Walter Scott's ſaͤmmtliche Wer ke. Neu uͤberſetzt. — Neun und zwanzigſter Band. Leben von Napoleon Buonaparte. * Fuͤnfter Theil. Stuttgart, bei Gebruder Frauckh. 1 3 2 7. Lebeen von Napoleon Buonaparte, Kaiſers von Frankreich, mit einer Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolu⸗ tion. Von Walter Scott. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von 8 General J. v. Theobald. Fuͤnfter Theil. —— Stutte u. ——, dei Gebruder Franch. 18 27. Leben von Napoleon Buonaparte. Erſtes Kapitel. Ueberſicht de franzoͤſiſchen Revolution. Fortſetzung.) Roland brachte jeden Tag ſeine eitlen Klagen an den Konvent, daß der Gang des Geſetzes, wofuͤr er verantwortlich ſey, taͤglich durch dieſe anmaßende Koͤr⸗ perſchaft durchkreuzt, gehemmt und aufgehalten wer⸗ de. Die betraͤchtlichen Guͤter der Stadt ſelbſt, nebſt denen ihrer Hoſpitaͤler und anderer oͤffentlichen An⸗ ſtalten jeder Art, wurden durch dieſe eingedrungenen Revolutionaͤrs verſchleudert und zu ihren eigenen Zwecken verwandt. Der Miniſter beſchuldigte endlich in einem foͤrmlichen Bericht an den Konvent den Ge⸗ meinderath dieſer und aͤhnlicher Vergehungen. In ei⸗ nem andern Theile des Berichts zeigte er eine Ver⸗ ſchwoͤrung der Jakobiner an, die Girondiſten zu er⸗ morden, ſich mit Gewalt der Regierung zu bemaͤchti⸗ gen und Robespierre'n zum Diktator zu waͤhlen, Lou⸗ W. Scott's Werke. XXIX. 4 1 6 vet denuncirte Robespierre'n als Verraͤther, und Bar⸗ baroux ſchlug eine Reihe Dekrete vor. Das erſte er⸗ maͤchtigte den Konvent, jede Stadt zu verlaſſen, wo er einem Zwang oder der Gewalt ausgeſezt ſeyn koͤnn⸗ te; nach dem zweiten ſollte eine Garde des Konvents gebildet werden; das dritte beſtimmte, daß der Kon⸗ vent ſich ſelbſt in einen Gerichtshof umbilden ſolle, um uber Staatsverbrechen zu richten; das vierte kuͤn⸗ digte an, daß der Beſchluß der Sektionen, welche ihre Sitzungen fuͤr permanent erklaͤrt hatten, umgeſtoßen ſeyn ſolle. Statt die von Barbarvur vorgeſchlagenen energi⸗ ſchen Maßregeln anzunehmen, geſtattete der Konvent Robespierre'n mehrere Tage zu ſeiner Vertheidigung gegen Louvets Anklagen, und forderte 10 Mitglieder des Gemeinderaths vor ſeine Schranken*) begnuͤgte ſich aber mit ſo ſchwachen Vertheidigungsgruͤnden und Ausfluͤchten wegen ihrer unerlaubten Eingriffe in die Macht des Konvents, als dieſe uͤbermuͤthigen Dema⸗ gogen ihnen zu bieten ſich herabließen. Die Anklage Robespierre's, ſo kuͤhn ſie auch von Louvet und Varbaroux erhoben worden war, wurde doch umgangen, indem man zur Tagesordnung ſchritt, und ſo zeigte der Konvent offenbar, daß, ſo muthig er ſich auch gegen ſeinen Monarchen gezeist hatte, ſei⸗ ne Mitglieder die Freiheir, womit ſie ſich bruͤſteten⸗ Den 5. November. 3. —-—— 7 doch nicht gegen die Anmaßungen wilderer Demago⸗ gen, als ſie ſelbſt, zu vertheidigen wagten. Barbaroux verſuchte, der Verſammlung Kuͤhnheit einzufloͤßen, indem er noch einmal aus ſeiner Geburts⸗ ſtadt eine Anzahl jener muthigen Marſeiller herbei⸗ brachte, welche am 10. Auguſt den Vortrab des Volks⸗ ſturms gebildet hatten. Es gelang ihm auch in ſoweit, daß einige Dutzende dieſer Foderirten wiederum in Paris erſchienen, wo ihr veraͤndertes Benehmen Stau⸗ nen erregte. Ihre Geſaͤnge erklangen wieder, ihre wilden mohriſchen Taͤnze und Bewegungen ſezten die Pariſer noch einmal in Erſtaunen, um ſo mehr, als ſie in ihren Choͤren Rache auf die Jakobiner herab⸗ wuͤnſchten, und um Guade riefen fuͤr den armen Tyrannen, ſo nannten ſie den Koͤnig, und ihr Ge⸗ ſchrei war: Friede, Ordnung und der Kon⸗ vent. Die Buͤrger von Paris, welche die Geſaͤnge und Ausrufungen der Marſeiller mit ihrem Aufzug und Karakter nicht reimen konnten, wurden der Meinung, man lege ihnen eine Schlinge, und wollten ſich nicht mit Menſchen vereinigen, deren Aufrichtigkeit ſo ver⸗ daͤchtig war. Die Marſeiller ſelbſt, entmuthigt durch den kalten Empfang, oder mit dem neuen Geſchaͤfte, die Ordnung zu erhalten, nicht ſowohl zufrieden, als mit dem alten, ſie zu uͤbertreten, ſchmolzen allmaͤh⸗ lig zuſammen, und bald hoͤrte und ſah man nichts weiter von ihnen. Einige von den bretagniſcheu Fo⸗ 3 1.. 3 derirten, durch ihre Landsleute Kerſaint und Kerve⸗ legan in das Intereſſe der Girondiſten gezogen, blie⸗ ben noch dem Konvente zugethan, aber ihre Anzahl war allzugering, um demſelben in irgend einer allge⸗ meinen Gefahr Schutz zu gewaͤhren. Wenn man ſich auf die Memoiren von Dumon⸗ riez verlaſſen kann, ſo bot dieſer thaͤtige und intrikan⸗ te General den Girondlſten eine andere Huͤlfsquelle dar, die fuͤr die republikaniſche Regierung, das Idol dieſer theoretiſchen Staatsmaͤnner, zwar nicht ohne Gefahr und Schwierigkeit war, die aber, wenn ſeine Mittel zur Ausfuͤhrung ſeiner Plane hinreichend ſich erwieſen, einen ſchuͤzenden Damm gegen das Einbre⸗ ſchen der ſchaͤndlichen Anarchie, womit man durch das Uebergewicht der Jakobiner bedroht wurde, auffuͤhrten. General Dumouriez wurde, trotz der Erfolge, welche er fuͤr Frankreich gegen die fremden Feinde er⸗ rungen hatte, doch von den Jakobinern hinreichend ge⸗ haßt, um das aͤußerſte Verlangen in ihm rege zu nachen, ihre angemaßte Macht zu unterdruͤcken; aber kfer war in der Nothwendigkeit, mit großer Vorſ icht zu handeln. Der ſchlechte Erfolg Lafayette's, der von ſei⸗ ner Armee vexlaſſen wurde, ſobald er verſuchte, ſie ge⸗ gen Paris zu fuͤhren, war ſchon an und fuͤr ſich ab⸗ ſchreckend; aber Dumouriez wußte uͤberdies noch, daß die Jakobinerklubbs, vereint mit den Kommiſſaaͤren des Konvents, mit Danton an der Spitze, thaͤtig bemuͤht geweſen waren, ſeine Armee zu desorganiſiren, und † 9 ſeinen Einfluß auf ſie zu vermindern. Unter dieſen Umſtaͤnden entſchloß er ſich natuͤrlicherweiſe, keine ge⸗ waltſame Maßregel ohne die Unterſtuͤtzung des Kon⸗ vents zu wagen, im Fall er von ſeiner Armee verlaſ⸗ ſen werden ſollte. Er behauptet aber, daß er wieder⸗ holt den Girondiſten, die damals im Konvent die Ue⸗ bermacht hatten, die Anzeige gemacht habe, wenn ſie nur ein Dekret von vier Zeilen erhalten koͤnnten, das zu dieſer Maßfregel ermaͤchtige, ſo ſey er bereit, an der Spitze eines auserwaͤhlten Korps, das voͤllig einer ſolchen Aufforderung gehorchen wuͤrde, nach Paris zu marſchiren, und er wuͤrde durch ſeine Mittel den Konvent in eine Lage verſezt haben, worinn ſie die Jakobiner und ihre aufruͤhreriſchen Maſſen voͤllig haͤt⸗ ten niederſchlagen koͤnnen. Vielleicht fuͤrchteten die Girondiſten, daß Dumou⸗ riez's Einfluß bei ſeinen Truppen ebenſo unwirkſam, als der Lafayette's ſeyn wuͤrde, und ſie dann mit ih⸗ ren Koͤpfen fuͤr einen ſolchen fehlſchlagenden Verſuch moͤchten buͤßen muͤſſen. Zweitens, wenn der Streich gelang, ſo waren ſie zwar von der Furcht vor den Ja⸗ kobinern befreit, aber nur, um unter den Zwang ei⸗ nes Militaͤrchefs zu kommen, deſſen Geſinnungen, wie man wohl wußte, fuͤr die eine oder die andere Art von Monarchie guͤnſtig waren. Als ſie in beiden Faͤl⸗ len gleiche Gefahr ſahen, zogen ſie es vor, ihr ſchoͤnes und geliebtes Bild einer Republik durch die Picken der Jakobiner umgeſtuͤrzt zu ſehen, als durch die Bajo⸗ 40 nette von Dumourieys Armee. Sie wollten daher nichts von dem Vorſchlag hoͤren, den ſie nachher mit Freuden angenommen haͤtten, als der General nicht mehr die Gewalt hatte, ihn auszufuͤhren. So konnten die zum Sturze des Koͤnigthums ſo engverbundenen Faktionen, als dieſer Schritt gethan war, ſich zu keinem andern Zwecke vereinigen, außer zu dem großen Verbrechen, ihren abgeſezten Soverain zu ermorden. Waͤhrend indeß Jakobiner und Girondi⸗ ſten Hand in Hand auf die endliche Erfuͤllung dieſes vereinten Unterneymens hinwirkten, war ihr Buͤnd⸗ niß doch nur ſcheinbar; denn obgleich die Girondiſten mit ihren finſtern Nebenbuhlern in Uebereinſtimmung zu handeln ſchienen, wurden ſie doch in der That zwangsweiſe von denſelben nachgezogen, und ſpielten bei dieſem endlichen Triumphe der Demokratie weni⸗ ger die Rolle handelnder Perſonen, als die unter joch⸗ ter Gefangener. Sie waren vollkommen uͤberzeugt von des Koͤnigs Unſchuld als Menſch, von ſeiner Unverletz⸗ lichkeit, inſofern er eine konſtitutionelle Gewalt war; ſie fuͤrchteten, eine ſolche That moͤchte Frankreich dem ganzen uͤbrigen Europa verhaßt machen; aber die Ja⸗ kobiner, denen Krieg und Verwirrung ihr Lebensele⸗ ment war, wuͤnſchten gerade aus dieſem Grunde Lud⸗ wig auf das Blutgeruͤſt zu bringen. Alles dieſes war den Girondiſten klar, und doch ſtraͤubte ſich ihr philo⸗ ſophiſcher Stolz dagegen, daß man ſie fuͤr faͤhig halten koͤnne, an dem Schickſal eines Tyrannen Theil zu 41 nehmen; und ihr Wunſch, die franzoͤſiſche Nation un⸗ ter ihre eigene ausſchließliche Regierung zu bringen, verleitete ſie, eher in Alles zu willigen, als den ge⸗ faͤhrdeten, obwohl unſchuldigen Souverain zu ſchuͤtzen, mit der Gefahr, ihre Popularitaͤt zu verlieren, und ihren theuer erkauſten Ruhm wahrer Republikaner aufs Spiel zu ſetzen. Ein Kommittee von 24 Mitgliedern wurde zeitig im Konvent niedergeſezt, um die Gruͤnde zur Anklage Ludwigs zu unterſuchen und daruͤber zu berichten. Die⸗ ſer Bericht wurde am 1. November 1792 Uberbracht, und ein abſcheulicheres Gewebe von Widerſpruch und Falſchheit iſt niemals einer ſolchen Verſammlung vor⸗ gelegt worden. Alle Handlungen der Miniſter in je⸗ dem Departement, die eine ſolche Geſtalt erhalten konnten, welche man damals verbrecheriſch nannte, wurden dargeſtellt, als ob der Soverain ſelbſt dafuͤr verantwortlich waͤre; die Hauptanklage aber war, den Koͤnig, welcher kaum ein einziges Garderegiment un⸗ ter ſeinen eigenen Beſehlen hatte, der Abſicht zu be⸗ ſchuldigen, den Konvent niedermetzeln zu laſſen, dem doch 30,000 Nationalgarden, außer den Foͤderirten und der Miliz der Vorſtaͤdte, zu Gebot ſtanden. Der Konvent wurde durch dieſen Bericht ziemlich beſchamt, und wollte kaum deſſen Druck geſtatten. So⸗ bald er erſchien, widerſprachen zwei oder drei Perſo⸗ nen, die darin als Mitſchuldige einzelner gegen den Koͤnig vorgebrachter Handlungen genannt waren, eid⸗ 3 — 1² lich dem Bericht.*) Eine additionelle Klage wurde unter den folgenden geheimnißvollen Umſtaͤnden vor⸗ gebracht:— Gamin, ein Schloſſer zu Verſailles, mach⸗ te zu Ende Dezembers Roland die Mittheilung, daß er im Anfang des Mai 1792 von dem Koͤnig ge⸗ braucht worden ſey, um ein eiſernes Kaͤſtchen oder Schrank in der Mauer eines gewiſſen Zimmers in den Tuillerien zu verbergen, und dieß entdeckte er dem Juſtizminiſter. Er ſetzte noch einen umſtand hinzu, welcher die ganze Erzaͤhlung verdaͤchtig machte, naͤm⸗ lich, daß der Koͤnig ihm mit eigener Hand ein Glas Wein gegeben habe, nach deſſen Annahme er von einer Kolik befallen worden ſey, der eine Art von Laͤhmung ſorgte, die ihn 14 Monate lang des Gebrauchs ſeiner Glieder beraubt und ihn außer Stand geſezt habe, fuͤr ſeinen Unterhalt zu arbeiten. Die Schußfolge des Elenden war, daß ihn der Koͤnig habe vergiften wol⸗ len, welches diejenigen glauben moͤgen, die 14 Mona⸗ te zaͤhlen können von dem Anfang Mai's bis zu Ende Dezembers deſſelben Jahrs. Dieſe grobe Falſchheit vernichtet gaͤnzlich Gamins Zeugniß, und da der Koͤ⸗ nig ſtets laͤngnete, von dem Daſeyn eines ſolchen Kaͤſtchens mit ſolchen Papieren etwas zu wiſſen, ſo muͤſſen wir annehmen, entweder daß Gamin von ei⸗ —C—— *) Mouſieur de Septeuil, der beſonders als der Agent angege⸗ ben wurde, durch welchen Ludwig XVI. ſeinen Brüdern in der Verbannung Geld überſchickt haben ſollte, läugnete durchaus die Sache, und ſchwur demgemäß einen Eid. +——— — 13 nem der koͤniglichen Miniſter gebraucht worden ſey, und den Koͤnig perſoͤnlich in die Erzaͤhlung hinein verflochten habe, um ihr einen deſto beſſern Anſtrich zu geben, oder daß die Papiere an einem ſichern Platze gefunden, ausgeleſen, und von den jakobiniſchen Kommiſſairen in das Kaͤſtchen gelegt worden, denn dieſe waren damals mit der Aufſicht und Durchſu⸗ chung des Pallaſtes beauftragt, in der Abſicht, Be⸗ weiſe gegen den Koͤnig zu ſchmieden. Roland handelte ſehr unklug, daß er den Inhalt des Kaͤſtchens allein und ohne Zeugen unterſuchte, ſtatt die obengenannten Kommiſſaire herbeizurufen, welche zu der Zeit im Pallaſte waren. Dieß war viel⸗ leicht in der Abſicht geſchehen, ſolche Papiere bei Seite zu ſchaffen, welche in dieſer Stunde der Furcht und Ungewißheit einige von ſeiner eigenen Parthei oder ſei⸗ nen Freunden haͤtten in Gefahr bringen koͤnnen. Ei⸗ nes von Wichtigkeit wurde indeß geſunden, welches die Jakobiner als Werkzeug gegen die Girondiſten ge⸗ brauchten. Es war eine Eroͤffnung, welche dieſe Par⸗ thei kurz vor dem 10. Auguſt dem Koͤnig gemacht hat⸗ te, worin ſie ſich dem Antrag auf die Abſetzung des Koͤnigs zu widerſetzen verſprachen, wenn Ludwig die drei entlaſſenen Miniſter ihrer Parthei in ſeinen Staatsrath zuruͤckrufen wolle. Der Inhalt des Kaͤſtchens war ſehr gemiſchter Art. Die Dokumente beſtanden aus Briefen, Memoiren und Planen von verſchiedenen Perſonen und von ver⸗ 14 ſchiedenem Datum, welche dem Koͤnig Rath oder Un⸗ terſtuͤtzung anboten, und Plane zur Befreiung ſeiner Perſon vorſchlugen. Das royaliſtiſche Projekt Mira⸗ beau's aus ſeinen lezten Tagen, wurde unter den uͤbrigen gefunden, in Folge deſſen wurde ſein Leich⸗ nam aus dem Pantheon geſchleift, das fruͤher fuͤr die Kirche St. Genevieve, jezt aber beſtimmt war, die Leichen der großen Maͤnner der Revolution aufzuneh⸗ men, deren Behauſung aber ſo oft geaͤndert wurde, als haͤtte man ſie monatlich gemiethet. Die Dokumente, von denen wir ſprechen, beſtan⸗ den meiſt aus Planen zum Dienſte des Koͤnigs, nach⸗ welchen er nie handelte, die er vielleicht nie billigte, und vielleicht nie ſah. Im aͤußerſten Falle konnke er nur einer Strafe unterworfen werden, wie ſie dem gebuͤhrt, der Plane zuruͤck haͤlt, die ſeiner Betrach⸗ tung vorgelegt werden, die aber nie auf irgend eine Weiſe ſeine Beiſtimmung erhielten. Es war hart ge⸗ nug, den Koͤnig fuͤr verantwortlich zu halten, wegen ſolcher Rathſchlaͤge ſeiner Miniſter, die er wirklich an⸗ nahm, aber es war eine ſchreckliche Ausdehnung ſeiner Verantwortlichkeit, ihn auch fuͤr diejenigen, welche er verworfen hatte, fuͤr verantwortlich zu erklaͤren. Außerdem widerſprach Gamin's Erzaͤhlung in einem Umſtand ſich ſelbſt, und war in andern ſo zweifelbaft, daß ſie keinen guͤltigen Beweis lieferte, daß die Papie⸗ re im Beſit des Koͤnigs geweſen ſeven; dieſe neue Be⸗ ſchuldigung war demnach ſo grundlos, als diejenigen, * 3 15 welche die erſte Kommiſſion vorgebracht hatte, und wenn man nach den bekannten Geſetzen irgend eines civiliſirten Landes urtheilt, ſo haͤtten die Anklagen ge⸗ gen ihn, als auf die offenbarſte Ungerechtigkeit ge⸗ gruͤndet, verworfen werden muͤſſen. Es gab noch einen Umſtand, der vermuthlich die⸗ jenigen, in deren Haͤnde Ludwig gefallen war, veran⸗ laßt haben mag, gegen ſeine Perſon aufs aͤußerſte zu ſchreiten. Sie wußten, daß in der Geſchichte Eng⸗ lands ein Koͤnig von ſeinen Unterthanen zum Tod verurtheilt worden war, und waren entſchloſſen, Frankreich ſolle in der Auffuͤhrung eines ſo intereſſan⸗ ten und fuͤr ein neulich wiedergebornes Volk ſo erbau⸗ lichen Schauſpiels nicht hinter England zuruͤckbleiben. Dieſer aͤhnliche Fall waͤre vielleicht in andern Laͤndern nicht fuͤr ein wuͤrdiges Vorbild gehalten worden, aber in Frankreich herrſcht ein Geiſt wilder Schwaͤrmerei, der Wunſch, einem Beiſpiel bis zum Uebermaß zu folgen, und wo moͤglich das zu uͤberbieten, was ande⸗ re Nationen vor ihnen gethan haben. Dieß hat ohne Zweifel einen Einfluß darauf gehabt, Ludwig im Jahr 1793 vor die Schranken zu bringen, wie Karln von England im Jahr 1648. Die franzoͤſiſchen Staatsmaͤnner uͤberlegten nicht, daß Karls gewaltſamer Tod nur einer Reihe von Jah⸗ ren der Knechtſchaft unter militairiſchem Despotis⸗ mus, und dann der Wiederherſtellung des legitimen Herrſchers den Weg bahnte, Haͤtten ſie den Vorgang 16 von dieſer Seite betrachtet, ſo wuͤrden ſie einen Blick in die Zukunft gethan, und geahndet haben, was die Folgen von Ludwigs Tod ſeyn mußten. Auch bedach⸗ ten die Franzoſen nicht, daß die Hinrichtung Karl Stuarts voͤn dem groͤßten Theile der engliſchen Na⸗ tion als ein Nationalverbrechen betrachtet, und noch jezt als ein Faſt⸗ und Bußtag gefeiert wird; daß An⸗. dere, welche des Koͤnigs Benehmen in und vor dem Buͤrgerkrieg verdammten, wie der Whig Churchill noch jezt dieſelbe Hinrichtung als eine unkonſtitutionelle Maßregel anſehen; dieſelbe nur von ſehr Wenigen, durch die Berufung auf Staatsnothwendigkeit zu recht⸗ fertigen verſucht wird; daß endlich nur noch eine klei⸗ ne Anzahl Schwaͤrmer vorhanden ſeyn mag, welche dieſe That als eine Handlung der Bolksrache ruͤhmen. Aber auch unter dieſer lezten Klaſſe wuͤrden die ſranzoͤſiſchen Koͤnigsmoͤrder ſich voͤllig in Verlegenheit finden, die Hinrichtung Ludwigs durch das gleiche Schickſal Karls zu rechtfertigen, und es waͤre eine Hand⸗ lung der bloßen Hoͤflichkeit, wenn ſie ja zu der Ehre im Calves⸗Head Club zu ſitzen, zugelaſſen wuͤrden. Der Vergleich zwiſchen dieſen beiden ungluͤcklichen Monarchen paßt faſt in keinem Punkte, als in der Schlußſcene, und wenn man gegen beide gerecht ſein will, ſo kann zwiſchen ihnen keine Parallele gezogen aufgeklaͤrten Zeit zugeben, daß die fruͤhere Regierung Karls durch manche Bemuͤhungen bezeichnet war, ſei⸗ — ne werden. Der eifrigſte Kavalier wird in nnſerer 17 ne Praͤrogativen uͤber die geſetzlichen Graͤnzen auszu⸗ dehnen; daß Beiſpiele von gewaltthaͤtigen Geldbußen, grauſamen Strafen durch Verſtuͤmmelung, lange und ſtrenge Einkerkerungen in entlegenen Feſten und Schloͤſ⸗ ſern vorhanden ſind; Handlungen der Gewalt, die Niemand zu rechtfertigen, und des Koͤnigs Vertheidi⸗ ger nur zu mildern ſuchen wird, indem ſie die vorange⸗ henden willkuͤhrlichen Zeiten die Auslegung der Geſetze durch hoͤfiſche Miniſter, und nachgiebige Rechtsgelehr⸗ te anfuͤhren. Das Benehmen Lugwigs XVI. von ſei⸗ ner Thronbeſteigung an, war dagegen ein Vorbild der Tugend und Maͤßigung. Statt Schiffgeld und wkuͤhrliche Schatzungen zu erheben, erleichterte Lud⸗ wig die Feudaldienſte der Vaſallen und die Frohndien⸗ ſte der Bauern. Wo Karl Einfoͤrmigkeit der Kirche von England durch Schandbuͤhnen und Ohrenſchlitzen zu erzwingen ſtrebte, geſtattete Ludwig den Proteſtan⸗ ten die freie Ausuͤbung ihrer Religion, und ſchaffte die Tortur in allen Faͤllen ab. Wo Karl in ſein Par⸗ lament trat, um deſſen Freiheit durch Verhaftung von 5 ſeiner Mitglieder zu verletzen, gab ſich Ludwig als einen freiwilligen Gefangenen, wie man wohl ſagen kann, den Volksrepraͤſentanten hin, die er aus eige⸗ nem Willen zu ſich berufen hatte. Abgeſehen von al⸗ lem dieſem fuͤhrte Karl in Perſon oder durch ſeine Ge⸗ nerale einen langen blutigen Krieg mit ſeinen Unter⸗ thanen, ſchlug Schlachten in jeder Grafſchaft Eng⸗ lands, und wurde nur nach einem langwierigen, toͤdli⸗ W. Scott's Werke, XXIX, 2 18 chen Kampf, in welchem viele Tauſende auf beiden Sei⸗ ten fielen, beſiegt und zum Gefangenen gemacht. Das Benehmen Ludwigs war in jeder Hinſicht verſchieden. Nie fuͤhrte er einen Streich in thaͤtigem Widerſtand, auch wenn die Mittel dazu in ſeiner Gewalt waren. Er ſtellte zwar Truppen auf unter dem Marſchall Broglio, aber er gab ihnen Befehl zum Ruͤckzug, ſo⸗ bald es gewiß war, daß ſie entweder dieß thun, oder angriffsweiſe gegen das Volk verfahren mußten. In den gefaͤhrlichſten Lagen ſeines Lebens zeigte er den aͤnßerſten Widerwillen, das Blut ſeiner Unterthanen zu vergießen. Er wollte auf der Flucht nach Varennes ſeinen Begleitern keine Piſtolen geſtatten; er wolcte dem Huſarenoffizier keinen Befehl geben, den Weg zu bahnen, als ſein Wagen auf der Bruͤcke angehalten wurde. Als er ſah, daß der kriegeriſche Aufzug der Garden die Kuͤhnheit der Angreifenden am 40. Au⸗ guſt nicht ſchreckte, uberlieferte er ſich ſelſt der geſetzge⸗ benden Verſammlung als Gefangener auf Gnade und Ungnade, ehe er ſein Roß beſtieg, und ſich an die Spi⸗ tze ſeiner treuen Truppen und Unterthanen ſtellte. Das Blut, das an dieſem Dage floß, wurde nicht auf ſeinen Befehl vergoſſen. Er konnte keinen Grund ha⸗ ben, zu einem ſolchen Kampf zu ermuthigen, der, weit entfernt, ſeine Perſon zu vertheidigen, da er da⸗ mals im Gewahrſam der Verſammlung war, ſie nurn in die drohendſte Gefahr verſetzen konnte. Und in der leten Zeit, als er geheime Mittheilung erhielt, daß . 19 einige Leute entſchloſen ſeyen, ſein Leben mit Gefahr ihres eigenen zu retten, ſo verbot er das Unterneh⸗ men;„laßt keinen Tropfen Blut um mich vergießen,“ ſagte er;„ich wollte es nicht zugeben fuͤr die Sicher⸗ heit meiner Krone, ich will mein Leben nicht um dies ſen Preis erkaufenu.“ Dieß waren Geſinnungen, die vielleicht fuͤr die frommen Mitglieder der Geſellſchaft der Qusker beſſer paßten, als fuͤr den Koͤnig einer großen Nation; aber dem mag ſeyn, wie ihm will, Ludwig dachte ſo, und handelte gewiſſenhaft darnach. Und doch konnten ſeine Unterthanen ſeinen Charakter und ſeine vorgeſchuͤzte Schuld mit dem kuͤhnen und ſtolzen Stuart vergleichen, der im Laufe des Buͤrger⸗ kriegs perſoͤnlich die Waffen trug, und an der Spitze ſeines eigenen Garderegiments den Angriff machte. Aus dem Standpunkt ſeiner koͤniglichen Pflicht,⸗ war Ludwigs Benehmen gleichfalls ohne Tadel, außer dem, der auf einem Fuͤrſten haftet, der zu nachgiebig und mild iſt, um die billigen Rechte ſeiner Krone zu vertheidigen. Mit ſchwachem Widerſtreben gab er all⸗ maͤhlig jedem Verlangen nach, das an ihn gerichtet wurde, und bahnte ſo dem nachherigen Zuſtand Frank⸗ reichs den Weg. Statt als ſich eine Schranke zwiſchen ſein Volk und ſeinen Adel zu ſtellen, und beide zu ei⸗ nem annehmlichen Vergleich zu bringen, ließ er den leztern von ſeiner Seite reißen, und durch die Ver⸗ heerung ſeiner Laͤndereien und das Niederbrennen ſei⸗ ner Haͤuſer zur Auswanderung antreiben. Er billigte 2. 20 einen Gewaltſchritt des Volks nach dem andern, wo⸗ von jeder entweder der koͤniglichen Autoritaͤt oder koͤ⸗ niglichen Wuͤrde Abbruch that. Weit entfernt, die Beſchuldigung verdient zu haben, daß er ſich den An⸗ ſpruͤchen der Nation auf Freiheit widerſezt habe, waͤre es fuͤr ſie und ihn beſſer geweſen, haͤtte er ſeine Be⸗ willigungen auf den Grad von Freiheit zu beſchraͤnken verſtanden, wovon ſie einen geſetzmaͤßigen Gebrauch zu machen wußten, es kuͤnftigen Fuͤrſten uͤberlaſſend, die Zuͤgel der Regierung nachzulaſſen, nach Maßgabe, wie der oͤffentliche Geiſt in Frankreich ſich an den Ge⸗ brauch pol tiſcher Rechte gewoͤhnt. Des Koͤnigs vollkommene Unſchuld war demnach weltkundig, beſonders aber denjenigen bekannt, welche jezt ſich das Recht anmaßten, ihm den Prozeß zu machen; kaum konnte man ſich uͤberreden, daß ſein Leben ernſtlich in Gefahr ſey. Ein geſchickter Kunſt⸗ griff der Jakobiner ſcheint darauf berechnet geweſen zu ſeyn, die unſchluͤſſigen Girondiſten in die Schlinge zu locken, daß ſie fuͤr des Koͤnigs Verurtheilung ſtimmten. Saint⸗Juſt, einer von ihnen hielt eine wuͤthende Rede gegen jede Foͤrmlichkeit, welche außer einem Todesurtheil in dieſem dringenden Falle beob⸗ achtet werden ſollte.„Was wuͤrden,“ ſagten diejeni⸗ gen, welche dieſe kurze und ſichere Maßregel unter⸗ ſtuͤzten,„die Ceremonien einer großen und kleinen Jury helfen? die Kanonen, welche Breſche legten in den Tuillerien, der einſtimmige Ruf des Volks am — 21 16. Auguſt haben alle andern Feierlichkeiten erſezt. Der Konvent hat ferner keine Gewalt zu unterſuchen, ſeine einzige Pflicht iſt, das Urtheil des ſouverainen Volks zu verkuͤndigen, oder vielmehr zu beſtaͤtigen und auszufuͤhren.“ Dieſer ſummariſche Vorſchlag fand großen Bei⸗ fall, nicht nur von Seiten der wuͤthenden Haufen, welche ſtets die Gallerien beſezt hiekten, ſondern auch durch die Uebertreibungen der wuͤthendſten Demokra⸗ ten. Sie riefen aus, jeder Buͤrger habe das naͤm⸗ liche Recht uͤber das Leben Ludwigs, welches Brutus uͤber Caͤſars Leben gehabt habe. Andere ſchrieen, die bloße Thatſache, daß er geherrſcht habe, ſey ſchon fuͤr ſich ſelbſt ein Verbrechen, groß genug, um jeder wei⸗ tern Unterſuchung zu entgehen, und zur augenblickli⸗ chen Beſtrafung zu bevollmaͤchtigen.— Betaͤubt durch dieß Geſchrei waͤhlten die Giron⸗ diſten und die neutrale Parthei gleich allen ſchwach⸗ ſinnigen Menſchen einen Mittelweg, und ſtatt die Unſchuld des Koͤnigs zu behaupten, ergriffen ſie Maß⸗ regeln, die nur darauf berechnet waren, ihn vor un⸗ mittelbarer Ermordung zu ſchuͤtzen, welche aber dar⸗ auf hinaus liefen, ihn einem Gerichtshof zu uͤberge⸗ ben, der zu furchtſam war, um ſeine Sache mit Ge⸗ rechtigkeit zu beurtheilen. Sie entſchloſſen ſich, das Recht des National⸗Konvents in Anſpruch zu neh⸗ men, in der Sache Ludwigs den richterichen Aus⸗ ſpruch zu thun. In dem Konvent war niemand, der Thatſachen einzugeſtehen wagte, welche ihr Gewiſſen bezeugte; aber die Folgen eines ſolchen Zugeſtaͤndniſſes wurden von dem Sophiſten Robespierre auf eine argliſtige Weiſe als eine Verdammung ihres eigenen Beneh⸗ mens dargeſtellt.„Ein Theil,“ ſagte der ſchlaue Logiker,„muß offenbar ſchuldig ſeyn, entweder der Koͤnig oder der Konvent, welcher die Handlungen des empoͤrten Volkes gut geheißen hat. Wenn ihr einen unſchuldigen und geſetzlichen Monarchen entthront habt, was ſeyd ihr anders, als Hochverraͤther? Und warum ſizt Ihr hier— warum eilt ihr nicht zu dem Tempel, ſezt Ludwig in Freiheit, fuͤhrt ihn wieder in die Tuillerien, und bittet auf euern Knieen um Gnade, die ihr nicht verdient habt? Wenn ihr aber in der großen Volkshandlung, welche ihr gut hießet, nur die Entthronung eines Tyrannen gebilligt habt, ſo fordert ihn vor eure Schranken, und verlangt Re⸗ chenſchaft wegen ſeinen Verbrechen.“ Dies Dilemma machte Eindruck auf viele Mitglieder, welche ihre ei⸗ gene Verurtheilung als die nothwendige Folge der Losſprechung des Koͤnigs betrachten mußten. Und waͤhrend einige die Staͤrke dieſer Beweisgruͤnde fuͤhl⸗ ten, erkannten alle die nahe Gefahr, die ihnen durch die Wuth der Jakobiner und ihrer Satelliten drohte, wenn ſie es wagen ſollten, eine andere Meinung zu aͤußern, als diejenige, welche dieſe Demagogen von der Verſammlung verlangten. 25 Als Robespierre geendet hatte, ſtand Pethion auf, und machte den Vorſchlag, daß der Koͤnig vor dem Konvent gerichtet werden ſolle. Der Maire von Paris ſoll bei dieſer grauſamen Verfolgung darum die Rolle des Fuͤhrers uͤbernommen haben, weil Ludwig wegen des tumultuariſchen Einbruchs des Jakobiner⸗ poͤbels in die Tuillerien am 20. Juni ſich heftig ge⸗ gen ihn herausließ und als Pethion zu antworten verſuchte, wies er auf das zerbrochene Gitter, durch welches man ſich mit Gewalt den Weg gebahnt hatte, und befahl ihm zornig zu ſchweigen. Wenn dieß wahr iſt, ſo war es eine bittere Rache fuͤr eine ſo leichte Beleidigung, und das nachherige Schickſal Pethions verdient um ſo weniger Mitleiden. Der Antrag gieng ohne Widerſtand durch, und das naͤchſte Kapitel zeigt uns die traurigen Reſultate. 24 Zweites Kapitel. Unentſchiedenheit der Girondiſten und ihre Folgen.— Die könig⸗ liche Familie im Tempel— wird von den Agenten des Ge⸗ meinderaths innerhalb und außerhalb des Gefängniſſes be⸗ widigt.— Ihre beiſpielloſe Geduld,— Der König wird der Geſellſchaft ſeines Sohns beraubt.— Buzot giebt eine all⸗ gemeine Abneigung Frankreichs gegen eine republikaniſche Regierungsſorm zu.— Der König wird vor das Gericht des Konvents gebracht,— ſein erſtes Verhör,— er wird umter Verhöhnungen und Mißhandlungen ins Geſängnis zurückgeführt.— Tumult in der Verſammlung.— Der Kö⸗ nig wird des Umgangs mit ſeiner Familie beraubt. Males⸗ herbes wird als Vertheidiger des Königs außgeſtellt— und Deſeze.— Ludwig wird wiederum vor den Konbent gebracht. — Cröffnungsrede von Deſeze.— Der König wird in den Tempel zurückgebracht. Stürmiſche Debatten im⸗ Konvent. — Beredter Angriff Bergniaud's gegen die Jakobiner.— Das Todesurtheil wird gegen den König ausgeſprochen.— Allgemeines Mitleiden mit ſeinem Schickſal. Dumouriez kommt nach Paris,— verſucht vergebens des Königs Schick⸗ jal abzuwenden.— Ludwig XVI. wird am 21. Januar 4793 enthauptet,— Marie Antoinette ſpäter am 46. Dktober,- die Prinzeſſin Eliſabeth im Mai 4794.— Der Dauphin ſtirbt durch die grauſame Behand⸗ zung am 8. Juni 4795.— Die königliche Prinzeſſin wird d gegen Laſayette ausgewechſelt am 49. Dezember 4795. Wir haben bereits bemerkt, daß die ebenſo kraͤfti⸗ gen und maͤnnlichen, als tugendhaften Ermahnungen der Madame Roland nichts uͤber ihre Kollegen ver⸗ —— 25 mochten, deren Furcht noch mehr als weibiſch war. Den Girondiſten konnte man nicht begreiflich machen, daß ihre wilden Gegner in Frankreich zwar gefuͤrchtet, aber auch gehaßt wurden. Alle Franzoſen, die noch ſittliches Gefuͤhl hatten, verabſcheuten die Urheber ei⸗ ner langen Reihe mit kaltem Blute vollbrachter Mord⸗ thaten, und alle Menſchen, welche Eigenthum beſaßen, blickten mit Verdacht auf das Benehmen einer Parthei hin, deren Fuͤhrer durch Geldſtrafen, Konfiskationen, Guͤtereinziehungen, ſo wie durch alle Arten von un⸗ mittelbarer und mittelbarer Pluͤnderung von Mangel zu Ueberfluß gelangt waren. Wenn die Mehrzahl des Konvents den Entſchluß ergriffen haͤtte, ihren zuͤgel⸗ loſen Tyrannen einen kuͤhnen Widerſtand entgegenzu⸗ ſetzen, und auf jede Gefahr den Mord des Koͤnigs zu verhindern, ſo wuͤrde wahr ſcheinlich die Kraft des Lan⸗ des eine konſtituirte Behorde gegen die Anmaßungen des Gemeinderaths von Paris unterſtuͤzt haben, wel⸗ cher kein beſſeres Recht hatte, den Konvent und mit ihm Frankreich nach Willkuͤhr zu beherrſchen, als der Gemeinderath der kleinſten Stadt des Konigreichs. Die Girondiſten haͤtten fuͤhlen ſollen, daß ſie durch ih⸗ ren Widerſtand gegen dieſe Lieblingsmaßregeln den Haß nicht erhoͤhen konnten, den die Jakobiner bereits gegen ſie hegten; auch konnten ſie wiſſen, daß ein fer⸗ nerer Aufſchub des offenen Kampfs nicht als eine freundſchaſtliche Eroͤffnung aufgenommen, ſondern als eine furchtſame Unentſchloſſenheit betrachtet werden 26 wuͤrde, welche in eben dem Maße ihre Feinde aufrei⸗ zen mußte, als ſie ihre Freunde lau machte. Die ſchleichende, geſchmeidige Politik, welche ſie bei dieſer Gelegenheit befolgten, beraubte die Girondiſten faſt jeder Hoffnung, ſich einen feſten und dauernden Ein⸗ fluß im Lande zu ſichern. Durch eine kuͤhne, offene und maͤnnliche Vertheidigung des Koͤnigs wuͤrden ſie ſich Ehre erworben haben, als Staatsmaͤnner, die ge⸗ ſonnen ſeyen, ſich ihrer Pflicht auch mit Gefahr ihres Lebens zu entledigen. Sie waͤren einer jeden Trup⸗ penmaſſe ſicher geweſen, die man haͤtte ſammeln koͤn⸗ nen, entweder von Royaliſten, die ihr Haupt in der Bretagne und Vendée zu erheben begannen, oder von Konſtitutionellen, welche die Verfolgung der Jakobi⸗ ner fuͤrchteten. Der Zuͤndſtoff fuͤr die Aufſtaͤnde, wel⸗ che nachher zu Lyon, Marſeille, Toulon und uber⸗ haupt durch den ganzen Suͤden und Weſten Frank⸗ reichs ausbrachen, war bereits in Brand geſteckt. Sie haͤtten 5— 6000 Foͤderirte aus den Departements aufbringen koͤnnen, und die„Gewalt waͤre dann in ih⸗ ren Haͤnden geweſen; wenn ſie ihren Feinden kuͤhn und tapfer die Stirne geboten haͤtten, ſo haͤtten ſie ſich der Nationalgarde wieder bemachtigen koͤnnen, welche blos theils durch ihre jakobiniſchen Fuͤhrer und ſeine Stabsofficiere, theils durch ihre Furchtſamkeit verhindert wurde, ein ſo blutiges und verhaßtes Joch abzuwerſen, wie das war, worunter ſie ſeufzte. Aber um dieß zu wagen, war die Ermuthigung des Kon⸗ 27 vents noͤthig, und dieſer, von den Girondiſten gelei⸗ tet, zeigte einen furchtſamen Widerwillen, die Maß⸗ regeln der Jakobiner zu unterſtuͤtzen, und bewies da⸗ durch zwar ſeine Abneigung, aber auch zugleich ſeine Furcht. 1 Unterdeſſen blieb der Koͤnig mit der Koͤnigin, ſei⸗ ner Schweſter und ſeinen Kindern, dem Dauphin und der koͤniglichen Prinzeſſin, in dem Thurme des Tempels, in einer unbegnemern Wohnung, und un⸗ ter einer haͤrtern Behandlung, als Staatsgefangene vor der Revolution in der verwuͤnſchten Baſtille.*) Die koͤniglichen Gefangenen waren unter der beſon⸗ dern Aufſicht des Gemeinderaths von Paris, welcher theils aus grober Unwiſſenheit, theils in dem Wun⸗ ſche, ſeinen wuͤthenden Jakobinereifer zu zeigen, al⸗ les that, was in ſeiner Gewalt war, um ihre Gefan⸗ genſchaft zu verbittern. 5 Pethion, deſſen Gegenwart ſo manche grauſame Erinnerungen mit ſich fuͤhrte, beleidigte ihn abſichtlich durch ſeine Beſuche im Gefaͤngniß. Die Municipal⸗ beamten, die dahin geſandt wurden, um ſich der Be⸗ wachung des Koͤnigs zu verſichern, und ſeine Privat⸗ unterredungen auszukundſchaften, waren unter den ſchlechteſten und boshafteſten Jakobinern gewaͤhlt. Sei⸗ *) Der Leſer kann den Vericht welchen Marmontel über ſeinen Aufenthalt in der Baſtille giebt, mit der Erzählung des treuen Clery von Ludwigs Gefangenſchaft im Tempel ver⸗ gleichen. ne Bemuͤhungen, gegen dieſe brutalen Kerkermeiſter Gleichmuth und ſelbſt Hoͤflichkeit zu zeigen, wurden mit dem groͤßten Uebermuth beantwoertet. Einer von ihnen, ein Maurer, hatte ſich in ſeiner Arbeitsklei⸗ dung in einen Armſeſſel geworfen, wo er, mit ſeiner Municipalſchaͤrpe geziert, nach Gefallen ausruhte, Der König ließ ſich herab, ihn im Tone der Unterre⸗ dung zu fragen, wo er arbeite. Er antwortete muͤr⸗ riſch:„Bei der Kirche von Saint Genevieve.“— Ich erinere mich, ſagte der Koͤnig, ich legte den Grund⸗ ſtein,— ein ſchoͤnes Gebaͤude, aber ich habe gehoͤrt, der Grund ſey nicht ſicher.“—„Er iſt ſicherer, ant⸗ wortete der Kerl, als die Throne der Tyrannen.“ Der Koͤnig laͤchelte und ſchwieg. Er erduldete mit der gleichen Geduld die uͤbermuͤthige Antwort eines andern dieſer Beamten. Der Mann war nicht zur gewoͤhnlichen und regelmaͤßigen Stunde abgeloͤst wor⸗ den, und der Koͤnig druͤkte ihm hoͤflich ſeine Hoffnung aus, daß der Aufſchub ihm keine Ungelegenheit verur⸗ ſachen moͤchte.„Ich bin hieher gekommen, antwor⸗ tete der Schurke, um Euer Benehmen zu bewachen, nicht damit Ihr Euch um das meinige bekuͤmmern ſollt. Niemand, fuͤgte er hinzu, und ſezte ſeinen Hut feſt in die Stirne, am wenigſten von Euch da, hat ſich darum zu bekuͤmmern.“ Wir haben Ge⸗ faͤngniſſe geſehen, und ſind verſichert, daß ſelbſt ver⸗ haͤrtete Kerkermeiſter, gewoͤhnt an die Scenen des Elends, ſolche Ausdruͤcke der Hoͤflichkeit, wenn auch 2³ von den ſchlechteſten Verbrechern, nicht un zereizt und aus Uebermuth mit Vorwuͤrfen und Verhoͤhnung be⸗ autworten. Die Herzen dieſer Menſchen, welche zu⸗ fäͤlligerweiſe Gefangnißaufſeher wurden, und deren erſter Gefangener viele Jahre lang ihr Koͤnig geweſen war, muͤſſen von Stein geweſen ſeyn. Waͤhrend ſolche Scenen innerhalb des Gefaͤngniſ⸗ ſes vorgiengen, waren diejenigen, welche außen Wache hielten, entweder als Schildwachen, oder als Pa⸗ trouillen der Jakobiner, welche eine ſtrenge Aufſicht uͤber die Umgebungen des Gefaͤngniſſes fuͤhrten, nicht weniger bereit, ihren Antheil an Kraͤnkung und Ver⸗ hoͤhnung beizutragen. Gemaͤlde und Plakate, welche die koͤnigliche Familie unter den Haͤnden des Henkers vorſtellten, wurden angeheftet, wo der Koͤnig und die Koͤnigin ſie ſehen konnten. Die heftigſten patrio⸗ tiſchen Geſaͤnge, welche auf den nahen Tod von Mon⸗ ſieur und Madame Veto hindeuteten, wurden unter ihren Fenſtern geſungen, und das ſchrecklichſte Geſchrei nach ihrem Blute ſtorte die wenige Ruhe, welche Ge⸗ fangene genießen koͤnnen. Das Haupt der Prinzeſſin von Lamballe wurde am 3. Sept. unter ihr Fenſter ge⸗ bracht, und einer der Municipalbeamten wuͤrde die koͤnigliche Familie ans Fenſter gelockt haben, daß ſie dieß ſchreck iche Schauſpiel haͤtten ſehen muͤſſen, haͤtte nicht der andere,„von milderer Geſinnung“ es ver⸗ hindert. Als Ludwig um die Namen dieſer zwei Be⸗ amten von einigen weniger rohen Perſonen gefragt 30 wurde, welche den abſcheulichen Beleidiger zu beſtra⸗ ſen wuͤnſchten, wollte Ludwig nur den menſchlichern nennen; ſo wenig war dieſer ungluͤckliche Fuͤrſt geneigt auch fuͤr die ausgeſuchteſten Grauſamkeiten, die gegen ihn veruͤbt wurden Rache zu ſuchen. Das Benehmen des Gemeinderaths nahm an Strenge zu, wie der Prozeß gegen Ludwig naͤher zu kom⸗ men ſchien. Die gewoͤhnlichſten Bequemlichkeiten mach⸗ te man zu einem Gegenſtande des Streits, ehe ſie be⸗ willigt werden konnten, und der, ob dem Koͤnig ge⸗ ſtattet werden ſolle, ſich ſelbſt den Bart zu nehmen, dauerte lange Zeit. Alles wurde ihm entriſſen, ſelbſt ſein Zahnſtocher und Federmeſſer, und die Koͤnigin und Prinzeſſinnen wurden ihren Scheeren u. ſ. w. be⸗ raubt. Dieß fuͤhrte zu einer ruͤhrenden Bemerkung Ludwigs. Er ſah ſeine Schweſter waͤhrend ſie an der Arbeit ſaß, genoͤthigt, einen Zwirn von einander zu beißen, weil ſie nichts hatte um ihn abzuſchneiden, und die Worte entſchluͤpften ihm:„Ach! Sie entbehr⸗ ten nichts in Ihrem artigen Hauſe zu Montreuil.“— „Theuerſter Bruder! antwortete die Prinzeſſin, deren Charakter Unſchuld, Reinheit des Sinnes und Wohl⸗ wollen war, kann ich mich uͤber irgend etwas beklagen, da der Himmel mich aufgeſpart hat, um Ihre Stun⸗ den der Gefangenſchaft zu theilen, und Sie einiger⸗ maßen zu troͤſten?“ In der Geſellſchaft ſeiner Familie zeigte ſich der Charakter Ludwigs in der That auch am ſchoͤnſten; und wenn er auf dem Throne nicht immer 31⁵ die fuͤr ſeine hohe Stellung erforderliche Energie be⸗ ſaß, ſo breitete in dem Gefaͤngniß des Tempels das Ungluͤck die Glorie eines Maͤrtyrers um ihn aus. Sei⸗ ne Morgenſtunden brachte er mit dem Unterricht und der Unterhaltung des jungen Dauphin zu, ein Geſchaͤft, wozu des Koͤnigs ausgedehnte Kenntniſſe ihn wohl be⸗ faͤhigten. Die Gefangenen erfreuten ſich, ſo gut ſie konnten, einer kurzen Unterbrechung ihrer Gefangen⸗ ſchaft, wenn ihnen geſtattet wurde, in den Gaͤrten des Tempels umherzugehen, obgleich ſie ſicher waren, gleich Karl I. in der naͤmlichen Lage durch die Schild⸗ wache verhoͤhnt zu werden, welche ihnen Wolken von Tabaksrauch beim Voruͤbergehen ins Geſicht blieſen, waͤhrend andere die Ohren der Damen mit zuͤgelloſen Geſaͤngen, oder den granſamſten Drohungen beleidigten. Alles dieſes ertrug Ludwig und ſeine Familie mit einer ſa heiligen Geduld, daß mehrere, welche Zutritt zu ſeiner Perſon erhielten, von dem Schau⸗ ſpiel einer Koͤnigsfamilie geruͤhrt wurden, welche in eine ſo traurige, aber doch mit ſo viel Wuͤrde und Muth erduldete Lage, herabgebracht war. Einige von den Municipalbeamten wurden ſelbſt weich, und aͤn⸗ derten ihre Anſicht von dem Koͤnige, als ſie ihn in einem ſo neuen und ausgezeichneten Lichte ſahen. Erzaͤhlungen von den Beleidigungen, welche er raͤglich erduldete, und von der Sanftmuth, womit er ſie ertrug, begannen unter den Burgern der hoͤhern Klaſſen bekannt zu werden, und brachten in Verbin⸗ 3² dung mit der Furcht, voͤllig unter die Obergewalt der Sansculotten zu fallen, manche Republikaner dahin, ihre Blicke zuruͤckzuwerfen auf die Konſtitution von 1791, mit allen ihren Fehlern und ihrer monarchiſchen Vollziehungsgewalt. Die verſtaͤndigſten und einſichts⸗ vollſten Girondiſten begannen zu fuͤrchten, daß ſie doch zu haſtig geweſen ſeyen in Errichtung ihrer geliebten Republik, da der Boden einen feſten und ſichern. Grund zu einem ſolchen Gebaͤude nicht abgeben konnte. Buzot bezeugt dies, obwohl in einer ſpaͤtern Zeit, als wovon wir hier reden; aber die Gruͤnde ſeines Ur⸗ theils beſtanden bei der Verurtheilung des Koͤnigs ſo gut, als nach der Vertreibung der Girondiſten. Die Stelle iſt merkwuͤrdig.„Meine Freunde,“ ſagt dieſer ausgezeichnete Girondiſt,„naͤhrten lange Zeit die Hoffnung, eine Republik in Frankreich zu gruͤnden, obaleich Alles zu beweiſen ſchien, daß die aufgeklaͤrten Klaſſen, ſey es aus Vorurtheil, oder aus vernünfti⸗ gen Gruͤnden, dieſer Regierungsform nicht geneigt ſeyen. Dieſe Hoffnung verließ meine Freunde nicht, als die ſchaͤndlichſten und niedrigſten Menſchen ſich der Gemuͤther der untern Klaſſen bemaͤchtigten, und ſie durch geſtattete Zuͤgelloſigkeit und Raub verdarben. Meine Freunde rechneten auf die dem franzoͤſiſchen Charakter eigene Leichtigkeit und Geneigtheit zur Ver⸗ aͤnderung, was ſie als eine Eigenſchaft betrachteten⸗ die fuͤr eine republikaniſche Nation beſonders paſſe. Ich habe dieſe Meinung ſtets als falſch angeſehen, und lin 3³5 din wiederholt in meinem Innern an meinem kuͤhnen Wunſche, eine Republik in meinem Lande zu errich⸗ ten, verzweifelt.“ An einer andern Stelle ſagt er: „Man darf ſich nicht verhehlen, daß die Majorſtat der Franzoſen ernſtlich das Koͤnigthum und die Konſtitu⸗ tion von 1791 wuͤnſchte. In Paris war der Wunſch allgemein, und wurde ſehr frei ausgedruͤckt, obgleich nur in vertrauter Geſellſchaft und unter genauern Freunden. Es gab nur wenige edle und erhabene See⸗ len, welche ſich wuͤrdig fuͤhlten, Republikaner zu ſeyn, und welche das Beiſpiel der Amerikaner ermuthigt hat⸗ te, eine aͤhnliche Regierung in Frankreich, dem Lande der Frivolitaͤt und Veraͤnderlichkeit, zu verſuchen. Der üͤbrige Theil der Nation, mit Ausnahme der unwiſ⸗ ſenden Elenden, ohne Verſtand oder Vermoͤgen, wel⸗ che Schimpfreden gegen das Koͤnigthum ausſpieen, wie ſie es zu einer andern Zeit gegen eine Republik, und immer ohne zu wiſſen, warum, gethan haben wuͤrden,— der uͤbrige Theil der Nation war ganz der Kouſtitution von 1791 zugethan, und blickte auf die reinen Republikaner als auf eine ſehr gutartige Klaſſe on Tollhaͤuslern hin.“ In dieſen Zeilen, die von einem ihrer aufrich⸗ tigſten Mitglieder geſchrieben ſind, leſen wir die Ver⸗ urtheilung der Girondiſten, welche, um den ungewiſ⸗ ſen Verſuch einer Republik zu wagen, wobei ſie ſelbſt ſo viele Schwierigkeiten erblickten, ihre Arme und ihre Huͤlfe zur Zerſtoͤrung derjenigen Regierung an⸗ W. Scott's Werke. XXIX. 3 8 bpoten, welche, wie ſie wußten, von allen aufgeklaͤrten Klaſſen Frankreichs, außer von ihnen ſelbſt, gewuͤnſcht war, und deren Vernichtung nur die Bahn brach fuͤr das ſchreckliche Triumphirat von Danton, Robespierre und Marat. Wir ſehen aber auch aus dieſen und andern Stel⸗ len, daß in Paris und den Devartements Geſinnun⸗ gen ſich fanden, welche des Koͤnigs Leben gerettet, und die Herrſchaft des Schreckens verhindert haͤtten, wenn der Konvent naͤmlich ſich auf ſie berufen haͤtte. Es be⸗ gannen deutliche Zeichen von Abneigung gegen die „Haͤupter, und Antheil an des Koͤnigs Schickſal ſich blicken zu laſſen. Dieſe mehrten ſich, als er zum Ver⸗ hoͤr vor den Konvent gebracht wurde, bei welcher Ge⸗ legenheit er mit derſelben vorbedachten Verhoͤhnung behandelt wurde, welche ihm in ſeinem Gefaͤngniß zu Theil ward. Bis jezt hatte man ihm noch geſtattet, der Geſellſchaft ſeines Sohnes zu genießen, obwohl der Umgang mit den uͤbrigen Gliedern ſeiner Familie ſehr verkuͤm nert worden war. Er hing leidenſchaftlich an dieſem ungluͤcklichen Sohne, der ſeine Liebe erwieder⸗ te und frahzeitig Talente zeigte, welche nie aufbluͤhen ſollten. Es war der grauſame Entſchluß ſeiner Ker⸗ kermeiſter, den Knaben an dem naͤmlichen Morgen*) ſeinem Vater zu entreißen, an welchem er einem Ver⸗ hoͤr vor dem Konvent ſich unterziehen ſollte; mit an⸗ dern Worten, man wollte ſeinem Gefuͤhl den haͤrte⸗ den 21. Deismber⸗ 35 ſten Schlag gerade in dem Augenblick verfe es nothwendig war, ſeine ganze Geiſtesfe men zu raffen, um ſein Leben gegen ſchlaue und maͤch⸗ tige Feinde zu vertheidigen. Dieſe grauſame Maßregel brachte in einiger Hin⸗ ſicht die erwartete Wirkung hervor. Der Koͤnig zeig⸗ te eine tiefere Niedergeſchlagenheit, als je vorher. Das Kind ſpielte das Siamſpiel mit ſeinem Vater, und trotz aller Vemuͤhung konnte der Dauphin nicht uͤber die Zahl ſ echzehn hinauskommen.„Das iſt eine recht unglaͤckliche Zahl,“ ſagte das Kind.„Ja, in der That, mein Kind! Ich habe ſeit langer Zeit Grund, es zu glauben,“ erwiederte der Koͤnig. Die⸗ ſe kleine Vorbedeutung ſchien bald durch die Kommiſ⸗ faͤre der Verſammlung in Erfuͤllung zu gehen, welche ohne weitere Erklaͤrung, als daß Ludwig ſich vorberei⸗ ten muͤſſe, den Maire von Paris zu empfangen, das Kind ſeinem Vater entriſſen, der mit ſeinem Schmer⸗ ze zuruͤckblieb. Nach ungefaͤhr zwei Stunden, waͤh⸗ rend denen man das Stampfen vieler Pferde gehoͤrt hatte, und ein furchtbares Truppenkorps mit Artille⸗ rie um das Gefaͤnaniß anfgeſtellt worden war, erſchien der Maire, ein Mann mit Namen Chambon, ſchwach und ungebildet, ein williges Werkzeng des waͤthen⸗ den Gemeinderaths in welchem er den Vorſitz fuͤhrte. Er las dem Koͤnig das Dekret des Konvents vor, daß Ludwig Capet vor ſeine Schranken gebracht werden folle,„Capet,“ antwortete Ludwig,„iſt nicht mein 3„& 7 36 Name; ſo hieß einer meiner Ahnherrn. Ich haͤtte wünſchen koͤnnen, daß ich wäͤhrend der zwei Stunden, wo ich Euch erwartete, nicht der Geſellſchaft meines Sohnes beraubt wurde;— aber es iſt nur ein Stuͤck von der Behandlung, welche ich ſeit vier Monaten erfahren habe. Ich will Euch in den Konvent beglei⸗ ten, nicht als ob ich ſein Recht anerkennte, mich vor⸗ zuladen, ſondern weil ich der Uebermacht meiner Feinde weiche.“ Die Volksmaſſe draͤngte ſich an den Koͤnig auf ſeinem Wege von dem Tempel zu den Tuillerien, wo der Konvent jezt ſeine Sitzungen aufgeſchlagen hatte, wie Leute, die Jemand erſchlagen und von ſeinem Ei⸗ genthum Beſitz ergriffen haben. Lauter Nuf wurde gehaͤrt, der das Leben des Tyrannen verlangte; aber Ludwig behielt die vollkommenſte Faſſung, ſelbſt als er wie ein Verbrecher vor der Verſammlung ſeiner ge⸗ bornen Unterthanen ſtand, von denen die meiſten aus einer Klaſſe waren, die ſie von richterlichen Aemtern ausſchloß, bis er ſelbſt ihnen das Vorrecht bewilligte. „Ludwig,“ ſagte der Praͤſident(der ſchlangenglatte furchtſame, aber ſchlaue Barrere),„Sie koͤnnen ſich ſetzen.“ Der Koͤnig ſezte ſich alſo nieder, und hoͤrte ohne ſichtbare Bewegung einen langen Anklageakt an, worin jeder Vorfall der Revolution als eine ſchwere Beſchuldigung gegen den Koͤnig herausgehoben war. Er machte ſeine Erwiederungen in kurzen, lakoniſchen Antworten, welche viel Geiſtesgegenwart und Ge⸗ 57 muͤthsruhe bewieſen, und fuͤhrte die Dekrete der Na⸗ tionalverſammlung zu ſeinem Schutze wegen des Vor⸗ falls zu Nancy, und wegen des Feuers auf das Volk auf dem Marsfelde an, denn dieſe beiden Vorfaͤlle hat⸗ te man als Angriffe auf das Volk dargeſtellt. Einige von dieſen Antworten koͤnnen wir hier nicht uͤber⸗ gehen. „Sie ſind angeklagt“ ſagte der Praͤſident,„den Befehl gegeben zu haben, Geld unter arme Unbekann⸗ te in der Vorſtadt St. Antoine auszutheilen. Was haben Sie zu erwiedern?“—„Daß ich kein groͤßeres Vergnuͤgen kenne,“ antwortete Ludwig,„als den Be⸗ duͤrftigen Huͤlfe zu leiſten.“—„Sie haben die Schwei⸗ zer um fuͤnf Uhr am Morgen des zehnten Auguſts gemuſtert.“—„Ich muſterte die Truppen, die um meine Perſon waren,“ erwiederte der Koͤnig.„Es ge⸗ ſchah in Gegenwart der konſtituirten Berhoͤrden des“ Departements und des Maire's. Ich hatte vergebens von dem Konvent eine Deputation von ſeinen Mit⸗ gliedern verlangt, und ich kam mit meiner Familie, um mich in ſeine Haͤnde zu uͤbergeben.“—„Warum haben Sie die Schweizergarden gerade zu jener Zeit verdoppelt?“ fragte der Praͤſident.—„Es geſchah mit Wiſſen aller konſtituirten Behörden,“ ſagte Koͤnig in einem Tone vollkommenen Gleichmuths;„ich war ſelbſt eine konſtituirte Behoͤrde, und hatte ein Recht, mein Amt zu vertheidigen.“—„Sie ſind Urſache,“ ſagte der Praͤſident,„daß das Blut von Franzoſen 38 vergoſſen wurde; was ſagen Sie dagegen 27— „Nicht ich war Urſache„“ antwortete Ludwig mit mehr Nachdruck, als bisher. Der Koͤnig wurde zuruͤckgefuͤhrt ins Gefaͤngniß unter den Drohungen und Mißhandlungen derſelben Banditen, durch deren Reihen er vorher gegangen war. Bei der Erwiederung auf die gegen ihn angebrach⸗ ten Klagen hatte Ludwig einen andern Weg einge⸗ ſchlagen, als Karl, der ſich weigerte, ſeine Vertheisi⸗ gung vor dem Tribunal zu fuͤhren, vor das er geladen war. Der leztere handelte mit dem ſtoltzen Geiſte ei⸗ nes Furſten, welcher der Ehre der Krone, die er ge⸗ tragen, nichts vergeben will,— der erſtere als ein Mann von Ehre und Rechtſchaffenheit, der ſeinen Ka⸗ rakter, wo er immer angegriffen wurde, vertheidigen wollte, ohne ſich mit der Beſtreitung der Autoritaͤt des Gerichtshofs aufzuhalten, welcher das Urtheil uͤber ihn faͤllen ſollte. Ein großer Tumult folgte in der Verſammlung, ſobald der Konig den Saal verlaſſen hatte. Die Jako⸗ biner bemerkten, daß die ſo eben vorgegangene Scene viele von der neutralen Parthei tief ergriffen habe, und wahrſcheinlich auf ihre endliche Abſtimmung Ein⸗ fluß haben werde. Sie verlangten ein augenblickliches Verurtheilungsdekret, und zwar im Namen des unter⸗ druͤkten Volks.„Ihr, die Ihr den Tyrannen gehoͤrt habt, ſolltet gerechterweiſe auch das Volk hoͤren, das er unterdruͤckt hat,“ ſagte Brllaud de Varennes. 7 39 Der Konvent wußte wohl, was mit dieſem Erſcheinen des Volks vor den Schranken gemeint ſey, und waͤh⸗ rend er vor dieſer Drohung zitterte, machte Duhem den Antrag, daß der Koͤnig in der Nacht noch hinge⸗ richtet werden ſolle. Die Majoritaͤt hatte indeſſen noch ſo viel Schaam, ſich an dieſem Abend nicht wei⸗ ter fortreißen zu laſſen. Sie geſtattete dem Koͤnig, ſich einen Vertheidiger zu waͤhlen. Bei ſeiner Ruͤckkehr in den Tempel hatte der Mo⸗ narch gefunden, daß er zu einſamem Gefaͤngniß verur⸗ heilt ſey. Er weinte; aber weder ſeiner Gattin, noch ſeiner Schweſter, noch ſeinem Kinde war es geſtattet, dieſe Thrauen zu theilen. An dem Schickſal ſeines Sohns zeigte er den tiefſten Antheil. Doch, ſo aͤngſt⸗ lich auch ſeine Beſorgniſſe waren, ſo erreichten ſie doch das Elend nicht, in welches das Kind verſezt war. Das Herz eines Menſchen konnte die Grau⸗ ſamkeit ſeines Loſes ſich nicht denken.. Ludwig waͤhlte zu ſeinen Anwaͤlden zwei beruͤhm⸗ te Rechtsgelehrte, indem er ſorgfaͤltig ſolche auslas, von denen er glaubte, daß ſie durch das unternomme⸗ ne Geſchaͤft keine Gefahr laufen wuͤrden. Einer der⸗ ſelben, Thronchet, achtete die Ehre ſeines Standes zu ſehr, um auch nur einen Augenblick mit der An⸗ mahme dieſes gefährlichen Amts zu zaudern; der an⸗ dere aber, Target, lehnte es ab. Der Ausdruck, deſ⸗ ſen ſich dieſer unwuͤrdige Rechtsgelehrte bediente, ſchien die Verurtheilung des Koͤnigs zu enthalten.„Ein 40 freier Republikaner,“ ſagte er,„darf kein Amt uͤber⸗ nehmen, dem er ſich nicht gewachſen fuͤhlt.“ So furchtſam auch der Konvent war, ſo wurde doch dieſe Entſchuldigung mit Mißfallen aufgenommen, denn ſie erklaͤrte oͤffentlich, daß die Vertheidigung des Koͤnigs von keinem Freunde des jetzigen Syſtems unternom⸗ men werden koͤnne.. Mehrere Perſonen boten freiwillig ihre Dienſte an; aber der Vorrang wurde von Lamoignon Males⸗ herbes in Anſpruch genommen, welcher zweimal von Ludwig in ſeinen Rath berufen, als dies Amt das Ziel des allgemeinen Ehrgeizes war, ſein Recht auf den gleichen Dienſt behauptete, zu einer Zeit, als An⸗ dere ihn fuͤr gefahrlich hielten. Dieſe raſche That ei⸗ ner ehrenvollen Selbſtaufopferung weckte ein Gefuͤhl fuͤr Ehre im Konvent, welches, wenn es gedauert haͤtte, auch noch jezt ein großes Nationalverbrechen verhindert haben wuͤrde. In Paris begannen ſich Symptome eines wieder⸗ kehrenden Antheils an Ludwigs Perſon zu zeigen. Die oft wiederholten Verlaͤumdungen gegen ihn ſchienen ihren Einfluß auf Alle, außer auf die unwiſſende Menge und die gedungenen Banditen zu verlieren. Die ehrenvolle Vufopferung Malesherbes, der in der ganzen Nation als ein Mann von Talent, Ehre und Rechtſchaffenheit bekannt war, ſtrahlte ein ſtarkes Licht auf ſeinen koͤniglichen Klienten zuruͤck, der in der Stunde der Noth einen ſolchen Vertheidiger gefunden 2 44„ hatte. Deſeze, ein trefflicher Rechtsgelehrter, wurde nachher des Konigs Anwaͤlden zugeſellt; aber der Koͤ⸗ nig gewann durch dieſe Nachgievigkeit wenig mehr, als den Troſt, mit Maͤnnern, wie Malesherbes und ſeine beiden Gefaͤhrten, zu einer Zeit zu verkehren, wo ſich kein anderer Freund ihm nahen durfte, außer der treue Clery, ſein Kammerdiener.*) Die Rechtsgelehrten hegten einige Hoffnungen, und frohlockten im Geiſte ihres Standes, wenn ſie ſahen, wie die Thatſachen den Beſchuldigungen ihrer Anklaͤger widerſprachen.„Maͤßigt Eure Freude, mei⸗ ne Freunde,“ ſagte Ludwig:;„alle dieſe guͤnſtigen Um⸗ ſtäͤnde ſind den Herren vom Konvent wohl bekannt, und wenn ſie dieſelben fuͤr tanglich hielten, zu mei⸗ nen Gunſten in die Waagſchaale gelegt zu werden, ſo wuͤrde ich nicht in dieſer ſchlimmen Lage mich befin⸗ den. Ihr unternehmet, wie ich fuͤrchte, eine vergeb⸗“ liche Arbeit, aber laßt ſie uns vollenden, als die lezte Pflicht.“ Als der Zeitpunkt ſeines zweiten Erſchei⸗ nens vor dem Konvente herankam, druͤckte er Unruhe daruͤber aus, vor demſelben mit ſeinem langen Bart *) Clery haben wir geſehen und gekannt, und die Geſtalt und die Sitten dieſes Beiſpiels uralter Treue und Loyalität wird nie vergeſſen werden. Voll Anſtand und Anmuth in ſeinem Benehmen, kündigten ſein tiefer Ernſt und ſeine melancho⸗ liſchen Züge an, daß die traurigen Scenen, wobei er eine ſo ehrenvolle Rolle geſpielt hatte, nie, auch nur Einen Augen⸗ blick, ſeinem Gedächtniß entfielen. 2 — 4² 8 und Haaren zu erſcheinen, denn er war der Scheer⸗ meſſer und Scheeren beraubt.„Waͤre es nicht beſſer, „Euer Majeſtaͤt gingen ſo, wie Sie jezt ſind,“ ſagte der rreue Clery,„damit jedermann die Behandlung ſieht, die Sie erduldet haben?“—„Es ziemt mir nicht,“ antwortete der Koͤnig,„um Mitleid zu bitten.“ — In demſelben Geiſte befahl er ſeinen Anwaͤlden, jede Berufung auf die Leidenſchaften und Gefuͤhle der Rich⸗ ter und Zuhoͤrer zu vermeiden, und ſeine Vertheidi⸗ gung ausſchließlich auf die logiſchen Schluſſe zu be⸗ ſchranken, die aus den Beweiſen hervorgingen. Als Ludwig vor den Konvent gefordert wurde, mußte er eine Zeitlang in dem aͤußern Saale warten, wo er im Geſpraͤch mit ſeinen Anwaͤlden auf und ab⸗ ging. Ein voruͤbergehender Deputirter hoͤrte Males⸗ herbes waͤhrend des Geſpraͤchs mit ſeinem koͤniglichen Klienten die ehrfurchtsvollen Ausdruͤcke gebrauchen: „Sire— Euer Maieſtaͤt.“—„Was macht Euch ſo kuͤhn,“ ſagte er,„daß Ihr dieſe verbotenen Ausdruͤcke gebraucht?“—„Die Verachtung des Lebens,“ ant⸗ wortete der edle Malesherbes. Mit Geſchicklichkeit begann Deſeze ſeine Rede, er vertheidigte lebhaft das Recht des Koͤnigs auf Unver⸗ letzlichkeit, ein Recht, das ihm durch die geſetzgebende Verſammlung nach ſeiner Flucht nach Varennes beſtaͤ⸗ tigt wurde, und das eine vollkommene Straſloſigkeit fuͤr dieſes Verbrechen in ſich ſchloß, auch wenn man eine Reiſe in einer Poſtkutſche aus der Hauptſtadt mit 43 wenigen Begleitern fuͤr verbrecheriſch anſehen koͤnnte⸗ Er legte aber den Nachdruck darauf, daß, wenn der Konvent ſeine Unverletzlichkeit nicht achte,— wenn er mit Einem Wort ihn nicht als Koͤnig anſehe, ſo ſey er wenigſtens zu den formellen Schutzmitteln berech⸗ tigt, die das Geſetz jedem Buͤrger gewaͤhre. Er mach⸗ te die Meinung laͤcherlich, daß Ludwig mit ſeiner un⸗ bedeutenden Schweizertruppe auf einen ernſtlichen An⸗ griff gegen den Konvent haͤtte denken koͤnnen.„Er ruͤſrete ſich,“ ſagte Deſeze,„zu ſeiner Vertheidigung, wie Ihr, Buͤrger, zweifelsohne thun wuͤrdet, wenn Ihr hoͤrtet, daß eine bewaffnete Menge auf dem We⸗ ge ſey, um Euch in Eurem Heiligthum zu uͤberfallen.“ Er ſchloß ſeine treffliche Vertheidigungsrede mit einer Nufzaͤhlung der Wohlthaten, welche Ludwig der fran⸗ zoͤſiſchen Nation erzeigt habe, und erinnerte ſie, daß Ludwig ihnen die Freiheit gegeben habe, ſobald ſie frei zu ſeyn wuͤnſchten. Ludwig ſelbſt ſagte einige wenige Worte mit vieler Feſtigkeit. Er wurde in den Tempel zuruckgeſchickt, und eine ſtuͤrmiſche Debatte begann. Anfangs verſuchten die Jakobiner Alles durch ein wildes Geſchrei nach Abſtimmung abzumachen. Lan⸗ juinais antwortete ihnen mit unerwartetem Muthe, beſchuldigte ſie, den Angriff am 10. Auguſt angelegt, und dazu aufgereizt zu haben, und jezt wollten ſie die Schuld, die ihnen allein zur Laſt falle, auf den Koͤ⸗ nig waͤlzen. Schreckliches Geſchrei folgte dieſer wah⸗ ren und unerſchrockenen Rede.„Laßt die Freunde des 44 Despoten mit ihm ſterben“! war der allgemeine Aus⸗ ruf oer Jakobiner; in die Abtei— aufs Schafſot mit dem eidbruͤchigen Deputirten, der den giorreichen 19. Auguſt laͤſtern will!“—„Es ſey ſo,“ antwortete Lanjuinais.„Beſſer der Tod, als das Verbrechen, ein ungerechtes Urtheil auszuſprechen.“ Die Girondiſten waren ſelbſt viel zu ſehr bei dem Angriff auf die Tuillerien betheiligt, um dieſer kuͤh⸗ nen und maͤnnlichen Vertheidigungsweiſe zu folgen, und Lanjuinais fand keine Unterſtutzung. Saint⸗Juſt und Robespierre verlangten heftig das Todesurtheil. Der erſtere klagte den Koͤnig ei⸗ nes Plans an, das Volk durch eine vornebliche Un⸗ terwerfung unter ſeinen Willen, und durch eine an⸗ genommene Maͤßigung in Ausuͤbung ſeiner Gewalt um ſeine Freiheiten zu betruͤgen. Am 10. Auguſt (er hatte die Frechheit, dieß zu behaupten) drang der Koͤnig in den Saal des Konvents mit ſeinen bewaff⸗ neten Anhaͤngern(die kleine Bedeckung, welche ihn kaum gegen die bewaffnere Menge ſchuͤtzen konnte), und verlezte das Heiligthum der Geſetze.„Iſt es endlich“, ſo ſchloß er triumphirend,„die Sache des Volks, das allen Tyrannen den Krieg erklaͤrt hat, ſich um das Schickſal ſeines eigenen zu kuͤmmern?“ Robespierre verwarf offen die Anwendung geſetzlicher Formen und geſchriebener Geſetztitel in einem ſolchen Falle, wie er vor dem Konvent anhaͤngig ſey. Das Volk, welches ſein Recht in Anſpruch genommen habe, 45 als es den Szepter aus Ludwigs Haͤnden riß, habe⸗ ein Recht, ihn zu ſtrafen, daß er es gefuͤhrt habe⸗ Er ſchwazte von dem Falle als bereits entſchieden durch die allgemeine Stimme und durch die Handlung des Volks, von welchem alle geſetzliche Gewalt aus⸗ gehe, und deſſen Gewalt die des Konvents, welcher nur ſein Repraͤſentant ſey, uberwiege. 3 Vergniaud, der beredteſte unter den Girondiſten, wußte keinen beſſern Vorſchlag, als daß die Sache Lud⸗ wigs durch eine Beruſung an das Volk entſchieden werden ſolle. Er fuͤhrte an, das Volk, welches in feierlichem Bunde auf dem Marsfelde geſchworen ha⸗ be, die Konſtitution anzuerkennen, habe zugleich auch die Unverlezlichkeit des Konigs beſchworen. Dieß war richtig; aber wenn dieß der Fall war, welches Recht hatte der Konvent, den Prozeß des Köonigs zu verlaͤn⸗ gern, indem er die Sache von ſich an das Volk ver⸗ wies? Wenn ſeine Unverletzlichkeit formlich zugeſtan⸗ den und von der Nation beſchworen war, was hatte der Konvent mehr zu thun, als die Unverletzlickkeit anzuerkennen, womit die Nation den Monarchen be⸗ kleidet hatte, und ihn demgemaͤß von ſeinen Schran⸗ ken zu entlaſſen? Die Erklaͤrung liegt darin:— der fertige Redner war in der Ausfuͤhrung ſeiner Gruͤnde gehemmt und befangen durch die Schwierigkeit, ſein eigenes Beneh⸗ men und das ſeiner Gefaͤhrten mit den Grundſaͤtzen in Uebereinſtimmung zu bringen, die er jezt als die ge⸗ 46 rechten und geſetzlichen anzunehmen Willens war. Wenn die Perſon des Koͤnigs in der That unverletz⸗ lich war, was ſollte man von der Konſequenz derjeni⸗ gen denken, da ſie mit Huͤlfe ibrer kuͤhnen und erge⸗ benen, Gefäͤhrten, Barbaroux und Nebecqui, in der That die marſeiller Truppen aufgebracht hatten, wel⸗ che den Vortrab machten, und ohne Widerſpruch das einzig, wirkſame Mittel waren, wodurch der Pallaſt dieſes unverletzlichen Monarchen erſtuͤrmt, ſeine Gar⸗ de geſchlachtet, er ſelbſt ins Gefaͤngniß geworfen, und endlich ſein Leben in Gefahr gebracht worden war 2 Offenbar ſezten ſie ſich dieſer aus ihren vorhergegan⸗ genen Umtrieben entſpringenden Antwort aus, und dieß argumentum ad hominem, wie es die Logiker nen⸗ nen, war es, welches ein Schloß an die Lippen des beredten Vergniaud legte, waͤhrend er einen Beweis fuͤhrte, der, obſchon an ſich ſelbſt richtig und wahr, doch mit den revolutionaͤren Mafregeln nicht uͤberein⸗ ſtimmte, an denen er ſeldſt ausdruͤcklich Theil genom⸗ men hatte.„Thut nichts Boͤſes, daß etwas Gutes daraus entſpringen moͤge“, dieß iſt eine Lehre, die man lernen muß, zwar nicht aus der tranſeendentalen Philoſoohie, welche die Begehung eines augenblickli⸗ chen und offenbaren Unrechts geſtattet, wenn die Aus⸗ ſicht vorhanden iſt, einiges entfernte, ungewiſſe, zu- faͤllige Gute dadurch zu erreichen; ſonderi aus den Vorſchriften des chriſtlichen Glaubens und der wahren Philoſophie, welche befiehlt, daß jeder Fall nach ſeinen 47 eigenen Umſtaͤnden erwogen, und nach den unwandel⸗ baren Regeln von Recht oder Unrecht entſchieden wer⸗ de, ohne eine Ausflucht zuzulaſſen, welche auf die Hoffnung entfernter Zufalle und kuͤnftiger Folgen ge⸗ gruͤndet iſt. Aber Verniand's Beredſamkeit war frei von die⸗ ſen ungläcklichen Feſſeln, als er mit der Gluth eines Dichters und der goͤttlichen Eingebung eines Prophe⸗ ten gegen die Faktion der Jakobiner donnerte, und die Folgen weiſſagte, wenn dieſe blutige Rotte die ober⸗ ſte Gewalt erlange, indem ſie mit dem erſten Schritt auf Ludwigs Koͤrver trat. Das Gemaͤlde, das er von dem kommenden Unheil entwarf, ſchien fuͤr die Wirk⸗ lichkeit zu ſchrecklich, und doch wurde die Vorausſage des niedergebeugten Republikaners, der zu ſpaͤt und nur allzuklar den tragiſchen Schluß der Scenen er⸗ blickte, woran er ſelbſt einen ſo thaͤtigen Antheil ge⸗ nommen hatte, durch die darauf folgenden Auftritte mehr als beſtaͤtigt.. Die Berufung anf das Volk oder die Nation wur⸗ de von den jakobiniſchen Sprechern als der naͤchſte Weg zum Buraerkriege dargeſtellt. In der That war es einer der vielen Einwurfe gegen dieſen vermitteln⸗ den und ausweichenden Pian, daß das franzoͤſiſche Volk, in ſeinen verſchiedenen Genoſſenſchaften verei⸗ nigt, wahrſcheinlich zu ſehr verſchiedenen Schluͤſſen uͤber die Anklage des Koͤnigs kommen wuͤrde. Wo die Jakobinerklubbs ſtark und zahlreich waren, wuͤr⸗ den ſ dcher, dem Grundſatz ihrer Vereinigung ge⸗ map, wie ſtets bereiten Zwangsmittel öſſentlicher Ge⸗ walt angewandt haben, um die Stimmfreiheit bei die⸗ ſer wichtigen Frage zu ſtoren, und das Todesurtheil mit Gewalt durchzuſetzen. In den Departements, wo die Konſtirutionelen und Royaliſten großen Einfluß hatten, wuͤrde wahrſcheinlech Gewalt mit Gewalt uͤber⸗ trieben worden ſeyn; kurz in Frankreich, wo das Ge⸗ ſetz ſo lang ein todter Buchſtabe geweſen war, wuͤrde die Entſcheidung der Nation uͤber das Schickſal des Koͤnigs norhwendig zu Blutvergießen gefuͤhrt haben. Aber von der Schilderung deſſen, was auf den Erfolg ſe ner Parthei bei dieſer denkwuͤrdigen Gele⸗ genheit gefolgt waͤre, ſuchte Vergniaud die Gedanken ſeiner Zuhoͤrer abzuwenden, waͤhrend er ſich bemuͤhte, ſie auf die Verbrechen und den verbrecheriſchen Ehr⸗ geiz der Iakobiner zu richten. „Die wuͤnſchen den Buͤrgerkrieg“ rief er aus, „welche mit Dolchen den Nationalkonvent Frankreichs bedrohen;— die auf der Tribune und auf dem Markt⸗ platze Lehren predigen, die alle geſellſchaftliche Ord⸗ nung uͤber den Haufen werfen; die den Buͤrgerkrieg wuͤnſchen, welche die Gerechtigkeit des Kleinmuths anklagen, weil ſie vor dem Beweiſe den toͤdtlichen Streich nicht fuͤhren will;— welche die gemeine Menſchheit einen Beweis der Verſchwoͤrung nennen, und alle die⸗ jenigen als Verraͤther ihres Landes anklagen, die ſich nicht mit ihnen zu Raub und Mord vereinigen wol⸗ len; 49 len;— dieſe endlich ſind es, welche jedes Gefuͤhl und jeden Grundſatz der Moral umſtoßen, und durch die groͤbſten Schmeicheleien die Zuſtimmung und die Huͤl⸗ fe des Volks bei den abſcheulichſten Verbrechen zu ge⸗ winnen ſuchen.“ Er legte die Kuͤnſte der Demagogen in Ausdruͤcken dar, die eben ſo gerecht als ſtreng wa⸗ ren. Schlau habe man auf den Tempel hingewieſen, als auf die Urſache eines jeden Ungluͤcks, worunter das Volk litt; nach dem Tode Ludwigs, den ſie eifrig herbeizufuhren ſtrebten, wuͤrden ſie die naͤmlichen Gruͤnde und die namliche Gewalt anwenden, um den aus jedem Mißgeſchick, aus jedem Ungluck entſprin⸗ genden Haß gegen den Konvent zu richten, um die Repraͤſentanten Frankreichs dem Volke eben ſo gehaͤſ⸗ ſig zu machen, als jezt den entthronten Konig. Er ſchloß mit einem ſchrecklichen Gemalde von Paris un⸗ ter der Herrſchaft der Jakobiner, das aber durch die folgenden Begebenheiten noch ubertroffen wurde. „Welchen Greueln“, ſagte er,„wird nicht Paris uͤber⸗ 8 liefert werden, wenn es die Beute einer Horde ver⸗ zweifelter Moͤrder wird? Wer wird eine Stadt be⸗ wohnen wollen, wo Tod und Verheerung ihr Lager au geſchlagen haben? Wer wird den zu Grunde gerich⸗ teten Buͤrger troͤſten, dem man ſein ehrenvoll erwor⸗ benes Vermoͤgen geraubt hat;— oder den Bedurfniſ⸗ ſen ſeiner Familie zu Huͤlſe kommen, wenn alle ſei⸗ ne Anſtrengungen nicht mehr das Noͤthige herbeiſchaf⸗ fen koͤnnen? Geht in dieſer Stunde der Norh“, ſuhr W. Scott's Werke, XXIX. 4 50, 3 er fort,„und verlangt Brod von denen, die Euch aus dem Wohlſtand ins Verderben geſtuͤrzt haben, und ſie werden antworten: von hinnen! ſtreitet mit hungri⸗ gen Hunden um die Leichname derer, die wir zulezt gemordet haben,— oder wenn ihr trinken wollt, hier iſt Blut, das wir kuͤrzlich vergoſſen,— andere Nah⸗ rung können wir euch nicht reichen“? Die Beredſamkeit Vergniauds und die Bemuͤhun⸗ gen ſeiner Gefaͤhrten waren vergebens. Barrere, der Helfershelfer der Jakobiner, obgleich kaum ihr Vertrauter, ſonderte wie gewoͤhnlich viele von dem furchtſamen Heer der Neutralen ab durch Anfuͤhrung ſcheinbarer Gruͤnde, deren uͤberzeugende Gewalt da⸗ rin lag, daß ſie mehr ihre eigene Sicherheit, als die Sache der Gerechtigkeit ins Auge faſſen muͤßten. Die Beruſung an das Volk, auf welche die Girondiſten ſich verließen, mehr wie auf ein Mittel zum Aufſchub, als zur Rettung des Königs,— um ihrem Gewiſſen das beruhigende Opiat beizubringen, daß er nicht durch ihre unmittelbare Schuld ſtuͤrbe,— wurde durch 420 Stimmen gegen 281 verworſen; dem Konvent wurde nun die entſcheidende Frage vorgelegt, welche Strafe der entthronte Monarch leiden ſolle. Die gedungenen Möoͤrder der Jakobiner umgaben den Verſammlungsplatz auf allen Zugaͤngen waͤhrend der endlichen Abſtimmung, und ſchuͤchterten Maͤnner, die bereits durch ihre Lage geſchreckt waren, durch je⸗ den Beweggrund ein, den Worte und manchmal Hand⸗ 51 lungen der Gewaltthaͤtigkeit geben konnte.„Denkt nicht“, ſagten ſie,„dem Volk ſeine Beute zu entrei⸗ ßen. Wenn ihr Ludwig losſprecht, ſo gehen wir au⸗ genblicklich zum Tempel hin, um ihn mit ſeiner gan⸗ zen Familie zu ermorden, und dann werden wir noch alle ſeine Freunde aus dem Wege ſchaffen.“ Ohne Zweifel wurden unter den erſchreckten Deputirten man⸗ che durch dieſe fuͤrchterlichen Drohungen zu der Ueber⸗ zeugung gebracht, ſie wuͤrden, wenn ſie fuͤr Ludwigs Leben ſtimmten, ihr eigenes wagen, ohne ihn zu ret⸗ ten. Indeſſen waren unter dieſer eingeſchreckten und zitternden Richterbande doch noch manche, denen der Muth entſank, als ſie das Verbrechen uͤberlegten, das ſie zu begehen im Vegriff waren, und die ſich bemuͤh⸗ ten, ein Ausgangsmittel zu finden, um den Königs⸗ mord zu verhindern. Gefangenſchaft bis zum Frieden“ wurde allgemeimals Auskunftsmittel vorgeſchlagen. Die philoſophiſche Menſchlichkeit Condorcets warf ihn noch dazu in Feſſeln, um den Vorſchlag den Jakobinern an⸗ nehmbarer zu machen. Andere ſtimmten bedinaungs⸗ weiſe fuͤr den Tod. Die geſpannteſte Aengſtlichkeit herrſchte wahrend der Abſtimmung, und ſelbſt die Banditen auf den Tribunen gaben ihr gewoͤhnliches Geheul auf, und murmelten Tod dem Stimmgeben⸗ den, wenn ſeine Meinung fuͤr die mildere Beſtrafung ausfiel. Als der Herzog von Orleans, der bei dem Fall Lafayette's von England zuruͤckgekehrt war, und unter dem abgeſchmackten Namen Burger Egalité als 4.. 5² Mitglied im Konvent ſaß,— als dieſer verworfene Prinz um ſeine Stimme gefragt wurde, entſtand eine tiefe Pauſe, und als die Antwort Tod lautete, ergriff die Zuhoͤrer ein augenblicklicher Schauder. Als die Stimmen gezaͤhlt wurden, war die unmittelbare Ver⸗ urtheilung durch eine Majoritaͤt von 58 Stimmen, dem Unterſchied zwiſchen 387 und 354, durchgegangen. Der Praͤſident verkuͤndigte, daß das Todesurtheil ge⸗ gen Ludwig Capet ausgeſprochen ſey. Niemand moͤge, wir wiederholen es, den aͤhnli⸗ chen Vorfall in der Geſchichte Englands entehren durch ſeine Vergleichung mit dieſer ſchaͤndlichen Mordthat, die von wenigen in wilder Wuth auf eigenen Vortheil, von dem groͤßern Theile aus bloßem Schrecken und Feigheit begangen wurde. Jene That, welche Alger⸗ non Sidney die ſchoͤnſte und gerechteſte nennt, die je⸗ mals in England geſchah,— dieſe facius illustre von Milton,— geſchah von Maͤnnern, von deren Grund⸗ ſaͤtzen und Gefuͤhlen wir voͤllig abweichen; aber nicht mehr, als der Ehrgeiz Cromwells von dem des blut⸗ duͤrſtigen und boshaften Robespierre abweicht, oder die volitiſchen Anſichten Hutchinſons und ſeiner Ge⸗ faͤhrten, welche alle in ehrenvoller Abſicht handelten, von denen der furchtſamen vedantiſchen Girondiſten. Dieſelbe Lähmung des Gemuͤths, welche den Muth des Konvents vernichtete, ergriff auch Paris⸗ Allgemein war das Gefuhl fuͤr des Koͤnigs Schickſal⸗ der Wunſch, daß er gerettet werden moͤchte; aber nie 5 53 wurde er ſtark genug, um ſich zu dem Entſchluß zu erheben, ſeine Rettung ins Werk zu ſetzen. Dumou⸗ riez kam ſelbſt nach Paris mit allem Glanz eines Sie⸗ gers, der durch die Schlacht bei Gemappes Belgien, denn ſo begann man Flandern zu nennen, dem fran⸗ zoͤſiſchen Staat einverleibt hatte, und es iſt kein Zwei⸗ fel, was auch ſeine weitern Abſichten geweſen ſeyn moͤgen, welche durch ſeine Stellung und ſeinen Cha⸗ rakter etwas zweifelhaft werden, ſeine hauptſächlichſte Abſicht war, die Perſon Ludwigs vor weiterer Gefahr und Beleidigung zu ſchuͤtzen. Aber trotz ſeines Siegs war Dumouriez, obgleich guͤnſtiger geſtellt, als La⸗ fayette bei einem aͤhnlichen Verſuche, doch weit ent⸗ fernt, in Bezug auf Paris in einer ſo unabhaͤngigen Lage zu ſeyn, wie Cromwell zu London und Caͤſar zu Rom geweſen war. Die Armee, mit der er ſeine Siege erfochten hats te, war nur noch halb ſein eigen. Sechs Commiſſaͤre des Konvents, unter denen Danton die Hauptperſon, waren ſorgfaͤltig in ſeinem Hauptquartier geblieben, hatten ſeine Bewegungen beobachtet, ſeine Macht ein⸗ geſchraͤnkt, die gemeinen Soldaten eines jeden Regi⸗ ments aufgemuntert, unabhaͤngig von der Autoritaͤt des Generals, Jakobinerklubs zu bilden, und ihnen jeden Augenblick ins Gebaͤchtniß zuruͤckzurufen, daß die Lehren der Freiheit und Gleichheit bis zu einem ge⸗ wiſſen Punkte den Soldaten unabhaͤngig vom Feld⸗ herrn machten; ſtets wurden ſie erinnert, daß ſie zwar 54 unter den Befehlen Dumouriey's, aber unter den Auspizien der Republik geſiegt haͤtten, deren Diener und Werkzeug blos, eben ſo wie ſie ſelbſt, der General ſey. Je unumſchraͤnkter die Herrſchaft einer Gemein⸗ heit iſt, deſto mehr freuen ſich die Mitglieder derſel⸗ ben uͤber einen Nachlaß ſo ſtrenger Bande, ſo daß der⸗ jenige, der mit Sicherheit den Verfall der Kriegs⸗ zucht einer Armee predigen kann, deren Weſen die Kriegszucht iſt, ſicher ſeyn mag, willige Zuhorer zu finden. Ein großeer Theil der Armee Dumouriez's war innerlich ſchwankend geworden durch Grundſaͤtze, die eine Unabhaͤngigkeit von geſetzlicher Autoritaͤt lehr⸗ ten, die mit ihrem Stand als Soldaten ſich nicht ver⸗ trug, aber, wie man ſie verſicherte, fuͤr ihre Eigen⸗ ſchaft als Buͤrger paßte. Die Art, wie der Kriegsminiſter Pache, der von Roland in das Amt gebracht wurde, aber ſeinen Wohlthaͤter verließ, und zu der jakobiniſchen Faktion uͤberging, dieſen Zweig der Verwaltung geleitet hatte, war ſo nachlaͤſſig, daß ſie alles Ernſtes zu dem Glau⸗ ben berechtigte, es ſey ſeine Abſicht geweſen, die Huͤlfs⸗ quellen der bewaffneten Macht auf jede Gefahr einer Nationalniederlage hin in der Art zu laͤhmen, daß, wenn Dumouriez in ihrem desorganiſirten Zuſtand verſucht haben wuͤrde, eine Bewegung gegen Paris zu machen, um die Rettung Ludwigs zu ſichern, er ſie unſaͤhig zu einem Marſche finden mußte. Die Armee hatte keine Zugpferde mehr fuͤr die Artillerie, und 55 entbehrte alles, womit eine regelmaͤßige Truppenmaſſe verſehen ſeyn ſoll. Dumouriez konnte, ſeinem eige⸗ nen Zeugniß zu Folge, theils aus Mangel an Aus⸗ ruſtungsgegenſtaͤnden jeder Art, theils wegen der Art, wie die jakobiniſchen Kommiſſaͤre die Kriegszucht ſei⸗ ner Truppen geſchwaͤcht hatten, durchaus keine Bewe⸗ gung gegen Paris machen, ohne den Oberbefehl ſeiner Armee und ſeinen Kopf zu vertieren, ehe er noch uͤber die Graͤnzen Belgiens gekommen war. Dumouriez hatte indeß, ſeinen eigenen Angaben zufolge, eine betraͤchtliche Anzahl Offiziere und ver⸗ trauter Perſonen abgeſchickt, um jede Unternehmung zu beguͤnſtigen, die er zur Rettung des Koͤnigs zu unternehmen im Stande ſeyn koͤnnte. Er gibt an, er habe zu Paris der Reihe nach mit allen Partheien ver⸗ handelt, ſelbſt einen Verſuch mit Robespierren ge⸗ macht, und durch ſeinen eigenen vertrauten Freund Genſonnsé ſeine natuͤrlichern Verbindungen mit den Girondiſten erneut. Aber die eine Parthei war zu feſt entſchloſſen, ihr blutiges Ziel zu verfolgen, als daß ſie davon haͤtte abwendig gemacht werden koͤnnen; die andere, entmuthigt durch die Folgen ihres furcht⸗ ſamen und zweideutigen Verſuchs, eine Berufung auf das Volk herbeizufuͤhren, ſah keine Mittel mehr, des Koͤnigs Leben zu retten, als mit Gefahr ihres eige⸗ nen, und ſie wollten lieber Henker, als ſelbſt die Opfer ſeyn. Dumronriez ſagt, er habe manche Buͤrger von Pa⸗ 56 ris aufgereizt durch den Beweis, daß der Konvent, indem er ſich der Gewalt, den König zu richten, an⸗ maßte, die ihm von der Nation bewilligte Macht uͤber⸗ ſchritten habe; Zuhorer haͤtten ſich unter ihnen gefun⸗ den, nicht ohne Antheil oder ungeruͤhrt, aber zu lau, um kraftige Huͤlfe zu verſprechen. Die Burger wa⸗ ren in einem Zuſtande, wo ein engliſcher Dichter von ihnen ſagt: „Gleich Flintenſteinen muß man kalte Bürger ſchlagen, Eh ihr verborg'nes Feuer Funken ſprüht.“ Mit natuͤrlichem Sinn fuͤr Recht und Gerechtig⸗ keit begriffen ſie wohl, was man von ihnen erwarte, aber ſie fuͤhlten darum nicht weniger ihre gefeſſelte Lage, und zauderten, ſich der Wuth eines Volksauf⸗ ſtands auszuſetzen, den ein leidendes Verhalten von ihrer Seite hinausſchieben oder abwenden konnte. Sie hoͤrten mit Antheil auf den General, aber ohne Be⸗ geiſterung; und baten ihn, einen weniger gefaͤhrlichen Gegenſtand der Unterredung zu waͤhlen, und ſprachen von der Macht der Jakobiner, wie von einem Sturm⸗ wind, dem keine menſchliche Anſtrengung Widerſtand leiſten koͤnne. Gegen einen wuͤrdigen und vertranten Mann ließ ſich Dumouriez uͤber die Niedertraͤchtigkeit der Stadt aus, welche ſich von 2000 oder 3600 Ban⸗ diten beherrſchen laſſe, bis der Buͤrger erroͤthend zu Boden blickte und das entehrende Geſtaͤndniß machte, „Ich ſehe, Buͤrger⸗General, wohin Ihre Rede zielt; sber wir ſind Feiglinge, und der Koͤnig muß ſterben. 57 Welche muthvolle Anſtrengung koͤnnten Sie von einer Stadt erwarten, welche 80,000 wohlgeuͤbte Milizen unter den Waffen hat, und ſich nichts deſtoweniger von einer verhaͤltnißmaͤßig geringen Anzahl ſchurkiſcher Foͤrderirten aus Breſt und Marſeille beherrſchen und entwaffnen laͤßt. Dieſer Wink genuͤgte Dumounriez, der in perſoͤnliche Gefahr kam, und er ſtand ab von ſeinen Bemuͤhungen, wo er nur ſeine eigene Sicher⸗ heit in Gefahr ſetzen konnte, ohne dem Koönig zu helfen. Er behauptet, waͤhrend ſeines zwanzigtaͤgigen Aufent⸗ halts in der Gegend von Paris durcaus keine An⸗ ſtrengung zu Gunſten des Koͤnigs geſehen zu haben, und verſichert, die einzige unter den hohern Klaſſen herrſchende Stimme ſey Beſtuͤrzung und Stumpfſinn geweſen. Damals war es beſonders zu bedauern, daß die gewiß voreilige Auswanderung das Land von den mu⸗ thigen und tapfern Adeligen entbloͤßt hatte, die ſo be⸗ reitwillig ihr Blut zur Vertheidigung des Konigs ver⸗ goſſen haben wuͤrden. 500 Maͤnner von muthigem Sinn und entſchloſſener Tapferkeit wuͤrden wahrſchein⸗ lich von der ganzen Buͤrgermacht von Paris unterſtuͤzt worden ſeyn, und offen den Foͤrderirten haben trotzen koͤnnen, oder durch einen ploͤtzlichen und kuͤhnen Ver⸗ ſuch das beabſichtigte Opfer ihren Haͤnden entriſſen haben. 500, nur 509— von denen, welche duͤrre Lor⸗ beern unter Condé ſammelten, oder noch ungluͤcklicher von der Mildthaͤtiskeit fremder Voͤlker lebten, wuͤr⸗ 58 den in diefem Augenblick, wenn man ſie in Paris haͤt⸗ te ſammeln koͤnnen, den Zweck erreicht, um deſſent⸗ willen ſie faſt allein zu leben wuͤnſehten, und das Le⸗ ben ihres ungluͤcklichen Souverains gerettet haben. Aber obgleich maͤchtige Gruͤnde und noch ſchmerzlichere Gefuͤhle zur Auswanderung aus dieſem Lande aufge⸗ muntert hatten, ſo wirkte dieſe doch nur wie der be⸗ kannte Verſuch mit der Leydener Flaſche, Jvo die elek⸗ triſche Fluͤſſigkeit auf der einen Seite aufgehaͤuft, auf der andern Seite aber ungemein verdunnt wird. Im Innern Frankreichs war der Geiſt der Loyalitaͤt in der tiefſten Ebbe, weil diejenigen, auf welche er be⸗ ſonders mit der Staͤrke eines Grundſatzes einwirkte, von dem uͤbrigen Theil der Nation getrennt waren, dem ſie ſonſt zur Ermuthigung und zum Beiſpiel ge⸗ dient haͤtten. Das Opfer ſollte alſo fallen— fallen, trotz denen, die gewiß die große Mehrheit zu Paris wenigſtens von denjenigen ausmachten, welche einer Ueberlegung faͤhig waren,— trotz dem Befehlshaber der Armee, Dumouriez,— trotz der Gewiſſensbiſſe der Girondi⸗ ſten, welche ungeachtet ihres affektirten republikani⸗ ſchen Stoicismus klar und deutlich den großen politi⸗ ſchen Irrthum, die große moraliſche Suͤnde ſahen, die ſie zu begehen im Begriff waren. Ohne Zweifel erwarteten ſie, ihren Karakter als feſte und unerſchuͤtterliche Republikaner, die keinen Anſtand nehmen, den Koͤnig zu opfern, wenn ſein Le⸗ 59 den vor dem Altare der Freiheit verlangt werde, dei der Volksmaſſe dadurch zu gruͤnden, daß ſie dieſe un⸗ noͤthige und muthwillige Grauſamkeit unterſtuzten, oder weniſtens geſchehen ließen, wenn ſie ſie auch nicht billigten. Sie ſollten bald erfahren, daß ſie durch die niedrige Zulaſſung eines Verbrechens, das ſie im In⸗ nerſten verabſcheuen mußten, nichts gewannen. Alle bemerkten, daß die Girondiſten, trotz ihrer theoreti⸗ ſchen Behauptungen zu Gunſten einer Volksregierun ſich nach dem entthronten Furſten ſehnten, mit guͤn⸗ ſtigem Auge auf ihn zuruͤckbickten, und zugleich mit voͤlliger Kaͤlte und Feigheit des Herzens ſeinem To⸗ desurtheil beiſtimmten, weil ſeine Vertheidigung mit einiger Gefahr ihrer eigenen Sicherheit verbunden war. Der Vorwurf des Doppelſinnes und der Feigheit haf⸗ tete alſo zugleich auf dieſer Parthei, die, von den Ro⸗ valiſten und allen denjenigen, welche in irgend einem Grade monarchiſche Meinungen hegten, gehaßt, auf ihr Leben und ihre Aemter von dem ganzen Heer der Jakobiner Jagd machen ſah, und zwar um feiger Wuͤn⸗ ſche willen, zu deren Verwirklichung ſie kaum einen Verſuch zu machen gewagt hatte. Am 21. Januar 1793 wurde Ludwig XVI. oͤffent⸗ lich in der Mitte ſeiner Hauptſtadt auf dem Platze Ludwigs XV., wo ſeinem Großvater ein Denkmal er⸗ richtet war, enthauptet. Es iſt moͤglich, daß das kri⸗ tiſche Auge des Geſchichtſchreibers viele Sa wachen in dem Benehmen des ungluͤgklichen Monarchen entdeckt; 60 denn er hatte weder die noͤthige Entſchloſſenheit, fuͤr jeine Rechte zu fechten, noch die Kraft, mit anſchei⸗ nender Gleichguͤltigkeit ſich den Umſtaͤnden zu unter⸗ werfen, wo der Widerſtand Gefahr brachte. Er fuͤgte ſich zwar, aber mit ſo ſchlecht verhehltem Widerwillen, daß er ſich nur der Feigheit verdachtig machte, ohne durch freiwillige Gewaͤhrung Vertrauen zu gewinnen. Und doch rettet ihn ſein Benehmen bei manchen ge⸗ fahrvollen Gelegenheiten in der That von dem Vorwurf der Furchtſamkeit, und zeigte, daß ſein Widerwille ge⸗ gen Blutvergießen, wodurch er ſich beſonders auszeich⸗ nete, aus Wohlwollen, nicht aus Kleinmuth entſprang. Auf dem Blutgeruͤſt benahm er ſich mit Feſtig⸗ keit, wie es einem edlen Sinne ziemt, und mit der Gelaſſenheit eines Mannes, der mit dem Himmel verſohnt iſt. Eines der wenigen Zeichen von Mitlei⸗ den, wodurch ſeine Leiden gemildert wurden, war der dem entthronten Monarchen geſtattete Beiſtand eines Beichtvaters, der den Konſtitutionseid nicht geleiſtet hatte. Der, welcher dieſes, ehrenvolle, aber gefaͤhrliche Amt uͤbernahm, war ein Edelmann von der ausge⸗ zeichneten Familie der Edgeworth von Edgeworths⸗ town, und die Hingebung, womit er Ludwig dieſe lez⸗ te Pflicht leiſtete, haͤtte fuͤr ihn ſelbſt einen ungluͤckli⸗ chen Ausgang nehmen koͤnnen. Als das Mordbeil herab fiel, ſprach der Beichtvater die eindringenden Worte:—„Sohn des heiligen Ludwigs, ſteige auf gen Himmel!“ ——— — 61 Ein lezter Wille Ludwigs XVI., der nach gkaub⸗ wuͤrdigem Zeugniß in Umlauf geſezt wurde, enthaͤlt folgende bemerkenswerthe Stelle:—„Ich empfehle mei⸗ nem Sohne, ſalls er das Ungluͤck haben ſollte, Koͤnig zu werden, ſich zu erinnern, daß ſeine ganze Kraft dem oͤffentlichen Dienſte gewidmet ſeyn muß; daß ex das Gluͤck ſeines Volks zu Rathe ziehen, indem er den Geſetzen gemaß regiert, und alle Unbilden und alles Mißgeſchick, veſonders aber das, was ich ſelbſt erduldet haben mag, vergeſſen muß. Indem ich ihn aber ermahne, nur nach der Kraft der Geſetze zu re⸗ gieren, kann ich blos hinzufuͤgen, daß dies nur in ſei⸗ ner Gewalt ſeyn wird, inſoweit er mit Macht ausge⸗ ruͤſtet iſt, dem Rechte Achtung zu verſchaffen, und das Unrecht zu beſtrafen, und daß ohne eine ſolche Macht ſeine Stellung in der Regierung dem Staate mehr hinderlich, als foͤrderlich iſt“ 2 Um nicht das Schickſal der erlauchten Opfer aus der koͤniglichen Familie mit der allgemeinen Geſchichte derjenigen, welche unter dem Reich des Scyreckens fie⸗ len, zu vermengen, muͤſſen wir hier den Tod der uͤbri⸗ gen aus dieſer erlauchten Familie erwaͤhnen, welche eine Zeitlang einen Monarchenſtamm ſchloß, der durch drei Zweige fortdauernd, Frankreich 66 Koͤnige gegeben hatte. Man konnte nicht vermuthen, daß die Koͤnigin ihren Gemahl lang uͤberleben werde. Sie war mehr noch, als er, der Gegenſtand des revolutionaͤren Ab⸗ ſcheu's, ja viele waren geneigt, auf Marie Antoinet⸗ 62 ten die Schuld der Maßregeln, die man als kontrere⸗ volutionaͤr betrachtete, faſt ausſchließlich zu werſen. Sie kam nach Frankreich als eine froͤhliche, junge und ſchoͤne Prinzeſſin, ſie fand in ihrem Gemahl einen treuen, liebenden, ja faſt einen buͤrgerlichen Ehemann. In den fruͤhern Jahren ihrer Herrſchaft machte ſie ſich zweier Fehler ſchuldig. Erſtens ſezte ſie ſich zu ſehr uͤber die Hofetikette hinweg, und wuͤnſchte zu oft einen einſamen Aufent⸗ halt und eine Freiheit, die ſich mit ihrem hohen Rang und mit der Hofſitte nicht vertrug. Dies war ein großer, wenn ſchon natuͤrlicher Mißgriff. Die Etiket⸗ te eines Hofs ſtellt um die hohen Perſonen, welche ſie betrifft, eine enge und unangenehme Wache, aber gerade dieſe Wache dient als Schutzwehr gegen Ver⸗ laͤumdung; und wenn dieſe formellen Zengen entfernt werden, ſo ſind boͤſe Zungen ſtets beſchaͤftigt, eine leere Tafel mit ſchaͤndlichen Erzaͤhlungen zu beſudeln, gegen deren Unwahrheit kein Zeugniß beigebracht wer⸗ den kann. Niemand litt mehr als Marie Antoinette durch dieſe Art von Verlaͤumdung, welche ihr die ſchaͤndlichſten Beſchaͤftigungen in den Stunden andich⸗ tete, die nur de Formenweſen und dem Gepraͤnge entzogen, und der Ungezwungenheit gewidmet wurden, welcher gekroͤnte Haͤupter nie zu genießen ſich traͤu⸗ men laſſen ſollen. Ein anderer natuͤrlicher, doch eben ſo falſcher Schritt war ihre Einmiſchung in die Politik, und zwar —,— —,— 63 in groͤßerem Maſſe, als ihrem Geſchlechte ziemte; ſie uͤbte auf dieſe Weiſe ihre Gewalt uber den Koͤnig aus, und erniedrigte ihn zu gleicher Zeit in den Augen ſei⸗ ner Unterthanen, die, unter welchen Ausſpizien auch ihre innere Angelegenheiten geleitet werden moͤgen, ſtets einen Anſtoß nehmen, wenn ſie etwas wie weib⸗ lichen Einfluß in dem Rath ihrer Herrſcher erblicken oder zu erblicken glauben. Wir ſind ungewiß, welchen Grad von Glaubwuͤrdigkeit Beſenvals Memoiren ha⸗ ben, aber wir glauben, daß ſie der Wahrheit nahe kommen, wenn ſie zeigen, wie ſehr die Koͤnigin wuͤnſch⸗ te, ihre eigene Parthei zu haben, um einzelne Din⸗ ge gegen die Miniſter durchzuſetzen; man glaubte all⸗ gemein an etwas der Art, und dies war, wie wir wiſſen, der erſte Grund zu dem ungluͤcklichen Geruͤcht, an dem franzoͤſiſchen Hofe beſtehe unter der Leitung der Koͤnigin eine geheime oͤſterreichiſche Parthei, von der man glaubte, ſie opfere die Intereſſen Frankreichs auf, um die des deutſchen Kaiſers zu beaunſtigen. Die Anktagepunkte gegen ſie waren allzu ſchaͤnd⸗ lich, um ſie hier auch nur anzudeuten. Sie wuͤrdigte ſie keiner Erwiederung, ſondern berief ſich auf alle, die Muͤtter geweſen, ob die Scheußlichfeiten, die man ihr anſchuldigte, auch nur moͤglich ſeyen. Die Wittwe eines Koͤnigs, die Schweſter eines Kaſſers wurde zum Tod verurtheilt, auf einem offenen Karren auf den Richtplatz geſchleypt, und am 16. Oktober 1793 ent⸗ hauptet Sie eelitt den Tod in ihrem 39, Jahre. 64 Die Prinzeſſin Eliſabeth, Schweſter Ludwigs, von der man mit den Worten des Lords Clarendon ſagen koͤnnte, ſie gleiche einer Kapelle im Pallaſt eines Koͤ⸗ nigs, in welche blos Froͤmmigkeit und Sittlichkeit ein⸗ gehe, waͤhrend alles um ſie her mit Suͤnde, Muͤßig⸗ gang und Thorheit erfuͤllt ſey, entkam trotz ihrem harmloſen Benehmen und ihrem unbeleidigenden We⸗ ſen dem elenden Schickſal nicht, worin die Jakobiner Ludwigs ganze Familie zu verwickeln entſchloſſen wa⸗ ren. Ein Theil der Auklage gereicht ihrem Charakter zur Ehre. Sie war angeklagt, in die Zimmer der Tuillerien einige Rationalgarden von der Sektion Fil⸗ les de Saint Thomas eingelaſſen, und beſohlen zu ha⸗ ben, die Wunden zu beſichtigen, welche ſie in einem Scharmuͤtzel mit den Marſeillern unmittelbar vor dem 10. Auguſt erhalten hatten. Die Prinzeſſin gab dies zu, und es ſtimmte auch genau mit ihrem uͤbrigen Betragen uͤberein. Eine andere Beſchuldigung ent⸗ hielt die laͤcherliche Anklage, ſie habe an die Verthei⸗ diger des Schloſſes der Tuillerien Kugeln vertheilt, die von ihr und ihren Bedienten gekaut worden ſeyen, um ſie gefaͤhrlicher zu machen; eine laͤcherliche Fabel, die man nie beweiſen konnte. Sie wurde enthauptet im Mai 1794 und erlitt den Tod mit der Faſſung, wie es ihrem fruͤheren Leben ziemte. Wir ſind muͤde, dieſe Greuel zu berichten, wie Andere es ſeyn muͤſſen, ſie zu leſen. Doch iſt es nuͤtz⸗ lich, zu ſehen, wie ſehr die menſchliche Natur ſich ge⸗ gen ————— 65 gen die heiligſten Gefuͤhle, gegen jede Stimme der Gerechtigkeit und Menſchlichkeit verhaͤrten kann. Den Dauphin haben wir bereits als ein vielverſprechendes Kind von ſieben Jahren beſchrieben,— ein Alter, in welchem noch keine Beleidigung moͤglich und von wel⸗ chem noch keine befuͤrchtet werden ſollte. Nichts deſto weniger wurde beſchloſſen, das unſchuldige Kind zu toͤdten, und zwar durch Mittel, gegen weiche gewoͤhn⸗ licher Mord als eine Handlung der Gnade erſcheint. Der ungluͤckliche Knabe wurde der Aufſlcht des hartherzigſten Elenden uͤbergeben, welchen der Gemein⸗ derath von Paris, dem es wohl bekannt war, wo ſol⸗ che Agenten zu finden ſeyen, aus ſeiner Jakobiner⸗ bande ausleſen konnte. Dieſer Elende, ein Schuhma⸗ cher, Namens Simon, fragte diejenigen, welche ihn dazu auſſtellten,„was mit der jungen Wolfsbrur ge⸗ ſchehen ſolle;“„ſoll er erſchlagen werden?“„Nein.“ —„Vergiftet?“—„Nein.“—„Soll er aus Kaͤlte und Mangel umkommen?“—„Nein.“—„Was denn?“—„Man will ſeiner los werden.“— Dem⸗ gemaͤß wurde durch fortdauernde grauſame Behand⸗ lung,— durch Schlaͤge, Kaͤlte, Wachen, Faſten und durch jede Art von Mißhandlung, eine ſo zarte Blu⸗ me bald zerſtoͤrt. Er ſtarb am 8. Juni 1795. Nach dieſem lezten ſchrecklichen Verbrechen trat eine Linderung ein zu Gunſten der Tochter und jezt des einzigen Kindes dieſer ungſnclichen Familie. Die koͤnialiche Prinzeſſin, deren Eigenſchaften ſeitdem ih⸗ W. Scott's Werke XXI. 5 7 66 rer Geburt und ihrem Blute Ehre gemacht haben, erduldete ſeit dieſer Zeit eine mildere Gefangenſchaft. Endlich am 19. Dezember 1795 wurde dieſem lezten uͤbrigen Sproͤßling der Familie Ludwigs geſtattet, ihr Gefaͤngniß und ihr Vaterland zu verlaſſen, indem ſie gegen Lafayette und Andere ausgewechſelt wurde, wel⸗ che Oeſterreich bei dieſer Gelegenheit aus der Gefan⸗ genſchaft entließ. Sie wurde nachher die Gemahlin ihres Vetters, des Herzogs von Angouleme, des al⸗ teſten Sohnes des regierenden Monarchen von Frank⸗ reich, und erwarb ſich durch die Art ihres Benehmens zu Bordeaux im Jahr 1815 das höͤchſte Lob der Fe⸗ ſtigkeit und des Muths. Drittes Kapitel. . Dumouriez.— Sein Mißvergnügen über die Behandlung der flä⸗ miſchen Provinzen durch den Konvent.— Seine diesfallſi⸗ gen Projekte.— Seine Armee zeigt ſich widerſpenſtig gegen ihn, und er wird gezwungen, in das öſterreichiſche Lager zu fliehen.— Er lebt viele Jahre in Zurückgezogenheit, und ſtirbt endlich in England.— Kampf zwiſchen den Girondi⸗ ſten und Jakobinern im Konvent.— Robespierre macht den Führern der Girondiſien öffentliche Vorwürſe und wird von ihnen angeklagt.— Ein Anklagedekret gegen Marat gehr durch, welcher ſich verbirgt.— Die Kommiſſion der Zwöl⸗ ſer wird aufgeſtellt.— Marat wird losgeſprochen, und mit einer Bürgerkrone in den Konvent geführt.— Schrecken und Unentſchloſſenheit der Givondiſten,— Die Jakobiner berei⸗ 67 ten einen Angriff auf das Palais⸗ Nohal, werden aber zu⸗ rückgeſchlagen;— ſie begeben ſich in den Konvent, der die Kommiſſion der Zwölfen zurückruft.— Louvet und andere Girondiſten⸗ Säupter fliehen aus Paris.— Der Konvent zieht in Prozeſſion aus, um das Volk durch Gründe zu be⸗ ſchwichtigen,— er wird in ſeinen Saal zurückgetrieben, und zu einem Anklagedekret gegen 30 aus ihrer Mitte ge⸗ zwungen.— Die Girondiſten werden völlig geſtürzt, und ihre vorzüglichſten Führer kommen im Gefängniß, durch die Guillotine und durch Hunger um.— Ende ihrer Geſchichte. Waͤhrend die Republik ſo der vollen Tyrannei un⸗ gehinderten Lauf ließ gegen die Reſte der königlichen Familie, war ſie im Begriff, einen ſtarken Stoß zu erleiden von einem ihrer eigenen Sohne, der ſich auf ihren Pfaden zu einer großen Hoͤhe erhoben hatte. Dieß war Dumonriez, den wir als Sieger bei Gemay⸗ pes, und in Folge deſſen als Eroberer der flaͤmiſchen Provinzen verließen. Dieſe ſchoͤnen Beſitzungen ver⸗ band der Konvent, ohne auch nur Einen Augenblick zu zaudern, mit Frankreich, und goß ſogleich ſeine Steuereinnehmer, Kommiſſaͤre und jede andere Art von Raͤubern uͤber ſie aus, welche nicht allein die un⸗ gluͤcklichen Einwohner ohne weiteres auspluͤnderten, ſondern auch durch Beraubung und Verſtuͤmmelung der Kirchen ihre Religion verhoͤhnten, ihre Geſetze und Privilegien mit Verachtung behandelten, und ſie auf dieſelbe Weiſe tyranniſirten, welche kuͤrzlich die Fla⸗ maͤnder dahin gebracht hatte, ihren eigenen Erbfuͤrſten gus dem Hauſe Oeſterreich ſich zu widerſetzen, 5 68 Dumonuriez, natuͤrlicherweiſe ſtolz auf ſeine Erobe⸗ rung, fuͤhlte fuͤr diejenigen, welche ſich ihm unter der Verſicherung einer guten Behandlung uͤbergeben hat⸗ ten, und war empfindlich, daß ſeine eigene Ehre und ſein Einfluß angegriffen wurden, und daß der Kon⸗ vent ſeine Geſchicklichkeit nur als Werkzeug gebrauchen, und ſeine Armee in einem Zuſtand voͤlliger Abhaͤngig⸗ keit von ſich halten wollte. Der General hatte den Ehrgeiz ſowohl als die Talente eines Eroberers; er betrachtete ſeine Armee als das Mittel, Siege zu gewinnen, die ſie ohne ihn nicht erfochten haͤtte, und er wuͤnſchte ſie unter ſei⸗ nen unmittelbaren Befehlen zu behalten, wie ein Kaͤmpfer das Schwert zu bewahren ſucht, das er mit Erfolg gefuͤhrt hat. Er glaubte, die Herzen der Sol⸗ daten ſeyen in hohem Grade ſein, und hielt ſich dadurch fuͤr geeignet, die Rolle eines militaͤriſchen Schiedrich⸗ ters in den uneinigkeiren des Staats zu ſpielen, was Lafayette vergeblich verſucht hatte, und ohne Zweifel in dieſer Abſicht unternahn et den Zug nach Paris, wobei er vergebens als Mittler fuͤr den Koͤnig aufzu⸗ treten ſuchte. Nach ſeiner Abreiſe von Paris ſcheint Dumouriez Ludwig perſonlich ſeinem Schickſal uͤberlaſſen, aber doch die Hoffnunz noch gehegt zu haben, den jaͤhen Lauf der Revolution zu hemmen. Zwei Plane boten ſich ſeinem erfinderiſchen Geiſte dar, aber man kann nicht mit Sicherheit wiſſen, zu 69 welchem er ſich am meiſten neigte. Er mag den Ge⸗ danken genaͤhrt haben, die Armee zu vermoͤgen, ſich fuͤr den jungen Dauphin als ihren konſtitutionellen Koͤ⸗ nig zu entſcheiden; oder, wie manche geglaubt haben, mag es mit ſeinen perſoͤnlichen Abſichten beſſer uͤber⸗ eingeſtimmt haben, fuͤr den Thron einen tapfern jun⸗ gen Prinzen vom Gebluͤte zu empfehlen, der ſich un⸗ ter ſeiner Armee ausgezeichnet hatte, den aͤlteſten Sohn des elenden Herzogs von Orleans. Eine ſolche Veraͤnderung der Dynaſtie konnre vermuthlicherweiſe die Wuͤnſche des vorgeſchlagenen Souverains auf den Antheil von Gewalt beſchraͤnken, den ihm die Revo⸗ lution anvertraute, da er keine Anſpruͤche auf die Kro⸗ ne hatte, außer denen, die aus der Konſtitution her⸗ vorgingen. Um aber ſelbſt in jedem Falle als das oberſte Haupt der Armee unabhaͤngig vom National⸗ konvent handeln zu koͤnnen, mußte Dumonrisz ſeine Eroberungen verfolgen, nach dem von den Miniſtern zu Paris vorgelegten Plane handeln, und ſeinem Ti⸗ tel eines Siegers in Belgien, den eines Eroberers von Holland hinzufuͤgen. Er begann demnach ſeinen Einfall in das leztere Land mit einiger Ausſicht auf Erfolg. Obgleich er aber Gertruydenburg nahm, und Bergen⸗ op⸗Zoom einſchloß, ſo wurde er doch von Williamſtadt zuruͤckgewieſen, und erhielt zu gleicher Zeit Nachricht, daß eine oͤſterreichiſche Armee unter dem Prinzen von Sachſen⸗Koburg, der, obgleich zur alten deutſchen Schule gehorig, doch ein ausgezeichne⸗ 70 ter General war, ſich Flandern naͤhere. Dumouriez zog ſich aus Holland zuruͤck, um dieſen neuen Fein⸗ den zu ſtehen, und war wieder ungluͤcklich. Die Fran⸗ zoſen wurden bei Aachen geſchlagen, und ihre neuen Truppen faſt gaͤnzlich zerſtreut. Voll Aerger uͤber dieſen Vorfall ließ Dumouriez unklugerweiſe ſeinem heißen Temperamente den Lauf. Er ahmte den fal⸗ ſchen Schritt Lafayette's nach, drohte, ehe er bereit war, den Streich zu fuͤhren, und ſchrieb an den Kon⸗ vent einen Brief, worin er die jakobiniſche Parthei mit dem Unwillen ſeiner Armee bedrohte. Dieß ge⸗ ſchah am 12. Maͤrz 1793, und ſechs Tage nachher wur⸗ de er wieder in der Schlacht von Neerwinden geſchlagen. Es iſt ſehr zu bezweifeln, ob Dumouriez ſelbſt auf der Hoͤhe des Sieges hinreichend perſoͤnlichen Ein⸗ fluß bei ſeiner Armee beſaß, um ſie zu einer offenen Erklaͤrung gegen den Nationalkonvent zu vermoͤgen. Seine Truppen konnte man nicht fuͤr eine regulaͤre, lange vereinigte Armee halten, die, vielleicht Jahre lang in gefaͤhrlichen Unternehmungen, in fremden Laͤn⸗ dern gebraucht, dort nur vermoͤge ihrer gegenſeitigen militaͤriſchen Verhaͤltniſſe als ein Ganzes beſteht, ſo daß der gemeine Soldat keine andere Heimath kennt, als das Lager,— keinen audern Befehl, als die Stim⸗ me ſeines Offiziers, fuͤr welchen hinwiederum der Wille des Feldherrn das einzige Geſetz iſt. Solche Armeen, den buͤrgerlichen Behoͤrden ihres Vaterlandes entfremdet, begannen ſpaͤterhin durch lan⸗ — — 7¹ ge Kriege und entfernte Eroberungen in dem franzoͤ⸗ ſiſchen Reiche emporzukommen, und bildeten die Baſis des Kaiſerthrons. Jezt aber beſtanden die Truppen entweder aus revolutionirten Regimentern, wo die große Veraͤnderung Gemeinen Offiziersſtellen, und Sub⸗ alternen Marſchalsſtaͤbe verliehen hatte, oder aus Neuausgehobenen, die nur durch die Revolution ent⸗ ſtanden, und deren gewoͤhnlicher Spottname, Carmag⸗ nolen, ihren republikaniſchen Urſprung und Meinun⸗ gen ausdruͤckte. Solche Truppen mochten wohl der Stimme des Feldherrn auf dem Schlachtfelde gehor⸗ chen, aber waren nicht ſonderlich gelehrig in dem ge⸗ woͤhnlichen Gang der Kriegszucht, und vertauſchten nicht leicht ihre feſtgewurzelten politiſchen Grundſatze, nebſt allen damit verbundenen Anſichten von Zuͤgello⸗ ſigkeit, auf Dumouriez's Komandowort, wie ſie die Front veraͤndert, oder irgend eine millitaͤriſche Bewe⸗ gung ausgefuͤhrt haben wuͤrden. Noch weniger moch⸗ ten ſie ihrem Befehlshaber mit vollem Zutrauen ge⸗ horchen, wenn ſein Gluͤcksſtern zu erloͤſchen ſchien, und am allerwenigſten, wenn ſie ihn geneigt fanden, mit demſelben Feinde, der ſie geſchlagen hatte, zu unter⸗ handeln, und als ſie bemerkten, daß er damit umgehe, ſeine Eroberungen den Oeſterreichern zu uͤberlaſſen, um die Gelegenheit oder die Erlaubniß von ihnen zu erkaufen, die beabſichtigte Kontrerevolution auszufuͤh⸗ ren.. Dumonriez, vorwaͤrtsgetrieben durch ſein thaͤtiges — 7² und ſanguiniſches Temperament, oder ſchon zu weit ge⸗ gangen, um ſich zuruͤckziehen zu koͤnnen, ſtrebte nichts deſtoweniger durch Intriken in ſeiner eigenen Armee, und ein Verſtaͤndniß mit dem Prinzen von Sachſen⸗Koburg ſich ſtark genug zu machen, um die herrſchende Parthei im Konvent zu uͤberwaͤltigen, und mit einigen Modifikationen die Konſtitutionen von 1791 wieder⸗-herzuſtellen. Er ſprach dieſen Vorſatz mit unkluger Offenheit aus. Mehrere Diviſionsgenerale erklaͤrten ſich gegen ſeine Abſicht. Er verſaͤumte, ſich der Feſtungen Lille, Valenciennes und Condé zu ver⸗ ſichern. Ein anderer unkluger Schritt vermehrte die Unpopularitaͤt, in die er bei ſeiner Armee zu ſinken begann. Vier Kommiſſaͤre des Konvents machten ihm öffentlich Vorwuͤrſe uͤber den Gang, den er einſchlug. Dumouriez, nicht zufrieden, ſie zu verhaften, ſandte ſſe in das Lager der Oeſterreicher als Gefangene, lie⸗ ferte alſo an den Feind des Staats die Repraͤſentan⸗ ten der Regierung aus, unter der er angeſtellt war, und fuͤr welche er bisher gehandelt hatte, und offen⸗ barte dadurch ſeine Verbindung mit den eindringen⸗ den Feinden, gegen welche er ausgeſchickt worden war. Dieſes ganze raſche Verfahren loͤste das Band zwiſchen Dumouriez und ſeiner Armee. Der Wider⸗ ſtand gegen ſeine Autoritaͤt wurde allgemein, und end⸗ lich floh er mit großer Schwierigkeit und Gefahr mit ſeinem jungen Freunde, dem Herzog von Chartres, in das oͤſterreichiſche Lager. 73 Alles, was dieſer geſchickte und ehrgeizige Mann bei ſeiner Flucht rettete, war ſein Leben, und von die⸗ ſem brachte er einige Jahre nachher in Deutſchland zu, und beſchloß es um das Jahr 1822 in England, ohne ferner eine Rolle auf dem politiſchen Schauplatz ge⸗ ſpielt zu haben.*) So mißgluͤckte auch der Verſuch Dumouriez's, durch Anwendung militaͤriſcher Gewalt die Fortſchritte der Revolution zu hemmen, wie es Lafayette einige Monate fruͤher ergangen war. Um ein mediziniſches Gleichniß zu gebrauchen,— das Ge⸗ ſchwuͤr war noch nicht weit genug herangereift, um die Lanzette gebrauchen zu koͤnnen. Indeſſen war der Konvent, obgleich er uͤber die Plane ſeiner empoͤrten Feldherrn triumphirte, in zwei Partheien geſpalten, die ſich gegenſeitig bekaͤmpften, und einander die toͤdtlichſten Streiche beizubringen ſuchten. Es lag jezt am Tage, daß der Kampf tra⸗ giſch fuͤr eine der Partheien enden mußte, und nach allen Umſtaͤnden mußten die Girondiſten unterliegen. Sie hatten zwar noch die Majoritaͤt im Konvent, be⸗ ſonders wenn die Stimmen durch das Scrutinium oder die Ballotage geſammelt wurden, wobei die ſchwaͤchern Deputirten der Ebene ihre Stimmen nach ihrem Gewiſſen geben konnten, ohne daß man es merk⸗ *) Dumouriez war ein Mann von gefälligen Sitten und lebhaf⸗ ter Unterbaltung. Er lebte in Zurückgezogenheit nahe bei Caling in Middleſex, und ſtarb erſt vor zwei oder drei Jah⸗ ren. 74 te. Aber in der offenen Debatte, und wenn die Mit⸗ glieder viva voce ſtimmten, unter dem einſchuͤchtern⸗ den Geſchrei und den Drohungen der mit wuͤthenden Zuhoͤrern gefuͤllten Tribunen, dann ſchien der Geiſt der Wahrheit und Gerechtigkeit zu nahe mit dem des Maͤrtyrerthums verwandt, um allgemein unter Maͤn⸗ nern vorzuherrſchen, die ihre eigene Sicherheit zur Regel ihres politiſchen Verhaltens machten. Die Par⸗ thei fuhr indeß noch einige Monate fort, die Geſchaͤf⸗ te der Verwaltung zu fuͤhren, und einen ſolchen Kampf im Konvente zu unterhalten, wie er durch Redner⸗ kuͤnſte und Beweisgruͤnde gegen geheime Intriken, un⸗ rerſtuͤzt von heftigen Deklamationen, gefuͤhrt werden kann, welche auf das geringſte Zeichen der Huͤlfe bru⸗ raler Gewalt ſicher ſind. Wir haben geſehen, daß die Girondiſten Dekrete der Verſammlung gegen das Triumvirat ſchleudern wollten, und ein Komplott wurde von den Jakobinern entworfen, um dieſe Maßregel durch wirkliche Strei⸗ che mit der Art, oder wenn dieſe ſehlte, mit dem Dolch zu vergelten. 1 Als die Nachricht von Dumouriez's Abfall ein⸗ traf, erklaͤrten die Jakobiner, ſtets bereit, ſich im voraus der oͤffentlichen Meinung zu bemeiſtern, die Eirondiſten fuͤr die Genoſſen des empoͤrten Generals. Gegen ſie wurde der oͤffentliche Haß gerichtet, der, wie es die Art der Kriſis mit ſich brachte, groß und wuͤthend war. Dieſe Majoritaͤt des Konvents, wel⸗ — 84 2 ͤ=Sͤ 75 hhe der Verraͤther Dumouriez fuͤr geſund erklaͤrte, und mit der er in Uebereinſtimmung handelte, beweiſe, wie die Jakobiner behaupteten, daß die Girondiſten die Genoſſen ſeines Verraths ſeyen. Sie verlangten lut im Konvent am achten Mai ein Tribunal, um uͤber ſolche Verbrechen zu richten, ohne die aus den gewoͤhnlichen Formen des Prozeſſes und Beweiſes her⸗ vorgehenden Verzoͤgerungen, und ſelbſt ohne die Da⸗ zwiſchenkunft einer Jury. Die Girondiſten widerſez⸗ ten ſich dieſer Maßregel, und die Debatte wurde hef⸗ tig. Im Laufe der folgenden Tage wurde von den Jakobinern ein Volksaufſtand vorbereitet, wie am 20. Juni und am 10. Auguſt. Er haͤtte am 10. Maͤrz ausbrechen ſollen, welches der beſtimmte Tag war, um der miniſteriellen Parthei durch eine allgemeine Niedermetzelung ein Ende zu machen. Aber die Gi⸗ rondiſten erhielten fruͤhe Nachricht von dem, was man. beabſichtigte, und blieben an dem Tage der Gefahr aus dem Konvente weg. Ein Haufe Foͤderirter von Breſt, ungefaͤhr 400 Mann ſtark, wurde von Kervelegan, ei⸗ nem Deputirten aus der alten Provinz Bretagne und eifrigen Girondiſten, zu ihrer Huͤlfe abgeſchickt. Dieſe Vorſichtsmaßregel, ſo unbedeutend ſie war, genuͤgte zu dieſer Zeit. Die Leute, die zum Mord vorberei⸗ tet waren, wollten nicht fechten, ſo groß auch die Wahrſcheinlichkeit des Siegs auf ihrer Seite war; und die Muſterung der jakobiniſchen Moͤrder blieb an die⸗ ſem Tage eine eitle Drohung. —— 8 76 Gehoͤrigermaßen vergroͤßert iſt eine entdeckte Ver⸗ 3 ſchwoͤrung gewoͤhnlich der Parthei guͤnſtig, gegen die ſie gerichtet war. Als aber in einer folgenden Sitzung b Vergniaud dem Konvent das Daſeyn einer Verſchwi⸗ rung anzeigte, um eine Anzahl von Deputirten zu er⸗ 1 morden, ſo begnuͤgte er ſich, ſie dem Einfluſſe der Ariſtokraten, der Adeligen, der Prieſter, der Emiſ⸗ ſaͤre von Pitt und Koburg zuzuſchreiben; auf dieſe 9 Weiſe half er den Jakobinern uͤber jede Anſchuldigung 1 dieſes Verbrechens hinaus, das, wie Jedermann wuß⸗ te, ihnen, und ihnen allein zur Laſt ſiel. Er erhielt 1 lauten Beifall; Marat, der nach ihm aufſtand, nicht weniger, und das Revolutionstribunal wurde eingeſezt. 3 Louvet, der uͤber dieſen Kleinmuth Vergniauds klagt, ſagt, daß der Reduer die Gefahr, heftige Men⸗ ſchen, die zu allen Ausſchweifungen aufgelegt waren, r aufzureizen, zur Entſchuldigung angefuͤhrt habe. Sie waren zu dem Eber herangekommen, hatten ihn auß t geſtoͤrt, und ſeinen Zorn gereizt, und fuͤhlten nun zu ſpaͤt, daß es ihnen an Waffen fehlte, um das ge⸗ 4 reizte Unthier zu erlegen. Das Komplott vom 10. Maͤrz iſt mit dem der Katholiken am 5. Novembet 1 in England verglichen worden. Es wurde im Molt f teur als eine ſchreckliche Verſchworung beſchrieben, be der eine Rotte Boͤſewichter, die zum Gedaͤchtniß de 1 Metzelei in Avignon den Namen de la Glaciere ange nommen hatte, den Sitzungsſaal zwei Tage lang be rennte, in der Abſicht, den Nationalkonvent mit Ge p k⸗ je 3 g r⸗ er iſ⸗ iſe n iſ⸗ elt 77 walt aufzuloſen, und eine große Anzahl Deputirter zu ermorden. Demnach ging der Konvent ohne gehoͤ⸗ rige Unterſuchung irgend einer Art uͤber ein ſo ent⸗ ſetzliches Verbrechen hinweg, und zeigte dadurch, daß er vor unmittelbaren perſonlichen Folgen mehr ſich fuͤrchte, als er begierig ſey, eine Gelegenheit zu er⸗ greifen, um Frankreich von der ſchrecklichen Faktion zu befreien, von der es gegeißelt und bedroht wurde. In der Mitte des naͤchſten Monats wurden die Jakobiner die Angreifenden, ſtolz, wie man glauben muß, durch die Strafloſigkeit, unter der ſie ſich gebor⸗ gen hatten. Robespierre beſchuldigte namentlich die Haͤupter der Girondiſten als Mitſchuldige Dumourieys, Aber nicht in dem Konvent lag Robespierre's Staͤrke. Guadet gab mit großer Beredtſamkeit die Anklage zu⸗ ruͤck, und beſchuldigte nun Rob spierren und die Jako⸗ biner. Er erklaͤrte dem Konvente, er ſitze und debat⸗ tire unter gezuͤckten Saͤbeln und Dolchen, welche ein augenblickliches Signal gegen ſie los laſſen koͤnne, und er las aus dem von Marat geleiteten Journal einen Aufruf an das Volk vor, worin es zum Aufſtande er⸗ mahnt wurde. Furcht und Schaam gaben dem Konvent füͤr einen Augenblick Muth. Er erließ ein Anklage⸗ dekret gegen Marat, der ſich einige Tage verbergen mußte. Es iſt zu bemerken, daß Buzot dieſes Dekret ge⸗ gen Marat als unpolitiſch tadelt, da es das erſte Bei⸗ wiel geweſen ſey, die Unverſetzlichkeit der Deputirten 78 anzutaſten. Hinſichtlich des Grundſatzes hat er gewiß ¹ recht, was aber die praktiſchen Wirkungen betrifft, welche durch die von der andern Seite ergriffenen Re⸗ preſſalien aus dieſer Verletzung des Vorrechts hervor⸗ gegangen ſeyn ſollen,— dieſe ſtellen wir voͤllig in Zwei⸗ fel. Alle Gewaltthaten, welche am Ende des Kampfs gegen die Girondiſten ausgeuͤbt wurden, wuͤrden ge⸗ wiß uͤber ſie ergangen ſeyn, man mochte Marat ver⸗ haftet haben oder nicht. Beiſpiele waren fuͤr folche Menſchen ſo unndthig, als eine Maske fuͤr einen ih⸗ rer Boͤſewichter. Beide konnten ihr Geſchaͤft offenen Angeſichts treiben. Der Konvent ging weiter, als bis zu dem bloßen Anklagedekret gegen Marat, und zeigte anfangs die Abſicht, den Jakobinern Stand zu halten. Er ernann⸗ te eine Komiſſion von zwoͤlf Mitgliedern, theils Gi⸗ rondiſten, theils Neutralen, um uͤber die Bewegun⸗ gen ſolcher Buͤrger, welche geneigt ſeyn koͤnnten, die Anarchie zu unterſtuͤtzen, zu wachen, und ſie im Zaum zu halten. Der Konvent ſollte bald den Karakter der Gegen⸗ parthei kennen lernen, der er ſo eben getrozt hatte. Pache, Maire von Paris und einer der ſchlechteſten Menſchen in der Revolution, erſchien vor den Schran⸗ ken des Konvents mit zweitauſend Bittſtellern, wie man ſie nannte. Sie verlangten im Namen der Sek⸗ tionen die Verhaftung von zwei und zwanzig der aus⸗ gezeichnetſten Girondiſtenhaͤupter. Der Konpeut ent⸗ * 79 ledigte ſich dieſer Petition, indem er zur Tagesord⸗ nung uͤberging. Aber der Muth der Anarchiſten war ſehr geſtiegen, und ſie ſahen, daß ſie bloß durch wie⸗ derholte Angriffe einen Feind niederzuſchlagen haͤtten, der keine Vertheidigung hatte, als den ſchwachen Schutz der Geſetze; dieſen aber zu beſiegen, ihm zu trotzen, war der Stolz der Jakobiner. Die verlangte Aechtung dieſer ungluͤcklichen Deputirten war eine Maßregel, von der ſie nicht mehr abgingen; und ih⸗ re Kuͤhnheit in Verfolgung derſelben ſtellte dieſe Par⸗ thei auf die Defenſive, obgleich ſie in jeder Hinſicht angreifend haͤtte verfahren ſollen. Die Girondiſten fuͤhlten indeſſen die Noth, in die ſie gebracht waren, und erkannten den großen Vortheil, den ſie erreichen wuͤrden, wenn ſie in ei⸗ nem ſolchen Kampfe die Angreifer wuͤrden, und be⸗ muͤhten ſich daher die Offenſive wieder zu gewinnen. Das Revolutionstribunal, vor welches Marat durch das Anklagedekret geſtellt wurde, kannte ſeine Stellung zu gut, um irgend Jemand zu uͤberfuͤhren, am wenigſten einen ſo ausgezeichneten Patrioten, der nur darum angeklagt war, weil er das Volk aufmun⸗ terte, das heilige Recht des Aufſtandes auszuuͤben. Nachdem kaum ein Schattenbild von Unterſuchung ge⸗ fuͤhrt worden war, wurde er ehrenvoll losgeſprochen, und mit einer Buͤrgerkrone geſchmuͤckt, an ſeinen Platz im Konvent zuruͤckgebracht, begleitet von einer Bande entſchloſſener Boͤſewichter, welche wuͤrdig wa⸗ 80 ren, ſeine Leibwache zu bilden. Sie beſtanden darauf⸗ durch den Saal zu marſchiren, waͤhrend ein ungeheu⸗ er großer Schanzgraͤber, ihr Wortfuͤhrer, den Konvent verſicherte, daß das Volk Marat liebe, und daß die Sache Marats und des Volks ſiets dieſelbe ſeyn werde. Unterdeſſen verfuhr die Kommiſſion der Zwoͤlfen mit einigem Nachdruck gegen die Terroriſten. Einer der wuͤthendſten Prediger des Aufſtands und Mords war Hebert, ein eifriger Jakobiner, und Stellvertre⸗ ter des Prokurator Syndikus des Gemeinderathes. In einer Rede an dieſe Koͤrperſchaft, welche jetzt die ganze obrigkeitliche Gewalt in Paris ausuͤbte, hatte dieſer Mann ſich nicht geſcheut, die Koͤpfe von 300 Deputirten zu verlangen. Er wunde verhaftet, und ins Gefaͤnaniß geworfen.„„ Polttiſch betrachtet haͤtten auf dieſen entſcheiden⸗ den Schritt andere gleichfeſte Schritte folgen ſollen. Haͤtten die Girondiſten Selbſtvertrauen gezeigt, ſo wuͤrden ſie eine große Anzahl von der neutralen Par⸗ thei mit ſich vereinigt, und ſich einen Anhang in den Sektionen von Paris verſchaft haben, die aus Men⸗ ſchen beſtanden, welche, obgleich furchtſam, weil ſie ohne Fuhrer waren, die revolutionaͤre Faktion tief verabſcheuten, und fuͤr ihre Familien und ihr Eigen⸗ thum zitterten, wenn der Poͤbel aus den Vorſtäͤdten ſie unter ſeine Vormundſchaft nahm, wie man es zier⸗ lich ausdruͤckte. Der bioße Anblick von 400 Bretag⸗ nern hatte die ganze Verſchwoͤrung vom 10. Maͤrz ver⸗ — 34 —— verbluͤfft; Staatsmaͤnner von entſchiedenerem und praktiſcherem Sinne, als dieſe theoretiſchen Philoſophen, haͤtten mit einer maͤbigen Unterſtatzung von entſchloſ⸗ ſenen Maͤnnern, dem Poͤbel von Paris, der nur von wenig Hunderten gedungener Moͤrder unterſtuͤzt war, getrozt. Schlimmſten Falls waͤren ſie umgekommen in dem Verſuch, ihr Vaterland von den niedrigſten und ſcheußlichſten Tyrannen zu befreien. Die Girondiſten ſaßen indeſſen im Konvent, wie wildes Gefluͤgel, wenn der Falke fern iſt, und wuß⸗ ten vor Schrecken nicht, ob ſie bleiben oder die Flucht verſuchen ſollten. Da ſie indeß in Paris keinen be⸗ waffneten Anhang ſich verſchaffen konnten, ſo konnte manches ſie bewegen, die Haupſtadt zu verlaſſen, und irgendwo einen freien Ort zur Berathſchlagung zu ſu⸗ chen. Frankreich war in einem ſolchen Zuſtande, daß, wenn dieſe ungluͤcklichen Experimentenmacher irgend einen Einfluß in einem Departement beſeſſen haͤtten, es ihnen kaum gefehlt haben wuͤrde, Freunde um ſich zu vereinigen, wenn ſie ihren Ruͤckzug dahin ins Werk geſezt haͤtten. Die, welche einen ſolchen Gedanken naͤhrten, ſcheinen an Verſailles als den Ort der Ver⸗ legung gedacht zu haben, und ſie glaubten, die Ein wohner der Stadt bereuten die Rolle, die ſie bei der Austreibung der koͤniglichen Familie und des geſetzge⸗ benden Koͤrpers geſpielt hatten, und wuͤrden zu ihrer Vertheidigung ſich erheben. Aber weder aus den oͤffentlichen Blaͤttern und Geſchichtgerzaͤhlungen dieſer W. Scott's Werke, XXIX, 6 82 Zeit, noch aus den beſonderen Memoiren von Buzot, Barbarour oder Louvet geht hervor, daß dieſe bethoͤr⸗ ten Philoſophen an Flucht, oder an Vertheidigung ge⸗ dacht haben. Sie ſcheinen dem elenden Thier gegli⸗ chen zu haben, deſſen Verſuch zum Entkommen nur in einem erbaͤrmlichen Geſchrei beſteht, daß es aus⸗ ſtößt, wenn es ergriffen wird. Ihr ganzes Syſtem war ein Luftſchloß, und als es verſchwand, konnten ſie nur hinſitzen und daruͤber jammern. Auf der an⸗ dern Seite muß man den Girondiſten zugeſtehen, daß die Unwirkſamkeit und Schwaͤche ihres Benehmens kei⸗ ner perſoͤnlichen Feigheit zugeſchrieben werden darf⸗ Schwaͤrmer in ihren politiſchen Meinungen ſahen ſie thren nahenden Sturz, erwarteten ihn, und boten ihm Trotz; aber wie der Monarch, bei deſſen Entthron⸗ ung ſie ſo eifrig geweſen waren, und dadurch ihren eigenen Sturz vorbereitet hatten, hatte ihre Entſchloſ⸗ ſenheit nur einen leidenden, keinen thaͤtigen Karakter, geduldig und ſtandhaft in Ertragung des Unrechts, aber ſchwach, wo es galt, ſich ſelbſt und Frankreich Recht zu verſchaffen. Viele Naͤchte lang waren dieſe ungluͤcklichen und zum Opfer beſtimmten Deputirten, obgleich noch im Beſitz der miniſteriellen Gewalt, doch ſo wenig im Stande, ſich ſelbſt, oder das unter ihrer Nominalre⸗ gierung ſtehende Land zu ſichern, daß ſie bald da, bald dort ſich aufhielten, in ihrer eigenen Wohnung nicht zu bleiben wagten, und gewoͤhnlich drei oder vier zu⸗ — 8³ ſammen, mit Waffen zur Vertheidigung ihres Lebens verſehen, an allen geheimen and ſichern Plaͤtzen blie⸗ ben, die ſie ausfindig machen konnten. In der Nacht vor dem 30. Mai hatte Louvet mit fuͤnf der ausgezeichnetſten Girondiſten, in einem Schlupfwinkel mehr wie Raͤuber, die ſich vor der Po⸗ lizei fuͤrchten, als wie Geſetzgeber verborgen, als in der Stille der Nacht die Sturmglocke ertoͤnte. Rabaud de St. Etienne ein proteſtantiſcher Geiſtlicher, und durch Menſchlichkeit und Entſchloſſenheit eines der ausgezeichnetſten Mitglieder der Parthei, hoͤrte es an, als ware es die Todtenglocke, und wiederhol⸗ te oͤfters: illa suprema dies. Das Allarmzeichen ſollte die Vorſtaͤdte in Aufſtand bringen, aber diesmal ſcheint es den Jakobinern nicht ſo leicht geworden zu ſeyn;— wenigſtens begannen ſie damit, ihren Bluthunden eine Beute zu zeigen, auf die ſie bereitwilliger hinſtuͤrzen wuͤrden, als auf den Mord oder die Verhaftung von zwanzig bis dreißig Mitgliedern des Konvents. Sie entwarſen einen Plan, der vortrefflich geeignet war, ſowohl die reichern Buͤr⸗ ger in Unruhe zu ſetzen, und ſie zu belehren, daß ſie auf die Sorge fuͤr ihre Sicherheit ſich beſchraͤnken ſoll⸗ ten, als auch den Poͤbel durch die Hoffnung auf Pluͤn⸗ derung zu ermuthigen. Das Geruͤcht wurde verbreitet: die Sektion La Butte⸗des⸗Moulins, die das Pa⸗ lais⸗Royal, und die reichſten Kaufleute in Paris be⸗ griff, ſey kontrerepolutiongir geworden, habe die weiſ⸗ 6— 84 ſe Kokarde aufgepflanzt, und ſich fuͤr die Bourbons erklaͤrt. Daran war auch nicht Ein Wort wahr. Die Buͤr⸗ ger vom Palais⸗Royal waren vielleicht dem Koͤnigthum geneigt,— gewiß einer ruhigen und feſten Regierung — aber ſie liebten ihre Kauflaͤden weit mehr, als das Haus Bourbon, und hatten nicht Luſt, ſie fuͤr Koͤnig oder Kaiſer in Gefahr zu ſetzen. Sie hoͤrten mit Un⸗ ruhe die Anklage gegen ſie, ſammelten ſich zur Ver⸗ theidigung ihres Eigenthums, ſchloßen die Thore des Palais⸗Royal, das einer ſtarken Vertheidigung faͤhig iſt, richteten Kanonen mit brennenden Lunten gegen den Poͤbel, als er ihrem Gebiet ſich naͤherte, und zeig⸗ ten auf eine Weiſe, welche hinreichte, um den Poͤbel voon St. Antoine zu ſchrecken, daß die reichen Buͤrger von Paris einem Poͤbelſchwarm zwar die Sorge uͤber⸗ laſſe, Koͤnige zu toͤdten und Miniſterien zu aͤndern, aber durchaus nicht geſonnen ſeyen, ihnen die Sorge fuͤr ihre Zahltiſche und Geldſchubladen anzuvertrauen. Fuͤnf Sektionen waren unter den Waffen, und bereit, zu handeln. Nicht Ein Girondiſt ſcheint den Verſuch gemacht zu haben, ihnen zu bedeuten, daß durch eine Anſtrengung, um die Unabhaͤngigkeit des Konvents zu ſchuͤtzen, ſie ſich von einer Herrſchaft befreien koͤnn⸗ ten, unter welcher alle, die Eigenthum, Gefuͤhl oder Erziehung halten, durch dieſe wiederkehrenden Auf⸗ ſtände zu Sklaven gemacht wurden. Dies iſt um ſo auffallender, als Raffé, der Kommandant der Sektion 85 von La Butte⸗des⸗Moulins, am 10. Maͤrz wirklich dem Konvent zu Huͤlfe gezogen war, der damals, wie jezt, durch eine bewaffnete Macht belagert wurde. Ihnen ſelbſt uͤberlaffen, hielten die Sektionen, die zum Schutz der Ordnung unter den Waffen ſtanden, es fuͤr hinreichend, die Gefahr des Augenblicks ahzu⸗ wenden. Der Anblick ihres Aufmarſches und ihres entſchloſſenen Benehmens waren weit mehr, als ihre dreifarbigen Kokarden, und der Ruf: vive la republi- que! geeignet, die Aufruͤhrer zu bewegen, ſie als gute Buͤrger anzuerkennen, welche ohne einen blutigen Kampf der Unburgerlichkeit nicht uͤberfuͤhrt werden konnten. Indeſſen machten ihnen ihr Fuͤhrer endlich begreif⸗ lich, daß ihr eigentliches Geſchaͤft im Saale des Kon⸗ vents zu vollfuͤhren ſey, und daß die Anſtrengung ei⸗ nes jeden thaͤtigen Buͤrgers ihn zu einem Tagelohn von 40 Sous berechtigten. In dem ganzen Vorgang lag ein ſo kalt berechneter Plan, und ſo wenig Volks⸗ enthuſiasmus, daß es ſchwer zu glauben iſt, daß die Verſchwoͤrer nicht auf eine Kontremine geſtoßen, und durch ihre eigene Petarden in die Luft geſprengt wor⸗ den ſeyn wuͤrden, haͤtte ſich thaͤtiger Geiſt oder prak⸗ tiſcher Muth auf der Seite der angegriffenen Parthei gefunden. Aber wir finden keine Spur davon. Der Konvent war vom Poͤbel berennt, und auf die groͤbſte Weiſe bedroht. Unter dem allgemeinen Schrecken, den ihm ſeine Lage einfioͤßte, ſchaffte er endlich die Kom⸗ miſſion der Zwoͤlfer wieder ab, und ſezte Hebert in 86 Freiheit,— Bewilligungen, die zwar weit hinter de⸗ nen zuruͤckſtanden, worauf die Jakobiner hatten beſte⸗ hen wollen, aber doch zeigten, daß die Gewalt der Girondiſten voͤllig vernichtet ſey, und der Konvent ſelbſt nach dem Gutduͤnken eines jeden, der den Poͤbel von Paris befehlige, durch uͤberlegene Gewalt einge⸗ ſchreckt werden koͤnne. Die Jakobiner waren nun entſchloſſen, ihren Streich zu vollenden, und den Feind zu vernichten, den ſite entwaffnet hatten. Der zweite Junius war zur Ausfuͤhrung dieſes Vorhabens beſtimmt. Louvet und einige andere Girondiſten wollten den Ausgang nicht erwarten, ſondern flohen aus Paris. Um ſich des uͤbrigen Theils der zum Opfer beſtimmten Parthei zu ſichern, wurden die Barrieren der Stadt geſchloſſen. Bei dieſem entſcheidenden Vorfall hatten ſich die Jakobiner nicht ganz auf ihre vorſtaͤdtiſchen Streit⸗ kraͤfte verlaſſen. Sie hatten auch ungefaͤhr 2000 Fö⸗ derirte unter ihren Befehlen, welche in den eliſeiſchen Feldern lagerten, und ſeit geraumer Zeit in der Rolle unterwieſen wurden, die ſie ſpielen ſollteu. Sie be⸗ ſpannten Kanonen und Haubizen, bereiteten Kartaͤt⸗ ſchen und Granaten, und machten ſogar Kugeln glü⸗ hend, als wenn ſie eine ſtarke Feſtung angreifen ſoll⸗ ten, ſtatt eines mit unbewaffneten Volkrepraͤſentan⸗ ten angefuͤllten Verſammlungsorts, Henriot, Ober⸗ haupt der bewaffneten Macht von Paris, ein gewalt⸗ thaͤtiger, unwiſſender Menſch, und dem iakobiniſchen 87 Intereſſe gaͤnzlich ergeben, trug bei Aufſtellung der von allen Seiten gegen den Konvent heranztehenden Truppenmaſſe Sorgfalt, diejenigen in der groͤßten Naͤhe des geſetzgebenden Koͤrpers aufzuſtellen, deren Stimmung gegen ihn bekanntermaßen am heftigſten war. Sie wurden auf dieſe Art voͤllig wie mit einem Netz umgeben, und die Jakobiner hatten wenig mehr zu thun, als ihre Schlachtopfer auszuleſen. Das allgemeine Geſchrei der Bewaffneten, die den Konvent umgaben, verlangte das Todesurtheil oder die Aechtung von zwei und zwanzig Mitgliedern der Girondiſtenparthei, die durch die Petition von Pache, und durch nachfolgende Petitionen der heftigſten Art als Mitſchuldige Dumouriez's, als Feinde der guten Stadt Paris, und als Verraͤther bezeichnet waren, die auf eine Bundesrepublik ſtatt einer untheilbaren dachten. Auf dieſer Proſcriptionsliſte ſtanden auch die Miniſter. Der Konvent war in einer ſchrecklichen Lage; of⸗ fenbar lag die Gewalt ſchwer auf ihm. Diejenigen Mitglieder, welche man zur Gironde rechnete, wur⸗ den bei ihrem Eintritt in den Saal geſchlagen und mißhandelt, mit Geſchrei und Drohungen uͤberhaüuft, wenn ſie aufſtanden, um ihre Meinung zu ſagen. Die Mitglieder hatten nicht mehr die Freiheit zu ſprechen oder abzuſtimmen. In der Verſammlung konnte kei⸗ ne Berathſchlagung Statt finden, waͤhrend außen ein ſo wuthender Tumult fortdauerte und ſich verteaͤrkte. 88 Barrere, wie ſchon geſagt, der Fuͤhrer der Ebene, oder neutralen Parthei, der in ſeinem Innern mit den Girondiſten gleich dachte, und aus Furcht mit den Jakobinern handelte, ſchlug eine von jenen ſchein⸗ bar gemaͤßigten Maßregeln vor, welche denen, die ſie annehmen, eben ſo gewiß verderblich ſind, als wenn ſie noch weit entſchiedener feindlich waͤren. Unter Schmeicheleien uͤber ihre Abſichten und Klagen uͤber den ploͤtzlichen Vorfall bat er die geaͤchteten Girondi⸗ ſten, ſich ſelbſt, als die ungluͤcklichen Gegenſtaͤnde ei⸗ ner Trennung in der Republik zum Opfer hinzugeben, und auf ihren Karakter als Deputirte zu verzichten. Der Konvent, ſagte er, wuͤrde ſie ſodann unter den Schutz der Geſetze ſtellen,— als ob ſie nicht zu die⸗ ſem Schutze berechtigt waͤren, ſo lange ſie keines Ver⸗ brechens uͤberwieſen, und zugleich mit Unverletzlichkeit bekleidet waren, deren er ihnen ſich zu entkleiden rieth. Es war, als ob man von einem Mann verlange, ei⸗ ne Waffenruͤſtung abzulegen, auf das Verſprechen hin, daß die gewoͤhnliche Kleidung, die er unter derſelben trage, undurchdringlich gemacht werden ſolle. Aber ein Franzoſe iſt leicht dahin gebracht, etwas zu thun, wozu man ihn unter dem Schein der Ehre auffordert. Dieſer treuloſe Rath wurde von Isnard, Duſſaur und andern geaͤchteten Deputirten angenom⸗ men, welche man auf dieſe Weiſe uͤberredete, den Schutz, der ihnen blieb, aufzugeben, in Hoffnung, die Wuth eines Feindes zu beſaͤnftigen, die zu ver⸗ 89 haͤrtet war, um Gefuͤhle von Großmuth zu he gen. Lanjuinais leiſtete einen ehrenvollern Widerſtand. „Erwartet nicht,“ ſagte er zu dem Konvent,„eine Unterwerfung oder eine Verzichtleiſtung auf meinen amtlichen Karakter von mir zu hoͤren. Bin ich frei, eine ſolche Verzichtleiſtung eich anzubieten, habt ihr Freiheit, ſie anzunehmen?“ Als er ſeine Beredtſam⸗ keit gegen Robespierre und die Jakobiner wenden woll⸗ te, wurde von Legendre und Chabot ein Verſuch ge⸗ macht, ihn von der Tribune herabzuziehen. Waͤhrend ſeines Widerſtandes erhielt er mehrere Schlaͤge.„Grau⸗ ſame Menſchen!“ rief er aus—„die Heiden ſchmuͤck⸗ ten und liebkosten die Opfer, die ſie zur Schlachtbank fuͤhrten— Ihr beladet ſie mit Schlaͤgen und Belei⸗ digungen.“ Schaam verſchaffte ihm einen Augenblick Gehoͤr, waͤhrend deſſen er mit vieler Wirkſamkeit zu der Ver⸗ ſammlung uͤber die Niedertraͤchtigkeit, Verraͤtherei, Grauſamkeit und Unpolitik ſprach, ihre Bruͤder aus⸗ zuliefern auf den Ruf einer blutduͤrſtigen Menge von außen, die durch eine rachſuͤchtige Minoritaͤt ihrer ei⸗ genen Mitglieder aufgereizt ſey. Der Konvent machte einen Verſuch, ſich von den Netzen zu befreien, von denen er umſtrickt war. Er entſchloß ſich, insgeſammt hinauszuziehen, um gewiß zu werden, welche Achtung von der verſammelten bewaffneten Macht ihm bezeigt werden wuͤrde. 99 Sie zogen alſo hinaus in Prozeſſion in die Gaͤr⸗ ten der Tuillerien, die Jakobiner allein blieben im Saale zuruͤck; aber ihr Weiterziehen wurde bald durch Henriot, an der Spitze eines zahlreichen Generalſtabs und einer großen Truppenmaſſe gehemmt. Jeder Gang, der in die Gaͤrten fuͤhrte, war mit Soldaten beſezt. Der Praͤſident las das Dekret der Verſamm⸗ lung, und befahl Henriot Gehorſam. Die Antwort des Kommandanten von Paris war, daß er ſein Pferd umwandte, und den Truppen befahl, ihre Waffen in Bereitſchaft zu halten.„Kehrt zuruͤck an euren Po⸗ ſten,“ ſagte er zu den erſchreckten Geſetzgebern;„das „Volk verlangt die Verraͤther, die in der Mitte der Verſammlung ſind, und wird nicht weichen, bis ſein Wille erfuͤllt iſt.“ Marat kam gleich darauf an der Spitze einer ausgeſuchten Bande von hundert Boͤſe⸗ wichtern heran. Er forderte die Menge auf, feſt bei ihrem Vorhaben zu beharren, und befahl dem Kon⸗ vent im Namen des Volks, an ihren Verſammlungs⸗ ort zuruͤckzukehren, zu berathſchlagen, und vor Allem zu gehorchen. Der Konvent kehrte in der aͤußerſten Beſtuͤrzung in ſeinen Saal zuruͤck, bereit, ſich der Schande zu unterwerfen, die nun unvermeidlich ſchien, doch aber gegen ſeine eigene Feigheit ſich ſtraͤubend, waͤhrend er dem Gebot der Selbſterhaltung Folge leiſtet. Die Jakobiner begannen unterdeſſen ihr Verlangen zu ſtei⸗ gern, g leich jenem Weibe, das die ſibylliniſchen BuUx- 91 cher verkaufte. Statt zweiundzwanzig Deputirten ver⸗ langte man jezt die Anklage von dreißig. Unter Schrek⸗ ken auf der einen, und freudigem Zuruf auf der an⸗ dern Seite wurde das Dekret fuͤr angenommen er⸗ klaͤrt. Dieſe Aechtung ging auf den Antrag von Cou⸗ thon durch, einem abgelebten Weſen, deſſen untere Extremitaͤten gelaͤhmt waren,— deſſen wohlwollendes Gefuͤhl in den lieblichſten Ausdruͤcken, in hoͤchſt me⸗ lodiſchem Tone geſprochen, ſich zu ergleßen ſchien,— deſſen Empfindſamkeit ſo groß war, daß er ſtets ein Lieblingshuͤndchen in ſeinem Buſen pflegte, um etwas zu haben, dem er ſchmeicheln, das er liebkoſen koͤnne, — der aber ſo wild wie Danton, und ſo fuͤhllos wie Robespierre war. 3 Viele Mitglieder des Konvents ſtimmten indeſſen nicht ein, und erklaͤrten ſich laut gegen die an ihnen veruͤbte Gewalt. Mehrere der geaͤchteten Deputirten wurden verhaftet, andere entkamen dem Saale durch die Nachſicht ihrer Genoſſen und der bei dem Konvent angeſtellten Beamten; einige hatten ihr Schickſal vor⸗ ausgeſehen, waren nicht in die Sitzung gekommen, und bereits aus Paris entflohen. So fiel, ohne einen Schwertſtreich zu ihrer Ver⸗ theidigung, diejenige Parthei im Konvente, welche den Ruhm anſprach, nach rein republikaniſchen Grund⸗ ſaͤtzen zu handeln,— welche den Thron geſtuͤrzt und der Anarchie den Weg gebahnt hatte, blos um eine eingebildete Theorie auszufuͤhren. Sie fielen, wie die 9² Kluͤgſten von ihnen zugaben, als die Opfer ihres ei⸗ genen Syſtems und der eitlen und unausfuͤhrbaren Idee, ein großes und verdorbenes Reich durch Trieb⸗ federn zu regieren, welche vielleicht eine kleine und tugendhafte Gemeinde leiten koͤnnen. Sie haͤtten, wie ſie zu ſpaͤt einſahen, eben ſowohl es verſuchen koͤnnen, das Kapitol auf einem grundloſen und unſichern Mo⸗ raſte zu gruͤnden, als ihre vermeintliche Republik in einem Lande wie Frankreich. Ihre heſtigen revolutio⸗ naͤren Kunſtgriffe wurden gegen ſie ſelbſt gewandt von Leuten, deren Abſichten ſchlechter waren, als die ih⸗ rigen. Die Girondiſten hatten ſich ihres Antheils an dem Triumph des 10. Auguſts geruͤhmt; was war aber jener geprieſene Tag anders, als ein Aufſtand des Poͤbels gegen eine konſtituirte Gewalt der damaligen Zeit? Die Aufſtaͤnde vom 31. Mai und 2. Juni 1793, unter denen die Girondiſten erlagen, die damals die Regierung bildeten, waren auch nichts anders. In dem einen Falle wurde ein Koͤnig entthront, in dem andern eine Regierung oder ein Miniſterverein ent⸗ laſſen. Wenn das Volk ein Recht hatte, wie die Gi⸗ rondiſten zu ihren Gunſten es in Anſpruch nahmen, als die Vollſtrecker ſeines eigenen Willens in dem ei⸗ nen Falle zu handeln, ſo iſt ſchwer abzuſehen, nach welchem Grundſatze ſeiner Gewalt im zweiten Falle Feſſeln angelegt werden ſollten. In dem wichtigen Prores gegen den Koͤnig hatten ſich die Girondiſten kleinmuthig gezeigt,— ſie wuͤnſch⸗ 93 ten das Leben eines ſchuldloſen Mannes zu retten, aber ſie wagten nicht, kühn fuͤr ſeine Unſchuld Zeug⸗ niß abzulegen, ſondern verbargen ſich hinter Ausfluͤch⸗ ten, welche ſeinen Charakter preis gaben, ſein Leben aber nicht ſchuͤtzen konnten. Nach dieſem großen Feh⸗ ler verloren ſie jede Hoffnung, mit Wirkſamkeit unter ihren Fahnen den Reſt wohldenkender Menſchen in Paris und in Frankreich zu vereinen, die, wenn die Girondiſten im Beſitze der Gewalt ſich mit Feſtigkeit benommen haͤtten, es wahrſcheinlich vorgezogen haben wuͤrden, an Maͤnner, die zwar in ihren Grundſaͤtzen republikaniſch, aber doch Freunde der geſellſchaftlichen Orduung waren, ſich anzuſchließen, als der Anarchie, die darauf folgen mußte, den Weg zu bahnen. Ueber alle ihre Fehler, ſowohl des Handelns als des Unterlaſſens, hatten die ungluͤcklichen Girondiſten nun hinreichend Zeit, nachzudenken. Zwei und zwanzig von ihren Fuͤhrern, verhaftet am 2. Juni, erwarteten bereits ihr Schickſal im Gefaͤngniß, waͤhrend die an⸗ dern in Mangel und Elend durch verſchiedene Depar⸗ tements Frankreichs umherwanderten. Das Schickſal derer, die gefangen waren, wurde nicht lange aufgeſchoben. In einer Zeit von etwa drei Monaten wurden ſie vor Gericht geſtellt, und des Royalismus uͤberwieſen. So war die Stimm ang in Frankreich zu jener Zeit, und ſo grob der Betrug, den man dem Volke ſpielte, daß die Maͤnner des Reichs, welche nach abſtrakten Grundſaͤtzen am wenig⸗ 94 ſten der Monarchie geneigt waren, und ſelbſt ihr Ge⸗ wiſſen aufgeopfert hatten, um ſich mit den Jakobinern zum Sturze des Throns zu verbinden, jezt als Roya⸗ liſten angeklagt und uͤberfuͤhrt wurden, und dies zu einer Zeit, wo die Reſte der koͤniglichen Familie ſo er⸗ niedrigt waren, daß die gefangene Koͤnigin die gewoͤhn⸗ lichſten Buͤcher zum Gebrauch ihres Sohnes nicht er⸗ halten konnte, ohne ſich direkt und in allen Formen an den Gemeinderath von Paris zu wenden.*) Als die Girondiſten vor das Tribunal gebracht wurden, ſcheint das Volk mehr Intereſſe an Maͤn⸗ nern, deren ausgezeichnete Talente ſo oft den geſetzge⸗ benden Koͤrper beherrſchten, gezeigt zu haben, als den Jakobinern lieb war, welche zu fuͤrchten begannen, ih⸗ rer Ueberfuͤhrung moͤchten einige Schwierigkeiten ent⸗ gegengeſezt werden. Sie erhielten ein Dekret vom Konvente, welches erklaͤrte, daß der Praͤſident des Re⸗ volutionstribunals die Freiheit haben ſolle, den Pro⸗ zeß zu ſchließen, ſobald ſich die Jury fuͤr uͤberzeugt er⸗ klaͤre, und ohne den Angeklagten zu ſeiner Vertheidi⸗ gung zu hoͤren. 3n dieſem ſchrecklichen Auskunſtsmit⸗ tel, die Debatte kurz abzuſchneiden,(couper la paro- le war die Phraſe) nahm man bei dieſen revolutionaͤ⸗ ren Unterſuchungen oft ſeine Zuflucht. Ohne Zweifel —— *) Zeuge deſſen iſt ſolgende Note im Tagebuch des Commune, wobei man bemerken muß, daß es an einem TJage zwiſchen dem 29. Mai und 2. Juni iſt: Antoinette fait demander pour son flls le roman de. Gil Blas de Santillane— accordé, V V 95 fuͤrchteten ſie die Logik eines Briſſot, und die Beredt⸗ ſamkeit eines Vergniaud, deren Donner ſie ſo lange und ſo oft erfahren hatten. Ein Verbrechen,— und in Betracht der Richter, vor denen ſie ſtanden, ein ungluͤckbringendes Vergehen,— ſcheint aus Briſſots eigenen Briefen entnommen worden zu ſeyn. Die ge⸗ weſenen Mitglieder verſuchten naͤmlich, eine Verbin⸗ dung unter den Departements zu bewirken, um wo moͤllich ein Gegengewicht zu haben gegen den ſchreck⸗ lichen Einfluß, den die Hauptſtadt und der revoluti⸗ onaͤre Theil ſeiner Magiſtratur uͤber den Konvent aus⸗ uͤbte, den Paris in ſeinen Mauern gefangen hielt. Dies Vergehen allein war hinreichend, alle Gewiſſens⸗ zweifel aus der Seele einer Juri zu entfernen, welche aus jener Klaſſe der Pariſer beſtand, deren ſchreckliche Wichtigkeit mit einemmale durch den Erfolg eines ſol⸗ chen Plans vernichtet geweſen waͤre. Die Angeklagten wurden der Verſchwoͤrung gegen die Einheit und Un⸗ theilbarkeit der Republik, gegen die Freiheit und Si⸗ cherheit des franzoͤſiſchen Volts ſchuldig befunden. Als das Todesurthei! ausgeſprochen nurde, ſtieß ſich einer von ihnen, mit Namen Valaze, einen Dolch in die Bruſt. Die uͤbrigen ſollten nach dem Spruche des Urtheils den Tod leiden, und wurden mit dem blutigen Koͤrper ihres durch Selbſtmord gefallenen Kol⸗ legen in einem Karren auf den Richtplatz gefuͤhrt. Briſſot ſchien niedergeſchlagen und ungluͤcklich. Fau⸗ chet, ein abtruͤnniger Prieſter, zeigte Gewiſſensbiſſe, 96 Die uͤbrigen aßektirten eine roͤmiſche Entſchloſſenheit, und ſangen auf ihrem Gang zur Hiurichtung eine Pa⸗ rodie auf die Marſeiller Hymne, in welcher dieſes be⸗ ruͤhmte Lied gegen die Jakobiner gewendet wird. Sie hatten lange die Huͤlfe der Religion zuruͤckgewieſen, welche, fruͤh empfangen und werth gehalten, ihre Schritte im Gluͤck geleitet, im Ungluͤck unterſtuͤzt ha⸗ ben wuͤrde. Ihre noch uͤbrige Stuͤtze war nichts, als dieſelbe eitle und ſpekulative Lehre, welche einen ſo unſeligen Einfluß auf ihr politiſches Benehmen ge⸗ habt hatte. Diejenigen Mitglieder der Girondiſtenparthei, welche aus Paris nach den Departements entkamen, und ihrem Schickſal etwas laͤnger entgingen, fanden wenig Grund, ſich der politiſchen Rolle zu ruͤhmen, die ſie geſpielt hatten. Die oͤſtlichen und ſuͤdlichen De⸗ partements waren zwar in einer Gaͤhrung gegen Pa⸗ ris und die Jakobiner, und bereit, ſich in Maſſen zu erheben; aber ſie wurden gewahr, daß Niemand ihr Syſtem einer reinen Republik zuruͤckwuͤnſche, oder auch nur daran denke, da die Beweggruͤnde der Mißver⸗ gnuͤgten einen ganz andern und weit praktiſchern Ka⸗ rakter hatten. Ein großer Theil der Nation, wenig⸗ ſtens alle von beſſerem Gefuͤhl, waren tief ergriffen von dem unyerdienten Schickſal des Königs und der Grauſamkeit, womit ſeine Familie behandelt worden war, und noch behandelt wurde. Die Reichen fuͤrch⸗ teten, von den Jakobinern gepluͤndert und gemordet 2 23 zu 2 97 zu werden, die Armen litten nicht weniger unter dem Mangel an Getreide, unter der Eutwerthung der Af⸗ ſignaten, und einer gezwungenen Aushebung von nicht weniger als 300,000 Mann in Frankreich, um die un⸗ geheuern Verluſte der franzoͤſiſchen Armee zu erſetzen. Aber uͤberall nahmen die Aufſtaͤnde einen royaliſtiſchen und keinen republikaniſchen Karakter an, und obgleich die Girondiſten zu Caen und anderswo mit Achtung und Mitleiden aufgenommen wurden, ſo verhinderte ſie doch ihre Abſtimmung in des Koͤnigs Peozeß, und ihr fanatiſcher Eifer fuͤr eine Regierungsform, welche fuͤr Frankreich gar nicht paßte, und welche diejenigen, die ihnen eine Zuflucht gewaͤhrten, weit entfernt wa⸗ ren zu wuͤnſchen, irgend eine ausgezeichnete Rolle in den beunruhigten Diſtrikten des Weſtens zu ſpielen. Buzot ſcheint dies in ſeinem wahren Lichte zu ſe⸗ hen.„Es iſt gewiß,“ ſagte er,„daß, wenn wir un⸗ ſere Wuͤnſche darauf beſchraͤnkt haͤtten, in Frankreich eine gemaͤßigte Regierung von der Art einzufuͤhren, welche vielen wohlunterrichteten Perſonen zufolge am beſten fuͤr das franzoͤſiſche Volk paßt(hiemit deutete er eine beſchraͤnkte Monarchie an), wir die Hoffnung haͤtten hegen koͤnnen, eine ſtarke Koalition in dem De⸗ partement von Calvados zu bilden, und alle die, wel⸗ che aus alten Vorurtheilen an dem Koͤnigthum hingen, um uns zu verſammeln.“ So aber wurden ſie nur als Schwaͤrmer betrachtet, welche das Beiſpiel von Amerika verleitet hatte, die Gruͤndung einer Repu⸗ W. Scytt's Werke. XIIX. 7 98 blik in einem Lande zu verſuchen, wo alle Hoffnungen und Wuͤnſche, die der Jakobiner und des niedrigen Poͤbels ausgenommen, dem ſie ſchmeichelten, und den ſie leiteten, auf eine gemaͤßigte Monarchie gerichtet waren. Buzot bemerkt auch, daß die vielen Gewalt⸗ thaͤtigkeiten und Abſcheulichkeiten, gezwungene Aushe⸗ bungen und andere Handlungen der Unterdruͤckung, die im Namen der Republik veruͤbt wurden, die Men⸗ ſchen von einer Regierungsform zuruͤckgeſchreckt haͤtten, wo die(urauſamkeit allein mit Huͤlfe des Schreckens uͤber das Elend zu herrſchen ſchien. Mit mehr Auf⸗ richtigkeit, als einige ſeiner Gefaͤhrten, geſtand er ſei⸗ nen Irrthum ein, und gibt zu, daß er am Schluſſe der Scene gerne ſich mit den gemaͤßigten Monarchi⸗ ſten vereinigt haͤtte, um unter der Buͤrgſchaft konſti⸗ tutioneller Beſchraͤnkungen das Koͤnigthum zu begruͤn⸗ den. 5 Verſchiedene von den Deputirten, Louvet, Riouffe, Barbaroux, Pethion und andere vereinigten ſich mit einer Schaar Royaliſten aus der Bretagne, welcher General Wimpfen den Namen einer Armee gegeben hatte, die aber nie die Feſtigkeit einer ſolchen erreich⸗ te. Sie wurde zu Vernon geſchlagen, und konnte ſich nachher nie wieder ſammeln. Die geaͤchteten Deputirten wanderten anfangs mit wenigen bewaffneten Geſaͤhrten, nachher voͤllig verlaſ⸗ ſen, durch das Land, und erfuhren einige romantiſche Abentheuer, die durch die Feder ihres Geſchichtſchrei⸗ 99 bers Louvet aufbewahrt worden ſind. Endlich gluͤckte es ſechſen von ihrer Parthei, nach Bordeaur, der Hauptſtadt jenes Gironde⸗Departements zu gelangen, nach welchem ſie ſich nannten, wo diejenigen Giron⸗ diſten, die dort zu Haufe waren, die reinſten Grund⸗ ſaͤtze philoſophiſcher Freiheit hatten finden wollen. Gua⸗ det hatte gegen ſeine Gefaͤhrten im Ungluͤck tauſend⸗ mal betheuert, daß, wenn freiſinnige, ehrenhafte und edle Geſinnungen aus jedem andern Winkel Frank⸗ reichs verjagt waͤren, ſie doch zuverlaͤſſig eine Zuflucht in der Gironde finden wuͤrden. Nahe zu haͤtten die geaͤchteten Wanderer den Boden der Zuflucht gekuͤßt, als ſie daſelbſt, wie in einem Lande gewiſſen Schutzes, landeten. Aber Bordeaur war in dieſer Zeit nichts mehr, als eine reiche Handelsſtadt; wo die Reichen vor den Armen zitterten, und nicht geſonnen waren, durch die Einmiſchung in das Ungluͤck Anderer ihre eigene drohende Gefahr zu vergroͤßern. Beinahe alle Thuren in der Gironde ſelbſt waren den Girondiſten verſchloſſen, und ſie wanderten als Verbannte im Lan⸗ de umher, erduldeten Hunger und außerſte Muͤhſelig⸗ keit, und brachten einigemal den Tod uͤber ihre Freun⸗ de, welche es wagten, ihnen eine Zuflucht zu gewaͤhren. Von den ſechs Girondiſten, die in ihrer eigenen Provinz eine Zuflucht geſucht hatten, entkam Louvet al⸗ lein. Guadet, Salles und der ſchwaͤrmeriſche Barbaroux wurden ergriffen und zu Bordeaur hingerichtet, aber erſt, als der lezte zweimal mit Piſtolen ſich ſelbſt zu ermorden 7 ,. 106 verſucht hatte. Buzot und Pethion toͤdteten ſich im äu⸗ ßerſten Elend und wurden todt in einem Kornſeld ge⸗ funden. Dies war derſelbe Pethion, der ſo lange der Goͤtze der Pariſer geweſen war, und welchen man, als die Ab⸗ ſetzung des Koͤnigs beſchloſſen war, mit einfaͤltiger Eitel⸗ keit ſagen hoͤrte:„Wenn man mich zwingt, jezt Re⸗ gent zu werden, ſo wird es mir an Mitteln fehlen, es abzulehnen.“ Andere von dieſer ungluͤcklichen Parthei theilten das gleiche traurige Schickſal. Condorcet, der ſich fuͤr das Leben des Köonigs, aber in ewigen Feſſeln, ausgeſprochen hatte, wurde verhaftet, und vergiftete ſich ſelbſt; Rabaud de St. Etienne wurde von einem Freun⸗ de verrathen, auf den er traute, und hingerichtet. Ro⸗ land wurde todt auf der Landſtraße gefunden, und erfuͤll⸗ be dadurch eine Prophezeihung ſeiner Gattin, welche die Jakobiner zum Tod verurtheilt, und die ihre Ueberzeu⸗ gung erklaͤrt hatte, daß ihr Gatte ſie nicht lange uͤberle⸗ ben werde, Dieſe merkwuͤrdige Frau, gluͤcklich, wenn ihre hohen Talente in der Jugend unter die Leitung von Menſchen gekommen waͤren, welche ſie beſſer ausgebildet haͤtten, vertheidigte ſich vor dem Revolutionstribunal maͤnnlicher, als der beredteſte Girondiſt. Die umſtehen⸗ den Dilettanten in der Grauſamkeit waren ſo erfreut uͤber ihr Benehmen, als der Jaͤger, der einen edlen Hirſch niederſtreckt.„Welcher Verſtand!“ ſagten ſie;„wel⸗ cher Witz, welcher Muth!„Welch ein herrliches Schau⸗ ſpiel wird es ſeyn, ein ſolches Weib auf dem Schafſot zu ſehen!“ Sie ging ihrem Tod mitgroſſer Faſſung entgegen⸗ 40¼ und als ſie auf dem Weg zur Hinrichtung an der Bild⸗ ſaͤule der Freiheit vorbeikam, rief ſie aus,„Ach Freiheit! welche Verbrechen werden in deinem Namen veruͤbt!“ Ungefaͤhr zwei und vierzig Deputirte von der Gi⸗ ronde kamen durch die Guillottine, durch den Selbſi⸗ mord oder durch die Muͤhſeligkeit ihrer Wanderungen um. Ungefaͤhr vier und zwanzig entkamen dieſen Ge⸗ fahren, und wurden nach vielen und mannigfachen Leiden in den Konvent zuruͤckgerufen, als der jakobi⸗ niſche Einfluß zerſtoͤrt war. Sie verdankten ihren Fall der phantaſtiſchen Philoſophie und den eingebilde⸗ ten Theorien, die ſie angenommen hatten, nicht we⸗ niger, als ihrem verwegenen Vertrauen, daß Volks⸗ verſammlungen, wenn ſie durch die heftigſten perſoͤn⸗ lichen Gefuͤhle bewegt ſind, dem Gewicht der Beweiſe weichen muͤſſen, wie unbelebte Koͤrper dem Anſtoß ei⸗ ner aͤußern Kraft gehorchen; und daß diejenigen, wel⸗ che die groͤßte Rednergewalt beſitzen, durch bloße Worte den Klubbs ihren Einfluß, den Saͤbeln ihre Schaͤrfe nehmen und die gewaltigſten Leidenſchaften beſchwich⸗ tigen koͤnnen. Sie ſpielten keine fernere Rolle mehr in allen Staatsveraͤnderungen Frankreichs; und was ihre verſuchte Republik betriſſt, ſo mag ſich der Leſer an den vermeſſenen Kaͤmpfer des Alterthums erinnern, der von der geſpaltenen Eiche gefaßt wurde, welche er vergebens auseinander zu reißen ſtrebte. Die Geſchich⸗ te hat von der Gironde, als einem Partheinamen, nichts mehr zu ſagen. — 3 Viertes Kapitel. Ueberſicht der Partheien in England, rückſichtlich der Revolution. — Verbrüderte Geſellſchaften.— Ariſtokratiſche Vereini⸗ gungen halten ihnen das Gegengewicht.— Die ariſtokrati⸗ ſche Parthei verlangt Krieg mit Frankreich.— Die Fran⸗ zoſen proklamiren die Schiffſahrt der Schelde.— Der brit⸗ tiſche Botſchafter wird aus Frankreich zurückberufen und der franzöſiſche Geſandte nicht länger in London anerkannt.— Frankreich erklärt den Krieg gegen England.— Eine brit⸗ tiſche Armee wird unter dem Herzog von York nach Holland geſendet.— Zuſtand der Armee.— Ueberblick der militäri⸗ ſchen Stellung Frankreichs— in Flandern— am Rhein — in Piemont— Savoyen— an den Pyrenäen.— Stand des Kriegs in der Vendée.— Beſchreibung des Landes.— Le Bocage.— Le Louroux.— Enge Verbindung zwiſchen dem Adel und den Bauern.— Beide ſind dem Königthum eifrig zugethan, und verabſcheuen die Revolution.— Die Prieſter.— Die Religion der Vendée wird von dem Kon⸗ vent gröblich beleidigt.— Ein allgemeiner Aufſtand findet im Jahre 1793 Statt.— Kriegseinrichtnng und Kriegsſitte der Vendéer.— Theilung in dem brittiſchen Kabinet über die Art der Kriegführung.— Pitt— Windham— Räſon⸗ nement über den Gegenſtand.— Die Kapitulation von Mainz lieſert 15,000 Veteranen, um in der Vendeée zu ſechten— Die Vendeer werden geſchlagen und gehen über die Loire,— ſie ſchlagen dagegen die ſranzöſiſchen Truppen zu Laval— wer⸗ den aber endlich aufs Haupt geſchlagen und zerſtreut.— Un, glückliche Expedition von Quiberon,— La Charette wird ge⸗ ſchlagen und hingerichtet, und der Vendéekrieg völlig been⸗ digt.— Zuſtand Frankreichs im Frühjahre 1793.— un⸗ glücklicher Widerſtand von Bordeaux, Marſeille und Lyon . 103³ segen den Konvent,— Belagerung von Lyon.— Seine Uebergabe und ſchreckliche Beſtrafung.— Belagerung von Toulon, Die Jakobiner hatten durch ihre aufeinanderfol⸗ genden Siege am 31. Mai und 2. Juni 1793 die Ober⸗ hand erhalten, und ihre Gegner aus dem Felde getrie⸗ ben. Wir haben bereits geſehen, mit welcher Wuth ſie ihre zerſtreuten Feinde verfolgten, und Nache und Tod unter ſie brachten. Aber die Lage des Landes hin⸗ ſichtlich ſeiner aͤußern ſowohl als innern Verhaͤltniſſe war ſo ungewiß, daß es die Anſtrengung ſo kuͤhner und entſchloſſener Maͤnner, wie die, welche jezt das Ruder Frankreichs ergriffen, erforderte, um die noͤthi⸗ ge Kraft zu zeigen, welche die aͤußern Feinde zuruͤck⸗ zuſchlagen, und zu gleicher Zeit die innere Uneinigkeit niederzudruͤcken im Stande waͤre. Wir haben geſehen, daß England groͤßtentheils in zwei Partheien getheilt war, von denen die eine fort⸗ fuhr, der franzoͤſiſchen Revolution Beifall zu zollen, obgleich die verſtaͤndigen und beſſern unter ihnen ihre Ausſchweifungen tadelten, waͤhrend die andern, bei dem Anblick der durch ſie veranlaßten Grauſamkeiten, Konfiskationen und Greuel aller Axt, ſelbſt den Na⸗ men dieſer großen Veraͤnderung— die ohne Zweifel eben ſowohl viel Gutes, als Schlimmes in ſich ſchloß — mit jenem ungemiſchten Gefuͤhle von Maͤnnern an⸗ ſahen, die ein eben ſo ſchreckliches, als ekelhaftes Schau⸗ ſpiel vor Augen haben. 164½ Der Vorgang am 10. Auguſt und das nahende Schickſal des Koͤnigs erregte allgemeinen Antheil in England, und es zeigte ſich unter den hoͤhern und mittlern Klaſſen eine ſtarke Nigung im Namen der Nation zu den Waffen zu greifen, und bei dem Schick⸗ ſal des ungluͤcklichen Ludwigs einzuſchreiten. Pitt's Geſinnungen waren dieſelben, aber er fuhlte, wie ſehr er ſeine hohen Talente zur Verbeſſerung der innern Anordnungen und Finanzen anwenden muͤſſe; darum zauderte er einige Zeit, einen feindlichen Weg einzu⸗ ſchlagen, obgleich dieſer von dem Souverain gebilligt, und von einer großen Anzahl ſeiner Unterthanen ver⸗ langt wurde. Aber nelie Umſtaͤnde traten mit jedem Tage ein, um eine Entſcheidung uͤber dieſen wichtigen Punkt mit Gewalt herbeizufuͤhren. Die Franzoſen, ſowohl einzeln, als in Maͤſſe⸗ ſind ſtets geneigt geweſen, unter den europaͤiſchen Na⸗ tionen die Vorhand einzunehmen, und als das vor⸗ derſte Glied der civiliſirten Welt betrachtet zu werden. Faſt in allen ſeinen wechſelnden Schickſalen hat Frank⸗ reich ſich beinahe eben ſo ſehr an die Buͤrger anderer Laͤnder, als an ſeine eigenen gewandt, und ſo geſchah es, daß in den Reden ihrer Staatsmaͤnner Einladun⸗ gen an die Unterthanen anderer Staaten hingeworſen wurden, das Beiſpiel der Republik nachzuahmen, den Wuſt ihrer alten Inſtitutionen von ſich zu werfen, ih⸗ re Koͤnige zu entthronen, ihren Adel zu⸗ vernichten, die Laͤndereien des Adels und der Kirche unter die 1 105 untern Klaſſen zu vertheilen, und aufzuſtehen, als ein freies und wiedergeborenes Volk. In England eben ſowohl als anderswo ertoͤnte die lockende Stimme; denn England hat ſo gut als Frankreich ſeine Partheimaͤn⸗ ner, die ſich zuruͤckgefezt glaubten,— Maͤnner von Verdienſt, die ſich unterdruͤckt ruͤhmten,— Experimen⸗ tenmacher, welche willig die Geſetze in ihren revoluti⸗ onaͤren Schmelztiegel geworfen haͤtten, und Menſchen, die theils aus Antrieb einer raſtloſen Neugierde, oder in der Hoffnung, durch den Wechſel zu gewinnen, nach Neuerungen im Staate und in der Kirche luͤſtern wa⸗ ren. Ueber allem dem hatte England eine nur allzu große Maſſe von Armuth und Unwiſſenheit, die durch die Hoffnung auf Zuͤgelloſig eit in Bewegung geſezt werden konnte. Klubbs bildeten ſich in faſt allen Staͤd⸗ ten Großbritanniens. Sie korrespondirten mit ein⸗ ander, fuͤhrten eine ſtolze, ſchreckende Sprache, und ſchienen ſich nach dem franzoͤſiſchen Muſter zu bilden. Sie richteten eine Adreſſe unmittelbar an den Nati⸗ onalkonvent Frankreichs in eigenem und im Namen der zu demſelben Zweck veſammelten Geſellſchaften; ſie begluͤckwuͤnſchten ihn wegen ſeiner Freiheit und der Art, wie ſie errungen worden war, mit manchem ver⸗ wegenen Wink, daß ſein Beiſpiel an England nicht verloren ſeyn werde. Die Perſonen, aus denen dieſe Geſellſchaften beſtanden, hatten im Ganzen wenig An⸗ ſpruͤche auf Rang oder Einfluß, und obgleich einige Maͤnner von bedeutenden Talenten unter ihnen waren, 106 ſo mangelte es ihren Verſammlungen doch an einer ge⸗ wiſſen Art von Gewicht oder Achtungswuͤrdigkeit. Ih⸗ re Wichtigkeit lag vornehmlich in der Menge derjeni⸗ gen, auf welche ſie durch ihre Grundſaͤtze einen Ein⸗ fluß ausuͤben konnten; und dieſe war außerordentlich, beſonders in großen Staͤdten und in den Manufaktur⸗ diſtrikten. Derſelbe Stand der Dinge begann in Eng⸗ land ſich zu bilden, wie er der franzoͤſiſchen Revoluti⸗ on vorangegangen war; aber die veſtverbundene und mit großem Gewicht im Stagte ausgeruͤſtete engliſche Ariſtokratie ward baͤlder aufgeſchreckt, und nahm kraͤf⸗ tigere Maßregeln, als man in Frankreich thun zu muͤſſen geglaubt hatte. Sie verbanden ſich gleichfalls in politiſchen Vereinigungen, und durch die Macht ih⸗ res Einfluſſes, ihres Standes und Vermoͤgens erhiel⸗ ten ſie bald ein ſolches Uebergewicht, daß es fuͤr man⸗ che, deren Stellung in der Geſellſchaft ſie in irgend einer Weiſe von der Gunſt der Ariſtokratie abhaͤngig machte, gefaͤhrlich oder wenigſtens nicht raͤthlich wurde, etwas ſtark abweichende Meinungen zu aͤußern. Das politiſche Schiboleth dieſer Geſellſchaft war Verwerfung der Lehren der franzoͤſiſchen Revolution, und man hat ihnen vorgeworfen, daß Einige dieſen Abſcheu in ſo ſtarken Worten ausdruͤckten, als ob ſie im Sinne haͤt⸗ ten, die Mitglieder von jedem auch auf die konſtitutio⸗ nellſte Weiſe vorgenommenen Verſuch einer Verbeſſe⸗ rung in ihrer eigenen Regierung abzuhalten. Kurz waͤhrend die demokratiſche Parthei in ihren Klubbs ſich 107 die heftigſten und wuͤthendſten Ausfaͤlle gegen die Ari⸗ ſtokraten erlaubte, wurden dieſe ſo ſtark eingenommen gegen Reformen jeder Art, und gegen alle, welche ver⸗ ſuchten, ihre Zweckmaͤßigkeit zu behaupten. Waͤre in⸗ deſſen dieſe politiſche Gaͤhrung in England zu einer an⸗ dern Zeit oder bei einer andern Gelegenheit ausgebro⸗ chen, ſo wuͤrde ſie vermuthlich gleich andern Kaͤmpfen aͤhnlicher Art, welche die oͤffentliche Aufmerkſamkeit ei⸗ ne Zeitlang intereſſiren, aber ermuͤden, voruͤbergegan⸗ gen, auf die Seite gelegt und vergeſſen worden ſeyn. Aber die franzoͤſiſche Revolution flammte gleich einem Hoffnungsfeuer auf dem Leuchtthurm fuͤr die Einen, gleich einem Gegenſtand der Furcht und ein Warnungs⸗ zeichen für die Andern. Das Siegesgeſchrei der De⸗ mokraten— die ſchaͤndlichen Mittel, durch die ſie ih⸗ re Erfolge errungen hatten, und der grauſame Ge⸗ brauch, den ſie davon machten, ſteigerte die Heftigkeit beider Partheien in England. In der Wuth des Par⸗ theieifers entſchuldigten die Demokraten manche Aus⸗ ſchweifungen der franzoͤſiſchen Revolution blos wegen ihrer Tendenz; waͤhrend die andere Parthei das We⸗ ſen der Revolution ſchlechthin verdammte, vergeſſend, daß dennoch der Kampf der franzoͤſiſchen Nation zur Wiedereroberung ihrer Freiheit in ſeinem Beginnen nicht nur zu rechtfertigen, ſondern ſogar zu loben ſey. Die wilde und uͤbermuͤthige Sprache, in der ſich die franzoͤſiſchen Staatsmaͤnner an alle Menſchen ins⸗ geſammt wandten, und der Geiſt der Eroberung, den 108 die Nation ſeit kurzem zeigte, verbunden mit dem be⸗ ſtimmt ausgedruͤckten Wunſche, ihre politiſchen Grund⸗ ſatze auszudehnen, und dem Haß, den ſie durch den Tod des Koͤnigs auf ſich gehaͤuft hatten, bewog die ganze ariſtokratiſche Parthei, die eine bedeutende Ma⸗ joritaͤt in beiden Haͤuſern des Parlaments beherrſchte, auf eine Kriegserklaͤrung gegen Frankreich zu dringen; es ſey ein heiliger Krieg, ſagte man, gegen Verrath⸗ Gotteslaͤſterung und Mord, und ein nothwendiger Krieg, um alle Verbindung zwiſchen der franzoͤſiſchen Regierung und dem miß ergnuͤgten Theil unſerer. ei⸗ genen Unterthanen abzubrechen, die auf keine andere Weiſe von dem engſten, feſteſten und geſahrlichſten Einverſtaͤndniß mit derſelben abgehalten werden. Ein anderer Grund zu Feindſeligkeiten, der mit aͤhnlichen Faͤllen in der Geſchichte mehr uͤbereinſtimm⸗ te, war der Umſtand, daß die Franzoſen durch ein foͤrmliches Dekret die Oeffnung der Schelde proklamirt hatten. Dadurch hatten ſie einen Punkt als bewilligt angenommen, durch deſſen Verweigerung die Staaten von Holland von jeher ihren, Nationalwohlſtand be⸗ dingt ſahen. Unter andern Umſtänden wurde dies der Gegenſtand einer Unterhandlung geworden ſeyn, Aber die Meinungsverſchiedenheit uͤber die allgemeine Politik der Revolution, und die Art, wie ſie vorgegangen war, ſezte die Regierungen von Frankreich und Eng⸗ land in einen ſchroffen und unaufloͤslichen Widerſpruch gegen einander, daß der Krieg unvermeidlich wurde, 1⁰9 Lord Gower, der brittiſche Botſchafter, wurde unmittelbar nach der Hinrichtung des Koͤnigs zuruͤck⸗ gerufen. Der Fuͤrſt lebte nicht mehr, bei dem er be⸗ glaubigt war, und aus dem nemlichen Grunde wurde dem franzoͤſiſchen Geſandten am Hofe von St. James, ob er gleich nicht von der Regierung Sr. Majeſtaͤt entlaſſen war, die Eroͤffnung gemacht, daß die Mini⸗ ſter ihn nicht laͤnger als beglaubigt betrachteten. Den⸗ noch ſezte Pitt durch Marat, einen untergeordneten Agenten, einige Korreſpondenz mit der franzoͤſiſchen Regierung fort, in ſtets gehegtem Wunſche, den Frie⸗ den wo moͤglich zu erhalten. Was der brittiſche Mi⸗ niſter beſonders wuͤnſchte, war eine hinreichende Ver⸗ ſicherung, daß die ſtarken Ausdruͤcke eines Dekrets, welches der franzoͤſiſche Konvent am 19. November erlaſſen hatte, auf England nicht anwendbar ſeyn ſolle. Das Dekret lautete, wie folgt:„Der Nationalkon⸗ vent erklaͤrt im Namen der franzoͤſiſchen Nation, daß er Bruͤderſchaft und Huͤlfe allen Voͤlkern verwilligt, welche ihre Freiheit wieder zu erringen wuͤnſchen, und er beauftragt die ausuͤbende Gewalt, die noͤthigen Be⸗ fehle an die Generale zu ſenden, ſolchen Voͤlkern Huͤl⸗ fe zu leiſten, und diejenigen Buͤrger zu vertheidigen, welche in der Sache der Freiheit gelitten haͤtten, oder leiden wuͤrden.“— Damit dieſes Dekret denen kein Geheimniß bleiben moͤge, zu deren Gunſten es dienen ſollte, ſo ward befohlen, daßſelbe in alle fremde Spra⸗ chen uͤberſezt abdrucken zu laſſen. Der Konvent ſo⸗ 11⁰ wohl als die Miniſter Frankreichs verweigerten jedes Zugeſtaͤndniß, daß das Dekret auf Großbritannien nicht anwendbar ſey; gleichmaͤßig verweigerten ſie jede Art von Eroͤrterung uͤber die Eroͤffnung der Schelde, und ſchließlich erklaͤrte der ganze Konvent, ohne eine einzige abweichende Stimme, den Krieg gegen Eng⸗ land, welches nichts deſtoweniger manchmal, noch bis auf den heutigen Tag, als der Theil dargeſtellt wird, der Frankreich den Krieg erklaͤrt habe. Pitt wurde in der That gegen ſeinen Willen in den Krieg hineingezogen. Mit noch groͤßern miniſteri⸗ ellen Talenten, als ſein großer Vater, pflegte er doch nicht ſolche Plane von militaͤriſchen Siegen zu hegen, wie ſie dem Geiſte Chatams vorſchwebten, und er ſah natuͤrlicherweiſe ungern, daß durch die Verwicklung in einen koſtſpieligen Krieg die Finanzplane geſtoͤrt wer⸗ den mußten, durch welche er die Einkuͤnfte Großbritan⸗ niens aus einem ſehr tiefen Stand empor gehoben hatte. Man ſagte von Chatanm, er habe es fuͤr das beſte Spar⸗ ſyſtem gehalten, jede Kriegsruͤſtung, zu der er ſich ent⸗ ſchloß, ſo ſtark zu machen, daß aller Widerſtand er⸗ folglos werden mußte. Ein General, der zu einer ſol⸗ chen Unternehmung verwandt werden ſollte, hatte ei⸗ ne gewiſſe Truppenzahl als hinreichend verlangt, ſeine Alſicht ins Werk zu ſetzen.—„Nehmen Sie die dop⸗ pelte Zahl,“ ſagte Lord Chatam, Sein Sohn war nicht gewohnt, ſo zu rechnen, und wuͤrde elleicht eher die verlangte Zahl herabgeſezt, mit demſelben Ge⸗ 111 neral wegen der geringſten Anzahl gemarktet, und ihn endlich an der Spitze eines 0 kleinen Korps fortge⸗ ſchickt haben, als dieſer ſich haͤtte gefallen laſſen. Dieſe unzeitige Sparſamkeit, hinſichtlich der Mittel, entſtand aus den fuͤr die brittiſche Armee erforderlichen Aus⸗ gaben. Sie gehoͤren gewiß zu den tapferſten, am beſten befehligten und am reichlichſten bezahlten Truppen Eu⸗ ropa's; aber hinſichtlich der von ihnen verlangten Ta⸗ pferkeit und den Erwartungen von ihren Thaten ſind ihre Mitunterthanen zu ausſchweifenden Berechnungen geneigt, da ſie nicht gewohnt ſind, mllitaͤriſche Berech⸗ nungen anzuſtellen, oder die numeriſche Ueberlegenheit anderer Laͤnder zu beachten. Daß ein Englaͤnder es mit zwei Franzoſen aufnehne, iſt gewiß, daß er ſie aber niederwerſen werde, muß, obgleich es ein bewaͤhr⸗ ter Artikel im Volksglauben iſt, als ziemlich zweifel⸗ haft angeſehen werden, und es iſt nicht weiſe, einen Nrieg auf ſolche Gefahr hin zu wagen, oder anzuneh⸗ men, daß es darum, weil unſere Soldaten uns un⸗ endlich ſchaͤtzbar und obenein ein wenig koſtbar ſind, klug ſey, ſie in kleiner Anzahl auf verzweifelte Unter⸗ nehmungen auszuſenden. Ein anderer bei der Debatte uͤber Krieg und Frie⸗ den von Sheridan wohl beruͤhrter Punkt, war von der brittiſchen Adminiſtraton nicht hinreichend beachtet worden. Dieſer Staatsmann, deſſen Auffaſſung von Recht und unrecht bei irgend einer großen konſtitutio⸗ nellen Frage ſo ſcharf war, als die irgend eines poli⸗ tiſchen Zeitgenoſſen, ſagte, er wuͤnſche, daß jede moͤg⸗ liche Anſtrengung zu Erhaltung des Friedens gemacht werde. Wenn indeſſen dies unthunlich ſey, ſo trage er in dieſem Falle, aber auch nur in dieſem, auf ei⸗ nen kraftvollen Krieg an, keinen Krieg des Trugs und der Hinterliſt, mit furchſamen Operationen und ver⸗ zoͤgerten Anſtrengungen, ſondern einen Krieg mit hin⸗ reichender Kraft, um die Welt zu uͤberzeugen, daß wir fuͤr unſer theuerſtes und ſchaͤtzbarſtes Vorrecht kaͤmpften. Dieſen hochſinnigen und hoͤchſt richtigen Grundſatz verlor die brittiſche Politik waͤhrend der erſten Jahre ungluͤcklicherweiſe aus den Augen, wo doch mehr als eine Gelegenheit ſich zeigte, dem rieſenhaften Gegner einen kraͤftigen und zermalmenden Schlag beizubringen. Eine tapfere Huͤlfsarmee wurde indeſſen ſogleich ausgeruͤſtet, und nach Holland eingeſchifft mit Seiner koniglichen Hoheit, dem Herzog von York an der Spi⸗ tze, als ob der Koͤnig geſonnen ſey, ſeinen Alliirten das theuerſte Pfand zu geben, das er beſitze, um zu zeigen, wie ernſtlich gemeint der Antheil ſey, den er an ihrer Vertheidigung nehme. Aber obgleich die engliſche Armee gut ansgrriſtet und unter dem jungen Prinzen von Abercromby, Dun⸗ das, Sir William Erskine und vielen andern tapfern und erfahrnen Offizieren befehligt war, ſo muß man doch goſtehen, daß ſie ſich von den niederſchlagenden und desorganiſirenden Wirkungen des amerikaniſchen Kriegs 11³ Kriegs noch nicht erholt hatten. Die Soldaten waren in der That ſtattliche Maͤnner auf der Parade, aber ihr aͤußerliches Anſehen war durch eine große Aufmerk⸗ famfeit auf tauſend Kleinigkeiten und Quaͤlereien er⸗ langt, auf Koſten jeder Beguemlichkeit von ihnen er⸗ zwungen, und gab dennoch nur den aͤußern Anſchein einer großen Geuͤbtheit, ſtatt der leichten Beweglich⸗ keit und der einfachen Kleidung. Es beſtand, wie wir gbauben, kein allgemeines Manoͤvrirſyſtem bei dieſen Tdruppen„jeder Oberſt handhabte ſein Regiment, wie es ihm gefiel. An einem Schlachttage konnten zwei oder drei Bataillons nicht in Uebereinſtimmung han⸗ deln, ohne lange vorhergehende Berathung; in der Schlacht ging es, wie ders Zufall es fuͤgte. Die Offi⸗ ziere waren uͤberdies mit ihren Soldaten und ihrer Pflicht weit weniger bekannt, als jezt von ihnen ver⸗ langt wird. Die Kaͤußlichkeit der Offiziersſtellen, wo⸗ durch die Armee mit dem Lande und dem Eigenthum in Verbindung gebracht wird, war damals ſo ſehr miß⸗ braucht, daß ein bartloſer Knabe auf einmal mit Um⸗ gehung der untern Dienſtſtufen zu einer Hauptmanns⸗ oder Majorsſtelle gelangen konnte, ohne einen Monat in der Armee gedient zu haben. Kurz, alle die unge⸗ heuren Mißbraͤuche beſtanden noch, welche der erlauchte Prinz, den wir genannt haben, aus der Armee durch Anordnungen entfernt hat, fuͤr die ihm ſein Land nie genug danken kann, und ohne weſche ſie nie die aus⸗ gezeichnete Rolle haͤtte ſpielen konnen, die ihr in dem W. Scott's Werke. XXIX. 8 114 ſchrecklichen Drama beſtimmt war, das unter weit we⸗ niger guͤnſtigen Vorzeichen beginnen ſollte. Es hing noch, wie eine Wolke, uͤber dem militaͤ⸗ riſchen Rufe Englands der ungluͤckliche Ausgang des amerikaniſchen Kriegs, wo die von regulaͤren Truppen uͤber weniger diſziplinirte errungenen Vortheile im Anfang vertaͤndelt wurden, bis der Geiſt Waſhington's und der wachſende Muth und die Menge der Konti⸗ nentalarmeen dieſes anfangliche Uebergewicht voͤllig uͤberwogen, und faſt ganz vernichteten. Doch die brittiſchen Truppen machten dem Natio⸗ nalkarakter keine Schande, und zeigten ſich der Ehre nicht unwuͤrdig, unter den Augen des Sohns ihres Souverains zu fechten; mit der oͤſterreichiſchen Armee unter dem Prinzen von Sachſen⸗ Koburg vereinigt, gaben ſie viele Beweiſe von Tapferkeit und Kriegs⸗ zucht. Die Erſtuͤrmung des verſchanzten Lagers von Famars,— die Schlacht von Lincelles, ihr Antheil an den Belagerungen von Valenciennes und Condé, die ſich beide nach einander an die alliirten Truppen ergaben, hielten den Ruhm ihres Landes aufrecht, und kamen denjenigen gleich, was in fruͤhern Zeiten das Reſultat eines gluͤcklichen Feldzugs geweſen ſeyn wuͤrde. Aber es war jezt fuͤr Europa die Zeit gekom⸗ men, wo der Krieg nicht laͤnger nach altem Brauche mit ſtehenden Armeen von maͤßiger Staͤrke gefuͤhrt werden duͤrfte, wo eine gewonnene oder verlorene Schlacht, eine aufgehobene oder gluͤcklich gefuͤhrte Be⸗ lagerung fuͤr die hoͤchſte Aufgabe eines ganzen Feld⸗ zugs galt, und die beiderſeitigen Truppen die Win⸗ terquartiere bezogen, waͤhrend die Diplomatie den von der Taktik vertagten Streit fortſezte. All dieſes muß⸗ te jezt bei Seite gelegt werden, auf dieſe ſchlaffe Krieg⸗ fuͤhrung ſollte jezt der Kampf ganzer Nationen folgen, die, gleich wuͤthenden Fechtern, mit allen Waffen, mit allen Gliedmaßen ſich bekaͤmpften. Die Lage Frank⸗ reichs in ſeinen innern und aͤußern Verhaͤltniſſen er⸗ forderte die ſchrecklichſten Anſtrengungen, die je von einem Lande gemacht wurden, und der Kraftaufwand, den ſie erforderte, wurden entweder von dem Enthu⸗ ſiasmus der Einwohner willig geleiſtet, oder durch die Energie und Strenge der Revolutionsregierung er⸗ zwungen. Wir muͤſſen einen einzigen Blick auf den Zuſtand des Landes werfen, ehe wir die Maßregeln andeuten, die zu ſeiner Vertheidigung ergriffen wur⸗ den. Auf der oͤſtlichen Graͤnze gegen Flandern hatte die engliſche und hanoͤvriſche Armee betraͤchtliche Fort⸗ ſchritte gemacht in Verbindung mit der oͤſterreichiſchen Armee unter dem Prinzen von Sachſen⸗Koburg, ei⸗ nem ausgezeichneten Offizier, der aber, in der alten Schule der foͤrmlichen und ſchleppenden Kriegsweiſe gebildet, es nie gehoͤrig erwog, daß eine neue Art Feinde ihm gegenuͤber ſtand, welche nothwendig auf eine andere Weiſe bekaͤmpft werden mußten, als die, mit denen er in ſeiner Jugend zu thun gehabt, und . 8.. 145 der, felbſt nicht unternehmend, die kuͤhnen Streiche des Feindes nicht vorgefehen oder nicht erwiedert zu haben ſcheint. Der Krieg am Rhein wurde von den vereinigten Preußen und Oeſterreichern mit vielem Nachdrucke ge⸗ fuͤhrt. Die Franzoſen verloren die wichtige Feſtung Mainz, wurden aus andern Plaͤtzen vertrieben, und erlitten manche Unfaͤlle, obgleich Cuſtine, Moreau, Houchard, Beauharnois und andere Generale von großem Verdienſt bereits den Waffen der Republik Glanz verliehen hatten. Der Verluſt der ſeſten Weiſ⸗ ſenburger Linien, die von Wurmſer, einem ausge⸗ zeichneten oͤſterreichiſchen General erſtuͤrmt wurden, vollendete hier das Ungluͤck der republikaniſchen Waffen. In Piemont waren die Frauzoſen ebenfalls un⸗ gluͤcklich, obgleich die Sache dort weniger groß und bedeutend war. Der republikaniſche General Brunet wurde aus ſeinem Lager zu Belvidere herausgeſchla⸗ gen, waͤhrend auf der ſoyeyiſchen Seite der Koͤnig von Savoyen gleichfalls einige temporaͤre Vortheile errang⸗ Eben ſo ungluͤcklich waren die republikaniſchen Armeen an den Pyrenzen. Eine ſpaniſche Armee, mit mehr Geiſt gefuͤhrt, als es kuͤrzlich mit den Trup⸗ pen dieſer einſt ſo ſtolzen Monarchie der Fall gewe⸗ ſen war, hatte den republikaniſchen General Servan geſchlagen, und die Bidoſſoa uberſchritten. An dem oͤſtlichen Ende dieſes beruͤhmten Gebuͤrgs hatten die Spa⸗ nier die Staͤdte Port⸗Vendre und Ollioules genommen, 117 Angegriffen auf ſo vielen Seiten und durch ſo viele Feinde, die alle, mit Ausnahme der Sardinier, mehr oder weniger innerhalb der Graͤnzen der Repu⸗ blick eingedrungen waren, haͤtte man glauben ſollen, daß es fuͤr Frankreich keine Rettung gaͤbe, als in der Einigkeit ſeiner Bewohner. Aber daran fehlte es ſo ſehr, daß ſogar in den weſtlichen Provinzen Frank⸗ reichs ein ſchrecklicher Buͤrgerkrieg ausgebrochen war, der durch ſeine Wichtigkeit und das Gluͤck der Empoͤ⸗ rer das Werk der Revolutiou zu zerſtoͤren drohte, waͤhrend aͤhnlicher Zwieſpalt auf verſchiedenen Punk⸗ ten des Suͤdens entſtand, und kein geringeres Un⸗ gluͤck befuͤrchten ließ. Es liegt nicht in unſerem Plan, die intereſſan⸗ ten Zuͤge des Kriegs in der Vendée ausfuͤhrlich dar⸗ zuſtellen; aber er iſt zu genau mit der Geſchichte die⸗ ſer Periode verwebt, um ganz hinweggelaſſen zu wer⸗. den. Wir haben bereits an einem Orte geſagt, daß von ganz Frankreich in der Vendee allein die Bauern und der Adel, mit andern Worten die Eigenthuͤmer und Bebauer des Bodens, in einer feſten und inni⸗ gen Verbindung und Freundſchaft geblieben waren, ſo daß ſie daſſelbe ungetheilte Intereſſe bei den großen durch die Revolution herbeigefuͤhrten Aenderungen fühlten. Die Lage der Vendée, ihr Boden und ihre Beſchaffenheit ſowohl, als die Sitten des Volks hat⸗ ten zu einer Gleichheit der Intereſſen und Denkweiſe oo 118 gefuͤhrt, welche die Verbindung zwiſchen den beiden Klaſſen unaufloͤslich machte. Die Vendée iſt voll Waͤlder und Waiden, zwar kein Gebuͤrgsland, aber ſehr uneben, von Baͤchen und vielen Kanaͤlen und Daͤmmen durchſchnitten, die in Verbindung mit den zahlreichen und verworrenen Ge⸗ hoͤlzen in Kriegszeiten ſehr feſte Stellungen darbieten. Die Umzaͤunungen ſchienen gleichſam dem Waldland abgewonnen, und die Pfade durch das Land waren ſo verworren und verſchlungen, daß dieſes den Fremden unzugaͤnglich, und den Eingeborenen ſelbſt beſchwer⸗ lich war. Es fehlte faſt ganz an Straßen, die in der Regenzeit fahrbar waren; die Regenzeit dauert aber in der Vendée ziemlich lang. Damen von Rang ka⸗ men, wenn ſie Beſuche machten, in Fuhrwerken, die von jungen Ochſen gezogen wurden, die Edelleute gin⸗ gen, ſo gut wie die Bauern, meiſt zu Fuße, und ka⸗ men mit Huͤlfe langer Springſtaͤbe, die ſie zu dieſem Behufe fuͤhrten, uͤber Graͤben und andere Hinderniſſe, welche andern Reiſenden unuͤberſteiglich ſchienen. Der ganze Landſtrich betraͤgt ungefaͤhr hundert und fuͤnfzig Quadratmeilen, und liegt an der Muͤn⸗ dung und an dem ſuͤdlichen Ufer der Loire. Der in⸗ nere Theil wird Le Bocage,(das Dickicht) genannt, weil er mehr als das uͤbrige Land mit Holz bewachſen und unwegſam iſt. Der Theil der Vendée, welcher hart an der Loire und naͤher an der Muͤndung liegt, wird le Louroux genannt. Die benachbarten Diſtrikte —— 119 nahmen an dem Aufſtande Theil, aber ſeine Staͤrke und die Art ſeiner Fuͤhrung gehoͤrte hauptſaͤchlich der Vendée an. Die Verbindung zwiſchen dem Adel der Vendée und ſeinen Bauern war ſehr innig. Ihre Hauptaus⸗ fuhr beſtand in ungeheuren Viehheerden, die ſie in fruchtbaren Wieſen aufzogen, und in die Hauptſtadt zum Verkaufe brachten. Dieſe Heerden ſowohl als das Land, auf welchem ſie genaͤhrt wurden, waren meiſten⸗ theils das Eigenthum der Lehensherrn, mit deſſen In⸗ tereſſe aber das des Paͤchters verknuͤpft war. Dieſer beſorgte den Viehſtand, verkaufte davon auf dem Markt, und bei der Vertheilung des Gewinns fand eine billi⸗ ge Ausgleichung der Antheile Statt. Ihre Vergnuͤgungen waren gemeinſchaftlich. Die Wolfsjagd, nicht blos zum Vergnuͤgen, ſondern auch um die Waͤlder von dieſen raͤuberiſchen Thieren zu reinigen, wurde, wie in alten Zeiten, von dem Le⸗ hensherrn an der Spitze ſeines Gefolgs und ſeiner Vaſallen vorgenommen. An den Abenden der Sonn⸗ und Feiertage begab ſich das junge Volk eines jeden Dorfs und jeder Metairie in den Hof des Schloſ⸗ ſes, als an den natuͤrlichen und paſſenden Platz ihrer Abendbeluſtigungen, und die Familie des Varons nahm oft Theil an dieſem Zeitvertreib.* Mit Einem Wort, dieſe zwei Theile der Geſell⸗ ſchaft hingen gegenſeitig von einander ab, und waren feſt aneinander gekettet durch Bande, welche in an⸗ d 120 dern Theilen Frankreichs nur in einzelnen Beiſpielen vorkamen. Der Bauer in der Vendée war der treue und anhaͤngliche, obwohl unterthaͤnige Freund ſeines Lehensherrn, er war ſein Genoſſe im Gluͤck und Un⸗ gluͤck, unterwarf ſeinem Urtheilsſpruch die Streitig⸗ keiten, die zwiſchen ihm und ſeinen Nachbarn entſte⸗ hen mochten, und nahm zu ſeinem Schutze Zuflucht, wenn er Unrecht erduldete, oder von irgend Jemand mit Ungerechtigkeit bedroht wurde. Dieſe einfachen und patriarchaliſchen Sitten haͤtten unter einer großen Ungleichheit des Vermoͤgens nicht lange beſtehen koͤnnen. Wir finden auch, daß die groͤß⸗ ten Guͤter des Vendéeadels nicht mehr als zwoͤlf⸗ bis fuͤnfzehnhundert Livres, die geringſten nur drei⸗ bis vierhundert Livres ertrugen. Sie waren alſo nicht durch uͤbergroßen Reichthum verſucht, Pracht zu zeigen, und diejenigen, welche an den Hof gingen, und ſich nach den Sitten der Hauptſtadt richteten, waren ge⸗ wohnt, ſie bei ihrer Ruͤckkehr nach Le Bocage ſchnell bei Seite zu legen, und die einfachen Sitten ihrer Vorfahren wieder anzunehmen. Alle die Anreizungen zur Uneinigkeit, welche allenthalben in Frankreich im Ueberfluß vorhanden wa⸗ ren, fehlten in dieſer wilden und waldigen Gegend, wo der wauer des Edelmanns treuer Genoſſe und Freund, der Edelmann der natuͤrliche Richter und Be⸗ ſchuͤtzer des Bauern war. Das Volk hatte die Geſiin: nungen der alten Franzoſen fuͤr das Koͤnigthum be⸗ 1 1²1 wahrk, es vernahm mit Mißvergnuͤgen und Wider⸗ willen die Berichte von den Begebenheiten der Revo⸗ lution, und da es ſelbſt die Uebel nicht fuͤhlte, in de⸗ nen ſie ihren Urſprung hatte, ſo ward ihm die ganze Nichtung derſelben ein Gegenſtand der Furcht und des Verdachts. Die benachbarten Diſtrikte, und die Bre⸗ tagner inſonderheit waren durch aͤhnliche Beweggruͤnde gereizt; denn obgleich die revolutionaͤren Grundſaͤtze in den Staͤdten des Weſtens vorherrſchten, ſo hatten ſie doch bei dem Landvolk eben ſo wenig, als bei dem Adel Beifall gefunden. Große Bewegung hatte eine Zeitlang Statt gefunden in den Provinzen von Bre⸗ tagne, Anjou, Maine und Poiton, welche der Kraft des Aufſtandes in der Vendée Vorſchub gab. Es war indeſſen kein politiſcher Antrieb, der die Vendée be⸗ wog, die Waffen zu ergreifen. In einem Lande, deſſen Sitten ſo einfach und tu⸗ gendhaft ſind, wie wir die Vendeée beſchrieben haben, mußte andaͤchtiger Sinn nothwendig eine allgemeine Eigenſchaft der Einwohner ſeyn, welche im Bewußt⸗ ſeyn, ihre Nachbarn, wie ſich ſelbſt zu lieben, gleich⸗ maͤßig wuͤnſchten, nach beſtem Vermoͤgen und Faͤhig⸗ keit das große Weſen, das Alles erſchaffen hat, zu lie⸗ ben und zu ehren. Die Vendéer waren daher in Er⸗ fuͤlung der vorgeſchriebenen Religionspflichten ſehr puͤnktlich, und ihr Pfarrer oder Curé hatte eine ge⸗ ehrte und einfiußreiche Stellung in ihrer kleinen Ge⸗ ſellſchaft, und war ſowohl der aͤrztliche als religioſe 142²2 Beiſtand der Kranken, ſein Berather in ſeinen Fami⸗ lienangelegenheiten, und oft der Schiedsrichter von Streitigkeiten, die nicht bedeutend genug waren, um vor den Lehensherrn gebracht zu werden. Die Geiſt⸗ lichen waren meiſt ſelbſt Eingeborene des Landes, mehr durch die alterthuͤmliche Gewiſſenhaftigkeit, wo⸗ mit ſie ihr Amt fuͤhrten, ausgezeichnet, als durch Ta⸗ lente und Gelehrſamkeit. Der Pfarrer nahm oft Theil an den großen Jagden, welche er von der Kanzel an⸗ kuͤndigte, und nach geleſener Meſſe ſelbſt mit der Jagd⸗ flinte auf der Schulter begleitete. Dieſe thaͤtige und einfache Lebensweiſe machte die Geiſtlichen faͤhig, die Beſchwerden des Krieges zu ertragen. Sie beglei⸗ teten die Banden der Vendée mit dem Kruzifir in der Hand, und verſprachen im Namen Gottes Sieg den Ueberlebenden, und Ehre denen, die in dem pa⸗ triotiſchen Kampfe fielen. Aber Madame la Roche⸗ Jacquelin weist es als eine Verlaͤumdung zuruͤck, daß ſie anders als zur Selbſtvertheidigung Waffen getra⸗ gen haͤtten. Faſt alle dieſe Pfarrprieſter waren von ihren Pfar⸗ reien vertrieben durch das abgeſchmakte und verfol⸗ gungsſuͤchtige Dekret der Verſammlung, deſſen Befoͤr⸗ derer uͤber Illiberalitaͤt und Intoleranz ſchimpften, aber dennoch dieſe Geiſtlichen, welche die Lehren, in denen ſie erzogen worden, und deren Aufrechthaltung ſie beſchworen hatten, nicht aufgeben wollten, ihres Amts und Einkommens, bald darauf ihrer Freiheit 123 und ihres Lebens beraubten. In der Vendée, wie uͤberall, wo die Pfarrer dieſem ungerechten und unpo⸗ litiſchen Befehl der geſetzgebenden Macht Widerſtand leiſteten, fing die Regierung an, ſie zu verfolgen, und ſtieß ſodann auch auf Gewaltthaͤtigkeit von Seite des Volks. Die Bauern behielten insgeheim ihre alten Pfar⸗ rer, und fanden ſich bei ihren gottesdienſtlichen Ver⸗ richtungen in Waͤldern und Wuͤſten ein, waͤhrend die aufgedrungenen Geiſtlichen, welche in die Pfruͤnden der Widerſpenſtigen eingeſezt waren, ohne den Schutz der Nationalgarden kaum in den Kirchen zu erſchei⸗ nen wagten. Als Dumouriez im Jahre 1791 die Truppen zu Nantes und in den umliegenden Diſtrikten befehligte, hatte das Feuer der Zwietracht bereits aufzuflammen begonnen. Er beſaß Scharfſinn genug, ſogleich alles Moͤgliche zu thun, um den Streit zwiſchen beiden Par⸗ theien durch Maͤßigung beizulegen. Sein militaͤriſches Auge entdeckte in den Einwohnern und ihrem Lande eine beunruhigende Ausſicht auf einen Buͤrgerkrieg. Er nahm die geringſten Zugeſtaͤndniſſe von Seiten der Pfarrprieſter als genuͤgend an, und ſcheint das aufge⸗ reizte Land wenigſtens fuͤr einige Zeit beſchwichtigt zu haben. ä Aber im Jahre 1793 brachten die naͤmlichen Urſa⸗ chen des Mißvergnuͤgens, verbunden mit einigen an⸗ dern, die Einwohner der Vendée zu einem allgemei⸗ 124 nen Aufſtande der ſchrecklichſten Art. Die Ereigniſſe des 10. Auguſts 4792 hatten aus Paris eine große Anzahl royaliſtiſchen Adels vertrieben, wovon viele ihr Mißvergnuͤgen und ihre kontrerevolutionaͤre Plane in ein Land brachten, das geneigt war, ſie aufzuneh⸗ men und ſich anzueignen. Sodann erfolgte das Dekret des Konvents, be⸗ treffend die gezwungene Aushebung von 300,000 Mann in Frankreich. Dieſe Maßregel, ſelbſt in den Departements, worin die revolutionaͤren Grundſäͤtze vorherrſchten, ſchwer gefuͤhlt, wurde von den Ven⸗ deern, welche der republikaniſchen Sache und ihren Grundſatzen gleich abgeneigt waren, als voͤllig uner⸗ traͤglich angeſehen. Sie widerſezten ſich der Aushe⸗ bung mit offener Gewalt, befreiten in vielen Faͤllen die Konſcribirten, ſchlugen die Nationalgarden zuruͤck, und da ſie fanden, daß ſie die Rache einer blutgieri⸗ gen Regierung auf ſich gezogen hatten, entſchloſſen ſie ſich, mit Gewalt den Widerſtand fortzuſetzen, den ſie mit Gewalt begonnen hatten. So entſprang dieſer be⸗ ruͤhmte Krieg, der ſo lange in dem Innern Frank⸗ reichs wuͤthete, und die Sicherheit der Regierung ſelbſt zu einer Zeit bedrohte, wo die Republik die glaͤnzendſten Siege gegen ihre aͤußern Feinde davon trug. Es iſt fern von unſerm Plane, die Geſchichte dieſer Feindſeligkeit ausfuͤhrlich darzuſtellen, aber eine Skitze ſeiner Begebenheiten iſt weſentlich in einem 125 allgemeinen Ueberblick der Nevolution und der mit ihr verknuͤpften Vorfaͤlle. Die Emporer, obgleich ſie die naͤmliche Sache ver⸗ theidigten, und haͤufig in Uebereinſtimmung zu Werk gingen, waren doch in verſchiedene Haufen getheilt, unter ſelbſtſtaͤndigen, von einander unabhaͤugigen Fuͤh⸗ rern. Die vom rechten Ufer der Loire ſtanden meiſt unter den Befehlen des beruͤhmten La Charette, der, aus einem Geſchlecht von ausgezeichneten Seemaͤnnern entſproſſen, ſelbſt Seeoffizier war, und dies gefaͤhrli⸗ che Kommando uͤbernommen hatte. Eine fruͤh erwach⸗ te Luſt zum Reiſen, nicht ungewoͤhnlich unter Juͤng⸗ lingen von lebhaftem und ehrgeizigem Charakter, hat⸗ te ihn mit den geheimſten Schlupfwinkeln der Waͤlder bekannt gemacht, und ſein naturliches Genie ihm die militaͤriſchen Vortheile gezeigt, die ſie darboten. In dieſem, wie in ſo manchen andern Faͤllen hatten ent⸗ weder die ſchlichten Bauern diejenigen Maͤnner, die am beſten dazu taugten, zu ihren Fuͤhrern zu waͤhlen gewußt, oder ſolche gefaͤhrliche Stellen wurden nur von denjenigen geſucht, die Klugheit und Entſchloſſen⸗ heit miteinander verbanden, und ſich bewußt waren, das Erforderliche leiſten zu koͤnnen. Es war auffal⸗ lend, daß die Infurgenten bei der Wahl ihrer Fuͤhrer keinen Unterſchied zwiſchen dem Adel und den untern Stäaͤnden machten. Hiſtoriſche Namen, wie Talmont, d' Autichamp, L' Eskure und La Roche⸗Jacquelin wur⸗ den mit dem Forſtwart Stoflet und Cathelinau, ei⸗ » 2 126 nem reiſenden Wollhaͤndler, zum Kommando berufen, wie auch La Charette, ein ſchlichter Buͤrgersmann, und andere Plebejer, die ſich darum nicht fuͤr vorneh⸗ mer, oder ihrem erſten Stande entruͤckt gehalten zu haben ſcheinen.*) In ihren Unternehmungen bilde⸗ ten ſie einen allgemeinen Rath von Offizieren, Geiſt⸗ lichen und andern, welche ihre Zuſammenkuͤnfte zu Chatillon hielten, und die militaͤriſchen Bewegungen der verſchiedenen Korps leiteten, ſie nach Gefallen auf beſondern Punkten und zu beſonderen Dienſtzwecken verſammelten, und nach geſchehener Sache wieder in ihre Heimath entließen. So einfach organiſirt bemaͤchtigten ſich die Ven⸗ déer in ungefaͤhr zwei Monaten mehrerer Staͤdte und eines ausgedehnten Landſtrichs, und obgleich wieder⸗ holt von regulaͤren, gut befehligten Truppen angegrif⸗ fen, waren ſie weit oͤfter Sieger, als Beſiegte, und fuͤgten den Republikanern durch den Gewinn einer einzigen Schlacht mehr Schaden zu, als ſie felbſt in wiederholten Niederlagen erlitten. *) Madame La Roche⸗Jacquelin erwähnt einer intereſſanten Anekdote von einem jungen Plebejer und ausgezeichneten Of⸗ fizier, welchem die gewohnte Ehrfurcht nicht geſtatten wollte, in ihrer Gegenwart ſich zu ſetzen. Dies kann man nicht Servilität nennen. Es war der edle Stolz einer edlen See⸗ le, die, ihren urſprünglichen Eindrücken getreu, die Vorzüge von ſich weist, die ihr von Andern eingeräumt werden wollen. 127 Doch anfangs waren ihre Waffen hoͤchſt einfach und unvollkommen; Jagdgewehre und Flinten von je⸗ dem Kaliber, die ſie als Jaͤger und Vogelſteller fuͤhr⸗ ten; zum Handgemenge hatten ſie blos Sicheln, Aer⸗ te, Knittel und uͤberhaupt ſolche Waffen, wie ſie die 4 Entruͤſtung dem Bauern in die Haͤnde gibt; ſpaͤter er⸗ hielten ſie durch ihre Siege Waffen im Ueberfluß, und Schießpulver bereiteten ſie ſelbſt in großer Menge. Ihre Taktik war eigenthuͤmlich, aber ihrem Lande und ihren Gewohnheiten ſo angemeſſen, daß es unmoͤg⸗ lich ſcheint, ein beſſeres und furchtbareres Syſtem aus⸗ findig zu machen. Der Vendéer zog ins Feld mit der allereinfachſten Ausruͤſtung. Seine Munition trug er in der Taſche, ſeine Kriegskleidung beſtand in der kur⸗ zen landuͤblichen Jacke und in Pantalons, die er auch bei ſeiner Arbeit trug. Ein linnener Sack enthielt Brod und einige kleine Geraͤthſchaften, und ſo war ſeine Ausruͤſtung fertig. Sie waren gewoͤhnt, ſehr verſteckt und ſtille ſich durch das Dickicht und die Ge⸗ hage, womit ihr Land durchſchnitten iſt, durchzuwin⸗ den, und dadurch im Stande, die guͤnſtigen Angriffs⸗ oder Vertheidigungspunkte zu waͤhlen. Ihre Armee war, wie keine andere Armee in der Welt, nicht in Kompagnien oder Regimenter abgetheilt, ſondern ſie folgten in Banden und nach Gefallen denjenigen Fuͤh⸗ rern, an die ſie die groͤßte Anhaͤnglichkeit hatten. Statt der Trommeln oder militaͤriſchen Muſtk hatten ſie, wie die alten Schweizer und Schotten, Kuhhoͤrner, um 128 damit Signale zu geben. Ihre Offiziere trugen zur Auszeichnung eine Art von rothgewuͤrfeltem Sacktuch um den Kopf gebunden, und ein anderes von gleicher Farbe als Schaͤrpe um den Leib, worein ſie ihre Pi⸗ ſtolen ſteckten.*) *) Die Annahme dieſer ſonderbaren Tracht, ſie ihnen wegen ihrer Abentheuerlichkeit den Namen Brigands zuzog, war ein grillenhafter Einfall von La Roche⸗Jacquelin, der ſich derſelben zuerſt bediente. Da aber dieſe Sonderbarkeit, ver⸗ eint mit ſeiner Verwegenheit im Geſechte, unter den Repu⸗ blikanern den allgemeinen Ruf veranlaßt hatte: Zielt nach dem rothen Sacktuch, ſo nahmen andere Offiziere dieſelbe Tracht an, um die Gefſahr des ſo hoch geachteten Führers zu vermeiden, bis ſie endlich gewiſſermaßen zur Uniform wurde. 3 (Die Foriſetzung dieſes Kapitels ſolst im nächſten Bändchen.)