„——---—= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 5„„„ 3„ 3„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird d — 1 — 7 1☛ — Walter Scott's ſaͤmmtliche W e r k —— Neu uͤberſetzt. Dreizehnter Band. Woodſtock o der d e r Ri elker. Eine Erzaͤhlung aus dem Jahre ſ echszehn hundert ein und fuͤnfzig. 6 Vierter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1 8 2 6. Woodſtock oder d er Ritter. Eine Erzaͤhlung aus dem Jahre ſechszehn hundert ein und fuͤnfzig. Vom Verfaſſer des Waverley, der Erzaͤhlungen von den Kreuzfahrern ꝛc. Er war ein ganz vollkommner Ritter Chaucer. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von Carl Weil. Bierter Tbhei l. ——— —⏑ÿ⏑—ᷣ—ÿ—ÿ;— Stuttgart 7 bei Gebruder Franckh. 182 6. Woodſtock oder d e r Ri tz e r. Eine Erzaͤhlung aus dem Jahre ſechszehn hundert ein und fuͤnfzig. — Erſtes Kapitel. — —— denn der Thron Der Könige, der von Golde ſchimmert, iſt Das Obdach der Verlaſſenen— hier ſteht Die Macht und die Barmherzigkeit— es zittert Der Schuldige, vertrauend naht ſich der Gerechte. (Jungfrau v. Orleans.) Abbert Lee fand die Geſellſchaft, welche aus ſei⸗ nem Vater, ſeiner Schweſter und dem vermeintlichen Pagen beſtand, beim Fruͤhſtuͤck ſitzend, und auch er nahm an dem Tiſche Platz. Er war ein nachdenken⸗ der aufmerkſamer Beobachter deſſen was vorging, waͤhrend der Page, der ſchon vollkommen das Herz des guten alten Ritters dadurch erobert hatte, daß er die Weiſe nachahmte, mit welcher die ſchottiſchen Geiſtlichen zu Gunſten meines guten Lord Markis von Argple und des feierlichen Bundes und Cove⸗ nant's predigten, nun damit beſchaͤftigt war, die ſchoͤne Aleris durch Erzaͤhlungen von ſolchen kriegeriſchen ein ſehr junges Maͤdchen, großer Zuruͤckgezogenheit erzogen worden 1 6 und gefaͤhrlichen Abenteuern zu gewinnen, die ſeit den Zeiten der De sdemong immer fuͤr das weibliche Ohr anziehend waren. Aber nicht bloß von Gefahren zur See und zu Lande ſprach der verkleidete Page; ſondern noch viel mehr und viel oͤfter von fremden Gaſtmaͤhlern, Bangnetten und Baͤllen, wo der Stolz Frankreichs⸗ Spaniens oder der Niederlande in ihren glaͤnzendſten Schoͤnheiten dargeſtellt war. Alexis war die in Folge des Buͤrger⸗ uz auf dem Lande und ſehr oft mit war; es war alſo gewiß kein Wunder, wenn ſie mit lauſchendem Ohre und freundlichem Laͤcheln auf das hörte, was der junge Edelmann, ihr Gaſt und ihres Bruders Schuͤtzling, mit ſo vieler Frohlichkeit erzaͤhlte und mit einem Schatten gefaͤhrlicher Abenteuer und zuweilen ſogar mit ernſten Betrachtungen vermiſchte, ſo daß man das Geſpraͤch nicht als unbedeutend und gewoͤhn⸗ lich betrachten konnte 3 Mit einem Worte, Sir Henry Lee lachte, Ale⸗ ris laͤchelte von Zeit zu Zeit, und alle waren guter Laune, Albert ausgenommen, der ſich ſelbſt kaum reinen hinreichenden Grund fuͤr die Duͤſterheit ſeines Geiſtes anzugeben wußte. Endlich ward das Fruͤhſtuͤck unter der thaͤtigen Oberaufſicht der zierlichen Phoͤbe weggeraͤumt. Dieſe krieges faſt ga ſah ſich mehr als einmal um, um auf die fließenden Reden ihres neuen Gaſtes zu horchen, den ſie am ver⸗ L 7 gangenen Abend fuͤr einen der bloͤdſinnigſten Men⸗ ſchen gehalten hatte, dem ſich ſeit den Zeiten der ſchoͤnen Roſamunde die Thore von Woodſtock geoͤffnet hatten. Als ſie nun zu Vieren im Zimmer zuruͤckbieben, ohne von den Bedienten und dem Geraͤuſch geſtoͤrt zu werden, welches das Auftragen des Eſſens verur⸗ ſachte, da fühlte Louis Kerneguy, daß er ſeinen Freund und gegenwaͤrtigen Beſchuͤtzer Albert nicht gar zu ſehr aus dem Geſpraͤche ausſchließen duͤrfe, waͤhrend er ſelbſt die Aufmerkſamkeit der Familie, mit welcher er erſt vor Kurzem bekannt geworden war, in Anſpruch nahm. Er trat alſo hinter ſeinen Sti 5 ſtuͤtzte ſich auf die Lehne, und ſprach mit gem Tone:„entweder hat mein guter Fre rer und Herr heute morgen ſchlimmere— hten gehoͤrt, als er uns mitzutheilen für gut findet, oder er muß uͤber meine geflickte Jacke und ledernen Ho⸗ ſen gefallen ſeyn, und durch Sym die ganze Maſſe der Bloͤoſinnigkeit angenommen e ich in der vergangenen Nacht mit dieſen h merlichen Kleidern wegwarf. Seyen Sie he mei theurer Oberſt Albert, wenn Ihr ergebener Page es zu ſagen wagen darf.— Sie ſind bei denen, deren Geſellſchaft ſchon dem Fremden und alſo Ihnen dop⸗ pelt theuer ſeyn muß. Alle Welt Freund, ſeyen Si doch froͤhlich! Ich habe Sie bei Brod und Waſſer lu⸗ au ſtig geſehen, warum ſind Sie bei Rheinwein be⸗ truͤbt?“ „Mein theurer Louis,“ ſagte Albert, der ſich ſeines eigenen Stillſchweigens ein wenig ſchaͤmte, „jich habe ſchlecht geſchlafen, und bin noch fruͤher auf⸗ geweſen als Sie.“ „Es mag ſeyn,“ ſagte ſein Vater;„doch iſt das keine genuͤgende Entſchuldigung fuͤr Dein gaͤnz⸗ liches Stillſchweigen. Albert Du haſt nach ſo langer Trennung Deine Schweſter und mich wie Frem⸗ de begruͤßt, und biſt doch ſicher zuruͤckgekehrt und findeſt uns wohl.“—„Zuruͤckgekehrt bin ich freilich—aber was Sicherheit anbelangt, mein theurer Vater, ſo muß dieſes Wort den Leuten von Worceſter fuͤr ei⸗ nige Zeit fremd bleiben. Doch iſt es nicht meine ei⸗ gene Sicherheit um die ich aͤngſtlich bin“ „Und um weſſen Sicherheit ſollteſt Du dann aͤngſtlich ſeyn? Alle Berichte ſtimmen ja damit uͤber⸗ ein, daß der Koͤnig ſicher aus den Krallen des Hun⸗ des entkommen iſt.“ „Doch nicht obhne weitere Gefahr,“ fuͤgte Lud⸗ wig hinzu; denn er dachte an ſein geſtriges Zuſam⸗ mentreffen mit Bevis. „Nein, nicht ohne einige Gefahr,“ wiederholte der Ritter,“ aber wie der alte Will ſagte: Solch eine Göttlichkeit umgibt den König Daß kein Verrath ſich ſeiner nahen darf. Nein, nein, Gott ſey Dank, dafuͤr iſt geſorgt; 1 9 unſere Hoffnung und unſer Gluͤck iſt entflohen, allen Nachrichten zu Folge— von Briſtol entflohen. Wenn ich es nicht glaubte Albert, ſo wuͤrde ich ſo traurig ſeyn wie Du. Uebrigens war ich einen Monat lang in dieſem Hauſe verborgen, zur Zeit als jede Ent⸗ deckung mir den Tod gebracht haben wuͤrde, und das nach dem Auſſtand des Lord Holland und des Her⸗ zogs von Buckingham zu Kingſton: und wahrhaftig Freund, mir fiel es nicht ein, meine Stirne nur ein⸗ mal in ſo tragiſche Falten zu legen, wie die Deinige, ſondern ich ertrug mein Ungluͤck wie es die Pflicht eines Royaliſten iſt.“ „Wenn ich ein Wort darein reden darf“ ſagte Louis,„ſo wuͤrde ich den Oberſt Albert Lee verſichern, daß ich glaube, dem Koͤnige, wo er ſich auch befinden mag, wird ſein Schickſal nur um ſo viel haͤrter ſeyn, wenn ſeine getreueſten Unterthanen ſeinetwegen in Angſt und Kummer ſchweben.“ „Sie antworten kuͤhn fuͤr den Koͤnig, junger Mann“ ſagte Sir Henry. 3 „O mein Vater war viel um des Koͤnigs Perſon⸗ antwortete Louis, der ſich ſeiner gegenwaͤrtigen Rolle wieder erinnerte. „Dann iſt es kein Wunder“ ſagte Sir Henry, „daß Sie Ihre Bildung und Erziehung ſobald wieder erlangten, als Sie von der Flucht Seiner Majeſtaͤt hoͤrten. Wahrlich Sie gleichen dem Jünglinge von geſtern Nacht, wie der beſte Renner den ich jemals ſah, mit einem Zugvferde zu vergleichen iſt. Aber da dein Vater ein Hofmann war und Du wahrſcheinlich 1o 7 etwas von dem Handwerke gelernt haſt, ſo erzaͤhle uns Meiſter Kerneguy ein wenig von ihm, von dem wir am liebſten hoͤren— von dem Koͤnige; wir ſind alle ſicher und verſchwiegen; Sie brauchen ſich nicht zu fuͤrchten. Er war ein hoffnungsvoller Juͤngling; ich bin uͤberzeugt, daß ſein gluͤhender Buſen nun Fruͤchte zu bringen verſpricht.“ Als der Ritter das ſprach, blickte Louis zu Boden und ſchien zuerſt zu ſchwanken, was er antworten ſolle. Aber geſchickt wand er ſich aus dieſer Schwie⸗ rigkeit heraus, indem er antwortete:„er koͤnne wirk⸗ lich nicht uͤber einen ſolchen Gegenſtand in Gegenwart ſeines Herrn des Oberſten Albert Lee ſprechen, da die⸗ ſer den Charakter des Koͤnig Carls weit beſſer beur⸗ theilen wuͤrde, als er es im Stande waͤre.“ Hierauf ward Alberr von dem Ritter und Alexis beſtuͤrmt, ihnen Auskunft uͤber den Charakter Sr. Ma⸗ jeſtaͤt zu geben.„Ich will nur nach Thatſachen ſpre⸗ chen“ ſagte Albert„auf dieſe Weiſe muß man mich von aller Partheilichkeit frei ſprechen. Beſaͤße der Koͤ⸗ nig keinen Unternehmungsgeiſt und kein militaͤriſches Wiſſen, ſo wuͤrde er nie die Schlacht bei Worceſter gewagt haben; beſaͤße er keinen perſoͤnlichen Muth, ſo haͤtte er ſie nicht ſo lange ſtreitig gemacht, daß ſelbſt Cromwell ſie faſt fuͤr verloren hielt. Daß er klug und geduldig iſt, kann man aus den Umſtaͤnden 11 ſeiner Flucht cbi eßen, und daß er die Liebe ſeiner Unterthanen beſitzt, iſt deutlich, da er, gewiß von Vie⸗ len gekannt, doch von N iemanden verrathen wurde.““ „Schaͤme dich Albert“ erwiederte ſeine Schweſter; „iſt das die Weiſe, mit weicher ein guter Royaliſt den Charakter ſeines Fürſten beſchreibt, indem er bei jeder Figenſchat ein Beiſpiel anfuͤhrt, wie ein Kraͤ⸗ mer, welcher Leinn mit der Elle mißt? Schaͤme dich! es iſt kein Wunder, daß ihr geſchlagen wurdet, wenn ihr ſo kalt fuͤr Euern König kaͤmpftet, wie ihr jetzt von ihm ſprecht.“ „Ich that mein Moͤglichſtes, um eine Aehnlich⸗ keit von dem Original zu zeichnen, das ich ſah und kannte, Schweſter Aleris,“ erwiederte ihr Bruder. Wuͤnſcheſt du aber ein Phantaſtegemaͤlde, ſo mußt Du Dir einen Kuͤnſtler ſuchen, welcher mehr Einvildungs⸗ kraft beſitzt, als ich.“ „So will ich dertüpftler ſelbſt ſeyn“ ſagte Alexis „und in meinem uſer Monarch ſich dar⸗ ſtellen, wie er ſeyn ſollte vei einer hohen Wuͤrde— wie er ſeyn muß bei ſeinem tiefen Fall— ſo wie er ge⸗ wißlich iſt und wie jedes getreue Herz im Koͤnigreiche ihn halten ſoll.“⸗ „Gut geſagt“ ſprach der alte Ritter.„Sieh auf dieſes Bild und auf jenes! Hier unſer junger Freund ſoll urtheilen. Ich wette mein beſtes Pferd,(das heißt ich wuͤrde es wetten, wenn ich noch eines hätte:) das ſich Alexis als der beſſere Maler bewaͤhrt. Ich glaube das Gehirn meines Sohnes iſt ſeit ſeiner Nie⸗ derlage immer noch benebelt— er hat den Staub von Worceſter noch nicht herausgeklopft. Er ſchaͤme Dich! Ein junger Mann und niedergeſchlagen zu ſeyn, weil er einmal unterlag! Waͤr'ſt Du wie ich zwanzigmal geſchlagen worden, dann duͤrfteſt Du ſo ernſt ausſehn. Aber komm Alexis, die Farben ſind auf Deinem Pal⸗ lete gemiſcht— bringe ein Vandikartiges lebens⸗ kraͤftiges Bild hervor, und ſtelle es neben die trocke⸗ ne Darſtellung unſeres Ahnen Vietor Lee.“ Man muß hier bemerken, daß Alexis von ihrem Vater in den Principien des hoͤchſten faſt uͤbertriebe⸗ nen Royalismus erzogen worden war, welchem ſich die Ritter hingaben und daß ſie wirklich eine Schwaͤrme⸗ rin fuͤr die koͤnigliche Sache war. Ueberdieß war ſie wegen der gluͤcklichen Zaruͤckkanft ihres Bruders bei guter Laune, und wuͤnſchte die Froͤhlichkeit ihres Va⸗ ters zu verlaͤngern, da dieſer ſchon in langer Zeit nicht ſo gluͤckſelig war. „In Gottes Namen“ ſagte ſie„obgleich ich kein Apelles bin, will ich es doch verſuchen einen Alexander zu malen, ſo wie ich ihn in der Perſon unſeres ver⸗ bannten und hoffentlich bald wieder eingeſetzten Sou⸗ verains hoffe— und zu glauben entſchloſſen bin. Ich werde nicht uͤber ſeine eigene Familie hinausgehen.— Er ſoll allen ritterlichen Math und alle Kriegskennt⸗ niß ſeines Ahnen Heinrichs von Frankreich beſitzen, um ihm den Thron⸗wieder zu verſchaffen;— alle ſei⸗ —— — 13 ne Gute, ſeine Liebe zu ſeinem Volke, ſeine Geduld ſelbſt bei unerbetenem Rathe, ſeine Aufopferung eigener Wuͤnſche und Vergnuͤgungen fuͤr das all⸗ gemeine Wohl, damit er, wenn er einſt darauf ſitzt, bei ſeinem Leben geſegnet werde, und man ſich ſeiner nach ſeinem Tode noch ſo lange erinnere, daß man es in ſpaͤten Jahrhunderten noch fuͤr eine Gotteslaͤſte⸗ rung hatte, eine Verlaͤumdung gegen den Thron aus⸗ zuſprechen, den er einſt zierte. Lange nach ſeinem Tode, wenn nur noch ein Greis uͤbrig bliebe, der ihn ſah, waͤre auch der Stand des Uberlebenden nicht hoͤher als ein Stallknecht oder ein Bedienter, ſo ſoll doch auf Koſten des Staates fuͤr ſein Alter geſorgt und ſeine grauen Haare mit groͤßerer Achtung be⸗ trachtet werden, als eine Grafen⸗Krone, weil er ſich des zweiten Carl erinnert, des Herrſchers aller eng⸗ liſchen Herzen!“ Waͤhrend Alexis ſprach, dachte ſie kaum an die Gegenwart eines Anderen auſſer ihres Vaters und ihres Bruders; denn der Page hatte ſich aus dem Kreiſe zuruͤckgezogen, und nichts erinnerte ſie an ihn. Sie ließ alſo ihrem Enthuſigsmus die Zuͤgel, und als die Thraͤnen in ihrem Auge glaͤnzten, und ihre ſchoͤnen Zuͤge ſich belebten, da ſchien ſie ein vom Him⸗ mel herabgeſtiegener Cherub, welcher die Tugenden eines Vaterlandsliebenden Monarchen verkuͤndet. Die Perſon, welche die Beſchreibung am meiſten anzog, zog ſich, wie ſchon geſagt, zuruͤck, und verbarg ſeine 3 14 8 Zuͤge, jedoch ſo, daß er die ſchoͤne Rednerin voͤllig im Auge behalten konnte. Albert Lee, welcher wußte, in weſſen Gegenwart dieſe Lobrede ausgeſprochen wurde, fuͤhlte ſich ſehr verlegen; aber ſein Vater, deſſen ſammtlichen Gefuͤhlen dadurch geſchmeichelt wurde, war entzuͤckt. „ So viel vom Koͤnige, Alexis,“ ſagte er,„nun vom Menſchen.“ „Was den Menſchen betrifft,“ erwiederte Aleris in demſelben Tone,„ſo brauche ich ihm nicht mehr zu wuͤnſchen, als die Buͤrgertugenden ſeines ungluͤck⸗ lichen Vaters, dem ſelbſt ſeine aͤrgſten Feinde zugege⸗ ben haben, daß, wenn Moral, Tugend und Religion als die Eigenſchaften gewaͤhlt wurden, welche eine Krone verdienten, niemand ein hoͤheres und unwider⸗ ſtreitbares Recht auf deren Beſitze habe, als er. Maͤßig, weiſe und ſparſam, aber freigebig in der Be⸗ lohnung des Verdienſtes— ein Freund der Wiſſen⸗ ſchaften und der Muſen, aber ſtreng gegen den Miß⸗ brauch dieſer Gaben— ein wuͤrdiger Gentleman— ein guͤtiger Herr— der beſte Freund— der beſte Vater— der beſte Chriſt.—“ Ihre Stimme fing an, unſicher zu werden, und ſchon hielt ihr Vater ſein Taſchentuch vor die Augen. „Er war es, Madchen— er war es!—“ rief Sir Henry aus;„aber nichts mehr davon, ich bitte Dich— nichts meyr davon— genug; moͤge ſein Sohn nur ſeine Tugenden, beſtere Rathgeber und beſſeres — 15 Gluͤck beſitzen, ſo wird er Alles ſeyn, was Englands waͤrmſte Wunſche erwarten.“ Es entſtand eine Pauſe; denn Alerxis fuͤhlte, daß ſie fuͤr ihr Geſchlecht und fuͤr ihr Alter zu frei und zu eifrig geredet hatte. Sir Henry war in Betrach⸗ tungen uüber das Schickſal ſeines verſtorbenen Souve⸗ rains vertieft, waͤhrend Kerneguy und ſein vermeint⸗ licher Herr ſich vielleicht deßwegen beſonders verlegen fuͤhlten, weil ſie wußten, wie ſehr fern der wirtliche Carl von dieſem idealiſchen, mit ſchimmernden Far⸗ ben gezeichneten Character war. In manchen Faͤllen wird ein uͤbertriebenes, unpaſſendes Lob die haͤrteſte Satyre. Aber dieſe Betrachtungen waren nicht der Art, daß ſich die Perſon, welcher ſie zu großem Nutzen haͤt⸗ ten dienen koͤnnen, ihnen lange uͤberlaſſen haͤtte. Er⸗ nahm einen ſpottenden Ton an, was vielleicht die be⸗ quemſte Weiſe iſt, den Vorwuͤrfen einer inneren Stim⸗ me zu entgehen.„Ein jeder Ritter“⸗ ſagte er,„ſollte zum Dank ſein Knie vor Fraͤulein Alexis Lee beugen, weil ſie ein ſo ſchmeichelhaftes Bild von dem Konige ihrem Herrn gemacht; indem ſie zu ſeinen Gunſten die Tugenden aller ſeiner Ahnen in Anſpruch nahm; — nur von einem Punkte haͤtte man erwarten ſol⸗ len, daß ein weiblicher Maler ihn nicht mit Still⸗ ſchweigen ubergehen wuͤrde. Wenn ſie ihn ſeinem Ahnen und Vater zu Liebe, zu einem Muſter koͤnig⸗ licher und perſonlicher Vortrefflichkeiten machte, warum konnte ſie ihn nicht zu gleicher Zeit mit den perſon: 16 lichen Reitzen ſeiner Mutter begaben?— Warum ſollte der Sohn der Henrietta Maria, des ſchoͤnſten Weibes ihrer Zeit, nicht die Empfehlung eines ſchöͤ⸗ nen Antlitzes und einer ſchoͤnen Geſtalt mit ſeinen inneren Eigenſchaften paaren? Er hat daſſelbe Erb⸗ recht auf Schoͤnheit wie auf Geiſtesvollkommenheit, und mit dieſer Hinzufuͤgung wuͤrde das Gemaͤlde auf ſeine Weiſe vollkommen ſeyn— Gott gebe nur, daß es auch aͤhnlich waͤre!“ „Ich verſtehe Sie, Mr. Kerneguy,“ ſagte Alexis, „aber ich bin keine Fee, um wie in Ammenmaͤhrchen Gaben zu verleihen, welche die Vorſehung verweigerte. Ich bin Weib genug, auch daruͤber Nachforſchungen angeſtellt zu haben, und ich habe allgemein gehoͤrt, daß der Koͤnig, obgleich er der Sohn ſo ſchoͤner El⸗ tern iſt, in dieſer Hinſicht von der Natur ungewoͤhn⸗ lich zuruͤckgeſetzt wurde.“ „Guter Gott, Schweſter!“ rief Albert, der un⸗ geduldig von ſeinem Stuhl aufſprang. „Was denn? Du haſt es mir ja ſelbſt geſagt,“ ſagte Aleris voll Verwunderung uͤber die Unruhe, welche er zeigte;„und Du ſagteſt—“ „Das iſt unausſtehlich,“ brummte Albert— „ich muß unverzuͤglich hinausgehen und mit Jocolin ſprechen. Louis,(mit einem bittenden Blick auf Kerneguy) Sie werden doch gewiß mit mir gehen?“ „Ich 17 „Ich moͤchte es von ganzem Herzen,“ ſagte Ker⸗ neguy boshaft lachend;„aber Sie ſehen, daß ich im⸗ mer noch an meiner Laͤhmung leide.— Nein, nein, Albert,“ fluſterte er ihm zu, indem er den Verſuchen des jungen Lee widerſtand, welcher ihn bewegen wollte, das Zimmer zu verlaſſen,„kannſt du glauben, ich waͤre Thor genug, mich dadurch beleidigt zu fuͤhlen?— Im Gegentheil, ich wuͤnſche Nutzen daraus zu ziehen.“ „Gott gebe es!“ ſagte Lee zu ſich ſelbſt, als er das Zimmer verließ—„es waͤre die erſte Vorleſung, aus der Sie jemals Nutzen zogen; und der Teufel hole alle Plaͤne und Plaͤnemacher, welche mich dazu be⸗ wogen, Sie hieher zu bringen!“ So ſprechend, trug er ſein Mißvergnuͤgen in den Park.— Zweites Kapitel. Denn hier, ſo ſagt man, geht er täglich um Mit zügelloſen, frechen Freunden; und er, ein junger, ſchwacher, weib'ſcher Knabe, Er rechnet es ſich noch zur Ehre an, Daß er die frechen Buben füttern darf. Richard II. Die Unterredung, welche Albert vergeblich zu un⸗ terbrechen geſucht hatte, ging, nachdem er das Zimmer verlaſſen hatte, auf dieſelbe Weiſe fort. Es unter⸗ hielt den Louis Kernegup, denn perſbnliche Eitelkeit, W. Seott's Werke. XIII., 18 oder ein uͤbertriebenes Bewußtſeyn, Tadel zu verdie⸗ nen, gehörte nicht zu den Fehlern ſeines Charakters, und vertrug ſich auch keineswegs mit ſeiner Vernunft, die, waͤre ſie mit groͤßerer Feſtigkeit in Grundſaͤtzen, mit kraͤftigem Willen und mit Selbſtentſagungen ge⸗ paart geweſen, dem Koͤnig Carl einen hohen Platz auf der Liſte der Monarchen verſchafft haͤtte. Auf der andern Seite horchte Sir Henry mit natuͤrlichem Entzuͤcken auf die edlen Geſinnungen, die ein ſo ge⸗ liebtes Weſen wie ſeine Tochter ausſprach. Die Rolle, die er dabey ſpielte, ſchien dauernder, als ſie glaͤnzend war; denn er hatte jene Art der Einbildungskraft, welche ohne Beihuͤlfe anderer nicht leicht bewegt wird, ſo wie die elektriſche Scheibe nur dann Funken ſpruͤht, wenn man ſie gegen eine andere reibt. Es war ihm alſo recht, daß Kerneguy die Unterredung durch die Bemerkung fortſetzte, daß Fraͤulein Alexis Lee nicht erklaͤrt haͤtte, warum dieſelbe gute Fee, welche ſo reich⸗ lich mit moraliſchen Eigenſchaften ausſtatte, nicht auch koͤrperliche Fehler verhindern koͤnne. „Sie mißverſtehen mich, Herr,“ ſagte Aleris,„ich ſtatte mit gar nichts aus. Ich verſuche es nur, un⸗ ſern Koͤnig zu malen, ſo wie ich hoffe, daß er iſt, ſo wie ich ſicher bin, daß er ſeyn kann, wenn er es wuͤnſcht. Dieſelben allgemeinen Berichte, welche ſeine Zuͤge als uneinnehmend ſchildern, ſagen, daß ſeine Talente vom erſten Range ſind. Er beſitzt alſo die Miittel, zur Vortrefflichkeit zu gelangen, wenn er ſie 7 19 eifrig ausbildet, und nuͤtzlich anwendet.— Wenn er ſeine Leidenſchaften beherrſcht und ſich von ſeinem Verſtande leiten laͤßt. Ein jeder Gute kann nicht immer vernuͤnftig ſeyn; aber es ſteht in der Macht eines jeden Vernuͤnftigen, wenn er will, eben ſo vor⸗ zuͤglich an Tugenden zu ſeyn, wie an Talenten.“ Der junge Kerneguy ſtand ploͤtzlich auf und ging in der Stube auf und ab; aber ehe noch der Ritter eine Bemerkung uͤber die ſonderbare Lebhaftigkeit ma⸗ chen konnte, die ihn ergriff, hatte jener ſich ſchon wie⸗ der auf ſeinen Stuhl geſetzt und ſprach mit etwas veraͤnderter Stimme:„es ſcheint alſo, Fraͤulein Ale⸗ ris, daß die guten Freunde, welche Ihnen dieſen ar⸗ men Koͤnig beſchrieben haben, ebenſo unguͤnſtig in ih⸗ rem Berichte hinſichtlich ſeiner Moralitaͤt als ſeiner Perſon geweſen ſind?“ „Die Wahrheit muß Ihnen wohl beſſer bekannt ſeyn, Herr,“ ſagte Alexis,„als es bey mir der Fall ſeyn kann. Einige Geruͤchte ſind im Umlauf geweſen, welche ihn einer Ausſchweifung beſchuldigen, die, was auch die Schmeichler ſagen moͤgen, doch wenigſtens dem Sohn des Maͤrtyrers keineswegs ziemten— ich wuͤrde mich gluͤcklich fuͤhlen, wenn ich ſie durch einen glaub⸗ wuͤrdigen Zeugen widerlegt faͤnde.“ „Ich wundere mich uͤber deine Thorheit,“ ſagte Sir Henry Lee,„daß du ſo etwas anfuͤhrſt, Alexis; ein Stein des Anſtoſſes, erfunden von den Schurken, 2.. ¹ 20 welche ſich der Regierung bemaͤchtigt haben— ein von den Feinden verbreitetes Geruͤcht.“ „Nein, Herr,“ ſagte Kerneguy lachend,„wir — muͤſſen in unſerem Eifer unſeren Feinden nicht noch mehr zur Laſt legen als ſie ohnehin verdienen. Fraͤu⸗ lein Aleris hat mir die Frage vorgelegt. Ich kann darauf nur erwiedern, daß niemand dem Koͤnige inniger — ergeben ſeyn kann als ich,— daß ich ſehr parteiiſch fuͤr ſeine Verdienſte und blind fuͤr ſeine Fehler bin— .— daß ich endlich der Letzte ſeyn wuͤrde, der ſeine Sache aufgibt, ſo lange ſie noch zu vertheidigen iſt. Den⸗ 3 noch muß ich geſtehn, daß, wenn auch die Vorzuͤge ſeines Ahnen von Navarra ſich nicht ſaͤmmtlich auf ihn vererbt haben, der arme Koͤnig doch einen Theil des Fleckens beſitzt, von dem man glaubt, daß er den Glanz des großen Fuͤrſten verdunkelte— daß Carl ein wenig weichherzig ſcheint, wo die Schoͤnheit im Spiele iſt.— Tadlen Sie ihn deßwegen nicht allzuſehr, mein ſchi nes Fraͤulein Aleris, wenn der Unſtern eines Manm G nes ihn zwiſchen Dornen treibt, waͤre es nicht hart wenn man ihm verbieten wollte, ſich mit den weni⸗ gen Roſen zu erfreuen die er unter ihnen findet?“ Alexis, welche wahrſcheinlich glaubte, das Geſpraͤh waͤre ſchon weit genug gediehen, ſtand auf, waͤhrend Mr. Kerneguy ſprach, und hatte das Zimmer ſchon ver⸗ laſſen ehe er geendigt hatte, ohne dem Anſcheine nach, die Frage zu hoͤren mit welcher er ſchloß. Ihr Vater billigte ihr Weggehn, denn er hielt die Wen⸗ 21 dung welche Kerneguy dem Geſpraͤche gegeben hatte in ihrer Gegenwart nicht fuͤr ſehr paſſend. Da er nun auf eine hoͤfliche Weiſe die Unterredung abbre⸗ chen wollte ſo ſagte er:„Ich ſehe, es iſt jetzt die Zeit wo die Geſchaͤfte der Haushaltung meine Tochter ab⸗ rufen; ich biete Ihnen, junger Freund alſo an, einen Gang mit mir zu machen, entweder mit dem Rap⸗ piere, dem Florete oder dem Dolche, oder wenn es Ihnen lieber iſt, mit Ihren Nationalwaffen; denn ich denke wir werden Kriegswerkzeuge aller Art in der Halle finden. Es wuͤrde eine zu hohe Auszeichnung ſeyn, ſagte Mr. Kerneguy, wenn es einem armen Pagen geſtat⸗ tet ſeyn ſollte, mit einem ſo beruͤhmten Ritter wie Sir Henry Lee einen Gang mit den Waffen zu ma⸗ chen, und er hoffe einer ſo großen Ehre noch theil⸗ haftig zu werden, ehe er Woodſtock verlaſſe; aber fuͤr jetzt verurſache ihm ſeine Laͤhmung noch ſo viel Schmer⸗ zen, daß er ſich des Verſuches ſchaͤmen muͤßte. Hierauf ſchlug ihm Sir Henry vor, ein Trauer⸗ ſpiel von Shakespeare zu leſen, und oͤffnete Koͤnig Richard II. Aber kaum hatte er mit den Worten angefangen: „Mein alter Oheim John von Gaunt, mein ſtets geehrter Lancaſter.“ Als der junge Edelmann ſo entſetzliche Kraͤmpfe bekam, daß ihn nur augenblickliche Bewegung davon befreien konnte. Er bat alſo um die Erlaubniß, ei⸗ 22 nen Augenblick im Park herumſtreifen zu duͤrfen, wenn Sir Henry Lee glaube, daß er es ohne Gefahr wagen koͤnne. „Ich kann fuͤr die zwei oder deei⸗ Leute ſtehen, welche in unſerem Hauſe geblieben ſind,“ ſagte Sir Henry;„und ich weiß, daß Ihnen mein Sohn auf⸗ getragen hat, beſtaͤndig auf ihrer Huth zu ſeyn. Wenn Sie die Glocke des Jäͤgerhaufes laͤuten hoͤren, ſo rathe ich Ihnen, bei der Konigseiche vorbei, die 1— Sie dort hervorragen ſehen, ſogleich nach Hauſe zu gehen, dort wird Sie Jemand erwarten, um Se heimlich in das Haus zu fuͤhren.“ Der Page horchte auf dieſe Vorſichtsmaasregeln mit der Ungeduld eines Schulknaben, der, wuͤnſchend ſeinen Feiertag zu genießen, dem Rathe ſeines Leh⸗ rers oder ſeiner Eltern, ſich nicht zu erkaͤlten ohne Aufmerkſamkeit zuhoͤrt.. Ddie Abweſenheit der Aleris Lee hatte alles An⸗ genehme aus dem Jaͤgerhauſe entfernt, und der le⸗ bensluſtige junge Page entzog ſich mit Eile den Uebungen und Vergnuͤgungen, welche Sir Henry vorgeſchlagen hatte. Er guͤrtete ſein Schwerdt um, warf ſeinen Mantel, oder vielmehr den, welcher zu ſeiner er⸗ borgten Garderobe gehoͤrte uͤber, ſo daß der untere Theil des Geſichtes dadurch verhuͤllt war, und nur die Augen frei blieben; was zu dieſer Zeit eine ſehr gebraͤuchliche Art war, ihn ſo wohl auf der Straße, ale auf der Heerſtraße und auf oͤffentlichen Plaͤtzen 23 zu tragen, wenn man allein bleiben wollte, oder den Be⸗ gruͤßungen auf dem Marktplatze zu entgehen ſuchte. Er durcheilte den offenen Raum, welcher das Jaͤger⸗ haus von dem Parke trennte mit der Eile eines Vo⸗ gels, der ſeinem Kaͤfig entflogen iſt, und der, ob⸗ gleich er ſich ſeiner Freiheit freut, doch fuͤhlt, daß er des Schutzes und des Obdaches bedarf. Der Park ſchien dieſe dem menſchlichen Fluͤchtling wie dem ge⸗ fiederten zu gewaͤhren. Hier unter dem Schatten der Zweige im Bezirke des Forſtes, geſchuͤtzt vor Bemerkungen, wo er die Fronte des Jaͤgerhauſes und den freien Platz davor uͤberſehen konnte, hier dachte der vermeintliche Louis Kerneguy an ſeine Flucht. „Welch eine Aufgabe— mit einem alten Poda⸗ griſten zu fechten, der gewiß keinen Stoß kennt, der nicht ſchon zu den Zeiten des alten Vinzent Saviolo bekannt geweſen waͤre, oder, in der Wahl des Er⸗ baͤrmlichen, ihn eine von dieſen tollen Scenen leſen zu hoͤren, welche die Englaͤnder ein Trauerſpiel nen⸗ nen, von Prolog zu Epilog— vom„Hereintritt der Erſten“ bis zum ſchließlichen exunt omnes,— ein unvergleichliches Entſetzen— eine Pein, die einen jeden Kerker verdunkeln, und ſelbſt Woodſtock noch verſchlimmern koͤnnte.“ Hier hielt er ein und ſah um ſich, dann fuhr er in ſeinen Betrachtungen fort,“— So— alſo hier war es, wo der froͤhliche alte Normann ſeine ſchoͤne 24 Geliebte verbarg— ohne ſie geſehen zu haben, will ich darauf wetten, daß Roſamunde Clifford nie halb ſo ſchoͤn war als dieſe Aleris Lee. Welch eine Seele ſpricht aus dem Auge des Maͤdchens! Mit welcher Hintanſetzung alles uͤbrigen außer dem Ausdrucke des augenblicklichen Reitzes ergoß ſich die Fluth ihres Feuereifers; waͤre ich lange hier, ſo würde ich trotz aller Vernunft und eines halben Dutzend ſehr ehr⸗ wuͤrdiger Hinderniſſe es verſuchen, ſie mit dem gleich⸗ guͤltigen Geſichte deſſelben ubel begabten Fuͤrſten zu verſoͤhnen.— Uebel begabt! 3 Es iſt eine Art von Hochverrath, fuͤr jemanden der ein ſo eifriger Royaliſt ſeyn will, ſich ſo von den Zuͤgen des Koͤniges auszudruͤcken, und meiner Mei⸗ nung nach verdient es Strafe. Ach ſchoͤnes Fraͤulein 3 Aleris! gar manches Fraͤulein vor Ihnen hat ſchon entſetzlich uͤber die Unbeſtaͤndigkeit der Maͤnner und uͤber die Verderbtheit des Zeitalters geſchimpft, und war doch zuletzt froh, fuͤr ſich ſelbſt eine Entſchuldi⸗ gung zu finden. Aber ihr Vater— der kraͤftige alte Ritter— meines Vaters alter Freund— wuͤrde es ihm nicht das Herz brechen? Ach was, wenn ich ſeinem Enkel das Recht gebe, das Wappen von Eng⸗ land zu tragen, was ſchadet es denn auch, wenn ein ſchwarzer Querbalken es durchzieht? Bſt! weit ent⸗ fernt zu erniedrigen iſt es js noch etwas mehr— bei ihrer naͤchſten Unterſuchung werden ihm die Heraldi⸗ ker deßwegen noch eine hoͤhere Stelle auf zihrer 25 Rolle anzeigen. Und wenn er auch zuerſt ein wenig ſammert, verdient es denn der alte Verraͤther nicht? Erſtlich wegen ſeiner unroyaliſtiſchen Abſicht, meinen geſalbten Koͤrper mit ſeinen verzweifelten Rappieren braun und blau zu ſchlagen— zweitens ſein abſcheuli⸗ cher Complott mit Will Shakespeare, ein Burſche, der eben ſo ſehr außer der Mode iſt, wie er ſelbſt, um mich mit fuͤnf Akten eines hiſtoriſchen Trauer⸗ ſpiels oder einer Chronik tod zu leſen,„als welche darſtelltt das jammervolle Leben und den Tod Ri⸗ chard des andern.“ Alle Welt, mein eigenes Leben iſt jammervoll genug glaube ich; und mein Tod kann ihm wie es ſcheint wohl aͤhnlich werden. Ach, aber! der Bruder mein Freund— mein Fuͤhrer— mein Waͤchter— ſo weit ihn dieſe Intrigue betrifft, duͤrfte es nicht ſehr edel gegen ihn gehandelt ſeyn. Aber Eure raſenden, tobenden racheſchnaubenden Brüder ſtehen nur noch auf der Schaubuͤhne. Die Rache, mit der ein Bruder einen armen Burſchen verfolgt, welcher ſeine Schweſter verfuͤhrte, oder wie es wohl auch moͤglich iſt, von ihr verfuͤhrt wurde, dieſe nach⸗ ſichtsloſe Rache, iſt außer Mode, ſeitdem vor lan⸗ gen Jahren Dorſet den Lord Brure erſchlug. Ach was! wenn ein Koͤnig der Beleidiger iſt, ſo opfert auch der Tapferſte nichts auf, wenn er ſtillſchwei⸗ gend ein kleines Unrecht einſteckt, wofuͤr er ſich nicht perſoͤnlich raͤchen kann. In Frankreich gibt es keine hoch⸗ adeliche Familie, wovon nicht ein jedes Mitglied die 3 26 Naſe um einen Zoll hoͤher tragen wuͤrde wenn ſie ſich mit einer linkhaͤndigen Verbindung mit dem gro⸗ ßen Monarchen bruͤſten koͤnnten.“ Dieß waren die Gedanken, welche die Seele Carls ergriffen, als er zuerſt das Jaͤgerhaus von Woodſtock verließ, und ſich in dem Park vertiefte, der es um⸗ gab. Seine ſchaͤndliche Logik war aber keineswegs der Erfolg ſeiner natuͤrlichen Anlagen und ward auch von ſeinem geſunden Verſtande durchaus nicht ohne Gewiſſenszweifel angenommen. Es war eine Art zu urtheilen, die er durch ſeine allzugroße Vertraulich⸗ keit mit den witzigen und ausſchweifenden jungen Adelichen angenommen hatte, die ihn umgaben. Es 3 kam von ſeinem Umgange mit Villiers, Willmot, Sedley und anderen her, deren Geiſt beſtimmt war, das Zeitalter und den Monarchen zu verderben, von deſſen Character ſpaͤterhin ſo viel abhing. Solche Maͤnner, erzogen unter den Ausſchweifungen eines Buͤrgerkrieges, Maͤnner, welche nie das Joch getra⸗ gen hatten, welches in gewoͤhnlichen Zeiten die Gewalt der Eltern und der Verwandten den ſtuͤrmiſchen Lei⸗ denſchaften der JIugend auflegen, Maͤnner die mit jeglichem Laſter bekannt es durch Rath und That em⸗ pfehlen konnten, und alle edleren Gefuͤhle, welche den Menſchen davon abhalten, ſeinen ungeſetzlichen Lei⸗ denſchaften zu froͤhnen, laͤcherlich machten. Auch die Schickſale des Koͤnigs hatten dazu beigetragen, daß er ſich zu jener epicuraͤiſchen Lehre neigte. Er ſah 27 ſich, mit den hoͤchſten Anſpruͤchen auf Mitgefuͤhl und Beiſtand von den Hoͤfen die er beſuchte, kalt behan⸗ delt, mehr wie ein begünſtigter Bittſteller, als wie ein verbannter Monarch. Er ſah ſeine Rechte und An⸗ ſpruͤche mit Verachtung und Gleichguͤltigkeit behan⸗ delt, und in demſelben Verhaͤltniß ſoͤhnte er ſich dann auch wieder mit der hartherzigen egoiſtiſchen Aus⸗ ſchweifung aus, welche ihm eine augenblickliche Erho⸗ lung verſprach. Wenn man das nur auf Koſten des Gluͤckes der anderen erlangen konnte, ſollte grade er daruͤber ſo zartfuͤhlend ſeyn, da er andere nur behan⸗ delte, wie die Welt ihn? Aber obgleich der Grund zu dieſem ungluͤckſeligen Syſteme ſchon gelegt war, ſo ergab ſich ihm doch der Prinz in ſeiner fruͤheren Jugendzeit nicht ſo ganz, wie ſpaͤter, als ſich von ſeiner Wiedereinſetzung uner⸗ wartet eine Thuͤre oͤffnete. Im Gegentheil, obgleich die ruͤckſichtsloſen Betrachtungen, welche wir oben an⸗ gefuͤhrt haben, als waͤren ſie mit deutlichen Worten ausgeſprochen worden, gewiß in ſeinem Geiſte aufſtie⸗ gen, ſo erinnerte er ſich doch, daß wenn er auch in Frankreich, in den Niederlanden oder von den Witz⸗ lingen ſeines eigenen wandernden Hofes verlacht wuͤrde, die Sache doch dem engliſchen Adel als eine furchtbare Undankbarkeit und als ein ſchaͤndlicher Ver⸗ rath erſcheinen, und ſeinem Intereſſe bei dem aͤlteren ehrwuͤrdigeren Theil ſeiner Anhaͤnger eine tiefe viel⸗ leicht gar unheilbare Wunde beibringen wuͤrde. Fer⸗ 28 ner ſiel ihm ein,(denn ſelbſt dabei vergaß er ſein ei⸗ genes Intereſſe nicht,) daß er ſich in der Macht der Lee's Vater und Sohn befinde, die, was Ehrenpunkte betraf, immer ſehr ſtrenge waren, und bei dem Ver⸗ dacht einer Beleidigung, wie die welche er ſich vorge⸗ nommen hatte, um Mittel zur Rache nicht verlegen zu ſeyn brauchten, es ſeye durch ihre eigenen Haͤnde oder durch die der herrſchenden Parthei. „Die Gefahr, das ungluͤckſelige Fenſter zu Whi⸗ tehall wieder zu eroͤffnen, und das Trauerſpiel mit dem Mann in der Maske zu ernenen, waͤre eine ſchlimmere Strafe, als der alte ſchottiſche Bußeſtuhl und wie ſchoͤn auch Alexis Lee ſey, ſo kann ich doch auf dieſe Gefahr hin keinen Liebeshandel anſpinnen,“ war ſeine Schlußbetrachtung.„Alſo fahre hin, ſcho⸗ nes Maͤdchen! Wenn Du nicht, wie es zuweilen geſchehen kann, eine Laune bekoͤmmſt, Dich zu den Fuͤßen Deines Koͤnigs zu werfen, und ich dann zu großmuͤthig bin, Dir meinen Schutz zu verweigern. Aber wenn ich wieder an die bleiche todeskalte Geſtalt des alten Mannes denke, wie er in der vergangenen Nacht vor mir lag, und mir die Wuth des Albert Lee vorſtelle, wie er zitternd vor Wuth die Hand an ſein Schwerdt legt, und nur ſeine Treue ihn verhin⸗ dert, es ſeinem Koͤnige ins Herz zu ſtoßen— nein das Gemaͤlde iſt zu furchtbar! Carl muß fuͤr immer ſeinen Namen in den des Joſeph verwandeln, ſelbſt 29 wenn er in große Verſuchung gefuͤhrt wuͤrde, was das Schickſal in Gnaden verhindern moͤge.“ Man muß im Allgemeinen bemerken, daß fuͤr den Prinzen ein Liebeshandel mehr eine Sache des Zeitvertreibs als eine ernſte Neigung war. Mit den Verfuͤhrungskuͤnſten war er nicht ſehr vertraut, weil er ſelten Gelegenheit gefunden hatte, Gebrauch davon zu machen. Sein hoher Rang und die Ausſchweifun⸗ gen einiger Frauen, mit denen er Umgang hatte, machte ſie unnoͤthig; ſo daß er ſtrenge Tugend bei jedem Geſchlechte bezweifelte, und ſie fuͤr einen Schleier hielt, fuͤr das ſproͤde Weſen der Frauen und fuͤr Scheinheiligkeit der Maͤnner um fuͤr ihre Nach⸗ giebigkeit einen hoͤheren Lohn zu erringen. Waͤhrend wir die Art und Weiſe ſeiner Neigung zur Galanterie beſprechen, wurde der Wanderer auf dem Wege den er gewaͤhlt hatte zu verſchiedenen ſon⸗ derbar verſchlungenen Gaͤngen gefuͤhrt, bis er ſich zu⸗ letzt unter dem Fenſter des Zimmers des Victor Lee befand, wo er Aleris bemerkte, welche einige Blumen begoß und ordnete, die vor dem Gitterfenſter ſtanden, welches zwar bei Tag leicht zugaͤnglich war, obgleich es gefaͤhrlich ſchien, es bei Nacht zu erſteigen. Aber nicht allein Alexis ſondern auch ihr Vater zeigte ſich am Fenſter und winkte ihm heraufzukommen. Nun ſchien die Geſell chaft anziehender als vorher, und der fluͤch⸗ tige Furſt, uͤberdruͤſſig mit ſeinem Gewiſſen zu kaͤmpfen, 30 war entſchloſſen die Sache gehen zu laſſen, wie der Zufall es fuͤgen wuͤrde. Er kletterte alſo hinauf, und ward von dem alten Ritter, welcher Gewandtheit in hohen Ehren hielt, herzlich bewillkommt. Auch Alexis ſchien froh den munteren anziehenden Mann zu ſehen; und ihre Gegenwart und die ungebeuchelte Freude mit welcher ſie auf ſeine Unterredung horchte, feuerte ihn an, ſei⸗ nen Witz und ſeinen Humor zu zeigen, den Niemand in einem hoͤheren Grade beſaß. Seine Satyre entzuͤckte den alten Edelmann, welcher lachte bis ihm die Augen uͤberliefen, als er den Juͤngling hoͤrte, von deſſen Anſpruͤchen auf ſeine Hochachtung ihm wenig traͤumte, wie er ihn damit un⸗ terhielt, daß er bald den ſchottiſchen preßbyterianiſchen Geiſtlichen, bald den ſtolzen armen Hidalgos des Nor⸗ dens und dann wieder den feurigen Hochmuth und den celtiſchen Dialect der hochlaͤndiſchen Haͤuptlinge nachahmte, mit denen er waͤhrend ſeines Aufenthalts in Schottland vertraut geworden war. Auch Alexis laͤchelte, zollte ihm ihren Beifall, und war vergnuͤgt, weil ſie mit Entzuͤcken ſah, daß ihr Vater es war; So war die ganze Geſellſchaft in der froͤhlichſten Stimmung, als Albert Lee eintrat, der eifrig den Louis Kerneguy ſuchte, um ihn zu einer Privat⸗Un⸗ terredung mit Doctor Rochecliffe zu fuͤhren, deſſen Eifer, Emſigkeit und wunderbare Quellen ihn zu ih⸗ 31 rem Hauptſteuermann in dieſen ſchwierigen Zeiten gemacht hatte. Es iſt unnoͤthig den Leſern genauere Nachrichten von ihrer Unterredung mitzutheilen. Die erhaltenen Berichte waren in ſo fern guͤnſtig, daß der Feind. keine Spur davon zu haben ſchien, daß der Koͤnig ſeinen Weg dem Suͤden zu genommen habe, und daß er ſich noch immer uͤberzeugt hielte, daß er wie ſchon geſagt von Briſtol aus entflohen ſey. Das war auch anfaͤng⸗ lich vorgeſchlagen worden; aber der Capitain des Schiffes, welches fuͤr die Ueberfahrt des Koͤniges be⸗ reit lag, war aͤngſtlich geworden und ohne ſeine koͤ⸗ nigliche Fracht zu erwarten, davon geſegelt. Doch diente ſeine Abfahrt und die Vermuthung des Dien⸗ ſtes, der ihm oblag, wenigſtens dazu, daß man allge⸗ mein glaubte, der Koͤnig waͤre mit ihm entflohen. Aber obgleich dieſes erfreulich war, ſo hatte doch der Doctor zu gleicher Zeit unangenehmere Nachrich⸗ ten von der Seekuͤſte erhalten, welche berichteten, daß große Schwierigkeiten im Wege ſtuͤnden, ein Schiff zu erhalten, dem man ſicher eine ſo koſtbare Laſt an⸗ vertrauen duͤrfte, und die Se. Majeſtaͤt bei allem be⸗ ſchworen, es ja nicht zu wagen ſich der Kuͤſte zu na⸗ hen, bis er Nachricht erhielte, daß alle noͤthigen Vor⸗ kehrungen getroffen ſeyen. Jetzt konnte Niemand einen ſicherern Aufent⸗ haltsort als den gegenwaͤrtigen angeben. Obriſt Everard ſchien gewiß dem Koͤnig perſoͤnlich nicht ad⸗ 3² geneigt zu ſeyn, und wie man vermuthete hatte Crom⸗ well ein unbegraͤnztes Vertrauen zu Everard. Das Innere des Gebaͤudes bot unzaͤhlige Stellen zum Verbergen und geheime Ausgaͤnge dar, die Nieman⸗ den außer den alten Bewohnern des Jaͤgerhauſes be⸗ kannt waren; und dem Rochecliffe noch beſſer als allen uͤbrgen, da er zur Zeit ſeiner Pfarre in der benachbarten Stadt ſeinem Hange zum Alterthuͤmli⸗ chen gefolgt war und unter den alten Ruinen mancherley Unterſuchungen anſtellte, deren Reſultat er aber zum Theil fuͤr ſich behielt. Um dieſe Bequemlichkeiten aufzuwſegen, war es nicht minder wahr, daß die Commiſſaͤre des Par⸗ laments immer noch nicht ſehr entfernt und bereit waren, bei der erſten Gelegenheit ihren Auftrag zu erfuͤllen. Aber niemand glaubte, daß ſolch eine Ge⸗ legenheit ſich darbieten wuͤrde, und man vertraute darauf, daß, da der Einfluß Cromwells und der Ar⸗ ee immer vorherrſchender ward, die getaͤuſchten Com⸗ miſſaͤre nichts gegen ſeinen Willen unternehmen, ſon⸗ dern mit Geduld eine Entichaͤdigung fuͤr ihren un⸗ erledigken Auftrag erwarten wuͤrden. Durch Mr. Jo⸗ ſeph Tomkins hatte man erfahren, daß ſie ſich ent⸗ ſchloſſen haͤtten, ſich vorerſt nach Orford zuruͤckzuzie⸗ hen, und daß ſie die gehoͤrigen Anſtalten dazu traͤfen. Das verſprach die Sicherheit von Woodſtock noch zu vergroͤßern. Man kam alſo uͤberein, daß der Koͤnig unter der Rolle des Louis Kerneguy ſo lange im i — 2G SͤSASS n 3 e l n g 33 gerhauſe verweilen ſolle, bis daß fuͤr ein Schiff ge⸗ ſorgt fey, und zwar in einem Hafen, den man als⸗ dann am ſicherſten und paſſendſten halten wuͤrde. Drittes Kapitel. Der Schlangen giftigſten ſind die, die unter Blumen weilen, Mit Farben ſchön gemalt ein Wunder der Natur Die deren Augen ſpruhn wie Thau des iungen Morgens; Von Außen ſcheinen ſie ſo harmlos liebe Weſen Doch Unſchuld hüte Dich, Du ahn'ſt nicht die Gefahr, Und nah iſt doch das Gift! . Altes Schauſpiel. Carl(wir muͤſſen ihm nun ſeinen eigenen Na⸗ men geben) fuͤgte ſich leicht in die Umſtaͤnde welche ihn zu einem laͤngeren Aufenthalt in Woodſtock no thigten. Freilich wuͤrde er es vorgezogen haben, wenn er ſchnell aus England haͤtte entfliehen koͤnnen; aber er war ſchon lange an unbequemen Verbergungsoͤr⸗ tern, an unangenehmen Verkleidungen und an lan⸗ gen und ſchwierigen Reiſen gewoͤhnt, wo er die groͤß⸗ ten Unannehmlichkeiten ertragen mußte, und oft in der höchſten Gefahr ſchwebte. Er erfreuete ſich alſo ſeiner vergleichungsweiſen Ruhe und vergleichungs⸗ weiſen Sicherheit. Uebrigens hatte ſich Carl mit der Geſellſchaft in Woodſtock ſeitdem er ſie beſſer hatte kennen lernen, wieder ausgeſoͤhnt. Er ſah, daß, um die ſchoͤne Ale⸗ uis anzuziehen und um ihre Geſellſchaft zu genießen, nichts nothiger war als ſich den Launen ihres Vaters zu unterwerfen, und ſich mit dem alten Ritter auf einen vertraulichen Fuß zu ſetzen. Einige Gaͤnge im Fechten bei welchen Carl Sorge trug, ſeine Ueber⸗ legenheit und ſeine volle jugendliche Kraft und Ge⸗ wandtheit nicht an Tag zu legen— das ſtillſchwei⸗ gende Anhoͤren einiger Scenen aus Szakespeare, W. Scott's Werke. XIII. 3 34 weelche der Ritter mit groͤßerem Eifer als Geſchmack las,— einige Virtuoſitaͤt in der Muſik, welche der alte Mann uber alles liebte— geheuchelte Ehr⸗ urch gegen einige altmodiſche Meinungen, woruͤ⸗ eer er in ſich lachen mußte— waren mehr als ge⸗ nugend den verkleideten Fuͤrſten dem Sir Henry Lee theuer zu machen, und ſich einen gleichen Grad der Zuneigung von ſeiner liebenswuͤrdigen Tochter zu erringen. 9 Nie gab es zwei junge Perſonen, welche ihre Vertraulichkeit auf einem ungleicheren Fuße began⸗ nen. Carl war ein Wuͤſtling, der, wenn er auch bei kaltem Blute es nicht für gut fand, ſeiner uneh⸗ renvollen Leidenſchaft gegen Alexis zu fröhnen, doch ſeden Augenblick bewogen ward, die Staͤrke einer Tugend zu erproben, an die er nicht glaubte. Aleris ihrer Seits wußte kaum, was man unter dem Wer⸗ te: Wuͤſtling und Verfuͤhrer verſtand. Ihre Mutter war fruͤhe gleich beim Anfang des Buͤrgerkrieges geſtorben, und ſie war vorzuͤglich mit ihrem Bruder und ihrem Vetter auferzogen wor⸗ den, ſo daß ſie eine furchtloſe unverdaͤchtige Offenheit der Manieren beſaß, denen Carl einen ſeinen eigenen Abſichten guͤnſtige Meinung unterſchob. Selbſt Ale⸗ ris Liebe zu ihrem Vetter— das erſte Gefuͤhl, das ein unſchuldiges einfaches Gemuͤth zur Schuͤchtenn⸗ heit und Zuruckgezogenheit gegen das maͤnnliche Ge⸗ ſchlecht im Allgemeinen verleitet,— hatte doch in ihrem Buſen durchaus keine Unruhe erzeugt. Sie waren nahe verwandt, und Everard, obgleich ſelbſt noch ein Jüngling, war doch um einige Jahre aͤlter als ſie und von ihrer fruͤheſten Jugend an, ſowohl ein Gegen⸗ and ihrer Achtung, als ihrer Zuneigung. Als ihre ſhe kindliche Vertraulichkeit zu jugendlicher einge⸗ Kandenen und erwiederter Liebe reiſte, ſo war ſis ennoch immerhin in einigen leichten Schattirungen von der Leidenſchaft verſchieden, die zwiſchen Lieben⸗ den beſteht, die, urſpruͤnglich fremd, erſt durch — ͤ—ns— N——õN3 8nA N 35⁵ die gewoͤhnliche Weiſe der Bekanntſchaft vereinigt werden. Ihre Liebe war zaͤrtlicher, vertraulicher, zutrauensvoller, auch vielleicht reiner und freier von Aufwallungen leidenſchaftlicher Heftigkeit, oder ah⸗ nungsvoller Eiferſucht. 1 Die Moͤglichkeit, daß jemand es verſuchen ſollte, den Everard aus ihrer Neigung zu verdraͤngen, war ein Gegenſtand, der Alexis nie einfiel; und daß die⸗ ſer ſonderbare, ſchottiſche jjunge Mann, mit dem ſie uͤber ſeine Witze und uͤber den ſie wegen ſeiner Ei⸗ genheiten lachte, ein Gegenſtand der Gefahr ſeyn könnte, kam ihr nie in Gedanken. Die Art der Ver⸗ traulichkeit zu der ſie Kerneguy zuließ, war dieſelbe, mit welcher ſie eine Freundin ihres eigenen Geſchlech⸗ tes gewurdigt haͤtte, deren Betragen ſie nicht immer gut hieß, aber deren Geſellſchaft ſie unterhaltend fand. Es war natuͤrlich, daß die Ungezwungenheit in dem Betragen der Aleris, welche ihren Grund in der vollkommenſten Gleichgültigkeit hatte, in der Meinung des koͤniglichen Wuͤſtlings fuͤr eine Auf⸗ munterung galt, und daß der Entſchluß den er ge⸗ faßt hatte, die Gaſtfreundſchaft zu Woodſtock nicht zu verletzen, zu ſchwanken anfing, als die Gelegen⸗ heit es zu thun haͤufiger ward. Dieſe Gelegenheiten wurden durch Alberts Ab⸗ reiſe von Woodſtock gleich nach dem Tage ſeiner An⸗ kunft noch haͤufiger. Man war im großen Rathe mit Carl und Rochecliffe uͤbereingekommen, daß der lunge Lee nach der Grafſchaft Kent reiſen, und ſei⸗ nen Oheim Everard beſuchen ſollte, um durch ſeine Anweſenheit daſelbſt jeden Verdacht von Woodſtock abzuziehen, und den Feinden jeden Vorwand zu ent⸗ reißen, die Familie ſeines Vaters deßwegen zu ſtö⸗ ren, weil ſte jemand beherberge, der noch vor Kur⸗ zem die Waffen gegen die herrſchende Parthei getra⸗ gen batte. Auch hatte er es auf ſeine eigene gro perſonliche Gefahr unternommen, verſchiedene Punk ſcch der Seeluͤſte in unterſuchen, um ſich von der Si⸗ —» cherheit einiger Plaͤtze zu uͤberzeugen, wo man fuͤr die Einſchiffung des Koͤnigs Sorge tragen könne. Dieſe Umſtaͤnde trugen zugleich dazu bei, des Koͤnigs Sicherheit zu vergroͤßern, und ſeine Flucht zu erleichtern. Aber Alexris war dadurch der Anweſenheit ihres Bruders beraubt, der ihr wachſamſter Waͤchter gewe⸗ ſen ſeyn wuͤrde, und der des Koͤnigs fruͤyere hinge⸗ worfene Rede der Froͤhlichkeit ſeiner Laune zuſchrieb, und es fuͤr eine große Ungerechtigkeit gegen ſeinen Sonverain gehalten haben wurde, den ernſthaften Verdacht zu hegen, daß er uder einen ſolchen Brach der Gaf freundſchaft wie ein unehrenvoller Plan auf Alexis war, brulete. Doch waren zwei in dem Hauſe zu Woodſtock, die dem Logis Kerneguy und ſeinen Planen nicht ganz zu trauen ſchienen. Der eine war Bevis, der von ihrem erſten unfreundlichen Zuſammentreffen dem neuen Gaſte einen Haß nachzutragen ſchien, den keine Freundlichkeit und keine Lockungen von Seiten Carls ſtillen konnte. War zufaͤllig der Page allein bei ſeiner jungen Gedieterin, ſo fehlte Bevis ſelten bei der Geſellſchaft; naͤherte ſich jener dem Sruhle der Aleris, ſo war auch dieſer bei der Hand und fing furchtbar zu heulen an. „Es iſt doch Jammerſchade,“ ſagte der verklei⸗ dete Prinz,„daß Ihr Bevis kein Bullenbeißer iſt⸗ daß wir ihn den Rundkoͤpfen zuſchicken koͤnnen; er iſt zu ſchoͤn, zu edel, zu ariſtokratiſch, als daß er diee ungaſtfreundſchaftlichen Vorurtheile gegen einen armen heimathsloſen Royaliſten naͤhren ſollte. Ich bin uͤberzeugt, daß der Geiſt des Pym oder des Hamp⸗ ten in den Geſellen gefahren iſt, und nun fortfaͤhrt, ſeinen Haß gegen das Koͤnigthum und ſeine Anhaͤnger zu zeigen.“ Alexis erwiederte dann gewoͤhnlich, daß Bevis Wort und That nach rovaliſtiſch ſey, und nur ihres * Vaters Vorurtheile gegen die Schottlaͤnder theile, 37 welche wie ſie ſelbſt eingeſtehen mußte, ziemlich ſtark waren.„Nein,“ ſagte der vermeintliche Louis.„Ich muß einen anderen Grund auffinden; denn ich kann nicht zugeben, daß die Unfreundlichkeit des Bevis nur eine Nationalabneigung ſey. Wir wollen alſo annehmen, daß irgend ein galanter Ritter, der in den Kampf zog, und nie zuruͤckkehrte, ſeine Geſtalt annahm, um den Gegenſtand betrachten zu koͤnnen, den er ſo ungern verließ und daß er nun eiferſuͤchtig darauf iſt, wenn er ſieht, daß ſelbſt der arme Lonis Kerneguy ſich der Dame ſeiner verlorenen Neigung naͤhert.“ Dabei ruͤckte er ſeinen Stuhl naͤher, und Bevis heulte dumpf. „In dieſem Falle blieben Sie am beſten in Ihrer Entfernung,“ ſagte Aleris lachend,„denn der Biß eines Hundes, in den der Geiſt eines eiferſuͤchtigen Liebhabers fuhr, kann nicht ſehr ſicher ſeyn.“ Der Ko⸗ nig fuͤhrte die Unterredung auf dieſelbe Weiſe fort, und Alexis, die gewiß an nichts Ernſtlicheres dachte, als au die oberjjaͤchliche Galanterie eines ſchwaͤrme⸗ riſchen Juͤnglings verleitete den vermeintlichen Louis Kerneguy zu glauben, daß er eine von denen Ero⸗ berungen gemacht habe, welche ſo oft und ſo leicht den Furſten zu Theil wird. Trotz ſeiner ſcharfen Ur⸗ theilskraft ſah er doch nicht ein, daß der königliche Weg zu der Gunſt der Frauen nur den Monarchen offen ſteht, wenn ſie in großem Coſtuͤm reiſen, und daß, wenn ſie incognito einhergehen, ſie ſich auf dem Wege der Liebe denſelben Kruͤmmungen und Schwierigkei⸗ ten unterwerfen muͤſſen, welche die gerade Reiſe der Privatperſonen verhindern. „Außer Bevis gab es noch ein Mitglied der Fami⸗ lie, welches den Louis Kerneguy unfreundlich und ſcharf im Auge hielt. Phoͤbe Maiblume, obgleich ihre Erfahrung ſich nicht uͤber die Gemarkung ihres Dorfes erſtreckte, kannte doch die Welt beſſer, als ihre Gebieterin und war überdieß fuͤnf Jahre aͤlter. Da ſie die Welt beſſer kannte, ſo war ſie auch miß⸗ trauiſcher. Sie glaubte, der thoͤricht ausſehende ſchottiſche Bube beſuche ihre junge Gebieterinn oͤfter, als es ſich zieme und daß Aleris ihn mehr dazu aufmuntere als Parthenia es gegen einen ſolchen Zierbengel in der Abwefenheit des Argalus gethan haben wuͤrde— denn das Werk, welches von den Liebesabenteuern dieſer beruͤhmten Arkadier handelt, war damals das Lieb⸗ lingsſtudium aller Frauen und Maͤdchen im ganzen fröhlichen England. Da ſie nun einmal dieſen Ver⸗ dacht hegte, ſo war Phöobe bei dieſer Gelegenbeit im Zweifel, wie ſie ſich betragen ſollte, und doch hatte ſie ſich es feſt vorgenommen, es nicht ruhig zuzuſehen, daß die treue Liebe gegen Oberſt Everard verdraͤngt wuͤrde, ohne Mittel dagegen zu ergreifen. Sie ſelbſt war dem Markham ganz beſonders gewogen, der ihrem Aus⸗ drucke nach ein ſo ſchoͤner und anſtaͤndiger junger Mann war, wie nur einer in Orfordſhier, und mit dem ſich dieſer junge ſchottiſche Fant ſo wenig vergleichen ließe, wie Kreide zu Kaͤſe. Und doch gab ſie zu, daß Mr. Girniky eine wunderbar gelaͤufige Zunge habe, und daß ſolche Bewerbungen nicht zu verachten ſeyen. Was konnte ſie thun?— Thatſachen waren ihr nicht bekannt, ſie hegte nur einen allgemeinen Verdacht; und war zu aͤngſtlich mit ihrer Gebieterin zu ſprechen, die, ſo groß auch ihre Guͤte war, doch nie zur Vertraulichkeit ermunterte. Sie erforſchte Jocolin; aber er nahm, ſie wuß nicht warum, ſo tiefen Antheil an den unſeligen Bur⸗ ſchen, und hielt ihn ſo in Ehren, daß ſie keinen Ein druck auf ihn machte. Mit dem alten Ritter zu ſpre⸗ chen wuͤrde einen allgemeinen Sturm erregt haben. Der wuͤrdige Kaplan, der in allen ſtreitigen Dingen Großreferendär in Woodſtock war, wäre die natuͤr⸗ lichſte Zuflucht des Maͤdchens geweſen; denn er war friedlich und ſtrenge, rechtlich ſeinem Stande und ſei⸗ nem Betragen nach. Aber zufaͤllig hatte er Phoͤbe, ohne es zu wollen, einmal dadurch beleidigt, daß er ihr 39 den claſſiſchen Beinamen, Rustica Fidele*) gab, was ſie aber, da ſie es nicht verſtand, im hoͤchſten Grade uͤbel nahm, und erklarte, daß ſie eine Fiedel doch gar nicht lieber hoͤre, wie eine Andere; und ſeit der Zeit vermied ſie den Doctor Rochecliffe, wo ſie nur konnte. Unter allerlei Vorwaͤnden ging Mr. Tomkins im Hauſe aus und ein; aber er war ein Rundkopf und ſie war den Royaliſten zu treu ergeben, als daß ſie einen Feind in ihre innere Zwiſtigkeiten einweihen ſollte; uͤberdieß hatte er ſich gegen Phoͤbe ſelbſt auf eine Weiſe betragen, die ſie dazu bewog, alles was ſich nar im geringſten der Vertraulichkeit naͤherte zu entfernen. Sie haͤtte zuletzt den Cavalier Wildrake um Rath fragen koͤnnen, aber Phoͤbe hatte ihre eige⸗ nen Gruͤnde dazu, es nicht zu thun; denn ſie ſagte mit einigem Ausdruck, Cavaliero Wildrake ſey eine unverſchamte Londner Ranke. Endlich entſchloß ſie ſich, ihren Verdacht der Parthei mitzutheilen, welche am meiſten Intereſſe dabei habe, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. „Ich will den Mr. Everard es wiſſen laſſen, daß eine Weſpe um ſeinen Bienenkorb ſchwaͤrmt,“ ſagte Phobe;„und ferner daß ich weiß, daß dieſer junge ſchottiſche Unhold bei Goody⸗Greens ſeine Weiberklei⸗ dung in eine maͤnnliche verwandelte und Goody Greens Dolly ein Goldſtuͤck gab, nichts davon zu ſagen; ſo wie es auch außer mir Niemand erfuhr; auch wei ſie am beſten, ob ſie ihm etwas fuͤr das Goldſtuͤck ga oder nicht.— Aber Mr. Louis iſt ein drolligter Affe, und wird ſchon fordern.“ Drei oder vier Tage vergingen, wahrend die Sa⸗ chen ſo ſtanden— der verkleidete Fuͤrſt zuweilen an den Liebeshandel denkend, den ihm das Gluͤck zu ſei⸗ ner Unterhaltung in den Weg geworfen zu haben Phien⸗ und jede Gelegenheit benutzend ſeine Vertrau⸗ ichkeit mit Alexis Lee zu vergroͤßern; aber indem er noch oͤfter den Doctor Rochecliffe mit Fragen uͤber —Q—— *) Getreues Landmädchen. die Möͤglichkeit ſeiner Flucht plagte, gegen welche ſich der gute Mann, da er außer Stande war, ſie zu be⸗ antworten, vor der koͤniglichen Zudringlichkeit in die verborgenen Gaͤnge des Jaͤgerhauſes zuruͤckzog, welche vielleicht nur ihm bekannt, zwanzig Jahre lang dazu dienten, daſelbſt die Wunder von Woodſtock zu be⸗ ſchreiben. Es geſchah am vierten Tage, daß ein un⸗ bedeutender Umſtand den Ritter aus dem Hauſe rief; und den jungen Schottlaͤnder, welcher nun mit der Familie vertraut war, im Zimmer des Victor Lee gllein mit Alexis ließ. In dieſer Lage hielt er die Zeit nicht fuͤr unguͤnſtig, eine erprobende Lieb⸗s⸗Er⸗ klaͤrung zu machen, ſo wie die Croaten es im Sturme zu thun pflegen, wenn ſie die Zuͤgel in der Hand, je⸗ den Augenblick bereit ſtehen, den Feind anzugreifen, oder wenn die Umſtaͤnde es erheiſchen, davon zu ei⸗ len ohne ſich ihm zu naͤhern. Nachdem er ungefaͤhr zehen Minuten mit einer Art metaphyſiſchem Kau⸗ derwelſch verloren hatte, welches Alexis wie ſie wollte, entweder fuͤr die Sprache der Liebelei oder fuͤr eru⸗ ſtere Anſpruͤche nehmen konnte,— und grade als er vermuthete ſie wuͤrde jetzt ungefaͤhr ſeine Meinung errathen, hatte er die Demuͤthigung durch eine ein⸗ zige einfache aber unerwartete Frage zu finden, daß Aleris in dieſem Augenblicke an alles andere eher dachte, als an den Sinn deſſen, was er ſagte. Sie frug ihn, ob er ihr nicht ſagen koͤnne, wie viel Uhr es ſeye, und zwar mit jener Miene wahrer Neugierde, bei welcher ſich an keine Koketterie denken ließ. „Ich will auf den Sonnenzeiger ſehen; Fraͤulein Aleris,“ ſagte Louis, indem er aufſtand und uͤber die Verachtung, mit welcher er ſich behandelt glaubte, tief erroͤthete.„Sie werden mir eine Gefaͤlligkeit da⸗ durch erzeigen, Mr. Kerneguy,“ ſagte Aleris, ohne im Geringſten den Unwillen zu vermuthen, den ſie erregt hatte. 4 Mr. Louis Kerneguy verließ alſo das Zimmer, jedoch keineswegs um die verlangte Erkundigung ein⸗ — 33 41 zuziehen, ſondern um ſeinem Aerger und ſeiner De⸗ muͤthigung freien Lauf zu laſſen, und mit ernſterer Abſicht als früher zu ſchwoͤren, daß Aleris ihre Un⸗ verſchämtheit bereuen ſollte. So autmuͤthig er auch war, war er immer ein ßuͤrſt und an Widerſpruch und noch viel weniger an Verachtung nicht gewoͤhnt und ſein beleidigter Eigenduͤnkel fuͤhlte ſich auf's Tiefſte verwundet. Mit eiendem Schritte vertiefte er ſich in dem Forſte, und dachte an ſeine eigene Si⸗ cherheit nur in ſo fern, daß er die ſchattigeren und verborgeneren Gaͤnge waͤhlte, wo er, einherſchreitend mit eiligem kräͤftigem Schritte Racheplaͤne gegen die unverſchaͤmte Land⸗Kokette ſchmiedete, von denen ſie in Zukunft keine Beruͤckſichtigung der Gaſtfreundſchaft retten ſollte. 3 3 Der gereitzte Liebhaber ging bei dem alten be⸗ moosten Sonnenzeiger vorbei ohne ihn einer einzigen Frage zu wuͤrdigen; auch haͤtte dieſer ſeine Neugierde nicht befriedigen koͤnnen, da die Sonne in dieſem Augenblick gerade nicht ſchien. Er eilte fort, huͤllte ſich in ſeinen Mantel, und nahm einen gebeugten Gang an, welcher ſeine anſcheinende Groͤße verrin⸗ gerte. Bald hatte er ſich in den tiefen ſchattigen Al⸗ leen des Waldes verloren, in welche er ſich, ſeiner ſelbſt unbewußt, vertieft hatte, und die er zum gro⸗ ßen Theil durchwandelte, ohne zu wiſſen, in welcher Richtung er ging. Aber ploͤtzlich ward ſeine Eile, zu⸗ erſt durch ein lautes Hollah aufgehalten und dann durch eine Aufforderung ſtehen zu bleiben, wobei er den Schlag eines Stoͤckchens auf ſeiner Schulter fuͤhlte, was auf eine zwar gutmuͤthige aber etwas be⸗ fehlende Weiſe geſchah. In dieſem Augenblicke waͤre ihm Niemand angenehm geweſen, aber die Geſtalt der Perſon, welche ihn auf dieſe Weiſe in ſeinem Wege aufhielt, konnte ihm gewiß nichts weniger als erfreulich ſeyn. Als er ſich auf das Zeichen umwandte, ſah er nahe bei ſich einen jungen faſt ſechs Fuß ho⸗ hen ſchoͤn gebaunten Mann, deſſen ernſte Geſtalt, ob⸗ gleich ſie ſchöͤn und adelich zu nennen war und Liebe zur Ordnung verrieth, doch den verarmten und beſiegten Royaliſten fremd und nur denen Perſonen der ſiegreichen Parthei eigen war, welche durch ihren hoͤheren Nang im Stande waren, ſich ſchoͤn und an⸗ ſtaͤndig zu kleiden. Bei naͤherer Betrachtung dieſer Perſon ward der Prinz noch mehr in Unruhe verſetzt. Die Geſtalt des Fremden, welcher ihn zu dieſer Zwie⸗ ſprache zwang, verrieth bedeutende koͤrperliche Kraft; Wuͤrde und Entſchloſſenheit lag auf ſeiner Stirne, ein langes Schwerdt hing an ſeiner Linken, ein Dolch und ein paar Piſtolen in ſeinem Guͤrtel, was— da Louis Kerneguy keine andere Waffe als ſein Schwerdt bei ſich hatte— dem Fremden ſchon einen bedeutenden Vortheil gewaͤhrte. ſelbſt wenn ſeine koͤrperliche Staͤrke dem anderen nicht ſo ſehr uͤberlegen geweſen waͤre. Indem er bitter den gedankenloſen Ausbruch der Leidenſchaft, welche ihn in dieſe Lage gebracht hatte, bereute, aber beſonders ſeine Piſtolen wuͤnſchte, die er zuruͤckgelaſſen hatte, verließ doch den Koͤnig ſein Muth und ſeine Geiſtesgegenwart nicht, die ſeit Jahr⸗ hunderten nur wenigen in ſeiner ungluͤcklichen Fami⸗ lie fehlte. Er ſtand feſt und bewegungslos, ſeinen Mantel um den unteren Theil ſeines Geſichtes ge⸗ huͤllt, um Zeit zu weiterer Erklaͤrung zu haben, im Fall jener ſich in der Perſon geirrt haͤtte. Dieſe Kaͤlte brachte den erwuͤnſchten Erfolg her⸗ vor, denn jener ſprach erſtaunt und zweifelnd: ziſt es nicht Jocolin Joliffe?— Kenne ich auch d Förſter nicht mehr, ſo ſollte ich doch wahrlich meinen eigenen Mantel kennen.“ „Wie Sie ſehen Sir, bin ich der Jocolin Joliſfe nicht,“ ſagte Kerneguy kalt, indem er ſich aufrichtete, um den Unterſchied der Groͤße zu zeigen, und den Mantel herabfallen ließ. „Wirklich,“ erwiederte der Fremde erſtaunt, 43 „dann Herr Unbekannter muß ich mein Bedauern aus⸗ druͤcken, mein Sroͤcklein als ein Mittel gebraucht zu haben, um ſie aufzuhalten. Dieſem Kleide nach, das ich gewiß wieder fuͤr das Meinige erkenne, ſchloß ich, daß Sie Jocolin ſeyn muͤſſen, in deſſen Verwahrung ich meinen Mantel im Jaͤgerhauſe zuruͤckließ.⸗ „Auch wenn ich Jocolin geweſen waͤre Sir,“ er⸗ wiederte der vermeintliche Kerneguy mir vollkommener Ruhe,„ſo ſcheint es mir, daß Sie nicht ſo hart haͤt⸗ ten ſchagen ſollen.“ Der Gegner ward durch die beſtaͤndige Ruhe, mit welcker jener ihm antwortete, ſichtbar in Verlegenheit geſetzt. Die Hoͤflichkeit befahl ihm zuerſt ſich wegen eines Irrthums zu entſchuldigen, da er geglaubt hatte die Perſon ſicher zu kennen.. Mr. Kerneguy war nicht in der Lage, viel Schwie⸗ rigkeiten zu machen, er verbeugte ſich zuerſt zum Zeichen, daß er die angevotene Entſchuldigung annehme, wandte ſich und ging, wie er glaubte, dem Jaͤgerhauſe zu. Doch hatte er den Wald, der nach verſchiedenen Rich⸗ tungen von Alleen durchſchnitten war, zu ſchnell durch⸗ eilt, um des Weges, den er einzuſchlagen wuͤnſchte, ge⸗ wiß zu ſeyn. 3 Er kam ſehr in Verlegenheit, als er fand daß er den Gefaͤhrten nicht los werden konnte, deſſen Be⸗ kanntſchaft er ſo unwillkuͤhrlich gemacht hatte. Ging⸗ er ſchnell, ging er langſam, ſein Freund in dem adeli⸗ chen aber paritaniſchen Kleide, ſtark in Koͤrperkraft und wohl bewaffnet, ſo wie wir ihn beſchrieben haben, ſchien immer feſt entſchloſſen ihm Geſellſchaft zu leiſten, und ohne ihn gerade einholen zu wollen, oder ſich in ein Geſpraͤch einzulaſſen, duldete er es doch nie, daß er ſich mehr als auf 2 oder 3 Ellen von ihm entfernte. Der Wanderer beſchleunigte ſeinen Schritt; aber ob⸗ gleich er damals in ſeiner Jugend, ſo wie ſpaͤter in ſeinem reiferen Alter einer der beſten Fußgaͤnger in Britanien war, ſo blieb doch immer der Fremde ohne ſeinen Schritt zu uͤbereilen und ohne zu laufen dicht — 44 an ſeiner Seite. Da er ihn nun ſo nah, beſtaͤndig und unausweichlich verfolgte, ſo wurde Carls Stolz und Furcht zu gleicher Zeit rege, und er dachte, daß, wie groß auch die Gefahr eines Zweikampfes ſeyn moͤchte, er doch mit ſeinem ſchlanken Verfolger im Walde beſſer fertig werden wuͤrde, als wenn er ſich einem bewohnten Platze naͤhere, wo jener wahrſcheinlich Freunde und Anhaͤnger hatte. Schwebend zwiſchen Furcht, Anaſt und Zorn wandte ſich Carl ploͤtzlich gegen ſeinen Verfolger um, als ſie eine ſchmale kleine Allee erreichten, die zu einer kleinen Wieſe fuͤhrte, uͤber welche die Koͤnigseiche hervorragte, deren ausgedehnte Aeſte und rieſenhafter Stamm Stuͤtzpuncte der kleinen wilden Gegend waren. „Herr,“ ſagte er zu ſeinem Verfolger,„Sie ha⸗ ben ſich ſchon einer Unverſchaͤmtheit gegen mich ſchul⸗ dig gemacht. Sie haben Abbitte gethan; und da ich keinen Grund weiß, woher Sie mich von einem Ge⸗ genſtande ihrer Unhoͤllichkeit unterſcheiden koͤnnten, ſo habe ich Ihre Entſchuldigung ohne weiteres angenom⸗ men. Bleibt noch etwas zwiſchen uns auszumachen uͤbrig, was Sie bewegt, mich auf dieſe Weiſe zu ver⸗ folgen? Wenn das iſt, ſo ſollte es mich freuen, es Ihnen genuͤglich erklaͤren zu koͤnnen. Ich kann Ihnen wohl nichts zu Leide gethan haben; denn ſo viel ich weiß, habe ich Sie fruͤher nicht geſehen. Haben Sie einen guten Grund ſie zu verlangen, ſo bin ich be⸗ reit, Ihnen perſoͤnliche Genugthuung zu geben. Iſt aber Ihre Abſicht nur eine unverſchaͤmte Neugierde, ſo ſage ich Ihnen hiermit, daß ich es nicht dulden werde, daß mir jemand auf meinem Spaziergange auf Schritt und Tritt nachgeht.“ 3 „Wenn ich meinen eigenen Mantel auf den Schul⸗ tern eines andern erkenne,„erwiederte der Fremde trocken“ ſo glaube ich doch wahrhaftig, ein natuͤr⸗ liches Recht zu haben, ihm nachzugehen und zu ſe⸗ hen, was er damit anfaͤngt. Denn Sir, obgleich ich mich in dem geirrt habe, der ihn traͤgt, ſo bin ich . 4⁵ doch ſehr ſicher, daß ich ein eben ſo gutes Recht da⸗ rauf habe, meinen Stock auf dem Mantel tanzen zu laſſen, in den Sie gehuͤllt ſind, wie es niemand ei⸗ nem andern frreitig machen wird, daß er das Recht hat, ſeinen Rock auszuklopfen. Wenn wir alſo Freun⸗ de ſeyn ſollen, ſo ſagen Sie mir erſt, wie Sie zum Beiſpiel zu dieſem Mantel kamen und wohin Sie mit ihm gehen? ſonſt werde ich mir die Freiheit nehmen, Sie aufzuhalten wie Jemand, der ein vollkommenes Recht dazu hat.“ Ach ungluͤcklicher Mantel, dachte der Wanherer, dreimal ungluͤckſelige thoͤrichte Idee, die mich hieher führte um Streit anzufangen, und Aufmerkſamkeit zu erregen, wo Ruhe und Geheimniß beſonders wich⸗ tig fur meine Sicherheit ſind⸗ „Wenn Sie mir eilne Verimnthung erlauben wollen Sir,“„fuhr der Fremde fort, welcher kein anderer als Markham Everard war,„ſo will ich Ih⸗ hen beweiſen, daß ich Sie beſſer kenne als Sie glau⸗ en. Nun das wolle der allguͤtige Gott verhuͤten! be⸗ tete jener in Stille aber ſo andaͤchtig wie nur je in ſeinem Leben. Aber ſelbſt in dieſem Augenblick der hoͤchſten Noth entging ihm ſein Muth und ſeine Ruhe nicht, und er bedachte, daß es von der höͤch⸗ ſten Wichtigkeit ſey, nicht erſchrocken zu ſcheinen, und ſo zu antworten, daß er wo moͤglich den ganzen Verdacht erführe, welchen jener gegen ihn hegte. „Wenn Sie mich kennen Herr,“ ſagte er, „und ein Gentleman ſind, wie Ihr Anzug es verſpricht, ſo koͤnnen Sie nicht lange zweifeln, welchem Zufall Sie es zuſchreiben muͤſſen, daß ich dieſe Kleider tra⸗ ge, die Sie fuͤr die Ihrige halten.“ „O. Herr,“ erwiederte Oberſt Everard, deſſen Zorn ſich bei der guͤtigen Antwort des Fremden kei⸗ neswegs legte,„wir haben Ovid's Metamorphoſen ſtudirt, und wiſſen was man davon zu halten hat, wenn junge Leute von Stand verkleidet reiſen— wir wiſſen, daß man ſelbſt bei gewiſſen Gelegenhei⸗ ten zu weiblichen Kleidungen ſeine Zuflucht nahm— Wir haben von Vertumnus und Pomona gehoͤrt.“ Als der Monarch dieſe Worte horte ließ er wie der ein andaͤchtiges Geber gen Himmel ſteigen; des Nuhalta, daß wenn dieſe ungluͤckſelige Geſchichte einen tiefern Grund habe, als die Eiferſucht eines Anbeters der Alexis Lee, er hiemit feierlich gelobe, daß, wie ſehr er auch dem ſchoͤnen Geſchlecht ergeben ſey, er keinen Augenblick anſtehen wolle, der ſchoͤn⸗ ſten Eva's Tochter zu entſagen, um aus dieſer Klem⸗ me zu kommen. „Sir;“ ſagte er„Sie ſcheinen ein Edelmann fn ſeyn. Ich nehme alſo keinen Anſtand Ihnen zu agen, daß auch ich zu dieſer Klaſſe gehoͤre.“ „Oder vielleicht zu einer etwas hoͤheren,“ ſagte Everard. 3 „Ein Edelmann iſt ein Ausdruck, der alle die begreift, welche das Recht haben, ein Wappen zu tragen— Herzog, Lord und Fuͤrſt ſind nicht mehr als Edelleute, und wenn man, wie ich, im Ungluͤck iſt, ſo darf man froh ſeyn, wenn uns der allgemeine Hoͤflichkeits:Ausdruck geſtattet iſt.“ „Sir,“ erwiederte Everard,„ich habe keines⸗ wegs die Abſicht, Ihnen ein Geſtaͤndniß zu entreißen, das Ihrer eigenen Sicherheit gefaͤhrlich ſeyn koͤnnte. Auch iſt es mein Geſchaͤft nicht, thaͤtig bei der Ver⸗ hbaftung von Privatperſonen zu ſeyn, deren verkehrte Anſicht von Buͤrgerpflicht ſie zu Irrthuͤmern verleitet baben mag, die der Nachſichtsvolle eher bemitleiden als ſtrafen moͤchte. Aber wenn diejenigen, welche Buͤrgerkrien und Beunruhigung in ihr Vaterland brachten, Schimpf und Unehre bis in das Innere der Familien tragen— wenn ſie es wagen, mit ihrer zuͤ⸗ gelloſen Ausſchweifung das gaſtfreundſchaftliche Dach zu beſchimpfen, das ihnen eine Zuflucht darbietet vor en Folgen ihrer oͤffentlichen Verbrechen; glauben Sie 47 bann noch⸗ Mylord, daß wir es ruhig ertragen wer⸗ en? „Wenn Sie es ſich vorgenommen haben, Streit mit mir anzufangen,“ ſagte der Prinz,„ſo ſprechen Sie es zumal aus, wie es einem Edelmanne ziemt. Der Vortheil der Waffen iſt ohne Zweifel auf Ihrer Seite, aber deßwegen werde ich doch nicht vor einem einzelnen Manne fliehen. Wenn Sie aber geneigt ſeyn ſollten, Vernunft anzuhoͤren, ſo ſage ich Ihnen mit ruhigen Worten, daß ich weder die Beleidigung errathen kann, auf welche Sie anſpielen, noch begreife, warum Sie mir den Titel Mylord geben.“— „Sie laͤugnen es alſo Lord Wilmot zu ſeyn?“ ſagte Everard. 4 8 „Das kann ich ruhig thun“ ſagte der Prinz. „Vielleicht nennen Sie ſich Grafvon Rocheſter? Wir haben gehoͤrt, daß Ihr Chrgeitz nach einem ſolchen Ti⸗ tel vor dem Koͤnige der Schotten ſtrebte.“ „Ich bin weder ein Lord noch ein Graf, ſo wahr Gott meiner chriſtlichen Seele gnädig ſepe. Mein Name iſt—“. „Erniedrigen Sie ſich nicht durch unnoͤthige Luͤge, Milord; und zwar gegen einen Mann, der wie ich Ih⸗ nen mein Wort darauf gebe, die oͤffentliche Gerechtig⸗ keit nicht auffordern wird, ſeinem guren Schwerdte beizuſtehen, wenn er Urſache finden ſollte, es zu ge⸗ brauchen. Koͤnnen Sie dieſen Ring anſehen und leug⸗ nen, daß Sie Lord Wilmot ſind?“ Er uͤbergab dem verkleideten Fuͤrſten einen Rina, welchen jener ſogleich fuͤr den erkannte, den er an der Quelle in den Krug der Alexis geworfen hatte, als er unvorſichtig genug ſeiner augenblicklichen Galante⸗ rie folgend, einem ſchoͤnen Maͤdchen, das er zufaͤllig erſchreckt hatte, einen koſtbaren Edelſtein ſchenkte. „Ich kenne den Ring“ ſagte er„er war mein Eigenthum. Wie er mir aber beweiſen ſoll, daß ich Lord Wilmot ſep, kann ich nicht begreifen, und erlaube mir du ſaben, daß er ein falſches Zeugniß gegen mich ausſagt.“ 4 „Sie ſollen den Beweis ſehen“ antwortete Everard, und indem er den Ring wieder ergriff, druͤckte er an eine Feder, welche kuͤnſtlich an der Faſſung angebracht war, worauf der Stein zuruͤckſlog und die Anfangs⸗ buchſtaben des Namens des Lord Wilmot zeigte im Kleinen wunderſchoͤn geſtochen und mit einer Krone verziert.—„Was ſagen Sie nun Sir?“ „Daß Wahrſcheinlichkeiten noch keine Beweiſe ſind,“ ſagte der Prinz;„hier iſt nichts Sicheres auf das Sie rechnen konnen. Ich bin der Sohn eines ſchottiſchen Edelmannes, welcher in der Schlacht von Worceſter toͤdtlich verwundet und gefangen wurde. Als er Abſchied nahm, und mich zur Flucht auffor⸗ derte, gab er mir bie wenigen Dinge von Werth, wel⸗ che er beſaß und unter Anderen auch dieſen Edelſtein. Ich habe von ihm gehoͤrt, daß er bei einer gewiſſen Gelegenheit mit dem Lord Wilmot die Ringe wech⸗ ſelte, aber ich kannte nie die Feder, die Sie mir ſo eben gezeigt haben.„Es duͤrfte noͤthig zu bemerken ſeyn, daß Carl hierin die volkkommene Wahrheit ſprach, auch wuͤrde er ſich nicht ſo leicht von dem Ring ge⸗ trennt haben, wenn er vermuthet haͤtte, daß er ſo leicht zu erkennen ſey. Nach einem augenblicklichen Still⸗ ſchweigen fuhr er fort:„Noch einmal mein Herr— ich habe Ihnen ſchon viel geſagt, das meine Sicher⸗ heit betrifft,— wenn Sie großmuͤthig ſind, ſo werden Sie mich gehen laſſen, vielleicht kann ich Ihnen einſt wieder einen guten Dienſt dafuͤr erweiſen. Wollen Sie mich aber aufhalten, ſo muͤſſen Sie es hier und auf Ihre Gefahr thun; denn ich werde Sie weder auf Ihrem Wege begleiten noch erlauben, daß Sie mir ——— auf dem Meinigen auf Schritt und Tritt nachgehen. Wollen Sie mich gehen laſſen, ſo danke ich Ihnen da⸗ fuͤr— wo nicht, ſo ziehen Sie Ihr Schwerdt!“ .„Junger Edelmann“ ſagte Oberſt Everard,„Sie haben mich in Zweifel geſetzt, ob Sie wirklich der junge ar 3 49 ausgelaſſene Edelmann ſind, fuͤr den ich Sie hielt; aber da Sie ſeloſt ſagen, daß Ihre Familie vertraut mit ihm iſt, ſo zweifle ich keinen Augenblick, daß auch Sie die Schule der Ausſchweifung durchgungen ha⸗ ben, in welcher Wilmor und Willters Profeſſoren, und ihr hoffnungsvoller Herr ein ausgelernter St dent iſt. Ihr Betragen zu Woodſtock, wo Sie die Gaf freunoſchaft der Familie damit belohnten, daß Sie daruͤber bruͤteten, der Ehre derſelben eine toͤdtliche Wunde beizubringen, hat bewieſen, daß Sie ein nur zu faͤhiger Schuler dieſer hohen Schule ſind. Ich wollte Sie nur warnen,— es iſt Ihr eigener Fehler, wenn ich die Strafe der Warnung nachfolgen laſſe.“ „Mich warnen, Sir“⸗ ſagte der Furſt erzuͤrnt, „und Strafe! Da trauen Sir meiner Geduld mehr zu, als ſich mit Ihrer Sicherheit vertraͤgt.— Ziehen Sie Sir!“— Indem er das ſagte, legte er ſeine Hand an das Schwerd. „Meine Religion,“ ſagte Everard,„verbietet mir bei Blutvergießen voreilig zu ſeyn.— Gehen Sie nach Hauſe Sie— ſeyn Sie vernuͤnftig— fol⸗ gen Sie den Befeylen der Ehre ſowohl, wie denen der Vernunft. Achten Sie die Ehre des Hauſes Lee und bedenken Sie, daß Jemand nahe verwandt mit demſelben iſt, der Ihre Handlungen einer ſchwe⸗ ren Rechenſchaft unterwerfen wird.“ „Aha!“ ſagte der pPrinz mit einem bittern Ge⸗ laͤchter,„jetzt ſehe ich die ganze Sache ein— wir haben unſern rundkopfigen Obriſt, unſern, puritani⸗ ſchen Vetter vor uns— der Mann der Bibel und der Moral, uͤber den Aleris ſo herzlich lacht. Wenn Sie, Sir Ihre Religion verhindert, Genugthnung zu geben, ſo ſollte Sie dieſelbe auch abhalten, einen Mann von Ehre zu beleidigen.“ Nun hatte die Leidenſchaft bei Beiden den hoͤchſten Grad erreicht— ſie zogen gegenſertig und fingen anzu W. Scott'’s Werke. XIII. 4 50 fechten, indem der Obriſt dem Vortheil entſagte, den ihm ſeine Feuerwaffen haͤtten verſchaffen koͤnnen. Ein Schwanken des Arms, ein Ausgleiten des Fu⸗ ßes haͤtte in dieſem Augenblicke das Schickſal Groß⸗ britaniens entſcheiden konnen, als die Ankunft eines Dritten das Gefecht unterbrach. I 8 Viertes Kapitel. Halt— der Koͤnig warf ſeinen Mantel ab. Richard II. Die Kaͤmpfer, welche wir im vorigen Kapitel mit anſcheinend gleicher Gewand⸗ athe. Carl hatte ſchon zu vie⸗ t, und war zu lange ſelbſt achtopfer des Buͤrgerkrieges verließen, fochten heit und gleichem len Schlachten beigew ſowohl Parthei als So 1 geweſen, als daß es ihm neu oder uͤberraſchend ge⸗ weſen feyn ſollte, ſich mit eigenen Haͤnden vertheidi⸗ gen zu muͤſſen; und Everard hatte ſich durch ſeine perſonliche Tapferkeit und durch alle uͤbrige Eigenſchaf⸗ ten, welche einem Feldl Aber wie geſagt, die Ar derten den tragiſchen Schluß eines Gefechtes, in wel⸗ chem der Erfolg eines jeden ihm ſeinen Sieg haͤtte bedauern laſſen muͤſſen. Es war der alie Ritter ſelbſt, der auf einem un⸗ anſehnlichen Pferdchen einherritt; denn der Krieg und die Beſchlagnahme hatten ihm kein Beſſeres ge⸗ laſſen. Er warf ſich zw ſchen die Kaͤmpfer und be⸗ fahl ihnen bei ihrem Leben einzuhalten. Kaum hatte er Beiden einen Blick zugeworfen, um zu ſehen mit wem er u tbun habe, als er frug:„vh die Teuſel von Woodſtock, von denen die Leufe ſprachen, in ſie gefahren waren, daß ſie im Beurke des koniglichen Parfs Fämpften?— Laßt Euch Beide ſagen,“ fuhr er errn ziemen, ausgezeichnet. unft eines Dritten verhin⸗ 51 fort,„daß waͤhrend der alte Henry Lee zu Woodſtock iſt, die Privilegien der Domaine aufrecht erhalten werden ſollen, als ſaͤße der König noch auf Throne. Niemand ſoll hier ein 1 n gußer die Hirſche in ihrer Jahreszeit. altet alſo ein, Ihr Beide, oder ich werde der Dritte ſeyn und zeigen, daß ich der aͤrgſte bin! Wie Will ſagt: „Ich ſchlage Euch und Euer klirrend Eiſen, Als wäre ich der Teufel aus der Hölle.“ Die Kaͤmpfer hielten ein, ſtanden ſich aber ge⸗ genuͤber, und warfen ſich Blicke zu, daß man deut⸗ lich ſehen konnte, daß keiner von Beiden den F wuͤnſchte, und zuerſt das Schwerdt einſtecken wollte. 2 Steckt Eure Schwerdter ein, Gentle en, auf der Stelle,“ ſagte der Ritter horcht oder Ihr werdet es mit mir zu thun haben. Ihr koͤntt Gott danken, daß geaͤndert haben. Fruͤher wuͤrde Euch Eure aͤmtheit haben, wenn Ihr ſie nicht mit einer runden Summe Geldes ausgeloͤſet haͤttet.— Neffe, wenn Du mich nicht auf ewig er⸗ zuͤrnen willſt, ſo ſtecke Dein Schwerdt ein. Mr. Ker⸗ neguy, Sie ſind mein Gaſt, ich bitte Sie, mir nicht den Schimpf anzuthun, mit gezogenem Schwerdte auf einer Stelle zu ſtehen, wo es meine Pflicht er⸗ heiſcht, den Frieden aufrecht zu erhalten.“ N. „Ich gehorche Ihnen Sir Henry,“ ſagte der Koͤnig, indem er ſein Schwerdt einſteckte.„Ich weiß wahrlich kaum den Grund, warum mich dieſer Edel⸗ mann angriff. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß niemand die Perſon oder die Privilegien des Kö⸗ nigs niehr ehrt als ich— obgleich dieſe Verehrung etwas aus der Mode iſt.“ „Wir werden einen Ort zum Zweikampf finden Herr,⸗ erwiederte Everard,„wo weder die Perſon noch die Prioilegien des Koͤnigs beleidigt werden.“ „Wahrhaftig, das wird ſchwer halten Sir,“ ſagte 2 52 Carl, der unfaͤhig war, den aufſteigenden Witz zu un⸗ terdruͤcken.—„Ich will damit ſagen, daß der Koͤnig ſo wenig Anhaͤnger hat, das ſelbſt der Verluſt des Ge⸗ ringſten ſeiner Sache Schaden zufügen wird. Aber trot Allem werde ich üͤberall mit Ihnen zuſam men⸗ treffen, wo ſich fuͤr einen armen Royaliſten Gelegen⸗ heit darbietet, zu entfliehen, wenn er in dem Ge⸗ fechte ſiegen ſollte.“ Sir Henry Lees erſter Gedanke hatte ſich auf die Beleidigung gerichtet, welche der Königl. Domaine zugefuͤgt worden war, nun fing er an, ſie der Si⸗ cherheit ſeines Verwandten und des anſcheinenden jungen Royaliſten zuzuwenden.“ Gentlemen ſagte er, „ich muß darauf beſtehen, daß dieſe Sache zu einem ſchließlichen Ende komme. Neffe Markham, iſt das Dein Dankfuͤr meine SEinwilligung auf Dein Wort nach Woodſtock zuruckzukehren, daß Du die Gelegen⸗ heit ergreifſt, meinen Gaͤſten den Hals abzuſchneiden 24 „Wenn Sie ſeine Anſchlaͤge ſo gut wie ich kenn⸗ ten,“— ſagte Markham, und ſchwieg⸗ wohlwiſſend, daß er damit ſeinen Oheim nur aufbringen und nicht uͤberzeugen wuͤrde, und daß er ferner alles was Ever⸗ ard von Kerneguys Abſichten auf Alexis ſpraͤche nur in der Eiferſucht des Erſteren begruͤndet faͤnde. Er ſah al zur Erde, und ſchwieg. „und Sie, Mr. Kerneauy, ſaate Sir Henrv.“ koͤnnen Sie mir einen Grund angeben, warum Sie dieſem jungen Manne nach dem Leben trachten, an dem, obgleich er ungluͤcklicherweiſe ſeine Treue und ſeinen Royalismus außer Augen geſetzt hat, ich doch immer einen Antheil nehmen muß, da er durch Ver wandſchaft mein Neffe iſt.“, „Ich wußte nicht, daß der Gentlemen dieſe Ehn genieße, die ihn gewiß vor meinem Schwerdte geſchut haͤtte,“ antwortete Kerneguy,„aber er degann del Streit, auch kann ich keinen Grund ſagen, warun er gerade mich betraf, es ſeye denn, das er in der Vei ſchiedenheit unſerer politiſchen Meinungen lage. 4 — 53 „Sie wiſſen das Gegentheil,“ ſagte Everard, „Sie wiſſen, daß Sie als ein fuͤchtiger Royaliſt ſicher vor mir ſind— und Ihre letzten Worte zeig⸗ ten, daß Ihnen meine Verwandtſchaft mit Sir Henry keineswegs unbekannt ſey. Freilich iſt das ohne alle Bedeutung. Ich wuͤrde mich ſelbſt erniedrigen, wenn ich meine Verwandtſchaft als ein Mittel ge⸗ brauchte, mich vor Ihnen oder vor einem Andern zu beſchuͤtzen.“ Als ſie ſich ſo ſtritten und keiner die wahre Ur⸗ ſache des Zankes erwaͤhnen wollte, da blickte Sir Henry mit friedensſtiftender Miene bald auf den ei⸗ nen bald auf den andern und rief aus: „ Wie, welch' ein Zauber brachte das hervor, Ich glaube Beide tranken aus der Circe Becher.“ „Kommt Ihr jungen Herrn, geſtattet es einem alten Mann den Vermittler zwiſchen Euch zu machen. In ſolchen Dingen bin ich nicht kurzſichtig— die Mutter aller Mißverſtandniſſe iſt nicht groͤßer als ein Fliegenfuͤßlein; ich habe fnfzig Beiſpiele erlebt, wo, wie Will ſagt: „Die Ritter ſich zum Zweikampf ſtellten Mann gegen Mann, und Schwerdt an Schwerdt,“ und doch zuletzt, als das Gefecht vorbei war, ſich der Urſache des Streites nicht mehr erinnern konnten. Ach, eine Kleinigkeit kann dazu fuͤhren das Weg⸗ nehmen des Stuhls— oder ein ſanfter Stoß der Schultern im Vorbeigehen, oder ein vorſchnelles Wort, oder eine mißverſtandene Miene.— Ko umt, ver⸗ geßt die Urſache Eures Streites, welche ſis auch ſey.— Ihr habt Gennathunng— ohgleich Ihr Eure Schwerd⸗ ter einſteckt, ohne daß Blut ſie faͤrbt, ſo liegt doch der Fehler nicht an Euch; denn es geſchah auf Befehl eines Aelteren und eines Mannes, der ein Recht dazu hat. In Malta, wo man es doch mit dem Zweikampf ſehr genau nimmt, muͤſſen die Kaͤmpfenden auf den Be⸗ fehl eines Ritters, eines Prieſters, oder einer Dame einhalten und der ſo unterbrochene Kampf wird fuͤr 8 54 ehrenvoll geendigt gehalten⸗ und darf nicht wieder er⸗ neuert werden. Neffe, ich halte es fuͤr unmoͤglich, daß Du dieſem jungen Edelmann einen Haß nachttaͤgſt⸗ weil er fuͤr ſeinen Koͤnig kaͤmpfte. Hoͤre meinen ehrlichen Vorſchlag Markham— Du weißt, daß ich Dir im Herzen nicht voͤſe bin, wenn ich ſchon Urſache habe beleidigt zu ſeyn.— Gib dieſem Juͤnglinge freundſchaftlich die Hand, wir wollen dann alle drei ins Jagerhaus zuruͤckgehen und zum Zeichen der Ver⸗ ſohnung ein Glas Sect zuſammen trinken.“ Markyam Everard war unfahig, der freundſchaft⸗ lichen Gute ſeines Oheims zu widerſtehen. Er vermu⸗ thete freilich, wie es auch wirklich der Fall war, daß die Einla dung ihren Grund nicht allein in der wie⸗ derauflebenden Freundſchaft ſeines Oheims habe, ſon⸗ dern daß derſelbe durch dieſe Aufmerkſamkeit, ſich ſei⸗ ner Neutro alitaͤt wo nicht gar ſeines Beiſtandes zur Er wuste Bodi daß er dad ure ch in eine ſchwierig Aung gerathen, und ſich dem Verdachte ſeiner eigenen Parthei ausſetzen wuͤrde, wenn er, ſel lbſt mit einem nahen Verwandten Umgang pflegte, der ſolche Gaͤſte beherbergte. Aber auf der andern Seite hielt er die Dienſte, welche eer der Republik geleiſtet hatte, fuͤr wichtig genug⸗ Alles verachten zu koͤnnen, was in dieſer Hinſicht der Neid gegen ihn anfuͤhren konnte. Denn obgleich der Burgerkrieg in vielen Fawilien und auf die verſchiedenſte Weiſe Spaltungen erregt hatte, ſo ließ doch, als der Triumph der Repub entſchieden war, die Wuth des politiſchen Haſſes nach, und der alte Knoten der Freund⸗ und Verwandtſchaf⸗ ten errang, wenigſtens einen Theil, feines fruͤheren Einflußes wieder. Mancherlei Verbindungen kamen zu Stande, und die, welche wie Everard der ſiegrei⸗ chen Parthei anhingen, benutzte es oft, zum Schutze ihrer ungluͤcklicheren Verwandten. Dieſes, verbunden mit der Ausſicht, einen neuen Umgang mit Aleris Lee anknuͤpfen zu koͤnnen, durch 55⁵ welchen er im Stande ſeyn wuͤrde, ſie gegen Schimpf und Beleidigung zu beſchuͤtzen, bewog ihn dazu, dem vermeintlichen ſchottiſchen Pagen die Hand zu reichen, und zu ſagen:„daß er ſeiner Seits bereit dazu waͤre, die Urſache ſeines Streits zu vergeſſen, oder vielmehr es als ein Mißverſtaͤndniß zu betrachten, und dem Mr. Kerneguy eine Freundſchaft anzubie⸗ ten, wie ſie zwiſchen rechtſchaffenen Naͤnnern, die ver⸗ ſchiedene politiſche Parteien ergriffen haͤtten, beſtehen koͤnne.“ Unfaͤhig den Gefuͤhlen ſeiner perſoͤnlichen Wuͤrde zu widerſtehn, welche die Klugheit zu vergeſſen be⸗ fahl, verbeugte ſich Louis Kerneguy ohne jedoch Ever⸗ ards ausgeſtreckte Hand anzunehmen. „Er habe keine Selegenheit“ ſagte er,„die Ur⸗ ſache des Streites zu vergeſſen, da er ſie nie gekannt habe; aber ſo wie er die Rache des Edelmanns nicht gefuͤrchtet, ſo waͤre er auch nun bereit, jedes Freund⸗ ſchafts⸗Zeichen, mit welchem man ihn beehren wurde, anzunehmen und zu erwiedern.“ Everard zog ſeine Hand laͤchelnd zuruͤck, und be⸗ ankwortete den Gruß des Pagen, deſſen ſteifer Em⸗ pfang ſeiner Frei noſchafts⸗Zeichen er dem ſtolzen hochmuthigen Eigendunkel des ſchottiſchen Junglings zuſchrieb, der bei den Ideen von Familien und perſoͤnlicher Wichtigkeit auferzogen, darch Bekannt⸗ 4 ſchaft mit der Welt die erſten Lindruͤcke ſeiner Erzie⸗ hung noch nicht harte vergeſſen können. Sir Henry Lee war hoch erfreut daruͤber, daß der Streit geendigt war was er der tiefen Ehrfurcht vor ſeiner Autoritaͤt zuſchrieb; auch war es ihm nicht unangenehm, geine Gelegenheit zu finden einigen Umgang mit 2 ſtend ſagte er daher:„Laßt es Euch nicht verdrießen Ihr jungen Herrn. Ich geb' Euch mein Wort darauf, daß es mir ans Herz ging, Euch trennen zu muͤſſen, als ich Euch ſo ſchoͤn im Kampfe ſah, aus bloßer Liebe zur Ehre, und ohne einen boshaften und blut⸗ duͤrſtigen Gedanken Faͤtte es meine Pflicht als ge⸗ ſchworener Wildmeiſter dahier vicht erheiſcht, ſo waͤre ich wahrlich lieber Euer Sekundant geweſen, als daß ich Euch am Zweikampf gehindert haͤtte. Aber ein geen⸗ digter Kampf ſoll auch vergeſſen ſeyn, und Eure Schwerd⸗ hiebe ſollen keine andere Folgen haben, außer den Appetit, den Ihr dadurch vielleicht bekommen habt.“ Indem er das ſprach, beſtieg er ſein Pferdlein, und ſchlug triumpdirend die nachſte Allee zum Jaͤger⸗ haus ein Seine Fuͤße beruͤhrten faſt den Boden, der Abſatz ſeiner Stiefel blieb grade im Steigbuͤgel— die Ferſen auswaͤrts gebogen— der Korver grade aufrecht— die Zuͤgel ſchulgerecht in der linken Hand getheilt— und in der rechten eine Reitgerte, die ſich diagonal gegen das linke Ohr des Pferdes hin⸗ neigte— ſo ſchien er ein Kunſtreiter zu ſeyn, im Stande den Bucephalus ſelbſt zu regieren. Seine jungen Gefaͤhrten, die ihn zu beiden Seiten beglei⸗ teten, konnten bei der vollkommen regetrechten und ſyſtematiſchen Haltung des Reiters, welche mit der unan ſehnlichen Geſtalt des Pferdleins mit ſeiner ge⸗ ſcheckten Farbe, ſeinen langen Kuͤßen und Maͤhnen und ſeinen glubenden Augen die unter der Haar⸗ maſſe hervorfunkelten, im orellſten Widerſpruch ſtand, ſich kaum eines Laͤchelns enthalten. Vielleicht bemerkte der Ritter ihr ſpoͤttiſches Läͤ⸗ cheln; denn die erſten Worte, die er ausſprech, als ſie die Stelle verlieten, waren:„Obaleich Pixie klein iſt, ſo iſt er doch eigenſinnig,(hier ſpornte er ihn an, damit er durch einen Spruna es beſtaͤtige)— er iſt klein aber voſter Kener; wehrlich, nur daß ich ek⸗ was zu lana für ihn bin(der Ritter war faſt ſechs Fuß hoch) ſonſt wuͤrde ich mich, wenn ich ihn beſteige, an den Feenkoͤnig erinnern, wie ihn Mike Drayton beſchreibt: 57 Auf einen Ohrwurm ſetzt er ſich, Der bäumt und wehrt ſich fürchterlich, Er duldet' ihn nicht gern auf ſich, — Doch half kein Widerſtreben; Er mußt' nach ſeinem Willen ſtehen, Bald Trab, bald wieder Schritt ihm gehen Noch nie war ſo ein Thier zu ſehen; — Es war ſo voller Leben. „Mein alter Freund Pixie.“ ſagte Everard, in⸗ dem er auf den Nacken des Pferdes klopfte,„ich freue mich daß er dieſe unruhige Zeit uͤberlebt hat— Pans muß ſchon uͤber zwanzig Jahre alt ſeyn, Sir enry.“ „ Ueber zwanzig Jahre, gewiß. Ja Neffe Mark⸗ ham, der Krieg iſt ein Wirbelwind in einer Pflan⸗ zung, der nur das Unwertheſte verſchont; der alte Pixie und ſein alter Herr haben manchen Burſchen und manches groͤßere Pferd uͤbertebt, und ſind jetzt ſelbſt nicht viel mehr werth. Doch wie Will ſagt, kann auch das Alter noch etwas leiſten. So leben auch Pixie und ich immer noch.“ Indem er das ſagte, ſvornte er den Pixie wieder an, damit dieſer die Ueberreſte ſeiner Lebenskraft zeigen ſolle.. „Leben immer noch,“ ſagte der junge Schottlaͤn⸗ der, indem er den Sas ergaͤnzte, welchen der gute Ritter unvollendet gelaſſen hatte—„ja ſie leben im⸗ mer noch: „Mit edler Reiterkunſt die Wolten zu entzücken.“ Everard erroͤrhete; denn er fuͤhlte die Jronie; aber nicht ſo ſein Oheim, doſſen autmuͤthi ꝛe Eitelkeit ihm nie erlaubte, die Aufrichtigkeit eines Compliments zu bezweifeln. „Meinen Sie,“ ſagte er,„ja zu Koͤniag Jacobs Zeiten, da erſchien ich wohl auch auf der Reitbahn, und da haͤtten Sie ſagen koͤnnen: „Auch ich— ich ſah den jungen Harry mit dem ſpaniſchen Huthe.“ Aber den alten Harry zu ſehen, ach(der Ritter ſchwieg und ſah aus wie ein ſchuͤchterner Mann, der ein 58 Wortſpiel machen will) was den alten Harry betrifft — da koͤnnten ſie ebenſowohl den Teufel ſehen. Sie verſtehen mich Mr. Kernegnuy— Sie wiſſen der Teufel iſt mein Namens Vetter— ha, ha, ha— Couſin Everard, ich hoffe deine Punktlichkeit wird durch den unſchuldigen Scherz nicht beleidigt worden ſeyn?4 Der Beifall ſeiner beiden Gefaͤhrten entzuͤckte ihn ſo ſehr, daß er die ganze beruhmte Stelle auf die er anſpielte, herſagte, und damit ſchloß, daß er das gegenwaͤrtige Zeitalter herausfordere, ſeinen gan⸗ zen Witz, Donne, Cowley, Waller und alle uͤbrigen uſammen zu nehmen, um einen Dichter hervorzu⸗ ringen, der nur den zehnten Theil vom Genius des alten Shakespeare habe.. 8 „Man ſagt, wir haͤtten einen ſeiner Abkoͤmm⸗ linge unter uns,“ ſagte Louis Kerneguy.„Sir William D'Avenant und manche halten ihn fuͤr einen eben ſo geiſtreichen Mann.“ 8 „Was““ rief Sir Henry aus,„Will D'Avenant, den ich im Norden als Officier unter Newcaſtle ken⸗ nen lernte, als der Markis vor Hull lag? Er war ein ehrlicher Royaliſt und ſchrieb recht artige Verſe; aber wie ſollte der mit Will Shakespeare verwandt ſeyn?“ „Wie?“ erwiederte der junge Schotte,„auf die ſicherſte Weiſe und nach der alten Mode, wenn d'Avenant die Wabrheit ſpricht. Es ſcheint, daß ſeine Mutter eine ſchoͤne luſtige Gaſtwirthin zwiſchen Stratford und London war, bei weicher Will Sha⸗ kespeare ſeine Wohnung oft aufſchlug, wenn er in ſeine Geburtsſtadt reiſte. So ſtand Will Shakespe⸗ are aus lauter Freundſchaft und Bekanntſchaft wis 8 wir in Schottland ſagen, Gevatter bei Will d'Ave⸗ 5 nant; und nicht zufrieden mit dieſer geiſtlichen Ver⸗ wandtſchaft will der juͤngere Will noch ein natuͤrliches Recht geltend machen, indem er behauptet, daß ſeine Mutter eine große Verehrerin des Witzes geweſen, .* 4 ——jÿqm ,- 59 und ihre Gefaͤlligkeit gegen Maͤnner von Genie keine Graͤnzen gehabt habe.“ „O pfuy uͤber den Hund!“ ſagte Obriſt Everard; „der den Ruhm, von einem Dichter oder einem Für: ſten herzuſtammen, auf Koſten des guten Rufes ſei⸗ ner Mutter erkaufen will,— man ſollte ihm die Naſe aufſchlitzen.“ „Das duͤrfte ſchwer fallen,“ antwortete der ver⸗ kleidete Fi uͤrſt, da er an die Eigenheit der Geſichts⸗ zuͤge d des Barden dachte. „Will d's Aen, ut der Sohn des Will Shakespe⸗ are!““ fagte er Ritter, der ſich von ſeinem Erſtau⸗ nen uͤber den ungehenren Anſpruch noch nicht erholt hatte;„das erinnert mich an den Vers im Mario⸗ nettenſpiel von Phaeton, wo der Held ſich bei ſeiner Mutter beklagt— „Es lachen ja die Bauernkinder „Hu wärſt der Sonne Sohn, Du dummor armer Sünder?!“ In meinem Leben hoͤrte ich keine ſolche Unver⸗ ſchaͤmthei t!— Will d'Avenant, der Sohn des glaͤn⸗ zendſten vortrefflich Dichters, der je war, iſt, oder ſeyn wird! ber ich bitte Dich um Verzei⸗ hung Neffe, ich glaube Du biſt kein Freund von ht doch, ich bin nicht ganz ſo ſtreng, wie machen wollten, Oheim. Zu ſeiner Zeit habe l auch gerne gehabt, und nun verdamme ar der allzumal, obgleich ich ihre Ue⸗ Aus zſchweifungen nicht billige. kespeare viele dem Wohlanſtande anſtoͤßige Stellen— vieles ht, das Laſter empfiehlt, — ſcheulichkeit ſeines Anblickes un nicht glanben, daß dieſe ſchoͤnen fuͤr junge Leute beider Geſchlech⸗ 4 Studium ſind, da das Blutvergie⸗ ie Haupt⸗Beſchaͤftigung der Maͤnner oder we mildert. Gedichte ter ein ni ßen darin als d 60 und die Intrigue als das einzige Geſchaͤft der Frauen bezeichnet wird.“ Indem er dieſe Bemerkungen mahte, glaubte Everard nur ſeinem Oheim eine Gelegenheit zu ge⸗ ben, eine Lieblingsmeinung zu vertheidigen, ohne ihn durch einen ſo maͤßigen und beſchraͤnkten Widerſpruch zu beleidigen. Aber wie bei anderen Gelegenheiten, ſo vergaß er auch hier, wie eigenſinnig ſein Oheim in ſei⸗ nen Anſichten uͤber Religion, Politik und Geſchmack war, und daß man ihn eben ſo leicht zur preßbyterig⸗ niſchen Religion haͤtte betehren oder zum Abſchwoͤ⸗ rungs⸗Eid vermoͤgen koͤnnen, als ſeinen Glauben an Shakespeare zu erſchuͤttern. Es war noch eine Eigen⸗ heit in der Art, mit welcher der aute Ritter ſtritt, welche Everard nie recht beareifen konnte, da ſie ſei⸗ nem eigenen graden und offenen Character entgegen war, und ſelbſt ſein religioſer Glaube die in der Ge⸗ ſellſchaft gebraͤuchliche, geheuchelte Ruhe und Freund⸗ ſchafr nicht aut hieß. Sir Henry naͤmlich, weicher ſeine natuͤrliche Heftigkeit kannte, pflegte ſorgſam auf ſeiner Hut dagegen zu ſeyn, und konnte eine Zeitlang, ſelbſt wenn er ſich ſehr beleidiat fuͤhlte einen Streit mit allem Anſchein aͤußerer Ruhe führen, bis die Heftigkeit ſeiner Gefuͤhle die kuͤnſtlichen Schranken, die er ihnen geſetzt hatte, niederriß und ſich mit auf⸗ gehaͤuftem Zorn auf ſeinen Geaner ſtuͤrzte. So ge⸗ ſchah es oft, daß er, wie ein vorſichtiger alter Gene⸗ ral ſich im Angeſichte des Feindes nach und nach in guter Ordnung und mit geringem Widerſtande zuruͤckzog, bis er ſeinen Geaner auf dem Klecke hatte, wo er mit Cavallerie, Infanterie und Artillerie zu⸗ leich angriff und damit den Feind gewoͤhnlich in erwirrung brachte, wenn er ihn auch nicht ganz uͤber den Haufen warf. 5 Dieſem Grundſatze gemaͤß verbarg er alſo bei Ner letzten Bemerkung des Everard ſeine aufgereaten Ge⸗ fuͤhle und antwortete in einem Tone in welchem die Hoͤflichkeit ſtrenge Wachegiber die Leidenſchaft hielt. 1 3 61 „Ohne Zweifel habe der presbyterianiſche Adel in dieſen ungluͤcklichen Zeiten ſolche Beweiſe eines de⸗ muͤthigen, von Ehrgeiz und Hochmuth freien Stre⸗ bens fuͤr das offentliche Wohl gegeben, daß er ſich dadurch ein Recht erwerben habe, daß man allgemein an die Aufrichtigkeit ſeiner Gewiſſenszweifel glauben muͤſſe, die er gegen Werte hegte, in welchen die edel⸗ ſten Gefuͤhle der Religion und der Tugend— Ge⸗ fuͤhle, welche verhartete Suͤnder bekehren, und die man ſterbenden Heitigen und Maͤrtyrern in den Mund legen duͤrfe— zufaͤllig durch den rauhen und harten Geſchmack der damaligen Zeit mit derben Wi⸗ tzen und dergleichen vermiſcht waren, die nur denen ſehr anſtoͤßig ſeyen, die ſie ſorgfaͤltig herausſuchten, um das zu erniedrigen, was an und fuͤr ſich den hoͤch⸗ ſten Beifall verdiente. Aber was er beſonders von dem Obriſten zu erfahren wuͤnſchte, war, ob einer dieſer ſo reich begabten Maͤnner, welche die gelehrten Profeſſoren, und die gottesfuͤrchtigen Geiſtlichen von England von ihren Kanzeln und Cathedern ſtießen, und nun an ihrer Stelle bluͤhten; ob einer von ih⸗ nen ſich der Gaben der Muſen erfreute, oder ob ſie nicht den ſchoͤnen Wiſſenſchaften ſo tyoricht und bar⸗ bariſch entgegen ſeyen, wie der Menſchlichkeit und der geſunden Vernunft?“ Obriſt Everard haͤtte aus dem ironiſchen Ton der Rede den Sturm bemerken koͤnneme welcher in dem Buſen ſeines Oheims aufſtieg, ja r hutte ſogar den Zuſtand der Gefuͤhle des alten Ritters aus dem Ausdruck kennen lernen muͤſſen, welchen die us das Wort Obriſt legte, da dieſer Beiname die geh⸗ te Parthei bezeichnete, welche ſein Neffe ergriffeſtes hatte, und er ihn nur dann ſo nannte, wenn ſein Zorn rege ward; ſtand er aber gut mit ihm, ſo pflegte er ihn Verwandter oder Neffe Markham zu nennen. Wirklich bewog zum Theil das, und die Hoff⸗ nung ſeine Aleris zu ſehen, den Obriſten auf die lange Rede ſeines Oheims kein Wort zu antworten. 62 Dieſer hatte gerade ſeine Rede geſchloſſen, als er und ſeine zwei Gefaͤhrten durch das Thor ſchrit⸗ ten und in die Halle traten. Zugleich erſchien Phoͤbe und erhielt Befehl, ei⸗ nige Getraͤnke fuͤr die Edelleute zu bringen. Die Hebe von Woodſtock erkannte und bewillkommte Ever⸗ ard durch einen faſt unmerklichen Kniks; aber ſie diente ſeinem Intereſſe keineswegs, ſo wie ſie es im Sinne hatte, als ſie den Ritter im Laufe des Ge⸗ ſpraches frug, ob er die Gegenwart des Fraͤuleins Aleris wuͤnſche. Ein ernſtes Nein war die entſchei⸗ dende Antwort; und dieſe unzeitige Vermittlung ſchien ſeinen Zorn gegen Everard wegen deſſen Her⸗ abſetzung des Shakespeare noch zu vergroͤßern.„Ich wuͤrde darauf beſtehen“— ſagte Sir Henry, indem er den Faden des ſchwierigen Gegenſtandes wieder anknuͤpfte,„wenn es ſich fuͤr einen armen geſchlage⸗ nen Rovaliſten ziemte, ſolch einen Ausdruck gegen einen Befehlshaber der ſiegreichen Armee zu gebrau⸗ chen— zu erfahren, ob die krampfhaften Staatsbe⸗ wegungen, die uns Heilige und Propheten ohne Zahl herabgeſchickt haben, nicht auch einen Dichter hervor⸗ brachten, der Geiſt und Genialitaͤt genug beſitzt, den armen alten Will zu verdunkeln, der das Orakel und dir Goͤtze der verblendeten, fleiſchlichen Royaliſten iſt?“ 4 „Gewiß Sir,“ erwiederte Oberſt Everard,“ ich kenne Verſe, und zwar dramatiſcher Art, welche von einem Freunde der Republik geſchrieben wurden, und die, wenn man ſie in unpartheliſcher Waage waͤgt, den Poeſien Shakespeare's gleich kommen, und frei von den rohen Un iemlichkeiten ſind, mit welchen jener woße Barde auweilen dem rauhen Geſchmack ſeiner arbariſchen Zuhorer huldigte.“ 3 „Wirklich,“ ſaate der Ritter, der nur mit Muͤhe ſeinen Zorn unterdruͤckte.„Ich möochte doch gerne mit dieſem Meiſterſtuͤck der Poeſie bekannt werden! 63 Darf ich um den Namen des erlauchten Dichters bitten?“ „Wenigſtens muß es Vicars oder Withers ſeyn,“ ſagte der Page. „Nein Herr,“ erwiederte Everard,„weder dieſe noch Drummond von Hawthornden, noch Lord Stir⸗ ling. Und doch werden die Verſe mweine Rede recht⸗ fertigen, wenn Sie meinen ſchlechten Vortrag entſchul⸗ digen wollen; denn ich bin mehr daran gewoͤhnt, vor dem Bataillon als mit denen zu ſprechen, welche die Muſen lieben. Die Redende iſt eine Dame, welche von der Nacht uͤberraſcht, in einem pfadloſen Walde den Weg verloren hat, und nun die Furcht vor über⸗ natuͤrlichen Weſen ausdruͤckt, die in ihrer Lage natuͤr⸗ lich iſt.“ „Ein Schauſpiel noch dazu, und von einem rund⸗ koͤpfigen Dichter geſchrieben!“ ſagte Sir Henry er⸗ ſtaunt. „Wenigſtens ein dramatiſches Gedicht,“ erwie⸗ derte ſein Neffe; worauf er einfach aber mit Gefuͤhl die nun ſo wohlbekannten Zeilen herſagte, welche aber damals dieſen Nuhm noch nicht erlangt hatten, da zu dieſer Zeit der Ruf eines Schriftſtellers mehr auf polemiſchen und polltiſchen Schriften beruhte, als daß man in ſeinen Dichtungen einen Weg zur Unſterb⸗ lichkeit geſehen haͤtte. 4 7, Erſchrecken können ſie es wohl, doch ihm den Mutb — 8 nicht rauben, Es bricht die Angſt ſich unſrer Seele, ſtets an dem Führer unſres Herzens Der ſtets ihm nahe iſt— an dem Gewiſſen!“ „Meine eigene Anſicht, Neffe Markham, ganz meine eigene Anſicht; nur etwas beſſer ausgedruͤckt, das war es gerade, was ich ſagte, als die ſchurkiſchen Rundtopfe Geiſter zu Woodſtock geſehen haben woll⸗ ten.— Fahre fort ich bitte Dich.“ „Cverard fuhr fort:— 64 „Sey hoch willkommen mir, klar⸗ äug'ter Glaube, Du Hoffnung mit der reinen, weißen Hand, Du gur'ger Engel mit den goldnen Flügeln, Der reinen Keuſchheit, tadelloſe Form! Ich ſeh' Euch ſichtvar, und nun glaube ich Daß Er, das vöchſte Gute, dem der Weſen Menge Nur ſclav'ſche Diener ſeines Willens ſind, Kir, in der Noth, von ſeinen heil'gen Engeln einen Zum Schutz des Lebens und der Eyre ſenden wird.— Ward ich geraͤuſcht? Trügt' mich die finſtre Wolke Die Dich veryult, o⸗ Silberſchein der Nacht? „Das Uebrige iſt mir entfallen,“ ſagte der Decla⸗ mator,„und ich wundere mich, wie ich nur das habe behalten koönnen.“ Sir Henry Lee, der etwas ganz anders, als dieſe claſſiſchen, ſchoͤnen Zeilen erwartete, veraͤnderte bald den zornigen Ausdruck ſeiner Zuge, entfaltete ſeine zuſammengezogene Unterlippe, ſtreichelte ſich den Bart mit der Linken, und ließ den Daumen mit der rech⸗ ten Hand auf den Augenbraunen ruhen, als ein Zei⸗ chen tiefer Aufmerkſamkeit. Nachdem Everard zu ſpre⸗ chen aufgehoͤrt hatte, ſeufzte der Greis wie bei dem Verklingen einer harmoniſchen, ſuͤßen Muſtk. Dann ſprach er freundlicher als zuvor:„Neffe Markham, dieſe Verſe fließen ſuße einher, und klingen in meinem Ohre wie der Ton einer wohlgeſtimmten Leier. Aber Du weißt, daß ich nicht ſchnell den ganzen Sinn deſ⸗ ſen faſſe, was ich zum erſtenmal hore. Wiederhole mir dieſe Verſe langſam und bedächtig; denn ich hoͤre Poeſie gerne zweimal, und zwar zuerſt des Wohllauts und dann des Sinnes wegen.“ 2 So aufgemuntert wiederholte Everard die Verſe mit großerer Kuͤhnheit und beſſerem Erfolg; der Rit⸗ ter begriff ſie jetzt vollkommen, und zollte ihnen mit Blick und Bewegung ſeinen vollkommenſten Beifall. „Ja!“ brach er aus, als Everard zum zweiten⸗ mal ſchwieg—„ja— das nenne ich Poeſie— waͤret es ſelbſt von einem Presbvterianer oder einem Ang⸗ baptiſten geſchrieben. Waren doch ſogar Gute und Gerechte unter den fündigen Stadten, welche durch das Feuer zerſtört wurden. Auch habe ich gehoͤrt, obgleich 4 6⁵ obgleich ich es nicht glauben wollte(ich bitte um Ver⸗ zeihung, Neffe Everard,) daß Maͤnner unter Euch ſind, die den Irrthum ihrer Wege, ſich gegen den beſten und guͤtigſten Herrn empoͤrt zu haben, einſehen, und es bedauern, daß er von noch groͤßeren Suͤn⸗ dern als ſie ſind, ermordet wurde. Ohne Zweifel hat der liebliche Geiſt und das reine Gemuͤth, wel⸗ ches dieſe ſchoͤnen Verſe einfloͤßte, den liebenswuͤrdi⸗ gen Mann ſchon lange zu ſagen gelehrt: ich habe geſuͤndigt, ich habe ſchwer geſündigt. Ja ich zweifle nicht daran, daß eine ſo ſüße Harfe in Gewiſſens⸗ biſſe wegen der Verbrechen, welche ſie ſah, brach; und nun ſitzt der Dichter jammernd uͤber die Schande und den Kummer England— und alle ſeine edlen Gedichte— wie Will ſagt: „Gleich ſüßem Laut verjagt von rauen Tönen.“ „Meinen Sie es nicht auch, Mr. Kerneguy?“ „Nein Sir Henry,“ antwortete der Page. „Wie, Sie glauden nicht, daß der Verfaſſer die⸗ ſer Verſe zu den Beſſeren gehoͤrt, und ſich unſerer Ueberzeugung naͤhert?“ „Ich glaube Sir Henry, daß die Poeſie dieſem Dichter geſtattet, ein Schauſpiel zu ſchreiben, deſſen Held die Dame Potiphar und ihr widerſpenſtiger Liebhaber iſt. Was aber ſeinen Beruf betrifft, ſo wuͤrde mich die letzte Metapher von der Wolke im ſchwarzen Rock oder Mantel mit ſilbernen Treſſen verleitet haben, ihn fuͤr einen Schneider zu halten, wenn ich nicht wuͤßte, daß er ein Schulmeiſter von Profeſſton iſt, und daß ſeine politiſchen Meinungen ihn dazu eignen, der gekroͤnte Dichter des Cromwell zu ſeyn. Denn was Oberſt Everard mit ſo großer Salbung herſagte, iſt das Werk keiner minder be⸗ ruͤhmten Perſon, als des John Milton.“ „John Milton!“ rief Sir Heury Lee erſtannt aus.„Was! John Milton, der gotteslaͤſterliche blut⸗ duͤrſtige Verfaſſer der Defensio populi anglicani!— W. Scott's Werke. XIII. 5 66 Der Vertheidiger des hölliſchen Obergerichtshofs der Feinde! Die Creatur und der Schmeichler des gro⸗ ßen Betrügers, des fluchwuͤrdigen Heuchlers, des abſcheulichen Ungeheuers, des Abſchaums der Menſch⸗ heit, des Sammelplatzes aller Suͤnden, des Compen⸗ diums aller Niedertraͤchtigkeit, des Oliver Cromwell!““ „Derſelbe John Milton,“ antwortete Carl;„der Schulmeiſter der kleinen Buben, der Schneider der Wolken, die er mit ſchwarzen ſilberbortigen Kleidern nunt Untoſten des geſunden Menſchenverſtandes ver⸗ ſieht.“ „Markham Everard,“ ſagte der alte Ritter,„ich werde Dir das nie vergeben— nie— nie! Du haſt mich lobend von einem Mann ſprechen laſſen, deſſen Fleiſch die Raben fuͤttern ſollte.— Sprechen Sie nicht Sir, ſondern gehen Sie! Habe ich, Ihr Ver⸗ wandter und Wohlthaͤter es verdient, daß Sie mir hinterliſtiger Weiſe Lobſpruͤche entreißen, und mich dazu bewegen, dem Sophiſten Milton Weihrauch zu ſtreuen?“ „Wahrlich,“ ſagte Everard,„daß heißt ſtreng gemeſſen Sir Henry. Sie draͤngten in mich— Sie forderten mich auf, ſo gute Verſe wie die des Sha⸗ kespeare zu finden. Ich dachte nur an das Gedicht, und nicht an die politiſchen Anſichten Miltons.“ „Ach ja doch, Herr,“ erwiederte Sir Henry, „wir kennen ihren Scharfſinn wohl, und wiſſen wie genau Sie unterſcheiden; ſo konnten Sie den Rech⸗ ten des Koͤnigs den Krieg erklaͤren, ohne die geringſte Abſicht gegen ſeine Perſon zu haben. Ach Gott be⸗ huͤte dafuͤr! Aber Gott wird Sie hoͤren und richten.— Stelle nur den Trank hin Phoͤbe— Oberſt Everard iſt nicht durſtig.— Ihr habt Eure Maͤuler abgewiſcht, und geſagt Ihr haͤttet nichts Schlimmes getban. Aber ob gleich Ihr die Menſchen taͤuſchen koͤnnt, ſo wer⸗ det Ihr doch Gott nicht hintergehen.“ 3 So ploͤtzlich mit allen Fehlern belaſtet, welche man ſeiner ganzen religioͤſen Sekte und politiſchen — 67 Parthei vorwarf, fuͤhlte Everard zu ſpaͤt, welcher Un⸗ vorſichtigkeit er ſich ſchuldig gemacht hatte, daß er den Geſchmack ſeines Oheims an dramatiſcher Poeſie angegriffen hatte. Er verſuchte es ſich zu erklaͤren— Abbitte zu thun. „Ich habe Ihre Abſicht mißverſtanden, geehrter Herr, und glaubte, Sie wuͤnſchten wirklich erwas von unerer Literatur zu hoͤren, und indem ich Jh⸗ nen das wiederholte, was Sie nicht fuͤr unwuͤrdig hielten angehoͤrt zu werden, geſtehe ich ein, daß ich glaubte, Ihnen eine Gefaͤlligkeit zu erzeigen, und nicht Ihren Unwillen zu erregen.“ „Ach ja,“ verſetzte der Ritter mit ungemilder⸗ tem Rachegefuͤhl—„eingeſtehen— eingeſtehen, ja das iſt der neue Verſicherungs⸗Ausdruck ſtatt der profanen Schwuͤre der Hoͤflinge und Royaliſten.— Ach Herr geſtehen Sie weniger ein und uͤben Sie mehr aus— und hiermit— guten Tag. Mr. Ker⸗ negup, Sie werden das Getraͤnte in meinem Zim⸗ mer finden.“ Waͤhrend Phoͤbe vor Verwunderung uͤber den plotzlichen Streit die Augen aufriß, ward die Hef⸗ tigkeit und das Rachegefuͤhl des Oberſten Everard durch die Gleichguͤltigkeit des jungen Schotten nicht we⸗ nig vergroͤßert. Dieſer hatte ſich mit ſeinen Haͤnden in den Seitentaſchen(eine hoͤfiſche Ziererei ſeiner Zeit) in einen der alterthumlichen Stuͤhle geworfen, und obgleich er zu höflich war, laut auf zu lachen, und die Kunſt jenes innern Gelaͤchters beſaß, wodurch die Weltleute ihrem Spotte freien Lauf laſſen, ohne Haͤndel anzuregen, oder geradezu zu beleidigen, ſo bemuͤhte er ſich doch nicht eben ſehr es zu verbergen, daß ihn der Erſolg des Beſuchs, welchen der Oberſt zu Wvodſteck abgeſtattet hatte, außerordentlich er⸗ freue und nnterhalte. Doch hatte die Gehuld des Obergen Everard nun ihr Ziel erreicht; denn wenn er ſchon in polttiſchen Anſichten himmelweit von ihm verſchieden war, ſo beſtand doch in der Gemuthsart 5. . 68 des Oheims und des Neſfen eine ausgezeichnte Aehn⸗ ichkeit. „Hoͤlle und Welt!“ rief der Oberſt mit einem Tone aus, der einem Puritaner ebenſo wenig wie der Fluch ſelbſt ziemte. „Amen!“ ſagte Lonis Kerneguy, aber mit einem ſo ſanften und leiſen Tone, daß der Ausruf ihm thir zu entſchluͤpfen, als mit Abſicht geſagt zu ſeyn ien. „Sir!“ ſagte Everard; indem er ſich ihm auf eine Weiſe naͤherte, wie ein Mann, der in ſeiner Wuth nicht ungern einen Gegenſtand findet, an dem er ſie auslaſſen kann. „Plait il?“ ſagte der Page ſehr gleichguͤltig, in⸗ dem er ihm mit der großen Unſchuld in's Geſicht ſah. „Herr ich waͤnſchte die Meinung deſſen zu er⸗ fahren, was Sie ſo eben ſagten?“ „Es war nur eine Ergießung des Geiſtes wuͤr⸗ deger Herr,“ erwiederte Kerneguv, ein kleines Stoß⸗ gebetlein, um die heilige Bitte zu begleiten, die Sie eben ausſprachen.“ 3 „Sir, ich weiß, daß ein Laͤcheln wie das Ihrize ſchon manchem Manne das Leben gekoſtet hat,“ er⸗ wiederte Everard. „So ſehen Sie nun!“ antwortete der boshafte Page, den der Gedanke an ſeine Sicherheit ſelbſt nicht verhindern konnte, ſeinen Scherz zu genießen.„Wenn Sie bei Ihrem Geſtaͤndniß geblieben waͤren, ſo wür⸗ den Sie ſich jetzt nicht ſo vergeſſen haben; aber Ihr kraͤftiger Fluch ſprang wie ein Korkſtopfen von einer Flaſche Champagner und erlaubt nun ihrem Zorne in der ehrlichen ungetauften Sprache eines gemeinen Baben ſchaͤumend nachzuſprudeln.“ „Ums Himmelswillen Mr. Girnegy,“ ſagte Phoͤ⸗ be,„ſprechen Sie doch nicht ſo bitter mit dem Obri⸗ ſten! lind Sie mein guter Obriſt Markham, laſſen Sie ſich nicht dadurch beleidigen— er iſt nur ein Bube.“ 69 „Wenn der Obriſt oder Sie Fraͤulein Phoͤbe es erproben wollen, ſo werden Sie finden, daß ich ein Man bin. Ich glaube der Edelmann kann ſchon et⸗ was davon ſagen.— Vielleicht empfiehlt er Ihnen die Rolle der Lady im Comus; und ich hoffe nur daß ſeine Bewunderung des John Milton ihn nicht dazu ver⸗ leiten wird, die Rolle des Samſon Agoniſtes zu uͤber⸗ nehmen, um dieſes alte Haus mit ſeinen Fluͤchen zu beladen, oder es im Zorn niederzureißen.“ „Junger Mann,“ ſagte der Obriſt in ſtets be⸗ wegter veidenſchaft,„wenn Sie auch meine Grund⸗ ſaͤtze ſonſt nicht ehren, ſo duͤrfen Sie ſich bei ihnen doch fuͤr den Schutz bedanken, den Sie ſonſt nicht leicht finden wuͤrden.“ „Nun,“ ſagte das Maͤdchen,„muß ich diejeni⸗ gen holen, welche groͤßeren Einfluß haben als ich.“ Mit dieſen Worten flog Phoͤbe davon, waͤhrend Kerneguy dem Everard in demſelben beleidigenden Tone kalter Gleichguͤltigkeit antwortete: „Ehe Sie mir mit einer ſo furchtbaren Sache, wie Ibre Rache iſt, drohen, ſollten Sie auch gewiß ſeyn, ob ich nicht durch Umſtaͤnde gezwungen werden kann, Ihnen die Gelegenheit zu entreißen, auf welche Sie anzuſpielen ſcheinen.“ In dieſem Augenblick trat Alexis, ohne Zmeifel von ihrer Dienerin aufgefordert, eilig in die Halle. „Mr. Kerneguy,“ ſagte Sie,„Mein Vater wuͤnſcht Sie in Victor Lee's Zimmer zu ſprechen.“ Kerneguy ſtand auf und verbeugte ſich. ſchien aber entſchloſſen da zu bleiben, bis Everard wegginge, um alle Erklaͤrung zwiſchen den Verwandten zu hindern. „Markham“ ſagte Alexis eilig—„Vetter Ever⸗ ard— Ich kann nur einen Augenblick hier verweilen — um Gotteswillen geh'— augenblicklich!— Sey vorſichtig und geduldig— aber verweile nicht hier— mein Vater iſt furchtbar aufgebracht.“ „Ich weiß das ſchon durch weinen Oheim, Ma⸗ dame“ erwiederte Everard,„und kenne ſeinen Befehl, 70 4 mich zu entfernen, dem ich auch unverzuͤglich Gehor⸗ ſam leiſten will. Ich war nicht darauf vorvereit daß Sie einen ſo harten Beſehl gerne unterſtuͤtzen warnen; aber ich gehe Madame, wohl wiſſend, daß ich dieje⸗ nigen zuruͤcklaſſe, deren Geſellſchaft ihnen angeneh⸗ mer iſt.“ „Ungerecht— unedel— undaukbar! ſagte Alexis; aber fuͤrchtend ihre Worte moͤchten Ohre erreichen, fuͤr welche ſie nicht beſtimmt waren ſprach ſie mit einer ſo ſchwachen Stimme daß ihr Vetter, an den ſie ge⸗ richtet waren, den Troſt verloren, den ſie ihm brein⸗ gen ſollten. Er verbeugte ſich kalt gegen Alexis und ſagte mit jener erzwungenen Hoͤflichkeit, die unter Leuten von Stande ſehr oft den toͤdtlichſten Haß verbirgt: Mr. Kerneguy, ich muß wohl fuͤr jetzt meine Anſichten uͤber die Dinge, deren wir in unſerem Geſpraͤch erwaͤhnten, unterdruͤcken, doch werde ich einen Edelmann zu Ih⸗ nen ſchicken welcher die Ihrige erfragen ſoll.“ Der vermeintliche Schortlaͤnder machte ihm eine tiefe und zu gleicher Zeit herablaſſende Verbeugung, ſagke er würde ſeine Befehle erwarten und indem er der Aleris ſeinen Arm anbot, um ſie in das Zimmer ihres Vaters zuruͤckzufuͤhren, nahm er von ſeinem Nebenbuhter trin nphirend Abſchied. Eyerard dagegen, welcher uͤber ſeine Geduld ge⸗ reitzt war, und aus dem Weſen des Juͤnalinas noch immer ſchloß, daß es entweder Willmot oder einer ſei⸗ ner Gefaͤhrten im Rang und in der Ausſchweifung ſey, kehrte nach der Stadt Woodſtock zuruͤck entſchloſ⸗ ſen, ſich nicht ungeſtraft verdraͤngen zu laſſen, ſelbſt wenn er Mittel anwenden muͤsßte, welche ſeine Grund⸗ ſatze nicht rechtfertigen konnten. —— 71 Fuͤnftes Kapitel. Unmäßigkeit iſt wohl auch Tyranney, Hat manchen Thron frühzeitig leer gemacht „Und viele Könige zum Fau gefuhrt. Macbeth. Als Oberſt Everard mit dem hoͤchſten Unwillen den Beſuch verließ, welchen Sir Henry Lee ihm in ſei⸗ ner guten Laune abzuſtatten anbot, und die fruͤher er⸗ waͤhnte Beleidigung in ſeinem Herzen kochte, unter⸗ hieit ſich der kaum von ſeiner heftigen Leidenſchaft er⸗ holte alte Ritter mit ſeiner Tochter und ſeinem Gaſte. Als er ſich dann einiger waidmänniſchen Verrichtun⸗ gen erinnerte, rief er den Bevis, ging aus und ließ die beiden jungen Leute zuſammen. „Nun,“ ſagte der verliebte Prinz zu ſich ſelbſt, „nun, da Alexis nicht mehr von ihrem Loͤwen bewacht wird, mochte ich doch ſehen ob ſie wirklich von dem Tigergeſchlechte iſt.— So, Sir Bevis hat ſeinen Po⸗ ſten verlaſſen“ ſagte er laut;„ich dachte die alten Ritter, die er als ein ſtrenger Waͤchter wohl vorſtel⸗ len kann, hielte eine ſtrengere, aufmerkamere Wache.“ „Bevis weiß, daß ſeine Gegenwart und ſein Schutz ganz und gar unnoͤthig ſind“ ſagte Alexis;„Yund uͤbri⸗ gens hat er andere Väichten zu erfullen, die jeder wahre Ritter der Beſchaͤft gung vorzieht, den ganzen Morgen am Toilette Tiſch einer Dame zu verlieren.“ „Was Sie da ſagen, iſt Hochverrath gegen alle treue Zuneigung“ ſagte der galante Fuͤrſt.„Der leichteſte Wunſcheiner Dame ſollte für einen treuen Rit⸗ ter wichtiger ſeyn, als ſeibſt der Dienſt ſeines Herrſchers. Ich wuͤnſchte Aleris, daß Sie mir nur das geringſte Ihrer Verlangen ausdrückten, und Sie ſollten ſehen, wie ſehr ich zu gehorchen weiß.⸗ „Sie ſagten mir ja nicht einmal heute Morgen wie viel Uhr es ſey“ erwiederte die junge Dame,„und als ich mich nach den Fluͤgeln der Zeit erkundigte, haͤtte ich mich erinnern ſollen, daß die Galanterie der Maͤnner ſo fluͤchtig iſt, wie die Zeit ſelbſt. Wiſſen Sie, was Ihr Ungehorſam mich und andere gekoſtet haben mag? Braten und Gefluͤgel koͤnnen zu Aſche verbrannt ſeyn, denn ich uͤbe die alte haͤusliche Pflicht aus, die Kuͤche zu beſuchen; oder ich kann das Gebet verſaͤumt oder bei einem Rendezvous zu ſpaͤt gekom⸗ men ſeyn, und nur durch die Nachläͤßigkeit des Louis Kerneguy, der mir nicht ſagte, wie viel Uhr es iſt.“ „Ach“ erwiederte Kerneguy„ich bin einer von den Verliebten, welche keine Abweſenheit ertragen koͤn⸗ nen— ich muß immer zu den Fuͤßen meines ſchoͤnen Feindes liegen— denn wie die Romanzen es uns lehren, ſo iſt dieſes das Mittel, die Schoͤne und Grau⸗ ſame zu gewinnen, welcher wir Herz und Leben ge⸗ widmet haben.— g er hinzu indem er das Inſtrument ergriff,„und zeige ob ich meine Pflicht nicht kenne.“ Er ſang, aber mit groͤßerem Geſchmack als Rich⸗ tigkeit ein leichtes franzoſiſches Lied, welches einige von den Witzlingen oder Dichtern ſeines froͤhlichen und umherſchweifenden Gefolges in engliſche Verſe uͤbertragen hatten. „Ein Stündchen bei Dir!— wenn beim Morgen Thau Aurora veraoldet das nächtliche Grau;⸗ Was ſtimmet die Seele zu heiterer Luſt Wenn Kummer und Schmerzen betaſten die Bruſt? Was macht daß ich leicht jetzt die Sorgen ertrage Und herbe Erinn'rung vergangener Tage?— in Stündchen bei Dir! Ein Stündchen bei Dir! wenn der Sonne Glut Um Mittaa mir raubet die Kraft und den Muth; Sprich was veraütet Dir rüſtiger Held, Die ſauere Arbeit auf ſtanbigem Feld? Was kühlet wohl mehr mir, als Keller und Eis Die Hitze des Bluts und den triefenden Schweiß? Ein Stundchen bei Dir! Sprich fuͤr mich gute Leier“ fuͤgte — 4— 73 Ein Stündchen bei Dir! wenn die Sonne ſich neigt, Und die Pflicht dann des Tages, die drückende ſchweigt; Was ſcheucht dann ſo Arbeit, wie Sorge und Müh' Hinweg bis zur morgenden dämmernden Fruh? Dann denk ich an Druck nicht und nied'ren Gewinn, D ſprich was verandert ſo ſehr mir den Sinn? Ein Stündchen bei Dir!. „Es giebt noch einen vierten Vers“ ſagte der Saͤn⸗ ger,„aber ich will ihn Ihnen, Fraͤulein Alexis nicht vor⸗ ſingen, weil einige der Sproͤden vom Hofe ihn nicht liebten.“ 4 „Ich danke Ihnen Mr. Louis“ antwortete die junge Dame„ſowohl fuͤr den Geſang welcher mich er⸗ freute, als fuͤr die Verſchweigung deſſen was mich be⸗ leidigen konnte; obgleich ich ein Landmaͤdchen bin, ſo nehme ich doch in ſo fern die Hofſitte an, daß ich das zuruckweiſe, was die beſſere Klaſſe verſchmaͤht.“ „Ich wuͤnſchte“ antwortete Louis,„daß Sie feſt in der Meinung waͤren, alles das anzunehmen, was die Hofdamen nicht verſchmaͤhen.“ „Und was wuͤrde die Folge ſeyn?“ ſagte Alexis mit vollkommener Ruhe. 4 „In dieſem Falle“ ſagte Louis, verlegen wie ein General, welcher findet, daß ſeine Vorbereitungen zum Angriff den Feind weder in Furcht noch in Verwir⸗ rung bringen.—„In dieſem Falle muͤßten Sie mir es verzeihen, ſchoͤne Aleris, wenn ich gegen Sie eine waͤrmere Sprache, als bloß die der Galanterie gebrauch⸗ te— wenn ich Ihnen ſagte, welchen großen Antheil mein Herz an das nimmt, was Sie als bloßen Zeitvertreib betrachten— wenn ich ernſtlich ein⸗ geſtand, daß es in Ihrer Macht ſteht, mich zu dem gluͤcklichſten oder ungluͤcklichſten Menſchen zu machen.“ „Mr. Kerneguy“ ſagte Alexis mit derſelben un⸗ erſchuͤtterlichen gleichguͤltigen Nachlaͤßigkeit,„wir wollen uns einander verſtehen. Ich bin mit den hochadeli⸗ chen Sitten wenig bekannt, und ſage Ihnen offen, daß ich doch ungern fuͤr ein thoͤrichtes Landmaͤdchen genommen werden moͤchte, die aus Unwiſſenheit oder Eitelkeit ein jedes zierliche Wort bewundert, das ein 74 Juͤngling gegen ſie gebraucht, der fuͤr jetzt nichts Bef⸗ ſeres zu thun hat, als ſolche falche Complimente zu munzen und in Umlauf zu bringen. Aber die Furcht laͤndlich, zuruͤckgezogen und ſchuͤchtern zu ſcheinen, darf mich nicht zu weit henre ßen; und da ich die genaueren Graͤnzen nicht kenne, ſo will ich Sorge tragen hier Einhalt zu thun.“ „Ich hoffe Madam“ ſagte Kerneguy,„daß wie ſtreng ſie mich anch richten mögen Ihyre Gerechtigkeit mich nicht zu hart ur ein Verbrechen ſtrafen wird, deſſen Beweggrund nur in ihren Reizen liegt.“ „Hoͤren Sie mich 6 Sir, wenn es Ihnen ge⸗ faͤllig iſt, Auhr Aleris fort,„ich habe Ihnen zuge⸗ hoͤrt, als Sie en berger ſprachen— ja meine Ge⸗ faͤlligkeit ging ſo weit, Ihnen en bergére zu antwor⸗ ten— denn ich glaube nicht, daß außer dem Laͤcher⸗ lichen etwas anderes aus einem Geſpraͤche zwiſchen Myrtill und Cloe erfolgen kann; und der Hauptfeh⸗ ler des Styls iſt eine ubertriebene laͤſtige Nichtigkeit und Affectation. Aber wenn Sie niederenien, mir Ihre Hand anbieten, und in einem ernſtlicheren Tone ſprechen, ſo muß ich Sie daran erinnern, wer wir ſind. Ich bin die Tochter des Sir Henry Lee, Sir, und Sie ſind oder ſcheinen Mr. Lonis Kerneguy, der Page meines Bruders, ein Flüchtling, welcher Obdach ſucht in dem Hauſe meines Vaters, der ſich durch Ihre Beherbergung einer bedentenden Gefahr unter⸗ wirft, und deſſen Familie Sie alſo mit Ihrer ſtoͤren⸗ den Aufdringlichkeit nicht beunruhigen ſollten.“ „Wollte Gott, ſchoͤne Alexis,“ ſagte der Koͤ⸗ nig,„daß Sie der Bewerdung„ die ich keineswegs im Scher; ſondern ſehr ernſtlich mache, und von der meine Glückſeligkeit abhaͤngt, nichts weiter entgegen zu ſtellen haͤtten, als der niedrige und z zneiſethe fte Stand des Louis Kerneguy!— Aleris- Du haſt die Seele De iner Familie, und muß nothwendiger⸗ weiſe die Ehre lieben. Ich bin eben ſo wenig der leichtfertige eot iſche Page, den ich meinen Zwecken — —— 25⁵ gemaͤs ſpielen muß, als der toͤlpelichte Bauernbube, deſſen Manieren ich am erſten Abend unſerer Bekannt⸗ ſchaft annahm. So arm dieſe Hand ſcheint, ſo kann ſie doch uͤber eine Krone verfügen.“ „Heben Sie ſie“ ſagte Aleris,„fuͤr ein ehrgei⸗ igeres Fraulein auf, Mylord— denn das muß wohl „Ihr Titel ſeyn, wenn der Roman wahr iſt. Ich wuͤrde Iyre Hand nicht annehmen, und koͤnnten Sie uͤber ein Herzogthum verfüugen.“ „In einem Sinne liebenswuͤrdige Alexis haben Sie weder meine Macht, noch meine Zuneigung über⸗ boten. Es iſt Ihr Konig— es iſt Carl Stuart der mit Ihnen ſpricht!— Er kann über Herzogthuͤmer verfuͤgen, und wenn die Schoͤnheit ſie verdienen kann, ſo iſt es gewiß Alexis Lee. Ach nicht doch— ſtehe auf— knie nicht— Dein Souverain ſollte vor Dir knien Aleris, denn er iſt Dir tauſendmal mehr erge⸗ ben, als der Wanderer Louis es zu geſtehen wagen durfte. Ich weiß, daß meine Aleris in den Grund⸗ ſätzen der Liebe und des Gehorſams zu ihrem Sou⸗ verain auferzogen wurde, und daß ſie nach Recht und Gnade ihm keine ſoſche Wunde beibringen wird, wie die Verwerfung ſeiner Bewerbung ihm ſchlagen würde“ Trotz aller Bemuͤhung des Koͤnigs, ſie daran zu verhindern, war doch Alexis auf ein Knie niederge⸗ fallen, bis ſie mit ihren Lippen die Hand berührte, die er ausſtreckte um ſie aufzuheben. Aber nach die⸗ ſer Huldigung erhob ſie ſich, faltete die Arme auf ih⸗ rem Buſen— bitckte demuͤthig aber geſeßt, ruhig und wachſam und ſo vollfommen ihrer ſelbſt maͤchtig, ſo wenig geſchmeichelt von der Mittheilung, die der Koͤnig als allmaͤchtig und un widerſtehlich betrachtete, um ſich, daß er kaum wußte, in weſchen Ausdruͤcken er jetzt ſein Verlaugen ernkleiden ſollte. „Du biſt ſtille— Du ſchweigſt,“ ſagte er,„o men“ ſchoͤne Aleris. Hat der Koͤnig nicht mehr Einfluß auf Dich als der arme ſchottiſche Page?“ 76 „In einem Sinne beſitzt er jed'moͤglichen Ein⸗ fluß“ ſagte Alexis;„denn ihm ſtehen zu Gebote meine beſten Gedanken, meine beſten Wuͤnſche, mein innigſtes Gebet und meine ergebenſte Treue, die, ſo wie die Maͤnner vom Hauſe Lee es ſteis mit ih⸗ rem Schwerdte bezeugten, auch die Frauen im Noth⸗ falle mit ihrem Blute beſteglen werden. Aber die Pflichten eines treuen und ergebenen Unterthans ab⸗ gerechnet, iſt der Koͤnig der Alexis Lee noch weniger, als der arme Louis Kernegup. Der Page haͤtte nach einer ehrenvollen Verbindung ſtreben koͤnnen— der Monarch kann nur eine befleckte Krone bieten.“ „Sie mißverſtehen mich Alerxis— Sie mißver: ſtehen mich,“ ſagte der Konig verdrießlich;„Setzen 8½ Sie ſich, und hoͤren Sie mich an— Setzen Sie ſich doch, was fuͤrchten Sie denn?“ „Ich fuͤrchte nichts, Mylord,“ antwortete Ale: ris.„Was kann ich vom Koͤnige von Grosbritannien fuͤrchten— ich die Tochter ſeines getreueſten Die⸗ ners und unter dem Obdache meines Vaters? Aber ich denke an den Abſtand zwiſchen uns und obſchon ich mit Meinesgleichen ſcherzen kann, ſo muß ich doch in Gegenwart meines Köoͤnigs in der pflichtmaͤßigen Stellung eines Unterthans erſcheinen, außer wenn ſeine Sicherheit es erheiſcht oͤffentlich ſeiner Wuͤrde nicht zu huldigen.“ Obgleich Carl noch jung und kein Neuling bei ſolchen Scenen war, ſo uberraſchte ihn doch ein Wi⸗ derſtand, wie er ihn bei aͤhnlichen Gelegenheiten ſelbſt im ungünſtigen Fall noch nie getroffen hatte. In den Manieren und in dem Betragen der Aleris ſprach ſich weder Zorn, noch beleidigter Stolz, noch wirkliche oder geheuchelte Verachtung aus. Sie ſtand da, wie es ſchien, ruhig vorbereitet, einen Gegenſtand zu bereden, den man im Allgemeinen nur mit Leiden⸗ ſchaft entſcheidet— Sie ſchien keine Luſt zu haben, aus dem Zimmer zu entfliehen, ſondern entſchloſſen zu ſeyn, die Bewerbungen des Liebhabers mit Geduld — 77 anzuhoͤren; aber ihre Haltung und ihr Betragen ver⸗ rieth, daß ſie dieſe Gefaͤlligkeit nur aus Achtung vor den Befehlen des Koͤniges erweiſe. „Sie iſt ehrgeizig,“ dachte Carl;, wenn ich ih⸗ rer Liebe zum Ruhm ſchmeichle, wird es mir beſſer gelingen, als mit der leidenſchaftlichen Sprache.— Ich bitte, ſetzen Sie ſich meine ſchoͤne Alexis,“ ſagte er,„der Liebhaber bittet,— der Koͤnig befiehlt es Ihnen.“— „Der Koͤnig“ ſagte Aleris,„kann die ceremonioͤ⸗ ſen Huldigungen aufheben, die man ſeiner Wuͤrde ſchuldig iſt; aber er kann den Unterthan ſeiner Pflich⸗ ten, ſelbſt durch einen ausdruͤcklichen Befehl, nicht entheben. Ich ſtehe hier, ſo lang es Ew. Majeſtaͤt gefaͤllt mich anzureden.— Ein geduldiger Zuhoͤrer, wie die Pflicht es gebietet.“ „Wiſſe alſo einfaches Maͤdchen,“ ſagte der Koͤ⸗ nig,„daß Du, indem Du meine angebotene Nei⸗ gung und meinen Schutz annimmſt, weder ein Geſetz der Tugend noch der Moralitaͤt verletzeſt. Diejeni⸗ gen, welche zur Koͤnigswuͤrde geboren werden, ſind vieler Genüſſe des haͤuslichen Lebens beraubt,— vor⸗ zuͤglich deſſen, welcher vielleicht der Theuerſte und Koſtbarſte iſt— der Macht, nach eigenem Willen, die Gefaͤhrtin ihres Lebens zu waͤhlen. Sie muͤſſen nach volitiſchen Berechnungen heirathen, und ſehr oft ſind ihre Gemahlinnen dem Gemuͤthe, der Perſon und der Anlage nach gerade diejenigen, welche am wenigſten paſſen, ſie gluͤcklich zu machen. Darum hat aiſo die menſchliche Geſellſchaft Mitleid mit uns und knuͤpft unſer unfreiwilliges und oft ungluͤckliches Eheband mit leichteren und geſchmeidigeren Ketten als diejenigen, welche andere Maͤnner feſſeln, bei de⸗ nen der Knoten des Ehebuͤndniſſes, da er freiwillig geflochten ward, auch verhaͤltnißmaͤßig verbindender iſt. Seitdem alſo der alte Heinrich dieſe Mauern baute, waren Prieſter und Praͤlaten, Adeliche und Staarsmaͤnner daran gewoͤhnt, daß eine ſchoͤne Ro⸗ 78 ſamunde das Herz eines zaͤrtlichen Monarchen be⸗ herrſcht, und ihn fur die Stunden des Zwanges und des Prunkes entſchaͤrigt, die er einer boßhaften, ei⸗ ferſuchten Eleonore widmen muß. An ſolchen Ver⸗ bindungen knuͤpft die Welt keinen Tadel; ſte draͤngt ſich zu den Feſten, um die Schoönheit der liebenswuͤr⸗ digen Eſther zu bewundern, waͤhrend die herrſchfuͤch⸗ tige Waſti ihrer einſamen Herrſchaft uberlaſſen wird; ſie beſtuͤrmen den Pallaſt, um ihren Schutz zu erflehen, deſſen Einfluß im Staate bei weitem groͤher iſt, als der der ſtolzen Gemahlin; ihre Kinder ſtehen dem hoͤchſten Adel im Range gleich, und bewaͤhren ihren Urſprung wie der beruhmte Langichwerd Graf von Salisbury ſeine Abſtammung von Köonigswuͤrde und Liebe. Aus ſolchen Verbindungen entſteben die hoͤchſten und reichſten Adelsgeſchlechter, und die Mut⸗ ter lebt in der Große ihrer Nachkommen geehrt und geſegnet, wie ſie ſtarb beweint und bejammert in den Armen der Lieve und der Freundſchaft.“ „Starb Roſamunde auf dieſe Weiſe, Mylord?“ ſagte Alexris.„Die Sage berichtet, daß ſie von der beleidigten Koͤnigin vergiftet ward— vergiftet, ohne daß ihr die Zeit blieb, Gottes Barmherzigkeit für die Menge und die Groͤße ihrer Fehler onkesſlehen. Oder lebt ihr Andenken etwa auf dieſe Weiſe fort? Ich habe gehoͤrt, daß, als der Biſchoff die Kirche von Godſtowe reinigte, ihr Grabmal auf ſeinen Befehl niedergeriſſen und ihre Gebeine in ungeweihtem Bo⸗ den geworfen wurden.“ „Das waren rauhe alte Zeiten, meine theuerſte Alexis,“ autwortete Carl;„jetzt ſind weder die Koͤ⸗ niginnen ſo eiferfächtig, noch die Biſchoͤffe ſo ſtreng. Wiſſe uͤbrigens daß in dem Land, wohin ich die Lie⸗ benswuͤrdigſte Ihres Geſchlechtes fuͤhren moͤchte, an⸗ dere Geſetze beſtehen, die von einem ſolchen Knoten felbſt das geringſte Aergerniß enrſernen. Es gibt eine Art der Ede, welche, indem ſie allen Ceremonien der Kirche Genuge leiſtet, das Gewiſſen freiſpricht; ——— 79 wodurch die Braut der Vorzuͤge der Wuͤrde ihres Gatten nicht theilhaftig wird, und ſo auch der Konig die Pflichten gegen ſeine Unterthanen nicht verletzt. So konnte Alexis Lee in jeder Hinſicht die geſetzmaͤ⸗ ßige Gattin Carl Stuarts werden, mit der einzigen Ausnahme, daß ihre Privat⸗Verbindung ihr keine Anſpruͤche auf den Titel einer Koͤniginn von England ibt.“ 3„Es wird meinemn Ehrgeiz genuͤgen“ ſagte Ale⸗ ris,„wenn ich Carl als König ſehe, ohne darnach zu ſtreben, weder oͤffentlich ſeine Wurde, noch im Gehei⸗ men ſeinen koniglichen Glanz und Lurus zu theilen.“ „Ich verſtehe Dich Alexis“ ſagte der Koͤnig be⸗ leidigt aber nicht boͤſe.„Du lachſt über mich, daß ich als ein Fluͤchtling wie ein Koͤnig ſpreche. Ich gebe zu, daß es eine Gewohnheit iſt, die ich ange⸗ nommen habe, und von der mich ſelbſt das Ungluͤck noch nicht heilen konnte. Aber meine Sache iſt noch nicht ſo verzweifelt, als Sie glauben moͤgen. Ich ha⸗ be immer noch zahtreiche Anhaͤnger in dieſen Konig⸗ reichen, und meine Alliirten muͤſſen, ihres eigenen Intereſſes wegen, meine Sache ergreifen. Spanien, Frankreich und andere Narionen haben mir Hoffnung gegeben; und ich vertraue darauf, daß das Blut mei⸗ nes Vaters nicht umſonſt vergoſſen ſeyn, noch ohne gehoͤrige Rache trocknen wird, Mein Zutrauen iſt auf Ihm, von dem die Fuͤrſten ihre Wuͤrden tragen, und was Du auch von meiner gegenwaͤrtigen Lage denken magſt. ſo habe ich doch vollkommenes Vertrauen darauf, daß ich eines Tages auf dem Throne von Eng⸗ land ſitzen werde.“. „Gott moͤge das gewaͤhren⸗ ſagte Aleris;„und damit er es gewäͤhren moͤge, bedenken Sie doch ed⸗ ler Fürſt, ob Ihr jetziges Bekragen Ihnen wohl ſeine Gunſt zuſichern wird. Denken Sie an das, was Sie einem mutterloſen Maͤdchen anempfohlen haben, die gegen ihre Sophiſtereien keine beſſere Vertheidigung hat, als was das natuͤrliche Gefuͤhl weiblicher Wuͤrde 80 ches Ob Carl des II. verherrlichen? Fünen die Gunſt Gottes wie eſſen Zorn gegen das Haus Ihr ſichtbar iſt? Wird es Ihnen die Zuneigung des eng⸗ liſchen Volks wieder erwerben, in deſſen Augen ſolche Thaten ein Abſcheu ſind?— Ich überlaſſe es Ihrem eigenen koͤniglichen Gemuͤthe, das zu bedenken.“ Carl ſchwieg uͤberraſcht von der Wendung des Geſpraͤches, die ſein eigenes Intereſſe der Befriedigung Püner Leidenſchaft ſchroffer gegenuͤberſtellte, als er es achte. „Wenn Eure Majeſtaͤt“ ſagte Alexis indem ſie ſich tief verbeugte„nichts weiter zu befehlen haben, ſo iſt es mir wohl erlaubt, mich zuruͤckziehen zu duͤrfen?“ „Verweile einen Augenblick, ſonderbares, unbe greifliches Maͤdchen“ ſagte der Koͤnig,„und beant⸗ worte mir nur eine Frage. Iſt es denn die Niedrig⸗ keit meiner gegenwartigen Lage, die meinen Antrag veraͤchtlich macht?“ „Ich brauche nichts zu verbergen mein gnaͤdigſter Herr“ ſagte ſie,„und meine Antwort ſoll ſo klar und deutlich ſeyn, wie die Frage, welche Sie mir vor⸗ legten. Wenn ich mich von einer laſterhaften, unver⸗ ſtändigen und undankbaren Thorheit haͤtte hinreißen laſſen, ſo haͤtte es nur dadurch geſchehen koͤnnen, daß ich von jener Leidenſchaft verblendet geweſen waͤre, welche die Thorheit und das Verbrechen viel haͤufiger zum Vorwand nehmen, als ſie in Wirklichkeit be. ſteht. Kurz ich haͤtte, wie man ſagt, verliebt ſeyn muͤſſen— und das koͤnnte nur in Einen meines Stan: des geſchehen, aber gewiß niemals mit meinem Sou⸗ verain, — 81 verain, er beſitze nun blos den Titel oder die wirkliche Herrſchaft des Koͤnigreichs.“ „Doch war Royalismus immer der Stolz, ich möͤchte faſt ſagen die herrſchende Leidenſchaft Ihrer Familie“ ſagte der Koͤnig.. „Und wie vertruͤge ſich das mit Royalismus“ ſagte Alexis, wenn ich es duldete, daß mein erlauch⸗ ter Herrſcher nach einer Sache ſirebt, die eben ſo un⸗ ehrenvoll fuͤr ihn wie fuͤr mich iſt. Sollte ich ihn ais ein getreuer Unterthan bei einer Thorheit unterſtutzer die ſeiner Wiedereinſetzung ein weiteres Hinderniß in den Weg werfen wuͤrde, und ſelbſt wenn er auf ſei⸗ nem Throne ſaͤße, ſeiner Sicherheit gefahrlich ſeyn koͤnnte.“ „Dann“ ſagte Carl unzufrieden„haͤtte ich beſſer gethan, meinen Charakter als Page beizubehalten, als mich als Sonverain zu zeigen, was meinen Wuͤnſchen noch mehr entgegen zu ſeyn ſcheint.“ „Meine Gute ſoll ſich noch weiter erſtrecken“ ſagte Alexis.„Ich haͤtte ſo wenig fuͤr den Louis Ker⸗ neguy gefuͤhlt, wie jetzt fuͤr den Erben von Britau⸗ nien; denn die Liebe, die ich zu verſchenken habe, (und ſie iſt nicht von der Art, wie ich in Romanen geleſen und in Geſaͤngen gehoͤrt habe) iſt ſchon einem Anderen zu Theil geworden. Das thut Ew. Maje⸗ ſtät wehe— es chut mir leid— aber die bitterſten Arzneien ſind oft die beilſamſten.“ 4 3,Ja“ antwortete der Koͤnig etwas geneigt,„und die Aerzte ſind ſo vernuͤnftig von ihren Parienten zu erwarten, daß ſie ſie ſchlucken wurden, als waͤre es Honigſeim. Es iſt alſo wahr, das verbreitete Geruct von dem Vetter Oberſt; und die Tochter des ge⸗ treuen Lee hat ihr Herz einem rebelliſchen Schwaͤrmer zugewendet?“ Meine Liebe mard gegeben, ehe ich wußte, was die Worte Rebell und Schwaͤrmer heißen wollten. Ich entzog ſie nickt; denn ich bin üͤberzeugt, daß un⸗ ter den großen Spaltungen, welche das Koͤnigreich W. Scott's Werke, XIII. 6 3 1 zertheilen, die Perſon, auf welche Sie anſpielen, Ih re Parthei irrig, aber gewiß nach dem Ausſpruch ih⸗ res Gewiſſens ergriffen hat; ſie behauptet alſo immer noch die hoͤchſte Stelle in meiner Zuneigung und Ach⸗ tung. Mehr kann ich nicht gewaͤhren, und mehr wird er auch nicht fordern, bis eine gluͤ kliche Wendung den Buͤrgerkrieg veendigt, und mein Vater ſich wie⸗ der mit ihm verſoͤhnt. Innig bete ich daß es durch Eure Majeſtaͤt ſchnelle und einſtimmige Wiederein⸗ ſetzung geſchehen moͤge.“ „Sie haben einen Grund gefunden“ ſagte der Koͤnig„mir ſelbſt den Gedanken an einen ſolchen Wechſel der Dinge verhaßt zu machen; auch haben Sie, Alexis, kein aufrichtiges Intereſſe, dafuͤr zu be⸗ ten. Im Gegentheil ſehen Sie nicht daß Ihr Ge⸗ liebter, der Arm in Arm mit Cromwell geht, ſeine Macht theilen kann, oder vielmehr muß? Ja wenn Lambert ihm nicht zuvorkoͤmmt, ſo kann er ſogar Cromwell ſtuͤrzen und an ſeiner Statt regieren. Und glauben Sie nicht, daß er Mittel finden wird, den Stolz der royaliſtiſchen Lee's zu betaͤuben, und eine Verbindung zu Stande zu bringen, wofuͤr alles ſchon viel beſſer vorbereitet iſt, als fär die Heurath der Toch⸗ ter des Cromwell und dem nicht minder royaliſti⸗ ſchen Erben von Fauconberg?“ „Eure Majeſtaͤt“ ſagte Alexis„hat endlich et⸗ was gefunden, um ſich zu raͤchen— wenn naͤmlich bas, was ich ſagte, Rache verdient.“ „Ich koͤnnte einen noch kuͤrzeren Weg zu Eurer Verdindung bezeichnen,“ ſagte Carl, ehne ihre Belüm⸗ merniß zu berückſichtigen, oder um vielmehe das Ver gnuͤgen der Wiedervergeltung zu genießen.„Auge⸗ nommen, daß Sie Ihrem Oberſten ein paar Worte ſa⸗ gen laſſen, daß ſich hier ein gewiſſer Carl Scuart be⸗ findet, der gekommen waͤre zur Stoͤrung der Heili⸗ gen in ihrer friedlichen Regierung, die ſie darch Be⸗ ten und Predigen, durch Lanze und Flinten erlangt vagen— nehmen wir an er verſtaͤnde die Kunſt, ein 83 Dutzend Soldaten herzubringen, die in jetziger Zeit hinreichend waͤren, das Schickſal des Koͤnigserben zu eatſcheiden.— Glauben Sie nicht, daß der Beſitz ei⸗ nes ſolchen Schatzes ihm von den Rumpfmaͤnnern oder von Cro nwell eine ſolche Belohnung zuſichern wird, daß Iyhr Vater ſeine Einreden gegen die rundkopfige Verbindung zuruͤcknimmt, und die ſchoͤne Aleris und ihren Vetter den Overſt zum Ziel ihrer Wunſche ge⸗ langen laͤßt?“„. „Mylord“ ſagte Alexis mit gluͤhenden Wangen und funkelnden Augen— denn auch ſie hatte ihren Antheil an der erblichen Hitze ihrer Familie—„das üͤberſteigt meine Geduld. Ich habe ohne mein Ge⸗ fuhl auszudrucken, mir ſelbſt die ſchimpflichſten Mei⸗ nangen andichren laſſen;— ich habe mich gerechtfer⸗ tigt, daß ich es verweigere, die Maitreſſe eines hei⸗ matloſen Furſten zu ſeyn, als entſchuldigte ich mich, einen Anthetl an ſeiner wirklichen Krone zuruckzuwei⸗ ſen. Aber können Sie glauben, daß ich unbewegt und ſtille die verleumden hoͤren werde, die mir theuer ſind? Ich werde es nicht thun, Sir; und ſaͤßen Sie da umgeben von allen Schreckniſſen der hohen Stern⸗ lammer iyres Vaters, ſo ſollten Sie mich hoͤren, den Abweſenden und den Unſchuldigen vertbeidigend. Von meinem Vater ſag' ich nichts, außer daß er ohne Vermogen ohne Einkommen, ja faſt ohne beherber⸗ gendes Oodach und den allernoͤthigſten Lebensbeduͤrf⸗ niſſen iſt, weil er alles dem Dienſte ſeines Köoͤniges gufopferte. Er haͤtte es nicht noͤthig gehabt, Ver⸗ raty und Niederträͤchtigkeir auszuſinnen, um ſich Reichthumer zu verſchaffen. Er hatte genug an ſei⸗ nen eigenen Beſitzungen. Was aber den Markham Eoerard betriffr— der kennt bee Selbſtſucht nicht— der wuͤrde ſelbſt um den Beſitz des großen Englands, und trüge es Peru's Schatze in ſeinem Baſen und ein Paradies auf ſeiner Operflaͤche, keine Tha⸗ bege⸗ hen, bie ſeinen Namen beſchimpfen, oder Auderer Gef zhle beleidigen warze.— Jhro Maſeiſt,— Ko. oe 84 nige duͤrfen ſich ihn zum Beiſpiel nehmen.— Fuͤr jetzt Mylord entferne ich mich.“ „Alexis, Alexis— verweile!“ rief der Koͤnig aus. Sie iſt fort.— Das muß Tugend ſeyn— wirk⸗ liche uneigennuͤtzige alles uͤberwaͤltigende Tugend— oder es gibt nichts der Art auf Erden. Doch werden Willmot und Villars kein Wort davon glauben, ſon⸗ dern die Geſchichte zu den uͤbrigen Wundern von Woodſtock rechnen.— Das iſt ein ſeltenes Maͤdchen, und ich geſtehe ein, um den Ausdruck des Oberſten zu gebrauchen, daß ich nicht weiß, ob ich ihr verge⸗ ben und Freun) ſeyn, oder auf bittere Rache denfen ſoll. Waͤre es nicht des verwuͤnſchten Neffen des puritaniſchen Oberſten wegen, ſo wuͤrde ich einem ſo edlen Maͤdchen gerne alles verzeihen. Aber ein rund⸗ koͤpfiger Rebell mir vorgezogen.— Der Vorzug mir ins Geſicht geſtanden und mit der Behauntung gerecht⸗ fertigt, daß Koͤnige ihn zum Beiſpiel nehmen konn⸗ ten— das iſt Galle und Wermuth. Waͤre der alte Mann dieſen Morgen nicht dazu gekommen, ſo haͤtte der Koͤnig ein Beiſpiel und zwar ein ſtrenges bekommen oder gege⸗ ben. Es war ein toller Zweikampf den ich mit meinem Range und mit meiner Verantwortlichkeit wagte— und doch hat mich das Maͤdchen ſo boͤſe auf ſich und ſo neidiſch auf ihn gemacht, daß ich es kaum zum zwei⸗ tenmal vermeiden wuͤrde, wenn ſich die Gelegenheit darbieten ſollte.— Ha, wer koͤmmt da?“ Die Ausrufung beim Schluſſe des kaͤniglichen itt Selbſtgeſprachs wurde durch den unerwarteten Eintr einer andern Perſon des Dramas verurſacht. Viertes Kapitel. Benedict: Darf ich ein Wort in Eure Ohren ſprechen?. Claudio: Bewahre mich nur Gort vor einem Zweikampf. . Viel Larm um nichts Als Carl eben das Zimmer verlaßen wollte, warhe er durch Wildraken verhindert, der mit ungewohnli⸗ —õ——— 85 chen Ernſte und mit phantaſtiſcher Wichtigkeit ein⸗ trat.„Ich bitte Sie um Verzeihung, mein ſchoͤner Herr,“ ſagte er;„aber wie man in meinem Lande ſagt, wenn die Thuͤre offen ſteht ſo gehen die Hunde hinein. Umſonſt klopfte und rief ich in der Halle; und da ich den Weg zu dieſem Zimmer kannte, Sir— denn ich bin ein leichter Geſelle, und vergeſſe den Weg nie den ich einmal ging— ſo wagte ich es un⸗ augemeldet einzutreten.“ „Sir Henry Lee iſt ausgegangen, Sir, wie ich glaude in den Forſt,“ ſagte Carl kalt, denn der An⸗ blick des etwas gemeinen Wuͤſtlings war ihm im Au⸗ genblick nicht ſehr angenehm,„und Mr. Albert Lee hat das Jaͤgerhaus auf zwei oder drei Tage verlaſſen.“ „Ich weiß es wohl Sir,“ ſagte Wildrake;„aber fuͤr jetzt habe ich mit keinem von Beiden Geſchaͤfte. „nd mit wem haben Sie denn Geſchaͤfte?“ ſagte Carl;„das heißt, wenn es erlaubt iſt zu fragen,— da es wahrſcheinlich nicht mit mir iſt.“ „Ich bitte ebenfalls um Verzeihung,“ antwor⸗ tete jener;„wahrſcheinlich kann es ſich auf keinen anderen beziehen, wenn Sie, wie ich glaube— ob⸗ gleich Sie jetzt beſſere Kleider haben— Mr. Louis Girnigo der ſchottiſche Edelmann im Dienſte des Herrn Albert Lee ſind.“ „Ich hin alles was Sie von ihm finden koͤnnen,“ antwortete Carl. „Freilich,“ ſagte der Cavalier,„bemerke ich ei⸗ nen Unterſchied, aber Ruhe und beſſere Kleider koͤn⸗ nen gar viel bewirken. Auch freut es mich, denn ich haͤtte einem zerriſſenen Bettlersbuben nicht gern eine Botſchaft wie die meinige uͤberbracht.“ 3 „Laſſen Sie uns ans Geſchaͤft gehn, Sir, wenn es Ihnen beliebt,“ ſagte der Konig.—„Sie haben alſo eine Botſchaft an mich, wie Sie ſagen. „ So iſt es, Herr,“ erwiederte Wildrake.„Sir ich bin der Freund des Obriſten Markham Eoerard, ein tuͤchtiger Mann und ein wackerer Haudegen, wenn ich ihm gleich eine beſſere Sache wuͤnſche.— Eine Botſchaft habe ich fur Sie, das iſt wahr, und das Brieflein, welches ich Ihnen h'er mit der uͤblichen Form uberreiche, ſetzt Sie von deren Inhalt in Kennt⸗ niß.“ Indem er das ſagte, zog er ſein Schwerdt, legre das erwaͤhnre Billet auf die Spitze deſſelben, ver⸗ beugte ſich tief, und uͤberreichte es dem Könige. Der verkleidete Monarch nahm es mit einer ern⸗ ſten Gegenverbeugung an, und ſprach, indem er den Brief öffnete: Ich darf wohl keinen freundſchaftlichen Inhalt in einer Epiſtel erwarten, das auf eine ſo feindſelige Weiſe uͤberreicht wird.“ „ Ahl— hm— Sir,“ erwiederte der Geſandte ſich raͤuſpernd, damit er um ſo bequemer die diploma⸗ tiſche Sprache annehmen koͤnne;„die Einladung iſt nicht eben gerade zu feindlich, obgleich ſie etwas krie⸗ geriſch lautet. Ich hoffe Sir, daß ein voar Gaͤnge die Sache zu einem erfreulichen Ende ſuͤhren werden; und dann, wie mein alter Lehrer zu ſagen pflegte: Pax nascitur ex bello*). Ich, meines Theils, freue mich gar ſehr von meinem Freunde Markham Ever⸗ ard mit dieſem Auftrag beehrt worden zu ſeyn— um ſo viel mehr, da ich(ich will Ihnen die Wahrheit ge⸗ ſtehn, wuͤrdiger Sir) fuͤrchtete, die puritaniſchen Grund⸗ ſaͤtze mit denen er verblen det iſt, moͤchten ihn verhin⸗ dern der adlichen Weiſe zu folgen, ſich in einer Sache wie die vorliegende, ſelbſt Recht zu ſchaffen. Da ich nur dem Freunde einen Freundſchaftsdienſt erweiſe, ſo hoffe ich auch demuͤthiglichſt, daß ich Sir Louis Giruigo nicht dadurch beleidige, daß ich den Weg zu der vorgeſchlagenen Sache bahne, und Sie werden mir erlauben Ihnen zu ſagen, daß ich glaube, daß wir, wenn kein Ungluͤck ſich dabei ereignet, ſaͤmmtlich viel beſſere Freunde ſeyn werden wenn der Sturm voruͤber iſt, als jetzt.“ ) Der Frieden entſtehe durch den Krieg. So rief Navoleon dem Volke zu, das ihn laut um Frieden vat: Oui, mes amis, mais il faut la concuerir. Anm. d. Ueb. 87 „Auf jeden Fall, Sir,“ ſagte Carl, indem er auf den Brief ſah,„mehr als Todtfeinde koͤnnen wir wohl nicht werden, und auf dieſen Fuß ſtellt uns das Bellet.⸗⸗ „Sie ſprechen die Wahrheit, Sir,“ ſagte Wild⸗ rate,„es iſt eine Herausſorderung zu einem Zwei⸗ kampf, in dem friedlichen Endzweck ein vollkommen guies Einverſtaͤndniß zwiſchen den Ueberlebenden her⸗ zuſtellen— im Fall naͤmlich dieſes Wort als dann im Pluralis gebraucht werden kann.“. „Alſo wie ich merke fechten wir bloß, um zu einem freundſchaftlichen guten Einverſtaͤndniß zu lommen,“ ſagte der Koͤnig. „Da haben Sie wieder Recht Herr; und ich danlte Ihnen für die Klarheit Ihrer Einſichten,“ ſagte Wildrake.„Ja, Herr! in einem ſolchen Falle iſt es angenchm, mit einem Manne von Ehre und Verſtand zu thun zu haben. Ferner bitte ich Sie, Sir, als eine perſönliche Freundſchaft gegen mich daß Sie, da der Morgen wohl kühl werden wird— einen ehrenwerthen Edelmann mitbringen, der es nicht verachtet, ſich mit einem armen alten Soldaten wie ich, ein wenig zu beſchäftigen, um doch nicht ganz müſſig zuzuſehen.“ „Ich verſtehe Sie, Sir,“ erwiederte Carl,„und wann die Sache zu Stande kömmt, ſo können Sie darauf rechnen, daß ich für einen paſſenden Gegner für Sie ſorgen werde.“ „ Ich werde Ihnen ſehr dankbar dafür ſeyn, Sir,“ ſagte Wildrake;„auch bin ich hinſichtlich des Stan⸗ des meines Gegners durchaus nicht kitzlich. Es iſt wahi, daß ich mich Esquire und Edelmann ſchreibe, und mich beſonders dadurch geehrt fühlen würde, mein Schwerd mit dem des Sir Henry oder des Mr. Albert Lee zu kreuzen. Sollte aber das ſich nicht machen können, ſo werde ich es auch nicht verweigern, meine Perſon einem jeden enigegen zu ſtellen, der dem Fönige diente; denn ich halte das ſchen an und für ſich für eine Art Adelsbrief, und würde daher mit einer ſolchen Perſon einen Zweikampf nicht aus⸗ ſchlagen.“ „Der König iſt Ihnen für die Ehre ſehr ver⸗ bunden, welche Sie ſeinen treuen Unterthanen bewel⸗ ſen,“ ſagte Carl. „O Herr ich bin ſehr wunderlich in dieſem Punfkt — ſehr wunderlich.— Wenn es ſich von einem Rundkopf handelt, dann ſchlag ich gleich den Adel⸗ Calender auf, um zu ſehen, ob er das Recht hat, ein Wappen zu führen, wie z. B. Mr. Markham Ever⸗ ard; denn ſonſt wuͤrde ich wahrlich ſeine Herausforde⸗ rung nicht überbracht haben Aber ein Royaliſt iſt bei mir an und für ſich ſchon ein Edelmann. Sey ſeine Geburt auch noch ſo niedrig, ſein Royalismus hat ihn geadelt.“ „Das iſt ganz recht, Sir,“ ſagte der König. „In dieſem Briefe werde ich erſucht, den Mr. Ever⸗ ard morgen früh um 6 Uhr bei dem Baumte zu tref⸗ fen, welchen man die Königs⸗Eiche nennt.— Ich habe weder gegen den Ort noch gegen die Zeit eine Einwendung zu machen. Als Waffe bietet er das Schwerd an, in deſſen Führung, wie er ſagt, wir uns ziemlich gleich kommen. Zur Geſellſchaft zwei Edel⸗ leute— ich werde mir einen Secundanten zu ver⸗ ſchaffen ſuchen, und einen paſſenden Gegner für Sie, wenn Sie Luſt haben ſollten, an dem Tanz Theil zu nehmen.“ „Ich küſſe Ihre Hand Sir, und verbleibe Ihr ergebenſter Diener“ antwortete der Geſandte. „Ich danke Ihnen Sir,“ fuhr der Kbhnig fort, „ich werde mich alſo zur beſtimmten Zeit, geyörig verſehen, an Ort und Stelle einfinden, wo ich entwe⸗ der ihrem Freunde die verlangte Genugthuunz mit dem Schwerdte leiſten, oder ihm eine Urſache angeben werde, waram ich es nicht thue, die ihn zufrie den ſtel⸗ len wird.“ 1. 89 „Um Verzeihung mein Herr,“ ſagte Wildrake, „ich kann bei dieſen Umſtänden nicht wohl begreifen, welche Wahl bei einem ſolchen Falle zwiſchen zwei Männern von Ehre übrig bleibt, außer“— Er nahm die Fechterſtellung an, und machte mit ſeinem gezogenen Degen einige Hiebe aber nicht gegen die Perſon des Königs, den er anredete. „Erlauben Sie mir Sir,“ ſagte Carl,„wenn ich Sie nicht mit einem Falle beläſtige, der wahr⸗ ſcheinlich nicht eintreten wird.— Aber ich könnte z. B. einen wichtigen Dienſt für die öffentliche Sache anführen.“— Das letztere ſprach er mit leiſer ge⸗ heimnißvoller Stimme, und Wildrake ſchien ihn voll⸗ kommen zu verſtehen; denn er legte ſeinen Zeigefinger an die Naſe, und ſchuͤttelte mit dem Kopfe. „Sir,“ ſagte er,„wenn Sie Geſchäfte für den König haben, ſo muß ſich mein Freund vernünftiger Weiſe gedulden.— Ja ich will ſagen, ſelbſt fur Sie fechten, wenn es ihm bloß um die Luſt zu thun iſt, damit Sie nur nicht abgehalten werden.— Und Herr, können Sie bei Ihrem Unternehmen einen al⸗ ten Edelmann gebrauchen, der unter Lunsford und Goring diente, ſo brauchen Sie nur den Tag, die Stunde und den Ort zu bezeichnen wo ich Sie tref⸗ fen ſoll; denn wahrlich Sir, ich bin des Schlapphu⸗ tes, der herunter hängenden Haare und des puritani⸗ ſchen Mantels, mit dem mich mein Freund beſchenkte, überdrüſſig, und möchte mich gern noch einmal für die Sache des Königs raufen; kümmre mich auch nichts darum ob ich geſpießt oder gehängt werde.“ „Ich werde mich deſſen erinnern, was Sie da ſagen, Sir, wenn ſich nehmlich eine Gelegenheit dar⸗ bietet,“ ſagte der König;„und ich wünſchte Se. Ma⸗ jeſtät hätte viele ſolcher Unterthanen.— Nun wird wohl Ihr Geſchäft in Ordnung ſeyn?“ „Wenn es Ihnen gefällt Sir, mir zu Beglaubi⸗ gung nur einige Zeilen mitzugeben— Sie wiſſen, es 8 90 iſt Gebrauch,— und eine ſchriftliche Herausforderung verdient eine ſchriftliche Antwort.“ „Das will ich ſogleich tbun,“ ſagte Carl,„da ſtehen ſchon die Schreibmaterialien.“ „Ferner Sir,“ fuhr der Abgeordnete fort— hm— hm— wenn Sie ſo viel Einfluß im Hauſe hätten, mir ein Glas Sect zu verſchaffen.— Ich bin ein Mann von wenig Worten, und das viele Sprechen kommt mir ſchwer an— übrigens macht ein ſolch Geſchäft immer durſtig, und mit trockenen Lippen zu ſcheiden, bringt Feindſchaft hervor, was Gott bei ei⸗ ner ſo ehrenvollen Gelegenheit rerhindern wolle.“— „ Ich kann mich keines ſehr großen Einflußes im Hauſe rühmen,“ ſagte der König;„aber wenn Eie ſo herablaſſend ſeyn wollen, dieſes Silberſtück anzu⸗ nehmen, ſo können Sie Ihren Durſt im Gaſthauſe zu St. Georg ſtillen.“ „Sir,“ ſagte der Royaliſt(denn zu dieſer Zeit waren ſo ſonderbare Höflichkeits bezeugungen im Ge⸗ brauch, auch war Wildrake nicht ſo delikat, viel da⸗ rüber zu ſtreiten.)—„Ich muß Ihnen ſchon wie⸗ der danken. Aber ich ſehe nicht wohl ein, wie es ſich mit meiner Ehre verträgt, es anzunehmen, wenn Sie mich nicht begleiten und mittrinken.“ „Ich muß mich entſchuldigen Sir,“ erwiederte Carl,„meine Sicherheit befiehlt mir für jetzt allein zu bleiben.“ „Genug geſagt,“ bemerkte Wildrake,„aber wir Royaliſten dürfen nicht viel Umſtände machen. Ich ſehe Sir, Sie verſtehen das Soldaten⸗Recht— wenn ein ſchlanker Burſche Geld im Beutel hat, ſo darf der andere nicht durſtig ſeyn. Ich wünſche Ihnen, Sir, ferner Geſundheit und Glück bis Morgen um 6 Uhr bei der Königs⸗Eiche.“ „Leben Sie wohl, Sir,“ ſagte der König, als Wildrake hinabging und das Lied pfiff:„He da, Cavaliere,“ zu welcher Arie ſein langes gegen Treppe und Geländer klapperndes Schwerd kein unpaſſendes b —-— 91 Accomragnement war.„Lebe wobl, Du nur zu wah⸗ res Muſter des Zuſtandes— wohin Krieg, Niederlage und Verzweiflung ſo manchen wackeren Mann gebracht 77 8 Im Verlauf des Tages begab ſich nichts Bemer⸗ kenswerthes, Alexis vermied ſorgfältig, ſich gegen den verkleideten Fürſten fremd oder zurückgezogen zu ſtel⸗ len, damit ihr Vater oder ſonſt jemand es nicht be⸗ merke. Dem äußern Anſchein nach ſchienen die beiden jungen Leute immer noch in jeder Hinſicht auf dem⸗ ſelben Fuß zu ſtehen. Doch machte ſie es ihm be⸗ merklich, daß dieſe anſcheinende Vertraulichkeit nur angenommen ſey, um den Anſtand zu retten, aber keineswegs die Strenge zurücknehmen ſollte, mit wel⸗ ſcher ſie ſeinen Aptrag verworfen hatte. Dieſes Gefühl verbunden mit ſeiner beleidigten Selbſtliebe und ſei⸗ ner Feindſchaft gegen einen glücklichen Nebenbuhler, bewog Carl, die Familie früh zu verlaſſen, und eine einſame Allee außuſuchen, wo er— wie Herkules an den Scheidewegen zur Tußend und zum Vergnügen— bald auf die Stimme der Vernunft und bald auf die einer leidenſchaftlichen Thorheit hörte. Die Vernunft ſtellte ihm die Wichtigkeit ſeines eigenen Lebens zur weiteren Fortſetzung des großen Unternehmens vor, das ihm für jetzt mißgluͤckte— nämlich die Wiederherſtellung der Monarchie in Eng⸗ land, die Wiedererbauung des Thrones, das Erlan⸗ gen der Krone ſeines Vaters, die Rache für ſeinen Tod, und die Zurückführung der zahlreichen Verbann⸗ ten, die wegen ihrer Anhänglichkeit an ſeine Sache in Armuth und Verbannung ſchmachteten, zu ihren vorigen Gütern und in ihr Vaterland. „Auch der Stolz, oder vielmehr ein gerechtes und natürliches Gefühl von Würde, zeigte ihm wie un⸗ würdig es von einem Fürſten ſey, ſich mit einem Un⸗ terthan in perſönlichen Zweikampf einzulaſſen, und wie lächerlich es ſein Andenken machen würde, weng er ſein Leben in einem Liebeshandel durch die Hand 92* eines Privatmanns verlieren würde. Wzs würden ſeine weiſen Rathgeber Nicolas und Hyde— was würde ſein gütiger weiſer Erzieher, der Markis von Hertford zu ſo einer voreiligen und thörichten Hand⸗ lung ſagen? Würde es nicht die vernünftigſten und einſichtsvollſten Perſonen der königlichen Sache ab⸗ wendig machen; denn wofür ſollten ſie ihr Leben und ihre Güter wagen, um einen jungen Mann, der ſeine eigene Leidenſchaft nicht beherrſchen konnte, zur Herr⸗ ſchaft des Königreichs zu erheben? Dazu kam noch die Betrachtung, daß ſelbſt ein glücklicher Erfolg ſei⸗ ner Flucht, die ſchon ohnediß ſo ſchwierig war, neue Hinderniſſe in den Weg werfen würden. Und wenn er ſeinen Gegner auch nicht umbrächte, ſondern nur beſiegte, wie konnte er wiſſen, ob jener ſich nicht da⸗ durch rächen würde, daß er der Regierung der übel⸗ geſinnten Louis Kerneguy uͤberlieferte, deſſen wahrer Stand alsdann unfehlbar an den Tag käme? Dieſe Betrachtungen empfahlen dem König; die Her⸗ ausforderung abzuweiſen; und der Vorwand, unter dem er ſie angenommen hatte, bot ihm eine Gelegenheit dazu dar. Aber auch die Leidenſchaft hatte ihre Gründe, die bei einem Gemüthe Eingang finden mußte, das durch Ungluͤck und Demuthigung reitzbar geworden war. Zuerſt war er Fuͤrſt, alſo gewiß auch ein Edel⸗ mann, und mußte als ſolcher wie es unter dem Adel Gebrauch iſt, Genugthuung geben oder fordern können. Ferner glaubte er, bei den Engländern würde es ſeinem Intereſſe nicht ſchaden, wenn er, ſtatt ſich mit ſeiner königlichen Geburt u ürde zu ſchuͤtzen, frei her⸗ austräte und Alles, was er geſagt oder gethan habe, auf ſeine eigene Verantwortlichkeit nähme. Es ſchien ihm, daß er bei einem freien Volke in der oͤf⸗ fentlichen Achtung durch ein ritterliches und großmü⸗ thiges Betragen eher gewinnen als verlieren müſſe. Ferner war Muth nothwendiger, um ſeine Anſprüche aufrecht zu erbalten, als der Ruf der höchſten Tugend; und eine Herausforderung nicht anzunehmen hätte die⸗ 93 ſen bezweifeln laſſen können. Was wuͤrden Villiers und Wilmot von einem Liebeshandel ſagen, wo er'’s ge⸗ duldet hatte, ſich von einem Landmädchen beſchämen zu laſſen, ohne ſich an dem Nebenbuhler zu rächen. Die Pasquille, die ſie aufgeſetzt, die ſpöttiſchen Witz⸗ worte, die bei dieſer Gelegenheit die Ohren des Pub⸗ likums erreicht hätten, würden härter zu ertragen ſeyn, als die ernſten Verweiſe ſeiner weiſen Rathgeber Hert⸗ ford, Hyde und Nicolas. Dieſe Betrachtung nebſt dem Stachel des jugendlichen Muthes beſtimmte endlich ſeinen Entſchluß, und er kehrte nach Woodſtock zurück, entſchloſſen der Herausforderung Folge zu leiſten, es möchte davon kommen was da wolle. Vielleicht trug auch ein geheimer Glaube, daß das Gefecht nicht unglücklich ausfallen würde, zu dieſem Entſchluſſe bey. Er war in der Blüthe ſeiner Jugend, im Kampfe geübt, und wie die Probe des Morgens ge⸗ lehrt hatte, war ihm auch Oberſt Everard keineswegs überlegen. Wenigſtens mochte ſo etwas ſeinen könig⸗ lichen Geiſt beſchäftigen, als er ein wohlbekanntes Liedchen, das er bei ſeinem Aufenthalte in Schottland gelernt hatte, vor ſich ſang: „Ein Mann kann woyl trinken, und ſich nicht berauſchen, Ein Maun kann woyl fechten und fallt doch nicht gleich Ein Mann kann wohl kuſſen ein liebliches Madchen Und iſt doch zum zweitenmal gexne geſehen.“ Unterdeſſen hatte der geſchäftige und alles leitende Dr. Nochecliffe der Alexis einen Wink gegeben, daß ſie ihm eine Privataudienz geſtatten muͤſſe, und ſie fand ihn in der ſogenannten Bibliothek, die einſt mit alten Büchern angefüllt war, die aber ſchon vor langer Zeit zu Patronen gebraucht worden waren, und bei ihrem Untergang mehr Geräuſch in der Welt verurſachten, als bei ihrem Erſcheinen und bei ihrem Daſeyn. Der Doctor jetzte ſich in einen großen ledernen Armſtuhl und bat Alexis, ſich einen Stuhl zu nehmen und an ſeiner Seite niederzulaſſen.„Alexis“ ſagte der alte Mann, indem er zaͤrtlich ihre Hand ergriff,„Du biſt ein gutes Mädchen, ein weiſes, tugendhaftes Mudchen, eine von denen, die größeren Werth haben, als Rubi nen— Rubin iſt zwar nicht die rechte Ueberſetzung, aber erinnre mich daran, daß ich Dir dieß ein ander⸗ mal erkläre— Alexis du weißt, wer dieſer Louis Ker neguy iſt— läugne es nur nicht— ich weiß Alles— ich bin ſchon von Allem in Kenntnis geſetzt worden— Du weißt, daß dieſes geehrte Haus das Schickſal von England beherbergt.“— Alexis wollte antworten.— „Nein, ſprich nicht, ſondern höre mir zu Alexis.— Wie beträgt er ſich gegen Dich?“ Alexis wurde roth, wie das dunkelſte Scharlach. „Ich bin ein Mädchen, das auf dem Lande terzogen iſt“ ſagte ſie„und ſeine Manieren ſind zu hofartig für mich.“ „Genug geſagt— ich weiß Alles— Alexis er ſchwebt Morgen in einer großen Gefahr, und Du mußt das glückliche Mittel ſeyn, ihn daran zu verhindern.“ „Ich— ihn verhindern! wie und auf welche Wei⸗ ſe?“ ſagte Aleris erſtaunt.— Es iſt meine Pflicht als Unterthan alles aufzubieten— Alles was der Toch⸗ ter des Sir Henry Lee ziemt.— Sie hielt ſehr ver⸗ legen ein. faßr der d f 1 „Ja“ fuhr der Dockor fort„auf mor ſich zu einem Zweikampf verbindlich Sehrnerennhater kampf mit Markham Everard;— Stunde und Ort P sſennmt Su 6 Uhe des Morgens bei der Kö⸗ nigseiche.— enn ſie ſich treffen, ſo wi 5 whe n⸗ lich Eiher don ihnen fallen.“ zalo vird wayrſ hrin „0 Gott möge ez verhüten, daß ſie ſich treffen.“ ſagte Alexis, die plötzlich ebenſo nede b4t ſſen. der ſertithchen Abet Kep lani kein Unglück daraus entſtehen— Everard wird nie ſein Schwerdr go den Köis erheben.“ Dr. R ſein Schwerdt gegen „Dafür“ ſagte Dr. Nochecliffe„möchte ich d nicht ſtehen. Aber wenn auch der junze un iihrdach Edelmann noch einen Ueberreſt der Treue hat, die ſein Betragen übrigens völlig verleugner, ſo kann es uns bier nichte dienen. Er kenn: den König nicht, ſondern ————— 95 herrachtes, in nur als einen Royaliſten der ihn belei⸗ igt hat. „Laſſen Sie ihm die Wahrheit ſagen Dr. Roche⸗ cliffe, laſſen Sie ihm den Augenblick ſagen“ ſagte Alexis„Er ſollte ſeine Hand erhehen, gegen den flüch⸗ tigen vertheidigungsloſen König: Er iſt deſſen unfä⸗ hig. Ich ſetze mein Leben zum Preis, wenn er nicht am thätigſten bei ſeiner Erhaltung iſt.“ „Das iſt ein Mädchengedanke Alexis,“ antwor⸗ tete der Doctor:„und wie ich fuͤrchte eines Mädchen, deren Vernunft von ihrer Neigung irre geführt wird. Es wäre ärger, als Hochverrath einen rebelliſchen Offi⸗ cier, den Freund des Erzverräthers Cromwell in ein ſo großes Geheimniß einzuweihen. Ich wüßte eine ſol⸗ che Voreilinkeit nicht zu verantworten. Hammond ge⸗ noß das Vertrauen ſeines Vaters, und Sie wiſſen, was daraus entſtand.“— „So laſſen Sie es meinen Vater wiſſen. Er wird zu Markham gehen oder ihn rufen laſſen, und ihm vor⸗ ſtellen, wie unwürdig es gehandelt ſey, ſeine Gaͤſte an⸗ zugreifen“ „Wir dürfen auch Ihrem Vater das Geheimriß nicht verrathen, wer Louis Kerneguy wirklich iſt. Ich gab ihm nur einen Wink von der Möglichkeit, daß Eoil nach Woodſtock flüchten könne, und das Entzücken, in welches Sir Henry ausbrach, die Vorbereitungen zu ſeiner Bequemlichkeit und ſeiner Vertheidigung, wo⸗ von er zu ſprechen anfieng, zeigten deutlich, daß eben ſein Schwärmereifer die Gefahr der Entdeaung ver⸗ grözern würde. Du biſt es Alexis, welche die Hoff⸗ nungen jedes treuen Royaliſten retten muß.“ „Ich!“ antwortete Alexis,„es iſt unmöglich.— Kann man meinen Vater nicht bewegen, zu Gunſten ſeines Freundes und ſeines Gaſtes ins Mittel zu tre⸗ ten, wenn er ihn ſchon nur als Louis Kerneguy kennt?“ „Du vergiſſeſt den Charatter deines Vaters, meine funge Freundin ſagte der Doctor,„Ee iſt ein vortreff⸗ li her Mann and der beſte Chriſt, bis er Sch verter klirren 96 hört; dann aber tritt der vollkommene Soldat hervor, und er iſt ſo taub für jedes friedliche Wort, als wäre er ein Streithahn.“ „Sie vergeſſen Doctor Rochecliffe“ ſagte Alexis, „daß, wenn ich es recht verſtanden habe, mein Vater ſie heute morgen am Kämpfen verhinderte.“ „Ja“ antwortete der Doctor,„weil er es fuͤr Pflicht hielt, im königlichen Park den Frieden aufrecht zu erhalten; aber es geſchah ſo ungern, daß ich Dir Alexis vorausſagen kann, daß wenn er ſie wieder triftt, er weit entfernt, das Gefecht zu verhindern, ſie auf einen nicht privilegirten Boden führen, und ſie dort herzlich willkommen heißen wird, um ſeine Augen an einem ſo angenehmen Anblick zu weiden.— Nein Ale⸗ is Du— nur Du kannſt uns in dieſer Noth hel⸗ en. „Ich ſehe keine Möglichkeit“ ſagte ſie, indem ſie abermals erröthete,„wie kann ich dabei nur im Gering⸗ ſten nützlich ſeyn?“ „Du mußt dem Koͤnige ein Brieſchen ſchreiben,“ antwortete Dr. Rochecliffe— ein Briefchen wie alle Frauen es weit beſſer ſchreiben als Maͤnner es lehren koͤnnen.— Du bitteſt ihn darin, ſich zu der Stunde bei Dir einzufinden, die zum Zweikampf beſtimmt iſr. Er wird es nicht verfehlen; denn ich kenne ſeine un⸗ gluͤckliche ſchwache Seite.“ „Doctor Rochecliffe,“ ſagte Alexis ernſt—„Sie haben mich von Jugend auf gekannt.— Was verlei⸗ tet Sie zu dem Glauben, daß ich einem ſo unzie⸗ menden Rathe folgen werde?“ „Und wenn Du mich von Deiner Kindheit an gekannt haſt, was verleitet Dich denn, gegen mich den Verdacht zu hegen, daß ich der Tochter meines Freundes einen Rath geben wuͤrde, den zu befolgen ihr nicht ziemt? Du kannſt doch, glaube ich, nicht ſo thoͤricht ſeyn, mir die Meinung unterzuſchieben, daß Du Deine Gefalligkeit weiter treiben ſolſſt, als ihn 97 ihn eine oder zwei Stunden im Geſpraäͤch aufzuhalten, bis ich alles vorbereitet habe, daß er dieſen Platz ver⸗ laſſen kann, von dem ich ihn durch eine vorgebliche Nach'uchung entfernen werde? denn beſteigt C. S. Iſein Pferd, reiter davon, und Fraͤulein Alexis Lee hat die Ehre, ihn gerettet zu haben.“ „Ja auf Koſten ihres eigenen Ruſs,“ ſagte Ale⸗ ris,„und der Gefahr einer ewigen Beſchimpfang ihrer Familie. Sie ſagen, Sie wuͤßten Alles; was kann der König davon denken, wenn ich ihm nach dem was vorgefallen iſt, noch ein freiwilliges Ren⸗ dezvous gebe, und wie iſt es moͤglich, ihn wegen des Beweggrundes zu entaͤuſchen?“ „Ich will ihn enraͤuſchen, Alexis; ich will das Ganze erklaren.“ „Doctor Rochecliffe,“ ſagte Alexis,„Sie ſchla⸗ gen das Unmoͤgliche vor. Sie koͤnnen mit Ihrem Scharfſinn und mit Ihrem Verſtand gar vieles be⸗ wirken, aber wenn der neugefallene Schnee einmal beſchmutzt iſt, ſo ſind alle Ihre Kuͤnſte nicht im Stande ihn wieder weiß zu waſchen; es iſt ganz ſo mit dem guten Rufe eines Maͤdchens.“ „Alexis, mein theuerſtes Kind,“ ſagte der Doc⸗ tor,„bedenke doch, daß wenn ich die es Mittel em⸗ pfehle um das Leben des Koͤnigs zu rerten, oder ihn wenigſtens von einer großen Gefahr loszureißen, ſo geſchieht es, weil ich kein anderes kenne, das ich in Bewegung ſetzen koͤnnte. Wenn ich Died bitte, auch nur einen Augenblick das anſcheinend Unrechte zu thun, ſo iſt es nur die hochſte Noth, und Umſtaͤnde, die nicht wieder eintreffen koͤnnen, die mich dazu be⸗ wegen.— Ich werde die ſicherſten Mittel ergreifen, allen uͤbeln Gerichten zuvorzukommen, die von dem entſtehen köͤnnen, was ich Dir anempfohlen habe.“ „Sagen Sie das nicht Doctor,““ ſagte Alexis, „es iſt ein leichteres Unternehmen, das Weltmeer abzudammen, als dem Laufe der Verleumdung Ein⸗ W. Scott's Werke. XIII. 7. 98. halt zu thun. Der Koͤnig wird ſelbſt gegen ſeinen ganzen ausſchweifenden Hof mit der Leichtigkeit prah⸗ len, mit welcher, einer plotzlichen Unruhe wegen, Aleris Lee ihn zum Geliebten annahm— der Mund, der Anderen Ehren ertheilt, wird mich der meinigen berau⸗ ben. Nehmen Sie paſſendere Maasregeln, die Ihrem Stand und Ihrem Character beſſer ziemen. Verleiten Sie ihn nicht dazu, eine Verbindiichkeit der Ehre zu bre⸗ chen, indem Sie ihm eine andere ebenſo unehren⸗ volle Verbindlichkeit vorſpiegeln, ſie ſey nun falſch oder wahr. Gehen Sie ſelbſt zu dem Koͤnige, ſpre⸗ chen Sie mit ihm, wie die Diener Gottes ſelbſt mit dem Herrſcher der Erde ein Recht zu ſprechen haben. Zeigen Sie ihm wie thoricht und unrecht der Weg iſt, den er einſchlägt. Sagen Sie ihm, daß die Frennde, die fuͤr ſeine Sache auf dem Schlachtfelde zu Worce⸗ ſter auf dem Schaffotte und am Galgen ſtarben,— daß die Uebrigen die ſeinentwegen gefangen, zerſtreut, fluͤchtig und zu Grunde gerichtet ſind, es nicht um ihn und ſeines Vaters Geſchlecht verdienen, daß er ſein Leben in einem thoͤrichten Streit wegwerfe.— Sagen Sie ihm, daß es unehrenvoll iſt, das zu wagen, was nicht ihm gehoͤrt, unehrenvoll das Vertrauen der wackern Maͤnner zu taͤuſchen, die ſich auf ſeine Tugend und auf ſeinen Muth verließen.“ Doctor Rochecliffe blickte ſie mit einem melancho⸗ liſchen Laͤcheln an, und ſeine Augen funkelten, als er ſagte:„ach Alexis, ſelbſt ich konnte dieſe gerechte Sache nicht ſo beredt und eindrucksvoll vorſtellen wie Du. Aber leider wird Carl auf keinen von uns Bei⸗ den hören. Er wird ſagen, daß Maͤnner, wenn es ſich von Ehrenſachen handelt, weder von Prieſtern noch von Frauen Rath aunehmen koͤnnen.“ „So hoͤren Sie mich an Doctor Rochecliffe— ich will auf dem beſtimmten Platz erſcheinen, und das Gefecht verhindern— fuͤrchten Sie nicht, daß ich das was ich ſage nicht ausfuͤhren kann.— Ich beinge freilich ein Opfer, aber doch nicht das meines Ru⸗ 4 * * 99 fes. Die Folgen werden mir das Herz brechen.— Sie verſuchte es mit Muhe ihr Schluchzen zu un⸗ terdruͤcken.—„Aber in den Gedanken eines Mannes und noch vielweniger in denen ihres Königes ſoll die Erinnerung an Aleris Lee nie mit Unehre gepaart werden.“ Sie yerbarg ihr Geſicht in ihrem Taſchen⸗ tuche, und brach in unanfhaltſame Thraͤnen aus. „Was will dieſe hyſteriſche Leidenſchaft?““ ſagte Doctor Rochecliffe, der von der Heftigkeit ihres Kum⸗ mers uͤberraſcht und etwas beunruhigt ward.—„Maͤd⸗ chen, es darf mir nichts verborgen bleiben.“ „Nun ſo ſetzen Sie Ihren Scharfſinn in Bewe⸗ gung und entdecken Sie es,“ ſagte Aleris, der fuͤr einen Augenblick die Wichtigkeit, welche ſich der Doc⸗ tor gab mißfiel,—„errathen Sie meine Abſicht, ſo wie Sie ja ſo viele andere Dinge errathen koͤnnen. Es iſt genug, daß ich mein Schickſal ertragen muß: ich will nicht auch noch den Kummer leiden, es wieder zu erzaͤhlen, und zwar Jemanden— Verzeihen Sie mir es mein theurer Doctor, der meine Bewegung bei dieſer Gelegenheit damit nicht gehoͤrig gerechtfer⸗ tigt glanben wird.“ „Nun denn, mein junges Fraͤnlein, beherrſcht mußt Du werden,“ ſagte Doctor Rochecliffe;„und gelingt es mir nicht, Dich zu der Erklaͤrung zu be⸗ wegen, ſo muß ich ſehen, ob auch Dein Vater nicht ſo viel uͤber Dich vermag.“ Indem er das ſaate, kand er etwas mißvergnuͤgt auf, und ging der Thuͤ⸗ „Sie vergeſſen was Sie mir ſelbſt ſagten. Doc⸗ tor Rochecliffe,“ ſagte Alexis,„von der Gefahr die⸗ ſes großen Geheimniſſes mein in Water mitzuthelten.“ „Es iſt nur zu wahr“ ſagte er, indem er ſich umwandte und zuruͤckkehrt.„Aber Du Maͤdchen biſt mir zu fein, und es ſind mir noch nicht viele dieſer Art vorgekommen. Aber Du biſt auch ein gu⸗ tes Maͤdchen, und wirſt es mir von freien Stuckem * ſagen— mein Charakter und mein Einfluß bei dem Konig haͤngt davon ab, daß ich mit allem, was ae⸗ tum atque tractatum in dieſer Sache geſchieht und verhandelt wird vollkommen bekannt ſey.“ „Vertrauen Sie mir Ihren Charakter an, mein guter Doctor“ ſagte Alexis, die zu läͤcheln verſuchte; „er iſt von feſterem Stoff als der der Frauen, und wird in meiner Verwahrung ſicherer ſeyn, als der Meinige bei Ihnen. Doch das will ich zugeben— Sie follen alles mit anſehen— Sie ſollen mit mir gehen, nun Ihre Geſellſchaft wird mir Muth und Kraft ein⸗ oͤßen. „Das iſt etwas“ ſagte der Doctor, obgleich er mit dem beſchraͤnkten Vertrauen noch nicht ganz zu⸗ frieden geſtellt war.—„Du warſt immer ein geiſt⸗ reiches Maͤdchen, und ich will Dir vertrauen— wahrhaftig ich muß es wohl, gern oder ungern. 4 „Treffen Sie mich alſo morgen am Sonnenzeiger in der Einoͤde“ ſagte Aleris.„Aver ſagen Sie mir erſt, ſind Sie auch der Zeir und des Ortes ganz ge⸗ wiß? Ein Mißverſtaͤndniß koͤnnte ſehr ungluͤckliche Folgen haben.“— „Verlaſſen Sie ſich darauf, daß meine Nachrich⸗ ten ganz ſicher und genau ſind“ ſagte der Doctor, der ſeine Nichtigkeitsmiene wieder annahm, die ſich vei dem letztern Theil ihrer Unterredang ein wenig vermindert hatte. „Darf ich fragen“ ſagte Aleris„auf welchem Weg ſie zu dieſer wichtigen Nachricht gelangten?“ „Du darfſt unzeitig fragen,“ ſagte er, nun wieder vollkommen ſeine Oberherrſchaft fuͤhlend;„aber ob ich antworten will oder nicht, das iſt wieder eine ganz andere Sache. Ich glaube weder Dein noch mein Ruf koͤnnen dadurch gefaͤhrdet werden, wenn Du das auch nicht erfaͤhrſt. Ich habe meine Geheimniſſe ſo gut wie Du Fraͤulein; und einige von ihnen ſind glaub ich noch etwas wichtiger.“ „Es ſey ſo, ſagte Aleris ruhig:“ wenn Sie 8— — 101 Morgen in der Einoͤde bei dem zerbrochenen Son⸗ nenzeiger puͤnktlich um halb ſechſe mit mir zuſam⸗ mentreffen wollen, ſo wollen wir hingehen, und es abwarten, bis ſie ſich einſtelen. Unter Wegs werde ich meine jetzige Schuͤchternheir uͤberwinden, und Ih⸗ nen die Mittel ſagen, die ich anzuwenden gedeake, um Ungluͤck zu verhindern. Doch koͤnnen Sie viel⸗ leicht fruͤher etwas bewirken, das meine unziemende und peinliche Dazwiſchenkunft ganz unnöthig macht.“ „So, mein Kind,“ ſagte der Doctor„wenn Du Dich mir in Haͤnden gibſt, ſo waͤreſt Du die Erſte, die ſich wegen meines Betragens zu bellagen haͤtte, und Du weiſt wohl, daß Du(Einen ausgenommen) die letzte ſeyn wuͤrdeſt, der ich meinen Rath entzoͤge.— Alſo nun halb ſechſe beim Sonnenzeiger in der Einoͤde— und Gott ſegne unſer Unternehmen.“— Hier ward ihre Unterredung von der tönenden Stimme des Sir Henry Lee unterbrochen, der ihre Namen.„Tochter Alexis— Doctor Rochecliſſe!“ durch Gaͤnge und Galeerien erſchallen ließ. „Was thut Ihr denn da?“ ſante er, als er ein⸗ trat,„was ſitzt Ihr denn da wie zwei Krähen, wenn es drunten ſo eine köſtliche Unterhaltung gibt? Da iſt r wilde ausgelaſſene Bube Louis Kerneguy der mich bald lachen macht, daß ich mir die Seiten halten nuß, und bald ſo ſüß auf der Guitarre ſpielt, daß er faſt die Vögel vom Himmel herunter lockt— kommt mit, kommt mit. Es iſt arg allein zu lachen.“— Siebentes Kapitel. Das iſt der Platz, die Mitte des Gehölzes Hier ſteht die Eiche, der Monarch der Wälder, John Home. Schon beſchien die Sonne die breiten Zweige des „ 102 Waldes, ohne jedoch die Kraft zu haben, in die Gänge einzudringen, die mit ſchweren Thautropfen beladen, an manchen Bäumen hie und da ſchon die Spuren des Herbſtes verkündigten. Es war die Jah⸗ reszeit, wo die Natur einem Ausſchweifenden gleich, deſſen Lebenslauf ſich ſeinem Ende naht, den kurzen Zeitraum, der ihrem Glanze noch vergönnt iſt, in Fröhlichkeit und mit den munterſten Farbenſpielen, zuzubringen wünſcht. Stille waren die Vögel— und ſelbſt das Rothkehlchen, deſſen zwitſchernder Geſang in den Geſträuchen am Jägerhauſe vernommen ward, wo es durch die Füte, mit welcher der alte Ritter ſeine Vertrautlichkeit duldete, kühn gemacht worden war, ſelbſt es wagte ſich nicht in die Gänge des Waldes, denn es fürchtete die Nachbarſchaft der Sperber und anderer Feinde, und zog die Nähe der Wohnungen der Menſchen vor, von denen es faſt allein unter den gefiederten Stämmen, ſich eines uneigennützigen Schutzes zu erfreuen ſcheint. Freundlich und ſtille war alſo die Scene, als der gute Doctor Rochecliffe gehüllt in ſeinen ſcharla⸗ eenen Roquelaure, der ſchon manche Dienſte gelei⸗ ſtet hatte, das Geſicht, mehr der Gewohnheit als der Nothwendigkeit wegen verhüllt, Alexis am Arme(die ebenfalls ein Mantel gegen den kalten neblichten Herbſt⸗ morgen ſchützte) durch die verzweigten graſigen Al⸗ leen, die faſt einen Zoll hoch mit Thau bedeckt wa⸗ ren, dem Platze zuſchlich, welcher zu dem Zweikampfe beſtimmt war. Beide waren ſo ſehr im Geſpräche vertieft, daß ſie die Unannehmlichkeiten des Weges kaum bemerkten, obgleich ſie ſich oft durch Sträucher und Gebüſche winden mußten, die von allen Seiten die flüfſigen Perlen mit denen ſie beladen waren herab⸗ goſſen, bis die Mäntel, in denen ſie gehüllt waren, ſtraff an ihren Seiten herabhingen und beladen mit Thau ſchwer auf ihren Schultern laſteten. Sie blie⸗ ben ſtehen, als ſie ein Plätzehen unter dem Geſträuch erreicht hatten, das von dieſem verdeckt war, von wo — —,— — „f 1 103 aus ſie alles ſehen konnten, was in der kleinen Allee vor der Königseiche vorging, deren rieſenhaft maͤchti⸗ ge Form, verzerrte und weit ausgedehnte Gelenke, und deren furchtbarer Ernſt ſie einem alten im Krieg er⸗ grauten Kämpfer ähnlich machte, der paſſend zum Kampfrichter eines Zweikampfs erwählt worden war. Die erſte Perſon, die zum Stelldichein(Rendez- vous) erſchien, war der fröhliche Royaliſt Roger Wildrake. Auch er war in ſeinen Mantel gehüllt, hatte aber ſeinen puritaniſchen Filz bei Seite gelegt, und trug ſtatt deſſen einen ſpaniſchen Hut mit einer Feder und einem goldenen Hutbande, die aber ſchon ſchlechtes Wetter erduldet und ſchwere Dienſte geleiſtet zu haben ſchienen; dafür ſaß er aber auch, wie ihn die verzweifelnden Royaliſten zu tragen pflegten, ſchief auf einer Seite. Er kam ſehr eilig daher, und rief. laut aus:„Der Erſte auf dem Schlachtfelde, beim Jupiter und habe doch den Everard geweckt, um einen Frühtrunk zu bekommen.— Er hat mir wohlaethan“ fügte er hinzu, indem er die Lippen ableckte.„Gut, da kann ich ſo lange Grund und Boden unterſuchen ehe mein Herr kommt, deſſen presbyterianiſche Uhr ſo lang⸗ ſam geht, wie ſein presbyterianiſcher Fuß.“ Er zog ſein Schwerdt unter ſeinem Mantel her⸗ For und ſchien Luſt zu haben das Gebuſch zu unter⸗ uchen.. „Ich will ihn daran verhindern,“ flüſterte der Doctor der Alexis zu.„Ich werde Dir Wort hal⸗ ten.— Du wirſt nicht aufzutreten brauchen— nisi dignus, vindice nodus— ich will Dir es ein an⸗ dermal erklären. Vindex iſt ſowohl weiblich als männ⸗ lich, ſo läßt ſich der Satz vertheidigen. Bleib nur ſtehen.“ Indem er das ſagte, trat er vor und ver⸗ beugte ſich gegen Wildrake. „Mr. Louis Kerneguy“ ſagte Wildrake und zog ſeinen Hut ab; aber augenblicklich entdeckte er ſeinen Irrthum und fuͤgte hinzu:„Aber nein— ich bitte um Verzeihung Sir— dicker, kürzer, älter.— Sie 104 ſind wohl Mr. Kerneguys Freund, wie ich vermu⸗ the, mit dem ich hoffe nebenbei auch ein paar Gänge zu machen.— Und warum nicht gleich Sir, ehe un⸗ ſere Herren kommen? Nur ſo ein Frühſtück um dem Magen zu genügen, bis das Mittageſſen aufgetragen wird. Was meinen Sie dazu?“ „Es könnte auch einige Oeffnungen in den Ma⸗ gen machen“ ſagte der Doctor. „Ganz wahr Sir“ ſagte Roger, der nun in ſei⸗ nem Element zu ſeyn ſchien;„Sie ſprechen ganz recht— das kann alles noch geſchehen. Aber kom⸗ men Sie Sir, Sie tragen Ihr Geſicht verhüllt. Ich weiß wohl in dieſer unglücklichen Zeit müſſen dies auch ehrliche Leute thun; um ſo viel ſchlimmer. Aber wir ſind jetzt allein, und haben keinen Verräther unter uns. Ich will jetzt meinen Mantel abwerſen, um Ihnen Muth einzußſößen, und zu zeigen, daß Sie es mit einem Edeimann zu thun haben, der den König verehrt, alſo ohne Zweifel ein ebenbürtiger Kämpfer eines Mannes iſt, der ihm dient, wie Sie Sir, da Sie der Freund des Sir Kerneguy ſind.“ Unterdeſſen war Wildrake beſchaͤftigt damit, die Harind ſeines Mantels zu oͤffnen.„Weg, wog— du Huͤlle!“ 8„Hinweg mit dem Schleier der dich o Vorgia verhüllt.“ Indem er das ſagte, warf er den Mantel weg und ſtand da in einem cavaliersmäßigen Spencer von ſcharkachrother Seide mit weißem Gace gefüt⸗ tert, mit Beinkleidern von dem ſelben Zeuge und mit auf vielen Orten geſtooften Strümpfen; ein paar Tanz⸗ ſchuhe, die ſich zu einem Epaziergange im Thau nicht ſehr paßten, und eine breite verbleichte Stickerei an den Wruſſthlägtn des Rockes machte ſeinen Anzug voll⸗ ändig. „Kommen Sie Sir“ rief er aus;„eilen Sie ſich, weg mit dem Mantel— da ſteh ich wacker und feſt— ein ſo getreuer Mann wie nur jemals einer einem Rund⸗ korf ein Schwerdt ins Herz ſtieß. Kommen Sie Sir — — 105 an Ihr Geſchäft!“ fuhr er fort;„Wir können noch ein halb Dutzend Hiebe führen, ehe ſie kommen, und ſie ihrer Langſamkeit wegen beſchämen.— Bſt—“ rief er in einem ſehr getäuſchten Tone aus, als der Doctor den Mantel zuruͤckſchlug, und die geiſtliche Tracht zeigte;„ach du Himmel! hintendrein iſts nur der Pfarrer!“ Doch bewog ihn ſeine Ehrfurcht vor der Kirche und ſein Wunſc, jemanden zu entfernen, der mögli⸗ cherweife das Gefecht verhindern könnte, worauf er ſich ſo ſehr freute, ſogleich einen anderen Ton anzuneh⸗ men. „Ich bitte Tauſendmal um Verzeihung,“ ſagte Wildrae⸗„mein theurer Doctor— ich küſſe den Saum ihres Gewandes— wahrlich bei dem don⸗ nernden Jovis,— ich bitte Sie wieder um Ver⸗ zeihung.— Doch bin ich ſehr glücklich, Sie zu tref⸗ fen— im Jägerhauſe ſucht man Sie außerordentlich ängſtlich— es muß da eine He rath oder eine Taufe, oder ein Begräbniß, oder eine Beichte oder ſonſt et⸗ was ſehr Dringendes geben— Ums Himmelswillen eilen Sie ſich!“ „Im Jägerhauſe,“ ſagte der Doctor;„ich verließ es ja erſt im Augenblick— ich muß ſpäter dort geweſen ſehn als Sie, da Sie ja auf dem Wege von Woodſlock erkamen.“ „Ganz richtig“ erwiederte Wildracke„es iſt zu— Woodſtock, wo mar Sie nöthig hat.— Ich Thor, ſagte ich im Jägerhaus?— Nein, nein— Wood⸗ ſtock— mein Wirth kann nicht gehängt— ſeine Toch⸗ ter nicht verheirathet,— ſein Kind nicht getauft und ſeine Frau nicht begraben werden ohne den Beiſtand eines wahren Geiſtlichen.— Die Holdenough'’s kön⸗ nen ſie dazu nicht brauchen.— Es iſt eine getreue Seele mein Herr Wirth; wenn ihnen alſo Ihr Stand. und Ihr Amt lieb ſind, ſo eilen Sie ſich ſoviel wie möglich.“ „Sie werden mir verzeihen Mr. Wildrake,“ ſagte der Doctor,„ich erwarte den Mr. Louis Kerneguy.“ „Den Deufel auch!“ rief Wildrake aus.„Ach ich wußte es wohl, daß die Schottländer nichts ohne ihre Pfarrer thun können; aber der Deufel hole mich, wenn ich daran dachte, daß ſie Sie auch dazu nöthig haben. Aber ich habe manchen zierlichen Geiſtlichen gekannt, der mit dem Schwerdte ebenſogut, wie mit dem Gebetbuche umzugehen wußte. Sie kennen die Ab⸗ ſicht unſeres Zuſammentreffens, Doctor. Kommen Sie bloß als ein geiſtlicher Tröſter— oder vielleicht als ein Wundarzt— oder nehmen Sie wohl auch zuwei⸗ len das Schwerdt in die Hand?„So, ſo!“ Er machte einige Fechterbewegungen mit dem gezogenen Schwerdte. „Im Nothfall habe ich es auch wohl ſchon ge⸗ than“ ſagte Doctor Rochecliffe. „Guter Herr, laſſen Sie den jetzigen für einen Nothfall gelten,“ ſagte Wildrake.„Sie kennen meine Ergebenheit gegen die Kirche. Wenn ein Geiſtlicher von ihrer Gelehrſamkeit mir die Ehre anthun wollte, auch nur drei Gänge mit mir zu machen, ſo würde ich mich zeitlebens glücklich ſchätzen.“ 4 „Sir“ ſagte Rochecliffe lächelnd,„wenn auch Ih⸗ rem Vorſchlage gar kein anderes Hinderniß im Wege ande, ſo beſitze ich die Mittel nicht— Ich habe kein Schwerdt.“. „Was? Ihnen fehlt eine Waffe, das iſt freilich ſchlimm. Aber Sie haben ja einen mächtigen Stock in der Hand, was hindert uns einſtweilen ein paar Hiebe zu verſuchen, bis unſere Herrn kommen? Mei⸗ ne Tanzſchuhe ſind voll vom Morgenthau und es wird mich ein paar Sohlen koſten, wenn ich ruhig ſtehe, ſo lange ſie kämpfen; denn Sie werden wohl auch meiner Meinung ſeyn, Doctor, daß man ſich um ſo etwas nicht wie die Sperber pickt.“ 3 „Mein Geſchäft bringt es mit ſich, wo möglich hier alles Gefecht zu verhindern“ ſagte der Geiſtliche. 107 „Nein alle Teufel Herr Doctor, das geht nicht an, das iſt zu arg“ ſagte Wildrake;„wenn Achtung vor der Kirche nicht daran verhinderte, ſo wuͤrde ich aus Rache ein Presbyterianer werden.“ „Dreten Sie ein wenig zurück Sir, wenn es Ihnen gefaͤllig iſt“ ſagte der Doctor„und dringen Sie nicht ſo dorthin.“— Denn in der Bewegung ſeines Her⸗ zens hatte ſich Wildrake dem Orte genähert, wo Ale⸗ ris verborgen ſtand. „Und warum nicht, wenn ich Sie bitten darf, Doc⸗ tor“ ſagte der Cavalier. Aber als er einen Schritt vortrat, blieb er plötz⸗ lich ſtehen, und brummte mit einem kräftigen Verwun⸗ derungs⸗Eid:„ein Unterrock im Geſträuch, wahrhaftig das iſt reſpectabel um dieſe Stunde Hui, Hui!“ Er drückte ſein Erſtaunen in einem langen Pfeiffen aus; dann wandt' er ſich gegen den Doctor, und legte den Finger an die Naſe.„Sie ſind fein, Doctor— ver⸗ zweifelnd fein! Aber warum haben Sie mir nicht ei⸗ nen Wink gegeben, welche Bequemlichkeit Sie hier ha⸗ ben— ich meine Ihre Conterbandwanren? Seyen Sie ruhig Herr, ich bin kein Mann dazu, die verbor⸗ genen Genuͤſſe eines Geiſtlichen zu verrathen. „Sir“ ſagte Doctor Rochecliffe„Sie ſind imper⸗ tinent, und wäre es Zeit dazu und der Mühe werth, ſo würde ich Sie dafür ſtrafen.“ Der Doctor hatte lange genug im Kriege gedient, um zu ſeinen Eigenſchaften als Geiſtlicher noch die ei⸗ nes Cavallerie⸗Officiers hinzuzufügen, er erhob alſo ſei⸗ nen Stock zu Wildrakes unendlichem Entzücken, deſ⸗ ſen Ehrfurcht vor der Kirche keineswegs im Stande war ſeine Liebe zum Streit zu zähmen. „d Herr Doctor“ ſagte er,„wenn Sie Ihre Waffe wie ein Schwerdt erheben, ſo bin ich auch dabei.“ Sprachs und fiel mit ſeinem gezogenen Napiere aus, doch nicht gerade gegen des Doctors Perſon, ſondern nur nach dem Orte hin wo jener ſtand. Aber Roche⸗ cliffe änderte die Richtung ſeines Stockes, und ſchlug 108 mit aller Geſchicklichkeit meines Freundes Francalanza dem Cavalier das Schwerdt aus der Hand, ſo daß es zehen Ellen weit flog. In dieſem Augenblick erſchie⸗ nen beide Partheien auf dem Kampſplatz. Erverard rief dem Wildrake heftig zu:„Iſt das Deine Freundſchaft? Ums Himmelswillen, was machſt Du denn in der Narren Jacke und was für Aſenſtrei⸗ che gibt es da?“ Sein würdiger Secundant beugte etwas beſchämt den Kopf, wie ein Knabe den man auf einem Bubenſtreich ertappt und ging hin, ſein Schwerdt aufzuſuchen, wobei er im Vorbeigehen den Kopf in das Gebüſch ſteckte, um wo möglich den verborgenen Gegen⸗ ſtand ſeiner Neugierde näher zu betrachten. Unterdeſ⸗ ſen war Carl über das, was er geſehen hatte, noch weit mehr erſtaunt. „Wie“ rief er aus,„iſt Doctor Rochecliffe dem buchſtäblichen Sinne nach ein Kämpfer der Kirche ge⸗ worden, daß er ſich mit unſerem Freund Wildrake he⸗ rumſchlägt? Darf ich mir die Freiheit nehmen ihn zu bitten, ſich zu entfernen da Oberſt Everard und ich einige Privat⸗Geſchäfte zu beſorgen haben?“ Bei wichtigen Gelegenheiten war es ſonſt Roche⸗ cliffes Art, ſich mit der Autorität ſeines heiligen Am⸗ tes zu bewaffnen und auf eine Weiſe den Vermittler zu ſpielen, die ſelbſt einen König überwältigen und ihn fühlen laſſen können, daß ein Seelſorger in Auf⸗ trag eines Höheren als er ſelbſt ſey ſpräche. Aber die unvorſichtige Freiheit, die er ſeiner Leidenſchaft gelaſ⸗ ſen hatte, und die Stellung, in der er entdeckt wor⸗ den war, ſchienen nicht ſehr geeignet, eine Oberherr⸗ ſchaft anzunehmen, der ſich ein ſo eigenmächtiger Geiſt wie der des Königes wahrſcheinlich unterwerfen würde. Doch verſuchte es der Doctor ſeine Würde zu ſam⸗ meln und erwiederte mit dem ernſteſten aber zugleich ehrfurchtsvollſten Tone, den er annehmen konnte, daß auch er höchſt wichtige Geſchäfte habe, die ihn verhin⸗ derten, den Wünſchen des Mr. Kerneguy zu willfah⸗ ren und den Ort zu verlaſſen. ——.,—— 1⁰9. „Verzeihen Sie dieſe unzeitige Unterbrechung,“ ſagte Carl indem er ſeinen Hut abzog und ſich gegen den Obriſten Everard verbeugte,„der ich augenblicklich ein Ende ſetzen werde.“ Epverard erwiederte ſeinen Gruß ernſt, und ſchwieg. „Sind Sie toll Doctor Rochecliffe?“ ſagte Carl— „oder ſind Sie taub?— oder haben Sie Ihre Mut⸗ terſprache vergeſſen? Ich wünſchte, daß Sie dieſen Ort verließen.“ „Ich bin nicht toll,“ ſagte der Geiſtliche, der mit ſeiner Faſſung auch die natürliche Kraft ſeiner Stim⸗ me wieder erlangt hatte.—„Ich möchte Andere ver⸗ hindern es zu ſeyn; ich bin nicht taud, ich möchte Andere bitten der Stimme der Vernunft und der Re⸗ ligion Gehöbr zu geben; ich habe meine Mutterſprache nicht vergeſſen— ſondern ich komme hieher, die Sprache des Herrn aller Könige und Fürſten zu ſprechen.“ „Ich vermuthe eher um ſich mit Knitteln herum⸗ zupruͤgeln,“ ſagte der König.„Gehen Sie Doctor Rochecliffe, dieſe eingebildete Wichtigkeit ziemt Ihnen eben ſo wenig, wie die Tyorheit bei welcher wir Sie antrafen. Sie ſind doch wie ich glaube, weder ein katholiſcher noch ein ſchottiſcher Prieſter, daß Sie un⸗ bedingten Gehorſam von Ihren Zuhörern verlangen; ſondern ein Diener der Kirche von England, der den Vorſchriften dieſes Glaubens folgen muß— und ſei⸗ nem Oberhaupte.“ 4 Bei den letzten Worten dämpfte der König ſeine Stimme bis zu einem leiſen eindrucksvollen Liſpeln. Als Everard es bemerkte, zog er ſich zurück, da ſeine. natürliche Großmuth ihn hieß es zu vermeiden, Pri⸗ vatunterredungen zu behorchen, bei welchen es ſich von der Sicherheit der Redenden handle. Sie fuhren je⸗ doch fort in ihren Ausdrücken die größte Vorſicht u beobachten. „Mr. Kerneguy,“ ſagte der Geiſtliche, ich bin ge⸗ miß der Letzte der Ihren Wünſchen entgegen iſt oder Ihnen eine andere Autorität entgegenſtellt— Gott 110 behüte;— ich ſage Ihnen bloß, was die Vernunft und die heilige Schrift, die Relig on und die Mora⸗ lität Ihnen vorſchreiben.“ 1 „Und ich Doctor“ ſagte der König lächelnd, wo⸗ bei er auf den unſeligen Stock zeigte,„will mehr Ih⸗ rem Beiſpiele ls Ihrer Lehre folgen. Wenn ſelbſt ein ehrwürdiger Geiſtlicher ſich zuweilen herumprügelt, welches Recht hat er dann, ſich in den Streit der Edelleute einzumiſchen? Gehen Sie, Herr, gehen Sie fort, und machen Sie daß Ihre gegenwärtige Hart⸗ uigten die früheren Verbindlichkeiten nicht auf⸗ bͤßt.“ „Bedenken Sie ſich,“ ſagte der Geiſtliche,„ich kann ein Wort ſprechen, das Alles verhindern wird.“ „hun Sie es,“ ſprach der Kbnig,„und ſtrafen Sie damit alle Geſinnungen und Handlungen eines ehrenwerthen Lebens Lüge— verlaſſen Sie die Grund⸗ ſätze Ihrer Kirche und werden Sie ein meineidiger Verräther und ein Apoſtat, um einen Anderen zu verhindern, ſeine Pflicht als ein Edelmann zu erfüllen, Das hieße wahrlich Ihren Feind umbringen, damit er nur nicht in Gefahr komme. Laſſen Sie den blin⸗ den Gehorſam, der immer in Ihrem Munde und ohne Zweifel auch in ihrem Kopfe liegt, einmal auch Ihre Füße in Bewegung ſetzen und treten Sie auf zehn Minuten bei Seite. Dann können wir vielleicht Ih⸗ ren Beiſtand gebrauchen, entweder als Arzt des Kör⸗ pers oder der Seele.“ 4 „Nun denn“ ſagte Doctor Rochecliffe,„bleibt mir nur noch ein Mittel übrig.“ 3 Während dieſe Privat⸗Unterredung geführt ward hatte Everard ſeiner Seits ſeinen Diener Wildrake ſaſt mit Gewalt zurückhalten müſſen; denn ſeine grö⸗ tere Neugierde und ſeine geringere Delikateſſe hätten ihn ſonſt bewogen, vorzutreten, um mo möglich etwas von dem Geheimniß zu erhaſchen. Aber als er den Doctor wieder ins Gebüſch zurückkehren ſah, flüſterte ar dem Everard ſchnell ins Ohr:„Eine goldene Ca⸗ — „ 111 rolin gegen einen republikaniſchen Pfennig, der Doctor iſt nicht allein gekommen Frieden zu predigen, ſondern er hat auch zugleich die Hauptbedingung mit⸗ gebracht.“ Everard antwortete nicht; er hatte ſchon ſein Schwerd gezogen, und kaum ſah Carl daß Rochecliffe den Ruͤcken wandte, als er keine Zeit verlor, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Aber ehe ſie noch weiter gelangt waren, als ſich gegenſeitig mit dem gewöhnlichen Fech⸗ tergruße zu beehren, ſtand ſchon Doctor Rochecliffe wieder zwiſchen ihnen, Alexis Lee an der Hand, deren Kleider ganz naß vom Thau waren und deren lange Haare, von Näſſe ſchwer, in aufgelößten Locken herab⸗ hingen. Ihr Angeſicht war auſſerordentlich bleich, aber es war die Bläſſe der verzweifelten Entſchloſſen⸗ heit und nicht die der Furcht. Es entſtand eine lange Paufe der Verwunderung, die Kämpfer ſtützten ſich auf ihre Schwerdter, und ſelbſt der vorwitzige Wild⸗ rake wagte nur die halblauten Ausrufungen:„ſo recht Doctor— der macht den Bock zum Gärtner— keine eringfre als die Tochter des Ritters— und Fräu⸗ ein Alexis, die ich für einen Schneeſlocken hielt, iſt doch zuletzt nur eine Hundsviole. Beim Himmel, eine Straſſenläuferin, und eine die zu uns paßt!“ Dieſes undeutliche Gemurmel ausgenommen, war Alexis die Erſte, welche zu reden anfing. „„Mr. Everard,“ ſagte ſie—„Mr. Kerneguy, Sie ſind erſtaunt mich hier zu ſehen;— doch warum ſollte ich Ihnen nicht auf einmal den Grund ſagen, überzeugt, daß ich— obgleich ſchuldlos— die un⸗ glückliche Urſache Ihres Mißverſtändniſſes bin, habe ich ein viel zu großes Intereſſe dabei, den ſchlimmen Folgen vorzubengen, als daß ich ſchwanken follte, einen Schritt zu thun, der es beendigt.— Mr. Kerneguy— haben meine Wünſche, meine Bitten, meine Gebete— haben Ihre edlen Gedanken— die Erinnerung an ihre eigenen hohen Pflichten kein Ge⸗ micht bei dieſer Sache! Exrlauben Sie mir, Sie zu 112 bitten, Ihre Vernunft, Ihren Geiſt und Ihre Reli⸗ gion zu Rathe zu ziehen, und vom Kampfe abzuſte⸗ hen.“ „Ich bin gehorſam wie ein morgenländiſcher Sclave, Madame,“ antwortete Carl indem er ſein Schwerd einſteckte;„aber ich verſichere Sie, daß die Sache, welche Sie ſo ſehr betrübt, eine bloße Klei⸗ nigkeit iſt, die in fünf Minuten zwiſchen dem Obri⸗ ſten Everard und mir leichter ausgemacht werden wird, als mit Beihülfe einer ganzen Kirchen⸗Synode und eines weiblichen Parlamentes um den ehrwürdi⸗ gen Deliberationen beizuwohnen.— Mr. Everard, wollen Sie mir die Gejälligkeit thun, ein wenig wei⸗ ter mit mir zu gehen?— Wie mir ſcheint, müſſen wir den Ort verändern.“ „Ich bin bereit Sie zu begleiten, Sir,“ ſagte Everard, der ſein Schwerd eingeſteckt hatte, ſobald ſein Gegner es that. „Alſo habe ich keinen Einfluß auf Sie, Sir,“ ſagte Alexis, die fortfuhr ſich an den König zu wen⸗ den.—„Fürchten Sie nicht, daß ichedas Geheimniß das in meiner Macht ſteht gebrauche, um zu verhin⸗ dern, daß dieſe Sache nicht aufs Aenßerſte kömmt? Glauben Sie, dieſer Edelmann, der jetzt ſtine Hand gegen Sie aufhebt, wenn er wüßte“— „Wenn er wüßte, daß ich Lord Willmot wäre, Madam, wollten Sie ſagen?— Der Zufall hat ihm ſchon Beweiſe in Haͤnden gegeben, die ihm genügen, und ich glaube es wuͤrde Ihnen ſchwer fallen, ihm eine andere Meinung beizubringen.“ Alexis ſchwieg, und ſah mit großer Verachtung auf den König, während die folgenden Worte in Zwi⸗ ſchenräumen ihrem Munde entfloßen, als ſtrömten ſie nur nach und nach trotz der Gefühle hervor, die ſie zurückhalten wollten—„Kalt— egoiſtiſch— un⸗ dankbar— unfreundlich!— Wehe dem Lande das“ — Sie hielt merklich verlegen ein, dann liae ſie in⸗ 113 hinzu—„das Dich oder Deinesgleichen unter ſeinen Adelichen und Herrſchern zählt!“ „Nein, ſchoͤne Alexis,“ ſagte Carl, deſſen Gut⸗ muͤthigkeit wohl die Haͤrte des Vorwurfs fuͤhlte, der aber doch nicht ganz den erwuͤnſchten Eindruck machte. „Sie ſind zu ungerecht gegen mich— zu partheiiſch fuͤr einen gluͤcklicheren Mann. Nennen Sie mich nicht unfreundlich; ich ſtehe nur hier, um der Auf⸗ forderung des Mr. Everard zu genuͤgen. Ich konnte es weder verweigern, noch mich jetzt da ich hier bin zuruͤckziehen, ohne meine Ehre zu verlieren; und der Verluſt meiner Ehre wuͤrde ſich auf viele Leute aus⸗ dehnen— es waͤre zu ſchimpflich. Wenn er auf ſei⸗ nem Antrag beſteht, ſo muß es auf die gewöhnliche Weiſe entſchieden werden. Zieht er ihn aber zuruͤck, oder gibt er ihn auf, ſo will ich Ihrentwegen nicht darauf beſtehen. Ich will ſelbſt keine Abbitte wegen der Muͤhe fordern, die er mir gemacht hat, ſondern ich werde alles hin gehen laſſen, als ware es nur die Folge irgend eines ungluͤcklichen Mißverſtaͤndniſſes, deſſen Grund ich meiner Seils nicht unrerſuchen will.— Das thue ich Ihrentwegen, und es iſt viel fuͤr einen Mann von Ehre ſich ſoweit herabzulaſſen. — Sie wiſſen, daß die Herablaſſung von meiner Seite beſonders wirklich ſehr groß iſt. Nennen Sie mich alſo nicht ungroßmuͤthig, oder unfreundlich, da ich vereit bin alles zu thun, was ein Mann nur gewaͤh⸗ ren kann und vielleicht noch mehr, als ein Mann von Ehre gewaͤhren ſollte.“ „Hoöorſt Du das, Everard,“ rief Alexis aus— „hoͤrſt Du das? Die furchtbare Wahl liegt ganz bei Dir. Du biſt ja ſonſt gewoͤhnlich maͤßig in Deinen Leidenſchaften, religiös, vergebend— willſt Du eines bloßen Ehrenpunctes wegen dieſen unchriſtlichen Pri⸗ vatſtreit bis zum Morde fuͤhren? Glaube mir, wenn Du jetzt den beſſeren Grundſaͤtzen Deines ganzen Lebens zuwider, Deinen Leidenſchaften die Zuͤgel ſchießen laͤſ⸗ W. Scott's Werke. XIII. 8 ſeſt, ſo werden Dich die Folgen waͤhrend der ganzen Zeit deines Lebens reuen, und, wenn der Himmel picht barmherzig iſt, ſogar wenn Dein Leben ſich en⸗ igt.“ 4 Finſter ſtille, blieb fuͤr einen Augenblick der Markham Everard, die Augen zu Boden gerichtet. Endlich ſah er auf, und antwortete ihr:„Alexis, Du biſt die Tochter eines Soldaten— die Schweſter eines Soldaten. Alle Deine Verwandten ſelbſt einen eingeſchloſſen, auf den Du einſt einige Ruͤckſicht nahmſt, ſind durch dieſe ungluͤcklichen Zwiſte gezwungen wor⸗ den, dieſen Stand zu ergreifen. Doch haſt Du ſie in das Feld ziehen ſehen— manchmal ſogar auf ent⸗ gegengeſetzten Seiten, um da ihre Pflichten auszuuͤ⸗ ben, wo ihre Grundſätze ſie hinriefen— und doch bemerkee ich nie dieſen außerordentlichen Grad von Intereſſe. Antworte mir, und Deine Antwort ſoll mein Betragen entſcheiden.— Iſt dieſer Juͤngling, der Dir erſt ſeit Kurzem bekannt iſt, Dir ſchon von groͤßerem Werthe, als jene theuren Blutsfreunde, Vater, Bruder und Vetter, deren Abreiſe zur Schlacht Du mit verhäͤltnißmaͤßig groͤßerer Gleichguͤltigkeit anſah'ſt?— Sage das, und es ſoll genug ſeyn— dann verlaſſe ich den Kampfplatz, um nie, weder Dich noch dieſes Land wiederzuſehen.“ „Bleib Markham, bleib; und glaube mir wenn ich ſage, daß wenn ich Deine Frage nicht verneinen kann, es bloß deßwegen geſchiebt, weil die Sicherheit des Mr. Kerneguy von groͤßerer— weit groͤßerer Wichtigkeit iſt, als die eines von denen, weiche Du erwaͤhnteſt./ „Wirklich! ich wußte nicht, daß die Krone eines Lords im Werth dem Reife eines Freiherrn ſo hoch uͤberlegen iſt,“ fagte Everard,„doch habe ich ſchon gehoͤrt, daß viele Frauen ſo denken.“ „Sie verſtehen mich ſchon wieder nicht,“ ſagte Aleris, die ſich nicht aus der Schwierigkeit heraus⸗ helfen konnte ſich auf der einen Seite ſo auszuhrl⸗ 115 cken, daß kein Ungluͤck daraus entſtehe, und auf ber anderen doch die Eiferſucht zu bekaͤmpfen und die Rache zu entwaffnen wünſchte, die ſie im Buſen ih⸗ res Geliebten aufſteigen ſah. Aber ſie fand keine Worte, die paſſend waren, den Unterſchied zu bezeich⸗ nen, ohne zu einer Entdeckung des wirklichen Stan⸗ des des Koͤnlges zu fuͤhren, und vielleicht dadurch zu ſeinem Untergang.—„Markham,“ ſagte ſie, „habe Mitleiden mit mir. Dringe fuͤr jetzt nicht in mich— glaube mir, die Ehre und das Gluͤck meines Vaters, meines Bruders und meiner ganzen Familie haͤngen an Mr. Kerneguy's Sicherheit— ſind un⸗ aufloͤßlich damit verbunden.“. „Ach ja doch— ich zweifle gar nicht daran,⸗ ſagte Everard;„das Haus Lee ſah immer auf den hohen Adel und zog in ſeinen Verbindungen den ſchwaͤrmeriſchen Royalismus eines Hoͤflings der gra⸗ den ehrlichen Vaterlandsliebe eines einfachen Land⸗ edelmanns vor. Bei ihnen iſt die Sache gewoͤhnlich. Aber hei Dir, Du— Alexis— o bei Dir, die i ſo innig liebte— die mich den Gedanken hegen ließ, daß meine Neigung nicht unerwiedert waͤre.— Kann denn die Anziehungskraft eines bloßen Titels, die nichtigen hoͤfiſchen Complimente eines Mannes von Stande, dich ſchon in einigen Stunden dazu bewegen, einen ausſchwei enden Lord einem Herzen wie das meinige iſt, vorzuziehen?“ „Nein, nein— ach glaube mir's doch— nein“ ſagte Aleris im hoͤchſten Kummer, „Gib Deine Antwort, die ſo kummervoll zu ſeyn ſcheint, in einem Worte, und ſage weſſen Si⸗ cherheit wegen nimmſt Du ſo großen Antheil an der Sache?“ „Fuͤr beide— fuͤr beide,“ ſagte Aleris. „Die Antwort kann mir nicht genuͤgen, Aleris,““ antwortete Everard—„hier handelt es ſich nicht um Gleichheit, Ich maß und will wiſſen auf was ich 8. 6.. mich zu verlaſſen habe. Iſt verſtehe das Schwanken nicht, das ein Maͤdchen in Zweiſel ſetzt, wie es bei wei Bewerbern entſcheiden ſolle; auch moͤchte ich ir nicht gerne die Eitelkeit zuſchreiben, Dich nicht mit einem Liebhaber begnügen zu wollen.“ Die Heftigkeit der Ausdruͤcke des Everard, als er ſeine lange aufrichtige Ergebenheit bei den hoͤfiſchen Reden eines luderlichen Hoͤflings ſchnell vergeſſen laubte, erweckte den Muth der Alexis Lee, die wie ſchon geſagt, auch in ihrem Character etwas von der Lowenlaune hatte, die ihrer Familie eigen war. „Wenn man mir ſo falſche Gedanken unter⸗ ſchiebt,“ ſagte ſie,„wenn man mich nicht des gering⸗ ſten Vertrauens, nicht einer freundſchaftlichen Aus⸗ legung wuͤrdigt,— dann hoͤre meine Erklaͤrung und meine Verſicherung, daß,— wie ſonderbar auch meine Worte ſcheinen moͤgen,— ſie doch, recht aus⸗ elegt, Dich nicht beleidigen koönnen.— Ich ſage ir— ich ſage es allen Anweſenden, und ich ſage es dieſem Edelmaun ſelbſt, der den Sinn deſſen, was ich ſage woh verſteht, daß ſein Leben und ſeine Sicher⸗ heit mir von groͤßerem Werthe ſind, oder ſeyn muͤſ⸗ ſen, als die eines jeden anderen Mannes im Koͤnig⸗ reiche— ja in der ganzen Welt, jener ſeye nun auch wer es wolle.“ Dieſe Worte ſprach ſie in einem ſo feſten und entſchloſſenen Tone, daß kein weiterer Streit mehr ſtatt finden konnte. Carl verbeugte ſich tief und ernſt, und ſchwieg. Everard aber, deſſen Zuͤge eine Bewegung verriethen, die ſein Stolz zu unterdruͤcken nicht im Stande war— nahete ſich ſeinem Gegner mit einer Stimme, bei welcher er umſonſt nach Fe⸗ ſtigkeit ſtrebte:„Sir, Sie boͤrten die Erklaͤrung der Lady, und zwar ohne Zweifel mit den Gefuͤhlen der Dankbarkeit, wie es dieſer Fall im hoͤchſten Grade verlangt.— Als ihr armer Verwandter und ihr vu⸗ wuͤrdiger Bewerber gedenke ich die Ruͤckſichten, welche ſie für mich ha:, Ihnen zu uͤbertragen, denn ich will 117 nie die Urſache ſeyn, die ſie in Kummer verſetzt. Ich hoffe daher, daß Sie es als keine unwuͤrdige Handlung betrachten, wenn ich den Brief zuruͤckneh⸗ me, welcher Ihnen die Mühe verurſachte, ſich um dieſe Stunde hier einzufinden.—„Blexis“ ſagte er, indem er ſich gegen Sie wandte„Leb wohl— Alexis— fuͤr jetzt und immer!“. Die arme junge Dame, die nun ihr kuͤhner Geiſt gaͤnzlich verlaſſen hatte, verſuchte es, das Wort,„Lebe wohl“ zu wiederholen, aber es gelang ihr nicht; ſie brachte nur einen unvollkommenen Laut hervor und wuͤrde zu Boden geſunken ſeyn, wenn Doctor Roche⸗ cliffe ſie im Fallen nicht aufgehalten haͤtte. Auch Ro⸗ ger Wildrake, der zwei oder dreimal ſein Auge mit den Ueberreſten eines Taſchentuches abgetrocknet hatte, nahm Theil an dem Kummer der Dame, obgleich er die myſteriſche Urſache nicht einſehen konnte, und eilte dem Geiſtlichen beizuſtehen, eine ſo ſchoͤne Laſt zu tragen. Unterdeſſen hatte der verkleidete Furſt alles ſtill⸗ ſchweigend und mit einer ungewohnten Bewegung be⸗ obachtet, die ſeine ſchwaͤrzlichen Zuͤge und mehr noch ſeine Bewegung zu verrathen anfingen. Im Anfang blieb er feſt auf ſeiner Stelle ſtehen, die Arme auf dem Buſen gekreuzt, wie jemand der es abwartet, von dem Lauf der Umſtaͤnde geleitet zu werden; dann aber veraͤnderte er ſeine Stellung, ruͤckte mit dem Fuß vor und zuruͤck, oͤffnete und ſchloß die Hand, zeigte alle Spuren ſtreitender und bewegender Gefuͤhle und ſchien auf dem Punkte zu ſtehen, einen Entſchluß ergreifen, aber noch ungewiß zu ſeyn, wie er es an⸗ angen ſollte. 4 Aber als er den Markham Everard ſich mit ei⸗ nem Blick des unausſprechlichſten Schmerzens gegen Alexis wenden und dann ihr den Ruͤcken zukehren ſah, um fort zu gehen, brach er in ſeinen Lieblings⸗ Ausdruck aus:„Alle Welt, das darf nicht geſchehen.“ In drei Schritten holte er den langſam wandelnden 118 Everard ein, klopfte ihn freundlich auf die Schulter und als jener ſich herumdrehte, ſprach er mit einem befehlenden Tone, der ihm ſehr zu Gedote ſtand:„Auf ein Wort, Sir!“— „Wie Sie befehlen Sir erwiederte Everard, und da er natuͤrlicher Weiſe die Abſicht ſeines Gegners fuͤr eine feindliche hielt, ſo erhob er ſein Schwerdt mit der linken Hand, legte die Rechte an den Griff und ſchien den Ruf nicht ungerne zu hoͤren; denn Rache iſt fuͤr die Taͤuſchung wenigſtens ebenſo angenehm, wie das Mitgefuͤhl fuͤr die Liebe. „Bſt!“ antwortete der Koͤnig„das kann fuͤr jetzt nicht Sfatt finden— Oberſt Everard ich bin Carl Stuart!“. 1 Mit dem groͤßten Erſtaunen fuhr Everard zuruͤck, und rief dann aus:„Unmoͤglich— das kann nicht ſeyn!— Der Koͤnig der Schotten iſt von Briſtol aus entflohen.— Mylord Willmot, man kennt Ihre Ta⸗ ante zur Intrigue— aber das wird mich nicht taͤu⸗ en. „Der Koͤnig der Schotten, Mr. Everard“ ſagte Carl—„da es Ihnen gefaͤllt ſeine Herrſchaft alſo zu be⸗ ſchraͤnken— wenigſtens auf jeden Fall der aͤlteſte Sohn des letzten Herrſchers von Britannien— ſteht jetzt vor Ihnen, alſo iſt es unmoͤglich, daß er von Briſtol aus entflohen ſeyn kann. Doctor Rochecliffe wird mein Zenge ſeyn, und Ihnen uͤberdieß ſagen, daß Willmot ein ſchöner Mann mit blonden Haaren iſt— das meinige wie Sie ſehen iſt rabenſchwarz.“ Rochecliffe, welcher ſah was vorging, uͤberließ Alexis der Vorſicht des Wildrake, deſſen ausgezeich⸗ nete Zartheit in den Verſuchen die er machte, ſie ins Leben zuruͤckzurufen, einen liebenswuͤrdigen Contraſt mit ſeiner gewoͤhnlichen Wildheit bildete, und ihn ſo ſehr beſchaͤftigte, daß er fuͤr einen Augenblick die Sa⸗ che nicht bemerkte, die ihn ſo ſehr intereſſirt haben wuͤrde. Doctor Rochecliffe aber trat vor— die Haͤnde mit allen Ausdruͤcken der Angſt ringend, und mit 119 allen Ausrufungen, die vei einem ſolchen Zuſtande gewoͤhnlich ſind. „Ruhig, Doctor Rochecliffe“ ſagte der Koͤnig mit der einem Fuͤrſten ziemenden Selbſtbeherrſchung. „Wir ſind, wie ich uͤberzeugt bin in den Haͤnden eines Ehrenmannes. Mr. Everard muß guͤtigſt nur einen fluͤchtigen Fürſten in der Perſon deſſen finden, in dem er einen gluͤcklichen Nebenbuhler zu entdecken glaubte Er muß die Gefuhle zu wuͤrdigen wiſſen, die mich daran verhinderten, von dem ſchuͤtzenden Ge⸗ heimniß Gebrauch zu machen, das mir der ergebene Royalismus dieſer jungen Dame auf die Gefahr ih⸗ res eigenen Gluͤckes hin anbot. Er iſt der, welchem meine Gnade nuͤtzt; und gewiß habe ich ein Recht zu erwarten, daß meine Lage— mit der es nicht zum Beſteu ſteht,— nicht noch dadurch verſchlimmert wird, daß ich ſie unter ſolchen Umſtaͤnden im Vertrauen mittheilte. Auf jeden Fall iſt das Geſtaͤndniß geſche⸗ hen und jetzt iſt es an dem Oberſten Everard, ſich zu betragen wie er will.“ „O Ihro Majeſtaͤk! mein gnaͤdigſter Herr! mein Koͤnig! mein koͤniglicher Fuͤrſt“ rief Wildrake aus, der endlich entbeckte, was vorgegangen war, und nun auf ſeinen Knien rutſchte, des Koͤnigs Hand ergriff und ſie kuͤßzte— mehr wie ein Kind das Zuckerbrod beleckt oder wie ein Liebhaber, der die ausgeſtreckte Hand ſeiner Geliebten verſchlingt, als auf die Weiſe wie man bei Hof es thut.—„Wenn mein theurer Freund Mark Evexard ſich bei dieſer Gelegenheit als ein Hund beweiſen ſollte, ſo veriaſſen Sie ſich nur auf mich, daß ich ihm auf der Stelle den Hals ab⸗ ſchneiden werde, und ſollte ich es einen Augenblick darauf mir ſelbſt thun muͤſſen.“ „Still, ſtill, mein guter Freund und getreuer Unterthan“ ſagte der Koͤnig„und beruhige Dich; denn obgleich wir fuͤr einen Augenblick genoͤthiget wa⸗ ren, den Fuͤrſten hervortreten zu laſſen, ſo haben wir doch weder Muſe noch Sicherheit genug, unſere Unterthanen im Koͤnigsornate zu empfangen.“ Everard, der eine Zeitlang ganz verwirrt da ge⸗ ſtanden war, erwachte endlich wie aus einem Traume. „Sire“ ſagte er, indem er ſich tief und mit der groͤßten Ehrfurcht verbeugte„wenn ich Ihnen die Huldigung eines Unterthans mit Knie und Schwerdt nicht anbiete, ſo iſt es weil Gott, durch den die Kö⸗ nige regieren, Ihnen fuͤr jetzt die Macht verſagte, Ih⸗ ren Thron wieder zu beſteigen, ohne den Buͤrgerkrieg von Neuem anzufachen. Daß Ihre Sicherheit von meiner Seite Gefahr liefe, das braucht auch keinen Augendlick Ihre Gedanken zu bennruhigen. Wenn ich auch Ihre Perſon nicht verehrte— waͤre ich Ih⸗ nen auch nicht fuͤr die Guͤte verbunden, daß Ihr ed⸗ les Eingeſtaͤndniß das Ungluͤck meines ganzen Lebens verhinderte, ſo wuͤrde doch, ſo weit ich Sie beſchutzen kann, Ihr Ungluͤck mir Ihre Perſon ſo heilig gemacht haben, wie ſie kein Rovaliſt im Lande hoͤher achten kann. Haben Sie Ihre Plane wohl uͤberleat und ſichere Maasregeln getroffen, ſo betrachten Sie alles das, was vorgina nur als einen Traum. Sind Sie aber in einem Zuſtande, daß ich etwas dazu beitra⸗ gen kann— meine Pflichten gegen die Republik aus⸗ genommen, die mir nicht erlauben, an Plaͤnen zu gewaltthaͤtigen Handlungen Theil zu nehmen— ſo können Ihre Majeſtaͤt uͤber meine Dienſte befehlen.“ „ Es waͤre moͤglich, daß ich Ihnen laͤſtig fiele, Sir“ ſagte der Konig;„denn ich bin jetzt nicht in den Umſtaͤnden auch nur das beſchraͤnkteſte Anerbieten zum Beiſtand auszuſchlagen. Aber wo wöglich werde ich Sie damit verſchonen. Ich maͤchte nicht gern meinet⸗ wegen das Mitleid eines Mannes ſeinem Pflichtge⸗ fuͤhle entgegen ſetzen. Doctor ich glaube es wird wohl jetzt kein weiterer Kampf, weder mit dem Schwerdte noch mit dem Stocke, Statt finden; alſo koͤnnen wir wohl ins Jaͤgerhaus zuruͤckgehen, und dieſe,“— er 121 ſah auf Aleris und Everard—„zzuruͤcklaſſen, da ſie ſich vielleicht noch manches zu erklaͤren haben werden.“ „Nein— nein!„rief Aleris aus, die nun wie: der vollkommen zu ſich gekommen war und zum Theil durch ihre eigene Bemerkung, zum Theil durch den Bericht des Doctor Rochecliffe das was vorgefallen war, begriff.„Mein Vetter Everard und ich haben uns nichts zu erklaͤren; er wird es mir verzeihen, wenn ich ihm wehe gethan habe, als ich nicht offen ſprechen durfte; und ich vergebe es ihm, daß er mir Unrecht that. Aber ich habe es meinem Vater verſprochen— wir durfen uns für jetzt weder ſprechen noch ſchreiben— ich kehre augenblicklich ins Jaͤgerhaus zuruͤck und er nach Woodſtock, wenn nicht Sie Sire,“ indem ſte ſich gegen den Koͤnig verbeugte,„auf eine an⸗ dere Weiſe uͤber ſeine Pflichten befehlen.— Augen⸗ blicklich in die Stadt, Vetter Markham; und ſollte ſich Gefahr nahen, ſo gib uns Nachricht.“ Everard haͤtte gerne ihre Trennung aufgeſchoben, haͤtte ſich gerne wegen ſeines ungerechten Verdachts entſchuldigt, haͤtte tauſenderlei Dinge zu ſagen ge⸗ habt; aber ſie wollte nicht hoͤren, und ſprach ſtatt aller Antwort.—„Leb wohl Markham, bis Gott uns beſſere Tage ſchickt!“ „Sie iſt ein Engel der Tugend und der Schoͤn⸗ heit,“ ſagte Roger Wildrake;„und ich, wie ein got⸗ teslaͤſterlicher Ketzer, ich nannte ſie eine Straßenlaͤu⸗ ferin! Aber hat Eure Majeſtaͤt— ich bitte Sie um Verzeihung— keine Befehle fuͤr den armen Hodge Wildrake, der ſich und jedem andern in England den Kopf ſpalten wird, wenn es Eurer Hoheit beliebt.“ „Wir bitten unſern guten Freund Wildrake, nichts Voreiliges zu ihun„ ſagte Carl laͤchelnd;„ſolche Koͤpfe wie der Seinige ſind ſelten, und ſollten nicht ſo eilig weggeworfen werden, da man ſie nicht ſchnell wieder ſammeln kann. Wir empfehlen es ihm an, ver⸗ ſchwiegen und vernuͤnftig zu ſeyn— nicht mehr mit getreuen Geiſtlichen der Kirche von England zu kaͤm⸗ pfen, und ſich mit moͤglichſter Eile eine neue Jacke machen zu laſſen, wozu wir unſere koͤnigliche Huͤlfe anbieten. Seiner Zeit hoffen wir andere Dienſte fuͤr ihn ausfindig machen zu koͤnnen.“ Bei dieſen Worten druͤckte er dem armen Wildrake zehen Goldſtuͤcke in die Hand, der des Uebermaßes ſeiner royaliſtiſchen Dankbarkeit nicht maͤchtig, wie ein Kind ſtotterte und dem Koͤnig gefolgt haben wuͤrde, wenn nicht Dr. Rochecliffe mit kurzen aber entſcheiden⸗ den Worten darauf beſtanden haͤtte, daß er mit ſei⸗ nem Herrn zuruͤckgehen muͤſſe; wobei er ihm aber verſprach, daß man gewiß ſeine Dienſte zu der Flucht des Koͤnigs in Anſpruch nehmen wuͤrde, wenn ſich eine Gelegenheit faͤnde, davon Gebrauch zu machen. „Seyen Sie ſo großmuthig, verehrter Herr, und Sie werden mich auf ewig verbinden,“ ſagte der Ca⸗ valier;„auch beſchwoͤre ich Sie mir, wegen des thoö⸗ richten Kampfes nicht boͤſe zu ſeyn.“ „Ich habe keine Urſache dazu Kapitaͤn Wildrake,“ ſagte der Doctor;„denn ich glaube ich war wohl ziemlich der Staͤrkere.“ „Alſo gut Doctor! dann verzeihe ich Ihnen mer nerſeits, und bitte nur um der chriſtlichen Liebe wib len, meine Hand zu der guten Sache zu gebrauchen; denn ſo wie mich die Hoffnung darauf am Leben er⸗ haͤlt, ſo wuͤrde mich gewiß die Taͤuſchung toͤdten.“ Waͤhrend der Doctor und der Soldat ſich alſv zuſammen beſprachen, nahm Carl Abſchied von Ever⸗ ard, welcher, waͤhrend jener mit ſeiner gewoͤhnlichen Anmuth mit ihm ſprach, mit unbedecktem Haupte da ſtand.— Ich brauche ſie nun wohl nicht mehr zu bitten kuͤnftighin nicht eiferſuͤchtig auf mich zu ſeyn,“ ſagte der Koͤnig;„denn ſie ſehen ſelbſt ein, daß zwiſchen Alexis und mir von keiner Verbindung die Rede ſeyn kann, wobei ſie auch ihrer Seits gar zu viel verlieren wuͤrden. Denn andere Gedanken koͤnnte ja ſelbſt der ausgelaſſendſte Wuͤſtling gegen ein ſo unendlich tu⸗ 123 gendhaftes Weſen nicht hegen; und wahrlich es be⸗ durfte bei mir dieſes letzten, ausgezeichneten Bewei⸗ ſes ihrer Tugend und Treue nicht, um ihre Vor⸗ zuͤge einzuſehn. Ich konnte ſchon aus den Antwor⸗ ten, die ſie mir auf einige thorichte hingeworfene Galanterien gab, den erhabenen Charakter genuͤglich er⸗ kennen, der ihre Zierde iſt. Mr. Everard, wie ich ſehe, haͤngt ihre Gluſckſeligkeit von Ihnen ab, und ich hoffe, Sie werden ſie ſorgſam bewadren. Koͤnnen Wir irgend ein Hinderniß, das Euerem Gluͤcke im Wege liegt, hinwegraͤumen, ſo können Sie darauf rechnen⸗ daß Wir unſeren Einfluß gebrauchen werden. Leben Sie wohl, Sir; wenn Wir auch keine vertrauteren Freunde werden koͤnnen, ſo wollen wir noch wenig⸗ ſtens nie haͤrter und ſchlimmer von einander denken, als in dieſem Augenblick.“ In der Rede des Koͤniges lag etwas ungemein Ruͤhrendes; in ſeiner Lage als ein Fluͤchtling in dem Koͤnigreiche, das durch das Recht der Erbſchaft ihm ge⸗ höͤrt, Etwas was das Herz des Everard maͤchtig er⸗ griff— obſchon es den Grundſaͤtzen der Politik entgegen war, die er bei der zerruͤtteten Lage ſeines Vaterlandes fuͤr ſeine Pflicht hielt. Er ſtand da, wie ſchon geſagt, mit entbloͤßtem Haupte und ſein Betra⸗ gen drückte die hoͤchſte Achtung aus, ſo daß es faſt als eine Huldigung erſcheinen konnte. Er verbeugte ſich ſo tief, das ſeine Lippen faſt die Hand des Koͤ⸗ niges beruͤhrten— aber er kuͤßte ſie nicht.—„Ich wuͤrde Ihr Leben retten Sir,“ ſagte er, und muͤßte ich es dem Meinigen erkaufen. Mehr—““ er hielt ein und der Koͤnig ergaͤnzre den angefangenen Satz: —„Mehr koͤnnen Sie nicht thun,“ ſagte Carl,„um ein ehrenvolles Auskommen zu behalten— aber ge⸗ nug davon; Sie koͤnnen meiner ausgeſtreckten Hand die Huldigung nicht leiſten, die einem Koͤnige ziemt, aber Sie werden mich nicht daran verhindern, die Ih⸗ rige als Freund zu ergreifen, wenn Sie mir erlauden wollen, mich ſo nennen zu durfen— wenigſtens ge⸗ wiß als jemand der Ihnen wohl will.“ Everards großmuͤthige Seele ward geruͤhrt— Er Friff die Hand des Königes und druͤckte ſie au ſeine ippen „ Ach!“ ſagte er,„wenn beſſere Zeiten kaͤmen— nerbenden Sie ſich zu nichts, theuerer inen e 44 igte der gutmuthige Fuͤrſt, der ſeine Bewegung theilte. 89 uͤberlegen nicht wohl, wenn unſere Gefuͤhle be⸗ wegt ſind. Ich will niemanden zu ſeinem Schaden verleiten, auch ſoll mein hingeſchwundenes Gluͤck kei⸗ nen anderen mit fort reißen, weil er ſo menſchlich iſt meine gegenwaͤrtige Lage zu bemitleiden. Kommen beſſere Zeiten— nun ſo werden wir uns wieder tref⸗ een und hoffentlich zu unſerer beiderſeitiger Zufrieden⸗ beit— wo nicht, wie Ihr zukuͤnftiger Schwiegervater u ſagen pflegt,(ein wohlwollendes Laͤcheln umſchwebte ein Geſicht, und ſtimmte lieblich zu dem feuchten Auge) —„wo nicht, ſo war das ein ſchoͤner Abſchied!“ Everard wandte ſich mit einer tiefen Verbeugung um; denn widerſtrebende Gefuͤhle bewegten ihn noch immer: vorherrſchend war zwar in ſeiner Seele das Bewußtſeyn der Großmuth, mit welcher Carl auf ſeiner eigenen unendlichen Gefahr hin, die Dunkelbeit verſcheucht hatte, die das Gluͤck ſeines Lebens zu ver⸗ finſtern drohte, aber er fuͤhlte auch mit welchen gro⸗ ben Gefahren er jetzt umgeben war. Er kehrte in das Staͤdtlein zuruͤck, begleitet von Wildrake, der ſich ſo oft mit thraͤnenden Angen, mit gen Himmel erhobe⸗ nen Haͤnden umwandte, daß Everard ihn daran er⸗ innern mußte, wie leicht ſeine Bewegungen von je⸗ manden bemerkt und Verdacht erregen koͤnnten. Auch der Aufmerkſamkeit der Alexis war das großmuͤthige Betragen des Koͤnigs beim Schlaſſe der merkwuͤrdigen Scene nicht entgangen. Verſchwun⸗ den war ploͤtzlich aus ihrem Herzen jede Abneigung gegen Carl wegen ſeines fruͤhern Betragens jeder Verdacht, der mit Recht dadurch rege geworden war, 12²⁵ erwacht war in ihrem Buſen das Bewußtſeyn, daß er von Natur gutmuͤthig ſey, und nun konnte ſie die Ruͤck⸗ ſichten gegen ſeine Perſon mit der Verehrung ſeiner hohen Wuͤrde vereinigen, die ihm als ein Glaubens⸗ artikel eingepraͤgt worden war. Nunmehr fuͤhlte ſie die entzuckende Ueberzeugung, daß ſeine Tugend ſein eignes Werk, ſeine Ausſchweifungen aber ein Fehler oder vielmehr ein Mangel an„Erziehung und die Folge der verderblichen Rathſchlaͤge ſeiner Schmeich⸗ er ſey. Aber ſie wußte oder überlegte es in dieſem Au⸗ genblick nicht, daß in einem Boden, bei dem man nicht ſorgfaltig das Unkraut ausjaͤtete, es den beſten Sa⸗ men uͤberwachſen und verdraͤngen wird, ſelbſt wenn es den Boden an und fuͤr ſich durchaus nicht zuſagt. Denn wie Dr. Rochecliffe ihr ſpaͤter zur Erbauung ſagte— und wobei er ihr nach ſeiner Gewohnheit verſprach, den genauen Sinn bei anderer Gelegen⸗ heit zu erklaͤren, wenn ſie ihn daran erinnern wuͤrde— virlus rectorem ducemque desiderat; vitia sine ma- gistro discuntur.(Die Tugend gebraucht einen Fuͤh⸗ rer, das Laſter lernt ſich ohne Lehrer.) Doch jetzt blieb zu ſolchen Betrachtungen keine Zeit uͤbrig. Der gegenſeitigen Offenherzigkeit durch eine Art geiſtiger Mittheilung gewiß, wodurch man ſich in ſchwierigen Umſtaͤnden vielleicht beſſer verſteht, als darch Worte, ſchien nun aus der Unterredung zwiſchen dem Koͤnige und Alexis alle Zuruͤckhaltung und Pianmaͤßigkeit verſchwunden. Mit maͤnnlicher Offenheit und zugleich mit fuͤrſtlicher Herablaſſun bot er der erſchoͤpften Aleris auf dem Wege na Haufe ſeinen Arm ſtatt den des Dr. Rochecliffe an, und Alexis machte davon mit der beſcheidenſten De muth, aber ohne einen Schatten von Mißtrauen oder Furcht Gebrauch. Es ſchien als habe die letzte halbe Stunde ſie vollkommen mit ihrem gegenſeiti⸗ gen Character ausgeſoͤhnt, und als ſey nun Jeder vollkommen von der Reinheit und Offenheit des An⸗ dern uͤberzeugt. 3 126 Unterdeſſen war Dr. Rochecliffe vier oder fuͤuf Schritte zuruckgeblieben; denn weniger gewandt und leicht als Alexis(die ſich uͤberdieß noch auf den Koͤnig ſtuͤtzte) war er außer Stande, ohne Anſtrengung und Schwierigkeit mit Carl Schritt zu halten, der da⸗ mals wie ſchon geſagt, einer der beſten Fußgaͤnger in England war, und manchmal vergaß(wie die Großen es oft thun), daß ihm Andere nachſtehen. „Theure Aleris,“ ſagte der Koͤnig, als waͤre das Beiwort nur ein bruͤderliches,„Ihr Everard ge⸗ fällt mir ſehr— ich wuͤnſchte zu Gott, er waͤre von unſrer Parthei— aber da das nicht ſeyn kann, ſo bin ich uͤberzeugt, daß er ſich als ein großmuͤthiger Feind zeigen wird.“ „Mit Ihrer gnaͤdigſten Erlaubniß Sire,“ ſagte Alexis beſcheiden aber mit einiger Feſtigkeit,„mein Vetter wird nie Ew. Majeſtaͤt perſönlicher Feind ſeyn— er iſt einer von denjenigen, auf deren leichteſtes Wort man ſich mehr verlaſſen kann, als auf den Eid derje⸗ nigen, die Alles hoch und heilig betheuern. Er iſt vollkommen unfaͤhig dazu, Ew. Majeſtaͤt hoͤchſt groß⸗ muͤthiges und freiwilliges Zutrauen zu mißbrauchen.“ „„Auf meine Ehre, ich glaude es auch Alexis.“ erwiederte der Koͤnig.„„Aber alle Welt, mein Maͤd⸗ chen, laß doch fuͤr jetzt die Majeſtaͤt ruhen— es betrifft meine Sicherheit wie ich es deinem Beuder neulich ſagte.— Nenne mich alſo Sir, das iſt ein Titel, der dem Koͤnige, dem Pair, dem Ritter und dem Gentleman gebuͤhrt, oder laſſen Sie mich lieber wieder der Lonis Kerneguy ſeyn.”“ Aleris ſah zu Boden und ſchuͤttelte das Haupt. „Ich bitte um Verzeihung Ihro Majeſtaͤt, das kann nicht ſeyn.“. „Ja ſo, Louis war ein Wildfang— ein nichtiger anmahender Bube, und Sie moͤchten ihn vergeſſen?—⸗ Schoͤn, dann koͤnnen Sie auch Recht haben.— Aber wir wollen auf Dr. Rochecliffe warten,“ ſagte er mit gutmuͤthigem Zartgefuͤhl, um Alexis fuͤhlen zu laßfen, 12²2⁷ daß er die Abſicht nicht habe, ſie in ein Geſpraͤch zu verwickeln, das ihr unangenehme Ideen ins Gedaͤcht⸗ niß zuruͤckrufen konnte. Sie ſchwiegen alſo und aber⸗ Rals fand ſie ſich getroͤſtet, und von Dank durch⸗ rungen. gegeh kann unſere ſchoͤne Freundin, Fraͤnlein Alexis nicht dazu uͤberreden Herr Doctor,“ ſagte der Koͤnig, daß ſie mich vernunftiger Weiſe mit Ehren⸗ titel verſchonen ſoll, waͤhrend ich ſo geringe Mittel beſitze, den Glanz berſelben aufrecht zu erhalten.“ „Es iſt ein Vorwurf gegen die Erde und das Gluͤck,“ ſagte der Geiſtliche, ſoweit ihm ſeine Athem⸗ loſigkeit zu ſprechen erlaubte,„daß die gegenwaͤrtige Lage Ihrer geheiligten Majeſtaͤt ſich nicht mit der Darbringung jener Ehrenbezeugungen vereinigt, die Ihnen durch das Recht der Geburt zukomme, und die mit Gottes Beiſtand und den Auſtrengungen ihrer rovaliſtiſchen Unterrhanen ich ihnen als ein erb⸗ liches Recht durch die allgemeine Stimme der drei Koͤnigreiche noch erwieſen zu ſehen hoffe.“ „Wahr Doctor,“ erwiederte der Koͤnig,„aber knnen Sie unterdeſſen der Fräͤulein Alexis nicht ſwei Linien des Horaz erklaͤren, die ich ſchon ſeit vie⸗ en Jahren in meinem Dickkopf nachtrage, bis ich endlich Gelegenheit gefunden habe, ſie an den Mann zu bringen. Denn wie meine getreuen Unterthanen von Schottland ſagen: Wenn Du eine Sache ſieben Jahre lang aufhebſt, ſo biſt Du am Ende doch ſicher, ie zu etwas gebrauchen zu koͤnnen— Telephus— ja ſo faͤngt's an. „Telephus et Peleus, cum pauper et exul uterque Projicit ampullas et sesquipedalia verba. „Ich will die Stelle der Fraͤulein Alexis Lee er⸗ klaͤren; wenn Sie mich daran erinnert— oder viel⸗ mehr(fügte er hinzu, denn es fiel ihm ein⸗ daß ſeine gewoͤhnliche ausweichende Antwort bei einem Befehle feines Herrſchers nicht ſehr anwendbar ware), ich will einen Vers von meiner eigenen Ueberſetzung des Gedichtes wiederholen.“ „Herren und Helden geſtoßen hinaus Laſſen Bombaſt und ſieben Knixe zu Haus.““. „Eine hoͤchſt wunderbare Ueberſetzung, Doctor,“ ſagte Carl,„ich fuͤhle ihre ganze Kraft und vorzuͤg⸗ lich die koͤſtliche Uebertragung von Sesquipedalia verba in ſieben Complimenten,— Knirxe wollt' ich ſagen. Doch meine ich ſchon ſo etwas halb und halb in den Contes de Commère 1 Oye,(Erzaͤhlun⸗ gen der Mutter Gans) gefunden zu haben.“ So ſchwatzend erreichten ſie das Jaͤgerhaus, und der Koͤnig ging in ſeine Stube, um ſich auf das Fruͤhſtuͤck vorzubereiten. Allein,— durchkreuzte fol⸗ gende Idee ſein Gemuͤth.„Willmot und Villiers und Killigrew werden mich auslachen, wenn ſie von einem Feldzug hoͤren, wo es weder einen Sieg uͤber einen Mann, noch uͤber eine Frau zu feiern gab.— Aber alle Welt— laß ſie lachen, wie ſie nur wol⸗ len, mir ſagt etwas in meinem Herzen, daß ich fuͤr einmal in meinem Leben recht gehandelt habe.“ Dieſer Tag und der naͤchſte vergoſſen in Ruhe⸗ nur daß der Koͤnig ungeduldig die Nachricht erwar⸗ tete, die ihm anzeigen ſollte, daß irgendwo an der Kuſte ein Schiff bereit laͤge. Doch war noch fuͤr keins geſorgt, aber er erſuhr, daß der unermuͤdliche Albert Lee mit großer perſonlicher Gefahr die See⸗ küſte von Sradt zu Dorf durchreiſe, und es verſuche, Mittel zur Einſchiffung unter den Freunden der koͤ⸗ niglichen Sache und den Correſpondenten des Doe⸗ tor Rochecliffe zu finden. 4 — 129 Achtes Kapitel. Schurke laß ab von dem groben Betragen. H Zwei Edelleute von Verona. Es iſt Zeit, daß wir auch einigen Bericht von den uͤbrigen Schauſpielern unſeres Dramas geben, da der Antheil, den man an der Hauptperſon nimmt, fuͤr eine Zeitlang ausſchließlich unſere Au merkſamkeit in Anſpruch nahm.. Wir muͤſſen alſo den Leſer davon in Kenntniß ſetzen, daß die zoͤgernden Commiſſaͤre, die aus ihrem vermeintlichen Paradieſe von Woodſtock, zwar nicht durch einen Cherub, aber wie ſie glaubten, durch Geiſter einer andern Art vertrieben worden waren, ſich immer noch in der Naͤhe aufhielten. Sie hatten freilich, unbedentende Dinge zum Vor⸗ wand nehmend, den Flecken verlaſſen. Der wahrſchein⸗ lichſte Grund war, daß ſie ein Rachegefuͤhlgegen Everard als gegen das Mittel ihrer Tauſchung hegten, und nicht da zu verweilen wüͤnſchten, wo er ihre Verfah⸗ rungsweiſe uͤberſehen konnte; doch nahmen ſie in Ausdruͤcken der boͤchſten Achtung Abſchied von ihm. Sie gingen jedoch nicht weiter als Orford, und blie⸗ ben dort wie Raben, die, gewoͤhnt einer Jagd zuzuſe⸗ hen, ſich in einer kleinen Entfernung auf einen Baum oder Felſen ſetzen, und die Theilung des Wildprets erwarten, da ſie hoffen es wuͤrden auch einige Ue⸗ berbleibſel ihnen zu Theil werden. Unterdeſſen bot ihnen die Univerſitaͤt und die Stadt, aber befonders die Erſtere Mittel genug dar, ihre Faͤhigkeiten bis um erwarteten Angenblick nuͤtzlich anzuwenden, wo fulh r wie ſie hofften, entweder nach Windſor be⸗ rufen oder wo ihnen Woodſtock von neuem auf Gnade und Ungnade uͤbergeben werden würde. Zum Zeitvertreib neckte Bletſon die gelehrten und frommen Geiſtlichen und Studenten, indem er W. Scott's Werke. XII. 9 130 ihnen ſeine verhaßte Gegenwart aufdrang und durch So⸗ phiſtereien, atheiſtiſchen Reden und Aufforderungen die ſchaͤndlichſte Theſis zu vertheidigen. Desborongh, einer der unwiſſendſten Menſchen ſeiner Zeit ließ ſich zum Vorſteher eines Collegiums ernennen, und verlor keine Zeit, die Baume abzuhauen und das Silbergeſchirr zu ſtehlen. Harriſon aber predigte in vollkommener Uniform in der Kirche der heiligen Maria mit buͤffellederner Jacke, mit Stiefeln und Sporn, als wolle er eben die Schlacht von Armaged⸗ don ſchlagen. Es war ſchwer zu entſcheiden, ob der Sitz der Gelehrſamkeit, der Religion und der Bie⸗ derkeit wie es Clarendon nennt, mehr durch den Raub des Desborough, oder durch den kalten Zweifel des Bletſon oder darch den ſchwaͤrmeriſchen Eifer des Kaͤmpfers der fuͤnften Monarchie geplagt war. Unter dem Vorwande, die Wachen abzuloͤſen, oder unter ſonſt einem Grunde kamen und gingen immerwaͤhrend Soldaten von Woodſtock nach Orford und unterhielten wie man es ſich denken kann eine Correſpondenz mit dem getreuen Tomkins, der, ob⸗ gleich er vorzuͤglich ſeinen Wohnort in der Stadt Woodſtock aufgeſchlagen hatte, doch hie und da das Jäͤgerhaus beſuchte; und anf deſſen Nachrichten wegen der dortigen Begebenheiten die Commiſſaire einen blinden Glanben ſetzten. Wirklich ſchien dieſer Mann Tomkins ein Ge⸗ heimniß zu beſitzen, das theilweiſe wo nicht das ganze Zutrauen eines Jeden zu erlangen, der mit dieſen Intriguen in Verbindung ſtand. Alle fluͤſterten mit ihm, alle unterbielten ſich mit ihm im Geheim; die⸗ jenigen welche die Mittel dazu hatten, begabten ihn mit Geſchenken, und die, denen ſie fehlten, waren freigebig mit Verſprechungen. Wenn er nach Wond⸗ ſtock kam, was immer nur zufällig zu geſchehen ſchien⸗ und die Halle durchwandelte, ſo war er ſicher, daß der Ritter ihm einen Gang mit dem Floret anbot, und jener war eben ſo ſicher, nach geringerem oder groͤße⸗ — — 131 rem Widerſtand ſiegreich aus dem Kampfe herauszu⸗ gehen; ſo daß in Betracht ſo vieler Siege der gute Sir Henry Lee ihm faſt die Suͤnde der Rebellion und des Puritanismus verzieh. Ward hierauf ſein feierliene langſamer Schritt gehoͤrt, wenn er ſich der Gallerie nahte, ſo konnte man darauf rechnen, daß Dr. Nochecliffe(obgleich er ihn nie in ſein verborge⸗ nes Zimmer fuͤhrte) mit dem Tomkins auf neutra⸗ lem Boden zuſammentraf und ſich in eine lange Un⸗ terredung mit ihm einließ, die fuͤr Beide großes In⸗ tereſſe zu haben ſchien. Nicht minder freundlich war der Empfang des Independenten, wenn er die Treppe hinab ging. Da ſtand Jocolin und bewilkommte ihn mit der herzlichſten Freundlichkeit; ſogleich war Pa⸗ ſtete und Flaſche bereit, und gutes Eſſen und Trin⸗ ken war das Loſungswort. Man muß dabei bemer⸗ ken, daß die Mittel dazu ſin Woodſtock haͤufiger ge⸗ worden waren, ſeitdem Dr. Rochecliffe ſeinen Aufent⸗ haltsort dort aufgeſchlagen hatte, der als Geſchaͤfts⸗ fuͤhrer fuͤr viele Royaliſten immer Geldſummen zu ſeiner Verfuͤgung hatte. Wahrſcheinlich fand auch der getreue Tomkins ſeinen Vortheil bei dieſen Summen. Bei ſeinen gelegentlichen Ausſchweiſmegen die er fleiſchliche Schwachheit nannte(und fuͤr die er, wie er ſagte, ein beſonderes Privilegium hatte) und die in einer großen Anhaͤnglichkeit an hitzigen Getran⸗ ken, und zwar in nicht geringem Maaße beſtand, ward ſeine ſonſt ſo anſtaͤndige und zuruͤckhaltende Spra⸗ che, heftig und wild. Dann ſchwatzte er wohl zuwei⸗ len mit der Freude eines alten Wüſtlings von fruͤher vollbrachten Thaten, von Wilddiebſtahlen, Waldfre⸗ veln, Trinkgelagen und Raufereien in welchen er fruͤher verwicelt geweſen war; dann ſang er Trink⸗ und Liebes Lieder, erzaͤhlte Abentheuer, welche Phoebe Maiblume aus der Stobe trieben und bis zu den Ohren der Dame Jellicot drangen die alsdann ſelbſt die Spei ekammer, wo ſie ihre Wohnung aufgeſchla⸗ 95. 13² en hatte, fuͤr keinen paſſen den Aufenthaltsort mehr fur eine arme, alte Frau hielt. Mitten unter dieſen wilden Ausſchweifungen kam Tomkins ploͤtzlich zwei oder dreimal auf religioſe Ge⸗ genſtaͤnde, und ſprach geheimnißvoll, aber ſehr leb⸗ haft und mit großer Beredſamkeit von den gluͤckſeli⸗ gen und vorzuͤglichen Heiligen die wirklich den Titel verdienten.— Maͤnner, welche die geheime Schatz⸗ kammer des Himmels erſtuͤrmt haͤtten, und ihre köͤſt⸗ lichſten Perlen beſäßen. Alle uͤbrigen Secten behan⸗ delte er mit der groͤßten Verachtung, da ſie ſich, wie er ſich ausdrückte, blos um einen Haufen Schaalen und Eicheln wie die Schweine, zankten; worunker er die gewoͤhn ichen Gebraͤuche und Ceremonien ſowobl, ale die Glaubensartikel der beſtehenden chriſtlichen Kirchen, ja ſogar die algemein menſchlichen Gebote und Verbore verſtand. Jocoline der kaum auf ihn hoͤrte und ihn noch oiel weniger verſtand, ſchien dann ſein ver⸗ tranteſter Freund zu ſeyn und pflegte ihn an eine rohe Freude oder an eine gemeinſchaftliche Thorheit zu er⸗ innern, die ſie vor dem Ausbruche des Buͤrgerkrieges zuſam nen getrieben hatten. Auch war es des Forſters Sorge keinesweges die Anſichten des Heiligen zu pruͤ⸗ fen, ſondern er bedachte nur den Schutz den ſeine Ge⸗ enwart Woodſtock gewaͤhre und vertraute auf die Ehr⸗ ichkeit eines ſo offenherzigen Burſchen, deſſen groͤßte Lebensphiloſovhie in Bier und Branntwein beſtand, wenn man nichts Beſſeres haben konute, und der auf die Geſundheit des Koͤniges und eines jeden anderen anſtieß, wenn nur das dargereichte Glas bis zum Raude gefuͤllt war. Dieſe Grundſaͤtze, welche einer Secte, die man gewoͤhnlich die Liebesfamilie nannte, eigen waren, hatten zu einer Zeit bedeutende Fortſchritte gemacht, wo die Verſchiedenheit der religioͤſen Meinungen ſo groß war, daß man Ketereien bis zur hoͤchſten und gott⸗ loſeſten Verruͤcktbeit trieb. Den zuͤgelloſen Glaͤubigen der gotteslaͤſterlichen Lehre wurde aus Furcht, daß ———— —j4—·—— 133 dieſe allgemein werden moͤchte, das tiefſte Stillſchwei⸗ gen auferlegt; auch trug Mr. Tomkins Sorge, die geiſtigen Freiheiten, die er erlangt zu haben glaubte vor denen zu verbergen, deren Rache er ſich durch ein oͤffentliches Eingeſtaͤndnls zugezogen haben wuͤrde. Das war nicht cwer; denn ihr Glaubdensgeſtaͤndniß erlaub⸗ te, ja befahl ihnen ſogar, ſich je nach den Umſtaͤnden ſcheinbar den Sectikeren oder Religionsſtiftern anzu⸗ ſchließen, welche gerade die Oberhand hatten. Demzufolge beſaß auch Tomkins die Kunſt ſich dem Doctor Rochreliffe als ein noch immer eifriges Mitglied der engliſchen Kirche vorzuſtelen, und ihn glauben zu machen, er diene nur unter den Fahnen des Fein des, um ihr Lager auszukundſchaften; und da er ihm mehreremal wahre und wichtige Nachrichten hin⸗ terbracht hatte, ſo bewog dieß den thatigen Ropaliſten, ſeinen Verſicherungen einen um ſo viel groͤßern Glau⸗ ben zu ſchenken. Dennoch aber, da die zeitige Anweſenheit dieſer Perſon im Jaͤgerhauſe nicht zu vermeiden war ohne Verdacht zu err gen, ſo empfahl Rochecliſſe,(wel⸗ ches Zutrauen er auch ſonſt in ihn ſetzen mochte,) den König immer entfernt von ihm zu halten, und wenn er ihm zufallig begegnen ſollte ihn nur als Louis Ker⸗ neguy er cheinen zu laſſen. Zwar halte er, wie er ſagte, den Joſeph Tomkins wirklich fuͤr den ehrlichen Joe; aber die Ehrlichkeit waͤre ein Pferd das leicht aus⸗ ſchlagen koͤnnte, und man ſolle nicht unnoͤthig ſeinen Naͤchſten in Verſuchung fuͤhren. 3 Es ſchien als gebe Tomkins ſelbſt ſeine Einwilli⸗ gung zu dem beſchraͤnkten Zutrauen, das man in ihn ſetzte, oder als wuͤnſche er gar nicht die Gegen⸗ wart des Fremden zu bemerken. Es ſiel dem Joco⸗ line, der ein aͤußerſt ſcharfſinniger Mann war auf, daß, als durch unvermeidliche Zufaͤlle Kerneguy dem Tomkins ein⸗ oder zweimal begeanete, dieſer weniger Autheil an der Sache zu nehmen ſchien, als man 3 134 bei ſeiner Neugier haͤtte erwarten ſollen.„Er frug gar nicht nach dem jungen Fremden,“ ſagte Jocolin. „Gott verhüte nur, daß er nicht zu viel weiß oder vermuthet!“ Aber ſein Verdacht verſchwand ais bei der naͤchſten Unterredung Joſeph Tomtins die Flucht des Königs, von Briſtol als eine vollkommen ſichere Sache erwaͤhnte und ſowohl das Schiff nannte, mit welchem er fort geſegelt ſeyn ſollte, als den Capitaͤn, der es befehligte und ſo ſehr von der Wahrheit des Gerichtes zu uͤberzeugt zu ſeyn ſchien, daß Jocolin es fur unmöglich hielt, daß er auch nur den geriug⸗ ſten Verdacht uͤber die Wirkiſchfeit haben koͤnne. Doch uynugeachtet dieſer Ueberzeugung und ihrer Freundſchaft beſchloß der getreue Foͤrſter ſtrenge Wa⸗ che üͤber ſeinen Kameraden Tomkins zu halten und bei jeder Selegenheit auf ſeiner Hut zu ſeyn. Freilich dachte er: habe er Urſache zu glauben, daß ſein be⸗ ſagter Freund trotz ſeinen berrunkenen und ſchwaͤrme⸗ riſchen A sweifungen des Zutrauens werth ſey, das Dr. Rochecliffe ihm ſchenke; doch waͤre er immer ein Abentheurer deſſen Kleid von ver chiedenen Farben ſey, und den eine große Belohnung und Verzeihung fuͤr fruͤhere Handlungen gegen die Regierung wohl in Verſuchung brengen koͤnnten abermals einen anderen Entſchluß, zu faſſen. Dieſer Grände wegen, hielt Joco⸗ line eine ſtrenge, obgleich nicht uͤbertriedene Auf⸗ ſicht uͤber den getreuen Tomkins. Doch gab es zwei Perſonen die aus ſehr verſchiedenen Gruͤnden eine perſoͤnliche Abneigung gegen eine, ſo allge⸗ mein beliebte Verſon naͤhrten, die eine war Nehemias Hol⸗ denough, der ſich noch immer mit großer Bitterkeit der hef⸗ tigen Aufdringlichfeit des Independenten in ſeiner Kan⸗ zel erinnerte und von dem er im Geheim immer als von einem luͤgenden Miſſionaͤr ſprach in welchem der Satan den Verfuͤbrungsgeiſt geleat haͤtbe; auch hielt er eine lange Predigt von den falſchen Propheten, aus deſſen Munde Froͤſche kamen. Die Predigt ward von dem Buͤrgermeiſter und der beſſern Claſſe hoͤchlichſt ge 13⁵ prieſen, da ſie glaubten, ihr Pfarrer habe einen 6 ſchweren Streich bis auf die Wurzel des Independis⸗ mus gefuͤhrt. Aber dem Joe Tomkins war weit mehr an der ſchlim⸗ men Meinung gelegen, die eine Perſon gegen ihn hegte, deren Wohlwollen zu gewinnen ihm weit wich⸗ tiger war als das des Nehemia Holdenough. Dieß war niemand anderſt als das ſchoͤne Fraulein Phoͤbe Maiblume, zu deren Bekehrung, ſeit ihrem erſten Zu ammentreffen im Jaͤgeryauſe und ſeiner Vorle⸗ ſung uͤber Shakespeaxe, er große Neigung füuͤhlte. Doch ſchien er zu wuͤnſchen, dieſen ernſtlichen Plan in Geheim auszufuhren, und ſeine Schritte dazu vor⸗ zuͤglich vor ſeinem Freunde Jocoline Joluiffe zu ver⸗ bergen, um deſſen Eiferſucht zu vermeiden. Aber um⸗ ſonſt bewarb er ſich bei dem getreuen Maͤdchen bald mit Verſen aus dem hohen Liede, bald mit Auszuͤgen aus Greens Akadia, oder mit jaͤmmerlichen Stellen ans Benus und Adonis und mit noch verkehrteren Lehren aus dem Voltsbuche, die Meiſterſtuͤcke des Ariſtoteles genannt. Keiner ſeiner Bewerbungen, weder den heiligen noch den profanen, weder den metaphpſiſchen noch den phyſiſchen wollte Phöbe Ge⸗ hoͤr ſchenten. Erſtens liebte das Maͤdchen den Jo⸗ coline Joliffe, zweitens, wenn ſie ſchon den Joſeph Tomkins als rebelliſchen Puritaner nicht leiden konn⸗ te, ſo hatte ſie ſich um ſo weniger mit ihm ausge⸗ ſoͤhnt als ſie Urſache hatte zu glauben, daß er ein ſcheinheiliger Wuͤſtling ſey. Sie haßte ihn beider Eigenſchaften wegen— duldete nie ſeine Unterhal⸗ tungen ſobald ſie ſie nur vermeiden konnte— und war ſie gezwungen ſich zu verweilen, ſo horchte ſie nur auf ſeine Reden, weil ſie wußte, welches große Zutrauen man in ihn geſetzt hatte, und daß eine Be⸗ leidigung gegen ihn die Sicherheit der Familie ge⸗ faͤhrden koͤnne, in deren Dienſt ſie geboren und erzogen und deren Intereſſe ſie ergeben war. Aus ungefaͤhr denſelben Urſachen zeigte ſie ihr Mißfallen gegen „ 136 den Beamten nicht vor Jocolin Joliffe, der als ein Soldat und Forſter die Sache leicht haͤtte übereilen koͤnnen, und wobei das Jagdmeſſer und der Knoten⸗ ſtock ihres Lieblings gegen das lange Schwerdt und die Piſtolen, welche ſein gefaͤhrlicher Nebenbuhler im⸗ mer bei ſich trug, wohl ſchwerlich die Oberhand be⸗ halten haͤtte. Aber wo Zweifel obwalten, da iſt es ſchwer, die Eiferſucht zu verblenden; und vielleicht lag der Grund, warum Jocolin ſeinen Cameraden ſo ſcharf bewachte, nicht allein in ſeinem Eifer fuͤr die Sicherheit des Konigs, ſondern auch in einem unbeſtimmten Verdacht, daß Tomkins geneigt ſeyn koͤnne, ſich an ſein eigenes Gut zu vergreifen. Unterdeſſen ſuchte Phoͤbe, wie ein vernuͤnftiges Maͤdchen, ſoviel wie moͤglich in der Gegenwart der Goody Jellicot ihre Zuflucht. Freilich fuͤhrten die Anreden des Independenten oder was er ſonſt ſeyn mochte, zu keinem Zweck; denn Phoͤbe ſchien durch eigenen Willen ſo tanb, wie die alte Matrone durch den der Natur. Dieſe Gleichguͤltigkeit brachte ihren neuen Liebhaber entſetzlich auf, und bewog ihn zu dem Entſchluß, Zeit und Ort angſtlich abzuwar⸗ ten, wo er mit Aufmerkſamkeit gebietender Energie ſeine Bewerbung anbringen koͤnne. Fortuna, die bos⸗ hafte Goͤttin die uns ſehr oft dadurch zu Grunde richtet, daß ſie uns den Gegenſtand unſerer Wuͤnſche gewaͤhrt, verſchaffte ihm endlich eine Gelegenheit, wie er ſie laͤngſt geſucht. Es war um Sonnenuntergang obder kurz darauf, als Phöbe, von deren Thätigkeit vieles im Hauſe abhing, nach dem Roſamundenbrunnen ging, um Waſſer zu dem Abendeſſen zu holen, oder vielmehr, um das Vorurtheil des alten Ritters zu befriedigen, welcher glaubte, daß die beruͤhmte Qgelle das aus⸗ erleſenſte Getraͤnk lieefere. Und ſo groß war die Ach⸗ tung, weſche die ganze Familie vor ihm hatte, daß einen ſeiner Wuͤnſche zu vernachlaͤßigen ihrer Mei⸗ — 1323 nung nach faſt dem Bruche einer religioͤſen Pflicht gleich kam. Deen Krug zu fuͤllen war wie wir wiſſen neulich ein unangenehmes Geſchaͤft geweſen; aber Jocolins Gewandheit hatte es in ſofern leichter gemacht, daß er einen Theil der verfallenen Fronte der alten Quelle wieder herſtellte, ſo daß das Waſſer ſich ſammelte und durch eine hoͤlzerne Rinne ungefaͤhr zwei Fuß hoch herabtraͤufelte. Daher konnte ein Maͤdchen ih⸗ ren Krug unter die langſam herabtriefende Quelle ſtellen, und ohne ſich ſelbſt zu bemuͤhen, warten, bis das Gefaͤß gefuͤllt war. An dem Abende, von dem wir ſ(prechen, ſah hoebe Maiblume zum erſtenmal die kleine Verbeſ⸗ ſerung. Mit Recht betrachtete ſie es als eine Artig⸗ keit ihres waidmaͤnniſchen Geliebten, die darauf he⸗ rechnet ſey, ihr die Muͤhe zu erſparen, ihr Geſchaͤft auf eine unbequemere Weiſe zu verrichten. Dankbar benutzte ſie daher die paar Minuten des Zwiſchen⸗ raums, um uͤber die Gutmuͤthigkeit und Gewandheit des zuvorkommenden Foͤrſters Betrachtungen anzu⸗ ſtellen, und vielleicht daran zu denken, daß er eben ſo vernuͤnftig gehandelt haͤtte, zu warten, bis ſie zur Quelle kaͤme, damit er ſich gieich fuͤr ſeine Muͤhe ei⸗ nen perſonlichen Dank holen koͤnne. Aber dann fiel es ihr ein, daß ihn der verhaßte Tomkins im Jaͤger⸗ hauſe zuruͤckhielt, und ehe ſie den Independenten bei ihm ſehen wollte, entſagte ſie lieber dem Gedanken, dem Jocolin zu begegnen. Als ſie nun gerade in dieſen Gedanken vertieft war, war Fortuna boßhaft genug, den Tomkins zur Quelle zu ſchicken, und zwar ohne Jocolin. Als ſie ſeine Geſtalt den Weg verdunkeln ſah, auf welchem er kam, da ſchlich ſich die aͤngſtliche Betrachtung in den Buſen des armen Maͤdchens, daß ſie allein im Bezirk des Waldes ſey, dem ſich in der Daͤmmerung Niemand nahen durfte, um dos Wild nicht in ſeiner Ruhe zu ſtoͤren. Doch faßte ſie Muth und beſchloß, 138 ihre Furcht nicht zu zeigen, obgleich, als der Beamte ſich nahete, etwas in den Blicken und Augen des Mannes lag, das keineswegs geeignet ſchien, ihre Ahnung zu verſcheuchen. „Der Segen des Abends auf Dich, mein ſchoͤnes Maͤdchen“ ſagte er.„Ich begegne Dir wie der erſte Diener des Abraham, der ein Haushofmeiſter war wie ich, der Rebecca, der Tochter Bethuels des Sohns der Milka bei dem Brunnen in der Stadt Nahor in Meſopotamien Soll ich daher nicht zu Dir ſagen: neige Deinen Krug, auf daß ich trinken kann?“ „Der Krug ſteht Ihnen zu Dienſten, Mr. Tom⸗ kins,“ erwiederte ſie,„und Sie können trinken ſo viel Sie wollen; aber wie es mir ſcheint, haben Sie ver noch nicht langer Zeit ein beſſeres Getraͤnke geko⸗ et. 4 Wirklich konnte man es deutlich ſehen, daß der Beamte von einem Trinkgelage kam; denn ſeine Zuͤge waren ſehr bewegt. Phoebe's Beunruhigung ward dadurch noch vergroͤßert. „Ich mache nur von meinem Privilegium Ge⸗ brauch, meine ſchoͤne Rebecca; die Erde wurde den Heiligen gegeben ſammt ihrer Fuͤlle. Sie ſollen ſie bewohnen, und ſich erfreuen der Reichthuͤmer der Erde und der Freude des Weins; ſie ſollen ſie ge⸗ nießen und ihr Herz zur Wonne ſtimmen. Du mußt noch die Vorrechte der Heiligen kennen lernen, meine Rebecca.“ „Mein Name iſt Phoebe,“ ſagte das Maͤdchen, um die ſchwaͤrmeriſche Entzuͤckung zu maͤßigen, die er fuͤhlte oder heuchelte. „Phoebe dem Fleiſche nach,“ ſagte er,„aber Re⸗ becca vergeiſtigt; denn biſt Du nicht ein wanderndes verirrtes Schaaf? Und bin ich nicht hieher geſandt, um Dich zur Heerde zurückzubringen?—, Denn warum hieß es ſonſt: Du ſollſt ſie finden, ſitzend bei dem Brunnen in dem Walde, genannt nach der alten Buhlerin Roſamunde 2 139 „Freilich haben Sie mich hier ſitzend gefunden,“ ſagte Phöbe;„aber wenn Sie mir Geſellſchaft zu lei⸗ ſten wuͤnſchen, ſo muſſen Sie mit mir dem Jaͤger⸗ hauſe zugehen, und Sie ſollen meinen Krug tragen, wenn Sie ſo guͤtig ſeyn wollen. Ich werde alle die guten Dinge, die Sie mir zu ſagen haben, auf dem Wege anhoͤren. Aber Sir Henry verlangt regelmaͤ⸗ hig vor dem Gebete ein Glas Waſſer.“ „Was rief Tomkins aus,„hat der alte Mann mit der blutigen Hand und dem verruchten Herzen Dich hieher geſchickt, um Sclavenarbeit zu verrichten? Wahrlich Du ſollſt befreit werden, und das Waſſer, das Du fuͤr ihn ſchoͤpfteſt, ſoll ausgegoſſen werden, ſo wie es David mit dem Waſſer des Brunnen zu Bethlehem that.“ Indem er das ſprach, leerte er den Waſſerkrug trotz Phoebe's Bitten und Ausrufun⸗ gen. Dann ſtellte er das Gefaͤß unter die kléine Rinne und ſprach:„Wiſſe daß dieſes Dir ein Zeichen ſeyn ſoll. Das Füllen des Kruges ſoll ſeyn, gleich dem Ablaufen einer Sanduhr; und wenn innerhalb der Zeit, weiche verſtreichen wird, ehe er ſich bis zum Rande fuͤllt, Du den Worten, die ich ſprechen werde, Gehoͤr ſchenken wirſt, dann wird es Dir wohlergehen, und Deine Srelle ſoll hoch ſeyn unter denen, die, die Lehre vergeſſend, die wie Milch fuͤr Kinder und Saͤuglinge iſt die kraͤftige Nahrung genießen, welche der Maͤnnlichkeit ziemt. Aber wenn der Krug mit Waſſer uberrinnt, ehe Dein Ohr hoͤren und verſtehen wird, dann ſollſt Du zur Beute gegeben werden und zur Sclavin, denen die das Fette und das Schoͤne des Landes beſitzen ſollen.“ 3 1 „Sie erſchrecken mich, Mr. Tomkins, obgleich ich uͤberzengt vin, daß es Ihre Abſicht nicht iſt.“ ſagte Phoebe.„Ich wundere mich wie Sie es wagen Worte auszuſprechen, die den guten Worten der Bi⸗ bel ſo ſehr gleichen, da Sie Uber Ihren eigenen Herrn und den Uebrigen ſo ſehr lachten„als Sie halfen die Geſpenſter im Jaͤgerhauſe zu ſpielen.“ 140 „Glaubſt Du alſo, Du einfache Thoͤrinn, daß ich, indem ich Harriſon und die Uebrigen ſo hinter⸗ ging, meine Privilegien uͤberſchritt?— Nein, wahr⸗ lich— horch auf mich, thörichtes Maͤdchen. Als ich in fruͤheren Zeiten in der groͤßten Ausſchweifung in Orfordſhire lebte, Kirchweihen und Meſſen beſuchte, um die Mayen tanzte, und in allen Spielen meine Ausgelaſſenheit zeigte— ja als man mich in der Sprache der Undeſchnittenen noch Philipp Hazeldine nannte, und ich einer der Saͤnger im Chore und der Küſter im Glockenhauſe war, und jenem Nrieſter dort Namens Rochecliffe diente, da war ich nicht weiter vom graden Wege entfernt, als zur Zeit wo ich nach langem Suchen, einen blinden Fuͤhrer nach dem andern fand— aber ſie waren ſaͤmmtlich Back⸗ ſteinbrenner Egyptens. Ich verließ ſie einen nach dem anderen, zuletzt den armen Thoren Harriſon; und durch meine eigene Kraft, ohne fremden Beiſtand habe ich mich zu dem hellen, geſegneten Lichte ge⸗ draͤngt, das Du Phoebe mit mir theilen ſollſt.““ „Ich danke Ihnen, Mr. Tomkins,“ ſaagte Phoebe, die ihre Furcht unter dem Anſcheine der Gleichguͤltig⸗ keit zu verbergen ſuchte;„aber ich werde ſchon Licht genug haben, meinen Krug nach Hauſe zu tragen, wenn ſie mir nur erlauben ihn zu nehmen; und da⸗ rin beſteht aller Mangel an Licht den ich dieſen Abend allenfalls empfinden koͤnnte.“ Indem ſie das ſprach, trat ſie hin um den Krug von der Quelle zu nehmen; aber er ergriff ſie beim Arm, und verhinderte ſie ihr Vorhaben auszufuͤhren. Doch Phoebe war die Tochter eines kuͤhnen Förſters, gefaßt auf Selbſtvertheidigung; und obgleich ſie es verfehlte den Krug zu erhaſchen ſo ergriff ſie doch an ſeiner Stelle einen breiten Kieſelſtein, den ſie in der rechten Hand verborgen hielt. „Stehe, thoͤrichtes Maͤdchen, und horch“ ſagte der Independent ernſt;„und wiſſe in einem Worte daß die Sunde, fuͤr welche der Geiſt des Menſchen 141 mit der Rache des Himmels heimgeſucht wird, nicht in der koͤrperlichen Handlung, ſondern in den Gedan⸗ ken des Suͤnders liegt. Glaube nur, liebenswuͤrdige Phoebe, daß den Reinen alle Handlungen rein ſind, und daß die Suͤnde in unſeren Gedanken und nicht in unſeren Thaten liegt— ſo wie ſelbſt der Strahl des Tages dem Blinden dunkel erſcheint, aber von dem geſehen und genoſſen wird, deſſen Auge ihn auf⸗ faͤngt. Demjenigen, der in geiſtigen Dingen noch ein Neuling iſt, iſt vieles auferlegt und vieles verbo⸗ ten; er wird, wie die Kinder, mit Milch gefuͤttert.— Für ihn ſind die Verordnungen, Gebote und Verbote da. Aber der Heilige iſt uͤber Verordnung und Verbot erhaben. Ihm, als dem auserwaͤhlten Sohn des Hauſes wurde der Hauptſchluͤſſel zu allen Scloͤß⸗ ſern gegeben, welche ihn von dem Genuſſe der Wuͤnſche ſeines Herzens zuruͤckhalten. Auf ſo lieblichen We⸗ gen will ich Dich, theure Phoebe, fuͤhren, wo in Freude und unſchuldiger Freiheit, ſich Vergnuͤgungen vereinigen, die fuͤr den nicht Privilegirten fuͤndlich und verboten ſind.“. „Ich wuͤnſchte gar ſehr, Sie ließen mich nach Hauſe gehn, Mr. Tomkins.“ ſagte Phoebe, die zwar den Inhalt ſeiner Lehre nicht durchſchaute, der aver ſeine Worte und ſein Betragen gleich zuwider waren. Doch fuhr er mit ſeinen verfluchten, gotteslaͤſterlichen Lehren fort, die er gemeinſchaftlich mit anderen der vorgeblichen Heiligen, angenommen hatte, nachdem er lange von einer Secte zur andern geſchwankt, end⸗ lich in den niedertraͤchtigen Glauben verfiel, daß, da die Suͤnde bloß geiſtiger Natur ſey, ſie auch nur im Gedanken beſtehe, und daß die ſchlimmſten Handlun⸗ gen denen erlaubt ſeven, die ſich zu der Stufe erboben hatten, ſich uͤber die Gebote wegzuſetzen.„So alſo, meine Phoebe,“ fuhr er fort, indem er es verſuchte, ſie an ſich zu ziehen„kann ich Dir mehr anbieten⸗ als je einem Weive dargeboten ward, ſeit dem Tage, daß Adam zuerſt ſeine Braut bei der Hand ergriff. zuruͤckſtieß.“ 142 Andere moͤgen mit trockenen Lippen, wie die Papi⸗ ſten durch Enthaltſamkeit Buße thun, waͤhrend der Kelch der Freude ſeine Wonne ausgießt. Liebſt Du das Geld?— Ich habe, und kann noch mehr ver⸗ ſchaffen— habe die Freiheit, es auf jede Weiſe und durch jedes Mittel herbeizuſchaffen— mein iſt die Erde und ihre Fuͤlle. Wunſcheſt Du Macht?— Zu welchem Gute dieſer armen getaͤuſchten Commiſaͤre haſt Du Luſt, ich will es Dir verſchaffen; denn ich habe es mit einem machtigern Geiſte als einer von ihnen zu thun. Nicht ohne Auftrag habe ich dem Ropaliſten Rochecliffe und dem Thoren Joliffe gehol⸗ fen, ſie vertleidet, zu erſchrecken und zu verja⸗ gen. Fordere was Du willſt, Phoebe, ich kann es Dir geben oder verſchaffen— dann tritt ein mit mir in ein wonnernolles Leben auf dieſe: Welt, das nur Dir Vorſchmack der paradiſiſchen Freuden jen⸗ ſeits ſeyn wird,“ Abermals verſuchte es der ſchwaͤrmeriſche Wolluͤſt⸗ ling, das arme Maͤdchen zu ſich hin zu ziehen, waͤh⸗ rend ſie, beunruhigt aber nicht außer Faſſung, es ver⸗ ſuchte, ibn durch freundliches Bitten zu bewegen, ſie loszulaſſen. Aber ſeine, ſonſt nicht eben ſehr kraͤfti⸗ gen, Zuͤge hatten einen furchtbaren Auadruck erlangt und er rief aus:„Nein Phvebe— glaube nicht, daß Du mir entgehen kannſt— Du biſt meine Gefan⸗ ene— Du haſt die Stunde der Enade verſaͤumt, ie iſt abgelaufen— ſiehſt Du, das Waſſer ſtroͤmt vom Kruge uͤber— und das war das Zeichen zwi⸗ ſchen uns.— Darum will ich keine Worte mehr mit bir verlieren, deren Du unwuͤrdig biſt, ſondern Dich behandeln wie eine, welche die angebotene Gnade „Mr. Tomkins,“ ſagte Phoebe mit bittendem Tone,„bedenken Sie, um Gotteswillen,— ich bin eine aͤltern’oſe Waiſe— thun Sie mir nichts zu Leide: es waͤre ja eine Schande fuͤr Ihre Staͤrke und Maͤnnerkraft— ich kann die ſchoͤnen Worte nicht 143 verſtehn— ich will bis morgen daruͤber uͤberlegen.“ Dann, in ſteigender Angſt, fuͤgte ſie heftiger hinzu— „Ich laſſe mich nicht ſo niedrig behandeln— laſſen Sie ab oder es gibt ein Ungluck.“ Aber als er ſich heftig gegen ſie draͤngte, ſo daß man ſich in ſeiner Abſicht nichs irren tonnre, und es verſuchte ſich ihrer rechten Hand zu bemeiſtern, da rief ſie aus:„So nimm es denn hin da du es willſt!“— und ſchlu ihn mit dem Kieſel, den ſie auf den Nothfall ergrif⸗ fen hatte, mit aller Staͤrke ins Geſicht. Der Fanatiter ließ ſie los und ſchwankte faſt be⸗ taͤubt zuruͤck; aber Phoebe ergriff augenblicklich die Flucht, indem ſie im Laufe um Hulfe ſchrie, aber immer noch den ſiegreichen Kieſel feſt in der Hand hielt. Durch den gewaltigen Stoß, den er bekommen hatte, bis zum Wahnſinn erhitzt, verfolgte ſie Tom⸗ kins, mit allen ſchwarzen Leidenſchaften in ſeiner Seele und auf ſeinem Geſichte, vermiſcht mit der Furcht, ſeine Niedertraͤchtigkeit moͤchte entdeckt wer⸗ den. Laut rief er der Phoebe zu, ſtehen zu bleiben, und war ſo viehiſch ihr mit einer ſeiner Piſtolen zu drohen, wenn ſie weiter fliehen wuͤrde. Aber trotz ſeiner Drohungen verzoͤgerte ſie die Eile ihrer Schritte nicht, und er mußte ſie entweder vollziehen oder ſie entfliehen laſſen um ſein Betragen im Jaͤgerhaus zu erzaͤhlen, waͤre ſie nicht ungluͤcklicherweiſe uͤber einen hervorſtehenden Tannenzweig gefallen. Aber als er ſich eben auf ſeine Beute ſtuͤrzen wollte, da kam Huͤlfe in der Perſon des Jocolin Joliffe, mit ſeinem maͤchtigen Knotenſtock auf den Schultern.„Was gibt's da, was ſoll das?“ ſagte er, als er zwiſchen Phoebe und ihren Verfolger trat. Tomkins, ſchon bis zur hoͤchſten Wuth gereitzt, antwortete nur damit, daß er auf den Jocolin die Piſtole losfeuerte, die er in der Hand hielt. Die Kugel ſtreifte das Geſicht des Foͤrſters, der zur Erwiederung ausrief:„A ha! Eichen fuͤr Eiſen!“ und ſeinen coloſſalen Knotenſtoc ſo gewaltig auf den Kopf des Independenten fallen ließ, daß, da er die linke Schlaͤfe traf, der Schlag faſt im Augenblick das Leben raubte. Einige wenige Zuckungen wurden von den Wor⸗ ten begleitet:—„Jocoline— ich ſterbe— aber ich verzeihe Dir— Doctor Rochecliffe— ich wuͤnſche ich haͤtte mehr— ach!— der Geiſtliche— das Todten⸗ amt.“— Als er dieſe Worte ausſtieß, die vielleicht ſeine Ruͤckkehr zu einem Glauben anzeigen ſollten, dem er doch nie ſo ganz entſagt hatte als er ſich felbſt glauben machte, verlor ſich ſeine Stimme in einen Seufzer, der in der Gurgel droͤhnend ſeinen Weg zur Luft nicht mehr finden zu koͤnnen ſchien. Dieſes waren die letzten Lebensſomptome: dann er⸗ ſchlaffte die geballte Fauſt— die geſchloſſenen Augen oͤffneten ſich und ſtarrten den Himmel mit lebloſen Hoͤhlen an— die Glieder dehnten ſich aus und wur⸗ den ſteif. Der Koͤrper, kürzlich noch vom Leben be⸗ ſeelt, war nun ein Haufe empfindungsloſen Staubs— die Seele, in einem ſo ungeſegneten Augenblick aus isrer irdiſchen Wohnung verjagt, ſtand jetzt vor dem Richterſtuhle des Allerhoͤchſten. „Ach, was haſt Du gethan! was haft Du gethan⸗ Jocoline!“ rief Phoebe aus;„Du haſt den Mann umgebracht!“— „Veſſer als wenn er mich umgebracht haͤtte,“ antwortete Jocoline;„denn er war keiner von denen, die ihr Ziel zweimal verfehlen.— Doch thut es mir leid um ihn— Manchen froͤhlichen Streich trieden wir zuſammen, als er noch der wilde Philipp Hazel⸗ dine war, und doch war er ſchon damals ein furcht⸗ harer Menſch; aber ſeitdem er ſeine Laſter mit Schein⸗ heiligkeit bemaͤntelte, ſcheint er ein noch aͤrgerer Teu⸗ fel geworden zu ſeyn als je.“ „ Ach Jocoline, komm mit fork,“ ſagte die arm⸗ Phoͤbe,„ſteh' nicht ſo da und ſtarr ihn an;“ denn der Foͤrſter, gelehnt auf ſeine ungluͤckliche Waſſe, ſtand 3 a n 145⁵ da und blickte auf den Leichnam wie jemand, der den Vorfall halb zu bereuen ſchien. „Das kömmt alles vom Bierkrug her,“ ſuhr ſie im wahren Tone des weiblichen Troſtes fort,„ich habe es Dir ja immer geſagt— Um Gottes Willen, komm mit inaherhaus und laß uns überlegen was nun zu thun iſt.“ „Bleib nur da, Mädchen,— erſt muß ich ihn aus dem Wege ziehn; denn wir dürfen ihn nicht da vor den Augen der ganzen Welt liegen laſſen,— willſt Du mir nicht helfen, Dirne?“ „Ich kann nicht, Jocoline, ich möchte keine Locke von ihm berühren, und gälte es ganz Woodſtock.“ „Dann muß ich es alſo allein verrichten,“ ſagte Jocoline, der, obgleich Soldat und Waidmann, doch einen großen Widerwillen gegen das nothwendige Ge⸗ ſchäft zeigte. Etwas in dem Geſichte und die abgebroche⸗ nen Wörter des ſterbenden Mannes hatten einen tiefen, erſchrecklichen Eindruck auf Nerven gemacht, die ſonſt nicht ſehr reitzbar waren. Doch kam es damit ſo weit zu Stande, daß er den Leichnam von dem offenen Weg wegſchleppte, und ihn unter Wurzeln und Brombeer⸗ ſträuchen verſteckte, ſo daß man es nur bei genauer Be⸗ ſichtigung bemerkte. Dann wandte er ſich zu Phöben, die unterdeſſen ſprachlos unter dem Baume ſaß, über deſſen Wurzeln ſie fiel. „Komm' mit hinweg, Mädchen,“ ſagte er,„komm' mit weg ins Jägerhaus und laß uns nachdenken, wie man das verantwortet.— Das Unglück, daß er todt ge⸗ ſchlagen wurde, wird unſere Gefahr bedeutend vergroͤ⸗ hern.— Was wollte er denn von Dir, Dirne, als Du wie wahnſinnig vor ihm wegliefſt?— Aber ich kann mir es denken.— Er war immer wie der Teufel auf Mädchen verſeſſen, und ich glaube, wie Dr. Ro⸗ checliffe ſagt, ſeitdem er ein Heiliger geworden iſt, ſind noch zehn Teufel mehr in ihn gefahren.— Da iſt eben die Stelle, wo ich ihn ſein Schwerdt gegen den alten W. Scort's Werke. XIII 10 146 Ritter erheben ſah,— er, ein Kind aus dem Dorfe— wenigſtens war es Hochverrath,— aber, meiner Treu, er hat dafüt bezahlen müſſen.“ „Aber, ach Jocoline,“ ſagte Phöbe,„wie konntet Ihr aber auch nur einen ſo verruchten Mann zu Ra⸗ the ziehen, und ihn an allen Complotten zum Erſchre⸗ cken der Rundköpfe Theil nehmen laſſen?“ „Warum? Sieh Mädchen, mir kam es bei unſerem erſten Zuſammentreffen gleich vor, als kennte ich ihn, beſonders als Bevis, der hier auferzogen ward, ihn nicht packen wollte. Als wir ſpäterhin im Jägerhauſe unſere alte Be⸗ kanntſchaft wieder anknüpfen, da fand ich, daß er in enger Verbindung mit Dr. Rochecliffe ſtand, der überzeugt war, daß er ein guter Königlichgeſinnter ſey, und alſo auf einem guten Fuße mit ihm ſtand.— Der Doctor rühmt ſich, Vieles durch ihn erfahren zu haben; Gott gebe, daß er nicht auch ſeiner Seits zutrauensvoll gegen ihn war.“ „Ach Jocoline,“ rief das Mädchen aus,„Du hät⸗ ten ihn nicht in das Thor des Jägerhauſes treten laſſen ollen. „Hätt's auch nicht gethan, wenn ich gewußt hätte, wie ich ihn draußen halten ſollte; aber als er ſo offen in unſere Plane einging, und mir ſagte wie ich mich als Schauſpieler Robinſon anziehen müßte, deſſen Geiſt den Harriſon heimſuchte— Gott gebe daß nur kein Geiſt mich heimſucht— als er mich lehrte, wie ich mich anſtellen müſſe, um ſeinen geſetzmäßigen Herrn in Schrecken zu ſetzen, was konnte ich da denken, Mäd⸗ chen? Ich hoffe nur, daß der Doctor das größte Geheimniß vor ihm verborgen ließ.— Aber da ſind wir am Jägerhauſe. Gehe in Deine Stube, Mädchen und faſſe Dich. Ich muß den Dr. Rochecliffe aufſu⸗ chen; er ſchwatzt ja immer von ſeiner ſchnellen Geiſtes⸗ gegenwart. Jetzt iſt's Zeit es zu beweiſen.“ Phöbe ging alſo in ihr Zimmer; aber die Stärke, welche ihr die Größe der Gefahr lieh, verſchwand mit 147 dieſer, und ſie unterlag heftigen hyſteriſchen Anfällen, welche die beſtändige Wartung der Dame Jellicot, und die minder lärmende, aber vernünftigere Sorgfalt der Präͤnlein Alexis erheiſchten, ehe ſie ſich wieder etwas egten. Der Förſter aber brachte ſeine Neuigkeit dem poli⸗ tiſchen Doctor, der mit dem Jocoline ſehr unzufrieden ja fogar böſe war, daß er eine Perſon erſchlagen habe, auf deren] Mittheilung ſich zu verlaſſen er gewöhnt war. Doch verriethen ſeine Blicke Verdacht, ob er ſein Ver⸗ trauen nicht zu vorſchnell weggeſchenkt habe— ein Verdacht, der ihn um ſo viel mehr drückte, da er ihn, als unpaſſend mit ſeinem eigebildeten Scharffinn, nicht geſtehen mochte. Doch hatte Dr. Rochecliffes Vertrauen auf die Creue des Tomkins einen anſcheinend guten Grund. Vor dem Ausbruche des Bürgerkriegs, wie man es zum Theil aus der Erzählung ſchon bemerken kann, ſtand Tomkins unter ſeinem wahren Namen Hazeldine unter dem Schutze des Rectors von Woodſtock, diente ihm zuweilen als Schreiber, war ein ausgezeichnetes Mitglied ſeines Chors, und da er ein gewandter, erfin⸗ dungsreicher Kopf war, ſo wurde er dazu gebraucht, dem Doctor in ſeinen antiquariſchen Unterſuchungen im Innern von Woodſtock hülfreiche Hand zu leiſten. Als er im Bürgerkriege die entgegengeſetzte Partei ergriff⸗ ſetzte er ſeine Verbindung mit dem Doctor noch immer fort, und ließ ihm von Zeit zu Zeit ſcheinbar wichtige Nach⸗ richten zufließen. Auch war ſein Beiſtand erſt kürzlich unendlich nützlich dazu geweſen, dem Doctor mit Hülfe des Jocoline und der Phoebe die verſchiedenen Pläne zu erleichtern und auszuführen; durch welche die Parla⸗ mentscommiſſaire von Woodſtock verjagt worden wa⸗ ren. Wirklich glaubte man auch ſeine Dienſte durch nichts Geringeres belohnen zu koͤnnen als durch ein Geſchenk aller Silbergeräthe, welche noch übrig geblie⸗ ben, und alſo dem Independenten verſprochen waren. 10., Während der Doctor es alſo zugab, daß er ein ſchlech⸗ ter Mann geweſen ſey, ſo bedauerte er ihn doch als ei⸗ nen nützlichen, deſſen Tod bei anzuſtellenden Unter⸗ ſucungen neue Gefahren auf ein Haus häufte, das chon damit umgeben war, und ein ſo köſtliches Un⸗ terpfand beherbergte.