— Tr EAaarcarhrrrarr ATaraEhALATArATSrALararhr Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Tüafhir Leſepreis für ein deutſches Ducht Kr. 9,„ franz. od. engl.„ 2„ ‧Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher,: auf 6 Monat: 2 fl. 5 Kr. 4 fl. 1 Kr. 1 fl. 12 Kr. me 2 2 Iraraan ahr — auhr anh f 8 dreeeeSenaeue anar Walter Scott's ſaͤmmtliche W erk e. Neu uͤberſetzt. Fuͤnf und zwanzigſter Band. Leben von Napoleon Buonaparte. Erſter Theil. Stuttgart, hei Gebruͤder Franckh. 1.8 2 7, Leben von Napoleon Buonaparte, Kaiſers von Frankreich, mit einer Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolu⸗ tion. Von Walter Sceot. Aus dem Cngliſchen uͤberſetzt von General J. v. Theobald. Erſter Theil. Stuttgarr, bei Gebrüuder Franckk 1827. 8 4 Leben von Napoleon Buonaparte. Erſtes Kapitel. Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolution. Zuſtand von Eurova nach dem Frieden von Verſailles.— Eng⸗ land.— Frankreich.— Spanien.— Preußen.— Unvorſichtige Neuerungen des Kaiſers Joſeph.— Wirren in ſeinen Staaten.— Rußland.— Frankreich.— Die alte franzöſiſche Monarchie.— Ihre Organiſation.— Urſachen ihres Zerfalls.— Zerfall des Adels als einer Kaſte.— Der neue Adel.— Der Landadel.— Der hohe Adel.— Die Kirche.— Die hohe Geiſtlichkeit.— Die niedere Geiſtlichkeit.— Der Bürgerſtand.— Deſſen ſteigende Macht und Bedeutung.— Seine gegen die bevorrechteten Stände gerichteten Anſprüche. Wenn wir auf vergangene Begebenheiten, ſo bedeutend ſie auch ſeyn moͤgen, zuruͤckblicken, ſo faͤllt es uns ſchwer, genau die Gefuͤhle, mit welchen wir ihren Gang beobachtet haben, zuruͤckzurufen, und uns der Furcht, der Hoffnung, der Zweifel und Ver⸗ wicklungen zu erinnern, auf welche vielleicht etwas W. Scott's Werke. XXV. 1 6 uns ganz Unerwartetes gefolgt iſt. Als wir die Fluth der Ueberſchwemmung noch ſahen, das Rauſchen der⸗ ſelben noch hoͤrten, konnten wir uns kaum den Zu⸗ ſtand der Dinge vorſtellen, wie er war, ehe ſie zu wuͤthen begonnen; jezt, nachdem der Strom wieder in ſein Bette zuruͤckgetreten iſt, vermoͤgen wir noch weniger, uns den Schrecken zu vergegenwaͤrtigen, von dem wir ergriffen wurden, als der Ausgetretene am hoͤchſten ſtand. Die Gegenwart uͤbt eine ſolche Gewalt uͤber unſere Einbildungskraft und Sinne, daß es uns keine geringe Muͤhe koſtet, die Empfin⸗ dungen, welche mit den verfloſſenen Ereigniſſen er⸗ loſchen ſind, von neuem zu beleben. Das iſt aber gerade die Aufgabe der Geſchichte, die zu nichts dient, wenn ſie nicht durch die Darſtellung der That⸗ ſachen die Eindruͤcke weckt, welche dieſe auf die Zeu⸗ gen gemacht haben. Zu dieſem Behuf wollen wir in der Geſchichte von Frankreich und Europa bis zu dem amerikaniſchen Kriege zuruͤckgehen, deſſen Zeitgenoſ⸗ ſen bereits zur aͤltern Generation gehoͤren. Der Friede von Verſailles, im Jahre 1783. ge⸗ ſchloſſen, ſchien die Ruhe von Europa auf lange Zeit zu verbuͤrgen. Der hochfahrende und eiferſuͤchtige Ton, den die kriegfuͤhrenden Nationen fruͤher ange⸗ nommen hatten, war durch neuere Ereigniſſe herab⸗ geſtimmt worden, England hatte, unter der Leitung einer ſchwachen, wenigſtens ungluͤcklichen Verwaltung, ſein nordamerikaniſches Reich und die Oberherr⸗ 7 ſchaft uͤber ſeine Kolonien dem Frieden zum Opfer gebracht; allerdings ein großes, aber von der Nation doch zu hoch angeſchlagenes Opfer. Dieſe ſah naͤm⸗ lich mit Schmerzen die Bande einer gemeinſchaftli⸗ chen Abkunft und eines gegenſeitigen Handelsverkehrs zerriſſen, und konnte die vielen zum Schutze und zur Emporbringung dieſes ſchoͤnen, nun fuͤr England verlornen Reiches gefuͤhrten Kriege nicht vergeſſen. Der Glanz der brittiſchen Waffen, zur Zeit des Frie⸗ dens von Fontainebleau noch ſo ſtrahlend, war, wenn nicht ganz erloſchen, doch getruͤbt. Trotz der mann⸗ haften Vertheidigung von Gibraltar war das allge⸗ meine Reſultat des Landkrieges dem militaͤriſchen Rufe Englands nachtheilig geweſen; ungeachtet der rechtzeitigen und glaͤnzenden Siege von Rodney war die Kuͤſte Englands doch bedroht worden, und ſeine Flotten hatten ſich in die Haͤfen fluͤchten muͤſſen, waͤhrend die vereinigte Seemacht der Feinde im Ka⸗ nal den Meiſter ſpielte. Das Land fuͤhlte ſich durch den beſtandenen, ſo ungleichen Kampf und durch die Ueberzeugung entmuthigt, daß ſeine Ueberlegenheit zur See fuͤr das geſammte Europa ein Gegenſtand des Neides und des Haſſes ſey. Dies war durch die bewaffnete Allianz der nordiſchen Maͤchte erſt neuer⸗ lich recht auffallend bewieſen worden, die, obglalch angeb⸗ lich zum Behuf der Neutralitaͤt geſchloſſen, eigentlich ein gegen die Anſpruͤche Englands auf die Herrſchaft zur See gerichteker Bund war, Zu dieſen, den Geiſt 8 der Nation niederſchlagenden Ereigniſſen kam noch der Zerfall des Handels waͤhrend der langen Dauer der Feindſeligkeiten, der Mangel an Kredit, das Sinken der Guͤterpreiſe; Erſcheinungen, die bei dem Uebergange aus dem Zuſtande des Krieges in den des Friedens ſich gewoͤhnlich ſo lange zeigen, bis die Kapitale ihren natuͤrlichen Kanal wieder gefunden haben. Unter dieſen Umſtaͤnden mußte England of⸗ fenbar darauf bedacht ſeyn, ſeine Wirthſchaft zu ordnen, ſeinem geſunkenen Wohlſtande durch Ver⸗ mittlung eines langen Friedens wieder aufzuhelfen. Wilhelm Pitt, in ſeinen Finanzoperationen ſo uner⸗ reichbar, unterzog ſich dem Geſchaͤfte, die oͤffentlichen Einnahmen neu zu geſtalten, den Ertrag derſelben zu vermehren und doch ihre Laſt weniger fuͤhlbar zu machen. Wo gab es einen Zweck des Nationalehr⸗ geizes, der ſeinem durch die Nothwendigkeit gebote⸗ nen Streben eine andere Richtung haͤtte geben koͤnnen? Auch Frankreich konnte, bei aller Eiferſucht ge⸗ gen England, durch die Vortheile, die es im Kriege errungen, ſich doch nicht zu neuen Verſuchen dieſer Art ermuthigt fuͤhlen. Es hatte allerdings die De⸗ muͤthigung ſeines alten Feindes geſehen und dazu nach Kraͤften beigetragen, aber die Befriedigung ſei⸗ ner Rache war ihm, was den Nationen wie den In⸗ dividuen wiederfaͤhrt, theuer zu ſtehen gekommen. Seine Finanzen waren unter der Verwaltung von —— —— — — 9 raſch auf einander folgenden Miniſtern, die durch Maßregeln des Augenblicks das zur Deckung der dringendſten Regierungsausgaben noͤthige Geld auf⸗ zubringen ſuchten, ſehr herabgekommen, und es mußte ſcheinen, daß auch die kuͤhnſten und unternehmend⸗ ſten Miniſter ſelbſt nicht in einer Anwandlung von ſanguiniſchem Leichtſinne es wagen wuͤrden, einen Krieg, oder auch nur eine Maßregel in Vorſchlag zu bringen, die zum Kriege fuͤhren koͤnnte. Spanien, das zufolge des zwiſchen den franzoͤſi⸗ ſchen und ſpaniſchen Bourbons beſtehenden Familien⸗ pakts, und getrieben durch das Verlangen, wieder in den Beſitz von Gibraltar zu kommen, an dem Kriege gegen England mit Frankreich Theil genom⸗ men hatte, war eben ſo erſchoͤpft als dieſes. Dem kaſtilianiſchen Stolze, der es noch immer nicht er⸗ trug, dieſe Feſtung in den Haͤnden von ketzeriſchen Fremden zu ſehen, mußte ein Krieg willkommen ſeyn, der dieſelbe wieder an Spanien bringen konnte. Die Belagerung von Gibraltar war mit der reichſten Fuͤlle von Mitteln unternommen und durch die ganze Kraft des Koͤnigreichs unterſtuͤtzt worden; al⸗ lein vergebens: das tiefgebeugte Spanien ſah ſeine ſchoͤnſten Hoffnungen vernichtet, und zugleich ſeine Kraft durch einen ungeheuren, erfolgloſen Kriegs⸗ aufwand gebrochen. Ein Angriff auf Algier im Jahre 1784. hatte ihm vollends alle Kriegsluſt benommen, und es war hierauf wieder in ſeinen alten torpiden 10 Zuſtand verfallen, wo es ihm nach dem Mißlingen ſeines Lieblingsplans an Mitteln und vielleicht auch an Muth fehlte, ſich zu neuen Kriegsunternehmun⸗ gen zu ruͤſten. Es iſt ferner zu bemerken, daß die Herrſcher, die an dem Kriege Theil genommen, nicht jenen ehrgeitzigen und ruͤhrigen Karakter hatten, der die Beſorgniß einfloͤſen konnte, daß ſie ihre Voͤlker bald wieder in neue Kriege fuͤhren wuͤrden. Das klaſſiſche Auge von Gibbon ſah den Honorius und Arkadius, d. h. die ſchwaͤchſten und indolenteſten unter den rö⸗ miſchen Imperatoren, auf den Thronen des Hauſes Bourbon eingeſchlummert, und bei dem rechtlichen und biedern Sinne Georgs III. konnte es Nieman⸗ den einfallen, daß er es ſeinerſeits verſuchen wuͤrde, einen von ihm nur ungern unterzeichneten Frieden zu brechen, oder Rechte, auf die er nicht ohne Wi⸗ derſtreben, aber feierlich verzichtet hatte, wieder gel⸗ tend zu machen. Seine Aeußerung gegen den Ge⸗ ſandten von Nordamerika verraͤth einen Zug ſeines Karakters, der nicht unbeachtet bleiben darf und nie vergeſſen werden ſollte:—„In meinem ganzen Koͤ⸗ nigreich bin ich der Letzte geweſen, der in einen Frie⸗ den gewilligt hat, durch welchen Amerika von Eng⸗ land getrennt wird.— Nun er aber geſchloſſen iſt, werde ich, von allen Englaͤndern zuerſt, mich je⸗ dem Verſuche, denſelben wieder zu brechen, wider⸗ ſetzen.“ — — 11 Der bereits erwaͤhnte ſcharfſinnige Geſchichts⸗ ſchreiber ſcheint dagegen im Norden, und zwar im Karakter der nordiſchen Herrſcher, eine Quelle von neuen Kriegen geſehen zu haben, die in dem weſtli⸗ chen Theile der europaͤiſchen Republik nicht vorhan⸗ den war. Allein Katharing, die Semiramis des Nor⸗ dens, hatte ihre Blicke vorzuͤglich auf die dſtlichen und ſuͤdlichen Graͤnzen ihres weiten Gebietes gerich⸗ tet, und die Finanzen ihres zwar unermeßlichen, aber verhaͤltnißmaͤßig armen und nur ſchwach bevoͤlkerten Rei⸗ ches wurden durch den Aufwand eines uͤppigen Hofes in Anſpruch genommen, der die aſiatiſche Pracht mit den verfeinerten europaͤlſchen Genuͤſſen verbinden wollte. Die ungeheure Kriegsmacht der Czarin war zugleich doch ſehr ſchwerfaͤllig, und hatte gegen die nicht ſo zahlreichen, aber beweglichern Heere des Koͤ⸗ nigs von Preußen, ihres Nachbars, nichts ausrichten koͤnnen. Sonach ſchien Rußland eben ſo ſehr, als die uͤbrigen Maͤchte, geneigt, ſeiner Rieſenkraft lie⸗ ber Ruhe zu goͤnnen, als dieſelbe zu neuen und ge⸗ wagten Eroberungen zu verwenden. Dieſe Macht nahm ſogar keinen Anſtand, ihre Plane auf die Tuͤr⸗ kei bei den guͤnſtigſten Ausſichten, im Jahre 1784, noch ehe ſie zur Haͤlfte ausgefuͤhrt waren, wieder aufzugeben. Dies war nicht nur ein Unterpfand ih⸗ rer friedlichen Geſinnungen, ſondern auch ein Be⸗ weis, daß ſie die Nothwendigkeit fuͤhle, der Lockung XN . 4 12 des Sieges, der vier Jahre fruͤher ihr ſtets gelaͤchelt hatte, zu widerſtehen.— Selbſt Friedrich von Preußen, der Kraft ſeines Genies und ſeiner Talente, ſo lange die Seele aller politiſchen Intriken geweſen war, und im Laufe ſei⸗ ner ereignißyollen und thatenreichen Regierung ſo viele Gefahren beſtanden hatte, hielt es nicht fuͤr gerathen, am Abende ſeines Lebens ſich in neuen Wagniſſen zu verſuchen. Sein Reich, das ſich von der Oſtſee bis an die Graͤnzen von Holland erſtreckte, beſtand aus verſchiedenen, von einander getrennten Gebieten, die nur mit Huͤlfe der Zeit in einen einzigen ged jegenen Staat verſchmolzen werden konnten. Dieſem Koͤnig, der gewohnt war, den Geiſt der Zeit aufzu⸗ faſſen, konnte es auch nicht entgangen ſeyn, daß ein Geiſt der kuͤhnſten Unterſuchung, ein philoſophiſcher Geiſt— wie er ihn nannte— gewiſſe Lehren und Meinungen erzeugt und verbreitet hatte, welche fruͤ⸗ her oder ſpaͤter die Gewalthaber zum Widerſtande aufrufen, und ſie beſtimmen mußten, nicht in gegen⸗ ſeitigen Befehdungen eine Kraft aufzureiben, die weit zweckmaͤßiger gegen einen gemeinſchaftlichen Feind verwendet werden mußte. Wenn Friedrich in den letzten Jahren ſeines Lebens ſich mit ſolchen ernſten Betrachtungen beſchaͤf⸗ tigte, ſo wollte dagegen Kaiſer Joſeph II., der nicht ſo hell ſah, wie der Koͤnig von Preußen in ſeinen fruͤhern Jahren guch gethan, die Rolle eines Refor⸗ — — 3 13 mators und Eroberers ſpielen. Ein ſchoͤnes Talent und der redlichſte Wille, ſein Volk zu begluͤcken, laͤßt ſich dieſem Fuͤrſten nicht abſprechen. Es geſchieht aber oft genug, daß talentvolle und ſelbſt tugendhafte Fuͤrſten, wenn ſie auf Zeit und Umſtaͤnde nicht Ruͤck⸗ ſicht nehmen, ſich eine ungluͤckliche Regierung berei⸗ ten. Solche Herrſcher ſchlagen gewoͤhnlich ihre Faͤ⸗ higkeiten zu hoch an, und ziehen, wenn ſie anders nicht in der ſtrengen Schule der Widerwaͤrtigkeiten gebildet ſind, Guͤnſtlinge, die jede Maxime ihres Herrn gutheißen und nachbeten, ſelbſtſtaͤndigen und erfahrnen Rathgebern vor, durch welche ſo mancher Mißgriff wieder gut gemacht wuͤrde. So kam es denn, daß Joſeph II., deſſen perſoͤn⸗ liches Verdienſt anerkannt wurde, deſſen Talenten man Gerechtigkeit wiederfahren ließ, deſſen guten Willen Niemand in Zweifel zog, dennoch in der Pe⸗ riode, von der hier die Rede iſt, mehr Mißvergnuͤ⸗ gen und Beſorgniſſe unter ſeinen Unterthanen er⸗ regt hat, als wenn er ſich begnuͤgt haͤtte, nach der Weiſe anderer Fuͤrſten, durch einen Miniſter zu re⸗ gieren und in den Formen und Vergnuͤgungen des Hofes ſeine Tage ruhig zu verleben. Der Kaiſer hatte das Ungluͤck, durch manche, vielleicht nicht ge⸗ hoͤrig uͤberlegte oder doch mit zu weniger Schonung ins Werk geſetzte Reformen das Volk, deſſen Schick⸗ ſal er verbeſſern wollte, zu den furchtbarſten Bewe⸗ gungen aufzureizen, waͤhrend er zugleich in ſeinen 14 auswaͤrtigen Verhaͤltniſſen ſich auf eine Art benahm, die eine Stoͤrung des europaͤiſchen Friedens von ſei⸗ ner Seite beſorgen ließ. Die philoſophiſchen Ma⸗ rime, zu denen er ſich laut bekannte, hielten ihn nicht ab, insbeſondere gegen die Niederlande die ſelbſtſuͤch⸗ tigſte Politik zu befolgen, und zwar ſowohl durch die Eroͤffnung der Schelde, als durch die Schleifung der Barriereplaͤtze, die den Niederlanden zum Schutze ge⸗ gen Frankreich dienen ſollten. Durch den erſten Schritt gewann der Kaiſer nichts als die elende Summe, fuͤr die er ſeine Anſpruͤche verkaufte, und den Vorwurf des Undanks fuͤr die Dienſte, welche die vereinigten Provinzen ſeinen Vorfahren geleiſtet hatten; die Schleifung jener Feſtungen aber ſollte bald, ſowohl fuͤr Oeſterreich, als fuͤr den ganzen eu⸗ ropaͤiſchen Kontinent, die ſchlimmſten Folgen haben. In anderer Hinſicht waren die von Joſeph ver⸗ ſuchten Reformen gewiſſermaaßen geeignet, die Ge⸗ muͤther auf kuͤnftige, weit kuͤhnere und gewaltſamere Neuerungen vorzubereiten. Die Aufhebung der Moͤnchsorden und die Ver⸗ wendung ihres Einkommens zu allgemeinen Staats⸗ zwecken mochte eiwa den Proteſtanten gefallen; allein aus dem Standpunkte der Moral betrachtet, erſcheint eine ſolche Einziehung des Eigenthums, es mag nun Privatperſoneu oder Koͤrperſchaften angehoͤren, als eine Verletzung der heiligſten Rechte, als ein Raub, der ſich durch keine Berufung auf dringende 15 Staatsbeduͤrfniſſe und das allgemeine Beſte rechtfer⸗ tigen oder beſchoͤnigen laͤßt, weil es kein Recht gibt, im hoͤchſten Nothfall unrecht zu thun, und der Staat durch Verletzung von Treu und Glauben unmoglich gewinnen kann. Joſeph iſt auch der erſte katholiſche Fuͤrſt, der die Schranken der Ehrfurcht, die der ka⸗ tholiſche Glaube um die Perſon des Pabſtes gezo⸗ gen, durchbrochen hat. Die fruchtloſe und demuͤthi⸗ gende Reiſe des heiligen Vaters nach Wien war wenigſtens der Schatten eines Vorwandes fuͤr Na⸗ poleon in ſeinem Benehmen gegen Pius VII. Durch eine andere Neuerung, die ſich noch weni⸗ ger rechtfertigen laͤßt, wurden einige der ſchoͤnſten Provinzen der oͤſterreichiſchen Monarchie, die von den kluͤgſten Fuͤrſten des oͤſterreichiſchen Stammes ſtets auf das glimpflichſte behandelt worden waren, in eine gefaͤhrliche Lage gebracht: durch die Schlei⸗ fung der Feſtungen an der Graͤnze Flanderns waren die oͤſterreichiſchen Niederlande wehrlos gemacht und dem erſten Feinde preisgegeben. Die Liebe zum Fuͤrſten, die treue Anhaͤnglichkeit an ſeine Regierung iſt allerdings ein Element der Landesvertheidigung, und wie Wall und Graben eine Schutzwehr in den Tagen der Gefahr. Man iſt aber verſucht, zu glau⸗ ben, der Kaiſer habe auch dieſe Schutzwehr nieder⸗ reißen wollen. Jedes Blatt in der Geſchichte der Herzoge von Burgund bezeugt die Freiheitsliebe der Niederländer und die Eiferſucht, mit der ſie von je⸗ 16 her die ihnen von ihren Fuͤrſten bewilligten Privile⸗ gien bewacht haben; und in dieſem Lande, bei die⸗ ſem Volke ging der Kaiſer bei ſeinen Reformen ſo durchgreifend, ſo ſchonungslos zu Werke, als haͤtte er beſchloſſen, die Frage, ob Geſetz oder Willkuͤhr gelten ſolle, auf dem kuͤrzeſten Wege durch Waffen⸗ gewalt entſcheiden zu laſſen. Seine Neuerungen in Flandern betrafen nicht blos den geiſtlichen Stand, der in dieſem erzkatho⸗ liſchen Lande den groͤßten Einfluß uͤbte; ſie erſtreck⸗ ten ſich auch auf die wichtigſten Zweige der Staats⸗ verwaltung. Eine neue Gerichtsverfaſſung ſollte ein⸗ gefuͤhrt werden;— der Kanzler der Staͤnde mußte das große Staatsſiegel an den kaiſerlichen Miniſter abgeben;— ein Staatsrath, deſſen Mitglieder der Kaiſer ernannt hatte, trat an die Stelle des blei⸗ benden Ausſchuſſes der Staͤnde von Brabant;— das Univerſitaͤtsweſen erhielt eine andere Geſtalt;— die obrigkeitlichen Perſonen wurden willkuͤhrlich ver⸗ haftet und nach Wien abgefuͤhrt, ſtatt in ihrem hei⸗ mathlichen Lande und nach den Geſetzen deſſelben gerichtet zu werden. Die Niederlaͤnder ſahen dieſe Neuerungen mit dem Unwillen freigeborner Maͤnner und dieſer Unwille iſt gewiß noch durch die neuerli⸗ chen Vorgaͤnge in Nordamerika geſteigert worden, wo ein großes Reich ſich aus weit geringeren Anlaͤſ⸗ ſen der Herrſchaft des Mutterlandes entzogen hatte. Die Staͤnde beſchwerten ſich laut uͤber dieſe Verfuͤ⸗ —= gun⸗ 17 gungen, die ſie als eben ſo viele Ereigniſſe in ihre verfaſſungsmaͤßigen Rechte bezeichneten; ſie verwei⸗ gerten ihre Zuſtimmung und verſuchten zuletzt durch Waffengewalt ihrem patriotiſchen Widerſtande mehr Nachdruck zu geben. Joſeph, der, waͤhrend er das Volk und die Staͤnde von Flandern ſo muthwilligerweiſe gegen ſich auf⸗ brachte, ſich von Rußland zu einem offenſixen Buͤnd⸗ niſſe gegen die Tuͤrkei hatte verleiten laſſen, beugte ſich dem Schelne nach vor dem Sturm, der ſein eigen Werk war: er zeigte ſich nachgiebig, bot die Haͤnde zu einem guͤtlichen Vergleiche, nahm einige ſeiner verhaßteſten Verordnungen zuruͤck und beſtaͤ⸗ tigte die Privilegien der Nation in der ſogenannten loyeuse Entrèe. Dieß war aber bloße Verſtellung; denn ſobald der Kaiſer ſo viele Truppen nach Flan⸗ dern gebracht hatte, als ihm zur Durchſetzung ſeiner despotiſchen Abſichten noͤthig ſchienen, warf er die Maske weg und ſparte keine Gewaltthat, um eine Verfaſſung umzuſtoßen, deren Beobachtung er zu⸗ geſagt, und um willkuͤhrliche Maaßregeln, die er doch aufgegehen hatte, noch zu verſchaͤrfen. Flandern blieb hierauf in dem kurzen Zeitraume von zwei Jahren in einem Zuſtande der Unterdruͤckung, wo das Miß⸗ vergnuͤgen immer tiefer wurzelte, und immer weiter um ſich griff, und wo Alles auf einen der Freiheit und der Rache guͤnſtigen Augenblick lauerte. Dieſes Land glich einem Magazin von Brennſtoffen, dem W. Scott's Werke. XXV. 2 die in Frankreich jetzt auflodernde Flamme immer naͤher ruͤckte. Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieſer Zuſtand der niederlaͤndiſchen Provinzen, ſowohl in militaͤriſcher als in politiſcher Hinſicht, in der Folge den Waffen der franzoͤſiſchen Republik großen Vorſchub geleiſtet hat. Ehe jedoch die von ihm ſo muthwillig hervorgerufenen Unruhen zum Ausbruche kamen, ſtarb Joſeph, vom Kummer uͤberwaͤltigt. Er, der nach dem Ruhme eines Geſetzgebers und Krie⸗ gers geſtrebt, und den die Natur mit den hiezu noͤ⸗ thigen Gaben ausgeruͤſtet hatte, ſah mit erloͤſchen⸗ den Augen die Ehre ſeiner Waffen durch die Fort⸗ ſchritte der verachteten Tuͤrken beſchimpft und ſeine ſchoͤnen Erbſtaaten von Ungarn und Flandern zum Aufſtande bereit. Die Aufſchrift: Josephus ubique secundus— hic primus, auf dem Irrenhauſe zu Wien, das Werk einer boshaften Hand, moͤchte keine unpaſſende Grabſchrift fuͤr dieſen einſt ſo hoffnungs⸗ vollen und geliebten Fuͤrſten ſeyn. Dieſe Wirren in Flandern koͤnnen fuͤglich als die Symptome jener Meinungen angeſehen werden, die in Europa im Stillen Boden gewannen und ei⸗ ner großen politiſchen Exploſion— wie leichte Stoͤße einem furchtbaren Erdbeben— vorangingen. Daſ⸗ ſelbe gilt von der bald gedaͤmpften Revolution vom Jahre 1784 in Holland, wo die alte Faktion von Louweſtein, von Frankreich aufgemuntert, auf einige Zeit einen vollſtaͤndigen Sieg uͤber die Parthei des 19 Statthalters davon trug, dieſen der erblichen Stelle eines Generalkapitaͤns entſetzte, und den Bund der vereinigten Staaten zu einer voͤlligen Demokratle umſchuf, oder umzuſchaffen verſuchte. Dies war ebenfalls ein bedeutendes Zeichen der Zeit; denn obgleich von der Majoritaͤt der Generalſtaaten, von der Ritterſchaft und den Grundbeſitzern, ſelbſt von dem gemeinen Volke, das groͤßtentheils aus Gewohn⸗ heit oder Neigung dem Hauſe von Oranien anhieng, ver⸗ laͤugnet, betrieben doch die Buͤrger in den groͤßern Staͤdten das Revolutionswerk mit einem ſo warmen Eifer und einer ſo raſchen Thaͤtigkeit, daß ſich in der mittlern Volksklaſſe die Sehnſucht nach einer groͤßern politiſchen Freiheit, als ihr in der alten oli⸗ garchiſchen Verfaſſung zukam, nicht verkennen ließ. Die revolutionaͤre Regierung zeigte indeſſen we⸗ nig Klugheit; ſie verſaͤumte es, ihre eigenen Streit⸗ kraͤfte zu organiſiren und die des Feindes zu ſchwa⸗ chen; ſie that nichts, um ſich des Schutzes von Frank⸗ reich zu verſichern, und mit den Mißvergnuͤgten in den oͤſterreichiſchen Niederlanden Verbindungen an⸗ zuknuͤpfen; ſie gab endlich durch die Verhaftung der Prinzeſſin von Oranien, einer Schweſter des Koͤnigs von Preußen, dieſem Fuͤrſten einen willkommenen Anlaß zu einer bewaffneten Einſchreitung. Die preu⸗ fiſchen Heere uͤberzogen ſofort, unter der Anfuͤhrung des Herzogs von Braunſchweig, die hollaͤndiſchen * 2. 20 Provinzen, und nahmen mit leichter Muͤhe Utrecht, Amſterdam und die andern Staͤdte, welche die Staͤrke der louweſtein'ſchen oder republikaniſchen Faktion bil⸗ deten, in Beſitz. Der Koͤnig ſezte hierauf das Haus von Oranien in alle ſeine Vorrechte, Wuͤrden und Aemter wieder ein. Die hollaͤndiſchen Republikaner hatten uͤbrigens waͤhrend der kurzen Dauer ihrer Herrſchaft weder das rechte Maß zu beobachten, noch ſich uͤberhaupt beliebt zu machen gewußt, und wur⸗ den darum auch, als ſie ſo pluͤtzlich und faſt ohne Widerſtand unterlagen, nicht ſonderlich bedauert. Man wollte im Gegentheil in ihrem Sturze eine neue Buͤrgſchaft eines laͤngern Friedens erblicken, be⸗ ſonders weil Frankreich, mit ſeinen eigenen Angele⸗ genheiten beſchaͤftigt, jede Einmiſchung in die nie⸗ derlaͤndiſchen abgelehnt hatte. Rußland, das die ehrgeizigen Plane der großen Katharina nicht aufgeben wollte, hatte ſich zwar, ſo⸗ wohl mit der Tuͤrkei als mit Schweden, in einen Krieg eingelaſſen. Da aber dieſer Krieg nach der alten Weiſe gefuͤhrt wurde, und demnach hoͤchſtens die Eroberung einer Provinz oder einer Feſtung zur Folge haben konnte, ſo wuͤrde er hoͤchſt wahrſcheinlich durch die Vermittlung von England und Frankreich, denen an der Erhaltung des Gleichgewichts gelegen feyn mußte, bald wieder beigelegt worden ſeyn, wenn nicht jene großen und unerhoͤrten Ereigniſſe einge⸗ treten waͤren, durch welche die franzoͤſiſche Re⸗ 21 volution vorbereitet, befoͤrdert und zur Reife ge⸗ bracht worden iſt. Der Plan dieſes Werkes noͤthigt uns, die revo⸗ lutionaͤre Periode hier aufzunehmen, die in der Ge⸗ ſchichte des menſchlichen Geſchlechts vielleicht einzig da ſteht. Zwar iſt ſchon der Name derſelben geeig⸗ net, in den meiſten Gemuͤthern Grauen oder Bewun⸗ derung zu erregen; da wir aber ſowohl die Vor⸗ theile der politiſchen Freiheit, als das Gluͤck, das man unter der Herrſchaft gerechter, mit Feſtigkeit gehandhabter Geſetze genießt, gehoͤrig zu ſchaͤtzen wiſſen, ſo ſind wir vielleicht im Stande, die Bege⸗ benheiten der Revolution, die bereits hinter uns liegen, mit Unbefangenheit darzuſtellen, wenn wir dieſelben auch, als ſie noch an uns voruͤbergingen, mit dem groͤßten Theile unſerer Zeitgenoſſen nicht richtig beurtheilt haben ſollten. Wir haben einen allgemeinen Abriß von dem Zuſtande von Europa gegeben und gezeigt, daß der⸗ ſelbe entweder ruhla, oder doch nur auf eine voruͤber⸗ gehende Weiſe geſtoͤrt war. Aber in Frankreich ver⸗ hielt es ſich anders: hier vereinigten ſich tauſend verſchiedene, theils durch den allgemeinen Weltlauf herbeigefuͤhrte, theils durch die Oertlichkeit gegebene Umſtaͤnde, um, wie der Brei im Herxenkeſſel, nach manchen furchtbaren, aber fluͤchtigen Erſcheinungen zulezt das Schreckbild eines bewaffneten Hauptes hervorzubringen. ſem Syſteme war der Koͤnig eig entlich kein Indivi⸗ Die erſte und wirkſamſte Urſache der franzoͤſiſchen Revolution lag in der veraͤnderten Geſinnung der Franzoſen gegen ihre Regierung und das Oberhaupt derſelben, den Koͤnig. Die ehrfurchtsvollſte Anhaͤng⸗ lichkeit an ihren Koͤnig war Jahrhunderte lang ein karakteriſtiſcher Zug der franzoͤſiſchen Nation gewe⸗ ſen; die Franzoſen ruͤhmten ſich dieſes Gefuͤhls, das den Englaͤndern laͤcherlich und veraͤchtlich duͤnkte, weil es in ſeiner Uebertreibung allen patriotiſchen Sinn aufzuheben ſchien. Aber ſelbſt in ſeiner hoͤch⸗ ſten Steigerung beruhte dieſes Gefuͤhl auf einem edlen Prinzip und keineswegs auf einer knechtiſchen Geſinnung. Die franzoͤſiſche Nation iſt ehrgeitzig, ſie liebt den Kriegsruhm, und indentifizirt ſich gerne mit ihren Kuiegern. Bis zur Regierungszeit Lud⸗ wigs XV. herab war der franzoͤſiſche Monarch in den Augen ſeiner Unterthanen ein Feldherr und das ganze Volk eine Armee. Eine Armee aber muß unter ſtrenger Zucht ſtehen und ein Feldherr muß unum⸗ ſchraͤnkt gebieten. Allein der Soldat fuͤhlt ſich durch die Disziplin, der er unterworfen iſt, und ohne wel⸗ che es keine Armee giebt und keine Eroberung moͤg⸗ lich iſt, nicht erniedrigt. Jeder aͤchte Franzmann ließ ſich daher ohne Wi⸗ derrede jene Beſchraͤnkung ſeiner perſoͤnlichen Frei⸗ heit gefallen, welche noͤthig ſchien, um den Koͤnig groß, das Vaterland ſiegreich zu machen. Nach die⸗ 23 duum, ſondern der Repraͤſentant der geſammten Ehre des Koͤnigreichs. Dieſe allerdings uͤberſpannte, hoͤchſt ritterliche Anſicht hatte doch ein Element von Edelmuth, von Patriotismus und Selbſtverlaͤugnung. Daſſelbe Gefuͤhl ward nach allen Wechſeln der Re⸗ volution durch die erſtaunlichen Succeſſe jenes Man⸗ nes wieder geweckt, von dem in den folgenden Baͤn⸗ den die Rede ſeyn wird, und der durch faſt unglaub⸗ liche Thaten in manchen Faͤllen fuͤr ſeine Perſon eben die Begeiſterung erregt hat, mit welcher Frankreich ſeinen alten Koͤnigsſtamm verehrte. Die Glorie, mit der dieſe Vorliebe des Volkes den Koͤnig umgab, verklaͤrte auch den Adel. Sah man in dem Monarchen den Hauptſchmuck des Lan⸗ des, ſo waren die Edelleute die kleineren Juwelen, die den Glanz der Krone verſchoͤnerten und erhoͤh⸗ ten. War der Koͤnig der oberſte Feldherr des Staa⸗ tes, ſo bildeten die Edelleute ſein Gefolge, und waren die Verkuͤnder ſeines Willens, die Vollſtrecker ſeiner Befehle, und als ſolche verpflichtet, die Ehre und den Ruhm des gemeinſchaftlichen Vaterlandes nach Kraͤften zu befoͤrdern. In der Bluͤthezeit die⸗ ſer Meinung konnten die beſondern Vorrechte des Adels eben ſo wenig angefochten werden, als die faſt unumſchraͤnkte Gewalt des Monarchen. Jeglicher ſtand auf der Stufe, auf die ihn die Geburt geſtellt hatte. Und wie haͤtte ein Mann aus dem Volke ſich daruͤber graͤmen moͤgen, daß er keinen Antheil 24— an den Privilegien des Adels hatte? es waͤre dies eben ſo zwecklos und thoͤricht geweſen, als wenn er es haͤtte beklagen wollen, daß er nicht in einem un⸗ abhaͤngigen Stande geboren ſey. Und ſo konnte der Franzmann allerdings in einem Wahne, aber in ei⸗ nem gluͤcklichen Wahne befangen, ſcherzen, lachen und tanzen, und ſich der ganzen Froͤhlichkeit ſeines Na⸗ tionalkarakters uͤberlaſſen, unter Umſtaͤnden, wo ſein Nachbar jenſeits des Kanals das geringſte Zeichen von Geduld fuͤr entehrend und ſchimpflich gehalten haben wuͤrde. Der franzoͤſiſche Plebejer fand fuͤr al⸗ les, was er als ſolcher erdulden mußte, eine ideale Vergeltung in dem Antheil, den er an dem Nativ⸗ nalruhme nahm. Mußte der Buͤrger von Paris hinter dem letzten Offizier zuruͤckſtehen, ſo fand er ſeinen Troſt in der Zeitung, wo er die Großthaten der franzoͤſiſchen Ar⸗ mee las; mußte er zur Beſtreitung des Aufwandes der Krone unverhaͤltnismaͤßig viel bezahlen, ſo gewaͤhrten ihm die oͤffentlichen Feſte, die gegeben, die Palaͤſte, die gebuut wurden, noch immer eine Art von Entſchaͤdi⸗ gung. Er ſah das Carouſſel, er bewunderte die Herrlichkeit von Verſailles und freute ſich derſelben bei dem Gedanken, daß die Groͤße ſeines Landes ſich darin offenbare. Ein ſolcher auf Taͤuſchungen beru⸗ hender Zuſtand der Dinge ſchien, ſo lange dieſe Taͤu⸗ ſchungen dauerten, den Wunſch jener Geſetzgeber zu verwirklichen, die einen allgemeinen Fond von Na⸗ 25 tionalgluͤckſeligkeit zu gruͤnden verſuchten, von wel⸗ chem jedem Einzelnen ſein Antheil zukaͤme. Wenn der Monarch auf der Jagd oder auf dem Carouſſel ſeine Gewandtheit oder ſeine Grazie zu zeigen liebte, ſo konnten ſich die Zuſchauer an beiden ergoͤtzen. Wenn Ludwig XIV. den Louver und die herrlichen Saͤulen zu Verſailles auf ſein Geheiß mit Vergnuͤ⸗ gen aufſteigen ſah, ſo bewunderte ſein Unterthan den vollendeten Bau, und ſein Genuß dabei war vielleicht nicht geringer, als der des Gruͤnders. In einem vollen Schauſpielhauſe achten die Zuſchauer, von der Schoͤnheit der Darſtellung angezogen, wenig auf die Unbequemlichkeiten, die aus dem Gedraͤnge und der Hitze fuͤr ſie entſtehen moͤgen. In einem ſolchen Zu⸗ ſtande nun muß man ſich die Franzofen vorſtellen; nicht nur ihre politiſchen Anſichten, ſondern auch ihre wirklichen Gefuͤhle in den erſten Zeiten des acht⸗ zehnten Jahrhunderts ſind in dem folgenden fuͤr ih⸗ ren Nationalpallaſt gewaͤhlten Motto auf den kuͤrze⸗ ſten Ausdruck gebracht:—„Es giebt auf Erden nur Eine franzoͤſiſche Nation— nur Ein Paris, nur Ei⸗ nen Koͤnig Ludwig!“ Dieſe hohe Meinung ven ſich ſelbſt und von ih⸗ rem Lande konnten die Franzoſen nicht ſo leicht wie⸗ der aufgeben, weil ſie von der Kritik des Auslandes und von dem behaglicheren Leben in freieren Staa⸗ ten keine Kenntnis nahmen. Die Unterthanen Lud⸗ wigs XIV. waren von ihren Staatseinrichtungen viel 26 zu ſehr bezaubert, als daß ſie die Inſtitutionen frem⸗ der Staaten ihrer Aufmerkſamkeit haͤtten wuͤrdigen koͤnnen. Wenn auch die verwickelte Staatsverfaſſung Englands, ihres gewaltigen Nebenbuhlers ihre Blicke auf ſich zog, ſo verweilten ſie doch nicht bei dieſem ihnen unbegreiflichen Gegenſtande, und bedauerten wohl gar einen Koͤnig, der das Ungluͤck hatte, an der Spitze einer ſo verworrenen und beſchraͤnkten Regierung zu ſtehen.*) Zu welchen politiſchen Irr⸗ thuͤmern aber auch die Franzoſen durch das Ueber⸗ maaß ihrer Loyalitaͤt gefuͤhrt worden ſeyn moͤgen, ſo wuͤrde es doch ungerecht ſeyn, ſie der Niedertraͤch⸗ tigkeit oder des Knechtſinns zu beſchuldigen. Eine knechtiſche Geſinnung hat etwas Schaͤndliches, und Schande iſt fuͤr einen Franzmann das groͤßte aller Uebel. Burke hielt ſie mit mehr Recht fuͤr ein Volk, das zu ſeinem eigenen Nachtheil, durch uͤberſpannte und romantiſche Ideen von Ehre und Treue irre ge⸗ fuͤhrt, und durch einen gewiſſen Gemeingeiſt getrie⸗ ben einſt in der Perſon ſeines Monarchen das Gluͤck und die Hoheit des Vaterlandes verehrte. Waͤhrend der Regierung Ludwigs XIV. trug Al⸗ les dazu bei, die Nationalehre an die Kriege und Unternehmungen des Koͤnigs zu knuͤpfen. In den erſten Jahren ſeiner Regierung gelang ihm Al⸗ *) In einem alten franzöſiſchen Sprichworte heißt es: „Le Roi d'Angleterre Est le Roi d'Enfer.“ 27 les, und er brachte es bis zur Dictatur von Europa. In dieſer erſten Periode hatte man die groͤßte Mei⸗ nung von ſeinen Talenten; durch dieß, ſo wie durch ſein Waffengluͤck und die Herrlichkeit ſeines oͤffent⸗ lichen Lebens gewoͤhnte man ſich immer mehr daran, in dem großen Koͤnig die Schutzgottheit und den ein⸗ zigen Repraͤſentanten der geſammten, von ihm be⸗ herrſchten Nation zu ſehen. In ſeinen ſpaͤtern Jah⸗ ren kamen Ungluͤck und Truͤbſal uͤber ihn; allein, zur Ehre des franzoͤſiſchen Volkes ſei es geſagt, ſeine treue Anhaͤnglichkeit verlaͤugnete ſich nicht. Frank⸗ reich gab dem alten, von Felnden bedraͤngten Koͤnig ſeine Juͤnglinge eben ſo willig, wenn auch nicht ſo freudig hin, als fruͤher dem jungen und ſieggekroͤn⸗ ten. Es war dem Koͤnig vollkommen gelungen, die Krone zum Drehpunkte aller oͤffentlichen Angelegen⸗ heiten zu machen und als Repraͤſentant von Frank⸗ reich ſeiner Perſon ganz die Bedeutung zu geben, die in andern Laͤndern nur der Nation ſelbſt zukommt. Obgleich das franzoͤſiſche Koͤnigthum mit der Wuͤrde der Allgewalt ausgeſtattet war, ſo hatte es ſich doch noch anderer ſchuͤtzender Elemente verſichert, die auf die Gemuͤther den maͤchtigſten Einfluß ha⸗ ben: die Kirche und die Literatur mußten ihm die⸗ nen. Die Kirche, die in Frankreich von dem Mo⸗ narchen mehr, und von dem Pabſte weniger abhaͤngt, als es in andern katholiſchen Laͤndern der Fall iſt, bewaffnete die Krone mit allen den geheimnisvollen 28 und uͤbernatuͤrlichen Schreckniſſen des goͤttlichen Rechts; ſie verhaͤngte gegen diejenigen, die dem koͤniglichen Anſehen zu nahe traten, oder auch nur die Grund⸗ lage deſſelben etwas ſchaͤrfer unterſuchen wollten, die Strafen, die auf die Uebertretung goͤttlicher Gebote geſetzt ſind. Zum Danke fuͤr dieſen Dienſt ließ es ſich Ludwig der XIV. angelegen ſein, alles, was die Kirche den Glaubigen vorſchreibt, auf das genaueſte zu beobachten, wodurch dann das Buͤndniß, das zwi⸗ ſchen dem Throne und dem Altare beſtand, in den Augen des Volkes noch enger geſchloſſen ward. Die⸗ jenigen, welche die Moralitaͤt der Fuͤrſten ſchaͤrfer ins Auge faſſen, werden vielleicht die Aufrichtigkeit ſeines Kirchenglaubens, der ſo wenig auf ſein Thun Einfluß hatte, in Zweifel ziehen. Wenn wir aber die haͤufigen Inconſequenzen, in welche die Men⸗ ſchen in Beziehung auf dieſen Punkt verfallen, beach⸗ ten wollen, ſo werden wir Anſtand nehmen, dieſes Betragen des Koͤnigs, das ihm vielleicht eben ſo ſehr durch ſein Gewiſſen, als durch ſeinen politiſchen Vor⸗ theil geboten war, der Heuchelei zu bezuͤchtigen. Wer es mit dieſen Dingen genauer nimmt, wird doch nicht in Abrede ſtellen, daß die Heuchelei, die von der Religion ſo ſehr verſchieden iſt, doch das Da⸗ ſein derſelben, wie der Rauch jenes der Flamme, be⸗ zeuge. Es kann uͤberall keine Heuchelei geben, wo nicht die Religion, wenigſtens bis auf einen gewiſe ſen Grad hin, in Ehren gehalten wird; denn Nie⸗ 29 mand wuͤrde im entgegengeſetzten Falle die Maske der Religion vornehmen wollen, und in ſofern iſt die Boobachtung der aͤußern Religionsformen eine den Lehren derſelben dargebrachte Huldigung. Der Heuch⸗ ler kleidet ſich in das Gewand der Tugend, die ihm abgeht, und ſo kann ſein aͤußeres Betragen erweck⸗ lich fuͤr Andere ſein; allein ſeine Anſpruͤche auf Froͤm⸗ migkeit ſind in den Augen deſſen, der Herzen und Nieren pruͤft— baare Nichtswuͤrdigkeit. Auf der andeen Seite war die franzoͤſiſche Aka⸗ demie, die der verſchlagene Richelieu geſchaffen, ein Mittel, die ganze Literatur unter dem Patronat der Krone wie in einem Brennpunkte zu vereinigen und die Maͤnner dieſes Faches von dem Koͤuig, dem ſie ſogar ihren Lebensunterhalt zu verdanken hatten, voͤllig abhaͤngig zu machen. Die franzoͤſiſchen Großen folgten dem Beiſpiele ihres Monarchen, und, gleich wie dieſer den Meiſtern in der Litteratur Gnaden⸗ gelder und Leibrenten ausſetzte, nahmen dieſe die Geſellen in ihre Haͤufer auf, zogen ſie zur Tafel und behandelten ſie uͤberhaupt mit etwas mehr Aus⸗ zeichnung, als die Muſiker und die uͤbrigen Kuͤnſtler. Dieſe Maͤnner bezahlten dieſe Gaſtfreundſchaft durch die Kenntniſſe, die ſie ihren Goͤnnern mittheilten, durch die Unterhaltung, die ſie ihnen gewaͤhrten; es liegt am Tage, daß ſie in einer ſo untergeordneten Stellung ihre Geiſtesarbeiten nach dem Geſchmacke und dem Intereſſe ihrer Schutzherrn einrichten muß⸗ 30 ten. Sie ermuthigten durch ihre Lobpreiſungen und Schmeicheleien den Koͤnig und den Adel zu groͤßern Aumaßungen auf Koſten des Buͤrgerſtandes. Und die Nation, die ſich damals nur um die vaterlaͤn⸗ diſche Litteratur bekuͤmmerte, lernte aus den Wer⸗ ken dieſer beredten Maͤnner die Regierung, unter deren Schutz ſie bluͤhten, noch mehr verehren. Dieß war das Syſtem der franzoͤſiſchen Monar⸗ chie, und ſo blieb es in ſeiner aͤußern Geſtalt bis zu dem Frieden von Fontainebleau. Allein die Grund⸗ lage deſſelben war nach und nach untergraben wor⸗ den, die oͤffentliche Meinung hatte ſich im Stillen allmaͤhlig veraͤndert und ſo konnte dieſes Syſtem ei⸗ nem alten Thurme verglichen werden, der, im Ver⸗ jaufe der Zeit in ſeiner Grundlage wankend gewor⸗ den, durch den erſten Orkan oder durch einen Erd⸗ ſtoß zu Boden geworfen wird. Wie nun in Zeit von etwas mehr als fuͤnfzig Jahren eine ſo gaͤnzliche Ver⸗ aͤnderung habe vorgehen koͤnnen, muß jetzt zunaͤchſt unterſucht werden; dieß kann aber nur dadurch ge⸗ ſchehen, daß man den Veraͤnderungen, die jeder ein⸗ zelne Stand der Geſellſchaft im Fortgange der Zeit erlitten hat, nachſpuͤrt. Wir bemerken zuerſt, daß in den letzten Zeiten die verderblichen Folgen des Lurus und der Eitelkeit einen großen Theil des franzoͤſiſchen Adels ganz zu Grunde gerichtet hatten. Unter dieſem Ausdruck iſt hier auch das, was man in England die Gentry 31 nennt, uͤberhaupt alſo die natuͤrliche Ariſtokratie des Koͤnigreichs zu verſtehen. Obgleich dieſe Koͤrperſchaft ſchon unter Ludwig XIV. bei weitem nicht mehr ihre ehemalige Bedeutung hatte, ſo beſtand ſie we⸗ nigſtens noch als ein Denkmal, ihre Abhaͤngigkeit von der Krone durch einen prunkvollen Aufwand und durch die Reſultate des Erſtgeburtsrechts verhuͤllend. Sie war jenen in Frankreich damals noch nicht ganz vergeſſenen Tagen etwas naͤher, wo Frankreichs Edle mit ihren Vaſallen die wahre Kriegsmacht des Koͤ⸗ nigreichs bildeten; in ihr ſah wenigſtens die Ein⸗ bildungskraft noch immer die Abkoͤmmlinge ritterli⸗ cher Helden, ſtets berelt, in die Fußſtapfen ihrer Vor⸗ fahren zu treten, falls der Heerbann zur thaͤtlichen Kriegsleiſtung wieder einmal aufgeboten werden ſollte. Doch dieſe Taͤuſchung war verſchwunden— in Frank⸗ reich, wie uͤberall, hatte ein ſtehendes Heer die Ver⸗ theidigung des Staates uͤbernommen, und in der letzten Haͤlfte des achtzehnten Jahrhunderts ſtachen die franzoͤſiſchen Edelleute auf eine klaͤgliche Weiſe gegen ihre Vorfahren ab. Schon die große Anzahl der Edelleute, die man unklugerweiſe durch neue Ernennungen fortwaͤhrend vermehrt hatte, mußte dem Anſehen des ganzen Standes ſchaden. Man zaͤhlte in dem Koͤnigreich ungefaͤhr 80,000 Familien, welche die Vorrechte des Adels genoßen; dieſer zerfiel in mehrere Klaſſen, die ſich gegenſeitig haßten oder verachteten. 3² Man unterſchied fuͤrs Erſte den alten und neuen Adel. Die Mitglieder des alten Adels hatten ihre Wuͤrde den wirklichen oder vermeintlichen kriegeri⸗ ſchen oder buͤrgerlichen Verdienſten ihrer Vorfahren zu verdanken. Die neuen Edelleute waren auf ei⸗ nem kurzern und bequemern Wege, durch den Kauf von Ritterguͤtern, von Stellen und Adelsbriefen zum 3 Beſitz derſelben Vorrechte gelangt. Unter ihnen gab es wohl manche, die ihren Reichthum in gemeinen und ſchmußigen Beſchaͤftigungen, oder als General⸗ paͤchter und Finanzmaͤnner, und folglich, nach einer im Volke verbreiteten Meinung, auf Koſten des Staats erworben hatten. Durch den ſtarken Zu⸗ wachs von ſolchen Mitgliedern kamen Spaltung und Rneinigkeit in die privilegirte Klaſſe. Die Abkoͤmm⸗ linge der alten franzoͤſiſchen Ritter ſahen mit ſtolzer Verachtung auf dieſe Neulinge herab, die, vielleicht aus der Hefe des Volks, blos mit Huͤlfe ihres Gelds in die Ariſtokratie empor geſtiegen waren. 8 Die Alaſſe des alten Adels konnte fuͤglich wie⸗ derum in zwei andere Klaſſen abgetheilt werden. Die reichern und angeſehenern Cdelleute, die ein un⸗ abhaͤngiges, ihrem Stande angemeſſenes Vermoͤgen beſaßen, bildeten die erſte Klaſſe; zur zweiten, weit zahlreichern Klaſſe gehoͤrten die aͤrmern Edelleute, die als ſolche vhne die Beihuͤlfe des Staates nicht beſtehen konnten. Man hat berechnet, daß von tau⸗ fend altadelichen Haͤuſern nur etwa dreihundert Fa⸗ milien 38 milien ſelbſtſtaͤndig und zur Behauptung ihres Ran⸗ ges der Beihuͤlfe des Staates nicht beduͤrftig waren. Alle uͤbrigen hatten keine andern Huͤlfsquellen, als ihre ausſchließlichen Anſpruͤche auf Offiziersſtellen und auf gewiſſe Staatsaͤmter. Dieſe Huͤlfsquellen aber waren eben nicht ſehr ergiebig, dagegen doch laͤſtig fuͤr den Staat und dem Volke ſehr werhaßt. Selbſt in dem Kriegsdienſte, fuͤr den ſie gleichſam geboren waren, hatten die Edelleute von der zweiten Klaſſe eben kein großes Gluͤck zu hoffen; alles, was ſie nach einer langen Dienſtzeit erſtreben konnten, war die Stelle eines Oberſtlieutenants, oder eines Platzkom⸗ mandanten in einem kleinen Staͤdtchen; die wichti⸗ gern und eintraͤglichern Stellen in der Armee waren dem hohen Adel vorbehalten. Dies mußte zur Fol⸗ ge haben, daß unter den zahlreichen Mitgliedern der bevorrechteten Klaſſe, die in der Armuth ſchmachte⸗ ten, denen der Ausweg der Induſtrie verſchloſſen war, wohl manche zu niedrigen und entehrenden 22 Mieteln ihre Zuflucht nehmen, und daß Spielhaͤuſer und andere wenig achtbare Inſtitute von Individuen beſucht und beſchuͤßf wurden, die durch ihre edle Abkunft, ihre Titel und Ehrenzeichen nicht gegen den Verdacht einer ſehr ſchlechten Auffuͤhrung ge⸗ ſchuͤtzt wurden, wodurch dann die gauze Koͤrperſchaft an Achtung verlor. Der Adel theilte ſich drittens in en hohen Adel und in den Landadel: jener beſtand aus Maͤnnern W. Scott's Werke. XXV. 3 34 vom hoͤchſten Range, die ihr Leben groͤßtentheils am Hofe zubrachten, und die groͤßten Hof⸗ und Staats⸗ aͤmter verwalteten; dieſer lebte auf ſeinen Guͤtern in den Provinzen. Der Landadel war, was wir fuͤr ein großes Un⸗ gluͤck halten, allmaͤhlig in der oͤffentlichen Achtung ſehr geſunken. Die Landjunker wurden von den Hoͤflin⸗ gen wegen ihrer baͤueriſchen Sitten, von dem geldſtolzen neuen Adel wegen ihrer Armuth verachtet und ver⸗ ſpottet. Man hat geſagt, der freie, ſelbſtſtaͤndige Bauer ſey die Zierde eines Landes; dieß gilt aber auch wohl von dem ſchlichten Landedelmanne, der von ſeinen elgenen Mitteln und unter ſeinen Angehoͤri⸗ gen lebt. Er iſt der naturliche Beſchuͤtzer und Hort des Paͤchters und des Bauern, und im Nothfalle der ſtandhafteſte Vertheidiger ihrer und ſeiner Rechte gegen die Anmaßungen der Krone, aber auch bereit, die Rechte der Krone gegen die Wuth einer politi⸗ ſchen Neuerungsſucht auf das mannhafteſte zu ver⸗ theidigen. In der Vendée allein hatten die Edel⸗ leute ihr Schickſat und ihr Intereſſe von demjenigen ihrer Bauern nicht getrennt; dort allein ſah man ſie in ihrem ſchoͤnen Berufe auf ihren Domaͤnen le⸗ bend und ihre Pflichten, die von dem Beſitze, des Grundeigenthums unzertreunlich ſind, erfuͤllend. Und ſiehe dal in der Vendée allein hat man zur Ver⸗ theldigung der alten Grundleſitzer, der Landesver⸗ faſſung und der Religion den Schild erhoben; denn⸗ 35 dort allein waren die Edelleute und Landbauern zu einander in dem alten gemuͤthlichen Verhaͤltniſſe von wohlwollenden edelmuthigen Schutzherren und treu⸗ ergebenen Schutzgenoſſen geblieben. In den andern franzoͤſiſchen Provinzen war dies weniger der Fall; das uͤbrige Volk ſtand unter der Leitung und dem Einfluſſe der Geiſtlichkeit, der Geſetzkundigen und der Geſchaͤftsmaͤnner, die weit mehr Bildung, Einſicht und Weltkenntniß beſaßen, als der arme Landadel, der, in alten Nangvorurtheilen erſtarrt, ſtolz auf ſeine Titel und ſeine beſtaubten Diplome gefliſſent⸗ lich ſeine Verachtung gegen die Plebejer kund gab, denen er an Reichthum und Geiſtesbildung ſo weit nachſtand. Darum ſchildert uns⸗ auch Seguͤr die Landjunker ſeiner Zeit als foͤrmliche, unwiſſende und ſtreitſuͤchtige Menſchen, deren Umgang der gebildetere Mann aus der Mittelklaſſe gerne vermied, und die in den Schauſpiel⸗ und Kaſſehaͤuſern und auf den Billardſtuben ihre Zeit verſchleuderten. Die wohlhabenderen Familien, die Mitglieder des ſogenannten hohen Adels; ſahen das Verfinken dieſer Klaſſe ihrer Standesgenoſſen ohne Bedauern und wohl gar mit Vergnuͤgen. Sie waren uͤber ihr Ziel eben ſo weit hinausgegangen, als die Landjun⸗ ker hinter dem ihrigen zuruͤckblieben; ſie waren mit einem Wort nur allzu ſehr das geworden, was Ri⸗ chelien aus ihren Verfahren hatte machen woͤllen. 33 3 6 Statt ihrer Stellung gemaͤß die Haͤupter und Lenker des Adels und der beſſern Volksklaſſen zu ſeyn, be⸗ warben ſie ſich unablaͤſſig um Hofſtellen, um Staats⸗ aͤmter, neue Titel und Ehrenzeichen,— mit einem Wort um alles, was den fertigen Hofmann von ei⸗ nem ſelbſtſtaͤndigen Edelmanne unterſcheidet. Ihre Erziehung und Lebensweiſe waren einem ernſten und kraͤftigen Streben keineswegs foͤrderlich. Bei dem Schalle der Trompete haͤtte ſich ihre Bruſt ohne Zweifel gehoben; aber in Friedenszeiten waren ihre Beſchaͤftigungen, ihre Vergnuͤgungen, ihre Zwecke und Beſtrebungen von ſo frivoler Art, daß ſie end⸗ lich eben ſo bedeutungslos werden mußten, als die Damen bei Hofe, denen zu gefallen, deren Gunſt zu gewinnen die Aufgabe ihres Lebens zu ſeyn ſchien. Es gab ohne Zweifel ehrenvolle Ausnahmen, allein der ganze Stand hatte in allen Stuͤcken, nur nicht im Punkte des militaͤriſchen Muthes, einen trivialen und weibiſchen Karakter angenommen, der keine pa⸗ triotiſche Hingebung, keine gediegene Weisheit er⸗ warten ließ. Waͤhrend die erſten Edelleute Frankreichs in ſolchen Erbaͤrmlichkeiten ſich herumtrieben, uͤbten ihre Vevollmaͤchtigten, Sachwalter, Beamten, Aufſo⸗ her, oder wie man ſonſt ihre Geſchaͤſtsmaͤnner neu⸗ nen mag, allen den Einfluß, welchen ſelbſt zu uͤben ſie unter ihrer Wuͤrde hieiten. Dieſe Agenten ge⸗ langten zu einem Anſehen und zu einem Kredit, 37 durch welche bald die entfernten und achtloſen Ei⸗ genthuͤmer in Schatten geſtellt wurden, und bildeten einen Stand, der von dem der Mittelmaͤnner in Irland nicht ſehr verſchieden war. Sie waren, wie es ſich von ſelbſt verſteht, Plebejer von Geburt und mußten zufolge ihres Berufs ſich mit dem Detall derjenigen oͤffentlichen Geſchaͤfte vertraut machen, die ſie im Namen ihrer Herrn zu beſorgen hatten. Manche von ihnen wurden im Laufe der Revolution reiche und angeſehene Maͤnner, wie oft ein tuͤchtiger und geſcheuter Vezier der Nachfolger eines in Uep⸗ pigkeit verſunkenen Sultans wird. Man konnte den hohen Adel zwar wohl noch die Zierde, aber nicht mehr die Schutzwehr des franzoͤſiſchen Hofes nen⸗ nen. Die Mitglieder deſſelben waren feingebildete, tapfere Maͤnner, voll Ehrgefuͤhl, und haben in man⸗ chen Faͤllen nicht unbedeutende Talente gezeigt. Aber ſie hatten ſich zu ſproͤde von den untergeordneten Klaſſen abgeſondert, auf welche ſie einen gewiſſen Einfluß hatten ausuben ſollen. Das Band mit die⸗ ſen war locker geworden, oder auch ganz zerriſſen. Der Edelmann hatte den koͤſtlichſten Stein in ſeiner Adelskrone achtlos weggeworfen: die Liebe und die Achtung des Grundbeſitzers, des Paͤchters und des Bauern, einen ſeiner Stellung in einem wohlgeord⸗ neten Staate ſo angemeſſenen Vorzug, der auf ſo ſchaͤtzbaren Grundſaͤtzen beruht, daß, wer ihn nicht gchtet oder vernichtet, ſich gewiſſermaßen eines Hoch⸗ 38 verraths an ſeinem Stande und an der ganzen. Ge⸗ ſellſchaft ſchuldig macht. Eine ſolche Veraͤnderung aber war in Frankreich vorgegangen, ſo daß man den Adel mit einem Hofdegen, deſſen man ſich bei feſtli⸗ chen Gelegenheiten bedient, vergleichen konnte. Der Griff, war ſchoͤn gearbeitet, vergoldet und verziert, aber die Klinge fehlte oder war von ſchlechtem Stoffe bereitet. Es iſt jezt nur noch zu bemerken, daß außer der bereits angefuͤhrten Klaſſifikation des Adels in dem ganzen Stande ſelbſt auch noch eine weſentliche Ver⸗ ſchiedenheit in den politiſchen Meinungen Statt fand. Es gab aufgeklaͤrte Sdelleute, welche in Hinſicht auf die Noth des Staates zum Behuf ſeiner Wiederher⸗ ſtellung zu einer patriotiſchen Aufopferung ihrer aus⸗ ſchließlichen Vorrechte bereit waren und darum zu einer Reform der alten franzoͤſiſchen Staatsverfaſ⸗ ſung gerne mitgewirkt haͤtten; es gab aber leider noch andere Mitglieder dieſes Standes, die, mit ih⸗ rer Stellung hoͤchſt unzufrieden, zu jedem verzwei⸗ felten Unternehmen aufgelegt waren, und die durch hren bedeutenden Rang nur gefaͤhrlicher und zu ei⸗ ner voͤlligen Zuͤgelloſigkeit ermuthigt wurden. Ein Plebejer, der durch ſeine Laſter Ehre und Vermoͤgen einbuͤßt, ſinkt gleich wieder in die Unbedeutenheit zuruͤck, aus der er ſich durch ſeine Faͤhigkeiten und Tugenden emporgeſchwungen hatte; aber einem Edel⸗ manne bleiben oftmals die Mittel und das Verlan⸗ . 39 gen, ſich an der Geſellſchaft wegen einer Verſtoßung zu raͤchen, die er um ſo ſchmerzlicher empfindet, wei! er ſich bewußt iſt, dieſelbe verdient zu haben. So waren jene ſittenloſen roͤmiſchen Juͤnglinge, unter de⸗ nen ſich ein Catilina mit vielen andern Geſellen fand, die an Verruchtheit und Faͤhigkeiten ihrem Fuͤhrer gleich kamen. Ein ſolcher war auch der beruͤchtigte Mirabeau, der, wegen ſeiner Ruchloſtgkeit von ſei⸗ nen Standesgenoſſen verlaͤugnet, auf der Schaubuͤhne der Revolurion als ein Hauptreformator und als Verfechter der untern Staͤnde auftrat. Die Kirche, die zweite Stuͤtze des Throns, war kaum in einem beſſern Zuſtande als der Adel. Es laͤßt ſich im Ganzen genommen behaupten, daß die hoͤhere Geiſtlichkeit ſchon ſeit geraumer Zeit um ih⸗ ren Beruf ſich nicht mehr viel bekuͤmmerte, und die Pflichten deſſelben nicht auf eine ergreifende und er⸗ weckliche Weiſe erfuͤllte. Die katholiſche Kirche war alt geworden und ungluͤckſeligerweiſe außer Stand, ihre Lehren zu ver⸗ juͤngen oder ihre Verfaſſung auf eine den Fortſchrit⸗ ten des menſchlichen Verſtandes angemeſſene Weiſe zu verbeſſern. Ihre ſtolzen Anſpruͤche auf Unfehl⸗ barkeit, die ſie in den Zeiten des Mittelalters vor⸗ gebracht und behauptet hatte, und die ſie weder auf⸗ geben, noch modifiziren konnte, drohten jezt in einer aufgeklaͤrteren Zeit gleich Mauern, deren Grundlage zu ſchwach iſt, den Ruin eines Gebaͤudes zu bewir⸗ 40 ken, zu deſſen Schutz ſie beſtimmt waren. Vestigia nulla retrorsum blieb der Wahlſpruch der roͤmiſchen Kirche. Sie konnte nichts auf eine andere Weiſe aus⸗ legen, nichts mildern, auf nichts verzichten, ohne in Widerſpruch mit der Maxime ihrer Untruͤglichkeit zu gerathen. Der ganze alte, fuͤr Jahrhunderte der Fin⸗ ſterniß und Unwiſſenheit aufgehaͤufte Plunder von graͤnzenloſen Anſpruͤchen, unglaublichen Behauptun⸗ gen, ungereimten, den Verſtand verwirrenden Leh⸗ ren und laͤppiſchen Ceremonien mußte beibehalten, nichts davon durfte wegerklaͤrt oder aufgegeben wer⸗ den. Es waͤre, nach menſchlicher Weiſe zu urthei⸗ len, fuͤr die Kirche ſowohl, als fuͤr das Chriſtenthum uͤberhaupt, gewiß ſehr erſprießlich geweſen, wenn jene die Macht eſeſſen haͤtte, ihre ſchaͤdlichen Lehren zu modifiziren und ihr aberglaͤubiges Ceremonienweſen zu beſchraͤnken, ſobald einmal die fortſchreitende Auf⸗ klaͤrung den Ungrund der einen und die Abgeſchmackt⸗ heit der andern nachgewieſen hatte; aber ſie wagte es nicht, ſich dieſe Macht beizulegen, und daher je⸗ ne Spaltung in der Chriſtenheit, die ſonſt entweder gar nicht entſtanden, oder doch nicht ſo weit getrie⸗ ben worden waͤre. Auf jeden Fall wuͤrde die roͤmi⸗ ſche Kirche, der noch immer die geiſtliche Herrſchaft uͤber einen großen und ſchoͤnen Theil der chriſtlichen Welt geblieben iſt, nicht in die Verlegenheit geſetzt worden ſeyn, entweder Saͤtze zu behaupten, die in den Augen der vernuͤnftigen Menſchen nicht haltbar 41 ſind, oder aber die weſentlichſten Grundlehren des Chriſtenthums mit jenen vermengt, und das ganze Syſtem dem Hohn der Unglaͤubigen preis gegeben zu ſehen. Der aufgeklaͤrtere und beſſer unterrichtete Theil der franzoͤſiſchen Nation war ziemlich allgemein in das letzte Extrem verfallen. Der Unglaube hatte in ſeinem auf die unſinni⸗ gen Anſpruͤche und die ausſchweifenden Lehren der roͤmiſchen Kirche gefuͤhrten Angriffe dieſe Mißbraͤu⸗ che mit argliſtiger Gewandtheit gerade ſo behandelt, als waͤren ſie ein Theil der chriftlichen Religion⸗ und diejenigen, die ſich mit den graſſern Artikeln des papiſtiſchen Glaubensbekenntniſſes nicht befreun⸗ den konnten, hielten ſich nun fuͤr ermaͤchtigt, die Re⸗ ligion ſelbſt mit allem, was Unwiſſenheit und Pfaffen⸗ trug ihr angehaͤngt hatten, zu verwerfen. Die⸗ ſelben Umſtaͤnde, die den Angriff erleichterten, muß⸗ ten die Vertheidigung ſchwaͤchen. Gedraͤngt durch die Nothwendigkeit, die vielen menſchlichen Zuſaͤtze, durch welche die roͤmiſche Kirche das Chriſtenthum verdunkelt und entſtellt hatte, zu vertheidigen, waren die katholiſchen Geiſtlichen nicht die beſten Advokaten, ſelbſt nicht in der beſten Sache. Man muß jedoch geſtehen, daß gar viele Mitglieder der hoͤhern Geiſt⸗ lichkeit es ſich eben nicht angelegen ſein ließen, die Lehren der Kirche aufrecht zu erhalten, oder den Ein⸗ fluß derſelben zu erweitern. Die Kirche war ihnen nur ein Afyl, wo ſie um den Preis gewiſſer Entſa⸗ 4² gungen in indolenter Ruhe ein gemaͤchliches und uͤp⸗ piges Leben fuͤhren konnten. Diejenigen, die etwas gruͤndlicher dachten, glaubten die Kirche ſchon hinlaͤng⸗ lich durch den Preßzwang geſichert, durch welchen jede freie Eroͤrterung abgeſchnitten wurde. Dieß hatte die gewoͤhnlichen Folgen: viele, die durch eine be⸗ ſonnene und freimuͤthige Unterſuchung theologiſcher Gegenſtaͤnde in Stand geſetzt worden waͤren, die Spreu von dem Watzen zu ſondern, wurden in dem Dunkel, in welchem man ſie ließ, verleitet, das Chri⸗ ſtenthum ſelbſt mit den Mißbraͤuchen der roͤmiſchen Kirche zu verwerfen, und fielen in Unglauben, ſtatt erleuchtete Chriſten zu werden. Der langwierige, leidenſchaftliche Streit zwiſchen den Jeſuiten und Janſeniſten hatte ſchon ſeit meh⸗ reren Jahren der Kirche und beſonders der hoͤhern Geiſtlichkeit in der oͤffentlichen Meinung gleichfalls geſchadet. Die Maske der Rellgion iſt wohl ſchon ofters zum Behuf weit wuͤthenderer und groͤßerer Verfolgungen angelegt worden, aber niemals haben der Geiſt der Intrike, die Tuͤcke, die Verlaͤumdung und die Hinterliſt unter dem durchſichtigen heiligen Gewande einen eckelhaftern Anblick gewaͤhrt, und die allgemeine Sache der Religion mußte in den Augen des großen Haufem allerdings dadurch leiden. Die Zahl der gegen Lehre und Pflicht gleichguͤl⸗ tig gewordenen Geiſtlichen hatte bedeutend zugenom⸗ 43 men, ſeitdem die hoͤhern Kirchenwuͤrden ohne Ruͤck⸗ ſicht auf die Moralitaͤt, die Froͤmmigkeit und die Gelehrſamkeit der Kandidaten ausſchließend den juͤn⸗ gern Zweigen der vornehmſten Familien, d. h. Maͤn⸗ nern verliehen wurden, welche die Leichtfertigkeit ihrer Sitten mit der Heiligkeit ihres neuen Berufs gar wohl zu vereinigen wußten, und, weil ſie den geiſtlichen Stand nur als ein Verſorgungsmittel ge⸗ waͤhlt hatten, eben nicht geeignet waren, durch ihre Lebensweiſe oder ihre Gelehrſamkeit das Anſehen deſſelben zu vermehren. Unter andern ſchaͤndlichen Neuerungen hatte der beruͤchtigte Herzog von Or⸗ leans in Beziehung auf die Beſetzung der hohen Kirchenaͤmter ein ſchamloſes Beiſpiel gegeben und dadurch dem Anſehen der Hierarchie nicht wenig ge⸗ ſchadet; denn wie haͤtte ſelbſt der Purpur noch fer⸗ ner geehrt werden ſollen, nachdem ihn der ſchaͤndli⸗ che Dubois getragen hatte. Es ließ ſich erwarten, und es war auch groͤßten⸗ theils der Fall, daß die Verehrung, in welcher die Pfarrer, denen die Seelſorge vorzuͤglich oblag, ſtan⸗ den, den Schaden, der aus der Mißachtung der hoͤ⸗ hern Geiſtlichkeit entſtand, wieder verguͤten wuͤrde. Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieſe ehrwuͤrdigen Kirchendiener einen großen und wohlverdienten Ein⸗ fluß auf ihre Pfarrkinder hatten; aber ſie ſchmach⸗ eten in Armuth, und koͤnnen als Menſchen nicht mit gleichguͤltigen Augen auf ihre Vorgeſetzten ge⸗ 41 ſehen haben, die, reichlicher ausgeſtattet, ein beque⸗ mes Leben fuͤhrten, und in einigen Faͤllen das Ge⸗ wand, das ſie trugen, entehrten, in andern die Leh⸗ ren, die ſie vortrugen, durch ihr Beiſpiel verlaͤugne⸗ ten. Unter dieſen Umſtaͤnden, und in ſteter Beruͤh⸗ rung mit der mittlern Klaſſe, zu der ſie ſelbſt gehoͤr⸗ ten, mußten ſie die politiſchen Grundſaͤtze derſelben annehmen und, zufolge einer ganz natuͤrlichen Logik auch auf ihren eigenen Stand beziehen. Hatte der Staat mehr Verluſt als Gewinn von den Vorrechten der hoͤhern Staͤnde, ſo befand ſich die Kirche in der gleichen Lage. Ward es als zweckmaͤßig anerkannt, dem Verdienſte und dem Talente bei der Bewer⸗ bung um den Staatsdienſt die Thore zu oͤffnen, warum ſollten nicht die hoͤheren Wuͤrden der Kirche denjenigen zugaͤnglicher gemacht werden, die auf den untern Stufen der Hierarchie ihre beſchwerlichen Pflichten treu und redlich erfuͤllend, eine Befoͤrde⸗ rung zu hoͤhern Stellen billig anſprechen konnten? Wir glauben dieſem Stande nicht zu nahe zu tre⸗ ten, wenn wir ihm Geſinnungen unterlegen, die eben ſo wohl den Vortheil der Kirche als den ſeinigen zum Zwecke hatten. Der Zeitpunkt trat auch bald ein, wo die Geiſtlichen von dieſer Klaſſe dieſelben politiſchen Anſichten an den Tag legten, wie der dritte Stand, mit welchem ſie ſich felerlich vereinigten, und dadurch die erſte revolutionaͤre Bewegung nicht we⸗ nig verſtaͤrkten. Aber ihr Betragen, ſobald ſie ſa⸗ 45 hen, daß es der Religlon gelte, muß jeden Verdacht von Selbſtſucht von der franzoͤſiſchen Geiſtlichkeit entfernen, indem keine Koͤrperſchaft als ſolche ſich williger gezeigt hat, um des Gewiſſens willen Ver⸗ folgung zu leiden und Opfer zu bringen. Waͤhrend der Adel und die Geiſtlichkeit, als Staͤnde betrachtet, ſolchergeſtalt in ſich ſelbſt entzweit und bei der Maſſe der Nation in Mißkredit gekom⸗ men waren, waͤhrend man ſie wegen ihrer alten Vor⸗ rechte beueidete, und wegen ihrer Macht nicht laͤn⸗ ger ſcheute; waͤhrend man ſie laͤcherlich machte, und zugleich wegan eines angemaßten Vorrechts haßte, das ſie durch ihre perſoͤnlichen Eigenſchaften nicht immer verdienten, hatte der ſogenannte Dritte Stand nach und nach einen Umfang und eine in den Zeiten des Lehnweſens noch nicht gekannte Wichtigkeit er⸗ halten. Derſelbe beſtand nicht mehr, wie in den Ta⸗ gen Heinrichs IV. aus jenen Buͤrgern und Kraͤmern in den kleinen Staͤdten des Feudalkoͤnigreichs, die ſo zu ſagen die Vaſallen des Abels und der Geiſt⸗ lichkelt waren, und von dem Einkommen dieſer leb⸗ ten. Durch den Handel und die Kolonien waren Reichthuͤmer ins Land gekommen, auf Wegen, die den Sdelleuten und Geiſtlichen nicht offen ſtanden. Der dritte Stand beſaß nicht nur einen großen Thell des disponiblen Kapitals, folglich der Geldmacht, ſondern auch vieles Grundeigenthum. Hiezu kam noch der Einfluß, den viele Plebe⸗ 7 46 jer als Glaͤubiger jener duͤrftigen Edeln genoßen, denen ſie Geld vorgeſchoſſen hatten, waͤhrend andere Maͤnner derſelben Klaſſe ſich Reichthuͤmer und An⸗ ſehen auf Koſten jeuer reichen Patrizier erwarben, die ſich ſelbſt zu Grunde richteten. Paris hatte an Umfang erſtaunlich zugenommen, was den Buͤrgern dieſer Stadt ein verhaͤltnismaͤßig großes Gewicht gab. Dieſe hatten aus dem Lurxus und der Ver⸗ ſchwendung des Hofes ſowohl, als des Adels großen Nutzen gezogen und ſich in demſelben Maaße berei⸗ chert, als jene arm geworden waren. Sie benuͤtzten ſofort ihren Reichthum, um ihren Familien die Vor⸗ theile einer guten Erziehung zu verſchaffen, dadurch den Nachtheil ihrer Geburt aufzuwaͤgen und ihre Kinder zu derjenigen geſellſchaftlichen Stellung her⸗ anzubilden, zu welcher ſie durch ihr Vermoͤgen und durch die Verhaͤltniſſe der Zeit berufen zu ſeyn ſchie⸗ nen. Kurz, es laͤßt ſich ohne alle Uebertreibung ſa⸗ gen, daß die Mittelklaſſe an Reichthum, Bedeutung und wirklicher Macht faſt eben ſo viel gewann, als der Adel in dieſer Hinſicht eingebuͤßt hatte. Auf ſolche Weiſe ſchien der Dritte Stand an Umſang, Zahl und Staͤrke zu wachſen, wie ein ſchwellender Strom, der immer ſtaͤrker anragend, die alten und zerfallenen Daͤmme des Herkommens und der An⸗ maßungen, hinter welchen ſich die privilegirten Staͤnde verſchanzten, zu durchbrechen drohte. Der Menſchenkenner konnte nicht glauben, daß 427 die Kuͤhnen, die Hochbegabten, die Ehrgeizigen el⸗ nes Standes der ſich ſeiner Kraft bewußt war, ſich noch lange Staatseinrichtungen gefallen laſſen wuͤrden, durch welche ſie unter Menſchen zu ſtehen kamen, denen ſie ſich in allen Stuͤcken gleich fuͤhlten, aus⸗ genommen in dem zufaͤlligen Punkte der Geburt und der kirchlichen Verhaͤltniſſe. Es war eben ſo wenig zu erwarten, daß ſie ſich noch lange in das feudale Dogma fuͤgen wuͤrden, welches die Edeln und die Geiſtlichkeit von Abgaben aus dem Grunde befreite, jene, weil ſie der Nation mit dem Schwerte dienten, dieſe, weil fie durch ihr innbruͤnſtiges Gebet den Himmel verſoͤhnte. Dieſes Dogma, obgleich wahr ii, der Lehenszeit, war nur noch eine geſetzliche Fik⸗ tion in dem achtzehnten Jahrhundert, wo bekannt⸗ lich der adeliche Krieger ſowohl, als der Prieſter von dem Staate fuͤr Dienſte bezahlt wurde, die er dem⸗ ſelben nicht mehr leiſtete, waͤhrend der buͤrgerliche beides, Tapferkeit und Kenntniſſe beſaß, um ſeine eigenen Schlachten auszufechten und ſeine Andacht zu verrichten; es lag in der That vor Augen, daß der Staat durch die Waffen und das Wiſſen des drit⸗ ten Standes, nicht aber durch diejenigen der privi⸗ legirten Staͤnde beſchuͤtzt und erleuchtet wurde. So ſtand eine Maſſe von wohlbeguͤterten, aus⸗ gezeichneten Menſchen, deren Anſpruͤche den Beifall des tübrigen Volkes fur ſich hatten, in furchtbarer Schlachtreihe gegenuͤber den bevorrechteten Staͤnden, 48 durch die ſtaͤrkſten Triebfedern der menſchlichen Seele durch Nacheiferungen. Eigennutz, aufgefordert, die bevorſtehende Veraͤnderung zu beſchleunigen. Emery, ein ausgezeichnetes Mitglied der kon⸗ ſtituirenden Nationalverſammlung, ein rechtlicher, ta⸗ lentvoller Mann, hat ſich uͤber dieſen Gegenſtand mit ſeltener Offenheit ausgeſprochen. Als ihm naͤm⸗ lich der beruͤhmte Marquis de Bruiller in einer ver⸗ traulichen Unterredung ſeine royaliſtiſchen Geſin⸗ nungen und ſeinen Abſcheu gegen die Conſtitution mit der Bemerkung bekannte, er habe derſelben nur deßwegen Folge geleiſtet, weil der Koͤnig ſie beſchwo⸗ ren, erwiederte er eben ſo unverholen:„Sie haben recht, Sie ſind ein Edelmann; waͤre ich an Ihrer Stelle, ſo wuͤrde ich denken wie Sie; jetzt, als Ple⸗ bejer und Advokat, bin ich ein Anhaͤnger dieſer Con⸗ ſtitution, die mich und meines Gleichen aus dem Zu⸗ ſtande der Rechtloſigkeit, in welchem wir uns vor der Revolution befanden, erloͤßt hat.“ Wie die Sachen ſtanden, mußten ſich alſo der Adel und die Geiſtlichkeit, mit ſich ſelbſt entzweit, wie ſie waren, noch ſehr gluͤcklich ſchaͤtzen, wenn ſie ſich im Beſitze ihrer Privilegien ganz, oder doch zum Theil behaupten konnten. Dagegen war der drirte Stand, im Vertrauen auf ſeine Zahl und ſeine Ein⸗ ſtimmigkeit, bereit, anzugreifen und durch Benuͤtze ung der geringſten Bloͤße das ganze Syſtem der Pri⸗ vilegien zu erſtuͤrmen und uͤber den Haufen zu wer⸗ fen. 49 fen. Lally Tolendal gibt uns einen vollſtaͤndigen Bericht von der gegenſeitigen Lage der Partheien in den fol⸗ genden Worten:„Die Buürgerlichen wollten Erobe⸗ rungen machen und die Edelleute das behaupten, was ſie bereits beſaßen; die Geiſtlichkeit blieb un⸗ thaͤtig zwiſchen beiden ſtehen, in der Abſicht, ſich der ſiegenden Parthei anzuſchließen. Gab es in Frankreich einen Mann, der Frieden und Eintracht wuͤnſchte, ſo war es der Koͤnig.“ — Zweites Kapitel. Zuſtand von Frankreich, Fortſetzung.— Karakter der öffent lichen Meinung.— Aufmunterung der Gelehrten durch die Gro ßen.— Nachtheile hievon.— Zügelloſes Streben der franzöſi⸗ ſchen Schriftſteller.— Ihre Irreligioſttät und Unglaube.— Duldung freiſinniger Anſichten über volitiſche Gegenſtände, die jedoch nur in abſtrakter und ſpeculativer, nicht aber in prakti, ſcher Form vorgetragen werden durften.— Nachtheile des Ver⸗ bots einer freien Erörterung.— Anglomanie.— Frankreich s Theilnahme an dem amerikaniſchen Kriege.— Stimmung der 1 aus Amerika zurückkehrenden Truppen. Wir haben eine kurze Ueberſicht von dem Z8 ſtande des vorrevolutionaͤren Frankreichs gegeben, wir haben gezeigt, daß maͤchtige Triebfedern auf eine Veraͤnderung hinwirkten, daß gewaltige Krafte ſich ruͤſteten, um Inſtitutionen zu vernichten, die bereits . Seotks Werke. XNV 4 8 50 von ſelbſt in Truͤmmer fielen. Wir muͤſſen jetzt die damalige Denkart der franzoͤſiſchen Nation ins Auge faſſen, um beurtheilen zu koͤnnen, welchen Gang die bevorſtehenden Veraͤnderungen nach den Regeln der Wahrſcheinlichkeit nehmen, auf welchem Punkte ſie ſtill ſtehen mußten. In der Denkart des Volkes war aber wie in den Verhaͤltniſſen der verſchiedenen Klaſſen der Geſellſchaft, eine faſt gaͤnzliche Veraͤnde⸗ rung vorgegangen, und zwar durch den ſteigenden Einfluß der Literatur, jenes Baumes der Erkennt⸗ niß des Guten und Boͤſen, der unter einer Fuͤlle der edelſten und heilſamſten Fruͤchte auch andere traͤgt, die lieblich ausſehen, koͤſtlich ſchmecken, aber ein toͤdt⸗ liches Gift ſind. Die Franzoſen, das geiſtreichſte Volk in Europa, eine witige Unterhaltung und literariſche Diskuſſio⸗ nen uͤber Alles liebend, hatten ſchon fruͤhzeitig die Freuden des geſelligen Umgangs durch die Beziehung genievoller Maͤnner zu wuͤrzen geſucht. Ohne ihrer ariſtokratiſchen Wuͤrde etwas zu vergeben, die im Gegentheil durch den Kontraſt nur erhoͤht ward, ge⸗ ſtatteten die Edelleute dem literariſchen Talente freien Zutritt in ihre Salons. Der wohlhabende Finanz⸗ mann, der reiche Handelsherr wetteiferte hierin, wie in jedem andern Punkte des Geſchmacks und des Glanzes, mit dem Adel, und ihre Zirkel ſtanden, wie diejenigen der Ariſtokratie, literariſch gebildeten Mannern offen, die nicht ſelten fuͤr die Genuͤſſe des 51 Luxus ihre Unabhaͤngigkeit hingaben. Dieſe Art von Patronat, oͤfters aus Eitelkeit oder Egoismus uͤber⸗ nommen, war in der That nicht geeignet, den Ka⸗ rakter der Klienten zu heben. Die Literaturbefliſ⸗ ſenen, die auf ſolche Weiſe in der Geſellſchaft der Reichen und Vornehmen geduldet wurden, ſtanden kaum in hoͤherer Achtung, als die Tonkuͤnſtler und Schauſpieler, von welcheu einzelne wegen ihrer Ta⸗ nen ſie angehoͤrten, im Allgemeinen der tiefſten Ver achtung preisgegeben blieben. Die hochgeborne Dame die dem Gelehrten zulaͤchelte, der Mann von Stande, der ihn ſeines vertrauten Umganges wuͤrdigte, ver⸗ gaßen darum noch nicht, daß er nicht wie ſie aus Porzellanerde gebildet ſei, und der vorgezogene Schoͤn⸗ geiſt muß, waͤhrend er ſich ihrer Huld erfreute und an ihren Vergnuͤgungen Theil nahm, doch wohl manchmal durch den Gedanken geſtoͤrt worden ſein, daß er nur ein Luͤckenbuͤßer ſei, der durch die Laune der Mode, oder durch eine ploͤtzliche Ruͤckwirkung der alten Etikette wieder aus der Geſellſchaft ver⸗ ſtoßen werden koͤnne, in der er bisher nur geduldet war. In dieſen, gewiſſermaßen peinigenden und ſelbſt erniedrigenden Verhaͤltniſſen konnte derſelbe wohl in Verſuchung gerathen, die uͤppige Lebensweiſe, an der er als geduldeter Gaſt Theil nahm, mit ſei⸗ 4. 3 52 ner armſeligen gemietheten Wohnſtube und der Un⸗ gewißheit ſeines duͤrftigen Einkommens zu verglei⸗ chen. Selbſt die vom beſſern Schlage mußten, nach⸗ dem ſie ſich gegen ihre Wohlthaͤter zu jeder Dank⸗ bezeugung, die dieſe gerechterweiſe anſprechen konn⸗ ten, verſtanden hatten, ein ſolches Verhaͤltniß von unterwuͤrfigkeit bitter fuͤhlen. Eine Folge davon war, daß dergleichen Schoͤn⸗ geiſter feindlich, ſowohl gegen die Perſon, als gegen den Rang ihrer Patronen geſinnt wurden, wie dann waͤhrend der ganzen Revolution Niemand groͤßern Haß gegen den Adel gezeigt hat, als Champfort, der Guͤnſtling und Sekretaͤr des Prinzen von Condé. Ein ſolcher Schuͤtzling muß oft in den Fall gekommen ſein, wo er nicht umhin konnte, ſeine eigenen natuͤr⸗ lichen und erworbenen Talente mit denen ſeines ari⸗ ſtokratiſchen Patrons zu vergleichen, und das Reſul⸗ tat konnte kein anderes ſein, als Unwille uͤber Staats⸗ inſtitutionen, durch welche er ſo tief unter Perſonen geſtellt wurde, die er ohne dieſe Beſchraͤnkungen auf der Bahn der Ehre und Auszeichnung weit hinter ſich gelaſſen haben wuͤrde. 1 Hieraus entſprang jene haͤufige und genaue Un⸗ terſuchung des urſprungs der verſchiedenen in der Geſellſchaft beſtehenden Rangſtufen jener augemeine Hang, das Beſtehende zu bekaͤmpfen und ſich, zur Vertheldigung der urſpruͤnglichen Gleichheit des Men⸗ 4 ſchengeſchlechts, auf die ur⸗Zuſtaͤnde der Staaten⸗ 8 3 3 53 Vereine zu berufen— hieraus jene ſinnreichen Schluſſe und redneriſchen Tiraden zu Gunſten einer urſpruͤng⸗ lichen, ja wilden Unabhaͤngigkeit, welche die damaligen Adeligen mit dem beifaͤlligen und mitleidlgen Laͤcheln, mit dem ſie die Traͤumereien eines wahnſinnigen Poeten aufgenommen haben wuͤrden, laſen und bil⸗ ligten, waͤhrend die niederern Staͤnde die Gefuͤhle, unter deren Einfluſſe die Schriften dieſer Art ge⸗ ſchrieben waren, theilten, und, entflammt durch den Feuereifer der beredten Verfaſſer, bereit wurden, zu handeln, ſobald Handlungen zu der Verwirklichung eines ſo lachenden Traumbilds noth hwendig ſein ſollten. Man haͤtte erwarten koͤnnen, daß diejenigen we⸗ nigſtens, welche privilegirten Claſſen angehoͤrten, in Beſtuͤrzung gerathen waͤren, als ſie Lehren, die ihre Intereſſen in einem ſo hohen Grade gefaͤyrdeten, ſo kuͤhn ausſprechen und ſo geiſtvog vertheidigen hoͤrten. Man haͤtte denken ſollen, ſie waͤren erſchreckt, als Raynal den Voͤlkern der Erde verkuͤndete, ſie koͤnnen nicht eher frei und gluͤcklich ſein, als bis ſie alle Throne und Altaͤre umgeſtuͤrzt haben; allein nichts der Art geſchah. Dle vornehmen Staͤnde betrachte⸗ ten die liberalen Grundſaͤtze als Tagesſitte und eig⸗ neten ſie ſich begierig an, als das beſte Mittel, um zu beweiſen, daß ſie uͤber die Vorurt heile des Pö⸗ bels erhaben ſeien. Kurz, ſie nahmen politiſche Mei⸗ nungen an, wie ſie runde Huͤte aufſezten, und enge Noͤcke anlegten, aus dem einzigen Grunde, weil ſie 54 in guter Geſellſchaft gebraͤuchlich waren. Sie nah⸗ men den Ton der Philoſophen an, wie ſie den Ton arkadiſcher Schaͤfer auf einem Maskenballe angenom⸗ men haben wuͤrden, und glaubten in dem erſtern Falle ihren Rang und ihre Gerechtſame eben ſo we⸗ nig aufzuopfern, als ſie in dem zweiten Falle glaub⸗ ten, ſie treiben ihre Herden wirklich ins Feld. Graf Seguͤr*) entwirft eine anziehende Schilderung von den Meinungen der jungen franzoͤſiſchen Edelleute, an denen er in dieſer ereignißvollen Zeit ſelbſt Theil nahm. „Gehemmt in dieſem unbedachtſamen Laufe durch den verjaͤhrten Stolz des alten Hofes, die laͤſtige Etiquette der alten Ordnung der Dinge, die Strenge der alten Geiſtlichkeit, die Abneigung unſerer Ael⸗ tern gegen unſere neuen Gewohnheiten und Sitten, die den Grundſaͤtzen der Gleichheit guͤnſtig waren, fuͤhlten wir uns geneigt, mit Begeiſterung die phi⸗ loſophiſchen Lehren anzunehmen, zu denen ſich Ge⸗ lehrte bekannten, die ſich durch ihren Wiz wie durch ihre Kuͤhnheit gleich ſehr auszeichneten. Voltaire blendete unſere Einbildungskraft; Rouſſeau ruͤhrte unſer Herz; wir fuͤhlten ein geheimes Vergnuͤgen, als wir fahen, daß ihre Angriffe gegen ein altes Ge⸗ baͤnde gerichtet waren, das uns einen gothiſchen und laͤcherlichen Anblick darbot.“ *) Man vergleiche das treſſliche Werk: Denkwürdg keiten, Rückerinnerungen und An⸗kdoten aus dem Leven des Grafen von Segür. 3Thl. gr. 8. a. d. Franz. überſ. Stuttgart 1845—27. 55 „Wir fanden auf ſolche Art Vergnuͤgen an die⸗ ſen Scharmitzeln, obſchon ſie unſern Rang und un⸗ ſere Vorrechte, ſo wie die Ueberreſte unſerer alten Macht, zerſtoͤrten; allein wir fuͤhlten dieſe Angriffe nicht perſoͤnlich; wir waren bloſe Zeugen derſelben. Es war bis jetzt nur ein Wort⸗ und Federkrieg, der, ſo glaubten wir, unſer geſellſchaftliches Ueber⸗ gewicht nicht bedrohte, da wir daſſelbe durch den Be⸗ ſitz von Jahrhunderten unerſchatterlich ſeſt begruͤn⸗ det waͤhnten.“ „Wir fanden Geſchmack an dem Muthe der Frei⸗ heit, welche Sprache ſie immer auch fuͤhren mochte, ſo wie an der Gleichheit. Das Herabſteigen von einem hohen Range gewaͤhrt eine Art Vergnuͤgen, wenn der Ruͤckweg zu dieſem Range frei und ungehindert erſcheint; deßwegen genoſſen wir, unbekuͤmmert um die Folgen, unſere patriziſchen Vortheile und die Suͤßigkeiten einer blebeliſchen Philoſophie zu gleicher Zeit.“ Es iſt unſer inniger Wunſch, hier nicht mißver⸗ ſtanden zu werden. Dieſe Bemerkungen haben nicht zum Zwecke, die franzoſiſche Ariſtocratie zu tadeln, weil ſie der Gelehrſamkeit und dem Genie ihren Schutz gewaͤhrte. Ihr Verfahren war ehrenvoll fuͤr ſie und den Fortſchritten der Staatsgeſellſchaft im hoͤch⸗ ſten Grade erſprießlich. Die Gunſt der Großen er⸗ ſetzte den Mangel an oͤffentlicher Aufmunterung und naͤhrte Talente, die ohne dieß ihre wichtigen und un⸗ 56 ſchaͤtzbaren Fruͤchte wohl nie erzeugt haben wuͤrden. Allein es waͤre fuͤr Frankreich, ſeinen Adel und ſeine Literatur beſſer geweſen, wenn jener Schutz auf ir⸗ gend eine Art gewaͤhrt worden waͤre, welche die bei⸗ den Menſchenklaſſen in keine innige Verbindung ge⸗ bracht haͤtte. Der Mangel an Unabhaͤngigkeit von den Umſtaͤnden iſt ein ſtarkes, wo nicht unbezwing⸗ bares Hinderniß fuͤr die Unabhaͤngigkeit des Geiſtes; und ſo geſchah es oft, daß die Gelehrten, um den Leidenſchaften ihrer Beſchuͤtzer zu froͤhnen, oder um ihr Intereſſe zu befoͤrdern, in die ſchlimmſten und ſchimpflichſten Lobſpruͤche der Quaͤlerei, der Verun⸗ glimpfung und der Boßhaftigkeit verwickelt wurden; daß ſie, in verzweifelte Parteyen geſchieden, ſich ge⸗ zwungen ſahen, alle jene Kuͤnſte der Verſtellung, der Schmeichelei und der Raͤnkeſucht zu uͤben, welche der groͤßte Schimpf des gelehrten Standes ſind. Je weiter das achtzehnte Jahrhundert vorruͤckte, deſto hoͤher ſtieg das Anſehen der Gelehrten, und dieſe, als ſie das Steigen ihrer Macht in einer Ge⸗ ſellſchaft, die ihrer geiſtigen Beduͤrfniſſe wegen von ihnen abhieng, gewahrten, unterſtuͤtzten einander in ihren Anſpruͤchen auf das, was man die Wuͤrde ei⸗ nes Gelehrten nannte. Hierin giengen ſie nun bald zu welt, und man ſah ſie, ſelbſt in den Hallen ihrer Beſchuͤtzer, eine fanatiſche Gewalt der Meinung aus⸗ uͤben und eine dogmatiſche Art des Ausdrucks ſich erlauben, die den alten Fontenelle zu der Ertitunß 57 brachte, er ſey wegen des furchtbaren Grades von Gewißheit, auf den man uͤberall in der Geſell⸗ ſchaft ſtoße, erſchrocken. Die Wahrheit iſt, daß die Gelehrten, die gewoͤhnlich bloße Theoretiker ſind, keine Gelegenheit haben, die Meinungen, welche ſie in Folge hypothetiſcher Schluͤſſe angenommen haben, an den Maßſtab der praktiſchen Erfahrung zu legen. Sie fuͤhlen ihre geiſtige Ueberlegenheit uber diejeni⸗ gen, mit welchen ſie leben, und ſo geſchieht es ge⸗ woͤhnlich, daß ſie bald an ihre Unfehlbarkeit glauben, und ſie ſtandhaft verfechten. Wenn Maͤßigung und Beherrſchung der Leidenſchaften und des Tempera⸗ ments einen Theil der Philoſophie ausmachen, ſo finden wir, daß ſelten jemand bei irgend einer Ge⸗ legenheit weniger Philoſophie wirklich an den Tag legt, als ein Philoſoph, der eine Lieblingstheorie ver⸗ theidigt. Auch haben wir gefunden, d Geiſtliche minder bemuht ſind, ſich Proſelyten zu werben, oder Krieger, Eroberungen zu machen, als die Philoſephen bemuͤht ſind, Anhaͤnger an ihre Meinungen zu ge⸗ winnen. In Frankreich hatten ſie die Herrſchaſt, dle ſie uͤber die oͤffentliche Meinung erlangt hatten, gewahrt⸗ und vereinigt, wie ſie waren(was beſonders von den Encyclopaͤdiſten gilt) erhoͤhten und ſicherten ſe die⸗ ſen Eindruck dadurch, daß ſie die Lehren, deren Fort⸗ pflanzung ſie wuͤnſchten, nie in den Ohren des Pub⸗ likums verhallen ließen. Zu dieſem Ende ſorgten 58 ſie dafuͤr, daß ihre Lehren, gleich dem Donner, der gegen Gebirge hinrollt, von hundert verſchiedenen Punkten zuruͤckgehallt, aus hundert neuen Geſichts⸗ punkten dargeſtellt, und durch hundert verſchiedene Methoden erlaͤutert wurden; bis das Publikum nicht mehr umhin konnte, das, was es von ſo vielen ver⸗ ſchiedenen Richtungen her vernahm, als unlaͤugbar aufzunehmen. Sie konnten auch jede Waffe ſatyri⸗ ſcher Feindſeligkeit gegen diejenigen fuͤhren, welche ihre Lehren zu bekaͤmpfen wagten, und da ihre Wuth weder leicht erduldet, noch beſaͤnftigt wurde, ſo ſchlu⸗ gen ſie die meiſten derjenigen Schriftſteller aus dem Felde, die, im Widerſpruche mit ihren Meinungen, als Verfechter der Kirche und der Monarchie aufge⸗ treten ſeyn wuͤrden. Wir haben bereits die Nachtheile angedeutet, an denen die Literatur leidet, wenn ſie nicht ſowohl unter dem Schutze des Publikums, als reicher Pri⸗ vaten ſteht. Allein noch in einer andern wichtigen Hinſicht iſt die Luft der Salons, der Damen⸗ Kabinette und der Boudoirs in manchen Faͤl⸗ len nachtheilig fuͤr den maͤnnlichen Geiſt philoſophi⸗ ſcher Seibſtverlaͤugnung, welcher der literariſchen Ge⸗ ſellſchaft Wuͤrde und Anſehen verleiht. Diejenigen, welche zu der frohen Geſellſchaft einer verdorbenen Hauptſtadt gehoͤren, maͤſſen Thorheiten und Laſter in Schutz nehmen, wenn ſie ſie nicht ſelbſt ausuͤben; und deßwegen vielleicht unterlag die franzoͤſiſche Li⸗ e 59 teratur mehr, als jede andere in Europa, dem Vor⸗ wurfe, ihren maͤchtigen Arm zur Untergrabung alles deſſen, was es in der Sittenlehre Ernſtes, oder in den Grundſaͤtzen bisher Beſtimmtes gab, hergeliehen zu haben. Einige ihrer groͤßten Schriftſte ller, ja Montesquieu ſelbſt, haben in ihre tiefe Urtheile uͤber den Urſprung der Regierung, und in die hoͤch⸗ ſten Probleme der Philoſophie nunſittliche Erzaͤhlun⸗ gen gemiſcht, welche die Leidenſchaften zu entflam⸗ men geeignet ſind. So rief die entwuͤrdigte Litera⸗ tur der neuern Zeiten die Zuͤgelloſigkeit ihrer Hel⸗ den theilend, jene Unſittlichkeit zu ihrem Beiſtande auf, welche nicht nur die chriſtliche, ſondern ſelbſt die heidniſche Philoſophie als das groͤßte Hinderniß fuͤr ein reines, weiſes und gluͤckliches Daſeyn betrach⸗ tet hatte. Die Sittenloſigkeit, die in einer ſolchen eckelhaften und unverhuͤllten Nacktheit oͤffentlich ein⸗ hergieng, war ein Theil des ungluͤcklichen Vermaͤcht⸗ niſſes, welches der Herzog von Orleans dem Lande, das er regierte, hinterlaſſen hatte. Das bei dem Hofe herrſchende Schicklichkeitsgefuͤhl hatte waͤhrend der Regierung Ludwigs XIV. ſolche Exreſſe verhuͤtet; gab es auch des Laſters genug, ſo wurde es doch wenigſtens auf eine anſtaͤndige Weiſe verhuͤllt. Al⸗ lein das Betragen des Herzogs von Orleans und ſei⸗ ner Gaͤnſtlinge war durch eine offene und ſchamloſe Infamie gebrandmarkt, die groß genug war, um in dem Zeitalter der Wunder eine unmittelbare Zuͤch⸗ ihnen als Philoſophen von der erhabenf en Art zu⸗ 60 tigung vom Himmel herabzurufen; und Verbrechen, welche der Verworfenſte der roͤmiſchen Kaiſer wenig⸗ ſtens auf ſeiner einſamen Inſel Kaprea verborgen haben wuͤrde, wurden ſo oͤffentlich veruͤbt, als ob die Menſchen keine Augen gehabt haͤtten, oder Gott keine Donnerkeule. Aus dieſem unflaͤtigen Cocytus floßen jene un⸗ reinen Stroͤme, die Frankreich waͤhrend der Regie⸗ rung Ludwigs XV. verunehrten, und die, ungeachtet des Beiſpiels eines Fuͤrſten, der ſelbſt ein Muſter haͤuslicher Tugend war, unter Ludwig XVI. die Ge⸗ ſellſchaft, die Sittlichkeit und vor allem die Literatur zu beflecken fortfuhren. Wir ſpielen hier nicht bloß auf jene geringfuͤgigeren unſittlichen Schriften au, in denen Laune und Einbildungskraft die Schranken des Zartſinns durchbrechen. Dieſe findet man in der Literatur der meiſten Voͤlker, und ſie ſind im Allge⸗ meinen in den Haͤnden bloßer Lebemaͤnner und Buͤſtlinge, die mit der Praktik des Laſters ſo be⸗ kannt ſind, daß die Theorie ſie nicht ſchlechter ma⸗ chen kann, als ſie ſchon ſind. Allein jenes war ein eigenthuͤmlicher Zug wolluͤſtiger und verfuͤhreriſcher Unſittlichkeit, der nicht nur in den leichtern und froͤhlichern Geiſteserzeugniſſen der Franzoſen herrſchte, ſondern auch den Schriften derjenigen ſein Siegel aufdruͤckte, welche die Welt aufforderten, ſie als Dichter von dem hoͤchſten Range zu bewundern, oder 61 zuhoͤren. Voltalre, Rouſſcau, Diderot, Montes⸗ quieu,— Namen, welche Frankreich zu allen Zeiten als ſeine hoͤchſte Zierde betrachten muß,— waren in dieſer beſondern Hinſicht ſo ſchuldig, daß junge und tugendhafte Leute ſich entweder ganz von Wer⸗ ken zuruͤckhalten muͤſſen, die in allen Theilen der Welt der gewoͤhnliche Gegenſtand der Unterhaltung und der Bewunderung ſind, oder, zur Bildung ihres kuͤnftigen Charakters, vieles leſen muͤſſen, was das Zartgefuͤhl beleidigt, oder die Sittlichkeit gefaͤhrdet. Das letztere wurde allgemein gewaͤhlt; denn die Neugierigen wollen leſen, wie die Durſtigen trinken wollen, mag auch der Becher oder das Blatt be⸗ ſchmutzt ſeyn. 8 So tiefe Wurzeln hatte die Gleichguͤltigkeit ge⸗ gen das Zartgefuͤhl in Frankreich geſchlagen, und ſo weit hatte jene Unkeuſchheit in Worten und Gedan⸗ ken, beſonders unter denen, welche auf Philoſophie Anſpruch machten, ſich verbreitet, daß Madame Ro⸗ land, eine ihres Muthes und ihrer Talente wegen bewundernswuͤrdige, und ſoweit es ſcheint, in ihrem Privatleben nicht laſterhafte Frau, nicht nur die ſchamloſen Erzaͤhlungen des Lendret mit der Anmuth der Einbildungskraft, dem Salze der Kri⸗ tik und dem Tone der Philoſophle geſchmuͤckt, er⸗ wäͤhnt, ſondern auch dem Publitum, in ihrer eige⸗ nen Perſon, Einzelnhelten darbietet, mit denen eine 6² Buhldirne der hoͤhern Klaſſe ihre Privatunterhal⸗ tung zu wuͤrzen ſich ſchaͤmen ſollte.*) Dieſe Frechheit, in Verbindung mit moraliſcher Verdorbenheit, woran ſie ſowohl Zeichen als Urſache iſt, fuͤhrt geradenwegs zu Geſinnungen, die ſich am wenigſten mit einer maͤnnlichen und tugendhaften Vaterlandsliebe vertragen. Wolluͤſtigkeit und ihre Folgen machen den ſittenloſen Menſchen unfaͤhig, Wohlgefallen an dem zu finden, was, in der Litera⸗ tur oder in den Kuͤnſten, einfach, und abſtrakt ſchoͤn, oder erhaben iſt; und zerſtoͤren den Geſchmack, waͤh⸗ rend ſie den Verſtand herabſetzen, und abſtumpfen. Aber vor Allem fuͤhrt eine ſolche Zuͤgelloſigkeit der Sitten zu der ausſchließlichen Verfolgung ſelbſtſuͤch⸗ tiger Genuͤſſe; denn der Egoismus iſt ihre Grund⸗ lage und ihr eigentliches Weſen. Der Egoismus iſt nothwendig der eigentliche Gegner des Patriotis⸗ mus, da der eine ausſchließlich auf dem Streben eines Individuums nach den beſondern Gegenſtaͤnden ſeines Vergnuͤgens oder Vortheils beruht; waͤhrend *) Diie Einzelnheiten, auf welche wir anſvielen, ſind zwar in der zweiten Ausgabe der Denkwürdiakeiten der Madame Roland unterdrückt, allein in die gegenwärtig zu Paris er⸗ ſcheinende Sammlung von Denkwürdigkeiten, welche ſich auf die Revolution beziehen, wieder aufgenommen worden. Dieß iſt nicht ſo unrecht; denn wenn dieſe Einzelnheiten uns Eckel erregen, ſo iſt das Licht, das ſie auf den Charakter des Ver⸗ faſſers werfen, zu ſchätzbar, als daß ſie verloren gehen dürf⸗ ten, 4 der andere eine Aufopferung nicht nur dieſer beſon⸗ dern Beſtrebungen, ſondern auch der Gluͤcksguͤter und des Lebens ſelbſt zu Gunſten der Sache des oͤffentlichen Wohls erheiſcht. Man findet daher, daß Vaterlandsliebe ſtets in dem Zuſtande der Geſell⸗ ſchaft bluͤhte, der den ernſten und maͤnnlichen Tu⸗ genden der Selbſtverlaͤugnung, der Maͤßigung, der Keuſchheit, der Verachtung, der Schwelgerei, der ge⸗ duldigen Anſtrengung und der erhabenen Betrach⸗ tung am guͤnſtigſten war; und zu jeder Zeit ſtand der oͤffentliche Geiſt einer Nation unabaͤnderlich in einem richtigen Verhaͤltniſſe mit der beſondern Sittlichkeit derſelben.. Religion kann unmoͤglich da vorhanden ſeyn, wo Unſittlichkeit allgemein herrſcht; eben ſo wenig als ein Licht da brennen kann, wo die Luft verdor⸗ ben iſt; deßwegen war der Unglaube in Frankreich ſo allgemein, daß er faſt in allen Staͤnden der Ge⸗ ſellſchaft herrſchte. Die Jerthuͤmer der roͤmiſchen Kirche, in Verbindung mit den ehrgeizigen Beſtre⸗ bungen derſelben nach Herrſchaft uͤber die Menſchen, ſowohl in zeitlicher als geiſtiger Hinſicht, waren, wie wir bereits bemerkt haben, ſchon laͤngſt der Ge⸗ genſtand der Beweisgruͤnde des Philoſophen, und die Zielſcheibe des Witzes des Satirikers geworden; allein indem die Philoſophen dieſes Zeitalters jene Anſpruͤche verpoͤnten und laͤcherlich machten, vermong⸗ ten ſie mit ihnen die allgemeinen Lehren des Chri⸗ 64 ſtenthums ſelbſt; ja einige giengen ſo weit, daß ſie nicht nur alle uͤberirdiſche Einwirkung laͤugneten, ſondern auch, durch ihre Sophiſterey, das Licht der natuͤrlichen Religion, das als ein Theil unſeres Geburtsrechts in unſere Bruſt gepflanzt iſt, ausloͤſch⸗ ten. Gleich dem zuͤgelloſen Poͤbel zur Zeit der Re⸗ formation(doch mit unendlich groͤßerer Frevelhaftig⸗ keit) warfen ſie nicht blos die Symbole der Abgot⸗ terei, welche Unwiſſenheit oder Prieſterliſt in die chriſtliche Kirche eingefuͤhrt hatten, in den Staub, ſondern ſie entſtellten und entweihten auch mit kir⸗ chenſchaͤnderlſchen Haͤnden den Altar ſelbſt. Dieſes Werk vollfuͤhrten die Phil oſophen, wie ſie ſich nann⸗ ten, mit einem ungebaͤndigten und brennenden Eifer, der deutlich zeigte, daß der Unglaube, wie die Froͤmmigkeit, ſeinen Fanatismus hat. Eine gif⸗ tige Wuth gegen die Religion und alle ihre Lehren; eine Haſtigkeit, jeden Umſtand zu benuͤtzen, durch den das Chriſtenthum auf eine nachtheilige Weiſe dargeſtellt werden konnte; eine geiſtvolle Gewandt⸗ heit, ihre religioͤſen Meinungen in Werken darzule⸗ gen, die zu ſolchen Eroͤrterungen am wenigſten geeig⸗ net ſchienen; vor allem, ein beharrliches Beſtreben, alle diejenigen, welche ihre Grundſaͤtze zu beſtreiten wagten, laͤcherlich und veraͤchtlich zu machen, zeich⸗ neten die Theilnehmer an dieſer beruͤchtigten Ver⸗ ſihmrung gegen eine Religion aus, die, mag ſie auch durch 65 durch menſchliche Erfindungen entſtellt ſeyn, doch nur jenen Frieden auf Erden, und jenes Wohlwollen gegen die Menſchenkinder athmet, das von dem Himmel bei ihrer goͤttlichen Entſtehung verkuͤndigt wurde. Wenn dieſe vorurtheilsvollen und giftigen Geg⸗ ner uns die Haͤlfte von jenem Wahrheitsdurſte, oder jenem Wohlwollen gegen das menſchliche Geſchlecht, die ewig auf ihren Lippen ſchwebten, beſeſſen haͤtten, ſo wuͤrden ſie den Maßſtab zur Wuͤrdigung des Geiſtes der Chriſtuslehre nicht von dem Gebrauche, welchen ehrſuͤchtige Prieſter, oder enthuſiaſtiſche Narren von dem bloßen Namen gemacht haben, ſondern von ih⸗ ren erfreulichen Wirkungen auf das Menſchenge⸗ ſchlecht im Ganzen hergenommen haben. Sie wuͤr⸗ den bemerkt haben, daß unter ihrem Einfluſſe tau⸗ ſend thieriſche und blutduͤrſtige aberglaͤubiſche Gebraͤu⸗ che hinweggeſchwunden ſind; daß dle Vielweibere abgeſchafft worden iſt, und mit der Vielweiberei alle Hinderniſſe, die ſie dem haͤuslichen Gluͤcke, ſo wie der Erziehung der Jugend und der natuͤrlichen und ſtufenweiſen Entwickelung der Civiliſation der Staats⸗ geſellſchaften entgegenſtellt. Sie haͤtten dann ein⸗ geſtehen muͤſſen, daß die Sklaveret, die ſie mit ſo großem Abſcheu betrachteten, oder zu betrachten vor⸗ gaben, durch den Einfluß der chriſtlichen Lehre anfaͤnglich ſtufenweiſe gemildert und endlich g inz abgeſchafft wur⸗ W. Seott's Werke. NXXV., 58— 3 66 de,— daß es keine einzige Tugend gab, welche die Veredlung der Menſchheit, oder die Verbeſſerung der Geſellſchaft bezweckte, die nicht durch die Leh⸗ ren, welche ſie in einem ſo nachtheiligen Lichte dar⸗ zuſtellen und zu verkleinern ſich bemuͤhten, einge⸗ ſchaͤrft worden waͤre,— kein einziges Laſter, durch das die Menſchheit entehrt und die Geſellſchaft ge⸗ faͤhrdet wird, gegen welches das Chriſtenthum nicht einen feierlichen Bannfluch ausgeſprochen haͤtte. Sie wuͤrden auch, in ihrer Eigenſchaft als Philoſophen, die beſondere Angemeſſenheit der chriſtlichen Reli⸗ gion nicht fuͤr alle Staͤnde und Lagen des menſch⸗ lichen Geſchlechtes, ſondern auch fuͤr alle Himmels⸗ ſtriche und alle Zuſtaͤnde der Geſellſchaft in Betracht: gezogen haben. Auch haͤtte es ihnen nicht entgehen ſollen, daß das Syſtem dieſer Religion den Schluͤſſel zu jenen Schwierigkeiten, Zweifeln und Geheimniſ⸗ ſen enthaͤlt, die den menſchlichen Geiſt ſtets beunru⸗ higen, ſobald er ſich uͤber die nur die Sinne anzie⸗ henden Gegenſtaͤnde erhoben hat. Milton hat das Labyrinth der Methaphyſik und den. verwirrten Zu⸗ ſtand der Seele, den ſie erzeugt, zu einem Theile der Beſchaͤftigung, und vielleicht der Strafe, der niedern Regionen gemacht. Das Chriſtenthum al⸗ lein bietet einen Schluͤſſel. fuͤr dieſen Irrgang, eine Loͤſung, dieſer duͤſteren und entmuthigenden Zweifel dar; und moͤgen auch ſeine Lehren fuͤr das ununter⸗ ſtuͤzte Fleiſch und Blut hart und ſtrenge ſeyn, ſo 67 kann man doch, da⸗ ſte das Syſtem des Woltalls, das ohne ſie ſo unbegreiflich iſt, erklaͤren, und durch ih⸗ ren praktiſchen Einftuß die Menſchen in allen Zeit⸗ altern zur. Ausfuͤhrung ihrer Rollen in bem allgemel⸗ nen Plane faͤhiger machen, kaum begreifen, wie die⸗ jenigen, deren angebliches Streben nach Weisheit ging, die Religion nicht blos mit jener Gleichgal⸗ tigkeit, dem einzigen Gefuͤhle, das die heidniſchen Philoſophen gegen die grobe Goͤtterlehre ihrer Zeit au den Tag legten, ſondern auch mit Haß, Bosheit und jeder Art von. Liebloſigkeit behandeln konnten. Man haͤtte eher erwarten koͤnnen, daß Maͤnner, die von dem aͤchten Geiſte der Wahrheitsliebe und der Weisheit beſeelt zu ſeyn vorgaben, wenn ſie ungluͤck⸗ licherweiſe ſich noch nicht uͤberzeugen konuten, daß eine, der Gottheit ſo wuͤrdige Religion(wenn ein ſolcher Ausdruck gebraucht werden darf) ihre unmit⸗ telbare Quelle in einer goͤttlichen Offenbarung hatte, die Beſcheidenheit gehabt habe, den Finger auf den Mund zu legen, und ihrem Urtheile zu mißtrauen, ſtatt den Glauben Anderer zu ſtoͤren; oder, wenn ſie in ihrer Unglaͤubigkeit beſeſtigt waren, ſich wenig⸗ ſtens Zeit und Muͤhe genommen haben wuͤrden, um zu unterſuchen, was durch das Ausreißen eines Bau⸗ mes, der ſo gute Fruͤchte trug„ gewonnen werden kannte, in Betracht der Unmoͤglichkeit, ihn durch ir⸗ 54. 68 gend etwas dem Geneiaaßl⸗ ebenſp Erſprießliches zu erſetzen. Waͤhrend die ansgezeichnetſten und talentvollſten Koͤpfe in Frankreich ſich ungluͤcklicherweiſe durch Selbſt⸗ taͤuſchung verblenden und durch Streitſucht erhitzen ließen, indem ſie ihren literarlſchen Stolz dadurch befriedigten, daß ſie Mitglieder eines Bundes wur⸗ den, dem Koͤnige und Fuͤrſten angehoͤrten, und ſich Anhaͤnger verſchafften, indem ſie der Eitelkeit der Einen ſchmeichelten, und die Luͤſternheit Anderer auf⸗ relzten, wurden ſie endlich zu einer Art Kreuzzug gegen das Chriſtenthum, und in der That gegen die religibſen Geundſaͤtze aller Art, verbuͤndet. Welche Erſolge ſie errangen, iſt nur zu allgemein bekannt; und wenn man bedenkt, daß die Gelehrten, die mit der Undtergrabung der Sittlichkeit und der Religion ſo vieler Buͤrger Frankreichs endigten, zuerſt durch den Schuz der hoͤhern Staͤnde zu oͤff feentlicher Achtung gelangt waren, ſo iſt es unmoͤglich, nicht an den iſrae⸗ litiſchen Helden zu denken, der, in das Haus des Dagan gebracht, um die ſeſtliche Verſammlung zu ergoͤßen, damit endete, daß er die Gaͤſte und ſich ſelbſt unter den Truͤmmern deſſelben begrub. Wir wollen nicht die ganze franzoͤſiſche Nation der Lauheit im reltgisſen Glauben und der Verdorben⸗ heit der Sitten b 23 haupten wir, da Pedol ausbrach, ihre Quelle ausſchließlich in der Sitten⸗ ₰ℳ 69 loſigkeit und in dem Unglauben hatte, die baſelbſt nur zuſehr im Gange waren. Die Nothwendigkeit einer großen Veraͤnderung in den Grundſaͤtzen der alten franzoͤſiſchen Monarchie war aus den Eingrif⸗ fen der fruͤhern Koͤnige in die Freiheiten der Unter⸗ thanen entſprungen, und die Gelegenheit zur Aus⸗ fuͤhrung dieſer Veraͤnderung bot 1ch durch die Schwa⸗ che und finanziellen Verlegenheiten der gegenwaͤrti⸗ gen Regierung dar. Dieſe wuͤrden vorhanden gewe⸗ ſen ſeyn, haͤtten ſich der franzoͤſiſche Hof und die hern Staͤnde unablaͤſſig durch die einfachen und tu⸗ gendhaften Sitten Spartas, in Verbindung mit dem ¹) 02 ſtarken und reinen Glauben der erſten Chriſten, aus⸗ gezeichnet. Der Unterſchieb lag darin, daß ein cin⸗ faches, tugendhaftes und religioſes Volk ſich mit den⸗ jenigen Umwandlungen und Verbeſſerungen in ſeiner Regicrungsverfaſſung begnuͤgt haben wuͤrde, wodurch die Uebel, uͤber die ſie ſich gerechterweiſe und drin⸗ gend zu beklagen hatten, eutfernt geworden waͤren. Sie wuͤrden ſich bemaͤht haben, offenbare und prak⸗ tiſche Irrthuͤmer in dem politiſchen Koͤrper zu ver⸗ beſſern, ohne ſich zu Extremen hinreißen zu laſſen, ſei es nun durch den Wunſch, traͤumeriſche Theorien in die Wirklichkeit einzufuͤhren, und die Eitelkeit, ihren beſondern philoſophiſchen oder politiſchen Leh⸗ ren Anſehen und Guͤltigkeit zu verſchaffen, oder durch die ſelbſtſädrigen Schluffe der Demagogen, die in der Poſſnung ihre Lage durch Relchthuͤmer zu verbeſſern, 70 oder ſich fuͤr ihre ehrgeizigen Wuͤnſche einen Spiel⸗ raum zu eroͤffnen, nach dem Ausdrucke eines drama⸗ tiſchen Dichters, die Elemente der Geſellſchaft in Verwirrung zu bringen ſtrebten und ſo 3—„Den Frieden aller Welt vernichten wollten, um in dem wild'ſten Strudel ſte zu lenken. Solchen Menchen uͤberließ der Himmel, um Frankreich und Enropa fuͤr ihre Suͤnden zu zuͤchti⸗ gen und vielleicht um der Menſchhett eine ſchreckliche Lehre zu geben, die Leitung der franzoͤſiſchen Revo⸗ lution, deren urſpruͤngliche Bewegungen, inſofern ſie die Wiederherſtellung der natuͤrlichen Freiheit des Vol⸗ kes, und die Vernichtung der Anmaßungen der Krone bezweckten, nicht nur durch die Veraͤnderung der Zei⸗ ten und den Einfluß der oͤffentlichen Meinung wuͤn⸗ ſchenswerth, ſondern auch durchaus nothwendig und unvermeldlich geworden waren. 1 Das Lehenſyſtem Frankreichs, wie das des uͤbrigen Europa, trug in ſeiner, urſpruͤnglichen Ein⸗ richtung alle Keime der Volksfreiheit in ſich. Die großen Pairs, in deren Haͤnde die allgemeine Ver⸗ theidigung gelegt war, erkannten die Gewalt des Koͤnigs als Oberlehensherrn.(Kuzerain) an, ſie ge⸗ horchten ſeinen Befehlen als ihrem kriegeriſchen Oberhaupte, und erſchienen bei ſeinen Gerichtsſitzun⸗ gen, als vor ihrem hoͤchſten Richter; allein ſie ge⸗ ſtanden der Krone keine despotiſche Gewalt zu, und waren bereit, die geringſten Eingriffe in ihre Rechte —— 21 abzuwehren. Wenn ſie ſelbſt es mit den Rechten und Freiheiten ihrer eigenen Vaſallen nicht ſo genau nahmen, ſo floßen ihre gewaltthaͤtigen Handlungen nicht aus dem Feudalſyſtem, ſondern blos aus deſ⸗ ſen Unvollkommenheiten. Die Tendenz und der Geiſt dieſer ſonderbaren Einrichtungen gingen da⸗ hin, jedem Ind ividuum ſeine gerechten und natuͤr⸗ lichen Anſpruͤche zu bewahren; allein ein faſt rein militaͤriſches Syſtem konnte leicht von dem Gefuͤrch⸗ tetſten unter den Kriegern gemißbraucht werden, und war zu dem nicht ſehr geeignet, rein buͤrgerliche Rechte zu ſchuͤtzen. Es iſt unnoͤthig, von den Tagen Ludwigs des Dreizehnten an, die Art und Weiſe zu zeichnen, auf welche ehrſuͤchtige Mouarchen, von geſchickten und klugen Miniſtern unterſtuͤtzt, ſich von den Feſ⸗ ſeln ihrer maͤchtigen Vaſallen zu befreien ſuch⸗ ten, oder auf welche die Abkoͤmmlinge jener hohen Lehensmaͤnner, welche den Fuͤrſten in die Schranken wieſen, ſobald er die Graͤnzen der geſetzmaͤßigen Ge⸗ walt uͤberſchritt, jetzt um den Thron, in der Eigen⸗ ſchaft von bloßen Hoͤflingen oder Trabanten, gereiht waren, und ihren Glanz einzig und allein von der Gunſt des Koͤnigthums borgten. Dieſe unſelige und kurzſichtige Politik hatte jedoch ihr Ziel erreicht, und die Krone in ihr Vorrecht beinahe alle Freiheiten der franzoͤſiſchen Nation zuſammengedraͤngt; und jetzt hatte ſie, gleich einem von Beute uͤberfuͤllten 72 Tdhiere, Urſache, ihre unheilvolle Gefraͤßigkeit zu be⸗ klagen, da ſie beinahe ganz huͤlflos den Angriffen derer, die ſie beraubt hatte, preisgegeben dalag. Wiy haben bereits bemerkt, daß eine geraume Zeit hindurch die Liebe des Franzoſen zu ſeinem Vaterlande auf die Krone uͤbergegangen war; daß ſein nationales Vergnuͤgen an Kriegsruhm ſeine An⸗ haͤnglichkeit dem Monarchen, als dem Anfuͤhrer ſei⸗ ner Heere, zuwandte; und daß dieſe Geſinnung die Ergebenheit der Nation gegen Ludwig den XIV, nicht blos waͤhrend ſeiner Siege, ſondern auch waͤh⸗ rend ſeiner Unfaͤlle, ungeſchwaͤcht erhalten hatte. Allein die folgende Regierung hatte weniger Ver⸗ fuͤhreriſches fuͤr die Einbildungskraft. Die Auffuͤh⸗ rung eines Pallaſtes erwirbt der Nation den Ruf der Prachtliebe, und die Feier oͤffentlicher und glaͤnzender Feſtlichkelten verſchafft dem Volke wenig⸗ ſtens das Vergnuͤgen eines Feſttags. Die Penſio⸗ nen, welche Kuͤnſtlern und Gelehrten zugetheilt wer⸗ den, ſind ehrenvoll fuͤr das Land, das die Kuͤnſte beguͤnſtigt und aufmuntert; allein der Hof Ludwigs XV, obſchon er eben ſo viel Aufwand machte, war ſelbſtſuͤchtig in ſeiner Verſchwendung. Die Berei⸗ cherung duͤrftiger Guͤnſtlinge, ſeiner Verwandten und Schmeichler hatte nichts von der blendenden Pracht des großen Koͤnigs; und waͤhrend die Auflagen taͤglich druͤckender fuͤr die Unterthanen wurden, ge⸗ reichte nicht nur die Art, auf welche das oͤffentliche — 73 Einkommen verwendet wurde, dem Hofe und der Nation weniger zur Ehre, ſondern verlor auch den ſchimmernden Glanz, der den untern Volksklaſſen, die ſich durch Gepraͤnge und Flittertand ſo gerne er⸗ goͤtzen laſſen, ſtets Vergnuͤgen gewaͤhrt. Der Troſt, den die Einbildungskraft der Fran⸗ zoſen in dem Kriegsruhme ihrer Nation gefunden hatte, ſchien ebenfalls im Begrif, ihnen zu entge⸗ hen. Die Tapferkeit der Truppen blieb dieſelbe; allein das Genie der Befehlshaber, und das Gluͤck des Monarchen, unter deſſen Auſpizien ſie fochten, hatten ſie großentheils verlaſſen, und Frankreichs Schickſal ſchien ſich raſch ſeinem Falle zu nahen. Der Sieg von Fontenoy war alles, was den zahl⸗ reichen Unfaͤllen des ſiebenjaͤhrigen Kriegs, in wel⸗ chem Frankreich faſt bei jeder Gelegenheit geſchlagen wurde, gegenuͤber geſtellt werden konnte; es war da⸗ her kein Wunder, daß unter einer Regierung, in deren Gefolge ſo viele Gegenſtaͤnde der Kraͤnkung erſchienen, die ſchwaͤrmeriſche Anhaͤnglichkeit des Volks an ſeinen Souveraͤn zu erkalten begann. Der Koͤnig hatte ſo vlele Gewalt in ſeiner eigenen Per⸗ ſon vereinigt, daß er fuͤr jedes Fehlſchlagen und Un⸗ gluͤck, das dem Lande zuſtieß, gleichſam perſoͤnlich verantwortlich geworden war. In dieſe Gefahr ge⸗ rathen unumſchraͤnkte Monarchen; ſie ſehen ſich al⸗ len Vorwuͤrfen des Volks wegen ſchlechter Verwal⸗ tung ausgeſetzt, gegen welche die Koͤnige in gemaͤßig⸗ 74 ten Regierungen durch die Dazwiſchenkunft der an⸗ dern Staatsgewalten, und die Verantwortlichkeit der Miniſter fuͤr die Maßregeln, welche ſie vorſchla⸗ gen, großentheils geſchuͤtzt ſind, waͤhrend derjenige, welcher die hoͤchſte Stufe und die eigentliche Spitze der Gewalt erſtiegen hat, kein Obdach mehr hat, das ihn gegen den Sturm ſchuͤtzen koͤunte. Eine andere und hoͤchſt wichtige Urfache erhoͤhte das ſteigende Mißvergnuͤgen, mit welchem die Fran⸗ zoſen des achtzehnten Jahrhunderts auf die Regie⸗ rung, unter der ſie lebten, zu blicken begannen. Gleich Menſchen, die aus einem lieblichen Traume erwacht ſind, verglichen ſie ihre eigene Lage mit der Lage der Buͤrger freier Staaten, und machten die Bemerkung, daß ſie den groͤßten Theil der ſchaͤtzbar⸗ ſten Freyheiten, die der Menſch als ein natuͤrliches Recht anſprechen kann, entweder niemals genoſſen hatten, oder derſelben nach undenach beraubt wor⸗ den ſeyen. Sie hatten keine Volksvertretung irgend einer Art, und waren, die ſchwache Schutzwehr, welche ihnen die Gerichtshoͤfe oder Parlamente gewaͤhrten, abgerechnet, unbegraͤnzter Bedruͤckungen, die einzig und allein von der Willkuͤhr des Souveraͤns abhin⸗ gen, unterworfen. Das Eigenthum der Nation war daher der Krone zur Verfuͤgung geſtellt, welche die Steuern nach Gutdunken erhoͤhen und mit Gewalt eintreiben konnte, wenn Gewalt noͤthig war. Auf gleiche Weiſe war die perſoͤnliche Freiheit des Buͤr⸗ vV 25 gers durch lettres de eaehet Angriffen bloßgeſtellt. Kurz, das franzöſiſche Volk hatte, ſtreng genommen, weder Freiheit noch Eigenthum, und wenn es nicht in der Wirklichkeit alle die Nachtheile zu dulden hatte, welche eine fo ſchlechte Regierung ankuͤndigt, ſo kam dies daher, daß die oͤffentliche Meinung, der mildere Geiſt des Zeitalters und die Gutmuͤthigkeit der Koͤnige ſelbſt in dem achtzehnten Jahrhunderte die grauſamen und deſpotiſchen Auftritte nicht wie⸗ der ins Leben treten ließen, die Lndwig XIdrei Jahr⸗ hunderte fruͤher herbeigefuͤhrt hatte. Dieſe Mißbraͤuche und⸗ andere, welche aus den unverhaͤltnißmaͤßigen Vorrechten des Adels und der Geiſtlichkeit entſprangen, die von jedem Beitrage zur Beſtreitung der Staatsbeduͤrfniſſe freigeſprochen waren; die ungleiche Art der Steuer⸗Erhebung, und andere große Fehler der Verfäſſung; vor Allem aber die gaͤnzliche Verſchlingung jedes Rechts und jedes Anſehens durch die Perſon des Souveraͤns,— dieſe waren ihrer Natur nach zu grob, und in ihren Folgen zu zerſtörend, als daß ſie einer tiefen Unter⸗ ſuchung von Seiten denkender Menſchen, und einem brennenden Haſſe von Seiten derer, welche mehr oderwe⸗ niger unter den wirklichen Uebeln litten, haͤtten ent⸗ gehen koͤnnen. Beſonders waren ſie der Beobachtung und Ruͤge der ſcharfſinnigen Forſcher und tiefen Denker, welche bereits die Fuͤhrer des Zeitalters geworden, nicht 75 entgangen; allein der Despotismus, unter welchen. ſie lebten, ließ dieſe Spekulationen keinen praktiſchen und nuͤtzlichen Karakter annehmen. In einem freien Lande iſt es den Verſtaͤndigen und Gelehrten nicht nur erlaubt, ſondern ſie werden ſogar aufgefordert, die Einrichtungen, unter welchen ſie leben, zu unter⸗ ſuchen, ſie gegen die Einfluͤſterungen raſcher Neuerer zu vertheidigen, oder die Veraͤnderungen vorzuſchla⸗ gen, die der Fortgang der Zeit und die Veraͤnde⸗ rung der Sitten nothwendig gemacht haben kännen. Ihre Unterſuchungen bezwecken daher hoͤchſt wohl⸗ thaͤtigerweiſe die Verbeſſerung der beſtehenden Re⸗ gierung, nicht aber ihre Zerſtoͤrung, und wenn ſie theilweiſe Veraͤnderungen vorſchlagen, ſo geſchieht es blos in der Abſicht, den uͤbrigen Theil des Ge⸗ baͤndes zu erhalten. Allein in Frankreich war eine freie Eroͤrterung uͤber politiſche Gegenſtaͤnde eben ſo wenig als uͤber religioſe geſtattet. Eine Abhandlung uͤber die franzoͤſiſche Monar⸗ chie, welche die Mittel angegeben haͤtte, wodurch man die beſtehenden Einrichtungen mit den Wuͤnſchen und Beduͤrfniſſen des Volks haͤtte in Einklang bringen koͤnnen, wuͤrde ihrem Verfaſſer einen Platz in der Baſtille verſchafft haben; und doch haben die nach⸗ folgenden Ereigniſſe bewieſen, daß ein Syſtem, das auf eine kluge Art und ſtufenweiſe in das verfallene Gehaͤuſe der franzoͤſiſchen Regierung den Geiſt der Freiheit, der urſpruͤnglich in jeder Feudalmonarchie 7⁷ einheimiſch war, eingefuͤhrt hatte, die ſchaͤtzbarſte Wohlthat geweſen waͤre, welche die politiſche Weis⸗ heit dem Lande haͤtte erweiſen koͤnnen. Die Bande, welche den Unterthanen ſo ſchmerzlich druͤckten, wuͤr⸗ den auf dieſe Art immer lockerer geworden und end⸗ lich ganz verſchwunden ſeyn, ohne daß man den ge⸗ faͤhrlichen Ausweg haͤtte waͤhlen durfen, ſie alle auf einmal zu ſprengen. Allein die Philoſophen, welche ſicherlich zu dieſem Ende Talente genug befaßen, durf⸗ ten auf den Zuſtand der franzoͤſiſchen Regierung die urſpruͤnglichen Grundſaͤtze nicht anwenden, auf die ſie anfaͤnglich gegruͤndet ward, oder die Art bezelch⸗ nen, auf welche Eingriffe und Mißbraͤuche eingeriſſen waren, und ein Mittel vorſchlagen, durch das dieſe Anmaßungen unterdruͤckt, und dieſe Mißhbraͤuche haͤt⸗ ten abgeſtellt werden koͤnnen, ohne daß dadurch die Geſtalt der Negierung veraͤndert geworden waͤre. Ein Schriftſteller hatte in der That die Freiheit, uͤber allgemeine Staatslehren alle moͤglichen Betrach⸗ tungen anzuſtellen; er durfte ſich ein Utopien oder Atalantis ſchaffen, und nach abſtrackten Ideen die Rechte darthun, welche die urſpruͤngliche Grundlage der Reglerungen bilden; allein er durfte die Reſul⸗ tate ſeines Nachdenkens in keinem Falle dadurch prak⸗ tiſch nuͤtzlich machen, daß er ſie den Municipalein⸗ richtungen Frankreichs anpaßte. Der politiſche Weiſe befand ſich, ſeinem Vaterlande gegenuͤber, in der La⸗ ge eines Arztes, der Vorfchriften uͤr die Fayorttin 78 irgend eines eiferſuͤchtigen Despoten ertheilt, die er geſund machen ſoll, ohne ſie zu ſehen, und ohne von ihrer Krankheit, deren Symptomen und Fortſchritten genau unterrichtet zu werden. Auf dieſe Weiſe wurde die Theorie der Regierung von der Praktik ſorgfaͤl⸗ tig getrennt. Der politiſche Philoſoph konnte, wenn es ihm gefiel, uͤber die erſtere ſpekuliren; allein es ward ihm, unter Androhung ſtrenger perſoͤnlicher Beſtrafung, verboten, den Gegenſtand durch ir⸗ gend eine Anſpielung auf die letztere zu erlaͤutern. So machte Montesquleu's. beredtes und tiefes Werk ſich's zwar zur Aufgabe, die allgemeinen Rechte des Volks, und die Grundſaͤtze, auf welchen die Re⸗ gierung ſelbſt beruht, zu erlaͤutern; allein man ſucht in ihm vergebens die Art und Weiſe, auf welche die⸗ ſelben zur Verbeſſerung der Konſtitution ſeines Lan⸗ des haͤtten benuͤtzt werden koͤnnen. Er legte dem Kranken eine heilkuͤnſtleriſche Abhandlung uͤber die Krankheiten im Allgemeinen vor, ſtatt einer beſon⸗ dern Vorſchrift fuͤr ſein beſonderes Uebel. InFolge dieſer unſeligen Beſchraͤnkungen, denen man offene und maͤunliche politiſche Unterſuchungen unter⸗ warf, wurde die franzoͤſiſche Regierung, in ihrem wirkli⸗ chen Zuſtande, nie als der Verbeſſerung oder Wiederge⸗ burt faͤhig dargeſtellt; und waͤhrend allgemeine und ahſtrakte Lehren von angeborner Freiheit allexorten der Gegenſtand von Lobeserhebungen waren, be⸗ ſchäftigte man ſich keinen Augenblick mit der Unter⸗ 79 ſuchung, auf welche Art dieſe neuen und freiſinnige⸗ ren Grundſaͤtze zur Verbeſſerung des beſtehenden Syſtems angewendet werden koͤnnten. Daraus mußte man den natuͤrlichen Schluß ziehen, daß die monar⸗ chiſche Regierung in Frankreich entweder ganz voll⸗ kommen war, und folglich keiner Umaͤnderung be⸗ durfte, oder daß ſie, ganz. unvereinbar mit den Freiheiten des Volkes, keiner Umaͤnderung faͤhlg war. Niemand war ſo kuͤhn, ihr die erſtere Eigen⸗ ſchaft beizulegen, und am allerwenigſten diejenigen, welche in ihren Rathsverſammlungen den Vorſitz fuͤhrten, und die Unvollkommenheit des Syſtems da⸗ durch anzuerkennen ſchienen, daß ſie jede Eroͤrterung uͤber dieſen Gegenſtand verboten. Es ſchien ſich daher, nach den Regeln einer geſunden Logik, hie⸗ raus der Schluß zu ergeben, daß zur Erlangung der Vortheile, welche die neuen Lehren verſprachen, und die ſo wuͤnſchenswerth waren, und ſo ſehnlichſt ge⸗ wuͤnſcht wurden, eine gaͤnzliche Abſchaffung der beſte⸗ henden Regierung eine unumgaͤnglich nothwendige Vorbereitung ſei. Dieſe Meinung war unzweifel⸗ haft zur Zeit der Revolution ſo vorherrſchend, daß ſie jede ſtandhafte oder entſchloſſene Gegenwehr zur Vertheidigung wenigſtens derjenigen beſtehenden Einrichtungen Frankreichs, die mit der vorgeſchlage⸗ nen Reform haͤtten verſchmolzen werden koͤnnen, ver⸗ hinderte. Waͤhrend man auf dieſe Art jede praktiſche Er⸗ 80 oͤrterung uͤber die franzoͤſiſche Staatsverfaſſung, als einen Gegenſtand, der entweder uͤber oder unter der philoſoyhiſchen Unterſuchung ſtand, in denjenigen Werken, welche von buͤrgerlichen Rechten handelten, ſorgfaͤltig vermied, wurde die engliſche Konſtitution mit ihren Gegengewichten und Gegengewalten, ihren freiſinnigen, die Gleichheit der Rechte ausſprechenden Grundſaͤtzen, der Sicherheit, welche ſie der perſoͤnlt⸗ chen Freiheit und dem Privateigenthume gewaͤhrt, und der unbeſchraͤnkten Freiheit der Unterſuchung uͤber Dinge jeder Art, natuͤrlich der Gegenſtand ho⸗ her Lobſpruͤche unter denen, welche in ihren Lands⸗ leuten das Gefuͤhl der Wohlthaten einer nationalen Freiheit erwecken wollten. Die Zeit war vorbei, wo, wie in den Tagen Ludwigs XIV., die Franzoſen auf die Einrichtungen der Englaͤnder mit Verachtung blickten, und ſie blos fuͤr Kaufleute und Kraͤmer tauglich, allein eines kriegeriſchen Volkes, das ſeinen Stolz in ſeine Unterwuͤrfigkeit gegen ſeine Edlen ſetzte, wie dieſe den ihrigen in den Gehorſam gegen ihren König, fuͤr unwuͤrdig hielten. Dieſes Vorur⸗ theil war laͤngſt verſchwunden, und die Franzoſen bewunderten jetzt, nicht ohne Neid, das edle Syſtem maͤnnlicher Freihelt, das durch die anhaltenden Bo⸗ muͤhungen ſo wieler Patrioten in einer ſo langen Reihe von Jahren befeſtigt worden war. Eine plotk⸗ liche Umwaͤlzung ſchien in ihren allgemeinen Geſin⸗ nungen gegen ihre Nachbarn einzutreffen, und Frank⸗. 3 1 reich⸗ 81 reich, das dem ganzen Europa, in Sachen der Mode, ſo lange Geſetze vorgeſchrieben hatte, ſchien jetzt ſelbſt geneigt, die einfacheren Formen und Trachten ſei⸗ nes alten Nebenbuhlers zu entlehnen. Die Sucht, die Englaͤnder nachzuahmen, wurde ſelbſt bis zur Al⸗ bernheit getrieben. Nicht allein nahmen Franzoſen von Stand, der Etikette zum Trotz, den runden Hut und den Frack an,— nicht nur hatten ſie eng⸗ liſche Wagen, Hunde und Pferde, ſondern es wur⸗ den ſogar engliſche Kellner gemiethet, damit fran⸗ zoͤſiſche Weine mit dem England eigenen Anſtande auf die Tafel geſtellt wuͤrden. Dies waren in der That bloße Auswuͤchſe einer bis zum Uebermaße ge⸗ triebenen Modeſucht; allein, gleich dem oben auf den Wellen ſchwimmenden Schaume verriethen ſie die Tiefe und Staͤrke der untern Waſſer, und, unbedeu⸗ tend an und fuͤr ſich ſelbſt, waren ſie dadurch furcht⸗ bar, daß ſie die Verachtung bewieſen, mit der die Franzoſen jetzt alle diejenigen Formen und Gebraͤu⸗ che betrachteten, die bis auf dieſe Zeit ihrem Vater⸗ lande eigenthuͤmlich geweſen waren. Dieſer Nachah⸗ mungsgeiſt ſtieg bis zu einer ſo unmaͤßigen Hoͤhe, daß er mit dem gluͤcklichen Namen Anglomanie be⸗ legt wurde. 9 3) Man führt hievon ein Beiſpiel an, das an und kür ſich ſpaßhaft, allein, mit den nachherigen Ereigniſſen in Verbin⸗ S. Scott's Werke. XXV. 6 8² Waͤhrend die jungen franzoͤſiſchen Stutzer mit dieſer Nachaͤfferei der engliſchen Gebraͤuche emſig be⸗ ſchaͤftigt waren, und die aͤußern Zeichen ihres Ran⸗ ges, die ſtets einige Wirkung auf den Poͤbel hervor⸗ bringen, aufgaben, analiſirten denkende Maͤnner die⸗ jenigen Grundſaͤtze der brittiſchen Regierung, die den Nationalkarakter gebildet, und dieſem Lande die Mittel verſchafft haben, ſich von ſo vielen Unfaͤllen zu erholen, und unter den Koͤnigreichen Europas ein mit ſeiner Bevoͤlkerung und Ausdehnung in einem ſo großen Mißverhaͤltniſſe ſtehendes Uebergewicht zu behaupten. Was die Herrſchaft der engliſchen Meinungen, in Frankreich ſelbſt, uͤber die Meinungen franzoͤſiſchen uUrſprungs vollendete, waren die Folgen des amerika⸗ niſchen Krieges. Diejenigen aͤchten Franzoſen, welche dung gebracht, beinahe prophetiſch iſt. Ein von der Tages⸗ ſtere durch und durch angeſteckter Hofmann ritt in vollem Traße neben dem Wagen des Königs her, ohne zu bemerken, daß die Hufen ſeines Pferdes Koth in die königliche Karoiſe warfen.„Vons me crottez, Monsieur“! ſagte der König. Der Reuter glaubte, die Worte lauten:„Vous trottez“ und der Fürſt mache ihm wegen ſeiner Geſchicklichkeit im Reiten ein Kompliment; er antwortete daher;„Oui, Sire, à PAàng. laise.“ Der gutmüthige Monarch zog das Glasfenſter vor und ſagte blos zu dem Edelmann, der neben ihm im Wa⸗ gen ſaß:„Voila une Anglomanie bien forté.” Ach! der unglückliche Fürſt mußte es erleben, daß Englands Veiſpiel⸗ in deſſen unſeligſtem Zeitpunkte, in einer ſo furchtbaren Aus⸗ dehnung befolgt wurde. 7 es unter ihrer Wuͤrde hielten, die Geſinnungen poli⸗ tiſcher Freiheit von England zu borgen, konnten ſie jetzt von einem Lande herleiten, das nicht nur kein Nebenbuhler Frankreichs war, ſondern in dem das letztere ſogar den Feind der Inſel anerkannte, die es, aus Politik oder Vorurtheil, ſeinen natuͤrlichen Feind nannte. Der tiefe Anthell, den die Fran⸗ zoſen an dem Gluͤcke der amerikaniſchen Inſurgenten laut zu erkennen gaben, lief zwar den Intereſſen ih⸗ rer Regierung, oder vielleicht der Nation im Gan⸗ zen ſchnurſtracks entgegen; allein er war aus zu vie⸗ len Beſtandtheilen, die auf alle Staͤnde einwirkten, zuſammengeſetzt, als daß er durch kalte Ruͤckſichten politiſcher Klugheit haͤtte uͤberwaͤltigt oder zum Schwei⸗ gen gebracht werden koͤnnen. Der ſtets nach kriege⸗ riſcher Ehre duͤrſtende Adel wuͤnſchte im Allgemei⸗ nen den Krieg, und die meiſten Mitglieder deſſelben liehen, als Zoͤglinge der beruͤhmten Encyclopaͤdie, ihre Schwerter mit doppeltem Vergnuͤgen der Sa⸗ che der Freiheit. Die Staatsmaͤnner glaubten in dem Waffengluͤcke der amerikaniſchen Inſurgenten den gaͤnzlichen Sturz des engliſchen Reiches, oder wenigſtens ein tiefes Herabſinken von jener Hoͤhe des Anſehens, die es bei dem Frieden von 1763 er⸗ reicht hatte, zu erblicken. Sie drangen daher unge⸗ ſtuͤmm in Ludwig XVI von der bisher vergebens ge⸗ ſuchten Gelegenheit, einen ſy furchtbaren Nebenbuh⸗ — 6. 84 ler zu demuͤthigen, Gebrauch zu machen. In den Hofzirkeln, und beſonders in der Umgebung der Ma⸗ rie Antoinette, hatten die amerikaniſchen Abgeord⸗ neten die Geſchicklichkeit oder das Gluͤck gehabt, be⸗ liebt zu werden, da ſie ſich in ſie mit Sitten und Geſinnungen miſchten, die denen der Hoͤfe und Hoͤf⸗ linge ganz entgegengeſetzt waren, und mitten in ei⸗ ner aufs hoͤchſte getriebenen Verfeinerung in Tracht, Sprache und Lebensart eine republikaniſche Einfach⸗ heit zeigten, die ſowohl durch den Kontraſt, als auch durch die Talente, die Beujamin Franklin und Si⸗ las Deane nicht nur in diplomatiſchen Geſchaͤften, ſondern auch im geſellſchaftlichen Umgange, entwickelte, hoͤchſt anziehend wurde. Durch dieſe und andere zu⸗ ſammengekommenen Urſachen angetrieben, ward eine despotiſche Regierung, deren Unterthanen bereits durchgaͤngig mit ſeindſeligen Meinungen gegen ihre Kirchen⸗ und Staatsverfaſſungen erfuͤllt waren, und die von einem mißvergnuͤgten Volke und einem nahen Staatsbankerotte bedroht war, wie durch ein un⸗ ſeliges Verhaͤngniß, in einen Streit uͤber Grundſaͤtze ge⸗ worfen, die ganz unvereinbar mit ihrem Daſein waren. Der Koͤnig, ſei es, daß er die Ausgaben eines verderblichen Krieges fuͤrchtete, oder durch die Fort⸗ ſchritte der demokratiſchen Grundſaͤtze bereits in Schranken geſetzt war, oder mit England auf freund⸗ ſchaftlichem Fuße bleiben wollte, war faſt allein der Meinung, es ſollte ein ſtaͤrkerer Beweggrund fuͤr 85 den Krieg vorhanden ſeyn, als die bloße Gelegen⸗ heit, ihn mit Erfolg zu fuͤhren; der Koͤnig wider⸗ ſetzte ſich daher, faſt allein, dieſem großen politiſchen Irrthume. Dies war nicht die einzige Gelegenheit, bei der er, obſchon weiſer, als ſeine Raͤthe, doch ih⸗ rer Zudringlichkeit Meinungen aufopferte, die auf ein unbefangenes Rechtsgefuͤhl und einen anſpruchsloſen, geſunden Menſchenverſtand gegruͤndet waren. Ein richtiges Urtheil und ein geſundes ſittliches Gefuͤhl waren die Haupteigenſchaften dieſes trefflichen Fuͤr⸗ ſten, und gluͤcklich! haͤtte er mit ihnen ein groͤßeres Vertrauen auf ſich ſelbſt und ein ſtaͤrkeres Mißtrau⸗ en gegen andere gepaart. Andere Rathſchlaͤge ſiegten uͤber die Privat⸗ meinung Ludwigs— der Krieg ward begonnen— gluͤcklich gefuͤhrt und ſiegreich beendigt. Wir haben geſehen, daß die franzoͤſiſchen Huͤlfstruppen ei⸗ nen empfaͤnglichen Sinn*) fuͤr die Grundſaͤtze der Freiheit, um deren willen die Kolonien die Waf⸗ fen gegen das Mutterland ergriffen hatten, mit nach *) Bereits hatten einige junge Enthuſtaſten die Annahnte re⸗ publikaniſcher Gewohnheiten bis zu der ganzen Höhe revolu⸗ tionärer Uebertreibung und Affektation getrieben. Graf Se⸗ gür erwähnt eines jungen Gecken, Namens Mauduit, der ſich bereits dadurch auszeichnete, daß er den gewöhnlichen Höflichkeitsformen des Lebens entſagte, und ſich durchaus nur bei jenem Tauf⸗ und Zunamen, mit Hinwegtaſſung des ge⸗ brüuchlichen Monsieur, nennen laſſen wolse. 86 Amerika brachten, und es iſt daher kein Wunder, wenn ſie hoͤchſt eingenommen fuͤr eine Sache, fuͤr die ſie Gefahren beſtanden, und bei der ſie Ruhm eingeerndet hatten, nach Frankreich zuruͤckkehrten. Die niedern Offiziere der franzoͤſiſchen Huͤlfsarmee, groͤßtentheils Leute von Geburt, den Anordnungen des franzoͤſiſchen Kriegsdienſtes gemaͤß, gehoͤrten faſt ausſchließlich der Klaſſe der Landadeligen an, die aus bereits angegebenen Gruͤnden, mit dem Syſteme, das ihr Emporkommen in dem einzigen Stande, dem ſie ſich nach ihren und Frankreichs Vorurtheilen wid⸗ men konnten, erſchwerte, durchaus nicht zufrieden waren. Die Plebejer, die ſich durch Nachſicht und indirekte Mittel in die Reihen des Heers eingedrun⸗ gen hatten, harrten ſehnlichſt auf irgend eine Ver⸗ aͤnderung, die ihrem Muthe, und ihrem Ehrgeize eine freie Laufbahn eroͤffnen wuͤrde. Sie waren da⸗ her verhaͤltnißmaͤßig unzufrieden mit neulich getrof⸗ fenen Einrichtungen, die darauf berechnet waren, ihr Emporkommen bei dem Heere noch ſchwieriger, als fruͤher zu machen*) Dieſe Geſinnungen theilten *) Früher konnten Plebejer in die Reihen des Heers eintreten, wenn ſie ſich die Unterſchrift vier Adeliger, die ihre pa⸗ triziſche Abkunft bezeugten, zu verſchaffen wußten; ſolche, wenn auch falſche Zeugniſſe konnte man ſtets vermittelſt einer ge⸗ ringen Summe erlangen. Atllein kraft einer Anordnung des Grafen Segür nach dem amerikaniſchen Kriege, mußten die Kanditaten für den Kriegsſtand noch zu den früher er⸗ 87 alle nicht patentirten Offiziere, und die Rei⸗ hen der gemeinen Soldaten, die jetzt insgeſammt, auf ihren Muth und ihr Gluͤck vertrauend, die Schran⸗ ken verwuͤnſchten, welche ihnen den Weg zur mili⸗ taͤriſchen Befoͤrderung verſchloßen. Die hoͤheren Of⸗ fiziere— Glieder des hohen Adels— waren groͤß⸗ tentheils junge Maͤnner von warmer Einbildungs⸗ kraft und voll von ehrgeizigen Entwuͤrfen. Nicht allein die Liebe zum Ruhme, ſondern auch eine en⸗ thuſiaſtiſche Anhaͤnglichkeit an die neue Philoſophie, und die politiſchen Grundfaͤtze, welche ſie einſchaͤrfte, hatten ſie zu den Waffen gerufen. Unter dieſe ge⸗ hoͤrten: Lafayette Rochambeau, die beiden Lameth, Chaſtellur, Seguͤr, und andere junge Maͤnner von eben ſo hohem Range, und der Sache des Volkes nicht minder ſchwaͤrmeriſch ergeben. Leicht vergaßen ſie in dem ſtuͤrmenden Fluge ihrer Einbildungskraft, daß ihr eigener Rang in der Geſellſchaft durch die Fortſchritte der Volksmeinungen gefaͤhrdet war, oder wenn ſie ſich auch erinnerten, daß ihrem Intereſſe auf dieſe Weiſe Gefahr drohe, ſo waren ſie, mit der edeln Uneigennuͤtzigkeit der Jugend, bereit, dem oͤf⸗ fentlichen Wohle alle ſelbſtſuͤchtigen Vorrechte ihres Standes aufzuopfern. Auf dieſe Art fuͤhrte die Ruͤckkehr der franzoͤ⸗ ſiſchen Armee aus Amerika den nun vorherrſchenden forderlichen Zeugniſſen einen Adelsſchein von dem königli⸗ chen Genealogen vorweiſen. 88 volksthuͤmlichen Meinungen eine ſtarke Huͤlfsmacht zu; und die franzoͤſiſche Liebe zum Kriegsruhme, die ſo lange Zeit die Schutzwache des Throns geweſen war, verſchmolz nun innigſt mit dem ausgezeichneten Theile des Heers, der die Anſpruͤche des Volkes ge⸗ gen die Rechte einer beſtehenden Regierung ſo eben erſt und ſo gluͤcklich vertheidigt hatte. Seine Lor⸗ beeren waren gruͤn und friſch, waͤhrend die bei der Vertheidigung der Sache der Monarchie erfochtenen nunmehr veraltet und durch die Unſterne des ſieben⸗ jaͤhrigen Kriegs verdunkelt waren. Schwaͤrmeriſch war die Aufnahme der ruͤckkehrenden. Krieger und ihrer Anfuͤhrer. Auch lag es bald am Tage, daß, wenn der ereignißvolle Kampf zwiſchen der beſtehen⸗ den Monarchie und ihren Gegnern zum Ausbruche kaͤme, die letztern an den Geſinnungen und vielleicht Handlungen jenes ausgezeichneten Theils des Heers, der eben erſt den militaͤriſchen Karakter Frankreichs gerettet und behauptet hatte, eine Stuͤtze finden wuͤrden. Dem gemaͤß verdankte die Revolution ih⸗ ren Reihen viele ihrer furchtbarſten Streiter, und ihr Beiſpiel riß einen großen Theil der franzoͤſiſchen Krieger von ihrem Gehorſame gegen den Fuͤrſten los, der ſich ſo viele Jahrhunderte lang in dem Kriegs⸗ geſchrei:„Vive le Roi!“ ausgeſprochen, und ſich ſpaͤterhin, obſchon mit einem veraͤnderten Gegenſtan⸗ de, in dem Rufe:„Vive TEmpereur!“ erneuert hatte. 89 Wir haben jetzt nur noch die andere naͤchſte Ur⸗ ſache der franzoͤſiſchen Revolution anzugeben. Sie ſteht in einer ſo innigen Verbindung mit dem Ent⸗ ſtehen und Fortgange derſelben, daß wir ſie von un⸗ ſerer kurzen Ueberſicht der revolutionaͤren Bewegun⸗ gen, denen ſie den erſten entſcheidenden Anſtoß gab⸗ unmoͤglich trennen koͤnnen. 3 Drittes Kapitel. Nächſte Urſache der Revolution.— Zerrütteter Zuſtand derz Fir nanzen.— Reformen in dem koͤniglichen Haushalte.— Turgot's und Necker's Syſtem— Necker's Bericht über den Zuſtand des öffentlichen Einkommens.— Das rothe Buch.— Necker's Ent⸗ laſſung.— Calonne wird ſein Nachfolger.— Allgemeiner Zuſtand der Finanzen.— Verſammlung der Notabeln.— Calonne wird entlaſſen.— Der Erzbiſchoff von Sens wird Verwalter der Fi⸗ nanzen.— Des Königs Streit mit dem Parlamente.— Lit de justice.— Widerſtand des Parlaments und allgemeine Unord⸗ nung im Königreiche.— Schwankende Politik der Miniſter.— Königliche Sitzung.— Plan, eine Cour plenière zu bilden.— Er iſt nutzlos.— Der Erzbiſchoff von Sens zieht ſich zurück, und Necker tritt an ſeine Stelle.— Er faßt den Entſchluß, die Generalſtaaten zuſammenzurufen.— Fragen, rückſichtlich der Zahl der Mitglieder, aus welchen der dritte Stand beſtehen, und der Art, auf welche die Stände berathſchlagen ſollen. Wir haben. bereits die franzoͤſiſche Monarchie mit einem alten Gebaͤude verglichen, das, obſchon 90 durch die verheerenden Stuͤrme der Zeit baufaͤllig, ſich, durch den bloßen Zuſammenhang ſeiner Theile, noch lange erhalten kann, wenn es nicht durch einen ploͤtllichen und unerwarteten Stoß erſchuͤttert wird, deſſen unmittelbare Gewalt den Sturz vollendet, den der Verfluß der Zeiten nur vorbereitet hatte. Wenn nun ſeine Beſtandtheile auch trocken und brennbar geworden ſind, ſo koͤnnen ſie doch noch lange auf den Funken warten, der einen allgemeinen Brand erregt. So haͤtte die monarchiſche Regierung Frank⸗ reichs, trotz der Ungeſundheit aller ihrer Theile, ſich noch eine Zeitlang vor dem Falle bewahren koͤn⸗ nen! ja, ſie ſtaͤnde vielleicht, vermittelſt zeitgemaͤ⸗ her und kluger Ausbeſſerung, in dieſem Augenblicke noch unverſehrt da, haͤtte der Zuſtand der Finanzen des Koͤnigreichs dem Monarchen erlaubt, dem laut⸗ gewordenen Mißvergnuͤgen und den Fortſchritten der neuen Meinungen klug und langſam nachzugeben, ohne die Steuern eines Volkes zu erhoͤhen, das bereits nur zu ſehr ſchon belaſtet war, und jetzt wohl einſah, daß dieſe Laſten ungleich aufgelegt waren, und manchmal unnuͤt verſchwendet wurden. Eine Regierung kann ſich, gleich einem Indivi⸗ duum, mit einiger Ausſicht auf Strafloſigkeit, man⸗ cher ungerechten und thoͤrichten Handlung ſchuldig machen, wenn ſie Reichthuͤmer genug beſitzt, um Partheigaͤnger zu beſolden und die Widerſpenſtigen zum Schweigen zu bringen. Auch zeigt uns die 91 Geſchichte, daß, wie auf der einen Seite reiche und ſparſame Monarchen gewoͤhnlich im Stande waren, ſich in einem hohen Grade unabhaͤngig von ihren Unterthanen zu machen, ſo auf der andern das Volk in den Zeiten, in welchen die Schatzkammern leer waren, und von geldarmen Fuͤrſten Bewilligun⸗ gen zu Gunſten ſeiner Freiheiten als Gegengeſchenk fuͤr ihre Subſidien erlangt haben. Die Periode der Geldverlegenheit einer Regierung iſt auch die Kri⸗ ſis, bei welcher die Unterthanen die gegruͤndetſte Hoffnung zur Erlangung ihrer politiſchen Rechte ha⸗ ben, wenn ſie in einer ſolchen Zeit der Unterdruͤ⸗ ckung am meiſten preis gegeben ſind. Vergebens ſucht die Konſtitution einer despo⸗ tiſchen Regierung durch ihre Formen den Gefahren in ſolchen Zeitumſtaͤnden vorzubeugen, indem ſie dem Souveragin das vollkommenſte und unbeſchraͤnkteſte Recht auf das Eigenthum ſeiner Unterthanen ver⸗ leiht. So weit auch dieſe Lehre in der Theorie reichen mag, ſo kann ſie doch in der Anwendung gewiſſe Graͤnzen nicht uͤberſchreiten, ohne entweder eine geheime Verſchwoͤrung, oder einen offenen Auf⸗ ſtand zu erzeugen. Denn dieſe ſind die maͤchtigen Anzeichen des groͤblich beleidigten Gefuͤhls, und der erſchoͤpften Geduld der Unterthanen unumſchraͤnkter Monarchien, und erſetzen den Mangel an allen re⸗ gelmaͤßigen politiſchen Gegengewalten gegen die Macht der Krone. Sobald das Maß des mehſch⸗ 92 lichen Leidens voll iſt, muß der Despot die Wuth eines aufruͤhreriſchen Volkes durch den Kopf ſeines Miniſters beſaͤnftigen, oder fuͤr ſeinen eigenen zit⸗ tern.—*) Unter Regierungen von einem minder entſchie⸗ den despotiſchen Karakter erhebt ſich beinahe im⸗ mer irgend eine, wenn auch unregelmaͤßige, hem⸗ mende Gewalt, welche, ſtatt des wirklichen Wider⸗ ſtands der Unterthanen, die willkuͤhrlichen Bedruͤ⸗ kungen des Souverains einſchraͤnkt, oder ihnen ent⸗ gegen wirkt, wie z. B. in Fez oder Konſtautinopei⸗ Dies war der Fall in Frankreich. Keine Staatsverfaſſung konnte, ſchon ſeit zwei⸗ hundert Jahren, in Finanzſachen, der Theorie nach, unumſchraͤnkter ſeyn, als die franzoͤſiſche; allein den⸗ noch beſtand in der Anwendung eine Gegenmacht in den Parlaments, und beſonders in dem zu Paris. Dieſe Gerichtshoͤfe waren zwar, ſtreng genommen, blos fuͤr die Verwaltung der Gerechtigkeit errichtet; allein ſie hatten ſich zu einem gewiſſen Grade von politiſcher Gewalt emporgedrungen, oder waren durch die Umſtaͤnde emporgedraͤngt worden. Dieſe Gewalt uͤbten ſie gegen die Krone bei der Aufle⸗ gung neuer Steuern aus. Die koͤniglichen Edikte *) Als Buonaparte Beſorgniß und Bedauern wegen der Er⸗ mordung des Kaiſers Paul bezeugte, ſo tröſtete ihn Fouchs mir den Worten:—„Que voulez vous enfin? C'est une mode de destitution propre à ce pays-IN k- 3 93 naͤmlich, die ſolche neue Auflagen erzwangen, muß⸗ ten von den Parlaments einregiſtrirt werden; allein waͤhrend die Miniſter dieſe Handlung fuͤr ein rein miniſterielles Geſchaͤft, und einen Theil der derſel⸗ ben auferlegten Amtspflicht hielten, beharrten die Parlaments auf der Behauptung, daß ſie die Macht beſitzen, uͤber die koͤniglichen Edikte zu berathſchla⸗ gen, und Einwendungen gegen ſie vorzubringen, ja die Eintragung derſelben zu verweigern, und daß jene Vollmachten keine geſetzliche Kraft haben, be⸗ voor ſie nicht auf dieſe Art eingetragen ſeien. Die Parla⸗ ments uͤbten dieſe Gegengewalt bei verſchiedenen Gelegenheiten aus, und da ihr Einſchreiten ſtets das Wohl des Volkes bezweckte, ſo wurde es durch die oͤffentliche Meinung fuͤr rechtmaͤßig erklaͤrt. Es war auch natuͤrlich, daß Frankreich, bei dem Man⸗ gel aller andern Volksvertreter, dieſe Beamte als die Beſchuͤtzer ihrer Rechte betrachtete, und als die einzige Macht, die auch nur einen Schein von Wi⸗ derſtand gegen die willkuͤhrliche Vergroͤßerung der Staatslaſten darbieten konnte. Man kann dieſe Staatsdiener weder der Sorgloſigkeit, noch der Feigheit bey der Erfuͤllung ihrer Pflicht beſchuldigen; denn je mehr man die Steuern erhoͤhte, deſto furcht⸗ barer ward der Widerſtand der Parlaments. Lud⸗ wig XV. ſuchte ihren Muth durch die Unterdruͤckung ihres Gerichtshofes und die Verbannung der Mit⸗ glieder deſſelben aus Paris zu brechen; allein dieſes 94 voruͤbergehenden Sieges ungeachtet ſoll er prophe⸗ zeit haben, ſein Nachfolger werde aus dem erneu⸗ erten Kampfe nicht ſo gluͤcklich hervorgehen. Ludwig XVI, den eine offene und wohlwollende Ehrlichkeit karakteriſirte, ſtellte den Parlaments, unmittelbar nach ſeiner Thronbeſteigung, ihre ver⸗ faſſungsmaͤßige Gewalt wieder zu, da er die Groß⸗ muth hatte, ihren Widerſtand gegen ſeinen Groß⸗ vater mehr als ein Verdienſt, denn als eine Belei⸗ digung zu betrachten. Indeſſen waren die Finanzen des Koͤnigreichs in einen hoͤchſt unheilvollen Zuſtand gerathen. Die fortlaufenden und erneuerten Aus⸗ gaben fuͤr erfolgloſe Kriege, die der Forderungen eines uͤppigen Hofes, die Beſchenkung hungeriger Hoͤflinge und die Bereicherung duͤrftiger Guͤnſtlinge hatten große Defizits bei dem oͤffentlichen Einkom⸗ men jedes neuen Jahrs verurſacht. Die Miniſter indeſſen waren nur darum bekuͤmmert, fuͤr den fluͤch⸗ tigen Augenblick ihrer Verwaltung zu ſorgen, und begnuͤgten ſich, die Ungluͤcksſtunde dadurch zu ver⸗ ſchieben, daß ſie Geld zu hohen Zinſen entlehnten, und den Generalpaͤchtern die verſchiedenen Quellen des oͤffentlichen Einkommens verpachteten. Uebri⸗ gens behandelten dieſe Finanzmaͤnner die Regierung, wie bankerotte Verſchwender von wucheriſchen Geld⸗ maͤcklern behandelt werden, die mit der einen Hand ihren Ausſchweifungen Nahrung verſchaffen, und mit der andern ihrer verſiegenden Habe die unbil⸗ — 95 ligſten Belohnungen fuͤr ihre Vorſchuͤſſe entwinden. Durch eine lange Reihe ſolcher verderblicher Anlehen und die verſchiedenen Rechte, die als Buͤrgſchaft fuͤr dieſelben verliehen wurden, ſchienen die Finan⸗ zen Frankreichs in eine gaͤnzliche Verwirrung gera⸗ then zu ſeyn, und fuͤr alle diejenigen, welche ſie in Ordnung bringen wollten, ein unaufloͤsbares Chaos dargeboten zu haben. Obſchon die Generalpaͤchter dem Volke verhaßt waren, das mit Recht der Mei⸗ nung war, ihr uͤbermaͤßiges Vermoͤgen werde durch das Herzblut der Nation genaͤhrt, ſo waren ſie doch immer noch unumgaͤnglich nothwendig fuͤr den Staat, da ſie allein die Mittel zur Beſtreitung der Ausga⸗ ben deſſelben auffinden konnten: ſo hielten ſie die Regierung aufrecht, obſchon, wie Mirabeau richtig bemerkte, blos in dem Sinne, in welchem ein Strick. einen Gehaͤngten haͤlt. Ludwig XVI. fuͤhlte den ganzen unheilvollen Zuſtand des oͤffentlichen Einkommens, und that alles Moͤgliche, um ein Mittel zur Verbeſſerung deſſelben aufzufinden. Er beſchraͤnkte ſeine perſoͤnlichen Aus⸗ gaben und die ſeines Hofſtaats mit einer Strenge, die an Kargheit graͤnzte, und den nothwendigen Glanz des Thrones verdunkelte. Auch ſchaffte er viele Penſionen ab; allein dadurch kraͤnkte er nicht nur diejenigen, die des gegenwaͤrtigen Genuſſes be⸗ raubt wurden, ſondern er verlor auch die Anhaͤng⸗ ichkeit der noch weit zahlreichern Klaſſe derer, die. dem Hofe in der Hoffnung dienten, aͤhnliche Beguͤn⸗ ſtigungen zu erhalten.*) Endlich entließ er einen großen Theil der Truppen ſeines Hofſtaats und ſei⸗ ner Leibwachen. Allein dadurch bot er dem Adel, aus deren Familien dieſelben ausgehoben wurden, nur einen neuen Grund zum Mißvergnuͤgen dar, und zerſtoͤrte mit eigener Hand eine der koͤniglichen Perſon innigſt ergebene Macht, die zur Zeit der Volkswuth eine unſchaͤtzbare Schutzwehr fuͤr ihn ge⸗ weſen ſeyn wuͤrde. So war es der Unſtern dieſes gut geſinnten Fuͤrſten, daß er durch die Opfer, welche er zur Erleichterung der Laſten des Volkes und zur Be⸗ *) Ludwig XV. beſaß die Kunſt, wenn auch nicht die Tugend eines Monarchen. Er fragte eines Tags einen ſeiner Mini⸗ ſter, was er glanbe, daß der Wagen,⸗ in welchem ſie gerade ſaßen, gekoſtet habe. Der Miniſter nahm bei der Beſtim⸗ mung des Preiſes die gehörige Rüekſicht darauf, daß der Monarch als Fürſt(en prince, bezahlen mußte; allein er rieth doch zwei Drittel zu wenig. Als der König den wirklichen Preis angab, ſo fing der Staatsmann an, dage⸗ gen zu eifern, allein der Monarch brachte ihn mit den Wor⸗ ten zum Schweigen:„Suchen Sie die Ausgaben meines Hofſtaates nicht zu vermindern. Es gibt zu viele und zu angeſehene Männer, die ihren Theil an dieſer Verſchwendung baben, und eine Reform würde zu viele Unzufriedene machen. Kein Miniſter kann ſie mit Erfolg oder Sicherheit verſuchen.“ Dies iſt das Gemälde der Verheerung,⸗ welche eine desvotiſche Regieruug begleitet.— Der Becher, der bis an den Rand gefüllt iſt, kann nicht an die Lipven gebracht werden, ohne daß der Inbalt dadurch vergeudet würde. 8 —,.,——y—— — O— 97 Befriedigung der Beduͤrfniſſe des Staates brachte, nur ſeine eigene Sache ſchwaͤchte, und ſeine Sicher⸗ heit gefaͤhrdete. Der Koͤnig wandte ſich, auf den Rath biederer und geſchickter Miniſter, zu einer ausgedehnteren und wirkſameren Art der Verbeſſerung. Er ſuchte ſoviel als moͤglich einen gewiſſen Grad von Ord⸗ nung in die franzöoͤſiſchen Finanzen zu bringen. Tur⸗ got, Malesherbes und Necker waren Maͤnner, von unbezweifelter Geſchicklichkeit, von geſunden Anſich⸗ ten und unbeſtrittener Rechtſchaffenheit; und obſchon der letztgenannte Miniſter endlich in der offentlichen Achtung ſank, ſo geſchah dies doch nur, weil die Umſtaͤnde eine ſo uͤbertriebene Meinung von ſeinen Faͤhigkeiten erregt hatten, daß ſelbſt der ausgezeich⸗ netſte Finanzmann, der je lebte, ſte zesnoͤglich haͤtte verwirklichen koͤnnen. Dieſe tugendhaften und pa⸗ triotiſchen Staatsmaͤnner thaten alles, was in ihrer Macht ſtand, um das Staatsſchiff flott zu erhalten, und wenigſtens die Vergroͤßerung des Defizits, das jetzt von Jahr zu Jahr wuchs, zu verhindern. Dieſe, und beſonders Necker, fuͤhrten in alle Zweige der Finanzverwaltung Sparſamkeit und Verminderungen ein, ſtellten den oͤffentlichen Kredit wieder her, ohne die Laſten der Nation zu vergroͤßern, und waren, durch Abſchließung billiger Anlehen, gluͤcklich genug, Gelder fuͤr den unmittelbaren Bedarf des koſtſpieli⸗ W Scott's Werke. XXV. 7 — 98 gen amerikaniſchen Kriegs aufzufinden, ohne die Ge⸗ duld des Volkes durch neue Auflagen auf die Probe zu ſtellen. Haͤtte dieſer Zuſtand der Dinge einige Jahre lang erhalten werden koͤnnen, ſo wuͤrde ſich waͤhrend dieſer Zeit eine Gelegenheit dargeboten haben, die franzoͤſiſche Regierungsart mit den Einſichten der Zeit in Einklang zu bringen. Die oͤffentliche Meinung, in Verbindung mit der Wohlthaͤtigkeit des Fuͤrſten, hatte bereits mehrere wichtige und wuͤnſchenswerthe Veraͤnderungen bewirkt. Mehrere verhaßte und druͤckende Geſetze hatte man ausdruͤck⸗ lich abgeſchafft, oder in der Stille in Vergeſſen⸗ heit gerathen laſſen, und nie ſaß ein Koͤnig auf Frankreichs, oder irgend einem andern Throne, der es Ludwig XVI. an Bereitwilligkeit zuvorgethan haͤtte, ſein perſoͤnliches Intereſſe und ſeine Vorrechte allem aufzuopfern, was dem Stante zum Wohle zu gereichen ſchien. Schon im Anfange ſeiner Regie⸗ rung, und als er blos den Eingebungen ſeiner Wohl⸗ thaͤtigkeit gehorchte, verbeſſerte er das Strafgeſetz⸗ buch Frankreichs, das damals das Gepraͤge der bar⸗ bariſchen Zeiten trug, denen es ſeinen Urſprung verdankte;— er ſchaffte den Gebrauch der Folter ab; er ſetzte die Staatsgefangenen— die traurigen Be⸗ wohner der Baſtille und anderer Feſtungen, welche die Opfer der Eiferſucht ſeines Großvaters geworden waren, in Freiheit;— die dem Landvolke auferlegte Zwangsarbeit, Corvée genannt, die eine der Haupt⸗ * —.— 6 3—.—— 99 quellen der Unzufriedenheit des Volkes war, wurde in einigen Provinzen abgeſchafft und in andern ge⸗ mildert— und waͤhrend die Polizei unter der Auf⸗ ſicht des weifen und tugendhaften Malesherbes ſtand, uͤbte ſie ſelten ihre willkuͤhrliche Macht ſo aus, daß ſie Anlaß zu Klagen gegeben haͤtte. Kurz, der Mo⸗ narch theilte den Einfluß der oͤffentlichen Meinung mit ſeinen Unterthanen, und es ſchien die Hoffnung begruͤndet, daß, waͤren die Zeiten gemaͤßigt geblie⸗ beu, die franzoͤſiſche Monarchie verbeſſert, ſtatt zer⸗ ſtoͤrt worden waͤre.— Ungluͤcklicherweiſe wurden die Zuckungen des Staates von Tag zu Tag heftiger, und Ludwig XVI., der das Wohlwollen und die guten Abſichten ſeines Vorfahrs, Heinrichs IV, beſaß, mangelten deſſen kriegeriſche Talente und deſſen politiſche Feſtigkeit. In Folge dieſes Mangels ließ ſich der Koͤnig durch eine Menge von Rathſchlaͤgen verwirren, und wan⸗ kend, wie alle, die mehr nach dem allgemeinen Wunſche thun, was gut und recht iſt, als nach irgend einem beſtimmten und wohluͤberlegten Syſte⸗ me handeln, gab er ſeine Macht und ſeinen Cha⸗ rakter dem wechſelvollen Gange der Ereigniſſe preis, die ein ſtandhafterer Furſt wenigſtens bekaͤmpft, wo nicht beherrſcht haben wuͤrde. Allein es iſt merk⸗ wuͤrdig, daß Ludwig Karln I. von England mehr als einer ſeiner eigenen Vorfahren in einem Maugel⸗ V* 100 an Selbſtvertrauen glich, das haͤufige Veraͤnderungen in Geſinnungen und Maaßregeln zur Folge hatte, ſo wie in einem Hang zur Weibergefaͤlligkeit, der ſowohl Henriette Marie, als Marie Antoinette in den Stand ſetzte, einen unheilvollen Einfluß auf ihre Rathſchlaͤge auszuuͤben. Beide Souveraine fie⸗ len durch denſelben Verdacht der Betruͤgerei und der Falſchheit, da doch vielleicht beide, unſtreitig aber Ludwig, ihr Betragen blos in Folge eines Wechſels ihrer Meinung oder, weil ſie ſich uͤberre⸗ den ließen, und den Geſinnungen Anderer nachgaben, aͤnderten. Sicherlich haben wenige Monarchen unſeres Landes ihr Miniſterium und mit ihrem Miniſterium ihre Raͤthe und Maßregeln ſo oft veraͤndert, als Ludwig XVI., und zwar mit der ungluͤcklichen Folge, daß er weder bey einer ſtrengen und ſtandhaften Regierungsart lange genug beharrte, um Achtung einzufloͤßen, noch bey einer nachgebenden und ver⸗ ſaͤhnenden Politik, um Zutrauen zu erwerben. Mit Bedauern bemerken wir dieſe Unvollkommenheit an einem ſonſt ſo vortrefflichen Charakter; allein es war eine der Haupturſachen der Revolution, daß ein Fuͤrſt, der eine zu große Gewalt beſaß, als daß er ſie ohne Gefahr haͤtte behaupten oder abtreten koͤn⸗ nen, zwiſchen dem natuͤrlichen Entſchluſſe, ſeine er⸗ erbten Vorrechte zu vertheidigen, und dem Gerech⸗ tigkeitsgefuͤhle, das ihn zu der Abtretung desjenigen — 101 Theiles derſelben antrieb, den ſeine Vorfahren dem Volke gewaltthaͤtiger Weiſe entriſſen hatten, unent⸗ ſchloſſen ſchwankte. Durch die erſte Handlungsweiſe haͤtte er der Sieger der Revolution werden koͤnnen, durch die der andern der Fuͤhrer und Lenker derſel⸗ ben; durch ſein Schwanken zwiſchen Beiden aber, wurde er ihr Opfer. In Folge dieſer Unſchluͤſſigkeit opferte Ludwig im Jahr 1781 Turgot und Necker den Intriken des Hofes auf. Dieſe Staatsmaͤnner hatten einen Plan zur Umwandlung des finanziellen Theils der franzoͤſiſchen Moͤnarchie entworfen, der auf der einen Seite dem Volke dadurch, daß er aus ihrer Mitte erwaͤhlte Repraͤſentanten zu einigem Einfluſſe bei der Auflegung neuer Steuern gelangen ließ, ange⸗ nehm geweſen waͤre, und auf der andern den Koͤnig von der Einmiſchung der Parlamente,(die ihr Recht der Einſprache, obſchon es als eine Schutzwehr ge⸗ gen den Despotismus hoͤchſt ſchaͤtzbar war, manch⸗ mal auf eine willkuͤhrliche und ſelbſt aufruͤhreriſche Art ausuͤbten) befreit, und den unmittelbaren Ver⸗ tretern des Volkes jene Oberaufſicht, die nie in an⸗ dern Haͤnden haͤtte ſeyn ſollen, uͤbertragen haben wuͤrde. Zu dieſem Ende machten die Miniſter den Vor⸗ ſchlag, in den verſchiedenen Provinzen Frankreichs Verſammlungen repraͤſentativer Art zu errichten⸗ von deren Mitgliedern die eine Haͤlfte aus dem drit⸗ 102 ten Stande gewaͤhlt, und die andern von den Edeln und der Geiſtlichkeit in gleichen Verhaͤltulſſen er⸗ nannt werden ſollte. Dieſe Verſammlungen ſollten nicht das Recht haben, die Edlkte, welche neue Sten⸗ ern auflegten, zu verwerfen, ſondern dieſe nur unter die Unterthanen ihrer verſchiedenen Provinzen ver⸗ theilen. Dieſes Syſtem enthielt viel Vortreffliches und wuͤrde die Bahn zu kuͤnftigen Verbeſſerungen der Staatsverfaſſung eroͤffnet haben, waͤhrend es zu⸗ gleich im Jahre 1781 wahrſcheinlich noch als eine Gnade aufgenommen worden waͤre, durch welche die Unterthanen aufgefordert wurden, an den koͤniglichen Berathungen Theil zu nehmen, nicht aber als eine der Schwaͤchen des Souveraͤns, oder ſeiner Verzweif⸗ lung an ſeinen Huͤlfsquellen abgetrotzte Bewilligung. Auch bot es eine in Frankreich beſonders wuͤnſchens⸗ werthe Gelegenheit dar, den Gelſt des Volkes zur Erfuͤllung oͤffentlicher Pflichten zu bilden. Die brit⸗ tiſche Nation verdankt einen großen Theil der prak⸗ tiſchen Vortheile ihrer Verfaſſung dem Umſtande, daß beinahe alle Buͤrger irgend ein oͤffentliche s Recht bei den Gerichten, den Kirchſpielsverſammlungen und andern berathſchlagenden Koͤrperſchaften auszu⸗ uͤben haben, wodurch ſie an den Gang der Geſchaͤfte gewoͤhnt, und mit der Art bekannt gemacht werden, auf welche ſie am regelmaͤßigſten vollfuͤhrt werden. Dieſer Vortheil wuͤrde den Franzoſen durch Neckers Plan zu Theil geworden ſeyn. — 103 Allein trotz aller Vortheile, die er verſprach, ſcheiterte dieſer Entwurf, was ſeinen Grund in dem eiferſuͤchtigen Widerſtande des Parlaments zu Paris hatte, das nicht geſtatten wollte, daß eine andere Koͤrperſchaft, als ſeine eigene, als die Beſchuͤtzerinn des Ueberreſtes von Volksrechten in Frankreich be⸗ trachtet werden ſollte. Eine andere Maaßregel Neckers war von zwei⸗ felhafterer Politik. Dies war der Druck und die df⸗ fentliche Bekanntmachung ſeines dem Souveraͤn vorge⸗ legten Berichts uͤber den Zuſtand der oͤffentlichen Einkuͤnfte Frankreichs. Der Miniſter glaubte wahr⸗ ſcheinlich, daß dieſes offene Verfahren, das, obſchon an und fuͤr ſich ſelbſt zweckdienlich, doch bisher in der franzoͤſiſchen Staatsverwaltung unbekannt gewe⸗ ſen war, dem Koͤnige nuͤtzen muͤſſe, inſofern er ſich dadurch der oͤffentlichen Meinung anheimſtellte und nicht nur bereit, ſondern ſogar eifrig bemuͤht ſchien, die Geſinnungen ſeiner Unterthanen uͤber dieſe Staats⸗ angelegenheit zu erfahren. Necker mochte vielleicht auch den Compte Rendu fuͤr eine kluge Maaßregel in Betreff ſeiner halten, da ſie ihm die Volksgunſt ſichern, und ihn durch die Macht der oͤffentlichen Meinung gegen den Einfluß der Hofintriken ſchuͤ⸗ tzen konnte. Endlich mochten dieſe beiden Beweg⸗ gruͤnde ſich mit der natuͤrlichen Eitelkeit vereinigen, der Welt zu zeigen, daß Frankreich in Neckers Perſon einen Miniſter beſaß, der die Kuͤhnheit, 1⁰4 hatte, in das verworrene und dunkle Labyrinth zu dringen, zu welchem den Faden zu finden alle ſeine Vorgaͤnger die Hoffnung aufgegeben hatten, und der endlich im Stande war, dem Fuͤrſten und Volke der Franzoſen einen umſtaͤndlichen und bilanzirten Be⸗ richt von dem Zuſtande ihrer Finanzen abzuſtatten. Auch ſchien das Reſultat der Nationalbilanz nicht ſo zuruͤckſchreckend, daß es als ein Staatsge⸗ heimniß haͤtte verheimlicht werden muͤſſen. Das De⸗ fizit, um welches die Ausgaben der Regierung die Einkuͤnfte des Landes uͤberſtiegen, verrieth keineswegs eine verzweifelte finanzielle Lage, oder eine ſolche, die entweder ungeheure Opfer erheiſcht, oder ohne dieſe zu einem Nationalbankerott gefuͤhrt haͤtte. Es uͤberſtieg nicht viel den jaͤhrlichen Minderbetrag von zwei Millionen, was fuͤr ein ſo fruchtbares Land, wie Fraukreich, doch nur eine Kleinigkeit zu nennen war. Zu gleicher Zeit brachte Necker eine Menge Beſchraͤn⸗ kungen und oͤkonomiſche Einrichtungen vor, durch die er dieſes Deſizit decken wollte, ohne eine Schuld zu machen, oder ohne dem Unterthanen neue Steuern aufzubuͤrden. Allein obſchon dieſe allgemeine Darlegung der Ausgaben des Staates, dieſe Appellation von der Re⸗ gierung an das Volk, das Ausſehen eines freien und edlen Betragens hatte, und in der That ein Schritt zu der großen konſtitutionellen Einrichtung war, die Macht Subſidien zu gewaͤhren, einzig und allein in 105 die Haͤnde der Nation und ihrer Vertreter zu legen, ſo fragt es ſich doch, ob man nicht zu haſtig zu die⸗ ſer Maßregel ſeine Zuflucht nahm. Diejenigen, de⸗ nen der Staar geſtochen worden iſt, bleiben einige Zeit lang des ichtes beraubt, und erlangen es endlich nur ſtufenweiſe; allein jener Lichtſtrom, der auf einmal uͤber die franzoͤſiſche Nation ausgegoſſen wurde, blen⸗ dete ſo viele, als er erleuchtete. Der Compte Ren- du war der allgemeine Gegenſtand des Geſpraͤchs, nicht bloß in Kaffee⸗Haͤuſern und auf oöffentlichen Spatziergaͤngen, ſondern auch in Salons und Damenka⸗ binetten, und in Geſellſchaften, die weit eher geeig⸗ net waren, ſich uͤber den Werth des letzten Luſt⸗ ſpiels, oder irgend einer andern Ergoͤtzlichkeit des Tages zu beſprechen. Das bloße Verzeichniß von Zahlen hatte etwas Unheilkuͤndendes und Schreckli⸗ ches an ſich, und das Wort Deftzit wurde, wie ehe⸗ dem der Name Malborough, zur Einſchuͤchterung der Kinder gebraucht. Den meiſten kuͤndigte ſie den gaͤnzlichen Banke⸗ rott der Nation an, und bewog viele, mit der egoiſtiſchen und kurzſichtigen Ausgelaſſenheit von Seeleuten zu handeln, die waͤhrend des Schiffbruchs die Ladung ihres eigenen Schiffes pluͤndern. Andere ſahen in dem Berichte von den Ausga⸗ ben fuͤr die Perſon und Wuͤrde des Fuͤrſten eine un⸗ maͤßige Verſchwendung, deren man in dieſer aner⸗ kannt mißlichen Lage der Nation wohl entbehren 106 koͤnnte. Man begann die Wachen und den Hofſtaat des Fuͤrſten zu zaͤhlen, wie Lears Toͤchter das Ge⸗ folge ihres Vaters zaͤhlten. Die bereits begonnene Verminderung konnte, glaubten dieſe haushaͤlteriſchen Perſonen, noch weiter getrieben werden:„Was braucht er fuͤnf und zwanzig, zehen, fuͤnf?“ Und ohne Zwei⸗ feligelangten einige, ſelbſt in dieſem fruͤhen Zeitpunkte ſchon, zu dem endlichen Schluſſe:„Was braucht er einen?“ Auſſer den Ausgaben fuͤr den Haushalt und Hof⸗ ſtaat des Koͤnigs, die, inſoweit ſie ihn perſoͤnlich angingen, hoͤchſt maͤßig waren, empoͤrte ſich der Volks⸗ geiſt mit weit groͤßerem Rechte uͤber die große Sum⸗ me, welche jaͤhrlich an duͤrftige Hoͤflinge und ihre An⸗ gehoͤrigen verſchwendet oder ſelbſt, noch weit unrecht⸗ maͤßiger, an diejenigen vergeudet wurde, von denen man ihres Rangs und ihres Reichthums halber am allerwenigſten haͤtte erwarten ſollen, daß ſie die La⸗ ſten der Unterthanen vergroͤßern wuͤrden. Der Koͤ⸗ nig hatte ſich bemuͤht, die Liſte der Gnadengehalte zu verringern; allein das Syſtem der Verdorbenheit, das zweihundert Jahre lang geherrſcht hatte, konnte nicht in einem Augenblicke abgeſchafft werden; der bereits wankende Thron konnte nicht ſogleich der Schaar beſoldeter Großen beraubt werden, die er ſo lange genaͤhrt hatte, und die ihm ihrerſeits wieder ihren Schutz gewaͤhrten. Vielleicht war es unpoli⸗ 107 tiſch, die Aufmerkſamkeit des Publikums auf eine ſo beſonders gehaͤſſige Enthuͤllung zu lenken, ehe die Gelegenheit zur Verbeſſerung gekommen war; ſie glich der Entbloͤßung eines Geſchwuͤrs, die nutzlos und eckelhaft iſt, wenn ſie nicht einem Wundarzte, und zwar der Heilung wegen, gezeigt wird. Doch obſchon der von dem Finanzminiſter vorgelegte Be⸗ richt, waͤhrend er einem Muͤßiggaͤnger nach dem an⸗ dern in die Haͤnde fiel, und auf Sopha's und Putz⸗ tiſchen den Platz der letzten Nouvelle einnahm, un⸗ zweifelhaft manche Schwindelkoͤpfe in vergebliche und gefaͤhrliche Speculationen verwickelte, ſo mußte doch immerhin etwas gewagt werden, um den Weg zu bahnen, auf welchem fuͤr die franzoͤſiſchen Unterthanen das freien Menſchen ſo hoͤchſt weſentliche Recht, ihre eigenen Subſidien zu bewilligen, oder zu verweigern, wieder errungen werden konnte. Die oͤffentliche Be⸗ kanntwerdung des zerruͤtteten Zuſtandes der Finan⸗ zen fuͤhrte zu der allgemeinen Ueberzeugung, daß das unterdruͤckende Syſtem der Beſteurung und der herannahende Staatsbankerott, der ein noch groͤße⸗ res Uebel war, nur dadurch entfernt oder vermieden werden konnte, daß man ſich an die, in ihrer alten, die General⸗Staaten genannten, Repraͤſenta⸗ tionsform zuſammenberufene Nation ſelbſt wandte. Man wußte zwar, daß die Laͤnge der Zeit die Natur und die Befugniſſe dieſer Koͤrperſchaft in Ver⸗ geſſenheit gebracht hatte, wenn ſie in der That je — 108 genau beſtimmt geweſen waren; man wußte ferner⸗ daß die Conſtitution der General⸗Staaten von 1614, in welchem Jahre ſie das letzte Mal verſammelt ge⸗ weſen waren, einem Zeitpunkte nicht wohl angemeſſen ſeyn konnten, in welchem der Charakter und die Um⸗ ſtaͤnde des Landes ſo umgewandelt waren. Allein die Zweifel, hinſichtlich der Bereitung der Arzney und ihrer wahrſcheinlichen Wirkungen, ſchlagen das Zutrauen des Patienten ſelten nieder. Einmuͤthig wuͤnſchten Alle die Zuſammenberufung dieſer repraͤ⸗ ſentativen Koͤrperſchaft und Alle hofften, eine ſolche ——ᷣ—ᷣ—ÿ—ꝛ———— Verſammlung werde im Stande ſeyn, irgend ein ge⸗ nuͤgendes Heilmittel fuͤr die druͤckenden Uebel des Staates aufzufinden. Der Ruf war allgemein, und, wie es gewoͤhnlich in ſolchen Faͤllen geſchieht, wenige von denen, welche in denſelben einſtimmten, wußten, was ſie eigentlich wollten. Wenn wir, mit Huͤlfe unſerer Erfahrung, auf den Zeitpunkt von 1780 zuruͤckblicken, ſo gewahren wir eine, obſchon vielleicht zweifelhafte, Moͤglichkeit, dem allgemeinen Schiffbruche zu entgehen, den die fran⸗ zoͤſiſche Monarchie zu erleiden beſtimmt war. Wenn die koͤnigliche Regierung, entſchloſſen, dem allgemei⸗ nen Wunſche zu willfahren, aus eigenem Antriebe die große nationale Maßregel, als eine einzig und allein aus dem guten Willen des Fuͤrſten und der Liebe zu ſeinen Unterthanen gefloſſene Gnade, gewaͤhrt und ſchnelle und entſchiedene Maßregeln ergriffen haͤtte, um in 109 jenen Koͤrperſchaften, beſonders aber in dem dritten Skande, Maͤnnern von anerkannter Maͤßigung, und er⸗ probter Anhaͤnglichkeit an die Monarchie, Sitze zu ſi⸗ chern, ſo ſcheint es wahrſcheinlich, daß die Krone in einem von ihr ſelbſt geſchaffenen Vereine ſich ein ſol⸗ ches Anſehen verſchafft haben wuͤrde, daß ſie die Be⸗ muͤhungen der Brauſekdpfe, das Koͤnigthum in eine vollkommene Revolution zu ſtuͤrzen, haͤtte vereiteln koͤnnen. Die ſo viele Jahrhunderte hindurch gegen den Thron gehegte Ehrfurcht hatte noch den ganzen Einfluß unangegriffener Heiligkeit; der Koͤnig war noch Herr uͤber ein Heer, das unter den Befehlen ſeiner Edeln ſtand, und noch von dem Geiſte des Ge⸗ horſams und der Treue beſeelt war, welche die na⸗ tuͤrlichen Attribute des Kriegsſtandes ſind; die Ge⸗ muͤther waren weder erhitzt noch ermuͤdet durch ei⸗ nen fruchtloſen und ſchickanirenden Aufſchub, der bloß die ungemeine Abgeneigtheit des Hofes zeigte, das zu gewaͤhren, was er endlich nicht mehr zu ver⸗ weigern im Stande war; auch war die oͤffentliche Meinung noch nicht durch die kuͤhnen Eroͤrterungen unzaͤhliger Flugſchriftenverfaſſer aufgeregt, die, unter dem Vorwande, das Volk aufzuklaͤren, ihren Geiſt mit den ausſchweifendſten Ideen von dem volksthuͤm⸗ lichen Charakter der Repraͤſentation des dritten Standes und ſeinem Uebergewichte uͤber jede andere Staatsgewalt erfuͤllten. Ehrſuͤchtige und gewiſſen⸗ loſe Leute wuͤrden dann ſchwerlich die Zeit oder die 110 Kuͤhnheit gehabt haben, jene kuͤhnen Anſpruͤche zu bilden, von denen ihre Vorfahren nicht traͤumten, und die ſie durch ſechs oder ſieben Jahre verzoͤgerter Erwartung, und durch ſtete Hoffnungserneuerun⸗ gen, die von Taͤuſchungen gefolgt waren, zur Reife zu bringen, in den Stand geſetzt wurden. Man ließ jedoch eine ſolche unheilvolle Zwiſchenzeit zwi⸗ ſchen dem erſten Gedanken, die Generglſtaͤnde zu⸗ ſammenzurufen, und dem Zeitpunkte, in welchem gieſe Maßregel unvermeidlich war, eintreten. Ohne dieſe Verzoͤgerung haͤtte der Koͤnig, mit allen ſelnen koͤniglichen Vorrechten ausgeruͤſtet, und an der Spitze der Kriegsmacht, mit gutem Anſtande diejenigen Theile ſeiner Gewalt abtreten koͤnnen, die mit den freiſinnigen Meinungen des Zeitalters unvereinbar waren; und eine ſolche Abtretung haͤtte als eine Gnade aufgenommen werden muͤſſen, da man ſie nicht als ein erzwungenes Opfer haͤtte betrachten koͤnnen. Das Betragen, welches die Regierung in der Zwiſchenzeit gegen die Nation annahm, mit de⸗ ren Vertretern ſie in kurzem zuſammentreten ſollte, glich dem Betragen eines wahnſinnigen Menſchen, der durch hundert peinigende Qualereien den Loͤwen, deſſen Kaͤfig in kurzem geoͤffnet werden ſoll, und deſſen Wuth er nothwendig preis gegeben werden muß, bis zur Tollheit reizt. Necker, dem ſeine unbezweifelte Rechtſchaffen⸗ heit und ſein republikaniſcher Freiſiun die Gunſt des — 111 Volkes in einem hohen Grade erworben hatten, war durch den Einfluß des alten Raͤnkemachers Mau⸗ repas im Jahre 1781 aus dem Miniſterium entlaſ⸗ ſen worden. Der witzige, gewandte, ſelbſtſuͤchtige und ſchlaue Maurepas hatte die Geſchicklichkeit, ſeine Macht bis zum letzten Augenblicke ſeines langen Le⸗ bens zu erhalten, und ſtarb in dem Augenblicke, in welchem die Todesglocke ein Aufruf war, der ihn von dem jaͤhen Schlund, der ſich vor ihm aufthat, hin⸗ wegrief. Er machte, nach dem Ausdrucke eines noͤrd⸗ lichen Sprichworts,„Tag und Weg gleich lang,“ und ſtarb gerade in dem Zeitpunkte, in welchem das Syſtem der Ausfluͤchte und Bemaͤntelungen, der wucheriſchen Anlehen und der verſchwende⸗ riſchen Beguͤnſtigungen ihn ſchwerlich laͤnger vor Ungnade und Schande gerettet haben wuͤrde. Ver⸗ gennes, ſein Nachfolger, war, gleich ihm, mehr Hoͤfling, als Staatsmann; mehr bemuͤht, ſeine Gewalt durch die Fortſetzung deſſelben Syſtems ein⸗ ſeitiger Nothmittel und voruͤbergehender Ausfluͤchte zu erhalten, als bereit, des Koͤnigs Gunſt, oder die Popularitaͤt ſeiner Verwaltung durch die Annahme ir⸗ gend eines allgemeine Verbeſſerung oder bleibenden Nutzen bezweckenden Plans aufs Spiel zu ſetzen. Ca⸗ lonne, der Finanzminiſter, der nach Fleury's und d'Or⸗ meſſou's kurzen Verwaltungen in dieſes Amt getreten, und dadurch zu dem ſchwierigſten und verwickeltſtenwei⸗ 112 ge der Regierung berufen worden war, beſaß einen um⸗ faſſenderen Geiſt und einen entſchloſſenern Muth, als Vergennes, ſein Vorgeſetzter. Im Jahr 1784 be⸗ trug das Deſizit zwiſchen den Einnahmen des ganzen Staatseinkommens und den Ausgaben 684,000,000 Livres, in deutſcher Muͤnze 317,418,750 Gul⸗ den; allein damals beſtand ein großer Theil dieſer Schuld in Jahrgeldern, welche die Regierung bezahl⸗ te, und die mehr und mehr durch den Tod der In⸗ haber erloſchen; auch bot die Art der Steuererhe⸗ bung mannigfache Gelegenheiten zu Erſparniſſen dar. So groß daher die Summe des Deftzits erſchien, ſo konnte ſie doch, in Betracht der Huͤlfsquellen ei⸗ nes ſo reichen Landes, nicht ſehr furchtbar geweſen ſeyn; allein es war nothwendig die Buͤrde der neu⸗ en Auflagen, welche dieſe dringende Noth erforderte, unter alle Staͤnde des Staates gleich zu vertheilen. Die Gemeinen(oder der dritte Stand) waren durch das Gewicht der Steuern, die auf ihnen allein laſteten, erſchoͤpft, und Calonne faßte den kuͤhnen und lo⸗ benswerthen Entſchluß, die bisher ſteuerfreien Ade⸗ ligen und Geiſtlichen zu zwingen, ihren Theil zu den Einkuͤnften des Staates beizutragen. Dies war jedoch nach dem gegenwaͤrtigen Zu⸗ ſtande des Publikums ein zu kuͤhner Entwurf, als daß er ohne die Huͤlfe irgend einer Art von Volks⸗ vertretung haͤtte zur Ausfuͤhrung gebracht werden koͤnnen. In dieſer Kriſe haͤtte Ludwig wiederum die ———. 113 Generalſtaaten mit einiger Wahrſcheinlichkeit ihre Stim⸗ men mit den Wuͤnſchen der Krone in Einklang zu bringen, verſammeln koͤnnen. Der Koͤnig wuͤrde ſich in einem natuͤrlichen Bunde mit den Gemeinen ruͤck⸗ ſichtlich eines Planes befunden haben, der die Auf⸗ hebung jener Gerechtſame bezweckte, die der Adel und die Geiſtlichkeit zum Nachtheil des dritten Standes beſaßen. Er haͤtte ſo, im Anfange wenigſtens, den Einfluß und die Intereſſen der Krone mit denen der Volksparthei vereinigen, und eine Art Gleichgewicht in dem repraͤſentativen Koͤrper bewirken koͤnnen, in welchem der Thron ein namhaftes Gewicht haben mußte. Augenſcheinlich fuͤrchteten ſich Calonne und ſein Vorgeſetzter Vergennes, dieſes maͤnnliche und offene Betragen anzunehmen, wie in der That die Mini⸗ ſter eines unumſchraͤnkten Monarchen wohl ſelten geneigt ſeyn koͤnnen, eine Verſammlung von Volks⸗ repraͤſentanten zu Huͤlfe zu rufen. Die Miniſter ſuchten daher den Mangel eines Vereins, wie die Generalſtaaten waren, dadurch zu erſetzen, daß ſie eine Verſammlung der ſogenannten Notabeln, oder der angeſehenſten Individuen des Koͤnigreichs, zu⸗ ſammenriefen. Dies war in jedem Betracht eine unuͤberlegte Maßregel*). Ungeachtet einer gewiſſen *) Sie wurden den 20. Dez. 1786 zuſammenberufen, und eröff⸗ neten ihre Sitzungen den 22. Febr. des folgenden Jahrs. W. Scott's Werke. XXV. 8 8 114 Annaͤherung an die Form einer großen Nationalver⸗ ſammlung hatten die Notabeln kein Recht, die Na⸗ tion zu vertreten; auch lag es nicht in dem Bereich ihrer Befugniſſe, irgend einen Beſchluß zu faſſen. Ihr Poſten war blos der einer außerordentlichen Verſammlung von Rathgebern, die uͤber irgend einen Gegenſtand berathſchlagten, den der Koͤnig ihrer Erwaͤgung unterworfen haben konnte, und die nun ihre Meinung als Antwort auf die Fragen des Sou⸗ verains auszudruͤcken hatte Allein eine Verſamm⸗ lung, die blos Meinungen in Anregung bringen, und ſich uͤber ſie berathen konnte, ohne zu einer wirk⸗ ſamen und rechtskraͤftigen Entſcheidung zu gelangen, war ein unheilvolles Huͤlfsmittel in einer Kriſis, in der Entſcheidungen ſchlechterdings nothwendig waren, und jede unbeſtimmte und keine Huͤlfe ſchaffende Eroͤrterung, als in einem Augenblicke der Volksgaͤh⸗ rung, vorſichtig vermieden werden mußte. Vor Al⸗ lem aber litt die Verſammlung der Notabeln an dem großen Mangel, daß ſie einzig und allein aus den privilegirten Staͤnden, und folglich aus denje⸗ nigen Individuen beſtand, welche die Gleichheit der Steuern am meiſten verabſcheuten, und am hart⸗ naͤckigſten an jenen Gerechtſamen hielten, deren Ver⸗ nichtung der Plan des Finanzminiſters bezweckte. Calonne traf bei jedem Punkte auf den heftig⸗ ſten Widerſtand, und erhielt von den Notabeln Vor⸗ ſtellungen, ſtatt Huͤlfe und Unterſtuͤtzung. Da dieſe 115 Verſammlung alle ſeine Plane tadelte, und ſeine Vorſchlaͤge verwarf, ſo glich er in ihrer Mitte einem raſchen Schwarzkuͤnſtler, der zwar im Stande gewe⸗ ſen war, einen Geiſt herauf zu rufen, allein der Aufgabe nicht gewachſen iſt, ihn zu leiten, nach⸗ dem er ihn herbeſ woren hat. Er wurde zudem durch Vergennes Tod geſchwaͤcht, und endlich ſah er ſich gezwungen, ſeine Stelle und ſcin Vaterland zu verlaſſen, ein Opfer der Hofintrike und des Volks⸗ haſſes. Haͤtte dieſer geſchickte, aber raſche Miniſter die Generalſtaaten, ſtatt die Notabeln zuſammen⸗ berufen, ſo waͤre er wenigſtens der Unterſtuͤtzung des dritten Standes gewiß geweſen, und mit ihm verbunden, haͤtte er ohne Zweifel einen ſo populaͤ⸗ ren Plan durchſetzen koͤnnen, der dahin ging, die Beſteurung auf eine gerechte Baſis zu gruͤnden, und nicht blos den Bauern und Gewerbsmann, ſondern auch den ſtolzen Praͤlaten und den reichen Edel⸗ mann beizuziehen. Nachdem Calonne, vom Volkshaſſe verfolgt, ſich nach England entfernt hatte, fiel ſein gefaͤhrliches Amt dem Erzbiſchoff von Sens, nachmaligem Kardi⸗ nal von Lomaine, zu. Er ward zu dem peinlichen Vorrange*) durch den Einfluß der ungluͤcklichen Ma⸗ ria Antoinette erhoben, deren vortreffliche Eigen⸗ ſchaften mit einem ihrem Geſchlechte in einer ſo er⸗ * Im Mai 1787. 8 4.. — 116 habenen Stellung eigenen Hange zu Staatsintri⸗ ken gepaart waren, die nur zu oſt die redlicheren Abſichten ihres Gemahls durchkreuzten oder vereitel⸗ ten, und, obſchon ohne ihr Wiſſen, ſeinen oͤffentli⸗ chen Maßregeln, die er bald in Folge ſeiner eige⸗ nen Grundſaͤtze, bald in Folge ihrer Intriken und Bitten annahm, einen Anſchein von Unſtetigkeit und ſelbſt von Doppelſinnigkeit gaben, der ihnen beiden in der oͤffentlichen Meinung ungemein ſchadete. Da der neue Miniſter ſich eben ſo wenig mit der Ver⸗ ſammlung der Notabeln vertragen konnte, als ſein Vorgaͤnger, ſo loͤste der Koͤnig endlich dieſen Verein auf, ohne die erwartete Huͤlfe oder den erwarteten guten Rath von ihnen empfangen zu haben. So verwirklichte ſich die von Voltaire in Betreff ſolcher Vereine ausgedruͤckte Meinung: „De tous ces Etats'effet le plus commun, Est de voir tous nos maux, sans en soulager un.* Nach der Entlaſſung der Notabeln befolgte oder empfahl der Miniſter ein Betragen, ſo ſchwankend und unentſchieden, bald bei der Vertheidigung des koͤniglichen Vorrechtes ſo gewaltthaͤtig, bald, wenn ihm der junge Geiſt der Freiheit einen kuͤhnen Wi⸗ derſtand entgegenſetzte, ſo kleinmuͤthig, daß, waͤre er beſtochen worden, um die Krone ſo verhaßt als veraͤchtlich zu machen, oder ſeinen Herrn in ein Be⸗ tragen zu verwickeln, das den Muthigen unter ſeinen mißvergnuͤgten Unterthanen haͤtte empoͤren, und den Furchtſamen ermuthigen koͤnnen, der Erzbiſchof von 117 Sens ſchwerlich, nach der ſorgfaͤltigſten Unterſuchung, ſo geeignete Maßregeln fuͤr einen ſolchen Zweck haͤt⸗ te ergreifen koͤnnen. Als ob er entſchloſſen geweſen waͤre, es zwiſchen dem Koͤnige und dem Parlamente von Paris zu einer Entſcheidung zu bringen, legte er dem letztern zwei Steueredikte vor, die in den meiſten Hinſichten denen glichen, die von ſeinem Vorgaͤnger Calonne den Notabeln empfohlen worden waren. Das Parlament weigerte ſich, dieſe Edikte einzuſchreiben,— ein Benehmen das der Miniſter haͤtte vorausſehen ſollen. Er nahm nun ſeine Zu⸗ flucht zur Ausuͤbung des koͤniglichen Vorrechtes in ſeiner willkuͤhrlichſten und verhaßteſten Geſtalt. Es wurde ein ſogenanntes Lit de justice*) gehalten, bei welchem der Koͤnig den Gerichtshof in eigner Perſon praͤſidirte, und die Einſchreibung der, ge⸗ wiſſe neue Steuern auflegenden, Edikte in ſeiner eigenen Gegenwart befahl. So wurde durch einen un⸗ mittelbar von dem Souverain ausgegangenen Macht⸗ ſtreich die einzige Art von Widerſtand, welche die Unterthanen, durch irgend ein Organ, der Erhoͤhung der Steuern entgegenſetzen konnten, vernichtet. Das Parlament gehorchte ſcheinbar einen Au⸗ genblick; allein es erklaͤrte feierlich, daß das Edikt, da es auf koͤniglichen Befehl und gegen ihre ein⸗ muͤthige Meinung eingeſchrieben worden ſei, keine *) Den 6, Aug, 1787. 118 Geſetzeskraft haben koͤnne. Sie machten auch dem Throne hoͤchſt freimuͤthige und energiſche Vorſtellun⸗ gen, und gaben deutlich zu erkennen, daß ſie die leidenden Werkzeuge, vermittelſt welcher das Pub⸗ likum mit neuen Auflagen belaſtet werden ſolle, we⸗ der ſeyn koͤnnten, noch ſeyn wollten. Auch ſprachen ſie zum erſtenmale in beſtimmten Ausdruͤcken die fuͤr Frankreich ſo verhaͤngnißvolle Behauptung aus⸗ daß weder die Edikte des Koͤnigs, noch die Ein⸗ ſchreibung dieſer Edikte durch das Parlament genuͤ⸗ gen, um dem Volke beſtaͤndige Laſten aufzubuͤrden; ſondern daß zu einer ſolchen Beſteurung einzig und gllein die Generalſtaaten befugt ſeien. Zur Beſtrafung ſeiner furchtloſen Vertheidigung der Volksſache wurde das Parlament nach Troyes verbannt, und die Regierung vergroͤßerte ſo die Un⸗ zufriedenheit der Nation durch die Entfernung des Hauptgerichtshoſes des Koͤnigreichs, und durch alle die Uebel, welche eine nothwendige Folge des Auf⸗ ſchubs der oͤffentlichen Gerechtigkeitspflege ſind. Die Provinzialparlamente vertheidigten die von ihren Bruͤdern in Paris angenommenen Grundſaͤtze. Die Rechnungskammern und das Accisamt, dem Nange nach die naͤchſten gerichtlichen Anſtalten nach dem Parlamente, erklaͤrten ſich ebenfalls gegen die Auf⸗ lagen, und weigerten ſich, ſie einzutreiben. Sie wurden deßwegen nicht eingetrieben; und ſo wurde die koͤnigl. Gewalt von Frankreich, ſeit wenigſtens 119 zweihundert Jahren das erſtemal, in eine unmittel⸗ bare Colliſſion mit der oͤffentlichen Meinung und dem oͤffentlichen Widerſtande gebracht, durch die Energie der⸗ Unterthanen gezwungen, das Feld zu raͤumen. Dieß war die erſte unmittelbare Bewegung jener maͤch⸗ tigen Revolution, die ſpaͤterhin gleich dem eine Anhoͤhe hinabrollenden Felſen, ihrer Criſis zu⸗ ſtuͤrzte. Dies war die erſte Fackel, die an die ver⸗ ſchiedenen Brennſtoffe gehalten wurde, die in ganz Frankreich zerſtreut lagen, und die wir zu angliſiren geſucht haben. Die Flamme erreichte bald auch die Provinzen. Unter den Adeligen in der Bretagne brach eine Art Aufſtand aus; das Parlament von Grenoble bekaͤmpfte durch einen feierlichen Beſchluß die Ge⸗ ſetzmaͤſigkeit der lettres de cachet. Sonderbare und erſchreckende Beſorgniſſe,— wilde und zuͤgelloſe Hof⸗ nungen,— ungegruͤndete Geruͤchte,— eine unſiche⸗ re Erwartung naher Vorfaͤlle,— Alles trug dazu bei, den Geiſt des Volks in Aufregung zu bringen. Die lebhaften und raſchen Gemuͤther, welche haupt⸗ ſaͤchlich dieſe Nation auszeichnen, machte die Unge⸗ wißheit halb wahnſinnig, waͤhrend ſelbſt die plumpe Natur des gemeinſten und niedrigſten Poͤbels den kommenden Anſtoß auſſerordentlicher Veraͤnderungen fuͤhlte, wie das Vieh vor einem herannahenden Ge⸗ witterſturm eine gewiſſe Unruhe fuͤhlt. Der Miniſter konnte unter ſo drohenden Um⸗ ſtaͤnden ſeinen Muth nicht aufrecht erhalten; doch 1²2⁰ verſuchte er ungluͤcklicherweiſe einen Schein von Wi⸗ derſtand, anſtatt den Koͤnig dem Einfluſſe ſeines ei⸗ genen geſunden Verſtandes und ſeiner trefflichen Ge⸗ muͤthsart zu uͤberlaſſen, die ihn ſtets bewogen, den Weg der Verſoͤhnung einzuſchlagen. Es gab in der That nur eine Wahl— Buͤrgerkrieg oder Nachgie⸗ bigkeit.— Ein Despot wuͤrde das erſtere gewaͤhlt, ſich von Paris entfernt, und das ihm immer noch treue Heer um ſich verſammelt haben. Ein patrio⸗ tiſcher Herrſcher(und ein ſolcher war Ludwig XIV., wenn er ſeinem eigenen Urtheile folgte) wuͤrde den Weg der Nachgiebigkeit eingeſchlagen haben, doch wuͤrden ſeine Schritte auch waͤhrend des Ruͤckzugs ſo feſt, und ſeine Haltung ſo maͤnnlich geweſen ſeyn, daß das Volk der Furcht nicht beizuſchreiben gewagt haben wuͤrde, was blos ein Ausfluß des Geiſtes der Verſoͤhnung war. Allein das Betragen des Mini⸗ ſters, oder derer, welche ſeine Bewegungen lenkten, war eine Wechſelfolge von beleidigendem Widerſtande gegen die oͤffentliche Stimme, und von unzeitigen Bewilligungen ihrer Forderungen, die einen Geiſt verrieth, den die Gefahren der Zeitumſtaͤnde ein⸗ geſchuͤchtert hatten, und der eben ſo unfaͤhig war, ſie durch Nachgiebigkeit zu vermeiden, als ihnen einen muthigen Widerſtand entgegenzuſetzen. Der Koͤnig rief zwar das Parlament von Paris 3 aus ſeiner Verbannung zuruͤck, und unterzog ſich zu gleicher Zeit der ausdruͤcklichen Verbindlichkeit, die — —— * 121 Generalſtaaten zuſammenzurufen, was die Untertha⸗ nen natuͤrlich auf die Vermuthung fuͤhrte, daß die neuen Auflagen ihrer Erwaͤgung uͤberlaſſen werden ſollten. Allein gleichſam in der eigentlichen Abſicht, die Gemuͤther durch die Darlegung des Wunſches, die Ausfuͤhrung des Verſprochenen zu umgehen, wagte es der Miniſter in einer boͤſen Stund, die Nervenkraft des Volks durch einen neuen Verſuch zu erproben und abermals die Wuͤrde des Souverains zu beein⸗ traͤchtigen, indem er ihn vermochte, perſoͤnlich einen Befehl zu ertheilen, den, wie man aus Erfahrung wußte, das Parlament zum voraus zu mißachten ent⸗ ſchloſſen war. Durch dieſes neue Verfahren ward der Koͤnig veranlaßt, eine ſogenannte koͤnigliche Sitzung im Parlamente zu halten, die in allen ihren Formen einem lit de justice glich, auſſer daß die Befehle des Monarchen, auf dieſe Art ergangen, weniger gebieteriſch ſchienen, als wenn ſie, wie bei fruͤherer Gelegenheit, in jener verhaßten Verſamm⸗ lung ertheilt wurden. So rief der Koͤnig, mit weniger Vortheil, als zuvor, und in jedem Falle, nach dem gaͤnzlichen Mißlingen eines fruͤheren Verſuchs, in alle For⸗ men ſeiner Koͤnigswuͤrde gekleidet, ſein Parlament in eigener Perſon zuſammen; und wiederum befahl er mit eigener Stimme dem Gerichtshofe, ein koͤ⸗ nigliches Edikt einzuſchreiben, das ein im Laufe von 5 Jahren zu erhebendes Anlehen von vierhundert 12² und zwanzig Millionen verordnete. Dieſer Befehl veranlaßte eine Berathſchlagung, die neun Stunden dauerte, und die nur dadurch beendigt wurde, daß der Koͤnig ſich erhob, und endlich den poſitiven Macht⸗ befehl ertheilte, daß das Anlehen eingetragen wer⸗ den muͤſſe. Zum Erſtaunen der Verſammlung erhob ſich, gleichſam zur Antwort, der erſte Prinz von Ge⸗ bluͤt, der Herzog von Orleans, und verlangte zu wiſ⸗ ſen, ob man zu einem lit de justice, oder zu einer koͤniglichen Sitzung verſammelt ſei. Auf die Ant⸗ wort, daß letzteres der Fall ſei, proteſtirte er fei⸗ erlich gegen das Geſchehene. So ward das Anſehen des Koͤnigs noch einmal den Vertheidigern der Rechte des Volks vor aller Augen feindlich gegenuͤberge⸗ ſtellt, gleichſam um Angeſichts der ganzen Nation zu zeigen, daß ſeine Schrecken blos die eines Phan⸗ toms ſelen, deſſen Schattengeſtalt den Furchtſamen in Schrecken ſetzen, allein keine gegruͤndete Urſache zur Furcht darbieten loͤnne, wenn man ſich ihm mu⸗ thig widerſetze. Doch der Miniſter gab nicht nach, ohne einen fruchtloſen Kampf zu wagen, der ſowohl von der Schwaͤche der koͤniglichen Macht, als von dem Wun⸗ ſche zeugte, ſie mit der despotiſchen Gewalt fruͤhe⸗ rer Zeiten zu handhaben. Zwei Mitglieder des Par⸗ laments von Paris wurden in entfernte Feſtungen, und der Herzog von Orleans 3 an ſeine Guͤter ver⸗ wieſen. 1²3 Ein langer und lebhafter Austauſch von Gegen⸗ vorſtellungen folgte nun zwiſchen dem Koͤnig und dem Parlamente“), wobei der erſtere, ſowohl durch die Eroͤrterungen, in die er ſich uͤber ſein Vorrecht einließ, als durch die Bewilligungen, zu denen er ſich genoͤthigt ſah, ſeine Schwaͤche anerkannte. In⸗ zwiſchen naͤhrte der Erzbiſchoff von Sens die ro⸗ manhafte Idee, dieſe widerſpenſtigen Gerichtshoͤfe ganz los zu werden, und zu gleicher Zeit der Zuſammenberufung der Generalſtaaten zu entge⸗ hen. Zu dieſem Ende wollte er einen Cour- ple⸗ niere, oder einen alten Feudalgerichtshof errich⸗ ten, der aus Fuͤrſten, Pairs, Marſchaͤllen von Frauk⸗ reich, Abgeordneten aus den Provinzen, und andern ausgezeichneten Perſonen beſtehen und ins kuͤnftige alle die hoͤhern und edlern Pflichten der, auf dieſe Art zu ihrer urſpruͤnglichen und eigenthuͤmlichen Be⸗ ſtimmung, als Gerichtshoͤfe, zuruͤckgebrachten Parla⸗ mente ausuͤben ſollte. Allein eine Verſammlung aus den alten Lehenszeiten, mit einem ſo geringen Zuſatze von Volksvertretung, konnte in keiner Ge⸗ ſtalt den jetzt allgemein herrſchenden Ideen ange⸗ meſſen ſeyn. Dies fuͤhlte man ſo ſehr, daß viele von den Pairs, und andere zu Mitgliedern des Cour- plenièére ernannte Perſonen die ihnen zugedachten *) Dieſe merkwürdigen Ereigniſſe hatten den 19ten Nov. 1787 Statt. 124 Sitze ausſchlugen, und der ganze Plan vereitelt ward. Inzwiſchen folgte Gewaltthat auf Gewaltthat, und Vorſtellung auf Vorſtellung. Das Parlament von Paris und alle Provinzialkoͤrperſchaften derſelben Gattung wurden ihrer Funktionen entſetzt und folg⸗ lich der regelmaͤßige Gang der Gerechtigkeit unter⸗ brochen. Nun verbreitete ſich der Geiſt der Empoͤ⸗ 3 rung durch das ganze Koͤnigreich und brach in furcht⸗ bare Unordnungen und Unruhen aus; waͤhrend man zu gleicher Zeit bemerkte, daß die Einwohner der Hauptſtadt in eine Schrecken erregende Bewegung geriethen. Es fehlte nicht an Schriftſtellern, die das ſtei⸗ gende Mißvergnuͤgen erhoͤht hatten; und was noch ſon⸗ derbarer erſcheint, ſie durften dies ungeſtoͤrt thun, ungeachtet der tiefen Eiferſucht, mit der man jetzt in Frankreich freie Eroͤrterungen betrachtete. Schmaͤh⸗ ſchriften und Satyren wurden oͤffentlich in Umlauf gebracht, ohne daß ſich die Regierung bemuͤht haͤtte, ſie zu unterdruͤcken, oder ihre Verfaſſer zu beſtrafen, obſchon die aͤrgerlichſten Angriffe auf die koͤnigliche Familie, und auf die Koͤnigin insbeſondere, in die⸗ ſen politiſchen Ergießungen zerſtreut waren. Es ſchien, als ob der Arm der Gewalt gelaͤhmt waͤre, und die Bande der Obergewalt, die das franzoͤſiſche Volk ſo lange gefeſſelt hatten, ſich von ſelbſt aufge⸗ loͤßt haͤtten; denn die ſo lange unbekannte Preßfrei⸗ 125 heit ward jetzt offen angenommen und in Anwen⸗ dung gebracht, ohne daß die Regierung ſich ins Mit⸗ tel zu ſchlagen gewagt haͤtte. Zur Vollendung des Gemaͤhldes, brach, als ob Gott und Menſchen zugleich den Fall dieſer alten Monarchie beſchloſſen haͤtten, ein Orkan von der furchtbarſten und ungewoͤhnlichſten Art uͤber das Koͤ⸗ nigreich aus, verheerte die gehoffte Erndte weit und breit, und eroͤffnete den erſchrockenen Einwohnern die Ausſicht auf Armuth ſowohl, als Hungersnoth in Verbindung mit einem Nationalbankerotte und einer zerruͤtteten Regierung. Die letztern Uebel ſchienen mit ſtarken Schrit⸗ ten zu nahen; denn der Zuſtand der Finanzen wurde ſo verzweifelt, daß Ludwig ſich in die Nothwendig⸗ keit verſetzt ſah, einen großen Theil der Zahlungen der Schatzkammer einzuſtellen und ſtatt ihrer Scheine auszugeben. In dieſer furchtbaren Kriſis zog ſich der Erzbiſchoff von Sens, fuͤr den Koͤnig, und mehr noch fuͤr ſich beſorgt, von der Verwaltung*) zuruͤck, und uͤberließ es, ſo, waͤhrend Bankerotte das Koͤnig⸗ reich bedrohten, dem Monarchen ſich in den Stuͤr⸗ men, welche die Maßregeln des Miniſters ſelbſt bis zum furchtbarſten Grade vergroͤßert hatten, zu beneh⸗ men, wie er konnte oder wollte. *, Den 25ten Auguſt 1788. Der Erzbiſchoff floh mit großer Eile nach Italien, als er ſeinem unglücklichen Herrn ſeine Entlaſſung überſchickt hatte. 126 Man mußte ſeine Zuflucht zu einem neuen Pre⸗ mier⸗Miniſter und einer gaͤnzlichen Aenderung der bisherigen Maßregeln nehmen. Necker, der Liebling des Volkes, bedauerte, an das Staatsruder gerufen, mit einem bittern Vorgefuͤhle des kommenden Un⸗ gluͤcks, die Zeit, die unter der Verwaltung des Erz⸗ biſchoffes mehr als unnuͤtz vergeudet worden war, da er ſie dazu angewendet hatte, die Feinde der Krone zu vermehren, ihre Huͤlfsquellen zu ſchmaͤlern, und den Koͤnig zu ſolchen Maßregeln zu zwingen, wodurch die koͤnigliche Gewalt in dem allgemeinen Ruf eines gemeinſchaftlichen Feindes aller Staͤnde des Koͤnigreichs kam. Das gegebene koͤnigliche Wort durch die Zuſammenberufung der Generalſtaaten zu loͤſen, hielt Necker fuͤr das redlichſte und zugleich kluͤgſte Verfahren; und in der That bot es auch die einzige Moͤglichkelt dar, den Fuͤrſten noch einmal mit dem Volke zu verſoͤhnen, ob er ſchon jetzt einer Forderung das gewaͤhrte, was 2 Jahre fruͤher als eine Gnade aufgenommen worden waͤre. Wir haben bereits bemerkt, daß die Verfaſſung von dieſer Verſammlung von Volksvertretern wenig ver⸗ ſtanden wurde, obſchon das Wort in Aller Munde war. Es ſollte die Panacee der Krankheiten der Nation ſeyn, allein man kannte die Art der Berei⸗ tung dieſce Univerfalheilmittels, oder die Art ſei⸗ ner Wirkung nur unvollſtaͤndig; oder vielmehr, das Volk von Frankreich rief den Beiſtand dieſer Natio⸗ 12²27 nalverſammlung an, wie es den Beiſtand eines Schutzengels angerufen haben wuͤrde, mit dem voll⸗ kommenſten Vertrauen auf ſeine Macht und Wohl⸗ thaͤtigkeit, obſchon es weder die Geſtalt kannte, in der er erſcheinen, noch die Natur der Wunder, die er zu ſelnen Gunſten verrichten ſollte. Es wurde Neckern zum großen Vorwurfe gemacht, daß er es von Seiten der Krone vernachlaͤßigte, bei dieſer wich⸗ tigen Gelegenheit die Initiative zu ergreifen, und es wurde behauptet, es ſei des Miniſters Pflicht geweſen, ohne irgend eine Frage aufzuſtellen oder einen Zweifel zu erlauben, die Generalſtaaten auf eine Art zuſammen zu berufen und nach ihrem An⸗ tritte zu reguliren, die den wankenden Einfluß ſei⸗ nes Herrn am beſten zu ſichern geeignet geweſen waͤre. Allein Necker glaubte wahrſcheinlich, die Zeit ſei vorbey, wo die Krone ſich dieſe Gewalt aneig⸗ nen konnte, ohne Eiferſucht oder Widerſtand zu er⸗ egen. Er mochte ſich erinnern, daß das koͤnigliche Anſehen ſeit einigen Jahren zu wiederholtenmalen gleichſam angefpannt worden war, bis es zu wieder⸗ holtenmalen nachgegeben hatte, und der Erfolg des lit de justice, und ſpaͤter der koͤniglichen Sitzung bewies zur Genuͤge, daß Machtworte an ungehorſame Ohren umſonſt verſchwendet werden, und blos einen, ihre Kraftloſigkeit beweiſenden Widerſtand erregen wuͤrden. Es war daher raͤthlich, ſich nicht auf die ununterſtuͤtzte Ausuͤbung der koͤniglichen Praͤrogatipe 128 zu verlaſſen, ſondern ſtatt deſſen den fuͤr die Kon⸗ ſtituirung der Generalſtaaten getroffenen Anordnun⸗ gen, durch die Billigung irgend eines von dem Koͤ⸗ nige und ſeinen Miniſtern unabhaͤngigen oͤffentlichen Koͤrpers, Gewicht zu verſchaffen. Zu dieſem Ende rief Necker eine zweite Verſammlung der Notabeln zuſmnmen*) und unterwarf ihrer Einſicht ſeinen Plan zur Conſtituirung der Generalſtaaten. Zwei Hauptpunkte mußten dieſer Koͤrperſchaft in Betreff der Conſtitution der Generalſtaaten vorge⸗ legt werden. 8 I. In welchem Verhaͤltniſſe ruͤckſichtlich der An⸗ zahl ſollen die Abgeordneten der 3 Staͤnde repraͤſen⸗ tirt werden? II. Sollten die Edeln, die Geiſtlichkeit und der dritte Stand, nach ihrem Zuſammentritte, getrennt und als beſondere Kammern ihre Verhandlungen vornehmen, oder als eine vereinte Koͤrperſchaft Siz⸗ zung halten und votiren. *) im November 1788. Ende des erſten Bändchens.