. Walter Scott's ——— ſaͤmmtliche W e r —— Neu uͤberſetzt. 2— Sechs und zwanzigſter Band. c. Leben von Napoleon Buonaparte. Zweiter Theil. Stuttgart, bei Gebruder Franckh. 1 8 2 7. ——— . Leben von Napoleon Buonaparte, Kaiſers von Frankreich, mit einer Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolu⸗ tion. —-— Von BWalter Seot t. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von Geueral J. v. Theobald. Zweiter The il. Stuttgarr, bei Gebruͤder Franckh. 8227.. Leben von Napoleon Buonaparte. Erſtes Kapitel. Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolution. Zuſammentritt der Generalſtaaten.— Vorherrſchender Einfluß des dritten Standes.— Das Eigenthum iſt in dieſer Körverſchaft nicht hinlänglich vertreten.— Allgemeiner Karakter der Mitglie, der. Geſinnung des Standes der Adeligen— und der Geiſtlichkeit.— Plan, die drei Staͤnde in zwei Kammern abzutheilen.— Seine Vortheile— ſeine Mängel.— Die Geiſtlichkeit vereinigt ſich mit dem dritten Stande, der den Titel der Nationalverſammlung an⸗ nimmt.— Sie werfen ſich zu Geſetzgebern auf, und erklären alle frühern Fiskalverordnungen für ungeſetzmäßig.— Sie ſprechen ihren Entſchluß aus, ihre Seſſionen fortzuſetzen.— Königliche Sitzung— ſie endigt mit dem Siege der Verſammlung.— Par⸗ theien in dieſer Verſammlung.— Mounier— Konſtitutionelle— Republikaner.— Jacobiner.— Orleans. Necker, ein Miniſter von redlicher und aufrich⸗ tiger Denkart, und als Republikaner die oͤffentliche Meinung aus Grundſaͤtzen achtend, bedachte ungluͤck⸗ licherweiſe nicht, daß die oͤffentliche Meinung, um gut gebildet und richtig zu ſeyn, auf das Anſehen talentvoller und biederer Maͤnner gegruͤndet und der Volksgeiſt mit geſunden und tugendhaften Anſichten erfuͤllt ſeyn muß, wenn der Feind nicht Unkraut W. Seott's Werke. XXVI. 1 die g9 6 ſaͤen und das Volk es ſich, in Ermanglung eines heil⸗ ſamern Getreides, willig gefallen laſſen ſoll. Vielleicht fand ſich dieſer Miniſter auch weniger in ſeinem Elemente, wenn er Staatsangelegenheiten zu be⸗ handeln hatte, als wenn er in ſeiner beſondern Ei⸗ genſchaft als Finanzmann handelte. Wie dem auch ſein mag, Neckers Betragen glich demjenigen eines unentſchloſſenen Generals, der ſeine Bewegungen nach dem Gutachten eines Kriegsraths einrichtet. Er ſah die Nothwendigkeit nicht genug ein, daß die zu er⸗ fenden Maßregeln mehr von ihm ſelbſt, als von den Einfluͤterungen Anderer herſtammen ſollten, und nuͤtzte daher ſeine Stellung und hohe Beliebtheit bei dem Volke nicht, um ſolche allgemeine vorlaͤufige Anordnungen zu empfehlen, die den Einfluß der Krone in den Generalſtaaten geſichert haͤtten, ohne daß in die Rechte des Unterthauen Eingriffe gethan worden waͤren. Da Neckers Stillſchweigen Alles im Zweifel und der Eroͤrterung offen ließ, ſo hatten diejenigen Beweisgruͤnde, welche dem dritten Stande roͤßte Wichtigkeit beilegten, bei dem Publikum das meiſte Gewicht. Man erinnerte ſich, daß man bereits vergebens ſeine Zuflucht zu den Talenten des Adels und der Geiſtlichkeit in den zwey Seſſionen der Notabeln genommen hatte,— eine Verſammlung, die haupttaͤchlich aus den privilegirten Claſſen be⸗ ſtand, und deren Rath und Meinung ohne irgend einen entfprechenden Erfolg hervorzubringen, ertheilt 3 worden war. Das Parlament hatte ſich fuͤr unbe⸗ fugt zur Ergreifung der Maßregeln erklaͤrt, welche die dringende Noth des Koͤnigreichs erheiſchte. Das von dem Koͤnige angenommene Betragen verrieth Zweifel und Unſchluͤſſigkeit, wo nicht Unfaͤhigkeit. Der dritte Stand war daher die Rathsverſammlung, auf welche die Augen der Nation in dieſem kritiſchen Zeitpunkte gerichtet waren. „Was iſt der dritte Stand?“ So lautete der Titel einer Flugſchrift des Abbè Sieyes. Die Ant⸗ wort, welche der Verfaſſer gab, war der Art, daß ſie alle die herrlichen Ideen vermehrte, die ſich be⸗ reits in die Koͤpfe der Menſchen, in Betreff der Wichtigkeit dieſes Standes eingeniſtet hatten.„Der dritte Stand, ſagte er, begreift die ganze Nation Frank⸗ reichs in ſich, mit Ausnahme des Adels und der Geiſtlichkeit.“ Dieſe Anſicht machte ſo großes Gluͤck, daß die Notabelu den Vorſchlag machten, die Gemei⸗ nen oder der dritte Stand ſollten bei den General⸗ ſtaaten eine, dem vereinten Adel und der Geiſtlich⸗ keit gleichkommende Anzahl von Repraͤſentanten ha⸗ ben, und auf dieſe Art, im Punkte der verhaͤltniß⸗ maͤßigen Zahl, die Haͤlfte aller Abgeordneten bilden. Dieß waͤre jedoch vergleichungsweiſe von gerin⸗ ger Wichtigkeit geweſen, haͤtte man be ſchloſſen, die drei Staͤnde ſollten nicht als vereinte Koͤrper, ſon⸗ dern in 3 beſondern Kammern Sitzung halten, ſich berathen und abſtimmen. 8 Necker geſtand dem dritten Stande das Recht der zweifachen Repraͤſentation zu, allein er ſchien bereit, die alte Ordnung des Berathſchlagens und Abſtimmens in beſondern Kammern zu vertheidigen. Jeder Verſuch der Krone, ſich durch ihre eigene un⸗ unterſtuͤtzte Kraft zu behaupten, war bereits durch den erwachenden Geiſt des Landes vereitelt worden; und da die Geiſtlichkeit und der Adel durch innern Zwie⸗ ſpalt zerriſſen und durch den Volkshaß, der auf ihnen laſtete, geſchwaͤcht waren, ſo wuͤrde eine kuͤnſtliche Befeſtigung ihrer Kraft und eine innige Verbindung zwiſchen ihnen und der Krone erfordert worden ſeyn, um eine Gegengewalt gegen die volksthuͤmlichen An⸗ ſpruͤche der Gemeinen aufzuſtellen, die, wie man zu erwarten hatte, nicht nur von ihnen ſelbſt mit der hoͤchſten Kuͤhnheit behauptet, ſondern auch von der Nation hoͤchſt beguͤnſtigt werden mußten. Alles dieſes wurde jedoch großentheils dem Zufalle uͤber⸗ laſſen, waͤhrend jede Wahrſcheinlichkeit gegen die Annahme ſprach, daß es auf eine fuͤr die Monar⸗ chie vortheilhafte Weiſe werde angeordnet werden. Der Miniſter haͤtte auch, der Klugheit gemaͤß, dafuͤr beſorgt ſeyn ſollen, ſich in dem dritten Stande ſelbſt eine Parthei zu ſichern, die einigen Anſtrich von Royalismus gehabt haͤtte. Dies haͤtte ohne Zwei⸗ fel durch die gewoͤhnlichen miniſteriellen Kuͤnſte ge⸗ ſchehen koͤnnen, wodurch man Einfluß auf die Wahl ausuͤbt, oder fuͤr die Intereſſen der Krone einige — — 9 der vielen talentvollen Maͤnner gewinnt, die, entſchloſ⸗ ſen, ſich in dieſer neuen Welt emporzubringen, noch nicht beſtimmt haben, auf welche Seite ſie ſich ſchla⸗ gen wollen. Allein Necker, weniger bekannt mit den Menſchen, als mit der Mathematik, glaubte jed Mitglied habe Einſicht genug, um die dem oͤffent⸗ lichen Wohle erſprießlichſten Maßregeln zu ge wahren, und Tugend genug, um ſie getreu und ausſchließlich zu befolgen. Umſonſt war es, daß der Marquis von Bouillé auf die Gefahren aufmerkſam machte, die aus der den Generalſtaaten zugedach⸗ ten Konſtitution entſpringen muͤſſen und behauptete, der Miniſter bewaffne die Volksparthey der Nation gegen die zwei privilegirten Staͤnde, und die letz⸗ tern werden bald die Wirkungen ihres durch Eigen⸗ nutz und Eitelkeit die thaͤtigſten Leidenſchaften der Menſchen, angefachten Haſſes erfahren muͤſſen. Nec⸗ ker antwortete ruhig, man muͤſſe ein nothwendi⸗ ges Vertrauen auf die Tugenden des menſchlichen Herzens ſetzen;— die Maxime eines trefflichen Menſchen, aber nicht die Marime eines erleuchteten Staatsmannes ⁵), der nur zu gut wiſſen muß, wie oft die Tugenden und die Klugheit der menſchlichen Natur von ihren Vorurtheilen und Leidenſchaften uͤberwaͤltigt werden. *) Siehe Mémoires de Bouillé. Frau von Stael gibt ſelbſt dieſe Schwache in dem Karakter eines Vaters zu, auf den ſie mit Recht ſiolz war.—„Er vertraute zu ſehr, man muß es geſtehen, auf die Herrſchaft der Vernunft,“ Betrachtungen über die Revol. Band I. S. 71. 3 2 10 In dieſem Zuſtande der unſchluͤſſigkeit und des gaͤnzlichen Mangels an Vorbereitung ſollte der Koͤ⸗ nig die Volksrepraͤſentanten empfangen, deren Wahl gaͤnzlich dem Zufalle uͤberlaſſen worden war. Und doch haͤtte ficherlich die Krone die bisher beinahe die einzige anerkannte Macht in Frankreich geweſen war, bei der neuen, ſich verſammelnden Gewalt mit Ver⸗ theidigern verſehen werden ſollen. Wenigſtens haͤtte der Miniſter ſich mit irgend einem Syſteme oder Plane ausruͤſten ſollen, das dieſer hoͤchſt wichtigen Verſammlung als Richtſchnur bei ihren Berathun⸗ gen gedient haͤtte; allein man machte keinen einzi⸗ gen Verſuch, die Zuͤgel zu ergreifen, die locker auf dem Nacken derer lagen, die zum erſten Male an den Staatswagen geſpannt wurden. Alles beſtand in der bloßen Erwartung, in der bloßen unbeſtimm⸗ ten und ungegruͤndeten Hoffnung, daß dieſe Menge von Rathgebern Heil und Rettung ſchaffen werde.*) Bisher haben wir den ſtillen und milden, aber ſchnellen und maͤchtigen Strom der Neuerung be⸗ ſchrieben, wie er dem Rande des ploͤtzlichen Abgrun⸗ des zuſtuͤrzte. Wir wollen jetzt den jaͤhen Tumult und die Schrecken des Waſſerſturzes betrachten. Die Generalſtaaten von Frankreich traten zu *) Ein Wortſviel jener Zeit weiſſagte einen ganz andern Erfolg. — Eine ſo große Menge von Staatsärzten, ſo lautete es, die zuſammengekommen ſind, um über das Wohl der Nation ſich zu berathſchlagen, zeugen von drohender Gefahr und dem nahen Tode des Patienten. —— ———— —— 11 Verſailles den 15. Mai 1789 zuſammen, und dies war unſtreitig der erſte Tag der Revolution. Be⸗ reits hatte der Abbé Sieyes in der oben erwaͤhnten Flugſchrift die Frage aufgeworfen:„Was iſt der der dritte Stand?“ Er iſt die ganze Nation.— „Was war er bisher, in einem politiſchen Lichte be⸗ trachtet, geweſen?“ Nichts.—„Was ſoll er gegen⸗ waͤrtig verden?“ Etwas. Haͤtte die letzte Antwort gelautet: Alles, ſo haͤtte ſie ſich mehr der Wahrheit genaͤhert, denn es lag bald am Tage, daß dieſer dritte Stand, den im Jahre 1614 die Adeligen nicht als*) einen juͤngern Bruder ihres Standes hatten anerkennen wollen, jetzt gleich dem Stabe des Propheten, alle diejenigen verſchlingen ſollte, die ſeine Macht theilen wollten. Selbſt inmitten des glaͤnzenden Gepraͤnges, an der das Ceremoniel der erſten Sitzung ſo reich war, zeigte es ſich deutlich, daß die Wuͤnſche, die Hoff⸗ nungen und der Antheil des Publikums ausſchließ⸗ lich auf die Stellvertreter des dritten Standes ge⸗ richter waren. Die reichen Gewaͤnder und wallen⸗ den Federn des Adels und die ehrwuͤrdigen Amts⸗ kleider der Geiſtlichkeit hatten nichts, was das df⸗ fentliche Auge feſſeln, ihre hochklingenden und em⸗ *) Als die Stände des Königreichs mit drei Brüdern ver⸗ glichen wurden, von denen der dritte Stand der züngſte ſei, ſo erklärte der Baron von Seneci, daß die Gemeinen von Frankreich kein Recht haben, ſich eine ſolche Verwandt chaft mit den Adeligen anzumaßen, denen ſie ſowohl bhinſichtlich ihrer Geburt, als ihres Werthes ſo weit nachſtehen. 12 phatiſchen Titel nichts, was das Ohr gewinnen konnte; die Erinnerung an die hohen Thaten des einen Standes und der lange geheiligte Karakter des an⸗ dern ermangelten jedes Einfluſſes auf das Gemuͤth der Zuſchauer. Alle Augen waren auf die in Ge⸗ maͤßheit ihrer niedrigen Geburt und Beſchaͤftigung plebejiſch und beſcheiden gekleideten Mitglieder des dritten Standes, als auf den einzigen Theil der Verſammlung, gerichtet, von welchem ſie das Licht und den Rath erwarteten, den die Zeit erheiſchte. Es waͤre albern, behaupten zu wollen, der Ver⸗ ein, der die Aufmerkſamkeit der Nation ſo ganz feſ⸗ ſelte, habe der Talente ermangelt, die ihn deſſel⸗ ben wuͤrdig gemacht haͤtten. Im Gegentheile ent⸗ hielt der dritte Stand einen großen Theil der Ge⸗ lehrſamkeit, der Einſicht und der Beredſamkeit des Koͤnigreichs; allein ungluͤcklicherweiſe beſtand er aus Maͤnnern, die mehr Theoretiker, als Praktiker waren, aus Maͤnnern, die ſich mehr zum Veraͤndern als zum Erhalten oder Ausbeſſern ſich eigneten; und vor Allem aus Maͤnnern, deren Intereſſe, im Allgemei⸗ nen geſprochen, die Erhaltung des Friedens und der Ordnung, vermoͤge des Beſitzes eines großen Grund⸗ eigenthumes im Lande, nicht unmittelbar beruͤhrte. Das gehoͤrige Verhaͤltniß, in welchem in dem brittiſchen Unterhauſe Talente und Eigenthum re⸗ praͤſentirt werden, iſt vielleicht die beſte Burgſchaft fuͤr den Beſtand der Verfaſſung. Kaͤhn, unterneh⸗ 13 mend, nach Auszeichuung und Macht ſtrebend, laſſen talentvolle Maͤnner keine Gelegenheit vorbei, ſolche Maßregeln zu empfehlen, welche das allgemeine Sy⸗ ſtem verbeſſern, und diejenigen, von welchen ſie vorgeſchlagen werden, zur Auszeichnung erheben, waͤhrend beguͤterte Maͤnner, von dem Wunſche ge⸗ leitet, den Beſitz ihres Eigenthums zu ſichern, ge⸗ wiſſenhaft und ſorgfaͤltig jede neue Maßregel unter⸗ ſuchen und ſtandhaft alle diejenigen verwerfen, die nicht die unbezweifeltſte Gewißheit darbieten, daß ſie dem Staate nuͤtzen werden. Das Talent, leb⸗ haft und thaͤtig, verlangt Beſchaͤftigung; das Eigen⸗ thum, vorſichtig, zweifelhaft, argwoͤhniſch auf jede Neuerung, wirkt mehr als Ordner, denn als Im⸗ puls auf die Maſchine, indem es verhindert, daß ſie ſich zu raſch bewegt, oder ſich zu ſchnell veraͤn⸗ dert. Die zu große Vorſicht derer, durch welche das Eigenthum repraͤſentirt wird, kann zwar manchmal eine vorgeſchlagene Beſſerung verzoͤgern; allein noch weit haͤufiger verhindert ſie raſche und gewagte Ver⸗ ſuche. Wenn man einen Blick auf die Parlaments⸗ geſchichte von zwei Jahrhunderten wirft, ſo kann man leicht gewahren, wie viel praktiſche Weisheit aus dem Einfluſſe entſprang, den diejenigen Mit⸗ glieder des Parlaments ausuͤbten, die man Land⸗ edelleute nennt. Frei von der Begier, ſich durch ihre Beredtſamkeit auszuzeichnen, und an den ge⸗ woͤhnlichen Debatten Theil zu nehmen, verſchaffen 11 ſie ihrem geſunden und unerſchrockenen Verſtande, bei jeder wichtigen Kriſis auf eine Art Gehoͤr und Eingang, die ſowohl von dem Miniſterium als von der Oppoſition des Tages— von den erklaͤrten Staats⸗ maͤnnern des Hauſes, deren taͤgliches Geſchaͤft die Geſetzgebung iſt, und deren Gedanken den oͤffentlichen Geſchaͤften geweiht ſind, weil ſie keine eigenen ha⸗ ben, die große Aufmerkſamkeit verdienten— ge⸗ achtet wird. In dieſem großen und hoͤchſt wichtigen Punkte der Repraͤſentation war der dritte Stand von Frankreich nothwendig mangelhaft; in der That der Theil der franzoͤſiſchen Konſtitution, der, ohne den Landedelleuten Englands genau zu entſprechen, ihnen am meiſten glich, war ein Theil des Landadels von Frankreich, der in dem Stande der Adeligen praͤſentirt wurde. Ein Edikt, das dieſe Landeigen⸗ thuͤmer, und vielleicht die niedere Geiſtlichkeit, von ihren eigenthuͤmlichen Staͤnden getrennt, und ihre Vertreter denen des dritten Standes beigemiſcht haͤtte, wuͤrde der letztern Verſammlung eine verhaͤlt⸗ nißmaͤßige Achtung der weltlichen oder der geiſtlichen Grundeigenthuͤmer beigebracht haben; und da ſie bei jenen anatomiſchen Experimenten, denen ihr Eigen⸗ thum unterworfen werden ſollte, eine Stimme ge⸗ habt haben muͤßten, ſo kann man annehmen, daß ſie die Anwendung des Skalpirmeſſers nur im Falle der aͤußerſten Nothwendigkeit erlaubt haben wuͤrden. Statt deſſen wurden der Adel und die Geiſtlichkeit bald 15 auf den Zergliederungstiſch gelegt, und allen Staats⸗ quackſalbern preisgegeben, die, unbekuͤmmert um ihre Leiden, die fuͤr herrliche Gegenſtaͤnde hielten, an denen ſie dieſe oder jene Lieblingshypotheſe bewaͤhren koͤnnten. Waͤhrend die Eigenthuͤmer ausgedehnter Laͤnde⸗ relen großentheils von der Repraͤſentation des drit⸗ ten Standes ausgeſchloſſen wurden, fuͤllten ſich ſeine Reihen mit ſolchen Klaſſen, die im Theoretiſchen Neues ſuchen, und es im Praktiſchen zu benutzen pflegen. Es wurden eigentliche Gelehrte dahin ge⸗ rufen, um, wie ſie hofften und erwarteten, Theorien zu verwirklichen, die groͤßtentheils unvereinbar mit dem gegenwaͤrtigen Zuſtande der Dinge waren, bei welchem— um einen ihrer Lieblings⸗Ausdruͤcke zu gebrauchen,—„der Geiſt noch nicht den ihm ge⸗ buͤhrenden Rang erhalten hatte.“ Viele auch von den Repraͤſentanten des dritten Standes waren Rechts⸗ gelehrte von der niedern Klaſſe; denn ungluͤcklicher⸗ weiſe wurden die aufgeklaͤrteren und karaktervolleren Mitglieder kauch dieſes Berufes durch ihren Rang in den Stand des Adels gerufen. Mit dieſen waren Geiſtliche ohne Pfruͤnden und Aerzte ohne Patienten vereinigt; Maͤnner, die ihre Erziehung im Allge⸗ meinen in der niederen Geſellſchaft, in der ſie ſich hewegen, wichtig macht, und die verhaͤltnißmaͤßig an⸗ maßend, und von ihrer Geſchicklichkeit zu ſehr einge⸗ nommen ſind, wenn ſie in eine hoͤhere uͤber ihrer f 16 gewoͤhnlichen Sphaͤre ſtehende Geſellſchaft vorruͤcken. Es waren auch viele Banquiers da,— Spekulanten in der Politik, wie bei ihrem gewoͤhnlichen Geſchaͤfte der Aktien⸗Wucherei; und unter den ſo eben be⸗ zeichneten Klaſſen befanden ſich einige, aus ihrem Stande wegen Mangels an Karakter vertriebene Adelige, die gleich dem ſittenloſen Mirabeau,— einem moraliſchen Ungeheuer— ſeiner Talente und ſeines Mangels an Grundſaͤtzen wegen, von ihrem ange⸗ nommenen Standpunkte aus, die Rechte der Klaſſe bedrohten, und, gleich Ausreißern jeder Art, bereit waren, die Feinde, zu welchen ſie geflohen waren, in die Verſchanzungen der Freunde zu fuͤhren, die ſie vergeſſen hatten, oder von denen ſie verbannt worden waren. Mit dieſen gefaͤhrlichen Elementen waren auch einige Individuen vermengt, die nicht blos Talente und Rechtſchaffenheit, ſondern auch ei⸗ nen achtungswerthen Antheil von geſundem Men⸗ ſchenverſtande, und richtiger Urtheilskraft beſaßen, die aber weniger dem Streben nach Umwaͤlzung ent⸗ gegen wirkten, als ſie es durch ihre Beweisgruͤnde rechtfertigten, oder durch ihr Beiſpiel beſchoͤnigten. Im Anfange gleich gab der dritte Stand den feſten Entſchluß zu erkennen, die zwei andern Staͤnde des Staates, wo nicht ruͤckſichtlich ihres Standes, doch ruͤᷣckſichtlich ihrer Bedeutung, zu vernichten, und die ganze Macht in ſeine Haͤnde zuſammen zu zwaͤn⸗ gen.. Es — — — . 17 2 Es muß den Gemeinen zugegeben werden, daß der Adel ſich ein unmaͤßiges Uebergewicht uͤber die mittlere Klaſſe angemaßt hatte, das ganz unver⸗ traͤglich mit der ihren Mitbuͤrgern gebuͤhrenden Ach⸗ tung, und unvereinbar mit dem Geiſte erleuchteter Zeiten war. Sie erfreuten ſich mancher Vorrechte, die den uͤbrigen Theil der Nation herabwuͤrdigten, und anderer, die ein ſchreiendes Unrecht waren, wo⸗ runter ihre Steuerfreiheit gerechnet werden mußte. In einen Stand des Koͤnigreichs verſammelt, ließen ſie ſich von dem esprit de corps beherrſchen, und zeigten feſt an den Vorrechten ihres Standes haͤngend, wenig Bereitwilligkeit, die von dem Geiſte der Zeit er⸗ heiſchten Opfer darzubringen; obſchon ſie dadurch Gefahr liefen, ſich das, was ſie zu bewilligen ſich weigerten, gewaltſam entriſſen zu ſehen. Sie wa⸗ ren oͤffentlich und unklugerweiſe halsſtarrig, wo ſie, ſowohl aus Grundſaͤtzen, als aus Klugheit— nicht nur ihrer ſelbſt, ſondern auch des Monarchen we⸗ gen— fuͤgſam und nachgiebig haͤtten ſein ſollen. Dooch laßt uns gerecht gegen dieſen ritterlichen und ungluͤcklichen Menſchenverein ſein. Sie beſa⸗ ßen den Muth, wenn auch nicht die Geſchicklichkeit oder die Kraft ihrer Ahnen, und waͤhrend wir die Hartnaͤckigkeit tadeln, mit der ſie an nutzloſen und verjaͤhrten Vorrechten feſt hielten, wollen wir uns erinnern, daß dieſe ein Theil ihres Erbes waren, dem kein Menſch gerne entſagt, und das kein Mann W. Scott's Werke. XXVI. 2 * 18 von Muth bloßen Drohungen abtritt. Wenn ſie ſich darin irrten, daß ſie von Anfang an ſich weiger⸗ ten, einen Geiſt der Verſoͤhnung und der Nachgie⸗ bigkeit anzunehmen, ſo hatte keine Menſchengattung je ſo hart dafuͤr zu buͤßen, daß ſie Anſtand nahm, einer Aufforderung zu gehorchen, die ihr Handlun⸗ gen von ſo ungewoͤhnlicher Selbſtverlaͤugnung aufer⸗ legte. 3 Die Geiſtlichkeit hielt nicht weniger an den Vorrechten der Kirche feſt, als der Adel an ſeinen beſon⸗ dern Feudalgerechtſamen. Es war bereits deutlich ge⸗ zeigt worden, daß das Eigenthum der geiſtlichen Staͤnde eben ſo gut, als jede andere Art von Ei⸗ genthum, zur Beſtreitung der Beduͤrfniſſe des Staa⸗ tes beitragen ſollte; und die philoſophiſchen Mei⸗ nungen, die ihre Glaubensſaͤtze bekaͤmpft, und ihre Perſonen laͤcherlich, ſtatt ehrwuͤrdig gemacht hatten, konnten, wie zu befuͤrchten ſtand, die Anhaͤnger der⸗ ſelben bewegen, ihre Abſichten auf das Ganze, ſtatt auf einen Theil, auf alles Kirchengut naͤmlich, aus⸗ zudehnen. Sich entfernt haltend, bewegten ſich da⸗ her ſowohl der erſte, als der zweite Stand, wie es die beſondern Intereſſen eines jeden mit ſich brach⸗ ten; und beide bemuͤhten ſich, den herannahenden Sturm durch die Verzoͤgerung der Berathſchlagun⸗ gen der Generalſtaaten abzulenken. Sie hegten hauptſaͤchlich den Wunſch, ihre individuelle Wichtig⸗ keit, als getrennte Staͤnde zu behaupten, und berie⸗ 19 3 fen ſich auf den Gebrauch des Jahres 1614, nach welchem die drei verſchiedenen Staͤnde in drei ver⸗ ſchiedenen Verſammlungen Sitzung hielten und ab⸗ ſtimmten. Allein der dritte Stand, der von Anfang an ſeine Kraft fuͤhlte, war entſchloſſen, ein Verfah⸗ ren zu waͤhlen, wodurch ſeine Kraft erhoͤht und be⸗ feſtigt werden koͤnnte. Die zweifache Repraͤſenta⸗ tion hatte ihn, hinſichtlich der Anzahl, den beiden andern Staͤnden gleich gemacht; und da er einiger Unterſtuͤtzung von Seiten des niedern Adels, und ei⸗ ner anſehnlichen Parthei unter der niedern Geiſt⸗ lichkeit gewiß war, ſo mußte der Beiſtand dieſer zwei Minoritaͤten, in Verbindung mit ſeiner eige⸗ nen Anzahl ihm ein nothwendiges Uebergewicht bei jeder Abſtimmung verſchaffen, in dem Falle naͤmlich, daß die drei Kammern in eine einzige verſchmolzen werden konnten. Auf der andern Seite ſahen die Geiſtlichkeit und der Adel, daß eine Vereinigung der Art alle ihre Vorrechte und ihr ganzes Eigenthum der Willkuͤhr der Gemeinen preis geben wuͤrde, denen die Verei⸗ nigung der Kammern in eine einzige eine uͤberwie⸗ gende Majoritaͤt in dieſer Verſammlung verſchaffen muͤßte. Sie konnten nicht erwarten, daß man von dieſer, einmal erworbenen, Macht einen beſcheidenen Gebrauch machen werde; denn nicht nur hatte man ihre wirklich verhaßten Vorrechte durch alle Batte⸗ rien der Vernunft und des Spottes angegriffen, „ 20 ſondern auch die Erinnerungen fruͤherer Jahrhun⸗ derte durchwuͤhlt, um laͤcherliche Albernheiten und verabſcheuungswuͤrdige Grauſamkeiten aufzufinden, welche die Beſitzer der Feudalmacht ſich hatten zu Schulden kommen laſſen, und die nun ſaͤmmtlich den gegenwaͤrtig bevorrechteten Klaſſen beigeſchrieben, und mit manchen Erdichtungen unſaͤglicher Graͤuelthaten in der Abſicht vermengt wurden, dies Syſtem, deſ⸗ ſen Zerſtoͤrung man bezweckte, in einem noch ſchwaͤr⸗ zern Lichte erſcheinen zu laſſen*). Jeder Beweg⸗ grund des Eigennutzes und der Selbſterhaltung be⸗ wog daher die zwei erſten Kammern, wo moͤglich die beſondere Individualitaͤt ihrer getrennten Klaſſen zu behaupten, und das ihnen bisher beigelegte Recht zu gebrauchen, ihre eigenen Intereſſen durch ihre getrennten Stimmen, als beſondere Koͤrperſchaften, zu beſchuͤtzen. Andere, welche tiefer blickten und weniger ſelbſt⸗ ſuͤchtig urtheilten, hielten es fuͤr hoͤchſt gefaͤhrlich, ſo⸗ wohl die ganze Macht des Staates, die, welche der Krone blieb, ausgenommen, in Einen maͤchtigen Koͤrper zu verſchmelzen, der allen den raſchen An⸗ trieben ausgeſetzt ſein mußte, denen die Volksver⸗ *) Man behauptet z. B. mit ernſthafter Miene, ein Grund⸗ eigenthümer einer gewiſſen Gegend habe ein Feudalrecht be⸗ ſeſſen, das ihm erlaubt habe, bei ſeiner Rückkehr von des .;; 2 3;; k Jagd zwei ſeiner Vaſallen zu tödten, ihnen die Bäuche auf zureißen, und ſeine Füße in drlhden Eingeweiden zu wärmen 21 ſammlungen, wie Seen den Winden, blosgeſtellt ſind, als die Perſon, ſo wie das Anſehen des Koͤ⸗ nigs mit dem, was nothwendig, in Augenblicken der Begeiſterung, als der Wille des ganzen Volkes er⸗ ſcheinen mußte, in eine einſame und diametriſche Oppoſition zu bringen. Solche Staatsmaͤnner haͤt⸗ ten es gerne geſehen, daß die zwet andern Kammern eine unmittelbare Gegengewalt gegen die volksthuͤm⸗ lichen Rathſchlaͤge des dritten Standes gebildet haͤt⸗ ten. Dieſe beiden Kammern haͤtten, wie in Eng⸗ land, in eine einzige vereint werde koͤnnen, und wuͤrden ſowohl in Betracht des Eigenthums und Wohlſtands, als der Achtung, die das Volk, wenn es nicht unter dem Einfluſſe von demagogiſchen An⸗ trieben ſteht, ihm ſelbſt zum Trotze, nicht umhin kann, fuͤr Geburt und Rang zu fuͤhlen, eine achtungs⸗ werthe Macht gebildet haben. Eine ſolche Koͤrper⸗ ſchaft waͤre, vorausgeſetzt die Stuͤrme der Zeit haͤt⸗ ten ihre feſte Gruͤndung erlaubt, ein ſtarker Damm zwiſchen dem Throne und der ſtuͤrmenden Fluth der Volksmeinung geweſen; und der Monarch haͤtte ſich die peinliche und gefahrvolle Aufgabe erſpart, ſich dem demokratiſchen Theile der Konſtitution perſoͤn⸗ lich, unmittelbar und ohne irgend eine Huͤlfe oder Stuͤtze zu widerſetzen. Vor Allem wuͤrde man ver⸗ mittelſt eines ſolchen Oberhauptes Zeit erhalten haben, um diejenigen Maßregeln, die in der Ver⸗ ſammlung der Volksrepraͤſentanten ſchnell durchge, 22 gangen waͤren, mit kaͤlterem Blute noch einmal zu pruͤfen. Die Geſchichte der Neuerungen belehrt uns, daß die mittelbaren und unvorhergeſehenen Folgen jeder großen Veraͤnderung eines beſtehenden Sy⸗ ſtems zahlreicher und ausgedehnter ſind, als dieje⸗ nigen, welche, ſei es nun von den Vertheidigern oder den Gegnern der Umwandlung, vorhergeſehen und in Rechnung gebracht worden waren. Die Vor⸗ theile einer Konſtitution, bei welcher jede Maßregel des geſetzgebenden Koͤrpers nothwendig zweimal von getrennten Senaten eroͤrtert werden muß, die unter verſchiedenen Eindruͤcken handeln, und zugleich einen heilſamen Aufſchub bewirken, waͤhrend deſſen die Hitze der Gemuͤther ſich legen, und irrige Anſichten verbeſſert werden koͤnnen, bedarf keiner weitern Be⸗ leuchtung. Man muß jedoch geſtehen, daß jedem Verſuche, den Adeligen, als einer beſondern Kammer, Gewicht zu verſchaffen, die groͤßten Hinderniſſe in dem Wege ſtanden. Der dritte Stand im Allgemeinen betrach⸗ tete Reformen, welche die Gerechtſame der bevor⸗ rechteten Klaſſen vernichteten, als die geeignetſten Mittel zur Wiedergeburt des Koͤnigreichs im Allge⸗ meinen, und wuͤrde mit dem tiefſten Argwohne eine Inſtitution, wie die eines Oberhauſes, betrachtet ha⸗ ben, da ſie diejenigen Theile, welche unter jenen Veraͤnderungen hauptſaͤchlich zu leiden hatten, in den Stand ſetzte, denſelben Schwierigkeiten in den 23 Weg zu ſtellen, oder ſie gaͤnzlich zu verhuͤten. Es war natuͤrlich zu erwarten, daß die in ein Oberhaus vereinigten Geiſtlichen und Adeligen etwas parthei⸗ iſche Richter bei der Entſcheidung der Frage von der Beſchraͤnkung und Aufhebung ihrer ausſchließli⸗ chen Vorrechte ſein wuͤrden; und, außer der Miß gunſt, in der ſie als Beſitzer und Vertheidiger von Rechten, welche in die Freiheiten des Volkes ein⸗ griffen, bei den Gemeinen ſtanden, hatte man mit Recht zu befuͤrchten, daß ſie die fuͤr ſie beſtimmte Geißel, wenn ſie ſie in ihre Haͤnde bekaͤmen, mit der vorſichtigen Maͤßigung des Junkers in Cervan⸗ tes Romane gebrauchen wuͤrden. Auch wuͤrden, da die Nation ſo ſehr von Partheien zerriſſen war, zwei hinſichtlich ihres Karakters und ihrer Zuſam⸗ menſetzung ſo verſchiedene Haͤuſer ſchwerlich mit Fe⸗ ſtigkeit und Billigkeit gegen einander gehandelt ha⸗ ben— das eine wuͤrde wahrſcheinlich ſtets auf die Wiedererlangung ſeiner vollen Vorrechte bedacht ge⸗ weſen ſein, vorausgeſetzt, es haͤtte ſich genoͤthigt geſehen, einen Theil derſelben abzutreten, waͤhrend das andere ſtets die Ausfuͤhrung einer voͤllig demo⸗ kratiſchen Revolution im Schilde gefuͤhrt haben wuͤr⸗ de. Auf dieſe Art haͤtten die Gegengewichte, die blos die Heftigkeit beider Theile zu zuͤgeln beſtimmt geweſen waͤren, leicht die Konſtitution, deren Erhal⸗ tung ſie beabſichtigten, ganz uͤber den Haufen wer⸗ fen koͤnnen. 3 24 Noch muß bemerkt werden, daß der Koͤnig, ſo lange er einen Theil ſeiner Gewalt behielt, mit Huͤlfe des als beſtehend gedachten Oberhauſes, oder Senates, den Fortſchritten der Demokratie die Wage haͤtte halten koͤnnen. So ſchwierig auch die Aufgabe war, ſo haͤtte doch wenigſtens ein Verſuch damit gemacht werden ſollen; allein ungluͤcklicherweiſe wurde das Ohr des Koͤnigs abwechslungsweiſe von zwei Gattungen von Rathgebern beſtuͤrmt, von denen die einen ihm riethen, der Laune der Staatsverbeſſerer alles aufzuopfern, waͤhrend die andern ihn aufforder⸗ ten, ſich ihren vernuͤnftigſten Wuͤnſchen zu widerſe⸗ tzen,— ohne zu bedenken, daß ſie mit Leuten zu thun hatten, die mit Gewalt nehmen konnten, was der Bitte verweigert ward. Mounier und Malouet riethen zur Errichtung zweier Kammern in dem dritten Stande, und Necker beguͤnſtigte ſicherlich ei⸗ nen Entwurf der Art; allein der Adel glaubte, er erheiſche von ihm eine zu große Aufopferung ſeiner Rechte, ob er ſchon den Ueberreſt derſelben zu ſichern verfprach; waͤhrend der demokratiſche Theil des drit⸗ ten Standes ihn hartnaͤckig, als den Gang des ſtaats⸗ umwaͤlzenden Impulſes hemmend, bekaͤmpfte. Fuͤnf oder ſechs Wochen verfloſſen in nutzloſen Berathungen uͤber die Form, in welcher die Staͤnde votiren ſollten. Waͤhrend dieſer Zeit zeigte der dritte Stand durch ſeine Kuͤhnheit und Entſchloſſenheit, daß er den Vortheil, den er in Haͤnden habe, wohl . 25 kenne und recht gut wiſſe, daß die andern Koͤrper, wenn ſie den Einfluß ihrer Lage in irgend einer Ge⸗ ſtalt behaupten wollen, ſich mit ihm vereinigen muͤſ⸗ ſen, in Folge des Geſetzes, nach welchem kleinere Waſſertropfen von groͤßeren angezogen werden. Dies geſchah auch. Mit dem dritten Stande vereinigten ſich die Geſammtheit der niedern Geiſtlichkeit, ſo wie einige der Adeligen, und den 12. Junius 1789 warf ſich dieſe Verſammlung zu einem geſetzgeben⸗ den, an und fuͤr ſich ſelbſt, ausſchließlich zu der Ge⸗ ſetzgebung in ihrem ganzen Umfange befugten Koͤr⸗ per auf. Zu gleicher Zeit entſagten ſie dem Namen des dritten Standes, der daran erinnerte, daß ſie nur Eine von den drei Köryerſchaften war, dafuͤr nahm ſie den Namen der Nationalverſammlung⸗ an, und erklaͤrte ſich nicht bloß fuͤr den dritten Zweig des repraͤſentativen Koͤrpers, ſondern fuͤr die einzige Stellvertretung des franzoͤſiſchen Volkes, ja fuͤr das Volk ſelbſt, das porſoͤnlich die ganze rie⸗ ſenmaͤßige Gewalt des Koͤnigreichs handhabe. Sie eignete ſich jetzt den Karakter eines konſtituirenden Koͤrpers an, der nicht laͤnger auf die bloße Abhuͤlfe von Beſchwerden, die der urſpruͤngliche Zweck ihrer Zuſammenberufung geweſen war, beſchraͤnkt, ſondern vielmehr bevollmaͤchtigt war, an der Verfaſſung des Staates alles, was ſie fuͤr gut hielten, zu zerſtoͤren, und wieder aufzubauen. Es iſt nach gewoͤhnlichen Grundſaͤtzen nicht leicht auszumitteln, wie eine fuͤr 8 26 einen gewiſſen Zweck zuſammen berufene, und mit gewiſſen beſchraͤnkten Vollmachten verſehene Repraͤ⸗ ſentation auf dieſe Art ihren Karakter ſo weſentlich aͤndern, und ſich in ein ſo ganz anderes Verhaͤltniß der Krone und der Nation gegenuͤber ſetzen konnte, als dasjenige war, worauf ihre Sendungen ſie be⸗ ſchraͤnkte; allein die Nationalverſammlung wußte wohl, daß, indem ſie ihre Gewalt weit uͤber die Graͤnzen ihres Auftrags ausdehnte, ſie nur die Wuͤnſche ihrer Konſtituenten erfuͤllte, und daß ſie bei der Annahme einer ſo ausgedehnten Gewalt von der ganzen Nation, die bevorrechteten Staͤnde aus⸗ genommen, unterſtuͤtzt werden wuͤrde. Die Nationalverſammlung begann ihre Gewalt mit derſelben Kuͤhnheit auszuuͤben, mit der ſie ſie angenommen hatte. Sie faßte einen Beſchluß, kralt deſſen ſie alle beſtehenden Steuern fuͤr ungeſetzmaͤ⸗ ßige Auflagen erklaͤrte, und die Erhebung derſelben blos fuͤr die Gegenwart und als eine einſtweilige Anordnung genehmigte, bis ſie Zeit haben wuͤrde, die finanziellen Einrichtungen des Staats auf eine gleiche und bleibende Grundlage feſtzuſetzen. Der Koͤnig hatte, nach Neckers Rath handelnd, und das durch den Erzbiſchoff von Sens, ſeinen fruͤ⸗ hern Miniſter, von ſeiner Seite gegebene Verſpre⸗ chen erfuͤllend, die Generalſtaaten, wie wir geſehen haben, zuſammen berufen, allein er war nicht auf die umwandlung des dritten Standes in die Natio⸗ 27 nalverſammlung, und auf die Anſpruͤche, welche ſie in der letztern Eigenſchaft machte, vorbereitet. Er⸗ ſchrocken— und es war kein Wunder— uͤber das ploͤtzliche Emporſteigen dieſes rieſenmaͤßigen und alles uͤberſchattenden Gebaͤudes wurde Ludwig geneigt, den Rathſchlaͤgen derer Gehoͤr zu ſchenken, welche ihm riethen, dieſe neue und furchtbare Gewalt da⸗ durch zu bekaͤmpfen, daß er ihr das Gewicht der koͤniglichen Macht entgegenſetzte. Dieſe ſollte jedoch mit einer ſolchen Beruͤckſichtigung der neulich aufge⸗ ſtellten volksthuͤmlichen Meinungen und mit einer ſolchen vollſtaͤndigen Abtretung des verhaßten Theils der koͤniglichen Praͤrogative ausgeuͤbt werden, daß der aufkeimende Geiſt der Freiheit dadurch nicht be⸗ leidigt werden koͤnnte. Zu dieſem Ende wurde eine oͤnigliche Sitzung beſchloſſen, in welcher der Koͤnig perſoͤnlich in der Mitte der drei Staͤnde ſeines Koͤ⸗ nigreichs erſcheinen und einen Entwurf vorſchlagen ſollte, der, wie man hoffte, alle Partheien vereini⸗ gen, und alle Gemuͤther beruhigen koͤnnte. Der Name und die Form dieſer koͤniglichen Sitzung war vielleicht nicht gut gewaͤhlt, da ſie in einer zu na⸗ hen Verbindung mit denen eines Lit de justice ſtan⸗ den, in welchem der Koͤnig eine gebietende Gewalt uͤber das Parlament auszuuͤben pflegte; auch war das Verfahren darauf berechnet, Erinnerungen an die hoͤchſt unpopulaͤre koͤnigliche Sitzung des 19. Novbr. 1787, an die Entlaſſung Neckers, und die 3 28 Verbannung des Herzogs von Orleans, zu erwe⸗ cken. Allein, als ob dies noch nicht genug geweſen waͤre, vereitelte ein ungluͤcklicher Zufall, der faſt ei⸗ nem Verhaͤngniſſe glich, dieſen Plan, zerſtoͤrte das ganze Wohlwollen, das von Seiten des Koͤnigs die⸗ ſe Maßregel begleitet haben wuͤrde, und legte ſtatt deſſen dem Hofe den gehaͤſſigen Vorwurf zur Laſt, die gewaltſame Aufloͤſung der Verſammlung auf eine mittelbare Weiſe verſucht zu haben, waͤhrend er die Mitglieder dieſer Koͤrperſchaft mit dem Karakter ſtandhafter Patrioten begleitete, durch deren Einig⸗ keit, Muth und Geiſtesgegenwart der Gewaltſtreich, der ihre Exiſtenz bedroht hatte, abgelenkt worden war. Die Halle der Gemeinen wurde zum Behufe der koͤniglichen Sitzung als die geraͤumigſte der drei, von den drei Staͤnden eingenommenen, gewaͤhlet, und Arbeitsleuten der Auftrag gegeben, die noͤthi⸗ gen Anordnungen und Veraͤnderungen zu treffen. Dieſe Veraͤnderungen wurden unklugerweiſe begon⸗ nen*), ehe man ſich mit der Nationalverſammlung daruͤber verſtaͤndiget hatte. Es war bloß ihrem Praͤ⸗ ſidenten Bailli von dem koͤniglichen Ceremonienmei⸗ ſter die Anzeige gemacht worden, daß der Koͤnig die Sitzungen der Verſammlung bis nach der koͤnig⸗ lichen Sitzung aufgehoben habe. Bailli, der Praͤſi⸗ *) Den 20. Juni 1789. 4 —— . 29 dent, der ſpaͤterhin durch ſein tragiſches Ende ſo be⸗ kannt geworden iſt, weigerte ſich, einem auf dieſe Art mitgetheilten Befehle zu gehorchen. Als ſich nun die Mitglieder der Verſammlung an den gewoͤhnli⸗ chen Ort ihrer Zuſammenkunft begaben, fanden ſie ihn mit Arbeitsleuten angefuͤllt und von Soldaten bewacht. Dies veranlaßte einen der ſeltſamſten Auf⸗ tritte der Revolution. Die auf dieſe Art durch bewaffnete Wachen von ihrem Verſammlungsorte vertriebenen Volks⸗ repraͤſentanten fluͤchteten ſich in ein gemeines Ball⸗ haus, waͤhrend ein Donnerſturm das Sinnbild des moraliſchen Ungewitters, das auf der Erde wuͤthete, ſeine Schrecken vom Himmel herab ſchuͤttete. Au dieſem, ſo karge Bequemlichkeiten darbietenden Orte ſchwuren die Mitglieder der Verſammlung den fei⸗ erlichen Eid, ihre Sitzungen nicht eher zu endigen, als bis die Verfaſſung des Landes auf eine feſte Grundlage geſtellt ſein wuͤrde, und bekraͤftigten den⸗ ſelben durch ihre gegenſeitigen Unterſchriften. Die Szene war der Art, daß ſie den tiefſten Eindruck auf die handelnden Perſonen, wie auf die Zuſchauer machen mußte; doch gerathen wir, auf eine ſo ent⸗ fernte Zeit zuruͤckblickend, in Verſuchung, die Frage aufzuſtellen, in welchem Zeitpunkte die Nationalver⸗ ſammlung ſich aufgeloͤst haͤtte, wenn ſie buehſtaͤblich bei ihrem beruͤhmten Eide geblieben waͤre? Allein das Betragen der Regierung verdiente in jeder Ruͤck⸗ 1 30 ſicht Tadel. Die Wahrſcheinlichkeit dieſes auſſeror⸗ dentlichen Vorfalls haͤtte leicht vorhergeſehen werden koͤnnen. Wenn bloßer Mangel an Nuͤckſicht und Ach⸗ tung Urſache davon war, ſo trifft die Miniſter des Königs der Tadel der unverzeihlichſten Sorgloſigkeit; wenn das Verſchlieſſen der Halle und die Aufhebung der Sitzungen der Verſammlung in der Abſicht er⸗ folgt war, die Geduld und Stimmung der letztern auf die Probe zu ſtellen, ſo war es eine wahnſinni⸗ ge Handlung, und glich der eines Menſchen, der ei⸗ nen bereits erbitterten Loͤwen noch mehr aufreizt. Seß dem, wie ihm wolle, das Betragen der Regie⸗ rung machte den moͤglichſt ſchlimmen Eindruck auf den Geiſt des Volkes, und machte daſſelbe geneigt, alle vom Throne ausgehenden Vorſchlaͤge mit Mißfal⸗ len und Verdacht aufzunehmen, waͤhrend die groß⸗ herzige Feſtigkeit und Einmuͤthigkeit der Verſamm⸗ lung den Entſchluß zu verkuͤnden ſchien, lieber den Maͤrtyrertod zu leiden, als der Vertheidigung ihrer Rechte und der des Volkes zu entſagen. In der koͤniglichen Sitzung, die drei Tage nach dem Geluͤbde im Ballhauſe ſtatt fand, ſchlug der Koͤnig einen Plan vor, der eine ſo große Buͤrgſchaft fuͤr die Freiheit der Unterthanen darbot, daß er ein Jahr zuvor mit dankbarem Entzuͤcken angenom⸗ men worden waͤre; allein es war das ungluͤckliche Schickſal Ludwigs XVI., daß er weder zum Vorruͤk⸗ ken, noch zum Zuruͤcktreten den gluͤcklichen Augen⸗ 31 blick waͤhlte. Es waͤre ein Gluͤck fuͤr ihn, fuͤr Frank⸗ reich und fuͤr Europa geweſen, wenn die einſt ſo hoch geachtete Wiſſenſchaft der Aſtrologie wirklich die Mittel zur Erwaͤhlung gluͤcklicher Tage dargebo⸗ ten haben wuͤrde. Wenige von den ſeinigen waren mit einem weißen Steine bezeichnet. Kraft des vorgeſchlagenen Plans entſagte der Koͤnig, ausgenommen bis auf eine ſehr geringe Aus⸗ dehnung, dem Rechte, ohne die Zuſtimmung der Generalſtaaten, Steuern aufzulegen und Anlehen abzuſchließen; er lud die Verſammlung ein, einen Plan zu bilden, nach welchem die Lettres de cachet regulirt werden ſollten; er erkannte die perſoͤnliche Freiheit der Unterthanen an; er geſtand die Preß⸗ freiheik zu, doch nicht, ohne gewiſſe Beſchraͤnkungen gegen die Zuͤgelloſigkeit derſelben zu empfehlen; und uͤberließ den Generalſtaaten, als der geeigneten Be⸗ hoͤrde, die Abſchaffung der Salzſteuer(gabelle) und anderer unbilliger oder druͤckender Auflagen. Allein alle dieſe Bewilligungen halfen nichts, und das Volk, ſo wie deſſen Stellvertreter, hielten ſte blos fuͤr eine zoͤgernde und ungefaͤllige Art, Rechten zu entſagen, welche die Krone ſchon lange ſich ange⸗ maßt hatte, und die ſie jetzt blos deßwegen abtrat, weil ſie auf dem Punkte ſtanden, ihren Haͤnden ge⸗ waltſam entriſſen zu werden. Zudem fuͤhlte man ſich durch den Ton und die Ausdruͤcke der koͤnigli⸗ chen Anrede beleidigt. Die Mitglieder der Ver⸗ 32² ſammlung waren der Meinung, der koͤniglich Wille ſei auf eine zu gebietende Weiſe ausgedruͤckt wor⸗ den. Auch fuͤhlten ſie ſich dadurch gekraͤnkt, daß der Koͤnig die Ausſchließung der Zuſchauer von den Si⸗ zungen der Verſammlung anempfohlen hatte. Was aber das Mißvergnuͤgen auf das hoͤchſte ſteigerte, war der Schlußartikel der koͤniglichen Anrede, in welchem der Koͤnig, ungeachtet die Verſammlung kuͤrzlich eidlich gelobt hatte, ihre Sitzungen nicht eher aufzuheben, als bis ſie Frankreich eine Verfaſſung gegeben habe, ſich das Recht zuerkannte, die Staͤnde nach ſeinem Gutdenken aufzuloͤſen. Endlich war Ne⸗ cker, der einzige unter den Miniſtern, der das Zu⸗ trauen der Volksparthei beſaß, nicht in der koͤnigli⸗ chen Sitzung erſchienen, und hatte dadurch ſeine Mißbilligung des vorgeſchlagenen Plans zu erkennen gegeben. Dieſer Entwurf eiter konſtitutionellen Reform wurde von der Geiſtlichkeit und den Adeligen mit großem Beifalle aufgenommen, waͤhrend der dritte Stand in duͤſterem Stillſchweigen zuhoͤrte. Dieje⸗ nigen kannten das menſchliche Herz wenig, welche glaubten, die Anwendung des koͤniglichen Vorrechts, das ſo oft mit Gluͤck bekaͤmpft worden war, koͤnne auf eine ſolche Koͤrperſchaft einwirken, oder ſie be⸗ wegen, von dem errungenen Standpunkte der Macht herabzuſteigen und ſich durch die Zuruͤcknahme des kurz — 4 8 33 kurz zuvor ausgeſprochenen Eeluͤbdes laͤcherlich zu machen. Nachdem der Koͤnig durch ſeine alleinige Gewalt die Verſammlung aufgelost hatte, verließ er die Halle in Begleitung der Adeligen und eines Theils der Geiſtlichkeit; allein die zuruͤckgebliebenen Mit⸗ glieder, die bisher in duſterer Stille verharrt hat⸗ ten, ſetzten jetzt ihre Sitzung alsbald fort. Der Koͤnig, vorausgeſetzt, daß er entſchloſſen war, das Dorrecht, das er mit eigener Stimme ſo eben erſt in Anſpruch genommen hatte, zu behaupten, hatte keine andere Wahl als die Verſammlung mit Ge⸗ walt aus einander zu treiben, und ſo ſeinen Be⸗ fehl zur Aufloͤſung derſelben durchzuſetzen; allein ſtets zwiſchen zwei Meinungen ſchwankend, ließ Lud⸗ wig bloß an die Verſammlung durch den koͤniglichen Ceremonienmeiſter eine glimpfliche Aufforderung, ſich zu entfernen, ergehen. Dieſem Diener, der ſicher⸗ lich nicht zu den furchtbarſten Trabanten der will⸗ kuͤhrlichen Gewalt gehoͤrte, antwortete Mirabeau mit energiſcher Beſtimmtheit:„Sklave! kehre zu deinem Herrn zuruͤck, und ſage ihm, daß ſeine Ba⸗ jonette allein die Stellvertreter des Volks von ih⸗ rem Poſten vertreiben koͤnnen.“ Die Verſammlung faßte nun den Beſchluß, ih⸗ rem in dem Ballhauſe geſchworenen Eide treu zu bleiben. Durch einen andern Beſchluß erklaͤrte ſie, W. Scott's Werke. XXVI. 3 5 . 34 daß ihre Perſonen unverletzlich ſeien, und daß je⸗ der, der irgend eine Gewaltthaͤtigkeit gegen die Perſon eines Volksrepraͤſentanten auszufuͤhren ver⸗ ſuche, ſich des Hochverraths gegen die Nation ſchuldig mache. Ihre Feſtigkeit, in Verbindung mit der Un⸗ verletzlichkeit, mit der ſie ſich gepanzert hatten, und den Aufſtaͤnden, die in Paris ausgebrochen waren, noͤthigten den Koͤnig nachzugeben, und ſeinem Vor⸗ ſatze, die Staͤnde aufzuloͤſen, zu entſagen. Dieſe ſetzten ihre Sitzungen unter ihrem neuen Namen Nation alverſammlung fort; waͤhrend zu ver⸗ ſchiedenen 5 eiten und durch verſchiedene Kunſtgriffe die Kammern des Adels und der Geiſtlichkeit mit ihnen vereinigt, oder, eigentlicher geſprochen, in einen allgemeinen Koͤrper verſunken und verſchlun⸗ gen wurden. Haͤtte dieſe Verſammlung im Allge⸗ meinen ſo reine Abſichten gehabt, als dies, wie wir gerne glauben, bei vielen, oder den meiſten ihrer Mitglieder der Fall war, ſo haͤtte die fran⸗ zoͤſiſche Regierung, die jetzt todt zu ihren Fuͤßen lag, gleich dem Raͤuber des Prometheus, neues Le⸗ ben aus ihren Haͤnden empfangen koͤnnen. Allein obſchon die Nationalverſammlung in ih⸗ rem Widerſtande gegen die Macht der Krone, und in ihrer Bekaͤmpfung der Anſpruͤche der bevorrechte⸗ ten Klaſſen faſt einmuͤthig war, ſo war ſie doch in Betreff ihrer anderweitigen Abſichten ſehr getrennt, 35 und trug in ihrem Innern den Saamen innern Zwie⸗ ſpalts und die widerſtreitenden Elemente von we⸗ nigſtens vier Partheien, die ſpaͤterhin auf der Buͤhne der Revolution bald auf⸗bald abtraten, oder vielmehr einander folgten, wie hinter einander her⸗ tobende Wogen, von denen jede die Spuren, die ihre Vorgaͤngerin auf dem Geſtade gelaſſen hat, ver⸗ wiſcht und zerſtoͤrt. Die erſte Abtheilung dieſer Geſetzgeber war die⸗ jenige Klaſſe, an deren Spitze Mounier, einer der weiſeſten und zugleich beſten und wuͤrdigſten Maͤn⸗ ner Frankreichs, ſo wie Malouet und andere ſtan⸗ den. Sie waren Vertheidiger eines Plans, den wir bereits angedeutet haben, und glaubten, Frankreich ſolle einige der Freiheit guͤnſtige Inſtitutionen von England, deſſen Freiheit ſchon ſo lange gebluͤht habe, entlehnen. Die brittiſche Eiche, mit allen ihren vielverflochtenen Zweigen und weitgreifenden Wur⸗ zeln verpflanzen zu wollen, waͤre eine fruchtloſe Be⸗ muͤhung geweſen; allein man haͤtte den jungen Baum der Freiheit nach derſelben Art emporwachſen laſſen koͤnnen. Das neuere Frankreich haͤtte, gleich dem alten England, diejenigen ſeiner Geſetze, Formen, oder Einrichtungen, die von der Nation noch mit einer gewiſſen Ehrfurcht betrachtet wurden, beibehal⸗ ten, und ſie mit den Zuſaͤtzen und Veraͤnderungen, welche der freie Geiſt der neuern Zeiten erforderte, vermiſchen koͤnnen. Das Ganze haͤtte auf dieſe Art . 2 36 3 nach den Grundſaͤtzen der brittiſchen Freiheit gebil⸗ det werden, und die Nation bei der Auffuͤhrung ih⸗ rer Schutzwehre den Plan derjenigen Bollwerke be⸗ nutzen koͤnnen, die ſo lange den Stuͤrmen Trotz ge⸗ boten hatten. Es iſt wahr, die franzoͤſiſchen Geſetz⸗ geber haͤtten bei einem ſolchen Verfahren nicht hof⸗ fen koͤnnen, je ein ganz vollkommenes und vollſtaͤn⸗ diges Syſtem zu bilden; allein ſie haͤtten die per⸗ ſoͤnliche Freiheit der Unterthanen, die gerichtliche Unterſuchung durch Geſchworene, die Freiheit der Preſſe, und das Recht ſichern koͤnnen, die noͤthigen Subſidien zur Verwaltung des Staats zu gewaͤh⸗ ren oder zu verweigern— ein Recht, das an und fuͤr ſich ſelbſt die ſicherſte aller Buͤrgſchaften fuͤr Volksfreiheit und diejenige iſt, die das Volk ſeinen Stellvertretern nie wieder entreißen laͤßt, wenn ſie einmal im Beſitze deſſelben ſind. Sie haͤtten aus andere zur Fortdauer eines freien Landes weſent⸗ lich nothwendige Gegengewichte und Gegengewalten annehmen koͤnnen; und nach der Errichtung einer ſo ſtarken Grundlage wuͤrde man Zeit gehabt haben, den Nutzen und die Feſtigkeit derſelben zu erproben, und ſtufenweiſe die weitern Verbeſſerungen, Zu⸗ ſaͤtze oder Aenderungen einzufuͤhren, die der Zu⸗ ſrand Frankreichs zu erfordern geſchienen haͤtte. ANllein zudem, daß ſich der Nationalgeiſt(nicht unnatuͤrlicher⸗ aber doch unklugerweiſe) dagegen haͤtte empoͤren koͤnnen,(daß die weſentlichen Eigen⸗ 32. thuͤmlichkeiten ihrer neuen Verfaſfung von einem Lande entlehnt wurden, das die Franzoſen als den natuͤrlichen Nebenbuhler ihres eigenen zu betrachten⸗ gewohnt waren, herrſchte unter ihnen eine Eifer⸗ ſucht auf die Krone, und beſonders auf die bevor⸗ rechteten Klaſſen, mit denen ſie ſo eben erſt in po⸗ litiſche Feindſeligkeiten verwickelt geweſen waren, die den groͤßern Theil der Verſammlung abgeneigt machte, dem Koͤnige die Gewalt, und den Edeln⸗ den Einfluß anzuvertrauen, den ihnen jede Nach⸗ ahmung der engliſchen Konſtitution zuerkannt haͤtte. Es waltete die Furcht ob, alle dem Koͤnige oder den Edeln in Haͤnden gelaſſene Vorrechte moͤchten eben ſo viele Angriffsmittel gegen das neue Syſtem ſein. Hierzu kam noch der ehrgeitzige Wunſch, auf einmal nun durch ihre vereinte Weisheit, eine Staatsverfaſſung zu ſchaffen, die an Vollkommenheit. der bewaffneten Perſontfikation der Weisheit in der heidniſchen Goͤtterlehre gleich gekommen waͤre. Eng⸗ land war von der praktiſchen Abſtellung der Miß⸗ braͤuche zur Annahme allgemeiner Regierungs⸗Ma⸗ rimen uͤbergegangen. Es war, glaubten die meiſten Mitglieder der Nationalverſammlung, Frankreich vor⸗ behalten, einen edleren und intellektuelleren⸗ Gang zu befolgen, d. h. abſtrakte Lehren uͤber das Slaats⸗ recht aufzuſtellen, und von ihnen die Negeln de praktiſchen Geſetzgebung abzuleiten; gerade wie aaf den franzoͤſiſchen Schi ffswerften die Schiffe nach den 38 Grundſaͤtzen der abſtrakten Mathematik erbaut wer⸗ den follen, waͤhrend die Schiffe in England mehr nach techniſchen und mechaniſchen Regeln gebaut werden, oder gebaut wurden. Allein es ſcheint bei dieſer und andern Gelegenheiten der Scharfſicht die⸗ ſer Philoſophen entgangen zu ſein, daß Stangen und Bretter gewiſſen unveraͤnderlichen Naturgeſetzen unterworfen ſind, waͤhrend der Menſch, durch die verſchiedenen in ſeiner Bruſt ſich regenden Leiden⸗ ſchaften, oft in Widerſpruch mit den Eingebungen ſeines Verſtandes geraͤth, und daß er, vermoͤge der verſchiedenen Modificationen der Geſellſchaft tau⸗ ſend Veraͤnderungen unterworfen iſt, die insge⸗ ſammt Beſchraͤnkungen und Ausnahmen in allen all⸗ gemeinen Maximen, die in Betreff ſeiner Pflichten und ſeiner Rechte angenommen werden, nothwendig machen. Alle dieſe Betrachtungen wurden von dem zahl⸗ reichen Vereine der neuen franzoͤſiſchen Geſetzgeber unberuͤckſichtigt gelaſſen. Nachahmer der Medea, be⸗ ſchloſſen ſie, in ihren neubelebenden Keſſel jedes vor⸗ handene Gelenk und Glied ihrer alten Verfaſſung zum Behufe ihrer gaͤnzlichen und vollkommenen Ver⸗ juͤngung zu werfen. Dieſe Art des Verfahrens fuͤhrte drei große Nachtheile mit ſich. Erſtens: daß die praktiſchen von dem abſtrakten Grundſatze abgeleite⸗ ten Folgerungen ſtets von denen bekaͤmpft werden konnten, die logiſch geſprochen, den Unterſatz der Propoſition nicht zugaben, oder behaupteten, der Schluß ſeye unregelmaͤßig aus den Praͤmiſſen gefol⸗ gert worden. Zweitens: daß die Geſetzgeber, die auf dieſe Art die ganze Grundlage ihrer beabſichtig⸗ ten Verfaſſung auf ſpekulative politiſche Meinungen bauten, große Aehnlichkeit mit den Schneidern von Lapuda hatten, die, ohne ſich herabzulaſſen, das Maaß ihrer Kunden zu nehmen, wie ihre Kollegen an andern Orten, ſich durch mathematiſche Berech⸗ nungen Kunde von der Hoͤhe und dem Umfange der Perſon verſchafften, und, wenn die Kleider nicht paßten, was faſt immer der Fall war, den betheilig⸗ ten Theil hinlaͤnglich durch die Ueberzeugung getroͤ⸗ ſtet glaubten, daß, da ſie nach unfehlbaren Regeln der Kunſt gearbeitet haben, der Irrthum einzig und allein durch die fehlerhafte und unregelmaͤßige Be⸗ ſchaffenheit ſeiner Perſon entſtanden ſeyn konnte. Drittens: ein geſetzgebender Koͤrper, der ſich mit Peiner Verfaſſung begnuͤgt, die dem beſtehenden Zu⸗ ſtande der Dinge angemeſſen iſt, darf hoffen, daß er an ſein Ziel gelangt, und iſt, wenn er ſie dem Volke vorlegt, zu der Bemerkung berechtigt, daß, wenn der Plan auch nicht vollkommen ſei, er hierin blos das Schickſal aller irdiſchen Einrichtungen theile, dagegen aber die Elemente alles das Gute, was der wirkliche Zuſtand der Geſellſchaft zulaſſe, ent⸗ halte. Von den Geſetzmachern aber, die mit der Zerſtoͤrung aller beſtehenden Einrichtungen beginnen, 40 und es ſich zur Pflicht machen, die ganze Verfaſſung eines Landes umzuwandeln, kann nichts angenom⸗ men werden, was nicht abſolut vollkommen iſt. Sie koͤnnen ſich nicht mit der Achtung gegen alte Vorur⸗ theile, die ſie bekämpſt haben, noch mit der Be⸗ ruͤckſichtigung von Umſtaͤnden und Verhaͤltniſſen der Geſellſchaft, die ſie als nicht zur Frage gehoͤrend be⸗ trachtet haben, entſchuldigen. Sie muͤſſen dem ein⸗ mal angenommenen Grundſatze in allen Theilen fol⸗ gen, und ihre Einrichtungen koͤnnen nie feſt gegruͤn⸗ det, oder gegen die Eingriffe kuͤnftiger Neuerer ge⸗ ſichert ſein, ſo lange ſie noch einen Auflug von je⸗ ner Mangelhaftigkeit haben, der alle menſchlichen Erfindungen nothwendig unterworfen ſind. Gleichwohl hegte die Mehrzahl der franzoͤſiſchen Verſammlung den ehrgeizigen Wunſch, keine Ver⸗ faſſung zu entwerfen, die in jeder Hinſicht den Grundſaͤtzen entſprach, die ſie, als die Rechte des Menſchen umfaſſend, aufgeſtellt hatten. Sollte dieſe, glaubten ſie, zufaͤlligerweiſe dem Zuſtande ihres Landes auch nicht angemeſſen ſein, ſo muͤſſe ſie den⸗ noch eine ſolche ſein, die demſelben haͤtte angemef⸗ ſen ſein muͤſſen, wenn das unregelmaͤßige Spiel der menſchlichen Leidenſchaften, und die in einem kuͤnſtlichen Zuſtande der Geſellſchaft angenommenen kaͤnſtlichen Gewohnheiten dies nicht verhindert haͤt⸗ ten. Allein die Meinungen dieſer Mehrheit waren in dem weſentlichen Punkte getheilt, daß die zweite 41 Abtheilung des geſetzgebenden Koͤrpers(die Abthei⸗ lung Mounier's) als fuͤr die erſte angenommen, ge⸗ neigt war, an die Spitze ihrer neugeſchaffenen Re⸗ glerung den regierenden Koͤnig Ludwig XVI. zu ſtel⸗ len. Dieſer Entſchluß zu ſeinen Gunſten mochte zum Theil aus Ruͤckſicht auf die lange Anhaͤnglichkeit der Nation an das Haus Bourbon, zum Theil aus Ruͤck⸗ ſicht auf den menſchenfreundlichen und friedliebenden Karakter Ludwigs geſaßt worden ſein. Wir koͤnnen auch annehmen, daß Lafayette, als Krieger, und Ballli, als Beamter erzogen, ihres politiſchen Glau⸗ bens ungeachtet, noch eine natuͤrliche, obſchon un⸗ philoſophiſche Anhaͤnglich eit an ihren gutgeſinnten und ungluͤcklichen Herrn naͤhrten, und den aufrich⸗ tigen Wunſch hegten, ihren allgemeinen Plan, al⸗ les umzuſtuͤrzen, was fruͤher in Frankreich ein po⸗ litiſches Daſein gehabt hatte, zu mildern, in ſo weit es das beſondere Intereſſe des Koͤnigs betraf. Eine dritte Parthei bekannte ſich zu denſelben politiſchen Glaubensartikeln, wie Lafayette, Balllt u. a., dehnte ſie aber viel weiter aus, und trotzte den Bedenklichkeiten, wodurch ſich die zwei erſten Partheien aufihrer Umwandlungsbahn zuͤgeln ließen. Sie waren mit Lafayette uͤber die Nothwendigkeit einig, die ganze Negierung auf eine neue Grundlage zu gruͤnden— eine Neuerung, ohne die ſie, wie ſie ferner mit ihm einverſtanden waren, ſtets der Gefahr einer Gegenreyolution Preis gegeben ſein 4² muͤßte. Allein dieſe kuͤhnen Theoriſten fuͤhrten ihre Beweisgruͤnde weiter fort, als die konſtitutionelle Parthei, die Lafayette's Meinung anhing, und ſuch⸗ ten die Gefaͤhrlichkeit und Unſchicklichkeit darzuthun, an die Spitze ihres umgeaͤnderten und wiedergebor⸗ nen Regierungsſyſtems einen Fuͤrſten zu ſtellen, der gewohnt war, ſich, in Folge angeerbter Vorurtheile, als den geſetzmaͤßigen Beſitzer der abſoluten Gewalt zu betrachten. Sie behaupteten, mit Hindeutung auf die Schlange und den Bauern in der Fabel, es ſei unmoͤglich, daß der Monarch den Verluſt ſeiner Macht, und ſeine demokratiſchen Rathgeber die be⸗ ſtaͤndige Verſuchung vergeſſen koͤnnten, die nothwen⸗ dig den Koͤnig anwandeln muͤſſe, fuͤr die Wiederer⸗ langung derſelben thaͤtig zu ſein. Mit mehr Kon⸗ ſequenz, als die Konſtitutionellen, beſchloſſen daher dieſe entſchieden republikaniſchen Politiker, aus der neuen Verfaſſung jeden Namen und jede Spur der Monarchie zu vertilgen. Manche von den Gelehrten in der Verſammlung hingen dieſer Parthei an. Sie waren anfaͤnglich durch die Rechtsgelehrten und die Handelsleute in der Verſammlung im Hintergrunde gehalten worden. Manche von ihnen beſaßen große Talente, und wa⸗ ren von Natur ehrliebende und tugendhafte Maͤn⸗ ner. Allein bei großen Umwaͤlzungen iſt es unmoͤg⸗ lich, der betaͤubenden Einwirkung enthuſiaſtiſcher —— * 43³ Gefuͤhle und aufgeregter Leidenſchaften zu widerſte⸗ hen. In der itze ihres Eifers fuͤr die Freiheit Frankreichs nahmen ſie nur zu oft die Maxime an, daß ein ſo glorreicher Zweck beinahe jedes Mittel heilige, das zur Erreichung deſſelben fuͤhren konnte. Unter dem uͤbertriebenen Einfluſſe einer mißverſtan⸗ denen Vaterlandsliebe ſtehend, vergaſſen ſie nur zu leicht, daß ein Verbrechen ſeinem Weſen nach daſſelbe bleibt, auch wenn es fuͤr eine oͤffentliche Sache begangen wird*). *) Ein ſonderbares Beiſpiel von dieſem überſpannten und ge⸗ fährlichen Enthuſtasmus gibt Madame Roland. Um die Beſorgniſſe und den Geiſt des Volkes aufzuregen, und ſeinen Groll gegen die Hoſparthei zu verſtärken, derſtand ſich Grangeneuve dazu ſich von eigends zu dieſem Zwecke erwähl⸗ ten Perſonen auf eine Art ermorden zu laſſen, welche die Ariſtokraten in den Verdacht des Verbrechens bringen könnte. Er begab ſich an den beſtimmten Ort; allein Cha⸗ bot, der ſein Schickſal theilen ſollte erſchien weder ſelbſt, noch hatte er die nöthigen Vorbereitungen zur Ermordung ſeines Freundes getroffen, weßwegen Madame Roland, dieſe hochgeſinnte Republikanerin, ſich weit und breit über ſeine Feigheit ausläßt. Doch was war dieſe patriotiſche Aufopfe⸗ rung anders, als ein Plan, eine falſche Anklage gegen den unſchuldigen, durch einen Mord und Selbſtmord zu unterſtützen, der, wenn er vonführt wurde, nothwendig zu Metzeleien und Verbannungen führen mußte. Dieſelben falſchen und übertriebenen Anſichten, nach denen das öf⸗ fenrliche Wohl einzig und allein auf der Errichtung einer . 41 Unter dieſen Hitzkoͤpfen entſprang zuerſt der Ge⸗ danke, einen Klubb oder eine Geſellſchaft zu bilden, die als Vereinigungspunkt fuͤr diejenigen dienen follte, welche dieſelben polltiſchen Geſinnungen heg⸗ ten. Einmal vereinigt, hielten ſie ihre Sitzungen oͤffentlich, ſetzten ſie mit aͤhnlichen Geſellſchaften in allen Theilen Frankreichs in Verbindung, und konn⸗ ten auf dieſe Art, wie von einem Mittelpunkte aus, die entfernteſten Provinzen durch die leidenſchaftli⸗ chen Gefuͤhle aufregen, welche die Hauptſtadt elektri⸗ ſirten. Dieſe furchtbare Waffe wurde im Fortgange der Zeit den Haͤnden der Foͤderaliſten— wie die anfaͤnglichen Republikaner gehaͤſſigerweiſe genannt wurden— von der Parthei entriſſen, die im Allge⸗ meinen Jakobiner genannt wurde, ihres Einfluſſes in dieſer Geſellſchaft wegen, und deren Daſein und Beſonderheiten, als eine Faktion, wir jetzt anzuge⸗ ben haben. Bis jetzt lag dieſe vierte und, wie es ſich nach⸗ her zeigte, furchtbarſte Parthei verſteckt unter den beſſern und edler geſinnten Republikanern, die uͤbri⸗ gens ihrerſeits die Maske noch nicht geluͤftet oder ſich offen gegen den Plan einer konſtitutionellen Mo⸗ reinen Republik beruhte, bewogen Varnabe u. a., die Mordthaten des Septembers zu beſchönigen. Die Meiſten von ihnen hätten von der Freiheit, die ſie verehrten, ſagen⸗ können, ſie haben bei ihrem Tode gefunden, daß ſie nur ein leerer Name ſei. ——.— — 45⁵ narchie zu erklaͤren gewagt hatten. Die Jakobiner wurden ſpottweiſe Les Enragés von den Repu⸗ blikanern genannt, die in ihnen bloß Leute von einer „wilden Gemuͤthsart und gewaltthaͤtigem Benehmen in Rede und Handlung ſahen, und thdͤrichterweiſe glaubten, ſie koͤnnten ſie nach ihrem Gefallen herbei⸗ und hinwegrufen. Allein ſie ſollten bald erfahren, daß, wenn man feierlich an das Recht des Staͤrkern appellirt, die Kraftvollſten und Wildeſten, auch die Vorderſten in der Schlacht ſein muͤſſen, und daher ihren Antheil an der Beute nicht verlieren, ſondern weit wahrſcheinlicher dieſelbe als Loͤwe vertheilen werden. Dieſe Jakobiner ſuchten den Ideen der Freiheit und der Gleichheit die ausſchweifendſte Aus⸗ dehnung zu geben, und wurden in der Verſamm⸗ lung als eine Art von Fanatikern, die zu albern waren, als daß man ſie haͤtte fuͤrchten koͤnnen, laͤ⸗ cherlich gemacht und verſpottet. Ihr Karakter war in der That zu uͤbertrieben, ihre Sitten zu ſcham⸗ los, ihr Betragen zu abſcheulich roh, ihre Plane zu ausſchweifend gewaltthaͤtig, als daß ſie haͤtten an das Tageslicht gebracht werden duͤrfen, ſo lange die For⸗ men des Anſtandes in der Geſellſchaft noch beobach⸗ tet wurden. Allein nichts deſto weniger gelang es ihnen, die niedern Klaſſen fuͤr ſich zu gewinnen, indem ſte ihre Sache beſonders zu verfechten vorgaben, ihre Leidenſchaften durch eine ſolchen Zuhoͤrern angemeſſene Beredtſamkeit entſlammten, und ihrem Geſchmacke durch 46 Aneignung roher Sitten und Anlegung gemeiner Kleidungen ſchmeichelten. Sie verſchafſten ſich durch dieſe Kuͤnſte bald einen zahlreichen Haufen von An⸗ haͤngern, die von den Vorurtheilen, die man ihnen eingefloͤßt hatte, zu gewaltſam entflammt, und zu tollkuͤhn und verzweifelt waren, als daß ſie irgend eine von den Maßregeln, welche ihre Demagogen ihnen anempfahlen, auszufuͤhren gezaudert haͤtten. Was der endliche Zweck dieſer Leute war, laͤßt ſich nicht leicht errathen. Kaum koͤnnen wir glauben, daß ſie irgend ein wahres patriotiſches Gefuͤhl beſeel⸗ te, mochte es auch noch ſo uͤbertrieben und toll ſein. Hoͤchſt wahrſcheinlich naͤhrte jeder von ihnen irgend eine unbeſtimmte Hoffnung, die Sache zu ſeinem Vor⸗ theile zu beendigen; allein alle geſtanden die Noth⸗ wendigkeit zu, den ſtaatsumwaͤlzenden Impuls zu unterſtuͤzen, die Wiederkehr der Ordnung und der Nuhe zu verſchieben, und jeder Art von geordneter und friedlicher Regierung entgegen zu wirken. Sie wa⸗ ren uͤberzeugt, daß die Ruͤckkehr der Herrſchaft des Geſetzes, unter welcher feſten und regelmaͤßigen Form es auch ſein moͤge, ſie eben ſo veraͤchtlich, als gehaͤſ⸗ ſig machen muͤſſe, und ſie waren entſchloſſen, die Unordnung zu benuͤtzen, ſo lange ſie dauerte, und diejenigen Truͤmmer des Nationalſchiffbruchs, welche der Sturm in ihren beſondern Bereich bringen wuͤr⸗ de, zu erhaſchen und zu genießen. * Dieſe verworfene und verzweifelnde Parthei 47 haͤtte, bei aller ihrer Thaͤtigkeit, die Herrſchaft, die ſie unter der Hefe des Volkes ausuͤbte, nicht erlan⸗ gen koͤnnen, wenn ſie nicht die Macht, untergeord⸗ nete Fuͤhrer unter dem Poͤbel zu miethen, beſeſſen und in der hoͤchſten Ausdehnung angewendet haͤtte. Es iſt allgemein behauptet worden, daß aus dem unermeßlichen Vermoͤgen des naͤchſten Prinzen vom koͤniglichen Gebluͤte, jenes Herzogs von Orleans, deſ⸗ ſen Name ſo ungluͤcklicherweiſe mit der Geſchichte dieſes Zeitpunktes verwebt iſt, die Mittel zur Er⸗ reichung dieſes wichtigen Gegenſtandes hergefloſſen ſeien. Durch ſeine Geſchenke wurde, der allgemeinen Ausſage der Geſchichtſchreiber zufolge, eine Menge der heftigſten Flugſchriftenverfaſſer und Zeitungs⸗ ſchreiber beſoldet, die das Publikum mit den ſchaͤnd⸗ lichſten Luͤgen und Erdichtungen uͤberſchuͤtteten. Die⸗ ſer Prinz, ſagt man, belohnte diejenigen wilden Volksredner, die in dem Palais royal bei Nacht Reden an das Volk hielten, und ſie zu den gewalt⸗ ſamſten Angriffen auf die Perſonen und das Eigen⸗ thum verhaßter Individuen anſpornten. Aus den Kaſſen deſſelben ungluͤcklichen Mannes wurde eine Menge jener Leute bezahlt, die gewoͤhnlich den Ver⸗ handlungen der Verſammlung beiwohnten, die Gal⸗ lerien ſo anfuͤllten, daß das uͤbrige Publikum davon ausgeſchloſſen wurde, Beifall klatſchten, ausziſchten, einen faſt uͤberwaͤltigenden Einfluß auf die National⸗ verſammlung ausuͤbten, und manchmal von den Volks⸗ 48 vertretern angeredet wurden, als ob ſie ſelbſt das Volk geweſen waͤren, deſſen Hefe und Auswurf ſie waren. Sogar noch ſchaͤndlichere Anklagen, als dieſe Be⸗ ſchuldigungen, wurden vorgebracht. Schagren von Fremden, Maͤnner von wildem, haͤßlichem und grim⸗ migem Ausſehen, mit deren Perſonen die immer noch wachſame Polizei von Paris unbekannt war, begannen, ſich in der Hauptſtadt zu zeigen, gleich jenen garſtigen und unheilkuͤndenden Voͤgeln, die man ſelten, ausgenommen vor einem Sturme, ſieht. Alle dieſe waren, wie man wiſſen wollte, von dem Herzog von Orleans und ſeinen Agenten gemiethet, um ſich mit dem unwiſſenden, gewaltthaͤtigen und verdorbenen Poͤbel der großen Hauptſtadt Frankreichs zu dem Zwecke zu verbinden, ihn zu grauſamen und ſchauderhaften Handlungen anzuſpornen, und ihr Fuͤhrer dabei zu ſeyn. Der endliche Zweck dieſer uUmtriebe ſoll eine Veraͤnderung der Dynaſtie gewe⸗ ſen ſein, die das Rachgefuͤhl des Herzogs von Orle⸗ ans durch die Abſetzung ſeines Vetters, und ſeinen Ehrgeiz durch ſeine eigene Erwaͤhlung zum Koͤnige, oder wenigſtens zum Statthalter von Frankreich mit allen koͤniglichen Vollmachten befriedigt haͤtte. Die kuͤhnſten und gewiſſenloſeſten unter den Jakobinern ſollen urſpruͤnglich der Parthei des Herzogs von Or⸗ leans angehoͤrt haben 33allein da er einen Mangel an 49 an Entſchloſſenheit offenbarte, und die ſich ihm dar⸗ bietenden Gelegenheiten, ſein Gluͤck zu befoͤrdern, nicht benuͤtzte, ſo verließen ſie ihren Anfuͤhrer(dem ſie jedoch immer noch ſchmeichelten und den ſie im⸗ mer noch hintergingen) und verfolgten, an der Spitze der fuͤr ſeinen Dienſt verſammelten, und aus ſeiner Kaſſe bezahlten Anhaͤnger, den ⸗Pfad ihres eigenen beſondern Gluͤckes. Außer den verſchiedenen Partheien, deren Ka⸗ rakter wir hier bezeichnet haben, und die ihre miß⸗ helligen Geſinnungen in dem Grade entwickelten, in welchem die Revolution vorwaͤrts ſchritt, enthielt di⸗ Verſammlung die gewoͤhnliche Anzahl jener klu⸗ g n Klaſſe von Politikern, die ſich durch die Ereig⸗ niſſe leiten laſſen, gleich jenen, die ſich in den Zei⸗ ten Cromwells ſelbſt Zuwartende(Waiters) nann⸗ ten, und die ſich mit dem Muͤller in der Fabel ruͤh⸗ men konnten, daß, obſchon er den Lauf des Windes nicht lenken koͤnne, er doch ſeine Segel ſo zu rich⸗ ten wiſſe, daß er denſelben benuͤtzen koͤnne, blaſe er aus welcher Ecke er wolle. Alle die verſchiedenen Partheien der Verſamm⸗ lung, deren Uneinigkeit der Koͤnig durch zoͤgernde Maßregeln ſicherlich haͤtte benutzen koͤnnen, verban⸗ den ſich zu einer hartnaͤckigen Feindſeligkeit gegen die Krone und ihre Anſpruͤche, durch das Betragen, das man ungluͤcklicherweiſe Lndwig XVI. anzunehn men W. Sco ti's Werke XANI. 4 50 rieth. Man hatte beſchloſſen, eine drohende Stel⸗ lung anzunehmen und den Koͤnig an die Spitze einer ſtarken Macht zu ſtellen. Zu dieſem Ende wurden die noͤthigen Befehle gegeben. Obſchon Necker manche Punkte des der Ver⸗ ſammlung in der koͤniglichen Sitzung gemachten Vor⸗ ſchlags gebilligt hatte, ſo hatte er doch andere hoͤch⸗ lich mißbilligt und ſich der Maßregel widerſetzt, Trup⸗ pen nach Verſailles und Paris ziehen zu laſſen, um die Hauptſtadt und, wenn es noͤthig waͤre, die Na⸗ tionalverſammlung einzuſchuͤchtern. Necker erhielt ſeine Entlaſſung, und ſo ſchienen der Koͤnig und das Volk zum zweitenmale zu offenem Kriege bereit. Die ſtaͤrkere Macht ſchien beim erſten Anblicke ganz auf der Seite des Koͤnigs zu ſeyn. Dreißig Regi⸗ menter umzingelten Paris und Verſailles, angefuͤhrt von dem Marſchall Broglio, einem ausgezeichneten General, der in dem Rufe eines eifrigen Gegenre⸗ volutionaͤrs ſtand; und unter den Mauern der Haupt⸗ ſtaot war ein großes Lager aufgeſchlagen. Die Stadt war auf allen Seiten offen, und die einzigen Ver⸗ theidiger derſelben beſtanden aus einem unbewaffne⸗ ten Poͤbel; allein dieſe Ueberlegenheit beſtand nur dem Anſcheine nach. Die fianzoͤſiſchen Garden hat⸗ ten ſich bereits, beſtegt durch die verſchiedenen Mit⸗ tel, durch die man ſie fuͤr die Volksſache zu gewin⸗ nen geſucht hatte, mit dem Volke vereinet, oder, wie man oamals ſagte, Bruͤderſchaft gemacht. Da ſie 5I ihren Offizieren, die ihre Kompagnien groͤßtentheils nur an Dienſt⸗ oder Paradetagen ſahen, wenig er⸗ geben waren, ſo brachte ein anſcheinender Zufall, der wahrſcheinlich ſeine Quelle in einer Pruͤfung der Geſinnungen dieſer Regimenter hatte, die Sache zu einer Entſcheidung. Die Soldaten waren im Ge⸗ heimen mit den Mitteln zu einer ungewoͤhnlichen Verſchwendung verſehen worden, und in Folge deſſen erſchlaffte die Mannszucht unter ihnen taͤglich mehr. Um dieſer Zuͤgelloſigkeit Einhalt zu thun, waren eilf von den Garden militaͤriſcher Vergehungen we⸗ gen eingekerkert worden; der Pariſer Poͤbel befrei⸗ te ſie gewaltſam, und ſtellte ſie unter den Schutz der Einwohner der Hauptſtadt— ein Betragen, das natuͤrlich auf ihre Kameraden Eindruck machen muß⸗ te.— Sie waren an der Zahl 3,600, gehoͤrten zu den beſten Kriegern in Frankreich, waren an Kriegs⸗ zucht gewoͤhnt, hatten jeden feſten Punkt in der Stadt beſetzt, und wurden durch die ungeheure obſchon ungeordnete Volksmenge derſelben unter⸗ ſtuͤtzt. Dadurch, daß die Revolutionsmaͤnner dieſe Re⸗ gimenter gewannen, gelangten ſie in den Beſitz der Hauptſtadt, und das unter Broglio verſammelte Heer wuͤrde es hoͤchſt ſchwierig gefunden haben, ſie daraus zu vertreiben, allein dieſes letztere war ge⸗ neigter, einen Aufſtand befoͤrdern zu helfen, als ihn 8 4.. 52 3 zu daͤmpfen. Die Verfuͤhrungsmittel, deren man ſich mit Gluͤck gegen die franzoͤſiſchen Garden bedient hatte, wurden nun auch gegen andere Korps emſig in Anwendung gebracht. Die Regimenter, welche in der naͤchſten Umgebung von Paris lagen, wurden nicht vergeſſen, und durch jene Verſuchungen beſiegt, die bei dem Krieger ſtets am meiſten wirken. Wein, Weiber und Geld wurden ihnen in Menge verſchafft— und unter Schwelgerei und Zuchtloſigkeit entſagte das franzoͤſiſche Heer ſeiner Treue, die bis⸗ her nur zu ſehr der Gegenſtand ihrer Abgoͤtterei ge⸗ weſen war, und die jetzt, gleich dem Tempel von Perſepolis mitten unter Weindampf, und in Folge der Aufmunterungen feiler Dirnen vernichtet wurde. Es blieben noch die fremden Truppen, von denen verſchiedene Regimenter da waren; allein ihre Ge⸗ ſinnung war zweifelhaft, und haͤtte man ſie gegen die Buͤrger von Paris gebraucht, ſo wuͤrde man die eingebornen Krieger nur noch mehr in ihrer Abnei⸗ gung gegen die koͤnigliche Sache beſtaͤrkt haben, da dieſe ausſchließlich nur durch fremde Truppen auf⸗ recht erhalten werden mußts. Inzwiſchen waren die finſtern Plane, die man lange ſchon zur Erregung eines allgemeinen Auf⸗ ſtandes in Paris ausgeheckt hakte, zur Ausfuͤhrung reif geworden, der Poͤbel war durch, den gluͤckli⸗ chen Erfolg einiger Scharmuͤzel mit den Gensdarme und den fremden Truppenermuthigt worden; er hatte — — t 53 4 ein Gefecht mit einem deutſchen Reiterregimente be⸗ ſtanden und den Sieg davon getragen. Die Zahl verzweifelter Leute, welche bei ſolchen Gewaltthaͤtig⸗ 3 keiten den Vortrab bildeten, vergroͤſſerte ſich jetzt ungemein. Die revolutionaͤren Geſellſchaften von Paris hatten ihre Mitgenoſſen aus der Zahl der wildeſten Tollkopfe jeder Provinz aufgerufen. Außer ganzen Schaaren von Galeerenſclaven und Ausrei⸗ ßern, ſchwaͤrmten Landſtreicher jeder Gattung nach Paris, wie Naben nach der Beute. Zu dieſem ka⸗ men noch die gemeinſten Einwohner einer volkreichen Stadt, die ſtets zu Aufruhr und Naub bereit ſind, angefuͤhrt und aufgemuntert von Maͤnnern, die auf⸗ 4 richtige Enthuſiaſten in der Sache der Freiheit wa⸗ ren, und glaubten, nur die Zerſtoͤrung der gegen⸗ V waͤrtigen Regierung koͤnne ihr den Sieg verſchaffen. Die republikaniſche und jakobiniſche Parthei verfehl⸗ te ihre Geſinnungen und Handlungen nicht, und be⸗ foͤrderte den Auſſtand durch alle ihr zu Gebot ſte⸗ henden Mittel. Die Konſtitutionellen verhielten ſich zwar leidender; allein ſie ſahen doch mit Frelheit den Sturm ſich bilden, weil ſie glaubten, daß eine ſolche Kriſis nothwendig ſei, um den Koͤnig zu zwin⸗ 3 gen, das Ruder des Staates in ihre Haͤnde zu ge⸗ beu. Man haͤtte erwarten koͤnnen, daß die verſam⸗ melte Macht der Krone dazu angewendet werden wuͤrde, den Frieden wenigſtens zu erhalten, und dem allgemeinen Raub⸗ und Plunderungsſyſteme, das jetzt 54 ſeinen Anfang zu nehmen ſchien, Einhalt zu thun. Sie erſchienen nicht, und die Buͤrger ergriffen ſelbſt zu Tauſenden und Zehntauſenden die Waffen, und bildeten die Buͤrgermiliz, die nachher den Namen Nationalgarde erhielt. Man pluͤnderte die koͤnigli⸗ chen Zeughaͤuſer, um Waffen zu erhalten, und er⸗ nannte Lafayette zum Oberbefehlshaber dieſes neuen Heeres, was hinlaͤnglich bewies, daß man der ſoge⸗ nannten konſtitutionellen Parthei zugethan war. Ein anderer großer Theil der Bevoͤlkerung wurde in aller Eile mit Piken bewaffnet, einer Waffe, die deßwe⸗ gen revolutionaͤr genannt wurde. Der Baron von Beſenval, der an der Spitze der Schweizergarden, zweier fremder Regimenter und 800 Reiter ſtand, zog ſich nach einer leeren Drohung, die den Muth der Inſurgenten nur erhoͤhte, aus Paris zuruͤck, ohne einen Schuß gethan zu haben, da er, wie er in ſei⸗ nen Denkwuͤrdigkeiten ſagt, keine Verhaltungsbefehle hatte, und einen Buͤrgerkrieg nicht zu beſchleunigen wuͤnſchte. Sein Ruͤckzug war das Zeichen zu einem allgemeinen Aufſtande, bei welchem die franzoͤſiſchen Garden, die Nationalgarden und der bewaffnete Poͤ⸗ bel von Paris, die Baſtille einnahmen, und einen Theil der Beſatzung niedermachten. Wir verfolgen nicht alle einzelnen Ereigniſſe der franzoͤſiſchen Revolution, ſondern ſuchen nur ih⸗ ren Geiſt und ihre Tendenz zu beſchreiben, und koͤn⸗ nen nur hier zwei Veraͤnderungen angeben, die, — — 55⁵ zum erſtenmale, in dem Karakter des Pariſer Poͤ⸗ bels vorgegangen waren. Die Pariſer Gaffer, Vadauds de Paris, wie man ſie ſpottweiſe nannte, hatte man bisher als eine leichtſinnige, lachende und gedankenloſe Men⸗ ſchenrage gekannt, die leidenſchaftlich fuͤr Neuigkei⸗ ten eingenommen war, ob ſie gleich die Wahrheit nicht eben ſehr ſcharfſinnig von der Falſchheit unter⸗ ſchied; raſch aufnahm, allein nicht im Stande war, feſte und uͤberlegte Entſchluͤſſe zu faſſen, noch weit weniger ſie auszufuͤhren, und ſo leicht durch eine bewaffnete Macht eingeſchuͤchtert wurde, daß unge⸗ faͤhr 1200 Polizeiſoldaten bisher hingereicht hatten, um ganz Paris in Unterthaͤnigkeit zu erhalten. Al⸗ lein bei der Erſtuͤrmung der Baſtille zeigten ſie ſich kuͤhn, entſchloſſen, unnachgiebig, raſch und tollkuͤhn. Dieſe neuen Eigenſchaften ruͤhrten zum Theil von der Unterſtuͤtzung her, die ſie von den franzoͤſiſchen Garden erhielten; allein ſie muͤſſen noch weit mehr dem hoͤher ſtrebenden und entſchloſſenen Karakter der den revolutionaͤren Geiſt bezeichnet, und dem Umſtande zugeſchrieben werden, daß ſich Maͤnner von den beſſern Klaſſen und dem feinern Tone, der dieſen angehoͤrt, unter den bloßen Poͤbel der Haupt⸗ ſtadt mengten. Die Beſatzung der beruͤchtigten Burg war in der That ſehr ſchwach; allein ihre tie⸗ fen Graͤben und unuͤberſteigbaren Bollwerke waren hoͤchſt zuruͤckſchreckend. Der Sieg, den die Volks⸗ 56 ſache durch eine, dem Anſcheine nach ſo verzweifelte That erlangte, verſetzte daher den Koͤnig und die „Noyaliſten in eine allgemeine Beſtuͤrzung. Der zweite merkwuͤrdige Umſtand war der, daß die Franzoſen, die ſtets eines der froͤhlichſten und gutmuͤthigſten Voͤlker geweſen waren, bei der Revo⸗ lution nicht blos mit dem Muthe, ſondern auch mit der tollen Wuth losgelaſſener Beſtien erfuͤllt worden zu ſeyn ſchienen. Foulon und Berthier, zwei Indi⸗ viduen, die ſie als Feinde des Volkes betrachteten, wurden mit einer Grauſamkeit gemordet, die bloß fuͤr den Richtplatz eines jerokeſiſchen Lagers paßte; und es fanden ſich, nach dem Beiſpiele echter Kan⸗ nibalen, Maͤnner, oder vielmehr Ungeheuer, die nicht nur die Gllieder ihrer Schlachtopfer zerriſſen, ſondern auch ihr Herz aßen, und ihr Blut tranken. Solche Grauſamkeiten, ſelbſt unter dem unwiſſend⸗ ſten und roheſten Theile des Poͤbels koͤnnen nicht auf Rechnung der Macht der neuen Freiheitslehren, oder der durch Buͤrgeraufſtand verurſachten Erbitte⸗ rung geſetzt werden. Diejenigen, welche bei ſolchen unerhoͤrten Graͤueln die Anfuͤhrer ſpielten, muͤſſen Moͤrder vom Handwerk geweſen ſeyn, die ſich mit den Inſurgenten vermengten, wie alte Hunde mit einer jungen Koppel, um ſie anzufuͤhren, durch Me⸗ teleien zu maͤſten, und ſie ein Beiſpiel der Grau⸗ ſamkeit zu lehren, das zu leicht gelernt, aber ſchwer⸗ lich je wleder vergeſſen wird. Die Hauptſtadt war 7 57 ganz in den Haͤnden der Inſurgenten, und Buͤrger⸗ krieg oder Unterwerfung, die einzige Wahl, die dem Koͤnige blieb. Fuͤr den erſtern haͤtten hinreichende Grunde angefuͤhrt werden koͤnnen. Alle Vorgaͤnge in der Hauptſtadt waren im hoͤchſten Grade aufruͤh⸗ reriſch geweſen, ohne daß ſich die Nationalverſamm⸗ lung im geringſten ins Mittel gelegt haͤtte. Sie hielt vielmehr immer noch ihre Sitzungen zu Ver⸗ ſailles, und beſprach ſich uͤber die Tagesordnung, waͤhrend die Buͤrger von Paris Schloͤſſer ſtuͤrmten, und ihre Gefangenen in Stuͤcke riſſen, ohne irgend eine Erlaubniß von den Stellvertretern des Volkes, ja ſelbſt ohne die Einwilligung ihrer buͤrgerlichen Vorſteher. Der Vorſteher des Handelsſtandes wurde bei dem Beginnen des Aufruhrs ermordet, und ein in Schrecken geſetzter Ausſchuß von Waͤhlern war die einzige Behoͤrde, die noch einen ſchwachen Schein von Gewalt bewahrte, die ſie unter dem Einfluſſe und nach dem Gefallen der wuͤthenden Menge aus⸗ uͤben mußte. Ein großer Theil der Buͤrger hatte zwar die Waffen zur Vertheidigung ſeiner ſelbſt und ſeiner Familie ergriffen, allein er wuͤnſchte ſie kei⸗ neswegs gegen die koͤnigliche Gewalt zu gebrauchen. Ein noch groͤßerer Theil hatte ſich blos mit den Inſurgenten vereint, weil ſie in einem Augenblicke allgemeiner Bewegung die thaͤtige und herrſchende Parthei waren. Die erſtern dieſer Buͤrger wuͤnſch⸗ ten Ruhe und Schut, die andern mußten aus Ge⸗ 58 wohnheit und Scham die Parthei, die offenbar von Miſſethaͤtern und gemeinen Meuchelmoͤrdern gelei⸗ tet wurde, bald moͤglichſt zu verlaſſen, und ſich auf die Seite derer zu ſchlagen geneigt ſeyn, die Frieden und gute Ordnung ſchaͤtzten. Wir haben eine zu gute Meinung von einem ſo aufgeklaͤrten Volke, wie das franzoͤſiſche iſt, eine zu gute Meinung von der menſchlichen Natur in allen Laͤndern, als daß wir glauben koͤnnten, die Menſchen werden beim Boͤſen beharren, wenn man ihnen das bewilligt, was ihnen gebuͤhrt. Was war in dieſem Falle die Pflicht Ludwigs XVI.2 Wir antworten ohne Zoͤgern das, was Ge⸗ org III. von England that, als ein gewaltthaͤtiger und ausſchwelfender Poͤbel im Namen der proteſtan⸗ tiſchen Religion Gefaͤngniſſe oͤffnete, fremdes Eigen⸗ thum zerſtoͤrte, Haͤuſer verbrannte, und, obſchon mit weit geringern Anzeichen von Greuelhaftigkeit, die⸗ ſelben Unordnungen begann, die jetzt Paris verheer⸗ ten. Es iſt bekannt, daß, als ſeine Miniſter zau⸗ derten, ihre Meinung in Betreff der Anwendung der Kriegsmacht zum Schutze des Lebens und Eigen⸗ thums gegen zuͤgelloſe Banditen zu ſagen, der Koͤ⸗ nig, als hoͤchſter Beamter, ſeinen Vorſatz erklaͤrte, in die brennende Stadt, an der Spitze ſeiner Gar⸗ den zu ziehen, um mit Waffengewalt die Inſur⸗ genten zu uͤberwaͤltigen und der erſchrockenen Haupt⸗ ſtadt den Frieden wieder zu ſchenken. Dieſelbe Auffor⸗ — derung war nun an Ludwig ergangen. Er war noch der hoͤchſte Beamte des Staats, der die Pflicht hat⸗ te, das Leben und Eigenthum des Volkes zu be⸗ ſchuͤtzen,— war noch der Beſehlshaber jenes Heers, das zur Beſchuͤtzung der Landesgeſetze, ſo wie des Lebens und Eigenthums der Unterthanen ausge⸗ hoben war und beſoldet wurde. Der Koͤnig haͤt⸗ te ſich, ohne einen Augenblick zu zoͤgern, in die Nationalverſammlung begeben, ſich vor dieſem Ver⸗ eine von dem Verdachte, den die Verlaͤumdung auf ihn gewaͤlzt hatte, reinigen und den Beiſtand der Volksvertreter zur Unterdruͤckung der ſchrecklichen Raub⸗ und Mordthaten, welche die Hauptſtadt ent⸗ ehrten, verlangen und gebieten ſollen. Man kann faſt mit Gewißheit annehmen, daß die ganze gemaͤ⸗ ßigte Parthei, wie man ſie nannte, ſich mit dem Adel und der Geiſtlichkeit vereinigt haben wuͤrde. Der Thron war nicht leer, und das Schwert noch nicht kraftlos. Ludwig hatte viel abgetreten, und konnte im Laufe der bevorſt tehenden Veraͤnderung ge⸗ zwungen werden, noch mehr abzutreten; allein er war doch immer noch Koͤnig von Frankreich, immer noch durch ſeinen Kroͤnungseid verpflichtet, Mord zu verhuͤten und Aufruhr zu daͤmyfen. Er konnte nicht als Feind der Freiheit angeſehen werden, wenn er dem Gebote ſeiner Koͤnigspflicht folgte; denn was hatte die Sache der Staatsverbeſſerung, die in ei⸗ ner friedlichen und unbewaffneten Verſammlung be⸗ 60 rathen wurde, mit dem offenen Kriege gemein, der von den Aufruͤhrern zu Paris gegen die Truppen des Koͤnigs gefuͤhrt wurde, oder mit dem muthwil⸗ ligen Morden und den ewigen Greuelſzenen zu Pa⸗ ris? Mit ſolchen Gliedern, welche aus Scham und Furcht ſich der Oppoſition entwunden haͤtten, wuͤrde der Koͤnig, waͤre er als Fuͤrſt aufgetreten, eine Ma⸗ joritaͤt gebildet haben, ſtark genug, um die Eintracht zwiſchen der Krone und der Verſammlung bemerk⸗ bar zu machen, ſobald es ſich von dem Schutze der Ge⸗ ſetze gehandelt haͤtte. Im entſcheidenden Augenblik⸗ ke, bei Ereigniſſen von ſolcher Natur, iſt es ja die Pflicht des Fuͤrſten, durch Ausuͤbung ſeiner koͤnigli⸗ chen Vorrechte, ſei es nun in Gemeinſchaft mit an⸗ dern Zweigen der Geſetzgebung oder ohne dieſelben, dem Volke zu dienen und das Land zu retten. Mit einem ſolchen Beiſtande hatte der Koͤnig, als das Oderhaupt ſeiner Leibgarden, ſeiner uͤbrigen treu ge⸗ bliebenen Schaaren, und des hohen und niederen Adels, deſſen ritterliche Grundſaͤtze denſelben an den Dienſt des Regenten knuͤpften, gerade nach Paris marſchiren und mit bewaffneter Hand den Aufruhr erſticken oder, als ein wuͤrdiger Enkel Heinrich des Vierten, im Kampfe fallen ſollen. Seine Pflicht gebot ihm und die Macht, womit er bekleidet war, gab ihm die Befugniß, ſo zu haudeln, und es un⸗ terliegt keinem Zweiſel, der Meuterer waͤre in Schrecken geſetzt, der Schuͤchterne ermuthigt und „* 6 61 der Wankende beſtaͤrkt wor rden; ein Sieg uͤber die ungeſetzliche und rohe Gewalt haͤtte die Bahn zu ei⸗ ner eben ſo gemaͤßigten, als ſichern Umbildung des Staates gebrochen. Nach errungenem Siege, im Namen der Geſetze des Reichs, konnte der Koͤnig, ſeinen Entſchluß zu den Waffen gegriffen zu haben, nur dadurch recht⸗ fertigen, daß er ſeine Eroberung mit Milde benutz⸗ te, um zu zeigen, er lege ſein Schwert in die eine Wagſchale, blos um die Knuͤttel auszugleichen und die Dolche der Volksaufwiegelung, womit die ande⸗ re Schale belaſtet war. Er mußte dann die Abſicht laut werden laſſen, daß er den ruhigen Gang der Maͤßigung und einer der Verfaſſung entſprechenden Reform nicht aufhalten wolle, waͤhrend er befliſſen war, uͤbereilte und gewaltſame Neuarungen zu hem⸗ men. Mancher Streitgegenſtand haͤtte ſein Ende erreicht und zwiſchen ihm und ſeinem Volke eine ge⸗ regelte Ausgleichung erlangt; jedoch das Laͤuterungs⸗ geſchaͤft der Verfaſſung, wiewohl minder raſch, waͤre heilſamer und ſicherer geworden und das franzoͤſiſche Reich wuͤrde denſelben Grad von Freiheit erreicht haben, auf welchem es gegenwaͤrtig ſteht, ohne den Weg durch eine kurze aber ſchreckenvolle Geſetzloſig⸗ keit zu einer Jahre lang dauernden mllitaͤriſchen Gewaltherrſchaft zu nehmen, ohne den Verluſt ſo unermeßlicher Schaͤtze, und ohne ſo viele Stroͤme von Menſchenblut. Denen, welche die Gefahren eines 62 ſolchen Ganges der Dinge und die Moͤglichkeit ent⸗ gegenhalten, daß man bei der Wuth der Aufruͤhrer das Leben des Koͤnigs auf's Spiel geſetzt haͤtte, koͤn⸗ nen wir blos mit dem Ausſpruche des aͤltern Horati⸗ us antworten: Er moͤge ſterben!(Qu'il mourut) denn der Fuͤrſt wie der Bauer, hat lange genug ge⸗ lebt, wenn die Wahl erſcheint zwiſchen dem Verluſte des Lebens und einer ſchweren noch unerfuͤllten Pflicht. Waͤre Ludwig an der Spitze ſeiner Truppen gefallen, ſo wuͤrde er ſich ſelbſt eine noch grauſame Erniedri⸗ gung und ſeinen Unterthanen ein ſchwereres Ver⸗ brechen erſpart haben. Es iſt nicht in Abrede zu ziehen, daß hiebei eine große Gefahr anderer Art zu befuͤrchten ſtand, und daß der dem Einfluſſe ſeiner Umgebungen ſo zugaͤngliche Koͤnig leicht haͤtte in die Verſuchung ge⸗ rathen koͤnnen, die despotiſche Gewalt, der er ſich großentheils ſchon begeben hatte, abermals geltend zu machen, und ſo einen uͤber den Aufruhr erlang⸗ ten Vortheil zu Gunſten der Tyrannei zu mißbran⸗ chen. Allein der Geiſt der Freiheit war ſchon zu ſehr erſtarkt in Frankreich, das Gemuͤth des Koͤnigs zu weich und zum Wohlwollen geneigt, ſein kurz zu⸗ vor erduldetes Geſchick ſo bedeutſam und die Zukunft, wenn er die Lage ſeiner Unterthanen im Allgemeinen uberblickte, ſo zweifelhaft, daß man dem Gedanken Raum geben muß, ein gerade jetzt errungener Sieg wurde ihn zu gemaͤßigten Schritten beſtimmt haben 63 Wie das Volk Gewalt gebraucht, war ſchon bekannt genug; gewiß aber duͤrſte man die Ueberzeugung aus⸗ ſprechen, Ludwig waͤre in dieſem entſcheldenden Zeit⸗ punkte wohl berechtigt geweſen, die Ordnung mit Gewalt herzuſtellen; andrerſeits wuͤrde das Verbre⸗ chen ſchauerlich und unſuͤhnbar geweſen ſein, haͤtte er den Sieg dazu benuͤtzt um den Despolismus wie⸗ der ins Leben zu rufen. Es koͤnnte wirklich behauptet werden, der vor⸗ hergehende Zuſtand habe in zu hohem Grade eine⸗ vorgeſaßte Meinung veranlaßt, und durch die am 14. Juli veruͤbte Gewaltthaͤtigkeit habe man nur den ſtrengen Maßregeln zuvorkommen wollen, welche man von dem Koͤnige gegen die Nationalverſammlung er⸗ wartet hatte. Hierauf dient zur Antwort, daß der gewinnende Theil den Tadel wegen eines begonne⸗ nen Streites immer auf den Verlierenden werfe, gleich wie der Wolf das Lamm beſtrafte, welches ihm das Waſſer getruͤbt haben ſollte, ob daſſelbe gleich unterhalb im Fluſſe trank. Gewahren wir nun hier eine Parthei, vollkommen vorbereitet und ſchlag⸗ fertig, kuͤhn im Entwerfen ihrer Plane und gewandt in deren Ausfuͤhrung; dort aber eine andere ohne Sicherheit und Vorſicht, alle lihre Schwaͤchen der Beſtuͤrzung und der Unentſchloſſenheit verrathend, ſo ſind wir zu glauben genoͤthigt, der Angriff ſet eben ſo vorbedacht auf der einen Selte als unerwar⸗ tet auf der andern. 1 64 1 Das Dahingeben von dreißigtauſend vollſtaͤndi⸗ gen Waffen im Invalidengebaͤude, wobei nicht der geringſte Widerſtand geleiſtet wurde, obgleich drei Schweizerregimenter in den Champs Blisés lagerten; der hoͤchſt vernachlaͤßigte Zuſtand der Baſtille, wo⸗ rin ſich etwa hundert Schweizer und Invaliden be⸗ fanden, die von allen Mitteln entbloͤßt waren; die gaͤnzliche Unthaͤtigkeit des Barons von Bezenval, welcher, ohne daß es noͤthig war, ſeine Soldaden in die engen Gaſſen zu verwickeln, dieſe Feſte entſetzen konnte, wenn er laͤngſt dem, fuͤr die Bewegung ge⸗ ordneter Truppen ſo guͤnſtigen Boulevards, ſeinen Weg dahin genommen haͤtte*); und endlich der ohne Blutvergießen bewirkte Ruͤckzug dieſes Gene⸗ rals aus Paris— zeigen, daß der Koͤnig unter allen Um⸗ —— *) Ein glaubwürdiger Augenzeuge erzählte uns, bei der Be⸗ ſtürmung der Baſtille habe ſich aus der Menge auf einmal das Geſchrei erhoben: Das Regiment Royal Allemand rücke herbei! Im Augenblicke habe ſich Alles zur Flucht angeſchickt, woraus man abnehmen könne, was das wirkliche Erſcheinen eines Truppencorps bewerkſtelligt haben würde.— Der Ba⸗ ron von Bezenval hatte mit einer Abtheilung der Garden mehrere Wochen zuvor einen Aufſtand in der St. Antoni⸗ usvorſtadt gedämpft, bei welcher Gelegenheit einige vom gemeinen Volkshaufen getödtet wurden; und er bemerkt in ſeinen Denkwürdigkeiten, daß, während die Pariſer Bürger ihn ihren Beſchützer nannten, er bei Hofe ſehr kalt empfan⸗ gen worden ſei. Er mochte daher nicht willens ſeyn⸗ durch eine entſchiedene Theilnahme am 13. Ihlius eine Blöße zu geben. 3 . 65 Umſtaͤnden, nicht nur keine feindlichen Maßregeln ergriffen, ſondern vielmehr ſolche Befehle lertheilt habe, wodurch ſeine Offiziere verhindert wurden, Gewalt mit Gewalt abzutrelben. 3 Wir ſind daher der Meinung, daß der Plan, die Truppen rund um Paris zu verſammeln, eine von den halben Maßregeln war, zu welcher Ludwig, mit großer politiſcher Schwaͤche, mehr als einmal ſeine Zuflucht nahm, und daß dabei die Abſicht un⸗ terlag, Schrecken einzujagen und in der Ferne eine Gewalt zu zeigen, welche er im Voraus entſchloſſen war, niemals in Anwendung zu bringen. Waͤre ſein Vorſatz, einen Angriff zu unternehmen, ernſthaft ge⸗ weſen, ſo wuͤrden füͤnft tauſend Mann von aͤchter Ge⸗ ſinnung, welche gewiß zuſammengebracht werden konn⸗ ten, wenn ſie ohne Aufſchub und kraftvoll thaͤtig wa⸗ ren, ihm die Stadt Paris beſſer verſichert haben, als in ſechsfacher Anzahl ſolche, die vor den Mauern aufgeſtellt, ſich in Schwelgerei verzehrten und, vom Schauplatz entfernt gehalten, keine Muskete abfeu⸗ erten. Ludwigs Muth war wirklich mehr leidender als handelnder Natur, ausdauernd in Widerwaͤrtig⸗ keiten, doch ohne jenen ſtarken und beſtimmten Ka⸗ rakter, welcher faͤhig iſt, zweifelhaften Dingen eine gluͤckliche Wendung zu geben, und einen Erfolg, den das Schickſal verweigert hatte, durch eigene Anſtren⸗ gung herbeizufuͤhren. W. Scokt's Werke XXVI. 5 d 66 Der Aufſtand von Paris, nachdem der Regent ſich in denſelben gefuͤgt hatte, wurde von der Nation als ein gerechter Sieg, nicht als ein verbrecheriſches Unternehmen betrachtet, und die Unterwuͤrfigkeit des Koͤnigs, fofern er den Zwang ertrug, wurde als Be⸗ weis angenommen, daß die Buͤrger, die beabſichtig⸗ ten Gewaltsſchritte gegen die Nationalverſammlung abwendend, nur der militaͤriſchen Beſitznahme der Stadt zuvorgekommen ſeien. In den Debatten der Verſammlung ſelbſt wurde der Aufſtaud gebilligt und Furcht und Argwohn als deſſen wohlbegruͤndete ür⸗ ſachen gerechtfertigt; die Leidenſchaften der Buͤrger ſtimmten damit uͤberein, und ihre gehaͤſſigſten Aus⸗ ſchweifungen wurden beſchoͤnigt und entſchuldigt. Als Lalli Tolendal die Greuel, welche den Mord Ber⸗ thiers und Foulons begleiteten in der Verſammlung anzeigte, richtete man an ihn die Aeußerung, daß er Berge aus Maulwurfshuͤgeln mache. Mirabeau ſagte: nes ſei jetzt Zeit zu denken und nicht zu fuͤh⸗ len;“ und Barnare fragte mit ſpoͤttiſchem Laͤcheln, „ob denn das vergoſſene Blut ein ſo koſtbares waͤre?“ Robespierre aber, der in das Geſchaͤftsleben eintra mit Handlungen der Grauſamkeit, welche geeignet waren den Werth eines ſoſchen Gemuͤthes ſogleich kenntlich zu machen, bemerkte, daß„das ſeit Jahr⸗ hunderten unterdrückte! Volk das Recht habe einen Tag lang ſeine Nache zu uͤben.“ 67 Aber dieſer Tag dauerte lange,— und was war das Loos derer, die ſeine Greuel in Schutz nah⸗ men?— Von der Stunde an wurden die Aufwieg⸗ ler, welche die blinde Menge leiteten, auftauchend aus dem Pariſer Poͤbel, die Henker des Schickſals von Frankreich. Ein Aufruhr entſtand aus der ge⸗ ringſten Veranlaſſung und die Verfammlung konnte nur unter dem Volksſtrom ihre Wirkſamkeit uͤben, ſo mechaniſch als das Rad einer Maſchine, welches“ vom Waſſerſturze getrieben wird. Die Ueberwaͤltigung der Baſtille dehnte ſich bis in das Kabinet und den geſetzgebenden Koͤrper aus.⸗ Die Miniſter, welche dem Koͤnige gerathen hatten, ſich gegen die Nationalverſammlung zu vertheidigen, oder vielmehr gegen dieſelbe eine drohende Stellung anzunehmen, verloren ſchnell den Muth als ihnen Foulons und Berthiers Schickſal vor Ohren kam. Der Baron von Breteuil, dieſer unbeliebte Nach⸗ folger Neckers, verlor ſeine Stelle und mußte in die Verbannung wandern, und um den Triumph des Volkes vollſtaͤndig zu machen, wurde Necker ſelbſ einſtimmig zuruͤckberufen. Der Koͤnig erſchien, naͤmlich er wurde aufs 116 tel de Ville von Paris gefuͤhrt, wo, verglichen mit dem Prunkaufzuge der Miniſter, ihm nur eine Art von kleinem Triumphe zu Theil ward, in welchem er eher einem Gefangenen als etwas anderem glich. 5.. 4 68 Er trat in das Gebaͤude ein unter einem Gewoͤlbe von Stahl, gebildet aus den gekreuzten Saͤbeln und Piken derer, die gegen ſeine Soldaten geworben und die Moͤrder ſeiner Unterthanen waren. Er heftete ſich die Kokarde des Aufruhrs an, beſtaͤtigte ſomit. die gegen ſeine Befehle vollzogenen Handlungen, gab ſich als Ueberwundenen zu erkennen und vollendete dieſe Eroberung dadurch, daß er ſeine Waffen nie⸗ derlegte. Der Fall der Baſtille war der erſte, beinahe der einzige Aufruf zu den Waffen, waͤhrend der fruͤheren Periode der Revolution, und die ſpaͤter vom Monar⸗ chen anerkannte Uebermacht des Volkes zeigte, daß von der alten Regierungsſorm nichts geblieben war als der Name. Des Koͤnigs juͤngerer Bruder, der Graf von Artois, jetzt regierender Koͤnig von Frank⸗ reich, war fuͤr den Leiter udh den Vereinigungspunkt der Koͤniglichgeſinnten zu halten. Er verließ mit ſeinen Kindern das Reich und ſuchte ſeine Zuflucht in Turin. Andere ausgezeichnete Prinzen und meh⸗ rere vom niedern Adel ſchlugen denſelben Weg ein, und ihre Abreiſe ſchien der Welt anzukuͤndigen, daß die koͤnigliche Sache in der That eine verzweifelte war, ſeitdem ſie von denjenigen verlaſſen wurde, die um ihres eigenen Vortheils willen ſie haͤtten verthei⸗ digen ſollen. Dieſes war der erſte Schritt zur all⸗ gemeinen Auswanderung, und wenn ſolche durch die umſtaͤnde entſchuldigt werden mag, ſo muß ſie doch — — 69 als ein großer politiſcher Fehler bezeichnet werden. Denn ob man gleich auf der einen Seite in Betracht zu ziehen hat, daß dieſe Prinzen und ihr Anhang in dem Glauben erzogen waren, die Regierung von Frankreich beruhe allein auf der Perſon des Koͤnigs, und ſei mit demſelben verſchmolzen; und wenn der Koͤnig aus der Lage komme, ſeine fortdauernde Ge⸗ walt zu verlieren, das ganze geſellſchaftliche Syſtem des Reichs zerreißen muͤſſe, und nichts uͤbrig bleibe, was geſetzlich regieren und regiert werden koͤnne;— ſo muß man auf der andetn Seite doch geſtehen⸗ daß in dem Augenblicke, als die Auswanderer die Graͤnze uͤberſchritten, ſie auf einmal alle Vortheile der Geburt und der Erziehung dahingaben, und ſich ſelbſt von dem Lande trennten, welches zu vertheidi⸗ gen ihre heiligſte Pflicht geweſen waͤre. Sich zu verbuͤnden und einen Aufſtand anzuzet⸗ teln, um dadurch eine Gegenrevolution zu bezwecken, waͤre das ſchnellſte und natuͤrlichſte Rettungsmittel geweſen. Allein der Einfluß der privilegirten Klaſ⸗ ſen war ſo gaͤnzlich zernichtet, daß dieſer Plan keine Hoffnung g gewaͤhrt haben mag, ſelbſt wenn der Koͤ⸗ nig ſeine Zuſtimmung gegeben haͤtte. Wollten ſie in Frankreich, ſei es in Paris oder in den Departe⸗ ments, bleiben, ſo waren ſie in ihrer anerkannten Eigenſchaft als Arlſtokraten unvermeidlich dem Mor⸗ de ausgeſetzt; das Auswandern war daher ihre ein⸗ zige Zuflucht. 4 3 70. Aber es blieb fuͤr dieſe Prinzen, Adeligen und Kavaliere ein edleres Unternehmen; haͤtten ſie ſich nur aufrichtig mit demjenigen, anfaͤnglich ſehr bedeu⸗ tenden Theile in der Verſammlung veretnigen koͤn⸗ nen, welcher, ohne den Sturz der Monarchie zu be⸗ abſichtigen, ſich vielmehr mit dem Wunſche beſchaͤf⸗ tigte, daß in dieſe der Geiſt einer vernuͤnftigen Freiheit gehaucht, und daß Ludwig in eine Lage ver⸗ ſetzt werde, die ihm die gefahrloſe und ehrenvolle Stellung eines beſchraͤnkten Monarchen ſicherte, und ihn zugleich der Gewalt eines Deſpoten beraub⸗ te. Es geht indeſſen in politiſchen Dingen wie in der Religion; je geringer an ſich ſelbſt der Unter⸗ ſchied zwiſchen zwei Partheien iſt, deſto hartnaͤckiger iſt jede auf die Satze verſeſſen, worin ſie von ein⸗ ander abweichen. Die reinen Royaliſten waren ſo wenig aufgelegt, mit denen gemeinſchaftliche Sache zu machen, die mit der Anhaͤnglichkeit an die Mo⸗ narchie eine Liebe zur Freiheit verbanden, daß ſie ſelbige kaum fuͤr wuͤrdig hielten, die Gefahren und Unbilden zu heilen, welchen alle elaii ausgeſetzt waren. Dieſe erſte Auswanderung war rielleicht nicht wenig durch das Selbſtgefuͤhl derjenigen veranlaßt, welche ſich dazu entſchloſſen hatten. Der hochgeborne Adel, woraus ſie hauptſaͤchlich beſtand, war lange Zeit fuͤr den Pariſer und jeden Andern, wie man zu ſagen pflegt, die Welt, und es war ein natuͤr⸗ 71’ licher Schluß, daß die Kreiſe, welche er zierte, ſeine Entfernung als einen unerſetzlichen Verluſt muͤſſen empfunden haben. Sie hatten es zuvor nicht be⸗ dacht, wie leicht in der Stunde der Noth wohlduf⸗ tende Lampen durch gewoͤhnliche Lichter zu erſetzen ſind, und daß, indem ſie viel Wuͤrde, Artigkeit und Anmuth mit ſich hinweg nahmen, ſie einen Schatz von Weisheit und Kraft hinter ſich lieſſen, und alle die andern weſentlichen Eigenſchaften’, wodurch die Nationen regiert und beſchuͤtzt werden. Durch den Zuſtand und die Unterhandlungen der Emigranten, wurde auch an den Hoͤfen, wo ſie Aufnahme ſuchten, ihr Anſehen in Nachtheil geſetzt, und folglich nicht weniger die koͤnigliche Sache, der ſie ihr Vaterland aufgeopfert hatten. Darauf be⸗ ſchraͤnkt, ihr Elend in fremden Landen zur Schau zu tragen, trachteten ſie nun natuͤrlicherweiſe nach frem⸗ der Huͤlfe, um in ihr eigenes zuruͤckkehren zu koͤn⸗ nen, und ſetzten ſich der ſchweren Verantwortung aus, einen Buͤrgerkrieg entzuͤndet zu haben, waͤh⸗ rend Ludwig bereits der willfaͤhrige, wenn auch nicht zufriedene, Regent des neu geregelten Staates war. Auf dieſen Gegenſtand werden wir ſpaͤter zu⸗ ruͤckkommen. Die Ueberzeugung, daß die alte Monarchie fuͤr immer gefallen ſei, ermuthigte die zahlreichen Par⸗ theien, welche in dem Verlangen nach einer neuen Verfaſſung uͤbereinſtimmten, jedoch uͤber die Grund⸗ * 7² lagen, worauf ſie gebaut werden ſollte, verſchiedener Meinung waren. Dahin hatten ſich alle vereiniget, daß es noͤthig waͤre, die Ueberbleibſel des vorherigen Zuſtandes der Dinge vorerſt aus dem Wege zu raͤu⸗ men. Man beſchloß die alten Feudalrechte abzu⸗ ſchaffen, und behandelte dieſe Angelegenheiten mit ſo viel Geſchicklichkeit, daß es das Anſehen gewann, als leiſteten Alle, die dabei ſelbſt betheiligt waren, freiwillig darauf Verzicht. Die volksthuͤmlichen Spre⸗ cher wußten in der Nationalverſammlung am 4. Au⸗ guſt 1780 die Debatten uͤber den gehaͤſſigen Karak⸗ ter der Feudalrechte und Privilegien ſo zu lenken, daß dieſe als die Haupturfache des allgemeinen Drucks und der Unzufriedenheit im Koͤnigreiche er⸗ klaͤrt wurden. Die Adeligen verſtanden den ihnen gegebenen Wink, und antworteten mit lebhaftev Entſchloſſenheit und mit einem Edelmuthe, welcher zu allen Zeiten ein Merkmal ihres Standes war, obgleich dieſe lobenswuͤrdigen Eigenſchaften zuweilen auf eine unbeſonnene Weiſe geuͤbt worden ſind. „Die Nation erwartet von uns perſoͤnlich, daß wir ihr Opfer bringen,“ ſagte der Marquis Foucault; „ſeien Sie uͤberzeugt, daß Sie unſere Großmuth „nicht umſonſt werden angerufen haben. Was die „Rechte der Monarchie betrifft, ſo gedenken wir „ſie bis aufs aͤußerſte zu vertheidigen, uͤber unſere „beſonderen und perſoͤnlichen Intereſſen aber koͤn⸗ wnen mir nach Willkuͤhr verfuͤgen.“ ₰ 3 73 Von gleicher Geſinnung ergriffen, wurden auf einmal die Geiſtlichkeit und der Adel, welche wohl einſahen, daß das was ſie verwilligten, nicht weſent⸗ lich auf die Ruhe des Staates einwirke, aber den⸗ noch zu ſtolz waren, ſich das Anſehen zu geben, als ſtellten ſie ihre eigenen Vortheile in gleiches Verhaͤltniß mit dem oͤffentlichen Wohl. Alle privi⸗ legirten Staͤnde ſchienen vom Geiſte der groͤßten Freigebigkeit beſeelt, und eilten, ihrer beſonderen Freiheiten und Vorzuͤge ſich zu entſchlagen. Prie⸗ ſter und Laien wetteiferten mit allen uͤbrigen in der Art und Fuͤlle ihrer Opfer. Privilegien, ſie moch⸗ ten nachtheilig oder unſchaͤdlich ſein, vernuͤnftig oder laͤcherlich, wurden aufgegeben; eine Art von Wahn⸗ ſinn bemaͤchtigte ſich der Verſammlung. Jedes Mit⸗ glied bemuͤhte ſich, die Aufopferung ſeiner perſoͤnli⸗ chen Anſpruͤche ins Licht zu ſetzen durch etwas Vor⸗ zuͤglicheres, als wodurch die vorhergehenden Ver⸗ zichtleiſtungen ſich anszeichneten. Diejenigen, welche fuͤr ſich keine Gerechtſame zu verſchenken hatten, uͤbten das lelchtere und angenehmere Geſchaͤft, die Gaben ihrer Committenten zu uͤberreichen; die Pri⸗ vilegien der Koͤrperſchaften, die Monopole der In⸗ nungen, die Rechte der Staͤdte wurden alle auf den Altar des Vaterlandes gelegt, und die Glieder der Nationalverſammlung geriethen in Entzuͤcken, als ſie ſahen, was ſie ſelbſt und Andere dahinzugeben im Stande waren, wie wenn, nach dem Beiſpiele 74 des naͤrriſchen alten Grafen zur Zeit der buͤrgerli⸗ chen Unruhen in England, die Handlung des Auf⸗ opferns eine Handlung des Vergnuͤgens waͤre*). Die Feudalverhaͤltniſſe waren in mancher Be⸗ ziehung gehaͤfſig, und in mancher andern druͤckend oder laͤcherlich; dennoch aber war es traurig mit an⸗ zuſehen, wie Einrichtungen aus dem grauen Alter⸗ thume durch Leute, welche zu gleicher Zeit plauder⸗ ten und traͤumten, aufs geratbewohl zerſtoͤrt wur⸗ den, wodurch ſich die Bemerkung eines ihrer eigenen Mitglieder, des Englaͤnders Williams rechtfertigte, indem er ſagte:„Die Narren wollen fuͤr Befreier „angeſehen ſeyn und verſtehen nicht einmal aufzu⸗ „horchen!“ Dieſes ſonderbare Ereigniß, wobei Be⸗ geiſterung, falſche Schaam und gegenſeitige Nachei⸗ ferung den Adel und die Geiſtlichkeit bewogen, ihre ³⁴)„Iſt nichts mehr vorhanden, worauf wir verzichten können?“ — fragte der alte Graf von Pembroke und Montgomerie in den Zeiten der Republik, nachdem man Kirche und König, Krone und Geſetz bereits dahin gegeben hatte,—„Fällt keinem etwas nein? Ich bin gar ein Freund vom Verzichtleiſten!“ —— Die eifrigen Entſagungen der franzöſiſchen Adeligen und Geiſtlichen wurden ungefähr ſo getrieben, wie vormals die Gaſtgelage, wobei der, welcher eine Geſundheit ausbrachte, wenn er zugleich ſeine Perüke verbrannte, ſich einen lockern Zahn ausziehen ließ, oder ſonſt eine Aufopferuug machte, kraft der Trinkgeſetze der Geſellſchaft, zum Muſter diente, das jeder der Reihe nach verbunden war nachzuahmen, ſo ſehr es auch ſeinem Kleiderſcrank oder ſeiner Perſon nachtheilig ſeyn mochte.) Herrenrechte zu verſchleudern, nannten Einige den Tag der Opfer, und Andere den Tag der Gimpelſtreiche. 4 Waͤhrend des Gangs dieſer geſetzgeberiſchen Toll⸗ heit, wie man es nennen koͤnnte, uberſchuͤttete die Volksparthei, mit angenommener Miene von De⸗ muth und Schaam, weil ſie ſelbſt nichts wegzuwer⸗ fen hatte, jedes neue Opfer mit Lobſpruͤchen; wie liſtige Genoſſen eines unbeſonnenen und verſchwen⸗ deriſchen Juͤnglings beklatſchte ſie die hingeworfenen Gaben, die ihr zum Nuten gerelchten, indeß ihre anſcheinende Bewunderung ein Sporn zu neuen uͤber⸗ triebenen Handlungen ward. Endlich als es ſchien, als ſeien die Opfer er⸗ ſchoͤpft, ſo hielt man inne und ſchaute rund um ſich her. Einige richteten ihr Augenmerk auf die beſon⸗ dere Auszeichnung franzoͤſiſcher Provinzen, wie die Normandie, Languedoc und dergleichen. Mehrere derſelben beſaßen Rechte und Vorzuͤge, die ſie durch Siege oder Friedeusſchluͤſſe erlangt hatten, welche ſelbſt Richelieu nicht anzutaſten wagte. Sobald ſie zur Sprache kamen, wurden ſie auf einmal in den revolutionaͤren Schmelztigel geworfen, um nach der allgemeinen Gleichheit, der Mode des Tages, umge⸗ formt zu werden. Es wurde nichts zu ihren Gun⸗ ſten geſprochen, es wurde nicht einmal leiſe beruͤhrt, daß dieſe Rechte mit Blut erkauft und durch die oͤf⸗ fentliche Treue geheiligt waren; daß die Geſetzge⸗ 76 bung, wenn ſie auch befugt geweſen, eine Gleichſtel⸗ lung zu verlangen, fuͤr das Entriſſene Entſchaͤdigung ſchuldig war. Es entging der Verſammlung nicht weniger, die Betrachtuug wie viele edeln und wuͤr⸗ digen Geſinnungen mit ſolchen Provinzialvorzuͤgen verknuͤpft ſind, welche, wie es auch der Fall war, ein zweites und inneres Bollwerk um die Liebe eines gemeinſamen Vaterlandes bilden; oder wie mancher harmloſe Genuß dem armen Bewohner aus dem Be⸗ wußtſeyn erwaͤchst, Theilhaber an den Vorzuͤgen ei⸗ nes beſondern Bezirks zu ſeyn. Solche Anſichten haͤtten die Geſetzgeber beſtimmen ſollen, endlich ſtille zu ſtehen, achdem ſie die Auszeichnungen aufgeho⸗ ben hatten, welche die Veranlaſſung zur Eiferſucht zwiſchen Buͤrgern eines und deſſelben Staates wa⸗ ren. Allein die revolutionaͤre Setzwaage wurde uͤber alles ausgedehnt, was einer Gegend oder einer Per⸗ ſon vor der andern einigen Vorzug einraͤumte. Es gab im Koͤnigreiche noch eine Geſellſchaft, welche, ob ſie gleich bereitwillig zu anſeh nlichen Op⸗ fern am Tage der Gimpelſtreiche ſich herbei⸗ gelaſſen hatte, immer noch gegen den Staat ver⸗ ſchuldet betrachtet und verurtheilt war, eine gaͤnzli⸗ ſche Beraubung zu erleiden. Die Geiſtlichkeit hatte ugegeben und die Nationalverſammlung am 4. Au⸗ Juſt beſchloſſen, daß der Zehnte fuͤr abloͤsbar erklaärt und von den Pllichtigen zu maͤßige n Preiſen abge⸗ kauft werden koͤnne. Mittelſt dieſer Anordnung war „ 77 die Rechtmaͤßigkeit der Anſpruͤche des Klerus aner⸗ kannt; deſſen ungeachtet behauptete die Verſamm⸗ lung drei Tage nachher, daß die Verzichtleiſtung auf den Zehnten ohnen Eiſchraͤnkung ausgeſprochen worden, und die Nation nur verbunden ſei, fuͤr die Unterhaltung des kirchlichen Dienſtes anſtaͤndig zu ſorgen. Der Abbé Sieyes verließ bei dieſer Gele⸗ genheit die! revolutionaͤre Parthei und hielt gegen dieſe unbilligen Maßregeln eine denkwuͤrdige Rede: „Ihr wollt frei ſeyn,“ ſprach er mit Heftigkeit, „und verſtehet nicht einmal, euch gerecht zu zeigen!“ — Ein Geiſtlicher in der Verſammlung rief die fel⸗ erliche Aufforderung ins Gedaͤchtniß, wodurch der dritte Stand die Geiſtlichkeit bewogen hatte, mit ihm gemeinſchaftliche Sache zu machen, und fragte mit gleichem Nachdruck:„war es um uns zu berau⸗ „ben, da ihr uns im Newen des Gottes, der den „Frieden liebt, aufgerufen habt, es mit euch zu „halten?“ Mirabeau hingegen, der Salbung nicht mehr eingedenk, womit er fruͤher die Eigenthums⸗ rechte der religioͤſen Orden in Schutz nahm, wendete ſeine Trugſchluͤſſe dazu an, um eine Sache zu ver⸗ theidigen, die ſeine eigene Beredtſamkeit bei aͤhnli⸗ cher Veranlaſſung fuͤr unſtatthaft erklaͤrt hatte. Die Klagen der Geiſtlichen wurden mit veraͤchtlichem Still⸗ ſchweigen oder von denen mit bitterem Spotte be⸗ antwortet, welche wohl mußten, wie wenig Vertrauen dieſe Koͤrperſchaft bei der Nation im Allgemeinen 78 genieße; dieſe ſprachen daher als ſolche, denen die Gewalt gegeben war, Uebels zu thun. Werfen wir nun einen Blick auf den Zuſtand des Koͤnigreichs, als deſſen alte Einrichtungen zu⸗ ſammenſtuͤrzten, oder durch die Hand der Neuerer mit Gewalt zertruͤmmert wurden. Dieſes ſchoͤne Land war unter wachſenden Greueln einem innerli⸗ chen Kriege blos gegeben, der zwiſchen dem Reichen und Armen gefuͤhrt wurde, und durch jede Art von grober Gewaltthat bezeichnet war. Die Bauern voll tauſend wilder Anſchlaͤge und aufgereizt durch den allgemeinen Mangel an Lebensmitteln, ſtanden uͤber⸗ all unter den Waffen und griffen die Schloͤſſer ihrer Gutsherren an, welche ſie fuͤr Feinde der Revolution, beſonders aber der Gemeinden hielten. Ihre mei⸗ ¹ ſten Unternehmungen gelangen, ſie brannten die Woh⸗ nnngen der Edelleute ab, und uͤbten Rache und Grauſamkeit, ſo weit uur ein rohes Gemuͤth derſelben faͤhig iſt. Maͤnner wurden in Ge⸗ genwart ihrer Weiber gemordet, und die Frauen und Toͤchter vor den Augen ihrer Gatten und Ver⸗ wandten entehrt; viele erlitten den Tod unter lang⸗ ſamen Qualen und viele andere ſanden beim allge⸗ meinen Niedermetzeln ein ſchnelleres Ende. Bei manchen dieſer ungluͤcklichen Adeligen mochten ohne Zweifel die Landleute erlittenes Unrecht vorzuwerfen und zu raͤchen gehabt haben; manche hingegen hatten ſich ſo milde benommen, daß ſie von dieſen wuͤthen⸗ den Bauern durchaus nichts vermutheten, bis ihre Burgen und Landſitze in dem großen Brande eben⸗ falls aufloderten und ſelbige dem verheerenden Ele⸗ mente, welches das ganze Reich heimſuchte, zum Rau⸗ be wurden. Womit beſchaͤftigte ſich aber die Nationalverſamm⸗ lung in dieſer ſchreckenvollen Zeit? Sie handelte die trockene Lehre vom Rechte des Menſchen ab, anſtatt daß ſie die Unterthanen angehalten haͤtte, ihre ge⸗ ſellſchaftlichen Obliegenheiten zu erfuͤllen. Doch eine anſehnliche Parthei im Convent, wel⸗ cche bisher der Revolution den Weg bezeichnet hatte, glaubte jetzt einzuſehen, daß das Ziel erreicht ſei, und daß es Zeit ſein moͤchte, die Zuͤgel feſt zu hal⸗ ten und die Sporen zu ſparen. Dieß war die Mei⸗ nung Laffayette's und ſeiner Anhaͤnger, welche den Sieg uͤber die Koͤniglichgeſinnten fur vollſtaͤndig er⸗ achteten, und wuͤnſchten, daß die Revolution fuͤr be⸗ endigt erklaͤrt, und nun, auf den Truͤmmern der nie⸗ dergeworfenen Monarchie eine feſte Regierungsform moͤchte errichtet werden. Sie hatten Einfluß genug, aum eine Reihe von Beſchluͤſſen zu bewirken, wodurch die Monarchie als erblich in der Perſon des Koͤnigs und deſſen gegen⸗ waͤrtiger Familie erklaͤrt wurde; auf dieſer Grund⸗ lage wollte man eine koͤnigliche Demokratie, oder deurlicher, eine Republik, errichten, in der Wirklich⸗ keit geleitet durch eine Volksverſammlung, jedoch mit 8 80 den Koſten fuͤr einen Koͤnig, dem keine willkuͤhrliche Macht oder der freie Wille, von dieſer Gebrauch zu machen, uͤbrig bliebe, deſſen Name jedoch an der Stirne der Befehle prangen, und den man jederzelt als den Befehlshaber der Armeen, ſo wie als den⸗ jenigen anſehen ſollte, der die ausuͤbende Gewalt des Staates handhabt. Es wurde ein kraͤftiger Verſuch gemacht, das koͤnigliche Anſehen bis zur beſtimmten Verwerfung der Beſchluͤſſe des repraͤſentativen Koͤrpers auszudeh⸗ nen, und ob ſolche gleich durch die Eiferſucht der Volksparthei auf ein aufſchiebendes Veto beſchraͤnkt ward, ſo ſchien doch auch dieſer Grad von Einfluß fuͤr zu gefaͤhrlich in der Hand des Monarchen, der kaum noch unumſchraͤnkt regiert hatte. Es iſt in der That ein offenbares Dilema bei der Errichtung ei⸗ ner Demokratie mit einem Koͤnige, der ihr ſichtba⸗ res Oberhaupt iſt. Entweder begnuͤgt ſich der Mo⸗ narch mit ſeiner taͤglichen Parade und ſeinem taͤgli⸗ chen Unterhalt, und befriedigt ſomit gleichſam die bloße Schauluſt., in welchem Falle er dem Staate zur Buͤrde wird, und Ausgaben veranlaßt, welche eine volksthuͤmliche, an weiſe Sparſamzeit gewoͤhnte Re⸗ gierung ſowohl als die Strenge der republikaniſchen Grundſaͤtze uͤberhaupt zu meiden geeignet iſt;— oder er bemuͤht ſich, den Schatten und die aͤußere Form der Gewalt in etwas umzuwandeln, was Nerv und Gehalt hat, und die Demokratie wird unerwartet mit N 81 dem Speere angegriffen werden, den dieſe nur auf ihren Fahnen aufgepflanzt wiſſen will. Viele Abgeordnete, haͤtten ſie ihre Ueberzeugung ausgeſprochen, wuͤrden ſolchen Anſichten vielleicht ent⸗ gegengehalten haben, daß es noch zu bald waͤre, den Franzoſen eine reine Republik vorzuſchlagen, und daß man zuvor die koͤnigliche Macht unbedeutend ma⸗ chen muͤſſe, ehe man einen Titel abſchaffe, an wel⸗ chen das Ohr ſo lange Zeit ſich gewoͤhnt hatte. In⸗ deſſen ſuchte man dieſer koͤniglichen Macht jede Stuͤtze zu entziehen, die ihr etwa durch einen Mittelſenat oder durch eine Kammer, zwiſchen dem Koͤnig und der Nationalverſammlung das Gleichgewicht haltend, zu Theil geworden waͤre.„Ein Gott,“ rief Raband St. Etienne,„Ein Koͤnig und Eine Kammer!“— Dieſer Sachwalter der Einheit und Einfoͤrmigkeit, wuͤrde jedoch wenig Aufmerkſamkeit erregt haben, wenn man beigefuͤgt haͤtte:„Eine Naſe Eine Zunge, „Ein Arm und Ein Auge!“— Aber die naͤchſte Fol⸗ ge dieſes Aufrufs war eine Redensart, und eine auffallende Redensart kann, wenn ſie wohl klingt und leicht zu wiederholen iſt, in einer Revolution unermeßli⸗ che Dinge hervorbringen. Der Vorſchlag zu einer zwei⸗ ten oder einer hohen Kammer, erblich, gleich der engli⸗ ſchen, oder erhaltend, gleich der amerikaniſchen, wurde als griſtokratiſch verworfen. Auf dieſe Weiſe befand ſich, in Ruͤckſicht auf die Volksmaſſe, der Koͤnig von Frankreich W. Scott's Werke XXVI. 6 8². in der Lage des alterthuͤmlichen Koͤnigs Louis bei heran⸗ nahender Fluth;— er war berufen auf ſeinem Throne zu ſitzen und zu gebieten, mußte aber vom Zufalle er⸗ warten, ob ſie ihm Gehorſam leiſten oder ihn uͤber⸗ waͤltigen wuͤrden. Haͤtte man ihn wirklich zu einem ergaͤnzenden Theile der Konſtitution machen wollen, ſo haͤtte das nicht geſchehen duͤrfen; wollte man ihn aber lieber ſeinem Schickſal uͤberlaſſen, als ihn mit Gewalt abſchaffen, ſo war der Plan dazu nicht uͤbel ausgedacht! Zweites Kapitel. Plan der Demokraten, den König und die Verſammlung nach Paris zu bringen.— Gaſtmahl der Leibgarden.— Ausſchwei⸗ fungen in Paris.— Gewaltiger Zuſammenlauf der gemeinſten Weiber, um nach Verſailles aufzubrechen.— Die Nationalgarden weigern ſich, gegen die Aufrührer zu ziehen, und verlangen auch nach Verſailles geführt zu werden.— Die Weiberrotte langt an. — Ihr Betragen in der Verſammlung— gegen den König.— Beunruhigende Vorfälle bei Nacht.— Lafayette erſcheint mit der Nationalgarde.— Die Rotten beſtürmen den Pallaſt.— Ermordung der Leibgarden.— Die Königin kommt in Gefahr.— Lafayette ſtellt die Ordnung wieder her.— Der König und ſeine Familie ſind genöthigt, ihren Aufenthalt in Paris zu nehmen, — Einzug nach Paris.— Dieſer Schritt iſt den Konſtitutions⸗ männern, den Republikanern und Anarchiſten gleich ſehr erwünſcht. — Der Herzog von Orleaus wird nach England geſchickt. Wir haben von den mannigfachen Schmaͤlerun⸗ gen geſprochen, die das Anſehen des Koͤnigs betrafen⸗ 83³ und allmaͤhlig von der Nationalverſammlung beſtaͤti⸗ get wurden. Aber alle die verſchiedenen, nach der Demokratie ſtrebenden Faktionen gingen ernſtlich damit um, der koͤniglichen Gewalt groͤßern Abbruch zu thun, als die Verſammlung es bisher gewagt hatte. Um dies zu bewerkſtelligen, beeiferten ſich diejenigen, welche die Umwaͤlzung auf den aͤußerſten Punkt fuͤhren wollten, den Sitz der Verſammlung und die Reſidenz des Koͤnigs nach Paris zu verlegen und unter den Einfluß der Volksuͤberſpannung zu ſtellen, die ſo leicht hervorzubringen war; ſomit konnten ſie die Schreckensgewalt ſicherer auf den ſtellvertretenden Koͤrper einwirken laſſen, ihre Gal⸗ lerien mit ausgelaſſnen und laͤrmenden Anhaͤngern fuͤllen, ihre Thore von dem tobendenPoͤbel berennen laſſen, und den Ausgang jeder Verhandlung vor⸗ ſchreiben. Welches Geſchick dem Koͤnig vorbehalten war, werden die nachherigen Ereigniſſe zur Genuͤge darthun. Dieſe ſo wichtige Angelegenheit zur Aus⸗ fuͤhrung zu bringen, ließ ſich die republikauiſche Par⸗ thei keine Muͤhe verdrießen und ſie gelangte zu ihrem Zwecke, indem ſie die Unzufriedenheit aufs hoͤchſte ſteigerte. Ihre erſten Verſuche mißlangen; eine Deputa⸗ tion, furchtbar durch Anzahl und Geſchrei, war im Begriffe, von Paris abzugehen, um zu bitten, wie ſie ſich ausdruͤckten, daß die koͤnigliche Familie und 3 6.. 8 84 die Nationalverſammlung ſich nach Paris begeben moͤchten, was aber Lafayette und Bailli geſchickt ab⸗ zuwenden wußten. Deſſen ungeachtet ſchlen es, daß die Republikaner ihren Lieblingsplan durchfuͤhren wuͤrden, weniger durch ihre eigene Kraft, ſo bedeu⸗ tend ſie auch war, als durch die großen Fehler der Koͤniglichgeſinnten. Eine Unklugheit,— und man darf es wohl nicht haͤrter bezeichnen,— die im Pal⸗ laſte zu Verſailles begangen wurde, verſchaffte den Demagogen eine Gelegenheit, ihre Wuͤnſche vielleicht baͤlder, als ſie es von ihren bereits wieder begonne⸗ nen Gewaltſchritten haͤtten erwarten koͤnnen, in Er⸗ fuͤllung zu bringen. Die Stadt Verſailles, welche ihren Glanz und Reichthum allein der Gegenwart des Hofes verdank⸗ te, enthielt dennoch eine Menge, mit Haß gegen denſelben erfuͤllter Einwohner und die N ationalgarden des Platzes, auf mehrere tauſend ſich belaufend, theilten dieſelbe Geſinnung. Die Leibgarde war kaum vier⸗ hundert Mann ſtark, die, wenn man ſie vereinigte, im Fall eines aus Verſailles ſelbſt, oder von Paris her drohenden Angriffs, zum Schutze der koͤniglichen Familie konnten verwendet werden. Dieſe Truppen beſtanden aus Edelleuten, auf die man ſich verlaſſen konnte, allein ihre Zahl war zu ſchwach im Verhaͤlt⸗ niß zu dem weitlaͤuftigen Pallaſte, und ihr Stand machte ſte in den Augen des Poͤbels zu bewaffneten Ariſtokraten, und alſo zu Verbrechern. 85) Ungefaͤhr zwei Drittheile derſelben wurden, um Verdacht zu beſeitigen und Vertrauen zu erwecken, nach Rambouillet beordert. Die Grenadiere der franzoͤſiſchen Garde, welche noch vor kurzem gegen die koͤnigliche Autoritaͤt unter den Waffen ſtanden, hatten ſich, mit einem der Art Leuten nicht unna⸗ tuͤrlichen Widerſpruchsgeiſte, eifrig in den Kopf ge⸗ ſetzt, der Wache um die hoͤchſte Perſon ſich wieder wie fruͤher zu unterziehen, und drohten oͤffentlich. nach Verſailles zu marſchiren, um den Dienſt im Pallaſte zu verſehen; eine Obliegenheit, die ſie als einen Vorzug fuͤr ſich in Anſpruch nahmen, ob ſie gleich gegen des Koͤnigs Befehl ihren Poſten verlaſ⸗ ſen hatten, den ſie jetzt, abermals wider ſein Gut⸗ heißen, einzunehmen im Begriffe waren. Das Re⸗ giment Flandern wurde nach Verſailles berufen, um Uuruhen abzuwenden, die die koͤnigliche Familie mit ſo ſchweren Gefahren bedrohten. Die Munizipalitaͤt hatte die Herbeiziehung dieſes Korps verlangt, und die Verſammlung, wiewohl nicht ohne deutliche Zei⸗ chen von Mißtrauen, die Maßregel gebilligt. Das Regiment Flandern langte an, wie man erwartet hatte, und die Leibgarden, einem in den franzoͤſiſchen Garniſonen allgemein herrſchenden Ge⸗ brauch gemaͤß, luden die Offiziere deſſelben zu ei⸗ nem Mahle ein, welchem auch die Off ziere der Schweizergarde und der Nationalgarde von Verſail⸗ les als Gaͤſte beiwohnten. Dieſes Feſt von ſchlim⸗ 86 mer Vorbedeutung wurde im Opernſaale des Pallaſtes gegeben, ſo zu ſagen unter den Augen des Monar⸗ chen, und die Geſundheit der koͤniglichen Familie mit einer bei ſolcher Veranlaſſung natuͤrlichen Begei⸗ ſterung ausgebracht. Der Koͤnig und die Koͤnigin, den Dauphin an der Hand, erſchienen unklugerweiſe beim Feſte; ihre Gegenwart erhob die bereits durch Wein und Muſik erhitzten Gemuͤther aufs hoͤchſte; royaliſtiſche Weiſen wurden geblaſen; weiße Kokarden, ausgetheilt von den Damen, welche die Koͤnigin be⸗ gleiteten, wurden jubelnd angeheftet, und die Natio⸗ nalkokarden, wie man behauptet, mit Fuͤßen getre⸗ ten.— Wenn wir die Quelle dieſes wilden Vorfalles verfolgen, ſo ſcheint es natuͤrlich genug, daß, um ſich der Gunſt der zu ihrem und der ihrigen Schutz berufenen Maͤnner zu verſichern, die Koͤnigin, ſchuͤch⸗ tern und aͤngſtlich wie ein Weib und eine Mutter, auf eine zaͤrtere Weiſe, aber unvorſichtig, bei einem Regimente die Kuͤnſte habe nachahmen wollen, wel⸗ che, nur etwas groͤber, die Volksparthei benutzt hatte, um die Treue der ganzen Armee zu erſchuͤttern. Es iſt aber kaum begreiflich, wie der Koͤnig, oder deſſen Miniſter, die Hoffnung faſſen konnten, durch den waͤhrend eines Trinkgelags erzeugten, alſo voruͤber⸗ gohenden Ungeſtuͤm von Begeiſterung einiger hundert Menſchen, eine Gegenrevolution zu beginnen, welche er mit dreißigtauſend Mann unter der Anfuͤhrung 87 eines erfahrnen Feldherrn nicht hatte wagen wol⸗ len. Aber wie kein falſcher Schritt der Koͤniglichge⸗ ſinnten von ihren Widerſachern unbenutzt blieb, ſo wurde das mllitaͤriſche Feſt in Verſailles dem Pari⸗ ſer Poͤbel in einem ganz anderen Lichte gezelgt, als in welchem es von der Nachwelt ins Auge gefaßt werden muß. Die Jakobiner waren die erſten, wel⸗ che in allen ihren Klubbs und Geſellſchaften Laͤrm. ſchlugen, und die hundert und abermal hundert Volks⸗ redner, die ihnen zu Gebote ſtanden, reizten die Buͤrger auf durch die Schilderung der ſchauerlichſten geheimen Umtriebe, ſchwang er mit Mord und Verbannung. Jedes Mittel war bereits angewendet worden zu Anfreizung der Gemuͤther gegen den Koͤ⸗ nig und die Koͤnigin, welchen das Volk, in Bezie⸗ hung auf die ihnen vom Geſetze belaſſene gefaͤhrliche Macht, endlich, verwuͤnſchend und hoͤhnend, die Namen Monſieur und Madame Veto beizulegen gelernt hatte. Der Koͤnig hatte kuͤrzlich der Erklaͤrung Men⸗ ſchenrechte eine Genehmigung zu geben verſcho⸗ ben, bis die Verfaſſung vollſtaͤndig abgefaßt ſein wuͤrde. Dieſes wurde von der Verſammlung ſcharf getadelt, und man ſprach von einer Deputation, um ſeine Be⸗ ſtaͤtigung dieſer Beſtimmung zu erzwingen, ehe man ihm die praktiſchen Reſultate vorlegte, welchen jene zur Grundlage dienen ſollten. Ein ſchrecklicher Man⸗ gel an Lebensmitteln, der nahe an Hungersnoth graͤnz 88 te, machte gerade das Volk noch zugaͤnglicher fuͤr verzweifelte Rathſchlaͤge. Die Feſte, womit, wie man vorgab, die Ariſtokraten ihre Zuſammenkunſte in Verbindung ſetzten, erſchienen als Verſpottung des allgemeinen Elends. Wenn die Gemuͤther in der niedern Volksklaſſe einmal auf ſolche Weiſe be⸗ arbeitet waren, ſo konnte die Aufgabe nicht mehr ſchwer ſeyn, einen Aufruhr hervorzubringen. Derjenige vom 5. Oktober 1780 war von einer eigenthuͤmlichen Beſchaffenheit, da die Aufruͤhrer hauptſaͤchlich dem weiblichen Geſchlechte angehoͤrten. Die Marktweiber, Damen der Halle genannt, halb ihrem Geſchlechte entfremdet durch die maͤnnli⸗ che Natur ihrer Beſchaͤftigungen, und ganz durch die Rohheit ihres Benehmens, erſchienen fruͤhzeitig auf dem Schauplatze der Revolution. Zu dieſen geſellten ſich die verworfenſten Dirnen und ſolcher Abſchaum der Geſellſchaft, welcher zeigt, wie tief die Menſch⸗ heit zu ſinken im Stande iſt. Dieſe Weiber ſam⸗ melten ſich am fruͤhen Morgen in betraͤchtlichen Hau⸗ fen, mit dem Geſchrei„Brod!“ was eine hungernde Hauptſtadt ſo leicht in Bewegung zu ſetzen vermag. Unter denſelben bemerkte man viele als Weiber ver⸗ kleidete Maͤnner, welche alle ihnen begegnende Frau⸗ ensleute mitzugehen noͤthigten. Sie zogen auf das Hôtel de Ville, durchbrachen kuͤhn mehrere Schwa⸗ dronen der Nationalgarde, welche zur Vertheidisung dieſes Gebaͤudes in Front aufgeſtellt waren, und 7 89 das Verbrennen der darin enthaltenen Regiſter und Schriften mit Muͤhe verhinderten. Die Rotte be⸗ maͤchtigte ſich zunaͤchſt einer Waffenniederlage, mit drei oder vier Stuͤcken ſchwere Geſchuͤtzes, und ver⸗ ſchmolz ſich mit einem andern bunten Haufen aus der Volkshefe, der mit Pieken, Senſen und aͤhnlichen Werkzeugen bewaffnet war und ſich den Eroberer der Baſtille nannte. Die ſtets anwachſende Menge rief ununterbrochen:„Brod! Brod!— nach Verſailles! nach Verſailles!“. Nun wurde die Nationalgarde zur Gewalt auf⸗ gefordert; bald aber zeigten ihre Offiziere, daß ſie ſelbſt zu ſehr vom Schwindel der Zeit ergriffen, und eben ſo wenig zum Dienſtgehorſam aufgelegt waren, als der gemeine Haufe, den ſie haͤtten baͤndigen ſol⸗ len. Lafayette ſtellte ſich ſelbſt an ihre Spitze, nicht um ihnen ſeine Befehle zu ertheilen, ſondern ſolche von ihnen zu empfangen. Sie weigerten ſich, gegen Weiber zu fechten, welche, wie ſie ſagten, hungrig ſeien, und verlangten ihrerſeits, daß man ſie nach Verſailles laſſe,„um den Koͤnig, der ein Schwach⸗ „kopf ſei, zu entthronen und ſeinem Sohne die Kro⸗ „ne aufs Haupt zu ſetzen.“ Lafayette hielt an ſich, bat, ſetzte mit Gruͤnden auseinander,— allein er mußte ſich in das Verhaͤltniß eines revolutionaͤren Generals fuͤgen. Einer ſeiner Soldaten, welcher die milttaͤriſche Beziehung zwiſchen Offizier und Buͤrgers⸗ mann bei ſolchen Gelegenheiten gut einzuſehen ſchien, . G 90 bemerkte;„iſt es nicht befremdend, daß Lafayette das „Volk kommandiren will, da es ihm zuſteht, von „dieſem die Befehle zu empfangen?“ Bald hernach langte ein Befehl der Verſamm⸗ lung der Gemeinde von Paris an, wodurch, auf den eigenen Bericht des Anfuͤhrers, daß man dem Willen des Volks laͤnger nicht zu widerſtehen vermoͤge, deſ⸗ ſen Aufbruch verfuͤgt wurde. Er marſchirte alſo in guter Ordnung, und an der Spitze einer langen Ko⸗ lonne von Nationalgarden, fuͤnf Stunden nach dem Abzuge des Poͤbelhaufens, welcher, indeß jener in Unentſchloſſenheit gezaudert hatte, ſchon weit voran auf dem Wege nach Verſailles war. Es ſcheint nicht, daß der Koͤnig oder deſſen Mi⸗ niſter die geringſte Kunde von dieſen feindlichen Be⸗ wegungen hatten. Freilich konnte kein Royaliſt in Paris es wagen, einen reitenden Boten abzuſenden, um eine ſo wichtige Neuigkeit zu uͤberbringen. Die leitenden Mitglieder der Nationalverſammlung zu Verſailles waren wohl beſſer unterrichtet.„Dieſe Herren“— ſagte Barbantanne, indem er nach der Seite des Saals blickte, wo gewoͤhnlich die Edelle ute und Geiſtlichen ſaßen,—„verlangen mehr Licht, ſie „ſollen Laternen haben, ſie moͤgen ſich darauf ver⸗ n„laſſen!“*) Mirabeau trat hinter Monnier's, des *) Im Anfange der Revolution, als die niedere Volksklaſſe ih⸗ ren Muthwilten an den ihr verdächtigen Perſsnen trieb, dien⸗ ten die eiſernen Lampenträger zu Galgen, und die Seile, wor 91 Praͤſidenten Stuhl, und raunte ihm ins Ohr:„Pa⸗ „ris marſchirt gegen uns.“—„Ich weiß nicht, „was Sie meinen,“ antwortete dieſer.—„Glauben „Sie mir, oder nicht!“— nahm jener wieder das Wort—„ganz Paris iſt gegen uns im Anzuge; „heben Sie die Sitzung auf!“—„Niemals uͤber⸗ neile ich die Verhandlungen,“ entgegnete Mounier wieder.—„Schuͤtzen Sie vor, es ſei Ihnen un⸗ „wohl,“— fuhr Mirabeau fort,„gehen Sie in „den Pallaſt, verkuͤnden Sie, was ich ſage, und „laſſen Sie mich den Stuhl einnehmen; aber es iſt „kelne Minute zu verlieren: ganz Paris iſt gegen „uns im Anzug!“—„Um ſo beſſer,“ endigte Mounier das Geſpraͤch—„wir werden dann um „ſo baͤlder eine Nepublick haben.“*) Kurz nach dieſer ſonderbaren Unterhaltung, die wahrſcheinlich ihr Entſtehen einer ſchnellen Ruͤhrung an die Laternen über der Straße hingen, zu Stricken. Da⸗ ber kommt der Ausdruck:„Die Ariſtokraten an die La⸗ terne! Die Untwort des Abbe Maury iſt bekannt:„Meine „Freunde, werden Sie dann heller ſehen, wenn Sie mich „an die Laterne geknüpft haben?“ *) Man muß annehmen, daß Mounier nicht nach eigener Mei⸗ nung, ſondern ironiſch ſpricht, und auf die revolutionäre Ge⸗ ſinnung Mirabeau's anſvielt. Nach einer andern Aufbewah⸗ rung diefes ſonderbaren Geſprächs antwortete Mounier:„um „ſo beſſer! Wenn der rohe Haufe uns alle erwürgt— merken „Sie auf— uns alle, ſo wird es um ſo beſſer für das „Land ſeyn ¹ 8 92 verdankte, worin Mirabeau die ariſtokratiſchen Ge⸗ fuͤhle, von denen er ſich nie ganz trennen konnre, durchſchimmern ließ, ſetzten die weiblichen Bataillone, ſammt ihren maͤnnlichen Verbuͤndeten, ihren Marſch ununterbrochen fort, und zogen, beim Geſange pa⸗ triotiſcher Lleder, untermiſcht mit Schimpfreden und Zoten, und den fuͤrchterlichſten Drohungen gegen die Koͤnigin, des Nachmittags in Verſailles ein. Ihr er⸗ ſter Beſuch galt der Nationalverſammlung, wo Trom⸗ melſchlaͤge, Geſchrei und hundert verwirrte Toͤne die Verhandlung unterbrachen. Ein Mann„Namens Maillard, der einen bloßen Degen ſchwang, in Be⸗ gleitung einer Weibsperſon, welche einen langen Knuͤttel hielt, woran eine baskiſche Trommel be⸗ feſtigt war, fing an im Namen des ſouverainen Volks eine Rede zu halten. Er ſagte, daß es Allen an Brod mangle; daß Alle uͤberzeugt waͤren, die Miniſter ſeien Verraͤther; daß der Arm des Volks ſich erhoben habe, um ſeinen Schlag zu fuͤhren;— mit vielen andern Verſicherungen in denſelben Aus⸗ druͤcken ſeiner kraͤftigen Beredſamkeit, welche ſeine Begleitung nicht minder eindrucksvoll unterſtuͤtzte, mit den roheſten Verwuͤnſchungen und wuͤthendſten Drohungen, vorzuͤglich gegen die Koͤnigin. Die Amazonen ſtuͤrzten dann, vermiſcht mit den Gliedern der Verſammlung, in den Saal, nahmen die Stuͤhle des Praͤſidenten und der Sekretaͤre in Beſchlag, ließen Eßwaaren und Wein herbeitragen, 1— 93 tranken, ſangen, fluchten, ſchmaͤhten und ſchrieen laut auf;— mißhandelten auch mehrere Glieder der Verſammlung, waͤhrend ſie andere mit ihren widrigen Liebkoſungen uͤberſchuͤtteten. Eine Deputation dieſer weiblichen Wuͤthriche wurde endlich an St. Prieſt abgeordnet; dieſer Miniſter, ein heftiger Rojaliſt, empfing ſie mit ernſter Miene und antwortete auf ihr Begehren nach Brod:„Als ihr nur Einen Koͤnig hattet, fehlte „es euch nie an Brod, jetzt habt ihr zwoͤlfhundert „Koͤnige, gehet hin und verlangt es von dieſen!“ Die Abgeſandten erhielten nichts deſto wentiger Eintritt beim Koͤnige, deſſen guͤtevolle Theilnahme an dem Zuſtand von Paris ſie ſo ſehr hinriß, daß ihre Herzen von guͤnſtigen Gefuͤhlen fuͤr ihn erregt wurden, und ſie, als ſie zu ihren Genoſſen zuruͤck⸗ gekehrt waren, ausriefen:„Es lebe der Koͤnig!“ Waͤre dieſer Sturm eine bloße Volksbewegung geweſen, ſo wuͤrde er jetzt beſaͤnftiget worden ſeyn; aber es war eine geheime Grundwelle vorhanden, eine Gaͤhrung, welche vom Boden des Abgrundes herauf wirkte, und weder durch die erwachten Ge⸗ fuͤhle, noch durch den uͤberzeugten Verſtand der Deputation niedergehalten werden konnte. Es erhob ſich ploͤtzlich ein Geſchrei, die Abgeordneten ſeyen beſtochen worden, um den Koͤnig in einem guͤnſtigen Lichte darzuſtellen, und in dieſem Anfalle von Ver⸗ dacht loͤsten die Amazonen ihre Kniebaͤnder auf, um 94 damit ihren eigenen Bevollmaͤchtigten die Kehle zu⸗ zuſchnuͤren. Sie hatten ſeitdem die Gewißheit er⸗ langt, daß weder die Nationalgarden von Verſallles, noch das Regiment Flandern, deren fluͤchtige Loya⸗ litaͤt mit dem Weindunſte des Feſtes dahin war, ihnen Gewalt entgegenſetzen wuͤrden, und ſie es allein mit den Leibgarden wuͤrden zu thun haben. Dieſe jedoch durften es nicht wagen, etwas mit Nachdruck zu unternehmen, aus Furcht, dadurch einen Hauptangriff auf den Pallaſt herbeizufuͤhren, in deſſen Innerem unſchlaͤſſigkeit und eine voll⸗ kommene Verwirrung herrſchte. Das weibliche Heer bemaͤchtigte ſich daher keck der aͤußern Zugaͤnge des Schloſſes, und drohte, Alles darin zu zerſtoͤren. Die Umgebungen des Koͤnigs hielten es fuͤr noͤthig, ſeine Perſon in Sicherheit zu bringen; allein auch hiebei zeigte ſich Mangel an Ueberein⸗ ſtimmung und Beharrlichkeit. Zwei⸗ bis dreihundert Edelleute wurden in der Eile geſammelt, um ein bewaffnetes Korps zu bilden, welches von dem koͤniglichen Marſtall ſollte beritten gemacht werden, um den Koͤnig, von dem Schauplatze dieſes Ent⸗ ſetzens hinweg, nach Ramboullet zu begleiten*). *) Dieſer Vorſchlag kam von dem Marquis von Favras, deſſen Tod am Galgen wegen eines royaliſtiſchen Komplottes nach⸗ her dem Pöbel ein ſo ungemeines Vergnügen verſchaffte. Er warrder erſte Mann vom Stande, welchen die Pariſer hän⸗ gen ſahen, denn dieſe Strafe wurde ſeither nur Leuten aus 6 95 Die Leibgarde wuͤrde mit ſolchem Beiſtande ſich zu⸗ verlaͤſſig einen Weg durch die ſie umgebenden wil⸗ den Horden gebahnt, und die Flucht des Koͤnigs von Verſailles, unter ſo entſcheidenden Verhaͤlt⸗ niſſen, durch die veraͤnderte Richtung der Volks⸗ geſinnung, eine große Wirkung hervorgebracht haben. Die Meinung gewann dagegen die Oberhand, daß er die Ankunft Lafayette's und die bewaffnete Buͤrger⸗ ſchaft von Paris abwarten ſolle. Die Nacht war hereingebrochen, und die bewaff⸗ neten Horden beiderlei Geſchlechts machten keine Miene, abzuziehen oder aufzubrechen. Im Gegen⸗ theile, ſie bivuakirten auf ihre eigene Weiſe auf dem Paradeplatz, wo gewoͤhnlich die Muſterung gehalten wurde. Hier zuͤndeten ſie große Feuer an, aßen, tranken, ſangen, ſchwelgten und ſchoßen gelegentlich ihre Gewehre ab. Streitſzenen ereigneten ſich von Zeit zu Zeit, und einige Leibgarden, mit welchen — dem Volke zuerkannt; ſie jauchzten dem Henker Veifall zu⸗ und würden gerne zum zweitenmale haben aufknüpfen ſe⸗ hen. Derſelbe unglückliche Edelmann hatte aus Vorſicht die Anordnung treffen wollen, die Brücke von Sepres mit Reiterei zu beſetzen, und haͤtte man den Rath befolgt, ſo wäre den Weibern das Vorrücken nach Verſailles unmög⸗ lich gemacht worden.— Die Königin unterzeichnete den Be⸗ fehl wegen der Pferde mit dem denkwürdigen Beiſatze:„Aus⸗ zuführen blos,„wenn der Sicherheit des Königs Gefahr „drohen ſollte, aber niemals wegen einer Gefahr, die nicht nallein beträfe.““ 7. . 96 3 die Aufruͤhrer angebunden hatten, wurden verwun⸗ det und getoͤdtet. Dieſes getreue Korps mußte au⸗ ßerdem noch ein Feuer von ihren neulichen Gaͤſten, den Nationalgarden von Verſailles aushalten. Das Pferd eines Leibgardiſten, welches in die Haͤnde der wuͤthenden Weiber fiel, wurde getoͤdtet, in Stuͤcken zerhauen, und halb roh und halb geroͤſtet verzehrt. Alles ließ ein allgemeines Handgemenge vermuthen; da verkuͤndigten, ſpaͤt in der Nacht, die Trommeln die Annaͤherung Lafayette's an der Spitze ſeines Buͤrgerheeres, welche ſich langſam, aber in guter Or dnung einherbewegte. Die Gegenwart dieſer ſtarken bewaffneten Macht ſchien die Ordnung einigermaßen herſtellen zu muͤſſen, keinem aber wollte es klar werden, wie das Ganze ablaufen wuͤrde. Lafayette hatte eine Andienz beim Koͤnig, und erklaͤrte, welche Maßregeln er fuͤr die Sicherheit des Pallaſtes genommen habe; er erſuchte jedermann, ſich zur Ruhe zu begeben, und ging un⸗ gluͤcklicherweiſe mit dem Beiſpiele voran, ſich vom Platze zu entfernen. Ehe er es jedoch ausfuͤhrte, begab er ſich in die Nationalverſammlung, verbuͤrgte ſich fuͤr die Sicherheit der koͤniglichen Familie und die Ruhe der Nacht, und bewog, wiewohl nicht ohne einige Schwierigkeit, den Praͤſidenten Mounier, die Sttzung, welche fuͤr fortdauerud erklaͤrt worden war, aufzuheben. Er nahm ſolchergeſtalt die Verantwort⸗ 4 lich⸗ 1 97 8 lichkeit fur Ruhe und Ordnung waͤhrend der Nacht auf ſich. Wir ſtraͤuben uns, die Rechtlichkeit, die Ehre und die Pflichttreue Lafayette's in Zweifel zu ſtellen; wir koͤnnen aber nicht umhin, zu bedauern, daß er in einer ſo hoͤchſt wichtigen Kriſe, von der Muͤdigkeit uͤberwaͤltigt, die Ausfuͤhrung der Sicher⸗ heitsmaßregeln Andern uͤbertragen hat, von denen ſie auf das groͤbſte vernachlaͤßigt worden iſt. Einige Aufruͤhrer, zu einer Bande vereinigt, fanden gegen 3 Uhr des Morgens Gelegenheit, durch ein unverſchloſſenes und unbewachtes Thor in den Pallaſt einzudringen. Sie eilten nach dem Gemache der Koͤnigin und ſtachen die wenigen Leibgarden, die ihnen in den Weg traten, nieder. Die Schild⸗ wache klopfte an die Thuͤre ihres Schlafgemachs, rief ihr zu, ſich zu retten und gab ſich dann uner⸗ ſchrocken der Wuth der Moͤrder preis. Die Gegen⸗ wehr des braven Leibwaͤchters ward augenblicklich uͤberwaͤltigt und er als todt zuruͤckgelaſſen. Ueber ſeinen blutenden Koͤrper wegſetzend, ſprengten hier⸗ auf die Moͤrder die Thuͤre und durchſtachen in ihrer Wuth mit ihren Picken und Schwertern das Bette der Koͤnigin, die ſich, zu fernerem, noch groͤßerem Ungluͤcke aufbewahrt, durch einen geheimen Gang in das Gemach des Koͤnigs gefluͤchtet hatte*). *) Eine Verläumdung gegen dieſe unglückliche Fürſtin, die gro⸗ ßen Glauben gefunden hat, iſt dieſe, daß ſie bei dieſer W. Septt's Werke. XXVI. 7 98 Die Leibgarden verſammelten ſich in dem ſo⸗ genannten Oeil de boeuf, und ſuchten ſich dort zur Wehre zu ſetzen. Einige von ihnen konnten aber dieſen Zufluchtsort nicht mehr erreichen, und wurden in den Hofraum hinab geſchleppt, wo ein Kerl, durch einen langen Bart, ein breites, bluti⸗ ges Beil und eine Art von Panzer, den er auf ſei⸗ nem Leibe trug, ausgezeichnet, aus eigenem Ge⸗ ſchmacke, wie es ſchien, das Amt eines Henkers ge⸗ waͤhlt hatte. Der ſeltſame Aufzug dieſes Boͤſe⸗ wichts, das blutduͤrſtige Wohlgefallen, mit dem er Getegenheit in den Armen eines Liebhabers überraſcht worden ſei. Man behauptet, Napoleon habe dies als eine Thatſache, auf die Autorität der Madame Campan hin, erzählt. Wir haben nun der Madame Campan eige⸗ ne Erzählung, wo ſie das Betragen der Königin bei die⸗ ſer traurigen Gelegenheit als das einer Heldin beſchreibt und die Möoglichkeit der angeblichen Anekdote völlig aus⸗ ſchließt. Man wolle aber noch ferner die Umſtände er⸗ wagen, in welchen ſich die Königin beſand;— wenn ſie um 2 Uhr des Morgens eine ſolche geheime Zuſammen⸗ kunft hatte, ſo konnte ſie leicht darin geſtört werden, und zwar nicht nur, wie es der Fall war, durch den Einbruch eines wüthenden Banditenhaufens, der den Pallaſt um⸗ gab und ihr Leben forderte, ſondern auch durch den Ein⸗ tritt des Königs oder jeder andern, durch ihre Pflicht hiezn berechtigten Perſon; und nun urtheile man, ob nicht die Gefahren des Augenblicks und die Beſorgniß der Ent⸗ deckung ſelbſt eine Meſſaline abgehalten haben würden, eine ſolche Zeit zu einem Stelldichein zu wählen. d 99 ſein Amt verrichtete, und das heiſere Gebruͤll, mit welchem er von Zeit zu Zeit neue Opfer forderte, machten ihn zu einem Daͤmon, den die Hoͤlle ausge⸗ ſpieen hatte, um die Abſcheulichkeit und das Grauſen der Szene noch zu erhoͤhen*). Zwei von den Leibgarden waren bereits enthanpe tet, und der Mann mit dem Barte ſchickte ſich mit lautem Geſchrei an, auch an den uͤbrigen Ge⸗ fangenen ſein Amt zu verrichten, als Lafayette, aus ſeiner Ruhe aufgeſtoͤrt, mit einer Abtheilung⸗ franzoͤſiſcher Garden herbeikam, die neuerlich der Natio⸗ nalgarde waren einverleibt worden, und den tuͤchtig⸗ ſten Theil dieſer Mannſchaft bilden mochten. Er dachte— nicht daran, die ungluͤcklichen Maͤnner zu raͤchen, die ihre Pflichttreue mit dem Leben hatten buͤßen muͤſſen und vor ſeinen Augen ermordet da lagen; er beſchwor dagegen ſeine Soldaten, ihn, der dem Koͤnig verſpro⸗ chen hatte, die Leibgarden zu ſchuͤtzen, von der Schande *) Der wirkliche Name des Unholds war Jourdaim, nachh r Kopfabſchneider(Coupe-téète) genannt. Er zeichnete ſich in den Metzeleien zu Avignon aus. Sein Gewerbe war, den Malern als Modell zu ſitzen, und aus dieſem Grunde pflegte er ſeines langen Bartes. In den gerichtlichen Aus ſagen vor dem Chatelet nannte man ihn den Mann mit dem Barte(l'homme a la barbe), ein Beiname, der an diejenigen erinnert, womit in alten Legenden etwa ein Poltergeiſt oder Kobold bezeichnet wird. 7.. 100 eines Workbruchs zu retten. Es iſt wahrſcheinlich, daß er nicht mehr unternahm, als was in ſeinen Kraͤften ſtand, und in ſo fern handelte er weiſe, wenn auch nicht großmuͤthig. Um das Wort des Herrn von Lafayette zu loͤſen, thaten die Grenadiere, was ſie im Namen des Koͤ⸗ nigs, des Geſetzes, der Nation und der beleidigten Menſchheit haͤtten thun ſollen; ſie reinigten in aller Bequemlichkeit den Hofraum des Pallaſtes von dieſen blutlechzenden Bachantinnen und ibren maͤnnlichen Ge⸗ faͤhrten. Der Anſtoß fruͤherer Gefuͤhle war gewiſſer⸗ maßen in den Grenadieren wieder erwacht; ein Ge⸗ fuͤhl des Mitleids und der Freundſchaft gegen die Leib⸗ garden, ihren ehemaligen Dienſtgefaͤhrten bei der Per⸗ ſon des Koͤnigs, hatte ſie ploͤtzlich ergriffen; ſie ſchrieen: „Laßt uns die Leibgarden retten, und ihnen dadurch „vergelten, was ſie bei Fontenoy fuͤr uns gethan ha⸗ ben!“ Sie nahmen ſie in ihren Schutz, und wech⸗ ſelten ihre Muͤtzen mit ihnen, zum Zeichen der Freund⸗ ſchaft und Bruͤderſchaft, und ein Laͤrmen, der gewif⸗ ſermaßen den Karakter der Freundſchaft hatte, folgte auf das nur Blut und Tod verkuͤndende Getoͤſe. Die Außenſeite des Pallaſtes war noch immer von dem wuͤthenden Poͤbel belagert, der mit ſcheußlichem Geſchrei, den wildeſten und unzuͤchtigſten Ausrufungen die Oeſterreicherin, wie er die Koͤnigin nannte, zu ſehen verlangte. Die ungluͤckliche Fuͤrſtin erſchien auf dem Balkon mit zwei ihrer Kinder an der Hand. 10I Eine Stimme aus dem Gedrange rief:„Keine Kin⸗ der!“ gleichſam um der Mutter ein ſolches, auch das haͤrteſte Herz ruͤhrende Anrufen der Menſchlichkeit unmoͤglich zu machen. Mit einer, der großen Maria Thereſia, ihrer Mutter, wuͤrdigen Hochherzigkeit ſchob Marie Antoinette ihre Kinder in das Zimmer zuruͤck, und wendete ihr Geſicht gegen die tobende Menge, die heulend und mit den wuͤthendſten Geberden ihre Picken und Gewehre ſchwang. Die beſchimpfte, verfolgte und angeklagte Koͤnigin ſtand mit uͤbereinander gelegten Ar⸗ men in edler Haktung und muthiger Hingebung vor ihr da. Der geheime Grund dieſer Aufforderungen, die wahre Urſache der Zuruͤckweiſung der Kinder war wohl keine andere, als die Abſicht, irgend einer ver⸗ zweifelten Hand unter dieſen Haufen die Gelegenheit zur wirklichen Ausfuͤhrung der ausgeſtoßenen Drohun⸗ gen zu verſchaffen. Dieſem gemaͤß wurde auch wirklich mit einem Gewehre nach ihr gezielt, aber einer von den Umſtehenden ſchlug es nieder; denn die Leiden⸗ ſchaften des Poͤbels hatten eine entgegengeſetzte Rich⸗ tung genommen. Erſtaunt uͤber die edle Haltung der Koͤnigin, uͤber ihr wuͤrdiges und ſtandhaftes Beneh⸗ men rief der tolle Haufen, gleichſam gegen ſeinen eige⸗ nen Willen:„Es lebe die Koͤnigin!“*). Ob nun gleich die Inſurgenten, oder vielmehr die Anſſtifter derſelben, ſolchergeſtalt ihren erſten Zweck ver⸗ *) Memoiren von Weber. II. Band, Seite 457. 102 fehlten, ſo war dies in Anſehung des zweiten nicht der Fall. Es erhob ſich das Geſchrei:„Nach Paris!“ Zuerſt nur von einer einzigen Stimme vorgebracht⸗ bald aber von dem ganzen Haufen unablaͤßig angeſtimmt⸗ Das Geſchrei dieſer blutduͤrſtigen Bachantinnen, wie ſie ſich in der vorigen Nacht gezeigt hatten, ward, wie es ſcheint, fuuͤr die Stimme des ganzen Volks gehalten, wie denn Lafayette nicht nur keine Einwendungen da⸗ gegen machte, ſondern auch dem Koͤnig nicht geſtatten wollte, mit der Folgeleiſtung etwas laͤnger zu zoͤgern. Man nahm ſich nicht einmal die Muͤhe, der Reiſe ei⸗ nen Anſtrich von Dezenz zu geben und den wahren Karakter derſelben, naͤmlich den eines Triumphaufzugs des ſouveraͤnen Volks nach ſeinem vollſtaͤndigen Siege uͤber ſeinen Schattenkoͤnig, auch nur einigermaßen zu verhuͤllen. Die Wagen der doͤniglichen Familie wurden in die Mitte genommen von einer unermeßlichen Ko⸗ lonne, die theils aus den Soldaten von Lafayette beſtand, theils aus dem vorangegangenen revolutio⸗ naͤren Poͤbel. Dieſer Poͤbel belief ſich auf mehrere tauſend Maͤnner und Weiber, aus den unterſten Klaſſen und von der abſcheulichſten Art, und miſchte ſich in einzelne Haufen unter die franzoͤſiſchen Gar⸗ den und Buͤrgerſoldaten, die mit ihrer Disziplin nicht einmal einen Schein von Ordnung erhalten konnten. So wogten ſie vorwaͤrts, unter triumphi⸗ rendem Freudengeſchrei. Die Herolde des Marſches —.,— 9 103 trugen die zwei blutigen Koͤpfe der ernordeten Leib⸗ garden auf Piken an der Spitze der Kolonne, zum Zeichen ihrer Großthaten und ihres Sieges*). Den Reſt dieſes Korps bildeten die Vielen, die, von Muͤdigkeit erſchoͤpft, ihrer Waffen und zum Theil auch ihrer Huͤte beraubt, fuͤr die koͤnigliche Familie und fuͤr ſich ſelbſt beſorgt, von dem Poͤbel wie Ge⸗ fangene fortgeſchleppt vurden, umſchwaͤrmt von be⸗ ſoffenen Weibern, die jubelnd ihre Gewehre, ihre Saͤbel und Huͤte in der Luft ſchwangen. Dieſe Metzen, mit dem Blute, das ſie vergoſſen hatten, gefaͤrbt, ſangen jetzt Lieder, des Inhalts:„Wir „bringen euch den Baͤcker, ſein Welb und ſeinen „kleinen Lehrjungen!“ als ob die Gegenwart der ungluͤcklichen koͤniglichen Familie bei der geringen Macht, die ihr blieb, fuͤr ſich ſelbſt ſchon ein Zau⸗ bermittel gegen die Hungersnoth geweſen waͤre. Einige von dieſen Amazonen ſaßen reitend auf den Kanonen, die einen furchtbaren Theil dieſes Aufzugs ausmachten; andere von ihnen ſaßen auf den Pferden der Leibgarden, entweder wie maͤnnli⸗ che Reiter oder auf den Kruppen der Pferde. Alle Musketen und Piken in dieſer unermeßlichen Kaval⸗ *) Man hat geſagt⸗ ſie ſeien un mittelbar vor des Königs Wa⸗ gen hergetragen worden; dies iſt aber eine Uevertreibung, wo jede Uebertreibung gewiß unnöthig iſt. Dieſe blutigen Tro⸗ phäen gingen ein großes Stück Wegs der königlichen Familie nach Paris voraus. 1⁰4 kade waren wie im Triumphe mit Eichenzweigen ge⸗ ſchmuͤckt; die Weiber trugen lange Pappelzweige in den Haͤnden, was der in jeder Hinſicht ſo ſeltſam zuſammengeſetzten Kolonne das Anfehen eines ſich bewegenden Waldes gab. Es war beinahe nichts verſaͤumt worden, was bei dieſem Zuge nach der Hauptſtadt dem Koͤnig recht wehe thun und die koͤ⸗ nigliche Wuͤrde ſo tief wie moͤglich herabſetzen konnte. Nach ſechsſtuͤndiger Schmach und Todesangſt ward der ungluͤckliche Ludwig nach dem Hôtel de Ville gebracht, wo ihn Bailli, damals Maire, uͤber den ſchoͤnen Tag(le beau jour) begruͤßte, der den Koͤnig ſeiner Hauptſtadt zuruͤckgab. Er betheuerte ihm, daß Ordnung, Friede und jede ſanftere Tugend unter ſeinem koͤniglichen Vaterauge im Lande wie⸗ der aufbluͤhen, und daß der Koͤnig fortan durch das Volk maͤchtig, und das Volk durch den Koͤnig gluͤck⸗ lich werden wuͤrde. Er fuͤgte hinzu— und das war wohl das Wahrſte von allem,—„wie einſt Hein⸗ „rich IV. ſeine Hauptſtadt, ſo habe jetzt hinwieder⸗ „um die Hauptſtadt den Koͤnig erobert.“*) *) Mémoires de Bailli. Choisi de ses lettres et discours. Obgleich eine ſolche Rede als die bitterſte Ironie klingen mußte, ſo hatte doch der Maire von Paris am 6. Oktober 1789 nicht die Wahl, ſich auf eine andere Art auszudrücken, Wenn aber Vailli im Ernſt von einem glorreichen Tage ſprach, wie konnte er ſich über die ausgeſuchteſten Miß⸗ handlungen und Grauſamkeiten beklagen, als er im Okt. 105 Erſt nachdem der ungluͤckliche Fuͤrſt dieſe troͤſt⸗ lichen Phraſen angehort hatte, ward ihm endlich ge⸗ ſtattet, ſich in den Pallaſt der Tuillerien zu begeben, der, ſchon lange unbewohnt und darum faſt gar nicht ausgeſtattet, ihn aufnahm, wie das Grab, in dem er allein Ruhe finden ſollte. Die Begebenheiten vom 14. Juli 1789, durch die Einnahme der Baſtille gekroͤnt, waren der erſte Schritt der entfeſſelten Reolution; diejeni⸗ gen vom 5. und 6. Oktober in demſelben Jah⸗ re, der wir zur Bezeichnung des von ihr genomme⸗ nen Ganges ausfuͤhrlicher dargeſtellt haben, bildeten die zweite Phaſe derſelben. Durch jenen erſten Schritt wurden die Bewohner der Hauptſtadt ſammt und ſonders unabhaͤngig von ihrem Oberherrn und uͤberhaupt von jeder Gewalt, der ſie ſich nicht aus freien Stuͤcken unterwerfen mochten; durch den zwei⸗ ten Vorfall verlor der Koͤnig vollends den Reſt von Freiheit, den er bisher noch genoſſen hatte, und ward gezwungen, ſeinen Aufenthalt in der, wie wir bereits bemerkt haben, unabhaͤngig gewordenen, ſich ſelbſt regierenden Hauptſtadt zu nehmen.„Es iſt verwunderſam,“ ſagte Ludwig,„daß bei dieſer allge⸗ „meinen Liebe zur Freiheit ich allein von dem Ge⸗ „nuſſe derſelben ausgeſchloſſen ſeyn ſoll.“ Seit 1792 von denſelben Banditen, die den König von Verſailles nach Paris gebracht hatten, auf das grauſamſte und ſchmählichſte zur Hinrichtung geſchleppt wurde? 1⁰6 dem Marſche von Verſailles konnte der Koͤnig wirk⸗ lich nur als willenloſer Unterzeichner der Beſchluͤſſe derjenigen betrachtet worden, in deren Haft er ſich be⸗ fand. Daß die Perſon des Koͤnigs ſich in einem ſol⸗ chen Zuſtande befand, war allen Partheien mehr oder weniger recht, nur nicht den reinen und unbedingten Royaliſten, deren Macht und Anzahl jedoch verhaͤlt⸗ nißmaͤßig nur gering war. Es gab freilich noch an⸗ dere Royaliſten, die, der Perſon und der Sache Lud⸗ wigs fortwaͤhrend ergeben, mit der Freiheit zugleich eine wohlgeordnete Monarchie wollten und den Thron auf einer feſten und beſtimmten Baſis gegruͤndet zu ſehen wuͤnſchten; allein die Zahl dieſer Maͤnner nahm taͤglich mehr ab, und ihr Muth war gebrochen. Der vortreffliche Mounier und der beredte Lalli Tolen⸗ dal wanderten nach dem 9. Oktober, unfaͤhig, die Wiederholung ſolcher Szenen zu ertragen, wie da⸗ mals Statt fanden, aus. Der letztere, in ſeiner Entruͤ⸗ ſtung von der Nationalverſammlung ſcheidend, ſprach ſich dabei auf ſolgende Weiſe aus:—„Es iſt mir „unmoͤglich, wenn ich auch nur meine phyſiſche Kraft „in Anſchlag bringen will, unter den Szenen, die „wir erlebt haben, den Pflichten meiner Stelle „laͤnger zu genuͤgen. Dieſe blutigen Koͤpfe, als „Siegeszeichen auf Picken getragen,— dieſe bei⸗ „nahe ermordete Koͤnigin,— dieſer von Moͤrder⸗ „und Raͤuberbanden nach Paris geſchleppte Koͤnig,— „der herrliche Tag des Herrn Bailli,— die Spaͤße — 187 „von Barnave, waͤhrend das Blut um uns floß.— „Mounier, der tauſend Meuchelmoͤrdern; die nach „ſeinem Blute lechzen, wie durch ein Wunder ent⸗ „kommt,— all dieſes noͤthigt mir den Eid ab, die⸗ „ſe Kanibalenhoͤhle nie wieder zu betreten. Einem „Manne kann zugemuthet werden, ſein Leben hin⸗ „zugeben, daſſelbe, wenn es einen edeln Zweck gilt, „mehr als einmal aufs Spiel zu ſetzen; aber keine „irdiſche Macht ſoll mich zwingen, in jeder Minute „tauſend Martern zu leiden,— die Fortſchritte der „Grauſamkeit, den Sieg des Verbrechens, denen ich „keinen Einhalt thun kann, mit anzuſehen.— Sie „moͤgen meine Perſon aͤchten, mein Vermoͤgen ein⸗ „ziehen,— ich will von der Arbeit meiner Haͤnde „leben, nur damit ich ſie nicht mehr ſehe!“ Die andern Partheien, in welche der Staat ge⸗ theilt war, ſahen die Begebenheiten des 5. Oktobers mit ganz andern Augen, und wenn ſie dieſelben auch nicht befoͤrderten, ſo fanden ſie doch zuletzt ihre Rechnung dabei; d. h. diejenigen, die eine demo⸗ kratiſche Regierung, mit einem Koͤnig an ihrer Spitze, wuͤnſchten, hatten Grund, zu hoffen, daß Ludwig in Paris gaͤnzlich in ihrer Gewalt bleiben wuͤrde, ge⸗ trennt von jenen, die zu gegenrevolutionaͤren Schrit⸗ ten rathen moͤchten, und bewacht von Nationalgar⸗ den, die im Namen und durch die Revolution aufge⸗ ſtellt waren. Mit jedem Tage mußte naͤmlich Lud⸗ wig von Lafayette und ſeinen Freunden mehr ab⸗ 108 haͤngig werden, als von der einzigen Gewalt, die zur Erhaltung der Ordnung noch uͤbrig blieb; denn er fand ſich nur allzubald zu der grauſamen Maßre⸗ gel bewogen, ſeine treuen Leibgarden zu entlaſſen, vielleicht eben ſo ſehr um ihrer, als um ſeiner Si⸗ cherheit willen. Die konſtitutionelle Parthei ſchien ſtark, ſowohl in der Zahl, als dem Anſehen nach. Lafayette war Kommandant der Nationalgarden, und ſie blickten mit jener Huldigung und Verehrung auf ihn, mit welchen neue Truppen, und beſonders von dieſer Beſchaffenheit, einen erfahrnen und tapfern Fuͤhrer betrachten, der, indem er das Kommando annimmt, ſeine Lorbeern mit dem Buͤrgerſoldaten zu theilen ſcheint, der noch keine hat pfluͤcken koͤn⸗ nen. Bailli, der Maire von Paris, genoß damals der groͤßten und gar nicht unverdienten Popularitaͤt, und war, ſelbſt bei den beſſern Volksklaſſen, ſo gut angeſchrieben, daß er in jeder andern Zeit, als der⸗ jenigen, worin er gerade lebte, den Beifall des Poͤ⸗ bels, der immer durch Spenden oder Schmeicheleien erkauft werden muß, haͤtte verſchmaͤhen koͤnnen. Die Konſtitutionellen hatten uͤberdies eine ſtarke Majoritaͤt in der Verſammlung, wo die Republikaner die Maske noch nicht abzulegen wagten, und dieſe, die dem Koͤnig gefolgt waren, hatten jetzt ihre Siz⸗ zungen in der Hauptſtadt, d. h. in dem Schwerpunkte ihrer Macht. Sonach ſchienen die Konſtitutionellen gleich anfangs das Uebergewicht erhalten und alle 2 2 109 Fruͤchte eines Sieges pfluͤcken zu muͤſſen, den ſie nicht ſelbſt erfochten, ſondern nur unmittelbar be⸗ foͤrdert hatten. 4 Es muß auffallen, daß Lafayette, dem es doch darum zu thun war, der koͤniglichen Wuͤrde eine hohe konſtitutionelle Bedeutung zu geben, ſich es nicht ernſtlicher angelegen ſeyn ließ, dieſe Wuͤrde unverletzt zu bewahren und die Ehre der koͤniglichen Familie zu retten, wie er das Leben derſelben un⸗ ſtreitig gerettet hat. Drei Gruͤnde ſchienen ihn ab⸗ gehalten zu haben, das zu thun, was er als recht⸗ licher Mann und als Soldat nothwendig wenigſtens haͤtte verſuchen muͤſſen. Fuͤrs erſte iſt es bei allem ſeinem CEinfluſſe auf die Nationalverſammlung, bei all ſeiner Popularitaͤt immer noch zweifelhaft, ob es ihm gelungen ſeyn wuͤrde, das gute Volk der Stadt Paris um das Spektakel des froͤhlichen Einzugs vom 6. Oktober zu betruͤgen, oder ob ſich ſeine Buͤrger⸗ miliz zur unmittelbaren Vertheidigung der Perſon des Koͤnigs und gegen die Amazonenbande, die je⸗ nen Zug leitete, wuͤrde haben gebrauchen laſſen. Lafayette mochte zweitens das Wiederaufleben des niedergeſtuͤrzten Despotismus vielleicht noch mehr fuͤrchten, als den aufſtrebenden Geiſt der Anarchie, und ſo zu der Melnung verleitet worden ſeyn, daß ein Sieg in der Sache des Koͤnigs, uͤber den Volks⸗ aufſtand erfochten, den geſunkenen Muth der Roya⸗ liſten wieder viel zu hoch ſteigern würde. Endlich 110 mochte der revolutionaͤre General als Politiker es gerne ſehen, daß der Koͤnig ſo wie ſein Anhang durch eigene Erfahrung und Anſchauung die Macht des Volkes ken⸗ nen lerne, und dadurch bewogen werde, ſich ſeine Stel⸗ lung in dem neuen konſtitutionellen Syſteme gefallen zu laſſen. Die republikaniſche Parthei hatte noch weit mehr Grund, als die konſtitutionelle, uͤber die Verlegung des koͤniglichen Hoflagers nach Paris zu frohlocken. Sie wurde dadurch, ſo gut, wie die Parthei von La⸗ fayette, von der Furcht befreit, daß der Koͤnig ſeine Fahne in den Provinzen aufpflanzen, und, wie Karl von England unter aͤhnlichen Umſtaͤnden, den Schild erheben moͤchte. Die Republikaner ſahen uͤberdieß vor⸗ aus, daß die Konſtitutionellen durch ein zu enges An⸗ ſchließen an die Krone, in welcher alle Partheien ihren gemeinſchaftlichen Feind zu ſehen vorgaben, ihre Po⸗ pularitaͤt und folglich auch das ihnen dadurch gewordene Uebergewicht verlieren wuͤrden. Sie ſahen ferner vor⸗ aus, daß die Ariſtokraten, die es allein redlich mit der Perſon des Koͤnigs hielten, die Konſtitutionellen fuͤrchten und ihnen mißtrauen muͤßten, wo dagegen in den Augen der Demokraten, d. h. der weit zahlreichern Parthei, der Name des Koͤnigs, von den Dichtern eine feſte Burg genannt, nur ein Aergerniß und ein Stein des Anſtoßes war. Es konnte ihnen endlich nicht entgehen, daß der Koͤnig ein blindes, willenloſes Werkzeug der Konſtitutionellen werden mußte; und in 111 dieſem Falle erſchien das Koͤnigsamt gar bald als ein leeres und theures Spielwerk, ohne alle Kraft und Burde, als eine unnoͤthige und voͤllig entbehrliche Zu⸗ lage zu den republikaniſchen Formen. Wollte dagegen der Koͤnig, es ſei durch Gewalt oder durch Flucht, ſich dem Joche der Konſtitutionellen entziehen, ſo konnte er dieß ni cht verſuchen, ohne zugleich den reinen Demokra⸗ ten neue Waffen gegen ſein Amt und ſeine fuͤr die Volks⸗ ſache ſo bedrohliche Perſon in die Haͤnde zu liefern. Einige von den Haͤuptern der republikaniſchen Parthei hatten vielleicht geglaubt, daß durch den Aufſtand vom 6. Oktober der Regierung Ludwigs mit einemmale ein Ende wuͤrde gemacht werden, wie ſie dann auch die weiblichen Inſurgenten bei ihrer Ankunft zu Ver⸗ ſailles*) zuerſt begruͤßt hatten. Wie ſehr nun aber auch der Ausgang hinter ihrer Erwartung zuruͤckge⸗ blieben ſeyn mag, ſo mußten ſie mit demſelben immer noch zufrieden ſeyn. Die Parthei von Orleans hatte bis jetzt in ihren duͤ⸗ ſtern Falten manche jener Namen verborgen, die ſpaͤter in der Geſchichte der Revolution eine ſchreckliche Rolle ſpielen ſollten. Der Prinz, nach welchem dieſe Parthei ſich nannte, war— ſo behauptet man— ein abgeſagter Feind der Koͤnigin, und hatte zugleich Abſichten auf den *) Barnave ſovohl, als Mirabeau, die Republikaner ſowohl⸗ als die Orleaniſten, hatten gerufen:„Wohlan, ihr braven „Pariſer!— Freiheit auf immer!— Fürchtet nichts— nwir ſind für euch!“— Mémoires de Ferieres Uivre 4eme- ————— 112 Thron, von dem er ſeinen Verwandten verdraͤngen wollte. Er ſoll deßwegen alle ſeine Schaͤtze und ſeinen ganzen Kredit zur Verfuͤgung von Maͤnnern geſtellt haben, die. mit jenen kraͤftigen Eigenſchaften, wodurch man in un- ruhegen Zeiten vorwaͤrts kommt, begabt, dagegen aber, von allem Vermoͤgen und von aller Moralitaͤt entbloͤßt, ihrem Beſchuͤtzer dadurch zu dienen ſuchten, daß ſie ob⸗ ſcure und untergeordnete Helfer fuͤr ſeine Sache warben und Meuchelmoͤrder fuͤr ihn dungen. Man verſichert, die Graͤuel vom 5ten und öten Oktober ſeien durch die geheimen Agenten des Herzogs von Orleans, und zu ſeinen Gunſten eingeleitet worden; es ſei der Plan gewe⸗ ſen, den Koͤnig abzuſetzen, den Herzog zum Generallieu⸗ tenant des Koͤnigreichs auszurufen, waͤhrend die ihm ſo verhaßte Koͤnigin ermordet wurde. Es heißt, er ſei, waͤhrend der Tumult am groͤßten war, vermummt auſ⸗ ſerhalb der Szene auf der Lauer geweſen, habe aber nicht den Muth gehabt, ſich kuͤhn dem Volke zu zeigen, um uͤberraſchend auf daſſelbe zu wirken, oder die von ſeinen Geſellen bewirkte Stimmung fuͤr ſich zu benutzen*). Da der Herzog ſolchergeſtalt gerade in dem entſchei⸗ dendſten Augenblicke geſtrauchelt, und der Aufſtand fuͤr ihn durchaus kein Reſultat hatte, ſo mußte er zuletzt den Suͤhnebock abgeben und von Allen der Einzige fuͤr den Aufſtand buͤßen. Er war unter dem ehrenvollen Vorwmande einer Geſandtſchaft nach England ins Eril ge⸗ Man ſehe die Verhand ungen von dem Chatelet. 3 113 geſchickt. Mirabean ſprach von ihm in den ſchimpflich⸗ ſten Ausdruͤcken, als von einem Manne, der, nieder⸗ traͤchtig wie ein Lakay, deſſen, was man fuͤr ihn habe thun wollen, ganz unwuͤrdig geweſen ſei. Die uͤbrigen Anhaͤnger dieſes bethoͤrken Furſten verloren ſich allmaͤhlig in dem Maße, in welchem er, zufolge ſeines Ver⸗ moͤgenszerfalls, ſeine Spenden einſtellen mußte; ſie ſegelten fortan unter eigener Flagge auf der ſturm⸗ bewegten See, die ſie unter ſeinen Auſpizien zuerſt be⸗ fahren hatten, feſt entſchloſſen, in der Revolution ihr eigenes Gluͤck zu machen. Ohne ſich viel um die poli⸗ tiſchen Grundſaͤtze zu bekuͤmmern, durch welche die uͤbrigen Partheien getheilt wurden, legten ſie Hand auf das untergeordnete Triebwerk, von dem die metaphy⸗ ſiſchen Politiker nichts wollten, und wurden dadurch die Alles vermoͤgenden Fuͤhrer des Poͤbels der Stadt Paris, d. h. der Hauptſtadt Frankreichs und des Ge⸗ faͤngnißortes ſeines ungluͤcklichen Koͤnigs. Drittes Kapitel. Lafayette dringt auf Wiederherſtellung der Ordnung.— Ein Bäcker wird durch den Pöbel ermordet.— Einer ſeiner Mör⸗ der hingerichtet.— Dekret, nach welchem im Falle eines Auf⸗ ſtandes das Martialgeſetz verkündet und vollzogen werden ſoll.— Die Demokraten werden in den Sitzungen von den Gallerien der Verſammlung unterſtützt.— Einführung der Gleichheits⸗ grundfätze.— Uebertrieben ſind ſie unverträglich mit der . Scott's Werke. XXVI. 114 Natur, und mit den Fortſchritten der menſchlichen Geſellſchaft.— Die Verſammlung ſchafft die Adelstitel, Wappen und Höflich⸗ keits⸗Formeln ab.— Urtheile über dieſe Neuerungen.— Zer⸗ rütteter Zuſtand der Finanzen.— Necker verliert die Volks⸗ gunſt⸗— Beſchlagnahme der Kirchengüter.— Ausſtellung von Aſſignaten. das revolutionaͤre Necht des Aufſtandes, vermoͤge wel⸗ chen ſich das Volk in der letzten Zeit zugleich das Rich⸗ ter⸗ und Henkeramt angemaßt hatte, verfolgte Lafayette den Sieg, den er uͤber den Herzog von Orleans da⸗ von getragen hatte. Jenes Recht war bisher als eines der geheiligſten Privilegien der Revolution betrachtet worden; aber einmal entſchloſſen, den weiteren Fort⸗ ſchritten deſſelben Graͤnzen zu ſetzen, war Laſayette darauf bedacht, die Herrſchaft der Geſetze uͤber den Wil⸗ len des Poͤbels wieder herzuſtelle en.. In, Folge des Beifalls, wenigſtens der Dul⸗ dung, mit welcher man aͤhnliche Ausſchweifungen bis⸗ her behandelt hatte, ergriff ein großer Haufe einen ungluͤcklichen Baͤcker, der als ein Feind des Staates ſeine Rache fuͤhlen mußte, weil er das Brod theuer ver⸗ kaufte, zu einer Zeit, wo das Getreide unendlich theuer waar, und knupfte ihn auf. Beſondere Umſtaͤnde erſchwer⸗ ten noch das ſonſt gewoͤhnliche Verbrechen, denn ſie zwangen mehrere ſeiner Zunftgenoſſen das blutige Haupt zu gruͤ⸗ ßen, das ſie ihrem Brauche gemaͤß auf einer Picke im Triumphe herumfuͤhrten, ja ſie druͤckten ſogar die erſtarrten Lippen an die der Wittwe, die ohnmaͤchtig Mit einigen kuͤhnen und erfolgreichen Angriffen auf 115 vor ihnen lag. Im vollkommenen Vertrauen auf ihre Strafloſigkeit nahten ſie ſich, nach geſchehener That, den Hallen der Nationalverſammlung, um die Stell⸗ vertreter des Volkes mit demſelben erbaulichen Anblick zu ergoͤtzen. Da der Baͤcker weder ein Ariſtokrat, noch ein Edelmann war, ſo wagten es die Behoͤrden, den Mord zu beſtrafen, ohne den Vorwurf einer unpatriotiſchen Geſinnung zu fuͤrchten. An der Spiße einer Abthei⸗ lung der Nationalgarde griff Lafayette die Moͤrder an und zerſtreute ſie; der aktive Buͤrger, welcher den Kopf trug, ward vor Gericht gezogen, verurtheilt und gehenkt, gerade als gaͤbe es keine Revolution im Koͤnig⸗ reiche. Das erregte große Verwunderung, denn ſeit der Eroberung der Baſtille war kein ſolches Beiſpiel gegeben worden. Doch war das noch nicht Alles. * Lafayette, den man jetzt als an der Spitze der Geſchaͤfte ſtehend betrachten konnte, hatte Einfluß und Gewandtheit genug, von der Verſammlung ein De⸗ kret auszuwirken, welches im Falle eines Aufſtandes den Richtern das Recht gab, das Kriegsgeſetz durch Entfaltung einer rothen Fahne zu verkuͤndigen, und diejenigen, welche ſich nach dieſem Zeichen zu zerſtreuen weigerten, als offene Aufruͤhrer zu behandeln. Frei⸗ lich ging dieſes Geſetz der brittiſchen Aufruhrakte— Priot Act— nachgebildet, nicht ohne Oppoſition durch, denn augenſcheinlich ſollte es den Bajonetten der Na⸗ 8.. 116 tionalgarde ein entſcheidendes Uebergewicht uͤber die Picken des Poͤbels der Vorſtaͤdte geben. Die Jakobi⸗ ner, naͤmlich die Anhaͤnger Marat's, Robespierre's und Danton's, ja ſelbſt die Republikaner oder Briſſo⸗ tiner hatten dieſe hin und wieder vorfallenden Auf⸗ ſtaͤnde und Morde wie ein Vorpoſtengefecht im Felde betrachtet, bei welchem ſie gewoͤhnlich den Sieg davon trugen; aber ſo lange Lafayette von der ihn unter⸗ ſtuͤtzenden Nationalgarde, welche aus angeſehenen Maͤn⸗ nern beſtand, deren Vortheil es war, die Ordnung aufrecht zu erhalten, unterſtuͤtzt wurde, war es leicht einzuſehen, daß er die Macht und den Willen habe, in Zukunft dieſen revolutionaͤren Ausſchweifungen Schranken zu ſetzen. Dieſer wichtige Vortheil wog gewiſſermaßen die Macht auf, welche die revolutionaͤre und republikaniſche Parthei erlangt hatte. Wie ſchon geſagt, war dieſe in den Jakobinerklubbs vorherrſchend, in welchen ſie die Verhandlungen der Verſammlung einer nochmaligen Pruͤfung unterwarfen, und nach Willkuͤhr diejenigen dem oͤffentlichen Haſſe preisgaben, die ſich ihnen wi⸗ derſetzten. Aber auſſerdem hatten ſie noch eine ent⸗ ſchiedene Majoritaͤt unter den taͤglichen Zuhoͤrern auf den Tribunen, die, da man ſie gehorig bezahlte, und mit Speiſen und Trank verſah, nach vorher gegebener Vor⸗ ſchrift die Verſammlung mit ihrem Geſchrei des Bei⸗ falls oder der Mißbilligung uͤbertaͤubten. Es iſt zwar wahr, daß jene gemietheten Zuhoͤrer ihre Stimmen 112. und ihren Beifall denen gaben, welche ſie bezahlten, deſſen ohngeachtet aber hatten ſie doch ihre eigenen und beſonderen Gefuͤhle, welche ſie oft bewogen, unbezahlt denjenigen Beifall zuzurufen, die ſich des uͤbertrieben⸗ ſten Tons der revolutionaͤren Wuth befleißigten. Mit wahrem freiwilligen Eifer begruͤßten ſie Maͤnner wie Marat, Robespierre und Danton, die fuͤr die blutigſten Maßregeln des Schreckens und der Proſcription ſtimm⸗ ten, und den Adeligen mit derſelben Stimme den Krieg erklaͤrten, mit welcher ſie den niedrigſten Laſtern der Menge ſchmeichelten. Es ſchien, als habe die Revolution nach und nach eine andere Richtung genommen, als die, in welcher ſie begann. Frankreich hatte die Freiheit errungen, das erſte und gewiß auch das wuͤrdigſte Gut, das eine Nation ſich wuͤnſchen kann. Ein Jeder war fuͤr frei erklaͤrt, ſoviel es ihm ſeine Lage zu ſeyn geſtattete, und ſo weit es ſich mit dem Geſellſchaftlichen vereini⸗ gen ließ. Freilich wurden dem Franzoſen die Vor⸗ theile der Freiheit praktiſch nicht gewaͤhrt; denn obgleich die Rechte des Menſchen dem Buͤrger erlaubten, da⸗ hin zu gehen, wohin er wollte, ſo haͤtte er doch in Wirklichkeit den Weg zum naͤchſten Gefaͤngniſſe nehmen, oder auf der oͤffentlichen Straße, als der Ariſtokratie verdaͤchtig, es mit dem Tode buͤßen muͤſſen, wenn er nicht mit einem Paſſe der Munieipalitaͤt verſehen war. Ebenſo war ſein Haus ſicher, wie eine Burg, ſein Eigenthum heilig wie Kirchengefaͤße;— gausge⸗ 118 nommen gegen das Komite der Unterſuchung, das mit einem willkuͤhrlichen Befehle nach Laune in das eine einbrechen, und das andere rauben konnte. Dennoch aber waren die allgemeinen Grundſatze der Freiheit in ihrer weiteſten metaphyſiſchen Ausdehnung feſtgeſetzt; nur mußte der verbruͤderte Grundſatz der Gleichheit auf eine eben ſo ausgedehnte Baſis geſtellt werden. 1 Dahin richtete ſich nun vorzuͤglich die Aufmerk⸗ ſamkeit der Verſammlung. Im eigentlichen Sinne ſind Gleichheit der Rechte, und der Geſetze, eine Verfaſ⸗ ſung, welche den Niedrigſten und den Hoͤchſten denſel⸗ ben Schutz gewaͤhrt, und unbedingt noͤthig fuͤr das Be⸗ ſtehen, und den Genuß der Freiheit. Aber ein Gleich⸗ heitsſyſtem aufzuſtellen, welches die ganze Maſſe des Volkes in Gebraͤuchen, Sitten, Geſchmack und Gefuͤh⸗ len gleich ſtellen ſoll, iſt, ein grober und läͤcherlicher Widerſpruch gegen die nothwendigen Fortſchritte der Geſellſchaft; ein fruchtloſer Kampf mit den Geſetzen der Natur. Sie laͤßt auf der Oberflaͤche der Erde Berge und Thaͤler, Seen und Stroͤme, Waͤlder und Fluren mit einander wechſeln; eben ſo hat ſie auch den menſch⸗ lichen Koͤrper gebildet, mit den verſchiedenen Phyſiog⸗ nomien und Farben, die wir bemerken, und mit den verſchiedenſten Abſtufungen phyſiſcher Staͤrke und Schwaͤ⸗ che. In allen ihren Produkten hat ſie die Gleichheit vermieden; ſelbſt in denen ihrer Werke, welche die groͤßte anſcheinende Aehnlichkeit darbieten, beſteht doch keine vollkommene Gleichheit; kein Blatt des Baumes 119 iſt genau dem andern aͤhnlich, und von den zahlloſen Sternen des Himmels ſtrahlt jeder mit anderem Lichte. Was ſind aber dieſe phyſiſchen Verſchiedenheiten im Vergleich mit dem endloſen Waſel, welchen der menſch⸗ liche Karakter darbietet, mit ſeinen mannichfaltigen Leidenſchaften, Einfluͤſſen und Vorurtheilen, die ſo kuͤnſtlich verflochten ſind, in ſo verſchiedenen Verhaͤlt⸗ niſſen, daß wahrſcheinlich ſeit Adams Zeiten bis auf die unſrigen keine vollkommene Aehnlichkeit zwiſchen zweien Individuen anzutreffen war? Und gleichſam als waͤre das noch nicht genug, kommt der Verſchiedenheit hier noch der Einfluß des Klimas, der Regierung, der Erziehung, der Lebensweiſe zu Huͤlfe, welche ſaͤmmt⸗ lich auf eine unendliche Verſchiedenheit der Individuen hinarbeiten. So wie die Geſellſchaft an Civiliſation zunimmt, vermehren ſich die Ungleichheiten, welche aus dem natuͤrlichen Unterſchiede der Talente und der Anlagen entſtehen, bis uͤber alle Berechnung hinaus. Wohl mag ſich der Wilde einer rohen Art von Gleichheit in irgend einem patriarchaliſchen Stamme ruͤhmen, aber der Gewandteſte und Staͤrkſte, der beſte Jaͤger, der tapferſte Krieger wird bald die Andern be⸗ herrſchen und ein Koͤnig oder ein Oberhaupt werden. Durch gluͤckliche Anlagen oder Umſtaͤnde erhebt ſich ein Theil, der Nation bis zum Gipfel, waͤhrend ein an⸗ derer wie Hefen zu Boden ſinkt; ein dritter Theil nimmt die mittlere Stelle zwiſchen ihnen ein. Im glei⸗ chen Schritt mit der Geſellſchaft bildet ſich die Ver⸗ 12⁰ ſchiedenheit der Staͤnde aus, und kann man denn im Ernſte eine andere Gleichheit, als die der Rechte aufſtel⸗ len, zwiſchen denen, die da denken, und denen, die da arbeiten; denen, deren Geſchaͤft„das des Ochſen“ iſt⸗ und denen, welchen die Zeit erlaubt, den Pfad der Weisheit zu erforſchen. Gluͤcklich freilich iſt das Land und die Verfaſſung, wo dieſe Unterſcheidungen⸗ welche nun einmal in der Geſellſchaft beſtehen muͤſſen, nicht durch unuͤberſteigliche Schranken geſchieden ſind, ſon⸗ dern wo ſelbſt der erlauchteſte Rang geoͤffnet iſt, um den koͤſtlichen Zuwachs an Wiſſen und Talenten, aufzunehmen, welcher ſo oft einzelne Perſonen aus den niedrigſten zu den hoͤchſten Klaſſen erhebt; und in ſo fern, als die allgemeine Gleichheit dadurch erlangt wer⸗ den kann, daß ein Jeglicher den Anſpruch habe, ſich zu der Lage zu erheben, die er ſeinen Talenten, ſeinen Verdienſten oder ſeinem Vermoͤgen nach einzunehmen im Stande iſt, in ſo fern kann man die Thore nicht zu weit oͤffnen. Aber die franzoͤſiſchen Geſetzgeber ver⸗ ſuchten gerade das Gegentheil, denn damit wollten ſie die vorgeſchlagene Gleichheit der Staͤnde gruͤnden, daß ſie die hoͤheren Klaſſen auf dieſelbe Stufe ſtellten, wel⸗ che der Mittelſtand der Geſellſchaft einnimmt, und in⸗ dem ſie durch das Gewicht der geſetzgebenden Gewalt dieſe letzteren hinabdruͤckten zu den niedrigſten Staͤn⸗ den, Menſchen, deren Erziehung, wenn ſie auch ihre Herzen nicht verderbt hat, doch nothwendigerweiſe ihre Gefuͤhle verknoͤchern mußte, und die in einer ſo gro⸗ 121 ßen Stadt wie Paris, die Einfachheit, die ſie unter guͤnſtigeren Umſtaͤnden ehrwuͤrdig macht, mit dem be⸗ ſtaͤndigen Genuſſe der roheſten und gemeinſten Vergnuͤ⸗ gungen vertauſchen. Im Allgemeinen muß man alſo geſtehen, daß in jedem Staate, welcher in Civiliſation weit fortgeſchritten iſt, die Ungleichheit des Ranges eine natuͤrliche und nothwendige Zugabe iſt. Die Phi⸗ loſophie mag diejenigen, welche dieſe Nothwendigkeit bedauern, mit der Verſicherung troͤſten, daß perſoͤnli⸗ ches Gluͤck und Elend unter den Hohen und Niederen mit ziemlich gleicher Hand vertheilt iſt; ſo gibt uns auch die Religion die Zuſicherung, daß es einen kuͤnftigen Zuſtand geben wird, in welchem mit veraͤnderter Na⸗ tur und vervollkommneten Geiſteskraͤften der eitle Un⸗ terſchied dieſer Welt nicht laͤnger mehr beſtehen wird. Aber jeder praktiſche Verſuch, die Ungleichheit der Staͤnde in einer civiliſirten Geſellſchaft durch Gewalts⸗ maßregeln zu heilen, kann wohl die hoͤhern Klaſſen er⸗ niedrigen, aber die untern nicht verbeſſern. Die Geſetze koͤnnen wohl den Edelmann ſeiner Titel, den Mann von Erziehung ſeiner Buͤcher, oder um das franzoͤſiſche 8 Beiſpiel zu gebrauchen, den Muscadin ſeiner Kleider berauben; aber das wird keinen Bedienten zum Mann von Erziehung machen, wird der Unwiſſenheit keine Bildung, und dem Sans Cullottes keinen Anſtand geben. An Grazie, an Wiſſen, an Bildung wird die Geſellſchaft im Allgemeinen gar vieles verlieren, aber diemand kann moͤglicherweiſe dabei gewinnen. Dennoch „ 1 12² z aber war es auf dieſe voͤllig unausfuͤhrbare Weiſe, daß die franzoͤſiſchen Geſetzgeber, zufolge ihrer uͤber⸗ triebenen Gefuͤhle waͤhrend dieſes Zeitpunkts des gaͤnz⸗ lichen Umſturzes, es unternahmen, der wiedergebornen Nation die Gleichheit zu ſchenken. Mit ſteter Ruͤckſicht auf dieſes große Probeſtuͤck an der menſchlichen Geſellſchaft ſchaffte die Verſammlung alle Ehrentitel, alle Wappen und ſelbſt die unbedenten⸗ den Benennungen Monsieur, Madame ab. Freilich ſind die letzteren bloße Ausdruͤcke der gewoͤhnlichen Hoͤflichkeit, dennoch aber dienen ſie dazu, mit andern Ausdruͤcken derſelben Art den gewoͤhnlichen Verhand⸗ lungen des menſchlichen Lebens einen zarteren Anſtrich zu geben, und jene Lieblichkeit des Betragens zu be⸗ wahren, welche die Franzoſen mit einem gluͤcklich ge⸗ waͤhlten Namen la petite Morale(die kleine Morah belegt haben. Die erſte dieſer Abſchaffungen betraf die Weligen insbeſondere. Zum Dank fuͤr die freiſinnige unbegraͤnzte Hingebung ihrer wirklichen Macht und Privilegien wurden ſie nun ihrer Auszeichnung und ihres „Ranges in der Geſellſchaft beraubt;— als wenn die⸗ jenigen, welche einen Ritter gefangen genommen und beraubt hatten, noch zuletzt zum Spott die Federn von ſeinem Hute reißen muͤſſen. Die franzoͤſiſche Ariſtokratie, welche ſo lange als die Bluͤthe des europaͤiſchen Ritter⸗ thums, ſich auszeichnete, ward nun ſo weit es von der Geſetzgebung abhing, vollkommen abgeſchafft. Die Stimme der Nation hatte ein allgemeines Herabwuͤr⸗ — 123 7 5— 5 digungsdekret ausgeſprochen, welches dech den Gefuͤhlen dieſes Standes nach, nur die Strafe eines niedertraͤch⸗ tigen unverzeihlichen Verbrechens ſeyn konnte. So kann man wohl die Lage der Exadeligen am beſten mit den Worten beſchreiben, mit welchen Bollingbroke ſeine eigene mahlt. „Ich aß des Auslands bitt'res Brod,— „So lang Ihr Euch mit meiner Herſchaft mäſtet't, „Als meine Gärten Ihr zu Boden riſſet „Und meine Wälder umgehauen.. „Als Ihr mein Wappen von der Thüre riſſet, „Mein Siegel brach't, und mir kein Zeichen ließet, *„Als Menſchenmeinung nur und mein lebendig Blut „Der Welt zu zeigen: ich ſei Edelmann.“ . 5, Es war ein ungluͤckſeliger Irrthum, daß die Ver⸗ ſammlung, waͤhrend ſie die moͤglicher Weiſe zu erreichende Gleichheit ſuchte, die alten Inſtitutionen des Ritter⸗ thums niederriß. Philoſophiſch betrachtet haben ſie frei⸗ lich geringen Werth; aber welches ſind denn, den noͤ⸗ khigſten Lebensunterhalt und das Wiſſen ausgenom⸗ men, die Vortheile, welche dem wahren Philoſophen nicht gleichguͤltig ſein muͤſſen? Und wo lebt denn bei allen dem der wahre Philoſoph, der wirklich im Stande iſt, ſich von der gewoͤhnlichen Denkungsart uͤber ſolche Dinge loszureißen? Der Werth, den man auf Geburt oder Nang ſetzt, ſelbſt wenn die Grundlage derſelben nur taͤuſchend waͤre, hat doch immer den Vortheil, daß er dem die Spitze bietet, welchen der Reichthum allein nur gibt; das Vorurtheil hat immerhin etwas Erha⸗ 1²4 benes und Edles in ſich, iſt mit geſchichtlichen Ruͤck⸗ erinnerungen und patriotiſchen Gefuͤhlen gepaart, und ſteigt es zuweilen bis zur Uebertreibung, ſo kann es die Geſellſchaft durch den Einfluß des Laͤcherlichen ſtrafen und ihm Schranken ſetzen. Merkwuͤrdig iſt es, wie ſchwer es, ſelbſt im Laufe der Revolution den groͤßten Beguͤnſtigern derſelben wurde, ſich von jenen alten Vorurtheilen loszureißen, welche auf die Verſchiedenheit der Staͤnde Bezug hatten.*) Was aber die Verbannung der Ausdruͤcke der buͤr⸗ gerlichen Geſellſchaft betrifft, ſo hatte ſie in den Augen aller vernuͤnftigen Leute einen laͤcherlichen Anſtrich der Affektation; auf einige enthuſiaſtiſche Gemuͤther aber brachte ſie einen noch uͤbleren Eindruck, als den des bloßen Widerwillens hervor. Man verſetze ſich in die Stellung des Schreckens oder der Wuth, ſo wird man ſehen, wie gewiſſermaßen in unſerem Gemuͤthe die Lei⸗ denſchaft aufſteigt, welche mit der angenommenen Miene *) Der Graf von Mirabeau war höchſt aufgebracht, als man ihn Requetti l'ainé nannte, und ſagte mit großer Bitterkeit, als man ſeine Reden unter dieſem Namen verbreitete:„Mit eurem Requetti habt ihr Eurova auf drei Tage irre gemacht (Avec votre Requetti vous avez desorienté l'Europe pour trois jours).“ Im Herzen war Mirabeau ein Ariſtokrat. Aber was ſollen wir von der Bürgerin Roland ſagen, die mit ihrem plebejiſchen Namen, Manon Philipon prangte, und doch un⸗ konſequenterweiſe dem Burger Pachs vorwarf, daß ſein Vater ein Thürhüter geweſen ſei. 12⁵ uͤbereinſtimmt. Ebenſo machen diejenigen, welche die rohen Manieren, die rauhe Sprache, und die nach⸗ laͤſſige Kleidung der niederern Staͤnde nachahmen, ihre Einbildungskraft mit den heftigen und rohen Gedanken und Handlungen vertraut, welche der Klaſſe eigen ſind, deren Gebraͤuche ſie angenommen haben. Als aber dem Geſchmack und den Ausdruͤcken dieſer Klaſſe(und den letztern Punkt wird doch Niemand der Nachahmung werth halten) jenes Opfer gebracht worden war, ſchien es vorzuͤglich die zunehmende Starke des revolutionaͤren Stroms anzuzeigen, welcher, indem er jeden Unter⸗ ſchied, den unbedeutenden ſowohl, als den wichtigen, mit ſich wegſchwaͤmmte, bald beſtimmt dazu ſchien, den Thron⸗ umzuſtoßen, der nun iſolirt und faſt ganz unvertheidigt da ſtand. Der naͤchſte Schritt war nun nothwendiger⸗ weiſe, die ausuͤbende Gewalt mit derſelben Korporation u vereinigen, welche ſchon die gefetzgebende beſaß,— er ſicherſte Weg zur Tyrannei! Aber obgleich die ſo verſtandene Lehre der Gleichheit in Theorie laͤcherlich, in Praris unausfuͤhrbar iſt, ſo wird ſie doch immer willige Zuhoͤrer finden, wenn man ſie den niedri⸗ gern Klaſſen predigt, deren praktiſche Anſicht davon auf E Ackrgeſetz oder auf eine allgemeine Theilung hin⸗ ielt. 3 Noch blieb ein Stand, den man gleich machen muß⸗ te,— die Zerſtoͤrung der Kirche war noch zu bewerk⸗ ſtelligen; und die republikaniſche Parthei betrieb das Werk der Zerſtoͤrung mit großer Gewandtheit, indem ſie den wichtigen Gegenſtand in einen Plan zur Wiederherſtel⸗ lung der Finanzen einſchloß, und ſomit fuͤr die Staats⸗ ausgaben ſorgte, ohne dem Volke weitere Laſten auflegen zu muͤſſen. 3 Wir muͤſeen hier erinnern, daß die Generalſtaaten zuſammenberufen worden waren, um die Finanzen des Staates in einen beſſern Zuſtand zu bringen. Das war die eigentliche Urſache ihrer Zuſammenberufung. Aber obgleich ſie faſt jeglichen Zweig der Macht ausuͤbten— jegliche beſtehende Behoͤrde des Konigreichs niederriſſen 126 und wieder herſtellten, ſo blieben doch immer noch die Finanzen in einem eben ſo verwickelten Zuſtande, wie ehemals,— um ſo viel mehr, da es gar viele Leute in Frankreich gab, welche das Recht, die Abgaben zu ver⸗ weigern, fuͤr den am zwentigſten nwedehkehän und keines⸗ wegs unbehaglichſten Theil der neu erworbenen Freiheit hielten. Necker, der von dem Volke ſo oft als der Er⸗ retter des Vaterlandes empfangen worden war, wußte im gegent wapiiäen Falle durchaus nicht zu. helfen. Das gegenſeitige Band, das dir Menſchen in der Geſellſchaft zuſammen haͤlt, ſchien gaͤnzlich auseinander zu reißen; und iſt einmal der oͤffentliche Kredit zerſtoͤrt, ſo gleicht ein Finanzier, wie tuͤchtig, er auch ſei, dem Prospero, nachdem ſeine Gerte gebrochen, und ſein Bauch in die tiefe See verſunken iſt. Vergeblich belgtigte Necker da⸗ her auch die Verſammlung, indem er ihr die Noth der Finanzen ſchilderte. Sie wurde ſelner vorſtellungen muͤde, und empfing ſie mit deutlichen ucken der Kälte und der Gleichguͤltigkeit. In der T vhar; wozu konn⸗ ten die regelmaͤßigen Rathſe hlaͤge, die tief berechneten und kombinirten Plane eines Kinneomniniſters Manern dienen, die ſchon ihre Huͤlfsquellen im Auge hatten, und entſchloſſen waren, daß kein vermeintlicher Gewiſſens⸗ ſtrupel ſie verhindern ſolle, dieſelben zu ergreifen? Die Lrrabinnaen welche ihnen Necker gab, glichen einer Vorleſung uͤber Betriebſamkeit und Gewer bfleiß, die man dem Rolin Hood und ſeinen luſtigen Gefahrt en gehalten hatte, als ſie auszogen, um den Reichen im Namen des Armen zu berauben. Die Verſammlung hatte beſchloſſen, daß, alle Vor⸗ urtheile bei Seiteg geſetzt, das Eigenthum der Kirche zum Beſten der Nation in Beſchlag genommen werden ſollte. Umſonſt eiferte die Geiſtlichkeit gegen dieſe Handlung, des Raubs und Gewaltkhiriäfeir— umſonſt that ſie dar, de ſie ein beſtehender Theil der Nation ſeie, und als ſolcher mit der Verſammlung unter der einverſtandenen Beſtarigung ihrer Rechte gemeinſchaftliche Sache ge⸗ macht haͤtte— umſonſt erſchallte in den Hallen die 127 feierlich angenommene Erklaͤrung, der Unverleßzlichkeit des Eigenthums, auſſer bei voller Verguͤtung. Wenig nuͤtzte es, daß man den Mirabeau an ſeine Rede er⸗ innerte, welche er bei einer aͤhnlichen Gelegenheit an den Kaiſer Joſeph gehalten hatte.—„Verachten Sie die Moͤnche, ſagte er damals,„ſo viel Sie wollen, aber berauben Sie ſie nicht. Der Raub iſt ein gleichgroßes Verbrechen, er ſei an dem ausſchweifendſten Atheiſten otteslaͤugner oder an dem biaotteſten Kapuziner t.“ Mit hoͤhnendem Ernſte ſagte man der Geiſt⸗ 1 daß ein Eigenthum,— welches einer Koͤrper⸗ ſchaft gehöre, ganz anders zu betrachten ſei, als dus eines Einzelnen, weil der Staat die Koͤrperſchaft auf⸗ loͤſen und das ihr gehoͤrige Eigenthum an ſich ziehen könne. Mit dieſen Scheingruͤnden maßten ſie ſich fuͤr den oͤffentlichen Schatz alles Eigenthum an, das die franzoͤſiſche Kiuche beſaß. Da es unmoͤglich war, dieſe ungeheure Menge von Gegenſtaͤnden auf einmal zum Verkauf zu bringen; ſo ſchuf die Verſammlung eine Art Papiergeld, Aſſig⸗ naten genannt, welche auf die Kirchenguͤter verſichert oder verhypothecirt waren. Der Umlauf dieſes Pa⸗ piers, welches gegen Neckers ernſte Warnung ange⸗ nommen wurde, brachte einen Geiſt des Schwindels und Spiels hervor, aͤhnlich dem des beruͤhmten Plans der Miſſiſippigeſellſchaft. Wer an Vorurtheilen hing, haͤtte wohl denken koͤnnen, daß der Anſtrich der Kir⸗ chenentweihung mit Obligationen verbunden ſeie, welche auf den Raub der Kirche ausgeſtellt waren; doch muß man geſtehen, daß dieſe Huͤlfsquellen die Natio⸗ nalverſammlung in den Stand ſetzte, nicht allein dem Abgrunde des Nationalbankerottes zu entgehen, ſondern auch viele Grundſteuer nachzulaſſen, welche die niedri⸗ eeren Staͤnde hart druͤckten, und ſo dem nuͤtzlichſten Theil der Gemeinſchaft einigen Nachlaß zu gewaͤhren. Jedoch entſprang dieſer wuͤnſchenswerthe Erfolg aus jene goͤrtlichen Goldmacherkunſt, die aus Boͤſen Gutes 128 ſchafft, ohne diejenigen zu rechtfertigen, welche das erſtere ausuͤben. Kurz nach der Annahme dieſes Plans, welcher trotz ſeiner Anſicht und Einſpruͤche durchgegangen war, ſah Necker wohl ein, daß ſeine Dienſte der Verſammlung nicht fuͤrder annehmlich ſeien, und daß er dem Koͤnige nichts mehr nuͤtzen koͤnne. Er bot ſeine Entlaſſung an, die Verſammlung nahm ſie mit kalter Gleichguͤltigkeit an; ja bei ſeiner Zuruͤckkehr in ſein Vaterland ward ſeine Si⸗ cherheit von demſelben Volke gefaͤhrdet, welches ihn zweimal als ſeinen Befreier begruͤßt hatte. Dieſer vol⸗ lendete Staatsmann entdeckte zu ſpaͤt, daß die oͤffeütliche Meinung zum Zwecke des allgemeinen Beſten, das ſie durch ihre eigene huͤlfloſe und uͤbelgeleitete Anſtrengung nicht erreichen kann, gefuͤhrt und geleiret werden muß, und daß ſeine eigene Popularitat nur minder ehrlichen und verſchlageneren Maͤnnern zum Mittel gedient hatte, ihre eigenen Zwecke zu erreichen. Aber die Majoritaͤt der Na⸗ tionalverſammlung wollte die Gallicaniſche Kirche einer noch heftigeren Probe unterwerfen. Sie griff das Ge⸗ wiſſen der franzoͤfiſchen Geiſtlichkeit in demſelben Grade an, wie ſie fruͤher ihr Vermoͤgen antaſteten, und war alſo auch um ſo viel weniger zu entſchuldigen, ſo daß es ſchwer iſt, ihr einen andern Bewegagrund unterzule⸗ gen, der ſie zu dieſer Maßregel haͤtte verleiten koͤnnen, auſſer dem heftigen Wunſche, in jedem Departement des Staates Neuerungen einzufuͤhren, und eine konſtitutio⸗ nelle Geiſtlichkeit zu haben, ſo wie ſie ſchon einen kon⸗ ſtitutionellen Koͤnig beſaßen. —