchallendes Gelächter und hernach auch das Getöne einer ſchnarrenden Violine. Aber die Spre⸗ chenden ließen ſich dadurch nicht ſtören. „Ihre Bemerkung iſt unlängbar vollkommen richtig,“ verſetzte der Pfarrer,„aber obſchon wir nicht viel Hoff⸗ nung hatten, ſind wir dennoch hiehergekommen, um Sie zu horen, nachdem Sie angedeutet haben, daß ſie mög⸗ licherweiſe den einen oder andern wichtigen Aufſchluß ertheilen könnten. Wollen Sie inzweſchen ohne alle fremde Beimiſchung ſich ſtreng an den Gegenſtand halten, ſo wäre dies gut, es iſt ſchon ſpät und unſere Zeit iſt kurz zugemeſſen.“ Mutter Jonſſon, die jeden Geiſtlichen eben ſo ſehr fürchtete wie den Polizeidirektor ſelbſt, hielt ſich auch nach dieſer Bemerkung lediglich an den Gegenſtand und wurde nur mitunter durch das Getöſe von oben geſtört. „Vor ungefähr 22 Jahren,“ ſagte ſie jetzt,„diente ich bei einer Hebamme hier in der Stadt, die Weſſelius hieß und eine ſehr kluge und verſtändige Frau war. 3 Ja, das heißt, ſie war ſehr berechnend und geizig, ſo daß der Geiz bei ihr noch größer war, als der Verſtand.“ „Sie dienten bei ihr; lebt ſie noch?“ „Nein, gnädiger Herr, ſie iſt ſchon vor vielen Jah⸗ ren geſtorben. Ich diente drei, ja beinah vier Jahre bei ihr, bis der Tod ſie wegraffte.“ „Schon gut... fahren Sie fort, fahren Sie fort.“ „So lange ſie lebte, ſetzte ſie ebenſoviel Vertrauen in mich, als das Publikum in ſie ſetzte, weil ich ſie ebenſo gut bediente, als ſie das Publikum bediente. Sie war eine verdammt brave Frau, das muß ich ſagen. Eines Tags kam ein Herr, ein fein gekleideter Herr, und fragte nach ihr, und obſchon ſie mir immer alle ihre Sachen erzählte, ſo weiß ich nicht, wie es dießmal kam, aber ich ſtellte mich hin und lauſchte am Schlüſ⸗ ſelloch.“ „Sie können ſich nicht mehr erinnern, wie der Herr ausſah... wie er gekleidet war... zu welcher Klaſſe er zu gehören ſchien?“ „Das kann ich nicht genau ſagen... aber er war verdammt ſchön aufgeputzt... und er ſah ganz gut aus.“ „Möglicherweiſe,“ bemerkte Frank gegen den Pfar⸗ rer,„könnte es irgend ein Bote von der Tante geweſen ſein. Vielleicht... aber laſſen Sie uns weiter hören.“ Ein verworrenes Gepolter und Getöſe vom obern Stock her drang wieder zu ihnen, und die Alte ver⸗ ſtummte eine Weile, fuhr jedoch bald wieder fort. „Da ich das Ohr ans Schlüſſelloch hielt, ſo hörte ich alles, was drinnen geſprochen wurde. Der Herr er⸗ zählte, eine ſeiner Bekannten, ein vornehmes, junges Fraueuzimmer, ſei unglücklich geworden und bedürfe ihrer Hülfe; aber er könne und wolle ihren Namen ebenſo wenig entdecken, als ſeinen eigenen, und fordere ſie da⸗ her, wenn ſie die Sache übernehmen wolle, zu einer eid⸗ lichen Verpflichtung auf, daß ſie dieſelbe, wie auch den 2⁵² Namen des Boten, wohin man ſie führen werde, auf keinerlei Weiſe zu erforſchen ſuchen wolle.“ ellnd fie legte den Eid ab?“ Frank folgte der Erzählung mit einer Aufmerkſam⸗ keit, die ſich in ſeinen unruhigen Blicken und ſeiner vor⸗ gebeugten Stellung abſpiegelte. „Sie that es mit der Hand auf der Bibel, ich hörte alles zuſammen, Wort für Wort.“ „Nun weiter.“ „Ewiger Gott, wie ſie da oben lärmen, unterbrach die Alte ihre Rede. Dies Haus iſt ein wahres Baby⸗ lon... hören Sie nur, Herr Pfarrer, hören Sie nur.“ „Laſſen Sie ſich dadurch nicht ſtören, fahren Sie fort, fahren Sie fort...⸗ „Wie Sie wollen, hochwürdiger Herr Paſtor. Nach⸗ dem der Eidſchwur vorüber war, unterrichtete er ſie, daß er nicht wiſſe, zu welcher Zeit man ihrer Hülfe bedürfen würde, daß ſie aber ſpäter einen Brief erhalten ſolle, das heißt einen Brief, ohne ein einziges Wort darin, worauf ſie ſich ſogleich ankleiden und an ihre Hausthüre hinab begeben müſſe; dort werde eine Equipage auf ſie warten, in welche ſie einſteigen müſſe, um dahin zu fah⸗ ren, wohin der Wagen gehe. Ungefähr einen Monat ſpäter erhielt ſie auch richtig einen ſolchen Brief, und als ſie vor das Haus hinab kam, fand ſie die verſprochene Cquipage und ſtieg ein, ohne zu wiſſen, wohin man ſie führen wolle. Bald bemerkte ſie jedoch, und das hat ſie mir ſelbſt erzählt, daß es über das Roßlager⸗Zollthor hinausging, denn ſie erkannte wieder Ingemarshof, Al⸗ bano, Frascati und auch Ahlkiſta; aber weiterhin war ſie nicht mehr zu Hauſe. Die Reiſe ging mit einer ganz unbeſchreiblichen Eilfertigkeit vor ſich, und jede Stunde wurden neue Pferde vorgeſpannt, die ſchon warteten. Während man die Pferde wechſelte, wollte ſie mit dem Kutſcher, dem einzigen Menſchen, der ſie begleitete, ſprechen; aber er benahm ſich ganz wie wenn er taub⸗ — ſtumm geweſen wäre. Im Uebrigen beſchrieb ſie mir, daß er ausgeſehen habe wie ein ächter Ränber. Den Mantelkragen hatte er hoch über das Geſicht hinauf ge⸗ zogen und den breitrandigen Hut tief hinabgedrückt. Nur die Arme bewegten ſich unaufhörlich, ein Peitſchen⸗ ſchlag nach dem andern hagelte auf die armen Pferde, die pfeilgeſchwind dahin eilten. Die Frau begann auch recht ängſtlich zu werden, weil ſie einen Augenblick glaubte, der Teufel ſelbſt ſei es, der ſie entführe.“ Eine ſchellende Lachſalve, verbunden mit Geſtampfe und Ausrufungen, erſcholl jetzt wieder von den Zimmern über ihnen, und zwar dießmal ſtärker als vorher. Der Pfarrer erhob ſich ungeduldig. Man konnte auch beinah befürchten, die Decke möchte über ihren Köpfen einbrechen. Mutter Jonſſon verſtummte und blickte erſchrocken auf. „Diejenigen, die mit Huren umgehen, gehen irr, ſteht in der heiligen Schrift,“ ſeufzte ſie.„Wein und eiber machen den weiſen Mann zum Narren,“ fügte ſie dann hinzu. Frank dachte an nichts anderes als an die Erzäh⸗ lung, die er hörte, und es ſchien ihm allzu wahrſcheinlich, daß ſie Gabriele betreffe, zumal da man, um auf der Landſtraße nach Maxholm und Umgegend zu kommen, nothwendig das Roßlager⸗Zollhaus paſſiren mußte. Aber wer konnte wohl der Mann ſein, der Frau Weſſelius gebolt und ihr den Eid abgenommen hatte? War das Ereigniß geſchehen, ehe er ins Ausland reiſte, oder auch kurz nachher? War es wohl wahrſcheinlich, daß Ga⸗ auf und ab, gleich als litt ſein Gewiſſen von den Or⸗ gien, die er von oben her hörte. Das Getöſe nahm inzwiſchen bald ab, und als er dadurch beruhigt ſich von Neuem niederſetzte, begann auch Mutter Jonſſon ihre Erzählung wieder. 254 „Als Frau Weſſelius endlich ans Ziel ihrer Reiſe kam und aus dem Wagen ſtieg, war es bereits dunkel und der Kutſcher ſagte ihr, ſie ſolle ſich eine Treppe hin⸗ auf in das Haus begeben, wo ſie weitere Befehle erhal⸗ ten würde. Im Saal traf ſie eine, wie ſie zu entneh⸗ men glaubte, ältere Dame, aber maskirt. Ohne daß man ein Wort wechſelte, wurde ſie zu der Kranken hin⸗ ein geführt. Auch ſie war maskirt. Andere Perſonen, als dieſe, ſah ſie nicht... Alle Dienſtboten ſchienen abſichtlich entfernt worden zu ſein. Und ſo bald ſie ihre Schuldigkeit verrichtet hatte, wurde das Kind ihr über⸗ geben mit der Bitte, ſie ſolle es mit ſich nehmen bis in ein Haus auf dem Weg, wo ſie es abgeben müſſe. Sodann ging ſie in den Hof hinab, wo die Equipage und der Kutſcher ſie mit neuen Pferden erwartete. Während der ganzen Zeit hatte ſie nur einige wenige Worte geſprochen... nicht mehr als ſchlechterdings nothwendig waren... die Rückreiſe geſchah mit der⸗ ſelben Eile und auf dieſelbe Art. An einem Gitterthor kam ihr eine Bauernfrau entgegen, und der Kutſcher ſagte ihr, ſie ſolle dieſer das Kind geben. Als ſie in die Stadt zurück kam und der Kutſcher den Wagenſchlag öffnete, nahm er den Hut ab und ſchlug den Mantel⸗ kragen herunter... Sie erkannte jetzt denſelben Unbe⸗ kannten, der ſie vorher beſucht hatte. Er dankte ihr herzlich und bezahlte ſie reichlich.“ „Und das Kind, welchem Geſchlechte gehörte es an?“ „Es war ein Mädchen.“ „Und es wurde einer Bauernfrau in der Nähe des Gutes übergeben?“ „Ungefähr eine halbe Meile von demſelben, an einem Bauernhauſe.“ „Und Sie erinnern ſich nicht mehr an das Ausſehen des Unbekannten, der Frau Weſſelius abholte?“ bi“Das i*ſt ſchwer nach ſo langer Zeit, und gleich⸗ wohl...“ 4 — ——— „Und gleichwohl...“ „Wenn ich ihn je wiederſehen ſollte, glaube ich, daß ich ihn wieder erkennen würde.⸗ „Sie glauben es?“ „Ich bin es überzeugt, weil...“ „Sprechen Sie ſich aus.“ „Weil ich mich, wenn ich jetzt darüber nachdenke, erinnern kann, daß er ein ganz markirtes Ausſehen hatte. Ich erinnere mich, daß er dunkle Haare hatte, wenigſtens dunkelbraun.“ „Etwas anderes... Sie haben vergeſſen, uns die Zeit des Ereigniſſes zu nennen, das Sie uns ſo eben erzählten.“ „Es muß vor etwa 21 Jahren geweſen ſein, denn ich erinnere mich, daß es im zweiten Jahr war, wo ich bei dieſer Frau diente.“ „Sie müſſen ſich auf das Ausſehen des unbekannten Mannes zu erinnern ſuchen... es iſt höchſt nothwen⸗ dig, daß wir eine möglichſt genane Beſchreibung von ihm erhalten.“ „Ich verſpreche es zu thun, obſchon es mir für den Augenblick nicht möglich iſt. Aber etwas fällt mir noch ein... ein Jahr nach dieſem Ereigniß kam eine Bauern frau zu uns...“ „Dieſelbe Frau, der das Kind übergeben wurde?“ „Ganz richtig...“ Das Geſpräch wurde hier höchſt unvermuthet unter⸗ brochen, durch einen gewaltſamen Stoß gegen die Thüre, und man konnte aus dem Getöſe nichts anders vermuthen, als daß ein ſtarker Mann an dieſelbe geworfen worden ſei, oder daß jemand mit Gewalt eindringen wolle. Das Getöſe von oben, das ſich in dieſem Augenblick ebenfalls erneuerte, gab dem Ereigniß einen noch un⸗ heimlicheren Charakter. Sowohl Frank als der Pfarrer ſprangen unwill⸗ 2⁵⁶ kührlich von ihren Plätzen auf und lauſchten auf das, was ſich vor der Thüre zutrug. Sogar Mutter Jonſſon, von der man ſonſt glauben mußte, daß ſie ſich hier vollkommen zu Hauſe fühle, ſchien einen Augenblick durch dieſes eigenthümliche Ge⸗ töſe erſchreckt zu ſein. Die Alte wollte ſich eben von ihrem Platze auf⸗ richten, als der gewaltſame Stoß erneuert wurde und ſie vor Angſt auf den Stuhl zurückſank. Frank's Blut kochte bereits vor Aerger, und er eilte an die Thüre, um die Urſache zu unterſuchen; aber kaum hatte er einen Schritt über die Schwelle gethan, als er mit einem dumpfen Ruf zurück ſtürzte; er war von einem Meſſerſtich getroffen worden und wurde von mehren wilden wüthenden Banditengeſichtern ins Zimmer herein verfolgt. Einen Augenblick ſtand der Pfarrer vor Entſetzen verſteinert da, aber Ruhe und Muth ſtell⸗ ten ſich bald wieder bei ihm ein und mit ausgeſtreckter Hand ging er den Schurken entgegen, gleich als glaubte er, daß ſeine bloße Gegenwart Macht genug habe, die Wahnſinnigen in Schranken zu halten und zur Vernunft zu bringen, Bei den religiöſen Vorſtellungen, wovon er durchdrungen war, ſtrahlte auch ſein Geſicht von dem Muth eines edlen Herzens, obſchon ſeine Augenbrauen ſich in düſtere Nunzeln legten. Die Banditen bemerkten ſeine Anweſenheit nicht ſo⸗ gleich, weil ſie ihre ganze Aufmerkſamkeit auf Frank ge⸗ heftet hielten, der ſich blutend zurückzog; aber kaum ge⸗ wahrten ſie das ernſte, von einem heiligen inneren Licht beſtrahlte Geſicht des Pfarrers, ſo entflohen ſie, wie von einem Blitzſchlag getroffen, jeder nach ſeiner Richtung. Die Angreifer waren niemand anders als der Stier, der Fuchs und die übrigen, die von dem Beſuch der zwei Fremden in dem an die untere Hausflur grenzenden Seitenzimmer gehört und, des langen Wartens müde, angefangen hatten, gegen die Thüre zu puffen, um die 2——— Unbekannten heraus zu locken; nachdem ihnen dies ge⸗ lungen, führten ſie dann auf die oben erwähnte Art ihren Vorſatz aus, ſie anzugreifen und zu beſtehlen. Der Pfarrer folgte den Fliehenden bis an die Thüre, aber juſt als er dieſe wieder verſchließen wollte, hörte man einen durchdringenden wilden Angſtſchrei vom obern Zimmer. Es war derſelbe Schrei, der auch Ma⸗ dame Buchholz im Schenkzimmer auſſchreckte. Daß der Stich, den Frank erhalten hatte, nicht tödtlich, ja kaum einigermaßen gefährlich war, ſchloß der Pfarrer nicht blos aus den Aeußerungen, ſondern auch aus den Bewegungen deſſelben. Aber der Angſtſchrei, den er jetzt hörte, war ſo gellend, daß er nicht daran zweifelte, man gehe damit um, einen wirklichen Mord zu begehen, weshalb er ohne weitere Umſtände ſogleich die Treppe hinauf eilte, um zu retten, was gerettet werden konnte. Im Schenkzimmer ſtanden ſämmtliche gewöhnliche Gäſte des Café um den Waldhahnenfuß verſammelt. An allen Gliedern zitternd wie Espenlaub, war ſie außer Stand, ein einziges Wort hervorzubringen. 5 Madame Buchholz ahnte, daß ſie von oben entflo⸗ en ſei. „Sprich, Du garſtiges Mädchen, was iſt geſchehen? Warum ſchreiſt Du, wie wenn der Teufel Dich am Kragen hätte?“ Der Angſtſchrei des Waldhahnenfußes fiel ungefähr auf denſelben Augenblick, wie der Angriff, den der Stier und der Fuchs in der unteren Hausflur auf Frank machten, ein Angriff, wovon Madame Buchholz noch nichts wußte, der aber gleichwohl ſeinerſeits das Unweſen vermehrte, das man dem Waldhahnenfuß allein zuſchrieb. „Ich habe Dich um meiner Sünden willen aus dem Elend gerettet,“ fuhr Madame Buchholz fort;„erkläre Dich, ſonſt laſſe ich Dich zu Tode peitſchen, Du ab⸗ ſcheulicher junger Satan.“ Das Gewiſſen. I. 17 2⁵8 8 „Ich... ich..„ ſtammelte Waldhahnenfuß, „ich... ich 44 „Wirſt Du endlich das Wort finden, oder ſoll ich Dir helfen?“ „Ich kam hinauf...“ „Nun ja, Du kamſt hinauf?“ „Ich ging zu ihm hinein.“ „Brauchſt Du etwa deßhalb ſo zu kreiſchen?“ „O mein Gott!“ „Ich ſage Dir zum letztenmal, wenn Du nicht ſo ſprichſt, daß ich Dich verſtehe, ſo reiße ich Dir die Augen aus dem Kopfe. Du ſahſt ihn, ſagteſt Du...⸗ „Und ich erkannte ihn auch.“ „Du erkannteſt ihn auch, und dann.. „Es war...“ „Wer? wegen Deiner muß ich mir noch das Gallen⸗ fieber anärgern. Wer war es 94— „Ich kann nicht ſagen, wer er war, nein, nein. Ich entſetze mich bei dem bloßen Gedanken daran.“ „So, Du kannſt es nicht ſagen?⸗ „Verlangen Sie es nicht von mir. Es war... ach nein... ich bringe ſeinen Namen nicht über meine Lippen... ich konnte nur einen einzigen Blick auf ihn werfen, ſo ſchauderte ich auch zurück und entfloh... es iſt entſetzlich... o barmherziger Gott, rette n „Scheinheilige gemeine Dirne, Du geh dahin zurück.“ „Nie, in Ewigkeit nie.“ „Du ſagſt nie? Gut, wir wollen ſchon ſehen.“ Und dabei erhob ſie ihren Arm, um den Waldhah⸗ nenfuß am Haar zu faſſen, als ſie eine Hand auf ihrer Schulter fühlte, die ihr Einhalt that. „Im Namen des allmächtigen, ewigen Gottes befehle ich Ihnen, daß Sie dieſes ſchwache, wehrloſe Mädchen loslaſſen.“ mich!“ ſt ſogleich Die Stimme war ſo ernſt und drang ſo mächtig an die Seele der Dame, daß ſie ihr Opfer losließ. Es war der Pfarrer, der, ohne ſogleich bemerkt worden zu ſein, durch die offen gelaſſene Thüre den letzten Theil dieſes Auftrittes geſehen und gehört hatte. Das unerwartete Auftreten des allgemein bekannten und verehrten Religionslehrers verwirrte ſämmtliche An⸗ weſende und ſie zogen ſich erſchrocken zurück. „Wer iſt dieſes arme Mädchen,“ fragte er,„das ſich in dieſes Labyrinth von Laſtern und Verbrechen ver⸗ irrt hat?“ Unter vielen Verbeugungen erklärte Madame Buch⸗ holz ſtammelnd, ſie ſei bei ihr im Dienſt. Das leidende und todtenblaſſe Geſicht des zarten Mädchens machte einen tiefen Eindruck auf den Pfarrer. „Du mußt mir folgen, mein Kind,“ ſagte er zu ihr. „Hier iſt Dein Platz nicht. Ich werde meine Handlung vor Gott und den Menſchen zu rechtfertigen wiſſen. Komm...“ Der Waldhahnenfuß ſchloß ſich, noch bebend aus Furcht vor Madame Buchholz, an den Pfarrer an, der ſie bei der Hand ergriff und wegführte.. 1* Rnnnſfffſen 2 13 10 11 1