Walter Scott's ſaͤmmtliche c T — Neu uͤberſetzt. Vierzehnter Band. Woodſtock oder de Ritte r. Eine Erzaͤhlung aus dem Jahre ſechszehn hundert ein und fuͤnfzig. Fuͤnfter Theil. — Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1 8 2 606. Woodſtock oder d e r R i t z e r. Eine Erzählung aus dem Jahre ſechszehn hundert ein und fuͤnfzig. Vom Verfaſſer des Waverley, der Erzaͤhlungen von den Kreuzfahrern c. ———— Er war ein ganz vollkommner Ritter. Chaucer. Aus dem Engliſchen uͤber ſetzt von ⸗ Carl Weil. Fuͤnfter Theil. Stuttgart, bei Gebruder Franch. 182 6. — Woodſtock oder der Ritee r. Eine Erzaͤhlung aus dem Jahre ſechszehn hundert ein und fuͤnfzig. Erſtes Kapitel. Doch iſt mein Rock noch beſſer als Du denkſt. Othello. In der dunklen Octobernacht, welche dem Tage 4 folgte an welchem Tomkins erſchlagen ward, hatte der Obriſt Everard, außer ſeinem beſtaͤndigen Begleiter 1 Roger Wildrake, auch noch den Mr. Nehemias Holdo⸗ nough als Gaſt bei ſich zum Abendeſſen. Nachdem das Abendgebet dem presbyterianiſchen Ritus gemaͤß, gehalten worden war, ward zu der ungewoͤhnlich ſpaͤ⸗ ten Stunde, um neun Uhr den Freunden ein einfa⸗ ches Abendeſſen vorgeſtellt. Bald ließ ſich Mr. Hol⸗ denough in eine polemiſche Rede gegen Sectiker und Independenten ein, ohne darauf zu merken, daß ſeine 5 Beredſamkeit fuͤr ſeinen Hauptzuhöorer nicht gar ſehr anziehend war, deſſen Gedanken unterdeſſen von Wood⸗ 1 1.„ Caſſio: Das Zutrau'n iſt fürwahr mein Feind geweſen,— 6 ſtock und ſeinen Bewohnern erfuͤllt waren von dem Fuͤr⸗ ſten, welcher dort verborgen war,— ſeinem Oheim und vorzuͤglich— von Alexis Lee. Wildrake aber, nachdem er gegen Sectiker und Presbyterianer einen gleichkraͤftigen Fluch ausgeſtoßen hatte, ſtreckte ſeine Glieder, und haͤtte ſich wahrſcheinlich zur Ruhe begeben, wenn nicht auch ihn ſo wie ſeinen Herrn, Gedanken durchkreuzt haͤtten, welche den Schlaf verſcheuchten. Zur Bedienung der Geſellſchaft war ein kleiner Zigeunerartig ausſehender Knabe da, der eine dun⸗ kelgelbe, mit veralteten blauen Borten beſetzte Jacke trug. Das Bubchen ſchien fuͤr ſein Alter etwas klein, aber dafuͤr geiſtig und koͤrperlich thaͤtig zu ſeyn; denn aus ſeinen ſchwarzen Augen ſprudelte Lebhaftigkeit. Er war ein Diener, den Wildrake auserſehen hatte, und dem er den Beinamen Spitſire gab; auch hatte er ihm verſprochen, fuͤr ſein ferneres Fortkommen zu ſorgen, ſobald ſein junger Schuͤtzling Fruͤhſtuͤck ihm in ſeinem jetzigen Amte wuͤrde folgen koͤnnen. Auch unter⸗ ließ es der Page nicht, ſobald er Wein brachte, den Wildrake mit der doppelten Portion zu verſehen, die er dem Obriſten und ſeinem ehrwuͤrdigen Gaſte darbot. Waͤhrend ſie nun ſo, der gute Geiſtliche mit ſei⸗ ner Rede, die Zuhoͤrer mit ihren Privatgedanken be⸗ ſchaͤftigt waren, wurde um halb eilf ihre Aufmerk⸗ ſamkeit von einem Klopfen an die Hausthuͤre in An⸗ ſpruch genommen. Aengſtliche Herzen werden durch die unbedeutendſten Dinge erſchreckt. 7 Selbſt eine ſo einfache Sache wie das Klopfen an eine Thuͤre kann auf Weiſe geſchehn die Furcht erregt. Es war kein ruhiges, hoͤfliches Anklopfen das einen beſcheidenen Gaſt bezeugt; kein wiederhol⸗ ter Schlag, wie die prunkhafte Ankuͤndigung einer eitlen Perſon; auch glich es weder der foͤrmlichen Auf⸗ forderung zu einem foͤrmlichen Geſchaͤfte, noch dem frendigen Beſuche eines willkommenen Freundes. Es war ein einziger Schlag, feierlich und ernſt, wo nicht gar drohend im Schall. Eine Perſon des Hauſes oͤffnete das Thor; ein ſchwerer Schritt ſtieg die Treppe hinauf— ein kraͤftiger Mann trat in das Zimmer, zog den Mantel weg, der ſein Geſicht verhuͤllte und ſprach:„Markham Everard, ich gruͤße Dich im Na⸗ men Gottes.“ Es war General Cromwell. Everard uͤberraſcht und plötzlich ertappt verſuchte es umſonſt Worte zu finden um ſein Erſtaunen aus⸗ zudruͤcken. Er empfing jedoch den General mit ſtil⸗ ler Hoͤflichkeit und half ihn den Mantel aufzuknoͤpfen. Der General ließ ſein durchdringendes Auge im Zim⸗ mer umher ſtreifen, und da es zuerſt den Geiſtlichen traf, ſo redete er den Everard folgendermaaßen an: „„Wie ich ſehe iſt ein ehrwuͤrdiger Mann bei Dir. Du biſt keiner von denen welche die Zeit unbenutzt und ohne Vortheil voruͤberſchleichen laſſen, mein gu⸗ ter Markham.— Die Dinge dieſer Welt bei Seite ſetzen— die der zukuͤnftigen ins Auge faſſen— wenn 8 wir auf dieſem armen Sitze irdiſcher Suͤnde und Sorge auf dieſe Weiſe unſere Zeit benutzen, als waͤre es— aber was iſt das?“ fuhr er fort, indem er plötzlich den Ton veraͤnderte, und ſcharf, kurz und aͤngſtlich frug.—„Seitdem ich eintrat hat jemand das Zimmer verlaſſen?“ Wirklich war Wildrake eine oder zwei Minuten abweſend, nun aber zuruͤckgekehrt, und trat aus ei⸗ nem Seitenfenſter hervor, als waͤre er nur außer dem Geſichtskreiſe und nicht aus dem Zimmer gewe⸗ ſen.„Um Verzeihung, Sir, ich ſtand nur aus Ach⸗ tung im Hintergrunde. Edler General, ich hoffe doch daß alles im Staate in gehoͤriger Ordnung iſt, daß uns Ew. Excellenz noch ſo ſpaͤt mit einem Beſuche beeh⸗ ren?— Wuͤnſchen Ew. Excellenz nſcht einige— „Ah!“ ſagte Oliver, indem er ihn ſcharf und feſt ins Auge faßte,—„unſer vertrauter Zwiſchen⸗ gaͤnger— unſer getreuer Vertrauter— nein Sir; fuͤr jetzt wuͤnſche ich nichts als einen herzlichen Willkomm, den, wie es mir ſcheint, mein Freund Markham Everard mir zu bieten ſich nicht eben ſehr beeilt.“ „Sie bringen ſtets Ihren eigenen Willkomm' mit, Mylord,““ ſagte Everard, der ſich zum Sprechen zwang.— „Ich hege die Hoffnung, daß es keine uͤble Nachricht iſt welche Ew. Excellenz bewog ſo ſpaͤt in der Nacht zu reiſen, und bin ſo frei Sie, wie mein Diener, zu fragen welche Erfriſchungen Sie befehlen?“ „Der Stanat befindet ſich geſund und wohl, Obriſt 9 ECverard,“ ſagte der General;„doch fehlt es daran, daß viele ſeiner Mitglieder, die bisher zuſammen wirk⸗ ten, guten Rathes pflegten, und das oͤffentliche Wohl befoͤrderten, nun in ihrer Liebe und Neigung fuͤr die gute Sache erkalten, fuͤr die wir, ein jeder in ſeinem Stande ſtets bereit ſeyn ſollten zu handlen und zu wirken, ſobald wir dazu berufen ſind, weder beftig noch ſchlaͤfrig, weder lau noch allzuheftig, ſon⸗ dern auf eine Weiſe in welcher Eifer mit Menſchen⸗ liebe ſich paart. Ja wahrlich, weil wir zuruͤckblicken nachdem wir bereits die Hand an den Pflug legten, darum nimmt unſere Staͤrke ab.“ „Verzeihen Sie mir, Sir,“ ſagte Nehemias Holhenough, der, mit Ungeduld zuhoͤrend, nun zu vermuthen anfing, in weſſen Gegenwart er ſtehe.— „Verzeihen Sie, denn daruͤber zu reden habe ich ei⸗ nen Beruf.“ „Ahl ahl“ ſagte Cromwell.„Gewißlich, mein wuͤrdigſter Sir, man that dem Geiſt wehe, wenn man die Ergießungen zuruͤckhaͤlt, welche, gleich dem Waſſer aus dem Felſen“— „Nein, darin haben wir verſchiedenerlei Anſich⸗ ten, Sir,“ ſagte Holdenough;„denn ſo wie der Mund dazu beſtimmt iſt die Speiſen zu befoͤrdern, und den Vortheil hat das zu koſten, was der Himmel verlieh, ſo iſt der Prediger beſtellt zu lehren, und das Volk zu hoͤren— der Schaͤfer die Heerde in die Huͤr⸗ 10 den zu vereinigen, und das Schaaf der Sorgfalt des Hirten zu genießen.,) 3 „Ah, mein wuͤrdiger Herr,“ ſagte Cromwell mit vieler Salbung—„es ſcheint mir Sie ſchweben in dem großen Irrthume, zu glauben, daß Kirchen nur große lange, von den Maurern erbaute Haͤuſer ſind, und die Zuhoͤrer Maͤnner— vermogende Maͤnner— die mehr oder minder große Zehnten zahlen; und daß die Prieſter Maͤnner in ſchwarzen Roͤcken oder grauen Maͤnteln, welche denſelben empfangen nur die einzigen geſetzmäͤßigen Austheiler des chriſtlichen Se⸗ gens ſind.— Aber meiner Meinung nach iſt es der chriſtlichen Freiheit weit angemeſſener es der freien Wahl der hungrigen Seele zu uͤberlaſſen, ihre Erbau⸗ ung da zu ſuchen, wo ſie ſie am Beſten zu finden glaubt, es ſeye nun aus dem Munde eines Layen, der ſeinen Lehrberuf direkt vom Himmel herſchreibt, oder von denen, welche die Weihe und die Grade von Spnoden oder Univerſitaͤten erhalten haben, die doch im beſten Falle nur eine Verſammlung armer, ſuͤndi⸗ ger Geſchoͤpfe ſind, wie ſie ſelbſt.“ „Sie wiſſen ſelbſt nicht was Sie ſprechen, Sir,“ erwiederte Holdenough.„Kann Licht entſtehen aus Finſterniß, Wiſſen aus Unwiſſenheit, oder Kenntniß der Myſterien der Religion von unwiſſenden Aerzten, welche Gift ſtatt heilſamer Arzeneien geben, und die Magen deren mit Unrath fuͤllen, die kraͤftige Nahrung ſuchen?“ * —.,— 11 Dieſes, was der preßbyterianiſche Geiſllich mit Heftigkeit ſprach, beantwortete der General mit der groͤßten Milde. 8 „Ei du liebe Zeit, du liebe Zeit! Ein gelehrter Mann, aber aufbrauſend; der allzugroße Eifer ver⸗ zehrt ihn faſt.— Schoͤnen Dank, Sir, ſchwatzen Sie immer von ihren regelmaͤßigen Evangelien⸗Mahlzei⸗ ten; aber ein Wort zu ſeiner Zeit vom Herzen zum Herzen, wenn man zum Beiſpiel grade dem Feinde entgegen reitet, oder eine Breſche beſtuͤrmt, iſt dem armen Geiſte wie en gutes Stuͤck Braten, das der Lunbri⸗ einem großen Gaſtmahl vorzieht, wenn ihm as Suͤßliche zuwider iſt. Dennoch aber, obgleich ich dn⸗ meiner ſchwachen Meinung nach ſagte, moͤchte ich doch Niemanden einen Gewiſſenszwang anthun, und uͤberlaſſe es den Gelehrten dem Gelehrten zu folgen, und den Weiſen ſich von dem Weiſen unterrichten zu laſſen, waͤhrend es den armen, einfachen Seelen geſtattet ſeyn ſoll, einen Labetrunk aus dem Strom zu ſchoͤpfen, der am Wege fließt.— Ja wahrlich, es wird ein erfreulicher Anblick ſeyn in alt England, wenn ein Glaube duldſam ſeyn wird gegen den ande⸗ ren, wenn einer die Schwaͤchen des anderen bedeckt und ſich alles erfreut im gemeinſchaftlichen Wohle.— Ja gewiß,— wer ſich dann reich glaubt, der trinke aus ſeiner ſilbernen Flaſche und ſeinem ſilbernen Be⸗ cher— waͤre es doch nur ſchon ſo weit!“— ſich die Haͤnde wie ein unzuverlaͤſſiger Zeuge. 12 Hier oͤffnete ein Officier die Thuͤre und ſah hin⸗ ein; augenblicklich wechſelte Cromwell die Prediger⸗ weiſe mit einem ſcharfen, kurzen Tone und rief: „Pearſon iſt er gekommen?“ „Nein Sir,“ erwiederte Pearſon;„wir haben auf dem angezeigten Platze nackgefragt, und auch in anderen Oertern der Stadt, wo er ſich auſzuhalten pflegte.“ „Der Schurke!“ ſagte Cromwell mit bitterem Ausdrucke;„koͤnnte er wohl falſch ſeyn?— Nein, nein, ſein Vortheil iſt zu ſehr dabei im Spiele. Wir werden ihn doch noch finden.— Bleibe in der Naͤhe.“ Waͤhrend dieſe Unterredung Statt fand, kann ſich der Leſer wohl Everards Unruhe vorſtellen. Si⸗ cher war Cromwell nur einer aͤußerſt wichtigen Sache wegen da, und er mußte vermuthen, daß der Gene⸗ ral einige Nachrichten uͤber den Ort erhalten hatte, wo ſich Carl verborgen hielt. Wuͤrde dieſer gefangen, ſo war eine Erneuerung des Trauerſpiels des 3oten des Januars faſt unvermeidlich, und der Ruin der ganzen Familie Lee, ihn ſelbſt wahrſcheinlich mitbe⸗ griffen, mußte die nothwendige Folge ſeyn. Aengſtlich blickte er den Wildrake an, aber auch in deſſen Zuͤge ſpiegelte ſich die unruhe, die er mit ſeinem gewoͤhnlichen Blicke des Selbſtzutrauens zu bemaͤnteln ſuchte. Aber das innere Gewicht uͤberwog; er ſcharrte mit den Fuͤßen, rollte die Augen und rieb 13 Oliver aber ließ der Geſellſchaft nicht einen Au⸗ genblick Muße ſich gegenſeitig zu berathen. Selbſt wann ſeine geiſtliche Beredtſamkeit wie ein Strom einherfloß, deſſen Richtung niemand entdecken kann, ſelbſt dann vereitelte ſein ſcharfblickendes, wachſames Auge alle Verſuche des Everard ſich mit Wildra ken wenn auch nur durch Zeichen zu verſtaͤndigen. Doch ſah Everard einen Augenblick auf das Fenſter und warf dann dem Wildrake einen Blick zu, als wolle er ihn um die Moͤglichkeit befragen, auf dieſe Weiſe zu entfliehn. Aber der Cavalier antwortete mit einem entmuthigenden Kopfſchuͤtteln, ſo leicht daß es kaum bemerklich war. Daher verlor Everard alle Hoffnung, und das melancholiſche Gefuͤhl eines herannahenden, unausweichlichen Ungluͤcks wechſelte nur mit der Angſt und der Ungewißheit, auf welche Weiſe und in welcher Geſtalt es ſich zeigen wuͤrde. Aber dem Wildrake leuchtete noch ein Funke der Hoffnung. In demſelben Augenblick als Crom⸗ well eintrat, ſtuͤrzte er aus dem Zimmer, hinab an die Thuͤre des Hauſes.„Zuruͤck— zuruͤck,“ riefen thm zwei be vaffnete Schildwachen zu; da ſah er daß man ſeiner Furcht zuvorgekommen und der General weder unbegleitet noch unvorbereitet gekommen war. Er wandte ſich um, flog die Treppe hinauf, traf den Knaben, den er Spitfire nannte, und riß ihn mit ſich fort in das kleine Zimmer, das er bewohnte. Die⸗ ſen Morgen hatte Wildrake gejagt, und Wildpret 14 lag auf dem Tiſche. Er zog eine Feder aus dem Fluͤgel eines Rebhuhns, und ſprach heftig:„Um Dei⸗ nes Lebens willen, Spitfire, gib' Acht auf meinen Befehl!— Ich wil Dich ſicher von dem Fenſter in den Hof hinab laſſen— dort wird keine Schildwache ſtehen.— Willſt Du Dir den Himmel gewinnen, ſo fliege ins Jaͤgerhaus, gib dieſe Feder wo moͤglich dem Fraͤulein Alexis Lee— wo nicht, dem Jocoline Joliffe— ſage, ich haͤtte die Wette von der jungen Dame gewonnen. Verſtehſt Du mich wohl, Knabe?““ Der ſcharſſinnige Knabe ſchlug mit ſeiner Hand in die ſeines Herrn und erwiederte:„geſagt und ge⸗ than.“ Wildrake oͤffnete das Fenſter und, obgleich die Hoͤhe betraͤchtlich war, ſo gelang es ihm doch den Knaben gluͤcklich hinabzulaſſen. Ein Strohbuͤndel machte das Hinablaſſen noch vollkommen ſicher, und Wildrake ſah dem kleinen Spitfire uͤber die Mauer des Hofes klettern und zwar ſo ſchnell, daß der Cavalier eben ſchon wieder ins Zimmer getreten war, als man ſeine Abweſenheit zu bemerken anfing. Waͤhrend Cromwells Vorleſungen uͤber die Duld⸗ ſamkeit der Glauben ſtand er aͤngſtlich da, weil er zweifelte, ob er nicht beſſer gethan haͤtte, ausdruͤck⸗ liche muͤndliche Botſchaft zu ſchicken, da zum Schrei⸗ ben keine Zeit mehr blieb. Aber die Gefahr, daß der Knabe dem Feinde in die Haͤnde fallen, oder von dem Bewußtſeyn verwirrt werden koͤnnte, der Ueber⸗ 15 bringer einer eiligen, wichtigen Botſchaft zu ſeyn, ſtellten den Royaliſten damit zufrieden, daß er den raͤthſelhafteren Weg die Nachricht bekannt zu machen, gewaͤhlt hatte. Es blieb ihm alſo ein Vortheil uͤber ſeinen Herrn; denn ihm leuchtete doch immer noch ein Fuͤnkchen der Hoffnung. Kaum hatte Pearſon die Thuͤre zugemacht, als auch Holdenough,— der eben ſo ſchnell zu den Waf⸗ fen gegen den kuͤnftigen Dictator griff, als er bereit⸗ willig den vermeintlichen Hirngeſpinſten und Gei⸗ ſtern zu-Woodſtock entgegengetreten war,— ſeinen Angriff auf die Schismatiter wieder begann, von de⸗ nen er beweiſen wollte, daß ſie Seelenmoͤrder, falſche Bruͤder und falſche Boten waͤren. Schon wollte er Bibelverſe zur Unterſtuͤtzung ſeiner Behauptung citi⸗ ren, als Cromwell, den die Unterredung wohl lang⸗ weilte, und der das Geſpraͤch ſeinen wahren Gefuͤh⸗ len naͤher bringen wollte, ihn— obgleich ſehr hoͤflich — unterbrach, und den Faden des Geſpraͤches ſelbſt ergriff. „Du liebe Zeit,“ ſagte er,„der gute Mann ſpricht ſeinem Wiſſen und ſeinen Einſichten nach die Wahrheit— ja bittere Wahrheit, und hart zu ver⸗ dauende, während wir mit menſchlichen und nicht mit Engels⸗Augen ſehen. Falſche Boten, ſagte der ehrwuͤrdige Mann?— ja wahrlich, die Welt iſt mit ihnen angefuͤllt— Sie koͤnnten deren ſehen, die Ihre geheime Botſchaft in das Haus Ihres Todtfeindes 16 tragen und zu ihm ſagen: AufV! mein Herr naht mit einem kleinen Heereshaufen von dieſer oder jener Straße her: eile Dich alſo daß Du aufſtehen kannſt und ihn erſchlagen. Und ein anderer, der da weiß wo der Widerſacher Ihres Hauſes und der Feind Ih⸗ rer Perſon verborgen liegt, wird, ſtatt ſeinen Herrn davon in Kenntniß zu ſetzen, dem Feinde in ſeinem Schlupfwinkel Nachrichten zuſchicken und ſagen laſſen: Auf! mein Herr kennt Deinen geheimen Aufenthalts⸗ ort— jetzt eile Dich und entflieh, damit er nicht auf Dich ſtuͤrzt wie ein Loͤwe auf ſeine Beute.— Aber ſoll das wohl ungeſtraft hingehn?“— fuͤgte er hinzu, indem er dem Wildrake einen durchbohrenden Blick zuwarf.„Nein!— ſo wahr meine Seele und Der lebet, der mich gemacht hat zum Herrſcher in Iſrael; ſolche falſche Voten ſollen auf der Landſtraße an den Galgen geknuͤpft und ihre rechte Hand ausgeſtreckt werden, um Anderen den Weg zu beigen, auf welchem ſie ſich verirrten!“ „Gewiß,“ ſagte Mr. Holdenough,„es iſt nicht mehr als Recht, ſolche Frevler umzubringen.“ „Schoͤnen Dank, Herr Pfaff,“ brummte Wild⸗ rake,„wann ermangelte wohl ein preßbyterianiſcher Geiſtlicher dem Teufel die Hand zu bieten?“ „Aber ich ſage,“ fuhr Holdenongh fort,„daß die Sache unſerer Unterredung ganz fremd iſt; denn die falſchen Bruͤder, von denen ich ſprach ſind“ „Ganz recht, mein vortrefflichſter Herr, ſie koön⸗ 17 nen ſogar von unſerem eigenen Hauſe ſeyn,“ antwor⸗ tete Ceomwell,„da hat der gute Mann wieder recht. — Ja, von wem durfen wir nun ſagen, daß er ein treuer Bruder ſey, ſelbſt wenn er unter demſelben Herzen gelegen haͤtte mit uns?— Und haͤtten wir guch fuͤr dieſelde Sache gerungen, von demſelden Tiſche gegeſſen, in derſelben Schlacht gekaͤmpft, an demſelben Throne gedient, ſo iſt doch keine Treu' in ihm!— Ach Markham Everard, Markham Everard!“ Bei dieſer Ausrufung hielt er ein; und Everard der gerne auf einmal wiſſen wollte, wie weit er ver⸗ rathen ſey, erwiederte:„Ew. Excellenz ſcheinen etwas auf dem Herzen zu haben das mich betrifft. Darf ich Sie wohl bitten es frei heraus zu ſagen, damit ich weiß, weſſen ich angeklagt werde?“ „Ach Mark, Mark,“ erwiederte der General, „es bedarf keines Anklaͤgers, wenn die laute Stimme des Gewiſſens im Inneren unſeres Herzens ſpricht. Liegt nicht der Schweiß auf Deiner Stirne, Mark Everard?— Nicht die Beunruhigung in Deinem Auge?— Nicht der Zweiſel in Deinen Zuͤgen? Und wer ſah je desgleichen bei dem edlen, kraͤftigen Mark⸗ ham Everard, deſſen Stirn nur dann von Schweiß triefte, wenn der Helm Tage lang ſein Haupt be⸗ ſchwerte,— deſſen Hand nur dann zitterte, wenn ſie Stunden lang das Schwerdt regierte. Ach geh', Freund, Du biſt mit Dir ſelbſt nicht im Reinen! Warſt Du mir nicht, gleich wie ein Bruder, und ſollte ich Dir nicht vergeben„ und waͤre es ſelbſt ſiebenzig mal und ſieben? Der Mann aber der un⸗ terdeſſen das wichtige Geſchaͤft verrichten ſollte, zos gert zu kommen. Benutze ſeine Abweſenheit, Mark; es iſt eine unerwartete Gnabe, welche Gott Dir ge⸗ waͤhrt. Ich ſage nicht, falle mir zu Fuͤßen; aber ſprich mit mir wie ein Freund mit dem andern.“ „Ich ſagte nie etwas zu Ew. Excellenz, das auch W. Seott's Werke. XIV. 2 18 nur im Geringſten die Sprache verdiente, die Sie gegen mich annehmen,“ ſagte Obriſt Everard ſtolz. „Nein, nein, Markham,“ antwortete Cromwell; „ich ſage nicht daß Du es thateſt— aber— aber Du haͤtteſt an die Botſchaft denken ſollen, die ich Dir durch dieſe Perſon(er zeigte auf Wildrake) ſchickte und magſt es mit Deinem Gewiſſen ausmachen wie Du bei einer ſolchen Botſchaft und bei ſolchen Gruͤn⸗ den, meine Freunde in der Abſicht aus Woodſtock ver⸗ jagen konnteſt meinen Zweck zu vereiteln, waͤhrend Du doch den Befehl unter der Bedingung annahmſt, welche dabei feſtgeſetzt wurde.“ Eben wolkte Everard antworten, als zu ſeinem Erſtaunen Wildrake vortrat, und mit, von ſeiner gewoͤhnlichen Weiſe, ſehr verſchiedenen Stimme, ja faſt mit wirklicher Wurde, kuͤhn und ruhig ſagte: „Sie irren ſich, Mr. Cromwell, und wenden ſich an den Unrechten.“ So ploͤtzlich und unerſchrocken war die Rede, daß Cromwell einen Schritt zuruͤcktrat, und ſeine rechte Hand ans Schwerdt legte, als erwarte er, daß einer, ſo ungewoͤhnlich kuͤhnen Sprache auch eine Handlung der Gewaltthaͤtigkeit folgen wuͤrde. Aber im Augen⸗ blick nahm er wieder ſeine gleichguͤltige Stellung an, und erzuͤrnt uͤber ein Laͤcheln das er auf Wild⸗ raken's Antlitz ſchweben ſah, ſagte er mit der Wuͤrde eines Mannes, der gewoͤhnt iſt alles vor ſich zittern zu ſehen:„Das ſagſt Du mir, Burſche! Weißt Du mit wem Du ſprichſt?“— „Burſche!“ wiederholte Wildrake, deſſen ſorglo⸗ ſer Muth nun vollkommen im Schwunge war,„kei⸗ ner von Eueren Burſchen, Mr. Oliver. Ich habe eine Zeit gekannt, wo Roger Wildrake von Sqauatle⸗ ſramere in Lincoln, ein zierlicher junger Ritter mit einem ſchoͤnen Gute, nicht fuͤr den Barſchen eines bankerouten Bierbrauers von Huntingdon gehalten worden waͤre.“ 19 „Schweig!“ ſagte Everard;„ſchweig, Wildrake, wenn Dir dein Leben lieb iſt!⸗ „Ich kuͤmmere mich keinen Maravedi um mein Leben,“ ſagte Wildrake.—„Teufel, wenn ihm das mißfaͤllt, was ich ſage, ſo greife er zum Schwerdte! Ich weiß doch, daß noch etwas gutes Blut in ſeinen Adern fließt; darum werde ich ihn wohl mit einem Gang dort im Hofe beehren, und waͤre er zehn mal „Solche Erbaͤrmlichkeit betrachte ich mit der gebuͤh⸗ renden Verachtung, mein Freund,“ ſagte Oliver. „Alles was ich zu ſagen habe,“ erwiederte Wild⸗ rake,„beſteht darin, daß, wenn Sie den Everard tad⸗ len, Ihren Befehl gebraucht zu haben, ich Ihnen ſagen kann, daß er kein Wort von der ſchurkiſchen liebt, ſo konnen Sie an⸗ mir Ihre Rache ausuͤben.“ „„ Sclave! wagſt Du es, das mir zu ſagen? rief Cromwell aus, der immer noch ſorgfaͤltig ſeine Leidenſchaft zügelte, da er fühlte, das ſie einen Ger genſtand traͤfe der ihrer unwuͤrdig war. „Ei ja doch, wenn Ihr Eueres Wegs fortgeht, ſo werdet Ihr bald einen jeden Englaͤnder zum Scla⸗ ven machen,“ ſagte der, keineswegs eingeſchuͤchterte, Wildrake;— denn die Beklemmung, welche er fruͤ⸗ her fuͤhlte, als er ſich allein bei dem merkwuͤrdigen anne befand, war ihm nun, vor Zeugen, fremd.— „Aber thut nur das Schlimmſte das in Euerer Macht⸗ ſteyt, Mr. Oliver; ich ſage Euch voraus, der Vogei iſt Euch entflohn! „Du darfſt das nicht zu ſagen wagen!— GEnt⸗ fabei— Heh, holla!— Pearſon! die Soldatens ſollen gugenblicklich aufſizen.— Du biſt een lugenn ℳ 20 hafter Thor!— Entflohn!— wohin und von wo aus?“ 4 „Ja, das iſt eben die Frage,“ ſagte Wildrake; „denn ſehen Sie, Sir— daß Leute kommen und hehn, das iſt gewiß— aber wie ſie gehn, und wo⸗ in.“— Aufmerkſam ſtand Cromwell da, denn er erwar⸗ tete, daß der ungeſtuͤmen Hitze des Royaliſten ein Wort uͤber den Weg entfallen wuͤrde, den der Koͤ⸗ nig eingeſchlagen haͤtte. „— Oder wohin, wie ſchon geſagt, je nun, Ew. Excellenz, Mr. Oliver kann das wohl am Beſten ſelbſt ausſindig machen.“ Bei dieſen Worten zog er das Schwerdt und ſtürzte ſich auf den General. Haͤtte die Waffe kei⸗ nem anderen Widerſtand begegnet, als dem ledernen Waffenrocke, ſo haͤtte Cromwell ſein Leben auf der Stelle endigen muͤſſen. Aber, auf ſolche Verſuche ge⸗ fast, trug der General unter ſeiner militaͤriſchen Klei⸗ dung ein dichtes Panzerhemd, vom feinſten, beſten Stahl, das ſo leicht und biegſam war, daß es die freie Bewegung des Feldherrn durchaus nicht hinderte. Bei dieſer Gelegenheit bewaͤhrte es ſeine Vortreff⸗ lichkeit, denn das Schwerdt zerſplitterte, waͤhrend Wild⸗ rake, von Everard und Holdenongh zuruͤckgehalten, den Griff zu Boden warf, und ausrief:„Verflucht ſey die Hand, die Dich ſchmiedete!— Mir ſo lange zu dienen, und grade bei dem Hauptdienſte zu ver⸗ ſagen, der uns Beide auf ewig geehrt haͤtte! Aber es konnte nichts Gutes mehr von Dir zu erwarten ſeyn, ſeitdem Du, ſelbſt im Scherz, gegen einen gelehrten Geiſtlichen der engliſchen Kirche gerichtet warſt.“ In der erſten Beunruhigung, und vielleicht meil er fuͤrchtete Wildrake moͤchte von Anderen unterſtuͤtzt werden, zog Cromwell eine, in ſeinem Buſen ver⸗ ſteckte Piſtole, zur Haͤlfte heraus; als er aber be⸗ merkte, daß ſowohl Everard als der Geiſtliche den 21 Royaliſten von einem zweiten Verſuche zuruͤckhielten, ſo ſteckte er ſie ſchnell wieder ein Pearſon und einige Soldaten ſtürzten in das Zim⸗ mer.—„Nehmt den Burſchen feſt,“ ſagte der Ge⸗ neral mit dem gleichguͤltigen Tone eines Mannes, der mit Lebensgefahren zu ſehr vertraut iſt, als daß ſie ihn ergreifen koͤnnten—„Bindet ihn— aber nicht ſo hart, Pearſon;“”— denn, um ihren Eifer zu be⸗ weiſen, ſchnuͤrten die Leute ihre Guͤrtel, die ſie in Ermangelung der Stricke gebrauchten, unmenſchlich feſt um Wildrakes Glieder.„Er hat mich ermorden wol⸗ len, aber ich moͤchte ihn fuͤr ſeine Beſtimmung er⸗ ſparen“ 1 Ermorden!— Ihr luͤgt, Mr. Oliver,“ ſagte Wildrake;„ich bot Euch nur einen gleichen Zwei⸗ kampf an.“ 3 „Sollen wir ihn auf der Straße erſchießen, um ein warnendes Beiſpiel aufzuſtellen?“ ſagte Pear⸗ ſon zu Cromwell; waͤhrend Everard es verſuchte den AWindrake abzuhalten, fernere Beleidigungen auszu⸗ oßen. „Bei Euerem Leben— thut ihm nichts zu Leide; baltet ihn in ſicherer Wache und verſorgt ihn gut,“ ſagte Cromwell waͤhrend der Gefangene dem Everard zu⸗ rief:„Ich bitte Dich laß' mich gehn.— Jetzt bin ich weder Dein noch irgend eines andern Diener, und ich eile dem Todte ſo gerne entgegen wie mein Mund nur je einem ſchaͤumenden Becher Weins.— Horch, weil ich doch davon ſpreche, Meiſter Oliver, Du mwarſt einſt ein froͤhlicher Geſell; ich bitte Dich, laß einen der Henkersknechte mir jenen Kelch an die Lippen ſetzen, und dann ſollen Ew. Excellen; einen oaſt, einen Geſang und ein— Geheimniß hoͤren.“ „Loͤßt ihm die Binde des Hauptes, und reicht dem luͤderlichen Vieh den Kelch,“ ſagte Oliver,„ſo lange er noch am Daſeyn iſt, waͤre es ſchimpflich ihm das Element zu verweigern, in dem er lebt.“ 1 „Fuͤr dieſes Mal komme doch Segen auf Dein 22 Haupt,“ ſagte Wildrake, deſſen ganzer Zweck bei der tollen Unterredung darin beſtand, wo moglich einen kleinen Aufſchub zu erlangen, da jeder Augenblick ſo koſtbar war.„Du haſt gutes Bier gebraut und das gibt Dir Anſpruch auf einen Segen. Was aber mei⸗ nen Toaſt und meinen Geſang betrifft, da haſt Du ſie zuſammen: Hexenſohn, Stirb mit Hohn. Mit Spott auf faulem Miſtez Verfault im Grab, Schall's Dir hinab „Hoch lebe König Cark! ünd nun mein Geheimniß, damit Du nicht fa⸗ Hen kannſt, ich haͤtte den Wein umſonſt gewollt— enn mein Geſang floß, glaube ich, nicht ſehr gelaͤufig einher.— Mein Geheimniß iſt, Mr. Cromwell— daß der Vogel entflohen iſt— und Eure rothe Naſe wird ſo weiß werden wie Euer Leintuch ehe Ihr den Weg auser paͤht, den er einſchlug.“. „ Yah, Schurke,“ antwortete Cromwell veraͤcht⸗ lich,„hebe Deine Spaͤſſe fuͤr die Galgenleiter auf.“⸗ „Kuͤhner werde ich den Galgen erblicken,“ er⸗ wiederte Wildrake,„als ich Euch das Bild des koͤ⸗ niglichen Maͤrtyrers betrachten ſah!“ Dieſer Vorwurf ergriff Cromwell'n dis ins In⸗ nerſte.—„Elender!“ rief er aus; ſchleppt ihn hin⸗ aus, macht's kurz mit ihm und— aber halt, jetzt nicht— ins Gefaͤngniß mit ihm— bewacht ihn ſtreng und knebelt ihn wenn er es verſucht zu entfliehn.— Nein halt— ich meine, ſtellt ihm eine Flaſche mit Branntwein in ſeinen Kerker, da wird er ſich ſchon nach ſeiner Weiſe ſelbſt knebeln.— Wenn die Zeit herankoͤmmt Exempel zu ſtatuiren, ſo ſoll er auf meine Art geknebelt werden.“ 3 Waͤhrend dieſer verſchiedenen ſich widerſprechen⸗ den Befehle ſuchte der General augenſcheinlich ſeine Hitze zu maͤßigen; denn obsleich er wuͤthend anfing, ſo zendigte er doch mit dem höͤhniſchen Laͤcheln eines 23 Mannes der die Frechheit ſeines Untergebenen mit Verachtung betrachtet. Doch bliev noch etwas in ſei⸗ nem Gemüu he zuruͤck; denn er verweilte auf einer Stelle unbeweglich, ſtarrte mit den Augen auf die Erde, und druckte die geballte Hand gegen ſeine Lip⸗ pen, wie in tiefem Nachdenken verſunken. Pearſon, welcher ſprechen wollte, zog ſich zuruͤck, und machte den Anweſenden ein Zeichen, ſtill zu ſeyn. Aber Mr. Holdenough bemerkte es entweder nicht oder fand es nicht fur gut zu gehorchen. Indem er ſich allo dem General nahte, ſprach er mit ehr⸗ furchtsvoller aber feſter Stimme:„Wenn ich Ew. Excellenz recht verſtand ſo iſt es Ihr Wille daß die⸗ ſer arme Mann morgen fruͤh ſterben ſoll?“ „Ha!“ rief Cromwell aus indem er aus ſeinem Traum aufichreckte,„was ſagſt Du?“ „Ich nahm mir die Freiheit zu fragen, ob Sie befehlen, daß dieſer ungluͤckliche Mann morgen ſter⸗ ben ſoll?“ 4 „Wer ſagſt Du?“ frug Cromwell:„Markham Everard— ob er ſterben ſoll fragſt Du?““ „Gott verhuͤte!“ erwiederte Holdenough, indem er zuruͤckfuhr.—„Ich frug ob dieſes verblendete Geſchopf Wilorake, ſchnell hingerichtet werden ſollte?⸗“ „ Ja, freilich,“ ſage Cromwell,„und wenn auch die ganze General⸗Verſammlung der Geiſtlichen zu Weſtminſter— das ganze Sanhedrim der Presby⸗ terianer fuͤr ihn flehte.“ „Wenn Sie ſich keines Beſſeren bedenken, Sir, ſo geben Sie wenigſtens dem Unglluͤcklichen die Mit⸗ tel nicht, ſeine Seele umzubringen,“ jagte Holde⸗ nough.—„Laſſen Sie mich als Geiſtlicher zu ihm gehn und bei ihm wachen, vielleicht kann man ihn in ſeiner letzten Stunde noch zuruͤckfuͤhren in den Garten Gottes— zuruͤchringen zu der Heerde, ob⸗ gleich er bis ans Ende ſeines Lebens nicht höorte auf den Ruf des Hirten.“ „m Gottes Willen,“ ſegte Everard, der bisher 24. ſtill geſchwiegen hatte, weil er Cromwells Tempera⸗ ment bei ſolchen Gelegenhe ten kannte,„um Gottes Willen, bedenken Sie beſſer was Sie thun.“ „Ziemt es Dir, mir Lehren zu geven?“ erwie⸗ derte Cromwell;„denke Du an Deine eigene Sache, denn glaube mir, Du wirſt allen Deinen Scharfſinn dazu noͤthig haben.— Und was Sie betrifft, eyr⸗ würdiger Herr, meine Gefangene brauchen keine Beicht⸗ vaͤter— brauchen nicht aus der Schule zu ſchwatzen. Duͤrſtet der Burſche nach geiſtlichem Troſte, obgleich es ihm wohl meyr nach einer Flaſche Branntwein geluͤſten wird, ſo kann Corporal Humpudgeon, der die Wache befehligt, ſo gut predigen und beten wie nur Einer von Euch.— Aber dieſer Aufſchub iſt un⸗ ertraͤglich— koͤmmt der Burſche noch nicht?“ „Nein, Sir,“ erwiederte Pearſon.„Gingen wir nicht beſſer in das Jaͤgerhaus hinab, ſonſt moͤchte die Nachricht, daß wir hier ſind, vor uns dorthin ge⸗ langen?“ „Es iſt wahr,“ ſagte Cromwell, der bei Seite mit ſeinem Adjudanten ſprach,„aber Du weißt, daß Tomkins uns dagegen warnte, weil, wie er behauptet, das alte Gebaͤude ſo viele Hinterthuͤren und geheime Gaͤnge und verborgene Eingange habe, daß man uns vor der Naſe weg entfliehen konnte, wenn nicht je⸗ mand bei uns waͤre, welcher alle Zugaͤnge bezeichnete, die bewacht werden muͤßten Auch ſagte er es voraus, daß er wohl einige Minuten laͤnger aufgehalten wer⸗ den koͤnnte, als bis zur Zeit, die wir beſtimmten— aber wir haben nun bereits eine halbe Stunde ge⸗ wartet.“ 4 „Glauben Ew. Excellenz, daß man ſich ſicher auf Tomkins verlaſſen koͤnne?“ „So weit es ſein Vortheil erheiſcht, unbedenk⸗ lich,“ erwiederte der General.„Er war ſtets die Pumpe, durch die ich das Mark vieler Complotte aus⸗ ſaugte, beſonders deren des eingebildeten Narren Rochecliffe, der Eſel genug iſt, zu glauben, ein Kerl 25 wie Tomnkins wuͤrde etwas achten, außer das Aner⸗ bieten des hoͤchſt Bietenden. Und doch wird es ſpaͤt— ich fuͤrchte wir müſſen ohne ihn ins Jaͤgerhaus— doch, Alles wohl uͤberlegt, wird es am Beſten ſeyn wenn ich bis um Mitternacht hier verweile.— Ach Everard, Du könnteſt Alles in Ordnang bringen! oll denn ein thorichter Grundſatz in einer ſchwaͤr⸗ meriſchen Ehrenſache ein groͤßeres Gewicht bei Dir haben Freund, als der Frieden und die Wohlfahrt Englands; als die Treue gegen Deinen Freund und Wohlthaͤter, der es dann ferner noch ſeyn wird; als das Gluͤck und die Sicherheit Deiner Verwandten? Ich ſage, ſind dieſe leichter in der Wage als die Sache eines werthlofen Buben, der mit feinem Vater und ſeines Vaters Haus fuͤnfzig Jahre lang Ifrael unter⸗ druͤckte?““. „Ich verſtehe Ew. Excellenz nicht, und begreife nicht auf weſchen Dienſt Sie anſpielen, den ich ehrli⸗ cher Weiſe leiſten könnte, erwiederte Everard.„Denn ich kann nicht glauben, daß Sie mir Unehrliches vor⸗ ſchlagen ſollten.“ „Das wenigſtens wird doch nichts gegen Deine Ehrlichkert oder Puͤnktlichkeit(nenne es wie Du willſt) ſeyn,“ ſagte Cromwell: ,„Du kennſt gewiß alle Gaͤnge in jenem Palaſte der Jezabel.— Sage mir, wie man ſie ſo bewachen kann, daß niemand im Stande iſt zu entfliehen, von denen die ſich darin befinden?“ „Ich kann Ihnen in dieſer Sache nicht helfen,“ ſagte Everard;„ich kenne die geheimen Gaͤnge und Thuͤren in Woodſtock nicht, und waͤre es auch der Fall, ſo erlanbte mir doch bei dieſer Gelegenheit mein Bewiſen nicht, es Ihnen mitzutheilen.“ „Wir werden ſchon ohne Sie fertig werden, Sir,“ erwiederte Cromwell hochmuͤthig;„und ſollte ſich etwas finden, das gegen Sie zeugt, ſo erinnern Sie ſich, das Sie den Anſpruch auf meinen Schutz verloren haben.“ „Es thut mir leid,“ ſagte Everard,„Ihre Freund⸗ ſchaft zu verlieren, General, aber als freier Englaͤn⸗ der glaube ich den Schutz keines Mannes nothig zu haben. Ich kenne kein Geſetz das mich verbindet, Spion oder Angeber zu ſeyn, ſelvſt wenn ich Gelegan⸗ heit haͤtte in einer der beiden ehrenwerthen Eigen⸗ ſchaften Dienſte leiſten zu koͤnnen.“ „Gut Sir,“ ſagte Cromwell,„fuͤr alle Ihre Pri⸗ velegien und Eigenſchaften will ich ſo frey ſeyn, Sie heute Nacht mit in das Jaͤgerhaus zu Woodſtock zu nehmen, um Zeugniſſe in Angelegenheiten abzuhoren, wobei der Staat betheiligt iſt.— Komm hieher Pe⸗ arſon.“ Er zog ein Papier aus ſeiner Taſche, das einen rohen Entwurf oder Grundriß des Jagerhaules zu Woodſtock ſammt der Zugaͤnge enthielt, welche dazu fuͤhrten.—„Schau her,“ ſagte er,„wir muͤſſen — Infanterie Regimenter mit aller moͤglichen tille vorruͤcken laſen,— Du mußt im Ruͤcken des alten Hauſes der Verruchtheit mit zwanzig Reihen Soldaten marſchiren, und ſie ſo vernuͤnftig eintheilen als Du kannſt. Nimm den ehrwurdigen Mann dort mit. Man muß ſich ſeiner auf jeden Fall verſichern; auch kann er Dir zum Fuͤhrer dienen. Ich ſelbſt will gegen die Fronte des Jägerhauſes anmarſchiren, und haben wir ſo das Haus umzingelt, ſo koͤmmſt Du, um weiteren Befehl von mir zu empfangen, Stille und Eile, darauf beruht Alles.— Aber was den Hund Tomkins betrifft, der ſich zur beſtimmten Zeit nicht bei mir einfand, ſo mag er nur eine gute Entſchuldigung ſuchen, oder wehe dem Sohne ſeines Vaters!— Ehrwuͤrdiger Herr, ſeyen Sie ſo guͤtig, dieſen Officier zu begleiten.— Obriſt Everard Sie folgen mir; aber erſt geben Sie Ihr Schwerdt dem Hauptmann Pearſon, und betrachten ſich, als waͤren Sie in Verhaft.“ Ohne weitere Bemerkung gab Everard ſein Schwerkt dem Pearſon und mit der aͤngſtlichſten Vorahnung foigte er dem republikaniſchen General, ſeinen Beſehlen ge⸗ —— — 27 horſam, da es unnuͤtz geweſen ſeyn wuͤrde, dagegen zu ſtreiten. 3 1 Zweites Kapitel. „Wäre mein William jetzt doch nur da, Er würde den Kampf nicht verfehlen.“ Da eilt an die Thure mit mächtiger Ert'⸗ Ein Page mit finſterer Miene, „Ich ſah, o Meiſter, ich ſah ſie dort ſtehn, Dort unter dem dornichten Strauche Gar viele der Krieger, geruſtet zum Kampf⸗ Zur Rache!“ ſo ſchrie er und ging. Henry Mackenzie. Schon fruͤh um 8 Uhr Abends war die kleine Geſellſchaft im Jaͤgerhauſe zum Abendeſſen verſäm⸗ melt. Sir Henry Lee, die Speiſen, welche auf dem Tiſche ſtanden, vernachlaͤßigend, ſtand bei einer Lampe am Camine, und las mit finſterer Aufmerkſamkeit einen Brief. „Schreibt Ihnen mein Sohn aus uͤhr licher als mir, Dr. Rochecliffe?“ ſagte der Ritter. „Mir ſagt er nur, daß er wahrſcheinlich heute Nacht zuruͤckkehren wird, und daß Mr. Kerneguy ſich bereit halten muͤſſe, augenblicklich mit ihm abzureiſen.“ „Was will dieſe Eile? Haben Sie von neuen Nachſu⸗ chungen unſerer leidenden Parthei gehort? Ich wollte Sie erlaubten mir auch nur einen Tag die Geſell⸗ ſchaft meines Sohnes zu genießen.“ 3 „Die Ruhe, die davon abhaͤngt, ob die Boͤſen nachlaſſen vom Verfolgen,“ ſagte Doctor Rocheeliffe, „kann man nicht nach Tagen und Stunden, ſondern nur nach Minuten zahlen. Juͤr einen Augenblick hatten ſie ihren Blurdurſt zu Worceſter geſtillt, aber ich glaube ihre Gier wird wieder rege.“ „Sie haben alſo Nachrichten hieruͤber,“ ſagte Sir Henry. 3 „Ihr Sohn,“ erwiederte der Doctor,„ſchrieb mir durch denſelben Boten; ſelten ermangelt er es zu thun, da er wohl weiß, wie wichtig es iſt, daß ich Alles erfahre, was vorgeht. An der Kuͤſte ſtehen Mittel zur Flucht bereit, und Mr. Kerneguy muß ſich bereit halten, mit Ihrem Sohne im Augenblicke ſeines Erſcheinens abzureiſen.“ „Es iſt ſonderbar,“ ſagte der Ritter,„vierzig Jahre lang habe ich in dieſem Hauſe als Mann und als Juͤngling verlebt, und die einzige Frage war nur wie ich mir die Zeit vertreiben ſollte; denn wenn ich nicht eine Jagdparthie oder eine Fakkenbeitze oder ſonſt etwas dergleichen auserſann, ſo haͤtte ich hier auf meinem Armſeſſel vom Anfange des Jahres bis ium Ende ſo ruhig ſitzen koͤnnen, wie ein Sieben⸗ ſblafer; nun aber werde ich beaͤngſtigt wie ein Haſe, wage es nur mit offenen Angen zu ſchlafen, und fahre zuſammen, wenn der Wind in den Blaͤttern rauſcht?“ „Es iſt ſonderbar,“ ſagte Aleris,„daß der rund⸗ koͤpfige Soldat uns nichts davon geſagt har. Er iſt doch ſonſt mittheilungsvoll genug uͤber die Bewegun⸗ gen ſeiner Parthei; und ich ſah euch heute Morgen im tiefen Geſpraͤche begriffen.“ „Hente Abend wird es noch tiefer werden,“ ſagte der Doctor finſter;„aber er wird nichts mehr ſchwa⸗ tzen.“ „Ich wuͤnſche, daß Sie ihm nicht allzuſehr trauen,“ ſagte Alexis.„Mir koͤmmt es vor, als ob der dunkle Ausdruck und die Haͤrte in dem Antlitze des Mannes Verrath in jedem Zuge zeigte.“ „Seyen Sie ruhig, es iſt dafuͤr geſorgt,“ antwor⸗ tete der Doctor in demſelben bedeutungsvollen Tone wie vorher. Niemand erwiederte, und ein ſchauer⸗ haftes aͤngſtliches Ahnungsgefuͤhl ſchien ploͤtzlich die Geſellſchaft zu beſchleichen, gleich der Vorempfindung derjenigen, welche dem elektriſchen Einfluſſe vorzuͤglich 29 unterworfen ſind, und die das herannahende Gewitter ſchon fruͤher empfinden. Der verkleidete Monarch, welcher wußte, daß er noch hente ſeinen zeitlichen Zufluchtsort verlaſſen mußte, fuͤhlte auch ſeinen Theil an dem finſteren Ernſte, der die kleine Geſellſchaft uͤberfallen hatte. Aber er war der Erſte, der ſich davon loß riß, da er weder zu ſei⸗ nem Charakter, noch zu ſeiner Lage paßte. Froͤhlich⸗ keit war der Fuͤhrer des Erſteren, und der Letztere er⸗ forderte Geiſtesgegenwart, und nicht Muthloſigkeit. „Wir erſchweren die Srunde, in welcher wir uns 6 Melancholie uͤberlaſſen. Waͤre es nicht beſſer wenn Sie Fraͤulein Alexis mich bei Patrik Careys froͤhli⸗ chem Lebewohl accompagnirten.— Ach kennen Sie den Pat Carey nicht— ein juͤngerer Bruder des Lord Falkland?“ „Ein Bruder des unſterblichen Lord Falkland, und Geſaͤnge ſchreiben?“ ſagte der Doctor. „Ach Dockor die Muſen empfangen ihre Zehen⸗ ten ſo gut wie die Kirche,“ ſagte Carl,„und haben von jeder bedeutenden Familie ihren Antheil. Sie kennen zwar den Tert nicht, Fraͤnlein Alexis, aber Sie koͤnnen mir doch in der Ausfuͤhrung der Melo⸗ die beiſtehen: „Es kömmt jetzt die Stunde die herbe, des Abſchieds herbei, „Ich ſeh' dich o Woodſtock, du liebes wohl niemals auf's Reu', „Drum bringet die Schaale die volle, wir bleiben uns treu „Der ſchäumende Becher der Zeuge ſey!“ Der Geſang ertoͤnte, aber nicht mit Luſt. Es war eine jener Anſtrengungen gezwungener Freude, die mehr als jede andere Weiſe die Abweſenheit der wahren Fröh ichkeit anzeigt. Carl hielt ein und machte den Choriſten Vorwuͤrfe. „Sie ſingen mein theures Fraͤulein Aleris, als ſagten Sie die ſieben Bußpſalmen her, und Sie mein Puter Doctor als laͤſen Sie ein Todtenamt.“ Haſtig ſtand der Doctor vom Tiſche auf und eilte gegen das Fenſter; denn der Ausdruck ſtimmte ſon⸗ 30 derbar mit dem Geſchaͤfte uͤberein deſſen er ſich heute Abend entledigen ſollte. Er ſtaunte ſeinen Carl an, denn die Gefahr, in welcher er ſchwebte, machte ihn auf die geringſten Bewegungen derjeni gen aufmerkſam die ihn umgaben— dann wandte er ſich gegen Sir Henry und ſagte:„mein geehrter Wirth, koͤnnen Sie mir einen Grund fur dieſen fin⸗ ſtern Ernſt angeben, der uns alle auf eine ſo ſonder⸗ bare Weiſe befallen hat?“ „Ich nicht, mein theurer Louis,“ erwiederte der Ritter,„ich bin nicht geubt in der Aufloͤſung ſo kitzlicher philoſophiſcher Fragen. Ich koͤnnte Ihnen eden ſo leicht den Grund ſagen, warum Bevis ſich dreimal im Kreiſe herumdreht, ehe er ſich niederlegt. Ich kann nur von mir ſagen, daß wenn Alter und Sorge und Ungewißheit hinreichend ſind, einen froͤh⸗ lichen Geiſt zu brechen und ihn wenigſtens zu Zeiten niederzubeugen, ſch meinen Antheil an allem habe; ſo daß ich zum Beiſpiel nicht ſagen kann, daß ich traurig waͤre, blos weil ſch nicht froͤhlich bin. Ich habe nur zu trifftige Gruͤnde, betrübt zu ſeyn. Ich wollte, ich ſaͤhe meinen Sohn, waͤre es auch nur fuͤr einen Augenblick.“. 1 Ploͤtzlich ſchien das Gluͤck geneigt, den Wuͤnſchen des alten Mannes Gehoͤr zu ſchenken; denn in die⸗ ſem Augenbtick trat Lee ins Zimmer. Er trug ein Reitkleid, und ſchien ſcharf geritten zu haben. Bei ſeinem Eintritt warf er das Auge eilig umher. Es rahte eine Sekunde auf dem des verkleideten Fuͤrſten, und befriedigt mit dem Blicke, den er zur Antwort erhielt, kniete er nach dem Gebrauch der alten Zeit vor ſeinem Vater nieder, und verlangte ſeinen Segen. Lendr haſt ihn, mein Sohn,“ ſagts der alte Mann; eine Thräne entquoll ſeinem Arge, als er ſeine Hand auf die langen Locken legte, welche des jun gen Mannes Rang und Grundſaͤtze bezengten, und die, ſonſt mit einiger Sorgfalt gekraͤuſelt und ge⸗ 1 31 lockt, nun aufgeloͤßt und in Unordnung von ſeinen Schultern herab floſſen. Sie blieben einen Augen⸗ blick in dieſer Stezung bis der alte Mann ploͤtzlich aufſchreckte, als ſchame er ſich der Bewegung, die er vor ſo vielen Zeugen an den Tag gelegt hatte, die Hand ſchnell uͤber das Auge ſtreifen ließ, und dem Albert befahl aufzuſtehn, und an ſein Eſſen zu den⸗ ken,„weil Du wahrſcheinlich weit und ſcharf geritten biſt, ſeitdem wir uns nicht ſahen— dann wollen wir auch ein Glas auf Deine Geſundheit leeren, wenn De. Rochecliffe und die uͤbrige Ge ellſchaft einver⸗ ſtanden iſt.— Jocoline, Burſche, reiche die Glaͤſer nntes.— Du ſiehſt ja aus als haͤtteſt Du einen Geiſt geſehen. „Jocoline,“ ſagte Alexis:„iſt krank aus Sym⸗ pathie— einer der Hirſche lief heute auf Phöbe Mai⸗ blume zu, und ſie bedurfte Jocolins Huͤlfe, um das T)ier fortzujagen.— Das Maͤdchen hat Kraͤmpfe be⸗ kommen, ſeitdem ſie nach Hauſe kam.“ „Thorichtes Maͤdchen,“ ſagte der alte Ritter— ſte eines Waldmanns Tochter!— Aber Jocolinz wann das Wild gefaͤyrlich wiro, ſo muͤſſen wir ihm noth⸗ wendigerweiſe einige Pfeile zuſchigen.“ „ Es wird nicht noͤthig ſeyn, Sir Henry,“ ſagte Jocolin, dem das Sprechen nur mit großer Muhe von Statten ging—„er iſt jetzt ſicher genug— er wird auf dieſe Weiſe nicht mehr beleidigen.“ „„Gib darauf Achtung,“ erwiederte der Ritter; und denke, daß Fraͤulein Alexis ſich oft in dem PYark ergeht.— Nun aber fuͤlle in der Stunde, und ſchenke auch Dir einen Becher ein, um Deine Furcht zu betaͤuben.— Ach was Freund, es wird Phyoͤbe nichts ſchaden— ſie ſchrie und lief nur, damit Du das Vergnuͤgen haben konnteſt ihr beizuſtehen.— Denke doch an das was Du thuſt, und verſchutte den Wein nicht auf dieſe Weiſe.— Kommt auf das Wohl unſeres zuruͤckgekehrten Wanderers. 7. „Da wird niemand williger Beſcheid thun, als 32 ich,“ ſagte der verkleidete Fuͤrſt, der ohne daran zu denken, eine Wichtigkeit annahm, welche der Cha⸗ rakter, den er vorſtellte, kaum geſtattete; aber Sir Henry hatte den vermeintlichen Pagen mit allen ſei⸗ nen Eigenheiten ſo lieb gewonnen, daß er ihm we⸗ gen ſeines Vorwitzes nur einen maͤßigen Verweiß gab.„Du biſt ein froͤhlicher, gutmuͤthiger Juͤng⸗ ling,“ tagte er;„aber man kann wohl ſehen, welche Voreiligkeit des gegenwoͤrtigen Geſchlechtes den Ernſt und die Ehrfurcht beraͤubt, die in meiner Jugend von höherem Rang und Stande ſo regelmaͤßig beob⸗ achtet wurde.— Ich nuͤrde es eben ſo wenig ge⸗ wagt haben, meiner eigenen Zunge den Zuͤgel ſchie⸗ ßen zu laſſen, wenn ein Doctor der Gottesgelahrtheit gegenwaͤrtig war, als in der Kirche waͤhrend des Gortesdienſtes zu ſchwatzen.“ „Das iſt ganz wahr,“ ſagte Albert, der ſich ſchnell ins Mittel legte,„aber Mr. Kerneguy hat ein um ſo viel groͤßeres Recht, jetzt zu ſprechen, da ich ſowohl ſeine als meine Geſchaͤfte beſorgte, mehrere ſeiner Freunde ſah, und ihm wichtige Nachricht dringe.“ Carl wollte aufſtehen und Albert bei Seite zie⸗ hen, da er natuͤrlicherweiſe ungeduldig war, zu er⸗ fabren, welche Neuigkeiten er ſich verſchafft hatte, oder welche Plaͤne zu einer ſichern Flucht er ihm vor⸗ legen wuͤrde. Aber Doctor Rocheclifſe zog ihn am Rock, und gab ihm damit einen Wink, ſitzen, zu bleiden, und kein Zeichen einer außerordentlichen Aengſtlichkeit ſehen zu laſſen, da im Fall einer ploͤtz⸗ richen Entdeckung ſeines wahren Standes die Heftig⸗ keit der Gefuͤhle des Sir Henry Lee wahrſcheinlich zu viel Aufmerkſamkeit erregen wuͤrden. Alſo erwiederte Carl blos, daß er in dem Aus⸗ drucke ſeines Dankes gegen den Obriſten Lee ſchnell und ohne Ceremonie zu ſeyn ein beſonderes Recdt habe= daß Dan barkeit ſich nich an Manieren khüni; endlich 33 endlich daß er dem Sir Henry fuͤr ſeine Zurechtwei⸗ ſung ſehr verbunden ſey; und daß er ſeiner Zeit ſiche⸗ rer waͤre, Woodſtock als ein beſſerer Mann zu ver⸗ laſſen, wie er zur Zeit ſeines Dahinkommens gewe⸗ ſen ſeve.“— Dem Anſcheine nach war ſeine Rede an den Va⸗ ter gerichtet; aber ein Blick auf Alexis gab ihr die Verſicherung, daß ſie ihren vollen Antheil an der Artigkeit habe. Er ſchloß, nachdem er ſich an Albert wandte:„ich fürchte, Sie kommen uns zu ſagen, das unſer Aufenthalt hier nur noch von ſehr beſchraͤnk⸗ ter Dauer ſeyn mus?“ „Nur einige Stunden,“ ſagte Albert— gerade hinreichend zur noͤthigen Ruhe fuͤr uns und unſere Pferde. Ich habe zwei gute und erprobte Thiere an⸗ geſchafft. Aber Doctor Rochecliffe hat mir ſein Wott nicht gehalten. Ich erwartete Jemand in Jocolins Huͤtte zu treffen, wo ich die Pferde verließ und da ich Niemanden fand, ſo mußte ich mich eine Stunde da⸗ mit aufhalten, ſie ſelbſt anzubinden und zu verſorgen, damit ſie der Arbeit des morgenden Tages faͤhig ſind— denn wir muͤſſen noch vor Tages Anbruch fort.“ „Ich— ich— wollte den Tomkins hinabſchicken— aber— aber,“— ſagte der Doctor ſchwankend,„ich.“— „Der rundkoͤpfigte Schurke war betrunken, oder wahrſcheinlich nicht da,“ ſagte Albert.„Ich freue mich darüber— Sie moögen ihm leicht zu viel Zutrauen ſchenken.“ „ Bis jetzt hat er ſich getreu bewieſen,“ ſagte der Doctor,„und ich habe keine Furcht, daß er mein Zutrauen in der Zukunft mißdrauchen wird. Aber Jocolin wird hinabgehen, und morgen fruͤh die Pferde bereit halten.“ „ Bei außerordentlichen Faͤllen ſpiegelte ſich ſonſt in Jocolins Mienen die Dienſtfertigkeit ſelbit. Nun aber ſchien er zu ſchwanken.— „Sie gehen doch ein Staͤckchen Wegs mit Doc⸗ W. krott's Werke, XIV. 3 34 tor,“ ſagte er, als er ſich eng an Rochecliffe ſchmieg⸗ te. „Was Thor, Narr, Dummkopf,“ ſagte der Ritter, „verlangſt Du von Doctor Rocheeliffe, daß er Dir zu dieſer Stunde Geſellſchaft leiſte? Fort Kerl!— Geh augenblicklich hin, oder ich will Dir Deine Schur⸗ kentatzen zerbrechen.“ Jocolin ſah den Geiſtlichen an mit einem Blicke, in welchem der Todeskampf ſich zeigte und als bitte er ihn zu ſeinen Gunſten ein gutes Wort einzulegen. Eben wollte er ſprechen, da erhob ſich ein melaucho⸗ liſches Geſchrei am Thore der Halle, und man hoͤrte einen Hund um Einlaß ſchreien. „Was will denn jetzt der Bevis?“ ſagte der Ritter.„Heute muß gewiß Aller— Narren— Tag ſeyn, denn es ſcheint mir, als wuͤrde Alles verruͤckt!“ Derſelbe Laut ſchreckte Albert und Carln von einer Privatunterhaltung auf, in welcher ſie vertieft waren, und Albert lief an die Thuͤre der Halle, um perſoͤnlich die Urſache des Geraͤuſches zu erforſchen. Es iſt keine Gefahr vorhanden,“ ſagte der alte Ritter zu Kerneguy, denn in ſolchen Faͤllen iſt das Bellen des Hundes kurz, ſcharf und wuͤthend. Aber man ſagt dieſes lange Heulen, waͤre Unheil bedeu⸗ tend. Gerade ſo ſtoͤhnte Bevis Ahne die liebe lange Nacht, in welcher mein Vater ſtarb. Koͤmmt es nun als eine Vorbedeutung, ſo geb es nur Gott, daß es den Alten und Nutzloſen gaͤlte, und nicht den Jun⸗ gen, und denſenigen, die noch dem Koͤnige und dem Vaterlande dienen koönnen!“ Der Hund war bei dem Oberſten Lee, der ein wenig an der Thuͤre der Halle ſtehen blieb, um zu hoͤren ob es draußen nichts Beunruhigendes gebe, ſtillſchweigend vorbeigegangen, trat in das Zimmer, wo die Geſellſchaft verſammelt war, trug etwas in ſeinem Munde und zeigte im ungewoͤhnlichen Grade jenes Bewußtſeyn der Pflicht und des Intereſſe's⸗ melches ein Hund darzulegen ſcheint, wenn er ſich mit etwas Wichtigem beauftragt glaubt. Er trat ein mit lang herabhaͤngendem Schweife, mit gebeug⸗ tem Haupte und zuruͤckgeſchlagenen Ohren mit der kraͤftigen aber melancholiſchen Wuͤrde eines Streit⸗ pferdes bei dem Leichenbegaͤngniſſe leines Herrn. Auf dieſe Weiſe ſchritt er durch die Halle, ging gerade auf Jocoline zu, der ihn mit Bewunderung betrach⸗ tete, ſtieß ein kurzes melancholiſches Geheul aus, und legte den Gegenſtand, den er in ſeinem Munde trug, zu ſeinen Fuͤßen nieder. Jocolin beugte ſich und nahm von dem Boden den Handſchuh eines Mannes, wie ihn die Soldaten tragen, der aber ei⸗ ſchleuderte, zuruͤckſchwankte, einen Seufzer ausſtieß, „Verſlucht ſey doch die Memme,“ ſagte der Rit⸗ ter; der den Handſchuh aufhob, und ihn betrachtete. „Man ſollte Dich wieder in die Schule ſchicken, und Dich peitſchen, bis das Memmenblut ganz aus⸗ gelaufen iſt.— Was ſiehſt Du denn den Handſchuh ſo an, Du feiger Geſell, und noch einen ſehr ſchmu⸗ zigen Handſchuh dazu?— Still, da ſind ja Schrift⸗ zuͤge— Joſeph Tomtins!— Wie, das iſt ja der rundkopfige Burſche— ich hoffe, daß zhm kein Un⸗ gluͤck wiederfahren iſt.— Denn das iſt kein Schmutz am Fechthandſchuh, ſondern Blut.— Bevis kann den Vurſchen gebiſſen haben, und doch ſchien ihn der Hund wohl leiden zu koͤnnen,— oder auch die Hirſche koͤnnen ihn beſchaͤdigt haben— fort Jocolin, augen blicklich und ſieh wo er iſt— lege Dein Jagdyorn an.⸗“ „Ich kann nicht gehen,“ ſagte Jocoline,„wenn nicht,7— und abermals blickte er kummervoll den 34 36 Doctor Rochecliſſe an, welcher nun ſah, daß keine Zeit zu verlieren ſey, den Schrecken des Foͤrſters zu beruhigen, da ſeine Dienſtverrichtungen bei den ge⸗ genwaͤrtigen Umſtaͤnden ganz unentbehrlich waren.— „Nimm Spaden und Hacke,“ flüſterte er ihm zu,„und eine Blendlaterne, treffe mit mir in der Einoͤde zuſammen.“ Jocoline verließ das Zimmer, und ehe der Doc⸗ tor ihm folgte, wechſelte er einige Worte mit dem Obriſt Lee. Sein eigener Geiſt, weit entfernt, durch die Umſtaͤnde niedergedruͤckt zu ſeyn, ſchien ſich im Gegenrheil zu erheben, denn Intriguen und Gefah⸗ ren waren das Element in dem er lebte. 4 „Seitdem Sie abgereist ſind,“ ſagte er, iſt es hier toll zugegangen. Tomkins betrug ſich roh gegen das Maͤdchen Phoͤbe— Jocoline und er geriethen in Streit, und Tomkins liegt todt im Gebuͤſche, nicht weit vom Roſamundenbrunnen. Es iſt unumgaͤng⸗ lich nothig, daß ich unod Jocolin hingehen, um den Koͤrper zu beerdigen; denn abgeſehen davon, daß je⸗ mand daruͤber ſtrauchein, und die Sache bekannt ma⸗ chen kann, ſo wird auch dieſer Burſche Jocolin zu keinem kraͤftigen Dienſte brauchbar ſeyn, bis er un⸗ term Boden iſt. Obgleich kraͤftig wie ein Loͤwe, hat doch der Förſter auch ſeine ſchwache Seiren, und fuͤrch⸗ tet ſich mehr vor einem todten Körver, als vor ei⸗ nem ehenden. Wann gevenken Sie morgen abzu⸗ reiſen „Mit Tages⸗Anbruch oder noch fruͤher,“ ſagte „Und warum reiſen Sie nicht augenblicklich ab?“ fragte der Dokror. „Die Pferoe wurden es nicht ertragen,“ erwie⸗ 37 darre Albert,„ſie ſind heute ohnedieß ſtark angeſtrengt worden.“ „Leben Sie wohl,“ ſagte Rochecliffe,„ich muß an mein Geſchaͤft— ergeben Sie ſich einſtweilen der Ruhe und dem Schlafe.— Einen ermordeten Koͤr⸗ per zu verbergen, und in derſelben Nacht einen Kö⸗ nig aus Gefahr und Gefangenſchaft zu erretten, ſind zwei Thaten, die zu verrichten nur wenig Leuten au⸗ ßer mir beſtimmt ſind; aber waͤhrend ich meine Ruͤ⸗ ſtung anlege, will ich nicht groß thun, als haͤtte ich den Sieg ſchon errungen.“ Indem er das ſagte, verließ er das Zimmer, huͤllte ſich in ſeinen Mantel, und eilte der ſogenannten Einoͤde zu. Die Nacht war froſtig und kalt. Hoch lag der Nachtthau auf der Oberflaͤche; doch war die Nacht nicht ſehr dunkel iu nennen, obgleich die Wolken die Geſtirne groͤſtentheils verhuͤllten. Dennoch konnte Roche⸗ cliffe den Forſter nicht erkennen, bis, als er einigemal gehuſtet hatte, Jocolin das Signal mit einem Licht⸗ ſtrahl aus der Blend⸗Laterne beantwortete, die er trug. Geleitet von dieſem Zeichen ſeiner Gegenwart fand ihn der Geiſtliche gelehnt an einem Pfeiler, der einſt eine nun verfallene Terraſſe hielt. Er hatte eine Art, eine Schaufel und das Fell eines Rehes uͤber ſeinen Schultern haͤngen. „Wozu brauchſt Du denn das Fell, Jocolin,“ ſagte Dr. Rochecliffe,„daß Du es bei ſolch einem Geſchaͤfte umhaͤnaſt?“ „Ja ſehen Sie Doctor,“ antwortete er,„es iſt eben ſo angenehm zu erzaͤblen, als Alles Uebrige. Der Mann und ich— der dort— Sie wiſſen, wen ich meine— hatten vor vielen Jahren einen Streit wegen dieſes Rehes. Denn obaleich wir vertraute Freunde waren, und es dem Philipp mit Erlaubniß meines Herrn geſtattet war, mir in meinen Verrich⸗ tungen beizuſtehen, ſo wußte ich doch trotz Allem, daß Pbilipp Haceldine zuweilen dennoch Waldfreveln be⸗ ging. Zu jener Zeit waren die Wilddiebe ſehr kuͤhn, 38 benn es war gerade vor dem Ausbruche des Krieges zur Zeit, wo die Unordnung ſchon gaͤhrte. Nun fand ich eines Tages im Forſte zwei Burſche mit geſchwärz⸗ ten Geſichtern und Hemdern uͤber den Roͤcken, die ei⸗ nen der feiſteſten Rehboͤcke forttrugen, der im Park zu finden war. Ich ſprang ihnen im Augenblick nach— einer entſloh, aber den andern Burſchen packte ich, und wer iſts? kein anderer als der getreue Philipp Haceldine. Gut alſo, ich weiß nicht war es Recht oder Unrecht, aber bei allem dem war er doch mein Freund und Zechgefaͤhrte, drum nahm ich ſein Wort an, daß er ſich in Zukunft beſſern wolle; Er half mir dagegen das Reh an einen Baum aufhaͤngen, und ich ritt ins Jaͤgerhaus zuruͤck, erzaͤhlte dem Ritter die ganze Geſchichte und verſchwieg nur Philipps Namen. Aber die Schurken waren liſtiger als ich, denn ſie ſogen dem Reh die Haut ab, ſtopften es aus und ießen das Fell und die Hoͤrner mit dem Verslein zuruͤck: „Die Hüfte dein, ie Bruſt mein, Fell und Hörner ſollen des Förſters ſeyn.“ Ich erkannte es fuͤr einen von den tollen Strei⸗ Hen des Philipp, die er in Verbindung mit anderen urſchen der Gegend in jenen Tagen zu treiben pfleg⸗ te. Mich aͤrgerte es aber ſo, daß ich das Fell des Rehes von einem Gerber zurecht machen ließ, und ſchwur, daß es entweder ſein oder mein Leichentuch ſeyn muͤſſe; und obgleich ich ſchon lange meinen vor⸗ etligen Eid bereut habe, ſo ſehen Sie Doctor doch, wozu es jetzt da iſt.— Denn obgleich ich es vergaß⸗ ſo hielt es doch der Teufel im Gedaͤchtniß.“ „Es war ſehr unrecht gehandelt ein ſo ſuͤndliches Geluͤbde zu thun,“ ſagte Rochecliffe,„aber es wird ein noch weiteres Ungluͤck ſeyn, es halten zu wollen. Darum alſo ſey guter Laune, denn nach Allem was ich von Phoͤbe in dieſer ungluͤcklichen Sache gehoͤrt habe, kann ich nicht verlangen, daß Du Deine Hand 39 haͤtteſt in Ruhe halten ſollen, obſchon ich es bedaure, daß der Schlag ungluͤcklich ausgefallen iſt. Dennoch aber haſt du nur das gethan, was auch der große goͤtkliche Geſetzgeber that, als er den Egyptier die Hebraͤer bedruͤcken ſah, nur daß es im gegenwaͤrtigen Kalle ein Frauenzimmer war. Darum ermahne ich Dich alſo, Dich nicht unmaͤßig zu graͤmen, denn ob⸗ gleich dieſer Umſtand bei jeziger Zeit und in unſerer Lage hochſt ungluͤcklich iſt, ſo iſt es doch nach dem was mir Phoͤbe von den Anſichten jenes Schurken er⸗ zaͤhlte, ſehr zu bedauern, daß ihm das Gehirn nicht ſchon in der Wiege zerſchmettert wurde, ehe er zu ei⸗ nem dieſer Grindleſtonianern oder Muggletonianern erwuchs, die der Innbegriff aller niedertraͤchtigen und gotteslaͤſterlichen Ketzereien ſind, vereint mit einer ſolchen Uebung in ſcheinheiliger Verſtellung, daß ſie ſelbſt ihren Herrn den Satan hintergehen koͤnnten.“* „Deſſen ungeachtet Sir,“ ſagte der Föoͤrſter, „hoffe ich, werden Sie dem armen Manne die kirch⸗ lichen Gebraͤuche nicht verweigern, da es ſein letzter Wunſch war, und Sie Sir zu gleicher Zeit nannte. Denn geſchahe es nicht, ſo wuͤrd' ich es in meinem ganzen Leben kaum wagen, im Dunkeln auszugehen.“ „Du biſt ein thoͤrichter Burſche,“ ſagte der Dok⸗ kor,„aber wenn er mich bei ſeinem Sterben nannte⸗ und die letzten Ceremonien der Kirche verlangte, ſo hat er darin vielleicht eine Reue uͤber ſeine boͤſen Handlungen ausdruͤcken wollen, und hat in ſeinem letzten Augenblick noch das Gute erkannt; hat ihn nun der Himmel begnadigt, noch eine ſo geziemende Bitte zu thun, warum ſollte ſie der Menſch verwei⸗ gern? Alles was ich fuͤrchte, iſt die Kuͤrze der Zeit.“ „Nun, Ew. Hochwuͤrden kann ja den Gottesdienſt etwas abkuͤrzen,“ ſagte Jocolin;„ſicherlich iſt er des Ganzen doch nicht werth; nur wenn gar nichts ge⸗ ſchahe, ſo muͤßte ich, glaube ich, das Land meiden. Es waren ſeine letzten Worte und es koͤmmt mir vor 4⁰ als habe er den Bevis mit dem Handſchieh geſchickt, um mich daran zu erinnern.“ „O du Narr!— glaubſt du,“ ſagte der Doctor, „die Todten ſchickten den Lebenden Handſchuhe zu, wie die Romanenritter im Zweikampfe. Bei ſeinem Umherſtreifen fand Bevis den Leichnam und brachte Dir den Handſchuh um Dir anzuzeigen wo er liege und Deine Hulfe in Anſpruch zu nehmen; denn das 3' der Naturtrieb dieſer Thiere gegen Leute in Ge⸗ ahr.“ „Nun, wenn Sie ſo ſprechen, Doctor,“ ſagte Jo⸗ coline,„und ich muß freilich eingeſtehen, daß Bevis dem Manne wohl wollte— wenn wirklich nichts Schlim⸗ meres in Bevis Geſtalt lag, denn mir ſchien es, als Fexten ſeine Augen wild und ſtolz, als wolle er ſpre⸗ en.“ Als ſie ſo ſchwatzten, blieb Jocolin immer etwas zuruͤck, was den Doctor ſo verdroß, daß er ausrief; „Komm her, du faule Kroͤte.— Biſt Du ein tapfe⸗ rer Soldat, und fuͤrchteſt Dich ſo vor einem Leichnam? — Ich wette doch Du haſt ſowohl in der Schlacht als im Forſte ſchon mehr als Einen umgebracht.“ „Ja wohl, aber dann wandten ſie mir den Ruͤcken zu,“ ſagte Jocoline.„Nie aber ſah ich einen der den Kopf zuruͤckwarf, und mich anklotzte, wie jener Geſelle dort, aus deſſen Auge noch immer Haß, Entſetzen und Vorwurf mit kaltem Erſtarren ſpricht.— Und wa⸗ ren Sie nicht bei mir, und betraͤfe es nicht meinen Herrn und ſonſt wichtige Dinge, ſo gebe ich Ihnen mein Wort darauf, daß ich um ganz Woodſtock ihn nicht wieder anſchauen moͤchte.“ „Doch mußt Du es thun, ſagte der Doctor in⸗ dem er ploͤtzlich ſtehen blieb— denn hier iſt die Stelle wo er liegt! Komm hieher, tief in den Graben— nimm Dich in Acht, daß Du nicht ſtrauchelſt.— Hier iſt gerabe ein paſſender Platz, wir wollen dann die Gebere uͤher das Grab ſprechen.“ Als der Doctor dieſe Anweiſungen gab, half er 41 zugleich ſelbſt ſie auszufuͤhren; und während ſein Ge⸗ faͤhrte daran arbeitete, ein ſchmales, unfoͤrmliches Grab zu bereiten,(ein Geſchaͤft, das der mit Wurzeln ver⸗ wachſene und von Kalte erſtarrte Boden ſehr ſchwie⸗ rig machte) las der Geiſtliche einige Stellen aus dem Todtenamte, zum Theil um Jocolins aberglaͤubiſcher Furcht zu genügen, und anderen Theils weil er es fuͤr eine Gewiſſensſache hielt, das Ritual der Kirche einem Mann nicht zu verweigern, der in der letzten Stunde ihren Beiſtand verlangt hatte, Drittes Kapite l. Hört auf, hört auf, weg mit der Maske. Heinrich IV. Die Geſellſchaft die wir im Zimmer des Victor Lee verließen, wollte ſich eben fuͤr dieſe Nacht tren⸗ nen, und ſtand ſchon bereit, foͤrmlich von einander Abſchieb zu nehmen, als man einen Schlag gegen die Hausthuͤre vernahm. Albert, die Schildwache des Hauſes eilte ſie zu oͤffnen, wobei er aber, ehe er die Stube verließ, den Uebrigen anempfahl, ſich ruhig zu verhalten, bis er die Urſache des Klopfens erfahren habe. Als er an das Hausthor gelangte, rief er wer draußen ſey, und was man zu einer ſo ſpaͤten Stunde begehre? „Ich bin es nur,“ antwortete ein ſchwaches Stimmchen. 3 „Und wie heißt Du, mein kleines Burſchchen?”“ ſagte Albert. 1 3 „Spitfire, Sir,“ erwiederte die Stimme von n. „Spitfire!“, ſagte Albertt. „Ig, Sir,“ erwiederte die Stimme, alle Welt 4² nennt mich ſo, ja ſogar Obriſt Everard ſelbſt. Den⸗ noch heiße ich eigentlich Spittal.“ „Obriſt Everard! Kommſt Du von ihm?“ frug der junge Lee. „Nein, Sir; ich komme von Roger Wildrake Esquire von Squattleſea⸗mere, wenns Ihnen be⸗ liebt;“ ſagte der Knabe; und ich habe ein Zeichen fuͤr Fraͤulein Alexis mitgebracht, das ich ihren eige⸗ nen Haͤnden uͤberreichen werde, wenn Sie, Sir, nur die Thuͤre oͤffnen, und mich einlaſſen wollen— denn ich kann mich meines Auftrags nicht entledigen, wenn eine 3 Zoll dicke Thuͤre uns trennt.“ Es iſt gewiß ein Narrenſtreich des betrunke⸗ nen Schlingels,“ ſagte Albert mit leiſer Stimme zu ſeiner Schweſter, die ihm auf den Zehen nachgeſchli⸗ chen war. „Doch laß uns nicht vorſchnell aburtheilen,“ ſagte die junge Dame;„in dieſem Augenblick kann das eringſte Verſehen von Wichtigkeit ſeyn.— Welches eichen hat mir denn Herr Wildrake geſchickt, mein leiner Knabe?“ „Ach, nichts von großem Werthe,“ erwiederte der Knabe,„aber er war ſo beſorgt, daß Sie es recht bald bekommen ſollten, daß er mich von dem Fenſter herabließ damit ich nicht von den Soldaten aufge⸗ dalten wuͤrde.“ „Hoͤrſt Du?“ ſagte Alexis zu ihrem Bruder; mach' die Thuͤre auf, um Gotteswillen.“ Der Bruder, der nun auch von ihrem Ahndungs⸗ geſuͤhl ergriffen worden war, oͤffnete eilig das Thor, und ließ den Knaben ein, deſſen Geſtalt die einem angekleideten Pavian, oder einem Affen auf einem Jahr⸗ markte nicht unaͤhnlich ſah, zu jeder andern Zeit zu ihrer Unterhaltung beigetragen haͤtte. Der mißge⸗ ſtaltete Bote trat unter koͤlpelhaften Verbeugungen und Kratzfuͤßen in die Halle, uͤberlieferte dem Fraͤulein mit vieler Foͤrmlichkeit die Hahnenfeder und verſi⸗ 43 cherte ſie, es ſey der Preiß, den ſie bei der Wette gewonnen habe. 8—— „Ich bitte Dich, mein kleiner Freund,“ ſagte Albert,„war Dein Herr betrunken oder nuͤchtern, als er Dich zur Nachtzeit einer Feder wegen, den wei⸗ ten Weg her ſchickte.“. „Mit Ihrer Erlaubniß, Sir,“ ſagte der Knabe, zer war, was er nuͤchtern nennt, und was ich bei jeden Anderen von Wein umnebelt nennen wuͤrde.“ „Der Teufel hole den Trunkenbolt!“ ſagte Al⸗ bert.—„Da haſt Du einige Kreutzer, mein Kind, und ſage Deinem Herrn, er ſolle ſeine Scherze an paſſendere Perſonen und zur gelegeneren Zeit an⸗ bringen.“ 3 „Warte noch einen Augenblick,“ rief Alexts; „wir duͤrfen nicht uͤberall handeln— das muß noch ruhiger uͤberlegt werden.“ „Eine Feder!“ ſagte Albert;„ſo viel Umſtaͤnde einer Feder wegen? Selbſt Doctor Rochecliffe, der doch aus Allem Nachrichten erforſcht wie eine Elſter ein Ey ausſaugt, könnte darin nichts finden.“ „Wir wollen verſuchen, was wir ohne ihn thun koͤnnen,“ ſagte Aleris. Dann wandte ſie ſich zu dem Knaben:„Alſo hat Dein Herr Fremde?“ „Obriſt Everard, Madame, das iſt ein's,“ ſagte Spitfüre.„Und was fuͤr Fremde?“ ſagte Alexis, „doch wohl Gaͤſte, wie ich denke?“ 4Ei freilich, mein Fräͤulein, ſagte der Knabe, eine Art Gaͤſte, die ſich uͤberall ſelbſt willkommen heis ßen wo ſie hinkommen, wenn ſie auch der Wirth nicht bewillkommt— Soldaten, Madame.“ Alb„Die Leute, die zu Woodſtock lagen?“ ſagte ert. „Nein, Herr,“ erwiederte Spitfire,„neu Au⸗ gekommene mit zierlichen Jacken und ſtaͤhlernen Eu⸗ raſſen; und ihr Anfuͤhrer— Ew. Gnaden und das gnaͤdige Fraͤulein ſahen wohl noch nie ſolch' einen . 44 Mann— wenigſtens Bill Spitſire gewiß in ſeinem Leben nicht.“ 1 „War er groß oder klein?“ ſagte Albert, der nun in große Unruhe gerieth. „Weder das Eine noch das Andere,“ ſagte der Knabe;„ein kraͤftiger Mann mit breiten Schultern, dicker Naſe und furchtbarem Angeſichte. Er hatte mehrere Officiere bei ſich. Ich ſah ihn zwar nur einen Augenblick, aber ich werde ihn Zeit meines Lebens nicht vergeſſen.“ „Du haſt recht,“ ſagte Albert indem er ſeine Schweſter bei Seite zog,„ganz recht— der Erzfeind ſelbſt iſt gegen uns los!“ „Und die Feder,“ ſagte Aleris, die in ihrer Angſt das geringſte Zeichen auffaßte, bedeutet Flucht— und ein Rebhuhn iſt ein Zugvogel!“ „ Du haſt es errathen,“ ſagte ihr Bruder,, aber die Zeit iſt entſetzlich kurz. Gib dem Knaben noch eine Kleinigkeit,— aber nicht ſo viel, daß es Ver⸗ dacht erregen kennte, und entlaß ihn. Ich muß Ro⸗ checliffe und Jocs ine aufſuchen.“ Er ging alſo, aber da er ſie nicht finden konnte, ſo eilte er mit Rieſenſchritten dem Wohnzimmer zu, wo der Page, ſeiner Rolle getreu, den alten Ritter unterhielt, der waͤhrend er uͤber den Erzaͤhlungen lach⸗ te, welche jener ihm vortrug, doch aͤngſtlich wartete, um zu erfahren, was in der Halle vorgefallen war. „Was gibt es, Albert?“ ſagte der alte Mann; „wer klopfte ſo ſpaͤt noch an der Pforte, und warum wurde ſie geoͤffnet? Ich will nicht, daß die Formen und Gebraͤuche meines, zwar verfallenen Hauſes bei Seite geſetzt werden ſollen, weil ich alt und arm bin. Warum antworteſt Du nicht? was fluͤſterſt Du mit Louis Kerneguy, und warum merkt niemand auf das was ich ſage? Tochter Aleris biſt Du wohl ſo ver⸗ nuͤnftig und ſo hoͤflich mir zu ſagen, was oder wer ſt es, der gegen den eingefuͤhrten Gebrauch meines Hauſes hier eingelaſſen wurde? 1 . 45 „Niemand, Sir,“ erwiederte Alexis;„ein Knabe brachte eine Botſchaft, und wie ich fuͤrchte eine beunruhigende.“ „Sir, es iſt nur die Furcht,“ ſagte Albert her⸗ vortretend,„die uns bewegt, daß, obgleich wir glaub⸗ ten bis morgen verweilen zu duͤrfen, wir nun noch heute Abſchied nehmen muſſen.“. „Nicht alſo, mein Bruder,“ ſagte Alexis,„Du ußt hier bleiben und uns vertheidigen helfen— denn wenn Ihr Beide abweſend ſeyd, ſo wird man Euch angenblicklich und wahrſcheinlich mit Erfolg nachſetzen; bleibſt Du aber, ſo werden die verborgenen Plaͤtze in dieſem Hauſe Zeit zum Unterſuchen koſten. Auch kaunſt Du uͤberdieß die Kleider mit Mr. Kernegup wechſeln.“. „Recht ſo, edles Maͤdchen,“ ſagte Albert;„vor⸗ trefflich— ja— Louis, ich bleibe als Kerneguy hier, und Sie entfliehen als der junge Mr. Lee.“ „Ich kann noch nicht einſehen, wozu das dienen ſoll,“ ſagte Carl. „Und ich eben ſo wenig.,“ ſagte der Ritter. „Leute kommen und gehen, ſchmieden Plaͤne und aͤn⸗ dern ſie, in meinem Hauſe, ohne mir die Ehre zu erzeigen, mich um Rath zu fragen! Wer iſt dieſer Mr. Kerneguy, oder was iſt er mir, daß mein Sohn da⸗ bieiben und ſich der Gefahr der Entdeckung ausſetzen ſoll, damir dieſer ſchottiſche Page unterdeſſen in ſei⸗ ner Kleidung entrinnt? Die Ausfuͤhrung ſolcher In⸗ triguen dulde ich nicht, und waͤre es das feinſte Ge⸗ webe das Doctor Rochecliffe's Gehirn nur je ausge⸗ ſponnen hat.— Ich wunſche Ihnen nichts Boͤſes, Lonis. Du biſt ein herrlicher Jungling; aber man behandelt mich gar zu verächtlich in bieſer Sache, mein Freumd.““ „Ich bin ganz Ihrer Meinung Sir Henry.”“ erwiederte die angeresete Perſon.„Man hat wirk⸗ lich Iyre Gaſtfreundſchaft mit einem Mangel an Zu⸗ trauen erwiedert, das doch nie gerechter ertheilt wor⸗ den waͤre. Aber jetzt iſt der Augenblick gekommen, 46 wo ich es ſagen muß, daß ich der ungluͤckliche Carl Stuart bin, deſſen Schickſal es uͤber ihn verhaͤngt hat, die Urſache des Verderbens ſeiner beſten Freunde zu ſeyn, und deſſen gegenwaͤrtiger Aufenthalt im Kreiſe Ihrer Familie und allen Ihrigen den Unter⸗ gang droht.“ 1 3 „Mr. Louis Kerneguv,“ ſagte der Ritter hoͤchſt aufgebracht,„ich will es Sie lehren Ihre Witze beſſer zu waͤhlen, wenn Sie mich anreden; denn, bei Gott, es bedarf nur noch einer geringen Beleidigung, und Ihr boshaft leichtfertiges Blut wird fließen.“ „„Um Gotteswillen, ſchweigen Sie!“ rief Albert ſeinem Vater zu.„Es iſt wirklich der Koͤnig; und ſeine Perſon ſchwebt in ſo großer Gefahr, daß je⸗ der Augenblick den er verweilt die unglücklichſten Fol⸗ gen herbeiziehen kann.“ „Gerechter Gott!“ ſagte der Vater, indem er die Haͤnde zuſammenſchlug und auf das Knie fallen wollte,„iſt mein innigſter Wunſch erhoͤrt worden! und ach, auf eine Weiſe, daß ich beten muß, es haͤtte nie Statt gefunden.“. Dann verſuchte er es, ſeine Knie vor dem Koͤnige zu beugen— kuͤßte ſeine Hand, heiße Thraͤnen ent⸗ rollten ſeinem Auge— dann fuhr er fort:„Um Ver⸗ zeihung, Mylord— Ew. Majeſtaͤt wollte ich fagen— erlauben Sie mir in Ihrer Gegenwart nur einen Au⸗ genblick ſitzen zu duͤrfen, bis mein Blut wieder ruhi⸗ ger ſchlaͤgt, und dann— Carl erhob ſeinen alten, getreuen Unterthan vom Boden; und beſtand ſelbſt in dieſem Augenblick der Furcht, der Angſt und der Gefahr darauf ihn zu ſei⸗ nem Sitze hinzufuͤhren, in den er mit anſcheinender Erſchoͤpfung ſank, das Haupt herabgebeugt auf ſeinen langen weißen Bart, ſo daß es ſich mit ſeinem Sil⸗ berhaare vermiſchte. Alexis und Albert blieben bei dem Koͤnig, gaben ihm Gruͤnde an und beſtanden auf feiner augenblicklichen Abreiſe. 4—. „Die Pferde ſind in der Huͤtte des Färſters,“ 47 ſagte Albert,„und die untergelegten Renner ſtehen nur achtzehn oder zwanzig Meilen weit entfernt. Können Sie die Pferde nur ſo weit tragen“— „Willſt Du nicht lieber“ unterbrach ihn Aleris, „den vielen erprobten und verborgenen Gaͤngen die⸗ ſes Hauſes trauen— dem Zimmer des Rochecliffe und den noch entlegeneren geheimen Stellen?“ „Ach!“ ſagte Albert,„ich kenne ſie nur dem Na⸗ men nach. Mein Vater ſchwur ſie nur Einem anzu⸗ vertrauen, und er hat Rochecliffe gewaͤhlt.“ „Lieber fliehe ich auf freiem Felde, als mich in irgend einem Schlupfwinkel Englandsizu verkriechen,“ fagte der Koͤnig.„Koͤnnte ich nur den Weg zu jener Huͤtte finden, wo die Pferde ſtehn, dann wollt' ich ſchon verſuchen was Sporn und Peitſche vermoͤgen um ſo bald wie moͤglich an den beſtimmten Ort zu gelangen, wo ich den Sir John Reland und friſche Pferde treffen ſoll. Kommen Sie mit mir Obriſt Les, wir wollen uns darnach umſehn. In den Schlachten haben uns zwar die Rundkopfe geſchlagen; gilt es aber einen Wettlauf oder ein Wettrennen, ſo werde ich doch, glaube ich, Sieger bleiben.“ „Aber alsdann,“ ſagte Albert,„verlieren wir die Zeit, die wir durch die Vertheidigung des Hau⸗ ſes gewinnen koͤnnten— denn auf dieſe Weiſe laſſen wir niemanden als meinen armen Vater hier, der außer Stande iſt etwas zu thun; und Sie werden augenblicklich mit friſchen Pferden verfolgt werden, während die Unſerigen unfaͤhig ſind zur weitern Reiſe. Ach, wo iſt denn der Schurke Jocoline?“ „Wo iſt nur Dr. Rochecliffe bingekommen?“ fagte Alexis;—„er, der mit gutem Rathe ſo ſehr bei der Hand iſt— wo mag er hingegangen ſeyn? Ach könnte mein Vater ſich nur ſelbſt ermannen!“ „Dein Vater hat ſich ermannt,“ ſagte Sir Henry, indem er aufſtand und mit der vollen Kraft der Maͤnnlichkeit im Antlitz und Bewegung auf ſie zutrat.—„Ich ſammelte nur meine Gedaulen— 48 aber wann fehlten ſie einem Lee, wenn ſein Koͤnig Rath oder Hulfe nothig hatte?“ Dann fing er an zu reden mit der ſchnellen und deutlichen Ausſprache eines Generals an der Spitze ſeiner Armee, der alle Bewegungen zum Angriff und zur Vertheidigung uͤberblickt— ſelbſt unbewegt, gluͤhend von Thatkraft, die Gehorſam abnoͤthigt, und zwar jenen freudigen Gehorſam von allen, denen er befiehlt.„Tochter,“ ſagte er,„jage die Dame Jellicot heraus— Phoͤbe ſoll aufſtehn, und laͤge ſie am Tode, und Thuͤren und Fenſter verwahren.“ „Beides iſt regelmaͤßig geſchehn, ſeit— ſeitdem wir ſo ſehr beehrt wurden,“ ſagte ſeine Tochter, in⸗ dem ſie den Koͤnig anblickte;—„doch moͤgen ſie noch einmal durch die Zimmer wandern.“ So zog ſich Alexis zuruͤck um die Befehle zu ertheilen, kehrte aber ſogleich wieder zuruͤck. Der alte Ritter fuhr in demſelben kraͤftigen Tone der Eile und Schnelle fort—„Wo iſt Ihre erſte Station?“ „Gracks— Rothenbury uͤber Henlev, wo Sir Tho⸗ mas Acland und der junge Knolles Pferde bereit ſte⸗ hen haben“— ſagte Alvert;„aber wie ſoll man mit unſeren ermuͤdeten Pferden hingelangen?“ „leberlaſſe das mir,“ ſagte der Ritter.„Ew. Maieſtaͤt muſſen augenblicklich nach Jocolins Woh⸗ nung, dort finden Sie Pferde und Mittel zur Flucht. Die geheimen Oerter dieſes Hauſes, wenn man ſie wohl benuͤtzt, werden den redelliſchen Hunden ſchon aute zwei bis drei Stunden zu thun geben. Ich fürchte Rochecliffe iſt aufgefangen worden, und ſein Independent hat ihn verrathen. Haͤtte ich doch nur den Elenden beſſer gekannt! Ich haͤtte ihn mit un⸗ geſchlagener Waffe niedergeſtoßen, wie Will ſagt. Auf einen halben Bogenſchuß weit von Jocolins Huͤtte i*ſt die des alren Gartners Martin, der mag Ihnen zum Führer dienen; er iſt einige zwanzig Jahre Alti als 49 als ich, aber kraͤftig wie eine alte Eiche. Spvaͤhen Sie ſeine Wohnang aus, und laſſen Sie ihn mit ſich auf Todt und Leben reiten. Er wird Sie auf den beſtimmten Sammeplatz fuͤhren, denn kein Fuchs im Walde kennt auf ſieben Meilen in der Runde die Gegend ſo gut wie er.“ „Vortrefflich, mein theuerſter Vater, vortrefflich,“ ſagte Albert;„ich hatte den alten Gaͤrtner Martin vergeſſen.“.9: „Junge Leute vergeſſen alles,“ antwortete der Ritter.—„Ach daß doch die Glieder den Dienſt verſagen, wenn der Kopf ſie am Beſten leiten konnte.“ „Aber die ermuͤdeten Pferde,“ ſagte der Koͤnig— „koͤnnten wir keine andern bekommen?“ „Unmoͤglich zur Nachtzeit,“ antwortete Sir. Henry;„aber mit Sorgfalt und Aufmerkſamkeit kon⸗ nen auch ermuͤdete Pferde viel leiſten.“ Er ging ha⸗ ſtig an den Schreibepult, der an einem der Girterfen⸗ ſter ſtand und ſuchte etwas in den Schubladen, die er eine nach der anderen aufzog. „Wir verlieren Zeit, Vater,“ ſagte Albert, wel⸗ cher befurchtete, daß der Geiſt und die Thatkraft, welche der Greis an den Tag gelegt hatte, nur ein augenblickliches Aufflackern der Lampe geweſen ſeyn öcht⸗, die ſich dann wieder in Abenodaͤmmerung ver⸗ unkele.. „Laß mich machen, Herr Knabe,“ ſagte ſein Va⸗ ter gereitzt;„ziemt es Dir, mir in dieſer Gegenwart Vorſtellungen zu machen? Wiſſe alſo, daß, waͤren auch alle Rundkopfe aus der Hoͤlle in dieſem Augenblicke um Woodſtock verſammelt, ſo wollte ich doch die koͤ⸗ nigliche Hoffnung Englands auf einen Weg fortſchi⸗ cken, den ſelbſt der Weiſeſte von ihnen nicht errathen ſollte.— Aleris, mein Leben, frage nichts ſondern eile in die Kuͤche und ſchneide ein oder zwei Stuͤck W. Stott's Werke. XIV.. 4 50 Rindfleiſch oder noch beſſer Wildpret ab; ſchneide ſie lang und duͤnne, verſtehſt Du mich?“— „Das iſt Geiſtesabweſenheit,“ ſagte Albert bei Seite zu dem Koͤnige.„Wir thun unrecht und Ew. Majeſtat ſollten nicht darauf hoͤren.“ „Das glaube ich nicht,“ ſagte Alexis,„und ich kenne doch meinen Vater beſſer als Du.“ So ſpre⸗ chend verließ ſie das Zimmer um den Befehlen ihres Vaters nachzukommen. 3 „ Auch ich bin der Meinung,“ ſagte Carl.„Als die presbyterianiſchen Geiſtlichen in Schottland von ihren Kanzeln aus uͤber meine Suͤnden und denen meines Hauſes donnerten, nahmen ſie ſich die Frei⸗ heit, mich ins Geſicht Jeroboam oder Rehoboam oder mit ſo einem aͤhnlichen Namen zu nennen, weil ich der Meinung junger Raͤthe folgte.— Alle Welt, jetzt will ich mir einmal von dem Graubart rathen laſſen; denn nie ſah ich groͤßere Kraft und groͤßeren Ausdruck als in den Zuͤgen des edlen Greiſes.“ Unterdeſſen hatte Sir Henry das gefunden, was er ſuchte.„In dieſem kleinen Schaͤchtelchen,“ ſagte er,„befinden ſich ſechs Kuͤgelchen, bereitet aus den köſtlichſten Specereien und vermiſcht mit Heilmitteln von der auserwaͤhlteſten, ſtaͤrkendſten Kraft. Gibt man ſie von Stunde zu Stunde zwiſchen Lagen von gutem Rindfleiſch oder Wildpret, ſo wird ein ſonſt muthiges Pferd in funf Stunden nicht ermuͤden, und acht Stunden in einer zurualegen; und, wenn Gott hilft, bringt ſchon der vierte Theil dieſer Zeit Ew. Majeſtaͤt in vohkommene Sicherheit— was uͤbrig bleibt mag bei kuͤnftigen Gelegenheiten von Nutzen ſeyn. Martin weiß mie man damit umgeht; und des huͤlfloſen Alberts traͤges Roß wird nach einem langſamen Gehen von zeyn Minufen vereit ſeyn, lau⸗ fend den Weg zu verſchlingen, nieder alte Will ſagt.— Aber wir woleen keine Zeit mit Schnaten verlieren, Ew. Majeſtat beehren mich unen lich, nenn Sie das in Anſpruch nehmen, was ohnehin Ihnen zugehoͤrt.— — 51 Nun, ſchau ob die Kuͤſte frei iſt, Albert, damit Se. Majeſtaͤt ploͤtzlich abreiſen kann. Wir werden unſere Rolle ſchlecht ſpielen, wenn man ihm in den erſten zwei Stunden nachſetzt, die zwiſchen Nacht und Tag ſind.— Wechſelt die Kleider in jenem Schlafzim⸗ mer, wie Ihr es vorgeſchlagen habt— es könnte doch auch zu etwas nuͤtzen.“ „Aber mein guter Sir Henry,“ ſagte der Koͤnig, „Ihr Eifer laͤßt Sie einen Hauptpunkt uͤberſehen. Freilich kam ich von des Foͤrſters Hutte hieher, aber das war bei Tag und mit einem Fuͤhrer— ich werde den Weg bei ſo finſterer Nacht und ohne Fuͤhrung nie finden.— Ich fuͤrchte, Sie werden den Obriſten mit mir gehn laſſen muͤſſen; und ich bitte Sie und befehle Ihnen, daß Sie ſich der Gefahr nicht ausſetzen, das Haus zu vertheidigen— halten Sie ſie nur ſo lange wiit möoͤglich mit der Unterſuchung der geheimen Gaͤnge auf.“ „Verlaſſen Sie ſich auf mich, mein koͤniglicher, gnaͤdiger Souverain,“ ſagte Sir Henry,„aber Al⸗ bert muß hier bleiben und Alexis ſoll Ew. Ma eeſtaͤt an ſeiner Stelle zu der Huͤtte des Jocoline fuͤhren.“ „Aleris!“ ſagte Carl erſtaunt zuruͤcktretend— „wie, es iſt finſtere Nacht— und— und— und“— er ſah auf Alexis, die unterdeſſen in das Zimmer zuruͤckgekehrt war und las Zweifel und Furcht in ih⸗ ren Blicken; eine Anzeige, daß der Zwang, den er ſeit dem Morgen des vorgeſchlagenen Zweikampfs ſeiner Neigung zur Galanterie auferlegt hatte, die Erinnerung an ſein fruͤheres Betragen noch nicht 4. 5²2 Majeſtaͤt die groͤßte Eile helfen, wenn Sie den Weg nicht wuͤßten?⸗ „Nein, nein, Sir Henrv,“ ſuhr der Koͤnig fort,„die Nacht iſt zu dunkel— wir verweilen uns zu lange— ich werde es ſelbſt ſchon finden.“ „Verlieren Sie keine Zeit, Ihre Kleider mit Albert zu wechſeln,“ ſagte Sir Henry— uͤberlaſſen Sie mir die Sorge des Uebrigen.“ Cart immer noch zu Einreden geneigt, zog ſich dennoch in das Zimmer zuruͤck, wo er mit dem jun⸗ gen Lee die Kleider wechſelte, unterdeſſen ſagte Sir Henry zu ſeiner Tochter.„Wirf Deinen Mantel um, Maͤdchen, und ziehe Deine dickſten Schuhe an. Du haͤtteſt den Pirie reiten koͤnnen, aber er iſt etwas zu feurig, und Du biſt eine furchtſame Reiterinn, und warſt es immer.— Es iſt die einzige Schwaͤche, die ich an Dir kenne.“ „Aber mein Vater,“ ſagte Alexis, indem ſie ihre Blicke feſt auf Sir Henry richtete,„muß ich denn wirklich mit dem Koͤnige gehn? Koͤnnte nicht Phoͤbe oder die Jellicot uns begleiten? „Nein— nein— nein“ antwortete Sir Henry; „Phoͤbe, das thoͤrichte Maͤdchen, hat wie Du weißt, heute Nacht Kraͤmpfe gehabt, und ich glaube ein Spaziergang wie der, den Du vorhaſt, iſt eben der Hyſterie nicht ſehr zutraͤglich.— Die Jellicot ſchleicht ſo langſam wie ein zerſchlagener Karrengaul— ihre Taubheit abgerechnet, wenn man allenfalls mit ihr ſprechen muͤßte. Nein— nein, Du ſollſt allein gehn, und Dir das Recht erwerben, das man einſt auf Dein Grab ſchreiben kann:„Hier liegt die, welche den König rettete!“— Und horch, denk' nur nicht daran, heute Nacht zuruͤckzukommen, ſondern bleib bei dem Gaͤrtner und ſeiner Nichte. Bald wird Park und Forſt mit Feinden angefuͤllt ſeyn, und was hier vorfaͤllt wirſt Du morgen fruͤh zeitig genug erfahren.“ „Ach, was werde ich alsdann erfahren?“ ſagte Alexis—„ach, wer kanns ſagen?— Mein theuer⸗ V 53 ſter Vater, laſſen Sie mich hier bleiben und Ihr Schickſal theilen! Ich will die zaghafte Weiblichkeit bei Seite legen, und wenn es noͤthig iſt, fuͤr den Koͤnig kaͤmpfen. Aber— ich darf nicht daran den⸗ ken, ſeine einzige Begleiterin in der dunkelen Nacht, und auf einem ſo einſamen Weg zu ſeyn.“ „Wie!“ ſagte der Ritter, indem er ſeine Stimme erhob;„ſetzeſt Du mir Ceremonien und thoͤrichte Bedenklichkeiten entgegen, wenn es ſich um die Si⸗ cherheit, ja um das Leben des Koͤnigs handelt? Bei dieſem Zeichen meiner Treue,“ er ſchlug auf ſein greiſes Haar,„koͤnnte ich glauben, daß Du nicht waͤ⸗ reſt wie es einer Tochter aus dem Hauſe Lee zu ſeyn ziemt, ich wuͤrde“— In dieſem Augenblick unterbrachen ihn der Koͤnig und Albert, die ins Zimmer traten, nachdem ſie die Kleider gewechſelt hatten; ſie glichen ſich etwas in der Geſtalt, obgleich Carl augenſcheinlich ein haͤßlicher, Lee aber ein ſchoͤner junger Mann zu nennen war. Auch die Farbe ihrer Haut war verſchieden; doch konnte man den Unterſchied nicht ſogleich erkennen, da Albert eine ſchwarze Perruͤcke aufgeſetzt, und ſeine Augenbraunen gefaͤrbt hatte. Albert Lee ging zur Fronte des Gebaͤudes zu, und umging das Haus, um zu entdecken, in welcher Richtung der Feind ſich nahe, damit ſie ſich uͤber den Weg beſprechen koͤnnten, den einzuſchlagen am ſicher⸗ ſten fuͤr den koͤniglichen Fluͤchtling ſey. Unterdeſſen hatte der Koͤnig, der zuerſt in das Zimmer getreten war, einen Theil der heftigen Antwort vernommen, welche der Ritter ſeiner Tochter gab, und konnte die Urſache ſeiner Heftigkeit wohl errathen. Er ging mit der Wuͤrde auf ihn zu, die er ſehr wohl anzunehmen wußte, wenn es ihm beliebte. „Sir Henrv,“ ſagte er,„es iſt unſer Verlan⸗ gen, ja ſogar unſer Befehl, daß Sie ſich bei dieſer Gelegenheit der Ausuͤbung Ihrer vaͤterlichen Gewalt enthalten. Ich bin es uͤberzeugt, Fraͤulein Alexis wird gute und trifftige Gruͤnde fuͤr Ihre Wuͤnſche ha⸗ ben, und ich wuͤrde es mir nie verzeihen, wenn Sie um meinetwillen in eine unangenehme Lage verſetzt wuüͤrde. Ich bin mit Waͤldern und Einoͤden zu gut bekannt, as daß ich fuͤrchten muͤßte, meinen Weg vnten meinen heimiſchen Eichen von Woodſtock zu ver⸗ jeren. 4„Ew. Majeſtaͤt ſoll dieſer Gefahr nicht ausgeſetzt ſeyn,“ ſagte Alexis, deren augenblickliches Schwanken durch die ruhige, klare und liebliche Weiſe, mit wel⸗ cher Carl die letzten Worte ſprach uberwaͤltigt ward. „Sie ſollen keiner Gefahr ausgeſetzt werden, die ich verhindern kann; und durch den ungluͤcklichen Lauf der Zeit in der ich lebe, iſt mir der Wald bei Nacht eben ſo bekannt geworden als bei Tag. Wenn Ih⸗ nen alſo meine Geſelſchaft nicht laͤſtig iſt, ſo laſſen Sie uns augenblicklich gehn.⸗ „Wenn Ihre Geſellſchaft mit gutem Willen ange⸗ boten wird, ſo nehme ich ſie mit Dankbarkeit an,“ er⸗ wiederte der Monarch. „Gern,“ ſagte ſie,„ſehr gern. Laſſen Sie mich eine der Erſten ſeyn, die jenen Eifer und jenes Zu⸗ trauen beweißt, von denen ich hoffe, daß eines Tages ganz England wetteifern wird, ſie fuͤr Ew. Majeſtaͤt an den Tag zu legen.“. Sie ſprach dieſe Worte mit einer ſolchen Lebhaf⸗ tigkeit, und bewerkſtelligte den unbedeutenden Klei⸗ derwechſel mit einer Eile und Schnelligkeit, welche zeigte, daß ihre Furcht voͤllig verſchwunden war, und daß ihr Herz ganz bei dem Auftrage ſey, den ihr Vater ihr auszufuhren gab. „Alles in der Umgegend iſt ſicher,“ ſagte Albert Lee, welcher eintrat;„Du kannſt jeden Weg einſchla⸗ gen, der Dir beliebt, der Verborgenſte iſt der Beſte.“ Liebreich ging Carl vor ſeiner Abreiſe auf Sir Henry Lee zu, und ergriff ihn bei der Hand.„Ich bin zu ſtolz Verſprechungen zu leiſten,“ ſagte er, „die je zu erfuͤllen ich vielleicht zu arm bin. Aber — 5⁵ ſo lange Carl Stuart lebt, wird er ſich ſtets der dankbare, verbundene Schuldner des Sir Henry Lee nennen.“ „Nicht doch, Ew. Majeſtaͤt; ſagen Sie das nicht,“ rief der alte Mann aus, ringend mit der Bewegung ſeiner Seele die ihn übermannte. Er, der Alles for⸗ dern darf, kann ja nicht als Shuldner betrachtet wer⸗ den, wenn er einen kleinen Theil davon annimmt.“ „Leben Sie wohl, mein guter Freund, leben Sie wohl!“ ſagte der Koͤnig;„betrachten Sie mich als Ihren Sohn, als ein Bruder des Albert und der Alexis, die, wie ich ſehe, ſchon ungeduldig ſind. Ge⸗ ben Sie Ihren vaͤterlichen Segen, und laſſen Sie mich forteilen.“ „Der Gott, durch den die Koͤnige regieren, der ſegne Ew. Majeſtaͤt,“ ſagte Sir Henry niederknieend, indem er ſein ehrwuͤrdiges Antlitz und ſeine gefalte⸗ ten Haͤnde gen Himmel hob.—„Der Herr der Heer⸗ ſchaaren ſegne Sie, rette Ew. Majeſtaͤt aus der Ge⸗ fahr in der Sie jetzt ſchweben, und laſſe Sie bald zum ruhigen Beſitze der Krone gelangen, die Ihnen gebuͤhrt!“ Carl empfing ſeinen Seegen, wie den eines Va⸗ rers, dann machten er und Aleris ſich auf zur Reiſe. Als ſie das Zimmer verlaſſen hatten, ließ der Greis beine Schluſſe ſeines innigen Seegens die Hand ſchlaff herabgleiten; und ſein Haupt ſank nieder auf ſeine Bruſt. Sein Sohn wazte es nicht ihn in ſeinen Betrachtungen zu ſtoren, doch fuͤrchtete er, die Staͤrke ſeiner Gefuͤhle moͤchte ihn uͤberwaltigen, und er koͤnnte in Ohnmacht ſinken. Endlich, faßte er ſich Muth, nahete ſich ihm und beruͤhrte ihn ſanft. Da ſprang der alte Ritter auf, und ſtand wieder da, derſelbe thaͤtige, gewandte, einſichtsvolle Hausherr, wie zuvor. „Du haſt recht, Kind,“ ſagte er,„wir muͤſſen uns aufmachen und Hand anlegen. Sie luͤgen, die rundkopfigen Verrather, die ihn ausſchweifend und 56 werthlos nennen! Er hat Gefuͤhle, wuͤrdig des Soh⸗ nes des geſegneten Maͤrtyrers. Du ſabſt, wie er ſelbſt in der hoͤchſten Gefahr lieber ſeine Sicherheit aufop⸗ fern, als Alexis Begleitung annehmen woltte, als das thoͤrichte Maͤdchen zu zweiflen ſchien, ob ſie gehen ſollte. Die Ausſchweifung iſt ihrer Natur nach ſelbſt⸗ ſuͤchtig, und erwaͤgt die Gefuͤhle der Anderen nicht. Aber haſt Du Stange und Riegel hinter ihnen zuge⸗ ſchoben? denn wahrlich, ich ſah ſie kaum als ſie die Halle verließen.“ „Ich ließ ſie durch das kleine Thor hinaus,“ ſagte der Obriſt;„und als ich zuruͤckkam erſchreckte mich Ihr Unwohlſeyn.“ „Freude— Freude, nur Freude, Albert— ich kann es keinem beunruhigenden Gedanken geſatten, meine Bruſt zu durchzucken Gott wird den Abkoͤmm⸗ ling von hundert Koͤnigen nicht verlaſſen— der recht⸗ maͤßige Erbe wird den Schurken nicht in die Haͤnde fallen. Eine Thraͤne glaͤnzte in ſeinem Auge, als er Abſchied von ihm nahm— ich bin deſſen gewiß. Moͤch⸗ teſt Du nicht fuͤr ihn ſterben, Knabe?“ „Wenn ich heute Nacht mein Leben fuͤr ihn her⸗ peheen ſagte Albert,„ſo thut es mir nur darum eid, weil ich dann morgen die Nachricht von ſeiner Errettung nicht vernehmen kann.“ „Gut— jetzt an unſer Geſchaͤfte!“ ſagte der Ritter;„glaubſt Du ſeine Art und Weiſe genuͤglich zu kennen, um in ſeiner Kleidung die Du traͤgſt, den Frauen Glanben zu machen, daß Du der Page Kerne⸗ guy ſeyeſt.“ 3 .„Hm,“ erwiederte Albert,„es iſt nicht leicht des Koͤnigs Perſon vorzuſtellen, wenn Frauen im Spiele ſind. Aber es flimmert drunten nur noch ein ſchwaches Licht, und ich kann's verſuchen.“ „Thue es ſogleich,“ ſagte ſein Vater;„die Schur⸗ ken werden gleich hier ſeyn.“. Demzufolge verließ Albert das Zimmer, waͤh⸗ rend der Ritter fortfuhr:—„Gelingt es ihm, den 57 Weibern wirklich glauben zu machen, daß Kerneguy uoch hier ſey, ſo wird das meinenPlanen einen neue Kraft ver⸗ leihen— die Jaͤger wuͤrden auf eine falſche Spur geleitet werden, und das koͤnigliche Reh in Sicherheit ſeyn, ehe ſie es erſpähn. Dann zieht man ſie von einem ver⸗ borgenen Orte zum anderen! Ha, der Oſten wird er⸗ grauen ehe ſie auch nur die Haͤlfte durchwuͤhlt haben!— Ja, ich will Verſtecken mit ihnen ſpielen, und ihnen, die Lockſpeiſe vorhalten, die ſie nie erhaſchen werden! Ich will ihnen einen Knoten knupfen, der ihnen auf⸗ zuloͤſen Muͤhe koſten wird.— Aber was wird es mich wohl koſten?“ fuhr der Ritter fort, indem er ſein freudiges Selbſtgeſpraͤch truͤbte.—„Ach Abſalon, Ab⸗ ſalon, mein Sohn! mein Sohn! Aber, mag es ſeyn; er kann nur ſterben, wie ſeine Vaͤter, und fuͤr die Sache, fuͤr welche ſie lebten. Aber er koͤmmt, Pſch!— Albert, iſt es Dir gelungen? Haſt Du die koͤniglis chen Manieren taͤuſchend nachgeahmt?“ „Ja, Vater,“ erwiederte Albert;„die Frauen⸗ zimmer werden ſchwoͤren, daß Louis Kerneguy bis zum allerletzten Augenblick im Hauſe war.“ „Recht ſo, denn es ſind gute und getreue Ge⸗ ſchoͤpfe,“ ſagte der Ritter,„und wuͤrden alles beſchwoͤ⸗ ren, was zur Sicherheit ſeiner Majeſtaͤt beitragen kann; doch werden ſie es ungezwungener und mit groͤ⸗ ßerem Eindruck thun, wenn ſie glauben, die Wahr⸗ heit zu beſchwoͤren.— Wie taͤuſchteſt Du ſie denn?“ „Durch eine thoͤrichte kleine Nachahmung der koͤniglichen Manieren, die zu erwaͤhnen nicht der Muͤhe werth iſt.“ 3 „Geh', Du Schurke!“ erwiederte der Ritter. „Ich fuͤrchte, des Koͤnigs Charakter muß unter Deiner Mummerei leiden.“ 4 „Hm,“ murmelte Albert, was er nicht laut zu ſagen wagte,—„wollte ich ſeinem Beiſpiel genau folgen, ſo weiß ich wohl, weſſen Charakter die groͤßte Gefahr liefe.“ 58 „Fuͤr jetzt alſo muͤſſen wir uns uͤber die Vertheidi⸗ Weiſe ſprechen, wie wir den Feind ſo lang als moͤglich aufhalten.“ Dann nahm er wieder zu den geheimen Schubladen ſeines Schreibepults ſeine Zuflucht und zog eine Pergamentrolle hervor, auf welcher ein Plan gezeichnet war.„Dieſes,“ ſagte er,„iſt der Grund⸗ riß der Cidatelle, wie ich ſie nenne, die ſich noch lange halten kann wenn Du gezwungen biſt die Zufluchtsoͤr⸗ ter zu verlaſſen die Du bereits kennſt. Die Wild⸗ meiſter mußten immer ſchwoͤren dieſen Plan geheim zu halten, außer vor einer Perſon, auf den Fall ei⸗ ihn zuſammen ſtudieren.“ Sie kamen alſo uber die zu ergreifenden Maaßre⸗ geln uͤberein und zwar auf eine Weiſe die ſich durch das was noch erfolgte am Beſten zeigen wird. Endlich nahm der junge Lee, wohl bewaffnet, und mit einigen Speiſen und Getraͤnken verſehn, von ſei⸗ nem Vater Abſchied, ging und ſchloß ſich in Victor Lee's Zimmer ein, wo ſich der Eingang in das Laby⸗ rinth der verborgenen Zimmer und der geheimen Schlupfwinkel befand, der den Verbuͤndeten bei den phantaſtiſchen Streichen, die ſie auf Koſten der repub⸗ likaniſchen Kommiſſaire ſpielten, ſo gute Dienſte ge⸗ leiſtet hatte. 3 „Ich hoffe,“ ſprach Sir Henry an ſeinem Tiſche ſitzend, nachdem er von ſeinem Sohn einen zaͤrtlichen Abſchied genommen hatte,„ich hoffe Rocheeliffe wird das Geheimniß dem Schurken Tomkins doch nicht ausgeplaudert haben, dem es nicht unaͤhnlich ſieht⸗ daß er aus der Schule ſchwatzt.— Aber da ſitze ich— vielleicht zum letzten Male, mit meiner Bibel in der einen Hand und dem alten Will zur anderen, Gott ſey gedankt, vorbereitet darauf zu ſterben ſo wie ich lebte.— Ich wundere mich, daß ſie noch nicht kommen,“ ſagte er, nachdem er eine Zeitlang gewar⸗ tet hatte.— Ich war immer der Meinung, der gung der Außenwerte uͤber die Signale und uͤber die nes ploͤtzlichen Todtes.— Wir wollen uns ſetzen und 59 Teufel begabe ſeine Geſchaͤftstraͤger mit einer feineren Spuͤrkraft, wenn er ſie zu ſeinen Privat⸗Angelegen⸗ heiten benützt. Viertes Kapitel. Doch ſchau, ſein Angeſicht iſt ſchwarz und voller Bluts; Das Rund des Auges klotzt aus ſeiner Höhle, Es ſteht hervor ais wäre er erwürget; Das Haar geſtraubt— geſperrt die Naſenlöcher, Hir Hdane an, nd dden den üetdedeen Uune Lehen rans⸗ 3 Heinrich VI. Iter Theit. Wirklich, haͤtten diejenigen, deren unfreundlichen Beſuch Sir Henry Lee erwartete, gradezu das Jäͤger⸗ haus umzingelt, ſtatt ſich drei Stunden lang zu Wood⸗ ſtock aufzuhalten, ſo waͤren ſie ihrer Beute ſicher ge⸗ weſen. Aber Tomkins, zum Theil um des Koͤnigs Flucht zu verhindern, und anderen Theils um ſich eine groͤßere Wichtigkeit bei der Sache zu geben, hatte die Geſellſchaft im Jaͤgerhauſe vorgeſtellt, als ſtaͤnde ſie immer auf dem Sprung, und daraus dem Crom⸗ well die Nothwendigkeit erwieſen, daß ſich der Gene⸗ ral ruhig verhalten muͤſſe, bis er(Tomkins) erſchei⸗ nen wuͤrde um ihm anzuzeigen, daß ſich die Hausbe⸗ wohner zur Ruhe begeben haͤtten. Unter dieſer Be⸗ dingung hatte er es uͤbernommen, nicht allein das Zimmer ausfindig zu machen, wo Carl ſchliefe, ſon⸗ dern auch wo moͤglich ein Mittel zu erdenken, die Thuͤre von außen ſo zu befeſtigen, daß Flucht unmoͤglich ſey. Er hatte ferner verſprochen, ſich des Schluͤſſels einer Hinterthuͤre zu bemaͤchtigen, durch welche die Solda⸗ ten in das Haus eingelaſſen werden koͤnnten, ohne Aufſehn zu erregen. Ja, die Sache koͤnne durch ſeine Ortskenntniß ſo fein angelegt werden,(ſo ſtellte er es vor) daß er es mit Sicherheit unternehmen wuͤr⸗ 60 de, Se. Excellenz oder wen er ſonſt fuͤr den Dienſt beſtimmen moͤchte, an Carl Stuarts Bett zu fuͤhren, ehe er noch den letzten Becher Wein'’s ausgeſchlafen habe. Aber vor Allem hatte er angefuhrt, daß ſich in dem alten Gebaͤude viele Gaͤnge und Thuͤrchen be⸗ faͤnden, die hoͤchſt ſorgfaͤltig bewacht werden muͤßten, ehe man es im Inneren des Hauſes bemerke, weil davon der Erfolg der ganzen Sache abhaͤnge. Er hatte alſo Cromwelln erſucht, im Dorfe auf ihn zu warten, wenn er ihn bei ſeiner Ankunft nicht gleich traͤfe; und gab ihm die Verſicherung, daß das Hin⸗ und Hermarſchieren der Soldaten jetzt etwas ſo Gewoͤhn⸗ liches waͤre, daß wenn ſelbſt die Nachricht ins Jaͤger⸗ haus gelangen ſollte, daß neue Truppen im Flecken angekommen ſeyen, eine ſo gewoͤhnliche Sache nicht im Gerinagſten beunruhigen wuͤrde. Er empfahl ihm ferner, nur zuverläͤßige Soldaten zu dieſem Dienſte zu waͤhlen— keine Schwachen im Geiſte— keine, die ſich aus Furcht vor den Amalekiten vom Berge Gilead abwendeten, ſondern geuͤbte Kriegsmaͤnner, gewoͤhnt mit dem Schwerdte drein zu ſchlagen, und den Hieb nicht zu wiederholen brauchten. Schließlich ſtellte er vor, daß es wohlgethan ſeyn moͤchte, wenn der General dem Pearſon oder eine anderen Officier, auf den er ſich vollkommen verlaſſen koͤnne, die Lei⸗ tung der Truppen auvertraute, und ſeine Anweſen⸗ heit, wenn er es fuͤr gut finden ſollte, ſelbſt zugegen zu ſeyn, ſogar vor den Soldaten zu verheiamlichen. Allen Rathſchlaͤgen dieſes Mannes war Cromwell puͤnktlich nachgekommen. Er reiſte im Ruͤcken dieſes Detachement von hundert erprobten Soldaten, die er zu dieſem Dienſte auserwaͤhlt hatte. Maͤnner von unbezweifelter Entſchloſſenheit, auferzogen in Tauſen⸗ den von Gefahren, aeſtaͤhlt gegen alle Gefuͤhle des Zweifels und des Mitleidens durch den tiefen, fin⸗ ſteren Fanatismus, welcher der Haupthebel ihrer Hand⸗ lungen war.— Maͤnner denen, als ihr General, und nicht minder als das Haupt der Erwaͤhlten, die ———— ———— 61 Befehle Cromwells gleich den Geboten der Gottheit wgren. Groß und tief war die Demuͤthigung des Gene⸗ rals bei der unerwarteten Abweſenheit der Perſon, auf deren Vermittlung er ſo zutrauensvoll gerechnet hatte, und mancherlei Vermurhungen uͤber die Urſache dieſes unerklaͤrlichen Betragens ſtiegen in ihm auf. Bald glaubte er Tomkins muͤſſe berauſcht ſeyn; denn dieſe Schwaͤche kannte Cromwell an ihm, bald wieder eine unerwartete Stoͤrung, oder vielleicht ein toller ro⸗ valiſtiſcher Schmaus, der die Familie im Jaͤgerhauſe bewogen haͤtte, laͤnger als gewoͤhnlich aufzubleiben, waͤre die Urſache ſerner Verſpaͤung. Dieſe Vermu⸗ thung ſchien ihm die Wahrſcheinlichſte zu ſeyn, und unr die Hoffnung daß Tomkins ſich zuletzt doch noch einfinden wuͤrde, bewog ihn im Flecken zu verweilen, wo er aͤngſtlich die Mittheilungen ſeines Geſchaͤfts⸗ fuͤyrers erwartete, und doch den Erfolg des Unter⸗ nehmens durch keine voreilige Handlung auf das Spiel ſetzen wollte. Unterdeſſen ordnete er alles ſo an, daß die noͤthi⸗ gen Anſtalten in einer Minute getroffen ſeyn muß⸗ ten. Die Halfte der Soldaten durfte abſatteln und die Pferde in die Stallungen fuͤhren; die andere Haͤlfte musßte ihre Pferde geſattelt laſſen und bereit ſeyn im Augenblick aufzuſitzen. Abwechſelnd ließ man die Soldaten in das Haus treten, und ihnen einige Er⸗ friſchungen reichen; doch blieb immer eine anſehnliche Wache vei den Pferden, die man von Zeit zu Zeit abloßte. Auf dieſe Weiſe wartete Cromwell mit nicht ge⸗ ringer Ungewißheit, und warf oft dem Oberſten Eve⸗ rard einen angſtlichen Blick zu, der, wie er dachte, wohl die Stelle ſeines abweſenden Vertrauten erſe tzen koͤnnte, wenn er nur wollte. Everard erduldete es ruhig, mit unveränderten Zuͤgen und weder heiterer noch gefurchter Stirn. 2 62 Endlich ſchlug die Mitternachtsſtunde und nun war es noͤthig, einen entſcheidenden Schritt zu thun. Tomkins konnte ja ein Verraͤther ſeyn, oder, was ſich der Wahrheit mehr naͤherte, ſo waͤre es ja mög⸗ lich, daß ſein Plan entdeckt und er ſelbſt von den rache⸗ ſuͤchtigen Royaliſten ermordet oder geraubt worden waͤre. Kurz, ſollte die Gelegenheit benuͤzt werden, welche das Gluͤck darzubieten ſchien, ſich deſſen zu be⸗ maͤchtigen, welcher die furchtbarſten Anſpruͤche auf die hoͤchſte Gewalt machen konnte, nach welcher Cromwell ſchon ſtrebte, ſo duͤrfte keine fernere Zeit verloren werden. Endlich ertheilte er dem Pearſon Befehl, die Soldaten zu den Waffen zu rufen— gab ihm Auf⸗ traͤge wie er ſie eintheilen ſolle, und daß ſie mit der tiefſten Stille marſchieren muͤßten. Oder, ſo lautete die Ordre, ſo wie Gideon ſtillſchweigend einhermar⸗ ſchierte als er hinabging in das Lager der Midianiten, nur von ſeinem Diener Purah begleitet. Vielleicht, ſo fuhr das ſonderbare Document fort, erfahren wir was jene Midianiten traͤumten. Eine einfache Streifwache(Patrouille), beſtehend aus einem Obermanne und fuͤnf kraͤftigen erprobten Soldaten, bildeten die Avant⸗Garde des Heerzuges; hierauf folgte der Kern. Eine Arrier⸗Garde von zehn Mann bewachte den Everard und den Geiſtlichen. Cromwell ließ den Erſtern deßhalb verhaften, weil es noͤthig ſeyn mochte, ihn zu verhoren oder ſeine Ausſa⸗ gen mit denen der andern zu vergleichen; und den Mr. Holdenough nahm er mit, weil er, wenn man ihn zu⸗ ruͤck ließe, entfliehen und vielleicht einen Aufſtand im Dorfe anſtiften konnte. Denn, obgleich diePresbyterianer nicht allein zu der republikaniſchen Parthei gehoͤrten, ſondern ſogar die Bahn des Bürgerkriegs gebrochen hatten, ſo waren ſie doch beim Schluſſe deſſelben hoͤchſt unzufrieden mit dem uͤberwiegenden Einfluſſe der mi⸗ litaͤriſchen Sectirer, und man durfte ihnen nicht trauen, ſobald ihr Intereſſe verletzt wurde. Die In⸗ fanterie, eingetheilt wie wir ſchon oven ſagten, mar⸗ ¹ 63 ſchierte zur Linken, Cromwell und Pearſon, Beide zu Fuß, an der Spitze des Centrums. Alle waren mit kurzen, unſern Carabinern aͤhnlichen Flinten bewaff⸗ net, die auch, wie dieſe von den Reitern gebraucht wurden. Sie gingen mit der tiefſten Stille und mit der groͤßten Regelmaͤßigkeit; das ganze Corps bewegte ſich wie ein Mann. Ungefaͤhr hundert Ellen hinter der Arrier⸗Garde des Fußvolks kamen die Reiter; und es ſchien als ob ſelbſt die unvernuͤnftigen Thiere Cromwells Befehle verehrten; denn kein Pferd wieherte, und jedes ſchien ſogar vorſichtiger und mit geringerem Geraͤuſch als ge⸗ woͤhnlich aufzuſtampfen. Ihr Fuhrer, voll aͤngſtlicher Gedanken, ſprach keine Sylbe, es ſeye denn, daß er fluͤſternd das Gebot des Stillſchweigens wiederholte, und die Soldaten, uͤberraſcht und entzuͤckt, ſich unter dem Befehle ihres berühmten Generals zu ſehen, und ohne Zweifel zu einem geheimen Dienſte von großer Wichtigkeit be⸗ ſtimmt zu ſeyn, gehorchten mit der groͤßten Aufmerk⸗ ſamkeit ſeinem oft wiederholten Befehl. In der angegevenen Ordnung marſchierten ſie durch die Straße des kleinen Fleckens. Wenig Buͤr⸗ ger waren mehr zu treffen, und einige welche ihre abendlichen Zechgelage bis zu dieſer ungewoͤhnlich ſpaͤ⸗ ten Stunde verlangert hatten, waͤhnten ſich ſehr gluͤck⸗ lich, der Aufmerkſamteit eines ſtarken Corps Soldaten zu entgehn, welcye oft die Stelle der Polizei vertraten, um zu fragen was ſie ſo ſpaͤt noch wollten und welchen Weg ſie einſchlugen. Das außere Thor des Forſtes war, ſeitdem die Soldaten in Woo ſtock lagen, von drei Reihen von Schildwachen ſorgfaͤltig vewacht, ſo daß alle Verbin⸗ dung zwiſchen dem Jaͤgerhauſe und der Stadt abge⸗ ſchnitten war. Spitfire, Wildracke's Bote, welcher oft des Vogelfangs oder aͤhnlicher Jagden wegen Ausfluchte in den Wald machte, hatte die Wachſam⸗ keit dieſer Lente umgangen, indem er uber eine ver⸗ 64 kallede Stelle der Mauer kletterte, die er genau annte. Den Vorſchriften der Kriegszucht gemaͤß ward zwiſchen dieſer Abtheilung und der Avantgarde der Cromwellſchen Trupven fluͤſternd das Loſungswort ge⸗ wechſelt. Die Infanterie trat in den Park, ihr folg⸗ ten die Reiter, denen man die Anweiſung gab, die harten Wege zu vermeiden, und ſoviel wie moͤglich auf dem Graſe zu reiten, welches die Pfade begraͤnzte. Hier gebrauchte man noch eine groͤßere Vorſicht; denn ein oder zwei Reihen Fußvolk wurden abgeſandt, nach allen Richrungen hin den Wald zu durchſtreifen, Ge⸗ fangene zu machen, oder im Fall des Wioderſtandes, alle diejenigen umzubringen, welche ſie dort, unter welchem Vorwand es auch ſey, verſteckt finden wuͤr⸗ en. unterdeſſen ſing das Wetter an, ſich dem Crom⸗ well guͤnſtig zu zeigen, wie es ihm im Verlaufe ſei⸗ ner glucklichen Laufdahn oft geſchehen war. Der graue Nebel, der bis jetzt alles verduntelte, und den Marſch im Walde weitlaͤufig und ſchwierig machte, mußte nun dem Monde weichen, der nach vielen Krafran⸗ ſtrengungen ſich endlich einen Weg durch die Duͤnſte bahnte und ſeine bleiche Sichel am Himmel erſveinen ließ, der ſie erleuchtete wie die verloͤſchende Lampe des Einſiedlers der Zelle, in welcher er rugt. Nun befanden ſich die Soldaten gerade dem Pallaſte gegen⸗ uͤber, da ſuͤſterte Holdenough dem Everard zu, da ſie noch neben einander gingen,—„ſehen Sie nicht — dort flimmert das geheimnißoolle Licht in dem Thurme der ausſchweifenden Roſamunde? Dieſe Nacht wird zeigen, od der Teuſel der Sektiker oder der Teu⸗ fel der Rovaliſten der Stärkere iſt. Auch ſtimmen Sie einen Juvelgeſang an; denn das Koͤnigreich des Sa⸗ tans iſt mit ſich ſelbſt im Streite.“ 4 Hier ward der Geiſtliche durch den befehlenden Offizier unterdrochen, der ſchnell, aber mit geraͤuſch: loſen Schritten einher kam, um ihnen, leiſe fluͤſternd, 4 65 zuzuraunen—„ſtille Gefangener bei der Arriergar⸗ de— ſtille— bei Todesſtrafe.“ Einen Augenblick ſpaͤter ward der Marſch ge⸗ hemmt, das Wort:„Halt,“ lief von einem Munde zum andern und augendliglich ward gehorcht. Die Urſache dieſer Unterbrechung war das eilige 3 Zuruͤckkehren ver Strerfparthei zum Centrum, welche dem Cromwell die Nachricht brachte, daß ſie in eini⸗ ger Entfernung zur Linken ein Licht im Walde be⸗ merkt hatte.— „Was kann es ſeyn?“ ſagte Cromwell, deſſen 4 leiſe aber kraftige Stimme ſelbſt im Fluſtern noch 8 ſehr hoͤrbar war.„Bewegt es ſich, oder bleibt es auf einer Stelle?? 4 1 „So weit wir daruͤber urtheilen koͤnnen,“ ant⸗ wortete der Soldar,„ſcheint es ſich nicht zu bewe⸗ den.„Sonderbar— es iſt doch keine Hutte in der„ Naͤhe. 3 „Moöͤglich, Ihre Excellenz, daß es eine Er fin⸗ dung des Sarans iſt,“ ſagte Corporal Humgudgeon, indem er durch die Naſe ſprach;„er har ſich vor kurzem in dieſen Gegenden ſehr maͤchtig gezeigt.“ „Moͤglich Ihre Narrheit, daß Du ein Eſel biſt,“ 6 ſagte Cromwell; aber da er ſich augendlicklich erin⸗ nerte, daßz der Corporal einer der Stellvertreter doer 5 Tribune der gemeinen Soldaten ſey, und alſo mit der gehoͤrigen Achtung behandelt werden muͤſſe, ſo f fuͤgte er hinzu:„dennoch aber, wenn es eine Er⸗ findung des Satans iſt, ſo wird der Herr uns hel⸗ fen zu widerſtehen, damit der boſe Feind vor uns fliehe—„Pearſon,“ ſagte er, indem er ſeine ſolda⸗ tenmaͤßige Kuͤrze wieder annahm,„nehme vier Rei⸗ hen, und ſieh', was es dort gibt— doch nein, die 6 Burſche koͤnnten unter Deinem Befehl erſchrecken. Gehe Du gerade auf's Jaͤgerhaus los— umzingle es auf die Weiſe, wie wir uͤbereingekommen ſind, ſo daß kein Vogel daraus entſtiehen kann,— laß einen au⸗ W. Scott's Werke. XIV. 5 24 66 ßeren und einen inneren Ring von Schildwachen bil⸗ den, aber verhalte Dich ruhig, bis ich komme. Sollte jemand verſuchen zu entfliehen, bringe ihn um.“— Er ſprach dieſen Befehl mit furchtbarem Ausdruck.— „Bringe ihn auf der Stelle um,“ wiederholte er, „wer es auch ſey, es iſt beſſer, als wenn man die Republik mit Gefangenen belaͤſtigt.“ Pearſon hoͤrte es, und traf ſeine Maasregeln, um der Ordre ſeines Befehlshabers Gehorſam zu eiſten. Unterdeſſen vertheilte der kuͤnftige Protektor die kleine Truppen⸗Abtheilung, die bei ihm zuruͤckblieb, auf ſolch eine Weiſe, daß ſie ſich von verſchiedenen Punkten aus zu gleicher Zeit dem Lichte naͤhern ſoll⸗ ten, das ſeinen Verdacht rege machte; er befahl ih⸗ nen, ſo nahe wie moͤglich hinzuzuſchleichen, aber darauf zu ſehen, daß ſie ſich ſchnell gegenſeitig zu Huͤlfe eilen koͤnnten, und bereit ſeyen, im Augenblick hervorzutre⸗ ten, wenn er das Zeichen geben wuͤrde, das in einem lauten Pfeifen beſtand. Aengſtlich die Wahrheit mit eigenen Augen zu unterſuchen, naͤherte ſich Eromwell, der aus Inſtinkt alle militaͤriſchen Vorſichtsmaaßre⸗ geln ergriff, die bei anderen der Erfolg einer Erzie⸗ bung zu dieſem Stande und langer Erfahrung ſind, dem Gegenſtande ſeiner Neugierde. Er ſchlich ſich von einem Baume zum andern mit leichtem Schritte und großer Gewandheit; und fruͤher als alle ſeine Leute, war er ihnen ſo nahe gekommen, daß er beim Schein der Laterne, die auf der Erde ſtand, zwei Maänner erblickte, welche damit beſchaͤftigt waren, er⸗ was zu graben, was einem ſchlecht gemachten Grabe aͤhnlich ſah. Neben ihnen lag Etwas ausgeſtreckt, das in bem Felle eines Rehes eingehuͤllt war, und das dem Leichnam eines Menſchen ſehr aͤhnlich ſah. Sie u eliehen ſich mit leiſer Stimme, doch ſo, daß ihr gefährlicher Zuſchauer alles voſkkommen hoͤren konnte, was ſie ſprachen.— „Endlich iſt ſie geſchehen,“ ſagte der Eine;„die 67 4 ſchlimmſte und haͤrteſte Arbeit, die ich in meinem Leben verrichtete. Es koͤmmt mir vor, als haͤtte ich gar keine Glieder mehr. Selbſt meine eigenen Arme ſcheinen mir nicht mehr anzugehoͤren; und ſonderbar, wie ich auch arbeitete, meine Glieder konnte ich nicht erwaͤrmen.“ „Ich habe mich genug erwaͤrmt,“ ſagte Roche⸗ cliffe, der aus Anſtrengung kurz aufathmete. „Aber die Kaͤlte ruht auf meinem Herzen,“ ſagte Jocolin;„und ich darf kaum hoffen, je wieder warm zu werden. Sonderbar, ein Zauber ſcheint uns zu befangen. Da graben wir ſchon zwei Stun⸗ den, was Dig, der Todtengraͤber, in einer halben Stunde weit beſſer verrichtet haͤtte.“ „Wir ſind auch ſchlechte Todtengraͤber,“ antwor⸗ tete Dr. Rochecliffe.„Jedermann bei ſeinem Ge⸗ 6 ſchaͤfte,— Du bei Deinem Jagdhorn, und ich bei. meinem Papier mit Chiffern. Aber laß den Muth nicht ſinken; es iſt der erſtarrte Boden und die Menge der Wurzeln, die unſer Geſchaͤft ſchwierig machten. Und nun, da alle Ceremonien mit dieſem ungluͤcklichen. Manne vorgenommen worden ſind, und da ich uͤber ihn geleſen habe die vorgeſchriebenen Gebete der Kir⸗ che valeat quantum, ſo laß ihn uns anſtaͤndig in die⸗ ſen Ort der letzten Ruhe legen; auf Erden wird man ſeiner wenig mangeln. Alſo erheitere Dich Freund, wie es einem Soldaten ziemt; wir haben ja nun die vorge⸗ ſchriebenen Gebete uͤber ſeinen Leichnam geleſen; und wenn die Zeit es erlaubt, ſo wollen wir ihn in geweihe⸗ ter Erde beſtatten, obgleich er einer ſolchen Guabe un⸗ werth iſt. Komm, hilf mir ihn in die Erde legen; wir wollen Diſteln und Dornen auf die Staͤtte haͤufen, wo wir Staub auf Staub geſchuͤttet haben. Denke Du aber 1 maͤnnlicher an dieſen ungluͤcklichen Zufall; und erin⸗ nere Dich daran, daß Du allein Dein Geheimniß be⸗ wahrſt.“— „Dafuͤr kann ich nicht ſtehen,“ ſagte Jocolin, 6) 68 „mir koͤmmt es vor, als ob ſelbſt der rauſchende Nachtwind in den Blaͤttern erzaͤhlen wird, was wir thaten— mir kommt es vor, als ob ſelbſt die Baͤume ſagen wuͤrden: da liegt ein Leichnam zwiſchen unſern Wurzeln. Wo Blut vergoſſen wurde, da finden ſich die Zeugen leicht.“ „So iſt's, und zwar recht bald,“ rief Cromwell aus, ſprang aus dem Gebuͤſche, ergriff den Jocolin, und ſetzte ihm eine Piſtole auf die Bruſt. Zu jeder anderen Periode ſeines Lebens wuͤrde der Foͤrſter ſelbſt gegen die größte Zahl einen verzweifelten Wider⸗ ſtand geleiſtet haben; aber das Entetzen, das ihn vei dem Morde ſeine nur zur Ver ge vereinigt mit Ayſtrengung und Ueberraſch ihn gaͤnzlich uͤbermannt, daß er ſich ſo le fen ließ, wie der Fleiſcher ſich eines S fleins be⸗ maͤchtigt. Dr. Rochecliffe leiſtete einigen Widerſtand, ward aber ſogleich von den Soldaten feſtgenommen, die ſich hinzudraͤngten. 1 „Sehe doch,“ ſagte Cromwell,„weſſen Leichnam es iſt, an dem dieſe niedertraͤchtigen Soͤhne Belials einen Mord bsgingen. Corporal Gnad'⸗ ſey⸗ hier Humgudgeon, ſieh ob Du das Geſicht nicht kennſt.“ „Ey gewiß, ſo wie ich mein eigenes im Spiegel erkenne,“ naͤſelte der Corporal, nachdem er mit Huͤlfe der Blendlaterne die Zuͤge des todten Mannes betrach⸗ tete.„In Wahrheit, es iſt unſer getreuer Bruder im Glanben Joſeph Tomkins.“ 8 „Tomkins!“ rief Cromwell aus, ſprang hinzu, und uͤberzeugte ſich ſelbſt mit einem Blicke auf die Zuͤge des Leichnams—„Tomkins— und ermordet, wie die zerſchmetterte Schlaͤfe bezeugt!— Hunde die Ihr ſeyd, geſteht die Wahrheit.— Ihr habt ihn er⸗ mordet, weil Ihr ſeine Verraͤtherei entdeckt habt— ich wollte ſagen ſeinen getreuen Geiſt, gegen die Re⸗ publuk England und ſeinen Haß gegen dir Complotte, 3 at ergrei⸗ 69 in welche Ihr ſeine ehrliche Einfachheit verwickeln wolltet.“ „Ach!“ ſagte Gnad⸗ſey⸗hier Humgudgeon,„und dann ſeinen Leichnam mit Euren papiſtiſchen Lehren z9 entweihen, als haͤttet ihr kalte Suppe in ſeinen alten Mund gegoſſen. Ich bitte Dich General, laſſe d Banden dieſer Maͤnner ſtrenge ſeyn.“ „Behuͤte Corporal,“ ſagte Cromm tell:„die Zeit draͤngt.— Freund, Euch, den ich fuͤr den Doctor Antonius Nochecliffe mit Waufe und Zunamen halte, Euch gebe ich die Wahl, entweder morgen mit Tages⸗ anbruch gehaͤngt zu mer den, oder Buße zu thun fuͤr den Mord eines Mannes aus dem Volke des Herrn, indem Du mir die Geheimniſſe jenes Hauſes mit⸗ theilſt.“ „Wahrlich Sir,“ erwiederte Rochecliffe;„Sie trafen mich nur der Erfullung meiner Pflicht, als Gelſtlicher, indem ich den Todten beerdigte; und was meine Antwort auf J Fragen betrifft, ſo bin ich ſelbſt urſchloß 5 d rathe auch bei dieſer Gelegen⸗ hei it weine em hrten“— gefa „“ ſagte Cromwell;„ich kenne t ſchon von Alters her, obgleich ich ihn in meinem Acker pfuͤgen ließ, als er glaubte ſei⸗ nen eigenen Boden zu bebauen.— Weg mit ihm, zur Arrier⸗Garde, bringt den andern Burſchen her.— Komm her— hieher— naͤher— mner naͤher.— Corporal Gnad ſed⸗hier, lege Du Deine Hand auf die Bande, mit welchen er ge handen iſt. Wir muͤf⸗ ſen, dieſes ungluͤcklichen Landes wegen, Sorge fuͤr unſer Leben tragen, obgleich wir es ſeines eigenen Wertbs willen fuͤr einen Stecknadelskopf auf das Spiel ſetzen kͤnnten.— Nun hoͤre mich an, Burſche, waͤhle: willſt Du Dein Leben durch ein volles Einge⸗ ſtaͤndniß erkaufen, oder augenblicklich an eine dieſer Eichen aufge haͤnat werden— wie gefaͤllt Dir das?“ „Wahrlich Herr,“ antwortete der Foͤrſter, indem er die Bauernmanieren mehr annahm, als ihm na⸗ 70 tuͤrlich war(denn ſein haͤufiger Umgang mit Sir Henry Lee hatte ſeine Manieren abgeſchliffen und ver⸗ edelt;) ich glaube, dann wuͤrde die Eiche eine tuͤchtige Eichel tragen— das iſt Alles.“ „Scherze nicht mit mir Freund,“ fuhr Cromwell fort,„ich geſtehe Dir aufrichtig, ich verſtehe keinen Scherz. Welche Gaͤſte haſt Du in jenem Hauſe geſe⸗ hen, das man das Jaͤgerhaus nennt?“ „Manche wackere Gaͤſte zu meiner Zeit, ich gebe Ihnen mein Wort darauf,“ ſagte Jocoline.„Ach Sie haͤtten nur ſehen ſollen, wie vor ungefaͤhr zwolf Jahren die Kamine rauchten. Ach Herr, ſchon der n armen Mann ſaͤttigen koͤnnen.“ urke,“ ſagte der General,„ſpotteſt mir kurz, welche Gaͤſte ſind in der erhaufe geweſen— und ſieh Freund, Du kannſt ſicher ſeyn, daß wenn Du mir genuͤgende Auskunft gibſt, Du nicht allein Deinen Hals vom Strick befreieſt, ſondern auch dem Staate einen be⸗ deutenden Dienſt leiſteſt, der gehoͤrig belohnt wer⸗ den ſoll. Denn wahrlich, ich bin keiner von denen, welche wuͤnſchen, daß der Regen nur auf ſtolze und ſtartliche Pflanzen falle, ſondern ich wollte vielmehr ſo weit meine armen Wuͤnſche und Gebete reichen, daß er auch auf das niedrige und demuͤthige Gras ſich ergieße, damit das Herz des Gatten ſich er⸗ frene, und daß, ſo wie die Ceder des Libanon ſich in die Hoͤhe hebt mit ihren Zweigen und Aeſten, ſo auch der demuͤthige niedrige Yſop, der auf den Mauern waͤchſt, bluͤhen moͤge, und— und wahrlich— ver⸗ ſtehſt Du mich, Burſche?““ „Nicht ſo ganz, wenn es Ew. Gnaden erlau⸗ ben,“ ſagte Jocolin,„aber es klingt⸗ als hielten Sie eine Predigt, und hat einen wunderbar gelehr⸗ ten Anſtrich.“ „Alſo mit einem Worte— Du weißt, daß lein gewiſſer Louis Kerneguy oder Kernego ſich dort im Jaͤgerhauſe verbirgt?“ — 21 „Ach Sir,“ erwiederte der Foͤrſter,„ſeit der Schlacht von Worceſter ſind gar viele gekommen und ge⸗ gangen, wie ſollte ich aber wiſſen, wer ſie ſind? Dazu iſt mein Geſchaͤft noch außerhalb des Hauſes.“ „Tauſend Pfund Sterling,“ ſagte Cromwell,„will ich Dir aufzaͤhlen, wenn Du dieſen Knaben in meine 6 Gewalt liefern kannſt.“ „LCauſend Pfund ſind erſtaunlich viel, Sir,“ ſagte Jocolin;„aber ich habe ſchon mehr Blut an meinen Handen, als mir lieb iſt. Ich weiß nicht, wie hoch der Preis des Lebens ſeyn mag.— Aber geraͤdert oder gehaͤngk— ich mag nicht verrathen.“ „Weg mit ihm zur Arriergarde,“ ſagte der Ge⸗ neral;„und laßt ihn nicht mit ſeinem Mitgefaͤhrten ſprechen. Wie thoͤricht war ich, meine Zeit zu verlieren, in der Hoffnung, von Mauleſeln Milch zu bekom⸗⸗ men.— Vorwaͤrts, dem Jaͤgerhauſe zu!“ Mit derſelben Stille wie fruͤher marſchirten ſie vorwäarts, trotz der Schwierigkeiten, die ſich ihnen entgegenſtellten, da ſie mit dem Wege und ſeinen verſchiedenen Verſchlingungen nicht bekannt waren. Endlich wurden ſie mit leiſer Stimme von einer ihrer eigenen Schildwachen angerufen, von denen zwei ſich ½ umgebende Cirkel ſo eng um das Jaͤgerhaus geſtellt worden waren, daß ſie ſelbſt die Moͤglichkeit der Flucht einer Perſon, welche ſich darin befand, vereitelten. Die aͤußere Wache wurde auf den Wegen und freien 8 Plaͤtzen von den Reitern gehalten, wo aber der Bo⸗ den ungleich und waldig war, von Fußgaͤngern. Der innere Cirkel ward nur von Infanterie gebildet. Alle waren im hoͤchſten Grade aufmerkſam, da ſie eine intereſſante und wichtige Folge von dem ungewoͤhn⸗ 31 lichen Zuge erwarteten, den ſie vorhatten. „Etwas Neues Pearſon?“ ſagte der General zu nem Vorgeſetzten Bericht abzuſtatten. ſeinem Adjudanten, der augenblicklich kam, um ſei⸗ Er erhielt zur Antwort:„Nichts!“ Cromwell 4 72 fuͤhrte den Officier gerade der Thuͤre des Jaͤgerhau⸗ ſes gegenuͤber, blieb dort zwiſchen den Cirkeln der Schildwachen ſtehen, ſo daß niemand ihre Unterre⸗ dung anhoͤren konnte. Dann fuhr er mit ſeinen nachforſchenden Fra⸗ gen fort:„Sah'ſt Du Licht oder einen Anſchein von Unruhe— einen Verſuch zur Flucht— eine Vorbe⸗ reitung zur Vertheidigung?“ „Alles ſtille, wie das Schattenthal des Todes— eben wie das Thal Joſaphat.“ „Bſt! ſchwatze mir nicht von Joſaphat, Pearſon,“ ſagte Cromwell.„Dieſe Worte ſind gut fuͤr Andere, aber nicht fur Dich. Spvrich offen, gleich einem derben Soldaten, wie Du biſt. Jedermann hat eine eigene Weiſe zu ſprechen, und Derbheit, nicht Heiligkeit, iſt die Deine.“ 3 4 „„Alſo gut, nichts regte ſich,“ ſagte Pearſon, doch waͤre es moͤglich.“— „Laß mich mit Deiner Moͤglichkeit im Frieden,“ ſagte Cromwell,„oder Du fuͤhrſt mich in Verſu⸗ chung, Dir die Zaͤhne einzuſchlagen. Ich mißtraue einem Mann, wenn er auf eine ansere Weiſe, als auf die ſeine ſypricht.“ „Donnerwetter! Laſſen Sie mich doch ausſpre⸗ chen,“ antwortete Pearſon,„ich will in jeder Sprache reden, die Ew. Excellenz gefaͤllt.“ „Dein Donnerwetter, mein Freund,“ ſagte Oliver,„zeigt zwar wenig Heiligkeit, aber doch recht viel Offenheit. Mache alſo nur weiter— Du weißt, daß ich Dir wohl will, und Vertrauen zu Dir habe. Haſt Du ſtrenge Wache gehalten? Wir müſſen das wiſſen, ehe wir das Zeichen zum Augriff geben.“ „Bei meiner Seele,“ ſagte Pearſon,„ich habe Wache gehalten, wie eine Katze vor einem Mauſeloch— habe die Runde ſo oft gemacht, wie ein Gefangen⸗ waͤrter. Es iſt rein unmoͤglich, daß etwas unſerer Aufmerkſamfeit entgangen ſeyn ſollte, oder daß man 73 16 ſich auch nur im Hauſe bewegt haͤtte, ohne daß wir es haͤtten bemerken muͤſſen.“ „Es iſt recht,“ ſagte Cromwell;„Deine Dienſte ſollen nicht vergeſſen werden, Pearſon. Du kannſt zwar nicht predigen und beten, aber Du weißt Dei⸗ ner Ordre nachzukommen, Gilbert Pearſon, und das macht es wieder gut.“ „Ich danke, Ew. Excellenz,“ erwiederte Pearſon; gaber ich hoffe mich dennoch in den Geiſt der Zeit fuͤgen zu lernen. Ein armer Mann hat das Recht nicht, ſich auszuſchließen.“ Er ſchwieg, Cromwell's Befehle erwartend, im Herzen aber nicht wenig erſtaunt, wie der thaͤtige, Alles umfaſſende Geiſt des Generals es duldete, in einem ſo critiſchen Augenblick einen Gedanken an einen ſo unbedeutenden Gegenſtand zu verſchwenden, wie der, auf welche Weiſe ſich ein Officier ausdruͤcke. Noch„ hoͤher aber ſteigerte ſich ſein Erſtaunen, als er bei einem helleren Scheine des Mondes bemerkte, daß Cromwell regungslos da ſtand, die Hand geſtuͤtzt auf das nackte Schwerdt, und die finſteren Braunen zur Erde gerichtet. Er horchte auf den geſtammelten Laut, der den halb geoffneten Lippen ſeines Gebieters entfloh, und die Worte,„harte Nothwendigkeit,“ die mehr als ein Mal vorkamen, waren das Einzige, 1 was er verſtehen konnte.„Mylord,“ ſagte er endlich, „die Zeit flieht!“ 4„Ruhig, geſchaͤftiger Feind, und draͤnge nicht b in mich!“ ſagte Eromwell,„Glaubſt Du, wie an⸗ dere Narren, ich haͤtte mit dem Teufel einen Ver⸗ trag abgeſchloſſen, daß mir alles gelingen muͤſſe, waͤre aber gezwungen, mein Werk zur beſtimmten Stunde f verrichten, damit der Zauber ſeine Kraft nicht ver⸗ iere?“ „Ich denke nur, Mylord⸗General,“ ſagte Pear⸗ b ſon,„daß das Gluͤck Ihnen das in den Weg gewor⸗ fen hat, nach dem Sie lange ſtrebten, und daß Sie ſchwanken.“ 74 Tief auf ſeufzte Cromwell, als er antwortete, „ach Pearſon, in dieſer unruhigen Welt muͤßte ein Mann, der wie ich dazu berufen iſt, große Dinge zu verrichten in Iſrael, wie die Poeten dichten, noth⸗ wendig ein Weſen von gehaͤrtetem Metalle ſeyn, un⸗ zugaͤnglich den Gefuͤhlen des menſchlichen Mitleidens, theilnahmslos— ohne Gefuͤhl. Pearſon, wahrſchein⸗ lich wird die Welt in zukuͤnftigen Zeiten mich fuͤr einen von denen halten, wie ſie es beſchrieben haben: ein eherner Mann, gemacht von ehernem Stoffe.— Doch werden ſie meinem Andenken Unrecht thun,— mein Herz iſt Fleiſch, und ſo milde, wie das der andern. Als ich ein Jaͤger war, weinte ich uͤber den zierlichen Hirſch, den mein Schuß zu Boden warf, und war fuͤr den Haſen bekuͤmmert, der ſterbend unter den Krallen meiner Jagdhunde lag; kannſt Du nun glauben, daß es mir etwas Leichtes ſey, da das Blut des Vaters gewiſſermaßen auf meinem Haupte liegt, daß ich nun auch das des Sohnes gefaͤhrbe? Sie ſind von dem guͤtigen Geſchlechte der engliſchen Herrſcher, und werden ohne Zweifel von denen, die Ihrer Partei anhaͤngen, wie Halbgoͤtter verehrt. Schon werde ich Vatermörder, blutduͤrſtiger Uſurpa⸗ tor genannt, weil ich damit dem Unheil Einhalt ge⸗ than werde, das Blut des einen Mannes vergoß— oder wie Achan erſchlagen wurde, damit Iſrael kuͤnf⸗ tig gegen ſeine Feinde beſtehen koͤnne. Demungeach⸗ tet, wer hat ſeit jener großen That liebreich mit mir geredet?— Diejenigen, die mit mir in der Sache handelten, moͤchten, daß ich der Suͤndenbock der Buße ſev, diejenigen, welche zuſahen und nicht halfen, ſtel⸗ len ſich nun, als haͤtte die Gewalt ſie unterdruͤckt; und wäaͤhrend ich glaubte, daß ſie mir Beifall zollen ſollten, wegen des Sieges von Worceſter, wo mich der Herr zum armen Werkzeuge gemacht hat, ſchauen ſie bei Seite, und ſprechen: Ha! ha! der Koͤnigs⸗— moͤrder, der Vatermoͤrder,— bald wird ſeine Stelle wuͤſte ſeyn.— Wahrlich, es iſt eine große Sache, Pear⸗ 75⁵ ſon, ſich zu erheben uͤber die Menge; aber wenn man fuͤhlt, daß die Groͤße mit Haß und Eiferſucht, und nicht mit Liebe und Ehrfurcht begruͤßt wird,— glaube mir, das iſt hart zu ertragen fuͤr einen mil⸗ den, gewiſſenhaften, kraͤnklichen Geiſt.— Und Gott ſey mein Zeuge, lieber als dieſe neue That nnoͤchte ich das beſte Blut meines Herzens vergießen, in offe⸗ nem Felde, zwanzig gegen einen.“ Hier ergoß er ſich in eine Thraͤnenfluth, was er zuweilen zu thun pflegte. Dieſe Ueberſpannung der Leidenſchaft ent⸗ ſtand aus einer eigenen ſonderbaren Art. Sie war nicht gerade der Erfolg des Reuegefuͤhls, und noch weit weniger der der vollkommenen Heuchelei; ſondern ſie entſtand bloß aus dem Temperamente des merkwuͤrdigen Mannes, deſſen tiefe Politik und gluͤhender Enthuſiasmus mit Zuͤgen hypochondriſcher Leidenſchaft vermiſcht war, die ihn oft dazu bewog, Scenen dieſer Art zum Beſten zu geben, obgleich es ſelten geſchah, wenn er, wie jetzt, zur Ausfuͤhrung großer Unternehmungen ſchreiten wollte. Pearſon, der mit dieſer Eigenheit des Generals wohl vekannt war, gerieth in Verwirrung und Er⸗ ſtaunen, daß dieſer Zweifel ſeinen unternehmenden Geiſt ſo ploͤtzlich zu laͤhmen ſchien. Nach einem an⸗ genblicklichen Stillſchweigen, ſagte er ziemlich trocken: „wenn das der Fall iſt, ſo iſt es Jammerſchade, daß Ew. Excellenz hieher kamen; Corporal Hungudgeon und ich, der groͤßte Heilige und der groͤßte Suͤnder in der Armee, haͤtten die Sache ſchnell verrichtet, und Schuld und Ehre zwiſchen uns getheilt.“ „Ha!“ ſagte Cromwell, als waͤre er bis ins Innerſte ergriffen,„willſt Du dem Loͤwen die Beute abjagen?“ 3 „Wenn ſich der Loͤwe wie ein Bauernhund be⸗ traͤgt,“ ſagte Pearſon kuͤhn,„der bald bellt, und al⸗ les in Srauͤcken reißen zu wollen ſcheint, und bald vor einem aufgehobenen Stock oder Stein weglaͤuft, ſo wuͤßte ich nicht, warum ich ihn fuͤrchten ſollte. 76 Waͤre Lambert hier, ſo wuͤrde weniger geſprochen, und mehr gehandelt werden.“ „Lambert! was gibts mit Lambert?“ ſagte Cromwell ſehr ſcharf. „Nichts weiter,“ ſagte Pearon„als taß ich lange im Zweifel war, ob ich Ew. Excellenz oder ihm dienen ſole⸗— und jetzt fange ich an, minder ſicher zu ſeyn, daß ich die beſte Wahl getroffen habe.— Das iſt Alles. „Lambert,“ rief Cromwell ungeduldig aus, wo⸗ bei er jedoch ſeine Stimme herabſtimmte, damit man nicht hore, daß er etwas gegen den Charakker ſeines Nebenduhlers ſage. Was iſt Lambert? Ein Stutzer, den die Natur zu einem hollaͤndiſchen Gaͤrtner zu Delft oder Rotterdam beſtimmt zu haben ſcheint.„Un⸗ dankbarer, was haͤtte Lambert fuͤr Dich thun koͤn⸗ nen?“ „Er wuͤrde nicht.“ antwortete Pearſon,„ſchwan⸗ kend und zweifelnd hier vor einer verriegelten Thuͤre ſtehen, wenn der Zuſall das Mittel darbietet, ſich ſeines eigenen Gluͤckes und deſſen ſeiner Freunde zu verſichern.“ „Du haſt recht, Gilbert Pearſon,“ ſagte Crom⸗ well, ergriff die Hand des Officiers, und druͤckte ſie kraͤftig.„Moͤge die Haͤlfte dieſer kuͤhnen That Dir ſeheſcheichen werden; die Rechnung ſey nun auf Er⸗ en oder im Himmel.“ „Möoͤge jenſeits das Ganze auf mich kommen,“ ſagte Pearſon kuͤhn,„wenn nur Ew. Excellenz den Vortheil auf Erden genießt. Treten Sie zurüͤck, bis ich die Thuͤre ſprenge,— ei feuhie gefährlich wer⸗ den, wenn die Verzweiſlung ſie zu einem Ausfall ver⸗ leitet.“ „Und wenn ſie auch einen Ausfall machen, iſt denn einer unter meinen Eiſenherzen, der Feuer oder Stahl weniger fuͤrchtet als 19 2n ſagte der General. „Zehn der eutſchloſſfenſten Maͤnner ſollen uns folgen, 77 zwey mit Hellebarden, zwey mit kurzen Flinten, dte andern mit Piſtolen.— Sie ſollen alle laden, und ohne ſich zu beſinnen, fenern, wenn man es wagt zu widerſtehen oder einen Ausfall zu machen.— Cor⸗ poral Humgudgeon ſoll dabey ſeyn, und bleibe Da bier und hab Acht auf die Fluͤchtigen, wie Du auf Deine Seligkeit Acht haben wurdeſt.“ Hierauf ſchlug der General mit dem Griff ſeines Schwerdtes gegen die Thure— zuerſt, mit einem oder zwey Schiaͤgen, dann aber ſo haͤufig und ſo kraͤftig, daß das alte Gebaͤude davon widerhallte. Dieſe laͤr⸗ mende Aufforderung warb ein oder zweimal wider⸗ holt, ine den geringſten Erfolg zu haben. „Wie verſteh ich das?“ ſagte Cromwell;„Sie ſind doch gewiß nicht entflohen und haben das Haus leer ſtehen la iſen?“ „Nein,“ erwiederte Pearſon,„dafuͤr will ich Ihnen gut ſtehen; aber Ihre Excellenz klopfen ſo ſchnell, daß Sie keine Zeit zur Antwort geſtatten. Horch! ich hoͤre das Bellen eines Hundes und die Stimme ei⸗ nes Mannes der ihn beruhigt.— Sollen wir ploͤtz⸗ lich losbrechen, oder erſt eine Unterredung anknuͤ⸗ pfen?“ „Ich will erſt mit Ihnen ſprechen,“ ſagte Crom⸗ well. g4de da, wer iſt im Hauſe?“ Wer fragt, autwortete Sir Henry Lee von Innea„und was wollt Ihr zu dieſer naͤchtlichen Stunde?“ „Wir kommen auf Befehl der Republik von Ens⸗ land,„ ſagte der General. „Erſt muß ich Euren Befehl ſehen, ehe ich Rie⸗ gel oder Stange zuruͤckſchiebe,“ Eeederte der Rit⸗ ter;„wir ſind unſerer genug, s Schloß zu ver⸗ theidigen, und weder ich noch med Leute werden es uͤbergeden, außer gegen freien Abzug und unter gu⸗ ten Bedingungen; auch unterhandelt man um ſolche Dinge nur bei hellem Tageslicht.“ „Wenn Ihr unſer Recht nicht anerkennt, fo 28 muͤßt Ihr unſere Macht fuͤhlen,“ erwiederte Crom⸗ well.„Sehet euch vor, ehe fuͤnf Minuten vergehen, wird das Thor mitten in der Halle liegen.“ „Seht Euch ſelbſt vor, erwiederte der kuͤhne Sir Henry;„wir werden Euch mit Flintenſchuͤſſen be⸗ gruͤſſen, wenn Ihr die geringſte Gewaltthaͤtigkeit ver⸗ ſucht.“ Aber ach, waͤhrend er dieſe kuͤhne Sprache fuͤhr⸗ te, beſtand ſeine ganze Garniſon aus zwey armen erſchrockenen Frauenzimmern; denn in Folge des Plaus, uͤber den ſie uͤbereingekommen waren, hatte ſich ſein Sohn in die geheimen Gaͤnge des Pallſtes zuruͤckgezogen. „Was moͤgen Sie jetzt wohl thun Sir,“ ſoagte Phoͤbe, die ein Geräuſch hörte, als wenn ein Zim⸗ mermann Schraubennaͤgel herum dreht, vermiſcht mit dem lei en Gefluͤſter ſprechender Maͤnner. „Sie befeſtigen eine Petarde,“ ſagte der Ritter mit großer Ruhe.„Ich halte Dich für ein vernuͤnf⸗ tiges Maͤdchen, Phoͤbe, und will es Dir erklaͤren; das iſt ein metallener Topf in Form den Zuckerhuͤten jener Schurken ahnlich, nur hat ſie einen ſchmalen Rand.— Sie iſt mit einigen Pfunden feinen Schieß⸗ pulvers angefuͤllt. Dann“— „Allmaͤchtiger! da werden wir alle in die Lufk ſpringen,“ rief Phöbe aus— denn das Wort Schieß⸗ pulver war das einzige, was ſie von der Beſchreibung des Ritters verſtand. „Ey bei Leibe, thoͤrichtes Maͤdchen. Fuͤhre die alte Jellicot in den Vorſprung jenes Fenſters,“ ſagte der Ritter,„auf dieſer Seite der Thuͤre, und wir wollen uns mit der Vertiefung dieſes Fenſters ſchuͤ⸗ tzen, wo wir Zeit haben, meine Erklaͤrung zu beendi⸗ gen; denn ſie haben ungeſchickte Feuerwerker. Wir hatten einen gewandten Franzoſen zu Newark, der wuͤrde die Geſchichte im Augenblick beendigt haben.“ Kaum hatten ſie dieſen ſichern Platz erreicht, als der Rrter unt ſeiner Beſchreibung fortfuhr.—„Wenn 79 man nun die Petarde ſo angefuͤllt hat, wie ich Dir geſagt habe, ſo befeſtigt man ſie mit einem kurzen, dicken Brette, und ſo haͤngt oder befeſtigt man ſie vielmehr gegen das zuſprengende Thor.— Aber Du horchſt ja gar nicht auf mich?“ „Wie kann ich auch Sir Henry, da wir in der Naͤhe der Dinge ſind, wovon Sie ſprechen?— Herr Gott, ich werde verruͤckt vor lauter Entſetzen,— wir wer⸗ den zerquetſcht werden,— in die Luft fliegen,— in ein paar Minnten!“ „Wir ſind ſicher vor der Exploſion,“ erwiederte der Ritter ernſt,„die vorzuͤglich gegen die Mitte des Zimmers hin ihre Richtung nehmen wird; und vor den Bruchſtuͤcken, die herum fliegen moͤgen, ſchuͤtzt uns der tiefe Vorſprung genuͤglich.“ „Aber Sie werden uns todtſchlagen, wenn ſie hereinkommen,“ ſagte Phoͤbe. „Den Maͤdchen werden ſie Pardon geben,“ ſag⸗ te Sir Henry;„und wenn ich nicht ein vaar Ku⸗ geln auf den verwuͤnſchten Feuerwerker losbrenne, ſo geſchieht es blos, weil ich mich der Strafe des Kriegs⸗ geſetzes nicht unterwerſen moͤchte, das einen jeden zur S haͤrfe des Schwerdtes verdammt, der einen unhalt⸗ baren Poſten vertheidigt. Doch kann die Strenge des Geſetzes weder auf Je⸗ licot noch auf Dich Phoͤbe an⸗ wendbar ſeyn, da Ihr ja keine Waffen tragt. Waͤre Aleris hier, die doͤnnte wirklich etwas leiſten; denn ſie weiß mit einer Vogelflinte umzugehen.“ Phoͤbe haͤtte ihre eigene That erzaͤhlen koͤnnen, die ſie erſt heute verrichtet hatte, und die Schlach⸗ ten und Kaͤmpfen naͤher verwandt war, als eine jede, welche ihr Fraͤulein te ausuͤbte; aber ein nicht aus⸗ zuhruckendes Entſetzen hatte ſie mit Todesangſt er⸗ füͤllt, denn nach bem Berichte des Ritters von der Petarde erwartete ſie irgend eine ſchreckliche Cataſtro phe, obgleich ſie trotz der bereitwilligen Mittheilung ihres Gebieters die Art und Weiſe derſelben nicht recht begriff. 80 „Sie ſind merkwuͤrdig ungeſchickt damit,“ ſagte Sir Henry,„der kleine Boutirlin hatte ſchon lang das Haus in die Luft geſprengt.— Ach das iſt ein Burſche, der graͤor in der Erde wie ein Maulwurf.— Waͤre er hier, ſo muͤßte er gleich eine Contremiene anlegen und Wie ſchön ſchläat er den Ingenieur Mit eigener Perarde. wie unſer unſterblicher Shakespeare ſagt. 21 „Ach Gott! der arme verruͤckte alte Gentleman,“ dachte Phoͤbe—„Oh Herr, ließen Sie jetzt nicht beſſer die Comoͤdien⸗Buͤcher ſtehn und liegen, und daͤchten an Ihr Ende?“ ſprach ſie laut mit Entſetzen und Angft.— „Haͤtte ich mich nicht ſeit langer Zeit darauf vorbereiter,“ antwortete der Ritter,„ſo wuͤrde ich der kommenden Stunde nicht mir ſo leichtem Herzen entgegen ſehn.“ „Gleich wie zur Ruhe, mit Frohſinn und Luſt „Geh ich zum Todt— die Treue macht ruhige Bruſt“ Waͤhrend er ſo ſprach, zuckte ein Lichtſtrahl durch das Fenſter der Halle und durch die breiten eiſernen Stangen, mit welchen ſie umgeben waren— ein helles, mißfarbiges Licht war es, das einen roͤthlichen, ungewiſſen Schimmer auf die alten Wappen und Waffen warf, als waͤre es der Wiederſchein einer Feuersbrunſt. Laut auf ſchrie Phoͤbe, und, im Au⸗ geublick der Leidenſchaft alle Ehrfurcht vergeſſend, klammerte ſie ſich feſt an des Ritters Mantei und Arm, waͤhrend die Dame Jellicor, von ihrer einſa⸗ men Niſche her, wie eine Eule heulre, wenn der Mond ploͤtzlich hervortritt. „Gib' acht, Phoͤbe,“ ſagte der Ritter;„Du wirſt mich verhindern das Schwerd zu gebrauchen, wenn Du Di ch ſo an mich anklammerſt.— Die un⸗ geſchickten Thoren koͤnnen ihre Petarden nicht ohne Fackein befeſtigen! Ich will indeſſen den Zwiſchen⸗ raum 81 raum benuͤtzen.— Denke an das, was ich Dir ſagte, und wie man es machen muß um Zeit zu gewinnen.“ „Ach, Mylord,— ach Herr,“ ſagte Phoͤbe,„ich will ja alles ſagen. Lieber Gott, waͤre es doch nur ſchon vorüber. Ah— ahl!(ſie ſchrie zweimal laut auf)— ich hoͤre etwas gleich dem Ziſchen einer Schlange.“ „Das iſt der Brander, wie wir Kriegsleute es nennen,“ erwiederte der Ritter;„darunter, Phoͤbe, verſtehen wir die Rakete, welche die Petarde in Brand ſteckt, und die, je nach der Entfernung, laͤnger oder kuͤrzer iſt.“ 1 Hier ward der Rede des Ritters durch eine ſchreck⸗ liche Exploſion ein Ende gemacht, die, wie er voraus geſagt hatte, die Thuͤre, ſo ſtark ſie auch war, zer⸗ ſplitterte, und die Scheiben der Fenſter mit allen ih⸗ ren gemalten Helden und Heldinnen, die ſeit Jahr⸗ hunderten auf dieſem zerbrechlichen Platze des Anden⸗ kens prangten, klirrend zur Erde ſtuͤrzten. Zu glei cher Zeit erhoben die Weiber ein gellendes Geſchrei und wurden von dem Bellen des Bevis accompaanirt obgleich er von dem Schauplatz der Handlung entfernt. eingeſperrt war. Mit Muhe riß ſich der Ritter von Phoͤbe los und trat in die Mitte der Halle denen entgegen, die mit brennenden Fackeln und gezuͤckten Schwerdtern hineinſtuͤrzten. „Todt allen, die widerſtehn— Leben denen, die ſich ergeben!“ rief Cromwell aufſtampfend aus.„Wer commandirt dieſe Garniſon?“ „Sir Henry Lee von Ditchley,“ antwortete der alte Ritter vortretend;„der, da er keine andere Gar⸗ niſon hat, als zwei ſchwache Frauenzimmer, ſich dem unterwerfen muß, dem er gerne Widerſtand geleiſtet haͤtte.“ „Entwaffnet den eingefleiſchten, uͤbelgeſinnten Rebellen,“ ſchrie Oliver.„Schaͤmſt Du Dich nicht, Sir, mich vor der Thuͤre eines Hauſes aufzuhalten, W. Scott's Werke. XIV. 3 6 8² das zu vertheidigen Du die Macht nicht haſt? Traͤgſt Du einen ſo weißen Bart, und weißt noch nicht daß das Verweigern der Uebergabe eines vertheidigungs⸗ loſen Poſtens, nach dem Kriegsrechte, das Haͤngen verdient?“ „Mein Bart und ich,“ ſagte Sir Henry„haben die Sache zuſammen ausgemacht, und ſind recht freund⸗ ſchaftlich uͤbereingekommen. Beſſer iſt es, ſich der Ge⸗ fahr auszuſetzen gehaͤngt zu werden als ein ehrlicher Mann, als unſerer Trene zu entſagen, wie Memmen und Verräͤth⸗r.“ „Ha! meinſt Du?“ ſagte Cromwell;„Du mußt, ohne Zweifel, maͤchtige Beweggruͤnde haben, mit dem Kopfe gegen die Mauer zu rennen. Aber ich will ſchon bei Gelegenheit mit Dir reden.— He da! Pear⸗ ſon, Gilbert Pearſon, nimm dieſe Rolle— nimm das aͤltere Frauenzimmer mit— ſie ſoll Dich zu den verſchiedenen Plaͤtzen fuͤhren welche daxin erwaͤhnt ſind.— Unterſuche jedes darin beſchriebene Zimmer, und verhafte oder erſchlage bei dem geringſten Wider⸗ ſtande alle die Du finden magſt. Bemerke ferner die Stellen, die als Hauptpunkte des Hauſes bezeichnet ſind, um allen Verkehr abzuſchneiden.— Die Abſätze der großen Treppe, die große Gallerie u. ſ. w. Be⸗ handele das Frauenzimmer hoͤflich Der Plan, wel⸗ cher der Rolle beigefuͤgt iſt wird Dir die Stellen ge⸗ nuͤglich bezeichnen, ſelbſt wenn ſie ſich als dumm oder widerſpenſtig zeigen ſollte. Unterdeſſen wird der Cor⸗ poral mit einigen Soldaten den alten Mann und das Maͤdchen dort in irgend ein Zimmer fuͤhren— das Wohnzimmer, das, glaube ich, nach dem Victor Lee genannt iſt, wird bieſelben Dienſte leiſten als ein auderes. Wir wollen uns von dieſem ſchwefelartigen Pulvergeruch entfernen.““ Indem er das ſprach, ging er auf das genannte Zimmer los, ohne weiteren Beiſtand oder Fuhrung zu verlangen. Sir Henry hatte ſo ſeine eigenen Ge⸗ danken, als er die zweifelhafte Entſchloſſenheit ſah⸗ 83 mit welcher der General ſeines Weges einherſchritt, und eine groͤßere Bekanntſchaft mit den Localitaͤten von Woodſtock verrieth, als ſich mit ſeinem Plane vereinbarte, die Republikaner mit einer fruchtloſen Durchſuchung der verwickelten Gaͤnge des Jaͤgerhan⸗ ſes moͤglichſt lange aufzuhalten. „Jetzt will ich Dir einige Fragen vorlegen, alter Mann,“ ſagte der General, als ſie in dem Zimmer angekommen waren;„und ich ſage Dir voraus, daß Du Dir fuͤr Deine vielen und hartnaͤckigen Verſuche gegen die Republik auf keine andere Weiſe Verzeihung verſchaffen kannſt, als wenn Du dieſe Fragen gerade und offen beantworteſt.“ Sir Henry verbeugte ſich. Wohl haͤtte er ſprechen moͤgen, aber er fuͤhlte das Blut kochen in ſeinen Adern, und fuͤrchtete ſeine Bewegung zu zeigen, ehe die Rolle des Schauſpiels zu Ende geſpielt war, um dem Kö⸗ nige Zeit zur Flucht zu gewaͤhren. „Welche Haushaltung fuͤhrten Sie hier Sir Henry Lee in den letzten paar Tagen? welche Gäſte,— welche Beſuchende?— Wir wiſſen, daß Sie nicht mehr in ſolchem Ueberfluſſe wie fruͤher mit den Mitteln dazu verſehen ſind, alſo kann das Regiſter Ihrer Gedaͤcht⸗ niſe nicht laͤſtig ſeyn.“ 1 „Weit entfernt,“ erwiederte der Rirter mit un⸗ gewoͤhnlicher Selbſtbeherrſchung;„meine Tochter und in der letzten Zeit auch mein Sohn waren meine Gaͤſte; und ich hatte dieſe Frauenzimmer und einen gewiſſen Jocolin Joliffe zur Bedienung.“ „Ich frage nicht nach den regelmaͤßigen Mitglie⸗ dern Ihres Hauſes, ſondern nach denen, die ſich in⸗ nerhalb Ihrer Thore aufhielten, entweder als Gaͤſte oder als ubelgeſinnte Fluͤchtlinge, die ein Obdach ſuch⸗ ten.“ „Es moͤgen von beiden Arten mehr Perſonen da geweſen ſeyn Sir, als ich zu verantworten im Staude bin, wenn es Ew. Tepfereit gefällt,“ es⸗ .. 84 wiederte der Ritter.— Ich erinnere mich, daß eines Morgens mein Verwandter Everard hier war— auch wenn ich nicht irre, ein Diener deſſelben, Wildrake genannt.“— „Empfingen Sie nicht auch einen jungen Cavalier Louis Garneguy genannt?“ ſagte Cromwell. „Ich erinnere mich keines ſolchen Namens, und ſollte ich deßwegen gehenkt werden,“ ſagte der Ritter. „Nun denn Kerneguy, oder ein aͤhnliches Wort,“ febte der General;„wir wollen nicht um den Laut reiten. „Ein ſchottiſcher Burſche, Namens Louis Ker⸗ neguv war mein Gaſt,“ ſagte Sir Henry,„und ver⸗ Peh mi heute Morgen, um nach Dorſetſhire zu rei⸗ en. „So ſpaͤt erſt!“ rief Cromwell aus, und ſtampfte mit dem Fuße.„Wie das Gluͤck dazu beitraͤgt uns zu kaͤuſchen, wenn es uns am Guͤnſtigſten ſcheint! Wel⸗ che Richtung nahm er, alter Mann?“ fuhr Cromwell fort,„was fuͤr ein Pferd ritt er, wer ging mit ihm?“ „Mein Sohn ging mit ihm,“ erwiederte der Rit⸗ ter;„und er brachte ihn hieher als den Sohn eines ſchottiſchen Lords.— Ich bitte Sie Sir, mit ihren Fragen zu endigen, denn obgleich ich Dir ſchuldig bin, wie Will Shakespeare ſagt: Verehrung für die hohe Stelle, und laß den Teufel Zur Zeit geehrt ſeyn für den Höllenthrone. ſo fuͤhle ich doch, daß meine Geduld mich verlaͤßt.“ Hier fluͤſterte Cromwell mit dem Corporal, der ſeiner Seits den zwei Soldaten Befehle ertheilte, wel⸗ che die Stube verließen.„Laß den Ritter bei Seite treten, wir wollen nun das dienende Fraͤulein verhoͤ⸗ ren,“ ſagte der General.„Kennſt Du,“ ſagte er zu Phoͤbe, einen gewiſſen Louis Kerneguy, der ſich ein ſchottiſcher Page nannte, und der vor ein paar Ta⸗ gen hieher kann?“ „Gewiß Sir,“ antwortete ſie,„ich kann ihn nicht leicht vergeſſen; und ich glaube kein zierlich aus⸗ 85 ſehendes Maͤdchen, das ihm in den Weg kam, wird ihn ſobald vergeſſen koͤnnen.“ „Aha,“ ſagte Cromwell,„meinſt Du wirklich? Wahrhaftig ich glaube das Frauenzimmer wird ſich als der glaubwürdigere Zeuge bewaͤhren.— Wann ver⸗ ließ er dieſes Haus?“— „Ich weiß nichts von ſeinen Querzuͤgen, ich nicht,“ ſagte Phobe;„ich bin nur froh, wenn ich von ihm bin. Aber wenn er wirklich von hier fortgereiſt iſt, ſo bin ich uͤberzenat, daß er noch vor zwei Stunden hier war, denn er begegnete mir in dem unteren Gange zwiſchen der Halle und der Kuͤche.“ „Woher wußteſt Du, daß er es war?“ frug Cromwell. an. „Durch ein Zeichen, das derb genug war,“ ſagte Phoͤbe.„Ach Herr, Sie ſtellen ſo wunderliche Fra⸗ gen auf,“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie den Kopf haͤngen eß. „Hier legte ſich Humgudgeon ins Mittel, indem er ſich die Freiheit eines Vikarius herausnahm.„Wahr⸗ lich,“ ſagte er,„wenn das, was die Mademoiſell zu ſagen hat, etwas unſchickliches iſt, ſo bitte ich Ihre Excellenz um die Erlaubniß, mich zuruͤckziehen zu durfen, weil ich nicht wufnſche, daß meine naͤchtlichen, geiſtigen Betrachtungen durch Erzaͤhlungen ſolcher Art geſtoͤrt werden.“ 3 3 „‚Nein Ihro Gnaden,“ ſagte Phoͤbe,„ich ver⸗ achte die Worte des alten Mannes, ſowohl was Schick⸗ lichkeit als Unſchicklichkeit betrifft. Mr. Louis raubte nur ein Kuͤßchen, das iſt die Wahrheit und die muß man ſagen.“ Hier ſtoͤhnte Hungudgeon gar tief, waͤhrend ſich Se. Excellenz nur mit Muͤhe das Lachen unterdruͤcken konnte.„Du haſt vortreffliche Zeichen angegeben, Phöbe,“ ſagte er; und wenn ſie wahr ſind, wie ich es glaube, ſo ſoll Dir Dein Lohn nicht ausbleiben.— Ah, da koͤmmt unſer Kundſchafter aus den Staͤllen.“ „Es iſt nicht das geringſte Zeichen da,“ ſagte 86 8 der Soldat,„daß ſeit einem Monate Pferde im Stalle ſtanden. Kein Eimer iſt zu finden, kein Heu in der „Raufe, die Speicher ſind leer, und die Krippen vol⸗ ler Spinnweven.“ „Ja ja,“ ſagte der alte Ritter,„ich weiß die Zeit, wo ich zwanzig gute Pferde in dieſen Staͤllen hielt, und manchen Stallmeiſter und Stallknecht, um ſie zu pflegen.“ „Unterdeſſen“ ſagte Cromwell,„beſtaͤtigt Ihr ge⸗ genwaͤrtiger Zuſtand nur wenig die Wahrheit Ihrer eigenen Erzäahlung, daß heute Pferde darin ſtanden, mit welchen Kerneguy und Ihr Sohn der Gerechtig⸗ keit entflohen.“ „Ich ſagte nicht, daß die Pferde dort ſtanden,“ ſagte der Ritter,„ich habe auf einem anderen Ort Stallungen und Pferde.“ „Pfuy, pfuy der Schande,“ ſagte der General; „ich frage noch einmal, kann ein Mann mit einem weißen Barte ein falſcher Zeuge ſeyn?“ „Meiner Treu Sir,“ ſagte Sir Henry Lee,„es iſt ein ſchlechtes Handwerk, und ich wundere mich nicht, daß Sie, der Sie davon leben, ſo ſehr auf die Verfolgung der Zwiſchenhaͤndler verſeſſen ſind. Aber es iſt der Geiſt der Zeit ſowohl, als deren, welche de Zeiten regieren, Graubaͤrte zu Betruͤgern zu ma⸗ chen.“ 8 „In Deinen uͤblen Geſinnungen biſt Du ſowohl beleidigend als kuͤhn mein Freund,“ ſagte Cromwell; „aber glaube mir, ich will meine Rechnung mit Dir bunieben. ehe ich von hinnen gehe. Wohin fuͤhren ieſe Thuͤren?“ 1 „Zu Schlafzimmern,“ antwortete der Ritter. „Schlafzimmer! nur zu Schlafsimmern,“ ſagte der republikaniſche General mit einer Stimme, welche anzeigte daß ſeine Gedanken anderweitig beſchaͤftigt ſeyen, und daß er die Antwort nicht vollkommen verſtand. „Mein Gott, Sir,“ ſagte der Ritter,„was koͤmmt Ihnen da ſonderbar vor? Ich ſage dieſe 87 Thuͤren fuͤhren zu Schlafzimmern— zu Oertern, wo ehrliche Leute ſchlafen, und Schurken wachend liegen.“ „Sie laden ſich immer eine ſchwerere Rechnung auf, Sir Henry; aber wir wollen ſie auf einmal aus⸗ gleichen.“ Waͤhrend der ganzen Scene behauptete Cromwell wie groß auch die innere Ungewißheit ſeines Gemuͤ⸗ thes ſeyn mochte, die punktlichſte Magigung in Spra⸗ che und Betragen, grade als häͤtte er kein weiteres Intereſſe an dem Vorfall, als ein Soldar bei der Enrledigung einer Pflicht die ihm von ſeinen Vorge⸗ ſetzten auferlegt wird. Aber der Zwang ſeiner Lei⸗ denſchaften war nur: „Des Stromes Ruhe eh' er ſchäumend bricht.““ 4 Nur um ſo viel kraͤftigere Wurzeln ſchlug ſein Entſchluß, weil kein gewaltthaͤtiger Ausbruch ihn ver⸗ kuͤndete. Er warf ſich in einen Stuhl mit einer Miene, die keineswegs Ungewißheit ſondern eine Ent⸗ ſchloſſenheit verrieth, die nur das Signal der Hand⸗ lung abwartete. Unterdeſſen ließ ſich auch der Ritter nieder, als waͤre er entſchloſſen, in Nichts den Pri⸗ vilegien ſeines Ranges und ſeines Standes etwas zu ver⸗ geben; und indem er ſeinen Hur aufſetzte, der auf den Tiſche lag, betrachtete er den General mit einem ruhigem Blicke furchtloſer Gleichguͤltigkeit. Die Soldaten ſtan⸗ den in der Runde; einige hielten Fackeln, deren blei⸗ cher, ſchwermuͤthiger Schein das Zimmer erhellte, die andern lagen auf ihren Schwerdtern geſtutzt. Phoͤbe mit gefalteten Haͤnden und Augen, die ſich ſo hoch gen Himmel erhoven, daß man das Schwarze kaum mehr ſehen konnte und jeglicher Schatten von Farbe von ihren Wangen verbannt, ſtand da, wie Jemand der die augenbdlickliche Verkuͤndigung des To⸗ desurtheils und die Volkſtreckung deſſelben erwartet. Endlich hoͤrte man ſchwere Tritte, Pearſon und einige Soldaten kamen zuruͤck. Das ſchien Cromwell erwartet zu haben. Er ſprang auf und frug heftig: „etwas Neues, Pearſon? Ein Gefangener— ein Ue⸗ 88 belgeſegnter⸗ der bei Deiner Vertheidigung erſchlagen wurde?“ „Gar nichts, Ihr Excellenz,“ ſagte der Officier. „Und ſind Deine Schildwachen alle ſorgfaͤltig nach Tomkins Anweizung vertheilt und mit den ge⸗ hoͤrigen Befehlen verſehen?,“ „Mit der groͤßten, ruhigſten Sorgfalt,“ ſagte Pe⸗ arſon. „Biſt Du auch recht gewiß,“ ſagte Cromwell, indem er ihn ein wenig bei Seite zog,„daß fuͤr al⸗ les gut und gehoͤrig geſorgt iſt? Bedenke, daß wenn wir uns in die geheimen Gaͤnge vertiefen, Alles ver⸗ loren waͤre, wenn der, den wir ſuchen, in die offenen Zimmer und von da in den Wald entfliehen koͤnnte.“ „Mylord General,“ antwortete Pearſon,„wenn es hinreicht, die Wachen an den in der Rolle bezeich⸗ neten Orten mit dem ſtrenaſten Befehle ausgeſtellt zu haben, einen jeden, der bei ihnen voruͤbergeht, zu verhaften, und im Nothfalle ſelbſt zu erſtechen oder zu erſchießen, ſo ſind dieſe Befehle Maͤnnern gegeben worden, die nicht ermangeln werden, ſie puͤnktlich zu vollziehen. Wenn noch mehr noͤthig iſt, ſo brauchen Ew. Excellenz blos zu ſprechen.“ „Nein— nein— nein Pearſon,“ ſagte der Ge⸗ neral,„Du haſt Deine Sache gehorig verrichtet. Wenn dieſe Nacht ſich endigt, wie wir es hoffen, ſo wird Deine Belohnung nicht ausbleiben— und nun ans Geſchaͤft.— Sir Henry Lee, oͤffnen Sie mir die geheime Feder an jenem Gemälde Ihres Ahnen— erſparen Sie ſich nur die Muhe und das Verbrechen der Falſchheit und der Doppelzungigkeit, und oͤffnen Sie mir augenblicklich jene Feder.“ „Wenn ich Sie fur meinen Herrn anerrenne, und Ihre Livree trage, dann werde ich Ihren Befeh⸗ len gehorchen,“ antwortete der Ritter;„und ſelbſt dann muͤßte ich ſie nothwendiger Weiſe erſt verſte⸗ hen. 4 1 3 „Maͤdchen,“ ſagte Cromwell, indem er ſich au 89 Phoͤbe wandte,„oͤffne Du mir die Feder— Du ver⸗ ſtandeſt es ja ſo gut, als Du bei dem Geſpenſterſpiel in Woodſtock halfſt, und ſelbſt den Mark Everard er⸗ ſchreckteſt, den ich fuͤr vernuͤnftiger hieit.“ „ Ach Gott, Sir, was ſoll ich thun?“ ſagte Phoͤ⸗ be, indem ſie den Ritter anſah;„ſie wiſſen ja die ganze Geſchichte. Was ſoll ich thun?“ „Um Deines Lebens willen halte aus bis zum letzten Punkt, Maͤdchen! Jede Minute iſt eine Mil⸗ lion werth.“ „Ha, hoͤrſt Du das Pearſon,“ ſagte Cromwell zu dem Offizier; dann ſtampfte er mit dem Fuße und fuͤgte hinzu,„oͤffne mir die Feder, oder ich laſſe Brech⸗ eiſen anwenden.— Oder halt, eine andere Petarde waͤre wohl angewendet. Ruf den Ingenieur.“ „Ach Gott, Sir,“ rief Phoͤbe,„ich werde nie ei⸗ nen zweiten Peter uüverleben— ich will die Feder oͤff⸗ nen.— „Thue wie Du willſt,“ ſagte Sir Henry;„es wird ſie doch nur wenig nuͤtzen.“ Sey es aus wahrer Bewegung oder aus dem Wunſche, Zeit zu gewinnen, genug Phoͤbe brauchte einige Minuten, ehe ſie die Feder oͤffnen konnte; wirklich war ſie kuͤnſtlich angelegt und die Machinerie die ſie in Bewegung ſetzte war im Rahmen des Bil⸗ des ſelbſt verborgen. Wenn das Bild befeſtigt war, ſo ſchien es feſt eingemauert zu ſeyn, und zeigte, wie auch Obriſt Everard gefunden hatte, kein aͤußeres Zei⸗ chen, das die Moͤglichkeit verriety, es hinwegnehmen zu koͤnnen. Doch war es jetzt zuruͤckgeſchoben und zeigte einen ſchmalen Eingang mit Treppen, die auf einer Seite durch die dicken Mauern hinabfuͤhrten. Nun glich Cromwell einem Jagdhunde, der losgelaſ⸗ ſen, die Beute vor Angen ſieht.—„Vorwaͤrts, Pe⸗ arſon,“ rief er,„Du biſt gelenker als ich— jetzt Du ihm nach, Corporal.“ Mit groͤßerer Gewandtheit als man von ſeiner Perſon oder von ſeinen Jahren, die ſchon die Mittagslinie des Lebens durchſchnitten hat⸗ 90 ten, haͤtte erwarten koͤnnen, und mit dem Ausrufe: Voraus, Ihr ackeltraͤger, folgte er ſeinen Untergebe⸗ nen, wie ein eifriger Jaͤger ſeinen Hunden, um ſie zugleich aufzumuntern, und ihnen den Weg zu be⸗ zeichnen, als ſie in das Labvrinth eindrangen, das Dr. Rochecliffe in ſeinen„Wundern von Woodſtock“ beſchrieb. Fuͤnftes Kapitel. Der Könia baut zu ſeinem Schutz Vor ſeiner Koöniginn, Zu Woodſtock einen großen Thurm, Gar wunderlich ſich hin Gar ſeltſam war der Thurm gebaut, Von Steinen, feſt und ſchwer; Der Thuren hundert fünfzig faſt Die fuhrten zu ihm ver. So kuüͤnſtlich die Verbindung war Im alten Königshaus,. Daß man nur mit dem Fadenknäul, Hinein konnt' und heraus.— Ballade von der ſchönen Roſamunde. Die Sagen des Landes ſowohl als einige hiſtori⸗ ſche Belege, beſtaͤtigten die Meinung, daß in dem al⸗ ten königlichen Jagerhauſe von Woodſtock ein Labv⸗ rinth oder eine zuſammenhaͤngende Reihe unterirdi⸗ ſcher Gaͤnge eriſtire, das meiſtens von Heinrich II. zur Sicherheit ſeiner Geliebten Roſamunde Clifford vor der Eiferſucht ſeiner Gemaylinn, der beruͤhmten Koͤniginn Eleonore erbaut worden ſey. Zwar hatte Doctor Rochecliffe, in einem Anfalle des Widerſpruchs⸗ geiſtes, der zuweilen Alterthumsforſcher ergreift, die Kuͤhnheit, den angegebenen Zweck der verwirrten Menge der Zimmer und Gaͤnge, welche die Mauern des Pallaſtes enthielten, zu beſtreiten; aber die That⸗ ſache war nicht zu laͤugnen, daß bei Erbanung des Gebaͤudes irgend ein normaͤnniſcher Baumeiſter ein 91 Meiſterſtuͤck ſeiner Kunſt abgelegt hatte, indem er die Wunderwerke der damaligen Archteectur zeigte und wundervar verwickelte geheime Gaͤnge und ver⸗ borgene Zimmer und Schlupfwinkel erbaute. Da wa⸗ ren Treppen, die nur erbaut zu ſeyn ſwienen, damit man wieder hinabgehen koönne— Gaͤnge die, nachdem ſie ſich eine bedrutende Strecke weit geſchlaͤngelt und gewunden hatten, zu dem Ort zuruͤckfuͤhrten, von dem ſie ausgingen— da gab es Fallthuren und geheime Gaͤnge, Irrwege und Fallthore. Obgleich ſich Oliver eines Grundriſſes bedienen konnte, der von Joſeph Tomkins verfertigt worden war, deſſen fruͤhere Be⸗ ſchaͤftigung im Dienſte des Dr. Rochecliffe ihn mit dem Orte vollkommen berannt gemacht hatte, ſo fand man doch daß er unzulaͤnglich war; und uͤberdieß ſtellten ſich ihren Fortſchritten in den befeſtigten Tho⸗ ren, in den dicken Mauern und in den eiſernen Git⸗ tern ernſtere Hinderniße entgegen— ſo daß die Sol⸗ daten im Finſteren umhertappten, ungewiß ob ſie ſich nicht eher von dem Ende des Labyrinths entfernten, als daß ſie ihm naͤher kaͤmen. Sie waren genoͤthigt Handwerksleute mit Schmiedehaͤmmern und anderen Inſtrumenten kommen zu laſſen, um einige Thuͤren zu ſprengen, die allen anderen Mitteln ſie zu oͤffnen, widerſtanden. Da ſie in den dunſtigen Gaͤngen ar⸗ beiteten, wo ſie manchesmal Gefahr liefen von dem Staub erſtickt zu werden, den ihre Kraftanſtrengun⸗ gen verurſachten, ſo mußte man die Soldaten mehr als einmal abloͤſen. Nur Cromwell allein ſetzte mit unermuͤdetem Eifer ſeine Unterſuchungen fort, ermu⸗ thigte die Soldaten durch Ermahnungen die ſie am beſten verſtanden, und ſtellte an gehoͤrigen Orten Schildwachen aus, um ſich des ſchon gewonnenen Naums zu verſichern. Sein ſcharfes, durchdringendes Auge entdeckte mit höbniſchem Laͤcheln die Schnuͤre und Maſchinerien, durch deren Huͤlfe das Bett des armen Desborough durchnaͤßt worden war, und meh⸗ rere Ueberbleibſel der verſchiedenen Verkleidungen und 92 die geheimen Gaͤnge vermittelſt welcher man Desbo⸗ rough, Bletſon und Harriſon in Furcht verſetzt hatte. Er zeigte ſie dem Pearſon, ohne weitern Commen⸗ tar, als der welcher in dem Ausrufe lag:„die thoͤ⸗ richten Narren!“ Aber ſeine Gehuͤlfen fiengen an Kraft und Muth zu verlieren und es bedurfte ſeines ganzen Geiſtes um den Ihrigen anzufeuern. Er lenkte ihre Aufmerk⸗ ſamkeit auf Stimmen, die ſie vor ſich zu hoͤren glaub⸗ ten und benutztn ſie als Zeichen, das ſie ſich auf der Spur eines Feindes der Republik befaͤnden, der, zur Ausführung ſeiner royaliſtiſchen Complotte ſich in dieſe außerordentliche Veſte zuruͤckgezogen habe. Aber trotz aller ſeiner Aufmunterungen ſank zu⸗ letzt der Muth der Maͤnner. Sie fluͤſterten ſich ge⸗ genſeitig von den Teufeln von Woodſtock zu, die ſie nur in ein Zimmer locken wollten, von dem man ſagte daß es ſich in dem Pallaſte befand, und deſſen Boden der ſich um ſeine eigene Are drehe die Ein⸗ tretenden in einen bodenloſen Abgrund verſenke. Hum⸗ gudgeon gab zu verſtehen, er habe heute morgen die heilige Schrift um Rath gefragt, und ſein Schickſal habe ihm die ungluͤckliche Antwort gegeben. „Eutychus fiel vom dritten Stock herab.“ Doch be⸗ wog ſie Cromwells Kraft und Autoritaͤt und einige Erfriſchungen an Speiſen und Brantwein in ihrem Geſchaͤfte fortzufahren. Demungeachtet und trotz aller ihrer unermuͤde⸗ ten Anſtrengungen ergraute ſchon der Morgen und ſie hatten noch Doktor Rochecliffe's geheimes Zimmer nicht erreicht, in das ſie endlich auf eine weit ſchwieri⸗ gere Weiſe gelangten, als der Doktor ſelbſt anwen⸗ dete. Aber hier mußten ſie ſich lange umſonſt plagen. Nach den verſchiedenen Dingen zu urtheilen, die um⸗ her lagen, und den gemachten Vorbereitungen zu Speiſen und Wohnung ſchien es, als hätten ſie die innerſte Citadelle des Labyrinths erobert; aber ob⸗ gleich verſchiedene Wege davon ausgingen, ſo endigten 93 ſte ſich doch alle auf Plätze, die ihnen ſchon bekannt waren, oder ſtanden mit den andern Theilen des Hauſes in Verbindung, wo ſie von ihren eigenen Schildwachen die Verſicherungen erhielten, daß Nie⸗ mand vorbeygegangen ſey. Cromwell blieb lange in tiefer Ungewißheit. Unterdeſſen gab er dem Pear⸗ ſon den Befeyl, die Ziffern und wichtigeren Papiere in Beſchlag zu nehmen, welche auf dem Tiſche laͤ⸗ gen.—„Obgleich wenig darunter iſt,“ ſagte er, das ich nicht bereits durch den getreuen Tomkins erfahren haͤtte,— ehrlicher Joſeph, was einen kunſtvollen und ruhigen Geſchaͤftsfuhrer betrifft, ſo iſt deines⸗ gleichen in England nicht mehr zu finden.“ 3 Nach einer beträchtlichen Pauſe, waͤhrend welcher er mit dem Knopf ſeines Schwerdtes faſt jeden Stein der Mauer uno jedes Brett des Bodens unterſuchte, befahl der General, den alten Ritter und Doktor Rochecliffe herzu füͤhren, in der Hoffnung einige Auf⸗ klärungen uͤber die Geheimniſſe des Zimmers aus ihnen herauszuarbeiten. „Erlauben mir Ew. Excellenz nur, mit Ihnen zu unterhandeln,“ ſagte Pearſon, der ein roher Gluͤcks⸗ jaͤger und fruͤher Buccanier in Weſtindien war,„ich denke, wenn man Ihnen einen tuͤchtigen Strick um die Stirne binde, und mit einem Piſtolenkolben zu⸗ ſammen rollte, ſo ſollte entweder die Wahrheit von ihren Lippen, oder die Augen aus ihrem Kopfe ſprengen.“ 3 „Hinweg mit Dir, Pearſon!“ ſagte Cromwell mit Abſcheu;„weder als Englaͤnder noch als Chriſten ſind uns ſolche Grauſamkeiten erlaubt. Wir moͤgen die Uebelgeſinnten erſchlagen, wie wir Inſetten zer⸗ druͤcken, ſie aber zu foltern, iſt eine Todfuͤnde; denn es ſteht geſchrieben: Er erregte Mitleiden in denen, die ſie als Gefangene fortfuͤhrten. Ja ich rufe ſogar den Befehl zu threr Uaterſuchung zuruͤck, in der Hoff⸗ nung, daß uns ſo viel Weisheit gewahrt werden wird, ihre geheimſten Dinge zu entdecken.“ 94 Es entſtand eine Pauſe, waͤhrend welcher Crom⸗ well's Geiſt, von einer Idee ergriffen wurde.„Ru⸗ cke mir jenen Stuhl her, ſagte er,“ und indem er ihn unter eines der Fenſter ſtellte, deren ſich zwei ſo hobe in den Mauern befanden, daß man ſie von dem Boden aus unmoglich erreichen konnte, kletterte er bis an den Vorſprung des Fenſters, der ſechs oder ſieben Fuß tief war, und mit der Dicke der Mauern übereinſtimmte.„Komm herauf Pearſon,“ ſagte der General;„aber ehe Du kommſt verdopple die Wachen am Fuße des Thurms, die man die Lie⸗ besleiter nennt, und befehle ihnen die andere Petar⸗ de herzubringen. So jetzt komm herauf.“ Der Offizier, obgleich ſehr tapfer im Feld, war doch einer von denen, bei welchen eine große Hoͤhe Schwindel und Schwäche hervor bringt. Er ſchau⸗ derte zuruck, als er den Abgrund erblickte, an deſſen Rand Cromwell mit vollkommener Gleichguͤltigkeit ſtand, bis der General die Hand ſeines Adjndanten ergreifend, ihn ſo weit zu ſich zog, als er vermochte. „Ich denke,“ ſagte der General,„den Schluͤſſel gefunden zu haben, aber bei dieſem Himmelslichte, es iſt kein Leichter; Siehſt Du, wir ſtehen im Portale, nahe bet dem Zimmer des Roſamunden Thurms; und jenes Thurmlein, das ſich unſern Füſſen gegenüͤber erhebt, iſt das, welches man die Liebesleiter nennt, von wo aus die Zugbruücke hinuͤber reichte, welche den ausſchweifenden normänniſchen Tyrannen in die Wohnung ſeiner Geliebten fuͤhrte.“ „Es iſt wahr Mylord, aber die Zugbruͤcke iſt nicht mehr da,“ ſagte Pearſon. „ Ja Pearſon,“ erwiederte der General; aber ein gewandter Mann könnte wohl von der Stelle auf der wir ſtehen, auf die Zinnen jenes Thurmes ſpringen.“ „Das glaub ich kaum Mylord,“ ſagte Pearſon, voll Schwindel. „Was!“ ſagte Cromwell;„auch nicht wenn der 4 95 Blutraͤcher hinter Dir waͤre, mit dem gezuckten Schwerdte in ſeiner Hand?“ „Die Furcht des Todes koͤnnte es vielleicht be⸗ wirken,“ antwortete Pearſon;„aber wenn ich auch die ſchaudernde Tiefe zu beeden Seiten, und auf den leeren Raum zwiſchen uns und jenem Thurme ſehe, der gewiß zwoͤlf Fuß betraͤgt, ſo muß ich die Wahrheit geſtehen, daß nur die allerhochſte und drin⸗ gendſte Gefahr mich bewegen koͤnnte es zu verſuchen. Ha, der Gedanke ſchon erregt Schwindel in meinem Kopfe! Ich zittere, wenn ich Eyre Hoheit daſtehen ſehe, wenn Sie ſich in der freien Luft balanciren, als ge⸗ daͤchten ſie einen Sprung in der freien Luft zu wagen. Ich wiederhole es, ich wuͤrde mich ihrem Standpunkte nicht ſo ſehr naͤhern, und ſollte es mich das Leben koſten.“ „Ach niedriger entarteter Geiſt!“ ſagte der General;„Seele von Koth und Staub, wurdeſt Du nicht das und noch mehr fur den Beſitz, eines Kö⸗ nigreichs thun!— naͤmlich: fuhr er fort, indem er die Stimme veraͤnderte, wie Jemand, der zu viel ge⸗ ſagt hat,„wenn Du berufen dazu ſeyn ſollteſt, daß Du dadurch ein großer Mann wurdeſt, in den Staͤm⸗ men Israels, Jeruſalem aus ſeiner Gefangenſchaft zu befreien— ja, und vielleicht eine große That verrick⸗ ten könnteſt, fuͤr das betruͤbte Volk dieſes Landes.“⸗ „ Eure Hoheit moͤgen dazu einen innern Beruf fuͤhlen,“ ſagte der Officier;„aber dem iſt nicht ſo⸗ bei dem armen Gildert Pearſon, Ihrem getreuen Die⸗ ner. Sie ſpotteten geſtern, als ich es verſuchte, Ihre Sprache zu ſprechen; und ich bin nicht faͤhiger dazu, Idre Abſichten zu erfuͤllen, als die Weiſe ihres Spre⸗ chens mir eigen zu machen.“ „„Aber Pearſon,“ ſagte Cromwell,„Du haſt mich ja drei⸗ ſogar viermal Ihre Hoheit genannt.“ „That ich das Milord? Ich wußte es nicht. Ich bitte Sie um Verzeihung“ ſagte der Offtzier. „Nicht doch,“ ſagte Oliver,„es war keine Be⸗ leidigung. Freilich ſtehe ich hoch und kann es viel⸗ leicht noch hoͤher bringen— obgleich es noch beſſer waͤre fuͤr eine arme einfache Seele, wie ich, zuruͤck⸗ zukehren zu meinem Pflug und zu meiner Haushaltung. Dem ungeachtet will ich nicht gegen den hoͤchſten Wil⸗ len kaͤmpfen, ſollt ich dazu berufen ſeyn, noch wei⸗ tere Dienſte in dieſer wichtigen Sache zu leiſten. Denn wahrlich, er, der unſerem brittiſchen Israel war, wie ein Schild der Hilfe und ein Schwerdt der Vortrefflichkeit, der ſeine Feinde zu ſeinen Fuͤßen ſtuͤrz⸗ te. Er wird dieſe Heerde nicht dem thoͤrichten Hir⸗ ten von Weſtmuͤnſter uͤbergeben, welche die Schaafe ſcheeren und ſie nicht fuͤttern, und die nur Soͤldlinge ſind und keine Schaͤfer.“ „Ich hoffe es zu erleben, daß Eure Herrlichkeit ſie alle uberwaltigen wird“ ſagte Pearſon;„aber darf ich fragen, warum wir dieſes Geſpraͤch gerade jetzt anknuͤpfen, ehe wir uns des gemeinſchaftlichen Fein⸗ des verſichern?“ „Ich will auch keinen Augenblick verlieren,“ ſagte der General;„ſperre von unten die Verbindung der Liebesleiter wie man es nennt, da ich es füͤr gewiß halte, daß der, den wir waͤhrend der Nacht von einem Schlupfwinkel zum andern getrieben haben, endlich von der Stelle, wo wir jetzt ſtehen, bis auf die Spi⸗ teen iener Zinnen geſprungen iſt. Da unn aber der Thurm unken bewacht iſt, ſo wird die Stelle, die er zu ſeiner Sicherheit gewaͤhlt hat, als eine Mauſefalle dienen, von wo aus es keinen Ruͤckweg gibt.“ „In dieſem Kabinette ſteht ein Faͤßchen Schieß⸗ pulver,“ ſagte Pearſon,„waͤre es nicht beſſer My⸗ lord, wenn er ſich nicht uͤbergeben will, den Thurm zu unterminiren, und ſammt ſeinem Innhalte hun⸗ dert Fuß in die Luft zu ſprengen.“ 1 „Ach thörichter Mann,“ ſaagte Cromwell, indem er ihn vertraulich auf die Schulter klopfte,„wenn Du das gethan haͤtteſt, ohne es mir zu ſagen, ſo ware es ein guter Dienſt geweſen. Aber erſt wollen wer ihn auffordern, und dann ſehen, ob eine Petarde nicht — eben 97 eben ſo gut dient— das Unterminiren bleibt immer noch üͤbrig.— Blaßt eine Herausforderung ihr da brunten Auf ſeinen Befehl erklangen die Trompeten, bis die gewoͤlbten Vogengaͤnge der alten Mauren davon wiederhallten. Cromwell, als wolle er die Perſon, von der er erwartete, daß ſie erſcheinen wuͤrde, kei⸗ nes Blickes wuͤrdigen, zog ſich zuruck, wie ein Tod⸗ tenbeſchwörer, der ſich vor dem Geſpenſte fuͤrchtet, das er aus ſeinem Grabe rief. „Er iſt auf den Zinnen erſchienen,“ ſagte Pear⸗ ſon zu ſeinem General. „In welcher Kleidung, und von welchem Anſe⸗ hen,“ antwortete Cromwell vom Zimmer aus. „Ein graues Reitkleid mit Silber beſetzt, hohe Stiefeln, ein grauer Hut und eine Feder, und ſchwar⸗ zes Haar.“ „Er iſt's, er iſt's!“ rief Cromwell;„und eine andere kroͤnende Gnade iſt in Erfuͤllung gegangen!“ Unterdeſſen wechſelten Pearſon und der junge Lee von ihren verſchiedenen Poſten aus, trotzige Heraus⸗ forderungen. 4 „Ergeben Sie ſich,“ ſagte der Erſtere,„oder wir ſprengen Sie ſammi Ihrer Veſtung in die Luft. „Ich bin von einem zu hohen Geſchlechte, mich Rebellen zu uͤbergeben,“ ſagte Albert, indem er die Art annahm, mit welcher in einer ſolchen Lage ein König geſprochen haben wurde. „Ich nehme Euch zum Zeugen,“ rief Cromwell beftig aus,„daß er die Gnade ausgeſchlagen hat. Sicher koͤmmt jetzt ſein Blut auf ſein Haupt.— Bringe einer von Euch das Faͤßchen Pulver her. Da er gerne ſo hoch auffliegt, ſo wollen wir das noch hin⸗ zufuͤgen, was ſich in den Patrontaſchen der Soldaten findet.— Komm mit mir Pearſon; Du verſteh'ſt das Geſchaͤft. Korporal Genad⸗ ſey⸗ hier, ſteh Du feſt auf der Plattform des Fenſters, wo Kapi⸗ W. Scott's Weske. XIV. 2 taͤn Pearſon und ich eben ſtanden, und richte die Spitze Deiner Lanze gegen Jeden, der es verſucht, vorbei zu gehen. Du biſt ſtark wie ein Buͤffel; und ich will Dich der Verzweiflung ſelbſt entgegen ſtellen.“ „Aber,“ ſagte der Korporal, indem er wider⸗ ſtrebend hinaufſtieg,„der Ort gleicht der Mauer des Tempels, und es ſteht geſchrieben, daß Eutychus vom dritten Stock herabfiel und todt aufgehoben wurde.“ „Weil er auf ſeinem Poſten ſchlief,“ antwortete Cromwell raſch.„Huͤte Du Dich vor Nachlaͤſſigkeit, dann werden Deine Fuͤße ſicher ſeyn, vor Strau⸗ cheln.— Ihr vier Soldaten bleibt hier, um im Nothfall dem Korporal beizuſtehen; und Ihr ſowohl, als der Korporal, zieht Euch den Augenblick in den gewoͤlbten Gang zuruͤck, wo die Trompete zum Ruͤck⸗ zug blaͤst. Er iſt ſtark, wie die Kaſematte; und Ihr werdet dort ſicher vor dem Erfolg der Minen bleiben. Du Zerobabel Rohins wirſt ihnen als Ge⸗ freyter dienen.“ 1 Robins verbeugte ſich, und der General gieng weg, zu denen die draußen waren. Als er die Thuͤre der Halle erreichte, hoͤrte er die Petarde losgehen, und ſah, daß ſie ihre Wirkung nicht verfehlt hatte, denn die Soldaten ſtuͤrzten in den Thurm, deſſen Thor nun gluͤcklich erbrochen worden war, mit gezuͤck⸗ ten Schwerdtern und geladenen Piſtolen. Ein Schau⸗ der der Erfüllung, jedoch nicht unvermiſcht mit Ent⸗ Phe⸗ durchzuckte die Adern des ehrgeitzigen Sol⸗ daten... „Nun nun!“ ſchrie er;„jetzt ſind ſie handge⸗ mein mit ihm.“ Doch war ſeine Erwartung getaͤuſcht. Mißvergnuͤgt kehrte Pearſon und die andern zuruͤck, und berichteten, daß ein großes Fallthor von gegoſſenem Eiſen, das ſich uͤber die ſchmale Trepve ausbreite, ihnen in dem Wege ſtuͤnde; und daß ſie auf ungefaͤhr zehen Fuß hoͤher noch ein Hinderniß darſelben Art bemerktem Es mit Gewalt zu nehmen, 99 waͤhrend ein verzweifelter und wohlbewaffneter Mann den Vortheil habe, gegen ſie zu kaͤmpfen, da er ei⸗ nige Stufen hoͤher ſtuͤnde, koͤnne viele Leben koſten, „womit wir,“ ſagte der General,„unſerer Pflicht gemaͤß, ſehr ſchonſam ſeyn muͤſſen. Was raͤth'ſt Du mir Gilbert Pearſon 2 „Wir muͤſſen Pulver gebrauchen Milord,“ ant⸗ wortete Pearſon, welcher ſah, daß ſein Herr entſchloſ⸗ ſen war, ihm das ganze Verdienſt der Sache zuzu⸗ ſchieben.— Leicht und beguem kann man am Fuße der Treppe eine Minenkammer einrichten. Zu gu⸗ tem Gluͤck haben wir alles noͤthige— und ſo“— „Ach,“ ſagte Cromwell,“ ich weiß, daß Du das gut zu behandeln verſtehſt.— Aber Gilbert, ich gehe u den Poſten und gebe ihnen Beſehl, ſich auf eine Phern Entfernung zuruͤck zu ziehen, wenn man zum Rübu blaͤst. Du mußt ihnen fuͤnf Minnten dazu geſtatten.“. ,„Drei ſind uͤbrig genug,“ ſagte Pearſon.„Sie muͤſſen wahrhaftig lahm ſeyn, wenn ſie mehr bazu gebrauchten,— ich verlange nur eine, obgleich ich die Mine ſelbſt abfeuere.“ „Nimm Dich in Acht,“ ſagte Cromwell,„daß Du auf die arme Seele hoͤrſt, wenn er Gnade ver⸗ langen ſollte. Es kann ſeyn, daß er ſeine Harther⸗ zigkeit bereut, und Pardon fordert.“„Pardon ſoll er auch haben,“ antwortete Pearſon, nnaͤmlich, wenn er laut genug ſchreit, daß ich ihn hoͤren kann, denn die Exploſion der verzweifelten Petarde hat mich ſo⸗ taub gemacht, wie des Teufels Großmutter.“ „„Sch— Gilbert— ſtille!“ ſagte Eromwell 3 „Du biſt beleidigend in Deiner Sprache.“ ,Donnerwetter Sir, ich muß entweder auf Ihre Weiſe ſprechen, oder auf meine, wenn ich nicht ſo⸗ wohl ſtumm ſeyn ſoll, als taub.— Gehen Sie jent Milord, undz unterſuchen Sie die Poſten; ſie wer⸗ 7er 100 den gleich hoͤren, daß ich einigen Laͤrmen in der Welt verurſachen werde.“ 4 „Freundlich laͤchelte Cromwell uͤber das Ungeſtuͤm ſeines Adjudanten, klopfte ihm auf die Schulter, nannte ihn einen tollen Burſchen, gieng ein wenig weiter, kehrte dann zuruͤck, und fluͤſterte ihm zu: „was Du zu thun haſt, das vollziehe raſch;“ hier, auf wandte er ſich wieder gegen den aͤußeren Cirkel der Schildwachen, und drehete von Zeit zu Zeit ſei⸗ nen Kopf um, als wolle er ſich verſichern, daß der Korporal, dem er es aufgetragen hatte, noch immer mit gezuͤcktem Schwerdte am Rande des furchtbareg Abgrundes zwiſchen dem Thurm der Roſamunde und dem gegenuͤberſtehenden Wache halte. Als er ihn auf ſeinem Poſten ſtehen ſah, brummte der General un⸗ ter ſeinen Schnurbarte:„Der Kerl iſt ſtark und mu⸗ thig wie ein Baͤr; und er ſteht da auf einem Poſten, wo einer mehr leiſten kann wenn er zuruͤckſtoͤßt, als hundert, indem ſie Bahn brechen.“ Er warf einen Blick auf die gigantiſche Geſtalt, die in der luf⸗ tigen Stellung da ſtand, gleich einer gothiſchen Sta⸗ tue, die Lanze halb erhohben gegen den gegenuͤberſte⸗ henden Thurm, den Schaft an dem rechten Fuße ge⸗ ſtemmt; Stahlhaube und Panzer ſe chimmernd im Strahle der aufgehenden Sonne. 1 Dann ging Cromwell weiter um die noͤthige Be⸗ fehle zu ertheilen, daß die Schildwachen denen die Exploſion der Mine auf ihrem gegenwaͤrtigen Stand⸗ punkte Gefahr bringen koͤnnte, ſich auf die angewie⸗ ſenen Stellen zuruͤckziehen ſollten, ſobald die Trom⸗ pete ertoͤne.— Nie,— bei keiner Gelegenheit ſei⸗ nes Lebens zeigte er groͤßere Ruhe und Geiſtesgegen⸗ wart. Er ward freundlich, liebreich, ja ſogar vertrau⸗ lich mit den Soldaten, die ihn anbeteten; und doch glich er einem Vulkan vor ſei em Ausbruch— alles friedlich und ruhig von Außen, waͤhrend hundert widerſtrebende Leidenſchaften im Buſen wuͤhlen. Feſt blieb indeſſen Corporal Humgudgeon, auf 101 ſeinem Poſten ſtehn, doch fuͤhlte ſich der alte Vete⸗ rane hoͤchſt beklommen in ſeiner jetzigen Stellung, obgleich er einer der entſchloſſenſten Soldaten des ge⸗ fuͤrchteten Regiments der Eienherzen war, und keinen kleinen Antheil an jenem ſchwaͤrmeriſchen Fanatismus hatte, welcher dem natuͤrlichen Muthe jener finſtern Froͤmmlinge einen ſo kuͤhnen Schwung verlieh. Auf Lanzenferne von ihm erhob ſich ein Thurm, deſſen maſſive Bruchſtuͤcke bald in die Luft fliegen ſollten; und er hatte nur wenig Zutrauen zu der Laͤnge der Zeit, die ihm zur Flucht aus einer ſo gefaͤhrlichen Nachbar⸗ ſchaft gewaͤhrt werden ſollte. Daher war ſeine Pflicht beſtaͤndig wachſam zu ſeyn, oft im Wider⸗ ſpruch mit ſeinem natuͤrlichen Gefuͤhle, welches ihn verleitete von Zeit zu Zeit ſeine Augen nach unten auf die Mineur's zu richten, ſtatt ſie immer auf den gegenuͤberſtehenden Thurm ſtreifen zu laſſen. Endlich erreichte das Intereſſe der Scene den* hoͤchſten Grad. Nachdem er im Verlaufe von zwan⸗ zig Minuten mehr als einmal heraus und hinein, und wieder heraus gegangen war, trat endlich Pear⸗ ſon, wie es ſchien, zum letzten Male aus dem Thur⸗ me, und trug eine Wurſr, oder einen leinenen Sack (den man ſeiner Form wegen ſo nennt) in der Hand, den er im Gehen aufrollte, und der feſt zuſammen genaͤht, und mit Schießpulver gefuͤllt zur Verbindung zwiſchen der zu ſprengenden Mine und dem Inge⸗ nieur dienen ſollte, der das Feuer anlegte. Er wollte ſie eben zurecht legen, als die Aufmerkſamkeit des Corporals auf dem Thurme unwiderſtehlich und ausſchließlich von den Vorbereitungen zur Exploſion hingezogen ward. Aber waͤhrend er darauf achtete, wie der Hauptmann ſeine Piſtole zog, um Feuer zu ſchla⸗ gen, und der Trompeter ſein Inſtrument an dein Mund ſetzte, um den Augenblick nicht zu verſaͤumen, zum Ruͤckzug zu blaſen, da erging ein Verhaͤngniß uͤber die ungluͤckliche Schildwache, das ſie am wenigſten erwartete. Jung, thaͤtig, kuͤhn und bei vollkommener Gei⸗ ſtesgegenwart hatte ſich der junge Albert Lee, der aus den Schießſcharten alle Maaßregeln ſeiner Bela⸗ gerer ſorgfaͤltig beobachter hatte, zu einer verzweifel⸗ ten Kraftanſtrengung zu ſeiner Selbſterhaltung ent⸗ ſchloſſen. Denn als der Kopf der Schildwache auf der gegenuͤberſtehenden Plattform ſich von ihm wen⸗ dete, und etwas hinabbeugte, ſprang er ploͤtzlich uͤber den Abgrund, obgleich der Raum, auf den er zielte, kaum zwei Perſonen faſſen konnte, ſtuͤrzte den uͤber⸗ raſchten Soldaten von ſeinem gefaͤhrlichen Stand⸗ puntte hinab, und ſtuͤrzte ſich in das Zimmer. Der giganriſche Krieger ſtuͤrzte in den zwanzig Fuß tiefen Abgrund, ſchlug gegen ein hervorſtehendes Gebaͤlk, das den Ungluͤcklichen weit hinauswarf, und fiel als⸗ dann mit einer ſolchen entſetzlichen Kraft zur Erde, daß der Kopf, der zuerſt den Boden beruͤhrte, ein ſechs Zoll tiefes Loch bohrte, und wie eine Eier⸗ ſchaale zerſplitterte. Deſſen kaum bewußt, was vor⸗ ging, doch erſchrocken und verwirrt uͤber den Fall dieſes ſchweren Koͤrpers, der nicht weit von ihm hin⸗ ſiel, warf Pearſon ſeine Piſtole auf das Leitpulver, ohne vorher warnen zu laſſen, und die Mine ging los. Waͤre ſie ſtark mit Pulver angefuͤllt geweſen, ſo haͤtten viele der Umſtehenden leiden muͤſſen; aber die Erploſion war nur eben ſo ſtark in gerader Richtung einen Theil der Mauern des Fun daments in die Luft zu ſprengen, der jedoch hinreicht, das Gleichgewicht des Gebaͤudes zu zerſtoͤren; dann, unter einer Rauch⸗ worke, welche den Thurm nach und nach wie ein Lei⸗ chentuch umhuͤllte, indem ſie ſich langſam vom Boden bis zum Gipfel erhob, konnte Jeder ihn wanken und ſich beugen ſehn, der Muth genug beſaß, ein ſo ſreckliches Schauſpiel ruhig zu betrachten. Zuerſt neigte ſich das Gebaͤude langſam nach Außen, dann ſtuͤrzte es ploͤzlich in ſich zuſammen, und ſiel in maͤchtigen Bruchſtuücken zur Erde, deren Widerſtand die Vortrefflichkeit des Mauerweris bezeugte. Sobald 103 der Ingenieur das Lauffeuer angezuͤndet hatte, floh er mit ſolcher Beſtuͤrzung, daß er faſt den General uͤber den Haufen rannte, der ſich ihm nabte, waͤh⸗ rend ein großer Stein von der Spitze des Gebaͤudes der weiter flog als die Uebrigen, kaum eine Elle weit von ihnen niederfiel.. „Du biſt zu eifrig geweſen, Pearſon,“ ſagte Cromwell mit der groͤtzten Ruhe,—„iſt niemand in dieſem Thurme von Siloe umgekommen?“ „Es fiel jemand,“ ſagte Pearſon, immer noch in der größten Bewegung.„und dort liegt ſein Leichnam, halb begraben unter den Truͤmmern.“ Mit rahigem, entſchloſſenem Tritte naͤherte ſich Cromwell der Stelle und rief aus:„Pearſon, Du haſt mich zu Grunde gerichtet— der junge Mann iſt entflohn.— Das iſt unſere eigene Schildwache— der Teufel bole den Traͤumer! Laß ihn unter den Ruinen verfaulen, die iyn zerſchmetterten.“ Ein Schrei erſchallte von der Plattform des Ro⸗ ſamunden⸗Thurms, der jetzt noch ſchmaler ſchien als zuvor, da er des benachbarten Gefaͤhrten beraubt war, der mit ſeiner Hoͤhe wetteiferte, obgleich er ſie nicht erreichte.—„Ein Gefangener, edler General— ein Gefangener— der Fuchs dem wir die ganze Nacht nachſtellten, iſt jetzt in der Falle— der Herr hat ihn in die Haͤnde ſeiner Diener uberliefert.“ „„Habt acht, daß Ihr ihn in ſorgfaͤltiger Verwah⸗ rung haltet,“ rief Cromwell aus,„und bringt ihn augenblicklich in das Zimmer, wo die Haupteingaͤnge der geheimen Schlupfwinkel ſich befinden.“ „w. Excellenz ſoll gehorcht werden.” Der Plan des Albert Lee, auf den ſich dieſe Aus⸗ rufungen bezogen, war ungluͤcklich ausgefallen. Wie ſchon erzählt, hatte er die rieſenmaͤßige Staͤrke des, ihm gegenuͤberſtehenden, Soldaten uͤberwaͤltigt, und war augenblicklich in das Zimmer des Dr. Rochecliffe hinabzeſprungen. Aber die dort aufgeſtellten Solda⸗ ten ſtuͤrzten ſich auf ihn, und nach einigem Ringen⸗ 104 das er hoffnungslos gegen die Uebermacht der Anzahl wagte, warfen ſie den jungen Cavalier zu Boden, wobei er aber zwei von ihnen mit hinabzog. In demſel⸗ ben Augenblick hörte man einen gewaltigen ſchweren Schlag gleich dem des Donners in der groͤßten Naͤhe, er erſchuͤtterte Alles, bis die ſtarken, ſteinernen Mauern erbebten, gleich den Winden eines Schiffes im Sturm. Mach eingen Sekunden folgte ein anderes ploͤliches Geroͤſe, im Anfang leiſe und tief, aber zunehmend gleich dem Rauſchen eines Waſſerfalls, wenn er ſich herabſtuͤrzt, ſchaͤumend, toſend und gaͤhrend, als wolle er Himmel und Erde verſchlingen. So furchtbar war der Schall des einſtuͤrzenden nahen Thurmes, daß ſo⸗ wohl der Gefangene, als diejenigen, welche mit ihm rangen, einige Minuten aufhoͤrten, wobei ſie ſich je⸗ doch feſt umſchloſſen hielten... Albert war der erſte, welcher ſein Bewußtſeyn und ſeine Thaͤtigkeit wieder erlangte. Er ſchleuderte diejenigen weg, die auf ihm lagen, nnd machte eine verzweifelte Kraft⸗Anſtrengung ſich zu erheben, was ihm zum Theil gelang. Aber da er es mit Maͤnnern zu thun hatte, welche mit jeglicher Art der Gefahr vertraut waren, und deren Thatkraft eben ſo ſchnell wieder erwachte, wie ſeine eigene, ſo ward er bald uberwaͤltigt und entwaffnet. Seinem Auftrage getreu und ergeben, und entſchloſſen, die Rolle, die er ſpielen. ſollte, bis auf den letzten Punkt zu bebgupten, rief er aus, als man zuletzt ſich ſeiner bemaͤchtigt hatte: „Ihr elenden Rebellen, wollt Ihr Euren Koͤnig er⸗ morden?“ S „Ha, hoͤrſt Du das,“ rief einer der Soldaten dem Gefrevten zu.„Soll ich nicht dieſen Sodn ei⸗ naes niedertraͤchtigen Vaters unter die fuͤnfte Rippe ſchlagen, ſo wie der Syran von Moab umgebracht ward durch Ehnd mit einem ellenlangen Dolche?“ Aber Rovins antwortete„fern ſey es von uns, Gaadenvoll Stickalthrow bei kaltem Blute den Gefan⸗ gegen unſeres Bogens und unſeres Speers zu erſchla⸗ 10⁰5 gen. Ich meine doch ſeit dem Sturme von Drogheda haͤtten wir Blut genug vergoſſen— darum bei Eurem Leben thut ihm nichts Boſes; ſondern nimmt ihm ſeine Waffen und wir wollen ihn vor dem auser⸗ waͤhlten Werkzeug vor unſeren General fuͤhren, damit 5 mit ihm thue, was in ſeinen Augen wohlgefaͤllig i.1 Unterdeſſen war der Soldat, der es dem Crom⸗ well mitgetheilt hatte, zuruͤckgekehrt, und brachte Be⸗ fehle, die mit denen ihres gegenwaͤrtigen Anfuͤhrers uͤbereinſtimmten. Der entwaffnete und gebundene Albert Lee ward alſo als Gefangener in das Zimmer gefuͤhrt, das ſeinen Namen nach den Siegen ſeines Ahnen hatte, und vor den General Cromwell geſtellt. Als er in ſeinem Geiſte die Zeit berechnete, welche ſeit der Abreiſe des Koͤniges bis zur Belage⸗ rung, wie man es wohl nennen kann, verfloſſen war, die ſeine freiwillige Gefangenſchaft beendigt hatte, ſo konnte Albert Lee die Hoffnung hegen, daß ſein koͤniglicher Herr Zeit genug zum Fliehen gehabt ha⸗ ben muͤſſe, und doch war er entſchloſſen bis auf den letzten Punkt ſeine Rolle zu ſpielen, die immer noch des Koͤnigs Sicherheit vergroͤßern konnte. Er dachte der Unterſchied zwiſchen ihnen koͤnne nicht augenblick⸗ lich entdeckt werden beſchmutzt wie er war mit Staub und Rauch und mit Blut das aus einigen Riſſen floß, die er im Kampf erhalten hatte. In dieſem ſchlechten Aufzuge aber mit der ange⸗ nommenen Wuͤrde, die einem fuͤrſtlichen Charakter ziemte, trat Albert in das Zimmer des Victor Lee, wo auf dem eichenen Stuhle ſeines Vaters angelehnt, der triumphirende Feind der Sache ſaß, der das Haus Lee von jeher kreu ergeben war. Sechstes Kapitel. Den nakten Titel haſt Du ſchwer gezahlt; Was ſagteſt Du mir, daß Du König ſeyſt. Heinrich IV. gter Theil. Oliver Cromwell ſtand von ſeinem Sitze auf, als die beiden Veteranen Zerobabel Robins und Gna⸗ denvoll Strickalthrow den Gefangenen in das Zim⸗ mer fuͤhrten, und richtete ſein finſteres graues Auge auf Alvert, ehe er den Gedanden, die ſeinen Buſen ſchwellten, freien Lauf laſſen konnte. Freudige Wonne aber war vorherrſchend. „Biſt Du nicht“ ſagte er endlich,„jener Egyp⸗ tier, der vor dieſer Zeit einen Aufruhr erregte, und viele Tauſende von Moͤrdern in die Einoͤde fuͤhrteſt?— Ha, Juͤngling, ich habe Dir von Stirling bis Worce⸗ ſter nachgejagt, und endlich treffen wir uns!“ „Ich wollte,“ erwiederte Albert, der in der an⸗ genommenen Rolle zu ſprechen fortfuhr,„daß wir uns da getroffen haͤtten, wo ich Dir den Unterſch:ed zwiſchen einem rechtmaͤſigen Koͤnige und einem ehr⸗ ſuͤchtigen Uſurpator haͤtte zeigen koͤnnen!“ „Geh, junger Mann,“ ſagte Cromwell;„ſage lieber den Unterſchied zwiſchen einem Richter der auf⸗ ſtand, zur Befreiung Englands, und dem Sohne der Koͤnige, weichen Gott in ſeinem Zorne uͤber dieſes Land zu herrſchen erlaubte. Ader wir mollen keine unnuͤtzen Worte verlieren. Gott weiß, daß wir nicht aus unſerem Willen zu ſo hohen Thaten berufen ſind, da wir demuͤthig unſere Schwaͤche, und die Zerbrechlichkeit und Thorheit unſeres Geiſtes anerken⸗ nen, ſondern aus dem beſſeren Geiſte in uns, der nicht von uns iſt.— Du biſt ermuͤdet, junger Mann, und Deine Natur fordert Ruhe und Erhoh⸗ lung, da Du ohne Zweifel zart auferzogen worden biſt, wie einer der von dem Fetten gemaͤſtet und von 107 dem Suͤßen getraͤnkt worden iſt und der in Purpur und feiner Leinwand gerleidet war.“ Hier hielt der General plötzlich ein und rief dann erſchrocken aus—„Aber was iſt das— Hall wer ſteht da vor uns? Das ind nicht die Locken des ſchwaͤrzlichen Burſchen Carl Stuart! Ein Betrug, ein Betrug!“ Schnell warf Albert einen Blick auf den Spiegel⸗ und bemerkte, daß die ſchwarze Peruͤcke, die er in der vermiſchten Gardrobe des Rochecliffe gefunden hatte, im Regen in Unordnung gerathen war, und daß ſein eigenes blondes Haar darunter hervor blickte. „Wer iſt das?“ ſagte Cromwell, indem er noch⸗ mals wuͤthend aufſtampfte.—„Reißt ihm die Ver⸗ kleidung herab.“ Die Soldaten thaten es, und da ſie ihn zugleich naher an das Licht brachten, ſo konnte die Taͤuſchung mit einer Möglichkeit des Erfolgs keinen Augenblick laͤnger geſpielt werden. Cromwell ging auf ihn los, mit feſt geſchloſſenen Zaͤhnen die ſich waͤhrend des Sprechens an einander rieben, mit geballten vor in⸗ nerer Bewegung zitternden Haͤnden, ſprach mit lang nachhallender Stimme, mit ditterem, tiefem Nach⸗ druck, als ſolle ein Dolchſtoß nachfolgen. „Dein Name, junger Mann?“ Die Frage wurde mit Ruhe und Feſtigkeit beant⸗ wortet, waͤhrend die Zuͤge des Sprechenden, einen Anſtrich von Triumph, ja ſelbſt von Verachtung trugen. 1 „Albert Lee von Ditchley, ein getreuer Unter⸗ than Koͤnig Carls.“ „Ich haͤtte es errathen können,“ ſagte Crom⸗ well.—„Ja, und zu Koͤnig Carl ſollſt Du auch gehn, ſobald die Sonne im Mittag ſteht.— Pear⸗ ſon, laß ihn zu den Andern fuͤhren; und ſie puͤnkt⸗ lich um zwoͤlf Uhr hinrichten.“. „Saͤmtlich Sir?“ fragte Pearſon uͤberraſcht; denn Cromwell, obgleich er von Zeiten furchtbare Beiſpiele —õÿõ——— 108 dufſeelte⸗ war doch im Allgemeinen keineswegs blut⸗ uͤrſtig. 1. „Saͤmtlich!—“ wiederholte Cromwell, indem er ſein Auge auf den jungen Lee richtete.— Ja, junger Herr, Dein Betragen hat Deinen Vater, Deinen Verwandten und den Fremden, dem Tode geweiht, der Dein Haus betrat. Solches Ungluͤck haſt Du uͤber Deines Vaters Haus gebracht!“ „Auch mein Vater,— mein alter Vater!“ ſagte Albert, indem er gen Himmel blickte, und auch ſeine Haͤnde in derſelben Richtung zu erheben ſuchte, was ue ſeine Banden verhinderten.„Gottes Wille ge⸗ ehe! „Noch kann all das Ungluͤck abgewendet werden,“ ſagte der General,„wenn Du eine Frage beantwor⸗ ten willſt.— Wo iſt der junge Carl Stuart, den man den Koͤnig von Schottland nannte?“ „Unter des Himmels Schutz, und außer dem Berei⸗ che Deiner Macht,“ war die feſte, entſchloſſene Antwort des jungen Royaliſten. „Weg mit ihm ins Gefaͤngniß,“ ſagte Crom⸗ well;„und von da zum Richtplatze mit den uͤbrigen Allen, als Uebelgeſinnte, die auf der That ertappt wurden. Sogleich ſoll ein Kriegsgericht uͤber ſie ge⸗ halten werden.“ „Nar noch ein Wort,“ ſagte der junge Lee, als ſie ihn aus dem Zimmer fuͤhrten. „Halt, haltet ein,“ ſagte Cromwell, mit der Bewegung einer wiederauflebenden Hoffnung.—„Laßt ihn ſprechen.“ „Sie ſind ein Freund von Bibelverſen,“ ſagte Albert.„Moͤge das zum Text Ihrer naͤchſten Pre⸗ digt dienen: Hat Zimri Friede, der ſeinen Herrn erſchlug?“— „Fort mit ihm,“ ſagte der General;„laßt ihn des Todes ſterben.— Ich habe es geſagt!“ „Als Eromwell dieſe Worte ausſprach, bemerkte fein Adjutant, daß er ungewoͤhnlich bleich ward. 1⁰9 „Ihre Excellenz iſt mit den Staatsgeſchaͤften zu ſehr uͤberlaſtet,“ ſagte Pearſon; eine Jagdpartie in der Abendkuͤhle wird Sie erfriſchen. Der alte Ritter hat da einen edlen Hund, koͤnnen wir ihn nur dazu bewegen ohne ſeinen Herrn zu jagen, was ſchwer fal⸗ len moͤchte, da er getreu iſt, und,“— „Haͤnge ihn auf!“ ſagte Cromwell. „Was— wen— den edlen Hund aufhaͤngen? Ihre Excellenz fanden doch ſonſt Gefallen an einem ſchoͤnen Hunde?“ „Was liegt daran,“ ſagte Cromwell,„Rlaß' ihn todtſchlagen. Steht es nicht geſchrieben, daß ſie in dem Thale von Achor erſchlugen, nicht allein den verfluchten Acham mit ſeinen Soͤhnen und Toͤchtern, ſondern auch ſeine Ochſen und ſeine Eſel und ſeine Schaafe und alles Lebende das ihm gehoͤrte? Eben ſo wollen wir es der uͤbelgeſinnten Familie Lee machen, die dem Siſera in ſeiner Flucht half, als Iſrael auf ewig von ſeinen Unruhen haͤtte befreit werden koͤn⸗ nen. Aber ſende Couriere und Patrouillen aus,— verfolge, jage nach, beobachte nach allen Richtun⸗ gen.— Laß in fuͤnf Minuten mein Pferd an der Thuͤre bereit ſtehn, oder bringe mir das Erſte, Beſte das du findeſt!“ Es ſchien dem Pearſon als ob das etwas wild geſprochen ſey, und daß der kalte Schweiß auf der Stirne des Generals ſtaͤnde, als er dieſes ſprach. Er ſtellte ihm daher die Nothwendigkeit der Erholung vor, und es ſchien als ob die Natur ſeine Vorſtellungen ſtark unterſtuͤtzte. Cromwell ſtand auf, und machte einen oder zwei Schritte gegen die Thuͤre des Zim mers; aber er hielt ein, ſchwankte, und nach einer Pauſe ließ er ſich auf einen Stuhl nieder. „Wahrlich, Freund Pearſon,“ ſagte er,„dieſe ſchwierige Huͤlle iſt uns eine Laſt ſelbſt bei unſern nothwendigſten Geſchaͤften, und ich bin geneigter zum Schlaf als zum Wachen, was doch ſonſt mein Ge⸗ brauch nicht iſt. Stelle alſo Wachen aus bis wir uns 110 eine oder zwei Stunden erholt haben. Schicke nach allen Richtungen aus, und ſpare das Pferdefleiſch nicht. Wecke mich, wenn das Kriegsgericht Inſtru⸗ ctionen verlangen ſollte, und vergiß nicht darauf zu ſehn, daß der Richterſpruch puͤnktlich an den Lee's und denen ausgefuͤhrt werde, die mit ihm verhaftet wurden.“ Als Cromwell das ſprach, ſtand er auf und oͤff⸗ nete hald die Thuͤre eines Schlafzimmers, als Pear⸗ ſon abermals um Verzeihung bat um zu fragen, ob er ſeine Excellenz auch recht verſtanden habe, daß alle Gefangene hingerichtet werden ſollten? „Habe ich es nicht geſagt?“ antwortete Crom⸗ well unfreundlich.„Blos weil Du ein Blutmenſch biſt und immer warſt, heuchelſt Du dieſe Gewiſſens⸗ zweifel um Dich auf meine Koſten, weichherzig zu zeigen? Ich ſage Dir, daß wenn bei der Hinrichtung ein einziger an der vollen Anzahl fehlt, Dein eige⸗ nes Leben dafuͤr buͤſſen ſoll.“ Indem er das ſprach, ging er in das Zimmer begleitet von ſeinem Kammerdiener.— Als der Ge⸗ neral ſich zuruͤckgezogen hatte, blieb Pearſon in groſ⸗ ſem Zweifel was er nun thun ſolle, und das aus kei⸗ nem Gewiſſenszweifel, ſondern aus Ungewißheit, ob er nicht fehlen koͤnnte, ſowohl, wann er die empfan⸗ gene Inſtrurtionen aufſchiebe, als wenn er ſie zu ſchnell und zu buchſtaͤblich ausfuͤhrte.— Unterdeſſen war Strickalthrow und Robins, nach⸗ dem ſie den Albert ins Gefaͤngniß gefuͤhrt hatten, in das Zimmer zuruͤckgekehrt, wo Pearſon immer noch uͤber die Befehle des General's bruͤtete. Beide waren Stellvertreter der Armee und alte Soldaten, welche Cromwell mit großer Vertraulichkeit zu behandeln pflegte; ſo daß Robins nicht ſchwankte, den Capitain Pearſon bn fragen,„ob er die Befehle des General's ſelbſt. uchſtaͤblich zu befolgen gedenke?“ 4 Pearſon ſchuͤrtelte den Kopf mit zweifelnder Mie⸗ ne fuͤgte aber hinzu, es bleibe keine Wahl uͤbrig. 111 „Sey verſichert,“ ſagte der alte Mann,„daß wenn Du dieſe Thorheit begehſt, Du Iſrael zur Suͤnde verleiten wirſt, und auch dem General Dein Dienſt nicht gefallen wird. Du weißt es und niemand beſſer als Du, daß Oliver, obgleich er dem David, dem Sohn Iſac im Glauben in Weisheit und in Muth gleicht, doch Zeiten hat, wo der boͤſe Geiſt uͤber ihn kömmt, wie uͤber Saul, und der Befehle gibt, die ausgefuͤhrt zu haben, er niemanden dankt.“. Pearſon war ein zu guter Politiker, um einer An⸗ ſicht, die er nicht laͤugnen konnte, geradezu ſeine Zu⸗ ſtimmung zu geben.— Er ſchuͤttelte nur nochmals den Kopf, und ſagte, daß es für denjenigen leicht zu ſchwatzen ſey, der nicht verantwortlich ſey, daß es aber die Soldatenpflicht erfordere, der Ordre zu gehor⸗ chen und nicht daruͤber zu urtheilen. „Sehr richrige Wahrheit,“ ſagte Gnadenvoll Strickalthrow, ein grimmiger alter Schottlaͤnder; ich wundre mich, daß unſer Bruder Gerobabel dieſe Sanftmuth des Herzens auffieng.2“ „Was,“ ſagte Zerobabel,„ich wuͤnſche nur, daß vier oder fuͤnf menſchliche Weſen, Gottes Luft einige Stunden laͤnger einathmen moͤchten, es kann nur wenig ſchaden, wenn man die Hinrichtung aufſchiebt,— bd der General wird dann Zeit zum Nachdenken aben. „„Jan“ ſagte Cavitain Pearſon,„aber in meinem Dienſte muß ich puͤnktlicher ſeyn, als Du in der Gradheit Deiner Sprache Freund Zerobabel.“ „Dann will ich lieber den rauhen Filzrock eines gemeinen Soldaten tragen, als die verguldeten Bor⸗ ten eines Hauptmanns,“ ſagte Zerobabel.„Ja wahr⸗ lich, ich kann die Belege zeigen, warum wir uns ge⸗ Peuſeitig Freundſchaften und Dienſte erweiſen, da die Beſten von uns nur arme fuͤndige Geſchoͤpfe ſind, die in kurzer Zeit zur Abrechnung gerufen werden. „In Wirklichkeir, Du uͤberraſcheſt mich Zeroba⸗ bel,“ ſagte Strickhaltrow,„daß Du, der Du ein al⸗ 11² ter und erfahrener Soldat biſt, deſſen Kopf in Schlach⸗ ten ergraute, einem jungen Off ⸗cier ſolchen Rath er⸗ theilt. Iſt es nicht der Auftfrag des Generals, die Boͤſen hinwegzuſchaffen aus dem Lande, und auszu⸗ rotten, die Amalekiten, die Jebuſiten, die Peruſiten, die Huͤdditen, die Girgaſchiten und die Amoriten? Und kann man dieſe Maͤnner nicht mit Recht verglei⸗ chen, zu den fuͤnf Koͤnigen, die in der Hoͤlle von Makkede Zuflucht ſuchten, und uͤberliefert wurden in die Haͤnde Joſua des Sohnes Nun? Und er befahl ſeinen Hauptleuten und Soldaten hinzuzutreten, und ihre Fuͤße auf ſeinen Nacken zu ſtellen,— und dann ſchlug er ſie und erſchlug ſie, und ſie haͤngen an fuͤnf Baͤumen bis zum Abend. Und Du Gilbert Pearſon mit Namen, laß Dich nicht zuruͤckhalten von der Pflicht, die Dir aufgetragen wurde, ſondern thue, wie Dir der befahl, der da aufſtand Iſrael zu richten und zu befreien; denn es ſtehet geſchrieben: verflucht ſey der, der ſeir Schwerdt vom Morde zuruͤckhaͤlt.“ So ſtritten die zwei militaͤriſchen Theologen, waͤh⸗ rend Pearſon, der weit eifriger die Wuͤnſche des Olivers als den Willen des Himmels zu kennen wuͤnſchte, ihnen mit Zweifel und Verwirrung zuhor⸗ te.— Siebentes Kapitel. Drum leget jetzt, gleich Kriegern auf der Wache Der Seele Rüſtung an, gleich vorbereitet Zu allem was des Kriegers Wohl erheiſcht. 3 4 Johanna Baillie Der Leſer wird ſich erinnern, daß als Rochecliffe und Jocolin zu Gefangenen gemacht wurden, die Par⸗ thei, welche ſie begleitete, noch zwei andere Gefangene in ihrem Zuge fuͤhrte, nehmlich den Obriſt Eerard 113 und den ehrwuͤrdigen Nehemias Holdenough. Als ſie in Woodſtock Eintritt erhalten hatten, und ihre Nachſuchungen nach dem fluͤchtigen Fuͤrſten anfingen, fuͤhrte man die Gefangenen in eine alte Wachtſtube, deren Feſtigkeit ſich zu einem Gefanzniß geeignet mahte, und Pearſon ſtellte eine Wache davor. Man erlaubte ihnen kein Licht auſſer das flimmernde Koh⸗ lenfener des Kamins. Die Gefangenen blieben abge⸗ ſondert von einander, Obriſt Everard mit Nehemias Holdenough ſchwatzend, in einiger Entfernung von ibnen Doctor Rochecliffe, Sir Henrvy Lee und Jo⸗ colin. Bald ward die Geſellſchaft durch Wildrake ver⸗ mehrt, der in das Jagerhaus hinab gebracht und mit ſo wenig Umſtaͤnden hinein geſtoſſen wurde, daß, da ſeine Arme gebunden waren, er faſt in die Mitte des Gefaͤngniſſes auf die Naſe gefallen waͤre. „Ich danke, guter Freund,“ ſagte er, indem er gegen die Thuͤre zuruͤckſchaute, welche diejenigen, die ihn hineingeſtoßen hatten, verſchloſſen.—„Point do cerémonie— denn ich ſehe ja da aute Geſellſchaft.— Gott zum Gruß, Gott zum Gruß, Gentlemen. Was? à la mort und nichts Erfriſchendes um den Geiſt zu erregen und eine luſtige Nacht zu verleben?— Die letzte wahrſcheinlich; denn einen Pfennia gegen eine Million, morgen baumeln wir ſaͤmmtlich.— Pa⸗ tron— edler Herr, wie geht's? Das war doch ein ſchaͤndlicher Streich von dem Noll, ſo weit es Dich betraf; denn ich, ich mag wohl ſo etwas von ihm verdient haben.“ „Ich bitte Dich, Wildrake, ſetze Dich,“ ſagte Everard.„Du biſt betrunken— ſtoͤre uns nicht.“ „Betrunken, ich betrunken!“ ſchrie Wildrake, ich habe Nol's Branntwein in einem Becher auf des Koͤnigs Wohl geleert, und einen zweiten auf den Untergang Sr. Ercellenz, und einen dritten auf die Verfluchung des Parlaments— vielleicht auch noch W. Scott's Werke. XIV, 8 114 einen vierten und fuͤnften, aber lauter teufeliſch gute Toaſte. Aber betrunten bin ich nicht.“ „Ich bitte Dich, Freund ſey nicht profan,“ ſagte Nehemias Holdenough. „Was, mein kleiner presbyterianiſcher Pfarrer, mein heuchleriſches Pfäͤfflein? Du wirſt auch bald dieſer Welt Valet ſagen,“— fuhr Wildrake fort; „Ich meiner Seits habe ſchwere Zeiten darin erlebt.— Ha, edler Sir Henry, ich kuͤſſe Ihnen die Hand.— Ich ſage Dir Ritter! meine Degenklinge war in der vergangenen Nacht dem Herzen des Cromwell ſo nahe, als nur je ein Knopf ſeiner Nachtjacke. Hol ihn der Teufel, er traͤgt eine geheime Ruſtung.— Er ein Soldat! Waͤr nicht das verfluchte Panzerhemd geweſen, ſo haͤtte ich ihn wie Speck durchbohrt. Ha Dr. Rochecliffe!— Du weißt, daß ich meine Waffe zu fuͤhren verſtehe.“ „Ja,“ erwiederte der Doctor,„und Du weißt, daß ich auch die Meinige zu gebrauchen weiß.“ „Ich bitte Dich, ſey ruhig, Meiſter Wildrake,“ ſagte Sir Henry. „Ach mein guter Ritter,“ antwortete Wildrake, „ſſeyn Sie doch erwas freundlicher mit einem Ungluͤcks⸗ gefaͤhrten. Das iſt ein anderer Anblick, als der Sturm von Brendford. Die wankelmuͤthige Fortuna iſt eine Stiefmutter gegen mich geweſen. Ich will ihnen einen Räſans ſingen, den ich uͤber mein eigenes Unheil ichtete.. 4 „In dieſem Augenblicke ſind wir nicht zum Ge⸗ ſang aufgelegt, Hauptmann Wildrake,“ ſagte Sir Henry hoͤflich und ernſt. „Ach nein, es wird Ihnen zu Ihrer Andacht hel⸗ fen.— Meiner Treue, es klingt, wie ein Bußpſalm. Als ich ein junger Burſche war, Da ging es mir ganz ſonderbar, Ein Taug'nichts har kein Glück; Bald aing mit lauter Saus und Braus, Bei Spiel und Wein mein Geld hinaus, Doch kam es nie zurück. 115 Ich hab' zwar Strümpfe, ſehet her! Doch hab' ich keine Schuhe mehr, D'rum trag ich Stieteln jetzt. Verflucht daran die Sohle ſey Verdimmt der Abiatz auch dabei Das Leder iſt verletzt. Als Wldrake mit lauter Stimme dieſen Vers geendigt hatte, oͤffnete ſich die Thure, und eine Schild⸗ wache trat herein, die ihn mir dem Titel:„gottes⸗ lͤſterlicher, brullender Stier von Baſchan“ begruͤßend, einen maͤchtigen Sylag auf die Schalrer gab. „Abermals Ihr gehorſamer Diener Sir,“ ſagte Wildrake, indem er mit den Schultern zuckte,„ve⸗ daure meine Dankoarkeit nicht thaͤrlich zeigen zu koͤnnen. Ha Ritter, hoͤrten Sie meine Glieder klappern? Der Schlag war tuͤchtig— der Kerl koͤnnte die Baſtonade ſelbſt in Gegenwart des Großyerrn austheilen.— Er hat keinen Geſchmack an der Muſik, Ritter,— ihn bewegt nicht die Harmonie der ſugen Tone; ich halte ihn des Verrathes der Liſt und der Raͤuverei faͤhig— ha— es bleibt mir alles im Munde ſtecken— gut— ich will heute Nachr auf der Bank ſchlafen, was mir chon manche Nacht begegnet iſt, und mich bereit halten, morgen mit Anſtand gehenkt zu werden, was mir aber in meinen ganzen Leben noch nicht wieder⸗ fahren iſt. Als ich ein junger Burſche war, Da ging es mir ganz ſonderbar. Bſt— Bſt— das iſt nicht die Melodie.“ Hier ſiel er feſt in Schlaf, und fruͤher oder ſpaͤ⸗ ter folgten alle Ungläcksgefayrten ſeinem Beiſpiele. Die Bänke, welche zur Ruye der wachhavenden Soldaten berechnet waren, gewahrten doch den Ge⸗ fangenen die Bequemlichkeit, ſich niederlegen zu koͤn⸗ nen, obgleich man wohl glauben kann, daß ihr Schlaf weder geſund noch ruhig war. Aber als das Tages⸗ licht nur ein weniz ſchim nerte, haͤtte die Exploſion des Pulvers und der darauf folgende Einſturz des ** 116 Thurms, unter welchem die Mine angebracht war, die Siebenſchlaͤfer oder den Morpheus felbſt erwe⸗ cken können. Der Rauch, welcher durch die Fenſter drang, ließ ſie die Urſache leicht errathen. „Da geht mein Schießpulver drauf,“ ſagte Ro⸗ checliffe,„das gewiß ſo viele rebelliſche Schurken haͤtte in die Hoͤhe ſprengen koͤnnen, als es ſonſt Mittel dargeboten haͤtte, ſie auf freiem Felde umzubringen. Es muß zufaͤllig Feuer gefangen haben.“ „Zufaͤllig, nein!“ ſagte Sir Henry,„verlaſſen Sie ſich darauf, mein kuͤhner Albert hat das ange⸗ zuͤndet, und in dieſem Augenblick fliegt Cromwell gegen den Himmel zu, deſſen Waͤlle er nie erreichen wird.— Ach mein wackerer Knabe, vielleſcht haſt Du Dich ſelbſt aufgeopfert, wie ein jugendlicher Sim⸗ ſon unter den rebelliſchen Philiſtern.— Aber ich werde nicht lange hinter Dir zuruͤckbleiben Albert.“ Everard eilte an die Thure, hoffend von den Wachen, denen ſein Name und ſein Rang bekannt ſeyn konnte, einige Erklaͤrungen uͤber die Exploſion zu erhalten, die eine entſetzliche Cataſtrophe anzuze gen ſchien. Aber Nehemias Holdenough, deſſen Ruhe durch die Trompete geſtoͤrt worden war, die das Zeichen zur Exrploſion gab, ſchien in der Eriſis des Entſe⸗ en „Das iſt die Trompete des Erzengels,“ rief er aus.— Das iſt der Untergang dieſer Welt der Elemente— das iſt die Aufforderung zum Gericht! die Todten gehorchen dem Rufe— ſie ſind bei uns— ſie ſind unter uns— ſie ſtehen auf in körperlichen Leibern,— ſie kommen uns zu mahnen!“* Als er das ſprach, waren ſeine Augen feſt auf Dr. Rochecliffe gerichtet, der ihm gerade gegenuͤber ſtand. Indem naͤmlich dieſer ſchnell aufgeſtanden war, war die Mütze, die er, dem damals unter Geiſtlichen und Buͤrgerlichen üͤblichem Gebrauche gemaͤß trug, von ſeinem Kopfe herabgefallen, und hatte das breite 117 ſeidene Pflaſter, das er wahrſcheinlich der Verkleidung wegen, auflegte, mit herabgeriſſen; denn die Wange nas jetzt ohne Narbe und ein Auge ſo gut als das andere. Oberſt Everard, der von der Thure zuruͤckkehr⸗ te, verſuchte es umſonſt, dem Mr. Holdenough be⸗ greiflich zu machen, was er von der Wache drauſſen erfahren hatte, daß naͤmlich die Exploſion nur den Tod eines republikaniſchen Soldaten zur Folge gehabt habe. Der presbyterianiſche Geiſtliche fuhr fort, wilde Blicke auf jenen der Epiſcopal⸗Kirche zu ſchießen. Aber Dr. Rochecliffe hoͤrte und verſtand die Neuig⸗ keit, welche Oberſt Everard brachte, und befreit von der augenblicklichen Angſt, die ihn regungslos mach⸗ te, nahte er ſich dem zuruckweichenden Calviniſten⸗ und bot ihm auf die freundlichſte Weiſe die Hand bar. „Hinweg mit Dir— hinweg mit Dir!“ ſagte Holdenough,„die Lebenden duͤrfen den Todten die Haͤnde nicht reichen.“ „Aber ich,“ ſagte Rochecliffe,„bin grade ſo ſehr, am Leben wie Du.“ „Du am Leben!— Du— Joſeph Albani, den meine eigene Augen von den Zinnen des Schloſſes von Clidesthow ſtuͤrzen ſahen?“ „Ja,“ antwortete der Doctor,„aber Du ſahſt mich nicht an das Ufer ſchwimmen, bis an eine mit Schilf bewachſene Stelle— fugit ad salices— auf eine Weiſe, die ich Dir ein andermalerklaͤren werde.“ Zweifelnd und unſicher beruhrte Holdenough ſeine Hand.„Du biſt wirklich warm und lebendig,“ ſagte er,„und doch nach ſo vielen Wunden und einem ſo fuͤrchterlichen Falle,— Du kannſt nicht mein Joſeph Albanv ſeyn.“ „Ich bin Joſeph Albany Rochecliffe,“ ſaate der Doctor,„welchen Namen ich durch eine kleine Be⸗ ſitzung meiner Mutter erlangte, die aber in Be⸗ ſchlag genommen iſt.“ „Iſt es denn wirklich an dem?“ ſagte Holde, 8* 118 nongh,„und habe ich meinen alten Schulfreund wie er?“ „So iſt's,“ erwiederte Rochecliffe,„derſelbe, der Dir im Spiegelzimmer erſchien.— Du warſt ſo kuͤhn Nehemias, daß unſer ganzer Plan zu nichte ge worden waͤre, waͤre ich Dir nicht in der Geſtalt ei⸗ nes verſtorbenen Freundes erſchienen. Doch glaube mir, es war meinem innerſten Gefuͤyle entgegen, daß ich es thun mußte.“. „Ach, ſchaͤme Dich, ſchaͤme Dich,“ ſagte Holde⸗ nough, indem er ſich in ſeine Arme warf, und ihn an ſeinen Buſen druͤckte,,Du warſt immer ein ſon⸗ derbarer Mann. Wie konnteſt Du mir einen ſolchen Streich ſpielen?— Ach Albany, erinnerſt Du Dich des Dr. Purefoy, und des Cajus College?“ „Ach gewiß erinnere ich mich deſſen,“ ſagte der Doctor, indem er ſeinen Arm in den des presbvte⸗ rianiſchen Geiſtlichen legte, und ihn zu einem Sitze fuͤhrte, der von den uͤbrigen Gefangenen, welche dieſe Scene mit vielem Erſtaunen ſahen, fuͤhrte.„Ob ich mich der Cajus College erinnere!“ ſagte Rochecliffe, „ach, und an das gute Bier, das wir tranken, und unſere Partieen zur Mutter Huff⸗cap.“ „Citelkeit der Eitelkeiten,“ ſagte Holdenough, wobei er jedoch liebreich laͤchelte, und den Arm ſei⸗ nest wiederhefundenen Freundes feſt in dem ſeinigen ielt. „Aber als wir in den Weinberg des Rectors ein⸗ brachen, und alles rein aufaßen!“ ſagte der Doctor, ges war der erſte Complott, den ich angeſponnen habe, und es koſtete mich viele Muͤhe, bis ich Dich uͤberredete, Theil daran zu nehmen.“ „Ach, ſprich' doch nichts von dieſem Unrechte,“ ſagte Nehemias,„da ich wohl ſagen kann, wie der fromme Mr. Barter, daß dieſe buͤbiſchen Beleidi⸗ gungen ſich in ſpaͤtern Jahren noch beſtrafen, da dieſe ungeordnete Luſt nach Obſt, mir Magenſchmerzen zu⸗ gezogen hat, an denen ich noch jetzt leide.“ 119 „Wahr, wahr, mein theurer Nehemias,“ ſagte Rochecliffe,„aber kuͤmmre Dich nichts darum,— ein Schluck Brantwein wird alles ſchon wieder gut machen. Mr. Baxter war,“— er wollte ſagen,„ein Eſel,“ aber er beſann ſich und erganzte den Satz mit,„ein guter Mann, aber gar zu genau.“ So ſetzten ſie ſich alſo als die beſten Freunde nie⸗ der, und ſchwatzten eine halbe Stunde lang uͤber alle Schulgeſch⸗ chten mit gegenſeitigem Entzucken. Stu⸗ fenweiſe kamen ſie auf die Politik des Tages; und obſchon ſie ihre Haͤnde nicht von einander zogen und oft Ausdruͤcke wie,„nein, mein theurer Bruder,“ und,„da muß ich nothwendigerweiſe von Deiner Anſicht abweichen,“ unter ihnen gewechſelt wurden, ſo ſtimmten ſie doch wie Bruͤder in ein einſtimmiges hellroͤnendes Geſchrei, wenn die Rede auf Indepen⸗ denten und andere Secten kam, ſo daß man kaum ſagen konnte, wer wohl den Andern uͤbertraf. Ungluͤckli⸗ cherweiſe aber wurde im Laufe des Geſpraͤchs eines Bisthums erwaͤhnt, was ſie plötzlich auf die dogmati⸗ ſchen Fragen, uͤber die Regierung der Kirche brachte. Ach, da waren die Scooleußen geoͤffnet, da regnete es griechiſche und hebräͤiſche Texte, waͤhrend ihre Au⸗ gen ſpruͤhten, die Haͤnde ſich ballten, und ſie wu⸗ thenden Polemikern die im Begriffe ſind ſich die Au⸗ gen auszukratzen, weit aͤhnlicher ſahen als chriſtlichen Geiſtlichen. Roger Wildrake trug das Seinige dazu bei, ihre Heftigkeir zu vermehren, indem er bei dem Streite den Zuhoͤrer machte. Er ergriff entſchiedene Partei, bei einer Sache, deren eigentliche Staͤrke ihm ganz unbekannt war. Von Holdenough's fertiger Redner⸗ kunſt und Gelehrſamkeit etwas beunruhigt, beobach⸗ tete der Cavalier mit äaͤngſtlichem Geſichte die Zuͤge des Dr. Rochecliffe; aber als er das ſtolze Auge und die kraͤftige Haltung des Kaͤmpfers fuͤr das Episcopal⸗ Syſtem bemerkte, und hoͤrte wie er griechiſch mit griechiſch und hebraͤiſch mit hebraͤiſch beantwortete, 120. da unterſtuͤtzte er ſeine Gruͤnde beim Schluſſe ſeiner Saͤtze, mit einem kraͤftigen Schlage auf die Bank und einem hoͤhniſchen Gelaͤchter ins Geſicht des Geg⸗ ners. Nur nach langer Zeit und mit vieler Muͤhe gelang es dem Sir Henry und dem Obriſten Everard die beiden aufgebrachten Freunde zu bewegen, ihren Streit aufzuſchieben; ſo daß ſie ſich endlich in eini⸗ ger Entfernung von einander zuruͤckzogen und ſich ge⸗ genſeitig Blicke zuwarfen, in welchen die alte Freund⸗ ſchaft von der heftigſten Erbitterung zuruͤckgedraͤngt geworden zu ſeyn ſchien. Aber waͤhrend ſie ſo da ſaßen einer auf den an⸗ dern wartend, und darnach ſchmachteten einen Streit zu erneuern, in welchem beide Theile den Sieg errun⸗ gen zu haben behaupteten, trat Pearſon in das Ge⸗ faͤngniß und bat die Anweſenden mit leiſer, zittern⸗ der Stimme ſich zum Tode vorzubereiten. Sir Henry Lee empfing die Kunde ſeines Schick⸗ ſals mit der ernſten Ruhe die er bisher bewieſen hatte. Obriſt Everard verſuchte es, eine ſtarle racheſchnau⸗ bende Appellation an das Parlament gegen den Ür⸗ theilsſpruch des Kriegsgerichts und des Generals ein⸗ zulegen. Aber Pearſon verweigerte es, irgend eine Einrede zu empfangen oder zu uͤberbringen, und mit finſtern Blicken und Mienen, Vorboten eines me⸗ lancholiſchen Ausgangs wiederbolte er ihnen ſeine Er⸗ mahnung, ſich zur Mittags Stunde vorzubereiten, und entfernte ſich aus dem Gefaͤngniß. Hoͤchſt merkwuͤrdig war der Eindruck dieſer Nach⸗ richt auf die beiden geiſtlichen Streiter. Sie betrach⸗ teten ſich einen Augenblick gegenſeitig mit Augen, in welchen reuevolle Guͤte und ein Gefuͤhl von großmu⸗ thiger Scham jedes entgegenſtrebende Rachegefuͤhl ver⸗ loͤſchte, und indem ſie zu gleicher Zeit in die Aus⸗ rufungen ausbrachen:„mein Bruder,— mein Bru⸗ der, ich habe geſuͤndigt,— ich habe geſuͤndigt, in⸗ dem ich Dich beleidigtel“ ſtuͤrzten ſie ſich einander in die Arme und vergoßen Thraͤnen, als ſie ſich ge⸗ . 121 genſeitig um Verzeihung baten; und gleich zwei Krie⸗ gern, die einen perſönlichen Streit aufgeben, um ſich der Pflichten gegen ihren gemeinſchaftlichen Feind zu entledigen, riefen ſie ſich die hoͤheren Ideen ihres hei⸗ ligen Standes in das Gedaͤchtniß zuruͤck, und indem ſie die Maasregeln ergriffen, welche bei einer ſo trau⸗ rigen Gelegenheit am paſſendſten waren, fingen ſie an die umſtehenden zu ermahnen, dem angezeigten Schick⸗ ſale entgegen zu geben, mit der Feſtigkeit und Wuͤrde, welche nur die Religion verleiht. Achtes Kapitel. Mein gnädiger Fürſt, ſo rief er aus, Stellt Rache Gott anheim; Den eh'rnen Scevter leg hinweg, Nimm den Olivenſtab. Ballade von Sir Carl Bawdin. Die zur Hinrichtung beſtimmte Stunde war lange voruͤber, und es mochte ungefaͤhr 5 Uhr Abends ſeyn, als der Protektor den Pearſon zu ſich rufen ließ. Er ging mit Furcht und Widerſtreben, unge⸗ wiß wie er wohl empfangen werden moͤchte. Nach⸗ dem er ungefähr eine Viertelſtunde bei ihm geblieben war, kehrte der Adjutant in Viktor Lee's Zimmer zu⸗ ruͤck, wo er den alten Soldaten Zerobabel Robins fand, der ſeine Zuruͤckkunft abwartete. „Wie geht es unſerm Oliver,“ ſagte der alte Mann aͤngſtlich? „Je, nun gut,“ antwortete Pearſon,„er hat mir keine Fragen uͤber die Hinrichtung vorgeleat, aber gar viele hinſichtlich der Flucht des jungen Mannes und der Gedanke, daß er nun allen Verfolgungen entgangen ſeyn muß, ſcheint ihn ſehr zu beunruhigen. Auch gab ich ihm gewiße Paviere, welche dem ubelgeſinnten Doctor Rochecliffe gehörten.“. 12² „Dann will ich mich an ihn wagen,“ ſagte de Soldat;„Gib mir nur ein Tiſchtuch, damit ich w.e ein Kellner ausſehe und die Speiſe auftragen kann, die ich fuͤr ihn zubereiten ließ.“ Dem zu Folge erſchienen ſogleich zwey Soldaten mit einer Portion Rindfleiſch, ſo wie man es den gemeinen Soldaten austheilt, und auch nach ihrer Weie zubereitet,— einem zinnernen Krug mit Bier, einem Gefaͤß mit Salz und Pfeffer und einem Laib Commis⸗Brod. „Komme mit,“ ſagte er zu Pearſon,„und fuͤrchte Dich nicht,— Noll liebt einen unſchuldigen Scherz.“ Kühn trat er in des General's Schlafzimmer und ſagte laut,„ſtehe auf, der Du berufen biſt, Richter zu ſeyn in Iſrgel,— falte die Haͤnde nicht ferner zum Schlafe. Siehe, ich komme Dir als ein Zeichen; Darum ſtehe auf, iß, trink und laß Dein Herz damit fröhlich ſeyn, denn Du ſollſt mit Freude die Speiſe deſſen eſſen, der in den Schanzen arbeitet, damit Du ſeheſt, daß, obgleich Du der Befehlshaber der Heer⸗ ſchaaren biſt, die arme Schildwache nur ſolche Nah⸗ rungsmittel hat, die ich jetzt zu Deiner Erfriſchung hinſtelle,“ „Wahrlich Bruder Zerobabel,“ ſagte Cromwell, welcher an ſolchen enthufiaſtiſchen Streichen bei ſeinen Soldaten gewoͤhnt war,„es iſt unſer Wunſch, daß es ſo ſjey; auch wollen wir nicht ſanfter ſchlafen noch beſſer ſpeiſen, als der Geringſte, der ſich unſerem Paniere anreiht. Wahrlich Du haſt meine Erfriſchun⸗ gen gut ausgeſucht und ſuͤß duften die Speiſen in meiner Naſe.“ Er ſtand vom Bette auf, auf dem er halb ange⸗ kleidet gelegen hatte, warf ſeinen Mantel um,(etzte ſich auf das Bett, und griff tuͤchtig bei den einfachen Speiſen zu, die fuͤr ihn zubereitet worden waren. Waͤhrend er ſprach, befahl Cromwell dem Pearſon ſei⸗ nen Bericht zu beendigen.—„Du brauchſt nichts zu 123 verhehlen, in der Gegenwart eines wuͤrdigen Solda⸗ ten, deſſen Geiſt iſt gleich meinem Geiſte.“ „Ja, aber,“ unterbrach ihn Robins,“ Du mußt wiſſen, daß Gilbert Pearſon Deine Beſehle nicht voll⸗ kommen ausgeführt hat, hinſichtlich eines Theils die⸗ ſer Uebelgeſinnten, die um die Mittagszeit ſaͤmtlich ſterben ſollten.“ 3 „Welche Hinrichtung,— welche Uebelgeſinnten?“ ſagte Cromwell indem er Meſſer und Gabel nieder⸗ egte. „Diejenigen, die ſich hier im Gefaͤngniß zu Wood⸗ ſtock befinden,“ antwortete Zerobabel,„und von denen Eure Excellenz befahl, daß ſie um die Mittagsſtunde hingerichtet werden ſollen, da ſie bei einer rebelliſchen Handlung gegen die Republick gefangen genommen wurden.“— „Elen der!“ ſchrie Cromwell, indem er aufſprang und ſich an Pearſon wandte.„Du haſt doch hof⸗ fentlich den Markham Everard nicht beruͤhrt, an dem keine Schuld zu finden iſt, da er durch den getaͤuſcht wurde, der unſere Botſchaften uͤber⸗ brachte,— Du haſt doch auch eben ſo wenig Dei⸗ ne Hand an den presbyterianiſchen Geiſtlichen ge⸗ legt, wegen deſſen alle Staͤnde uns der Gottesver⸗ geſſenbeit anklagen, und auf ewig unſere Feinde Ker⸗ den wuͤrden?“ 1 „Wenn Euer Excellenz wuͤnſchen, daß ſie leben moͤgen, ſo leben ſie,— ihr Leben und ihr Tod liegt in der Macht eines Wortes,“ ſagte Pearſon. „Gebe ihnen die Freiheit; ich muß wo möglich die Presbpteriener zu gewinnen ſuchen.“ „Rochecliffe, der ange Raͤnkeſchmied,“ ſagte Pear⸗ ſon,„den hatte ich wohl hinrichten laſſen, aber’“— „Barbariſcher Mann,“ ſagte Cromwell,„gleich undankbar und unpolitiſch,— willſt Du unſern Lock⸗ vogel zerſtoͤren? Dieſer Doctor iſt nur eine Welle, freilich nur eine geringe, aber doch etwas tiefer, als die Quelle, die ihren geheimen Tribut ſeiner Obhut 12²4— anvertraut; dann komme ich mit einer Pumpe und bringe alles an das Tageslicht. Laß Ihn frey und gib ihm Geld, wenn er es braucht. Ich kenne ſeine Schliche; er kann nirgends hingeyen, wo unſer Auge ihn nicht erblickt.— Aber ihr ſeht Euch einander finſter an, als wuͤßtet ihr mehr, als ihr zu ſagen wa 1. 8* hoffe doch, ihr habt den Sir Henry Lee nicht 3 tödet?“ 4 „Nein. Doch iſt der Mann ein anerkannter Ue⸗ belgeſinnter, und,“— „Ja, aber er iſt auch ein edles Ueberbleibſel des alten engliſchen Adels,„ſagte der General.„Ich wollte ich wuͤßte, wie man ihre Gunſt gewinnen koͤnnte. Aber wir, Pearſon deſſen koͤnigliche Kleidung nur die Ruͤſtung iſt, die wir auf unſerm Koͤrper tragen, und dem der Commandoſtaab zum Scepter dient, wir ſind noch zu neu, um die Ehrfurcht der ſtolzen Uebelgeſinnten zu erwer⸗ ben, die ſich keinem geringern, als einem koͤniglichen „Stamme unterwerfen wollen. Doch was koͤnnen ſie in der groͤßten koͤniglichen Reihe Europa's ſehen, außer, daß ſie von einem gluͤcklichen Soldaten herſtammt? Es argert mich, daß man einen Mann ehren und ihm dienen ſoll, weil er der Abkoͤmmling eines ſiegreichen Feld⸗ heren iſt, waͤhrend man einem andern minder Ehre und Gehorſam beweißt, der in perſoͤnlichen Eigenſchaf⸗ ten und im Gluͤcke mit dem Gruͤnder der Dynaſtie wett⸗ eifern kann. Gut, Sir Henry lebt, und ſoll fuͤr mich leben. Sein Sohn aber hat den Tod verdient, den er ohne Zweifel auch erlitten hat.“ „Milord,“ ſtammelte Pearſon,„da Ew. Excel⸗ lenz es fuͤr Recht gefunden hat, daß ich bei ſo vielen andern Ihre Beſehle aufhob, ſo hoffe ich, Sie wer⸗ den mich auch deßwegen nicht tadeln. Ich hielt es fuͤr das beſſere, genauere Ordre abzuwarten.“ „Du biſt heute Morgen in einer gewaltig gnaͤdi⸗ gen Laune Pearſon“ ſagte Cromwell nicht ganz miß⸗ vergnuͤgt. Fe 2 — „4 125 „Wenn es Ew. Excellenz befehlen, ſo iſt Strick und Henker bereit.“ „Nein, wenn ſolch ein Blutmenſch wie Du ihn verſchont haſt, ſo wuͤrde es mir uͤbel ziemen ihn um⸗ lubringen⸗ ſagte der General.„Aber es findet ſich a unter Rochecliffes Papieren ein Einverſtaͤndniß von zwanzig verzweifelten Royaliſſen, uns aufzuhe⸗ ben.— Man ſollte doch ein Beiſpiel geben.“ „Mylord“ ſagte Zerobabel„bedenken Sie wie oft Ihnen dieſer junge Mann Albert Lee nahe ſtand, ja wahrſcheinlich in den dunklen Gaͤngen, die er kannte und wir nicht, ganz dicht an der Seite Eurer Excellenz war. Waͤre er ein Moͤrder, ſo wuͤrde es ihn nur einen Piſtolenſchuß gekoſtet haben, und Iſra⸗ els Licht waͤre erloſchen. Ja in der unvermeidlichen Verwirrung, die darauf erfolgt waͤre haͤtten die Schildwachen ihre Poſten verlaſſen und er wuͤrde eine Ausſicht zu einer gluͤcklichen Flucht gehabt haben.“ „Genng Zexobabel, er lebt“ ſaate der General. „Doch ſoll er einige Zeit in Verhaft bleiben und dann aus England verbannt werden. Die beiden andern ſind ſicher; denn Du wirſt doch nicht glauben, daß ſo erbaͤrmliche Burſche paſſende Gegenſtaͤnde fuͤr meine Rache ſeyen.“. 3 „Jedoch der eine, der Förſter Joliffe genannt“ ſagte Pearſon„verdient den Tod, da er frei einge⸗ ſtanden hat, den ehrlichen Joſeph Tomkins erſchlagen zu haben.“ i„Er verdient eine Belohnung uns eine Arbett erſpart zu haben“ ſagte Cromwell; dieſer Tomkins war ein hoͤchſt doppelzuͤngiger Verraͤther. Ich habe unter dieſen Papieren hier Beweiſe gefunden, daß, wenn wir die Schlacht bei Worceſter verloren haͤtten, wir Urſache gehabt haͤtten es zu bereuen, je dem Mr. Tomkins getraut zu haben.— Es war nur unſer Gluͤck, das ſeiner Verraͤtherei zuvor kam.— Schreid uns hin, als Schuldner und nicht als Glaͤubiger des 125 Jocolin, wie Du ihn nennſt, und ſeines Knoten⸗ ſtockes.“ „Nun bleibt nur noch der gotteslaͤſterliche ver⸗ ruchte Cavalier, der in vergangener Nacht Ew. Ex⸗ cellenz nach dem Leoen trachrete“ ſagte Pearſon. „Nun“ ſagte der General,„das waͤre eine zu niedrige Rache. Sein hwerdt hat nicht mehr Macht, als haͤtte er mit der Tabackspfeife zugeſto⸗ ßen. Die Aoler fallen weder die Kraͤhen noch die wil⸗ den Enten an.“ „ Doch Sir“ ſagte Pearſon„ſollte der Kerl als ein Verfaſſer von Schmaͤhſchriften veſtraft werden. Die Anzahl von ſchaͤndlichen und peſtilenzialiſchen Gedichten, die wir in ſeinen Taſchen fanden, laſſen mich bedauern, daß er ganz frei ausgehen ſoll.— Il's Ihnen gefallig einen Blick darauf zu werfen My ord?“ 8„Eine erbärmliche Handſchrift,“ ſagte Oliver, als er ernige Blaͤrter der poeriſchen Erzeugniſſe un⸗ ſers Freundes Wlldrake betrachtete.„Schon die Schrift ſcheint berranken zu ſeyn, und die Di chtkunſt nicht ſehr nuchtern.— Wie heißt denn das: Als ich ein junger Burſche war, Da ging es mir ganz wunderbar Ein Taug'nichts hat kein Glück!“ Ach wie erbaͤrmlich!— Und dann wieder: Hol der Teufel auf der Stelle, Schurke Noll dich in die Hölle. Trinken woͤllen wir und ſingen Bis wir zuruck den Konig bringen. Wahrhaftig wenn es auf dieſe Weiſe geſchehen koͤnnte, waͤre der Dichter ein gewaltiger Kaͤmpfer. Gib dem armen Barſchen fuͤnf Silberſtuͤcke Pearſon, und ſage ihm, er ſolle im Lande herumgehen und ſeine Balladen verkaufen. Naher er ſich aber unſrer Perſon auf 20 Meilen, ſo will ich ihn peitſchen laſſen, bis das Blut herunterfließt.“ „Nun bleibt nur noch eine verurtheilte Perſon uͤbrig“ ſagte Pearſon,„ein edler Wolfshund, ſchoner — 127 als Ew. Excellenz je einen in Irrland ſahen. Er gehoͤrt dem alten Ritter Sir Henry Lee. Wenn Ew. Excellenz das ſchoͤne Thier nicht fuͤr ſich zu behalten wuͤnſchen, darf ich dann nicht um die Erlaubniß bit⸗ ten, ihn mir zuzueignen?“ „Nein pearſon,“ ſagte Cromwell;„der alte Mann, der ſelbſt ſo getreu iſt, ſoll auch ſeines getreuen Hundes nicht beraubt werden.— Ich wollte ich haͤtte ein Geſchopf, waͤre es auch nur ein Hund, das mir folgte, blos weil es mich liebte, und nicht um ſei⸗ nes Vortheils willen.““ „Ew. Excellenz iſt ungerecht gegen Ihre treuen Soldaten“ ſagte Zerobzbel derb,„die Ihnen wie Hunde nachfolgen, wie Hande für Sie fechten, und ein Hundegrab delommen, auf der Stelle, wo ſie zufaͤllig fallen.“ „Was iſt das alter Brummer“ ſagte der Gene⸗ ral,„was ſoll dieſer veraͤnderte Ton?“ „Korporal Hungudgeons Ueberkeſte laͤßt man lie⸗ gen, um unter den Ruinen jenes Thurms zu ver⸗ weſen, und Tomkins wurde wie ein Vieh in einen Graben im Gebuͤſche geworfen.“ „Wayr, ganz wahr,“ ſagte Cromwell,„ſie ſollen auf den Kir chhof gebracht werden, nnd alle Solda⸗ ten ſollen ihnen folgen mit Cocarden von ſeegruͤnem und blauem Bande.— Alle Offiziere oder Oberleute ſollen einen Tranerflor anlegen; wir ſelbſt wollen den Zug anfuͤhren; auch ſoll Wein, Brantwein und Li⸗ queur ausgetheilt werden. Sieh darauf, daß es ge⸗ ſchieht Pearſon. Nach dem Leichenbegaͤngniß ſoll Woodſtock eingeriſſen und zerſtoͤrt werden, damit ſei⸗ ne Gaͤnge nicht ferner den Rebellen und Uebelgeſinn⸗ ten eine Zuflucht geben moͤchten.“. Die Befehle des Generals wurden puͤnktlich be⸗ folgt, und als die Uorigen Gefangenen entlaſſen wur⸗ den, blieb Albert ree einige Zeit in Verhaft. Nach ſeiner Befreiung ging er auf das feſte Land, und trat in Koͤnig Cares Leibwache, wo er von dieſem 12²8 Monarchen befoͤrdert wurde. Aber wie wir ſpaͤter ſehen werden, geſtattete ihm ſein Schickſal nur eine kurze, obgleich glaͤnzende Laufbahn. Wir kehren zu der Befreiung der uͤbrigen Ge⸗ fangenen von Woodſtock zuruͤck. Die beiden Geiſtli⸗ chen, die nun vollkommen mit einander ausgeſoͤhnt waren, gingen Arm in Arm dem Pfarrhauſe zu, das fruͤher die Reſidenz des Doctor Rochecliffe war, das er aber jetzt als Gaſt ſeines Nachfolgers Nehe⸗ mias Holdenough betrat. Kaum hatte der Presby⸗ terianer ſeinen Freund unter ſeinem Dache empfan⸗ gen, als er in ihn drang, ſeine Wohnung und ſein Einkommen mit ihm zu theilen. Doctor Rochecliffe war ſehr geruͤhrt, aber weislich verwarf er das großmuͤ⸗ thige Anerbieten, da er die Verſchiedenheit ihrer Anſich⸗ ten uͤber die kirchliche Regierung, die ein jeder ſo heilig, wie ſeinen Glauben hielt, in Betracht zog. Ein an⸗ derer obgleich leichter Streit uͤber den Dienſt der Biſchoͤffe bei den erſten Kirchen beſtaͤtigte ihn in ſei⸗ nem Entſchluß. Sie trennten ſich den darauf fol⸗ genden Tag; ungeſtoͤrt von allen Streitigkeiten be⸗ Land ihre Freundſchaft bis zum Tode des Mr. Hol⸗ eenough im Jahre 1658; doch darf man wohl auch ewiſſermaßen ihre Harmonie dem zuſchreiben, daß ie ſich nie wieder trafen. Nach der Wiedereinſetzung des Koͤnigs bekam Doctor Rochecliffe ſeine Pfarrei wieder, und ſtieg ſpaͤter zu hoben geiſtlichen Wuͤrden. Die untergeordneten Perſonen bei der großen Befreiung aus dem Gefaͤngniſſe des Jaͤgerhauſes zu Woodſtock fanden unter ihren alten Bekannten in der Stadt leicht eine zeitige Aufnahme; aber keiner wagte es, den alten Ritter zu beherhergen, von dem man glaubte, daß er das Mißvergnuͤgen der herrſchen⸗ den Gewalt auf ſich gezogen babe, und kaum wagte es der Wirth im Gaſthauſe zum St. Georg, der doch einer ſeiner Unterthanen geweſen war, ihm das ge⸗ woͤhnliche Recht eines Reiſenden einzuranmen, der 1²29 fuͤr ſein Geld wohnt und ißt. Everard folgte ihm, phne daß er ihn darum bat, und ohne daß er es er⸗ laubte, aber er verbot es ihm auch nicht. Das Herz des alten Mannes hatte ſich ihm wie⸗ der zugeneigt, als er erfuhr, wie er ſich bei dem merkwuͤrdigen Zweikampfe bei der Königseiche betra⸗ gen hatte, und als er ſah, daß er eher ein Gegen⸗ ſtand der Feindſchaft als der Gunſt des Protektors war. Aber es regte ſich in ihm noch ein anderes geheimes Gefuͤhl, welches ihn dazu bewog, ſich mit ſeinem Neffen auszuſohnen— das Bewußtſeyn, daß Everard mit ihm die große Angſt theile, die er we⸗ gen ſeiner Tochter fuͤhlte, die von ihrer wichtigen und gefaͤhrlichen Ausflucht noch nicht zuruͤck gekehrt war. Er fuͤblte, daß er ſelbſt wahrſcheinlich nicht im Stande waͤre, den Ort zu entdecken, wo Aleris ſeit der letzten Begebenheit ihre Zuflucht genommen oder ihre Befreiung zu bewirken, im Falle ſie einem Feinde in die Haͤnde gefallen ſeyn ſollte. Er wünſch⸗ te, daß Everard ihm ſeine Dienſte zu Nachforſchun⸗ gen nach ihr anbieten moͤchte, aber die Scham ver⸗ hinderte ihn, ſeinen Neffen darum zu bitten; und Everard, der den veraͤnderten Zuſtand des Gemüͤ⸗ thes ſeines Oheims nicht vermuthen konnte, fuͤrch⸗ tete ſich es vorzuſchlagen, oder nur den Namen der Alexis zu nennen. Schon war die Sonne untergegangen— ſie ſa⸗ ßen da, und ſahen ſich ſtillſchweigend an, da hoͤrte man das Stampfen von Pferden,— da klopfte es an die Thuͤre— da boͤrte man einen leichten Tritt auf der Treppe, und Alexis, der Gegenſtand ihrer Angſt, ſtand vor ihnen. Sie warf ſich freudig in die Arme ihres Vaters, der ſich ſorgfältig umſah, als er ſie fluͤſternd frug:„iſt alles ſicher?“ „Sicher und außer Gefahr wie ich hoffe,“ er⸗ wiederte Aleris, ich habe ein Zeichen fuͤr Sie.“ Dann verweilten ihre Augen auf Everard— ſie erroͤthete verlegen und ſchwieg. W. Seott's Werke. XIV. 9 „Du brauchſt Dich nicht vor Deinem presbyte⸗ rianiſchen Vetter zu fuͤrchten,“ ſagte der Ritter mit gutmuͤthigem Laͤcheln,„er hat ſich doch endlich ſelbſt als ein Bekenner des Royalismus gezeigt, und war in Gefahr ein Maͤrtvrer zu werden.“ Sie zog das koͤnigliche Reſcript aus ihrem Bu⸗ ſen, das auf ein kleines beſchmutztes Papier geſchrie⸗ ben, und mit einem ſchmutzigen Faden ſtatt des Sie⸗ gels umwunden war. In dieſem Zuſtande druͤckte Sir Henry den kleinen Brief, ehe er ihn öffnete, mit orientaliſcher Verehrung an ſeine Lippen, ſein Herz und ſeine Stirne; und eine Thraͤne entſchluͤpfte ſeinem Auge, ehe er den Muth hatte, das Billet zu zfu und zu leſen. Es war in dieſen Worten ab⸗ gefaßt:— Getreuer und ſehr geſchaͤtzter Freund; Unſer ergebenſter Unterthan! Da Wir errabren haben, daß Vorſchlaͤge zu ei⸗ ner Heirath zwiſchen Fraͤulein Alexis Lee, Ihrer ein⸗ zigen Tochter, und Markham Everard Esquire von Everſely Chaſe ihrem Verwandten im Werke waren; uͤberzeugt, daß dieſe Verbindung Ihnen hoͤchſt an⸗ enehm ſeyn würde, waͤre es nicht wegen gewiſſer Ruͤck⸗ ichten auf Unſeren Dienſt, die Sie bisher bewogen, Ihre Zuſtimmung zu verweigern.— Wir thun Ihnen alſo hiermit zu wiſſen, daß weit entfernt davon, als ob unſere Geſchaͤfte durch eine ſolche Verbindung litten, wir Sie erſuchen, und ſo weit Wir es koönnen, fordern von Ihnen, daß Sie Ihre Zuſtimmung dazu geben, wenn Sie wuͤnſchen Unſeren Willen zu erfuͤllen, und Unſeren Angelegenheiten einen großen Vortheil zu ver⸗ ſchaffen. Jedoch uͤberlaſſen Wir Ihnen wie es einem chriſtlichen Koͤnige ziemt, die volle Ausuͤbung Ihrer Gewalt hinſichtlich anderer Hinderniſſe zu dieſer Ver⸗ bindung, die unabhaͤngig von denen, die Unſern Dienſt betreffen, beſtehen moͤgen. Empfangen Sie Unſere Hand, welche das Gegenwaͤrtige ſchrieb, ver⸗ hunden mit der dankbaren Ruͤckerinnerung an die 131 uten Dienſte, die Sie Unſerm verſtorbenen koͤnigli⸗ den Vater ſowohl, als Uns ſelbſt geleiſtet haben. Carolus Rex.“ Lang und feſt ſtarrte Sir Henry auf den Brief, ſo daß es faſt ſchien, als lerne er ihn auswendig. Dann legte er ihn ſorgfaͤltig in ſein Taſchenbuch, und verlangte von Alexis Bericht uͤber ihre Aben⸗ theuer in der vergangenen Nacht. Sie waren bald er⸗ zaͤhlt. Ihr mitternaͤchtlicher Spatziergang durch den Forſt ward bald und ſchnell bewerk ielligt. Als ſie richt, daß Woodſtock von Soldaten beſetzt ſey, ſo daß ihre Zuruͤckkunft Gefahr, Verdacht und Nachfor⸗ ſchungen veranlaßt haben wuͤrde. Alexis wagte es alſo nicht, ſondern ging in ein benachbartes Haus; wo eine Dame von anerkanntem Royalismus wohnte, deren Gatte Major im Regimente des Sir Henry Lee geweſen, und in der Schlacht von Naſeby gefallen war. Frau Aylmer war ein vernuͤnftiges Franen⸗ limmer, auch hatte die Noth in den gefaͤhrlichen eiten alle Anlagen zur Liſt und zu Intriguen ausge⸗ bildet. Sie ſchickte einen getreuen Diener, welcher um das Jaͤgerhaus zu Woodſtock herumſchlich, und der kaum die Gefangenen entlaſſen und in Sicherheit ſah, und den Aufenthaltsort des Ritters ausgeſpäht hatte, als er auch ſogleich ſeiner Gebieterin die Nach⸗ richt mittheilte, und auf ihren Befehl zu Pferde die Aleris zu ihrem Vater zuruͤckfuͤhrte. Selten ward wohl ein Abendmahl in tieferer Stille gehalten, als von dieſer verlegenen Geſellſchaft da ein Jeder mit ſeinen eigenen Gedanken beſchaͤftigt war, und nicht wußte, wie er die der anderen ergruͤnden ſolle. End⸗ lich kam die Stunde, wo Alexis ſich nach einem ſo ermuͤdeten Tagewerke zur Rube begab. Everard fuͤhrte ſie bis an die Thure ihres Zimmers, und wollte dann Abſchied nehmen, als zu ſeinem Erſtaunen ſein Oheim 2 9 13² ihn bat, mit ihm zuruͤck zu gehen, ihm einen Stuhl anwieß, und des Koͤnigs Brief zu leſen gab, wobei er ſeine Blicke feſt auf ihn richtete. Feſt entſchloſ⸗ ſen war der alte Ritter, daß wenn er nicht das hoͤchſte Entzuͤcken bei ihm bemerkte, eher den Befehlen des Koͤnigs ſeldſt nicht gehorcht werden ſollte, als er Alexis einem Mann aufopfern wurde, der ihre Hand nicht als den großten Segen empfange, den die Erde gewaͤhren koͤnne. Aber Everards Zuge zeugten freu⸗ dige Hoffnung, groͤßer noch als der Vater erwartete, doch vermiſcht mit Erſtaunen; als er nun ſeine Au⸗ gen ſchuͤchtern und zweifelnd zum Ritter emporhob, da ſchwebte ein Laͤcheln auf den Zuͤgen des Sir Henry als er das Stillſchweigen brach. „Der Koͤnig,“ ſagte er,„und haͤtte er auch kei⸗ nen andern Unterthanen in England, ſoll doch ganz nach ſeinem Willen uͤber die Mitglieder des Hauſes Lee verfuͤgen. Aber es ſcheint mir, als ob die Familie Everard in den letzten Zeiten der Krone nicht ſo erge⸗ ben geweſen waͤre, als daß ſie einem Schreiben Folge leiſten ſollte, das ihren Erben einladet, die Tochter eines. Betrlers zu heirathen. 4„Die Tochter des Sir Henry Lee,“ ſagte Ever⸗ ard, indem er vor ſeinem Onkel nieder kniete, und ihm die Hand kuͤßte,„wuͤrde das Haus einee Her⸗ zogs zieren.“ „Das Maͤdchen iſt ordentlich genug,“ ſagte der Ritter ſtolz;„was mich betrifft, meine Armuth ſoll meine Freunde weder beſchaͤmen noch belaͤſtigen. Durch Dr. Rochecliffes Guͤte beſitze ich einige Goldſtuͤcke, und Jocoline und ich, wir werden ſchon etwas auserſinnen.“ „Nein, mein theurer Oheim, Sie ſind reicher als Sie glauben,“ ſagte Everard.„Der Theil, Ih⸗ rer Beſitzungen den mein Vater durch die Zahlung einer maͤßigen Ausgleichungsſumme an ſich brachte, gehoͤrt immer noch Ihnen zu, und wird von einigen Maännern, unter denen auch ich gehoͤre, in Ihrem Namen verwaltet. Sie ſind nur unſer Schuldner fuͤr ———— 133 das vorgeſchoſſene Geld, worüber wir, wenn Sie es zufrieden ſind, wie Wucherer mit Ihnen abrechnen wollen. Mein Vater iſt unfaͤhig fuͤr ſich ſelbſt Nutzen aus dem Kaufe der Guͤter ſeiner unaluͤcklichen Freunde ziehen zu wollen. Sie haͤtten das alles ſchon laͤngſt er⸗ fahren, nur wollten Sie— ich meine die Zeit war nicht zu Erklaͤrungen geeignet— ich meine—“ „Du meinſt ich war zu bitzig, Vernunft anzuhoͤ⸗ ren, Mark, und ich glaube es ſelbſt. Aber hoffentlich verſtehen wir uns jetzt. Morgen gehe ich mit mei⸗ ner Familie nach Kingſton, wo ein altes Haus ſteht, das ich noch immer das meinige nennen darf. Wenn Du Muſe haſt, Mark, ſo komme hin— oder eile Dich, wenn Du willſt— aber komme mit der Ein⸗ willigung Deines Vaters.“ „Mit meinem Vater in Perſon,“ ſagte Everard, „wenn Sie es erlauben.“ „Dem ſey,“ antwortete der Ritter,„wie Ihr es wollt— ich denke Jocolin wird Dir wohl die Thuͤre nicht vor dem Geſicht zuſchlagen, und Bevis wird nicht heulen, wie er es bei dem armen Louis Kerne⸗ guy that.— Nein— genug Entzuͤcken,— gute Nacht Mark, gute Nacht; und wenn Dich die Anſtrengun⸗ gen des geſtrigen Tages nicht zu ſehr ermuͤdet ha⸗ ben— je nun, wenn Du morgen fruͤhe um ſieben Uhr hier erſcheinſt, ſo mußt Du uns wohl auf dem Wege nach Kingſton Geſellſchaft leiſten.“ Noch einmal druͤckte Everard die Hand des Rit⸗ ters, ſtreichelte den Bevis, der ſeine Freundlichkeit gnaͤdig aufnahm, und ging nach Hauſe, um von einer Gluͤckſeligkeit zu traͤumen, die, ſo weit es dieſe veraͤnderliche Welt erlaubt, nach einigen Mona⸗ ten vollkommen in Erfuͤllung ging. — Neuntes Kapitel. —== Mein Leben war ein Stück 3 Verbraucht in Deinem Dienſt— zu Deinen Füßen ſterbend. Don Sebaſtian. Gleich dem Winde fliegen die Jahre an uns vor⸗ uͤber. Wir ſehen weder woher der Wirbel koͤmmt, noch wohin er ſich wendet, und es ſcheint, als be⸗ trachteten wir ſeine Flucht ohne es ſelbſt zu wiſſen, daß wir veraͤndert ſind; doch entreißt uns die Zeit unſere Staͤrke, ſo wie der Wind die Baͤume ihrer Blaͤtter beraubt. Nach der Verehelichung der Aleris und des Markham Everard, bewohnte der Ritter ein altes Herrenhaus in ihrer Naͤhe, das zu dem wieder eingelöß⸗ ten Theil ſeiner Guͤter gehoͤrte, wo Jocoline und Phoͤbe, nun Mann und Frau, nebſt einigen Dienern, die Geſchaͤfte ſeiner Haushaltung beſorgten. War er ſei⸗ nes Shakespeares und ſeiner Einſamkeit muͤde, ſo wußte er, daß er ſeinem Schwiegerſohn ein willkomm⸗ ner Gaſt war, den er nun um ſo viel haͤufiger be⸗ ſuchte, da Markham allem Antheile an den buͤrger⸗ lichen Geſchäften entſagt hatte, weil er die gewaltthaͤ⸗ tige Aufloͤſung des Parlaments mißbilligte, und ſich der darauf folgenden Herrſchaft des Cromwell, mehr als einem nothwendigen Uebel als einer Regierung unterwarf, die er fuͤr geſetzmaͤßig hielt. Zwar ſchien Cromwell immer bereit ſich freundſchaftlich gegen ihn zu zeigen, aber Everard, der ihm noch wegen des Vor⸗ ſchlags den Koͤnig zu verrathen, den er fuͤr beſchimpfend hielt, einen Haß nachtrug, erwiederte ſeine Zuvor⸗ kommenheit nie, und nahm, im Gegentheil, die Mei⸗ nung an, welche nun bei der ganzen Nation vorherr⸗ ſchend wurde, daß man naͤmlich nie zu einer ruhigen Regierung gelangen koͤnne, wenn man nicht die ver⸗ bannte koͤnigliche Familie zuruͤckberufe. Es iſt außer Zweifel, daß die perſönliche Huld, welche Karl ge⸗ — — 13⁵ gen ihn an den Tag geleat hatte, den Obriſten dieſer Anſicht geneigter machte. Doch wieß er, bei Cromwell's Lebzeiten, ale Verbindungen kraͤftig von ſich, da er die Macht des Protectors fuͤr zu feſt gegrundet hielt, als daß eine Verſchwoͤrung ſie erſchuttern koͤnnte. . Unterdeſſen fuhr Weldrake fort wie bisher, ab⸗ haͤngig unter Everard's Schutz zu leben, obgleich ihm zuweilen dieſe Verbindung nicht wenig laͤſtig fiel. Wirklich verrichtete dieſer ehrwuͤrdige Herr, wenn er ſich im Hauſe ſeines Beſchutzers oder des alten Ritters befand, mancee kleinere Dienſte fuͤr die Fa⸗ milie, und gewann ſich die Zuneigung der Alexis, durch ſeine Aufmertſamkeit fuͤr die Kinder, da er die Knaben,(deren ſie dreve hatte) Reiten, Fechten, Stoßen und aͤhnliche Kunſte lehrte; und vorzuͤglich dadurch, daß er die Leere der Beſchaͤftigungen des Ritters ausfuͤllte mit dem er Schach ſpielte, oder den Shakespeare las, oder beim Gottesdienſte als Gehuͤlfe diente, wenn es ein Geiſtlicher wagte die Ge⸗ bete der Kirche zu leſen. Bald trieb er Wildpret auf, wenn der alte Gentleman auf die Jagd ginga, bald ſchwatzte er mit ihm uͤver den Sturm von Breutford, und über die Schlachten von Edgehill, Bandurv und Round- way-down; Erinnerungen in denen der bejahrte Ritter ſchwelgte, aber mit denen er den Everard nicht er⸗ freuen konnte, der ſich ſeine Lorbeeren im Dienſte des Parlamentes errungen hatte. Wildrates Umgang wurde dem alten Sir Henry noch unentbehrlicher als er ſeinen tapferen, einzigen Sohn verlor, der in der ungluͤckſeligen Schlacht bei Duͤnkirchen blieb, wo man ungluͤcklicherweiſe, auf beiden Seiten die enaliſchen Fahnen flattern ſah; da die Franzoſen mit Oliver ein Buͤndniß geſchloſſen hatten, der ihnen ein Huͤlfscorps zuſandte, waͤhrend die Truppen des verbannten Köonigs fuͤr die Spanier kaͤmpften. Sir Henrv empfing die traurige Nach⸗ richt wie ein alter Mann, das iſt, mit groͤßerer, aͤußerer Ruhe als man erwartet hatte. Wochen und⸗ Monate lang ſtarrte er das Blatt au, das der un⸗ 136 ermuͤdete Doctor Rochecliffe ihm zuſchickte, das mit kleinen Buchſtaben C. R. dann aber Louis Kerneguy unterſchrieben war und worin der Schrerber ihn be⸗ ſchwor, den unſchaͤtzbaren Verluſt, mit um ſo viel groͤßerer Feſtigkeit zu ertragen, da iom ja immer noch ein Sohn bliebe(er meinte ſich damit) der ihn ſtets als ſeinen Vater betrachten würde. Aber ungeachtet dieſes Balſams, wirkte der Kum⸗ mer unvermerkt, er ſaugte das Blut gleich einem Vampyre, ſchien die Quelle des Lebens auszutrock⸗ nen; und ohne vöollig krank zu ſeyn, und ohne aͤu⸗ ßere Beſchwerde verlor ſich die Kraft und Thaͤtigkeit des alten Mannes taͤglich mehr, und taͤglich wurde Wildrakes Bedienung unentbehrlicher. Doch wor er nicht immer zu haben. Der Ca⸗ valier, war einer von den gluͤcklichen Perſonen, die eine ſtarke Leibesbeſchaffenheit, ein gedankenloſes Ge⸗ muͤth und ein zuge oſer Geiſt in den Stand ſetzt, durch ihr ganzes Leben die Rolle eines Schulbuben zu ſpielen,— gluͤcklich im Augenblick und ſorgenlos fuͤr die Zukunft. Ein oder zweimal im Jahre, wenn er ſich einige Goldſtuücke erſvart hatte, machte Freund Wildrake ei⸗ nen Ausflug nach London, wo er, wie er ſich aus⸗ druͤckte, umherſtreifte, ſo viel Wein frank als er be⸗ kommen konnte, und bei den lüderlichen Rovaliſten wie er ſelbſt einer war, ein luſtiges Leben fuͤhrte, bis irgend ein vorſchnelles Wort oder eine tolle That ihn nach Marſchalſea, nach Fleet oder in ein ande⸗ res Gefaͤngniß brachte, wo man ihn auf Koſten ſei⸗ nes Einfluſſes, ſeines Geldes und manches mal ſogar, ſeines Rufes befreien mußte. Endlich ſtarb Cromwell, ſein Sohn entſagte der Regierung und die vielen Veraͤnderungen welche dar⸗ auf folgten, bewozen den Eoerard ſo wie viele an⸗ dere, kraͤftigere Maaßregeln zu Gunſten des Koͤnigs zu ergreifen. Everard gab ſogar bedeutende Summen füͤr ſeinen Dienſt her, aber nur mit der groͤßten Vorſicht, und correſpondirte mit niemanden als mit —— 137 dem Kanzler ſelbſt, dem er ungemein nuͤtzliche Be⸗ richte uͤber den Zuſtand der oͤffentlichen Angelegen⸗ heiten abſtattete. Mit aller ſeiner Klugheit, waͤre er faſt in den erfolgloſen Aufſtand des Booth und Middleton im Weſten verwickelt worden, und nur mit großer Muͤhe entging er den ungluͤcklichen Fol⸗ gen dieſes unzeitigen Verſuchs. Hierauf ſchien ſich, trotz der Anarchie im Koͤnigreiche, dennoch kein guͤn⸗ ſtiger Augenblick fuͤr die koͤnigliche Sache zu zeigen, bis zum Aufſtande des General Monk in Schottland. Aber ſelbſt da, auf dem hoͤchſten Gipfel des Erfolgs, ſchien ſich Carls Gluͤck am tiefſten zu neigen, be⸗ ſonders als die Nachricht zu ſeinem kleinen Hofe zu Bruͤſſel gelangte, daß ſich Monk, bei ſeiner Ankunft in London dem Parlamente unterworfen hatte. Es war um dieſe Zeit, gegen Abend als der Koͤ⸗ nig, Buckingham, Wilmot und einige andere Rit⸗ ter ſeines wandernden Hofes bei einem Zechgelage ſaßen, als der Kanzler(Clarendon) ploͤtzlich um Au⸗ dienz bat, und indem er mit weniger Ceremonie als ſonſt eintrat, außerordentliche Nachrichten ankuͤndigte. Von dem Boten, ſagte er, koͤnne er nichts berichten, außer, daß er viel getrunken und wenig geſchlafen zu haben ſcheine; aber daß er ein ſicheres Beglaubi⸗ gungszeichen von einem Manne uͤberbracht habe, fuͤr deſſen Treue er ſein Leben verbuͤrge. Der Koͤnig wollte den Boten ſelbſt ſehen. Ein Mann mit einigen adelichen Manieren, aber mehr mit denen eines ausgelaſſenen Wuͤſtlings,— die Augen aufgeſchwollen und entzuͤndet,— die Klei⸗ der in Unordnung und Verwirrung zum Theil wegen Managel an Schlaf, zum Theil wegen der Mittel die er ergriffen hatte, um ſeine Anſtrengung zu ertragen. Ohne weitere Ceremonie ging er auf das obere Ende des Tiſches los, ergriff die Hand des Koͤnigs, die er wie ein Stuͤck Zuckerbrod belekte; waͤhrend Carl, der ſich ſeiner, an ſeiner Art und Weiſe zu gruͤßen erinnerte, ſich nicht ſehr daruͤber freute, daß ihr Zu⸗ ſammentreffen vor ſo vielen Zeugen Statt fand. „FIch bringe gute Neuigfeiten, ſagte der ſonder⸗ bare Bote, glorreiche Nenigkeiten,— der Konig, wird wieder das Seinige genießen!— Schoͤn ſind meine Fuͤße auf den Bergen. Ach Gott ich habe ſo lange unter den Presbpterianern gelebt, bis ich ihre Sprache angenommen habe.— Aber wir ſind ja alle Kinder eines Mannes,— Alle arme Saͤuglinge Ew. Majeſtaͤt. In London iſt der Rumpf zu Grunde gerichtet,— Feuerwerke flammen. Muffk ertoͤnt, Rindfleiſch bratet, Geſundheiten werden getrunken, London iſt ein Lichtſtrahl vom Strand bis Rother⸗ hithe,— Becher klirren.“— „Das koͤnnen wir uns denken,“ ſagte der Her⸗ zog von Buckingham... „Mein alter Freund Everard ſchickt mich mi dieſer Nenigkeit.— Bin ein Schurke, wenn ich ſeit⸗ dem geſchlafen habe. Ew Majfeſtaͤt erkennen mich doch gewiß wieder. Erinnern ſich Ew. Majeſtaͤt noch, ha— ha bei der Koͤnigseiche zu Woodſtock? Tanzen wollen wir, ſingen und ſpringen Wenn wir zurück den König bringen. „Mr. Wildrake, ich erinnere mich Ihrer recht wohl,“ ſagte der Koͤnig.„Ich hoffe die gute Neuig⸗ keit iſt doch gewiß?“ „Gewiß! Ew. Majeſtaͤt, hoͤrte ich nicht die Glo⸗ cken?— Sah' ich nicht die Feuerwerke trank ich nicht Ew. Majeſtaͤt Geſundheit ſo oft, daß mich meine Fuͤße kaum in den Hafen trugen? Es iſt ſo gewiß, als ich der arme Roger Wildrake von Saquagleſeamere in Linkholm bin.“ Hier fluͤſterte der Herzog von Buckingham dem Koͤnige zu:„ich habe immer den Verdacht gebegt, daß Ew. Majeſtaͤt nach der Schlacht von Worceſter nicht immer in der beſten Geſellſchaft waren, aber das ſcheint jetzt ein ganz auserwaͤhltes Beiſpiel.“ „Je nun ungefaͤhr ſo wie Sie ſelbſt und die an⸗ dere Geſellſchaft, mit der ich ſeit vielen Jahren hier umgehe,— eben ſo wacker im Herzen als leer im Kopfe,“ ſagte Carl,—„eben ſopiel Borten, obgleich 139 etwas veralteter, eben ſoviel Runzeln auf der Stirne, und ungeſaͤhr eben ſoviel Kupfermunze in der Taſche.“ „Wollen mir nicht Ew. Majeſtaͤt den Ueberbrin⸗ ger der guten Neuigkeit uͤberlaſſen, um die Wahr⸗ heit von ihm zu erforſchen,“ ſagte Buckingham. „Ich danke Ew. Durchlaucht,“ erwiederte der Kö⸗ nig;„aber er hat ebenſo gut ſeinen eigenen Willen, wie Sie, und ſolche Leute kommen ſelten uͤberein. Mylord Kanzler iſt ein weiſer Mann, auf den wir uns verlaſſen muͤſſen.— Mr. Wildrafe Sie werden den Lord Kanzler begleiten, der uns Bericht von Ih⸗ ren Nachrichten abſtatten wird, unterdeſſen verſichere ich Sie, daß Sie es nicht zu bereuen haben werden, der erſte Bote der guten Nachrichten geweſen zu ſeyn.“ Indem er das ſprach, gab er dem Kanzler ein Zeichen, den Wildrake fortzufuͤbren, von dem er glaubte, daß er bei ſeiner jetzigen Stimmung wohl einige Zuͤge aus ſeinem fruͤheren Leben in Woodſtock mittheilen koͤnnte, welche den Witzlingen ſeines Hofes mehr r Unterhaltung als zur Erbauung dienen wuͤrden. Bald traf die Beſtaͤtigung der freudigen Nach⸗ richt ein, und Wildrake ward mit einem ſchoͤnen Geſchenke und einer kleinen Penſion entlaſſen, mit welcher nach des Koͤnigs eigenem Wunſche, keinerley Dienſtleiſtung verbunden war. Bald nachher ſang man in ganz England das Lieblingslied. Am neun und zwanziaſten Tag des May Da erhob ſich laut das Kreudengeſchrei Der König genießt das Seine auf'’s Neu⸗ An dieſem merkwürdigen Tage bereitete ſich der Koͤnig dazu vor, ſeinen Zug von Rocheſter nach London zu halten, wo er von allen ſeinen Unterthanen ſo lied⸗ reich empfangen warde, daß er froͤhlich ſagte:„es muͤſſe nur ſein eigener Fehler ſeyn, daß er ein Land ſo lange vermieden babe, wo ſeine Ankunft ſo viele Freude er⸗ rege.“ Zu Pferde zwiſchen ſeinen Bruͤdern, den Her⸗ zogen und York und Gloceſter ritt der wieder einge⸗ ſetzte Monarch langſam uͤber die mit Blumen beſtreu⸗ ten Straßen,— bei den Brunnen vorbei, aus denen Wein floß, und durch den Triumphbogen und die Straſ⸗ ſen, die mit Tuͤchern umhaͤngt waren. Da ſah man die Burger in verſchiedenen Haufen, einige mit ſchwarz ſammtnen Roͤcken und goldenen Ketten, andere in militaͤriſchen Anzuͤgen, in Kleidern von Gold oder Silberſtoffen, denen die Handwerksleute folaten, die, nachdem ſie den Vater in Whitehall verhoͤhnt hatten, nun dem Sohne zunujauchzen kamen, als er wieder Beſitz von dem Palaſte ſeiner Vorfahren nahm. Bei ſeinem Zuge durch Blackheath muſterte er die Armee, die ſolange ſowohl England als Europa in Schrecken ſetzte, und das Mittel war, durch welebes die Mo⸗ narchie wieder hergeſtellt wurde⸗ die ihre eigenen Haͤnde zerſtoͤrt hatten. Als der Koͤnig bei den letzten Rei⸗ hen dieſer furchtbaren Armee voruͤber war, kam er an eine offene Heide, wo viele Perſonen von Anſe⸗ hen, nebſt Andern vom geringeren Ranae ihn er⸗ warteten, um ihm bei ſeinem Zuge zur Hauptſtadt Gluͤck 8 wünſchen. Doch ſtand hier eine Gruppe, welche die beſon⸗ dere Aufmerkſamkeit der Umſtehenden erreate, wegen der Achtung, die ihnen die Soldaten erwieſen, die im Hintergrunde ſtanden, und die, ſie mochten nun Royaliſten oder Rundköpfe ſeyn, zu wetteifern ſchie⸗ nen, wer am meiſten zu ihrer Bequemlichkeit bei⸗ tragen koͤnne; denn ein aͤlterer und ein juͤngerer Gentleman aus der Geſellſchaft hatten ſich im Buͤr⸗ gerkriege ausgezeichnet. Es war eine Familien⸗Gruppe, in welcher die Hauptfigur ein alter auf einem Lehnſeſſel ſitzender Mann war, über deſſen Antlitz ein freundliches Lä⸗ cheln ſchwebte, und in deſſen Auge eine Thräne zit⸗ terte, als er in unabſehbarer Reihe, die Paniere flat⸗ tern ſah und die Menge, den lange verſtummten Zu⸗ ruf jauchzen hörte.„Hoch lebe König Carl!“ Aſch⸗ grau war ſeine Wange, bleich ſein lang herabwal⸗ lender Bart: wolkenlos das blaue Auge doch fehlte ihm das Licht. Seine Bewegungen waren ſchwach ——— — 141 und er ſprach wenig, außer wenn er das Geplauder ſeiner Enkel beantwortete, oder eine Frage an ſeine Tochter richtete, die ihm zur Seite ſaß, gereift in weib⸗ licher Schönheit, oder an den Obriſten Everard, der ne⸗ ben ihm ſtand. Da war auch der kräftige Waidmann Jo⸗ coline Joliffe, immer noch in ſeinem Jagdkleide, wie ein zweiter Benaiah auf den Knotenſtock geſtützt, der ſeiner Zeit dem Könige gute Dienſte geleiſtet hatte, und ſeine Gattin eine kräͤftige Frau wie früher ein zierliches Mädchen, die über ihre eigene Wichtigkeit lachte, und jedesmal ihre gellende Stimme mit dem kräftigen Tone vereinigte, die ihr Ehemann zu den allgemeinen Ausrufungen hinzufügte. Drei zierliche Knaben und zwei ſchöne Mäͤdchen, plauderten mit ihrem Großvater, der ihnen für ihr Alter paſſende Antworten gab, und gar oft mit ſei⸗ ner dürren Hand die ſchoͤnen Locken der kleinen Lieb⸗ linge ſtreichelte, während Alexis mit Beihülfe des Ziidrake(der in einem neuen Kleide prunkte, und deſſen Augen nur eeinen Becher Sect verriethen) zu⸗ weilen die Aufmerkſamkeit der Kinder auf andere Ge⸗ genſtände lenkte, damit ſie ihrem Großvater nicht be⸗ ſchwerlich fallen möchten. Wir dürfen auch eine an⸗ dere merkwürdige Geſtalt in der Gruppe nicht vergeſ⸗ ſen,— einen rieſen mäßig großen Hund, welcher Spu⸗ ren trug, daß er ſchon dem Ende ſeines Lebens nahe war, da er vielleicht fünfzehn oder ſechszehn Jahre alt ſeyn mochte. Aber obgleich er nur noch eine Ruine ſeiner vorigen Geſtalt ſchien, da ſeine Augen trübe, und ſeine Glieder ſteif waren, da ſein Kopf hinab gebeugt war, und ſeine zierliche Haltung und ſeine edlen Bewegungen, einem ſteifen unbeholfenen We⸗ ſen gewichen waren, ſo hatte doch der wackere Hund nichts von ſeiner angebornen Zärtlichkeit gegen ſei⸗ nen Herrn verloren. Im Sommer in der Sonne und im Winter am Feuer zu Sir Henry's Füßen zu lie⸗ gen, ſeinen Kopf zu erheben um ihn anzublicken, ſeine dürren Hände und ſeine eingefallenen Wangen von 142 Beit zu Zeit zu lecken, das ſchien alles wofür jetzt vis noch lebte. Drei oder vier Bediente ſollten dieſe Gruppe vor dem Andrange der Menge ſchuͤtzen; aber es war unnoͤthig. Die hohe Ehrwurdigkeit und die anſpruchs⸗ loſe Einfachheit ihres Aufzuges, verlieh ihnen, ſelbſt in den Augen des niedrigſten Poͤbets, ein Anſehn patriarchialiſcher Wurde, das allgemeine Hochachtung einfloͤßte; und ſie ſaßen auf der Bank, die ſie zu ih⸗ rem Ruheplatze am Wege auserſehen hatten, ſo un⸗ geſtoͤrt, als waͤren ſie in ihrem eigenen Parke. Nun aber verkuͤndeten die fernen Poſaunen die koͤnigliche Naͤhe. Einher zogen die Diener und Trom⸗ peter— einher zogen Federn und goldene Kleider, und aufgerollte, flatternde Standarten, und Schwerd⸗ ter, die in der Sonne blitzten; endlich an der Spitze der Edelſten Englands, von beiden Seiten von ſeinen königlichen Bruͤdern begleitet, zog Koͤnig Carl einher. Schon hatte er mehr als einmal eingehalten, aus Guͤte ſowohl als aus Politik, und hatte mit den Perſonen, die er unter den Zuſchauern erkannte, ſchon manches Wort gewechſelt, unter dem Aufjauchzen der Neben⸗ ſtehenden, die einer ſo wohl angebrachten Hoͤflichkeit ihren Beifall zollten. Aber als er einen Augenblick auf die Gruppe blickte, die wir ſchon beſchrieben ha⸗ ben, da maßte er wohl ſogleich, wie ſehr ſich auch Alexis veraͤndert haben mochte, den ehrwuͤrdigen Sir Henry Lee und ſeinen getreuen Hund erkennen. Der Monarch ſprang vom Pferde, ging ſogleich auf den alten Ritter, unter dem donpernden Beifall der um⸗ ſtehenden Menge zu, welche zuſah, wie Carl mit ſeiner eigenen Hand ſich den ſchwachen Verſuchen des alten Mannes widerſetzte, der aufſtehen wollte, um ihm zu huldigen. Liebreich fuͤhrte er ihn zuruͤck zu ſeinem Sitze,„Segnen Sie,“ ſagte er,„mein Va⸗ ter, ſegnen Sie Ihren Sohn, der in Sicherheit zu⸗ ruͤckkehrte, ſo wie Sie ihm Ihren Segen ertheilten, als er in Gefahr von Ihnen ſchied.“ „„Gott ſegne— und erhalte,“— ſtammelte der 143 Greis von ſeinen Gefuͤhlen uͤbermannt; und der Köo⸗ nig, um ihm einige Augenblicke Ruhe zu verſtatten, wandte ſich zu Alexis. „Und Sie,“ ſagte er,„mein ſchoͤner Fuͤhrer, wie haben Sie ſeit unſerem naͤchtlichen Spatziergange Ihre Zeit zugebracht? Aber ich brauche ja nicht zu fra⸗ gen.“ fuͤgte er hinzu, indem er um ſich blickte,— „im Dienſte des Königs und des Koͤnigreichs, indem ſie Untertbanen erzeugten, die ſo getreu ſeyn werden, wie ihre Ahnen.— Ein ſchoͤnes Geſchlecht, bei mei⸗ ner Treu, und ein koͤſtlicher Anblich fuͤr das Auge eines engliſchen Koͤnigs!— Obriſt Everard, wir wer⸗ den Sie hoffentlich zu Whiteball ſehen?““ Hier winkte er dem Wildrake zu.„Und Du Jocoline, Du kannſt doch gewiß Deinen Knotenſtock auch mit einer Hand halten?— Reiche mir die andere.“ Vor Schuͤchternheit zur Erde blickend, und wie ein Stier, der eben ſtoßen will, dehnte Jocolin uͤber die Schulter ſeiner Lady eine Hand aus, die ſo breit und hart war, wie ein hoͤlzerner Teller, und die der Kö⸗ nig mit Goldmuͤnzen anfuͤllte.„Kaufe fuͤr einige da⸗ von einen Kopfputz fuͤr meine Freundin Phoͤbe⸗““ ſagte Carl,„auch ſie hat ihre Pflicht gegen Alr⸗Eng⸗ land erfuͤllt.“ Dann wandte er ſich abermals gegen den Ritter, der ſich zu Sprechen anſtrengte. Er ergriff ſeine be⸗ jahrten Haͤnde mit den ſeinigen, neigte ihm den Kopf zut, um ſeine Töͤne aufzufaſſen, während der alte Mann, indem er ihn mit der anderen zurückhielt, mit zitternder Stimme etwas fagte, das Carl nicht verſtand. Indem er ſich alſo ſo liebreich wie möglich von einer Seene losriß, die ſchmerzlich und beunruhigend zu werden an⸗ fing, ſprach der gutmüthige König mit ungewöhnlicher Deutlichkeit, damit der Greis ihn verſtehen könne:„Die⸗ ſer Ort iſt etwas zu öffentlich für alles was wir uns gegenſeitig zu ſagen haben. Aber wenn Sie den König Carl nicht bald zu Whitehall beſuchen, ſo wird er Ihnen den Louis Kerneguy ſchicken, damit Sie ſehen, wie vernuͤnftig er ſeit ſeiner Reiſe geworden iſt.“ 8 4 144 Sprachs, drückte dem Greis nochmals zärtlich die Hand, verbeugte ſich gegen Alexis und gegen die Umſtehenden und ritt davon; ein Lächeln umzog das ehrwürdige Antlitz des Sir Henry, welches bezeugte, daß er den huldreichen Inhalt der Rede begriffen hatte. Der alte Mann lehnte ſich zurück, und flüſterte vor ſich. „Entſchuldigen Sie mich, daß ich Sie warten ließ, Mylords,“ ſagte der König, als er ſein Pferd beſtieg;„wäre es nicht dieſer guten Leute wegen, ſo hütte Ihr noch lange warten können.— Voran, meine errn!“ Demzufolge ſetzte ſich der Zug wieder in Bewe⸗ gung, der Schall der Trompeten und Trommeln ver⸗ miſchte ſich mit dem Beifalljauchzen, das verſtummt war, ſo lange der König anhielt; kurz der Zug war ſo glän⸗ zend und blendend, daß ſelbſt Alexis für einen Augen⸗ blick ihre Aengſtlichkeit für die Geſundheit ihres Va⸗ ters vergaß, während ihr Auge der langen Reihe des ſtrahlenden Glanzes nachfolgte, der über die Haide zog. Als ſie aber wieder auf Sir Henry blickte, da erſchrack ſie, als ſie bemerkte, daß ſeine Wangen, die während ſeiner Unterredung mit dem Könige einige Farbe bekommen hatten, ſich mit einer Todtenbläſſe überzogen, das ſeine Augen geſchloſſen waren, und ſich nicht wieder öffneten, und daß ſeine Züge ſelbſt in ihrer Ruhe eine Strenge zeigten, die nicht vom Schlafe herrührte. Sie eilten ihm zu Hülfe, aber es war zu ſpät, das Licht, das ſo tief in der Lampe gebrannt hatte, war verloſchen, und verging in ſtiller Selbſtauflöſung. 4 3 Das Uebrige kann man ſich denken. Ich muß nur noch hinzufügen, daß ſein getreuer Hund ihn nur einige Tage überlebte, und daß Bevis Bild abgebil⸗ det iſt, wie er zu den Fuͤßen ſeines Herrn liegt, auf dem Grabmale, das errichtet ward, dem Andenken des Sir Henry Lee von Ditchley. Ende des fünften und letzten Theils. ſſſſnſſiſſſſſſſſiſſſſſiiſſſſſſſſſnnſiſiſſſſ imn 3 1 durqraaawqwmn 8 9 10 11 12 1 4 15 16 18 4