Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. veihbiliothet deutſcher, engliſcher Sih franzöſiſcher Literatur Eduard Oitmunn in Gießen, cLeih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfihanaſnn und Rit der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommeu. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. Answürtige Wonnenten haben füt Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Scjadenersatz. 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Es iſt eine in großen wie in kleinen Verhältniſſen des Lebens käglich wiederkehrende Erfahrung, daß die weiſeſten Entwürfe, die weit umfaſſendſten Pläne und Combinationen oft an Urſachen ſcheitern, die außer aller Berechnung liegen, weil wir ſie entweder aus Sorgloſigkeit und allzugroßem Vertrauen in unſre Kraft nicht beachten, oder weil ſie wirklich als ein Spiel des blinden Zufalls uns erſt hemmend und ſtörend in den Weg treten, wenn es nicht mehr in unſerer Hand liegt, ſie abzuwenden und ihren Folgen vorzubeugen. In dem großen weltgeſchichtlichen Ent⸗ wicklungsprozeß, wie im ſtillen Kreis des einzelnen Menſchenlebens, bildet oft das Unerwartete, wenn auch an ſich Unbedeutende, den Wendepunkt großer Geſchicke; und ein Ereigniß, das wir im gewöhn⸗ lichen Laufe der Dinge kaum beachtet hätten, wird durch den Moment, in den es fällt, bedeutſam und 1 4 Georg Volker. ruft vor unſerm ſtaunenden erſchreckten Blicke die von uns in ganz anderer Weiſe gedachte und vorbereitete Kataſtrophe herbei. Das aber iſt die tragiſche Idee im Leben der Völker, wie in dem des einzelnen Menſchen, daß uns der kleine tückiſche Zufall gerade in dem wichtigſten Augenblick der Entſcheidung den verhängnißvollen Strich macht; in dem Augenblick, wo wir zwar gerüſtet gegen eine ganze Welt voll Feinde in den Kampf treten, aber den Scorpion nicht achten, der uns in die Ferſe ſticht. Wohl Mancher, der ſich ſchon am Ziel ſeiner Mühen und Kämpfe wähnt, betritt ſiegestrunken die ſchmale Brücke Fiesko's, und der Wogen Tiefe ver⸗ ſchlinget rettungslos den Mann und ſeine Zukunft!— ** — Acht Tage waren ſeit dem Brand der Mühle verfloſſen, der ganze Odenwald war voll von bangen Nachrichten über ſtattgehabte Erceſſe in entfernteren Gebirgstheilen, zumeiſt in dem fürſtlich**sſchen Landesgebiet, wo die Bauern, ungeduldig über das lange Warten auf die verheißene Republik, ſich in Haufen zuſammenſchaarten und die Wohnungen ver⸗ ſchiedener verhaßter Beamten bei hellem Tag demo⸗ lirten. War auch in dieſen gewaltigen Ereigniſſen — S——— Georg Volker. 5 nirgends ein Zuſammenhang mit einem tiefer ange⸗ gelegten weitverzweigten Revolutionsplane zu erblicken; ja, widerſprachen ſelbſt dieſe vereinzelten, nutzloſen Ausbrüche eines im großen Ganzen aufgeregten Volksgeiſtes von vornherein der Vermuthung, daß wirklich eine organiſirte Verſchwörung beſtehe, ſo waren ſie doch immer bedenkliche Anzeichen genug, um Diejenigen, welche ſich davon eines Schlimmen verſahen, bei Zeiten zu warnen und ſie zu Gegen⸗ maßregeln anzuſpornen. Die Revolution ſprang da⸗ mals ſo recht eigentlich wie ein Sanct Elmsfeuer von einem Dorf, einem Landdiſtrict zum andern, der nächſte Anlaß war den Bauern der willkommenſte, um loszuſchlagen; aber waren einmal die alten Bür⸗ den und Landplagen beſeitigt, hatten der verhaßte Amtmann und der noch verhaßtere Steuererheber glücklich das Weite gewonnen, waren die Papiere verbrannt und die Steuer⸗, Pfand⸗ und Flurbücher vernichtet, ſo verrauchte auch bald die Revolutions⸗ hitze, und weil man in den eignen vier Pfählen Ruhe hatte, kümmerte man ſich nicht weiter um den Nachbar. So ſah es in den entfernteren Gegenden unſerer Gebirgslandſchaft aus; anders freilich in denjenigen Bezirken, die auf den Wink der„Eiſernen Hand“ 6 Georg Volker. warteten, um in hellen Haufen aufzuſtehen und mit dem Grafen von Rellenburg einen„neuen Accord“ zu ſchließen. Im Schloß ſelbſt hatten dieſe Ereigriſe nur dazu beigetragen, die Stimmung der Gemüther noch beklommener und gedrückter zu machen, und die fromme Frau von La Blanche kam faſt nicht mehr — von ihrem Betſchemel hinweg. Die Gräfin ſelbſt verſuchte hinter dem Rücken ihres Gemahls bei ver⸗ ſchiedenen Gelegenheiten allerlei freundliche und huld⸗ volle Mittel zu einer Annäherung an das„Volk,“ ſie unterließ es z. B., in ihrer glänzenden Equipage durch die Dörfer zu fahren, ſondern wählte die bür⸗ gerliche Manier des Spazierengehens, redete die Leute auf dem Felde mit Herablaſſung an oder trat auch wohl mit ihrer Begleitung in die Hütten der ärmeren Landbewohner, erkundigte ſich nach den Um⸗ ſtänden der Familie, koſtete von der rauhen Grütz⸗ ſuppe, und ließ, recht nach wohlthätiger Feenart, beim Weggehen ein reiches Geldgeſchenk zurück. Selbſt am Wochenbett einer armen Bäuerin erſchien ſie, be⸗ reitete am dürftigen Heerd der Hütte zum höchſten Staunen des halben Dorfes eine kräftige Hühner⸗ ſuppe zu und brachte dieſe der Wöchnerin an's Bett, und was dergleichen gewinnende Beweiſe einer völlig Georg Volker. 7 umgewandelten Sinnesänderung mehr waren. Den⸗ noch gingen ihr die Leute, wo ſie ſich zeigte, nach wie vor ſcheu und mißtrauiſch aus dem Wege, und je mehr Güte und Herablaſſung ſie verſchwendete, um ſo mehr kihrte das gegen ſolche Huld unempfind⸗ liche Volk ſeine rohe und undankbare Seite heraus; denn der gemeine Mann hat hierin einen ſicherern Inſtinct als der Vornehme weiß, und ſehr wohl un⸗ terſcheidet er das Wohlthun um Gotteswillen von dem um des Wohlthuns ſelber willen. Von allen Perſonen im Schloſſe war Eugenia in dieſen Tagen der bangen Gewitterſchwüle die be⸗ wegteſte, und ſeltſam contraſtirte ihr Weſen mit der zuverſichtlichen und heiteren Stimmung, die ſie noch jüngſt den ängſtlichen Verwandten gegenüber gezeigt hatte. Jede neue Nachricht von der revolutionairen Bewegung im Volke erſchreckte ſie auf das Heftigſte; und des Grafen racheglühender Blick, ſo oft eine ſolche Botſchaft im Schloß anlangte, ſeine furchtba⸗ ren Verwünſchungen gegen die Urheber, ſeine Drohun⸗ gen gegen Volker beunruhigten ſie faſt eben ſo ſehr, wie der Gedanke, Georg möge ungeachtet ihrer War⸗ nung einem ſolchen Feinde über kurz oder lang eine Blöße zeigen. War doch der Graf ſchon beim Brand der Mühle und der am andern Morgen ſtattgefun⸗ 8 Georg Volker. denen gerichtlichen Aufnahme des Thatbeſtandes in ſeinem blinden Haß geneigt geweſen, Georg der An⸗ ſtiftung zu beſchuldigen, und den muthigen Retter des Müllers in den Verdacht des Mordbrenners zu bringen. Zum Glück für Volker ſprachen die That⸗ ſachen genug für ſeine Unſchuld, und ſein Feind konnte ihm diesmal nichts anhaben, ſo ſcharf und parteiſch auch der Amtmann inquirirte; aber des Grafen Bruſt kochte ſeitdem vor Wuth nur noch mehr und natürlich blieb er dabei, daß hier ein unerhör⸗ ter politiſcher Parteihaß im Spiele ſei; denn der Müller war als„reactionair“ bekannt und ſtand in hoher Gunſt bei dem gnädigen Herrn.— Eugenia hatte ſo viel Gewalt über ſich behaup⸗ tet, alle dieſe ſchmählichen und zum Theil höchſt ab⸗ geſchmackten Verdächtigungen, womit der Graf den Freund überſchüttete, ſchweigend hinzunehmen; den⸗ noch konnte ſie nicht verhüten, daß, ſo oft auf Vol⸗ ker die Rede kam, eine dunkle Gluth ihr Ant⸗ litz bedeckte und ihr ganzes Weſen in eine fieberhafte Aufregung gerieth. Mehr als einmal war ſie im Begriff, dem Grafen ein Wort in's Geſicht zu ſchleu⸗ dern, das wohl beſſer als jede andere Vertheidigung für Volker's Unſchuld gezeugt hätte; nur der Gedanke, daß dieſes Wort noch immer geſprochen werden könnte, Georg Volker. 9 hielt ſie von einem leidenſchaftlichen, unbedachtſamen Schritte zurück, und in tiefer Bruſt verſchloß ſie die Sorge, die ihre Wangen bleichte und ſie in ſchlum⸗ merloſen Nächten angſtbeklommen, fieberheiß auf dem Lager umherwarf. Eines Nachmittags war der Graf während der Tafel ungewöhnlich aufgeräumt und nichts ſchien ihm geringere Sorge zu bereiten als die Revolution. Er hatte eine Depeſche aus der Reſidenz empfangen, und obwohl er den Damen deren Inhalt verſchwieg, ſo zeigte doch ſeine heitere Stimmung und die Trinkluſt, womit er dem Bordeaur zuſprach, daß das Schrei⸗ ben ihm eine erwünſchte Nachricht gebracht habe. Beſonders mit Eugenien ſcherzte er viel, warf ſie über den Tiſch mit Bonbons und ſagte ihr allerhand Neckereien. Erſt am Schluß der Tafel, als ſich die Diener entfernt hatten, nahm die vermählte Gräfin, der die Neugierde in allen Fingerſpitzen brannte, Ge⸗ legenheit, ihn nach dem Inhalt der empfangenen De⸗ peſche zu fragen. Der Graf rieb ſich mit geheimnißvoll lächeln⸗ der Miene die Hände, kicherte und ſagte mit einem ſchalkhaften Blick auf Eugenien: „Parbleu! Hätt' ich's doch beinahe ganz ver⸗ geſſen! Eine ſuperbe Neuigkeit, auch für Couſinchen, Georg Volker. Waldemar, der uns ſeit zwei Jahren keinen Fuß über die Schwelle geſetzt hat, kündigt ſich zum Beſuch bei uns an; noch heute Abend trifft er ein, und um uns für's Erſte die Herren mit der rothen Hahnen⸗ feder vom Halſe zu halten, bringt er ein kleines De⸗ tachement von eirca 800 Mann ſeines Regiments mit, lauter Kerntruppen— und zwei Kanönchen, mit einem neumodiſchen Abkühlungsmittel für die heißköpfigen Demokraten, Shrapnells genannt, eine ſehr zeitgemäße Erfindung! Na, wir wollen ſehen, wie unſre Kartoffel⸗Republikaner dieſen unverhofften Beſuch aufnehmen! Und damit ſie gleich wiſſen, wie ſie daran ſind, folgt dem Commando auch ein Kriegscommiſſair mit ausgedehnten Vollmachten; denn man will nicht lange Federleſens mit den Burſchen machen und gegen jede Widerſetzlichkeit wird ſofort kriegsrechtlich verfahren.“ Die Gräfin und Frau von La Blanche waren von dieſer Nachricht wie elektriſirt; Letztere faltete an⸗ dächtig die Hände und ſagte mit einem gerührten Blick: „Gelobt ſei Gott, daß er uns Soldaten ſchickt! Ich ſetze nun wieder mein ganzes Vertrauen auf ihn und die Bayonnette.“ Eugenia hatte kein Wort der Erwiederung auf 2 S 3 8 3 Georg Volker. 11 dieſe Kunde; Schrecken und Freude machten ſie der⸗ geſtalt befangen, daß ſie kaum wußte, ob ſie dem Himmel für dieſe unerwartete Wendung der Dinge danken oder das Schlimmſte davon beſorgen ſolle. Waldemar war der Einzige in ihrer Familie, dem ſie unbedingt vertraute, deſſen edles Herz und ritterlicher Sinn ihr dafür bürgten, daß er der Letzte geweſen wäre, der des Grafen tückiſchen Plänen gegen Vol⸗ ker Vorſchub geleiſtet hätte. Und doch, warum zit⸗ terte ſie gerade vor Waldemar? War es etwa die Furcht, dieſen Mann möglicherweiſe dem Freunde als Feind gegenüberſtehen zu ſehen? Sie dankte Gott, als ſie ſich unter einem ſchick⸗ lichen Vorwande den Blicken ihrer Umgebung ent— ziehen und auf ihr Zimmer eilen konnte, wo ihr bald eine ruhige Prüfung der Verhältniſſe ſagte, daß ſte, Alles in Allem genommen, die Ankunft Walde⸗ mar's als ein Werk der Vorſehung betrachten müſſe, die ihr, der Verlaſſenen und Rathloſen, in der Stunde der höchſten Noth den trefflichſten Mann zum Ret⸗ ter ſandte, den ſie von Kindheit auf verehrt und der ſich ihr jederzeit als treuer Bruder und Freund be⸗ währt hatte. Bald war ihr Entſchluß gefaßt, und mit ihm kehrte die alte Sicherheit in ihr Gefühl zurück; ſie 12 Georg Volker. ſchwankte, ſie zagte nicht mehr, denn ſie wußte ja, daß Volker von keinem Feinde Etwas zu beſorgen hatte, ſo lange Waldemar ihr zur Seite ſtand! Mit erleichtertem Herzen trat ſie auf den mit Glasfenſtern umgebenen Balkon unter die herr⸗ lichen Blumen und Geſträuche, welche ihr der Hof⸗ gärtner jede Woche durch neue Eremplare aus den gräflichen Gewächshäuſern erſetzte, ſo daß hier faſt den ganzen Winter über ein wahrer Frühlingsflor zu finden war. Sie öffnete eins der Fenſter und hatte gerade vor ſich auf dem gegenüberliegenden Berge die Marienlinde; zu ihren Füßen im tiefen Thalkeſſel lag das rauchende Dorf, durch deſſen Hauptſtraße ein Waldbach rauſchte, der mit ſeinem ſchäumenden Waſſer die erdbraunen, hier und da von Mauerwerk geſtützten Hügel beſpülte, auf welchen zur Rechten des Baches die Häuſer der Dorfbewohner ſtanden, was dem Ganzen, beſonders wenn erſt einmal in den kleinen Gärten zur Seite Malven und Roſen blüh⸗ ten, einen ebenſo maleriſchen als eigenthümlichen An⸗ blick verlich. Am weſtlichen Ende des Dorfes dehnte ſich ein großer, wohl eine halbe Stunde langer Wie⸗ ſengrund aus, den der Dorfbach in vielen Armen durchſchnitt und ſelbſt in den heißeſten Sommertagen den lechzenden Triften noch Erquickung zuführte. Georg Volker. 13 Trunkenen Glanzes voll floß heute das Abend⸗ gold vom Berge nieder und überſchimmerte in weiten Flächen die ſanften Schattirungen des jungen Grüns, in dem bereits die Furchen der einzelnen Felder ſicht⸗ bar wurden; der Natur rauher Winterbann war überall überwunden und aus des Frühlings milden Lüf⸗ ten jubelten die Lerchen der jungen Schöpfung Sie⸗ geslieder auf die Erde herab. Aber Eugenia achtete heute nicht auf die Reize, welche der Lenz mit verſchwenderiſcher Hand über die idylliſche Landſchaft ausgoß. Dorthin, wo in nörd⸗ licher Richtung hinter dem ſteilen braunen Berg ein tiefblauer Rauch aufſtieg und langſam an dem noch weiter zurückliegenden Tannenforſt hinwallte, ſchaute ihr Blick wie feſtgebannt, und voll Rührung verfolgt ſie mit den Augen einen Schwarm blauer Feldtauben, die jetzt jenen Rauchwolken zuflogen; zuletzt kam noch eine, welche vereinzelt, wie mit matterem Flügelſchlag, denſelben Weg ſuchte. „O ſchirmt ſein Haus vor Gefahr, ihr Boten des Friedens!“ ſagte ſie voll Rührung.„Bald, ja bald ſoll er, ſo Gott will, ſicher ſein vor dem Haß ſeines unverſöhnlichen Feindes, und wie jetzt ſeine Tauben, ſo ſollen dann alle guten Genien des Le⸗ bens ihm zufliegen; ich aber, ich werd' es ſein, der 14 Georg Volker. er ſein neues Daſein verdankt, die ihn zu den hellen Höhen zurückführt, von denen ihn ein neidiſches Ge⸗ ſchick herabſtieß. Und dnn, du arme verirrte Taube, — ſie preßte beide Hände wider das in Wonne zit⸗ ternde Herz— dann haͤſt auch du deiner Sehnſucht Ziel gefunden, und ihm allein gehörſt du dann an! Fliege darum, fliege nur immer zu, Liebe findet den Weg durch Sturm und Nacht, über Klippen und Abgründe— wenn es nur die rechte Liebe iſtl“ Da ſchlug plötzlich ferner Trommelſchall an ihr Ohr, und am Walde sſaume, dort, wo der uns be⸗ kannte Hohlweg von der Höhe in's Dorf herabführt, ſah Eugenia eine Infanterie⸗Colonne, die mit im Abendgold blitzenden Bayonnetten auf das Dorf zu marſchirte. Dem Zug folgte Artillerie mit einigen Munitionswagen und einer bedeckten Chaiſe; es war kein Zweifel, Waldemar rückte mit Militair heran. Höher pochte Eugeniens Herz bei dem in der friedlichen Umgebung ſo ungewöhnlichen Anblick die⸗ ſes kriegeriſchen Aufzugs; und wenn man die Um⸗ ſtände erwägt, unter denen das Militair in dieſem ſtillen Thal erſchien, ſo mag es nicht verwundern, daß ſie trotz der Hoffnung, die ſie auf Waldemar ſetzte, eine Angſt überfiel, als wenn wirklich der Feind heranrücke. Dem Zuge voran erſpähte ſie drei —— Georg Volker. 15 Männer zu Pferde; doch war es bei der Entfernung und der blendenden Abendſonne unmöglich, den Freund herauszufinden. Jetzt ertönten Hornſignale, die Trommeln ſchwie⸗ gen, in neuen Gliedern ordneten ſich die Colonnen und ſetzten ſich dann unter Trommel- und Hörner⸗ klang gegen des Dorfes Hauptſtraße in Bewegung. Eugenia ſah, wie unten im Orte Alt und Jung zu⸗ ſammenlief und neugierig dem Militair entgegeneilte, aber noch immer ſpähte ſie vergebens unter den drei Reitern nach der hohen edlen Geſtalt Waldemar's, als ſie plötzlich im Vorzimmer ein Geräuſch hörte, ein Säbel raſſelte auf den Boden, und wie ſie haſtig umblickte, ſtand der noch eben in der Ferne Geſuchte nur wenige Schritte vor ihr in der Thür. Mit dem lauten Freudenruf:„Waldemar!“ ſtürzte ſie ihm entgegen; er breitete ſeine Arme aus und rief:„Eu⸗ genia, meine theure Eugenia!“ Da wich ſie, ſchon dicht vor ihm, verwirrt zurück; ſtaunend, ſprachlos ſtanden ſie ſich einen Moment Aug' in Aug' gegen⸗ über, dann trat der Major raſch vorwärts, ſagte: „Ja, Du biſt's!“ und ſie lag in ſeinen Armen, ſtammelte:„Gott ſei Dank, Waldemar, daß Du da biſt!“ Wir überlaſſen Beide der Freude des Wieder⸗ Georg Volker. ſehens nach zweijähriger Trennung, und wenden uns zu dem Hauſe der drei Lilien, wo eine ähnliche Scene, freilich unter ganz verſchiedenen Eindrücken, bald nachher ſtattfand. Der Hauptmann, der den ganzen Tag über ſei⸗ nen Hausgenoſſen eine ſehr übelgelaunte mürriſche Stimmung gezeigt hatte, ohne daß es indeſſen zu einer eigentlichen Erploſion gekommen wäre, hatte ſich am Nachmittag grollend und knurrend auf ſeine Stube zurückgezogen, um, wie gewöhnlich um dieſe Zeit, im Ofen Kugeln zu gießen, deren Beſtimmung leicht zu errathen iſt. Eine weiße Schürze vor⸗ gebunden, war er eben beſchäftigt, mit Hülfe eines Blaſebalges die Kohlen in Gluth zu ſetzen, als er plötzlich betroffen auffuhr, denn es war ihm gerade geweſen, als höre er in der Entfernung dumpfen Trommelſchall. Er ging an's Fenſter, öffnete es und vernahm nun deutlich den lange nicht mehr gehörten kriegeriſchen Ton. Faſt erſtarb ihm vor Schreck der Fluch auf der Zunge; er warf den Blaſebalg in die Ecke, riß die Schurze ab und eilte mit einem bangen Vorgefühl auf den Boden, von wo er, da er hier nichts ſehen konnte, auf einer ſchmalen Leiter noch höher kletterte zu der im Firſt befindlichen Dachluke. Dort ſchaute Georg Volker. 17 und lauſchte er nun hinaus und ſah wirklich zu ſei⸗ ner größten Beſtürzung ſchon nach wenigen Augen⸗ blicken die erſten Soldaten hinter der Kirchhofmauer hervorkommen. „Alle Teufel, das ſind Feinde!“ murmelte er, und das alte Soldatenherz pochte hörbar wider die Rippen. Eins, zwei, drei und mehr Compagnien Infan⸗ terie rückten heran; er erkannte deutlich die Uniform deſſelben Regiments, bei dem er einſt geſtanden; dann kamen zwei Kanonen, und geradezu auf das Dorf los ging der Marſch. „Schwerenoth!“ ſtammelte der Alte und ſtieg mit zitternden Knieen von der Leiter herunter.„Pfui! pfui! Alter Bär, was paſſirt dir? Zitterſt wohl gar und kriegſt noch zu guter Letzt das Kanonenfie⸗ ber?“ ſagte er dann kopfſchüttelnd und grollte mit ſich ſelber über die Beklommenheit, die ihn anwan⸗ delte, als der Trommelſchall immer näher kam. „Sicher iſt's nur ein Durchmarſch oder höchſtens ein Nachtquartier,“ tröſtete er ſich;„denn der Henker wird doch nicht die Soldaten gerade zu uns und gerade jetzt hierher führen!“ Er ging wieder in ſeine Stube hinab, wo das 2 III. waren die Stimmen der Lilien und Annlis, und 18 Georg Volker. unterdeß im Tiegel geſchmolzene Blei ihn an das unterbrochene Geſchäft erinnerte. „Das dich der Satan lothweis hole, du altes Weib!“ murmelte er dann im Unmuth darüber, ſich einen Augenblick auf einer Anwandlung von Furcht ertappt zu haben.„Und wenn's wirklich Feinde wä⸗ ren— meine braven Bauern ſollten ihnen ſchon die Kamiſöler ausklopfen, trotz der beiden Kanonen!“ Schnell die Schürze ſich vorbindend, rückte er dann den Schemel an den Ofen, legte Kugelformen und Zangen zurecht, holte den Blechlöffel, womit er das Blei in die Form zu gießen pflegte, und begann dann treu ſeinem alten Grundſatz: Thue Jeder das Seine, mit aller Gemüthsruhe Kugeln zu bereiten. Er achtete nicht ferner auf die ungewöhnliche Bewe⸗ gung im Dorfe, noch auf das Waffenklirren und Pferdegetrappel, ſondern arbeitete mit ſeiner gewohn⸗ ten Umſtändlichkeit, bis ihm bei der Hitze des Koh⸗ lenfeuers und dem unverdroſſenen Eifer das Geſicht über und über glühte. Wohl an fünfzig blanke Büchſenkugeln lagen ſchon neben ihm auf dem Boden; er dachte kaum mehr an die Soldaten, als plötzlich ein lauter Jubel in der Hausflur ſeine Aufmerkſamkeit erregte; es Georg Volker. 19 gleich darauf hörte er auch eine männliche Stimme, in der er alsbald die ſeines geliebten Pflegeſohnes, Paul Werle, erkannte. „Alle Wetter, der Paul!“ rief er hocherfreut und war ſchon im Begriff ihm entgegenzueilen, als er ſich plötzlich eines Andern beſann, einen Moment ſtarr in die Kohlengluth blickte und Etwas ſehr ernſt zu überlegen ſchien, worauf er in den Bart murmelte: „Ja, ja ſo iſt's recht, ein freundliches Geſicht darf ich ihm nicht zeigen; denn er kommt ja als Feind in's Land; die alten Weiber mögen ihn abküſſen, ich aber laſſ' ihn kaltblütig anlaufen und will erſt ſehen, wie er ſich dabei verhält.“ Kaum hatte er ſich in dieſer Weiſe auf Paul's Empfang vorbereitet, als dieſer ſchon mit dem Ruf: „Lieber, theurer Herr Vetter!“ in die Stube ſtürzte. Der Alte mußte ſich alle Gewalt anthun, um ſich nicht von ſeiner Rührung übermannen zu laſſen; den Blaſebalg in beiden Händen, ſchürte er ohne um⸗ zuſehen die Gluth haſtig an und fragte dabei in mehr als mürriſchem Tone: „Was giebt's, Paul? Was willſt Du von mir?“ Sprachlos blieb der junge Sergeant bei dieſem ganz ungewohnten froſtigen Empfange in der Mitte der 2* 20 Georg Volker. Stube ſtehen und betrachtete mit großen Augen bald den Hauptmann, bald deſſen ſonderbares Geſchäft. „Aber, Herr Vetter— ich bin's ja!“ ſtam elte£ er endlich, als der Alte ſich noch immer nicht im mindeſten über ſeine Ankunft freuen wollte. Dann eilte der junge Soldat raſch auf ihn zu, beugte ſich zu ihm nieder, riß ihn mit Gewalt an ſein Herz, indem er ihn trotz allen Widerſtrebens tüchtig ab⸗ küßte. „Weg da! Weg da! Du zertritſt mir die Ku⸗ geln!“ rief der Alte mürriſch, wobei ihm jedoch eine heimliche Freudenzähre in den grauen Wimpern glänzte.„Sage mir erſt, was Dich hierher führt und warum Du ſo in voller Armatur vor mir er⸗ ſcheinſt?“ „So wiſſen Sie nicht?“ erwiederte Paul betroffen, und gerieth einen Augenblick auf die Vermuthung der Hauptmann möge wohl ein wenig zu tief in's Gläschen geguckt haben. „Was weiß ich? Heraus mit der Sprache?“ rief Dieſer auffahrend, und zum erſten Mal ſah er dabei zu Paul empor. „Daß wir auf Erecution da ſind,“ verſetzte der Jüngling;„um Ordnung und Geſetz im Lande zu ſchützen und die Meuterer in Zaum zu halten.“ Georg Volker. 2¹ „Meuterer? Was Meuterer!“ rief der Alte zorn⸗ glühend und ballte die Fauſt, indem er ſagte:„Wart', Jungs, ich will Dich lehren, reſpectirlich von Dei⸗ nem alten Pflegevater zu reden! Ich ein Meuterer? Und Du willſt mich im Zaum halten? Du? Hier hat Niemand im Zaum zu halten, als der liebe Herrgott und ich— verſtandevu, Milchbart?“ „Nein, ich verſtehe Sie bei Gott nicht, beſter Herr Vetter!“ verſetzte Paul.„Wer denkt denn daran, Ihnen ein Leids zu thun? Nur für die Umſturzmänner ſind wir da, für die Krawaller, die Geſetz und Obrigkeit verhöhnen und den Aufruhr von einem Dorfe zum andern tragen. In der Stadt glaubte man ſchon, der ganze Odenwald ſei in Re⸗ bellion; darum erhielten wir noch geſtern ſpät in der Nacht den Befehl vom Kriegsminiſterium zum ſchleunigſten Aufbruch. Unſer ganzes Bataillon iſt in's Gebirge ausgerückt. Der beſondern Gunſt mei⸗ nes Majors verdank' ich es, daß er mich mit hier⸗ her nahm, um bei dem Auditor Fourierdienſte zu thun, während meine Compagnie und eine Schwa⸗ dron nach Losbach beordert wurden, wo die Rebellen vorletzte Nacht das Amthaus in Brand geſteckt und einen Gendarmen getödtet haben. Was aber der Herr Vetter eigentlich gegen mich hat, daß er ſo — haſt Du ihnen auch nicht gehorcht, als ſie Dir zu⸗ 2 Georg Volker. gar unfreundlich mit mir umgeht, das weiß ich in alle Ewigkeit nicht! Doch eine Ahnung hatt' ich, weiß Gott, daß ich's hier nicht mehr finden würde, wie ſonſt; denn je näher wir Nellenburg kamen, um ſo beklommener ward mir um's Herz, und die drei alten Birken an der weißen Kirchhofsmauer winkten mir im Winde ſchon aus der Ferne, als ſollt' ich gleich umkehren; und nun— nun haben wir'! Der Herr Vetter iſt mir gram geworden, er hat mir ſeine väterliche Liebe entzogen, nicht einen Hände⸗ druck, nicht ein freundlich Wort gönnt er mir zum Willkomm; gut, gut, Herr Vetter, wo ich nicht willkommen bin, da bleib' ich auch nicht——“ Er machte bei dieſen Worten, die er mit thrän⸗ erſtickter Stimme ausſprach, eine Bewegung nach der Thür, als des Hauptmanns Commandoruf:„Halt, rechtsumkehrt!“ ihn zum Stehen nöthigte. Mühſam und ächzend erhob ſich Jener vom Schemel, fuhr ſich mit dem Aermel über die Augen, trat auf den Pflegeſohn zu, nahm ihn an der Hand und ſagte nach einer Pauſe mit ſonderbar veränder⸗ tem, faſt weichem Tone: „Die drei Birken, Paul, dort an der Kirchhoſ⸗ mauer, wo Dein armer Vater ruht— ja, warum Georg Volker. 23 rückwinkten? Warum haſt Du Deinem Herzen nicht gehorcht, das die Birken beſſer verſtanden, als Du; denn die wußten ja, daß Du hier nichts zu ſchaffen haſt— nein, hier nicht——“ „Ar ich bin Soldat, muß gehorchen!“ ver⸗ ſetzte 2. haſtig, und ſah den Alten, deſſen ſtrenge Subordinations⸗Anſicht er kannte, mit Befrem⸗ den an. „So— ſo— hm— hi! das iſt was Anderes!“ murmelte der Hauptmann in ſichtbarer Verwirrung vor dem ſtrengen Blick deſſen, dem er ſelbſt blinden Gehorſam jederzeit als erſte Pflicht des Soldaten eingeſchärft hatte. „Aber was machen Sie denn da eigentlich, lie⸗ ber Herr Vetter?“ fragte Paul und deutete auf die Geräthſchaften am Ofen.„Das ſind ja Büchſen⸗ kugeln, ſollt' ich meinen?“ Er hob bei dieſen Worten eine der neu gegoſſenen Kugeln vom Boden auf und betrachtete ſie mit ver⸗ wunderten Blicken. Der alte Bär ging, ohne ihm ein Wort zu er⸗ wiedern, die Hände auf dem Rücken, einige Mal in der Stube auf und ab und pfiff leiſe vor ſich hin. Staunend folgte ihm der Jüngling mit den Blicken und traute kaum ſeinen Ohren, denn was der Vetter wenn auch nur Eine wirklich recht treffen ſollte!“ 24 Georg Volker. da vor ſich hinpfiff, war nichts Anderes, als das berüchtigte Heckerlied. Dann trat der Hauptmann auf ihn zu, legte ihm die rechte Hand auf die Schulter und ſagte: „Du wunderſt Dich, daß ich Büchſenkugeln gieße, und weißt doch, daß ich ſonſt nur mit Pfoſten ſchoß? Aber ſchau, Junge, die da reicht ein Biſſel weiter als bloße Pfoſten, und das Wild, das ich erlegen will, kommt mir ſchwerlich nah zum Schuß; darum muß ich ſchon zur gezogenen Büchſe greifen; ah! und hier ſchau mal, mein Junge— er zog bei die⸗ ſen Worten mit großem Kraftaufwand eine ſchwere Commodeſchublade auf und winkte Paul heran— was meinſt Du, wenn die'mal alle heiß und luſtig durch die Luft pfeifen? Nicht wahr, Schwarzkopf, Du wunderſt Dich über meine viele Munition?“ Staunend ſah Paul auf die Hunderte von blan⸗ ken Kugeln, die der Hauptmann mit ſtrahlenden Blicken betrachtete. „Um Gotteswillen! Was ſoll das bedeuten?“ rief der junge Mann, nachdem er ſich von ſeiner erſten Beſtürzung erholt hatte. „Freikugeln! Lauter Freikugeln!“ murmelte Jener geheimnißvoll ſchmunzelnd.„Keine geht fehl, und Georg Volker. 25 „Herr Vetter! Herr Vetter! ich verſtehe Sie nicht!“ „Iſt auch partout nicht nöthig,“ erwiederte Dieſer und zwinkerte vergnügt mit den Augen.„Halt' mich nur immer hübſch im Zaum, mein Jüngelchen. Ha! ha! Du und Dein Major, und die paar Mann, die er mitbringt, was will das bedeuten! Habt alle zuſammen noch nicht ſo viel Pulver gerochen, als ich in der Suppe gegeſſen, und wollt— Meuterer bekämpfen? Wißt Ihr denn aber auch, was eigent⸗ lich ein Meuterer iſt? Habt Ihr auch nur eine Idee von Begriff von ſo einem recht chriſtlichen Meuterer, dem der Satan ſelbſt aus dem Weg geht? Dreck habt Ihr, ſonſt wärt Ihr hübſch in Eurer Garniſon geblieben, Ihr Paradeſöhnchen, Ihr Erercierplatzhelden, Ihr Kaſernenhocker! Mordio und Lapperdan, Ihr ſollt die Meuterer kennen lernen 1 Na, was ſchauſt Du mich ſo groß an? Haſt wohl in Deinem Leben noch keinen Meuterer geſehen?—“ „Sie?“ ſtammelte Paul und trat erſchrocken einen Schritt zurück. „Ja, ja, ich!“ ſchnaubte der alte Bär und rückte ihm dicht an den Leib.„Hier ſteht der Mann, der Euch Zaumhaltern den Laufpaß auf den Buckel ſchreiben wird, mit und ohne Viſa; denn ich, ich, 26 daß Du's nur weißt,— bin der Reichshaupt⸗ meuterer— Reichshauptmann, wollt' ich ſagen— verſtandevu, Commißjunker?“ „Sie— ein Republikaner?!“ rief Paul und war jetzt wirklich nahe d'ran, an des Alten Verſtand irre zu werden. Da lachte der Vetter ſo laut und unbändig auf, daß es durch das ganze Haus erſchallte, und es währte eine geraume Weile, bis er wieder zu Wort kommen konnte. „Ich, ein Republikaner? Das fehlte noch!“ Georg Volker. rief er dann.„Ne, Junge, ſo alt iſt der alte Bär noch lange nicht, daß er kindiſch geworden wäre! Republikaner? Sei doch geſcheidt, Paul!“ „Aber wenn Sie's, wie ich beinah' fürchte, mit den Meuterern halten, ſo ſind Sie auch ein Repu⸗ blikaner,“ verſetzte Dieſer und deutete dabei auf den Kugelvorrath.* „Das laß gut ſein, Junge,“ ſagte der Haupt⸗ mann ausweichend.„Mit den Meuterern halt' ich's, weil ich ſelbſt einer bin; aber mit den Republikanern hab' ich nichts zu ſchaffen, contraire, die ſind's ja grad, die mich am meiſten ärgern! Hols der Henker, Paul, Du mußt mich nicht böſe machen, was Du thuſt, wenn Du mir mit der Politik kommſt! Georg Volker. 27 Siehſt Du, Junge, bis dahin,— er legte den Zeigefinger an die Gurgel,— bis dahin hab' ich die Dommheit ſatt, und wenn mir ein Gewiſſer noch lange mit ſeinen polniſchen und ungariſchen Flauſen kommt und mir auf den braven Radetzk) ſchimpft, ſo red' ich einmal ein Wort mit ihm, daß er mir gewiß ſein Lebtag aus der Spur geht!“ Paul verſtand begreiflicherweiſe nur das Wenigſte von dem, was der Vetter zu ſeiner politiſchen Recht⸗ fertigung ſagte, und ebenſo wenig kannte er den feinen Unterſchied zwiſchen einem Meuterer und einem Republikaner. Er ließ ſich jedoch nichts weiter von allen dieſen Zweifeln merken, erzählte dem Hauptmann, wie es ihm ſeither im Dienſte ergangen, brachte ihm Grüße von ſeiner Friederike, beſchrieb ihm das Glück ſeines von des Mädchens braven Eltern gebilligten Liebes⸗ verhältniſſes und wußte dem Alten ſo viel Freund⸗ liches und Erwünſchtes mitzutheilen, daß bald die letzte Spur von Unmuth in deſſen Herzen verwiſcht war und das trauliche Verhältniß von ſonſt ſich wieder zwiſchen Beiden einfand. Nur bemerkte Paul, daß ihn der Hauptmann einige Mal mit auffallend gerührtem Blicke betrachtete, dann wieder nachdenkend vor ſich hinſtarrte und unverſtändliche Worte in den 28 Georg Volker. Bart murmelte. Ueberhaupt blieb, trotz der verſöhn⸗ ten Stimmung, in Vetter Peter's Weſen Etwas zu⸗ rück, was Paul früher nicht an ihm gekannt hatte: eine gewiſſe Unruhe und Aufgeregtheit, ohne daß eine äußere Urſache dazu gegeben war. Endlich ſchien der Alte von freien Stücken dem Gefühl, das ihn beherrſchte, einen Ausdruck geben zu wollen, und nach längerer Pauſe, während er bald Dieſes, bald Jenes im Zimmer vornahm, um dem Pflegeſohn die Bewegung ſeines Innern zu verbergen, trat er an dieſen heran, klopfte ihm ſanft auf die Wange und ſagte: „Hör'mal Paul, zwiſchen uns Zweien muß noch Etwas klar werden, eher thut's kein Gut, wenn ich auch vorerſt noch nicht weiß, wie? Aber was Du mir da vorhin von den drei Birken erzählt haſt, das hat mich faſt um die Hälfte Wegs mit meinem Project Dir nah gebracht, und wann's ſo fortgeht, ſind wir bald beieinander. Hab' nur Ge⸗ duld und verſteh' den alten Vetter nicht falſch. Das, was ich vorhab, ſtimmt genau mit dem zuſammen, was Dir die Birken zugewinkt haben; und ſiehſt Du, lieber Junge, darum konnt' ich's anfangs nicht recht verwinden, daß Du nicht umgekehrt biſt. Still! ſtill! frag' mich jetzt nicht weiter, zu der Geſchicht' Georg Volker. 29 brauchen wir eine andere Stund', draußen im Wald ſollſt Du Alles hören, und dann— bei dieſen Worten wurde ſeine Stimme feierlich und ein wilder Blick ſchoß aus ſeinen Augen,— dann ſollſt Du's auch wiſſen, was ich mit den vielen Kugeln will, um deretwillen Du mich für einen Republikaner hältſt!“ In dieſem Augenblicke unterbrach Annli's Erſchei⸗ nung dieſe merkwürdige Rede des Hauptmanns, und Paul ſah den Alten noch mit großen Augen ſprach⸗ los an, als die Schweſter ſchon an ſeinem Halſe hing und ihn mit zärtlichem Vorwurf fragte, ob er denn bloß für den Herrn Vetter nach Nellenburg gekommen ſei und von ihr gar keine Notiz nehmen wolle? Der ſchöne junge Mann mit dem ſchwarzen krauswolligen Haar und dem gebräunten Teint drückte das holde Weſen ſanft an ſich, hob ihr den Kopf in die Höhe und ſagte: „Wahrhaftig, Annli, ich hätte Dich vorhin bei⸗ nahe nicht wieder erkannt, ſo ganz anders biſt Du in den paar Wochen geworden, ſeit Du bei uns in der Stadt warſt, ja ich meine ſelbſt, größer; es fiel mir ſchon vorhin auf, als Du mir entgegen⸗ kamſt.“ Georg Volker. Eine flüchtige Röthe hauchte über Annli's Ant⸗ litz; doch Paul merkte es nicht, denn ſie ſchlug ja die Augen ſo aufrichtig und unſchuldsvoll wie ſonſt zum geliebten Bruder auf und ſagte lächelnd: „Ei, Paul, das verſteht ſich; ich bin auch ſchon lange kein Kind mehr; nicht wahr, Herr Vetter?“ „Meine lieben treuen Kinder bleibt Ihr immerfort,“ ſagte der Hauptmann gerührt und ſchloß das ſchöne Geſchwiſterpaar mit Innigkeit in ſeine Arme.„Gott ſegn' Euch Beide und laſſe mich noch vor meinem Sterben Euch ſo glücklich ſehen, wie es dies alte Herz Euch wünſcht. Geh' nun mit der Annli hinun⸗ ter, Paul, und vergiß nicht, was ich Dir geſagt habe.“ „Ich werd's nicht vergeſſen, Herr Vetter,“ ſagte der junge Mann mit einem bedeutungsvollen Blick auf den Alten, und verließ mit der Schweſter das Zimmer. Georg Volker. Zweites Capitel. Man kann ſich denken, daß dieſe Wendung der Dinge unſern Freunden ebenſo unerwartet als unge⸗ legen kam. Das Einrücken einer immerhin beträcht⸗ lichen Streitmacht mit einem tüchtigen und erprobten Führer an der Spitze lag keineswegs in ihren Be⸗ rechnungen und ſchlug bei manchem der Verſchwor⸗ nen im erſten Eindruck allen Muth und alle Hoff⸗ nung nieder. Je weniger man ſich bis dahin über das eigentliche Ziel der Revolution klar geworden und bei Manchem vielleicht ſelbſt der Gedanke, daß es zum Blutvergießen kommen könne, kaum aufge⸗ taucht war, um ſo mehr frappirte die plötzliche Ge⸗ wißheit, daß man ſich nun wirklich inmitten eines kriegeriſchen Zuſtandes befand und ein Feind da war, den man nicht ſo leicht mit den gewöhnlichen Hülfs⸗ mitteln der politiſchen Agitation beſeitigen konnte. Bis dahin war ja im Grunde Alles friedlich und nach beſtem Wunſch abgelaufen; ohne Gewalt hatte man ſich, einzig unter den Auſpicien der gemüthlichen Anarchie, in den Beſitz alles deſſen geſetzt, was man 32 Georg Volker. begehrte: Steuern, Zölle und Frohnden waren abge⸗ ſchafft, der Wald und der Acker freigegeben, der Bauer konnte thun und laſſen was er wollte, er brauchte nur im Nothfall die Fauſt zu ballen, und Alles wurde ihm von Obrigkeits wegen bewilligt. Man hatte eben ohne Kampf und Mühe ſoviel Freiheit erlangt, ja ſie war, ſo zu ſagen, mit den Schwalben in's Land gezogen, daß man billiger⸗ weiſe darüber ſtutzte, als nachträglich hinter den Schwalben die Bayonnette kamen, und hinter dieſen gar Kanonen und— ein Kriegscommiſſarius— Volker und Germanos faßten natürlich das Er⸗ eigniß, jeder von ſeinem eignen politiſchen Geſichts⸗ punkte aus, auf; während es bei Erſterem neue Zweifel und Bedenken über die Möglichkeit einer Volkserhebung hervorrief, war es bei dem kampfes⸗ muthigen Germanos bald eine ausgemachte Sache, daß eine ſolche nun erſt überhaupt möglich und er⸗ folgreich ſei. „Was hat uns denn ſeither Anderes geſchadet, als die Thatloſigkeit!“ ſagte er zu dem Freund, da dieſer ihn einige Tage nach dem Einrücken der Trup⸗ pen faſt rathlos fragte, was nun geſchehen ſolle. „Sonderbare Menſchen, dieſe deutſchen Revolutionaire! Zu Allem haben ſie Talent, ja ſogar Muth, nur Georg Volker. 33 nicht— zur Courage. Was fragt der Franzoſe, der Pole und Ungar darnach, ob ihm der Feind in Uniform und in Reih' und Glied gegenüberſteht, wenn er ihn nur ſchlagen kann; während wir immer bloß mit der Feder, oder höchſtens mit der Zunge kämpfen wollen. Iſt's denn aber nicht beſſer, klüger und muthiger, man mißt ſich Stirn gegen Stirn mit dem Feinde, und ſchlägt ihn ein für alle Mal auf's Haupt, als daß man ſich mit ihm lange und um⸗ ſtändlich auf's Parlamentiren legt, und ſich am Ende gar von ihm über den Löffel barbiren läßt? Wochen⸗ lang haben wir Waffen und Munition aller Art an⸗ geſammelt und ſie in Kellergewölben verſteckt; jetzt, wo wir gleichſam zum Kampfe herausgefordert wer⸗ den, möchten wir ſie am liebſten gar nicht haben, denn das Ding könnte doch gefährlich werden! Ich aber ſage Dir, Freund, die Actien der Revolution ſind im Steigen, wenn wir nur nicht auf ihr Fallen ſpeculiren, das heißt, uns ducken. Die Fürſten ſind wahrhaftig kluge Leute, und wir Demokraten ſollten von ihnen lernen; gleich laſſen ſie ihre Sol⸗ daten marſchiren und das Kalbsfell ruft durch's ganze Land die treuen Vaterlandsvertheidiger um den gefährdeten Thron! Wir aber, wir kriechen ſchnell in's alte Schneckenhaus zurück und laſſen⸗ II. 3 34 Georg Volker. uns geduldig die Nebelkappe wieder über's Ohr ziehen!“ „Davon iſt nicht die Rede!“ ſagte Volker är⸗ gerlich.„Aber um gegen Soldaten zu kämpfen, dazu bedarf es mehr als wir vermögen. Oder willſt Du, daß wir uns in einen blutigen Kampf wagen, deſſen Ausgang vorausſichtlich unſre Niederlage ſein wird? Und wie, das frage ich Dich, Germanos, wie wird man ein ſolches, mehr als tollkühnes Wagniß im übrigen Deutſchland beurtheilen? Wird man nicht mit Recht uns verdammen, daß wir da⸗ mit die Sache des Vaterlandes ſelbſt auf's Spiel geſtellt haben! Wahrlich, den Feinden der Freiheit könnte nichts erwünſchter kommen, als ein ſo unzei⸗ tiger Putſch, der leicht vom Rhein bis zur Oder den ganzen ſchwererrungenen Sieg der Revolution wieder ebenſo ſchnell vernichten könnte. Denn man braucht gewiß keine große politiſche Einſicht zu be⸗ ſitzen, um einzuſehen, daß ein Odenwälder Bauern⸗ aufſtand, ohne eine allgemeine gleichzeitige Erhebung des geſammten deutſchen Volks, im beſten Fall enden wird wie der Bauernkrieg im Mittelalter.“ „Volker! Volker! Das ſagſt Du?“ ief Germanos mit vor Zorn und Staunen bebenrder Stimme. „Darum alſo haſt Du uns ſo lange mit der Ent⸗ Georg Volker. 35 ſcheidung hingehalten, darum von einem Tag zum andern den Muth der Leute verrauchen laſſen, um jetzt vor ein paar armſeligen Bayonnetten die Segel vollends zu ſtreichen? Nimmermehr! Du wirſt mich nicht länger aufhalten, denn wenn das in Deutſch⸗ land Revolution heißt, ſo will ich zu den Peſcherähs wandern und dort für die Freiheit kämpfen!“ „Gemach! Gemach!“ verſetzte Georg gelaſſen. „Ich will nichts aufhalten, als die Voreiligkeit, die Unbeſonnenheit. Voreilig und unbeſonnen aber nenne ich es, den Umſtand, daß man uns Soldaten auf den Hals ſchickt, ſofort als das Signal zum Los⸗ bruch zu betrachten. Mir dünkt es ungleich klüger, vorerſt den Feind und ſeine Abſichten zu erſpähen, ihn ſicher zu umſtellen und vor Allem Nachrichten von Außen abzuwarten, wie weit dort die Sachen gediehen ſind. Und zudem, wer weiß, ob nicht die Soldaten— denn ihre Zahl läßt dies faſt vermu⸗ then— gerade hierher geſchickt wurden, um gewiſſe Feuerköpfe ſo ſchnell als möglich durch ihren bloßen Anblick zur Rebellion zu reizen, ſie bequem beizu⸗ ſtecken, dann an einem andern Orte dieſelbe Mani⸗ pulation mit demſelben Erfolg zu wiederholen, und ſo ſchnell hintereinander die vereinzelten und darum ohnmächtigen Aufſtände zu unterdrücken. Aufhalten 3* Georg Volker. lieber Freund, aufhalten müſſen wir das Militair, müſſen es zu einer beobachtenden unthätigen Stellung zwingen, es ſogar noch weiter in die Berge hinein⸗ zulocken ſuchen und dann, im rechten Moment, leicht, ſicher und erfolgreich ausführen, was zur Unzeit uns verderben und der Freiheit doch nichts nützen könnte.“ „Der rechte Augenblick, da haben wir's!“ rief Germanos im bittern Unmuth.„Der Deutſche wartet auf den„rechten Augenblick,“ wie der Jud' auf den Meſſtas! Denk' doch an Eugeniens Brief und was ſie Dir von den Abſichten des Grafen mit⸗ theilte. Aber ich ſehe, Du wirſt ſo lange zaudern und die Sache hinausſchieben, bis man Dich und uns mit, trotz aller Warnungen, an den Köpfen faßt, und dann,— dann möchte allerdings der „rechte Augenblick“ gekommen ſein, aber nicht für uns, ſondern für unſere Feinde und zu unſerem Unglück!“ „Noch Eins räth' mir zum Abwarten,“ ſagte Volker.„Zwar wirſt Du auch dieſe Vorſicht belä⸗ cheln, aber doch iſt ſie gut und rathſam. Unſere Bauern müſſen ſich nothwendig zuvor an den An⸗ blick der gefürchteten Soldateska gewöhnen und mit bem Gedanken eines Kampfes gegen ſie vertraut werden. Ja, es wäre ſelbſt nicht unwahrſcheinlich, Georg Volker. 37 daß auch die Soldaten die Bauern dann näher und beſſer kennen lernten; denn ſicher iſt Mancher von ihnen ein Sohn dieſer Berge und wird in der hei⸗ miſchen Luft bald ſeine eingeimpfte Kriegsluſt ver⸗ lieren.“ Bei dieſen Worten des Freundes ſprang Germa⸗ nos, wie von einem elektriſchen Schlag durchzuckt, vom Sitze auf und rief: „Bei Gott, Volker, nun, aber auch erſt nun haſt Du recht! Ha! wenn es gelänge, die Solda⸗ ten zu gewinnen, oder auch nur Einige unter ihnen zum Abfall zu bewegen! In jeder Uniform ſteckt ja doch im Grunde ein Menſchenkind, und gelänge es, dieſen Phalanx der Dynaſtie zu durchbrechen, die Disciplin zu lockern, das ſtarre Wort Subordi⸗ nation zu entkräften und den Soldaten für die Sache der Freiheit zu gewinnen, ſo wäre damit ein Sieg errungen, wie ihn eine Armee von hunderttauſend dummen Bauern nicht erringen kann! Und dies iſt auch gewiß nicht ſo ſchwer, als es den Anſchein hat; denn daß unſer Militair bereits ſtark vom demo⸗ kratiſchen Geiſt inficirt iſt, dafür haben wir in der jüngſten Zeit mehr als ein Beiſpiel erlebt. Wie ſollt es auch anders ſein unſer ganzes Militairſyſtem iſt dergeſtalt auf die Spitze der Unnatur und Bar⸗ 38 Georg Volker. barei hinaufgeſchraubt, daß es nur zu verwundern wäre, wenn nicht auch hier endlich einmal ein Ge⸗ neralkrach einträte und eine Meuterei im großartigen Prätorianerſtyl ſtattfände. Ha, Volker! Was meinſt Du? Das wäre doch ein anderes Ding, ſo eine Revolution mit türkiſcher Regimentsmuſik und fliegen⸗ den ſiegenden Fahnen, ſtatt der melancholiſchen Re⸗ volte von Bauern, die höchſtens das Lied:„Eine feſte Burg iſt unſer Gott“ ſingen, wenn ſie in die Schlachtreihe rücken, um vielleicht beim erſten Kano⸗ nenſchuß nach der Melodie:„Befiehl du deine Wege,“ davonzulaufen. Warte! Warte! Das ſollſt Du mir nicht umſonſt geſagt haben, und jetzt gleich eil ich zum Hauptmann und frage ihn um ſeine Meinung. Er muß ja doch als alter Soldatenſchin⸗ der am beſten wiſſen, was hier zu thun iſt!“ Germanos führte ſogleich dieſen Vorſatz, der ihm eine neue Perſpective für ſeine Agitationsluſt eröff⸗ nete, aus, indem er ſich raſch zu Pferd ſetzte und nach Nellenburg zum Alten trabte. Georg blieb auf dem Grabenhof zurück, und war eben nach den Ställen gegangen, als er Pferdege⸗ trappel und gleich nachher eine ihm nicht ganz un⸗ bekannte Stimme hörte, die nach ihm fragte. Wie er in den Hof trat, war er ſehr erſtaunt, in dem Georg Volker. 39 angelangten Reiter den Grafen Waldemar zu erken⸗ nen, der ſeiner nicht ſobald anſichtig wurde, als er raſch vom Pferde ſprang, den Zügel einem Hofknecht zuwarf und mit herzlichem Gruß auf Volker zueilte, den er gleich einem alten Freund umarmte, worauf er ihm erzählte, wie er es ſeinen erſten Ausflug habe ſein laſſen, ihn außzuſuchen und ſich nach ſeinem Wohlergehen zu erkundigen. In dem ganzen Weſen des Majors lag ſo viel Herzlichkeit und aufrichtige Freude über dieſes Wie⸗ derſehen, daß Volker, der den Grafen wohl bei früherer Gelegenheit auf den großen gräflichen Jag⸗ den geſprochen und in ihm einen Mann von Geiſt und biederer Perſönlichkeit hatte ſchätzen lernen, ſonſt aber nicht näher mit ihm bekannt geworden war, ſonderbar von dieſer Begrüßung berührt wurde. Waldemar war jedoch, das wußte Georg, der Mann, deſſen edles und freies Weſen für einen ebenſo ge⸗ diegenen als aufrichtigen Charakter bürgte, und der gewiß Niemanden ſeiner Freundſchaft verſicherte, dem er nicht auch in Wahrheit zugethan war. Aber wie angenehm wurde Volker überraſcht, als der Major, der ſeine Befangenheit bemerkte, ihm mit Wärme die Hand drückte und in einem eignen, faſt bewegten Tone ſagte: Georg Volker. „Diesmal wollen wir uns nicht, wie früher, die Gelegenheit entgehen laſſen, uns ſo oft als möglich zu ſprechen; ſchon in der Reſidenz war es mir eine angenehme Ausſicht, Sie wiederzuſehen und Ihnen nahe zu ſein. Eugenia ſagte mir auch gleich nach meiner Ankunft, daß Sie ſich meiner noch erinnerten, und drang in mich, Sie baldigſt zu beſuchen. O das iſt ein herrliches Weſen geworden, dieſe Eugenia, und Ihre Freundin, Volker, ich ſage Ihnen, Ihre wahre Freundin!“ „Herr Major— ich weiß nicht, wie ich Ihnen für ſo viel Güte und Freundlichkeit danken ſoll,“ ſtammelte Georg.„Iſt's Ihr Herz und iſt's die edle Gräfin Eugenia zugleich, die Sie zu mir füh⸗ ren, ſo muß ich Sie doppelt willkommen heißen.“ Mit Vertraulichkeit hing ſich Waldemar an Vol⸗ ker's Arm und ſagte: „Ich habe den Grabenhof lange Jahre nicht be⸗ ſucht und ſehe, daß ſich überall Vieles verändert hat. Erinnern Sie ſich noch, wie ich das letzte Mal mit Onkel Leopold hier war, kurz vor dem Zeitpunkt, da Sie die Akademie bezogen? Damals ſah ich Ihren ſeligen Vater zum letzten Mal und hatte meine Freude an dem herrlichen Gut. Nun, ich merkte heute gleich, als ich über die Brücke ritt, Georg Volker. 41 daß der Sohn ſich nicht minder als der Vater die Erweiterung und Erhaltung des Ganzen angelegen ſein läßt. Freilich iſt's auch eine ganz andere Sache mit einem eigenen Beſitzthum, ſtatt eines Pachtguts, und ich denke, Sie haben es nicht bereut, den Hof noch bei Lebzeiten meines Oheims käuflich an ſich gebracht zu haben.“ Unter dieſem und andern Geſprächen führte Georg den Grafen, der ſeinen Arm nicht wieder losließ, auf dem ganzen Hof umher und zeigte ihm alle Einrichtungen der wohlgeordneten Landwirthſchaft. „Apropos!“ fragte der Major plötzlich,„wo iſt denn der eurioſe Chriſt hingekommen, ich meine den Narren, der dort hinten in dem alten Thurm wohnte?“ „Ich mußte ihn wegen einer Spitzbüberei fort⸗ jagen, weiß aber nicht, wo er hingekommen iſt,“ verſetzte Volker ausweichend. Darauf zeigte er ſeinem Gaſt noch die Ruinen und ſie gingen dann durch den großen Garten in das Wohnhaus, wo Volker den Major in ſeine Bibliothek führte. „Aber ſagen Sie mir, wie kommen denn die vielen Bücher hierher?“ rief Dieſer, nachdem er ſich von ſeinem erſten Erſtaunen erholt hatte.„Erſt 42 Georg Volker. zeigen Sie mir ein wohlbeſtelltes Gut, ich glaube in Ihnen einen ausgezeichneten, vielſeitig gebildeten Landwirth kennen zu lernen, und plötzlich finde ich mich wie durch Zauberſchlag unter die reichen Schätze der Literatur und Wiſſenſchaft verſetzt, und muß Sie nun für einen Gelehrten von Fach halten! Nein, ſagen Sie mir, Volker, wie kann man mit Muße Studien treiben und zugleich eine große Oekonomie mit dieſer Accurateſſe verwalten? Geiſt und Materie, Sophokles und Maſtochſen! Wie verträgt ſich das?“ „Sie vergeſſen, Herr Major, daß Sie ſich auf dem Lande befinden,“ verſetzte Georg. „Da ſchickt ſich Vieles zuſammen, und ſelbſt das Fremdartige und Verſchiedene giebt eine Harmonie, was im Ge⸗ räuſch der Stadt, im Wechſel ſo vieler Eindrücke und Erſcheinungen ſich nimmer zuſammengefunden hätte. Aber wenn man ſo wie ich, ich möchte ſagen mit dem Kalender aus einem Tag in den andern lebt, und in ſeinen Berufsgeſchäften Hand in Hand geht mit der Natur, die ſich ja auch in Nichts un⸗ terbrechen und ſtören läßt, da laſſen ſich die tieferen Neigungen des Geiſtes viel eher mit den Pflichten des äußern Lebens vereinigen. Die meiſte Zeit im Leben rauben uns ja doch nur die Menſchen und zwar vorzüglich ſolche, denen wir ſie wieder nehmen, Georg Volker. 43 ohne daß beide Theile einen Vortheil davon haben. Und eben die Menſchen fehlen auf dem Lande, we⸗ nigſtens diejenigen, die uns mit dem Ueberfluß ihrer Zeit zur Laſt fallen.“ Der Major ſah Volker eine Weile ſchweigend an und ſagte dann: „Ja, ja, Sie mögen recht haben; das Leben unter vielen Menſchen iſt ein anderes als dasjenige, welches uns mehr auf uns ſelbſt beſchränkt. Wie viele gute Zeit und Stimmung koſtet uns nicht allein der Nachbar zur Rechten und der zur Linken; und wenn man gar in gegenwärtiger Zeit aus einer gro⸗ ßen volkreichen Stadt auf's Land kommt, meint man ſich auf eine Robinſonsinſel verſetzt, ſo ungeſtört und friedlich gehen hier die Verhältniſſe ihren alten Gang fort und man ſpürt nichts von dem unſeligen Streit der Parteien, von dem politiſchen Taumel, der dort ſelbſt den ruhigſten Mann ergreift und ihn willen⸗ los in die Sturmfluthen der Leidenſchaft wirft. O wie ſchätz' ich Sie glücklich, lieber Freund, daß Sie in dieſer Zeit der allgemeinen Gährung und Aufre⸗ gung in Ihrem ruhigen Daſein fortleben dürfen, nicht nöthig haben, nach Monarchie und Republik zu fragen und Gemüth und Geiſt gleich heftig in dieſen feindlichen Conflicten zu erſchöpfen!“— Georg Volker. Vergebens ſuchte Volker durch ausweichende Antworten den Major von Betrachtungen abzubringen, bei denen ihm ſelbſt keine freie Meinungs⸗Aeußerung geſtattet war. Auch als ſpäter Beide traulich bei einer Flaſche Wein beiſammen ſaßen, fuhr Walde⸗ mar fort, das einmal angeregte Thema weiter zu verhandeln, und bald fanden ſie ſich in einem Ge⸗ ſpräch über Politik, das dem Einen ebenſo intereſſant als dem Andern peinlich war. Es ſchien dem Gra⸗ fen ein Bedürfniß, ſich einmal ohne Rückhalt über die gegenwärtige Lage des Vaterlandes auszuſprechen, und er äußerte ſelbſt, daß ihm gerade dieſe friedliche Umgebung erſt recht den Contraſt fühlbar mache, zwiſchen dem Deutſchland von Jüngſt und dem der Gegenwart. „Ich kann nun einmal nicht dieſen meſſtaniſchen Freiheitstraum der Deutſchen theilen,“ ſagte er. „Halten Sie mich aber darum bei Leibe nicht für einen Stockariſtokraten, den die Amme Vorurtheil geſäugt hat. Ich bin Gottlob! ſo weit mit mir im Reinen, daß ich mein Vaterland höher ſtelle, als die paar alten Mauerreſte meiner Stammburg. Ich weiß, daß Deutſchland in politiſcher und ſocialer Hinſicht großer Reformen bedarf, um in der europäiſchen Staatenfamilie überhaupt einen Rang einzunehmen Georg Volker. 45 und ſich von der ſchmachvollen Unterordnung unter das Ausland zu befreien. Aber ich weiß auch, daß auf dem Wege der Gewaltthat, der Empörung und des Bürgerkrieges nimmermehr ein Heil für uns zu erwarten iſt, und daß die Revolution, die dem Volks⸗ geiſt Hohn ſpricht, das Vaterland rettungslos in den Abgrund ſtürzt. Schon ſehen Sie es überall, wie die rohen Maſſen der Bildung und Humanität den Krieg erklären, wie ſie kein Recht, keinen Beſitz, keine Tugend mehr gelten laſſen, vielmehr in wildem Fa⸗ natismus alles Schöne und Erhabene niedertreten möchten unter den Fußtritt der Barbarei und Ent⸗ ſittlichung. Und das kann, das darf nimmer ge⸗ ſchehen, ſelbſt wenn edle patriotiſche Motive den Deckmantel zu ſolchen verwerflichen Handlungen und Gelüſten herleihen ſollten. Unthaten bringen keinem Volke Segen, und eine Partei, die an die ſchlechten Leidenſchaften der Menſchen appellirt, die ſich ſo in ihren Hülfsmitteln von der feigen Intrigue bis zur offenen Empörung vergreift, eine ſolche Partei wird im Blut ihrer eigenen Unthaten untergehen.“ „Aber iſt denn dies auch wirklich der Fall, Herr Graf?“ fragte Volker mit Nachdruck.„Sind es wirklich nur ſchlechte Leidenſchaften und Unthaten, die ein Volk von vierzig Millionen ſo plötzlich aus 46 Georg Volker. ſeinem ſtarren Todesſchlaf aufwecken und es den Ruf nach Freiheit und Erlöſung in dieſer allgewaltigen Eintracht, wie ſie die deutſche Geſchichte kaum zum zweiten Male ſah, erheben laſſen? Sind es nicht die edelſten Männer des Volkes, die berühmteſten Koryphäen der Wiſſenſchaft, ja ſind es nicht ſelbſt die Staatsmänner aus der ſogenanten alten Schule, die einſehen, daß es mit Deutſchland anders werden, daß dieſem Zuſtand der Unterdrückung jeder freien Geiſtesrichtung, dieſem Bevormundungsſyſtem in der Verwaltung, dieſer unwürdigen Zerſplitterung und Ohnmacht nach Innen und nach Außen ein Ende gemacht werden muß? Ich gebe zu, daß die Maſſe des Volkes nur einem dunklen Inſtincte folgt, wenn ſie aufſteht; aber dafür leuchten ja auch um ſo heller die Fackeln der Intelligenz, der Wahrheit und der Vaterlandsliebe; dafür hat ja auch dieſes Volk ſeine weiſen und beſonnenen Führer, die ihm in ber Wüſte vorangehen und es vor Verirrungen bewahren. Und wie, Herr Major, wie glauben Sie, das die poli⸗ tiſchen und ſocialen Reformen, die Sie ſelbſt als nothwendig zugeben, anders eingeführt werden können als durch eine Revolution? Wahrlich, wenn das deutſche Volk vor dieſem Gedanken zurückſchrecken und abwarten wollte, bis ihm ſeine Fürſten den — Georg Volker. 47 Heiltrank der Freiheit nach ihrem Sinne zumeſſen, die Homöopathie möchte bald in Deutſchland zur Hof⸗ und Staatsmedicin erhoben werden.“ „Dacht' ich mir's doch faſt, in Ihnen einen feurigen Demokraten zu finden!“ rief der Major mit Heiterkeit.„Aber wie ſollt' es auch anders ſein,“ ſetzte er ernſter hinzu.„Ihnen, in Ihrem ſtillen, glücklichen Thal erſcheint freilich dieſe plötzliche Wen⸗ dung der Dinge in einem andern Lichte als mir, der ich dem Getriebe der Parteien, dem Kampf der Leidenſchaften und Intereſſen von Anfang an nahe ſtand, der ich es ſah, wie eine große, ja ich geb'es Ihnen mit bekümmertem Herzen zu, eine herrliche Idee in wenigen Tagen und Wochen zur Carricatur herabſank, und zwar gerade unter den Händen Der⸗ jenigen, die ſich zu ihren Vorkämpfern und zu Füh⸗ rern des Volks aufwarfen. Menſchen, die Jahrelang von der öffentlichen Meinung als banquerott an Geiſt und in der bürgerlichen Stellung bezeichnet wurden, ohne Talent, ohne Bildung, ohne ein Herz für's Vaterland, werfen ſich plötzlich zu Volkstribunen auf, der blinde Haufen, der jedem Charlatan nach⸗ rennt, jauchzt ihrem Unſinn Beifall zu, während der beſonnene und gediegene Theil der Nation ſchon ietzt mit bedenklichem Kopfſchütteln auf dieſes unſin⸗ Georg Volker. nige, undeutſche Treiben blickt, das ſich ſicher in der allernächſten Zeit da und dort in ſeiner eigentlichen ſchlechten Wirklichkeit demaskiren wird. Wahrhaftig, man möchte faſt glauben, der ſo viel geprieſene Ver⸗ ſtund ſei uns Deutſchen über dem Märzrauſch in die Brüche gefallen und ein neuer Rattenfänger von Ha⸗ meln zöge mit ſeiner ſinnverwirrenden Muſik durch's Land. Faſt Niemand weiß mehr recht, was er will, und die es noch wiſſen, ſind gerade die Schlimmſten von Allen, denn ihnen wäre es am liebſten, die ganze Welt ginge zugleich an vier Ecken in Flam⸗ men auf.“ „In der That, Herr Major,“ verſetzte Georg zögernd;„das Bild, welches Sie mir da von der deutſchen Bewegung entwerfen, iſt eben kein ſehr er⸗ freuliches und hoffnungsreiches, und ſtimmt keines⸗ wegs mit dem überein, welches ich mir ſeither in mei⸗ ner Abgeſchiedenheit davon gemacht habe. Ich leugne es nicht, ſelbſt auf die Gefahr hin, für einen feuri⸗ gen Demokraten zu gelten, daß ich in dieſer Bewe⸗ gung etwas ganz Anderes erblicke, als bloß eine Gährung der ſchlechten Elemente, als bloß ein Werk finſterer und unreiner Mächte. Wie jedem Morgen⸗ roth ein kurzer Kampf mit den Schatten der Finſter⸗ niß und der Dämmerung vorangeht, bevor der erſte Georg Volker. 49 Sonnenſtrahl ſie ſiegend in das Reich der Nacht und des Nichts zurückwirft, ſo auch, glaube ich, wird dieſe Bewegung bald herrlich über alle Schatten und Geſpenſter der großen alten deutſchen Nacht, trauri⸗ gen Andenkens, ſiegen und ſich als berechtigte That der Geſchichte glorreich und einzig in ihrer Art dar⸗ ſtellen, trotz alledem und alledem! Der Anſtoß iſt einmal gegeben und der deutſche Geiſt, der ſo lange mit ſeinem Fauſt von dem Adler träumte,„der ein⸗ ſam über ſchroffen Fichtenhöhen ſchwebt,“ dieſer deut⸗ ſche Geiſt wird den Adlerflug nün ſelber wagen, ja er iſt in dieſer Stunde ſchon über manche ſteile Höhe glücklich hinaus, die uns ſeither vor lauter Wolken und Nebeldünſten kaum ſichtbar war.“ „Täuſchen Sie ſich nicht über dieſen Adlerflug, lieber Volker,“ erwiederte der Major in ebenſo nach⸗ drücklichem als theilnahmvollem Tone.„Denn welche Auſpicien eine Revolution in Deutſchland auch ge⸗ genwärtig haben und wie günſtig auch für den Mo⸗ ment die Verhältniſſe einem allgemeinen Umſturz des Beſtehenden ſein mögen, eine lange Dauer und ei⸗ nen für das ganze große Vaterland heilſamen Aus⸗ gang verſpreche ich dieſer Revolution darum doch nicht. Wir Deutſche ſind nun einmal nicht das Volk der himmelſtürmenden Titanen, und wehe uns, 4 50 Georg Volker. wenn wir jemals in unſerem politiſchen Entwicke⸗ lungsprozeß die Bahnen des Geiſtes verlaſſen ſoll⸗ ten! Ich fühle ſelten, einem Jüngeren gegenüber, die Neigung, auf meine reiferen Jahre und Erfahrun⸗ gen zu pochen; mir iſt im Gegentheil die Jugend meiſt lehrreicher geweſen als das Alter; aber jetzt in dieſer Lage, die des ſtärkſten Mannes Herz erſchüt⸗ tern kann und ihn um alle Erfahrungen ſeines Le⸗ bens ärmer zu machen droht, jetzt muß ich mehr als je zuvor an ihnen feſthalten; denn ohne dieſe Erfah⸗ rungen verlöre auch ich mich vielleicht noch in das Reich idealiſtiſcher Träume und Hoffnungen, die uns wohl ein Citat aus dem Fauſt erlauben, aber nie⸗ mals eins aus dem wirklichen Leben, niemals eins aus der Geſchichte unſeres Volkes. Ich halte vor⸗ nehmlich an Einem feſt, was mir Niemand weg⸗ ſtreiten kann, und was Sie gewiß am wenigſten mir wegſtreiten wollen, an dem tiefen Rechts⸗ und Sittlichkeitsgefühl, welches unſerin Volkscharakter innewohnt und das ihm von Tacitus bis heute kein Geſchichtsſchreiber und kein Culturhiſtoriker abge⸗ ſprochen hat. Bevor dem deutſchen Volke dieſes höchſte und gediegenſte Gefühl nicht ganz und gar erſtorben iſt, wird eine Revolution in Deutſchland immer in ihren Anfängen ſcheitern, wie ſie in Frank⸗ Georg Volker. 51 reich meiſt an ihren Ausgängen zu Grunde geht. Uns Deutſche ſchützt nun einmal der ſichere Takt der edlen und beſonnenen Volksnatur vor dieſen gefahr⸗ vollen Experimenten der Politik, während der Fran⸗ zoſe erſt zur Vernunft und zur Beſonnenheit zurück⸗ kehrt, wenn ſich die Champagnerhitze in ihm ver⸗ flüchtigt hat und ihm nichts mehr übrig bleibt, als die bittre Reue. Wären wir Deutſche wirklich be⸗ rufen zur Revolution, wie uns jetzt ſo mancher Schwindelkopf weis machen will, wahrlich, wir brauch⸗ ten nicht der Welt das erbärmliche Schauſpiel zu be⸗ reiten, uns von den Franzoſen alle Requiſiten der Freiheit zu verſchreiben, wie wir uns von dort ſeit Jahrhunderten unſere Moden, unſere Sitten und un⸗ ſere Thorheiten hergeholt haben; wir brauchten nicht abermals den keineswegs für unſer Nationalbewußt⸗ ſein ſchmeichelhaften Beweis zu liefern, daß wir erſt an eine Staatsumwälzung denken, wenn der Fran⸗ zoſe die ſeinige längſt ſchon fertig gemacht hat!“ „Hierin muß ich Ihnen leiver! vollkommen bei⸗ ſtimmen,“ verſetzte Georg mit mühſamer Zurückhal⸗ tung.„Wären wir Deutſche ein tüchtiges muthiges Volk, wie wir es ſein könnten und ſollten, wir brauchten nicht die Affen zu machen vor dem Aus⸗ länder, wir hätten uns längſt von der 52 Georg Volker. aufgerafft und vom Belt bis zur Donau die Revo⸗ lutionsfahne geſchwungen, nicht um dem Franzoſen ſeine politiſchen Verrücktheiten nachzumachen, nicht um des Socialismus und des Communismus willen und wie all die Phantaſtereien heißen, die aus der Stickluft unſerer Gegenwart gleich eben ſo vielen hohlen Blaſen auftauchen, ſondern einfach, um uns einmal in unſten eignen vier Wänden einen guten Tag zu verſchaffen, und in Gottes Namen vor die Thür zu ſchmeißen, was uns im alten Hausrath nicht mehr gefällt! Herr Major— hier ſteigerte ſich der Ton ſeiner Stimme zur feierlichen Bewe⸗ gung— Hand auf's Herz, ich halte Sie für einen Ehrenmann; aber wenn Sie mir ſagen, daß Sie kein Ariſtokrat ſeien, ſo werden Sie mir auch zugeben, daß Niemand anders als unſre Fürſten mit ihrer armſeligen und verrätheriſchen Hauspolitik es ſeit Jahrhunderten geweſen ſind, die uns zu Affen, ja mehr noch, die uns zu Hunden des Auslandes ge⸗ macht haben; dann werden Sie mir's zugeben, daß unſer großes, edles, armes Volk, von ſeinen eignen Häuptern auf das Schmählichſte entwürdigt und ver⸗ rathen, keine andere Rettung mehr hat, als die, ſich den Franzoſen in die Arme zu werfen; denn wahr⸗ lich, lieber dem Fremden unterthan ſein, als im eig⸗ Georg Volker. 53 nen Hauſe der Sklave Desjenigen, der mit uns aus einem Teige geknetet iſt! Sie wollen, der Deutſche ſolle ſich niemals von den Bahnen des Geiſtes ent⸗ fernen? Wie, Herr Major? Und die Bahnen des Heldenthums, die er einſt ſo ſiegreich beſchritt, die Bahnen, die ihn nach anno 13 über Leipzig, Groß⸗ beeren und Waterloo ſo ſiegreich bis in's Herz von Frankreich führten, die ſollten ihm nun auf einmal und für immer verſchloſſen ſein? Aber wer trug denn die Schuld daran, daß uns dieſe Siege ver⸗ loren gingen? Wer war es denn damals, der die deutſchen Völker von der hellen Arena des Triumphes in die dunkle Nacht der vorigen Sklaverei und That⸗ loſigkeit zurückführte? Wer anders, als die feige verrätheriſche Diplomatie, die das eigne Volk mit Füßen tritt, dem Fluch der Nation das Gottesgna⸗ denthum ihrer Mandataren gleich einem chriſtlichen Meduſenſchild entgegenhält, und, während ſie den Deutſchen knechtet, ſelbſt im Staube kriecht und den Rücken demuthvoll krümmt, ſobald der weiſe Czaar in ſeinem Eispalaſt nur von ferne mit der Knute winkt?“ Der Graf hatte dem Redenden ſtaunend zuge⸗ hört, der im Eifer ſeines Widerſpruchs beinahe ganz vergaß, daß er den Mann vor ſich hatte, deſſen Ge⸗ 3⁴ Georg Volker. genwart in Nellenburg am wenigſten ſeinen Ent⸗ würfen günſtig war. Zu ſpät merkte Georg, daß er ſeine wahre politiſche Meinung deutlicher ausgeſpro⸗ chen hatte, als für ihn, das Haupt einer hochver⸗ rätheriſchen Verſchwörung, einem Militairchef gegen⸗ über rathſam ſein mochte. Der Major jedoch blieb ſich in ſeinem Benehmen vollkommen gleich, und ſagte mit der ihm eignen Ruhe und Feſtigkeit, indem er Volker's Hand ergriff: „So reden Viele, mein werther Freund, nur daß bei den Wenigſten dieſe lebendige Ueberzeugung und wahre Begeiſterung, wie ſie aus Ihren Worten ſpricht, ſolchen Irrthum entſchuldigt. Denn Irrthum nenn' ich es, nenne es Befangenheit, wenn Sie behaupten, Deutſchlands po⸗ litiſches und ſociales Unglück ſei allein das Werk ſeiner Fürſten und falle als untilgbare Schuld auf deren Häupter zurück. Ich gebe es Ihnen zu, die Intereſſen dieſer zerſplitterten Vielherrſchaft haben manches Unheil geſtiftet; aber ſind denn wirklich die Völker ſo ganz unſchuldig an dieſer allgemeinen Ca⸗ lamität? Haben nicht auch ſie ihre Sonderintereſſen, ihre Stammesverſchiedenheit, ihre durch geiſtige und materielle Cultur bedingte Individualitäten, die ſie von einander ſcheiden, und zwar ſcheiden, ſeitdem es überhaupt ein Deutſchland giebt? Blicken Sie in Georg Volker. 55 die Urwälder unſerer Vorfahren, blicken Sie in das älteſte Alterthum unſrer Geſchichte zurück, ob da nicht auch ſchon getrennte Stämme unter verſchiedenen Fürſten und Oberhäuptern vorhanden waren, die Alle nichts von Einheit und Einigung wiſſen wollten, ſondern einander bekämpften und drängten, je nach den politiſchen Intereſſen des Einzelnen. War nicht Deutſchland zu allen Zeiten ein aus vielen Theilen zuſammengeſetzter Staatenbund, der wohl für eine kurze Zeit mühſam unter einem Regiment vereinigt werden konnte, aber dann auch um ſo weiter wie⸗ derum auseinanderfiel, wenn die mächtige Hand des einzelnen Herrſchers erlahmte? Man beruft ſich auf die Kaiſerzeit, als auf die goldne Aera deutſcher Größe und Herrlichkeit! Und doch, welche innere Zerſplitterung, welche furchtbaren Bürgerkriege be⸗ zeichnen nicht eben dieſes Zeitalter! Was aber offenbar durch die Geſchichte vieler Jahrhunderte be⸗ ſtätigt wird, das muß nothwendig einem tiefen Na⸗ turtrieb des Volkes, ja ich möchte faſt ſagen, einem höheren Geſetze der Weltordnung ſeine Entſtehung verdanken; wie denn auch wirklich von Vielen als innerſter Begriff des Germanenthums und als Grund⸗ lage von deſſen ganzer urſprünglicher Weſenheit an⸗ genommen wird, daß es eben in dieſer Abſonderung 56 Georg Volker. der einzelnen Theile und in der Verſchiedenheit ſei⸗ ner Stammesindividualitäten die Grundbedingung ſeiner weltgeſchichtlichen Bedeutung findet. „Was aber ſo tief im ganzen Geiſt und Weſen 6 Volksentwickelung begründet iſt, was ſich ſo innig und naturgemäß in das ganze Blut und Den⸗ ken einer Nation verwebt hat, darüber ſoll man nicht leichthin als über eine äußere, rein zufällige Erſchei⸗ nung aburtheilen oder gar wähnen, man werde die⸗ ſen Zuſtand Knall und Fall in ſein Gegentheil ver⸗ kehren. Nichts für ungut, lieber Volker; Ihre Klage über die Fürſten iſt ebenſo deutſch, als ſie un⸗ gerecht iſt; unſte Fürſten ſind Menſchen wie wir; deutſche Menſchen wie wir; ſie unterliegen ſo gut als ihre Völker den waltenden Geſchicken wie den Verhältniſſen der großen Politik; ich will ſie bei Leibe nicht alle in Schutz nehmen; aber um gerecht zu ſein, muß man nicht allein verdammen das Ver⸗ dammungswürdige, ſondern auch ehren das Vereh⸗ rungswürdige, und dem Himmel ſei Dank, auch an unſren deutſchen Fürſtenhöfen finden Sie noch Men⸗ ſchen, die der Achtung ihrer Zeitgenoſſen in jeder Hinſicht werth ſind. Nehmen Sie zum Beiſpiel unſten eignen Landesherrn; wie erklären Sie ſich's, daß in ſeinem Staate auch nur ein Menſch an Auf⸗ Georg Volker. 57 ruhr und Umſturz denkt? Als ich meine Abſchieds⸗ audienz bei ihm hatte, da ſah ich bei dieſem Fürſten ein Gottesgnadenthum, das keinem Meduſenſchild glich, und ich glaubte meinen ſeligen Oheim Leopold vor mir zu ſehen, als der Fürſt ſeine Hand auf meine Schulter legte, mich mit ſeinem milden Blicke nach⸗ denkend anſah und zu mir ſagte:„Ich habe Ihnen das Commando in dem Odenwald gegeben, weil ich Ihnen vor Allen das Herz zutraue, dort die Un⸗ ruhen friedlich beizulegen. Ich ſende Sie nicht gegen Feinde in den Kampf, ſondern gegen Verirrte; würde Blut dort vergoſſen, ich hätte dieſes Blut dereinſt vor meinem Richter zu verantworten, und ich will kein Blut verantworten, kein Blut meiner Kinder— verſtehen Sie mich, Major, darum dämpfen Sie den Aufruhr, aber laſſen Sie mir meine Bauern in Frie⸗ den!“ So ſprach zu mir der Fürſt, und nun, Vol⸗ ker, bitt ich Sie, mir's zu erklären, wie man unter einem ſolchen Regenten zum Rebellen werden kann?“ „Unſer Fürſt iſt ein edler Mann,“ verſetzte Georg,„aber trotz ſeiner Tugenden, ſeiner Herzensgüte vermag er nicht das Elend des Volkes zu lindern, das von einer übermächtigen Bureaukratie furchtbar niedergedrückt wird. Dagegen giebt es kein anderes Auftommen, als durch eine allgemeine Volkserhe⸗ 6 58 Georg Volker. bung; denn ſelbſt der Regent, auch wenn er wollte, würde dieſer Beamtenherrſchaft nicht mehr Meiſter werden. Und dann, Herr Graf, dürfen wir doch auch nicht vergeſſen, daß unſer Land nur einen klei⸗ nen Theil des großen Vaterlandes bildet und daß der Drang nach Freiheit und Erlöſung weit über ſeine Marken hinaus, durch alle Gauen von Deutſch⸗ land reicht. Es iſt eine deutſche, eine nationale Bewegung, die dem erwachten Volksgefühl ſo mäch⸗ tigen Aufſchwung verleiht; man kann nicht ſagen, da und dort liegt ihr Urſprung, dieſes und jenes Land iſt zumeiſt daran betheiligt; nein, in gleichem Bewußtſein, gleicher Entſchiedenheit erheben ſich alle deutſchen Stämme für den einen Gedanken, und überall fluthen gleich mächtig die Wogen der Volks⸗ begeiſterung.“ 3 Der Major, dem es mehr darum zu thun ſchien, ſich in nächſter Nähe zu vrientiren, kam auf ſeine vo⸗ rige Betrachtung zurück, indem er ſagte: „Mein Fürſt hat mir eine ſchwere Aufgabe ge⸗ ſtellt; ich ſoll in einer Zeit der heftigen Erbitterung und aufgeregten Leidenſchaft ein Werk des Friedens vollbringen, und, die Waffe in der Hand, die viel⸗ leicht nahe bevorſtehende offene Empörung dieſer Landestheile ohne Blutvergießen unterdrücken. Ein Georg Volker. 59 unſichtbarer geheimer Feind ſteht mir gegenüber, der keine Mittel des Truges und der Hinterliſt ſcheut, mich und die Sache meines Fürſten zu verderben. Denn dem modernen Republikaner iſt ja Alles er⸗ laubt; er kämpft für ein Phantom; was von Recht, Ehre und heiliger Sitte in der Menſchenbruſt lebt, wird ihm darum gleichfalls zum Phantom; um den Staat zu zertrümmern, muß er vor Allem deſſen feſteſte Säulen, Religion und Geſetz, vernichten, muß Pietät und Treue leugnen und alle heiligen und ſtarken Bande der Pflicht und des Gehorſams zer⸗ reißen, eher darf er für ſeine Sache keinen Erfolg hoffen.“ „Aber wer weiß, Herr Graf, ob es ſoweit bei uns kommt,“ ſagte Volker mit unſichrer Stimme. „So weit?“ fragte der Major und ſah ihn da⸗ bei ſcharf an.„Ich fürchte, wir ſind dieſen Zuſtän⸗ den näher, als wir Beide wiſſen. Denn trügt mich nicht Alles, ſo iſt die Volksſtimmung in dieſer Ge⸗ gend bereits auf dem Punkte angelangt, wo eine Rückkehr zum Guten kaum mehr denkbar iſt. Ich habe zu verſchiedenen Malen Gelegenheit gehabt, dies zu beobachten, und gerade, je näher ich Nellen⸗ burg kam, um ſo deutlicher wurden mir dieſe Anzei⸗ chen einer baldigen Kataſtrophe. Nun, ich bin auf 60 Georg Volker. Alles gefaßt und laſſe es bis zum Aeußerſten kommen,“ ſagte der Major in entſchloſſenem Tone und erhob ſich vom Sitze. Zufällig traf ſein Blick das in goldenem Rahmen über Volker's Schreibtiſch aufgehängte lithographirte Portrait des verſtorbenen Grafen Leopold. „Ah, auch Du hier, mein lieber Onkel!“ ſagte er bewegt und nahm das Portrait von der Wand herab, das er lange und aufmerkſam betrachtete. Dann fuhr er fort:„Das Bild iſt ſehr ſelten ge⸗ worden und faſt nirgends ſieht man es mehr in den Bauernhäuſern; und doch erinnere ich mich noch recht gut, wie mein Oheim ein Mal darüber ſcherzte, daß ihn jeder Bauer unter Glas und Rahmen habe. O, es war ein trefflicher Mann, dieſer Onkel Leopold, aufgeklärt und freiſinnig, wie wenige ſeines Gleichen; aber in dieſe Zeit der auflöſenden und zerſetzenden GSlemente hätte er ſich mit ſeiner ſchlichten und red⸗ lichen Denkart und ſeiner Ehrfurcht vor dem Be⸗ ſtehenden doch nicht hineingefunden. Er war ein abgeſagter Feind aller maßloſen Ueberſtürzungen und gewaltſamen Reformen; das Kleinſte, was einmal da war und ſich bewährt hatte, achtete er wie das Größte, und er pflegte oft zu ſagen:„Iſt der Baum abgeſtorben, ſo ſoll man ihn umhauen und einen Georg Volker. 61 neuen pflanzen; aber nur der Thor haut den grünen Baum nieder.“ Oder er ſagte auch wohl:„Das Beſte, was der Menſch thun kann, iſt, ſein ganzes Leben an die Erhaltung des vorhandenen Guten zu ſetzen und dieſes zum Beſſeren auszubilden.“ Volker fuhlte ſich von dieſen Worten im Inner⸗ ſten ergriffen und hatte Mühe, dem Major ſeine Bewegung zu verbergen. Dieſer nahm hierauf herz⸗ lichen Abſchied von ihm, drückte ihm noch vom Pferde herunter warm die Hand und ſagte: „Mit Einquartierung werde ich Sie wohl ver⸗ ſchonen, da der Hof allzuweit vom Dorfe entfernt liegt; aber ich ſelbſt komme ſchon wieder, ſobald es mir mein Dienſt erlaubt. Bis dahin mag Jeder mit ſich über die heute verhandelten Fragen zu Rathe gehen, vielleicht verſtehen wir uns dann das nächſte Mal beſſer. Wer Kopf und Herz am rechten Fleck hat, der thut heutzutage daran, beide gehörig zu brauchen.“ Georg Volker. Prittes Capitel. Seit dem Tage, an welchem Annli das langbe⸗ wahrte Geheimniß von der Eulobe in des Geliebten Herzen niedergelegt hatte, war in des Kindes Ge⸗ müth eine Umwandlung vorgegangen, in welcher ſie ſich bald noch weniger glücklich fühlte, als kurz zu⸗ vor im ungetheilten Beſitz jenes Geheimniſſes ſelbſt. Mit dem Verluſt der Eulobe, denn als ſolchen mußte ſie ja das Verſprechen betrachten, welches ſie Georg abgelegt hatte, niemals wieder die Grotte zu betreten, war gleichſam ihrem ganzen Leben deſſen geheimniß⸗ voller Hintergrund genommen; ſie empfand eine un⸗ erträgliche Leere in ihrer Seele und oft überkam ſie eine Bangigkeit, als hätte ſie Gott weiß welche Sünde verübt und müſſe nun Zeitlebens dieſe Schuld mit ſich herumtragen. Selbſt das Gefühl ihrer ſchönen glücklichen Liebe konnte ihr das Verlorene nicht erſetzen, und oft quälte ſie ſogar der dunkle Gedanke, ſie habe ſich ihr Gluͤck mit einem Frevel erkauft, und ſie habe, indem ſie das heilige Gelübde ihrer Kindheit gebrochen, ihrer Liebe zu Georg des Georg Volker. 63 Himmels beſte Weihe geraubt. Seit ihr der Eulobe geheimnißvolle Verſchwiegenheit fehlte, ſeit ihr nicht mehr erlaubt war, dem mächtigen Zug ihres Her⸗ zens nach dem Orte dunkler Erinnerungen zu folgen, wähnte ſie auch ihrer Liebe ſchönſtes Aſyl verloren zu haben, und jedes Mal, ſo oft die Sehnſucht nach der heiligen Grotte in ihr wach wurde, über⸗ ſchlich ſie ein Gefühl der Heimathloſigkeit und des Alleinſeins, daß ſie ſich wie in eine fremde Welt verſetzt vorkam, und es nirgends mehr ſie dulden wollte. Es war eben ein Stück von ihrem Herzen dort zurückgeblieben, die ganze Natur mit ihrer Frühlingsluſt und ihrem Sonnenſchein erſchien ihr öde und ausgeſtorben, und ein unbeſchreibliches Ver⸗ langen, ſelbſt dem Willen Georgs zuwider, dorthin zurückzukehren, wurde täglich in ihr mächtiger. Mehr als einmal ſtand ſie im Begriff, dieſen Vorſatz auszuführen, mehr als einmal war ſie ſogar ſchon auf dem Wege dahin geweſen; aber je näher ſie dann dem Walde kam, um ſo ſchwerer und be⸗ klommener ward ihr un's Herz, ſie wagte nicht mehr, in die heiligen Schatten ihrer Kindheit einzutreten, wo ſie das theure Gelübde gebrochen, und das Rau⸗ ſchen des Waldes erſchreckte ſie gleich dem Grollen einer feindlichen Macht, die ſie nimmermehr mit ſich 6⁴ Georg Volker. ausſöhnen konnte. Einmal, an einem frühen ſonni⸗ gen Morgen, hatte ſie ſich aber doch ein Herz ge⸗ faßt, und feſter als jemals entſchloſſen, heute ihre kindiſche Furcht zu überwinden, war ſie in raſchem Schritte den Berg hinangeeilt und ſtand nun hoch⸗ klopfenden Herzens am Waldesſaum ſtill, mit ängſt⸗ lichem Blick in den dämmernden Forſt hineinſpähend. Es war ſo ſtill, ſo ſchweigſam aller Orten; kein Vogel ſang in den Wipfeln, kein Käfer ſummte, kein Zweiglein rührte ſich; hier und da ruhte ein Sonnenglanz wie träumeriſch im ſchattigen Waldes⸗ grund und in den fernen Tiefen ſtanden gleich ſchim⸗ mernden Tapeten die blauen durchſichtigen Morgen⸗ düfte zwiſchen den Stämmen, während einzelne Lich⸗ ter des Morgens funkelnd gleich flüchtigen Elfen durch den Waldesſaal eilten und die grünen, thau⸗ feuchten Grasflächen unter ihrem zauberiſchen Dahin⸗ gleiten blitzend erglänzten. Schon hatte Annli wirklich einige Schritte vor⸗ wärts gethan, ſchon glaubte ſie ihre Furcht völlig überwunden, als mit einem Mal aus der Tiefe des ſchweigſamen Waldes ein ſonderbar dumpfer, gewal⸗ tiger Ton an ihr Ohr ſchlug, der ihr eine ſolche Angſt einjagte, daß ſie entſetzt auf den Weg zurück⸗ ſprang und dort faſt vor Schrecken niedergeſtürzt Georg Volker. 65 wäre. Nur mit Mühe hielt ſie ſich aufrecht und lauſchte bebend in den Wald hinein, wo indeſſen Alles wieder ruhig war wie zuvor, während unten im Thale die erſten Glockentöne laut wurden, woraus ſie ſich denn bald überzeugte, daß es nur das Echo geweſen war, wie ſie es in früheren Zeiten hier oft⸗ mals gehört hatte, was ſie ſo heftig erſchreckte. Aber den Muth, noch einmal den Wald zu betreten, hatte ſie nun völlig verloren. Neben dieſem ſo tief mit ihrem ganzen Leben und Fühlen verwebten Herzeleid um die Eulobe, war es aber noch ein anderes Ge⸗ fühl, das Annli oft wie eine bange Ahnung ergriff und ihr Herz in beſtändiger ſorgenvoller Unruhe er⸗ hielt. Denn bald merkte ſie aus vielen Anzeichen, daß ſeit dem Tage, an welchem ſie Georg's Braut geworden, im Weſen des Geliebten Etwas vorgegan⸗ gen war, was ſie ſich in keiner Weiſe an dem ſonſt ſo ſichern und aufrichtigen Freund erklären konnte. Sie ſah's und ſah es immer klarer, daß Georg ne⸗ ben Demjenigen, was ihn ſonſt beſchäſtigt und ſein Intereſſe in Anſpruch genommen hatte, noch eine andere unbekannte Sorge mit ſich herumtrug, die ſich oftmals in recht düſtern Wolken über ſeine ſonſt ſo helle Stirn legte, den heitern Blick ihm trübte II. 5 Georg Volker. und ihn ſelbſt in ihrer Gegenwart nachdenklich und zerſtreut machte. Ein reines, unſchuldvolles Gemüth ſieht oft, ohne es ſelbſt zu wiſſen, tiefer in die Nacht der Erdengeſchicke und ihr feindliches Walten, als des Mannes ſcharfes Auge, welches dort nach Wahrheit forſcht. Denn nicht Alles, was wir wiſſen, ſagt uns allein der kalte Verſtand und die trügeriſche Erfahrung; auch das Herz hat ſeine Weisheit, und die Kunde der künftigen Dinge liegt ihm oft näher, als dem Kopfe, der ſie mit allem möglichen Scharf⸗ ſinn zu berechnen ſucht.„Ihm ſagt's ſein Herz,“ iſt keine bloße Redensart und hat vielmehr einen tiefen Sinn für Den, der dieſes Herzens leiſem Flü⸗ ſtern zu lauſchen verſteht. So wußte auch Annli bald, denn ihr Herz ſagte es ihr ja immer lauter, daß Etwas in ihrer Umge⸗ bung vorging, was man ihr zu verbergen ſuchte; und was beſonders Georg anbelangte, ſo war ihr derſelbe oft ein vollkommenes Räthſel. Er beküm⸗ merte ſich weder mehr recht um ſeine Landwirthſchaft, noch betrieb er mit dem früheren Eifer ſeine Studien; auf Spaziergängen war er meiſt nachdenkend, achtete kaum mehr auf die Reize der Natur, überhörte oft ganz was ſie ihm vorplauderte, oder gab auf ihre Georg Volker. 67 Fragen verkehrte Antworten; andererſeits ſah Annli die Männer häufig zuſammen in eifrigem Geſpräche; ſah, wie Germanos und der Hauptmann faſt immer auswärts waren und mit ihrem unruhvollen Treiben überall den gewohnten friedlichen Gang des Hauſes ſtörten. Der Gemüther leidenſchaftliche Erregung, der Männer oft ungeſtüm genug hervortretende Mei⸗ nungsverſchiedenheit blieb ihr ebenſo wenig verborgen, als die ſonderbaren Anſtalten und Vorkehrungen, welche man betrieb, ohne daß ihr der eigentliche Zweck davon klar wurde. Hierzu kam noch die ſtille Beklommenheit der drei alten Lilien, welche ſich in ängſtlicher Sorge gleich verſcheuchten Hühnern, die des Habichts Nähe merken, in des Hauſes fernſte Winkel verkrochen und mit bekümmerten Mienen des Vetters ungewohntes Treiben beobachteten, der gleich⸗ falls in Allem von ſeiner gewohnten Lebensweiſe abwich und oft in guter und ſchlimmer Laune recht unheimliche Worte fallen ließ, gleich als wenn er Etwas im Schilde führe, wovor eines Tages alle Welt erſchrecken werde. Während Annli, ohne es zu ahnen, ſich immer weiter aus dem Leben ihrer Kindheit verlor, war ihr Bruder Paul auf andere Weiſe gleichfalls von ſeinem ſeitherigen Wege abgekommen und ſah ſich plötzlich 8 68 Georg Volker. auf Bahnen und nach Zielen hingedrängt, die ihn nothwendig zu einem Bruch mit ſeiner ganzen Ver⸗ gangenheit und Allem, was dieſer an Glück, Frieden und freudigen Hoffnungen angehörte, führen mußte. Der Hauptmann hatte nämlich nicht ſobald, durch Germanos noch darin beſtärkt, den Plan entworfen, Paul in ſein revolutionaires Treiben hineinzuziehen, als er auch ſchon mit der ihm eigenen Energie zu deſſen Ausführung ſchritt und dazu ein Mittel wählte, welches ihm bei ſeines Pflegeſohnes leicht erregbarem Blute und deſſen großem Ehrgefühl kaum verſagen konnte. Eines Nachmittags, da der junge Sergeant frei vom Dienſte war, forderte ihn der Alte zu einem Spaziergang in den Wald auf, und zwar mit einem ſo feierlich gemeſſenen Weſen, daß Paul ſogleich ahnte, daß ihm der Vetter heute die verſprochene Aufklärung geben wolle. Dennoch aber blieb es anfangs nur bei gleichgültigen Geſprächen, und ſchon waren ſie eine ziemliche Strecke in den Wald hineingekommen und noch immer wollte der Vetter das von Paul mit Ungeduld erwartete Wort nicht ausſprechen, ſondern ſchien vielmehr abſichtlich ſeine Eröffnung hinauszuſchieben, ſei es nun um Zeit zu gewinnen, oder weil er ſelber nicht wußte, wie er die Sache angreifen ſolle. Georg Volker. 69 Endlich, nach längerem Hin- und Hergehen, da der Alte merkte, daß Paul auf nichts mehr recht achtete, weder auf ſeine Worte, noch auf den Weg und die Umgebung, ſtand er mit einem Mal unter grünen Fichten ſtill, holte einen tiefen langen Zug aus der dampfenden Meerſchaumpfeife, und ſagte, indem er die Hand wider einen alten Tannenbaum legte: „Kennſt Du den Baum noch, Paul?“ „O Gott im Himmel, mein armer Vater!“ rief der junge Mann erſchüttert; denn jetzt erſt erkannte er den Unglücksort wieder, an den ihn der Alte ohne ſein Wiſſen geführt hatte. „Ja, Paul, Dein armer Vater, das iſt das rechte Wort,“ ſagte der Hauptmann mit bewegter Stimme.„Zwar hat man ihn einen Selbſtmörder geſcholten und ihm nicht einmal ein ehrliches Begräb⸗ niß gegönnt; ich aber weiß doch, daß er in Chriſto geſtorben iſt, trotz des Stricks, mit dem er ſich er⸗ hängte. Denn das macht ja nicht den chriſtlichen Tod, woran man ſtirbt, am hitzigen Fieber oder an der Schwindſucht oder an Altersſchwäche, ſondern wie man ſtirbt, mit welcher Tendenz; und ſo meine ich, Dein Vater iſt trotz des ſchimpflichen Stricks eines ehrlichen Todes verblichen, und wenn mir 7⁰ Georg Volker. paſſirt wäre, was ihm paſſirt iſt, ich hätt's netto gemacht wie er und hätte mir auch nicht den Schuß Pulver gegönnt.“ Mit einem tiefen Seufzer ſprach Paul: „Bis auf den heutigen Tag weiß ich noch immer nicht recht, warum ſich mein Vater dieſen ſchweren Tod anthat. Die Leute munkelten zwar, daß die Mutter ſchuld daran geweſen ſei; aber weil wir, Annli und ich, damals noch kleine Kinder waren, verſtanden wir's nicht, und ſpäter verboten Sie mir und der Schweſter, überhaupt davon zu reden. Ach, wie oſt hab' ich an dieſe grauſe Stunde des Schreckens zurückgedacht, wo wir den Vater hier erhängt fanden; das Haus aber war leer, nichts von Werth mehr darin, die Mutter fort, ſpurlos verſchwunden, und der Menſch, dem mein Vater immer aus dem Wege ging wie ſeinem ärgſten Feind, jener rothköpfige Rudolph, des Herrn Grafen Leibjäger—“ „Still, ſtill, Paul! von ſolchen Dingen mußt Du hier nicht reden,“ fiel ihm der Hauptmann mit gedämpfter Stimme in's Wort;„hier nicht, wo Dein armer Vater ſeinen letzten Seufzer aushauchte und der Tannenbaum ihn gehört hat, daß ich ſchon oft, wenn ich in ſtiller Nachtſtunde hierher kam, ein leiſes Stöhnen in ſeinen Aeſten vernahm— prrrrr! 0 Georg Volker. 71 prrrrr! Komm', Junge, mir überläuft's kalt die Haut,— die Todten, die Todten haben auch ihre Stimme, zumal ſolche, die ſo geſtorben ſind wie Dein Vater— ohne Segen, ohne Sacra⸗ ment!—“ Er ergriff bei dieſen Worten des Jünglings Hand und zog ihn faſt mit Gewalt fort von der Stätte des Unheils auf den breiten ſonnigen Waldweg, der zum Förſterhaus führte. Aber ſie vermieden dieſe Richtung und ſchritten auf der andern Seite der Waldlichtung einem jungen Eichſchlag zu, die letzte Pflanzung von Paul's unglücklichem Vater. Hier, auf einer Bank, die gleichfalls noch das Werk des verſtorbenen Förſters war, ſetzten ſie ſich nieder; vor ihnen, kaum einen Büchſenſchuß entfernt, lag das Förſterhaus mit ſeinen Oekonomiegebäuden; auch den Fichtenhain, den ſie eben verlaſſen hatten, ſahen ſie von hier aus; und abſichtlich ſchien der Hauptmann gerade dieſe Stelle gewählt zu haben, damit ſein Pflegeſohn, während er ihm die unglückliche Geſchichte der Eltern erzählte, den Schauplatz der Begebenhei⸗ ten ſammt allen Erinnerungen der Kindheit vor Augen habe und ſo der Eindruck ein doppelt mäch⸗ tiger und lebendiger für ihn werde. „So, mein Junge, hier iſt's heimlicher als da 72 Georg Volker. unten,“ ſagte der Hauptmann, nachdem er mit Hülfe von Schwamm und Stahl ſeine Pfeife neuerdings in Brand geſetzt hatte.„Mir paſſirt's auch nur dort, daß mich ein Grauen anwandelt; denn ſo oft ich den alten Tannenbaum anſehe, der immer mehr abſtirbt und einen dürren Aſt nach dem andern abwirft, ſticht mir's wie mit allen ſeinen Nadelſpitzen durch's Herz, und auf die Seele fällt mir eine Laſt, noch ſchwerer als das Steinkreuz, das ich Deinem ſeligen Vater zum Gedächtniß dahin geſtiftet habe. Ihm und mir zum Gedächtniß, weil noch nicht Alles vorbei und das Liedel noch nicht ausgeſungen iſt, von dem die Leute ſagen, daß es Deine Mutter, Gott verzeih' ihr die Sünd', Deinem armen Vater ſo lange vor⸗ geſungen habe, bis er daran elendiglich zu Grunde gegangen— ein verflucht Zigeunerliedel voll ſchlim⸗ mer Zauberei und tückiſcher Gewalt, was Keiner je⸗ mals vergißt, dem es ein Mal in die Ohren ge⸗ klungen. Ja, was ich ſagen wollt, Paul: Deine Mutter, die hat Deinen Vater auf dem Gewiſſen, aber Deinen Vater und Deine Mutter, die hat ein Anderer auf ſeinem Gewiſſen, der noch lebt und eigentlich gar kein Gewiſſen mehr hat, ſondern nur eine Grafenkrone, ha! ha! eine Grafenkrone ſtatt des Gewiſſens! Die Geſchicht' aber machte ſich ——— Georg Volker. 73 eigentlich ſo: Weil die Waldlore nichts von Chriſtum und ſeinem evangeliſchen Glauben wiſſen wollte, kam der Verſucher in gar verführeriſcher Geſtalt, ein jung ſchmächtig Erbgräflein, das bethörte ihr mit ſüßem Schmeichellaut und glitzerndem Golde den Sinn, daß ſie bald aller Zucht, Ehre und Sitte ledig mit ihm Eins wurde, Deinen armen Vater um ſeinen beſten Herzensfrieden betrog und in ehebrecheriſcher Sünde dort das friedliche Haus zum Wolluſttempel verlieb⸗ ter Buhlerei verwandelte. Die Leute deuteten ſchon mit Fingern auf den armen Mann, als er noch nicht mal eine Ahnung davon hatte, was die häufigen Beſuche des Erbgrafen und ſeine reichen Gnadenge⸗ ſchenke bedeuten ſollten. Zuletzt aber, als es die Waldlore immer offenkundiger und ſchamloſer trieb und ſogar mit ihrem koſtbaren Sündengeſchmeide, das ihr der gräfliche Herzallerliebſte verehrt, in der Kirche erſchien, zwar ſchön wie die ſündhafte Frau Venus ſelber, aber doch ſchmachbedeckt, daß alle ehr⸗ baren Weiber weit von ihr wegrückten, o Paul, ver⸗ gieb mir, es war Deine Mutter, vergieb mir, lieber Paul, daß ich es that, aber es war auch Dein Vater, da konnt' ich die Schand' nicht mehr länger mit anſehen, ging ſchnurſtracks aus der Kirche fort, die Leute merkten's, wohin, ging heraus in den 74 Georg Volker. Wald und entdeckte Deinem Vater den ganzen Unfug ſeines Weibes, das ſich nicht ſchämte, im Gotteshaus ſelber mit ihrer und ſeiner Schmach zu prunken, ent⸗ deckte ihm, welche Bewandtniß es eigentlich mit des Grafen übergroßer Freundſchaft zu ihm habe, und weil ich's thun mußte, ſo ſagt' ich ihm auch, wie die Welt über ihn, den armen betrogenen Mann, urtheile. Da war es, als ſtreiche ihm eine unſichtbare Todten⸗ hand über's Geſicht und löſche für immer alle Farbe aus ſeinen Zügen; das Blut ſchoß ihm in die Au⸗ gen, er packte mich an der Gurgel und zückte ein Meſſer, das er gerade bei der Hand hatte, nach mei⸗ ner Bruſt, ich aber rief getroſt: Stoß zu, Friedrich, den Rechten aber triffſt Du doch nicht! Da ließ er ab von mir, ſchlug ſich beide Hände vor's Geſicht, und ſtürzte ohne einen Laut wie gebrochen am Tiſch zuſammen. Bald ſah ich ſein Weib in ihrem ſeide⸗ nen Staat aus dem Walde hervor kommen, wie ſie gerade vom Gottesdienſt zurückkehrte. Alles an ihr glitzerte und funkelte im Sonnenſchein von Seide und Geſchmeide; ſchnell packte ich Deinen Vater am Arm, zog ihn durch die Hinterthür in's Freie und von da hierher auf die Bank, wo es mir endlich gelang, ihn zu Verſtand zu bringen. Jetzt erzählte er mir denn unter Vergießung heißer Thränen, wie er ſchon früher Georg Volker. 75 einmal denſelben Verdacht mit ſich herumgetragen, aber ihn als eine Sünde gegen ſein Weib und die Menſchheit wieder abgeſchüttelt; denn er liebte die Lore über Alles, als hätte ſies ihm durch böſen Zauber angethan, daß er mit offnen Augen den höl⸗ liſchen Verrath nicht ſah, womit ſie und der Buhle ihn ſo ſchimpflich umgarnt hatten, daß jeder Hirſch im Walde ſich ſeines Geweihes ſchämen mußte! Jetzt aber war das Eis gebrochen, durch mich erfuhr er die ganze Schändlichkeit der Lore und wie er ſich einigermaßen vom erſten Schrecken erholt hatte, noch früher faſt, als ich's ihm bei ſeiner Weichheit zuge⸗ traut hätte, ſprang er vom Sitze auf, hier ſtand er vor mir, ſah mich mit wildrollenden Augen an und rief:„Haſt Du mir das Gift eingegeben, ſo zeig' mir auch das Heilmittel, wenn Du mein wahrer Freund biſt, ſonſt bin ich ein verlorener Mann in Zeit und Ewigkeit.“ Worauf ich: Recht ſo, Fried⸗ rich, Dein wahrer Freund will ich ſein, oder ſonſt keines Menſchen Freund. Biſt Du ein Mann, ſo jagſt Du dem Erbgrafen bei nächſter Gelegenheit eine Kugel durch den Kopf, biſt Du aber eine Memme, ſo kauf Dir einen Strick, häng' Dich d'ran am näch⸗ ſten Baum auf und überlaß es mir, Dich an dem Schänder Deiner Ehre zu rächen. So ſprach ich 6 Georg Volker. und hatt's ernſtlich gemeint, ſo oder ſo; Dein Vater aber ſaß nachdem wohl eine Glockenſtunde mit ver⸗ ſchränkten Armen ſtumm neben mir und ſtarrte ohne Regung vor ſich hin, als wolle er mit ſeinem Blick die Erde durchdringen bis zur Hölle hinunter, die ihm ſolch ein Weib in's Haus und in's Herz ge⸗ bracht! Mit einem Mal aber, wie ich kein Wort ſagte, ſtand er haſtig auf, ſtöhnte:„Gott! Gott! Meine Kinder!“ und ballte beide Hände krampfhaft, und ſprach dann:„Ja, Du haſt recht, Peter, ein anderes Mittel giebt's für mich nicht, ſchon um mei⸗ ner Kinder willen, und wenn's auch die Annli nicht wäre, doch um Paul's willen, der ein Mann werden wird, um ſeinetwillen muß ich die Schande von mei⸗ nem Haupte tilgen! Alfred's Blut oder mein's, anders geht's nicht!“ „Sein Blut, Friedrich,“ ſagte ich darauf.„Nur herzhaft aufgelauert, wann er Dir wieder in's Neſt ſchleichen will, wozu biſt Du denn ein ſo guter Schütze?“— „Er oder ich!“ ſagte da Dein Vater noch einmal mit feſter Stimme, ſtand auf, drückte mir die Hand und ging raſch in den Wald; ich aber ließ ihn gehen, denn das, was er nun vorhatte, mußte er mit ſich allein abmachen, dazu half ihn der Freund nichts Georg Volker. 5 mehr— Gott allein und ſein Herz mußten's ihm vollbringen helfen. Und ſo iſt's denn auch geſchehen, obwohl an⸗ ders, als ich es erwartet hatte. Ich ſah Deinen armen Vater nicht eher wieder, als im Tode, wie er dort an jenem Tannenbaum hing und der Wind ihm die braunen Haarlocken ins bleiche Geſicht wehte; am Stamme aber ſtand ſeine geladene Büchſe als einziges Zeugniß davon, wie er geglaubt hatte, die Schande von ſeiner Ehre am beſten wegtilgen zu können. Denn die geladene Büchſe zeigte es ja deut⸗ lich, daß er von ſeinem erſten Vorſatz, den Grafen zu erſchießen, abgekommen war und ſich ſelber anthat, was er dem Feind ſeines Lebens nicht thun mochte. Aber den andern ſchuldigen Theil hat doch die gerechte Strafe des Himmels ſchnell genug ereilt, Deine Mutter nämlich. Ich vermuthe aus mancher⸗ lei Anzeichen, daß ſie es zuerſt war, die Deinen Va⸗ ter todt am Baume fand; worauf ſie wahrſcheinlich den Grafen davon benachrichtigte; denn der Amt⸗ mann Leo war kurze Zeit vorher, ch' ich in den Wald kam, dort und im Förſterhaus geweſen, und dann ebenſo eilig wieder nach dem Schloß gegangen. Doch dem ſei wie ihm wolle. Soviel iſt ſicher, daß der gnädige Liebhaber dadurch ſtark in die Klemme 78 Georg Volker. kam, und es einen raſchen Entſchluß galt, um die Sache möglichſt zu vertuſchen und der Welt Sand in die Augen zu ſtreuen. Darum mußte jener rothkö⸗ pfige Rudolph, des Herrn Grafen Leibjäger, mit dem Dein ſeliger Vater immer auf geſpanntem Fuß ge⸗ lebt hatte, die Rolle des Liebhabers übernehmen; er entfloh mit Deiner Mutter noch am ſelbigen Tage, ſo daß es den Anſchein gewann, als habe ſich Dein Vater aus Verzweiflung über Deiner Mutter Flucht den Tod angethan. Sicher aber weiß ich's, daß die Beiden nur bis nach Brüſſel kamen, wo der Schurke von Leibjäger Deine Mutter heimlich mit dem ihr vom Grafen geſchenkten Gelde verließ und nach Ame⸗ rika reiſte, während die Waldlore in der fremden Stadt hülflos und verlaſſen zurückblieb. In ihrer großen Noth ſchrieb ſie an mich einen langen Brief voll heuchleriſcher Reue, und miſchte Wahrheit und Lüge ſo geſchickt durcheinander, daß es für Manchen ſchwer geweſen wäre, das Rechte zu erkennen. Von ihrer Liebſchaft mit dem Erbgrafen ſtand kein Wort darin, und als Urſache von dem Tode Deines Va⸗ ters gab ſie an, derſelbe habe die ihm anvertrauten herrſchaftlichen Forſtgelder veruntreut; denke Dir, Paul, das ſchreibt Deine Mutter von demſelben Manne, den ſie durch ihre Untreue an den Strick Georg Volker. 79 gebracht hat! Aber ich kannte die ſchöne Schlange und ließ mich nicht von dieſer teufliſchen Weiberliſt betrügen; heimlich zog ich jedoch durch einen dortigen vertrauten Freund, einen Deutſchen von Geburt, nähere Erkundigungen über ſie ein, und erfuhr ſchon nach wenigen Wochen, daß die Waldlore auch ohne mich aus ihrer Bedrängniß gekommen war. Frag' mich nicht, lieber Paul, wie ſie ſich zu helfen wußte; wen der Teufel einmal an einem Haare hat, den hat er auch ganz; ſie war ſo ſchön als ſündhaft und konnte ſchon aus der Kunſt der Verführung ein ein⸗ trägliches Gewerbe machen; dort im ſtillen Walb⸗ haus hatte ſie's ja gelernt, wie man vornehmen und reichen Herren zu Gefallen lebt. Aber lange trieb ſie's doch nicht; ſchon nach drei Jahren war ſie ſo tief herabgekommen, daß ſie mit einem Landſtreicher auf den Dörfern herumzog und zur Cyther freche Vagabundenlieder ſang. Zuletzt kam ſie wieder nach Brüſſel zurück, wurde in einem vornehmen Hauſe auf einem Diebſtahl von Silberzeug ertappt und in ein Arbeitshaus geſteckt. Hier ſtarb ſie ſchon nach wenigen Wochen an einer gräßlichen Krankheit unter Flüchen und Verwünſchungen gegen den erſten Ur⸗ heber ihres Unglücks und ihrer Schande. Das iſt die Geſchichte von Deinen Eltern, lie⸗ 80 Georg Volker. ber Paul,“ ſo ſchloß der Hauptmann ſeine erſchüt⸗ ternde Erzählung;„und wenn Du Dich jetzt hier herum umſchaueſt, wo's wieder ſo ſtill, ſo waldkühl und friedlich iſt, wie vormals in Deiner unſchuldigen Kindheit, ſollte man da wirklich denken, daß einſt an dieſer Stelle ſo Unerhörtes ſich begab, ohne daß ein Wetterſtrahl in jenes Dach ſchlug und der Him⸗ mel mit verſengender Gluthhitze den Ort des Unheils in eine öde Wüſtenei umwandelte, daß kein Halm, kein Strauch, kein Baum mehr hier gedeihe und Alles abſterbe, langſam und traurig, wie dort der alte nämliche Tannenbaum im Fichtengrund?“ Paul hatte der Erzählung ſeines Pflegevaters ſchweigend zugehört; als jener endlich verſtummte und die über dem Reden kalt gewordene Pfeife im Mund, in tiefes Nachdenken verſunken vor ſich hin⸗ ſtarrte, da war es dem Jüngling, als erwache er aus ſchwerem beängſtigendem Traum, den er vergebens von ſich abzuſchütteln ſuchte. Nun wußte er, woran ſein unglücklicher Vater ſo elend geſtorben; aber faſt mehr noch als deſſen grauſer Tod erſchütterte ihn das, was ſeine Mutter gethan und die Ahnung ſei⸗ ner Jugend, daß des Vaters Tod auf ihrer Seele laſte, ſtand mit einem Mal als ſichere Gewißheit vor ihm. Nichts glich dem Gefühl der Verzweiflung, Georg Volker. 81 womit der unglückliche Sohn unglücklicher Eltern dieſe Kunde empfing; denn Schlag auf Schlag hatte ja der Hauptmann ſein Herz getroffen und der Mut⸗ ter Miſſethat und ihr Tod in Schimpf und Schande ihm vollends den Stoß gegeben. Bald wich ſeine anfängliche Betäubung einem furchtbaren, faſt an Wahnſinn gränzenden Schmetze; die ganze Kraft und Leidenſchaft der ungebrochenen reinen Jugend⸗ ſeele rang in heftigem Kampfe mit der vernichtenden Gewalt eines ſolchen Verhängniſſes; mit wankenden Füßen that er einige Schritte vorwärts, breitete die Arme aus, als wolle er noch einmal ſeine ganze glückliche Kindheit umfangen, und rief mit krampfhaft erſtickter Stimme: „Dort! Dort! Vater— Mutter, und Du, meine kleine füße Annli— wo ſeid Ihr hingekommen? Weh! Weh! Der grauſe Fluch, der auf jenem fried⸗ lichen Hauſe ruht, hat ſie von hinnen geſcheucht, ich allein blieb zurück an dem Orte dunkler Miſſethat und dort auf der Schwelle, ha— ich erkenne ſie deut⸗ lich, ſitzt das bleiche Geſpenſt meiner Mutter, lauert auf mich, bis ich eintrete, bis ſie auch mich ergreift und in den Fluch ihres Daſeins mit hinabreißt! O warum mußt' ich dieſe Stunde erleben! Warum mußt ich noch einmal hierher zurückkommen, nachdem UI 6 82 Georg Volker. mich Jahre lang ein Grauen überfiel, ſo oft ich in die Nähe jenes Hauſes kam! Herr Vetter! Herr Vetter, was iſt mir geſchehen! Geht mir der Tod durch mein Gebein, oder was ſonſt iſt es, das mich ſo eiskalt durchſchüttelt und mich faſ um den Ver⸗ ſtand bringen will!“ Der Hauptmann war bei dieſem Schmerzensruf des geliebten Pflegeſohnes raſch aufgeſtanden und zu ihm getreten; aber wie jetzt Paul ihn mit verſtörter Miene anſah, erſchrak er heftig, denn gerade ſo ſtand damals der unglückliche Förſter vor ihm, ein leibhaf⸗ tiges Bild des bleichen Entſetzens und der lung. „Mein Sohn! Mein lieber Paul!“ rief der Alte beſtürzt und faßte den Jüngling am Arme. „Ermanne Dich, komme zu Dir— ich— ich bin ja bei Dir, auch Annli lebt noch— höre mich nur, mein Junge, vertraue Deinem barmherzigen Schöpfer, — denk' an Deine Friederike, wie ſie Dich liebt, die fromme reine Seele——“ Im guten Augenblick traf dieſe Mahnung Paul's Herz, und der Name des geliebten Mädchens in die⸗ ſer ſchwerſten Stunde ſeines Lebens, beſänftigte den wilden Sturm in ſeiner Bruſt und löſte ſeinen Schmerz in einen Strom heißer Thränen auf. Georg Volker. 83 Der Vetter ließ ihn ruhig ausweinen; er hielt des Jünglings Hand in der ſeinigen und ſelber floſſen ihm häufig die Thränen der Wehmuth über die gefurchten Wangen in den grauen Bart, der wohl lange nicht mehr von ihrem Thau genetzt worden war. Erſt als Paul den erſten ungeſtümen Schmerz ausgeweint hatte und etwas ruhiger geworden war, nahm der Hauptmann wieder das Wort, indem er ſagte: „So hatt' ich mir's ſelber nicht gedacht, Paul, daß uns dieſe Sache ſo heftig an's Gemüth gehen werde. Aber man trägt ja wohl viele Jahre ſolch eine traurige Geſchichte ſchweigend mit ſich herum, und wenn man ſie zuletzt einem treuen Freunde erzählt, iſt's doch wieder das alte Herzeleid von damals, ja noch ge⸗ waltiger; denn ſelber iſt man während dem alt und hinfällig geworden, hat nebenbei noch andern Kum⸗ mer erlebt und den alten drunter begraben, wie unter Trümmern das Fundament. Ach, Paul, lieber Paul, wie hat mich ſelber die Geſchichte von Deinem armen Vater leidmüthig gemacht; faſt ſollt' ich mei⸗ nen, erſt jetzt, da ich ſie vom Herzen habe, erlebt ich's ſo recht aus Herzensgrund heraus und könnt's nimmer verwinden. Aber doch muß es ſein und ſoll es ſein; doch müſſen wir, Du und ich, die Geſchichte 6* 84 Georg Volker. noch weiter tragen, und wie der Schmerz, ſo muß auch die That in uns noch einmal friſch werden; ſonſt kränken wir die himmliſche Gerechtigkeit, krän⸗ ken das Gedächtniß Deines braven Vaters, und was nicht Alles ſonſt noch! Sieh, Paul, der alte Tan⸗ nenbaum iſt ſtark im Abſterben begriffen, grad' wie ich; rings um ihn grünt ſchon ein neues junges Leben, grad' wie um mich; ergo, mein' ich, ſo oft ich ſein morſches Alterthum anſehe, es dürfe nicht mit ihm das letzte lebendige Zeugniß der fluchwür⸗ digen Miſſethat von der Erde verſchwinden, und wenn's der Eine von uns nicht thun wolle, ſo müſſe der Andere es auf ſich nehmen— verſtehſt Du mich, Junge?“ Er hielt einen Moment inne, blickte forſchend dem Pflegeſohn in's Auge und fuhr dann mit feierlich ge⸗ dämpfter Stimme fort: „Einſt war ich's, ſein beſter Freund, der auf die⸗ ſem Platze Deinem Vater den rechten Rath gab, ſo oder ſo, wie Du's willſt; und ſelbſt noch heute be⸗ reu' ich's nicht, daß ich ihm damals ſagte: Entweder Du oder er! Nun, Du weißt's ja, Paul, wie er meinem Rath folgte; aber vergeſſen hab' ich darum auch nicht, daß ich ſein Rächer zu ſein verſprach, daß ich die Blutrache an dem Grafen übernahm, ſo Georg Volker. 85 wahr ich an Chriſtum und ſein Evangelium glaube und dereinſt in ſeliger Gemeinſchaft mit Deinem Va⸗ ter wieder vereinigt zu werden hoffe, dort oben im grünen Wald! Weißt Du's nun, warum ich ſo viele Kugeln goß und doch nur Eine brauche? Wa⸗ rum ich ein Meuterer geworden bin und doch kein Republikaner? Warum ich mich in ein Complot eingelaſſen habe, wo's auf Wohlſtand, Freiheit und Bildung abgeſehen iſt, während es bei mir nach wie vor nur: Gott, König und Vaterland heißt?“ Er hielt wiederum inne, um Paul Zeit zu laſſen, ſich auf ſeine weitere Mittheilung vorzubereiten, und fuhr dann fort: „Ich hab's geſagt, ich hab's geſchworen, daß ich Deinen Vater an ſeinem Ehrenſchänder rächen wolle, und jetzt, ſo wahr ich Peter von Bärenhorſt heiße, jetzt iſt die Zeit da, wo ich mein Wort löſe. Nun horch, mein Junge, und ſei ſtill! Du haſt vielleicht ſchon davon munkeln hören, daß ſich die Bauern hier herum heimlich zu einem Complot zuſammenge⸗ than haben, um endlich von der alten Schinderei loszukommen, den Raubgrafen zu vertreiben und dem ſtandesherrlichen Unweſen ein für alle Mal ein Ende zu machen? Mehr wollen ſie nicht, als Landeskinder werden, wie die übrigen Staatsangehörigen; daß es 86 Georg Volker. dazu einer Rebellion bedarf, iſt freilich ſchlimm, aber doch auch wieder der kürzeſte Weg; denn bis der Landesherr ſich dazu entſchließt, die Grafſchaft an ſich zu nehmen, die ihm von Gott und Rechtswegen gebührt, weil er ja ſchon längſt die Oberhoheit dar⸗ über beſitzt und auch die Jurisdiction, möchte noch mancher Tropfen den Rhein hinunterfließen; darum wollen's die Bauern auf ihre Fauſt ausrichten und dann, wenn erſt einmal der kleine Herr vom Teufels⸗ höllenthum fortgejagt iſt, wird der Große vom Got⸗ tesgnadenthum ſchon zugreifen; an mehr aber denkt, weiß der Himmel! kein Odenwälder im Ernſte, ſo Viele auch noch zum Ueberfluß die Republik begeh⸗ ren und ſich vom Freiſchärlergeiſt haben anſtecken laſſen. Wann's losgeht, ſtehen doch Alle bei mir und folgen meiner Fahne; denn ſie wiſſen, daß ich's gut mit ihnen meine und beſſer als gewiſſe andere Leute es verſteh', wo den Bauer der Schuh drückt. Mein Attentat alſo— horch, mein Junge und ſei ſtill— geht bloß gegen den Grafen; darum hab' ich ſeit Jahren die Meuterei prakticirt, habe in der Stille wohl 800 Bauern und mehr in mein Com⸗ plot hineingezogen, und wann wir jetzunder eine Revolution machen und die hochgräfliche Bagage aus dem Land jagen, wird's nur eine ſtandesherrliche — 8 Georg Volker. 87 Revolution ſein und weder dem Hecker noch dem Struve zulieb! Pfui Teufel, das fehlte auch noch!“ „Ich verſtehe den Herrn Vetter noch immer nicht recht,“ ſagte Paul, bei welchem des Hauptmanns Worte, trotz ſeines innern n allmählig Ein⸗ gang fanden. „Nicht?“ fragte Dieſer betroffen.„Hab' ich denn noch nicht deutlich genug zu Dir geſprochen? Aber ich weiß, Du verſtehſt mich ſchon und willſt nur, daß ich vollends mit der Farbe herausrücke. Meinet⸗ wegen! Was braucht's zwiſchen uns noch einen Rückhalt! So ſag' ich Dir denn: Vielleicht keine zweimal vierundzwanzig Stunden mehr wird's wäh⸗ ren, ſo iſt die Meuterei los; dahinten in den Dör⸗ fern der Altmatte ſtehen zuerſt die Bauern auf, aber nur zum Schein, derweil es hier herum noch ruhig bleibt, bis das Militair abgezogen iſt, um nach der Altmatte zu marſchiren. Haben wir dann den Feind getäuſcht, ſo braucht nur der alte Küſter die Sturm⸗ glocke in Nellenburg herzhaft zu ziehen und ihr Bim⸗ bam läutet ſofort in allen Dörfern dem Herrn Gra⸗ fen ein Gute Nacht für immer. Der Landſturm ſteht auf dieſes Signal weit und breit auf und zieht gen Nellenburg; dann rücken wir dem Raubritter auf's Collet, brennen ihm ſein Neſt überm Kopf zu⸗ 88 Georg Volker. ſammen und— hier zog er ſeinen Zuhörer näher an ſich und flüſterte ihm geheimnißvoll in's Ohr— und wann der Graf nicht ſelber die Kränk' dabei kriegt, ſo ſage Du mir's nach, Vetter Peter hätte Deinem Vater nicht Wort gehalten. Haſt Du mich nun verſtanden, Paul?“ „Ich hab's, Herr Vetter!“ verſetzte der Jüngling und eine dunkle Gluth flammte über ſein gebräuntes Antlitz.„Ja, bei der Ehre meines Vaters und meiner Mutter Schande,“ rief er, die Hand zum feierlichen Schwur erhebend, mit bebender Stimme: „ich halte zu Ihnen und räche meine Eltern an Ih⸗ rem Feinde!“ „Paul! mein lieber Paul!“ verſetzte der Alte freudig bewegt und umarmte ihn mit Ungeſtüm. „Wußt' ich's doch, daß Du mir nicht fehlen wür⸗ deſt, und hatt' ich doch, ſelbſt da Du noch ein Knabe warſt, oft den Gedanken: Wenn Du einmal an den Grafen gehſt, mußt Du den Paul nicht vergeſſen; denn er iſt ja doch der Sohn und hat das erſte Anrecht an des Feindes Leben. Darum ließ ich Dich aber auch erſt ein Mann werden, be⸗ vor ich Dir ein Wörtlein von Deinen Eltern und meinen Planen mittheilte; denn ein ganzer voller Mann muß Der ſein und wiſſen was er thut, der 5 — Georg Volker. 89 zu ſolcher Rache die Hand erhebt. Beſtände noch in den deutſchen Landen die heilige Vehme, längſt hätt' ich den Grafen vor' Freigericht gefordert und ihn des Mordes und des Ehebruchs angeklagt. Heutzu⸗ tage aber hat das Volk den Freiſtuhl jener unſichtba⸗ ren gewaltigen Richter der rothen Erde eingenommen und ſitzt zu Gericht über den Miſſethäter, nicht in heimlicher Mitternacht und vermummt, ſondern am hellen lichten Tage und offenen Angeſichtes.“ Paul gerieth durch dieſe Worte ſeines Pflegevaters in eine unbeſchreibliche Aufregung; er riß ſeinen Säbel aus der Scheide, ſchwang ihn wie raſend über ſeinem Kopfe und rief mit drohender Ge⸗ behrde: „Weh Dem, der mir den Grafen anrührt! Mein gehört die Rache, drum auch mein der Schurke, der meinen Vater in's Grab und meine Mutter in die Schande gebracht hat! Ha, Mutter, Mutter! Das Baloſcha ſoll Wahrheit werden am Grafen und ſeinem ganzen Geſchlecht, ſo wahr als ich Dein Sohn bin, der Dir in dieſer Stunde alle Deine Sünden verzeiht, die Du gegen den Vater verübt haſt!“ Noch niemals hatte der Alte ſeinen Pflegeſohn in dieſer leidenſchaftlichen Erregung geſehen; wilde 9⁰ Georg Volker. Racheluſt glühte aus ſeinen Blicken, alle Muskeln ſeines Geſichtes waren krampfhaft verzerrt, er hatte den Säbel zwiſchen den Zähnen gefaßt und ſtand mit geballten Fäuſten wie zum Sprung gegen einen unſichtbaren Feind bereit, den er im nächſten Moment erfaſſen und erwürgen wolle. „Geduld! Geduld!“ ſprach der Hauptmann be⸗ ſänftigend.„Kein Menſch, auch ich nicht, ſoll Dir in Dein gutes Recht greifen; aber noch mußt Du warten; die Stunde der Rache iſt nahe, laß ſie ruhig herankommen, denn um ſo ſicherer erreicht ſie den Feind. Dann aber, wann die Sturmglocken läuten und die Bauern aus allen Dörfern herbeiſtrömen, dann lad' ich Dir Deines Vaters Büchſe friſch mit derſelben nämlichen Kugel, die er in ſeinen letzten Stunden für den Grafen hineinthat und die ich wie ein Heiligthum Dir aufbewahrt habe; Du aber thuſt dann, was Deines Rechtes iſt. Bis dahin jedoch bleibſt Du hübſch in Deinem Dienſt, daß Deine Vorgeſetzten keinen Verdacht ſchöpfen und unſer Plan nicht gar vor der Zeit herauskommt; kannſt uns dort vielleicht manchen Wink geben, der unſerm Vorhaben nützt; und wie geſagt, wann die Sturmglocken das Signal läuten, dann ziehen wir zuerſt alleſammt, ſo viel ihrer zu unſerer Sache halten, heraus in den ——— ——— Georg Volker. 9¹ Wald, jeder Mann ſteckt ſich ein grünes Reis vom alten Tannenbaum an den Hut, damit der Graf gleich weiß, was wir mit ihm verhandeln wollen, und das Weitere mag dann unſer Herrgott lenken!“ Piertes Capitel. Wenn in einer bewegten und entſcheidenden Le⸗ benslage, wo gleichſam der Boden unter unſern Füßen ſchwankt, und wir nirgends, weder in uns noch in unſerer äußern Umgebung einen Halt finden, unerwartet ein ruhiger, bewährter Charakter uns nahe tritt, der ſowohl durch ſeine unbefangene Anſchauung der Dinge, die uns verwirren, wie durch ſeine Theil⸗ nahme unſer Vertrauen gewinnt, ſo mag es wohl geſchehen, daß wir in ihm noch viel mehr als die befreundete Erſcheinung, daß wir in ihm den Retter begrüßen, dem wir nur alle Sorgen und Zweifel unſeres Herzens auszuſchütten brauchen, um es ihm dann zu überlaſſen, wie er das gefährdete Schifflein 92 Georg Volker. unſerer Hoffnung glücklich in den ſicheren Hafen ge⸗ leiten will. In dieſem Falle befand ſich Eugenia, dem Major gegenüber, und wir haben geſehen, mit welchem freiaufathmenden Entzücken ſie ſeine Ankunft auf Schloß Nellenburg begrüßte. Wie wenn ihn der Himmel ſelbſt ihr zugeſandt, ſo erſchien ihr Waldemar, der bewährte Freund, von welchem ſie wußte, daß er treu wie ein Bruder zu ihr ſtehen und ihr ſeine auf⸗ richtige Zuneigung von früher auch in dieſer für ſie ſo ſchwerbedrängten Lage bethätigen werde. Freilich war, ſeitdem ſie Waldemar zum letzten Male geſehen, eine lange Zeit verfloſſen und wie Vieles hatte ſich da nicht anders geſtaltet! Das Kind Eugenia war ſeitdem zur blühenden Jungfrau herangereift und ein neues Weſen trat in ihr dem überraſchten Manne entgegen, der ſie in dieſer hol⸗ den Umwandlung kaum wiedererkannte. Er ſelbſt hingegen erſchien Eugenien noch ganz ſo wie damals, wo er nach einem heftigen Auftritt mit dem Amt⸗ mann Leo faſt ohne Abſchied das Schloß verlaſſen hatte; und ſie würde ihn kaum verändert gefunden haben, wenn ſich auch ihm nicht die ernſten Ein⸗ drücke der jüngſten verhängnißvollen Zeit deutlich in den Zügen ausgeprägt hätten. Georg Volker. 93 Waldemar war über die Jahre hinaus, wo die Jugend noch allein Recht hat und es auch ſo lange behält, als eben ihr ſchöner glücklicher Traum dauert. Aber dafür ſtand er nun auch um ſo ſicherer in vol— ler Mannesſchönheit vor Eugenien, und die Ruhe ſeiner edlen Perſönlichkeit mußte auf den, der ihn in ſeinem vollen Werth erkannte, tiefer und nachhaltiger wirken, als des Jünglings ſtürmiſcher Enthuſtiasmus, an dem übrigens auch Waldemar einſt nicht arm geweſen war. Er war eben ein Mann im rechten Sinne des Wortes, weich von Herzen, aber beharr⸗ lich und entſchieden in ſeinen Grundſätzen, die häu⸗ fig, beſonders was ſeine eigene Lebensweiſe anbetraf, faſt allzuſtreng genannt werden konnten. Seine Bil⸗ dung und ſeine Kenntniſſe beſchränkten ſich keines⸗ wegs auf den militairiſchen Stand und deſſen Wiſ⸗ ſenſchaften; denn er hatte ſich erſt dieſem Berufe ge⸗ widmet, nachdem er ſeinen anfänglichen Plan, die ſtaats⸗ männiſche Laufbahn zu betreten, nach vollendeten Stu⸗ dien wieder aufgegeben hatte. Am Hofe galt er ſogar,“ freilich nur im Flüſtern und Achſelzucken der Schranzen, für einen Sonderling; da er dort immer nur gerufen erſchien, ſich niemals mit ſeinen Verdienſten und noch weniger mit ſeiner Verdienſtloſigkeit vordrängte und ein Feind all der noblen Paſſionen war, die gemein⸗ 9⁴ Georg Volker. hin den deutſchen Hochtory charakterifiren. Karg, wie mit ſeiner Freundſchaft, war er es auch in der Liebe, und obwohl es nicht an feinen und plumpen Schlingen fehlte, um den reichen Grafen, der ebenſo⸗ wohl ſeine Güter frei von Schulden, wie ſein Leben frei von Ausſchweifungen und leichtfertigen Aventu⸗ ren erhalten, darin zu fangen, hatte doch Waldemar einer Dame niemals eine andere Artigkeit geſagt noch erzeigt, als ſolche, die ſelbſt den leiſeſten Hoffnungs⸗ ſchimmer auf dieſes ſpröde Soldatenherz vernichten mußten. Aber ſo wenig er ſich auch in jenen hohen Krei⸗ ſen der Geſellſchaft, wo allein äußerer Glanz und innere Leere die Möglichkeit einer dauernden Eriſtenz gewähren, wohl und heimiſch finden mochte, ſo ent⸗ behrte er doch keineswegs jener feinen, wahrhaft ari⸗ ſtokratiſchen Bildung, der in allen Verhältniſſen des Lebens die erſte Berechtigung gehört. Wo Graf Waldemar auftrat, war ſeine Perſon alsbald bei allem geheimen Neide Gegenſtand der allgemeinſten Aufmerkſamkeit, und das Imponirende ſeiner Erſchei⸗ nung entſchied ebenſo vortheilhaft zu ſeinen Gunſten in den Augen der Männer, wie ſein Geiſt und ſein liebenswürdiges Weſen, trotz einer gewiſſen, oft all⸗ zuſtrengen Abgeſchloſſenheit, ihm die Herzen der Da⸗ „ — Georg Volker. 95 men gewann. Dabei beſaß kein Offizier in dieſem Grade die Liebe ſeiner Soldaten wie er; und ſein Bataillon galt für das muſterhafteſte des ganzen Armeecorps. Streng in Allem, was den Dienſt und die Disciplin anging, war er doch der Freund und Rathgeber eines Jeden, und vornehmlich war es ſeinem moraliſchen Uebergewicht über die Gemüther der Soldaten zuzuſchreiben, daß zu einer Zeit, in welcher ſich der verderbliche Einfluß des alten ſtarren Zopfthums und der Gamaſchentyrannei häufig genug in den Reihen des Militairs zeigte, das von Wal⸗ demar befehligte Bataillon faſt allein ſich frei vom Geiſte der Inſubordination erhielt und fortwährend eine ausgezeichnete Haltung beobachtete. Offiziere wie Gemeine wetteiferten, dem ruhmwürdigen Bei⸗ ſpiel, das ihnen ihr Major als braver Soldat wie als redlicher Bürger des Staates gab, nachzufolgen, und Waldemar durfte wohl dem guten Geiſt ſeiner Soldaten vertrauen, als ihn der Befehl ſeines Für⸗ ſten mit einer verhältnißmäßig kleinen Streitmacht in die ſchon halb in offenem Aufſtand begriffene Gebirgs⸗ landſchaft ſandte. Aber er ahnte nicht, daß ihn hier neben einer bis zur äußerſten Erbitterung gereizten Bevölkerung noch ein anderer Feind erwartete, der noch niemals 96 Georg Volker. in offener Feldſchlacht beſiegt wurde, und gegen deſ⸗ ſen ſcharfen Pfeil weder Bayonnette noch Kanonen, ja nicht einmal der Panzer langerprobter Grundſätze und holzgrüner Enthaltſamkeits⸗Theorieen ſchützt. Anfangs ſchien es ihm zwar, und es koſtete ihn Mühe, dieſen Eindruck zurückzudrängen, als wenn Eugenia eine gewiſſe Zurückhaltung gegen ihn beob⸗ achte und ſich nicht mehr in das alte vertrauliche Verhältniß zu ihm hineinfinden könne. Der erſten ſtürmiſchen Freude des Wiederſehens folgten einige Tage ſonderbarer Beklommenheit, die bald auch den Major anſteckte und ihn in Eugeniens Nähe, beſon⸗ ders wenn er mit ihr allein war, faſt ebenſo befan⸗ gen und unſicher machte, wie ſie ſelbſt es war, als wenn ein fremdes Etwas, dem Keins von ihnen einen Namen geben konnte, die beiden einſt ſo nah befreundeten Seelen von einander entfernt halte und es ihnen unmöglich mache, das frühere geſchwiſter⸗ liche Verhältniß wieder herzuſtellen. Was Eugenien bewegte und ſie in des Freundes Nähe beklommen machte, errathen wir leicht! War doch Waldemar der erſte und einzige Menſch, auf den ſie ihr ganzes Glück baute; denn ohne ihn, das fühlte ſie jetzt, da er ihr wieder nahe war, noch viel ſicherer als zuvor, ohne ihn war und blieb der —— N—— —— Georg Volker. 97 kühne ſchöne Traum ihrer Liebe wohl immer nur ein Traum, und ſie ſah keinen zweiten Weg, um jemals in Georg's Beſitz zu kommen. Wer anders als Waldemar konnte ihr den Geliebten retten? Ihm vor Allem mußte ſie darum vertrauen, wollte ſie überhaupt noch ihrem Glücke vertrauen; aber je ſchwerer ihr das Eine ward, um ſo unmöglicher er⸗ ſchien ihr das Andere; und was der Liebe Schmeichel⸗ laut ihrem Herzen noch jüngſt als ſo leicht und ein⸗ fach zugeflüſtert, das kam ihr jetzt, wo ſie zum erſten Mal dieſe Liebe einem andern Menſchen bekennen ſollte, ſo ſchwer und unausführbar vor, daß ſie bei— nahe an ihrer Liebe ſelbſt irre wurde und faſt über dem furchtbaren Kampf des herrlichen Sieges vergaß, den ſie noch jüngſt ſo ſtolz und zuverſichtlich geträumt hatte. Es war der erſte Schritt, den ſie zur Ausführung ihres kühnen Planes thun mußte, und wir wollen ſie darum nicht der Muthloſigkeit beſchuldigen, wenn ihr die ganze Größe ihres Wagniſſes erſt klar wurde, als Waldemar, der heißerſehnte, vor ihr ſtand und ſie ihm nun ſagen ſollte, was ſie von ihm forderte und warum ihr an Georg's Rettung ſo unendlich viel gelegen war. Der Major ſeinerſeits war, wie geſagt, bald in HI. 7 98 Georg Volker. derſelben Lage, wie die ſchöne Couſine, wenn auch freilich ſeine Stimmung einer ganz andern Urſache entſprang. Vielleicht hätten ſich ihm, wäre ihm Eugenia mit der früheren Vertraulichkeit, die er er⸗ wartete, entgegengekommen, nimmermehr alle die Betrachtungen aufgedrängt, in denen er ſich mehr und mehr verlor, bis er denn zuletzt zu dem einen ſichern Reſultat gelangte, daß Eugenia in dem Grade, wie ſie gegen ihn eine auffallende, faſt gezwungene Zurückhaltung beobachte, an Schönheit und Lieblich⸗ keit gewinne, ſo daß er beinahe gern über die ſchüch⸗ terne Jungfrau des einſt ſo holden zutraulichen Kin⸗ des vergaß. Er hatte es ja noch niemals an ſich erfahren, daß alte Freundſchaft nicht vor junger Liebe ſchützt, und je mehr er in der Couſine das frühere kindliche Weſen vermißte, um ſo mehr Recht, Gewalt und Zauberkraft gewann dafür allmählig die neue Erſcheinung in ſeinem Herzen,— mit einem Worte, er war beinahe bald überzeugt, daß er um den Preis ihres lieblichen Anblickes leicht die alte Vertraulichkeit miſſen könne. Wenn auch bei jedem unſchuldsvollen tieferen Gemüth das erſte Erwachen der Liebe ſo ziemlich von den gleichen Empfindungen und Eindrücken begleitet ſein mag, ſo ſind es doch unſtreitig andere Stim⸗ Georg Volker. 99 mungen und Situationen der Seele, welche den leichterregbaren, ſchwärmeriſchen Jüngling, und welche den gereiften, beſonnenern und weniger zu einer un⸗ bedingten Hingebung geneigten Mann bei ſolchem Herzenserlebniß ergreifen. Während die Jugend ſich ſelig dem Strome vertraut und von den Fluthen der Phantaſie leicht und glücklich an den Blumengeſtaden ihrer Sehnſucht dahintragen läßt, kämpft der ſprödere Mann, dem ſchon des Lebens Ernſt den Willen und die Kraft geſtählt hat, mit ſtarker Bruſt dem Strome entgegen und will ſich nicht gutwillig von dem Wellenſchaum ſchmeichelnder Illuſionen aus ſeinem ſicheren Standpunkt hinwegführen laſſen. Es liegt ſchon zu viel wirkliches Daſein, zu viel Vertrauen auf ſich ſelbſt, zu viel Mißtrauen gegen die Welt in ihm, als daß er ſich der ungewohnten Allgewalt der Liebe ohne Widerſtreben fügen ſollte. Und nun gar Waldemar, der weiberſcheue Ritter ohne Furcht und Tadel, an deſſen ſtahlgepanzerten Grundſätzen, was den Umgang mit dem andern Geſchlecht anbelangt, bis dahin alle Pfeile des klei⸗ nen blinden Gottes machtlos abgeprallt waren— wie hätte man bei ihm an eine ſolche plötzliche Ueber⸗ rumpelung denken ſollen! Und doch geſchah das Unglaubliche, und eines ſchönen Morgens pflanzte 76 100 Georg Volker. der Feind ſiegreich ſeine Fahne auf dem Feſtungs⸗ wall auf, und der tapfere, nur allzu ſicher geweſene Vertheidiger ſollte ſich ihm auf Gnade und Ungnade ergeben. Umſonſt zog ſich Waldemar immer kämpfend und wie ein Verzweifelter jeden Fuß breit Terrain vertheidigend, aus einer Baſtion ſeiner Moralphilo⸗ ſophie in die andere zurück; je mehr er an Ausſicht auf einen erfolgreichen Widerſtand verlor, um ſo mehr erlahmte auch ſeine Energie, und an ſich ſelbſt erlebte er das beiſpiellos Unerhörte, daß ein angehender Vierziger, ein tapferer Soldat und mannhafter Cha⸗ rakter, als hätt' ihm Pallas Athene ſelber den Muth in der Bruſt niedergeſchlagen, die Waffen von ſich warf und ſich zuletzt in ſeiner feigen Flucht auf jene labyrinthiſchen Mondſcheinspfade verirrte, wo ſonſt nur der ſchmachtende Schäfer zwiſchen Licht und Dämmerung geſchaut wird, wenn die Nachtigall ihre ſüßeſten Liebestöne aushaucht und der Abendwind leiſe im Epheu ſeufzt: „So vergehn des Lebens Herrlichkeiten!“ Ja, ſo vergehen ſie, armer Waldemar; und die Revolution, die Du zu beſiegen kamſt, warf, freilich in minder hochverrätheriſcher Weiſe, aus zwei präch⸗ tigen tiefblauen Augen ihre vernichtende Brandfackel in das ſichere Gebäude Deiner feſten Hageſtolzburg! Georg Volker. 101 Es kann nicht unſere Abſicht ſein, die Herzens⸗ geſchichte des Majors bis in ihre kleinſten Details wiederzugeben. So ſpät auch die erſte Liebe ſich bei ihm einſtellte, fand ſie doch ſein Gemüth noch jung und feurig genug, um es bald mit dem ganzen Zau⸗ berſchein ihrer frühlingsholden Wunderpracht zu er⸗ füllen, ſo daß er in dieſem Gefühl alles Andere um ſich her vergaß und der Traum von Eugeniens Be⸗ ſitz den einzigen Lichtglanz in ſeinem Leben bildete. Sein anfänglicher Widerſtand gegen die erwachende Leidenſchaft hatte dieſe nur um ſo eher Wurzel ſchlagen laſſen, und eben der hartnäckige Kampf ge⸗ gen ſein Herz vollendete, wie gewöhnlich, auch bei ihm dieſes Herzens Sieg über die kalte Verſtandes⸗ reflerion. Eugenia, einzig nur mit ſich und ihrer Sorge um den Geliebten beſchäftigt, ahnte nicht, was ſie durch ihr zurückhaltendes ſchüchternes Weſen in Wal⸗ demar's Gemüth angerichtet hatte; je mehr reizende Verwirrung ſie in ſeiner Nähe kund gab, je mehr ſie es vermied, ſich ſeinem beobachtenden Blicke aus⸗ zuſetzen, um ſo ſtürmiſcher regte ſich in Waldemar die Leidenſchaft, und die lange zurückgehaltenen, weil niemals angeregten Gefühle der innigſten Liebe for⸗ derten bei ihm immer ungeſtümer den ihnen gebüh⸗ 102 Georg Volker. renden Tribut an langen wie an lauten Herzſchlä⸗ gen, an hoffenden wie an verzweifelnden Träumen und Entſchließungen. Hätte Jemand ſeine Seele durchſchaut, er würde ihn unwillkürlich einem Geizi⸗ gen verglichen haben, der mit einem Mal ſeiner Habgier und Angſt entſagt, und nun verſchwende⸗ riſch mit vollen Händen die Schätze ausſtreut oder an eine gewagte Speculation ſetzt, nachdem er ſein halbes Leben lang darüber gewacht hat. Eugenia hätte kein Mädchen von Herz und Kopf ſein müſſen, wenn ſie länger, als ihre erſte Befan⸗ genheit währte, über den Weg hätte in Zweifel blei⸗ ben können, auf welchem allein ſie dem Major nahen und ſeines Beiſtands ſich verſichern konnte; und ſo war es denn nach einigen Tagen ängſtlicher Zweifel und Bedenken eine ausgemachte Sache bei ihr, daß nur Georg allein für ſie der Mann ſein dürfe, dem ſie ihre Liebe vertraue; der Major hin⸗ gegen ſollte bloß dasjenige über den Geliebten er⸗ fahren, was, wie ſie wußte, Waldemar's ganze Theilnahme für Volker erregen und ihm deſſen Schutz und Rettung ſelbſt zur Pflicht machen müſſe, nämlich Georg's Geburt und des Grafen Alfred tückiſchen Haß gegen den natürlichen Sohn ſeines Vaters. Vielleicht war es ein bloßer Zufall, vielleicht aber Georg Volker. 103 auch eine tiefere Uebereinſtimmung dieſer beiden, viel⸗ fach einander ſo ähnlichen Naturen, daß ſie nicht ſo⸗ bald mit ihrem Entſchluß in's Reine gekommen wa⸗ ren, als ſie auch ſchon zu deſſen Ausführung ſchritten und einander, wie man zu ſagen pflegt, auf halbem Wege entgegenkamen. Der Major bewohnte die Zimmerreihe im untern Stock des ſüdlichen Schloßflügels, deſſen Fenſter und Terraſſen nach dem Garten gingen. Als darum Eugenia eines Abends, wohl in der Abſicht, von Waldemar geſehen zu werden, an deſſen Fenſtern hin⸗ wandelte, erreichte ſie auch dieſen Zweck ſo gut, daß Jener eben noch rechtzeitig die hinter den Büſchen verſchwindende Geſtalt gewahr wurde. Jetzt oder nie! dachte er, öffnete raſch die Glasthüre und wollte ihr nacheilen, als er ſich noch beſann, daß der Zufall, ſelbſt der ſcheinbare, oft der beſte Ver⸗ bündete in ſolchen entſcheidenden Momenten iſt, und dieſer allein ſollte ihn denn auch mit Eugenien zu⸗ ſammenführen. Wie ohne Abſicht wollte er ihr irgendwo in dem großen Garten begegnen, wo mög⸗ lich an einem Platze, an dem ſie ungeſehen waren; denn der Major wußte als guter Strategiker, daß man beim Angriff auf den Feind nicht ſelten ein ver⸗ decktes Terrain einem offenen vorziehen muß, zumal, 104 Georg Volker. wenn deſſen Stärke nicht bekannt iſt und man ſelber ſich ſchwach fühlt. Eugenia hatte ſein Heraustreten, ſowie ſein an⸗ fängliches raſches Vorwärtsgehen und nachher ſein bedachtſames Abbiegen in die Allee zur Linken be⸗ merkt; auch ſie wollte bei ihrem Zuſammentreffen die Ueberraſchte ſpielen und ganz wie aus Zufall ſollte ſich das Geſpräch dann auf Georg lenken. So gingen Beide eine Zeitlang, Eins das An⸗ dere ſuchend und doch wieder vermeidend, auf ver⸗ ſchiedenen Pfaden dem einen Ziele entgegen; und die Sonne warf ſchon ihre letzten Gluthlichter durch die Büſche, als ſie ſich endlich an dem Waſſerfall zu⸗ ſammenfanden, wo Eugenia, auf einer Bank ſitzend, mit wohleinſtudirter Zerſtreutheit in das ſchäumende Wellenſpiel ſchaute, und Jenen nicht merkte, ſelbſt als er ſchon eine Zeitlang dicht hinter ihr ſtand und ſie ſeinen Schatten längſt hätte wahrnehmen müſſen, wenn ſie nur nicht gar zu zerſtreut geweſen wäre. Da ſagte er endlich:„Guten Abend, Eugenia;“ und raſch umblickend, rief ſie überraſcht:„Ah, Wal⸗ demar, eben dacht' ich an Dich!“ Und ſie hatte damit in der That die volle Wahr⸗ heit geſagt. „An mich dachteſt Du?“ rief der Major freudig . Georg Volker. 105 beſtürzt und ergriff in leidenſchaftlicher Erregung ihre Hand.„O, ich denke immer an Dich,— immer, Eugenia, jeder Herzſchlag in dieſer Bruſt iſt ein Ge⸗ danke an Dich!“ War ſchon ſeine Ueberraſchung nach dieſem auf⸗ richtigen Geſtändniß der ſchönen Couſine groß ge⸗ weſen, ſo war es die ihrige nach dieſer ebenſo zärt⸗ lichen als feurigen Herzensergießung in wo möglich noch höherem Grade. Sie wußte einen Augenblick nicht, was ſie dazu ſagen ſollte; Schrecken und Stau⸗ nen malten ſich in ihren Zügen, aber Dank dem Genius ihrer Liebe, der Moment, in welchem ſie ſo unerwartet in Waldemar's Herz blickte, gab ihr auch das rechte Wort der Geiſtesgegenwart, und mit be⸗ wegter Stimme ſagte ſie: „Ich wußt' es ja, Waldemar, daß ich Dir mehr bin, als alle die andern Menſchen, die Dich im Grunde ſo wenig verſtehen wie mich; ja, ich wußte, daß Du, Du allein mein Freund biſt in dieſer argen Welt des Haſſes und der Tücke, und darum, Wal⸗ demar, darum ſollſt Du auch der Einzige ſein, dem ich mich anvertraue, dem ich ſage, was mir den Aufenthalt in dieſem Schloſſe ſchon ſeit Monden zur furchtbarſten Qual macht, was mich bis in's Innerſte ergreift, ſo oft ich Alfred anſehe; denn wiſſen ſollſt Georg Volker- Durs, dieſer Alfred verdient nicht eines einzigen Men⸗ ſchen Achtung; er verdient, daß Jeder, außer ſeinem Amtmann, ihn verabſcheut, denn er iſt ein ſchlechter, ein grundböſer Menſch! Daß ich noch hier bin, auf dieſer Stätte des Fluches und des Laſters, o glaub' mir, theurer Waldemar, das iſt eine Pflicht, das bin ich einzig dem Unglücklichen ſchuldig, der ohne mich längſt ein Opfer der ſchändlichſten Cabale geworden wäre!“ Der Major war durch dieſe unerwartete Wen⸗ dung des Geſprächs ſo ſehr überraſcht worden, daß er, als Eugenia jetzt wie ſchaudernd vor dem, was ſie ihm in dunklen Worten angedeutet hatte, die Hände vor' Geſicht ſchlug, alles Andere vergaß und mit lebhaftem Mitgefühl ausrief: „Mein Gott, Eugenia, was iſt Dir begegnet? Alfred, o ich weiß es ja längſt— ſein Charakter iſt nicht der eines edlen Menſchen— ſprich darum ganz offen mit mir, ich werde Dich nicht nur ver⸗ ſtehen, ſondern ich werde Dir auch, das ſchwör ich bei dieſem Herzen, helfen, ſoweit es in meinen Kräf⸗ ten ſteht!“— Das war es, worauf Eugenia gewartet hatte; und des Majors Hand ergreifend und ihn neben ſich auf die Bank niederziehend, ſagte ſie gerührt: Georg Volker. 107 „Dank, Waldemar, Dank! Ja, Du ſollſt Alles wiſſen und dann entſcheiden, wie hier zu helfen iſt. Höre und lerne dieſen Alfred kennen. Es mögen etwa zwei Monate verfloſſen ſein, als ich eines Nachmittags aus Zufall in den Ritter⸗ ſaal kam, und eben betrachtete ich mir die große Rüſtlng des Grafen Bodo, welche am unterſten Fen⸗ ſter in einer Mauerniſche aufgeſtellt iſt; da hörte ich im vorderen Gemache Alfred's eifernde Stimme und trat ſchnell hinter die Rüſtung, die meine Geſtalt völlig deckte. Es war wohl ein Bischen Neugierde dabei, daß ich mich verbarg, denn ungeſehen wollte ich Alfred belauſchen, der in einem lebhaften Ge⸗ ſpräch mit dem Amtmann Leo begriffen daher kam und in heftigen Zorn gerathen zu ſein ſchien, wie ich ihn noch niemals zuvor geſehen hatte. Als Beide jetzt dicht vor mir ſtanden, hörte ich Alfted ſagen: Und Sie haben nichts, gar nichts aus den Briefen herausgeleſen, die Ihnen der Narr einhändigte? Wer ſeine Mutter war, wo und in welchen Verhältniſſen ſie lebte und wie mein Vater in dieſe unglückliche Geſchichte hinein kam? Volker's Mutter muß von Stand geweſen ſein, ſagte drauf der Amtmann. Der höchſtſelige Graf Leopold liebte ſie zärtlich, und aus einzelnen Stellen 108 Georg Volker. ihrer Briefe wage ich ſogar zu ſchließen, daß die Dame vermählt, aber von ihrem Gemahl geſchieden war; denn zur Zeit, da Volker als Sohn des höchſt⸗ ſeligen Grafen Leopold geboren wurde, lebte ſie in einer einſamen Gebirgsgegend, verbannt aus der Nähe ihres Gemahls. Sonſt fehlt jedoch alle, auch die leiſeſte Andeutung ihres Standes und Namens, und muß ihre Heimath weit von hier, ich vermuthe faſt, in Norddeutſchland geſucht werden. Ich hielt es für gerathen, dem Narren ſämmtliche Briefe un⸗ verſehrt zurückzugeben, damit derſelbe ſie wieder an ihren vorigen Platz lege. Denn hätte Volker deren Verluſt entdeckt, ſo würde er natürlich Verdacht ge⸗ ſchöpft und die andern werthvollen Papiere, darun⸗ ter das werthvollſte, die Schenkungsurkunde des Grabenhofs, welche Graf Leopold ihm als ſeinem natürlichen Sohn hinterlaſſen, aus ſeinem Schreib⸗ tiſch weggethan haben. Gut! Gut! verſetzte darauf Alfred ungeduldig, und ich ſah es ihm an, daß er wenig mit den Auf⸗ klärungen ſeines Amtmanns zufrieden war. Sie haben viel Genie, Leo, fuhr er dann fort, aber deſto weniger Glück. Es iſt nun ſchon zum dritten Mal, daß Ihnen der Verſuch mißglückt, Volker um die Urkunde und mit dieſer um den einzigen rechtsgülti⸗ Georg Volker. 109 gen Beweis von meines Vaters letztem Willen zu bringen. Einmal beſtachen Sie einen Knecht des Hofes, der aber nichts ausrichtete, und von ſeinem Herrn davon gejagt wurde; dann hatten Sie gar die Kühnheit, eine eigenhändige Brandſtiftung zu verſuchen, damit uns im beſten Falle mit der Schen⸗ kungsurkunde auch zugleich der Hof abbrenne über Ihr Feuer ging nicht an, obwohl alle Scheunen Volker's bis unter den Firſt mit Stroh und Frucht angefüllt waren. Und nun, nachdem Sie's mit dem Narren Mattelhans verſucht haben, ſtehen wir ſo klug da, wie zuvor; Volker iſt noch immer im Be⸗ ſitz der Schenkungsurkunde, und ſo lange er ſie in Händen hat, wird er auch den Hof behalten. Ich verſuch's noch einmal mit dem Narren, gnädigſter Herr! ſagte Leo zuverſichtlich. Er iſt gut, weil ihm Niemand auf dem Hof ſo viel Klug⸗ heit und Schelmerei zutraut, während doch die Aus⸗ ſicht auf fünfzig blanke Thaler ihn zum verſchlagen⸗ ſten Diebe macht; es iſt gewiß, daß Volker ſehr unachtſam iſt und nichts von unſerem Plane ahnt; damit aber Mattelhans nicht wieder ſo tolpatſchig nach dem unrechten Papiere greift, habe ich das Document, welches er uns aus dem Schreibtiſch ſei⸗ nes Herrn holen ſoll, auf das Täuſchendſte nachge⸗ 110 Georg Volker. ahmt und zeig' es ihm heute noch, damit er uns das Original bei der nächſten Gelegenheit herbei⸗ ſchafft; auch ſonſt iſt mein Plan zur Begründung einer Rechtsklage gegen die letztwillige Verfügung des höchſtſeligen Grafen fertig, alle nöthigen Papiere und Nachweiſungen ſind in vollkommenſter Ordnung, es fehlt uns nichts mehr, als daß der Narr den rechten Griff in Volker's Schreibtiſch thut, und darum bitte ich unterthänigſt, daß Erlaucht einen wieder⸗ holten Verſuch mit Mattelhans genehmigen wollen.“ Was Alfred dem Schurken hierauf erwiederte, konnte ich nicht mehr verſtehen; denn Beide entfern⸗ ten ſich wieder von meinem Standpunkt und verließen bald nachher den Ritterſaal, in den mich Volker's guter Stern zur rechten Stunde geführt hatte.“ Hier ſchwieg Eugenia; auch Waldemar ſaß län⸗ gere Zeit ſtumm neben ihr, bevor er ſeiner Ueberra⸗ ſchung wie ſeiner Entrüſtung Worte lieh, worauf er ſie mit gedämpfter Stimme fragte: „Und was thateſt Du, Eugenia, um das Buben⸗ ſtück zu vereiteln?“ 3 4 „Was ich allein in meiner rathloſen Lage thun konnte,“ verſetzte ſie.„Ich warnte Volker, vor dem Grafen und dem Amtmann auf ſeiner Hut zu ſein, und ſchrieb zu dieſem Zweck ein anonymes aber ſehr Georg Volker. 11⁴ deutliches Billet, das ich ihm von D. aus mit der Poſt zugehen ließ.“ Der Major nickte beiſtimmend mit dem Haupte und Eugenia fuhr im Ton der innerſten Bewegung fort: „Aber ich that noch mehr, Waldemar! Ich ver⸗ abſcheute von dieſer Stunde an den häßlichen Alfred wie meinen ärgſten Feind; denn wahrlich, er hat mir das Schlimmſte angethan, was mir ein Menſch zufügen konnte; er hat mir meinen glücklichen Glau⸗ ben an die Menſchheit geraubt, er hat vor meinen Blicken die Abgründe des Lebens aufgethan, an de⸗ nen ich vielleicht noch lange achtlos dahingewandelt wäre, die Abgründe der Sünde und des Eigennutzes. O Waldemar, was litt ich nicht Alles ſeit dieſer Stunde! Ich mußte mit lächelnder Miene und hei⸗ terer Unbefangenheit in der Nähe dieſer Menſchen leben; mußte es täglich hören, wie Alfred jenen armen, edlen Sohn des Schickſals, an deſſen Ruin er offen und geheim arbeitet, noch obendrein ver⸗ höhnte und verläſterte und im Gefühl ſeiner Sicher⸗ heit vor meinen Augen neue Schlingen bereitete, um Volker zu verderben. Alfred's hölliſcher Plan macht ſeiner Seele Ehre! Es iſt ſo gut als gewiß, daß ſich Volker an geheimen politiſchen Umtrieben bethei⸗ 112 Georg Volker. ligte, und ſein Feind zählt darauf, daß ihm der Un⸗ glückliche auf dieſem allerdings gefährlichen Wege früh oder ſpät in die Hände fällt. Dann aber, dann iſt Jener ſo gewiß verloren, als Alfred in dieſem Falle alle Mittel beſitzt, ihn zu verderben. Dieſer Gedanke allein hat mich aufrecht erhalten; er hat mich nach einer heftigen Krankheit, in Folge der ge⸗ habten Alteration, zum ſtandhaften Ausharren ge⸗ kräftigt und zum ſtillen entſchloſſenen Widerſtand er⸗ muthigt. Ich habe aus Alfred's eigenem Munde Alles erfahren, was er zu Volker's Verderben erſon⸗ nen hat; denn er iſt ein ſchwatzhafter Intriguant; Volker ſoll, vielleicht noch obendrein von ihm ver⸗ lockt und ſicher gemacht, auf politiſche Abwege gera⸗ then, damit Jener, wenn der Unglückliche rettungs⸗ los in ſein Verderben gerannt iſt, auf dieſe Weiſe in den Beſitz des Grabenhofs gelangt. O Walde⸗ mar, nun weißt Du Alles!“ ſo ſchloß Eugenia in bewegtem Ton ihre Erzählung,„und nun hilf, rathe, rette, wenn es in Deiner Macht ſteht! Du kennſt Volker, dieſen edlen unbeſcholtenen Mann und haſt Dich ſchon früher günſtig über ihn geäußert. Sei auch ſeine Herkunft eine dunkle, ſo viel wiſſen wir doch mit Beſtimmtheit, daß er der Sohn unſtes trefflichen Oheims iſt, von dieſem geliebt und ge⸗ Georg Volker. 113 ſchätzt wurde, und wiſſen endlich, was mehr als Alles gilt, daß er in Rechte iſt gegen einen ebenſo tückiſchen als gefährlichen Feind. Ich ertrüg' es nicht, ihn in dieſem ſeinen guten Recht gekränkt zu ſehen, und es erſcheint mir als eine heilige Pflicht für uns Beide, daß wir uns des Bedrohten annehmen und den Namen unſtes Geſchlechtes vor ſolchem Frevel bewahren! Beim Andenken unſres edeln Onkels Leopold beſchwör' ich Dich, Waldemar, gieb nicht zu, daß man einen Menſchen verfolgt und zu Grunde richtet, der uns ſo nahe ſteht und trotz ſeines bürger⸗ lichen Namens und ſeiner unbekannten Stellung in der Welt ſeinem Vater ungleich ähnlicher iſt an allen Vorzügen und Tugenden des Geiſtes und Herzens, als jener andere Bruder, der bloß den Namen und die Reichthümer von dieſem geerbt hat.“ Der Major ergriff gerührt ihre Hand und erwie⸗ derte:„Ich billige Alles, was Du ſagſt, Alles, was Du zur Rettung Volker's vorſchlägſt. Mir ſelber war er immer ein intereſſanter Mann, zu dem ich mich hingezogen fühlte, ohne eigentlich jemals in eine nähere Berührung mit ihm gekommen zu ſein. Vor Allem ſcheint es mir aber nöthig, daß wir ihn von ſeinen politiſchen Irrwegen abbringen; dann wird Niemand und am wenigſten Alfred ihm Etwas an⸗ II 8 114⁴ Georg Volker. haben können, dem ich nöthigenfalls Stirn gegen Stirn gegenüber treten werde.“ „O thu's! Thu's bald, theurer Waldemar!“ flehte Eugenia mit einem Gefühl von Sorge und ängſtlicher Ungeduld, das dem Freunde nicht entging, obwohl er freilich die tiefere Urſache davon auch nicht entfernt ahnte. Nit einem leichten Lächeln ſah ſie Waldemar an und ſagte: „Nun, Volker kann wirklich von Glück ſagen, daß er Dich zur Gönnerin hat. Aber erröthe darum nicht, liebe Eugenia! Das, was Du für Deinen Schützling thateſt und noch thun willſt, würdige ich in ſeiner vollen ſchönen Bedeutung, und hätte, ſtänd' ich an Deinem Platze, nicht anders gehandelt! Heute noch ſuch' ich Volker auf und erneuere unſere frühere flüchtige Bekanntſchaft; iſt er wirklich der Menſch, für den ich ihn halte, ſo wird es mir ſicherlich gelingen, ihm eine beſſere politiſche Ueberzeugung beizubringen. Schon manchen braven und geiſtvollen Mann hab' ich kennen gelernt, der ſich bloß aus Mangel an Lebenskenntniß und einem richtigen Blick in die deut⸗ ſchen Verhältniſſe von dem revolutionairen Taumel fortreißen ließ, und doch wieder zur beſſeren Einſicht zurückkehrte, als ihm die eigentlichen Abſichten der Georg Volker. 11⁵ Revolutionspartei klar wurden. Hätten wir Deutſche vor dem März ein geſundes öffentliches Leben, eine naturgemäße Entwickelung unſerer volksthümlichen Elemente gehabt, die Dinge und Begriffe wären nicht ſo bunt und wirr durcheinander geworfen, die Verhältniſſe nicht aller Orten ſo verzweifelt auf die Spitze geſtellt worden, wie es jetzt wirklich der Fall iſt.“ Der Major ſtand nach dieſen Worten in ſichtba⸗ rer Bewegung vom Sitze auf und fuhr fort: „Jedenfalls will ich ſogleich hinreiten, und wenn ich ihn auch heute noch nicht eines Beſſeren überführe, ſo wollen wir darum den Muth noch nicht ſinken laſſen. Wir ſind es unſrer eigenen Ehre ſchuldig, einen Menſchen nicht im Stiche zu laſſen, der uns durch ein dunkles Schickſal ſo nahe geſtellt iſt; und Onkel Leopold hat es wahrlich um mich verdient, daß ich mich Volker's mit ganzer Theilnahme an⸗ nehme.“ „ Wir haben den Erfolg, den dieſer erſte Beſuch des Majors auf dem Grabenhof hatte, in einem der vorhergehenden Capitel beſchrieben. Hätte Waldemar ahnen können, wie und unter welchen Einflüſſen des Lebens und Gemüthes Georg allmählig auf die revolutionaire Bahn geführt worden 7 8* ———— S—— 1¹6 Georg Volker. war, er wäre vielleicht in ſeinem Verſuche, ihn da⸗ von zurückzubringen, glücklicher geweſen. Aber auch ſo war ſeine Erſcheinung immethin ein bedeutſamer Wendepunkt in Georg's Leben; und wenn es auch in einem höheren Rathe beſchloſſen war, daß dieſe Hülfe ihm zu ſpät kommen und die Ereigniſſe, die er mit heraufbeſchwören hatte helfen, mächtiger ſein ſollten, als Freundſchaft und Liebe, ſo war doch, wie geſagt, Waldemars Erſcheinung bedeutſam genug, um in Volker's Seele den Bruch mit ſeinem politiſchen Menſchen vorzubeteiten. Fünftes Capitel. Im Hauſe der drei Alien hatte, wie wir ſchon früher erwähnten, Vetter Peter's und ſeiner Freunde geheimnißvolles und unheimliches Treiben eine ſo ängſtliche Stimmung der Gemüther bewirkt, wie ſie nur immer dem Moment einer großen ungewiſſen Entſcheidung vorausgehen kann. Die drei alten Weſen wagten kaum mehr zu athmen und ſchlichen Georg Volker. 117 einher wie leibhaftige Schickſalsparzen; faſt alle Lein⸗ wand des Hauſes war zu Charpie verzupft oder zu Binden und Bandagen verſchnitten, worauf ſie der Vetter in Empfang genommen, ohne daß Eine von ihnen erfahren hätte, was er damit anfangen wolle. Es war darum nicht zu verwundern, daß ein leiſer Hoffnungsſtrahl die bekümmerten Seelen erhei⸗ terte, als der Hauptmann eines Tages in einer un⸗ gewöhnlich guten und harmloſen Laune, in der ſie ihn lange nicht mehr geſehen hatten, in ihre Stube trat, und den Damen unter Lobpreiſung des herr⸗ lichen Frühlingswetters den Vorſchlag machte, heute den Nachmittagskaffee, wie ſonſt, in der Gartenlaube einzunehmen. Wie ein Echo aus einer alten glück⸗ licheren Zeit des Friedens und des gemüthlich patri⸗ archaliſchen Stilllebens hallten ſeine Worte in den Herzen der drei Lilien wider; denn es war ja zum erſten Mal in dieſem Frühjahr, daß der alte Bär zu dieſer ihm ſonſt ſo angenehmen Gewohnheit zurück⸗ kehrte und da auch ſeine übrige Stimmung in Allem dem ſonnigen Frühlingswetter draußen glich, und er dieſelbe bald durch Singen, bald durch Pfeifen an den Tag legte, ſo überließen ſich die ſanften Herzen nach manchem unter bangen Vorahnungen verlebten Tage der Hoffnung, er werde bald wieder in Allem 118 Georg Volker. zu ſeiner vorigen, ſehr präciſen und abgezirkelten Lebensweiſe zurückkehren. Hätten ſie freilich ahnen können, warum der Vetter gerade heute ſo aufgeräumt und munter war, ſie würden mit Grauen und Schrecken an die nächſte Zukunft gedacht haben. Denn auf heute, davon hatte der Hauptmann ſichere Meldung erhalten, war der Ausbruch des Bauernaufſtandes auf der ſoge⸗ nannten Altmatte im nördlichen Gebirgstheil der Grafſchaft feſtgeſetzt und noch vor Abend mußte die ſichere Kunde davon in Nellenburg eintreffen. Beim alten Bär aber weckte dieſe Ausſicht den ganzen fröh⸗ lichen Soldatenmuth ſeiner Jugend wieder auf; und je näher die Stunde kam, wo die erwartete Meldung anlangen ſollte, um ſo lebendiger ward ſein Humor, und das innerliche Vergnügen leuchtete ihm ordent⸗ lich aus den Augen. Es verrieth gewiß ein Stück Feldherrnberuf in dieſem alten Sohn der Wunderlich⸗ keit, daß ihn der ernſte Augenblick der lange vorbe⸗ reiteten Entſcheidung ſanft und heiter fand wie vor einem Feſte, ſo daß kein Menſch es ihm anſehen konnte, welche verhängnißvollen Entwürfe er, um mit Homer zu reden, in ſeiner Bruſt herumwälzte. Nachmittags kamen Volker und Germanos; man ſaß heiter und guter Dinge in der mit jungem Grün Georg Volker. 1¹9 bekleideten Laube, und die Knaſterwolken ſtiegen, gleich Opferrauch am Altare friedlicher Penaten, über dem mit der dampfenden Kaffeekanne beſetzten Tiſche empor. Nur Annli ſaß ſchweigend und gedankenvoll in dem heiteren Kreiſe neben Georg, obwohl es die⸗ ſer zur heimlichen Luſt und Augenweide der guten Lilien nicht an leiſen Liebeszeichen fehlen ließ, um den Ernſt von ihrer Stirne zu ſcheuchen; ſie drückte ihm wohl unter dem Tiſche feſt die Hand als Ant⸗ wort, daß auch das Schweigen der Liebe Sprache ſo gut wie das Reden; im Ganzen aber war es ihm doch nicht möglich, ſie ihrer ernſten nachdenklichen Stimmung zu entreißen, ſoviel ſie ſich auch ſelbſt anſtrengte, des Freundes Bemühungen entgegenzu⸗ kommen. Da kam plötzlich, zum heftigen Erſchrecken der Damen, Paul in den Garten geeilt und rief voll Beſtürzung:. „Schnell, ſchnell, Herr Vetter! Die Bauern auf der Altmatte ſind aufgeſtanden und ziehen in hellen Haufen heran! Der Befehl iſt gegeben, daß wir uns zum Ausmarſch gegen die Rebellen bereit halten ſollen. Zuvor aber wird hier am Orte und für die ganze Grafſchaft das Standrecht verkündet, alle Waffen müſſen abgeliefert werden, das Militair wird —— —— 120 Georg Volker. alle Häuſer durchſuchen und das Kriegsgeſetz ſoll ge⸗ gen Jeden verhängt werden, bei dem man noch Waffen findet. Machen Sie ſchnell, Herr Vetter, wenn Sie noch etwas Verdächtiges im Hauſe haben; es iſt auf Sie beſonders abgeſehen, man wird jeden Winkel durchſuchen!“ Im erſten Moment der Verwirrung, welche dieſe Nachricht Paul's hervorbrachte, wußte außer dem alten Bär eigentlich Niemand recht, was er vorneh⸗ men und wozu er ſich entſchließen ſolle. Die Damen jammerten und rangen die Hände, Germanos und Volker fragten und forſchten bei Paul begierig nach näheren Angaben, während Annli eine Zeitlang gleich einer Bildſäule daſaß, bis ſie plötzlich aufſprang und in's Haus eilte. Niemand hatte in der allgemeinen Beſtürzung ihre Entfernung bemerkt; der Hauptmann fluchte und wetterte über die Angſt der Fräulein, daß dieſe ſchnell verſtummten, worauf er ſich in größter Ruhe zu Paul wandte und mit einem Lächeln ſagte: „Er ſoll mir nur kommen, Dein Herr gg commiſſarius! Bei mir find't er gewiß nichts Ver⸗ dächtiges und wenn er auch jedes Mausloch recog⸗ noscirte. Was aber das Standrecht anbelangt, ſo iſt das Kriegsſitte und genirt uns nicht weiter.“ Georg Volker. 124 Dann nahm er den jungen Sergeanten bei Seite und flüſterte ihm einige Worte in's Ohr, worauf dieſer ſich wieder entfernte. Jetzt hörte man die Alarmtrommel und der Hörner Signale; Volker und Germanos begaben ſich gleichfalls hinweg, der alte Bär aber ſetzte ſich wieder ruhig an den Tiſch, hieß Adelgunden ihm eine Taſſe Kaffee einſchenken und wartete gemüthlich ab, wie ſich dieſer ihm im Grunde ſo angenehme und willkommene Zwiſchenfall weiter entwickeln werde. Annli, die wir ſo plötzlich aus dem Garten ver⸗ ſchwinden ſahen, war unterdeſſen, von einer unbe⸗ ſchreiblichen Angſt getrieben, hinauf in ihre Stube geeilt, wo ſie das ihr von Georg anvertraute Docu⸗ ment aus dem Wandſchrank nahm und es in zit⸗ ternder Haſt in ihrem Gewande verbarg. Schrecken und Betäubung hatten ſie dermaßen verwirrt, daß ſie die Gefahr, welche ihr Bruder Paul dem Hauſe als bevorſtehend ankündigte, allein auf das Papier bezog, und die Furcht, daſſelbe könne möglicherweiſe in fremde oder gar in feindliche Hände fallen, jeden andern Gedanken in ihr zurückdrängte. Sie war ſich keiner klaren Vorſtellung mehr bewußt; der Lärm, das Getöſe auf der Straße erhöhte bald noch ihre Bangigkeit und weckte in ihr ein Gefühl der Vor⸗ ——— — 122 Georg Volker. ahnung, als ſei es Georg's ganzes Lebensgluͤck, was ſie mit dem Papier aus einer drohenden Gefahr er⸗ retten müſſe. Da, in dem Moment der größten Rathloſigkeit kam ihr plötzlich ein Gedanke, welchen ſie mit ebenſo viel Entzücken als Eifer ergriff, indem ſie ſich entſchloß, das Document in der Eulobe zu verbergen, dem einzigen Orte, wo es nach ihrer Mei⸗ nung vor jeder Gefahr ſicher aufgehoben ſei. Auf nächſtem Wege eilte ſie durch die Gärten dem Walde zu, während ſchon die Alarmſignale das ganze Dorf in Bewegung ſetzten und aller Orten Waffen raſſel⸗ ten. Bald hatte ſie die Höhe erreicht, wo ſie athem⸗ los an der Marienlinde ſtill ſtand und rückwärts ſchaute. In der großen Dorſſtraße ſah ſie ſchon einzelne Militairpatrouillen, welche von Haus zu Haus wandelten, während auf dem freien Platz vor der Kirche ſämmtliches Militair unter dem Gewehr ſtand; ſie vernahm deutlich die Commandoſtimme des Majors, und wenige Minuten ſpäter marſchirte ſchon eine Abtheilung der Soldaten mit den beiden Kano⸗ nen in nördlicher Richtung aus dem Dorfe; der zu⸗ rückgebliebene Theil des Bataillons lagerte ſich vor der Kirche. Wieder eilte Annli dann vorwärts; denn nicht eher glaubte ſie das Document in Sicherheit, als Georg Volker. 123 dort oben in der Felſengrotte im tiefſtillen Wald, deren Geheimniß außer Paul nur ſie und Georg von allen lebenden Menſchen kannten. Der Gedanke, daß ſie dem Geliebten noch jüngſt feierlich gelobt hatte, nimmermehr dorthin zurückzukehren, hatte keine Furcht mehr für ſie; geſchah es doch zu ſeiner Rettung, daß ſie ihrem Gelöbniß untreu ward, und war doch, was ſie jetzt wieder hinführte, ein ganz anderer Zug ihres Herzens als vormals, da ſie dort nur für ſich und ihrer Sehnſucht Träume eine— geſucht hatte. Sie erreichte die Culobe und athmete aus erleich⸗ terter Bruſt, als ſie jetzt auf dem Steine ſaß, der ihr gewöhnlich zum Sitze diente, und die geliebte Umgebung betrachtete. Alles war unverwandelt, ob⸗ wohl es ihr beinahe vorkam, als ſei ſie ſeit Jahr und Tag nicht hier geweſen; nur noch ſtiller und heimlicher, wie von einem eigenen, heiligen Weſen umgeben, dünkte ihr heute der Ort ihrer Kindheit und ein wunderſames Flüſtern regte ſich leiſe in Büſchen und Blättern. Auch die goldgrünen Eidechſen ſpielten wieder im Mooſe und ſahen ſie mit den klugen klei⸗ nen Aeuglein ſo zutraulich an wie vordem; dazu ſang der Rothfink in hellerem Liede aus den Zwei⸗ gen des Tannenbaums ihr den alten Willkommgruß 124⁴ Georg Volker. entgegen und die lieblichen Libellen mit den dunkel⸗ blauen ſchillernden Flügeln ſchaukelten ſich gleich le⸗ bendig gewordenen Aetherträumen im Abendſtrahl auf dem Farrenkraut, unter dem der kühle Felsquell rie⸗ ſelte, verſchwanden und kehrten wieder, ohne daß das Auge ihren Flug verfolgen konnte, als ob ſie, aus Luft gebildet, auch wieder in Luft zerronnen ſeien. Nach dem eben erlebten Schrecken und wilden Waffenlärm that Annli dieſe Stille doppelt wohl und der Natur heiliger Frieden legte ſich ſchützend zwiſchen ſie und die feindliche Welt der Menſchen. Ueber den Wäldern ruhte ein Schweigen, als wenn Gottes Geiſt auch auf dieſen grünen Wogen träume; kein Wipfel regte ſich, nur das Abendgold zitterte in Purpurſtrömen über das weite Laubmeer dahin und ſchien ſich, wie trunken vom eigenen Glanze, im prächtigen Grün der Waldesluſt zu berauſchen. Da fiel Annli's Blick von ohngefähr auf den Lin⸗ denzweig, der dicht vor ihr ſtand, ohne daß ſie den⸗ ſelben bis dahin bemerkt hatte, und in freudigem Er⸗ ſtaunen bückte ſie ſich zu dem theuren Pflegling ihrer ſtillverſchwiegenen Liebe nieder; denn herrlich grünte ſchon vor ihren Augen das junge Reis, hatte an Wachsthum zugenommen und ſeine Blättet entfaltet, Georg Volker. 125 wie ja auch ihre Liebe aus dunkler Knospe ſich zum jungen Frühlingsleben aufgethan. „Hab' Dank! Hab' Dank, Marienlinde; Du haſt meinen treuen Glauben an Dich nicht betrogen!“ rief Annli, der beim Anblick dieſes glücklichen Zeichens mit einem Mal alle dunklen Sorgen der jüngſten Zeit aus dem Sinne verſchwanden.„O bleibe grün, bleibe immer friſch, wie die Lieb' in meinem Herzen, Du theures Zweiglein; einſt, wenn ich ſchon lange Jahre Georg's glückliches Weib bin, ſtehſt Du dann da als ſtattlicher Baum, und immer wieder zeig' ich Dich ihm und ſpreche: So wächſt Liebe aus der Knoſpe zum Baum, aus dem Herzen zum Glücke, weitmächtig und laubreich; o komm', Geliebter, und ruh' in ihrem Schatten.“ Dann erhob ſie ſich und ſchritt der Eulobe zu, in deren ſtiller Dämmrung ſie das Document Georg's verbergen wollte. Langſam ſchob ſie den Epheu vor dem Eingang hinweg und ſah hinein. War es nun Wirkung ihrer aufgeregten Sinne oder hatte ſie in der That den Muth verloren, die Grotte wieder zu betreten, deren Geheimniß ſie gegen den theuren Eid ihrer Kindheit an Georg verrathen; ſie zauderte län⸗ gere Zeit, bevor ſie ihre Scheu bemeiſterte und ſich hineinwagte. Ein kalter Schauer durchrieſelte ſie, 126 Georg Volker. da ſie dem Stein nahte; die Luft der Höhle kam ihr ſo ſchwül und drückend vor, daß ſie tief Athem ſchöpfen mußte, und wie mit dunklen ſchattenhaften Augen ſah ihr die Finſterniß aus dem Hinter⸗ grund entgegen, da wo die übereinander gethürm⸗ ten Felsblöcke Zwiſchenräume und Spalten bilde⸗ ten, welche vielleicht zu anderen, noch tieferen Höhlen führten. Je länger ſich Annli in dem wohlbekannten Raum umſchaute, um ſo fremdartiger erſchien ihr Alles und doch konnte ſie nicht ſagen, was ihr eigentlich daran verändert vorkam; aber die alten heiligen Erinnerun⸗ gen an dieſen Ort des ſüßen Schauers und der dämmernden Verſchwiegenheit wollten ihr nirgends mehr entgegentreten; ſie hatte ein Gefühl, als ſei ihr nun erſt die Eulobe verloren, als habe ſie ſelbſt an deren Heiligthum gefrevelt, und allen holden mährchenheimlichen Zauber, den einſt dieſe Grotte auf ihr Gemüth ausübte, leichtſinnig mit eigner Hand zerſtört. Der ſtille Tempel ihrer Kindheit war ent⸗ weiht; entflohen waren aus ihm die frommen Ge⸗ bete, die lieblichen Träume, die einſt ihr Herz an dieſer Stätte in Andacht und Rührung auflöſten, und entflohen war auch mit ihnen dieſes Herzens Ruhe und Frieden, denn die erſte Schuld, die es Georg Volker. 127 begangen, war ja eine Schuld an ſich ſelbſt und ſeinem heiligen Geheimniß geweſen. Annli mochte bei ſo widerſtreitenden Empfindun⸗ gen nicht länger in der Eulobe verweilen als nöthig war, um daſelbſt das Document Georg's bis auf ruhigere Zeit zu verbergen. Sie that dies, indem ſie dicht neben dem Eingang, da wo der Epheu in grüner Fülle von Außen in die Grotte hereinwuchs und die innere Felſenwand überkleidete, das Laub hinwegſchob und das Document in eine Vertiefung des Steins legte, worauf ſie den Epheu wieder davor breitete, ſo daß es unmöglich war, auch nur das Mindeſte von dieſem geheimnißvollen Verſteck zu er⸗ ſpähen. Dann trat ſie raſch aus der Höhle in's Freie und athmete, als ſei ihr eine ſchwere Laſt vom Herzen gefallen, leichter auf. „Gottlob, ich hab's gerettet!“ ſagte ſie und fal⸗ tete die Hände.„Da liegts nun ſicher und kein Menſch in der Welt ſucht es hier; auch ſoll es hier liegen bleiben, bis Georg ſelbſt es wieder zurückver⸗ langt; bis dahin aber ſchütze und ſchirme Du es mir, ſtille Eulobe, der ich es anvertraut habe, weil in Deine Dämmerung kein feindliches Menſchenauge dringt und nur Gott allein hinein ſieht.“ Georg und Germanos hatten unterdeſſen nicht 128 Georg Volker. abgewartet, was von Seiten der Militairgewalt im Dorfe vorgenommen werden würde; Beide begaben ſich ſogleich auf den Grabenhof, woſelbſt ſich bald noch mehrere Leute ihres Anhanges aus verſchiedenen benachbarten Dörfern einfanden. Man war über⸗ zeugt, daß die Stunde der Entſcheidung gekommen ſei und wollte ihr mit allen Mitteln gerüſtet kühn entgegen gehen. Nach allen Richtungen eilten Boten mit der Mel⸗ dung an die Vertrauten, ſich auf den Losbruch der Revolutivn gefaßt zu halten; der Hauptmann kam geritten; er war noch ſtürmiſcher und ungeduldiger als ſonſt, und der Umſtand, daß man ihm wirklich, wie Paul angekündigt, das Haus nach Waffen durchſucht hatte, trug nicht wenig dazu bei, mit ſei⸗ ner Kampfesluſt auch ſeine Erbitterung zu ſteigern. „Auf, Kinder, nun geht der Tanz los! Auf, Germanos, geſattelt und hin nach der Altmatte, daß ſie uns dort keinen dummen Streich machen, denn ſie ſind ohne Führer und warten auf Einen, den ich ihnen ſende. Ich ſelbſt aber reite ſogleich nach Staa⸗ rendorf; dort ſitzt gewiß der rothe Löwenwirth ſchon hinter'm Fenſter und ſchaut voll Ungeduld die Straße herauf, bis ich komme; von da geht's nach Kleeberg zu Kunzmichel und zum Buſchfritz; dort, wo die Georg Volker. 129 große Glocke im alten Kloſterthurm hängt, von der ſie ſagen, daß man ſie bei ſtillem Wetter durch den ganzen Odenwald höre, laſſ' ich zuerſt Sturm läuten für die Männer des Hintergebirges, und ich ſag' Euch, Kinder, keine Pelzkappe bleibt mir auf dieſes Signal zu Hauſe. Ueber den Hünneberg zieh' ich dann das Rauchthal entlang mit meiner Mannſchaft nach Trimmbach, von da gehrs nach Holz im Grund, Kirtorff und Lautern, von Ort zu Ort wächſt mein Haufen, und bis ich übermorgen Abend bei Germa⸗ nos eintreffe, hab' ich mindeſtens zweitauſend ſtreit⸗ bare Männer beiſammen, alle blutwüthige Kerle, wann's heißt: Auf nach Nellenburg! Du aber, Vol⸗ ker, nimmſt Dir Zeit zum Warten, bis wir nach Jörgenbrunn vorgerückt ſind und dort am grauen Stein Poſto gefaßt haben, wovon wir Dir unver⸗ weilt durch einen reitenden Boten Nachricht geben, der in dritthalb Stunden bei Dir ſein kann. Ohne Zweifel wird man vom Schloß aus nicht ſäumen, dem Militair Succurs nach der Altmatte nachzu⸗ ſchicken, ja vielleicht, daß der Befehlshaber mit dem geſammten Reſt nachrückt und ſo Nellenburg freigiebt. Dann iſt's Zeit, daß Ihr Euch regt und die Männer der„Eiſernen Hand“ ihre Pflicht thun; wir ſchließen das Militair von drei Seiten ein, drücken es durch KI. 9 130 Georg Volker. unſere Uebermacht in's enge Waldthal zwiſchen Ham⸗ melbach und dem Lützelhof, wo ſie nicht aus noch ein können, und wenn ſie dann nicht auf freien Ab⸗ zug capituliren wollen, den wir ihnen gern zuge⸗ ſtehen, ſo greifen wir ſie tapfer an, daß ihnen ein für alle Mal die Luſt vergehen ſoll, ſich in unſre Händel mit dem Raubritter zu miſchen.“ So ſprach der alte Bär, und es wäre wohl nicht gut geweſen, mit ihm heute anderer Meinung zu ſein; auch wurde ſein Kriegsplan nach kurzer Be⸗ rathung einſtimmig angenommen und zu deſſen ſo⸗ fortiger Ausführung geſchritten. „Es iſt ein Glück für uns Alle, daß wir endlich daran glauben muſſen,“ ſagte Germanos.„Wir conſpiriren ſchon ſeit Wochen, ſtecken die Köpfe zu⸗ ſammen und laſſen ſo die beſte Zeit ungenutzt vorüber⸗ ſtreichen. Das iſt das politiſche Unglück von uns Deutſchen, daß wir niemals den Weg vom Willen zur That finden können! Wohlan, Volker! Deinen beſten Damascener, Deinen feurigſten Rappen her! Sind unter den Bauern auf der Altmatte nur hun⸗ dert entſchloſſene Männer, ſo ſoll die Soldateska eine Schlappe kriegen, deren ſie ſich nicht zu ſchämen braucht.“ Er drückte den grauen ßriſharethu mit den ——,—— Georg Volker. 13¹ wehenden ſchwarzen und rothen Straußfedern auf den Kopf, und ſtürmte, faſt ohne Abſchied von Volker und den übrigen Freunden zu nehmen, fort; auch die Andern verließen den Grabenhof, der Haupt⸗ mann ritt nach Staarendorf zu ſeinem Freund, dem Löwenwirth; Volker aber ſandte auf ſein Begehren einen Boten nach Nellenburg, der den Lilien ſagen mußte, daß Vetter Peter wahrſcheinlich vor über⸗ morgen Abend nicht zurückkehren werde. Was Georg anbelangt, ſo hatte ihn dieſer plötz⸗ liche Eintritt der lange vorbereiteten Entſcheidung ungleich weniger überraſcht, als dies vielleicht unter anderen Verhältniſſen der Fall geweſen wäre. Die Gewißheit, daß es nun endlich zum Handeln kommen werde, erhöhte ſeinen Muth; er war entſchieden, nicht hinter den Andern an thatkräftigem Willen und ent⸗ ſchloſſenem Handeln zurückzubleiben; ja ſeine frohe Zuverſicht wuchs in dem Grade, als der Gedanke, daß nun der Würfel wirklich gefallen ſei, ihn über die letzten Bedenken und Zweifel an dem glücklichen Gelingen der Revolution beruhigte. Die Nähe der Entſcheidung, das Bewußtſein der guten Sache, und vor Allem, wir dürfen dies wohl zum Lobe ſeiner Männlichtet ſagen, die Größe der Gefahr, der er ſich ausgeſetzt ſah, gaben ſeinem Gefühl einen Auf⸗ 8. 132 Georg Volker. ſchwung, der ihn heiter und vertrauend auf die kom⸗ menden Ereigniſſe blicken ließ, und ihn, der ſchon ſo viel Verhängnißvolles erlebt hatte, was außer dem Gang der gewöhnlichen Dinge liegt, zu dem Gedanken erhob, daß eben um ſeines Schickſals willen auch dieſet Kampf durchgekämpft werden müſſe, gleichſam zur Verſöhnung ſeines ganzen Schickſals ſelbſt! Volker wurde anfangs nur von den Bege⸗ benheiten ergriffen und fortgeriſſen; aber auch ſein inneres, an Stürmen und Geſchicken ſo reiches Leben mußte bald der Gewalt der äußern Nothwendigkeit weichen, und leicht fand ein gewiſſer fataliſtiſcher Glaube in ihm in der letzteren einen innigen Zu⸗ ſammenhang mit ſeinem ganzen ſeitherigen Daſein. Da, in der Stimmung der ſicherſten Zuverſicht, traf ihn Graf Waldemar, der unangemeldet in das Zimmer trat, diesmal in voller Uniform und kriege⸗ riſch gerüſtet. Der Major ſchien ſehr aufgeregt, er drückte Vol⸗ ker's Hand und fragte haſtig, indem er ihn feſt anſah: „Wie geht's? Sind Sie noch hier? Ich dachte ſchon, Sie wären Ihrem Freund Germanos nachge⸗ ritten, der ſchwerlich ſo zurückkehrt, wie er ſai gangen iſt.“ —— Georg Volker. 133 „Ich verſtehe Sie nicht, Herr Graf,“ ſprach Georg und verfärbte ſich. „Nicht? Nun, dazu kann Rath werden,“ ent⸗ gegnete Dieſer.„Oder ſollte Ihnen vielleicht unbe⸗ kannt geblieben ſein, daß Ihr Freund Germanos an der Spitze einer Verſchwörung ſteht, wobei es auf nichts Geringeres abgeſehen iſt, als auf den Um⸗ ſturz von Thron und Verfaſſung? Sollte Ihnen unbekannt geblieben ſein, daß nicht nur anderwärts, ſondern auch hier in Ihrem eigenen Hauſe heimliche Zuſammenkünfte der Verſchworenen zum Zweck hoch⸗ und landesverrätheriſcher Unternehmungen ſtattfanden, wobei der Plan zu einer förmlichen Revolution zur Reife gebracht worden iſt? Und Sie wüßten nach alledem wirklich nicht, wohin Germanos geritten ſei? Nun, ſo will ich es Ihnen ſagen, Volker, denn ich weiß es aus ſicherſter Quelle. Zu den aufſtändiſchen Bauern auf der Altmatte iſt er geritten, mit dem Vorſatz, ſich an deren Spitze zu ſtellen und als offe⸗ ner Rebell blutigen Bürgerkrieg in dieſem armen Lande zu entzünden; Hauptmann von Bärenhorſt aber, der alte Nart, mit deſſen Umtrieben und Hetze⸗ reien die Regierung ſeit Jahren nur allzuviel Nach⸗ ſicht gehabt hat, ſtrebt auf einem andern Weg dem⸗ ſelben Ziel entgegen, wie Ihr Freund; Beide wollen 134 Georg Volker. den ihren verbrecheriſchen Plänen günſtigen Augen⸗ blick benutzen und die Fahne des Aufruhrs und der offenen Rebellion aufpflanzen; von hier,— von hier, Volker, ſind Beide fortgeritten, um vielleicht ſchon in wenigen Tagen an der Spitze fanatiſirter Bauernhaufen zurückzukehren, des Landes Geſetze, ſeinen Wohlſtand und Frieden zu vernichten und in frevelhafter Vermeſſenheit den Umſturz der beſtehenden Verfaſſung herbeizuführen.“ „In der That, das wäre mindeſtens ſehr kühn,“ verſetzte Volker, der ſich während dieſer heftigen Rede des Majors einigermaßen gefaßt und ſeine anfäng⸗ liche Beſtürzung bemeiſtert hatte. „Kühn?“ fragte Waldemar und ſah ihn groß an;„wie mögen Sie kühn nennen, wozu nur der Muth des Verbrechens gehört, der ſich zum Voraus vor Gefahr ſicher weiß? Denn ſagen Sie mir, Vol⸗ ker, wer ſoll in dieſem Augenblick Ihre Freunde ver⸗ hindern, eine Revolution anzufangen? Wo iſt das Geſstz, wo iſt die Autorität im Lande, um der Em⸗ pörung einen wirkſamen Widerſtand entgegen zu ſetzen?“ „So muß wohl die Zeit gekommen ſein, in der ſich das Gute bewährt und das Uebel ſein Ende findet,“ entgegnete Georg.„Denn wäre Deutſch⸗ Georg Volker. 135 lands Lage eine ſo glückliche und zufriedenſtellende, wie man von gewiſſen Seiten her das Volk ſo lange hat glauben machen wollen, die Revolution würde allerdings einen Widerſtand finden, der Wille des Volkes ſelbſt würde ihr entgegentreten, Geſetz und Regierungsgewalt würden nicht erlahmen, ſondern vielmehr gerade, wie der gute Anker im Sturme, ihre Kraft bewähren. Geben Sie mir aber zu, Herr Major, daß das Gottesgnadenthum unſerer Fürſten nicht mehr ausreicht, daß die Elemente unſeres Staats⸗ lebens nicht geeignet ſind, den Wogendrang der Re⸗ volution zu brechen, ſo geſtehen Sie dieſer damit die volle hiſtoriſche Berechtigung zu. Denn die Geſchichte lehrt uns—“ „Daß ihre Lehren niemals von den Menſchen beherzigt werden,“ fiel ihm Waldemar raſch in's Wort.„Laſſen wir darum die Geſchichte! Es giebt Zeiten von ſo außerordentlicher und abnormer Er⸗ ſcheinung, daß die Conſequenzen der Vergangenheit ſich unmöglich auf ſie anwenden laſſen; ſo wenig, als man aus Fieberparorysmen auf das geſunde nor⸗ male Leben ſchließen kann. Was Sie aber die hiſto⸗ riſche Berechtigung der Revolution nennen, kann ich Ihnen in gegenwärtigem Fall durchaus nicht zugeben; denn zwiſchen Revolution und Revolution iſt ein 136 Georg Volker. Unterſchied, mein Freund! Ehrgeiz, Eigennutz, über⸗ ſpannte Begriffe von Recht und Unrecht, ja ſelbſt eine falſche Vaterlandsliebe können auch eine Revo⸗ lution hervorrufen, und der Unverſtand und die Hab⸗ ſucht der bethörten Maſſen werden ihren Urhebern Beifall zujauchzen; aber bei einer ſolchen Revolution hofft Jeder für ſich zu gewinnen, Keiner denkt an das Vaterland, und die Freiheit, die ſie im Munde führen, iſt ihnen dabei im Grunde ſo gleichgültig, als das Wohl der Geſammtheit; die Beſten unter ihnen ſind noch die, welche einen reinen Zweck mit ſchlechten Mitteln zu erteichen hoffen. Was aber wird die ungeheure Mehrheit der Nation zu einer ſolchen Revolution ſagen? Wird ſie ihr eine„hiſto⸗ riſche Berechtigung“ zugeſtehen? Oder werden nicht vielmehr die Guten und Klugen bedenklich den Kopf ſchütteln, wenn ſie hören, daß dieſer oder jener ehr⸗ geizige Agitator ſich anmaßt, mit dem Schwert in der Hand und einem meuteriſchen Bauernhaufen über die heiligſten Intereſſen der Nation zu entſcheiden und das Problem der Weltbeglückung zu löſen? Und dann— und dann, Volker, was dann?!— Doch wozu der Worte, wo bereits Thaten reden! Ueberall in Deutſchland werden warnende und drohende Stimmen laut, welche dieſem Land und ſeinen ehr⸗ Georg Volker. 137 geizigen Volksführern ein Halt zurufen auf der Bahn ihrer raſenden Entwürfe; man will nicht die Republik um den blutigen Preis des Bürgerkriegs und der innern Zerriſſenheit, man will nicht eine der vielen Segnungen der Republik, wie ſie uns ihre glückver⸗ heißenden Propheten in Maſſe verkündigen!“ Nach einer Pauſe fuhr er in milderem Tone fort: „Aber laſſen Sie mich kurz ſein; ich bin nicht hierher gekommen, um mich mit Ihnen über unſere politiſche Meinungsverſchiedenheit zu verſtändigen, ſondern um Sie, den Mann meiner Hochachtung, aus einer großen Gefahr zu retten, und die Stimme der Freundſchaft, ja, wenn es ſein muß, noch eine andere Stimme mit Ihnen zu reden. Volker, Sie ſind auf dem Punkte, ſich ſelbſt und Ihr beſſeres Leben für immer zu verlieren; ich kenne Ihre ganze verzweifelte Lage; Sie haben Verpflichtungen über⸗ nommen, deren Erfüllung Sie rettungslos verderben muß. Aber es iſt nicht ohne Bedeutung für Sie, daß Ihre Freunde Ihnen auf dem unſeligen Weg vorangegangen ſind, und Sie hier noch eine Weile ſchuldlos— wenn auch nur vor den Augen der Welt ſchuldlos— zurückgelaſſen haben. Das war Ihr guter Genius, Volker, der Sie da behielt, wäh⸗ 138 Georg Volker. rend vielleicht Jene ſchon in dieſem Augenblick die ſchmale Gränzlinie überſchritten haben, welche ſeither noch zwiſchen ihren verbrecheriſchen Plänen und deren Ausführung lag. O folgen Sie ihnen nicht nach, Volker; geben Sie das wahnwitzige, tollkühne Unter⸗ nehmen auf; ich weiß aus ganz beſtimmten That⸗ ſachen, daß es mißlingen muß, daß es vor der großen Gegenwart und der noch größeren Zukunft unſeres Vaterlandes elend zuſammenſchrumpfen wird, wie eines Schülers kindiſche Arbeit, der den macedo⸗ niſchen Alexander in einer Tragödie dichten wollte und nur ein Poſſenſpiel zu Stande brachte.“ „Sind Sie deſſen ſo gewiß, Herr Major?“ fragte Georg, dem mit der Ueberzeugung, daß er ſich nicht länger mehr vor dem Grafen verſtellen könne, ſeine Entſchloſſenheit zurückkehrte.„Wie, wenn nun nicht der Odenwald allein, wenn ganz Deutſchland die Revolution unternähme, der Sie ein ſo ſchlimmes Prognoſtikon ſtellen? Wenn von Frankfurt aus, vom Parlamente ſelbſt, der Ruf zu einer allgemeinen deutſchen Volkserhebung aus⸗ ginge?“ „Dafür ſind aber weder Ausſichten noch Wahr⸗ ſcheinlichkeitsgründe vorhanden,“ entgegnete Waldemar. „Vielmehr werden die Leute, welche in Frankfurt die MWch — 3 ——. ——— Georg Volker. 139 Revolution wollen, ſo gut ihrem Geſchicke erliegen, wie ihre Geſinnungsgenoſſen an andern Orten.“ Nach dieſen Worten ergriff er Georg's Hand, und ſagte im Tone der herzlichſten Theilnahme: „Können Sie noch zurück, Volker? Blicken Sie um ſich mit dem klaren Auge des verſtändigen und beſonnenen Mannes und ſagen Sie mir, wo anders als etwa in dieſem unglückſeligen, ſeit Jahren von Parteileidenſchaften zerrütteten und gegenwärtig von Anarchie unterwühlten Lande iſt in Deutſchland eine Revolution überhaupt möglich? Und wie klein, wie ſchwach und hülflos iſt nicht dieſes Land, im Ver⸗ gleiche zu dem übrigen großen Deutſchland, das ent⸗ ſchieden keine Revolution will, und ſicher auch die Macht beſitzt, jeden derartigen Landfriedensbruch ſchwer zu ſtrafen. Verlaſſen Sie ſich darauf, Volker, eine republikaniſche Schilderhebung des Odenwaldes wird ſo wenig Anklang in Deutſchland finden, daß ſie ſchwerlich über den nächſten Gränzpfahl hinaus⸗ reicht.“ Volker entgegnete mit warmem Eifer: „Und wär' es, wie Sie ſagen, Herr Graf, wären wir wirklich der einzige deutſche Volksſtamm, der für Deutſchlands Freiheit mit dem Blut ſeiner Söhne, mit dem Mark ſeiner Ehre einſtehen müßte, 1⁴⁰ Georg Volker. würden wir darum weniger gute Patrioten ſein, wenn wir trotz alledem muthig vorangingen? Iſt's denn ein Verrath, ſein Vaterland über Alles zu lie⸗ ben, auch wenn ſonſt Niemand ihm ein Opfer brin⸗ gen will? Und muß man denn die ſchöne und große That, der die Beſten aller Zeiten und Jahr⸗ hunderte ihr Herzblut weihten, nach der Möglichkeit ihres Erfolges berechnen, gleich jeder andern Specu⸗ lation? Wäre etwa das arme gedruͤckte und geknech⸗ tete Deutſchland ſo reich an ſolchen uneigennützigen Thaten des Patriotismus und der Freiheitsliebe, daß nicht ſchon in einer einzigen ein unberechenbarer Ge⸗ winn für's Ganze liegen ſollte? Was haben denn unſere politiſchen Idealiſten, unſere Demagogen und Republikaner bis zum Jahre 1848 in's Werk geſetzt? Anſtatt ſich mit Muth und Jugendbegeiſterung der ewigen Idee des Vaterlandes zu opfern und in einem ſchönen Heldentod der Freiheit den Sieg der Zukunft zu ſichern, begnügten ſie ſich mit der Glorie des Märthrerthums und der Polizeiverfolgung; ja Man⸗ cher von ihnen, der einſt für Deutſchlands Befreiung ſeinen letzten Blutstropfen hinzugeben geſchworen und mit ſeinen Heldenthaten ganze Actenfascikel der ſchwar⸗ zen Commiſſion in Mainz angefüllt hatte, iſt heute der treuſte Anhänger und eine Stütze der Fürſtengewalt, — Georg Volker. 14⁴⁴ und eine fette Pfründe, ein Geheimehofraths⸗Titel oder ein Orden haben ihn längſt mit der ihm einſt ſo unerträglichen Tyrannei ausgeſöhnt. Und dieſe Schmach, dieſen Hohn ſollten wir Jüngeren noch einmal auf den deutſchen Namen laden? Nimmer⸗ mehr, Herr Graf! So lange noch ein Blutstropfen in mir iſt, gehört er meinem Vaterland, und ich frage nicht danach, um welchen Preis ich ihm den⸗ ſelben opfern ſoll. Ganz bin ich ſein, und iſt mir nicht vergönnt, für die Idee, der ich mich geweiht habe, zu leben, ſo kann ich doch für ſie ſterben und von einem Zurück iſt darum bei mir nimmer die Rede! Haben Sie Dank, Herr Graf, für Ihre Theilnahme an meinem Schickſal; ich weiß, daß Sie ein edler Mann ſind, und wünſche, daß Viele Ihnen in Deutſchland gleichen möchten; aber eben meine innige Hochachtung für Sie geſtattet mir, Ihnen mit aller Aufrichtigkeit zu ſagen, daß nichts in der Welt mich abhalten ſoll, das Meinige zur Befreiung des Vaterlandes beizutragen. Möglich, daß es mißglückt; daß das große Werk dieſer Zeit noch einmal in Trümmer zerfällt; aber wir haben dann doch we⸗ nigſtens einen guten Kampf gekämpft, und der⸗ einſt wird aus unſerm Gebeine für Deutſchland der Retter erſtehen, um das Wort des Dichters zu 14⁴2 Georg Volker. bewahrheiten:„Das Grab des Freien iſt der Freiheit Wiege.“ Der Major, welcher einſehen mochte, daß durch längeren Widerſpruch von ſeiner Seite Georg's Ent⸗ ſchloſſenheit eben ſo wenig wankend gemacht, als ſein Vertrauen gewonnen werden könne, ergriff mit der ihm eignen Gewandtheit und Menſchenkenntniß den rechten Moment, um in Volker eine andere Saite des Gemüthes anzuſchlagen und ihn vielleicht dadurch von ſeinem Entſchluſſe abzubringen. Er ſagte alſo plötzlich ohne allen Uebergang, wobei er Georg feſt in's Auge faßte: „Was meinen Sie, Volker, was unſer väter⸗ licher Freund, der verſtorbene Graf Leopold, zu die⸗ ſem unſern Geſpräch ſagen würde? O daß er noch lebte, der edle Mann! Jetzt, in dieſer Stunde müßt' er hier an meinem Platze Ihnen gegenüber ſtehen, mit dem milden Ernſt in den Zügen und dem ruhig ſchönen Auge; ſo, Volker, ſo würde er dann Ihre Hand ergreifen, ſo die Linke auf ſein Herz legen und etwa ſprechen: Mein lieber Sohn Georg, auch der edle Menſch kann irren und irrt oft zumeiſt da, wo er die redlichſten Zwecke verfolgt; denk Deines Schickſals, Georg—“ „Um Gotteswillen, Herr Graf, wer ſagte Ih⸗ Georg Volker. 143 nen?—“ rief Volker und wechſelte abermals die Farbe. Erſchüttert zog ihn der Major an ſein Herz und in ſeine Arme, indem er ausrief: „Georg! Georg! Dein Vater und Du um dieſes Vaters willen mein Freund, mein Bruder— o laß mich in ſeinem Geiſte zu Dir reden— frage nicht, woher ich das Geheimniß Deiner Geburt kenne; daß ich es weiß, ja noch mehr als das, ſei Dir eine Bürgſchaft meiner Liebe! O, nun rede ich zu Dir in anderer Sprache; nicht der politiſche Gegner, nicht der Offizier und Diener ſeines Fürſten, ſondern Dein Freund, Dein Bruder drückt Dich an ſein Herz und beſchwört Dich, nicht das Andenken Deines edlen Vaters, nicht den Namen zu kränken, den Dir zwar die Welt bis dahin verſagt hat, den Du aber von nun an mit mir theilen ſollſt, ſo wahr ich Waldemar von Nellenburg heiße! Komme zu uns, Georg; in unſerm Hauſe iſt noch Raum genug für Dich, Du ſollſt nicht länger uns ein Fremdling ſein; Dein Geiſt, Dein Herz, Dein ſchönes männliches Gefühl für Recht und Wahrheit, erſetzen mehr als reichlich, was Dir die Gunſt der Geburt verſagte; beſinne Dich nicht, Vetter Georg, hier meine Hand, ſchlag ein, und ich führe Dich dahin, wo Du hin gehörſt, 14⁴ Georg Volker. zu des Fürſten milder Nähe, dorthin, wo Männer von Deinem Werth und Deiner Bildung mit offenen Armen aufgenommen werden und den ihren Talenten angemeſſenen Wirkungskreis erhalten. Wie ganz an⸗ ders wirſt Du dann Deinem Vaterlande dienen, wie wirſt Du zur Hebung ſeines Wohlſtandes, zur För⸗ derung ſeiner induſtriellen und landwirthſchaftlichen Intereſſen in großen und weiten Kreiſen ſegensreich wirken können, und wie wird der Dank Deines Fürſten, das Wohl Deines Volkes Dir dafür lohnen! O komm, Vetter Georg, ſei kein Zweifler an Deiner eignen, ſchöneren Lebensbeſtimmung; Du biſt nicht zum Revolutionair geboren, Dein ſittliches Gefühl würde Dir noch in der letzten Stunde zurufen: Be⸗ gehe keinen Verrath an Fürſt und Vaterland, an Recht und Geſetz!“ Volker war durch dieſe herzliche Anſprache des Majors auf das Innigſte gerührt; aber eben die Macht des Eindrucks und das Gefühl ſeines innern Zwieſpaltes waren es, was ihn jetzt noch hartnäcki⸗ ger als zuvor die Hand von ſich ſtoßen ließ, die ihm Waldemar ſo großmüthig reichen wollte. Mit gedämpfter Stimme erwiederte er auswei⸗ chend:. „Der Himmel iſt mein Zeuge— ich kann nicht, . Georg Volker. 14⁵ ich kann Ihnen nicht folgen! Denn eben Dasjenige, was mich nach Ihrer Anſicht von der betretenen Bahn zurückführen ſollte, gerade Das drängt mich unaufhaltſam vorwärts, wird für mich zum unab⸗ änderlichen Schickſal, das ich erfüllen muß, und eine heilige Pflicht dazu, der ich mich nimmermehr ent⸗ ziehen könnte, auch wenn ich es wollte. Sie be⸗ ſchwören mich beim Andenken meines Vaters; o, wenn Sie wüßten, Herr Graf, was Sie mir da⸗ mit ſagen!“ Er hielt einen Moment inne und ſchien mit einem ſchweren Entſchluß zu kämpfen; ſein ganzes Weſen drückte die tiefſte Erſchütterung aus; er ergriff Wal⸗ demar's Hand und rief: 1 „Beim Andenken meines Vaters, bei ſeinem hei⸗ ligen Andenken, ich kann nicht anders— er ſelbſt, er ſelbſt hat mich in der letzten Minute ſeines Lebens zu Dem gemacht, was ich bin, was ich ſein muß;§ und wollt' ich auch zurück, wollt ich auch vergeſſen, was ich damals erlebte, ſeines Grabes dumpfer Ton würde mir donnernd die Mahnung an's Herz ſchla⸗ gen, ihn zu rächen; ſein brechendes Vaterauge, o,* ich ſäh' es immer, immerfort vor meiner Seele! Sie meinen, ich kränkte den Namen Ihres Hauſes? Sie fordern mich auf, dorthin zurückzukehren? Wiſſen 10 4* „ 3 — — 2— 14⁴6 Georg Volker. Sie denn aber auch, daß dieſes Hauſes Name längſt ohne mich ſchauderhaft gekränkt wurde; daß dort, wo Sie mir großmüthig eine Stätte anbieten, alle hölliſchen Dämonen mich von dannen ſcheuchen?! O wär' ich ewig ihm ein Fremdling geblieben, die⸗ ſem fluchbeladenen Hauſe; hätte nie ſeine Hallen be⸗ treten, dort, wo ein edler armer Greis in ſeiner Sterbeſtunde durch ein einziges Wort meinen ganzen Lebensfrieden vernichtete—— denn Mord, Herr Graf, Mord klang das furchtbare Wort, Mord am beſten Menſchen, und von wem?! O rathen Sie, rathen Sie, wer den Namen Ihres Hauſes durch einen Mord kränkte, wer einen ehrwürdigen Greis noch am Grabesrand langſam mit Gift hinmordete, — heute einen Tropfen, und morgen wieder einen— bis zuletzt der alte gequälte Mann genug hatte und einging zu den Hütten des ewigen Friedens!— Ich war allein in ſeiner Sterbeſtunde bei ihm; ſchon lag des Todes grauer Schleier über ſeinen halbgeſchloſſe⸗ nen Augen und kühl feuchtete ihm des Grabes Thau die eingeſunkene Stirn, da erwachte er plötzlich aus ſeinem Halbſchlummer, faßte meine Hand— und traumestrunken ſtammelte er Worte, die mir's zur furchtbaren Gewißheit machten, daß Graf Leopold vergiftet— durch Wein vergiftet ſei——“ ———— Georg Volker⸗ 147 Volker hielt hier betroffen inne; ſonderbar, kein Zug des Entſetzens und des Staunens war in dem Antlitz ſeines Zuhörers zu finden, nur ſtill und nach⸗ denkend blickte der Major ihn an und ſagte, als Georg verſtummte, mit ſchmerzlichem Lächeln: „Ja, ja, ſo war's mit dem armen Oheim; er hat den fürchterlichen Gedanken mit in's Jenſeits genommen, um dort, wo ſein Geiſt im Lichte der Verklärung wohnt, die Wahrheit zu ſchauen und den ſchwarzen Verdacht ſeinem Sohne Alfred abzubitten.“ Volker ſah den Major ſprachlos an. „Was haben Sie?“ fragte Dieſer verwundert. „Wußten Sie denn nicht, daß Graf Leopold ſchon mehrere Wochen vor ſeinem Tode, damals, als er die heftigſten Schmerzen litt, den beiden Aerzten ſei⸗ nen Verdacht ausſprach, daß er vergiftet worden ſei?“ „Cwiger Gott!“ ſtammelte Volker und faltete die Hände. „Es war unmöglich,“ fuhr Waldemar fort,„dem Kranken dieſen fürchterlichen Gedanken, der ſicher ſeinen Tod noch beſchleunigte, auszureden, obwohl die beiden Aerzte Alles aufboten, ihn durch die kar⸗ ſten Beweiſe der Wiſſenſchaft von ſeinem dunklen Wahne abzubringen; er beharrte dabei und ſeinem letzten ſchriftlichen Willen zufolge wurde daher die 10* 148„Georg Volker. Leiche in der Nacht vor der Beiſetzung in Alfred's und meiner Gegenwart einer Obduction unterworfen, zu der man mich eigens nach Nellenburg berief; die⸗ ſelbe beſtätigte vollkommen den Ausſpruch der Aerzte, daß der Graf in Folge einer chroniſchen Magenver⸗ härtung, die in Krebs übergegangen war, geſtorben ſei. Zugleich ſprachen beide Mediciner ſich überein⸗ ſtimmend dahin aus, daß dieſe furchtbare Krankheit in dem Patienten häufig Bilder der düſterſten Hypo⸗ chondrie erzeuge, und wohl eins der düſterſten von allen hat meinen unglücklichen Oheim bis zu ſeinem letzten Athemzug verfolgt! Nein, nein, Herr Volker, Sie mögen ſonſt Urſache haben, dem Grafen Alfred zu mißtrauen; aber ein Mörder iſt er nicht, den ſchwarzen Verdacht müſſen Sie aufgeben.“ Der Major hatte ſich bei den letzten Worten vom Sitze erhoben und zum Tſchakko gegriffen. Ahnte er auch nicht, in welcher verhängnißvollen Weiſe Georg durch die Nachricht von des Grafen Leopold natürlichem Tode ergriffen wurde, ſo las er doch deutlich in ſeinen Zügen, wie unerwartet demſelben dieſe Aufklärung kam, nach welcher allerdings weder von einer Rache gegen Alfred, noch von Verdacht weiter die Rede ſein konnte. Waldemar war ſcharf⸗ blickend genug, um wahrzunehmen, daß der letzte Georg Volker. 1⁴¹9 Theil ihres Geſpräches beſſer als der erſte geeignet geweſen war, auf Volker einen Eindruck zu machen; und er hütete ſich darum wohl, noch einmal auf die politiſche Frage zurückukommen. War er doch beinahe überzeugt, daß Volker, nun ihm in Betreff von dem Tode ſeines Vaters die Binde von den Augen gefallen, damit auch den moraliſchen Halt⸗ punkt und die letzte Stütze für ſeine politiſche Rich⸗ tung verloren habe; ja er wagte ſelbſt zu hoffen, daß es allein dieſer Stachel in Volkers Bruſt ge⸗ weſen ſei, welcher denſelben zum Revolutionair ge⸗ macht hätte. So verließ er ihn denn, um ſich ſogleich auf das Schloß zu begeben und der harrenden Eugenia Mittheilung von dem Erfolg ſeines heutigen Beſuches auf dem Grabenhof zu machen. Volker hatte nach ſeiner Entfernung, und nach⸗ dem er noch ſtundenlang über Waldemar's letzte Worte gebrütet hatte, ein Gefühl, als ſei in ihm Etiwas vorgegangen, wovon er ſich niemals eine klare Rechenſchaft geben dürfe, und als ſei mit die⸗ ſem Etwas ſein ganzes vergangenes Leben in einen unergrünblichen Abgrund geſunken. Der ſchwarze Schleier, den die Sterbeſtunde ſei⸗ nes Vaters über ſein Daſein ausgebreitet hatte, zer⸗ 1⁵⁰ Georg Volker. riß; aber aus dem zerſtörten furchtbaren Wahngebilde erhob ſich kein Engel der Verſöhnung, und faſt wäre Volker in Verſuchung gerathen, einem Himmel zu fluchen, der den Menſchen durch Jahr und Tag, ohne daß ihm eine Ahnung davon kommt, einem dunklen Phantome nachgehen läßt, dem derſelbe, als einem unabänderlichen Verhängniß, ſein ganzes Leben, Denken ind Fühlen dahingiebt und ſich ſelbſt der martervollſten Entſagung unterwirft, bis zuletzt der alte Wahn entflieht und ein ödes Herz in nun erſt ganz verödetem Daſein zurückläßt. Denn dieſer Wahn war in der Bruſt unſeres Freundes längſt ſo rieſengroß emporgewachſen, hatte ſo völlig ſein ganzes Innere ausgefullt, daß ſeine Vernichtung den moraliſchen Schwerpunkt in Volker's Leben ſelbſt vernichten mußte, nicht anders, als wenn ſich ihm ſeine höchſte Lebensidee plötzlich in den Schaum des Nichts und der Täuſchung verflüchtigt hätte. Georg Volker. 151 Sechstes Capitel. Das Standrecht war verkündigt; aber die Lerchen der Freiheit jubelten doch ihre Frühlingslieder in die Lüfte, und auch in der Menſchheit machte ſich das Gefühl eines von jahrelangem, ſchwerem Druck be⸗ freiten Lebens, trotz des ſtrengen Martialgeſetzes, in Worten und Thaten Luft. Der Hauptmann hatte richtig prophezeit: nicht ſobald tönte die alte Kloſter⸗ glocke von Kleeberg durch die Thäler des Hinterge⸗ birgs und läutete den Sturm in allen Dörfern wach; ſo erhoben ſich auch allenthalben die Bauern in hellen Haufen, kein wehrfähiger Mann blieb zurück, und wen der Muth nicht vorwärts trieb, den riß die Furcht um ſo gewiſſer mit dem Strome dahin. Alles, was eine Waffe tragen konnte, folgte dem Haupt⸗ mann, der es mit großer Kunſt verſtand, die unge⸗ regelten Maſſen ſchnell, wenn auch freilich nur zum Scheine, zu organiſiren, taugliche Führer auszuwäh⸗ len und ſelbſt bis zu einem gewiſſen Grade Manns⸗ zucht zu handhaben. Er erließ ſcharfe Mandate ge⸗ gen den Ungehorſam, verbot bei ſchwerer Strafe alles 152 Georg Volker. Plündern und Rauben, denn nur das Gerechte ſollte nach ſeinem Ausſpruch der Bauer fordern, weil Gott mit dem Gerechten ſei, und die Sache, um deret⸗ willen das Volk im Odenwald„ zum Schwert“ ge⸗ griffen, mit reiner Hand ausgekämpft werden müſſe. Es war ein wunderlicher Haufen, der ſich ſo la⸗ winenartig von Dorf zu Dorf vergrößerte und in der That lebhaft an die Beſchreibung erinnerte, welche uns die Chroniſten von den aufſtändiſchen Bauern zur Zeit des großen Bauernkriegs im Mittelalter hin⸗ terlaſſen haben. Wie damals, ſo war auch jetzt das Abenteuerliche und Barocke vorherrſchend, und der zum Fanatismus aufgereizte Bauer improviſirte ſich ſchnell durch allerlei ſeltſame Metamorphoſen zum Krieger und Freiſchärler. Ohne eine höhere poli⸗ tiſche Idee, Viele wußten ſelbſt nicht einmal klar, um was es ſich eigentlich handelte, war doch das Geſammtbild dieſes Aufſtandes in Maſſe ein überaus charakteriſtiſches und originelles, und kenntlich genug traten die einzelnen Individualitäten des Volkes, wel⸗ ches bis zu dieſer Stunde ein unſelbſtſtändiges, faſt willenloſes Daſein gelebt hatte, in den abenteuer⸗ lichſten Contraſten an den Tag. Jeder ſuchte ſich in dem freien ungewohnten Zuſtand, ſo gut es die Umſtände geſtatteten, zurechtzufinden und hervorzu⸗ Georg Volker. 153 thun; die alten, ſeit Jahrhunderten im Volke fortle⸗ benden Traditionen vom Krieg der Bauern gegen die Herren tauchten wieder auf; der Morgenſtern, das verroſtete Ritterſchwert, die franzöſiſche Trommel und die Koſackenlanze, oft durch Generationen das theure, faſt geheiligte Familienſtück, wurden hervorgeſucht, und um ihre Träger ſammelten ſich Hunderte von Senſen, Heugabeln und Aerten in gewaltigen Fäu⸗ ſten; ſelbſt die ſcharfgezahnte Säge, der Länge nach auf ein ſchmales Brett befeſtigt, wurde zur furcht⸗ baren Waffe für das ſouveraine Volk, das ſich tau⸗ melnd aus ſeinem alten Michelsſchlaf aufraffte, ſeine Feierkleider anzog und bald in ſtummen, bald in hellen Haufen mit düſterglühendem Racheblick erwar⸗ tungsvoll ſeinen Führern folgte, die ihm Alles, frei⸗ lich nur in negativer Weiſe verhießen, was des Bauers Glückſeligkeit hienieden ausmacht, alſo keine Steuern und keine Sporteln, keinen Amtmann und keinen Vogt, keine Auspfändung und keine Frohnde, zum Erſten und Letzten aber„Freiheit, Bildung und Wohlſtand“ im vollſten Maße und die Republik obendrein. In allen Dörfern läuteten die Sturmglocken, er⸗ tönten die noch aus den Zeiten des Befreiungskriegs vorhandenen Landwehrtrommeln, der Bauer verließ 154 Georg Volker. ſeinen Pflug, der Holzſchläger ſeinen Wald; kein Eiſenhammer pochte, kein Mühlrad rauſchte mehr; alle Geſchäfte und Werke ſtanden ſtill, Schulen und Kirchen wurden geſchloſſen, denn ſelbſt die Prediger, Lehrer und Ortsvorſtände mußten an der Spitze ihrer Gemeinden mitziehen, und höchſtens der zitternde Landjude kaufte ſich unter Spott und Hohn mit ſchwerem Löſegeld von dem bewaffneten Zuge los. Die Mädchen ſchmückten ihrer Burſchen Hüte mit buntfarbigen Bändern, die Frauen gaben ihren Män⸗ nern den letzten Sparpfennig hin, die Alten ſegneten ihre Enkel zum Kampfe für des armen Mannes Recht und Freiheiten gegen den Herrn im Grafen⸗ ſchloß, und die Kinder jubelten dem abziehenden Zuge nach bis weit zum Dorfe hinaus; es war, mit einem Wort, eine allgemeine Volkserhebung im wahren Sinne, und die alte Kloſterglocke hatte in Allem gut eingeläutet. Bald ſtanden dem Hauptmann über zweitauſend wehrgerüſtete Männer zu Gebote, mit denen er ſich zur Vereinigung mit den Aufſtändiſchen der Altmatte unter Germanos dorthin in Bewegung ſetzte. Dieſer war ſeinerſeits gleichfalls nicht unthätig geweſen; nicht ſobald auf der Altmatte angelangt, wo er von den Aufſtändiſchen mit einem donnernden Georg Volker. 155 „Hecker hoch!“ empfangen wurde, war es ſein erſtes Geſchäft, die einzelnen Bauernhaufen ſchnell zu or⸗ ganiſiren und die zum bevorſtehenden Zuſammenſtoß mit dem von Nellenburg heranrückenden Militair nöthigen Vorſichtsmaßregeln und Rüſtungen vorzu⸗ nehmen. Er hatte an achthundert tüchtige, meiſtens mit Schießwaffen verſehene Männer beiſammen, lau⸗ ter kräftige, derbknochige Bauerngeſtalten, mit denen ſchon etwas Tüchtiges auszurichten war. Am zweiten Tag nach ſeiner Ankunft verließ er mit ſeiner Schaar die Hochebene, um am ſogenann⸗ ten grauen Stein, einem alterthümlichen Kirchenge⸗ mäuer, eine feſte Poſition zu nehmen und wo mög⸗ lich in dieſer Gegend den fürſtlichen Soldaten ein Gefecht zu liefern. Gelang es hier, ſie zu ſchlagen, ſo blieb ihnen, da der Hauptmann von der Seite, Volker von hinten ſie bedrängte, kein anderer Aus⸗ weg, als ein enges, tiefes Waldthal mit ſteilen Fels⸗ wänden, wo es dann den Bauern erſt recht ein Leich⸗ tes war, ſie entweder vollſtändig aufzureiben oder zur Waffenſtreckung zu zwingen. „Halte ſie nur auf, mein Junge, bis ich komme,“ ſchrieb ihm der Hauptmann mit Bleiſtift auf einen Zettel.„Am grauen Stein iſt gutes Terrain; doch darfſt Du Dich nicht eher aus Deiner ſichern Stel⸗ —— — 156 Georg Volker. lung herauslocken laſſen, als bis ich den Feind von der andern Seite anpacke. Erſt wenn ich den Kampf aufgenommen habe, rückſt Du vor. Ihr zieht Euch links durch die Gärten von Jörgenbrunn bis an den Rauhfels vor'm Dorf; den Rücken deckt Euch der Steinbruch zur Genüge, wo Dir keine Katze hinauf⸗ klettert und oben das Buſchwerk es dem Feind un⸗ möglich macht, Euch mit ſeinen Kugeln zu erreichen. Halte Dir dabei etwa hundert bis hundertfünfzig Mann im Bergwald, links vom Dorf, in Reſerve und laß die Bauern dort einen recht gewaltigen Ru⸗ mor machen, als wären's ebenſo viel Tauſende. Da⸗ mit täuſchen wir den Feind, der ſich umgangen wähnt und, wenn wir recht zuſchlagen, keinen andern Ausweg mehr hat, als die Waldſchluchten, wo er erſt ganz die Kränk' kriegt.“ So ſchrieb der alte Bär ſeinem jungen Freund; und dieſer befolgte genau die ertheilten Rathſchläge, indem er mit ſeinen Bauernhaufen das Kirchenge⸗ mäuer und den Rand des großen unerſteiglichen Stein⸗ bruchs beſetzte, eine Reſerve von 200 Mann aber auf Seitenwegen in das ſteile Waldgebirge zur Lin⸗ ken ſandte, um von dort im entſcheidenden Moment durch einen plötzlichen Angriff den Kampf zum Vor⸗ theil der Volksſache zu entſcheiden. —,— Georg Volker. 157 Und in der That war er kaum mit allen dieſen Anordnungen zu Stande gekommen, als das von Nellenburg abgeſandte Detachement in der Stärke von circa 400 Mann anrückte und eine für regu⸗ laire und mit dem Terrain unbekannte Truppen we⸗ nig günſtige Stellung am weſtlichen Ende des Dor⸗ fes einnahm. Germanos ſandte ſogleich einen reitenden Boten an den Hauptmann mit dem dringenden Anſuchen, daß er ſeinen Marſch ſo viel als möglich beſchleu⸗ nigen möge; und einen andern an Volker, den er auffordern ließ, Nellenburg und die umliegenden Dör⸗ fer zu alarmiren, und den Major ſo lange im Schach zu halten, bis der Kampf am grauen Stein ent⸗ ſchieden, worauf der Hauptmann und er mit aller Macht gegen Nellenburg vorrücken und auch den übri⸗ gen Reſt des dort zurüͤckgebliebenen Militairs an⸗ greifen wollten. Kaum hatte Germanos die beiden Voten abge⸗ fertigt, als auch ſchon Hornſignale und gleich darauf ein lebhaftes Gewehrfeuer gehört wurden. Das De⸗ tachement hatte nämlich ſeine Plänkler und Scharf⸗ ſchützen auf verdeckten Wegen bis zu den Gärten des Dorfes vorgeſchoben; Germanos nahm alsbald den Kampf an und es glückte ihm, nach einem wenig er⸗ 158 Georg Volker. heblichen Vorpoſtengefecht, die Tirailleurs zurückzu⸗ treiben, die ſich auf ihre Linien zurückzogen. Nur ein Bauer war leicht durch einen Streifſchuß im Arme verwundet worden.— Wir verlaſſen hier den Schauplatz des bevor⸗ ſtehenden Kampfes, um uns nach einer andern Seite des lebendigen Bildes eines im vollen Aufſtand be⸗ griffenen Gebirgslandes zu wenden und in kurzen Zügen Begebenheiten und Scenen zu ſchildern, die zwar an und für ſich nichts mit dem Bauernaufruhr gemein haben, dennoch aber als eine natürliche Folge deſſelben zu betrachten ſind. Es lag einestheils in den armſeligen Verhält⸗ niſſen der unterſten Volksklaſſen jener Gegend, an⸗ derntheils in der wirklich bis zu einer erſchreckenden Höhe geſtiegenen moraliſchen Verſunkenheit des Pro⸗ letariats in den Dörfern, daß der bewaffnete Wider⸗ ſtand der erbitterten Bauern gegen ihren verhaßten Grafen bald zu dem gerechten Kampf den ungerechten geſellte, und mit dieſem zugleich ſeine unheilvolle Fahne entfaltete. Eine Menge beuteluſtiges Geſin⸗ vel, dem die allgemeine Verwirrung und Auflöſung aller geſetzlichen Bande eine willkommene Gelegen⸗ heit bot, ſich ungeſtraft nach fremdem Eigenthum umzuſehen, ſammelte ſich, auch ohne vorhergegange⸗ Georg Volker. 159 nes Complot, zu einem für die Lage des Landes mehr als gefährlichen Bunde, und zog ſengend und plündernd, unter der Firma:„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit,“ von Dorf zu Dorf, brandſchatzte ins⸗ beſondere die Juden, demolirte Amtswohnungen und Zollämter und vermehrte ſo die allgemeine Verwir⸗ rung in höchſt bedenklicher Weiſe. Es war ſo zu ſagen, die Revolution in der Revolution, dem ſchmutzi⸗ gen Bodenſatz in den wildaufwirbelnden Wogen der Volkserhebung zu vergleichen; jene Revolution, die ſich mit ihrer moraliſchen Berechtigung einzig und allein an den Beutel des Begüterten hält und die weltbeglückenden Theorieen des großen Staatsökonomen und Philanthropen Heinzen in der Praris zu den Reſultaten eines Schinderhannes und Conſorten zu⸗ rückführt. An der Spitze dieſer gefährlichen Revolutionairs ſtand jener berüchtigte Konrad Buhl, der uns aus früheren Capiteln bekannt gewordene Zuchthausſträf⸗ ling, jetzt in Wahrheit der Schrecken der Freiheit, wie er vormals der des Kerkers geweſen. Sein Name hatte ſich ſchnell im ganzen Odenwald eine furchtbare Celebrität errungen und das Zuchthaus ihm in Kurzem einen Nimbus verſchafft, der ihn auch ohne beſondere Fähigkeiten und Talente zu einem 160 Georg Volker. der gefürchtetſten Häupter des Odenwälder Bauern⸗ aufſtandes machte. Alles, was der Juſtiz aus dem Wege ging, ſtrömte ihm zu: Diebe und Mordbren⸗ ner, Bettler und Vagabunden ſchaarten ſich unter ſeiner blutrothen Fahne, und gleich einem Schwarm hungriger Geier, die inſtinktartig dem Heere nach⸗ ziehen, wenn daſſelbe zur Schlacht ausrückt, ſchuf die Revolution jenes aus Grimm, Hunger und Laſter zuſammengeſetzte Heer von„Geſtalten,“ vor denen Herr Baſſermann in den wilden einſamen Schluchten des Ovenwaldes ſicherlich noch mehr erſchrocken wäre, als unter den Berliner Linden auf heller volksbeleb⸗ ter Straße. Rach⸗ und beutegierig lauerten dieſe Menſchen auf die Gelegenheit, wo ſie ſich als„ernſt⸗ hafte Beſtien“ auszeichnen konnten, und den Satz des Zauberlehrlings: „Die ich rief, die Geiſter Werd' ich nun nicht los!“ ſollten ſich bald die Anſtifter und Führer der Revo⸗ lution mit vollem Rechte zurufen. Denn während die Edlen im Volke in reiner Begeiſterung und Va⸗ terlandsliebe ſich im Kampf für die Freiheit abmüh⸗ ten, war auch ſchon das unheilvolle Zauberwort ge⸗ ſprochen, welches die Mächte der Finſterniß und des Verderbens wach rief, die nun, als Jene noch kühn Georg Volker. 161 und hoffnungsreich den Dom der Freiheit in den Himmel bauten, ſchon das Fundament deſſelben un⸗ terwühlten, und das heilige Götterbild in rohem Bar⸗ barenübermuth entweihten, noch eh' es der Menſch⸗ heit ſein reines Antlitz entſchleiert hatte. Aus leicht begreiflichen Gründen war es vor⸗ nehmlich das gräfliche Schloß und ſeine weithinſtrahlende genugſam verlockende Pracht, nach welchem jenes Ge⸗ ſindel mit raubgierigem Blicke hinüberſchaute, unge⸗ duldig auf den Moment lauernd, wo man dort einbrechen und ohne Widerſtand nach Herzensluſt ſengen und plündern könne. Seit ſeinem verunglückten Racheplan gegen ſeinen Feind, den Müller, hatte Konrad Buhl nicht nur dieſem, ſondern auch ganz Nellenburg ſammt dem Schloß und dem Grabenhof Verderben geſchworen, und nur die Anweſenheit des Militairs hielt den Böſewicht ab, ſeine ſchrecklichen Drohungen auszu⸗ führen. An demſelben Tage, wo ſich am ſogenannten grauen Stein der erſte Kampf zwiſchen den Volks⸗ ſchaaren und dem Militair vorbereitete, erhielt der Major gegen 3 Uhr Nachmittags eine Ordonnanz von dem jene Truppenabtheilung commandirenden Haupt⸗ mann, worin ihn derſelbe von der feſten Stellung I. 11 162 Georg Volker. des Feindes und deſſen Uebermacht benachrichtigte und dringend um Verſtärkung bat. Kaum hatte Waldemar dieſen Bericht geleſen, als ein neuer Bote in den Schloßhof geſprengt kam, mit der Meldung, daß das Gefecht wirklich begon⸗ nen hätte und die rebelliſchen Bauern in großer Ueberzahl von allen Bergen gegen die Truppen des Fürſten heranrückten. Der Hauptmann meldete ſei⸗ nem Vorgeſetzten, er hoffe ſich noch bis zum Anbruch der Nacht in ſeiner Stellung zu behaupten und wolle dann, von der Dunkelheit begünſtigt, verſuchen, durch ein enges Waldthal den Rückzug anzutreten. Waldemar eilte mit dieſer ſchlimmen Nachricht zum Grafen Alfred, deſſen Rathloſigkeit faſt ebenſo groß war, als die Ohnmacht, womit er gegen die rebelliſchen Bauern, freilich nur in Flüchen, Verwün⸗ ſchungen und Drohungen wüthete. Auch er hatte von andern Seiten ſchlimme Botſchaft erhalten. Ueberall, ſo lauteten die Berichte, ſei rings das Land in vol⸗ lem Aufruhr und zahlreiche bewaffnete Bauernſchaaren rüſteten ſich zum Zuge gegen das Schloß. „Hier muß ein ſchneller Entſchluß gefaßt werden,“ ſagte Waldemar.„Ich kann meine wackern Solda⸗ ten nicht im Stich laſſen und eile darum ſogleich zu ihrem Beiſtand dorthin, wo die Gefahr jedenfalls —,— —,— Georg Volker. 163 am größten iſt. Gelingt mir, wie ich hoffe, die Vereinigung, ſo ſind wir ſtark genug, uns hier zu halten, bis uns Hülfe aus der Reſidenz kommt, und wir dadurch in den Stand geſetzt werden, die Offen⸗ ſive zu ergreifen und den Auftuhr mit Nachdruck zu dämpfen.“ „An den Galgen mit den Schurken, decimirt müſſen ſie werden!“ rief der Graf wuthſchäumend. „Geduld, lieber Vetter, übereilen wir uns nicht,“ verſetzte Waldemar mit bitterem Lächeln. Es iſt hier noch ſehr die Frage, wer gehängt wird. Der Bau⸗ ern Sache iſt, mein' ich faſt, gerechter, als daß ſie mit Galgen und Füſtladen unterdrückt werden könnte. O hätten Sie mir vor Jahren gefolgt, Vetter, als ich Ihnen rieth, die Feudallaſten nach freier Ueber⸗ einkunft mit Ihren Unterthanen zu beſeitigen, gewiß, Sie ſäßen heute ſo ruhig auf Ihrem Schloß, wie drüben Ihr Nachbar Graf Lindenſtein. Damals ſagte ich Ihnen, was heute ſich erfüllt—“ „Wie ſo? Was meinen Sie eigentlich?“ fragte der Graf ſichtbar betreten. „Fragen Sie Den da, Vetter, er wird Ihnen am beſten ſagen, wer den Galgen verdient,“ er⸗ wiederte Waldemar und deutete auf den eintretenden Amtmann Leo, der, ohne auf dieſe Worte des Ma⸗ 4 164 Georg Volker. jors zu hören, mit allen Zeichen der Beſtürzung ſei⸗ nem Gebieter nahte und vor Angſt und Athemloſig⸗ keit kaum zu ſprechen vermochte. „Was haben Sie, Leo? Sie ſind ja ganz ver⸗ ſtört! Reden Sie, was iſts, was giebt's, was wird's? Wo ſtehen die Rebellen?“ W Graf Alfred. „Wollte Gott, ſie ſtänden— da oder dort!“ ſtotterte der Amtmann.„Aber es iſt anders, gnä⸗ digſter Herr, der Teufel hat ſeine Hand im Spiele und hilft den Bauern—“ „Was? Was?“ ſchrie der Standesherr und faßte Leo's Arm. „Wie ich ſage, gnädigſter Herr,“ fuhr Dieſer fort;„ſoeben kommt ein Bauer von Jörgenbrunn, der Augenzeuge des Kampfes war, und erzählt, daß das Militair nach zweiſtündigem, höchſt muthvollem Widerſtand, von der Uebermacht der Aufrührer ge⸗ drängt, mit Verluſt von drei Todten und mehren Verwundeten, ſeine Stellung am grauen Stein ver⸗ laſſen hätte.“ „Beſiegt?“ rief Waldemar erſchrocken. „Mehr als das, Herr Graf,“ verſetzte Leo. „Der Bauer, der mir dieſe Hiobsbotſchaft bringt, ſah mit eignen Augen, mit welchem Heldenmuth die Georg Volker. 165 Soldaten den unter furchtbarem Geheul anſtürmen⸗ den Bauernhaufen Widerſtand entgegenſetzten.— Schon hatten ſich die Tirailleurs in den Dorfgärten feſtgeſetzt, und unterhielten von da ein mörderiſches Feuer gegen den Feind, als plötzlich, mitten im ent⸗ ſcheidenden Augenblick, dreizehn Soldaten, darunter der Sergeant Paul Werle von hier, des alten Bären⸗ horſt's Pflegeſohn, zu den Aufrührern übergehen, unter dem Ruf:„Es lebe die Republik!“ und durch dieſe unerhörte Frevelthat den Kampf zum Vortheil der Aufrührer entſcheiden. Noch glückte es dem Militair, durch einen ebenſo raſchen als wohlgeord⸗ neten Rückzug, an dem Fuße des Waldgebirges hin, die freie Ebene wieder zu gewinnen, denn faſt hätte die Ueberzahl des Feindes ihm dieſen letzten Weg der Rettung abgeſchnitten und die tapfern Truppen in das enge Waldthal gedrängt, wo ſie unfehlbar verloren geweſen wären.“ „Unmöglich! Unmöglich!“ rief Waldemar erſchüt⸗ tert;„ſo niederträchtig ehrlos handelt keiner meiner Soldaten, ich ſage Ihnen, Amtmann, keiner!“ „Geruhen der Herr Graf nur höchſtſelbſt den Boten zu vernehmen,“ erwiederte Dieſer.„Er iſt ein zuverläſſiger Mann und ſah es mit ſeinen Augen, wie die Soldaten mit den Rebellen fraterniſirten. Georg Volker. Gleich nach dem Abmarſch des Militairs rückten die Bauern brüllend und jauchzend mit den dreizehn fahnenflüchtigen Soldaten in Jörgenbrunn ein und fingen an ſich in Branntwein zu berauſchen; Paul Werle aber lief wie ein Raſender mit blankem Säbel durch's Dorf und ſchrie:„Sauft Blut! Sauft Blut, ihr Hunde!“ „Paul Werle, der beſte Soldat im Bataillon!“ rief der Major.„Nein! Nein! Nein! Das hat der Bauer falſch geſchen„oder,“ fügte er mit einem durchbohrenden Blick auf Leo hinzu,„es müßte denn ſein, wie Sie ſagen, Amtmann, und der Teufel wirklich ſeine Hand hier im Spiel haben. Doch was zögern wir noch! Der Feind rückt mit Macht heran, eilen wir darum, ihn zu vernichten, eh' ein neuer Vortheil ihn uns noch furchtbarer macht! Vetter Alfted, bleiben Sie ruhig mit den Damen auf dem Schloß; noch iſt keine Gefahr für Sie vor⸗ handen; denn im ſchlimmſten Fall ziehe ich mich vor der Uebermacht mit meinen Truppen auf's Schloß zurück und die Rebellen werden ſich wohl beſinnen, ehe ſie uns in dieſer ſichern Poſition angreifen.“ Nach dieſen Worten eilte Waldemar fort, ſchwang ſich auf's Pferd und ſchon nach wenigen Minuten ertönte im Dorfe der Generalmarſch. —— — ——— Georg Volker. 167 Der regierende Graf war nach des Majors Weg⸗ gang gegen ſeine Gewohnheit ſehr einſylbig gewor⸗ den; er ſtand, dem Amtmann den Rücken zugekehrt, am Fenſter und ſchien eine Zeitlang in tiefes Nach⸗ denken verſunken. Plötzlich wandte er ſich haſtig zu ſeinem Juſtitiarius um und fuhr denſelben zornig an: „Worauf warten Sie noch? Hab' ich Ihnen nicht geſagt, daß Sie nach dem Forſthaus eilen und den Förſter ſammt ſeinen Jägern mit ihren Büchſen auf's Schloß beſcheiden ſollen?“ „Cw. Erlaucht geruhen ſich zu irren,“ ſtotterte Leo;„ich erhalte erſt jetzt dieſen Befehl.“ „Erſt jetzt? Was wollen Sie mit Ihrem„Erſt jetzt?“ rief der Graf und ſtampfte wüthend mit dem Fuße.„Müſſen Sie zu Allem einen ausdrücklichen Befehl haben? Können Sie nicht auch ſo wiſſen, was Ihre Pflicht iſt? Auf der Stelle holen Sie den Förſter— auch die Amts⸗ und Forſtkaſſen müſ⸗ ſen noch heute Abend auf's Schloß gebracht werden, verſtehen Sie mich, Sie alter Erſtietzt?!“ Der Amtmann, den die Furcht vor den rache⸗ ſchnaubenden Bauern völlig aus dem Concept ge⸗ bracht und der ſchon ſeit einigen Tagen eine bedenk⸗ liche Geiſtesverwirrung gezeigt hatte, wollte ſich hier⸗ auf noch mit irgend einer Frage oder Entſchuldigung 168 Georg Volker. an ſeinen ſehr ungnädigen Herrn wenden, hatte je⸗ doch kaum einige Worte hervorgeſtammelt, als ihn der Graf an der Kehle packte und wüthend ausrief: „Schurke! An all dem Unheil ſind Sie allein ſchuld, Sie und Ihre verfluchte Fratze, und wollen mich jetzt noch dupiren! Auf der Stelle ſchaffen Sie mir den Förſter und die Kaſſen!“ Bei dieſen Worten riß der Graf die Flügelthůr nach dem Corridor auf und ſchleuderte den ſaumſeli⸗ gen Vollſtrecker höchſter Befehle mit eigner Hand hinaus,— wohl die einzige, vielleicht letzte Beför⸗ derung, auf welche der treue vieljährige Diener eines erlauchten Standesherrn noch zu hoffen hatte, nach⸗ dem der Letztere endlich zu dem Entſchluß gelangt war, die Feudallaſten nach„freier Uebereinkunft“ mit ſeinen Unterthanen zu lindern. — Der Abend dämmerte ſchon, als des Amt⸗ manns hagere Geſtalt, tiefgebeugt unter dem Gewicht der höchſten Ungnade, den Bergpfad hinankeuchte, um den Förſter und deſſen Leute auf's Schloß zu beſtellen. Die eben erlittene Mißhandlung empörte ſein Innerſtes, und je weiter er ſich vom Schloß entfernte, um ſo wilder kochte der Grimm in ſeiner Bruſt auf, ſo daß er zuletzt allen ſchuldigen Reſpect vergaß und mit halblauter Stimme, knirſchend vor Georg Volker. 169 Wuth, die unehrerbietigſten Redensarten gegen ſeinen gnädigen Herrn, den Grafen, ausſtieß. Dazwiſchen vertheidigte er ſich wieder in lebhaftem Selbſtgeſpräch gegen die ihm gemachte Anſchuldigung der alleinigen Urheberſchaft des Bauernaufſtandes, zählte ſeine Verdienſte auf, und bohrte ſich mit ſeinem Ingrimi ſo tief in die Vorſtellung von ſeiner Unſchuld und treuerfüllten Amtspflicht hinein, daß er zuletzt wuth⸗ ſchäumend das ſpaniſche Rohr drohend gegen das Schloß erhob und ausrief: „So wollt' ich, daß ihm die Bauern das Neſt an vier Ecken anſteckten und er müßte darin verbren⸗ nen, ſo wie's der Buhl dem Müller zugedacht hatte, daß Alles die Schwerenoth hätte und ich das Hunde⸗ leben für immer los wäre! Aber wer weiß, was geſchieht, wenn ihm die Rebellen übern Hals kom⸗ men; allzuhöflich werden ſie, weiß Gott! nicht mit ihm umgehn, denn ſo ein Bauer hat den Satan im Leib, wann er erſt mal Courage gekriegt hat. Meinethalben; ich werd' ſchon wiſſen, mich im rech⸗ ten Augenblick zu ſalviren. Verhungern thu' ich nicht, dafür iſt geſorgt, und die Penſiton kann ich ſchon entbehren. Der Teufel auch! Wozu hätt' ich denn zweiundzwanzig Jahre lang einer hochgräflichen Standesherrſchaft die Kaſtanien aus dem Feuer geholt, 17⁰ Georg Volker. wenn ich nicht auch ein Bischen an mich hätte den⸗ ten wollen! Nein, geſtrenger Herr Graf, ſo dumm war der Amtmann Leo nicht und hat noch etwas mehr als die Grobheiten und Sottiſen ſeines gnä⸗ digen Herrn ruhig eingeſteckt. Ha! Hal Am Ende leiſten mir gar die Bauern mit ihrer Rebellion noch einen Dienſt; denn ſo komm' ich mit guter Manier über den Receß hinaus und die Kaſſendefecte werden der Revolution in's große Buch geſchrieben.“ Unter dieſem würdigen Selbſtgeſpräch hatte der Amtmann des Berges Höhe erreicht und wandelte gedankenvoll am Saume des Waldes hin, als er plötzlich hinter ſich viele Stimmen hörte, von denen einige ſeinen Namen riefen. Wie er zurückblickte, ſah er einen Haufen von mindeſtens dreißig Bauern, die mit gewaltigen Knütteln bewaffnet, auf der andern Seite des Berges, vom Grabenhof her, gegen ihn anſtürmten. An der Spitze der unheimlichen Schaar erkannte er den furchtbaren Konrad Buhl, der ihm ein donnerndes Halt! Halt! zurief. Nicht allein das verdächtige Ausſehen der wilden Geſellen, ſondern auch ihre drohenden Pantomimen und einzelne Ausrufe kündigten dem Amtmann hin⸗ länglich an, weſſen er ſich zu verſehen haben würde, wenn es ihm nicht noch rechtzeitig gelingen ſollte, —.— Georg Volker. 171 ſich durch eilige Flucht zu retten. Der ſchreckliche Buhl hatte ihm, das wußte er, den Tod geſchworen, und ſeit dem Mühlenbrand lebte Leo in einer beſtän⸗ digen Angſt vor dieſem rachſüchtigen Menſchen. Ohne ſich darum lange zu beſinnen, ſetzte er über den Graben in das Dickicht des Waldes und eilte ſo raſch vorwärts, daß er ſchon eine ziemliche Strecke zurückgelegt hatte, als ſeine Verfolger erſt auf der Höhe anlangten. Bald kündigte ihm ihr erneutes Geſchrei an, daß die Bauern ſeine Spur verfolgten, und in Todesangſt lief er abermals vorwärts, mußte jedoch ſchon nach einer Viertelſtunde zu ſeinem Schrek⸗ ken inne werden, daß der Wald ſich zu lichten be⸗ gann und das drohende Geſchrei ſeiner Verfolger ihm immer näher kam. Er hörte deutlich die furcht⸗ baren Flüche Buhl's und ſtrengte darum ſeine letzten Kräfte an, um dem ſchrecklichen Loos der Volksjuſtiz zu entgehen. Indem er ſeine anfängliche Richtung verließ, wandte er ſich mehr rechts einem dicht be⸗ wachſenen jungen Tannenſchlag zu; doch kaum ſchien es möglich, hier durchzudringen, und nur der Gedanke, dem rachſüchtigen Buhl in die Hände zu fallen, ließ den gehetzten Amtmann dort ſeine letzte Zuflucht ſuchen. Ohne auf ſeine blutenden Hände und das von den Dornen zerriſſene Kleid zu achten, drängte er ſich 172 Georg Volker. durch das dichteſte Gezweig, dem gejagten Hirſche zu vergleichen, hinter welchem eine wilde Meute her iſt. Gewaltſam brach er ſich eine Bahn durch das faſt undurchdringliche Gehölz, und gelangte endlich, zum Tode erſchöpft, auf einen freieren, rings von jungen Tannenwaldungen umgebenen Platz, der ganz mit Haidekraut bewachſen war und auf welchem nur einzelne ſchlanke hohe Tannen zerſtreut ſtanden. Einen Moment lauſchte der Amtmann athemlos rückwärts und gewahrte zu ſeiner Freude, daß das Geſchrei ſeiner Verfolger immer ſchwächer und ent⸗ fernter ertönte, ein Zeichen, daß er ihnen einen tüch⸗ tigen Vorſprung abgewonnen hatte. In dem Augen⸗ blick aber, da er ſich zur weiteren Flucht anſchickte, erhob ſich plötzlich, nur wenige Schritte von ihm entfernt, von einem gelben Sandhügel die Geſtalt eines unheimlich ausſehenden Menſchen, der mit einem lauten Schrei auf ihn zuſtürzte. Des Amt⸗ manns ohnedies ſchon lebhaft aufgeregte Phantaſie ſah im erſten Eindruck des neuen Schreckens in dem Menſchen einen jener wilden Genoſſen Buhl's, der ihn aufhalten und ſeine fernere Flucht verhindern wolle; aber ſchon im nächſten Moment erkannte er ſeinen Irrthum, denn Niemand anders war es, als Mattelhans, der friedliche Narr vom Grabenhof, — ——————— Georg Volker. 173 und wie ein Blitz kam Leo der Gedanke, ihn zu ſeiner Rettung zu gebrauchen. Er eilte raſch auf ihn zu, drückte ihm freundlich die Hand, worauf der Narr ein lautes Freudengeſchrei ausſtieß, auf den Sandhügel ſprang und ein über's andere Mal tiefe Bücklinge vor dem geſtrengen Herrn Amtmann machte, als wiſſe er die ihm erzeigte Ehre nicht ge⸗ nug zu würdigen. Dann erzählte er dem Amtmann eine dieſem völlig unverſtändliche Geſchichte von der Frau Eule, hoch oben im Felſenloch, die mit feuri⸗ gen Augen das rothe„Ding“ bewacht habe; er aber hätte es ihr doch geſtohlen, weshalb er nun die ihm verſprochenen dreißig blanken Thaler haben wolle und—— mit dieſen Worten zog er kichernd aus der Bruſttaſche ſeines zerlumpten Kittels jenes ver⸗ hängnißvolle Document hervor, das der Amtmann auf den erſten Blick als die Schenkungsurkunde des Grabenhofs erkannte. Starres Erſtaunen bemächtigte ſich Leo's, mit zitternden Händen griff er haſtig nach dem Document, riß das Papier aus dem rothen Umſchlag,— ja, es war die Schenkungsurkunde des verſtorbenen Grafen Leopold, von dem Amtmann ſelbſt ausgefertigt, das einzige rechtsgültige Document, welches Volker den Grabenhof ſicherte. Der Amtmann wollte vor Freude„Staunen und Georg Volker. Ueberraſchung ganz aus der Faſſung gerathen, und vergaß ſelbſt über dem endlichen, ſo unerwarteten Gewinn der Urkunde einen Augenblick die große Ge⸗ fahr, der er vielleicht noch nicht einmal entronnen war. Was Jahre lang ſein ganzes Dichten und Trachten geweſen, er hielt es mit einem Mal in ſei⸗ ner Hand; es war kein Zweifel, daß ein unbegreif⸗ licher Zufall beſſer als alle ſeine Tücke, alle ſeine Verſchlagenheit ihn zum Ziele geführt hatte, und faſt hätte er den Narren, der ihn laut lachend umtanzte, in der erſten Freude ſeines Herzens in die Arme ge⸗ ſchloſſen. Er gab hin, was er Werthvolles und Glänzendes bei ſich trug, ſeine Börſe, ſeine Uhr, ſeine ſchwere Kette mit den reichen Berloken, ſeinen goldnen Siegelring, Alles warf er dem Mattelhans haſtig zu, der bei jeder neuen Gabe ſeines freigebigen Gönners einen hellen ſchneidenden Freudenſchrei aus⸗ ſtieß und mit unbeſchreiblicher Gier die prächtigen Geſchenke, beſonders die Uhr betrachtete, die er immer wieder von Neuem an's Ohr drückte und dabei ein über's andere Mal jubelnd„Ticktak! Ticktak!“ rief. Es wäre ſchwer zu ſagen, wer von Beiden in dieſem Augen⸗ blicke der Glücklichere war; denn Beide hatten ja Alles in reichlichſtem Maße, was ihr höchſtes Wün⸗ Georg Volker. 175 ſchen und Begehren ausmachte, der Narr eine Uhr, der Amtmann das Document! Da hörte der Letztere plötzlich in ſeinem Wonne⸗ rauſch die Stimme Buhl's und ſeiner Genoſſen durch den Wald erſchallen; der furchtbare Feind mußte neuerdings ſeine Spur im Tannengehölz aufgefunden haben und verfolgte dieſelbe nun mit der Hartnäckig⸗ keit eines beutegierigen Raubthiers. Schnell riß Leo ſeinen Rock aus und warf ihn dem Mattelhans zu. „Gieb mir Deinen Kittel,“ rief er mit erheuchel⸗ ter Freunblichkeit;„Alles ſollſt Du haben, braver Mattelhans, ſchöne Kleider, ſchönen Hut, ſchönen Rock mit ſilbernem Knopf,— da, da, ſollſt ſelbſt ein Amtmann werden, daß alle Leute weit die Augen aufreißen vor dem reichen, ſtattlichen Mattelhans, nimm nur, gieb nur her, ſo recht; gleich kommen Bauern an dieſen Platz, Du aber biſt ein großmäch⸗ tiger Amtmann geworden, nimmſt den Stock da, hauſt die Kerle tüchtig durch, ha! ha! fürchten ſich vor dem neuen Amtmann, die dummen Bauern, lau⸗ fen auf und davon, ha! ha!“ Mattelhans ließ ohne Widerſpruch Alles mit ſich vornehmen, was der Amtmann wollte, der ihm ſelbſt den Rock anzog, den Hut aufſetzte und ſein ſpan⸗ 176 Georg Volker. ſches Rohr in die Hand gab. Keine Minute brauchte es, ſo war die merkwürdige Metamorphoſe vollendet. Leo ſchlüpfte in des Narren armſeliges Bettlerkleid und floh dann ſo eilig nach der entgegengeſetzten Seite der Waldlichtung in das Tannengehölz, daß der arme Narr, der ſich in der ſtattlichen Erſcheinung des ge⸗ fürchteten Amtmanns von Nellenburg kaum ſelbſt mehr erkannte, nicht einmal auf ſeine Flucht achtete, ſondern ſich wie ein Wunderthier immer wieder von Neuem anſtaunte, bald den feinen Tuchrock mit den blanken Goldknöpfen, bald die prächtige Uhrkette, bald den grauen Kaſtorhut, den er mit ſteifgravitä⸗ tiſcher Haltung des Kopfes vom einen Ohr auf das andere drückte, ganz ſo, wie der Amtmann ſelbſt that, mit dem er überhaupt in dieſer wunderbaren Um⸗ wandlung eine merkwürdige Aehnlichkeit hatte. Mattelhans ſtand in Wahrheit auf der Zinne ſeines Glückes, ſein armer Kopf ſchwindelte vor all' der Herrlichkeit eines nie zuvor geträumten Beſitzes, und beinah hätte er ſich wirklich für Denjenigen ge⸗ halten, der ihn ſo ſtattlich herausgeputzt und zu ſei⸗ nem Ebenbild erhoben hatte. Da mit einem Mal vernahm auch er den immer näher kommenden Ruf der Verfolger Leo's und mit dem Gefühl ſeiner neuen Würde erwachte in ihm —— ,— Georg Volker. 177 die uns bei dieſem Blödſinnigen bekannte Eitelkeit; er ſtellte ſich in erhabener Poſitur auf den Sandhau⸗ fen und ſah in heimlicher Freude der Ankunft Derje⸗ nigen entgegen, die ihn für den gefürchteten Amt⸗ mann halten und ſich vor dem armen Mattelhans in ſcheuer Ehrfurcht bücken würden. Eine Minute ſpäter brach Buhl mit vier bis fünf ſeiner Genoſſen aus dem Tannengehölze hervor, und nicht ſobald hatten ſie die wohlbekannte Geſtalt des Amtmanns auf dem Sandhügel erkannt, als ſie, im Wahn, derſelbe wolle ſich zur Wehre ſetzen, mit furchtbarem Geheul und geſchwungenen Prügeln auf ihn losſtürzten, ihn umringten und nun ohne Er— barmen den unglücklichen Narren, der jämmerlich um Hülfe ſchrie, mit ihren Knütteln zu Boden ſchlugen. Ein gewaltiger Streich Buhl's zerſchmetterte ihm die Hirnſchale und gräßlich war es nun anzuſehen, wie dieſe Tiger in Menſchengeſtalt gegen das Opfer ihrer getäuſchten Rache wütheten, das ſchon lange eine kalte blutige Leiche war, als Jene ihre blinde Mord⸗ luſt noch immer nicht geſättigt hatten. Allzuſpät für den armen Mattelhans erkannten die Mörder ihren Irrthum und ſahen ein, wie der liſtige Amtmann ſie betrogen hatte, jenem Fuchſe in der Fabel zu vergleichen, der ſeinen Pelz in den Hän⸗ III. 12 176 Georg Volker. den der Jäger ließ und vor den Augen der Ueber⸗ raſchten munter davon lief. Aber nur um ſo furcht⸗ barer ließen Buhl und ſeine Genoſſen ihren grauſa⸗ men Spott an des Narren Leiche aus, indem ſie dieſelbe erſt plünderten und den Raub unter ſich ver⸗ theilten, worauf ſie den Todten mit den Beinen am nächſten Baum aufhängten. Selbſt die Ironie fehlte nicht bei dieſem ſchauerlichen Act unmenſchlicher Rach⸗ begierde; man ſteckte dem Todten einen Papierſtreifen in den Mund, auf welchen Einer mit Kohle den im⸗ proviſirten Vers geſchrieben hatte: „Wär'ſt Du der Amtmann Leo geweſen, Brauchteſt jetzt nicht als Narr zu verweſen; Doch weil Du warſt ein Narr alle Tag', Holt Dich der Teufel und läuft Jenem nach.“ Der geängſtigte Leo war unterdeſſen in ſeiner Bettlerblouſe weiter gefluͤchtet, und erreichte endlich, ohne ſich noch ferner verfolgt zu ſehen, beim völligen Anbruch der Nacht glücklich die Straße, welche aus dem Walde bergabwärts nach Nellenburg führte. Aber erſt an den Gärten des Dorfes mäßigte er ſeine Schritte und begann zu überlegen, wie er das ihm ſo unerwartet zugefallene Glück, ſeinem Herrn gegenüber, am beſten für ſich und ſein eigenes In⸗ tereſſe ausbeuten könne. Denn der Beſitz der Schen⸗ 7— —,—— Georg Volker. 179 kungsurkunde, deſſen war er gewiß, ſetzte ihn nicht nur ein für alle Mal in die verlorene Gunſt des Gebieters wieder ein, ſondern erhöhte auch wo mög⸗ lich noch ſeinen vorigen großen Einfluß und ſicherte ihm für immer die Dankbarkeit des Grafen. In des Narren zerlumptem Kittel trug er dieſem ja den herr⸗ lichen Grabenhof zu, Volker hatte ſchon jetzt kein Recht mehr an denſelben und— wäre nur nicht die Lage der Dinge ſo kritiſch, der verwünſchte Bauern⸗ aufſtand, deſſen Ausgang kein Menſch zum Voraus berechnen konnte, ſo bedenklich geweſen, Leo hätte ſich getroſt auf ſeine Lorbeern betten dürfen. So aber trat die Revolution, die ihm noch vorhin zu ſeinen Zwecken ſo willkommen geweſen, daß er beinah ſelbſt zum Revolutionair geworden wäre, in ihrer ganzen Schreckgeſtalt vor ſeine Seele und zerſtörte ein gutes Theil ſeiner kühnen Wünſche. Denn ſiegte das Volk, ſo war ja doch Alles verloren ein neues Recht trat an die Stelle des alten und es war ſehr problema⸗ tiſch, ob dann noch ein geraubtes Document ein rechtsgültiges, ein geſtohlenes Gut auch ein geſetz⸗ liches bleiben werde. Je mehr ihm daher die Revo⸗ lution bei ſolchen Betrachtungen um ſeines perſön⸗ lichen Vortheils willen fatal wurde, um ſo entſchie⸗ dener kräftigte ſich in ihm das angeborne Gefühl 180 Georg Volker. des Servilismus, und mit allen Organen ſeiner bu⸗ reaukratiſchen Seele klammerte er ſich wieder an den Felſen des Abſolutismus an, der ihn ja doch noch möglicher Weiſe aus der toſenden Brandung des Aufruhrs erretten konnte. Selbſt die Kaſſendefecte machten ihm nun keine Sorge mehr und die Furcht vor einem ſchimpflichen Receß ſchwand in dem Grade, als die Ausſicht, daß nun Alles vergeben und ver⸗ geſſen ſei, ſich immer ſicherer zur Ueberzeugung bei ihm ausbildete. Das Reſultat all' dieſer Betrach⸗ tungen und Erwägungen war denn zuletzt ohngefähr Folgendes: Im ſchlimmſten Fall verliere ich nicht mehr als ſchon verloren, und behalte noch immer ge⸗ nug; im beſten aber gewinne ich nicht nur das Ver⸗ lorene wieder, ſondern komm' auch obendrein zu noch mehr. So ſtählte ſich in ihm das conſerwative Princip feſter als je zuvor, und er war entſchloſſen, die Re⸗ volution bis zu ſeinem letzten Athemzug zu bekämpfen. Der Mann, der noch vorhin ſo drohend das ſpa⸗ niſche Rohr gegen das Herrenſchloß erhoben, ballte jetzt mit demſelben Grimm ſeine Fauſt gegen das unnütze Bauernvolk und— die Monarchie hatte eine „Stütze“ mehr gewonnen. Nur mit dem letzten leeren Fieſchopf wollte er Georg Volker. 181 Aegypten den Rücken kehren, eher aber, das ſchwur er hoch und heilig, ſollte keine ſchwarzrothgoldne Co⸗ carde an ſeinen Hut kommen. So gelangte er an das Portal des Schloſſes, deſſen Thorflügel er noch offen fand. Er hatte ſich vorgenommen, in ſeinem gegenwärtigen Aufzug vor den Grafen zu treten und dieſen ſowohl dadurch, wie durch die Erzählung ſeiner überſtandenen Aeng⸗ ſte, die vorherige ungerechte Behandlung doppelt bitter bereuen zu machen. Die Blouſe des armen Mattelhans ſollte für ihn zum rothen Rock werden und es dem Grafen ad oculos demonſtriren, wie ein treuer Diener den Fußtritt ſeines gnädigen Herrn vergilt! Von Niemandem im Schloſſe bemerkt, ſtieg er die Treppe hinan und wandte ſich nach der Seite des Corridors, auf welcher des Grafen Gemächer lagen. Da erſcheint, mit einer Kerze in der Hand und ihren theuern Mops unter'm Arm, Frau von La Blanche, die aus ihrem Zimmer tritt, um ſich hinüber zur Gräfin zu begeben. Plötzlich ſieht ſie die unheim⸗ liche Geſtalt an des Grafen Vorzimmer ſtehen, es wird ihr zur Gewißheit, daß die rebelliſchen Bauern heimlich das Schloß überrumpelt haben und dieſer da Einer der Erſten iſt; ſie ſtößt alſo in der Angſt 182 Georg Volker. ihrer Seele ein lautes Zetergeſchrei aus, ruft: Diebe! Mörder! Rebellen! und ſtürzt in ihr Zimmer zurück. Wie eine Kaſſandraſtimme tönte der Hülferuf der würdigen Matrone durch das ganze Schloß und er⸗ reichte des Grafen Ohr. Er eilt im Brocatell, mit einem blanken Stoßdegen in der einen, und einem Lichte in der andern Hand aus ſeinem Cabinet, öff⸗ net die Thür des Vorzimmers und prallt mehr ver⸗ wundert als erſchrocken zurück. „Ich bin's, gnädigſter Herr!“ ſagte der Amt⸗ mann eintretend, kreuzte nach muſelmänniſcher Art die Arme über der Bruſt, verneigte ſich und ſprach mit vielem Pathos: „Mit Schimpf wurde ich fortgejagt, mit Ehren kehr' ich wieder und— er zog bei dieſen Worten das Document aus der Taſche— Ew. Erlaucht treueſter Diener ſchätzt ſich glücklich, Ihnen durch die That zu beweiſen, daß nicht alles Unheil von ihm kommt. Ja, mein gnädigſter Herr und Gebieter, erſt jetzt, erſt jetzt iſt es mir vergönnt, Ihnen die Schenkungsurkunde zu überreichen, und nit ihr kehrt für immer der Grabenhof in den Beſitz ſeines recht⸗ mäßigen Herrn zurück. Lange lebe der Herr Graf von Nellenburg und ſein erlauchtes Haus,— der Grabenhof iſt unſer!“ Georg Volker. 183 Siebentes Capitel. Aber nicht nach dieſer Seite allein hin ſollte der Tag, deſſen wechſelnde Begebenheiten wir im vor⸗ hergehenden Capitel geſchildert haben, für Volker verhängnißvoll werden; auch im eignen innerſten Leben ſollte er an dieſem Tage verlieren, was zwar keine Urkunde verbrieft, kein Siegel ſanctionirt, was aber dennoch mit tief heiliger Schrift in jedes beſſere Menſchenherz geſchrieben iſt: den Glauben an ſich ſelbſt und an das, was er bis dahin als ſeines Geiſtes eigenſten Grund und Boden beſeſſen hatte. Es war zu derſelben Nachmittagsſtunde, in wel⸗ cher der Major auf die erhaltene Nachricht von der Niederlage des Streifcorps am grauen Stein und dem Anrücken der ſiegreichen Bauernſchaaren unter Germanos und dem Hauptmann Bärenhorſt, mit ſeiner geſammten Streitmacht von Nellenburg auf⸗ brach, um ſich nicht nur mit dem retirirenden Corps zu vereinigen, ſondern auch womöglich dem weiteren Vordringen der Rebellen durch kräftigen Widerſtand Einhalt zu thun;— Volker harrte auf ſeinem Hofe 184 Georg Volker. ungeduldig von einer Stunde zur andern auf die verheißene Botſchaft von Germanos; da ſah er plötz⸗ lich, es mochte gegen vier Uhr ſein, einen Reiter in geſtrecktem Galop vom Dorfe her um den Berg herum ſeinem Hofe zuſprengen. In der ſichern Er⸗ wartung, daß es der von Germanos abgeſandte Bote ſei, eilte er an das Thor, war aber nicht we⸗ nig erſtaunt, als nach einigen Augenblicken eine Ordonnanz erſchien, die ihm von dem Major einen Brief überbrachte, worauf der Soldat ebenſo eilig wie er gekommen, wieder zurückſprengte. Der Brief, von dem Major geſchrieben, jedoch ohne Namensunterſchrift, enthielt die dringende Auf⸗ forderung, Volker ſolle ſich unverweilt nach Empfang dieſer Zeilen auf die Schloßruine verfügen, wo Je⸗ mand ihm eine wichtige Nachricht mittheilen werde. „Aber kommen Sie allein, da die Sache Sie al⸗ lein betrifft,“ ſchloß das Billet. Dem Brief ſah man die Eile an, in der er ge⸗ ſchrieben, und deutlich ſtand in dieſen flüchtigen Zů⸗ gen, auch ohne ausdrückliche Erklärung zu leſen, daß Gefahr im Verzuge. Georg entſchloß ſich darum ohne Weiteres der Aufforderung zu folgen; er eilte hinauf in ſeine Stube; unterwegs kam ihm, er wußte ſelber nicht, woher, der Gedanke, man wolle ihn —— Georg Volker. 185 vielleicht in eine Falle locken, und mit dem Hut griff er darum unwillkürlich nach einem geladenen Terzerol, das auf ſeinem Schreibtiſch lag. „Ganz allein will ich wenigſtens nicht kommen,“ ſagte er und ſteckte die Waffe zu ſich. Zufällig fiel dabei ſein Blick auf das Bildniß ſeines Vaters; lebendig trat die Erinnerung an die Stunde, wo er damals den Grafen Leopold in der Schloßruine geſehen, vor ſeine Seele und ahnungs⸗ voll rief er aus: „Wer weiß, welches Geheimniß ich heute dort zu hören bekomme! O Vater, könnteſt Du noch einmal wie in jener Stunde bei mir ſein!“ In ſcharfem Trabe ritt er dann nach Nellen⸗ burg, ſtellte ſein Pferd bis zu ſeiner Rückkehr dort ein und begab ſich zu Fuß auf dem nächſten, ſehr ſteilen Bergpfad nach der Schloßruine. Der Weg vom Dorfe bis hinauf mochte eine kleine halbe Stunde betragen und führte an dem Schloßgarten vorüber in einen herrlichen Buchenforſt mit kühlſchattigen Laub⸗ gängen. Dieſer Wald war eigentlich nur eine Fort⸗ ſetzung des gräflichen Bosquets, und die Gartenkunſt hatte ſich hier mit der Waldeultur zur Schöpfung einer der reizendſten Parkanlagen vereinigt. Eine Menge Wege und Pfade, alle auf das Reinlichſte 186 Georg Volker. erhalten und mit Kies beſtreut, dazu an geeigneten Plätzen, bald im Schatten kühler Schluchten, bald auf freien Höhen angebrachte Ruheſitze und an den ſteilſten Abhängen ſanft anlaufende Erdtreppen, boten dem Wanderer ebenſo viel Annehmlichkeit als Ab⸗ wechslung, und insbeſondere überraſchten das Auge die vielen Waldlichtungen mit ihren fernen Perſpec⸗ tiven, wie eben ſo viele vom Maler auf Leinwand gezauberte liebliche Landſchaftsbilder in dem ſtilldun⸗ klen heimlichen Waldrevier, wo allenthalben unter den Moosfelſen kühle Quellen rieſelten und die üp⸗ pigſte Vegetation hervorriefen. Georg ſchritt auf nächſtem Wege ohne Aufent⸗ halt ſeinem Ziele zu und erreichte bald die noch wohl erhaltene Ringmauer der alten Burgruine, die Wiege des ehrwürdigen Geſchlechtes, deſſen letzter Enkel unten im ſtrahlenden Palaſte vor der Rache Derjeni⸗ gen zitterte, deren Vorfahren vielleicht vor vielen hundert Jahren dieſen nun verfallenen Ritterſitz müh⸗ voll in harter Frohnde für den Herrn hatten erbauen müſſen, keuchend und ſeufzend unter der Peitſche roher Knechte, wie's wohl noch heutzutage man⸗ cher„letzte Ritter“ ſich zurüͤckwünſcht, wenn nur der Bauer ebenſo dumm geblieben wäre, als ge⸗ — Georg Volker. 187 „Warum mich nur der Major gerade hierher beſtellt hat?“ Dieſe Frage that ſich Georg erſt, als er vor der Ruine ſtand und dann dem Thor derſelben zuſchritt.„Soll vielleicht der alte Thurm dort für mich zur Zinne des Tempels werden?“ Mit dieſem Zweifel, der ihm ebenſo flüchtig kam als verſchwand, trat er in das Innere der Burg, wo nach des Majors Briefe Jemand ihm eine wich⸗ tige Nachricht mittheilen werde; aber kein Menſch war da, tiefe Stille herrſchte zwiſchen den ſtummen Mauern, und nur jener unſichtbare„Jemand,“ der in alten Ruinen hauſt, wandelte in körperloſem Schritt über den grasbedeckten Schloßhof. Georg ging unwillkürlich der Kapellenpforte zu, wo er damals mit ſeinem Pflegevater auf dem Mauerreſte ſaß, als Pachter Volker ihm das Ge⸗ heimniß ſeiner Geburt entdeckte. Dort ſetzte er ſich auch heute nieder, mit dem Rücken gegen einen Pfei⸗ ler gelehnt, und betrachtete mit verſchränkten Armen die Wolken, wie ſie über die Burg ſeiner Väter dahinzogen, die nicht ſeine Burg war, wie Jene nicht ſeine Väter. Der„Jemand“ kam und ging, flüſterte wehend im Hollunderſtrauch, hing als goldner Abendſtrahl an zerfallener Mauerzinne und waltete ſo lange ge⸗ 188 Georg Volker. ſchäftig hin und her, bis er ſeinen Gaſt zuletzt mit ſanfter Hand in das Reich jener ſtillen Träume hin⸗ überführte, wie ſie uns oft bei wachen Augen be⸗ ſchleichen, wenn wir uns ganz dem Eindruck eines in ſich vertrauernden alten Menſchenwerks überlaſſen und dem Tode in's ſtumme, dunkelſtarre Propheten⸗ auge blicken. Georg dachte nicht mehr an den Zweck ſeines Hierſeins; nach einem unter Spannung unruhvoll durchlebten Tage that ihm dieſe Stille der Umgebung unendlich wohl; und am Ende hatte ihn auch Wal⸗ demar nur darum allein hierherbeſchieden, damit er wieder einmal mit ſeinem Herzen zur Ruhe kommen und ſich auf alles Das zurückbeſinnen möge, was zwiſchen heute und jener Stunde lag, wo er ſich auf derſelben Stätte über ſeine künftige Lebensbeſtim⸗ mung entſchieden hatte. Und was lag nicht Alles zwiſchen heute und damals! Wie war aus dieſer Lebensbeſtimmung im Wechſel der Geſchicke eine ſo ganz andere geworden, von der er damals noch keine Ahnung gehabt hatte; wie verſchieden von dem, was er hatte ſein, und mehr noch, was er hatte werden wollen, war nicht ſein gegenwärtiges Leben und Streben! So vergräbt der Menſch für todt und dahin in Georg Volker. 189 ſich ſelber, was ihm einſt als lebendiges Gefühl die Bruſt ſchwellte; merkt nicht den leiſen Uebergang aus einem Daſein in's andere; denn über dem neuen Bauen und Schaffen ſinken ihm die alten Werke und Reſultate ſeines Geiſtes in Vergeſſenheit und immer drängt ein anderes Wollen und Begehren das Erreichte und Gewonnene in den Hintergrund zurück. Des Herzens Sehnſucht altert nicht, wohl aber ſtirbt Blüthe auf Blüthe von ihrem Frühling dahin und was wir Beſtändigkeit nennen und Ruhe in uns, iſt im Grunde nur der unmerkliche Wandel aller Dinge in unſerm äußern und innern Leben. Niemand kann ſagen: Der war ich geſtern, der bin ich heute; neue Bahnen leiten uns zu neuen Zielen, und das fernſte führt oft am weiteſten in die Irre. Nur am Scheideweg des Herkules begegnen wir wohl zuweilen dem alten Menſchen, der wir waren; aber auf ſeine Frage: Wohin? haben wir keine Antwort, und das Woher? iſt oft noch ſchwerer zu ſagen. „Da ſind Sie ja ſchon!“ ſagte plötzlich eine wohlbekannte Stimme zu dem Träumer mit wachen Augen, und wie er ſich umſchaute, ſtand Eugenia vor ihm. Sie gab ihm die Hand, noch eh' er ſich zum Gruße erheben konnte, ſo verwirrt machte ihn 190 Georg Volker. ihre Erſcheinung, faſt noch mehr als ihre Anrede, die ihm ſagte, daß ſie um ſeinetwillen hier ſei. „Comteſſe Eugenia— Sie kommen zu mir!“ ſtotterte Volker, vom Sitze aufſpringend und drückte mit ſcheuer Lippe einen bebenden Kuß auf die ihm ſo freundlich gereichte Hand. „Ich habe Sie warten laſſen, da ich Sie nicht früher hier vermuthete,“ ſagte ſie hierauf.„Vetter Waldemar vergaß wohl, Ihnen zu ſchreiben, daß ich Punkt fünf Uhr da ſein würde.“ Volker ſah ſie ſtaunend an. „Sie ſind wohl noch ein Bischen im Unklaren über ſeinen Brief und mein Erſcheinen,“ fuhr ſie fort;„darum will ich Ihnen nur gleich ſagen, daß ich ſtatt Waldemar's hier bin, der zu Ihnen geeilt wäre, wenn ihn nicht ſeine Pflicht anders wohin gerufen hätte. Da übernahm ich's, Sie zu ſprechen, und nun“— fügte ſie tief athmend hinzu, wobei ein dunkler Purpur ihr Antlitz bedeckte,—„gottlob, nun bin ich bei Ihnen!“ Georg ſtand noch immer wie traumbefangen vor der jungen Gräfin; ſeit dem Tage, da er ſie im Schloſſe zum letzten Mal geſehen, ſchien ſie ihm eine Andere geworden, höher an Geſtalt, verklärter ihr Blick, ihre Miene reizender und edler die ganze Georg Volker. 194 ſtrahlende Erſcheinung, als ſei nun erſt ihre Schön⸗ heit zum vollen Liebreiz der Jugend und Jungfräu⸗ lichkeit aufgeblüht. Sie trug ein ſchwarzes Kleid, der weiße Hut hing im Band an ihrem Arme, in ihrem Gürtel ſteckte eine junge Roſe, wohl die glücklichſte Blume dieſes Frühlings. Sie merkte es wohl an ſeiner Verwirrung, wie ſchön ſie war, und wollte ihm doch ſein Staunen nicht wehren; auch die Hand ließ ſie ihm, von der der Handſchuh ſchon zuvor abgeſtreift worden, damit er gleich an ihrem warmen Druck empfinden möge, wie wenig Muth dazu gehöre, ſie zu behalten. „O wie ſoll ich Ihnen für ſo viel Güte danken!“ ſtammelte endlich Volker.„Sie hier, um meinet⸗ willen hier, aber was überleg' ich denn noch? Hab' ich Ihnen nicht noch unendlich mehr als das zu danken? Waren Sie nicht mein guter Engel, der zweimal mich warnte, rettete!“ „Damit ich Sie heute zum dritten Mal warnen und retten muß!“ ſagte Eugenia in ernſtem Tone. „Ja, nun errathen Sie's wohl, Volker, warum ich hier bin! Waldemar vermochte nichts über Sie, er, der es ſo treu mit Ihnen meint; auch mein letzter Brief war vergebens geſchrieben, und heute, werd' 192 Georg Volker. ich heute wohl glücklicher ſein? Laß ihn nur, ſagt' ich zum Vetter, als er in mich drang, noch einen Verſuch zu wagen, Sie zu bekehren. Du ſiehſt's ja, er will nichts von uns wiſſen, wir ſind in ſeinen Augen Ariſtokraten, hartherzige ſtolze Menſchen ohne Sympathieen für Freiheit und Vaterland, aus uns ſprechen nur Vorurtheil, Egoismus, Ahnenſtolz; wie können wir uns anmaßen, einem Volksmann Moral zu predigen! Da lachte Waldemar mich herzlich aus und meinte, ich fürchte wohl, daß es mir am Ende ergehen möge, wie der unglücklichen Prinzeſſin Lamballe in Paris oder der muthigen Charlotte Corday, die ſo ſchöne ſchwarze Haare hatte, daß der Henker ſelbſt Mitleid mit ihr fühlte. Nun, wer weiß, Volker, was Sie uns armen Ariſtokraten zugedacht haben, wenn erſt einmal die Odenwälder Bauern das Ca ira ſingen und ſtatt des„Schotti⸗ ſchen“ die Carmagnole tanzen! Ach, ſagen Sie mir, iſt's denn wirklich wahr, daß ſchon im Gehei⸗ men eine Guillotine gezimmert wurde?“ Georg fühlte den bittern Spott, der in dieſen Worten lag, obwohl ſie dabei eine ſo bange Miene machte, als ſei es ihr vollkommen Ernſt mit ihrer erheuchelten Angſt. Er erwiederte mit unſicherer Stimme: Georg Volker. 193 „Sie ſind ſehr grauſam, Comteſſe Eugenia! Aber ich verdien' es ſchon, daß Sie Ihren Spott mit mir treiben; warum bin ich auch Thor genug geweſen, die Liebe zum Vaterlande höher zu achten wie meine Eriſtenz, als wenn ſo Etwas dem Deut⸗ ſchen anſtände!“ Da änderte mit einem Mal Eugenia ihren necki— ſchen Ton und ſagte ſehr ernſt: „Ich denke nicht daran, Das zu verſpotten, was jedem Menſchen heilig ſein ſollte. Ich verſpotte nur das wirklich Lächerliche, das bis zum Weinen Lächer⸗ liche, was ich in dieſer ſogenannten Revolution er⸗ blicke. Ein paar Hundert, oder auch wenn Sie wol— len ein paar Tauſend Bauern, die ihr Lebtag nicht daran gedacht haben, eine Rolle auf der Weltbühne des Jahrhunderts zu ſpielen, laſſen ſich von einem alten Narren, der als Hauptmann ſeinen Abſchied nehmen mußte, weil er für's weitere Avancement untauglich war, zum Aufruhr verleiten; es entſteht ein gewaltiger Rumor im Lande, man trommelt in allen Dörfern, läutet mit allen Glocken, die Trico⸗ lore wird entfaltet, der alte Bär ſetzt ſich auf ſeinen lahmen Fuchs: Tod der Ariſtokratie! Freiheit, Gleich⸗ heit, Brüderlichkeit! lautet das Feldgeſchrei, ein paar Zoll⸗ oder Amthäuſer, wenn's hoch kommt, wohl S.— 13 194 Georg Volker. auch ein gräfliches Schloß, gehen in Rauch und Flammen auf, und eines ſchönen Morgens präſentirt der Odenwälder Bauer mit ſeiner bekannten Grazie dem übrigen Deutſchland die Republik als vollendete Thatſache auf der Heugabel! Iſt das Alles nicht zum Todtlachen lächerlich!“ „Wie, Gräfin Eugenia, auch Sie mit Ihrem edlen Herzen verachten den armen Bauet!“ rief Volker.„Auch Sie verſpotten die Noth der gedrück⸗ ten, das Elend der entwürdigten Menſchheit? O! das thaten Sie früher nicht, und ich möchte an mir ſelber irre werden, wenn ich Sie ſo reden höre!“ „Bei Leibe, thun Sie das nicht, lieber Freund,“ erwiederte ſie ſanft;„Sie würden ſich unrecht thun, wie Sie mir's thun. Nicht den Bauer verſpott' ich, ſondern die Eitelkeit, den Uebermuth, der ſich auf Koſten der armen Leute breit machen möchte. Ich verſpotte dieſe kleinliche Selbſtſucht, dieſe ſpießbürger⸗ liche Heldenthuerei, die wähnt, wenn ſie nur erſt den Säbel aus der Scheide zöge, würden alle deut⸗ ſchen Armeen über Hals und Kopf davonlaufen. Ah! und dieſe romantiſche Herzloſigkeit, mit der Ihr welterfahrener und weltzerfahrener Freund Germanos die dummen, gar nicht einmal äſthetiſch gebildeten Bauern in die Bayonnette der Soldaten jagt, nur Georg Volker. 195 um einmal das Vergnügen zu haben, ein Treffen— S commandiren und ſpäter im Salon etzählen zu kön⸗ nen, er habe unter Kanonendonner eine Havannah⸗ Cigarre geraucht! Und Sie, Volker, Sie ſind leider nur der Beſte von Allen; denn Sie haben doch noch wenigſtens einen guten Glauben an Ihre Sache; Sie denken nicht an ſich, Ihnen iſt's gleich, wer den Lorbeer davon trägt, wenn nur die Idee ſiegt, die abſcheuliche Idee!“ „Es iſt das Vaterland, das ſiegen ſoll,“ erwie⸗ derte Volker mit Wärme.„O nennen Sie das nicht abſcheulich, Gräfin Eugenia, nennen Sie's die erha⸗ benſte und ſchönſte Idee, die jemals im Herzen des deutſchen Mannes und des deutſchen Weibes geglüht hat. Möglich, daß es auch diesmal wieder ein Traum bleibt, dieſes Deutſchland der freien und ſtar⸗ ken Eintracht, dieſes Deutſchland des glücklichen Frie⸗ dens, der herrlichen Entfaltung ſeiner geiſtigen und materiellen Kräfte,— möglich, daß dieſem Traume mit halbhellen Augen abermals ein tiefer, dumpfer Kerkerſchlaf folgt; aber— ſollte er darum gar nicht geträumt werden? Sollte er darum ſeiner einſtigen Verwirklichung nicht wenigſtens einen Schritt näher rücken? Und der Odenwald iſt ja doch auch ein Stück von dieſem großen unglücklichen Deutſchland, 13* 196 Georg Volker. und iſt's gewiß nicht allein, der jetzt krampfhaft auf⸗ zuckt unter der Schmach und Knechtſchaft, unter wel⸗ cher das ganze Vaterland ſchmachtet; nicht überall ſind's auch bloß, wie hier, Bauern und Dorfleute, welche aufſtehen zum Kampf für das uralte heilige Recht deutſcher Nation, Eins zu ſein und ſtark und frei, wie die anderen glücklicheren Völker; in den Städten, den größten wie den kleinſten, eihebt ſich das Volk zu dieſem Kampfe gegen den allgemeinen Feind; und daß der Bauer, dem ja überall die rauhe Arbeit beſchieden iſt, der das Saatkorn unter Schweiß und Mühe zur reichen Ernte vorbereitet, zuerſt auf⸗ ſteht, das wundert Sie? Gährt nicht auch das Meer, das der Sturm peitſcht, am heftigſten in der Tiefe? Ja, ſind die Strömungen in ſeinen Grün⸗ den nicht oft die gewaltigſten? Aber ich weiß, es iſt die ſchlimmſte Eigenſchaft an uns Deutſchen, daß wir die geſchichtliche That erſt bewundern, wenn ſie weit hinter uns liegt; während wir die großen Er⸗ ſcheinungen und Ereigniſſe der Gegenwart, die un⸗ ſere Enkel einſt anſtaunen werden, mit mitleidigem Achſelzucken belächeln, weil uns aller Stolz, alles freudige Gefühl einer freien Nationalität mangelt. Die vierhundert Pforzheimer, die für ihren Fürſten den Heldentod ſtarben, bewundern wir; die armen —,————————— Georg Volker. 197 Odenwälder Bauern hingegen, die ebenſo freudig und muthvoll für die Freiheit in den Kampf ziehen, verachtet man! Ich gebe zu, daß der Einzelne darun⸗ ter ſich keine klare Rechenſchaft von den Urſachen und Zwecken dieſer großen Bewegung ablegen kann; er empfindet nur dunkel, was in dieſer Zeit der Er⸗ ſchütterungen und Stürme vorgeht; aber in der gro⸗ ßen und ganzen Allgemeinheit regt ſich der Volks⸗ geiſt um ſo gewaltiger, und was der Einzelne nicht weiß, Allen iſt's doch bewußt; ſiegreich zieht die Idee der Freiheit in Millionen Herzen ein, und dieſe Idee allein iſt das Recht, iſt der Zweck der Revolu⸗ tion, mehr als das bedarf es nicht!“ „Und das Glück, das Glück, mein Freund? Vergeſſen Sie nicht dieſen bedeutenden Factor im Le⸗ ben des Einzelnen wie in dem ganzer Völker,“ ſagte Eugenia.„Wo ſollt' es uns Deutſchen herkommen, die wir doch immer in politiſchen Dingen ſo viel Unglück und Mißgeſchick gehabt haben? Sie zählen auf alle die günſtigen Fälle, die andern Völkern ihre Revolutionen möglich gemacht haben; aber die un⸗ günſtigen, die ſo manche edle, großherzige Volkserhe⸗ bung unterdrücken halfen, beachten Sie nicht; und doch will es mir, trotz meiner beſchränkten Begriffe über Politik, beinahe ſcheinen, als ſei, was eben in 198 Georg Volker. Deutſchland vorgeht, einer polniſchen Revolution un⸗ gleich ähnlicher wie einer franzöſiſchen oder engliſchen. O, wenn Sie Ihr Vaterland in Wahrheit lieben, ich meine, nicht mit jugendlicher Schwärmerei, ſon⸗ dern mit Klugheit, freiem Blick, beſonnenem Muthe, ohne Parteileidenſchaft und Vorurtheil, wie es der Patriot ſoll; wenn Sie ſo es lieben, dann bedenken Sie die Möglichkeit, daß Deutſchland durch dieſe Re⸗ volution dem Schickſale Polens erliegen könnte; be⸗ denken Sie, was es heißt, dem Vaterland gegenüber auf eine Karte Alles ſetzen und vielleicht das Letzte verlieren. Ich weiß es nicht anders auszudrücken, als daß es mir unnatürlich und undenkbar erſcheint, daß eine gewaltſame Revolution auf deutſchem Boden gedeihen könne; und Waldemar hatte gewiß recht, da er neulich behauptete, der Deutſche habe vielleicht unter allen Völkern der neuern Geſchichte die meiſten Revolutionen erfunden, doch machen werde er nie⸗ mals eine, er theile denn das Schickſal ſeines Ber⸗ thold Schwarz, der das Pulver erfand, als ihm deſſen Erploſion den Mörſer an den Kopf ſchleuderte.“ „Sie ſind eine ſchlimme Prophetin, Gräfin Eu⸗ genia,“ erwiederte Georg.„Aber ich meine, Polens unglückliches Schickſal, an das Sie mich erinnern, ſollte viel eher uns Deutſche zum Kampf auf Leben Georg Volker. 199 und Tod herausfordern, als uns ein Schreckbild ſein, deſſen Anblick uns in die alte Thatloſigkeit zu⸗ rückwirft. Denn nicht an ſeinen Revolutionen ging Polen unter, ſondern an ſeiner innern Zerriſſenheit, an der Ohnmacht ſeiner Könige, an dem Trotz und Eigennutz des Adels, an dem Elend des Volkes. Und iſt Deutſchland nicht etwa auf dem beſten Weg, denſelben Zuſtänden als Opfer zu fallen? Ja, ſind nicht ſchon manche unſerer deutſchen Provinzen fac⸗ tiſch ruſſiſche Satrapieen, denen der Czar mit vergol⸗ deter Knute ſeinen Willen dictirt? Ha! Polen wäre nicht der arme Hiob unter den europäiſchen Völkern, wenn ſtatt ſeines Adels und ſeiner Geiſtlichkeit, das Volk die Revolution gemacht, wenn nicht von An⸗ fang an der Fluch der Geſchichte: Wehe der Frei⸗ heit, der ihre Feinde dienen! dort furchtbar gewaltet hätte!“ „Laſſen Sie uns nicht weiter über Politik reden,“ ſagte Eugenia nach einer Pauſe.„Mir iſt in die⸗ ſem Augenblick nichts gleichgültiger als das; und ſtänd' es in meiner Macht, ſo ſollte Deutſchland noch heute eine Republik werden, das ſchwör' ich Ihnen bei den drei Kronen im Wappen meiner Voreltern! Ich will nur Sie retten, Volker, denn ich ſehe die Gefahr, die über Ihrem Haupte ſchwebt, weiß, daß 200 Georg Volker. vielleicht ſchon in wenigen Tagen Alles für Sie und Ihre Freunde verloren iſt, und das unſinnige Unter⸗ nehmen ſchrecklich, blutig enden wird. Ob das Schloß unten in Rauch und Flammen aufgeht, wird das Deutſchland frei machen? Ob der mediatiſirte Graf von Nellenburg, verdient oder unverdient, die Rache ſeiner Bauern erfährt, wird das einen Einfluß üben auf die großen Geſchicke des Vaterlandes? Schon ſind bedeutende Truppenmaſſen von der Reſidenz aus hierher unterwegs, die benachbarten Fürſten haben unſerm Landesherrn ihre Contingente zur Unterdrückung des Aufruhrs angeboten, er aber hat ihnen gedankt, verſtehen Sie mich recht, Volker, er hat gedankt und geantwortet, es ſei nur ein kleiner Theil ſeines Lan⸗ des in Rebellion und er bedürfe darum keiner frem⸗ den Hülfe, um das Anſehen der Geſetze in den auf⸗ rühreriſchen Diſtricten binnen Kurzem wiederherzu⸗ ſtellen; das Alles iſt ſo gewiß wahr, als ich es Ihnen ſage; Waldemar, Ihr Freund, giebt Ihnen dieſe Nachricht, und nun, was ſagen Sie nun?“ „Ich bin auf Alles gefaßt,“ erwiederte Volker, vermochte aber doch nicht, ihrem ſcharfen Auge den Eindruck zu verbergen, den jene Meldung auf ihn machte.„Wer ſo wie ich mit ſeinem Schickſal ab⸗ geſchloſſen hat, der fürchtet nicht mehr deſſen Wandel — —— Georg Volker. 201 und Ungunſt, und dann— wenn ich nun auch in dieſem Kampfe untergehe, iſt's denn nicht beſſer, tau⸗ ſend Mal für's Vaterland zu ſterben als—“ „Einmal ſich ihm zu erhalten, meinen Sie,“ fiel ihm Eugenia raſch in's Wort.„O Volker, Gott weiß es, Sie verſündigen ſich an ſich ſelbſt, am Va⸗„ terland, an— mir! Ja, an mir z denn Sie ſollen leben, ſollen nicht untergehen zum Ihrer Zukunft, um des Vaterlandes willen ſollen Sie gerettet wer⸗ den; wahrlich, nicht viele ſolcher Männer hat Deutſch⸗ land zu verlieren, und bloß darum, ach, daß Sie's doch gar nicht merken wollen! bloß darum verſchwende ich ja alle flehenden Worte meines Herzens, bloß darum zittre ich für Sie!“ Erſchüttert rief Georg, indem eine Thräne in ſein Auge trat:„O, daß ich mich dieſer Theilnahme Ihrer edlen Seele immer würdig zeigen könnte! Daß es mir vergönnt geweſen wäre, dieſe Stimme, aus der mein guter Genius ſpricht, früher zu hören! Aber zu ſpät! Zu ſpät! Ich kann nicht mehr zu⸗ rück— mein Wort, meine Ehre, meine Ueberzeugung iſt dieſem Unternehmen verpfändet— laſſen Sie mich mein Geſchick erfüllen; ſo wie es enden wird, ſtand es ja von Anfang an in meinen Sternen geſchrie⸗ ben; Sie ſelber wiſſen es, Gräfin Eugenia, welche — ——— 202 Georg Volker. Verhängniſſe mich auf dieſe ſteile ſchwindelnde Bahn führten, welcher Feind hier(er deutete auf ſeine Bruſt), welcher Feind dort(Eer zeigte hinunter nach dem Schloß), ſich miteinander verbanden, um mich zum Kampf auf Leben und Tod herauszufordern, und,“ fügte er hochathmend hinzu, indem er die Hand wie zum Schwur erhob,„dieſen Kampf muß ich be⸗ ſtehen, beim Andenken meines Vaters, ich kann nicht anders!“ „Halt!“ rief Eugenia gebietend, indem ſie raſch die Hand auf ſeinen Arm legte und denſelben nieder⸗ zog. Groß und hoheitsvoll ſtand ſie vor ihm, als ſie ſagte:„Nun hab' ich Sie, Georg, wo ich Sie haben wollte! Dem Gedächtniß Ihres Vaters wollen Sie Ihre Schuld aufbürden? Der Sohn Leopold's ſoll ein Rebell werden? Georg! Georg!“ rief ſie mit blitzendem Auge, berufen Sie ſich nicht auf die⸗ ſen Vater— er würde Ihnen noch im Grabe flu⸗ chen,— berufen Sie ſich aber auch nicht auf Ihr Schickſal, der edle Menſch erträgt's ſtandhaft, aber nimmermehr rechtfertigt er damit, was nicht zu recht⸗ fertigen iſt. Hören Sie mich, Georg, es iſt noch nicht zu ſpät, es iſt gerade die rechte Zeit; ja, ich hätte nicht einmal früher ſo zu Ihnen ſprechen mö⸗ gen, wie ich jetzt es thue— ſind Sie der Mann, —— Georg Volker. 203 den ich liebe, ſo ſollen Sie auch aus meinem Munde die Wahrheit hören, die Ihnen ſo ſehr fehlt— ja, es giebt noch einen andern Weg, um das zu erfül⸗ len, was in Ihren Sternen geſchrieben ſtand; Sie haben darum noch lange nicht das Recht, mit Ihrem Schickſal zu grollen, ihm den Fehdebrief zu ſchreiben; es iſt gütiger, weiſer, als Sie bis dahin ahnten, und darum ſollen Sie aufhören, Ihre Vergangenheit zu betrauern, Ihr Leben zu verwünſchen! Ich ſehe in keinem Moment Ihres Daſeins einen Grund zum Verzweifeln; was Sie erlebten, haben Tauſende vor Ihnen erlebt und blieben doch ſich ſelbſt getreu,— kommen Sie, Georg,— Sie haben Recht, dieſe Bahn iſt für Sie zu ſteil und ſchwindelig, an mei⸗ ner Hand ſollen Sie bald einen leichteren Weg fin⸗ den, Menſchen von Ihrem Werth der Seele, von Ihrem Adel des Herzens gehören in's helle ſonnige Glück; nehmen Sie's denn in Gottes Namen aus meiner Hand, Georg; es iſt Segen darin, denn mein Herz iſt nicht ärmer als meine Hand, und wie ich es mir längſt geſchworen habe, ſo ſchwöre ich es jetzt Ihnen: Georg Volker ſoll ſein der glück⸗ lichſte Mann, wenn der Beſitz Eugeniens ihn dazu machen kann! Sei mein, Georg, o ſei mein! Ich liebe Dich gränzenlos und würde aufhören zu ſein, 204 Georg Volker. wenn ich nicht lieben könnte, wie ich wollte!“ Er wußte nicht, ob er träume oder wache, und eben ſo wenig hatte er eine deutliche Vorſtellung von dem, was bei dieſen Worten Eugeniens in ſeiner Seele vorging; er hörte das reizende Bekenntniß ih⸗ rer Liebe; eine lichte Viſion ſtand ihre reine Erſchei⸗ nung vor ihm, und all der Goldglanz, den das Abendroth in dieſem Augenblick durch die Ruine warf, ſchien von ihr auszuſtrahlen; faſt allzumächtig war der Eindruck, womit er ihre Worte vernahm, deren jedes in ſeiner Seele einen Himmel von un⸗ geahntem Glücke aufthat; und wie vor einer Gott⸗ heit ſank er auf die Kniee nieder, ohne für das un⸗ ausſprechliche Gefühl ſeiner Bruſt ein anderes Wort, ein anderes Gebet zu finden als den Namen Eu⸗ genia. „Eugenia! Eugenia!“ ſtammelte er im höchſten Entzücken und wie ein Schleier ſank es von ſeinem Geiſte; er fühlte, er wußte, was ihn ſeit Jahr und Tag ſo elend gemacht und den Glauben an ſein Glück zerſtört hatte; gefunden war das Loſungswort ſeines Schickſals, das ihn wie durch Zauberſpruch ſeinem ganzen ſeitherigen Daſein entruckte und in eine völlig neue Welt verſetzte, die er vergebens bis dahin auf allen Meeren ſeiner Sehnſucht, an allen Georg Volker. 205 Geſtaden ſeiner Hoffnung geſucht hatte. Wie in trüben nachtumflorten Nebelgebilden verſank hinter ihm Alles, was an Schmerzen, Täuſchungen und Verhängniſſen ſeine Vergangenheit ausmachte und in lichten Höhen der Seligkeit blieb er allein mit ihr zurück, mit ihr, die ihm in dem Geſtändniß ihrer Liebe den goldnen Zauberſchlüſſel zu dem ſo lange unbekannt und unverſtanden gebliebenen Heiligthum des eignen Herzens gereicht hatte. Ja, er liebte ſie, hatte immer und immer nur ſie geliebt, und verſtand nun die dunkel klagende Prophetenſtimme ſeines In⸗ nern, die ihn niemals an ein rechtes Glück für ihn hienieden hatte glauben laſſen. Eugenia neigte ſich zu ihm nieder, ihr Arm um⸗ ſchlang den Trunkenen mit heißer Liebesgluth und im ſtummen Gebete der Seligkeit begegneten ſich ihre Lippen zum langen innigen Weihekuß ihrer Liebe; ſie hatten ſich gefunden, die beiden, ſo ganz für ein⸗ ander geſchaffenen Seelen, umſchlungen hielten ſich, die ſo lange einſam auf weit getrennten Pfaden ſich geſucht hatten, er in des Lebens dunklen Schluchten und Irrgängen, ſie auf ſeinen hellen glückumſtrahlten Höhen, und nun doch ein Ziel, ein Finden! „Komm, komm, mein Georg,“ flüſterte ſie zu ihm niedergebeugt und die glühende Wange an die 206 Georg Volker. ſeine gelehnt,„hier ſoll von nun an Dein Platz ſein, an dieſem Herzen ruhe aus, Du armer, vielgeprüfter Menſch! Hier erreicht Dich kein feindliches Geſchick, keine tückiſche Hand mehr, mögen Deine Feinde kom⸗ men, die Liebe iſt ja unſer Demantſchild, an dem alle ihre Pfeile machtlos abprallen. O Georg! Georg! Mir iſt, als finge ich erſt jetzt zu leben und zu fühlen an, und wüßte nun erſt, was Daſein iſt, Welt, Erde, Himmel und Menſchheit! Ja, Menſch⸗ heit, du zumal wirſt mir dieſes wonnevolle Gefühl nicht wieder rauben, denn ihn, ihn mußt du mir ja laſſen; jeder Kampf mit dir um meinen Georg, er würde ein Sieg für mich ſein, ſo herrlich wie meine Liebe ſelbſt! Sag', o ſage, Geliebter, was ſoll ich für Dich thun, jetzt gleich, aber ein Großes, ein Gewaltiges, nie zuvor Dageweſenes, was noch kein Weib für den Mann ſeiner Liebe vor mir ge⸗ than hat, damit ich fühle, wie ich ſo ganz Dein, nur Dein bin, und die Allmacht meiner Liebe mir nicht das Herz erdrückt.“ „Eugenia, noch faſſ ich es nicht,“ erwiederte Georg wonnetrunken, obwohl er doch ſein herrliches Glück ſchon feſt im Arme hielt und das Gefühl deſſelben ſich in hellem Glanz über ſeine Miene legte.„Noch iſt mir zu Muth, als müßt' ich erſt noch ſterben und Georg Volker. 207 vergehen, um dort oben Dich ganz und ſicher zu be⸗ ſitzen! Du liebliches Weſen! Gieb mir den Glau⸗ ben an dieſe Wirklichkeit, gieb mir den Namen für dieſen holden Wonnetraum meiner ſeligſten Stunde; ich ſehe Dich, ich halte Dich mit dieſen Armen um⸗ ſchlungen, und doch, o ihr Götter des Himmels, fleh' ich euch an, neidet mir dies Glück, auf daß ich's für Wirklichkeit halten und mich wieder Menſch füh⸗ len kann, armer erdgeborener Menſch, der für ſein Glück zittert!“ „Zittre nicht— beſitz' es,“ ſagte Eugenia mit aller Hingebung und Innigkeit ihrer Seele.„Nicht die Himmliſchen, ja nicht einmal die Menſchen ſollen uns beneiden, und wär's auch nur, weil ſie unſer Glück nicht verſtehen, weil ſie es uns gönnen müſſen! Hatte ich doch dieſe ganze Zeit über nur den einen Gedanken und konnte um ſeinetwillen Alles ertragen! Wurde er mir aber wirklich einmal zu mächtig oder bebte ich gar vor der Furcht zurück, daß es noch eine feindliche Macht in der Welt geben könne, die mir Deinen Beſis ſtreitig machen würde, dann flüchtete ich mich ſogleich, wie das furchtſame Kind bei Nacht, in's Zaubermährchen, in den Traum meines Glückes hinein, träumte ihn aus bis zur trunkenſten Wonne und—— aber mein Gott, Georg!“— rief ſie 208 Georg Volker. plötzlich erſchreckend vor des Freundes todtbleichem Antlitz und dem ſtarren Blick ſeiner Augen—„was fehlt Dir? Was ergreift Dich mit einem Mal ſo heftig, daß Du blaß wirſt? Georg! Georg! Was haſt Du?“ Ein dumpfer Seufzer entrang ſich bei dieſer Frage ſeiner Bruſt, er ſprang vom Steine auf, wo er an ihrer Seite geſeſſen, ſchlug wie vernichtet beide Hände vor die Augen und rief: „Gott! Gott! Wie iſt mir geſchehen? Wohin bin ich gerathen?“ Und mit verſtörtem Blicke die Geliebte betrachtend, fuhr er bebend fort: „Und Sie errathen's nicht, Eugenia? Das leiſe Zittern Ihres Herzens ſagt es Ihnen nicht, daß ja doch Alles, Alles für uns verloren iſt? O ihr Götter! Nicht euren Neid, ſondern euer Mitleid— nein, auch das nicht, euren vernichtenden Blitz erfleh' ich auf dieſes unſelige Haupt⸗ daß er mich zerſchmet⸗ tere, hier gleich zur Stelle, che der Wahnſinn mich erfaßt und der namenloſe Schmerz mich zerſtört! Eu⸗ genia,— Engel der Liebe, o kehre ſchnell in Dei⸗ nen ſeligen Himmel zurück, von wo Du kamſt,— hier iſt nicht Deines Verweilens, die Zeit iſt um, wo das Herz mit ſeinen Heldenthaten die ſtaunende Georg Volker. 209 Erde in's Zauberland der Pvoeſie verwandelte, die arme Menſchheit weiß nichts mehr von dem Wunder jener Liebe, die im ſchönen Heroismus lächelnd den Kampf aufnimmt gegen eine ganze Welt voll Tücke und Irrwahn,— weh! weh, daß ich es ſagen muß! Du kannſt nimmer die Meine werden, nimmer!“ Er ſprach dies Alles ſo haſtig, ſo verwirrt, als rede er wie im Fieber, daß Eugenien in tiefſter Seele vor dieſer dunklen Sprache graute, die ſie ein ſchreck⸗ liches Geheimniß in Volkers Bruſt ahnen ließ. Aber doch behielt ſie noch ſo viel Faſſung, um ihn mit rührenden Worten zu beſchwören, nicht die Hoff⸗ nung zu verlieren und ihr Alles zu ſagen; ſie bot die ganze Kraft und Innigkeit ihrer Liebe auf, um ihn zu überzeugen, daß ſie nichts— nichts für ihr Glück fürchte, wenn nur der Freund ihr erhalten bleibe und nicht muthlos werde. „Ich bin ja Dein, Georg, was fürchteſt Du noch?“ ſagte ſie, und ſchaute ihm, den Arm um ſeinen Hals geſchlungen, mit Rührung in's düſtre Auge.„O komm zu Dir, mein Lieber, höre Deine Eugenia, es iſt ja Alles gut, wenn wir nur nicht uns ſelbſt ver⸗ laſſen, und das werden wir nicht; denn wozu hätten wir uns dann überhaupt jemals gefunden!“ „O ich unglücklicher, ich verlorener Menſch!“ II. 14 2¹0 Georg Volker. rief Georg in heftigſter Erſchütterung, und ging, die Hand wider die pochende Stirn gepreßt, gleich Einem, der völlig rath- und hoffnungslos noch auf ein Aeußerſtes ſinnt, in dem ſchmalen Raum zwiſchen beiden Mauerpfeilern haſtig auf und ab; plötzlich ergriff er Eugeniens Hand, drückte ſie ganz außer ſich vor Schmerz an ſeine Bruſt und ſprach mit dumpfer Stimme: „Eugenia, was ſoll ich Ihnen noch ſagen? Iſt's nicht genug, wenn die Sprache mir ihren Dienſt, das Herz den Muth dazu verſagt! Einen Moment der Seligkeit durft' ich leben, einen einzigen, weil ich da vergeſſen konnte,— und ſchon kehrt der ſchwere Fluch, der auf meinem Leben ruht, mit dop⸗ pelt vernichtender Gewalt zurück, und was ich für den ſchönſten Sonnenblick meines Daſeins hielt, es war ein Wetterſtrahl, der mein letztes Lieben und Hoffen niederſchmetterte. Leben Sie wohl, Gräfin Eugenia! Was Sie heute mir gethan, wird bis zum letzten Athemzug in meinem Herzen leben, wird mir als einzige ſelige Erinnerung in's Jenſeits fol⸗ gen; aber niemals werden Sie dieſes Herz beſitzen können, beſitzen wollen, denn es gehört einer Andern,— war ihr ſchon geſchenkt, als es noch nicht einmal den Himmel ahnte, den es nun auf ewig verloren hat!“ Georg Volker. 211 War es nun die Kraft, die der weiblichen Seele in entſcheidenden Momenten innewohnt, oder war es die Stimme jener hellſehenden Ahnung, die in ſolchen Augenblicken dem liebenden Herzen mit einem Worte Alles ſagt,— Eugenia hatte nicht ſobald dieſe Ent⸗ ſcheidung vernommen, als ſie auch ſchon wußte, wem Georg's Herz gehöre, und gleich dem Laut einer geſprungenen Glocke entrang ſich ihren Lippen der Name„Annli!“ Georg ſagte nichts mehr; ſtumm ſaß er auf dem Steine und ſtarrte regungslos vor ſich nieder. Eu⸗ genia aber, die ſo furchtbar von der Zinne ihres höchſten Glückes, das ſie ſchon erreicht zu haben wähnte, niedergeſtürzt wurde, hatte noch ſo viel Kraft und Beſonnenheit, um zu überlegen, daß hier ein Geſchick walte, welches wahre Liebe nur durch Dulden verſöhnen, nimmer aber im Kampfe beſiegen kann. Noch einen Blick der ſchrecklichſten Gewißheit warf ſie auf Georg's todtbleiches Antlitz, noch einen Kuß, kalt wie Grabeshauch, drückte ſie leiſe auf ſeine Stirn und lautlos, gleich einem weinenden Schatten, der aus Elyſiums ſeliger Dämmerung dem öden Klagegefild verſchmähter Liebe zuirrt, eilte ſie hinweg, noch elender als Der, den ſie in der Ruine zurückließ. 44 212 Georg Volker. Wie lange Volker in dieſem Zuſtand völliger Apathie dageſeſſen, wußte er ſelber nicht; er erwachte aus demſelben, als ein Fieberfroſt ſein Gebein durch⸗ ſchüttelte und der Abendwind ihm wie mit kalten Schwingen über's Geſicht fuhr. Aufſchauend ſah er ſich eine Zeit lang verwundert um, und nur lang⸗ ſam kehrte ihm mit dem Bewußtſein auch das Ge⸗ dächtniß an das vorhin Erlebte zurück. Nit ſchweren Füßen erhob er ſich und wankte aus dem Schloßhofe. Noch glühte das Abendroth am weſtlichen Gebirge, dunſtige Gewitterwolken ſtan⸗ den darin, gleich Rauchſäulen eines Opferaltares, deſſen letzte Flamme im Erlöſchen begriffen iſt; Georg kam an's Dorf und ging dem Hauſe zu, wo er ſein Pferd eingeſtellt hatte. Am Thore trat ihm der Hofbauer entgegen.„Gott ſei Dank, daß Sie da ſind!“ rief der alte Mann, Einer der Haupteiferer unter den Dorf⸗Republikanern, hocherfreut.„Seit mehren Stunden ſucht man Sie überall, und über dem Warten vergeht uns die beſte Zeit.“ Kaum hatte er ausgeredet, als ſchon von allen Seiten Männer, junge und alte, herbeieilten, denen der Hofbauer mit der Pelzmütze winkte und ihnen zurief:„Hierher Leute! Er iſt da! Er iſt da!“ Noch ehe Volker begriff, was dies Alles bedeuten Georg Volker. 2¹3 ſolle, ſah er ſich von vielen Bauern umringt, die lärmend und jauchzend ſeine Ankunft begrüßten und ſich um ihn drängten, ihm ihren Eifer, ihre Freude zu bezeigen. Endlich erfuhr er die Urſache dieſer allgemeinen Aufregung, den Sieg der Bauernſchaa⸗ ren am grauen Stein und die von Germanos an ihn gelangte Botſchaft, daß man ſogleich den Land⸗ ſturm aufbieten und das Militair im Rücken angrei⸗ fen ſolle, während Germanos und der alte Bär mit ihren Freiſchaaren von zwei andern Seiten den Kampf beginnen wollten. Volker hörte zugleich, daß bereits viele Soldaten zu den Bauern übergegangen ſeien und dadurch dem Siege der Volkswaffen noch einen weitern moraliſchen Sieg, faſt ebenſo groß wie jener, verſchafft hätten. Dies Alles hatte die Kampfluſt der Nellenburger in einem Grade entflammt, daß ſie begehrten, Vol⸗ ker ſolle ſogleich zum Losbruch ſchreiten, den Land⸗ ſturm aufbieten und den Freunden im Gebirge zu Hülfe ziehen. Andere, und zwar die Mehrzahl der Bauern, wollten erſt das Schloß ſtürmen, den Gra⸗ fen mit ſeiner Familie gefangen nehmen und als Geißeln behalten; kurz, es herrſchte trotz der vielen Rathſchläge eine allgemeine Rathloſigkeit und beinahe wäre es unter den Bauern ſelbſt über die Frage, 24⁴ Georg Volker. wie man den Feind angreifen ſolle, zu Schlägereien und Händeln gekommen. Georg, ſo von allen Seiten gedrängt und be⸗ ſtürmt, hatte Mühe, in dieſer leidenſchaftlichen Auf⸗ regung der Gemüther ſein Anſehen geltend zu machen. Er ſelbſt war, wir wiſſen in welcher Verfaſſung, völlig unvorbereitet zu dieſer Kataſtrophe gekommen, und kaum wollte es ihm darum gelingen, ſich in dem plötzlichen Wechſel äußerer und innerer Eindrücke zu⸗ rechtzufinden. Er war ſo wenig im Stande, den für die Sache der Revolution entſcheidenden Moment 1. zu ergreifen, daß es ihn ſchon die größte Anſtrengung koſtete, den Leuten die Niedergeſchlagenheit und Zer⸗ rüttung ſeines Innern zu verbergen, und mehrmals verſank er mitten in der lebhafteſten Berathung, wo ſein Wort den Ausſchlag hätte geben ſollen, in ein düſteres theilnahmloſes Hinbrüten. Es fehlte ihm ebenſo wohl die Kraft zum Handeln, wie die Ein⸗ ſicht zu einer klaren Entſchließung; und verwundert ſchüttelten die Bauern den Kopf über ſeine unbeſtimm⸗ K ten Meinungen und ausweichenden Antworten. Der große Augenblick, der all ſeine Entſchloſſenheit erfor⸗ dert hätte, fand ihn muthlos, gebrochen an Geiſt und Begeiſterung; bald wollte er Dies, bald Jenes thun und verwirrte durch ſein eigenes Schwanken —— —,———— Georg Volker. 2¹⁵5 die getheilten Meinungen immer mehr. Die Stube war bis zum Erſticken mit Menſchen angefüllt; ſelbſt in der Hausflur ſtand Kopf an Kopf und Alle ſahen voll Ungeduld nach dem bleichen Führer, der, das Haupt in die Hand geſtützt, mit einigen anderen Bauern am Tiſche ſaß und der eifrigen Berathung nur ein halbes Ohr ſchenkte. Endlich gelang es den dringenden Zureden und ziemlich deutlichen Vorwür⸗ fen der Entſchloſſenſten und Mißmuthigſten, ihn ſei⸗ ner Apathie zu entreißen und ihn faſt mit Gewalt zu einem Entſchluß zu drängen. Man kam überein, daß man ſich beim Grauen des folgenden Morgens an der„Eiſernen Hand“ zuſammenfinden wolle, und noch in der heutigen Nacht ſollte die Kunde von dem bevorſtehenden bewaffneten Ausmarſch in der ganzen Umgegend verbreitet werden. Das verabredete Signal für die entfernteren Ortſchaften, ein großes Feuer auf dem höchſten Berggipfel der Nachbarſchaft, ſollte gleich⸗ falls in's Werk geſetzt werden, und wohl an fünfzig junge Bauernburſche eilten bei anbrechender Nacht in den Wald, um jenes Feuer anzuzünden, von dem ein altes Volkslied ſagt: „Darin der Bauer luſtig ſpießt, Was ihn ſeit hundert Jahr' verdrießt.“ 216 Georg Volker. Achtes Capitel. Weithin hatte es geleuchtet, ein Pharos der Frei⸗ heit war viele Meilen in der Runde geſehen wor⸗ den, und bald hier, bald dort auf den fernen Höhen loderten andere Feuer auf, als Antwort, daß man das Signal der Nellenburger verſtanden habe und kommen werde. Die ganze Nacht hindurch waren Boten ab⸗ und zugegangen, Volker ſelbſt, von tau⸗ ſend Sorgen und Vorbereitungen in Anſpruch ge⸗ nommen, kam nicht aus den Kleidern und war mit dem Grauen des Morgens faſt der Erſte auf dem Platze. Bald erſchienen von allen Seiten bewaff⸗ nete Freiſchaaren; wie einſt Einzelne zur„Eiſernen Hand“ gekommen waren, um an der Verſchwörung Theil zu nehmen, ſo folgten dieſen nun am Tage der Entſcheidung ganze Gemeinden; manche Colonnen aus den entfernteren Dörſern waren ſchon um Mit⸗ ternacht aufgebrochen, um rechtzeitig an Ort und Stelle zu ſein, alle von einem Gedanken beſeelt, ſo viele ihrer auch aus den verſchiedenſten Theilen des Landes eintrafen. Die Nellenburger, ein ſtattlicher Georg Volker. 217 Haufen von mindeſtens 400 Bauern, kamen zuletzt unter Anführung des alten Kaſtenmeiſters, der uns ſchon von früher her bekannt iſt. Die ſo lange für dieſen Augenblick in Bereitſchaft gehaltenen, ziemlich bedeutenden Waffen⸗ und Mu⸗ nitionsvorräthe wurden nun vertheilt, Georg bildete aus den beſten Schützen eine Art Tirailleur⸗Corps, vertheilte ſodann die geſammte ſtreitfähige Mannſchaft in Banner und rückte endlich gegen fünf Uhr Mor⸗ gens an der Spitze von ohngefähr zwölfhundert Be⸗ waffneten aus der„Eiſernen Hand“ auf der Straße nach Norden vor. Hell beſchien die Morgenſonne den kampfesmu⸗ thigen Haufen und fröhlich zog man unter Abſin⸗ gung von Freiheitsliedern dahin, dem Führer ver⸗ trauend, der zwar ſehr ernſt, aber doch mit zuver⸗ ſichtlicher Miene in ſtattlichem Freiſchaaren⸗Coſtüme auf ſeinem ſchwarzen Hengſt an der Spitze des Zu⸗ ges ritt, zur Seite den alten Kaſtenmeiſter mit eis⸗ grauem Heckerbart, eine echte Bauern-Kriegergeſtalt. Von Dorf zu Dorf nahm man genau denſelben Weg, den am Abend vorher das Bataillon Walde⸗ mar's im Geſchwindmarſch vorangegangen war, wo⸗ bei Volker die Vorſicht gebrauchte, zuverläſſige Kund⸗ ſchafter vorauszuſenden, die die Gegend recognosciren . 218 Georg Volker. und in beſtimmten Zwiſchenräumen immer wieder zurücktehren mußten, ſo daß der Zug ohne Aufent⸗ halt vorwärts kam. Aus allen Dörfern und Höfen brachten Weiber und Mädchen den anrückenden Frei⸗ ſchaaren Erfriſchungen entgegen und der Glocken Sturmgeläute hallte im ganzen Gebirge wieder. Nach einem mehrſtündigen Marſche erhielt Volker die ſichere Nachricht, daß er den Feind in einer für denſelben nicht günſtigen Poſition nur noch eine halbe Stunde entfernt, vor ſich habe, und faſt zu gleicher Zeit langten die Boten von Germanos und dem alten Bärenhorſt an, welche meldeten, daß das Militair faſt ſchon vollſtändig von ihnen umzingelt ſei und man nur auf die Ankunft der Nellenburger warte, um den Feind von allen Seiten mit Nachdruck an⸗ zugreifen. Germanos hatte ſich im Dorfe Jörgen⸗ hauſen verbarrikadirt und hielt die Steinbrüche be⸗ ſetzt; der Hauptmann aber ſtand mit ſeinen Schaa⸗ ren im oberen Walde und umzog das Bataillon in einem weiten Halbkreis. Volker ſollte ſein Centrum an dem Waldhof, einem einſamen Gehöfte in der Nähe des Dorfes, aufſtellen und von da ſeine Flü⸗ gel rechts bis zum Wieſengrund, durch welchen die Straße nach Nellenburg führte und links bis zur Brücke am Tannenwald ausdehnen, wodurch dem —— Georg Volker. 2¹9 Feinde der Rückzug vollſtändig abgeſchnitten war. Volker traf ſogleich nach dieſen Andeutungen ſeine Dispoſitionen, und führte die Bewegung mit großer Sicherheit aus, indem er ſeine Schaaren in drei Angriffs⸗Colonnen ordnete, ſodann langſam der Gegend vom grauen Stein zurückte und um die Mittagsſtunde wirklich die angegebene Poſition ein⸗ nahm. Kaum waren die Freiſchaaren in ihre Stellung m Waldhof eingerückt, als auch ſchon auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite des Thales der Kampf zwiſchen den Haufen von Germanos und dem Militair be⸗ gann, welches letztere einen von der Artillerie unter⸗ ſtützten lebhaften Angriff gegen die Barrikaden in der Dorfſtraße machte. Volker ritt einige hundert Schritte bis an die Waldſpitze vor, um die Stellung des Feindes näher zu beobachten, und ſah nun in der That die ganze militairiſche Streitmacht Waldemar's längs einer Bergabdachung bis hinunter zum Hohl⸗ weg am Ende des Dorfes aufgeſtellt. Der Feind hatte bei Annäherung der Nellenburger ein Detache⸗ ment von circa dreihundert Mann gegen den Wald⸗ hof vorgeſchoben und Georg beſchloß unverweilt, dieſe Truppen anzugreifen und ſie wo möglich bis auf die Hauptpoſition des Feindes zurückzuwerfen. Demzu⸗ 220 Georg Volker. folge ließ er ſeine Schützen auf dem für dieſe Art von Kampf ganz geeigneten coupirten Terrain vor⸗ gehen, während er ſelbſt mit einer ſtarken Colonne auf einem Seitenweg nachrückte. Die Soldaten ſahen ſich nicht ſobald von Flintenſchüſſen empfangen, als ſie Halt machten, und dem Feind, der den waldigen Bergabhang herunter kam, ihre Tirailleurs entgegen⸗ ſandten. Noch waren ſie eines Maſſenangriffs nicht gewärtig, als Georg plötzlich mit ſeinen Schaaren aus dem Walde hervorbrach und das Detachement mit einigen lebhaften Gewehrſalven begrüßte. Der commandirende Officier gab ſofort Befehl zu einem Bayonnetangriff, und in drei dichtgeſchloſſenen Colon⸗ nen rückte das Militair unter Trommelſchall gegen die Bauern heran. Dieſe ihrerſeits ſtürmten mit lautem Geheul den Soldaten muthvoll entgegen, an der Brücke kam es zum Zuſammenſtoß, Georg Allen voran ſtürzte ſich muthig in des Feindes dichteſte Reihen, und es entſpann ſich ein kurzer, aber furcht⸗ barer Kampf. Nicht lange hielten die Soldaten dem übermächtigen Andrang und den ungewohnten Waffen des Feindes Stand, und als eine neue Bauernſchaar mit Senſen, Heugabeln und Holzärten bewaffnet, aus dem Walde hervorbrach, warfen ſie ſich in wil⸗ der Unordnung auf ihr Hauptcorps zurück, das nun Georg Volker. 221 von ſeinem Angriff gegen das Dorf abließ und durch eine Schwenkung ſeines rechten Flügels, den die bei⸗ den Feldgeſchütze deckten, den fliehenden Truppen ei⸗ nen Anhalt zum Sammlen bot, zugleich aber durch ein wohlgezieltes Feuer die Bauern zum ſchleunigen Rückzug in ihre gedeckte Poſition am Waldhof nö⸗ thigte. Mehrere Soldaten waren entweder todt oder ſchwer verwundet von den Ihrigen mitgenommen worden, drei andere fielen als Gefangene den Frei⸗ ſchaaren in die Hände. Alle verlangten einſtimmig, daß Georg auf der Stelle das Standrecht ausüben ſolle, und nur ſchwer gelang es endlich ſeinen Vor⸗ ſtellungen, das Leben der Gefangenen zu retten, die er ſodann unter ſicherer Obhut hinter die Linie der Bauern führen ließ. Der Feind beſchoß nun das Gehöft, hinter deſſen Mauern ſich die Volksſtreiter feſtgeſetzt hatten, mit Kugeln, während Georg ſeine beſten Schützen abermals den bewaldeten Bergab⸗ hang hinabſchickte, um die Tirailleurs abzuhalten; bei dieſem Kampfe verloren die Bauern mehrere Leute, während der Feind in ſeinem günſtigen Defilé am Hohlweg völlig ſicher ihnen ſeine wohlgezielten Kugeln zuſandte. Plötzlich ſah Georg von den ge⸗ genüberliegenden Waldhügeln die Schaaren des alten Bär's herabkommen und ſich in weiten Zügen auf 222 Georg Volker. den dort gelegenen Hochwieſen aufſtellen; zu gleicher Zeit brach Germanos aus den Dorfgärten hervor und nun entbrannte dort der heftigſte Kampf. Bald umging der Hauptmann den linken Flügel des Fein⸗ des, Volker ſah deutlich den Major an den Linien ſeines Bataillons hinſprengen, das ſich abermals zu einem Angriff gegen das Dorf concentrirte, um wel⸗ ches nun auf das Lebhafteſte geſtritten wurde. Eben hatte Georg ſeine Angriffs⸗Colonnen neu formirt, um Germanos zu Hülfe zu kommen und durch einen Flankenangriff gegen die Brücke des Feindes Kräfte neuerdings zu theilen, als plötzlich auf ſchweißtriefendem Roſſe ein Reiter querfeldein aus der Richtung von Nellenburg hergeſprengt kam, der ſchon von Weitem den Bauern:„Halt! Halt!“ zu⸗ rief. Wie er näher kam, erkannte Georg ſeinen Knecht Baſtian vom Grabenhof, dem der Schrecken in allen Zügen geſchrieben ſtund. Athemlos erzählte er ſeinem Herrn und den Bauern, wie kaum die Männer von Nellenburg aus der„Eiſernen Hand“ abgezogen ſeien, wäre dort ein Feind eingebrochen, der Alles zu vernichten drohe, und das Dorf in Brand zu ſtecken geſchworen habe: Konrad Buhl näm⸗ lich mit ſeinen wilden Genoſſen, wohl zweihundert an der Zahl. Ohne Widerſtand zu finden, ſeien ſie Georg Volker. 223 wie Räuber und Mordbrenner in's wehrloſe Dorf eingebrochen, hätten in den Häuſern Alles zerſchlagen und geplündert und dann Anſtalten gemacht, das Schloß zu ſtürmen und den Grafen ſammt ſeiner ganzen Familie zu ermorden. Man kann ſich denken, welche Beſtürzung dieſe Schreckenskunde bei allen Männern aus Nellenburg hervorrief. „Fort! Fort!“ ſchrieen Hunderte von Stimmen. „Weib und Kind, Haus und Hof laßt uns retten! Der Buhl hat uns Rache geſchworen und kennt kein Erbarmen! Fort! Fort!“ Und ehe es noch Georg, der wohl den kritiſchen Moment erkannte, zu verhindern vermochte, ſtürzten ſchon die Bauern haufenweiſe auf dem Weg nach Nellenburg davon, um ihr Eigenthum und das Leben ihrer zurückgelaſſenen Angehörigen zu retten. Aber auch ihn ſelbſt hatte des Knechtes Botſchaft wie ein Donner gerührt; ſein erſter Gedanke war Eugenia, ſein zweiter ihre Rettung, und kaum beſann er ſich darum noch, welchem Feind er ſich zuwenden ſolle. Schnell entſchloſſen übergab er den Befehl über die am Waldhof zurückbleibenden Freiſchaaren einem ehemaligen polniſchen Offizier, der mit ihm aus der„Eiſernen Hand“ ausgerückt war, drückte dann 224⁴ Georg Volker. ſeinem Rappen die Sporen in die Weichen und flog mit Windeseile der Heimath zu, kaum noch achtend auf das Getöſe des Kampfes, immer mehr hinter ihm verhallte. In Nellenburg ſelbſt war es unterdeſſen ſchrecklich genug hergegangen, und der wilde Zuchthausſträfling ſchien endlich an ſeinem Ziele angelangt; das ganze Dorf war ihm ja wehrlos überliefert und Niemand da, der ihn an der Ausführung ſeines alten Rache⸗ ſchwurs hätte hindern ſollen, faſt nur Weiber, Kin⸗ der und Greiſe anweſend, die ſich zitternd vor dem Gefürchteten flüchteten, der gleich einem Wolf in die vom Hirten verlaſſene Heerde eingebrochen war. Und ihm gleich an roher Ausſchweifung und raſender Begierde waren Die, welche ihm folgten; indem ſie bald von perſönlichem Haß, bald von Beuteluſt ge⸗ leitet, die wildeſten Exceſſe verübten, ſo daß in Wahr⸗ heit Nellenburg einem von Koſacken überfallenen Dorfe glich; ſelbſt die Kirche war von den Raub⸗ händen dieſer Horde nicht verſchont geblieben; man riß das Altartuch weg, raubte die Abendmahlsge⸗ fäße und trieb ſonſt noch ſchnöden Spott jeder Art mit dem Heiligthum. Beſonders aber waren es die Wirthshäuſer und Schenken, wo Buhl's Genoſſen ſich allen möglichen Unfug erlaubten, indem ſie ſich Georg Volker. 225 in Wein und Spirituoſen bis zur viehiſchen Trun⸗ kenheit berauſchten, worauf ſie die Häuſer der reich⸗ ſten Bauern und Juden ſtürmten, ihre Bewohner mißhandelten, und Alles zertrümmerten, was ihrer Wuth in den Weg kam. Schränke und Kiſten wur⸗ den erbrochen, alles Werthvolle geraubt, den vollen Weinfäſſern der Boden eingeſchlagen, die reichen Fruchtvorräthe auf die Gaſſe zerſtreut, kurz jede Schänd⸗ lichkeit verübt, wie es dem rohen Geſindel, das nir⸗ gends Widerſtand fand, ſeine Laune und Rachgier eingaben. Doch nicht Buhl allein war es, deſſen Erſchei⸗ nung im Dorfe ſolche Angſt und Beſtürzung verur⸗ ſachte. Bei dem berüchtigten Zuchthausſträfling be⸗ fand ſich zum allgemeinen Erſtaunen der Dorfbewoh⸗ ner Einer, den man wahrlich nicht in dieſer Geſell⸗ ſchaft geſucht hätte; Einer, den alle Leute im Dorfe kannten und ſeit Jahren liebten: Paul Werle, Vetter Peter's Pflegeſohn! Wie er zu dieſer Räuberbande gekommen, er, der doch noch den Soldatenrock trug, war eben ſo wenig zu erklären, als ſein ganzes Be⸗ nehmen Allen, die ihn noch jüngſt geſehen hatten, räthſelhaft dünkte. Er ſaß in der Schenke zum ro⸗ then Löwen und ſchien ſich nicht im mindeſten um den Greuel zu bekümmern, der rings um ihn vorging, m 15 226 Georg Volker. leerte mit Buhl eine Flaſche nach der andern, wobei ihm dieſer beſtändig zutrank und ſich etwas Rechtes auf die neue Cameradſchaft zugute that. Wohl glühte es manchmal wie Wetterleuchten über des Jünglings bleiches Geſicht, wohl flammte ein düſtrer Blitz aus ſeinen Augen und zuckte die Hand krampf⸗ haft, wann Buhl ihm zu nahe kam; gleich darauf aber ſchien er ſich wieder auf Etwas zu beſinnen, drängte mit Gewalt ſeinen Zorn zurück und duldete ruhig, daß ihn der Zuchthausſträfling vor aller Welt Camerad und Bruder nannte. Endlich, als die ſchreckliche Wirthſchaft ſchon meh⸗ rere Stunden gedauert hatte, fuhr Paul, ſeiner Un⸗ geduld nicht mehr Meiſter, mit wilden Blicken vom Sitze empor, ſchlug mit geballter Fauſt wüthend auf die Tafel und rief: „Holla Buhl! Es iſt Zeit, daß wir an's Werk gehen! Ich habe verſprochen, Dir das Schloß zu überliefern, mach' alſo in's Teufels Namen, daß Du Deine Hallunken zuſammenkriegſt, eh's Nacht wird und uns vielleicht gar ein Feind auf den Hals kommt!“ „Wart' noch, Brüderchen,“ lallte Buhl mit ſchwe⸗ rer Zunge und that einen neuen Zug.„Das Schloß läuft uns nicht davon und bei Nacht brennt's auch —— Georg Volker. 227 noch einmal ſo luſtig und die guten Nellenburger können's deſto beſſer merken, daß der Konrad Buhl ihnen ſeine Reverenz macht! Heyſa, Camerad, ſtoß an: das Zuchthaus ſoll leben!“ „Fort! Fort!“ ſchrie Paul und riß den Zaudern⸗ den mit Gewalt von der Bank auf. Nicht eine Mi⸗ nute länger geb' ich dem Grafen Galgenfriſt, erſt wann ich ihn kalt gemacht habe, wollen wir uns oben im Schloſſe an ſeinem feinen Weine gütlich thun! Pfui, Teufel auch! Wie magſt Du nur den ſauren Bergſträßer ſaufen und haſt oben Champagner und Bordeaur, ganze Fäſſer voll!“ Er warf bei dieſen Worten mit einem Fußtritt die Tafel um, daß alle Gläſer und Flaſchen in Scher⸗ ben zerſplitterten, und das Getränk über den Boden floß. Dann nahm er den taumelnden Buhl untern Arm, hieß draußen auf der Flur den alten Tromm⸗ ler, den die Rotte bei ſich führte, Alarm durch's Dorf ſchlagen und ſelbſt lief er dann mit ſeinem blan⸗ ken Säbel durch die Straße, unter dem Rufe: „Herbei! Herbei! Auf's Schloß! Stürmt das Schloß! Brennt's nieder bis auf's Fundament! Tod dem Grafen und Allem, was droben lebt!“ „Tod dem Grafen! Auf's Schloß! Stürmt das Schloß!“ brüllten und jauchzten in wildem Chorus 13* 22⁸ Georg Volker. die Geſellen Buhl's und ſchickten ſich an zum Auf⸗ bruch gegen die ſtattliche Burg des regierenden Herrn.— Im Schloſſe ſelbſt war man über die Lage der Dinge und die der gräflichen Familie drohende Ge⸗ fahr keinen Augenblick in Ungewißheit geblieben, kannte genau des Feindes Stärke und Abſicht und ſchickte ſich zur mannhaften Vertheidigung an, da man ſicher bis zum Abend auf die Rückkehr des Mi⸗ litairs zählte. Der Graf hatte ſchon drei Boten an Waldemar abgeſandt, um dieſen von der drohenden Gefahr zu unterrichten; für den ſchlimmſten Fall ſtand im Hofe ein Wagen zur Flucht in Bereitſchaft; und nur der Umſtand, daß man eigentlich nicht ſicher wußte, wohin man fliehen ſollte, um den Schrecken der Bauernrevolution zu entgehen, da man rings das ganze Land im Außſtand vermuthete, hielt den Grafen ab, die Damen anders als im äußerſten Falle, abreiſen zu laſſen. 8 Alle Diener des Schloſſes waren auf das Voll⸗ ſtändigſte bewaffnet, außerdem hielten zwölf Forſtbe⸗ amten mit ihren Waldknechten und Wildhütern den Schloßweg beſetzt, während die gräflichen Jäger, gleichfalls lauter treffliche Büchſenſchützen, ſich auf den Terraſſen im Schloßgarten poſtirt hatten, ſo daß, Georg Volker. 229 wenn wirklich der Feind einen Sturm wagen ſollte, der Erfolg vorausſichtlich zu ſeinem Schaden aus⸗ fallen mußte. Da kam plötzlich gegen fünf Uhr Nachmittags aus dem Dorfe die Nachricht herauf, daß die Rebel⸗ len(denn für nichts Anderes hielt man das fremde Geſindel) ſich zum Anrücken gegen das Schloß an⸗ ſchickten. Der Graf hielt es nun für die höchſte Zeit, die Damen in Sicherheit zu bringen und hob ſelbſt die ohnmächtige Gräfin in die Chaiſe, worin außer Eu⸗ genien und der alten Frau von La Blanche nur noch eine Kammerfrau Platz nahm. Durch das hintre Thor fuhr dann der Wagen, von den flinkſten Ren⸗ nern aus den gräflichen Ställen gezogen, pfeilſchnell in der dem Dorfe entgegengeſetzten Richtung dem Ge⸗ birge zu. Zwei berittene Diener folgten in einiger Entfernung, um alles Aufſehen zu vermeiden; worauf der Graf, den wir ſchon bei früherer Gelegenheit als einen Mann von perſonlichem Muthe kennen lernten, zu ſeiner Umgebung ſagte: „So, nun mögen die Hallunken ſich heraufbe⸗ mühen! Sie werden diesmal nur Männet im Schloß finden, und zum zweiten Male ſollen ſie uns wahr⸗ haftig nicht ſo nahe zu Leibe kommen, wie damals, —— 230 Georg Volker. als der Herr Volker noch den Großmüthigen gegen uns ſpielte. Mathis, Du bleibſt bei mir und ladeſt mir die Büchſen. Für jeden Bauer aber, der fällt und nicht mehr aufſteht, zahle ich einen Louisd'or als Schützenpreis.“ Des Grafen Muth und Zuverſicht theilte ſich der kleinen Beſatzung mit, und Alle, außer dem Amt⸗ mann Leo, der vor Todesangſt kein Wort hervor⸗ bringen konnte, und nur in einem devoten Lächeln der bleichen Furcht ſeine Haltung behauptete, gelob⸗ ten, das Schloß bis zum letzten Pulverkorn zu ver⸗ theidigen. „Sie ſind ja ſchon gehenkt, wenn auch nur in effigie!“ flüſterte ihm halblaut der Graf in's Ohr. „Die Rebellen werden Ihnen alſo gewiß nichts an⸗ haben. Aber ſuchen Sie ſich immerhin irgendwo ein ſtilles Plätzchen, denn die Narren ſind wahrlich ſel⸗ ten in der Welt, die ſich aus purer Chriſtenliebe für ihren Nebenmenſchen todtſchlagen laſſen!“ Die Nächſtſtehenden lachten, der Amtmann aber ging beſchämt bei Seite, und knöpfte ſeinen Rock bis an die Cravatte zu. Denn unter dieſem trug er bereits die Blouſe des armen Mattelhans, die ihm ſchon einmal ſo trefflich zu ſtatten gekommen war. Im ſchlimmſten Falle brauchte er nur mit —— Georg Volker. 231 dem Oberrock den Amtmann auszuziehen und er ging frei durch in der allgemeinen Verwirrung. Schon dämmerte der Abend, da vernahm man plötzlich vom Dorf her das Getöſe und Schreien der anrückenden Feinde; Alle im Schloß, die noch nicht auf ihren Poſten waren, eilten dahin, und eine Viertelſtunde ſpäter knallten von den Terraſſen die erſten Büchſenſchüſſe. Das plötzliche Verſtummen und Haltmachen des Haufens verrieth den Schützen oben, daß ihre Kugeln getroffen hatten; aber nur einige Augenblicke ſtockte der Andrang der Stürmen⸗ den und mit wildem Wuthgeheul rannten ſie den Schloßberg hinan, wo die außerhalb des Portals aufgeſtellten Forſtleute ſie mit einer wohlgezielten Salve begrüßten. Wieder ſtürzten einige der Vor⸗ derſten.„Vorwärts! Vorwärts, Brüder!“ brüllte der wüthende Buhl, über die Leichen der Gefallenen dahinſtürmend, und die Forſtleute retirirten, ohne vor dem heftigen Andrang des Feindes nochmals zum Schuß zu kommen, in das Schloß, deſſen ge⸗ waltige eiſerne Gitterthore jedem Verſuch, ſie von Außen zu öffnen, zu ſpotten ſchienen. Schüſſe auf Schüſſe knallten nun von allen Seiten aus den Fen⸗ ſtern, von den Terraſſen und Altanen, und verge⸗ bens ſuchte die wilde Rotte das Thor mit Aerten 1 ſi 232 Georg Volker. und Brecheiſen aufzuſprengen; ſchon lagen auch hier fünf Leichen, aber auch aus dem Haufen der Bau⸗ ern wurde nun geſchoſſen, während immer neue Män⸗ ner an die Stelle der Gefallenen traten und Buhl's fürchterliche Stimme die Seinigen zum Ausharren ermuthigte. Bis in die Angeln erdröhnte das Thor unter den Donnerſchlägen ſeiner gewaltigen Art, und ob ihm auch die Kugeln um die Ohren pfiffen, er ach⸗ tete ihrer nicht; wie ein raſender Tiger arbeitete er an dem Gitter, während ſeine wilden Geſellen mit beiſpielloſer Todesverachtung an den ſtockhohen Mauer⸗ wällen des Schloßgartens hinankletterten, ſo daß ſich die dort poſtirten Schützen in der That genöthigt ſahen, den Garten zu räumen und ſich in den linken Schloßflügel zurückzuziehen, wo ſie nun aus den Fenſtern des Bankettſaales den Feind beſchoſſen. Die Lage des Schloſſes und ſeiner Vertheidiger wurde von Minute zu Minute bedenklicher; der toll⸗ kühne Muth der Räuberbande ſchien in dem Grade zu wachſen, als die Gefahr für ſie größer wurde und ſie den Kugeln der gräflichen Schützen immer näher kamen; der Graf ſchoß aus der Gräfin Wohn⸗ zimmer einen Menſchen nieder, der bereits die Ter⸗ raſſe erſtiegen hatte, ſo daß derſelbe die hohe Mauer Georg Volker. 233 rückwärts hinunterſtürzte; nur Buhl ſchien kugelfeſt, und ſelbſt einen Streiſſchuß am linken Arm achtete der Raſende nicht. Plötzlich hörte man ein ſchreckliches Getöſe im Innern des Schloſſes; unter Anführung Paul's war eine Anzahl der verwegenſten Geſellen durch den hintern unbewachten Theil des Bosquets bis an's Schloß gedrungen und hier, da die Fenſter des un⸗ tern Stockwerks mit ſtarken Eiſenſtäben verſehen wa⸗ ren, an den dicht am Gebäude ſtehenden Lindenbäu⸗ men zur Belétage hinaufgeklettert; wie aus dem Boden gewachſen erſchienen ſie plötzlich unter lautem Hurrahruf im innern Schloßhof und ein wildes Freudegeheul von Außen begrüßte ſie. Einige eilten auf das Thor zu; noch ſank der Vorderſte, durch eine Büchſenkugel des Grafen getroffen, todt nieder; aber die Andern arbeiteten nun von Innen um ſo wü⸗ thender an den Schlöſſern und Riegeln und unter Paul's Artſchlägen ſprang endlich das Schloß aus ſeinen Klammern. Donnernd flogen die Thorgitter auf und wie eine Schaar rächender Dämonen ſtürzte die bis zur Raſerei entflammte Rotte herein. Die Vertheidiger hatten dieſen Moment nicht ab⸗ gewartet; kaum ſahen ſie den Feind im Schloßhof, als ſie die Hoffnung auf einen weitern erfolgreichen 234 Georg Volker. Widerſtand aufgaben; Jeder ſuchte ſich vor dem wů⸗ thenden Volk zu retten, wie und wohin er konnte; die Meiſten gelangten durch einen unterirdiſchen Gang in's Freie, Andere ſprangen aus den Fenſtern in's Bosquet hinunter und flüchteten in den nahen Park; der Graf allein, der entweder die Gefahr nicht recht⸗ zeitig merkte, oder in ſeiner blinden Leidenſchaft nicht vom Platze weichen wollte, blieb im Zimmer der Gräfin zurück. Da ſah er plötzlich die Bauern in den Treppenthurm eindringen und hörte einen furcht⸗ baren Lärm auf dem Corridor; Mathis riß das Fenſter nach dem Schloßgarten auf und ſprang hin⸗ unter; jetzt flogen die Thüren des vorderen Cabinets auseinander und in der einen Hand eine Piſtole, in der andern den geſchwungenen Säbel, ſtürzte Paul hinein, ein wilder Racheengel der Vergeltung! Todten⸗ bleich war ſein Antlitz; er hatte das Kamiſol aufge⸗ riſſen; ſeine Augen ſprühten Blitze, als er des Gra⸗ fen anſichtig wurde. „Mörder meines Vaters! Verfluchter Eyrenſchin⸗ der meiner Mutter! Fahr' zur Hölle!“ donnerte er dem Grafen entgegen, der auch ſeinerſeits auf den erſten Blick den Sohn des Förſters Werle erkannte und in dem Moment, da Paul in der Gräfin Zim⸗ mer trat, aus dem Fenſter ſprang; Jener ſtürzte ihm Georg Volker. 235 nach; ein Schuß, die Kugel ging dem Grafen, ohne ihn jedoch zu verletzen, durch die grüne Jagdmütze; raſch wie ein Tigerthier auf ſeine gewiſſe Beute, ſprang Paul mit geſchwungenem Säbel dem Fliehen⸗ den durch's Fenſter nach, ſtürzte, raffte ſich wieder auf, rannte noch einige Schritte vorwärts und ſank mit einem fürchterlichen Schmerzenſchrei nieder. Er hatte ſich beim Sprung aus dem ziemlich hohen Fenſter den Fuß verrenkt und— der Graf war ge⸗ rettet. — Volker langte in demſelben Augenblick zu Nellenburg an, wo dieſe Kataſtrophe oben im Schloſſe vor ſich ging; ein Blick in das verödete Dorf ſagte ihm Alles, und ohne die Gefahr zu bedenken, der er ſich ausſetzte, eilte er zu Fuß den Schloßberg hinan. Eben war das Thor erbrochen worden und zugleich mit den ſtürmenden Rotten drang er in das Innere ein; er eilte durch die wohlbekannten Gänge und Corridors zuerſt nach den Zimmern Eugeniens; hier ſah er Alles in Unordnung durcheinander liegen und es machte auf ihn den Eindruck, als ſei eine Abreiſe in großer Haſt vorbereitet worden. Selbſt ein leerer Koffer ſtand noch da und Papiere, Schach⸗ teln, Bindfaden lagen üherall auf dem Boden zer⸗ ſtreut. 236 Georg Volker. Aber noch beruhigten ihn dieſe Anzeichen von ihrer Abreiſe nicht ganz; er eilte nach der Gräfin Zimmer hinüber; auch hier überall dieſelbe Unord⸗ nung: in der Garderobe ſtanden die Kleiderſchränke offen und Toilettenſtücke aller Art lagen auf Stühlen und Tiſchen herum. Da fiel ihm ein, nach den Remiſen zu gehen und ſich dort die ſicherſte Bürgſchaft ihrer Abreiſe zu holen. Wirklich fehlte der große Reiſewagen, wäh⸗ rend alle übrigen Chaiſen da waren. Eine unwiderſtehliche Gewalt zog ihn nach Eu⸗ geniens Zimmer zurück; er wollte retten, wollte ſchützen vor rohen Räuberhänden das reine Heilig⸗ thum, aus dem es ihn noch wie ihre Nähe ſelbſt anwehte,— umſonſt; er kam zu ſpät; denn ſchon war das ganze Schloß von fürchterlichen Geſtalten angefüllt und allenthalben begann das Werk der gründlichſten Zerſtörung. Wie Vandalen hauſten die Wüthenden in den glänzenden Sälen voll Pracht und Herrlichkeit; Alles wurde zerſchlagen; die reichen Möbel zerſplitterten unter Artſchlägen, man riß die ſeidenen Tapeten von den Wänden, zethackte ſelbſt den getäfelten Fußboden; kein Ofen, kein Marmor⸗ kamin blieb an ſeinem Platz, und donnernd und krachend flog Alles, was man von der Stelle bringen —— Georg Volker. 237 konnte, durch die ihrer Flügel beraubten Fenſter in den Schloßhof hinunter. Die Vernichtungswuth er⸗ ſtickte ſelbſt die Raubgier; die Meiſten dachten nicht einmal an's Plündern und Einer wetteiferte mit dem Andern an erfinderiſcher Zerſtörung; kurz, die Weiſ⸗ ſagung Volker's von damals, als bei dem erſten Volksauflauf im Schloßhof der Stein durch's Fenſter flog, erfüllte ſich grauenvoll, und in einem Zeitraum von nicht ganz einer Stunde glich das am Morgen noch ſo prächtige Schloß beim Anbruch der Nacht einer Ruine, die nur noch von Außen das vorige Anſehen behalten hat. Des Feuers furchtbares Ele⸗ ment ſollte vollends zerſtören, was menſchlicher Wuth und Raſerei nicht möglich war; bald ſchlugen die Flammen lichterloh aus dem Trümmerhaufen im Schloßhof empor, man fullte die Parterre⸗Zimmer mit brennbaren Stoffen, und Alles, was Holz⸗ und Heuſchober davon enthielten, wurde dort aufgehäuft, damit das Feuer in einem Augenblick den ganzen Schloßbau ergreife und das Vernichtungswerk nur um ſo ſchneller von Statten gehe. Volker hatte ſich ſchaudernd auf den Ruͤckweg nach dem Dorfe begeben; Niemand erkannte ihn, Niemand achtete auf ihn; er ging am Hauſe der err Lilien vorüber, eben als man Paul dort hineintrug; 238 Georg Volker. hier und da ſah er einen Dorfbewohner mit verſtör⸗ ter Miene und eine Frau rief ihm wehklagend aus dem Dachfenſter ihres Häuschens zu, daß ihr Kind im Sterben liege. Bald war es völlig Nacht geworden; die vom grauen Stein heimkehrenden Bauern mußten jeden Augenblick ihrem unglücklichen Dorfe als Retter er⸗ ſcheinen; er ging darum an das Ende des Ortes, und wirklich dauerte es keine Viertelſtunde, als er vom gegenüberliegenden Berge ein lautes Lärmen und Toben vernahm. Raſch warf er ſich auf ſein Pferd und ritt den Freunden entgegen, um zu ſor⸗ gen, daß ſie ſich zuvor ſammelten und zu einem Angriffsplan gegen die Mordbrenner vereinigten. Er erreichte ſie in der Mitte des Weges und fand ſie bereits in einem Haufen von ungefähr drei⸗ hundert Mann beiſammen. Sie hatten ſchon aus der Ferne den Brand des Schloſſes geſehen und Volker unterrichtete ſie vollends über den Stand der Dinge ſowohl im Dorfe wie oben. Dann führte er ſie geräuſchlos um das Dorf herum, hieß Jeden ein weißes Tuch um den Arm binden, damit man ſich in der Finſterniß erkenne; ſeine Waffen trüg ein Jeder bei ſich und in Aller Bruſt kochte daſſelbe Ge⸗ fühl der wüthendſten Rache gegen die Urheber ſolcher S Georg Volker. 239 Greuelthaten. Man erſtieg den Schloßberg nach der Seite der Ruine hin, von wo man in den dunklen Park gelangte. Schauerlich leuchteten die Flammen des brennenden Schloſſes durch die Baumwipfel, man hörte das jauchzende Geheul der wilden Rotte, die auf der Terraſſe im Schloßgarten lagerte und, ein furchtbares Bacchanal! beim Gluthſchein ihrer Unthat ſich in des Grafen Weinen berauſchte. Georg ordnete die Bauern zum Angriff; plötzlich brachen dieſe lautlos aus den ſie verbergenden Taruswänden hervor, umzingelten Jene, und nun begann ein wü⸗ thendes Dreinſchlagen, ehe die Angegriffenen kaum daran denken konnten, Widerſtand zu leiſten. We⸗ nige entflohen, Andere taumelten weintrunken den Angreifenden entgegen, und wurden zuſammengeſchla⸗ gen; faſt die ganze Bande mußte ſich ergeben und wurde mit Stricken geknebelt in's Dorf getrieben; Buhl ſelbſt befand ſich unter den Umgekommenen. Aber das Schloß konnte Niemand retten; es brannte bereits auf allen Seiten lichterloh, oben und unten und in der Mitte, und weithin jagte die Gluth ihre knatternden Flammen in die ſchauerliche Nacht hinaus, den ſtolzen Bau wie mit feurigen Flügeln eines Racheengels umrauſchend. * * 24⁴⁰0 Georg Volker. Volker war am ſpäten Abend nach dem Graben⸗ hof geritten, in einem Zuſtand der Erſchöpfung und Aufgeregtheit, der es ihm unmöglich machte, länger in dem Tumult auszuhalten. Wie nach dem Sturme die See, wogte ſein Gemüth; alle ſeine Lebensgeiſter waren erregt, zu viel des Uebergewaltigen war an dieſem Tage auf ihn eingeſtürmt und hatte ihn aus einer erſchütternden Kataſtrophe in die anderé gewor⸗ fen; noch durchdröhnte ihn der Donner des Kampfes am grauen Stein und die Schreckensſcenen im Schloſſe ſtanden wie ebenſo viele geſpenſtiſche Un⸗ holde vor ſeiner Seele; dazu die Ungewißheit über des Kampfes Ausgang und das Schickſal ſeiner Freunde, dazu vor Allem eine Ahnung, ſchwarz wie die Nacht, die ihn rings umgab, daß nämlich der heutige ſo entſcheidende Tag nicht die erwarteten Re⸗ ſultate gebracht, und ſelbſt im Falle des Sieges am grauen Stein als ein unglücklicher zu betrachten ſei. Das alſo war das Vorſpiel der Revolution, der er ſeine Begeiſterung, all' ſein Hoffen, Denken und Füh⸗ len geweiht hatte; und ſo, wie Georg heute die Revolution in ihren Anfängen geſehen, ſo ſollte es vielleicht bald in ganz Deutſchland werden! Wie ein Sterbegeläute ging ihm durch die Seele, was Eugenia ihm am geſtrigen Abend geſagt; noch Georg Volker. 2⁴¹ war er ſonſt zu keiner klaren Vorſtellung über jene Zuſammenkunft gekommen, der heutige verhängniß⸗ volle Tag hatte alle ſeine Empfindungen ſo verworren durcheinander geworfen, daß er ſelbſt die Stimmung, die er geſtern aus der Ruine mitnahm, nicht wieder⸗ finden konnte; aber von dem Moment an, wo es ihn faſt wie mit unſichtbarer Hand aus dem Ge⸗ tümmel des Kampfes fort⸗ und hierher riß, war es ihm bei ſeinem fataliſtiſchen Gefühl unmöglich, die unglückliche Vorherſagung Eugeniens über den Aus⸗ gang der Revolution anders als bereits erfüllt an⸗ zuſehen. Die Looſe waren geworfen, und beim Feuerſchein des Schloſſes ſah er zuerſt, daß es keine glücklichen waren. Mit dieſem ahnungsvollen Gefühl in ſchwerbe⸗ klommner Bruſt kam er auf ſeinen Hof. Er hörte anfangs kaum, was Veronika ihm von Annli er⸗ zählte; und erſt, als dieſe ihn flehend bat, hinauf⸗ zugehen und nach dem Mädchen zu ſehen, das um den Verſtand gekommen ſein müſſe, ward er auf⸗ merkſam und fragte, was vorgefallen wäre. Veronika erzählte ihm hierauf, Annli ſei gegen Nachmittag blaß wie der Tod auf den Hof gewankt gekommen und habe irre Reden geführt, denen kein Menſch Sinn noch Deutung hätte geben können. Dem IHI. 16 242 Georg Volker. Mädchen müſſe jedenfalls ein ſchreckliches Unglück, ja vielleicht, ſetzte die fromme Alte mit Zittern und Zagen hinzu, etwas Uebernatürliches begegnet ſein; denn ſie ſei durchaus nicht von der fixren Idee abzu⸗ bringen, daß ſie zwei Engel geſehen habe, die ſie ſanft zur Erde getragen, als ſie ſich, um den Tod zu ſuchen, von dem höchſten Gipfel des Euloben⸗ kopfes in die Tiefe niedergeſtürzt hätte. Wie ſie da hinauf gekommen und was ihr eigentlich begegnet, daß ſie ihrem jungen Leben dieſes Leid hätte anthun wollen, ſei nicht aus ihr herauszubringen; ſie ſitze ſeitdem ſtumm und regungslos, wie gebrochen an allen Gliedern, oben in der Stube an Volker's Schreibtiſch und thue nichts, als mit ängſtlicher Ge⸗ berde in der Luft umhertaſten, wie wenn ſie noch immer zu fallen wähne. Georg eilte hinauf und trat leiſe in das Zimmer; er fand Annli gerade ſo vor ſeinem Schreibtiſch ſitzen, wie es ihm Veronika beſchrieben; ſie hörte ihn nicht und fuhr fort, die Arme krampfhaft zu bewe⸗ gen, als ob ſie in der Luft nach einem Gegenſtand greifen wolle, um ſich daran feſtzuhalten. Als Georg ihren Namen nannte, fuhr ſie mit einem hellen Schrei vom Lehnſtuhl auf, erkannte den Georg Volker. 243 Freund und wie gebrochen an Leib und Leben an ſeine Bruſt ſtürzend, ſtammelte ſie: „Georg! Georg! Wo warſt Du ſo lange? Ach, mir iſt Schreckliches geſchehen; aber nun weiß ich auch ganz ſicher, daß Du dort warſt; Du haſt es mitgenommen; o zeig's mir, daß ich wieder lebe, denn ſonſt—“ fügte ſie mit erſterbender Stimme hinzu, indem ſie ſich mit der Hand über die bleiche Stirn fuhr—„ ſonſt müßt' ich entweder um den Verſtand kommen, oder es wäre aus mit mir!“ „Was fehlt Dir, liebe Annli? Was meinſt Du?“ fragte Georg, der hierin noch lange keine Irr⸗ rede erblickte, obwohl auch ihm der Sinn ihrer Worte dunkel blieb. „Ha! Du fragſt mich, was mir fehlt!“ ſchrie das Mädchen entſetzt.„So warſt Du nicht dort— haſt es nicht mitgenommen; die Eulobe hätte mich verrathen, wie ich ſie verrieth— der Mutter Fluch das ſchuldige Haupt erreicht? Georg! Georg! rette mich vor dem Wahnſinn! Sieh, ich hatte Dein Pa⸗ pier, eh' uns die Soldaten das Haus durchſuchten, dorthin getragen, wollte es einſtweilen in der heili⸗ gen Grotte verbergen und legte es in eine kleine Steinhöhlung hinter dichten Epheu nieder; Gottes Auge allein ſah es!— Da kam ich heute Morgen 16* 24⁴ Georg Volker. hin,— eine Angſt ohne Namen zog mich zu dem Papier, und wie ich die Eulobe betrete— o Georg! — weiß ich auf den erſten Blick, daß Jemand darin war,— der Epheu an der Wand iſt abgeriſſen,— das Document verſchwunden! Was ich da that, weiß ich nicht mehr; aber ich glaube, daß ich fuchte und ſuchte, bis mich die Kraft verließ. Ich ſank auf den Stein, wollte beten, wollte den allwiſſenden Gott anflehen, mir wieder zu dem Papier zu verhelfen,— plötzlich, ich kann nicht ſagen, wie mir geſchah, über⸗ kommt es mich wie eine Erleuchtung— ich ſehe Alles deutlich,— weiß, wer in die Eulobe gedrun⸗ gen iſt und mir das Papier geſtohlen hat, weiß, wohin es gekommen und warum man Dich um ſei⸗ nen Beſitz gebracht— aber ich ertrug's nicht, dieſes allzufurchtbare Wiſſen, mir ſchwanden vollends die Sinne; und wie ich wieder aus meiner Betäubung erwache, fühle ich einen ſonderbaren Schmerz in der Herzgrube, dazu eine Uebelkeit wie nach einem hef⸗ tigen Schwindel— ich erhole mich nur langſam, aber Alles, was ich vorhin ſo deutlich wußte, iſt vergeſſen und nur noch dunkel erinnere ich mich, daß ich die Schuld an Deinem Verderben bin.“ „Und da ftürzteſt Du Dich aus Verzweiflung von dem Felſen in den Abgrund!“ ſagte Georg, als Georg Volker. 24⁵ ſie plötzlich inne hielt, und ſtreichelte ihr ſanft die kalten Wangen. „Er nahm mich nicht auf, der Abgrund, er zer⸗ ſchmetterte mich nicht,“ fuhr Annli fort.„Denn im Sturze fühl' ich mich plötzlich aufgehalten, milde Lüfte wehen mich an, zwei Engel mit lichtklaren Augen und ſilbernen Flügeln tragen mich ſanft zur Tiefe, legen mich nieder auf weiches Moos, noch tönt es wie Himmelslaut in mein Ohr: Schlafe! Schlafe! und ſüßer Frieden zieht ein in meine Seele. Als ich wieder erwache, ſehe ich hoch über mir den ſteilen Felſen, von dem ich mich herabſtürzte; mitten aus ſeinem Geklüft ragt die ſchlanke Birke, weiter unnten blüht der rothe Schlehdorn, der mich ganz mit ſeinen Blüthen überſtreut hat, mein Halstuch flattert im Wind an ſeinen Zweigen— hoch oben aber in blauer Himmelsferne ſchweben zwei lichte Aetherwölk⸗ chen, und ich weiß, daß es die beiden Engel ſind, die mich heruntertrugen und die nun in ihren Him⸗ mel zurückkehren.“ Volker hatte des Mädchens Erzählung mit ſtei⸗ gendem Erſtaunen angehört, hütete ſich aber wohl, ihr eine Bewegung zu verrathen, S ſagte mit großer Ruhe: „Ei, Se beiden Engel wußtn „ 246 Georg Volker. daß ſie Dir die ſchwere Schuld gegen Dich und mich verzeihen müßten; denn ſieh, thöricht Kind, das Do⸗ cument iſt wahrlich nicht werth, daß Du Dir um ſeinen Verluſt ſo grauſen Tod und mir ſo großes Herzeleid anthun wollteſt; nein gewiß, der Schaden iſt kaum zu nennen, und nur in Deiner Angſt und Aufregung ſah'ſt Du Alles verloren! Wenn nun auch wirklich ein paar tauſend Thaler dahin ſind, o ich gäbe gern noch eben ſo viel tauſend Dukaten dazu, könnte ich Dir damit die ausgeſtandene Angſt erſetzen! Armes Kind, wie haſt Du um meinetwegen gelitten! Komm, Annli, tröſte Dich— ich ſchwöre Dir, es iſt nicht der Rede werth,— mag das Do⸗ . B cunleht für immer verloren ſein, wenn ich nie in meinem Leben mehr verliere, als das, können wir ſchon Gott danken!“ Bei dieſen Worten ſah ihn Annli groß und ſtau⸗ nend an, und ſtammelte: „Wie? Hab' ich recht gehört! Das Document, o ſprich's noch einmal aus, Georg, das Doecu⸗ ment——“ „War mir allerdings viel werth zur Zeit, als ich es Dir gab, um es mir aufzubewahren,“ ſagte Georg, „jetzt aber kann ich ſchon ſeinen Verluſt ertragen und ich wiederhole Dir noch einmal, daß ich gern ebenſo Georg Volker. 247 viel Dukaten mit verloren hätte, wäre Dir damit Deine Angſt erſpart worden. Rede nicht weiter da⸗ von, Kind, ſchlafe ruhig und tröſte Dich auch dar⸗ über, daß die Eulobe Dir nicht mehr allein gehört. Laß doch die dunkle Grotte! Sie hat Dich nicht ver⸗ rathen, wie Du wähnſt, weil Du ſie verrietheſt; irgend ein Menſch iſt zufällig hineingekommen, fand das Document und ſteckte es ein, vielleicht ohne zu wiſſen, was es bedeutet.“ „Nein, Georg, ſo war' nicht!“ rief Annli leb⸗ haft;„denn ſieh, ich wußt' es ja doch dort, als ich auf dem Stein in der Eulobe lag, daß etwas Schreck⸗ liches, etwas Unſeliges Dir drohe, daß ein furchtba⸗ rer Feind Dich nun in ſeiner Gewalt habe, daß nichts mehr Dich retten könne und mein Tod nur der Anfang Deines Unglücks ſein werde.“ Georg bekämpfte mit Mühe ſeine Bewegung, um ſie nicht merken zu laſſen, wie ihre Worte ihn in ganz anderem Sinne berührten, als Annli es meinte, und ſagte mit liebevollem Vorwurf: „Und lebſt doch, Annli? Da ſiehſt Du nun, wie Du Dich irrteſt. Aber das kommt davon, daß Du noch immer an Deinem alten Wahne hängſt und die Eulobe für etwas Beſonderes hältſt?“ „Ja, Du haſt Recht, ich lebe noch und weil ich 248 Georg Volker. noch lebe, ſehe ich auch, daß ich irrte!“ ſagte Annli tiefathmend und wie vom Sturz in eine ſchwindelnde Tiefe, richtete ſie ſich, durch des Freundes Zuverſicht beſtärkt, noch einmal zu gleicher Zuverſicht auf. Es gelang Georg, ſie völlig über den Verluſt des Do⸗ ecumentes zu beruhigen und ihr auch den Gedanken an ein ihr bedrohendes Unglück zu benehmen. Sie blieb die Nacht bei Veronika auf dem Hofe, die noch lange wie eine treu beſorgte Mutter an ih⸗ rem Lager ſaß, als ſchon der Schlaf das ſo ſchwer⸗ geängſtigte junge Herz in ſeinen ſanften Friedensarm geſchloſſen hatte. Volker aber konnte nicht ſchlafen; das was Annli ihm erzählt hatte, hallte ihm beſtändig wie das dun⸗. kle Echo ſeines Unheils in die Seele; ſeine vorige Ah⸗ nung, daß dieſer Tag kein glücklicher für ihn ſei, erfüllte ſich ja immer mehr. Der Verluſt der Urkunde, auf der ſein ganzer irdiſcher Beſitz ruhte, erſchien ihm un⸗ ter den ihn begleitenden Umſtänden um ſo verhäng⸗ nißvoller, als er ja ſelbſt es geweſen war, der das bedrohte theure Document einem harmloſen Kinde anvertraute. Und doch war es kaum mehr der ma⸗ terielle Schaden, der ihn beſchäftigte, ſo wenig als die Frage, wer die Urkunde aus der Eulobe wegge⸗ nommen; was konnte ihm noch an einem Blatt Pa⸗ „ Georg Volker. 2⁴9 pier gelegen ſein, ihm, der alles Recht, alles Geſetz mit Füßen getreten, der den Staat ſelbſt gegen ſich in den Kampf gefordert und ſich dadurch ganz an⸗ dere Feinde geſchaffen hatte, als die waren, vor de⸗ nen ihn bis dahin ſein guter Stern beſchützt hatte. Ging die Sache der Freiheit verloren, ſo halfen ihm alle Urkunden der Welt nichts gegen den unerbitt⸗ lichen Richterſpruch, der den Hoch⸗ und Landesver⸗ räther, den Empörer gegen Fürſt und Vaterland mit den härteſten Strafen bedroht. Aber um ſo lauter ſprach dafür dies neue Un⸗ glück den ganzen Inhalt ſeines unſeligen Schickſals aus, indem es ihn ohngefähr zu folgender Betrach⸗ tung veranlaßte: Siehe, mit Eugenien weicht der gute Engel aus Deinem Leben; ſie geht und mit ihr verſchwindet Alles, was Du beſitzeſt; einſam ſtehſt Du nun, Verlorener, auf einſamem Felſen; rings um⸗ toſen Dich des Lebens wilde Wogen; immer höher ſchwillt die Brandung herauf— wohlan, was zau⸗ derſt Du noch! Du haſt den Sturm beſchworen, der Dich vernichtet, ſo geh'denn auch unter, wie Du ge⸗ lobt, Du ſelbſt Dein eigner größter Feind, weil Du nicht verſtandeſt, vom eignen Irrthum zu ſcheiden, was doch immer und ewig nur Gottes Fügung bleibt!— 250 Georg Volker. Mitternacht war nahe; Georg ſprang vom Di⸗ van empor, auf den er ſich erſchöpft niedergeworfen hatte, eine Beute des qualvollſten Feindes in der Menſchenbruſt: der Reue im Bunde mit der Schuld! Er hatte keine Ruhe mehr im Zimmer, ein bleier⸗ nes Gewicht hing ſich die Angſt an ſeine Seele, die Wände drückten auf ihn wie ein Sarg; er mußte hinaus aus Räumen, die ihn einſt als andern Men⸗ ſchen geſehen, und in denen er ſich jetzt wie ein Fremdling, wie ein von Haus und Hof Verſtoßener vorkam. Er ging durch den kleinen Blumengarten hinterm Haus in den daranſtoßenden Obſtgarten, als ihm beim Anblick der alten Ruine im Hintergrund der Gedanke kam, den Thurm zu beſteigen, von wo man das gräfliche Schloß ſehen konnte. Er ſchritt alſo durch den gewölbten Eingang, dem ſchon lange die Thür fehlte, die ſchmale Wendeltreppe hinan, und erreichte bald die Plateform des Thurmes. Ein ſchauervoll prächtiger Anblick bot ſich hier ſeinem Auge dar: das brennende Schloß in der dunklen Nacht glich einem in Gold und Rubin ſtrah⸗ lenden Zauberpalaſt aus perſiſchen Mährchen, mit ſeinem Feuerſchein den Himmel weithin röthend und ſelbſt den Waldberg im Hintergrund magiſch beleuch⸗ Georg Volker. 251 tend, ſo daß man deutlich die alte Stammburg er⸗ kennen konnte, die gleich einem Zeugen der Vorzeit ernſt auf die grauſe Vernichtung niederſchaute, welche einſt auch ihren ſtolzen Sitz zerſtört hatte. Aus allen Dörfern hallte das Sturmgeläute durch die ſtille Nacht, und unwillkürlich mußte Georg wie⸗ der jenes Abends gedenken, da er an der Marien⸗ linde das Nordlicht erblickte, welches durch ſeinen Feuerſchein allgemeinen Schrecken verbreitete. So wie damals, tönten auch heute wieder die Glocken durch's Gebirge; aber heute war es kein Phänomen der Natur, ſondern in furchtbarer Wirklichkeit leuch⸗ teten der Vernichtung Flammen weithin durch's Land und überall wußte man, daß es Schloß Nellenburg war, in welches die Volksrache die Brandfackel der Zerſtörung geſchleudert hatte. Der Glocken bald feierliches, bald unheimliches Geläute erhöhte noch den ſchauerlichen Eindruck des Ganzen und tönte wie Geiſterſtimmen der dunklen Nacht warnend und klagend herüber, während rings die Wälder im Nacht⸗ wind erſchauerten und ſcheu der Mond aus grauem Regengewölk hervorblickte. Die Stimmung, welche Georg mit auf den Thurm gebracht hatte, paßte vollkommen zu dem Eindruck dieſer Schreckensnacht, wo das Geſpenſt der Revolu⸗ 252 Georg Volker. tion, in die Schauer der Finſterniß und Vernichtung gehüllt, ihm aus den Gluthen des brennenden Schloſ⸗ ſes wie mit Dämonenaugen in die innerſte Seele ſchaute und der Glocken Geläute ihn gleichſam an die letzten verhallenden Töne ſeines verlorenen Da⸗ ſeins mahnte. „Armer Menſch! Dreimal armer Sohn des Irr⸗ thums und der Täuſchung!“ ſeufzte Georg aus tief⸗ beklommener Bruſt.„So alſo gelingt Dir Dein unſterbliches Werk der Freiheit und Vaterlandsliebe, daß im unerforſchlichen Rathe des Himmels ſich der herrliche Gedanke von Völkerglück und Menſchheit⸗ erlöſung in ſein ſchreckliches Gegentheil verwandelt und als vernichtender Fluch auf das Haupt Deſſen zurück⸗ fällt, der ſich in ſeinem eitlen Dünkel berufen wähnte, der Welt neue Ordnung, neue Bahnen anzuweiſen. Ja, nun erkenn' ich's, nun leſ' ich's dort in der Feuerſchrift mit flammenden Zügen geſchrieben: Wehe dem Menſchen, der den Prometheusfunken der gött⸗ lichen Wahrheit aus dem Himmel holt, um ihn als Opferflamme irdiſchen Dienſtes auf den Altären der Menſchheit zu entzünden! Brenn' aus, liſch aus, du furchtbare Gluth! Kehre zurück in Deinen Him⸗ mel, heilige Flamme der zürnenden Gottheit! Deutſch⸗ land ſoll nun einmal nicht nach Erlöſung ringen, Georg Volker. 253 außer im Todesſchweiße von Gethſemane! Am Kreuze der Knechtſchaft ſoll es ſchleppen und keuchen und beten, dem Heiland gleich, den ſie unter Ruthenſtrei⸗ chen König grüßten, und nimmer ſoll ſeiner Dornen⸗ trone der Freiheit heiliger Lorbeer grünen. Weh! Weh! Es iſt aus mit Dir, Deutſchland! Du, in der Welt des Geiſtes der Völker Freiheits⸗Meſſias, wirſt an's Kreuz geſchlagen, Deinen Mantel aber theilen die Kriegsknechte und im Blute Deiner beſten Söhne waſchen Deine Pilatuſſe ihre Hände rein vom Frei⸗ heitsmord! Deutſchland aber wird erſt ſein, wenn es längſt aufgehört hat! Dann zeigt einſt die Ge⸗ ſchichte mit ernſter Miene auf ſeine Trümmer und ſpricht: das war Deutſchland; ſo kämpfte, ſo litt und duldete es, und ſo ging's unter!— Nur ſein Geiſt waltet fort, gleich dem von Rom und Hellas, der Gottheit belebender Schöpfungshauch, wann ſie dereinſt zur Bildnng einer glücklicheren Menſchheit ſchreitet und die Gebeine ſammelt, daraus ihre neuen Geſchlechter erſtehen ſollen!“ „Und ich? Was bin ich nun?“ fuhr er nach ei⸗ ner Pauſe mit gedämpfter Stimme fort, indem er die Stirn wider die Mauer lehnte und nach dem brennenden Schloß hinüberſchaute.„Das iſt kein Morgenroth des neuen Lebens, wie ich es für das 254⁴ Georg Volker. Vaterland erkämpfen wollte, es ſind die Todesfackeln der Freiheit und mit ihnen erliſcht auch meines Ta⸗ ges Leuchte. Und was ſollt ich auch noch hier? Vom Haſſe verfolgt, von der Liebe verlaſſen, was heißt da noch leben? O Germanos! Du magſt Dir anderswo ein Vaterland ſuchen und glücklich ſein; mir aber würde ja mein Elend über den Ocean fol⸗ gen und, wer weiß wo noch, mir den letzten Reſt geben! Komme darum, mein Schickſal, und erfülle Dich! Die letzte Stunde ſoll mich auf dem Platze finden und wenigſtens nicht umſonſt will ich die Freiheit gewollt haben! Einen Preis muß es ja doch geben, um den man ſie erringt, ein Ziel muß ſein, wo ihre Palmen winken; vielleicht daß ſie ihrer goldnen Traube Wein mir in Lethe's Zaubertrank miſcht und Vergeſſenheit und Freiheit Eins iſt im Lande der Dämmrung!“ Die Hofuhr ſchlug Mitternacht, als Volker von dem Thurme herabſtieg, um ſich in's Haus zu bege⸗ ben. Sein Vorſatz war, am Morgen nach dem ver⸗ laſſenen Kampfplatz beim grauen Stein zurückzukeh⸗ ren und das Schickſal der Freunde, wie auch des heutigen Kampfes Entſcheidung ausgefallen ſein möge, bis aufs Aeußerſte zu theilen.— Mehr Träumen als Sinnen im Herzen, wandte Georg Volker. 2⁵5 ſich Georg um den Thurm herum, dem Zwinger zu, durch welchen er nach dem Anger gehen wollte. Wie er in den ſchmalen, rings von hohen Mauer⸗ trümmern umſchloſſenen Raum trat, dort wo einſt Germanos den Narren und den Unbekannten im Thurme belauſcht hatte, fiel gerade ein Mondſtrahl auf das kleine Fenſter im Thurmgemach und ſpiegelte ſich magiſch in den runden Scheiben deſſelben wider; lebendig trat auf einmal vor Volker's Seele die ganze Geſchichte mit dem Document, von jener Entdeckung des Freundes an, die ihm das erſte Licht über die ſeinem Beſitzthum drohende Gefahr gab, bis auf dieſe Stunde, und ſonderbar! heute, wo er das Document wirklich verloren hatte, führte ihn nach langer Zeit der Zufall wieder hierher. In der Ecke zur Rechten wehte leiſe, von dem durch den Erker ziehenden Nachthauch bewegt, ein alter Hollunderſtrauch und warf ſeiner Zweige lange Schatten geſpenſtiſch gegen die nächſte Mauer. Wie Georg eben hindurch ſchreiten wollte, ſah er plötzlich, nein, es war keine Täuſchung der aufgeregten Sinne, dicht neben dem Hollunderſtrauch eine hohe Ritterge⸗ ſtalt, welche vollſtändig gerüſtet an der Mauer lehnte; der ſchwarze Helmbuſch wallte im Winde und auf dem blauen Stahlharniſch glänzte ein Mondſtrahl; 256 Georg Volker. das Viſir war dicht geſchloſſen, die linke Hand ruhte auf dem Schwertgriff, die Rechte hing ſchlaff her⸗ unter. Georg ſtarrte die Erſcheinung an; das Mährchen ſeiner Kindheit vom ſchwediſchen Hauptmann, ſtand mit einem Mal in ſchauerlicher Wirklichkeit vor ſei⸗ nen Blicken, er ſah wie das Geſpenſt ihm winkte,— jetzt hob es langſam den Arm empor— öffnete das Viſir— Georg erkannte ſein eignes Antlitz— bleich, die Augen geſchloſſen, ſah ihn das Schreckbild ſeines Grabes mit gräßlich entſtellten Zügen an,— ein Schrei der Vernichtung entrang ſich ſeinen Lippen und wie vom Schlag gerührt ſank er zu Boden. Der Zufall hatte gewollt, daß der Oberknecht, um den Hof gegen das umherſtreifende Raubgeſindel zu bewachen, noch auf war. Er hatte ſeinen Herrn ohne Kopfbedeckung aus dem Haus nach dem Gar⸗ ten gehen ſehen, und folgte ihm, als Jener nicht wieder zurückkehrte, dahin nach. Plötzlich hört er die Stimme Volker's auf dem Thurme, eilt hinauf und findet ihn dort bewußtlos liegen. Er rüttelt ihn ſo lange, bis er erwacht; aber kaum vermag Georg ſich von ſeiner furchtbaren Viſion zu befreien, und erſt als des Schreckens bleierne Betäubung von ſeiner Seele weicht, erkennt er den Knecht und findet Georg Volker. 257 ſich noch immer auf der Plateform des Thurmes, wo er erſchöpft von den Anſtrengungen und Erſchüt⸗ terungen des Tages eingeſchlafen war, um Annli's Traum vom ſchwediſchen Hauptmann noch einmal in ſeiner ganzen Furchtbarkeit zu träumen. Meuntes Capitel. Der Morgen, welcher dieſer Nacht folgte, war trübe und regneriſch. Ein bleigrauer umwölkter Him⸗ mel drückte ſchwer auf die Erde und erhöhte die ein⸗ tönige Stimmung der Landſchaft, die ein naßkalter Regenwind durchſchauerte. In der Luft war weit und breit ein ſcharfer brandiger Geruch zu verſpüren, wie wenn der Menſchen Zerſtörungswerk ſich in Atome aufgelöſt hätte und der beizende Aſchenduft den Thälern Zeugniß geben wollte von dem Unter⸗ gang des ſtattlichen Grafenſchloſſes hoch oben auf dem Berge. Schwarze Mauern, von ſchweren Rauch⸗ wolken umlagert, ragten dort empor; die Flammen waren im Morgengrauen allmählig erloſchen, wie II. 17 258 Georg Volker. erſchrocken vor dem Werk ihrer Vernichtung, als der Tag es zu beſcheinen anfing; nur ein ſchwarzgrauer Rauch ſtieg noch zuweilen aus den ausgebrannten Mauern empor, und ballte ſich über denſelben zu ei⸗ ner einzigen Wolke zuſammen, gleich dem faltigen Gewande, in das die Nemeſis ihr blitzendes Rache⸗ ſchwert birgt. Keine menſchliche Seele war mehr am Morgen auf dem Schloßberg zu finden; das Grauen, welches um die verödeten Trümmer waltete, hatte ſich auch dem Dorfe mitgetheilt, und nur ſcheu blickte hier und da ein verſtörtes Antlitz nach dem rauchenden Schloſſe empor. Selbſt der Natur ſchien der Athem benom⸗ men; denn kein tauſendſtimmiger Vogelchor ließ ſich wie ſonſt im Park vernehmen, deſſen dem Schloſſe zunächſt ſtehende Bäume von der Gluthhitze bis in's Mark verſengt, blätterlos, mit ſchwarzem Geäſte daſtanden, wie wenn der Wald, der ſo lange das Schloß fröhlich umrauſcht und beſchirmt hatte, da wo er es noch im Untergang mit ſeinen grünen Ar⸗ men umfing, ſelbſt abgeſtorben wäre. Nur einige Schloßtauben umflatterten in weiten ſcheuen Kreiſen die rauchende Brandſtätte, die letzten treuen Weſen, die ſelbſt jetzt noch nicht von hier weichen wollten, während doch ſonſt Alles, was Leben hatte und ſein Georg Volker. 2⁵9 Leben liebte, entſetzt von dannen geflohen war.— Volker hatte bis in den hellen Tag hinein ge⸗ ſchlafen, denn die treue Schaffnerin wehrte dem Knecht, der ihn zu wecken kam, und als er endlich von ſelbſt nach einem tiefen Morgenſchlummer ohne Erquickung aufwachte, fühlte er ſich faſt außer Stande, ſeinen Vorſatz auszuführen und zu Germanos und dem Hauptmann zu eilen, ſo körperlich erſchöpft fand auch ihn der Tag der allgemeinen Abſpannung und Me⸗ lancholie. Trotz der Bitten und Vorſtellungen Veronika's war er jedoch keinen Augenblick im Zweifel, wo ſein Platz ſei; er hatte nur die einzige Sorge, daß Annli nicht die Urſache ſeiner Entfernung vom Hofe er⸗ fahre; dann trat er an ſeinen Waffenſchrank, um das letzte Paar gezogener Piſtolen zu laden, die noch vorräthig waren, und in welcher Waffe Georg von jeher ein trefflicher Schütze geweſen. Da kommt plötzlich ein Knecht, den er in das Dorf geſchickt hatte, athemlos in's Zimmer geſtürzt, und meldet, daß eben die Nachricht von dem Sieg der Soldaten und der vollſtändigen Niederlage der Bauern nach Rellenburg gelangt ſei. Schon träfen dort einzelne Flüchtlinge ein, die ſchreckliche Dinge von dem blutigen Kampf erzählten, der zuletzt an dem 15. 260 Georg Volker. Waldhof, jener von Volker verlaſſenen feſten Poſi⸗ tion, mit der allgemeinen Flucht der Bauern geendet habe, nachdem der Feind zuvor das Dorf Jörgen⸗ hauſen mit dem Bayonnet genommen hätte. Germa⸗ nos ſei noch zuletzt mitten im Getümmel des Kampfes geſehen worden, der alte Bär aber habe ſich wahr⸗ ſcheinlich nach dem Hintergebirge zurückgezogen. „Auf Euch aber ſind die Leute furchtbar wild,“ ſagte der Knecht zum Schluſſe;„Alle, die von dort kommen, behaupten, Ihr hättet offen durch Eure Flucht die Volksſache verrathen; einer der fremden Freiſchärler ſchlug mir ſogar mit der Fauſt in's Ge⸗ ſicht, als er hörte, daß ich vom Grabenhof ſei, fluchte auf Euch und nannte Euch einen Verräther, einen Feigling, der an allem Unheil ſchuld ſei; ein anderer trat auf mich zu, faßte mich an der Gurgel und rief wüthend: Sag' dem Volker, er verdiene, daß der graue Stein für ihn zum Rabenſtein werde! So ſchimpften und leugneten Euch die Leute im Wirthshaus und ich machte, daß ich fortkam, ſonſt wär's mir am Ende vielleicht noch ſchlimmer er⸗ gangen.“ Man kann ſich denken, wie Volker von dieſer Nachricht berührt wurde; ſprachlos ſtand er da und hatte ſeine ganze Kraft nöthig, um die Unglücksbot⸗ Georg Volker. 261 ſchaft bis zu Ende anzuhören. Sie brachte ihn ganz aus der Faſſung und ſchlug den letzten Muth in ihm nieder; was geſtern ihn als dunkle Ahnung beäng⸗ ſtigt hatte, erfüllte ſich heute in noch ſchrecklicherer Wirklichkeit, denn Eins hatte er nicht geahnt, und dafür traf es ihn auch um ſo erſchütternder: daß er nämlich die Urſache des Unheils ſein ſollte! Dieſer Gedanke war ihm fürchterlicher als alles Uebrige, und die Worte: Verräther! Feigling! hallten beſtän⸗ dig in ſeinem Innern wieder. In qualvoller Sorge harrte er den ganzen Mor⸗ gen über auf nähere Nachricht vom Kampſplatz, und des Freundes Schickſal insbeſondere trat in den dü⸗ ſterſten Bildern vor ſeine Seele. Bald ſah er ihn todt auf dem vom Blut der Freiheitskämpfer geröthe⸗ ten Schlachtfeld liegen; bald ſchwer verwundet, mit ſterbendem Auge den Freund noch ſuchend, der ihn verlaſſen; bald gefangen und mit Ketten beladen vor dem unerbittlichen Gericht des Krieges, das keine andere Gnade kennt, als die mörderiſche Kugel!— An ſich ſelbſt dachte Volker kaum, und wies ent⸗ ſchieden alle Bitten und Warnungen ſeiner Umgebung urück, ſich durch ſchleunige Flucht vor dem ſichren Verderben zu retten. Plötzlich, gegen Mittag, hört Georg die wohlbe⸗ 1 1 262 Georg Volker. kannte Stimme des Freundes, der mit klirrendem Säbel die Treppe heraufeilt und dabei ſröhlich ſingt: „Die Liebe macht den Menſchen dumm, Ja dumm, ja dumm, ja dumm! Und wer nicht vorwärts kann, der macht Links um, links um, links um!“ Eine Secunde nachher wird die Thür aufgeriſſen und Germanos ſtürzt, Volker traut kaum ſeinen Au⸗ gen, heiter wie ein Held, der aus hundert Schlachten ſiegreich heimkehrt, in des Freundes Arme. Zwar ſein Freiſchärlerkleid iſt ſtark derangirt, die blaue Blouſe trägt unverkennbare Spuren des Barrikaden⸗ kampfes, der Hemdkragen iſt pulvergeſchwärzt und die ſchmucke rothe Straußfeder winkt nur noch in dürftiger Andeutung auf dem zerhauenen und durch⸗ löcherten Heckerhut; aber der Menſch, der in dieſen Kleidern ſteckt, iſt noch immer der alte, wilde braun⸗ lockige Geſelle, die elaſtiſche Federball⸗Natur, die Nichts zu Boden drückt, ſo lange noch ein letzter Hoffnungsſchimmer ſtrahlt und ein fröhlicher Humor noch einen freien Athemzug hat. „Ach, Volker, da biſt Du ja noch!“ rief er hoch⸗ erfreut.„Ich dachte Dich ſchon über alle Berge! Nun, was ſagſt Du denn zu unſerer Affaire am Georg Volker. 263 grauen Stein? Haben wir nicht unſte Sache brav gemacht?“ „Ihr ſeid geſchlagen und Alles iſt verloren,“ er⸗ wiederte Volker, verwundert über des Freundes ſon⸗ derbaren Irrthum. „Geſchlagen, das mag ſein!“ entgegnete Germa⸗ nos achſelzuckend.„Aber verloren,— verloren iſt noch lange Nichts, ſondern im Gegentheil Vieles gewonnen. Bei einem ſolchen Jungferntreffen kommt es durchaus nicht darauf an, wer das Schlacht⸗ feld behauptet. Wenn nur das Volk eine Zeit lang tapfer Stand hält und die Vorurtheile ablegt, welche die Furcht vor regulairem Militair ihm einflößt! Und dann mußt Du auch immer bedenken, wo wir anfangen; die Revolution liegt ja in Deutſchland noch in den Windeln und doch ſchlagen ſich unſte Bauern ſchon ganz manierlich und haben erſt das Schlachtfeld geräumt, als— doch das verſtehſt Du nicht; Du biſt kein Strategiker vom Fach, weißt nicht, was in der Kriegskunſt ein wohlgeordneter Rückzug bedeutet.“ „Ein wohlgeordneter Rückzug! Wenn Alles wie Spreu auseinander fliegt!“ rief Volker. „Ei, das iſt's ja eben!“ verſetzte der Andere lebhaft.„Gerade darin liegt ja das Geheimniß des 264 Georg Volker. Volkskriegs! Wie? Oder meinſt Du wohl gar, wir hätten uns bis auf den letzten Mann ſollen todtſchießen laſſen? Was wäre deamit gewonnen? Ob ſo und ſo viel Bauern mehr in's Gras beißen, iſt ganz gleichgültig; hier kommt es einzig darauf an, daß man den Feind im Schach hält und in einem beſtändigen Guerillaskrieg die Kräfte der Regierung erſchöpft. Betrachte nur z. B. unſern kleinen Oden⸗ wälder Putſch. Da beſchäftigen wir nun ſchon ſeit Wochen mit unſern paar Hundert armſeligen Bäuer⸗ lein ein ganzes Bataillon ſammt zwei Stück Geſchütz! Laß alſo erſt einmal den Revolutionskrieg, wie wir ihn hier im Kleinen führen, durch's ganze Land or⸗ ganiſirt ſein; laß nur erſt einmal alle die tauſend großen und kleinen Städte, Landſtädtchen, Markt⸗ flecken, Dörfer, bis herunter auf Schilda, Krähwin⸗ kel und Schöppenſtedt, die Fahne der offenen Empö⸗ rung aufpflanzen, wo wollen dann die Fürſten Solda⸗ ten genug hernehmen für einen ſolchen Volkskrieg, in welchem jeder Hahn auf dem Miſt die Trompete bläſt? Das iſt wahrhaftig keine Chimäre, mein Beſter; und gerade weil Deutſchlands Landkarte einer bunten Narrenjacke gleicht, ſteckt auch Witz dahinter. Wir haben etliche dreißig Fürſten und Staaten, ſo kann alſo die Revolution dreißig und mehre Male Georg Volker. 265 das Hemd wechſeln, ehe die Dynaſtieen nur einmal aus dem Angſtſchweiß herauskommen! Was in Sach⸗ ſen nicht glückt, glückt vielleicht in Württemberg oder Baden,— Figaro hie, Figaro da,— heute Bücke⸗ burg, morgen Sondershauſen, übermorgen Gera; darum Muth, mein Lieber, Muth! Noch iſt gar Nichts verloren, aber ein Anfang iſt gewonnen und ſo Gott will, wird es nicht dabei ſtehen bleiben!“ Volker ſah den Freund gedankenvoll an und ſagte nach einer Pauſe: „Aber wie ſoll es denn weiter gehen, Germanos? Du ſprichſt da immer von einer großen allgemeinen Volkserhebung in Deutſchland; aber wo bleibt ſie denn? Wo iſt denn überhaupt dieſes Deutſchland, auf das Du ſo zuverſichtlich baueſt? O dieſe unſe⸗ lige Verblendung! Zu ſpät erkenne ich es, welche heilloſe Geſchichte wir angerichtet haben, wie wenig mein ahnender Geiſt mich betrog, daß auf dieſem Wege nimmer eine Revolution gemacht werde! Das übrige Land bleibt ruhig, nirgends erhebt ſich das Volk zu unſerer Unterſtützung, wohl aber zichen neue Bataillone heran, den Aufruhr zu unterdrücken, ob⸗ wohl ich Dir beinahe recht geben möchte, daß das einzige Bataillon hierzu vollkommen ausreicht. Blicke um Dich, Germanos, und ſage mir, aber um 266 Georg Volker. Gotteswillen ohne Illuſionen, wo iſt noch Rettung für uns?“ „Für's Erſte freilich nur in uns,“ verſetzte Ger⸗ manos, betreten über des Freundes gänzliche Muth⸗ loſigkeit, und änderte ſchnell ſeinen leichtfertigen Ton. „Aber darum verzweifle ich noch lange nicht an dem Sieg unſerer Sache, nun ich einmal geſehen habe, daß auch Deutſche für die Freiheit in den Tod gehen. Was liegt daran, ob der Odenwald durch Waffen⸗ gewalt wieder unterdrückt wird; der Geiſt, der das deutſche Volk beſeelt, wird darum noch lange nicht unterdrückt ſein, die Nation aber wird Act nehmen von dem heldenmüthigen Kampf armer Bauern gegen wohldisciplinirte Truppen, die dreimal aus ihrer feſten Stellung verdrängt wurden, ehe ein tückiſcher Zufall ihnen den Sieg verſchaffte. Fragſt Du mich aber, wo Rettung für uns, ſo antworte ich Dir: Da, wo die Revolution von Neuem ihre Fahne entfalten wird, ſei's nun an der Nordſee, an der Donau, an der Elbe oder am Oberrhein. Unſer Werk beginnt ja erſt; denn noch wandelt die Freiheit unbekannt im Bettlerkleide durch Deutſchland, die Herzen prüfend und wählend, deren letzter Schlag dem Vaterland geweiht iſt; noch mancher Kampf wie der unſrige wird vielleicht vergebens, weil vereinzelt, gekämpft Georg Volker. 267 werden müſſen, ehe das deutſche Volk Eins iſt im Wollen und Handeln. Dann aber wird auch die Freiheit das Märtyrergewand vertauſchen mit dem goldnen Rüſtzeug der unüberwindlichen Gottheit, und der Deutſche wird wiſſen, daß er ohne den Deut⸗ ſchen Nichts vermag gegen den gemeinſamen Feind ſeines Vaterlandes. So lange aber ſollte kein Mann in Deutſchland muthlos werden und den kleinen Krieg um der Güter höchſtes gering halten, weil der Lor⸗ beer da nur ſelten grünt. Komm, komm, nimm Dein gutes Schwert und laß uns anderswo Arbeit ſuchen; im Odenwald haben wir für's Erſte nichts mehr zu ſchaffen; hier iſt die Saat der kommenden Tage geſäet und die vom Blut der Freiheit geröthete Erde wird ſobald nicht wieder ein Geſchlecht zeugen, das ſich Jahrhunderte lang knechten und mißhandeln läßt.“ „Du haſt recht; hier iſt kein Aufenthalt mehr für Dich,“ ſagte Volker, und in ſeiner Miene ging Et⸗ was vor, was dem Auge des Freundes nicht ver⸗ borgen blieb.„Mit mir iſt's eine andere Sache, ich kann nicht fliehen, wenn ich auch wollte. Denn einmal wär' es eine politiſche Unklugheit, wenn wir Beide das Feld räumen und das Volk, das mit uns in den Kampf gezogen, verlaſſen wollten; und dann 268 Georg Volker. bin ich auch feſt entſchloſſen, mich den Richtern, die über dieſen Aufſtand aburtheilen werden, freiwillig zu ſtellen und vor ihrem Tribunal meine Pm zu vertheidigen.“ „Du willſt freiwillig in Dein Verderben gehen!“ rief Germanos beſtürzt.„Was werden ſie darnach fragen, wie Du Deine Handlungen vertheidigſt; und wenn Du ein Cicero wärſt an Beredſamkeit, ein Decius Mus an Vaterlandsliebe, es rettete Dich nicht! Du haſt die Dynaſtie ſtürzen wollen, haſt Dich des Verbrechens der beleidigten Majeſtät ſchul⸗ dig gemacht, und dafür erhältſt Du ſo gewiß und wahrhaftig eine Kugel vor den Kopf, als ich hier vor Dir ſitze! Was ſind das wieder für ſonderbare Grillen von Dir! Als wenn Dein Untergang der Sache der Freiheit auch nur um ein Haar Vortheil bringen könnte! Und gar vertheidigen willſt Du Dich! Aber wogegen und gegen wen? Willſt Du etwa aus Macchiavell und andern Staatsſchriften beweiſen, daß Hoch⸗ und Landesverrath die erſte Bürgertugend? Du haſt den Revolutionskrieg ent⸗ zündet, haſt offen das Volk zum Aufruhr gegen die beſtehende Staatsordnung aufgefordert; Du haſt, o bedenke das, Georg, die Fürſten von Gottes Gnaden für ihre unumſchränkte monarchiſche Gewalt zittern Georg Volker. 269 gemacht, wie willſt Du Dich da vertheidigen? Und welche Richter würdeſt Du finden, vorausgeſetzt, daß man Dich überhaupt noch pro forma vor ein Gericht ſtellen wollte? Fürſtendiener, die auf jeden Wink von Oben dreſſirt ſind, bezahlte ſervile Bureaukraten, die die Staatsordnung, welche Du unftürzen woll⸗ teſt, nicht entbehren können und ihr mit Haut und Haar verſchrieben ſind; Menſchen ohne Gewiſſen, wenn es ſich um ihre Exiſtenz handelt, ohne Herz für Freiheit und Vaterland, wenn der Patriotismus nicht ausdrücklich von Oben decretirt wird; ſiehſt Du, Volker, das würden Deine Richter ſein, im Falle Du thöricht genug wäreſt, an eine andere Vertheidigung zu denken, als an die mit dem Schwert in der Hand!“ „Aber das Volk, mein Freund, das Volk, welches uns vertraute,“ erwiederte Georg mit Wärme,„welches mit uns in den Todeskampf ging, ſoll ich es jetzt, nachdem wir beſiegt ſind, verlaſſen? Bedenke, wel⸗ chen Eindruck es auf daſſelbe machen müßte, wenn es ſähe, wie ſein Führer, nachdem er ihm tauſend⸗ mal geſchworen hat, mit ihm zu ſtehen und zu fal⸗ len, feige von dannen wiche, nun es doch erſt recht gilt, ihm mit dem Beiſpiel des Muthes, der Auf⸗ opferung und Vaterlandsliebe voranzugehen.“ „Was würdeſt Du damit erreichen?“ rief Ger⸗ 270 Georg Volker. manos.„Glaubſt Du, daß Deine Märtyrerkrone dem Volke ſchwerer wiegt, als Dein Leben? Wird man nicht allgemein und mit Recht ſagen, Du hät⸗ teſt Dich nur dem Feind ergeben, weil Du nicht mehr den Muth beſeſſen, ihn ferner zu bekämpfen? Jene, die Dich vernichten, werden über Deine Schwär⸗ merei lachen; Jene, die Dich verlieren, ſie beweinen. O glaube mir, Volker, man wird Dich tauſendmal eher der wohlfeilen Ruhmſucht beſchuldigen, als ein einziges Mal den wahren Heroismus bewundern. Märtyrer der Freiheit haben wir genug; jedes Blatt der deutſchen Geſchichte raucht ja vom Blute edler Patrioten; wozu alſo noch ein Opfer, das höchſtens der Tyrannei zu gute käme und das Vaterland um einen wackern Sohn ärmer machte? Die Zeit iſt um, wo ein Mucius Scävola den Feind der Freiheit dadurch bezwingen konnte, daß er ſeinen Arm über die glühende Kohlenpfanne hielt! Unſere Porſenna's wiſſen es nicht mehr zu ſchätzen, wenn wir feindſe⸗ liger gegen uns ſelbſt ſind, als gegen ſie; ſie wür⸗ den lieber tauſend Republikaner lebendig verbrennen ſehen, als einem Einzigen, wie jener Etruskerfürſt dem edlen Mucius, zurufen:„Um Deinetwillen ver⸗ zeih' ich dem Volk der Römer, daß es frei ſein will.“ Georg Volker. 274 Volker ſtand unruhig vom Stuhle auf und ging einige Mal ſchmerzlich vor ſich hinlächelnd, im Zim⸗ mer auf und ab; dann blieb er vor Germanos mit unter einander geſchlagenen Armen ſtehen, ſah ihm mit einem Blick innerſter Wehmuth an und ſagte: „Ja, Du haſt recht, Freund! Die Zeit jener Porſenna's iſt freilich um, aber auch die Zeit der Scävola's kehrt nicht wieder. Ueberlaß mich meinem Schickſal und rette Du Dich wenigſtens.“ „Nimmermehr!“ rief Germanos entſchloſſen. „Willſt Du die Stimme Deines warnenden Oranien nicht hören, wohlan, ſo bleibe ich bei Dir, und Dein Alba wird auch der meinige!“ Da ſagte Volker, die Augen zu Boden ſchlagend, mit unſicherer beklommener Stimme: „Geh' immer, mein Freund! Es wäre ja doch möglich, daß man Dich ſchuldiger fände als mich, Dich ſchuldiger finden wollte,— daß man— doch wozu noch dieſe Umſchweife, wo es ſich um Deine Lebensrettung und meinen Frieden handelt! So wiſſe denn, Graf Waldemar iſt während Deiner Ab⸗ weſenheit auf dem Hofe geweſen,— er hat mich aufgeſucht— wir ſind Freunde geworden und nach ſeiner feſten Zuſicherung habe ich nichts zu befürch⸗ ten!“ 272 Georg Volker. „Ha, Volker, das lügſt Du auf Deinen Kopf!“ rief Germanos erbleichend.„Du— ein Freund Waldemars? Du nichts zu befürchten?! Cwiger Gott, Du— der uns geſtern im entſcheidenden Augenblick des Kampfes——“ „Verließ, um die Gräfin Eugenia aus den Hän⸗ den roher Mordbrenner zu retten, ja womöglich auch noch den Grafen und ſein Schloß dazu,“ ſagte Vol⸗ ker gefaßt.„So wurde ich die Urſache Eures Un⸗ glücks,“ fuhr er mit ſchmerzlichem Lächeln fort;„Du ſiehſt mithin, daß ich nicht zum Scävola tauge, ſelbſt wenn ich durch meinen Tod die Freiheit retten wollte! Eins aber iſt gewiß, daß ich durch mein Bleiben Waldemar überzeuge, wie feſt ich ſeinem Worte vertraue, und eben dadurch bin ich in den Stand geſetzt, meinen Unglücksgefährten, unſern Freunden und Anhängern, noch eine Rettung zu bieten. Meine Begnadigung, der ich doch ſchuldiger bin als Alle, wird die Strenge des Geſetzes mildern und ihm die Spitze abbrechen; weil man mich ſchonen will, wird man die Andern ſchonen müſſen; viel⸗ leicht, daß ich für einige Zeit außer Landes gehen muß, und Alles iſt vergeſſen. Du aber, Freund, mache, daß Du fort kommſt; bald wird der Oden⸗ wald von Soldaten wimmeln und ich habe ſicheren Georg Volker. 273 Grund zu glauben, daß man mit Dir wenig Um⸗ ſtände machen wird, zumal man überzeugt iſt, daß Du zuerſt politiſch auf mich eingewirkt hätteſt.“ Germanos gerieth bei dieſen Worten vor Beſtür⸗ zung ganz außer ſich und rief, die Hand vor die Stirn ſchlagend, verzweiflungsvoll aus: „Ha! Nun wird mir Alles klar! Sie haben Dich mit ihren Schlingen umgarnt, Du ſollſt zu ihnen hinübergezogen werden— Waldemar, Dein Freund und Eugenia— o mein ahnender Geiſt— Euge⸗ nia die Sirene, die mit ihrem Zaubergeſang Dein für Freiheit glühendes Herz einſchläferte, daß es nicht mehr auf die Stimme des klagenden Vaterlandes hörte! Weh! Weh! Wenn ſo die Edlen und Star⸗ ken wanken und fallen, was ſollen erſt die Schwa⸗ chen beginnen! Du gingſt ſo lange irrend und ſu⸗ chend dem dunklen Urſprung Deines Lebens nach, bis Dir das Verhängniß, dem Du fluchteſt, die Binde von den Augen riß, und nun auf einmal, da Du inne wurdeſt, aus welchem Teige Dein Da⸗ ſein geknetet, ſahſt Du Deine äußere und innere Eriſtenz im Widerſpruch mit Deiner Beſtimmung, Du, ein Grafenſohn und ein Bauer; Du, ein geborener Ariſtokrat und ein Republikaner; Du, ein Feind des Hauſes, das Dir ſein Wappen, ſeinen Glanz, ſeine M. 18 274⁴ Georg Volker. Ehre vorenthielt, bis das Blatt ſich wendete und die zitternde Ariſtokratie Dich als ebenbürtig anerkannte! Sprich, ſprich, Georg, iſts nicht ſo? Hat nicht daſſelbe Schickſal, das Deine Wiege in's Dunkle ſtellte, das Deine Jugend mit Wehmuth unflorte, nun auch Dein Herz ſo mit Blindheit geſchlagen, daß Du wähnſt, Du müßteſt, um Du ſelbſt zu ſein, das ganze Gedächtniß Deiner Vergangenheit auslö⸗ ſchen und Buße thun in Eugeniens Armen für den Frevel an alten Stammbäumen und erlauchten Ah⸗ nen?“ „Beinah' iſt's ſo!“ erwiederte Georg, gedanken⸗ voll vor ſich hinſtarrend.„Eugenia hat mir am Abend vor dem Kampfe ihre Liebe bekannt, hat mir ihr Herz und ihre Hand angeboten, und Waldemar gab mir die Zuſicherung, daß der Landesherr ent⸗ ſchloſſen ſei, mich als nachgeborenen zweiten Sohn und Erben des Grafen Leopold von Nellenburg zu legitimiren und in alle Rechte eines ſolchen einzu⸗ ſetzen.“ „Und Du? Du haſt eingewilligt?“ fragte Ger⸗ manos. „Frage mich nicht weiter, jetzt nicht,“ verſetzte Georg ausweichend.„Ich gab Dir dieſe Aufklärung, damit Du mich ſpäter nicht ungerecht beurtheilſt, wenn Georg Volker. 275 ich thue, was Ehre und— Neigung mir gebieten. Leb' wohl, Freund, und rette Dich mit Deinen Hoff⸗ nungen aus dieſem unglücklichen Lande, ehe der Feind Dich erreicht!“ „Der Feind! Ha, daß ich den wahren Feind frü⸗ her erkannt hätte!“ rief Germanos in leidenſchaftlicher Aufwallung.„Ja, nun iſt Alles verloren, erſt recht verloren! Doch ich will Dir nicht grollen, Georg! Du thateſt nur, was Hunderte an Deiner Stelle ge⸗ than haben würden, aber eben darum mein' ich, Du, der Einzige, der Beſte, dem wir vertrauten, hätteſt anders handeln ſollen. Doch ſtill davon, es iſt nicht gut, wenn zwei Freunde in Zank und Streit aus⸗ einandergehen; denn einmal geſchieden, wer weiß, wann wir uns wiederſehen! Leb' wohl, mein Georg, ich gehe fort, weit fort von hier; in Deutſchland kann ich für's Erſte nicht mehr athmen, jeder Ton des klagenden Vaterlandes würde mich an dieſe Stunde gemahnen! Aber ein anderes Volk will ich aufſu⸗ chen, mit dem ſich's gut für die Freiheit ſtreiten läßt, das nicht, wie wir Deutſche, mit dem Schwert allein den großen Kampf ausficht, ſondern mit Allem, was s an Kraft des Geiſtes und des Herzens ſein nennt; der Ungar kennt nur eine Liebe, denn er weiß, daß das, wofür er ſein Herzblut verſpritzt, alle andre 18* 276 Georg Volker. Glückſeligkeit und Hoheit des Lebens in ſich ſchließt. Auf der Spitze ſeines Säbels trägt er das Vater⸗ land, ſchaut nicht rechts noch links, ſondern mitten durch den dichteſten Feindeshaufen geht ſein Weg,— der Weg der Freiheit und der Ehre. Leb' wohl, mein Georg, mein Bruder! Gott ſei mit Dir in Deinen guten wie in Deinen böſen Stunden!“ Mit ſtürmiſcher Innigkeit riß er Volker am ſeine Bruſt, küßte ihn und ſtürzte nach der Thür; auf der Schwelle kehrte er ſich noch einmal um, groß und feſt ſtand Volker mitten im Zimmer, mit der rechten Hand nach oben deutend, das Auge ruhig dem Schei⸗ denden zugewandt; Germanos fühlte bei ſeinem An⸗ blick einen unausſprechlichen Schmerz, noch einmal zog es ihn mit der ganzen Gewalt ſeiner Freund⸗ ſchaft an Volker's Bruſt, lautweinend gab er ihm den letzten Abſchiedskuß und eilte fort. Unbewegt ſtand Volker, wie ihn Jener verlaſſen, bis der letzte Hufſchlag des Roſſes, das den Freund von dannen trug, im Gebirge verhallte. Dann drückte er krampfhaft die Hand vor die Augen, wie wenn ein brennender Schmerz ſie durchzucke, aber doch ath⸗ mete er aus freierer Bruſt, da er mit Wehmuth ausrief: „Stürme nur hin, Du wildes edles Herz! Was w— — Georg Volker. 277 Dich in Deiner Gottbegeiſterung auf neue Bahnen führt des Ruhmes und der Heldenthat, mich zieht's rettungslos in die Tiefe. Aber ſo mußt' es ja ſein; ihn retten und dann ſterben! Leb' wohl, o Ger⸗ manos, Du warſt nicht der böſe Engel meines Le⸗ bens!“ Zehntes Capitel. Auch in das ſo lange friedliche und von guten Genien beſchirmte Haus der drei Lilien waren durch die neueſten Begebenheiten Trauer, Schrecken und Verwirrung eingekehrt, und zu ſpät erkannten die alten Damen, wie nahe dem Krater des Vulkans ſie ſo lange ahnungslos gelebt und welche Verhängniſſe ſich in ihrer unmittelbaren Nähe vorbereitet hatten. Unter dem Dache des Friedens und der frommen Sitte war der furchtbare Plan der Revolution ge⸗ rreift; hier hatte dieſelbe ihre blutigen Träume ge⸗ träumt, ihre Brandfackeln zubereitet, ihre mörderiſchen Kugeln gegoſſen; und nun, nachdem aller Orten ihr 278 Georg Volker. Schrecken losgelaſſen, ſchien es, als wolle ſie zumeiſt den Sitz ihres Urſprungs mit ihrem Jammer und Verderben heimſuchen. Wir ſahen bereits, wie Paul am Abend des Schreckenstages unter dem Wehklagen der Lilien in's Haus getragen und von ſeinen wilden Geſellen ihrer Pflege überlaſſen wurde; das Ausſehen des bleichen Jünglings, der ſie mit verſtörten, irren Blicken be⸗ trachtete, und wie gebrochen an ſeiner noch jüngſt ſo friſchen Jugendkraft, in ſtummem Weh dalag, erſchütterte die treuen Weſen auf das Heftigſte, und Schreckliches ahnend ſaßen ſie die ganze Nacht über in leiſem Weinen an ſeinem Lager. Ach! Und als der Morgen kam und die Kunde von den blutigen Vorgängen bei Jörgenhauſen ihr Ohr erreichte, da ſchritt auch ſchon ein neues Unheil über ihre Schwelle; denn in Volker's Wagen brachte Veronika die kranke Annli, die wie gelähmt am ganzen Körper, kein Glied rühren konnte, ſondern hinauf in ihr Zimmer getragen und dort zu Bette gebracht Perden mußte. Des Mädchens Zuſtand war Allen ebenſo räthſelhaft als Beſorgniß erweckend; ſteif und kalt die Glieder, todtbleich das Antlitz, ſo lag ſie ohne Regung, leiſe athmend da, in ihrem innerſten jungen Leben erſchüt⸗ tert und durchdröhnt von dem geſtrigen furchtbaren Georg Volker. 279 Sturz in die ſchwindelnde Tiefe. Veronika hatte die Zeit, da Germanos bei Volker war, dazu benutzt, das kranke Kind heimlich in's Dorf zu bringen, da ſie ſich nicht getraute, Volker von dem Zuſtand Annli's, der erſt im Verlauf der Nacht, nach einem mehrſtün⸗ digen tiefen Schlummer eingetreten war und den ſie für eine Nervenlähmung hielt, in Kenntniß zu ſetzen. Ach! Und wo war Vetter Peter? Warum kam er nicht in's Haus des Leides und der doppelten Verzweiflung, wo ſeine beiden Lieblinge, von den drei Alten ganz zu ſchweigen, die ſeines Beiſtandes ſo ſehr benöthigt geweſen wären? Wo war Baldrian, der heilkundige Aesculap des Hauſes, der aus Kräu⸗ tern und Wurzeln ſo treffliche Tränke und kühlende Kataplasmen zu bereiten verſtand, zumal weit und breit in dieſer Verwirrung kein Arzt aufzufinden war? Faſt ſchien es, als ſollten Paul und Annli erſt jetzt inne werden, daß Vetter Peter ihre einzige, wahre Stütze ſei; denn nun er ihnen fehlte, wußten die armen alten Kilien, die ſelbſt der Hülfe bedürftig, weder Rath noch Mittel, um ſeinen beiden Pflege⸗ kindern zu helfen, die nun wieder ebenſo vexlaſſen waren, wie damals, als er ſie aus dem Wald holte, nach der grauſen Kataſtrophe im Förſterhaus. Aber er kam nicht, der Retter und Helfer in aller Nothz 280 Georg Volker. weit im Hintergebirge irrte er mit ſeinen zerſpreng⸗ ten Bauernſchaaren umher, abgeſchnitten von aller Verbindung mit dem Haus der Lilien; vielleicht ſelbſt in gleicher Gefahr und Noth wie Die, welche ihn herbeiflehten. Denn es erzählten Leute, die von Jörgenhauſen kamen, daß er auf ſeinem hohen Gaul mitten im dichteſten Kugelregen gehalten und ſeinen braunen Meerſchaum geraucht habe, ſo furchtlos hei⸗ ter dem Tod in's Auge ſchauend, daß die Bauern bei ſeinem Anblick ein Grauen angewandelt habe und ſie ſcheu von dannen gewichen wären, wie vor einem Helden, mit dem zu kämpfen faſt ebenſo be⸗ denklich wäre, als gegen ihn.„Er trug ſein Todten⸗ hemd wie ein Hochzeitskleid,“ erzählte ein alter Mann der zitternden Adelgunde;„und hatte ſich einen groß⸗ mächtigen Strauß von Flockenblumen und Platterbſen an die Uniform geſteckt; dabei qualmte er ſo ſtark aus der Tabackspfeife, als wolle er den Feind drü⸗ ben glauben machen, er rauche nur nben und Granaten.“ 6 Gegen vier Uhr Nachmittags eſchien endlich der von allen Dorfbewohnern mit banger Sorge erwar⸗ tete Moment, in welchem das Militair von zwei Seiten zugleich gegen Nellenburg anrückte und zwar nicht allein das von dem Kampf zurücktehrende Ba⸗ Georg Volker. 281 taillon Waldemar's, ſondern auch gleichzeitig ein De⸗ tachement neuer Truppen, vorzüglich Reiterei, die von der gegenüberliegenden Höhe herunterſtürmte, wie wenn ſie den Ort im Sturm nehmen wollte. Bis zum Marktplatze ritten die Dragoner in ſcharfem Trabe, daß das ganze Dorf unter dem Huſſchlag ihrer Roſſe und dem Klirren ihrer Rüſtungen erzit⸗ terte, während Waldemar's Bataillon unter Trommel⸗ ſchall einzog und ſofort alle Straßen und Ausgänge militairiſch beſetzte. Wohl verſuchte noch mancher der Bauern, der ſich einer Schuld an den Vorgän⸗ gen der letzten Tage bewußt war, vor den Soldaten aus dem Dorfe zu kommen und die Wälder zu er⸗ reichen; aber ſchnell war ganz Nellenburg mit Dra⸗ gonerpikets umſtellt, die jeden Ausweg zur Flucht abſperrten und ein Entkommen unmöglich machten. Waldemar ritt ernſt und ſichtbar angegriffen an der Spitze ſeines Bataillons in's Dorf ein, während aus den Reihen der ihm folgenden Soldaten häufig wilde Droh⸗ und Racheblicke gegen die angſtvoll hin⸗ ter ihren niedern Fenſtern lauſchenden Bauern ge⸗ richtet wurden, die dieſen deutlich genug verriethen, welchen Geiſt das Bataillon aus dem Gefecht bei Jörgenhauſen zurückbrachte. Auf dem Marktplatz be⸗ grüßten ſich die Truppen mit lautem Hurrah, und 282 Georg Volker. die Befehlshaber traten zu einem kurzen Kriegsrath in der Schulſtube zuſammen. Sodann wurden die ermüdeten Soldaten einquartiert und die Cavallerie brachte ihre Pferde in den Ställen der Bauern unter, wobei ſtrenges Quartierrecht geübt wurde. Bewaff⸗ nete Ordonnanzen führten ſodann von allen Seiten die zitternden Mitglieder des Gemeinderaths herbei, während die Weiber und Töchter jammernd und weh⸗ klagend ihren gefangenen Gatten und Vätern nach⸗ liefen und die Soldaten um Gnade für deren Leben anflehten. Die Meiſten glaubten auch nicht anders, als daß ſie auf der Stelle zum Tode geführt werden ſollten; denn in der That deuteten alle Anſtalten auf ein ebenſo unerbittliches als allgemeines Strafgericht. War ja doch das ganze Dorf an der Revolution be⸗ theiligt, hatten doch, trotz des verkündigten Stand⸗ rechtes, faſt alle ſeine ſtreitfähigen Männer zu den Waffen der Empörung gegriffen und der geſetzlichen Gewalt offenen Widerſtand geleiſtet. Wie ſollte da auf Gnade zu hoffen ſein! Im Rathhausſaale, deſſen untere Halle ſofort zur Hauptwache eingerichtet worden war, trat Graf Waldemar, von ſeinen Offizieren und dem Auditor begleitet, unter die mit Zittern und Zagen ihres Ur⸗ theils harrenden Gemeinderäthe und Ortsvorſtände, — Georg Volker. 283 und forderte ſie in harten Worten auf, ſich gegen die Anklage des Hochverraths und Majeſtätsverbrechens zu vertheidigen. Alle ſchwiegen mit zu Boden ge⸗ ſenkten Blicken, bis der Aelteſte, ein ehrwürdiger Greis mit Silberhaar, dem die Redlichkeit in den Zügen geſchrieben ſtand, an den Grafen eine bewegte Rede hielt, und ihn um Schutz und Gnade für das bereits ſo ſchwer heimgeſuchte Dorf anflehte. Er verdammte den unſeligen Aufruhr und die frevelhafte Auflehnung ſeiner Mitbürger gegen Geſetz und Obrig⸗ keit, verglich die Anarchie einer Peſt, die zuletzt auch den beſſer geſinnten Theil angeſteckt, und ſchilderte in einfachen aber treffenden Zügen, wie Alles ge⸗ kounmen und die vom Wege Gottes abgeirrte Menſch⸗ heit in ihrer Verblendung gemeint habe, nur durch Schrecken und Zerſtörung wieder die gute alte Zeit der Vorfahren zurückführen zu können. Schon wäh⸗ rend des Greiſes Rede milderten ſich ſichtbar Wal⸗ demar's ſtrenge Züge, und als der alte Mann jetzt wehmüthig ausrief:„Ach, lebte unſer guter Graf Leopold noch, es wäre nie ſoweit mit uns armen Leuten gekommen!“ da zuckte es ſchmerzlich über des Majors Antlitz und bewegt ſagte er: „Es iſt recht, Alter! Ich will auch keineswegs an Euch ſtrafen, was Andere verſchuldet haben; 284 Georg Volker. Nellenburg hat ſich zwar ſchwer gegen unſern erha⸗ benen Landesherrn verſündigt; aber dennoch weiß ich wohl zu unterſcheiden zwiſchen Verführern und Verführten, zwiſchen Denen, die nach Plan und Ab⸗ ſicht, zur Erreichung eigennütziger Zwecke die Empö⸗ rung anſtifteten, und Jenen, die nur einem dunklen Drange nach beſſerm Recht und Geſetz in dieſen Landen gefolgt ſind. Seid alſo unbeſorgt, Männer von Nellenburg! Ich ſuche die Führer und Urheber dieſes ſchändlichen Aufruhrs nicht in Eurer Mitte, nicht in Eurer Gemeinde; das Einzige, was ich von Euch fordere, iſt, daß mir ſämmtliche etwa noch in Eurem Dorfe weilende Führer des Aufſtandes unver⸗ züglich ausgeliefert werden; ich befehle dies im Na⸗ men des Geſetzes.“ Eine tiefe Pauſe folgte dieſer Aufforderung; Schrecken und Beſtürzung war in allen Mienen zu leſen; ängſtlich drückten ſich die Bauern an einander, Einer ſah den Andern bedenklich an und Keiner wollte mit der Sprache heraus. Denn der Einzige, den ſie dem Major hätten anzeigen können, war ja der Pflegeſohn Vetter Peters, an dem Verrath zu üben, ſo tief ſaß noch immer des alten Bären Autorität im Gemüth des Volkes, in ihren Augen ebenſo ſchänd⸗ lich geweſen wäre, wie an dem eigenen leiblichen Sohn. —— Georg Volker. 285 Erſt als der Major ſeine Aufforderung in ſtrenge⸗ rem Tone wiederholte, trat der Bürgermeiſter ängſt⸗ lich vor und ſagte mit unſicherer Stimme: „Es iſt Keiner im Dorfe, gnädigſter Herr, der ſchuldiger wäre als die Andern. Diejenigen Uebel⸗ thäter, welche geſtern unſeres Herrn Grafen Schloß demolirten und anzündeten, ſind lauter auswärtige Vagabunden, und haben wir ſolche, ſo viel wir kriegen konnten, gefangen genommen und in ſichern Gewahrſam gebracht.“ Da runzelte Waldemar finſter die Stirn, ſah den Redenden mit ſcharfem Blick an und ſagte in drohendem Tone: „Ich habe aber doch in Erfahrung gebracht, daß noch Einer im Dorfe ſich aufhält, der ſchuldiger iſt als Ihr Alle zuſammen; Einer, der in heilloſem Frevel ſich nicht nur wider ſeinen rechtmäßigen Lan⸗ desherrn empörte und die Waffen gegen ihn führte, ſondern ſogar, und das wißt Ihr Alle, als Soldat ſeinen Fahneneid brach und—— noch in dieſem Augenblick verweilt dieſer Verbrecher in Eurem Dorfe! Auf der Stelle gebt ihn heraus, oder Jeder von Euch verwirkt auf ſeinen Kopf die unverdiente Gnade, die ich ihm angedeihen laſſen wollte.“ Dieſe Drohung verfehlte ihren Eindruck nicht; 286 Georg Volker. die Bauern fuhren ſich erſchrocken nach ihren Köpfen und riefen wie aus einem Munde: „Paul Werle! Paul Werle iſt noch da!“ „Gut!“ ſagte der Major;„ich wollte Euch nur prüfen, ob ich mich auf Eure Reue verlaſſen könne; denn Den, den ich ſuche, habe ich ſchon.“ Er winkte hierauf den Bauern mit der Hand, die froh, ſo wohlfeilen Kaufes davon gekommen zu ſein, ſich mit ängſtlichen Kratzfüßen zur Thür hin⸗ ausſchoben und erleichterten Herzens nach Hauſe eil⸗ ten, um niemals wieder in ihrem Leben einen Auf⸗ ruhr zu machen oder mit der Militairgewalt anzu⸗ binden. Während dieſer Vorgänge im Dorfe putt ſich im Hauſe der Lilien eine Scene ereignet, die daſelbſt Alles in die gränzenloſeſte Trauer verſetzte und den alten Damen plötzlich über Paul's h Handlung die Augen öffnete. Kaum hörte man nämlich aus der Ferne den er⸗ ſten Trommelſchlag, als der arme Jüngling, der ſeither regungslos vor ſich hinſtarrend dagelegen hatte, mit einem dumpfen Schrei ſich aufrichtete und mit Blicken des Entſetzens dem wohlbekannten Ton entgegenlauſchte, der, näher und näher kommend, ihm in der Schuld grauenvoller Mahnung durch Mark Georg Volker. 287 und Gebein dr hnte. Ein kalter Schweiß trat in großen Tropfen auf ſeine Stirn; er fing an, wie ein Wüthender zu toben und zu raſen, und rief ein über's andre Mal in wildem Schmerze:„Weh! Weh! Ich bin verloren! Vater, Mutter— helft Eurem unglückſeligen Sohne! Rettet mich vom Verderben!“ — Drei Nachbarn, ſtarke Männer, die die Damen zu ihrem Beiſtand herbeigerufen, hatten Mühe, den Tobenden auf ſeinem Lager zu erhalten, der mehr⸗ mals die heftigſten Anſtrengungen machte, ſich ihren Armen zu entreißen und in wilder Verzweiflung den Kopf wider die Wand zu rennen. Es war ein ſchrecklicher Anblick, den jungen, mit Rieſenkräften ringenden Mann zu ſehen, wie er ſo in ſinnloſem Schmerze tobte und ſeine Bändiger beſchwor, ihm ein Meſſer zu geben, um ſich's in's Herz zu ſtoßen; umſonſt! Die Trommeln wirbelten ſchon vor dem Fenſter; da ſank er wie gebrochen auf's Lager zurück und rief erſchüttert:„In Gottes Namen— ſein Wille geſchehe!“ Er hatte richtig geahnt; ſchon nach wenigen Mi⸗ nuten wurde das Haus von Soldaten umzingelt und ein Offizier mit Wache trat herein, um den fahnen⸗ flüchtigen Sergeanten zu verhaften. Paul reichte ihm die Hand und ſagte: 288 Georg Volker. „Ja, Herr Oberlieutenant, ich folge Ihnen gern zu meinen Richtern; nur einen Moment übermannte mich die Angſt, einen ſchimpflichen Tod zu ſterben; jetzt aber bin ich wieder Mannes und Soldat genug, um einzuſehen, daß mir nur geſchieht was recht iſt. O! Ich wollte lieber tauſend Mal den Tod erleiden, als noch einmal durchmachen, was ich erlebte! Denn ſterben iſt Nichts; aber ſo wie ich verderben an Pflicht und Ehre,—— o weinet nicht, Ihr guten Fräu⸗ lein; vorhin war ich nicht bei Sinnen, jetzt aber, das fühl' ich, rettet mich nur noch das Geſetz und ſöhnt mich wieder mit meinem Gotte aus!“ Gränzenlos war der Schmerz, die Verzweiflung der armen Lilien, als ſie Paul ſo ſprechen hörten; zum Glück behielt keine von ihnen ſo viel Kraft, den ſchrecklichen Moment des Abſchieds zu ertragen; treue Nachbarweiber brachten die Ohnmächtigen in ein entfernteres Zimmer, während Paul ſein Lager ver⸗ ließ und ſich unter dem Beiſtand ſeiner Cameraden ankleidete, worauf er, auf die Schultern zweier Sol⸗ daten geſtützt, denn ſein Fuß war noch immer ſtark angeſchwollen, das Haus verließ. Im Hofe kehrte er ſich noch einmal um und ſagte wehmüthig: 5 „Leb' wohl, leb' wohl, Du treues Vaterhaus, Georg Volker. 289 Dich ſeh' ich niemals wieder! Daſſelbe Unglück, welches mich einſt als kleiner Knabe bis an Deine ſchützende Schwelle verfolgte, heute reißt es mich wieder von Dir und nimmer kehre ich hierher zurück! O grüßt mir meine Annli viel tauſendmal, Ihr Leute, und ſagt ihr, ſie ſolle irgendwo hingehen,— ſie weiß ſchon wo,— und fuͤr den Bruder beten, bis Gott ſie erhört und mir meine Sünden verzeiht! Der Himmel iſt mein Zeuge, ich war noch gut und ſchuld⸗ los, da ich jüngſt hierher kam; und nun ſcheid' ich von hier als Verbrecher, als Deſerteur und Mord⸗ brenner!“ Wenige Minuten ſpäter trat Paul voll Faſſung vor das im Rathhausſaal verſammelte Standgericht, welches aus fünf Militairs von verſchiedenen Graden, vom Hauptmann abwärts bis zum Gemeinen, zu⸗ ſammengeſetzt war. Zuerſt verhörte ihn der Audi⸗ tor über die ihm zur Laſt gelegten Verbrechen der Deſertion, des Auftuhrs und der Verleitung anderer Soldaten zu gleichem Verbrechen. Ruhig gab Paul, dem man ſeines kranken Fußes halber zu ſitzen erlaubte, auf alle Fragen Antwort; mit keiner Sylbe vertheidigte er ſich, ſondern ver⸗ ſtärkte noch ſogar die Größe der Anklage, indem er ausführlich erzählte, wie er es geweſen ſei, der Kon⸗ M. 19 290 Georg Volker. rad Buhl und ſeinen Genoſſen den Weg in's Schloß gezeigt und deſſen Erſtürmung möglich gemacht habe. Nur das Eine ſtellte er entſchieden in Abrede, daß politiſche Motive ihn zum Uebertritt zu den Feinden ſeines Fürſten verleitet hätten. Als das Protocoll geſchloſſen und ihm vorgeleſen war, unterſchrieb er daſſelbe mit feſter Hand und ſetzte haſtig unter ſeinen Namen die Worte:„Treu ſeinem Fürſten bis in den Tod!“ Der Vorſitzende nahm aus dieſem ſonderbaren Zuſatz Veranlaſſung, ihn zu fragen, wie er dies meine, da er ja doch die Fahne ſeines Regimentes ehrlos verlaſſen und zu den Feinden ſeines Landes⸗ herrn übergegangen ſei. Paul lächelte ſchmerzlich vor ſich hin, und der Präſident des Standgerichts mußte ſeine Frage nochmals wiederholen, worauf der Angeklagte ſich in ſichtbarer Bewegung vom Stuhle erhob und in klarem, ausführlichem Vortrag die Geſchichte ſeiner unglücklichen Eltern erzählte, ganz ſo, wie ſie der Hauptmann ihm damals im Walde mitgetheilt hatte. Er ſchilderte ſeinen Richtern, wie ſeitdem nur ein Gedanke in ſeiner Seele gelebt habe, und Rache, blutige Rache an dem Grafen von Nel⸗ lenburg das einzige Motiv geweſen ſei, das ihn bei ſeinen Handlungen geleitet hätte.„Und hier auf Georg Volker. 291 dieſer Stelle,“ ſo ſchloß er mit feierlicher Stimme, „bekenn' ich es: Was mir meinen Tod ſchwer macht, iſt allein der Gedanke, daß ich umſonſt zum Ver⸗ brecher wurde und den Grafen von Nellenburg leben⸗ dig auf der Welt zurücklaſſen muß. Ja, ich ſchwöre, daß mich begnadigen und freigeben nichts Anderes hieße, als mich zu neuen Racheverſuchen anſpornen, und das nächſte Mal, meine Herren Richter, daß ich wieder vor Ihnen erſchiene, wer weiß, ob dann dieſe Hand noch ſo rein von Blut wäre wie heute! Denn Rache müßte ich nehmen, wie auch mein letz⸗ ter Hauch ein Fluch auf das Haupt Deſſen ſein wird, der meinen armen Vater in's Grab, meine Mutter in Schande gebracht hat!“ Paul's Worte hatten, wie deutlich in allen Mie⸗ nen zu leſen, auf ſeine Richter den tiefſten Eindruck gemacht; denn wie nahe lag nicht der Vergleich zwi⸗ ſchen dem Verbrecher, den kein Richter ſtrafte, und Jenem, den das Geſetz verdammte! Ja, wie furcht⸗ bar teufliſch mußte Der geſündigt haben, der in einem ſonſt edlen, biedern Gemüth ſo glühende Racheluſt weckte, daß jedes, auch das zumeiſt verbrecheriſche Mittel ihm recht war, um dieſelbe zu befriedigen. Der Vorſitzende hieß den Angeklagten abführen, ging aber dann, bevor er zur Abſtimmung ſchritt, 19* — 292 Georg Volker. zu Waldemar, um ihm Paul's Erzählung mitzu⸗ theilen. Erſt um 9 Uhr Abends ward das Standgericht über Paul Werle geſchloſſen und ihm das einſtimmige Urtheil der Richter verkündigt. Es lautete auf Tod durch die Kugel. Doch ſollte in Anbetracht mildern⸗ der Umſtände der Verurtheilte nicht zuvor ſeiner mili⸗ tairiſchen Ehren und Abzeichen für verluſtig erklärt und aus den Reihen der Soldaten ſchimpflich aus⸗ geſtoßen werden, weshalb er auch in dem Todesur⸗ theil immer nur„Sergeant Paul Werle“ genannt und ihm erlaubt wurde, in ſeiner Uniform zu ſterben. Die Erecution der Strafe wurde auf die Frühe des andern Morgens feſtgeſetzt. Paul hörte ruhig das Urtheil bis zu Ende an und bat ſich als einzige Gunſt nur noch aus, daß ihm vergönnt ſein möge, diejenigen Soldaten ſelbſt auszuwählen, welche ihm die Kugel geben ſollten, was der Präſident ihm be⸗ willigte; worauf der Verurtheilte abgeführt wurde, um nach ſeinem letzten Schlaf auf Erden, beim An⸗ bruch des Morgenrothes ſeinem langen Schlummer im Schooß der Mutter Erde entgegenzugehen. Georg Volker. 293 Es war eine ebenſo maleriſche als eigenthümliche Gruppe, ganz wie geſchaffen zur Staffage dieſer wilden, noch halb in Morgennebel verhüllten Ge⸗ birgslandſchaft, welche beim Aufgang der Sonne unter der Marienlinde um ein Feuer lagerte, deſſen bläulicher Rauch ſich kräuſelnd durch des Baumes laubreichen Wipfel hinanzog; während die fremdar⸗ tige Geſellſchaft, die hier auf thaufeuchtem Gras die Nacht über unter freiem Himmel geraſtet hatte, in einem eiſernen Geſchirr ihr Frühmal zubereitete. Wohl ſah man ſchon öfter bald in größeren, bald in kleineren Trupps ſolche wandernde Zigeuner im Ge⸗ birge, die mit Allem, was ihre Habe ausmacht, deren vornehmſtes Stück gewöhnlich aus einem zwei⸗ rädrigen, mit grobem Packtuch überſpannten Karren beſteht, die Landſchaft durchzogen und in den Dör⸗ fern und Bauernhöfen um jegliches Ding bettelten, das ihnen die Mildthätigkeit der Bewohner verab⸗ reichen wollte. Das Erſcheinen dieſer heimathloſen, braunen Wan⸗ dermenſchen, die ohne Ziel und Obdach in der Welt umherirrten, und unter ſich eine fremde, keinem Men⸗ ſchen ſonſt verſtändliche Sprache redeten, machte im⸗ mer ein gewiſſes Aufſehen in den Dörfern, und Jung und Alt betrachtete ſie ohngefähr mit derſelben Neu⸗ 294 Georg Volker. gierde, wie ein ausländiſches Thier oder eine durch⸗ ziehende Seiltänzerbande; ja das Volk war ſogar hier und da den fremden Gäſten, trotz ihres unſau⸗ bern und verdächtigen Aeußern und ihrer wilden Le⸗ bensart, nicht abhold, da ſie Niemand ein Leids tha⸗ then und ſich äußerſt genügſam zeigten. Auch leiſte⸗ ten ſie dem Aberglauben bei den Bauern unter aller⸗ lei Geſtalten Vorſchub, prophezeiten nicht nur künf⸗ tige Dinge aus den Linien der Hand, ſondern kurir⸗ ten auch mit ihren Zauberformeln das kranke Vieh, oder verbannten durch ſonderbare, mit Kohle oder Kreide an den Stallthüren beſchriebene Figuren die dem Landmann ſchädlichen Thiere, als Ratten, Mäuſe, Iltiſſe u. ſ. w. von Haus und Hof. Freilich war gewöhnlich das Ende vom Lied, daß die Zigeuner auf irgend einem Diebſtahl, insbeſondere waren ſie den Hühnerhöfen und Speckkammern gefährlich, er⸗ tappt und mit Schlägen aus dem Dorfe gejagt wur⸗ den. Dann gab's ein großes Heulen und Wehkla⸗ gen unter den braunen Leuten, bis ſie der Bauern Herzen wieder gerührt hatten und nun freien Abzug und noch Geſchenke obendrein erhielten. Und eine ſolche Zigeunerfamilie von ohngefähr zwanzig Köpfen ſehen wir am Morgen des Tages, deſſen Sonne dem unglücklichen Paul Werle zum Georg Volker. 295 letzten Male leuchten ſoll, auf der Höhe am Wald⸗ ſaum gelagert; eine Gruppe moderner Parias, Män⸗ ner, Kinder und Weiber, Alle bis aufs Hemd zer⸗ lumpt und äußerſt ſchmutzig, im Vordergrund ein Greis mit ſchneeweißem Barte, der ſeltſam gegen den kupferbraunen Teint ſeines Geſichtes abſticht; auf ſeinen Knieen ſchaukelt er einen Säugling, viel⸗ leicht ſeinen Urenkel, während Lock, ein wilder acht⸗ jähriger Bube mit prächtigen pechſchwarzen Augen, gleich einem Eichhörnchen in der weitgeäſteten Ma⸗ rienlinde umherklettert, und ſeiner Schweſter Babette, einem wahren Bild von einer ſchlanken braunen Zi⸗ geunerſchönheit, dürres Reiſig zuwirft, welches er hoch oben in dem Wipfel abbricht, um damit das Feuer zu nähren, das ihnen die wärmende Hafer⸗ ſuppe bereiten ſoll. Plötzlich ertönt aus dem Dorfe dumpfer Trom⸗ melſchall und raſch iſt der ganze Zigeunertrupp auf den Füßen; theils aus Furcht, theils aus Neugierde, was der ſonderbare, nur Wenigen bekannte Ton be⸗ deuten ſoll. Die jüngeren Männer ſchlichen ſich auf des Greiſes Rath den Berg hinunter bis zu den Dorfgärten, um zu erſpähen, woher der kriegeriſche Lärm rühre. Bald kehrten ſie mit der Nachricht zu⸗ rück, daß der ganze Ort mit Militair angefüllt ſei, 296 Georg Volker. und Einer von ihnen, der ſich am weiteſten vorge⸗ wagt hatte, Szändor mit Namen, ein echtes Spio⸗ nengeſicht, erzählte, daß er zwei Bauern in ihrem Hofe belauſcht habe, wie ſie davon geſprochen hätten, daß ein Menſch an der Kirchhofsmauer erſchoſſen werden ſolle, weil er des Grafen Schloß niederge⸗ brannt habe. Ruhig hörte der Greis die Berichte der Kund⸗ ſchafter an und befahl ſodann, daß die Weiber mit dem Karren, auf welchen die Kinder geſetzt wurden, eilig waldeinwärts ziehen ſollten bis zum großen Waldſumpf, wo ſie vor jeder Gefahr ſicher ſeien. Er ſelbſt mit noch vier andern Männern verſteckte ſich in den dichten Dornhecken am Hohlweg, von wo ſie ungeſehen Alles beobachten konnten, was unten vor— ging. Wirklich entdeckten ſie bald unter den drei Birken einen friſch aufgeſchütteten weißen Sandhau⸗ fen, und daneben, dicht an der Kirchhofsmauer, ein offenes Grab, das erſt in der vergangenen Nacht ge⸗ graben ſein konnte. Unterdeſſen wurde fortwährend in dem Dorfe ge⸗ trommelt und bald zeigte ſich eine Reiterabtheilung, die dem Friedhof zuritt und denſelben in weitem Um⸗ kreis umſtellte, augenſcheinlich um Niemand nahe kommen zu laſſen. Die Zigeuner, mehr liſtig als Georg Volker. 297 muthvoll, beobachteten mit klopfendem Herzen Alles aufs Genaueſte, und ſo oft ſich vom Dorfe her etwas Neues ſehen oder hören ließ, machten ſie einander darauf aufmerkſam, indem ſie bald das Zirpen der Grille, bald den Ton des Laubfroſches, bald den Schrei eines Waldvogels nachahmten. Endlich, es ſchlug gerade vom Dorfthurm ſechs Uhr, nahte ſich unter dumpfem Trommelſchall eine Militaircolonne, die ſich der Friedhofsmauer gegenüber in einem Halbkreis aufſtellte. Gleich nachher folgte ein Bauernwagen, rings von Dragonern umgeben, auf dem ein einzelner Menſch ſaß, der das Haupt entblößt hatte, ſonſt aber die Uniform der andern Soldaten trug. Der Wagen nahte, von zwei Pfer⸗ den gezogen, die ein nebenherſchreitender Bauer am Zügel führte, in langſamem Schritte dem Richtplatz und lenkte über den grünen Anger in den von dem Militair gebildeten Halbkreis, worauf der bleiche Mann, als das Gefährte anhielt, ſich von ſeinem Strohſitze erhob und aufrecht im Wagen ſtehend, die Hände betend nach den drei Birken empor hob, die ſich im Morgenwind ihm wie grüßend zuneigten. Es war der Verurtheilte. Dann ſtieg er langſam vom Wagen herab, zwei Soldaten führten ihn unter den Armen nach dem weißen Sandhaufen, wo ihm Georg Volker. ein Dritter ein Tuch um die Augen ſchlang; raſch traten auf den Wink eines Offiziers mit dem Degen ſechs Soldaten aus dem vorderſten Glied hervor, ſtellten ſich dicht vor den niederknieenden Cameraden, noch einmal winkte der Offizier mit dem Degen— auf welches Signal die Schützen Feuer gaben, daß rings ein dichter Pulverdampf die grauſe Scene ver⸗ hüllte. „Weh! Weh! der hat ausgelebt!“ ſtammelte der Zigeunergreis. Laut wirbelten die Trommeln, und wie der Pulverdampf ſich verzog, lag auf dem wei⸗ ßen Sandhaufen ein Soldat, der kein Glied mehr regte; neben ihm knieete ein Regimentsarzt und löſte die Binde von den Augen des Todten. „Fort! Fort, Kinder! Das thun Chriſten einem Chriſten, wie würde es uns erſt, die ſie Heiden nen⸗ nen, ergehen, wenn ſie uns in ihre Gewalt bekämen!“ ſo ſprach ſchaudernd der alte Mann, worauf die Zigeuner, flink wie Marder, lautlos wie Blindſchlei⸗ chen, hinter den Hecken den Berg hinankrochen und, von keinem Auge geſehen, im Waldesdickicht ver⸗ ſchwanden, wo ſie den Spuren und Zeichen folgten, welche die vorangezogenen Weiber zum beſſeren Auf⸗ finden des von ihnen genommenen Weges zurückge⸗ Georg Volker. 299 laſſen hatten, hier ein geknickter Zweig, dort eine aus der Erde geriſſene Pflanze, oder ein Stein, unter welchem ein Strohbüſchel lag. Elftes Capitel. War der geſtrige Tag trübe und melancholiſch geweſen, ſo ſtrahlte dafür der heutige um ſo heller und freundlicher; und wie die Sonne jetzt prächtig aus dem lichtgoldnen Gewölk des Morgens hervor⸗ ging, ſchien ſie nichts mehr von der grauſen Scene an der Kirchhofsmauer zu wiſſen; und mit dem Mor⸗ genroth, das ſeinen letzten Blick geſehen, war auch die in ihrem Blute untergegangene Jugend Paul's ſpurlos von der Erde verſchwunden; nur ein friſcher Grabhügel, den treue Cameraden mit grünen Zwei⸗ gen von den drei Birken geſchmückt hatten, deren warnenden Wink der unglückliche Jüngling nicht ver⸗ ſtanden, blieb das einzige Zeugniß von ſeinem Da⸗ ſein. 300 Georg Volker. Georg hatte die Nachricht von dem an Paul voll⸗ zogenen Todesurtheil erſt gegen zehn Uhr Morgens erhalten; begreiflicherweiſe wurden dadurch die Be⸗ wohner des Grabenhofs in neue Sorge und Beſtür⸗ zung verſetzt. Nur der Eine, um deſſen Schickſal Alle zitterten, hörte den Mann, welcher ſich aus dem Dorfe hierher geſchlichen hatte, ruhig bis zu Ende an, verwies ſelbſt dem Geſinde das unnöthige Jam⸗ mern, und ging dann, als wiſſe er ſich ſelbſt völlig ſicher, mit furchtloſer Miene auf dem Hofe umher, indem er den Knechten ganz wie ſonſt ihre Arbeit anwies; ſpäter war er wohl noch eine halbe Stunde beim Fruchtmeſſen auf den Kornböden zugegen, ohne daß ihm Jemand die mindeſte Beſorgniß angeſehen hätte. Im Hofe, wo gerade ein Knecht die jüngſt gekauften braunen Ackerpferde an den Pflug ſpannte, trat er zu den Thieren heran, ſtreichelte ihre Hälſe, belobte ihr geſundes Ausſehen und ertheilte dem Knecht Winke über deren Behandlung, worauf er ſich in ſein Zimmer begab und dort wohl eine Stunde an ſeinem Arbeitstiſch verweilte. Er brachte dann einen großen Pack Briefſchaften und Papiere in die Küche herun⸗ ter, verbrannte Alles bis aufs kleinſte Blättchen ſorgfältig, bis nur noch ein Aſchenhaufen da war, den er wie zerſtreut anſah, ſo lange noch ein Funken Georg Volker. 301 darin kniſternd hin⸗ und herirrte. Er ging dann wieder hinauf in ſeine Stube, gefolgt von den be⸗ ſorgten Blicken Veronika's, die ihm auf der Treppe nachlauſchte und hörte, wie er oben die Thür hin⸗ ter ſich abſchloß.— Waldemar hatte ſchon am vorigen Abend in Er⸗ fahrung gebracht, daß Volker noch auf ſeinem Hof verweile und entſchloſſen ſei, die Entwickelung der Dinge daſelbſt abzuwarten. Nach dem ſchrecklichen Ausgang von Paul's Prozeß war es darum des Majors erſte Sorge, durch einen zuverläſſigen Mann, den er auf den Grabenhof ſandte, Nachricht einzu⸗ ziehen, welchen Eindruck dieſer blutige Act der uner⸗ bittlichen Gerechtigkeit auf Volker gemacht habe und ob ihn derſelbe nicht noch zur guten Stunde warnen und veranlaſſen werde, an ſeine Rettung zu denken, ehe es zu ſpät ſei. Schon hatte der dem Commando beigegebene Kriegscommiſſair auf Volker's Verhaf⸗ tung gedrungen; denn ſtündlich häuften ſich gegen denſelben die Zeugniſſe und dringenden Verdachts⸗ gründe, daß er vornehmlich den Aufruhr angeſtiftet habe, und ſelbſt Diejenigen, welchen um ihn bangte, mußten an ſeine Schuld glauben; Waldemar, der, je näher die Gefahr Georg's Haupt rückte, das tiefſte Mitleid mit ihm empfand, hatte bis dahin 302 Georg Volker. unter allerlei Vorwänden deſſen Verhaftung hinaus⸗ geſchoben, wobei ihn der ausdrückliche Befehl des Landesherrn unterſtützte, nur im äußerſten Falle die Strenge des Geſetzes walten zu laſſen; aber wie lange noch konnte, durfte er Thatſachen gegenüber, welche ſo unwiderlegbar für die Schuld des Hochverraths und Aufruhrs zeugten, der Stimme des Herzens und der Menſchlichkeit Gehör geben? Selbſt das Wenige, was noch zu Volker's Gunſten ſprach, daß er nämlich freiwillig den Kampfplatz am grauen Stein verlaſſen und dadurch den Sieg der bewaff⸗ neten Macht über die Rebellenhaufen beſchleunigt hatte, ſo wie ſein Verſuch, das Schloß und die gräf⸗ liche Familie zu retten, und zuletzt der unter ſeiner Anführung ſtattgefundene Angriff auf die Mord⸗ brenner, wie leicht wog dies Alles gegen die Schwere der Anklage, einen ſolchen Aufruhr im Lande ent⸗ zündet und das Volk zum blutigen Kampf gegen die Truppen des Regenten in's Feld geführt zu haben. Und als jetzt noch der alte Judenwirth zur„Ei⸗ ſernen Hand“ gefänglich eingebracht wurde und ſchon beim erſten Verhör Alles eingeſtand, da kam bald die ganze Entſtehungsgeſchichte des unſeligen Auf⸗ ſtandes an den Tag, und die drei Namen: Peter Georg Volker. 303 von Bärenhorſt, Germanos und Georg Volker traten auch hier wieder in den Vordergrund der hochverrä⸗ theriſchen Verſchwörung. Volker, als der einfluß⸗ reichſte, erſchien natürlich auch als der am meiſten gravirte Urheber der Revolution, und der Kriegscom⸗ miſſair drang nun mit aller Entſchiedenheit und un⸗ terſtützt von dem Kriegsgeſetz auf Georg's Verhaf⸗ tung und deſſen Verurtheilung durch das Standge⸗“ richt. Waldemar konnte nach dem Allen zuletzt nur noch ſeine eigene Verantwortlichkeit, dem Souverain ge⸗ genüber, geltend machen; und dieſe war, wie die Acten gegen Volker vorlagen, längſt außer Frage geſtellt. Mit ſchwerem Herzen harrte der Major auf Nach⸗ richt von dem Grabenhof; als der Bote noch immer ausblieb, entzog er ſich unter dem Vorgeben, die Brandſtätte des Schloſſes in Augenſchein nehmen zu wollen, den ſeit frühem Morgen andauernden Sitzungen der Unterſuchungs⸗Commiſſion, und be⸗ gab ſich ohne alle Begleitung hinauf auf den Schloß⸗ berg, wo ſich ſeinen Blicken eine Verwüſtung dar⸗ ſtellte, wie er ſie kaum in ſeiner Phantaſie ge⸗ hatte. Joch rauchten überall die Trümmer, und die ſchwarzen Mauern mit den hohlen Fenſterräumen, die 30⁴ Georg Volker. halbverkohlten Linden am Portale boten einen ſchauer⸗ lichen Anblick, doppelt ſchauerlich für Den, der in dieſen einſt ſo ſtolzen Hallen heimiſch geweſen war und darin Gaſtrecht genoſſen hatte. Waldemar ſchritt an den Schildwachen vorüber, welche rings um das Schloß aufgeſtellt waren, in den innern Hof und ſtaunte betroffen über die furchtbare Verwüſtung; unwillkürlich ſuchte ſein Auge die Fenſter von Euge⸗ niens Gemächern; noch ſtieg aus ihnen ein grauer träger Rauch hervor und am Eiſen des Blitzableiters hing ein halb verbrannter Kaſchemir⸗Shawl, der noch jüngſt Eugeniens Schultern in weichen Falten um⸗ ſchmiegt hatte. Von allen Zeichen der Zerſtörung, welche der Major ringsum erblickte, war es dieſer an ſich unbedeutende Gegenſtand, der ſein Gefühl am tiefſten berührte, indem er ſeine Betrachtungen über das grauſe Bild der Umgebung hinweg zu dem Gedanken lenkte, was aus Eugenien geworden wäre, wenn die Kataſtrophe ſie im Schloſſe gefunden! Schaudernd ſchüttelte der Graf die furchtbare Vor⸗ ſtellung von ſich ab: Gottlob! Sie iſt ja gerettet, und du darfſt noch hoffen, ſagte ihm ſein Herz, als ſich plötzlich wie ein dunkler Schatten jener Abend, an dem er mit ihr im Garten verweilte und aus ihrem Munde die erſte Aufklärung über Geotgs Georg Volker. 305 Verhältniß zum Schloſſe erhielt, zwiſchen die reizende Zukunft und die unglückliche Gegenwart legte. Mit einem Male kam ihm da Alles wieder in's Gedächt⸗ niß, was ſie damals über Volker geſprochen und wie innig ſie ihn um Schutz für den von ſchwarzer Brudertücke verfolgten Sohn des Grafen Leopold angefleht hatte; ohne daß ſein Herz eine Ahnung von dem Antheil hatte, den Eugenia an Georg nahm, rührte ihn doch dieſe Erinnerung noch tiefer, als damals ihre Erzählung ſelbſt; er vergaß ſelbſt die Schuld Volker's, und mitten unter den grauſen Werken der Zerſtörung, für welche der unglückliche Freund Eugeniens dem Geſetze verantwortlich gemacht werden ſollte, überkam ihn das Gefühl jener höheren Wahrheit, die uns oft gerade aus ihren ſcheinbar feindlichſten Gegenſätzen am unmittelbarſten vor die Seele tritt. „Ja, Du hatteſt recht, Eugenia!“ rief er be⸗ wegt aus.„Dieſer unglückliche Menſch iſt ein Opfer unſres Standes, ein Opfer der Raffinerie und des Egoismus, wie er nur in goldſtrahlenden Paläſten wohnt, und allem Hohen und Heiligen dieſer Welt, allen ſchönen und natürlichen Gefühlen des Herzens die kalte Nerolarve des Hohnes entgegenhält; damit jener große Revolutionair Frankreichs immer recht III. 20 306 Georg Volker. behalten ſoll, welcher ſagte, daß die Annalen der Ariſtokratie die beſte Märtyrergeſchichte des Volkes ſeien! Da liegt es nun in Trümmern, Dein ſtolzes Schloß, o Alfred; noch raucht es von dem Fluch Deiner Unterthanen, die Dein herzloſer Eigennutz bis zur raſenden Wuth gegen Dich empörte; Du ſelbſt irrſt vielleicht in dieſem Augenblick zitternd und zagend in den Wäldern des Gebirges umher, und jede Menſchengeſtalt, die Dir von ferne entgegentritt, zeigt Dir den Unglücklichen, den Du durch Deine Bosheit ſo weit gebracht, daß er vielleicht noch heute das Verdammungsurtheil erhält und morgen die tödtliche Kugel zur Sühne der beleidigten Gerech⸗ tigkeit, die Du doch niemals kannteſt!! O Gott! Gott! Nimm dieſes herrliche Wort aus dem Mund Deiner entarteten Menſchheit, lehr' es den Raben krächzen, lehr' es die Hyäne heulen, wenn ſie Nachts dem Leichenduft folgt und Gräber aufwühlt; aber nicht den Menſchen laß mit dem himmliſchen Wort Gerechtigkeit ſich brüſten, denn ſeine reinſten Geſetze ſchreibt er mit dem Blut des Gerechten, und die Göttin mit der ehernen Stirn und den blinden Au⸗ gen vollzieht ſie dann mit unerbittlicher Strenge, un⸗ bekümmert darum, wer die Saat der Schuld u Sünde ſäete!“ 6 Georg Volker. 307 Er hielt erſchüttert inne und nur ſchwer gelang es ihm, der heftigen Bewegung ſeines Innern Mei⸗ ſter zu werden. Mit verſchränkten Armen durchſchritt er dann eine Zeitlang den öden Schloßhof und über⸗ legte, wie er Volker helfen könne, ohne ſeiner Pflicht als Soldat untreu zu werden; plötzlich durchzuckte ein rettender Gedanke ſeine Seele, und ihn denken und billigen war Eins: „Nein! Ich darf ihn nicht untergehen laſſen!“ rief er entſchloſſen.„Hier bleibt keine Wahl für mich! Was mein Haus an ihm verſchuldet hat, ich muß es entweder gut machen, oder ich verdiene nicht, vor Gott und meiner Ehre dieſes Hauſes Namen und Wappen zu führen. Noch giebt's einen Weg und er iſt mir zum Voraus ſicher; der Fürſt wird mich hören, ich werde ihm Alles entdecken und den Schul⸗ digen ſeiner Gnade empfehlen. Mehr bedarf es nicht, um Volker zu retten! Ihn aber, der den Sohn ſeines edlen Vaters in's Verderben ſtürzen wollte, ihn darf ich, kann ich nicht ſchonen, ihn werd' ich dem Fürſten ſchildern bis auf's Haar, als den Menſchen, der er iſt, als den eigentlichen Urhe⸗ ber dieſes Bauernaufſtandes; und wenn man ihn deshalb auch nicht zur Verantwortung ziehen kann, ſo weiß ich doch eine Strafe für ihn, die ihn härter 20* 308 Georg Volker. trifft als das härteſte Geſetz es könnte: Volkers Begnadigung und eine durchgreifende Reform in der Verwaltung und Gerichtspflege dieſer Grafſchaft! Hier muß die Regierung einſchreiten; ich werde dem Fürſten und ſeinen Miniſtern ſagen, wo's noth thut; der Lehren ſind genug gegeben, dieſer Alfred darf nicht länger mehr hier unumſchränkt hauſen; er muß erfahren, daß er noch einen Souverain über ſich hat, ſo gut wie der Geringſte ſeiner Bauern, ſo gut wie ich und jeder andre Unterthan im Lande; ha, Alfred! Dir ſollen die Hände gebunden werden, noch ehe dieſe Mauern kalt geworden ſind und Du an ihren Wiederaufbau denkſt!“ Raſch eilte er fort; auf dem Wege nach dem Dorfe reifte vollends ſein Plan: Volker, der nicht fliehen wollte, ſollte denn in Gottes Namen gefan⸗ gen genommen und vor das Kriegsgericht geſtellt werden. War das Urtheil geſprochen, ſo hatte Wal⸗ demar mit des Landesherrn Gnade ſein Schickſal in Händen, und dann, ja dann konnte er zu ihm ſprechen:„Für Deine Schuld giebt's nur eine Sühne: Reue— Verſöhnung!“ Im Dorfe angekommen, wurde ſofort ein Offi⸗ zier mit einem Commando Dragoner nach dem Gra⸗ benhof beordert, um deſſen Beſitzet, als des Hoch⸗ Georg Volker. 309 und Landesverraths angekagt, zu verhaften und als Kriegsgefangenen hierher zu führen. Volker ſollte mit möglichſter Schonung behandelt und in ſeinem eigenen Wagen nach Nellenburg transportirt werden. Ein Civilbeamter wurde außerdem mit der Beſchlag⸗ nahme der Papiere und der gerichtlichen Verſiegelung ſämmtlicher Localitäten des Hofes beauftragt. — Es war Mittagszeit; die Glocke, welche um dieſe Stunde das Hofgeſinde zu Tiſche rief, hatte eben geläutet und Volker war mit dem letzten Briefe fertig geworden, deren er im Ganzen drei geſchrieben, einen an den Geheimerath, einen an Germanos und einen an Waldemar; letzterer war am längſten aus⸗ gefallen und enthielt ſo ziemlich Alles, was Volker zu ſeiner und ſeiner Freunde Rechtfertigung in Be⸗ treff des revolutionairen Unternehmens ſagen konnte, Der Brief war mit ebenſo viel Klarheit als Begei⸗ ſterung abgefaßt, und kein Wort darin verrieth, daß ſeinem Schreiber das Damoklesſchwert über dem Haupte hing.„Flucht,“ ſo ſchloß der merkwürdige Brief,„hätte mich retten können und könnte es viel⸗ leicht noch; aber das Gefühl einer höheren Errettung heißt mich bleiben; denn die Freiheit, für die ich ſtritt, haftet nicht an der Sohle, und nur der gewinnt ſie, der bei ihr ausharrt bis zum Aeußerſten.“— 34⁰ Georg Volker. Eben hatte Georg die Briefe geſiegelt und adreſſirt, als draußen im Hofe ein ſonderbarer Lärm entſtand, der ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog; die Stiere in den Ställen brüllten ängſtlich und ſchüttelten klirrend ihre Ketten, das Federvieh flatterte ſchreiend umher wie bei der Nähe eines Raubvogels und zugleich ließ ſich von der Straße her ein dröhnendes Geräuſch vernehmen, untermiſcht mit Waffengeklirr und Pferde⸗ getrappel, das immer näher und näher kam. Schon liefen die Knechte und Tagelöhner vom Mittagstiſch weg, um zu ſehen, was es draußen gebe; Georg war an's Fenſter getreten, und das Erſte was er er⸗ blickte, war ein Detachement Reiter, welches in ſchar⸗ fem Trabe ſeinem Hofe zuritt; jetzt hatten die Dra⸗ goner die Brücke erreicht, einige ſchwenkten rechts, andere links um den Graben herum, der Haupttroß jedoch faßte, die Karabiner mit geſpanntem Hahn vor ſich hinhaltend, am Haupteingang Poſto, während der Offizier mit einigen Mann über die Brücke in den Hof ſprengte. Nachdem er ſich aus dem Sattel ge⸗ ſchwungen, ging er auf die Knechte zu, die ſich ängſt⸗ lich gegen die Wände drückten, und fragte dieſelben nach dem Beſitzer des Hofes und ſeinem derzeitigen Aufenthalt. Keiner der Leute gab ihm eine Antwort, obwohl Alle wußten, daß Volker oben in ſeiner Georg Volker. 314 Stube ſei. Da ſagte der Offizier, indem er ſeinen Säbel zog, mit gebietender Stimme: „Im Namen des Geſetzes ford're ich Euch auf, mir zu ſagen, wo ich Euren Herrn, den Georg Vol⸗ ker finde, der ſich hier aufhalten ſoll.“ „Der iſt fort!“ rief mit dreiſter Stimme einer der Knechte.„Schon heute in aller Frühe ſetzte er ſich auf's Pferd und ritt dem Rheine zu.“ Der Offizier ſah den Redenden mit feſtem Blick an und verſetzte mit Nachdruck: „Aber ich weiß beſtimmt, daß Volker noch vor einer Stunde auf dem Hof verweilte. Doch was brauch' ich Euch lange zu fragen! Er muß hier ſein und ich werd' ihn zu finden wiſſen; Ihr aber rührt Euch nicht von der Stelle!“ Er winkte hierauf den Dragonern, welche ſich von den Pferden ſchwangen, um ſeinen Befehl zu erhalten. In dieſem Augenblicke ſah Georg, der noch im⸗ mer beobachtend am Fenſter ſtand, den Major Wal⸗ demar über die Brücke in den Hof ſprengen; der Offizier ging demſelben entgegen und wechſelte einige Worte mit ihm, wobei er mehrmals bald auf die Knechte, bald auf's Wohnhaus zeigte. Waldemar ſprang ſodann vom Pferde; in dieſem Moment ſah 312 Georg Volker. er den Geſuchten mit einem Blick hinter dem Fenſter ſeines Arbeitszimmers ſtehen; raſch wich Georg zu⸗ rück.— „Dort iſt er! Folgen Sie mir,“ ſagte Waldemar zu dem Offizier und ſchritt mit dieſem dem Wohn⸗ haus zu. Wie er den Fuß auf die unterſte Treppenſtufe ſetzte, fiel im obern Stock ein Schuß. „Das war Volker!“ rief Waldemar, von einer ſchrecklichen Ahnung ergriffen, und ſtürzte die Treppe hinauf. Er fand die Thür zu Georg's Stube von Innen verriegelt und eilte nach dem Bücherſaal; durch dieſen und die daran ſtoßenden Gemächer lief er nach Volkers Stube, aus der ihm ein dichter Pulverdampf entgegendrang; bei ſeinem Eintritt ſah er Georg mit halbgeſchloſſenen Augen aufrecht in der Sophaecke ſitzen, der linke Arm hing ſchlaff über die Lehne her⸗ unter, vor ihm auf den Boden lag die Piſtole. Wal⸗ demar ergriff erſchüttert die noch warme Hand; da athmete der zu Tod Getroffene noch einmal tief auf, neigte das Haupt zur Seite und war verſchieden. Die Kugel war ihm mitten durchs Herz gegangen. Georg Volker. 313 Zwölftes Capitel. Längſt haben ſeitdem die Nachtigallen des Früh⸗ lings ausgeſungen und verhallt iſt des Kampfes wil⸗ des Toben, in deſſen Donner ſie einſt die ſanften Töne der Liebe und Sehnſucht miſchten; längſt iſt dem begeiſterten Freiheitsruf des Volkes in dieſen Bergen das Schweigen des Friedhofs gefolgt und nur die Schalmei des Hirten erinnert vielleicht noch hier und da einmal in faſt verklungenen Melodieen an den Jubelgeſang vom großen deutſchen Vaterland; der Bauer, dieſer treue Sohn der Geſchichte, kehrte wieder, arm wie zuvor, in's alte Joch der Unfreiheit zurück, nur um den einen Troſt reicher, daß er ein⸗ mal ein paar Wochen den„Herrn“ geſpielt, keinen Zins noch Steuer bezahlt und ſeinem Feind und Dränger die grimme Fauſt des„kräftigen“ Mannes gezeigt hat. Um die ſonſtigen ſogenannten Errungen⸗ ſchaften kümmert er ſich wenig; denn nun der poli⸗ tiſche Rauſch bei ihm verflogen, tritt ſchnell die Nüch⸗ ternheit in ihr altes Recht zurück und mit größter Reſignation ſchwingt er wieder in ſeiner Scheune Georg Volker. über den Garben ſeiner Felder denſelben hiſtoriſchen Dreſchflegel, mit dem er noch jüngſt die Welt in Trümmer ſchlagen wollte. Er iſt wieder ganz der Sohn der deutſchen Erde, mühvoll beladen in der Gegenwart, ohne lebendige Erinnerung an Vergan⸗ genes, ohne lebendige Hoffnung auf Zukünftiges; und der Wechſel des Mondes, der Kalendertag und die Witterung nehmen ſein höheres Intereſſe wieder ausſchließlich in Anſpruch. Das Dach ſeiner Hütte iſt ſchadhaft geworden, während er des gnädigen Herrn ſtattliches Schloß demolirte; was Wunder, daß die Herbſtſtürme ihn an die Ausbeſſerung des Scha⸗ dens ermahnen und die Bank hinterm warmen Ofen ihm auch nicht verachtenswerth dünkt! Kurz, der alte Erbfeind des deutſchen Bauers, der Egoismus erwacht wieder in ihm in ſeiner ganzen vorigen Stärke; er hat das Revolutioniren ſatt gekriegt, und erſchrickt vor dem unheimlichen Gedanken, der ihm bis zur Stunde noch nicht recht klar geworden iſt, daß auch er zum Volke gehört und das Vaterland an ſeine Thür gepocht hat; er erſchrickt davor, daß er mehr gethan, mehr gewollt hat, als ſein Vater, vielleicht gar als ſein Urgroßvater, und die Tradition zieht ihn ſchnell wieder mit doppelter Gewalt in ih⸗ ren alten Zauberbann zurück. Georg Volker. 315 Und wie der Bauer, ſo der Herr; freilich Jeder in ſeiner Art.„Recht muß Recht bleiben!“ ſpricht der Graf, gräbt ſeine Schätze, ſeine Urkunden aus den Kellergewölben der zertrümmerten Burg heraus, und führt ein neues Schloß auf, ſtattlicher und pracht⸗ voller als das alte, vielleicht noch froh darüber, daß das dumme Volk ihm den altmodiſch und unbequem gewordenen Bau der Väter aus dem Weg geräumt hat. Das Einzige, was dem ariſtokratiſchen Bewußt⸗ ſein ſchwer zu überwinden fällt, iſt die unleugbare Thatſache, daß das Volk, wenn auch nur fuͤr kurze Zeit, Herr auf dem Platze war und die Embleme ſeiner Souverainetät: Heugabel, Senſe und Prügel an die Stelle des altadligen Wappens ſetzte. Die Tradition von dem unumſchränkt gebietenden Willen des Herrn hat dadurch einen bedeutenden Stoß er⸗ litten, und wäre der Nimbus, der um erlauchte Ge⸗ ſchlechter ſtrahlt, überhaupt zu verdunkeln, ſo müßte zum Beiſpiel der Sprung des Grafen aus dem Fen⸗ ſter eben nicht ſehr herviſch genannt werden. Eine weitere widerſpruchloſe Thatſache iſt der Umſtand, daß das Volk durch die Revolution, bei der es ſeinen angeſtammten Herrn aus dem Fenſter ſpringen ließ, einen bedeutenden moraliſchen Sieg über die fürſt⸗ Georg Volker. liche Autorität davon getragen hat, an welchen ſich nun in raſchen Oſeillationen die Freiheitsidee mit ihren neuen Rechten und Errungenſchaften andrängt, ehe noch der abſolutiſtiſche Wille ſein Veto dazwiſchen rufen und mit den beliebten Auskunftsmitteln der vorigen Herrſchaft den raſchen Fortſchritt der öffent⸗ lichen Meinung hemmen kann. Im ſtillen Fahr⸗ waſſer des alten Regimes, das ſo lange ſpiegelglatt und eben, eine einzige Fläche dalag, nur bewegt vom ſanften Zephyr der Loyalität und Ergebenheit, haben ſich plötzlich über Nacht gefährliche Klippen und Riffe emporgehoben, an denen das Fahrzeug des Abſolutismus leicht Schaden nehmen könnte; es gilt darum nur mit größter Behutſamkeit zu ſteuern, zu laviren und das Senkblei nicht aus der Hand zu laſſen, bis man wieder des Elementes ganz ſicher und kundig iſt und die verlorene Straße der alten Willkür und Deſpotie wieder mit vollen Segeln be⸗ fahren darf. Aber die Revolution hatte nicht allein in die po⸗ litiſchen Verhältniſſe einen weiten Riß gemacht und die patriarchaliſche Zufriedenheit der Unterthanen, gegenüber dem herrſchenden Princip aus dem Geleiſe geführt; auch in das innere Leben der gräflichen Familie war ſie ſtörend und verderblich eingedrungen 1 Georg Volker. 317 und hatte hier endlich den Bruch vollkommen gemacht, der bereits zwiſchen den einzelnen Gliedern beſtand, ehe die Kataſtrophe ihn zur Entſcheidung führte. Wir ſagen nichts von den heftigen Auftritten und gegenſeitigen Erörterungen, welche ſtatt hatten, da Waldemar das erſte Mal wieder mit ſeinen Ver⸗ wandten auf einem benachbarten Jagdſchloß zuſam⸗ mentraf. Die Menſchen, die ſich hier nach ſo ſchreck⸗ lichen und erſchütternden Ereigniſſen wiederfanden, waren allzu verſchieden an Denkart und Lebensanſich⸗ ten, als daß man ſich über eine gemeinſame Anſchau⸗ ung in der Hauptſache hätte einigen können; im Gegentheil hatten die gemachten Erfahrungen den Abſtand nur noch weiter ausgedehnt und die Fami⸗ lienſtimmung in ihren feindlichſten Contraſten an den Tag treten laſſen; was ſchon vor der Revolution nur durch den Lack conventioneller Formen und Rück⸗ ſichten verdeckt worden war, erſchien jetzt mit einem Male als offner Zwieſpalt, als rückhaltloſe Abnei⸗ gung und Widerwillen; zwiſchen Waldemar und Alfred kam es bald zu den heftigſten Scenen; Letzte⸗ rer beſchuldigte den Major des Liebäugelns mit der Demokratie, Erſterer den Standesherrn des Liebäu⸗ gelns mit— Narren und Spitzbuben; ein Wort gab das andere, und als jetzt, um den Streit der Män⸗ 318 Georg Volker. ner zu beſchwichtigen, Gräfin Mathilde den Namen Volker nannte und ſein Gedächtniß noch im Grabe kränkte, da war für Waldemar die letzte Schranke der Rückſicht gefallen und unumwunden ſagte er nun dem Grafen in Gegenwart der Gräfin Alles heraus, was er über die beiſpiellos niederträchtige Cabale Alfred's gegen den unglücklichen Beſitzer des Graben⸗ hofs wußte. Dies hatte der Graf nicht erwartet, und Walde⸗ mar's Vorwurf vernichtete ein für alle Mal ſeine dreiſte Stirn. Er ſah den ganzen Plan ſeiner Tücke gegen Georg verrathen und hatte kein Wort zu ſeiner Rechtfertigung. Waldemar erklärte hierauf ihm und ſeiner Gemahlin rund heraus, daß Eugenia ihm aus der Reſidenz ihren Entſchluß ſchriftlich mitgetheilt habe, niemals wieder nach Nellenburg zurückzukehren, und daß ſie es vorzöge, ihren künftigen Aufenthalt bei ihrer Tante, Waldemar's Mutter, zu nehmen, die im**sſchen ein reizendes Schloß bewohnte, das ſie dem geliebten Kind ihrer Schweſter mit aller Herzlichkeit einer treuen Mutter als Aſyl öffnete. Vergebens bot die Gräfin das Aeußerſte auf, um Eugenien zu behalten; ſie heuchelte, da Waldemar nicht nachgab, einen Schmerz, der jedes andere Auge als das des Majors, getäuſcht haben würde; Georg Volker. 319 er aber blieb unerſchütterlich und erklärte zuletzt, er werde, wenn der Graf und die Gräfin nicht gut⸗ willig nachgeben ſollten, die Entſcheidung des Lan⸗ desherrn anrufen und dieſem alle Gründe, welche für die Entfernung Eugeniens ſprächen, offen und rückhaltlos darlegen. Durch einen ſolchen Schritt wäre aber der Standesherr in einer Weiſe compro⸗ mittirt worden, die ſeine ganze Stellung bei Hofe und in der Geſellſchaft geradezu vernichtet hätte, und dieſe Rückſicht beſtimmte ihn ſchnell zur Nachgiebig⸗ keit. Er willigte in Alles, und auch die Gräfin, die über der heftigen Alteration aus dem erheuchelten Schmerz in eine wirkliche Verzweiflung fiel, hatte nun keinen Widerſpruch mehr. Waldemar ſchied ohne Lebewohl, aber diesmal auf Nimmerwiederkehr, von ſeinen Verwandten und trat wenige Tage ſpäter mit ſeinem Bataillon den Rückmarſch nach der Reſidenz an. Er hatte zwar die Revolution ſiegreich überwunden, nahm aber den⸗ noch die Ueberzeugung mit ſich fort, daß nimmer⸗ mehr das Schwert und die Gewalt allein das zum Bewußtſein ſeiner Rechte erwachte deutſche Volk nie⸗ derzuhalten vermögen. Er hatte einen tiefen Blick gethan in die Noth und das Elend dieſes Volkes und erkannt, an welchen Feinden es leidet, welche 320 Georg Volker. finſtre Mächte Deutſchlands Geſchicke heraufbeſchwö⸗ ren helfen und welche Hände den Gluthbrand der Revolution beſtändig von Neuem anſchüren, bis er eines Tages zur wildverheerenden Flamme wird. Mehr als durch alles Andete, was er in dieſem Kampf der ſtürmiſchen Elemenie erlebt hatte, wurde Waldemar durch Georg's Untergang erſchüttert. Sein Herz ſagte ihm, daß hier ein Menſch geſtorben ſei, der das, wofür er lebte und ſtritt, in ſeiner ganzen hohen Weihe erfaßt hatte, ohne aber den Enthuſias⸗ mus ſeines Herzens in ein richtiges maßvolles Ver⸗ hältniß zu den Dingen und Zuſtänden der Wirklich⸗ keit ſetzen zu können. Und das war Volker's letzte Täuſchung geweſen: Er ſuchte den Tod, weil er ſich vergebens im Leben nach einem rettenden Port umſah; während ſchon die Hand des Freundes ſich zu ſeinem Schutze erhob, endete er allzuſchnell ein Daſein, für das es in ſei⸗ nen Augen keine Zukunft mehr gab. Eugenia war ſeines Schickſals dunkler Engel ge⸗ worden; und ſtatt, wie ſie gehofft, an ihrer Hand in die lichten Räume eines glücklichen, von der Liebe und Poeſie reinen Idealen erfüllten und gehobenen Lebens, wandte er ſich, im Gefühl einer Entſagung, für die wir kaum einen rechten Ausdruck finden, mit * „ Georg Volker. 32¹ kaltem Muthe jener glanzloſen Stiege zu, die Dem⸗ jenigen, der da nichts mehr auf der Welt zu hoffen hat, ſo willkommen erſcheint, weil ſie ihn ja in's Reich der Vergeſſenheit und des Vergeſſenſeins hinab⸗ führt. Aber dennoch ſollte das düſtere Schickſal, das einen edlen Menſchen durch alle ſeine tragiſchen Ver⸗ kettungen bis zum Selbſtmord führte, nicht ohne eine heilſame Wendung an Denen vorübergehen, die der Untergang Georg's zunächſt und am meiſten berührte; und jene wunderbare Magie des Unglücks, das aus fremder Seele in die unſere herübertönt und zum Erlebniß unſeres eignen Innern wird, ſchloß um Waldemars und Eugeniens Herzen ein Band, das Beide zwar jetzt noch bloß mit dem heiligen Namen Freundſchaft nennen, das aber vielleicht an einem glücklichen Tage dii beiden, ſo ganz für einander geſchaffenen Weſen noch inniger vereint und ihnen jenes Glück bereitet, das der Himmel immer nur ſeinen Lieblingen auf Erden gönnt, damit ſein ſon⸗ nenheller Schein wieder verſöhne, was ſein Blitz ſchwer und vernichtend getroffen hat. Furchtbarer noch als den Grabenhof ſuchten die unſeligen Folgen der Revolution das friedliche Haus der drei alten Fräulein heim, und hier konnte man m. 2 „ 322 Georg Volker. in Wahrheit ſagen, daß der Sturm auch Lilien knickt, wie er die ſtarke Eiche zerſplittert. Paul's ſchreckliches Ende bildete den beſtändigen Jammerton in dieſem Hauſe des Leidens, der ſelbſt die Klage um den guten Vetter Peter erſtickte, welcher fern in der Schweiz das traurige Leben des ver⸗ bannten Flüchtlings führt und wohl nimmer wieder ſeiner Heimath Berge grüßt. Und Annli? Sie hat den herbſten Kelch geleert, denn ſie lebt, und ihr ſtarb doch der Bruder, der Bräutigam, ihr ſtarb eben Alles, und nur das eigne Herz wollte nicht brechen; nur in langſamem Vergehen ſollte es aus der Erde verödetem Raum ſcheiden. Lange Wochen war ſie krank an einem Leid, das kein Name nannte, kein Auge ergründete; oft lag ſie tagelang in einer dumpfen Betäubung da, und keine Regung verrieth, daß das ſchöne bleiche Bild noch einen Herzſchlag des Lebens empfinde; dann wieder ſchien es, als erwache ſie mit irren Sinnen zu einem Da⸗ ſein ohne Klarheit der Seele, ohne Empfindung des Geiſtes; ein unheimliches Feuer zuckte dann aus ih⸗ ren erloſchenen Blicken, ſie redete dunkle Worte des Wahnſinns, weinte ohne Schmerz, lachte ohne Freude, und nur die Blumen verſtand ſie noch, zumeiſt die Georg Volker. 323 ihres Waldes, die mit den dunklen Schattenfarben und den leidtönenden Glocken. Aber auch dieſer Zu⸗ ſtand hatte ſeine Gränze; und wie das helle Leuch⸗ ten der rückkehrenden Seele, die nicht von dem hol⸗ den Leben laſſen kann, ging es plötzlich über ihr Antlitz; ihre Augen glänzten voll Verklärung und wunderbar tiefe Stimmen redeten in entzückendem Wohllaut von ihren Lippen von Allem, was da Süßes und Liebliches, Holdes und Reines auf Er⸗ den lebt und das Menſchenherz an ſeinen zarteſten Saiten berührt. Dann war ſie von allem Leid ge⸗ neſen, lauſchte voll Wonne den Echo's im kühlen Wieſengrund; ſah die Sonne bald im Morgenglanz, bald im Abendroth die Waldesdunkel durchbrechen und ſich dem Lied der Nachtigall vermählen als klin⸗ gender elnder Strahl, bis der Mond mit ſanftem Schein dem Buchwald aufſtieg, ſeine blaſſen Geiſterflammen im weiten Waldrevier anzündete, die keuſchen Elfen ſich aus ihren ſtillen Bezirken hervor⸗ wagten und an der weißſchimmernden Felſenwand ſich die Hände reichten zum luftigen Tanz in thymian⸗ duftendem Graſe. Oder ſie wandelte wieder mit Georg durch den ſonnigen Wald, wie an jenem Frühlingsmorgen, da er ihr zuerſt ſeine Liebe geſtan⸗ den und die ganze Natur von dem Glück ihrer Her⸗ W 324 Georg Volker. zen widerſtrahlte, der ewig klare Zauberſpiegel, in dem die Seele voll Liebe und Unſchuld ihrer geheim⸗ ſten Träume Erfüllung ſchaut und im leiſen Win⸗ deshauch, im Blumenwinken und Birkengeflüſter die reine Nähe ihres Gottes ahnt. So wechſelten die einzelnen Erſcheinungen der Krankheit in kürzeren oder längeren Friſten; bald waren es die dunklen Viſionen eines geiſtumnachte⸗ ten Lebens, bald die lichten Prophetenblicke der hell⸗ ſehenden Seele, bald die gänzliche an Starrſucht gränzende Apathie der phyſiſchen Natur, worin ſich die Krankheit offenbarte, ohne daß ein Arzt ihre Ur⸗ ſache hätte auffinden, geſchweige denn durch die Mit⸗ tel ſeiner Kunſt das Uebel bannen können. Erſt nach Wochen trat allmählig eine Beſſerung ein; der Geiſt gewann mehr und mehr larheit, das umnachtete Gemüth hellte ſich wi uf, die ſtürmiſchen Anfälle wurden immer ſeltener und in langſamen Kriſen ging Annli ihrer Geneſung entge⸗ gen. Der Sommer neigte ſich ſeinem Ende zu, als ſie ſich ſo weit erholt hatte, daß ſie ihr Lager ver⸗ laſſen und zu des Lebens„heitern Gewohnheit“ zu⸗ rückkehren durfte. Freilich war noch das Schwerſte für ſie zu be⸗ ſtehen, das Schrecklichſte zu fürchten, denn noch hatte Georg Volker. 325 ſie von Allem, was ſie betroffen, keine Ahnung, und das erſte furchtbare Wort über den Tod Volker's und ihres Bruders ſollte noch geſprochen werden. Alles, was treue Sorge und die zärtlichſte Liebe thun konnten, wurde von den alten Fräulein aufgeboten, um Annli ſo lange als möglich, oder doch wenigſtens bis zu ihrer völligen Wiederherſtellung, in der glück⸗ lichen Täuſchung zu erhalten, daß der Bräutigam noch lebe, Paul wieder in ſeine Garniſon zurückge⸗ kehrt ſei, Vetter Peter aber in Folge ſeiner Bethei⸗ ligung an der Revolution in die Schweiz habe flüch⸗ ten müſſen, woſelbſt auch Volker und Germanos aus gleichem Grunde ſich aufhalten ſollten. Längere Zeit war Annli auf dieſe Weiſe über die ſchreckliche Wahrheit ihres Unglückes getäuſcht worden; und wenn d eifel, warum Georg ihr auch nicht ein einziges ſchreibe, ihr Gemüth zu ängſtigen an⸗ fing, ſo hatten die Fräulein alsbald ſo viele triftige Gründe und glaubwürdige Auslegungen bei der Hand, daß ihr eigentlich niemals eine tiefere Sorge um den Geliebten kam und ſie ſich mit Ergebung in die unvermeidliche Trennung fügte.— Der Grabenhof war unterdeſſen wieder gräfliches Stammgut geworden, und ein fremder Verwalter wirthſchaftete dort; Graf Alfred, als alleiniger Erbe 326 Georg Volker. ſeines Vaters, hatte ſein Recht an das reiche Beſit⸗ thum ſeines natürlichen Bruders durch die geraubte Schenkungsurkunde hinreichend documentirt und daſ⸗ ſelbe als Fideicommiß wieder an ſein Haus gebracht; das Wappen der Grafen von Nellenburg über der Thür des Wohnhauſes erhielt ſomit ſeine vorige Bedeutung wieder, und was Volker geſäet, erntete nun der Feind ſeines Lebens. Ein heiterer Herbſthimmel S ſeinen unt Segen dazu; und faſt ſchien es, als wolle die Na⸗ tur in ihrem Scheiden und Hinſterben der Menſch⸗ heit noch einen Troſt zulächeln für dieſes verhäng⸗ nißvollen Jahres dunklen Ausgang.— Ueberhaupt iſt es unter allen Jahreszeiten der Herbſt, welcher dem Odenwald jene wunderbaren Reize und Naturſchönheiten verleiht, di die des Frühlings verdunkeln und das Land der virthba⸗ ren Berge in ein wahres Paradies verwandeln; dann bräunen ſich die Wälder und geben den Ge⸗ birgsformen jenen ernſt⸗majeſtätiſchen, faſt düſtern Anblick, bei welchem wir uns unwillkürlich ſagen, daß hier ein Stück Menſchheits⸗Geſchichte begraben liegt, davon dieſe Berge, dieſe Wälder noch zu er⸗ zählen wiſſen, während keine Chronik mehr von ihr berichtet; ſelbſt die alten Burgruinen, welche von Georg Volker. 327 den im Herbſtgold leuchtenden waldumwachſenen Höhen gleich grauen Schatten der Vorzeit herabbli⸗ cken, haben noch ein jugendliches Ausſehen, gegenüber dieſer gewaltigen rauhen Gebirgsnatur, deren ganze Phyſiognomie uns an die alte Welt des Germanen⸗ thums in Bärenhäuten erinnert. Selbſt das, was ſich dann noch heiter und ſonnig vor unſern Blicken aus⸗ breitet, erſcheint nur wie zufällig in dem impoſanten Bilde des Ganzen, und nur dem wolkenreinen, licht⸗ blauen Aether, der uns an des Südens Zone mahnt, mögen wir es glauben, daß er immer ſo geweſen; aber doch bewirken auch wieder dieſe Contraſte von Rauhem und Holdem, von Dauerndem und Ver⸗ gänglichem eine noch tiefere Empfindung des Erha⸗ benen in der Seele des Schauenden; und der Idylle ſonnigfriedliches Leben verwebt ſich in reizendem Wechſel mit der großen gewaltigen Natur, deren Geiſt uns aus tauſendjährigen Felſen wie mit der Sphinx grauen Steinaugen anſchaut, während der alte Berg ſein Haupt im Morgennebel ſchüttelt. Wir ahnen dann, daß der Wald der Menſchheit Wiege, und wiſſen, warum Pan, der allwaltende Naturgott, am liebſten im Walde wohnte, wo er ſich ſeine Felſen aufthürmte, um auf ihrem Gipfel mit Apoll den Wettſtreit im Liede der Flöte aufzunehmen. Ja, 32⁸ Georg Volker. im Waldliede, das da tönet im Rauſchen der Wip⸗ fel, im Donner der Schluchten, im Dröhnen der Berge, wie im ſanften Quellengerieſel und lieblichen Laubgeflüſter, da hörſt Du noch zuweilen die Stimme des alten Pan, ſtill lauſchendes Menſchenherz; und verſtehſt Du auch nur einen Ton von dem uralten Lied der Schöpfung ohne Leid und Schuld, o dann biſt Du für immer fröhlich geneſen, und wie die Ouellen unter ſonnig goldnem Mooſe, öffnen ſich in Dir die Adern eines freieren ungeahnten Lebens, und dem ſtarren Fels Deines Leides entquillt der Labe⸗ trank der Verjüngung. Dann ſprich, ich bin geſun⸗ det; und ſteigſt Du dann auf ſteilem Felspfad aus den vom Himmelshauch der Freiheit berührten Hö⸗ hen hinunter in's Thal des müden Lebens und der Sorge, ſo blickt Dir auch hier wieder das Daſein mit freundlich hoffendem Auge in die Seele, Du verſtehſt ſeine Genügſamkeit, ſeine Täuſchung; die Natur verſöhnt ſich mit der Menſchheit, denn auf ihren Bergen ahnteſt Du ja der Gottheit Nähe. Dann magſt Du auch wohl über das goldgelbe, zu Deinen Füßen rauſchende Herbſtlaub hin durch die ſonnigen Thalgründe wandeln; die von den Blüthen der wilden Eriken und des braunrothen Thymians überdeckte Haide haucht Dich an wie der Freude Georg Volker. 329 Gegenwart, während dort unten im Thale, wo der Waldbach ſchäumend auf's ſchwarze Mühlrad nieder⸗ rauſcht, der dunkel wallende Duft um den Tannen⸗ wald Dich an die Mährchen Deiner Kindheit erin⸗ nert und ihr wonnigſüßer Schauer Dich noch einmal aus den ſchwarzen Tannen anweht. ** * Er war todt! Niemand im Hauſe hatte es ihr geſagt, Niemand es ihr geklagt, und doch wußte ſie eines Tages auch ohne Trauerkunde: Er war todt, war längſt geſtorben, den ſie liebte, und man hatte es ihr nur darum ſo lange verheimlicht, weil man glaubte, daß ſie es nimmer ertragen werde. Wie Annli zur Kenntniß von Georg's Tode kam, können wir ebenſo wenig mittheilen, als unſre Feder das Gefühl zu ſchildern vermag, womit ſie endlich aus ihrer glücklichen Täuſchung zur Wirklich⸗ keit erwachte, und plötzlich inne ward, daß ſie noch im Licht der Sonne wandelte, noch an das Glück ihrer Liebe glaubte, während doch Sonne und Lie⸗ besglück ihr längſt in düſterer Grabesnacht unterge⸗ gangen waren, und nur noch, wie die herbſtliche Natur ſelber, in holder Täuſchung des Daſeins fort⸗ 330 Georg Volker. 6 beſtanden, nachdem ihnen längſt der Todeskuß des Lebens blühende Farbe abgeſtreift hatte. Sie weinte nicht, ſie klagte nicht; ja es ſchien faſt, als hätte ſie mit der ſichern Gewißheit von Georg's Tode auch ihr ganzes ſicheres Weſen wie⸗ dergefunden, könne nun erſt wieder die Welt verſte⸗ hen und ihr Herz befreien von den Täuſchungen und dunklen Gewalten, denen es ſo lange erlegen war. Vielleicht war es eben die Größe ihres Schmerzes, der ſo ganz ihre Seele ausfüllte, daß dieſe feſt und ſtark blieb bei einer Gewißheit, von der man noch jüngſt für ihr zartes Leben das Aeußerſte befürchtet hatte; vielleicht aber war es auch neben dem großen Schmerz der bereits überwundene Schmerz, was ihr die Kraft verlieh, in einem Gefühl das Schreck⸗ lichſte zu erleiden und zu tragen. „Ihr hättet mir das gleich ſagen ſollen,“ war Alles, was ſie den treuen Lilien erwiederte, als dieſe ſtau⸗ nend und erſchreckt zugleich von ſo viel Ruhe und Feſtigkeit ſich beeilten, mit ihren längſt vorbereiteten Tröſtungen, ihren frommen Gebeten und Pſalterſprü⸗ chen das geliebte Kind zum ſtandhaften Ausharren zu ermuthigen und das ſo ſchwer Getroffene mit ſanften Armen aufzurichten. Aber Annli blieb auch ſo ſtark und aufrecht, ja, ihre Geſtalt ſchien höher, ihr Gang, ——— Georg Volker. 331 ihre Haltung ſicherer als zuvor, und in ihren Zügen lag etwas ſo tief Heiliges und Geweihtes, daß ſelbſt das Troſtwort der Religion ſcheu auf der Lippe ver⸗ ſtummte und die ſanfte Freundeshand, ſtatt zu helfen und zu ſtützen, unwillkürlich ſich faltete bei ſo viel hehrem Muthe, bei ſo viel bewundernswerther Stärke. Schweigend wandelte ſie den ganzen Morgen über durch's Haus, ging in den Garten, wo noch die ſpäten Aſtern blühten und ſaß dort wohl eine Stunde in der Laube von wildem Wein, deſſen Blätter be⸗ reits alle braunroth gefärbt waren. Mittags ging ſie dann hinauf in ihre Stube, wo ſie ſich einſchloß und erſt am Nachmittag wieder im weißen ſchlich⸗ ten Kleide, wie ſie es wohl mitunter im Sommer zu tragen pflegte, unten erſchien. Durch die Hinterthür des ſtillen Hauſes ging ſie dann unbeachtet längs dem Bache hin, der an den Dorfgärten vorüberfloß, grüßte freundlich die alte Bauersfrau, welche am Stege Futterkräuter wuſch und ſie beſorgt fragte, wo ſie in dem leichten Som⸗ merkleid bei ſo rauhem Herbſtwind hinwolle. „Sagt's Niemand, Mutter Anna, daß Ihr mich geſehen habt,“ erwiederte ſie haſtig.„Ich gehe ins Pfarrhaus nach Burgdorf, wo ich den Nachmittag bleibe und Abends läßt mich dann der Herr Pfarrer 332 Georg Volker. in ſeiner Kutſche zurückfahren. Nehmt Ihr Euch aber in Acht, Mutter Anna, das Waſſer iſt kalt und Ihr ſeid noch nicht lange vom Fieber geneſen. Adieu!“ Und flüchtigen Schrittes eilte ſie vorwärts, hatte bald den Wieſengrund erreicht, von wo ſie in den ſteinigten Hohlweg gelangte, der zur Marienlinde hinanführte. Warm lag noch die Abendſonne auf den an beiden Seiten des Weges breit niederhangen⸗ den Brombeerſträuchern mit den dunkelglänzenden Beeren; an allen Baumäſten ſpannte der Herbſt mit zarter Ariadnehand ſeine ſilbernen Sommerfäden aus, daran das den Labyrinthen des Todes entgegeneilende freundliche Naturleben dereinſt zu des Frühlings gold⸗ ner Schwelle den Weg zurückfinden könne. Ueberall Frühling im Herbſte, aber auch überall das Scheiden und Meiden näher als das Finden und Binden, wie wenn es nur noch eines einzigen gebrochenen Men⸗ ſchenherzens bedürfe und der Welt liebliche Erſchei⸗ nung ſei wieder um einen holden Frühlingstraum ärmer. Annli erreichte den Wald und wie dem eilenden Todesengel der Natur, wenn er die letzten zurückge⸗ bliebenen Kinder des Spätſommers mit ſich fortnimmt, ſo folgte ihr, was an Sonnenſchein noch auf Erden — Georg Volker. 333 war; hinter ihr dämmerte der Abend, aber ſie ſchaute nicht rückwärts, ſondern beſchritt haſtig den Wald⸗ pfad, auf dem ihr das Abendroth grüßend und glän⸗ zend entgegentrat und ihr blitzend voranflog, als wiſſe es ſchon den Weg, den ſie zu wandeln ſich ru⸗ hig entſchloſſen. Sie erreichte die Felſen, an deren hellen Wänden die Schatten wehender Fichten magiſch im Abend⸗ ſchein ſpielten. Feſt ſchaute ihr Auge aufwärts; dann ſtieg ſie ſichren Schrittes den bekannten ſteilen Pfad empor und ruhte nur ein wenig an der Stelle, wo ſie zwiſchen den Stämmen hindurch den letzten Blick frei hatte in den Waldgrund, ehe die hochra⸗ genden Baumwipfel ihn verdeckten. Wie ſie oben auf der Felſenplatte anlangte, ath⸗ mete ſie tief auf, drückte beide Hände wider den jun⸗ gen Buſen und ſagte: „Gottlob! Nun bin ich da.“ Langſam, faſt zögernd ſchritt ſie dann der Stelle zu, wo ſie einſt den Lindenzweig in die Erde ge⸗ pflanzt. Ach, er grünte noch immer, war faſt ſchon ein junges fröhliches Bäumchen geworden, aber Das, was er ihr verheißen ſollte, hatte er doch nicht ge⸗ halten; ſo mußte wohl noch eine andere Verheißung ſch an ſein Gedeihen knüpfen, eine andere Liebe als Georg Volker. die, welche ihm einſt in frommkindlichem Wahne ver⸗ traut, ſeines holden Doppelſinnes Räthſel zu löſen ſuchen. „Ja, ja, Du grünſt mir Zweiglein,“ ſagte ge⸗ rührt das Mädchen.„Die Marienlinde hat Wort gehalten, nur das Glück war treulos. Dort,“ ſie deu⸗ tete nach der Eulobe,„in der ſtillen Brautkammer ſoll ſich mir Dein Liebeszeichen erfüllen; dort will ich meinen Georg erwarten und weiß, daß er mich findet.“ „So muß es ja wohl ſein,“ fuhr ſie nach einer Pauſe wehmüthig fort, indem ihr Auge über das weite Wäldermeer hinſchweifte.„Geht doch alles Schöne und Liebe zu Grunde, wenn es kaum zum rechten Blühen und Hoffen gelangt iſt. Die Natur ſtirbt ab und auch ich empfind' es, wie ſie mich mit ſich hinunterzieht in den Zauberkreis ihres Todes. Bald neigt die letzte ſpäte Herbſtblume ihr Haupt vor dem rauhen Winterſturm, kahl und öde ſteht dann der Wald meiner Luſt und Liebe entlaubt da und ſchüttelt ſich ſchauernd im Eiſesfroſt. So leb' denn wohl, Du ſchöne arme Welt; einſt hat mir's Georg erzählt, wie die Prieſterinnen der Veſta in weißen Feierkleidern lebendig eingemauert wurden, wenn die ihrem Dienſte anvertraute Flamme des Tempels er⸗ loſch; ſo will auch ich ſterben, nun meines Tempels 2 3 Georg Volker. 335 Flamme für immer erloſchen iſt und die Liebe mein Opfer fordert. Ha, Mutter! Mutter! Nimm Dein verlorenes Kind wieder auf, mein Tod ſoll die hei⸗ lige Eulobe mit meinem Verrath verſöhnen, ach zu ſchwer ſchon büßt' ich dafür! und wie die Voreltern einſt Schutz und Rettung in ihr fanden, ſo flücht auch ich mich in ihre Dämmerung und harre auf dem Steine ſitzend, der Stunde meiner Erlöſung!“ Raſch ſchritt ſie bei dieſen Worten nach der Grotte ſchob den Epheu zur Seite, noch einmal ſah ſie rückwärts in's Abendroth und hinter ihr rauſchte für immer der Natur grüne Tapete nieder. Nebel ſtiegen aus den Wäldern empor und wall⸗ ten ſchattenhaft über den Wipfeln hin, im Weſten erloſch des Tages letzter Schimmer, Frieden ruhte auf der Erde und der Nacht heiliges Schweigen legte ſich lauſchend vor die Eulobe. Tage, Woche waren verfloſſen; von Annli hatte ſich keine Spur wieder auffinden laſſen. Mutter Anne hatte ihren letzten Blick geſehen und ſie ſchwört noch heute, es ſei Etwas in dieſem Blick geweſen, was ſie um des Glanzes willen erſchreckt habe, ob⸗ wohl ſie ſich's weiter nicht erklären könne. Wie 336 Georg Volker. lange wird's noch dauern, ſo fragt kein Menſch mehr darnach, wo Annli hingekommen! Und die Freiheit? Ging ſie ihr nach und ver⸗ ſchwand mit ihr im Herbſtesſchauer? Oder kehrte ſie, von der Menſchheit verſtoßen, zu der Natur hei⸗ ligem Dienſte zurück? Wohl brennt noch ihre Veſta⸗ flamme auf manchem Altare, aber die Prieſterin fehlt, die reine, gottgeweihte, und die Menſchen wiſſen ſie nirgends zu finden. Armes Vaterland! Du haſt ſie geahnt, Du haſt ſie geſehen, die heilige Freiheit, im Frühlingsſonnenſchein dieſes Jahres. Aber auch Dein Herbſt iſt gekommen; und wüßten wir's nicht, dort auf den Bergen würden wir's hören. Dort, wo die Wälder der Freiheit Todesgeſang rauſchen um Annli's ſtille Brautkammer, dort ruht auch wie⸗ der Dein holdes Dornröslein, o Deutſchland, im hundertjährigen Zauberſchlafe; und eher als es er⸗ wacht, werden noch Viele vergebens ſich aufmachen zu ſeiner Erlöſung. Einſt aber wird doch der rechte Ritter kommen, der die ſchlafende Jungfrau findet inmitten der Wildniß, und ihr den Kuß der keuſchen Liebe auf die Lippen drückt, daß ſie die Augen auf⸗ ſchlägt, die glänzenden, und zum Schwerte greift, dem unüberwindlichen. Wirſt auch Du dann erwachen, o mein Vaterland? —— ———— ———— ſ 6 17 18 19 * 4 5