Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſe Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 5 — —— Georg Volker. Zweiter Band. Druck von George Weſtermann in Braunſchweig. — —— Georg Volker. Ein Roman aus dem Jahre 1848 von Htto Müller. Motto: So klammert ſich der Schiffer endlich noch Am Felſen feſt, an dem er ſcheitern ſollte. Goethe. Zweiter Band. Bremen, Verlag von Franz Schlodtmann. 1851. * ſſc— H' ₰ N 3 ℳ N ——————————————————————————— e— 8 .——— — 8—— 8 Erſtes Capitel. Wir haben bis jetzt den großen politiſchen Ereig⸗ niſſen in Deutſchland, welche den Anfang des denk⸗ würdigen Jahres bezeichnen, in das unſere Geſchichte fällt, nur eine flüchtige Theilnahme geſchenkt; einmal weil ſie ſeither noch nicht ſo unmittelbar in die Be⸗ gebenheiten unſerer Erzählung eingegriffen haben, und zum andern, weil die Ereigniſſe, welche uns von nun an beſchäftigen werden, uns noch genugſam in die politiſche Sphäre einführen. Auch ſoll uns hier das Bekenntniß nicht gereuen, daß wir, die wir als Zeit⸗ genoſſen noch im erſten Eindruck der Begebenheiten ſtehen, welche Deutſchland zu Anfang des Jahres 18as erſchütterten, wahrlich nicht das Wagniß un⸗ ternehmen werden, die Tage und Erſcheinungen der jüngſten Zeit ſchon jetzt in das gewöhnliche Coſtüm des ſogenannten hiſtoriſchen Romans zu kleiden, und dabei Gefahr zu laufen, daß die Dichtung hinter dem 4 Georg Volker. Erlebten und Wirklichen, die Einbildungskraft hinter den Erinnerungen zurückbleibe, die uns allen noch in friſchem Gedächtniß leben. Wir zogen es vor, um für unſere Schilderungen einen Reiz zu gewinnen, der ebenſowohl die Phantaſie befriedigt, als er die hiſto⸗ riſchen Grundzüge des gewaltigen Bildes feſthält, welches das Jahr 1848 vor unſeren Augen entrollt hat, über dem Wirklichen und Erlebten noch ein Hö⸗ heres anzuerkennen, das dem Dichter, er mag ſich nun ſeinen Stoff aus der Gegenwart holen, oder denſelben den fernſten Jahrhunderten der Geſchichte entnehmen, niemals fehlen ſollte; und dieſes Höhere iſt eben die dichteriſche Wahrheit im Gegenſatz zu der hiſtoriſchen; jener lebendige Gotteshauch, der durch alle Zeiten geht, den Blüthenduft vom Baum der Menſchheit durch alle Regionen verbreitet, und den Geiſt, der ihn lebendig erfaßt, über der Gegenwart düſtere Nebel hinaus, mit der Zukunft hellem Auge ſchauen läßt, was in dieſer Gegenwart Dauer ver⸗ ſpricht und was in und mit ihr untergehen wird. Darum und weil wir in unſerer Gegenwart ein Gro⸗ ßes und Cwiges anerkennen, das dieſer Zeit Stürme und Wetter überdauern und ſich dereinſt einem glück⸗ lichern Geſchlechte in ungetrübtem Beſitze enthüllen wird, darum wollen auch wir an dem frohen Hoffen 4 Georg Volker. 5 feſthalten, daß, was heute nur noch Sehnſucht im deutſchen Volke, dereinſt wahres, ſchönes, wirkliches Leben ſein werde, ohne den ſchweren tragiſchen Con⸗ flict des gegenwärtigen Menſchen mit ſeiner Zeit, ohne die zerſtörenden und auflöſenden Elemente, die jetzt noch in unheilvollem Kampfe mit einander rin⸗ gen, und in deren nächtigem Walten wir uns ver⸗ geblich nach der höhern Sonne jener Freiheit um⸗ ſchauen, die im Anfang des Jahres 1848 in ſo herrlichem Morgenroth aufging und noch unter dem entzückenden Schauen der ſie begrüßenden Menſchheit wieder in Schatten und Dämmerung unterſank; aber ſie wird wiederkehren, dieſe Sonne, reiner und präch⸗ tiger als das erſte Mal; und dann wird die Menſch⸗ heit, ein zweiter Joſua, ihr jenes„Sonne ſteh' ſtill!“ zurufen, vor welchem kein Nebel mehr aufkommt und keine Wolkenverſchleierung. N * Die revolutionaire Bewegung, welche zunächſt und vorzugsweiſe in Süddeutſchland gährenden Stoff genug vorfand, um ſich daran zur hellen Flamme zu entzünden, gewann bald auch in Volker's Bergen Boden und Nahrung; denn dem Odenwälder Bauer geht im Allgemeinen, bei aller Indolenz gegen ſeine *. 6 Georg Volker. eigne Lage, doch ein gewiſſer politiſcher Inſtinet nicht ab, und ſeit dem Bauernkrieg ſind ihm Raufhändel im Großen faſt eben ſo lieb, als er leicht der poli⸗ tiſchen Agitation zugänglich iſt, wovon ſchon die erſten dreißiger Jahre ein redendes Zeugniß geben; denn damals, als im übrigen Deutſchland das Lied: „Noch iſt Polen nicht verloren“ faſt zur National⸗ hymne geworden war, hatte ſich der Bauer ſchnell ſeinen„Vers“ dazu gemacht, und der Refrain„Oden⸗ wald, wetz' die Senſ'“ ſchien eine Zeitlang in der That mehr zu bedeuten, als bloßes Singen mit deut⸗ ſchen Lungen und durſtigen deutſchen Kehlen. Beſonders waren es die Bewohner der Stan⸗ desherrſchaft Nellenburg, bei denen die langverhaltene Unzufriedenheit mit ihrem Grafen bald einen ſo be⸗ denklichen Höhegrad erreichte, daß es nur eines äu⸗ ßeren Anlaſſes bedurfte, um hier die Revolution faſt mit allſeitiger Zuſtimmung der Bewohner dieſer Diſtricte in's Leben zu rufen. Denn wie überall unter den gleichen Verhältniſſen, ſo laſtete auch auf den Bewohnern der mediatiſirten Grafſchaft ein zwie⸗ facher Druck, und das unglückſelige Mißverhältniß, daß da, wo zwei Herren gebieten, der kleinere faſt noch mehr herrſchen will als der große, unterhielt und erzeugte eine Menge alter und neuer Uebelſtände, — Georg Volker. 7 gegen die der faſt ſchutz⸗ und rechtsloſe Bauer nir⸗ gends eine Abhülfe fand, ſo laut und häufig ſich auch bei der Landesregierung Klagen gegen die Be⸗ drückungen des Grafen erhoben. Des Standesherrn mächtige Verbindungen in der Reſidenz und bei Hofe, dazu die Gewiſſenloſigkeit der meiſten Beamten und der gänzlich verwahrloſte Zuſtand der Rechtspflege, machten es dem Einzelnen faſt unmöglich, ſich Recht zu verſchaffen; wozu noch kam, daß viele der Uebel⸗ ſtände, worüber man klagte, in den alten Geſetzen und Landesordnungen ſanctionirt waren und das ſchreiendſte Unrecht ſogar gut hießen. Auf dieſe Weiſe war des Grafen Willkürherrſchaft und der Gewiſſenloſigkeit und Habſucht der Beamten Thür und Pforten geöffnet; und der ſaubre Leo beſonders, das wahre Muſterbild eines ſtandesherrlichen Juſti⸗ tiarii aus der guten alten Zeit der reichsunmittelba⸗ ren Winkelwirthſchaft, ſcheute keine Mittel noch Ränke, um auf geraden oder krummen Wegen zum Ziele zu gelangen und unter des Rechtes ſtarren Formen ſeines Gebieters und ſeinen eigenen Säckel mit dem Schweiß der armen Unterthanen zu füllen; er ſowohl wie ſein Hochgräflicher Patron, völlig unbekümmert darum, ob das Land bis in's Mark ausgeſogen wurde und ganze Familien, ja Gemeinden in's tiefſte S Georg Volker. Elend geriethen. Eine Unſumme von Feudallaſten drückte auf den armen Bauer: der Erntehafer, Zehnt⸗ hafer, die Rauchhühner, Lehnhühner, Erntegänſe und wie alle die alten gefiederten und ungefiederten Ab⸗ gaben hießen, wurden jederzeit mit unnachſichtlicher Strenge entweder in natura oder in ſchwerem Los⸗ kaufgelde eingetrieben, ſo daß es ganze Dörfer des Ge⸗ birges gab, die unter dieſem Ausſaugungsſyſteme ver⸗ bluteten und deren Proletariat dem irländiſchen an Hunger und Kummer kaum nachſtand. Es gab in dieſer Grafſchaft ſo viele Erbdienſtbarkeiten und Grundpflichten aller Art, und die ſtandesherrlichen Rentämter forderten den in den ſogenannten Saal⸗ und Lagerbüchern beſchriebenen Gültablöſungszins, den Herrenſchilling und den Frohndegulden mit ſo nimmerſatter Begierde ein, daß der arme Bauer, den noch außerdem auch die Laſt der Staats⸗ und Ge⸗ meindeſteuern drückte, kaum mehr ſeines Lebens froh wurde. So war es kein Wunder, daß der Funke der Freiheit, welcher in März ganz Deutſchland elektriſch durchzuckte, auch in dieſer armen Landſchaft in tau⸗ ſend Herzen zündete und die alten Sagen vom Krieg des armen Mannes gegen den Ritter, von der bren⸗ nenden Burg und der Vernichtung der„Blutbücher“ S Georg Volker. 9 bald im ganzen Odenwald wieder auflebten. Der Drang nach einem beſſern und freiern Zuſtande rief eine allgemeine Gährung hervor; lauſchend horchte das Volk auf die Kunde von den neuen Dingen, das Gefühl der nahenden Erlöſung äußerte ſich im⸗ mer unverhohlener; und wie der Lenz mit ſeinem ſonnigen Strahl ſelbſt in der rauhen Eiche grünes Frühlingsleben weckte, und aus des Eiſes ſtarrem Bann den jungen Waldquell befreite, ſo ergriff auch des Bauern erſtorbenen Sinn der Freiheit Früh⸗ lingsnähe, erwärmte ſein erſtarttes Gemüth und rich⸗ tete den gebeugten Muth in ſeiner Seele wieder auf. Denn auch ihm, und ihm zumeiſt, ſollte ja die große Stunde der Befreiung ſchlagen, und wir wollen da⸗ rum nicht mit ihm hadern, wenn er im Grimm und Groll über ſein altes Drangſal den Grund aller Uebel zunächſt und faſt einzig da ſuchte, wo des Schickſals rauhe Hand am ſchwerſten auf ihm ruhte. Ihm galt es weniger um politiſche Freiheit als um materielle Verbeſſerung ſeiner Lage; und darum hielt er ſich mit ſeiner Erbitterung und Rache zunächſt an Denjenigen, der ihm deen ſauern Lohn ſeiner Mühen ſtreitig machte und im Gegenſatz zur eignen Armuth, ein Leben voll Freuden und Ueppig⸗ keit führte. Der Bauer fragt wenig nach hiſtori⸗ 10 Georg Volker. ſchem Recht und Beweis, wo das aus dieſen herge⸗ leitete Unrecht von ihm getragen werden ſoll; und es iſt ſchwer zu entſcheiden, was ihn im Grunde weniger kümmert: der Urſprung ſeines Elends oder die Frage, wie es anders werden ſoll? Ihm genügt zu ſeinen politiſchen Combinationen, daß es anders werden muß, und darum greift er klüglicherweiſe zu⸗ nächſt nach der Hand, die ihm die Kehle zuſchnürt und ſucht ſich ihrer zu erledigen. Wer ihm die Kuh aus dem Stalle führt, der iſt ſein Feind, nicht der Staat, der die Kuh verkauft und ſich aus deren Er⸗ lös für den Steuerrückſtand bezahlt macht, und ſo verfährt er bei Allem, was ihm das Leben ſauer macht, ohne daß er eigentlich, um uns eines zwar traurigen, aber gewiß richtigen Bildes zu bedienen, die Hand ſieht, die ihn zur Dreſſur abrichtet und und das Korallenband feſtſchnürt. Der„Grafenſchuß,“ wie man bald allgemein den Mord des armen Wilddiebes nannte, war in der That ein Schuß in eine offene Pulvertonne gewe⸗ ſen; denn er ertödtete im Volke den letzten Reſt des angeborenen Sklavenſinnes, den letzten Funken der Pietät gegen das„angeſtammte“ Haus, und weckte in den Landen, die unter der gräflichen Willkürherr⸗ ſchaft ſeufzten, eine unſägliche Erbitterung und Rache; 1 5 Georg Volker. 11 das rauheſte Gemüth empörte ſich ob dieſer Frevel⸗ that; ſelbſt den Feigen und Unſchlüſſigen entflammte ſie zur Wuth, und der Name des Wilddiebs wurde von vornherein zur Abſolution für jede Art der Wiedervergeltung. Nur ein ſicherer Inſtinet hielt das über die Maßen empörte Volk noch ab, ſich in offen⸗ barer Gewalt gegen ſeinen Bedrücker aufzulehnen; aber das Loſungswort war einmal gegeben; und wenn auch Jeder für's Erſte die Hand bloß grimmig im Sacke ballte, ſo wußte er doch, daß ſein Nachbar desgleichen that; kurz, die Verſchwörung war einge⸗ leitet, denn ſie ſaß in jeder Bruſt, trug ſich bald von Hütte zu Hütte bis in die entfernteſten Bergdörfer, Kinder und Greiſe blickten feindlich zu dem ſtolzen Schloß empor und der Männer düſteres Schweigen war nicht minder unheilverkündend. Alte Feinde ver⸗ ſöhnten ſich, langjährige Prozeſſe, bis auf's Blut verhandelt, wurden im friedlichen Vergleiche beigelegt, kurz, Alles weiſſagte, daß der Bauer, der niemals gerne an Zweierlei feſthält, ſich zu etwas Rechtem anſchickte, wenn auch Niemand. ſagte, worauf es eigentlich abgeſehen war. Schon bei der Beerdigung des Wilddiebs gab ſich dieſe allgemeine feindliche Stimmung gegen den Grafen kund, obgleich im Grunde nichts geſchah, „ 12 Georg Volker. was dieſem einen rechtlichen Anhalt zur Klage gegen Widerſetzlichkeit hätte bieten können. Mehrere tau⸗ ſend Menſchen, alle in ihren Trauerkleidern, waren an dieſem Tage von nah und fern herbeigeſtrömt und die meiſten Dörfer der Grafſchaft ſchienen wie ausgeſtorben, da ihre Bewohner nach Nellenburg ge⸗ eilt waren, um dem unglücklichen Konrad Stein das letzte Geleite zu geben. Der alte Bär hatte mit bei⸗ den Händen dieſe Gelegenheit ergriffen, ſeinem Tod⸗ feind, deſſen Schloß er nicht hatte berennen können, einen Streich zu ſpielen, der dieſen nicht nur vor den Augen der ganzen Welt als Urheber des Mor⸗ des bezeichnen, ſondern auch dem Verhältniß des Grafen zu ſeinen Unterthanen den härteſten Stoß verſetzen mußte. Die Beerdigung wurde darum von dem Hauptmann mit aller nur möglichen Feierlich⸗ keit angeordnet, und weil kein Geiſtlicher ſich zur Grabrede verſtehen wollte, ſo unternahm er ſelbſt das Geſchäft des Leichenpredigers. In der Uniform von Waterloo ſchritt er dicht hinter dem Sarge her, der mit allen möglichen Emblemen der edlen Waidmanns⸗ kunſt geſchmückt war. Die beiden älteſten Knaben des Wilddiebs führte er an der Hand, umgeben von den meiſten Schulzen, Rathösſchreibern und Gemeinde⸗ vorſtänden der Grafſchaft, denen ſich in einem end⸗ Georg Volker. 13 loſen Zuge das Volk anſchloß, zuerſt die Männer, dann die Weiber. Der Hauptmann hatte dem Wild⸗ dieb auf ſeinem eigenen Erbbegräbniß die letzte Ruheſtätte angewieſen, und hier hielt er denn nun vor der verſammelten Menge eine Rede, die der des Antonius an der Leiche des gemordeten Cäſar nicht an Kunſt und tiefer Wirkung nachſtand. Er ſagte kein Wort von dem Grafen, berührte ſelbſt den Tod des Verſtorbenen nur oberflächlich, hielt aber dafür einen langen erſchöpfenden Vortrag über das Jagd⸗ regale und die Erbpacht, ging dann zur Forſtcultur über, zeigte nach, wie eine Gemeinde ohne eigenthüm⸗ lichen Wald und freie Jagdgerechtigkeit kaum beſſer d'ran ſei, als ein Dorf ohne Schulhaus und Kirche, ver⸗ breitete ſich ſpäter über die Gemeindeverwaltung im All⸗ gemeinen, wies ihre einzelnen Schäden und Mängel nach, trotz des ſcharfſinnigſten Staatsökonomen, und entwickelte ſchließlich eine eben ſo vriginelle als leicht⸗ faßliche Steuerreform, bei welcher er ſich zu dem Grundſatz bekannte, daß der Menſch drei Dinge in der Welt nicht zu verſteuern brauche, nämlich erſtens den lieben Gott, alſo auch nicht Kirche und Schule; zweitens die Gerechtigkeit, alſo auch keine Gerichts⸗ ſporteln, Papierſtempel und Prozeßkoſten, und drittens ſein böſes Gewiſſen nicht;„denn,“ meinte der alte Bär, Georg Volker. 14 „wer das verſteuern wollte, der müßte unter Umſtän⸗ den ſo reich ſein, wie unſer gnädiger Herr Graf, und zuletzt käme ihm doch die Execution über'n Hals,“ er deutete gegen Himmel,„und pfändete ihn bis auf's Hemd aus!“ Dieſe Rede machte auf ſämmtliche Zu⸗ hörer eine außerordentliche Wirkung; denn der ſchlaue Hauptmann wußte die Bauern, ohne daß man ihm darum beikommen konnte, durch die offene Darlegung aller Schäden und Unbilden zum tödtlichſten Haß gegen den Grafen anzufeuern, und, indem er ſeinen Vor⸗ trag an den geeigneten Stellen ebenſowohl mit from⸗ men Bibelſprüchen als mit launigen Scherzen und Anekdoten aus ſeinem Soldatenleben würzte, gab er dieſer unter ſo ſonderbaren Umſtänden abgehaltenen Grabesrede jenen bizarr⸗religiöſen Anſtrich, der ebenſo die Phantaſie wie das Gemüth ſeiner Zuhörer feſſelte. Endlich kam er mit einem„Baſta!“ ſtatt des Amens zum Schluſſe und ſprach ohne Weiteres mit andäch⸗ tiger lauter Stimme das Vaterunſer. Aber bei den Worten: So wie wir vergeben unſern Schuldigern, huſtete er plötzlich ſo laut, daß kein Menſch ihn ver⸗ ſtehen konnte, viele Bauern aber, die auch verſtanden, was er nicht ſagte, ſich bedeutungsvoll zuwinkten und gleichfalls huſteten. Auch von der erſten Schau⸗ fel Erde warf ſodann der alte Bär, bevor er ſie auf Georg Volker. 15 den Sarg niedergleiten ließ, eine Hand voll Sand, wie aus Verſehen, hinter ſich, was ihm faſt alle Männer nachmachten, zum Zeichen, daß der Lebende des Todten nicht vergeſſen wird, noch auch deſſen, der dieſen gekränkt hat. Volker war gleichfalls bei dieſer Beerdigungs⸗ feier zugegen und gelobte am Schluß derſelben am friſchen Grabe ihrers Erhalters der weinenden Wittwe und ihrem Häuflein kleiner Kinder, für ſie zu ſorgen und ihnen jederzeit ein treuer Freund und Beſchützer zu ſein; welche großmüthige Zuſage ihm die anwe⸗ ſenden Vorſtände der Gemeinde, zu der der Verſtor⸗ bene gehört hatte, mit lauten Dankbezeugungen ver⸗ galten, da ſonſt die verlaſſene Familie des Konrad Stein der Gemeindekaſſe zur Laſt gefallen wäre. So paart ſich beim armen Bauer Rührung und Eigennutz, und er iſt froh, wenn er ſeinem Nächſten in die Schuhe ſchieben kann, was ihm ſelber ſein chriſtliches Mitgefühl allzukoſtbar machen würde. Wie geſagt, die Beerdigung des Wilddiebs war ohne alle Störung vor ſich gegangen, und dennoch hatte es ſeine eigene Bewandtniß damit. Die Bauern, die ſonſt ſo ſchwer vom alten Herkommen abzubrin⸗ gen ſind, überſahen bei dieſer Todtenfeier ganz deren eigentliche Bedeutung; und weil von vornherein alles 16 Georg Volker. kirchliche Gepränge fehlte, Paſtor, Küſter und Schul⸗ meiſter daheim blieben und auch das ſonſt übliche Trauergeläute nicht gehört wurde, ſo erblickten ſie in dem Ganzen viel eher eine politiſche Demonſtration als eine kirchliche Trauerhandlung, und zudem ſagte ſich's ja ein Jeder ſelbſt, daß er weniger dem todten Konrad zu Liebe als dem lebenden Grafen zum Haß, ſich dem Leichenzug angeſchloſſen habe. Schließ⸗ lich kam noch hinzu, daß um dieſelbe Zeit mehrere große Volksverſammlungen, welche rein politiſche Zwecke hatten, in der Umgegend gehalten wurden, wovon die Kunde auch in die Berge von Nellenburg drang; und die Bauern meinten nun nachträglich, jener Leichengang habe im Grunde kaum etwas Anderes bedeutet. Hatte ihnen ja doch die Rede des Hauptmanns viel mehr zu denken gegeben, als die gewöhnliche Leichen⸗ predigt ihres alten Pfarrers, der ſie jederzeit auf den Himmel verwies, und auf das iederſehen in einer beſſeren Welt vertröſtete, währent Vetter Peter noch am Grabesrand am wirklichen Leben feſthielt, und ihnen die Mittel und Wege zeigte, ſich daſſelbe ſo leicht und angenehm als möglich zu machen. Man ſieht, der alte Bär hatte auch diesmal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen; er war als Prediger in der Wüſte unter ſie getreten, und hatte ihnen das ue Georg Volker. 17 Land mit ſo verlockenden Farben ausgemalt, daß ſie ſchon um deswillen geneigt waren, ihm auch weiter zu folgen. Volker war von Anfang an gegen dieſe Demon⸗ ſtration; er hätte lieber, ſeiner ganzen Gefühls⸗ und Denkungsart nach, ein ſtilles Begräbniß gewünſcht; denn es war ſein feſter Vorſatz geweſen, die Sache auf anderem Wege zu verfolgen und als Ankläger gegen den Grafen bei dem höchſten Gerichte des Lan⸗ des aufzutreten; aber des Hauptmanns Drängen und Bitten nachgebend, ließ er es endlich geſchehen, erſchien ſelbſt bei der Beerdigung und gab ſogar durch ſeine Großmuth, mit welcher er ſich der Hinterlaſſenen des Wilddiebes erbarmte, der ganzen Feierlichkeit noch größeren Nachdruck. Der gemeine Mann erblickte in dieſem Akt der Menſchenliebe ebenfalls nur eine ab⸗ ſichtliche Demonſtration gegen den Grafen, und bald ſtand es allgemein feſt, daß Volker und der Haupt⸗ mann die Urheber dieſer auffallenden Beerdigungs⸗ feier geweſen ſein. Was Erſterer befürchtet und Letzterer recht ei⸗ gentlich bezweckt hatte, traf wirklich ein; denn es währte nicht lange, ſo zeigten ſich ſchon die üblen Folgen der durch alle dieſe Vorgänge aufgeregten Stimmung unter den Bauern, und täglich liefen neue II. 2 Georg Volker. Klagen ein über Mißhandlungen gräflicher Diener und Beamten, Ueberhandnahme des Waldfrevels, öffentliche Verhöhnung des gräflichen Anſehens u. dergl. m. Der Geſetze Kraft erlahmte, und ihren Vollſtreckern ſank der Muth, je größer die perſön⸗ lichen Gefahren wurden, deren ſie ſich in ihren Amts⸗ handlungen ausgeſetzt ſahen. Die„gemüthliche Anar⸗ chie“ nahm täglich mehr überhand, die revolutionaire Preſſe der benachbarten Städte ſchürte tüchtig zu, und alle Vorboten deuteten auf eine ſehr bedenkliche Kata⸗ ſtrophe. Die Revolution ſpukte wie ein Kobold im ganzen Odenwald; und wenn auch nirgends ſchon ein Complot beſtand, ſo bekundete doch überall ein und derſelbe Geiſt des Haſſes und der Erbitterung die Abſicht, welche die Bauern bei ihrem feindlichen Auftreten gegen den Grafen und die Obrigkeit leitete. Auf dem friſchen Grabhügel Konrad Stein's ſaß die Nemeſis alter und neuer Unthaten und wartete auf den Moment, wo ſie ihre Brandfackel in's Land ſchleudern konnte. Denn der Graf hatte Wind ge⸗ ſäet und ſollte darum Sturm ernten. Georg Volker. 19 Zweites Capitel. Germanos war gerade vierzehn Tage vom Gra⸗ benhof entfernt geweſen, welche Zeit er einestheils dazu benutzt hatte, um in Frankfurt einige dringende Geſchäfte, die ſein Vermögen betrafen, zu ordnen, ſodann aber und hauptſächlich, um das durch die po⸗ litiſchen Ereigniſſe ſo bewegt gewordene Leben in Süddeutſchland in der Nähe zu beobachten, neue Be⸗ kanntſchaften anzuknüpfen, ältere zu erneuern, und über den Stand der Dinge an Ort und Stelle eine richtige Anſicht zu gewinnen. So war er auf ſeiner improviſirten Reiſe bis nach Stuttgart gekommen, hatte auf ſeinem Rückweg die Rheinpfalz beſucht und die letzten zwei Tage dazu benutzt, den Geheimerath, ſeinen und Volker's bewährten Freund und ehemali— gen akademiſchen Lehrer, auf deſſen reizend gelegenem Landgute bei W. am Rheine zu beſuchen, von wo er nun auf den Grabenhof zurückkehrte. Groß war Volker's Freude, als Germanos ei⸗ nes Vormittags unvermuthet wieder auf dem Hofe erſchien, in einem ſonderbar verwilderten Ausſehen, mehr Vagabund als Elegant. 2* 20 Georg Volker. „Aber mein Gott, wie ſiehſt Du aus?“ rief Georg nach der erſten herzlichen Begrüßung und drehte den Freund bald rechts, bald links.„Biſt Du derweilen ein wenig unter die Pariſer Blouſenmän⸗ ner gegangen poder haſt mit Peter Schlemihl's Mei⸗ lenſtiefeln die Welt unraſirt durchlaufen?“ Noch größer wurde jedoch ſein Erſtaunen, als Germanos ihn ernſthaft verſicherte, er ſei in dieſen zwei Wochen weiter gekommen, als früher auf ſeinen weiteſten Reiſen, und habe ſogar ein großes neues Land entdeckt, das man ſeither vergebens in allen Meeren geſucht habe. Georg brauchte nicht lange in ihn zu dringen, um ſich deutlicher zu äußern; denn Germanos kam bald mit dem Erzählen in Zug und berichtete nun dem Freunde in ausführlicher Mit⸗ theilung, was er auf ſeiner Märzwanderung erlebt hatte. Und dies war denn in der That mehr, als Volker erwartete, ſelbſt nach Abzug des Enthuſias⸗ mus, womit Germanos ſein Herz vor dem Freunde ausſchüttete. „Ja, der alte Gott lebt noch und Deutſchland iſt noch nicht in Deutſchland untergegangen!“ rief er aus und ſchilderte ihm dann die aller Orten im Vaterlande erwachte Freiheitsbegeiſterung des Volkes, die Kraft, Klarheit und Entſchiedenheit, mit der es Georg Volker. 24 ſeinen Willen kundgebe und verfolge, das revolutio⸗ naire Genie, das plötzlich den deutſchen Michel über Nacht angeflogen und ſeine Schlafkappe mit der ſtatt⸗ lichen Jakobinermütze vertauſcht habe. Das ſei nicht mehr die wohlfeile Fürſtenfreſſerei von anno dreißig, an der Deutſchland ſo lange und ſchwer verdaut habe, noch auch die ſentimentale Wartburgs⸗Farce mit den langen blonden Tacitushaaren, aus denen ſpäter dem guten Michel der prächtige Zopf neu angeflochten worden—„von dem Allem iſt nicht mehr die Rede,“ rief Germanos begeiſtert,„und ſo wahr ich ein Deut⸗ ſcher bin, ſo wahr bin ich ſtolz darauf!“— Dann beſchrieb er dem Freunde die Volksverſammlungen, denen er beigewohnt, ſchilderte ihm die einzelnen be⸗ deutenden Perſönlichkeiten der Volksführer, die er dort hatte kennen gelernt und entwarf ihm auf dieſe Weiſe ein ebenſo intereſſantes als lebendiges Bild der Volksbewegung in Süddeutſchland. Je länger ihm Volker zuhörte, um ſo weniger konnte er daran zweifeln, daß der Freund ſelbſt von dieſer Bewegung mächtig ergriffen und als vollen⸗ deter Revolutionair zu ihm zurückgekehrt ſei. Und er ſelber bekannte dies, indem er ſeine Erzählung mit den Worten ſchloß: „Es iſt Etwas in dem deutſchen Volke vorge⸗ 22 Georg Volker. gangen, was ſich nicht mit kühlen Begriffen defi⸗ niren läßt. Und warum ſollt' ich es leugnen, auch in mir iſt der alte Menſch überwunden und ich bin feſt entſchloſſen, im Verein mit den wackren Männern, die ich als die wahren Freunde des Va⸗ terlandes und muthigen Träger der deutſchen Volks⸗ ideen habe kennen lernen, dahin zu wirken, daß dieſe herrliche Bewegung, welche alle Stände ergriffen hat, zur rechten Zeit genützt werde und nicht abermals ſpurlos verſchwinde. Das iſt mein heiliger Wille, für den ich meinen letzten Blutstropfen hingeben werde. Die Zeit der Thaten, von der wir in unſter Jugend ſo oft beklagten, daß ſie für Deutſchland nie⸗ mals erſcheinen werde, iſt endlich da; überall erheben ſich die deutſchen Volksſtämme, reichen einander zum einigen ſtarken Bunde die Bruderhände und die Für⸗ ſten geben faſt von ſelbſt, was das Volk haben will. Man muß das Eiſen ſchmieden, ſo lange es heiß iſt, oder noch beſſer, man muß das Schwert ſchwin⸗ gen, ſo lange man es noch in der Hand hat! In einer ſolchen Zeit iſt jeder nutzlos verlorene Tag eine verlorene Schlacht; und wer ſich heute nicht als Mann bewährt und mit Gut und Blut für die Be⸗ freiung des Vaterlandes einſteht, der kann in hun⸗ dert Jahren wiederkommen; für heute taugt er nicht.“ Georg Volker. 23 Volker ſah lächelnd vor ſich hin; er kannte zwar die ercentriſche Gefuhlsweiſe des Freundes und ſeinen leicht erregbaren heroiſchen Sinn, da wo es etwas Außergewöhnliches und Gewagtes galt, Etwas, was ihm nicht ſo leicht ein Anderer nachmachte; aber er kannte nicht dieſen lebendigen Enthuſiasmus an ihm für vaterländiſche Intereſſen, wie er jetzt mit ſo war⸗ men Worten ihn kund gab. Wir ſelbſt lernten ihn bereits, was ſeinen deutſchen Patriotismus anbelangt, von einer keineswegs vortheilhaften Seite kennen; er war nicht nur völlig indifferent gegen die politiſchen Zuſtände ſeines Vaterlandes, ſondern ironiſirte bei jeder Gelegenheit ſeine Landsleute, denen er neben den andern Nationen Europas nicht einmal das Recht einräumen wollte, eine Politik zu beſitzen. Noch wenige Tage vor ſeiner Abreiſe behauptete er in bitterm Scherze gegen Volker, wenn die Deutſchen eine Revolution machten, wäre das dem engliſchen Politiker faſt ſo gleichgültig, als wenn die Königin Victoria in's Kindbett käme; und wie oft hatte er ſich nicht mit dem Gedanken gebrüſtet, das Schick⸗ ſal habe ihm in der chriſtlichen Taufe nur darum einen griechiſchen Namen gegeben, weil er zum Deut⸗ ſchen zu gut, zum Hellenen zu ſchlecht ſei. Und nun mit einem Male dieſe Verwandlung! 24 Georg Volker. „Was ſagt denn der Geheimerath zu dem Allen?“ fragte Volker, als Jener ſeiner Bericht ge⸗ endet hatte. „Der Geheimerath?“ rief Germanos lebhaft. „Wäre er der weiſe herrliche Mann, der tiefe Denker und große Geſchichtsforſcher, wenn er anders ſprechen könnte, als was er ſein ganzes Leben hindurch gelehrt hat? O wie hat mir dieſes Wiederſehen nach ſo langer Trennung wohlgethan! Wie hat mich der Anblick dieſer ehrwürdigen Geſtalt mit dem prächti⸗ gen Silberhaupt geſtärkt und erhoben! Nichts von Alter und Hinfälligkeit war an ihm ſichtbar; im Ge⸗ gentheil fand ich ihn jünger und kräftiger als vor zehn Jahren, und er ſelbſt meinte, jetzt ſei keine Zeit zum Altern und Hinſterben, jetzt müſſe jung werden, wer noch einen Funken von Vaterlandsliebe in der Bruſt trüge, und auch ihn werde Gott wenigſtens noch ſo lange am Leben laſſen, bis das Vaterland frei und der Bau deutſcher Größe und Einheit unter's Wetterdach geſtellt ſei. Du ſollteſt den Alten reden hören, Vol⸗ ker, mit welchem Enthuſiasmus der erſt für die Be⸗ wegung ſchwärmt! Alles in ihm glüht von Hoff⸗ nung, Muth und Zuverſicht auf ein hohes glückliches Gelingen. Ich geſtehe Dir, als ich ſeinen Landſitz betrat, war ich erſt zur Hälfte mit mir einig und Georg Volker. 25 meine Zweifel waren faſt noch ebenſo groß wie meine Hoffnungen. Aber kaum wenige Stunden hatte ich mit ihm zugebracht, ſo ſchwanden alle meine Bedenken, ich mußte ihm glauben und beugte mich ſelig unter die Gewalt dieſes herrlichen Geiſtes. Denn jedes ſeiner Worte erhöhte nur meinen Muth und mehr als je bewunderte ich an ihm die Kraft der lebendigen Ueberzeugung, mit der er uns ſo oft in ſeinen lehrreichen Geſchichts⸗Vorträgen hinriß.“ „Aber wofür ſieht er das Ziel dieſer g ganzen Be⸗ wegung an?“ fragte Volker, welchen— Nachricht faſt zu überraſchen ſchien. „Das Ziel hält er für fern, aber den Weg dazu für geebnet,“ erwiederte Germanos.„Daß die Re⸗ volution Deutſchland zur Föderativ⸗Republik führen werde, ſcheint ihm gewiß, wenn er ſich auch nicht ausdrücklich darüber ausließ. Mehrmals deutete er auf Nordamerika hin, als auf denjenigen Staat, deſſen Verfaſſung ſich in Deutſchland am leichteſten durchführen ließe. Im Allgemeinen war aber ſeine Anſicht die, daß eine große politiſche Umwälzung nicht eher in ihren Zielen und Folgen zu berechnen ſei, als bis die ganze Nation davon berührt und der Volksgeiſt von ihrer Strömung ergriffen wäre. O wie wahr ſagte er: Auf den Bahnen des Geiſtes ———— 26 Georg Volker. giebt es keinen Rückgang für die Idee, die ſich ein⸗ mal in der Menſchheit hiſtoriſche Geltung verſchafft hat. Man kann ſie wohl eine Zeitlang aufhalten, und ſie ſcheinbar von der Erde verſchwinden machen; aber ſie phosphorescirt in der Dunkelheit fort, und eines Tages ſteht ſie rieſengroß, ſonnenhell wieder da, und der Hammerſchlag eines Wittenberger Mönchs an die Kirchenthür genügt dann, um eine ganze Welt voll Wahn und Tyrannei in Trümmer zu ſtürzen. So ſagte der Geheimerath; und als ich ihm dabei in die großen klaren Augen ſchaute, ſah es mich daraus an wie ein Prophetenblick; ich mußte ſelbſt die Augen klar und groß aufthun, um zu fühlen, daß er wahr geſprochen, daß Alles ſo kommen werde, wie er's verkündet. Aber er redet nicht allein, ſon⸗ dern er handelt auch mit regem Eifer für das, was ihn beſeelt. Es giebt kein anderes Geſchäft mehr für mich, ſagte er beim Abſchied, als meine jungen Teutonen in allen Winkeln Deutſchlands aufzuſuchen und ſie aus dem Schlafe zu rütteln. Fünfunddreißig Jahre lang habe ich Schüler zu meinen Füßen ſitzen geſehen und konnte ihnen für ihre gute Vormeinung zu mir nichts bieten als taube Spreu, todtes Wiſſen und meine immer gleiche Liebe für die Jugend. Heute aber biete ich ihnen mehr; heute biete ich ihnen Georg Volker. 27 lebendige Geſchichte: Ruhm, Thaten, Freiheit und ein Vaterland. So ſprach er und eröffnete mir dann, daß er eine große Rundreiſe durch Deutſchland an⸗ zutreten Willens ſei, um ſeine ehemaligen Schüler aufzuſuchen und ſie, wo's nöthig, für die große Sache des Vaterlandes anzufeuern. Er meinte, ſo ein Zehn⸗ tauſend alter Studenten, die meiſt ſeine Schüler ge⸗ weſen, werde er wohl noch in's Vordertreffen führen können, wenn ſie jetzt noch einmal Politica bei ihm hören wollten. Und zu Dir will er zuerſt kommen, denn auf Dich hält er noch hohe Stücke. Sein gan⸗ zes Geſicht verklärte ſich, als ich ihm deine Anſichten über die Revolution mittheilte, und lächelnd meinte er: das ſeien die rechten Männer für's Vaterland, die man, wie Brutus, in der Jugend Träumer ge⸗ ſcholten habe.“ „Ich? O, da irrt er ſich!“ rief Volker, mehr ſchmerzlich bewegt als erfreut von dieſer Nachricht. „Du, und vor Allen Du!“ verſetzte Germanos mit Nachdruck.„Ich hab's dem Geheimerath erzählt, welchen Einfluß Du in dieſer Gegend unter dem Volke beſitzeſt, und wie es Dich nur ein Wort koſtet, um den halben, wo nicht den ganzen Odenwald für die gute Sache zu gewinnen. 28 Georg Volker. „Wozu? Welche Sache meinſt Du?“ rief Georg verwundert.„Iſt's ſchon ſo weit, daß man— 2 „Es iſt, und was nicht iſt, wird ſein,“ verſetzte Germanos ruhig.„Die Looſe ſind geworfen, und wenn die Stunde der Entſcheidung ſchlägt, werden wir bereit ſein, werde ich bereit ſein,“ fügte er im feſteſten Tone hinzu und maß den Freund mit prü⸗ fenden Blicken. „So haſt Du Dich in eine geheime Verbindung eingelaſſen?“ fragte Georg nach einer Pauſe. „Ja, mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung!“ rief Jener lachend.„Was bedarf es da noch eines Ge⸗ heimniſſes und einer Verbindung! Das erſtere heißt: Freiheit, die zweite Vaterland. Ich hab' es Dieſem und Jenem und Allen geſagt, mit denen ich zuſam⸗ menkam: Zählt auf mich, und ſie antworteten mir: Zähl' auf uns! Das iſt die ganze hochverrätheriſche Verbindung, in die ich mich eingelaſſen habe, und doch iſt Etwas daran. Denn die Fürſten, darauf verlaſſe Dich, zittern vor dieſer offenkundigen Verbin⸗ dung ganz anders als zur Zeit des Tugendbundes, der Burſchenſchaft und der Polenſympathie. Damals roch man aus Tauſenden kaum einen Demagogen heraus, und kriegte man ihn wirklich, ſo war's noch zu allem Ueberfluß, beim Licht betrachtet, ein Phili⸗ 1 1 Georg Volker. 29 ſter wie die andern; heute aber ſtehen Tauſende, ja Hunderttauſende zum Kampfe bereit; die Arſenale werden geleert, um die Bürger zu bewaffnen, und glaubſt Du, daß dies Alles nur geſchehe, um vor den Fürſten Parade zu machen? Warte nur noch ein paar Wochen, dann thut ſich der Kyffhäuſer auf, unter dem Waffengeklirr erwacht der alte Schläfer, wir holen ihn heraus und ſtecken dafür die Vierund⸗ dreißig hinein, auf ſo lange Zeit als der alte Kaiſer Rothbart geſchlafen hat.“ „Biſt du deſſen ſo gewiß?“ fragte Volker zaudernd. „Daß ſie ſogleich einſchlafen werden, meinſt Du? O ja!“ erwiederte Germanos ironiſch; Goethe würde ſagen: „unter des hohen, durchlauchtigſten Bundes ſchützen⸗ den Privilegien!“ Aber Spaß bei Seite! Sage mir nur, was ich eigentlich von Dir und Deinem ganzen Weſen denken ſoll? Scheint es nicht, als hätten wir unſere Seelen gewechſelt? Noch jüngſt warſt Du der Kühne, ich der Verzagte, Du der Hoffende, ich der Zweifelnde, und jetzt— 7 Aber nur Geduld, der Ge⸗ heimerath wird den Brutus in Dir aufwecken, und ſchon jetzt baue ich auf Dich, ſo ſicher als auf mich ſelber. Hier meine Hand, noch klebt kein Tyrannen— blut daran, noch ruht das Schwert in der Scheide; es muß noch beſſer fommen in Deutſchland, eh' der —— —— 30 Georg Volker. Tanz losgeht; aber ſei verſichert, die luſtigen Muſi⸗ kanten werden nicht auf ſich warten laſſen; und dann,— dann darfſt Du uns nicht fehlen, nein, beim ewigen Himmel, Du nicht, der Beſten Einer, wie das Vaterland ſie braucht in der Stunde der Gefahr!“ „Zählt nicht auf mich, wo es Glück gilt,“ ſagte Volker, von des Freundes dringender Zuſprache im⸗ mer mehr in die Enge getrieben.„Laßt meine Hand aus dem Spiele, wo es gilt, aus dunkler Urne ſchwarze oder weiße Looſe zu ziehen!“ Germanos kannte den Freund und deſſen Un⸗ glauben an ſein eignes Glück zu gut, um nicht zu wiſſen, daß ein Charakter, wie der Volker's, weniger durch Ueberredung, als durch die ihm aus der inner⸗ ſten Ueberzeugung erwachſende Nothwendigkeit, in Zuſammenhang mit äußeren Verhältniſſen, zur That⸗ kraft und zum Handeln angeſpornt werden könne; zumal es ſich hier, wie Germanos richtig urtheilte, nicht bloß um Muth und Entſchloſſenheit, ſondern auch um allmählige Beſeitigung und Widerlegung aller jener ängſtlichen Gewiſſensſcrupel von Recht und Unrecht, von Pflicht und Geſetzwidrigkeit han⸗ delte, in denen Volker eben ſo ſtark war, wie in ſei⸗ nem Willen, wenn er erſt einmal das Rechte erkannt hatte und von der Ueberzeugung, daß er einer guten Georg Volker. 3¹ Sache ſeine Kraft leihe, innig durchdrungen war. Aber bei aller Gediegenheit ſeiner moraliſchen Natur hatte er den Grundſatz, daß es in der Politik keine Verbrechen, nur Fehler giebt, bis jetzt weder mit ſeinem Gefühl, noch mit ſeinem Verſtande ſich zu eigen machen können; und hier ſaß, wie Germanos richtig urtheilte, bei Volker der gordiſche Knoten, wel⸗ cher erſt mit den ſchärfſten Beweisgründen durchhauen werden mußte, bevor überhaupt an ein weiteres Ver⸗ handeln zu denken war. Aber wie war Germanos überraſcht, als Georg, um einer langen, für beide Theile gleich läſtigen Pauſe ein Ende zu machen, ihm erzählte, was ſich während ſeiner Abweſenheit vom Grabenhof im gräf⸗ lichen Schloſſe erreignet hatte und wie die Bauern ihrem gnädigen Herrn beinahe den Pact aufgekün⸗ digt hätten. Nichts in der Welt würde in dieſem Augenblick Germanos ſo willkommen geweſen ſein, als dieſe Nachricht. Doch hütete er ſich wohl, ſich Etwas davon merken zu laſſen, hörte den Freund ruhig an und lächelte nur zuweilen ſtill vor ſich hin, als Jener ihm harmlos beſchrieb, welche Rolle er bei dieſem Bauernkrawall geſpielt habe. Erſt als Volker ihm bis auf die Begegnung mit Eugenien Alles mitgetheilt hatte, ſprang Germanos 32 vom Sitz auf, ſtellte ſich mit verſchränkten Armen vor den Freund, dem er eine Weile feſt in's Auge ſah, und fragte ihn plötzlich im Tone des höchſten Befremdens: „Und das Alles haſt Du gethan?“ „Wie ſo?“ verſetzte Georg betroffen. „Und das Alles haſt Du gethan?“ wiederholte der Andere mit unveränderter Stimme. „Bei Gott, ich verſteh' Dich nicht, Germanos!“ „Nun denn,“ rief Jener mit dem Ausdruck des höchſten Entzückens;„ſo ſage ich Dir, ſo wahr ich meiner Mutter Sohn bin, dann haſt Du mehr gethan als wir Alle, dann haſt du Etwas gethan, was bis zu dieſer Stunde kein deutſcher Revolutionair des Jahres 1848 gewagt hat! Du haſt— Du haſt— — nein, ſag' mir nur erſt noch einmal— war denn der Stein, der dem Grafen beinahe den Hirnſchädel zerſchmettert hätte, wirklich ein Stein, oder nahmſt Du nur in Deiner Aufregung für einen Stein, was vielleicht in Wirklichkeit nur ein hohler Kürbis oder ein alter Pantoffel war?“ „Es war ein Stein, verlaſſe Dich drauf!“ rief Volker, den des Freundes mineralogiſcher Zweifel zu beluſtigen anfing. „Nun dann,“ rief Jener mit feierlichem Pathos, Georg Volker. Georg Volker. 53 „wenn Du mir ſagſt, daß es ein Stein war, ſo ſage ich Dir: Es war dies der erſte Stein, den die deut⸗ ſche Revolution aus der Zwingburg der Tyrannei ge⸗ riſſen hat, und Du— Du haſt ihn dem Grafen, Eurem gnädigen Herrn, noch obendrein unter die Naſe gehalten? Und jetzt willſt Du mir noch ſagen, Du taugteſt nicht zum Revolutionair? Du, der auf ſolche Kleinigkeit hin, mit hellen Bauernhaufen zum Schloß hinaufziehſt und dem Grafen förmlich mit bewaffne⸗ ter Gewalt abtrotzeſt, was er Dir nicht in Güte be⸗ willigen will?“ „Verzeih', mein Lieber!“ verſetzte Volker lachend. „Es iſt nicht ganz ſo, wie Du ſagſt; denn einmal iſt ein Mord keine Kleinigkeit, und zum andern kam ich erſt in's Schloß, als die Bauern d'rauf und d'ran waren, dem Grafen die Fauſt an die Kehle zu ſetzen.“ „So? meinſt Du?“ fragte Germanos gedehnt. „Aber ſage mir doch, was geht es Dich an, wenn der Herr Graf einmal ſtatt auf Hirſche, Haſen und Rehe, auf einen Menſchen ſchießt? Biſt Du etwa ſein Richter? Haſt Du darum das Recht, eine Bauernre⸗ volte anzufangen? Und ſelbſt angenommen, die Bau⸗ ern revoltiren ohne Dich, haſt Du das Recht, Dich ihnen anzuſchließen, ihre Sache zu der Deinigen zu machen?“ I. 3 Georg Volker. „Die Sache der Menſchlichkeit?“ fragte Volker betroffen. „Iſt nicht immer die Sache der Klugheit und noch ſeltener die des ſogenannten Rechtes,“ verſetzte Germanos.„Blicke um Dich in ganz Deutſchland! Was fragen unſere Geſetze nach der Menſchlichkeit, wo es die höheren Intereſſen der Staatsordnung gilt! Denk' nur an die armen Schleſier, die der Hunger zum Aufruhr trieb. Haſt Du jemals gehört, daß ſie darum minder gravirt ſeien? Ich bitte Dich, Volker, nichts von Menſchlichkeit, wo es ſich um das Recht und die Exiſtenz des Staates handelt! Ruhe iſt die erſte Bürgerpflicht; und ſelbſt daß Du nur einem Grafen ſo ſtark zu Leibe gegangen und ihm ſeinen Sündenſpiegel vor die Augen gehalten haſt, wird Dich darum nicht weniger als ſtaatsgefähr⸗ lichen Aufwiegler erſcheinen laſſen. Darum ſage ich Dir: Deinen Rubicon brauchſt Du nicht mehr zu über⸗ ſchreiten, der liegt hinter Dir, die geſammte deutſche Bureaukratie vom Rhein bis zum Memel— und das iſt mein Wort Brüderchen!— wird von Deinem Auf⸗ treten gegen den Grafen von Nellenburg Act nehmen, und eh' Du Dich's verſiehſt, haben ſie Dich am Schopf! Summa Summarum, ich ſtreite nicht mehr mit Dir über die Frage: Ob Revolution, ob nicht? Das, was ———— Georg Volker. 35 Du im Kleinen gethan haſt, wäre, wenn Dir's alle Deutſchen nachmachten, Revolution im großen Styl, hinreichend, um auch die kühnſten Wünſche unſter Ultras zu befriedigen. Du haſt Euren Herrn die Gewalt der Volksſouverainetät fühlen laſſen, er hat ſeinen erlauchten Trotzkopf vor dieſer Gewalt beugen müſſen— Ha, Volker, was meinſt Du, wofür er Dich halten wird?“ „Mir einerlei,“ erwiederte Dieſer.„Genug, daß ich meine Pflicht that!“ „Mehr wollen auch wir nicht, ſo wahr Gott im Himmel lebt!“ ſagte Germanos mit Wärme. „Pflicht aber, heilige Pflicht iſt es jetzt für jeden deutſchen Patrioten, zur Rettung des Vaterlandes das Seinige beizutragen und Jeder in ſeinem Kreiſe, dahin zu wirken, daß es von nun an nur einen Willen in Deutſchland giebt, dem ſich Alles unter⸗ ordnen muß, das iſt der Volkswille! Machen wir ihn geltend, er iſt ſtark genug, den ſtolzeſten Nacken zu beugen, wie Du ja beim Grafen geſehen haſt. Nicht einen blutenden Wilddieb, ſondern ein bluten⸗ des Vaterland gilt es jetzt aus den Händen der Willkür und Tyrannei zu befreien, jetzt, wo die alten Wunden vielleicht noch zu heilen und Rettung noch möglich iſt! Und wahrlich, Volker, auch das iſt 3* 36 Georg Volker. ein Werk der Menſchlichkeit, und ſogar dieſer Menſch⸗ lichkeit ſchönſte Blüthe, denn es iſt Vaterlandsliebe!“ Volker ging eine Zeitlang ohne ein Wort zu erwiedern, im Zimmer auf und ab, und man ſah ihm die Bewegung an, in welche des Freundes Worte ihn verſetzt hatten. Mit Innigkeit ergriff er dann beide Hände deſſelben und ſagte gerührt: „Sieh, Germanos, was Du mir da redeſt, iſt als ſagt' es mir mein eigenes Herz, und doch— doch hör' ich auch wieder den fremden Mißton, und eine Stimme, noch tiefer als die des begeiſterten Herzens, ruft mir zu: Vergiß nicht, daß zu einer großen That auch jener große Muth und jene hohe Freudigkeit der Seele gehört, ohne die es kein wahr⸗ haftes Gelingen giebt. Ach, Freund! Wenn die alten Griechen ſich dem Kampf für's Vaterland weihten, dann zogen ſie aus, geſchmückt wie zum ſchönſten Feſte und Tanz, und fröhliche Lieder begleiteten ſie in die Feldſchlacht. Da mochten ſie ſchon das Vater⸗ land retten, denn Jeder ſah im Auge des Andern die Siegesluſt leuchten, nichts Trübes, und Krankes im Gemüth dämpfte ihren heroiſchen Muth! Ich aber, dem alten Grame hingegeben, zernagt von der dunkelſten Zweifelsqual, wie ſollt ich an ein freudiges Gelingen glauben, ich, deſſen ganzes Denken und Georg Volker. 37 Fühlen beſtändig nur an Einem feſthält, das den Menſchen in mir in zwei feindliche Hälften ſpaltet und dadurch meine beſten Kräfte lähmt!“ „Verzeih' mir, Volker!“ fiel ihm Germanos leb⸗ haft in's Wort;„verzeih' mir, wenn ich Dir ſage: das, was Du dem Vaterland ſein ſollſt, ſein kannſt, das vollbringt die beſſere Hälfte Deines Menſchen, das vollbringt jener muthige, hochbegeiſterte Volker, der Du noch vor ein paar Wochen geweſen biſt, da⸗ mals, als Du am erſten Morgen nach meiner Ankunft dort auf der Bergeshöhe zu mir ſagteſt, daß die Zeit der Helden nahe ſei. Und ſie iſt da, ſo wahr, als Du ſelbſt einer dieſer Helden ſein wirſt! Denn ſieh, das iſt ja eben der großen Zeit herrlichſtes Zeugniß, daß ſie den Menſchen, der ſich ihr weiht, frei macht von ſeinem alten Leben, daß ſie ihn er⸗ hebt, ihn zu großen Gedanken, kühnen Entſchlüſſen, muthigen Handlungen fähig macht, indem ſie ihn in allen ſeinen trefflichen Eigenſchaften zum Beſten verwandelt, und ihn von all den kleinlichen, ängſt⸗ lichen Rückſichten, Sorgen und Zweifeln erlöſt, die wir im ſtillen Dahinleben und in beſchränkter Thätig⸗ keit ſo lange mit und in uns auferzogen, bis wir ſie zuletzt für das wirkliche, uns beſchiedene Leben ſelbſt nahmen. O, wirf ihn endlich von Dir, dieſen trüben, 38 Georg Volker. verzehrenden Gram, der die alleinige Urſache Deines Mißtrauens in die eigene Kraft iſt; befreie Dich ſelbſt, indem Du Dich dem Höchſten weiheſt, was ein Menſch unternehmen kanm; ſetze Dein Beſtes, ſetze Deinen ganzen Geiſt an die Rettung des Vaterlandes, und ich ſchwöre Dir, Du wirſt ihn endlich los wer⸗ den, dieſen böſen Störefried, der Dir im Blute ſitzt, ſo lange ich Dich kenne.“ Da rief Volker bewegt:„Im Blute— o Du weiſer Daniel,— ja, Du haſt recht! Im Blute, da ſitzt der böſe Störefried meines Lebens, und jeder Pulsſchlag ruft mir zu: Hoffe nichts, wage nichts, Du verlierſt, Verlorner; für Dich giebt es keinen an⸗ dern Gewinn als Vergeſſenheit! Ja, Germanos, Du kehrſt zur guten Stunde mir zurück, denn es iſt Zeit, daß es zwiſchen uns Licht werde. Staune nicht, forſche nicht, höre mich ruhig an bis zu Ende, und entſcheide dann, ob Du Deinen Oreſt aus den Schat⸗ ten von Erinnerungen erlöſen kannſt, die ſeine Seele mit Grauen bedecken, und aus denen ihm ſtets von Neuem das furchtbare Lied der Eumenide in's Ohr hallt.“ „Wohlan,“ verſetzte Germanos, auf das Höchſte überraſcht von dieſer unerwarteten Entſchließung des Freundes;„wohlan, ſo werde es Licht zwiſchen uns! Georg Volker. 39 Und iſt's der rechte Oreſt, der mir vertraut, ſo wird ihm auch ſein Pylades nicht fehlen!“ Yrittes Capitel. Georg war der einzige Sohn des Pachters Volker, welcher zur Zeit, da Jener geboren ward, das große gräfliche Herrengut Grabenhof in Pacht hatte, und allgemein in der Umgegend für einen ebenſo wohl⸗ habenden als rechtſchaffenen Mann galt. Er war ein ſtrenger, faſt rauher Charakter, und wer ihn anders nahm als er ſich gab, der wurde bald inne, daß Pachter Volker in Ernſt und Scherz keinen Spaß verſtand, am liebſten ſeinen eignen Weg ging und bei ſeinem Thun und Laſſen niemals nach dem Urtheil der Welt fragte. Er war kein Freund von vielen Worten und ſchönen Redensarten, ſagte ſeine Meinung jederzeit kurz und gerade heraus, ſie mochte nun dem, welchem ſie galt, rauh oder mild klingen, und wenn es wahr iſt, daß oft eine einzige Eigen⸗ thümlichkeit den ganzen Menſchen charakteriſirt, ſo mag bei Pachter Volker ſein Veblingsſpruch:„Der —— . Georg Volker. Mann ſagt's,“ dafür gelten. Er hatte ſich dieſe Redensart dergeſtalt angewöhnt, daß er weit und breit nur der„Mannſagt's“ hieß, ein ſchöner wür⸗ diger Beiname für einen Mann, dem ſo wie ihm, ſein Wort über Alles hoch und theuer galt. Nur mit wenigen Menſchen pflegte er nähern Umgang, wer ihn haben wollte, mußte ihn aufſuchen; von Luſtbarkeiten war er kein Freund und jede Ausſchwei⸗ fung ihm in den Tod zuwider; kurz, er war in Allem ein Mann des ſtrengſten Maßes, der ruhig⸗ ſten Beſonnenheit, und bei alledem doch kein ſchlim⸗ mer Mann, wenngleich die Milde, die er gegen ſeinen Nächſten übte, häufig mit mehr Rauhheit ge⸗ paart war, als zur rechten Wohlthat gut iſt. Rie⸗ mals in ſeinem Leben ſah man ihn lächeln, aber auch niemals hörte man ihn fluchen oder einem Menſchen ein Leid wünſchen; dabei hielt er ſtreng auf die Sitten der Voreltern und lebte Jahr aus, Jahr ein ſo einfach, daß Viele ihn für geizig hielten, während er doch nur da ſparte und das Seinige zu Rathe hielt, wo nach ſeiner Anſicht jeder Groſchen zum Thaler wurde, nämlich beim Lurus. Dies in kurzen Zügen das Charakterbild eines Mannes, in welchem Georg ſeinen Vater verehrte, ohne auch nur einmal auf den Gedanken zu kommen, S— Georg Volker. 4¹ wie ſeine Mutter, dieſem Manne gegenüber, geweſen ob ihm gleich oder ungleich, ob glücklich oder un⸗ glücklich? Er wußte es von frühauf nicht anders, als daß ſeine Geburt ihr das Leben gekoſtet, und ihr Tod in früher Jugend ſeinem Vater ſo nahe gegangen war, daß ſich derſelbe zu keiner zweiten Ehe ent⸗ ſchließen konnte, ſondern lieber einſam blieb, zumal er ſein Hausweſen in den treuen Händen Veronika's auf das Beſte beſtellt ſah. Auch hätte eine Mutter nicht liebevoller für ihr eignes Kind ſorgen können, wie ſie es für Georg that, den ſie, ſo zu ſagen aus den Windeln heraus⸗ wickelte, und ſeine Pflege und Wartung, ſo lange er klein war, keiner andern Hand überließ. Durch ſeine ganze Kindheit war ſie ihm eine treue mütter⸗ liche Freundin, und ihre zärtliche Sorge für ſein Wohl kannte keine Gränzen. Dafür hing aber auch der Knabe mit kindlichſter Liebe an dieſem treuen Herzen, das ihm die Mutter erſetzte, während er dem ernſten ſchweigſamen Vater nur mit Scheu nahte und ſeine Anhänglichkeit beinahe einzig der ſanften Freundin zuwandte, die ihn das erſte Gebet lehrte und aus deren Händen ihm alle Freuden und Glück⸗ ſeligkeiten ſeiner Kindheit floſſen. Herrlich gedieh Georg an Leib und Seele und * 42 Georg Volker. wurde ein blühender vielverſprechender Knabe, deſſen heller Kopf ſchon frühe die trefflichſten Anlagen be⸗ kundete, während ſein reines empfängliches Gemüth ihn zum Freunde eines jeden guten Menſchen machte. Pachter Volker, der alle unnützen Ausgaben haßte und bei dem man wahrlich zu allerletzt eine große Vor⸗ liebe und Geſchmack für höhere Bildung vorausſetzen konnte, denn er ſelbſt war wohl ſeinem gelehrten Wiſſen nach wenig über Leſen und Schreiben hinaus⸗ gekommen, wich nur in einem einzigen Falle von allen ſeinen übrigen bäueriſchen Grundſätzen und Lebens⸗ anſichten ab, und dies zwar gerade in dem Falle, wo man ihn doch am erſten für conſequent hätte halten ſollen. Der Glaube, daß der Sohn ganz ſo wie der Vater ſein und werden müſſe, wenn er et⸗ was Rechtes in der Welt vorſtellen und den ihMm vom Schöpfer vorgeſetzten Zweck ſeines Lebens er⸗ füllen ſolle, dieſer alte ſchlichte Bauernglaube ſchien in Pachter Volker's Herzen keine Wurzel geſchlagen zu haben; denn das, was er von früh an für ſeinen Sohn im Punkte der Erzichung that, ging weit über des gewöhnlichen Bauern Stand und Verſtand hin⸗ aus, und entſprach auch ebenſo wenig der ganzen übrigen Denkart des Alten, wie es zu deſſen häus⸗ lichen Verhältniſſen paßte. Wenigſtens urtheilten ſo Georg Volker. 43 alle Diejenigen, die den ſchlichten Ton und das prunk⸗ loſe Leben auf dem Grabenhof kannten, als der Pach⸗ ter, da ſein Georg kaum acht Jahre zählte, aus ei⸗ ner fernen Stadt einen Hofmeiſter kommen ließ, der ſeinen Knaben unterrichten mußte, als hätte die Dorf⸗ ſchule von Nellenburg, in der er doch ſelber ſeinen Unterricht empfangen, gar keinen Credit in ſeinen Augen, und als ſolle hier Etwas ausgerichtet werden, was auf einen Hochmuth hindeutete, der weit über den gewöhnlichen Bauernſtolz hinauslief. Mit ei⸗ nem Wort, der Pachter that Etwas, was keiner ſei⸗ ner Bekannten je zuvor von ihm erwartet hätte, ja was die Meiſten ſelbſt nicht einmal in der wirklichen und offenkundigen Weiſe, wie Jener es that, zu faſ⸗ ſen vermochten. Er ließ ſeinem Sohne eine Erzie⸗ hung geben, als ſolle dieſer dereinſt weit über die Berge und Kirchthürme des Odenwaldes hinaus, ein hochſtudirter Mann werden, nicht aber, wie ſein Vater, ein bloßer ſchlichter Bauersmann, der ſogar noch in den langen grauen Haaren den aus der Mode gekommenen Meſſingkamm trug, womit ſich ſonſt die Bauern des Odenwaldes in ſchwierigen Fällen ihre Weisheit aus dem Kopfe zu kratzen pflegten. Wie geſagt, der alte Hofbauer war, was die Erziehung ſeines Sohnes anbelangte, ein ebenſo 44 Georg Volker. kurioſer und eigenſinniger Chriſt wie in andern Stücken, wo man ihn gleichfalls nicht um den Grund ſeines Handelns fragen durfte. Ja, er ſah es ſogar nicht einmal gern, daß die Söhne anderer Bauern zu ſeinem Knaben auf den Hof kamen, um mit dem⸗ ſelben zu ſpielen; gleich als ſolle dieſer nicht nur in geiſtiger, ſondern auch in leiblicher Beziehung eine andere Beſchaffenheit erhalten, wie die Kinder des gewöhnlichen Bauernſchlags. Aber der„Mannſagt's“ wollte es nun einmal ſo, und was der„Mannſagt's“ wollte, das wollte eben nur er, und Niemanden ſonſt in der Welt ging's Etwas an. So wuchs Georg heran, geleitet und gebildet von einem tefflichen Lehrer, der mit einem reichen Fond von gediegenem Wiſſen in hohem Grade das Talent der Anregung verband und das Lehren wie das Ler⸗ nen mit jenem lebendigen Geiſte betrieb, ohne wel⸗ chen alles Wiſſen der tauben Spreu gleicht, nicht dem guten Korn, das die künftige herrliche Saat ver⸗ heißt. Aber nicht den Verſtand allein, auch Seele und Körper bildete der erfahrene Pädagoge zu gleich⸗ mäßiger Entwickelung an ſeinem Schüler aus, ſo daß Georg, da er achtzehn Jahre zählte, in jeder Bezie⸗ hung als das Muſter eines ebenſo fähigen wie ge⸗ bildeten Jünglings gelten konnte. Er beſaß nicht Georg Volker. 45⁵ nur gründliche Kenntniß der alten und neueren Spra⸗ chen, ſondern hatte auch in Geſchichte und Philoſo⸗ phie einen reichen Schatz von Anſchauungen und Ideen geſammelt und ſein Urtheil über das Schöne in Kunſt und Poeſie zeugte von Geſchmack und ei⸗ nem äſthetiſchen Sinne. Außerdem konnte er ſich, was die gewöhnlichen Leibesübungen anbetrifft, als Reiten, Fechten, Turnen, mit jedem ſeiner Altersge⸗ noſſen meſſen; und wenn ihm ein gewiſſes ſchüchter⸗ nes Weſen, die Folge ſeines einſamen Jugendlebens, von früh auf anhing, ſo fehlte es ihm doch weder an einem Selbſtvertrauen, noch an äußerem Muthe, und mehr als einmal hatte er Gelegenheit, ſich hierin zu ſeinem Vortheil auszuzeichnen. Endlich war die Zeit gekommen, in welcher Georg ſich für einen künftigen Lebensberuf entſchei⸗ den ſollte. Eines Nachmittags im Mai forderte ihn ſein Vater zu einem Spaziergang nach der alten Schloßruine auf, weil, wie er in feierlichem Tone hinzufügte, er ſich ungeſtört mit ihm über Manches zu beſprechen wünſche. Die Art, das ganze Weſen des Alten ergriff Georg fremdartig, und begierig zu hören, was ſein Vater ihm Wichtiges eröffnen werde, folgte er demſelben. Der Pachter ſchritt meiſt ſchweig⸗ ſam und in ſich gekehrt neben ihm her und ſchien 46 Georg Volker. abſichtlich diejenigen Wege und Pfade zu wählen, welche ſie an den zum Grabenhof gehörigen Flur⸗ ſtücken vorbeiführten. Bei jedem Acker blieb er ſtehen und ſprach ſich in ſeiner gewohnten einſilbigen Weiſe über den Werth oder Mangel deſſelben aus. So gelangten ſie auf einem ziemlichen Umwege in die Ruine der alten Stammburg der Grafen von Nellen⸗ burg, welche mit dem neuen Schloß auf einem und demſelben Berge lag, nur eine beträchtliche Strecke höher als dieſes, faſt auf dem Gipfel der waldum⸗ grünten Höhe. Noch hatte der Pachter bis dahin mit keinem Worte ſeines Sohnes Neugierde befriedigt, und ſelbſt als ſie ſchon eine Zeitlang im ſtillen, vom Abend⸗ gold erleuchteten Schloßhofe an der ſogenannten Ka⸗ pellenpforte auf der Mauer ſitzend, von ihrer Wan⸗ derung ausruhten, ſchien er noch immer mit andern Gedanken beſchäftigt, ſah bald wie zerſtreut an der alten Thurmmauer hinan, bald durch das noch wohl ethaltene Schloßportal den ſchattigen Waldweg hin⸗ unter. Erſt nach einer Viertelſtunde brach er ſein Schweigen und begann eine Rede an ſeinen Sohn wobei ihm anfangs die Stimme zitterte und er ei⸗ nige Mal inne halten mußte, um ſeiner innern Be⸗ wegung Herr zu bleiben. Er ſprach zuerſt mit einer Georg Volker. 47 Herzlichkeit, die Georg nie zuvor an ihm hatte kennen lernen, des Sohnes Vertrauen an, damit der⸗ ſelbe, wenn er Alles wiſſe, was er ihm heute eröff⸗ nen werde, in ſeiner Seele keinen Zweifel gegen den Vater und deſſen wahrhaftige Rede aufkommen laſſen möge;„denn,“ fügte er mit gefaltenen Händen und bewegter Stimme hinzu,„der allwiſſende Gott im Himmel iſt mein Zeuge, daß das, was ich Dir jetzt entdecken muß, ſo wahr iſt, als wenn ich's Gott ſel⸗ ber beichtete,— Amen, der Mann ſagt's!“ Aber wie ward Georg betroffen, wie lauſchte er mit erſchütterter Seele hoch auf, als der Alte ihm nach dieſem feierlichen Eingang eröffnete, daß er nicht ſein Vater, daß Georg nicht auf dem Grabenhof ge⸗ boren ſei, ſondern weit von da weg, in einem andern Lande, als der Sohn vornehmer Eltern, von denen die Mutter ſchon lange todt ſei, während ſein Vater noch lebe und ihm, dem Kinde der unglücklichſten Liebe, die je in dieſer Welt ihr Leid ausgeweint, durch ſeinen, des Pflegevaters Mund, heute ſeinen väterlichen Segen ſende und ihm dabei Folgendes zur treueſten unverbrüchlichſten Verſchwiegenheit eröffnen laſſe: Georg ſolle nicht forſchen, nicht fragen, wer ſein Vater ſei, ſondern bis zum Zeitpunkt, wo dieſer ſelbſt ſich ihm entdecken werde, fortwährend für den 48 Georg Volker. Sohn des Pachters gelten. Um ihn aber in den Stand zu ſetzen, über den Beruf ſeiner Zukunft ſchon jetzt einen klaren und allſeitig richtigen Entſchluß zu faſſen, ſo möge er erfahren, daß ihm von ſeinem Va⸗ ter ein reiches Erbtheil ausgeſetzt ſei, welches ihm bei der Wahl eines jeden Lebensberufes völlig freie Hand laſſe, ſo daß er ſich ganz nach ſeiner Neigung entſcheiden könne. Für den Fall, daß er ſpäter in den Staatsdienſt treten wolle, dürfe er zum Voraus verſichert ſein, daß ihm bei gutem Verhalten eine glänzende Laufbahn offen ſtehe; wolle er aber als Privatmann den Wiſſenſchaften leben, ſo ſei auch hierin ſein Vater mit ihm einverſtanden, nur ſolle er dann ſogleich für einige Jahre auf Reiſen gehen, um die Welt kennen zu lernen, wozu ihm ſein Vater die Nittel im reichlichſten Maße ausgeſetzt habe. Wel⸗ chen Beruf er aber auch wähle, ſo ſchloß Pachter Volker, das Eine möge Georg immer als ſeinen höchſten Lebenszweck erkennen, ein edler guter Menſch zu bleiben, werth Derjenigen, die ihn geboren und vom Himmel mit treuem Mutterauge ſegnend auf ihn niederblicke. Einſt ſolle dann ganz die dunkle Binde von ſeinem Auge fallen, die ihm jetzt noch den Urſprung ſeines Lebens verhülle und er werde ſeinen Vater zuerſt daran erkennen, wenn ihn derſelbe Georg Volker. 49 nach dem Portrait ſeiner unbekannten Mutter frage. Bei dieſen Worten zog der Pachter das kleine, in Diamanten eingefaßte Miniaturbild einer jungen Dame von großer Schönheit aus der Bruſttaſche ſeines Rockes, drückte es in Georg's Hand und ſagte mit bewegter Stimme: „Da, Georg, die da war Deine Mutter auf Erden und iſt nun Dein Engel im Himmel— o bleibe gut, bleibe fromm, wandle immer auf Gottes Wegen, und an Heil und Segen wird es Dir dann niemals feh— len, Amen— der Mann ſagt's!“ Wir unterlaſſen es, den erſten Eindruck zu be⸗ ſchreiben, den dieſe Nachricht auf Georg's Gemüth machte. Vor Schrecken und Betäubung kam er lange zu keinem klaren Gedanken; wie ein Schleier ſank es ihm plötzlich von den Augen und doch ſah er nichts als Nacht und Finſterniß um ſich; ſeine ganze Vergangenheit erſchien ihm mit einem Mal wie ein fremdes Daſein, und er begriff nicht, wie es möglich geweſen, daß er ſo lange in dieſer Täuſchung habe leben können. Im erſten Augenblick hatte er ein Ge⸗ fühl, als zöge ihm eine unſichtbare Macht den Boden unter den Füßen hinweg, Phantaſie und Wirklichkeit verwirrten ſich vor ſeiner Seele zu lauter unbeſtimm⸗ ten, luftartigen Traumgeſtalten; und hätte es der I 4 50 Georg Volker. Mann nicht geſagt, der ſelbſt von alledem ſo tief erſchüttert war, er würde es nimmer ſo ſchnell begrif⸗ 3 fen haben, daß dieſer Augenblick über ſein ganzes Leben entſcheide. Der Pachter beobachtete ihn aufmerkſam, wäh⸗ rend Georg ſprachlos das Bildniß ſeiner ſchönen unbekannten Mutter anſah, als ſei das Räthſel, wel⸗ ches ſich ſo unerwartet über ſein Daſein ausbreitete, in dieſe edlen Züge eingewebt und werde ſich ihm löſen, je tiefer er ſich dieſelben in's Herz präge. Nach einer Pauſe nahm der Alte wiederum das Wort und ſagte:„Bewahre dies Bild als Dein theuer⸗ ſtes Heiligthum; denn eines Tages wird, ich ſagte es Dir ſchon, der Mann, in dem Du Deinen Vater erkennen ſollſt, Dich darnach fragen, und dann zweifle nicht, daß er vor Dir ſteht. Jetzt aber, lieber Georg, nachdem Du weißt, daß Du nicht dem Stande an⸗ gehörſt, in welchem Du ſeither lebteſt, jetzt entſcheide Dich auch demgemäß über den Beruf, dem Du Dein Leben zu widmen gedenkſt. Sonſt haſt Du wohl manchmal geäußert, daß Du Neigung zur Landwirth⸗ ſchaft hätteſt und am liebſten dieſen Beruf ergreifen wollteſt. Doch biſt Du nun vielleicht andern Sin⸗ nes, und wähleſt einen Stand, in welchem Du für Deine Fähigkeiten einen größeren Wirkungskreis fin⸗ Georg Volker. 5¹ deſt, der Dir Anſehen und Ehren verheißt und Dir vergönnt, Deinem Vaterlande nützlich zu wer⸗ den.“ „Ich will bleiben, was ich bin!“ rief Georg bewegt.„Denn warum ſollte ich eine Dunkelheit verlaſſen, in der ich ſo glücklich war, um in einer mir fremden Welt einem Glücke nachzujagen, das mir doch nimmer zu Theil werden würde!“ „Es iſt gut,“ antwortete der Pachter nach kurzer Ueberlegung.„Auch triffſt Du damit, daß ich es Dir nicht verhehle, zugleich den Lieblingswunſch Dei⸗ nes Vaters. Aber nicht ein gewöhnlicher Bauers⸗ mann, wie ich und meinesgleichen, ſollſt Du werden; ſondern es iſt, im Falle Du Dich zur Landwirthſchaft entſchließeſt, Deines Vaters ausdrücklicher Wille, daß Du Dich vorher tüchtig und wiſſenſchaftlich dazu ausbildeſt, eine Univerſität beſuchſt und auch die Welt zuvor durch Reiſen kennen lernſt.“ „O ſprich mir nicht von meinem Vater!“ rief der Jüngling, in Thränen ausbrechend, und warf ſich dem Alten ſchluchzend in die Arme.„Was gäb' ich nicht darum, hätt' ich niemals ein Wort von meinem Schickſal erfahren! Denn was frommt mir die Kenntniß davon, da ich doch nicht weiß, wer meine Eltern find, noch welche Urſachen meinen un⸗ 52 Georg Volker. bekannten Vater beſtimmen, mich zu verleugnen und mir einen fremden Namen zu geben!“ Eben wollte der Pachter durch begütigenden Zu⸗ ſpruch ihn tröſten, als ein Geräuſch hinter ihnen ſeine und Georg's Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Ein weißer Jagdhund ſprang durch das Thor in die Schloßruine, und gleich nachher erſchien ein Mann von ſtattlicher Geſtalt, ein angehender Fünfziger, im grünen Jagdkleide, die Flinte über der Schulter, und eine leichte Sommermütze auf dem Haupte. Es war der regierende Graf Leopold, der Vater des uns be⸗ kannten Grafen Alfred, ein äußerſt leutſeliger treff⸗ licher Herr und dem alten Pachter und ſeinem Sohne ganz beſonders gewogen. Er ſchien überraſcht, Va⸗ ter und Sohn an dieſer einſamen Stätte zu finden, drückte Beiden herzlich die Hand, und fragte mit einem forſchenden Blick auf Georg, den die Erſcheinung des Grafen in der Stimmung, worin er ſich befand, dop⸗ pelt überraſchte: „Wie, Georg, Du haſt geweint?“ „Ew. Erlaucht kommen gerade in einer für mei⸗ nen Sohn ſehr wichtigen Lebensſtunde hierher,“ ſagte der Pachter ſichtbar bewegt.„Er hat ſoeben über ſeinen künftigen Beruf einen Entſchluß gefaßt, und Georg Volker. 53 mir ſeinen Wunſch ausgeſprochen, ein Landwirth zu werden.“ „Das iſt ſchön, mein Sohn,“ erwiederte der Graf, den Jüngling noch immer mit forſchend mil— dem Blicke betrachtend.„Ein Landwirth, der ſeinem Beruf mit Eifer und Neigung obliegt, iſt mir der liebſte Bürger im Staate, denn er lebt ebenſo unab⸗ hängig als er nützlich wirkt und ſchafft. Darum freue ich mich doppelt, daß Du Dich für dieſen Stand entſchieden haſt. So bleibt hoffentlich der Grabenhof auch für künftige Zeit in guten Händen, und ich bin ſchon jetzt bereit, den Pachtcontract auch auf Georg's Lebenszeit auszudehnen.“ „Tauſend Dank, gnädigſter Herr, für dieſen neuen Beweis Ihrer Gnade!“ verſetzte der alte Vol⸗ ker.„Aber damit mein Sohn ſich des Vertrauens Eurer hochgräflichen Erlaucht dereinſt recht würdig machen kann, ſoll er zuvor die Landwirthſchaft tüch⸗ tig ſtudiren.“ „Ihr ſeid doch immer ein wackrer verſtändiger Mann, Nachbar Volker,“ ſagte der Graf, ohne ein Auge von Georg zu verwenden.„Wahrlich, das thut unſrer Gegend noth, daß wir einen wiſſenſchaftlich gebildeten Oekonomen erhalten, der einen neuen Geiſt in unſere landwirthſchaftlichen Verhältniſſe bringt. Georg Volker. Aber dazu gehören freilich tüchtige Kenntniſſe, die man nicht hinter'm Pflug erhält; dazu gehört ein gründliches Studium der Staatswiſſenſchaften, der Chemie und Naturkunde überhaupt; denn der Boden, der die Frucht trägt, iſt ein Stück vom Vaterland, und wer ihn recht bebauen will, muß auch wiſſen, was um ihn herumliegt. Des echten Bauern Welt darf nie die Furche allein begränzen. Wenn Ihr dar⸗ um meinem Rath folgen wollt, ſo ſchickt Euren Sohn zuvor auf einige Jahre in ein tüchtiges land⸗ wirthſchaftliches Inſtitut, etwa nach Hofwyl oder Hohenheim. Später beſucht er dann, gut vorbereitet, die Hochſchule und kehrt als ein gediegener, allſeitig gebildeter Oekonom zurück. Nicht ſo, Georg?“ Der Jüngling erholte ſich allmählig von ſeiner Verwirrung und ſtammelte einige Worte des Dankes, worauf der alte Pachter dem Grafen mittheilte, daß er ſchon zuvor denſelben Plan gefaßt und ſei⸗ nen Sohn zuerſt nach dem berühmten landwirth⸗ ſchaftlichen Inſtitut in der Schweiz ſenden wolle, wohin derſelbe ſchon in wenigen Wochen abreiſen werde. „Wie? So ſchnell?“ rief der Graf überraſcht. „Ei, ſo komme ich ja eben noch rechtzeitig zum Ab⸗ ſchied; denn morgen reiſe ich nach Kopenhagen und Georg Volker. 55 werde vor Herbſt ſchwerlich zurück ſein. Aber in der That“— fuhr er ärgerlich fort—„ich habe nichts, gar nichts, was ich Georg zum Andenken ſchenken ſollte!“ Er ſuchte haſtig in den Taſchen. „Selbſt meine Uhr hab' ich vergeſſen— doch halt!“ rief er plötzlich und blickte auf einen goldenen, mit einem einzigen kleinen Diamanten beſetzten Ring an ſeiner Hand—„da hätte ich ſchon ein kleines Andenken für Georg, wenn er es nicht verſchmähen will; und ich ſage ihm, der Ring da iſt mir faſt das Liebſte, was ich ihm bieten kann, ja das Liebſte,“ fügte er mit einem Blick innigſter Rührung auf den kleinen unſcheinbaren Reif hinzu, und ſeine Züge verriethen, wie ſchwer es ihm wurde, ſich von dem⸗ ſelben zu trennen. Dann zog er ihn haſtig vom Finger, ſteckte ihn ſelbſt an Georg's Hand und ſagte bewegt: „Verſchmäh' nicht den kleinen, mir ſo theuren Ring und laß ihn Dir immer ein Zeichen ſein, daß der, welcher ihn Dir ſchenkte, Deiner in Liebe und Freundſchaft gedenkt. Nun, adieu, mein lieber Sohn! Bleibe Deinem guten Genius treu, fahre fort in Deinem redlichen Lebenswandel, und kehrſt Du dann einſt in die Heimath zurück, ſo ſei verſichert, daß 56 Georg Volker. der Mann da“— er deutete auf den Pachter— „Dich nicht allein mit offenen Armen empfangen ſoll. Lebe wohl!“ rief der Graf, drückte den Jüngling mit Innigkeit an ſein Herz, küßte ihn auf die Stirne und verließ dann eilig den Schloßhof. Georg ſtand nach ſeinem Weggang mehrere Minuten ſprachlos da, von dem Eindruck dieſes Ab⸗ ſchiedes faſt noch mehr betäubt als ſchmerzlich bewegt. „Vater! Vater! wer iſt der Graf?“ ſtammelte er endlich und faßte erſchüttert des Alten Arm. Der Pachter ſah ihn auf dieſe Frage, ſo dünkte es wenigſtens Georg, betroffen aber doch feſt an, und erwiederte dann, indem er ehrfurchtsvoll ſein Haupt entblößte, mit gen Himmel gewendetem Blick? „Der edelſte Mann unter Gottes Sonne, Georg!“ Mehr ſagte er nicht, winkte dem Sohne und kehrte mit ihm ohne ein Wort über das Vorgefallene weiter zu ſprechen, auf dem nächſten Wege aus der Ruine auf den Grabenhof zurück. — Es iſt dem tragiſchen Geſchicke eigen, daß es ſich langſam und uns ſelber unbewußt, mit unſter innerſten Seele verwebt und ſich lange zuvor mit unſrem ganzen Fühlen und Denken verkettet, ehe wir ——— Georg Volker. 57 inne werden, daß wir ihm bereits verfallen ſind. Lange blicken wir noch heiter und ſorglos in's blü⸗ hende Daſein, und ſehen nicht die Wetterwolke, die ſich immer ſchwerer, immer nächtiger über unſerm Haupte zuſammenzieht. Da plötzlich ſchlägt die ſchlum⸗ mernde Sphinr in uns groß die Augen auf, aus der eigenen Seele ſieht uns dunkel ſchreckhaft das tragiſche Verhängniß unſres Daſeins entgegen; und wo wir ſeither, wie in einem tiefen klaren Meeres⸗ grund, nur liebliche Wunder ſchauten, tauchen plötz⸗ lich die Larven des Schreckens und der bangen Zweifel empor, wir empfinden, wie das Gefühl der ſeitheri⸗ gen Sicherheit und Unbefangenheit uns verläßt und jene feindliche Macht, die ſich bereits in unſrer Seele angebaut hat, unſer innerſtes Herz umwandelt. Dank der gütigen Vorſehung, die nicht wollte, daß wir unvorbereitet in den Kampf treten ſollten gegen des Lebens feindliche Geſchicke; darum ſtärkte ſie uns und ſtählte ſchon lange zuvor in wachem Schlummer die Kraft der Seele und den Muth des Geiſtes, bevor die dunklen Mächte uns erreichen, und mit den Schat⸗ ten der Trauer, mit der Angſt der Verzweiflung uns heimſuchen. Und ſo erging es auch Georg, wenngleich noch manches Jahr ſeines jungen Lebens friedlich dahin 58 Georg Volker. floß, bevor ſich in ihm das Gefühl ſeines Schickſals zur wirklichen tragiſchen Idee ausbildete. Aber mit“ dem Blicke, den ihn der Pachter in⸗die Dunkelheit ſeiner Abkunft hatte chun laſſen, hatte er auch zu⸗ gleich den erſten Blick in die Racht der Erdengeſchicke geworfen, und zerſtört für immer war ihm damit der Jugend glückliche Täuſchung. Zwar reizte ihn an⸗ fangs das Romantiſche ſeines Schickſals noch mehr, als daß er das Schmerzliche davon tiefer empfunden hätte; denn jenes bot ſeiner lebhaften Phantaſie einen willkommenen Gegenſtand, und mit ſchwärmeriſcher Innigkeit ergriff ſeine Seele jedes Wort, jede noch ſo leiſe Andeutung des Pachters über ſeine Herkunft, ſeine Eltern. Daß die Erſcheinung des Grafen Leopold in dem Augenblick, wo Georg von ſeinem Pflegevater in der Ruine die Nachricht ſeiner vornehmen Ge⸗ burt erhielt, lange Zeit hindurch den erſten Platz in ſeinen Träumen behauptete, verſteht ſich wohl von ſelbſt; denn die Art, das ganze Weſen, womit der Graf von ihm Abſchied genommen, war viel zu auf⸗ fallend geweſen, als daß es nicht noch lange nachher Georg's ganzes Sinnen und Denken hätte in An⸗ ſpruch nehmen ſollen. Ob aber Graf Leopold wirk⸗ lich ſein Vater ſei, oder nur ein mit dem Geheimniß 1 Georg Lolker. 39 ſeiner Herkunft vertrauter Mann, das blieb ihm frei⸗ lich ebenſo ungewiß als alles Andere, was der Pachter ihm in ſo räthſelvoller Weiſe mitgetheilt hatte. Der Wechſel neuer Lebensverhältniſſe, in welche Georg bald nach jener Stdeckung eintrat, der Zauber der prächtigen Schweizernatur, der Umgang mit vielen jungen Leuten ſeines Alters, die ſich aus allen Län⸗ dern in dem berühmten Inſtitut zu Hofwyl zuſammen fanden, alles dies wirkte ſo zerſtreuend und anregend auf ſeinen Geiſt, daß das, was er als dunkles Räthſel ſeines Daſeins in tief verſchwiegener Bruſt mit hierher gebracht hatte, bald unter den neuen Ein⸗ drücken ſeiner Umgebung Vieles von ſeiner erſten ge⸗ heimnißvollen Bedeutung für ihn verlor. Mit Eifer und Wißbegierde lag er ſeinen Berufsſtudien ob, und da jenes treffliche Inſtitut den künftigen Landwirth nicht nur thevretiſch, ſondern auch praktiſch ausbil⸗ det, ſo hätte Georg nach zwei Jahren, mit allen nöthigen Kenntniſſen ausgeſtattet, zu ſeinem Pflege⸗ vater auf den Grabenhof zurückkehren können, wenn es nicht deſſen ausdrücklicher Wille geweſen wäre, daß er zuvor noch für weitere zwei Jahre eine Univerſität bezie⸗ hen ſolle, um ſich hier mit denjenigen Wiſſenſchaften ver— traut zu machen, die noch zu ſeiner vollſtändigen höhe⸗ ren Ausbildung erforderlich waren. Georg wählte die Georg Volker. 5 Univerſität Heidelberg, nachdem er zuvor ni die Schweiz, ſondern auch einen Theil Oberitaliens und des ſüdlichen Frankreichs durchreiſt hatte. Erſt hier, wo er mehr einſam und auf ſeine Studien beſchränkt war, begannen für ihn jene quä⸗ lenden Zweifel und ſorgenvollen Stunden, in denen er ſich mit aller erdenklichen Mühe gegen den böſen Feind zu wehren hatte, der ſich in ſeinem ſonſt ſo geſunden, lebensfriſchen Gemüth langſam und un⸗ merklich feſtgeſetzt hatte. Mag auch der Urſprung ſeiner Hypochondrie zunächſt in körperlichen Zuſtän⸗ den, vornehmlich in einem allzuſchnellen Wachsthum zu ſuchen ſein, und ſich erſt ſpäter ſeinem geiſtigen Leben mitgetheilt haben, ſo war doch die Seele, in welcher dieſer trübe Gaſt einkehrte, ſchon lange genug⸗ ſam darauf vorbereitet, und bot dem Uebel nur eine allzuwunde Stelle. Faſt ein Jahr lang lebte Georg, eine Beute— nagendſten Zweifel, einſam und abgeſchieden dahin und vermied ängſtlich jede Anknüpfung mit andern Menſchen. Er ſtudirte zwax ſehr fleißig, fand aber ſelbſt im Lernen und in der Erweiterung ſeiner Kennt⸗ niſſe nicht den alten Genuß mehr; denn wis alle Freude, ſo war ihm auch die an der Wiſſe verkümmert, und er lernte mehr um des Verge . — . Georg Volker. 61 ſeiner ſelbſt willen, als aus wahrem, innerem Wiſſens⸗ drang. Die Blüthe ſeines Geiſtes ſchien geknickt, und ſichtbar welkte der einſt ſo blühende Jüngling dahin. Da, zu ſeinem Glücke, erſchien ihm in der rech⸗ ten Stunde der Retter in der Perſon des Geheime⸗ raths, ſeines Lehrers in der Geſchichte, deſſen hiſtori⸗ ſche Vorleſungen er eine zeitlang mit Eifer beſucht hatte. Der alte Herr erkannte bald mit ſicherem Blicke den fähigen Kopf in Georg; und als derſelbe ſpäter aus dem Colleg wegblieb, ſo bewog dies den Geheimerath, eines Tages unvermuthet in Georg's Stube einzutreten, um ſich perſönlich nach den Grün⸗ den ſeines Ausbleibens zu erkundigen. Mit der ihm eigenen Humanität und Offenheit, die den weiſen Kenner des Alterthums auszeichnete, wußte er in einem längeren Geſpräche über den akademiſchen Be⸗ ruf, ſo wie über das Verhältniß zwiſchen Lehrer und Lernenden, die innerſten Saiten von Georg's Gemüth anzuſchlagen, de ſich durch dieſe liebevolle herzge⸗ winnende Thei berühmten Gelehrten wun⸗ derbar gehoben und ermchigt fühlte und dem ehr⸗ würdigen freundlichen Greiſe zuletzt beim Abſchied mit Hand und Wort gelobte, das einſame Leben zu verlaſſen und ſich unter der akademiſchen Jugend 62 Georg Volker. nach einem entſprechenden Umgang umzuſehen. Der Geheimerath lud ihn in ſein Haus, Georg fand da⸗ ſelbſt einen eben ſo liebenswürdigen als gebildeten Kreis trefflicher Menſchen, und der ſchöne blaſſe Jüng⸗ ling mit dem ſinnenden melancholiſchen Auge gewann hier bald durch ſein gebildetes Weſen diejenige Theil⸗ nahme und Anerkennung, welche ihm des Geheime⸗ raths Empfehlung ſo glücklich vorbereitet hatte. Nur wenige Studenten theilten mit Georg die Auszeich⸗ nung, in den geſelligen Zirkeln des berühmten Ge⸗ lehrten Eintritt zu erhalten, und unter dieſen befand ſich auch Germanos, des alten Herrn erklärter Lüöb⸗ ling, und trotz mancher tollen Studentenſtreiche auch der wohlgelittene und ſtets willkommene Gaſt des ganzen übrigen Kreiſes. So lernten ſich Georg und Germanos kennen, und ſtifteten bald jenen innigen Freundſchaftsbund den wir noch nach ſo manchem Jahr in ungetrübter Harmonie fortbeſtehen ſehen. Die Verſchiedenheit ihres Charakters und ihrer Perſönlichkeit war eine ſo mung ihrer Herzen bedurfte, um in Beiden das Ge⸗ fühl der für einander geſchaffenen Seelen zur ſchön⸗ ſten Freundſchaſt zu beleben. Wir haben an einem früheren Orte auf dieſes glückliche, daß es eben nur der innigen Uebereinſtim⸗ —— — — Georg Volker. 63 Verhältniß der Freunde hingedeutet; es ſei alſo hier nur noch geſagt, daß Germanos ſich das Verdienſt erwarb, Georg in das fröhliche Burſchenleben einzu⸗ führen und den Freund unter ſeiner vielgeltenden Protection bei den Commilitonen aus dem Rufe des Sonderlings zu bringen. Zwar blieb Georg auch in der Folge ein ſtiller und in ſich gekehrter Menſch, ſein ſchüchternes Weſen verließ ihn niemals ganz, und ſelbſt in der lauten Luſtigkeit des fröhlichen Stu⸗ dentenlebens behielt er ſeine ernſte Ruhe bei; aber dennoch war mit Germanos ein guter Geiſt in ſeinem Jugendleben eingekehrt; und wenn der„Alte ſo nannten ſie den Geheimerath, den wilden und den ſtillen Jüngling, Beide ſo innig vereint beiſammen ſah, klopfte er ihnen wohl freundlich auf die Schul⸗ tern und ſagte:„So iſt's recht; mach's nur immer Einer dem Andern nach und zuletzt kommt für Jeden das Beſte heraus.“ So verſchwanden zwei Jahre, die glücklichſten im Leben der beiden Freunde, da traf plötzlich, wie ein Donnerſchlag aus heiterem Gewölk, bei Georg dies Nachricht von dem Tode ſeines Pflegevaters ein, den der Schlag auf freiem Felde gerührt hatte und deſſen letztes Wort der Name des Sohnes geweſen war. Schleunig reiſte Georg in die Heimath ab; aber bei 64 Georg Volker. ſeiner Ankunft fand er den Alten bereits unter der Erde, und mit deſſen Daſein zugleich die letzte Spur verwiſcht, der er ſo lange, wiewohl immer vergebens, in Bangen und Zweifel nachgegangen war, die Spur nämlich von dem Urſprung ſeines Lebens und all den theuren Beſitzthümern des Herzens, an denen der Menſch hängt, ohne es eigentlich ſelbſt recht zu wiſſen. Mit des Pachters urplötzlichem Tode ſank vollends der dunkle Schleier über Georg's Herkunft nieder; der einzige Menſch, der darum wußte, war nicht mehr und die letzte Hoffnung des Sohnes un⸗ bekannter Eltern endete an dem friſchen S ſeines Pflegevaters. Es lag der Gedanke nahe, daß ſich unter des Pachters hinterlaſſenen Papieren eine Aufzeichnung über Georg's Herkunft und Eltern vorfinden werde. Darum durchſuchte dieſer ſogleich alle Schränke und Schubladen, kein Blätt Papier, kein Brief blieb un⸗ geleſen, und ſelbſt die alte große Bibel, in welche der Pachter wohl manche Notiz, die ihm wichtig war, an den Rand der Blätter niederzuſchreiben pflegte, wurde von Georg Blatt für Blatt durchforſcht, aber nirgends fand er auch nur die leiſeſte Andeutung über ſein Schickſal, und bald wußte er, daß auf dem ganzen Grabenhof, außer dem gerichtlich abgefaßten Georg Volker. 65 Teſtament des Pachters, in welchem ihn dieſer zum Haupterben ſeines Vermögens einſetzte, kein Blatt Papier vorhanden war, auf welchein der Verlebte den Fall ſeines Todes vorgeſehen hatte; denn der erneute Pachtcontract zwiſchen der gräflichen Rentkammer und dem Verſtorbenen, in welchem der Pacht des Grabenhofes nach dem Tode Volker's auf deſſen Sohn übertragen wurde, hatte ein früheres Datum und war ſchon vor anderthalb Jahren in rechtsgül⸗ tiger Form abgeſchloſſen worden. Kurz, Alles, und zumeiſt der Umſtand, daß der Pachter in den letzten Augenblicken ſeines Lebens vergebens verſucht hatte, der Umgebung Etwas zu ſagen und ſeinen Leuten durch Zeichen und Geberden einen letzten Willen kund zu machen, beſtätigte Georg's Vermuthung, daß ſein Pflegevater ſelbſt nicht an den Tod gedacht habe, von dem er ſich ſo plötzlich überraſcht ſah, ohne noch zuvor dem zurückbleibenden Sohne einen Wink über deſſen Abkunft hinterlaſſen zu können. Die Aufnahme, welche Georg nach ſeiner Rück⸗ kehr von der Hochſchule bei ſeinem Gönner, dem Gra⸗ fen Leopold fand, entſprach vollkommen dem Abſchied, den er einſt von demſelben in der Schloßruine ge⸗ nommen hatte. Der Graf empfing ihn äußerſt lieb⸗ nich erwies ſich ihm in Allem als wahrer Freund 66 Georg Volker. und kehrte auch ſpäter manchmal bei ihm auf dem Grabenhof ein, um den jungen Landwirth beim Ein⸗ tritt in ſeinen neuen Beruf mit Rath und That an die Hand zu gehen; denn der Graf war ſelbſt ein tüchtiger Oekonom und ließ ſich die Hebung und Förderung der Landwirthſchaft in allen ihren Indu⸗ ſtriezweigen die angelegentlichſte Sorge ſein. Weniger freundlich geſtaltete ſich das Verhältniß zwiſchen Georg und dem Erbgrafen Alfred. Denn dieſer, von Natur ebenſo mißtrauiſch als egoiſtiſch, erkannte bald, daß die Zuneigung ſeines Vaters zu dem jungen Pachter des Grabenhofes keineswegs ſein Vortheil war; abgeſehen davon, daß der neue Pacht⸗ contract für Georg ungleich günſtigere Bedingungen enthielt als der frühere des Pachters Volker, ſo fürch⸗ tete auch der Erbgraf den Einfluß Georg's auf den regierenden Herrn, deſſen bürgerfreundliche und hu⸗ mane Geſinnung keineswegs mit Alfred's hochfah⸗ rendem und abſtoßendem Weſen harmonirte. Allerdings konnte, dieſer, ſo lange der alte Graf lebte, nichts Feindſeliges gegen Georg unternehmen und mußte ſich damit begnügen, ihn bei jeder Gele⸗ genheit ſeinen geheimen Haß durch ein kaltes und verletzendes Betragen fuͤhlen zu laſſen. Indeſſen kümmerte das Georg wenig und würde ihn kaum Georg Volker. 67 näher berührt haben, wenn nicht eben dieſer auffal⸗ lende Contraſt zwiſchen dem Benehmen des älteren und des jüngeren Grafen gegen ihn auf eine tief⸗ liegende Urſache hätte ſchließen laſſen und in ſeiner Seele dem alten Verdacht, daß Graf Leopold am Ende doch ſein Vater ſein möge, neue Nahrung ge⸗ geben hätte. Hierzu kam noch, daß plötzlich, man wußte nicht woher, das Gerücht auftauchte, Georg ſei der natürliche Sohn des regierenden Herrn; ein Gerücht, welches trotz ſeiner Abenteuerlichkeit vielfach beſprochen wurde. Es kam ſelbſt zu Georg's Ohren, der natürlich auf das Heftigſte erſchrak, da ihm plötzlich als offenkundiges Geheimniß mitgetheilt wurde, was er ſeither kaum als eine leiſe Muth⸗ maßung ſich ſelber zu geſtehen gewagt hatte. Auch Graf Leopold mochte von dieſem Gerücht Kunde erhalten haben; denn obwohl er in nichts ſeine vorige wohlwollende Geſinnung gegen Georg änderte, ſo merkte dieſer doch bald, daß ſein Gönner in ſeinen Gunſtbezeugungen gegen ihn eine Vorſicht beobachtete, die Jenem ſeither fremd geweſen war. Er kam nur noch ſelten, und dann immer wie zu⸗ fällig, auf den Grabenhof, und ließ Georg niemals wieder wie ſonſt wohl häufig geſchehen, zu ſich auf's Schloß rufen. 5* Georg Volker. Daß dies Alles nur dazu beitrug, Letzteren, dem die Abſchiedsſcene in der Schloßruine noch im leben⸗ digſten Andenken ſtand, in ſeinen Muthmaßungen zu beſtärken, bedarf keiner näheren Darlegung. Je mehr ſich der Graf äußerlich von ihm entfernte, um ſo deutlicher erkannte Georg darin eine wohlberechnete Abſicht und beobachtete nun auch ſeinerſeits die ſtrengſte Zurückhaltung. Wir übergehen einen Zeitraum von mehreren Jahren, während deſſen ſich im Leben unſeres Freun⸗ des nichts Weſentliches verändert hat. Georg war allmählig zu den einſamen Gewohnheiten ſeines erſten Jahres in Heidelberg zurückgekehrt, lebte ſtill für ſich und unterhielt keine Verbindung mit ſeinen Nach⸗ baren. Nur ſein eifriger Briefwechſel mit dem Ju⸗ gendfreunde vermittelte ihn noch mit der äußeren Welt; im Allgemeinen genoß er jedoch, trotz ſeines abgeſchiedenen Lebens, den Ruf großer Wohlthätig⸗ keit; und wenn auch ſeine Pforte ſich nicht aufthat, um fröhliche Gäſte und Hausfreunde aufzunehmen, ſo klopfte doch der Rath⸗ und Hülfeſuchende niemals vergebens bei ihm an, und die leidende Menſchheit fand jederzeit an dem jungen Volker einen treuen Freund und Beſchützer. Mit dem Erbe ſeines wackren Pflegevaters war auch deſſen Wohlthätigkeits⸗ Georg Volker. 69 ſinn auf ihn übergegangen, und weil er immer zu helfen bereit war, behielt der Grabenhof auch unter dem Sohne den Ruf des hülfreichen und geſegneten Hauſes. Nur mit dem Hauptmann von Bärenhorſt und den drei alten Fräulein unterhielt Georg einen näheren geſelligen Umgang, und das ſchöne Pflegekind der Letzteren war faſt täglich in ſeinem Hauſe zu ſehen. Die kleine Annli kannte von früh auf nur einen Freund, der ihr nächſt ihrem Bruder Paul der theu⸗ erſte Menſch war, und welcher, als Paul ſpäter in das Militair eintrat, deſſen Stelle vollſtändig in ihrem jungen Herzen einahm. Und dieſer Freund, dieſer Bruder war Georg, an den ſich das ſeltne anmuthige Kind früh mit einer Zuneigung und Innigkeit an⸗ geſchloſſen hatte, daß ſchon der bloße Aufenthalt in ſeinem Hauſe ihr über Alles ging, und kein noch ſo rauhes Wetter ſie abhalten konnte, täglich dort zu erſcheinen und Unterricht zu empfangen. Denn nur von Georg wollte das kleine eigenwillige Mädchen lernen und unter ſeiner Autorität das ungeduldige lebhafte Temperament zu ruhigem Fleiße bequemen. Sie begleitete ihn auf allen ſeinen Spaziergängen, durchwandelte mit ihm Hand in Hand die Wälder und Fluren, und wo ihr der Freund fehlte, fehlte ihr 70 Georg Volker. Alles. Aber auch Georg empfand das Glück ihrer Nähe in dem fröhlicheren Herzſchlag, in dem harm⸗ loſeren Gefühl ſeiner Bruſt, wenn Annli um ihn war, als ſei ſie eben der gute Engel, deſſen kindliches Geplauder ihn über alle Sorgen und Zweifel des Lebens erhob und in wunderbarer Magie ſeine Seele aus dem Banne ſeines Schickſals erlöſte. Und dieſes reizende Verhältniß verlor auch nichts von ſeiner urſprünglichen Unbefangenheit, als Annli allmählig zur holden Jungfrau heranwuchs, wegen ihrer Schönheit das bewunderte Mädchen des ganzen Gebirges. Sie lernte fort bei dem Freunde, was die⸗ ſer ihr vom eigenen Wiſſen bot, war vertraut in ſeiner Bibliothek wie in ſeinem ganzen Hauſe, und ihr höch⸗ ſtes Glück beſtand darin, ihm den Wunſch aus dem Auge, den Gedanken aus der Seele zu leſen. Es war eine Vebe ohne Worte, die einzige helle Au in Georg's ſonſt ſo dunkel umſchattetem Daſein, und wenigſtens an dieſer Seite ſeines Gemüthes war noch kein fremder Mißton erklungen. Endlich ſchlug die Stunde, in welcher der Schleier, den ihm einſt der Pachter Volker ohne Arg ſo grauſam geheimnißvoll gelüftet hatte, ganz von ſeinen Augen ſinken, in welcher allen ſeinen bisherigen Zweifeln ein Ende gemacht werden ſollte, Georg Volker. 71 um ihm zugleich mit der vollen Wahrheit einen neuen Zweifel in die Seele zu pflanzen, der für ihn der Keim zu dem ganzen verhängnißvollen Schickſal ſeiner Zukunft werden ſollte. Ees war im Spätherbſt des Jahres 18. als ſich die erſte Kunde von der ſeit Wochen erfolgten Erkrankung des Grafen Leopold aus dem Schloſſe in dem Lande verbreitete; und zwar lauteten ſchon nach wenigen Tagen die Nachrichten über das Befinden des allgemein verehrten Herrn ſo bedenklich, daß man bald an ſeinem Aufkommen verzweifelte. Dem Vernehmen nach hatte der Graf ſchon längere Zeit zuvor mehrere Wochen das Bett gehütet, war dann wieder auf dem Weg der Beſſerung geweſen, bis plötzlich die Krank⸗ heit mit erneuerter Heftigkeit zurückkehrte und ihn wiederum auf das Krankenlager warf, an welches bald neben dem gräflichen Hofarzt, noch ein anderer berühmter Arzt aus der Ferne gerufen wurde, ein Beweis, daß man auch im Schloſſe den Zuſtand des Grafen für bedenklich hielt. Und ſo war es denn auch wirklich; denn acht Tage ſpäter läuteten allabendlich in allen Dörfern der Grafſchaft die Glocken, was nach einem alten Landesgebrauch geſchieht, ſo oft ein Glied der gräf⸗ lichen Familie ſchwer erkrankt iſt und man für ſein 72 Georg Volker. Leben Gefahr beſorgt; das Geläute aber hat zum Zweck, die Unterthanen zum Gebete aufzufordern, als wenn, was Viele in gemeinſamer Andacht für Einen erflehen, im Rathſchluß des Himmels von höherem Gewicht wäre! Häufig jedoch, und zuletzt beim Tode der Ge⸗ mahlin des Grafen Leopold, einer gebornen Gräfin von T..„ hat dieſes Geläute wenig oder keinen Anklang in den Herzen der Unterthanen gefunden. Denn die verſtorbene Gräfin, Alfred's Mutter, war eine ebenſo ſtolze als intriguante Dame und allge⸗ mein wußte man, daß Graf Leopold niemals glück⸗ lich mit ihr gelebt hatte. Diesmal aber hallten die Trauerglocken in den Herzen aller Landesbewohner wieder; Jedermann auſchte beklommen ihrem Tone, faltete andächtig die Hände und ſprach ſein wärmſtes Gebet für Erhal⸗ des gütigen Herrn. Denn allgemein verſah nan ſich von ſeinem Nachfolger wenig Gutes, da⸗ hingegen Graf Leopold in Wahrheit der Abgott ſei⸗ ner Unterthanen war, die ihn wie ihren Vater liebten und verehrten und jeden Tag ſeiner langen dreißig⸗ jährigen Regierung als einen Tag des Heiles ſeg⸗ neten. Darum war aber auch die Kunde von ſeiner lebensgefährlichen Krankheit ſchnell in jede Hütte ge⸗ Georg Volker. 73 drungen; ſo oft die Glocken läuteten, richteten ſich tauſend weinende Augen gen Himmel und faſt be⸗ ſtändig umſtand eine zahlreiche Volksmenge von nah und fern das Schloß, begierig auf jede neue Nach⸗ richt lauſchend. Bald gaben die Aerzte keine Hoff⸗ nung mehr; der Zuſtand des alten Grafen verſchlim⸗ merte ſich ſtündlich, und die ihn umgaben, waren überzeugt, daß er ſeiner Auflöſung mit raſchen Schrit⸗ ten entgegen gehe. Die Anzeichen des nahen Todes wurden immer drohender, immer mehr wich die Hoff⸗ nung, über das ganze Land verbreitete ſich die Trauer um den Verluſt des guten Herrn,— nur zwei Augen blieben thränenlos, die des Erbgrafen Alfred. Er regierte bereits, als ſein Vater noch zwiſchen Sein und Nichtſein rang, wartete nicht einmal deſſen Ende ab, um die meiſten wohlthätigen Geſetze und Einrichtungen, welche des Grafen Leopold humane Regierung auszeichneten, aufzuheben, und gab dadurch dem Lande, das ſo treu den Verluſt eines guten Re⸗ genten beweinte, einen Vorgeſchmack der nun kom⸗ menden Zeiten. Der alte Graf lebte noch, als ſeine Unterthanen ſich ſchon um die meiſten guten Werke gebracht ſahen, um deretwillen ſie ihn ſegneten, zer⸗ ſtört von der grauſamen Sohneshand!— Georg war begreiflicherweiſe von Allen, welche 7⁴ Georg Volker. für das Leben des Grafen zitterten, der am nächſten davon berührte; und jene Tage der allgemeinen Sorge gehörten wohl zu den traurigſten ſeines Daſeins. Da erſchien eines Morgens der Amtmann Leo, ſchon damals der erklärte Günſtling und Vertraute des Erbgrafen Alfred, auf dem Grabenhof, um ihm anzukündigen, das Graf Leopold ihn ſogleich zu ſprechen wünſche. Er ſetzte hinzu, daß ſich der Graf nach einer ruhigen Nacht heute ungleich wohler befinde, als in den letzten Tagen. Georg fiel eine gewiſſe Un⸗ ruhe und Erregtheit in des Amtmanns Weſen auf; doch beeilte er ſich, dem an ihn ergangenen Rufe Folge zu leiſten und begab ſich auf das Schloß zu ſeinem Gönner. Er mußte länger als eine Stunde im Vorzim⸗ mer warten. Der Erbgraf ging mit einem froſtigen Blick, kaum grüßend an ihm vorüber in's Kranken⸗ zimmer. Endlich erſchien der Amtmann, ergriff ſchwei⸗ 8 gend ſeine Hand und führte ihn in das Cabinet des Grafen. Bei ſeinem Eintritt ſaß der Kranke in einem Lehnſtuhl und Georg erſchrak heftig beim Anblick des noch jüngſt ſo kräftigen Mannes; kaum daß er in dieſen bleichen eingefallenen Zügen das Antlitz des Grafen wiedererkannte, ſo ſehr hatte die Krankheit Georg Volker. 75 und das unſägliche Leid ſie entſtellt und verwandelt; die einſt ſo glänzenden Augen waren erloſchen und lagen tief in ihren Höhlen und eine fahle Todten⸗ bläſſe bedeckte das abgezehrte Antlitz. Hinter dem Lehnſtuhl des Grafen ſtand der proteſtantsſche Geiſtliche des Dorfes, der zugleich die Stelle des gräflichen Hofpredigers bekleidete, in vollem Ornat, eine Bibel in der Hand; der Erbgraf aber lehnte nachläſſig in der Fenſterniſche und ſah, während er mit der ſeidenen Gardinenſchnur ſpielte, zerſtreut durch das Fenſter, ohne auf die ſchweigſam feierliche Gruppe hinter ſich zu achten. Sonſt war Niemand in dem Cabinet außer dem Amtmann anweſend, der ſich, nachdem er Georg eingeführt, in den Hinter⸗ grund des Gemaches zurückzog. Der alte Graf hatte bei Georg's Eintritt einen Verſuch gemacht, ſich aus dem Seſſel zu erheben, ſank aber kraftlos zurück; und beide Arme gegen ihn ausſtreckend, rief er mit tonloſer Stimme, die häufig von einem trockenen Huſten unterbrochen wurde: „Georg, lieber Georg, ſei mir tauſendmal will⸗ fommen! Du ſiehſt's, meine Stunden ſind gezählt— ich fühl' es im Erlöſchen meines Lebens, wie mir der Todesſchauer durch's Gebein rieſelt, darum ließ ich Dich zu mir rufen, um Dich noch einmal zu ——— 76 Georg Volker. ſehen und Dich zu ſegnen mit meinem beſten Segen!“ Schon dieſe wenigen Worte ſchienen den Kranken auf das Heftigſte anzugreifen, er mußte inne halten und die erſchöpfte Natur erholte ſich nur langſam von dem Eindruck, den ihm dieſes Wiederſehen be⸗ reitete. Aber auch Georg war auf das Tiefſte er⸗ ſchüttert von dem Anblick des edlen Mannes, Thränen entſtürzten ſeinen Augen, er ſank vor dem Grafen auf die Knie nieder und küßte deſſen magere Hände, in⸗ dem er ſtammelte: „O nein, gnädiger Herr! Sie werden nicht von uns gehen,— Sie werden wieder geneſen und noch lange leben zum Glück und Segen Ihrer treuen Un⸗ terthanen, deren Freund und Vater Sie ſind!“ Ueber des Grafen Antlitz glitt ein leiſes Lä⸗ cheln der Wehmuth; gerührt legte er ſeine Hände auf Georg's Haupt und ſagte: „Glaub's nicht, lieber Georg; mein Tagewerk iſt bald vollbracht, und was meine Unterthanen mir Gutes zu verdanken haben, wird in Kurzem das letzte Zeugniß ſein von meinem Daſein auf Erden. Doch Gottes Wille geſchehe! Das was mir noch zu thun übrig bleibt und mir meine letzten Stunden verſüßen ſoll, es darf nicht länger mehr aufgeſchoben ſein; und darum, lieber Georg,— er hielt einen Moment — Georg Volker. 77 inne und blickte dem Jüngling mit Innigkeit in die Augen— darum will ich jetzt an Dir die letzte Pflicht meines Erdenlebens erfüllen.“ Erſchöpft lehnte ſich der Greis in den Seſſel zurück, und man ſah es ihm an, daß er Sammlung nöthig hatte, um weiter reden zu können. Dann ſprach er: „Erinnerſt Du Dich noch,“ lieber Georg,„was Dir an jenem Abend in der Schloßruine der wackre Pachter Volker über Deine Herkunft mittheilte, da⸗ mals als ich plötzlich hinzukam und Dir den Ring zum Andenken ſchenkte, der für mich ſo großen Werth hatte? Nun denn, ſo erfahre es jetzt, daß der Pach⸗ ter die volle Wahrheit ſprach, als er Dir verhieß, Du würdeſt einſt Deinen Vater wiederfinden und ihn daran erkennen, daß er Dich nach dem Bildniß Dei⸗ ner unbekannten Mutter fragt. Iſt's nicht ſo?“ „Großer Gott!“ ſtammelte Georg und zog mit zitternder Hand das kleine Miniaturbild hervor, das er ſeit jenem Tage immer bei ſich trug. Graf Leopold griff haſtig darnach, ſeine Züge verklärten ſich zum Lächeln der Seligkeit, bebend drückte er das Bildniß wider ſeine Lippen, die in leiſem Gebete zitterten, und eine ſpäte Thräne glänzte ————— 78 Georg Volker. in ſeinen Wimpern, als er mit erſtickter Stimme vor ſich hinſprach: „Ja, ſie iſt's— es iſt Deine Mutter, Georg, ſie lächelt noch mit dem alten Blick der Liebe mich an, wie in dem kurzen Traum unſter Selig⸗ keit! O Sohn! Mein Sohn! Um dieſes einen lang entbehrten Namens willen komm in die Arme Deines ſterbenden Vaters! Laß mich allen Segen, den ich ſo oft vom Himmel auf Dich herabgefleht, laß ihn mich in dieſem Namen auf Deinem Haupte ſammeln, damit er ſich erfülle als ein reicher, treuer Vaterſegen— ja, Georg, Du biſt mein Sohn, an dieſem Herzen fühl' es, daß Du es biſt, und der würdige Mann hier, der Dir die heilige Taufe gab, er bezeuge es mir auf das Evangelium, daß ich die Wahrheit rede, daß Du mein Sohn biſt!“ Der Prediger legte die Hand wie zum Segen auf Georg's Haupt, der, unvermögend ein Wort zu reden, den Grafen mit beiden Armen feſt umſchlun⸗ gen hatte, und ſprach mit feierlich erhobenem Tone: „Beim allwiſſenden Gott und ſeinem heiligen Worte ſchwöre ich, Sie, Herr Georg Volker, ſind der leibliche Sohn Seiner Erlaucht, unſres gnädigſten Herrn Grafen Leopold, und habe ich Sie, kraft der Weihe meines Prieſterſtandes als Säugling von drei Georg Volker. 79 Wochen durch das Sacrament der heiligen Taufe, wie es unſer Herr und Heiland Jeſus Chriſtus ein⸗ geſetzt hat, mit dem Namen Georg getauft.“ „Vater! Gerechter Gott im Himmel, ich danke Dir, Du haſt mein heißes Gebet erhört, ich habe meinen Vater gefunden!“ rief Georg, und neues,, noch innigeres Umarmen führte den Sohn an des Vaters, den Vater an des Sohnes Herzen zurück. „Gelobt ſei Gott in der Höhe!“ ſagte der Pre⸗ diger mit gefaltenen Händen und ſprach dann laut und feierlich ein andächtiges Gebet, worin er in brünſtigen Worten die Vorſehung anflehte, die Tage des erlauchten Grafen zu verlängern und dem glück⸗ lichen Sohne den Vater zu erhalten, deſſen Alter mit Freude und Wonne zu verklären, dieſer ſo würdig berufen ſei. Als er„Amen“ ſagte, ergriff der Graf mit zitternden Händen des Sohnes Haupt drückte es feſt an ſeine Bruſt, und weinte lange, über ihn gebeugt, leiſe vor ſich nieder. Zuletzt mußte er ſich erſchöpft in die Kiſſen zurücklehnen und es währte längere Zeit, bis er ſich von dem erſchütternden Ein⸗ druck dieſer Stunde erholt hatte. Endlich fühlte er ſich im Stande, weiter zu re⸗ den und ſagte: „Ich beſitze nicht mehr die Kraft, theurer Georg, 80⁰ Georg Volker. Dir die Geſchichte jener leidvollen Liebe zu erzählen, der Du Dein Leben verdankeſt. Aber in dieſen Briefen findeſt Du Aufklärung hierüber; bewahre ſie treu; ſie ſind nächſt dem Ringe, den ich Dir ſchon vor Jahren ſchenkte, das einzige Vermächtniß Deiner Mutter und Du haſt nach mir das nächſte Anrecht an ihren Beſitz. Doch verſtehe mich recht, nach mir; denn ich möchte die kurze Spanne Zeit, die mir Gott noch auf Erden zu weilen vergönnt, meinen ge⸗ liebten Sohn ganz und ungetheilt beſitzen, aber eben darum auch nicht allein vor dieſem Herzen und die⸗ ſen wenigen Zeugen, ſondern auch vor der Welt, der ich ihn ſo lange verbarg. Komm, Alfred, um⸗ arme in Georg Deinen Bruder, er iſt mein Sohn gleich Dir, wenn auch zwei Mütter Euch geboren haben.“ Der Erbgraf blieb auf dieſe liebreiche Aufforde⸗ rung hin unbeweglich in ſeiner ſeitherigen Poſitur, und ſah, als habe er ſeines Vaters Rede ganz über⸗ hört, fortwährend zum Fenſter hinaus. Der Alte wiederholte jedoch ſeine Worte, und Jener mußte ſich zuletzt dazu bequemen, den Vater wenigſtens anzu⸗ hören. Anſtatt aber den Wunſch deſſelben zu erfüllen, ſagte er bloß mit trockener Kälte: „Lieber Papa, Sie wiſſen ja, daß ich mit Allem Georg Volker. 81 einverſtanden bin. Bitte, ſchonen Sie ſich, das viele Reden greift Sie zu ſtark an.“ Ueber des alten Grafen Antlitz glitt ein ſonder⸗ bares Lächeln, er nickte mehrmals nachdenkend mit dem Kopfe und ſein Blick haftete wie zerſtreut am Boden. Dann reichte er Georg die Hand und ſagte mit einem Anflug von Bitterkeit: „Du biſt Manns genug, lieber Georg, und brauchſt nach mir keinen Gönner mehr. Aber ſtill! Dafür muß ich eben erſt noch ſorgen. Wenigſtens ſoll die Welt Dich als meinen Sohn anerkennen, damit Niemand mir nachſage, ich hätte meine väter⸗ liche Liebe zu ungleich vertheilt. Hier, dieſes Papier enthält die Schenkungs⸗Urkunde, wodurch Dir der Grabenhof als erb⸗ und eigenthümliches Beſitzthum verbrieft iſt, für Dich und Deine Nachkommen, ſo daß Du den Hof ſammt allen Liegenſchaften, Gebäu⸗ den und dem ganzen Inventar, wie Du es vorfindeſt, veräußern und damit jederzeit ſchalten und walten kannſt, wie es Dir gefällt. Außerdem iſt es mein innigſter Wunſch, daß Du, ſo weit es die Landesge⸗ ſetze und die unſeres Hauſes geſtatten, auch den Dei⸗ ner Geburt geziemenden Rang in der Welt einneh⸗ men mögeſt. Sprich alſo Deinen Entſchluß offen aus, und der Brief, den ich heute Morgen an den I. 6 82 Georg Volker. Landesherrn ſchrieb, geht ſogleich mit Courier in die Reſidenz ab. Darin bitte ich den Fürſten um Deine Erhebung in den Adelsſtand und weiß zum Voraus, daß der Souverain, der ſich mir immer gnädig er⸗ zeigt hat, mit Freuden meinen letzten Wunſch erfüllen wird. Entſcheide Dich daher, ob ich dieſen Schritt thun ſoll?“ „O mein geliebter Vater, wodurch verdien' ich Ihre große Güte!“ verſetzte Georg, dem fortwährend die hellen Zähren über die Wangen liefen.„Könnt' ich in dieſer Stunde noch ein anderes Glück wollen und begehren, als dasjenige, was ich unmittelbar aus Ihrer Hand empfange? Ja, den Grabenhof, den will ich gern annehmen; ruht ja doch Ihr Segen darauf! Mehr aber begehr' ich nicht; und ein dun⸗ kles Loos erſcheint mir, nun es dieſe Stunde ſo wun⸗ derbar für mich gelichtet hat, reizender und wün⸗ ſchenswerther als alle Ehre und Auszeichnung der Welt.“ Der Graf ſann einen Augenblick nach und ſagte dann: „Wohl, mein Sohn! Du haſt zu entſcheiden und ich billige Deinen Entſchluß; bleibe der ſchlichte treue Georg Volker, der Du ſeither warſt, und die Ahnen, auf welche Du und ich ſtolz ſind, werden Georg Volker. 83 auch ohne Adelsbrief Dich als ihren würdigen Nach⸗ kommen anerkennen.“ Der ganze Auftritt hatte den ohnedies ſehr ent⸗ kräfteten alten Mann der Art angegriffen, daß man ihn zu Bette bringen und ſtärkende Heilmittel zur Wiederbelebung ſeiner erſchöpften Lobensgeiſter anwen⸗ den mußte. Lichte Augenblicke wechſelten mit Be⸗ täubung und Fieberphantaſieen, er klagte über heißen Brand in den Eingeweiden und Georg mußte ihm beſtändig mit kühlendem Trank die trockenen Lippen anfeuchten; dieſer wich nun nicht mehr vom Lager ſeines Vaters und ſichtbar tröſtete und erheiterte ſein Anblick den ſterbenden Greis. So war es Abend geworden; die Aerzte äußer⸗ ten ſich übereinſtimmend dahin, daß dieſe Nacht die letzte des Grafen ſein werde. Alfred hatte ſich ent⸗ fernt und war den ganzen Tag über nicht wieder am Bette des Vaters geſehen worden, an welchem Georg und der alte Kammerdiener allein zurückblieben. Draußen war eine ſtürmiſche Nacht, alle Augenblicke warf der Wind heftige Regenſchauer gegen die Fen⸗ ſter und die alten Linden des Schloßhofes rauſchten geiſterhaft in das Stürmen der empörten Natur. Kurz vor Mitternacht hatte ſich der Kammer— diener entfernt, um ſich nach dem Willen Georg's ei⸗ 6* ————— 84⁴ Georg Volker. nige Erholung zu gönnen, da der treue Alte bereits ſeit vielen Tagen und Nächten nicht von dem Kran⸗ kenbette ſeines Gebieters gewichen war; der Graf ſchlummerte ſanft, kaum daß man ihn athmen hörte. Leiſe trat Georg an das Fenſter und blickte ſchwerbeklommen in die finſtere wildbewegte Nacht hinaus, vergebens am weiten dunklen Himmel nach einem Sterne ſpähend, zu dem er ſeine Gebete um Erhaltung des theuren Lebens hätte hinaufſenden können. Der Gegenſatz zwiſchen der ſtürmiſchen Natur draußen und dem friedlichen Schlummer eines ſterben⸗ den Greiſes, deſſen Seele nur noch halb dem irdiſchen Leben angehörte, machte auf Georg's, durch die Er⸗ eigniſſe dieſes wunderbaren Tages ohnehin ſchon auf⸗ geregtes und erſchüttertes Gemüth einen unheimlichen Eindruck, und umſonſt ſuchte er ſich der dunklen Bilder und Vorahnungen zu erwehren, die ihn beängſtigten. Wohl eine Stunde lang ſtarrte er ſo, in düſtres Hinbrüten verſunken, durch's Fenſter hinaus, und lauſchte den dämoniſchen Stimmen der Sturmesnacht, als ein Geräuſch und ein Seufzer des Grafen ihn an deſſen Lager zurückrief. Der Kranke ſaß auftecht im Bette, ſeine Züge bereits vom Tode überglaſt, und ſah mit ſtarren Augen zu Georg empor. Die⸗ Georg Volker. ſer beugte ſich zu ihm nieder und fragte ihn nach ſeinem Befinden. Der Sterbende taſtete tiefathmend mit den Hän⸗ den auf der Decke umher, wie wenn er nach Etwas greifen wolle. „Mein Vater,“ wiederholte Georg und wollte ihm Arzenei reichen. Da ſah der Greis mit großen ſtarren Augen zu ihm auf, ſank dann in die Kiſſen zurück, indem er die Hand des Sohnes heftig zurückſtieß und lallte mit ſchwerer Zunge: „Hinweg, Verruchter! Dein Vater ſtirbt durch Deine Hand— Gott vergebe Dir die Miſſethat, und Du, Jeſu, mein Heiland— erlöſe mich! Fort! Fort! Alfred! Ich ſehe Dich nicht, aber ich rieche das Gift, das Du mir reichen willſt, es betäubt mich, wie damals der Wein— weh! weh!“ Noch einmal wollte er die Arme zur Abwehr gegen Georg ausſtrecken, aber kraftlos ſanken ſie nie⸗ der, ſeine Züge verzerrten ſich im furchtbaren Todes⸗ krampf, er röchelte mit halbgebrochenen Augen, wäh⸗ rend er das Geſicht bald nach der einen, bald nach der andern Seite kehrte; Georg, der ſah, daß der lette Moment da ſei; wollte ihm mit einem Tuche die feuchte Stirn abtrocknen; aber krampfhaft faßte 86 Georg Volker. der Sterbende ſeine Hand, einen Moment heftete ſich ſein Blick noch einmal ſtarr und groß auf dieſelbe— „Alfred!“ lallte er und ſank in das Kiſſen zurück. Mit gebrochenem Auge, gebrochenem Herzen lag er da, noch einmal glaubte Georg den Namen Al⸗ fred zu hören, und in einem tiefen langen Seufzer athmete Graf Leopold ſeine Seele aus. * So war denn endlich Licht in Georg's Leben gekommen, volles helles Licht, aber ſchrecklicher für ihn und unerträglicher als die Nacht, in der er ſo lange irrend gewandelt. Aus dem brechenden Blick des ſterbenden Vaters empfing er den erſten Strahl einer Ahnung, die ſeinem Geiſte Zerſtörung drohte und ihn ſicherer als zuvor, einem Geſchick überlieferte, gegen das es für ihn kein Entrinnen mehr gab, er hätte denn in ewige Vergeſſenheit verſenken können dieſe eine Erinnerung an den ſterbenden Vater, er hätte die Geiſter des Argwohns in ſeiner Bruſt be⸗ ſchwören müſſen, die jene Erinnerung Tag und Nacht, im Wachen wie im Traume, kurz zu jeder Stunde ſeines Lebens in ihm aufweckten. Mit den letzten Worten des Grafen war ein Stachel in ſeine Bruſt geſenkt worden, deſſen giftige Spitze ſich immer tiefer Georg Volker. 87 wühlte, für deſſen Schmerz es nur im beſtändigen Bluten eine Linderung, nimmer aber ein Geneſen gab. Die näheren Umſtände von ſeines Vaters Krankheit, des edlen Mannes wochenlanges Hinſter⸗ ben unter unſäglichen Qualen, zumeiſt aber Alfred's Benehmen nach dem Tode ſeines Vaters, waren wenigſtens Commentare genug zu den letzten dunklen Worten des Grafen, wenn dieſe anders nicht der Jod in ſchwarzen Phantaſieen Jenem von den Lippen gehaucht, und ſo in furchtbarer Ironie den Ueberle⸗ benden um des Geſtorbenen willen einem unheimlich düſtren Wahne geopfert hatte. Es iſt ja des Schickſals tiefſtes Räthſel in der Menſchenbruſt, daß es gerade die zärteſten und ge⸗ heimſten Fühlfäden unſrer Seele ſind, an die jenes ſein bleiernes Gewicht hängt; daß es oft gerade die reinſten und innigſten Gefühle ſind, die dem ſchwär⸗ zeſten Gedanken am ſicherſten nachgehen und ſich hartnäckig an ihn feſtklammern, wie die reine Flamme um den ſchwarzen Docht. So war es in Georg's Seele die langentbehrte Kindesliebe, die jenen dunklen Argwohn immer ſtär⸗ ker in ihm hervorrief, daß ſein Vater keines natür⸗ lichen Todes geſtorben, daß die letzten Worte deſſelben der Wehlaut einer Seele geweſen ſeien, welche ſie 88 Georg Volker. im Verſchwinden von dieſer Erde verfluchten Regio⸗ nen ihm zugerufen, damit wenigſtens ein Herz vor die⸗ ſem grauſen Verbrechen zuſammenſchaudre, eine Hand zurückbleibe, den edlen Todten zu rächen und vor der Welt Zeugniß von der Miſſethat an ſeinem grauen Haupte abzulegen. Alle dieſe Umſtände machen es erklärlich, daß das Verhältniß zwiſchen Georg und dem Grafen Alfred noch mehr, als ſeither der Fall geweſen, ein geſpanntes wurde; und kaum hatte ſich die Gruft über dem Vater geſchloſſen, ſo ſchienen Beide überein gekommen zu ſein, ſich einander ſo viel als möglich zu meiden und über alles Vorgefallene das tiefſte Stillſchweigen zu beobachten. Georg trat ohne wei⸗ teren gerichtlichen Act, laut der Schenkungsurkunde des Grafen Leopold, den Beſitz des Grabenhofs an, und Niemand, am wenigſten Graf Alfred, erhob dagegen eine Einſprache. Erſt mehrere Jahre nachher geſtaltete ſich zwiſchen Letzterem und dem Halbbruder ein nachbarliches Ver⸗ hältniß, und zwar war es der Graf ſelbſt, welcher ſich Georg zuerſt näherte. Ob ſchon damals der Plan in ihm reif war, den Sohn ſeines Vaters um das ſchöne und reiche Gut zu bringen, indem er ſich in den Beſitz der alleinigen rechtsgültigen Urkunde ſetzte, — Georg Volker. 89 müſſen wir dahin geſtellt ſein laſſen. Nur ſoviel iſt gewiß, daß der Graf und ſeine Gemahlin ſich außer⸗ ordentlich freundlich und huldvoll gegen Georg be⸗ zeigten, dieſer aber darum nicht einen Augenblick von ſeinem dunklen Argwohn abließ und vielmehr in der Erinnerung an die letzte Lebensſtunde ſeines Vaters eine Warnung erblickte, dieſer Freundlichkeit nicht weitet zu trauen, als ſein Auge reichte. ** Es war ſchon ſpät in der Nacht, als Georg ſeine Erzählung beendigt hatte. Germanos, der, man kann ſich denken, mit wie viel großer Theil⸗ nahme und Aufmerkſamkeit der ſchickſalsvollen Jugend⸗ geſchichte des Freundes gefolgt war, erhob ſich, als Georg verſtummte, haſtig vom Sitz, trat ſchweigend an das Fenſter, das er öffnete, um eine Zeitlang hinaus zu ſchauen, worauf er zu Jenem, der ge⸗ dankenvoll das Haupt auf die Hand geſtützt, am Tiſche ſaß, zurückkehrte und gerührt ſagte: „Ja, Georg, das iſt allerdings eine ſchauerliche Geſchichte, von Anfang bis zu Ende ſo ſchauerlich, daß ich mir einen Moment den geſtirnten Himmel mit ſeinen Millionen ſtrahlender Welten betrachten 9⁰ Georg Volker. mußte, um nicht an der ewigen Gerechtigkeit zu verzweifeln. Aber Du biſt, wenn ich nicht irre, mit Deiner Erzählung noch nicht zu Ende und begreifſt, wie ſehr mich jetzt verlangt, auch eine Kunde von Deiner unbekannten Mutter zu erhalten.“ Georg ſah bei dieſer Aufforderung ſchmerzlich lächelnd zu ihm empor, ſchüttelte trübe das Haupt und verſetzte: „Darnach forſcheſt Du umſonſt, lieber Germa⸗ nos, wie ich einſt umſonſt in dem hinterlaſſenen Briefwechſel zwiſchen ihr und meinem Vater nach ihrem Namen, ihrer Abkunft, ſo wie nach dem gan⸗ zen Verhältniß meiner Mutter zu dem Grafen Leo⸗ pold geforſcht habe. Alles was ich aus jenen Briefen erfuhr, deutet auf eine ſeltne Kette der un⸗ glückſeligſten Geſchicke, und aus einzelnen Andeu⸗ tungen kann ich nur ſö viel entnehmen, daß meine Mutter meinen Vater liebte, als er bereits vermählt und unglücklich genug vermählt war; daß aber auch ſie eines Andern Weib war, und zwar, wie mir aus Allem hervorgeht, eines Mannes von hohem Rang, wenn nicht gar, fügte er lächelnd hinzu, von fürſt⸗ licher Stellung. Doch das Alles hat keine Bedeu⸗ tung mehr für mich; Du ſollſt jene Correſpondenz leſen, und wenn Du dann auch Shakeſpeare's Romeo Georg Volker. 9¹ und Julie noch den Ruhm der herrlichſten Liebes⸗ dichtungen zugeſtehen willſt, ſo wirſt Du doch nach jenen Briefen zugeben müſſen, daß hier in Wirklich⸗ keit zwei Menſchen ſich geliebt haben, wie nur immer ein Dichter in der glühendſten und tiefſten Poeſie ſie ſchildern könnte. Ja, ja, es war eine ſeltene Liebe!“ fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu;„und doch kein Segen darin, wie Dir,“ er deutete auf ſich, „Figura zeigt.— O Germanos! Was ſagſt Du nun von Deinem Volker? Willſt Du ihn nun noch klein⸗ müthig und unentſchloſſen ſchelten, ihn, den oft in der Einſamkeit das Rauſchen eines Blattes erſchreckt; denn es mahnt ihn wie ein Geiſterlaut an den Tod des Vaters, den er nicht rächen kann, an jenes furchtbare Wort des ſterbenden Greiſes vom vergifteten Wein— ſprich um Gotteswillen, o ſprich, Germanos, nun Du die Qual meines Herzens kenneſt, was hälſt Du von Alledem? Iſt's nicht mehr als ſchrecklich, die Kenntniß einer ſolchen Miſſethat mit ſich herum zu ſchleppen, die Einem beſtändig wie ein fremder Todesſchatten auf Schritt und Tritt nachſchleicht, aus allen Stimmen und Tönen der Natur den Wehruf des unſchuldig Gemordeten entgegen ſchreit— ſage mir, iſt's nicht mehr als ſchrecklich, iſts überhaupt menſchlich zu ertragen?“ Georg Volker. „Du meinſt den Grafen Alfred?“ fragte Ger⸗ manos betroffen und fixirte Georg ſchärfer. „Ihn— ihn, dem der letzte Fluch meines ſter⸗ benden Vaters galt!“ rief Dieſer. „Ja, wenn es wäre, ſtotterte Jener verlegen; „wenn die Worte Deines Vaters Wahrheit wären— aber wer bürgt Dir dafür, daß ſie es ſind— daß nicht er oder Du ſich getäuſcht— ein gräßlicher Irrthum— ich bitte Dich, Freund, wozu dieſe Selbſtqual— dieſer unſelige zerſtörende Argwohn? Iſt's nicht genug, daß Dir Dein Vater an dem Tage ſtarb, an dem Du ihn fandeſt? Willſt Du auch noch ſeinen friedlichen Geiſt als blutiges Geſpenſt, Dir ſelber zur Angſt und Verzweiflung, beſtändig von Neuem aus dem Grabe heraufbeſchwören? Willſt Du Dir das ganze Leben zur Hölle machen, weil ein ſterbender Greis, von den Schauern des Todes angeweht, Worte lallte, die Du vielleicht ſelber in Deiner Erſchütterung noch außerdem falſch verſtanden haſt? Sagteſt Du nicht, daß zwei ſehr geſchickte Mediciner, darunter ein berühmter Arzt, Deinen Vater in ſeiner Krankheit behandelten? Sagteſt Du nicht, daß Dich derſelbe in ſeinen letzten Augenblicen 3 für Alfred hielt, und Deine Hand für die Desjenigen, 5 auf den Du ſo furchtbaren Argwohn wälzeſt? Ein Georg Volker. 93 Irrthum war alſo jedenfalls von ſeiner Seite vor⸗ handen, und wo hört dieſer Irrthum auf? Etwa da, wo er Dich für Alfred, oder da, wo er dieſen für ſeinen Mörder hielt? Nein, nimmermehr! Ich halte den Grafen zu allem Schlechten und Feigen für fähig;— aber zu einer ſolchen That gehört mehr als Feigheit und mehr als Schlechtigkeit— dazu gehört vor Allem eine äußere Veranlaſſung, ein Motiv des Eigennutzes— und das eben fehlt, fehlt überall, ſoweit ich die Verhältniſſe zu durchſchauen vermag. Denn was konnte Alfred zu einer ſo unerhörten Miſſethat bewegen? Welchen Ge⸗ winn hätte ihm dieſer Höllenſtreich eintragen ſollen? Dein Vater war alt, er ſtarb im Nothfall auch ohne vergifteten Wein in wenig Jahren.“ „Aber— aber, vergiß nur nicht das eine Aber, das ich immer dann noch lebte, im Beſitz des mir zugedachten Grabenhofs,“ erwiederte Volker gedehnt und ohne eine Miene zu vetziehen.„Du ſelbſt haſt es erfahren, wie der Graf und Amtmann Leo mit Diebeshand nach meinem Gute griffen; warum ſoll⸗ ten ſie, was ſie neuerdings verſuchten, nicht früher ſchon auf anderm Wege angeſtrebt haben? O glaub's mir, Freund!“ rief er mit bebender Stimme;„in dem Augenblick, wo ich wußte, daß mir der Graf meine 9⁴ Georg Volker. uUurkunde ſtehlen wollte, hatt' ich ein Gefühl, als zer⸗ riſſe vor meinen Blicken eine höllenſchwarze Nacht, ich ſah wieder meinen Vater auf ſeinem Sterbela⸗ ger, ganz ſo wie damals, nur daß er jetzt nicht mehr dem Grafen Alfred,— ſondern mir, mir fluchte, der ich die unſchuldige Urſache ſeines Todes war, um deſſentwillen er langſan und elendiglich dahin⸗ ſterben mußte! Ha, Germanos, widerlege mir den einen Fall, daß man meines Vaters Tod brauchte, um mich um den Grabenhof zu bringen, bevor ich dieſen noch beſaß, und ich reiche Jenen verſöhnt die Hand und nenne Dich meinen Pylades, der ſeinen Oreſt von den Schrecken der Eumeniden erlöſte.“ „Wie? Du meinſt alſo—?“ rief Germanos. „Ich meine nur, wenn wir ein Motiv des Eigen⸗ nutzes brauchten, ſo liege daſſelbe nahe genug,“ ver⸗ ſetzte Georg mit dem Lächeln einer ſo ſichren Ueber⸗ zeugung, daß es dem Freund beſſer als alles Andre ſagte, wie dieſer Argwohn weder mit Gründen der Vernunft, noch mit ſolchen der Wahrſcheinlichkeit be⸗ ſiegt werden könne. Germanos ward inne, das die⸗ ſer finſtre Gedanke ſich bereits in Georg's ſonſt ſo harmloſer Seele dergeſtalt feſtgeſetzt und zur ſiren Idee bei ihm geworden ſei, daß ein Beharren auf Widerſpruch eher bedenklich als nützlich erſchien; Georg Volker. 9⁵ weshalb er denn auch für jetzt nicht weiter in Georg drang, ſich dieſer ſchwarzen Vorſtellung zu entſchlagen. Aber mit deſto größerem Eifer ergriff er dafür den glücklichen Moment, den ihm eben dieſer Arg⸗ wohn des Freundes gegen den Grafen bot, um das vorige Geſpräch wieder anzuknüpfen, welches die Erzählung von Georg's Jugendgeſchichte unterbrochen hatte. Lebhaft rief er aus:„Sei's, wie es ſei! Und iſt der Graf wirklich Derjenige, wofür Du ihn hältſt, ſo ſehe ich darin nur eine heilige Mahnung mehr an Dich, dem unfruchtbaren Grame und dem muthloſen Zweifel zu entſagen und Dich zu thatkräftigem Han⸗ deln zu ermannen. Denn gilt noch der alte Satz, daß das Schickſal den Menſchen zu dem mache, wo⸗ zu ihn die Vorſehung beſtimmt hat, ſo wirſt Du jetzt den Entſchluß faſſen, den ich von Dir erwarte. Alles was Du mir von Deiner Vergangenheit er⸗ zählt haſt, und der Tod Deines edlen Vaters zu⸗ meiſt, ſollte es nicht im Stande ſein, Dich zu über⸗ zeugen, daß Du im vollen moraliſchen Recht biſt, wenn Du jener Geſellſchaft offen den Krieg erklärſt, die ſo ſchmählich, ſo über alles Beiſpiel fluchwürdig an Dir gehandelt hat!— Da ſiehſt Du nun, wel⸗ chen Feind es in Deutſchland zu vernichten gilt, unter welchen Zuſtänden der diſtinguirten Niederträchtigkeit 96 Georg Volker. und der privilegirten Corruption unſer armes Vater⸗ land ſchmachtet! Du ſelbſt, Du ſelbſt, Volker, biſt ja eins der unglücklichſten Opfer dieſer Ariſtokratie, die, und wären unſte Fürſten auch Engel ſtatt Men⸗ ſchen, mit ihrem Peſthauch alles freie, kräftige und edle Volksleben vergiftet; welche verlotterte und ver⸗ ſchlotterte Gemeinheit in dieſem ſogenannten privile⸗ girten Stande herrſcht! Glückſelig Der, der von ſol⸗ cher Geſellſchaft als ein Baſtard verachtet wird und als unebenbürtig nicht mitzählen darf in der ſtolzen Ahnenreihe! O könnt' ich Deine Geſchichte, Volker, mit Flammenſchrift in jedes deutſche Herz ſchreiben! Denn das, was Du als Einzelner erlitten, es wäre nur die große alte Leidensgeſchichte des geſammten deutſchen Volkes, in ein einfaches deutſches Menſchen⸗ leben überſetzt! Und Du— Du fragſt noch, was uns zur Revolution berechtige? O Du grundehrlicher Deutſcher! Das Recht der Revolution liegt in un⸗ ſrer Fauſt und in der Schlechtigkeit unſrer Unter⸗ drücker! Geh' hin, poche an die Gruft Deines Vaters und frage ihn! Oder wecke den Grafen Alfred aus ſeinem Schlafe und frage ihn! Oder frage den Amt⸗ man Leo! Oder frage die arme Wittwe des erſchoſſe⸗ nen Wilddiebs mit ihren verwaiſten Würmlein! Nur den eignen Zweifel in Deiner Bruſt frage nicht! ſonſt Georg Volker. 97 wirſt Du vor lauter moraliſchem Hypochonder und Rechtsgefühl niemals zum Rechte gelangen und am Ende gar die Polizei zu Hülfe rufen, daß ſie Dich vor Deinen eignen Gewiſſensbiſſen ſchütze! Doch nein, ich darf nicht bitter werden, weder in Scherz noch in Ernſt. Du biſt ja der arme Oreſt, und ich, Dein Pylades, ſoll Dich retten vor den Unholdinnen mit den Schlangenhaaren! Wohlan, auch Dein Delphi⸗ ſcher Spruch lautet: Hole das Bild der hehren Göttin aus der Gewalt der Barbaren! Verſtehſt Du das, mein Oreſt, und zauderſt noch? Sieh, das Götterbild der Freiheit im heiligen Haine, ſchauer⸗ umweht und blutbeſpritzt von den Menſchenopfern, die ihm Barbarei und Rohheit ſchlachtet; ſich Iphigenien, die liebliche, jetzt die trauernde Germa⸗ nia, der Göttin Prieſterin in Weh und Kummer; ich Dein Freund, Dein Pylades, der einzige, der Dir treu blieb und Dir folgen will in Tod und Gefahr, und Du, Du der unglückſelige Oreſt, dem ich umſonſt zurufe: Räche Deinen Vater— räche Dein Vater⸗ land und Du befreieſt Dich ſelber—!“ „Halt ein! Halt ein!“ rief Volker, mächtig er⸗ ſchüttert.„Dränge mich nicht, reiß' mich nicht in der Leidenſchaft auf Deine Bahn hinüber, vielleicht find' ich ſie ruhiger und ſichrer auf meinem Wege. H. 7 98 Georg Volker. Für jetzt aber gute Nacht! Ich wäre ja nicht der erſte Deutſche, dem unter der Federdecke, bei erhöhter Transpiration, ein geſcheidter Einfall käme!“ Und mit Innigkeit den Freund umarmend, nahm er ſchnell eins der Lichter und eilte, ſeiner Gefühle nicht mehr Meiſter, mit dem wiederholten Rufe: „Gute Nacht! Gute Nacht!“ aus dem Zimmer. Piertes Capitel. „O Sonnenſchein, o Sonnenſchein, Wie leucht'ſt Du mir ins Herz hinein!“ ſang Annli leiſe vor ſich hin, als ſie am erſten heitern Frühlingsmorgen, auf einem Gang nach dem Walde begriffen, den Weg nach der Marienlinde wandelte, nach jener Anhöhe, deren reizende Fern⸗ ſicht uns ſchon aus früheren Schilderungen bekannt geworden iſt. Es war das erſte Mal in dieſem Jahre, daß ſie hierher kain, um den Wald zu be⸗ ſuchen, in deſſen tiefkühlen Gründen im einſamen Förſterhaus ſie geboren, deſſen Rauſchen ihr Wiegen⸗ lied, deſſen ſtillheilige Romantik der erſte Eindruck Georg Volker. 99 ihrer Kindheit geweſen war, und den ſie darum faſt mit demſelben Naturtrieb liebte, wie ihn das ſchöne Reh und die wilde Blautaube lieben. Ja, im Walde, und im allertiefſten Walde zumal, da war Annli's eigentliche Heimath; dort lebte ſie wieder auf, dort ver⸗ gaß ſie alles Trübe und Schmerzliche ihres jungen Da⸗ ſeins; dort vergaß ſie ſelbſt der Menſchen, aller, bis auf Einen; dort war ſie glücklich, weil ſie allein und einſam war; allein, in dieſem Worte ruhte für ſie der ganze, von früheſter Kindheit an ſo unwiderſtehliche Reiz der Waldnatur; allein mit ihrem Herzen, mit ihren Träumen und Erinnerunges, allein mit dem, was überhaupt den ganzen Inhalt ihres innern Le⸗ bens ausmachte. So lange es keinen Wald und keine freie Gottesnatur für ſie gab, ſo lange der rauhe Winter ſie unter die Menſchen verbannte, ſo lange gab es auch für Annli kein eigentliches Leben und ſie trauerte um ihren Wald, wie um ein ver⸗ lorenes Daſein. Kaum aber lockte die Sonne das erſte Grün aus der Knospe, kaum färbte der Lenz die Wälder mit dem erſten ſanften Schein der grünen Waldesluſt, ſo ergriff es auch Annli's Herz mit der alten Gewalt, in ihrem Weſen ging eine wunderbare Verwandlung vor, das ſtille Kind ward mit einem Male von einer unruhvollen Lebendigkeit ergriffen 7 100 Georg Volker. und nirgends wollte mehr ihres Bleibens ſein. Alles, was ſie den langen kalten Winter hindurch in Schwei⸗ gen ertragen hatte, ward ihr plötzlich zur Qual; eine fieberhafte Aufregung wechſelte oft ohne alle äußere Veranlaſſung mit der tiefſten Melancholie; am Tage ging ſie unſtät und träumeriſch im Hauſe umher und klagte über Schwindel und banges Herzklopfen; Nachts ſchlief ſie dann entweder ſehr unruhig, oder blieb oft ganz wach bis zum Morgen, wo man ſie auf einem Stuhl am Fenſter ſitzend, in ihren leidern ſchlafend fand und Mühe hatte, ſie aufzu⸗ wecken. Dieſer krankhaft erregte Zuſtand dauerte ſchon ſeit der Zeit, daß ſie den Wald verlaſſen und nach dem Tode ihres Vaters mit ihrem Bruder Paul von dem Hauptmann von Bärenhorſt an Kin⸗ desſtatt angenommen worden war. Bei aller äußern Geſundheit übte die Frühlingsnähe und die Sehn⸗ ſucht nach dem Walde, auf ihren zarten Nervenorga⸗ nismus jedes Mal denſelben ſtörenden Einfluß aus, und dieſe Erſcheinung nahm mit den Jahren eher zu als ab. Es war eben ein Doppelleben in der jungen Seele, und bis das eine überwunden, das andere zum vollen Gefühl der befriedigten Sehnſucht gelangt war, währte dieſer Zuſtand, in welchem das ſonſt ſichre ruhevolle Weſen all jenen wechſelnden Eindrücken Georg Volker. 101 einer ihm feindlichen Außenwelt erlag, wie wir ſie eben geſchildert haben. Sie ſelbſt verglich ſich dann der Birke, die ja auch um dieſe Zeit weine, bis der Frühling ihre Thränen trockne und ſie wieder mit jungem Laub umgrüne. In dieſem Jahre aber war es noch eine andere Sehnſucht geweſen, die des Mädchens Gemüth er⸗ füllte und ihr die letzten Tage und Wochen, in denen die erwachende Natur mit dem rauhen Winter um ihr ſonniges Daſein rang, zur wahren Qual machte; ſo daß ſie kaum in ihrer ſtürmiſchen Leidenſchaft den Tag erwarten konnte, wo ſie zum erſten Mal an den Frühling in ihrer Seele glauben, und diesmal— den Gedanken hatte ſie ſchon den ganzen Winter über mit ſich herumgetragen— an der Marienlinde vielberühmter und altbewährter Wunderkraft ihr Glück verſuchen wollte. Der Baum nämlich, nach welchem ſie am heu⸗ tigen Morgen, bevot ſie den friſch duftenden Wald betrat, ihre Schritte lenkte, war von Alters her den Mädchen des Gebirges ein ſtiller Prophet, der ihnen treulich auf Befragen über ihres Her⸗ zens geheimſte Wünſche und deren Erfüllung oder Nichterfüllung Auskunft gab; vorausgeſetzt, daß die⸗ ſes Herz rein und ſeine geheime Sehnſucht ſonſt 102 Georg Volker. Niemandem bekannt war, als eben dem Herzen und dem Baume. Das Mittel, der alten Linde Orakel zu erhalten, war ebenſo einfach als ſinnig, und be⸗ ſtand darin, daß die Jungfrau, die in ihrem Herzen eine ſtille Neigung zu einem Manne hegte, unter ge⸗ wiſſen Ceremonien, einen Zweig von dem Baume abſchnitt, und ihn an irgend einer verborgenen Stelle des Waldes in die Erde ſteckte. Dabei mußte die Liebende dem treuverſchwiegenen Baum den Namen des Geliebten anvertrauen, und das Lindenreis, bevor ſie es in die Erde ſteckte, mit einem Tropfen ihres eigenen Blutes netzen, ohne welche Vorſicht des Bau⸗ mes Antwort, ſie mochte nun günſtig oder ungün⸗ ſtig ausfallen, keine Bedeutung hatte. Die glückliche Verheißung aber beſtand darin, daß der Zweig grünte und Wurzel ſchlug; die unglückliche hingegen, daß er verwelkte und abſtarb; in dieſem Falle konnte das Mädchen getroſt jede Hoffnung auf Gegenliebe auf⸗ geben und ſich mit ihrem verſchmähten Herzen nach einem andern Manne umſehen; denn Derjenige, den ihr die Marienlinde verſagte, ward nimmer der Ihre. Der Glaube an dieſe Weiſſagung war vielleicht ebenſo alt als der wunderthätige Baum ſelber; und die vie⸗ len Linden, die man aller Orten im Gebirge grünen ſieht, bald im Walde, bald auf freiem Felde, auf Georg Volker. 103 Kirchhöfen und in den Dorfgärten, alle waren einſt ein Zweiglein an der Marienlinde geweſen und keins von denen, die da lebendig aufgrünten und fröhlich emporwuchſen, hatte das gläubige, ihm vertrauende Herz um ſein Hoffen betrogen. Auch Annli wollte in dieſem Jahre den Baum der Verheißung befragen und einen Tropfen ihres jungen Blutes an die Kenntniß eines Glückes ſetzen, für das ſie mit Freuden ihren letzten Blutstropfen hingegeben hätte. Aber faſt fehlte ihr, nun es die Ausführung galt, der Muth dazu; und ſchon hielt ſie das kleine Meſſer in der Hand und wagte doch nicht, ein Reis von dem verhängnißvollen Baum ab⸗ zuſchneiden. Ob's grünt, ob's welkt? Ueber dieſem beängſtigenden Zweifel wählte ſie unter den vielen niederhangenden Zweigen ſo lange, daß ſie zuletzt vor lauter Fürchten und Hoffen zu keinem Rathe kommen konnte und beinahe im Begriffe war, ganz von dem verwegnen Plane abzuſtehen, der ſie doch den langen Winter hindurch ſo angelegentlich beſchäf⸗ tigt hatte. „Ach, könnt' ich den Baum mit allen ſeinen Zweigen in die Erde ſenken, Reis an Reis, und all mein Blut daran geben!“ ſeufzte ſie beklommen und von einem kalten Grauen beſchlichen, daß ihr Zweig 10⁴ Georg Volker.* von ſo vielen glücklichen nicht grünen möge. Un⸗ entſchloſſen umwandelte ſie mehrmals den Stamm, immer forſchend und prüfend in die Höhe blickend, begierig und doch zaghaft wie ein Kind, das nicht weiß, nach welchem ſüßen Stück am reichen Weih⸗ nachtsbaum es zuerſt greifen ſoll. Plötzlich blieb ſie ſtehen, ſchaute rückwärts das Thal hinunter, dort wo der Grabenhof am Waldesſaume lag und ihr mit ſeinen rothen Dächern und hellen weißen Giebeln wie die glückliche Verheißung ſelbſt Troſt zuwinkte. Dieſer Anblick gab ihr den Muth zurück und mit dieſem hatte ſie auch das rechte Zweiglein gefunden. Schlank und gerade ſaß es am alten Stamm und zwar dicht neben der Stelle, wo vor vielen Jahren ein Blitzſtrahl an der Marienlinde heruntergefahren war, wie man noch deutlich an der rauhgeſpaltenen Rinde und den Brandſpuren ſehen konnte; dort wuchs der Zweig, den ſich Annli, nun ſie wieder Muth be⸗ kommen und die abergläubiſche Furcht der abergläu⸗ biſchen Hoffnung gewichen war, auserwählt hatte. Schnell ſetzte ſie den Fuß auf einen hervortretenden Wurzelknorren, ergriff mit der linken Hand den un⸗ terſten Aſt, ſchwang ſich behende hinan, legte die Lippen feſt wider die rauhe Baumrinde, flüſterte leiſe: „Georg! Georg! Georg!“— und abgeſchnitten war * Georg Volker. 105 das Reis, das ihrer Liebe grünen ſollte! Zitternd, hochathmend hielt ſie's in der Hand und betrachtete es mit einem gemiſchten Gefühl von Grauen und Freude, als ſie plötzlich einen Blutstropfen an dem Zweig bemerkte und jetzt erſt ſah, daß ſie ſich beim Schneiden leicht den Finger verwundet hatte. Er⸗ bleichend warf ſie den Zweig zur Erde und rief in tiefem Erbangen: „Gott im Himmel, das bedeutet nichts Gutes!“ Es währte eine Weile, bis ſie ſich ſoweit ge⸗ faßt hatte, daß ihr Verſtand über ihre kindiſche Furcht ſiegte. Sie hob das Reis vom Boden auf und ſagte ermuthigt: „Iſt's denn nicht mein Blut, das ihn geröthet, und muß es nicht ſo ſein? Warum zittre ich denn? Der Zweig iſt einmal abgeſchnitten, und wie ich den Muth hatte, den Himmel zu verſuchen, ſo will ich nun auch der treuen Muttererde vertrauen, daß ſie mir dies Reislein grünen läßt.“ Und noch einmal zum Baume emporſchauend, ſagte ſie gerührt:„Du lügſt nicht, Marienlinde, aber dies Herz lügt auch nicht.“ Hierauf ſchritt ſie ſinnend dem Walde zu, um irgendwo ein verborgenes ſicheres Plätzchen aufzuſu⸗ 106 Georg Volker. chen, wo ſie den Lindenzweig getroſt in die Erde pflanzen könne. Sie ging immer waldeinwärts und kam zuletzt, nach einer halbſtündigen Wanderung in einen alten düſtern Föhrenwald mit tiefen Schluchten und klaffenden Erdſpalten, in denen die Bergwaſſer rauſchten, woſelbſt jene mächtigen Felslager ihren Anfang nehmen, an denen jener Theil des Gebirges, den wir mit dem Namen Eulobenkopf bezeichneten, ſo reich iſt. Je tiefer ſich Annli in dieſer ihr ſo wohlbekannten Wildniß verlor, um ſo freier ward ihr um's Herz, und mit Wonne begrüßte ſie die alten Plätze ihrer Heimath wieder; ſie fühlte keine Furcht, und weder das Rauſchen unterirdiſcher Ge⸗ wäſſer, noch das ängſtliche Seufzen der von Wind hin⸗ und herbewegten Föhren erſchreckte ſie; für ſie hatte dieſe Oede keine Einſamkeit, dieſes Schweigen der Natur kein Grauen, und je wilder der Wald um ſie wurde, deſto reizender erſchien ihr die Umgebung; flink wie eine Gemſe kletterte ſie an den ſteilſten Fel⸗ ſen hinan und hatte keine andere Furcht, als daß ihr der Lindenzweig in der Hand zerknicken möge. Das im Hauſe, unter den Menſchen ſo ſtille Kind ſchien in Allem wie verwandelt, munter ſprang ſie von Fels zu Fels, die Luſt am Walde leuchtete ihr aus den Augen, und man ſah es ihrem ganzen We⸗ — Georg Volker. 107 ſen an, daß ſie hier heimiſcher war als dort im lau⸗ ten Lärmen des Lebens. Zuletzt gelangte ſie in ein ſchmales düſtres Fel⸗ ſenthal, wo rieſige Granitblöcke, gleich den Trümmern einer untergegangenen Schöpfung, in wildmaleriſchen Gruppen aufeinander gethürmt lagen und dem Auge ebenſowohl durch ihre Maſſen wie durch ihre gro⸗ teskromantiſchen Formen imponirten. Eine wilde Vegetation, die freilich in dieſer Jahreszeit noch ſehr zurück war, überwucherte zum Theil die gewaltigen, mit den mannigfachſten Moosarten bedeckten Steine, unter denen unſichtbare Gewäſſer hinrauſchten und mit ihrem dumpfen Gemurmel den Eindruck dieſes majeſtätiſchen Felſenbaues, der ſeinen Urſprung wahr⸗ ſcheinlich einer Erdrevolution verdankte, noch ſchauer⸗ licher machte. In der Mitte dieſer Steinmaſſen er⸗ hob ſich eine Felsgruppe bis weit über die Wipfel der höchſten Bäume hinaus. Gleich dem Altar ei⸗ ner alten Gottheit, deren Dienſt das Grauen, deren Herrſchaft der Schrecken geweſen, war das Geſtein aufeinandergethürmt und erinnerte durch ſeine natür⸗ liche Architektonik unwillkürlich an die Schilderungen der Römer von den Fels burgen der alten Germanen, in denen die weiſen Altfrauen hauſten und die Drui⸗ den ihre Götterbilder aufbewahrten. Faſt ſenkrecht 108 Georg Volker. ſtiegen hier die Felswände in die Höhe und auf den erſten Anblick ſchien es unmöglich, da hinaufzukom⸗ men; aber Annli kannte den Weg, beſchritt wohlge⸗ muth den gefährlichen Pfad, ſchwang ſich von einem Felszacken zum andern, unbekümmert darum, daß hin⸗ ter ihr der Abgrund immer tiefer wurde. Wie auf unſichtbaren Treppenſtufen ſtieg ſie leichten Schrittes vorwärts, oft ſchwebte die zarte ſchlanke Geſtalt gleich einer Elfe über der Tiefe, in die ſie lachend hinab⸗ blickte, und wer ihr von Unten auf ihrem ſchwindeln⸗ den Pfad nachgeſchaut hätte, würde erſchreckt über ſo viel Tollkühnheit die Augen geſchloſſen haben, um das kühne Mädchen nicht im nächſten Moment in den Abgrund ſtürzen zu ſehen. Endlich hatte ſie faſt den Gipfel des Eulobenkopfes erreicht(ſo hieß näm⸗ lich dieſe Felsgruppe, nach welcher dann der ganze übrige Wald benannt wurde); ſie ſtand auf einem ſchmalen altanartigen Vorſprung ſtill, denn ſie war am Ziele, und höher hinan gab es ohne Flügel keinen Weg mehr. Weit über die Wälder des Gebirges hinaus beſchaute Annli von ihrem hohen Stand⸗ punkt die herrliche Landſchaft; unter ihr rauſchten die Wipfel der mächtigſten Bäume; an den Stamm einer ſchlanken Tanne gelehnt, die hier im Geſtein wurzelte, ruhte ſie einige Augenblicke, worauf ſie ſich Georg Volker.* 109 anſchickte, das Werk zu beginnen, welches ſie herauf⸗ geführt hatte. Zwiſchen den Felſen lagerte hier und da fettes, im Sommer von der üppigſten Waldvege⸗ tation begrüntes Erdreich; und der Epheu, der Thy⸗ mian, die wilde Erdbeere, die hier wuchſen, gediehen da noch einmal ſo gut als unten im ſchattigen Waldgrund; denn der Ort hatte die Morgenſonne, und vor dem verſengenden Strahl des Mittags ſchützten ihn die weiter emporſtrebenden Felswände. Auch an Waſſer fehlte es nicht, das überall reichlich aus den Steinen hervorrieſelte und die Pflanzen tränkte, die hier wie in dem luftigen Garten der Semiramis herrlich gediehen und das trauliche Plätz⸗ chen, das überall auf den weichen Moosſteinen die angenehmſten Ruheſitze bot, noch anmuthiger und reizender machtin. Und hier beſchloß Annli ihren Lindenzweig in die nahrungsreiche Lauberde zu pflan⸗ zen, hier ſollte er gedeihen und wachſen und dereinſt als ſtattlicher Baum weithin geſehen werden durch die Lande, der Liebe grünes ſiegreiches Hoffnungs⸗ Panier! Sie ſäuberte alſo den Boden vom Moos und dem rankenden Epheu, bis ſie unter dem Laube ſchwarzen Grund fand, in welchen ſie das Reislein mit einem frommen: Hilf Gott allezeit, Amen! ein⸗ ſteckte, ſo tief als ſie glaubte, daß zu ſeinem Wachs⸗ 11⁰ Georg Volker. thum nöthig ſei. Dann unfriedigte ſie den Zweig zur Vorſicht noch mit den ſtachlichten Aeſten der wil⸗ den Roſe, damit kein tückiſcher Zufall ihn beſchädi⸗ gen möge, obwohl ſchwerlich im ganzen Jahre ein Menſchenfuß hier herauf kam, der ihn unachtſam hätte zertreten können; denn nur die wilde Katze und der Steinmarder hauſten in dieſem Felsgeklüft, oder der Falke und Weih ſpähten von hier in die wald⸗ dunkle Tiefe hinab auf Raub. Nach Beendigung ihres Geſchäftes, wobei ihr über dem Knieen und Bücken und eifrigen Sorgen das Blut heiß in die Wangen getreten war, dachte Annli noch keineswegs an die Rückkehr. Sie wandte ſich vielmehr ſeitwärts, um die Felſengruppe herum, welche in ſtumpfer Kegelform den Gipfel des Eulo⸗ benkopfes bildete und aus der Ferne betrachtet, einem rieſigen Menſchenhaupte glich, bis zu der Stelle, wo eine dichtverſchlungene Wildniß von Dornhecken und Brombeerſträuchern jedes Weiterſchreiten unmöglich machte. Die Felſenwand bekleidete ein alter Epheu, der ſich buſchartig ausbreitete und mit ſeiner dunklen überhangenden Blätterfülle hier und da in den Fel⸗ ſenniſchen ſchattige Ruheſitze unter immergrünem Laub⸗ dach bildete. Da nun, wo der Epheu am dichteſten wucherte Georg Volker. 114 und mit ſeinem knorrigen Geäſte den Felſen wie mit einem Netze umſpannte, befand ſich zwiſchen zwei der mächtigſten Steinblöcke eine ſchmale, von dem Laub ganz bedeckte Spalte von der Breite, daß ein Menſch eben durchſchlüpfen konnte, die jedoch ein mit der Oertlichkeit unbekanntes Auge niemals entdeckt haben würde, ſo dicht lagerte der Epheu davor, der gleichſam die von der Natur dazu beſtimmte Tapete bildete, um dieſen Eingang in das Innere des Felſens zu verbergen. Annli aber, die hiermit genau bekannt war, ſchob den Epheu mit leichter Mühe auseinander und ſchlüpfte durch die Spalte, ſo daß wer nichts von dieſer geheimen Pforte gewußt und das Mädchen hinter dem Buſche hätte verſchwinden ſehen, nicht anders glauben konnte, als daß der Felſen ſie auf⸗ genommen und ſich dann wieder lautlos hinter ihr geſchloſſen habe. In Wahrheit aber war, was von Außen wie eine einzige übereinander gethürmte maſ⸗ ſive Granitgruppe erſchien, nur eine von der Natur gebildete ſehr geräumige Grotte, die ihr Licht durch mehrere Erdſpalten an der Decke erhielt, welche ſich gleich einer von Menſchenhand geſchaffenen Wölbung gleichmäßig nach allen Seiten auf die Felsblöcke nie⸗ derſenkte, die das Ganze ſtützten und ſchichtenartig im Halbkreis übereinander gethürmt dalagen. Der 1¹2 Georg Volker. Zufall hatte die einzelnen Felſen ſo kunſtvoll über und in einander geſchoben, daß die Höhlung, welche ſich unter ihnen bildete, in der Mitte faſt eine dop⸗ pelte Menſchenhöhe erreichte und der ganze runde Raum im Durchmeſſer wohl zwanzig Fuß enthalten mochte. Durch das von Oben einfallende Licht wurde die Grotte nicht nur hinreichend erhellt, ſon⸗ dern erhielt auch von dort ſoviel Sonne und Auft, daß der Epheu, der ſich durch den Eingang wie neu⸗ gierig herein geſchlichen hatte, üppig an den inneren Wänden emporwucherte, gleichſam zum Zeichen, daß die Natur, welche dieſes Felſengemach gebaut, ihr erſtes Anrecht auf daſſelbe nicht habe aufgeben wollen. Auch ein weißes langfaſeriges Moos wuchs hier und da an den Steinen der Decke und hing von dort in krauſen Flechten herunter. In der Mitte des Raumes lag ein dunkler Felsblock von mäßiger Größe; er hatte eine dreieckige Form, war jedoch oben ſtumpf und ragte ohngefähr drei Fuß über den Boden em⸗ por. Seine Seitenwände waren ſo glatt, als ſeien ſie einſt von einem Meißel bearbeitet worden; ja einzelne in den Stein gehauene Figuren und Hiero⸗ glyphen machten dies noch wahrſcheinlicher, wiewohl man nicht unterſcheiden konnte, ob ſie profanen oder heiligen Urſprungs ſeien. Sind die Vermuthungen Georg Volker. 113 der Alterthumsforſcher gegründet, ſo hat in dieſem Gebirgswald ſelbſt zur Zeit, als die Römer hier ſchon Caſtelle beſaßen und das tapfre Volk der alten Deutſchen unterjocht war, der Dienſt Odin's ſeine geheiligtſte Stätte gefunden, und die Grotte, in der wir uns bei Annli befinden, reicht vielleicht mit ihrer urſprünglichen Beſtimmung in jenes graue Alterthum zurück, war vielleicht ein jenem furchtbaren Gotte geweihtes Heiligthum, in welchem die Prieſter Odin's, nach einer alten Sage, die Waffen der ſtreit⸗ fähigen Männer mit dem Blute neugeborner Kinder feyten, wenn ſie für ihre Götter in den Kampf aus⸗ zogen. Ja, ein begeiſterter Alterthümler würde viel⸗ leicht in dem beſchriebenen dreieckigen Stein unſchwer einen„Druidenſtein“ erkennen und ſich wenig um die andern Felsblöcke kümmern, die hier und da in der Grotte zerſtreut lagen und auf der einen Seite noch eine zweite kleinere Höhle bildeten, die jedoch völlig dunkel war, vielleicht den willkommenen Aufenthalt eines Steinmarders oder eines lichtſcheuen Raubvo⸗ gels der Nacht. Doch dem Allen ſei, wie ihm wolle; wir wiſſen von der urſprünglichen Beſtimmung der Grotte nichts weiter und bemerken nur, daß zur Zeit unſrer Etzählung außer Annli und ihrem Bru⸗ der Paul kein Menſch eine Kenntniß von ihr hatte, I. 8 114 Georg Volker. obwohl doch der Eulobenkopf auf viele Stunden in der Weite zu ſchauen war und vielerlei romantiſchen Sagen des Gebirges den Urſprung verlieh. Wie aber war Annli zur Kenntniß dieſer ge⸗ heimen Klauſe gelangt, welche, abgeſehen von dem ſteilen gefahrvollen Felspfad, der zu ihr hinaufführte, ſo tief unter den Steinen verſteckt lag, daß ſchwer⸗ lich ein bloßer Zufall das Kind des ſtillen Waldes zu ihrer Entdeckung geleitet hatte? Wir hören den Leſer dieſe Frage an uns richten und wollen dieſelbe beantworten, wenn wir gleich die Geſchichte davon aus Annli's tiefſtem Herzen herauf holen müſſen, dort wo die dämmernden Träume und Erinnerungen ihrer früheſten Kindheit ſchlummern, gleich jenen holden Blumen, die nur auf tiefem Meeresgrund blühen, und die der Schiffer manchmal in dem einen Augenblick erſpäht, um ſie im nächſtfolgenden für eine liebliche Täuſchung des Wellenſpieles zu halten. Für Annli hatte die Eulobe, ſo nannte ſie die Felſengrotte, ohne zu wiſſen, was der Name bedeute, ſchon von Kindheit auf eine doppelt heilige Bedeu⸗ tung. Einmal war es hier geweſen, wo ihr ihre Mutter häufig die wunderbare Geſchichte der Zigen⸗ ner, ihrer Voreltern, mitgetheilt hatte; und zum an⸗ dern wußte ſie, daß es die Eulobe geweſen war, in Georg Volker. 115 welcher die unglücklichen braunen Leute Schutz und Zuflucht gefunden hatten, als ein Graf von Nellen⸗ burg vor Alters jene grauſe Menſchenhetzjagd auf die Zigeuner anſtellte, von der wir bereits aus dem Munde des Amtmanns Leo Kunde bekommen haben. Damals hatte dieſe verborgene Felſenhöhle die gleich den Thieren des Waldes gehetzten Zigeuner in ihren ſchützenden Raum aufgenommen, ſo viele ſich von dem unglücklichen Stamm hierher flüchten konnten, während der Wald ringsum von dem wilden Halloh der Menſchenjäger und dem heiſeren Gebell ihrer Bluthunde wiederhallte, bis ſich endlich das Jagoge⸗ töſe verlor und die Zigenner weiter fliehen konnten, mit Zurücklaſſung ihrer furchtbarſten Flüche und Zau⸗ berſprüche auf den Grafen und deſſen ganzes Ge⸗ ſchlecht bis in die fernſte Zukunft. Dies Alles und mehr noch hatten Annli und Paul als Kinder von ihrer Mutter erzählt bekommen, und Beide hatten ſie ihr mit einem theuren Eide ſchwören müſſen, niemals einem Menſchen, ſelbſt dem Vater nicht, von dieſer Grotte etwas zu ent⸗ decken, da die Zigeuner die Eulobe ſeit jener ſchreck⸗ lichen Begebenheit für heilig hielten, und, wie die Mutter ihnen geſagt, den Bann der Verdammniß darauf gelegt hätten, was bedeute, daß kein Menſch 8* 116 Georg Volker. ohne der Gottheit Fluch ſie jemals betreten dürfe, außer wer zum Stamm der Indier gehöre. Treu hatte Annli das Geheimniß der Eulobe in ihrem Herzen bewahrt, und kein Menſch, ſelbſt Georg nicht einmal, erfuhr je Etwas von der Exiſtenz dieſer Höhle; ja, ſo tief ſchloß der heilige Schwur ihr Mund und Seele, daß ſelbſt die dringendſten Bitten der drei Fräulein und des Hauptmanns ſie nicht bewegen konnten, anzugeben, was ſie im Walde ſchaffe und wo ſie ſich aufhalte. Ihr dieſes Geheim⸗ niß zu entlocken, war ebenſo unmöglich als hinter die räthſelvolle Sehnſucht zu kommen, die ſie an den Wald wie an eine dämoniſche Macht feſſelte; man wußte weder, wo ſie ſich dann aufhielt, noch was ſie dort trieb; denn weder brachte ſie von dort Blumen heim, noch Beeren und Waldfrüchte, und ging man ihrer Spur aus der Ferne nach, ſo verlor ſich dieſelbe bald und kein Köhler, kein Holzhauer konnte ſagen, wohin ſie ſich gewendet habe. So tief hatte ſich das Geheimniß der Eulobe mit Annli's ganzer Seele verwebt, daß ſie ſelbſt den dunklen Glauben hegte, es werde ihr Leben und Alles, was dieſes Lebens Glück und Heil ausmache, von ihrem Geheimniß bedingt und müſſe aufhören mit dieſem; ja, ſo tief hatte dieſer Wahn das ſeelen⸗ ——— — Georg Volker. 117 volle Gemüth beſtrickt, daß ſie ſich für berufen hielt, die Heiligkeit des Ortes, der ihre Voreltern vom Verderben rettete, als ſtille Prieſterin zu ſchützen und zu wahren ſelbſt vor dem Auge, dem ſonſt ihr gan⸗ zes Herz offen lag, vor Georg. Auf dieſes ſchwärmeriſche Gefühl, das ſo innig mit ihrem tiefen Naturſinn harmonirte, hatten freilich außerdem auch noch die traurigen und ſchrecklichen Ereigniſſe Einfluß gehabt, die ſie als Kind im Vater⸗ haus erleben mußte, und in ihrer Seele, wir möchten ſagen, ſchon frühe jene tragiſche Stimmung geweckt, die ſpäter den Grundton ihres ganzen Innenlebens bilden ſollte. War's ja doch dort im Förſterhaus geweſen, wo ſie, kaum der erſten unſchuldvollen Kind⸗ heit entwachſen, das ganze unſelige Verhältniß zwi⸗ ſchen Vater und Mutter mit anſehen mußte, ein Verhältniß, welches bald aus der ſtillen Waldesein⸗ ſamkeit heraus ſeinen Weg, zu den Ohren der Welt fand und zuletzt, nach den ſchrecklichſten Scenen zwiſchen beiden Ehegatten, damit endigte, daß För⸗ ſter Werle, ein braver, nur allzuſchwacher Mann, aus Verzweiflung über ſeines Weibes Untreue ſich im Walde erhängte, während die Förſterin mit Zurück⸗ laſſung ihrer beiden kleinen Kinder nach dieſer Kata⸗ ſtrophe in Geſellſchaft ihres Buhlen, eines in gräfli⸗ 118 Georg Volker. chen Dienſten ſtehenden Jägers, das Weite ſuchte und ſeitdem ſpurlos verſchwunden war. Der Haupt⸗ mann von Bärenhorſt, ein treuer Freund ihres Vaters, erbarmte ſich der armen verlaſſenen Waiſen, überließ Annli den drei guten Fräulein, während er ſelbſt den Jungen nach ſeinen pädagogiſchen Grund⸗ ſätzen erzog und ihn ſpäter unter das Militair brachte, woſelbſt Paul nach kurzer Dienſtzeit durch ſeine brave Aufführung zum Rang eines Sergeanten ge⸗ langte. Dies zur Andeutung über Annli's Vergangen⸗ heit, deren einzelne Bilder und Erinnerungen ihr beim heutigen Beſuche der Eulobe wieder lebendig vor die Seele traten; ſo daß ſie, überwältigt vvn dem Eindruck, den der ſtillheilige Ort jedes Mal auf ſie ausübte, ſo oft ſie ihn nach längerer Ab⸗ weſenheit wieder betrat, an den Stein niederſank und den Himmel anflehte, ihr entweder den Lindenzweig grünen zu laſſen, oder ſie von einer Erde hinwegzu⸗ nehmen, auf der ſie, trotz ihrer jungen Jahre, ſchon ſo viel des Herben und Schmerzlichen erfahren hatte. Es giebt eine Trauer im Gemüth, und ſie ſitzt oft von all unſten ſchmerzlichen Empfindungen am tiefſten, in der ſich unſre Seele gleichſam über ſich ſelbſt zu täuſchen ſucht, indem ſie ihren Schmerz 5 — Georg Volker. 1¹9 mit fremdem Namen nennt und in andre Geſtalt ihn kleidet, nur um ſich nicht bewußt zu werden, daß er größer iſt als alles ſeither erlebte Leid, noch größer ſelbſt als die Kraft, womit wir dieſes überſtanden haben. In dieſer Täuſchung der Trauer um Vergange⸗ nes war auch Annli befangen, als ſie die ſchickſal⸗ vollen Jahre ihrer Kindheit beweinte, während ſie doch im Grunde nur vor dem zukünftigen Geſchick erbebte und das zagende Herz, das ſich nicht getraute, der Zukunft nachzudenken, lieber der Vergangenheit zuwandte, als wenn es ſich vor der kommenden Gefahr in die düſtren Erinnerungen jener zurückflüch⸗ ten könne; als wenn, was dies Herz bereits erlebt und geduldet, noch größeres Weh unmöglich mache. In Wahrheit aber waren es doch nur die Thränen der bebenden Angſt, des muthloſen Zweifels über ihre gegenwärtige Lage, die ſie weinte, nachdem ſie das verhängnißvolle Reis der Marienlinde in die Erde geſenkt und ſo ſein Schickſal unauflöslich mit dem ihrigen verknüpft hatte. Bis zum Augenblick, wo ſie dieſer Verſuchung widerſtanden, war ſie über ihr Herz und die Wahrheit ſeines ſtillen Liebesglückes nicht in Zweifel geweſen; ſie wußte es nicht anders, als daß Georg ihr angehöre, wie ſie ja ihm ange⸗ 120 Georg Volker. hörte, und daß es nur von ihr abhänge, ſich auf ewig ſein zu nennen; wie er von Kindheit an ihr Freund, Lehrer und Bruder geweſen, wie Alles, was Hohes, Schönes und Glückliches ihre Seele bewegte, ſein Werk war: ſo, meinte ſie, müſſe auch die Liebe, die er ihr einflößte, aus ſeinem Herzen in das ihrige übergeſtrömt ſein und ſeine Bruſt mit gleicher Gluth und Innigkeit erfüllen. Aber ſeltſam! Nun ſie ſich von dieſem Gefühle der Sicherheit entfernt und ihr Glück von einem äußern Gelingen abhängig gemacht hatte, mißtraute ſie ihrer Liebe, und ihr Fürchten war faſt größer als ihr Hoffen. Sie hatte den Himmel, den ſie ſo lange mit aller ſeiner Seligkeit in tiefverſchwiegener Bruſt getragen, dieſen Himmel hatte ſie verſucht und zitterte nun vor ihm wie vor einer feindlichen Macht, die ſie eben ſo gut vernich⸗ ten konnte, wie ſie ja ſelbſt ſie herausgefordert hatte. Georg ſtand ihr jetzt mit einem Mal in unerreich⸗ barer Höhe gegenüber; ſcheue Ehrfurcht trat an die Stelle ihres kindlichen Vertrauens zu ihm, und mit Schrecken empfand ſie zum erſten Mal das Verwe⸗ gene einer Hoffnung, die ſich ſo kühn des Höchſten vermeſſen und nun doch nicht den Muth hatte, an die Erfüllung zu glauben. Mit der erſten That ihrer Liebe kam ihr auch Georg Volker. 124 das Bewußtſein dieſer Liebe; und doch war, was ſie nun ängſtigte, bloß das Zittern einer Seele, die den Traum aufgeben und ihr Glück in Wahrheit beſitzen will. Darum und nur darum hatte ſie ja den Linden⸗ zweig vor die Eulobe gepflanzt! Sie kehrte auf dem ſteilen Pfad, den ſie herauf⸗ gekommen, in den Wald zurück, noch häufig nach der Höhe hinaufblickend, wo von nun an ein dop⸗ peltes Geheimniß für ſie ruhte, das ihrer Vergangen⸗ heit und das ihrer Zukunft. Dann verfolgte ſie einen ſteinigten Weg, der ſie um den Fuß des Eulobenfopfes herum bald aus dem Felſenpaß hinausführte, und kam in einem Hohlweg, deſſen friſche Wagenſpuren verriethen, daß er häufig befahren wurde; ein ſteiles, mit rothen Sandſteinla⸗ gern untermiſchtes Erdgeklüft ſtieg auf beiden Seiten zu einer beträchtlichen Höhe empor, hoch oben grünte ein junger dichter Tannenſchlag, zu welchem Annli bald auf einem ſchräg anlaufenden Pfad emporſtieg und dann längs der Hohlſtraße hinwandelte, bis ſie zuletzt an der Stelle, wo die Tannen ſich lichteten und man den Kirchthurm, ſo wie das Schloß von Nellenburg in herrlicher Waldperſpective vor ſich hatte, an einen Weg gelangte, welcher in gerader Richtung 122 Georg Volker. zu dem Förſterhaus führte, in dem ſie geboren war. Dieſen Weg ſchlug ſie ein und kam bald aus den Tannen heraus in einen alten herrlichen Buchenwald, deſſen ſchlanke Bäume ſtolz wie Cedern in die Lüfte ragten. Dieſer Forſt, der ſich wohl eine Stunde weit ausdehnte, hieß der Buchengrundener Wald, bei den Wald⸗ und Jagdfreunden weit und breit berühmt durch ſeine treffliche Cultur wie durch ſeinen reichen Wildſtand. Stiller Freude voll wandelte Annli auf dem weichen Moospolſter durch die Buchenhallen; wie in einen Feſtſaal trat ſie ein in den prächtigen Wald; nie, ſeitdem ſie denſelben verlaſſen, war ihr die Na⸗ tur ſo unmittelbar vor die Seele getreten, wie an dieſem Morgen, wo ſie ja das beſte Glück ihres Herzens dem Schutz und Segen dieſer heiligen Na⸗ tur anvertraut und gleichſam ihrem theuren Walde die Erfüllung ihrer geheimſten Sehnſucht anheimge⸗ ſtellt hatte. Aber dafür ſchien auch der Wald heute noch einmal ſo feſtlich wie ſonſt ſich in Frühlings⸗ ſchmuck gekleidet zu haben, um ſie gleichſam zum voraus über das Glück ihrer Liebe zu beruhigen; ſei getroſt! rauſchte es aus allen Wipfeln ihr entgegen; ſei getroſt, ſangen die goldgelben Kohlmeiſen und braunen Finken; ſei getroſt, glänzte es ihr aus dem . ——2 Georg Volker. 123 Sonnenſtrahl, der ſich elfenartig auf dem zarten Grün der jungen Blätter wiegte; ſei getroſt, murmelte die Quelle unter grünem Moosſtein, und der jungen Farrenkräuter ſilberſchimmernde Blätter winkten ihr zu: ſei getroſt! Kurz, mit allen Stimmen, Tönen und Farben der Natur tröſtete ſie der Wald über das Gedeihen des Lindenzweiges, und hätte Annli in dieſem ſeligen Augenblick noch einen Wunſch ge⸗ habt, noch eine Sorge,— im Walde wäre ſie ge⸗ neſen: ſo ſtark war die Gewalt, die die Natur au ihr Gemüth ausübte. Bald entdeckte ihr Auge zwiſchen den Bäumen die hellen Wände des Förſterhauſes und ſie gelangte aus dem Buchenwald in die Lichtung, wo im Hin⸗ tergrund eines mit Acker⸗ und Gartengelände ver⸗ ſehenen Platzes, den ringsum dichte Waldungen ein⸗ ſchloſſen, das ſtille Waldhaus mit ſeinen Oekonomie⸗ gebäuden lag. Schon brachen, vor den rauhen Winden des Gebirges geſchützt, die Blüthenknospen der Kirſchbäume auf, die einſt Annli's Vater im För⸗ ſtergarten gepflanzt hatte, und die alte ſchlanke Fichte im Hofe hatte bereits ihre grünen Frühlingskerzen an allen Spitzen der Zweige angeſetzt; aber nicht ſchritt Annli dem Hauſe zu, mit feuchtem Blick grüßte ſie es nur aus der Ferne, denn was anders hätte ſie 124⁴ Georg Volker. dort ſuchen ſollen, als fremde Geſichter und der trü⸗ ben Kindheit alte Erinnerungszeichen. Sie ſah ſich im Geiſte mit ihrem Bruder Paul weinend als Kin⸗ der auf der Schwelle ſitzen, von der Mutter unbarm⸗ herzig hinausgeſtoßen, während drinnen der ſchmucke Jäger vom Schloß eingekehrt war, und ſein wildes Lachen— denn der Vater war ja fern— Beider Ohr erreichte; Annli ſchauderte bei dieſer Erinnerung und eilte flüchtigen Schrittes einem Fichtenwäldchen zu, das am ſüdlichen Waldſaum lag; bald trat ſie von der ſandigen Straße ab in das Gehölz, wo Hun⸗ derte von kleinen Goldhähnchen an den jungen Spitzen der Fichtenzweige hingen und ihr mit lieblich leiſem Geſang die Stimme der früheſten Kindheit in die Seele zurückriefen. Faſt in der Mitte des Fichtenhaines ſteht ein alter halbverdorrter Tannenbaum mit knorrigem Aſt⸗ werk, viel älter als die übrigen ſchlanken Bäume, und ſcheint eben nur noch zu grünen, weil er vor der jungen Waldesluſt ringsum nicht abſterben kann. Unter dem Tannenbaum, auf wenig erhabener Stelle, ſteht ein kleines ſteinernes Kreuz, halb verſunken in der Erde, mit keinem andern Zeichen ſeiner Beſtim⸗ mung, als einem verwelkten Immergrünkranz, der den Winter über daran gehangen hat. Das iſt der Georg Volker. 125 3 Platz im Walde und die Tanne iſt der Baum, an welchem vor vielen Jahren der junge unglückliche Förſter Werle ſein Leben durch Selbſtmord endete, da er, wie die Leute ſagten, der„Zigeunerwirth⸗ ſchaft“ in ſeinem Hauſe müde war und mit Ehren nicht mehr unter den Menſchen erſcheinen konnte. Sein Weib, unter dem Namen der„ſchönen Wald⸗ lore“ weit und breit wegen ihres liederlichen Lebens⸗ wandels bekannt, hatte ihm das Herz gebrochen; und er erhängte ſich, wie ein geſchriebener Zettel ſagte, den man bei ihm vorfand, um ſeinen beiden unſchuldigen Kindern die Schmach zu erſparen, ihn noch länger Vater zu heißen. Fünftes Capitel. Annli hatte ſchon eine Weile neben dem Stein⸗ kreuz geſeſſen und dem unbegreiflichen Walten der Vorſehung nachgedacht, die ſo oft das Reine, Schöne und Edle mit der Sünde und der Verworfenheit ver⸗ kettet, und die zarte Pflanze der Unſchuld unter dem 126 Georg Volker. zerſtörenden Hauch des Laſters gedeihen läßt; da er⸗ weckte ſie ein Geräuſch aus ihren Betrachtungen und aufſchauend gewahrte ſie den Mattelhans, der zaudernd am Eingang des Fichtenhains auf dem Wege ſtand und von ihrer Anweſenheit an dieſem Orte ebenſo ſehr überraſcht ſchien, wie ſie von der ſeinigen. Sie hatte ihn das letzte Mal in Volker's Stube geſehen, wo ſie ihn auf dem uns bekannten Verſuch ertappte, ſeinen Herrn zu beſtehlen, und ſeit dieſer Zeit nichts wieder von ihm gehört und geſehen. Erſt als ſie ihm freundlich zuwinkte und ihn beim Namen rief, erheiterte ſich ſein Geſicht, mit einigen Sprüngen ſtand er vor ihr und bezeigte ihr ſeine Freude über dieſes unverhoffte Wiederſehen, indem er hinter einer angenommenen Zutraulichkeit zu verber⸗ gen ſuchte, was noch von böſem Gewiſſen in ihm ſteckte. Er lachte und kicherte in einem fort, wieder⸗ holte beſtändig ihren Namen, erzählte ihr tauſenderlei Dinge bunt durch einander und bot ſeine ganze Lie⸗ benswürdigkeit auf, ſie jene unſanfte Berührung zwi⸗ ſchen Thür und Angel in Volker's Stube vergeſſen zu machen. Annli und Mattelhans waren eigentlich von Alters her gute Freunde geweſen, und wenn auch zwiſchen dem ſchönen Mädchen und dem häßlichen —,— Georg Volker. 127 Narren gerade kein wahlverwandtſchaftliches Verhält⸗ niß beſtand, ſo war doch eine gewiſſe Zuneigung Beider zu einander unverkennbar. Schon als Kind beherrſchte Annli den Willen des ſtörriſchen Narren auf das vollſtändigſte und konnte faſt Alles bei ihm erreichen; er ſelbſt, ſonſt tückiſch und menſchenſcheu, war gegen ſie die Gütmüthigkeit und Vertraulichkeit ſelber und in ihrer Nähe legte er alle ſeine böſen Eigenſchaften ab und ſchien harmlos und ſanft wie ein Kind. Sie behandelte ihn faſt noch thranniſcher, wie er ſeine borſtige Heerde, und bis auf ſeinen Geiz und die Liebe zum blinkenden Metall hatte ſie Ge⸗ walt über alle ſeine Neigungen. Nur im Punkte des baaren Geldes, das er gleich jenem klugen Phi⸗ loſophen allen andern irdiſchen Glücksgütern vorzog, verleugnete er auch gegen ſie ſeinen bekannten Cha⸗ rakter nicht, und wie bei allen andern Menſchen zeigte er ſich auch gegen ſie nur im Nehmen großmüthig. Dahingegen prahlte er bei ihr häufig mit ſeinen Schätzen, zeigte ihr auch wohl einen Theil ſeiner klingenden Reichthümer und rechnete ihr vor, wieviel Geld er noch brauche, um ſich ein Paar ſilberne Schuhſchnallen zu kaufen, noch größer als die des alten Dorfküſters, was, nebenbei geſagt, das End⸗ ziel ſeines ganzen Ehrgeizes auszumachen ſchien. 128 Georg Volker. War auch ſeitdem manches Jahr verſchwunden, ſo hatte doch Mattelhans ſeiner ehemaligen Freundin und Geſpielin, die ſich ihm auch ſpäter noch jederzeit milde und mitleidig zeigte, die treuſte Ergebenheit be⸗ wahrt, und Annli hatte noch immer das erſte Anrecht an ſein Herz. Sie erkundigte ſich theilnehmend nach ſeinem Leben und Wohlbefinden und fragte ihn, wo er ſich die Zeit über aufgehalten habe. Hierauf erzählte er ihr, daß ihn der Förſter zu ſich genommen und ihm eine warme Schlafſtätte im Kuhſtall gegeben habe, daß er aber im Frühjahr fort wolle zu ſeinem reichen Vetter nach Amerika, weil es ihm hier nicht mehr ge⸗ i und ihn die„Angſt“ zu ſehr plage. Als Annli ihn um die Urſache dieſer Angſt be⸗ fragte, erfuhr ſie nach einigem Zögern von ihm, daß es allein die Sorge des Geizigen um ſein Geld war, für welches derſelbe Tag und Nacht zitterte. Er gab ihr dabei deutlich zu verſtehen, daß er jetzt noch viel reicher ſei wie ſonſt auf dem Grabenhof und auch drei harte Thaler im Beſitz hätte, was aber der Alte, ſo nannte er den Förſter, nicht wiſſen dürfe, da ſie ihm dieſer ſonſt abnehmen und ihn noch obendrein ſchlagen werde. Georg Volker. 129 „Du kannſt ja Dein Geld, wie Du ſonſt gethan, im Walde verſtecken,“ meinte Annli. Der Blödſinnige ſchmunzelte geheimnißvoll, rieb ſich kichernd die Hände, wollte aber lange nicht mit der Sprache heraus, bis ſie zuletzt von ihm erfuhr, er habe ſein Geld nicht mehr wie ſonſt im hohlen Baum verborgen, wo's vor der wilden Katze mit den feurigen Augen nicht ſicher ſei, ſondern an einem noch viel geheimeren Platz, wohin niemals Heren und Wichtelmännchen kämen. „Ach, zeige mir doch Deine harten Thaler!“ rief Annli im Tone der alten Vertraulichkeit.„Hab' ich doch in meinem Leben noch keinen harten Thaler geſehen!“ Mattelhans gerieth durch dieſe Neugierde ſeiner Freundin in eine ſichtbare Verlegenheit; der Wunſch, Annli ſeine Schätze zu zeigen, kämpfte mit der Furcht, ob er ſich auch ohne Gefahr ihr anvertrauen könne; und dieſes Schwanken in ſeinem Innern theilte auch den äußeren Menſchen in zwei Hälften, ſo daß er beſtän⸗ dig von einem Fuß auf den andern hüpfte und lange zu keinem Entſchluß kommen konnte. Annli, die ihn zu genau kannte, um nicht ſeine Gedanken zu errathen, ſtellte ſich, als ſchenkte ſie ſeiner Ausſage in Betreff der drei Thaler keinen W. 9 Georg Volker. Glauben, und äußerte ſpöttiſch, er möge wohl noch lange herum zu betteln haben, bis er ſo reich ſei. Da ward der Narr mit einem Mal im ganzen Geſicht dunkelroth vor Zorn und Eifer, ſein Auge glühte in unheimlicher Wildheit, der Zweifel Annli's an ſeinem Reichthum war ja ſchon ein halber Raub an demſelben und vielleicht mochte auch ſonſt noch in ſeinem Innern Etwas vorgehen, was ihn ſo hef⸗ tig aufregte, daß er plötzlich ihre beiden Hände ergriff und ſie aufforderte, ihn zu begleiten. Mit ſtolzer Miene fügte er hinzu, er wollte ihr die Thaler zei⸗ gen, aber der Ort ſei weit und ſie müſſe mit ihm gehen; kurz, die Begierde, Annli zu überführen, daß er reich ſei, viel reicher als ſie denke, überwand ſeine letzte Beſorgniß, und der Geiz in ihm kehrte nun ſeine zweite ſchlimme Seite heraus, die Prahlſucht und die Eitelkeit, Andere durch Reichthümer an ihre eigne Armuth zu erinnern. Annli, in dem Gedanken, auf dieſe Weiſe vielleicht erfahren zu können, wie der Narr zu dem vielen Gelde gelangt ſei, zeigte ſich bereit ihm zu folgen, zumal einzelne ſeiner Aeußerungen ſie ahnen ließen, daß ſie mehr als ein Geheimniß entdecken werde. Unter Anderm meinte er, der Ort, wo er ſeine Tha⸗ ler verſteckt halte, ſei wohnlich, wie der Thurm auf Georg Volker. 131 dem Grabenhof, ſie ſolle ſich nicht vor dem grauen ſteinernen Rieſen fürchten, und was der räthſelhaften Worte mehr waren. Beide ſchritten alſo aus dem Fichtenholz und der Narr ſchlug die Richtung nach dem Buchen⸗ grundner Wald ein. Kaum aber waren ſie einige hundert Schritte vorwärts gegangen, als Mattelhans plötzlich ſtill ſtand, ſich hoch emporrichtete, und ſtarr wie an den Boden gewurzelt, durch den Wald ſpähte. Einen Augenblick nachher ſtieß er einen durchdringen⸗ den Schrei aus, und ſprang wie ein Hirſch, der die Nähe des Hundes wittert, mit einem gewaltigen Satz in das dichteſte Gebüſch, auf und davon. Verwundert ſah ihm das Mädchen nach und begriff nicht, was dieſe plötzliche Flucht bedeuten ſolle. Da hörte ſie nach einer Weile eine wohlbekannte Stimme:„Guten Morgen, Annli,“ ſagen und wie ſie ſich freudig erſchreckt umkehrte, ſtand Volker vor ihr. „Ach, Georg!“ rief Annli, der dieſe Ueber⸗ raſchung alles Blut nach dem Herzen drängte. „Sieh! Sieh! Da hab' ich Dich wohl bei einem Rendezvous recht zur Unzeit geſtört,“ ſagte Jener lächelnd.„Aber wo iſt denn der hübſche Galan ſo Hlötzlich hingekommen?“ g Georg Volker. Sie deutete nach der Stelle, wo der Narr in den Büſchen verſchwunden war, und verſetzte tief⸗ athmend: „Du haſt mich ſehr erſchreckt, Georg! Aber auch Dich muß ich fragen, was Dich ſo früh in den Wald führt? Willſt wohl den Förſter beſuchen?“ Er bejahte dies und fügte hinzu: „Nun ich Dich aber finde, hat es damit Zeit bis auf ein anderes Mal; im Grunde hatte ich es doch bloß auf einen Waldgang abgeſehen und wollte nur im Vorübergehen bei Arnold vorſprechen. Ich forderte Germanos auf, mich zu begleiten, da ich ihm den Eulobenkopf zeigen wollte; aber er meinte, zum Spazierengehen ſei das Wetter zu ſchön. Annli ſah ihn betroffen an, faßte ſich aber ſchnell und ſagte heiter: „Dein Freund Germanos iſt wirklich ein umge⸗ kehrter Menſch; wenigſtens liegt gewiß nicht die Schuld an ihm, daß die Erde rund und nicht vier⸗ eckig iſt. Wenn ich ihn anſehe, iſt mir immer zu Muth, als hätt' ich in meinem Leben noch keinen vernünftigen Gedanken gehabt. Aber man erkennt's recht an ihm, daß er noch niemals eine trübe Stunde hatte, niemals zu einem ernſten Nachdenken über ſich und die Welt gekommen iſt, weil ihm eben immer Georg Volker. 133 Alles nach Wunſch ging. Ich glaube, er weiß nicht was Unglück iſt, und wüßte er's auch, er glaubte doch nicht daran! Er iſt ſo viel in der Irre herum⸗ gereiſt, daß er noch immer zu keiner Ruhe kommen kann.“ „Und doch, wie beneid' ich ihn nicht um ſeinen heiteren Sinn, um ſeine geiſtige Friſche, um ſeine geſunde unverkümmerte Natur!“ rief Volker. Annli verſetzte haſtig und mit Eifer: „Aber um wie Vieles muß er Dich nicht be⸗ neiden, Volker! Wahrhaftig, wenn man nicht wüßte, daß Ihr ſo nahe Freunde ſeid, möchte man's niemals glauben, ſo verſchieden ſeid Ihr in Allem! Du ſagteſt mir oftmals, daß die Frauen ein ſchärferes Auge für den Werth des Mannes beſäßen, als Ihr Männer ſelbſt; nun, wenn dies wahr iſt, ſo verſichere ich Dich, daß Dein Freund Germanos mir durchaus nicht ge⸗ fällt.“ „Und doch iſt er nur eine andere Sorte von Menſchen meines Schlags,“ erwiederte Volker, über⸗ raſcht durch dieſes ebenſo aufrichtige als ungünſtige Urtheil der Freundin über den Freund.„Auch mußt Du nur wiſſen,“ fügte er lächelnd hinzu,„daß Ger⸗ manos ſich etwas Rechtes darauf einbildet, bei Euch Frauenzimmern wenig oder gar keinen Credit zu ha⸗ 134 Georg Volker. ben. Aber zum Freunde im vollen ſchönen Sinne des Wortes wünſch' ich mir keinen treueren und edleren Menſchen als ihn. Und das, meine ich, zeugt doch für des Mannes Werth eben ſo gut, wie für das Weib die Liebe. Denn in beiden, in Freund⸗ ſchaft und in Liebe, offenbart ſich der Menſch, die Seele, ganz und unverſchleiert; ja, der Freundſchaft Auge iſt oft ſchärfer als das der Liebe; denn dieſe liebt nicht ſelten gerade die Schwächen und Mängel, während ſich jene immer nur an die Vorzüge hält und die Mängel höchſtens entſchuldigt.“ Annli bebte leiſe zuſammen; es war zum erſten Mal, daß Georg das Wort Liebe bei ihr ausſprach, und doch that er es ſo harmlos, daß er nicht einmal den Eindruck bemerkte, welchen dies auf ſie machte, heute zumal, wo ſie ſich ja ſelbſt durch eine, wenn auch noch ſo ſtille That, zur Liebe bekannt hatte. Nach einer Pauſe ſagte ſie zögernd: „Du mußt mir nicht zürnen, Georg, wenn ich vielleicht über Deinen Freund allzuhart geurtheilt habe. Dafür biſt Du ja mein Freund, daß ich Dir Alles offen ausſpreche, wie ich es denke und fühle. Und dieſes iſt mein Recht, daß ich den Menſchen nicht zu leiden brauche, der Dich plötzlich ſo ganz und gar in Anſpruch nimmt, und dabei thut, — Georg Volker. 135 als ſei er allein Deiner Freundſchaft gewiß. Und ſcheint es nicht faſt ſo? Iſt nicht Alles anders ge⸗ worden, ſeitdem Germanos bei Dir auf dem Hof iſt? Nun ich erſt recht anfangen wollte zu lernen, kommt der Störefried, und der Lehrer, o geſteh' es nur, denkt weder mehr an den Unterricht noch an die Schülerin.“ Wir wollen nicht unterſuchen, wieviel Grund Lernluſt und Wißbegierde an dem Vorwurf hatten; es war vielleicht das erſte Mal, daß ſie auf ſein pädagogiſches Verhältniß zu ihr dieſes Gewicht legte. Dennoch erſchien ihm der Vorwurf der Freundin gerechtfertigt, und erſt jetzt erinnerte auch er ſich daran, wie ſehr er ſeiner Pflicht als Lehrer und Bildner dieſer jungen Seele untreu geworden und ſeit Wochen verſäumt hatte, ihre Lectüre zu leiten, worin, neben⸗ bei geſagt, der ganze Unterricht beſtand, ſeitdem Lehr⸗ bücher und Grammatiken längſt bei Seite gelegt waren, was jedoch Germanos ſicherlich nicht verſchul⸗ det hatte. Georg erwiederte: „Es iſt wahr, wir ſind in der letzten Zeit ganz von unſren alten Beſchäftigungen abgekommen, und auch mir wollen die Bücher nicht mehr den guten Dienſt thun wie früher. Aber das macht wohl Georg Volker. weniger die Dazwiſchenkunft des Freundes, als die Zeit und die großen Ereigniſſe, die faſt zugleich mit Germanos bei uns eingekehrt ſind und unſer Inter⸗ eſſe vorzugsweiſe in Anſpruch nehmen. Iſt ja doch die ganze Welt in einer gewaltigen Umwandlung begriffen und weiß doch kein Menſch, ob nicht ſchon die nächſten Tage uns ſelbſt Kämpfe, Verwirrungen und Prüfungen bringen werden, die unſrem ſeitheri⸗ gen friedlichen Daſein ein Ende machen und uns mit einem Mal in neue Bahnen werfen!“ „Das ſagſt Du!“ rief Annli, ſchmerzlich be⸗ wegt und erſchreckt von dem prophetiſchen Ton ſeiner Stimme.„Aber was verwundre ich mich darüber,“ fügte ſie hinzu;„ſpricht doch Germanos gerade ſo, ſeitdem er von ſeiner Reiſe zurück iſt, und Vetter Peter klatſcht dann in die Hände und ruft Bravo! Darum ſollſt Du mir's aber auch nicht ausreden, Georg, daß es der Freund iſt, der Dich mit ſeiner Unruhe anſteckt; denn ich ſehe es ja täglich in un⸗ ſrem Haus, wie er das Oberſte zu unterſt kehrt, daß kein Menſch mehr weiß, wo das Alles hinaus will.“ „Germanos?“ fragte Volker verwundert.„Kommt er denn ſo häufig zu Euch?“ „Halbe Nächte hindurch ſitzt er beim Haupt⸗ mann,“ erwiederte Annli.„Gott weiß, was ſie da Georg Volker. 137 mit einander verkehren! Auch der Vetter iſt ſeitdem wie umgewandelt, ſpricht wenig, ſcheint aber deſto mehr im Sinne zu haben; denn er kommt gar nicht mehr zur Ruhe und hat immer ein Geſchäft, ohne daß man eigentlich begreift, was er treibt. Faſt je⸗ den Morgen ſetzt er ſich in der Frühe zu Pferde und reitet weg, bald in dieſes, bald in jenes Dorf; kommt er dann Abends nach Hauſe zurück, ſo hat er den Kopf ſo voll Sorgen, daß man ihm gern aus dem Weg geht. Auch die Fräulein wiſſen gar nicht, was das Alles bedeuten ſoll, und machen ſich natür⸗ lich große Sorge darüber. Auch hörte ich neulich, daß der Vetter faſt alle ſeine Capitalien, die er hier und da ausſtehen hatte, eingezogen und das Geld in ſeinen Kaſten geſchloſſen habe, als wenn es ihm da, Gott weiß was für große Zinſen tragen ſollte!“ „Sonderbar!“ verſetzte Georg zerſtreut;„Ger⸗ manos iſt ebenfalls neuerdings häufig auswärts, und treibt ſich bald hie bald dort im Gebirge herum.“ „Auch kommen jetzt viele Leute zum Hauptmann, die ich ſonſt niemals bei ihm ſah,“ fuhr Annli fort. Dann ſchließt er ſich gewöhnlich mit dieſen in ſeine Stube ein und ſie verweilen oft ſtundenlang bei ihm; manches recht unheimliche, wilde Geſicht iſt darunter und ich kann mir gar nicht vorſtellen, warum der Georg Volker. Vetter dieſe geheimnißvolle Gemeinſchaft mit ſolchen Leuten unterhält.“ „Es werden wohl ſeine guten Freunde, die Wild⸗ diebe ſein,“ ſagte Georg. „Wohl auch mitunter,“ erwiederte das Mäd⸗ chen.„Meiſt aber ſind es doch fremde Leute, denen man's auf den erſten Blick anſieht, daß ſie nicht aus unſrer Gegend ſtammen.“ „Sonderbar!“ wiederholte Georg noch einmal vor ſich hin, und ſie ſah es ſeiner Miene an, daß ihm dieſe Nachricht eben ſo neu ſei, wie ſie ihn be⸗ ſtürzt machte. Nach einer Weile ſagte er:„Der Hauptmann iſt ein herzensbraver Mann, aber auf ein wenig Tollheit mehr oder weniger kommt es ihm nicht an; ſei ja recht aufmerkſam auf ihn und benachrichtige mich von Allem, was Dir an ihm auffallt. Du weißt, ich gelte Etwas beim alten Mann und kann vielleicht—“ „O ſchon lange nicht mehr!“ rief Annli leb⸗ haft;„das heißt, ſeitdem nämlich Germanos ſein ganzes Herz beſitzt. Das iſt's gerade, was mich ſo beſorgt um Vetter Peter's Treiben macht, daß er Dir nicht mehr wie ſonſt, in allen Stücken vertraut. Wenn er von Dir ſpricht, ſo geſchieht's wie von — ————— Georg Volker. 139 einem Menſchen, an dem er völlig irre geworden iſt; ja, er verſpottet Dich ſogar, nennt Dich einen Träu⸗ mer und Philoſophen, und ſagt, Du ſeiſt ein großer Politiker hinterm Ofen, aber Courage wüchſe nicht auf Deinen Krautfeldern. Gott weiß, was er gegen Dich hat! Der Germanos aber iſt ſein Liebling und er hält womöglich noch größere Stücke auf ihn, wie ſonſt auf Dich! Ich ſelbſt bin gleichfalls in ſeiner Gunſt ſehr gefallen, und ſo oft ich Dich in Schutz nehme, giebt er mir Eins drauf und meint—“ Sie ſtockte, erröthete und wollte nicht mit der Sprache heraus, bis Georg ſo lange in ſie drang, daß ſie es ihm zuletzt doch ſagte. „Er meint,“ flüſterte Annli,„ich thäte wohl daran, ganz auf dem Grabenhof zu bleiben und Dir die Schlafkappe vollends über die Ohren zu ziehen.“ „Abſcheulich! Das ſagt der alte Bär?“ „Und, denke Dir nur, ſagt, Du ſei'ſt in Gutem und Schlimmem der leibhaftige deutſche Michel!“ „Das iſt zu arg!“ rief Georg lachend.„Und Du, Annli, Du ſollſt alſo wirklich dem deutſchen Michel die Schlafkappe vollends über die Ohren ziehen? Was haſt Du ihm darauf erwiedert?“ Sie ſchlug die großen dunklen Augen forſchend 1⁴¹⁰ Georg Volker. zu ihm auf und ihre Stimme zitterte hörbar, als ſie ſagte: „Ich ſchwieg, Georg, und dachte bei mir, daß der bitterſte Spott des Hauptmannes das beſte Zeug⸗ niß für Dich ſei; denn ſo gut und chrlich es auch Vetter Peter meint, Dir kann er's doch nicht nach⸗ fühlen, was den Menſchen wahrhaft ſchön und edel macht, und ihn weit über das Gemeine und Alltäg⸗ liche erhebt. Er iſt ja nur ein rauher Kriegsmann, weiß nichts von der Liebe zur Wiſſenſchaft und der Pflege der Künſte, und die Poeſie gar, woran wir Beide unſre ſo innige Freude haben, iſt für ihn ſo gut wie nicht vorhanden. Höchſtens ſchimpft er über die Dichter und nennt ſie Phantaſten und Windbeutel; außer ſeinem Geſangbuch und dem Lied vom Prinzen Eugen will er nichts von Verſen wiſſen, und be⸗ hauptet, alles Gereimte ſei erlogen.“ Georg drückte die ſo beredte Freundin mit Innig⸗ keit an ſich, und Annli ließ es geſchehen, daß er ſeinen Arm im Weiterſchreiten durch den ſonnig grü⸗ nen Buchwald um ihre ſchlanke Geſtalt legte und ſie nicht wieder losließ. „Aber der deutſche Michel und die Schlafkappe, das kann ich ihm nimmermehr ſagte er nach einer Pauſe. —— —— Georg Volker. 141 „Thu's um meinetwillen, Georg,“ bat ſie.„Er iſt ja doch mein Wohlthäter, hat ſich meiner und Paul's vor allen andern Menſchen ſo liebreich an⸗ genommen und—“ „Will Dich doch nun von ſich ſtoßen auf den Grabenhof!“ fiel ihr Georg ſcherzend in's Wort. „Was meinſt Du, Annli, er hat's wohl recht ſchlimm mit Dir vor?“ „Bin ich ja doch dort faſt ſo gut daheim, wie im Hauſe des Hauptmanns und der drei Fräulein,“ verſetzte ſie ruhig. Er blieb ſtehen, gerade da, wo die Sonne am allerhellſten durch die Wipfel der Buchen in den Wald fiel, und auch ſie ſtand ſtill, und wartete auf das, was er ihr ſagen werde. „Ja Du haſt recht, liebe Annli,“ ſprach Georg nach einer kurzen Pauſe des Zögerns mit einem Blicke, der ihr bis in die innerſte Seele drang;„Du biſt bei mir ſo gut daheim, als unten im Dorfe. Aber darum wollen wir's auch lieber gleich und vollſtändig vom Herzen wegreden, was wir Beide ſchon ſo lange wiſſen und um deſſentwillen uns die Menſchen nicht in Frieden laſſen wollen. Schau', ſüßes Mädchen, dem Hauptmann zum Trotze ſollſt Du ihn jetzt gerade beim Wort halten, und weil er 1⁴² Georg Volker. es ſo haben will, ſo ziehſt Du ein für alle Mal auf den Grabenhof und ſagſts vorher aller Welt am Altare: Sein bin ich, ſein will ich bleiben in alle Ewigkeit Amen.“ Annli zitterte heftig, als Georg ſie bei dieſen Worten mit leidenſchaftlicher Innigkeit an ſein Herz drückte und den Mund, den er doch noch eben zum Reden aufgefordert hatte, mit einem langen feurigen Kuß ſtumm machte. „Georg! Georg!“ ſtammelte ſie an ſeinem Halſe hängend, und in die Gluth des heißeſten Kuſſes hauchte es von ihrer Lippe kaum hörbar:„In alle Ewigkeit, Amen!“ Und Amen rauſchte auch der Wald, der bei dem ſchönſten Glück dieſer beiden treuen Herzen noch ſon⸗ niger aufleuchtete, als ſei in dieſem ſeligen Augenblick der Lenz aller Orten erwacht, nun er zwei Menſchen gefunden, in deren ſonnenheller Frühlingsluſt er ſeine eigene widerſpiegeln dürfe. „Georg! Georg! Wie geſchieht mir!“ rief Annli nach dem erſten Aufathmen mit bebender Stimme, und lehnte ſich in trunknem Entzücken an den geliebten Mann.„Wach' ich oder träum' ich nur? Sag', biſt Du's, oder ſeh' ich Dich nur träumend, wie ſchon ſo manchmal, im lichten Glanze? Hat die Marien⸗ 6 ———— Georg Volker. 143 linde mir dieſes Glück bloß geweiſſagt, oder iſt's Wahrheit? Aber es war ja erſt am heutigen Mor⸗ gen, daß ich ſie nach meiner Liebe fragte, und für Dich— für Dich den Lindenzweig in die Erde pflanzte, und nun—“ „Iſt das Glück da vor der Verheißung und ſpricht: Er grünt ſchon!“ rief Georg im überſtrö⸗ menden Gefühle, und küßte es vollends wach im jungen Herzen, das plüthenkeimende, knospenreiche Glück ihrer Liebe, welches nun keines Orakels mehr bedurfte. Denn es ſelbſt war ja nun für die Seele, die es erfüllte und verklärte, ein anderes Orakel ge⸗ worden, und nimmer brauchte das Herz, das ſeiner holden Löſung ſich weihte, einem andern Propheten⸗ mund wieder zu lauſchen. Erſt gegen die Mittagsſtunde erinnerten ſie ſich wieder an die Welt, die ſie weit hinter ſich zurückge⸗ laſſen hatten. Sie ſchlugen den kürzeſten Heimweg ein, indem ſie einen wenig betretenen Waldpfad wählten, welcher dicht am Bergesrand neben einer tiefen Thalſchlucht hinlief, an deren nördlichem Ende ein einſames Haus ſtand, in der Umgegend unter dem Namen die„eiſerne Hand“ bekannt. Denn hier ſollte einſt, nach einer Sage, der tapfere Götz von Berlichingen, der Ritter mit der„eiſernen Hand,“ 14⁴⁴ Georg Volker. ſein Nachtquartier genommen haben, wovon das alte Waldhaus ſeinen Namen bis auf dieſe Zeit fortererbt hatte; ſonſt aber hieß es auch die„Judenherberge,“ da hier ein Jude ſeit vielen Jahren eine kleine Schenk⸗ wirthſchaft hielt. Die Gäſte, welche bei ihm einkehr⸗ ten, waren auch meiſt Juden, arme Leute, die vom Schacher und Hauſirhandel lebten, die Jahrmärkte beſuchten, und auf ihren Wanderungen durch's Gebirge hier ein ebenſo wohlfeiles als gelegenes Unterkommen fanden, wo ſie auch wohl mit den Handelsgenoſſen der Umgegend Zuſammenkünfte hielten, und ſich über gemeinſchaftliche Speculationen beriethen. Im All⸗ gemeinen ſtand die„eiſerne Hand“ nicht im beſten Rufe; denn der Bauer, der den Iſraeliten haßt, weil ihn derſelbe durch ſeinen Wucher zu Grunde richtet, verwünſchte das Haus unter deſſen Dach der Schache⸗ rer und Fruchtjude den Gewinn an Procenten über⸗ zählte, womit ſie den armen Landmann übervortheilt, der nicht mehr von ihnen loskommen kann und ſeine letzte Habe ihrer Habgier hinwerfen muß. Dies war die Urſache, weshalb die„eiſerne Hand“ ſelten andere Gäſte beherbergte, als Glau⸗ bensgenoſſen des alten Wirthes Iſaak, der jedoch im Rufe eines friedlichen und ehrlichen Mannes ſtand, da er nach der Anſicht der Bauern mit ſeiner Georg Volker. 14⁵ kleinen Schenkwirthſchaft immerhin ein ehrlicheres Gewerbe trieb, als die andern Juden. Um ſo mehr wunderten ſich daher Georg und Annli, da ſie heute einen lauten vielſtimmigen Männer⸗ geſang hörten, welcher aus der ſonſt ſo ſtillen Herberge ertönte und die Anweſenheit einer zahlreichen luſtigen Geſellſchaft ankündigte. „Das ſind ſicherlich keine Juden,“ meinte Annli und Georg fügte beſtätigend hinzu:„Zudem iſt ja heute Sabbath und das verbietet dem Juden von ſelbſt jede Art von Luſtbarkeit.“ Ohne ſich indeſſen weiter außzuhalten, gingen Beide vorüber und ſtanden nach einer Viertelſtunde am Ausgange des Waldes, in deſſen verſchwiegenem Schatten die Liebenden zärtlich Abſchied nahmen, worauf Annli den Weg nach dem Dorfe einſchlug, während Georg ihr ſo lange von der Höhe nach⸗ blickte, bis eine Wendung des Pfades ſie ſeinen Augen entzog. In einer ſchwer zu beſchreibenden Stimmung von Unruhe und Befriedigung, wie ſie das Herz ſo oft gerade in ſeinen glücklichſten Stunden empfin⸗ det, gelangte der junge Mann, der ſo plötzlich aus einem lang geduldigen ſchweigſamen Freier, er wußte ſelbſt kaum wie, ein glücklicher Bräutigam geworden U 10 146 Georg Volker. war, auf ſeinen Hof, und das Erſte, was er dort zu ſeiner Ueberraſchung hörte, war die Nachricht von der Ankunft ſeines alten Freundes und Lehrers, des Ge⸗ heimeraths. Sechſtes Capitel. Mit Herzlichkeit ſchloß ihn der alte Herr in die Arme und ſagte dann, auf Germanos deutend: „Dieſer da hat Ihnen bereits erzählt, was mich zu Ihnen führt und warum ich Ihnen vor Allen, mein lieber Volker, meinen Beſuch abſtatte. Es iſt wahrlich an der Zeit, daß die Guten ſich zuſammen⸗ thun und zum patriotiſchen Bund die Hände reichen, damit nicht auch dieſer große Moment abermals ſpurlos vorübergehe, wie ſchon ſo mancher günſtige Zeitpunkt, den das deutſche Volk erſt erkannte, als es zum Handeln zu ſpät war. Darum bin ich hier, um mit meinen beiden liebſten Schülern ernſt zu er⸗ wägen, was geſchehen ſoll und geſchehen muß, um Georg Volker. 147 das Vaterland, ſoweit es an uns liegt, zu retten und die Mahnung der Zeit in ihrer ganzen Bedeutung zu würdigen. Aber mein Aufenthalt bei Euch iſt mir nur kurz zugemeſſen, denn mein Werk iſt groß, meine Reiſe beginnt erſt, und hier“— er deutete auf ſein weißes Haupt—„iſt auch eine Mahnung zur Eile.“ Wie er dies geſagt hatte, ergriff er Volker's Hand, ſah ihm forſchend in die Augen und ſprach dann mit Rührung: „Ja, ja, das iſt noch der alte treue Volker, ganz der Mann, wie ich ihn mir als Jüngling dachte, daß er einſt werden würde, ein echter deutſcher Mann, dem man nur die Hand zu drücken braucht und man weiß ſchon, wofür ſein Herz ſchlägt.“ Volker erwiederte bewegt: „Mein theurer Herr und würdiger Freund, Sie ſelbſt wiſſen am beſten, was etwa Gutes an mir iſt; denn Ihnen und Ihren weiſen Lehren dank' ich es ja allein, daß ich durch den Geiſt der Geſchichte das Cwige in der Menſchheit und durch dieſes mich ſelbſt richtig erkannte. Ihre Schriften waren bis zur Stunde die Leitſterne meines Lebens und niemals verſagten ſie mir die Weihe und Belebung, die ich 10* Georg Volker. einſt durch das Wort aus Ihrem Munde empfing, woran ich mich erquicken und begeiſtern durfte.“ „Daran erkenn' ich meine Herzen!“ rief der b Geheimerath freudig aus.„Ja, wem ſo die Ge⸗ ſchichte der Vergangenheit zum lebendigen Bewußtſein wird, daß ſie ihn wie ein Gotteshauch der Gegen⸗ wart anweht, der kann im Kleinſten wie im Größten getroſt auf ihre Offenbarungen bauen: denn alles Hohe, Schöne und Ewige in der Welterſcheinung, Alles, was der Menſchengeiſt in That und Gedanke dem Himmel Unſterbliches abgerungen, iſt für ihn ein Theil ſeines eignen Lebens, tritt ihm im erha⸗ benſten Gedanken der Schöpfung entgegen, in jenem. Gedanken, der Eins iſt mit Gott, mit Natur und Unendlichkeit, Eins mit dem erſten und letzten Athem⸗ zug der Menſchheit, in der Freiheit.“ Er ſetzte ſich nach dieſen Worten nieder, zog Volker neben ſich auf das Sopha und ſagte lächelnd:* „Da ſeht Ihr, daß ich das Schwärmen noch immer nicht laſſen kann und ebenſowenig meinen Glauben an eine beſſere Zukunft. Auch erinnert Ihr Euch Beide wohl noch, in welchen Mißcredit ich deshalb. bei meinen academiſchen Collegen kam, die mich immer beſchuldigten, daß ich die jungen Leute revo⸗ lutionire und meinen Hörſaal in einen Demagogen⸗ Georg Volker. 14⁴9 ckub verwandle. Meine Vorleſungen waren weit und breit berüchtigt, und bis in die geheimen Bundes⸗ tagsſitzungen zu Frankfurt trugen die gelehrten Herren mit den goldnen Brillen ihre Verleumdungen und beſchuldigten mich des Hegelthums und des Atheis⸗ mus, ſchwärzten mich an, daß ich die Dogmen der Wiſſenſchaft umſtürze, die beſtehende Staatsordnung untergrabe und offen die Revolution predige! Nun, was hat es ihnen denn geholfen, daß ſie mir das Leben vergällten und meinen Beruf zu verkümmern trachteten? Die letzten Wochen haben für Deutſch⸗ land ganz andere Lehren zu Tage gefördert, als meine Kathederweisheit jemals gekonnt hat, und der grüne Baum des Lebens ſpottet aller Theorieen und Wiſſen⸗ ſchaft! Na, nur Geduld, ihr gelehrten Herren vom Zopfthum! Heute und morgen ſtehe ich noch auf meinen alten geſunden Knochen, und will wahrlich nicht vierzig Jahre hindurch umſonſt alles Elend, alle Jämmerlichkeit des deutſchen Lehrerberufes durchge⸗ macht haben, um jetzt, wo der Waizen der Freiheit im deutſchen Volksgemüth zu blühen anfängt, mein Haupt mit Büßeraſche zu beſtreuen und meine Lehr⸗ ſätze zu widerrufen. Die Welt geht doch vorwärts, allen deutſchen Profeſſoren zum Trotz, darum friſch, meine Jungens, ſtoßt an und laßt die Gläſer er⸗ 1⁵⁰ Georg Volker. klingen! Bald ſpielt die Teufelei in Deutſchland ihre letzten Trümpfe aus; es lebe die Freiheit, es lebe der Ritter, der im Dornenſchloß der ſchlummern⸗ den Königsmaid Germania den Freiheitskuß auf die keuſchen Lippen drückt und ſie aus dem langen Zau⸗ berſchlaf erweckt!“ „Er lebe!“ rief Germanos begeiſtert;„und wie ich dieſes Glas bis auf die Nagelprobe leere, ſo ſoll mein letzter Blutstropfen dem Vaterland geweiht ſein!“ „Bravo, das Vaterland und ſeine Jugend!“ rief der Geheimerath, und im hellen Dreiklang tön⸗ ten die Gläſer an einander, daß es einen gar herr⸗ lichen freudigen Ton gab, und Georg, als er den Römer an die Lippen ſetzte, wie von einem elektriſchen Funken durchzuckt wurde. Der alte Herr kam immer mehr in Eifer, und mit jugendlicher Begeiſterung überließ er ſich ganz der Freude ſeines Herzens, indem er ſich wieder in jene Zeit zurück verſetzt fühlte, wo Volker und Ger⸗ manos noch ſeine Schüler waren, und der Geiſt der Geſchichte ihnen in ſeinen Lehrſtunden in lebensvoller philoſophiſcher Anſchauung unmittelbar vor die Seele trat. „Freilich gab es damals noch eine andere Ju⸗ — Georg Volker. 151 gend in Deutſchland wie jetzt,“ ſeufßzte der Geheime⸗ rath.„Unſere modernen Staatskünſtler haben es endlich ſo weit gebracht, daß alle Jugendkraft im deutſchen Volke ertödtet wurde; denn die Hauptauf⸗ gabe der jetzigen Regierungstheorie in Deutſchland beſteht ja vorzugsweiſe darin, die geſunde friſche Seele ſchon früh im Oeldunſt todter Wiſſenſchaft zu er⸗ ſticken, den Geiſt in ſeiner naturgemäßen Entwicke⸗ lung zu hemmen und an die Stelle wahrer freier Bildung einen hohlen chineſiſchen Pagoden zu ſetzen. Das iſt das heilloſe Syſtem dieſes Metternich und ſeiner Creaturen, daß ſie das deutſche Volk an ſeinem beſten Leben, am Jugendleben, vergiftet, und ſo die Zukunft ſelbſt in der Gegenwart vernichtet haben. Die Schule mußte ja zum Polizeiinſtitut herabſinken, da ihre Hauptaufgabe darin beſtand, dem Polizei⸗ ſtaat tüchtige und zahme Bürger zu erziehen. Bis denn dieſer loyale Bürger und Diener des Staates fir und fertig, iſt vom eigentlichen Menſchen keine Spur mehr vorhanden; aber dafür hat er ſo und ſo viele Eramina würdig beſtanden und qualificirt ſich nun vortrefflich zum willenloſen Rad in der großen Maſchine, conſtitutioneller Staat genannt; ihm erblüht nach jahrelangem Wohlverhalten das Heil einer An⸗ ſtellung und die Regierung gewinnt eine feſte uner⸗ — Georg Volker. ſchütterliche Stütze mehr an ihm. Darum bangt mir eigentlich nur vor Einem in dieſer großen verhäng⸗ nißvollen Zeit, daß nämlich das deutſche Volk durch dieſen ſchändlichen Jeſuitismus ſeiner Vormünder in den beſten und edelſten Theilen ſo jämmerlich und me⸗ thodiſch zu Grunde gerichtet worden, daß an ein freies Wiederaufleben des zermarterten Leichnams nicht ſo ſchnell zu denken iſt und nur ein galvaniſches Zucken der Muskeln von der einſtigen Thatkraft Zeugniß giebt.“ Er ſtand nach dieſen Worten haſtig auf, und ging eine Zeitlang mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, während Germanos dem Freunde be⸗ deutſam zuwinkte. Mit einem Mal blieb der Geheimerath vor Volker ſtehen, faßte ihn ſcharf in's Auge und ſein Weſen verrieth nichts mehr von Bewegung, als er ſagte: „Nun, Volker, wie ſteht's eigentlich mit Ihnen? Zu welcher Fahne werden Sie ſchwören? Halten Sie's mit Denen, die da glauben, ein deutſches Par⸗ lament werde uns von allem Uebel erlöſen? Oder ſind Sie der beſſeren Anſicht, daß eine Revolution, die Deutſchland allein retten kann, nicht in Glacé⸗ handſchuhen gemacht wird? Holla, Freundchen. eut Georg Volker. 153 ſtehen Sie mir Rede! Hier heißt's: Wer da? Und das Vaterland fordert ehrliche Antwort von Ihnen! Aber nein, ich kenne ja Sie und auch die ehrliche Antwort. Sie werden gewiß nicht die große Zahl Derjenigen vermehren wollen, die ruhig und gemächlich abwarten, wohin ſich die Wagſchale der Entſcheidung neigt, ob in die alte Nacht des Elendes und der Schmachwirthſchaft zurück, oder in den ſon⸗ nengoldenen Tag der jungen Freiheit.“ „Die Entſcheidung?“ fragte Georg zaudernd und ſah den Greis verwundert an.„Liegt ſie denn in unſerer Hand?“ „In weſſen Hand ſonſt?“ erwiederte Jener, ohne einen Zug ſeiner ernſten Miene zu verändern. „Oder ſollen wir etwa abwarten, bis die Fürſten, die Cabinette und die— Congreſſe uns die Freiheit aber⸗ mals verbriefen? Oder der Pöbel ihr Altäre baut? Gnad' uns Gott im einen wie im andern Falle! Dann wär' es beſſer, die Freiheit, die wir erringen wollen, hätte uns nimmer ihr göttliches Antlitz entſchleiert und Deutſchland wäre niemals aus ſeinem Taumel⸗ ſchlaf erwacht! Und Sie, Volker, fragen noch, in weſſen Hand die Entſcheidung liege? Kann ein Volk, das der Freiheit werth iſt, anders als durch ſich ſelbſt frei werden. Braucht man dazu fran⸗ 154⁴ Georg Volker. zöſiſche Sansculottes oder Koſacken und Baſchkiren? Und ſind nicht die Beſten im Volke die, welche ihm mit dem erhabenen Beiſpiel der Vaterlandsliebe und der Freiheitsthat vorangehen? Iſt denn Roms, Griechenlands und Amerikas Geſchichte für uns Deutſche eine oſſianiſche Mythe geworden, daß uns die Heldengeſtalten eines Perikles, Cato, Brutus und Waſhington nur noch wie Nebelbilder an der Seele vorüberwallen? Und iſt Deutſchland ſelbſt, dieſes Land der weltbewegenden Ideen und der geiſtigen Revolutionen, nirgends anders mehr als auf der Land⸗ karte zu finden, daß wir ſogar nicht wiſſen ſollten, was wir einſt waren und was wir ſind? Aber ich ſehe, lieber Volker, Sie ſind bei Ihrem einſamen Waldleben ein Fremdling geworden in der Welt und ſelbſt im deutſchen Vaterland; nun, ſo Gott will, ſchläft jetzt noch mancher Brutus unter uns, der ſich bald die Augen reiben und zur Heldenthat erwachen wird. Noch iſt allerdings die Zeit der Entſcheidung nicht da, noch gilt auch für uns Platen's herrliches Wort: Nicht Böſe nur verbergen ihre Thaten, Auch Tugend hüllt ſich ein. Das Vaterland, auf offnem Markt verrathen, Weint ſeine Thränen ganz allein. Aber nur Geduld! Bald werden, ich habe gute Georg Volker. 15⁵⁵ Hoffnung, in Berlin und Wien die Lvoſe aus der Urne ſpringen, und dann, Volker, dann, Germanos, fragt Beide nicht lange, in weſſen Hand die Ent⸗ ſcheidung liegt! Dann ſeid eingedenk jener Lehre, die man nur aus dem Buche der Weltgeſchichte em⸗ pfängt, daß wo die Stunde der Erhebung einem Volke that⸗ und nutzlos vorübergeht, Jahrhunderte mit ihren trauernden Geſchlechtern vergebens harren, daß ſie wiederkehrt; Deutſchlands Geſchichte iſt der redende Beweis hiervon denn ſo oft wir uns auch auf unſere Weltbeſtimmung als mächtigſtes und edel⸗ ſtes Volk der Erde beſannen, ſo oft ſank auch der herrliche Gedanke wieder in Nacht und Vergeſſenheit zurück, und der Enkel ſchleppte von Neuem muthlos an der Kette weiter, die der Vorfahre nicht die Kraft hatte im rechten Moment leicht vom Arme zu ſtrei⸗ fen. Einmal aber, einmal muß ſie doch fallen, und daß es in unſerer Hand liegt, ſie zu zerreißen, das eben ſoll uns auch die Kraft geben, es zu voll⸗ bringen. Gottes Wille verſetzt Berge, des Menſchen Wille erklimmt ſie. Es wird eine Zeit fuͤr Deutſch⸗ land kommen, und ſie iſt näher als Ihr wißt, wo eine einzige Großthat, eine einzige Minute ſchwerer in die Wagſchale unſerer Geſchicke fällt, als Jahr⸗ hunderte hohenſtaufiſcher Weltherrſchaft. Der Ham⸗ 15⁵8 Georg Volker. gend ein entſcheidender Punkt, da uns der Odenwald den Weg nach Franken und in den Maingau öffnet; auch wird Süddeutſchland insbeſondere noch durch den Bauernaufſtand in dieſen Bergen das Signal zur Erhebung ſeiner Städte erhalten. Wie mir die Volksſtimmung hier zu Land geſchildert wurde, ſo iſt der ganze Odenwald ſchon jetzt ein glimmen⸗ der Vulkan, und wird beim erſten Sturm in helle Flammen ausbrechen; kurz, es fehlt hier nur noch der rechte Mann, der ſich an die Spitze der Bewe⸗ gung ſtellt, den Aufſtand organiſirt und den Bauern den Weg nach der Reſidenz zeigt. Nun, Volker,“ fuhr der alte Herr nach einer Pauſe munter fort, indem er ſein Glas leiſe an das des jungen Haus⸗ wirthes anklingen ließ;„was meinen Sie? Wenn wir einmal den rechten Mann hochleben ließen? Der Wein iſt gut, ein tüchtiger nun, wie wird's?“ Volker ſah den Geheimerath groß an. „Denk' an Deine Jugend, Georg, denk an Alles, was ich Dir geſagt habe!“ rief Germanos lebhaft. „Jetzt oder nie iſt der Augenblick gekommen, wo ich Dir mein W prechen löſe!“ „Dut die Revolution?“ fragte Jener beſtürzt. Dech die That, die uns Alle rächt— Alle, „— ——— — —— . Georg Volker. 159 Todte und Lebende, und das Vaterland frei macht!“ verſetzte der Freund feierlich.„Ha, Volker, Du woll⸗ teſt noch zögern? Nimmermehr! Denn iſt Einer von all' den Tauſenden, die ſich freudig zum heiligen Kampf bereit halten, durch Geſchick wie durch ſeinen innern Werth berufen, das Volk gegen die Tyran⸗ nei in den Kampf zu führen, ſo biſt Du es, Du, dem das Schickſal ſchon in der Wiege das Rache⸗ ſchwert der Vergeltung in die Hand vrückte!“ „Ich zög're nicht um meinetwillen,“ antwortete Georg bebend. „Und doch zögerſt Du!“ rief Germanos mit dem Blick des Unmuths und dem Ton des Vorwurfs. „Nur eine Frage vergönnen Sie mir,“ ſagte Volker, des Geheimeraths Hand ergreifend.„Sie wiſſen, daß jedes Wort aus Ihrem Munde denſelben Werth für mich hat wie die Wahrheit ſelbſt; Sie wiſſen auch, daß ich mit Freuden bereit bin, meine Anſichten jederzeit den Ihrigen unterzuordnen; Eins aber iſt mir bis jetzt aus Ihren und des Freundes Worten noch nicht klar geworden, und doch ſcheint mir gerade dies Eine das Wichtigſte von Allem.“ „Nun?“ fragte der Geheimerath geſpannt, als Georg zögernd inne hielt un ihn mit ungewiſſem Blick anſah. 3 156 Georg Volker. merſchlag eines Wittenberger Mönchs hat einſt den Vatican erzittern gemacht, heute aber gilt es mehr, als ein Capitol zu ſtürzen, heute gilt's, ein Capitol zu bauen.“ Georg hatte mit wachſendem Staunen den be⸗ geiſterten Worten des Lehrers gelauſcht. Dieſer, der mit ſcharfem Auge die Ungewißheit in ſeiner Seele las, beſchloß, ihn vollends aufzuklären, und nahm darum nach einer Pauſe wieder das Wort, indem er ſagte: „Für's Erſte iſt nichts zu thun, als ruhig ab⸗ zuwarten, wie es anderswo werden wird; jeder Ver⸗ ſuch zum Aufſtand vor der Zeit wäre Tollkühnheit, ja noch mehr, wäre ein Fehler, der ſich ſchwer an unſrem Vaterland rächen würde. Der revolutionaire Inſtinct iſt noch nicht ſo allgemein im Volke ver⸗ breitet, als daß man auf eine Erhebung in Maſſe ſchon jetzt mit Zuverſicht rechnen dürfte; auch liegt es keineswegs im Plane der Vaterlandsfreunde, das Landvolk eher zu alarmiren, als bis zuvor ſolche Thatſachen gewonnen ſind, welche den Erfolg einer allgemeinen Erhebung zum Voraus ſichern. Noch muß es ſich überhaupt erſt zeigen, ob die Fürſten den Kampf mit der Volksſouverainetät aufnehmen, oder ob ſie nicht vorziehen, der Revolution widerſtands⸗ ₰— — Georg Volker. 157 los zu weichen. Geſchieht das Letztere, ſo ſind wir der Dynaſtieen, wenigſtens in Süddeutſchland, ohne Kampf ledig, und die Föderativ⸗Republik auf den Grundlagen der nordamerikaniſchen Verfaſſung wird als die vernunft⸗ und naturgemäßeſte Staatsform für Deutſchland verkündigt. Ein Volkshaus tritt in Frankfurt zuſammen, erklärt ſich in Permanenz und wählt aus ſeiner Mitte einen Präſidenten. Iſt aber im ſchlimmſten Fall der Abſolutismus in Deutſch⸗ land noch tollkühn oder mächtig genug, um den Kampf mit der ungeheuren Mehrheit der Nation zu wagen und ſich den Forderungen des Volkes zu wi⸗ derſetzen, ſo wird eine allgewaltige, erſchütternde Ka⸗ taſtrophe nicht zu vermeiden ſein; dann wird die Revolution ihre hiſtoriſchen Ueberlieferungen wieder aufnehmen, der Kampf des Geiſtes und der Idee wird dem der Schwerter weichen und der Sieg der nationalen Freiheit und Einheit zur Volksthat wer⸗ den; bin ich recht unterrichtet, und ich darf auf meine Gewährsleute bauen, ſo wird die große Wahl⸗ ſchlacht in den beiden Metropolen Deutſchlands, zu Wien und Berlin beginnen; dann, aber auch erſt dann iſt es Zeit, daß das Volk in allen Gauen der deutſchen Erde das ſchwarz⸗roth⸗goldne Banner der Freiheit entfalte; und dann iſt auch dieſe Ge⸗ Georg Volker. Jener erwiederte: „Sie reden bis jetzt nur von der Revolution, die für Deutſchland glücklich ausfällt. Wenn es nun aber im Rath der Vorſehung anders beſchloſſen, wenn nun der Ausgang ein unglücklicher wäre? Wenn dieſe herrliche Bewegung, von der wir jetzt die edelſten Geiſter unſres Volkes ergriffen ſehen, gerade dadurch, daß wir ſie gewaltſam zu fördern ſuchen, in falſche Bahnen geleitet würde, wenn die Freiheit, die Deutſch⸗ land noth thut, durch andere als blutige Opfer er⸗ kauft werden ſollte? Hieße das nicht das Vater⸗ land doppelt und dreifach ſeinen alten Feinden über⸗ liefern? Schon mancher Tag ſah ein herrliches glückverheißendes Morgenroth, und der Mittag und Abend bezeichneten Stürme und Verwüſtung. O Germanos, ſchau nicht ſo im Unmuth d'rein, wenn 1 ich Dir vielleicht allzubedächtig und ängſtlich vor⸗ komme, und dadurch Deine frohe Begeiſterung ſtöre. Wer aber den rechten Anfang will, muß auch das Ende bedenken; denn zwiſchen dem Tage, wo wir in Deutſchland eine Revolution entzünden und jenem, wo wir ſie beſchließen, kann eine ganze Generation zu Grunde gehen und die darauf folgende wird uns doch nicht ſegnen.“ „Bravo, das heiß' ich wie ein Mann reden!“ ———,——— Georg Volker. 161 rief der Geheimerath und druͤckte freudig bewegt Georg an ſeine Bruſt.„Aber ſo ſehr mich auch Ihre Beſonnenheit freut, ſo wenig theile ich doch Ihre Befürchtungen in Hinſicht des Ausgangs; wohl ſind dagegen alle Anzeichen günſtig, daß die deutſche Revolution ſchnell und glücklich beendet ſein wird, wenn nur alle Patrioten nicht vergeſſen, daß uns Einigkeit ſicher zum Ziele führt; und auch in dieſer Tugend haben wir, Dank der Bornirtheit des alten Syſtems, Fortſchritte gemacht. Denn niemals war der Ruf und die Sehnſucht nach einer innern ſtarken Einigung im deutſchen Volke entſchiedener, niemals der Haß und Abſcheu gegen Diejenigen größer, welche unſte Zerſplitterung brauchen, um einer klein⸗ lichen buntſcheckigen Hofpolitik die Kraft und Würde unſrer Nationalität zu opfern, als heutzutage; und jetzt, wo dieſe Kraft und Würde überall im deutſchen Volksleben zum Bewußtſein erwacht, jetzt ſollten wir uns fragen, ob auch der rechte Zeitpunkt da ſei?— Ich ſage Ihnen, Volker, daß er da iſt, und wehe uns, wehe der Zukunft Deutſchlands, wenn wir ihn ungenützt verſtreichen ließen! Der großen Momente in der Geſchichte ſind wahrlich wenige, wo Gedanke und That eines Volkes ſo in Eins zuſammenſallen, wie jetzt beim Deutſchen; niemals hat die Vater⸗ H. 1 —— Georg Volker. landsidee ſo tief in allen Herzen gezündet und ſo mächtig die Geiſter aufgeregt wie heute. Aber dieſe Erſcheinung darf uns nicht täuſchen, dieſer Silber⸗ blick der Freiheit unſer Auge nicht blenden; denn hinter der Sonnenhelle lauert wieder die Nacht; und der rettende, erlöſende Gedanke, der die Menſchheit ſchwach und unfähig findet, ihn zur heroiſchen That, zur geſchichtlichen Wahrheit zu geſtalten, er kehrt ſchnell wieder in den Himmel zurück, von wo er ſtammte, und vergebens hat ſein Blitz über todte Ruinen geleuchtet. Darum raſch an's Werk, ſo lange es noch Zeit iſt und ein kühnes Handeln den Grund⸗ ſtein legt zur Größe und Einheit des Vaterlandes; wir wollen ihn ja nicht an einem Tage vollenden, dieſen ſtolzen herrlichen Bau, aber wir wollen in ei⸗ ner großen patriotiſchen That dem Enkel ein Erbe hin⸗ terlaſſen, auf daß unſer Gedächtniß ihn befeuere und er nicht an unſrer eignen Feigheit und Thatloſigkeit weiter kranke, wie wir an der unſter Väter. Denn wehe dem Geſchlecht, das einer faulen Vorzeit ſein Daſein verdankt! Wären unſte Väter Männer geweſen, ihre Söhne brauchten ſich nicht des deutſchen Na⸗ mens zu ſchämen; er wäre ihr Ruhm, ihr Stolz, wie er heute ihr Schimpf iſt!— Die Hand, Vol⸗ ker! Ich mag's nicht denken, daß hier, wo es ſich Georg Volker. 163 um die Ehre und Rettung des Vaterlandes handelt, zwiſchen uns ein ſtörender Schatten lagert. Sie ſcheuen nur das Wort: Revolution! Gott ſei Dank, das haben Sie nicht nöthig! Denn unſre Revolu⸗ tion kämpft mit den Waffen der Wahrheit, der Menſchlichkeit und Vaterlandsliebe gegen die Mächte der Lüge, der Finſterniß und der Tyrannei! Auch ſollen ja die Geſchicke Deutſchlands nicht gerade im Odenwald entſchieden werden; nur darf das Volk nicht hier und nirgendwo die Hände in den Schooß legen; denn je einmüthiger und allgemeiner ſeine Er⸗ hebung ſein wird, um ſo geringeren Widerſtand wird man ihm entgegenſetzen, um ſo ſchneller wird der Frieden dem Vaterland zurückgegeben ſein.“ „Was aber ſoll ich thun, was kannich thun?“ fragte Volker, ſchon um Vieles zuverſichtlicher. „Was jeder edle Menſch in ſo ernſter Zeit thun muß, mit Gut und Blut voll freudiger Zuverſicht für ſeine Ueberzeugung einſtehen,“ erwiederte der Ge⸗ heimerath.„Dann aber ſind Sie ganz der Mann, deſſen Beiſpiel auf Tauſende Ihrer Landesgenoſſen günſtig und begeiſternd einwirken wird; denn im gan⸗ zen Odenwald wird das Volk der Sache vertrauen, deren Leitung Sie in die Hand nehmen; kein Andrer beſitzt weit und breit ſo große Autorität unter den 1. 16⁴ Georg Volker. Bauern, Keiner vereinigt in ſich ſo ſehr alle Eigenſchaf⸗ ten und Talente zum Volksführer, wie Sie; kurz, hier iſt keine Wahl, und wenn Germanos Sie vor⸗ hin beim Andenken Ihrer Jugend beſchwor, ſo frage ich Sie ſtatt deſſen: Will der Mann nicht mit uns ſein?“ „Bleibſt Du bei mir?“ fragte Georg, nach kurzem Kampfe mit unſichrer Stimme den Freund. „Das verſteht ſich und wenn es ſein muß, bis in den Tod!“ rief Germanos. Mit Rührung betrachtete der Greis die beiden jungen Männer und ſagte: „So iſt's recht, meine Söhne; das iſt der ſchönſte Anfang zur großen That! Die Griechen wußten wohl, warum ſie die Freundſchaft über Alles ſetzten; denn aus ihr wuchs des Vaterlands beſte Kraft und ſie erſchuf ihm jenes herrliche Heldenthum, das in den Stunden der Gefahr den Freund im Freund un⸗ überwindlich machte. Georg Volker. 165 Siebentes Capitel. Der Tag verging ihnen unter wichtigen Geſprä⸗ chen und Berathungen über die zu ergreifenden Maß⸗ regeln, und Georg bekam dabei manches für ihn Neue und Merkwürdige zu hören. So erfuhr er unter Anderm, daß Germanos ſchon lange im Ge⸗ heimen Anſtalten getroffen und Verbindungen mit auswärtigen Volksführern eingeleitet habe, um bei einem revolutionairen Ausbruch gerüſtet zu ſein. Was ihn aber am meiſten erſtaunen machte, war die Nachricht, daß der Freund und der alte Hauptmann von Bärenhorſt ſchon ſeit geraumer Zeit unter den Bauern Anhänger geworben hatten und bereits an der Spitze einer durch's ganze Gebirge verzweigten Verſchwörung ſtanden, was jedoch von ihnen ſo geheim betrieben worden war, daß ſelbſt Georg auch nicht das Mindeſte davon erfuhr. Schon hatten die in den Plan Ein⸗ geweihten mehrere Zuſammenkünfte in der„Eiſernen Hand“ gehalten, beſaßen auch bereits einen bedeutenden Vorrath an Waffen und Munition aller Art, und wenig fehlte mehr als der Führer, zu welchem von Allen Georg einſtimmig auserſehen war, noch ehe 166 Georg Volker. dieſer eine Ahnung davon hatte, was in ſeiner näch⸗ ſten Nähe vorging. Nun war ihm freilich das Treiben des Haupt⸗ manns, von welchem er erſt am heutigen Morgen durch Annli Kunde erhalten hatte, kein Räthſel mehr, ſo wenig als das des Freundes und deſſen Kreuz⸗ und Querzüge im Gebirge. „Aber das Beſte bleibt doch Dir vorbehalten,“ ſagte Germanos.„Denn noch fehlt überall der Zu⸗ ſammenhalt, die rechte Leitung. So oft ich einen Bauer für unſte Pläne bearbeite, hört er mich zwar ruhig an, aber am Ende iſt doch der gewöhnliche Reftain: Was ſagt denn der junge Hofherr zur Geſchicht'?“ „Und was gabſt Du ihm dann zur Antwort?“ fragte Volker. Lachend verſetzte Germanos: „Ei, Freundchen, Du wirſt doch nicht glauben, daß ich Deine Autorität mißbraucht hätte? Ich klopfte nur den Zweiflern und Bedenklichen zutrau⸗ lich auf die Schulter und flüſterte ihnen geheimnißvoll ins Ohr: Pſt! Still von Dem! Der will erſt ſehen, was Ihr dazu ſagt? Und die Hand auf's Herz, Georg! Kein Bauer von allen, die nach Dir und Deiner Meinung mich fragten, ſchlug mir's ab, ——— Georg Volker. 167 Dir zu folgen, aber auch nur Dir allein, denn Du ſeiſt ein ſtudirter Bauer, meinten einige, und da müßteſt Du ſchon das Rechte treffen.“ „Gott geb's!“ ſagte Volker leiſe vor ſich hin und brach ſchnell das Geſpräch ab. Da das Wetter außerordentlich mild und ange⸗ nehm war, ſo forderte der Geheimerath am Nach⸗ mittag ſeine beiden jungen Freunde zu einem Spa⸗ ziergang in dem Wald auf; und bald hatten dieſe Gelegenheit, den rüſtigen Greis zu bewundern, wie er ihnen Beiden voran mit jugendlicher Leichtigkeit die ſteilen Bergpfade erſtieg und ſich an der herrli⸗ chen Landſchaft entzückte, die er ſeit zehn Jahren nicht mehr geſehen hatte. Georg führte ihn denſel⸗ ben Weg durch den Wald, auf dem er am heutigen Morgen mit Annli zuſammengetroffen war; ſie be⸗ ſuchten den Förſter Arnold, einen nicht ungebildeten Mann, der eine außerordentliche Vorliebe für die ge⸗ ſchichtlichen Werke des Geheimeraths hatte und ſich durch den Beſuch des berühmten Schriftſtellers in ſeinem einſamen Waldhaus auf das Höchſte geehrt fühlte. Er führte ſogleich den alten Herrn vor ſei⸗ nen Bücherſchrank und zeigte demſelben mit ſtolzer Freude deſſen in ſtattlichen Halbfranz eingebundene Geſchichtsbücher, wobei er in ſeiner ſchlichten Weiſe 168 Georg Volker. bemerkte, das ſei ihm ſeine liebſte Lectüre und ſeit er dieſe Schriften ſtudire, fühle er ſich mit Stolz ein Deutſcher, und wolle weder den Franzoſen noch den Engländer um ihre Geſchichte beneiden. Der Geheimerath ſchmunzelte freundlich, und man ſah ihm das Vergnügen an, ſich hier ſo un⸗ erwartet, mitten in wilden, einſamen Waldungen, von einem Jägersmann geehrt und anerkannt zu finden. Unter traulichen Geſprächen, beim Glaſe jenes funkelnden braunen Bergweins, der an den ſüdlichen Abhängen des Odenwaldes wächſt und ſeinem Bru⸗ der am Rheine nichts an feuriger Rebe und Würze nachgiebt, rückte der Abend immer tiefer heran, und der Mond ſilberte ſchon durch die Fenſter, als Georg endlich an die Heimkehr erinnerte. Der Förſter be⸗ gleitete ſeine Gäſte bis zum Ausgang des Waldes und nahm hier herzlichen Abſchied, beſonders von dem Geheimerath, da dieſer ſchon in der Frühe des andern Morgens ſeine Reiſe nach Norddeutſchland fortſetzen wollte. Herrlich prangte die Nacht in aller Schöne und Milde, wie ſie ſich in ſo früher Jahreszeit, wo ſonſt die Natur gewöhnlich noch das Rauhe herauszukeh⸗ ren pflegt, ſelten zuſammenfindet. Der Sternenglanz — Georg Volker. 169 des Firmamentes, der ſtillen Erde mondbeſchienene Dämmerung, Alles war unbeſchreiblich ſchön und die Helle geſtattete dem Auge ſelbſt die gegenüberliegen⸗ den Gebirge zu erkennen, deren Höhen zauberiſch im Mondlicht erglänzten und ſich in ſanften Linien von dem tieferen Dunkel des Horizontes abzeichneten. In der Nähe der Marienlinde, an welcher ſie ihr Weg vorbeiführte, ſtand der Geheimerath ſtill und machte ſeine Begleiter auf die wunderbare Schön⸗ heit der nächtlichen Schöpfung aufmerkſam. Er deu⸗ tete nach dem geſtirnten Himmel und ſagte gerührt: „Habt Ihr jemals einen herrlicheren Anblick gehabt als dieſen? Iſt das nicht ſo prachtvoll ma⸗ jeſtätiſch, als wenn ſich uns die Ewigkeit in ihrem unerforſchlichen Räthſel offenbaren wollte! Ach, was ſind alle Propheten der Menſchheit gegen dieſen Sternenhimmel mit ſeiner lichten Weisheit und Glo⸗ rie, der uns in einem Blick das ganze Myſterium unſres Geiſtes in Sein und Werden enthüllt!“ Der Alte ergriff mit richtigem Gefühl die weichere Stimmung, in welche ihn ſelbſt und die beiden jungen Männer nach einem in lebhafter Er⸗ regung hingebrachten Tage, der Anblick dieſer ſtill⸗ erhabenen Schöpfung verſetzte, und fuhr fort: „Solch' einen Himmel über dir, da müſſen ſchon 17⁰ Georg Volker. der Erde Geſchicke und Prüfungen zu überwinden ſein, ſo dacht' ich oft in meiner an ſchweren und ſchmerzlichen Erlebniſſen reichen Jugend; und wahr⸗ lich, es liegt eine wunderbar ſtärkende Kraft in dem Glauben an die Sterne. Jener dunkle Drang, der ſchon in frühen Jahrhunderten die Menſchen veran⸗ laßte, der Zukunft Geſchicke in den Sternen leſen zu wol⸗ len, er iſt nicht zufällig im Gemüthe vorhanden und eben⸗ ſo wenig mag ich ihn Aberglauben oder Fatalismus ſchelten. Nur muß die Hoffnung unſer Auge klären und reines Gottvertrauen jene in Gold geſchriebenen Hiero⸗ glyphen deuten, dann wird ſich auch ihr ewiger Sinn uns enthüllen und uns gnädig den dunklen Pfad erleuch⸗ ten, den wir wandeln ſollen bis zum Ziele. Laßt uns darum auch heute, wo wir in Ernſt das Werk berathen haben, von dem des Vaterlandes Rettung abhängt, den Sternen vertrauen, und Dem, aus deſſen Hand ſie wandeln, gleich Tropfen im Strome der Unendlichkeit. Kein Leben ohne Freiheit, aber auch teine Freiheit ohne Gott! Er, der dieſes heilige Ge⸗ fühl der Ahnung von ſeiner Cwigkeit in unſte Bruſt ſenkte, wollte damit in uns nur die Sehnſucht ent⸗ zünden nach jener höheren Freiheit, der wir unauf⸗ haltſam entgegen ringen ſollen, ſo weit es der Erde engbegränzter Raum unſerm Geiſte geſtattet. Darum Georg Volker. 17¹ gab uns Gott neben der himmliſchen Freiheit, die wir nur ahnen, auch eine irdiſche, gab uns ein Va⸗ terland zum Altar dieſer Freiheit, um welchen ſich die Völker als eine einige große Gemeinde ſammeln ſollen, wenn ſeinem heiligen Cultus Gefahr droht und ſchnöder Eigennutz, Herrſchſucht und Wahn ihn ſtürzen wollen; darum entzündete er tief in jeder Menſchenbruſt die ſtille Veſtaflamme der Vaterlands⸗ liebe, daß ſie hell aufleuchte, wenn feindliche Gewal⸗ ten den freien Menſchengeiſt in Ketten zu ſchlagen trachten. Erhör' uns darum, ewiger Gott der Frei⸗ heit über den Sternen, und hilf uns vollbringen die fromme That, wozu Du den Drang und die Sehn⸗ ſucht als Deines Himmels ſchönſte Blüthe in jedes edle Herz gepflanzt haſt, damit auch wir einſt mit den Größten und Beſten der Geſchichte ſprechen können: Weil wir für der Menſchheit Freiheit ſtritten, haben wir auch Theil an der Menſchheit Erlöſung, die Eins iſt mit der Menſchheit unſterblichem Leben. Ihr aber, ihr goldenen Sterne der Zukunft und der Vergangenheit, ihr ewiges Mythenthum des ſehn⸗ ſuchtvollen Geiſtes in der Gegenwart, entzündet bald eure Kerzen zur heiligen Brautnacht der Freiheit und ſtrahlt wie einſt über Rom und Athen, endlich einmal auch auf ein freies Deutſchland hernieder; 172 Georg Volker. gönnt dem Volk, das vor allen Völkern der Erde den göttlichen Prometheusfunken des freien Gedankens von euren Sitzen holte, o gönnet ihm auch dieſes Funkens ungetrübte Klarheit und belebende Wärme!“ Der Greis ſchwieg, während die beiden jungen Männer von dem Gebet des ehrwürdigen Patrioten zu den Sternen des Vaterlandes auf das Innigſte er⸗ griffen wurden und Jeder ſich in ſeiner Gefühlsweiſe dem Eindruck davon überließ. Germanos ſank an des Lehrers Bruſt und gelobte ihm nochmals unter glühenden Thränen, für Deutſchlands Freiheit zu leben und zu ſterben; Georg, ganz in Sinnen ver⸗ ſunken, ſtand während deſſen mit verſchränkten Armen da und ſah unverwandt gen Himmel, indem er den Worten des Geheimeraths nachdachte. Da bemerkte er mit einem Mal eine helle Sternſchnuppe, die mit einem glänzenden Lichtſtreifen meteorengleich in der Richtung von Weſten nach Oſten durch den Aether⸗ raum flog; und der Gedanke, daß es ſein Stern geweſen, ging ſchnell, wie er aufgetaucht, ein zweiter Irrſtern, an ſeiner Seele vorüber. Schweigend, in feierlicher Stimmung kehrte man hierauf nach dem Hofe zurück, und die Mitternacht fand den alten Herrn noch im lebendigen Geſpräch mit ſeinen beiden Schülern beiſammen. Georg Volker. 173 In der Frühe des andern Morgens reiſte er ab; Germanos begleitete ihn, der Verabredung gemäß, nach der nächſten Stadt, und Georg gab ihnen das Geleite bis zur Höhe, wo er von dem theuren Mann innigen Abſchied nahm, der ihm noch einmal in kur⸗ zen, bedeutungsvollen Worten an Das erinnerte, was er ihm geſtern an's Herz gelegt zer ſah hierauf dem dahinrollenden Wagen nach, bis derſelbe um die Waldecke bog, um ihm einen Mann zu entführen, der nun ſchon zum zweiten Mal durch ſeine Erſchei⸗ nung einen ſo merkwurdigen Wendepunkt in Georg's innerm Leben bewirkt hatte. Die Umſtände, unter denen er ſich wieder allein befand, waren allerdings geeignet, ihn zu ernſten Be⸗ trachtungen über die Pläne und Entſchließungen zu ſtimmen, die ſo unerwartet ſchnell in ſeiner Seele gereift waren. Aber je klarer er ſich Alles, was am geſtrigen Tage zwiſchen ihm und den Freunden ver⸗ handelt worden war, noch einmal vergegenwärtigte, um ſo größer zeigten ſich ihm die Schwierigkeiten des Vollbringens, und es fehlte ihm, nun er mit kaltem Blut und ohne Anregung von einem Dritten den gewagten Plan nochmals überdachte, faſt aller Glaube an die Möglichkeit einer erfolgreichen Aus⸗ führung; ſeine Prüfung der vorhandenen Hülfsmittel 17⁴ Georg Volker. führte ihn vielmehr bald zu ganz andern Reſultaten, als geſtern, wo der Einfluß einer überwiegenden Per⸗ ſönlichkeit ſein Urtheil befangen gemacht und zugleich ſein Selbſtvertrauen gehoben hatte. Das Abenteuer⸗ liche und Gefährliche des revolutionairen Projectes, zu dem er die Hand geboten, trat immer mehr in den Vordergrund ſeiner Betrachtungen, und bald über⸗ wog wieder die praktiſche Seite in ihm die ideale auf das Vollſtändigſte. Vergebens rief er ſich die Worte und Vorherſagungen des Geheimraths in's Gedächtniß zurück; vergebens wollte er ſich ſelbſt auf einer Anwandlung von Kleinmuth und Verzagt⸗ heit ertappen; ſeine Vernunft ſagte ihm dennoch, daß er die Dinge der Wirklichkeit klarer und richti⸗ ger anſah, als der Geheimerath und Germanos, und daß ebenſowohl die örtlichen Verhältniſſe, wie die Menſchen in dieſen Verhältniſſen, einem ſolchen Beginnen geradezu entgegenſtanden. Zwar hatte der Geheimerath den Odenwald in ſtrategiſcher Beziehung die deutſche Cevenne genannt; aber Berge allein konnten doch wahrlich keine Revolution machen, und die Bauern dieſer Gegend waren noch lange keine Camiſards; beinahe zweifelte er daran, daß ſie über⸗ haupt einer Regung von politiſchem Fanatismus fähig ſeien, geſchweige denn für die deutſche Repu⸗ — Georg Volker. 175 blik auch nur eine Hand regen würden. Hätte ihm Jemand zugemuthet, im rauhen Odenwalde an der Stelle, wo er ſtand und wo jetzt Haſelhecken und Schlehdorn wuchſen, einen Palmenhain anzupflanzen, er würde kaum mit geringerer Zuverſicht an die Mög⸗ lichkeit des Gedeihens ſeiner Anpflanzung geglaubt haben, wie an die Erfolge einer revolutionairen Pro⸗ paganda, an deren Spitze er ſich ſo urplötzlich ver⸗ ſetzt ſah. Seine Erfahrung ſagte ihm, daß die Pal⸗ men ſo wenig in dieſem Boden Wurzel ſchlagen würden, als Freiheitsbegeiſterung und heroiſche Va⸗ terlandsliebe in den Herzen der Obenwälder Bauern, obwohl er freilich auf der andern Seite nicht leug⸗ nen konnte, daß ſich zu den groben Hanthierungen der Revolution mit Senſen, Dreſchflegeln und Miſt⸗ gabeln Elemente und Neigungen genug bei ihnen vorfänden;— kurz, er war wieder ganz der alte Volker, und der Glaube an das Glück dieſes Unter⸗ nehmens ſchwand in dem Grade, als die Furcht vor dem Mißgeſchick, das ſich an ſeine Sohlen heftete, ſein Gemüth befangen, ſeine Zuverſicht wankend machte. Das ſind die armen Menſchen mit dem leben⸗ digen Gott in der Bruſt und dem bleiernen Gewicht eines dunklen Verhängniſſes auf der Seele! Stand⸗ 176 Georg Volker. haft bei noch ſo ſchwerem Mißgeſchick, erbeben ſie doch vor der That, die einen freudigen Muth will und ein kühnes Selbſtvertrauen; und ſo ſtark und männlich im Ertragen, ſo unentſchloſſen und ſchwach ſind ſie im Handeln, bei dem weniger die moraliſche Kraft als eine heitre ideale Weltanſchauung und geiſtige Elaſticität den Ausſchlag geben. Georg war ein ſtarker ganzer Mann, wo er ſich in ſeiner Sphäre bewegte, ſicher und klar in ſeinen Entſchlüſſen, ruhig und beſonnen in ihrer Ausführung. Aber bei ihm war Mangel an dem, was Germanos faſt in allzugroßer Fülle beſaß: der Enthuſiasmus des Augenblicks ging ihm ab, ihm fehlte die ſchwungvolle Phantaſie, des leichten Sinnes goldner Flügel, der über Abgründe hinaushilft und thurmhohe Schranken; mit einem Worte, ihm fehlte das poetiſche Temperament, das Genie des Blutes, und ein bedeutender Gedanke, ein großer Vorſatz ſank bei ihm gleich ſchwer in die Buchten ſeines Geiſtes nieder, um dort als Anker zu haften; während Germanos, einmal von einer Idee ergriffen, ſofort mit allen Segeln der Hoffnung und Begeiſterung in die offne See hinausſteuerte, unbekümmert um Stürme und Untiefen. In Georg war viel gediegenes, philoſophiſches Element, die Wahrheit und das Rechte ergriff er faſt immer in⸗ Georg Volker. 177 ſtinctartig, und ſein Urtheil in Sachen des praktiſchen Lebens, wie in der Kunſt und Wiſſenſchaft, war ſicher und treffend; aber er beſaß bei all dieſen geiſtigen Vorzügen keine ſchöpferiſche Kraft, ſein Gemüth war mehr tief als weich, ja, das Ercentriſche und Ro⸗ mantiſche widerſtrebte ſeiner innerſten Natur ſo ſehr, daß er häufig ſelbſt nüchterner und herber erſchien, als er im Grund ſeines Weſens ſein mochte. Ein Märtyrer der Freiheit hätte er werden können; zu ihrem Helden war er nicht geboren. Der Tod eines Seneca oder Sokrates hatte für ſein in⸗ dividuelles Gefühl unendlich mehr Reiz, als der eines Brutus oder Leonidas; denn ſeiner Seele Weihe war der Schmerz des Weiſen, der um der Wahrheit willen den Schierlingbecher leert; aber zum Helden der politiſchen That fehlte ihm der Enthu⸗ ſiasmus und der Ehrgeiz; letzterer beſonders war ein völlig fremder Tropfen in ſeinem Blute, ſo gut wie der Neid gegen fremde Größe. Und dieſer Mann ſollte eine politiſche Rolle ſpielen!„ In Betrachtungen ſolcher Art über ſich ſelbſt und das ihm angeſonnene Wageſtück verſunken, war Georg eine Zeitlang auf dem Platze ſtehen geblieben, auf welchem er von dem Geheimerath Abſchied ge⸗ H. 12 178 Georg Volker. nommen hatte. Er bemerkte darum auch nicht, wie ſich ihm gegenüber hinter dem nächſten Tannenbuſch die Geſtalt eines Mannes vom Boden aufrichtete, der ihn unverwandt betrachtete. Erſt im Begriff, auf ſeinen Hof zurück zu kehren, nahm Georg den Menſchen wahr, deſſen unheilvoll drohendes und herausforderndes Aeußere, zumal an dieſem abgelege⸗ nen Platze des Waldes, eben kein großes Vertrauen zu ſeinen guten Abſichten einflößte. Trotz ſeines tiefgrauen ſtruppigen Bartes und der erdfahlen ein⸗ gefallenen Züge war ſeine herkuliſche, breitſchultrige Geſtalt doch noch weit entfernt von Altersſchwäche; und die freche Haltung, mit der er, auf ſeinen weiß⸗ geſchälten Prügel geſtützt, zu Georg hinüberblickte, dabei der ſpöttiſch drohende Ausdruck ſeiner Miene, verriethen, daß er ſich im Nothfall darauf verſtand, ſeinem Trotze durch die That Nachdruck zu geben; kurz, es war eine jener verkommenen, unheimlichen Wegelagerer⸗Geſtalten, denen man ungleich lieber in einem Romane, als in einem abgelegenen Hohlweg oder auf einſamen Waldpfaden begegnet. Er trug eine zerriſſene blaue Blouſe, die vorn offen ſtand und die breite haarige Bruſt zeigte; alte grüne Tuch⸗ hoſen mit rothen Paſſepoils gehörten wohl ehemals einer DragonerUniform an und auch die abgetragene Georg Volker. 179 grüne Mütze hatte einen militairiſchen Schnitt. Dies war die äußere Erſcheinung des Menſchen, welchen Georg nicht ohne eine Anwandlung von Mißtrauen betrachtete, zumal ſich neuerdings in der Gegend aller⸗ hand fremdes Geſindel umhertrieb, von dem man nicht wußte, von wo es kam und wohin es wollte, ſchlimme Sturmvögel des Unwetters, das ſich mehr und mehr auch über dieſen Bergen zuſammenzog. Der Menſch, den Georg vor ſich hatte, ſah gerade aus, als käme er direct aus dem Zuchthaus, wenn er nicht gar auf dem Wege dahin begriffen: eine völlig confiscirte, für den Steckbrief geſchaffene Ge⸗ ſtalt, der der Stempel der Verworfenheit und dest Laſters auf die Stirn gedrückt war. Erſt als Georg eine Bewegung machte, um von dannen zu gehen, brach Jener die Pauſe, rief ihm mit einer rauhen gebieteriſchen Stimme, ohne jedoch ſeine Stellung zu verändern„Halt!“ zu, und nöthigte ihn ſo, ſich in ein Geſpräch mit dem Unheimlichen einzulaſſen. „Wer ſeid Ihr und was ſchafft Ihr da in ſo früher Stunde?“ fragte er den ungeſchlachten Ge⸗ ſellen, faſt betreten über die Frechheit, mit der Jener ihn verhindern wollte, ſeiner Wege zu gehen. Der Proletarier, ohne ſich von ſeinem Stock 12 180 Georg Volker. zu rühren, auf den er ſich gemächlich lehnte, erwie⸗ derte im rauhen Odenwälder Dialekte: „Er kennt mich wohl nicht mehr, he? Und ich hab' doch den Musje Volker auf den erſten Blick wieder erkannt, obwohl zwölf Jahre eine lange Zeit ſind, zumal im Eiſen und hinter dicken Kerkermauern.“ „Buhl!“ rief Georg, der kaum ſeinen Augen traute, als er in dem verwilderten Menſchen den Unglücklichen wiedererkannte, der dieſen Namen trug. „Konrad Buhl, ſeid Ihr's wirklich?“ „Wenn Er davon abthut, was ich nicht mehr bin!“ verſetzte Jener rauh auflachend.„Was aber om alten Konrad Buhl noch an mir iſt, das ſollen Die erfahren, die mich in's Unglück gebracht haben!“ rief er dann in heftiger Leidenſchaft und ſchwang drohend ſeinen gewaltigen Knittel in der Richtung nach Nellenburg. Georg kannte aus früherer Zeit den heftigen Charakter dieſes Mannes zu gut, um nicht zu wiſſen, daß derſelbe eine ſolche Drohung nicht vergebens thue. Begierig jedoch, vor Allem etwas Näheres über die ſeitherigen Schickſale Buhl' zu erfahren, that er, als habe er dieſe Worte überhört und fragte ihn: „Aber wie kommt's, daß Ihr jetzt frei umher⸗ Georg Volker. 181 geht? Hat man Euch aus dem Zuchthaus entlaſſen, oder ſeid Ihr wohl gar daraus entſprungen?“ Der Sträfling ſah ihn einen Augenblick wie verwundert an und erwiederte dann mit einem eige⸗ nen Lächeln: „Ne, wahrhaftig Musje Volker, von dort bricht Keiner aus, und wenn er auch Teufelsklauen an den Händen hätte. Probirt's nur und ſitz' Er ein⸗ mal zwölf Jahre im Eiſen, da verliert ſich die Luſt zum Ausbrechen von ſelbſt.“ „Eure Strafe lautet aber ja doch, wenn ich mich recht entſinne, auf ſechzehn Jahre Zuchthaus, nicht ſo?“ fragte Volker weiter. 4 „Rectement! Und die Proceßkoſten noch oben⸗ drein,“ verſetzte Buhl.„Weil aber der Ruſſenprinz nächſtdem eine von unſern Prinzeſſinnen heimführt, hat der Landesherr mir den Reſt der Strafzeit nach⸗ gelaſſen und mich, wie ſie's nennen, amneſtirt. Eines Tages feilte mir der Schloſſer das Eiſen von den Beinen, ich bekam die Montur da zurück, worin ich in die Strafanſtalt gekommen war, der Zuchthaus⸗ verwalter ſchenkte mir einen Sechsbätzner, damit ich ein Glas auf's Wohl des Prinzeßchens trinken ſolle, und ſo erhielt ich in Ehren meinen Abſchied aus dem Priſon. Schwernoth! wie ich aus dem n Giftrin⸗ 182 Georg Volker. thore trat, meinte ich die fallende Sucht oder die Drehkrankheit zu kriegen, ſo ging Alles mit mir herum und ich mußte ordentlich das Gehen von vorn lernen, wie ein Kind. Ich nahm meine Wanderung gleich hierher, aber die freie Luft hat mich in den drei Tagen faſt krank gemacht und das matte Fieber liegt mir in allen Gliedern. Da ſchau' Er mal', Musje Volker, wie ein Menſch ausſieht, der zwölf Jahre lang im Eiſen geſeſſen hat. Hopſen und Schottiſchtanzen thut er wohl ſein Lebtag nicht wieder!“ Er entblößte bei dieſen Worten das rechte Bein und zeigte Georg die gequetſchte Stelle oberhalb des nöchels, wo der eiſerne Ring ſeine furchtbare Spur im Fleiſche des Unglücklichen zurückgelaſſen hatte. „Alles Eins!“ ſagte der Zuchthausſträfling in ſtumpfer Gefühlloſigkeit, als Georg ſchaudernd den Blick von dieſem Maal der menſchlichen Gerechtigkeit abwandte.„Geſchehen iſt geſchehen, und ich bereu' es noch bis zur Stunde nicht, daß ich den Müllers⸗ knecht mit der Holzart zu Boden ſchlug, als er mir auf Befehl ſeines Brotherrn die letzte Kuh aus dem Stall holen wollte.“ „Pfui, Buhl, Ihr redet wie ein gottloſer, verſtockter Sünder,“ ſagte Georg, der Alles verſuchen wollte, den leidenſchaftlichen Menſchen von ſeinen Georg Volker. 183 finſtern Racheplänen abzubringen.„Was that Euch der Knecht, da es doch nur ſein Herr, der Müller war, dem das Gericht Euer Eigenthum zuſprach? Er durfte Euch von Gott und Rechtswegen auspfän⸗ den laſſen, denn er war Euer Gläubiger, den S nicht bezahlen konntet. Darum hatte das Gericht für den Müller erkannt, und das Recht mußte Dem werden, dem es zugeſprochen war.“ „Er ſolls ſchon kriegen, nur Geduld!“ rief der Wilde mit racheglühendem Blicke, faßte ſich jedoch ſchnell und ſagte mit angenommener Ruhe: „Was Recht! Was Richter! Mein Recht war, daß ich's nicht zu leiden brauchte, daß des Müllers Waſſergraben meinen Acker ruinirte. Darum fing ich Proceß mit ihm an und hatte ſchon meine Sache ſo gut als gewonnen, da der reiche Mehlwanſt, der nicht mehr wußte wo aus, wo ein, den Amtmann Leo mit Geld beſtach, daß dieſer ſchließlich noch ge⸗ gen mich aburtheilte, weil er ein Hallunke war und der Müller ein Spitzbube! Ich ſetzte mein Letztes dran und appellirte vom Amt an's Hofgericht und von da an den Appellhof, aber überall erhielt ich abſchlägigen Beſcheid und doch koſtete mich jedes Pa⸗ pier neues Blutgeld! Derweil lag mein armes Weib daheim an der Auszehrung darnieder, und ich konnte 184⁴ Georg Volker. keinen Doctor noch Apotheker bezahlen, weil der Advocat mir Alles wegzehrte. Der Muller aber malte immer luſtig darauf zu und ſteckte dem Amt⸗ mann ſo viel goldene Füchſe in die Taſche, daß alle Welt davon redete, wie die Schelme mich ruinirten, während ich doch nirgends für mein guts Geld Recht kriegen konnte. Und als mein Weib in Kummer und Elend geſtorben war, hatte der Schuft in der Mühle heimlich alle Schuldbriefe an ſich gekauft— ach, ſie lag noch auf dem hellgelben Stroh, da kam der Vogt des Amtmanns, verkaufte meinen Hof, verkaufte mir die Frucht auf dem Halme, und die letzte Kuh, die ich noch im Stalle hatte, erſteigt mein Todfeind, der Müller, und luſtig wollte ſie mir der Knecht von der Krippe losbinden. Laß die Kette zurück! rief ich ihm zu; er aber lachte— Musje Volker,— der Müllersknecht lachte mich an und ſagte zu mir: Wem die Kuh gehört, gehört auch die Kette; das konnt' ich nicht mit anſehen, mein Recht war dahin, ſo wollt' ich's einmal mit dem Unrecht verſuchen und erſchlug den S vor des Vogts Augen.“ „Ich weiß,“ ſagte Volker, dem ſch bei der Er⸗ zählung des Unglücklichen die Augen gefeuchtet hat⸗ ten;„ich weiß, man hat Euch damals nicht gut Georg Volker. 185 und menſchlich behandelt; es iſt, wie Ihr ſagt: der Müller und der Amtmann ſteckten unter einer Decke, und der Amtmann ſchrieb einen falſchen Bericht über Euch an das Hofgericht, unterſchlug außerdem wich⸗ tige Acten, und ſo ging Cure Sache verloren. Aber dies Alles, Buhl, thaten nur Eure Feinde; Ihr je⸗ doch thatet Euch ſelbſt das größte Leid an, als Ihr, ſonſt ein braver rechtſchaffener Mann, vom Jähzorn Euch hinreißen ließt und eine That verubtet, die Gott mit blutiger Schrift auf das Gewiſſen ſchreibt und die keine Sühne dieſer Welt je wieder auslöſchen kann.“ Der Zuchthausſträfling ſchien einen Moment von dieſen eindringlichen Worten Volker's ergriffen zu ſein; wenigſtens war er ſichtbar betroffen, und ſchüttelte nur, weil er keine andere Antwort wußte, verneinend den Kopf. Georg, der den innern Kampf in ihm bemerkte, wollte den Eindruck der guten Stunde nützen und fuhr mit noch wärmerem Antheil fort: „Und nun Ihr wieder frei ſeid, wollt Ihr von Neuem die Hand zu einer Miſſethat erheben, wollt vielleicht von Neuem blut'gen Mord auf Eure Seele laden? Denn, leugnet mirs nicht, ich leſe derlei böſe Gedanken deutlich auf Eurer Stirn und ſehe den 186 Georg Volker. Feind, der Euch am Hetzen ſitzt. Aber Ihr ſollt nicht, Buhl, beim gerechten Himmel, Ihr ſollt nicht wieder dem alten Fluch anheim fallen; ich, ich will Euch davor bewahren, gebt mir die Hand, Konrad, ich will Euch mit Gutem vergelten, was andere Leute, Euch Böſes thaten.“ Der Menſch ſah ihn eine Weile ſtumm, mit großen Augen an; aber in die ſo edelmüthig darge⸗ botene Hand des Retters ſchlug er doch nicht ein, ſondern verharrte vielmehr bald noch hartnäckiger in ſeinem feindlichen Trotze, Volker mochte auch ſagen, was er wollte. „Es iſt Alles Eins, ich kann nicht anders,“ war längere Zeit ſeine einzige Antwort auf alle Er⸗ mahnungen Volker's zur Nachgiebigkeit und Verſöh⸗ nung.„Der Müller hat mich unglücklich gemacht, der Amtmann mich um mein Recht gebracht, darauf bin ich wie ein wildes Thier in's Eiſen gelegt wor⸗ den, und die Welt hat derweil den Konrad Buhl längſt vergeſſen.“ „Nun?“ fragte Volker, der nicht recht verſtand, was Jener mit ſeinem letzten Satze ſagen wollte. Buhl ſah ihn mit irren mißtrauiſchen Blicken an und ſagte dann mit einer gewiſſen Feierlichkeit: „Sieht Er, Musje Volker, Ihm kann ich's doch Georg Volker. 187 nicht klar machen, wo mich der Schuh drückt. Aber das Leben iſt wir nun einmal verleidet, Geld hab' ich keins mehr, um von Neuem zu proceſſiren, und die Freiheit kann mir auch nichts mehr helfen. Wenn ich nur ſchon das Eiſen wieder am Fuß hätte, da weiß man's nicht beſſer, als daß man ſeine Hiebe kriegt, wenn man ſich muren thut; aber ſo herumzu⸗ gehen, ohne Recht und herrnlos, wie ein hungrig Wolf⸗ thier, da mein' ich, wär' ein Unrecht beſſer für den Mann! Na, was glotzt Er mich an?“ rief der Sträfling, dem mit dem Gedanken an ſeine Lage auch ſeine vorige Wildheit wieder zurückgekehrt war; „meint Er, ich würde mir bei Ihm den Permiß ausbitten, um dem Müller den Wanſt einzutreten? Nir da! Sein Herz muß ich freſſen und von ſei⸗ nem Blute ſaufen auf's Wohl vom Prinzeßchen und ſeinem Ruſſenprinz, oder ganz Rellenburg geht in Rauch und Flammen auf!— Das hab' ich ge⸗ ſchworen, wie der Schloſſer mir das Eiſen vom Beine feilte, daß das Blut, als könnt's nicht ſchnell genug frei werden, unter dem Feilen aus dem Fleiſch ſpritzte, und nun— bin ich da!“ Dieſe letzten Worte ſprach Buhl dumpf vor ſich hin, griff dabei mit krampfhafter Fauſt in den lan⸗ gen grauen Bart; ſeine Bruſt kochte, ſeine Augen 188 Georg Volker. ſtierten wild auf den Boden und ſein Antlitz glich einem Schreckenshaupt aus Dante's finſterſtem Höl⸗ lentraum. Volker begriff, daß der Augenblick nicht da ſei, den Rachſüchtigen, der überhaupt nur noch ein Ge⸗ fühl zu kennen ſchien, von ſeinem verbrecheriſchen Vorhaben abzubringen, deſſen blutige Vorſtellung demſelben zwölf Jahre hindurch ſeine ſchauerliche Kerkereinſamkeit ausgefüllt und ſich ſo tief mit allen ſeinen Gedanken und Entwürfen verwebt hatte, daß an eine plötzliche Sinnesänderung nicht zu den⸗ ken war. Er unterließ es auch deshalb, noch weiter in ihn zu dringen und fragte Buhl, was er zu thun und wovon er zu leben gedächte? Dieſer lachte laut auf und erwiederte: „Meint Er, Musje Volker, daß Einen die Zuchthauskoſt lecker mache? Wenn man zwölf Jahre lang ſeine Portion Salz im Fingerhut hat zuge⸗ meſſen gekriegt und die halbgaren Kartoffeln auf's Loth gewogen, da kann man ſchon in der Welt durch⸗ kommen und verhungert nicht ſo leicht.“ „Ihr wollt alſo betteln und vagabundiren?“ fragte Georg weiter. „Nir da!“ antwortete Buhl rauh.„Das Bet⸗ Georg Volker.. 189 teln wird bald ganz abgeſchafft ſein, oder wo's noch geſchieht, ſpricht der da,“ er deutete auf ſeinen Prügel, „das Vaterunſer dazu. Geht's nur erſt mal los, dann wird der arme Mann ſchon wiſſen, an wen er ſich zu halten hat. In der Revolution thut Kei⸗ ner verhungern, denn in der Republik gilt Freiheit und Gleichheit!“ Georg verſpürte wenig Luſt, ſich mit dieſem Communiſten ſchlimmſter Sorte in einen politiſch⸗ ſocialen Discours über die Wohlthaten und Vorzüge der Republik einzulaſſen. Da ihn aber der Menſch, trotz ſeines rohen ſtörriſchen Weſens, innigſt dauerte, ſo bot er ihm ohne langes Beſinnen einen Dienſt als Ackersknecht auf dem Grabenhof an, denn Kon⸗ rad Buhl war in früheren Zeiten ein tüchtiger und fleißiger Landmann geweſen, bot ihm dazu einen namhaften Lohn, wenn er ſich ordentlich aufführen und vor Allem ſeinen böſen Racheplänen gegen den Müller entſagen wolle. Aber obwohl dieſes groß⸗ müthige Anerbieten und die herzliche Art, womit es gethan wurde, auf den Unglücklichen einen ſichtbaren Eindruck machte, wollte derſelbe doch gleich nachher nichts mehr davon hören und meinte, das Ackern und Zackern ſei keine Arbeit mehr für ihn. „Der Müller muß an mich glauben!“ war auf 190„Georg Volker. alle Ermahnungen und Vorſchläge Volker's ſeine ein⸗ zige und letzte Antwort.„Was hilft's auch, wenn ich's wirklich aufſchieben wollte,“ ſetzte er mit jener ſchauerlichen Naivetät hinzu, die das eingefleiſchte Verbrechen bekundet.„Ich will Ruhe haben vor mir ſelber und einmal muß ich's doch thun, ſollt' ich auch gleich auf's Hochgericht wandern. Erſt muß ich den Müller kalt machen, eher laſſ' ich nicht mit mir accordiren.“ Georg ergriff beim Anblick dieſes rachſüchtigen, verhärteten Menſchen ein heftiger Zorn, er vergaß alle Gefahr dem an Körperkraft ihm bei Weitem überlegenen Geſellen gegenüber und rief mit drohend gebietender Stimme, indem er ihn ohne langes Be⸗ denken an der Bruſt packte: „Schurke, was willſt Du thun? Der Müller iſt ſicher vor Dir, ſo wahr als ich Volker heiße, und wenn Du nicht zur Stelle Deinen verruchten Mord⸗ plan aufgiebſt—“ „So heißt Er doch Volker und ich bleibe dabei ſtehen: der Müller wird kalt gemacht,“ verſetzte Je⸗ ner mit großem Gleichmuth, faßte dabei Georg am Handgelenk, und drückte ihm den Daumen ſo feſt auf die Pulsader, daß dieſer gern den Arm des Verbrechers losließ. Georg Volker. 191 „Dem Müller wird nichts geſchehen, nicht ein Haar werdet Ihr ihm krümmen, verlaßt Euch auf mich!“ ſagte Volker, wohl allzuſehr auf ſeine per⸗ ſönliche Ueberlegenheit bauend. Da ſchoß dem Zuchthaus⸗Sträfling plötzlich das Blut in's fahle Geſicht bis in's Weiß des Auges hinein, dick auf ſchwollen ihm die Adern, und mit vor Wuth heiſerer Stimme rief er hohnlachend: „Dankt Gott, daß Er Volker heißt, ſonſt hätt' Er heut ſeine letzte Suppe gegeſſen! Aber das ſag' ich Ihm frank und frei, und Er ſchreib' ſich's hinter die Ohren: Thut Er an mir und meiner Sach' den Verräther ſpielen, ſo ergeht's Ihm ſchlimm! Sieht Er, hier iſt meine Munition“— bei dieſen Worten zog er einen langen Schwefelfaden aus der Blouſentaſche—„der rothe Hahn kräht ſonſt auf Seinem Dache, noch ehe acht Tage vergehen!“ Dieſe Drohung war einleuchtend, die Situation außerdem ſchwierig genug, um nicht unſern Freund zu beſtimmen, ſeinen Bekehrungseifer zu mäßigen. Er zwang ſich demnach, anſcheinend gleichgültig zu bleiben und ſagte noch einmal mit aller Hetzlichkeit ſeiner menſchenfreundlichen Geſinnung: „Beſinnt Euch, Buhl, nehmt meine Hülfe an!“ „Obligirt!“ erwiederte der Uebelthäter grob, in⸗ 192 Georg Volker. dem er langſam und umſtändlich den Schwefelfaden wieder zuſammenwickelte, und denſelben in die Taſche zurückſchob.„Sein Acker wird auch ohne mich be⸗ ſtellt werden, und die Arbeit, die ich vorhabe, be⸗ zahlt Er mir doch nicht. Will Er aber ein Chriſt⸗ liches an mir thun, ſo ſchenk er mir ein Paar Batzen Geld für Toback! Ach, ich möcht' mal wieder ein Pfeifchen rauchen, weiß Gott! Denn daß ich im Zuchthaus keinen Toback rauchen durfte, hat mir das Eiſen erſt recht ſchwer gemacht. Hol's der Hen⸗ ker, ich war drüber in der erſten Zeit ſo därmelig und elend geworden, daß ich ganz abzehrte, und hätte mir ſpäter, wie ich ſchon mürbe war, ein Menſch geſagt: Konrad, Du ſollſt Toback rauchen, wenn Du in Deiner grauen Zuchthausjack' willſt begraben ſein — ich hätte eingeſchlagen, ſo leid that mir mein braunes Kraut!“ Georg ſuchte in allen Taſchen nach Geld, um dieſen beſcheidenen Wunſch des Unglücklichen zu er⸗ füllen, der mit der heiteren Miene einer frohen Er⸗ wartung jede ſeiner Bewegungen verfolgte; aber Vol⸗ ker hatte ſeine Börſe vergeſſen. „Ich kann Euch jetzt nichts geben,“ ſagte er freundlich.„Doch kommt zu mir auf den Hof, da Georg Volker. 193 ſollt Ihr Geld und guten Taback bekommen. Auch an Kleidung fehlt's Euch; na, kommt nur.“ „Obligirt!“ verſetzte Jener wie vorher barſch und fügte mit einem mißtrauiſchen Blick auf Georg hinzu:„Ich— auf Seinen Hof gehen? Ne, Musje Volker, nicht für zwölf Dutzend Centner To⸗ back! Wer weiß, ich käme nicht wieder fort!“— „Schämt Euch, Buhl!“ rief Georg, der den Grund ſeiner Weigerung zu errathen glaubte.„Traut Ihr mir zu, ich würde den Schlechten an Euch ſpielen?“ „Nir da!“ antwortete Buhl ärgerlich.„Er iſt ein kreuzbraver Menſch, und wer Ihn um eine Wohlthat anſpricht, der bettelt darum noch lange nicht. Aber ſieht Er, Das, was ich vorhabe, das gedeiht nicht, wo Er iſt; denn mein Recht iſt, was Er mir als Sünd' und Unrecht darſtellen will. Hätt' Er aber mit mir unſchulvig zwölf Jahre im Eiſen geſeſſen um einer Kuhlkette willen,“ Buhl verwech⸗ ſelte hier die Veranlaſſung ſeiner Schuld mit der Schuld ſelbſt,„da ſollte Sein Lied ſchon anders lau⸗ ten; aber ſo ſchneidt Er ſich die Pfeifen aus Seinem Rohr, ich bleib' auf meinen Satz; alſo will ich lie⸗ ber keinen Toback, will hinter der Hecke ſchlafen und mir einen Stein zum Ruhekiſſen untern Kopf le⸗ H. 13 194 Georg Volker. gen, als das thun, was der Musje Volker von mir haben möchte.“ „Was?“ fragte Georg. „Dem Müller eine Secunde länger das Leben gönnen, als ich's ihm nicht nehmen kann!“ Sprach's und ging, ohne auf Volker's Zuruf zu achten, ſo raſch in den Wald hinein, daß er Jenem ſchon nach wenigen Augenblicken aus dem Geſichte verſchwand. Georg's Entſchluß war ſchnell gefaßt: Den Müller vor ſeinem furchtbaren unverſöhnlichen Feind zu warnen, ſonſt aber Alles aufzubieten, um den Verbrecher, der nach zwölfjähriger ſchrecklicher Sühne ſo feſt und unbeugſam der blutigen Spur ſeiner al⸗ ten Miſſethat nachging, von dieſem Pfade abzubrin⸗ gen und ihn der Geſellſchaft gebeſſert zurückzugeben. Mit ſolchem Vorſatz trat er ſeinen Heimweg an, auf das Tiefſte erſchüttert von dieſer Begegnung mit einem Manne, der ihm, als hätte es das Schick⸗ ſal ſo gewollt, in dem Augenblick als das leibhaf⸗ tige Bild der Sünde und Verworfenheit entgegentrat, wo einer der edelſten, weiſeſten und verehrteſten Men⸗ ſchen von ihm ging. „Und doch iſt auch Buhl einer Deiner Men⸗ ſchen, o Gott!“ ſprach er leiſe vor ſich hin, und eine 3 4 Georg Volker. 195 Thräne trat ihm in's Auge jals er dem ſchauer⸗ lichen Schickſal dieſes Unglückſchen weiter nachdachte. „Wodurch unterſcheidet ſich Kun dieſer Verbrecher vor Jenen, die ihn mit dem blutigen Kainszeichen ge⸗ brandmarkt haben! Schändlicher Eigennutz und bei⸗ ſpielloſe Pflichtvergeſſenheit ſchließen einen Bund mit dem ſtarren Buchſtaben des Geſetzes, um einen Men⸗ ſchen zu verderben, den ſie Schritt vor Schritt zum Verbrechen drängen, in deſſen ſchuldreiner Seele ſie methodiſch den glimmenden Funken der Leidenſchaft bis zur verzehrenden Flamme des Jähzorns entzünden, den ſie ſo lange verfolgen, hetzen, peinigen, ſo lange in dem Labyrinthengang des modernen Rechtsſtaates herumjagen, bis er, am Rande des Abgrundes ange⸗ langt, aus einer Beute der Verzweiflung ein Opfer hölliſcher Mächte wird, und zur Holzart greift, dem Werkzeug ſeines letzten Rechtes und ſeiner erſten Miſſethat. Mitten in der menſchlichen Geſellſchaft, die ſich mit ihrer Ordnung, mit ihrer Humanität und Geſetzlichkeit ſo ſelbſtgenügſam brüſtet, wird der Elende, der nirgends Schutz und Hülfe findet, zum Morde gedrängt; vergebens ruft er Geſetz und Menſchlichkeit an, vergebens giebt er ſeinen letzten Heller dahin, um nur ſein gutes Recht zu behaupten; der Staat, der mit tauſend Argusaugen wacht, um 413* 196 Georg Volker. den Verbrecher zu erreichen, er hat keinen einzigen weiſen und gerechten Richter, deſſen Auge die Nacht der Liſt und Bosheit durchſchaut und ſich der Sache des Verfolgten annimmt. Erſt da dieſer zur Selbſt⸗ hülfe greift, tritt der Staat als ſtrafende Nemeſis dazwiſchen, und ſchleudert Den, den er nicht retten konnte, mit dem ruhigſten Gewiſſen in das Reich der Verdammniß, jetzt auf ein Mal iſt der gerechte Richter gefunden, der des beleidigten Geſetzes Anſehen aufrecht erhält und den Feind und Störer der menſch⸗ lichen Ordnung zur Strafe zieht, weil dieſer ſich er⸗ dreiſtet hat, ſein verlorenes Recht mit Gewalt zu vertheidigen. Da mit einem Mal findet auch der Staat das verlorene Stichwort: Gerechtigkeit wieder, und aus dem Blute der Miſſethat erhebt ſtrahlend die Göttin Juſtiz ihr ehernes Meduſenantlitz; denn es iſt ja Einer auf friſchem Todtſchlag ergriffen wor⸗ den, dem man Jahre hindurch das Rechts⸗ und Sittlichkeitsgefühl, den Glauben an Gott und die Menſchheit in der Bruſt unmenſchlich mit Keulen⸗ ſchlägen und Nadelſtichen hingemordet hat. Aber der Richter fragt nicht nach dem gefallenen Engel und wie er zum Falle kam: er richtet nur den Menſchen in ſeiner Sünde, er richtet die That; um die Saat, aus der ſie reifte, um die Secunde, in der aus einem —— Georg Volker. 197 redlichen Gemüth ein Verbrecher wurde, kümmert er ſich nicht; Fiat justitia, pereat mundus! So er⸗ zieht ſich der weiſe Rechtsſtaat in ſeiner unbegreiſ⸗ lichen Humanität aus Menſchen Verbrecher, die er dann ſtraft mit aller Majeſtät des gerechten Richters, damit Geſetz und Gerechtigkeit in neuem Nimbus erglänzen, und Niemand ſich erdreiſte, über den Staat hinaus und ſeine Inſtitutionen an das Menſchenrecht zu appelliren. Denn der Staat, wie er heute beſteht, braucht Verbrecherlarven, damit ſeinen guten und freien Bürgern die Wohlthaten immer einleuchtender werden, die aus einem wohlgeordneten Rechtszuſtand entſpringen, wo Jeder ſeines Lebens und Eigenthums ſicher iſt, ſo lange er nämlich nicht an den faulen Fleck rührt, wo der Nerv des Despotismus bloß liegt.— Gnade! O du göttliches Wort im Munde der wahren ſchönen Menſchlichkeit, wie verkehrſt du dich doch zur hohlen Phraſe, wenn Der Gnade ausſpricht, der vielleicht hinter ſeines Königspurpur Falten dem Fluch eines ganzen Volkes Hohn lacht! Aber wer erklärts! Sereniſſimus haben wohl eine gute Nacht gehabt, die Verdauung iſt leidlich, die Maitreſſe allerliebſt: Gnade ſchreibt die goldgezierte Schwanenfeder, die vielleicht noch vom Blute eines Unglücklichen duftet, da raſſelt die Kette zur Erde 198 Georg Volker. nieder, mit grauem Barte und vereiſtem Herzen tritt der alte Menſch in die Welt ſeiner glücklichen Jugend zurück; aber das Zuchthaus, das ihn als Verbrecher empfing, giebt der Menſchheit einen Teufel zurück!— Ja, der Geheimerath hat recht: Es giebt Dinge zwiſchen Himmel und Erde, die nur ein Deut⸗ ſcher ahnen kann! Ignaz Loyola war ein Stümper gegen den erfinderiſchen Kopf, der die Ordensſtatuten zu jener weltlichen tauſendgliedrigen Mandarinen⸗ Geſellſchaft entwarf, die in Kette und Krone ihre beiden Symbole verehrt, Altar und Richterſtuhl in ewigen Pacht genommen hat, und ſich Bureaukra⸗ tie nennt! In ihrer Santa Caſa liegen die Acten von mehr als einem Weidig begraben, und das deutſche Volk wird elend bleiben, ſo lange dieſer Geier an ſeiner blutenden Prometheusbruſt nagt.“ Achtes Capitel. Auch im Schloßgarten von Rellenburg fing es an zu knospen und zu grünen und aller Wege, in Alleen und Bosquets arbeiteten geſchäftige Hände, — —— ————————— — Georg Volker. 199 um die letzten Spuren des Winters zu entfernen, Pfade und Grasflächen vom düpren Laube, die Fon⸗ tainen und Teiche vom Schlammkraut zu reinigen, und die Beete, auf denen bald ein herrlicher Hya⸗ zinthen⸗ und Crocusflor erblühen ſollte, von der winterlichen Strohbedeckung zu befreien. In den Gewächshäuſern prangten bereits die ſeltenſten Blu⸗ men der uß die Goldfiſche in den Baſſins ſchwam⸗ men wieder munter dem warmen Sonnenſtrahl nach und in der alten hohen Kaſtanienallee, dem ehr⸗ würdigen Ueberreſt nus der Zeit des Verſailler Gartenſtyls, glänzten die harzigen Knospen gleich Frühlingskerzen im Sonnenſchein. Auch das luſtige Volk des gefiederten Hainbundes ſtellte ſich wieder ein; Blau⸗ und Kohlmeiſen durchſchlüpften zwitſchernd alle Büſche und Geſträuche, die Schwarzamſel im Fichtenhain wetzte den goldgelben Schnabel zu neuer Liederluſt und der Buchfink flog wieder den höchſten Baumwipfeln zu, um von dort mit weithin klingendem Schlag ſein Weibchen aus der Ferne herbei zu locken. Vom glänzenden Gaſtmahl, denn es waren heute von den benachbarten Adelſitzen viele Gäſte im Schloſſe hatte ſich Eugenia noch vor auf⸗ gehobener Tafel in's Freie geflüchtet, da ſie es in dem ſchwülen Saal, im hohlen Prunk und ſinnver⸗ 200 Georg Volker. wirrenden Getöſe nicht länger mehr aushalten konnte. Verfolgt von Schmeicheleien, Fadheiten und Huldi⸗ gungen, die ihr den tiefſten Widerwillen einflößten, verletzt von der Nichtigkeit und lackirten Frivolität der Geſellſchaft, hatte ſie ſich unbemerkt fortgeſtohlen, er⸗ ſchöpft und aufgeregt zugleich von der Gewalt, die ſie ſich ſeit länger als drei Stunden hatte anthun müſſen, um mit lächelnder Miene uhhen⸗ Stirn vor einem Schickſal zu beſtehen, das ſie zu einem Leben in einer Welt verurtheilte, in der es für ſie keine Menſchen, ſondern nur Marionetten und Garde⸗ lieutenants gab. Und ſie würde vielleicht dieſe Selbſtbeherrſchung und Selbſtverleugnung noch weiter geübt haben, wenn nicht gerade in den Champagnerhumor der Geſellſchaft die Politik wie eine Bombe in eine leere Tonne gefallen wäre und die vom Wein ohnedies ſchon erhitzten Gemüther bald zur heftigſten Eralta⸗ tion aufgeregt hätte. Eugenia, die ſtill und theil⸗ nahmlos zuhörte, wie die Herren die revoluti Bewegung beurtheilten und bald mit guten, ſchlechten Gründen die Idee der Volksfreiheit ten, ward erſt auf die Unterhaltung aufmerk ſie am obern Ende der Tafel den Namen Germ und gleich nachher auch den Volker's nenne Georg Volker. 204 Bald waren beide Freunde der Gegenſtand eines all⸗ gemeinern Geſprächs; und beſonders gegen Germanos, dem man die meiſte Schuld an der politiſchen Gäh⸗ rung unter dem Landvolk der Umgegend zuſchrieb, äußerte ſich die Entrüſtung einiger adeligen Gutsbe⸗ ſitzer ſo unverhohlen und bitter, daß es kaum befrem⸗ dete, als einer„Ebenbürtigen“ dem Grafen Al⸗ fred den Ra ab, den unruhigen Schwindelkopf bei der erſten Gelegenheit durch Gendarmen„über die Gränze“ ſchaffen zu laſſen. Volker kam bei dem Verdammungsurtheil über den Freund im Ganzen noch leidlich genug weg; man ſpöttelte mehr über ſeinen gutmüthigen Charakter, ſeine Aufklärungsſucht und ſeine Weltbeglückungstheorieen, als daß man ihm gefährliche politiſche Umtriebe, wie dem Andern zu⸗ getraut hätte. Auch der Bauernauflauf im Schloſſe kam 8 3. und wurde, ſo gut es angehen wollte, von der humoriſtiſchen Seite genommen, ja die Rolle, welche Volker dabei geſpielt hatte, fand ſelbſt Billigung, freilich nur von Solchen, die nichts von dem Auftritte im Saale wußten; ein alter Graf aus der Nachbarſchaft ſtieß ſogar ernſtlich auf das Wohl„Bauernkönigs“ an und ließ denſelben zum großen Aerger des Schloßherrn und der Gräfin hochleben; Eugenia aber hielt es nach Dieſem nicht 202 Georg Volker. mehr länger im Saale aus und eilte hinunter in den Garten, um ſich in einem ſeiner entfernteſten Theile von den widrigen Eindrücken eines Tages zu erholen, den ſie, wie die meiſten ihres jungen Le⸗ bens als verloren betrachtete. Sie trug ein hellblaues Atlaskleid, und die ſil⸗ berne in Diamanten blitzende Roſe im Haare, der leichte weiße Kaſchemir⸗Shwal, hätten ſchwerlich er⸗ rathen laſſen, daß die in allem Liebreiz der Jugend und Schönheit ſtrahlende Geſtalt den Salon floh, für den ſie ſich doch ſo reizend geſchmuͤckt hatte, um fern von der Geſellſchaft, als deren ſchönſter Stern ſie glänzte, im einſamen, noch halb winterlichen Bos⸗ quet ein Daſein zu beweinen, deſſen düſtre Nachtſeite ihr keine Hoheit der Geburt, keine noch ſo vielbenei⸗ dete Eriſtenz erhellen konnte. Flüchtigen Fußes, als könne ſie gar nicht ſchleu⸗ nig genug aus dem nächſten Bereiche des Schloſſes wegkommen, eilte ſie durch die Allee, ſtieg dann zwi⸗ ſchen dunklen Taruswänden von einer Terraſſe zur andern empor, und hatte zuletzt die fernſte der Fon⸗ tainen erreicht, welche in dem waſſerreichen Garten ſprangen. Sie gelangte zu dem Waſſerfall, der von einer beträchtlichen Höhe brauſend von Fels zu Fel⸗ ſen herunterſtürzte, wie unwillig und zornſchäumend ———————— —— Georg Volker. 203 gegen die Menſchen, die ihn aus ſeiner wilden ſchö⸗ nen Waldesluſt hierher geleiteten und ihn zwangen, ſeinen ungeſtümen Jugendmuth in den engen unterir⸗ diſchen Röhren einer künſtlichen Leitung zu vergraben, und nur hier und da in melancholiſch plätſchernden Fontainen, in kalten Marmorbaſſins und ſtillen Waſ⸗ ſerurnen wieder an's ſonnige Tageslicht hervorzutreten. Hier war es, wo ſich die eigentlichen Garten⸗ anlagen mehr und mehr in einen großen Park ver⸗ loren, und die Kunſt der Natur das Recht abtrat, das Auge des Wanderers weiter zu ergötzen durch die Pracht der herrlichſten Waldungen und Wieſengründe. Rechts vom Parke öffnete ſich eine freie, mit alten Akazien bepflanzte Plateform, von wo aus man die reizendſte Ausſicht von der Höhe in die Ebene genoß, die im fernen Weſten bei hellem Wetter den glänzenden Rheinſtrom zeigte. Nach der äußerſten Spitze des von alten Granitmauern getragenen Pla⸗ teaus, dorthin wo ein kleiner, nach allen Seiten offenſtehender Tempel ſtand, deſſen Dach, ſtatt von Säulen, von ungeſchälten weißen Birkenſtämmen ge⸗ tragen wurde, dorthin lenkte Eugenia ihre Schritte. Sie ſetzte ſich auf die Bank nieder, ſo daß ſie den Blick auf die Ebene und die gegenüberliegenden amphitheatraliſch aufſteigenden Waldberge frei hatte. 204 Georg Volker. Es war ein herrlicher Abend, Berge und Wäl⸗ der roſig angehaucht vom ſcheidenden Lichte, das ſich in blendenden Maſſen am weſtlichen Saum der Ebene ſammelte, um die prächtige Himmelskönigin zu empfangen, die ſich langſam auf goldenem Son⸗ nenwagen der Erde zuneigte. Dort, wo ſeitwärts vom Tempel, die Ruinen des alten Stammſchloſſes der Grafen von Nellenburg aus dem Walde empor⸗ ſtiegen, überglänzte das Abendroth purpurn die grauen Mauerreſte, ein Bild der Vergänglichkeit irdiſcher Macht und Größe inmitten der ewigwaltenden freundlichen Natur, die nicht ſtirbt und nicht altert, ſondern in jedem Frühling von Neuem die Ruinen des Menſchenwerkes mit jungem Grün umkleidet. Der ſchnelle Uebergang aus dem lauten Getöſe des Banketſaales zur ſtillen Abendfeier der Schöp⸗ fung, rief in Eugeniens Gemüth eine Stimmung hervor, die ſie den grellen Contraſt zwiſchen dem Leben der Täuſchung und menſchlichen Eitelkeit und jenem der hehren Natur und ihrer ewigen Wahrheit inniger als je zuvor empfinden ließ. Ja vielleicht war es heute zum erſten Male, daß die Natur dieſen verſöhnend milden Eindruck auf ſie ausübte und ihr Auge, welches bereits ſo tief in die düſteren Abgründe des Le⸗ bens geſchaut hatte, daß dieſer eine Blick für alle Zeit —————————— Georg Volker. 205 den Glauben an die Menſchen in ihr zerſtörte, das holde Geheimniß ihres wunderbaren Waltens ſchauen ließ, ihrem Herzen ein Aſyl öffnete, von dem ſie ſeither keine Ahnung gehabt hatte, ein Aſyl voll grüner Buchten und himmliſcher Friedlichkeit, dem ſie zuſtrebte, wie der müde Schiffer auf troſtloſer Mee⸗ resöde dem von ferne winkenden Palmenſtrand. Für Eugenia war von dem Augenblick an, in welchem ſie mit kühner Hand die tückiſche Schlinge zerriß, die der Graf und Leo um Georg's Haupt werfen wollten, von dem Augenblick an, in welchem ſie das Zwiegeſpräch des Grafen mit dem Amt⸗ mann im Ritterſaale belauſchte, das ihr ebenſo we⸗ nig über Georg's Abkunft wie über die frevelhafte Intrigue des Grafen einen Zweifel mehr ließ, in tiefſtem Herzen ein Ton erklungen, der bald zum ſchönſten Accord ihrer Seele wurde, ja, der dieſe Seele bald als einzige entzückende Melodie durch⸗ hallte. Dies war der Ton, mit dem ihr Herz ihr zu⸗ rief: Rette ihn oder geh' mit ihm unter! Es bedarf keiner weitläufigen pſychologiſchen Un⸗ terſuchung, um uns das Räthſel in Eugeniens Bruſt zu löſen, daß ihr Georg von der Stunde an, wo ſie in ihm ein Opfer des Standes erkannte, der ihr ſelber den vollen Beſitz ſeines Glanzes und ſeiner 206 Georg Volker. Ehren gewährte, ohne ihr Herz zu befriedigen, als ein Mann erſchien, werth, im höchſten Glück des Le⸗ bens Erſatz zu finden für Alles, um das ihn die Menſchen, die doch ſonſt ſo viel auf altes Recht und Abſtammung halten, gebracht hatten, um ihn in ein dunkles, unbekanntes Daſein hinabzuſtoßen. Die Phantaſie, dieſe holde Pförtnerin an der Schwelle des Paradieſes, zu welchem ſie uns den goldnen Schlüſſel reicht, malte, nachdem das erſte Entſetzen, welches Eugenien dieſe unerwartete Entdeckung be⸗ reitet, überwunden und ſie die Gewalt der Selbſtbe⸗ herrſchung über ſich gewonnen hatte; wir ſagen, die Phantaſie malte ihr bald bis zum Rauſch entzücken⸗ der Seligkeit das Glück aus, einem Manne wie Volker, ſo rein, ſtark und treu, ſo ganz geboren für des Lebens ſonnige Höhen, anzugehören, ihn dieſen Höhen zuzuführen, und durch eine herviſche Liebe zu verſöhnen, was Geſchick und Menſchen an ihm verſchuldet hatten. Können wir auch einerſeits dieſen Gedanken nicht ganz von jenem edleren ariſtokrati⸗ ſchen Stolze freiſprechen, welcher erhebt, was er zu ſich erhebt, ſo wollen wir doch auch auf der andern Seite nicht überſehen, wie viel hoher poetiſcher Sinn und reine Seelengröße dazu gehörten, einen ſolchen Gedanken zu faſſen, und mit ihm zugleich alle ein⸗ Georg Volker. 207 geſogenen Vorurtheile, alle wirklichen und eingebil⸗ deten Rückſichten, alle ſogenannte Convenienz abzu⸗ ſtreifen, und eine ganze Galerie glorreicher Ahnen dem Beſitz eines unbekannten Mannes ohne Rang und Namen in der Welt zu opfern. Aber Eugenia war nicht die Seele der nüchter⸗ nen Reflerion; bei ſolchem Opfer, und ſo tief ſie auch den kühnen Vorſatz in ihrer Bruſt verbarg, ſo feſt und ſicher verfolgte ſie ihn doch im Stillen, mehr noch angelockt als zurückgeſchreckt von den Hinder⸗ niſſen, die ſich ſeiner Ausführung entgegenſtellten. Ihrer ſtürmiſchen, leidenſchaftlichen Natur, die von früh auf wenig Zwang und Widerſpruch erfahren hatte, entſprach eine ſolche romantiſche Idee vollkom⸗ men und reizte ſie noch mehr, je gewiſſer ſie ſich überzeugte, daß ihre neuerdings angenommene Kälte und ſtolze Zurückhaltung das beſte Mittel war, um ihre Verwandten zu täuſchen. Es iſt die Geſchichte eines jeden edlen Herzens, das ſich mit ſeinem Ideal, der feindlichen Welt der Proſa und des Egoismus gegenüber, im Conflicte befindet; und bald zog auch Eugenien, was anfangs bloß ein Traum ihrer Seele geweſen, mit immer ge⸗ heimnißvollerer Gewalt in ſeinen Zauberkreis, und aus ſtillen Bildern geſtaltete ſich zuletzt in ihrem 208 Georg Volker. Herzen eine Liebe, ſo ſtark und ſchwärmeriſch, daß ſie kaum noch darnach fragte, ob auch der Mann, für den ſie ſo heiße Gluth hegte, ihre Liebe erwiedern werde, erwiedern könne? Das Kind des Glückes und der Verwöhnung, wie hätte es ſich überhaupt vorſtellen ſollen, daß Der, um deſſentwillen es für ſie nichts Unmögliches mehr in der Welt gab, ſie nicht mit demſelben Muth, derſelben Hingebung wieder lieben ſollte? Seit jener Stunde, da Schrecken und Betäubung ſie auf der Treppenflur an ſeine Bruſt warf, nach⸗ dem der tumultuirende Bauernhaufe ſich aus dem innern Schloß entfernt hatte, betrachtete ſie ſich als Volker's anverlobte Braut, und reizend wie keine andre Vorſtellung erſchien ihr dabei der Gedanke, ihm ſelbſt ihre Liebe zu bekennen, den Schüchternen, den Beſcheidenen zu ermuthigen und um ſeine Ge⸗ genliebe, wie um eine Gnade ihn zu bitten. Mit jener glücklichen Harmloſigkeit, welche die Seele, nachdem ſie ſich ſelbſt und ihrem ſchoͤnſten Gefuhle Genüge geleiſtet hat, in den holden Traum einwiegt, in dem wir zum Voraus mit der Freude an unſerm treuen Lieben und Hoffen auch deſſen ſelig reichen Lohn hinnehmen, überließ ſich Eugenia ſorglos dem Syrenenſang ihrer Sehnſucht, nicht ah⸗ Georg Volker. 209 nend, daß Demjenigen, der im Wachen und Schlum⸗ mer ihr einziger Gedanke war, bereits ein anderes Weſen, glücklicher, nur weniger vermeſſen in ſeinem wahren Glück als ſie in ihrem erträumten, zu eigen angehörte. Denn Georg's Beſitz war Eugenien im Geiſte bereits ſo gewiß, das herrliche Gefühl ihrer Liebe überragte ſchon ſo mächtig alle Schranken und Hinderniſſe dieſes Lebens, daß ſie nicht einmal merkte, wie hinter ihr die goldene Brücke der Phan⸗ taſie mit jedem Schritte, den ſie vorwärts that, mehr und mehr verſchwand, und der Pfad, auf welchem ſie ihrem hohen Ziele ſo muthig und blindvertrau⸗ end entgegenſtrebte, immer ſteiler und gefahrvoller wurde. Sie hatte eben vergeſſen, gleich Annli, mit zagendem Herzen, welchem nur die Liebe den Muth verleihen kann, den Himmel zu verſuchen, den ver⸗ hängnißvollen Lindenzweig zu pflanzen; ſie wollte die Frucht vor dem Knospen und Blühen pflücken; und dieſer Uebermuth, gegenüber der Größe ihres Glückes, ſollte ſich noch ſchwerer an ihr rächen, als wenn ſelbſt der Marienlinde prophetiſcher Zweig ih⸗ rer Liebe Unglück geweiſſagt hätte. Kindlich ihrem Siege vertrauend, hatte ſie vergeſſen, daß das Glück, welches wir erträumen und wofür wir im Traume ſo leicht und gern unſer Höchſtes einſetzen, in der W 14 210 Georg Volker. Wirklichkeit oft an einem Haare hängt, an dem es uns eine feindliche Macht im Augenblick unrettbar entreißt, wo wir es mit der Hand ergreifen wollen. Sie hatte überſehen, daß der Glanz ihrer Geburt noch lange nicht hinreichte, eine Nacht außzuhellen, ſo düſter, wie ſie auf Georgs Schickſal ruhte; daß dieſem edlen Halbſohn eines erlauchten Geſchlechtes viel mehr mit der Dunkelheit eines unbekannten Da⸗ ſeins als mit dem ſtrahlenden Schimmer eines aus zweiter Hand empfangenen Tages gedient war. In den Traum ihrer glücklichen Liebe eingewiegt, vergaß Eugenia bald der widerwärtigen Eindrücke, denen ſie entflohen war; ſelbſt die Bitterkeit, die ſie vorhin empfunden, als ſie es hatte anhören müſſen, wie die Geſellſchaft den Mann ihrer Verehrung mit Hohn und Geringſchätzung als einen Sonderling und Phantaſten beurtheilte, ließ keinen Stachel in ihrer Bruſt zurück, nachdem ſie ſich erſt wieder auf den Abſtand beſonnen zwiſchen Denen, die ihn verläſterten, und Demjenigen, welchem ihr Hohn galt. „Papageyen mit buntem Gefieder, was wollt ihr den Aar meiſtern, von dem ihr doch im Grunde eu⸗ res hohlen Herzens fühlen müßt, daß ein einziger Flügelſchlag ihn zu jenen Aetherräumen emporhebt, wo euer Gekrächz ihn nimmermehr erreicht!“ ſprach Georg Volker 211 ſie mitleidig lächelnd vor ſich hin und blickte ſinnend, mit auf die Hand geſtütztem Haupt in die goldnen Wolken des Weſtens.„Aber nein,“ fuhr ſie nach ei⸗ ner Pauſe fort,„ſie fühlen's nicht einmal und darum muß man Nachſicht mit ihnen haben. Was wäre denn auch die wahre Seelengröße, die reine Tugend und die ſchöne Menſchlichkeit, wenn ſolches Volk in ſeinem dünkelhaften Wahn auch nur eine Ahnung davon hätte? Das macht ja alle dieſe Vorzüge erſt ſo herrlich und ſelten, und verleiht dem Geiſte, den ſie zieren, die wahre Weihe, daß zu ſeinen ſtillen Höhen Maulwurf und Natter niemals den Weg fin⸗ den; das giebt ja der Tugend erſt den rechten Werth, daß gerade die ſie verdammen und verunglimpfen, ſich nicht in ihren reinen Kreis hineinwagen dürfen, ohne in ihrer ganzen Häßlichkeit entlarvt dazuſtehen. Ha, du leuchtendes Geſtirn da drüben, auch du wärſt ja nimmer die Sonne, des Himmels ſtrah⸗ lende Königin, wenn es keine Dünſte und Nebel der Erde gäbe, die uns zuweilen dein reines Licht verdüſtern; und du lieblicher Mond, der dort ſo ſanft über dem Buchwald aufgeht, du wärſt nim⸗ mer der holde Geſelle der ſternbeſchienenen Sommer⸗ nacht, wenn nicht zuweilen die Möpſe dich anbell⸗ ten und ſo bei gutem Humor dich erhielten.— 14* 212 Georg Volker. Volker, ach gieb mir ein Bischen Sonne und ein Bischen Mond, daß wirs zuſammen theilen, und ich will in Deinen Armen der ganzen vornehmen Sippſchaft einen Streich ſpielen, daß ſie ſtumm und blaß werden ſoll bis zu ihren fernſten Ahnen hinauf!“ Ihre Laune malte ſich nun in heiteren Bildern den Moment aus, wo die Standesgenoſſenſchaft über ſolcher Mesalliance den Stab brechen und ſie aus den Regiſtern der„Ebenbürtigen“ ausſtreichen würde: „Ein Bauer und die Gräfin Eugenia! Das iſt Futter für eine ganze Winterſaiſon! Dutzend Krämpfe koſters zum mindeſten, und Tante in Hannover kriegt ſicherlich wieder ein unglückliches Wochenbett! Prinz Ferdinand wird ſich aus Verzweiflung den ſtrohgelben Schnurrbart abbeißen und Fürſtin⸗Mut⸗ ter Adelaide legt auf vier Wochen ſchwarzen Krepp an und ſtiftet ein neues Altartuch mit grasgrünen Franzen! Oncle Hofmarſchall aber fällt wieder in ſeinen Hoftrauerton und prügelt alle Lakaien durch, die ihm in den erſten acht Tagen nach der Schreckens⸗ botſchaft in den Weg kommen. Ach, ich ſehe den guten Mann ſchon im Geiſte, wie er bei Hofe Him⸗ mel und Erde in Bewegung ſetzt, um dieſen Schimpf von ſeinem Hauſe abzuwenden; ja ich wette faſt, er Georg Volker. 2¹3 läßt die Wappen auf den Kutſchenſchlägen ein gan⸗ zes Jahr lang auslöſchen und fleht den Papſt Pius um Auflöſung dieſer unglücklichen Ehe an! Nur der alte General allein, der Polterer par excellence, wird ſich diesmal beruhigen müſſen, denn Tante Genera⸗ lin, ha! ha! die duldet nicht, daß man deſpectirlich vom ehrlichen Bürgerſtund ſpricht; auch ſie iſt ja in Arkadien geboren, und wehe dem armen Oncle, wenn er ſich jemals daran erinnern wollte, daß ein alter Stammbaum nicht vor Thorheit und ein hoch⸗ gräfliches Wappen nicht immer vor dem Plätteiſen der Nähmamſell ſchützt!“ Sie mußte laut auflachen und würde vielleicht ihren boshaften Uebermuth noch an andern, ihr nahe⸗ ſtehenden Perſonen der vornehmen Geſellſchaft aus⸗ gelaſſen haben, wenn ihr nicht plötzlich der Graf und die Gräfin eingefallen wären. Da mit einem Male änderte ſich ihre heitere Stimmung, ihr Antlitz ver⸗ düſterte ſich und an die Stelle der muntern Laune trat heftiger Zorn und Entſchloſſenheit. „Ja, Georg, Du ſollſt gerächt werden,“ rief ſie mit blitzendem Auge.„Die aber, die Dir gleich den gemeinſten Dieben Dein gutes Recht rauben wollten, durch mich ſollen ſie erfahren, was ſie eigentlich angerichtet haben! An ihrer empfindlichſten Seite, 2¹⁴ Georg Volker. an ihrer Eitelkeit, an ihrem Eigennutz und ihren Vorurtheilen will ich ſie ſtrafen, härter und bitterer, als der ſtrengſte Richter dieſer Welt es vermöchte. Ja, wenn in dieſem Alfred noch ein verlorener Tropfen des Blutes fließt, das einſt ſein ruhmwürdiges Ge⸗ ſchlecht auszeichnete, dann will ich durch ein offenes Zeugniß ſeiner Miſſethat in der Röthe tiefſter Scham ein Brandmal auf ſeine Stirn drücken, das ihm zu Geſicht ſtehen ſoll, wie dort der Abendglanz den Ruinen ſeiner alten Stammburg. Du nennſt Ba⸗ ſtard den herrlichen Sohn Deines Vaters? Hüte Dich, Alfred, damit die Welt nicht erfahre, welche Sorte von Baſtard Du biſt— Du, deſſen Ver⸗ worfenheit das Andenken edler Vorfahren zum Ab⸗ ſcheu der Menſchheit herabwürdigt, Du, der ſich mit einem abgefeimten Bureaukraten und einem blödſinni⸗ gen Narren verbindet, um mit einem Stück Papier ein ſchönes Gut zu ſtehlen! Weh, wenn ſo die gro⸗ ßen Erinnerungen der Vorzeit in einem faulen Pfuhl untergehen, wenn ein ſchönes Heldengeſchlecht nur gelebt haben ſoll, damit es im Letzten ſeines Namens zu einem häßlichen Zwerge zuſammenſchrumpft, der ſich zu ſeines Hauſes ehrwürdigem Stammbaum ver⸗ hält, wie grünes Schmarotzergewächs zur todten Eiche!“ Georg Volker. 2¹15 Sie hielt inne und drückte hochathmend das von tiefer Erregung glühende Antlitz wider die nächſte Birkenſäule; und wie ſie jetzt unverwandt mit feuch⸗ tem Auge in das Abendroth blickte, ohne die Pracht zu bemerken, die ringsum Berge und Wälder ver⸗ goldete, ſchien ſelbſt die Sonne neidiſch über den Anblick der ſchönen Jungfrau das Unterſinken zu vergeſſen und nur zaudernd von einer Erde ſcheiden zu können, auf der ſie ſo viel Holdes und Reines in den öden Gefilden der Sünde und Bosheit zurück⸗ laſſen mußte. Erſt das Geräuſch nahender Schritte führte Eugeniens Geiſt aus weiten Fernen wieder in die Gegenwart zurück, und wie ſie aufſchaute, ſah ſie den Grafen Alfred die Terraſſe heraufkommen. Er hatte ſie bereits bemerkt, und ſie mußte ſchon von Weitem ſeine haſtenden Vorwürfe hören, daß ſie ſich in ſo leichter Kleidung der ſcharfen Märzluft ausſetze. „Das iſt freilich eine ſcharfe Luft, lieber Couſin, zumal für uns zarte Suiabenz erwiederte ſie lachend. „Immer und immer das muthwillige Kind!“ eiferte der Graf dagegen.„Was denken Sie Eugenia? Wollen Sie ſich den Tod holen? Sie ſind echauf⸗ firt und laufen aus dem warmen Saale in's Freie 216 Georg Volker. ohne Hut, ohne Mantel? Oder iſt das etwa eine Toilette⸗ für eine Abendpromenade? Wahrlich, Cou⸗ ſine, die Sorge für Ihre Geſundheit müſſen Sie andern Leuten überlaſſen und ich werde Ihrer Kam⸗ merjungfer anbefehlen, daß ſie Ihnen künftig Hut und Pelzmantel in den Speiſeſaal nachträgt.“ Auf dieſen Vorwurf hatte Eugenia gewartet. „Schade, daß die Zeit der Portchaiſen vorüber iſt,“ erwiederte ſie ſpöttiſch.„Aber fürchten Sie nichts für meine Geſundheit! Den Tod hole ich mir hier oben nicht, wohl aber das Wiedergufleben nach einer bis zum Sterben langweiligen Geſellſchaft. Nein, ſagen Sie mir um Gotteswillen, beſter Couſin, giebt es noch viele ſolcher Menſchen in der civiliſirten Welt, wie wir ſie heute an unſter Tafel beiſammen ſitzen ſahen? Was für ein ungeſchlachter Falſtaff iſt doch dieſer dicke kurzbeinige Graf T. ck! Der hat auch ſeine Kniee ſeit Jahren nicht mehr zu Geſicht gekriegt! Und gar ſeine Frau! Wenn ich ſie betrachte, dieſe hagere gravitätiſche Dame mit den ſchiefen Achſeln und der rothen Naſenſpitze, ſo muß ich immer an den Fiſchreiher denken, dem Sie im vorigen Jahre die Flügel entzwei ſchoſſen und der ſeitdem ſo melancholiſch im Hofe herumſpaziert. Ach, und dieſer Erbgraf von Flach-Flach! Die Fadheit Georg Volker. 217 kann nicht derber in's Fleiſch ſchießen und ein hohler Kürbiß hat mehr Witz im Kopfe als dieſer künftige Bodo der Neunundvietzigſte! Ich glaube alles Ernſtes, der Erbgraf und Seinesgleichen waren ſchon irgend⸗ wo in der Schöpfung vorhanden, als Gott die Welt aus Nichts erſchuf! Herr von Grünneritz zu Klugen⸗ dorf, nun ja, ich weiß, Sie halten ihn für einen großen Diplomaten, weil er beim erſten Wiener Congreß, als die Nachricht von der Rückkehr des Kaiſers Napoleon nach Wien kam, mit dem Ausruf: Finis Poloniae! in Ohnmacht ſank; aber abgeſehen davon, daß er beſtändig wie eine Brumnfliege vor ſich hinſummt, wollte ich ſchwören, das kleine Männ⸗ chen gucke mehr in Potpourris als in Staatsgeheim⸗ niſſe; ja, gäb' es noch kein Patſchouli in der Welt, Baron Grünneritz würde es ſicher erfinden!“ So ging es eine Weile ohne Unterbrechung fort; erbarmungslos goß die junge Gräfin, der es eine rechte Luſt war, ihrer Bitterkeit gegen den Grafen auf Koſten ſeiner„beſten Freunde“ von Herzen Luft zu machen, ihren Spott über die ganze Geſellſchaft aus, und keiner der Gäſte blieb von ihrer ſcharfen Zunge verſchont. Vergebens verſuchte der Graf einige Mal dem geläufigen Fluß ihrer Rede Einhalt zu thun; vergebens demonſtrirte er ihr mit den leb⸗ 218 Georg Volker. hafteſten Geſticulationen vor, daß er anderer Mei⸗ nung ſei, aber trotz aller ſeiner Mon dieu's und Ma foi's konnte er ſie erſt zum Schweigen bringen, als ihr der Athem über dem vielen Reden und Lachen ausging. Bitterböſe und roth vor Zorn und Unge⸗ duld bot ihr der Graf, ohne ein Wort zu ſagen, den Arm, um ſie in's Schloß zurück zu führen; da än⸗ derte ſie mit einem Mal ihren ausgelaſſenen Ton und ſagte mit ernſthaftem Geſicht: „Couſin Alfred— noch eine ſolche Geſalſchnt wie heute, und ich gehe zu den Demokraten über, mache Front gegen die Ariſtokratie!“ Er hielt ihr noch immer den Arm in einem ſpitzen Winkel gebogen entgegen und machte ſtatt aller Antwort nur eine ungeduldige Bewegung, daß ſie aufſtehen ſolle. Sie aber blieb immer noch ſitzen und fuhr im Tone der Entſchloſſenheit fort: „Ja, das thu' ich! Denn ſolch eine Geſellſchaft iſt ein Hochverrath an der geſunden Vernunft, und ich kann es den Bauern wahrhaftig nicht verdenken, wenn ſie zur Senſe greifen und uns vor die Schlöſſer rücken!“ „Das ſollte ihnen ſchlimm bekommen!“ rief der Graf und zwang ſich zum Lachen. „Wie Couſin?“ fragte Eugenia, ohne einen Georg Volker. 219 Zug ihrer Miene zu verändern:„Wenn nun aber das deutſche Volk die Republik will? Wird es uns fragen, ob wir ſie wollen?“ „Sind Sie bei Sinnen, Eugenia?“— hitzig der Standesherr, der noch immer nicht wußte, ob ſie im Scherz oder im Ernſt redete.„Das deut⸗ ſche Volk will gar Nichts, ſage ich Ihnen; und mit den paar Hallunken, die ihm vorſchwatzen, daß es Etwas wolle, wird man ſchon fertig werden! Fürch⸗ ten Sie darum nichts; es iſt eine Thorheit, nur davon zu reden! Der Odenwald iſt durch und durch loyal, was auch die Zeitungen und ängſtliche Leute vom Gegentheil reden mögen. Gährung?— Was heißt überhaupt Gährung? Man ſollte meinen, der Philoſoph Volker habe dies Wort an der ſeiner Brauerei erfunden!“ te „Ja, aber gerade der— und der Andere— wie heißt er doch gleich, er hat einen verwünſcht revolu⸗ tionairen Namen— ah richtig, Germanos, ſind das nicht ſehr gefährliche Menſchen?“ fragte Eugenia mit leiſe zitternder Stimme, was der Graf für ein Zeichen ihrer Furcht nahm. „Laſſen Sie ſich nicht angſt machen, liebes Kind!“ rief er lachend.„Die beiden Herren dort drüben ſind ſchon ſo gut wie unſchädlich und werden 220 Georg Volker. ſchwerlich die Welt aus den Angeln heben. Es be⸗ durfte bei mir der heutigen Warnungen gegen ihre Umtriebe nicht! Allerdings haben ſie ein kleines Complot unter den Bauern angezettelt, allein die Folgen davon werden für Beide nicht ausbleiben!“ „Ein Complot,“ rief Eugenia, auf das Heftigſte beſtürzt durch eine Nachricht, die ihr aus dieſem Munde doppelt unheilvoll vorkam, und ſie hatte in der That Mühe, ihre Geiſtesgegenwart zu behalten und dem Grafen eine ſtaunende Miene zu zeigen, als ſie hinzufügte:„Nein Couſin, das kann ich nicht glauben; Volker, dieſer bedachtſame und friedliche Menſch, ſollte ſich in ein ſo tollkühnes Unternehmen einlaſſen?“— „Stille Waſſer ſind tief!“ verſetzte der Graf mit gedehnter Stimme und fuhr dabei, eitel auf dieſe geiſtvolle Phraſe, mit dem rechten Zeigefinger unter ſeiner Atlascravatte hin. „Aber eben die Tiefe ſchützt, ſollte ich meinen, am ſicherſten vor ſolchen unüberlegten Handlungen,“ ſagte Eugenia ſchüchtern, denn ſie fühlte, wie ihr alles Blut in die Wangen trat. „Ich ſage auch nicht, daß Volker directen An⸗ theil an der Verſchwörung nimmt,“ verſetzte der Graf, dem das angenehme Gefühl ſeiner Allwiſſen⸗ Georg Volker. 221 heit mit deutlichen Zügen im Geſicht geſchrieben ſtand.„Aber hier gilt der Satz: Mit gegangen, mit gehangen! Den Beweis, daß er einen der ge⸗ fährlichſten Wühler in der Perſon ſeines Buſenfreun⸗ des Germanos ſchon ſeit Wochen auf ſeinem Hofe beherbergt, und deſſen frevelhaftem Treiben unter dem Landvolk ruhig zuſieht, wird er ſchwerlich widerlegen können. Auch weiß ich außerdem ganz ſicher, daß das Haupt der ſüddeutſchen Republikaner, der alte Geheimerath N. eine Nacht unter ſeinem Dache lo⸗ girt hat. O mir bleibt Nichts verborgen, ich ſage Ihnen, Nichts! denn meine Jäger verſtehen ſich auf das Auskundſchaften von Fuchsbauen ebenſo gut, wie auf das von Demokratenhöhlen!“ „Aber warum verhindern Sie nicht bei Zeiten ſolches gefährliche Treiben?“ fragte Eugenia, ſchon um Vieles zuverſichtlicher. „Was denken Sie, Kind!“ rief der Graf mit ſchallendem Gelächter und ahnte nicht, welches Kind aufhorchte.„Soll ich den Wurzeln des Unfrautes nachgraben, wo das Verbrechen des Hochverrathes bald offenkundig in Kraut und Blüthe ſtehen wird! Zum Verhindern iſt noch immer Zeit, wenn die Re⸗ bellen ſammt ihrem Anhang die Mäskchen abgewor⸗ fen haben. Es wäre ja Schade, ewig Schade um 222 Georg Volker. das hübſche Amuſement, das ſolch' eine politiſche Fuchsjagd gewährt! Nein, nein, ſie ſollen mir her⸗ aus aus ihren Schlupfwinkeln, die ſaubern Herren Republikaner, und auf friſcher That will ich ſie dann ergreifen! Volker“— hier dämpfte er ſeine Stimme und ſein Mund verzog ſich zum boshaft grauſamen Lächeln:„Volker ſoll nicht von mir ſagen, daß ich ihn jemals verhindert hätte, ſeine Ideen über Auf⸗ klärung und Freiheit des Volkes praktiſch auszufüh⸗ ren; ja, er ſoll mir meine Bauern republikaniſiren, dieſer neue Ulrich Hutten,— zum Strauß, den ich mit dieſem Ritter von der traurigen Geſtalt auszu⸗ fechten habe, komme ich noch immer frühzeitig genug in die Schranken!“ „Ich begreife aber noch immer nicht recht, was denn dieſe Menſchen eigentlich wollen,“ ſagte Eu⸗ genia. „Was ſie wollen?“ verſetzte der Standesherr eifrig,„Schwindeleien wollen ſie treiben, ihrem Ehr⸗ geiz fröhnen, eine Rolle ſpielen. Zu dieſem Zweck unterhalten ſie hochverrätheriſche Verbindungen mit auswärtigen Demagogen, verbreiten revolutionaire Flugſchriften unterm Volke, ſenden Emiſſaire durch's Land, ſtiften Clubs, und organiſiren ſo im Gehei⸗ men, wie ſie wähnen, die Revolution, der nur noch ———— —,—— Georg Volker. 223 der Funke der günſtigen Gelegenheit fehlt, um in hellen Flammen über das ganze Land auszubrechen!“ „Und doch ſind Sie ſo ſicher?“ rief Eugenia un⸗ willkürlich aus. „Glauben Sie etwa, wir hätten nicht auch unſre Maßregeln getroffen?“ fragte der Graf mit ſelbſtzu⸗ friednem Lächeln.„Die Regierung hat bereits von Allem Kenntniß und die Beamten ſind zur größten Wachſamkeit aufgefordert worden. Sobald ſich die Sache entwickelt und die geringſte Spur einer Emeute ſich zeigt, bedarf es nur eines reitenden Boten in die nächſte Garniſon und ſofort rückt Militair ein.“ Dies und Anderes mehr noch erzählte der red⸗ ſelige Graf der hochauflauſchenden Eugenia, die ſchweigend an ſeinem Arme neben ihm herging und keins ſeiner Worte verlor. Die Gefahr, in welcher Volker und ſein Freund ſchwebten, ſchärfte ihren Blick; ſie durchſchaute den ganzen feindlichen Plan des Grafen, dem es viel weniger um die Unter⸗ drückung der Revolution, als um Volker's Verderben zu thun war, und ſie mußte Achtung bekommen vor der raffinirten Tücke, mit welcher er die beiden jun⸗ gen Männer umgarnt hatte, daß ſie ſicher ihrem Un⸗ tergange entgegengingen. Und Volker, wie geſagt, noch mehr als Germanos! Denn Alles, was der 224 Georg Volker. Graf ihr mittheilte, und mehr noch, was er ihr ver⸗ ſchwieg, zeigte deutlich, daß es ihm allein um Vol⸗ ker's Ruin zu thun war und Germanos nur das Werkzeug dazu ſein ſollte. Der Entſchluß, den Geliebten zu retten, ihn ſich ſelbſt zu retten, konnte darum in einer Seele, wie der Eugeniens, nicht lange auf ſich warten laſſen; und noch während der Graf ihr mit vieler Umſtänd⸗ lichkeit ſeine Maßregeln und Pläne gegen den Freund auseinanderſetzte, erwog ſie ſchon in ſtiller Bruſt die Wege und Hülfsmittel, die ihr zu Georg's Rettung aus ſo drohender Gefahr zu Gebote ſtanden. Auch im Verlauf des Abends und während der Tafel blieb ſie mit meiſterhafter Unbefangenheit Her⸗ rin ihrer Gefühle, und man muß die Kraft und Entſchloſſenheit der jungen Seele bewundern, die in einem Moment den doppelten Kampf gegen die Menſchen und das Schickſal aufnahm, um nicht allein ſich den Geliebten zu gewinnen, ſondern dieſen ſelbſt auch dem ihm drohenden Unheil zu entreißen. Vor Allem ſollte und mußte Volker wer⸗ den, ehe es zu ſpät war! Mit dieſem Entſchluß im Herzen g ſie nach aufgehobener Tafel in ihr Zimmer hinauf, entließ das Mädchen, welches ihr beim Ausziehen vhi Georg Volker. 225 ſein wollte, und ſchrieb dann an Georg einige Zei⸗ len, in denen ſie ihm ſeine und des Freundes Ge⸗ fahr meldete. Ohne Rückhalt entdeckte ſie ihm Alles, was der Graf ihr mitgetheilt hatte und was ſie für ihn und Germanos fürchtete, ließ aber ſonſt weder einen Rath noch eine Warnung einfließen. „Er muß ja wiſſen, was er zu thun hat, ſo gut als ich weiß, was meine Pflicht iſt,“ ſagte ſie und unterzeichnete den Brief mit feſter Hand:„Ihre Eugenia.“ „Das iſt deutlich genug,“ ſprach ſie lächelnd und konnte den Blick gar nicht wieder von den beiden Worten abwenden, die ſie anſahen wie ein Räthſel, an deſſen Löſung Georg's und ihr ganzes Schickſal hing. Einen langen heißen Kuß drückte ſie dann auf die Worte, ſprach mit bebender Stimme:„Sagt's ihm, daß ich ſein bin!“ und ſiegelte den Brief mit einem kleinen Petſchaft, das eine Taube mit dem Oelzweig darſtellte. Hierauf nahm ſie die beiden Kerzen und ging in das anſtoßende reizende Boudoir, wo ſie die Leuch⸗ ter auf den Marmorkamin niederſetzte. Schlaf war nicht in ihren Augen, denn alle Le⸗ bensgeiſter flüſterten ihr beſtändig in's heiße Blut hinein: Ihre Eugenia! Angekleidet warf ſie ſich auf I. 13 226 Georg Volker. den Divan, achtete nicht der zerknickten Roſe im Haar, nicht der koſtbaren Toilette, das Haupt tief in die Kiſſen gedrückt, beide Arme unter dem Haupte in einander geſchlungen, lag ſie da und blickte träu⸗ meriſch auf die dunkelrothen mit Gold umſäumten Sammetblumen der Tapete. Bald wich das dröh⸗ nende Gefühl, welches die Aufregung und Verwir⸗ rung des Tages in ihr zurückgelaſſen hatte, einem ſanften Hinträumen mit wachen Augen, leiſe und leiſer ſpielten die bewegten Accorde des Lebens ihre Seele aus den grellen Mißtönen dieſer Erde in das holde Reich der Phantaſie hinüber, dort wo in ſtil⸗ len Gefilden des Friedens unſte Sehnſucht einſt Hand in Hand wandelte mit dem Engel der Un⸗ ſchuld, der ſeinen Zauberſchleier über unſte glückliche Kindheit ausbreitete und uns mit ſeinem hellen, kla⸗ ren Himmelsauge tief in's trunkne Herz ſchaute. Eugenia ſah ſich wieder als Kind im glänzenden Palais ihrer Eltern, da noch keine Ahnung ihr zu⸗ flüſterte, daß hinter dieſer Pracht und Herrlichkeit der Schmerz tückiſch auf den Moment laure, wo er den Frieden und die Freiheit ihrer Seele vielleicht für immer vernichten könne. Einmal in dieſe Träume verſenkt, durchlebte ſie ihre ganze glückliche Kindheit und wunderbar hell ſtand die alte Zeit mit ihren Georg Volker. 27 geliebten Geſtalten, ihren holden Bildern und Erin⸗ nerungen vor ihr, ſah ſie an wie mit ſtillfreundli⸗ chem Mutterauge und ſchien ſie fragen zu wollen, warum ſie nicht immer bei ihr geblieben? Es liegt oft ein tiefheimlicher Zauber in dieſem Träumen von alten Tagen; und gerade in bewegten Momenten unſtes Lebens tritt plötzlich eine Erinne⸗ rung der fernſten Zeit ſo deutlich vor unſer inneres Auge, daß wir ein Gefühl haben, als ſei es damals, nur unter andern Erſcheinungen und Verhältniſſen dieſelbe Lebenslage geweſen, wie wir ſie in der un⸗ mittelbaren Gegenwart erkennen. So erinnerte ſich auch Eugenia an dieſem Abende eines Erlebniſſes ihrer früheſten Kindheit wieder, an das ſie ſeit vielen, vielen Jahren nicht mehr gedacht hatte.* Eines Tages war ſte nämlich unbemerkt von ihrer Wärterin durch den Garten auf dem Landſitz ihres Vaters in's Freie gelaufen und pflückte Blu⸗ men auf einer weiten ſonnigen Wieſe. In der Nähe weidete die Viehheerde des Gutes; als plötzlich ein Stier, wildgeworden durch die Farbe ihres rothen Kleides, auf ſie zuftürzte, um ſie mit ſeinen Hörnern zu durchbohren. Mit einem Zetergeſchrei floh ſie vor dem Ungethüm nach der Gartenpforte zurück. 15* 228 Georg Volker. Aber es wäre wohl um ſie geſchehen geweſen, wenn nicht ein junger Bauer, der eben des Weges daher kam, die Gefahr der kleinen Gräfin noch im letzten rettenden Moment bemerkt hätte. Ohne Weiteres ergriff er ſie, ſchleuderte ſie mit kräftiger Hand über die nächſte Hecke und rettete ſich durch einen Sprung auf demſelben Wege. Der Stier aber bohrte brüllend die Hörner tief in die Dornhecke und ließ dann von der Verfolgung ab. „Und iſt's nicht wieder gerade ſo wie damals?“ rief Eugenia und athmete tief auf.„Volker, Du biſt mein zweiter Retter, denn ein noch furchtbareres Un⸗ gethüm als jener wüthende Stier verfolgt mich jetzt und wirft mich in Deine ſchützenden Arme!“ Sie hatte bei dieſer Vorſtellung ein Gefühl, ſo wonnig⸗ſchauervoll, daß ſie ihr Geſicht tief in's Pol⸗ ſter drückte, um nur nichts weiter zu ſehen und zu empfinden als die Seligkeit, in Georg's ſtarkem Arme von einer großen Gefahr befreit zu ſein. Und wie es zu geſchehen pflegt, wenn eine alte Erinnerung ſich gleichſam vor unſtem Geiſte zur Gegenwart ge⸗ ſtaltet: die Phantaſie ergänzt bald das Beſte daran aus der Zukunft. So träumte auch Eugenia ſchon von der Zeit, wo ihr Herz, von Seligkeit und Lie⸗ besglück geſättigt, an Georg's Herzen ruhen werde, Georg Volker. 229 der herrliche Menſch, ihrer Seele Abgott, ſie ſein nannte und ſein Beſitz ſich vor ihr wie ein weiter Himmel des Glanzes und Friedens aufthat. Sie ſah ſich an Georg's Seite in freien, unbeengten Räumen; mit trunknem Herzen, glühender Bilder voll, dichtete ſie den ganzen Hymnus ihrer Liebe aus; wie ein ferner verlorener Wolkenſchatten lag hinter ihr ihr vergeſſenes Leben und auf ſonnigen Pfaden wandelte ſie an ſeiner Hand aus einem Zaubergar⸗ ten in den andern. Bald in Italien, bald im herr⸗ lichen Land der Garonne ſah ſie ſich mit dem Geliebten vereinigt, das ſeligſte Leben der Freiheit, im Bunde mit dem unſterblichen Gefühl ihrer Liebe, lag vor ihr und bis zum vollſten Rauſche der Wirklichkeit genoß ſie in ihren lebhaften Träumen den Schaum der holdeſten Täuſchung. Mitternacht war längſt vorüber, als ſie ſich mit ſchweren Gliedern erhob und am Zittern ihrer Füße empfand, daß ſelbſt der Körper unter des Geiſtes heftigem Drängen und Sehnen müde geworden war. Sie wußte kaum, was mit ihr geſchehen; traumes⸗ trunken blickte ſie umher und hatte dabei faſt eine Empfindung, als erwache ſie unter betäubenden Blü⸗ thendüften einer fernen Zone und könne nicht mehr den Weg in ihr heimathliches, rauhes Bergland zu⸗ 230 Georg Volker. rückfinden. Die Kerzen waren ſchon tief herunterge⸗ brannt, um die ſchwarzen Dochte zuckten bläuliche Scheine und in hohen Spießen ſtand das helle Wachs neben der Flamme. Eugenia fing an ſich zu entkleiden; des Ge⸗ maches liebliche Dämmerung umwob die holde Ge⸗ ſtalt und heller auf ſchien zu leuchten und zu ſtrah⸗ len, was an Gold und Goldesſchein an den Wän⸗ den erglänzte, als jetzt das letzte Gewand von der Schulter ſank, und ein Bild, ſo ſchön und göttlich, daß ſelbſt einem Phidias muthlos der Meißel ent⸗ fallen wäre, ſeinen keuſchen Marmorglanz durch das Gemach warf. Gerade als ſie am ſchönſten war, ſtand ſie vor dem Spiegel, und wie jetzt ihr Blick dem holden Ebenbild begegnete, war ſie ſelbſt wie betroffen von ihrer Erſcheinung und glaubte an eine Verwandlung. Denn ſo ſchön hatte ſie ſich noch nie zuvor geſehen noch gedacht. Aber der Spiegel war heute ein guter Maler und die Liebe im Auge ein guter Kenner; ſinnend legte ſie den glänzenden Arm um den Nacken und empfand im Anſchauen ihrer Schönheit eine Freude, wie ſie des Reichthums Fülle nur immer Demjeni⸗ gen gewähren kann, der ſich den weiſeſten und ſchön⸗ ſten Gebrauch deſſelben vorgeſetzt hat. Georg Volker. 231 Aufrichtig, von Herzen aufrichtig wars aber auch darum gemeint, als ſie nach einer Pauſe wohl⸗ gefällig ihrem holden Spiegelbild zunickte und ihm erröthend bekannte: „Georg, Du kriegſt eine ſchöne Frau.“ O hätteſt Du ſie da geſehen, Volker! In Dei⸗ nem Geiſte wäre ein Auge hell, in Deinem Herzen ein Traum zur Wahrheit geworden, den keines Gra⸗ mes Nacht und keines Geſchickes Grauen Dir je wie⸗ „der verdüſtert hätte! Meuntes Capitel. Der Geheimerath war ein guter Prophet ge⸗ weſen; die ſchwüle Wolke, welche über Deutſchland hing, entlud ſich furchtbar, und Wien und Berlin ſahen Tage, wie ſie die deutſche Geſchichte nie zuvor gekannt hatte. Zwei der mächtigſten Throne Euro⸗ pa's wankten in ihren Grundveſten und die beiden größten Herrſcher Deutſchlands mußten ſich vor der Volksſouverainetät beugen. 232 Georg Volker. Durch ganz Deutſchland flog die Kunde von dem Sieg der Freiheit und fand ihr Echo in Millio⸗ nen Herzen; überall entfaltete ſich, wie durch Zau⸗ ber, das ſchwarz⸗roth⸗goldne Banner und keine Hand wagte an das heilige Symbol eines freien, einigen Vaterlandes zu rühren. Kein Wunder war es, daß die Siegesbotſchaft von Wien und Berlin bald auch im Odenwald wie⸗ derhallte und die ohnedies ſchon genugſam gereizte Stimmung ſeiner Bewohner ſo gewaltig aufregte, daß man alle Augenblicke einen Aufſtand in Maſſe erwarten mußte. Ja, in einigen entfernteren Orten des Gebirges war es ſchon um dieſe Zeit zu Ge⸗ waltthaten und offnen Widerſetzlichkeiten gegen die Obrigkeit gekommen, die Bauern fingen an ihre Bür⸗ germeiſter und Gemeindebehörden abzuſetzen, und nach⸗ dem durch die Freijagden alles Hochwild in den Wäldern erlegt war, ging man an die Beamten und jagte die Verhaßteſten unter ihnen ohne Weiteres fort. Nur die Betäubung und Ungewißheit, die einer ſo plötzlichen politiſchen Erſchütterung zu folgen pfle⸗ gen, hielten noch den Arm und die Willehskraft des Volkes gefangen; aber der Anſtoß war gegeben, und wer wollte in dieſer Zeit der allgemeinſten Rathloſig⸗ keit es wagen, die über dem Abgrund ſchwebende Georg Volker. 233 Lawine der Revolution in ihrem drohenden Sturz in die Tiefe, aufzuhalten! Das Erſte, wodurch Volker dem Freunde, der alle dieſe Nachrichten, wie billig, mit einem an Wahnſinn gränzenden Jubel aufnahm, bewies, daß er allerdings der Mann ſei, um mit überlegenem Geiſte und ruhiger Beſonnenheit einen Volksauf⸗ ſtand zu leiten, war, daß er zugleich auf einer Zu⸗ ſammenkunft ſämmtlicher in der Verſchwörung einge⸗ weihten Perſonen beſtand, damit keine voreilige oder vereinzelte That den Plan einer allgemeinen Erhe⸗ bung des Volkes an einem Tag und mit einem Schlag zerſtöre, oder auch nur die Kraft der Revo⸗ lution für den entſcheidenden Moment, und dieſer war allerdings nach Georg's Anſicht noch nicht da, zerſplittere. Germanos war hiermit einverſtanden und man fandte ſogleich vertraute Leute in die be⸗ nachbarten Orte, um die Männer und Freunde, welche um das Vorhaben wußten, für den Abend in die„Eiſerne Hand“ zu einer Zuſammenkunft ein⸗ zuladen. Dann“ ging Georg nach Nellenburg hinunter, um auch mit dem Hauptmann das Nähere zu ver⸗ abreden, vornehmlich aber ſich des allzueifrigen Alten zu verſichern, von deſſen Ungeduld und Hitze er in 234 Georg Volker. den letzten Tagen ſchon mehr als eine bedenkliche Probe erhalten hatte. Er fand auch wirklich den graubärtigen Helden von Waterloo ſchon in Feuer und Flamme; das ganze friedliche Jungfernhaus zitterte unter dem kriegeriſchen Enthuſiasmus des alten Haudegens, der in der erſten Freude ſeines Herzens die drei Fräulein faſt unter ſeinen Küſſen erſtickt hätte, wobei ihm beſtändig die hellen Freude⸗ zähren über die Wangen liefen und ſein donnernder Schlachtruf:„Hurrah, Diebitſch Sabalkansky!“ al⸗ lerdings bezeichnend genug für des alten Herrn po⸗ litiſche Richtung, das ganze Zimmer erſchutterte. Das war einmal rechter Honig für den alten Bären, und Georg hatte wohl daran gethan, ſich bei Zeiten einzuſtellen, um das heiße Bataillenblut zu kühlen und Vetter Peter zur Vernunft zurückzubringen. Denn dieſer war in der That ſchon drauf und dran, den Streich wirklich auszuführen, welchen Georg in rich⸗ tiger Kenntniß von des Hauptmanns Charakter vor⸗ ausgeſetzt hatte. Er hatte nämlich auf einen großen Papierbogen mit ſteifſoldatiſcher Handſchrift einen förmlichen„Fehdebrief an den von Nellenburg“ auf⸗ geſetzt, worin er dem Grafen in wenig ehrerbietigen Ausdrücken vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit an⸗ bot, ob Jener das Neſt freiwillig räumen oder es Georg Volker. 235 auf einen Sturm ankommen laſſen wolle. Im erſte⸗ ren Falle ward dem Schloßherrn für ſich und ſeine Leute freier Abzug zugeſichert, im andern aber drohte der alte Bär, ihn ſammt Allem, was im Schloſſe lebte, über die Klinge ſpringen zu laſſen. Georg blickte ſtaunend auf dieſes merkwürdige Schreiben, das zwar ſehr viel in ſtyliſtiſcher, aber, zu Ehren ſeines Verfaſſers ſei es geſagt, nichts in logiſcher Hinſicht zu wünſchen übrig ließ; es müßte denn getadelt werden, daß der Alte ſich im Vorge⸗ fühl von des alten heiligen römiſchen Reichs Wie⸗ deraufleben, als„Reichshauptmann“ unterzeichnete, ein Titel, dem er noch obendrein durch den Abdruck eines alten Laubthalers aus der Zeit Leopoldi II. mit dem doppelten Reichsadler, ſtatt des Siegels, höhern Werth und hiſtoriſche Bedeutung zu verleihen geſucht hatte. Wir unterlaſſen es, den feuerſpeienden Eifer des alten Bärs zu beſchreiben, mit dem er anfangs den Einwand Georg's aufnahm, der ihm begreiflich ma⸗ chen wollte, daß man mit einer ſolchen aufrichtigen Kriegserklärung keine Revolution beginnen dürfe. Es koſtete die größte Mühe, ihn davon zu überzeugen; endlich aber glückte es doch, beſonders als Georg geltend machte, daß ja dem Grafen mit dieſer fürch⸗ 236 Georg Volker. terlichen Drohung zugleich das ganze Complot ent⸗ deckt und ihm ſomit hinlänglich Zeit gelaſſen werde, Vorkehrungen zu ſeinem Schutz zu treffen. Letzteres Argument verfehlte ſeinen Eindruck nicht, und der Alte, der ſonſt in dem, was er ſich einmal vorgeſetzt und noch mehr in dem, was er einmal Schwarz auf Weiß hatte, ſehr ſchwierig war, zerriß ärgerlich den Fehdebrief, nicht ohne über die Ge⸗ heimnißthuerei zu fluchen, mit der man heutzutage das ehrliche Kriegshandwerk betreibe. Schließlich gelobte er jedoch ſeinem Allürten mit derbem Hand⸗ ſchlag ein ruhiges Verhalten und verſprach rechtzei⸗ tig bei heutigem„Kriegsrath“ in der Judenherberge ſich einzufinden. „Nur macht mir keine allzulangen Reden und Flauſen,“ ſagte er beim Abſchied.„Wenn der Deutſche erſt einmal Etwas zu bedenken anfängt, dann iſt's meiſt mit dem Handeln vorbei. Mir iſt ordentlich das Herz ſchwer vor Ungeduld, wie einem Mädel vor der Hochzeit, bis der Tanz losgeht. Na, wart' nur, Alfredchen! Du ſollſt den alten Bär mal tan⸗ zen ſehen! Hundert und fünfzig Flinten hab' ich nun beiſammen, alle mit Percuſſion; achtzig alte Drago⸗ nerſäbel ſind ſo ſcharf geſchliffen, als kämen ſie eben neu vom Schwertfeger, und an Munition iſt genug Georg Volker. 237 vorhanden, um im Nothfall das Raubneſt durch Pulver mit der ganzen hochgräflichen Bagage in die Luft zu ſprengen!“ 6 — Wir haben bereits in einem früheren Capi⸗ tel der„Eiſernen Hand“ im Walde als des Ortes erwähnt, woſelbſt ſich die Häupter der Volkspartei zuſammenfanden, nachdem durch Germanos eine Organiſation in die revolutionairen Beſtrebungen des Odenwaldes gekommen war. Man hatte dieſes ein⸗ ſame Haus als das gelegenſte auserwählt, einmal, weil man hier vor aller Entdeckung ſicher war, und zum andern, weil der Beſitzer deſſelben von langer Zeit her in des Hauptmanns Schuld ſtand, der ihm ein für die Verhältniſſe des Judenwirths immerhin beträchtliches Capital vorgeſchoſſen hatte. Schon ſeit mehreren Wochen ging es übrigens, wie wir bereits geſehen haben, in der Judenherberge lange nicht mehr ſo ſtill her, wie früher. Es hat⸗ ten ſich nämlich daſelbſt nach und nach verſchiedene Gäſte eingefunden, die wohl, ihrem Aeußern nach zu ſchließen, an beſſeres Quartier gewöhnt waren, nichts deſtoweniger aber es auch hier ſich wohl ge⸗ fallen ließen. Niemand im Hauſe, außer dem ver⸗ ſchwiegenen Wirthe wußte, daß es deutſche politiſche Verbannte waren, welche heimlich aus der Schweiz 238 Georg Volker. und aus Frankreich herübergekommen waren und auf den günſtigen Augenblick harrten, wo ſie ſich mit dem Schwert in der Hand das verlorene Vaterland wie⸗ der erkämpfen wollten; es waren gebildete Leute, meiſt dem gelehrten Stande angehörend und geſtählt durch ein reiches, vielbewegtes Leben in der Fremde. In Erwartung der kommenden Dinge ließen ſie ſich's hier auf des Hauptmanns Koſten wohl ſein; wirkten nach Kräften thätig mit zur Verbreitung revolutio⸗ nairer Ideen und durchreiſten bald in kürzeren, bald in längeren Miſſionen das Land, überall in den Schenken unter den Bauern Propaganda machend für die Republik. Der Hauptmann bezahlte gern die Zeche für die fünf Abenteurer, denn er hatte nun einmal ſeine Freude am Wühlen, und es war ihm eine wahre Luſt zu ſehen, wie der ſtille Brand, den er ſelbſt nach Kräften ſchüren half, immer wei⸗ ter um ſich griff. Germanos war die Seele dieſer kleinen Waldgeſellſchaft, deren politiſchen Eifer er beſtändig rege zu erhalten ſuchte. Lange zuvor, ehe Georg eine Ahnung von dem Treiben in der„Ei⸗ ſernen Hand“ hatte, war daſelbſt ein förmliches „Revolutions⸗Bureau“ errichtet worden und alle Rollen waren vertheilt und einſtudirt zur bevorſtehen⸗ den großen Tragödie: Deutſche Revolution genannt. 64„ 239 Bald traten auch noch andere Fur hinzu und ins⸗ beſondere wurden mehrere jüngere Schullehrer mit Freuden als Mitgenoſſen in den Bund aufgenommen. Der Einladung vom Grabenhof gemäß, fanden ſich heute zur beſtimmten Stunde aus den Dörfern der Nachbarſchaft, ſelbſt aus ſolchen, die mehrere Stunden entfernt lagen, die Bauern in der Judenſchenke ein, alle in geſpannter Erwartung deſſen, was Volker zu die⸗ ſer dringlichen Einladung veranlaßt haben möge. In einem, nach dem Hofe gelegenen langen ſchmalen Saale, deſſen von Rauch geſchwärzte Decke ſo niedrig war, daß ein großgewachſener Menſch kaum aufrecht darin ſtehen konnte, kamen nach und nach wohl vierzig Männer zuſammen, die ſich Alle als Bekannte begrüßten; auch der Hauptmann von Bärenhorſt mit ſeinen Gäſten, den früheren Demagogen, ſtellte ſich ein und drückte Allen herzlich die Hand. Zuletzt erſchienen Volker und Germanos, und der vorſichtige Wirth ſchloß, um vor jeder gefährlichen Ueberra⸗ ſchung ſicher zu ſein, das äußere Thor, welches den einzigen Zugang zu dem rings mit einer hohen Ring⸗ mauer umgebenen Hofraum bildete. Es war eine ſonderbare Geſellſchaft, die ſich hier in ſtiller Abendſtunde in dem nur von wenigen an den Wänden befeſtigten Talglichtern erhellten 24⁴⁰ Georg Volker. Saale zuſammenfand, in demſelben Gemach, worin ſonſt bei Jahrmärkten die Kinder Iſraels auf einem dürftigen Strohlager friedlich beiſammen lagen und wohl am wenigſten von gefährlichen politiſchen Um⸗ trieben träumten. Meiſt waren's Männer in den vierziger und fünfziger Jahren, von ruhigem, geſetztem Weſen und ernſten, wetterharten Zügen; manches, von des Lebens Noth und Drangſal abgehärmte, aber auch manches verwegne Geſicht war darunter; aus den Blicken der jüngeren Bauernburſchen ſprach Muth und Entſchloſſenheit; und drei ſilberhaarige Greiſe, echte Patriarchengeſtalten, repräſentirten in ihrer ehr⸗ würdigen Erſcheinung die alte Zeit, deren letzte ver⸗ glimmende Sterne im Morgenroth eines neuen Tages bald vollends erbleichen ſollten. Die älteren Männer trugen lange dunkelblaue Röcke und keinem von ihnen fehlte der große mit runden Krämpen verſehene drei⸗ eckige ſchwarze Filzhut, der charakteriſtiſche Haupt⸗ ſchmuck im Koſtüm des Odenwälder Bauers. Trotz dieſer Einfachheit ihrer wenig maleriſchen Tracht ge⸗ hörte doch die Mehrzahl dem begüterten Bauernſtand an und Mancher, der ein grobes Tuch trug, beſaß daheim ein ſchönes Gut und hatte ſein reichliches Auskommen; Andere waren angeſehen in ihren Ge⸗ meinden, durch das Vertrauen ihrer Mitbürger zu Georg Volker. 241 Amt und Würden berufen, die im ſtillen Dorfleben dieſelbe Bedeutung haben, wie in der Reſidenz ein Miniſter⸗Portefeuille, ein Geheimerathstitel oder ein Kammerherrnſchlüſſel. Die jüngeren Burſche waren ſchon modiſcher gekleidet; und eine gewiſſe ſtädtiſche Eleganz im Anzug verrieth, daß die kommende Ge⸗ neration nicht willens ſei, noch einmal in den alten ehrbaren Rock der Väter hineinzuſchlüpfen, deſſen ſteif⸗ herkömmlicher Schnitt ſo wenig ihrem modernen Ge⸗ ſchmack zuſagen mochte, als die einmal in Deutſchland populair gewordene Anſicht überhaupt, daß der Bauer allein unter allen Ständen an den Grundſätzen, Ge⸗ wohnheiten und Sitten der Voreltern feſthalten, und demzufolge ewig ein armer, gedrückter und unwiſſen⸗ der Bauer bleiben müſſe, wenn er nicht Schaden am zeitlichen und ewigen Wohl nehmen wolle. Was aber mehr als das äußere Kleid, die mei⸗ ſten Männer, junge wie alte, ſchmückte, das war die würdevolle ſichre Haltung, waren die redlichen Mie⸗ nen und der intelligente Ausdruck in den einzelnen Phyſiognomieen, in denen der Ernſt dieſer Stunde deutlich zu leſen war. Nicht ein einziges Verräther⸗ geſicht war darunter, wohl aber ſah man hier und da aus der dunklen, ſchweigſamen Gruppe einen Kopf auftauchen, der einem Maler der alten Ge⸗ m. 16 242 Georg Volker. ſchichte zum Modell hätte dienen können, wie es denn überhaupt das Bauernantlitz iſt, in dem ſich noch am meiſten der deutſche Geſichts⸗Typus des Mittel⸗ alters erhalten hat. Germanos ergriff zuerſt das Wort, um in einer längeren Rede die Wiener und Berliner Revolution zu ſchildern und ihre Folgen für die nächſte Gegenwart darzuſtellen. Sein begeiſterter Vortrag riß alle Zu⸗ hörer hin und insbeſondere die Beſchreibung des Heldenmuthes und der Vaterlandsliebe jener tapfern Volksſtreiter wurde mit lauteſtem Beifall von der Verſammlung aufgenommen. Der junge Enthuſiaſt ſchloß damit, daß er in glühenden Worten die Freunde aufforderte, ſich nicht durch den erſten Rauſch der großen Begebenheit zu einem voreiligen Losſchlagen verleiten zu laſſen; denn noch ſei für den Odenwald der rechte Zeitpunkt nicht gekommen, da vorher auf einer großen Volksverſammlung die Männer von Süddeutſchland offen entſcheiden ſollten, welcher Staatsform der Vorzug zu geben ſei. Seine Rede und beſonders die überzeugende Darſtellung der Ge⸗ fahren eines vorſchnellen Handelns fand die allge⸗ meinſte Beiſtimmung; die ältern Bauern hießen den Rath klug und weiſe und ſelbſt die jungen Heiß⸗ ſporns, welche ſicher auf die Parole zum Losſchlagen Georg Volker. 243 gerechnet hatten, mußten bei ruhigerer Ueberlegung ihm rechtgeben, daß man warten ſolle, bis die ganze ſüddeutſche Revolution zum Ausbruch reif ſei. Nur ein Einziger und zwar keiner von den Jüng⸗ ſten, vergaß ſeine guten Vorſätze vom heutigen Mor⸗ gen und war mit nichts weniger als mit dem Ab⸗ warten einverſtanden, Vetter Peter nämlich, dem dadurch, wie wir bereits geſehen haben, ein bedeuten⸗ der Strich durch die Rechnung gemacht wurde. Er hatte noch immer gehofft, daß Volker und Germanos mit ihren Anſichten bei der Mehrheit der Verſamm⸗ lung keinen oder wenigſtens nur geringen Anklang finden würden. Als nun aber Alle einſtimmig und ohne auf ſeinen Ausſpruch zu warten, erklärten, daß die Zeit zum Losſchlagen noch nicht gekommen ſei, und ein alter Bauer noch als ferneren Grund an⸗ führte, man müſſe erſt mit der Feldarbeit weiter im Reinen ſein, da ergriff den jähzornigen Alten, der ſchon während der Rede ſeines jungen Freundes ſei⸗ nen Groll durch allerhand häßliche und höhniſche Gri⸗ maſſen an den Tag gelegt hatte, der böſe Geiſt des Widerſpruchs dergeſtalt, daß er mit einemmal Alles vergaß, was er Georg am heutigen Morgen zugeſtan⸗ den, und grimmig mit der Fauſt auf die Tafel ſchlug, daß der Leuchter hoch in die Höhe tanzte, wobei ſein 16* 244 Georg Volker. den Bauern wohlbekannter Ausruf:„Dommheit!“ der Geſellſchaft ankündigte, daß Vetter Peter anderer Meinung ſei. Noch ehe er den Mund zum Weiter⸗ reden öffnete, ſagte Allen ſein vor Zorn kirſchbraunes Geſicht und das wüthige Zuſammenziehen der grauen buſchigen Augenbrauen, daß ein Donnerwetter im Anzug wäre, und mit bänglichem Herzklopfen ſchauten alle Bauern, alte wie junge, ihren Evangeliſten an, der in ihren Augen, wir wiſſen das ſchon, mehr Autorität beſaß, als ſelbſt der„Kalendermann“ oder die„Didaskalia.“ Polternd wie der alte Vulcan im Rathe der Götter, fuhr denn auch der Hauptmann ohne Um⸗ ſtände heraus, übergoß zuerſt ſeinen erklärten Liebling mit einer Fluth der bitterſten Vorwürfe und wurde zuletzt in ſeinen leidenſchaftlichen Ausdrücken ſo rück⸗ ſichtslos, daß ein hörbares Murren und Scharren mit den Füßen entſtand; was jedoch, weit entfernt, ihn über das Unziemliche ſeines Betragens gegen Germanos zu belehren, ihn nur noch wüthender machte, ſo daß er wie unſinnig auf den Tiſch ſprang, beide Fäuſte drohend gegen die Bauern ballte und ihnen ein donnerndes:„Silence im Glied!“ zurief, daß auch der Muthigſte keinen Laut der Wiu weiter wagte. — Georg Volker. 2⁴⁵5 Der Alte hielt dann einen Augenblick inne, fuhr ſich mit dem Rockärmel über die vom Schweiß des Pa⸗ thos gefeuchtete Stirn und begann hierauf in tief⸗ knurrendem Baß mit ſchwer errungener Mäßigung ſeinen„Sermon.“ Leider iſt es uns nicht vergönnt, denſelben auch nur annähernd in ſeiner urſprüngli⸗ chen Originalität wiederzugeben. Man müßte ſo etwas aus ſeinem Munde hören, Angeſichts der gan⸗ zen wunderlichen Eigenthümlichkeit und Redeweiſe, Angeſichts der wilden Geſticulationen und der un⸗ nachahmlichen Pantomimen, womit er ſeinen Vortrag begleitete, um überhaupt den Eindruck zu begreifen, den derſelbe auf die Zuhörer machte. Seine Rede drehte ſich hauptſächlich um die Ge⸗ ſchichte des Bauernkriegs zur Zeit der Reformation, oder war vielmehr nur eine hiſtoriſche Parallele zwi⸗ ſchen der damaligen Zeit und der gegenwärtigen. Dabei hielt er ſich, in richtiger Würdigung von dem Geſchmack der Bauern an Geſchichte und Geſchicht⸗ lichem, vorzugsweiſe an kleine charakteriſtiſche Anek⸗ doten und lebensvolle Bilder aus jener Periode; denn der echte Bauer hört nichts in der Welt lieber als die Geſchichte von Seinesgleichen und liebt es dann, die alte Begebenheit mit gegenwärtigen Zuſtänden und Ereigniſſen zu vergleichen, um ſich der Vorfah⸗ 24⁴6 Georg Volker. ren Denk⸗ und Handlungsweiſe zum Muſter zu nehmen. Daher lauſchten auch bald ſammt und ſonders die Bauern lautlos und mit offenen Mäulern auf, als der alte Bär ihnen in ſeiner handgreiflichen und anſchaulichen Manier erzählte, wie ihre Vorfahren Revolution gemacht hätten. Er ſchilderte ihnen zuerſt den Aufſtand in den Niederlanden, wo die Bauern einen Käſe und ein Brot als Sinnbild ihrer For⸗ derungen in den Fahnen führten, weshalb man ſie auch ſchlechtweg die Kſebröder“· geheißen habe. Dann kam er auch auf die Bauernrebellion im Bis⸗ thum Speyer, erklärte die Benennung dieſes Auf⸗ ſtandes:„Bundſchuh“, im Gegenſatz zum Ritter⸗ ſchuh und warum die Bauern damals den Wahl⸗ ſpruch auf ihre Fahnen geſchrieben hätten: Was iſt das für ein Weſen, Wir können vor Pfaffen nicht geneſen. Dann ſchilderte er die jedenfalls intereſſanteſte und wohl auch politiſch bedeutendſte Epiſode des Bauern⸗ kriegs, den Aufſtand in Schwaben, gegen den Her⸗ zog Ulrich von Württemberg. Er erzählte die Ge⸗ ſchichte vom armen Konrad, von welchem die ganze Action ihren Namen erhalten; damals wurden die Bauern rebelliſch, als der Herzog neues Maß und 4 Georg Volker. 24⁴7 Gewicht in ſeinen Landen einführen wollte; die Bauern aber mochten nichts davon wiſſen und tru⸗ gen die Gewichtſteine an's Waſſer, um ein Gottes⸗ urtheil entſcheiden zu laſſen: Habe der Herzog recht, ſo ſolle das bleierne Gewicht oben ſchwimmen, habe er Unrecht, ſo ſolle es unterſinken. Ergo, weil das Blei nicht ſchwamm, jagten ſie den Herzog zum Land hinaus, ſetzten zwölf Artikel auf und ließen nicht eher vom Sengen und Brennen ab, bis ihre zwölf For⸗ derungen bewilligt waren. Hierauf kam er auf die Geſchichte des Bauernaufſtandes in Franken, dem Odenwald und dem Neckarthal unter dem Schenk⸗ wirth Metzler. Hier bot der kluge Hauptmann die ganze Kunſt ſeiner Beredtſamkeit auf, um ſeine Zu⸗ hörer in jene alte Zeit zurückzuverſetzen, in welcher ihre tapferen Voreltern ſich in ſogenannten„hellen Haufen“ gegen den Adel erhoben, den ritterlichen Götz von Berlichingen mit der eiſernen Hand zu ihrem Feldhauptmann erwählten und unter ſeiner Anführung Wunder von Tapferkeit verrichteten. Be⸗ greiflicherweiſe verſchwieg er das traurige Ende der Rebellion und wie furchtbar die armen Bauern den Frevel bezahlen mußten, daß ſie es gewagt hatten, für ihre Freiheit und ihr Menſchenrecht gegen den grauſamen Adel in offenen Kampf zu treten. Aber 24⁸ Georg Volker. dafür beſchrieb er um ſo umſtändlicher die einzelnen Heldenthaten der Bauern und hob beſonders hervor, wie klug damals die Odenwälder gehandelt hätten, daß ſie ſich nicht durch ſchöne Worte und Verſpre⸗ chungen irre machen ließen;„Contraire! Sie zo⸗ gen ohne Umſtände vor die Burgen ihrer Herren, und wer ſich ihnen nicht gutwillig ergab, dem wurde das Schloß geplündert und dann das Raubneſt den Flammen preisgegeben. Die Bauern ſagten: Ha⸗ ben wir lange genug hineingeführt, können wir auch mal herausführen; und in Weinsberg gar jagten ſie den Grafen Helfenſtein, den größten Bauernſchin⸗ der, mit ſiebzig andern Edelleuten durch die Spieße und ein Pfeifer ſpielte dazu einen luſtigen Hopſer auf.“ „Ja, das waren Kerle, he?“ ſo ſchloß der alte Bär mit funkelnden Augen ſeinen Vortrag, als er merkte, wie er die Bauern, die regungslos gleich Bildſäulen daſaßen, auf dem Punkt hatte, wo er ſie haben wollte.„Was ſeid Ihr dagegen im Vergleich zu Euren tapfern Altvordern? Lahme Ofenhocker, die gemächlich abwarten wollen, bis ihnen die gebratenen Tauben in's Maul fliegen! Sakerment! Habt Ihr etwa nicht auch einen Grafen von Helfenſtein, der Euch bis auf's Blut ſchindet, unſchuldige Menſchen Georg Volker. 2⁴9 am hellen Tage todtſchießt und dem armen Bauer die Haut über'n Kopf zieht? Worauf wollt Ihr denn eigentlich noch warten, Ihr dickhäutigen Murmelthiere? Etwa bis zwei mal zwei fünf iſt und der gnädige Herr Euch das Rechenexempel grün und blau mit der Hundspeitſche auf den Buckel ſchreibt? He! Oder bis Ihr vollends die Kränk' kriegt und Eure Kinder mit den Hunden des gnädigen Herrn aus einem Trog freſſen? Hol' mich der Henker lothweis, wenn ich mir noch eine Minute länger die Lunge aus dem Hals ſchwatze! Darum frage ich rund heraus: Wollt Ihr etwa erſt Euren Bimpaſchipaſcha fragen, ob er's in Gnaden erlaubt, daß Ihr eine Revolution macht? Hagel und Granaten!“ hier wurde ſeine Stimme heiſer und ſein Mund ſchäumte vor Wuth: „Wenn Ihr partout Eſel ſein wollt, ſo ſeid's auch ganz, freßt Diſteln und laßt Euch ſchlagen wie Eſel — mich aber——“ Wir wollen dem ungeberdigen Alten den Capi⸗ talfluch nicht nachſprechen, mit dem er ſeine donnernde Philippika ſchloß. Stöhnend ſtieg er ſodann mit einer ſehr wohl⸗ angebrachten Altersſchwäche und Hinfälligkeit, was bedeuten ſollte, daß ihm der Bauern elender Zuſtand und ihre troſtloſe Unentſchloſſenheit ſchier das Herz 2⁵0 Georg Volker. abdrücke und alle Knochen im Leibe ihm davon wehe thäten, von der Tafel herunter, und ſetzte ſich hinter den großen Kachelofen, wo Niemand ihn ſehen, er hingegen ſehr gut hervorblinzeln und an den Mienen der Zuhörer die Wirkung ſeiner Rede beobachten konnte. Längere Zeit regte ſich keiner der Bauern, aber in ihren Geſichtern las man es deutlich, wie ſehr der alte Bär mit ſeinen Anſichten bei ihnen durchgedrun⸗ gen war und ihre vorige Meinung umgeſtimmt hatte. Gerade, daß ſie ſchwiegen und in tiefe Betrachtung verſunken, ſtarr vor ſich hin ſahen, war der beſte Beweis, wie ſicher der Hauptmann ihre Nieren ge⸗ prüft hatte, da er ihnen durch ſeine Rede Veranlaſ⸗ ſung bot, den Vergleich zu ziehen zwiſchen der hel⸗ denmüthigen Entſchloſſenheit ihrer Väter und ihrem eignen muthloſen Zaudern. Volker begriff das Kritiſche des Momentes; er wußte, daß es Eile bedurfte, um den Eindruck von des Alten Worten nicht noch tiefer im Gemüth der Anweſenden Wurzel ſchlagen zu laſſen, und raſch trat er darum mit ſeiner Gegenrede vor. Er kannte ſeine Leute. Hatte der Hauptmann die Geſchichte vergangener Zeiten benutzt, um die Bauern für ſeine Anſicht zu gewinnen, ſo hielt er Georg Volker. 251 ſich dafür, in richtiger Erkenntniß von der Bauern Denkungsart, um ſo ſtrenger an die Zukunft. Auch war er ſo klug, dem Alten nicht geradezu zu wider⸗ ſprechen; er lobte vielmehr deſſen Rede, billigte ſeine Energie und verhütete ſo, daß die Bauern nicht zu Gunſten ihres Freundes und bewährten Rathgebers eine ungünſtige Vormeinung gegen ihn faßten. Im Allgemeinen hielt er ſich nur an die praktiſche Seite der Frage von dem günſtigen Zeitpunkt und erörterte, daß er mit ſeinem Freunde es unternommen habe, mit den auswärtigen Volksführern Verbindungen an⸗ zuknüpfen; daß mithin er ſowohl wie Germanos nicht für ſich allein handeln könnten; denn es ſei nicht auf einen Odenwälder Putſch, nicht auf eine Fehde mit einem kleinen Grafen abgeſehen, ſondern auf eine allgemeine Erhebung des deutſchen Volkes gegen den gemeinſamen Feind. Mehr aber noch als die richtige Auffaſſung der Revolution und ihrer Folgen wirkte auf die Zuhörer der ruhig entſchiedene Ton, womit Georg ihnen er⸗ klärte, wie er niemals ſeine Hand zu einem verein⸗ zelten Aufſtand bieten werde.„Veber,“ ſagte er unter Anderm,„trete er noch in dieſer Stunde von dem Bunde zurück, denn da, wo er Führer und Leiter ſei und mithin die ganze moraliſche Verantwortlich⸗ 252 Georg Volker. keit auf ihn falle, laſſe er ſich keine fremde Meinung, und am allerwenigſten eine für das Ganze ſo ge⸗ fahrvolle, wie die des Hauptmanns, aufdrängen.“ Schließlich fragte er mit erhobener Stimme die Anweſenden„ob ſie ihn noch immer zum Führer haben und ihm auch fernerhin vertrauen wollten?“ worauf ein einſtimmiges Ja die Antwort war. Der Alte hinterm Ofen, der befürchtete, daß ein längerer Widerſtand von ſeiner Seite den ſofortigen Rücktritt Georg's und ſeines Freundes von der Verſchwörung zur Folge haben könnte, bequemte ſich jetzt gleichfalls zur Nachgiebigkeit, erklärte ſich mit dem Abwarten einverſtanden, gab jedoch dabei die ihn und ſeine po⸗ litiſche Meinung bezeichnende Erklärung ab:„Er wolle gar nichts weiter, als den Raubritter unſchäd⸗ lich und deſſen Burg dem Erdboden gleich machen. Er ſei und bleibe dabei ein guter Royaliſt, für die Republik rühre er keine Hand; denn das ſei dum⸗ mes Zeug, wen der Floh in die Wade ſteche, der brauche ſich nicht erſt noch lange pro patria zu kratzen, u. ſ. w.“ Er ſchloß ſein Glaubensbekenntniß mit den Wor⸗ ten:„Meinetwegen macht was Ihr wollt, nur bleibt mir mit dem vive la république! vom Halſe. Hähne, die ſo früh am Morgen krähen, frißt Abends Georg Volker. 253 der Marder! Ich für meine Perſon halte mich an den Raubgrafen und rechne bloß mit Dem ab. Darum beding' ich mir auch Eins aus: Beim Sturm auf's Schloß bin ich der Hauptmann und kein Menſch hat ein Wort in's Commando zu ſprechen. Wollt Ihr das, ſo hebt die Hand auf, ſonſt ſalvir'ich mich und mache meine Revolution nach meinem Guſto.“ „Ja! Ja!“ riefen da freudig die Bauern, und der alte Bär, indem er in Volker's dargebotene Hand einſchlug, ſagte mit vergnügtem Geſicht:„Baſta!“ Sodann wurden noch verſchiedene Angelegenheiten und Maßregeln beſprochen; Jeder der Anweſenden ſtattete Bericht ab, wen von ſeinen Freunden und Bekannten er für die Sache der Freiheit gewonnen, wer noch dafür zu gewinnen ſei. Im Ganzen war es ein ſehr günſtiges Reſultat und mehre Bauern verſicherten, in ihren Dörfern ſtänden ſie für die ganze Gemeinde. Hierauf wurde die Vertheilung der vorräthigen Waffen verabredet; die beſten Schützen ſollten Feuergewehre erhalten, die Maſſen aber Sen⸗ ſen und Dreſchflegel herrichten; denn, meinte der alte Bär, die gingen auch ohne Pulver los, und ein tüchtiger Dreſchflegelſchlag dem Feind hinters linke Ohr, ſei ihm lieber als eine Kugel, die am rechten vorbeifliege. 254 Georg Volker. Erſt gegen Mitternacht trennte ſich die Verſamm⸗ lung, ein Jeder wohlzufrieden mit dem Reſultat der ſtattgehabten Berathung. Die Männer zündeten ſich für die Heimkehr ihre Pfeifen an, der Wirth ſchloß hinter ihnen das Thor und bald vertheilten ſich ſchweigſam die einzelnen Gruppen je nach der Rich⸗ tung ihrer Dörfer. Als die Freunde auf dem Grabenhof anlangten, fand Volker einen Brief vor, den, wie Veronika er⸗ zählte, der Gräfin Eugenia Kammermädchen ſelbſt um die Abendſtunde gebracht und dabei ſo preſſant und ängſtlich gethan habe, daß ſie hieraus auf die große Wichtigkeit des Briefes geſchloſſen und in ſor⸗ genvoller Ungeduld von einer Stunde zur andern der Rückkunft ihres jungen Herrn entgegengeſehen habe. Georg riß ihr haſtig den Brief aus der Hand und eilte damit auf ſein Zimmer, wo er ihn ſogleich öffnete. Ja, es war dieſelbe Handſchrift, die ihn ſchon einmal vor der Tücke des Grafen gewarnt hatte,— und jetzt, er traute kaum ſeinen Augen und hatte ſeine ganze Kraft nöthig, um den Brief mit ruhiger Faſſung zu Ende zu leſen, der ihn aber⸗ mals vor einer Gefahr warnte, noch größer und drohender als die erſte; denn diesmal ſtand nicht nur ſein Eigenthum, ſondern ſeine Perſon, ſeine ganze Georg Volker. 255 Zukunft auf dem Spiele, und verloren war vielleicht ſchon in dieſem Augenblick, wer konnte es wiſſen, die große heilige Sache, der er ſich geweiht hatte! Er gerieth durch dieſe Unglücksbotſchaft in die äu⸗ ßerſte Beſtürzung, mit Schrecken ſah er den Abgrund, der ſich vor ihm aufthat, und mehr als gewiß er⸗ ſchien ihm die Größe der Gefahr, welche Eugenia für ihn und den Freund befürchtete. Er überlas den Brief zwei⸗, dreimal; doch das, was er darin hätte finden ſollen, wenn er nur recht geleſen, fand er nicht; denn er las nur die Worte, aber das Herz, welches dieſe Worte dictirte, welches bei ihrem Niederſchreiben für ihn und ſein Heil ge⸗ zittert hatte, las er nicht; und den Kuß, den die holde Schreiberin mit glühender Inbrunſt auf die bei⸗ den Schlußworte gedrückt hatte, er wehte ihn nicht daraus an, ja kaum daß die Unterſchrift:„Ihre Eugenia“ etwas Ungewöhnliches für ihn hatte. Im erſten Eindruck ſah er, wie geſagt, nur die Gefahr, welche ihn und den Freund bedrohte; und wie hätte er auch überhaupt einen andern, tiefer ver⸗ borgenen Sinn aus dem Briefe herausleſen ſollen. Schrieb dies ja doch dieſelbe Eugenia, die ihn ſchon einmal gewarnt hatte! Wie ſollte ſie im ſchönen Gefühl ihres edlen Herzens nicht das Nämliche noch N 256 Georg Volker. einmal thun, wo ſo großes Unheil im Anzug war Aber diesmal rettete ſie ihn nicht wie das erſte Mal, durch den Brief ſelbſt; heute entdeckte ſie ihm bloß die ihm drohende Gefahr, unterrichtete ihn von des Grafen feindlichen Plänen, doch den Weg der Ret⸗ tung zeigte ſie ihm nicht! Vielleicht gab es ſchon keinen mehr für ihn, oder wenn noch Rettung mög⸗ lich war, ſo mußte er ſie ſelber auffinden, um nicht noch vor dem Hafen mit all ſeinen Plänen und Hoffnungen zu ſcheitern. Es war nur ein kurzer Kampf, bis er ſich ent⸗ ſchloß, ſogleich zu Germanos hinüberzugehen und mit ihm zu berathen, wie ſie das Gefürchtete von ihren Häuptern abwenden wollten er ergriff alſo die Lampe, ſteckte den Brief zu ſich und ging durch die anſtoßenden Zimmer nach dem Cabinet des Freundes. Germanos ſchlief bereits ſo feſt, daß es Mühe koſtete, ihn zu wecken. Endlich ermunterte er ſich und fragte ſtaunend den Freund, was dieſen noch ſo ſpät hierher führe? „Ich hatte einen ſchrecklichen Traum,“ verſetzte Georg, um ihn auf die ſchlimme Botſchaft vorzube⸗ reiten.„Denke Dir nur, mir träumte—“ „In Kleidern und Stiefeln?“ ſiel ihm Germa⸗ nos verwundert in's Wort. Georg Volker. 257 „Gleichviel!“ fuhr Georg fort;„mir träumte, Alles ſei entdeckt, der Graf habe Kenntniß von un⸗ ſerer Verſchwörung—“ „Nun?“ fragte Jener in gedehntem Ton.„Und darum weckſt Du mich aus meinem erſten Schlum⸗ mer? Es iſt, weiß Gott, ein Unglück, wenn man ſo böſe Träume hat; aber noch ſchlimmer iſt es, wenn Andere darüber nicht einmal ihre Nachtruhe haben ſollen.“ Und ſchon wollte er ſich übelgelaunt auf's linke Ohr legen, keineswegs geneigt, den Freund vor den Viſionen ſeiner lebhaften Einbildungskraft zu ſchützen, als ihn dieſer beim Arm ergriff und ſagte: „Halt, Germanos! Du ſollſt mir nicht eher ein⸗ ſchlafen, als bis ich von Dir gehört habe, was in dieſem unglücklichen Falle, das heißt, wenn mein Traum ſich wirklich erfüllen ſollte, geſchehen wird?“ „O! H! HO!“ ſtöhnte der Andere ärgerlich. „Was willſt Du eigentlich von mir? Ich bin ja kein Joſeph von Aegypten.“ „Nun, ſo ſei wenigſtens ein kluger Kopf, rathe Dir,— mir, uns Allen!“ verſetzte Volker.„Es iſt wie ich Dir ſage: Nicht im Traum, ſondern in Wahrheit hab' ich's erfahren, daß unſre ganze Sache dem Grafen entdeckt iſt, daß er Alles weiß, Alles, H. 17 2⁵8 Georg Volker. und nur auf den Augenblick lauert, wo er uns ſammt und ſonders ſicher verderben kann.“ „Oho, woher weißt Du das?“ fragte Germanos, ſichtbar betroffen von dieſer Nachricht. „Lies ſelbſt,“ verſetzte Georg und reichte ihm den Brief hin. Begierig griff Germanos nach dem Schreiben, hatte aber kaum einen Blick hineingewor⸗ fen, als er ſtaunend ausrief: „Wie? Iſt das nicht dieſelbe Hand, die uns ſchon einmal—“ „Wende nur das Blatt um,“ ſagte Volker. „Eugenia! Was, die Gräfin Eugenia?“ ſtam⸗ melte Germanos und ſah den Freund ſprachlos an. Dieſer nickte mit dem Kopf und fügte hinzu: „Lies nur erſt den Brief, wenn er auch noch lange nicht alles Das enthält, was Du erfahren ſollſt.“ Germanos durchlas hierauf mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit das Schreiben der jungen Gräfin. Als er damit zu Ende war, begann er kopfſchüttelnd noch einmal zu leſen, wie wenn ihm der Sinn des Gan⸗ zen nicht klar geworden ſei, faltete ihn dann ruhig zuſammen, und ſagte, indem er ihn dem Freund wieder zurückgab, mit großer Gemüthsruhe: „Iſt das Alles?“ Georg Volker. 259 „Wie?“ fragte Volker erſtaunt;„iſt Dir das nicht genug?“ „O ja— ganz gut,“ erwiederte der Andere gähnend;„viele Großmuth von einer ſchönen Gräfin, und vom ariſtokratiſchen Standpunkt aus ſogar eine ſehr anerkennenswerthe Nobleſſe der Geſinnung.“ „Ich bitte Dich, Germanos, nicht dieſen Ton!“ rief Volker gereizt;„wenigſtens jetzt nicht, wo uns das Meſſer an der Kehle ſitzt. Sei lieber vernünf⸗ tig und ſage mir, was geſchehen ſoll?“ „Frag' den goldnen Hahn auf der Mainbrücke meiner Vaterſtadt; der wird Dir den klügſten Rath geben, denn er ſagt: Nichts,“ verſetzte Germanos mit unerſchütterlicher Gelaſſenheit. Voiker ergriff in heftigem Unmuth die Lampe und wollte ſich ſchweigend entfernen, als Jener in begütigendem Ton zu ihm ſagte: „Verzeih' mir, Georg, ich wollte Dich nicht kränken; aber ſetze mir das Meſſer an die Kehle und laß mir die Wahl, ob Du zuſchneiden ſollſt oder ob ich Dir ehrlich und aufrichtig ſage, was für uns Gefahrvolles in dieſen Zeilen ſteht, ſo wähle ich das Erſtere. Sei doch klug! Was ſchreibt denn die Gräfin Eugenia Anderes, als was alle Welt weiß und was täglich in allen Zeitungen gedruckt zu le⸗ 17* 260 Georg Volker. ſen iſt? Der Graf wittert eine Revolution? Dazu gehört wahrlich heut zu Tage keine feine Spürnaſe! Er hat Dich und mich im Verdacht revolutionairer Umtriebe? Glaubſt Du denn, daß wir die einzigen Sünder ſind, die Seiner Erlaucht ſchlafloſe Nächte bereiten? Ja, ich frage Dich: Iſt denn das Wüh⸗ len überhaupt noch polizeiwidrig? Kann nicht Jeder ſeine politiſche Meinung faſt freier als oft für den geſunden Verſtand gut iſt, ausſprechen? Beim Styr, Georg! Was Dir da Eugenia unter Zittern und Herzklopfen ſchreibt, das Alles getraue ich mir morgen dem Grafen frank und frei in's Geſicht zu ſagen.“ „Das wirſt Du bleiben laſſen,“ erwiederte Vol⸗ ker mißmuthig über dieſe leichtſinnige und ſorgloſe Auffaſſung einer für ihn ſo bedeutungsvollen und be⸗ denklichen Sache. „Ja wohl, das werd' ich auch,“ ſagte Germa⸗ nos.„Denn wir haben wahrlich keine Urſache, uns mit unſrer Unſchuld hoch zu brüſten! Aber das, was der Brief ſagt, ich wiederhole es Dir, kann jede blinde Frau mit ihrem Stecken tappen. Denn der Graf weiß weder, was wir eigentlich im Schilde führen, noch welche Hülfsmittel wir beſitzen; er weiß von einer factiſchen Verſchwörung ſo wenig wie Eu⸗ genia; denn ſonſt würde ſie dies ſicherlich geſchrieben Georg Volker. 261 haben. Ja, ihr Brief iſt ſogar der beſte Veweis, daß wir ganz und völlig unbeſorgt ſein dürfen. Denke Dir nur ein in den ſtrengſten ariſtokratiſchen Verhältniſſen, unter lauter beengenden Formen und traditionellen Vorurtheilen aufgewachſenes Mädchen wie Eugenia, die vielleicht noch obendrein ſelbſt die größte Angſt vor der Revolution hat, wie muß die über die Zeit und ihre große Bewegung ſo ganz anders und bänglicher urtheilen, als wir, die wir mitten d'rein ſtehen? Wie muß Sorge und Furcht ihren Blick unſicher, ihre Auffaſſung der Dinge und Menſchen in der Gegenwart befangen machen! Ich ſage Dir, Georg, dieſe Ariſtokraten wiſſen bis zur Stunde noch nicht einmal recht, was überhaupt eine Revolution iſt; aus alter Angewöhnung wittern ſie auch heute noch überall nur Demagogen, Hambacher Bärte oder Wartburger Renommage, während doch offenkundig die Revolution ſchon längſt in Sporen und Stiefeln durch alle Gaſſen ſchreitet und dem deutſchen Polizeidiener ſelbſt ihre ſchwarz⸗roth⸗goldne Cocarde an den Hut ſteckt. Hand auf's Herz, Georg! Mir iſt in dieſem Briefe nur Eins bedenk⸗ lich: Wie kam Eugenia damals hinter die Schliche des Grafen? Wer ſagte ihr, daß er Dir Deine Ur⸗ kunde ſtehlen wollte?“ 262 Georg Volker. Georg war durch Alles was Germanos mit ſo ſicherer Ruhe ſeinen Befürchtungen entgegenhielt, bei⸗ nahe überzeugt, daß der Freund recht hatte denn er mußte ſich nun ſelbſt ſagen, daß Eugeniens Brief ihn bei kälterem Blute lange nicht ſo geängſtigt ha⸗ ben würde, als es der Fall geweſen war. Denn das was er anfangs aus dem Brief herausgeleſen hatte, eine Entdeckung der Verſchwörung in der„eiſernen Hand,“ ſtand wirklich nirgends darin; und als er jetzt den Brief noch einmal kaltblütig überlas, ohne auf des Freundes Frage zu achten, konnte er nicht umhin, ſelbſt über ſeine frühere Furcht zu lächeln und Jenem vollkommen beizuſtimmen. Mit erleichtertem Herzen ſteckte er den Brief zu ſich und ſagte:„Es iſt gut, daß wir zweierlei Tem⸗ perament beſitzen; ich ſehe nun ſelbſt, daß der Brief der edlen Eugenia mich über Gebühr erſchreckt hat; vielleicht war's auch nur die Handſchrift, die mich ſo befangen machte, daß ich wieder die Nachricht eines Unheils aus ihr herauslas.“ „Sage mir nur erſt, erkläre mir nur erſt, beſter Georg, wie Eugenia Dir damals jenes Billet ſchrei⸗ ben konnte; das iſt mir viel wichtiger als alles An⸗ dre,“ wiederholte Germanos. Volker erzählte hierauf dem lauſchenden Freunde, Georg Volker. 263 wie nicht erſt heute, ſondern ſchon vor Wochen, bei Gelegenheit des Bauernkrawalls im Schloſſe, Euge⸗ nia ihm ſelber entdeckt habe, daß ſie jenen anonymen Warnungsbrief an ihn geſchrieben; dann ſchilderte er alle Einzelheiten dieſe merkwürdigen Begegnung an der Treppe zwiſchen ihm und der Gräfin, wie ſie ihm faſt ohnmächtig in die Arme geſunken ſei und in zitternden Worten ihm angedeutet habe, daß ſie um ſein verwandtſchaftliches Verhältniß zu der gräflichen Familie wiſſe und ſeinem Schickſal die in⸗ nigſte Theilnahme zolle. Ungleich mehr als der Brief ſetzte Germanos dieſe Nachricht in Erſtaunen, und ſtumm, den Kopf in die Hand geſtützt, lag er lange da, nachdenkend vor ſich hinſtarrend. Volker ging wieder ſchweigend im Zimmer auf und ab, kaum den Eindruck wahr⸗ nehmend, den ſeine Erzählung auf den Freund ge⸗ macht hatte. Plötzlich ſprang Germanos mit gleichen Füßen aus dem Bette, ergriff Georg's Arm und ſagte in haſtigem Tone: „Gieb mir noch einmal ihren Brief, 6 Es muß nothwendig noch Etwas darin ſtehen, was wir Beide überſehen haben.“ Verwundert reichte ihm Jener das Blatt, womit 264 Georg Volker. er ebenſo ſchnell wieder in ſein Bett zurückkehrte, um noch einmal den Brief zu leſen, während Volker, der ſich des Freundes neues Intereſſe an demſelben nicht erklären konnte, erwartungsvoll vor ihm ſtand und aufmerkſam ſein Geſicht beobachtete. Als Germanos den Brief zu Ende geleſen hatte, ſah er den Freund längere Zeit ſehr ernſt und nach⸗ denkend an, legte dann den Zeigefinger auf des Brie⸗ fes Unterſchrift und ſagte: „Ja, da ſteht's, Georg,. wahr mir Gott puſe, da ſteht's!“ „Was denn?“ fragte Volker verwundert und blickte auf die angedeutete Stelle. „Da! Da! Lies nur! Wie heißt das? „Ihre Eugenia.“ „Ja wohl, und weiter?“ „Ich weiß nicht, was Du vor haſt,— erwiederte Volker verwirrt. „Aber Ihre Eugenia, Georg, überzeuge Dich nur ſelbſt: Ihre Eugenia,— und was ſteht hier?“ fragte Germanos weiter und deutete auf den weißen Raum hinter der Unterſchriſt.. „Ich ſehe hier nichts als weißes Papier,“ ver⸗ ſetzte Volker, und wußte kaum noch, ob der Freund Scherz oder Ernſt treibe. Georg Volker. 265 Da aber ergriff Dieſer plötzlich Georg's Arm und rief, auf die weiße Stelle deutend: „Ich aber leſe hier einen Vers aus Calderons „Leben ein Traum“ und der Vers heißt: „Denn gewiſſe Dinge laſſen Sich nicht ſagen als durch Denken.“ Nun, Volker, ſteht der Vers nicht ganz deutlich hier — dicht hinter dem Worte:„Ihre Eugenia“, ja beinah' in dieſe Worte hineingeſchrieben? Und ſteht hier, lies nur weiter und laß Dir's Dein Denken ſagen, ſteht nicht hier ganz deutlich— denn nicht alle Tinte in der Welt iſt ſchwarz, lieber Freund, das merke Dir, ſteht nicht hier ganz deutlich: Ihre Eugenia, und weil Ihre, darum keines andern Menſchen in der Welt Eugenia?!“ „Biſt Du bei Sinnen, Germanos?“ rief Volker laut auflachend. „Lache nur,“ verſetzte Dieſer lebhaft.„So wahr ich bei Sinnen bin, die Gräfin iſt in Dich verliebt und will Dich heirathen! Denn was ſonſt als Liebe und zwar wohlverſtanden, Liebe von der aller⸗ craſſeſten romantiſchen Sorte, könnte ſie antreiben, Dir ſolche Avancen zu machen? Und haſt Du's nicht ſelbſt erzählt, daß ſie Dir damals, wo doch von Seiten der Bauern nicht die mindeſte Gefahr 266 Georg Volker. mehr für das zarte Leben zu beſorgen ſtand, ohne Weiteres halbohnmächtig in die Arme ſtürzte und Dir bekannte, daß Du der edelſte Menſch ſeiſt? Glaubſt Du etwa, daß ein Mädchen, und noch dazu ein ſo geniales Mädchen, nicht weiß, was ſie damit ſagt? Der edelſte Menſch! Was heißt das in dem Mund eines jungen Mädchens? Das iſt bis auf's Haar der edelſte Menſch, in den ſie ſterblich verliebt iſt, ihr Ideal, ihr Abgott, ihre Flamme! Wahrlich, Georg, nun erſt erkenn' ich die Gefahr, die in dieſem Briefe für Dich ausgeſprochen iſt! Es iſt von A bis Z die feurigſte Liebesepiſtel, die ein junges ariſtokra⸗ tiſches Blut, das für den Schiller ſchwärmt und vielleicht auch für die Gräfin Hahn⸗Hahn, nur im⸗ mer ſchreiben kann. O nun verſteh' ich Dich erſt recht, Du liſtige Blondine! In's Bockshorn will ſie den Herzallerliebſten mit der phrygiſchen Mütze jagen; aus einem blutdürſtigen Revolutionair ſoll ein ſchmach⸗ tender Seladon werden, aus dem Republikaner ein ſanfter Troubadour, mit dem ſich ohne Aufſehen ein artiger Roman ſpielen läßt. Freund! Freund! Das ſind ſchlechte Auſpicien für Inſere Revolution! Ich ſehe und höre Dich ſchon im Geiſte unter den Mauern des Schloſſes, das Du erſt mit gewaffneter Hand erſtürmen wollteſt, mondſcheinwandeln, der Georg Volker. 267 Guitarre ſanfte Accorde entlockend, während im Bos⸗ quet die Nachtigall ihre Ga ira Melodie anſtimmt. Ja, ich ſehe Dich ſchon, wie die ſchöne Gräfin Dich ſo lange warnt und rettet und protegirt, bis Du vor lauter Gefahr und Bedrängniß blind in ihre Netze rennſt und ſie dann den Löwen der Freiheit an einer rothſeidnen Schnur triumphirend in den Salon der Ariſtokratie führt!“ Volker wußte nicht, ſollte er über des Freundes frivolen Spott lachen oder ihm ernſtlich gram wer⸗ den. Keinenfalls aber hatte er Luſt, ſich noch län⸗ ger zur Zielſcheibe ſeiner Ironie herzugeben; er nahm alſo ſchnell die Lampe und ſagte nicht ohne einen Anflug von Gereiztheit: „Ich hätt' es ja wiſſen können, daß man Dich niemals ungeſtraft aus dem Schlaf aufweckt. Künf⸗ tig will ich Dich auch Nachts nicht wieder ſtören; morgen aber, mein Beſter, wenn Du ausgeſchlafen haſt, ſoll dieſe Angelegenheit nicht weiter zwiſchen uns zur Sprache kommen, denn dazu iſt mir jenes Weſen zu heilig und Du biſt mir zu lieb. Gute Nacht!“ 3 Mit dieſen Worten ging er zur Thür hinaus; Germanos aber kehrte ſich unmuthig gegen die Wand und brummte: 268 Georg Volker. „Geh nur,„„edelſter Menſch!““ Meine Pil⸗ len bekommſt Du doch noch zu ſchlucken! Das wäre mir eine ſchöne Geſchichte! Nein, nein, gnädiges Comteßchen, daraus wird nichts. Wir Demokra⸗ ten halten auch auf reines Blut und Ebenbürtigkeit, und vermiſchen uns nicht mit der Haute volée.— A la lanterne! heißt unſre Parole, und das einzige Band, das zwiſchen uns beſteht, iſt der hanfene Strick! Gute Nacht, Germanos, ich bin mit Dir zufrieden.“ Zehntes Capitel. Dem Standesherrn, den wir doch erſt wenige Tage zuvor ſo prahleriſch und wegwerfend über die Revolution und deren Urheber haben urtheilen hören, erging es bald mit all ſeinen geheimen Plänen und Anſchlägen gegen die Wühler ſo ſchlimm und hinder⸗ lich, daß er faſt nirgends ſeinen Zweck erreichte. Ver⸗ gebens hatte er ein förmliches Spionirſyſtem organi⸗ Georg Volker. 269 ſirt und ſeinen Beamten die ſtrengſte Wachſamkeit anbefohlen; vergebens bezahlte er in jedem Dorfe Aufpaſſer, die ihn von dem Treiben der Hetzer und Republikaner unterrichten ſollten; das Unkraut der Demokratie wucherte täglich üppiger auf. Die Anar⸗ chie ging, ein Geſpenſt am hellen Tage, von einem Dorfe zum andern, griff mit der Gier der Harpye weiter und weiter um ſich und unterhöhlte den Bo⸗ den des Staates immer bedrohlicher. Daß die Seele aller Maßregeln gegen die Feinde der öffentlichen Ordnung und Sicherheit Amtmann Leo war, finden wir ebenſo begreiflich, als daß ſich des gebietenden Herrn Unmuth und Erbitterung über das Vergebliche jener Maßregeln vorzugsweiſe auf das im Dienſt ergraute Haupt dieſes erſten Pflegers der Gerechtigkeit und einer ſtrengen Juſtiz in den gräf⸗ lichen Landen ſammelte; ſo daß der Amtmann bald in Wahrheit zwiſchen zwei Feuer gerieth, hier ſeinen geſtrengen Gebieter, der um jeden Preis Etwas her⸗ auskriegen wollte, dort den geheimen Feind, der mit Liſt und Klugheit alle ihm gelegten Schlingen und Fallthüren zu vermeiden wußte. Wie geſagt, Amtmann Leo hatte ſaure Tage, denn alle ſeine vieljährigen Practiken und erprobten Polizeimittelchen halfen hier nichts; und da die Tor⸗ 270 Georg Volker. tur einmal geſetzlich abgeſchafft war, ſo blieb ihm nichts übrig, als die Verdächtigen unter den Bauern mit allen Liſten ſeiner verſchlagenen Amtsſeele zu um⸗ garnen, ſonſt aber ſich ſelber in Geduld und Devo⸗ tion vor den Launen und Wuthausbrüchen ſeines oft ſehr ungnädigen Gebieters auf die Folterbank zu legen. Auch heute erſchien er wieder mit ſchwerem Her⸗ zen und gebeugter Haltung in dem Cabinet des Grafen, der, an einem leichten Anfall von Gicht lei⸗ dend, in einem tiefen Fauteuil lag, das dickumwickelte kranke Bein auf einen davorgeſchobenen Stuhl aus⸗ geſtreckt, und in der neueſten Nummer der Oberpoſt⸗ amtszeitung las. Es war unter dieſen Umſtänden nicht zu ver⸗ wundern, das die Dispoſitivn des Gebietenden nicht die angenehmſte und der Empfang des Juſtitiarius kein ſehr freundlicher war. „Na, Amtmann, fahren Sie noch immer mit der Stange im Nebel herum?“ Dieſe Frage des Standesherrn deutete Jenem an, weſſen er ſich zu gewärtigen habe, wenn er abermals mit leeren Händen, d. h. ohne Demokraten vor ihm erſcheine. „Ew. Erlaucht wiſſen ja, daß ich nichts ver⸗ ſäume,“ ſtotterte der Bureaukrat.„Auch ſteht wirk⸗ Georg Volker. 274 lich Alles auf's Beſte— die Verbrecher können uns nicht mehr entgehen, bald hat ihre Stunde geſchlagen, alle Maßregeln ſind getroffen.“ „Zum Henker auch mit Ihren Maßregeln!“ rief der Standesherr zornglühend.„Thatſachen, Beweiſe will ich haben, überführt will ich ſie ſehen, damit ich die Schurken vernichten kann! Was helfen mir Ihre Maßregeln! Ueber lauter Maßregeln kommt uns die Republik auf den Hals und die Coujone kriegen das Heft in die Hand! Mon dieu, Amtmann! Wo bleibt Ihr Witz? Ich ſage Ihnen, meine ganze Verwaltung taugt nicht mehr, meine Polizei iſt ver⸗ bauert,— Niemand thut ſeine Schuldigkeit,— Furcht und Feigheit beherrſchen alle Gemüther— und Sie, Leo, daß Sie's wiſſen,— ich bin ſehr unzufrieden mit Ihnen!“ „Wie, gnädigſter Herr, Ihr treuſter Diener?“— „O ja, hinterm Actentiſch,“ fuhr der Graf in einem nur um Weniges milderen Tone fort und gähnte;„aber auf der Lauer, mit unermüdlicher Ge⸗ duld auf dem Qui vive! dazu ſind Sie zu ängſtlich und zu bequem. Heut zu Tage aber muß der Be⸗ amte, der ſeine Stellung ausfüllen will, activ ſein, Feder und Dintenfaß helfen nicht mehr allein, auf juriſtiſche Spitzfindigkeiten und Winkelzüge kommt es 272 Georg Volker. hier auch nicht an, ſondern der Feind, den wir zu bekämpfen haben, muß forte fortissimo an der Kehle gepackt und in's Nichts zurückgeſchleudert werden, und da, da hapert's bei Ihnen, Amtmann!“ Der alſo Getrofſene erwiederte für jetzt auf dieſen hochgnädigen Tadel kein Wort zur Rechtfertigung; denn er kannte den Grafen zu genau, um nicht zu wiſſen, daß auch dieſes Ungewitter ſich verziehen und dann die Sonnenhelle neuer Huld und Vertraulich⸗ keit zwiſchen ihnen zurückkehren werde. Der Gebietende aber hatte ſeinen Grimm gegen die lahme Juſtiz noch lange nicht all an den rechten Mann gebracht und fuhr eifernd fort: „Enfin, Amtmann, Sie müſſen Ihre Schuldig⸗ keit thun; der Grabenhof, der mir durch Ihre Un⸗ geſchicklichkeit ſchon einmal entging, ſoll mir nicht zum zweiten Mal entriſſen werden. Aber laſſen Sie mir alle Narren aus dem Spiel! Mon dieu! Ich kann's noch immer nicht verwinden, daß ein ſonſt ſo kluger und pfiffiger Mann ſich mit einem blöd⸗ ſinnigen Narren liüren konnte. Amtmann! Amtmann! Seit dieſem Tage vermiſſe ich an Ihnen die gewohnte Energie und Geiſtesſchärfe!“ „Und doch war dieſe Liaiſon wie Erlaucht ſich erin⸗ nern geruhen wollen, damals von der Klugheit geboten,“ Georg Volker. 273 erwiederte Leo;„gut für den glücklichen und nicht ge⸗ fährlich für den unglücklichen Fall. Auch nahm der Blödſinnige mit merkwürdiger Capacität alle meine Winke und Inſtructionen an, und hätte er uns die Urkunde verſchafft, ich wage die ſubmiſſe Unterſtel⸗ lung, Erlaucht würden die Wahl meines harmloſen und unverdächtigen Werkzeugs gnädigſt belobt haben. Damit aber Hochdieſelben erfahren, daß ich noch immer in dieſer Angelegenheit nicht verzweifle, ſo erlauben Sie mir, Ihnen einen neuen Plan zu Hoch⸗ dero gnädigſter Prüfung zu unterbreiten.“ „Was haben Sie?“ fragte der Graf haſtig. Mit einer merkwürdigen Miſchung von grinzen⸗ der Devotion und frech dreiſtem Selbſtbewußtſein erwiederte der Amtmann: „Eure Erlaucht müſſen zuvor erfahren, daß ich durch Hochdero Tadel mehr in meinem Gemüth als in meinem Pflichtgefühl gekränkt wurde; denn letz⸗ teres iſt noch immer das alte und bewährt ſich auch da, wo ich unverdient verkannt werde und meine treuen Dienſte keine Würdigung finden. Was aber den Grabenhof anbetrifft, ſo ſchwöre ich Ew. Er⸗ laucht, ich kann den Herrn Volker ſo wenig hindern, eine Revolution zu machen, daß ich es ſelbſt nicht K. 18 274⁴ Georg Volker. einmal thun würde, wenn ich auch alle Beweiſe des Hochverraths gegen ihn in Händen hätte.“ „Das iſt mir zu ſublim,“ verſetzte der Graf är⸗ gerlich,„erklären Sie ſich deutlicher.“ „Ew. Erlaucht iſt bekannt,“ fuhr der Amtmann fort, ohne ſich durch den noch immer ungnädigen Blick ſeines Gebieters beirren zu laſſen,„daß der Sohn des hochſeligen Grafen Leopold, eben jener Georg Volker, erſt kurz vor dem Tode ſeines Vaters in den Beſitz des Grabenhofs kam. Ebenſo iſt Ew. Erlaucht und noch vielen Leuten im Schloſſe bekannt, daß in jener Nacht, wo Graf Leopold das Zeitliche ſegnete, der gegenwärtige Beſitzer des Grabenhofs allein bei dem Sterbenden anweſend war, mutter⸗ ſeelen allein, und die beiden Kammerdiener des Hoch⸗ ſeligen, ſowie der Arzt leben noch, die den Georg Volker, angeblich betend, auf den Knieen liegend am Lager fanden.“ „Wohl! Wohl!“ erwiederte der Graf aufmerkſam. „Was aber hat das Alles mit der Urkunde zu ſchaffen?“ „Nichts, wenn wir ſie auf anderm Weg in die Hand bekommen; aber viel, ſehr viel, wenn uns abermals ein äußeres Hinderniß dazwiſchen kommen ſollte,“ verſetzte der Böſewicht.„Fürs Erſte überlaſ⸗ „ Georg Volker. 275 ſen wir es Volker ſelbſt, ſich in's Verderben zu ſtürzen; und wenn auch Erlaucht diesmal keinen Narren im Spiele haben wollen, ſo bürgt mir doch die bekannte Denkungsart Volker's dafür, daß er ſelbſt Narr genug ſein wird, ſich in revolutionaire Umtriebe zu verwickeln. Daß auf dem Grabenhof die Hauptpläne geſchmiedet werden und die ganze verbrecheriſche Agitation von dort ausgeht, unterliegt keinem Zweifel mehr. Dort verſammeln ſich all⸗ nächtlich die Unzufriedenen aus der ganzen Gegend, wie mir zuerſt von Birkenheim aus durch meine dortigen Vertrauten angezeigt wurde; auch in andern Dörfern haben meine Kundſchafter von ähnlichen nächtlichen Schlichen der ſogenannten Republikaner Wind bekommen, und ein junger Bauer in Neuer⸗ bronn, der dieſer Partei angehört, hat neulich im Trunk offen in der Schenke damit geprahlt, das Blei für den gnädigen Herrn ſei ſchon gegoſſen, und wenn die Revolution losginge, werde er auch ein Schießgewehr vom feinſten Caliber kriegen. Andere Kundſchafter von Weſterburg berichteten mir, daß dort die Bauern neulich in dem Wirthshaus ganz offen von dem Losbruch der Revolution wie von einer nahe bevorſtehenden Thatſache geſprochen und geäußert hätten, es ſei ein Mann im Lande, der 18* — 276 Georg Volker. brauche nur ein Wort zu ſprechen und alles Volk auf zwölf Stunden in der Runde werde gegen die Tyran⸗ nen aufſtehen. Von Volker ſelbſt weiß ich beſtimmt, daß er neuerdings das Geld mit vollen Händen un⸗ ter die Bauern ausſtreut und ſo um ſchnöden Lohn förmlich Söldner für ſeine verbrecheriſchen Pläne anwirbt.“ „Sie ſagen mir da mit vielen Worten ſehr we⸗ nig Neues, Amtmann!“ rief der Graf mit dem hell⸗ ſchnarrenden Accent, der ihm in gereizter Stimmung eigen war.„Daß die Rebellen noch die zarte Rück⸗ ſicht gegen uns beobachten, ihre Zuſammenkünfte fort⸗ während zur Nachtzeit zu halten, hätte ich ihnen kaum zugetraut. Wer hindert ſie daran, ſich offen auf dem Markt oder im Rathhaus zu verſammeln? Etwa Sie, Amtmann, oder die Bürgermeiſter, oder die Beamten? Thatſachen, Thatſachen erbitte ich mir, wenn ich mit Ihnen zufrieden ſein ſoll. Sie ſagten vorhin, daß Sie in Betreff der Schenkungsacte einen Plan hätten; ſteckt der vielleicht auch der Re⸗ volution?“ „Ganz recht, gnädigſter Herr, pne der Revo⸗ lution kommt mein Plan!“ erwiederte Leo und ſchien hocherfreut, daß der Graf ſeinen Gedanken errathen habe.„Denn vor der Revolution dürfte er ſchwerlich Georg Volker. 27 glücken. Iſt aber die Kataſtrophe überſtanden, deren Anzeichen von allen Seiten mit Macht zur Entſchei⸗ dung drängen, hat Volker durch die offene That der Empörung ſeinem Ruf als ehrlicher Mann den Gna⸗ denſtoß gegeben, dann wird es ein Leichtes ſein, die Schlinge vollends zuzuziehen, worin er ſich ſchon jetzt gefangen hat. Dann, ja dann, gnädigſter Herr ſollen Sie erfahren, ob Ihr treuer Diener zu bequem und ängſtlich iſt, um das Aeußerſte zu wagen, da⸗ mit der Lieblingswunſch ſeines erlauchten Gebieters endlich in Erfüllung gehe,— dann——“ „Was wollen Sie nur immer mit Ihren ewigen Dann's,“ rief der Graf, als Jener plötzlich in ſeiner dienſteifrigen Erſtaſe ſtockte und unwillkürlich, wie erbebend vor dem hölliſchen Gedanken, den er ſchon auf der Zunge hatte, einen Schritt zurücktrat. Die neuheranziehende Wolke des Unmuthes auf des Gra⸗ fen Stirn überwand jedoch ſchnell ſeine letzte Bedenk⸗ lichkeit, er bückte ſich zu ſeinem Gebieter nieder und flüſterte ihm halblaut mit heiſerer Stimme ins Ohr „Dann iſt der Grabenhof unſer! Das Gebet Volker's am Sterbelager des hochſeligen Grafen hat nur Gott gehört; zwei Menſchenaugen aber haben vordem geſehen, wie Volker den ſchwerkranken Vater mit Kiſſen erſtickte, zwei ſnſhenun gnädigſter 278 Georg Volker. Herr— und als die verruchte That vollbracht war — da warf ſich der heuchleriſche Mörder ſchnell auf die Kniee— und ſo fanden wir ihn betend!“— Einen Moment hielt der Amtmann inne, ſchöpfte tief Athem und ſagte dann: „Jahrelang trug ich das furchtbare Geheimniß die⸗ ſer Miſſethat in tiefverſchwiegener Bruſt; hätte ich den Moͤrder verrathen wollen, die Ehre des erlauch⸗ ten Hauſes, dem ich diene, der Name des hochſeli⸗ gen Grafen wäre für ewige Zeit durch dieſen Bu⸗ ben gebrandmarkt geweſen, jetzt aber— oder viel⸗ mehr nach der Revolution, trifft mich eine ſchwere Krankheit, und mein letztes Stündlein nahe glau⸗ bend, bekenne ich Alles, was ich in jener Unglücks⸗ nacht geſehen habe. Dann mag der Staat in Got⸗ tes Namen in dem politiſchen Verbrechen auch den Mörder richten, ſein blutbeflecktes Eigenthum fällt an den rechtmäßigen Sohn und Erben des ermorde⸗ ten Grafen Leopold zurück und——— ich geneſe langſam.“ Der Amtmann blieb nach dieſen Worten in ſei⸗ ner gebückten Stellung vor dem Grafen ſtehen und beobachtete mit dem lauernden Baſiliskenblick ſeiner kleinen grünen Augen die Wirkung dieſes ſcheußli⸗ chen Vorſchlags auf ſeinen Gebieter. Dieſer lehnte Georg Volker. 279 ſich langſam in den Seſſel zurück, fuhr ſich zwei⸗ mal mit der Hand über die Stirn, ſah dabei un⸗ verwandt den Amtmann wie träumeriſch an und wieder⸗ holte mehrmals ganz zerſtreut und in ſich verſunken: „So! So! Hem! Hem!“ Mit einem Mal aber auffahrend, ſtieß er den Amtmann mit Abſcheu von ſich und rief: „Sie ſind ein elender Menſch, Leo! Wie können Sie wagen, mir mit ſolchem romanhaften Zeug zu kommen? Nein, um dieſen Preis mag ich den Hof nicht haben! Dazu habe ich keine Nerven! Gehen Sie! Gehen Sie! Das erſte Mal machten Sie die Rechnung ohne den Wirth, diesmal das Recept ohne den Arzt!— Wer wird Ihnen ſolche Abſur⸗ ditäten glauben— Ihnen? Die beiden Aerzte le⸗ ben noch, die meinen Vater in ſeiner letzten Krank⸗ heit behandelten und übereinſtimmend den Sitz des tödtlichen Uebels in einer Magenkrankheit erkannten. Was wollen Sie alſo mit Ihrem dummen Schnick⸗ ſchnack vom Erſticken? Hat mir auch mein Vater nicht die Liebe erzeigt, die ich an ihm zu verdienen glaubte, hat er mich auch um den ſchönen Hof ge⸗ bracht und den Baſtard ſichtlich bevorzugt— er war ein Menſch, war ein alter Mann, der leicht ein Vorurtheil faßte— er ruhe in Frieden! Schweigen 280 Georg Volker. Sie! Schweigen Sie! Ich will nichts mehr da⸗ von hören! Mit dem Narren durften Sie mir kom⸗ men, das war im ſchlimmſten Fall noch immer lu⸗ ſtig— aber mit dem Mörder— nein, einen ſolchen Verdacht möcht' ich meinem ärgſten Feind nicht auf⸗ bürden,— das iſt mir zu bizarr!—— nein—, ſagen Sie mir, Leo, haben Sie denn überhaupt ein Gewiſſen oder was dahin einſchlägt?“ Der Amtmann war durch dieſe, in leidenſchaftli⸗ chem Tone hingeworfene Ablehnung ſeines verruch⸗ ten Planes ebenſo beſtürzt, wie ihn die Entſchieden⸗ heit erſchreckte, womit der Standesherr ſich dabei be⸗ nahm. Er überhörte darum in ſeiner Verwirrung die letztere Frage und Jener mußte ſie wiederholen. „Ein Gewiſſen? Erlaucht kennen meine treue Ergebenheit und Dienſtbefliſſenheit für Hochdero Haus und gnädigſte Perſon,“ ſtotterte er. „Ja, aber das Gewiſſen— das Gewiſſen, Amt⸗ mann, wie ſteht's damit?“ ſchnarrte ihn der Graf abermals an.„Iſt's eine Erfindung der Philoſophen, oder exiſtirt es wirklich? Man kann ein Spitzbube, ein Schurke, ich denke ſelbſt ein recht großer Schurke ſein und doch noch ein Gewiſſen beſitzen! Aber mit ſolchen Projecten, wie Sie da brauen, da iſt ein Gewiſſen wenigſtens ſehr problematiſch!“ Georg Volker. 281 Auf dieſe Moralpredigt Sereniſſime war der Amtmann nicht gefaßt und hatte keine Antwort dar⸗ auf; er fühlte, daß ſeine Sterne im Erbleichen wa⸗ ren und die fluchwürdige That, zu deren Mitſchul⸗ digen er den Grafen hatte machen wollen, ihren giftigen Stachel gegen ihn ſelbſt kehrte. Er hatte auf ſtaunende Anerkennung ſeines Scharfſinns, auf begeiſterten Dank und feurige Zuſtimmung zu dem Bubenſtück gehofft, und ſah ſich ſtatt deſſen mit Ab⸗ ſcheu zurückgeſtoßen, mit bitterſtem Hohne behandelt. Der Graf weidete ſich eine Zeitlang an der Ver⸗ legenheit ſeines ſaubern Alter ego und wußte, recht nach kleiner Tyrannen Art, die das Werkzeug zer⸗ brechen, das ihnen keine Dienſte mehr leiſten kann, den Elenden dergeſtalt e nackten Blöße ſeiner Schlechtigkeit hinzuſtellen, daß nur ein aller Ehre und alles Schamgefühles längſt entwöhnter Menſch wie der Amtmann, ſich ſolche Behandlung gefallen laſſen konnte. Aber mit unerſchütterlicher Lakaien⸗ demuth nahm derſelbe geduldig Alles hin, was der Graf an Hohn und Verachtung gegen ihn ſchleu⸗ derte, im Stillen darauf bauend, daß auch wieder andere Zeiten für ihn kommen würden, wo man ſei⸗ ner Dienſte ebenſo benöthigt ſein werde, wie man ſolche jetzt herabſetze. „ 2382 Georg Volker. Endlich hatte der Graf ſeiner üblen Laune ge⸗ nuggethan und rief: „Kurz und gut, es bleibt dabei, wie Sie ſagen: hinter der Revolution findet ſich das Weitere! Maßregeln Sie alſo in Gottes Namen gegen die Wühler immer drauf los, und denken Sie für's Erſte gar nicht an den Gewinn des Grabenhofs. Kommt Zeit, kommt Rath! Das Militair iſt requi⸗ rirt; ich halte dafür, daß zwei bis drei Compagnieen für den erſten Choc hinreichen; Vetter Waldemar, Sie kennen ihn ja, Ihren großen Gönner! wird als Bataillonschef die Erecutionstruppen commandiren.“ Der Amtmann zuckte bei Nennung dieſes Na⸗ mens leiſe zuſammen, und erwiederte gedehnt: „Ah, Herr Graf Waldemar, ſonſt doch ein ſel⸗ tener Gaſt in dieſem Schloſſe— nun, ich werd' ihm keinen Anlaß wieder geben, mit meiner Perſon unzufrieden zu ſein.“ „Jedenfalls rath' ich Ihnen, gehen Sie ihm für den Anfang ein Bischen aus dem Wege!“ ſagte der Graf lachend.„Sie wiſſen, er iſt ein Brauſe⸗ kopf und kein Freund von Winkelzügen und Intri⸗ guen. Erzählen Sie ihm auch bei Leibe die Ge⸗ ſchichte von dem Förſter Werle nicht wieder!“ Der Amtmann verfärbte ſich, der Graf aber Georg Volker. 283 nahm mit leiſem ſchadenfrohen Lächeln das Zei⸗ tungsblatt zur Hand, winkte ſeinem treuen Diener herablaſſend nach der Thür, worauf ſich dieſer mit einem tiefen Seufzer und einem noch tieferen Bück⸗ ling aus dem Cabinet entfernte. Elftes Capitel. In den erſten Tagen und Wochen, welche auf jenen verhängnißvollen Morgen folgten, an dem Annli den Zweig der Marienlinde in die Erde ge⸗ pflanzt hatte, um ſchon wenige Minuten ſpäter einen ganzen Liebesfrühling zu gewinnen, war das Kind des ſtillen Waldes für Alle, die es näher beobachte⸗ ten, eine andere Erſcheinung geworden, und in ihrer Geſtalt, ihren Mienen und Bewegungen drückte ſich deutlich ein Weſen aus, das man niemals zuvor an ihr gekannt hatte. Der Seele angeborner Adel um⸗ leuchtete wie eine andere Seele die holde Jugendge⸗ ſtalt, erſt jetzt ſchienen dieſe ſchwärmeriſchen Augen ihren eigentlichen Glanz, dieſer liebreizende Mund 28⁴ Georg Volker. ſein ihm angehöriges Lächeln gefunden zu haben, und wie das dunklere Incarnat ihre Wangen höher färbte, ging auch in ihrer Stimme eine Umwan⸗ dlung vor; tiefer und inniger ward ihr Ton, denn die Worte kamen ja aus einer Seele, aller Wonne⸗ laute und Jubeltöne der glücklichſten Liebe voll. Schwebender wurde ihr Gang, ſchlanker und höher ihr Wuchs und des Glückes Verklärung ſtrahlte von der hellen Stirn der Jungfrau; auch nichts Unſtetes und Träumeriſches war mehr an ihr, und wenn ſie noch die Einſamkeit ſuchte, um nur einmal den Na⸗ men des Geliebten halblaut hinzuflüſtern, ſo war es doch nicht mehr die kranke Sehnſucht, die ihr die Einſamkeit zum Bedürfniß machte, und auch der Wald mit ſeinen alten Erinnerungen und ſeiner ge⸗ heimnißvollen Anziehungskraft mußte der Liebe all⸗ gewaltiger Zaubermacht weichen. Man möchte faſt glauben, ein ſo vieljähriger, faſt von ihrer früheſten Kindheit an währender täg⸗ licher Umgang mit Georg und die ſtete Gewohnheit ſeiner Nähe, hätte die Kraft ihrer Liebe, unbeſchadet deren Innigkeit, minder ſtürmiſch und lebhaft ſollen hervortreten laſſen; denn im Grunde tauſchte ſie ja nur den Freund um den Geliebten, den Bruder um den Bräutigam, und ihr Verhältniß zu Georg än⸗ —— Georg Volker. 285 derte nur den Namen. Aber was vielleicht bei einer weniger ſchwärmeriſchen und intenſiven Natur unter dieſen Umſtänden wirklich der Fall geweſen wäre, das wurde bei Annli gerade durch die Magie der Gewohnheit zum Gegentheil; und eben das Bekannte und Gewohnte an Georg's Perſon, die beſtändige, faſt unentbehrliche Einwirkung ſeines Geiſtes ver⸗ liehen ihrer Liebe jenes ideale Bewußtſein, das ihr ein fremder Mann nimmer eingeflößt hätte. Sie glich auch darin der holden Waldblume, die nur da blüht, wo ſie aufgewachſen iſt, und in andern Boden ver⸗ pflanzt, nimmermehr ihre geheimnißvolle Schönheit entfaltet. Faſt zu gleicher Zeit hatten die drei alten Fräu⸗ lein mit richtigem Blick dieſe Verwandlung in dem Weſen ihres Lieblings wahrgenommen und einander mit ſorglichem Herzen ihre Beobachtung mitgetheilt. Sechs Augen, ſo ſcharfſichtig und liebevoll wie die⸗ ſen, konnte das harmloſe Kind unmöglich verbergen, was in ſeinem jungen Herzen vorging; und im Grunde dachte auch Annli gar nicht einmal daran, Denen gegenüber eine Verſtellung zu üben, die durch die zärtlichſte Liebe täglich und ſtündlich ihr Herz feſter an ſich ketteten, wie es kaum die treueſte Mut⸗ terliebe vermocht hätte. Denn Annli war in Wahr⸗ 286 Georg Volker. heit der Abgott dieſer trefflichen Weſen, des Hauſes Perle und ſchönſtes Kleinod, in deſſen Jugend und Liebreiz ſich die alten Fräulein gleichſam ſelbſt wie⸗ dererblickten. In langem geheimen Rathe hinter dreimal ver⸗ ſchloſſenen Thüren tauſchten die Lilien, ſchwergepreß⸗ ten Herzens aus alten Hemden Charpie zupfend, deren Beſtimmung ſie nicht einmal kannten, da Vet⸗ ter Peter nicht für gut befunden hatte, ihnen dieſelbe zu entdecken, ihre Gedanken über Annli's ſonderbare Verwandlung aus, und kamen bald zu dem Reſul⸗ tat, daß nur Liebe der geheime Grund derfelben ſein könne. Wer aber der Mann war, der ihres Kindes junges unerfahrenes Herz gewonnen, das wußten ſie freilich nicht, und riethen lange hin und her, wobei ſie ſonderbarer Weiſe die natürlichſte und leichteſte Löſung dieſes Problems am wenigſten fanden. Viel⸗ mehr hegten alle Drei eine und dieſelbe Befürchtung, daß nämlich Germanos, Vetter Peter's erklärter Liebling, in ihren Augen aber keineswegs der rechte Mann für das Mädchen, Annli's unſchuldiges Herz bethört und ihr, Gott weiß, welche romantiſche Ge⸗ danken in den Kopf geſetzt haben möge. Adelgunde war es zuerſt, die ihrer und der Schweſtern Furcht den rechten Namen gab, indem Georg Volker. 287 ſie auf Germanos als den muthmaßlichen Gegenſtand von Annli's geheimer Neigung chindeutete;„denn,“ meinte ſie,„ein junges unſchuldiges Blut zu bethören, dazu ſei er ganz der rechte Mann, ſchön, geiſtreich, voll feuriger Einbildungskraft, mit einem Wort, ein gefährlicher Menſch, dem es wohl auf ein verliebtes Abenteuer mehr oder weniger nicht ankäme, der aber ſicher keiner treuen Liebe und beſtändigen Neigung fähig ſei. So ohngefähr lautete das übereinſtimmende Ur⸗ theil der drei Lilien über den Gaſt ihres Hausfreun⸗ des, das jedoch bald noch ungünſtiger für denſelben ausfiel, als eine nach der andern ihre Meinung über Germanos ausſprach und einzelne Details zu ſeiner Charakteriſtik lieferte. „Der erſte Eindruck, den der junge Mann auf mich machte, war allerdings kein ungünſtiger,“ ſagte Adelgunde.„Aber ſchon, als er von ſeinem Aufent⸗ halt in Italien, dieſem gefährlichen Lande für alle Fremden, erzählte, erkannte ich in ihm den frivolen Weltmann, den Roué und Flattergeiſt, allerdings mit vielem Verſtand und mit Bildung begabt.“ „Er hat auch ſo was Zerfahrenes in ſeinem Weſen,“ äußerte ſodann Kunigunde.„Seht nur ſeine Manieren! Keinen Augenblick ſitzt er ruhig, 3 288 Georg Volker. bald fährt er ſich mit der Hand durch die Haare, bald ſchaukelt er ſich auf dem Stuhle; elegant iſt er zwar und man ſieht ihm das Kind aus gutem Haus auf den erſten Blick an; aber dennoch trägt er ſich äußerſt leger und ſcheint es ordentlich darauf abzuſehen, durch eine gewiſſe Nonchalence in der Toilette zu ercelliren. Wie unſchicklich war es z. B. neulich, daß er mit offenſtehender Weſte ſich zu Tiſche ſetzte, mir gerade gegenüber!“ „Und er trinkt! er trinkt! Das iſt das Schlimmſte von Allem!“ rief Kunigunde.„Vetter Peter ſelbſt iſt mäßig gegen ihn, und ſo oft Beide zuſammen Wein trinken, könnt Ihr ſehen wie das Glas des jungen Herrn faſt immer leer iſt.“ „Ich wette auch, daß er ein Spieler iſt,“ nahm Adelgunde wieder das Wort.„Denn ſchon mehr⸗ mals habe ich bei Tiſche beobachtet, wie er aus Brotkrumen Kügelchen dreht und dieſe zerſtreut aus der Hand gleiten läßt, gleich als ſeien's Würfel.“ „Mir gefallen die jungen Leute nicht, die ſich ſo vorlaut über Politik äußern,“ ſagte Kunigunde. „Denn dazu gehört Reife des Urtheils, Erfahrung, Lebenskenntniß und eine Stellung in der Welt. Hört nur einmal den Herrn Germanos, wie der über ganze Völker und Regierungen aburtheilt, wie er Georg Volker 289 jede Staatseinrichtung in Deutſchland tadelt, die Fürſten verachtet und die heiligſten Geſetze verhöhnt. Da heißt's gleich: Abſurd, abgeſchmackt, veraltet, als wenn vor dieſem jungen Herrn gar keine vernünftige Welt beſtanden hätte!“ „Und ein Gottesleugner und Religionsſpötter iſt er auch,“ ſprach Roſamunde.„In der Kirche habe ich ihn noch nicht ein einziges Mal geſehen, und neulich ritt er ſogar während der Predigt auf den Kirchenplatz, ſchlug mit der Reitgerte ſo heftig wider das Fenſter, daß der Herr Pfarrer in ſeiner Predigt ine halten mußte, und rief ſo laut, daß es die halbe Gemeinde hören konnte, in Vetter Peter's Stuhl hin⸗ ein, er ſolle gleich heraus kommen, da er ihm etwas Wichtiges mitzutheilen habe. Und dieſer Menſch ſoll unſrer Annli Mann werden!“ „Nimmermehr,“ riefen wie aus einem Munde im Tone des heftigſten Abſcheu's die drei alten Damen, Schickſalsgöttinnen vergleichbar, die über Leben und Tod des ſterblichen Menſchen aburtheilen. „Mich wundert's nur,“ ſprach nach einer Pauſe Kunigunde beklommen,„wie unſer trefflicher guter Vetter Peter ſolch großes Wohlgefallen an dem jungen Flattergeiſt finden kann! Behandelt ihn doch der Sans fagon oft in einer Manier, als ſei der alte H. 19 290 Georg Volker. Herr ſein Schulcamerad, ſchlägt ihm auf die Schul⸗ ter, und nennt den würdigen Mann, der dem Alter nach ſein Großvater ſein könnte,„bemooſtes Haupt,“ „altes Haus,“ und was dergleichen häßliche Stu⸗ dentenausdrücke mehr ſind. Und Vetter Peter um⸗ halſt ihn dafür, nennt ihn ſeinen Herzensjungen— nein, Kinder, Vetter Peter iſt wirklich oft zu nachſich⸗ tig gegen dieſen Erzſchalk!“ „Ach, das iſt's ja gerade, was mich ſo e um unſre ſüße Annli macht,“ ſeufzte Adelgunde be⸗ bend und faltete verzweiflungsvoll die Hände.„Wenn es dieſem Herrn Germanos einfiele, um ſie zu wer⸗ ben, und Vetter Peter ſagte Ja dazu, ſo wär' Alles verloren! Gerechte Vorſicht, wer wollte dann noch das Unglück abhalten? Denn Vetter Peter iſt Herr im Hauſe, obendrein Annli's Pflegevater, und ihm ge⸗ bührt von Gott und Rechtswegen das erſte Wort in dieſer für des Kindes ganzes Lebensglück ſo ent⸗ ſcheidenden Angelegenheit.“ Stumm und regungslos ſaßen nach dieſer neuen, unter allen ſeitherigen Bedenken und Sorgen ſchreck⸗ lichſten Betrachtung die drei Lilien da, geſenkten Hauptes, und ſetzten nur in tiefen Seufzern und lei⸗ ſen Klagetönen ihre noch eben ſo lebhafte Unterre⸗ dung fort. Die Gewißheit, daß Germanos nur ihr Georg Volker. 291 Liebſtes zu wollen brauche und Vetter Peter werde es ihm ſogleich geben, dieſe Gewißheit ſtand plötzlich wie ein rieſengroßer Schrecken vor ihrer Seele und ſchon ſah Jede von ihnen im Geiſte das Unglück über ihr friedliches Haus und das Haupt des Kindes hereinbrechen. „Es darf nicht geſchehen, wir müſſen es zu hin⸗ dern ſuchen,“ hauchte es von Roſamundens Lippen wie Geiſterlaut, und ebenſo leiſe wiederholten Kuni⸗ gunde und Adelgunde:„Nein, es darf nicht geſche⸗ hen!“ Darauf beriethen ſie lange hin und her, wie ſie, wenn der gefürchtete Fall wirklich eintreten ſollte, ihr ſanftes Lämmchen vor dem reißenden Wolff ſchützen wollten, und kamen zuletzt dahin überein, dem Vetter Peter in Georg's Perſon einen Mann entgegenzu⸗ ſtellen, der als Lehrer und Freund Annli's ja auch ein Wort mitzuſprechen hatte, und von deſſen Einfluß ſowohl auf Germanos wie auch auf den Alten ſich alle Drei die günſtigſte Vermittlung verſprachen. Georg ſollte in's Vertrauen gezogen und ihm Annli's Schutz vor dem Braunlockigen und deſſen Gönner anvertraut werden. So beſtand nun neben der politiſchen auch eine häusliche Verſchwörung; und wenn man das Anſehn 19* — 292 Georg Volker. des Vetters und die tyranniſche Gewalt in Anſchlag bringt, welche derſelbe in allen Etagen des Hauſes mit allem Terrorismus übte, ſo muß man eingeſte⸗ hen, daß das Complot der drei Lilien gegen den alten Bär nicht minder gefahrvoll war, als jenes, welches dieſer gegen die beſtehende Ordnung der Dinge im Lande angezettelt hatte. Wenige Tage nach dieſer Untertedung feierte das Haus den Geburtstag Roſamundens, der jüngſten der drei alten Schweſtern, und zwar mit den gewöhn⸗ lichen, ſeit Jahren und Jahrzehnten beſtehenden Feſt⸗ lichkeiten und ordonnanzmäßigen Formalitäten. Schon in der Frühe des Morgens, als die drei Da⸗ men noch im altfränkiſchen Feſtſtaat der ſchweren Atlas⸗ roben und der großen weißen Tüllhauben am Kaffeetiſch ſaßen, erſchien gravitätiſchen Schrittes der lange Bal⸗ drian in voller Paradeuniform in der Eigenſchaft eines Adjutanten des Hauptmanns und überreichte Namens ſeines Herrn Capitains unter der ſteifher⸗ kömmlichen Gratulationsformel ein prächtig gewundenes Bouquet der herrlichſten Roſen, Hyacinthen und Ca⸗ mellien, welche der Hauptmann eigens zu dieſem ga⸗ lanten Zweck den Winter über mit großer Sorgfalt in Töpfen hinter doppelten Glasfenſtern gezogen hatte. Nachdem auch ſeitens der alſo Geehrten die übliche Georg Volker. 293 Dankſagung für den Herrn Vetter ſtattgefunden und der dito alte Speciesthaler an den graubärtigen Re⸗ präſentanten war verabreicht worden, langte ein Knecht vom Grabenhof an und überbrachte von Volker ein reiches Geſchenk an allerhand köſtlichen Spezereien und kleinen Lurusartikeln, von denen er wußte, daß ſolche für den Toilettentiſch der Damen willkommen waren: wohlriechende Waſſer in kryſtallenen Fläſchchen, illu⸗ minirte Balſamkißchen und feine duftende Oele. Alles wurde mit der liebenswürdigſten Freundlichkeit be⸗ wundernd und dankend entgegengenommen und zu den übrigen Geſchenken des Tages gelegt, die Annli's ſinnige Hand im Nebenzimmer auf einem runden Tiſch gar anmuthig geordnet hatte; der Knecht aber mit einer Einladung an den Herrn Nachbar und deſſen Gaſt für den heutigen Abend zum einfachen Abendbrot entlaſſen. Dann kamen im Verlaufe des Morgens aus dem Dorfe viele Perſonen, Alte und Junge, Männer und Weiber, und brachten dem gnä⸗ digen Fräulein ihre Glückwünſche dar; Allen dankte die würdige Matrone mit gleich gerührtem Herzen und feierte noch außerdem mit echt chriſtlicher Liebe ihren Ehrentag durch Austheilung von Almoſen an die Armen, ſowie von Speiſen und Wein an die Kranken und Alten im Dorfe. 294 Georg Volker. Schlag zwölf Uhr hörte man auf der Treppe Sporengeraſſel und ſchwerfällige Schritte eines in Suwarowſtiefeln nahenden Kriegsmannes; es war Vetter Peter, der letzte von ſämmtlichen Gratulan⸗ ten, aber doch unbeſtritten der Erſte, was die Rüh⸗ rung anbelangt, die ſeine feſtliche hehre Erſcheinung an ſolch' einem Tage veranlaßte. In voller Uniform ſchritt er zur Thür herein, nahte mit vieler Courtoiſie und chevalereskem An⸗ ſtand der Gefeierten, küßte ihr ſehr artig die Hand und gratulirte ihr in einer wohleinſtudirten Rede, wobei ihm vor Rührung die Augen voll Waſſer ſtanden, während die Fräulein hinter ihren feinen Battiſttüchern in Thränen zerfloſſen, welche angrei⸗ fende und doch für Alle innerlich höchſt wohlthuende Scene damit endete, daß Vetter Peter voll aufrich⸗ tiger Reue wegen ſeiner rauhen, das vergangene Jahr über an den Tag gelegten Barſchheit um Ver⸗ zeihung bat, bei welcher Herzenszerknirſchung des alten Polterers die Rührung der guten Lilien den höchſten Punkt erreichte. Ueberhaupt war der Vetter an ſolch einem Tage ein anderer Menſch; kein Fluch, kein böſes Wort kam über ſeine Lippen, er war die Artigkeit und Sanftmuth ſelber; und wenn wir auch nicht in Abrede — Georg Volker. 295 ſtellen wollen, daß dieſer ganzen ungewöhnlich fried⸗ lichen Art ſeines Weſens eine gewiſſe Ironie zu Grunde lag, ſo war dieſe doch ſo tief mit ſeinem ſonſtigen originellen Charakter verwebt, daß er ſie ſelbſt nicht merkte, ſondern ſich harmlos und gut⸗ müthig allen milden Freuden eines glücklichen Fami⸗ lienlebens überließ. Mit einem Wort, er war an dieſem Tage ſanft wie ein Lamm und galant wie ein Schäfer. Zum feſtlichen Abendſchmaus, der, wie üblich, die Geburtstagsfeier ſchließen ſollte, waren heute nur Georg und Germanos geladen. Der Hauptmann hatte zwei Tage vorher im gräflichen Park einen Rehbock geſchoſſen, der in ſtiller Nacht beim Schein der Laterne von Baldrian im Hinterhof ausgeweidet und zerlegt wurde und einen köſtlichen Feſtbraten lie⸗ fern ſollte. Frühzeitig ſtellten ſich die Freunde vom Graben⸗ hof ein; Germanos wurde ſogleich von dem Alten in Beſchlag genommen und auf deſſen Stube ge⸗ führt, Volker blieb bei den Damen im Wohnzimmer zurück, während Annli in der gegenüberliegenden Gaſtſtube mit der Herrichtung der Abendtafel beſchäf⸗ tigt war. Dieſen günſtigen Augenblick benutzten die drei 296 Georg Volker Fräulein, um gegen Georg in Betreff des Mädchens ihre Herzen auszuſchütten und ihm ihre Befürch⸗ tungen mitzutheilen. Zwar ſprachen ſie's nicht offen aus, was ihnen an Germanos unliebſam und fatal war; doch wußte ihm beſonders die kluge und in ſolchen Angelegenheiten am meiſten zungenfertige Adelgunde mit vielem Takt auseinanderzuſetzen, wor⸗ auf ſich eigentlich ihre und der Schweſtern gemein⸗ ſame Herzensangſt gründete, indem ſie ihm mit gro⸗ ßer, für ein ſo jungfräuliches Gemüth allerdings ſehr ſchwieriger Dialektik begreiflich machte, wie nach ihrer Anſicht ein Mann, trotz aller geiſtigen und perſön⸗ lichen Vorzüge, im Punkt der Liebe und Treue der nöthigen moraliſchen Garantieen entbehren könne, ohne darum aufzuhören, ein trefflicher, liebenswür⸗ diger und geiſtvoller Mann zu ſein. Staunend hatte Georg dieſen Herzensergießungen der alten Damen über den Freund längere Zeit zu⸗ gehört, ehe er noch recht wußte, wo das Alles hinaus ſolle. Erſt als ſich ihm nach und nach das Mißverſtändniß aufklärte, fiel es wie Schuppen von ſeinen Augen, und kaum war er noch im Stande Wrnſthaft zu bleiben und den zwiſchen Furcht und Hoffnung auf ihn gerichteten Blicken gegenüber den Betroffenen zu ſpielen, ſo ſehr überraſchte und be⸗ Georg Volker. 297 luſtigte ihn dieſer ungerechte Verdacht gegen Germa⸗ nos. Aber noch ließ er ſich nichts davon merken, ſondern fragte ſie mit allen Zeichen der Beſtürzung: „Mein Gott, woher wiſſen Sie denn, meine Damen, daß es Germanos iſt? Haben Sie einen oder den andern beſtimmten Grund, gerade ihn für den Gegenſtand von Annli's geheimer Neigung zu halten.“ „Wer ſonſt als Ihr Freund könnte es ſein?“ rief die lebhafte Kunigunde, die ſich zuerſt von der Ver⸗ wirrung erholt hatte, in welche dieſer ſo natürliche Einwand Georg's ſie alle Drei verſetzt hatte. „Ja, wer denn ſonſt—?“ wiederholte Adelgunde, ſich gleichſam ſelbſt ermuthigend. „Aber, meine Damen, Sie müſſen doch einen reellen Grund für Ihren Verdacht haben?“ ſagte Georg lächelnd. „Einen beſtimmten Grund— nein, den haben wir nicht,“ ſtotterte Roſamunde endlich hervor und holte tief Athem.„Allein das ganze Weſen Ihres Freundes— eine gewiſſe romanhafte Vorliebe für Abenteuer— ſo ein Hang zur Belletriſtik—“ ſie ſtockte abermals und konnte vor Angſt und Beſtür⸗ zung nicht weiter reden. 298 Georg Volker. „Ich leugne nicht, daß der junge Herr in der That viele liebenswürdige perſönliche Eigenſchaften beſitzt,“ nahm Adelgunde wieder das Wort.„Aber eben um deswillen beſchwören wir Sie, beſter Herr Nachbar, ein Unglück zu verhüten, das wir alle Drei nicht überleben würden!“ „Wie? Ein Unglück?“ rief gt und ſtellte ſich höchlichſt erſtaunt.„Iſt Germanos nicht, wie Sie ſelbſt ſagen, ein liebenswürdiger Menſch? Und beweiſt nicht eben Ihr einſtimmiger Verdacht gegen ihn, daß auch Ihnen ſeine angenehme und gewin⸗ nende Perſönlichkeit Gegenſtand der Beſorgniß ge⸗ worden iſt?“ „Gott behüte! Was denken Sie? Er und ge⸗ winnende Perſönlichkeit!“ riefen die durch dieſe grundfalſche Auffaſſung ihrer geheimen Gedanken auf das Heftigſte erſchreckten Damen wie aus einem Munde durcheinander, und Kunigunde ſagte mit vie⸗ lem Pathos: „Nicht für uns, beſter Herr Nachbar, beſitzt dieſer junge Flattergeiſt eine liebenswürdige Perſönlichkeit, wohl aber für ein unerfahrenes Mädchen, das noch nicht weiß, wie leicht es einer gewiſſen Sorte von Männern fällt, Lilien— ich wollte ſagen, Blumen zu knicken!“ Georg Volker. 299 Sie verſtummte, und ein einziger tiefer Seufzer aus drei Herzen drückte dem muthwilligen Nachbar beſſer als viele Worte hätten thun können, den Kum⸗ mer aus, den ihnen ſein Verdacht, als ſeien ſie ſelber von der Liebenswürdigkeit ſeines Freundes entzückt, bereitete. Georg hielt es an der Zeit, ſie allen ihren Zwei⸗ feln gegen Germanos durch ein einziges Wort zu entreißen; und ſo that er denn auch, im richtigen Gefühl, daß er das in ihn geſetzte große Vertrauen der alten Damen in keiner andern Weiſe rechtfertigen konnte als durch ein offenes Bekenntniß ſeiner Liebe zu Annli. Es ſei uns erlaſſen, die Ueberraſchung, den Schrecken und die Wonne der drei guten Weſen zu ſchildern, da ſie ſich ebenſo unerwartet als angenehm von all ihren Sorgen und Aengſten befreit und durch den wirklichen Geliebten Annli's mit dem von ihnen ſo gefuürchteten ausgeſöhnt ſahen. Kaum konnte Georg ſich ihrer Liebkoſungen erwehren, und wenig fehlte, die alten Jungfern wären ihm ohne Weiteres um den Hals gefallen und hätten ihn geküßt, ſo groß war ihre Glückſeligkeit über dieſen Bräutigam ihres Kindes, und erfüllt waren nun mit einmal all ihre Gebete und Wünſche für der geliebten Annli 300 Georg Volker. Wohlergehen, da ja der beſte und würdigſte Mann, den ſie kannten, ſie die Seinige nannte. Noch hatte ſich der Sturm der freudigſten und zärtlichſten Gefühle nicht gelegt, womit die alten We⸗ ſen Georg überſchütteten und ihn faſt bis in die Fenſterniſche drängten, als plötzlich Annli unerwartet in's Zimmer trat und ſtaunend vor der ſonderbaren Gruppe ſtehen blieb. Kaum aber wurde ſie von den drei Alten bemerkt, als dieſe auf ſie zueilten und mit vor Seligkeit ſah⸗ lenden Zügen ausriefen: „Annli! Annli! Annli! Da iſt er— da— da— komm, küſſ' ihn— er ſoll Dein ſein, Dein Geliebter,— Dein Bräutigam,— Dein Ehegatte, — wir ſegnen Euch, Kinder,— ſeid glücklich— Gottes Engel über Euch!“— ſo ging es eine Weile in ſtürmiſcher Freude durcheinander, Eine entriß ſie ſchluchzend und jubelnd der Andern, und unter den Segnungen, Küſſen und Liebkoſungen der treuen Freundinnen ſah ſich Annli plötzlich in Georg's Arme gedrängt, an des Geliebten Bruſt gedrückt, worauf die drei Fräulein ſich zum Ringeltanz um das junge glückliche Paar die Hände reichten und mit glockenhel⸗ len Stimmen das Lied aus dem„Freiſchütz“ anſtimm⸗ en: Wir winden Dir den Jungfernkranz, u. ſ. w. Set Georg Volker. 301 Da polterte plötzlich, noch in der erſten Strophe, der alte Bär die Treppe herunter, die Lilien fuh⸗ ren erſchrocken, gleich Nymphen vor der Nähe des Satyrs, auseinander und auf ihre Stühle, Annli lief gluthvoll in das Nebenzimmer, und eine halbe Minute ſpäter trat der Alte, die ſammetgrüne gold⸗ geſtickte Mütze auf dem Ohr und aus der feſtlichen Meerſchaumpfeife ſchmauchend, in das Zimmer; ſchmunzelnd faßte er Roſamunden unter'm Kinn und ſagte, zu Georg gewandt, der Gott im Stillen für dieſe Erlöſung dankte: „Na, Volker, wenn Ihr einmal ein treues ehr⸗ liches Gemahl heimführen wollt— da ſchaut das Mundchen,— hat ſie nicht Wänglein wie ein Mä⸗ del von ſiebzehn, und über die erſten Flitterflatter⸗ jahre iſt ſie auch hinaus und braucht Ihr Euch nicht zu fürchten, daß ſie Euch Hörner aufſetzt!“ Es konnte nach der eben beſchriebenen ſtürmiſch freudigen Scene nicht fehlen, daß die zunächſt dabei betheiligt geweſenen Perſonen, als man ſich endlich an der feſtlich geſchmückten Abendtafel niederſetzte, lange nicht die unbefangene Stimmung wiederfinden wollten, wie Vetter Peter ſie brauchte. Waren auch die alten Damen durch eine langjährige Praris geübt genug, des Hauptmanns ſcharfes Auge zu 302 Georg Volker. täuſchen und mit Gewalt ihre innere Bewegung nie⸗ derzukämpfen, ſo beſtanden doch Georg und mehr noch Annli dieſe Probe um ſo ſchlechter, und Letztere beſonders kam gar nicht wieder aus ihrer Verwir⸗ rung heraus. Zum Glück für alle Theile war je⸗ doch Vetter Peter, nächſt den trefflichen Speiſen, ſo angelegentlich mit Germanos beſchäftigt, daß er nichts merkte, und in der That ließ auch die Tafel nichts zu wünſchen übrig. Denn beſtanden auch die einzelnen Gerichte nur aus Hausmannskoſt, ſo war doch ihre Zubereitung ſo delicat, daß ſelbſt der verwöhnteſte Gourmand der Küche der alten Damen die verdiente Gerechtigkeit hätte widerfahren laſſen müſſen. Auch war heute des Hauſes keineswegs geringer Reichthum an gediegenem Silber und präch⸗ tigem Kryſtall verſchwenderiſch aufgeboten worden, um damit die Tafel zu zieren, und die feinſten Weine des Kellers paſſirten nach und nach die Muſterung. Dem Hauptmann ſelbſt war ſelig wohl zu Muth, und immer, wenn eine neue Schüſſel mit einem an⸗ dern Lieblingsgericht aufgetragen wurde, verklärte ſich ſein Antlitz, ſein Auge feuchtete ſich, und das Vergnügen des Anblickes reizte ſichtbar ſeinen Appe⸗ tit zu neuen Anſtrengungen. Endlich, nachdem der in Arak flammende Pudding verzehrt war, erſchien Georg Volker. 303 der von Baldrian mit ſteifgravitätiſcher Poſitur auf mächtiger Porzellanplatte hereingetragene Rehziemer als Epilogus des feſtlichen Mahles und wurde von dem Vetter mit einem fröhlichen:„Bon jour, Herr Graf!“ empfangen. Darauf ſchickte er ſich mit vieler Umſtändlichkeit an, das neueſte Probeſtückchen ſeiner edlen Wilddieberei zu tranchiren, erzählte während dieſes Geſchäftes die näheren Umſtände, wie er den Bock erlegt habe; und meinte lachend, der Herr Graf werde ihm dieſen Braten wohl ſchwerlich geſegnen; da wurde plötzlich ſtark an die Thür geklopft und mit der ſonderbaren Anrede:„Guten Abend beiſam⸗ men,'s ſind Räuber im Land!“ trat ein alter grau⸗ köpfiger Bauer, des Dorfes würdiger Kaſtenmeiſter, in das Zimmer. „Schon wieder mal, Nachbar Barth!“ rief der Hauptmann lachend.„Na, ſetzt Euch nur und helft uns den herrlichen Ziemer da zuſammenkauen; ſaftig iſt er, daß Einem ſchon beim bloßen Anſehen der Mund wäſſert. Annli, rück dem Nachbar Barth einen Stuhl herbei.“ „Nir, nir, Herr Hauptmann, die Sach' iſt preſ⸗ ſant,'s ſind weiß Gott Räuber im Land,“ wieder⸗ holte der Kaſtenmeiſter noch beſtimmter als vorher. „Ah pah! Räuber giebt's überall!“ erwiederte 304 Georg Volker. Vetter Peter im Glauben an des alten Mannes ſeit Jahren bekannte Redensart, die ſo zu ſagen, das dritte Wort bei ihm war.„Setzt Euch nur, Barth, ohne Complimente! Wenn's mal keine Räuber mehr giebt, dann giebt's auch keine— Leute mehr, — verſtandevous?“ „Na, ſo ſoll mich gleich der Dunner krumm und lahm ſchlagn!“ rief der Bauer in ſeinem echt Oden⸗ wälder Patois und trat an den Hauptmann heran. „Ich hab's vom Peter Murſchel, der kommt eben von Waldbach, wo's ihm der Förſter ſelbſt erzählt hat. Eine ganze Bande iſt's, lauter verwogene Kerle, geſtern Nacht waren ſie an der Krumſteiner Chauſſee und plünderten des Einnehmers Kaſſe, vorgeſtern haben ſie in Langenfeld die ſilbernen Altargeſchirre aus der Kirche geholt und noch einmal ſag' ich:'s ſind Räuber im Land, wohl achtzehn Kerle und ihr Anführer iſt der Schlimmſte von Allen, der Konrad Buhl von hier, derſelbe Nämliche, der erſt neulich aus dem Zuchthaus gekommen iſt!“ „Was? Im Ernſt alſo?“ fragte der Haupt⸗ mann, den ſonderbaren Boten ſo ſchlimmer Nachricht noch immer zweifelhaft anblickend.„Da, ein Glas zur Labung, Ihr ſeid ſtark gegangen.“ „Gelaufen bin ich, daß mir der Schweiß wie'n Georg Volker. 305 Bach den Buckel herunterläuft,“ verſetzte der Alte und leerte in langſamem Zuge das Glas, das er dann mit unbehülflicher Höflichkeit reſpectvoll auf den Tiſch ſtellte. Dann wiſchte er ſich den Mund mit der rauhen Schwielenhand und fuhr fort: „Ja, was ich ſagen wollt, ſind Räuber im Land, Herr Hauptmann, diesmal weiß Gott leibhaftige Räuber, mit und ohne Erlaucht— Dutzend und mehr können's ſein, ſagt der Murſchel, und der Kon⸗ rad Buhl— als er noch ehrlich war, hießen wir ihn nur den ſchmucken Dragoner— derſelbe Näm⸗ liche iſt ihr Anführer und der Murſchel hat noch vor einer Stunde mit ihm geſprochen, als er von Wald⸗ bach heimkam; droben am Eulobenkopf, da lag der Buhl mit ſeiner Bande am Hohlweg, und als Mur⸗ ſchel mit ſeinem Gefährt an ſie herankam, hielten ihn die Kerle an und nahmen ihm ſeinen Toback ab; ſonſt aber iſt dem Murſchel kein Leids geſchehen, er ſolle machen, daß er heim komme und in's Reſt krie⸗ chen, ſonſt erging's ihm ſehr ſchlimm! Das hat der Buhl geſagt und der macht kein' Spaß! Den Krum⸗ ſteiner Einnehmer haben ſie geknebelt und dergeſtalt ihm mit dicken Knütteln den Dienſt verſalzen, daß er wohl ſchwerlich mit dem Leben davon kommt; und wenn der Waldbacher Förſter, der mutterſeelenallein I. 20 306 Georg Volker. in dem großen Wald wohnt, nicht bei guter Zeit in vorletzter Nacht das Gewisper vor ſeinem Fenſter ge⸗ hört hätte, ſo hätten ihm die Räuber ſicherlich auch ihre Reverenz gemacht. Denn als der Förſter an's Fenſter kam, waren ſchon drei Kerle im Hof und probirten an der Hausthür; aber mein Förſter, nicht faul, holt ſeine Flint' legt an, ruft nicht erſt lange Werda? ſondern ſchießt eine volle Ladung Schrot⸗ körner unter das Geſindel, das heulend davon ſpringt. Morgens hat man im Hofe die friſchen Blutſpuren geſehen, und die zwei großen Wolfshunde ſind ver⸗ giftet im Stall gefunden,— mausrackertodt. Ja, Herr Hauptmann, nun glaubt Er mir doch, daß Räuber im Land ſind?“ „Hat denn der Murſchel wirklich den Konrad Buhl erkannt?“ fragte Georg den Kaſtenmeiſter. „Ob er ihn hat!“ verſetzte Dieſer ſicher,„s ſind ja Annegeſchwiſterkinder zuſammen und der Buhl hat ſich ihm noch obendrein zu erkennen gegeben. Auch der Krumſteiner Einnehmer hat's eidlich in's Proto⸗ coll ſchreiben laſſen, daß es der Buhl geweſen iſt, der ihm am härteſten zugeſetzt hat.“ Der Bericht des alten Bauers hatte begreiflicher⸗ weiſe den vorher ſo fröhlichen Ton der Geſellſchaft um ein Bedeutendes heruntergeſtimmt und die Da⸗ Georg Volker. 307 men insbeſondere waren dadurch in große Angſt ver⸗ ſetzt worden. Georg erzählte hierauf der Geſellſchaft ſeine Begegnung mit Buhl und wiederholte, was er damals mit demſelben geſprochen, und wie ſich der Zuchthausſträfling gegen ihn geäußert habe. Auf⸗ merkſam lauſchten ihm Alle, ſelbſt der redſelige Ka⸗ ſtenmeiſter, der übrigens zu den intelligenteren Bau⸗ ern des Ortes gehörte, verſtummte und murmelte nur manchmal leiſe vor ſich hin:„Ich ſag's ja,*s ſind Räuber im Land!“ Erſt ſpäter gelang es dem Hauptmann und Ger⸗ manos, die vorige heitere Stimmung wieder in den kleinen Cirkel zurückzubringen und durch Scherz und fröhliches Weſen die Beklommenheit der alten Da⸗ men zu verſcheuchen; als gar beim Nachtiſch der Champagner knallte und ſeinen ſchäumenden Spring⸗ quell ergoß, war bald die letzte Furcht vergeſſen und der Räuber gedachte faſt nur noch, aber unwillkür⸗ lich, der alte Kaſtenmeiſter. Germanos ſang mit ſeiner ſchönen wohlklingen⸗ den Tenorſtimme einige neuhelleniſche Lieder zur Guitarre; der Muſik Zauberkraft und die wunderbar fremdartige Schönheit dieſer eigenthümlichen Geſänge erweiterte vollends die Herzen und erhöhte der Ge⸗ müther Fröhlichkeit, man war luſtig und guter Dinge; 20* 308 Georg Volker. da mit einem Mal ſprang Georg vom Stuhl auf und eilte mit dem Ausruf;„Hört! Hört! Was iſt das für ein Lärmen! an's Fenſter.“ Erſchrocken fuh⸗ ren die ängſtlichen Lilien zuſammen, der Hauptmann erhob ſich mit einem Fluch aus dem Seſſel und wankte mit unſichern Füßen zu Georg an's Fenſter; wirklich hörte man draußen, aber faſt am andern Ende des Dorfes, einen verworrenen Tumult, deſſen Urſache man ſich anfangs gar nicht erklären konnte, bis einige Augenblicke nachher der Ruf:„Feuer!“ deutlich die Straße herauftönte. „Wo brennt's?“ fragte Germanos die eilenden Leute. „In der Mühle,“ war die Antwort, und Vol⸗ ker, von einer furchtbaren Ahnung ergriffen, rief: „Dann iſt's Buhl!“ Die vier Männer eilten ſogleich fort, kaum daß ſich der Hauptmann Zeit nahm, mit Zurücklaſſung ſeiner großen Waſſerſtiefel, den Hirſchfänger umzu⸗ ſchnallen. Die alten Fräulein, mehr todt als leben⸗ dig vor Angſt, blieben mit Annli an den offnen Fenſtern zurück und lauſchten beklommen in die dunkle Straße hinunter. Der Feuerlärm wurde im⸗ mer lauter;„die Mühle brennt lichterloh!“ riefen Stimmen; gleich darauf ſchrieen Andere:„Räuber Georg Volker. 309 Räuber! Der Müller ſteckt mit Weib und Kind im brennenden Haus!“ Georg war mit Germanos und zehn bis zwölf Bauern, die ſich ihnen unterwegs angeſchloſſen hat⸗ ten, bald am Ende des Dorfes angelangt. Dort ſahen ſie zuerſt die brennende Mühle im Wieſen⸗ grund, ohngefähr fünf Minuten von Nellenburg ent⸗ fernt, und hörten zu gleicher Zeit einen wilden Tumult. Unaufhaltſam eilte Georg mit ſeinen Begleitern vorwärts; vom Wege ab brachen ſie ſich eine Bahn durch die Hecke des Mühlengartens, und kamen ſo unbemerkt zu dem brennenden Hauſe, wo ſie beim Scheine der hellen Flammen einen Haufen von wild⸗ ausſehenden Männergeſtalten im Hofe erblickten, die fluchend und brüllend die Mühle umſtanden, in de— ren oberem Stockwerk des Müllers und ſeiner Haus⸗ genoſſen verzweifelter Hülferuf gehört wurde. Das ganze Gebäude nebſt der Scheune ſtand bereits in Feuer; vor der Thür hatten außerdem noch die Mordbrenner einen mächtigen Stoß von Reiſigbün⸗ deln und Prügelholz zuſammengeſchleppt und dieſen gleichfalls angezündet, um ſo jede Flucht unmöglich zu machen. Noch ging drinnen die Mühle und klapperten die Werke; das mächtige ſchwarze Rad 31⁰ Georg Volker. aber drehte ſich, ein furchtbar ſchöner Anblick, in⸗ mitten der Flammen, und ſchäumend ziſchte das Waſſer an der heißen Wand. Auf den erſten Blick erkannte Georg die athle⸗ tiſche Geſtalt Buhl's, der dem Hauſe zunächſt ſtand, immer neue Reiſigbündel in die lodernden Flammen warf, und furchtbare Flüche und Verwünſchungen, von gellendem Hohngelächter begleitet, ſeinem Feind dem Müller in den grauſen Feuertod nachrief. Plötzlich brachen Georg, Germanos und die Nellenburger Bauern mit lautem Geſchrei hinter der Gartenhecke hervor; Georg war mit einem Sprung bei Buhl, ergriff ihn bei der Kehle und donnerte ihm zu:„Schurke! Mordbrenner!“ „Haha! Musje Volker! Riecht Er den fetten Braten? Hab' ich's Ihm nicht geſagt, der Müller ſoll an mich glauben?“ rief der Böſewicht mit wil⸗ dem Lachen.„Aber bleib' Er mir mit den Fingern vom Leib— ſonſt—“ Ein furchtbarer Fauſtſchlag Volker's traf den Un⸗ hold ſo gewaltig in's Auge, daß er taumelnd zu Boden ſtürzte; die übrigen Bauern und Germanos griffen beherzt, mit brennenden Prügeln, die ſie aus dem Holzſtoß riſſen, die andern Räuber an; und dieſer unerwartete Angrif ſowohl, als auch der —— Georg Volker. 311 Fall ihres Führers beſtimmte Jene zur eiligen Flucht, da auch von der Straße her andere Bauern, mit dem Hauptmann an der Spitze, der Mühle zueilten und den Mordbrennern den Rückzug abzuſchneiden drohten. Buhl, der ſich ſchnell von ſeiner Betäubung erholt hatte, ſprang durch den Mühlengraben und folgte ſeinen Genoſſen in den Wald nach. Der Müller erkannte Volker's und der andern Männer Stimmen und kam an's Fenſter alle im Hauſe ein⸗ geſchloſſenen Perſonen, mit den Kindern elf an der Zahl, gelangten glücklich mit Hülfe von Leitern aus dem brennenden Haus und wenige Minuten ſpäter ſtürzte der Dachſtuhl zuſammen. Ueber die näheren Umſtände des teufliſchen Ver⸗ brechens, durch welches der rachſüchtige Buhl, wie er damals Georg geſchworen, ſeinen Todfeind den Müller, ſammt allen Hausgenoſſen deſſelben, hatte verderben wollen, erfuhr man, daß das Feuer zu gleicher Zeit in verſchiedenen Localitäten der Mühle ausgebrochen war; Wohnhaus, Holzſchoppen und Scheune ſtanden in einem Augenblick in Flammen; außerdem hatten die Räuber noch, wie wir geſehen haben, den einzigen Ausweg zur Flucht unmöglich gemacht, indem ſie vor der Thür eine große Menge von Reiſig⸗ und Strohbündeln aufhäuften und dieſe 312 Georg Volker. anzündeten, ſo daß die Flammen alsbald bis unter das Dach in die Höhe ſchlugen und daſſelbe entzün⸗ deten, während bereits der untere Theil des Hauſes brannte, ohne daß die Bewohner Etwas davon merk⸗ ten. Der Müller ſammt den Seinigen wäre unter dieſen Umſtänden rettungslos verloren geweſen, hätte nicht Gottes Auge ſichtbar über ihm gewacht und ihm noch rechtzeitig die rettende Hülfe geſandt. Dies war das Ende von Roſamundens fröhli⸗ lichem Geburtstagsfeſt und war zugleich der Anfang all jener unglücklichen Ereigniſſe und verhängniß⸗ vollen Kataſtrophen, mit denen wir uns in dem fol⸗ genden Buch beſchäftigen werden. Am Brande, der die Wieſenmühle zu Rellenburg in Aſche legte, ent⸗ zündete ſich unerwartet jene verheerende Flamme, de⸗ ren Brennſtoff zwar ſchon lange vorbereitet war, de⸗ ren Ausbruch aber, von Mordbrennerhänden be⸗ ſchleunigt, ganz andere Folgen haben mußte, als es vielleicht unter weniger der Sache der Freiheit un⸗ günſtigen Verhältniſſen der Fall geweſen wäre. Georg Volker. 313 Zwölftes Capitel. Daß Georg ſeit jenem Abend, wo er den zwei⸗ ten Brief Eugeniens mit der abermaligen Warnung vor ſeinem Feind, dem Grafen empfing, dem Inhalt des Schreibens häufig nachdachte, finden wir eben ſo erklärlich, als daß die unaufhörlichen Neckereien des Freundes in Bezug auf die junge Gräfin dem Briefe derſelben allmählig in ſeinen Augen eine Be⸗ deutung verliehen, welche dieſer anfangs keineswegs für ihn gehabt hatte. Wie unſer äußeres Leben, ſo iſt ja auch unſer Inneres aus kleinen Zufälligkeiten, aus ſcheinbar unbedeutenden Ereigniſſen und Eindrücken zuſammen⸗ geſetzt, und wenn auch oft dem Wendepunkt in un⸗ ſrem Gefühle ein bedeutender ſchickſalsvoller Moment des äußeren Lebens vorangeht oder mit dieſem in Eins zuſammenfällt, ſo geſchieht es doch nicht immer, daß der mächtige Gott ſeine Offenbarungen durch Donner und Feuerſchein uns ankündigt; vielmehr er⸗ füllen ſich gerade des Lebens gewaltigſte Kataſtrophen 314⁴ Georg Vvolker. für uns am geheimnißvollſten und unmerkbarſten. Wir hören nur das Rauſchen eines welken Herbſt⸗ tt ährend vielleicht in unſerm Innern ein ganzer ühling von Hoffnungen und Blüthenträu⸗ men dahin ſtirbt; und wie mit dem Vergehen, ſo iſt es auch mit dem Werden in uns: Wir ſehen nicht die Hand, wir ahnen nicht die Saat, welche dieſe in unſer Herz ausſtreut; langſam aber ſicher keimt das Korn bald des Segens, bald des Unheils in uns auf, und lange, bevor wir noch dem Bild von Sais in's unverſchleierte Antlit blicken dürfen, berei⸗ tet ſich uns durch Täuſchung und Ahnung, durch Dämmern und Träumen der Moment des wirklichen Schauens vor, der über unſer ganzes Sein entſchei⸗ den ſoll. Wir wollen nicht behaupten, daß Georg des Freundes Neckereien im Grunde mehr Glauben und Aufmerkſamkeit geſchenkt hätte als ſie wirklich ver⸗ dienten; aber ſicherlich trugen ſie dazu bei, ihn faſt unmerklich zu Betrachtungen zu führen, die dem, was Germanos mit leichtfertiger Zunge plauderte, allerdings eine tiefere Bedeutung verliehen. War doch Eugenia unglücklich wie er ſelbſt; kannte ſie doch ſein Schickſal, ſeine Abkunft; hatte ſie ſich doch damals im Schloß hülfeſuchend in ſeine Arme ge⸗ Georg Volker. 315 worfen und mit bebender Stimme, wie verfolgt von allen böſen Geiſtern, jenes Hauſes ihn um Rettung angefleht! Und ihr Verhältniß zu den gräflichen Anverwandten, die ihr trotz des nahen Blutes ſo fremd, ſo kalt gegenüberſtanden, war es nicht ganz geeignet, zwiſchen ihr und Jenen, die nichts kannten als ihren Egoismus und ihre Standesvorurtheile, eine nie auszufüllende Kluft zu bilden? Aber ſelbſt, wenn auch alle dieſe Fragen und Betrachtungen er⸗ folglos blieben und vielerlei Deutungen und Zweifel zuließen, eine Thatſache ſtand feſt, und Georg hatte dafür den doppelten Beweis in Händen, daß näm⸗ lich Eugenia jede Rückſicht gegen ihre Verwandten bei Seite ſetzte, wo es ſein Heil, ſeine Rettung galt! So reflectirte Georg's Verſtand, und was ſagte ſein Herz? Iſt' nicht Eugenia, die, demſel⸗ ben Geſchlecht entſproſſen, das dich als Baſtard ver⸗ ſtößt, ſichtbar von der Vorſehung dazu beſtimmt ſcheint, die Schuld zu ſühnen, die jenes Haus ge⸗ gen dich geübt hat? Iſt ſie ſo nicht gleichſam dei⸗ nes Schickſals mildverſöhnender Genius? Wacht ſie nicht über dir, dein rettender Engel, in demſelben Schloſſe, wo deines Daſeins geheimnißvolle Urkun⸗ den verborgen liegen? In demſelben Schloſſe, wo das böſe Gewiſſen der alten Unthat ſchlummerlos, 3¹6 Georg Volker. über neuem Verbrechen brütet und dein Todfeind neue Tücke erſinnt zu deinem Verderben? So ſprach ſein Herz, das einem gewiſſen fata⸗ liſtiſchen Glauben nicht abgeneigt war; und wir wollen es wahrlich keine Untreue gegen Annli heißen, wenn ihn bei ſolchen Betrachtungen das Bild des geliebten Mädchens manchmal mit Eugeniens tiefen klaren Augen anblickte und die Hoheit ihrer Erſchei⸗ nung, das bewußte ſichere Weſen reizend mit Annli's dunkelſchattiger Schönheit in eine Geſtalt zuſam⸗ menfiel. Nein, einer Untreue, wie ſie das edle Herz nicht kennt, wäre Georg, ohne ſich ſelbſt, ohne der Wahr⸗ heit ſeiner Seele untreu zu werden, nimmer fähig geweſen; aber dennoch verkettete ſich der Gedanke an die junge Gräfin wunderbar und immer feſter mit dem an ſein Schickſal, als hätte ſie und nur ſie allein den Talisman in Händen, der die Schmerzen ſeiner Vergangenheit für immer in der Vergeſſenheit Reich bannen könne. So kam es, daß die beiden Schlußworte des Briefes„Ihre Eugenia“ bald zu den geheimnißvoll⸗ ſten Tönen ſeiner Seele gehörten; daß, ſo oft ſein Auge auf ihnen ruhte, er ſich wie beſchirmt fühlte vor allen feindlichen Mächten dieſes Lebens; und ſo ———— Georg Volker. 317 kam es, daß er einſtmals unwillkürlich ſeinen Mund auf dieſe holden Hieroglyphen drückte, gerade ſo innig, ſo gluthvoll, wie auf derſelben Stelle einſt die keu⸗ ſcheſte Lippe geruht hatte. Er erſchrak, das Blatt entfiel ſeinen Händen und haſtig verſchloß er es wie eine Sünde in das geheimſte Fach ſeines Schreibtiſches. Als Annli we⸗ nige Minuten ſpäter in die Stube trat, um ihn zu dem verabredeten Spaziergang nach dem Eulobenkopf abzuholen, an ſeinen Hals flog und ihm einen hei⸗ ßen Kuß auf die Lippen drückte, da war ihm ihr Kuß noch nie zuvor ſo glühend vorgekommen. „Georg! Georg! Ich bin nun über alle meine Furcht hinaus!“ rief das holde Kind mit ſtrahlen⸗ den Augen.„Heute ſollſt Du Alles, Alles wiſſen, ich frage ſelbſt nicht mehr nach dem ſchrecklichen Ba⸗ loſcha!“ Er ſah ſie zerſtreut an, hatte aber weder gehört noch verſtanden was ſie ſagte, und folgte ihr, ohne zu wiſſen, wohin ſie ihn führen wolle. Wenn Eugenia mit heroiſchem Muthe alle Rück⸗ ſichten des Herkommens und der Gewohnheiten, die⸗ ſer im Leben oft ſo ſtarken Macht, bei Seite ſetzte, um den Freund vor den Nachſtellungen ihrer eignen . 318 Georg Volker. nächſten Umgebung zu warnen; ſo war es von Annli nicht minder muthvoll gedacht, als ſie ſich entſchloß, dem Geliebten das Geheimniß der Eulobe zu ent⸗ decken, jenes Geheimniß, von dem wir wiſſen, daß ein theurer unvergeßlicher Eidſchwur es von Kind⸗ heit an tief in ihrer Bruſt verſchloſſen hielt, und das ſie bis dahin in heiliger Scheu vor der Mutter und ihrer Vorfahren Andenken treu bewahrt hatte, wie kein zweites in der Welt. Aber was ihr bis dahin ſo leicht gefallen, was ſich ſo innig mit ihrem ganzen Gemüthsleben verwebt hatte, daß ein Verrath an der Eulobe Geheimniß ihr faſt nicht anders vorkam als ein Verrath am Himmel ſelbſt; das Alles erſchien ihr, nun ein an⸗ deres noch höheres Geheimniß als jenes, an welches ſich die ſchauerliche Tradition von dem Unglück ihrer Voreltern knüpfte, voll lichter Offenbarungen und ſeligen Glückes in ihr Herz eingezogen war: das Alles, ſagen wir, erſchien ihr nun plötzlich in einem an⸗ dern Weſen; und ſo ſchnell vollendete die Liebe in ihrem Innern den Uebergang der Seele aus einer dämmernden Gefühlsmyſtik zum klaren Bewußtſein der edlen ſchönen Weiblichkeit, daß es ihr ſchon nach wenigen Tagen als ein Frevel erſchien, ein Geheim⸗ niß vor Georg zu haben, deſſen Enthüllung ihr früher Georg Volker. als ein ebenſo großer und undenkbarer Frevel erſchie⸗ nen wäre. „Hab' ich ihm mein Herz zu eigen gegeben auf ewig, ſo ſoll er auch dieſes Herzens heiligſtes Ge⸗ heimniß beſitzen; und iſt er mein Gott, ſo ſoll er auch den Tempel kennen, in dem ich bete,“ ſo ſagte ſich das ſchwärmeriſche Kind; und immer ſtärker, immer freier ſetzte ſich in ihr dieſer Gedanke zum Entſchluß feſt. Das Geheimniß der Eulobe fing an, ihr qual⸗ voll zu werden, und die Sehnſucht, es gleichſam zum Schutz vor ihrer eignen Untreue daran in des Freundes Seele niederzulegen, drängte ſie immer hef⸗ tiger zur Ausführung. Sie erwartete von Georg des freudigſten Stau⸗ nens, der höchſten Ueberraſchung Stimme zu verneh⸗ men, und im Geiſte feierte ſie ſchon im voraus den Triumph einer Liebe, für die es kein anderes Glück, kein anderes Heiligthum mehr giebt, als eben nur die Liebe!— Um durch nichts ſeine Ueberraſchung zu ſtören, hatte ſie ihm bloß geſagt, daß ſie ihn zu dem Platz im Walde führen wolle, wo ſie für ihn den Linden⸗ zweig in die Erde gepflanzt habe. Erſt an Ort und Stelle wollte ſie ihm dann die größere und wichti⸗ gere Entdeckung mittheilen. 320 Georg Volker. Mit dieſem Plan beſchäftigt, war ſie ſchweigend neben ihm hergeſchritten, voll von der Freude, die ſie dem Geliebten zudachte. Auch Georg ſprach we⸗ nig, und erſt, als ſie zu den Felſen gelangten, fragte er ſie zerſtreut: „Nun, wohin gehen wir denn eigentlich?“ „Da hinauf,“ ſagte ſie und deutete lächelnd in die Höhe. „Wie! Auf den Eulobenkopf?“ fragte er verwundert und blickte zweifelhaft an den ſteilen Felswänden hinan. „Da unten ſieht's ſchlimmer aus als der Weg in Wirklichkeit iſt,“ verſetzte Annli wohlgemuth. „Folge mir nur und gieb mir Deine Hand; ich kenne genau den Pfad und war ſchon oft oben; auch ſteckt dort der Lindenzweig.“ „Dort oben?“ rief Georg urfir.„Was haſt Du dort zu ſchaffen? Sei kein thörichtes Kind, Annli! Als wilder Knabe erkletterte ich wohl auch dieſe Felſen und kam mit heiler Haut wieder herun⸗ ter, aber jetzt—!“ „Jetzt geht's noch leichter wie damals!“ fiel ihm das Mädchen in's Wort.„Denn ein Mann muß doch mehr können, als ein Bube, oder gar als ein Mädchen! Siehſt Du, Georg, ich klettre Dir voran, folge nur getroſt!“ Georg Volker. 321 Und mit einigen raſchen Sprüngen ſtand ſie ſchon auf dem unterſten Felſen und rief lachend: „Ei, ei, Georg, fürchtſt Dich wohl gar? Sieh', ſo gehrs! Mach' es mir nur einmal nach; dort an der Wurzel hältſt Du Dich feſt, dann kommen ganz breite Stufen, wie bei einer Treppe; Muth gefaßt, Liebſter!“ Und wieder ſchwang ſie ſich Gemſen gleich an den Felſen in die Höhe, lachend, daß es hell durch den Wald ſchallte; während Georg ihr mühſam von Stein zu Stein nachklomm und oft ebenſo zagend rückwärts als vorwärts ſchaute. Sie aber war ſchon faſt auf dem Gipfel und ſchwebte mit flatterndem Gewand auf einer ſchmalen Felszinke über dem Ab⸗ grund; eine wilde Freude glänzte aus ihren Blicken, als ſie ſich, den rechten Arm um eine im Geſtein wurzelnde Fichte geſchlungen, zu dem Geliebten in die Tiefe niederbückte, wobei ihr das ſchwarze Locken⸗ haar über das vom raſchen Klettern glühend gewor⸗ dene Antlitz fiel. Sie war unbeſchreiblich ſchön in dieſer gefährlichen Stellung, und Georg, als er jetzt zu ihr aufſchaute, glaubte über ſich das holde Wald⸗ mährchen in leibhaftiger Geſtalt zu erblicken. „Komm, komm nur, bergab geht's ſchon leich⸗ ter!“ rief ſie ihm muthwillig neckend zu und war in H. 2 322 Georg Volker. wenigen Secunden auf der Spitze des Eulobenkopfs angelangt. Von dort ſprang ſie wieder ebenſo ſicher auf die nächſten Felſen herunter, als Georg ihr end⸗ lich nachkam, reichte ihm die Hand, und er dankte es wirklich ihrem Beiſtand, daß er endlich glücklich die Höhe erreichte. „Mein Gott! Mein Gott! Annli, was ſind das für tolle Streiche!“ ſagte er tiefathmend. „Sei nicht böſe, Georg, Du ſiehſt ja, es ging!“ erwiederte ſie und trocknete ihm ſchmeichelnd die heiße Stirn.„Blicke um Dich; iſt's nicht herrlich da oben? O! Wer hier noch nicht geweſen iſt, der weiß nichts von Gottes ſchöner Welt! Und hier“ — ſie nahm ihn an die Hand und führte ihn nach der Stelle, wo ſie den Lindenzweig gepflanzt hatte— „da ſchau' mein Reislein, Geliebter! Nicht unten im Wald ſoll es grünen und wachſen, hier oben, wo des Himmels friſche Lüfte wehen und die ſchöne Erde Einem wie ein Gottesantlitz in's Herz lacht, hier ſoll Deiner Annli Baum ſtehen; und wenn er groß iſt, und die kleine Waldlerche kehrt Abends ſangesmüde aus dämmerndem Gewölk zur Erde zu⸗ rück, da findet ſie gleich einen anmuthigen Ruheſitz auf der Linde und kann noch einmal von der Höhe ihr Lied über die Wälder hinausſingen, ehe ſie in Georg Volker. 323 die Wipfel da unten fliegt. Ach, und hier, ſchau, Georg, der kleine Rothfink hat's auch gemerkt, daß es da oben was Liebes in der Stille zu pflegen giebt, dm baut er ſich auch ſein Neſtchen in die Brombeerhecken und ſingt den goldgrünen Eidechſen und den frommen ſtillen Blindſchleichen, die im Moosgeſtein hauſen und ſo zahm ſind, daß ſie mir die Mücken aus der Hand freſſen, zum Dank für das Heimathsrecht ſeine hellen Waldlieder vor.“ In der That war der Aufenthalt auf dem Eulo⸗ benkopf, hoch über den Wäldern, entzückend ſchön, und Georg betrachtete, in fteudiges Staunen verſunken, das abendgoldne Panorama der Landſchaft. Annli ſtand an ſeiner Seite, ſchweigend und gleichfalls ganz im Anſchauen vertieft; keins von ihnen ſprach ein Wort; erſt als Georg ſie ſanft an ſich ziehen wollte, gewahrte er, daß ſie fort war. Er ſah ſie nirgends und blickte verwundert auf der ſchmalen, ringsum freien Plateform des Felſens umher. Nirgends zeigte ſich auch nur das kleinſte Verſteck, und die Dorn⸗ hecken, welche auf der ſuͤdlichen Seite jedes Weiter⸗ ſchreiten von ſelbſt unmöglich machten, konnten ihm auch ihre Geſtalt nicht verbergen. Er ging ſuchend von einem Steinblock zum andern, und zuletzt, als er ſchon mehrere Male ihren Namen gerufen hatte, 2* 324⁴ Georg Volker. ergriff ihn ein ſonderbar unheimliches Gefühl; denn kein anderes Verſteck zeigte ſich ihm, außer dem ſchwindelnden Abgrund in der Waldestiefe! Und doch konnte ſie keine zehn Schritte von ihm entfernt ſein! Er ging zu wiederholten Malen nach der Seite, wo der dunkle Epheu an dem Felſen em⸗ porrankte; ſein Auge betrachtete ſpähend jeden Win⸗ kel, dann kehrte er wieder auf die öſtliche Seite zu⸗ rück, wo der Lindenzweig ſtand— nirgends war ſie zu finden! Georg's Bangen war ebenſo groß wie ſein Staunen über dieſes unerklärbare Verſchwinden; faſt fühlte er ſich verſucht, an Zauberei zu glauben. „Annli! Annli!“ rief er und ſeine Stimme zit⸗ terte vor Sorge und Ungeduld. „Was willſt Du, Georg?“ erwiederte ſie und ſtand, als er ſich haſtig nach ihr umkehrte, unbe⸗ fangen vor ihm. „Wo warſt Du? Welch ein ſchlechter Spaß!“ rief er im erſten Eindruck der Ueberraſchung voll Unmuth.„Wer wird auf dieſer gefährlichen Höhe, wo jeder unvorſichtige Schritt Einem das Leben ko⸗ ſten kann, Verſteckens ſpielen!“ „Ich begreife Dich nicht!“ verſetzte Annli, zwar ernſthaft, aber doch mit ſchelmiſchem Blick.„ Sieh Georg Volker. 325 keine drei Schritte war ich von Dir entfernt, ſtand Dir Aug' in Auge gegenüber und Du, Du ſahſt mich doch nicht!“ „Wo warſt Du?“ fragte Georg. Sie deutete auf die mit dem Epheu umkleidete Felſenwand und ſagte: „Willſt Du mir nicht glauben, daß ich nicht fort war, ſo laſſ' es mich Dir beweiſen. Kehre Dich einen Augenblick nach Weſten, betrachte eine halbe Minute den Nellenburger Kirchthurm und dann ſieh zu, wo ich geblieben bin.“ Bei dieſen Worten drehte ſie ihn nach der ange⸗ deuteten Richtung um, trat dann ſchnell zurück, und als Georg nach ihr umblickte, war ſie abermals ver⸗ ſchwunden. Raſch trat er an die Dornhecken, denn an ihm vorüber konnte ſie nicht gegangen ſein, ſie mußte alſo nothwendig ihr Verſteck in den Hecken haben; auch glaubte er ein Rauſchen in denſelben gehört zu haben. Er ſuchte nun mit der größten Aufmerkſam⸗ keit auf dem kleinen Platze umher; diesmal wollte und mußte er ſie finden. Aus ſeiner vorigen Angſt war nun ein Scherz geworden, und dennoch war er zuletzt abermals nahe daran, an eine Hexerei zu glauben. Aber wie er jetzt dicht vor dem Epheu 326 Georg Volker. ſtand und mit immer größerem Zweifel an dem Fel⸗ ſen auf und nieder blickte, da rauſchten plötzlich die Blätter auseinander, ein glänzender Arm griff zau⸗ berhaft aus dem Felſen; betreten wich Georg einen Schritt zurück; gleich darauf zertheilte ſich die Laub⸗ hülle noch weiter und Annli's ganze Geſtalt trat gleich einem anmuthigen Blendwerk aus dem Felſen hervor. „Komm, komm, hier iſt's!“ ſagte ſie und zog den ſtaunenden Georg in die Eulobe. Mit großen Augen blickte Georg in der geheim⸗ nißvollen Grotte umher und mehrere Minuten ver⸗ gingen, ehe er das Mädchen, das mit ſtrahlenden Augen jede ſeiner Mienen beobachtete, fragen konnte, was das für ein Ort ſei? Annli zögerte nun nicht länger, ihm Alles mit⸗ zutheilen, was ſie ſelber von der Eulobe und deren Geſchichte wußte. Auf dem altarähnlichen Stein in⸗ mitten der Höhle ſaß ſie neben Volker, hatte den Arm feſt um ihn geſchlungen, und erzählte ihm, mit vor innerer Erregung glühendem Geſicht, was ſie ſelbſt einſt über die Eulobe von der Mutter gehört hatte. Sie ſagte ihm, wie dieſe ſie ſchon als klei⸗ nes Kind mit Paul hierher getragen und ihnen die Geſchichte von den Zigeunern, ihren Voreltern, mit⸗ * Georg Volker. 327 getheilt habe; ſie ſchilderte ihm dann mit feierlichem Gefühl die heilige Bedeutung dieſes Ortes und daß ſie ſelbſt und Paul der Mutter kurz vor der ſchreck⸗ lichen Kataſtrophe im Förſterhaus, einen Eid hätten ablegen müſſen, niemals die Eulobe zu verrathen. Damals habe die Mutter beide Kinder vollſtändig entkleidet und ſie nackt auf den heiligen Stein ge⸗ legt; darauf ſei ſie ſelbſt langſam um den Altar ge⸗ wandelt, und habe das furchtbare Baloſchalied an⸗ geſtimmt, jenes Lied, das den alten Fluch der Zi⸗ geuner bedeute, womit dieſe den Grafen Bodo und deſſen Nachkommenſchaft bis in's fernſte Glied den hölliſchen Mächten überliefert und das Weh über Vater und Enkel ausgeſprochen hätten, damals als ſie aus einem Lande flohen, wo man ſie mit Hunden gehetzt und gleich den wilden Thieren des Gebirges gejagt habe. Dann zeigte Annli dem Geliebten die ſeltſamen Figuren und Zeichen auf der vorderen Seite des Steines und erklärte ihm deren Bedeutung, indem ſie bemerkte, daß ſie einen heiligen Spruch der Zi⸗ geuner ausdrückten, der Jeden ihres Stammes ver⸗ damme, welcher die Eulobe an einen weißen Men⸗ ſchen verrathe. „Und das iſt wieder nur Baloſcha!“ fügte ſie 328 tiefathmend hinzu und ſchmiegte ſich bebend an ihn, indem ſie ihr Antlitz an ſeine Bruſt verbarg.„Doch ich fürcht' ihn nicht mehr, den ſchauerlichen Fluch, denn ich bin ja das Kind eines chriſtlichen Vaters, bin Deine Braut, Georg, und habe nach keinem Menſchen ſonſt in der Welt zu fragen. Aber um Gotteswillen, verrath' mich nicht an Paul! Er hängt an ſeinem Eid ſo feſt, wie, ich weiß nicht, an was ſonſt! Er würde, glaub' ich, eher ſeine Seele laſſen, als das Geheimniß von der Eulobe, und hörte er gar, daß ich es Dir verrathen, er würde mich verachten, mich verfluchen, ſeine Liebe würde ſich in Abſcheu gegen mich verkehren; o Georg, ge⸗ liebter Georg, ſag' dem Bruder niemals ein Wort davon!— Tönt mirs doch ſelbſt noch zuweilen in's Ohr, der Mutter furchtbares Lied, und wenn ich auch kein Wort von der fremden Sprache verſtand, ſo war doch der Geſang ſo ſchauerlich, daß ich ihn niemals vergeſſen kann. Oft, wenn Nachts der Sturm im Gebirge heult, die Wälder ſo geiſterhaft rauſchen und der Wind durch die Schluchten ſeufzt, glaub' ich den alten Baloſchageſang wieder in den Lüften zu hören; oder ich ſehe auch wohl in bangem Traum der Mutter Geſtalt, wie ſie mit tief auf die Bruſt geneigtem Haupt, das ſchwarze lange Haar Georg Volker. Georg Volker. 329 aufgelöſt, die Arme ſchlaff herunterhängend und die Augen im todtbleichen Antlitz geſchloſſen, den eiſig⸗ kalten Stein umwandelte, auf dem wir Kinder nackt lagen, und jenes Lied des dunklen Wehes anſtimmte, daß mir grauſete vor den wilden Jammertönen, die immer herzzerreißender wurden, bis ſie zuletzt in ban⸗ gen wehmüthigen Klagelauten erſtarben. Dann riß ſie uns krampfhaft in die Höhe, und ſteckte dem Bruder ſowohl wie mir ein Epheublatt in den Mund, wobei ſie dumpfe Worte murmelte; ſie ſagte uns, daß der Epheu den Voreltern heilig geweſen und wer ein Blatt davon auf Baloſcha nehme, der ſei gefeyet vor Feuer, Waſſer und Peſt, könne zau⸗ bern, ſeinen Feind verderben und alle Menſchen für ſich gewinnen und ſeinem Willen unterthan machen; nach dem Tode aber werde ſeine Seele wieder nach dem herrlichen Palmenhain auf Zingala kommen, von wo die Voreltern ſtammten, und wo es keinen Haß und kein Baloſcha mehr gäbe.“ Es iſt ſchwer zu ſagen, welchen Eindruck die ganze abenteuerliche Geſchichte auf Georg hervorrief. Er fühlte ſogleich mit richtigem Sinn das Krank⸗ hafte und Ueberſpannte in Annli's Vorliebe zu die⸗ ſem Orte dunkler Erinnerung heraus, und doch war auch er davon ergriffen, und in tiefinnerſter Seele 330 Georg Volker. graute ihm vor dem unheimlichen Fluch der Zigeu⸗ ner, der, einem finſtern barbariſchen Jahrhundert an⸗ gehörend, noch heute über dem Haus der Grafen von Nellenburg zu walten ſchien. Aber ein Feind alles Aberglaubens, überwand er ſchnell dieſe Furcht; denn ſeinem ganzen Gefühl widerſtrebte die Geſchichte, die Annli ihm eben mitgetheilt hatte. Es war ihm unerklärlich, wie ein Mädchen von ſo viel hellem Verſtand und gebildeter Seele Jahrelang dieſem Zug einer dunklen Schwärmerei nachgehen und ſich in völliger Abgeſchiedenheit von der Welt an geheimniß⸗ voller Stätte gleichſam ein eignes Leben voll aben⸗ teuerlicher Gebilde und phantaſtiſcher Träume in das der Wirklichkeit hineindichten konnte, wohin kein Auge ihr folgte und das ſie ſo lange Zeit vor jeder Entdeckung zu hüten gewußt hatte. Weil Georg die Fäden nicht ſah, die das zarte Seelenleben ſo innig an die dunklen Gewalten der Natur ketteten, darum erkannte er auch nicht das für Annli Heilige und Verhängnißvolle der Eulobe; er bedachte nicht, wie tief ein ſo mächtiger Eindruck der Kindheit, den die erſchütterndſten äußeren Ereigniſſe begleiten, ſich einem ſchwärmeriſchen Gemüth ver⸗ webt, und je länger, um ſo geheimnißvoller darin nachtönt und ſich ihm zuletzt zu einem Theil des — —— — Georg Volker. 331 eignen innerſten Lebens verkörpert. Georg ſah nur das Krankhafte und Seltſame in Annli's Verehrung für dieſen einſamen Ort; aber die heilige Scheu, womit ſie ihn jedes Mal betrat, die ſüßen Empfin⸗ dungen des Schauers, der Andacht und Rührung, die er ihr einflößte, das Alles ſah er nicht, und ſie ſelber wagte nicht ihm zu geſtehen, daß es hier und zumeiſt hier geweſen war, wo ſie ſich oft ſtunden⸗ lang den Träumen ihrer Liebe und Sehnſucht nach dem Geliebten überlaſſen hatte.— Annli fühlte ſich beängſtigt, als Georg, nachdem ſie längſt verſtummt war, noch immer ſchweigend neben ihr ſaß und kein Wort zu alledem ſagte. Zu⸗ letzt fragte ſie ihn ſchüchtern, wie ihm die Eulobe gefalle, und da erſt brach er ſein Schweigen, indem er nicht ohne einen Anflug von Bitterkeit ausrief: „Es gefällt mir hier ſo wenig, daß ich dringend wünſche, Du ſelbſt gehſt nicht wieder hierher! Kind! liebes Kind! Was ſind das für wunderliche Ge⸗ ſchichten! Wie kommſt Du dazu, Dich um die al⸗ ten Zigeuner und ihren Hokuspokus zu bekümmern? Deine Mutter, Gott verzeih' es ihr, that wahrlich nicht gut daran, Euch Kindern ſolche abergläubiſche Furcht einzuimpfen, als wenn ſie nicht ſelber eine Chriſtin geweſen wäre, ſo gut wie ihre Mutter und Georg Volker. deren Mutter! Was intereſſiren Dich alſo dieſe Spinnſtubenmährchen? Komm, komm, laß Baloſcha Baloſcha ſein, ich ſage Dir, es iſt wenig Verſtand darin, aber deſto mehr Unſinn!“ „Georg! Georg!“ ſtammelte das Mädchen, in innerſter Seele erbangend, und ſah ſich ſcheu in der Grotte um.„Mir graut, wenn ich Dich ſo reden höre!“ „Da haben wir's ja!“ rief er unmuthvoll und ſtand haſtig auf.„Geſpenſter in jedem Winkel! Der einſame Aufenthalt in dieſer verwünſchten melancho⸗ liſchen Höhle hat Dich ganz überſpannt gemacht. Wozu aber auch ſolche Träumereien? Ich bitte Dich noch einmal, Annli, gieb dieſe kindiſche Neigung auf; ein junges Mädchen gehört nicht mutterſeelen⸗ allein in den Wald und am wenigſten ſoll es ſo halsbrechende Pfade wählen und ſteile Felſen erklim⸗ men. Nicht wahr, Annli, Du verſprichſt mir, nie⸗ mals wieder hierher zu kommen? Bei Deiner Liebe, ſüße Annli, Du verſprichſt es mir?“ ſetzte er ſanfter hinzu und drückte ſie zärtlich an ſich, als er in ihren beſtürzten Zügen den ſchmerzlichen Eindruck bemerkte, den ſeine Worte auf ſie machten. Krampfhaft warf ſie ſich in ſeine Arme und rief ſchluchzend: Georg Volker. 333 „Alles, Alles, theurer Georg! O verzeih mir meine kindiſche Thorheit; ich ahnte ja nicht, daß ich Dir dadurch mißfallen könnte! Aber niemals will ich wieder hier heraufkommen, es ſei denn, daß Du mich begleiteſt. Was brauch' ich auch jetzt noch die Eulobe! Ich hab' ja Dich und Deine Liebe und wo Du biſt, bin ich glücklich! Ja, Du ſollſt ſehen, Georg,“ ſagte ſie in entſchloſſenem Tone,„ich komme nie wieder hierher, nie, denn nun iſt ja doch Alles anders geworden.“ Gerührt drückte Volker das holde Weſen an ſein Herz, und Annli, den Arm um ſeinen Hals geſchlun⸗ gen, flüſterte leiſe: „Georg, Georg! Wie bin ich nun erſt ſelig! Weiß ich doch kaum noch, was es war, das mich immer und immer in dieſe Grotte zog, als ſei es der einzige Ort in der Welt, wo ich hingehöre. Einſt⸗ mals, es ſind wohl drei Jahre her, bin ich dort auf dem Steine eingeſchlafen, es war ein ſchwüler Som⸗ mertag, über den Bergen ſtand ein ſchwarzes Gewit⸗ ter, das ich ſchon beim Heraufgehen bemerkt hatte, da träumte mir—“ Sie hielt plötzlich inne, denn deutlich hörte ſie im dunklen Hintergrund der Höhle, dort, wo mehre mächtige Felsblöcke übereinander lagen, ein dumpfes 334 Georg Volker. Seufzen, und gleich darauf vernahm auch Georg ein Raſcheln wie von dürrem Laube. Annli ſchrak heftig zuſammen und rief: „Horch! Was war das? Haſt Du gehört?“ „Es wird ein Steinmarder geweſen ſein, oder vielleicht auch eine Eule, die puhſtete,“ verſetzte er. „Komm, komm,“ ſtammelte Annli, am ganzen Leibe zitternd.„Du haſt recht, der Ort taugt nicht für mich, Eule oder Steinmarder, gleichviel, mir graut doch!“ Und haſtig zog ſie den Freund durch den Epheu aus der dämmernden Grotte in's Freie vor den Fel⸗ ſen, den ein letzter Strahl des erlöſchenden Abend⸗ roths noch ſanft beleuchtete. Tief auf athmete Annli, indem ſie noch immer beklommen ſagte: „Gottlob, daß Du bei mir biſt! Solch' eine Angſt hab' ich noch nie zuvor an dieſem Ort em⸗ pfunden. Mir war es wirklich, als ſei ein Menſch dahinten verſteckt.“ „In Deinem Geheimniß?“ fragte Georg lächelnd. „Ei, Annli, nun ſeh' ich erſt recht, daß es hohe Zeit war, Dich zur Vernunft zu bringen. Aber ebenſo iſt es auch hohe Zeit, daß wir den Rückweg antreten; denn ſieh, es dämmert ſchon unten im Georg Volker. 335 Wald, und bis wir ins Dorf kommen, iſt es dunkle Nacht.“ Hand in Hand begannen ſie hierauf den Felſen hinabzuſteigen und mochten ohngefähr die Hälfte des ſteilen Pfades zurückgelegt haben, als ſich oben am Eingang der Eulobe der Epheu leiſe auseinander⸗ ſchob und des Narren Mattelhans häßliches Geſicht aus dem Laubwerk hervorſchaute. Mit vor Furcht, Staunen und Neugierde verzerrten Zügen blickte er den Beiden unbeweglich in die dämmernde Tiefe nach, bis ſie, unter den Fichten angelangt, unſichtbar wur⸗ den, worauf er den Kopf wieder in die Höhle zu⸗ rückzog. In leiſem Geflüſter bewegte der Abendwind die Blätter des Epheus, aus dem Thale wallten blaue Nebeldünſte empor, den Schluchten des Eulobenkopfes entſtiegen der Nacht dämmernde Luftgeſtalten und hingen ſich in duftigen Gewändern um die Felszacken und Fichten, rings aber erſchauerten die Wälder wie vor einem ewigen unverſtandenen Räthſel der Schöpfung. ſiſiſſſſiſſſſſſſſſſiſſiſſſſiſſſſiſſſſſi 12 13 14 15 1 2 8 9 10 11 6 17 — S ———