Walter Scott's ſaͤmmtliche We r k e. Neu uͤberſetzt. Sieben und zwanzigſter Band. Leben von Napoleon Buonaparte. Dritter Theil. ——— Stuttgarr, bei Gebruͤder Franckh. 22 Leb en von Napoleon Buonaparte, Kaiſers von Frankreich, mit einer Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolu⸗ tion. [ Von Walter Scote. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von General J. v. Theobald. Dritter Theil. Stuttgart, bGe i Gebruͤder Franckh. 1 382 7. — Leben von Napoleon Buonaparte. Erſtes Kapitel.. Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolution. Neue Einrichtung des Kirchenthums.— Der Geiſtlichrei t wird ein Eid auferlegt.— Der größere Theil derſelden ver⸗ weigert ihn.— Schlimme Folgen der Neuerung.— Nitge meine Ueberſicht der Verfügungen der konſtituirenden Verſamm⸗ lung.— Entzuͤcken des Volkes über ſeine neuen Vorrechte.— Beſchränkung der Kronrechte.— Der König iſt gezwun⸗ gen, ſich zu verſtellen.— Seine Unterhandlungen mit Mira⸗ beau und Bouille.— Angriff auf den Pallaſt des Königs.— Lafayette verhindert ihn.— Vertreibung der Royaliſten aus dem Pallaſte der Tuillerien.— Flucht des Königs.— Seine Gefan⸗ geinehmung zu Varennes.— Er wird nach Paris zurückge⸗ führt.— Der Aufſtand auf dem Marsfelde wird durch Waf⸗ fengewalt gedämpfe.— Ludwig nimmt die Konſtitution an. Als die Verſammlung die Beſchlagnahme der Kir⸗ chenguͤter dekretirt hatte, war noch zu beſtimmen, auf welcher Grundlage die Religion kuͤnftighin im Koͤni⸗ reiche ruhen ſolle. Ein Vorſchlag wurde gemacht, daß die heilige apoſtoliſche Religion die Religion Frankreichs 6 ſei, und daß nur ihr Gottesdienſt erlaubt waͤre. Dieſer Vorſchlag ging von einem Karthaͤuſer Moͤnch, Namens Dom Gerle, aus, den es zu ſpaͤt beunruhigte, daß die Volksparthei, zu welcher er ſo lange gehalten hatte, nun wohl dazu kommen koͤnnte, in Kirchenſachen Neuerungen einzufuͤhren, ſo wie ſie es ſchon in den Staatsangele⸗ genheiten gemacht hatte. Den erſten Tag wurden die Debatten mit Anſtand gefuhrt, aber am zweiten waren die Hallen der Verſammlung von einer großen wuͤ⸗ thenden Menge umgeben, welche alle diejenigen be⸗ ſchimpften, ſchlugen und mißhandelten die dafuͤr be⸗ kannt waren, die vorgeſchlagenen Maßregein zu be⸗ guͤnzugen. Im Innern des Hauſes ſtellte man vor, daß die Annahme des vorgeſchlagenen Geſetzes, das Signal zu einem Religionskriege werden wuͤrde; mit Entſetzen und Verzweiflung nahm Dom Gerle ſei⸗ nen Antrag zuruͤck. Der Erfolg dieſer Oppoſition zeigte, daß man mit gutem Erfolg ein jedes Probeſtuͤck an der Kir⸗ che machen koͤnnte, da die Religion, welche ſie lehr⸗ te, die Geſetzgeber des Volkes nicht laͤnger mehr zu intereſſiren ſchien. Man brachte einen Plan vor, worin man fuͤr den oͤffentlichen Gottesdienſt(Culto publique), wie man ihn gezwungenerweiſe ohne wei⸗ teren ehrfurchtsvollen Ausdruck nannte,(als wollte man ihm das Anſehen eines bloßen Geſetzes uͤber fruͤhere Verbindlichkeiten geben) auf die ſparſamſte Weiſe „—— ſorgte. Aber das war noch nicht Alles. Daſſelbe ——— 7 Geſetz ſchrieb der Geiſtlichkeit eine buͤrgerliche Verfaſ⸗ ſung vor, die ſie von dem Sitze zu Rom unabhaͤngig er⸗ klaͤrte, und den Behoͤrden der Departements die Wahl der Biſchoͤffe uͤbertrug. Auf dieſe Verfaſſung mußte jeder Prieſter und Praͤlat einen feierlichen Eid ablegen. Ein darauf folgendes Dekret der Ver⸗ ſammlung erklaͤrte einen jeden, der ſich dagegen wi⸗ derſetzen wuͤrde, ſeiner Stelle verluſtig; aber die franzoͤſiſche Geiſtlichkeit zeigte in dieſer Stunde der Pruͤfung, daß ſie zu waͤhlen wiſſe, zwiſchen der Suͤn⸗ de gegen ihr Gewiſſen und dem Erdulden des Un⸗ rechtes von Menſchenhaͤnden. Ihre Abhaͤngigkeit von dem roͤmiſchen Stuhle war ein Theil ihrer Re⸗ ligion, ein Glaubensartikel, dem ſie nicht entſagen wollten. Die edle Haltung und die Selbſtverlaͤug⸗ nung, welche bei dieſer Gelegenheit Praͤlaten und reichlich gezahlte ausgeſtattete Geiſtliche an den Tag legten, von denen man bisher geglaubt hatte, daß ſie ſich mehr von ihrem Leichtſinne, als von Ruͤck⸗ ſichten auf ihren Beruf leiten ließen, floͤßten fuͤr ei⸗ nige Zeit der Verſammlung Ehrfurcht ein, brachten die Gotteslaͤſterer auf den beſoldeten Tribunen zum Stillſchweigen, und erregte bei Manchem die Be⸗ ſorgniß, daß, wenn die Verſammlung der Kirche ih⸗ rer irdiſchen Guͤter beraube, ſie ihr dadurch nur Mit⸗ tel in die Haͤnde gebe, ihre geiſtige Herrſchaſt zu erweitern, und ein Intereſſe fuͤr ihr Schickſal zu wecken, welches in den Zeiten ihres Gluͤckes ſchlum⸗ 8 merte.„Bedenkt, was Ihr thut“ ſagte Montloſier. „Ihr koͤnnt den Biſchof aus ſeinem Palaſte vertrei⸗ ben, aber eben damit werdet Ihr ihm die Huͤt⸗ ten des Armen oͤffnen. Entreißt Ihr ſeinen Haͤnden das goldene Kreuz, ſo wird er ein hoͤlzernes aufpflanzen, und ein hoͤlzernes Kreuz war es, das die Welt erloͤst hat.“ Aufgefordert einer nach dem Andern den Eid zu leiſten, oder ihn unter den angedrohten Folgen zu verweigern, ließ die Verſammlung dieſe Dulder kaum eine Sylbe ſprechen, auſſer ja oder nein, denn ſie fuͤrchtete den Erfolg ihrer Feſtigkeit. Ihr Laͤrm bei dieſer Gelegenheit glich dem Schlagen der Trom⸗ meln, um die letzten Worte eines Maͤrtyrers klang⸗ los verhallen zu laſſen. Wirklich waren der Geiſtli⸗ chen nur wenige, welche den verfaſſungsmaͤßigen Eid ablegten. Unter ihnen nur drei Biſchoͤfe. Einer davon war ein wichtiger Mann— der Erzbiſchof von Sens, derſelbe Kardinal, deſſen uͤble fuͤnfzehnmonat⸗ liche Verwaltung dieſen maͤchtigen Wechſel herbeige⸗ fuͤhrt hatte. Ein anderer der drei konſtitutionellen Praͤlaten ſollte einſt noch merkwuͤrdiger werden.— Es war der beruͤhmte Talleyrand, der ſich als Staats⸗ mann ſo ſehr auszeichnete. Der Verſuch der Nationalverſammlung, eine volksthuͤmliche Kirche zu gruͤnden, ſchlug alſo gaͤnz⸗ lich fehl. Denn die Geiſtlichen, welche den Eid lei⸗ ſteten, wurden weder mit Achtung noch mit Zunei⸗ gung aufgenommen, und nur von denen mit Anſtand 8 9 behandelt, welche die Religion als eine nuͤtzliche po⸗ litiſche Einrichtung betrachteten. Aber ſowohl der aufrichtige Katholik, als der erklaͤrte Unglaͤubige ver⸗ achtete ſie in ſeinem Herzen. Alle Franzoſen, die noch wirkliches religioͤſes Gefuͤhl und Andacht beſa⸗ ben, wandten ſich ihren alten Seelenhirten zu, und obgleich der Anſtoß nicht ſtark genug war, um der revolutionaͤren Bewegung das Gleichgewicht zu hal⸗ ten, ſo diente ſie doch dazu, dieſelbe bei vielen Ge⸗ legenheiten aufzuhalten und ſie zu ſtoͤren. Wirklich⸗ war der ſo voͤllig mißlungene Verſuch, eben ſo un⸗ politiſch als unnoͤthig. Man kann ihn auf der einen Seite nur dem ſchwaͤrmeriſchen Eifer der neueren Philoſophen zuſchreiben, welche auf dieſe Weiſe die Re⸗ ligion indirekt abzuſchaffen ſuch ten, und auf der an⸗ deren dem vorgefaßten Entſchluß der Revolutions⸗ maͤnner, daß keine Ruͤckſicht den Plan durchkreuzen ſolle, das Volk in allen ſeinen kirchlichen und Port⸗ tiſchen Einrichtungen neu zu geſtalten. Siegreich uͤber Altar und Thron, Biſchofsmuͤze und Krone, uͤber den Koͤnig, die Adeligen und die Geiſtlichkeit ſchien nun die Nationalverſammlung wirklich jene Allmacht(Omnipoten) zu beſitzen, wel⸗ che man dem brittiſchen Paxlamente zuſchrieb. Noch kein Geſetzgeber hatte ſo weitlaͤufige tiefeingreifende Veraͤnderungen unternommen, nie ward dergleichen ſo leicht zu Stande gebracht. Die Nation war in jeder Hinſicht umgewandelt; Fahne und Kriegszei⸗ 4 10 chen waren nicht mehr dieſelben; Alles, was einen oͤffentlichen Charakter trug, wurde zerſtoͤrt und ver⸗ aͤndert, bis auf den Titel des Herrſchers ſogar, den man nicht mehr Koͤnig von Frankreich und Navarra⸗ ſondern den Koͤnig der Franzoſen nannte. Die Na⸗ men und Abtheilungen der Provinzen, die ſo viele Jahre beſtanden hatten, wurden ploͤtzlich verloͤſcht, und an ihre Stelle kam eine geographiſche Einthei⸗ lung des Landes in 83 Departements, die wieder in 600 Diſtrikte eingetheilt waren, welche abermals 48,000 Gemeinden oder Municipalitaͤten enthielten. Indem er nemlich ſo die ganze geographiſche Ver⸗ bindung der einzelnen Provinzen Frankreichs ver⸗ ſchmolz, wollte der Abbé Sieyes fruͤhere Ruͤckerinne⸗ rungen und Spaltungen tilgen, und Alles zu dem flachen Felde der Freiheit und Gleichheit ebnen. Aber die Wirkung fiel anders aus. So lange nem⸗ lich die Provinzen beſtanden, hatten ſie ihre beſon⸗ deren Hauptſtaͤdte, ihre beſonderen Vorrechte; da dieſe Hauptſtaͤdte die Sitze von eben ſo vielen Par⸗ laments waren, ſo uͤbten ſie einen Einfluß, der zwar dem von Paris nachſtand, aber nichts deſtoweniger Statt fand. Aber als Frankreich gleichſam zu einer einzigen Provinz wurde, vergroͤßerte ſich Paris in ei⸗ nem furchterregenden Maßſtabe, ſo daß waͤhrend der ganzen Revolution und waͤhrend aller ihrer Wechſel eine jede Parthei, welche die Hauptſtadt inne hatte, ſicher ſeyn konnte, auch bald die hoͤchſte Gewalt in ——y,-——y 11 allen Departements zu erlangen. Und wehe denen, die den fruchtloſen Verſuch wagen mochten, die Stim⸗ mung oder die Anſichten der Nation in Widerſpruch mit denen der Hauptſtadt zu ſetzen; denn Republika⸗ ner oder Royaliſten waren gleich ſicher, bei dem vor⸗ eiligen Verſuch zu unterliegen.. Die franzoͤſiſchen Parlamente, die ſo lange die Stuͤtze der Freiheit waren, ſtarben nun unvermerkt dahin, ſo wie man alte Haͤuſer niederreißt, um neuen Gebaͤuden Platz zu machen. Der Verkauf der Rich⸗ terſtellen war ſchon fruͤher abgeſchafft worden, die Macht, die Richter zu ernennen, der Krone entriſ⸗ ſen; und das Geſchwornengericht, welches die Ankla⸗ ge zu beſtimmen und nach Ueberzeugung zu urthel⸗ len hat, ward nach dem Muſter der Großen und der Kriminaljury von England angenommen und einge⸗ richtet. Die Nationalverſammlung leiſtete Frankreich den groͤßtmoͤglichſten Dienſt, deſſen gute Folgen noch lange werden gefuͤhlt werden, als ſie ſo die Kanaͤle der oͤffentlichen Gerechtigkeit reinigte, welche bei dem Verfall der Monarchie ſchrecklich verſchlammt waren. Andere Umaͤnderungen hatten einen mehr zweifel⸗ haften Werth. Vernuͤnftig mag es wohl geweſen ſeyn, aber hart war es doch auch, daß man der Krone das Begnadigungsrecht entriß. Geſchah es aus Furcht, daß die Gnade ſie auf diejenigen erſtrecken wuͤrde, welche wegen des neuen Verbrechens der 12 beleidigten Nation oder wegen Verrath gegen die Verfaſſung verurtheilt waren; ſo haͤtten die Geſetz⸗ geber wohl bedenken koͤnnen, wie ſelten der Koͤnig das Begnadigungsrecht zu Gunſten eines, dem Volke verhaßten Verbrechers auszuuͤben im Stande gewe⸗ ſen waͤre. Es gehoͤrt kein kleiner Muth dazu, ſich zwiſchen den Drachen und ſeine Beute, zwiſchen das Volk und ſein Opfer zu werfen. Karl I. wagte es nicht, Strafford zu retten. Die Nationalverſammlung erkannte auch die Freiheit der Preſſe an, und bot dadurch der Nation eine Gabe dar, die mit vielem Guten und einigem Boͤſen faͤhig iſt, die niedrigſten Leidenſchaften zu erregen, die abſcheulichſten Verlaͤumdungen in uUm⸗ lauf zu bringen, und oft die graͤuelvollſten Thaten und Ungerechtigkeiten hervorzurufen; die aber in ſich ſelbſt das Mittel traͤgt, das Uebel, das aus ihrem Mißbrauche entſtanden iſt, zu heilen, und der Nach⸗ welt die Gefuͤhle des Guten und des Weiſen zu uͤberliefern, die ſo unſchaͤtzbar ſind, wenn die Lei⸗ denſchaften ruhen, und die ruhige ſanfte Stimme der Vernunft und des Nachdenkens Gehoͤr erlangt. Waͤhrend der ſchrecklichen Periode, deren Beſchrei⸗ bung wir jetzt unternehmen, veranlaßte die Preſſe Blutbad und Proſcriptionen; aber ſie hat auch das Andenken der Frevler dem allgemeinen Entſetzen auf⸗ bewahrt und die Kunſtgriffe an den Tag gelegt, de⸗ ren ſich die urheber bedienten. Sie iſt ein Felſen, 13 an welchem ein Schiff ſcheitern kann und auch wirk⸗ lich oft ſcheitert; aber derſelbe Fels kann auch zur Grundlage des glaͤnzendſten und herrlichſten Leucht⸗ thurms dienen. Zu den vielen Wohlthaten, welche Frankreich ohne Zweifel der konſtitulrenden Verſamm⸗ lung zu verdanken hat, kommt noch, die Gewiſſens⸗ freiheit, welche dieſelbe ausgeſprochen hat. Aber dieſe Wohlthat wird in Schatten geſtellt durch den der katholiſchen Geiſtlichkeit gewaltſam auferlegten Konſtitutionseid, der ſpaͤter zu ſo furchbaren Nieder⸗ metzelungen unſchuldiger und verehrter Opfer fuͤhrte, trotz der Geſetze der allgemeinen Duldung, welche die Verſammlung fruͤher, mehr aus Haß gegen alle Religionen, als aus Ruͤckſicht auf die Gewiſſen der Menſchen aufgeſtellt hatte. Getreu dem Plane, keine volksthuͤmliche Monar⸗ chie, ſondern eine Art koͤniglicher Republik zu bilden, aufgehetzt durch die eigentlichen Republikaner, deren Parthei taͤglich mehr Boden gewann; eingeſchuͤchtert durch das Geheul und die Drohungen der wuͤthen⸗ den Demagogen, die von dem Sitze, den ſie in der Verſammlung eingenommen hatten, nun unter dem Namen des Berges bekannt wurden, hatten die Ur⸗ heber der Konſtitution dieſelbe in jeglichem Punkte demokratiſch gemacht, und die koͤnigliche Gewalt ſo lange verkuͤmmert, bis ihr Einfluß ſo unbedeutend und gering war, daß Burfe mit Recht von der neuge⸗ formten franzoͤſiſchen Regiern ung ſagen keunte: ₰ 14 Das, was ihr Haupt uns ſchien, Trägt etwas Aehnliches von einer Königskrone. Der Krone war das Beſetzungsrecht der buͤrger⸗ lichen Aemter genommen, und den Volkswahlen uͤber⸗ tragen, denn die Konſtitutionellen blieben in dieſer Hinſicht ihrem Grundſatze getreu, in dem Volkswil⸗ len die Quelle aller Macht zu ſehen. Noch niemals war ein ſo ungeheures Recht einem ganzen Volke uͤber⸗ tragen worden, und dieſe Einrichtung war nicht allein politiſch im eigentlichen Sinne, ſondern auch ganz den Grundſaͤtzen der Urheber angemeſſen; denn ſie feſſel⸗ te die Maſſe des Volkes an die neue Verfaſſung, indem ſie ſich von Niedrigkeit zur Ausuͤbung der hoͤch⸗ ſten Gewalt erhoben ſah. Jedes Mitglied der Wahl⸗ verſammlung einer Munizipalitaͤt, durch deren ver⸗ einte Stimmen Biſchoͤfe, Richter und andere Beamte gewaͤhlt wurden, fuͤhlte die Wichtigkeit dieſes Rechtes, und erkannte mit Wohlgefallen in ſeiner eigenen Perſon einen, obgleich nur geringen Theil des un⸗ geheuren Ganzen, das nun von Maͤnnern einer Wahl beherrſcht wurde. Der Zauber der Macht iſt zu jeder Zeit groß, aber ein berauſchendes Gift fuͤr die, die ihn nicht gewoͤhnt ſind. Das Volk nun, zur Ausuͤbung der hoͤchſten Rech⸗ te, von denen es ſich nie haͤtte traͤumen laſſen, be⸗ rufen, hing mit Liebe an ſeinen neuen Vorrechten, fuͤhrte ſie in allen Theilen der Geſellſchaft ein, war Geſetzgeber und Beurtheiler zur Zeit und zur Un⸗ 15 zeit. Ja ſelbſt die Ausuͤbung der auſſerordentllchen Vorrechte, die ihnen uͤbertragen worden waren, hiel⸗ ten die Aktlvbuͤrger noch fuͤr zu beſchraͤnkt. Es ſchien, als haͤtte die Revolution allen untern Klaſ⸗ ſen den Kopf verdreht, denn diejenigen, die bisher am wenigſten an politiſche Rechte gedacht hatten, wurden nun in jeder Zeit und in jedem Orte von der Wuth ergriffen, zu berathſchlagen, zu debattiren und Geſetze zu geben. Die wachhabenden Soldaten auf dem Oratorium debattirten,— die Schneiderge⸗ ſellen hielten eine Volksverſammlung unter den Hallen,— die Peruͤkenmacher vereinigten ſich auf den eliſaͤiſchen Feldern. Trotz des Widerſtandes der Nationalgarde berathſchlagten 3000 Schuhmacher auf dem Platze Ludwigs XV. uͤber den Preis der Schuhe; jedes Wirthshaus wurde zum Sammelplatze einer politiſchen Parthei umgeſchaffen; und eine Zeitlang bot Frankreich das ſonderbare Gemaͤlde eines Landes dar, wo Jeder ſo viel mit den Staatsgeſchaͤften zu thun hatte, daß er wenig Muße fand, die ſeinigen zu beſorgen. Dazu kam noch eine allgemelne Neigung, den Soldatenſtand zu ergreifen und ſich ihm zu ergeben; denn da man das Recht der Empoͤrung fuͤr heilig erklaͤrt hatte, ſo mußte ſich jeder Buͤrger bereit hal⸗ ten, ſich einer ſo unerlaͤßlichen Pflicht zu entledigen. Die Buͤrger ſchafften ſich Musketen an, um ihr Ei⸗ genthum zu vertheidigen; der poͤbel bekam Picken, 16 um ſich das der Anderen zuzueignen; Maͤnner aus allen Staͤnden ſchafften ſich Waffen an, und die friedlichſten Buͤrger ſehnten ſich nach der Auszeich⸗ nung der Achſelbaͤnder. Mit der ihrem Alter eige⸗ nen Nachahmungsgabe bildeten die Kinder Batail⸗ lone auf den Straßen, und ſie zeigten den Geiſt, in welchem ihre Erziehung geleitet wurde, durch Katzenkoͤpfe an, welche die jungen Revolutionaͤre auf Lanzen vor ihrer Fronte trugen*). Die Departemente waren von demſelben Geſetz⸗ gebungsfieber befallen. Jeder Bezirk hatte ſeinen ſtehenden Ausſchuß, ſeinen Polizei⸗, ſeinen Mili⸗ taͤr⸗, Civil⸗ und Verpflegungs⸗Ausſchuß. Jeder Ausſchuß ſeinen Praͤſidenten, ſeine Vicepraͤſidenten und ſeine Sekretaire. Jeder Bezirk wuͤnſchte die geſetzgebende, jedes Comitte die ausuͤbende Gewalt an ſich zu reißen. In dieſen untergeordneten Kon⸗ klaven war das Thema aller Lobeserhebungen und der Begeiſterung die Revolution, welche die Bahn gebrochen hatte zu der Macht, die ſie genoſſen, hin⸗ gegen die entfernteſte Zuruͤckkehr zum alten Syſtem, unter welchem das Volk unbedeutend war, ein Ge⸗ genſtand paniſchen Schreckens. Die Fama fand ein glaͤubiges Publikum fuͤr jedes ihrer tauſend Geruͤch⸗ te,— die Zwietracht eine bereitwillige Hand, in welche *) Denkwürdigkeiten des Marauis de Ferrieres; III. Bucch. 17 welche ſie jede ihrer tauſend Schlangen legen konnte. Die Verbruͤderung, wie man es nannte, d. h. die enge Verbindung der Jakobinerklubbs in allen ihren Verzweigungen, ſuchte von dieſem politiſchen Fieber Vortheil zu ziehen, um die Wuth deſſelben gegen das letzte Ueberbleibſel des Koͤnigthums zu richten. Uebertriebene und ungegruͤndete Geruͤch⸗ te von kontrerevolutionaͤren Umtrieben und ariſto⸗ kratiſchen Verſchwoͤrungen wurden mit der groͤß⸗ ten Sorgfalt in Umlauf geſetzt, und die voreiligen Geſpraͤche, der ohnmaͤchtige Widerſtand des Adels in einigen Bezirken trug nicht wenig dazu bei, ſie zu vergroͤßern. Die zu Paris geſchmiedeten Luͤgen galten in den Departements als Wahrheit, die, in den Departements entſtandenen Geruͤchte kamen hin⸗ wiederum nach Paris. Solchergeſtalt wurden die Gemuͤther des Volkes in beſtaͤndiger Bewegung er⸗ halten; einem Zuſtande, der auch ſeinen Reiz hat. Er iſt ſeiner Natur nach mit einer geſunden Beur⸗ theilung und einer Maͤßigung im Handeln unvertraͤg⸗ lich, dagegen aber der Keckheit im Denken und der Entſchloſſenheit im Ausfuͤhren foͤrderlich. Die koͤnigliche Praͤrogative, ſo aͤngſtlich bewacht, war dem Anſcheine nach noch furchtbar genug, um Eiferſucht und Verdacht zu erregen, aber in der Wirklichkeit ein bloßer Prunktitel, der weder Mit⸗ W. Scotts Werke. XXVII. 4 2 18 tel zum Angriffe, uoch zum Widerſtande darbot. Man ſagte freilich, der Koͤnig ſei das Organ der vollziehenden Gewalt, doch ernannte er uur eine kleine Anzahl von den Offizieren in der Armee und der Marine, und diejenigen, die ihren Gehalt aus einer ſo gehaͤſſigen Quelle bezogen, hatten wenig Einfluß auf ihre Untergebenen. Dem Namen nach war der König das Oberhaupt von ſechs Miniſtern, die immer darauf gefaßt ſein mußten, vor der Ver⸗ ſammlung, in welche ſie berufen werden konnten, ſich als Verbrecher zu vertheidigen, oder von ihr zur Rede geſtellt zu werden; ſie beſaßen aber weder Sitz noch Stimme, und waren von allem Antheil an den Verhandlungen ausgeſchloſſen. Dieſer Um⸗ ſtand war vielleicht einer der groͤßten Fehler der Verfaſſung; denn das Verhaͤltniß der Miniſter zu der geſetzgebenden Verſammlung war ſo abhaͤngigen und unterwuͤrfiger Art, daß kein Vertrauen, keine Offenheit Statt finden konnte. Wohl ſagte man ferner, des Koͤnigs Perſon ſei unverletzlich, aber die gerunzelten Stirnen eines großen Theils ſeiner Un⸗ terthanen, ihr oͤffentliches Geſchrei und die Flug⸗ ſchriften, die man gegen ihn in Umlauf ſetzte, zeig⸗ ten eine ſehr verſchiedene Lehre an. Er konnte wohl der Verſammlung die Frage uͤber Krieg und Frieden vorlegen, dieſe aber hatte daruͤber zu entſcheiden. Endlich hatte der Koͤnig das ſehr beſtrittene Vor⸗ recht, ſein Veto auf jedes Dekret des geſetzgebenden 3 . 19 Koͤrpers zu legen, was die Annahme des Geſetzes verhindern ſollte, bis der Vorſchlag in zwei auf einander folgenden Verſammlungen ernent durchge⸗ gangen war, worauf die koͤnigliche Beſtaͤtigung als gegeben angeſehen wurde. Dieſe Weiſe, die Annah⸗ me eines Lieblingsgeſetzes zu verhindern, ſchien dem Souverain in ſeiner Ausuͤbung eben ſo gefaͤhrlich, als der Verſuch, das Forteilen eines Wagens durch das Eingreifen in ſeine Naͤder zu verhindern. Wirk⸗ lich wagte auch der Koͤnig ſein Leben, ſobald er es⸗ verſuchte, dieſes letzte Ueberbleibſel der koͤniglichen Gewalt auszuuͤben; und dadurch, daß er es that, verlor er es am Ende. Unter dieſen verſtuͤmmelten Zuͤgen der Oberherrſchaft iſt es kaum des Erwaͤhnens werth, daß des Koͤnigs Bildniß noch immer die Staatsmuͤnzen zierte, und ſein Name den oͤffentli⸗ chen Befehlen vorgeſetzt wurde. Ludwig aber ſchien dem auſſern Anſcheine nach ſelbſt mit dem kleinen Antheil lan der Staatsgewalt zufrieden, welche die neue franzoͤſiſche Konſtitution der Krone ließ. Er machte es ſich zur Regel, bei allen Gelegenheiten das Gutachten der Verſammlung zu ge⸗ nehmigen, und jedes Dekret, das ihm vorgelegt wurde, zu beſtaͤligen. Er nahm ſelbſt dasjenige an; welches die Verfaſſung der gallikaniſchen Kirche gaͤnzlich veraͤn⸗ derte. Er betrachtete ſich wahrſcheinlich als in gewalt⸗ famer Haft, ſeitdem er im Triumph von Ver ailles 2* 20 nach Paris geſchleppt worden war, und ſtimmte daher mit allem Vorgeſchlagenen unter der ſtillſchweigenden Proteſtation uͤberein, daß ſeine Einwilligung durch Ge⸗ walt und Furcht erzwungen ſey. Sein Pallaſt wurde mit 800 Mann und 2 Feldſtuͤcken bewacht; und ob⸗ gleich dieſe Truppen wahrſcheinlich von Lafayette dazu beſtimmt waren, Ludwigs Perſon zu ſichern, ſo war es doch nicht minder gewiß, daß ſie auch die Beſtim⸗ mung hatten, die Flucht des Koͤnigs zu verhindern. Der Koͤnig hatte ſonach guten Grund, ſich des trau⸗ rigen Rechtes eines Gefangenen zu bedienen, der keine geſetzmaͤßige Verbindlichkeit durch Handlungen eingehen kann, die nicht aus einem freien Willen fließen, und daher in der unfaͤhigkeit, welche den Zuſtand der Unterdruͤckung begleitet, eine Huͤlfsquelle gegen dieſe findet. Doch hieß es vielleicht, dieſes Recht bis zum Rande der Verſtellung, ja wohl noch daruͤber, treiben, als der Koͤnig(am 4. Febr. 1790⁰) anſcheinend frei und ungezwungen in die Nationalverſammlung ging, und mit einer ruͤhrenden wuͤrdigen Rede(wenn man ſie nur fuͤr aufrichtig haͤtte halten koͤnnen) die Verfaſ⸗ ſung annahm, gemeinſchaftliche Sache mit der wieder⸗ gebornen Nation machte, und ſich zum Haupte der Revolution erklaͤrte. Beherrſcht von den Umſtaͤnden, in denen er ſich befand, beſorgt fuͤr die Sicherheit ſeiner ei⸗ genen Perſon und ſeiner Familie, darf Ludwig nicht zu ſtreng beurtheilt werden; doch war dieſer Schritt koͤniglich und unpolitiſch. Augh gewann der ungluͤckliche Monarch nichts 21 durch dieſen Schritt als die Schande, welche von ei⸗ nem Betruge, der Niemanden taͤuſchen konnte, un⸗ zertrennlich war. Denn als der erſte Enthuſiasmus verflogen war, glaubte Niemand mehr an die Auf⸗ richtigkeit des Koͤnigs bei ſeiner Annahme der Konſti⸗ tution. Die Royaliſten waren empoͤrt daruͤber, und die Revolutionsmaͤnner konnten die Rede und die An⸗ nahme nur als Handlungen koͤniglicher Heuchelei be⸗ trachten. Oeffentlich ſprach man von Ludwig als von, einem Gefangenen und in tauſend verſchiedenen Wei⸗ ſen kuͤndigte ihm die oͤffentliche Stimme an, daß der Verluſt ſeines Lebens die Strafe eines jeden Verſu⸗ ches zu ſeiner Befreiung ſeyn wuͤrde.. Demungeachtet verſuchte es der Koͤnig, ſeine Flucht von Paris und der Revolution vermittelſt zweier ſich unbekannten Agenten, zu denen er allein Vertrauen fuͤhlte, zu bewirken. Der erſte war kein anderer als Mirabeau, derſelbe Mirabeau, der ſo viel zur Revo⸗ lution beigetragen hatte, aber als ein Ariſtokrat im Herzen, durch große Verſprechungen von Reichthum und Befoͤrderung fuͤr die koͤntgliche Sache gewonnen worden war, und nun ernſtlich daran arbeitete, ſein eigenes Werk zu zerſtören. Sein Plan war, die Verſammlung ſelbſt, auf welche ſeine Talente, ſeine Beredſamkeit und ſein Muth ihm ſoi großen Einfluß gaben, als ein Mittel zu benutzen, die koͤnigliche Gewalt wieder herzuſtellen. Er mach⸗ te zuletzt den Vorſchlag, daß ſich der Koͤnig von Paris nach Metz begeben ſollte, das damals unter den Befehlen des „ 22 Marquis v. Bouillé ſtand, und er hielt ſeinen eigenen Einfluß auf die Verſammlung fuͤr ſo groß, daß er un⸗ ter billigen Bedingungen eine große Majoritaͤt der Mit⸗ glieder dorthin zu ziehen glaubte. So viel iſt gewiß, daß er das groͤßte Uebergewicht beſaß; welches ein ein⸗ zelner Redner uͤber die Verſammlung ausuͤben konnte, und auch der einzige war, der den furchtbaren Jako⸗ binern Trotz und Drohungen entgegenſetzen konnte. „Ich habe dem militaͤriſchen und miniſteriellen Despo⸗ tismus widerſtanden“ ſagte er, als er ſich einem vor⸗ geſchlagenen Geſetze gegen die Emigranten widerſetzte, „kann man nun wohl annehmen, daß ich dem eines Klubbs nachgeben werde?“—„Mit welchem Rechte“ rief Goupil aus,„handelt Mirabeau als Diktator in dieſer Verſammlung?“—„Goupil“ erwiederte Mi⸗ rabeau„irrt ſich eben ſo ſehr, wenn er mich jetzt ei⸗ nen Diktator ſchilt, wie fruͤher, als er mich eigen Katilina nannte.“— Umſonſt verſuchten die entruͤſte⸗ ten Jakobiner, ihn von ihrem beruͤchtigten Berg herab durch ihr Gebruͤll zu unterbrechen.—„Weg mit die⸗ ſen ſchmutzigen Stimmen:“ ſagte Mirabeau mit der vollen Kraft ſeiner Donnerſtimme; und auf ſein Ge⸗ heiß ſchwieg der Vulkan. Jedoch, wie groß auch ſeine „Macht war, ſo bedachte Mirabeau doch wohl nicht ganz, wie viel weniger ſie ihm auf der koͤniglichen Seite nuͤtzen wuͤrde, als zur Zeit, wo er beguͤnſtigt von dem Winde und dem Strome einer großen allgemeinen Re⸗ volution dahin ſegelte. Er war uͤberdies eben ſo aus⸗ „ 4 23 zeichnet durch ſeine Sittenloſigkeit als durch ſeine wun⸗ derbaren Talente; wenn der Koͤnig ſich ihm anver⸗ traute: ſo war dies ein Wagniß, aͤhnlich demjenigen des Prinzen in dem Maͤhrchen, der, von einer wü⸗ ſten Inſel entflohen, ſich zwiſchen gefaͤhrlichen Klip⸗ pen auf einem Kahn herumtrieb, auf welchem eine halb menſchen⸗ halb tiegeraͤhnliche Geſtalt das Ruder fuͤhr⸗ te.*) Aber eine ploͤtzliche unerwartete Krankheit und der Tod Mirabeaus, der als ein Opfer ſeiner Aus⸗ weiſnten 8 verhinderte die Ausfuͤhrung. Sein⸗ Tod ward ſehr bedauert, obgleich es ſehr wahrſcheinlich iſt, daß wenn der Apoſtel der Revolution noch laͤnger gelebt haͤtte, er entweder ihren Fortgang gehemmt, oder ſeine zerſchnittenen Glieder die Picken der Menge geziert haben wuͤrden, die ihn jetzt mit geſenkten Waf⸗ *) Die Geſichtszüge und die ganze Geſtalt Mirabeau's trugen⸗ das Gepräge ſeines Karakters. Er war unterſetzt, ſtar k ge baut und hatte den Nacken eines Stiers. Eine Menge dicker verworrener Haare beſchatteten Züge, welche einen derben und überſpannten Karakter andeuten. Dabei war er blat⸗ ternarbigt und mit Sommerſproſſen bedeckt.„Stelten Sie ſich“ ſagte er einſt, als er einer Dame, die ihn nicht kannt⸗ ſeine eigene Geſtalt beſchreiben wollte,„einen Tieger vor, der die Blattern gehabt hat.““ Wenn er davon ſprach, wie ſeine Gegner in der Verſammlung augreifen wollte, ſo *½ er: Ich will ihnen La Hure zeigen,“ das iſt der Kopf eines wilden Ebers. Er meinte damit ſeine verzerrten und iſtern Geſichtszüge. 24 fen und mit Klagegeſchrei zu Grabe geleitete.(Er ſtarb den 28. Maͤrz 1791.) Der zweite Vertraute des Koͤnigs war der Mar⸗ quis von Bouillé, ein ganz anderer Mann als Mi⸗ rabeau: ein franzoͤſiſcher Soldat von altem Schlage, ein Royaliſt von Geburt und Neigung; er hatte ſich in dem amerikaniſchen Kriege einen bedeutenden Ruf erworben, und war zur Zeit der Revolution Gouver⸗ neur von Metz und dem Elſaß. Bouillé war mit ei⸗ ner ſeltenen Karakterſtaͤrke begabt, und im Stande, ohne ſeine Zuflucht zu irgend einer Verſtellung zu neh⸗ men, bei der allgemeinen Aufloͤſung der Armee unter der Beſatzung von Metz eine ziemlich ſcharfe Kriegs⸗ zucht zu erhalten. Die militaͤriſche Unbotmaͤſigkeit war ſo groß, daß Lafayette und ſeine Parthei in der Ver⸗ ſammlung nicht allein zoͤgerten, einen General zu ent⸗ laſſen, den ſeine Regimenter fuͤrchteten, und dem ſie gehorchten, ſondern ſich ſogar gezwungen fanden, den Marquis v. Bouillé mit ſeinen Truppen, trotz ſeines Royalismus, zur Unterdruͤckung des furchtbaren Auf⸗ ſtandes dreier zu Nancy liegenden Regimenter zu ge⸗ brauchen, was er mit vollkommenem Erfolg und mit einer ſolchen Strenge gegen die Inſurgenten bewerkſtel⸗ ligte, daß man ſich in Zukunft wohl des Gehorſams gewaͤrtigen konnte. Die republikaniſche Parthei gab dieſer Handlung der Gewalt den Namen einer Volks⸗ metzelei, und obgleich Bouillé in ihrem eigenen Auf⸗ trage gehandelt hatte, ſah doch ſelbſt ein großer Theil der 25 Verſammlung mit Angſt das zunehmende Anſehen ei⸗ nes anerkannten Royaliſten. Lafayettee mit Bouillé verwandt, ſparte keine Muͤhe, ihn fuͤr die Verfaſſung zu gewinnen, waͤhrend Bouillé oͤffentlich geſtand, daß er ſeine Befehlshaberſtelle nur aus Gehorſam gegen den Koͤnig und in der Hoffnung, ihm dienen zu koͤnnen, beibehalte. Mit dieſem General, der ſich noch einer Macht erfreute, die kein anderer Royaliſt in Frankreich beſaß, trat der Koͤnig in einen engen, obgleich geheimen Brief⸗ wechſel in Ziffern, worin es ſich vorzuͤglich um das beſte Mittel handelte, die Flucht der koͤniglichen Fa⸗ milie von Paris zu erleichtern, da die letztern Ereig⸗ niſſe dem Koͤnige ſeinen Aufenthalt dort doppelt ver⸗ haßt und gefahrlich gemacht hatte. Lafayette's Stuͤtze beſtand in ſeiner Popularitaͤt bei den Mittelklaſſen der Pariſer, die als Nationalgarden in ihm ihren Befehls⸗ haber erkannten und gewoͤhnlich ſeinen Befehlen gehorch⸗ ten, indem ſie die tumultuariſchen Verſammlungen des Poͤbels, wodurch Perſonen und Eigenthum bedroht wurden, auseinander trieben. Aber ohgleich Lafavette ſeinem Grundſatze, die Monarchie als einen Theil der Verfaſſung aufrecht zu erhalten, treu blieb, ſo ſchien er doch gegen den Monarchen kalt und mißtrauiſch ge⸗ ſinnt zu ſein. Er maß ſeine und ſeiner Anhaͤnger Ge⸗ fuͤhle ſtets mit dem Thermometer, und gerieth in Un⸗ ruhe, wenn ſeine und der Seinigen Loyalitaͤt etwas weniger uͤber den Gefrierpunkt aufſtieg.— Zwei merk⸗ 26 wuͤrdige Faͤlle zeigten, daß die Buͤrgerwache gegen die köͤnigliche Perſon noch lauer geſinnt war, als ihr Be⸗ fehlshaber. Die Nationalgarde, von Lafayette angefuͤhrt, mit dem das Nationalgeſetz betreffenden Edikte ausgeruͤſtet, hatte, wie ſchon bemerkt, maͤchtig zur Wiederherſtellung der Ordnung in Paris beigetragen, indem ſie bei ver⸗ ſchiedenen Gelegenheiten jene unordentlichen Verſamm⸗ lungen der Rebellen, deren Gewaltthaͤtigkeit und Grau⸗ ſamkeit den Aufang der Revolution entehrt hatten, aus⸗ einander trieb. Aber der Geiſt, der dieſe Verſammlun⸗ gen aufbot, ward dadurch nicht unterdruͤckt, es pflegten ihn ſorgfaͤltig die Jakobiner und ihre untergeordneten Agenten, deren Volksthuͤmlichkeit im Poͤbel wie die der Konſtitutionellen in den Buͤrgern lag. Unter den Luͤgen des Tages entſtand auch das Geruͤcht, das alte Schloß Vincennes, das ungefaͤhr drei Meilen von Paris liegt, ſollte ſtatt der Baſtille zu einem Staatsgefaͤngniſſe ge⸗ braucht werden. Ein ſtarker Pobelhaufe zog von der Vorſtadt St. Antoine, wo viele Arbeitsleute aus der unterſten Volksklaſſe wohnten, die ſchon wegen ihres Eifers fuͤr die revolutionaͤre Sache bekannt waren, aus. (28. Febr. 1791.) Sie wollten eben mit der Zerſtoͤrung des alten Schloſſes beginnen, als der wachſame Kom⸗ mandant von Paris ankam, und ſie nicht ohne Blut⸗ vergießen zerſtreute. Unterdeſſen geriethen die wenigen Royaliſten, welche Paris noch enthielt, in Angſt, der Tumult, der in einem andern Stadtviertel angefangen 27 hatte, moͤchte ſich gegen die Perſon des Koͤnigs wenden. Zu ſeinem Schutze begaben ſich daher etwa 300 Edelleute mit Stockdegen, kurzen Schwertern, Piſtolen und andern Waffen, die man am Beſten im Gehen uͤber die Straße verbergen konnte, verſehen, in die Tuillerien. Huldreich wurden ihre Dienſte und ihr Eifer von dem ungluͤcklichen Ludwig angenommen, der in der letzten Zeit an ſolche Beweiſe von Ergebenheit nicht eben ſehr gewoͤhnt war. Aber als Lafgyette an der Spitze ſeiner Grenadiere von der Nationalgarde in den Pallaſt zuruͤckkehrte, ſchien es“ ihm gar nicht ungelegen, daß die Aufdringlichkeit der Edelleute ihm eine Gelegenheit gab, zu zeigen, daß wenn er auch den revolutionaͤren Poͤbel der Vorſtaͤdte zerſtreut habe, dieſes doch ohne ſonderliche Liebe fuͤr die koͤnigliche Sache geſchehen ſei. Er fuͤhlte oder heuchelte ein außerordentliches Mißfallen uͤber die bewaffneten Ariſtokraten, die er in den Tuillerien fand, und be⸗ handelte ſie wie Leute, die ſich unbeſcheidener Weiſe das Recht angemaßt hatten, die Perſon des Koͤnigs zu ver⸗ theidigen; ein Recht, das nach dem Geſetze den Na⸗ tionalgarden zuſtand. Um die Eiferſucht der Buͤrgerſol⸗ daten zu ſtillen, befahl der Koͤnig den Royaliſten, ihre Waffen niederzulegen. Kaum aber hatten ihm diejenigen Gehorſam geleiſtet, bei denen unter ſo vielen Millionen ſeine Befehle noch Gewicht hatten, als ein hoͤchſt empoͤ⸗ render Auftritt erfolgte. Die Soldaten fielen uͤber die ungluͤcklichen Edellente her, trieben ſie mit Stoͤßen und Beſchimpfungen aus dem Pallaſte, und nannten ſie die 28 Ritter vom Dolche; ein Name, den man ſpaͤter in der revolutionaͤren Sprache oft gebrauchte. Mißhandlun⸗ gen und Knmmer ſetzten der Geſundheit des gefangenen Fuͤrſten ſo zu, daß er unpaß wurde. Die zweite Begebenheit ſchien noch mehr den Zwang zu beweiſen, in welchem man ihn hielt. Beim Beginnen des Fruͤhlings(am 18. April 1791) hatte Ludwig den Wunſch geaͤuſſert, nach St. Cloud zu gehen, angeblich zum Behuf einer Luftveraͤnderung, in Wahrheit aber um zu erfahren, welchen Grad von Freiheit man ihm noch geſtatte. Schon waren die koͤniglichen Wagen an⸗ geſpannt, der Koͤnig und die Koͤnigin ſaßen ſchon in den ihrigen, als die Umſtehenden und die Nationalgarden auf der Wache erklaͤrten, ſie wuͤrden es nicht zugeben, daß der Koͤnig die Tuillerien verlaſſe. Lafayette kam— befahl— bat— drohte ſogar den Wachen; die wider⸗ ſpenſtigen Nationalgarden verweigerten aber einſtimmig, ſeinen Befehlen Folge zu leiſten. Nachdem dieſer tu⸗ multuariſche Auftritt laͤnger als eine Stunde gedauert hatte, und es ſich deutlich zeigte, daß Lafayette's Ein⸗ fluß nicht im Stande ſei, ſein Vorhaben auszufuͤhren, kehrten die koͤniglichen Perſonen in den Pallaſt zuruͤck, der nun ihr wirklich anerkanntes Gefaͤngniß war. Lafayette war von dieſer Beleidigung ſo ſehr ergrif⸗ fen, daß er ſeine Stelle als Befehlshaber der National⸗ garde niederlegte, und obgleich er ſie auf das allgemeine Bitten und die Entſchuldigungen des Korps wieder an⸗ nahm, ſo konnte er es doch nicht unterlaſſen, ihnen ih⸗ „ 29 ren Mangel an Gehorſam ſtreng vorzuwerfen und mit Recht zu verſtehen zu geben, daß die Achtung, welche ſie ihm erzeigten, ſeinem Range und ſeiner Stelle, nicht aber ſeiner Perſon gelten muͤſſe. Unterdeſſen brachten die natuͤrlichen Folgen dieſer grauſamen Lektion den Koͤnig und die Koͤnigin faſt bis zur Verzweiflung. Die Begebenheiten des 28. Februars hatten gezeigt, daß es ihnen nicht geſtattet ſei, ihre Freunde und Vertheidiger innerhalb ihrer Gefangniß⸗ mauern aufzunehmen; die des 18. Aprils bewieſen, daß ſie dieſen Bezirk nicht verlaſſen durften. Von Paris zu entfliehen, die geringe Anzahl ſeiner noch uͤbrig ge⸗ bliebenen getreuen Unterthanen zu verſammeln, ſchien, obgleich ein verzweifeltes, jedoch das einzige Mittel, das dem ungluͤcklichen Monarchen noch blieb, und ſchon waren die Vorbereitungen zu dem verderblichen Verſuche gemacht. Unter verſchiedenen Vorwaͤnden hatte der Marquis von Bouillé zu Montmedy ein Lager errichtet, und dort diejenigen ſeiner Truppen zuſammengezogen, auf die er ſich am ſicherſten verlaſſen konnte. Aber ſo wenig war der allgemeinen Stimmung der Soldaten und des Volkes zu trauen, daß der General ſelbſt nur ſehr geringe Hoffnung eines guͤnſtigen Erfolgs hegte. Wohl haͤtte das Leben des Koͤnigs durch eine Flucht in fremde Laͤnder gerettet werden koͤnnen, aber zur Wiederher⸗ ſtellung der Monarchie war kaum die geringſte Aus⸗ ſicht da. 3⁰0 Die Geſchichte der ungluͤcklichen Reiſe nach Varennes iſt wohl bekannt. In der Nacht vom 19. auf den 20. Auguſt reisten Ludwig, die Koͤnigin und ihre zwei Kinder von Paris ab, nur von einer Hofdame begleitet und von drei Edelleuten der Leibwache beſchuͤtzt. Der Koͤnig ließ ein weitlaͤuftiges Manifeſt zuruͤck, worin er der Verſammlung viele politiſche Fehler zur Laſt legte, und feierlich gegen alle Regierungsmaßregeln proteſtirte, zu denen er waͤhrend ſeiner Gefangenſchaft, die er, wie es ſchien, von ſeiner Abfuͤhrung nach Paris an rechnete, gezwungen worden war. Die erſte Perſon, welche der Koͤnigin in den Stra⸗ ßen begegnete, war Lafayette ſelbſt, als er eben uͤber den Platz des Karouſſels ging. Hundert andere Ge⸗ fahren erwarteten die ungluͤcklichen Fluͤchtlinge auf ihrem Wege; die Art, wie ſie aus dem Schloſſe entkamen, ſchien Gluͤck zu verſprechen, bewies aber nur die Lanne deſſelben. Eine bei der Bruͤcke von Sommeville aufge⸗ ſtellte Eskorte mußte, weil ſie den Verdacht des Volkes erregt hatte, wieder zuruͤckgezogen werden. Zu St. Mennehould trafen ſie eine kleine Abtheilung Dragoner, die Bouillé zu ihrer Bedeckung beſtimmt hatte. Aber ſo lange ſie anhielten, um die Pferde zu wechſeln, ward der Koͤnig, deſſen Zuͤge ſehr auffallend waren, von dem Sohne des Poſtmeiſters Drouet erkannt. Der junge Mann ein eifriger Revolutionaͤr, faßte ſogleich den Ent⸗ ſchluß, die Flucht des Koͤnigs zu verhindern, und eilte 31 ſogleich zu Pferde nach Varennes voraus, um die Mu⸗ uizipalitaͤt auf die Ankunft des Koͤnigs vorzubereiten. Zwei merkwuͤrdige Zufalle ſchienen anzuzeigen, daß Ludwigs Schutzgeiſt ſich immer noch ſeiner annehme. Drouet ward von einem entſchloſſenen Royaliſten, einem Quartiermeiſter der Dragoner, der ſeine Abſicht merkte, verfolgt; dieſer jagte ihm nach, um ihn auf jede Ge⸗ fahr hin von ſeinem Vorhaben abzuhalten. Aber Drouet, beſſer mit dem Wege bekannt, entging einer Verfolgung, die ihm haͤtte gefaͤhrlich werden koͤnnen. Ein zweiter guͤnſtiger Umſtand war, daß Drouet zuerſt den Weg von Verdun, ſtatt den von Varennes, einſchlug. Nur ein Zufall riß ihn aus dieſem Irrthum und beſtimmte ihn ſeine Nichtung zu veraͤndern. Er erreichte Varennes, und fand alles bereit, um den ungluͤcklichen Fuͤrſten auf ſeiner Flucht aufzuhalten. Zu Varennes ward der Kö⸗ nig angehalten und verhaftet, und die Nationalgarde aufgeboten. Die Dragoner verweigerten es, zur Verthei⸗ digung des Koͤnigs zu ſechten. Eine Abtheilung Huſa⸗ ren, die ihm einen Durchzug haͤtte erzwingen koͤnnen, kam zu ſpaͤt an, handelte nur mit Widerſtreben, und verließ endlich die Stadt. Noch immer blieb einige Hoffnung zu ihrer Befreiung uͤbrig. Haͤtte man nur an⸗ derthalb Stunden Zeit gewinnen koͤnnen, ſo waͤre Bouillé an der Spitze eines ſo betraͤchtlichen Korps ge⸗ treuer und disziplinirter Soldaten vor Varennes er⸗ ſchienen, daß er die Nationalmilizen leicht haͤtte zer⸗ ſtreuen können. Durch einen treuen Boten, der ſich * 32 nach Varennes wagte, und dem es gelang, den Koͤnig zu ſprechen, hatte er ſelbſt eine Korreſpondenz mit dem koͤniglichen Gefangenen eroͤffnet, aber er konnte keine beſtimmte Antwort erhalten, da Ludwig als Gefangener es verweigerte, Befehle zu ertheilen. Endlich erklaͤrten ſich faſt alle Truppen des Marquis von Bouillé gegen den Koͤnig und zu Gunſten der Nation, wodurch ſich nun deutlich die wenige Wahrſcheinlichkeit zeigte, daß eine dem Koͤnig ergebene bewaffnete Macht gebildet wer⸗ den koͤnne. Nur mit großer Schwierigkeit gelang es dem Marquis ſelbſt, in das oſtarreichiſche Gebiet zu entfliehen. Die Nachricht von der Entwelchung des Koͤnigs wirkte auf die Pariſer im Allgemeinen, und insbe⸗ ſondere auf die geſetzgebende Verſammlung, wie ein Erdbeben. Man glaubte eine baldige Ruͤckkunft des Koͤnigs an der Spttze eines ariſtokratiſchen Aufgebots und eines fremden Heeres befuͤrchten zu muͤſſen. Bei ruhiger Ueberlegung aber ſahen es die Meiſten als eine natuͤrliche Folge an, daß der Stamm der Bourbonen die Krone nicht laͤnger behaupten koͤnne, und daß die Regierung, die ſchon dem Grundſatze nach zu demokratiſch war, nun auch der Form nach, eine Republik werden muͤſſe*). * Die *) Die folgende Anekdote zeigt, welche Mittel man anwendete, um der öffentlichen Meinung dieſe Logik beizubringen. Eine 8 33 Die Freunde der Verfaſſung bedauerten es, daß die Konſtitution ein monarchiſches Oberhaupt ver⸗ Gruvpe im Palais Royal erörterte mit großer Beſtürzung die Folgen der Flucht des Königs, als ein Mann in einem 8 grauen Mantel auf einen Stuhl ſtieg, und ſie folgendermaßen anredete.„Bürger, hört auf eine Geſchichte, die kurz ſeyn ſoll.„Ein gutmüthiger Neapolitaner wurde einſt in ſeinem Abendſpaziergang durch die überraſchende Nachricht geſtört, daß der Pabſt geſtorben ſey. Er war von ſeinem Erſtaunen noch nicht zurückgekommen, als er augenblicklich ein neueß Unglück erfuhr.— Der König von Neapel war auch nicht mehr. Gewiß ſagte der würdige Neapolitaner muß bei einer ſolchen Verbindung von Unglücksfällen die Sonne vom Himmel verſchwinden. Aber damit war es noch nicht genug. Man ſagt ihm, der Erzbiſchoff von Palermo ſey auch plötzlich geſtorben. Von dieſem letzten Stoße übermanut⸗ eilt er ius Bett, aber nicht um zu ſchlafen. Des Morgens wurde er in ſeinen trübſeligen Träumereien durch ein ryllen, des Geräuſch unterbrochen, welches er ſogleich für die Bewegung des hölzernen Inſtrumenteserkannte, womit man Macaroni bereitet.“ Ach, ſagte der gute Mann, indem er auf⸗ 8 fuhr, darf ich meinen Ohren trauen?— Der Pabſt iſt todt— der König von Neapel iſt todt, der Biſchoff von Palermo iſt todt und doch macht mein Nachbar, der Bäcker Macaroni. Ach, was das Leben dieſer vornehmen Män⸗ 3 ner der Welt nicht ſo unentbehrlich iſt.“⸗ Der Mann in dem grauen Mantel ſwrangeherab und verſchwand.„Ich habe feine Meinung wohl aufgefaßt“ ſagte eine Frau un⸗ ter den Zuhörern.„Er hat uns ein Geſchichtchen erzählt, das wie alle Mährchen anfängt: Es war einmat ein König und eine Königin.““ W. Scott's Werke. XXVII. 3 9 34 lange; die Republikaner aber freuten ſich, denn es war ſchon lang ihre Abſicht geweſen, die koͤnigliche Wuͤrde abzuſchaffen. Nicht minder frohlockten die Anarchiſten im Ja⸗ kobinerklubs, denn das Geſchehene und ſeine wahr⸗ ſcheinliche Folgen war ſehr dazu geeignet, den repo⸗ lutionaͤren Geiſt zu beleben, die oͤffentliche Meinung zu erbittern, die Ruͤckkehr der Ordnung zu verhin⸗ dern und die ſchlimmen Leidenſchaften des geſezloſen Ehrgeitzes, des Blutdurſtes und des Raubes zu er⸗ regen. Aber Lafayette war entſchloſſen, die Verfaſſung nicht aufzugeben, die er geſchaffen hatte, und trotz der Unvolksthuͤmlichkeit der koͤniglichen Wuͤrde, wel⸗ che durch dieſen heimlichen Verſuch zur Flucht noch mehr geſteigert wurde, war er darauf bedacht, ſie aufrecht zu erhalten; in dieſem Vorhaben ward er von Barnave und andern unterſtuͤtzt, die zwar ſeine Meinungen nicht immer theilten, es aber wahr⸗ ſcheinlich fuͤr eine Schande hielten, der Welt zu zeigen, daß eine fuͤr die unſterblichkeit beſtimmte, nach den beſten politiſchen Grundſaͤtzen der vollen⸗ detſten Staatsmaͤnner Frankreichs entworfene Con⸗ ſtitution ſo leicht gebaut ſey, daß ſie auf den erſten Stoß in Truͤmmern falle. Doch konnte die Abſicht des Kommandanten von Paris nicht durchgeſetzt wer⸗ den, ohne einen Sieg uͤber die vereinigten rex ubli« kaniſchen und jakobiniſchen Partheien, von denen man 35 erwarten durfte, daß ſie bei dieſer Gelegenheit ihre vielfachen revolutionaͤren Maſchinen zu einer Inſur⸗ rektion des Volkes benutzen wuͤrden. So war der Zuſtand der politiſchen Meinungen, als der ungluͤckliche Ludwig nach Paris zuruͤckgebracht wurde. Er ſowohl, als ſeine Gemahlin und ſeine Kinder waren mit Staub bedeckt, von Kummer ge⸗ beugt und von Anſtrengung erſchoͤpft. Die getreuen Leibgarden, die ihn bei ſeiner Flucht begleitet hat⸗ ten, ſaßen auf dem Bock des Wagens, wie Freyler gebunden. Still und wenig beachtet, fuhr er dahin. Die Wachen praͤſentirten nicht, das Volk blieb be⸗ deckt, keiner ſagte: Gott ſegne ihn. Auf einem an⸗ dern Theile des Weges ſtuͤrzte ſich der Poͤbel auf den Wagen, und nur mit der groͤßten Schwierigkeit gelang es der Nationalgarde und einigen Deputirten, ihm einen ſicheren Durchzug zu verſchaffen. Unter ſol⸗ chen Auſpizien wurde die koͤnigliche Familie wieder in ihr altes Gefaͤngniß, in die Tuillerien gebracht. Nun ſchien ſich das Schickſal des Koͤnigs ſeiner Kriſis zu naͤhern. Es dauerte nicht lange, bis die politiſchen Partheyen eine Gelegenheit fanden, ihre ge⸗ genſeitige Macht zu erproben. Auf den Antrag der Haͤupter der republikaniſchen und jakobiniſchen Parthey wurde auf dem Marsfeld eine Zuſammenkunft gehal⸗ ten(am 17ten Juli 1791) um eine Bittſchrift, die Entthronung des Koͤnigs betreffend, zu unterſchreiben, 4 3*, 36 die in den kuͤhnſten, derbſten Ausdruͤcken abgefaßt war. In dieſer Ebene ſtand ein hoͤlzernes Gebaͤude auf Pfei⸗ lern, welches man den Altar des Vaterlandes nannte, und das zur Feier der Verfaſſungsannahme am 14ten Juni 1790 errichtet worden war, als die verſammelten Stellvertreter der verſchiedenen Departements Frank⸗ reichs den Eid ablegten, die Verfaſſung zu beobachten. Auf dieſen Altar wurde die Bittſchrift zur Unterzeich⸗ nung niedergelegt. Da aber jeder revolutionaͤre Akt durch ein Blutvergießen eingeleitet werden mußte, ſo wurden zwei arme Invaliden, welche der Poͤbel unter dem Geruͤſte fruͤhſtuͤcend fand, und die man der Ab⸗ ſicht beſchuldigte, die Patrioten in die Luft ſprengen zu wollen, vom Poͤbel ergriffen und ohne Erbarmen niedergemacht, und ihre auf Picken geſteckten Koͤpfe wur⸗ den wie gewoͤhnlich die Standarten der Rebellen. Die Municipalbeamten verſuchten es, die Verſammlung zu zerſtreuen, aber vergebens. Der Maire von Paris Bailli und Lafayette beſchloſſen hierauf, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben; das Kriegsgeſetz ward verkuͤn⸗ det, und ſein Signal die rothe Flagge auf dem Stadthauſe aufgeſteckt. Mit einem Korps Grena⸗ diere erſchien Lafayette auf dem Marsfelde, wo er mit Verwuͤnſchungen und dem Rufe empfangen wurde: „Nieder mit Lafayette! weg mit dem Kriegsgeſetz;“ worauf ein Steinregen erfolgte. Der Kommandant gab Befehl zu feuern, und bei dieſer Gelegenheit wurde ihm puͤnktlich Gehorſam gelelſtet; da die Gre⸗ 32— nadiere mitten unter die Menge ſchoſſen, ſo fielen mehr als 10 Mann bei der erſten Salve. In ei⸗ nem Augenblick ward das Marsfeld geraͤumt, und zum erſtenmal ſeit dem Aufange der Revolution blieb die geſetzmaͤßige Behoͤrde Meiſter eines beſtrit⸗ tenen Feldes. Lafayette haͤtte dieſen Triumph der geſetzmaͤßigen Macht durch den Sieg des Geſetzes vervollſtaͤndigen ſollen, dem er die Beſtrafung der Raͤdelsfuͤhrer und der Werkzeuge des Jakobinerklubbs, deren er ſich bemaͤchtiget hatte, uͤberlaſſen mußte; aber er glaubte, genug gethan zu haben, wenn er dieſe Raubthiere in ihre Hoͤhle zuruͤckjagte. Einige ihrer Fuͤhrer ſuchten und fanden Zuflucht bei den Republikanern, die ihnen jedoch in der Stunde der Gefahr nicht gerne gewaͤhrt wurde. Marat und mehrere Andere, von den unbaͤndigſten und uner⸗ muͤdlichſten Aufwieglern des Poͤbels ſahen ſich nach dem Siege vom Marsfelde, den die Jakobiner ſchwer fuͤhlten, und ſpaͤter grauſam raͤchten, gezwungen, ſich eine Zeit lang zu verbergen. Dieſer Sieg gab auch den Konſtitutionellen in der Nationalverſammlung das Uebergewicht. Die vereinten Anſtrengungen derer, welche gegen Lud⸗ wig's Abſetzung ſprachen und ihre Gruͤnde in dem konſtitutionellen Geſetze fanden, das den Koͤnig fuͤr ſeine Perſon unverletzlich erklaͤrte, uͤberwaͤltigten die Parthei, welche die Verſammlung laut aufforderte, ihn des Thrones fuͤr verluſtig zu erklaͤren, oder ihn 7, X 38 vor Gericht zu fordern. Doch ſetzte die Verſamm⸗ lung die Unverletzlichkeit des Koͤnigs neue Schran⸗ ken, durch die Erklaͤrung, daß der Koͤnig, falls er nach angenommener Konſtitution ſein Wort wieder zuruͤckziehe, angeſehen werden ſolle, als habe er ab⸗ gedankt. Wenn ferner der Koͤnig der Armee oder einem Theil derſelben befehlen wuͤrde, gegen die Nation aufzutreten, ſo follte dieſes gleichfalls als ein Akt der Abdankung betrachtet werden. Es ward drittens beſchloſſen, daß ein abgedankter Monarch ein ſchlichter Buͤrger werden, und den Geſetzen fuͤr jede Handlung, die er vor oder nach ſeiner Abdan⸗ kung begangen habe oder begehen wuͤrde, verantwort⸗ lich ſeyn ſoll. Die Konſtitution mit den ſo ſehr verkuͤmmer⸗ ten koͤniglichen Vorrechten ward nun abermals dem Koͤnige vorgelegt, und von ihm ſchlechthin angenom⸗ men, mit Worten, welche von der Verſammlung mit lautem Beifall, von den Gallerien aber nur ſchwach erwiedert wurden. Die Geſetzgeber waren froh, aus der Noth eine Tugend zu machen, und das Geſetzbuch ihrer Verfaſſung, wenn ſchon auf eine gefaͤhrliche Weiſe, vollenden zu koͤnnen. Aber die Herzen des Volks waren dem Koͤnige nun entſchie⸗ den entſremdet, und ſo wurde Ludwig, der wegen ſeiner Leutſeligkeit und Uneigennuͤtzigkeit der Liebling ſeiner Unterthanen haͤtte ſeyn ſollen, durch ein ſonderbares Zuſammentreffen von Ungluͤcksfaͤllen und 39 Mißgriffen, der Gegenſtand ihrer Eiferſucht und ih⸗ rer Verwuͤnſchungen. Im Hinblick auf die Maßregeln, welche bei der Zuruͤckkehr des Koͤnigs nach Paris genommen worden waren, werden die Geſchichtsforſcher wahrſcheinlich der Meinung ſeyn, daß es unpolitiſch von der Ver⸗ ſammlung war, Ludwig die konſtitutionelle Krone wieder anzubieten, und unvernuͤnftig von dieſem un⸗ glaͤcklichen Fuͤrſten, ſie unter der beigefuͤgten Bedin⸗ gung anzunehmen. In Beziehung auf den erſten Punkt iſt zu bemerken, daß dieſe Neuerer, die alles Uebrige im Staate geaͤndert hatten, konſequenter⸗ weiſe kein Bedenken tragen durften, mit der Perſon oder der Dynaſtie ihres Herrſchers eine Veraͤnderung vorzunehmen. Denn nach den Grundſaͤtzen, zu wel⸗ chen ſie ſich bekannten, war ſowohl der Koͤnig als die Adeligen und die Geiſtlichkeit in ihren Haͤnden wie Thon in den Haͤnden des Toͤpfers, den er nach Willkuͤhr benutzt oder wegwirft. Der gegenwaͤrtige Koͤnig hatte in dem bei ſeiner Flucht zuruͤckgelaſſe⸗ nen Manifeſte im Angeſichte von ganz Europa, ge⸗ gen das Syſtem an deſſen Spitze er ſtand, proteſtirt, und es ließ ſich doch nicht wohl denken, daß er durch die Umſtaͤnde, die ſeine gezwungene Nuͤckkehr von Varennes begleiteten, in Hinſicht auf dieſes Syſtem andern Sinnes geworden war. Demnach haͤtte die Verſammlung, in Gemaͤßheit ihrer eigenen Grund⸗ ſäͤtze, die Idee feſthalten ſollen, daß ſeine Flucht * 4 40 eine wirkliche Abdankung ſei;— ſie haͤtte fuͤr einen Fuͤrſten, der ſich in eine ſo unbehagliche Lage verſetzt fuͤhlte, ehrenvoll ſorgen und ihm erlauben ſollen, in Spanien oder Italten einer ruhigen Unabhaͤngigkeit zu genießen, ſobald ſich der Sturm gelegt hatte, der von außen her drohte. Unterdeſſen waͤre die Perſon des Koͤnigs eine Geißel in ihrer Hand geweſen, die ihr bei den Unterhandlungen mit den auswaͤrtigen Fuͤrſten ſeiner Familie und den Maͤchten Europas im Allgemeinen von einigem Nußen haͤ te ſeyn koͤn⸗ nen. Dieſe Politik iſt ſo einleuchtend, daß eher die momentane Schwierigkeit, die vollztehende Gewalt anders zu organiſiren, nicht aber eine Vorliebe fuͤr Ludwig XVI., die Nationalverſammlung beſtimmt haben mag, dieſem die vollziehende Gewalt unter manchen neuen Beſchraͤnkungen wieder zu uͤbertra⸗ gen. Lafayette und ſeine Parthei moͤgen darauf ge⸗ rechnet haben, daß der Koͤnig, nachdem er ſich ſelbſt uͤberzeugt hatte, wie einſtimmig das franzoͤſiſche Volk dem neuen Syſteme zugethan ſei, nachgegeben und ſich darum ohne weiteren Widerſtand darein ge⸗ fuͤgt habe, die unbedeutende Scheinrolle zu ſpielen, welche ihm die Vexfaſſung anwies.— Wenn es unpolitiſch von den Konſtitutionellen war, die Krone abermals auf Ludwigs Haupt zu ſetzen, ſo war es gewiß auch dieſes Monarchen un⸗ wuͤrdig, ſie anzunehmen, ſobald ſie nicht mit einem ſolchen Grade von Macht verbunden war, die ihm 41 ein vorherrſchendes Gewicht im Syſteme gab. Bis zu ſeiner Flucht nach Varennes war das Mißfallen des Koͤnigs an der Konſtitution ein Geheimniß ſei⸗ nes eigenen Buſens, das man wohl den Umſtaͤnden nach vermuthen nicht aber beweiſen konnte, und das der Koͤnig in ſeiner Lage wohl verbergen durfte, da er ſeine wirklichen Geſinnungen nicht aͤu⸗ ßern konnte, ohne ſeine perſoͤnliche Sicherheit aufs Spiel zu ſetzen. Nun aber war dieſer Schleier zer⸗ riſſen, denn in einer oͤffentlichen Erklaͤrung hatte er dem ganzen Europa geſagt, daß ſeit der Zeit, wo er im Triumph von Verſailles nach Paris gebracht worden, alle ſeine Handlungen erzwungen waren. Es waͤre allerdings ſehr wuͤrdevoll von Seiten Lud⸗ wigs geweſen, wenn er auf jener Erklaͤrung, der einzigen, die er nach einer langen Zeit des Zwan⸗ ges mit Freiheit abgelegt hatte, beharrt haͤtte. Ins Gefaͤngniß zuruͤckgefuͤhrt mußte er ſich als ein unter⸗ wuͤrfiger Gefangener benehmen, ſich die ſogenannte Reſtauration, d. h. eine verſtuͤmmelte Souveraͤnitaͤt nicht gefallen laſſen, die er mit der groͤßten perſoͤn⸗ lichen Gefahr verſchmaͤht hatte. Seine Eutſchluͤſſe waren zu fuͤgſam, zu ſehr ein Spiel der Umſtaͤnde, als daß ſie koͤniglich oder edel haͤtten ſeyn koͤnnen. Selbſt auf der Inſel Wigh unterhandelte Karl I. mit ſeinen Unterthanen wohl wie ein Gefangener, aber immer noch als Koͤnig; denn er verweigerte ſeine Zuſtimmung zu den Artikeln, die er in ſeinem Ge⸗ 4² wiſſen nicht glaubte annehmen zu koͤnnen. Er muß⸗ te, wie wir glauben, der Nationalverſammlung die⸗ ſelbe Antwort geben, die er dem royaliſtiſchen Offi⸗ zier zu Varennes gab,„daß ein Gefangener nichts befehlen, nichts bewilligen koͤnne.“ Er haͤtte nicht wie ein entflohener und wieder gefangener Vogel das Lied, das er in der Freiheit geſungen hat, ver⸗ geſſen, und ſobald er im Kaͤfig zuruͤck war, die vor⸗ geſchriebene Melodie der Gefangenen ſogleich wieder anſtimmen ſollen. Niemand, und beſonders kein Koͤnig, ſollte die Sprache ſeiner Gefuͤhle und ſeiner Geſinnung ſo ſehr von ſeinen Gluͤcksumſtaͤnden ab⸗ haͤngig machen. Das Beharren auf den in ſeiner freiwilligen Erklaͤrung ausgedruͤckten Geſinnungen haͤtte ihm vielleicht die Mittel verſchafft, beſſere Bedingungen zu erhalten, waͤhrend das Heucheln einer willigen Unterwerfung unter dieſelbe Gewalt, die er vor kurzem noch als ungeſetlich erklaͤrt hatte, den ungluͤcklichen Koͤnig nur dem Verdachte bloß ſtellen mußte, da taͤuſchen zu wollen, wo Niemand getaͤuſcht werden konnte. Aber die Schwierigkeiten ſeiner Lage waren groß, und Ludwig mochte ſich wohl des Sprichworts erinnern, welches das Grab der ab⸗ geſetzten Koͤnige nahe an die Thuͤren ihrer Gefaͤng⸗ niſſe verlegt. Er wollte vielleicht nur Zeit ge⸗ winnen, gewiſſermaßen im Einverſtaͤndniß mit der Parthei, die in der Verſammlung noch immer einen Schein des Koͤnigthums beizubehalten wuͤnſchte, bis 43 Zeit und umſtaͤnde ihm erlauben wuͤrden, die Grund⸗ lage deſſelben zu erweitern. Iſt indeſſen der Aus⸗ ſage von Bertrand de Moleville Glauben beizumeſ⸗ ſen, ſo hat ihm Lndwig ſeinen ſeſten Entſchluß be⸗ kannt, die Verfaſſung mit Aufrichtigkeit und Treue zu handhaben; allein er haͤtte ein Heiliger ſeyn muͤſſen, um uch dann noch Wort zu halten, wenn die Fortſchritte der Oeſterreicher oder einer andern gegenrcvolutionaͤren Parthei ihn in den Stand ge⸗ ſetzt haͤtten, daſſelbe zu brechen. In jedem Falle befand ſich der Koͤnig in einer zweifelhaſten, Ver⸗ dacht erregenden Lage gegenuͤber dem franzoͤſiſchen Volke, das nothwendigerweiſe mit doppeltem Arg⸗ wohn auf das Haupt der Regierung blicken mußte, welches unzufrieden mit dem ihm beſchiedenen An⸗ theile der Gewalt, denſelben doch angenommen hat⸗ te,— aͤhnlich einem verungluͤckten Spieler, der lie⸗ ber kleine Spiele ſpielen, als daſſelbe ganz aufgeben will. Da das Werk der Konſtitution auf dieſe Welſe vollendet war, ſo loͤste ſich die National⸗ oder wie man ſie gewoͤhnlich nennt, die konſtituirende Ver⸗ ſammlung auf, in Gemaͤßheit ihres im Ballhauſe zu Verſailles geleiſteten Eides. Dieſe Verfaſſung ein Gebaͤude, das ſie fuͤr die Ewigkeit hatte aufͤhren wollen, drohte bald nachher den Einſturz; aber in wenigen Verſammlungen von Staatsmaͤnnern waren groͤßere und verſchiedenere Talente vereinigt. Ihre d* 3 5 44 Debatten waren oft heftig und ſtuͤrmiſch, ihre Beweis⸗ fuͤhrung wild und leidenſchaftlich, ihre Entſchluͤſſe uͤber⸗ eilt und unuͤberlegt. Das waren zum Theil Fehler des franzoͤſiſchen Karakters, der fuͤr ploͤtzliche Ein⸗ druͤcke ſehr empfaͤnglich iſt, zum Theil lagen ſie auch in dem Gedraͤnge der großen Veraͤnderungen und den furchtbaren Fortſchritten einer Revolution, die jedermann zu Extremen forttrieb. Auf der andern Seite aber achteten ſie die Freiheit der Debatten, und die Aechtung der Mitglieder ihrer Verſammlung, die ihre Geſinnungen in Widerſpruch mit denen der Majoritaͤt aͤußerten, findet ſich nicht in ihren Ver⸗ handlungen, wenn ſie ſchon in denen ihrer Nachfol⸗ ger ſo ſchrecklich oft vorkommt. Ihr erſter und groͤ 5⸗ ter Fehler war der, daß ſie zuviel und alles auf ein⸗ mal thaten. Die Partheien verſtanden ſich nicht, wollten ſich nicht uͤberzeugen, nicht nachgeben. Es war ein Kampf auf Leben und Tod zwiſchen Maͤnnern, die, haͤtten ſie ruhiger den Zuſtand ihres 1 Vaterlandes und ihren eigenen erwogen, von der Schaͤrfe der theoretiſchen Grundſaͤtze, lieber etwas nachgelaffen haͤtten, um praktiſches Uebel zu vermei⸗ den, und praktiſches Gut zu erlangen. Die Fehler der Verſammlung entſtanden demnach aus dem Feſt⸗ halten der Ertreme. Sie hatten die Laſt der Feu⸗ dalfeſſeln gefuͤhlt, und glaubten deswegen das gan⸗ ze Adelſyſtem aufheben zu muͤſſen. Die allzugroße Macht des Monarchen that den Freiheiten der Un⸗ 45 terthanen Abbruch, und nun banden ſie ihn vie ei⸗ nen Sklaven zu den Fuͤßen der geſetzgebenden Macht. Dem Gewoͤlbe ihrer Freiheit fehlte der Schlußſtein: eine mit gehoͤriger Kraft ausgeruͤſtete vollziehende Gewalt. Doch verdankt Frankreich dieſen Maͤn⸗ nern die erſten Grundſaͤtze der buͤrgerlichen Freihelt. Sie zuͤndeten die Flamme an, obgleich ſie dieſelbe nicht zu regeln wußten, und diejenigen, welche ſich jetzt ihrer maͤßigen Waͤrme erfreuen, ſollten Nach⸗ ſicht haben mit den Fehlern derer, denen ſie ein ſo unſchaͤtzbares Gut verdankten, und dieſe Nachſicht ſollte deßwegen nicht geringer ſeyn, weil ſo viele in der zu raſch ent uͤndeten Flamme den Tod fanden. Dieſe Maͤnner thaten noch mehr; ſie ſuchten die Wunden der Nation durch Verkuͤndigung einer allge⸗ meinen Amneſtie zu heilen, die ſowohl den Jakobi⸗ nern des Marsfeldes, als den ungluͤcklichen Gefaͤhr⸗ ten der Flucht des Koͤnigs zu gut kommen ſollte. Dieſes war eines ihrer letzten und weiſeſten Dekre⸗ te, haͤtten ſie nur ihre Nachfolger zur Vollziehung deſſelben anhalten koͤnnen. Der Abſchied, welchen ſie von der Macht nah⸗ men, war alles, nur nicht prophetiſch. Sie erklaͤr⸗ ten die Revolution fuͤr geſchloſſen und die Verfaſ⸗ ſung fuͤr vollendet;— jene fing erſt an und dieſe war fluͤchtig wie ein Morgentraum. 46— Zweites Kapitel. Die geſetzgebende Verſammlung.— Ihre Zuſammenſetzung.— Konſtitutionelle.— Girondiſten oder Briſſotiner.— Jakobiner. — Anſichten und Meinungen anderer Nationen.— England.— Anſtchten der Toris und Whigs.— Anacharſis Klootz.— Oeſter⸗ reich.— Preußen.— Rußland.— Schweden.— Auswanderung der franzöſiſchen Prinzen und der Geiſtlichkeit.— Nachtheile, die daraus für den König entſtehen.— Tod des Kaiſers Levpold und ſeine Folgen.— Frankreich erklärt den Krieg.— Anſichten und Intereſſen der verſchiedenen Partheien in Frankreich zu dieſer Zeit.— Dekret gegen Monſieur.— Lindwig legt ſein Veto dagegen ein.— Dekret gegen die Geiſttichen, welche den Ver⸗ faſſungseid nicht leiſten würden.— Ludwig legt abermals ſein Veto ein.— Folgen.— De Leſſart's Sturz.— Die Miniſter werden jetzt aus der Parthei der Briſſotiner gewählt.— Der Krieg iſt allen Partheien recht. Als die erſte oder konſtituirende Verſammlung, welche zu den Generalſtaaten zuſammenberufen war, faſt alles, was in Frankreich als Geſetz galt, vernichtete, hatte ſie doch wenigſtens der Form nach den Namen und die Macht eines Monarchen beibehalten. Die ge⸗ ſetzgobende Verſammlung, die auf ſie folgte, ſchien die Zerſtörung der Symbole des Koͤnigthums, welche ihre Vorgaͤngerin, obſchon mit republikaniſchen Formen umgeben, ſtehen gelaſſen hatte, vorzubereiten. Die Zuſammenſetzung dieſer zweiten Verſammlung der Repraͤſentanten war der koͤniglichen Sache noch weit unguͤnſtiger, als die, der ſie ufolgte, In einer fuͤr Frank⸗ 47 reich und fuͤrz ſie ſelbſt ungluͤcklichen Stunde hatte die konſtituirende Verſammlung zwei Vorſchlaͤge angenom⸗ men, welche denſelben nachtheiligen Einfluß auf ihr eigenes politiſches Intereſſe hatte, wie die beruͤhmte Selbſtentſagung des langen Parlaments auf das der Presbyterianer. Durch das erſte dieſer Dekrete wurden die Mitglieder der konſtituirenden Verſammlung fuͤr unfaͤhig erklaͤrt, zu derjenigen gewaͤhlt zu werden, die nach ihrer Aufloͤſung folgen wuͤrde. Zu Folge des zwei⸗ ten Dekrets konnten ſie nicht vor Ablauf von zwei Jahren nach ihrem Austritt aus der konſtituirenden Verſammlung in's Miniſterium berufen werden. Die⸗ jenigen Maͤnner, welche nun ſchon eine gewiſſe politiſche Einſicht und einiges Wiſſen erlangt hatten, wurden Kraft dieſes Geſetzes aus dem Staatsrathe ausgeſchlof⸗ ſen, und die hoͤheren Staatsſtellen waren ihnen unzu⸗ gaͤnglich. Dieſe Ausſchließung wurde nach dem tollen Prinzipe der Gleichſtellung feſtgeſetzt, das eine von den erſten Springfedern der Revolution war, und das da⸗ hin ſtrebte, ſelbſt die naturliche Ariſtokratie der Talente aufzuheben.„Wer ſind denn die ausgezeichneten 3 Mitglieder, wovon der Redner ſpricht?“ ſagte ein Jakobiner im aͤchten Geiſte ſeiner eingebildeten Gleich⸗ heit.— Es gibt in dieſer Verſammlung keine Mit⸗ glieder, welche ausgezeichneter waͤren, als die andern, ebenſo wenig durch Talente und Geſchicklichkeit als durch Rang und Geburt. Wir ſind alle gleich.“ Wirk⸗ lich ſeltlame Worte, und ohne Zweifel fuͤr viele in der 4.„. 2 s 48 Verſammlung ſchmeichelhaft. Ungluͤcklicher Weiſe aber vermag kein Geſetz, der Thorheit Sinn, der Unwiſſen⸗ heit Erfahrung zu geben, ein ſolches Geſetz koͤnnte ver⸗ hindern, daß ein gewiſſes Maß von Einſicht und Ta⸗ lent zum Dienſte des Vaterlandes berufen wurde. So⸗ wohl der Koͤnig, als das Volk mußten nun Maͤnnern vertrauen, die in Geſchaͤften unerfahren und eben darum geneigt waren, mit jener raſchen Uebereilung zu han⸗ deln, welche gewoͤhnlich die Begleiterin der Unerfahren⸗ heit iſt. Da die konſtituirende Verſammlung eine Fuͤlle der tuͤchtigſten Maͤnner, deren ſich Frankreich ruͤhmen kann, gezaͤhlt hatte, ſo war es nicht wohl moͤglich, daß die zweite Verſammlung der erſten an Talenten gleich kam; dennoch aber zaͤhlte die geſetzge⸗ bende Verſammlung in ihren Reihen viele Maͤnner von nicht gemeiner Bildung, und einige wenige von verhaͤltnißmaͤßiger Kuͤhnheit und Entſchloſſenheit des Karakters. Eine einfache Ueberſicht der Partheien, in welche ſie geſpalten war, wird zeigen, wie tief der Ein⸗ fluß der Krone geſunken war. Es gab eigentlich keine ſtreng royaliſtiſche Parthei mehr; die Anhaͤnger der alten franzoͤſiſchen Monarchie befanden ſich groͤßtentheils im Exil, und es blieben nur noch wenige ſelbſt von der zweiten Klaſſe der gemaͤßig⸗ teren und vernuͤnftigeren Royaliſten uͤbrig, welche die Freiheit wuͤnſchten, und dieſelbe durch eine Monarchie vermittelt ſahen, von welcher ſich mit Drſeitanns na 4 ill⸗ / 49 Willkuͤhr eine feſte Handhabung der Geſeze erwarten ließ. Cazale's, deſſen ritterliche Vertheidigung des Adels— Maury, deſſen beredte Fuͤrſprache fuͤr die Kirche ſo oft die Fortſchritte der Revolution ehrenvoll, obgleich umſonſt bekaͤmpft hatten, waren nun ſtille und abweſend, und die ſchwachen Ueberbleibſel ihrer Parthei in die Reihen der Konſtitutionellen getreten, die nur in ſo fern die Monarchie beguͤnſtigten, als es ſich mit ihrem Lieblingsſyſtem vertragen mochte. Lafgyette war fortwaͤhrend das Organ dieſer Parthei, hatte Dupert, Barnave, Lameth unter ſeinem Banner verſammelt, lauter Maͤnner, die es verſucht hatten, Schritt zu hal⸗ ten mit dem Rieſengeiſte der Revolution, die aber von den thaͤtigern und gewandteren Verfechtern der Volksſache bei Seite geſchoben, nun das Feld dem Feind uͤberließen, und ſich mit denen vereinigten, welche den Satz aufſtellten, die gegenwaͤrtige Konſtitution paſſe zu jeder freien und praktiſchen Regierungsform, und ſie mache alle ferneren revolutionaͤren Maßregelu uͤber⸗ fluͤſſig. In ſtarrer Oppoſition gegen jene Bewunderer der Verfaſſung ſtanden zwei Partheien n ungleicher Staͤrke und Macht. Die erſte wollte die Revolution bis zum gaͤnzlichen Sturze der Monarchie verlaͤngert wiſſen; die zweite hatte den feſten Vorſatz, die Veraͤnderungen noch weiter und zwar bis zur vollkommenen Zerſtoͤrung aller buͤrgerlichen Ordnung zu treiben und Ane Regſerung auf W. Scott's Werke. XXVII. 4 1 50 Schrecken und Gewaltthat zu gruͤnden, zum Vortheile der Demagogen, welche die Urheber eines ſo verruchten Planes waren. Wir haben das Daſein beider Partheien ſchon bei der erſten oder konſtituirenden Verſammlung angedeutet, aber in der zweiten, welche man die legis⸗ lative nannte, nahmen ſie ſchon eine entſchiedenere Form an, und ſchienen, zu Abſchaffung der Koͤnigs wuͤrde als zu einem gemeinſamen Zwecke vereinigt, ob⸗ gleich es vorauszuſehen war, daß nach Erreichung des⸗ ſelben ſie ſich uͤber den Gebrauch, der von dem Siege zu machen ſei, entzweien wuͤrden. Sie waren, wie Shakespeare ſagt, entſchloſſen, ——— Erſt die Krone hinzuwerfen Und dann zu kämpfen um das Königthum. Die erſte dieſer Partheien war nach der Gironde benannt, einem Departement, das die meiſten Anhaͤn⸗ ger dieſer Meinung in den Konvent abgeordͤnet hatte. Condorcet groß in der Wiſſenſchaft, war einer dieſer Parthei, die auch oft nach Briſſouet, einem andern ihrer Hauptanfuͤhrer genannt wurde. Ihre Vorfechter waren Maͤnner, die im fuͤdlichen Frankreich als Juriſten er⸗ zogen, durch gegenſeitige Schmeichelei und durch die Gewohnheit des Zuſammenlebens, kein geringes Maaß von Selbſtduͤnkel und gegenſeitiger Ueberſchaͤtzung, die man in den politiſchen und wiſſenſchaftlichen Provinzial⸗ vereinen nicht ſelten antrifft, erlangt hatten. Viele von ihnen beſaßen Beredſamkeit und die meiſten einen hohen Grad von Enthuſiasmus, verbunden mit einer klaſſiſchen 51 Erziehung; und ihre innige Verbindungzunter einander, wo die Einfaͤlle eines jeden aufgefaßt, geprieſen, wie⸗ derholt und erhoben wurden, hatte ihren Geiſt zum republikaniſchen Eifer angeſpornt. Ohne Zweifel hatten ſie perſoͤnlichen Ehrgeiz, der aber im Allgemeinen nicht von niedriger egoiſtiſcher Art zu ſein ſchien. Ihre Zwecke waren oft ehrenwerth, obgleich unausfuͤhrbar, und ſie gingen ihrem vorgeſetzten Ziele mit großem Muthe ent⸗ gegen, in der eitlen Hoffnung, eine reine Republik in einem ſo zerruͤtteten Staate wie Frankreich zu errichten, und durch ſo unreine Haͤnde, wie die ihrer jakobiniſchen Verbuͤndeten. Jedoch darf man zur Maͤßigung ihrer Anſpruͤche auf ſtrenge republikaniſche Tugend, nicht ver⸗ chweigen, daß die Girondiſten zu Erreichung ihrer Zwecke ⸗ ſich gerne niedrige und verwerfliche Mittel erlaubten, die ſpaͤter ihren eigenen Fall herbeigefuͤhrt haben. Sie hatten die Abſicht, ſich der revolutionaͤren Kuͤnſte des Aufſtands und der Gewalt zu bedienen, bis die Republik errichtet ſei, aber nicht laͤnger, oder wie der Satyriker ſagt: „Es glimme Feuer weit im Land, „Doch brenn' es nicht zum Fackelbrand.““ Die Jakobiner, die zweiten dieſer Partheien waren Verbuͤndete der Briſſotiner mit der Nebenabſicht, die revolutionaͤre Kraft bis auf das hoͤchſte zu ſteigern, einſt⸗ weilen aber ſich noch in den Mantel des Republikanis⸗ mus zu huͤllen. Robespierre, der durch eine geheuchelte, 20 52 2 einfache und zuruͤckgezogene Lebensweiſe unter dem Pöbel den Titel des Unbeſtechlichen erhielt, kann als das Haupt der Jakobiner betrachtet werden, wenn ſie wirk⸗ lich mehr als die Woͤlfe einen Fuͤhrer hatten, die ihre vereinten Stimmen nach dem Geſchrei deſſen richten, der am lauteſten heult. Danton, eben ſo unerbittlich als Nobespierre, aber minder klug, weil er Gold und Wolluſt, Blut und Macht zugleich liebte, ſtand ihm zunachſt. Marrat, der gerne von Mord ſprach, wie der Krieger von Schlachten; der verworfene Collet d'Herbois, ein ausgepfiffener Schauſpieler, Chabot ein Exkapuziner, und viele andere Maͤnner von verzweifel⸗ tem Karakter, deren mittelmaͤßige Talente durch die zugelloſſeſte Frechheit erſetzt wurden, bildeten die Vor⸗ hut dieſer Parthei, die durch Verbrechen jeder Art geſchaͤndet und gewoͤhnt war, ihre Rolle bei jenen entſetzlichen Auf⸗ ſtaͤnden zu ſpielen, welche die Revolution befoͤrdert und entehrt hatten. Es lohnt nicht der Muͤhe, an Maͤnner wie Saurerre und Hebert zu erinnern, die ſich unter dem Poͤbel der Elenden durch Graufamkeit und Nieder⸗ traͤchtigkeit auszeichneten. So war die Parthei, welche den Briſſotinern zur Seile ſtehend bereit war, das letzte Bollwerk der Monarchie zu erſtuͤrmen, mit dem geheimen Vorbehalt, die ganze Beute an ſich zu reißen. 3 Die Stuͤrke dieſer drei Partheien war ſo verſchieden⸗ artig in ihren Beſtandtheilen, als in ihren Grundſaͤtzen. In der Paxthei von Laſahette lag die Staͤrke, wie w—rr — 1 . 4 53 ſchon oft bemerkt haben, in der beſſern Klaſſe der Kaufe leute und Buͤrger und anderer Grundbeſitzer, die zu ihrem eigenen Schutze die Waffen ergriffen hatten, und zur Aufrechthaltung einer gewiſſen allgemeinen guten Ordnung. Dieſe bildeten den ſtattlichſten Theil der Na⸗ tionalgarden, und waren im Allgemeinen ihrem Anfuͤhrer ergeben, obgleich ſie ſich bei manchen Gelegenheiten ſeiner Autoritaͤt widerſetzten, die auch taͤglich ſchwaͤcher zu wer⸗ den ſchien. Wohl haͤtten die Royaliſten die konſtitu⸗ tionelle Parthei etwas verſtaͤrken koͤnnen, aber Lafayette uͤbte auf die ſogenannten Freunde der Freiheit nicht jenen unbedingten Einfluß aus, der ihn in Stand geſetzt haͤtte, die verhaßte Huͤlfe derer anzunehmen, welche man ihre Feinde nannte. Sein hoher Nuf als Kriegsmann gab ihm immer noch eine gewiſſe Wichtig⸗ keit, die aber bereits etwas im Abnehmen war. Die Parthei der Gironde hatte die theoretiſchen Liebhaber der Freiheit und Gleichheit auf ihrer Seite, junge Maͤnner, deren erhitzte Einbildungskraft das Forum des alten Nom in den Gaͤrten des Palais Royal ſah, und die gerne ihre Zuſtimmung zu jeglicher Lehre gaben, die durch einen bluͤhenden und ſenten⸗ zioͤfen Vortrag empfohlen wurde. Die Anhaͤnger von Briſſot hatten einigen Einfluß in den fuͤdlichen Depar⸗ tements, deren Abgeordnete ſie waren, ſchlugen aber denſelben bei weitem zu hoch an. Sie behaupteten, in jenen Bezirken lodere die Flamme der Freiheit weit reiner, als in der Hauptſtadt, und daß die Freiheit, 8 4 54 aus Paris vertrieben, in einer neuen Republick jenſeits der Loire eine Zufluchtsſtaͤtte finden wuͤrde. Dieſe wachenden Traͤume entgingen den Jakobinern nicht, und wurden von ihnen zur Rechtfertigung kuͤnftiger Ge⸗ waltthaͤtigkeiten ſorgfaͤltig bemerkt, und zuletzt zu einer Anklage benuͤtzt, die den Briſſotinern den verhaßten Beinamen der Foͤderaliſten gab, und ihnen die Abſicht unterſchob, Frankreich, nach dem Beiſpiele von Holland und der Schweiz zu einem Bund von kleinen Repu⸗ bliken zu machen. Die Briſſotiner hatten einen Vereinigungspunkt in dem Salon der Madame Roland, der Gattin eines ih⸗ rer Mitglieder. Die Schoͤnheit, die Talente, der Muth und die hohe Bildung dieſer merkwuͤrdigen Frau mach⸗ ten auch ihren Gatten, einen Mann von ſehr mittel⸗ maͤßigen Faͤhigkeiten, dem Publikum bekannt, und uͤbten einen bedeutenden Einfluß auf den Verein der philoſophi⸗ ſchen Traͤumer, die da hofften, Lanzen mit Vernunft⸗ ſchluͤſſen zu bekampfen, und einen maͤchtigen Staat nach akademiſchen Geſetzen zu regieren. Die weſentliche und ſchreckliche Stuͤtze der Jakobiner lag in dem Klubb die⸗ ſes Namens und der noch weit gewaltthaͤtigern Ver⸗ bruͤderung der ſogenannten Cordeliers, ſo wie in den Filialklubbs, die in den Municipalitaͤten geboten, denn dieſe waren in den meiſten Departements gezwungen, ſich unter ihre eiſerne blutduͤrſtige Herrſchaft zu beugen. Der Hauptklubb hatte mehr als einmal ſeine Ober⸗ haͤupter gewechſelt; denn zu Folge ſeines Karakterzugs, 55 der in der Gluͤhhitze des demokratiſchen Eifers beſtand, mußte er nach und nach diejenigen aus ſeiner Mitte ſtoßen, die von dem Hochpunkte des ausſchweifendſten Eifers, der ſich durch die groͤßten Gewaltthaͤtigkeiten bewaͤhren mußte, auch nur im geringſten abwichen. Das Wort Maͤßigung war in dieſer Geſellſchaft eben ſo verhaßt, als das der Sklaverei, und wer am beſten den uͤbertriebenſten und frevelhafteſten Schwung des Patriotismus heucheln konnte, war ſicher, die vorigen Fuͤhrer aus dem Sattel zu heben. So folgten die Bruͤder Lamethin der Leitung des Klubbs auf La⸗ fayette; Robespierre und Marat verdraͤngten hinwiederum die Lameth, konnten aber als unerreichte Muſter der Raſerei, allenfalls nur noch vom Satan ſelbſt verdraͤngt werden. Dieſe Fuͤhrer und Meiſter des Klubbs hatten den Hauptſchluͤſſel zu der Wuth des Poͤbels und konnten mit einem Male einen Wald von Picken herzaubern, mit einem andern Wort tauſend Dolche aus der Scheide rufen. Offen und unumwunden empfahlen ſie die blu⸗ tigſten und verworfenſten Handlungen, ſtatt ſolcher, die in einem offenen und maͤnnlichen Kriege gebraͤuchlich ſind, und bei allen Gewaltthaͤtigkeiten doch immer noch etwas großartiges haben.„Gib mir,“ ſagte der Wuͤthe⸗ rich Marat, als er den Barbaroux in ſeine blutige Wiſſenſchaft einweihte—„Gib mir 200 Neapolitaner, — das Meſſer in der Rechten und in der Linken einen Muff an Schildesſtaat, mit dieſen will ich Frankreich durchziehen und die Revolution vollenden.“ In derſel⸗ 55 2 ben Vorleſung entwarf er eine genaue Berechnung(denn bas Ungeheuer war nicht ohne Kenntniſſe), worin er zeigte, auf welche Weiſe man zweimalhundert und ſechzigtauſend Menſchen an einem Tage umbringen koͤnne. Dies waren die Mittel, die Maͤnner und die Plane der Jakobiner, welche dieſe jetzt in der geſetzge⸗ benden Verſammlung der lauwarmen Rechtlichkeit der Konſtitutionellen, oder wenn es ſein mußte, auch den fein⸗ geſponnenen republikaniſchen Theorien der Briſſotiner entgegenſetzen wollten. Ehe wir aber in der Darſtellung der innern Angelegenheiten Frankreichs fortfahren, muͤſſen wir vorerſt einen Blick auf die auswaͤrtigen Verhaͤlt⸗ niſſe deſſelben werfen. Bisher war Frankreich in dieſer ſchrecklichen Tragoͤ⸗ die allein aufgetreten, angeſtaunt von den uͤbrigen Voͤl⸗ kern Europas, die allmaͤhlig auch zu handeln verlangten. Kein Theil des Staatsrechts iſt ſpitzfindiger als der⸗ jenige, der genau die Umſtaͤnde zu beſtimmen vorgibt, nach welchen, in Gemaͤßheit des Voͤlkerrechts, eine Nation befugt oder berufen ſein ſoll, ſich in die innern Angelegenheiten einer andern zu miſchen. Brennt das Haus meines naͤchſten Nachbars, ſo legen wir die Vor⸗ ſchriften der Vernunft und der Menſchlichkeit nicht allein das Recht, ſondern ſogar die Verbindlichkeit auf, ihm im Loͤſchen beizuſtehen; oder wenn ein Geſchrei des Mordes in ſeinem Hauſe gehoͤrt wird, ſo rechtfertigt die dem Geſetz gebuͤhrende Achtung und das Gebot, den Unſchuldigen zu beſchuͤtzen, mein gewaltſames Ein⸗ .— 57 dringen in ſeine Wohnung. Das ſind außerordentliche und leicht zu entſcheidende Faͤle. Im Voͤlkerrechte kommen aͤhnliche Faͤlle, aber nur ſelten vor. Es liegt aber zwiſchen dieſen Faͤllen und dem allgemeinen Grund⸗ ſatze, der die unberufene Einmiſchung einer Parthei in das unterſagt, was urſpruͤnglich und hauptſachlich eine audere betrifft, eine ganze terra incognita von beſon⸗ dern Faͤllen, wo die rechtliche Entſcheidung ſchwer faͤllt. Man hat jedoch in der Geſchichte der Voͤlker ſich durch ſolche Schwierigkeiten in der Ausuͤbung nicht ſchrecken laſſen; denn wo auch die Rechtsgelehrten einen gordiſchen Knoten finden mochten, hat ihn das Schwert des Souveraͤns ohne weitere Umſtaͤnde zerhauen. Ge⸗ woͤhnlich wurde der Zweifel durch die praktiſche Frage entſchieden: welchen Nutzen wird wohl die neutrale Macht von ihrer Einmiſchung ziehen? Und iſt ſie ſtark genug, dieſelbe zu ihrem eigenen Vortheile durchzuſetzen? In freien Laͤndern muß man freilich auch auf die oͤffent⸗ liche Meinung Ruͤckſicht nehmen; aber der Menſch gleicht ſich in jeglicher Lage, und dieſelbe Vergroͤßerungs⸗ ſucht, die einen unumſchraͤnkten Monarchen verleitet, der Stimme der Gerechtigkeit ſein Ohr zu verſchließen, wirkt gleich maͤchtig auf Staͤnde und Volksverſammlun⸗ gen; und Eingriffe in die Unabhaͤngigkeit ihrer Nach⸗ barn ſind eben ſo haͤufig bei Republiken und beſchraͤnkten Monarchien, als bei den Fuͤrſten, die kein anderes Geſetz, als ihren koͤniglichen Willen kennen. Die grobe und ſchamloſe Ungerechtigkeit der Theilung von Polen iſt A8 58 weit entfernt, den noch beſtehenden Zweifel uͤber ſolche Gegenſtaͤnde zu heben, und kann eher als eine direkte Anerkennung des Rechts des Staͤrkeren angeſehen wer⸗ den. Demnach haͤtte es keineswegs den benachbarten Nationen an Vorwaͤnden zur Einmiſchung in die An⸗ gelegenheiten Frankreichs gefehlt, waͤre eine von ihnen zu dieſer Zeit im Stande geweſen, die vorgebliche Ge⸗ legenheit zu benutzen. England, Frankreichs Nebenbuhler, haͤtte nach dem Beiſpiele jenes Landes wohl das Recht der Einmiſchung in die haͤuslichen Angelegenheiten als Repreſſalie gegen die Huͤlfe, die es den Amerikanern gewaͤhrt hatte, aus⸗ uͤben koͤnnen, aber nebſt dem, daß die Oeffentlichkeit der Verhandlungen des Parlaments ſelbſt den ehrgeitzig⸗ ſten brittiſchen Miniſter noͤthigt, die Rechte anderer Laͤnder, wenn auch nur dem Schein nach, zu ehren, ſo war England ſelbſt uͤber die franzoͤſiſche Revolution ſehr getheilter Anſicht. 5 Dies war jedoch zu Anfang dieſer merkwuͤrdigen Begebenheit keineswegs der Fall. Wir glanben, daß der erſte Schimmer der Aufklaͤrung, der Vernunft und einer vernuͤnftigen Freiheit in Frankreich in ganz Eng⸗ land wie eine Morgenroͤthe begruͤßt worden iſt, und daß es in dieſem Lande vielleicht Niemand gegeben hat, der ſeine Bruſt nicht erhoben und erweitert fuͤhlte, bei dem Anblick einer großen und edlen Nation, die ihre peinlichen und ſchmaͤhlichen Feſſeln abwarf, und die Stellung, die Sprache und den Geiſt eines freien Volkes „ 3 59. annahm. Aller Menſchen Augen und Gedanken waren auf das Ningen gerichtet, das die Wiedergeburt eines maͤchtigen Staates zu verkuͤnden ſchien; und der Britte meinte, es muͤßten fortan der alte Haß und die gegen⸗ ſeitige Eiferſucht in Vergeſſenheit gerathen, und es wuͤrde durch die Aehnlichkeit freiſinniger Inſtitutionen und den gleichmaͤchtigen Beſitz einer vernuͤnftigen Frei⸗ heit Wohlwollen und Freundſchaft in den Verkehr der beiden Laͤnder gebracht werden; denn es war kein Grund mehr vorhanden, warum Frankreich die Englander als ein Volk von unbothmaͤßigen und ungeſchliffenen Bauern, oder warum England hinwiederum Frankreich als eine Nation von willigen Sklaven haͤtte verachten ſollen. Dieſes allgemeine Mitgefuͤhl ward durch die Er⸗ ſtuͤrmung der Baſtille und durch die Gewaltthaͤtigkeiten des Volkes bei dieſer Gelegenheit nicht verringert. Der Name dieſer Feſtung war ſo unvolksthuͤmlich, daß er wohl die Ausſchweifungen, die bei dem Falle derſelben Statt fanden, beſchoͤnigen und entſchuldigen konnte auch durfte man nicht erwarten, daß ein ſo lang unter⸗ druͤcktes Volk, das ſich ſeiner Kraft zum erſtenmal be⸗ dient, mit Maͤßigung verfahren werde. Aber in Eng⸗ land waren immer, und muͤſſen ſogar zwei Partheien von Politikern ſeyn, welche ſolche wichtige Begebenheiten nicht mit denſelben Augen anſehen koͤnnen. Die franzoͤſiſchen Revolutionaͤrs geizten begreiflicher⸗ weiſe nach dem Beifall der erſtgebornen Soͤhne der Frei⸗ heit, und die Geſellſchaften in England, welche die Rolle 60 der Bewunderer und Beſchuͤtzer der Freiheit uͤbernahmen, hielten ſich fuͤr verpflichtet, ihre Blicke auf die Veraͤnde⸗ rungen in dem Nachbarimale zu werfen. Daher ent⸗ ſtand ein ſtarker Verkehr zwiſchen den Klubbs und den Geſellſchaften in England, welche die Ausde hnung der Volksfreiheit zur Grundlage ihrer Verbruͤderun g mach⸗ ten, und den Revolutionaͤrs in Frankreich, welche das Syſtem der philoſophiſchen Theoretiker auf dieſelbe Baſis gruͤnden und praktiſch in Anwendung bringen wollten. Warmer Beifall wurde ihnen von mehreren dieſer Ge⸗ ſellſchaften geſpendet; die Ueberbringer dieſer Huldigung wurden von der Nationalverſammlung mit Auszeichnung aufgenommen, und die freundſchaftliche Beruͤhrung, welche bei dieſen Gelegenheiten Statt fand, fuͤhrte zur uͤbertriebenen Bewunderung des franzoͤſiſchen Syſtems von Seiten derjenigen, die ſo unerwartet das Verbin⸗ dungsmittel zwiſchen einer großen Nation und einigen Privatgeſellſchaften geworden waren. Nach und nach wurden die letztern verleitet, unguͤnſtige Vergleichungen zwiſchen dem Tempel der franzoͤſiſchen Freiheit, der, wie es ihnen ſchien, nach den vollkommenſten Grund⸗ ſatzen des Ebenmaßes und der Gleichheit gebaut war, mit jenem anzuſtellen, in welchem die Goͤttin ſo lange in England verehrt worden, und der ihnen beim Ver⸗ gleich ein altes, in barbariſchen Zeiten erbautes Ge⸗ baͤude ſchien, geſchmacklos uͤberladen mit gothiſchen Sinnbildern und Verzierungen, welche die neueren po⸗ litiſchen Baumeiſter verworfen hatten. Aber dieſe politi 61 ſchen Weiſen uͤberſahen den wichtigen Umſtand, daß die Strebepfeiler, womit gewiſſermaßen das engliſche Gebaͤude uͤberhaͤuft ſchien, bei genauer Unterſuchung zu ſeiner groͤßern Feſtigkeit beitrugen, und zum Beweis dienten, daß der ehrwuͤrdige Bau mit Moͤrtel feſt ver⸗ kittet und geeignet war, der Zeit zu trotzen, waͤhrend das franzoͤſiſche Gebaͤude, nur aus Brettern errichtet, und uͤbertuͤncht, wie die Goͤtzen, die darin an den re⸗ volutionaͤren Feſten aufgeſtellt wurden, nur darauf bo⸗ rechnet ſchien, das Wunder eines Tages zu ſeyn. Die Bewunderung, die eine Parthei im Staate ausſpricht, wird in England jedesmal durch den Tadel der andern Parthei aufgewogen; dies giebt den Par⸗ theien Gelegenheit, ihre gegenſeitigen Kraͤfte zu meſſen. Die Volksparthei iſt immer lauter, thaͤtiger und im⸗ pofanter, als die entgegengeſetzte. Sie iſt furchtbar, durch die Maſſe der Talente, die ſie aufzuweiſen hat (denn die nach Auszeichnung geizen, ſind gewoͤhnlich Freunde der Neuerungen) und durch die Einſtimmigkeit und die Kraft, mit welchen ſie dieſelben verwendet. Wie weit die Reformation getrieben werden muͤſſe, daruͤber ſind die Fuͤhrer ganz gewiß verſchiedener Mei⸗ nung; daß aber der Anfang damit gemacht werden ſolle, daruͤber ſind alle einig. 3 Auch hat die Oppoſition, wie man ſie gewoͤhnktch nennt, ſtets einige Mitglieder des hohen Adels in ihrer Mitte gezaͤhlt,— Maͤnuer, die durch ihren Namen thren Rang ehren, und deren großes Vermoͤgen es 62 verbuͤrgt, daß ſie um ihrer ſelbſtwillen heftige und lei⸗ denſchaftliche Maßregeln verhindern werden. Die Whigs haben uͤberdies das Mittel, auf die Verſammlungen der niederen Klaſſen zu wirken, denen der Namen der Freiheit theuerer iſt, und ſeyn muß, als der Vorzug, der ſie wegen ihrer beſchraͤnkten Umſtaͤnde und ihres niedern Ranges troͤſtet; und dieſer Mittel bedient ſich jene Parthei ſehr haͤufig mit gutem Erfolg und immer mit Geſchicklichkeit und Beharrlichkeit. Dieſe thaͤtige und maͤchtige Koͤrperſchaft findet ihr Gegengewicht im Allgemeinen in den hoͤheren Klaſſen— in der großen Maſſe des hohen und niedern Adels, in der Geiſtlichkeit der herrſchenden Kirche, in den hoͤhern Juſtizbeamten,— in den Vermoͤgenderen der Handels⸗ klaſſen, und in der Menge derjenigen, welche Eigen⸗ thum zu verlieren haben, und fuͤrchten muͤſſen, es in Gefahr zu ſetzen. Dieſer Koͤrper gleicht dem Heerbann des deutſchen Reiches, der eine gewaltige Macht, aber langſam und unbehuͤlflich in ſeinen Operationen iſt, und nur durch Beſorgniß einer großen Gefahr in Thaͤtigkeit geſetzt werden kann. 4 8u einer oder der anderen dieſer großen National⸗ partheien bekennt ſich jeder Englaͤnder, der Bildung genug beſitzt, eine eigene Meinung zu haben; jedoch mit der Ueberzeugung aller vernuͤnftigen und rechtlichen Maͤnner, daß es der allgemeine Zweck der Verbindung iſt, das Schiff des Staats mit dem gehoͤrigen Ballaſte zu verſehen, es aber nicht zu uͤberladen, und daß es 63 nie zum Staatsverbrechen wird, ſeiner Parthei zu fol⸗ gen, wenn ſie ihre Lehren bis zu Extremen treibt. Der Natur dieſer großen Nationalſpaltung nach, verſteht es ſich von ſelbſt, daß die volksthuͤmliche Seite ſchnell Theorien auffaßt, und eifrig iſt, Maßregeln der Verbeſſerung und der Veraͤnderung anzuempfehlen. Durch ſolche Maßregeln erheben ſich Maͤnner von Talent zu einiger Wichtigkeit, und eben dadurch wird die dem Volke guͤnſtige Seite der Konſtitution in ihrer ganzen Kraft erhalten; die andere Parthei iſt nicht min⸗ der nuͤtzlich, indem ſie allen Verſuchen zu Neuerungen die zoͤgernden Formen, die Zweiſel der Erfahrung, die Vorurtheile des Rangs und des Standes, geſetzmaͤßige Einwuͤrfe und das Gewicht alter eingefuͤhrter Gebraͤuche entgegengeſetzt. So werden Maßregeln von zweifel⸗ hafter Tendenz im Parlamente ſorgfaͤltig gepruͤft und erwogen, und werden ſie zuletzt angenommen, ſo ge⸗ ſchiehts erſt dann, wenn ſich die oͤffentliche Meinung ſchon lange dafur erklaͤrt hat, und ihre Einfuͤhrung in unſer Syſtem nicht mehr jene heftige Wirkung einer voͤl⸗ ligen Neuerung aͤußert, weil ſich die Gemuͤther durch die vorangegangenen Diskuſtonen ſchon damit befreundet haben. Gaͤbe es keine Whigs, ſo wuͤrde unſere Kon⸗ ſtitution wegen Mangel an Ausbeſſerung aus einande fallen; gaͤbe es keine Toris, ſo wuͤrde ſie durch raſch auf einander folgende Verſuche zerſtieben. Es folgt daraus, daß die Whigs von England mit Wohlgefallen, die Toris aber mit Mißtrauen die Fortſchritte der neuen 64 Grundſaͤte in Frankreich anſehen mußten; aber die letzten fanden eine maͤchtige und unerwartete Huͤlfe in der Perſon Edmund Burke's, deſſen beruͤhmte Betrach⸗ tungen uͤber die franzoͤſiſche Revolution mehr als jedes andere Werk unſerer Zeit auf die oͤffentliche Meinung gewirkt haben. Es war immer etwas Uebertriebenes, ſowohl in dem Karakter als in der Beredtſamkeit jenes großen Mannes, und wenn man ſein beruͤhmtes Werk jetzt liest, ſo muß man geſtehen, daß er bei der Schil⸗ derung der Graͤuel der franzoͤſiſchen Revolution die Far⸗ ben zu grell aufgetragen, und nicht genugſam den be⸗ ſondern Zuſtand eines Landes beachtet hat, das, lange von dem Despotismus unterdruͤckt, ploͤtzlich von allen Zuͤgeln befreit worden iſt. Doch hat kein politiſcher Prophet die ganze Zukunft mit ſchaͤrfern Blicken erfaßt. Er wußte die geheimen Zwecke der verſchiedenen revo⸗ lutionaͤren Verbindungen zu errathen, ſah in der Kon⸗ ſtitution die zukuͤnftige Republik, in der Republik die Herrſchaft der Anarchie; nach dieſtn, den militaͤri⸗ ſchen Despotismus, und hierauf, was am ſchwerſten hielt und am wenigſten glaublich war, die endliche aber ſichere Wiederherſtellung der legitimen Monarchie. Als die Habgier der franzöſiſchen Herrſcher ſich noch auf die Wegnahme von Avignon und des dortigen paͤbſtlichen Gebiets beſchraͤnkte, weiſſagte er ihre Abſicht, das fran⸗ zoͤliſche Reich vermittelſt ihrer neuen politiſchen Theo⸗ rien zu vergroͤßern, und unter liberalen Vorwaͤnden Stag. 65 Staaten mit bewaffneter Hand anzugreifen, deren Unter⸗ thanen ſchon durch ihre Lehren verfuͤhrt waren. Burke's Werk ſchuf der franzoͤſiſchen Revolution Tauſende von Feinden unter denen, welche dieſelbe fruͤ⸗ her mit Wohlgefallen oder wenigſtens mit Gleichguͤltig⸗ keit betrachtet hatten. Viele talentvolle und hochgeborne Maͤnner von der Oppoſitionsparthei gingen mit Burke zur Parthei der Miniſter uͤber, die mit Vergnuͤgen ein, wegen ſeines Eifers in der amerikaniſchen Sache beruͤhmtes Mitglied einen erklaͤrten Feind der franzoͤſt⸗ ſchen Revolution werden ſahen, und ihn mit gleichem Vergnuͤgen Gruͤnde anfuͤhren hoͤrten, die in ihrem Munde einen verdaͤchtigen und unziemenden Karakter gehabt haben wuͤrden. Indem er aber alle und jede politiſchen Verbe ſſe⸗ rungsverſuche, deren eifriger Befoͤrderer er einſt ſelbſt geweſen, in den ſtaͤrkſten Ausdruͤcken tadelte, zog ſich Burke den Vorwurf der Inkonſequenz von manchen ſeiner fruͤhern Freunde zu, von denen viele, und na⸗ mentlich Fox, die Fortſchritte der franzoͤſiſchen Revo⸗ lution gerne ſahen, ohne jedoch die Graͤuel derſelben entſchuldigen zu wollen. Außerhalb des Parlaments fand dieſe weit ungetheilteren Beifall; denn in England gab es, wie in Frankreich, Maͤnner von Talent, die mit ihrer nicht glaͤnzenden Stellung unzufrieden waren, ruͤhrige Maͤnner, die beſchaͤftigt ſeyn wollten, Ehrgeizige, die nach Auszeichnung ſtrebten, endlich leidenſchaftliche W. Scott's Werke. XXVII. 5 66 Menſchen, die bei einer neuen Ordnung der Dinge ihre Rechnung zu finden glaubten. Die Mittelklaſſen waren in England, wie uͤberall, wenn ſchon vielleicht nicht in eben dem Maße, dem reizenden Anerbieten groͤßerer Macht und Wichtigkeit zugaͤnglich, und der Poͤbel Londons und anderer großer Staͤdte liebte die Ausge⸗ laſſenheit nicht minder, als die franzoͤſiſchen Sanskuͤ⸗ lotten; daher die Theilung des Landes in Ariſtokraten 4 und Demokraten, die Entzweiung in den Familien, und die Aufloͤſung manches Freundſchaftsbundes, der auf die Lebenszeit geſchloſſen zu ſeyn ſchien. Ein Theil des Koͤnigreichs bewachte den andern mit dem ſtrengen und unverwandten Blicke von Waͤchtern, welche Ver⸗ ruͤckte huͤten, waͤhrend der andere Theil dieſen Blick mit demjenigen erwiederte, welchen Verruͤckte in ihrer Wuth auf ihre Waͤchter werfen. Von dieſer Zeit an glich die franzoͤſiſche Revolution, von England aus geſehen, einem Buhnenſtuͤck, deſſen Zuſchauer in zwei Faktionen getheilt, eben ſo wohl aus Partheigeiſt, als zufolge eines kritiſchen Urtheils, ziſch⸗ ten oder Beifall klatſchten, wobei die Wahrſcheinlichkeit immer mehr wuchs, daß ſie die vorliegende Frage auf eine gewaltſame Art eutſcheiden wuͤrden. Obgleich aber die Nation in Beziehnug auf die franzoͤſiſche Revolution ſolchergeſtall getheilt war, ſo be⸗ obachteten England und Frankreich noch immer die ge⸗ woͤhnlichen Regeln eines freundſchaftlichen Verhaͤltniſſes, und es ſchien, die Eng Naͤnder ſeien eher. geneigt, ſich 67 unter einander ſelbſt zu befehden, als Frankreich den Krieg zu erklaͤren. In andern Koͤnigreichen und Staaten des Konti⸗ nents herrſchte in Beziehung auf die Revolution die⸗ ſelbe Meinungsverſchiedenheit wie in England. In Deutſchland beſonders waren die untern Volksklaſſen der franzoͤſiſchen Revolution gewogen, weil ſie in dem⸗ ſelben Zuſtande der Erniedrigung ſchmachteten, aus wel⸗ chem die Gemeinen oder der dritte Stand in Frankreich in der neueſten Zeit erloͤst worden war. In ſo fern war ihre Partheilichkeit nicht allein natuͤrlich und un⸗ ſchuldig, ſondern ſogar preiswuͤrdig. Daß der Menſch, dem die natuͤrliche Freiheit ungerechterweiſe verſagt iſt, ſich nach dieſer ſehne, iſt eben ſo begreiflich, als das Verlangen nach friſcher atmosphaͤriſcher Luft in einem verſchloſſenen Gemach, wo die Luft verdorben iſt. Ungluͤcklicherweiſe hing dieſer gerechte Wunſch mit andern zuſammen, die weniger harmlos und unſchuldig waren. Die franzoͤſiſche Revolution hatte Krieg den Pallaͤſten, Friede den Huͤtten verkuͤndet. Nach der Lehre, die ſie aufſtellte, nach den Beiſpielen, die ſie gab, waren die bevorrechteten Staͤnde uberall die Ty⸗ rannen und Unterdruͤcker der Armen, die Nationen wurden durch tauſend wuͤthende Stimmen aufgefordert, ihre Throne und ihre Altaͤre niederzureißen, von Gott im Himmel und von den Koͤnigen auf Erden abtruͤnnig zu werden, ſich gleich dem wiedergebornen Frankreich 5.. zu erheben, und die Feſſeln des Despotismus ſowohl, als des Aberglaubens abzuſchuͤtteln. Und dergleichen Aufforderungen gingen nicht nur von den zahlloſen Klubbs aus, die einen ſo großen Einfluß auf die Na⸗ tionalverſammlung uͤbten, ſie wurden von dieſer Koͤr⸗ perſchaft ſelbſt feierlich gut geheißen, und zwar bei einer Gelegenheit, die, wenn man von ihrem ominoͤſen Ka⸗ rakter abſehen wollte, die laͤcherlichſte Szene ſeyn wuͤrde, die jemals in Gegenwart der Geſetzgeber einer großen Nation aufgefuͤhrt worden iſt. 3 Es befand ſich zu Paris ein geborner Preuße, aus ſeinem Vaterlande verbannt, der, wie es ſcheint, ſchon fruͤher nicht ganz richtig im Kopfe, durch die Fort⸗ ſchritte der franzoͤſiſchen Revolution ungefaͤhr eben ſo affizirt worden zu ſeyn ſcheint, wie die gewoͤhnlichen Narren durch die Zunahme des Mondes. Dieſer Mann, dem ſein Taufname nicht mehr recht war, hatte den Namen des ſcythiſchen Philoſophen angenommen und mit ſeinem teutoniſchen Familiennamen verbunden, und nannte ſich: Anacharſis Klootz, Sprecher des Menſchen⸗ geſchlechts.“ Es ließ ſich nicht erwarten, daß die Annahme elnes ſolchen Titels nicht mit einem Akt von der hoͤchſten Ver⸗ ruͤcktheit verbunden ſeyn wuͤrde. Dem gemaͤß brachte der eingebildete Anacharſis eine Prozeſſion zuſammen, deren Mitglieder die Abgeordneten aller Nationen der Erde, das ſogenannte Foͤderations⸗ oder Revolutionsfeſt vom 14. July 1790 vorſtellen ſollten. Es war ihm 69 leicht, einige Landſtreicher aus verſchiedenen Laͤndern in Paris aufzutreiben; da aber Kaldaͤer und Sibi⸗ rier nicht ſo leicht zu haben ſind, ſo wurden die Abgeordneten dieſer entfernteren Volksſtaͤmme unter dem pariſer Poͤbel ausgeſucht, und etwa mit zwoͤlf Franken fuͤr jeden Kopf angeworben. Es thut uns leid, nicht ſagen zu koͤnnen, ob der ſogenannte miltoniſche Englaͤnder, auf den man großes Gewicht legte, ein echtes Exemplar, oder nur ein pariſer Machwerk war. Im letztern Falle muß es allerdings ſehenswerth ge⸗ weſen ſeyn. Nachdem Anacharſis Klootz ſeine zerlumpte Mann⸗ ſchaft mit dem Pafel irgend einer Theatergarderobe be⸗ kleidet hatte, fuͤhrte er ſie in feierlichem Aufzuge vor die Schranken der Nationalverſammlung, ſtellte ſie als Ver⸗ treter aller Nationen der Erde vor, die, durch den Ruf von 25 Millionen freier Menſchen zum Gefuͤhl ihrer Wuͤrde erweckt, den Wunſch ausdruͤckten, daß die Souveraͤnitaͤt des Volks uͤberall anerkannt und die Herrſchaft ſeines Zwingherrn uͤberall vernichtet werden moͤge. Bis dahin war dieſe abgeſchmackte Szene weiter nichts, als der Einfall eines Narren! haͤtte nun die Verſammlung den Anacharſis ins Tollhaus und ſein Gefolge ins Zuchthaus bringen laſſen, ſo waͤre Alles in Ordnung geweſen. Aber im Namen der Verſamm⸗ lung zollte der Praͤſident, Monſieur de Menon(vielleicht derſelbe, der ſpaͤter in Egypten den Turban angenom⸗ 4. 70 men hat), dem Eifer des Redners ſeinen Beifall, und. empfing die Huldigung ſeiner grotesken Begleiter, als 3 waͤren ſie wirklich, was ſie zu ſein vorgaben, die Ab⸗ geordneten aus allen vier Weltth ilen. Um aber die Poſſe bis aufs hoͤchſte zu treiben, ſchlug Alerander Lameth vor, da es dieſen erhabenen Pilgern wehe thun mußte, vor der Bildſaͤule Ludwigs XV. jene knieenden Figuren zu ſehen, welche die beſiegten Nationen vor⸗ ſtellten, aus Achtung fuͤr dieſe Bande von Markt⸗ ſchreiern jene Figuren ſofort zerſtoͤrt werden muͤßten. Dieß geſchah, und ſollte die Bereitwilligkeit Frankreichs bezeugen, allen Nationen, die ihm auf der Bahn folgen wuͤrden, Beiſtand zu leiſten. Dieſe Szene, an und fuͤr ſich nur lacherlich, hatte eine ſehr ernſthafte Seite, inſofern ſie den Regierungen der Nachbarſtaaten die Ueberzeugung beibrachte, Frankreich habe die Abſicht, ganz Europa in den Revolutionszuſtand zu verſetzen und die Herrſchaft der Freiheit und Gleichheit uͤber alle geſitteten Nationen des Erdballs zu verbreiten. Die Verheißungen, wodurch den untern Volks⸗ klaſſen die Befreiung von jedem ungerechten und laͤſti⸗ gen Drucke, ohne allen Ruͤckhalt und unbedingt, und uͤberdies noch eine Stunde der Oberherrſchaft zur Uebung des Rechts der Wiedervergeltung an ihrem bisherigen Zwingherrn zugeſichert wurde, konnten in allen andern Laͤndern nicht anders als willkommen ſein; dagegen mußten aber auch die beſtehenden Regierungen von der Verbreitung ſo verfuͤhreriſcher Lehren, die Frankreich 4 — — 22 3 8 5 21 mit den Waffen in der Hand unterſtuͤtzen zu wollen ſchien, die groͤßten Gefahren beſorgen. Die Nationalverſammlung hatte zwar allerdings feierlich erklaäͤrt, daß Frankreich der unphiloſophiſchen Weiſe enkſage, ſeine Graͤnzen durch Eroberungen zu er⸗ weitern. Aber obſchon ſich dergleichen ganz gut horen ließ, ſo war damit die Einverleibung des alten Stadt Avignon und der Grafſchaft Venaiſſin mit dem König⸗ reich Frankreich im Widerſpruch, weil der Grundſat, nach welchem dieſe Einverleibung geſchah, in allen aͤhn⸗ lichen Faͤllen anwendbar ſchien. In der eben genannten paͤpſtlichen Stadt und Pro⸗ vinz war ein blutiger Streit zwiſchen den Ariſtokraten und Demokraten ausgebrochen; ein Theil der Beyvoͤlke⸗ rung wuͤnſchte Buͤrger des Wiedergebornen Frankreichs zu werden. Waͤre es wohl der Beſchuͤtzerin der Frei⸗ heit wurdig, ſagten die Vertheidiger der Einverleibung, wenn man Bittende zuruͤckweiſen wollte, die ſich nach der Freiheit, die Frankreich errungen, ſehnen? So wurde Avignon und die Grafſchaft Veuaiſſin als ge⸗ ſetzmaͤßige Beute erklaͤrt, und mit Frankreich wieder vereinigt(wie man ſich ausdruͤckte), wie ſpaͤter Napoleon die einzelnen Bruchſtuͤcke des Reiches Karls des Großen vereinigte. Das ſcharfe Auge Burke's entdeckte leicht in dieſen winzigen und erſchlichenen Erwerbungen den rieſenhaften Plan, nach welchem ſich Frankreich ſpaͤter⸗ hin mit abhaͤngigen Staaten umgab, die, waͤhrend man ſie allhier Verbuͤndete nannte, im Grund die ab: 72 haͤngigſten Unterthanen waren, und deren Regierun⸗ gen nach dem Beiſpiel der großen Nation, ihren volks⸗ thuͤmlichen Karakter in einen monarchiſchen umwan⸗ delten.. Die Fuͤrſten an der Spitze der despotiſchen Regie⸗ rung hatten eigentlich am meiſten Intereſſe dabei, wo moͤglich der gegenwaͤrtigen Revolution Frankreichs ein Ziel zu ſetzen, und eine Flamme auszuloͤſchen, welche den Nachbarn zu drohen ſchien. Doch zoͤgerten ſie lange, ehe ſie ſich zu etwas entſchloſſen. Oeſterreich, durch Ver⸗ wandtſchaftsbande zunaͤchſt bei dieſer Sache betheiligt, beſann ſich lange, ehe es einen entſchiedenen feindſeli⸗ gen Schritt zu thun wagte. Kaiſer Joſeph war zu ſehr mit den Unruhen beſchaͤftigt, die er in den Nieder⸗ landen hervorgerufen hatte, um ſich in einen Krieg mit Frankreich einzulaſſen. Sein Nachfolger Leopold wurde immer zur philoſo⸗ phiſchen Parthei gerechnet. Mit geringer Muͤhe daͤmpfte er den Aufſtand, der ſeinem Bruder faſt den Beſitz Flanderns gekoſtet haͤtte; und da er den Sieg mit Maͤßigung benutzte, ſo hatte es wenig Anſchein, daß die Ruhe ſeiner Regierung abermals geſtoͤrt werden wuͤrde. Es ſchien noch immer gewagt, den Gehorſam der Unterthanen, bei denen erſt vor kurzem die Ord⸗ nung wieder hergeſtellt worden war, von neuem auf die Probe zu ſtellen, wie in einem Kriege gegen Frank⸗ reich geſchehen mußte. Weit entfernt alſo, einen Grund zum Hader mit den Goͤnnern der Revolution zu ſuchen, 23. trat Leopold mit der von ihnen errichteten Regierung in freundſchaftliche Verhaͤltniſſe, und, beſorgt fuͤr die Sicherheit ſeines Schwagers, wie er es war, von dem Wunſche beſeelt, die Regierung Frankreichs auf einen gewiſſermaßen ſichern Fuß geſetzt zu ſehen, blieb der Kaiſer mit den beſtehenden Herrſchern je⸗ nes Landes bis zu ſeinem Tode in gutem Verneh⸗ men. Sein Nachfolger Franz ſchiea eine Zeitlang daſſelbe friedliche Syſtem befolgen zu wollen. Preußen, mit Recht ſtolz auf ſeine ſtattliche Armee, ſeine erfahrenen Feldherren und auf den Kriegsruhm, das Vermaͤchtniß des großen Friedrichs, war eifriger als Oeſterreich, die ſogenannte Sache der Koͤnige und der Adeligen zu der ſeinigen zu ma⸗ chen, wenn ſchon der Herrſcher des letztern Reichs ſo nahe mit dem ungluͤcklichen Ludwig verwandt war. Friedrich Wilhelm hatte durch ſeinen Sieg uͤber die hollaͤndiſche Demokratie gelernt, revolutionaͤre Be⸗ wegungen zu verachten, waͤhrend der Widerſtand der Niederlande Oeſterreich bewog, ſolche Ausbruͤche zu fuͤrchten. Rußland erklaͤrte ſich gegen die franzoͤſiſche Re⸗ volution feindlich geſinnt, wagte aber keinen wirkli⸗ chen Schritt dagegen. Der Koͤnig von Schweden, von demſelben abentheuerlichen Geiſte beſeelt, wel⸗ cher ſeine Vorfahrer Guſtav und Karl vermocht hat⸗ te, aus ihrem beeisten Reiche hervorzubrechen, um einen Einfluß auf die europaͤiſchen Angelegenheiten 3 74 zu uͤben, zeigte die groͤßte Neigung, dieſelbe Rolle zu ſpielen, obgleich ſeine beſchraͤnkten Mittel ſeinem Streben bedeutende Hinderniſſe in den Weg legten. Waͤhrend ſolchergeſtalt das ſteigende Mißver⸗ gnuͤgen und der ſteigende Argwohn eine Entſcheidung durch Waffengewalt mit jedem Tage unausweichlicher machte, ſchien ſich Europa noch immer zu ſtraͤuben, den Gang zu wagen, als haͤtte die Welt die lange Dauer jenes entſetzlichen Kampfes vorausgeſehen, und die Millionen Leben, die geopfert werden muß⸗ ten, um denſelben zu enden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Auswan⸗ derung der franzoͤſiſchen Prinzen und eines großen Theils des franzoͤſiſchen Adels,— ein an ſich uͤbel berechneter Schritt, der diejenigen aus dem Vater⸗ lande entfernte, die am meiſten und innigſten bei der Erhaltung der Monarchie intereſſirt waren,— den Ausbruch der gaͤhrenden Feindſeligkeiten bedeu⸗ tend beſchleunigte. Die Gegenwart ſo vieler edlen Verbannten, die Achtung und das Mitgefuͤhl, wel⸗ ches ihr Ungluͤck bei denen erregte, welche deſſelben Standes waren, die uͤbertriebene Angabe ihrer eige⸗ nen Wichtigkeit, endlich und vorzuͤglich die Furcht, daß der revolutionaͤre Geiſt ſich uͤber die Graͤnzen Frankreichs ausdehnen und bei andern Nationen dieſelbe Wirkung hervorbringen koͤnne, erregten bet der ganzen Ariſtokratie Deutſchlands den Wunſch, ſie mit der Gewalt der Waffen wieder in ihr Vater⸗ 6 — 25 land und in ihre Rechte einzuſetzen, und einen Geiſt zu unterdruͤcken, der allen beſtehenden Regierungen und allen Privilegien Krieg und Untergang drohte. Der Zuſtand der ausgewanderten franzoͤſiſchen Geiſtlichkeit, die man aus ihrer Heimath vertrieben, und aller Mittel zu ihrem Lebensunterhalte beraubt hatte, weil ſie einen Eid zu leiſten verweigerte, der ihrem geiſtlichen Geluͤbde und ihrem Gewiſſen ent⸗ gegen war, brachte auch noch ein religioͤſes Element in das Gefuͤhl, mit welchem man Tauſende von„ Edelleuten und Geiſtlichen gezwungen ſah, ihr Va⸗ terland zu verlaſſen, und unter Fremden einen Zu⸗ fluchtsort zu ſuchen. Mohrere kleine Reichsfuͤrſten ſchienen ſich zum Kriege zu ruͤſten, und klagten uͤber die Verletzung der Traktate, aus Veranlaſſung der einigen deutſchen Fuͤrſten im Elſaß und Lothringen entzogenen Rechte, die, obgleich durch den weſtphaͤliſchen Frieden gehei⸗ ligt, von der Nationalverſammlung bei der Abſchaf⸗ fung der Feudalrechte nicht verſchont geblieben wa⸗ ren. Die Emigranten bildeten zu Trier und in an⸗ dern Orten bewaffnete Korps, in welchen die edel⸗ ſten Juͤnglinge Frankroichs als Gemeine dienten, und die, wenn ihre Anzahl und ihre Huͤlfsquellen im Verhaͤltniß zu ihrem Eifer und ihrem Muth ge⸗ ſtanden haͤtten, wohl geeignet geweſen waͤren, eine ausgezeichnete Rolle bei der Entſcheidung der Schick⸗ ſale der Nation zu ſpielen. Vereint uͤberließen ſie 76 ſich zu ſehr den natuͤrlichen Gefuͤhlen ihres Rangs und ihres Vaterlandes, bedrohten das Land, von welchem ſie ausgewandert waren, und ruͤhmten ſich laut, daß es nur eines einzigen, von einem oͤſter⸗ reichiſchen General gefuͤhrten Degenſtichs beduͤrfe, um alle Dekrete der Nationalverſammlung uͤber den Haufen zu werfen. Dieſe unzeitige Anticipation des Sieges war großentheils auf die Zerruͤttung der franzoͤſiſchen Armee gegruͤndet, die durch den Ver⸗ fall der Mannszucht, waͤhrend der franzoͤſiſchen Re⸗ volution herbeigefuͤhrt, durch die Auswanderung von ſo vielen Offizieren, die den Prinzen und ihren Fahnen gefolgt waren, wie man glaubte, vollendet ſeyn mußte. Sie ſollten erſt noch erfahren, wie bald dergleichen Maͤngel durch den Eifer und die Talente erſetzt werden, die man auch in den untern Volksklaſſen findet, wenn kritiſche Umſtaͤnde dem Ehrgeize eine gluͤckliche Ausſicht eroͤffnen. Doch bei allem Vertrauen auf einen gluͤcklichen Erfolg, war die Lage der Emigranten noch keines⸗ wegs erfreulich, Trotz ihrer eifrigſten Bemuͤhungen fanden die Prinzen, daß ihr Einfluß bei den frem⸗ den Hoͤfen nicht im Stande ſei, weder Koͤnige noch Miniſter willg und ſchnell zu dem gewuͤnſchten Punkte zu bringen. Noch am vortheilhafteſten fuͤr ſie, war die Erklaͤrung von Pillnitz(den 23. Auguſt 1791), in welcher der Kaiſer von Oeſterreich und der Koͤnig von Preußen mit großer diplomatiſcher Vorſicht den 22 Antheil bezeugten, den ſie an der gegenwaͤrtigen La⸗ ge des Koͤnigs von Frankreich nahmen und zu verſte⸗ hen gaben, daß, wenn die andern diesfalls aufgefor⸗ derten Nationen eben ſo denken ſollen, ſie, vereint mit denſelben, die wirkſamſten Mittel verſuchen wuͤr⸗ den, um Ludwig in Stand zu ſetzen, in ſeinen Staa⸗ ten eine auf die Baſis vollkommener Freiheit gegruͤn⸗ dete, den Rechten des Herrſchers, wie der Wohlfahrt des Volkes angemeſſene Regierungsform zu errich⸗ ten. Dieſe indirekte Drohung, welche erfuͤllt werden ſollte, im Falle andere ungenannte Maͤchte die Ge⸗ ſinnungen der Souveraͤne theilten, von denen ſie ausgingen, war wohl dazu geeignet, eine Nation wie die franzoͤſiſche, aufzubringen, aber viel zu un⸗ beſtimmt, um dieſelbe zu ſchrecken. Sie zeigte die Abſicht, zu verwunden, aber auch die Furcht, einen Streich zu fuͤhren, und ſtatt Ehrfurcht einzufloͤßen, bewirkte ſie nur eine mit Verachtung gemiſchte Ent⸗ ruͤſtung. Man ſtellte im Allgemeinen dem franzöͤſtſchen Volke die Emigranten als Maͤnner vor, die um ih⸗ re eigenen thoͤrichten Privilegien wieder zu erlangen, gerne eine fremde Armee in das Herz des Vater⸗ landes zu fuͤhren bereit ſeien, und zur Beſeitigung alles Mitleidens mit Maͤnnern, die ſich fuͤr die Sa⸗ che ihres gefangenen Koͤnigs aufgeopfert hatten, und darum wohl eine mildere Beurtheilung verdient 78 haͤtten, wurde kein Mittel der Verlaͤumdung ver⸗ faͤumt, um ihre Verbindungen mit den fremden Monarchen noch gehaͤſſiger und unpopulaͤrer darzu⸗ ſtellen. Man berief ſich auf die gebetinen⸗ Artikel eines vorgeblichen Traktats, und fuͤhrte an, Monſieur und der Graf von Artois haͤtten zu einer Zerſtuͤckelung Fraukreichs ihre Zuſtimmung gegeben. Dem gemaͤß ſollte Elſaß und Lothringen an Oeſterreich zuruͤckge⸗ geben werden, zum Lohn fuͤr ſeinen Beitritt zu dem gegenrevolutionaͤren Buͤndniſſe. Der angebliche Trak⸗ tat ſollte, wie es zuerſt hieß, zu Pavia, nach einer ſpaͤtern Nachricht aber zu Pillnitz, geſchloſſen worden ſeyn. Obgleich nun derſelbe im brittiſchen Unterhauſe eine Zeitlang als ein wirkliches Aktenſtuͤck betrach⸗ tet wurde, ſo iſt man doch jetzt allgemein der Mei⸗ nung, daß er gar nicht beſtand*). Unterdeſſen ward der Glaube an ein ſolches ge⸗ heimes Buͤndniß(eine den Vorurtheilen der Zeit wohl angemeſſene Verlaͤumdung) immer allgemeiner und erregte den hoͤchſten Unwillen gegen die laͤnder⸗ ſfuchtigen Feinde und gegen die Verbannten, die man fuͤr geneigt hielt, lieber ihr Vaterland zu zer⸗ ſtuͤceln, als ſich einer neuen Verfaſſung zu unter⸗ ») Siehe zwei Artikel über die vorgeblichen Traktate von Pavia und Pilnitz in der antijakobiniſchen Zeirung. Wir glauben, daß ſie von Pitt ſind. 79 werfen, die ihrem eigenen egolſtiſchen. Wueas ent⸗ gegen war. Dieſer Umſtand trug viel dazu bei, die Unpo⸗ pularitaͤt des ungluͤcklichen Ludwigs noch zu vermeh⸗ ren, von dem man glaubte, er unterſtuͤtze insgeheim die Verſuche ſeiner Bruͤder, fremde Hoͤfe zu ſeinen Gunſten zu gewinnen, waͤhrend die Koͤnigin, zufolge ihrer Verwandtſchaft mit dem Kaiſer von Oeſterreich aallgemein als eine Furie geſchildert wurde, die den Koͤnig aufreize, ihre verringerte Macht an dem re⸗ belliſchen franzoͤſiſchen Volke zu raͤchen. Man ſchwatz⸗ te von einem oͤſterxeichiſchen Comittes, das die Kor⸗ reſpondenz dieſer koͤniglichen Perſonen mit den frem⸗ den Hoͤfen und den ausgewanderten Prinzen, und umgekehrt beſorge. Das war ganz grundlos, aber natuͤrlich und wahrſcheinlich iſt es, daß ein gewiſſer Verkehr zwiſchen Ludwig und ſeinen Bruͤdern beſtand, der, obgleich ihre kriegeriſchen Entwuͤrfe ſeinem Gemuͤthe wenig zuſagen mochten, wohl wuͤnſchen konnte, einige Vortheile aus dem Schrecken zu ziehen, wel⸗ chen, wie man thoͤrichterweiſe glaubte, ihre Ruͤſtun⸗ gen erregen mußten. Das koͤnigliche Paar befand ſich in der That in einer ſo ungluͤcklichen Lage, daß der Verſuch, ſich auf irgend eine Weiſe derſelben zu entziehen, wohl verzeihlich geweſen waͤre. Es ſcheint aber in Wahrheit, Ludwig und Leo⸗ pold ſeien beide in Hinſicht auf eine zoͤgernde Po⸗ litik einverſtanden geweſen. So viel ſich aus den — b 80 Briefen von de Leſſart, Ludwigs vertrautem Mini⸗ ſter der auswaͤrtigen Angelegenheiten, ſchließen laßt, ſchienen beide einen Mittelweg einſchlagen zu wol⸗ len, naͤmlich das Fortbeſtehen der von dem Volke gegebenen und von der Nationalverſammlung ſank⸗ tionirten Verfaſſung zu dulden, aber vermittelſt der Miniſter die Furcht einer Gefahr von Auſſen rege zu erhalten, um jeden ferneren Angriff auf die Vor⸗ rechte der Krone und beſonders gegen des Koͤnigs Perſon, zu verhindern. Unter der Bedingung, daß jeder fernere Angriff dieſer Art unterbleibe, ſcheint der Kaiſer geneigt geweſen zu ſeyn, die Kriegsruͤ⸗ ſtungen der Ausgewanderten in ſeinen Staaten zu verbieten, dagegen forderte Leopold ſeinerſeits, daß das franzoͤſiſche Volk von den Klubbs der Jakobiner und Cordeliers(einer andern Verſammlung derſel⸗ ben Art) ſich losſage, da dieſelben, obgleich ſie nur Privatgeſellſchaften zu ſeyn vorgaben, doch der Na⸗ tionalverſammlung, dem Koͤnige und ganz Frankreich Geſetze vorſchrieben, vermittelſt der Volksbewegun⸗ gen, die bisher auf ihre Anklagen und revolutionaͤ⸗ ren Vorſchlaͤge, ſo regelmaͤßig gefolgt waren, wie der Donner auf den Blitz. b MNach dem Tode Leopolds und als ſein Bruder Franz den katſerlichen Thron beſtieg, neigte ſich Oe⸗ ſterreich mehr dem Kriege zu. Der neue Kaiſer ſtrebte die Reyolutionaͤre zu uͤberwaͤltigen und, wo moͤg⸗ 81 moͤglich, dem uͤber die koͤnigliche Familie ſchwebenden Schickſale zuvorzukommen. Preußens Wunſch, die Waffen zu ergrelfen, trug viel dazu bei, den jun⸗ gen Kaiſer zum Kriege zu ſtimmen. Wirklich ſchien die Lage der koͤniglichen Familie, die mit jedem Tage gefaͤhrlicher wurde, beide Maͤchte zu feindſe⸗ ligen Maßregeln aufzufordern und zu ermaͤchtigen, auch machten ſie daraus keinen Hehl. Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß der Friede noch lange beſtanden haͤtte, wenn anders nicht eine unerwartete und un⸗ verhoffte Veraͤnderung zu Gunſten des Koͤnigthums eingetreten waͤre; aber nach allen Drohungen der fremden Maͤchte, griff, zum Erſtaunen von ganz Eu⸗ ropa, Frankreich zuerſt zu den Waffen, angeblich um wie es einer tapfern und edlen Nation zieme, den Feindſeligkeiten, mit denen Oeſterreich gedroht ha⸗ be, zuvorzukommen. Doch hatte jede Parthei im Staate ihre eigenen Privatabſichten, fuͤr eine Maß⸗ regel zu ſtimmen, die damals ſehr gewagt ſchien. Lafayette ſah nach gerade wohl ein, daß ſein Einfluß auf die Nationalgarde von Paris bedeutend im Sin⸗ ken ſei. Die Demokraten betrachteten ihn als einen oͤffentlich der royaliſtiſchen Parthei ergebenen Mann, weil er die bewaffnete Macht gebraucht hatte, um am 17. Juli 1791 das Volk auf dem Marsſelde aus⸗ emnanber zu treiben. Diejenigen, die damals dieſen Schritt billigten, waren angeſehene und vermoͤgende W. Scott's Werke. XXVII. 6 8² pariſer Buͤrger, und eben deßwegen aͤngſtlich und gar nicht geſinnt, wegen Lafayette oder wegen der Konſtitution, die er in Schutz nahm, ſich von wuͤthen⸗ den Demagogen denunziren und von Raͤuber⸗ und Moͤrderbanden, die jenen zu Gebote ſtanden, be⸗ rauben und niedermetzelk zu laſſen. Es iſt dieß der natuͤrliche Gang der Revolutionen. So lange die Ordnung beſteht, verſchafft das Eigenthum ein Ue⸗ bergewicht uͤber diejenigen, die den oͤffentlichen Frie⸗ den ſtoͤren moͤchten; wenn aber Geſetze und Ordnung nicht mehr viel gelten, ſind die Reichen nur zu ſehr ge⸗ neigt, in der Unterwuͤrfigkeit oder im Wechſel der Partheien das Mittel zu ſuchen, ſich und ihr Ver⸗ moͤgen zu retten. Das Eigenthum, das in gewoͤhn⸗ lichen Zeiten dem Beſitzer Muth einfloͤßt, macht ihn in Zeiten der Noth ſelbſtfuͤchtig und feig. In⸗ deſſen that Lafayette einen entſcheidenden Schritt, um zu erfahren, wie viel er noch auf die Pariſer vermoͤge. Er bewarb ſich um die Mairesſtelle von Paris, ward aber von Partheien, einem der briſſoti⸗ niſchen oder republikaniſchen Parthei ergebenen Mann, ſeinem Mitbewerber, uͤberfluͤgelt. Da nun dieſer Verſuch geſcheitert war, ſo wollte Lafayette Krieg mit dem Auslande. Als ein erprobter Kriegsmann vertraute er dem Gluͤcke, und hoffte an der Spitze einer ſiegreichen Armee den Faktionen, die jetzt an⸗ ſingen, weder die rothe Fahne noch die muthloſen Anſtrengungen der Nationalgarde von Paris zu gch⸗ 3 8 8 4 83 ten, Ehrfurcht zu gebieten, und dadurch der Ver⸗ faſſung, die großendheils ſein Werk war, das Ueber⸗ gewicht zu verſchaffen. Auch bedachte Lafayette ohne Zweifel den Eifer der Franzoſen fuͤr Nationalruhm und mochte wohl lieber einen anerkannten Staats⸗ feind bekaͤmpfen, als ſich in einem zwockloſen Streite mit den pariſer Klubbs abmuͤhen. Darum wuͤnſchte Lafayette den Krieg und der groͤßte Theil der kon⸗ ſtitutionellen Parthei war mit ihm einverſtanden. Den Girondiſten war eine Kriegserkläͤrung nicht weniger erwuͤnſcht; denn der Koͤnig mußte in einem ſolchen Falle entweder von ſeinem Veto Gebrauch machen, oder ſeinem Schwager und ſeinen Brudern den Krieg erklaͤren, und dadurch die Redlichkeit ſei⸗ ner Abſichten in Verdacht bringen. Siegten die Na⸗ tionalwaffen, ſo war die Gefahr einer Revolution zu Gunſten des Koͤnigthums durch Aufſtaͤnde im In⸗ nern oder durch Ueberzlehung des Landes von einem auswaͤrtigen Feinde auf einmal und fuͤr immer be⸗ ſeitigt; errangen aber die Fremden Vortheile, ſo war es leicht, die Schuld der Niederlage auf den Monarchen und auf die Konſtitutionellen zu ſchieben, die fruͤher, ſowohl wie jetzt, darauf beſtanden, ihn als das Haupt der ausuͤbenden Gewalt beizubehal⸗ ten.. Die Jakobiner, deren beſtaͤndiger Zweck es war, den Impuls gewaltſamer repolutionaͤrer Maßregeln 3 7 6.. in beſtaͤndiger Bewegung zu erhalten, ſchienen bei der großen Frage uͤber Krieg oder Frieden unter ſich ſelbſt getheilt zu ſeyn. Im Klubb bekaͤmpfte Robes⸗ piere ſelbſt, die Kriegserklaͤrung, wahrſcheinlich, weil er die ganze Verantwortlichkeit dieſer gewagten Maßregeln auf die Briſſotiner waͤlzen wollte, da er ja doch gewiß war, den Vortheil, welchen der Krieg dieſen Republikanern gegen den Koͤnig und die Kon⸗ ſtitutionellen verſchaffen konnte, in der Folge doch mit ihnen zu theilen. Er trug Sorge, daß Ludwig nichts bei der Art gewinnen konnte, mit welcher er die Sache der Gerechtigkeit und der Menſchlichkeit vertheidigte. Er ſpielte die Rolle eines Ungluͤckspro⸗ pheten, und weiſſagte dem ſchlecht ausgeruͤſteten und ſchlecht disciplinirten franzoͤſiſchen Armeen Unheil und Kiederlage, und warf einſtweilen die Schuld auf die bekannte Verraͤtherei des Koͤnigs und die Royaliſten⸗ auf die herrſchfuͤchtigen Abſichten Lafayettes und der Konſtitutionellen, und auf den zweifelhaften Patrio⸗ tismus Briſſot's und Contorcets. Seine Gruͤnde ver⸗ zoͤgerten wohl die Kriegserklaͤrung, konnten ſie aber, was er auch wahrſcheinlich ernſtlich nicht bezweckte, nicht verhindern; ſo erhielt der heftigſte und blut⸗ gierigſte Mann einen Augenblick den Ruf der Men⸗ ſchenliebe, indem er mit ſeinen uͤbrigen Laſtern auch noch Heuchelei verband. Im Allgemeinen aber erklaͤrten ſich die Jakobiner trotz Robespierres Gegenvorſtellun⸗ 85 gen zuletzt doch fuͤr den Krieg aus denſelben Gruͤn⸗ den, welche auch die Briſſotiner beſtimmten. 4 Sonach ward die Stimmung fuͤr den Krieg in der Verſammlung vorherrſchend, und zwei vorberei⸗ tende Maßregeln ſollten, wie es ſcheint, die Willeus⸗ meinung des Koͤnigs hinſichtlich dieſes Gegenſtandes ſondiren und darthun, in wie weit er geneigt ſei, die verfaſſungsmaͤßige Reglerung, die er angenommen hatte, ſelbſt gegen diejenigen, die in ſeinem Namen durch Waffengewalt die alte Monarchie herſtellen zu wollen ſchienen, geltend zu machen. Zwei Dekrete gegen die Emigranten gingen in der Verſammlung durch(8. Nov. 1791). Das erſte war gegen den Bruder des Koͤnigs gerichtet, und forderte den Paver Stanislaus, Prinz von Frankreich auf, inner⸗ halb 2 Monaten nach Frankreich zuruͤckzukehren, bei Strafe ſich ſeiner Anſpruͤche auf die Krone verluſtig zu machen. Der Koͤnig gab dieſem Dekrete ſeine Zuſtimmung und konnte wohl auch nicht anders, nach⸗ dem er eingewilligt hatte, die Krone unter einer Verfaſſung, gegen welche ſein verbannter Bruder oͤf⸗ fentlich den Krieg erklaͤrt hatte, fortzutragen. Das zweite Dekret ſprach die Todesſtrafe gegen alle Aus⸗ gewanderten aus, die am erſten Januar naͤchſten Jah⸗ res noch unter den Waffen verſammelt waͤren. Nie iſt einer Nation das Recht ſtreitig gemacht worden, gegen ihre eingebornen Unterthanen, welche Waffen gegen ſie tragen, die ſchaͤrſten Strafen zu „ 86 verhaͤngen. Aber obgleich bei großen Staatsveraͤnde⸗ rungen die beſiegte Parthei beim Verſuch eines zwei⸗ ten Kampfes in eine Linie mit den Rebellen gegen das beſtehende Syſtem geſtellt wird, ſo iſt es doch eben ſowohl der Weisheit als der Menſchlichkeit gemaͤß, die ſtrenge Ausuͤbung dieſes Rechtes aufzuſchieben, bis zu einer Periode, wo die neue Regierung zu ei⸗ nem feſten Beſitzſtande gelangt iſt, und diejenigen, welche dem alten Syſtem anhaͤngen, von ihren Vor⸗ urtheilen zuruͤckgekommen ſeyn koͤnnen. Unter dieſen Umſtanden wagte es Ludwig, ſich der einzigen konſtitutionellen Waffe zu bedienen, die ihm noch geblieben war. Er verweigerte die Geneh⸗ migung dieſes Dekrets. Da er aber die Unpopulari⸗ taͤt dieſes Schrittes fuͤhlte, ſo verſuchte der Koͤnig, denſelben dadurch zu modifiziren, daß er eine ſtren⸗ ge Proklamation gegen die Ausgewanderten erließ⸗ worin er ihr Benehmen mißbilligte.— Doch ward dieſes nur als eine Handlung der Verſtellung und der Heuchelei betrachtet. Dieſes Dekret that dem Herzen des Koͤnigs noth⸗ wendig ſehr wehe.— Das darauf folgende erregte bei ihm religioͤſe Bedenklichkeiten. Die Natio⸗ nalverſammlung hatte eine Spaltung in der Kirche bewirkt, indem ſie der Geiſtlichkeit einen konſtitutio⸗ nellen Eid auferlegte, der mit ihrem religioͤſen Ge⸗ luͤbde nicht zu vereinbaren war. Die Philoſophen des gegenwaͤrtig geſetzgebenden Koͤrpers aber, beſchloſ⸗ 87 ſen mit aller der Intoleranz, die ſie gewoͤhnlich der katholiſchen Kirche vorzuwerfen pflegten, den Bruch unheilbar zu machen. Sie hatten, wie ſie glaubten, eine Gelegenheit gefunden, der Staatsrellgion einen Todesſtoß beizubringen, und ſie erinnerten ſich jenes Loſungswortes der Encyklopaͤdiſten gegen das Chri⸗ ſtenthum: écrasez l'infame. Das vorgeſchlagene Dekret verfuͤgte, daß alle Prieſter, welche den Kon⸗ ſtitutionseid verweigern wuͤrden, die Penſion verlie⸗ ren ſollten, die ihnen zu ihrem Unterhalte ausgeſetzt worden war, nachdem der Staat das Kirchengut an ſich gezogen hatte; ſie ſollten in den verſchiedenen Departements, wo ſie ſich aufhielten, unter obrig⸗ keitliche Aufſicht geſtellt, und ſogleich aus Frankreich verbannt werden, im Fall ſie irgend eine religioͤſe Spaltung veranlaſſen wuͤrden. Ein aͤcht philoſophiſch geſinnter Fuͤrſt wuͤrde die⸗ ſes Geſetz als ungerecht und intolerant verworfen ha⸗ ben; aber Ludwig hatte als Katholik noch weit trif⸗ tigere Gruͤnde, ſein konſtitutionelles Veto einzulegen, ſein Gewiſſen erlaubte es ihm nicht, in die Verfol⸗ gung der treuen Diener ſeiner Kirche einzuwilligen. Darum verweigerte er auch ſeine Zuſtimmung zu die⸗ ſem Dekrete.. Aber durch den Verſuch, die Ausgewanderten und die widerſpenſtigen Geiſtlichen zu beſchuͤtzen, machte ſich nur der Koͤnig zum unmittelbaren Gegenſtand der Volkserbitterung. Sein Mitleid mit den erſte⸗ 7 88 ren mochte wohl mit dem geheimen Wunſche zuſam⸗ mentreffen, daß der Erfolg ihrer Waffen ihn aus ſeiner gegenwaͤrtigen Lage befreien moͤge; auf jeden Fall konnte man ihm dieſen Beweggrund unterlegen, und ihn nicht wohl widerlegen. Man ſtellte ihn da⸗ her ſeinem Volke als enge verbunden mit den Ban⸗ den der exilirten Franzoſen vor, welche die Graͤnzen des Koͤnigreichs bedrohten, und im Begriffe waren, die fremden Armeen auf ihrem Marſche nach der Hauptſtadt zu begleiten. Die koͤnigliche Verwerſung des Dekretes gegen die orthodoxe Geiſtlichkeit ward Ludwigs Aberglauben zugeſchrieben, und ſeinem Wun⸗ ſche die alte gothiſche Hierarchie wieder herzuſtellen, die eines erleuchteten Zeitalters unwuͤrdig ſei. Kurz, das, woran wenig vernuͤnftige Maͤnner je gezweifelt hatten, lag jetzt deutlich am Tage, naͤmlich, daß der Koͤnig, ſobald er ſich ſeines verfaſſungsmaͤßigen Rech⸗ tes dem Volkswillen widerſtrebend bedienen wuͤrde, Gefahr laufe, Krone und Leben zu verlieren. Un⸗ terdeſſen ward die Gefahr in Folge einer Spaltung im koͤniglichen Kabinette noch beſchleunigt. Kaum wird man es glauben, daß eine Stelle in dem ſo ſchwankenden, ſo unſichern und wenig angeſehenen franzoͤſiſchen Miniſterium, ſelbſt zu dieſer Zeit noch ein Gegenſtand des Ehrgeizes ſeyn konnte; und daß Maͤnner, ja ſogar vernuͤnftige Maͤnner, nur einen ſo voruͤbergehenden zweifelhaften Vorrang zu erſtreben, alle die gewoͤhnlichen Kuͤnſte der Intriken und der 89 Schleichwege anwenden wuͤrden, womit eiferſuͤchtige Staatsmaͤnner unter feſt gegruͤndeten Regierungen in Friedenszeiten ſich gegenſeitig zu untergraben, und zu verdraͤngen ſuchen. Wir haben wohl von Ver⸗ brechern in den ſchottiſchen Hochlanden gehoͤrt, die hartnaͤckig die Wuͤrde ihrer Clans behaupteten, als der Vorrang das einzige Recht gewaͤhrte, zuerſt hin⸗ gerichtet zu werden. Wir haben auch geleſen, daß Schiffbruͤchige mitten im atlandiſchen Ocean auf ei⸗ nem einzelnen ſchwachen Brete auf Tod und Leben um einen gleich unnuͤtzen Vorzug ſtritten. Aber keiner dieſer Faͤlle kommt an Thorheit dem Betragen der Nebenbuhler gleich, die im Jahre 1792 in dem Ka⸗ binette Ludwigs XVI. nach Macht ſtrebten, zu einer Zeit, wo die Eiferſucht der Verſammlung und die noch viel gefaͤhrlichern Profcriptionen der Jakobiner ſicher der Lohn ihrer Arbeiten waren, zu welcher Parthei ſie auch gehoͤrten. Doch war es ſo, und dieſe Thatſache beweiſt, wie ein Tag der Macht in den Augen des Ehrgeitzes groͤßeren Werth habe, als ein ganzes Leben von Ruhe und Sicherheit. DeLeſſart, der ſchon erwaͤhnte Miniſter der aus⸗ waͤrtigen Angelegenheiten wuͤnſchte den Krieg zu ver⸗ meiden, denn er hatte Leopold und ſeine Miniſter mit der Hoffnung hingehalten, der Koͤnig wuͤrde im Stande ſein, eine verfaſſungsmaͤßige Macht zu gruͤnden, die der der furchtbaren Jakobiner uͤberlegen waͤre. Der Graf von Narbonne andererſeits wuͤnſchte als Kriegsminiſter die Abſichten Lafayette's zu befoͤrdern, der ſich wie ſchon geſagt, darnach ſehnte, an der Spitze der Armee zu ſtehen. Um nun den Sturz ſeines Gegners zu be⸗ wirken, hatte Narbonne mit andern den Plan entwor⸗ fen, die Oppoſition de'Leſſart's und der Mehrheit der Staatsminiſter gegen die Kriegserklaͤrung offenkundig zu machen. Ludwig mit Recht entruͤſtet uͤber eine Ap⸗ pellation an das Publikum, die von dem 3 Innern ſeines Kabinets ausgieng, entliß Narbonne ſeiner Stelle. Augenblicklich ſiel der geſetzgebende Koͤrper uͤber de'Leſſart her. Er ward aufgefordert, ſich zu verthei⸗ digen, und legte der Verſammlung unvorſichtigerweiſe ſeinen Briefwechſel mit dem oͤſterreichiſchen Miniſter Kaunitz vor. In ihren Mittheilungen hatten de'Leſſart und Kaunitz mit Achtung von der Konſtitution und mit Maͤßigung ſelbſt von ihren uͤbertriebenſten Maßregeln geſprochen; aber ſie hatten die Gewaltthaͤtigkeiten der Jakobiner und der Cordeliers getadelt, und die Herr⸗ ſchaft dieſer Klubbs uͤber die konſtitutionellen Behoͤrden des Staats, die ſie offen beſchimpften und kondrollirten, gebrandmarkt. Dieſe gemaͤßigten Anſichten waren die wahre Urſache von de'Leſſarts Fall. Er wurde von allen Seiten angegriffen— von Narbonne und ſeinen⸗ Freunden aus Eiferſucht— von Briſſot und ſeinen Anhaͤngern aus Politik, und um einen Miniſter zu entfernen, der bei ihren Zwecken zu ſehr ein Royaliſt war— und von den Jakobinern aus Haß und Rache. Doch, da Briſſot folgenden Beweis ſeiner Schuld fuͤhrte, ſo *. 91 muͤſſen Gruͤnde und Zeugniſſe gegen ihn wirklich ſehr gefehlt haben. Um den gegenwaͤrtigen Zuſtand Frank⸗ reichs dem Kaiſer unter dem mildeſten Lichte dar⸗ uſtellen, hatte ihn de'Leſſart verſichert, daß die Mehrheit der Nation der Verfaſſung von 1701 faſt ganz ergeben ſei.„Hoͤrt den abſcheulichen Verlaͤum⸗ der!“ rief der Klaͤger aus;„es liegt am Tage. Er wagt es, das Daſein einer Minoritaͤt zu behaupten, welche der Konſtitution nicht ergeben iſt.“ Eine andere Anklage, welche die Beifallsbezeugungen der Verſammlung ebenfalls fuͤr gewichtig erklaͤrte, war ſo geſtellt. Ein entſetzliches Blutbad war bei einem Tumulte bei Gelegenheit der Vereinigung Avignons mit dem Koͤnigreiche vorgefallen. Vergnlaud, der Freund und Kollege Briſſots behauptete, daß wenn das Vereinigungsdekret fruͤh genug nach Avignon ge⸗ ſendet worden waͤre, die Streitigkeit nicht ſtatt ge⸗ funden haͤtte; und er legte es dem ungluͤcklichen de'Leſſart zur Laſt, daß er die offizielle Mittheilung nicht augenblicklich befoͤrdert habe. Nun war aber⸗ wie der Redner wohl wußte, das Vereinigungs⸗ dekret nur wegen der Gewiſſensſkrupel des Koͤnigs aaufgeſchoben worden, der ungern ſeine Zuſtimmung zu einem ſcheinbaren Angriffe des Kirchengebiets gab; auf keinen Fall haͤtte er aber das Blutbad von Avignon, das Werk deſſelben Jourdain, den man den Kopfabſchneider und ſpaͤte, auf dem Marſche nach Verſailles den baͤrtigen Mann nannte, beſſer 92² verhindern koͤnnen, als das nachherige Blutbad zu Paris, das von aͤhnlichen Geſellen veranſtaltet wurde. Dem Redner war dieſes ganz gut bekannt, und doch beſchwor er mit einer Beredſamkeit, die eben ſo falſch war, als ſeine Logik, die Geiſter der Erſchla⸗ genen aus der Eisgrube herauf, wo man ihre ver⸗ ſtummelten Gliedmaßen verſcharrt hatte, um Zeugniß gegen den Miniſter abzulegen, deſſen ſtrafbare Nach⸗ laͤßigkeit an ihrem unſeligen Schickſale Schuld war. Waͤhrend er aber ſolchergeſtalt die Gerechtigkeit auf das Haupt eines Mannes herabrief, der offenbar keinen Antheil an dem Verbrechen hatte, war Vergniaud mit ſeinen Freunden darauf bedacht, die wmahren Schuldigen durch ein Amneſtiedekret zu ret⸗ ten, ſo daß man die ganze Anklage gegen de Leſſart nur eine Miſchung von Heuchelei und Grauſamkeit nennen kann. Im Laufe derſelben Eroͤrterung hatte Gauchon, ein Redner aus der Vorſtadt St. Antoine, wo die wahre Staͤrke der Jakobiner lag, in der Sache, die bei der Verſammlung anhaͤngig war, vor den Schranken derſelben bereits das urtheil geſpro⸗ chen.„Wohl kann das Koͤnigthum aus der Ver⸗ faſſung geſtrichen werden,“ ſagte der Demagoge; „aber die Zeit vermag nichts gegen die Einheit des geſetzgebenden Koͤrpers. Hoͤflinge, Miniſter, Koͤnige und ihre Civilliſten koͤnnen verſchwinden, aber die Souverainitaͤt des Volkes und die Lanzen, die ſie aufrecht halten, beſtehen ewig.“ — Das hieß die Sache bei der Wurzel faſſen. Der Leſſart war ein Royaliſt, obgleich ein vorſichtiger und zaghafter. Er mußte alſo als ein Beiſpiel fuͤr ſolche Miniſter beſtraft werden, die es wagen wuͤr⸗ den, ſich ihrem Souveraine und ſeinem perſoͤnlichen Intereſſe anhaͤnglich zu zeigen. Ein Anklagedekret gegen ihn ging durch, und er ward nach Orleans abgefuͤhrt, um dort vor den Obergerichtshof geſtellt zu werden. Noch andere Royaliſten von Stande wurden in daſſelbe Gefaͤngniß geworfen, und erlit⸗ ten im Monate September 1792 denſelben grauſa⸗ men Tod. 3 Tags darauf erſchien Pethion, der Maire von Paris, an der Spitze der Munizipalitaͤt vor den Schranken, um der Verſammlung ſeinen Gluͤckwunſch abzuſtatten uͤber eine große Handlung der Gerechtig⸗ keit, die, wie er ſagte, einem jener Ungewitter gleiche, durch welche die Natur die Atmosphaͤre von ſchaͤdlichen Duͤnſten reinige. Das Miniſterium ward durch dieſen harten Schlag, der eines ſeiner ge⸗ maͤßigſten Mitglieder traf, aufgeloͤst. Aber bald ſollte Narbonne und die konſtitutionelle Parthei, die es mit ihm hielt, erfahren, daß weder er, noch ſie etwas durch eine Veraͤnderung gewonnen hatten, die das Werk ihrer Intriken waren. Ihre Anſpruͤche auf die Verlaſſenſchaft des abgeſetzten Miniſteriums wurden mit Verachtung abgewieſen, und, um bei der Verſammlung nur einigermaßen Gehoͤr zu finden, . 94 konnte der Koͤnig nicht umhin, ſeine Miniſter aus der girondiſtiſchen oder briſſotiniſchen Parthei zu waͤhlen, die, obgleich Widerſacher des Koͤnigthums, und Anhaͤnger der Republik, doch immer noch etwas mehr Grundſaͤtze und Moral hatten, als die bloßen Revolutionaͤrs und Jakobiner, denen beide gaͤnzlich fehlten. Durch den Fall de Leſſart's war die Hoffnung den Frieden zu erhalten, die bis dahin allmaͤhlig ab⸗ genommen hatte, vollends verſchwunden. Die For⸗ derungen des oͤſterreichiſchen Hofes, die jetzt in ihrem ganzen Umfange bekannt wurden, waren ge⸗ genrevolutionaͤrer Art, daß ein Friede, nach ſolchen Bedingungen geſchloſſen, Frankreich mit allen ſeinen verſchiedenen Partheien(vielleicht mit Ausnahme eini⸗ ger wenigen Mitglieder der erſten Nationalverſamm⸗ lung) zu den Fuͤſſen des Herrſchers gelegt, oder was noch weit ſchlimmer war, der Willkuͤhr der wieder eingeſetzten Ausgewanderten preis gegeben haben wuͤrde. Der Kaiſer verlangte die Herſtellung der Monarchie in Frankreich auf der Grundlage der koͤ⸗ niglichen Erklaͤrung vom 23ſten Juny 1789, die der dritte Stand zu jener Zeit verworfen hatte. Der Kaiſer verlangte ferner die Wiederherſtellung des Kirchenguts, und die Wiedereinſetzung der deutſchen Fuͤrſten in alle Rechte, die ſie nach dem weſtphaͤli⸗ ſchen Friedensſchluſſe in Elſaß und Lothringen be⸗ ſeſſen hatten. 195— Die geſetzgebende Verſammlung nahm dieſe aus⸗ ſchweifenden Forderungen als eine Beleidigung der Nationalwuͤrde auf; und der Koͤnig, welches auch ſeine perſoͤnlichen Geſinnungen ſein mochten, konnte nicht umhin, ſeine Pflichten als konſtitutioneller Monarch zu erfuͤllen. Ludwig hatte demnach das traurige Geſchaͤft, einer Verſammlung, die großen⸗ theils aus Feinden des Thrones und ſeiner Perſon beſtand, eine Kriegserklaͤrung gegen ſeinen Schwager, den Kaiſer, in ſeiner Eigenſchaft als Koͤnig von Ungarn und Boͤhmen, vorzuſchlagen(den 2oſten April 1792), die zugleich einen Buͤrgerkrieg mit ſeinen zwei Bruͤdern zur Folge haben mußte, welche mit dem fuͤr ihn beſtgeſinnten, durch Geburt und loyale Ge⸗ ſinnungen ausgezeichnetſten Theile ſeiner Unterthanen die Waffen ergriffen, und vielleicht gegen ihr Vater⸗ land, aber nur aus Liebe zu ihm, gefehlt hatten. Der Vorſchlag ward von der Verſammlung ſofort angenommen; denn die Konſtitutionellen ſahen in einem Siege uͤber auswaͤrtige Feinde eine Buͤrg⸗ ſchaft der ihnen noch gebliebenen Macht— die Giron⸗ diſten bedurften des Krieges, der nothwendig den Weg zu einer Veraͤnderung in der Verfaſſung und zur Abſchaffung des Koͤnigthums bahnen mußte— und die Jakobiner, deren Haupt Robespierre, ſich anfangs gegen den Krieg geſtraͤubt hatte, gerade ſo viel, als noͤthig war, um, im Falle eines ungluͤcklichen Aus⸗ gaͤnges, das Auſehen und den Einfluß eines Pro⸗ 96 pheten zu gewinnen,— widerſetzten ſich dem Kriege nicht laͤnger, blieben aber bewaffnet und auf ihrer Huth, um die Ereigniſſe, wie ſie kommen mochten, zu ihrem Vortheil zu benuͤtzen. Drittes Kapitel. Niederlage der franzöſiſchen Armee an der Gränze— Verfall der konſtitutionellen Parthei.— Sie bildet den Klupp der Feuillaus und wird von den Jakobinern geſprengt.— Das Miniſterium.— Dumouriez.— Sein ſchwankender Karakter.— Zwiſchen dem König und ſeinen Miniſtern hoͤrt alles Vertrauen auf.— Auflöſung der verfaſſungsmäßigen Garde des Königs. — Ausſchweifende Maßregeln der Jakobiner.— Beſorgniſſe der Girondiſten.— Vorſchlag einer Departementalarmee.— Veto des Königs gegen dieſe Maßregel, ungeachtet der Vorſtellungen von Dumouriez.— Dekret gegen die widerſpenſtigen Geiſtlichen.— Vom König verworfen.— Schreiben der Miniſter an den König. — Er entläßt Roland, Klaviere und Servan.— Dumouriez⸗ Duranton und Lacoſte treten an ihre Stelle.— Der König ge⸗ nehmigt das Dekret, die Departementalarmee betreffend.— Du⸗ monriez erlaubt ſich in der Verſammlung einen Ausfall gegen die abgetretenen Miniſter.— Gibt ſeine Entlaſſung und geht zur Armee ab.— Neue Miniſter, aus der konſtitutionellen Parthei genommen.— Aufſtand vom 2oſten Juni.— Bewaffnete Pöbelhaufen dringen in die Verſammlung.— Von da in die Tuillerien.— Die Verſammlung ſchickt eine Deputation in den Pallaſt.— Der Pöpel zerſtiebt.— Lafayette kommt nach Paris⸗ — Macht zu Gunſten des Königs Vorſtellungen,— wird aber genöthigt, wieder an die Gränze zurückzukehren, und den König ſeinem 97 feinem Schickſal zu überlaſſen.— Es erſcheinen Marſeiller in Paris.— Manifeſt des Herzogs von Braunſchweig.— Nachtheil⸗ der für den König daraus entſteht.— Es iſt nicht unſere Abſicht, hier in die Details der militaͤriſchen Begebenheiten einzugehen; es genuͤgt uns, zu bemerken, daß die erſten Ergebniſſe des Krieges noch weit ungluͤcklicher waren, als man von dem Mangel an Disciplin und dem Zuſtande der Aufloͤſung, in welchem ſich die franzoͤſiſchen Truppen beim Ausbruch des Kriegs befanden, hatte erwarten koͤnnen. Haͤtte Oeſterreich, das ſich eben nicht darauf verſteht, die Gelegenheiten zu benutzen, mehr Trup⸗ pen an der niederlaͤndiſchen Graͤnze gehabt, oder wenigſtens mit den Streitkraͤften, die eben da waren, ſeine Siege verfolgt, ſo wuͤrde das Schickſal Frank⸗ reichs und des Koͤnigs niaheide eine andere Wen⸗ dung genommen haben. lein ſie thaten nichts, und Lafgyette, das Haupt der henese gab ſich alle Muͤhe, und zwar nicht vergebens, den Geiſt der Franzoſen zu heben, und Kriegszucht und Selbſtvertrauen unter ihnen einzufuͤhren. Er konnte jedoch nichts leiſten, was dem Kriegsrufe, den er ſich in Amerika erwor⸗ ben, entſprochen haͤtte, ſo daß der Krieg bei der geringen Anzahl und Entſchloſſenheit der Oeſterreicher auf beiden Seiten einen ſehr ſchlaͤfrigen Karakter annahm. In Paris hatte die Abweſenheit Lafayettes der konſtitutionellen Parthei ihre Hauptſßüde entzogen; W. Scott's Werke. XXVII. 98 dieſe fank jetzt beinahe in denſelben Zuſtand der Nullitaͤt herab, in welchem ſie ſelbſt fruͤher die Parthei der reinen Royaliſten und diejenige der Gemaͤßigten, oder die Parthei der Freunde einer gemaͤßigten Monarchie heruntergebracht hatte. Sie hatte zwar noch immer einigen Anhang unter den wohlhabenderen Klaſſen, dieſer aber verminderte ſich in eben dem Maße, in welchem ihre Macht, etwas fuͤr ihre Freunde zu thun, abnahm. Dieſe Parthei ward zuletzt ſo ver⸗ aͤchtlich, daß ihre Gegner ſich nicht laͤnger beſannen, dieſelbe zu beſchimpfen und dadurch zu beweiſen, wie wenig ſie geneigt ſeien, mit einem ſchwachen Feinde viel Umſtaͤnde zu machen. Um den Jakobinern ſo viel wie moͤglich entgegenzuarbeiten, hatten die Konſti⸗ tutionellen eine Gegengeſellſchaft gebildet, nach ihrem Verſammlungsort Les Feuillans genannt. In dieſem Klupp, der ungefaͤhr 200 Mitglieder des geſetzge⸗ benden Koͤrpers zaͤhlte— und welcher der voruͤber⸗ gehende Nebenbuhler der großen jacobiniſchen Eſſe war, wo die Revolutionaͤrs ihre Waffen ſchmiedeten fand ſich mehr Beredſamkeit und Logik, mehr Wiſſen und Witz als noͤthig war; aber den Feuillans fehlte dies furchtbare Vermoͤgen, die Leidenſchaften des Volkes aufzuregen, welche die Redner des Jacobiner⸗ klubbs beſaſſen, und nach Willkuͤhr gebrauchten. Dieſe gegenuͤberſtehenden Partheien kann man wohl mit zwei Schwerdtern vergleichen, wovon das eine einen vergoldeten und verzierten Griff, aber eine Klinge 99 von Glas oder anderm zerbrechlichen Stoff hat, waͤh⸗ rend der eherne Griff des andern der Haͤrte und Schaͤrfe der ſtaͤhlernen Klinge mehr entſpricht. Wenn zwei Schwerdter dieſer Art aufeinander treffen, ſo laͤßt ſich die Folge leicht vorausſehen, und ſo ver⸗ hfelt es ſich mit den beiden Clubbs. Nach vielen vorlaͤufigen Beſchimpfungen gingen die Jacobiner auf ihre Gegner los, griffen ſie mit offener Gewalt an, beſchimpften und zerſtreuten ſie mit Drohungen und Schlaͤgen, waͤhrend Pethion und der Maire von Paris, der bei dieſer Gelegenheit gegenwaͤrtig war, die Fluͤchtlinge mit der Verſicherung troͤſtete, daß ſie freilich das Geſetz beſchuͤtze; da aber das Volk gegen ſie geſprochen habe, ſo kaͤme es ihnen nicht zu dem Ausſpruch des Geſetzes gegen den Willen des Volkes, von dem das Geſetz ausfließe, mit Gewalt durchzu⸗ ſetzen. In Wahrheit eine treffliche Salbe fuͤr ihre zerſchlagenen Knochen! Bei ihrer allgemeinen Demuͤthigung hatte auch die konſtitutionelle Parthei faſt allen Einfluß auf das Miniſterium verloren, und konnte nur durch Ver⸗ mittlung und auf eine gehelme Weiſe mit dem Koͤ⸗ nige Nuͤckſprache nehmen,— gleichſam als waͤren ſie wirklich ſeine Freunde und Anhaͤnger und nicht die Urſache oder doch die bereitwilligen Helfers Helfer ſeiner gegenwaͤrtigen bedraͤngten und ungluͤcklichen Lage. Von den ſechs Miniſtern, die auf de Leſſart 7.. — 2 100 und ſeine Gefaͤhrten gefolgt waren, gehoͤrten der Gatte der Madame Roland und zwei andere Schar⸗ van und Claviere zu den eifrigſten Republikanern; Durathon und Lacoſte waren etwas maͤßiger in ihren Grundſaͤtzen, aber von zaghaftem Karakter. Der fechſte Dumouriez, der das Departement des Krieges verwaltete, war ſowohl in buͤrgerlichen als in mili⸗ taͤriſchen Angelegenheiten der perſoͤnliche Nebenbuh⸗ ler Lafayette’s, und alſo auch ein Feind der konſti⸗ tutionellen Parthei. Zum erſtenmal erwaͤhnen wir jetzt einen von denen in der Milltaͤrgeſchichte be⸗ ruͤhmten Namen, welcher ſo gluͤcklich war, den fran⸗ zoͤſiſchen Fahnen den Sieg zuzuwenden, an die er ſo lange wie gefeſſelt ſchien. Dumouriez trat bald vom Schauplatz ab, aber ſein Name iſt mit unaus⸗ loͤſchlichen Zuͤgen in die Annalen Frankreichs einge⸗ ſchrieben. Dumouriez war von Perſon klein, aber aͤußerſt lebhaft und talentvoll; ein tapferer Krieger, der ſich in den buͤrgerlichen Unruhen Pohlens ausgezeichnet hatte; ein gewandter geſchickter Intrikant, wohl ge⸗ eignet in Zeiten der oͤffentlichen Verwirrung eine bedeutende Rolle zu ſpielen. Feſtigkeit der Grund⸗ ſaͤtze in ſeinem oͤffentlichen und Privatleben, hat man ihm nie zugeſchrieben, aber Soldatenehre und Sol⸗ datenoffenheit, verbunden mit den Gewohnheiten einer beſſern Geſellſchaft bewogen ihn, die heimlichen Verraͤthereien, die Grauſamkeit und den Cynismus 101 der Jacobiner zu haſſen und zu verabſcheuen; waͤh⸗ end ſein Scharfſinn und ſein gerader Verſtand ihn wohl den affectirten Fanatismus der Giron⸗ diſten durchſchauen und entraͤthſeln ließ, die, wie er deutlich ſah, ſich mit Entwuͤrfen befaßten, die Frankreich, dem Zeitalter und dem Zuſtande der Sitten ſchnurgerabe entgegen waren. So behauptete er ſeine Stellung als Kriegsminiſter, mit allen Partheien buhlend; einen Abend im Jakobinerklubb die rothe Muͤtze, welche das Zeichen zuͤgelloſer Freiheit war, tragen, und den andern mit groͤßerer Aufrichtigkeit dem Koͤnige rathgebend, wie er das herannahende Uebel vermelden koͤnne; obgleich die Nebenwege, die er bezeichnete, dem guten rechtſchaffenen Fuͤrſten zu ſchleichend ſchienen, dem die Vorſehung in Dumou⸗ riez einen Rathgeber beigeſellt hatte, der ſich beſſer fuͤr einen minder gewiſſenhaften Herrſcher geeignet haͤtte. Doch ſetzte der Koͤnig ein bedeutendes Zu⸗ trauen in den General, das, wenn es auch nicht immer mit gleicher loyaler Ergebenheit erwiedert, doch auch nie mißbraucht wurde. Die republikaniſchen Miniſter waren durch ihre Talente eben nicht berufen, ſich das Anſehen von Areopagiten oder von roͤmiſchen Volkstribunen zu geben. Roland war im Grunde nur ein langweiliger Pedant, und er konnte ſeine Frau nicht in den ge⸗ heimen Rath mitnehmen, obgleich man ſagte, ſie 4 . 102 habe es verſucht ſich zu den miniſteriellen Gaſtge⸗ lagen zuzudraͤngen*). Von ſeinen Kollegen gilt daſſelbe; ſie erlaubten ſich in dem Verkehr mit dem Koͤnig eine ſtoiſche Verachtung der Hofetikette, obgleich dieſe wie an⸗ dere Formen der Geſellſchaft leicht zu beobachten iſt, und nicht ohne Rohheit vernachlaͤßigt werden kann**). Aber auch abgeſehen von derglelchen Unarten fehlte es in ihrem Verkehr mit dem Koͤnige auf beiden Seiten gaͤnzlich an Vertrauen. Wuͤnſchten die Mini⸗ ſter ſeine Meinungen uͤber irgend einen Gegenſtand zu erforſchen, ſo wich ihnen Ludwig aus, indem er das Geſpraͤch auf Dinge von unbeſtimmter und all⸗ gemeiner Wichtigkeit lenkte. Drang er dagegen ſeinerſeits in ſie, um irgend etwas durchzuſetzen, ſo waren ſie kalt und zuruͤckhaltend und ſchuͤtzten ihre perſoͤnliche Verantwortlichkeit vor. Wie haͤtte aber auch zwiſchen dem Koͤnige und ſeinen republikaniſchen *) So ſagte Desferriores und behauptet die Ausſchließung der Radame Roland aus den miniſteriellen Zirkeln habe die erſte Störung in den freundſchaftlichen Verhältniſſen der Miniſter veranlaßt. Aber in den Memoiren der Madame Roland fin⸗ det ſich nichts dergleichen und ſie würde es gewiß erzählt ha⸗ haben, wenn dem ſo wäre. *½) Als Rotand, der ungefähr wie ein Quäker gekleidet war, bei Hofe mit Schuhbändern erſchien, naherte ſich ihm der Thür⸗ ſteher mit einem ſtrengen Blicke und ſagte„wie mein Herr keine Schnallen?“„Ach ſagte Dumouriez,“ der über alles und immer lachte,„nun iſt Alles verloren.“ „ 103 74 Miniſtern ein Vertrauen beſtehen koͤnnen, da der Hanptzweck der letztern die Abſchaffung der Koͤnigs⸗ wuͤrde war, und da der erſtere dieſe ihre Abſicht voll⸗ kommen durchſchaute? Der erſte Schritt der Girondiſten und Jakobiner, die daſſelbe Ziel, wenn gleich nicht im Einverſtaͤnd⸗ niß, verfolgten, war, den Koͤnig ſeiner konſtitu⸗ tionellen Garde, die an die Stelle der aufgeloͤsten Leibgarden(Garde du corps) getreten war, zu be⸗ rauben. Auf die Ergehenheit dieſer Garde konnte ſich der Koͤnig freilich nicht verlaſſen, da ſie zum Theil aus Linienſoldaten, zum Theil aus Buͤrgern zuſammengeſetzt war, die ſich auch bei manchen Ge⸗ legenheiten von dem revolutionaͤren Geiſt der Zeit angeſteckt zeigten. Aber die Offiziere waren Maͤn⸗ ner, die ihre Stellen ihrer Anhaͤnglichkeit an den Koͤnig verdankten, und ſchon der Name Garde floͤßte einen Gemeingeiſt(Esprit de corps) ein, der ge⸗ faͤhrlich werden konnte. Verſchiedene Verdachts⸗ gruͤnde wurden gegen dieſe Garde vorgebracht; z. B., daß ſie in ihrer Kaſerne eine weiße Flagge aufbe⸗ wahrten(es zeigte ſich aber, daß es eine Verzierung zu einem Kuchen war, welchen ſie dem Dauphin zum Geſchenke machte)— daß ihre Degengriffe die Ge⸗ ſtalt eines Hahnenkopfs haͤtten, was ein gegenre⸗ volutionaͤres Sinnbild ſey— daß Verſuche gemacht worden waͤren, ſie der Verſammlung zu entfremden, um ihre Neigung dem Koͤnige zuzuwenden. Unter „ 104 der Garde befanden ſich mehrere Schaͤcher, die in der Ab⸗ ſicht Dienſte genommen hatten, um den Jakobinern ihre Geheimniſſe zu verrathen. Drei oder vier dieſer Soldaten erſchienen vor den Schranken, beſtaͤtigten Wahres und Unwahres; ſo daß die Verſammlung aus Mißtrauen gegen den Koͤnig, und um ihn zu ſchwaͤchen, die Verminderung der konſtitutionellen Garde dekretirte. Nur mit vieler Muͤhe wurde der Koͤnig vermocht, ſein Veto dagegen nicht einzulegen; und jetzt war er ſchutzlos dem erſten revolutionaͤren Stoß preis gegeben. Jeder Schritt, den die Partheien fortan thaten, zeigte immer deutlicher, daß der Sturm ſich bald erheben wuͤrde. Die Jakobiner wurden nicht muͤde, ſo ausſchweifende revolutionaͤre Maßregeln vorzu⸗ ſchlagen und durchzuſetzen, daß ſelbſt die Girondiſten ſich ſchaͤmten, daran Theil zu nehmen. Dahin ge⸗ hoͤrt z. B. die Veranſtaltung eines Triumphzuges des verruchten Jourdains durch die Straßen von Avignon, wo er in einer Nacht achtzig Leichname in der Eisgrube aufgehaͤuft hatte. Nicht ganz ſo frevelhaft aber nicht minder ſchamlos war das zu Ehren des Regiments Chateauvaux gegebene Feſt, deſſen Meuterei Herr von Bouillé zu Nancy, von der erſten Nationalverſammlung ausdruͤcklich dazu beauftragt, unterdruͤckt hatte. Kurz, da die Jakobiner den Geſchmack des Pö⸗ bels an dem Gewaltthaͤtigen, Rohen und Uebertrie⸗ 105 benen viel beſſer als die Briſſotiner kannten, ſo ſorg⸗ ten ſie auch dafuͤr, ihm zu genuͤgen; ſie fuͤllten ſeine Ohren mit den unglaublichſten Geruͤchten, und blen⸗ deten ſeine Augen mit dem thoͤrichtſten Schein. Die Girondiſten, die doch noch einigen Geſchmack und einige Grundſaͤtze beibehielten, blieben weit in der Gunſt des Poͤbels zuruͤck, bei dem der, welcher jedes Zeichen des Anſtandes wegwirft, weit ſicherer iſt, den Preis zu erringen. Beſchaͤmt ſahen ſie Feſte, mit denen ſie nicht wetteifern konnten, und fuͤhlten, daß die Betheurung ihrer Freiheitsliebe, ſo pathetiſch ſie auch war, doch kalt und kraftlos ſchien, im Vergleich mit den uͤbertriebenen und feuerſpruͤhenden Deklamationen der Jakobiner. Mit Neid betrachteten ſie die Vortheile, welche ihre Ne⸗ benbuhler durch dieſe Uebertreibungen einerndteten, und erſchracken, als ſie bemerkten, wie wahrſcheinlich ſte von dieſen durchgreifenden, nichts achtenden De⸗ magogen verdraͤngt werden wuͤrden. Die Girondiſten fingen an einzuſehen, daß ſie trotz ihrer Ueberzahl in der Verſammlung unterliegen muͤßten, wenn ſie nicht eine Streitmacht aufbringen koͤnnten, die ganz von ihnen abhinge, um ſie zur Zeit der Noth den jakobiniſchen Rebellen entgegen zu ſetzen. Dies war wirklich unumgaͤnglich noͤthig zu ihrer perſoͤnlichen Siicherheit und zur Feſtſtellung ihrer Macht. Blickten ſie auf die Nationalgarde, ſo ſahen ſie diejenigen dieſes Korps, die dem Lafayette nicht mehr zuge⸗ * 1⁰6 than waren, der Revolution uͤberdruͤßig, unbewegt durch die Ausſicht auf eine Republick und einzig dar⸗ auf bedacht, ihre Kramlaͤden und ihr Eigenthum zu bewahren. In den untern Volksklaſſen, und beſon⸗ ders in den Vorſtaͤdten, ſahen ſie in Myriaden von Pickenmaͤnnern, die alle den Jakobinern ergeben, und deren Anfuͤhrer von dieſen beſoldet waren. Der Plan zu einer Departementalarmee gieng alſo von den Girondiſten aus, die ihn als die we⸗ nigſt auffallende und doch ſicherſte Weiſe betrachteten, eine genuͤgende militaͤriſche Macht zuſammenzubrin⸗ gen, um ihren neuen Verwaltungsmaßregeln Nachdruck zu geben. Jeder Kanton in Frankreich ſollte5 Mann dazu ſtellen, was ein Korps von 20000 Soldaten bilden wuͤrde, die unter den Mauern von Paris bewaffnet und eingeuͤbt werden ſollten. Die Beſtimmung dieſer bewaffneten Macht war, im Nothfall Armeen an die Graͤnzen zu verſtaͤrken, und zugleich erforderlichen Falls die Ordnung in der Hauptſtadt aufrecht zu er⸗ halten. Dieſe von den Girondiſten vorgeſchlagene Maßregel ward unerwarteter Weiſe von den Jako⸗ binern unterſtuͤtzt, welche wohl einſahen, daß ſie vermittelſt ihrer uͤber ganz Frankreich verbreiteten Filialgeſellſchaften im Stande ſein wuͤrden, auf die Wahl eines großen Theils der Departementalarmee einzuwirken, ſo daß durch dieſelbe nur die Macht ihrer revolutionaͤren Bande in Paris verſtaͤrkt, kei⸗ neswegs aber im Zaum gehalten wuͤrde. 107 Die Pariſer Buͤrger waren geneigt, dieſen Zu⸗ lauf von undisciplinirten Truppen unter den Mauern der Stadt als ihrer Sicherheit gefaͤhrlich, und, als eine Beleidigung der Nationalgarde zu betrachten, die man bisher zur Vertheidigung der Hauptſtadt fuͤr hinreichend gehalten hatte. Sie legten bei der Verſammlung eine Bittſchrift gegen dieſe Maßregeln ein, und baten ſelbſt den Koͤnig, das Dekret zu verwerfen, wenn es bei jener durchgehen ſollte. Ludwig ſelbſt war ſehr dazu geneigt, denn weder er, noch ſonſt jemand zweifelte daran, daß es die wahre Abſicht der Girondiſten ſei, eine Armee zuſammen⸗ zubringen, nur um ihre liebe Republik ungefaͤhrdet von Lafayette durchzuſetzen, ſelbſt wenn es dieſem gelingen ſollte, der Armee, die er befehligte, ſeine Anſichten von der Sache beizubringen. Dumouriez warnte Ludwig, ſich der Verſamm⸗ lung ſchlechthin zu widerſetzen. Er gab zu, daß der eigentliche Zweck der vorgeſchlagenen Maßregel jedem vernuͤnftigen Menſchen einleuchte; da aber der Schein⸗ grund der Schutz des Vaterlandes und der Haupt⸗ ſtadt ſei, ſo wuͤrde ſeiner Meinung nach der Koͤnig in den Augen des Poͤbels als ein Beguͤnſtiger der fremden Invaſion erſcheinen, wenn er eine Maß⸗ regel verwerfe, die man zum Schutze von Paris fuͤr noͤthig halte. Er nahm es als Kriegsminiſter auf ſich, wenn einmal einige hundert Mann von der Departementalarmee in Paris beiſammen waͤren, 108 dieſelben unter die Regimenter zu vertheilen und an die Graͤnzen zu ſchicken, wo ſie noͤthiger waͤren, als zu Hauſe. Aber Alles war vergebens. Ludwig entſchloß ſich, auf jede Gefahr hin ſein Veto dar⸗ auf zu legen. Wahrſcheinlich verließ er ſich auf die Treue der Nationalgarde, von welcher 1 oder 2 Diviſſonen ihm ſehr ergeben waren, und meinte wohl auch, daß die Stimmung des ganzen Korps aus Furcht vor neuen Unruhen, zu denen die De⸗ partementaltruppen Anlaß geben koͤnnten, ſich bef⸗ ſern wuͤrden. Vielleicht konnte es der Koͤnig nicht uͤber ſich gewinnen, in den hoͤchſt wandelbaren Ka⸗ rakter von Dumouriez ein rechtes Vertrauen zu ſetzen, obgleich wir keine Urſache haben, ſeine Treue in Verdacht zu ziehen. Ein anderer Punkt der unangenehmſten Eroͤr⸗ terung zwiſchen dem Koͤnig und ſeinen Miniſtern, der auch wieder zur Sprache kam, betraf die wider⸗ ſpenſtigen Geiſtlichen. Es war in der National⸗ verſammlung ein Dekret durchgegangen, nach wel⸗ chem diejenigen Geiſtlichen, die den Eid auf die Verfaſſung ferner verweigern wuͤrden, uber die Graͤnze gebracht werden ſollten. Dieß war fuͤr Ludwig eine Gewiſſensſache, und wahrſcheinlich nur deswegen in Anregung gebracht, um den Koͤnig zu einer ſchnellen Entſagung der Krone zu vermoͤgen. Der Koͤnig blieb ſtandhaft und beſchloß, auch gegen dieſes De⸗ kret ſein Veto einzulegen, was guch Dumourkez in 109 ſeiner Weltklugheit dagegen einwenden, und wie ſehr auch das ganze republikaniſche Miniſterium in ihn dringen mochte. Des Königs beharrliche Weigerung ſetzte die girondiſtiſchen Rathgeber in große Verlegenheit. Madame Roland unternahm es, dem allzugewiſſen⸗ haften Monarche ſeinen Irrthum begreiflich zu ma⸗ chen; ſie ſetzte im Namen ihres Gatten und zweie ſeiner Kollegen einen langen Brief auf, den aber Dumouriez und die zwei andern Miniſter zu unter⸗ zeichnen ſich weigerten. Dieſer Brief war in jenem Tone geſchrieben, den die Püneenn den rauhen Ton der Wahrheit nannte, d. h. ohne die gewoͤhnlichen Ehrfurchtsbezeugungen, 88 mit einer Haͤrte, die darauf berechnet ſchien, das Gefuͤhl und die Reli⸗ giöoſitaͤt desjenigen zu verletzen, den ſie noch immer Koͤnig nannten. Ach! die herbſten und beleidigend⸗ ſten Wahrheiten, wie ſpaͤt ſie auch das Ohr maͤchti⸗ ger und gluͤcklicher Fuͤrſten erreichen moͤgen, werden den ungluͤcklichen und verlaſſenen Fuͤrſten nur allzu⸗ verſtaͤndlich. Ludwig haͤtte auf dieſe harten Reden antworten koͤnnen, wie der Ritter, welcher von ei⸗ nem Feinde einen Schlag empſieng, als er entwaff⸗ net und gefangen war:„Jetzt gehoͤrt nicht viele Tapferkeit mehr dazu.“ Der Koͤnig ließ jedoch inem Unwillen vollen Lauf. Er entließ Roland und die andern zwei Mi⸗ 110 niſter und vermochte nur mit Muͤhe uͤber Dumouriez, Deranthon, und Lacoßt, ihre Stellen zu behalten, und die der abgetretenen zu erſetzen; allein er war genoͤthigt, ihre Ergebenheit damit zu erkaufen, daß er das Decret in Betreff der Foͤderal⸗ oder Deyarte⸗ mental⸗Armee von 20,00 Mann unterzeichnete, jedoch unter der Bedingung, daß ſie ſich zu Soiſons und nicht zu Paris verſammeln ſollten. In Betreff des Dekrets gegen die Prieſter blieb er noch immer unbeweglich bei ſeiner Entſchließung. So entſchied die Religion, welche ſeit einem halben Jahrhundert in Frankreich ſo wenig beachtet wurde, durch ihren Einfluß endlich das Schickſal des Koͤnigs und des Koͤnigreichs. Die drei entlaſſenen Miniſter wuͤnſchten einander Gluͤck, daß ſie von Auftritten erloͤſet wurden, die ſich ſo wenig mit ihren republikaniſchen Tugenden und Geſinnungen, als die Antichambre eines Hofes, wo man genoͤthigt war, Schnallen ſtatt der Schuh⸗ baͤnder zu tragen und von den ſauern Geſichtern der Thuͤrſteher und Zeremonienmeiſter abhing und wo patriotiſche Stimmen ſich in die Hofſprache einzwaͤngen mußten und ein Weſen von demſelben Fleiſch und Blut wie ſie ſelbſt, mit den Titeln, Sire, und Euer Majeſtaͤt anreden mußten. Nicht lange darauf ſollten die ungluͤcklichen Pedanten finden, daß es nocht ſchlimmeres gebe als die Hofetikette und daß 111 ſie es in der Republick mit grauſameren Deſpoten zu thun haͤtten, als der gutmaͤthige und milde Ludwig einer war. Sie waren nicht ſo bald entlaſſen, als ſie in die Verſammlung eilten, um den der leidenden Tugend ſchuldigen Beifall anzuſprechen und ihr Schreiben denen mitzutheilen, fuͤr deren Ohren es wirklich ge⸗ ſchrieben war, den ſimpathiſirenden Democraten und Tribunen. Sie wurden dem zu Folge als Opfer ihres republikaniſchen Eifers mit Beifallruf aufge⸗ nommen; allein der Triumph derer von denen er kam, wurde ſogleich gemaͤßigt und vermindert. Dumouriez beſtuͤrmte die Verſammlung in ei⸗ ner fließenden Rede, auf die er ſich vorbereitet hatte mit einer Anklage gegen Roland und ſeine Kollegen, worin er ſie gaͤnzlicher Saumſeligkeit und Unfaͤhig⸗ keit beſchuldigte. Er ſprach von ſchlecht rekrutirten Armeen, von leeren Feſtungen, von uninſtruirten Commiſſariaten in einem Tone, der die Verſammlung noͤthigte, ſeine Denuntionen gegen ſeine fruͤhern Genoſſen im Mi⸗ niſterlum anzunehmen. Allein obgleich dieſe unange⸗ nehmen und drohenden Mittheilungen einen augen⸗ blicklichen Eindruck auf die Verſammlung machten, ſo ſah dem ungeachtet der ſchlaue und veraͤnderliche Red⸗ ner ſogleich, daß er ſeinen Plaz als Miniſter blos damit behaupten konnte, wenn er wo moͤglich die — 11² Zuſtimmung des Koͤnigs zu dem Dekret gegen die widerſpenſtige Geiſtlichkeit erhalten wuͤrde. Er machte noch einen endlichen Verſuch mit ſei⸗ nen ephemeren Kollegen; bewies, daß die Weigerung des Koͤnigs, falls er dabei verbliebe, die Loſung zu einem Aufſtand ſein wuͤrde und bot ſeinen Austritt an, wenn ihr eindringlicher Rath nicht beachtet wer⸗ den ſollte. 4 „Glaubt nicht, mich mit Drohungen zu erſchrek⸗ ken,“ erwiderte Ludwig.„Mein Entſchluß iſt ge⸗ faßt.“ Dumouriez war nicht der Mann, der ſich unter den Truͤmmern des Thrones begrub, den er nicht retten konnte. Seine Entlaffung ward eingereicht und angenommen,— nicht ohne Zeichen von Em⸗ pfidlichkeit von ſeiner und des Koͤnigs Seite; und da er ſo ſeinen Credit bei der Verſammlung, die ſeine Talente achtete, und ihn gegen die Feinde zu benutzen wuͤnſchte, gerettet hatte, ging er von Paris an die Graͤnzen ab, um unter den franzoͤſiſchen Sie⸗ gern das Vordertreffen anzufuͤhren. Ludwig war nun ohne Erbarmen dem Orkan der Revolution Preis gegeben, ohne ſich des Beiſtandes eines einzigen Mannes zu erfreuen, der ihn gluͤck⸗ lich durch den Sturm zu ſteuern im Stande war. Die wenigen Hoͤflinge— oder vielmehr— die wenigen alten und getreuen Freunde, welche um ſeine Perſon blieben, beſaſſen weder Talente, noch Einfluß, 113 Einſeuß, um ihm zu helfen; ſie konnten nur ſein Un⸗ gluͤck bejammern, und ſeinen Untergang mit ihm thei⸗ len; er druͤckte ſelbſt die Ueberzeugung aus, daß ſein Tod nicht meyr ferne ſei; dieſe Beſorgniß vermochte jedoch nicht, ſeine Beharrlichkeit in Punkten, in wel⸗ chen ihm ſein Gewiſſen Einſprache that, zu erſchuͤt⸗ tern, noch auch den ruhigen Gleichmuth, der ſich uͤber ſein ganzes Weſen verbreitete, zu verſcheuchen. Eine Unterhandlung wegen Niederlegung ſeiner Krone war vielleicht der einzige Weg, der ihm noch offen blieb, um ſeinem Untergang moͤglicher Weiſe zu entgehen; allein die Tage entthronter Monarchen ſind ſelten lang, und Niemand buͤrgte Ludwig dafuͤr, daß die Bedingungen, die ihm die Girondiſten zugeſtehen mochten, von ihren ſtrengeren und unerbittlicheren Nebenbuhlern der Jakobiner Partei beſtaͤtigt werden wuͤrden. Bei dieſen Menſchen war es ſchon lang beſchloſſen, daß ſeine Leiche der Schemel ihrer an⸗ gemaßten Macht werden ſollte. Sie thaten als ſeien ſie fuͤr die Sache des Volks, waͤhrend ſie blos ihre Mordluſt zu befriedigen ſtrebten. Sie waͤlzten auf die Krone, und den Ungluͤcklichen, der ſie trug, all das Ungluͤck und Unheil der Revolution; es mar ihre Aufgabe, zu zeigen, daß es ihr Ernſt ſey, Ludwig als Suͤhnopfer fuͤr die Nation zu ſchlachten. Im Ganzen war es des Koͤnigs noch am wuͤrdigſten, ſich durch keinen freiwilligen Akt zu erniedrigen, ſondern den Zeitpunkt zu erwarten, der mit einem Mal ſel⸗ W. Scott's Werke⸗ XXVII, 8 — 114 nem Leben und ſeiner Regierung ein Ende machen follte. Er ernannte ſein leztes Miniſterium aus den entmuthigten Ueberreſten der konſtitutionellen Partei, welche noch immer einen, wenn gleich ſchwachen und ohnmaͤchtigen Kampf gegen die Girondiſten und Ja⸗ kobiner in der Verſammlung beſtanden. Sie bekleide⸗ ten ihre unſichern Stellen nicht lange. Die vorerwaͤhnten Parteien hatten ſich nun ver⸗ einigt, um durch unmittelbare Gewalt den Koͤnig vom Throne zu ſtuͤrzen. Bereits hatte man die Stimme des Girondiſten Verginaud in dem Konvent vernommen:„Der Schrek⸗ ken muß in jenen Pallaſt einbrechen, aus dem er ſo oft auf den Wink der Monarchen ausgegangen war!“ Obgleich die Empoͤrung beſchloſſen, und offen an⸗ gekuͤndigt war, ſo war dennoch jede Partei darauf eiferſuͤchtig, welche Gewalt die andere aufbieten, und beſorgt uͤber den Gebrauch, den ſie nach errungenem Sieg gegen ſie machen wuͤrde; allein obgleich arg⸗ woͤhniſch gegen einander war dennoch ihr Streben nach einem allgemeinen Ziele, auf den Umſturz des Thrones und auf die Errichtung einer Republik ge⸗ richtet, welche die Briſſotiner zu lenken und die Ja⸗ kobiner zu mißbrauchen gedachten. Es war endlich ein Aufſtand eingeleitet, der ganz den Karakter desjenigen hatte, welcher den Koͤnig als Gefangenen von Verſailles brachte; die Jakobi⸗ 115 ner waren die erſten Aufwiegler ihrer wuͤthenden Anhaͤnger und die handelnden Perſonen bei beiden Gelegenheiten; indeß die Girondiſten am z0ſten Ju⸗ nius 1792 gleich den Konſtitutionellen vom 6ten October hofften, den Vortheil der Unternehmung fuͤr ſich ſelbſt zu gewinnen, die ſie mit eigener Macht nicht auszufuͤhren vermocht hatten. Der Magiſtrat von Paris, welcher ganz unter der Leitung Robespierre's, Dantons und der Jako⸗ biner ſtand, hatte ſich laͤngſt fuͤr eine ſolche Unter⸗ nehmung vorgeſehen und unter dem Vorwande die niederern Klaſſen gegen Augriffe zu bewaffnen, Piken und andere Waffen an den gemeinen Haufen aus⸗ getheilt, deſſen man ſich bei diefer Getegenheit zu bedienen gedachte. Am zoſten Junius kamen die Sausculotten der Vorſtäaͤdte Saint Margeau und Salnt Antoine zu⸗ ſammen, bewaffnet mit Piken, Senſen, Heugabeln und Waffen aller Art, die entweder wirklich zur Vernichtung geſchaffen, oder zu friedlicherem Zwecke erfunden, durch die Volkswuth in Angriffswaf⸗ fen umgeſchaffen waren. Sie ſchienen jedoch troz ihrer großen Anzahl unter einer Leitung zu handeln, und mitten unter ihrem Geſchrei, ihren Geſaͤngen, ihren Taͤnzen und dem wilden Taumel ihrer aus⸗ ſchweifenden und ſcheußlichen Orgien ſichtlich nach hoͤhern Befehlen ſich zu bewegen und mit ei⸗ ner Einigkeit zu handeln, die in die Verwirrung des . 8..— * 1161 Ganzen Ordnung brachte. Sie waren in Haufen abgetheilt, und hatten ihre Fuͤhrer. Es wurden Fahnen aufgeſteckt, die ſorgſam gewaͤhlt, den Karak⸗ ter und die Abſicht der Elenden auszudruͤcken ſchie⸗ nen, die ſich unter ihnen verſammelt hatten. Auf dem einen ſah man ein paar zerriſſene Hoſen mit der Aufſchrift:„vivent les Sans Culottes.““ Ein anderer ſchwarz gekleideter Faͤhnderich trug an einer langen Stange das noch blutige Geſchlinge eines Schweins mit der Auſfſchrift:„La fressuro d'un Aristocrat!“ Dieſer furchtbare Haufen war in Baͤlde durch den Zufluß des Poͤbels von Paris zu einer zahlloſen Menge angewachſen, deren Sprache, Gebaͤrden und Haltung ſich vereinigten, eine gewalk⸗ ſame Kataſtrophe anzukuͤndigen. 4 Die beſtuͤrzten Buͤrger verſammelten ſich, eine allgemeine Pluͤnderung fuͤrchtend— nicht um den Koͤnig zu vertheidigen, oder die Nationalverſamm⸗ lung zu ſchuͤzen, ſondern das Palais royal zu ret⸗ ten, wo der Glanz der Buden ſehr leicht bie Gher der Sansculotten reizen konnte. Eine ſtarke Macht bewaffneter Buͤrger bewichte die Zugaͤnge zu dieſem Tempel des Mammon, und zeigte damit, daß es die Aufruͤhrer von ſeinen Um⸗ gebungen ausſchloß, was ſie fuͤr die Halle der Ge⸗ ſezgebung oder den Palaſt des Monarchen haͤtten thun koͤnnen, wenn die Sache der einen oder des an⸗ dern in ihren Augen Gnade gefunden haͤtte. 3117 Die Maſſe der Aufruͤhrer wogte nach dem Saal der Verſammlung, umringte die beſtuͤrzten Abgeord⸗ neten, und fuͤllte jeden Zugang mit Bewaffneten; man ſprach von einer Petition, welche man vorbrin⸗ gen wolle, und verlangte durch den Saal zu ziehen, um die Macht zu entwickeln, wodurch man das Geſuch zu unterſtuͤzen gedachte. Die beſtuͤrzte Verſammlung hale nichts beſſe⸗ res zu erwidern, als daß ſie verlangte, die Aufruͤh⸗ rer ſollten nur durch eine Deput tion in den Saal treten, oder wenn ſie in Maſſe kaͤmen, zum minde⸗ ſten ihre Waffen ablegen. Die furchtbaren Bittſteller lachten uͤber beide Vorſchlaͤge, drangen in den Saal, und ſchwangen im Triumph die Waffen des Aufruhrs. n, Die Verſammlung ſpielte indeſſen eine ſchlechte Fiaur, und ihre Verſuche, ſich einen Anſchein von Gleichguͤltigkeit und ſelbſt von Vertraullchkeit gegen ihren unhöͤflichen und unheimlichen Beſuch zu geben, konnte ſehr treffend mit einer Bande jaͤmmerlicher Komoͤdianten verglichen werden, die ſich beſtreben, ben Unwillen eines wilden und tobenden Publicums zu beſchwichtigen 4). 9 Es kann als Entſchuldigung angeführt werden, daß die Berſammlung keinen andern Ausweg, als den der Unter⸗ werfung hatte; allein wackere Männer baben unter ähnlichen umſtänden durch zeitige Entſchloſſenheit und Geiſtesgegen 118 Von dem Saale der Nationalverſammlung ſtuͤrmte die Menge nach den Tulllerien.. Es waren Vertheidigungsmaßregeln getroffen, und verſchiedene Truppenabtheilungen an Stellen aufgeſtellt worden, wo ſie mit all den Vortheilen, die ihnen Gitter und Waͤlle boten, ihre Poſten ge⸗ gen die heranziehende bewaffnete Menge vertheidi⸗ gen mochten. Allein da war keine Einigkeit, keine Ergebenheit, keine Energie bei denen zu finden, welchen die Vertheidigung anvertraut war; auch ver⸗ ſuchte der Koͤnig nicht, ſich an ihre Spize zu ſtellen, und ihren Muth zu beleben. ——— 7 wart dergleichen Ungebührlichkeiten zurückgewieſen. Als der wüthende antikatholiſche Pöbel im Beſize der Zugänge und Vorhallen zu dem Unterhauſe im Jahre 1780 war, wandte ſich General Cosms Porton, ein Mitglied des Hauſes, an den unglücklichen Mann, unter deſſen Leitung ſte, wie man glaubte, handelten, mit den Worten:„Mylord, iſt es Ihre Abſicht, Ihre wüthenden Anhänger in das Haus der Ge⸗ meinen zu bringen?— iſt dem ſo, ſo benachrichtige ich Sie⸗ daß ich in dem Augenblick, wo einer eintritt, Ew. Lord⸗ ſchaft mein Schwert durch den Leib ſtoße!“ Ddieſer Wink war hinreichend und der Pöbel wandte ſich in ein anderes Quartier.— Ohne Zweifel waren in der franzöſiſchen geſezgebenden Verſammlung Männer, welche im Stande waren, den Sturm, den ſie hervorgerufen, zu beſchwören, und es auch gethan hätten, wenn ein entſchloſſener Mann ſie für die Folgen verantwortlich gemacht haben würde. 119 Die Nationalgarden zogen auf den Befehl der zwei Municipalbeamten ab, die in ihren Schaͤrpen erſchienen und ihnen verboten, ſich dem Willen des Volkes zu widerſetzen. Die Gitter wurden mit Schmiedehaͤmmern in Stuͤcke zerſchlagen. Die Thore des Palaſtes waren verſchloſſen, allein der Poͤbel kehrte eine Kanone gegen ſie, und erzwang den Ein⸗ gang; ſo wurden die Gemaͤcher der koͤniglichen Pracht, ſo lange der Stolz von Frankreich, vor der Menge aufgeſchloſſen, gleich denen des Koͤnigspalaſtes in Troja vor den Stuͤrmenden: 9 Apparet domus intus, et atria longa patescund Apparent Priami et veterum penetralia regum! Der Palaſt des ſtolzen Hauſes Bourbon lag ſo der rohen Begaffung und dem gemeinen Tritte des brutalen und wuͤthenden Poͤbels offen. Wer haͤtte den koͤniglichen Gruͤndern dieſes ſtattlichen Gebaͤu⸗ des, dem ritterlichen Heinrich von Navarra und dem prachtliebenden Ludwig XIV. einen ſolchen Vorfall zu prophezeien gewagt!— Die Thuͤr des Gemaches, welches in die Hausflur fuͤhrte, ward eigenhaͤndig von Ludwig, dem ungluͤcklichen Repraͤſentanten dieſer ſtolzen Linie, geoͤffnet. Mit Muͤhe entgieng er dem Stoß eines Bajonetts in dem Augenblick, als die Thuͤr geoͤffnet wurde. Es waren nur einige Hofleute und wenige Grenadiers von der Nationalgarde, die zu der Sektion Filles Saint Thomas gehoͤrten, um 12⁰0 ihn, die ſich durch ihre Anhaͤnglichkeit ausgezeichnet— hatten. Sie ſchoben oder noͤthigten vielmehr den Koͤnig, in eine Fenſtervertiefung, welche durch da⸗ vorſtehende Tiſche eine Art von Verſchanzung bil⸗ dete und ſtellten ſich als ſeine Vertheidiger vor ihn hin. Der Poͤbel ſchwang gleich beim Eintritt ſeine Piken gegen Madame Eliſabeth, welche ſie fuͤr die Koͤnigin nahmen. „Warum reißt ihr ſie aus ihrem Irrthum?“ ſprach die heroiſche Prinzeſſin zu ihrer Umgebung— „er haͤtte vielleicht meiner Schweſter das Leben ge⸗ rettet.“ Selbſt die Empoͤrer waren durch dieſen Zug von Herolsmus betroffen. Sie waren noch auf keines jener Hinderniſſe geſtoſſen, die ſolche Gemuͤther er⸗ hizen, und blutduͤrſtig machen, und es ſchien, als ob ihre Fuͤhrer keine beſtimmte Ordre erhalten haͤt⸗ ten, oder, wenn ſie ſolche auch erhalten hatten, den Augenblick, fuͤr deren Ausfuͤhrung nicht geeignet faͤnden. Die Aufruͤhrer zogen durch die Gemaͤcher hin an dem Koͤnige voruͤber, bei dem ſich nun die Koͤ⸗ nigin mit ihren Kindern eingefunden hatte. Ste wollte ſich, obgleich in der groͤßten perſoͤnlichen Ge⸗ fahr nicht von ihrem Ehegemahl trennen, und rief daß ihr Platz an ihres Mannes Sefte waͤre; die Kinder weinten vor Schrecken uͤber eine ſolche Graͤuel⸗ Szene. 1 Das Volk ſchien geruͤhrt, oder ihre Schritte ers mangelten vielmehr jener energiſchen Einmuͤthigkeit, die ſie ſo weit gefuͤhrt hatte. Einige ſchrien gegen das Veto— andere gegen die anticonſtitutionellen Prie⸗ ſter, wieder andere mit mehr Beſcheidenheit um Herabſezung der Brod⸗ und Fleiſchpreiſe. Einer von ihnen warf dem Koͤnig eine rothe Muͤze zu, die er ſich gleichmuͤthig aufſezte; ein anderer bot ihm eine Flaſche Wein, und befahl ihm auf das Wohl der Nation zu trinken. 1 Es war kein Glas bei der Hand, und er ſah ſich deßhalb genoͤthigt, aus der Flaſche zu trinken. Dieſe Auftritte waren grotesk und entwuͤrdigend, allein ſie wurden durch einen Akt von groͤßerer Wuͤrde wieder gut gemacht.. „Fuͤrchtet Euch nicht, Sire,“ ſprach einer der getreuen Grenadiere der Nationalgarde, die ihn vertheidigten. Der Koͤnig ergriff ſeine Hand, und druͤckte ſie an ſein Herz, mit den Worten:„urtheilt ſelbſt, ob ich mich fuͤrchte!“ Mehrere Fuͤhrer der Republikaner waren bei dieſem ſeltſamen Auftritte in den Gemaͤchern oder in den Gaͤrten gegenwaͤrtig, und ſprachen ſich nach ihren verſchiedenen Empfindungen verſchteden aus. „Welche Figur ſpielte er mit der rothen Nachtmuͤtze auf dem Kopf und der Flaſche in der Hand!“ ſagte Manuel der Procureur Syndic von Paris—„welch ein herrlicher Anblick!“ rief der Kuͤnſtler David, indem er uͤber das ſtuͤrmiſche Meer von Piken durch 50, 000 Haͤnde auf und nieder gewogt, hinblickte;—„zittert, 1²² zittert, Tyrannen!“ Sie ſind ordentlich im Zug,“ meinte der wilde Gorſas;„bald werden wir ihre Piken mit einigen Koͤpfen geſchmuͤckt ſehen.“ Die Haufen, welche in den Palaſt und in das Audienz⸗ zimmer des Koͤnigs gedrungen waren, ſtanden ſo dicht aufeinander, daß die Hitze faſt zum Erſticken war, und noch wollte die Verwirrung kein Ende nehmen. Spaͤt und langſam ſandte endlich die geſetzge⸗ bende Verſammlung eine Deputation von 25 Mit⸗ gliedern in den Palaſt. Ihre Ankunft machte dem Tumult ein Ende; Pethion, der Maire von Paris, und andere Obrigkeiten, die ſich bis dahin leidend verhalten hatten, ſuchten nun den Palaſt und die Gaͤrten von der bewaffneten Menge zu reinigen, und fanden ſo bereitwilligen Gehorſam, daß es am Tage lag, daß aͤhnliche Anſtrengungen den Aufſtand gaͤnzlich verhuͤtet haben wuͤrden. „Das arme und ehrliche Volk,“ wie es Robes⸗ pierre mit angenommener Salbung zu nennen pflegte, zog ſich dießmal mit unblutigen Piken zuruck, und wunderte ſich nicht wenig, daß es zu ſo harmloſen Zwecken verſammelt worden war. Daß eine ſo furchtbare Mine ohne irgend eine Wirkung ſprang, gab der Partei, auf deren Sicher⸗ heit es abgeſehen war, einige augenblickliche Vortheile. Wuͤrdige Maͤnner erhoben ſich gegen ſolch unge⸗ ſtrafte Verhoͤhnung der Krone, die immer noch eine conſtitutionelle Obrigkeit genannt wurde. 12²³3 Manner, die etwas zu verlieren hatten, erſchraken vor dem Gedanken an die Ruͤckkehr ſolcher Akte re⸗ volutionaͤrer Gewaltthat, und an das Beginnen von Unordnungen, welche leicht mit einer Pluͤnderung endigen koͤnnten. Es wurden Petitionen, von Tauſenden unter⸗ zeichnet, an die National⸗Verſammlung eingereicht, worin man bat, daß die Anfuͤhrer des Aufſtandes zur Strafe gezogen werden ſollten, indeß der Koͤnig in einem Tone der an Frankreich und Europa zu appelliren ſchien, fuͤr ſeine beleidigte Wuͤrde, die Verlezung des Palaſtes und die Gefaͤhrdung ſeiner Perſon Genugthuung verlangte; allein Lafayette an der Spize einer Armee, deren Ergebenheit er, wie man glaubte, beſaß, war der furchtbarſte Fuͤrſprecher. Er hatte zwei oder drei Tage vorher ein Schreiben, oder vielmehr eine Proteſtation an die National⸗ Verſammlung eingeſandt, in welcher er im Namen ſeiner und der Armee ſeine hoͤchſte Entruͤſtung uͤber die neuen Vorfaͤlle in Paris ausdruͤckte, und ſich uͤber die verſchiedenen Akte der Verlezung der Nation und die perſoͤnliche Verhoͤhnung des Koͤnigs beklagte. Dieſes Schreiben an und fuͤr ſich ward als eine enorme Beleidigung von den Jakobinern und Giron⸗ diſten angeſehen; allein der Aufſtand vom 2oten Junius veranlaßte den General zu kuͤhneren Schrit⸗ ten der Vermittlung. Am 28. deſſelben Monats hoͤrten alle Partelen 124 7 mit eben ſo viel Intereſſe, als Beſorgniß, daß Ge⸗ neral Lafayette in Paris ſey. Allein er kam nur mit einem Theil ſeines Stabs. Haͤtte er eine maͤßige Truppenmacht, auf deren Gehorſam er durche⸗— aus rechnen konnte, mit ſich gebracht, ſo haͤtte ſeine Gegenwart, vereint mit ſeinem Einfluß in Paris die Sache zu einem gluͤcklichen Ende bringen koͤnnen; allein der General mochte Bedenken tragen, die franzoͤſiſche Armee dem Feinde gegenuͤber zu ſchwaͤchen, und die Verantwortlichkeit alles deſſen uͤber ſich zu nehmen, was in ſeiner Abweſenheit vorfallen konnte, oder er durfte, wie ſich aus den folgenden Be⸗ gebenheiten ergibt, keinem Theile ſeines Heers das erforderliche Vertrauen ſchenken, ſo ſehr waren alle von dem Geiſte der Revolution angeſteckt. Immer zeigte jedoch ſeine Gegenwart ein Vertrauen auf die ihm zu Gebot ſtehenden Mittel, und war dar⸗ auf berechnet, die Gegenpartei mit Angſt und Be⸗ ſorgniß zu erfuͤllen. Er erſchien vor den Schranken der National⸗ Verſammlung, und ſprach mit einer Entſchiedenheit zu den Mitgliedern derſelben, wie man noch nie von Seiten derer vernahm, die an dieſem Orte die königliche Sache verfochten. Er fuͤhrte die Urheber der am zoſten Junius begangenen Gewaltthat auf, erklaͤrte, daß ſich mehrere Corps ſeiner Armee an ihn gewandt haͤtten, und daß er gekommen ſei, ſowohl ihr, als ſein Entſezen uͤber die reißenden Faktious⸗ 125 Fortſchritte auszuſprechen, und verlangte, daß die geeig⸗ neten Maßregeln getroffen wuͤrden, wodurch die Verthei⸗ diger von Frankreich geſichert waͤren, daß, waͤhrend ſie an den Graͤnzen ihr Herzblut vergoſſen, die Conſtitution, fuͤr welche ſie foͤchten, nicht durch Verraͤtherei im Innern zu Schanden ginge. 3 Dieſe Worte, aus dem Munde eines Mannes von großem Muth und gefuͤrchtetem Einfluß machten einen bedeutenden Eindruck. Die Girondiſten wollten zwar Lafayette zur Rede ſtellen, ob er vom Kriegsminiſter die Erlaubniß haͤtte, die Armee zu verlaſſen und aͤußerten hoͤhniſch, daß die Oeſterreicher ſich von der Graͤnze zuruͤck gezogen haben muͤßten, da der General der franzoͤſiſchen Armee nach Paris zuruͤckgekehrt ſei; allein der conſtitutionelle Ramond ſezte mit einer bedeutenden Stimmenmehr⸗ heit den Antrag durch, welcher Lafayette als den aͤlteſten Sohn der Freiheit mit Lobſpruͤchen uͤberhaͤufte und eine Unterſuchung uͤber die Urſachen und Abſich⸗ ten dieſer Schritte der Faction, woruͤber er ſich be⸗ klagte, anordnete. So nahm Lafayettes kuͤhnes Unternehmen einen gluͤcklichen Anfang; allein diejenigen, von welchen er unterſtuͤzt zu werden hoffte, vereinigten ſich nicht um ihn. Er hatte wahrſcheinlich die Abſicht, den Jako⸗ biner Klubb zu ſprengen, allein nicht die gehoͤrige Macht beiſammen, um ſeinem Unternehmen Nach⸗ einander liefen. 126 druck zu geben. Er ordnete fuͤr den naͤchſten Tag eine General⸗Muſterung der Nationalgarde an, in der Hoffnung ohne Zweifel, ſie wuͤrden die Stimme deſſen wieder erkennen, dem ſie ſonſt mit ſo einſtimmiger Unterwuͤrfigkeit Gehorſam geleiſtet hatten; allein dieſe Buͤrgermacht war keineswegs mehr in dem Zu⸗ ſtande, in welchem er ſie bei ſeinem Abgang ver⸗ laſſen hatte. Die verſchiedenen Grenadiercorps, die man hauptſaͤchlich aus den bemittelten Claſſen gezogen, waren unter dem Vorwand des allgemeinen Gleich⸗ heits⸗Principes umgeſchmolzen und mit ſolchen ver⸗ einigt, die aus Leuten der niederern Claſſen beſtan⸗ den, und eine mehr entſchiedene repolutionaͤre Ten⸗ denz hatten. Viele Offiziere, die Lafayette und der Konſtitu⸗ tion treu zugethan waren, hatte man ausgeſtoßen; und der Dienſt wurde durch gefliſſentliche Beſchimpf⸗ ung und Mißhandlung denen verleidet, die dieſelben Geſinnungen hegten, oder noch einige Anhaͤnglichkeit an ihren Monarchen zeigten. Auf ſolche Weiſe hatte Pethion, der Maire von Paris, Einfluß genug bei der Buͤrgerarmee, um die beabſichtigte Muſterung zu hintertreiben. Einige Grenadiers aus den verſchiedenen Stadtvierteln ſtell⸗ ten ſich zur Muſterung, allein ihre Anzahl war ſo gering, daß ſie in Eile und Deſtürzung wieder aus⸗ 127 Die in dieſem entſcheidenden Augenblick eng verbundenen Girondiſten und Jakobiner begannen ein Herz zu faſſen, wagten jedoch nicht, ihrer Seits den General in Verhaft zu nehmen. Mittlerweile fand Lafayette kein anderes Mittel, den Koͤnig zu retten, als ihm einen zweiten Verſuch zu einer Flucht aus Paris vorzuſchlagen, die er ſich mit allen ihm zu Geboth ſtehenden Mitteln zu un⸗ terſtuͤsen erbot. Der Plan ward beſprochen, allein zu Folge der Vorurtheile der Koͤnigin gegen Lafay⸗ ette, den ſie nicht ohne Grund(obgleich mit Un⸗ recht, wenn ſie ihm boͤſe Abſicht unterſchob) als den erſten Urſaͤcher von des Fönigs Ungluͤck betrachtete, aufgegeben. Nach zweitaͤgigem fruchtloſem Aufenthalt in Pa⸗ ris hielt es Lafayette fuͤr nothwendig, zu der unter ſeinen Befehlen ſtehenden Armee zuruͤckzukehren, und den Koͤnig ſeinem Schickſal zu uͤberlaſſen. Lafayette's Benehmen bei dieſer Gelegenheit, mag jenem Tadel entgegengehalten werden, der ſeinen Karakter bei dem Beginnen der Revolution traf; denn es unterliegt keinem Zweifel, daß er ſich im Junius 1792 zum Schuz der Perſon des Koͤnigs, und zur Erhaltung des Koͤnigthums der drohendſten Lebensgefahr ausſezte. Es mußte ihm jedoch eine Lehre ſein, die ſein Schickſal der Welt geben mag, wie gefaͤhrlich es namentlich iſt, den Anſtoß zu ge⸗ waltthaͤtigen und revolutſonaͤren Maßregeln zu ge⸗ 128 den, und welch gefaͤhrliche Vorgaͤnge ſolche Unbeſon⸗ nenheit denen bietet, welche aͤhnlicher Mittel ſich bedienen, um die Sache auf die hoͤchſte Spize zu ſtellen.“ Deer Zug nach Verſallles am öten Oktober 17 89, fuͤr welchen Lafayette gewiſſermaßen mitgewirkt, und wovon er fuͤr den Augenblick allen Vortheil gezogen hatte, war das Mittel, Ludwig in jene prekaͤre Lage zu verſezen, aus welcher er ihn nun ſo edelmuͤthig zu befreien, ſich bemuͤhte. Es war nicht weniger Lafayette, der durch fei⸗ nen eigenen General⸗Adjudanten die Perſon des Koͤ⸗ nigs von Varennes nach Paris zuruͤckbringen ließ; und nun empfahl er ihm die Flucht, und erbot ſich ſolche durch dieſelben Maßregeln zu unterſtuͤzen, welche ſein fruͤheres Dazwiſchentreten vereitelt hatte. 3 Troz der mißlichen Lage der koͤniglichen Partei hatte eine der vielen verfaſſungsmaͤßigen Obrigkei⸗ ten den Muth, ſich des ſchwaͤchern und mißhandel⸗ ten Theiles durch Gewaltsmaßregeln anzunehmen. Die Departementsbehoͤrde von Paris erklaͤrte ſich ge⸗ gen den Maire, legte ihm die Schuld der ſchmahlichen Auftritte vom zoſten Junius zur Laſt, und ſuſpen⸗ dirte ihn und Manuel⸗. Dieſe Verfuͤgung ward von dem Koͤnig beſtaͤtigt. Allein unter dem Schuze der Girondiſten und Ja⸗ kobiner appellirte Pethion an die Nationalverſamm⸗ lung, wo der Daͤmon der Zwietracht nun lnszuhre⸗ * 1²⁹ chen ſchien, da ſich wenigſtens drei durchaus von ein⸗ ander verſchiedene Parteien nebſt andern unzaͤhligen Meinungs⸗Schattirungen um den Vorrang ſtritten. In Mitte ſo verwickelter und getheilter Intereſſen, ſo manchfacher, wuͤthender Leidenſchaften unternah⸗ men es zwei Individuen, ein Frauenzimmer und ein Biſchoff, die allgemeine Eintracht wieder herzu⸗ 5 ſtellen, und zwar, ſonderbar genug, nicht ohne augen⸗ blicklichen Erfolg. Olympia des Gouges war eine leidenſchaftliche Freiheitsfreundinn, verband aber mit dieſer Leidenſchaft jene uͤberſpannte begeiſterte Stim⸗ mung, wie ſie ſich bei unſern Freunden, den Quaͤ⸗ kern, und andern Sekten findet, die von einer uͤber⸗ irdiſchen Liebe zum Menſchengeſchlecht beſeelt ſein wollen, und die Lehre der chriſtlichen Moral nach dem ſtrengſten Wortſinne deuten. 3 Dieſes Frauenzimmer hatte verſchiedene Schrif⸗ ten verbreitet, worin ſie allen Buͤrgern von Frank⸗ reich, und insbeſondere den Deputirten der Natio⸗ nalverſammlung ans Herz legte, ſich aller perſoͤnlichen Ruͤckſichten zu entſchlagen, und zum Wohle des Va⸗ terlands ſich mit Herz und Hand zu allgemeiner bruͤderlicher Eintracht zu vereinigen. Dieſe hoͤhere Eingebung, wie man ſie in den buͤrgerlichen Zwieſpalten in England genannt haben würde, ward vor die Nationalverſammlung gebracht und empfohlen von dem konſtitutionellen Biſchoff W. Seott's Merke. XVII. 9 130 von Lyons, dem Abbé l'Amourette. Dieſer gut⸗ muͤthige Redner wollte in den Parteiungen, welche die Nationalverſammlung zerſplitterten, einzig das Ergebniß eines ungluͤcklichen Irrthums, ein gegen⸗ ſeitiges Mißverſtaͤndniß der Meinungen der Einzel⸗ nen finden. „Ihr,“ ſprach er zu den republikaniſch geſinn⸗ ten Mitgliedern,„fuͤrchtet Euch vor einer ungebuͤhr⸗ ichen Hinneigung zu der Ariſtokratie;; Ihr fuͤrchtet Euch vor der Einfuͤhrung des eugliſchen Zweikam⸗ merſyſtems in die Konſtitution. Ihr zur rechten Hand mißverſteht dagegen Eure friedſamen Bruͤder, wenn Ihr glaubt, daß ſie auf die durch die Konſti⸗ tution eingeſezte Monarchie verzichten. Was an⸗ ders braucht es zur Hebung dieſer ungluͤckſeli⸗ gen Zwieſpalte, als daß jede Partei ſich gegen die ihm faͤlſchlich Schuld gegebenen Abſichten rei⸗ nigt, und vor der vollen Verſammlung der Konſti⸗ tution, wie ſie uns von der konſtituirenden Verſamm⸗ lung uͤbergeben worden, neue Treue ſchwoͤrt!“ Dieſe Worte wirkten wie ein Zauberſchlag auf die Verſammlung; die Deputirten jeder Partet, Roya⸗ liſten, Konſtitutionelle, Girondiſten, Jakobiner und Orleaniſten, ſtuͤrzten ſich gegenſeitig in die Arme, und ſchwuren unter Thraͤnen den feierlichen Eid, womit ſie auf die ihnen faͤlſchlich zugeſchriebenen An⸗ ſichten verzichteten. Man ſandte an den Koͤnig, damit er ſich mit 131 ihnen an dieſem Anblick der Eintracht, die ſo ſelt⸗ ſam und unerwartet erneut war, weiden koͤnne. Al⸗ lein dieſe, wenn gleich innigen, und fuͤr den Augen⸗ blick Alles uͤberwaͤltigenden Gefuͤhle waren wie Oel auf die raſende See gegoſſen, oder wie ein Schuß, quer in die Wellen eines Stroms gethan, durch ei⸗ nen augenblicklichen Impuls ihnen entgegenwirkt, ihren Lauf aber keine Sekunde aufhalten kann. Die Parteien verabſcheuten ſich gleich Le Sage's Daͤmo⸗ nen nur um ſo mehr dafuͤr, daß ſie gezwungen wur⸗ den, ſich zu umarmen, und von dem Namen und der Heimath des wohlwollenden Biſchoffs ward dieſe Szene noch lange ſpottweiſe Le Baisser D'Amourette und La Reconciliation Normande genannt. Die naͤchſte oͤffentliche Zeremonie zeigte, wie we⸗ nig der Parteigelſt durch dieſen einzelnen Auftritt niedergeſchlagen war. Des Koͤnigs Annahme der Konſtitution ward auf dem Marsfelde Angeſichts der Foͤderirten oder Ab⸗ geordneten der verſchiedenen Departements von Frank⸗ reich wiederholt; und die Figur, welche der Koͤnig bei dieſer Feierlichkeit ſpielte, bildete ein ſchneidendes und trauriges Seitenſtuͤck zu ſeiner gegenwaͤrtigen Lage in dem Staat. Mit gepudertem Haar und in— nach der alten Hofſitte geſtickten Kleidern ſchien er gegen alles Her⸗ kommen von Leuten der niedrigſten Klaſſe in der ſchlechteſten Kleidung umgeben, einem fruͤhern Zeit⸗ 9.. 5 13² alter anzugehoͤren, in der Gegenwart aber Geltung und Art verloren zu haben. Er wurde unter ſtren⸗ ger Bewachung und auf Umwegen, um den Hohn der Menge zu vermeiden, die ihren Beifallruf dem Maire von Paris, einem Girondiſten unter dem Ausruf „Pethion oder Tod!“ bewieß, nach dem Marsfelde gebracht.“ Als der Koͤnig vor den Altar trat, um der Feierlichkeit des Tages Genuͤge zu thun, hatte das Ganze eine ſo uͤberraſchende Aehnlichkeit mit ei⸗ nem Schlachtopfer, das vor den Opferaltar gefuͤhrt wird, daß ſelbſt die Koͤniginn daruͤber aufſchrack, ſchrie und beinahe in Ohnmacht fiel. Wenige Kinder nur rle⸗ fen:„Vire le rois! Dieß war das lezte Mal, daß Lud⸗ wig ſich oͤffeentlich ſehen ließ, bis er das Schafott beſtieg. Die Abreiſe Lafayette's erneuerte den Muth der Girondiſten, ſie trugen darauf an, ihn vor der Na⸗ tionalverſammlung in Anklageſtand zu verſetzen; al⸗ lein der Geiſt, den die Gegenwart des Generals er⸗ wekt hatte, war noch nicht verſchwunden; und ſeine Freunde in der Verſammlung uͤbernahmen ſeine Ver⸗ theidigung mit einem Muth, der ihre Gegner in Beſorguiß fezte. Auch war dieſe nicht ungegruͤndet. Der konſtitutionelle General konnte mit ſeiner Ar⸗ mee vor Paris ruͤcken, oder ſich mit den aͤußern Fein⸗ den abfinden, und zur Ausfuͤhrung eines ſolchen Pla⸗ nes von ihnen Huͤlfe bekommen. Die Girondiſten glaubten keine Zeit verlieren zu duͤrfen; ſie entſchlo⸗ ßen ſich, mit den Jakobinern nicht mehr anzuſtehen⸗ 133 deren Mangel an Entſchloſſenheit ſie das Fehlſchla⸗ gen des Aufſtandes vom zoſten Junius Schuld gaben. Sie beſchloßen bei naͤchſter Gelegenheit einen Theil der Departementalmacht zu verwenden, die ſich unter dem Namen von Foͤderirten in einzelnen Haufen der Hauptſtadt naͤherten. Die untergeordne⸗ ten Klubbs waren den Befehlen des Mutterklubbs der Jakobiner treulich nachgekommen, und hatten die tuͤchtigſten und uͤberſpannteſten Reroluttonsmaͤuner zu ihrer Verfuͤgung geſtellt.* Dieſe Truppen, oder wenigſtens der groͤßte Theil von ihnen zogen vor, einen Beſuch in Paris zu ma⸗ chen, ſtatt daß ſie geradezu nach ihrem Sammlungs⸗ orte Soisſons abgiengen. Sie betrachteten ſich als die bewaffneten Vertreter ihrer Heimath, und betrugen ſich als ſolche mit all dem Uebermuth, den das Tragen von Waffen denen einfloͤßt, die nicht an Kriegszucht gewoͤhnt ſind. Sie zogen in ſtarken Hau⸗ fen in den Garten der Tulllerien, und wenn Mit⸗ glieder der koͤniglichen Famille ſich zeigten, hoͤhnten ſie die Frauenzimmer mit ſchmuzigen Reden und un⸗ gebuͤhrlichen Geſaͤngen, die Maͤnner aber mit den graͤulichſten Drohungen. Die Girondiſten beſchloßen aus dieſen furchtbaren Stoffen fuͤr ſich eine Macht zu bilden, auf die ſie rechnen konnten. Barbaroux, einer der groͤßten Enthuſiaſten der Reolurion, ein gleich Seid in Voltairs Trauer⸗ 134 ſpiel, mit der hoͤchſten Begeiſterung fuͤr eine Sache erfuͤllter Juͤngling gegen deren Guͤte ihm nie ein Verdacht gekommen war, erbot ſich, ein Bataillon Foͤderirter in ſeiner Vaterſtadt Marſeilles aufzubrin⸗ gen, lauter Leute, die, wie er ſelbſt ſie beſchreibt, zu ſter⸗ ben, und wie der Erfolg zeigte, wenigſtens eben ſo gut zu morden wußten. Wenn man die unerfreuliche Liſte der gemeinen und blutgierigen Demagogen durchlaͤuft, ſo muß man nothwendig bei dem Kontraſte verweilen, den der edle und ſchwaͤrmeriſche Karakter Barbarvux's darbeut, welcher jung, ſchoͤn, edelmuͤthig, hochgeſinnt und uneigennuͤzig ſein Familiengluͤck und endlich ſein Leben einem enthuſiaſtiſchen obwohl mißverſtandenen Eifer fuͤr die Freiheit ſeines Vaterlandes opferte. Er war ſeit dem Anbeginn der Revoluntion einer ihrer groͤßten Verfechter in Marſeille, wo ſie mit all dem Feuer der Faction, unter dem Einfluß des ſuͤdlichen Himmeis bekaͤmpft und verfochten wurde. Er war ein Bewunderer der uͤberſpannten Schriften Marats und Robespierres geweſen; als er ſie aber perſoͤnlich kennen lernte, ward er von ihrer niedrigen Denkart und ihren barbariſchen Maßregeln empoͤrt, und wandte ſich zu den Girondiſten, um nach ihrem Sinne der Freiheitsgoͤttinn zu huldigen, deren Tempel durch die ſchoͤne und vollendete Buͤrgerin Roland gewartet wurde. Die Marſeiller marſchirten unter der Anfuͤhrung 13⁵ eines enthuſiaſtiſchen Anfuͤhrers nach dem Takte des ſchoͤnſten Liedes, das die Freihelt oder die Revolution hervorgerufen hatten, einher. Sie erſchienen in Paris; wo die Fremden zu Folge einer Ueberein⸗ kunft zwiſchen den Jakobinern und Girond iſten durch die Verbuͤndeten in den Vorſtaͤdten aufgenommen und durch alle andern der Faktion zu Gebot ſtehenden Mittel unterſtuͤzt werden ſollten. Solvereinigt ſoll⸗ ten ſie ſich der Municipalitaͤt verſichern, und ſich der Bruͤcken und Hauptpoſten der Stadt bemaͤchtigen, waͤh⸗ rend das Hauptchor vorruͤcken, und in dem Garten der Tuillerien ein Lager beziehen ſollte, wo die Verſchwornen nicht zweifelten, daß ſie maͤchtig ge⸗ nug ſeln wuͤrden, die Abdankung des Koͤnigs zu er⸗ zwingen, oder ſeine Abſezung zu erklaͤren. Dieſer Plan ſchlug fehl durch die Feigheit San⸗ terres, des oberſten Anfuͤhrers der Aufwiegler in den Vorſtaͤdten, der ſich verbindlich gemacht hatte, mit 40,000 Maun zu den Marſeillern zu ſtoßen. Sehr wenige der verſprochenen Huͤlfsvoͤlker erſchienen; allein die unerſchrockenen Marſeiller, obgleich nur 5oo an Zahl, zogen zum Schrecken der Einwohner durch die Stadt, ihre kuͤhnen ſchwarzen Augen ſuchten ariſtokratiſche Schlachtopfer, und ihre Ge⸗ ſaͤnge durch das wilde mauriſche Feuer des Suͤdens von Frankreich begeiſtert, erklaͤrten Koͤnigen, Prieſtern und dem Adel den Krieg. 136 In den Tulllerien warfen ſich die Foͤderirten mit einigen Grenadiren der Nationalgarde ab, wel⸗ che der Conſtitution getreu verblieben, ſogleich folgten jene ihrem gewohnten Ungeſtuͤm, griffen ſie an, ſchlugen und zerſtreuten ſie. Waͤhrend des Getuͤmmels ward Espremenil, welcher in dem Par⸗ lament an der Spize der Oppoſition gegen den Wil⸗ len des Koͤnigs ſtand, welcher der Zuſammenberufung der Reichsſtaͤnde und einſt der Abgott des Volkes, nun aber der Gegenſtand ſeines Haſſes war, niedergehauen, und ſollte ſo eben gemordet werden. „Steht mir bet,“ rief er Pethion zu, der in dieſe Szene der Verwirrung getreten war,—„ich bin Espremenil— einſt, wie ihr jezt, der Liebling des Volkes.“ Pethion, durch die Art dieſes Auf⸗ rufes geruͤhrt, eilte zu ſeiner Rettung herbei. Nicht lange nachher ſtarben beide unter der Guillotine,— das blutige Ende ſo mancher Volks⸗ lieblinge. Dieſer Auftritt ward von der conſtitu⸗ tionellen Parthei beklagt, allein, wie gewoͤhnlich durch allbereite Zeugen damit entſchuldigt, daß die 40 Buͤrgerſoldaten die 300 Marſeiller verhoͤhnt und an⸗ gegriffen, und deßhalb ſich ſelbſt ihr Ungluͤck zuzu⸗ ſchreiben haͤtten. Obgleich ihre Macht durch dieſe Bande von unbedingten Werkzeugen ihrer Plane verſtaͤrkt, fielen die Girondiſten in ihrem Angriff gegen Lafayette in der Nationalverſammlung voͤllig durch, ihre Anklage 137 wurde mit einer ſiegreichen Stimmenmehrheit ver⸗ worfen. Sie nahmen demnach zu Maßregeln offener Gewaltthat ihre Zuflucht, deren ſie ſich ohne Zweifel gerne enthalten haben wuͤrden, weil ſie ſolche nicht unternehmen konnten, ohne der Parthei der Jako⸗ biner ein gefährliches Uebergewicht gegen ſich zu geben. Das Manifeſt des Herzogs von Braunſchweig, und ſeine Ankunft an der franzoͤſiſchen Graͤnze an der Spize einer maͤchtigen preußiſchen Armee ward noch ein weiterer Beweggrund zum Aufſtand, wie der ſtarke Druck auf eine Dampfmaſchine das Zer⸗ plazen derſelben herbeifuͤhrt. Es war ein Ungluͤck fuͤr Ludwig, wie wir ſchon fruͤher unten erwaͤhnten, daß er ebenſo oft durch falſche Maßregeln ſeiner Freunde, als durch die Umtriebe ſeiner Feinde zu Schaden kam; dieſe Proklamation, welche von einem Monarchen ausgieng, der zu Gun⸗ ſten des Koͤnigs die Waffen ergriffen hatte, war in einer Sprache abgefaßt, welche die Gefuͤhle auch ſolcher Franzoſen empoͤrte, die noch einige Erge⸗ benheit gegen ihren Koͤnig zeigten. Alle Staͤdte oder Doͤrſer, die dem Verbuͤndeten auch nur den geringſten Widerſtand leiſten wuͤrden, waren in dieſem uͤbel berechneten Manifeſt mit Feuer und Schwerdt bedroht. Paris war nach ihm fuͤr die Sicherheit Ludwigs verantwortlich und die gaͤnzliche 138 Zerſtoͤrung dieſer großen Hauptſtadt als Strafe angedroht. Der Herzog von Braunſchweig wurde ohne Zwei⸗ fel dadurch verleitet, dieſen Ton anzunehmen, weil er dieß als ein leichtes Mittel der Unterdruͤckung der Revolution in Holland erprobt hatte; allein die Umſtaͤnde waren durchaus verſchieden. Holland war ein in politiſche Meinungen ge⸗ theiltes Land und ein großer Theil der beſtehenden Gewalten zu Gunſten des Statthalters geſtimmt. Frankreich dagegen ſtand gleich den Juden des Alter⸗ thums außer den Ausgewanderten, welche ſich in des Herzogs eigener Armee befanden, gegen Angriffe von außen vereinigt, obgleich unter ſich in viele er⸗ bitterte Parteien getheilt. Vor allen aber waren die Kraͤfte von Frankrelch, und Holland ſo verſchieden, daß eine Macht, welche das eine Land ohne viele Umſtaͤnde uͤberwaͤltigte, kaum hinlaͤnglich war, einer Nation, wie Frankreich, auch nur die unbedeutendſte Graͤnzfeſtung zu entreißen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieſe uͤbermuͤthige ſtolze Sprache von Seiten der Feinde die perſoͤnlichen Gefuͤhle jedes aͤchten Franzoſen empoͤrte, und ſie zu dem hartnaͤckig⸗ ſten Widerſtande gegen die Angreifenden vermochte, welche die Anmaßung hatten, ſie, bevor noch ein Scharmuͤtzel ſtatt gefunden, als ein erobertes Volk zu betrachten. Die Unklugheit des verbuͤndeten Ge⸗ nerals mußte der ungluͤckliche Ludwig entgelten, zu —j— 139 deſſen Gunſten er dieſe drohende Sprache gefuͤhrt hatte. Man begann ſeine Sache fur identiſch mit der der Feinde, und ſomit dem Wohle des Vaterlandes voͤllig entgegengeſezt, zu betrachten. Dieſe Anſicht verbreitete ſich allgemein unter den Buͤrgern von Paris. Um die Buͤrger zu ihrer Vertheidigung aufzu⸗ fordern, erklaͤrte die Nationalverſammlung, daß das Vaterland in Gefahr ſei; und um dieſe Erklaͤrung noch eindringlicher zu machen, wurde vom Hoſpital der Invaliden ſtuͤndlich eine Kanone geldst— Ban⸗ den von Militaͤrmuſik zogen durch die Straßen— man zog in aller Eile Mannſchaft zuſammen, als ob der Feind vor den Thoren ſtuͤnde— alle dieſe haſtigen und ſchleunigen Maßregeln der beſtehenden Gewalten ſchienen anzukuͤndigen, daß die Feinde in Tagesfriſt vor Paris erſchienen. Dieſe beunruhigenden und verwirrenden Bewegun⸗ gen, welche die Gefuͤhle von Furcht und Angſt einfloͤ⸗ ßen, erhoͤhten noch die Unpopularitaͤt Ludwigs, zu deſ⸗ ſen Gunſten ſeine Bruͤder und ſeine Verbuͤndeten die Hauptſtadt von Frankreich bedrohten. Durch das Zuſammentreffen dieſer Umſtaͤnde war die oͤffeutliche Stimme ſo ſehr gegen alles Koͤnig⸗ thum, daß die Girondiſten durch ihr Organ, Ver⸗ gniaud es wagten, den Koͤnig in der Verſammlung eines Einverſtaͤndniſſes mit dem Feinde oder zum wenigſten der Unterlaſſung gehoͤriger Vertheidigungs⸗ Maßregeln anzuklagen, und mit ausdruͤcklichen Wor⸗ 140 ten ſeine Abſezung verlangten. Der Redner drang jedoch nicht ſehr auf dieſen Antrag, indem er ohne Zweifel wuͤnſchte, daß man ſich der Macht, einen folchen Beſchluß durchzufuͤhren und zu erzwingen vorher verſichern muͤßte, was einzig nach einem toͤdlichen Kampf mit den lezten Vertheidigern der Krone geſchehen koͤnnte; daß aber ein Antrag der Art gemacht und unterſtuͤzt werden konnte, war ein deutlicher Beweis, wie wenig Achtung man uͤberhaupt dem Koͤnig in der Nationalverſammlung bezeugte.. Zu dieſem Kampf boten alle Parteien ihre Kraͤfte auf, und es ward ſtuͤndlich mehr offenbar, daß die Hauptſtadt in kurzem der Schauplaz eines furcht⸗ baren Auftrittes werden ſollte. ſinſiſſſſiſnſſiſinſſnſſſnſſſſſmnſſfſſnnſnennſſinin 7 8 9 10 11 12 13 14 15 1 1 6 7