Walter Scott“'s ſaͤmmtliche —— Neu uͤberſetzt. Dreißigſter Band. Leben von Napoleon Buonaparte. Sechster Theil. Stuttgart, bei Gebruder Franckh. „ 1 3 2 7. Leben von Napoleon Buonaparte, b Kaiſers von Frankreich, mit einer Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolu⸗ tion. Von W a 1t er S. e o t t. 4 Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von General J. v. Theobald. Sechster Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 91 8 2 2. Leben von Napoleon Buonaparte. Fortſetzung des im vorigen Baͤndchen ab⸗ gebrochenen Kapitels. Die] Vendéer griffen an, wie Scharfſchuͤtzen. pflegen; ſie umfaßten den Feind in der Stellung⸗ eines Halbkreiſes und unterhielten ein wohlgeuͤbtes Schuͤtzenfeuer, wobei ſie jeden Baum oder Buſch, oder jedes andere Hinderniß geſchickt zu ihrer Deckung zu benuͤtzen wußten, und daher verhaͤltnißmaͤßig nur wenig Gefahr liefen, waͤhrend ſie dem Feinde großen Verluſt beibrachten. Dieſe Art zu fechten nannte man s'egailler; ſie glich dem Buſchgefechte der Indier, und war wie der Angriff der rothen Krieger, mit Geſchrei begleitet, das in dem weiten W. Seott's Werke. XXX. I. 6 Raume, durch den es erkoͤnte, die Zahl der Fech⸗ tenden zu vermehren ſchien. Wenn die Republikaner, auf dieſe Weiſe geneckt, zu einem geſchloſſenen Angriff vorbrachen, fanden ſie keinen Feind, an dem ſie Rache nehmen konnten; denn die Vendéer wichen in ihrer zerſtreuten Stel⸗ lung der Spitze der Angriffskolonne geſchickt aus, ließen ſie durch, um die Flanken derſelben ungeſehen mit einem noch weir moͤrdetiſcheren Feuer zu uͤber⸗ ſchuͤtten. Auf dieſe Weiſe wurden ſie manchmal von Punkt zu Punkt gefuͤhrt, bis die regulaͤren Truppen des Feindes auf eine Verſchanzung, einen Verhack, oder eine in der Front ſehr feſte Stellung ſtießen, oder ſich in ein Defilee verwickelten, wo dann die Vendeer ihr moͤrderiſches Musketenfeuer gegen einen geſchloſſenen und wuͤthenden Angriff vertauſchten, mit dem Muthe der Hingebung ſich auf die Reihen der Feinde warfen, und ſchrecklich unter ihnen auf⸗ raͤumten. Mußten aber die Inſurgenten weichen, ſo war die Verſolgung fur die Republikaner faſt ſo gefaͤhrlich, wie ein Gefecht. Wurde der Vendéer hart gedraͤngt, ſo warf er ſeine Holzſchuhe weg, die er auf dem naͤchſten Ruheplatze leicht wieder durch audere erſetzen konnte, ſprang uͤber einen Zaun oder Graben, lud im Fortrennen ſein Gewehr, und ſchoß es gegen ſeinen Verfolger mit verderbliche er Sicher⸗ 3 heit ab, ſobald er Gelegenheit, fand, zu dieſem Lnde Halt zu machen. 2 Dieſe durch die Beſchaffenheit des Bodens ſo ſehr beguͤnſtigte Fechtart war den Vendéern, ſie mochten nun ſiegen oder geſchlagen werden, gleich ſehr vortheilhaft. Wurden die Republikaner geſchla⸗ gen, ſo waren ſie meiſtens verloren; denn die Er⸗ haltung der Ordnung wurde unmoͤglich, und ohne Ordnung war ihre Vertilgung unvermeidlich, waͤh⸗ rend Bagage, Munition, Wagen, Kanonen, kurz das ganze Material der geſchlagenen Armee in die Haͤnde des Siegers ftelen. Wenn auf der andern Seite die Vendéer einen Verluſt erlitten, fanden die Sieger nichts auf dem Felde, als die Koͤrper der Erſchlagenen und die Holzſchuhe der Fluͤchtigen. Die wenigen Gefangenen, die ſie machten, hatten gemeiniglich ihre Waffen weggeworſen oder verbor⸗ gen, und da ihre Armee weder Bagage noch Wagen irgend einer Art hatte, ſo konnte ſie auch keine ver⸗ leren. Verfolgung konnte leicht zu einer Niederlage fuͤhren, denn die Reiterei vermochte nichts auf die⸗ ſem Terrain, und die Infanterie, die ſich wie zum Treibjagen aufloͤſen mußte, wurde haͤufig das Opfer der Verfolgten. 1 4 Auf offenem Felde waren die Vendéer kuͤhn bis zur Verwegenheit. Sie beſannen ſich nicht, das feindliche Geſchuͤtz nur mit Knitteln bewaffnet an⸗ zugreifen und wegzunehmen; ihre groͤßten Verluſte muͤſſen dem kuͤhnen Verſuche zugeſchrieben werden, 8 befeſtigte Staͤdte und Stellungen mit ſtuͤrmender Hand zu nehmen. Nach dem Siege zeigten ſie nicht ſelten Menſchlichkeit und Erbarmen, doch hing dies von dem Karakter ihrer Fuͤhrer ab. Zu Machecoul, gleich zu Anfange des Buͤrgerkriegs, benahmen ſich die Inſurgenten mit großer Grauſamkeit, und gegen das Ende deſſelben hatte gegenſeitiges Unrecht die Partheien ſo ſehr gegen einander erbittert, daß Par⸗ don auf keiner Seite weder gegeben, noch genommen wurde. So lange ſie aber nicht durch die Grauſam⸗ keit der revolutionaͤren Parthei auf das aͤußerſte ge⸗ bracht waren, oder nicht von einem beſonders grau⸗ ſamen Oberhaupte gefuͤhrt wurden, verbanden die Vendéer Milde mit Muth. Sie gaben den Beſieg⸗ ten gerne Pardon; da ſie aber keine Gefangenen aufbewahren konnten, ſchoren ſie ihnen vor ihrer Freilaſſung gemeiniglich die Koͤpfe, um ſie wieder zu erkennen, falls ſie ſich gegen ihr gegebenes Wort wieder unter den Waffen finden laſſen ſollten. Ein eben ſo auffallender Zug war ihre ſtrenge Kriegszucht, das Eigenthum betreffend, wozu ſie nur durch mo⸗ raliſches Gefuͤhl beſtimmt wurden. Sie lließen ſich durch nichts zur Pluͤnderung verleiten; und Madame la Roche⸗Jacquelin hat uns folgendes Beiſplel ihrer ſchlichten Rechtlichkeit aufbewahrt:— Nachdem die Bauern die Stadt Breſſuire mit Sturm genommen hatten, hoͤrte ſte zwei oder drei von ihnen uͤber Mangel an Tabak klagen, an den ſie, wie die Ein⸗ 9 wohner feuchter Laͤnder uͤberhaupt, gewoͤhnt waren. „Wie,“ ſagte die Madame,„gibt es keinen Tabak in den Kauflaͤden?“—„Tabak genug,“ antworteten die biederherzigen Bauern, die noch nicht gelernt hatten, Gold durch Eiſen zu erſetzen,—„Taback ge⸗ nug, aber wir haben kein Geld, um welchen zu kaufen.“ Unter dieſen alterthuͤmlichen Kriegern fanden ſich viele Edelleute aus den erſten Familien Frank⸗ reichs, die— als Royaliſten aus Grundſaͤtzen— ſich in die Vendoée gefluͤchtet hatten, um ſich nicht unter die Herrſchaft des Konvents oder ſeiner noch grau⸗ ſameren Gebieter fuͤgen zu muͤſſen. Von manchen unter ihnen werden Dinge erzaͤhlt, die uns unauf⸗ hoͤrlich an die Zeiten Heinrichs IV. und an die Hel⸗ den des Ritterthums erinnern. In dieſen Reihen und faſt in einer Linie mit den tapfern Bauern focht der ruhige, ſtandhafte und hochherzige l'Eskure,— d'Elbée, ein Mann von dem ausgezeichnetſten mi⸗ litaͤriſchen Rufe,— Bonchamp, jener tapfere und geſchickte Offizier, der wie der Connetable Mont⸗ morency, trotz allen ſeinen Talenten, ſtets vom Miß⸗ geſchick verfolgt wurde,— der ritterliche Henri la⸗ Roche⸗Jacquelin, der ſeinen Soldaten zurief:„Wenn ich fliehe, toͤdtet mich, wenn ich vorruͤcke, folgt mir, — wenn, ich falle, raͤcht mich!“ und andere beruͤhmte 10 Namen,) die daran nicht weniger ausgezeichnet ſind, weil Liebe ihre Thaten berichtet hat. Der Zweck des Aufſtandes war durch den Titel „koͤnigliche und katholiſche Armee bezeich⸗ net, den die Vendéer annahmen. Zur Zeit ihrer groͤßten Hoffnungen waren ihre Wuͤnſche ſehr be⸗ ſcheiden. Haͤtten ſie Paris erobert, und die koͤnigliche Macht in Frankreich wieder hergeſtellt, ſo wollten ſie bitten; ltens, daß Le Bocage, und was dazu ge⸗ hoͤrt, den Namen Vendeée erhalten, und unter einer beſondern Verwaltung vereiniget werde, ſtatt daß es bis dahin drei verſchiedenen Provinzen zugehoͤrte; ztens, daß der Monarch nach ſeiner Wiederherſtel⸗ lung le Bocage mit einem Beſuche beehren moͤge; ztens, daß zum Andenken au die loyalen Dienſte des Landes, die weiße Flagge auf jedem Kirchthurm wehen duͤrfe, und der Koͤnig eine Kohorte Vendéer *) Die Memoiren der Madame Bonchamv und noch mehr die der Madame La Roche⸗Jacquelin ſind durch die ausge⸗ zeichneten Anlagen des Geiſtes und Herzens ihrer Ver⸗ faſſerinnen bemerkenswerth. Ohne Affektation, ohne Eitel⸗ keit, ohne Heftigkeit oder unnöthiges Murren haben dieſe Damen den blutigen und unregelmäßigen Krieg beſchrieben⸗ in welchem ſie und die ihnen theuerſten Perſonen während einer ſo langen und ſtürmiſchen Periode verwickelt waren, nach Durchleſung derſelben Memoiren fühlt man ſich ern⸗ ſter und weiſer, weil man gelernt hat, was der Tapfere wagen, und der Edie mit Geduld ertragen kann. 11 ſeiner Leibwache einzuverleiben geruhe; Atens, daß ſchon fruͤher entworfene Plane zum Behuf der Schiff⸗ fahrt auf der Loire und auf ihren Seitengewaͤſſern von der Regierung zur Ausfuͤhrung gebracht werden. Auf dieſe ſo wenig ſelbſtfuͤchtigen und ehrgeizigen Wuͤnſche beſchraͤnkten ſich dieſe Krieger in ihrer pa⸗ triarchaliſchen Einfalt. 1 19” Deer Vendberkrieg wurde mit abwechſelndem Gluͤck beinahe zwei Jahre hindurch gefuͤhrt, doch war der Vortheil groͤßtentheils auf Seite der Inſurgenten, oder der Brigands, wie man ſie nannte, obgleich dieſe weit geringere Mittel befaßen, als die Re⸗ gkerung, die einen General nach dem andern an der Spitze zahlreicher Armeen mit gleich unentſchiedenem Erfolg abſandte. Die meiſten mit dieſem unſeligen Kommando beauftragten Republikaner fielen unter der Guillotine, weil ſie nicht gethan hatten, was doch zu Folge der Umſtaͤnde unmoͤglich war. Ueber zweihundert Schlachten und Scharmuͤtzel wurden in dieſem Lande der Selbſtaufopferung ge⸗ liefert. Das revolutlonaͤre Fieber war im Steigen, das Blutvergteßen ſchien fuͤr dieſe Mordmenſchen eine wahre Exgoͤtzlichkeit zu ſeyn, und erhielt durch jede Erfindung der Grauſamkeit immer neuen Reitz. Die Wohnungen der Vendéer nurden zerſtoͤrt, iher Familien der Schaͤndung und der Niedermetzlung hingegeben, ihr Vieh verſtuͤmmelt und geſchlachtet, ihr Getreide verbrannt und vernichtet. Eine repn⸗ *. 12 blikaniſche Kolonne, die hoͤlliſche genannt, verdiente auch in der That dieſen Namen durch die ſchreckli⸗ chen Graͤuel, die ſie veruͤbte. In Pillau brieten ſie Weiber und Kinder in einem heißen Ofen. Viele aͤhnliche Scheußlichkeiten koͤnnte man noch hinzufuͤ⸗ gen, ſtraͤubte ſich nicht Herz und Hand dagegen. Ohne uns in das Detail ſolcher Gräͤuelſcenen ferner einzulaſſen, begnuͤgen wir uns, die Worte eines re⸗ publikaniſchen Augenzeugen⸗ anzufuͤhren, um einen Begriff von dem Schauſpiel zu geben, den dieſes⸗ Theater des Buͤrgerkrieges darbot. „Ich. erblickte keinen einzigen Mann in denStaͤdten Saint Hermand, Cantonnay oder Herbiers. Einige wenige Weiber waren dem Schwert entkommen. Land⸗ ſitze, Huͤtten, Wohnungen jeder Art waren einge⸗ aͤſchert, Rindvieh⸗ und Schaafheerden wanderten erſchreckt um ihre gewohnten Staͤlle her, die jetzt rauchende Truͤmmer waren. Ich wurde von der Nacht uͤberraſcht; aber die unſtete, grauſenvolle Flamme eines weitverbreiteten Brandes erleuchtete die ganze Gegend. In das Bloͤcken der aufgeſchreck⸗ ten Schaafe, in das aͤngſtliche Bruͤllen des Viehes . miſchten ſich das Gekraͤchze der Raubvoͤgel und das Geheul der wilden Thiere, die aus den Schlupf⸗ winkeln der Waͤlder hervorkamen, um die Leichname der Erſchlagenen zu verzehren. Endlich diente mir eine entfernte Feuerſaͤule, die ſich bei meiner An⸗ naͤherung erweiterte und vergroͤßerte, als Leucht⸗ 1 13 thurm. Die Stadt Mortagne ſtand in Flammen. Als ich ankam, war kein lebendes Weſen mehr zu ſehen, ein paar elende Weiber ausgenommen, die ſich bemuͤhten, den Reſt ihres Eigenthums aus dem nlgemeinen Brande zu retten. 24*) So iſt der Buͤrgerkrieg, und in dieſen Zuſtand hatte er das lachende, friedliche und tugendhafte Land verſetzt, das wir kurz vorhin beſchrieben haben. Nach ſolchen Ereigniſſen iſt es kein Wunder, daß die Herzen der Bauern ſich hinwiederum verhaͤrte⸗ ten, und ſchreckliche Rache an denen uͤbten, die keine, Gnade anſprechen konnten. Wir leſen deßhalb ohne Befremden, daß der republikaniſche General Haxo, ein Mann von großem militaͤriſchem Talente, der ſich im Vendéerkrieg ausgezeichnet hatte, als er ſeine Armee geſchlagen ſah, ſich lieber durch den Kopf ſchoß, als ſich den Inſurgenten preiszugeben. Man kann fragen, warum die Vendéer waͤhrend ihres Uebergewichts ihre an ſich, ſo gigantiſchen An⸗ ſtrengungen niemals uͤber die Graͤnze ihres elgenen erund. ſo wohl unterhhe der Aufſtand nie großen Eindruck auf den Konvent gemacht hat, wo man von den Venbeern als von einer Hand voll Raͤubern *) Les Memoires dch ancien Administfateur des atmges repubſicaines. 8 14. ſprach; auch nicht auf fremde Nationen, welche ihr Daſeyn, und noch mehr ihre Erfolge kaum gekannt zu haben ſcheinen? In Beziehung auf das erſte genuͤgt es vielleicht, zu bemerken, daß der Krieg und die Kriegsweiſe der Vendéer in ihrem eigenen Lande ſo furchtbar, faſt zur Albernheit wurden, in einem offenen und ebenen, von Kunſſtſtraßen durch⸗ ſchnittenen Lande, wo die Reiterei und das Geſchuͤtz ein leichtes Spiel gegen Bauern hatten, die keine geſchloſſene Linien bildeten, und keine Bajonette fuͤhrten. Außerdem blieben die Vendéer bei ihren gewoͤhnlichen Beſchaͤftigungen,— ſie waren noth⸗ wendig Kinder des Bodens,— und ihre Armee zer⸗ ſtreute ſich gewoͤhulich nach der Schlacht, um nach ihrem Vieh zu ſehen, den Fleck brauchbaren Landes anzubauen, und bei ihren Familien zu ſeyn. Ihre Kriegszucht, wo bloßer guter Wille die gewoͤhnlichen Rangabſtufungen erſetzte, wuͤrde nicht hingereicht haben, ſie auf langen und entfernten Maͤrſchen zu⸗ ſammenzuhalten, und ſie haͤtten dann das Beduͤrfniß eines Kommiſſariats, eines Bagagetralns, der Feld⸗ ſluͤcke, eines Generalſtabs und alle der andern Noth⸗ wendigkeiten einer rezulaͤren Armee gefuͤhlt, deren man in dem ſchwierigen Lande der Vendéer, womit die Eingeborenen vertraut, und die Fremden unbe⸗ kannt waren, wohl entbehren konnte. Mit Einem Worte, eine Armee, die zur Zeit der Hoffnung und Aufreizung in einem Tage 30 bis 40,500 Mann be⸗ 45 tragen mochte, und am naͤchſten auf den zehnten Theil herabgebracht war, konnte vortrefflich ſeyn, um Schlachten zu ſchlaͤgen, aber ſie taugten nicht zu Eroberungen und zu einer erſchoͤpfenden Benutzung errungener Siege. Ein Mann, ſo bewandert in der Kriegskunſt, wie d'Elbée, einer der erſten Fuͤhrer der Vendéer, dachte freilich auf groͤßere Zwecke, als die bloße Vertheidigung ihrer Provinz. Eine herrliche Ausſicht eroͤffnete ſich ihnen durch den Entwurf eines Angriffs auf Nantes. Von der gluͤcklichen Ausfuͤhrung hieng vielleicht das Schickſal der Revolution ab. Dieſe ſchoͤne und wichtige Han⸗ delsſtadt liegt auf dem rechten Ufer der Loire, die hier ein herrlicher ſchiffbarer Fluß iſt, ungefaͤhr ſie⸗ benundzwanzig Meilen von ihrer Muͤndung. Sie hat durchaus keine regelmaͤßigen Feſtungswerke, aber eine Garniſon von ungefaͤhr 10,000 Mann, und war durch Werke, wie ſie in der Eile angelegt werden konnten, gedeckt. Die Vendéer, die den Angriff thun ſollten, waren von d'Elbée befehligt, und etwa 30— 40,000 Mann ſtark; auf dem linken Ufer der Loire war der Platz von einer ungefaͤhr gleich ſtarken Royaliſtenarmee unter Charette berennt. Waͤre der Angriff gelungen, ſo wuͤrde der Krieg vielleicht eine ganz andere Geſtalt genommen haben. Einer oder mehrere franzoͤſiſche Prinzen waͤren mit denjenigen Anhaͤngern gekommen, die ſie gerade unter den — 16 Waffen hatten. Aus England konnte Huͤlfe nach der Loire kommen, und durch einen ſo wichtigen Er⸗ folg waͤre die Unentſchloſſenheit des brittiſchen Ka⸗ binets endlich beſiegt worden. Die Bretagne und die Normandie, bereits ſehr der koͤniglichen Sache geneigt, wuͤrden auf eine ſolche Ermuthigung ſich in Maſſe gegen die Republikaner erhoben haben, und da die koͤnigliche und katholiſche Armee bereits Poiton und Anjou in Beſitz hatte, ſo haͤtte ſie wahrſcheinlich den Marſch nach Paris angetreten, das damals ohne⸗ hin durch innern und aͤußern Krieg zerruͤttet war. Indeſſen wurde*) General Canclaux, der in der Stadt den Befehl fuͤhrte, durch die aufſteigenden Raketten und durch den Schall unzaͤhliger Jagdhoͤr⸗ ner in Kenntniß geſetzt, daß er auf einen allgemeinen Angriff der Vendéer gefaßt ſeyn muͤſſe. Zum Gluͤck fuͤr die junge Republik war er ein Mann von mili⸗ taͤriſchen Kenntniſſen und hohem Muthe, und durch ſeine geſchickte Anwendung ſolcher Vertheidigungs⸗ mittel, wie ſie der Platz darbot, beſonders durch eine große Ueberlegenheit an Geſchuͤtz, wurde er in den Stand geſetzt, die Angriffe der Vendéer ab⸗ zuſchlagen, obgleich ſie in dem groͤßten Muthe bis in die Vorſtaͤdte eindrangen, und im Gefecht Mann gegen Mann die republikaniſchen Truppen angriffen. Sie wurden nach einem wuͤthenden Kampf, der von 32 Uhr ») Den 18. Junf 1793. 17 3 Uhr Morgens bis 4 Nachmitrags dauerte,*) zum Ruͤckzug gezwungen. Nach dem Mißlingen dieſes kuͤhnen und wohl⸗ berechneten Unternehmens ergaben ſich zu verſchie⸗ dener Zeit Gelegenheiten, wo die Alliirten und die engliſche Regierung insbeſondere der Vendée eine wichtige Halfe haͤtten leiſten koͤnnen. Die Inſel Noirmoutier war geraume Zeit im Beſitz der Roya⸗ liſten und man haͤtte ſie dort ſo viel es noͤthig war, mit Waffen und Geld unterſtuͤtzen koͤnnen. Huͤlfs⸗ truppen haͤtten wahrſcheinlich wenig geholfen, wenn man bedenkt, in welchem Land und mit welchen Ver⸗ buͤndeten ſie haͤtten gemeinſchaftlich operiren muͤſſen. Ein fremder Befehlshaber haͤtte weni ſtens die Ta⸗ lente eines Peterborough oder eines Montroſe be⸗ ſitzen muͤſſen, um von den Feſſeln der militaͤriſchen Pedanterie hinlanglich befreit zu ſeyn und den groͤß⸗ ten Vortheil von Truppen zu ziehen, die, wie die Vendéer, in ihrer Art unwiderſtehlich waren, aber *) Ein Gemälde von Vernet, das den Angrif auf Nantes darſtellt, und als Kunſtwerk ſchätzbar, en hiſtoriſcher Hin⸗ ſicht aber äußerſt merkwürdig iſt, befand ſich gewöhnlich im Pallaſt Luxenburg, und iſt wayrſcheinlichs jetzt im Louvre. Die Vendéer ſind hier dargeſtellt in der gaszen Einfachheit ihres Aufzugs und aller ihrer aufopfernden Tapferkeit; die Prieſter, die bei ihnen ſind, erheben die Kreuze, und ermuthigen zum Angriff, der auf der andern Seite durch die Zeordarte Feſtigkeit der repubtik niſchen Truppen zurück⸗ geſchlagen wird. 7 W. Scott's Werke. XXX. 2 18 den Forderungen eines bloßen Trillmeiſters nicht im mindeſten entſprachen. Aber es iſt jetzt wohlbekannt, daß in Beziehung auf die Fuͤhrung des Kriegs im brittiſchen Kabinet eine Spaltung Statt fand. Pitt war durchaus ab⸗ geneigt, ſich in die innern Angelegenheiten Frank⸗ reichs zu miſchen. Er wuͤnſchte die einſ ſo feſte, von Kaiſer Joſeph ſo thoͤrichterweiſe geoͤfft von Flandern durch die Siege der alltir wiederhergeſtellt, der laͤnderſuͤchtigen Krie Franzoſen ein Ziel geſezt zu ſehen; er daß ihrer Begierde, fuͤr die neuen Ideen, Kreuz⸗ zuͤge zu unternehmen, ein Damm euntgegengeſtellt, und einige Scritte zu einer regelmaͤßigen Regie⸗ rung gethan werden moͤchten. Auf der andern Seite faßte der ſchwaͤrmeriſche, ſcharfünn ge, aber etwas uͤberſpannte Windham die Meinungen Burkes in ihrer ganzen Ausdehnung auf, und empfahl Eng ſowohl als Europa, die Wiederherſtellung der Bou bonen mit der alten koͤniglichen Regierung und Kon⸗ ſtitution fuͤr den Hauptzweck zu erklaͤren, der durch den Krieg errelcht werden ſolle. Dieſe Verſchieden⸗ heit der Neigungen entzweite den brittiſchen ge⸗ heimen Rath ſo ſehr, daß(wie es ſich auswies we⸗ der fuͤr den einen noch fuͤr den andern Zwech hin⸗ reichende Anſtrengungen gemacht wurden. In der That, ſagt Madame La Roche⸗Jacauclin (die uͤbrigens, wie wir zu glauben geneigt ſind, in 3 — 19 4 dieſer Sache nicht gut berichtet iſt), die einzigen Depeſchen, die den Vendéern von dem brittiſchen Kabinet zugekommen waͤren, haͤtten eine Unbekannt⸗ ſchaft mit dem Zuſtand dieſes Landes verrathen, bei der Naͤhe von Jerſey und Quernſey doch elcht zu erforſchen ſeyn mußte. der koͤniglichen und katholiſchen Armee ihre erſte Mittheilung von Britannien inen royaliſtiſchen Emiſſaͤr, den Chavelier teniae, der dieſe in ſeinen Piſtolenpfroͤpfen ſie waren an ein vermeintliches Gaſt ddreſſirt, der kaum u Dokument Grundſaͤtze der Girondiſten? Fragen an Maͤnner, die ſeit ten als reine Royaliſten im vernuͤnftigerweiſe haͤtten Ruf von ihr durch ganz E h durften, daß ſie denjenigen wohl berannt ſeyen, die mit rung ſich im Krieg befanden. chen, aber auf eine allgemeine un Weiſe, und die Angben des Herrn 2. daß der Siegen herwarten ankreichs e wurde verſpro⸗ unbeſtimmte on Tintentac 2 20⁴ gaben keine beſſere Verſicherung, daß es damit ernſte⸗ lich gemeint ſey. Es kam auch vor der erſten Paci⸗ fication der Vendée gar keine Huͤlfe. Die ungluͤckliche Expedition von Quiberon, aufgeſchoben, bis die Sache des Koͤnigthums faſt hoffnungslos war, ward endlich unternommen, zu einer Zeit, wo ſie kaum etwas anderes bewirken konnte, als den Untergang von vielen tapfern und hochſinnigen Maͤnnern. Bei dem Ruͤckblick auf ein ſo zweifelhaftes Spiel iſt es indeſſen leicht, das Benehmen der Spieler zu ta⸗ deln; und vielleicht iſt im Krieg und in der Politik kein Fehlgriff ſo haͤufig, als der, den rechten Augen⸗ blick zur Ausfuͤhrung entſchluͤpfen zu laſſen. Den Franzoſen fallen aͤhnliche Fehler zur Laſt, obgleich ſie leichter die vortheilhafte Gelegenheit er⸗ greifen koͤnnen, als wir, denn ihre Regierung, die von jeher etwas despotiſch war, iſt ungehindert, auf eine kuͤhnere, geheimere und entſchiedenere Weiſe zu handeln, als die mehr an Formen gebun⸗ dene Regierung von England. Wenn das engliſche Kabinet die ihm durch den Aufſtand der Vendée gewordene Gelegenheit nicht recht zu benutzen wußte, ſo machten es die Franzoſen in Beziehung auf die irlaͤndiſche Revolution auch nicht beſſer; wenn wir die zu ſpaͤte und ungluͤckliche Expedition von Qui⸗ beron zu bedauern hatten, ſo mockhten ſie es hin⸗ wiederum auch bereuen, die Truppen, welche zu Caſtleharen nach der Pacifſcation Irlands landeten, 21 wie es ſcheinen koͤnnte, zu dem einzigen Zwecke weggeworfen zu haben, daß ſie zu Ballinamuck das Gewehr ſtrecken ſollten. Noch mehr zu verwur rn iſt es aber, daß ein Land, deſſen Geſinnungen ſo loyal und deſſen Lokal⸗ vortheile ſo groß waren, von den Royaliſten nicht. zum Mittelpunkt ihrer kontrerevolutionaͤren Be⸗ muͤhungen gemacht worden iſt, daß die ſchoͤne Armee unter Condé an der eiſernen Graͤnze des Oſtens, ſich abmuͤhte und ihr Blut vergebens an unbedeu⸗ tende Redouten und Feſtungen verſchwendete. Die Edlen Frankreichs waͤren, an der Seite der tapfern, von den gleichen Geſinnungen der Loyalitaͤt beſeelten Bauern der Vendèe, fechtend auf einer wuͤrdigeren Stelle geſtanden, als in den Soͤldnerreihen fremder Na⸗ tionen. Gewiß iſt, daß der verſtorbene Koͤnig Ludwig XVYIII. und ebenſo ſeine gegenwaͤrtige Majeſtaͤt iu der Vendée zu fechten wuͤnſchten. Der erſtere ſchrieb an den Herzog von Harcourt—„was bleibt mir uͤbrig, als die Vendée?— Wer kann mich dahin bringen?— England.— Beſtehen Sie auf dieſem Punkt, ſagen Sie den engliſchen Miniſtern in mei⸗ nem Namen, daß ich von ihnen eine Krone oder ein Grab verlange.“ Haͤtte man die ernſtliche Ab⸗ ſicht gehabt, dieſe ungluͤcklichen Prinzen zu unter⸗ ſtuͤten, ſo haͤtte man ihnen die Mittel zu dieſem Verſuche verſchaffen ſollen, und zwar nicht aͤngſtlich zugemeſſen. Englands Fehler waͤhrend der ganzen 22 fruͤhern Periode des Kriegs war der Widerwille, ſeine Anſtrengungen mit den beabſichtigten Zwecken in ein richtiges Verhaͤltniß zu bringen. Wenn wir die verſchledenen Zufaͤlle, welche die unerreichten Anſtrengungen der Vendéer haͤtten unter⸗ ſtuͤtzen koͤnnen, und den edlen, tugendhaften und un⸗ eigennuͤtzigen Karakter dieſer alterthuͤmlichen Krieger in Erwaͤgung ziehen, ſo gehen wir nur mit ſchweren Herzen an das traurige Geſchaͤft, die Vernichtung derſelben durch die blutigſten Boͤſewichter der Schre⸗ ckenszeit zu beſchreiben. Doch der Gang der Vor⸗ ſehung hat ſich nach kurzer Zeit, ſelbſt in unſern ſchwachen und kurzſichtigen Augen gerechtfertigt. Wir wuͤrden es gewiß mit jenem Hochgefuͤhl, das die Befriedigung einer gerechten Rache gewaͤhrt, ver⸗ nommen haben, daß es dem edlen La Charette oder La Roche⸗Jacquelin und ihren wackern Anhaͤngern gelungen ſey, nach Paris zu kommen, und dort durch die Vertilgung der Ungeheuer, die großes Unheil uͤber Frankreich gebracht hatten, ihr glor⸗ reiches Werk zu kroͤnen. Aber eine ſolche Reaktion, nur zur Wiederherſtellung der alten despotiſchen Mo⸗ narchie vollbracht, haͤtte Frankreich und Europa den Frieden nicht geben koͤnnen, und nur den Grund zu ferneren und laͤnger dauernden Kaͤmpfen gelegt. Die Flamme der Freiheit hatte ſich in Frankreich zu weit verbreitet, um noch erſtickt werden zu koͤnnen durch einen ſolchen Triumph des Koͤnigthums, wie rein die 23 Grundſäßze und wie groß der Muth der Vendeer auch ſeyn mochte. Die Nation mußte durch die beiden Er⸗ treme einer zuͤgelloſen Anarchie, und des ſtarrſten Despotismus hindurch gehen, wenn die Hoffnungen der ſtreitenden Partheien auf eine Regierungsſorm haften ſollten, worin die beſchraͤnkte Gewalt des Monarchen mit der vernuͤnftigen Freiheit des Unter⸗ thanen verbunden iſt. Wir kehren zu unſerer trau⸗ rigen Aufgabe zuruͤck. DObgleich die Republikaner den Krieg wie Hunnen fuͤhrten, in der eingeſtandenen Abſicht/ die Vendée zu einer unwirthſamen Wuͤſte zu machen, ſchien doch der Muth und ſelbſt die Zahl der Bewohner mit der ſteigenden Gefahr zu wachſen. Neue Armeen wurden in die dem Verderben geweihten Diſtrikte geſandt, und nach einander in Stuͤrmen, Schar⸗ muͤtzeln und Hinterhalten, oder in allgemeinen Ge⸗ fechten aufgerleben. Mehr als hunderttauſend Mann waren zu gleicher Zeit mit der unterjochung dieſer ungluͤcklichen Provinz beſchaͤftigt. Aber dieß konnte nicht immer ſo bleiben, ein Kriegsereigniß an der Graͤnze, das dem Konvent Ungluͤck drohte, gewaͤhrte demſelben hinwiederum den Vortheil, neue Streit⸗ kraͤfte von beſſerem Gehalt und beſſerer Kriegszucht zur Unterjochung der Vendée verwenden zu koͤnnen. Die Uebergabe von Mainz an die Preußen iſt hier gemeint. Durch die Kapitulation war eine Garniſon von beinahe 15,000 erfahrnen Soldaten — — 24 verhindert, gegen die Alliirten wieder die Waffen zu tragen. Dieſe Truppen wurden in der Vendée gebraucht, wo das Gluͤck ſich bereits gegen die uner⸗ ſchrockenen und ſtandhaften Inſurgenten zu erklaͤren begann. In den Gefechten zogen die Mainzer Sol⸗ daten, noch unbekannt mit der Fechtart der Vendéer, den Kuͤrzern und wurden von den Royaliſten deßhalb gering geſchaͤtzt.*) Sie aͤnderten aber dieſe Meinung bald, zufolge einer Niederlage bei Chollet, bei wei⸗ tem der ſchrecklichſten, welche die Vendéer je er⸗ litten hatten, und wodurch ihre Anfuͤhrer beſtimmt wurden, mit ihrer ganzen geſammelten Macht uͤber die Loire zu gehen, ihr geliebtes Le Bocage dem Beil und Feuerbrand der Sieger zu uͤberlaſſen, und den Krieg nach der Bretagne zu ſpielen, wo ſie ent⸗ weder durch eine Landung der Englaͤnder oder durch einen allgemeinen Aufſtand der Einwohner unter⸗ ſtuͤzt zu werden hofften. Auf dieſen militaͤriſchen Auswanderungen waren die Royaliſten von ihren Greiſen, Weibern und Kin⸗ dern begleitet, ſo daß dieſer traurige Zug dem der Eimbern und Helvetier in der Vorzeit glich, als ſie ihre alten Wohnſitze verließen, und fortwanderten, um neue Niederlaſſungen in einem fruchtbarern Lande *) Sie übten ihren Witz, an dem Wort Mayence(Mainz), indem ſie ſagten, die neuangekommenen Republikaner ſeyen Soldaten von Fayence(feine Tönferwaare), und könnten das Feuer nicht aushalten. 25 zu ſuchen. Sie gingen bei Saint Florent uͤber den Fluß, deſſen Ufer mit faſt 100,000 Pilgrimmen jedes Alters und Geſchlechts bedeckt waren. Sie hatten den breiten Strom vor ſich und hinter ſich ihre auf⸗ lodernden Huͤtten und das Vertilgungsſchwert der Republikaner. Es waren nur wenige ſchlechte Fahr⸗ zeuge zum Ueberſetzen vorhanden; der Schrecken der Weiber und die ganze Szene war ſo furchtbarer Art, daß die Zeugen dieſelbe nur mit dem letzten Ge⸗ richtstage vergleichen konnten. Ohne Lebensmittel, ohne Leitung, ohne Organiſation irgend einer Art, mit keiner andern bewaffneten Macht, als derjeni⸗ gen, die den Vortrab und Nachtrab des großen wehr⸗ loſen Haufens, der in der Mitte zog, ſchlugen dieſe unbeuge nen Bauern die republikaniſche Armee unter den War von Laval aufs Haupt. Die Garniſon von Mainz, deren Ankunft in der Vendée den Inſurgenten ſo ververblich war, und welche dieſelbe in voͤlliger Flucht aus ihrem eigenen Lande uͤber die Loire getrieben hatte, ward durch dieſe hoͤchſt unerwartete Niederlage faſt ganz aufgerieben. Ein ungluͤcklicher Angriff auf Granville wog aber dieſen Vortheil nur allzuſehr auf, und obgleich die Vendéer nachher einen glaͤnzenden Sieg zu Dol erfochten, ſo war dies doch der letzte Erfolg der ſogenannten großen Armee der Vendoée, die dieſen Namen noch in anderer, als in der gewoͤhnlichen Bedeutung des Wortes ver⸗ diente, Sie hatten nun durch die Wechſelfalle des 26 Kriegs ihre meiſten und beſten Fuͤhrer verloren; das Ungluͤck und die dadurch aufgereizten Gefuͤhle, hat⸗ ten Uneinigkeit unter ſie gebracht, von der dieſe ſonderbare Vereinignng lange nichts wußte. Von Charette glaubte man, er ſey wenig geneigt, La Roche⸗Jacquelin Huͤlfe zu leiſten, und Stoflet ſcheint gewiſſermaßen die Fahne der Unabhaͤngigkeit auf⸗ gepflanzt zu haben. Die Infurgenten erlitten eine Niederlage bei Mons, wobei drei bekannte re⸗ publikaniſche Generale, Weſtermann, Marceau und Kleber, der erſte ſich durch wilde Grauſamkeit entehrte, und die beiden andern durch ihre Milde ſich großen Ruhm erwarben. 15,000 Vendéer Maͤnner und Wei⸗ ber, kamen im Gefechte und in dem darauf erfolg⸗ ten Gemetzel um.— Obgleich man aber nach dieſem entſcheidenden Verluſt, der einige ihrer beſten Truppen und tapfer⸗ ſten Generale hinraffte, von der Vendée kaum noch ſagen konnte, ſie exiſtire, ſo fuhr doch La Charette mit unermuͤdlicher Thaͤtigkeit und ungebeugtem Muthe fort, den Aufſtand von Nieder⸗Poitou und der Bre⸗ tagne zu unterhalten. Ihm folgte eine Anzahl Bau⸗ ern aus Le Marais, deren Behendigkeit in ſumpflt⸗ gen Gegenden ihnen den gleichen Vortheil gab, den die Vendéer in ihrem Waldlande beſaßen. Auch folgten ihm die Einwohner von Morbihan, welches wegen ſeiner Anhaͤnglichkeit an die Sache des Koͤnigs die kleine Vendée genannt wurde. Er war uͤberdies 27 das Haupt vieler Banden von Chouans, die ihren Namen, ſo zweifelhaften Urſprungs derſelbe iſt, durch ihren Muth beruͤhmt gemacht haben.*) Mit dieſen und andern Truppen fuhr La Charette fort, die Fahne des Koͤnigthums in der Bretagne und in Poiton aufrecht zu erhalten. Er war einer der außerordentlichen Karaktere, die dazu gemacht ſind, mitten unter Schwierigkoiten und Gefahren zu glaͤn⸗ zen. Eben ſo klug und vorſichtig, als muthig und unternehmend war er zu gleicher Zeit ſo raſch und ſchnell in ſeinen Bewegungen, daß er gewoͤhnlich zu einer Zeit und an einem Orte erſchien, wo ſeine Gegenwart am unerwartetſten und fuͤrchterlichſten war. Ein republikaniſcher Offizier, der ſo eben von einem Dorfe Beſitz genommen hatte, und von dem royaliſtiſchen Fuͤhrer als von einer zwanzig Meilen entfernten Perſon ſprach, ſagte oͤffentlich,—„Ich moͤchte doch dieſen beruͤhmten Charette ſehen.“— „Dort iſt er!“ ſagte ein Weib, und wies mit ihrem Finger auf ihn. In der That griff er in dieſem Augenblick die republikaniſchen Truppen an, welche alle getoͤdtet oder zu Gefangenen gemacht wurden. *) Nach Einigen kommt dieſer Namen von Chat huant, weil die Inſurgenten, wie die Eulen, meiſtens zur Nachtzeit erſchienen, nach Andern von Chouin, dem Namen zweier Brüder, welche die erſten Führer der bretagniſchen In⸗ ſurgenten geweſen ſeyn ſollen.— 28 Nach dem Fall Robespierre's machte der Konvent La Charetteen Friedeusantraͤge, welche zwiſchen dem Vendée⸗Fuͤhrer und dem General Canclaux, dem heldenmuͤthigen Vertheidiger von Nantes, ins Reine gebracht wurden. Die unterzeichnung des Vertrags geſchah in dieſer Stadt, wo La Charette an der Spitze ſeines Generalſtabs, mit einer hochwallenden weißen Feder auf dem Hute, einzog. Er hoͤrte gleich⸗ guͤltig und kalt den Ruf, mit dem er in der Stadt, die ſo lang vor ihm gezittert hatte, begruͤßt wurde, ſeine Stirne war finſter, als er ſeinen Namen unter⸗ zeichnete. Ihm war die Treue derer, mit denen er zu thun hatte, gewiß verdaͤchtig, und dieſe trauten auch hinwiederum ihm nicht. Man kam uͤber einen Waffenſtillſtand uͤberein, bis der Konvent den Frie⸗ den ratificirt haben wuͤrde. Aber es kam nicht dazu, Gegenſeitige Klagen und Beſchuldigungen folgten, und die Soldaten von La Charette und der Republik. fuͤhrten wieder den kleinen Krieg gegen eknander. Unterdeſſen hatte in dem brittiſchen Kabinet dies jenige Parthei, die eine Landung in Frankkeich im Namen und zu Gunſten des Thronfolgers wollte, die Einwilligung ihrer Kollegen zu einem Verſuche der Art erhalten, der aber ungluͤcklicherweiſe ſo lange hinausgeſchoben wurde, daß er ſchlechterdings nicht mehr gelingen konnte. Auch war die zu dieſer Ope⸗ ration beſtimmte Streitmacht nicht gehoͤrig gewaͤhlt. Ein Theil beſtand gus Emigranten, auf die man 29 mit Recht das groͤßte Vertrauen ſetzen kon. te; aber ungefaͤhr zwei Bataillons waren aus fremden Land⸗ ſtreichern zuſammengeſezt und groͤßtentheils aus den Kriegsgefangenen gezogen, die ſich zwar Alles ge⸗ fallen ließen, nur um aus der Gefangenſchaft zu kommen, aber zum voraus entſchloſſen waren, ihre eingegangene Verbindlichkeit bei der erſten Gelegen⸗ heit zu brechen. Abgeſehen von dleſen Unklugheiten war der Zweck des Entwurfs und die Zeit der Aus⸗ fuͤhrung, die, um zu gelingen, geheim und ploͤtlich haͤtte ſeyn muͤſſen, allgemein in Frankreich und Eng⸗ land bekannt, ehe die Expedition die Anker lichtete. Der Ausgang war, wie allgemein bekannt, hoͤchſt ungluͤcklich: die Lohnſoldaten gingen zu den Repu⸗ blikanern uͤber, ſobald ſie das Ufer betreten hatten, und die ungluͤcklichen Emigrauten, die groͤßtentheils in Gefangenſchaft geriethen, wurden ſofort verur⸗ theilt und ohne Erbarmen hingerichtet. Die Muni⸗ tion und die Musketen wurden, ſoviel davon aus⸗ geſchifft war, eine Beute des Feindes. Dies war noch nicht das ſchlimmſte: England konnte hie⸗ bei ſeine Ehre nicht ganz retten. Es wurde beſchul⸗ digt, ſeine Alliirten aufgeopfert zu haben, da es doch nur den bis zur Hoffnung geſteigerten Wuͤnſchen muthvoller und hochherziger Maͤnner nachgegeben hat. Nichts iſt in der That ſchwieriger, als das rechte Maß zu beſtimmen, in welchem irgend eine 30 Nation Auer der Partheien, in die eine andere fremde Nation zerfallen iſt, Unterſtuͤtzung gewaͤhren kann. In der That kein halber Erfolg,— voll⸗ ſtaͤndiger Erfolg nur rechtfertigt ſolche Unternehmun⸗ gen in den Augen mancher Menſchen, welche im Falle des Mißlingens ſagen, die Leute ſeyen in Gefahren verwikelt und nicht hinreichend unterſtuͤzt worden; Andere aber verwerfen ſolche Maßregeln als eine Verſchwendung der oͤffentlichen Gelder, fuͤr Zwecke, die man gar nicht haͤtte beguͤnſtigen ſollen. Aber mit Unbefangenheit betrachtet, iſt doch die Expe⸗ dition von Quiberon nicht ſchlechthin zu tadeln, noch — wenn man von der Beſchaffenheit eines Theils der Truppen abſieht,— fuͤr den vorgehabten Zweck ſchlecht berechnet. Waͤren ſolche Verſtaͤrkungen und Unterſtuͤtzungen zu der Zeit angelangt, als die Ro⸗ yaliſten Nantes oder als ſie noch im Beſitz der Inſel Noirmoutier waren, ſo wuͤrde die koͤnigliche Sache unendlich dadurch gewonnen haben. Aber die Unter⸗ nehmung geſchah zur unrechten Zeit, und dieß war groͤßtentheils die Schuld jener ungluͤcklichen Edelleute, die der Unthaͤtigkeit uͤberdruͤſſig und ſanguiniſh, wie ſie waren, das brittiſche Miniſterium, oder vielmehr Herrn Windham, beſtuͤrmten, ſeine Genehmigung zu dem Verſuche zu geben, ohne dabei etwas meyr noch, als ihren Eifer und Muth in Erwaͤgug zu ziehen. Damit wollen wir jedoch keineswegs behaup⸗ ten, daß die Ungeduld dieſer Maͤnner die Miniſter, 31 die nach unvollſtaͤndigen Nachrichten gehandelt haben, diesfalls von aller Verantwortlichkeit frei ſprechen. Es konnte ſo ſchwer nicht ſeyn, uͤber Jerſey hinrei⸗ chende Erkundigungen hinſichtlich des Standes der Dinge in der Bretagne einzuziehen, und die Mini⸗ ſter haͤtten wiſſen ſollen, daß eine bedeutende fran⸗ Soſiſche Streitmacht aus verſchiedenen Garniſonen zu⸗ ſammengezogen war, um eine Landung bei Quiberon zu verhindern.*) Nach dieſem ungluͤcklichen Vorfalle und einigen ſpaͤtern vergeblichen Verfuchen, Huͤlfe aus England zu ziehen, ſezte La Charette den offenen Krieg fort. Aber Hoche, ein Offizier von großem Rufe, wurde nun in die inſurgirten Bezirke geſchickt, mit einer groͤßeren Armee, als man bis jetzt gegen ſie an⸗ und müſſen dem Nationalgefühle vieltes nach es ein wenig hart, wenn ein woylunterrich reiber, wie Lacretelle, gegen die engtiſche ſerpere Beſchuldigung ausſpricht, daß ſte Royaliſten auf die Küſte von Quiberon dbe, um der künftigen Laſt ihres Unterhalts zu toehen. Jure Freigrbigkeit gegen die Ausgewanderten, verdienſtlich und ehrenvol für das Land, war gauz frei Lig. Sie hätte ein Geſchenk des Wohlwonens auch wie⸗ der entziehen können, wenn es ihr beliebt hätte, jedoch iſt es zu hart, wenn man ſie für fähig hält, auf deren Verulgung zu 1 nen, zur um ſich eine Ausgabe zu er⸗ Ledſion war zin teanhräße aber die un geworfen ha 9* nle gierung in Ir eihann zu führen. 32 gewendet hatte. Er wurde auf dieſe Weiſe in Stand geſetzt, mobile Kolonnen zu bilden, die in Ueberein⸗ ſtimmung handelten, einander bei einem Unfall unterſtuͤtzten, oder den von einem Theil erfochtenen Sieg vollendeten. La Charette wurde, nachdem ſeine Bande faſt ganz aufgerieben war, ſelbſt gefangen. Da er verurtheilt wurde, erſchoſſen zu werden, wollte er ſich die Augen nicht verbinden laſſen, und ſtarb ſo muthiy, wie er gelebt hatte. Mit ihm und Stoflet, der dieſelbe Strafe litt, war der Vendéekrieg be⸗ endigt. Die Darſtellung der Begebenheiten dieſes merk⸗ wuͤrdigen Kriegs hat, ſo fluͤchtig ſie auch iſt, uns doch uͤber unſer Ziel hinausgefuͤhrt. Er brach aus im Anfang Maͤrz 1793, und La Charette's Hinrich⸗ tung, womit er endigte, fand Statt zu Nantes am 9. Maͤrz 1796. Was bei der Sache Erſtaunen er⸗ regt, iſt, daß ein ſo großer Brand ſich nicht uͤber einen gewiſſen beſchraͤnkten Bezirk hinausverbreitete, waͤhrend er innerhalb deſſelben mit ſolcher Wuth tobte, daß lange Zeit kein Mittel zefmmden werden konnte, ihn zu daͤmpfen. Wir kommen jetzt auf den Zuſtand Frankreichs im Fruͤhjahr 1793 zuruͤck, wo die Jakobiner, die jetzt am Ruder ſtanden, die Nachricht erhielten, daß ſie nicht blos mit den alllirten Truppen an zwei Graͤnzen Frankreichs, und mit den Royaliſten im Woſten⸗ 33 Weſten, ſondern auch mit mehr als einer der großen Handelsſtaͤdte zu kaͤmpfen haͤtten, welche, weniger aus Neigung fuͤr die Sache des Monarchen, als aus allgemeinem Schrecken uͤber die revolutionaͤren Maß⸗ regeln, ſich nach der Aechtung der Girondiſten am 31. Mai zum Widerſtand bereiteten. Bordeaux, Marſeille, Toulon und Lyon hatten ſich gegen die Regierung der Jakobiner erklaͤrt. Dieſe Staͤdte ſind reich durch den Handel und ihre Lage an der See, oder, wie Lyon, durch die Beherrſchung der innern Schifffahrt. Die beguͤterten Kaufleute und Fabrikanten in denſelben ſahen die voͤllige Un⸗ ſicherheit des Eigenthums und in Folge derſelben ihren eigenen Untergang in dem willkuͤhrlichſten Raub⸗ und Mordſyſteme, worauf die Herrſchaft der Jako⸗ biner beruhte. Das Eigenthum aber, fuͤr das ſie beſorgt waren, das, zur rechten Zeit gebraucht, der beſte Schutz gegen eine Revolution iſt, wird, wenn man dieſe Zeit verſaͤumt, die rettungsloſe Beute derſelben. Wenn die Reichen zu rechter Zeit von ihren Mitteln Gebrauch zu machen wiſſen, ſo ſteht es in ihrer Macht, diejenigen unter den niedern Klaſſen auf ihre Seite zu ziehen, und zu Beſchuͤtzern ihres Eigenthums zu machen, die, ſobald ſie die uͤber ihnen Stehenden niederſchlagen und in Ver⸗ zweiflung ſehen, geneigt ſind, das Elgenthum der⸗ ſelben als gute Beute zu betrachten. Dies Mittel W. Scott's Wertr. XXX. 5 34 aber muß, wie geſagt, zur rechten Zeit gebraucht werden.. Wir haben bereits geſehen, daß Bordeaur, auf deſſen reinen republikaniſchen, dem Koͤnigthum und der jakobiniſchen Herrſchaft gleichgeneigten Eifer die Briſſotiner oder Girondiſten ihre Hoffnung zu ſetzen gewagt hatten, aber gar ſehr getaͤuſcht worden ſind, mit geringem Kampf ſeinen trotzigen Siegern er⸗ legen war. Marſeille zeigte mit ſeinem guten Willen zugleich die Unmacht ſeiner Mittel. Die ,aͤußerſten Anſtrengun⸗ gen dieſer reichen Stadt, deren revolutionaͤren Ban⸗ den beim Angriff auf die Tulllerien ſo viel zum Sturz der Monarchie beigetragen hatten, vermochten kaum eine ſchwache und unzuverlaͤſſige Armee von unge⸗ faͤhr 3000 Mann aufzubringen, welche Lyon zu Huͤlfe geſchickt wurde. Dieſe ſchwache Mannſchaft warf ſich nach Aoignon, und wurde mit großer Leichtig⸗ keit von dem republikaniſchen General Cartaux ge⸗ ſchlagen, der als Offizter veraͤchtlich war, und deſſen Truppen nicht ein einziges égaillement der Vendéer Scharfſchuͤtzen ausgehalten haben wuͤrden. Marſeille empfing die Sieger, und beugte ſein Haupt unter die folgenden Graͤuel, die es dem General Cortoux und den zwei wuͤthenden Jakobinern, Barras und Freron, in dieſer bluͤhenden Stadt auszuuben be⸗ liebte. Der Ort erfuhr die gewoͤhnlichen Schrecken einer jakobiniſchen Reinigung, und wurde eine Zeit⸗ 35 lang befliſſentlich die„namenloſe Gemeinde“ ge⸗ nannt. 3 Lyon wehrte ſich beſſer. Dieſe edle Stadt hatte eine Zeitlang ſich unter das Joch Chalier's, einer der wuͤthendſten, und zugleich albernſten Jakobiner, ge⸗ beugt. Er ſtand an der Spitze eines furchtbaren Klubbs, der ſeiner Muttergeſellſchaft wuͤrdig, und begierig war, in ihre Fußſtapfen zu treten; auch war er unterſtuͤtzt durch eine Garniſon von zwei re⸗ volutionaͤren Regimentern, außer einer zahlreichen Artillerie und einer großen Menge Freiwilliger, die in Allem auf ungefaͤhr 10,000 Mann ſtiegen, und eine ſogenannte revolutionaͤre Arme bildeten. Dieſer Chalier war ein abtruͤnniger Prieſter, ein Atheiſt und vollendeter Schuͤler des Schreckens. Er war zum Prokurator des Gemeinderaths erwaͤhlt worden, und hatte den reichen Buͤrgern eine Tare aufgelegt, die von 6 auf 30 Millionen Livres erhoͤht wurde. Aber er wollte eben ſowohl Blut als Gold. Die Hin⸗ metzelung von einigen wenigen im Fort Pierre Seize verhafteten Geiſtlichen und Artſtokraten war nur ein rmſeliges Opfer, und Chalier, voll Ehrgeiz, ent⸗ ſcheidendere Thaten zu thun, befahl eine allgemeine Verhaftung von hundert der vornehmſten Buͤrger, die er zu einer Hekatombe beſtimmte, die des Daͤ⸗ mons, dem er diente, wuͤrdiger waͤre. Dies Opfer wurde durch den Muth der Lyoner 3.. verhindert,— einen Muth, der, wenn ihn die Pariſer gehabt haͤtten, den meiſten Graͤueln, welche die Revolution entehren, vorgebeugt haben wuͤrde. Das beabſichtigte Blutbad war durch Chalier bereits dem Jakobinerklubb angekuͤndigt.„Z0o Koͤpfe,“ ſagte er,„ſind zum Tod beſtimmt. Laßt uns keine Zeit verlieren, um uns der Mitglieder des Depar⸗ tementalraths, der Praͤſidenten und Sekretaͤre der Sektionen und aller der Lokalobrigkeiten zu bemaͤch⸗ tigen, die unſeren revolutionaͤren Maßregeln im Wege ſtehn. Laßt uns aus dem Ganzen ein Buͤn⸗ del machen, und mit einemmale der Gulllotine uͤberliefern.“ Ehe er aber ſeine Drohung ausfuͤhren konnte, war der Schrecken erwacht zu dem Muthe der Ver⸗ zweiflung. Die Buͤrger griffen zu den Waffen, und berennten das Hotel de Ville, wo Chalier mit ſeinen revolutionaͤren Truppen einen verzweifelten Wider⸗ ſtand leiſtete, der eine Zeit lang gluͤcklich, endlich aber doch vergeblich war.*) Aber die Lyoner wußten ungluͤcklicherweiſe ihren Sieg nicht zu benuͤtzen. Sie kannten nicht genugſam die Art der Rache, die ſie gegen ſich aufgerufen, ſahen auch nicht die Noth⸗ wendigkeit ein, den kuͤhnen Schritt, den ſie gethan, durch Maßregeln zu unterſtuͤtzen, die jede Ueber⸗ einkunft ausſchloſſen. Ihr Widerſtand gegen die *) Den 29. Mai 1793. 1 8 37 Gewaltthaͤtigkeit und Grauſamkeit der Jakobiner hatte keinen politiſchen Karakter, ſo wenig, als der, den ein Reiſender den Naͤubern entgegenſetzt, die ihn mit Pluͤnderung und Mord bedrohen. Sie be⸗ dachten nicht hinlaͤnglich, daß nothwendigerweiſe noch mehr geſchehen muͤſſe, da ſo viel geſchehen war. Sie haͤtten ſich als Royaliſten erklaͤren, und dadurch die ſavoiſchen Truppen, wenn auch nicht die Schwei⸗ zer, die eine Art von Neutralitaͤt ergriffen hatten, die ſeit dem 10. Auguſt ihrem alten Rufe nicht ſehr ehrenvoll war, zu bewegen ſuchen muͤſſen, in aller Eile einer Stadt zu Huͤlfe zu kommen, die keine Feſtungswerke oder regulaͤre Truppen zur Verthei⸗ digung hatte, aber doch Schaͤtze beſaß, um ihre Huͤlfsvoͤlker zu bezahlen, und ſtarke Haͤnde und ge⸗ ſchickte Offiziere, um von ihrer oͤrtlichen Lage Vor⸗ theil zu ziehen, der, recht benutzt, manchmal ſo furchtbar iſt, als der, welchen kuͤnſtliche, von ge⸗ lehrten Ingenieurs aufgefuͤhrte Werke gewaͤhren. Die Lyoner bemuͤhten ſich vergebens, ein re⸗ volutionaͤres Gepraͤge nach dem Syſtem der Gironde beizubehalten; zwei von den geaͤchteten Girondiſten verſuchten es, ſie fuͤr ihre unpopulaͤre und hoffnungs⸗ loſe Sache zu gewinnen, und ſo hofften ſie inkon⸗ ſequenterweiſe Schutz von einem angenommenen re⸗ publikaniſchen Eifer, waͤhrend ſie den Dekreten der Jakobiner Widerſtand leiſteten, und ihre Truppen ſchlugen. Unter den Inſurgenten befanden ſich ohne 38 Zweifel viele royaliſtiſch Geſinnte und einige von ihren Fuͤhrern waren auch entſchiedene Royaliſten, aber weder ihre Zahl noch ihr Einfluß reichte hin, den wahren Grundſatz eines offenen Widerſtandes aufzuſtellen, um die lezte Moͤglichkeit der Rettung durch eine kuͤhne Erklaͤrung fuͤr die Sache des Koͤnigs zu verſuchen. Noch immer appellirten ſie an den Konvent, als an ihren geſetzmaͤßigen Herrſcher, in deſſen Augen ſie ſich zu rechtfertigen und zu gleicher Zeit der Fuͤrſprache zweier jakobiniſchen Deputirten, welche jede von Chalier unternommene Gewaltthat unterſtuͤtzt hatten, zu verſichern ſuchten, um ſie zu vermoͤgen, ihr Benehmen guͤnſtig darzuſtellen. Na⸗ tuͤrlicherweiſe erhielten ſie von dieſen, den Herrn Gauthier und Nioche, hinreichend Verſprechungen, weil ſie noch in ihrer Gewalt waren,— Ver⸗ ſprechungen, die ohne Zweifel um ſo williger ge⸗ geben wurden, da die Lyoner,— obgleich ſie noch immer die Gunſt des Konvents zu erwerben ſuchten, — doch keinen Anſtand nahmen, den Jakobiner Chalier zu beſtrafen. Er wurde verurtheilt, und zugleich mit einem ſeiner Hauptgenoſſen, Namens Reard, hingerichtet. Um dies kraͤftige Verfahren zu vertheidigen, ſtellten ſich die ungluͤcklichen Inſurgenten unter die einſtweilige Regierung eines Raths, der ſich, da er noch immer zu zaudern und den revolutionaͤren Ka⸗ rakter zu behaupten wuͤnſchte, den republikaniſchen 39 Volksausſchuß der oͤffentlichen Sicherheit in dem Departement der Rhone und Loire nannte,— ein Titel, der keinen Volksenthuſiasmus erregte, keine fremde Huͤlfe herbeizog, und keineswegs den Un⸗ willen des Konvents beſaͤnftigte, ſondern vielmehr erhoͤhte, da er jetzt unter der unumſchraͤnkten Herr⸗ ſchaft der Jakobiner war, welche die geringſte Ab⸗ neigung gegen eine vollſtaͤndige Verbruͤderung als anmaßenden Trotz anſahen. Es war ihre Politik, alle, die nicht mit ihnen waren, fuͤr ihre entſchie⸗ denſten Feinde zu halten. Die Lyoner hatten zwar ermuthigende Briefe und Zuſagen von Huͤlfe aus mehreren Departements erhalten, aber keine wirkliche Unterſtuͤtzung wurde jemals nach ihrer Stadt abgeſandt, außer der klei⸗ nen Verſtaͤrkung von Marſeille, welche, wie wir ge⸗ ſehen haben, von dem jakobiniſchen General Cartaux abgeſchnitten, und mit geringer Muͤhe zerſprengt worden war. Lyon hatte gehofft, das Haupt und der Mittel⸗ punkt einer antijakobiniſchen, aus den großen Han⸗ delsſtaͤdten gebildeten, gegen Paris und die herr⸗ ſchende Parthei des Konvents gerichteten Verbin⸗ dung zu werden. Dieſe Stadt blieb iſolirt, ununter⸗ ſtuͤtzt, und ihren eigenen Kraͤften und Vertheidigungs⸗ mitteln uͤberlaſſen, um ſich einer Armee von 60,000 Mann und den zahlreichen, in ihren eigenen Mauern befindlichen, Jakobinern zu widerſetzen. Gegen Ende 40 Julis nach Verfluß von zwei Monaten wurde die Stadt regelmaͤßig eingeſchloſſen; und in der erſten Woche des Auguſts begannen die Feindſeligkeiten. Die Belagerungsarmee ſtand in militaͤriſcher Hinſicht unter dem Befehle des Generals Kellermann, der nebſt andern ausgezeichneten Kriegern jetzt in den republika⸗ niſchen Armeen ſich zu einer hohen Stufe aufzuſchwingen begann. Wegen der Rache aber, nach der ſie duͤr⸗ ſteten, verließen ſich die Jakobiner hauptſaͤchlich auf den Eifer der Deputirten, welche ſie mit dem Ober⸗ general abgeſchickt hatten, und namentlich auf den Repraͤſentanten Dubois Crancé, einen Mann, deſſen einziges Verdienſt ſein wahnſinniger Jakobinismus geweſen zu ſeyn ſcheint. General Precy, fruͤher Offizier in koͤniglichen Dienſten, uͤbernahm die faſt hoffnungsloſe Vertheidigung, ließ Redouten auf den Hauptpunkten um die Stadt her aufwerfen, und be⸗ gann einen Widerſtand gegen die unermeßlich uͤber⸗ legene Macht der Belagerer, der zwar ehrenroll, aber erfolglos war. Die Lyoner bemuͤhten ſich zu gleicher Zeit, mit der Belagerungsarmee ſich zu befreunden, indem ſie ſich als eifrige Republikaner zeigten. Sie feierten als ein oͤffentliches Feſt den Jahrstag des 10. Auguſt; aber Dubois Crancé be⸗ ſtimmte, um ihnen zu zeigen, was er von ihrem republikaniſchen Eifer halte, denſelben Tag zum An⸗ fang des Bombardements, und ließ die erſte Kanone von ſeiner eigenen Beiſchlaͤferin, einem Frauenzimmer 3 69 41 aus Lyon, abfeuern. Bomben und gluͤhende Kugeln wurden gegen die zweite Stadt des franzoͤſtſchen Reichs geſchleudert, waͤhrend die Belagerten den Angriff mit einer Standhaftigkeit aushielten und auf manchen Punkten mit einem Muthe zuruͤckſchlu⸗ gen, der ihrem Karakter ſehr zur Ehre gereicht. Aber ihr Schickſal war beſtimmt. Die Deputir⸗ ten verkuͤndigten dem Konvent, daß ihre Abſicht ſey, die Zerſtoͤrungswerkzeuge gegen jeden Theil der Stadt zugleich zu richten, und wenn ſie an verſchiedenen Orten in Feuer ſtehe, einen allgemeinen Sturm zu wagen.„Die Stadt,“ ſagten ſie,„muß ſich er⸗ geben, oder es ſoll kein Stein auf dem andern blei⸗ ben; und dies hoffen wir zu erfuͤllen, trotz den Ein⸗ fluͤſterungen eines falſchen Mitleidens. Verwundert euch alſo nicht, wenn ihr hoͤrt, daß Lyon nicht mehr iſt.“ Die Wuth des Angriffs drohte dieſe Ver⸗ ſprechungen wahr zu machen. Unterdeſſen machten die piemonteſiſchen Truppen Anſtalt, von ihren Bergen herab der Stadt zu Huͤlfe zu kommen; und ihre Dazwiſchenkunft wuͤrde wahr⸗ ſcheinlich dem Aufſtand einen royaliſtiſchen Karakter gegeben haben. Aber der Einfall der Piemonteſer und Sardinier wurde ſchnell durch Kellermanns Ge⸗ ſchicklichkeit zuruͤckgewieſen, und hatte fuͤr Lyon keine andere Wirkung, als daß er den Muth ſeiner Ver⸗ theidiger einige Zeit aufrecht erhielt. Die Leiden der Buͤrger wurden unertraͤglich. Mehrere Stadt⸗ 4² viertel ſtanden zu gleicher Zeit in Flammen, unge⸗ heure Magazine brannten nieder, und ein zweitaͤ⸗ giges Bombardement verurſachte einen Verluſt, der auf 200 Millionen Livres geſchaͤtzt wurde. Eine ſchwarze Fahne wurde von den Belagerten auf dem großen Hoſpitale aufgezogen, zum Zeichen, daß das Feuer der Belagerer nicht gegen dieſen Zufluchtsort eines hoffnungsloſen Elends gerichtet werden moͤge. Das Signal ſchien nur da, um die republikaniſchen Bomben auf die Stelle hinzuziehen, wo ſie das ent⸗ ſetzlichſte Ungluͤck anrichten, und die Gefuͤhle der Menſchheit am tiefſten verwunden konnten. Bald geſellten ſich die Verheerungen des Hungers zu denen des Kampfes, und nachdem die Belagerten 2 Monate lang dieſe Schrecken ertragen hatten, wurde es offenbar, daß fernerer Widerſtand un⸗ moͤglich ſey. Der militaͤriſche Befehlshaber von Lyon, Precy, entſchloß ſich zu einem Ausfall an der Spitze des aktiven Theils der Garniſon, in der Hoffnung, ſich durch die Belagerer einen Weg zu bahnen, das Leben von vielen Menſchen zu retten, welche ihm bei dieſem zweifelhaften Unternehmen folgten, das neutrale Gebiet der Schweizer zu gewinnen, und durch die Entfernung derjenigen, welche in der Be⸗ lagerung den eigentlich fechtenden Theil ausgemacht hatten, einigermaßen den Konvent zu gelindern Maßregeln gegen den huͤlfloſen Theil der Einwohner 43³ zu ſtimmen. Eine Kolonne von ungefaͤhr 2% Mann machte dieſen verzweifelten Verſuch; aber verſolgt von den Republikanern, und uͤberall von den Bauern angegriffen, denen ſie von den jakobiniſchen Depu⸗ tirten mit den gehaͤſſigſten Farben geſchildert wor⸗ den, und die noch uͤberdies durch Beuteluſt aufge⸗ reizt waren, erreichten kaum 50 dieſer Ungluͤcklichen den ſchuͤtzenden Boden der Schweiz. Widerſtrebend oͤffnete nach dem Abzug ſeiner beſten und tapferſten Vertheidiger Lyon die Thore. Das Uebrige mag durch die Worte des Horaz beſchrieben werden:— „Barbarlus heu cineres in istet victor, et urbem, ———— dissipabit insolens.“ Der paralythiſche Couthon nebſt Collot d'Herbois und andern Deputirten wurden von dem Wohl⸗ fahrtsausſchuß nach Lyon geſandt, um die von den Jakobinern verlangte Rache in Vollzug zu ſetzen, waͤhrend Dubois Crancé zuruͤckgerufen wurde, weil er, wie man glaubte, weniger Energie bewieſen hatte, als die Fuͤhrung der Belagerung verlangte. Collot d'Herbois hatte einen perſoͤnlichen Beweggrund von eigener Art, ſich uͤber das ihm und ſeinen Kol⸗ legen aufgetragene Geſchaͤft zu freuen. Er war einſt als Schauſpieler auf der Buͤhne zu Lyon ausgeziſcht worden, und das Thor der Rache ſtand ihm nun offen. Sie waren von dem Wohlfahrtsausſchuß an⸗ gewieſen, die vollſtaͤndigſte Rache wegen der Hin⸗ richtung von Chalier und dem Aufſtand der Lyoner 44 zu nehmen, nicht blos an den Buͤrgern, ſondern an der Stadt ſelbſt. Die Hauptſtraßen und Gebaude ſollten dem Erdboden gleichgemacht, und ein Denk⸗ mal mit einer Aufſchrift, welche die Urſache angab, errichtet werden:„Lyon empoͤrte ſich gegen die Republik, Lyon iſt nicht mehr.“ Die Ueberreſte der Stadt ſollten den Namen Ville Affranchie annehmen. Kaum ſollte man glauben, daß ein Urtheil, das nur ein orientaliſcher Despote im Wahnſinn ſeiner Willkuͤhr und voͤlliger Unwiſſen⸗ heit ſprechen konnte, unter einer der civillſirteſten Nationen Europa's ernſtlich gemeint war und voll⸗ zogen worden iſt, und daß in dem jetzigen erleuch⸗ teten Jahrhundert Leute, die auf Weisheit und Philoſophie Anſpruch machen, die Arbeiten des Bau⸗ meiſters als einen geeigneten Gegenſtand der Be⸗ ſtrafung betrachten konnten. Indeß war es wirklich ſo, und um der Zerſtoͤrung mehr Nachdruck zu ge⸗ ben, wurde der lahme Couthon von Haus zu Haus getragen, und weihte jedes Haus dem untergang, indem er mit einem ſilbernen Hammer an die Thuͤre ſchlug, und die Worte ausſprach:„Haus eines Re⸗ bellen, ich verurtheile dich im Namen des Geſetzes.“ Handwerksleute folgten in großer Menge und voll⸗ ſtreckten das urtheil, indem ſie das Haus bis auf den Grund niederriſſen. Dieſe muthwillige Zer⸗ ſtoͤrung dauerte 6 Monate, und ſoll ebenſo viel ge⸗ koſtet haben, als das praͤchtige Militaͤr⸗Hoſpital, 45⁵ das Hotel der Invaliden, ſeinen Gruͤnder Ludwigs XIV. koſtete. Aber die republikaniſche Rache er⸗ ſtrekte ſich nicht blos auf empfindungsloſen Kalk und Stein,— ſie ſuchte auch fuͤhlende Opfer. Der verdiente Tod Chaliers wurde geſuͤhnt durch eine Apotheoſe, die nach Lyons Uebergabe gefeiert wurde, aber Collot d'Herbois erklaͤrte, daß jeder Tropfen dieſes patriotiſchen Bluts gluͤhendheiß auf ſein eigenes Herz falle, und daß der Mord geſtraft werden muͤſſe. Jeder ordentliche Prozeß und jede gewoͤhnliche Art der Hinrichtung ſchien zu langſam, um den Tod eines jakobiniſchen Prokonſuls zu raͤchen. Die Richter des Revolutionsausſchuſſes waren von der Auſtrengung erſchoͤrft,— der Arm des Henkers war ermattet,— ſelbſt das Eiſen der Guillotine abgeſtumpft. Collot d'Herbois erdachte ein Morden in Maſſe. Zwei⸗ bis dreihundert Schlachtopfer wur⸗ den mit Einemmal aus dem Gefaͤngniß auf den Platz Brotteaur, einem der groͤßten in Lyon, ge⸗ ſchleppt, und hier dem Kartaͤtſchenhagel ausgeſetzt. So wirkſam dieſe Art der Hinrichtung ſcheinen mag, ſo war ſie doch weder ſchnell, noch barmherzig. Die Schlachtopfer fielen zu Boden, gleich verſengten Fliegen, verſtuͤmmelt, aber nicht todt, und flehten ihre Henker an, ſie raſch zu toͤdten. Dies geſchah mit Saͤbeln und Bajonetten, und in ſolcher Haſt und Eifer, daß einige von den Kerkermeiſtern und Helfershelfern zugleich mit denen getoͤdtet wurden, 46 die ſie hatten zum Tode ſchleppen helfen; und der Mißgriff wurde nicht eher entdeckt, als bis die mili⸗ taͤriſchen Moͤrder die todten Koͤrper zaͤhlten, und mehr als die beſtimmte Anzahl fanden. Die Koͤr⸗ per der Erſchlagenen wurden in die Rhone geworfen, um, wie Collot d'Herbois ſich ausdruͤckte, die Nach⸗ richt von der republikaniſchen Rache nach Toulon zu bringen, welches damals gleichfalls im Aufſtand be⸗ griffen war. Aber der unwillige Strom wies das auferlegte Geſchaͤft zuruͤck, und haͤufte die Koͤrper der Todten an den Ufern auf, ſo daß der Ausſchuß der Repraͤſentanten endlich gezwungen war, die Be⸗ erdigung der Schlachtopfer ihrer Grauſamkeit zu ge⸗ ſtatten, um eine Anſteckung zu verhindern. Das Volk von Suͤdfrankreich hat ſich ſtets durch die Lebhaftigkeit ſeines Temperaments ausgezeichnet. Da Grauſamkeit Wiedervergeltung hervorruft, ſo darf hier wohl erwaͤhnt werden, daß nach dem Falle der Jakobiner das Volk von Lyon nicht vergaß, was auch in der That nie vergeſſen werden konnte, und eine ſchwere und blutige Rache an denen nahm, die bei den Scheußlichkeiten eines Couthon und Collot d'Herbois behuͤlflich geweſen waren. Sie ſtan⸗ den bei dem Falle Robespierre’s gegen die Jakobiner auf, und toͤdteten nicht weniger von dieſen. Toulon, durch ſeinen Hafen, ſeine Zeughaͤuſer, ſeine Schiffswerſte, ſo wie durch ſeine Feſtungs⸗ 8 werke auf der See- und Lanoſeite höchſt wichtig⸗ 47 hatte an den in Marſeille, Bordeaux und Lyon herr⸗ ſchenden Geſinnungen großen Antheil genommen. Aber die Inſurgenten von Toulon waren entſchiedene Royaliſten. Die Stadt war eine Zeitlang der Lei⸗ tung eines Jakobinerklubbs unterworfen geweſen, und hatte die gewoͤhnliche Anzahl von Ermordungen und Ausſchweifungen mit um ſo groͤßerem Unwillen geſehen, als ſie viele Seeoffiziere und Andere, die unter dem Koͤnig gedient und ihre Anhaͤnglichkeit an die koͤnigliche Sache bewahrt hatten, in ihren Mauern zaͤhlte. Ihr Widerwille entging der Be⸗ merkung von Menſchen nicht, denen jeder finſtere Blick ein Grund zum Verdachte, und der leichteſte Verdacht ein Grund zum Tode war. Da nun die Stadt mit einer voͤlligen Reinigung nach jakobiniſcher Art bedroht war, ſo entſchloſſen ſich die Einwohner, dem Streite zuvorzukommen. Um Mitternacht wurde die Sturmglocke von den Buͤrgern gelaͤutet, der Jakobinerklubb zerſprengt⸗ zwei Repraͤſentanten, die Fuͤhrer deſſelben, wurden ergriffen, ſieben oder acht Jakobiner, die bei den fruͤhern Ermordungen am thaͤtigſten geweſen waren, verhaftet, und, obgleich mit einiger Oppoſition, wirk⸗ lich hingerichtet. Mit mehr Entſchloſſenheit, als die Lyoner, riefen ſie hierauf Ludwig XVII. mit der Konſtitution von 1791 zum Koͤnig aus. Carteaur zog ſigleich gegen die empoͤrte Stadt, und trieb die Marſeiller vor ſich her, die er, wie oben er 48 waͤhnt worden, auf ihrem Marſche nach Lyon ge⸗ ſchlagen hatte. Beſtuͤrzt uͤber dieſe Bewegung, und ohne Garniſon, auf die ſie ſich verlaſſen konnten, riefen die Touloner den Beiſtand des engliſchen und ſpaniſchen Admirals Lord Hood und Gravina, die vor ihrem Hafen kreuzten, flehentlich an. Dieſer wurde ſogleich gewaͤhrt, und Seemannſchaft ans Land geſchickt zu ihrem augenblicklichen Schutze, waͤhrend man ſich bemuͤhte, von den verſchiedenen alliirten Maͤchten eine Truppenmaſſe zuſammen zu bringen die augenblicklich in den Platz geworfen werden koͤnne. Aber die Belagerung von Toulon bringt unſere all⸗ gemeine hiſtoriſche Skizze in Verbindung mit dem Leben jenes wunderbaren Mannes, deſſen Thaten wir zu berichten unternommen haben. Waͤhrend dieſer Belagerung erglaͤnzte zuerſt jenes Licht, das weiter und weiter, heller und heller leuchtend, end⸗ lich mit ſeinem Glanze die ganze europaͤiſche Halb⸗ kugel erfuͤllen, und dann mit derſelben Schnellig⸗ keit, mit der es ſich erhoben, auch wieder unter⸗ gehen ſollte. Ehe wir jedoch dieſe Haaptporſon auf die Buͤhne bringen, muͤſſen wir dieſe noch etwas ausfuͤhrlicher beſchreiben. Erſtes 49 Er ſte s Kapitel. O— Lurſichten des engliſchen Kadinets hinſtchtlich der franzöſtſchen Revolution.— Außerordentliche Lage Frankreichs.— Erklä⸗ rung des Widerſpruchs, den fie darbot.— Das Schreckens⸗ ſyſtem.— Oeffentlicher Wohlfahrtsausſchuß.— Sicherheits, ausſchuß.— Der Maler David.— Geſetz gegen die Ver⸗ dächtigen.— Revolntionsgericht.— Folgen der Auswande⸗ rung der Prinzen und des Adels.— Urſachen des leidenden Verhaltens des franzöſtſchen Volks unter der Tyrannei der Jakobiner.— Alusgezeichnete Thätigkeit des Wohlfahrtsaus ſchuſſes.— Allgemeine Betrachrungen Es iſt ein von großen Staatsmaͤnnern jederzeit anerkannter Grundſatz, daß ſchlechte Regierungen ſich am Ende ſelbſt zerſtoͤren, nach der Maxime: res nolunt diu male administrari. Pitt felbſt war der Meinung, daß die Wuth der franzoͤſiſchen Re⸗ volution ſich ſelbſt aufzehren wuͤrde, und bereits ſo wenig Vortheile und Vorrechte elner Staats⸗ geſellſchaft darbiete, daß nach aller Wahrſcheinlichkeit dieſe ſich entweder ganz aufloͤſen, oder eine den an⸗ dern Staaten und Regierungen aͤhnliche Reform an⸗ nehmen muͤſſe. Aus dieſen Gruͤnden wollte dieſer große Staatsmann die koͤnigliche Sache nicht offen und geradezu unterſtuͤtzen, und wuͤnſchte, England frei zu erhalten, von jeder Verpflichtung, hinſichtlich der kuͤnftigen Regierung Frankreichs, da er die Ge⸗ fahr einer offenen erklaͤrten Einmiſchung in das 8. Scott's Werke. XN. 4 5⁰ Recht eines Volks, ſich ſeine eigene Regierung zu waͤhlen, wohl erkannte. Da jedoch vieles daran lag, die Verbreitung der revolutionaͤren Meinungen und Waffen uͤber ihre eigenen Graͤnzen hinaus zu ver⸗ hindern, ſo war im brittiſchen Kabinet eine ſtarke Parthei der Meinung, das jetzige raſende Uebermaß republikaniſcher Grundſaͤtze muͤſſe durch ſich ſelbſt eine Reaktion zu Gunſten gemaͤßigterer Geſinnungen hervorrufen. Ein feſtes Syſtem zum Schutze des Lebens und Eigenthums ſey, ſagte man, die weſent⸗ liche Bedingung des Beſtandes der Geſellſchaft. Die franzoͤſiſche Nation muͤſſe ein ſolches annehmen, und um ihres eigenen Landes und anderer Laͤnder willen * jene revolutionaͤren Grundſaͤtze aufgeben. Dieß⸗ dachte man, muͤſſe nach dem unvermeidlichen Gange menſchlicher Angelegenheiten Statt finden, die, wie ſehr ſie auch hin und her ſchwanken moͤgen, doch ſtets durch das Intereſſe der betreffenden Partheien beſtimmt werden. So war die Meinung vieler großer Staats⸗ maͤnner, deren Scharfſinn indeſſen durch den Er⸗ folg beſchaͤmt wurde. In der That, es war dies ſo viel, als wollte man die Handlungen und Aeuße⸗ rungen eines Raſenden nach der Vorausſetzung be⸗ rechnen, daß er ſeiner Sinne maͤchtig ſey, und nach Grundſaͤtzen der Selbſtliebe und der Selbſterhaltung verfahre. Frankreich beſtand nicht nur fort, ſondern⸗ war auch ferner ſiegreich, und zwar: ohne eine Re⸗ 51 gierung, wenn man nicht die Revolutionsausſchuͤſſe und Jakobinerklubbs als ſolche gelten laſſen will; denn der Konvent war zu einem bloßen Werkzeug dieſer Parthei herabgeſunken, und genehmigte alles, was man ihm vorſchlug;— ohne Religion, die, wie wir ſehen werden, foͤrmlich abgeſchafft war;— ohne Municipalgeſetze oder Rechte, außer daß Einer von der herrſchenden Parthei ſo viel Unheil anrichten konnte, als er wollte, waͤhrend die durch Patriotis⸗ mus weniger ausgezeichneten Buͤrger um jeder, oder auch um keiner Urſache willen, Gefahr liefen, Frei⸗ heit, Eigenthum und das Leben ſelbſt zu verlieren; ohne militaͤriſche Disziplin, denn die Offiziere konn⸗ ten von ihren Regimentern, die Generale von ihren Armeen weggeſchleppt werden, auf die Angabe ihrer eigenen Soldaten;— ohne Staatseinkommen, denn die Entwerthung der Aſſignaten war ungeheuer;— ohne Geſetze, denn es gab keine ordentlichen Tri⸗ bunale, an die man appelliren konnte;— ohne Ko⸗ lonien, ohne Schiffe, Manufakturen und Handel; — ohne ſchoͤne Kuͤnſte, mit Ausnahme derer, die einen Nutzen gewaͤhrten;— kurz, Frankreich beſtand fort, und gewann Siege, obgleich ſcheinbar von Gott verlaſſen, und aller Huͤlfsquellen menſchlicher Weis⸗ heit beraubt. Das ganze geſellſchaftliche Syſtem ſchien in der That⸗ nur noch durch die Gewohnheit einigermaßen zuſam⸗ 4. 3 —— menzuhalten, ebenſo wie abgerichtete Pferde auch ohne ihre Reiter in einer gewiſſen Ordnung ſich be⸗ wegen, wenn die Trompete erſchallt. Und doch war, trotz des klaͤglichen Zuſtandes im Innern, die Re⸗ publik im auswaͤrtigen Kriege nicht blos gelegenheit⸗ lich, ſondern fortwaͤhrend ſiegreich. Sie glich dem Kaͤmpfer in dem Roman von Bernt, der ſo geſchickt in zwei Haͤlſten geſpalten war, daß er fortfuhr zu fechten, andere Krieger niederzumachen, und lange Zeit gar nicht merkte, daß er ſelbſt getoͤdtet ſey. Dieſe ſo außerordentliche Thatkraft war mit Einem Worte ein Kind des Schreckens. Tod— eln Grab— ſind Toͤne, welche zu den groͤßten An⸗ ſtrengungen den erwecken, der damit bedroht iſt. Nie gab es irgendwo, außer in Frankreich waͤhrend dieſer traurigen Periode, einen ſo ſchrecklichen Kom⸗ mentar der bibliſchen Worte:—„Alles, was ein Mann hat, gibt er bin um ſein Leben.“ Gewalt, unmittelbare und unwiderſtehliche Gewalt war die einzige Logik dieſer Regierung, Tod die einzige Be⸗ rufung von ihrer entſetzlichen Autoritaͤt,— die Guillotine der allgenuͤgende Beweis, der jeden Streit zwiſchen ihr und den Regierten ſchlichtete. War die Staatskaſſe leer, die Gulllotine fuͤllte ſie mit dem Eigenthum der Reichen, welche in ge⸗ nauem Verhaͤltniſſe zu ihrem Vermoͤgen fuͤr Ariſto⸗ kraten galten. Waren dieſe Huͤlfsmittel unzureichend, da ſie durch Unterſchleife vermindert wurden, ehe 53 ſie die oͤffentlichen Kaſſen erreichten, ſo blieben die Aſſignaten noch uͤbrig, die man beliebig vermehren konnte. Fiel das papierene Cirkulationsmittel auf dem Markte von 100 auf 50 herab, ſo war die Guil⸗ lotine da, um diejenigen zu beſtrafen, die ſich wei⸗ gerten, daſſelbe nach dem pari anzunehmen. Einige wenige Staatspapierſpekulanten auf dieſe Weiſe be⸗ handelt— und die Menſchen gaben gerne hundert Franken fuͤr Papiergeld hin, das, wie ſie wußten, nicht mehr als 50 werth war. Fehlte es an Brod, ſo fand ſich Korn durch die naͤmlichen ſummariſchen Huͤlfsmittel, und wurde zu einem beſtimmten Preife unter die Pariſer ausgetheilt, wie unter die alten Buͤrger Roms. Die Gutllotine gab den Schluſſel zu den Vorrathshaͤuſern, Scheuern und Fruchtſpeichern. Fehlte es der Armee an Rekruten, ſo war die Guil⸗ lotine bereit, alle Konſkribirten zu vertilgen, die nicht ins Feld ziehen wollten. Gegen die Generale der republikaniſchen Armee war dies entſcheidende Beweismittel, welches a priori in aller ſeiner Strenge gegen ſie weniger anwendbar ſchien, als gegen au⸗ dere, mit der ausſchließenſten Gewalt ausgeruͤſte“, Sie wurden enthauptet, wenn ſie kein Gluͤck hatten. was nach dem gewoͤhnlichen Gange der Dinge we⸗ niger befremden mag*); ſie wurden aber auch guil *) Das Schickſal Cuſtin's erlaͤutert dieſes. Dieſer General hatte viel für die Republik gethan, und wollte ſich, als das Glück ihn zu verlaſſen anfieng, damin entſchuldigen 54 lotinirt, wenn ihre Erfolge den hohen Erwartungen ihrer Gebieter nicht entſprachen.*) Ja ſie wurden guillotinirt, wenn ſie zu gluͤcklich waren, und in Verdacht geriethen, die Soldaten, die unter ihnen geſiegt hatten, fuͤr ihr eigenes Intereſſe gewonnen zu haben,— ein Intereſſe, das denjenigen gefaͤhr⸗ lich ſchien, denen der allgenuͤgende Staatsgrund zu Gebote ſtand.**) Selbſt die ſchlichte Mittelmaͤßig⸗ keit, und eine in Schranken ſich haltende, aber buch⸗ ſtaͤbliche Pflichterfuͤllung, die weder ſo glaͤnzend war, um Eiferſucht zu erregen, noch ſo wichtig, um Tadel auf ſich zu ziehen, gewaͤhrte keinen Schutz.**) Es gab keinen Vereinigungspunkt gegen dieſes allge⸗ meine und ſehr einfache Syſtem der baaren Gewalt. Die Vendeer, die einen offenen, maͤnnlichen und edelmuͤthigen Widerſtand verſuchten, wurden daß er ſagte: das Glück ſey ein Weib, und ſeine Haare fingen an zu ergrauen. **) Zum Beweis dient Houchard, der durch den Entſatz von Dünkirchen einen weſentlichen Dienſt leiſtete, und dem man es, als er vor Gericht ſtand, kaum begreiflich machen konn⸗ te, daß er ſterben müſſe, weil er ſeinen Sieg nicht weiter verfolgt habe. 89) Mehrere Generale ven Ruf erlitten die Todesſtrafe aus keinem andern Grunde, als weil den usſchäſſen ihr Ein⸗ fluß bei der Armee verdächtig geworden war. **) Luckner, ein alter deutſcher, beſchränkter Soldat, der keiner Parthei angehörte, und ängſtlich die Befehle eines Jeden beſolgte, der zu Paris die Overhand behauptete, hatte kein beſſeres Schickſal, als Andere. 55 ndlich, wie wir geſehen haben, vernichtet, und hiu⸗ rerließen einen Namen, der in allen Jahrhunderten koctleben wird. Die Handelsſtaͤdte, die nach einem andern Maßſtab gleichfalls ihre Kraft gegen den re⸗ volutionaͤren Strom verſuchten, wurden nach einan⸗ der uͤberwaͤltigt. Daß der uͤbrige Theil der Nation ſich unter die vorherrſchende Gewalt fuͤgte, iſt daher nicht mehr zu verwundern, als daß ſich, was taͤglich geſchieht, eine Heerde von ſtattlichem und kraͤftigem Schlachtvieh von einem oder zwei Schlaͤchtern und eben ſo vielen Fleiſcherhunden zur Schlachtbank trei⸗ ben laͤßt. Wenn die Opfer dem Schlachthauſe ſich naͤhern, und das Blut derjenigen riechen, welche das Schickſal ſchon erlitten haben, dem auch ſie be⸗ ſtimmt ſind, dann ſieht man oft, daß ſie zaudern, zuruͤcktreten, bruͤllen, ihre Furcht vor dem verhaͤng⸗ nißvollen Orte, und einen inſtinktartigen Wunſch zeigen, demſelben zu entkommenz aber die Peitſchen⸗ hiebe ihrer Treiber, die Biſſe der Hunde genuͤgen faſt immer, dieſelben vorwaͤrts, geifernd, ſchnau⸗ bend und zitternd, dem Schickſal entgegen zu trei⸗ ben, das ihrer wartet. Die Gewalt, dieſe fuͤrchterliche Autoritaͤt uͤber eine erſchreckte Nation auszuuͤben, war in wenige Haͤnde gegeben, und ruhte auf einem ſehr einfachen Grunde. Der Konvent war nach dem Fall der Glirondiſten nur noch ein leeres Bild von dem, was er ſich ſo 56 zu nennen einſt berechtigt war— ein Schattenbild der franzoͤſiſchen Nationalrepraͤſentation. Die Mit⸗ glieder der Ebene, die zwiſchen dem Berg und den Girondiſten eine furchtſame Neutralitaͤt beob⸗ achtet hatten, waren, wenn auch nicht ohne Talent, doch ohne Muth, um jenem, nachdem er geſiegt, auch nur den geringſten Widerſtand zu leiſten. Sie fuͤgten ſich in ihr Schickſal, waren froh in der Stille zu entkommen, und dem revolntionaͤren Strome freien Durchgang zu laſſen. Sie troͤſteten ſich mit der gewoͤhnlichen Entſchuldigung ſchwacher Seelen, — daß ſie ſich dem unterwarfen, was ſie nicht ver⸗ hindern konnten; und ihre Gegner, von denen ſie verachtet wurden, ertrugen noch ihre Gegenwart, und waren etwas nachgiebig gegen ihre Gewiſſens⸗ zweifel, weil dieſe furchtſamen Neutralen, ſo lange ſie an ihrer Stelle blieben, dem Auge wenigſtens den Schein eines vollſtaͤndigen Senats darboten, die Reihen eines repraͤſentativen Koͤrpers fuͤllten, wie ein Kleid mit Steifleinwand ausgeſtopft wird, bis es die verlangte Ausdehnung hat, und weil ſie end⸗ lich durch ihre leidende Einwilligung die Maßregeln unterſtuͤtzten, welche ſie in ihren Herzen tief ver⸗ abſcheuten. Es war dem Syſteme des Berges gemaͤß, einſtweilen die Schwaͤche ſolcher Genoſſen zu ertragen, und ihnen ſelbſt gelegentlich eine ab⸗ weichende Meinung zu geſtatten, da es nur geſchah, um den Schein zu retten und laͤnger das Gaukel⸗ 57 ſpiel einer freien Verſammlung zu zeigen, welche uͤber die Angelegenheiten der Nation berathſchlagt. Obgleich der Name des Nationalkonvents allgemein gebraucht wurde, ſo handelten doch nur ſeine Be⸗ vollmaͤchtigten, die ſorgfaͤltig aus der jakobiniſchen oder herrſchenden Parthei gewaͤhlt wurden, uberall in ſeinem Namen mit der ganzen Gewalt roͤmiſcher Prokonſuln, waͤhrend zwei Dritttheile dieſer Koͤr⸗ perſchaft mit gebeugten Nacken und verſchloſſenen Lippen, als gehorſame Sklaven des kleineren Theils, da ſaßen, der wiederum unter ſeinen verſchiedenen wilden Fuͤhrern einen buͤrgerlichen Krieg innerhalb ſeines eigenen beſchraͤnkten Kreiſes zu fuͤhren begann. Aber der junge Leſer, dem dieſe ereignißvolle Geſchichte noch etwas neues iſt, wird fragen, in weſſen Haͤnden denn die eigentliche Regierungsge⸗ walt war, die der Nationalkonvent als ſolcher ganz verloren hatte, obgleich ihm noch geſtattet war, wie jene Erſcheinung in Macbeth„— um ſeine Kin⸗ derſtirn den goldnen Reif der Herrſcherwuͤrde zu tragen.“ Frankreich hatte zwar im Jahr 1293 mit den gewoͤhnlichen Feierlichkeiten eine neue Konſtitu⸗ tion angenommen, von der es hieß, daß ſie, auf der aͤchten republikaniſchen Baſis gegruͤndet, in Be⸗ ziehung auf Freiheit und Gleichheit alles gewaͤhre, was die Nation wuͤnſchen koͤnne. Allein dieſe Kon⸗ ſtitution wurde in der Ausfuͤhrung gaͤnzlich bei Seite geſezt durch die kuͤrzere Regicrungsart mittelſt einer 58 Junta, die aus dem Konvent ſelbſt gewaͤhlt und an nichts weiter gebunden war. Zwei kleine Ausſchuͤſſe, mit der vollen Staatsgewalt ausgeruͤſtet, uͤbten eine diktatoriſche Herrſchaft, waͤhrend die Repraͤſentation des Volkes, wie der Senat unter den roͤmiſchen Kaiſern, die Formen und den Anſchein der hoͤchſten Gewalt behielt, auf ſeinen kuruliſchen Stuͤhlen ſitzen und ſich der Auszeichnung der Fasces und Liktoren erfreuen mochte, aber in Wahrheit kaum die unab⸗ haͤngige Gewalt einer Verſammlung engliſcher Kirchen⸗ aͤlteſter oder Friedensrichter beſaß und ausuͤbte. Der Wohlfahrtsausſchuß diktirte dem Konvent jede Maßregel, oder handelte noch oͤfter, ohne auch nur den geſetzgebenden Koͤrper einer Mittheilung zu wuͤrdigen. Die Zahl der Mitglieder dieſer voll⸗ ziehenden Behoͤrde ſchwankte zwiſchen zehn und zwoͤlf, und da dieſe Mitglieder ausgeſuchte Jakobiner und bereit waren, mit dieſer Parthei ſtets gleichen Schritt zu halten, ſo wurde Sorge getragen, durch von Zeit zu Zeit erneute Wahlen ihre Stellung bleibend zu machen. Dieſe Koͤrperſchaft berathſchlagte im Ge⸗ heimen, und hatte das deſpotiſche Recht, gegen jede andere Gewalt im Staate einzuſchreiten, und ſie zu beaufſichtigen; mit ihrer unumſchraͤnkten Gewalt, und dem Gebrauche, den ſie davon machte, vergli⸗ chen, konnte der Rath der Zehner in Venedig fuͤr eine harmloſe und freiſinnige Inſtitution gelten. Ein anderer Ausſchuß, mit ebenſo revolutionaͤrer 6 — 59 Vollmacht ausgeſtattet, deſſen Mitglieder auch von Zeit zu Zeit erneuert wurden, war der der oͤffent⸗ lichen Sicherheit. Seine Wichtigkeit war geringer, als die des Wohlfahrtsausſchuſſes, er war aber in ſeiner Sphaͤre nicht weniger thaͤtig. Mit Bedauern bemerken wir, daß ein Mann von Genie, wie David, der beruͤhmte Mahler*), in dem Sicherheitsausſchuſſe ſaß. Die ſchoͤnen Kuͤnſte, auf die er ſich legte, hatten auf ſein Gemuͤth nicht jene beſaͤnftigende, die Humanitaͤt foͤrdernde Wirkung, die ihnen ge⸗ woͤhnlich zugeſchrieben wird. Zum Erſchrecken haͤßlich in ſeinem Aeußern ſchien ſeine Seele der Wildheit ſeiner Blicke zu entſprechen.„Laßt uns die rothe Farbe nicht ſparen!“ So ſagte er in ſeiner Maler⸗ ſprache, wenn er ſich zu ſeinem blutigen Tagewerk niederſetzte. Um dieſe revolutionaͤren Ausſchuͤſſe mit einer Gewalt auszuruͤſten, wogegen keine geſetzliche Ver⸗ theidigung oder Ausflucht von Seite der Angeklagten etwas vermoͤchte, entwarf Merlin von Douai, ein ausgezeichneter Rechtsgelehrter, wie man ſagt, das ſogenannte Geſetz gegen die Verdaͤchtigen, welches mit ſo viel Scharſſinn abgefaßt war, daß es nicht nur jeden traf, der durch Geburt, Freundſchaft, Lebensart, Abhaͤngigkeits⸗Verhaͤltniſſe auch nur ent⸗ ») David gilt allgemein für einen Mann, der als Zeichner großes Verdienſt habe. Fremde bewundern aber ſeine Kom⸗ poſition und ſein Colorit nicht ſo ſehr, wie ſeine Landsleute. 60 fernt mit der Ariſtokratie der Geburt oder des Ver⸗ moͤgens verbunden war, ſondern auch alle, die in den wechſelnden Geſtalten der Revolution einen Schritt zu wenig auf der Rennbahn des heftigſten Patriotismus gethan, oder, wenn auch nur in einem Augenblicke der Mißleitung und des Zweifels, Mei⸗ nungen gehegt hatten, die nicht mit dem ausſchwei⸗ fendſten Jakobinismud uͤbereinſtimmten. Das Ver⸗ brechen der Verdaͤchtigkeit hatte die Natur des Ka⸗ maͤleons; es hatte ſeine beſondere Farbe und Schat⸗ tlrung von der Perſon, die deſſen im Augenblick be⸗ zuͤchtigt wurde. Ein Prieſter geweſen zu ſeyn, oder auch nur die Lehren und Rechte des Chriſtenthums verfochten zu haben, war gefaͤhrlich, aber in einigen Faͤllen war es das Uebermaß von atheiſtiſcher Gottes⸗ laͤſterung nicht minder. Ueber oͤffentliche Angelegen⸗ heiten zu ſchweigen, verrieth eine ſtrafbare Gleich⸗ guͤltigkeit, aber noch weit gewagter war es, von den⸗ ſelben anders, als im heftigſten Tone der herr⸗ ſchenden Parthei zu ſprechen. Durch einen Zuſatz wurde dieß Spinnengewebe ſo weit ausgedehnt, daß es ſchien, auch die unbedeutendſte Fliege koͤnne dem⸗ ſelben nicht entgehen. Seine allgemeine Beſtim⸗ mungen waren ſo vag, daß ſie unmoͤglich je Gegen⸗ ſtand eines Beweiſes werden konnten. Deßhalb wur⸗ den ſie ohne Beweis angenommen, und endlich ſcheint man ſich auch der Erklaͤrung der Verdaͤchtigkeitszei⸗ chen uͤberhoben zu haben, ſo, daß alle diejenigen 61 verdaͤchtig waren, welche die revolutionaͤren Aus⸗ ſchuͤſſe und ihre Helfershelfer dafuͤr zu halten be⸗ liebten.. Die Wirkung dieſes Geſetzes war ſchrecklich. Ein Verdaͤchtiger wurde nicht nur ins Gefaͤngniß gewor⸗ fen, ſondern auch aller ſeiner Rechte beraubt, ſeine Habe verſiegelt, ſein Eigenthum unter die Aufſicht des Staats geſtellt, und er ſelbſt als buͤrgerlich todt betrachtet. Wenn der ungluͤckliche Gegenſtand des Verdachts auch das Gluͤck hatte, in Freiheit geſetzt zu werden, ſo war doch durchaus keine Sicherheit vorhanden, daß er nicht am folgenden Tage wieder verhaftet wurde. Endlos waren in der That die mannigfachen Trugſchluͤſſe, die faſt jede Art von Per⸗ ſonen unter dieß druͤckende Geſetz brachten, ſo weit war ſein Umfang, und ſo unbeſtimmt ſein Gegen⸗ ſtand. 3 Damit die Vollſtrecker dieſes Geſetzes nicht viele Muͤhe haben moͤchten, ihre Schlachtopfer auszuſuchen, waren alle Hausbeſitzer verpflichtet, an der Außen⸗ ſeite ihrer Thuͤren eine Liſte mit den Namen und der Beſchreibung der Hausgenoſſen anzuheften. Haͤus⸗ liche Sicherheit, das koͤſtlichſte aller Rechte fuͤr ein Volk, welches weiß, was Freiheit wirklich iſt, wurde bei jeder Gelegenheit, auch bei der geringſten, durch Hausſuchungen verletzt. Die Menge der Verhaftun⸗ gen, welche in Frankreich Statt fanden, fuͤllte aufs Neue die Geſaͤngniſſe, die am 2ten und zten Sep⸗ 6² tember auf eine ſo ſchreckliche Weiſe geleert worden waren, und ihre Zahl ſoll ſich nach einer maͤßigen Angabe auf 300,000 belaufen haben, von denen ein Drittel aus Weibern beſtand. Die Jakobiner erfan⸗ den indeß eine Art, die Gefaͤngniſſe zu leeren, die nicht ſo ſummariſch, als eine offenbare Niedermetze⸗ lung, von dieſer aber in jeder andern Hinſicht ſo wenig verſchieden war, daß ein Schlachtopfer kaum mit groͤßerer Gefahr einer Unterſuchung vor Maillard und ſeinen Septembermoͤrdern ſich unterzogen haͤtte, als vor dem Revolutionsgericht. Man ſtraͤubt ſich⸗ dieſes Wort niederzuſchreiben, wegen des Ueber⸗ maßes von Schaͤndlichkeit und Graͤueln, an die es erinnert. Aber es iſt das Loos der Menſchheit, ihre eigenen Schaͤndlichkeiten ſelbſt zu berichten, und es iſt eine heilſame und demuͤthigende Aufgabe, ein wahres Gemaͤlde ſolcher Ausſchweifungen zu liefern, deren die menſchliche Natur in ihren ſich ſelbſt uͤber⸗ laſſenen Bewegungen, und im Sturme ſchlechter und verfuͤhreriſcher Leidenſchaften faͤhig gemacht wer⸗ den kann. 5 Der außerordentliche Kriminalgerichtshof, beſſer bekannt nnter dem Namen des Revolutionsgerichts, wurde zuerſt auf Dantons Antrag eingeſetzt. Seine Beſtimmung war, zu richten uͤber Staatsverbrechen, Verſchwoͤrungen und Verſuche gegen die Freiheit, oder zu Gunſten des Koͤnigthums, oder gegen die Rechte und Freiheit des Menſchen, oder was in 63 irgend einer Hinſicht mehr oder weniger die Fort⸗ ſchritte der Revolution hemmen konnte, kurz, es war das Geſchaͤft dieſes Gerichtshofes, die Geſetze zu vollziehen, oder vielmehr das Urtheil auszuſprechen gegen ſolche, die als Verdaͤchtige verhaftet worden waren, und in den meiſten Faͤllen ſahen die Richter Grund genug zur Beſtrafung, wo die verhaftenden Beamten Grund zur Einkerkerung geſehen hatten. Dieſer ſchreckliche Gerichtshof beſtand aus ſechs Rich⸗ tern, oder oͤffentlichen Anklaͤgern und zwei Beſſitzern. Dabei waren zwoͤlf Geſchworne, aber die Anſtellung von dieſen war weiter nichts, als ein Gaukelſpiel. Sie waren Beamte, die ihre bleibende Anſtellung hatten, vom Staat bezahlt, und in keiner Hinſicht der Wahl oder Verwerfung von Seiten der Ange⸗ klagten unterworfen. Man kann ſich darauf verlaſſen, daß die Geſchworenen und die Richter wegen ihres re⸗ publikaniſchen Eifers und ihrer Feſtigkeit gewaͤhlt, und daß ſie faͤhig waren, weder im Geſetz, noch in der Menſchlichkeit ein Hinderniß im Fortſchreiten auf ihrer Bahn zu ſehen. Dieß Tribunal hatte die Gewalt, ohne Beweis zu entſcheiden, oder den Be⸗ weis, wenn er gerade gefuͤhrt werden ſollte, kurz abzuſchneiden,— oder die Vertheidigung des An⸗ geklagten nach Willkuͤhr zu unterbrechen,— Vor⸗ rechte, welche ſehr darauf b berechnet waren, die Formen des Gerichtsh fofes abzukuͤrzen, und das Ge⸗ ſchaͤft zu beſchleunigen. 64) Das Revolutionsgericht wurde in kurzer Zeit mit Geſchaͤften ſo uͤberhaͤuft, daß es nothwendig wurde, daſſelbe in vier Sektionen zu theilen, die alle mit der gleichen Gewalt ausgeruͤſtet waren. Das hiedurch veranlaßte Blutvergießen war unerhoͤrt, ſelbſt waͤhrend den Aechtungen im Noͤmerreiche, und in den Urtheilsſpruͤchen, die dieß Gericht faͤllte, fanden ſich die verſchiedenartigſten Verbrechen, die entgegengeſetzteſten Perſonen, und die ungleichſten Meinungen. Als Heinrich VIII. die Scheiterhaufen von Smithfield ſowohl fuͤr Proteſtanten als Papiſten anzuͤndete, und an demſelben Pfahle einen ungluͤck⸗ lichen verbrennen ließ, der die kirchliche Oberherr⸗ lichkeit des Koͤnigs laͤugnete, und einen Andern, weil er nicht an die Gegenwart Chriſti im Abend⸗ mahl glaubte, ſo war dieſe Zuſammenſtellung noch die Konſequenz ſelbſt, verglichen mit den Scenen, welche das Revolutionsgericht darbot, wo Royaliſten, Konſtitutionelle, Girondiſten, Geiſtliche, Theophi⸗ lanthropen, Adelige und Buͤrgerliche, Prinzen und Bau⸗ ern, jedes Geſchlecht und jedes Alter in einer allgemei⸗ nen Metzelei begriffen, und ſchockweiſe miteinander, auf demſelben Karren zur Hinrichtung gefuͤhrt wurden. Die Maſſe der Jakobiner unterſtuͤtzte durch ihre zahlreichen Geſellſchaften die Regierung der Revo⸗ lutionsausſchuͤſſe. Sie war getbeilt in Tauſende von Klubbs, die von demienigen ihre Richtung erhielten, der 65 der ſeinen Verſammlungsort zu Paris hatte, und die Staͤrke der Parthei, der ſie den Namen gab, bildete. Der leitende Grundſatz der jakobiniſchen Inſti⸗ tutionen war gegen alle, die etwas zu verlieren hatten, die Leidenſchaften derer aufzuregen, die kein Eigen⸗ thum beſaßen, durch Geburt und Umſtande voͤllig unwiſſend waren, und die Vortheile beneideten, deren die hoͤhern Klaſſen genoßen. Alle andern Re⸗ gierungen haben das Privateigenthum zu einem Ge⸗ genſtand der Erhaltung und des Schutzes gemacht, aber in dieſem ſeltſam verkehrten Zuſtande der Dinge ſchien ſalches gerade der Gegenſtand ſteten Verdachts und der Verfolgung zu ſeyn, und ſetzte den Eigen⸗ thuͤmer immerwaͤhrender Gefahr aus. Wir haben ſchon anderswo geſagt, daß Gleichheit, außer in dem ebenſo verſtaͤndlichen als heiligen Sinne einer gleichen Unterwerfung unter das Geſetz, ein bloßes Hirngeſpinſt iſt, und in Anſehung des Eigenthums eben ſo wenig Statt finden kann, als in Anſehung der Geiſtesbildung, der koͤrperlichen Staͤrke, der Schoͤnheit und des Wuchſes. Theilt das ganze Eigen⸗ thum eines Landes in gleichen Theilen unter die Einwohner, und eine einzige Woche wird die Un⸗ gleichheit zuruͤckbringen, welche ihr euch zu entfernen bemuͤht habt; ja in einem weit kuͤrzeren Zeitraume wird der Thaͤtige und Sparſame reicher, als der W. Scott's Werke. XXX. 3 66 Traͤge und Verſchwender ſeyn. Aber in Frankreich hatte zu jener Zeit dieſe an und fuͤr ſich ſo uner⸗ reichbare Gleichheit ſelbſt den Vorrang uͤber den Grundſatz der Freiheit, als ein Loſungswort zur Auf⸗ reitzung des Volks, errungen. Es war eine Suͤnde gegen dieſen leitenden Grundſatz, irgend Etwas, was dem Nachbar fehlte, zu beſitzen, und noch mehr, es mit Gepraͤnge zu genießen. Reicher, geſchickter, beſſer erzogen, oder beſſer unterrichtet zu ſeyn, dieß unterwarf dem Geſetze des Verdachts, und man konnte augenblicklich vor einen Revolutionsausſchuß gefuͤhrt werden, wo man wahrſcheinlich der Unbuͤrgerlichkeit uͤberfuͤhrt wurde, nicht weil man etwas gegen die Freiheit und das Eigenthum Anderer gethan, ſon⸗ dern wegen des Gebrauchs, den man von ſeinen eigenen gemacht hatte. Das Ganze des ſchrecklichen Geheimniſſes iſt in zwei Anordnungen enthalten, die von dem Jakobiner⸗ klubb zu Paris dem Wohlfahrtsausſchuß mitgetheilt wurden.— I. Wenn durch die Machinationen reicher Perſonen in irgend einem Diſtrikt Aufruhr entſtehe⸗ ſo ſollte derſelbe in Rebellionszuſtand erklaͤrt we rden.— II. Der Konvent ſolle ſolche Gelegenheiten benuͤtzen, um die Armen aufzureizen, gegen die Reichen Krieg zu fuͤhren, und um Ordnung zu jedem Preiſe herzuſtellen.— Dieß wußte man auch ſo gut, daß einer, der vor dem Revolutions⸗ gericht gehoͤrt wurde, auf die Frage, was er zu ſeiner — 67 Vertheidigung zu ſagen habe, antwortete:—„Ich bin reich,— was hift es mir, irgend eine Ent⸗ ſchuldigung vorzubringen, da dieß mein Verbre⸗ chen iſt?“ Die Regierungsausſchuͤſſe vertheilten große Geld⸗ ſummen an den Jakobinerklubb und ſeine Toͤchter⸗ geſellſchaften, zum Behuf der Ausbreitung geſunder politiſcher Grundſaͤtze. Die Klubbs nahmen in jedem Dorfe die Ausuͤbung der Negierungsgewalt uͤber ſich, und waͤhrend ſie fluchend, trinkend und rauchend da ſaßen, unterſuchten ſie Paͤſſe, kerkerten Buͤrger ein, und bewieſen ſo unwiderſprechlich die Wohlthaten der Freiheit und Gleichheit in vollem Maße.„Tod oder Bruͤderſchaft“ waren gewoͤhnlich uͤber ihren Verſammlungsort geſchrieben, was einige ſo ausleg⸗ ten:—„Werde mein Bruder, oder ich toͤdte dich.“ Dieſe Klubbs waren aus der Hefe des Volks zuſammengeſetzt, damit ſie hiedurch ein Beiſpiel ge⸗ ben moͤchten, das der Gleichheit nicht widerſpraͤche, die ſie zu gewinnen beauftragt waren. Sie waren angefuͤllt mit Menſchen ohne Vermoͤgen oder Talen⸗ te, denen aber das Zutrauen des betrogenen Volkes zugewandt war, in der Ueberzeugung, daß dieſe das Intereſſe der untern Klaſſen ſtets im Auge haben wuͤrden, weil ſie ſelbſt dazu gehoͤrten. Bei der Wahl ihrer Sekretaͤre war man indeſſen faſt immer darauf be⸗ dacht, Leute von ſchneller Faſſungskraft zu nehmen; 3 54. 68 denn von ihnen hing die ſchreckliche Verbindung ab, welche ſich von der Muttergeſellſchaft der Jakobiner zu Paris bis hinab in das entlegenſte Dorf der ent⸗ fernteſten Provinzen ausdehnte, wo dieſelbe Tyran⸗ nei durch die gleichen Mittel ausgeuͤbt wurde. So konnten Geruͤchte verbreitet oder eingeholt werden mit einer Schnelligkeit und Gleichfoͤrmigkeit, daß ein Lispeln von Robespierre im Stande war, die Geſinnungen der Jakobiner in den entfernteſten Theilen ſeines Reichs zu regeln; denn ſein war es ganz unbeſtreitbar zwei ſchreckliche Jahre lang. Frankreich hatte vieles erduldet, ehe es durch die Umſtaͤnde auf eine Zeitlang dahin gebracht wurde, ſich mit leidendem Gehorſam in ein Joch zu fuͤgen, das einmal recht unterſucht, ſich ebenſo gebrechlich erwies, als unertraͤglich war. Die, welche Augen⸗ zeugen jener traurigen Auftritte waren, blicken auf jene Periode zuruͤck, wie auf das Delirium eines Nationalfiebers, angefuͤllt mit Geſichten, die fuͤr die Erinnerung allzuſchrecklich und peinvoll ſind, wo⸗ ran man ſich nur ungern erinnert, und wobei man nur mit Ekel verweilt. Eine lange Reihe von Er⸗ eigniſſen, welche nacheinander dahin zielten, die Ge⸗ ſellſchaft mehr und mehr zu desorganiſiren, hatte ungluͤcklicherweiſe ein tapferes, edelmuͤthiges und wackeres Volk verhindert, ſich zu gegenſeitiger Ver⸗ theidigung zu verbinden. Die Auswanderung und Verbannung des Adels und der Geiſtlichkeit hatte 69 mit Einemmale das Land jener hoͤhern Klaſſen, jener ausgezeichneten Schaar beraubt, welche dazu erzogen iſt, ihr Leben fuͤr nichts zu achten, wenn ſie berufen wird, es fuͤr Religion, zur Vertheidigung der Rechte ihres Lan⸗ des, oder fuͤr die Grundſaͤtze ihrer eigenen Ehre und des Gewiſſens hinzugeben. Was man auch von der Weisheit und der Nothwendigkeit der Auswande⸗ rung denken mag, ihre Uebel waren dieſelben. Ein hochgeſinnter Adel, gewoͤhnt, ſich als den vorzuͤg⸗ lichſten Bewahrer der Nationalehre zu betrachten, eine gelehrte und zahlreiche Prieſterſchaft, die Huͤ⸗ terin des religioͤfen Glaubens, waren von ihrer Stelle entfernt, und die Geſellſchaft gerade um ſo viel ſchwaͤcher und unwiſſender geworden. Mochten ſie das Land freiwillig oder gezwungen verlaſſen haben, die Entfernung einer ſo großen Menge, welche ganz den hoͤhern Klaſſen angehoͤrte, mußte ploͤtzlich das Gleichgewicht der Geſellſchaft zerſtoͤren, und alle Gewalt in die Haͤnde der niedern Klaſſen bringen, welche von ſchlechten und ſchlauen Menſchen betro⸗ gen, ſie mit ſo ſchrecklichem Uebermaß mißbrauchten, wie wir oben gezeigt haben. Wir ſind nicht geſonnen, zu behaupten, daß die Emigranten alle Wuͤrde und allen Werth der beſſern Klaſſen in Frankreich mit ſich uͤber die Graͤnze ge⸗ nommen haͤtten, oder daß nicht unter den der Frei⸗ heit ergebenen Maͤnnern viele ſich befanden, die ihr Leben zu Verhinderung der Mißbraͤuche dieſer 70 Freiheit geopfert haben wuͤrden. Aber dieſe waren ungluͤcklicherweiſe waͤhrend des Fortgangs der Re⸗ volution unter ſich ſelbſt getheilt und wieder getheilt, in eine Menge zertruͤmmerter und beſiegter Partheien ge⸗ ſpalten, die mehr als einmal geaͤchtet, und, was ſchlim⸗ mer war, gegenſeitig von einander geaͤchtet worden wa⸗ ren. Die Konſtitutionellen konnten ſich nicht mit Sicher⸗ heit in einen Bund mit den Royaliſten, oder auch mit den Girondiſten, einlaſſen, und ſo war nirgends Vertrauen da, wodurch eine Vereinigung ſo wider⸗ ſtrebender Stoffe haͤtte bewirkt werden koͤnnen. Zu⸗ dem verbreitete ſich uͤber ganz Frankreich jener Her⸗ zenskummer und jene Niedergeſchlagenheit, die bei einem großen Nationalungluͤck, das nur wenig Hoff⸗ nung uͤbrig laͤßt, herrſchend werden. Die Drangſale waren ſo groß, daß Niemand ihrer ſich zu erwehren ſuchte, wie man in einem Lande, wo die Luft ver⸗ peſtet iſt, jede Vorkehrung dagegen fuͤr unnuͤtz haͤlt. Diejenigen, die dem Uebel entgingen, begnuͤgten ſich mit ihrer eigenen Rettung, ohne zu bedenken, daß menſchliche Kunſt gegen daſſelbe ein Mittel auf⸗ finden, oder menſchlicher Muth ihm widerſtehen koͤnne. 3 Hiezu kam noch, daß die jakobiniſchen Gewalt⸗ haber ein Syſtem von Spaͤherei und Angeberei or⸗ ganiſirt hatten, das jedem, der ihrer Macht trotzen wollte, unpermeidlichen Untergang bereitete. Wenn der kuühne Mann, der ſich gegen dieſe hoͤlliſche Macht ——— 71 verſchwor, auch ſein Vertrauen keinem falſchen Freunde, oder einem geheimen Emiſſaͤr der jakobiniſchen Par⸗ thei ſcheukte, ſo befand er ſich darum kaum in groͤßerer Sicherheit; denn wenn er auch in das Ohr ſeines beſten Freundes irgend eine Bemerkung uͤber die freie, gluͤckliche und menſchliche Regierung fuuͤſterte, unter welcher er das Gluͤck habe zu leben, ſo war ſein Zuhoͤrer ſo gut als ein gedungener Spaͤher ver⸗ zunden, den Inhalt des Geſpraͤchs an die konſtituir⸗ en Behoͤrden zu bringen, d. h. an die Revolutions⸗ ausſchuͤſſe oder republikaniſchen Kommiſſaͤre, und vor Alem an den Sicherheitsausſchuß. Das Schweigen iber oͤffentliche Angelegenheiten und Unterwerfung uter die demokratiſche Tyrannei wurde daher eine anz natuͤrliche Sache; denn die Menſchen werden vrſtummen, wenn ſie ihren Kopf in Gefahr bringen, ſyald ſie ihrer Zunge den Lauf laſſen. Und ſo laͤhmte die durch den allgemeinen Schrecken und das Ent⸗ ſetzn hervorgebrachte Stumpfheit, verbunden mit einr Unmacht, ſich zu vereinigen, jeden Verſuch eins Widerſtandes in dem Koͤnigreiche, das auf ſein Civiliſation ſo ſtolz, und erſt vor kurzem noch fuͤr lie Freiheit ergluͤht war. Diejenigen, die ſich uͤber das paſſive Verhalten jer Franzoſen unter ſo hoffnungsloſen Umſtaͤnden unguͤnſtige Bemerkungen erlauben moͤchten, ſollten nerſt bedenken, daß unſere Geneigtheit, Verbrechen z verhindern oder zu beſtrafen, und unſere muth⸗ 22² maßliche Bereitwilligkeit, uns der Unterdruͤckung zu widerſetzen, ihren Grund in einem feſten Vertrauen auf die Geſetze haben, und in der unmirtelbaren unterſtuͤtzung, welche ſie von den zahlreichen Klaſſen zu erhalten ſicher ſind, deren Erziehung ſie die Ge⸗ ſetze achten lehrte, als die gleichen Beſchuͤtzer des Armen wie des Reichen. Aber in Frankreich wan die ganze Verwaltung der Gerechtigkeit in den Haͤn den brutaler Gewalt; und es iſt etwas ganz ai⸗ deres, unterſtuͤtzt von der bereitwilligen Huͤlfe einer ganzen Bevoͤlkerung, in den allgemeinen Verfolgung⸗ ruf gegen einen Moͤrder einzuſtimmen, als einn Widerſtand gegen ihn in ſeiner Hoͤhle zu wagei, wo er an der Spitze ſeiner Geſellen iſt, und der Angreifer keinen Schutz hat als die Gerechtigkät ſeiner Sache. Man hat ſich auch daruͤber gewundert, diß⸗ nicht nur die reichern und beſſern Klaſſen, denen die Jakobiner den Untergang geſchworen hatten, ſich ganz geduldig unter dieſes ſchreckliche Joch fuͤgen, ſondern auch, daß die Maſſe des gemeinen Vakes, deſſen Venehmen im Allgemeinen ſo civiliſirt und artig, und das in den meiſten Faͤllen das friheſte und beſtgelaunte Volk in Europa iſt, ſeinen Karak⸗ ter ſo ſehr habe aͤndern koͤnnen, um ſich an Grar⸗ ſamkeit zu ergoͤtzen, oder wenigſtens ohne Wider willen auf Graͤuel, die in ſeinem Namen veruͤbt wur den, hinzublicken. — — ———— 73 Aber der Zuſtand eines Volkes in gewoͤhnlichen Zeiten und unter friedlichen Beſchaͤftigungen iſt in jedem Lande gaͤnzlich verſchieden von dem Karakter, den es bei einer Aufreitzung zeigt. Rouſſeau ſagt, daß Niemand, der den gewoͤhnlichen Windhund, den munterſten, artigſten und vielleicht furchtſamſten von dem ganzen Hundegeſchlecht, ſieht, ſich einen Be⸗ griff machen kann von demſelben Thiere, wenn es ſein ſchreiendes und huͤlfloſes Opfer verfolgt und verwirkt. Etwas aͤhnliches kann zur Entſchuldigung des franzoͤſi⸗ ſchen Volkes in den erſten Zeiten der Revolution ange⸗ fuͤhrt werden; und wir muͤſſen bemerken, daß Menſchen⸗ maſſen, die von dem Gefuͤhle eines wahren oder eingebildeten Unrechts ergriffen ſind, durch die Be⸗ geiſterung des Augenblicks beherrſcht werden, und ſich uͤberdies in einem Zuſtande von ſo allgemeiner und blinder Wuth befinden, daß ſie in das Geſchrei und den allgemeinen Ruf einſtimmen, und Hand⸗ lungen billigen, deren Bedeutung ſie kaum begrei⸗ fen, und welche vielleicht in der ganzen verſammelten Menge von Tauſenden nicht Einer unterſtuͤtzen wuͤrde, wenn er die Bedeutung genau fuͤhlte, und erkennte. In den revolutionaͤren Niedermetzelungen und Grau⸗ ſamkeiten war ſtets eine vollziehende Gewart da, die aus wenigen vollendeten Boͤſewichtern beſtand, die eigenhaͤndig die Graͤuel veruͤbten, uͤber die der unwiſſende Poͤbel ſeinen Beifall bezeugte. Dieſe Art von Gutheißung wurde begreiflicher 74 als an die Stelle augenblicklicher, ohne alle vorlaͤu⸗ fige Unterſuchung vollzogene Ermordung einige, ob⸗ gleich nur unbedeutende Formen eines regelmaͤßigen Prozeſſes, einer Verurtheilung und Hinrichtung tra⸗ ten. Dieſe Formen dienten eine Zeitlang zur Be⸗ ſchwichtigung des Volkes; dieſes ſah Menſchen zur Guillotine ſchleppen, die, wie man ihm ſagte, ver⸗ brecheriſcher Verſuche gegen die Freiheit des Volkes uͤberwieſen waren, und es jauchzte uͤber ihre Be⸗ ſtrafung, als waͤren ſie ſeine eigenen perſoͤnlichen Feinde. 4 Als aber das Werk des Todes taͤglich fortging⸗ wurde das Volk milder, wie ſeine Leidenſchaften nachließen; die Menge der Opfer entfernte den Haß, der eine Zeitlang auf ihnen haftete. Die niedern Klaſſen, welche Robespierre hauptſaͤchlich zu gewin⸗ nen ſuchte, blickte anfangs mit Gleichguͤltigkeit, nach⸗ her mit Schaam und Widerwillen, endlich mit dem Wunſche, ihnen ein Ende zu machen, auf die Grau⸗ ſamkeiten hin, welche ſelbſt die Unwiſſendſten und Vorurtheilsvollſten in ihrem wahren und unverhuͤllten Lichte zu ſehen begannen. Doch die Wirkung dieſes allgemeinen Gefuͤhls war langſam. Um die Herrſchaft des Schreckens zu unterſtuͤtzen, hatten die Revolutionsausſchuͤſſe ihre eigenen Garden und Henker, ohne welche ſie dem allgemeinen Abſcheu der Menſchen nicht lange haͤt⸗ ten widerſtehen koͤnnen. Alle Aemter wurden mit —— 7⁵ religioͤſer Gewiſſenhaftigkeit mit Sanskulotten beſezt, d. h. mit ſolchen, die ſich durch ihren Eifer dieſer ehrenvollen Benennung wuͤrdig gemacht hatten. Waren ſie von geringem Stande, ſo wurden ſie als Aufſeher, Gerichtsdiener und Kerkermeiſter verwen⸗ det, nach welchen die Nachfrage ſehr groß war. Waren ſie im Konvente, ſo wurden ſie haͤufig als Kom⸗ miſſaͤre nach verſchiedenen Theilen Frankreichs abge⸗ ſchickt, um der Gulllotine neue Schaͤrfe zu geben, und in Perſon die Beſtrafung wahrer oder erdichteter Verſchwoͤrungen oder Rebellionen zu beaufſichtigen. Solche Kommiſſaͤre oder Prokonſuln, wie ſie haͤufig genannt wurden, waren mit unbeſchraͤnkter Gewalt ausgeruͤſtet, Neulinge in ihrem Gebrauch, und zeich⸗ neten ſich daher durch ihre Grauſamkeiten aus, ſogar mehr, als die Tyrannen, deren Willen ſie vollzogen. Wir koͤnnen zur Erlaͤuterung eine merkwuͤrdige Stellung aus einem Schreiben des Sicherheitsaus⸗ ſchuſſes an die mit einer Sendung beauftragten Re⸗ praͤſentanten anfuͤhren, worin einige artige Bemer⸗ kungen daruͤber vorkommen, daß ſie die Todesſtrafe auf Faͤlle ausgedehnt haͤtten, wo das Geſetz nicht auf den Tod ſtimme; der Glanz ihrer, der Republik geleiſteten Dienſte aber uͤberſtrahle weit den Schat⸗ ten ſolcher kleinen gelegentlichen Suͤnden. Nuͤckſicht⸗ lich ihres kuͤnftigen Verhalteus werden ſie folgender⸗ maßen ermahnt.„Moͤge eure Energie von neuem erwachen, da das Ende eurer Arbeit herannaht. 76 Der Konvent beauftragt euch, die Reinigung und Wiederherſtellung der konſtituirten Behoͤrden in moͤg⸗ lichſt kurzer Zeit zu vollenden, und uͤber die Aus⸗ fuͤhrung dieſer beiden Auftraͤge vor dem Ende des naͤchſten Monats zu berichten. Eine einfache Maß⸗ regel kann dieſe gewuͤnſchte Reinigung bewirken; ruft das Volk in den Volksgeſellſchaften zuſammen,— laßt die oͤffentlichen Be⸗ amten vor ihm erſcheinen,— befragt das Volk uͤber ihr Benehmen, nnd ſein urtheil ſoll das eure beſtimmen.“*) So vurden die wildeſten Vorurtheile, die in den Jakobinerklubbs ſich erhoben, der aus den niederſten, unwiſſendſten, vorurtheilvollſten und nicht ſelten aus den boshafte⸗ ſten Mitgliedern der Geſellſchaft beſtand, als Be⸗ weiſe angenommen, und die Volksmaſſe fuͤr berechtigt erklaͤrt, nach ihrem Gefallen mit dem Eigenthum, der Ehre und dem Leben derjenigen zu ſchalten, welche irgend eine kurzdauernde Gewalt uͤber ſie aus⸗ geuͤbt hatten. Wenn irgendwo ein wirklicher Aufſtand oder eine Widerſetzlichkeit vorfiel, ſo wurde die Pflicht der Kom⸗ miſſaͤre ausgedehnt durch alle die Gewalt, welche das Kriegsgeſetz, oder, mit andern Worten, die Herrſchaft der uͤberlegenen Gewalt verleihen konnte. Wir haben die zu Lyon begangenen Mordthaten er⸗ *) Moniteur Nro. 995, Nivose des Jahres II. 1793 a5. Dechr- 77 waͤhnt, aber ſelbſt dieſe, obgleich Hunderte durch den Kugelregen niedergeſtreckt wurden, blieben weit hin⸗ ter den Scheußlichkeiten zuruͤkk, die Carrler zu Nantes veruͤbte, um die Republik wegen des hart⸗ naͤckigen Widerſtandes der Vendée zu raͤchen; dieſer haͤtte die Hoͤlle auffordern koͤnnen, es ihm an Grau⸗ ſamkeit gleich zu thun, ohne daß ein Teufel es ge⸗ wagt haben wuͤrde, ſeine Aufforderung anzunehmen. Hunderte von Maͤnnern, Weibern und Kindern wurden auf Schiffe hineingetrieben, in deren Boden man ein Loch ſtieß und ſie in die Loire verſenkte; dieß nannte man die republikaniſche Taufe. Maͤnner und Weiber wurden nackt ausgezogen, zuſammen⸗ gebunden und ſo in den Fluß geworfen; dieß nannte man republikaniſche Hochzeiten. Doch dieß iſt ſchon genug, um zu zeigen, daß das Blut der Menſchen in Gift und ihre Herzen in Stein verwandelt ſchie⸗ nen durch das, was ſie taͤglich veruͤbten. Manche fuͤhlten ſogar ein wolluͤſtiges Vergnuͤgen bei ſolchen Grauſamkeiten, und man ſprach von dem Werkzeug der Beſtrafung mit einer Zaͤrtlichkeit und Froͤhlich⸗ keit, wie man von einem Lieblingsgegenſtand ſpricht. Man nannte es das kleine Nationalfenſter, auch noch mit andern ausdrucksvollen Namen; und ob⸗ gleich die Heiligen nicht ſehr in der Mode waren, ſo wurde es doch gewiſſermaßen mit dem Namen „heilige Mutter Guillotine“ kanoniſirt. Jener Aktiv⸗ buͤrger, der Henker, erhielt eben ſo gut ſeine Ehren 78 bezeugungen, als die gefuͤhlloſe Maſchine, die er leitete. Dieſer Gerichtsdiener wurde in die Geſell⸗ ſchaft einiger der ausſchweifendſten Patrioten zuge⸗ laſſen, und nahm, wie wir nachher ſehen werden, an ihren buͤrgerlichen Feſten Theil. Man moͤchte fragen, ob nicht ſeine Geſellſchaft noch viel zu gut war fuͤr die Goͤnner, die ihn ſd herrlich bewir⸗ theten. Es gab auch eine bewaffnete Macht, welche man aus den vollendetſten und verhaͤrtetſten Satelliten von der niederern Klaſſe errichtet, und vorzugsweiſe die Revolutionsarmee genannt hatte. Dieſe Soldaten ſtanden unter dem Befehl von Kouſſin, eines Ge⸗ nerals, der ganz fuͤr ſolche Soldaten paßte. Man gebrauchte ſie bei allen Gelegenheiten, wo es noth⸗ wendig war, die Hauptſtadt und die Nationalgarde einzuſchuͤchtern. Sie ſtanden zur ſpeciellen Verfuͤ⸗ gung der Gemeinde von Paris, und waren, wenn auch keine große, doch eine ſtets bereite Truppen⸗ macht, welche in jedem Augenblicke angewandt wer⸗ den konnte, und womit ſich gewoͤhnlich die thaͤtigſten Demokraten in der Eigenſchaft einer jakobiniſchen Miliz vereinigten. In ihren eigenen Reihen zaͤhl⸗ ten ſie 6000 Mann. Es iſt merkwuͤrdig, daß einige Maͤnner, die ſich in dieſer ſchaͤndlichen Periode als die gierigſten Bluthunde auszeichneten, ſie moͤgen nun in Wahn⸗ ſiun, oder in irgend einem uͤberſpannten Gemuͤths⸗ —— 79 zuſtand alſo gehandelt haben,— durch ihr nachheri⸗ ges Benehmen ihre damaligen Graͤuel in etwas ver⸗ ſoͤhnten. Dieß war der Fall mit Tallien, Barras, Fouché, Legendre und andern, welche, obgleich we⸗ der gute noch gewiſſenhafte Maͤnner, doch bei vielen ſpaͤtern Gelegenheiten weit menſchlicher und gemaͤßig⸗ ter ſich zeigten, als man von ihrer fruͤhern Bekannt⸗ ſchaft mit den revolutionaͤren Graͤueln haͤtte erwar⸗ ten moͤgen; ſie glichen entlaſſenen Soldaten, welche in ihrer Heimath oft ganz die Gewohnheiten ihres fruͤhern Lebens wieder annehmen, ſo daß ſie das wilde und vielleicht blutige Gepraͤge ihrer militaͤriſchen Laufbahn ganz aus dem Sinn geſchlagen zu haben ſcheinen. Dieſe umgewandelten Jakobiner verdienen zwar nicht das Lob, das die Roͤmer dem Oktadius ertheilten, indem ſie von ihm ſagten, er habe als Kalſer durch ſeine milde Regierung verguͤtet, was er als Triumvir Boͤſes gethan. Aber es iſt gewiß, daß ohne den Muth von Tallien und beſonders von Barras ſich die Franzoſen noch lange nicht von Ro⸗ bespierre'n befreit haben wuͤrden, und daß die Re⸗ volution vom 0. Thermidor, wie man den merkwuͤr⸗ digen Tag ſeines Falls nennt, großentheils durch die Gewiſſensbiſſe oder die Eiferſucht der alten Genoſſen des Diktators herbeigefuͤhrt worden iſt. Ehe wir aber zu dieſem guͤnſtigen Zeitpunkte in unſerer Er⸗ zaͤhlung kommen, haben wir die Reihe von Urſachen 80 zu betrachten, die zu dem Durhe des Jakobinismus fuͤhrten. Perioden, in welchen ſi 19 große Nationalfehler und Laſter entwickeln, rufen zu ihrer Suͤhne zugleich auch die ſchoͤnſten Tugenden bervor. Frankreich bot ungluͤcklicherweiſe waͤhrend der Jahre 1793 und 1794 Beiſplele der aͤußerſten Grauſamkeit in Theorie und Praxis dar, welche das Blut eines Menſchen er⸗ ſtarren machen. Man kann es des Seelenzagens be⸗ ſchuldigen, weil es ſich ſo lange ohne alle Gegen⸗ wehr unter ein ſo ſchaͤndliches und unnatuͤrliches Joch gebeugt hat; aber es darf ſich dagegen auch ruͤhmen, waͤhrend dieſes ſchrecklichen Zeitraums ebenſo viele Beiſpiele der erhabenſten und ehrenvollſten Treue, der muthigſten und aufopfernſten Menſchlichkeit auf⸗ weiſen zu koͤnnen, als in den Jahrbuͤchern irgend eines Landes vorkommen. Durch die Grauſamkeit der Geſetze waren die ſchaͤrfſten Strafen uͤber diejenigen verhaͤngt, die ſich der Geaͤchteten annehmen wuͤrden, und dieſe Geſetze wurden mit der unerbittlichſten Strenge vollzogen. Madame Bouquey wurde mit ihrem Gemahl zu Bordeaur hingerichtet, weil ſie einigen Girondiſten ein Obdach gegeben hatte, und das Verbot, den Geaͤchteten jeder Art Feuer und Waſſer zu reichen, wurde mit den haͤrteſten Strafen erzwungen. Doch nicht allein nter den beſſern Klaſſen, ſondern ſelbſt 1 3 unter „ 1 81 unter den aͤrmſten Armen gab es edle Seelen, die den Biſſen Brod, den ſie ihrer Famtlie reichen konn⸗ ten, willig mit einem ungluͤcklichen Fluͤchtling theil⸗ ten, obgleich der Tod auf dieſem Liebesdienſt ſtand. In manchen Faͤllen unterſtuͤtzten Treue und Er⸗ gebenheit das Gebot der Menſchlichkeit. Unter den Dienſtboten, deren Tugenden um ſo ſchaͤtzbarer ſind, weil ſie oft im Kampfe mit ſchweren Verſuchungen geuͤbt werden, fanden ſich viele ausgezeichnete Bei⸗ ſpiele unerſchuͤtterlicher Treue. In der That muß es zum Ruhme der franzoͤſiſchen Sitten geſagt wer⸗ den, daß der Herr und ſein Diener auf einem viel freundlichern Fuße leben, als dies in andoern Laͤn⸗ dern, und namentlich in England, der Fall iſt. Auch in den gefaͤhrlichſten Lagen gab es nicht viele Beiſpiele haͤuslichen Verraths, und mancher Herr dankte ſein Leben der Anhaͤnglichkeit und Treue ei⸗ nes Bedienten. Die religioͤfen Gefuͤhle ſchuͤtzten An⸗ dere. Die eidweigernden und verbannten Prieſter fanden oft bei ihrer fruͤhern Heerde Schutz und Un⸗ terhalt, obgleich der Tod dem drohte, der ſie ge⸗ waͤhrte. Oft muß dies ſeinen Grund in dankbarer Ruͤckerinnerung an fruͤhere religioͤſe Dienſte, manch⸗ mal in der reinen Verehrung des Weſens gehabt haben, als deſſen Diener ſte ſich bekannten.*) Nur —— 1*) Fremde werden lebhaft ergriffen durch kleine Umſtände, 4 welche manchmal das Andenken an jene ſchreckliche Zeiten W. Scott’s Werke. XXX. 8² ſoiche heroiſche Thaten, deren Anzahl nicht gering (namentlich in der Klaſſe, wo die Menſchen, durch eigene Beduͤrfniſſe hart gedruͤckt, oft gegen das Elend Anderer fuͤhllos werden,) konnten bewirken, daß Frankreich waͤhrend dieſer Periode nicht ein allge⸗ meines Schlachthaus, und ſeine Geſchichte nicht eine ununterbrochene Aufzaͤhlung von Mordthaten wurde. zurückrufen. Ein ehrwürdiger franzöſiſcher Geiſtlicher beſuchte einen Edelmann in Nordengland, und die Familie bemerkte, daß eine Lieblingskatze, welche ſonſt ziemlich wild und heimtückiſch war, dem Gaſt eine beſondere Aufmerkſamkeit erwies. Der Prieſter erklärte dies, indem er ſeinen mehr⸗ wöchigen Aufenthalt in der Rumpelkammer unter dem Da⸗ che eines Handwerkers erzählte. In dieſer Lage hatte er keine beſſere Unterhaltung, als das Benehmen und die Ge⸗ wohnheiten der Katzen zu ſtudiren, die häufig in ſeinen Ver⸗ Gunſt erwerben könne. Die Schwierigkeit, ihn mit Nah⸗ rung zu verſehen, ohne Verdacht zu erregen, war ausneh⸗ mend groß, und man konnte ſie ihm nur neben ſein Ver⸗ ſteck in geringer Menge und zu unbeſtimmten Zeiten hinſtel⸗ leu. Männer, Weiber und Kinder wußten ſeinen Aufent⸗ haltsort; es waren Belohnungen zu gewinnen durch die Entdeckung, und das Leben zu verlieren, wenn man ihn langer vervarg; dennoch wurde er treulich geſchützt, um nach der Wiederherſteilung der Monarchie an einer ſchotti⸗ den Schutzorte während der Herrſchaft des Schreckens ge⸗ ernt hatte. Die Geſchichte jener Zeit iſt ausnehmend reich an ähnlichen Beiſpielen. —— ſteck kamen, und die Art zu erlernen, wie man ſich ihre ſchen Katze die Künſte zu verſuchen, die er in ſeinem elen⸗ 4 5 † 83 Zweites Kapite l. — Marat, Danton, Robespierre.— Marat wirde erdolcht.— Danton und Robespierre werden Nebenbuhler.— Gemeinde⸗ rath von Paris.— Seine grobe Irreligioſität.— Gobet.— Göttin der Vernunft.— Die Ehe wird ein bürgerlicher Ver⸗ trag.— Anſichten Danton's— und Robespierre's.— Dle vor⸗ nehmſten Führer des Gemeinderaths werden verhaftet— und neunzehn von ihnen hingerichtet. Danton wird durch die Ueber, macht Robespierre's perhaftet— und zugleich mit Camille, Des, moulins, Weſtermann und Lacroix vor das Revolutionsgericht gebracht, verurtheilt und hingerichtet.— Auf den Antrag Ro⸗ bespierre's ergeht ein Dekret, das ein höchſtes Weſen anerkennt.— Cäcilie Regnaut.— Allmählige Aenderung in der öffentlichen Meinung.— Robespierre wird unpopulär,— verſucht Alles, um ſeine Gewalt wieder zu erlangen.— Stürmiſche Debatte im Konvent.— Collot d'Herbois, Tallien u. a. werden auf Anſtif, ten Robespierre's aus dem Jakobinerklubb verſtoßen.— Robes⸗ pierre wird am 9ten Thermidor(27ten Juli) im Konvent ange, klagt, und nach wüthendem Kampf zugleich mit ſeinem Vru⸗ der, mit Couthon und SaintJuſt verhaftet.— Henriot, Kom⸗ mandant der Nationalgarde desgleichen.— Die Terroriſten neh⸗ men ihre Zuflucht in das Hotel de Ville, ſuchen ſich ſelbſt zu tödten.— Robespierre verwundet ſich ſelbſt,— lebt aber, wie die meiſten Andern, noch lange genug, um, auf die Guillo⸗ tine geſchleppt und hingerichtet zu werden.— Sein Karagkter— Kämpfe, die auf ſeinen Tod folgen.— Endliche Jerſtörung des inkobiniſchen Syſtems— und Rückkehr der Ruhe.— Eigen⸗ thümliches Gepräge der Geſellſcha t in Paris. Der Leſer wird noch wiſſen, daß Ma rat, Dan⸗ ton und Robespierre die drei Verfechter in den 5* 6 Go.. 84 Reihen der Jacobiner waren. Der erſte wurde er⸗ dolcht von Charlotte Corday, einer ſchwaͤrmeriſchen jungen Perſon, die, zwiſchen Verruͤcktheit und He⸗ roismus in der Mitte ſtehend, den Ehrgeiz genaͤhrt hatte, die Welt von einem Tyrannen zu befreien. Danton und Robespierre, auf ein Duumvirat zu⸗ ruͤckgebracht, haͤtten die Macht unter ſich theilen koͤnnen. Aber Danton, obgleich weit ſaͤhiger und von maͤchtigerem Geiſte, konnte den Verſuchungen zum Raub und Schwelgen nicht widerſtehen, und Robespierre ſammelte ſorgfaͤltig die Beweiſe ſeiner unterſchleife,— eines hoͤchſt unvolksthuͤmlichen Ver⸗ brechens, von dem er ſich rein zu halten ſchien— was ihm Mittel verſchaffte, ſeinen Nebenbuhl zu gelegener Zeit zu verderben. Danton heurathete eln ſchoͤnes Weib, gewann Geſchmack an haͤuslichem Gluͤck, entzog ſich auf einige Zeit den Staatsangelegenhei⸗ ten, und gab die finſtere und drohende Haltung auf, die er waͤhrend der fruͤheren Zeitraͤume der Revolu⸗ tion iſtets behauptet hatte. Aber ſein Einfluß, be⸗ ſonders im Klubb der Cordeliers, war furchtbar ge⸗ nug, um die Anfmerkſamkeit von Robespierre auf ſich zu ziehen, ſeinen Neid wach zu erhalten, der dem Wurm glich, welcher nicht ſtirbt, obgleich er nicht die geringſte Anzeige einer unmittelbaren und thaͤtigen Rache blicken ließ. Eine Macht, durch das Verbrechen gleichfalls mit ihm verwandt, aber fuͤr den Augenblick mehr in ſeinem Bereich, mußte vor⸗ 88 85 * erſt zerſtoͤrt werden, ehe Robespierre ſich an ſeinen Nebenbuhler wagen konnte. Dieſe dritte Macht beſtand aus denen, die ſich in den Beſitz der Gemeinde⸗Aemter von Paris ge⸗ ſetzt hatten, deren buͤrgerliche Gewalt, ergaͤnzt und verſtaͤrkt durch die Revolutionsarmee, die Rouſſin befehligte, ihnen die Macht gab, auf den erſten Wink dem Konvent und ſelbſt dem Jakobinerklubb zu Leibe zu gehen. Es iſt wahr, dieſe Menſchen, de⸗ ren Fuͤhrer Hebert, Chaumette und andere waren, hatten nie das geringſte Mißtrauen gegen Robes⸗ pierre'n gezeigt, ſondern im Gegentheil alle Mit⸗ tel gebraucht, ſeine Gunſt zu gewinnen. Aber der Mann, den ein Tyrann fuͤrchtet, wird bei dem ge⸗ ringſten Anlaſſe der Gegenſtand ſeiner toͤdtlichen Feindſchaft. Robespierre erſpaͤhte daher die Gele⸗ genheit, dieſe Parthei, deren Macht er furchtete, zu uͤberfluͤgeln, und zu vernichten, und, ſonderbar genug,— er fand die Mittel zu ihrem Untergang in dem Uebermaß ihres revolutionaͤren Eifers, den er kurz vorher beneidet haben wuͤrde, weil er welter ging, als der ſeinige. Aber Robespierre war nicht ohne Verſtand; er ſah mit Vergnuͤgen, wie Hebert, Chaumette und ihre Geſellen ſich mit ſolcher Zuͤgel⸗ loſigkeit benahmen, daß ſein Einſchreiten auch den⸗. jenigen erwuͤnſcht werden mußte, die ſeine Grund⸗ ſäͤtze, und die Art, wie er zur Macht gelangt war 3 am meiſten verabſcheuten, und den Gebrauch, den ex von der letzteren machte, fuͤrchteten. Die Religion ſollte ihm die Mittel verſchaffen, ſei⸗ ne Gegner zu verderben. Ein Gegenſtand, von dem man haͤtte glauben ſollen, er ſey beiden ſehr gleich⸗ guͤltig geweſen, mußte auf beiden Seiten die Ver⸗ anlaſſung zum Streite zwiſchen dem Gemeinderath von Paris und dem jakobiniſchen Fuͤhrer werden. Der Atheismus hat aber ſeinen Fanatiomus ſo gut, wie der Aberglaube, und ein Philoſoph kann gegen diejenigen, die auf einem Glauben beharren, den er fuͤr unwuͤrdig erklaͤrt, eben ſo ſehr erbost werden, als ein bigotter Pfaffe gegen den, der Dogmen ver⸗ wirft, weil ſie ihm nicht hinreichend bewieſen zu ſeyn ſcheinen. Da der Thron bereits zerſtoͤrt war, ſo meinten die Philoſophen aus der Schule Heberts, des Verfaſſers einer abſcheulichen und viehiſchen Zeit⸗ ſchrift, der Pére du Chene genannt, daß durch die gaͤnzliche Zerſtoͤrung der wenigen in Frankreich noch uͤbrigen Spuren von Religion und Gottesverehrung ein herrlicher Trlumph der liberalen Meinungen ge⸗ feiert werden koͤnne. Es iſt nicht genug fuͤr eine wiedergeborne Nation, ſagten ſie, die irdiſchen Koͤ⸗ nige entthront zu haben, wenn ſie nicht den trotzi⸗ gen Arm auch gegen diejenigen Maͤchte ausſtreckt, welche der Aberglaube als herrſchend im endloſen Naume dargeſtellt hat. Ein ungluͤckſeliger Menſch, Namens Gobet, kon⸗ 37 ſtituioneller Biſchoff von Paris, ward dahingebracht in der ſchamloſeſten und ſkandaloͤſeſten Poſſe, die je vor einer Nationalrepraͤſentation aufgefuͤhrt wor⸗ den iſt, die Hauptrolle zu ſpielen. Die Urheber dieſes Auſtritts ſollen einige Schwie⸗ rigkeit gefunden haben, den Biſchoff zu dem, was man von ihm verlangte, zu vermoͤgen, und er ſoll daſſelbe vorerſt nicht ohne Thraͤnen und in der Folge nicht ohne Gewiſſensbiſſe gethan haben. Doch ſpielte er die vorgeſchriebene Rolle. In feierlichem Auf⸗ zuge wurde er nach dem Konvent gefuͤhrt, um zu erklaͤren, daß die Religion, die er ſo viele Jahre lang gelehrt habe, in jeder Hinſicht eine Erfindung der Prieſterliſt, und— weder in der Geſchichte noch in der reinen Wahrheit begruͤndet ſey. Er laͤugnete in feierlichen und beſtimmten Ausdruͤcken das Da⸗ ſeyn der Gottheit, zu deren Verehrung er geweiht worden war, und weihte ſich in Zukunft dem Dienſte der Freiheit, Gleichheit, Tugend und Moralitaͤt. Sodann legte er ſeinen biſchoͤllichen Ornat auf den Tiſch, und empfing eine bruͤderliche Umarmung von dem Praͤſidenten des Konvents. Mehrere abtruͤnnige Prieſter folgten dem 2 Beiſpiele dieſes Praͤlaten. Die goldenen und ſilbernen Gefaͤße wurden aus den Kirchen weggenommen und entweiht; Prozeſſio⸗ nen kamen in den Konvent, in prieſterliche Gew waͤn⸗ der gekleidet, und ſangen die profanſten Hymnen, waͤhrend viele von den Kelchen und andern heiligen 88 Gefaͤßen von Chaumette und Hebert zur Feier lhrer ſchaͤndlichen Gelage gebraucht wurden. Die Welt hoͤrte zum erſtenmal eine Verſammlung von Maͤn⸗ nern, die, im Schooße der Civiliſation geboren und erzogen, das Recht anſprachen, eine der ausgezeich⸗ netſten Nationen Europas zu beherrſchen, ihre ver⸗ einten Stimmen erheben, um die feierlichſte Wahr⸗ heit, die des Menſchen Seele faßt, zu laͤugnen, und einſtimmig den Glauben und die Verehrung eines Gottes aufzugeben. Eine kurze Zeit dauerte dieſe tolle Ruchloſigkeit fort. Eine der Ceremonien dieſer wahnſinnigen Zeit ſteht wegen ihrer mit Gottloſigkeit verbundenen Un⸗ gereimtheit einzig da. Die Thuͤren des Sitzungs⸗ ſaales oͤffneten ſich, um eine Bande von Muſikan⸗ ten einzulaſſen, auf welche die Mitglieder der Mu⸗ nicipalkoͤrperſchaft in feierlichem Zuge, Hymnen zum Lobe der Freiheit ſingend, folgten, und als den Ge⸗ genſtand ihrer kuͤnftigen Verehrung ein verſchleiertes Frauenzimmer begleiteten, das ſie die Goͤttin der Vernunft nannten. Innerhalb den Schranken ange⸗ kommen, wurde dieſe Perſon mit großer Feierlich⸗ keit entſchleiert, und zur Rechten des Praͤſidenten niedergeſetzt, wo ſie allgemein als eine Operntaͤnze⸗ rin erkannt wurde, mit deren Reizen aber einige noch genauer bekannt waren. Dieſer Dirne nun, als der geeignetſten Stellvertreterinn jener angebete⸗ * 89 ten Vernunft, erweist der Nationalkonvent Frank⸗ reichs oͤffentlich ſeine Huldigung. Dieſe gottloſe und laͤcherliche Mummerel wurde einigermaßen zur Mode, und die Einſetzung der Vernunſtgoͤttin wiederholt und nachgeahmt, in allen den Staͤdten, wo die Einwohner ſich bis zur hoͤchſten Hoͤhe der Revolution aufſchwingen wollten. Die Kir⸗ chen wurden in den meiſten Diſtrikten Frankreichs den Prieſtern und Glaͤubigen geſchloſſen,— die Glo⸗ cken zerbrochen und in Kanonen umgegoſſen,— das ganze Kirchenthum vernichtet— und die republika⸗ niſche Ueberſchrift uͤber den Begraͤbnißplaͤtzen, die den Tod fuͤr einen ewigen Schlaf erklaͤrte, kuͤndigte denen, die unter dieſer Herrſchaſt lebten, an, daß ſie auch in der andern Welt nichts Beſſeres zu hof⸗ fen haͤtten. Eng verbunden mit dieſem, die Religion be⸗ treffenden Geſetze war die Herabwuͤrdigung der Ehe, des heiligſten Bandes zwiſchen menſchlichen Weſen, deſſen Unaufloͤslichkeit zur Befeſtigung der Geſell⸗ ſchaft beitraͤgt, zu einem bloßen buͤrgerlichen Kon⸗ trakt von voruͤbergehender Art, den zwei Perſonen eingehen mochten, und willkuͤhrlich wieder aufloͤſen, wenn ihr Geſchmack geaͤndert, oder ihre Luſt geſaͤt⸗ tigt war. Wenn hoͤlliſche Geiſter es ſich zur Auf⸗ gabe gemacht haͤtten, einen Plan ausfindig zu machen, um auf die wirkſamſte Art alles zu zerſtoͤren, was im haͤuslichen Leben ehrwuͤrdig, ſchoͤn und dauernd 90 iſt, und zugleich ſich die Gewißheit zu verſchaffen, daß alles von ihnen bezweckte Unheil, von einer Ge⸗ neration zur andern ſorterben werde, ſo haͤtten ſie nichts zweckmaͤßigeres erſinnen koͤnnen, als die Her⸗ abwuͤrdigung der Ehe zu einem bloßen gelegenheit⸗ lichen Beiſchlaf oder einem ſittenloſen Konkubinat. Sophie Arnault, eine wegen ihrer witzigen Einfaͤlle beruͤhmte Schauſplelerin, nannte die republikaniſche Heirath das Sakrament des Ehebruchs. Dieſe antireligioͤſen und antiſocialen Anordnungen entſprachen noch keineswegs den Abſichten der raſen⸗ den und unſinnigen Urheber. Hebert und Chaumette waren uͤber den Geiſt der Zeit, ſo ſchlimm dieſer auch war, hinausgegangen, und wollten auch ſelbſt diejenigen noch hinter ſich laſſen, die, im Herzen eben ſo laſterhaft und verdorben, als ſie, doch noch ſo viel Verſtand hatten, dieſen unſinnigen Ton einer ſchaͤndlichen Gottloſigkeit zu fuͤrchten, oder noch ſo viel geſunden Sinn, um einen Ekel daran zu faſſen. Vielleicht mochten dieſe noch andere Gruͤnde haben, eine ſo Sehiſche Aeußerung von Irre⸗ ligidſitaͤt zu mißbilligen. Selbſt die ſchuldbeladen⸗ ſten Menſchen ſind, im Ganzen genommen, nicht geneigt, allen religioͤſen Glauben aufzugeben, und gaͤnzlichem Unglauben zu froͤhnen. Sie koͤnnen nicht umhin, einen kuͤnftigen Zuſtand der Vergeltung wenigſtens zu ahnen; und ſo geringen Einfluß auch olche ſchwache Funken des Glaubens auf ihr Leben 9¹ haben moͤgen, ſo wollen ſie die noch ſo unwahrſcheinliche Hoffnung ihrer einſtigen Wiederverſoͤhnung mit Gott und der Kirche nicht ſchlechthin fahren laſſen. Dieſe Hoffnung gleicht bei denen, auf welche ſie keinen wohlthaͤtigen Einfluß hat, dem Selbſtvertrauen eines Matroſen waͤhrend eines heftigen Windes, wenn er weiß, daß ein Hafen in der Naͤhe iſt. Wenn es auch gar nicht ſeine Abſicht iſt, nach dem Hafen zu ſegeln, wenn er dieſes ſogar fuͤr unthunlich haͤlt, ſo wuͤrde er es doch demjenigen, der den Rettungs⸗ hafen ganz aus der Charte vertilgen wollte, keines⸗ wegs danken. Alle, die mehr oder weniger die großen Wahrheiten der Religion, durch welche die Moralitaͤt bedingt iſt, vernommen und geglaubt hat⸗ ten, ſahen dieſe raſenden Tollheiten mit Verachtung, Unwillen, Haß und als hoͤchſt ſtrafwuͤrdig an. Dies that insbeſondere Danton, der, wie ſchlimm er ſich auch gezeigt hatte, viel zu klug und viel zu ſtolz war, einen ſo unpolitiſchen und unſinnigen Frevel gut zu heißen. Ueberdieß war dieſes ewige Untergraben aller noch uͤbrig gebliebenen Staatsin⸗ ſtitutionen nicht das Mittel, die revolutionaͤre Be⸗ wegung zum Stillſtand zu bringen, was Danton, der ſeine Parthei an das Ruder gebracht und fuͤr ſich ſelbſt alles, was er hoffen konnte, erſtrebt hatte, jetzt allerdings wollte. Robespierre ſah dieſe Exrceſſe mit ganz andern und weit wachſameren Augen. Ueberzeugt, daß 92 Hebert und ſeine Genoſſen durch ein ſolche 8 Bekennt⸗ niß von Atheismus und Ruchloſigkelt nothwendig einen Theil ihrer Popularitaͤt einbuͤßen mußten, ent⸗ warf er den Plan, erſt dieſe Gotteslaͤſterer unter all⸗ gemeiner Zuſtimmung der Nation als ſchaͤdliche Be⸗ ſtien zu vertilgen, und dann ſeine Macht zu erwei⸗ tern und gewiſſermaſſen zu heiligen, indem er noch einmal einen Geiſt der Froͤmmigkeit irgend einer Art mit der revolntionaͤren Form der Regiernng ver⸗ band, an deren Spitze er zu bleiben wuͤnſchte. Man hat ſogar vermuthet, Robespierre ſey durch ſein außerordentliches, jede menſchliche Erwar⸗ tung uͤberſteigendes Gluͤck, auf den Gedanken ge⸗ kommen, die Rolle eines neuen Muhamed zu ſpie⸗ len, und unter ſeiner eigenen Leitung religioͤſen Glaubens nach Frankreich zuruͤckzubringen. Er ſoll insgeheim die Tollheiten eines Weibes, Namens Katharine Theot oder Theos, einer ſchwaͤrmeriſchen Froͤmmlerin, deren Lehren ſich zum Quietismus hin⸗ neigten, beguͤnſtigt haben. Sie war eine Art von Johanna Southreot; als den Aaron ihrer Sekte nannte man Dom Gerle, einen Karthaͤuſer⸗Moͤnch, der in den erſten Nationalverſammlungen durch den Vorſchlag, die katholiſche Religion zur Staatsre⸗ ligion zu erklaͤren, die Aufmerkſamkeit auf ſich ge⸗ zogen hatte. Seit dieſer Zeit war er ganz verruͤckt worden. Einige Schwaͤrmer, maͤnnlichen und weib⸗ lichen Geſchlechts hielten geheime und naͤchtliche Zu⸗ 3 93 ſammenkuͤnfte, wo Theot und Dom Gerle den Vorſitz fuͤhrten. Robespierre wurde von ihnen als einer der Auserwaͤhlten anerkannt, und ſoll ihre aberglaͤubi⸗ gen Lehren begünſtigt haben. Ob aber der Diktator in ihnen etwas mehr, als Werkzeuge ſah, die er zu ſeinem eigenen Zwecke gebrauchen konnte, laͤßt ſich, wie es ſcheint, nicht mit Gewißheit beſtimmen. Welche religioͤſen Meinungen er aber auch entweder ſelbſt gehabt haben mag, oder doch in Frankreich einfuͤhren wollte, ſo waren dieſe doch nicht von der Art, daß ſie ſeinen Ehrgeiz, ſeine Eiferſucht, oder ſeinen Blutdurſt haͤtten modifiziren koͤnnen. Die Macht Hebert's, Chaumette's und des Ge⸗ meinderaths von Paris war jetzt reif zum Unter⸗ gange. Nouſſin gerieth mit den uͤbrigen bewaffneten Satelliten der Revolutionsarmee zwar in Wallung, und ſprach davon, mit der obrigkeitlichen Behoͤrde von Paris Parthei gegen den Konvent zu nehmen; obgleich aber jene noch den Meiſter und die Geſellen dieſer Schaar von Boͤſewichtern in ihrem Dienſte hatte, ſo konnte ſie doch nicht mehr uͤber die tiefen Kolonnen der Pikeniere verfuͤgen, welche den Ruͤck⸗ halt der Revolutionsarmee bildeten, und ohne welche dieſe der Nationalgarde nicht ſo ganz gewachſen war. Schon am 27. Dezember 1704 finden wir, daß Chau⸗ mette ſich vor dem Gemeinderath ausdruͤckt, wie ein Menſch, der in ſchlechte Zeiten und in boͤſe Tage gefallen iſt. Er brachte Beweiſe vor, um zu zeigen⸗ . 394 daß nicht er es geweſen ſey, der die Einſetzung der Vernunftgoͤttin in ſeiner Vaterſtadt Nevers herbei⸗ gefuͤhrt habe; er beklagte ſein Schickſal, und fuͤhrte an, die Hallen ſeien mit Weibern angefuͤllt, welche die Freilaſſung ihrer Maͤnner verlangten, und ſich uͤber das Benehmen der Revolutionsgeſellſchaften be⸗ ſchwerten. Es war offenbar, daß eine Veraͤnderung in der politiſchen Atmosphaͤre vorgehe, weil Chau⸗ mette ſich veranlaßt ſah, ſich wegen einer Ruchloſig⸗ keit zu rechtſertigen, deren er ſich zu ruͤhmen pflegte, und uͤberdieß noch weiblichen Vorwuͤrfen ausgeſetzt war wegen ſeines republikaniſchen Eifers, nur wenige Tauſende verdaͤchtiger Perſonen zu verhaſten, und aus dem Wege zu ſchaffen. Der Geiſt der Reaktion nahm zu, und wurde durch Robespierre's Einfluß verſtaͤrkt, der jetzt gegen den Gemeinderath in die Waagſchale gelegt wurde. Die vorzuͤglichſten Fuͤhrer deſſelben, unter denen viele Fremde geweſen zu ſeyn ſchienen, wurden ver⸗ haftet, und unter audern auch der beruͤhmte Anacharſis Klootz*). Das Ungluͤck dieſer Maͤnner war ſonder⸗ bar, und haͤtte Mitleid verdient, wenn ſie nicht ſo verworfene Schurken geweſen waͤren. Sie wurden faſt jeder Ark von Verbrechen angeklagt, welche in den Augen eines Sansculotten als ſolche gelten konnten. Vieles konnte nur metaphyſiſch verſtanden werden, vieles war buchſtaͤblich falſch, aber wenig *) Den 22. März 1794. 1 95 oder nichts glich einer genauen oder wohlbegruͤnde⸗ ten Anklage eines beſtimmten Verbrechens. Die Beſchuldigung war, ſie ſeyen Genoſſen von Pitt und Koburg, und haͤtten ſich gegen die Souveraͤnitaͤt des Volkes verſchworen;— ſie haͤtten die Abſicht gehabt, Paris auszuhungern,— den Konvent laͤcher⸗ lich zu machen durch eine Menge von Puppen, die dieſe faſt eben ſo paſſive Verſammlung vorſtellen ſollten— und noch vieles Andere dergleichen, was aus voͤlllg unwichtigen oder ganz unbewieſenen An⸗ fuͤhrungen beſtand. Aber von ihrer Nivalitaͤt gegen Robespierre, der wahren Urſache des gegen ſie ver⸗ haͤngten Prozeſſes, von ihren revolutionaͤren Mor⸗ den, weßhalb ſie ihr Schickſal eigentlich verdienten, — wurde nichts geſagt. Man ließ einige Worte uͤber Pluͤnderung fallen, woruͤber Rouſſin, der Kom⸗ mandant der Revolutionsarmee alle Geduld verlor: „Wie!“ ſagte er,„Sie ſprechen von Entwendung? „Sie wagen es, einen Mann, wie ich bin, eines Diebſtahls von Bett⸗ und Weißzeug zu beſchuldi⸗ gen? Sie machen mich zu einem Taſchendieb,— mich, der uͤber ihre Kehlen verfuͤgen konnte!“— Die Angeklagten wurden, neunzehn an der Zahl, uͤberwieſen und hingerichtet. Von dieſer Zeit. an verlor die Stadt Paris ihren vorherrſchenden Ein⸗ fluß auf die Angelegenheiten Frankreichs, den der Gemeinderath ihr fruͤher verſchafft hatte. Die Macht der Magiſtratur war ſehr gebrochen durch die Auf⸗ ——— 96 hebung der Revolutionsarmee, welche der Konvent aufloͤste, weil ſie nach falſchen Grundſaͤtzen ausge⸗ hoben, mehr eine hauptſtaͤdtiſche, als eine National⸗ truppenmaſſe ſey, und leicht den Zwecken einer Parthei dienen koͤnne. Nachdem die Hebertiſten aus dem Wege geraͤumt waren, hatte Nobespierre noch einen weit fuͤrchter⸗ licheren Feind zu bekaͤmpfen und zu uͤberwaͤltigen. Die letzten Verſchwoͤrer waren mit dem Klubb der Cordeliers in Verbindung geſtanden, mit welchem auch Danton, wie man glaubt, viel verkehrte, aber er hatte verſaͤumt, ſie zu unterſtuͤtzen, was er aus Politik haͤtte thun ſollen, auch eine Parthei und ſeine Abſichten nach gerade zu ſehr von der Sache ſeiner Freunde und ſeinem bisherigen Syſtem ab⸗ geſondert. Er war der, wie es ſich auswies, fal⸗ ſchen Meinung, daß ſein Kahn ebenſo triumphirend auf Waſſer⸗, als auf Blutwellen ſegeln koͤnne. Er und andere ſchienen von einem Abſcheu gegen dieſe ewigen Grauſamkeiten ergriffen, als ob die ſtete Wiederholung ſie uͤberfuͤllt, und ihnen Ekel verur⸗ ſacht haͤtte. Danton ſprach von Gnade und Ver⸗ zeihung, und ſein Anhaͤnger Camille Desmoulins entwarf in einer ſehr witzigen Parodie auf Tacitus eine Vergleichung zwiſchen den Tyrannen und An⸗ gebern der franzoͤſiſchen Jakobiner⸗Regierung und denen, des kalſerlich⸗roͤmiſchen Hofes. Die Parallele war 927 war trefflich gezogen, und Robespierre und ſeine Geſellen konnten ihre eigenen Charakterſchilderungen in denen der verhaßteſten Schurken dieſer verhaßten Zeit leſen. Seit dieſen Angriffen ſchien Danton auf die von Tallien ſpaͤter ergriffene Rolle zu denken, Robespierre und ſeine Macht zu ſtuͤrzen, und eine Regierungsform an deren Stelle zu ſetzen, die we⸗ nigſtens einige Sicherheit fuͤr Leben und Eigenthum gewaͤhre. Aber er war nicht ſchnell genug; Robes⸗ pierre kam ihm zuvor, und am Morgen des 31. Maͤrz wagten die Pariſer und die Mitglieder des Kon⸗ vents kaum, einander in die Ohren zu kluͤſtern, daß Danton, deſſen Name ſo ſchrecklich war, als der Schall der Sturmglocke, gleich einem armen Exa⸗ deligen verhaftet, und in den Haͤnden der Lio⸗ toren ſey. Der Ausrufungen und der Verwunderungen war kein Ende; denn Danton war der große Apoſtel, der wahre Muhamed des Jakobinerthums. Fuͤr den Propheten dieſer ſchrecklichen Sekte paßte ſeine rie⸗ ſenhafte Geſtalt, ſein großes und wildes Geſicht, ſeine Stimme, die gleich einem fernen Donner Schrecken erregte, ſeine maͤchtigen Talente und ſeine Heftigkeit, welche dem tiefen Tone dieſer Stimme eine angemeſſene Sprache liehen. Marat war ein Tollhaͤusler, dem nur die Umſtaͤnde Wichtlgkeit ver⸗ liehen hatten,— Robespierre ein kalter, ſchleichen⸗ W. Scott'’s Werke. XXX. 7 . 98 der, berechnender Heuchler, deſſen Bosheit der eines Unholds niederen Ranges glich;— aber Danton war ein Karakter fuͤr Shakspeare oder Schiller, um ihn in allen ſeinen großen Licht⸗ und Schattenſeiten zu zeichnen; Bruce wuͤrde nach ihm einen noch groß⸗ artigern Ras Michael, als den von Tigré entworfen haben. Seine Leidenſchaften waren ein Orkan, wel⸗ cher wuͤthend, ruͤckſichtlos und zerſtoͤrend in ſeinem Laufe doch noch lichte Augenblicke von Sonnenſchein und Ruhe hatte. Weder gut von Natur, noch ge⸗, vecht aus Grundſatz oder politiſcher Berechnung, war man oft erſtaunt, bei ihm noch einige Gefuͤhle von Edelſinn und ſelbſt einige Neigung zur Großmuth zu finden. Fruͤhe Gewoͤhnung an verworfene Laſter, die keine Tugend aufkommen laſſen, und die Verblendung mit der elenden Faktion von Orleans im Anfang ſeiner Laufbahn machten aus ihm einen, wenn auch nicht ſchlechtern, doch gewiß gemeinern Boͤſewicht, als wozu ihn die Natur beſtimmt hatte; denn ſein Stolz wuͤrde ihn vor manchen bewahrt haben, wozu ihn die Verſuchungen großer Ausſchweifung und das Ge⸗ fuͤhl beengter Verhaͤltniſſe brachten. Als Danton unter Robespierre fiel, ſchien es, als ſey eine lau⸗ ernde Eule auf einen Adler oder wenigſtens auf einen hochfliegenden Geier geſtoßen, und der ihn ge⸗ troffen. Begreiflicherweiſe beklagten ihn ſeine er⸗ klaͤrten Genoſſen, ja Le Gendre und Andere wurden ſeine Fuͤrſprecher im Konvent, und nahmen fuͤr ihn 99 das Verdienſt jener heftigen Maßregeln in Anſpruch, welche dem Triumph des Jakobinismus den Weg gebahnt hatten, und zeigten ſo mehr Conſequenz in ihrer Freundſchaft, als dieſe wilden Demagogen bei irgend einer andern Gelegenheit bewieſen hatten. Danton ſchien vor ſeinem Fall viel von ſeinem Scharfſinn und ſeiner Energie verloren zu haben. Durch La Croix, Weſtermann u. a. hinreichend ge⸗ warnt, ergriff er doch keine Maßregeln zur Rettung oder Vertheidigung, obgleich ſie noch in ſeiner Ge⸗ walt ſchienen. Doch ſein Muth war keineswegs ge⸗ brochen, noch ſein ſtolzer Geiſt gebeugt, obgleich er ſich leidend ſeinem Schickſal zu unterwerfen ſchien, mit der entmuthigenden Ueberzeugung, die oft große Verbrecher entmannt, daß ſeine Stunde gekom⸗ men ſey. Dantons Prozeß war demnach bald abgethan. Er und ſeine Gefaͤhrten, Camille Desmoulins, We⸗ ſtermann und La Croix wurden vor das Revolutions⸗ gericht geſchleppt, und ſo ging auf eine ſonderbare Weiſe die Prophezeihung des Girondiſten Boyer Fonfrede in Erfuͤllung. Dieſer Mann hatte Danton, unter deſſen Einfluß dieſes Werkzeug willkuͤhrlicher Gewalt gegruͤndet worden war, zugerufen:„Ihr beſteht alſo auf der Einfuͤhrung des willkuͤhrlichen Gerichtshofs? Es ſey ſo, und moͤge er nicht gleich dem Marterwerkzeug des Phalaris ſeine eigenen Er⸗ Ter 1 100 finder verzehren!“ Die Richter, Zeugen, Anklaͤger und Wachen, welche Danton jetzt umgaben, waren einſt ſo demuͤthig geweſen, um nach der Genoſſen⸗ ſchaft bei ſeinen Graͤueln zu ſtreben, und hatten ſich fuͤr hinreicheud geehrt gehalten, ſeine Handlanger zu werden. Jetzt blickten ſie auf ſeinen ungebeug⸗ ten Stolz, auf ſeinen unerſchuͤtterlichen Muth, wie furchtſame Zuſchauer auf einen Loͤwen in einem Kaͤfig, wenn ſie, an der Feſtigkeit des Gitters zwei⸗ felnd, ihrer eigenen Sicherheit wenig vertrauen. Ueber ſeinen Namen und ſeinen Wohnort befragt, antwortete er:„Meine Wohnung wird bald das Nichts ſeyn, aber mein Name wird im Pantheon der Geſchichte leben.“ Camille Desmoulins, Her⸗ ault de Sechelles und Fabre d'Eglantine ꝛc., Maͤnner von bedeutendem literariſchen Talent und von den wenigen Jakobinern, welche wirkliche Anſpruͤche auf ſolche Vorzuͤge hatten, theilten ſein Schickſal. We⸗ ſtermann war gleichfalls unter ihnen, derſelbe Of⸗ fizier, welcher den Angriff auf das Schloß der Tuil⸗ lerien am 10. Auguſt geleitet hatte, und nachher durch ſo viele Siege und Niederlagen in der Vendée ſich auszeichnete, daß er wegen ſeiner Thaͤtigkeit die Geißel dieſes Bezirks genannt wurde. Ihre Anklage war, wie bei allen ſolchen Faͤllen, in dieſer Zeit eine Olla potrida, wenn wir dieſen Busdruck gebrauchen duͤrfen, worin alle moͤgliche ver⸗ brecheriſche Ingredienzen unter einander gemiſcht 101 waren, aber ſo unzuſammenhaͤngend, ſo ſchlecht mit⸗ einander verbunden, ſo wenig miteinander uͤberein⸗ ſtimmend, ſo dunkel in der Anklage und dem Be⸗ weiſe dargeſtellt, daß es offenbar war, nur boshafte Falſchheit habe dieſe dicke und zaͤhe Maſſe unter⸗ einander miſchen koͤnnen. Waͤre Danton wegen ſei⸗ nen wirklichen Verbrechen verurtheilt worden, ſo haͤtte gerechterweiſe der Richter⸗ Spruch, Geſchworne, Zeugen und die meiſten Zuſchauer im Gerichtshof zugleich mittreffen muͤſſen. Robesplerre war ſehr beunruhigt uͤber den Ausgang des Prozeſſes, der Konvent zeigte Merkmale wiederauflebenden Muths, und als eine revolutionaͤre Deputation vor den Schran⸗ ken verlangte,„daß Tod die Tagesordnung ſeyn ſolle“ und den Konvent erinnerte,„wenn er das maͤßige Verlangen von 300,000 Koͤpfen, das der philantropiſche und jetzt canoniſirte Marat geſtellt, bewilligt haͤtte, ſo wuͤrde er den Vendéekrieg der Republik erſpart haben;“ da wurde ſie mit ent⸗ muthigendem Murren empfangen. Tallien, der Praͤſident, ſagte ihr,„nicht Tod, ſondern Gerech⸗ tigkeit, ſey die Tagesordnung,“ und die Bittſteller wurden, trotz der patriotiſchen Wendung ihres be⸗ ſcheidenen Verlangens, mit Verwuͤnſchungen von den Schranken weggejagt. Dieß ſah ſchlimm aus, aber die Macht Robes⸗ pierre's war noch vorherrſchend bei dem Revolutions⸗ gericht, und nach einer muthigen und ungewoͤhnlich ——— . 10⁰2 langen Vertheidigung, welche nicht im Moniteur er⸗ ſcheinen durfte, wurden Danton und ſeine Genoſſen verurtheilt, und ſogleich zur Hinrichtung abgefuͤhrt. Sie behielten ihre Feſtigkeit, oder vielmehr die Ver⸗ haͤrtung ihres Karakters bis ans Ende, und als Danton bemerkte, daß der Blick Fabre d'Eglantine's duͤſter wurde, munterte er ihn mit einem Wortſpiel auf:„Muth, mein Freund,“ ſagte er mit ſeiner tiefen mißtoͤnigen Stimme,„wir ſind jetzt Alle im Begriff, Euer Geſchaͤft zu ergreifen— Nous allons faire des vers.“— Die bei dieſer Gelegenheit Hin⸗ gerichteten waren Maͤnner, deren Geſchicklichkeit und Talente einen hoͤhern Grad von Mitleid erregte, als den ebenſo beredten, aber weniger gluͤcklichen Girondiſten zu Theil geworden war. Selbſt recht⸗ ſchaffene Maͤnner betrachteten das Schickſal Dantons mit Bekuͤmmerniß, wie wenn ein wuͤthender Stier durch den leichten Stoß eines geſchickten Toridors Aiederſtuͤrzt; viele Maͤnner von guten Geſinnungen hatten gehofft, daß Ordnung und Sicherheit wenig⸗ ſtens einigermaßen gewinnen wuͤrden, wenn er im Kampfe mit Robespierre den Sieg erringe. Auf der andern Seite hielten diejenigen, welche dem Schick⸗ ſale des letztern folgten, nun ſeine Macht fuͤr un⸗ vergaͤnglich und verhaͤltnißmaͤßig erhoͤht, da er ſeinen lezten und furchtbarſten Nebenbuhler geſtuͤrzt hatte. Beide aber waren im Irrthum. Die Obermacht eines Mannes, wie Danton, haͤtte moͤglicherweiſe die Herr⸗ 1⁰3 ſchaft des Jakobinismus verlaͤngert, da er ſie etwas ertraͤglicher gemacht haben wuͤrde; aber der dauernde, wenigſtens der endliche Erfolg Robespierre's war unmoͤglicher geworden durch die wiederholten Deci⸗ mationen, denen ſeine Eiferſucht ſeine eigene Parthei unterwarf. Er glich dem wilden Fuͤhrer Lope dAguirre, deſſen Geſchichte von Southey ſo gut erzaͤhlt iſt, der mit einer Abtheilung Flibuſtier den großen Orellana⸗ Strom hinabſchiffte, und aus Mißtrauen an ihrer Treue einen Theil ſeines Gefolges nach dem andern niederhieb, bis die uͤbrigen keine Moͤglichkeit mehr ſahen, einem gleichen Schickſal zu entgehen, wenn ſie nicht ihrem Fuͤhrer mit dem Mord zuvorkamen. 4 Auf Robespierre, als den Urheber ſeines Falls, anſpielend, hatte Danton ſelbſt ausgerufen:„Der feige Schurke! ich bin der einzige, der Macht genug gehabt haͤtte, ihn zu retten.“ Und der Erfolg hat gezeigt, daß er mit jenem prophetiſchen Geiſte ge⸗ ſprochen hatte, der ſich, wie man oft behauptet hat, zuweilen bei Sterbenden zeigt.. In der That war Robespierre durch die Ver⸗ nichtung der Parthei Heberts, und noch mehr durch die Wegraͤumung Dantons und ſeines Anhangs ſehr iſolirt. Es blieb ihm gewiſſermaßen nur noch der Fleck uͤbrig, auf dem er ſtand; von rechtſchaffenen Maͤnnern verflucht, hatte er ſich durch ſeine fort⸗ geſezten Grauſamkeiten ſelbſt die Stuͤtzen entfremdet, die ihm außerdem um ihrer eigenen Sicherheit willen 104 treu geblieben waͤren. Alles blickte jetzt mit Furcht auf ihn, und Niemand hoffte aus den Haͤnden des Diktators ein beſſeres Loos, als das dem Outis zu⸗ geſagte, naͤmlich das Loos, von Allen der Leute guf⸗ gefreſſen zu werden. Zu dieſer Zeit faßte Robespierre den Plmn. die Nuchloſigkeiten Chaumettes, Heberts und der Athei⸗ ſten zu ſuͤhnen, durch das oͤffentliche Bekenntniß des Glaubens an das Daſeyn einer Gottheit. Dieß ſollte, wie er glaubte, ein der oͤffentlichen Meinung darge⸗ brachtes Opfer, und eine neue Springfeder in ſeinen Haͤnden ſeyn. Mit Einem Wort, er ſchien die Ab⸗ ſicht gehabt zu haben, mit ſeiner Macht im Staate den Karakter eines Hohenprieſters des neuen Glau⸗ bens zu vereinen. Als das Organ des Sicherheits⸗ Ausſhaſſes unternahm er es durch eine lange und gar alberne Rede, die franzoͤſiſche Nation vom Unglauben zu be⸗ kehren. Bei allen ſolchen Gelegenheiten nahm er ſeine Zuflucht zu jener groben Schmeichelei, die ſein großes, ſelten fehlendes und faſt einziges Mittel war, Popularitaͤt zu erlangen. Er begann damit, ſeine Zuhoͤrer zu verſichern, daß Frankreich durch ſeine Aufklaͤrung und fortſchreitende Verbeſſerung dem uͤbrigen Europa wenigſtens um 2000 Jahre vorange⸗ eilt ſey, und daß es unter den gewoͤhnlichen Nationen der Welt einer andern Art von Weſen anzugehoͤren ſcheine. Doch meinte er, wuͤrde ein wenig Glauben an eine Gott⸗ 105 heit ihr nicht ſchaden. Dann riß ihn ſeine Beredtſamkeit hin, von der wir doch eine Probe liefern muͤſſen, um zu zeigen, mit welch geringem Aufwand von Ver⸗ ſtand, Geſchmack und Talent ein Mann fuͤr einen ausgezeichneten Neduer gehalten und Diktator einer großen Nation werden kann- „Ja, das herrliche Land, das wir bewohnen, und das die Natur mit ſo vieler Vorliebe hehandelt, iſt dazu gemacht, der Sitz der Freiheit und des Gluͤcks zu ſeyn, und dieß Volk, das dem Gefuͤhle und dem edlen Stolz ſo offen iſt, iſt zum Ruhm und zur Tugend geboren. O mein Vaterland! haͤtte das Schickſal mich in einem von deinen Graͤnzen ent⸗ fernten Lande geboren werden laſſen, ich wuͤrde darum nicht weniger ſtete Gebete zum Himmel fuͤr dein Wohl geſchickt, und uͤber der Erzaͤhlung deiner Kaͤmpfe und Tugenden geweint haben. Meine Seele wuͤrde mit raſtloſem Eifer jeder Veraͤnderung in dieſer er⸗ eignißreichen Revolution gefolgt ſeyn,— ich wuͤrde das Loos deiner Kinder— deiner Repraͤſentanten be⸗ neidet haben. Aber ich bin ſelbſt ein Kind Frank⸗ reichs— ich bin ſelbſt ein Repraͤſentant. Berau⸗ ſchendes Entzuͤcken!— o erhabenes Volk, empfange das Opfer meines ganzen Daſeyns! gluͤcklich iſt der, der in deiner Mitte geboren iſt! gluͤcklicher noch, wer ſein Leben fuͤr deine Wohlfahrt aufopfern kann!“*) *) Wenn wir ſo ernbärmliches Zeug leſen, und der Verbrechen gedenken, die durch eine ſolche Rednerei verurſacht wurden 8 1⁰6 So war die Sprache dieſes großen Demagogen an das erhabene Volk, von dem er, ſein gewoͤhnliches Tagwerk, ungefaͤhr 50 des Tags, hinrichten ließ; deſſen Perſon und Eigenthum ſo wohl geſchuͤtzt war, daß Niemand ſeinen Hut ſein eigen zu nennen wagte, oder 10 Minuten lang die Sicherheit des Kopfs⸗ der ihn trug, verbuͤrgen konnte. Viel ſagte er auch uͤber die Unbeſonnenheit der Anbeter der Vernunft, deren Schritte er als zuvoreilig tadelte;— viel uͤber England und Pitt, welche wegen der Zerſtoͤrung des katholiſchen Glaubens in Frankreich gefaſtet haͤtten, wie ſie um Capet und ſeine Frau Trauer anlegten. Aber der Inbegriff dieſer außerordentlichen Rede war eine Reihe von Dekreten, welche mit der Erklaͤrung begannen, daß die franzoͤſiſche Republik das Daſeyn eines hoͤchſten Weſens anerkenne, genau in der Form, in welcher die große Nation die Regierung eines Staats von gleichem Rang anerkannt haben wuͤrde. Die andern Dekrete ſezten die Art der Verehrung des großen Weſens feſt, welches dieſe ſchwachen Atome in ihren Gedanken wieder an ſeine Stelle geſetzt; in jeder Dekade ſollte ein Tag einer beſondern Tugend geweiht, und ihr Feſt durch Hymnen und Prozeſſionen, ſo erinnert dieß uns an die Meinung eines muhamedaniſchen Religionslehrers, welcher Bruce verſicherte, daß der Degial dder Antichriſt in Geſtalt eines Eſels erſcheinen ſollte, und daß die Menge ihm in die Hölle folgen werde, angezogen von der Muſik ſeines Geſchreis. 107 ſo viel wie moͤglich auf heidniſche Weiſe, gefeiert werden. Das lezte Dekret ſezte ein Feſt zu Ehren des hoͤchſten Weſens ſelbſt ein, ſo ungefaͤhr, wie die Nation durch oͤffentliche Freudenbezeugungen den Frieden mit einer benachbarten Maͤhi gefeiert haben wuͤrde. Dieſe Rede wurde mit ſklaviſchem Beifall von dem Konvent aufgenommen. Couthon verlangte mit affektirtem Enthuſtasmus, daß nicht nur die Rede auf die gewoͤhnliche Weiſe, durch Mittheilung von ſechs Exemplaren an jedes Mitglied, bekannt ge⸗ macht, ſondern auch in alle Sprachen uͤberſezt, und in der ganzen Welt verbreitet werden ſolle. Die Veranſtaltung dieſer heidniſchen, an die Stelle jedes aͤußern Zeichens eines vernuͤnſtigen Got⸗ tesdienſtes tretenden Mummerei wurde dem Genie des Malers David uͤbertragen; und haͤtte nicht die freche Gotteslaͤſterung, die in der Sache lag, die lacherliche Seite derſelben in Schatten geſtellt, ſo wuͤrde ihr keine Poſſe, ſelbſt der merkwuͤrdige Auf⸗ zug des bekannten Redners des Menſchengeſchlechts gleich gekommen ſeyn.*) Es fand ein Aufzug des *) Der arme Anacharſis Klootz. Er war aus dem Jakobiner⸗ klubb verjagt worden, als ein Preuße, ein Exadeliger und, was man vielleicht vorher nicht vermuthet hatte, als ein Rann, der Vermögen genug beſaß, um für einen Ariſto⸗ kraten zu gelten. Sein wahres Verbrechen war, ein He⸗ bertiſt zu ſeyn, und er fiel mit dem Führer dieſer Parthei 10⁰8 ganzen Volkes von Paris Statt, das in Banden von jungen und alten Frauen, von aͤltern und juͤngern Maͤnnern, die Eichenzweige und gezogene Schwerter und andere jeglichem Alter entſprechende Symbole trugen, getheilt war. Voran zogen die Repraͤſentan⸗ ten des Volkes mit Kornaͤhren, Gewuͤrzen und Fruͤch⸗ ten in der Hand, waͤhrend Robespierre, ihr Praͤſi⸗ dent, in eine Art von Purpurmantel gehuͤllt, abge⸗ ſondert und allein fortſchritt, und die Rolle eines Hohenprieſters ſpielte. 4 Nachdem man die Straßen auf und ab nach der Melodie elender Hymnen gezogen war, nahm man den Weg nach den Gaͤrten der Tuillerien, wo einiges Feuerwerk bereitet war, und Robespierre hielt eine an die Umſtehenden gerichtete Rede, ohne irgend ein Gebet oder Anrufung Gottes. Seine Aner⸗ kennung einer Gottheit war, wie es ſcheint, nur die Anerkennung einer Thatſache, mit Ausſchluß jeder Anbetung des großen Weſens, deſſen Daſeyn zuzugeben er ſich endlich herabließ. Er hatte dieſes ſein Opfer nicht ſobald dargebracht, als einige Figu⸗ ren angezuͤndet wurden, welche den Atheismus, den Ehrgeiz, den Egoismus und andere boͤſe Prinzipien vorſtellen ſollten. Die jungen Maͤnner ſchwangen dann ihre Schwerter, die alten legten ihnen die auf dem Schaffot.— Dieſe Note war ziemlich unnöthig, aber Anacharſis Klootz war rückſichtlich der Albernheit eine der unnachahmlichſten Perſonen in der Revolution. 109 Hand auf das Haupt, die Maͤdchen ſtreuten ihre Blumen umher, und die Muͤtter hoben ihre Kinder empor,— alles wie es in Davids Programm ange⸗ geben war. Und dieſes Poſſenſpiel ſollte die Reue einer großen Nation bezeichnen, die ſich wieder zu der Gottheit wandte, deren Verehrung ſie vergeſ⸗ ſen und deſſen Daſeyn ſie gelaͤugnet hatte. Ich frage— nicht einen glaͤubigen Chriſten, ſondern irgend einen Philoſophen, der keinen andern Begriff von der Gottheit hat, als denjenigen, der ihm durch die bloße Vernunft geworden iſt,— ob nicht in Robespierres Art, die Gottheit anzuerken⸗ nen, mehr Ruchloſigkeit erſcheint, als in Heberts ſchrecklichem Eingeſtaͤndniſſe eines ungeſchminkten Atheismus. Dieſe Prozeſſion beruͤhrte das Volk gar nicht; ſie brachte keine ſchlagende Wirkung hervor, und er⸗ weckte keine tiefen Gefuͤhle. Vom Katholiken wurde ſie mit Abſcheu betrachtet, von verſtaͤndigen Maͤn⸗ nern jeder oder kelner Meinung als eine laͤcherliche Poſſe; und manche Politiker wollten unter dem Deck⸗ mantel dieſer religioͤſen Ceremonie weitere und tie⸗ fere Plane des Diktators Robespierre entdecken. 3 Selbſt waͤhrend der Perozſſion bekam er Drohungen und Murren zu hoͤren, die die Freunde Dantons in ihrem Unmuth nicht unterdruͤcken kkonnten, und er ſah klar ein, daß er wieder zum Mord ſeine II0 Zuflucht nehmen, und Tallien, Collot d'Herbois u. a. aus dem Wege ſchaffen muͤſſe, wie er es nachein⸗ ander mit Hebert und Danton gemacht, oder daß ſeine fruͤhern Siege nur ſeinen endlichen Sturz her⸗ beifuͤhren wuͤrden. Unterdeſſen zitterte der Deſpot, vor deſſen Bli⸗ cken ſelbſt die Demokraten des Bergs erbebten, wenn ſie auf ſie fielen, vor der gefuͤrchteten Gegen⸗ wart eines jungen Frauenzimmers. Caͤcilie Regnaud, ein Maͤdchen, und, wie es ſchien, unbewaffnet, kam in ſein Haus, und verlangte Robespierren zu ſe⸗ hen. Da ihr Benehmen einigen Verdacht erregte, ſo wurde ſie von der jakobiniſchen Leibwache angehal⸗ ten, die Tag und Nacht unter Schwelgerei und Fluͤ⸗ chen die Hoͤhle des Wuͤtherichs bewachte, der unter ihrem Schutz zu ſchlafen ſuchte. Vor das Revolu⸗ tionsgericht gebracht und befragt, was ihre Abſicht geweſen ſey, begnuͤgte ſich das Maͤdchen zu antwor⸗ ten, ſie habe zu wiſſen gewuͤnſcht,„wie ein Tyrann ausſehe.“ Sie wurde demnach zur Gulllotine ver⸗ urtheilt, und mit ihr etwa 60 Perſonen als Mit⸗ ſchuldige an einer Verſchwoͤrung hingerichtet, deren Daſeyn nie, weder durch Worte, noch durch That bewieſen wurde. Die Schlachtopfer wurden auf Ge⸗ radewohl aus den Gefaͤngniſſen gezogen, wo ſie ſich ſchon Monate lang vor der Verhaftung der Caͤcilie Regnaud befunden hatten, deren Mitſchuldige ſie 1 2 111 ſeyn ſollten.*) Viele haben die ganze Sache fuͤr eine reine Erfindung Robespierres gehalten, der ſeine Perſon, als von der Ariſtokratie gefaͤhrdet, zei⸗ gen, und in demſelben Lichte, wie Marat durch die That der Charlotte Corday, erſcheinen wollte. Auf die angebliche Meuchelmoͤrderin folgten nach einigen Wochen geſaͤhrlichere Feinde. Es herrſchte Zwieſpalt unter den Schreckensmaͤnnern. Die aus⸗ gewaͤhlten und alten Banden vom 10. Auguſt, 2. September, 31. Mat u. g. bedeutenden Perioden der Revolution blieben den Jakobinern, und die Ma⸗ joritaͤt des Jakobinerklubbs Robespierren zugethan; hierin lag ſeine Staͤrke. Auf der andern Seite er⸗ innerten ſich Tallien, Barras, Legendre, Fouché und andere Mitglieder der Bergparthei an Danton, und fuͤrchteten ein gleiches Schickſal. Es war vorauszu⸗ ſehen, daß der Konvent jede Gelegenheit benutzen wuͤrde, um ſich von ſeiner jetzigen Knechtſchaft zu befreien. Das Volk ſelbſt fing an, ſich weniger paſſiv zu verhalten; der lange Zug der Schlachtopfer, die *) Dieſe unerhörte Ungerechtigkeit iſt in dem Bericht des Aus⸗ ſchuſſes angegeben, der niedergeſetzt wurde, um Robes, pierre's Papiere zu unterſuchen, und deſſen Berichterſtatter Courtois war. Es iſt ein ziemlich ſeltſamer Umſtand, daß zur Zeit des Abentheuers der Cäcilia Regnand auf einem Maskenballe zu London eine, wie das Geſpenſt der Char⸗ lotte Corday gekleidete Maske erſchien, die, wie ſie ſagte⸗ gekommen ſey, um Robespierren aufzuſuchen, und ihm Marats Schickſal zu bereiten. 3 ——— 11² tstich nach der Guillokine auf den Riepolitionsplah geſchleppt wurden, war nicht laͤnger der Gegenſtand einer ſtupiden Verwunderung oder einer laͤhmenden Furcht; man ſah denſelben im Gegentheil mit offen⸗ barer Entruͤſtung, die bei der erſten Gelegenheit ausbrechen mußte. Die Buͤrger in der Straße St. Honoré ſchloſſen Fenſter und Laͤden in den Stunden, wo die Schinderkarren nach dem Nichtplatze voruͤber⸗ fuhren; dieſes ganze Stadtviertel gewaͤhrte einen hoͤchſt duͤſtern Anblick. Dieſe ominoͤſe Stimmung wurde bemerkt, 1 und die Todesmaſchine nach einer entlegenen Gegend, bei der Barrière de la Trone, nahe bei der Vor⸗ ſtadt Saint Antoine gebracht, fuͤr deren Einwohner ein taͤgliches Schauſpiel dieſer Art, wie man glaub⸗ te, eine intereſſante Erholung von der Arbeit ſeyn mußte; aber ſelbſt das Volk dieſer unruhigen Vor⸗ ſtaͤdte hatte etwas von ſeinem republikaniſchen Eifer verloren,— die Gefuͤhle der Menſchen hatten ſich geaͤndert. Sie ſahen in der That ſolche Blutſtroͤ⸗ me, daß es noͤthig wurde, einen Abzugsgraben zu fuͤhren, um es hinwegzuſchaffen, aber ſie ſahen nicht, daß ſie oder ihre Angehoͤrigen irgend einen Vortheil erhielten von der Zahl der Opfer, welche taͤglich, wie man ſie verſicherte, zu ihrem Vor⸗ theile geſchlachtet wurden. Das unaufhoͤrliche Blut⸗ eeileßen⸗ nicht dnrh Pluͤnderung oder ſonſtige Er⸗ zeſſe 113 zeſſe gewuͤrzt, ek kelt e ſie an, wie es alle, die nicht im buchſtaͤblichen Sinne des Wortes Kannibalen wa⸗ en, haͤtte anekeln muͤſſen; fuͤr ſolche aber wuͤrde das Revolutionsgericht in der That reichliche Mahl⸗ zeiten bereitet haben. Robespierre ſah dieſe zunehmende Unpopulari⸗ taͤt mit vieler Unruhe; er bemerkte wohl, daß die Stachel des Schreckens, ſo ſtark er auch war, ſeine Wirkung auf die oͤſſentliche Meinung zu verlieren beginne, und er entſchloß ſich, etwas neues auf die Bahn zu bringen, nicht durch Veraͤnderung ſeines Syſtems, ſondern durch eine andere Anwendung deſſelben. Bis jetzt waren die Leute blos wegen po⸗ litiſcher Verbrechen hingerichtet worden, obgleich der Kreis diesfalls ſehr unbeſtimmt gezogen war, und, wenn man wollte, ſo weit ausgedehnt werden konnte, daß das Geſetz, die Verdaͤchtigen betreffend, zur Entvoͤlkerung eines ganzen Landes allein ſchon ge⸗ nuͤgte. Wenn aber die Todesſtrafe auf religioͤſe und ſittliche Vergehungen, wie auf Staatsverbrechen aus⸗ gedehnt wurde, ſo ſtand mit Einemmal das Leben von Tauſenden zu ſeinem Gebot, denen er wegen politiſcher Sunden nicht ſo leicht beikommen konnte; und dies mochte zu gleicher Zeit ſeinem neuangenom⸗ menen Karakter eines Sittenverbeſſerers die rechte Bedeutung geben. So enrkam er auch der unange⸗ nehmen und beſchwerlichen Nothwendigkeit, Vergei⸗ W. Scott's Werke. XXX. 8 114 chungen anzuſtellen zwiſchen ſeinem eigenen Beneh⸗ men und dem der alten Freunde, deren Hinopfe⸗ rung er paſſend gefunden hatte. Er konnte nicht von ſich ruͤhmen, weniger ein Moͤrder zu ſeyn, als ſeine uͤbrigen Geſellen; aber er konnte ſicher mehr aͤußere Schicklichkeit der Sitten fuͤr ſich anfuͤhren. Sein eigenes Benehmen war ſtets zuruͤckhaltend und ſtrenge; und was fuͤr ein Triumph waͤre es gewe⸗ ſen, haͤtten die Geſetze ihm geſtattet, Danton nicht wegen ſeines politiſchen Benehmens aus der Welt zu ſchaffen, welches kaum von ſeinem eigenen unter⸗ ſchieden werden mochte, ſondern wegen ſeiner gro⸗ ben Unterſchleife und Ausſchweifungen, welche Nie⸗ mand dem ſtrengen und unbeſtechlichen Nobespierre aufbuͤrden konnte. Seeine untergeordneten Agenten begannen auch bereits auf eine Reformation der Sitten hinzudeu⸗ ten; Payan, Hebert's Nachfolger in dem wichtigen Poſten, eines Prokurators des Gemeinderaths der Hauptſtadt, benahm ſich ganz anders als ſein Vor⸗ gaͤnger, der als Verfaſſer eines oͤffentlichen Blattes durch die ſchrecklichſten Fluche und, durch viehiſche Ausdruͤcke, deren ſich kaum die Heſe des Poͤbels be⸗ dient, ſeinen Styl zu wuͤrzen ſuchte. Payan dage⸗ gen berieth ſich, als voͤlliger Antagoniſt des Pere Duchesne, mit dem Gemeinderath zu Paris uͤber einen Plan, wie man den Verkauf zuͤgellofer Schrif⸗ ten und Werke, die offenbar die Sitten der heran⸗ ——ͤ 115 wachſenden Generation zu verderben drohe, verhin⸗ dern koͤnne. Es iſt auch ein ſonderbares Aktenſtuͤck von dem Konvent vorhanden, welches eine gleiche Abſicht bei dem Verfaſſer deſſelben Robespierren zu bewiſen ſcheint. Das unheilige Schwoͤren und die Anführung des heiligen Namens in der gewoͤhnlichen Rede iſt darin als ein unverſtaͤndiger und gotteslaͤſterli her Auswuchs ſtreng getadelt. Der Gebrauch unſchick⸗ licher und laſterhafter Redensarten im gewoͤhnlichen Geſpraͤche iſt ebenfalls darin beruͤhrt; da aber dieſe Kraftſprache ganz kuͤrzlich noch eines der bewaͤhrte⸗ ſten Merkmale eines wahren Sanskulotten gewe⸗ ſen war, ſo ſahen ſich die Geſetzgeber genoͤthigt, ih⸗ ren Tadel durch das Zugeſtaͤndniß zu maͤßigen, daß im Anfang der Revolution die gewoͤhnliche Art zu ſprechen allgemein von den Patrioten angenommen worden ſey, um die gebrauchte Sprachweiſe der pri⸗ vilegirten Klaſſen abzuſchaffen, und, wie man es ausdruͤckte, die allgemeine Geſellſchaftsſprache volks⸗ thuͤmlich zu machen. Da dieſe Zwecke erreicht ſeyen, ſo muͤſſe nun, wie man ſagte, die Sprache der Re⸗ publikaner einfach, maͤnnlich und buͤndig, zugleich aber auch frei von ſchmutzigen und leidenſchaftlichen Ausdruͤcken ſeyn. Aus dieſen Anzeigen und dem Inhalt cines ſpaͤ⸗ ter auszufuͤhrenden Dekrets geht hervor, daß Ro⸗ 8 6 — —õ;— 116 vespierre damit umging, einen neuen Karakter an⸗ zunehmen, vielleicht nicht ohne die Hoffnung, eine puritaniſche Parthei in Frankreich zu finden, die er, wie einſt Cromwell die Independenten, zu ſeinen herrſchfuͤchtigen Abſichten benutzen koͤnnte. Dann wuͤrde er die Tugend der Freiheit und Gleich⸗ heit, dem bisherigen National⸗Loſungswort, bei⸗ geſellt, und ohne Zweifel den Vorwand zu einer neuen Reihe von Verbrechen gefunden haben. Das Dekret, worauf wir anſpielen, wurde von dem men⸗ ſchenfreundlichen Couthon zur Sprache gebracht, der auf die anmuthigſte Weiſe mit ſeiner hoͤchſt eindring⸗ lichen Silberſtimme auf ein Geſetz antrug, durch welches die Kompetenz des Revolutionstribunals und die Todesſtrafe nicht blos auf die pflichtvergeſſenen oder treuloſen Buͤrger der Republik, ſondern auch norh auf folgende Klaſſen ausgedehnt werden ſoll⸗ ten: auf diejenigen, welche das Volk oder ſeine Repraͤſentanten hintergehen;— auf alle, welche ſu⸗ chon wuͤrden, die guten Buͤrger zu entmuthigen, oder die Untergehmungen der Tyrannen zu beguͤnſti⸗ gen;— auf alle, welche falſche Nachrichten verbrei⸗ ten;— auf alle, welche ſuchen wuͤrden, die oͤffent⸗ liche Meinung irre zu fuͤhren, die Belehrung des Volks zu verhindern, oder. deſſen Sitten zu verder⸗ ben und das oͤffentliche Gewiſſen zu beſtechen, oder weiche die Reinheit der revolutionaͤren Geundſaͤze 117 durch kontrerevolutionaͤre Umtriebe beflecken zuoͤch⸗ ten, u. ſ. w. Es iſt offenbar, daß das Geſetz gegen Verdaͤch⸗ tige, verglichen mit dieſem in ſo weiten und allg d⸗ meinen, ſo dunkem und unbeſtimmten Ausdruͤcken verfaßten Ge eße, heller Sonnenſchein war; daß kein Franzoſe lebte, den dies Dekret nicht durch irgend eine ſeiner vernichtenden Klauſeln erreichen, oder in Gefahr bringen koͤnnte; daß ein unbeſtiminter oder unbeſonnener Ausdruck oder die Wiederholung ei⸗ nes unrichtigen Zeitungsartikels als verderblich fuͤr die oͤffentliche Wahrhaſtigkeit, oder als die oͤffent⸗ liche Meinung mißleitend ſich darſtellen ließe; kurz, daß die geringſte Nachlaͤſſigkeit in dem gewoͤhnlich⸗ ſten Gebrauch der Rede unter dies umfaſſende Edikt gebracht werden, und den Sprecher das Leben koſten konnte. Das Dekret toͤnte wie eine Sterbeglocke in den Ohren des Konvents. Alle fuͤhlten, daß dem geſetz⸗ gebenden Koͤrper eine neue Decimation bevorſteho, und mit Schrecken bemerkten ſie, daß kein Artikel in dem vorgeſchlagenen Geſetze die perſoͤnliche Unver⸗ letzlichkeit der Deputirten beſtaͤlige, ſondern daß die zum Opfer beſtimmten Kouventsmitglieder, ohne daß es Ropespierren auch nur die Formalitaͤt koſtete, von ihren gefaͤlligen Genoſſen ein Dekret zu erbitten, gleich allen Andern zur Schlachtbank des Revolutions⸗ gerichts geſchleypt werden koͤnnen, nicht blos unter 118 der Mitwirkung eines ſeiner Ausſchuͤſſe, ſondern auf das Verlangen des oͤffentlichen Anklaͤgers, ja ſogar eines Mitgliedes des repraͤſentativen Koͤrpers ſelbſt, das gerade auf einer Sendung war. Ruamps, ei⸗ ner der Deputirten, rief im Tone der Verzweiflung aus, wenn dies Dekret durchgebe, ſo ſtehe den Freunden der Freiheit kein Ausweg mehr offen, als ſich eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Das Geſetz ging fuͤr dieſe Nacht durch, trotz alles Widerſtands; aber die erſchreckten Deputirten wiederholten den andern Tag ihren Angriff. Die Beſtimmungen des Geſetzes wurden nochmals debat⸗ tirt, mit Umgehung der die Unverletzlichkeit der Deputirten betreffenden Frage. In einer dritten Sitzung kam die Sache abermals zur Sprache, und nach heftigen Debatten ging das ungluͤckliche Dekret durch, ohne irgend eine von den Hemmungen, die Robespierren beleidigt hatten? ſo daß dieſer nun im vollen Beſitze der urſpruͤnglich von ihm geſchmie⸗ deten Waffe war. Von dieſem Augenblicke an war ein toͤdtlicher, orgleich geheimer Kampf zwiſchen Robespierren und den ausgezeichnetſten Mitgliedern der Verſammlung, beſonders denen, die mit ihm auf dem beruͤhmten Berge geſeſſen, und an allen Unthaten des Jakobi⸗ nerthums mit ihm Theil genommen hatten. Collot d'Herbols, der Zerſtoͤrer von Lyon, der Schoͤpfer von Ville affranchie, trat zu den Feinden ſeines 119 Herrn und Meiſters, und verſchiedene andere Mit⸗ glieder beider Ausſchuͤſſe, welche Robespierre's ei⸗ gene Organe waren, begannen insgeheim auf Mit⸗ tel zu denken, ſich gegen eine Gewalt zu ſchuͤtzen, welche alles, was in ihre Beruͤhrung kam, gleich der ungeheuern Auaconda, in ihren Strudel zog, um es zu zer chmettern und zuverſchlingen. Die Geſchichte dieſer Spaltung laͤßt ſich nicht genau beſchreiben, aber man ſagt, daß der Diktator ſich belin oͤffentlichen Wohl⸗ fahrtsausſchuſſe in der Minoritaͤt befand, als cr Fouch's Koyf verlangte, den er im Konvent und Jakobinerklurb als Dantoniſten angeklagt hatte. Ge⸗ wiß iſt, daß er der Sitzung des Ausſchuſſes zwei oder drei Wochen lang vor ſeinem Falle nicht mehr beiwohnte, indem er Couthon und Saint Juſt uͤber⸗ ließ, dort ſein Intereſſe zu wahren. Einmal gegen ſeine alten Freunde, die Terro⸗ riſten, in Schranken getreten, ſah ſich der argli⸗ ſtige Tyrann nach Verbuͤndeten bei den wenigen Girondiſten um, die man mehr aus Verachtung, als aus Mitleid verſchont, und denen man geſtat⸗ tet hatte, ſich in der neutralen Parthei der ſoge⸗ nannten Ebene zu verbergen, die bei ihren Ab⸗ ſtimmungen ſich klugerweiſe immer der ſtaͤrkern Par⸗ thei anſchloß. 3 Da er wenig Unterſtuͤtzung bei dieſem furchſaͤt⸗ men und lange vernachlaͤßigten Theil des geſetzge⸗ benden Koͤrpers fand, ſo kehrte er zuruͤck zu ſeinen 120 ſtandhaftern Helfern in dem Jakobinerklubb. Hier bebauptete er ſeine Obermacht, und wurde mit en⸗ thuſiaſtiſchem Beifall angehoͤrt, als er ihnen den Ab⸗ fall einiger Konventsglieder von dem wahren rero⸗ lutionaͤren Gange anzeigte, ſich uͤber die Unthaͤtig⸗ keit und Lauheit des Wohlfahrts⸗ und Sicherheits⸗ ausſchuſſes beklagte, und ſich als einen verfolgten Patrioten, faſt als den einzigen Freund der Sache feines Landes, hinſtellte, der darum den Strelchen von tauſend Moͤrdern ausgeſetzt ſey. 4 „„Alle Patrioten,“ rief Couthon aus,„ſind Bruͤder und Freunde! was mich betrifft, ſo fordre ich alle Dolche, die Robespierre'n beſtimmt ſind, gegen mich heraus!—— „So, wie Alle!“ rief die Verſammlung ein⸗ ſtimmig. Solchergeſtalt ermuthigt drang Robespierre auf eine Reinigung der Geſellſchaft, und richtete ſeine Anklagen gegen Fouchs und andere Mitglieder des Bergs, die, ſeinem Wunſche gemaͤß, mit Beifall aufgenommen wurde.. Er vergewiſſerte ſich ſeines Einfluſſes auf die Richter des Revolutionstribunals und auf ſeine be⸗ reitwilligen Agenten unter dem reformirten Gemein⸗ derathe von Paris, den er nach dem Falle Heberts und Chaumettes mit ſeinen ergebenſten Freunden auf das ſorgfaͤltigſte beſetzt hatte. Er wußte aber wohl, daß in dem Sturme der ſich erheben ſollte, 3 ——— 221 dieſe Demagogen vom zweiten Range einem Tal⸗ lien, Fouché, Barras Collot d'Herbois, Billaud Varennes, und andern Deputirten von ausgezeich⸗ neter Faͤhigkeit, die gewoͤhnt waren, trotz alles Brauſens des revolutionaͤren Sturmes ſich Gehoͤr und Gchorſam zu verſchaffen, die Waage nicht hal⸗ ten wuͤrden. Er muſterte und muſterte abermals ſeine Streitkraͤfte, verglich ſie mit denen ſeiner Geg⸗ ner, und vermied mehr als ſechs Wochen lang des Gefecht, ohne jedoch Vorſchlaͤge zur Herſtellung des guten Einverſtaͤndniſſes zu machen, wobei auch in der That wahrſcheinlich keine Parthei der andern getraut haben wuͤrde. Unterdeſſen hatten die Feinde des Diktaters gleichfalls ihren eigenen Boden, auf dem ſie ſich mit Vortheit in die Scharmuͤtzel einlaſſen konnten, die dem entſcheidenden Kampfe zur Einleitung die⸗ nen ſollten. Vadier legte von Seiten des Sicher⸗ heitsausſchuſſes dem Kouvent in einem. Tone bitte⸗ rer Satyre die Geſchichte der myſtiſchen Zuſammen⸗ kuͤnfte und der Bildung einer neuen Sekte unter Katharine Theot vor, auf deren Plane wir bereits hingedeutet haben. Es geſchah zwar keine Erwaͤh⸗ nung von Robespierre'n, oder von der Unterſtuͤtzung, die er, wie vermuthet wurde, dieſen fanatiſchen In⸗ trikanten hatte zukommen laſſen. Aber daß er dies gethan habe, war bekannt genug, und Vadier ſchoß ſeine Pfeile mit ſo boshafter Geſchicklichkeit ab, daß— 4 12²² dieſelben waͤhrend ſie nur gegen die Myſtiker, von de⸗ nen er ſprach, gerichtet ſchienen, doch den Hohen⸗ prieſter in's Herz treffen mußten, der erſt vor kur⸗ zem das neue und ſeltſame Syſtem der Gottesver⸗ ehrung aufgebracht, und mit allem ſeinem Einfluſſe dem natuͤrlichen und urſpruͤnglichen Atheismus der Revolution aufzupfropfen verſucht hatte. Robespierre fuͤhlte wohl, daß er in ſeiner ge⸗ genwaͤrtigen Stellung nicht lange bleiben koͤnne, daß es kein Mittel gebe, dieſe zu ſichern,— daß er entweder hoͤher ſteigen oder fallen muͤſſen,— und daß jeder Augenblick wo er Verhoͤhnungen duldete, und Drohungen ertrug, ohne ſeine Nache fuͤhlen zu laſſen, ſeine Macht vermindere. Er ſcheint zwiſchen Kampf und Flucht geſchwankt zu haben. Unter ſei⸗ nen Papieren fand ſich nach dem Bericht Courtois, der ſie unterſuchte, eine dunkle Anzeige, daß er ein hinreichendes Vermoͤgen ſich erworben habe, und den Gedanken unterhielt, am Schluſſe ſeiner ſchrecklichen Laufbahn nach dem Beiſpiel des beruͤhmten Sulla ſich zuruͤckzuziehen. Ein Brief von einem unbekann⸗ ten Vertrauten ohne Unterſchrift und ohne Datum enthielt folgende ſonderbare Stelle:—„Sie muͤſſen Allem aufbieten, um von der Buͤhne zu verſchwin⸗ den, auf der Sie jetzt noch einmal auftreten wol⸗ len, um dieſelbe auf immer zu verlaſſen. Ihre Er⸗ hebung auf den Praͤſidentenſtuhl iſt nur eine Stufe weiter zu der Gulllotine, nach der man Sie, ange⸗ 123 ſpuckt vom Poͤbel, wie einſt Egalité, ſchleppen wird. Da Sie ſich einen hinreichenden Schatz geſammelt haben, um Ihren und den Ihrigen Unterhalt auf lange Zeit zu ſichern, ſo erwarte ich Sie ſehnlichſt; wir wollen dann herzlich mit einander uͤber eine Nation lachen, die deben ſo leichtglaͤubig, als neue⸗ rungsſuͤchtig iſt.“ Wenn er nun wirklich einen ſol⸗ chen Plan entworfen hatte, der ſeines niedertraͤchti⸗ gen Karakters eben nicht unwuͤrdig war, ſo ſcheint es ihm doch an den Mitteln zur Ausfuͤhrung ge⸗ fehlt zu haben.- Endlich riß ihn ſein Schickſal in den Kampf fort. Robespierre erſchien wleder im Konvent, den er wie der weit edlere Diktator Roms in der lezten Zeit vermieden hatte, und auch diesmal war eine Rotte von Senatoren bereit, den Tyrannen auf der Stelle zu durchbohren; aber die Furcht vor ſeiner Popularitaͤt, und die Gefahr, ſogleich das Opfer der Jakobiner zu werden, hielten ſie noch zuruͤck. Die Rede, die Robespierre an den Konvent hielt, war drohend, wie das erſte entfernte Rauſchen eines Orkans, und ſo dunkel als die Verfinſterung der Sonne, die das Herannahen deſſelben verkuͤndet. Aengſtliches Gemurmel hoͤrte man unter der Volks⸗ maſſe, welche die Tribunen fuͤllte, oder ſich um die Eingaͤnge des Saals draͤngte; es ſchien anzudeuten daß ein zweiter 31. Mai(an dieſem Tage hatten 124 die Jakobiner die Girondiſten geaͤchtet) im Anzuge ſey, um eine gleiche Operation zu bewirken. Der erſte Gegenſtand des finſtern Redners war die Darſtellung ſeiner eigenen Tugenden und ſeiner Verdienſte um das Vatesland, wobei er alle diejeni⸗ gen, deren Meinungen mit den ſeinigen nicht uͤber⸗ einſtimmten, als Hochverraͤther bezeichnete. Er warf dann einen Blick auf die verſchiedenen Zweige der Verwaltung, und uͤberhaͤufte ſie nach der Reihe mit Tadel und Ver chtung. Er ſprach gegen die Fahr⸗ laͤßigkeit des Wohlfahrts⸗ und Sicherheitsausſchuſſes, als ob die Guillotine nicht ſtets in Thaͤtigkeit gewe⸗ ſen waͤre; den Finanzausſchuß beſchuldigte er, die Einkuͤnfte der Republik koutrerevolntionirt zu haben. Er ließ ſich mit nicht weniger Bitterkel uͤber die Entfernung der Artilleriſten(welche ſtets heftige Jakobiner waren)⸗ von Paris, und uͤber die Art des Verfahrens gegen die eroberten belgiſchen Laͤnder aus. Er ſchlen alle Staatsbeamte in die Schranken rufen und allen Trotz bieten zu wollen. Es erfolgte der gewoͤhnliche Ehrenantrag, den Druck der Rede veranſtalten zu laſſen; aber dann brach der Sturm der Oppoſition los, und viele Redner verlangten mit lautem Geſchrei, daß die Rede erſt an die zwei Ausſchuͤſſe gebracht werden muͤſſe, ehe man die ſchweren Beſchuldigungen, die ſie enthielt, ohne weiteres annehme. Robespierre rief dagegen aus:„Das heiße, ſeine Rede der leidenſchaftlichen Beurtheilung ——ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ————— 12⁵ und Cenſur derjenigen Partheien unterwerſen, die er angeklagt habe.“ Entſchuldigungen und Verwahrun⸗ gen wurden von allen Seiten gegen die ſo ſchneidend vorgebrachten Klagen gehoͤrt; viele Deputirte ſprachen ganz unumwunden von der Tyrannsi eines Einzigen, und uͤber das Daſeyn einer Verſchwoͤrung, um den Theil des Konvents, der zum Widerſtande geneigt ſeyn moͤchte, zu aͤchten und zu ermorden. Robes⸗ pierre wurde nur ſchwach, und zwar nur von Saint Juſt, Couthon und ſeinem eigenen Bruder, unter⸗ ſtuͤtzt. Nach einer ſtuͤrmiſchen Debatte, worin der Konvent abwechſelnd von Furcht und Haß beweg wurde, ward endlich beſa loſſen, die Rede an die Ausſchuͤſſe zu verweiſen, ſtatt dieſelbe in den Druck zu geben, und der Kolze, finſtere Diktator ſah in diefer offenbaren Verhoͤhnung ſeiner Vorſchlaͤge und Meinungen das ſichere Zeſchen ſeines nahenden Falls. Er begab ſich jetzt in den Jakobinerklubb, um ſeinen patriptiſchen Kummer, wie er ſagte, in die tugendhafte Bruſt ſeiner Freunde auszuſchuͤtten, wo er allein noch Huͤlfe und Mitlelden zu finden hoffte. Vor dieſer partheitſchen Verſammlung wiederholte er in einem noch weit keckern Tone den Tadel, den er uͤber jeden Zweig der Regierung, und uͤber den re⸗ praͤſentativen Koͤrper ſelbſt, ausgegoſſen hatte. Er erinnerte ſeine naͤchſten Umgebungen an die verſchie⸗ denen heroiſchen Zeitpunkte, wo ihre Gegenwart und 3 ihre Picken uͤber die Stimmen der zitternden Depu⸗ 1²26 tirten verfuͤgt hatten. Er erinnerte ſie an die fruͤ⸗ hern Großthaten ihrer revolutionaͤren Kraft,— frug ſie, ob ſie den Weg zum Konvent vergeſſen haͤtten, und ſchloß mit der pathetiſchen Verſicherung, daß, wenn ſie ihn verließen, er ſich in ſein Schickſal fuͤgen wuͤrde— ſie ſollten dann ſehen, mit welchem Muthe er den Todesbecher trinken wuͤrde. Der Kuͤnſtler David faßte ihn bei der Hand, als er ſchloß, und rief im Entzuͤcken uͤber ſeine Beredtſamkeit aus: „Ich will dieſen Becher mit dir leeren.“ Man hat es nachher dieſem großen Maler zum Vorwurf gemacht, ſein Wort am folgenden Tage nicht geloͤſt zu haben. Aber es gab wohl Viele, die mit ihm derſelben Meinung waren zu der Zeit, als er ſich ſo kuͤhn ausdruͤckte; und haͤtte Robespierre militaͤriſche Talente oder auch nur entſchloſſenen Muth beſeſſen, ſo wuͤrde ihn nichts verhindert haben, ſich noch in dieſer Nacht an die Spitze eines verzweifel⸗ ten Aufſtands der Jakobiner und ihrer⸗Anhaͤnger zu ſtellen. Payan, der Nachfolger Heberts, ſchlug auch wirk⸗ lich vor, daß die Jakobiner auf der Stelle gegen die beiden Ausſchuͤſſe ausruͤcken ſollten, die Robespierre als den Brennpunkt revolutionaͤrer Umtriebe bezeich⸗ net hatte,— daß ſie die nicht zahlreiche Wache der⸗ ſelben uͤberfallen, und ſo die Gefahr, die dem Staat drohe, in der Geburt erſticken ſollten. Dieſer Plan ſchiem allzugewagt, um angenommen zu werden, ob⸗ 127 gleich er einer von den raſchen Meiſterſtreichen war, welche Machiavel empfohlen haben wuͤrde. Das Feuer der Jakobiner verzehrte ſich in Tumult und Drohun⸗ gen, und in der Ausſtoßung von Collot d'Herbois, Tallien und ungefaͤhr dreißig andern Mitgliedern der Bergparthei, die insbefondere, als zum Skurze Ro⸗ bespierre's verſchworen, betrachtet, und mit Ver⸗ wuͤnſchungen, und ſelbſt mit Schlaͤgen aus der Ge⸗. ſellſchaft vertrieben wurden. So mißhandelt ging Collot d'Herbois von der Verſammlung der Jakobiner geraden Wegs in den Sitzungsort des Wohlfahrtsausſchuſſes, der noch uͤber den Bericht, den er am folgenden Tage uͤber die Rede Robespieres dem Konpent zu erſtatten hatte, berathſchlagte. Saint Juſt, einer von ihrer Zahl, wurde, obgleich ein warmer Anhaͤnger des Diktators, doch von dem Ausſchuß mit dem ſehr kitzlichen Ge⸗ ſchaͤft, dieſen Bericht abzufaſſen, beauftragt. Es war dieß ein Schritt zur Verſoͤhnung, aber der Eintritt des uͤber die erlittene Mißhandlung wuͤthenden Collot d'Herbvis zerſtoͤrte alle Hoffnung auf eine Beilegung des Streits zwiſchen Danton's und Robespierre's Freunden. D'Herbois erſchoͤpfte ſich in Drohungen gegen Saint Juſt, Couthon und Robespierre, ihren Meiſter, und ſie ſchieden als erklaͤrte Todfeinde. Die gegen Robespierre Verſchwornen boten nun⸗ Allem auf, um den ganzen Konvent gegen ihn auf⸗ zubringen, die Deputirten der Ebene durch Furcht — . 128 aufzuſchrecken, und die Bergmaͤnner, deren Kehlen nun der Diktator mit dem Schwerte bedrohte, das ſie ſo unklugerweiſe in ſeine Haͤnde gegeben hatten, mit Wuth zu entflammen. Liſten von geaͤchteten Dceputirten wurden herumgegeben, angeblich aus den Papieren des Diktators genommen. Dieſe mochten nun wahr oder falſch ſeyn, ſo fanden ſie doch Glau⸗ ben; die, welche auf der Ungluͤcksliſte ſtanden, ſuch⸗ ten nun Schutz in einem Baͤndniſſe gegen ihren Feind. Die Meinung, daß ſein Fall nicht laͤnger aufgeſcho⸗ ben werden koͤnne, wurde allgemein. Dies war am a. Thermidor, oder 27. Juli ln Paris ſo ſehr der Fall, daß etwa achtzig Schlacht⸗ opfek, die ſo eben auf den Richtplatz geſchleppt wur⸗ den, beinahe gerettet worden waͤren. In einer edlen Aufwallung von Mitleiden fing das Volk an, ſich zuſammenzurotten, um den traurigen Zug aufzuhal⸗ ten, als waͤre die Macht, die uͤber dieſem Unweſen waltete, bereits gebrochen. Aber die Stunde war noch nicht gekommen, der niedertraͤchtige? Henrirt, Kommandant der Nationalgarden, kam mit friſchen Truppen heran, und brachte es an dieſem Tage, oder der lezte ſeines Lebens ſeyn ſellte, mit Ge⸗ walt dahin, daß dieſe ungluͤcklichen und ohne Zwei⸗ fe unſchuldigen Menſchen zur Hinrichtung abgefuͤhrt wurden. ſſſſſſtſſfffſ 0 11 fſn 9 1 TInnmn nannammmmrraaaawmmm ſinmſtiinſi 14 15 1 V 12 13 6 17 18 1