Leihbibliothek veusſger engliſcher und franzöſ iſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen..„ 1.(Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur iangnehne und Rückgabe der Bücher jeden Tag von M 1 dühr bis Abends 8 Uhr offen. 1 Lesepreis. Bei Rückgabe eines Aeliehenen Buches wird von edan Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 2 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ſ. hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Wer.— f. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Af. „— 5. Auswärtige onnenten baben für und Zur⸗ fendung f der Bücher auf ihre eigenen Koſten und r ſelbſt zu forgen. 3 6. Schadenersatz. Fur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bütcher tnamentich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der 3 Lrdenpreis erſetzt werden.— 87 das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 5 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer um Erſatz des Ganzen verpflichtet. 5 7 ſei lennererf Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird l beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ] der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 —— Walter Scott's ſaͤmmtliche Wer k Neu uͤberſetzt. — Acht und zwanzigſter Band. Leben von Napoleon Buonaparte. Vierter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1 8 2 2.* — Leben von Napoleon Buonaparte, Kaiſers von Frankreich, mit einer Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revoln⸗ tion. Von Walter Scott. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von General J. v. Theobald. Vierter Theil. ——— Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1827. — Leben von Napoleon Buonaparte. Erſtes Kapitel. Ueberſicht der franzöoͤſiſchen Revolution. — Der 10. Auguſt.— Früh am Morgen ertönt die Sturmglocke.— Die Schweizer⸗Garden und der Reſt der königlichen Parthel begeben ſich in die Tuillerien.— Mandat wird ermordet.— Muthloſigkeit Ludwigs.— Energie der Königinn.— Die Miniſter des Königs erſcheinen vor den Schranken der Ver⸗ ſammlung, zeigen die Gefahr der königlichen Familie an, und verlangen, daß eine Deputation in den Pallaſt geſandt wer⸗ de. Die Verſammlung ſchreitet darüber zur Tagesordnung. — Ludwig und ſeine Familie begeben ſich in die Verſamm⸗ lung.— Gefſecht in den Tuillerien.— Die Schweizer erhal⸗ ten Befehl, ſich zu der Perſon des Königs zu begeben.— Auf dem Wege zur Verſammlung aber werden die meiſien erſchoſs ſen und zerſprengt.— Am Ende des Tags ſind ſie beinahe ſämmtlich niedergemetzelt.— Die königliche Familie bringt die Nacht in dem nahen Kloſter der Feuillans zu. Seit dem Aufſtand vom 22. Juni, welcher dem Koͤnig klar bewies, wie ſehr er der Willkuͤhr ſeiner Feinde preisgegeben ſey, hatte derſelbe beinahe jeden Gedanken an Rettung oder Entkommen ausdegeußm. W. Scon's Werke. XXVIII. à 4 6 Heinrich WV. wuͤrde die Waffen ergriffen haben,— Ludwig XVI. verlangte ſeinen Beichtvater.—„Ich habe nichts weiter mit der Erde zu thun,“ ſagte er, ich muß alle meine Gedanken auf den Himmel rich⸗ ten.“ Einige vergebliche Verſuche wurden gemacht, um die Fuͤhrer der Jakobiner zu beſtechen, dieſe nah⸗ men das Geld und verfolgten, wie man haͤtte erwar⸗ ten koͤnnen, ihren eigenen Weg mit gleicher Heftig⸗ keit. Der Antrag auf die Abſetzung des Koͤnigs glimmte noch in dem Convente, und das Schickſal deſſelben hieng von der kuͤnftigen Criſis ab. Endlich nahte der ſchickſalsvolle 10. Auguſt, der Tag, welcher nach wiederholtem Aufſchub von den Girondiſten und ihren Nebenbuhlern fuͤr den endlichen Aufſtand be⸗ ſtimmt worden war. Von ihrem Vorhaben unterrichtet, hatte der Koͤ⸗ nig ſchnell ungefaͤhr 1000 Mann Schweizer⸗Garden, auf deren Treue er ſich verlaſſen konnte, aus ihrem Barracken⸗Lager zu Courbe⸗Voie zuruͤckgerufen. Die ſtrenge Kriegszucht und das ſtandhafte Benehmen dieſer kapfern Gebirgsſoͤhne, haͤtte an die von Geſchichtſchrei⸗ bern gemachte Schildernng des unter aͤhnlichen um⸗ ſtaͤnden am Tage vor dem Gefecht bei den Barricaden unter der Regierung Heinrichs II. erfolgten Einzugs ihrer Vorfahren in Paris erinnern koͤnnen;*) aber *) Der Schauſpieldichter Lee, hat den Geſchichtſchreiber Davila folgendermaßen nachgeahmt: „„Habt Ihr es nicht gehört? Der König kam dem Tag zuvor, 4 7 der gegenwaͤrtige Augenblick war zu preſſant, um Betrachtungen uͤber vergangene Ereigniſſe zuzulaſſen. Fruͤh am Morgen des 10. Auguſts toͤnte die Sturmglocke uͤber das erſchreckte Paris hin, und ver⸗ kuͤndigte den Ausbruch des lange gedrohten Aufſtands. In vielen Kirchſpielen widerſezte ſich die konſtitutiv⸗ nelle Parthei denjenigen, welche das ſchreckvolle Sig⸗ nal ertoͤnen laſſen wollten, aber die wohl vorbereite⸗ ten Jakobiner waren uͤberall ſiegreich, und nach kurzer Zeit erſcholl der Trauerton von allen Thuͤrmen der Hauptſtadt herab. Auf dieſe melancholiſche Muſik ordneten die ſtrei⸗ tenden Partheien ihre Truppen⸗Macht, zum Angriff und zur Vertheidigung an dieſem Tage der Entſchei⸗ dung. Die Schweizer⸗Garden traten unter die Waf⸗ fen, und begaben ſich auf ihre Poſten in und um den Pallaſt. Ungefähr 400 Grenadiere von der loyalen Sektion Filles St. Thomas, vereinigt mit mehreren von der Sektion les petits Peres, auf welche man mit Recht alles Vertrauen ſetzen konnte, wurden im In⸗ nern des Pallaſtes aufgeſtellt, und mit den Schwei⸗ zern zu deſſen Vertheidigung verbunden. Die Reſte Empfieng die Schweizer⸗Garden innerhalb des Thors, Sie zogen luſtig ein, nach ihrer Pfeiſen⸗Ton, Das Voik ſtand paſſend, achtlos und erſchreckt, Es wich zurück in ſeine Schuppen, und ließ den Durchgang frei.“ 1.. der royaliſtiſchen Parthei, ungeſchreckt durch die Er⸗ eigniſſe vom 20. Februar des vorigen Jahrs,*) hat⸗ ten ſich beim erſten Schalle der Sturmglocke in. Pallaſt begeben.— Vereinigt mit den Hausbedienten der koͤniglichen Familie, mochten ſie ungefaͤhr 400 Mann ſtark ſeyn. Nichts kann ſtaͤrker den unvorbe⸗ reiteten Zuſtand des Hofs bezeichnen, als daß weder Musketen, noch Bayonette zur erforderlichen Bewaff⸗ nung dieſer Freiwilligen, und nicht einmal Munition vorhanden war, außer dem, was die Schweizer⸗ und National⸗Grenadiere in ihren Patrontaſchen hatten. Das Ausſehen dieſer kleinen Truppen war demnach mehr geeignet, Niedergeſchlagenheit als Zutrauen zu erwecken. Der ritterliche Ruf:„Eintritt fuͤr den Adel Frankreichs“ war das Signal, vor der koͤnigli⸗ chen Familie vorbei zu defiliren. Ach! ſtatt der tau⸗ jend Edlen, deren Schwerter Kouſt in ſolchen Gefah⸗ ren um ihren Monarchen glaͤnzten, traten nur Vete⸗ ran⸗Offiziere von Rang ein, deren Kraft, wenn ſchon nicht ihr Muth, durch die Jahre gebrochen war; ver⸗ miſcht mit ihnen waren Knaben kaum uͤber das Kin⸗ des⸗Alter hinaus, und Maͤnner von buͤrgerlichen Aemtern, von denen mehrere, wie Lamoignon Ma⸗ lesherbes, jezt zum erſten Mal das Schwert fuͤhrten. Ihre Waffen waren ſo verſchiedenartig als ihr Auf⸗ zug. Rappiere, Hirſchfaͤnger und Piſtolen, dieß wa⸗ *) Wo ſie unter ähnlichen Umſtänden von der National⸗Garde mißhandelt wurden. „— —— 9 ren die Waffen, womit ſie den mit Musketen und Artillerie wohl verſehenen Banden Widerſtand leiſten ſollten; doch dieß ſchlug ihren Muth nicht nieder. Vergeblich beſchwor die Koͤnigin Maͤnner von achtzig Jahren und daruͤber faſt mit Thraͤnen, von einem Kampfe ſich zuruͤck zu ziehen, wo ihre Kraft ſo wenig helfen konnte. Dieſe Veteranen fuͤhlten, daß die un⸗ gluͤckliche Stunde gekommen war, und unfaͤhig, zu fechten, nahmen ſie wenigſtens das Vorrecht in An⸗ ſpruch, in Erfuͤllung ihrer Pflicht zu ſterben. Das Benehmen Maria Antoinettens war hoch⸗ herzig im hoͤchſten Grade.„Ihr majeſtaͤtiſches Anſe⸗ hen, ſagt Pelletier, ihre oͤſterreichiſche Lippe und Ad⸗ lernaſe, gaben ihr ein Anſehen von Wuͤrde, das nur von denen begriffen werden kann, welche ſie in jener Stunde der Verſuchung ſahen.“ Haͤtte ſie dem Koͤ⸗ nig nur einen Theil ihres kraͤftigen Geiſtes einhau⸗ chen koͤnnen, er wuͤrde noch in der lezten Stunde den Revolutionsmaͤnnern den Sieg entriſſen haben; aber dem Ungluͤck, das er wie ein Heiliger zu ertragen vermochte, konnte er nicht die Stirne bieten und es wie ein Held bekaͤmpfen, und ſeine Gewiſſenszweifel, ob er Menſchenblut vergießen duͤrfe, raubten ihm uͤber⸗ dieß allen maͤnnlichen Muth. Das entfernte Geſchrei des Feindes wurde bereits vernommen, waͤhrend die Gaͤrten der Tuillerien ſich mit den dichten Legionen der National⸗Garden und mit ihren Kanonen fuͤllten. Von dieſen Buͤrger⸗Trup⸗ 40 pen, waren einige und beſonders die Artilleriſten ſo uͤbel wie moͤglich gegen den Koͤnig geſinnt, andere waren ihm wohl geneigt und der groͤßere Theil von zweifelhafter Stimmung. Mandat, ihr Befehlshaber, war gaͤnzlich im koͤniglichen Intereſſe. Er hatte die von ihm befehligten Truppen ſo vortheilhaft als mog⸗ lich geſtellt, um die Aufruͤhrer zu entmuthigen, und den Wohlgeſinnten Zutrauen einzuftoͤßen, als er die Weiſung erhielt, ſich auf die Municipalitaͤt zu bege⸗ ben, um Befehle einzuholen. Er gieng dem gemaͤß dahin, und erwartete Unterſtuͤtzung von den in dieſer Magiſtratur gebliebenen Konſtiturionellen, fand ſie aber voͤllig in der Gewalt der jakobiniſchen Parthei. Mandat wurde verhaftet und als Gefangener in die Abtei geſchickt, wohin er aber nicht gelangte, indem er an dem Thore des Hotel de Ville von einem Moͤr⸗ der durch einen Piſtolenſchuß niedergeſtreckt wurde. Sein Tod war ein unendlicher Verluſt ſir die koͤnig⸗ liche Parthei. Einen beſondern Vortheil hatte wan ſ zur naͤm⸗ lichen Zeit entſchluͤpfen laſſen. Der Briſſotiſte Pethion, Malre von Paris, wurde jezt unter den National⸗ Garden erblickt. Die Rovaliſten bemachtigten ſich ſei⸗ ner Perſon, und brachten ihn in den Pallaſt, wo der Vorſchlag gemacht wurde, dieſes Volks⸗Oberhaupt als Geißel zuruͤck zu behalten. Hierauf machten ſeine Freunde in der Verſamm⸗ lung den Antrag, daß er vor die Schranken gerufen 11 werden ſolle, um uͤber den Zuſtand der Hauptſtadt Nachricht zu geben: eine Botſchaft wurde dem gemaͤß abgeſchickt, um ſeine Erſcheinung zu verlangen, und Ladwig hatte die Schwaͤche, ſeinen Abzug zu geſtattene Die Bewegungen der Angreifenden waren weit nicht ſo raſch und lebhaft, als bei fruͤheren Gelegen⸗ heiten, wo man keinen großen Widerſtand erwartet hatte. Santerre, ein ausgezeichneter Braͤuer, der durch ſein großes Vermoͤgen und ſeinen ungemeinen Eifer fuͤr die Volksſache ſich bis zum Kommandanten der vorſtaͤdtiſchen Truppen erhoben hatte, war an Geiſt und Koͤrper gleich unthaͤtig, und keineswegs dem verzweifelten Spiele gewachſen, zu dem er beru⸗ fen war. Weſtermann, ein eifriger Republikaner und ein Soldat von Geſchick und Muth, kam, um San⸗ terres Marſch zu beſchleunigen, indem er ihn benach⸗ richtigte, daß die Marſeiller und die Foͤderirten aus der Bretagne auf dem Carouſſelplatze unter den Waf⸗ fen ſtuͤnden, und nur das Vorruͤcken der Pickenmaͤn⸗ ner aus den Vorſtaͤdten St. Ankoine und St. Mar⸗ ceau erwarteten. Als Santerre zauderte, ſetzte ihm Weſtermann den Degen an die Kehle, und der Buͤr⸗ ger⸗Kommandant ſezte endlich, weichend dem naͤhe⸗ ren Schrecken, ſeine Banden in Bewegung. Ihre Zahl war unermeßlich. Aber die wahre Kraft des An⸗ griffs lag in den Foͤderirten von Marſeille, aus der Bretagne und andern Provinzen, welche ſorgfaltig g mit Waffen und Munition verſehen worden waren. Ue⸗ 12² berdieß waren ſie der Gensd'armen oder Polizeiſolda⸗ ten gewiß, obgleich dieſe aufgerufen worden, und un⸗ ter des Koͤnigs Truppen eingereiht waren. Die Max⸗ ſeiller und Bretagner waren an der Spitze der langen Kolonnen der vorſtaͤdtiſchen Pickenmaͤnner, wie man die Schneide der Axrt mit dem Stahl verſieht, waͤh⸗ rend der hintere Theil von ſchlechterem Metalle iſt, um dem Schlag Gewicht zu geben. Mit dem Angriff wurde Weſtermann beauftragt. In der Zwiſchenzeit hatten die Vertheidiger des Pallaſtes Ludwig den Rath gegeben, die zu ſeiner Vertheidigung verſammelten Truppen in Augenſchein zu nehmen. Sein Ausſehen und ſeine Miene zeigten tiefe Niedergeſchlagenheit, und ſtatt einer Uniform trug er ein violettfarbenes Kleid, welches die Trauer⸗ farbe der Souveraine iſt. Seine Worte waren gebro⸗ chen und unzuſammenhaͤngend, wie die Toͤne eines verzweifelnden Menſchen, und ohne allen den Umſtaͤn⸗ den angemeſſenen Nachdruck.„Ich weiß nicht,“ ſagte er,„was ſis von mir wollen,— ich bin Willens, mit meinen treuen Dienern zu ſterben— ja, meine Her⸗ ren, wir wollen uns wehren, ſo lange wir koͤnnen.“ Vergebens bemuͤhte ſich die Koͤnigin, ihren Gemahl zu einem entſchloſſenern Tone zu vermoͤgen,— ver⸗ gebens riß ſie ſogar ein Piſtol aus dem Guͤrtel des Grafen von Affray, und druͤckte es in des Koͤnigs Hand mit den Worten:„Jezt iſt der Augenblick da, zu zeigen, wer Sie ſind.“ In der That, Barbarourx, 13 deſſen Zeugniß kaum bezweifelt werden kann, erklaͤrt ſeine ſeſte Ueberzeugung, daß die Nationalgarden dem Konig gefolgt ſeyn wuͤrden, und die Revolution un⸗ terdruͤckt haͤtten, wenn der Koͤnig in dieſem Augen⸗ blick ſelbſt ſein Pferd beſtiegen, und ſich an ihre Spitze geſtellt haͤtte. Die Geſchichte bietet ſtarke Parallelen dar, und man moͤchte glauben, wir ſpraͤchen von Margaretha von Anjou, wie ſie vergebens ihrem tu⸗ gendhaften, aber ſchwachſinnigen Gemahl Entſchloſſen⸗ heit einzufloͤßen ſtrebte. Im Pallaſt zeigte ſich die Stimmung der Truy⸗ pen vortrefflich, und hier ſowohl, als in den Hoͤſen der Tuillerien wurde des Koͤnigs Anrede mit dem Geſchrei: vive le roi! erwiedert. Als er aber hinaus⸗ trat in den Garten, war ſein Empfang bei den Le⸗ gionen der Nationalgarde mindeſtens zweideutig, und bek den Artilleriſten und einem Bataillon von St. Marceau entſchieden unguͤnſtig. Einige ſchrien: vive la nation! Andere:„Nieder mit dem Tyrannen!“ Der Koͤnig that nichts, ſeine eigenen Anhaͤnger zu er⸗ muthigen, oder ſeine Feinde zu ſchrecken, ſondern zog ſich zuruͤck, um Rath zu halten in dem Pallaſte, um welchen ſich der Sturm raſch ſammelte. Man haͤtte erwarten ſollen, daß die Verſamm⸗ lung, in welcher die Konſtitutionellen eine Majorjtaͤt beſaßen, welche ſtark genug geweſen war, die gegen Lafayette erhobene Anklage mit triumphirender Stim⸗ menmehrheit zu verwerfen; jezt, in der Stunde einer 14 ſchrecklichen Nothwendigkeit, einige Anſtrengung ma⸗ chen wuͤrden, um die Kxone zu retten, von welcher die Konſtitution anerkannt worden, und das Leben des ſchuldloſen Fuͤrſten, der ſie trug. Aber Furcht hielt dieſe unwuͤrdigen und unedlen Repraͤſentanten in ſtarken Banden. Die Miniſter des Koͤnigs erſchie⸗ nen vor den Schranken, ſtellten den Zuſtand des Pal⸗ laſtes und der Stadt vor, und beſchworen die Ver⸗ ſammlung, eine Deputation abzuſchicken, um Blut⸗ vergießen zu verhindern. Dieß war muthig gehandelt von Seiten dieſer treuen Diener; denn wer an des Koͤnigs Schickſal den geringſten Antheil zeigte, glich dem kuͤhnen Schwimmer, der ſich dem Wirbel naͤhert, der das Sinken eines maͤchtigen Schiſſes verurſacht hat. Zu der vorgeſchlagenen Maßregel hatte man am vergangenen 20ſten Juli ſeine Zuflucht genommen, und ſie hatte ſich damals erprobt, obgleich die Depu⸗ tation aus Mitgliedern beſtand, welche fuͤr den Koͤ⸗ nig nichts weniger, als guͤnſtig geſinnt waren. Jezt aber gieng die Verſammlung zur Tagesordnung uͤber, und uͤberließ dadurch das Schickſal des Koͤnigs und der Hauptſtadt dem Zufall oder dem Erfolge des Kampfes. Mittlerweile wurde der Pallaſt vollſtaͤndig be⸗ rennt. Die Bruͤcke in der Naͤhe der Tuillerien, pont royal genannt, von den Aufruͤhrern beſezt, und die Uferſtraße auf der andern Seite des Fluſſes mit Ge⸗ ſchuͤtz bepflanzt, wovon die Angreifenden ungefaͤhr 50 15 Stuͤcke hatten, die von den entſchiedenſten Jakobinern bedient wurden, denn die Artilleriſten hatten von Anfang an, die Volksſache mit ungewoͤhnlicher Ener⸗ gie ergriffen. Roͤderer, der General⸗Prokurator⸗Syndikus, der Bewahrer und das Organ des Geſetzes, welcher bereits den Schweizern und bewaffneten Royaliſten befohlen hatte, keine offenſive Bewegung zu machen, aber im Fall eines Angriſſs ſich zu vertheidigen; Röderer begann offenbar zu bedenken, daß durch dieſe geſtattete Erlaubniß, die Waffen, wenn auch nur zur Vertheidigung des Koͤnigs, zu gebrauchen, ſeine eige⸗ ne Sicherheit gefaͤhrdet ſey. Er drang deßhalb in den Koͤnig, ſich aus dem Pallaſte zu entfernen, und unter den Schutz der Nationalverſammlung zu ſtellen. Die Koniginn fuͤhlte auf einmal die ganze Schwaͤche und Entehrung, die darinn lag, als Schutzbeduͤrftige eine Koͤrperſchaft anzuflehen, welche auch nicht einen Schat⸗ ten von Theilnahme an ihrer Sicherheit gezeigt hatte, obgleich ſie wußte, daß die koͤnigliche Familie von ih⸗ ren grimmigſten Feinden umgeben ſey. Ehe ſie einer ſolchen Infamie ihre Zuſtimmung gaͤbe, ſagte ſie, wol⸗ le ſie ſich lieber an die Mauern des Pallaſtes anſchmie⸗ den laſſen. Aber ein Rath, der von irgend einer Seite die Nothwendigkeit des Blutvergießens abzu⸗ wenden verſprach, ſtimmte allzuſehr mit der furchtſa⸗ men Gewiſſenhaftigkeit und Unentſchloſſenheit Ludwigs uͤberein. Andere Maßregeln wurden ſchnell von de⸗ 16 nen in Vorſchlag gebracht, die ihr Leben fuͤr ſeine Sicherheit zu opfern entſchloſſen waren. Es blieb ihm indeſſen nur die Wahl, entweder an der Spitze ſeiner Garden zu fechten, oder ſich der Willkuͤhr der Repraͤſentanten zu unterwerfen, und Ludwig waͤhlte das Leztere. Seine Gemahlin, ſeine Schweſter und ſeine Kin⸗ der begleiteten ihn auf dieſem Wege, und die aͤußer⸗ ſten Anſtrengungen einer Bedeckung von 300 Schwei⸗ zern und Nationalgrenadieren waren kaum im Stan⸗ de, ſie und ein kleines Gefolge zu ſchuͤtzen, welches aus den Miniſtern und wenig Maͤnnern von Rang, dem Ueberreſte des glanzendſtens Hofs der Chriſten⸗ heit beſtand, welche die Begleiter ihres Herrn bei dieſer lezten Erniedrigung waren, die einer freiwilli⸗ gen Thronentſagung glich. Jeder Schritt auf dieſem Wege war mit den ſchrecklichſten Drohungen und Ver⸗ wuͤnſchungen begleitet, und die Gewehre mehr als ei⸗ nes Boͤſewichts wurden gegen ſie gerichtet. Die Koͤ⸗ nigin wurde ſogar ihrer Uhr und Boͤrſe beraubt, ſo nahe draͤngten ſich die Verruchteſten an die koͤniglichen Fluͤchtlinge heran. Ludwig zeigte die groͤßte Gelaſſen⸗ heit unter allen dieſen drohenden Gefahren. Er war ſchwach, wenn er toͤdten ſollte, aber feſt im Ent⸗ ſchluſſe, wenn es ſich nur darum handelte, zu ſter⸗ ben. Des Koͤnigs Eintritt in die Verſammlung war nicht ohne Wuͤrde.„Meine Familie und ich ſind zu Ihnen 47 Ihuen gekommen,“ ſagte er,„um die Begehung ei⸗ nes großen Verbrechens zu hindern;“ Vergniaud, der⸗ zeit Praͤftdent, antwortete mit Anſtand, obwohl zwei⸗ deutig. Er verſicherte dem Koͤnig, daß die Verſc lung ihre Pflichten kenne, und bereit ſey, 8 lung derſelben zu ſterben. Ein Mitglied de s Verges bemerkte mit bitterer Jronie, daß es der Verſamm⸗ lung unmoͤglich ſey, in Gegenwart des Monarchen rei zu berathſchlagen, und ſchlug vor, er ſolle ſich in eines der entfernteſten Ausſchußzimmer zuruͤckziehen, — ein Ort, wo die Ermordung verhaltnißmaͤßig leicht ſeyn mußte. Die Verſammlung verwarf dieſen Vor⸗ ſchlag als uͤbermuͤthig und hinterliſtig, und wieß der ungluͤcklichen Familie eine kleine Loge des ſogenann⸗ ten Logographen an, welche die Berichterſtatter der Debatten zu benuͤtzen pflegten. Kaum war dieſe An⸗ ordnung getroffen, als ein heftiges Gewehr⸗ und Ge⸗ ſchuͤtzfeuer verkuͤndigte, daß des Koͤnigs Ruͤckzug das ſo ſehr gefuͤrchtete Blutvergießen nicht verhindert habe. Man muß annehmen, es ſey Ludwigs Abſich geweſen, ſeine Garden und Vertheidiger ſollten ſich aus ſeinem Pallaſt ziehen, ſobald er ſelbſt denſelb verlaſſen haben wuͤrde; denn in welcher Abſicht ſollte er vertheidigt werden, da die koͤnigliche Familie nicht laͤnger dabei betheiligt war? und wie groß war die zefahr, da die Beſatzung um 300 Mann der beſten ruppen, die zur Bedeckung des Koͤnigs ausgewaͤhlt W, Scott's Werke XXVII. 2 18 wurden, verringert worden war? In Wirklichkeit aber war den Schweizern kein ſolcher Befehl, ſich zuruͤckzu⸗ ziehen, oder ſich nicht zu vertheidigen, ertheilt wor⸗ den, und die Kriegszucht dieſes trefflichen Korys ließ ohne Befehl einen Ruͤckzug von dem anvertrauten Poſten nicht zu. Hauptmann Duler ſoll den Mar⸗ ſchall Mailly um Befehle befragt, und zur Antwort erhalten haben: Laßt Euch nicht gewaltſam von euren Poſten vertreiben! Ihr koͤnnt Euch darauf verlaſſen, sntwortete der unerſchrockene Schweizer. In Betracht ihrer verminderten Zahl aber, und um nicht unnoͤthigerweiſe herauszufordern, wurde der Vorhof des Pallaſtes verlaſſen, und die Garden in das Gebaͤnde ſelbſt zuruͤckgezogen; ihre aͤußerſten Wa⸗ chen waren am Fuß der praͤchtigen Treppe aufgeſtellt, um eine Art von Verſchanzung zu vertheidigen, die hier ſeit dem 20. Juni errichtet worden war, um ferner das Eindringen in den Pallaſt zu verhuͤten, wie es an jenem Tage geſchehen war. Die Aufruͤhrer, mit den Marſeiller und Bretag⸗ ner Foͤderirten an der Spitze drangen ohne Wider⸗ ſtand in den Hofraum, pflanzten ihre Kanonen auf, wo einige kleine Gebaͤnde ihnen Vortheil gewaͤhrten, und ruͤckten ohne Zandern gegen die Außenpoſten der Schweizer an. Sie hatten an dieſem Tage bereits Blut gekoſtet, indem ſie eine Rovaliſtenpatrouille nie⸗ derhieben, welche nicht in die Tuillerien kommen konnte, und die Vertheidigung zu unterſtuͤtzen ge⸗ 19 ſucht hatte, indem ſie die von den Aufruͤhrern er⸗ griffenen Maßregeln zu hemmen, oder wenigſtens zu beobachten und auszukundſchaften ſuchte. Die Koͤpfe dieſer Leute wurden wie gewoͤhnlich auf Picken in ihren Reihen getragen. Sie ruͤckten vorwaͤrts, und die Schweizer ſollen den erſten Antrag zu einem Waffenſtillſtande gemacht haben. Aber die Angreifenden draͤngten ſich in Maſ⸗ ſe gegen die Verſchanzung heran, und da die Par⸗ theien ſo nahe zuſammentrafen, erfolgte ein Kampf, und ein Schuß fiel. Es iſt zweifelhaft, von welcher Seite er kam, aber von geringer Wichtigkeit; denn bei einer ſolchen Gelegenheit muß derjenige Theil fuͤr den Angreifenden gehalten werden, der den Poſten des andern gewaffnet und zum Angriff geruſtet ſich naͤhert; wenn auch der erſte Schuß von denen abge⸗ feuert wird, deren Stellung in Gefahr iſt, ſo iſt er doch nicht weniger vertheidigend, als wenn er zur Erwiederung eines Schuſſes von der andern Seite gefallen waͤre. Dieſer ungluͤckliche Schuß ſceint die geringe Hoffnung auf eine Vereinigung zwiſchen den Par⸗ theien zernichtet zu haben. Ein heftiges Feuer be⸗ gann ſogleich von den Foͤderirten und Marſeillern, waͤhrend es aus allen Fenſtern des Pallaſtes Kugeln regnete, die eine große Menge der Angreifenden nie⸗ der ſtreckten. Die Schweizer, deren Zahl nur noch 700 Mann betrug, entſchloſſen ſich nichts deſtoweni⸗ . e. sger zu einem Ausfall, welcher anfangs vollkommen gelang. Sie trieben die Aufruͤhrer aus dem Hof⸗ raum, toͤdteten viele von den Marſeillern und Bretag⸗ nern, nahmen einige ihrer Kanonen, und richteten ſie gegen die Straßen, zwangen die Angreifenden wirklich zur Flucht, ſo, daß man der Nationalver⸗ ſammlung hinterbrachte, die Schweizer ſeyen Sieger. Die aͤußerſte Verwirrung herrſchte hier; die Deputir⸗ ten machten einander gegenſeitig Vorwuͤrfe wegen ih⸗ rer Theilnahme an der Erregung des Aufſtandes; Briſſot zeigte Furcht, und mehrere von den Deputir⸗ ten verſuchten, in der Meinung, die Garden wuͤrden eilen, ſie niederzumachen, durch die Fenſter des Saals zu entkommen. Und in der That waͤre der Ausfall der Schweizer von einer hinreichenden Men⸗ ge treuer Reiterei unterſtuͤtzt worden, die Revolution haͤtte an dieſem Tage ihr Ende erreicht. Aber die Gensd'armen, die einzigen Reiſigen auf dem Kampf⸗ platze, waren der Sache des Volkes zugethan, und die Schweizer, zu gering an Zahl, um ihren Vortheil zu behaupten, mußten in den Pallaſt zuruͤckkehren, ſwo ſe aufs neue berennt wurden. Beſterman ſtellte ſeine Truppen und ſein Ge⸗ z mit vieler Einſicht auf, und ſezte das Feuer die Tuillerien von allen Seit en fort. Es wurde 36 eniger lebhaft erwiedert, denn die Vertheidiger begannen Mangel an Munition zu leiden. In dieſem Augenblick kam d'Heryilly aus der Verſammlung mit . 22 den Befehlen des Koͤnigs, die Schweizer ſollten das Feuer einſtellen, den Pallaſt raͤumen, und ſich zu dem Koͤnige verfuͤgen. Die treuen Garden gehorch⸗ ten ſogleich, ohne zu bedenken, daß dieß Unterwer⸗ fung ſey, und in der Meinung, ſie wuͤrden aufge⸗ fordert, irgendwo unter den Augen des Koͤnigs zu fechten. Sie hatten ſich nicht ſobald in einen Haufen verſammelt, und durch den Garten der Tuillerien zu ziehen verſucht, als ſie von allen Seiten einem moͤr⸗ deriſchen Feuer ausgeſezt waren; die Reſte dieſes edlen Korps, das dem in ſie geſezten Vertrauen ſo voͤllig entſprach, ſchmolzen bei jedem Schritt mehr zuſammen, bis ſie endlich, angegriffen von den ver⸗ raͤtheriſchen Gensd'armen, von denen ſie haͤtten un⸗ terſtuͤzt werden ſollen, ſich in einzelne Zuͤge aufloͤßten⸗ die mit Muth ſich zu vertheidigen fortfuhren, bis der Lezte derſelben uͤberwaͤltigt, zerſprengt, und durch die Menge vernichtet war. Kaum erwaͤhnt die Ge⸗ ſchichte einer beſſern Vertheidigung gegen ſo ſchreckliche Anfaͤlle,— eine unnützere laͤßt ſich kaum denken. Der Poͤbel drang nun mit ſeinen Fuͤhrern, den Foͤderirten in den Pallaſt ein, und veruͤbte eine bar⸗ bariſche Rache an den wenigen Vertheidigern, welche nicht entflohen waren, und waͤhrend einige die Leben⸗ den niederhieben, uͤbten andere, beſonders die ihr Geſchlecht vergeſſenden Weiber, die in den Reihen derfelben waren, die ſchaͤndlichſten Mißhandlungen an den Koͤrpern der Todten aus. 22 Faſt jede Art von Graͤuel wurde bei dieſer Ge⸗ legenheit veruͤbt, Pluͤnderung ausgenommen, welche die Volksmaſſe ſelbſt mitten unter allen Scheußlich⸗ keiten nicht geſtatten wollte. In den niedertrachtig⸗ ſten Seelen, ja ſogar, waͤhrend ſie in den gottloſeſten Schaͤndlichkeiten verſunken ſind, zeigen ſich immer noch beſſere Charakterzuͤge, welche beweiſen, daß das Bild der Gottheit ſelten voͤllig, auch in dem Buſen des verworfenſten Menſchen, ausgetilgt iſt. Ein ge⸗ meiner Handwerker aus den Vorſtaͤdten, in einer Kleidung, die aͤußerſte Armuth verrieth, drang durch bis zu dem Platze, wo die koͤnigliche Familie ſich ge⸗ ſezt hatte, und fragte nach dem Koͤnig unter dem Namen Monſieur Veto.„So, Ihr ſeyd hier,“ ſagte er,„Beſtie von einem Vero. Da iſt eine Geldboͤrſe, die ich in Eurem Hauſe druͤben gefunden habe. Haͤt⸗ tet Ihr die meinige gefunden, Ihr waͤrvet nicht ſo ehrlich geweſen.“ Zweifelsohne gab es unter dieſer ſchrecklichen Rotte viele Tauſende, deren natuͤrliche Ehrlichkeit ſie Pluͤnderung verabſcheuen lehrte, obgleich die irrigen Vorſtellungen, wodurch ſie zur Wuth ent⸗ flammt wurden, ſie leicht zum Aufruhr und Mord verleiteten. Von dieſen wuͤthenden Menſchen, deren Geſich⸗ ter von Pulver geſchwaͤrzt waren, deren Haͤnde und Waffen von Blut trieften, kamen Bande auf Bande heran, um die Rache der Verſammlung auf das Haupt des Koͤnigs und der koͤniglichen Familie her⸗ 25 abzurufen, und ſie druͤckten ſelbſt in der Gegenwart der von ihnen verlangten Schlachtopfer ihre Erwar⸗ tungen und Befeyhle aus, wie ſie behandelt werden ſollten. Vergniaud, welcher mehr als Briſſot, den Gi⸗ rondiſten einen Namen haͤtte geben ſollen, begann zuerſt, dieſen ſchrecklichen Bittſtellern ihre Wuͤnſche zu erfuͤllen. Er trug darauf an, daß erſtens ein Nationalkonvent zuſammenberufen, zweitens, der Koͤnig von ſeinem Amte ſuſpendirt werden, und drit⸗ tens, daß der Koͤnig im Pallsſt Luremburg wohnen ſollte, unter dem Schutze des Geſetzes, welches Wort zu gebrauchen, man ſich nicht entbloͤdete. Dieſe Vorſchlaͤge wurden einſtimmig angenommen. Ein beinahe vergeblicher Verſuch wurde gemacht, der noch uͤbrigen Abtheilung Schweizer das Leben zu retten, welche dem Koͤnige auf ſeinem Weg zur Ver⸗ ſammlung zur Bedeckung gedient, und mit denen ſich verſchiedene von den zerſprengten Royaliſten wieder vereinigt hatten. Ihre Offiziere ſchlugen, als die lezte Maßregel der Verzweiflung, vor, ſich der Ver⸗ ſammlung zu bemaͤchtigen, und die Deputirten als Geißeln fuͤr des Koͤnigs Sicherheit zu erklaͤren. Sie bedachten aber, daß bei ihrer geringen Zahl ein ſol⸗ cher Verſuch nur ein weiteres Blutvergießen zur Folge haben muͤßte, welches man ohne Zweifel der Verraͤtherei des Koͤnigs zugeſchrieben haben wuͤrde. Der Koͤnig befahl ihnen, die Waffen niederzulegen⸗ 2½ und dieß war der lezte Befehl, den er einer militaͤri⸗ ſchen Truppe ertheilte. Man gehorchte ihm; da ſie aber ſogleich von den Aufruͤhrern angefallen wurden, entkamen wenige dem Gemetzel, und Ergebung rettete nur eine geringe Anzahl. Ungefaͤhr 750 fielen in der Vertheidigung und nach der Beſtuͤrmung der Tuille⸗ rien. Einige wenige wurden durch die edlen Bemuͤh⸗ ungen einzelner Deputirten gerettet, andere wurden in das Gefaͤngniß geſchickt, wo ein blutiges Ende ih⸗ rer wartete,— der groͤßere Theil derſelben wurde von dem Pöoͤbel geſchlachtet, ſobald derſelbe ſie ohne Waffen erblickte. Die Volkshaufen ſuchten nach ihnen die ganze Nacht, und toͤdteten viele Thuͤrhuͤter von Privatleuten, welche zu Paris gewoͤhnlich Schweizer senannt werden, obgleich ſie oft in andern Laͤndern zu Hauſe ſind. Der koͤniglichen Familie wurde endlich geſtattet, die Nacht, welche, wie man vermuthen kann, ſchlaf⸗ los war, in den Zellen des benachbarten Kloſters der Feuillants zuzubringen. So endete fuͤr zwanzig Jahre und druͤber die Herrſchaft der Bourbonen über ihr altes Koͤnigreich Frankreich, 35 Zweites Kapitel. — Lalahette wird zur Flucht aus Frankreich gezwungen,— wird von den Preugen nebſt 6 Gefährten zum Gefangenen gemacht. — Betrachtungen.— Das Triumvirat, Danton, Robes⸗ pierre und Marat.— Errichtung des Revoluti Stumpfheit der geſepgebenden Verſammlu Stenay und Verdün werden von den P men.— Wuth des Pariſer Pöbels.— A 1 vielen Gefangenen in Paris, die am eten September ve⸗ ginnt, und am 6ten endet.— Unthätigkeit der Verſamm⸗ lung während und nach dieſen Ereigniſſen.— Ueberblick der Urſachen davon. Die Erfolge des 10ten Auguſts hatten hinrei chend den demokratiſchen Grundſatz feſtgeſtellt, da der Wille des Volks, der durch ſeine Aufſtaͤnde aus⸗ gedruͤckt werde, das hoͤchſte Gefetz ſey; die Redner in den Clubbs waren ſeine Dolmetſcher, und die Picken der Vorſtaͤdte ſeine vollziehende Gewalt. Das Sben und Vermoͤgen der Einzelnen wurden von nun an nur als Pachtungen auf Willkuͤhr angeſehen, die dem Widerruf unterworſen waren, ſobald ein liſtiger, bos⸗ hafter und habfuͤchtiger Demagoge im Stande ſeyn ſollte, gegen die geſetzlichen Eigenthuͤmer den leicht erregten Verdacht einer wankelmuͤthigen Menge zu richten, die durch Gewohnheit und Strafioſigkeit raub⸗ luͤchtig geworden war. Das auf dieſe Grundſaͤtze ge⸗ 5 8 26 baute, und Freiheit gen nnte Syſtem war in der That ein vollendeter Despotismus, weit ſchlimmer, als der in Algier, weil der tyranniſche Dey ſeine Unterdruͤckung und ſeine Grauſamkeiten nur in einem beſtimmten Umkreiſe ausuͤbt, der eine beſchraͤnkte An⸗ zahl ſeiner Unterthanen umfaßt, welche ſich ſeinem Throne naͤhern, waͤhrend von den vielen tauſend Fuh⸗ rern der Jakobiner Frankreichs ein jeder ſeinen be⸗ ſondern Kreis hatte, in welchem er ſo vollkommen, als Marat oder Robespierre, das Recht anſprach, fruͤhere Hintanſetzungen oder Beleidigungen zu raͤchen, und ſeinem eigenen Geluͤſte nach Mord und Naub Genuͤge zu leiſten. 4 Alle Departements Frankreichs ohne Ausnahme leiſteten ohne Ruͤckhalt den Beſchluͤſſen der Verſamm⸗ lung Gehorſam oder vielmehr denjenigen, welche der Gemeinderath von Paris und die Aufruͤhrer dieſem geſetzgebenden Koͤrper diktirt hatten, ſo daß die Stun⸗ de gekommen ſchien, wo die Obrigkeit von Paris, un⸗ terſtugt von einem demokratiſchen Haufen, im Na⸗ men und durch den Einfluß der Verſammlung Frank⸗ reich den von ihr gegebenen Geſetzen unterwerfen wuͤrde. Umſonſt verſuchte Lafayette, ſeine Soldaten ge⸗ gen dieſe nene Art von Despotismus aufzubringen. Die Jakobiner hatten ihre Freunde und Repraͤſen⸗ anten in den treueſten ſeiner Bataillone. Er machte indeſſen einen Verſuch, der kuͤhn genug war. Er be⸗ 27 machtigte ſich dreier Deputirten, welche von der Ver⸗ ſammlung an ihn als Commiſaaire geſchickt waren, um Gehorſam gegen ihre Befehle zu erzwingen, und ſchlug vor, ſie als Geißel fuͤr des Koͤnigs Sicherheit zuruͤckzubehalten. Mehrere von ſeinen hoͤhern Offizieren, unter an⸗ dern der unerſchrockene Deſair, ſchienen Willens, ihn zu unterſtuͤtzen, aber Duͤmouriez, vol Ehrgeiz, La⸗ fayettes Nachfolger im Oberkommando zu werden, und ſein perſoͤnlicher Feind, erkannte die Dekrete der Ver⸗ ſammlung bei der beſondern Armee an, welche er be⸗ fehligte. Sein Beiſpiel zog Lucknern nach, welcher ebenfalls ein unabhaͤngiges Armeekorps befehligte, und anfangs geneigt ſchien, ſich mit Lafapette zu verbin⸗ den. Dieſer ungluͤckliche Feldherr wurde endlich nicht einmal von einem betraͤchtlichen Theile ſeiner eigenen Armee unterſtuͤzt, ſo daß er mit drei Freunden, de⸗ ren Namen in der Revolution wohl bekannt ſind, aus Frankreich zu fliehen genoͤthigt war, und auf der feindlichen Graͤnze von einer preußiſchen Streifwache gefangen genommen wurde. Fluͤchtig aus ihrem eigenen Lager um der Sache des Koͤnigthums willen, haͤtten ſie in dem der alliir⸗ ken Konige, welche in der naͤmlichen Abſicht unter den Waffen ſtanden, eine Zuflucht ſinden ſollen; aber mit engherzigem Geiſte, der ihrer Sache nichts Gu⸗ tes weiſſagte, beſchloſſen die Alliirten, daß dieſe un⸗ . 28 gluͤcklichen Maͤnner als Staatsgefangene nach verſchie⸗ denen Feſtungen gebracht werden ſollten. Dieß Be⸗ nehmen von Seiten der Monarchen, ſo gereizt ſie auch durch das Andenken an einige Handlungen La⸗ fayette's im Anfang der Revolution ſeyn mochten, konnte weder von der Moral, dem Voͤlkerrechte, noch nach den Regeln einer geſunden Politik gutgeheißen werden. Wir billigen die demokratiſche Art von Mo⸗ narchie nicht, welche Lafuyette zu gruͤnden ſtrebte, und kögnen der Meinung nicht ſeyn, daß er, wenn er Kach ſeinem Siege auf dem Marsfeld zu handeln fortgefahren haͤtte, den Jakobiner⸗Klubb geſchloſſen und ſeine Popularitaͤt von dieſen blutigen Charlatans ſich nicht aus den Haͤnden haͤtte winden laſſen. Aber Jerthuͤmer im Urtheil muß man Maͤnnern verzeihen, welche ſich mitten unter unerhoͤrten Schwierigkeiten befinden, und Lafayette's Venehmen bei ſeinem Beſuch in Paris beweist ſeinen ernſtlichen Willen, den Koͤ⸗ ig und die Monarchie zu retten. Aber waͤre er auch eines Verbrechens gegen ſein Vaterland ſchuldig ge⸗ weſen, mit welchem Rechte konnte Oeſterreich und Preußen daruͤber erkennen? Fuͤr ſie war er ein bloßer riegsgefangener und nichts weiter. Endlith iſt noch zu bemerken, daß ſehr ſelten eine kleinliche und rach⸗ fuͤchtige Politik mit den wahren Intereſſen großer Furſten oder einzelner Menſchen uͤbereinſtimmt. In dem gegenwaͤrtigen Falle, bet der Verhaftung Lafayet⸗ te's zeigte ſich dieß auffallend. Sie lieferte Frankreich 28 und Europülden vollſtaͤndigen Beweis, daß die ver⸗ buͤndeten Monarchen entſchloſſen ſeyen, alle als Fein⸗ de zu betrachten, welche auf irgend eine Weiſe oder in irgend einem Grade die Revolution beguͤnſtigt hat⸗ ten, alſo das ganze franzoͤſiſche Volk, mit alleiniger Ausnahme der unter den Waffen ſtehenden Emigran⸗ ten. Die Wirkung mußte nothwendig die ſeyn, je⸗ den Franzoſen, welcher mehr Freiheit zu genießen wuͤnſchte, als ihm der alte Despotismus geſtattete, zur Unterwerfung unter die beſtehende Regierung, welche ſie auch immer ſeyn mochte, zu zwingen, ſo lange die angreifenden Armeen der Fremden, deren Abſichten ſich offenbar eben ſo wenig mit der Wohl⸗ fahrt, als mit der Unabhaͤngigkeit des Landes vertru⸗ gen, an den Graͤnzen Frankreichs ſtanden. lei aden uͤber der zuüfen Beute, welche ſie gemeinſchaftlich niedergeriſſen, hatten die Girondi⸗ ſten und Jakobiner ihre Streitigt ten auf eine kurze Zeit ausgeſezt. Als aber die konſtitutionelle Part hei kein Lebenszeichen mehr von ſich gab, fing ihr Zank bald wieder an, und die e Girondiſ ten entdeckt ten zeitig, daß ſie in den Verbuͤndeten, deren Huͤlfe ſie zur Un⸗ terjochung des Koͤnigthums aufriefe bereits mit Leuten zu kaͤmpfen hatten, che zwar an ſpekulati⸗ iſſen und an Beredtſamkeit, um die Ver⸗ ammlu ung zu beherrſchen, unter ihnen ſtanden, aber in einem weit hoͤher de die praktiſche Energie beſaßen, wodurch eyolndernan vollendet werden,— — ◻☛ 39 velche dadurch den Gemeinderath von Fris vollkom⸗ men beherrſchten und eine despotiſche Autoritaͤt uͤber alle Banden der Hauptſtadt behaupteten. Drei Schrek⸗ kensmaͤnner, deren Namen, wie wir hoffen, lange Zeit von aͤhnlichen Verbrechern unerreicht bleiben wer⸗ den, hatten jezt die unbeſtrittene Leitung der Jako⸗ biner, und wurden das Triumvirar genannt. Dan⸗ ton verdient zuerſt genannt zu werden, weil ihm kei⸗ ner ſeiner Kollegen an Talent und Kuͤhnheit gleich kam. Er war ein Mann von rieſenhafter Geſtalt, und hatte eine Donnerſtimme. Sein Geſicht war das eines Ogers auf den Schultern eines Herkules. Er froͤhnte nicht weniger den Vergnuͤgungen des Laſters, als ſeinem Hange zur Grauſamkeit, und er ſoll zu⸗ weilen mitten unter ſeinen Ausſchweifungen ver⸗ menſchlicht worden ſeyn; dann lachte er uͤber den Schrecken, welchen ſeine wuͤthenden Declamationen erregten, und man konnte ihm mit Sicherheit ſich naͤhern, wie dem Maͤlſtrom zur Zeit der Fluth. Sei⸗ ne Verſchwendung war ſo groß, daß ſie ſeiner Popu⸗ laritaͤt gefaͤhrlich wurde, denn der Pöoͤbel iſt eiferſuͤch⸗ tig uͤber einen unmaͤßigen Geldverbrauch, der ſeine. Guͤnſtlinge zu ſehr uͤber ihn ſelbſt erhoͤht, und die Anklage des Unterſchleifs findet ſtets willigen Glau⸗ ben, wenn ſie gegen Maͤnner im Staate angebracht wird. 3 8 G Robesvierre beſaß dieſen Vortheil uͤber Danton, daß er nicht nach Reichthum zu ſtreben ſchien, weder 31 um ihn aufzuhaͤufen, noch um ihn auszugeben, ſon⸗ dern in ſtrenger und oͤkonon Znruͤckgezogenheit lebte, um den Namen des Unbeſtechlichen zu rechtfer⸗ tigen, womit ihn ſeine Anhaͤnger beehrten. Er ſcheint wenig Anlagen gehabt zu haben, außer einer tiefen Heuchelei, einer ſtarken Sophiſtik und einer kalten, ſchwuͤlſtigen Beredtſamkeit, welche dem guten Ge⸗ ſchmacke ſo fremd war, als die von ihm empfohlenen Maßregeln der Menſchlichkeit. Es ſcheint ſonderbar, daß das Sieden und Sprudeln des revolntionairen Hexenkeſſels ein von allen Anſpruͤchen auf oͤffentliche Auszeichnung ſo erbaͤrmlich entbloͤßtes Ding aus der Tiefe emporgehoben, und ſo lange auf der Oberflaͤche erhalten haben ſollte; aber Nobespierre verſtand, den Gemuͤthern der Menge zu imponiren, und er wußte ſie zu betruͤgen, indem er ſeine Schmeichelei ihren Leidenſchaften und ihren Verſtandeskraͤften anpaßte; und ſeine Verſchlagenheit und Heuchelei hatten, wie gewoͤhnlich, bei dem Volke mehr Gewicht, als die Worte der Beredtſamkeit und die Grunde der Weis⸗ heit. Das Volk hoͤrte auf ihn, wie auf ſeinen Cice⸗ ro, wenn er ſeine Anreden: pauvre peuple vertueux! herauskraͤchzte, und eilte zu vollziehen, was immer ihm mit ſoichen ſchmaͤhlichen Phraſen empfohlen wur⸗ de, ohgleich von dem ſchlechteſten der Menſchen fuͤr die ſchlechteſten und unmenſchlichſten Zwecke. Eitelkeit war Robespierres herrſchende Leiden⸗ ſchaft, und obgleich ſein Geſicht der Spiegel ſeiner Seele war, ſo war er doch ſogar auf ſein koͤrperliches Ausſehen eitel und nahm nie das Aeußere eines Sansculotten an. Unter ſeinen jakobiniſchen Genoſ⸗ ſen zeichnete er ſich aus durch die Puͤnktlichkeit, wo⸗ mit ſein Haar gepudert war, und auf die Nettigkeit ſeines Anzugs achtete er ſehr ſorgfaͤltig, um wo mög⸗ lich der Gemeinheit ſeines Ausſehens das Gegenge⸗ wicht zu halten. Seine Zimmer, obgleich klein, wa⸗ ren elegant, und Eitelkeit hatte ſie mit den Bildniſ⸗ ſen ihres Inhabers angefuͤllt. R eres Bild in Lebensgröße hing an der einen E„ ſein Minia⸗ turgemaͤhlde an der andern, ſeine ſte nahm eine Niſche ein, und auf dem Tiſche waren einige Madail⸗ lons aufgeſtellt, welche ſeinen Kopf im Profil darſtell⸗ ten. Die hiedurch angezeigte Eitelkeit zengte von dem kälteſten und ſelbſtſuͤchtigſten Charakter, da er Vernachlaͤſſigung fuͤr eine Beleidigung auſah, und Huldigungen nur wie einen Tribut aufnahm, ſo daß Lob ohne Dankbarkeit angenommen, und mit Gefahr eines toͤdtlichen Haſſes verweigert wurde. Die Ei⸗ genliebe eines ſolchen gefaͤhrlichen Charakters iſt eng mit Vosheit verbunden, und Robespierre war einer 1 der boshafteſten und rachſuͤchtigſten Menſchen, welche 1 jemals gelebt haben. Man weiß nicht, daß er je ei⸗ nen Widerſpruch, eine Beleidigung oder auch nur ei⸗ ne Nebenbuhlerſchaft verziehen haͤtte, und auf ſeiner 3 en Grunde angemerkt zu bſchon nicht unmittelbares Todes⸗ r 441 Schreibtafel aus e ſeyn, war ein ſicher 33 Todesurtheil. Danton war ein Held, verglichen mit dieſem kalten, berechnenden, ſchleichenden Boͤſewicht, denn ſeine Leidenſchaften hatten, wenn ſie auch alles Maß uͤberſchritten, doch einen Anſtrich von Menſch⸗ lichkeit, und ſeine brutale Wildheit war von einem brutalen Muthe unterſtuͤzt. Robespierre war ein Feig⸗ ling, welcher Todesurtheile, mit zitternder Hand un⸗ terzeichnete, obgleich ſein Herz fuͤhllos blieb. Er hat⸗ te keine Leidenſchaften, denen man ſeine Verbrechen zur Laſt legen könnte; ſie wurden mit kaltem Blute und nach reifer Ueberlegung begangen. Marat, der dritte in dieſem hoͤlliſchen Triumvi⸗ rate, hatte die Aufmerkſamkeit der niedern Klaßfen auf ſich gezogen durch die Heftigkeit der Geſinnungen, welche er in dem Journal ausſprach, welches er von Anfang der Revolution an nach ſolchen Grundſatzen leitete, daß es bei der Befoͤrderung ihrer auf einan⸗ der folgenden Veraͤnderungen gleichſam den Zug fuͤhrte. Seine politiſchen Ermahnungen begannen und ende⸗ ten, wie das Geheul eines Bluthunds nach Mord, oder, wenn ein Wolf ein Journal haͤtte ſchreiben koͤn⸗ nen, ſo wuͤrde der ausgemergelte und ausgehungerte Elende nicht heftiger nach Mord gelechzt haben. Blut war Marats ſtetes Verlangen; nicht in Tropfen aus der Bruſt eines Einzelnen, nicht in ſchwachen Stroͤ⸗ men durch die Niedermetzlung der Familien, ſondern Blut, um ein Meer zu fuͤllen. Seine gewoͤhnliche Berechnung der Koͤpſe, welche er verlangte, betrug W. Scott's Werke. XXVIII. 3 34 260,000, und obgkeich er dieſelbe manchmal auf 300,005 ſteigerte, ſo fiel ſie doch nie unter die kleinere Zahl. Man darf hoffen, und zur Ehre der menſchlichen Na⸗ tur ſind wir geueigt, zu glauben, daß dieſer unnatuͤr⸗ lichen Wildheit ein Zug von Wahnſinn zu Grunde kag, und die wilden und haͤßlichen Zuͤge dieſes Elen⸗ den ſcheinen einen Grad von Verruͤcktheit anzudeuten. Marat war, wie Robespierre, ein Feigling. Zu wie⸗ derholten Malen wurde er in der Verſammlung an⸗ geklagt, hielt ſich aber verſteckt, ſtatt ſich zu verthei⸗ digen, und lag in irgend einer dunkeln Dachkammer oder einem Keller verborgen unter ſeinen Meuchel⸗ moͤrdern, bis ein Sturm erſchien, wenn ſein Todes⸗ gekraͤchz, gleich dem eines Ungluͤck weiſſagenden Vo⸗ gels, wieder gehoͤrt wurde. So war das ſonderbare und unheilvolle Triumvirat, bei welchem unter ver⸗ ſchiedenen Geſichtspunkten der gleiche Grad kannibali⸗ ſcher Graufamkeit ſich fand. Danton mordete, um ſeine Wuth zu ſtillen, Robespierre, um ſeine belei⸗ digte Eitelkeit zu raͤchen, oder einen Nebenbuhler zu entſernen, den er haßte, Marat aus dem naͤmlichen inſtinktartigen Bkutdurſt, der einen Wolf verleitet, die Verheerung unter der Heerde fortzuſetzen, nach⸗ dem ſein Hunger laͤngſt geſtillt iſt. Dieſe drei Maͤnner hatten den Gemeinderath von Paris voͤllig in ihrer Gewalt; dieſer war ausſchließe lich mit ihren Anhaͤngern beſetzt, und hielt nun als Gehieter der bewaſſneten Macht, welche am 10ten Au⸗ 2 35 auſt den Sieg erfochten hatte, die Verſammlung eben ſo vollkommen unter ſeiner Botmaͤßigkeit, als vor dieſem Zeitpunkt die Verſammlung den König. Es iſt wahr, Pethion war noch Maire von Paris, aber da er fuͤr einen Anhaͤnger Rolands und Briſoots galt, ſo wurde er von den Jakobinern wie ein Gefangener angeſehen, und unter ehrenvollem Zwang gehalten, in⸗ dem ihn ſtets eine Anzahl ihrer treueſten Anhaͤnger umgab, als Wache, welche, wie ſie vorgaben, zu ſei⸗ ner Vertheidigung und zu ſeinem Schutze beſtimmt ſey. Die Wahrheit iſt, daß Pethion, ein eitler und mit ſehr mittelmaͤßigen Talenten ausgeſtatteter Menſch, ſeine Wichtigkeit bereits verloren hatte. Seine kurze Popularitaͤt hatte ihren Grund faſt allein in der Feind⸗ ſchaft, welche der Hof gegen ihn hegte, und in dem Umſtand, daß er bei einer oder zwei Gelegenheiten, beſonders am 20. Juni dem perſoͤnlichen Mißfallen des Koͤnigs getrozt hatte. Dieß Verdienſt war nun vergeſſen, und Pethion ſank ſchuell in ſeine natuͤrliche Nichtigkeit herab. Nichts konnte klaͤglicher ſeyn, als das Auftreten dieſer obrigkeitlichen Perſon, deren Na⸗ me kurz vorher noch zu Paris in aller Munde gewe⸗ ſen war, wenn er vor die Schranken der Verſamm⸗ lung gebracht wurde, um durch ſeine Erſcheinung un⸗ ter ſeinen ſchrecklichen Revolutionsgenoſſen bleich und ſtotternd Petitionen zu unterſtutzen, deren Inhalt ihm nicht⸗weniger zuwider war, als ſeinen Freunden von der Girondiſten⸗Parthei, welche offenbar keine Macht 2 36 hatte, um ihn aus dem erniedrigenden Zuſtand von Zwang zu befreien. Die Forderungen des Gemeinderathes von Paris, dieſes Sanhedrins der Jakobiner, waren in der Re⸗ gel Blut und Rache, und Revolutionsgerichte, um kurz und ſcharf gegen Konſtitutionelle und Royaliſten, gegen Soldaten und Prieſter zu verfahren,— gegen alle, die nach dem Grundſatz handelten, daß der Koͤ⸗ nig einiges Recht habe, ſeine Perſon und ſeinen Pal⸗ laſt gegen einen wuͤthenden, mit Musketen und Ka⸗ nonen bewaffneten Volkshaufen zu vertheidigen,— gegen alle, welche auf irgend eine Weiſe beſchuldigt werden konnten, zu irgend einer Zeit waͤhrend aller Wechſel dieſer wechſelvollen Revolution Lehrſaͤtze gebil⸗ ligt zu haben, welche zur Monarchie fuͤhrten. Ein Revolutionsgericht wurde dem gemaͤß ange⸗ erdnet; aber die Girondiſten, um ſeinen Maßregeln einigen Zaum anzulegen, machten das Urtheil einer Jury zur Verurtheilung nothwendig; ein Hinderniß, das den Jakobinern eine unnoͤthige und unbuͤrgerliche Beſchrankung der Volksrechte ſchien. Robespierre ſoll⸗ te Praͤſident dieſes Gerichts werden, aber er lehnte dieſes Amt ab, in Betracht ſeiner philanthropiſchen Grundſatze! Indeſſen war die Schaͤrfe ſeiner Maßre⸗ geln hinreichend verſichert durch die Ernennung Dan⸗ 3 tons zum Juſtizminiſter, welches Amt ihm als einem Jakobiner zugefallen war, waͤhrend Roland, Servan und Klaviere, die ihren ſchrecklichen Kollegen glei 5d o. 3 ☛— A — —„na/ ⏑.Kᷣ 37 maͤßig fuͤrchteten und verabſcheuten, nebſt Monge und Lebrun die uͤbrigen Stellen bei der proviſoriſchen Ere⸗ kutivgewalt annahmen, wie man ſie jezt nannte. Die⸗ ſe lezten fuͤnf Miniſter waren Girondiſten. Es war nicht die ernſtliche Abſicht der Verſamm⸗ lung, Ludwig wieder in einen Pallaſt zu bringen, oder ihm auch nur die geringſte perſonliche Freiheit, den geringſten politiſchen Einfluß zu geſtatten. Sie hatte zwar in der Nacht des 10. Auguſts beſchloſſen, daß er den Pallaſt Luxemburg bewohnen ſollte; aber am 41. wurde ſein Aufenthaltsort mit dem der koͤniglichen Familie in eine alte Feſte verlegt, die der Tempel hieß, nach den Tempelrittern, denen ſie einſt gehoͤrt hatte. Es ſtand zwar vorn ein Haus mit einigen neueingerichteten Zimmern, aber Ludwigs Wohnung war das Gefaͤngniß oder der alte Verwahrungsort, das ein ungeheurer viereckiger Thurm von hohem Al⸗ ter war, der aus vier Stockwerken beſtand. Jedes Stockwerk enthielt zwei oder drei kleine Zimmer, aber dieſe waren mit nichts verſehen, und boten keine Be⸗ quemlichkeit dar, nicht einmal fuͤr eine gewoͤhnliche Familie, geſchweige denn fuͤr Gefangene von ſolchem Rang. Die koͤnigliche Familie wurde mit einer Stren⸗ ge bewacht, welche mit jedem Tage zunahm. Unterdeſfen verfuhr das Revolntionsgericht gegen die Freunde und Anhaͤnger des abgeſezten Monarchen, man haͤtte glauben follen, ohne einen Anſtrich von lei⸗ denſchaftlicher Heftigkeit. De la Porie, Intendant — 38 der Eivilliſte des Koͤnigs, d'Augremont und Duroſoi, ein royaliſtiſcher Schriftſteller, wurden mit einigen andern serurtheilt und hingerichtet. Aber Montmo⸗ rin, der Bruder des koͤniglichen Miniſt iſters, wurde losgeſprochen, und ſelbſt der Graf von Affray, obgleich Oberſt der Schweizergarden, fand Gnade vor dieſem Gericht,— ſo milde war es noch in Vergleich mit denen, unter welchen nachher Frankreich ſeufzen ſollte. Danton, dem ſeine Beute entgangen, oder der nur halb zufrieden war mit den gefallenen Oofern, koͤnn⸗ te dem geſpenſtiſchen Jaͤger Boccacier verglichen werden. „Finſter blickte der Unhold, als ſey ihm die Beute entgangen⸗ Nicht halb war ihm genügt, und gierig war er noch nach Mord.“ Aber ſchon hatte er in ſeiner Seele einen Rache⸗ plan entworfen, und mit ſeinen Genoſſen erwogen, ſo finſter und ſchrecklich, daß nie weder vor— noch nachher ein Boͤſewicht Kopf genug hatte, einen ſolchen zu entwerfen, oder Kraft, ihn auszufuͤhren. Es war eine Maßregel der Vertilgung, wozu ſich die Jakobi⸗ ner entſchloſſen,— eine in ihrem Plan und in ihrer Ausdehnung ſo vernichtende Maßregel, daß ſie jeden Royaliſten oder Konſtitutionellen, der einen Finger erheben, oder auch nur einen Gedanken gegen ſie un⸗ terhalten konnte, mit einem Male in ihrem eigenen Blut ertraͤnken ſollte. Drei Dinge waren unumgaͤnglich nothwendig zu — ihrem verruchten Plan. Erſtens mußten ſie die zahl⸗ reichen Opfer, welche in dieſer allgemeinen Vernich⸗ tung fallen ſollten, ſammeln, und in den Bereich ih⸗ rer Moͤrder bringen. Zweitens war nothwendig, die Verſammlung und namentlich die Girondiſtenparthei einzuſchuchtern; denn dieſe konnte leicht dazwiſchentre⸗ ten, wenn es in ihrer Gewalt blieb, Grauſamkeiten zu verhindern, die mit den Grundſaͤtzen der meiſten von ihnen unvertraͤglich waren. Endlich erkannten die jakobiniſchen Fuͤhrer wohl, daß ſie, um den öoͤſſent⸗ lichen Geiſt vorzubereiten, die von ihnen entworfenen Niedermetzlungen zu dulden, einen jener critiſchen Momente allgemeiner Beſtuͤrzung abwarten muͤßten⸗ wo Furcht die Menge grauſam macht, und die Bewe⸗ gungen der Wuth und des Schreckens zuſammenwir⸗ ken, um die Vernunft der Menſchen zu verwirren, und ihre Menſchlichkeit zugleich mit ihrem Verſtande zu unterdruͤcken. Gefangene in jed. Zahl zuſammenzubringen, war eine leichte Sache, da, um einen Mann ins Gefaͤng⸗ niß zu bringen, es nur noͤthig war, ihn, ſo unſchul⸗ dig er auch ſeyn mochte, einen Ariſtokraten oder eine verdaͤchtige Perſon zu nennen, beſonders wenn ſein Name eine edle Abſtammung bewieß, und ſein Aeu⸗ ßeres Anſtand zeigte. Um ſolche Verhaftungen auf Verdacht hin vorzunehmen, nahm der Gemeinderath von Paris offen das Amt auf ſich, Verhaftsbefehle auszutheilen, um eine Menge Menſchen einzukerkern, und ging endlich in ſeinem heftigen und willkuͤhrlichen 49 Verfahren ſo weit, daß er die Eiferſucht des geſetz⸗ gebenden Koͤrpers rege machte. Dieſe Verſammlung der National⸗ Repraͤſentan⸗ ten ſchien durch die Ereigniſſe des 10. Auguſts betaͤubt zu ſeyn. Zwei Drittheile der Deputirten hatten we⸗ nige Tage vorher Lafayette wegen des Eifers entſchul⸗ digt, womit er den mißgluͤckten Verſuch vom 20. Juni öͤffentlich geruͤgt hatte, der den gleichen Zweck erfuͤllen ſollte, welcher in dieſer lezten ſchrecklichen Epoche der Revolution erreicht worden war. Die naͤmliche An⸗ zahl war alſo, wie man annehmen muß, der durch die Einnahme der Tutlllerien herbeigefuͤhrten Revolu⸗ tion und der Entthronung des Monarchen entgegen, deſſen Wuͤrde und Perſon Lafayette hatte ſchuͤtzen und vertheidigen wollen. Aber in dieſem Theile der Ver⸗ ſammlung, obgleich er bei weitem der groͤßte und ver⸗ nuͤnftigſte war, fand ſich keine Energie mehr. Ihre Baͤnke waren leer, und keine Stimme erhob ſich, we⸗ der um ihre Wuͤrde zu behaupten, noch um zum lez⸗ ten Rettungsmittel, zu einer Verbindung mit den Girondiſten, welche jezt die leitende Macht in dem repraſentativen Koͤrper waren, zu rathen, um der Herrſchaft des revolutionaͤren Schreckens uͤber die buͤr⸗ gerliche Ordnung ein Ziel zu ſetzen. Die Girondiſten ſchlugen ſelbſt keine entſcheidenden Maßregeln vor, und obgleich ſte in ihren Reihen ſehr bedeutende Talente beſaßen, ſcheinen ſie doch die huͤlfloſeſte Parthei gewe⸗ ſen zu ſeyn, welche je in den Zuckungen eines Staats — — — ————— — 6 41 eine große Rolle zu ſpielen verſuchte. Sie ſcheinen erwartet zu haben, daß ihre eigene Oberherrſchaft an der Stelle des Throns ſich gruͤnden wuͤrde, ſobald ſie den Umſturz des leztern vollbracht hatten. Sie fan⸗ den ſich daher in ihrer Erwarrung betrogen, wie ein Kind, welches ſein Haus von Zweigen nach ſeinem eigenen Einfall gebaut hat, und erſtaunt iſt, dieſe größer und ſtaͤrker, als ſich ſelbſt zu finden, ſo daß ſie die Baumaterialien aus ihrem Wege werfen, an⸗ ſtatt, ſeiner Erwartung zufolge ſich um ſie zu ſchlin⸗ gen, um ein Dach zu bilden. Spaͤt erſt und furchtſam begannen ſie Einwen⸗ dungen zu machen gegen die uſurpirte Gewalt des Gemeinderaths von Paris, der ſo wenig Ruͤckſicht auf ſie nahm, als ſie gegen die konſtituirten Behoͤrden der ausuͤbenden Gewalt bewieſen. Die Klagen, welche ihnen gegen die gewaltthaͤti⸗ gen Eingriffe in die Freiheit des Volks ausfuͤhrlich vorgelegt wurden, hatten ſie bisher durch furchtſame Ermahnungen an den Gemeinderath beantwortet, er moͤchte doch in ſeinem Verfahren vorſichtig ſeyn. Aber am 29. Auguſt wurden ſie aus ihrer ſchwachen Un⸗ thaͤtigkeit durch die Anwendung offener Gewalt und ungeſchminkter Bosheit von Seite dieſer ſchrecklichen Nebenbuhler aufgeſchreckt, wozu man unmoͤglich ſchwei⸗ gen konnte. In der Nacht vorher hatte der Gemein⸗ derath aus eigener Macht ſeine Trabanten, die in den Municipalbeamten beſtanden, welche ihm voͤllig 42 ergeben, aus den entſchloſſenſten Jaksbinern gewaͤhlt, und bis zu einer außerordentlichen Zahl vermehrt worden waren, ausgeſandt, um Waffen jeder Art weg⸗ zunehmen, und verdaͤchtige Perſonen in jedem Winkel von Paris zu verhaften. Hunderte und Tauſende von Individuen wurden unter dieſer uſurpirten Ge⸗ walt den verſchiedenen Gefaͤngniſſen der Stadt uber⸗ geben, welche jezt mit Perſonen jedes Alters und Geſchlechts gefuͤllt wurden, gegen welche politiſcher Haß einen Verdacht aufbringen, Privathaß einen al⸗ ten Streit ins Leben rufen, oder Liebe zur Pluͤnder⸗ ung, die Luſt zur Conſiskation erwecken konnte. „Die Raͤubereien, Frechheiten und Grauſamkeiten, welche waͤhrend dieſes ungeſetzlichen Verfahrens be⸗ gangen wurden, und die ſchamloſe Verachtung, die ſich darin gegen dieß Anſehen der Verſammlung aus⸗ ſprach, weckten endlich, obwohl zu ſpaͤt, die Girondi⸗ ſten zu einigem Gefuͤhl von der Nothwendigkeit eines kraͤftigen Verfahrens. Sie forderten die Municipali⸗ taͤt vor ihre Schranken. Sie kam, aber nicht um das Mißfallen der Verſammlung durch Bitten abzu⸗ wenden, nicht um ſich ihrem Willen zu unterwerfen, — ſie kamen, um zu triumphiren, und fuͤhrten den ſprachloſen und zitternden Pethion in ihrem Gefolge mit, mehr wie ihren Gefangenen, als wie ihren Maire. Tallien fuͤhrte die Vertheidigung des Ge⸗ meinderaths, die in folgendem beſtand,„Die provi ſoriſchen Repraͤſentanten der Stadt Paris,“ ſagte er, 43 „ſind verlaͤumdet worden; ſie erſcheinen, um zu recht⸗ fertigen, was ſie gethan haben; nicht als Angeklagte, ſondern triumphirend, im Bewußtſeyn erfuͤllter pflicht. Das ſouveraine Volk,“ ſagte er,„hat ihnen volle Gewalt gegeben, und geſagt: Gehet hin, rettet das Vaterland in unſerem Namen,— was ihr thut, werden wir gut heißen.“ Dieß war in der That die Sprache des Trotzes, und von dem Geſchrei und Ge⸗ heul verſammelter Volkshaufen unterſtuͤzt, die bewaff⸗ net waren, wie zum Angriff auf die Tuillerien; und ihr Muth war, wie man ſich denken kann, gewiß nicht geringer, denn hier waren weder Ariſtokraten noch Schweizer⸗Garden zwiſchen ihnen und der ge⸗ ſetzgebenden Verſammlung. Ihr Geſchrei war:„Lang lebe unſer Gemeinderath,— unſere vortrefflichen Commißaire— wir wollen ſie vertheidigen oder ſter⸗ ben!“ Die Trabanten derſelben Parthei auf den Tribu⸗ nen oder Gallerien vereinigten ſich mit dem Ruſe, und miſchten Schmaͤhreden ein gegen diejenigen Mit⸗ glieder der Verſammlung, von denen man vermuthe⸗ te, daß ſie, wenn auch republikaniſch in ihren Grund⸗ ſäͤtzen, doch den revolutionairen Maßregeln des Ge⸗ meinderaths entgegen ſeyen. Der Volkshaufe von außen bahnte ſich bald einen Weg in den Saal, ver⸗ einigte ſich mit dem Poͤbelhaufen von innen, und ließ nun den theoretiſchen Republikanern der Ver⸗ ſammlung die Wahl zwiſchen der Einwilligung in ihre 44 Beſehle, der Flucht oder der Freiheit, gleich den Senatoren des von ihnen bewunderten Roms auf ih⸗ rem Poſten zu ſterben. Keiner ergriff dieſe lezte Alternative. Die Verſammlung brach in Verwirrung auf, und die Jakobiner waren nun ſicher, ſtraffos zu bleiben, ſie mochten auch unternehmen, was ſie woll⸗ ten. So erreichten Danton und ſeine ſchaͤndlichen Ge⸗ ſellen auch den zweiten Punkt, der zur Ausfuͤhrung der entworfenen Greuelſcenen noͤthig war; die geſetz⸗ gebende Verſammlung war vollſtaͤndig unterjocht und eingeſchuͤchtert. Sie hatten jezt nur noch eine beque⸗ me Gelegenheit zu ergreifen, um das Volk von Paris in feinem jetzigen fieberiſchen Zuſtande aufzureizen, daß es an Verbrechen Theil nahm, oder ſie duldete, vor denen in ruhigen Augenblicken die Roheſten zu⸗ rück geſchaudert haben wuͤrden; der Stand der Sachen an der Graͤnze lieferte ihnen eine ſolche Gelegen⸗ heit,— lieferte ihnen, ſagen wir, weil jeder vorbe⸗ reitende Schritt beweißt, daß die am 3. September veruͤbten Greuel vorher entworfen waren; ja die Gruben felbſt zur Beerdigung von Hunderten und Tauſenden von Gefangenen, die noch am Leben, noch unverhört und unverurtheilt waren, wurden bereits gegraben. n 3 Ein kurzes Gluͤck der alliirten Monarchen fiel wie ein Zunder in die ſchon bereitete Mine, und wrengte ſie, wie ein Blitzſtrahl ein Pulvermagazin 45 geſprengt haben wuͤrde. Es wurde verkuͤndigt, daß Longwy, Stenay und Verdun in die Haͤnde des Kö⸗ nigs von Preußen gefallen ſeyen. Die erſte und die lezte waren Graͤnzfeſtungen von bekannter Staͤrke, und man hatte bedeutenden Widerſtand erwartet. Der gluͤhende und kriegeriſche Geiſt der Franzoſen ward zur Entſchloſſenheit aufgeregt, als ſie erfuhren, daß ihre Graͤnzen ſolchergeſtalt uͤberſchritten ſeyen; Furcht und Niedergeſchlage heit ergriffen andere, welche die Trompeten der Alliirten ſchon vor den Thoren von Paris zu hoͤren glaubten. Zwiſchen dem heftigen Verlangen der einen, und dem Schrecken und der Niedergeſchlagenheit der andern entſtand ein ſtufenweiſes Aufſteigen von Unruhe und Aufreizung welche der Ausfuͤhrung jedes verzweifelten Plans guͤnſtig war; wie Raͤuber mitten unter einem Erd⸗ beben oder einem Brande ihr Gewerbe am beſten, und mit der geringſten Gefahr der Unterbrechung treiben. Am 2. September kuͤndigte der Gemeinderath von Paris den Fall von Longwy und das nahende Schickſal Verduns an, und wie wenn er die einzige konſtituirte Behoͤrde des Landes geweſen waͤre, befahl er hoͤchſt ſumariſche Maßregeln zur allgemeinen Ver⸗ theidigung. Allen Buͤrgern wurde befohlen, ſich in Bereitſchaft zu halten, um auf das erſte Aufgebet augenblicklich zu marſchieren. Alle Waffen ſollten dem Gemeinderath ausgeliefert werden, außer denen, die ſich in den Händen der aktiven Buͤrger befanden, die zum oͤffentlichen Schutze bewaffnet waren Ver⸗ daͤchtige Perſonen ſollten entwaffnet werden, und an⸗ dere Maßregeln wurden angekuͤndigt, welche alle dar⸗ auf berechnet waren, die Aufmerkſamkeit der Men⸗ ſchen auf ihre und ihrer Familien Sicherheit zu zie⸗ hen, und den Antheil zu vernichten, den man in gewoͤhnlichen Zeiten an dem Schickſale anderer ge⸗ nommen haben wuͤrde. Die fuͤrchterliche Stimme Dantons erſchreckte die Verſammlung mit aͤhnlichen Nachrichten, und er wuͤr⸗ digte ſie kaum der Frage, ob ſie die Maßregeln billi⸗ ge, welche der Gemeinderath von Paris auf ſeine eigene Verantwortung ergriffen habe.„Ihr werdet augenblicklich die Alarmkanonen hoͤren, faͤlſchlich ſo genannt, denn ſie ſind das Zeichen zu einem Augriff⸗ Muth,— Mnuth,— und noch einmal Muth iſt al⸗ les, was noͤthig iſt, um unſere Feinde zu beſtegen.“ Dieſe Worte, ausgeſprochen mit dem Tone und der Stellung eines Wuͤrgengels machten die Verſamm⸗ lung bleich und ſtarr. Wir finden nichts, was bei ihnen Antheil an der drohenden Gefahr des Volks von außen oder an der Uſurpation im Innern an⸗ zeigte. Sie ſchienen vom Schrecken gelaͤhmt. en Banden von Paris marſchierten ſchiedene Quartiere, um Waffen und Pferde ige Perſonen zu en ecken und anzugeben; die waſſenfahige Jugend wurde uhen⸗ Die bewaſſuet in d weagzunehmen, und verd 47 all gemuſtert, und durch Geſchrei, Ermahnungen, Debatten war die oͤffentliche Aufmerkſamkeit, jeder Einzelne mit ſeinen eigenen Angelegenheiten, in ſei⸗ nem eigenen Quartier ſo beſchaͤftigt, daß die allge⸗ meine Niedermetzlung der zahlreichen Geſangenen oh⸗ ne Dazwiſchenkunft irgend einer Art, weder von ge⸗ fetzlichen Behoͤrden, noch durch das allgemeine Mitge⸗ fuͤhl, mit einer Ruhe und Ueberlegung vollbracht wurde, die ihres Gleichen in der Geſchichte nicht hat. Der Leſer, welcher vielleicht noch ſtaunt, wie eine ſo ſchreckliche Handlung ohne Widerſtand ohne Unter⸗ brechung vor ſich gehen konnte, muß ſich nur die er⸗ ſtaunlichen Wirkungen des Volksſieges am 10. Auguſt ins Gedachtniß zuruͤckrufen; die ganzliche Ruhe der geſetzgebenden Verſammlung; den Mangel an einer bewaffneten Macht irgend einer Art, um ſich ſolchen Ausſchweifungen zu widerſetzen, und den epidemiſchen Schrecken, der die Menge machtlos und leidend macht, wie Kinder. Sollten dieſe Urſachen ihm nicht genu⸗ gend ſcheinen, ſo muß er ſich begnuͤgen, uber die Thatſachen, die wir erzaͤhlen zu erſaunen, wie uͤber eines jener ſchrecklichen Wunderzeichen, wodurch die Vorſehung unſere Vernunft beſchaͤmt und zeigt, wozu die menſchliche Natur gebracht werden kann, wenn die Bande der Religion und Moralitaͤt zerriſſen ſind. Die Anzahl der in den verſchiedenen Gefaͤngniſ⸗ ſen pon Paris aufgehaͤuften Gefangenen, war durch die auf den 10. Auguſt folgenden Verhaftungen und 48 Hausſuchungen auf ungefaͤhr 8000 geſtiegen. Es war der Zweck dieſes hoͤlliſchen Plans, den groͤßten Theil derſelben in einem allgemeinen Mordſyſtem aus der Welt zu ſchaffen; dieß ſollte aber nicht durch eine ploͤtzliche und wuͤthende Aufreizung einer bewaffneten Menge geſchehen, ſondern mit einem gewiſſen Grad von kaltem Blute und einer uͤberlegten Unterſuchung. Eine Anzahl bewaffneter Banditen, theils Marſeiller, theils ausgeſuchte Boͤſewichter aus den Vorſtaͤdten giengen nach den verſchiedenen Gefaͤngniſſen, wo ſie entweder mit Gewalt eindrangen, oder von den Ge⸗ fängnißwaͤrtern eingelaſſen wurden; die meiſten von dieſen waren unterrichtet von dem, was vorgehen ſollte, obgleich auch einige dieſer verhaͤrteten Menſchen ſich anſtrengten, um die ihrer Obhut Anvertrauten zu retten. Ein Revolutionsgericht wurde unter die⸗ ſen bewaffneten Boͤſewichtern ſelbſt gebildet, welche die Gefaͤngnißregiſter unterſuchten, und die Gefange⸗ nen einzeln aufforderten, ſich ihrem Verhoͤr zu unter⸗ ziehen. Wenn die Richter, wie faſt immer der Fall war, auf den Tod Kimmten, ſo wurde, um die An⸗ ſtrengungen verzweifelter Menſchen zu hindern, ihr Schickſal in den Worten ausgedruͤckt:„Laßt den Ge⸗ fangenen los.“ Das Opfer wurde dann hinaus ge⸗ ftoßen auf die Straße oder in den Hof, wo er von Maͤnnern und Weibern ſchnell abgefertigt wurde, die mit aufgeſtreiften Aermein, mit Armen, die bis an den Ellbogen mit Blut gefaͤrbt waren, mit Aexten, Picken 49 Picken und Saͤbeln das Urtheil vollſtreckten, und durch die Art, wie ſie ihr Amt an den Lebenden verrichte⸗ ten und die Koͤrper der Todten zerfleiſchten, bewieſen, daß ſie ihren Poſten ebenſowohl aus Mordluſt, gls aus Liebe zum Gelde einnahmen. Sie wechſelten oft die Plaͤtze; die Richter giengen hinaus, um das Hen⸗ keramt zu uͤbernehmen, die Henker ſaßen ſodann in itrer Reihe mit bluttriefenden Haͤnden als Richter. Maillard, ein Boͤſewicht, der ſich bei der Belagerung der Baſtille ausgezeichnet hatte, aber durch ſeine Tha⸗ ten auf dem Marſch nach Verſailles beſſer bekannt iſt, hatte waͤhrend dieſer kurzen und blutigen Unter⸗ ſuchungen den Vorſitz. Seine Geſaͤhrten auf der Bank waren gleichen Schlags; doch gab es Gelegen⸗ heiten, wo ſie einige fluͤchtige Spuren von Menſch⸗ lichkeit blicken ließen, und die Bemerkung iſt nicht unwichtig, daß Kuͤhnheit mehr auf ſie wirkte, als alle Bitten um Gnade und Mitleiden. So wurde ein eingeſtandener Royaliſt ungekraͤnkt entlaſſen, waͤh⸗ rend die Konſtitutionellen gewiß ſeyn konnten, nieder⸗ gemetzelt zu werden. Ein anderer ſonderbarer Zug iſt, daß zwei von dieſen Boͤſewichtern, welche aufge⸗ ſtellt waren, um eines der beabſichtigten Schlachtopfer zu bewachen, ihn als freigeſprochen ſicher nach Hauſe ent eßen, darauf beſtanden, ſein Zuſammentreffen mit ſeiner Familie zu ſehen, an den Entzuͤckungen diens Augenblicks Theil zu nehmen ſchienen, und beim Abſchied die Hand ihres geweſenen Gefangenen W. Seott's Werke XXVII. 4 4 ſchuͤttelten, waͤhrend au ihrer eigenen das geronnene Blut ſeiner Freunde klebte, und ſie kaum noch dieſel⸗ ben erhoben hatten, um ſein eigenes zu vergießen. Wenig aber und kurz waren dieſe Symptome von Mitleiden. Im allgemeinen war Tod das Loos der Gefangenen, und dieſes Schickſal wurde augenblicklich erfuͤllt. Mittlerweile waren die Geſangenen in ihrem Gefaͤngniß eingeſperrt, wie Vieh in dem Schlachthau⸗ ſe, und in vielen Faͤllen konnten ſie aus den Fen⸗ ſtern, die nach außen giengen, das Schickſal ihrer Gefaͤhrten bemerken, ihr Geſchrei hoͤren, ihren Kampf ſehen, und von dem ſchrecklichen Anblick lernen, auf welche Weiſe ſie am beſten ihrem eigenen nahenden Schickal entgegentreten koͤnnten. Sie bemerkten nach St. Meard, welcher in ſeiner wohlbekannten„ſechs und dreißigſtuͤndigen Todesangſt“ Nachricht von die⸗ ſen ſchrecklichen Auftritten gegeben hat, daß diejeni⸗ gen, welche die Schlaͤge der Henker durch Emporhal⸗ ten der Hand auffiengen, eine laͤngere Qual erdulde⸗ ten, waͤhrend diejenigen, wo man keinen Kampf er⸗ blickte, ſchneller abgefertigt wurden; und ſie ermu⸗ tthigten einander gegen eitig, ſich ihrem Schickſal auf die Weiſe zu unterwerfen, welche ihre Leiden am wenigſten verlaͤngern wuͤrde. Viele Damen, beſon⸗ ders diejenigen, welche zum Hofe gehoͤrten, wurden auf dieſe Weiſe abgeſchlachtet. Die Prinzeſſin Lam⸗ valle, deren einziges Verbrechen ihre Freundſchaft fuͤr 51 Marie Antoinette geweſen zu ſeyn ſcheint, wurde buchſtaͤblich in Stuͤcke gehauen, und ihr Kopf paratirte nebſt andern auf Picken durch die Hauptſtadt. Auf dieſer abſcheulichen Waffe wurde er nach dem Tempel gebracht, die Zuͤge noch ſchoͤn im Tode, und die lan⸗ gen ſchoͤnen Locken floſſen um den Speer her. Die Moͤrder beſtanden darauf, daß der Koͤnig und die Koͤnigin gezwungen werden ſollten, ans Fenſter zu treten, um dieſe entſetzliche Trophaͤe zu ſehen, Die Municipalbeamten, welche bei den koͤniglichen Gefan⸗ genen Wache hielten, hatten Muͤhe, nicht nur ſie von dieſer ſchrecklichen Unmenſchlichkeit zu retten, ſon⸗ dern auch zu verhindern, daß das Gefaͤngniß nicht erſtuͤrmt werde. Dreifarbige Baͤnder wurden quer uͤber die Straße geſpannt, und dieſe ſchwache Schran⸗ ke ward hinreichend beſunden, um anzudeuten, daß der Tempel unter dem Schutze der Nation ſtehe. Wir leſen nicht, daß die Wirkſamkeit der dreifarbigen Baͤnder zum Schutz irgend eines andern Gefaͤngniſſes verſucht worden ſey. Ohne Zweifel hatten die Henker ihre Anweiſungen, wo und wann dieſelben geachtet werden ſollten. Die Geiſtlichen, welche aus frommen Zweifeln den Konſtitutionseid nicht geleiſtet hatten, waren waͤhrend der Metzelei ganz beſonders der Gegenſtand des Hohns und der Erauſamkeiten, und ihr Beneh⸗ men war ſo, wie es mit ihren religioͤſen Bekenntniſ⸗ ſen und mit ihrem Gewiſſen uͤbereinſtimmte. Man 4„„ ſah ſie einander beichten, oder ihren Ungluͤcksgenoſſen aus dem Laienſtande Beichte hoͤren, und ſie zur Er⸗ duldung der Todes⸗Stunde mit ſo viel Ruhe ermu⸗ thigen, als ob ſie ſelbſt ihre Bitterkeit nicht auch zu thellen hatten. Als Proteſtanten koͤnnen wir, abge⸗ ſehen von andern Umſtaͤnden die Lehre nicht billigen, welche die Geiſtlichkeit eines Landes abhaͤngig macht von einem oberſten Biſchof, der der Fuͤrſt eines fremden Staates iſt. Aber dieſe Prieſter waren nicht die Urheber der Geſetze, fuͤr welche ſie litten; ſie ge⸗ horchren ihnen nur; und als Menſchen und Chriſten muͤſſen wir ſie als Maͤrtyrer betrachten, welche den Tod dem vorzogen, was ſie fuͤr einen Abfall anſahen. In den kurzen Zwiſchenraͤumen dieſer ſchrecklichen Schlaͤchterei, welche vier Tage dauerte, aßen, tran⸗ ken und ſchliefen Richter und Henker, und erwachten von ihrem Schlummer oder ſtanden von ihrem Mahle auf mit neuer Mordluſt. Es waren Platze angeord⸗ net fuͤr die maͤnnlichen und fuͤr die weiblichen Moͤr⸗ der, denn das Werk waͤre ohne die Dazwiſchenkunft der leztern unvollſtaͤndig geweſen. Gefaͤngniß auf Gefaͤngniß wurde umringt, darein eingedrungen, und unter denſelben Formen dieſelbe unmenſchliche Mezelei veruͤbt. Die Jakobiner hatten darauf gerechnet, das Blurbad in Frankreich allgemein zu machen, aber man folgte nicht uͤberall dem Beiſpiel. Es erforderte, wie bei der Bartholomaͤusnacht, der einzigen Metzelei, welche mit dieſer an Schrecklichkeit verglichen werden 53 kann, die Aufregung einer großen Hauptſtadt in el⸗ ener heftigen Kriſis, um ſolche Greuel moͤglich zu machen. Daran war der Gemeinderath von Paris nicht Schuld. Er that, was er konnte, den Kreis des Mordes auszudehnen. Ihr Befehl brachte von Orle⸗ aus gegen 60 Perſonen, unter denen ſich der Herzog von Coſſé⸗Briſfac, Deleſſart, kuͤrzlich noch Miniſter, und andere Rovaliſten von Rang befanden, deren Proceß von dem hohen Gerichtshof dieſes Departe⸗ ments haͤtte vorgenommen werden ſollen. Auf Ver⸗ anſtaltung des Gemeinderaths begegnete ihnen zu Verſailles eine Moͤrderbande, welche in Vereiniaung mit ihrer Bedeckung ſaſt alle dieſe ungluͤcklichen Maͤn⸗ ner niedermachte. Vom 2. bis zum 6. September wurden dieſe Verbrechen ununterbrochen fort veruͤbt, da ſie von den Thaͤtern wegen des Tagelohns von einem Louis⸗ dor verlaͤngert worden, welcher auf Befehl des Ge⸗ meinderaths oͤffentlich unter ihnen ausgetheilt wur⸗ de.*) Die Urſache davon war entweder der Wunſch, eine ſo eintraͤgliche Arbeit ſo lang als moͤglich fortzu⸗ ſetzen, oder weil dieſe Menſchen eine unerſäͤttliche Mordluſt ergriffen hatte, ſo daß die Moͤrder, nach⸗ dem die Staatsgefaͤngniſſe geleert waren, das Bicetre *) Die Bücher des Hotel de Ville enthalten den Beweis dies ſer Thatſache. Villaud de Varennes erſchien Cffentlich un⸗ ter den Mördern, und theilte den Blutpreis aus. 54 angriffen, ein Gefaͤngniß, worin nur gewoͤhnliche Verbrecher eingeſperrt ſind. Dieſe Ungluͤcklichen lei⸗ ſteten aber einen Widerſtand, der den Angreifern ei⸗ nen groͤßern Verluſt verurſachte, als ſie von allen ihren eigentlichen Opfern erlitten hatten. Sie waren gezwungen, mit Kanonen auf ſie zu feuern, und viele Hunderte dieſer ungluͤcklichen Geſchoͤpfe wurden durch Nichtswuͤrdige getoͤdtet, die ſchlechter waren, als ſie ſelbſt. Man hat nie eine genaue Berechnung der waͤh⸗ rend dieſer ſchrecklichen Periode ermordeten Perſonen entworfen; aber es iſt bekannt, daß nicht uͤber 2 oder 300 von den Staatsgefangenen entkamen oder losge⸗ ſprochen wurden, und die maͤßigſte Berechnung derje⸗ nigen, welche ſielen, ſteigt auf zwei oder drei Tau⸗ end, obgleich andere ſie boppelt ſo hoch anſchlagen. Truchod berichtete der geſetzgebenden Verſammlung, daß 4000 umgekommen ſeyen. Einige Verſuche wur⸗ den gemacht, um das Leben der wegen Schulden ein⸗ gekerkerten Perſonen zu retten, deren Anzahl nebſt den genoͤhnlichen Verbrechern das Verhaͤltniß zwiſchen der Zahl der Erſchlagenen und der Zahl 8000 lherſtel⸗ len kann, welches die Anzahl von Gefangenen war, gls die Niedermetzelung begann. Die Koͤrper wurden haufenweiſe in tiefe Gruben eingeſcharrt, welche auf Befehl des Gemeinderaths von Paris zum voraus zu⸗ gerichtet worden waren, aber ihre Gebeine wurden nachher in die unterirdiſchen Katakomben gebracht, 55 die das allgemeine Beinhaus der Stadt ſind. In dieſem melancholiſchen Orte, wo andere Ueberreſte der Sterblichkeit uͤberall offen umher liegen, ſind die Ue⸗ berbleibſel derjenigen, welche in dem Blutbad des Septembers umkamen, allein dem Auge verſchloſfen. Das Gewoͤlbe, worin ſie vuhen, iſt mit einer Mauer von Quaderſteinen bedeckt, als ob es Verbrechen an⸗ gehoͤre, woran man ſelbſt in dieſer eigentlichen Be⸗ hauſung des Todes nicht denken duͤrfe, und welche Frankreich gerne in Vergeſſenheit begraben wolle. Der Leſer wird doch auch begierig ſeyn, zu wiſ⸗ ſen, welche Anſtrengungen unterdeſſen von der Ver⸗ ſammlung gemacht wurden, um das Leben ſo vieler Franzoſen zu retten, oder einer Metzelei Einhalt zu sthun, welche mit Verachtung aller geſetzlichen Ein⸗ ſchreitung, und nur von 200 oder 500 ſchrecklichen Verbrechern ausgeuͤbt wurden, deren Anzahl oft auf fuͤnfzig oder ſechzig herabſank. Er koͤnnte vernuͤnfti⸗ gerweiſe erwarten, daß die National⸗Repraͤſentanten feines jener donnernden Dekrete erlaſſen wuͤrde, welche ſie fruͤher gegen die Krone und den Adel ſchleuderten; daß ſie ſich durch Deputationen zu den verſchiedenen Sektionen haͤtten begeben, die Nationalgarde aufru⸗ fen, und alle auffordern ſollen, nicht nur diejenigen, welche fuͤr Ehre und Menſchlichkeit empfaͤnglich wa⸗ ren, ſondern alle, welche nur Athem und Leben von Menſchen hatten, um ſie zu unterſtuͤtzen, und dieſen die Menſchheit empoͤrenden Greueln ein Ende zu ma⸗ chen. Eine ſolche Berufung auf das Gefuͤhl ihrer Mitbuͤrger verſchaffte ihnen beim Sturze Robespier⸗ res den Sieg. Aber die Herrſchaft des Schrecens war noch in ihrem Beginnen, und die Menſchen hat⸗ ten noch nicht gelernt, welche Zuflucht in den ÄAn⸗ ſtrengungen der Verzweiflung liege. Statt einer ſolchen Energie, wie man ſie bei den Grundſaͤtzen, womit ſie ſich bruͤſteten, haͤtte erwarten koͤnnen, war das Betragen der Girondiſten ſo ſchuͤch⸗ tern, als nur immer moͤglich, obwohl ſie die einzige Parthei in der Verſammlung waren, welche die Ge⸗ walt, und muthmaßlicherweiſe auch die Neigung hatte, dem Strom des Verbrechens Einhalt zu thun. Wir haben ſorgfaltig den Moniteur durchgegan⸗ gen, welcher die offiziellen Berichte von den Sitzun⸗ gen der Verſammlung in dieſen ſchrecklichen Tagen enthalt. Wir finden viele patriotiſche Geſchenke von der Wichtigkeit, wie die folgenden: eine Flinte von einem Englaͤnder,— ein Paar Niethkutſchpferde von einem Kutſcher,— eine Karte der Gegend von Paris von einer Dame. Waͤhrend ſie mit dem Empfang und der Außzeichnung dieſer Buͤrgergeſchenke beſchaͤf⸗ tigt waren, enthielt ihr Tagebuch wenige und zweifel⸗ hafte Berichte uͤber die vergangenen Metzeleien. Die Verſammlung erließ kein Dekret gegen die Schlach⸗ terei, verlangte keine Unterſtuͤtzung von der oͤffentli⸗ chen Gewalt, und begnuͤgte ſich, an die Moͤrder eine erbaͤrmliche Deputation von zwoͤlf ihrer Mitglieder 57 zu ſenden, deren Auftrag ſich auf die Bitte um Ret⸗ tung eines ihrer Mitglieder von der konſtitutionellen Parthei beſchraͤnkt zu haben ſcheint. Mit Muͤhe ret⸗ teten ſie ihn und den beruͤhmten Abbé Sieard, den menſchenfreundlichen Lehrer der Taubſtummen, der als eidweigernder Prieſter eingekerkert worden war, und dem der Jammer und die Thraͤnen ſeiner un⸗ gluͤcklichen Schutzlinge Begnadigung ſelbſt von dieſen Unmenſchlichen verſchafft hatte. Duſſault, ein Mit⸗ glied dieſer Deputation, zeichnete ſich durch die An⸗ ſtrengung aus, womit er die Moͤrder zu bereden ſuch⸗ te, von ihrem Geſchaͤfte abzuſtehen.„Kehrt an Euren Ort zuruͤck,“ ſagte einer dieſer Boͤſewichter, deſſen Arme mit Blut befleckt waren;„Ihr habt uns zu vielen Zeitverluſt verurſacht. Kehrt an Euer Ge⸗ ſchaͤft zuruͤck, und laßt uns bei dem Unſrigen.“ Duſſault kehrte zuruͤck; um denen, die ihn abge⸗ ſandt hatten, das zu berichten, wovon er Zeuge gewe⸗ ſen und wie er empfangen worden war; er ſchloß mit dem Ausruf: Wehe mir, daß ich leben mußte, um ſolche Greuel zu ſehen, ohne ſie hindern zu koͤnnen; Die Verſammlung vernahm dieſe Angaben, und blieb furchtſam und ſchweigend wie vorher. Wo waren in dieſer Stunde die Maͤnner, wel⸗ che ihr Urtheil nach den Vorbildern Plutarchs, ihre Gefuͤhle nach der enthuſiaſtiſchen Beredtſamkeit Rouſ⸗ ſeau's bildeten? Wo waren die Girondiſten, welche von einem ihrer Bewunderer,(Buzot,) geprieſen wer⸗ 58 den, als ausgezeichnet durch Sittlichkeit, durch ſtrenge Rechtlichkeit, durch hohe Achtung fuͤr die Wuͤrde des Menſchen, durch ein tiefes Gefuͤhl ſeiner Nechte und Pflichten, durch eine aͤchte, ſtandhafte und unveraͤn⸗ derliche Liebe zur Ordnung, zur Gerechtigkeit und zur Freiheit? Waren die Augen ſolcher Maͤnner blind, daß ſie das Blut nicht ſehen konnten, das vier Tage lang durch die Straßen der Hauptſtadt floß? waren ihre Ohren taub, daß ſie das Geſchrei der Moͤrder, und das Todesgeaͤchz der Schlachtopfer nicht hoͤrten? oder waren ſie ſtumm geworden, daß ſie nicht Gott und Menſchen, ja die Steine von Paris anriefen, ih⸗ nen beizuſtehen, um einer ſolchen Verruchtheit ein Ziel zu ſetzen? Royaliſtiſche Schriftſteller haben politi⸗ ſche Gruͤnde vermuthet, weßwegen ſie ſich ſtill verhiel⸗ ten; denn den Rechtsgelehrten zufolge gibt es einen Grad von ſorgloſer oder furchtſamer Schwaͤche, welche nur dadurch erklaͤrt werden kann, daß ſie ihren Grund im Betruge hat. Sie fuͤhren an, daß die Girondi⸗ ſten mehr mit Vergnuͤgen, als mit Schrecken die be⸗ gangenen Greuel ſahen, weil ihre Feinde, die Jakobi⸗ ner, indem ſie die von ihnen gleichmaͤßig gehaßten Feinde, die Konſtitutionellen und Royaliſten ausrot⸗ teten, den ganzen Haß dieſes Blutvergießens auf ſich nahmen, welches bald, wie man erwarten konnte, den Sinn und die Gefuͤhle eines ſo gebildeten Volks, wie die Franzoſen, empoͤren mußte. Wir bleiben nichts deſtoweniger uͤberzeugt, daß Vergniaud, Briſſot, Ro⸗ 59 land und ſeine hochgeſinnte Gattin dieſen Septemben metzeleien ein Ziel geſezt haben wuͤrden, waͤre ihr Muth und ihre praktiſche Geſchicklichkeit in oͤffentli⸗ chen Geſchaͤften in irgend einem Verhaͤltniß mit der Einbildung geſtanden, die ihnen der Wahn beibrachte, ſie ſeyen zur Regierung Frankreichs berufen. Was aber auch der Grund ihrer ſtumpfen Unthaͤ⸗ tigkeit geweſen ſeyn mag, die geſetzgebende Verſamm⸗ kung ſchwieg beinahe zu den Mordſcenen, nicht nur waͤhrend ſie vorgingen, ſondern auch mehrere Tage nachher. Am 16. September, als Nachrichten von der Armee an den Graͤnzen Erfolge anzukuͤndigen be⸗ gannen, als der Schrecken der Hauptſtadt ſich allmaͤh⸗ lig legte, beſchuldigte Vergniaud auf eine geſchickte Weiſe die Jaksbiner, daß ſie den Unwillen des Volks, der ſie angeſpornt haben ſollte, muthvoll gegen den gemeinſamen Feind auszuziehen, gegen ungluͤckliche Staatsgefangene gewendet haͤtten. Er warf auch dem Gemeinderath vor, daß er ſich eine unkonſtitutionelle Gewalt angemaßt, und mit unmenſchlicher Tyrannei ſte mißbraucht habe; aber ſeine Nede machte wenig Eindruck, ſo ſehr koͤnnen die Gefuͤhle der Menſchen ſich mit Grauſamkeiten befreunden, wenn ſie oft wie⸗ derkehren. Als in der konſtituirenden Verſammlung die erſten Berichte uͤber die zu Avignon vorgefallenen Metzeleien verleſen wurden, ſank der Praͤſident in Ohnmacht, und alle Mitglieder zeigten einen Schau⸗ der, der Sinn und Geiſt ergriff; und jezt, da eine 60 weit grauſamere, weit laͤnger dauerndere, und weit aus⸗ gedehntere Reihe von Mordthaten unter ihren eigenen Augen vollbracht wurde, blickte die geſetzgebende Ver⸗ ſammlung in ſtumpfer Unthaͤtigkeit darauf hin. Das aͤußerſte, was die Beredtfamkeit eines Vergniaud von ihr erzwingen konnte, war ein Dekret, daß in Zu⸗ kunft der Gemeinderath mit ſeinem Leben fuͤr die Si⸗ cherheit der ſeiner Aufſicht anvertrauten Gefangenen verantwortlich ſeyn ſolle. Nachdem dieß Dekret durch⸗ gegangen war, loste ſich die geſetzgebende Verſamm⸗ lung, welches der zweite geſetzgebende Koͤrper der fran⸗ zöſiſchen Nation war, dem am 10. Auguſt gefaßten Beſchluſſe gemaͤß, auf, um dem Nationalkonvente Platz zu machen. Die geſetzgebende Verſammlung ſtand in Zuſam⸗ menſetzung und Charakter weit unter ihrer Vorgaͤn⸗ gerin. Die Bluͤthe der Talente Frankreichs hatte ſich natuͤrlicher Weiſe in der Nationalverſamlung verei⸗ nigt, und durch eine abgeſchmackte Anordnung hatte man ihre Mitglieder fuͤr unfaͤhig erklaͤrt, wieder er⸗ waͤhlt zu werden; nothwendiger Weiſe wurden ſie alſo in vieler Hinſicht auch durch Maͤnner von geringeren Anlagen und Einſichten erſezt. Die Beſtimmung der erſten Verſammlung wurde demnach in einem hoͤhern Grade erfuͤllt. Sie hatten oft Unrecht, waren oft ab⸗ geſchmackt, anmaßend und vermeſſen, aber niemals niedrig oder knechtiſch. Sie achteten die Freiheit der Debatten, vertheidigten mitten unter den bitterſten —— —— 61 politiſchen Streitigkeiten die Perſon ihrer Collegen, ſo feindlich ihnen auch ihre Meinungen gegenuͤber ſtehen mochten, und behaupteten ihre konſtitutionelle Unver⸗ letzlichkeit. Sie hatten den großen Vortheil, freigebo⸗ ren zu ſeyn, wie man es nennen mochte. Sie kamen in der That durch ihre Verſetzung nach Paris in Ge⸗ fangenſchaft, aber ihr Muth war ungebrochen, und ſie nachten den Boͤſewichtern, von denen ſie zu Zeiten verſoͤnlich beleidigt wurden, durchaus keine perſoͤnli⸗ chen Zugeſtandniſſe. Aber die zweite oder geſetzgebende Verſammlung war dagegen ſchon von dem Augenblick ihrer erſten Einberufung gefangen. Sie war nie anderswo, als in Paris zuſammengekommen, und an eine geduldige Unterwerfung unter die Tribunen und den Auswurf der Hauptſtadt gewoͤhnt, welcher zu wiederholten Ma⸗ len in ihren Saal brach, und ſeine Beſehle in Form von Petitionen ergehen ließ. Bei zwei merkwuͤrdigen Gelegenheiten zeigten ſie zu deutlich, daß Nuckſichten auf ihre perſönliche Sicherheit das Gefuͤhl ihrer oͤffent⸗ lichen Pflicht uͤberwaͤltigen koͤnne. Zwei Drittheile der Repraͤſentanten vereinigten ſich, um Lafayette loszu⸗ ſprechen, und erklaͤrten dadurch ihren Abſcheu gegen den Aufſtand vom 20. Juni; als aber der 10. Auguſt erfuͤllt hatte, was bei der fruͤheren Gelegenheit ver⸗ geblich verſucht worden war, ſtimmte die Verſamm⸗ lurg einmuthig fuͤr die Abſetzung des Monarchen, und ſezte ihn in's Geſaͤngniß. Zweitens blieben ſie waͤh⸗ rend der im September begangenen Greuel ſtumm und unthaͤtig, und duldeten, daß die ausuͤbende Ge⸗ walt durch den Gemeinderath von Paris ihren Haͤn⸗ den entriſſen, und vor ihren Augen zur Ermordung vieler tauſend Franzoſen benuͤzt wurde, deren Repraͤ⸗ ſentanten ſie waren. Man muß indeſſen doch erinnern, daß die geſetz⸗ gebende Verſammlung von den ſchrecklichſten Schwie⸗ rigkeiten und Gefahren umringt war, welche eine Regierung bedrohen koͤnnen;— von dem blutigen Zwieſpalt ſtreitender Faktionen, von den Waffen der Fremden, welche die Graͤnze bedrohten, und vom Buͤrgerkriege, der in den Provinzen ausbrach. Zu allen dieſen Schrecken und Gefahren kam noch, daß drei getheilte ſich befanden⸗ waͤhrend ein maͤchtiger Nebenbuhler, gleich furchtbar durch ſeine Kuͤhnheit und ſeine Ver⸗ brechen in vorherrſchendem Anſehen ſich erhob, wie die Hausmaier uͤber die ſchwachen Monagrchen der merovingiſchen Dynaſtie. — Partheien in der Verſamm lung ſelbſt —J;;— ——— 63 Drittes Kapitel,. Wahl der Repräſentanten zum Nationalkonvent.— D ſind ſehr thätig.— Rechte Seite.— Linke trale Mitglieder.— Die Girondiſten ſind ſcheinbar im Be⸗ ſitze der Gewalt.— Sie klagen die Jakobiner an, aber auf eine unregelmäßige und ſchwache Weiſe.— Marat, Robes⸗ pierre und Danton werden von dem Gemeinderath und der Volksmenge von Paris unterſtüzt.— Frankreich wird zur Republik erklärt.— Feldzug des Herzogs von Braunſchweig. — Er vernachläſſigt die franzöſiſchen Einigranten, iſt lang⸗ ſam in ſeinen Operationen,— beſezt den ärmſten Theil der Champagne. Krankheiten reißen unter ſeiner Armee ein. Ausſichten zu einer Schlacht⸗— Dumpuriez's Armee wird durch Carmagnolen ergänzt.— Der Herzog entſchließt ſich zum Rückzug.— Gedanken über die Folgen dieſer Maßregel. — Unglücklicher Rückzug.— Die Emigranten n ſich gro⸗ bentheils auf.— Betrachtungen über ihr Schickſal— Die Armee des Prinzen von Condé. ie Jakoblner ite.— Neu⸗ Natuͤrlicher Weiſe war es der Zweck einer jeden Parthei, die groͤßtmoͤgliche Majoritaͤt in, dem Natio⸗ nalkonvente zu erhalten, der jezt verſammelt werden follte, um die Regierung Frankreichs nach neuen Grund⸗ lagen anzuordnen, und die ſo oft beſchworene Conſti⸗ tution durch eine andere zu erſetzen. Die Jakobiner boten Allem auf. Sie ſchickten nicht nur Umlaufsſchreiben durch ihre 2000 Toͤchter⸗ geſellſchaften, ſondern ſandten auch 300 Commiſſaire oder Abgeordnete aus, um die Wahlen der verſchiede⸗ 64 nen Staͤdte und Deyartements zu beaufſichtigen, ihre Genoſſen zu ermahnen, nicht nur ſtandhaft, ſondern auch unternehmend zu ſeyn, und mit ſtarker Hand dieſelbe Gewalt uͤber die oͤffentliche Macht an ſich zu reißen, welche die Mutter⸗Geſellſchaft in Pa⸗ is beſaß. Dieſer Rath fand williges Gehor, denn er ſchloß das heilige Recht des Aufſtandes mit ein, nebſt dem da⸗ mit verbundenen Porrecht zu Raub und Mord. Die Macht der Jakobiner war unwiderſtehlich in Paris, wod Robespierre, Danton und Marat, welche die hohen Stellen in ihrer Synagoge unter ſich theil⸗ ten, durch eine ungeheure Stimmenmehrheit gewahlt wu den, und von den 20 Deputirten, welche Paris revraͤſentirten, waren nur fuͤuf oder ſechs nicht in die Niedermetzlungen mit verwickelt. Auch war der Er⸗ folg ihnen uͤberall guͤnſtig, wo ihre Anhaͤnger ſich in binreichender Menge fanden, um durch Drohungen, Geſchrei und Gewaltthaͤtigkeit die oͤffentliche Stimme einzuſchüchtern. Aber es gibt in jedem Staate eine große Anzahl von Menſchen, welche die Ordnung lieben, um ihrer ſelbſt und um des Schutzes willen, den ſie dem Ei⸗ genthum gewaͤhrt. Es fanden ſich aber auch viele, die im Herzen reine oder konſtitutionelle Noyaliſten wa⸗ ren, und alle dieſe vereinigten ſich, um in den Na⸗ tionalconvent Deyutirte zu bringen, die, wenn ſich auch keine Gelegenheit zeigen ſollte, die Monarchie herzuſtellen, wenigſtens mit den Girondiſten und ge: maͤßig⸗ maͤßigten Republikanern ſich vereinigen konnten, um das Leben des ungluͤcklichen Ludwigs zu retten, und Leben und Eigenthum im allgemeinen gegen die wu⸗ thende Gewalt der Jakobiner zu ſchuͤtzen. Dieſe Freun⸗ de der Ordnung,— wir koͤnnen fie mit keinem beſ⸗ ſern Namen bezeichnen,— waren beſonders Reprä⸗ ſentanten der Departements, wo die Waͤhler mehr Zeit zur Unterſuchung und zum Nachdenken hatten, als unter dem Einfluß der rovolutionairen Geſellſchaften und Klubbs in den Staͤdten moͤglich war. Doch Nan⸗ tes, Bordeaux, Marſeille, Lyon und andere Staͤdte, vorzuͤglich im Suͤden und Weſten waren zur Unter⸗ ſtuͤtzung der Girondiſten geneigt, und ſchickten Depu⸗ tirte, die den Anſichten derſelben guͤnſtig waren. So gewaͤhrte der verſammelte Convent den Anblick von zwei ſcheinbar ſtarken Partheien, und die Schwaͤche derjenigen, welche, gemaͤßigt in ihren Anſichten, nur vertheidigungsweiſe zu verfahren ſuchte, beſtand nicht in der geringen Zahl ihrer Mitglieder, ſondern in ih⸗ rem Mangel an Energie. 1 Es war kein gutes Zeichen, daß die Mitglieder dieſer lezten Parthei bei der Einnahme der Plaͤtze in der Verſammlung die rechte Seite beſezten, ein Platz, welcher den Niederlagen geweiht ſchien, ſeit er nach einander von den unterdruͤckten Partheien der gemaͤ⸗ ßigten Royaliſten und Konſtitutionellen eingenommen worden war. Schon in dem bloßen Worte parti droit lag eine Niederlage, waͤhrend die linke Seite ſtets die W. Scytt's Werke. XXVII. 5 66 des Sieges geweſen war. Die Gemuͤther der Men⸗ ſchen werden in gefahrvollen Zeiten durch kleine Um⸗ ſtaͤnde in Bewegung geſezt. Selbſt dieſe Wahl der Sitze machte auf Zuſchauer und Zuhoͤrer einen Ein⸗ druck, der den Girondiſten nicht guͤnſtig war, indem jedermann vor einem Bund mit dem Ungluͤck zuruͤck⸗ ſchreckt. Es gab auch eine betraͤchtliche Anzahl neu⸗ traler Mitglieder, die, ohne ſich mit den Girondiſten zu verbinden, die Miene annahmen, zwiſchen beiden Partheien unpartheiiſch entſcheiden zu wollen. Sie beſtanden meiſt aus Maͤnnern von zu furchtſamem Gewiſſen, um den ganzen Weg mit Jakobinern zuruͤck⸗ zulegen, die aber zu ſchuͤchtern waren, ſich ihnen of⸗ fen und kuͤhn zu widerſetzen. Dieſe mußten ohne wei⸗ ters bei jeder Gelegenheit unterliegen, wo die Jako⸗ biner es fuͤr nothig hielten, das beliebte Beweismit⸗ tel anzuwenden, durch die Volksmaſſen Schrecken ein⸗ zujagen. Die Girondiſten nahmen indeſſen Beſitz von allen außern Zeichen der Macht. Danton wurde von ſei⸗ nem Voſten als Juſtizminiſter entlaſſen, ſie beſaßen alle die Regierungsgewalt, welche offizielle Namen und Titel ihnen geben konnten. Aber die unſelige Anordnung, welche die Miniſter von dem Sitze in der Verſammlung, und folglich von jedem Recht, außer dem der Vertheidigung, ausſchloß, erwieß ſich den Miniſtern des neuen Syſtems eben ſo uneilbringend⸗ als fruͤher der Vollziehungsgewalt Ludwigs. 4 67 Unſere polttiſchen Bemerkungen uͤber die große Umwandlung einer Monarchie in eine Nepublik, fin⸗ den beſſer anderswo ihre Stelle. So gewaltſam die Aenderung in den Worten klingt, ſo war ſie doch in der That nicht ſo wichtig, um eine grofe Senſation zu machen. Die Verfaſſung vom Jahr 1791 war in jeder Hinſicht eine Demokratie, da ſie dem Koͤnig we⸗ nig Gewalt ließ, und dieß wenige ſo beſchraͤnkt, und in ſeiner Wirkſamkeit gehemmt war, daß das koͤnigli⸗ che Anſehen in der Wirklichkeit noch geringer war, als in der Theorie. Wenn man hinzufuͤgt, daß Lud⸗ wig ein Gefangener unter ſeinen Unterthanen war, der unter dem ſtrengſten Zwange handelte, und jedes⸗ mal ſein Leben wagte, wenn er ſeine konſtitutionelle Gewalt auszuuͤben verſuchte, ſo mußte er ſchon lange mehr als ein Hinderniß der Bewegungen und Bera⸗ thungen des Staates, denn als eine ſeiner konſtituir⸗ ten Behoͤrden betrachtet worden ſeyn. Die Namens⸗ aͤnderung eines Revierungsſyſtems brachte ſchwerlich eine groͤßere Aenderung in der innern Lage Frank⸗ reichs zu Wege, als die Aenderung des Schildes ei⸗ nes Gaſthofs, wo Alles nach wie vor getrieben wird, obgleich das Bildniß des Koͤnigs aus dem Schilde ge⸗ nommen iſt. Waͤhrend Frankreich ſo von einem durch Veraͤn⸗ derungen, durch Verbrechen, durch die heftigſten poli⸗ tiſchen Faktionen, beunruhigt und bewegt war, hatte an den Graͤnzen bereits jene Siegesſonne aufzudaͤm⸗ 5„„ 68 mern begonnen, die in ihrem Mittagsglanze wild uͤber ganz Europa hinflammen ſolkte. Es iſt nicht unſere Abſicht, jezt ſchon militaͤriſche Begebenheiten genauer zu beſchreiben, wie ſpaͤter nur allzu oft unſere Auſgabe ſeyn wird. Wir bemerken bloß, daß der Feld⸗ zug des Herzogs von Braunſchweig im Vergleich mit ſeiner Proklamativn eine nur allzugute Erlaͤuterung des bibliſchen Textes iſt:„Stolz kommt vor dem Ver⸗ derben, und Hochmuth vor dem Falle.“ Der Herzog befand ſich an der Spitze einer glaͤnzenden Armee, mit der ſich 15000 Emigranten vereinigt hatten, auf's beſte ausgeruͤſtet, und vor Eifer brennend, den Koͤ⸗ nig zu befreien, und ſich an denen zu raͤchen, von welchen ſie aus ihrem Vaterland getrieben worden waren. Der Herzog von Braunſchweig ſcheint, aus welchem Grunde, iſt ſchwer zu begreifen, mit einer gewiſſen Kaͤlte und mit Verdacht dieſe Truppen be⸗ trachtet zu haben, deren ritterliche Tapferkeit und ho⸗ he Geburt ſie zum Vortrab ſtatt in den Nachtrab be⸗ rief, wohin ſie der Oberfeldherr getheilt hatte. Ver⸗ loren war mit einem Male der gluͤckliche Erfolg, den man ſich haͤtte verſprechen koͤnnen von dem feurigen Muthe, dieſer Seele des franzoͤſiſchen Ritterthums,⸗ von der Furcht, die eine ſolche Armee haͤtte einfloͤßen koͤnnen, oder von den Freunden, welche ſie vielleicht gefunden haben wuͤrde. Es war etwas in dieſem un⸗ gewoͤhnlichen Benehmen, das den Verdacht rechtfer⸗ tigte, Preußen fuͤhre den Krieg auf ſeine eigene 69 Rechnung, und ſey nicht geſonnen, ſeine kuͤnftigen Siege auf die Tapferkeit der Emigranten zu gruͤnden, und dadurch ihre Schuldner zu werden. Auch entging es der Bemerkung der Emigranten und der Franzo⸗ ſen uͤberhaupt nicht, daß die Alliirten mit Gepraͤnge von Longwy und Verdun Beſitz nahmen, nicht im Na⸗ men des Koͤnigs von Frankreich, oder des Grafen von Artois, ſondern im Namen des Kaiſers, was dem gehaͤſſigen Geruͤchte Nahrung gab, daß die Alliir⸗ ten, ſich fuͤr ihre Kriegskoſten durch einen Theil des franzoͤſiſchen Gebiets bezahlt machen wollten. Auch gebrauchte der Herzog weder ſeine ſchoͤne preußiſche Armee, noch leitete er die Bewegungen der Oeſterrei⸗ cher unter Clairfait, um noch groͤßere Vortheile zu erringen. Er hatte zwar die Truppen des großen Friedrichs, aber unter dem Befehl eines unentſchloſ⸗ ſenen und unfaͤhigen Fuͤhrers waren ſie Scanderbegs Schwert in den Haͤnden eines Knaben. Dieſe Langſamkeit der Bewegungen des Herzogs von Braunſchweig zeigte einen verborgenen Zweifel an ſeiner eigenen Faͤhigkeit an, den Feldzug zu leiten. Der Vorzug ſeiner alten und wohldisciplinirten Trup⸗ pen uͤber die desorganifirte Armee von Dumouriez, welche durch Schwaͤrme von Foͤrderirten, die dem Krieg voͤllig fremd warxen, verſtaͤrkt worden war, wuͤr⸗ de am beſten durch kuͤhne und ſchnelle Bewegungen entfaltet worden ſeyn, welche zugleich Thaͤtigkeit und einen umfaſſenden Plan gezeigt, und unerfahrene Trup⸗ 70 8 gen nicht auf der Front allein, ſondern auf jedem Punkte beunruhigt haͤtten. Jeder Tag, den dieſe neuen Truppen ungefochten zubrachten, war ein Schritt weiter zur Kriegszucht, und was mehr iſt, zu krie⸗ geriſchem Selbſtvertrauen. Der General, der ſo ſchwer gedroht hatte, ſchien unſchluͤſſig ſeinen Schlag aufzu⸗ ſchieben, und mit unbedeutenden Dingen beſchaͤftigt blieb er an der Graͤnze;„wenn Friedrich uns gegen⸗ uͤber geſtanden waͤre,“ ſagte der franzoͤſiſche General⸗ „er wuͤrde uns laͤngſt nach Chalons zuruͤckgetrieben haben.“. Der Erfolg ſo vieler falſcher Schritte begann bald ſich zu zeigen. Braunſchweig, in deſſen Armee es an Belagerungsgeſchuͤtz fehlte, obgleich er uͤber ei⸗ ne mit Feſtungen verſehene Graͤnze in Frankreich ein⸗ drang, wurde durch die hartnaͤckige Vertheidigung von Thionville aufgehalten. Als er ſich endlich zum Vor⸗ ruͤcken entſchloſſen hatte, brachte er auf einem Marſch von 30 Stunden neun Tage zu, unterließ aber, die Engpaͤſſe von Argonne zu beſetzen, durch welche die Armee von Luckner allein mit der von Dumouriez in Uebereinſtimmung operiren konnte. Der General der Alliirten befand ſich jezt in den am hoͤchſten gelege⸗ nen Theil der Provinz Champagne, welcher wegen ſeiner Armuth und Unfruchtbarkeit mit dem Eckelna⸗ men la Champagne Po uilleuse gebrandmarkt iſt, und fand Schwierigkeiten, ſeine Armee dort zu verpflegen. Waͤhrend aber Korn und Futter ſelten waren, gab es 71 ungluͤcklicher Weiſe Trauben und Melonen im Ueber⸗ fluß. Dieſe leztern Fruͤchte ſind ſo ſehr als ungeſund bekannt, daß der Magiſtrat von Luͤttich und einigen andern Staͤdten den Bauern unter Strafe der Con⸗ fiskation verboten, ſie zu Markt zu bringen. Zum erſten Mal wurden hier ſolche Delkateſſen der hyper⸗ boraͤiſchen Eßluſt der Preußen vorgeſezt, und ſie konn⸗ ten der Verſuchung nicht widerſtehen, obgleich auf die⸗ ſe Mahlzeit die naͤmliche Strafe geſezt war, wie auf die, welche den erſten Suͤndenfall verurſacht hatte. Sie aßen und ſtarben. Eine arge Ruhr brach im La⸗ ger aus, welche die Soldaten zu Hunderten in einem Tage wegraffte, die Lebensgeiſter der Ueberlebenden ſchwaͤchte, und den Muth ihres Fuͤhrers voͤllig gebro⸗ chen zu haben ſcheint. Zwei Wege blieben dem in Verlegenheit geſezten Feldherrn uͤbrig. Der eine war, ſich durch eine Schlacht mit den Franzoſen Bahn zu brechen, indem er ſie in der ſtarken Stellung angriff, welche man ihnen einzu⸗ nehmen erlaubt hatte, ſo leicht es auch geweſen waͤre, ihnen zuvorzukommen. Es iſt wahr, Dumouriez hat⸗ te ſich ſehr verſtaͤrkt. Frankreich hatte willig von Stadt und Staͤdtchen, von Dorf und Weiler und Pachthof, viele Tauſende ſeiner muthigen Jugend aus⸗ gegoſſen, um ſeine Graͤnzen nicht nur gegen den Ein⸗ fall der Fremden, ſondern auch gegen Tauſende von rachſuͤchtigen Emigranten zu ſchuͤtzen. Sie waren zwar undisciplinirt, aber voll Eifer und Muth, erhizt und 72 aufgeregt durch republikaniſche Scenen, und entflammt durch die gluͤhende Beredtſamkeit, die Geſaͤnge, Taͤn⸗ ze und Loſungsworte, womit das Feſt der Republlk gefeiert worden war. Außer allem dem waren ſie aus einem Lande, welches vor allen andern in Europa mit dem Kriege vertrater war, und deſſen Jugend ſich am leichteſten der Kriegszucht gelehrig fuͤgt. Dieſen neu ausgehobenen Truppen haͤtte der Her⸗ zog von Braunſchweig mit Sicherheit die gluͤhende Tapferkeit der Emigranten entgegenſtellen koͤnnen, wel⸗ che von Familien abſtammten, deren ritterliche Tha⸗ ten die Geſchichtsbuͤcher Europa's fuͤllen; welche den Weg nach Paris als die Bahn zum Siege, zur Ehre, zur Rettung ihres Koͤnigs, zur Wiedervereinigung mit ihren Familien, zur Wiedergewinnung ihres vaͤ⸗ terlichen Erbes betrachteten; welche gewohnt waren, Schande fuͤr etwas weit Schrecklicheres als den Tod anzuſehen, und kriegeriſchen Ruf und Gebrauch der Waffen als ihr Geburtsrecht in Anſpruch nahmen. In einem Scharmuzel ſchlugen 1500 berittene Emi⸗ granten mit großem Verluſt eine Colonne von Car⸗ magnolen, wie man die franzoͤſiſchen Neulinge damals nannte, aus dem Felde. Groß war das Gemetzel, und ihre Gegner hatten das Vergnuͤgen, unter den Erſchlagenen eine betraͤchtliche Anzahl Septembermoͤr⸗ der zu finden. Aber der franzoͤſiſche Feldherr hatte mehr Zutrauen auf ſeine Carmagnolen, von denen ſein Kriegsgenie 1 73³ eine bedeutende Unterſtuͤtzung ſich verſprach, als Braun⸗ ſchweig auf die ritterliche Tapferkeit des franzoͤſiſchen Adels zu ſetzen fuͤr gut fand. Er konnte blos dahin gebracht werden, ſich in eine Kanonade in der Naͤhe von Valmy einzulaſſen, die keine bedeutenden Folgen hatte, und dann befahl er den Ruͤckzug. Vergebens bat, ja beſchwor ihn der Graf von Artois mit einem Muthe, wuͤrdig des Hauſes, von dem er abſtammte, und des Throns, den er nun beſtiegen hat, um die Zuruͤcknahme dieſes ungluͤcklichen Befehls, vergebens wollte er in Perſon ſich an die Spitze der Emigran⸗ ten ſtellen, und mit ihnen den verzweifeltſten Poſten in der Schlacht einnehmen, wenn der Oberfeldherr nur geſtatten wolle, daß ſie geſchlagen werde. Aber der Herzog, hartnaͤckig in ſeiner Niedergeſchlagenheit, wie in ſeiner fruͤhern Vermeſſenheit, beſaß den hohen Geiſt nicht, welcher gewagte Rathſchlaͤge in verzweifel⸗ ten Faͤllen annimmt. Er ſah ſeine Armee um ihn her dahin ſinken, ſah die Franzoſen ſich in ſeinem Ruͤcken formiren, wußte, daß die Huͤlfsquellen Preu⸗ ßens einem verlaͤngerten Kriege nicht gewachſen ſeyen, und nach einem oder zwei ſchwachen Verſuchen, fuͤr die Sicherheit des gefangenen Ludwigs zu unterhan⸗ deln, begnuͤgte er ſich endlich mit der Erlaubniß, ohne Belaͤſtigung ſich zuruͤckzuziehen. Er hob am 20. Sep⸗ tember ſein Lager auf, und ließ zahlreiche Spuren des ſchrecklichen Zuſtandes zuruͤck, zu dem ſeine Armee herabgebracht war, 7⁴ Wenn wir zuruͤckſehen auf dieſe Ereigniſſe, und die wahren Meinungen von Dumouriez beachten, und den Antheil, den er an dem Schickſale des Koͤnigs nahm, ſo duͤrſen wir kaum zweifeln, daß der Herzog von Braunſchweig durch Thaͤtigkeit und Raſchheit die Vertheidigungsmaßregeln dirſes Generals nutzlos ge⸗ macht haͤtte, ja, daß eine kluge Unterhandlung, da gewiſſe Punkte bereits zugeſtanden waren, ihn dahin gebracht haben wuͤrde, wenigſtens einen Theil ſeiner Truppen mit den Emigranten zu vereinigen, und nach Paris zu marſchieren, um den Koͤnig zu befreien, und die Jakobiner zu beſtrafen. Waͤre aber auch die Wiederherſtellung Ludwigs XVI. durch die Waffen der Emigranten und ihrer Al⸗ kürten erfolgt, das Ende des Kriegs war deßwegen doch noch fern. Faſt das ganze Koͤnigreich war der Wiederherſtellung der unumſchraͤnkten, umheilvollen Monarchie voͤllig entgegen, und doch mußte es im Falle eines gluͤcklichen Erfolgs der Zweck der Emi⸗ granten ſeyn, nicht allein das Koͤnigthum mit ſeinen ſammtlichen Praͤrogativen wieder herzuſtellen, ſondern auch alle die druͤckenden Vorrechte und die Feudalun⸗ terwuͤrfigkeit, welche die Revolution hinweggenommen hatte. Viel war auch von der Habſucht der Fremden zu befuͤrchten, deren Waffen dem gefangenen Ludwig beigeſtanden hatten, und noch weit mehr von der ganz paſſend ſo genannten Reaktion, die bei einer Contre⸗ revolution ſtatt finden mußte. Sehr war zu befuͤrch⸗ 75 ten, die Emägranten, welche immer allzuunbeſonnen uͤber die untern Staͤnde dachten, moͤchten jezt, ent⸗ flammt durch den Mord ihrer Freunde, und geſta⸗ chelt durch das eigene erlittene Unrecht und die Be⸗ leidigungen, im Fall eines gluͤcklichen Erfolgs die Re⸗ volution nicht als eine Aeußerung des oͤffentlichen Willens in Frankreich betrachten, um das Land von den oͤffentlichen Laſten und Beſchwerden zu befreien, ſondern als eine Jocquerie,(der freilich manche ihrer Scenen nur allzuſehr glichen), als einen haͤuslichen Aufſtand der Vaſallen gegen ihren Lehensherrn. Es war der Wille der Vorſehung, daß die Erfahrung von 20 Jahren und druͤber es offenbar machen ſollte, daß in der Stunde des Sieges ſelbſt Bewilligungen, die dem Beſiegten gemacht werden, ſo weit die Gerech⸗ tigkeit ſie verlangt, das einzige Mittel ſind, um ei⸗ nen dauernden und ſichern Frieden zu erhalten. Der Ruͤckzug der Preußen wurde in der moͤglichſt ſchlechten Ordnung ausgefuͤhrt, wie dieß gewoͤhnlich mit ſolchen Manoͤuvres der Fall iſt, die man nicht vorgeſehen hat, und welche von Truppen ausgefuͤhrt werden, die man eine ganz verſchiedene Bewegung hatte erwarten laſſen. Wenn dieſer Ruͤckzug aber fuͤr ſie eine Maßregel des Ungluͤcks und der Schande war, ſo war er fuͤr die ungluͤcklichen Emigranten, die ſich an ſie angeſchloſſen hatten, die Loſung der aͤußerſten Verzweiflung und des Verderbens. Dieſe Korps wa⸗ ren aus Edelleuten zuſammengeſezt, welche ſchnell und 7 756 unvovbereitet von ihrer Heimath und ihren Familien hinweggerufen, nur ſo maͤßige Summen mit ſich ge⸗ bracht hatten, als ſich bei einem ſolchen Falle, den ſie unbedachtſamer Weiſe nur fuͤr ſehr kurzdauernd anſa⸗ hen, in der Schnelligkeit erheben ließen. Sie hatten ihre meiſten Capitale ausgegeben, um ſich Pferde, Waffen und Kleidung anzuſchaffen,— ein Theil muß⸗ te auch zu ihrem noͤthigen Unterhalt verwendet wer⸗ den, da ſie meiſt auf eigene Koſten dienten,— und vielleicht hatten dieſe hochmuͤthigen und hochgebornen Junglinge ihren geringen Goldvorrath nicht mit der oͤkonomiſchen Hinſicht auf die Moglichkeit der Ungluͤcks⸗ faͤlle verwaltet, welche eingetreten waren. In der Ver⸗ wirrung und Unordnung des Ruͤckzugs wurde ihre Bagage von ihren Huͤlfstruppen gepluͤndert, d. h. von den ungeordneten preußiſchen Soldaten, welche das Joch der Zucht abgeworfen hatten; und ſie waren mei⸗ ſtentheils genoͤthigt, zu ihrem augenblicklichen Unter⸗ halt ihre Pferde zu jedem Preiße zu verkaufen. Um die Geſchichte dieſer aufgeopferten Armee, welche an dem Feldzug des Herzogs von Braunſchweig Theil ge⸗ nommen hatte, zu vollenden, fuͤgen wir noch hinzu, daß ſie zu Juͤllich im November 1792 aufgeloͤst wurde, Die Blindheit der Souveraine, welche im fort⸗ gefezten Kriege gegen Frankreich ſo vorzuͤgliche Trup⸗ pen aus Mangel an Unterhaltungsmitteln ſich aufloͤßen ließen, war unentſchuldbar; ihr kaltes und hartherzi⸗ ges Benehmen gegen ein Corps von Cdelleuten, die, 77 wenn ſie auch politiſch Unrecht hatten, doch wenigſtens der Sache ergeben waren, fuͤr welche Oeſterreich den Krieg fortzuſetzen behauptete, war eben ſo unweiſe als unedelmuͤthig. Dieſe tapfern Edelleute haͤtten den Koͤnigen, von denen ſie ermuthigt, und den Genera⸗ len, von denen ſie gefuͤhrt worden waren, dieſen un⸗ gluͤcklichen Feldzug in Shakespear's Worten vorwer⸗ fen koͤnnen, wenn er ihnen bekannt geweſen waͤre. Haſt du nicht Donner gleich an unſerer Seite geſprochen? Schwurſt du nicht unſern Fahnen, und hieß'ſt uns hoffen Auf deinen Stern, dein Glück und deine Kraft. Aber die Vorwuͤrfe derjenigen, denen kein Mit⸗ tel zu Gebot ſteht, als die Auseinanderſetzung des erlittenen Unrechts, erreichen ſelten die Ohren der Maͤchtigen, von denen dieß Unrecht begangen wurde. Es iſt nicht ſchwer, den toͤdrlichen Schmerz zu begreifen, mit dem dieſe verbannten Edelleute alle Hoſfnung aufgaben, das Leben ihres Koͤnigs zu ret⸗ ten, und ihren Rang und Gluͤcksguͤter wieder zu ge⸗ winnen. Alle ihre ſtolzen Prahlereien von erwarte⸗ ten Erfolgen waren verloren, oder in ſtechende Schlan⸗ gen umgewandelt. Sie ſahen keine Hoffnung vor ſich, und was das Schlimmſte iſt fuͤr Maͤnner von ſtolzem Geiſt, ſie waren gefallen faſt nach einem einzigen Schwertſtreich, der mehr fuͤr die Ehre, als fuͤr den Sieg gefuͤhrt worden. Sie waren jezt verurtheilt, zu ihrem bloßen Lebensunterhalt Kuͤnſte und Wiſſenſchaf⸗ ten zu betreiben, die ſie nur gepflegt hatten, um ih⸗ 78 ren Gluͤckszuſtand auszuſchmuͤcken,— zu wandern in fremde Laͤnder, und von der ungewiſſen Mildrhaͤtig⸗ keit fremder Maͤchte zu leben, uberall gereizt durch die Bemerkungen der einen, die ihre Thoryeit bernit⸗ keideten, wemit ſie Rang und Vermoͤgen fuͤr eine bloße Ehrenſache in die Schanze ſchlugen, oder durch andere, die in ihnen die Feinde einer vernuͤnftigen Freiheit erblickten, und ſie mit dem Vorwurf belaſte⸗ ten, daß ihr Ungluͤck die nothwendige Folge ihrer Grundſatze von Willkuͤhrherrſchaft ſey.. Es wuͤrde zum Theil wenigſtens ihr Ungluͤck ge⸗ mildert haben, haͤtten einige begabte Weiſe ihnen die endliche Wiederherſtellung des koniglichen Hauſes, fuͤr deſſen Sache ſie Schiffbruch mit all dem Ihrigen lit⸗ ten, gezeigt, wenn auch nur in einer ſolchen Entfer⸗ nung, wie der Geſetzgeber Iſraels das gelobte Land vom Berge Pisgah ſah. Aber wie viele kamen um in dem waͤhrend dieſer Zeit tobenden Ungluͤcksſturme, — wie wenige uberlebten die zwanzig Wanderjahre, nach deren Verluſt ſie zu dem verheifenen Ziele ge⸗ langen ſollten? und von den wenigen, welche erſchoͤpft von Kriegsarbeit und Elend die Wiederherſtellung des Koͤnigsthums erlebten, wie ſehr wenige wurden durch etwas mehr belohnt, als den uneigennuͤtzigen Triumph⸗ den ſie bei dieſem freudigen Ereigniß fuͤhlten! und wie viele konnten das Gleichniß eines brittiſchen Roya⸗ liſten bei einer aͤhnlichen Gelegenheit auf ſich anwen⸗ den.—„Das Vlies von Gideons blieb trocken, waͤh⸗ 79 rend die erſehnte Wiederherſtellung Stroͤme von Se⸗ gen uͤber ganz Frankreich umher ausgoß.“ Die Emigranten⸗Regimenter unter den Befeh⸗ ken des Prinzen von Condé hatten ein anderes und edleres Schickſal. Sie behielten ihre Waffen und zeich⸗ neten ſich durch tapfere Thaten aus; ſie wurden durch das Schwert und die Anſtrengungen des Dienſtes hinweggerafft, und ſtarben wenigſtens einen Solda⸗ tentod, betrauert, und nicht ungeraͤcht. Aber ſie ver⸗ ſchwendeten ihren aufopfernden Muth im Dienſte der Fremden, und wenn ihre Tapferkeit durch die Nieder⸗ lage derjenigen belohnt wurde, welche ſie als die Moͤr⸗ der ihres Koͤnigs und als die Raͤuber ihrer Rechte betrachteten, mochten ſie wohl ihre Rache geſaͤttigt fuͤhlen, aber kaum in irgend einer Hinſicht ihre Sie⸗ ge als der Rache foͤrderlich betrachten, der ſie ihr Va⸗ terland, ihre Beſitzungen, ihre Hoffnungen, ihr Le⸗ ben aufgeopfert hatten. Ihr Schickſal glich ſehr, ob⸗ gleich in einem weit ausgedehnteren Grade, dem der Offiziere von der ſchottiſchen Armee im Jahr 1690, welche dem Geſchick Jakobs II nach Frankreich folg⸗ ten, endlich gezwungen wurden, ſich in ein Bataillon von gemeinen Soldaten zu bilden, und nach manchen Thaten der Tapferkeit im Dienſte des Landes, wo ſie eine Zufluch fanden, unter dem Schwerte des Fein⸗ des und den Entbehrungen des Kriegsdienſtes dahin ſchmolzen. Wenn die Geſchichte bernfen iſt, die Tha⸗ ten der Menſchen nach den unwandelbaren Geſetzen 8⁰ der Gerechtigkeit zu tadeln oder zu loben, ſo iſt ſie nicht weniger verbunden, Tapfere und Edle zu bekla⸗ gen, welche das Gebot ehrenhafter Gefuͤhle dem der Klugheit vorzogen, und erwas unternehmen, was in Hinſicht der Politik und vielleicht der Vaterlandsliebe zweifelhaft ſeyn mag, wozu ſie aber durch den unei⸗ gennuͤtzigen Wunſch gezwungen wurden, dasjenige zu erfuͤllen, was ſie als eine Gewiſſenspflicht betrachte⸗ ten. Es war vielleicht unpolitiſch von den Emigran⸗ ten, Frankreich zu verlaſſen, obgleich ſich viel fuͤr ihr Betragen anfuͤhren laͤßt; ihr bewaffnetes Eindringen in ihr Vaterland, um die despotiſche Regierungsform zuruͤckzufuͤhren, welcher Ludwig XVI. und die ganze Nation, ſie ſelbſt ausgenommen, entſagt hatten, war ein unweiſes und ungerechtes Unternehmen. Aber die von ihnen ergriffene Sache war allen ihren Vor⸗ urtheilen von Rang, allen den Geſinnungen theuer, in denen ſie erzogen worden waren; daß ihre Abſicht bei der Vertheidigung derſelben loyal geweſen, iſt un⸗ beſtreitbar, und es waͤre hart, ſie zu verurtheilen, daß ſie einem Ertrem folgten, waͤhrend im Angeſicht von ganz Europa ſo gewaltthaͤrige, ſo tyranniſche Handlungen einander draͤngten, ſo blukig, ſchwarz und ungluͤcksvoll, als die der Faktion, welche jezt in Paris herrſchte, und Maͤnner, deren Vorurtheile der Geburt und Erziehung der Freiheit guͤnſtig waren⸗ zum Haſſe gegen den bloßen Namen Frankreichs und der Revolution zwang. Der * 8¹ Der muthloſe und entehrende Ruͤckzug des Her⸗ zogs von Braunſchweig und ſeiner Preußen hob na⸗ tuͤrlicher Weiſe den Muth eines ſtolzen und kriegeri⸗ ſchen Volks. Neue Truppen ſtroͤmten von allen De⸗ partements in die republikaniſchen Reihen, und Ge⸗ nerale, wie Cuͤſtine am Rhein, Montesquion auf der Seite von Savoyen und Dumouriez in den Nieder⸗ landen, verſtanden wohl, ſich dieſer Verſtaͤrkungen zu bedienen, welche ſie in den Stand ſezten, auf allen Theilen der ſuͤdoͤſtlichen Graͤnze Frankreichs die Offen⸗ ſive zu ergreifen. Der Angriff auf Savoyen, deſſen Beherrſcher der Koͤnig von Sardinien, des Graſen von Artois Schwa⸗ ger, und natuͤrlich bei der Sache der Bourbonen ſehr thaͤtig war, wurde mit Erfolg unternommen, und fortgefuͤhrt von dem bereits erwaͤhnten General Mon⸗ tesquion; dieß war ein franzoͤſiſcher Adeliger, alſo ſei⸗ ner Geburt, und wie man glaubte, auch ſeinen Grund⸗ ſaͤtzen nach ein Ariſtokrat: nichts deſtoweniger hatte die herrſchende Parthei zu Paris ihm aus Mangel an erfahrnen Fuͤhrern den Oberbefehl uͤber eine Armee anvertrauen muͤſſen. Er diente ihnen gut, machte ſich zum Meiſter von Nizza und Chambery, und be⸗ drohte ſelbſt Italien. Im Mittelpunkt der naͤmlichen Graͤnzlinie nahm Cuͤſtine, ein ausgezeichneter Soldat und ein wilder Republikaner, Speier, Oppenheim, Worms, endlich die feſte Stadt Mainz, und verbreitete Schrecken durch W. Scott's Werke. XXVII. 6 dieſen Thell des deutſchen Reichs. Er nahm die ve⸗ publikaniſche Sprache des Tages an, donnerte in den groͤbſten und beſchimpfendſten Ausdruͤcken perſoͤnliche Rache gegen diejenigen deutſchen Fuͤrſten, die ſich durch ſhren Eifer gegen die Revolution ausgezeichnet hatten; und was eben ſo fuͤrchterlich war, er predigte ihren Unterthanen die ſchmeichelnden und aufreizenden Leh⸗ ven der Republikaner, und lud ſie ein, ſich dem hei⸗ ligen Bunde der unterdruͤckten Voͤlker gegen Fuͤrſten und Obrigkeiten anzuſchließen, welche ſo lange eine angemaßte Gewalt uͤber ſie behauptet haͤtten. Aber die Erfolge Dumouriez waren von einer entſcheidenderen und den herrſchenden Maͤnnern im Convent willkommenern Art. Er hatte eine ſchwerere Aufgabe als Euͤſtine oder Montesquion, aber ſeine kebhafte und fruchtbare Einbildungskraft hatte bereits eine Eroberungsweiſe entworfen, auch mit den un⸗ vollkommenen Mitteln, die er beſaß. Der Unterſchied zwiſchen Befehlshabern iſt der naͤmliche, wie unter Handwerksleuten. Ein Handwerker von gewoͤhnlichen Anlagen, ſo erfahren ihn auch Gewohnheit und Ue⸗ bung in dem Gebrauch ſeiner gewoͤhnlichen Werkzeuge gemacht haben moͤgen, weiß nicht, was er anfangen foll, wenn er derſelben beraubt iſt. Der Mann von Erfindung und Genie ſindet Huͤlfsquellen aus, und weiß Werkzeuge, wie ſie der Augenblick darbietet, an⸗ zuwenden, daß ſie ſeinen Zwecken ſo gut und vielleicht beſſer entſprechen, als ein regelmaͤßiger und vollſtaͤn⸗ 8 8³ diger Handwerkszeug. Die Ideen eines gewoͤhnlichen Menſchen gleichen einem tiefausgefahrnen Wege, auf dem ſeine Einbildungskraft langſam und ohne von dem Geleiſe abzuweichen ſich fortbewegt; die eines Mannes von Genie gleichen einem hellen, offenen und ebenen Zugang, auf dem er rechts oder links ſich wenden kann, wie es die Umſtaͤnde erfordern. Dumouriez war ein Mann von Genie, Huͤlfs⸗ quellen und Erfindung, Clairfait, der ihm gegenuͤber ſtand, ein tapferer und ausgezeichneter Soldat, hatte aber keine Ideen uͤber Strategie und Taktik, außer denen, welche im ſiebenjaͤhrigen Kriege ganghar wa⸗ ren. Der erſtere mußte ſeine Carmagnolen, mit de⸗ ren Blut er nicht ſparſam war, ſo gut zu verwenden, und die Folgen der ihnen fehlenden Kriegszucht durch Reſerven aus ſeinen muthigſten und erfahrenſten Truppen ſo gluͤcklich zu verhindern, daß er am 6. No⸗ vember 1792 Clairfait bei Gema ppes eine bedeutende Niederlage beibrachte. Damals hatten Oeſterreich und Europa die unklu⸗ ge Pelitik Joſephs II. zu bedauern, daß er die Ein⸗ wohner gegen ſeine Regierung aufbrachte, und in den ſchönen Provinzen der oͤſterreichiſchen Niederlande die feſten Staͤdte, womit die Weisheit Europas dieſe Graͤnze, wie mit einem eiſernen Eurtel verſehen hat⸗ te, ihrer Feſtungswerke beraubte. Clairfait, der, ob⸗ gleich geſchlagen, doch zu gute Kriegszucht hielt, um in die Flucht gejagt zu werden, hatte ſich nun durch 9 84 ein Land zuruͤckzuziehen, welches durch das Andenken ſeines eigenen Aufſtandes den Oeſterreichern unfreund⸗ lich geſinnt, und von allen Feſtungen entbloͤßt wa⸗, welche beſonders zu dieſer Jahrszeit einen ernſtern Aufenthalt dem Einfall einer Revolutions⸗Armee ent⸗ gegengeſezt haͤtten, die mehr dazu geeignet war, durch ihren Ungeſtuͤm Schlachten zu gewinnen, als Hinder⸗ niſſe zu beſiegen, welche nur durch eine lange und ge⸗ duldige Belagerung entfernt werden konnten. Wie die Sachen ſtanden, war die Schlacht von Gemappes gewonnen, und die öſterreichiſchen Nieder⸗ lande ohne weiteren Kampf von dem franzoͤſichen Ge⸗ neral voͤllig erobert. Wir laſſen ihn in ſeinem Tri⸗ umph, und wenden uns zu den unheilvollen Scenen zuruͤck, die in Paris vorgiengen. 85 Viertes Kapitel. Die Jakobiner entſchlieſſen ſich zur Hinrichtung Ludwigs.— Fort⸗ gang und Gründe der Unpopularität des Königs.— Die Girondiſten werden von den Jakobinern mit einem Vorſchlag zur Abſchaffung der Königswürde überraſcht.— Der Vor⸗ ſchlag geht durch.— Gedanken über das neue Regierungs⸗ ſyſtem.— Vergleichung mit Rom, Griechenland, Amerika und anderen Republiken.— Begeiſterung in Frankreich bei dieſer Veränderung.— Thorheiten und Verbrechen, zu de⸗ nen ſie Anlaß giebt.— Zerſtörung der Kunſidenkmäler. Madame Roland bemüht ſich, das Leben des Königs zu ret⸗ ten.— Varrere.— Die Girondiſten bringen eine Depar⸗ tementallegkon in Vorſchlag,— ſie geyt durch,— wird widerruſen,— und die Girondiſten beſiegt.— Das Anſe⸗ hen des Gemeinderaths iſt überwiegend, ſelbſt gegen den Convent.— Dokumente der eiſernen Kiſte.— Parallele zwiſchen Karl I. und Ludwig XVI.— Vorſchlag Pethions, daß der König von dem Convent gerichtet werden ſolle. Es iſt eine allgemeine Bemerkung, daß das Ver⸗ brechen ſo gut als die Religion ihre geweihten Genof⸗ ſenſchaften hat, die dem Zwecke entſprechen, zu wel⸗ chem ſie ihre Anhaͤnger verpflichten will. Als Katili⸗ na ſeinen Mitverſchwornen einen Eid auflegte, wurde ein Sclave ermordet, und ſein Blut in den Trank gemiſcht, bei welchem ſie ſich gegenſeitig verpfaͤndeten zum Verrath gegen die Republik. Die verzweifeltſten 3 Empoͤrer und Raͤuber haben geglaubt, daß ſie ſich der 86 Treue ihrer Genoſſen in einem hoͤheren Grade verſt⸗ chern wuͤrden, wenn ſie dieſelben eines geheimen und ſchrecklichen, den Gefuͤhlen der Menſchheit ſo wider⸗ ſtrebenden Verbrechens theilhaftig machten, daß es al⸗ ke, die davon hoͤrten, mit Entſetzen erfuͤlle; und da Gewiſſensbiſſe nutzlos ſind, wo Ruͤckkehr unmoͤglich iſt, ſo gedachten ſie ſich dadurch aus denſelben fuͤr die Zukunft verzweifelte und verhaͤrtete Werkzeuge zu bil⸗ den, wie ſie fuͤr die verzweifelten Anſchlaͤge ihrer Fuͤh⸗ rer noͤthig ſeyn mochten. Eben ſo die Jakobiner. Sie hatten jezt vollkom⸗ men die Leidenſchaften und das Zutrauen nicht blos der niedern Staͤnde in Frankreich, ſondern auch aller derjenigen unter den höhern Klaſſen in ihrer Gewalt, welche entweder luͤſtern waren, durch Thaten in der Revolution emporzukommen, oder— Schwaͤrmer, de⸗ ren Einbildungskraft durch die ausſchweifenden Lehr⸗ ſatze, welche in dieſen fieberiſchen Zeiten gelaͤufig wur⸗ den, erhizt worden war;— ſie beſchloſſen, ihre An⸗ haͤnger, und alle, auf welche ſie einen Einfluß aus⸗ uͤbten, in ihren Plan zum Tode des ungluͤcklichen Lud⸗ wigs mit hineinzuziehen. Sie hatten keinen Grund, daran zu zweifeln, daß ſie in der Volksmaſſe den Wunſch und das Verlangen rege machen koͤnnten, die⸗ ſes Opfer zu verlangen, und den Augenblick, wo es dargebracht wurde, für ein Jubelfeſt zu halten. Auch die beſſern Klaſſen mochten wohl ſchwerlich warmen und eifrigen Antheil an dem Schickſal des ungluͤckli⸗ 87 cen Fuͤrſten nehmen, der ſo lange der Gegenſtand des Volksunwillens geweſen war. Vom Anfang der Revolution bis zum gaͤnzlichen Umſturz des Throns war anfangs die Macht des Kö⸗ nigs, nachher ſeine Perſon und die Maßregeln, zu de⸗ nen er ſeine Zuflucht nahm, das ſtete Angriffsziel der Partheien, welche nacheinander ſich in die Verwal⸗ tung eindraͤngten. Jede Faktion beſchuldigte die an⸗ dern waͤhrend der kurzen Zeit ihrer Herrſchaft des Verſuchs, die Macht und die Vorrechte der Krone —auszudehnen, welche demnach einer beſtaͤndigen Bela⸗ gerung ausgeſezt war, obgleich dieſe von verſchiedenen und ſich widerſprechenden Partheien gefuͤhrt wurde, von denen die eine regelmaͤßis die Angriffslinien ein⸗ nahm, um die andere zu vertreiben, ſobald als ſie in ihrer Reihe Beſitz vom Miniſterium genommen hatte. So beſiegte der dritte Stand die zwei privilegirten. Klaſſen zum Vortheil des Volks und gegen die Kro⸗ ne; Lafayette und die Conſtitutionellen triumphirten uͤber die Gemaͤßigten, welche einen dazwiſchen ſtehen⸗ den Senat dem Koͤnig zum Schutz und Bollwerk ge⸗ ben wollten; und nachdem man eine Konſtitution ge⸗ ſchaffen hatte, ſo demokratiſch, wie moͤglich, die nur Namen und Zeichen des Koͤnigthums uͤbrig ließ, ſank ſie unter den Girondiſten, welche auch dieß Zeichen aufzugeben geſonnen waren. Auf dieſe Weiſe ſah das Volk den Koͤnig als ſeinen natuͤrlichen Feind an, und glaubte, das koͤnigliche Intereſſe ſey mit einer Reyp⸗ 83 kution durchaus unvertraͤglich, welche ihm außer dem Gefühl und der Wichtigkeit freier Menſchen noch meh⸗ rere Vortheile gebracht hatte. Auf dieſe Weiſe wurde einer der mildeſten und beſtgeſinnten Monarchen, die je einen Scepter fuͤhrten, dem allgemeinen Verdachke, der Mißdeutung in ſeinen Maßregeln, und, wie es ſchnell daraus folgen mußte, der perſoͤnlichen Verach⸗ tung, ja dem Haſſe ausgeſezt. Alle Handlungen des Koͤnigs, die dem Strom der Revolution gemaͤß wa⸗ ren, wurden als ein hinterliſtiges Zugeſtaͤndniß be⸗ trachtet, um die Nation zu blenden; jeder Widerſtand, den er dieſem maͤchtigen Strom entgegengeſezt, wurde als eine Handlung des offenen Verraths gegen die Volksſonverainitaͤt angeſehen. Seine Stellung gegen die angreifenden Maͤchte war ſchon an und fuͤr ſich geeignet, ihn mit Tadel und Verdacht zu belaſten. Es iſt wahr, er wurde der freiwillige Koͤnig einer Volks⸗oder demokratiſchen Mo⸗ narchie genannt, und nannte ſich ſelbſt ſo; aber in den Proklamationen ſeiner Verwandten, wurde er als ein gefangener, entwuͤrdigter, ja faſt entthronter Koͤnig geſchildert. Um ſeine Freiheit herbei zu fuͤh⸗ ren, wie ſie behaupteten, und um ſeine Rechte herzu⸗ ſtellen, waren der Kaiſer, ſein Schwager, der Koͤnig von Preußen, ſein Verwandter, und vor allem ſeine Bruͤder, die franzoͤſiſchen Prinzen von Gebluͤt, unter den Waffen, und hatten zahlreiche Armeen an die Graͤnzen geſandt. Selbſt bei der aͤußerſten Aufrich⸗ — 89 tigkeit war es kaum moͤglich, daß das franzoͤſiſche Volk von Ludwig glauben follte, er wuͤnſche der Sache der Revolution, durch welche nicht nur ſeine Macht be⸗ ſchraͤnkt, ſondern auch ſeine Perſon einem ſtarken Zwang unterworfen worden war, gluͤcklichen Fortgang gegen die eingeſtandenermaßen fuͤr ſeine Sicherheit, ſeine Freiheit, ſo wie für die Wiederherſtellung ſeiner Gewalt bewaffneten Truppen. Wir geſtehen der Un⸗ eigennuͤtzigkeit Ludwigs ſo viel, als der irgend eines Menſchen zu, deſſen Gefuͤhle und Rechte bei der ver⸗ handelten Sache unmittelbar betheiligt ſind; wir neh⸗ men an, daß alle Bewilligungen, die er der Volksſa⸗ che machte, ehe die Nationalverſammlung ein das ſei⸗ nige uͤberwiegendes Anſehen behauptete, freiwillig er⸗ theilt waren; aber nach dem Zug von Verſailles her haͤtte er ein Schwaͤrmer fuͤr die oͤffentliche Freiheit von ſehr ungewoͤhnlichem Charakter ſeyn muͤſſen, wenn wir annehmen koͤnnten, daß er ernſtlich die Nieder⸗ lage ſeiner Bruͤder und Verwandten, und den Sieg derjenigen gewuͤnſcht habe, die ihn erſt ſeiner Herr⸗ ſchermacht, dann ſeiner Freiheit beraubten. Ein einziger Blick auf ſeine Lage haͤtte das fran⸗ zoͤſiſche Volk uͤberzeugen muͤſſen, daß Ludwig es mit dem Wunſch kaum aufrichtig meinen koͤnne, daß das Syſtem fortdauern moͤchte, dem er als Souverain ſeine Zuſtimmung gegeben hatte; und das Bewußtſeyn der Volksfuͤhrer, daß ſie kein Vertrauen erwarten konnten, wo ſie ſelbſt einen ſo unedelmuͤthigen Ge⸗ 90 brauch vou ihrer Gewalt gemacht hatten, gab ihrem Verdacht Staͤrke, und ſchaͤrfte den tiefen Unwillen, der daraus entſprang. Das Volk hatte ſich und ſeine theuerſten Intereſſen(mit Recht oder Unrecht, das hat in Bezug auf den Erfolg wenig zu bedeuten) mit der Revolution gleich bedeutend gemacht, und mit der wachſenden Freiheit, welche ſie gewaͤhrte, oder viel⸗ mehr bei jeder folgenden Aenderung zu gewaͤhren ver⸗ ſprach. Der Koͤnig, welcher regelmaͤßig einer jeden ſolchen Neuerung ſich widerſezt hatte, wurde in Folge deſſen als der natuͤrliche Feind des Landes betrachtet; wenn er an der Spitze der ausuͤbenden Macht blieb, ſo that er es mit der beſtimmten Ausſicht, das Schiff auf die Felſen zu treiben. Wenn irgend Jemand in Frankreich edel genug dachte, um dem Koͤnig zu glauben, daß er es mit den Konſtitutionellen voͤllig ehrlich gemeint habe, ſo bewies doch ſeine Flucht von Paris, und die zuruͤck⸗ gelaſſenen Manifeſte, worin er gegen die Maßregeln, zu denen er ſeine Zuſtimmung gegeben hatte, als durch Zwang ihm entriſſen, proteſtirte, ganz offen ſei⸗ ne wahre Geſinnung. Wahr iſt, der Koͤnig laͤugnete durchaus den Vorſatz, das Koͤnigreich zu verlaſſen, oder ſich den fremden Maͤchten in die Arme zu wer⸗ fen; aber es konnte Niemand entgehen, daß ein ſol⸗ cher Schritt, ſo wenig man ihn auch im Anfang ſei⸗ ner Flucht berechnet haben mochte, doch ſehr leicht vor ihrer Vollendung unvermeidlich werden mußte, Aus 91 dem Benehmen der Bedeckung von Dragonern und Huſaren geht deutlich hervor, daß unter den Truppen keine Anhaͤnglichkeit an des Koͤnigs Perſon war; und haͤtte der Aufſtand von Bouillé's Armee gegen die ge⸗ ſetzliche Gewalt dieſes Generals Statt gefunden, nach⸗ dem der Koͤnig bereits das Lager erreicht hatte, ſo waͤre nothwendig die einzige Sicherheit Ludwigs in einem Ruͤckzug auf das öſterreichiſche Gebiet beſtan⸗ den. Dies Ergebniß war ſo einleuchtend, daß Bouills ſelbſt dafuͤr geſorgt hatte, indem er verlangte, daß die oͤſterreichiſchen Truppen ſo geſtellt werden moͤchten, daß ſie dem Koͤnig in einem ſolchen Falle Schutz ge⸗ waͤhrten. Was daher auch der erſte Verſuch des Koͤ⸗ nigs ſeyn mochte, der Punkt, wohin er ſeine Flucht richtete, rechtfertigte diejenigen, welche glaubten und behaupteten, daß ſie zulezt in einer Vereinigung mit ſeinen Bruͤdern geendet haben muͤßte, und ſolch ein Ausgang mußte auch wiederholt den Gedanken des Koͤnigs vorſchweben. Hatte man an dem Koͤnig gezweifelt und ihn ver⸗ daͤchtigt vor dieſem entſcheidenden Beweis ſeiner Ab⸗ neigung gegen die Konſtitution, ſo lag in dem Vor⸗ gange ſeiner Gefangennehmung, oder in den Umſtaͤn⸗ den ſeiner Aufnahme zu Paris gewiß nichts, was ihn mit der konſtitutionellen Krone verſoͤhnen konnte, die ihm zum zweitenmale angeboten wurde, und wel⸗ che er wiederum mit allen ihren Pflichten und allen Handlungen der Selbſtverlaͤugnung feierlich angenom⸗ men hatte. 1 8 Wir haben vorher darauf hingedeutet, daß von Seiten des Koͤnigs die Annahme des ſchwachen und durren Scepters, der ihm unter den erniedrigendſten Umſtaͤnden angeboten wurde, eine gleichguͤltige politi⸗ ſche Handlung war. Faſt keine Art von Benehmen bot ſich ihm mehr dar, wodurch er, ausgeſezt dem all⸗ gemeinen Verdachte, wie er es war, ſeinem Volke in einem unzweideutigen und billigen Lichte haͤtte erſchei⸗ nen koͤnnen, da jede ſeiner Maßregeln der Tert zu den boshafteſten Commentarien war. Nahm ſein Be⸗ nehmen einen populaͤren Charakter an, ſo hielt man es fuͤr eine Handlung fuͤrſtlicher Heuchelei; war es wie bei ſeinem Widerſtande gegen die Departemental⸗ armee, ſo wuͤrde man dafuͤr gehalten haben, es zwecke darauf ab, die Vertheidigung des Landes zu ſchwaͤ⸗ chen; glich es der Verwerfung der Dekrete gegen die Emigranten und widerſpenſtigen Prieſter, dann ſtellte man es als ſeine offenbare Abſicht dar, das alte, des⸗ potiſche Syſtem wieder einzufuͤhren. Kurz, alles Ver⸗ trauen zwiſchen Herrſcher und Volk war dahin durch einen Zuſammenfluß von ungluͤcklichen Umſtaͤnden, wo⸗ bei es ungerecht waͤre, auf eine Parthei ausſchließlich den Tadel zu werſen, da ſo viele Gruͤnde zum Miß⸗ trauen und Mißverſtaͤndniß auf beiden Seiten vorhan⸗ den waren; das edle und großmuͤthige Zutrauen, das die Franzoſen auf den edlen und großmuͤthigen Cha 95 rakter ihres Monarchen zu ſetzen gewohnt waren(ein Zutrauen, welches Ludwigs Rechtſchaffenheit in einem hohen Grade verdiente), war voͤllig dahin, oder dieje⸗ nigen, in deren Bruſt es noch glaͤhte, waren ver⸗ bannt, und hatten die Oriflamme und den alten Geiſt des franzoͤſiſchen Ritterthums in ein Lager mit ſich genommen, das nicht das ihrige war. Der uͤbrige Theil der Nation, einen zerſtreuten und eingeſchuͤch⸗ terten Reſt von Royaliſten ausgenommen, waren Kon⸗ ſtitutionelle, welche, mehr Freunde der Krone, als des Koͤnigs, die Regierungsform, aber ohne CEifer oder Anhaͤnglichkeit an Ludwig, beizubehalten wuͤnſch⸗ ten; oder Girondiſten, welche als Republikaner ſein Amt verabſcheuten; oder Jakobiner, welche ſeine Per⸗ ſon haßten. Alles griff daher Ludwigen an; und er galt fuͤr einen Menſchen, der ſich ſelbſt unter die Ari⸗ ſtokraten einreihe, fuͤr den eingeſtandenſten und gehaß⸗ teſten Feind der neuen Ordnung der Dinge, wenn irgend jemand die Stimme zu ſeiner Vertheidigung oder auch nur zu ſeiner Rechtfertigung erhob. Der Einfluß der revolutionaͤren Klubbs, deren Anzahl ſich auf viele Tauſende belief, und die Tag⸗ blaͤtter, faſt die einzige Literatur, welche Frankreich uͤbrig geblieben war, machten das Maaß der Ver⸗ läumdungen und Beſchuldigungen voll. Die Jakobi⸗ ner griffen ſeit dem Anfang der Revolution die Per⸗ ſon des Koͤnigs an; denn ſie wuͤnſchten die Entthro⸗ nung Ludwigs, wenn ſchon einige von ihnen ſich ver⸗ 94 zuͤndet hatten, Orleans an ſeine Stelle zu bringen⸗ Die Girondiſten waͤren es dagegen wohl zufrieden ge⸗ weſen, das Leben Ludwigs zu retten, aber in dem von ihnen geleiteten Journal haͤuften ſie Gruͤnde auf Gruͤnde gegen die koͤnigliche Wuͤrde. Ueberhaupt war Ludwig ſowohl in ſeiner Eigenſchaft als Koͤnig, als in ſeinem perſoͤnlichen Charakter ſo lange und ſo gleich⸗ förmig verlaͤumdet und mißdeutet worden, daß er in den meiſten Theilen Frankreichs fuͤr den Feind galt, den das Volk am meiſten zu fuͤrchten habe, und wel⸗ chen los zu werden, es das groͤßte Intereſſe habe. Zum Beweis davon kann noch hinzugefuͤgt werden, daß waͤhrend allem Wechſel der einander folgenden Partheien in den naͤchſten ein oder zwei Jahren die Beſchuldigung einer Neigung zum Koͤnigthum ſtets die Anklagen erſchwerte, welche die Partheien gegen einander vorbrachten, und als ein ſo noͤthiger Beiſatz zur Beſchuldigung betrachtet wurde, daß man ſie ſelbſt da nicht hinwegließ, wo die Umſtaͤnde ſie voͤllig un⸗ moͤglich machten. Beide Partheien im Convent waren alſo vorberei⸗ tet, ſich Popularitaͤt zu erwerben, indem ſie den faſt allgemeinen Vorurtheilen gegen Monarchie und gegen den Koͤnig willfaͤhrig ſich bewieſen. Die Girondiſten, treu ihren republikaniſchen Grundſaͤtzen, hatten ſich entſchloſſen, den Thron abzuſchaffen; aber ihre verwe⸗ genen Nebenbuhler waren vorbereitet, einen Schritt weiter zu gehen, und durch den Tod des entthronten —- 95 Monarchen dem allgemeinen Geiſt der Rache zu genkt⸗ gen, den ihre eigenen Verlaͤumdungen ſo hoch geſteis gert hatten. Dies war das große Nationalverbrechen, welches Frankreich zur republikaniſchen Taufe dienen, und, einmal begangen, als die Handlung einer bis zum Tod entſchloſſenen Anhaͤnglichkeit an die Sache der Revolution betrachtet werden ſollte. Aber nicht zufrieden, Maßregeln zum Tode des Monarchen zu ergreifen, entſchloß ſich dieſe verzweifelte, aber thaͤtige Rotte, ihren Nebenbuhlern mit dem Vorſchlag zur Abſchaffung der Koͤnigswuͤrde zuvorzukommen. Die Girondiſten, welche ſehr auf die Popularitaͤt rechneten, die ihnen dieſe Lieblingsmaßregel verſchaffen wuͤrde, waren ſo weit entfernt, das Zuvorkommen der Jakobiner zu fuͤrchten, daß ſie, in der Meinung, Or⸗ leans ſtehe noch in Verbindung mit Danton und an⸗ dern, vielmehr einigen Widerſpruch von ihrer Seite erwarteten. Wie groß war aber ihr Erſtaunen und ihr Verdruß, als*) Manuel aufſtand und verlangte, daß der erſte Vorſchlag, der dem Convent gemacht wuͤrde, die Abſchaffung der Koͤnigswürde ſeyn ſollte! Ehe noch die Girondiſten ſich von ihrem Erſtaunen er⸗ holen konnten, verlangte Collot d' Herbois, ein arm⸗ ſeliger Schauſpieler, den das Ziſchen von der Schau⸗ buͤhne verjagt hatte, daß ſogleich uͤber den Vorſchlag geſtimmt werden ſollte. Die Girondiſten, denen man in ihrem Plan zuvorgekommen war, blieb nichts uͤbrig, *) den 24ſten Septembet 4792, 96 als laut in den Vorſchlag einzuſtimmen, um nicht durch ihr Zaudern Zweifel an ihrem republikaniſchen Eifer zu erregen, Alles, was ſie thun konnten, war alſo, dadurch bei der Volksparthei ihr Anſehen zu ret⸗ ten, welches ſie auf eine große Hoͤhe zu ſteigern ge⸗ hofft hatten. Ihre Gegner waren ſo geſchickt geweſen, ihnen den Gewinn unter den Haͤnden wegzuſtehlen. Die Heftigkeit, womit verſchiedene Redner ſich gegen Mongrchie jeder Art, und gegen Koͤnige im All⸗ gemeinen ausdruͤckten, zeigte, daß ihr Seelenzuſtand entweder nicht ruhig genug war, um uͤber eine große Nationalmaßregel zu entſcheiden, oder daß die Schrek⸗ ken der kaum vor zehn Tagen vorgefallenen Metzeleien ihnen die Gefahr vor Augen geruͤckt hatten, wenn ſie ſich lau in der Sache des ſouverainen Volks bewieſen, das nicht nur oberſter Richter, ſondern auch der raſche Vollzieher ſeiner eigenen Dekrete war. Der Abbé Gregoire erklaͤrte, die Dynaſtien der Koͤnige ſeyen eine Brut von Raubthieren, die ſich von dem Blute des Volks naͤhrten, die Koͤnige ſeyen in der moraliſchen Ordnung der Dinge daſſelbe, was die Ungeheuer in der phräſchen; die Hoͤfe ſeyen die Werkſtaͤtten der Verbrechen, und der Mittelpunkt der Verderbniß; und die Geſchichte der Fuͤrſten ſey das Martyrologium des Volks. Da endlich alle Mit⸗ glieder des Convents voͤllig von dieſen an ſich klaren Wahrheiten uͤberzeugt ſeyen, ſo ſey es unndͤthig, das Sammeln der Stimmen uͤber die Abſchaffung auch nur 4 — ,— 97 nur um einen Augenblick zu verſchieben, indem man es auf eine gelegenere Zeit aufſchieben koͤnne, ihre Erklaͤrung in eine beſſere Form zu bringen. Ducos rief aus, die Verbrechen Ludwigs allein ſeyen ein hin⸗ reichender Grund zur Abſchaffung der Konigswuͤrde. Der Vorſchlag wurde angenommen, und gieng ein⸗ ſtimmig durch; und jede Seite des Saals, eifrig ihren Antheil an dieſer großen Maßregel kund zu thun, wie⸗ derhallte von dem neuen Kriegsruf: vive la republi- que! So fiel auf die Stimme eines elenden Schau⸗ ſpielers und Gurgelſchneiders, unterſtuzt von der ei⸗ nes abtruͤnnigen Prieſters, die aͤlteſte und ausgezeich⸗ netſte Monarchie Europas. Es moͤgen einige wenige Bemerkungen uͤber die neue Regierung geſtattet ſeyn, deren Annahme mit einem ſolchen Freudenrufe bewill⸗ kommt wurde. Es iſt ſchon geſagt worden, diejenige Regierungs⸗ form ſey die beſte, deren Verwaltung die beſte iſt. Der Satz iſt wahr fuͤr eine gewiſſe Zeit, aber auch nur fuͤr eine gewiſſe Zeit, da eine gure Verwaltung oft von dem Leben der Individuen abhaͤngt, oder von Umſtaͤnden, die an und fur ſich veraͤnderlich ſind. Man iſt eher verſucht, zu ſagen, daß dieſenige Regie⸗ rung am beſten auf das Gluck einer Nation berechnet⸗ iſt, welche am beſten zu dem gegenwaͤrtigen Zuſtand 28 Landes paßt, und zu gleicher Zeit ſolche innere der Verjuͤngung beſizt, welche ſie fahig ma⸗ mit dem Wechſel der Umſtande Schritt zu hal⸗ Seott's Werke. XXVIII. 7 93 ten, und ſich den unvermeidlichen Aenderungen an⸗ zupaſſen, die in einem fortſchreitenden Zuſtand der Geſellſchaft vorkommen muͤſſen. In dieſem Geſichts⸗ punkt, und ſelbſt in dem patriarchaliſchen Kreiſe iſt die natuͤrlichſte Regierungsform in der fruͤheſten Pe⸗ riode der Geſellſchaft Monarchie oder Republik. Der Vater iſt Haupt ſeiner eigenen Familie, der verſam⸗ melte Rath der Vaͤter regiert die Republik, oder die patria potestas des ganzen Staats iſt irgend einem gluͤcklichen Krieger oder ausgezeichneten Geſetzgeber uͤbertragen, welcher der Konig des Stammes wird. Aber eine Repubkik in dem woͤrtlichen Sinne, wo man annimmt, alle ihrer Herrſchaft unterworfenen Individuen muͤßten in der Rathsverſammlung uͤber alle oͤffentlichen Angelegenheiten um Rath gefragt wer⸗ den, kann die fruͤheſte Perjode des Daſeyns nicht uͤberleben. Sie kann nur um das Berathungsfeuer eines nordamerikaniſchen Indierſtammes gefunden werden, und auch hier bilden die alten Maͤnner eine Art von Senat, und haben dadurch ſchon eine Art Ariſtokratie gebildet. Wie die Geſellſchaft fortſchrei⸗ tet, und der kleine Staat ſich ausdehnt, werden die gewoͤhnlichen Regierungsgeſchaͤfte Abgeordneten uͤber⸗ tragen, oder ausſchließlich von einigen aus den hoͤ⸗ hern Staͤnden des Staats an ſich geriſſen. Als Rom die Tarquinier verjagte, mit welchem Zeitpunkt die Girondiſten den der franzöͤſiſchen Revolution ſehr ger⸗ ne verglichen, hatte es bereits ſeine bevorrechtete Kor⸗ —— —— —,— „ 99 perſchaft von Patriziern, ſeinen Senat, aus welchem die Conſuln ausſchließlich gewaͤhlt wurden, bis es in einer ſpaͤtern Periode, und nach manchem Kampf mit den Patriziern, den Plebejern gelang, fuͤr ihren Stand viele Vortheile zu erhalten. Aber der roͤmi⸗ ſche Staat war nicht republikaniſcher im eigentlichen Sinne des Worts, als vor dieſen Bewilligungen. Die in der Stadt wohnenden Buͤrger Roms wurden zwar zu einigen Vorrechten des Adels zugelaſſen, aber das Gebiet und die Bevoͤlkerung, uber welche dieſe Buͤrger ihre Herrſchaft ausdehnten, war ſo groß, daß der auf dem Lande wohnende und nicht repraͤſentirte Theil der Einwohner die Zahl der Buͤrger, melche in den Comitien ſtimmten, und die Quelle der Gewalt bildeten, weit uͤberwog. Ferner gab es eine große Menge Sklaven, die weder repraͤſentirt waren, noch ſeyn konnten, da ſie vor dem Geſetz der politiſchen oder buͤrgerlichen Rechte eben ſo wenig faͤhig gehalten wurden, als eine Heerde von ſo viel Stuͤck Vieh; auch gab es noch zahlreiche und ausgedehnte Laͤnde⸗ reien, uͤber deren Einwohner Rom unter dem Namen von Huͤlfsvoͤlkern eine unumſchraͤnkte Herrſchaft aus⸗ uͤbte. In der That, die ſogenannte Demokratie war vielmehr eine Oligarchie, welche nur weiter als ge⸗ woͤhnlich zerſtreut war, und die Herrſchaft uͤber ein ungeheures Reich einer gewiſſen beſchraͤnkten Anzahl Einwohner Roms, welche Buͤrger genannt wurden, uͤbergab, obgleich ſie im Verhaͤltniß zu der ungeheu⸗ 2 7.. 190 ⸗ ren Menge der Bewohner nur wenig zahlreich waren. Dieſe bevorrechteten Menſchen lebten zum Theil von ihren Stimmen,— die Ehrgeizigen ſchmeichelten ih⸗ nen, futterten ſie, beſtachen ihre Augen mit praͤchti⸗ gen Schauſpielen, ihre Ohren mit einer maßloſen Rednerei, und vereinigten zulezt die kleine Zahl be⸗ vorrechteter Buͤrger ſelbſt, indem ſie ihre Grundſeͤtze verdarben, unter der naͤmlichen Herrſchaft, unter welcher ſie lange ihr ausgedehntes Reich gehalten hat⸗ ten. Es gibt keinen Zeitraum in der roͤmiſchen Re⸗ publik, von welchem, wenn man die Zahl der regier⸗ ten Menſchen mit denen vergleicht, welche als Buͤr⸗ ger Theil an der Regierung durch ihre Stimme oder die Faͤhigkeit, Aemter zu uͤbernehmen, hatten, be⸗ haupter werden kann, daß das Volk als ein Ganzes richtig und vollſtaͤndig repraͤſentirt geweſen ſey. Alle andern Republiken, von denen wir irgend eine genaue Nachricht haben, mit Einſchluß der be⸗ ruͤhmten Staaten Griechenlands, waren ſo klein, daß es keineswegs ſchwer fiel, die Buͤrger bis zu einer betraͤchtlichen Ausdehnung um Rath zu fragen. Auch dieß Recht, befragt zu werden⸗ war auf die freien Buͤr⸗ ger iechenlands beſchraͤnkt. Den Sklaven, welche anen betraͤchtlichen Theil der Bevoͤlkerung ausmachten, ubte man nie, ſo wenig als in Rom, die geringſte iſch wng. Da von den Sklaven die niedrigern, gern Theile der Arbeit ver⸗ ſehen wurden, ſo waren von den Vorrechten der Buͤr⸗ „ „ 10¹¼ ger faſt alle diejenigen ausgeſchloſſen, welche durch ſtete Arbeit und die ſchmutzigen Geſchaͤfte, zu denen ihr Schickſal ſie verdammte, fuͤr unfaͤhig angeſehen wer⸗ den koͤnnen, politiſche Nechte mit der gehoͤrigen Ue⸗ berlegung und Unabhaͤngigkeit auszuuͤben. Es iſt nicht zu viel, wenn man ſchließlich ſagt, daß außer der fruͤheſten Zeit der menſchlichen Geſellſchaft niemals eine politiſche Gemeinheit beſtand, in welcher die Frei⸗ heit und Gleichheit gefunden wurde, welche die Fran⸗ zoſen fuͤr jeden Einzelnen im ganzen Umfang ihres Reichs in Anſpruch nahmen. Die Schwierigkeit, oder vielmehr die Unmoglich⸗ keit, jedem Einzelnen in Frankreich einen gloichen Theil politiſcher Gewalt zuzutheilen, war etwas, wo⸗ gegen das Alterthum nie anzukaͤmpfen verfucht hat⸗z aber der Reichthum und die Groͤße des franzoͤſſchen Reichs, dieß waren Umſtaͤnde, durch welche weiſe, er⸗ fahrene Staatsmaͤnner beſtimmt wurden, ſich gegen den guͤnſtigen Ausgang des Verſuchs zu erktaͤren. Jene denkwuͤrdigen Republiken, denen Montesquien das Compliment macht, ſie ſeyen auf die Tugend, als ihren leitenden Grundſatz gebaut, lagen in be⸗ ſcheidenen, abgelegenen Gegenden, wo Tugend ſehr oft gefunden wird. In bergigen Laͤndern, wie in der Schweiz, wo die Einwohner faſt vom naͤmlichen Nan⸗ ge, und an Vermoͤgen nicht ſehr verſchieden ſind, wo ſie ein kleines Gebiet bewohnen, ſcheint eine Re⸗ publik die ngtuͤrlichſte Regierungsſorm. Die Natur 10² hat bis zu einem gewiſſen Grade eine Gleichheit un⸗ ter den Vaͤtern einer ſolchen Geſellſchaft aufgeſtellt, und es iſt kein Grund vorhanden, warum die Poli⸗ tik ſie umſtoßen ſollte. In ihrer oͤffentlichen Ver⸗ ſammlung kommen ſie zuſammen mit den naͤmlichen allgemeinen Rechten, und haben faſt dieſelbe Gelegen⸗ heit, ein Urtheil zu bilden; die Angelegenheiten des Staats ſind zu einfach, und zu wenig entwickelt, um haufige oder lange Discuſſionen zu erfordern. Das uͤmliche laͤßt ſich auf einige kleine Staaten, wie Genf, und einige hollaͤndiſche Provinzen anwenden, wo die Ungleichheit des Vermoͤgens, wenn ſie auch in einigen Faͤllen Statt findet, durch die Betrachtung gemildert iſt, daß es durch den gleichen ehrenvollen Betrieb des Handels gewonnen wurde, wo alle Gluͤcks⸗ guͤter auf das gleiche Handelsſyſtem gegruͤndet ſind, und wo der Zufall, der geſtern einen Mann reich machte, ihn morgen hinabſtoßen und einen Andern erheben kann. Unter ſolchen guͤnſtigen Umſtaͤnden koͤn⸗ nen Republiken lange und gluͤcklich beſtehen, wenn es ihnen anders moͤglich iſt, zu verhindern, daß der Luxus im Geheimen ihre ſittlichen Grundſtze aufloſe, oder daß die aͤußere Gewalt maͤchtigerer Nachbarn ihren kleinern Staat nicht in ihrer Eroberungswuth verſchlinge.. Amerika muß gewiß als ein gluͤcklicher Verſuch betrachtet werden, eine Republik nach einem groͤßern Maßſtabe zu bilden, als die hier bemerkten. Aber — — 103 dieß große und bluͤhende Reich beſteht, man muß dar⸗ an erinnern, aus einem Bunde vieler Staaten, wel⸗ che, obgleich von ausgedehntem Gebiet, doch verhaͤlt⸗ nißmaͤßig wenig Einwohner haben. In Amerika fin⸗ det ſich nicht in dem Grade eine dichte und herabge⸗ wuͤrdigte Bevoͤlkerung, welche bei den alten Nationen Europas eine ſo unendliche Verſchiedenheit in Kennt⸗ niſſen und Unwiſſenheit, an uͤbermaͤßigem Vermoͤgen und der ſchrecklichſten Armuth verurſacht. Kein Mann in Amerika muß arm ſeyn, wenn er nur ein Beil und Arme hat, es zu gebrauchen. Die Wildniß iſt fuͤr ihn dieſelbe Zuflucht, wie fuͤr unſere erſten El⸗ tern. Seine Familie, wenn er eine hat, iſt ein Reich⸗ thum; iſt er nicht mit Weib und Kindern belaͤſtigt, um ſo leichter ſorgt er fuͤr ſich. Ein Mann, der ein großes Gluͤck machen will, mag ſeine Hoffnung in“ Amerika betrogen finden; wer aber mit maͤßiger Ar⸗ beit die Beduͤrfniſſe, welche die Natur fordert, ſich zu verſchaffen wuͤnſcht, iſt ſicher, ſie zu finden. Ein unermeßlicher Therl der Bevoͤlkerung in den vereinig⸗ ten Staaten beſteht aus Ackerbauern, welche von ih rem Eigenthum leben, das meiſt von geringer Aus⸗ dehnung iſt, und welches ſie mit eigener Arbeit bauen. Eine ſolche Lage iſt republikaniſchen Sitten beſonders guͤnſtig. Der Mann, welcher ſich in der That unab⸗ haͤngig fuͤhlt,— und dieß muß jeder Amerikaner, der einen Spaten oder eine Art fuͤhren kann,— fin⸗ det ſein Vergnugen an der bloßen Ausuͤbung ſeines 404— freken Willens, und bildet einen ſtarken Abſtich gegen den ſchreienden, kreiſchenden, ungeſtuͤmmen Poͤbel ei⸗ ner Stadt, wo man ſicher iſt, mit einem Schluck Branntwein oder Geld zu einer Mahlzeit ſich den Zuruf von Tauſenden zu erkaufen, deren Stellung in der Ordnung der Geſellſchaft zu tief ſteht, um ihnen zu geſtatten, ihre politiſchen Rechte fuͤr eine Sache von hoͤherem Werthe anzuſehen, als daß ſie es gegen einen Vortheil austauſchen durften, den ſie ſich ver⸗ ſchaffen koͤnnen, oder gegen eine Zuͤgellofigkeit, der ſie ſich uͤberlaſſen duͤrfen, wenn ſie es der Verfuͤgung dieſes oder jenes Canditaten anheimſtellen. Ehe man uͤberhaupt Amerika mit Frankreich ver⸗ glich, haͤtten die Staatsmaͤnner des leztern einen großen Grundunterſchied bemerken ſollen. Nach der großen Veraͤnderung des Syſtems durch Abwerſung der Souverainitaͤt des Mutterlandes richteten die amerikaniſchen Staaten ihre neue Regierung in der Art ein, daß ſie die moͤglichſt geringe Aenderung in den Gewohnheiten des Volks vornahmen. Sie uber⸗ ließen es einer kuͤnftigen und paſſendern Zeit, die ferneren Neuerungen vorzunehmen, welche dieſe große Veraͤnderung noͤthig machen konnte, weil ſie lieber die allgemeinen Umriſſe einer feſten und geordneten Regierung, wenn ſie auch einige Widerſpruͤche ent⸗ hielt, beſtimmen, als alle beſtehenden Gewalten auf⸗ loͤſen wollten, um eine Konſtitution hervorzubringen, welche der Theorie nach richtiger, aber weit weniger — —,— 4 105 —y— ausfuͤhrbar waͤre, als die alten Formen, unter denen das Volk aufgewachſen, und denen es allen Gehorſam zu leiſten gewohnt war. Sie ſchafften keinen Adel ab, denn ſie hatten in den Kolonien keinen abzuſchaf⸗ fen; aber als ſie die Grundzuͤge ihrer Konſtitution feſtſezten, hielten ſie die Kraft und den Ungeſtuͤm der Repraͤſentantenkammer durch einen Senat in Schranken, der den naͤmlichen Zweck erfullen ſollte, wie das Haus der Lords in der brittiſchen Konſtitu⸗ tion. Die Gouverneure der verſchiedenen Staaten, in deren Haͤnden die ausuͤbende Gewalt eines jeden ruhte, fuhren fort, ihre Pflichten wie vorher auszu⸗ 4 uͤben, ohne weiter viel zu aͤndern, als daß ſie von . ihren Mitbuͤrgern jezt ernannt wurden, ſtatt daß ſie vorher von dem Souverain des Mutterlandes beſtellt worden waren. Der Kongreß ubte die Rechte, welche⸗ der Erfolg ihm uͤber die Loyaliſten gegeben hatte; mit ſo viel Maͤßigung aus, als nach der Wuth eines ¼ Buͤrgerkriegs erwartet werden konnte. Ueberhaupt war die Maſſe der amerikaniſchen Bevoͤlkerung in einem ganz geſunden Zuſtande, und wohl geeignet, ihren Antheil an der Ausubung der politiſchen Rech⸗ te zu uͤbernehmen. Sie war unabhaͤngig, und hatte vergleichsweiſe wenig Beiſpiele unter ſich von großem Vermoͤgen, das gegen erniedrigende Armuth zu grell abgeſtochen haͤtte. Es lag in dieſen Menſchen ein tie⸗ fes Gefuͤhl fuͤr Religion und fuͤr Moralitaͤt, welche die Frucht derſelben iſt. Sie waren erzogen unter 2 »— 106 einer freien Regierung, und in der Ausuͤbung der Rechte freier Maͤnner; ihre Phantaſie wurde nicht gereizt, ihr Verſtand nicht wankelmuͤthig gemacht durch die ploͤtzliche Ertheilung von Vorrechten, deren Weſen ihnen unbekannt war. Die Republik von Ame⸗ rika beſtand ferner nicht aus einem einzigen großen und volkreichen Lande, mit einer uͤbermaͤchtigen Haupt⸗ ſtadt, wo der geſetzgebende Koͤrper, gleich Gefange⸗ nen in ihren Umkreis eingeſchloſſen, nach dem Bei⸗ fall oder den Drohungen eines verzweifelten Poͤbels handeln mußte. Jeder Staat der amerikaniſchen Na⸗ tion hat ſeine eigene unmittelbare Regierung, und erfreut ſich des unbeeintraͤchtigten Vorrechts, ſolche Plane anzunehmen, welche fuͤr ſeine beſondere Lage am paſſendſten ſind, ohne ſich mit jener idealen Gleich⸗ frmigkeit und der allgemeinen Gleichheit der Rechte in Verlegenheit zu bringen, deren Aufſtellung der eitle Zweck der franzoͤſiſchen konſtituirenden Verſamm⸗ lung war. Die Amerikaner wiſſen, daß der Vortheil einer Konſtitution, wie der eines Kleids weder in dem beſonderen Schnitt, noch in der Feinheit des Gewebes beſteht, ſondern darin, daß es der Perſon wohl anpaßt, welche Deckung davon erwartet. Kurz die Klugheit Washingtons zeigte ſich nicht einleuch⸗ tender in ſeinen Kriegsthaten, als in der maͤnnlichen und weiſen Pauſe, die er in dem Gange der Revolu⸗ tion machte, ſobald der Friede Gelegenheit gab, ihren Ungeſtuͤm zu unterbrechen. Geſetz und geſellſchaftliche ₰ —— —,— ———,— 107 Ordnung auf einer feſten Grundlage zu erbauen, war ſo ſehr der Zweck dieſes großen Generals, als es der der Staatsmaͤnner in Paris war, ſo gut ſie ſich auch auf Rehtswiſſenſchaft verſtanden, die Periode des Aufſtands, des Mords und der revolutionaͤren Ty⸗ rannei zu verlaͤngern. Von allen dieſen einzelnen Vortheilen, wie wir ſie eben beruͤhrten, bot Frankreich das voͤllige Gegen⸗ theil dar. Nicht nur war der uͤberwiegende Einfluß einer ſolchen Hauptſtadt, wie Paris, ein Hinderniß fuͤr das Daſeyn jener republikaniſchen Tugend, welche die Lebenskraft einer Volksregierung iſt, ſondern in den Geſinnungen des franzoͤſiſchen Volks fanden ſich durchaus keine feſten und beſtimmten Grundſaͤtze. Seit wenigen Jahren hatte man alles eifrig und mit Anſtrengung geaͤndert, von den feierlichſten Gebraͤu⸗ chen der roͤmiſchen Kirche bis zu dem unbedeutendſten Theile des Anzugs; von dem Sakrament des Altars bis zu der Mode der Schuhbaͤnder. Von Religion war durchaus nicht mehr die Frage, und von einer hohen Kirche ſollten auch die geringſten Spuren ver⸗ tilgt werden. Mit Ausnahme der Soldaten, deren Tapferkeit dieſem Namen Ehre machte, beſtand die republikaniſche Tugend darin, ein ſchmutziges Kleid und unreine Waͤſche zu tragen, die gemeinſten Eide zu ſchwoͤren, ohne Bedenken den niedertraͤchtigſten Befehlen des Jakobinerklubbs zu gehorchen, und den Namen, die Sitten und Geſinnungen eines aͤchten 1408 Sanseuͤlotten anzunehmen. Das Land war dabei in eine unendliche Menge Faktionen getheilt, und mit der Peſt des Buͤrgerkriegs bedroht. Die Straßen der Hauptſtadt waren kuͤrzlich der Schauplatz eines ver⸗ zweifelten Gefechts, und ganz neuerdings einer ſchreck⸗ lchen Metzelei geweſen. An den Graͤnzen war das Land von einbrechenden Armeen bedroht. Es war eine Criſis, in der die Roͤmer mit all ihrer Liebe zur Freiheit den Beiſtand eines Diktators angernfen haͤtten, und jezt wurde Frankreich ohne Berufckſichti⸗ gung der wahren Beduͤrfniſſe des Landes oder der Sinnesart ſeiner Einwohner zur Republik erklaͤrt; eine Regierungsform, welche ſich mit energiſchen, ge⸗ heimen und mit Erfolg bekleideten Weraihungen am wenigſten vertraͤgt. Dieſe Betrachtungen konnten den Girondiſten nicht entgangen ſeyn, ſie konnten nicht blind ſeyn ge⸗ gen die Thatſache, daß jede Republik, welches auch ihre Anſpruͤche an die Freiheit ſeyn mochten, irgend einem hohen Staatsbeamten unter dem Namen Doge, Statthalter oder Praſident, oder irgend einem An⸗ dern die ausuͤbende Gewalt uͤbertragen habe, aus dem klaren und unlaͤngbaren Grundſatz, daß ſie ohne Ge⸗ fahr der Freiheit den Haͤnden eines geſetzgebenden Koͤrpers nicht anvertraut werden koͤnne. Olgleich ſie dieß aber wußten, ſo wagten ſie doch nicht, auch nur darauf hinzudeuten, daß eine ſolche Theilung der Ge⸗ walten unumgaͤnglich noͤthig ſey, weil ſie fuͤrchteten, — 1⁰9 daß ihre wilden Feinde, die Jakobiner, ohne Beden⸗ ken des Amts ſich bemaͤchtigten, und zugleich mit der andern Hand eine Anklage wegen beleidigter Nation dieſes Vorſchlags halber gegen ſie unterzeichnen wuͤr⸗ den. So roh, wild und unuͤberlegt wurde eine der wichtigſten Veraͤnderungen eingefuͤhrt, die in einem Lande vorgenommen werden kann, und ging ſo haſtig in dem geſetzgebenden Koͤrper durch, wie eine Deko⸗ rationsveraͤnderung in dem Theater. Die Veraͤnderung wurde nichts deſto weniger von dem Gemeinderath ohne weiters als die Vollendung des hohen Gluͤcks geprieſen, welches Frankreich be⸗ ſtimmt ſey. In der That, halb Europa ſtand unter den Waffen an ihren Thoren,— aber die Nation, welche mit dem Schwert dagegen auftrat, war repu⸗ blikaniſch geworden; die ſchrecklichſte Unordnung war in der Geſtalt des bewaffneten Mords umhergezogen, — aber es war nur das Aufgluͤhen, des bis zum Wahnſinn geſteigerten republikaniſchen Freiheitsſinnes. Unterſchleif hatte ſich in die Finanzen eingeſchlichen, und der Diebſtahl hatte ſeine Klauen gegen die Dia⸗ manten des Staates ausgeſtreckt; aber der Name der Republik war zuͤr ſich ſelbſt genug, um den ſchwaͤrze⸗ ſten aus der Jakobinerrotte die ſirtlichen Tugenden eines Cincinnatus wieder zu geben. Das bloße Wort Republik war iezt die Univerſalmedizin gegen alle Uebel, uͤber welche Frankreich ſich beklagen konnte, und auf ihre erneuernde Kraft blickte man mit einem 11⁰ Glauben und einem Zutrauen hin, als ob die ſegens⸗ vollen Wirkungen der Zuſammenberufung der Staͤnde des Koͤnigreichs, die man einſt mit gleichen Erwar⸗ tungen wie eine Panacee verehrte, nicht die Hoffnun⸗ gen des Landes betrogen haͤtten. Unterdeſſen begannen die Schauſoieler in dem neu⸗ en Drama ihre Roͤmerrolle mit der laͤcherlichſten Fei⸗ erlichkeit zu ſpielen. Der Name Buͤrger war die all⸗ gemeine Begruͤßung fuͤr alle Klaſſen; ſelbſt wenn ein Deputirter mit einem Schuhputzer ſprach, wurde dieß beliebte Symbol der Gleichheit unter ihnen ausgewech⸗ ſelt; und in der gewoͤhnlichen Unterhaltung der Ge⸗ ſellſchaſt herrſchte die laͤcherlichſte Affektation republikani⸗ ſcher Kuͤrze und Einfachheit.,„Wenn Ihr Bruͤſſel er⸗ obert,“ ſagte der Schauſpieler Collot d' Herbois zu dem General Dumouriez,„ſo hat meine Frau, welche in dieſer Stadt iſt, die Erlaubniß, Euch mit einem Kuſ⸗ ſe zu velohnen.“ Der General war ungalant genug, dieſe ſchmeichelhafte Erlaubniß nicht zu benuͤtzen. Sein lebhafter Verſtand faßte ſchnell das Laͤcherliche eines ſolchen Stoßſeufzers anf, wie ihn Cammus an ihn rich⸗ tete:„Buͤrger⸗General, ſagte der Deputirte; du haſt Caͤſars Rolle zu ſpielen im Sinne, aber erinnere dich, daß ich ein Brutus ſeyn, und einen Dolch in deinen Buſen ſtoßen werde.—„Mein lieber Cammus“, ſagte der muntere Soldat, der ſchlimmere Gefahren beſtanden hatte, als in dieſer klaſſiſchen Drohung la⸗ gen,„ich gleiche Caͤſarn nicht mehr, als Ihr Brutus 8 111 gleicht, und eine Verſicherung, daß ich leben ſoll, bis Ihr mich toͤdtet, wuͤrde einem Patent der Unſterblich⸗ keit gleich kommen.“ Mit einer aͤhnlichen Affektation von republikani⸗ ſcher Wuͤrde gruͤßten dieſe Menſchen ihre Kinder mit dem furchtbaren Namen roͤmiſcher Helden, und die Tollheit des Anacharſis Cloots ſchien allgemein in der Nation zu werden, Republikaniſche Tugenden wurden demnach ange⸗ nommen oder affektirt. Die Pflicht der Muͤtter, ih⸗ re Kinder ſelbſt zu ſtillen, auf welcher Rouſſeau mit ſo viel Beredrſamkeit beſtand, und deren Ausuͤbung bei der modernen Lebensweiſe ſo ſchwer iſt, wurde all⸗ gemein in Paris beſolgt; und da die Damen keinen Gedanken hatten, daß dieſe Handlung muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit zu dem gewohnkem Gang der unterhalten⸗ den Lebensweiſe gar nicht paſſe, konnte man Muͤtter mit ihren, in das bewaͤhrteſte Roͤmer⸗Coſtuͤm gekleide⸗ deten Kindern, mit dieſen kleinen ungluͤcklichen Opfern republikaniſcher Affektation im Theater ſehen, wo ihr Geſchrei ſowohl, als andere durch ihre Gegenwart veranlaßte Ungelegenheiten, manchmal unangenehme Unterbrechungen in den Vergnuͤgungen des Abends zur Folge hatten, und die unerfahrenen Matronen in eine ſchreckliche Verlegenheit ſezten. Dieß waren Thorheiten, woruͤber man lachen muß⸗ te. Aber wenn Leute den Livius laſen, um zu entde⸗ cken, welche Priyatverbrechen unter dem Deckmantel oͤffentlicher Tugend begangen werden koͤnnen, wurde die Sache eruſthafter; die That des jungern Brutus diente manchem zur Beſchoͤnigung, wenn er durch ſeinen Ver⸗ rath das Verderben oder den Tod eines Freundes oder Goͤnners herbeifuͤhrte, deſſen Vaterlands iebe nicht ſo hoch ſtehen mochte, als es fuͤr die Zeit paßte. Un⸗ ter dem Beiſpiel des altern Brutus mußten oft die maͤchtigſten Bande des Bluts der Wildheit des Par⸗ theieifers weichen,— eines Eifers, der oft um der ſchandlichſten und eigennuͤtzigſten Zwecke willen ange⸗ nommen wurde. Wie ehemals einige Fanatiker das alte Teſtament ſtudirten, um Beiſpiele von ſchlechten Handlungen heraus zu finden, welche diejenigen be⸗ ſchoͤnigen ſollten, die ſie ſelbſt zu begehen im Begriff waren, ſo laſen die Republikaner Frankreichs, wir meinen die verzweifelten und wuͤthenden Heuchler, die Geſchichte, um durch kla ſi che Beiſpiele ihre oͤf⸗ fentlichen und Privatverbrechen zu rechtfertigen. An⸗ geber, dieſe Geißel eines Staats, wurden bis zu ei⸗ nem im alten Rom zu den Zeiten der Kaiſer kaum gekannten Grad ermuthigt, obgleich Tacitus gegen ſie, als das Gift und die Peſt ſeiner Zeit, ſeine Donner ſchleuderte. Die Pflicht, ſolche Angebereien anzunehmen, wurde ungeſcheut fuͤr unumgaͤnglich noth⸗ wendig angegeben. Da die Sicherheit der Republik die hoͤchſte Aufgabe eines jeden Burgers war, ſo durf⸗ te man nicht zaudern, einen Jeden zu denunciren, wie man ſich ausdruͤckte, mochte man mit ihm auf was 113 was irgend füͤr eine Weiſe verbunden, mochte es ſein vertrauter Freund oder das Weib ſeines Herzens ſeyn,— wenn man nur Grund hatte, das beſtimmte Opfer des Verbrechens der Unbuͤrgerlichkeit zu ver⸗ daͤchtigen, eine Beſchuldigung, die um ſo geheimniß⸗ voller und ſchrecklicher war, je weniger irgend Je⸗ mand das Weſen derſelben genau kannte.— Die Tugend, auch vergleichungsweiſe guter Men⸗ ſchen, wich unter den Fallſtricken, welche dieſe ſchreck⸗ lichen Neuerungen der Sittlichkeit legten. Die Gi⸗ rondiſten ſelbſt bedachten ſich nicht, die Schaͤndlichkeit Anderer zu benuͤtzen, wenn nur ein weſentlicher Dienſt der von ihnen ſogenannten Sache des Vaterlands da⸗ mit geſchah, welche in Wahrheit die Sache ihrer eige nen Faktion war; aber es war den Jakobinern auf⸗⸗ behalten, bis zur außerſten Schaͤndlichkeit den Grund⸗ ſatz durchzufuͤhren, der aus dem Patriotismus einen ausſchließlichen Goͤtzen machte, und verlangte, daß jede andere Tugend ſowohl, als die zarteſten und eh⸗ renvollſten Geſetze des Gefuhls und Gewiſſens, auf dem Altar der Republik geopfert werden ſollte, wie in der alten Zeit die Kinder durch das Feuer des Molochs gehen mußten. Ein anderer Ausbruch des republikaniſchen Eifers war gegen die Alterthuͤmer und die ſchoͤnen Kuͤnſte Fraukreichs gerichtet. Da der Name des Koͤnigs fuͤr verahſchenungswuͤrdig erklaͤrt worden war, ſo ſollten alle Denkmaͤler des Köͤnigthums vernichtet werden. W. Scott's Werke. XXVII. 8 414 Dieſe Arbeit wurde dem Poͤbel aufgetragen, und ob⸗ gleich es fuͤr diejenigen, die es anbefo hlen, ſchimpflich und fuͤr die Geſchichte und die ſchoͤnen Kuͤnſte hoͤchſt nachtheilig war, ſo war es doch unendlich unſchaͤdli⸗ cher, als dasjenige, wozu die naͤmlichen Handlanger kuͤrzlich gebraucht worden waren. Die koͤniglichen Grabmaͤler zu St. Denis, nahe bei Paris, der alte Begraͤbnißort der Bourbons, der Valois und der gan⸗ zen langen Reihe franzoͤſiſcher Monarchen, wurden nicht nur an der Außenſeite beſchaͤdigt, ſondern voͤllig zerſtoͤrt, die Koͤrper hinausgeworſen, die Gebeine zer⸗ ſtreut, und die armen Ueberreſte, ſelbſt Heinrichs V., der ſo lange das Idol der franzoͤſiſchen Nation gewe⸗ ſen war, dem rohen Gaffen und den unheiligen Haͤn⸗ den der Banditen hingegeben, welche dieſen Tempel⸗ raub veruͤbten. Le Noire, ein Künſtler, hatte den Muth, ſich dafuͤr zu verwenden, daß dieſe fuͤr Geſchichte und Li⸗ teratur ſo ſchaͤtzbaren Denkmaͤler nicht voͤllig zerſtoͤrt wurden. Mit Muͤhe verſchaffte er ſich die Erlaubniß,⸗ ſie zu ſammeln und in einem Hauſe und Garten in der Zug des betits Auguslins aufzubewahren, wo die verſtuͤmmelten Reſte in Si u biieben, bis nach der Wiederherſtellung der Bot urbons. Das Unterneh⸗ men war mit viel perſoönlicher Geſahr verinuͤpft, denn wenn das Volk, mit dem er es zu thun hatte, auf den Verdacht gekommen waͤre, daß der Eifer, den er fuͤr die Erhaltung dieſer Denkmaler zeigte, mehr der —— eines Royaliſten, als eines Alterthums⸗ Forſchers war, ſo wuͤrde dieſe ſeine Verehrung dafuͤr alsbald mit dem Tod beſtraft worden ſeyn. Aber die Zerſtoͤrung dieſer alten und heiligen Denkmaͤler war vergleichungsweiſe eine unbedeutende Handlung, um Haß gegen das Koͤnigthum zu zeigen. Die Rache der Republikaner war gegen die Emigran⸗ ten gerichtet, welche, bewaffnet oder unbewaffnet, eder aus was immer fuͤr einem Grunde aus Frankreich entfernt waren, und jezt in einer Reihe von Beſchluͤſ⸗ ſen unter Ein Schickſal zuſammengeworfen wurden. 1) Alle Emigranten, die mit den Waffen in der Hand geſangen genommen werden, ſsllen innerhalb 24 Stun⸗ 1 den den Tod erleiden. 2) Fremde, die feit dem 14. Juli 1789 den franzoͤſiſchen Dienſt verließen, ſind, ge⸗ gen das Geſetz der Nationen, derſelben Strafe unter⸗ worfen. 3) Alle Emigranten, die in fremden Laͤnderu eine Zuflucht geſucht hatten, wurden fuͤr immer aus ihrem Vaterlande verbannt, ohne irgend einen Unter⸗ ſchied oder eine Unterſuchung der Urſachen ihrer Ab⸗ weſenheit. Auf das Vermoͤgen dieſer ungluͤcklichen Verbannten war bereits Beſchlag gelegt, und mit Af⸗ ſignaten, welche auf dieſen Raub fundirt waren, fuͤhr⸗ te Cambon, der die Finanzen leitete, den Kriez fort, und ſorgte fuͤr die Ausgaben der Regierung. Die ins Ausland entflohenen Emigranten wur⸗ den nicht ſtrenger behandelt, als die zuruͤckge enen, ven denen man glaubte, daß ſie ihre Geünnungen, 8„ 116 theilken. Perſonen, aus was immer fuͤr einer Urſa⸗ che verdaͤchtigt, oder aus Privathaß denuncirt, als dem neuen Syſtem abhold, wurden von neuem in den Geſägniſſen aufgehaͤuft, welche am 2. und 3. Septem⸗ ber geleert worden waren, und wo das Blut ihrer ungluͤcklichen Vorgaͤnger noch an den Mauern zu ſe⸗ hen war. Die widerſpenſtigen Prieſter waren beſon⸗ ders ein Gegenſtand dieſer Gewaltsmaßregel, und end⸗ lich erſchien ein ſummariſches Derret, ſie ſollten in Maſſe von Frankreich nach der ungefunden Kolonie Guiana in Suͤdamerika transportirt werden. Viele dieſer Ungluͤcklichen ereilte noch ſchneller das Schickſal. Aber die erhabenſten Opfer, welche auf dem Al⸗ tar der republikaniſchen Tugend abgeſchlachtet werden ſollten, waren im Tempel; daß die konigliche Familie noch immer lebte, erſchien zweifelsohne den Fuͤhrern als ein taͤglicher Vorwurf ihres Zauderns, dieſe ſelbſt als ein Gegenſtand, worauf, wenn der jetzige Geiſt nachlaſſen ſollte, die Zuneigung des verwilderten Vol⸗ kes mit einer Art von Reaktion zuruͤckkehren konnte. Die Jakobiner waren nur darum zu Ludwigs Tode entſchloſſen, damit die Welt ſehen ſollte, ſie ſcheuten ſich nicht, mit einem blutigen Siegel die Wahrheit der Anklagen zu beweiſen, welche ſie gegen ihn vorge⸗ bracht hatten.. Auf der andern Seite war aller Grund zu der Hoffnung vorhanden, daß die Girondiſten zum Schutze des ungluͤcklichen Fuͤrſten alles aufbieten wuͤrden, was 117 ihnen ihr vorherrſchender Einfluß im Konvent an die Hand geben konnte. Sie waren meiſtens Maͤnner, deren Philoſophie, obgleich ſie in wilde politiſche Spe⸗ kulationen ſich verloren, ihr moraliſches Gefuͤhl fuͤr Recht und unrecht nicht erſtickt hatte, beſonders jezt, wo der Kampf zwiſchen Monarchie und Demokratie geendet war, und nur noch die Frage uͤbrig blieb, wie der Sieg benuͤzt werden ſolle. Obgleich ſie am 10. Auguſt den Angriff auf die Tuillerien unterſtuͤzt hatten, den ſie als ein Gefecht betrachteten, ſo waren ihre Haͤnde doch mit den Septembermetzeleien nicht befleckt, welche ſie, wie wir ſogleich ſehen werden, ih⸗ ren Nebenbuhlern, den Jakobinern, als ein ſchreckli⸗ ches Verbrechen vorwarfen. Ueberdieß hatten ſie den Preis gewonnen, und waren im Beſitz der Regie⸗ rung; gleich den Konſtitutionellen vor ihnen wuͤnſch⸗ ten jezt die Girondiſten, daß hier der revolutionaͤre Strom enden, und die ordentlichen Formen von Ge⸗ ſetz und Gerechtigkeit ihren gewohnten Gang durch Frankreich nehwen ſollten, um dem Volke Sicherheit des Lebens, der perſoͤnlichen Freiheit und des Eigen⸗ thums zu gewaͤhren, und ihnen, welche die Zuͤgel der Regierung in den Haͤnden hatten, die Mittel zu ver⸗ ſchaffen, ſie ehrenvoll, ſicher und mit Vortheil fuͤr das Ganze zu fuͤhren. 1 Die philoſophiſchen Staatsmaͤnner, bei denen dieſe Betrachtungen nicht verloren waren, fuͤhlten ſich nichts deſto weniger ſehr in Verlegenheit, auf welche 118 Weiſe ſie ſich zu des Koͤnigs Gunſten verwenden ſoll⸗ ten. Ihr Republikanismus war der Zug, womit ſie ſich am meiſten bruſteten. Sie machten ſich ein Ver⸗ gnugen daraus, den Antheil an dem Sturze Ludwigs in Anſpruch zu nehmen, welche ihrem Kollegen Bar⸗ barour und den Foͤberirten von Breſt und Marſeille gebuͤhrte. Auf ihren Beitritt zu dieſer That ſtuͤzten die Girondiſten ihre Anſpruͤche auf Popularitaͤt; und mit welcher Stirne konnten ſie nun auftreten, als die Beſchuͤtzer, wenigſtens als die Vertheidiger des Koͤnigs, zu deſſen Entthronung ſie ſelbſt beigetragen hatten,— oder welchen Vortheil gewaͤhrten ſie den Jakobinern uͤber ſich, wenn dieſe ſie dem Volke als lau in ihrem Eifer, und als abgefallen darſtellten von der Sache des Volks, um das Leben des entthronten Tyrannen zu retten? Die girondiſchen Miniſter fuͤhl⸗ ten dieſe Verlegenheit, und ließen ſich dadurch ab⸗ ſchrecken, offen, maͤnnlich und ohne Umſchweife ſich der Sache des Koͤnigs anzunehmen. Ein Weib, und, obgleich ein Weib, darum nicht weniger ausgezeichnet, hatte den Muth, auf eine entſchiedene, kraͤftige Vertheidigung des ungluͤcklichen Fuͤrſten zu dringen, wobei der Schleier einer ſelbſt⸗ ſüchtigen und hinterliſtigen Politik nicht zu Huͤlfe ge⸗ nommen werden duͤrfe. Dieß war die Gattin Ro⸗ lands, eine der ausgezeichnetſten Frauen ihrer Zeit. Ein unwuͤrdiger, wenigſtens ſorgloſer Vater und die Affenliebe ihrer Mutter hatten es ihr ſelbſt in ihrer ———— „ 1¹⁹ Jugend uberlaſſen, unter den Unanſtaͤndigkeiten und Gottloſigkeiten der franzoͤſiſchen Philoſophie ſich, ſo gut ſie konnte, ihre Bildung zuſammenzuſuchen, doch obgleich ihre Memoiren empörende Beiſpiele von Un⸗ zartheit und uͤbertriebenen politiſchen Anſichten dar⸗ bieten, ſo kann doch nicht gelaͤugnet werden, daß ihr ganzes Leben unſchuldig und tugendhaft, und ihre Geſinnungen rein waren, wenn ſie ihnen den natuͤr⸗ lichen Gang ließ. Sie ſah die Frage in ihrer wah⸗ ren und wirklichen Bedeutung; ſie ſah, daß die Gi⸗ rondiſten nur dadurch, daß ſie ſich zwiſchen den geſetz⸗ gebenden Koͤrper Frankreichs und die Begehung eines großen Verbrechens ſtellten, in der Regierung ſich halten und das Zutrauen der ehrlichen Leute jeder Farbe ſich erwerben koͤnnten, oder aber kaum die ge⸗ ringſte Hoffnung haͤtten, der Anarchie, die ihr Va⸗ terland verſchlang, ein Ziel zu ſetzen.„Rettet das Leben Ludwigs“, ſagte ſie;„rettet ihn durch eine of⸗ fene, gerade Vertheidigung; dieß iſt die einzige Maß⸗ regel, die eure Sicherheit verbuͤrgen, der einzige Weg, der eurer Regierung das Gepraͤge der oͤffentlichen Tugend aufdrucken kann.“ Die, welche ſie an edete, horchten mit Bewunderung; aber gleich einem Men⸗ ſchen, der raſch eine Hoͤhe erklommen hat, wo ihm ſchwindelt, fuͤhlten ſie ihre Stellung noch zu ſchwan⸗ kend, als daß ſie erlaubte, einem Andern, der ſich in noch drohenderer Gefahr befand, wüli die Hand zur Unte rſtuͤtzung zu reichen. 420 Ihre Lage war in der That ſehr ungen, Eine große Parthei im Konvent unterſtuͤzte ſie offenbar, und in der ſogenannten Ebene, einem Platze, wo diejeni⸗ gen Mitglieder ſaßen, die ſowohl von den Girondiſten, als den Jakobinern unabhaͤngig zu ſeyn vorgaben, gab es viele Manner, die aus der gleichen Furchtſamkeit, welche macht, daß Schaafe und andere ſchwache Thiere ſich in eine Heerde zuſammendraͤngen, ſich zu einer Parthei gebildet hatten, welche zu jeder Zeit in die von ihnen beguͤnſtigte Schaale die Entſcheidung werfen konnte. Aber ſie uͤbten dieſe Macht, die Waage ſchwan⸗ kend zu erhalten, weniger um eines politiſchen Zweckes willen aus, als um ſich ſelbſt ſicher zu ſtellen. In ge⸗ woͤhnlichen Debatten gaben ſie meiſt ihre Stimmen den Miniſtern, theils weil ſie Miniſter waren, theils weil die milderen Geſinnungen der Girondi⸗ ſten, den Gefuͤhlen von Maͤnnern mehr zuſagten, die mit Freuden Friede und Ordnung wieder hergeſtellt geſehen haͤtten. Dann aber ſchmeichelten auch dieſe furchtſamen Mitglieder der Ebene unablaͤſſig den Ja⸗ kobinern, vermieden es, irgend eine Maßregel zu unterſtutzen, welche dieſe leztern toͤdtlich bel leidigen konnte, und kauften ſo ſich gleichſam von ihrer Rache los, indem ſie offen zeigten, daß ſie nur Verachtung verdienten. In dieſer neutralen Parthei fanden ſich vorzuͤglich die Reſte der geſchlagenen Partheien der Gemaͤßigten und Konſtitutionellen; dieſe wichen den Umſtaͤnden des Augenblicks, hatten beim Stimmge⸗ 1²¹ ben nur ihre Sicherheit im Auge, und warteten viel⸗ leicht, bis weniger unruhige Tage ihnen das Vor⸗ recht zuruͤckgeben wuͤrden, ihre wahren Geſinnungen auszudruͤcken. Das Haupt dieſer ſchleichenden Wet⸗ terfahnen war Barrere, ein Mann von Scharfſinn und Beredtſamkeit, raſcher Erfindung, geſchmeidi⸗ ger Meinungen, und einem entſprechenden Gewiſſen. Sein Schrecken vor den Jakobinern war groß, und die Art, wie er ihren Unwillen, in ſo weit er ihn und die neutrale Parthei betraf, entwaffnete, oft ſehr ſinnreich. Wenn die Girondiſten durch Gruͤnde oder Beredtſamkeit irgend einen Sieg in der Verſamm⸗ lung erhalten hatten, der ihre Gegner zur Verzweif⸗ lung zu bringen ſchien, dann war es Barrere und die Mitglieder der Ebene, welche ſich zwiſchen Sieger und Beſiegte warfen, und durch irgend einen Vor⸗ ſchlag von hinterliſtiger oder neutraliſirender Art ei⸗ nem vollſtaͤndigen Siege zuvorkamen, und den Ruͤck⸗ zug der Geſchlagenen deckten. Die Majoritaͤt, welche die Girondiſten in der Verſammlung behaupteten, die aber zum Theil, durch dieſe herzloſe und hin und her ſchwankende Bande von Huͤlfstruppen verkuͤmmert wurde, konnte ſie wohl nie mit einer dauerhaften und wirkſamen Gewalt bewaff⸗ nen. Sie müßten durchaus eine Gewalt aufweiſen, welche im Stande waͤre, ſie ſelbſt und diejenigen, die ſich mit ihnen vereinigen wuͤrden, zu ſchuͤtzen, und dadurch offen zu zeigen, daß die Starke auf ihrer 122 Seite ſev. Hatte man dieß erreicht, ſo konnte man darauf rechnen, daß Barrere und ſeine Parthei treue Anhaͤnger ſeyn wuͤrden. Aber ſo lange die Jakobiner die Gewalt hatten, nach ihrem Gefallen den Konvent mit dem empoͤrten Poͤbel aus den Vorſtaͤdten zu um⸗ ringen, ohne daß die Deputirten ein anderes Ver⸗ theidigungsmittel beſaßen, als ihre Unverletzlichkeit, ſo lange war die Anhaͤnglichkeit derienigen, deren Hauptzweck beim Stimmgeben ihre perſoͤnliche Sicher⸗ heit war, weder zu hoffen, noch zu erwarten. Die Girondiſten blickten deßhalb aͤngſtlich umher, um ſich wo moͤglich eine ſolche Truppenmaſſe zu verſchaffen, welche im Stande waͤre, ſie und ihre furchtſamen Al⸗ liirten zu ſchuͤtzen. Man hat geglaubt, ein thaͤtigeres und ſchlaueres Miniſterium, das mit der Fuͤhrung revolutionaͤrer 3 Bewegungen beſſer bekannt geweſen waͤre, haͤtte in dieſem Zeitpunkt ſich eine wichtige Huͤlfe ſichern koͤn⸗ nen, wenn ſie den ſchrecklichen Danton den Reihen der Feinde entzogen, und den ihrigen einverleibt haͤt⸗ ten. Man muß bemerken, daß das Lager der Jako⸗ biner drei getrennte Partheien enthielt, von denen jede durch einen der oben beſchriebenen Triumvirn ge⸗ leitet wurde, und die in Uebereinſtimmung handelten zu dem gemeinſamen Zweck, die Revolution durch die⸗ ſelben Mittel vorwaͤrts zu treiben, durch welche ſie begonnen,— indem man das Schwert des Schreckens enibloͤßte, und fuͤr das der Gerechtigkeit ausgab,— 423 indem man im Namen der Freiheit, zur Verhinde⸗ rung des Mords und Raubs, unter dem Schutze be⸗ waffneter Moͤrder aus den niederſten Klaſſen, die Verheerung und Verwuͤſtung durch die Departements von Frankreich fortſezte. Obgleich aber die Triumvirn in dieſem Haupt⸗ zweck uͤbereinſtimmten, waren ſie doch ſehr argwoͤh⸗ niſch auf einander, und eiſerſuͤchtig, welche Rechte ein jeder an der Beute, die ſie im Auge hatten, gel⸗ tend machen moͤchte. Danton verachtete Robespierre wegen ſeiner Feigheit, Robespierre fuͤrchtete Dantons wilde Kuͤhnheit, und bei ihm war Furcht Haß, und Haß, ſo bald die Stunde dazu kam,— Tod. Sie waren in ihren Anſichten gleichfalls in Betreff der Art, wie ſie ihr ſchreckliches Regierungsſyſtem aus⸗ uͤben wollten, verſchieden. Danton hatte oft den Satz Machiavels im Munde, wenn es noͤthig ſey, Blut⸗ zu vergießen, ſo habe ein einziges großes Gemetzel eine ſchrecklichere Wirkung, als eine Reihe von auf einander folgenden Hinrichtungen. Robespierre zog im Gegentheil das leztere vor, als den beſten Weg, das Reich des Schreckens zu ſtuͤtzen. Die Luſt Ma⸗ rats konnte nicht geſaͤtrigt werden, als indem man beide Arten von Mord verband. Beide, Danton und Robespierre, hielten ſich ferne von dem blutduͤrſtigen Marat. Dieſe Stellung der Fuͤhrer der Jakobiner gegen einander ſchien anzudeuten, daß einer von den dreien zulezt ſich von den uͤbrigen trennen, und, im 124 Fall irgend eines Verſuchs gegen die Verſammlung, ſeine Moͤrder gegen die ſeiner vorigen Genoſſen auf⸗ ſtellen wuͤrde; und Klugheit empfahl Danton, der, wie man ſagt, der Verbindung nicht abgeneigt war, als den nuͤtzlichſten Verbuͤndeten. Unter den erwaͤhnten drei Ungeheuern hatte Dan⸗ ton die Energie, die den Girondiſten fehlte, und war wohl bekannt mit der geheimen Einleitung der Auf⸗ ſtaͤnde, wozu ſie keinen Schluͤſſel beſaßen. Seine La⸗ ſter, die Wuth, die Ausſchweifung, die Raubluſt, ſo ſchrecklich ſie auch waren, ſind doch Eigenſchaften ſterblicher Menſchen; die Bosheit Robespierres und der inſtinktartige Blutdurſt Marats waren die Eigen⸗ ſchaften hoͤlliſcher Unholde. Wie der ungeheuren Schlange Boa, ſo konnte man ſich Danton mit Si⸗ cherheir naͤhern, wenn er mit Beute geſaͤttigt war, aber der Durſt Marats nach Blut glich dem eines Roßigels, der nie genug hat,— und die moͤrderiſche Bosheit Robespierres glich dem nagenden Wurme, der nicht ſtirbt, und keinen Augenblick Ruhe laͤßt. Haͤtten die Girondiſten Dantons Beuteluſt geſtillt, und ihm die Mittel verſchafft, ſeinen Ausſchweifun⸗ „gen nachzuhaͤngen, ſo haͤtten ſie ſeine Unterſtuͤtzung erkauft, aber nur die oberſte Herrſchaft in Frankreich haͤtte Robespierren genuͤgt, und ein unendlicher Blut⸗ ſtrom dieſes ungluͤcklichen Landes haͤtte allein Marat ſaͤttigen koͤnnen. Wenn man aus dieſem abſcheulichen Triumvirate einen Kollegen waͤhlen mußte, ſo konnte 125 man ohne Widerſpruch Danton 3 den wählbarſten halten. Auf der andern Seite mochten Maͤnner, wie Briſſot, Vergniaud und andere, deren Republikanis⸗ mus mit einem Geiſt der Tugend und Ehre geſe chmuͤckt war, Bedenken tragen, ihre Parthei mit einem Ge⸗ huͤlfen zu beſudeln, der durch ſeinen Antheil an den Septembergreueln in ſo hohem Grade befleckt war, wie Danton. Sie mochten wohl zweifeln, ob irgend eine phyſiſche Macht, die er durch ſeine revolutionaͤre Geſchicklichkeit ihren Fahnen zufuͤhren konnte, den ſitt⸗ lichen Schauder verguͤten duͤrfte, den die Gegenwart eines ſo graͤßlichen Proſelyten bei allen erkegen muß⸗ te, die noch ein Gefuͤhl von Ehre und Gerechtigkeit hatten. Sie wieſen deßhalb das Entgegenkommen Dantons zuruͤck, und beſchloſſen, ihn mit Marat und Robespierre in der Anklage zu begreifen, welche ſie gegen die Haͤupter der Jakobiner an die Verſammlung zu bringen gedachten.. Das geeignetſte Mittel, wodurch die Girondiſten ihrer Sicherheit und der Freiheit ihrer Debatten ſich vergewiſſern konnten, war die Aushebung einer Trup⸗ penmaſſe aus den verſchiedenen Departements, wozu jedes ſeinen Antheil ſtellen, und welche Departemental⸗ legionen heißen, und bewaßfnet und beſoldet werden ſollten, um die Garde des Nationalkonvents zu bil⸗ den. Der Gegenſtand wurde von Roland in einem d 125 Bericht*) an die Verſammlung gebracht, und am fol⸗ genden Tage durch Kerſaint, einen muthvollen Giron⸗ diſten, erneut, welcher freimuͤthig den Zweck dieſes Antrags erklaͤrte.„Es ſey Zeit, ſagte er, daß die Moͤrder und iihre Anſtifter ſehen, wie das Geſetz noch Schaffote habe.“ Die Girondiſten ſezten durch, daß ein Kommit⸗ tee von ſechs Mitgliedern niedergeſezt werden ſollte, um uͤber den Zuſtand der Hauptſtadt, uͤber die Auf⸗ munterung zu der Metzelei, und uͤber die Art zu berichten, wie eine Devartementalmacht zur Verthei⸗ digung der Hauptſtadt gebild t werden koͤnne. Dieß Dekret ging fuͤr den Augenblick durch, am naͤchſten Tage aber verlangten die Jakobiner die Zuruͤcknahme deſſelben, indem keine Urſache zu einer ſolchen Ver⸗ theidigung des Konvents vorhanden ſey; dabei klag⸗ ten ſie die Miniſter an, es ſey ihre Abſicht, ſich mit einem Heere bewaffneter Satelliten zu umgeben, die gute Stadt Paris niederzuſchrecken, und ihren hoch⸗ verraͤtheriſchen Plan wegen der Theilung Frankreichs durchzuſetzen. Rebecgni und Barbaroux antworteten auf dieſe Boſchuldigung, indem ſie Robespierre'n oͤf⸗ fentlich auf ihr eigenes Zeugniß hin vorwarfen, daß er nach der Diktatur ſtrebe. Die Debatten wurden ſtuͤrmiſcher, je mehr ſich die Gallerien oder Tribunen des Saals mit den heftigen Anhaͤngern der jgkobini⸗ *²) den 24. September. 1²27 ſchen Parthei fuͤllten, welche ſchrieen, fluchten und heulten, um die Ausrufungen und Drohungen ihrer Fuͤhrer in der Verſammlung zu unterſtuͤtzen. Waͤh⸗ rend die Girondiſten ſich erſchoͤpften, um Vorwuͤrfe gegen Marat auszufinden, trat dieß Ungeheuer vor, und ſteigerte die Unordnung aufs hoͤchſte, indem er ſich ſelbſt fuͤr die Urſache und den Vertheidiger einer Diktatur ausgab. Der Zorn des Konvents ſchien voͤl⸗ lig erwacht, und Vergniaud las den Deputirten ei⸗ nen Auszug aus Marats Journal vor, worin er 160,000 Koͤpfe verlangte,(dieß war ſein gewoͤhnliches Maaß), den Konvent in den groͤbſten Ausdruͤcken be⸗ leidigte, und das Volk aufforderte, zu handeln; Worte, deren Sinn man in dieſer Zeit vollkommen verſtand. ur. 4 1 8 Dieſe Stelle erregte allgemeinen Schauder, und der Sieg ſchien einen Augenblick in den Haͤnden der Girondiſten zu ſeyn; aber ſie verfolgten ihn nicht mit gehörigem Nachdrucke. Die Verſammlung ſchritt zur Tagesordnung, und Marat brachte in prahleriſchem Triumph ein Piſtol vor, womit er ſich, wie er agte, ſelbſt getödtet haben wuͤrde, wenn ein Anklagedekret gegen ihn durchgegangen waͤre. Die Girondiſten ver⸗ loren nicht nur den Vortheil, ihre Feinde durch die Anklage eines ihrer bekannteſten Fuͤhrer zu ſchlagen, ſondern ſie wurden auch gezwungen, fuͤr den Augenblick ihren Plan zu einer Deyartementalgarde aufzugeben, 128 und ſich dem Schutz der treuen Buͤrger ven Paris an⸗ zuvertrauen. Die Stadt Paris war zu der Zeit unter der Ge⸗ walt des anmaßenden Gemeinderaths, in welches Amt ſich diele am 10. Auguſt ſelbſt eingedraͤngt hatten. Ihre erſte amtliche Handlung war, die Ermordung Mandats, des Kommandanten der Nationalgarde, zu veranſtalten; auch beweiſen ihre noch vorhandenen Rechnungen, daß ſie die Septembermoͤrder aufſtellten und bezahlten. Selbſt erprobte Jakobiner und erbar⸗ mungsloſe Moͤrder hatte dieſe buͤrgerliche Koͤrperſchaft zu ihren Agenten und Helkershelſern, eine ungewoͤhn⸗ liche Anzahl Mu icipalbeamte erhoben, welche ihre Garden, ihre Angeber, ihre Spionen, ihre Kerker⸗ meiſter und ihre Henker zugleich waren. Sie hatten dabei in den meiſten Sektionen eine Majoritaͤt der Einwohner gewonnen, deren Stimmen ſie und ihre Agenten an die Spitze der Nationalgarde brachte, und die Pickenmaͤnner aus den Vorſtaͤdten waren ſtets be⸗ reit, ihren vortrefflichen Gemeinderath ſogar gegen den Konvent ſelbſt zu unterſtuͤtzen, der in Ruͤckſicht der Freiheit ſeiner Handlungen, oder der wirklichen Macht kaum eine Ehrfurcht gebietendere Rolle ſpielte, als der Koͤnig nach ſeiner Ruͤckkehr von Varennes. (Die Fortſetzung dieſes Kapitels folgt im nächſten Bändchen.) —