S8 ee eee e Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur n vo Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Fae der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſri Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ ———— ——— ——— Georg Volker. Erſter Band. Druck von George Weſtermann in Braunſchweig. — Georg Volker. Ein Roman aus dem Jahre 1848 von ODtto Müller. Motto: So klammert ſich der Schiffer endlich noch Am Felſen feſt, an dem er ſcheitern ſollte. Goethe Erſter Band. Bremen,* Verlag von Franz Schlodtmann. 5 1. Erſtes Buch. —————— Erſtes Capitel. Es war bereits ſo dunkel im Walde geworden, daß Germanos Mühe hatte, den Fußpfad zu behalten, die letzte Hoffnung des verirrten und der Gegend ganz unkundigen Wanderers. Schon ſeit mehreren Stunden war er aufs Gerathewohl vorwärts geſchrit⸗ ten, aus der Dämmerung war allmählig Abend, aus dem Abend Nacht geworden; und ſo oft er auch ſeine Stimme durch den Wald erſchallen ließ, Niemand hörte ihn als das Echo, und war es nicht Täuſchung der Dunkelheit, ſo wurde der Wald zuletzt immer dichter, der Boden unter ſeinen Füßen immer unweg⸗ ſamer. Endlich ſtand er völlig rathlos in der Wild⸗ niß, nachtdurchſchauert rauſchte der Wald, er hatte den Pfad vollends verloren und als er ſeine Repetir⸗ uhr ſpielen ließ, ſchlug es neun Uhr. „Verwünſchter Wald! Entweder laß mich los aus deinem Zauberbann oder ich thue keinen Schritt 1* 4 Georg Volker. mehr vorwärts!“ rief er mehr in Unmuth über den Wald als über ſeine Thorheit, ſich ſo ohne Führer in dieſe öde menſchenleere Gegend des Odenwaldes gewagt zu haben. „Aber ſo ging's mir ja immer,“ ſetzte er ſich ſelbſt zum Troſte hinzu.„Irren und Schweifen bis ans Ziel, und dann doch kein anderes Ziel als neues Irren, neues Schweifen! Doch halt! Vielleicht daß auch in dieſen Bergen des alten Odins ein Rübe⸗ zahl oder ſonſt irgend ein penſionirter Hexenmeiſter ſein Weſen treibt; und wollen's die Menſchen nicht thun, ſo ſollen mich die Geiſter zurechtweiſen.“ „Rubezahl! Rübezahl, erſcheine!“ rief der Jüng⸗ ling mit der vollen Kraft ſeiner Stimme, und ſo feierlich, als werde der alte Berggeiſt, der treue Be⸗ ſchützer und Geleitsmann aller Verirrten und Hülf⸗ loſen, ſofort bei der Hand ſein und ihm aus ſeiner Verlegenheit helfen. Wer aber nicht kam, war Rü⸗ vezahl, und wollte Germanos nicht die kalte Februar⸗ nacht im Walde zubringen, ſo mußte er ſich neuer⸗ dings zum Weiterſchreiten entſchließen. Eine Eule, von ſeinem Rufe aufgeſcheucht, ſtrich mit tonloſem Flügelſchlag durch die Aeſte; er ſah den weiſen Vogel Minervens zur Linken fliegen und folgte dieſem Wink, indem er dieſelbe Richtung einſchlug. * — „. 7— — —. Georg Volker. 5 Mehrmals verwirrte ſich ſein Fuß im niedern Strauch⸗ werk des Bodens; er mußte einen ziemlich ſteilen Erdabhang hinunterklimmen, war jedoch nicht ſobald unten angelangt, als er ſich zu ſeiner Freude in einem Hohlweg und auf befahrener Straße befand; rüſtig ſchritt er nun aufs Gerathewohl vorwärts; denn ein⸗ mal mußte ja doch dieſer Weg aus dem Walde füh⸗ ren; bald ſenkte ſich auch die Straße bergab, und „Rübezahl hat doch geholfen!“ rief er, als ſich nach einer halben Stunde der Wald wirklich zu lich⸗ ten begann und im Vordergrunde eine freie Landſchaft hervortrat, die der Mond magiſch beleuchtete. Faſt in dem Augenblick jedoch, da Germanos jene Worte ausſprach, ſah er vor ſich, in einer Ent⸗ fernung von etwa funfzig Schritten die Geſtalt eines Mannes, der denſelben Weg herzukommen ſchien, welchen er ſo unerwartet aufgefunden hatte. Der nächtliche Wanderer trug einen langen talarähnlichen Mantel, welcher ihn im raſchen Dahinſchreiten auf der windigen Höhe in weiten Falten umflatterte, was ſeiner hohen Geſtalt ein geiſterhaftes Anſehen verlieh und Germanos unwillkürlich an das Mährchenbild ſeiner Kindheit von dem Berggeiſt Rübezahl erinnerte. Er beſchloß ihm zu folgen und trotz des eiligen Gan⸗ ges von Jenem, der mehr lief als ging, gleichen * Georg Volker. Schritt mit ihm zu halten und ihn aus dem Auge zu verlieren. Bald lag der Wald völlig hinter ihm und er d wandelte nun auf einer freien, vom Wind ſcharf be⸗ ſtrichenen Höhe; die Ferne begränzten ringsum dunkle Gebirgsmaſſen, deren Linien ſich weich von dem mondbeglänzten Horizont abſchnitten. Allmählig ſenkte ſich der Weg bergab, und hatte zur Seite, da es am Tage ſtark gethaut und vieler Schnee im Ge— birge geſchmolzen, ein rieſelndes Waſſer, das häufig, je nach den Biegungen und Furchen des Pfades, dieſen durchſchnitt und unſrem jungen Wanderer, der nur immer auf den eiligen Führer vor ſich achtete, einige Mal die kalten Schaunflocken, wie ein necki⸗ ſcher Kühleborn, in das vom raſchen Gange erhitzte Geſicht ſpritzte. Die Höhe, von der er herunterſtieg, mußte ſehr beträchtlich ſein, denn faſt eine halbe Stunde währte es, bis der Weg, der ſich einem dun⸗ keln Thalkeſſel zuneigte, ſanfter und das Bergabgehen mit müden Füßen weniger unbequem wurde. Endlich glaubte Germanos unten im Thale einen Lichtſchimmer zu ſehen. Dieſe Entdeckung und die dadurch neu geweckte Hoffnung, vielleicht doch noch heute den Grabenhof zu erreichen, und unter dem gaſtlichen Dache Volker's von ſeinen Irrfahrten aus⸗ —,—— — — — Georg Volker. 7 zuruhen, ließ ihn einen Augenblick des Führers ver⸗ geſſen, der ihn hierher geleitet; und als er ſich wie⸗ der nach ihm umſah, war derſelbe in der Dunkelheit verſchwunden. Das Licht aber flimmerte noch eine Zeitlang, wie wenn es getragen würde, hin und her, ein kurzes Hundegebell beſtätigte ihm gleich darauf die Nähe menſchlicher Wohnungen, und eh' er ſich deſſen noch verſah, ſtand er wirklich ſchon vor meh⸗ reren großen dunklen Gebäuden. Der Weg theilte ſich zur Rechten und zur Linken, aber weder ein Thor noch ſonſt ein Eingang war zu erſpähen, auch das Licht war fort; dahingegen entdeckte er bei wei⸗ terem Forſchen, daß ihn ein ziemlich breiter Waſſer⸗ graben von den Häuſern ſchied, deren Fenſter alle dunkel waren. Drüben erhob ſich ein terraſſenförmi⸗ ges Mauerwerk und verlieh dem einſamen weitläufi⸗ gen Gebäude ein alterthümliches kloſterartiges An⸗ ſehen. Unwillkürlich mußte Germanos an die Be⸗ ſchreibung des Freundes von deſſen einſamem Hofe denken, und die freudige Vorahnung von der Nähe ſeines Reiſezieles trieb ihn bald längs des Grabens hin, der an der Landſtraße mit hohen Pappeln be⸗ pflanzt war. Er unſchritt, ſo weit er in der Dun⸗ kelheit zu unterſcheiden vermochte, das ganze Gehöfte, welches inſelartig rings von Waſſer umgeben war, Georg Volker. und entdeckte zuletzt einen ſchmalen hölzernen Steg; jenſeits erhob ſich ein vom Mondlicht beſchienenes ruinartiges Gemäuer mit einem maſſiven Steinthurm, der indeſſen kaum bis zum Dache einer danebenſte⸗ henden Scheune mit dunklem Balkenwerk ragte. Ger⸗ manos ging über den Steg und befand ſich nun zu ſeiner Verwunderung, ſtatt, wie er gehofft, auf be⸗ wohnter Stätte, in Mitten von ruinartigem Gemäuer, das noch deutlich die Spuren einer ehemaligen feſten Ritterburg zeigte. Um den Thurm herum, der dicht mit Epheu bewachſen war, gelangte er in einen ſchmalen, von hohen Mauern umſchloſſenen zwinger⸗ ähnlichen Naum, hell ſchien der Mond oben herein, in den Ecken wuchſen Sträucher, ein alter Pflug und anderes Ackergeräth deuteten auf die Nähe einer Landwirthſchaft. Gegenüber ſah er eine offenſtehende Thür und durch ein gewölbtes Bogenthor hindurch in eine freie, mit Bäumen bepflanzte Lichtung. Eben wollte er, von der unwirthbaren Stätte weg, ſeinen Schritt dahin lenken und den Zwinger durchſchreiten, als ein Lichtſtrahl, der ſchräg durch den mauerum⸗ ſchloſſenen Raum fiel, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Er entdeckte ein niederes, mit Eiſenſtäben ver⸗ gittertes Fenſter im Thurme, der mit dieſer Seite die eine Wand des Zwingers bildete. Georg Volker. 9 Vorſichtig trat er näher; das Fenſter war gerade ſo niedrig, um einen Erwachſenen bequem in's Innere blicken zu laſſen. Er ſah in ein düſtres Gemach, deſſen ſpärliche Beleuchtung ihn nur die nächſten Ge⸗ genſtände deutlich unterſcheiden ließ. An einem Tiſche in der Mitte der runden Thurmklauſe ſaß eine männ⸗ liche Geſtalt, in einen hellgrauen Reitermantel von militairiſchem Schnitt gehüllt, eine grüne pelzver⸗ brämte Jagdmütze auf dem Kopf, und hatte dem Fen⸗ ſter den Rücken zugekehrt, ſo daß es Germanos un⸗ möglich war, das Geſicht zu ſehen. Der Sitzende ſchien in eifriges Leſen vertieft; eine Oellampe warf ihren Schimmer auf viele durcheinanderliegenden Blät⸗ ter und Briefe, welche ſeine volle Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahmen, während Germanos ſich bald von dem Leſenden ab und mit ungleich größerer Neu⸗ gierde der zweiten Erſcheinung zuwandte. Dies war ein Mann, der ſtarr und regungslos wie eine Bild⸗ ſäule vor dem Tiſche ſtand, die Arme nach hinten zuſammengeſchlungen, und unverwandt jede Bewegung des Andern beobachtete. Der Jüngling wußte nicht, was er aus dieſer zweiten Figur machen ſollte, deren Geſicht eben ſo viel abſchreckende Häßlichkeit zeigte, wie die Kleidung, welche auffallend mit der des Mannes im feintuchenen Reitermantel contraſtirte, 10 Georg Volker. die äußerſte Dürftigkeit eines in Schmutz und Elend verkommenen Bettlers verrieth. Wohl eine Viertel⸗ ſtunde betrachtete Germanos die Beiden, ohne daß ſich die eben beſchriebene Gruppe verändert hätte. Der Proletarier verharrte während dieſer Zeit in ſei⸗ ner unbeweglichen Stellung, der Andere las Blatt für Blatt und ſchien über den Inhalt der Papiere Alles um ſich her zu vergeſſen; endlich hatte er das letzte Blatt durchleſen und begann nun die Papiere eines nach dem andern, in eine Mappe zu legen, wobei Germanos ihn reden hörte; er konnte jedoch ſo wenig eins ſeiner Worte verſtehen, als es ihm möglich war, das Geſicht des Unbekannten zu er⸗ blicken; doch ſchloß er aus den Bewegungen der Hand, womit Jener mehrmals auf die Papiere und die Mappe deutete, daß ſeine Rede ſich auf dieſe Ge⸗ genſtände bezog. Der Andere ſprach lange Zeit kein Wort, doch zeigte ſein ganzes Weſen eine auffallende Scheu und Unterwürfigkeit, wobei er zuweilen ſonder⸗ bare Grimaſſen ſchnitt, bald weinerlich, bald ver⸗ gnügt, ſo daß Germanos ihn zuletzt für verrückt hielt. Nach dieſem Zwiegeſpräche erhob ſich der Mann im Mantel, ballte zornig die Fauſt gegen ſeinen Ge⸗ fährten und fuhr den Zerlumpten mit harten Wor⸗ — Georg Volker. 11 ten an; dann warf er die letzten Blätter haſtig in die Mappe, ſchleuderte dieſe zornig auf den Tiſch, ſtand einige Minuten, die Hand vor die Stirn ge⸗ drückt, worauf er abermals, wenn auch leiſer, zu re⸗ den anfing, die Mappe häufig in die Hand nahm, darauf deutete, als ob er Etwas beſchreiben wolle, wobei der Andere mit größter Aufmerkſamkeit ihm zu⸗ lauſchte und mehrmals auf einzelne ſeiner Zwiſchen⸗ fragen bejahend mit dem Kopfe nickte. Zuletzt zog der Mann im Mantel eine Börſe hervor und legte einen blanken Thaler auf die Mappe, mit einer Bewegung, die deutlich ſeine Ungeduld verrieth. Kaum erblickte der Bettler das Geldſtück, als er mit einem lauten Freudenſchrei darauf losſtürzte, wobei er jedoch die Lampe umſtieß, deren Licht ſofort erloſch. Aus der Dunkelheit hörte Germanos noch die heftige Stimme des Mannes im Mantel, dazwiſchen ein wildes La⸗ chen, gleich nachher entſtand ein Geräuſch, wie wenn ein Tiſch umgeſtürzt oder eine Thüre mit Gewalt zugeſchlagen würde; ſchnell trat er von dem Fenſter hinweg in den tieferen Schatten des Zwingers, denn ſchon erſchallten Schritte, und gleich darauf eilte der Unbekannte haſtig an ihm vorüber. Germanos glaubte in ihm dieſelbe Geſtalt wieder zu erkennen, die ihm vorhin auf dem Bergweg vorangeſchritten wat. Georg Volker. Im Thurme ſelbſt aber blieb Alles ſtill und dunkel. Noch eine Weile harrte der junge Mann, und ſchritt dann zögernd durch den Bogengang, nicht ohne Vorſicht um ſich ſpähend. Er gelangte in einen freien, rings mit Ruinen umgebenen Raum, kletterte kurz entſchloſſen über ein niederes Mauerwerk und befand ſich nun in einem wohlangelegten geräu⸗ migen Hausgarten. Vor ſich ſah er im Mondſchein mehrere weißſchimmernde Gebäude mit einem großen geräumigen Hof, den eine Stacketenwand von dem Garten trennte. Die Thüre in derſelben ſtand offen, er trat in den Hof und ſah im obern Stockwerk eines geräumigen Wohnhauſes zwei erleuchtete Fen⸗ ſter. Ein großer Kettenhund ſchlug an, andere klei⸗ nere Hunde ſprangen auf dieſes Signal bellend auf den Fremdling los, Germanos rief, als ſei er des Ortes ganz ſicher, laut den Namen des Freundes zu den Fenſtern hinauf, gleich nachher öffnete ſich mit 3 hellem Geklingel die Hausthür, ein Mann erſchien mit einer brennenden Kerze auf der Treppe und leuchtete in den Hof hinunter; unſer verirrter Wan⸗ derer erkannte auf den erſten Blick ſeinen Volker. „Georg! lieber Georg!“ rief er ihm entgegen und ſtürzte in ſeine Arme. Erſt in der Umarmung. erkannte ihn Volker, und auch er fand bald in dem Georg Volker. 13 ſeligen Erſatz dieſer Sekunde für ein jahrelanges ſchmerzliches Entbehren, den theuren Namen des Freundes wieder. „Gelobt ſei Gott, es iſt Germanos!“ rief er mit freudebebender Stimme, und ſchloß den Freund ſo innig in die Arme, als hätte er in ihm ſein beſſeres Leben wiedergefunden. Bweites Capitel. Wiewohl er noch die halbe Nacht mit Georg durchplaudert hatte, war doch Germanos am folgen⸗ den Morgen ſo früh aus den Federn, daß noch ge⸗ raume Zeit verging, bevor es auf dem Grabenhof lebendig wurde. Es war heute ein Sonntag und die Geſchäfte in Haus und Feld, welche letztere ohne⸗ dies bei der frühen Jahreszeit kaum erſt begonnen hatten, ruhten noch. Germanos lag, eine Cigarre rauchend und in des Freundes warmen Pelzrock ein⸗ gehüllt, am offenen Fenſter; und wie die winterliche Morgenluft, vom ſteilen braunen Berge jenſeits her⸗ niederwehend, ihm das Antlitz beſtrich; weiter unten im Thale, dort, wo über dem noch im Eis ſtehenden Wieſengrund die erſten Strahlen des Frühgoldes von 14⁴ Georg Volker. dem körnigen Frühlingsſchnee abblitzten, dampfende Nebel am Tannenwald hinwallten und die ferne Landſchaft in eine undurchdringliche Dunſtmaſſe ein⸗ hüllten, während die Wellenlinien der blauen Berge des Odenwaldes ſich ſcharf von der klaren Morgen⸗ luft abſchnitten: da war es unſerm Jüngling ſo wohl und heimiſch zu Muthe wie lange nicht; der An⸗ blick dieſer idylliſchen Natur übte einen wunderbar friedlichen Zauber auf ihn aus, und mit wahrer Luſt betrachtete er ſich das herrliche Beſitzthum des Freun⸗ des, wo Alles ihn ſo recht lebhaft an den ſchönen ruhigen Geiſt erinnerte, der ſich hier, geſchieden von der bewegten Welt, in Mitten einſamer Berge, die⸗ ſes freundliche Aſyl erwählt und der rauhen Scholle ſeiner Felder ein Daſein ungeſtörten Friedens und geſicherten Beſitzes abgerungen hatte. Die meiſten der zur Wirthſchaft gehörenden Oekonomiegebäude waren neu und maſſiv aus rothem Sandſtein aus den Brüchen des Gebirges aufgeführt; und auch bei den älteren Gebäuden ſtach das braune Gebälk ſo freundlich gegen die weißgetünchten Wände ab, daß Alles erſt eben friſch entſtanden ſchien und das Ganze einen ungemein einladenden, gaſtlichen Anblick gewährte; das Wohnhaus ſelbſt ſtand im Hinter⸗ grund des in länglichem Quadrate angelegten Hofes Georg Volker. 15 und entſprach mit ſeinen weiten Räumlichkeiten der Größe der übrigen Beſitzung. Es war, wenn auch älter als die andern Gebäude, dennoch von Außen und im Innern ſo wohnlich und geſchmackvoll her⸗ gerichtet, daß es eher einem Edelſitze als der Behau⸗ ſung eines bürgerlichen Landwirths ähnlich ſah. Selbſt ein ſteinernes Wappen über der Thür, zu welcher eine breite, mit eiſernem Geländer verſehene und Sommers von mehreren alten Akazienbäume beſchat⸗ tete Steintreppe fuhrte, fehlte nicht; und die Krone in dem Wappen bekundete, daß der Grabenhof einſt wirklich adeliges Beſitzthum geweſen und, wie wir ſpäter ſehen werden, auch noch jetzt ein Recht hatte, an dieſem altehrwürdigen Zeichen der Heraldik feſt⸗ zuhalten. Während die unteren Räume des Hauſes Jung⸗ frau Veronika, die alte Schaffnerin Volker's, inne hatte und von hier aus ein ſtrenges Regiment über das übrige zahlreiche Geſinde der Wirthſchaft mit ebenſoviel chriſtlicher Sanftmuth als mennonitiſcher Genauigkeit führte, bewohnte der junge unbeweibte Beſitzer des Grabenhofs den obern Stock für ſich al⸗ lein, im Vollgenuß eines Glückes, das, wie Germa⸗ nos ſchon am Abend vorher richtig bemerkt hatte, durch den Werth der Einſamkeit erſt die rechte phi⸗ „ 16 Georg Volker. 6 loſophiſche Würze und Weihe erhielt. Ohne über⸗ triebenen Lurus, zeigte doch Alles in dieſen hellen Räumen von ebenſoviel Geſchmack in der Wahl und Anordnung als von reichem Beſitze; und ſelbſt eine gewiſſe alterthümliche Phyſiognomie der Zimmer bil⸗ dete nur einen äußerſt freundlichen Contraſt zu der modernen Einrichtung des Ganzen. Man ſah auf den erſten Blick, daß hier ein Geiſt eingezogen war, der an dem liebgewonnenen Alten und Ererbten gern feſt⸗ hielt, ohne darüber die Anſprüche, die Sitten und den Comfort einer vorgeſchrittenen Zeit zu vernachläſ⸗ ſigen. Alles dies hatte Germanos ſchon am geſtrigen Abend wahrgenommen und dabei im Stillen das einfache anſpruchloſe Weſen des Freundes mit der Fülle und Behaglichkeit ſeiner Umgebung verglichen. Georg war in dieſem Punkt noch immer der Alte, noch immer der mäßige und enthaltſame Menſch, der an ſich keine andere Verſchwendung kannte, als die, welche ſeinem drangvollen Innern und ſeinem nach gllen hohen und ſchönen Idealen dieſes Lebens rin⸗ genden Geiſte zu gute kam. Glück, Freude und Ue⸗ berfluß mit vollen Händen auszuſtreuen, an ſich ſelbſt aber immer zuletzt denkend, ſo hatte Germanos den Freund einſt gekannt und ſo fand er ihn jetzt wieder. Georg Volker. 17 Während der Gaſt ſich dieſen und ähnlichen Be⸗ trachtungen überließ, ward es nach und nach leben⸗ dig im Hofe. Roſſe wieherten, Stallthüren und Fenſterläden öffneten ſich, Knechte kamen ſchlaftrun⸗ ken in ihren ſchweren klappernden Holzſchuhen nach dem Röhrbrunnen in Mitten des Hofes; ſie ſahen wohl auch verwundert zu dem Unbekannten am Fen⸗ ſter empor, aber kaum, daß ſie vor lauter Scheu und Neugierde zu grüßen wagten, wie denn überhaupt bei dem Odenwälder Bauer der Weg von der Hand zur Mütze ein ſehr weiter iſt; dahingegen die Mägde, meiſt pralle kerngeſunde Dirnen, mit friſchrothen Wangen, mit ihren ſchwarzen kleinen Taffetkäppchen und den reichfaltigen dunkelblauen Röcken, ſchon viel freundlicher zu dem fremden Herrn aufſchauten, als ſie mit ihren blankgeſcheuerten Eimern zur Melke nach den Ställen gingen oder aus tannenen Mulden dem Federvieh Körner ſtreuten. Bald nachher kam Volker und war überraſcht, den Freund, den er von früherher als einen Lang⸗ ſchläfer kannte, bereits in den Kleidern zu finden. Er holte ihn zum Frühſtück ab, das Jungfrau Vero⸗ nika überreich mit allen Genüſſen des fröhlichen Landlebens, von der friſchdufteten Sahne bis zum T 2 18 Georg Volker. goldgelben Scheibenhonig, durch die ganze Scala der idylliſchen Gourmandiſe ausgeſtattet hatte. Germanos ließ es ſich trefflich ſchmecken und der gaſtfreie Wirth hatte ſeine Freude an dem Behagen, womit der verwöhnte Städter der patriarchaliſchen Koſt des Landlebens vor der vaterſtädtiſchen Küche den Vorzug gab. Denn Germanos war bei aller Geſundheit und Lebensfriſche ſeiner derben Natur doch in Angelegenheiten des Gaumens ein ſehr com⸗ petenter Richter, und mit ſo Wenigem er auch, wenn die Umſtände es geboten, vorlieb nehmen konnte, be⸗ durfte es doch nur einer Anregung, um ſeine lu⸗ culliſchen Talente zu wecken, die, wie bei allen genia⸗ len Naturen, auch bei ihm in einem ſprudelnden Humor ihre Spitze fanden. „Weißt Du noch, Georg,“ rief er heiter,„wie Du uns in Heidelberg beſtändig mit Deinen ſpartaniſchen Schwarzſuppentheorieen plagteſt und uns den barocken Grundſatz aufſtellteſt, die Kunſt des wahren Lebens⸗ genuſſes beſtände darin, den Diogenes nachzuahmen, und den Becher wegzuwerfen, da man das Waſſer mit der hohlen Hand ſchöpfen könne? Und doch trankſt Du mit uns manchen Abend mehr Bier als Du vertragen konnteſt und warſt auch dem edlen Re⸗ benſaft nicht abhold.“ 1 —— . Georg Volker. 19 „Ich halt es noch immer wie damals,“ ſagte Vol⸗ ker lachend.„Je ſichrer der Menſch im Princip der Entſagung ſeſtſitzt, um ſo unbeſorgter kann er ſich einem heitern Lebensgenuß hingeben; denn nur Der⸗ jenige genießt mit Bewußtſein, der ſeine ſinnlichen Triebe beherrſcht und ſeine Bedürfniſſe jederzeit bis aufs äußerſte Maß der Enthaltſamkeit reduciren kann.“— „Wahrlich, das heißt denn doch den Stoicismus kaltblütig bis zum raffinirteſten Epikuräismus trei⸗ ben,“ rief Germanos.„Weil Du allenfalls bei Salz und Kartoffeln vor dem Hungertode ſicher biſt, iſt Dir die Moral eiuer Trüffelpaſtete doppelt einleuchtend; Freund, Freund! Wenn Dein Weiberhaß auf denſel⸗ ben thönernen Füßen ſteht, ſo— doch ich ſagte es Dir ja ſchon geſtern Abend und finde es beſtätigt, je mehr ich mich in Deinem Hauſe umſehe, es geht und weht wie ein edler Frauengeiſt durch dieſe Ge⸗ mächer und wohin ich blicke, glaub' ich die zarte Hand, das ſinnige Gemüth zu entdecken, das Alles ſo ſchön und anmuthvoll geordnet hat und für das Erhalten beſorgt iſt. Wüßt' ich nicht, daß Dir au⸗ ßer Deiner würdigen Veronika kein anderes weibli⸗ ches Weſen an den Joſephsmantel Deiner vielbewähr⸗ ten Keuſchheit rühren darf, ich wäre verſucht, dort 2* 20 Georg Volker. hinter jener Tapetenthür ein allerliebſtes Cloſet zu vermuthen, und darin, auf weichem Divan ausge⸗ ſtreckt, die wunderſchönſte der Frauen, oder wenig⸗ ſtens eine ſchlanke kleine“— „Halt ein, Du loſer Schwätzer, und beleidige dieſe keuſchen Wände nicht mit Deinen gottloſen Reden,“ rief Volker, dem ein flüchtiges Roth die Wangen färbte, was Germanos nicht entging.„Lieber,“ fuhr er la⸗ chend fort,„wollt' ich wie Kleanth von Aſſos frei⸗ willig den Hungertod ſterben und alle Stviker des Alterthums zum Fauſtkampf herausfordern, als auch nur eine Minute Deinen falſchen Verdacht verdienen. Damit Du aber ſiehſt, wie der wahre Philoſoph aus Zeno's Schule ſich vor Deiner frivolen Anklage recht⸗ fertigt, ſo überzeuge Dich durch den Augenſchein, wel⸗ ches Geheimniß dieſe Tapetenthüre verbirgt.“ Mit dieſen Worten öffnete er die Thüre und Germanos trat in einen langen ſchmalen Saal, der ihm allerdings eine ganz andere Sorte von Lurus zeigte, als er vorhin vermuthet hatte. Es war Vol⸗ kers auserleſene Bibliothek, die hier nach den einzel⸗ nen Zweigen der Literatur in Glasſchränken von hell⸗ polirtem Eichenholz aufgeſtellt war, in einer ebenſo reichen als gediegenen Sammlung die Claſſiker faſt Georg Volker. 21 aller Nationen enthielt und insbeſondere in dem hi⸗ ſtoriſchen Gebiete faſt keine Lücke bot. Germanos erſtaunte über den Reichthum an treff⸗ lichen Büchern alter und neuer Zeit, ſowie über die muſterhafte Ordnung, die in dieſem den ſtillen Stu⸗ dien geweihten Raume herrſchte. Die Wände wa⸗ ren mit den Büſten berühmter Schriftſteller geſchmückt, die gleich ſtillen Penaten des Hauſes niederſahen, und mit wohlbekannten Zügen den Gaſt Desjenigen grüßten, der ſie hier um ſich verſammelt hatte. Germanos ſagte: „Nun bleib' ich noch einmal ſo gern bei Dir, ſo lange Du mich haben willſt; denn nun erſt begreif' ich, wie man ein halbes Decennium zwiſchen Bau⸗ ern und Kühen dahin leben und doch ein Menſch bleiben kann.“ „Kühe geben Milch und ich ſelbſt bin ein Bauer,“ ſagte Georg mit der ihm eignen gutmüthigen Laune. „Was übrigens dieſe Bücher anbelangt, ſo wären ſie nur ein halber Troſt für mich ohne die andern Hülfs⸗ mittel, die mir die Einſamkeit angenehm machen. So wie ich bin und mir mein Leben vorgezeichnet habe, bedarf ich mehr als Bücher, und betrachte dieſen Saal mehr als die Einſamkeit in der Einſam⸗ keit, wohin ich mich flüchte, wenn es bei Kühen 22 Georg Volker. und Bauern nichts mehr für mich zu thun giebt; denn dort iſt meine Arbeit, hier nur meine Ruhe und Erholung.“ „O Freund, wie athme ich wieder frei auf!“ rief Germanos bewegt.„Ja, es war ein guter Geiſt, der mir's eingab, zu Dir in dieſe Berge zu flüchten, um mich wieder in Deutſchland wohl und heimiſch zu fühlen. Keine acht Tage mehr hätt' ich's in Frankfurt ausgehalten und wäre wieder auf und da⸗ von gezogen, um in der Fremde, bei Engländern, Amerikanern oder Chineſen zu vergeſſen, daß ich ein Deutſcher bin! Früher, auf meinen Reiſen, hatte ich mir manchmal eingebildet, Heimweh zu haben; aber das rechte Heimweh, das Weh an der Hei⸗ math, empfand ich doch erſt, als ich wieder nach Deutſchland zurückgekehrt war, und nun Zeit und Muße hatte, es mit der Fremde zu vergleichen. Ich kann Dir's gar nicht beſchreiben, Georg, wie der bleierne Druck, der auf allen deutſchen Verhältniſſen laſtet, mir ſchon nach einer Woche ſo unerträglich wurde, daß mich oft eine wahre Angſt befiel, ich möchte mich eines Tages an dieſe ſchwüle ſervile Polizeiluft gewöhnen können, ſo gut wie die An⸗ dern, und meinen bis dahin frei erhaltenen Geiſt allen dieſen widerwärtigen und ängſtlichen Eindrücken Georg Volker. 23 erliegen ſehen. Frankfurt gar, dieſes vielgerühmte freie Babel mit den hohlwangigen Diplomatengeſich⸗ tern und ſeiner geldgierigen Hebräerſchaft, war mir vollends unerträglich, die tödtlichſte Langeweile befiel mich in dem alten einſamen Vaterhaus und meine einzige Zerſtreung beſtand darin, mich in den weiten düſtren Gemächern mit den Erinnerungen meiner dort verlebten Kindheit zu beſchäftigen; von den frühern Jugendbekannten fand ich keinen mehr genießbar, alle hatten die Schlafmütze des Philiſteriums über die Ohren gezogen, rechneten und feilſchten wie die Alten, oder vergeudeten das väterliche Erbe in maß⸗ loſer wüſter Verſchwendung; kurz, ohne den Gedan⸗ ken an Dich wäre ich wieder fortgezogen mit dem erſten Frühlingsſtrahl, weit, weit fort, vielleicht über's Meer, auf Nimmerwiederſehen!“ Georg hatte dem Freunde verwundert zugehört und erwiederte: „Seit mehreren Jahren bin ich nicht aus dem Odenwald herausgekommen, ſo wenig bekümmerte ich mich um das Treiben der Menſchen außerhalb unſe⸗ rer Berge; doch aber begreif' ich nicht recht, daß es wirklich ſo ſchlimm in Deutſchland ausſehen ſollte, daß Du dem Auslande ſo große Vorzüge zugeſtehſt. Es iſt gewiß nur der unruhige Geiſt in Dir und 24⁴ Georg Volker. der zur Gewohnheit gewordene Wechſel der äußern Umgebung, was Dir die deutſchen Verhältniſſe in ſo wenig roſigem Lichte erſcheinen läßt. Darum fürcht' ich auch beinahe, Du werdeſt es hier noch weniger aushalten als in der Vaterſtadt, hier, wo zwar keine Diplomaten und keine Polizei Dich beläſtigen, dafür aber um ſo mehr Gelegenheit für einen jungen Welt⸗ ſtürmer vorhanden iſt, ſich gründlich zu ennuyiren und bald das Leben unter deutſchen Kühen und Bauern herzlich ſatt zu kriegen. Ich bin wirklich verlangend zu wiſſen, wie lange Dich der Grabenhof für das übrige deutſche Vaterland ſchadlos halten wird.“ „Laß es auf eine Probe ankommen,“ ſagte Ger⸗ manos.„Du wirſt bald ſehen, daß ich mich in Dei⸗ nem glücklichen Thale heimiſcher fühle, als irgend ſonſt wo in der Welt. Frieden und Ruhe und einen Freund wie meinen Volker, mehr verlange auch ich nicht und brauche nicht mehr, um wieder mit mir und meinem Leben in Ordnung zu kommen. Ach, Du glaubſt nicht, wie ſatt ich es bin, dieſes Daſein ohne rechten Zweck und rechtes Ziel, dieſes thaten⸗ loſe Umherſchweifen aus einem Land in's andere, dieſer beſtändige Wechſel neuer Eindrücke und Erſchei⸗ nungen, bei dem ſich, was das Allerſchlimmſte, zu⸗ ——— Georg Volker. 25 letzt eine Monotonie der Seele einſtellt, in der Einem Alles, was man auch dagegen vornimmt, nur zu neuem Ueberdruß führt. Ich habe nun ſo viel ge⸗ ſehen und erlebt, und doch fehlt mir bis zu dieſem Augenblick das Beſte, das Einzige, was den wahren Menſchen befriedigt: ein Reſultat meines Geiſtes, irgend Etwas, wobei ich einen Nutzen ſehe für mich und Andere. Nenne mich meinethalben lebensmüde, weltmüde, europamüde— es iſt doch nicht das rechte Wort für das Gefühl, das mich manchmal beſchleicht, wenn ein reicher Vorſatz, ein großer Entſchluß in meiner Seele aufdämmert und ich nun, ach immer vergebens, ringe und ſtrebe, ihn wirklich auszuführen. Du haſt mich ſonſt immer ſtolz genannt, Georg, aber heute wirſt Du mir Abbitte thun und mir rathen, wie ich es anfangen ſoll, um aus einem eingebilde⸗ ten Titanen ein tüchtiger Mann zu werden.“ Georg legte die Hand auf des Freundes Schul⸗ ter, ſah ihn eine Zeitlang ernſt an und ſagte dann mit Nachdruck: „Dazu ſoll Rath werden, Germanos. Verſuch' es einmal, auf meine Art zu leben und zu ſtreben, und ich bürge Dir beinahe zum Voraus dafür, daß Du bald mit Dir und der Welt zufriedener ſein wirſt als dies ſeither der Fall geweſen iſt. Es kommt vor 26 Georg Volker. Allem nur darauf an, daß Du die üble Gewohnheit ablegſt, den Sturm und Drang Deines Geiſtes zum Maßſtab Deiner Thaten zu nehmen. Nichts miß⸗ glückt leichter wie das, worauf wir uns mit dem Uebermaß unſrer Begierden und Teidenſchaften wer⸗ fen, als wenn man dadurch den Heißhunger ſtillen könnte, daß man den Acker aufgiebt, weil er uns nicht gleich das reife Korn in die Scheune liefert. Nenne das immerhin Bauernweisheit, ich ſage Dir der Bauer iſt ein kluger Menſch; er erntet nicht vor dem Säen, und wenn das Feld in vollen Aeh⸗ ren rauſcht, ſo hadert er nicht mit Gott, daß es ihn zuvor ſauren Schweiß gekoſtet hat.“ Nach dieſem Geſpräche verließen die Freunde die Bibliothek, um die Oekonomie in Augenſchein zu nehmen, beſonders die Pferde, von denen Ger⸗ manos ein großer Liebhaber war. Zugleich er⸗ innerte Dieſer Georg an das, was er ihm bereits geſtern Abend flüchtig von den beiden Männern im Thurme mitgetheilt hatte, und bat ihn, ihm die Ruine zu zeigen. „Noch iſt mir Deine Erzählung ein Räthſel,“ ſagte Volker.„Ich habe bereits meine Leute vorge⸗ nommen, allein Keiner will geſtern Abend zur bezeich⸗ neten Stunde bei dem Narren in der Ruine geweſen Georg Volker. 27 ſein. Auch hat Niemand ſonſt den Unbekannten ge⸗ ſehen und Alle ſchüttelten ungläubig den Kopf, als ich ihnen Deine Entdeckung mittheilte.“ „Mich verlangt zumeiſt nach der Bekanntſchaft des Mattelhans,“ erwiederte Germanos.„Seit ich in der Odyſſee den göttlichen Sauhirten liebgewon⸗ nen, hatten Leute dieſes edlen Metiers immer ein ganz beſonderes Intereſſe für nich und nun gar ein Schweinhirt, der närriſch iſt und in einem alten Ritterthurme hauſt, der muß nothwendig etwas Apar⸗ tes an ſich haben.“ „Er mag allerdings ein Stück von jenem böſen Geiſte mit bekommen haben, als derſelbe, wie die Bi⸗ bel erzählt, in die Säue fuhr,“ meinte Volker. Je⸗ denfalls wollen wir den Burſchen näher ins Auge faſſen, und beobachten, was er vor hat. Getraut hab'ich ihm niemals recht; denn ſein Blödſinn wech⸗ ſelt oft wunderbar ſchnell mit der raffinirteſten Ver⸗ ſchmitztheit, und ich könnte Dir Streiche von ihm er⸗ zählen, wobei er ſich klüger benahm als alle die klu— gen Leute, die ihn für einen unſchuldigen Narren hielten.“ Sie gingen hierauf Arm in Arm zuerſt durch die Ställe, in denen die rothbraunen Rinder, die fetten Maſtochſen und die glänzenden Kühe ſo wenig durch 28 Georg Volker. den harten Winter gelitten hatten, daß ſie erſt eben von der grünen Waldtrift gekommen ſchienen: ſo friſch und geſund war das Ausſehen dieſer brummenden gehörnten Partiſanen von Volker's ländlichem Hof⸗ ſtaat. Dazu herrſchte allenthalben dieſelbe muſter⸗ hafte Ordnung und helle Reinlichkeit, wie im übrigen Hofe, und nur hier und da zeigte ein großes Spin⸗ nengewebe in den Ecken, daß dem alten Bauernglau⸗ ben vom Glück der heilbringenden Kreuzſpinne, die das Vieh vor Seuchen und dem Einfluß böſer Gei⸗ ſter bewahrt, auch noch auf dem Grabenhof Rech⸗ nung getragen wurde. Auch der Knechte freundliches und zutrauliches Weſen, als ſie ihren jungen Guts⸗ herrn mit ſeinem Gaſt daher kommen ſahen, ließ Germanos den erſten ungünſtigen Eindruck ihrer bäuriſchen Außenſeite vergeſſen, und ihre offnen Blicke, ihre treuherzigen Antworten nahmen ihn bald für dieſe Söhne der rauhen Berge ein. Volker redete zu Jedem ein paar freundliche Worte, beurlaubte den Einen bis zum Abendgeläute, gab dem Andern eine Beſtellung, ordnete Dies und Jenes an und zeigte ſich in Allem ebenſowohl als umſichtigen Landwirth, wie als gütigen Brotherrn. Im Pferdeſtall ſtanden ſechs herrliche Zug⸗Rappen, die Volker auf das Gut hielt, und außerdem zwei ſchöne Reitpferde von edler Georg Volker. 29 Race, denen ihr Beſitzer großes Lob ſpendete. Dann zeigte er dem Freunde die nach den neueſten Erfin⸗ dungen eingerichtete Brennerei und das geräumige Brauhaus, wobei er ihm den Zweck der verſchiedenen Apparate erklärte. Scheunen, Fruchtböden, Keller, Alles wurde in Augenſchein genommen, und Germa⸗ nos erſtaunte über den Segen des reichen Hauſes, wobei er nur ein über's andere Mal ausrief:„Aber die Frau, wo bleibt die Frau?“ Zuletzt als er ſich über dieſen Mangel in der Wirthſchaft gar nicht beruhigen wollte, erwiederte Georg lachend: „Du weißt's ja von früher, daß ich immer in einem Ding eine Ausnahme von der Regel machen mußte. Heirathen und mit einer treuen Ehefrau eine ordentliche Wirthſchaft führen, kann ein Jeder; aber ſo wie ich, ſein Hausweſen im Junggeſellenſtand erhalten und noch dazu weit und breit alle ſchönen heirathsfähigen Töchter des Landes in der Hoffnung laſſen, daß es doch Einer von den Vielen am Ende gelingen müſſe, den ſpröden Weiberhaſſer zu beſiegen, das iſt ſchon eine andere Sache.“ „Ich hätte Dich wirklich nicht für ſo eitel gehal⸗ ten,“ verſetzte Germanos. „Du nenneſt es vielleicht beim rechten Namen,“ 30 Georg Volker. meinte Volker.„Wenigſtens mag ich mir nicht den⸗ ken, daß ein Weib mich glücklicher machen könnte, als kein Weib. Und dann,“ fügte er ernſter hinzu, „möcht' es immerhin noch die Frage ſein, ob ich ſelbſt im Stand wäre, ein edles Weib ſo glücklich zu ma⸗ chen, wie ſie es um ihrer ſelbſt willen verdient. Das iſt ein kitzlicher Punkt, über den wir einmal gelegent⸗ lich weiter reden wollen.“ Während dieſes Geſpräches waren ſie durch eine Hinterthür auf den ſogenannten Anger getreten, ein ſchmaler Graspfad, der zwiſchen dem Graben und den Gebäuden hinlief bis zu der Ruine im Hinter⸗ grund des Hofes, durch welche Germanos am geſtri⸗ gen Abend den Weg zu dem Grabenhof gefunden hatte, da ihm die Dunkelheit nicht erlaubte, den Haupteingang, eine gewölbte ſteinerne Brücke auf der ſüdlichen Seite, zu entdecken. „Wir ſtehen hier auf hiſtoriſchem Boden,“ ſagte Georg, als ſie zu der Stelle gelangten, wo der Weg ſteiniger wurde und man unter Erdhügeln die Spu⸗ ren alter Fundamente und Mauerreſte gewahrte. Du mußt nämlich wiſſen,“ fuhr er fort,„daß hier einſt eine feſte Ritterburg ſtand, der Sitz der ehemaligen Herren von Altenburg, ein längſt ausgeſtorbenes Ge⸗ ſchlecht, von dem ſich in Urkunden und Chroniken Georg Volker. 34 des Landes noch viele Nachrichten erhalten haben. Der Grabenhof ſelbſt iſt nur das ſpätere Anhängſel der Altenburg und erſtand zum Theil aus den Trüm⸗ mern der Ruine, von der wir noch einige Bauwerke erhalten ſehen. Die Zerſtörung der Burg ſelbſt fällt in das letzte Jahr des dreißigjährigen Krieges, wo ſie von den Schweden gegen baieriſche Völker, die damals unter einem Grafen Pappenheim den Oden⸗ wald furchtbar heimſuchten, ſo lange und tapfer ge⸗ halten wurde, daß bei der Uebergabe kaum noch ein Stein auf dem andern ſaß. Wie die Sage geht, haben die Schweden ihren bei der Vertheidigung ge⸗ fallenen Hauptmann, einen Grafen Holm, in einem der unterirdiſchen Gewölbe begraben, das ſie dann zumauerten, damit der Feind nach ihrem Abzug nicht noch Rache und Unthat an der edlen Leiche üben möge. Auch ſpukt der Graf Holm noch häufig hier herum, entſteigt Nachts in voller Kriegsrüſtung ſei⸗ ner unbekannten Gruft, nach der ſchon mein ſeliger Vater vergebens Nachforſchungen anſtellte, und wan⸗ delt im Mondſchein mit rabenſchwarzem Helmbuſch und blauem Stahlharniſch durch die Ruine. Im⸗ mer wär's möglich, daß er geſtern Abend dem Mat⸗ telhans einen Beſuch abgeſtattet hätte; denn Narren 32 Georg Volker. und Geſpenſter haben ſich ja von jeher gut mit ein⸗ ander vertragen.“ Germanos meinte tagthen⸗ Geſpenſter befaßten ſich nicht ſo eifrig mit Geſchriebenem, was Volker ihm zugab und beifügte: „Je länger ich der Sache nachdenke, um ſo un⸗ erklärlicher, aber auch um ſo verdächtiger wird ſie mir. Wer ſoll mit unſtem menſchenſcheuen„Burg⸗ vogt,“ wie meine Lrute den Sauhirten nennen, ſo vertraulichen Umgang pflegen und ſeine liebenswür⸗ dige Nähe ſo eifrig ſuchen, daß er dazu die Dunkel⸗ Geld und Alles, was nach Gold blinkt, wie ein Rabe; und ſo oft ihm Jemand eine Münze ſchenkt, iſt er wie fanatiſirt von dem Dämon des Geizes, der ihn beherrſcht. Das muß auch jener Unbekannte gewußt haben, der ihm, wie Du ja mit eignen Au⸗ gen geſehen, einen Thaler ſchenkte. Aber für wel⸗ chen Dienſt und in welcher Abſicht? Wer kann von einem Narren mehr begehren als Narrheit?“ Die Freunde traten in den uns bereits bekannten Zwinger, und Germanos erkannte ſogleich das Fen⸗ ſter wieder, durch welches er am geſtrigen Abend die peiden Männer im Thurme belauſcht hatte. Aber heit der Nacht wählt? Allerdings liebt der Narr vergebens rief Georg nach Mattelhans, ſeine Klauſe 4 *— Georg Volker. 33 war leer und auch in dem übrigen Theile der Ruine wollte ſich nirgends der Gerufene entdecken laſſen. Volker hieß den Rath des Freundes gut, den Mattelhans ſowohl wie die ganze Localität ſorgfältig zu beobachten und zum Ueberfluß an den nächſten Abenden vertraute Leute im Bezirk der Ruine zu verbergen, um den Unbekannten, falls er zurückkehren ſollte, zu entdecken und ſo hinter das Geheimniß die⸗ ſer ſonderbaren Zuſammenkünfte zu kommen. Prittes Capitel. Je mehr ſich Germanos im Verlaufe des Mor⸗ gens in der Umgebung des Hofes, auf welchem es heute wegen des Kirchgangs der meiſten Leute nach dem nahgelegenen Pfarrdorfe ungewöhnlich ſtill war, umſah, um ſo reizender erſchien ihm, trotz des win⸗ terlichen Colorits der Natur, dieſer ländliche Aufent⸗ halt, und unwillkürlich mußte er dabei an den Freund denken, deſſen ganzes Weſen ſo vollkommen zu der Heimath ſtimmte. Ja Germanos kam bald von dem Eindruck, de dieſe romantiſche Gegend auf ihn ſelbſt 3 34 Georg Volker. ausübte, auf die Zeit ſeiner erſten Bekanntſchaft mit Volker zurück, und fand in Vielem, was ihm jetzt ſelber neu und fremd entgegentrat, den Schlüſſel zu manchem Räthſel in Georg's früherem Weſen. Er erklärte ſich nun deſſen Liebe zur Einſamkeit, jene Neigung, die den Freund ſo oft aus dem lauten fröhlichen Burſchenleben in die Stille von Wäldern und Wildniſſen gezogen, und warum Jener ſich eigent⸗ lich niemals mit dem Treiben der übrigen Studenten hatte befreunden können, ſo daß er Vielen als Träu⸗ mer und Sonderling erſchien: ein Urtheil, das noch obendrein durch Georg's angeborene Schüchternheit und eine gewiſſe ſchwerfällige Haltung an Begrün⸗ dung gewann. Aber nicht allein der Freund von damals erſchien ihm, nun deſſen Heimath vor ihm lag, in vielen Zügen und Eigenthümlichkeiten ſeines Weſens deut⸗ licher, auch der Volker, wie er ihn jetzt nach mehr⸗ jähriger Trennung wiederfand, erklärte ſich ihm; und jene geheimnißvollen Hieroglyphen, mit welchen ſich die Natur in jedem fühlenden Menſchen ihr Anrecht auf deſſen Empfindungen und Anſchauungen ſchreibt, ließen Germanos tief in des Freundes Seele leſen. In rauhen Bergen dieſes freundliche Thal, das ge⸗ wiß nur der belebenden Frühlingsſonne bedurfte, um Georg Volker. 35 ſich in Paradieſesluſt zu kleiden, war es nicht das treue Bild von des Freundes ſchönem Gemüth, das ja auch eine ernſte, faſt allzuernſte Außenſeite um⸗ kleidete? Und dieſe Tannengründe, ſahen ſie Einem nicht wie die Schweigſamkeit ſelber mit dunklen Au⸗ gen in die Seele, während der Grabenhof ſelbſt, ſo freundlich auch ſein Inneres, doch von Außen nur düſtre, alterthümliche Mauern zeigte, mehr wie zur Abwehr als zur Einladung auf gaſtliche Stätte be⸗ ſtimmt. Es gewährte Germanos einen eigenen Reiz, ſich ſo mit ſeinem ganzen Gefühl für den wiedergefunde⸗ nen Freund in deſſen äußere Umgebung hineinzuleben, und, indem er den Eindruck, den dieſe wilde roman⸗ tiſche Bergnatur auf ihn ſelbſt hervorrief, in Volker's Jugendleben hineindichtete, ſich gleichſam deſſen ganze frühere Vergangenheit zu vergegenwärtigen. Ihm ſelbſt war bei ſeinen großen Reiſen in fremden Län⸗ dern die weite Welt oft ſo enge erſchienen, und ver⸗ gebens hatte er jenen Zuſtand innerer und äußerer Befriedigung zu gewinnen geſucht, den ihm Volker's Briefe oft in ſo beredten Zügen ſchilderten; dieſes Daſein der Beſchränkung und Beſtändigkeit auf we⸗ nigen Hufen Landes. Nun ſtand er ſelbſt darin, und wie er ſich mehr und mehr in dieſem Zuſtande 36 Georg Volker. eines in ſich begränzten Lebens zurechtfand, ward ihm die Welt größer und freier, und mit erweiterter Bruſt gewann er die ſichere Empfindung, daß Georg wohl daran gethan, ſich bei Zeiten mit dem Leben draußen abzufinden, ſo weit es eben nicht zum eignen Inneleben ſtimmte. „O Sommer, komm' und erwecke mir vollends dieſe herrliche Schöpfung, in der auch ich von nun an mit hellen Augen wandeln will!“ rief er mit über⸗ ſtrömendem Gefühl.„Es iſt Alles ſchön und gut, wenn nur der Menſch erſt einmal zu der Erkennt⸗ niß kommt, daß das wahre Glück in ihm und nur das falſche außer ihm liegt. Hier will ich bleiben und mich ſchämen, daß ich ſo lange auf des Lebens ſtaubiger Heerſtraße jene hehre Göttin ſuchte, die doch immer nur im heiligen Haine wohnt. Frei⸗ heit, hier wehſt du mich an, hier will ich dir Tem⸗ pel bauen!“ Aber noch blieb es, trotz des lenzenden Lebens in des Jünglings Bruſt, kalt und winterlich um den Grabenhof; der Eichenkamp am Fuß des ſteilen Berggeländes, in das die Gewäſſer tiefe braune Furchen geriſſen, ſtand unbelaubt, und nur krächzende Raben ſaßen auf den höchſten kahlen Zweigen, blähten ſich dick auf in der wenig wärmenden Sonne Georg Volker. 37 und harrten des Augenblicks, wo ſie ohne Gefahr in den menſchenleeren Hof fliegen und vor den Ställen Nahrung ſuchen konnten. Aber ſchon ver— räth die Scheu der ſchwarzen Vögel, daß ihnen mit dem Gefühl der Frühlingsnähe auch die angeborne Wildheit wieder zurückkehrt; nur wenig Wochen, und ſie fliegen wieder den einſamen Wäldern zu, in de⸗ ren grünen Wipfeln ſie vor der Menſchen Verfolgung ſicher ſind. Noch höher den Berg hinan, dort wo aus dunklen Fichtengruppen die grauen Felſen her⸗ vorſtarren, mag wohl in freundlicher Jahreszeit das Auge einen köſtlichen Fernblick in das herrliche Thal genießen, an deſſen einem Ende, noch halb in den Waldungen verſteckt, der Grabenhof liegt, während dort, wo der ſchmale Wieſengrund in Hainwaldbuch⸗ ten ausläuft und die neue Kunſtſtraße um den vor⸗ ſpringenden Berg biegt, die erſten Häuſer des Dor⸗ fes erſcheinen, das der Berg verdeckt, bis weiter hin⸗ an die Kirchthurmſpitze ſichtbar wird, deren goldenes Kreuz weithin im Sonnenſchein leuchtet; hinter die⸗ ſem Berge erhebt ſich dann ein zweiter Berg mit al⸗ ten Eichwaldungen bedeckt, in deſſen halber Höhe das im Renaiſſanceſtyl erbaute gräfliche Schloß mit ſeiner prächtigen Fagade feenartig hervortritt und weithin die architektoniſche Zierde dieſer wildromanti⸗ 38 Georg Volker. ſchen Gegend bildet. Es iſt die Reſidenz des regie⸗ renden Grafen von Nellenburg, des Standesherrn der Grafſchaft gleichen Namens. Faſt will uns das ſtattliche Schloß mit ſeiner ſtrahlenden Pracht allzu⸗ ſtattlich erſcheinen für den Sitz eines kleinen media⸗ tiſirten Grafen, dem ein einziger Federzug des mächti⸗ gen Corſen einſt ſeine Souverainetät zerſtören konnte. Das Schloß, aus rothem Sandſtein erbaut, wurde erſt unter dem Großvater des jetzt regierenden Herrn vollendet, und die Arkaden mit ihren marmornen Säulenreihen ſcheinen ſelbſt noch neuern Urſprungs, ebenſo wie die blendendweißen Terraſſen im Vorder⸗ grund des engliſchen Gartens zur Seite des Schloſſes. Doch die Zeit, um die Herrlichkeit dieſer reizen⸗ den Gebirgslandſchaft zu ſchildern, iſt noch nicht ge⸗ kommen; denn noch fehlen ihr die goldnen Farben des Frühlings, die weichſonnigen Tinten in Wolken und auf Höhen, die Himmelsbläue und des Grüns reiche Schattirungen. Alles hat noch ein rauhwin⸗ terliches, einförmiges Ausſehen; nur das düſter Ro⸗ mantiſche des Odenwaldes tritt ſchon jetzt in ſeinem eigenthümlichen Charakter hervor: dunkle Tannen⸗ gründe, gewaltige Felsgruppen, ſchattenhafte Moore mit wallenden Nebelflören. Aber noch entbehrt die Natur des Lichtes lebendiger Töne, und man glaubt Georg Volker. 39 es ordentlich dieſer rauhen Schöpfung anzuſehen, wie mühſam ſich ihr Leben dem ſtarren Bann des Win⸗ ters entringt. So wollen wir denn mit Germanos abwarten, bis das Lerchenlied als Gebet der erwachten Erde in den Wolken wiederklingt, die blauen Bergeshöhen ihre Frühlingslichter anzünden und ein heiterer Him⸗ mel den Kindern ſeiner Erde wieder lächelt. Dann ſchildern wir wohl einmal dem Leſer dieſen wenig gekannten Theil des an romantiſchen Schönheiten ſo reichen Odenwaldes, der uns in einem ſeiner ſtillſten Thäler zum Schauplatze der nachfolgenden Begeben⸗ heiten dienen ſoll. Germanos war gegen Mittag in den Grabenhof zurückgekehrt und fand Georg, welcher mit einem Verwalter die Wirthſchaftsrechnungen der vergange⸗ nen Woche durchgeſehen und zum Abſchluß gebracht hatte, im Begriff, das Geſchäft zu beenden. Er hatte nur noch Einiges in ſeine Bücher einzutragen und nahm deshalb den Freund mit hinauf in ſein Arbeitszimmer;„denn,“ ſagte er heiter,„auch das ge⸗ hört zur rechten Thätigkeit, daß man Alles, was man zu thun hat, gleich thut und nicht wartet, bis die neue Pflicht die alte verdrängt; aber dann gehör' ich Dir auch ganz an, und den Nachmittag verwenden 40⁰ Georg Volker. wir zu einem Beſuche bei der gräflichen Familie; Du mußt vor Allem die Leute dort kennen lernen, denn ſie bilden die Spitze unſter geſellſchaftlichen Zuſtände, und Du beurtheilſt den Bauer nur recht, wenn Du ſeinen Herrn kennſt. Auch iſt die Gräfin eine gebildete Dame und intereſſirt ſich beſonders leb⸗ haft für weit gereiſte Leute. Erzähle ihr nur recht viel von Paris; unter uns geſagt, ſie hat ſchon her⸗ geſchickt, um uns zum Thee einzuladen, da ſie be⸗ reits von Deiner Ankunft Kenntniß hatte.“ „Das iſt unmöglich!“ rief Germanos verwundert. „Ich bin ja kaum ein paar Stunden hier.“ „Pah, das verſtehſt Du nicht,“ verſetzte Volker la⸗ chend.„Unſerer gnädigen Frau Neugierde entgeht nichts, und weil es nun einmal zum guten Ton der hohen Ariſtokratie gehört, ſich um Alles zu beküm⸗ mern, ſo weiß die Gräfin auch genau Alles, was ſich innerhalb der Marken ihrer Grafſchaft ereignet. Sie iſt ſo neugierig als intriguant, und die Sucht, ſich in Alles zu miſchen, überſteigt bei ihr jeden Be⸗ griff. Sie möchte jedes Ding in ſein Gegentheil verkehren und dabei beſitzt ſie ein ſo merkwürdiges Talent, ſich den Leuten, auf die ſie's abgeſehen hat, nützlich und zuvorkommend zu erweiſen, daß oft noch mehr Undankbarkeit als Klugheit dazu gehört, ſich Georg Volker. 1¹ vor ihren feinen Schlingen zu huͤten. Sie iſt ein liſtiges verſchlagenes Weib, das ſich in allen Intri⸗ guen gefällt, die ihre Phantaſie beſchäftigen und ihr die Langeweile erträglich machen. Dennoch aber mußt Du mit mir hingehen, wär' es auch nur“— „Um das zweite Mal wegzubleiben,“ fiel ihm Ger⸗ manos in's Wort.„Einmal mag's geſchehen, ob⸗ gleich das Bild, welches Du mir da von der Gräfin entwirfſt, mich keineswegs nach ihrer Bekanntſchaft verlangen macht. Mir iſt nichts mehr in den Tod zuwider, als dieſe hohle deutſche Ariſtokratie, deren faſt einzige Lebensaufgabe zu ſein ſcheint, die großen Verhältniſſe der Welt in ihren engen Kaſtengeiſt zu⸗ ſammenzudrücken, und ſich an den erbärmlichſten Standesvorurtheilen für die Nichtigkeit ihres Daſeins zu entſchädigen. Ich habe mir das Schloß Eures erlauchten Herrn aus der Ferne betrachtet; aber ich muß geſtehen, daß es einen ſehr widerlichen Contraſt zu der Armuth der übrigen Gegend bildet.“ „Du ſollſt im Grund auch nur Eugenien ſehen, der Gräfin Couſine,“ verſetzte Georg.„Willſt Du dann das Schloß künftig meiden, ſo ſteht dies bei Dir.“ Lachend rief Germanos: „Sie iſt genial und blond, ſagteſt Du? Gut, ich gehe mit und opfre Amor die ſchönſte Locke meines 42 Georg Volker. kaſtanienbraunen Haares, wenn dieſe geniale Blon⸗ dine im Stande iſt, mich mit der übrigen Sippſchaft zu verſöhnen.“ „Es fürchte die Götter das Menſchengeſchlecht,“ ſagte Volker mit aufgehobenem Finger, im Tone je⸗ ner ernſten JIronie, die den Titanenübermuth des Braunlockigen ſchon ſo manchmal aus den Wolken ſeiner Einbildung herabgeſtürzt hatte; dann ging er in das anſtoßende Zimmer zu dem Secretair, um noch einige Poſten in den Rechnungsbüchern nachzuſehen. Aber ſchon nach wenigen Minuten kehrte er zurück, blaß und mit Zeichen der größten Beſtürzung in der Miene. In der Hand hielt er eine rothe Mappe, auf die er deutete und mit bebender Stimme ausrief: „Da ſieh; das iſt zwiſchen geſtern und heute ge⸗ ſchehen!“ Germanos bat um nähere Aufklärung. „Wenn's nicht ein Werk des Teufels iſt, ſo muß eine Diebeshand dabei im Spiele geweſen ſein,“ rief Volker.„War's nicht dieſe Mappe, die Du geſtern im Thurme beim Mattelhans ſahſt?“ „Wahrlich!“ rief Germanos, der noch immer nicht begriff, was den Freund in dieſe äußerſte Beſtürzung verſetzte.„Ich glaube, es iſt dieſelbe Mappe! Und hier friſche Oelflecken und Brandſpuren.“ Georg Volker. 43 Georg öffnete mit zitternder Hand die Mappe und nahm ihren Inhalt heraus, der aus vielen Pa⸗ pieren beſtand; theils waren es alte Briefe mit ver⸗ gilbten Schriftzügen, theils mehrere kleine Hefte, mit einer feinen, äußerſt zierlichen Handſchrift beſchrieben. Volker rief nach einer kurzen Prüfung der Blätter: „Nein, es iſt kein Zweifel— dieſe Briefe, das Theuerſte, was ich von meinem Vater beſitze, und von deren Daſein außer mir nur Gott Kenntniß hatte,— müſſen in einer fremden Hand geweſen ſein! Vorgeſtern noch ordnete ich ſie ſorgfältig, ſchloß ſie dann in den Pult, und heute ſehe ich an der Verwirrung, daß Jemand ſie geleſen hat, denn ſie liegen alle durcheinander— ha, wenn meine Ah⸗ nung—!“ „Welche Ahnung? Was meinſt Du?“ fragte Ger⸗ manos, begierig, über die heftige Bewegung des Freundes einen Aufſchluß zu bekommen. „Still, ſtill, davon darf ich nicht reden,“ erwiederte Georg abwehrend, mit mühſam errungener Faſſung. „Und dann, welches Intereſſe ſollten dieſe Briefe längſt verſtorbener Perſonen für einen Dritten haben? Wer ſollte es wagen, für nichts und wieder nichts in mein innerſtes Heiligthum zu dringen, und in ſo verwegener Weiſe daſſelbe anzutaſten? Wen außer * 44 Georg Volker. mir kümmern dieſe welken Frühlingsblätter eines früh entſchwundenen Liebestraumes? Nein, nein, das iſt's nicht, das kann es nicht ſein— Neugierde, bloße Neugierde wagt nicht ſo Vermeſſenes!“ Germanos erinnerte ſich nicht, den ſonſt ſo ruhi⸗ gen feſten Freund je zuvor ſo erſchüttert geſehen zu haben, und mit Recht ſchloß er daraus, daß die Hand, welche an dieſes Heiligthum Volker's gerührt, zugleich tief in deſſen geheimſte Seele gegriffen ha⸗ ben mußte. Ihm ſelbſt blieb freilich das Ganze ebenſo dunkel wie dem Freund, und vergebens be⸗ mühte er ſich, durch dieſe und jene Muthmaßung die Sache aufzuklären. Sie war und blieb Beiden ein Räthſel; nur daß der Narr die Hand dabei im Spiele gehabt, war aller Wahrſcheinlichkeit nach mit Be⸗ ſtimmtheit anzunehmen. „Eins begreif' ich nicht,“ ſagte Germanos kopf⸗ ſchüttelnd;„wer den Narren von der Exiſtenz dieſer Briefe in Kenntniß ſetzte? Da liegen ja in Deinem Seeretair noch Hunderte von Briefen und Papieren, wer alſo leitete ſeine Hand, daß er gerade nach die⸗ ſen Dir ſo theuren Blättern greift—?“ „Wer— wer— wer!“ rief Volker in heftiger Aufregung und lief, die Hände vor die Stirne ge⸗ preßt, ganz außer Faſſung im Zimmer auf und ab. Georg Volker. 45 „Das iſt's ja gerade, was mich um den Verſtand bringen will; denn ich ſage Dir, Niemand außer Gott und mir wußte von dem Inhalt dieſer Papiere, die mir mein Vater auf ſeinem Sterbebette gab, ach! und die— für mich ſelber noch ſo viel des Räth⸗ ſelhaften in ſich ſchließen!“ Eine lange Pauſe entſtand; Georg ſtarrte mit düſtren Blicken auf die Briefe, über das unerklär⸗ liche Räthſel brütend, deſſen Löſung faſt ein ebenſo großes Wunder ſchien, als das Räthel ſelber. Ger⸗ manos ging ſeltſam bewegt im Hintergrunde der Stube auf und ab; er wagte nicht nach dem Inhalt dieſer dem Freunde ſo theuren Blätter zu fragen; und doch ſagte ihm Volker's ganzes Weſen, mehr noch ſagte ihm Volker's ganzes Leben, daß in dieſen Briefen ein verhängnißvolles Geheimniß ruhen möge, nicht geſchaffen für eines Dritten Seele. Plötzlich, von einem eignen fataliſtiſchen Gefühle ergriffen, rief er aus: „Was gilt's, Volker, es ergeht Dir diesmal, wie mir ſchon oft im Leben: Bei allem Unglück haſt Du noch Glück!“ „Wie ſo?“ fragte dieſer betroffen. „Nennſt Du's nicht ein Glück,“ verſetzte Germanos, daß ich geſtern Abend zur guten Stunde in die Ruine 46 Georg Volker. trat und die Beiden im Narrenthurm belauſchte? So wiſſen wir doch wenigſtens den Ort, von wo der Faden ausläuft, deſſen anderes Ende uns frei⸗ lich noch fehlt. Wir wiſſen, daß der Burſche, der Dir die Schweine hütet, ſich nicht auf dieſes Ge⸗ ſchäft allein verſteht, wir wiſſen beinahe mit Be⸗ ſtimmtheit, daß er es allein geweſen ſein kann, deſſen Hand in Deinen Secretair griff, der alſo liſtig genug ſein muß, um überhaupt bis dahin zu dringen. Und damit wiſſen wir für's Erſte genug! Gieb alles Grü⸗ beln auf, Freund, lege die Blätter, die Dir ſo theuer ſind, künftig an einen mehr ſicheren Platz, und ver⸗ ſchließt etwa Dein Pult noch andere wichtige Pa⸗ piere, ſo entferne ſie gleichfalls; denn immer wär's ja möglich, daß dieſelbe Diebeshand noch einmal dort vorſprechen und dann nicht wieder ſo ehrlich dahin zurücklegen möchte, was ſie Dir geſtohlen hat. Ja, daß dieſe Briefe wieder heimlich dorthin zurückgelegt wurden, läßt mich beinahe argwöhnen, daß ſie für den Dieb nicht den großen Werth hatten, den Du annimmſt.“ Volker ſah den Freund groß an, welcher ihn ſchließ⸗ lich noch daran erinnerte, wie ja jener Fremde, der geſtern Abend bei dem Narren im Thurme war, kei⸗ neswegs in freundlicher Weiſe von Letzterem geſchie⸗ Georg Volker. 47 den, vielmehr ſich in Allem wie ein Menſch gezeigt habe, der mit ſeinem Helfershelfer unzufrieden iſt. „Halte ich alle dieſe Umſtände zuſammen,“ fügte Germanos hinzu,„ſo gewinnt mein Glaube volle Wahrſcheinlichkeit, daß das Bubenſtück, worauf es abgeſehen war, noch nicht zu Ende iſt und vielleicht ſeine Urheber zu einem neuen Verſuche verleitet. Da⸗ rum wiederhole ich Dir noch einmal: Laß das, was wir wiſſen, uns zur Warnung dienen, laß uns die größte Vorſicht anwenden, damit ein neuer Streich den Uebelthätern nicht beſſer gelingt als der erſte.“ „Beim Himmel! Du haſt Recht!“ rief Volker, legte haſtig die Papiere zuſammen und eilte dann zu ſeinem Secretair in das anſtoßende Gemach. Gleich nachher hörte Germanos ein Geräuſch, wie wenn ein Räderwerk aufgezogen würde. Als er dem Freund nachging, ſchloß dieſer eben den Secretair zu und ſagte: „Nun mag der Dieb wiederkommen. Da drinnen liegt eine blind geladene Piſtole, die Jeden verrathen wird, der den Mechanismus nicht kennt. Mein ſeli⸗ ger Vater traf dieſe Einrichtung ſchon vor vielen Jahren, zu einer Zeit, da eine Räuberbande die Ge⸗ gend unſicher machte; und heute ſoll uns ſeine Vor⸗ ſicht von Nutzen ſein. Der Dieb mag noch ſo leiſe 48 Georg Volker. und liſtig nahen, der Piſtolenſchuß wird uns im rechten Augenblicke das Signal geben, daß wir bei der Hand ſind. „Das iſt vortrefflich!“ rief Germanos. Piertes Capitel. Schloß Nellenburg lag ohngefähr eine Stunde von dem Grabenhof entfernt. Die Freunde ſetzten ſich gegen Nachmittag zu Pferde, da das Wetter hei⸗ ter, und zu einem friſchen Ritt, wie Germanos äu⸗ ßerte, ungleich einladender war als zu einem ariſto⸗ kratiſchen Thee mit mediatiſirter Langeweile. Der von fröhlicher Laune und Zuverſicht überſprudelnde Freund ließ kein Mittel der Theilnahme und des aufmunternden Zuſpruchs unverſucht, um Georg, wel⸗ cher von ſchweren Eindrücken nicht leicht loskommen wollte, aufzuheitern und zu zerſtreuen. Endlich gelang es ihm, und zumeiſt dadurch, daß er gerade die Ur⸗ ſache der ſorgenvollen Verſtimmung des Freundes dazu benutzte, um deſſen Gedanken davon ab und auf andere Gegenſtände zu lenken. „Wir reiten ja in dieſem Punkte eine und die⸗ Georg Volker. 49 ſelbe lahme Roſinante, vieltraurigen Andenkens,“ meinte er lachend,„und unſer Hypochonder hatte meiſt dieſelben Erſcheinungen, bis denn freilich nach der Kriſe eine große Verſchiedenheit in ſeinen Wir⸗ kungen eintrat. Mich warf gewöhnlich der hohlbei⸗ nige knöcherne Geſelle mit einem heftigen Stoß aus dem Sattel in die erſte beſte Pfütze des Laſters und der Ausſchweifung, dahingegen er mit Dir meiſt an einen ſoliden Eckpfoſten der Moral anrannte, auf den Du Dich dann mit einem kühnen philoſophiſchen Sprung retteteſt, ohne dabei an Leib und Seele weiteren Scha⸗ den zu nehmen. Aber dennoch ich mir dieſen urgeſunden Hypochonder, vorausgeſetzt, daß er uns nicht länger quält und prickelt, als wir den Humor davon haben, das heißt, als wir den Hypochonder nicht ſo wohl als einen feierlichen Dämon, ſondern vielmehr als einen zwar unbequemen, aber doch im Grunde höchſt wohlthätigen Hausfreund betrachten, den man ſchlimmſten Falles zur einen Thür als ſtei⸗ nernen Gaſt hinauswirft, um ihn zur andern als heiteren Don Juan hereinhüpfen zu ſehen.“ Georg verſetzte in aufgeweckter Stimmung: „Einſt hatteſt Du eine andere Definition von dieſem unvertilgbaren Quälgeiſt der menſchlichen Na⸗ tur und nannteſt ihn den Bock des Weltübels, der 4 ℳ 50 Georg Volker. uns ſo lange mit moraliſchen Rippenſtößen zuſetzt, bis ſich der Menſch, wie die Schnecke in's Schnecken⸗ haus, in ſeine eigenen Eingeweide zurückzieht, um als ſich ſelbſtgebärender Gott zu erhöhtein Daſein daraus hervorzugehen. Jedenfalls war dieſe An⸗ ſchauung tiefſinniger als Deine jetzige.“ „So geht's mit Vielem,“ verſetzte Germanos. „In der Jugend gleicht das Weltübel dem Phanta⸗ ſusauge, in das man nur hineinzuſchauen braucht, um ein Dichter zu werden. Ach, Volker, was wa⸗ ren wir doch einſt für ſonderbare Geſellen, gingen jedem Ding bis auf ſeinen Urſtoff nach, witterten die Atome in der Hammelkeule, und wandelten durch das Leben ſo zaghaft, als ſei die ganze Welt mit Eier⸗ ſchalen gepflaſtert. Jeder„angebornen Farbe der Entſchließung ward des Gedankens Bläſſe angekrän⸗ kelt“ und vor lauter poetiſcher Empfindſamkeit kamen wir faſt niemals zu einer wahren geſunden Empfin⸗ dung.“ „Wahrlich, nicht umſonſt läßt Shakeſpeare ſeinen Hamlet auf einer deutſchen Univerſität ſtudiren,“ ſagte Georg.„Aber Gottlob,“ fuhr er mit Nach⸗ druck fort,„Gottlob, daß wir noch Beide, jeder auf ſeinem Wege, glücklich dem Fluch der Deutſchen ent⸗ gangen ſind, aus idealiſtiſchen Träumern trockne Phi⸗ Georg Volker. 51 * iſter zu werden, ſobald die Pforte der ſich hinter ihnen ſchließt, und ſie nun, wie ſie's heißen, in's praktiſche Leben kommen. Was mich betrifft, ſo war dieſer Uebergang freilich ſchroff genug; denn nicht ſowohl, daß ich in eine ganz neue Welt eintrat, als vielmehr daß ich mir dieſe neue Welt erſt all⸗ mählig erſchaffen mußte, machte mir in der erſten Zeit nach meiner Rückkehr in's Vaterhaus manchen innern Kampf, bis ich denn freilich nach der Hand gewahr wurde, daß gerade dieſes Selbſterſchaffen mei⸗ ner äußern Verhältniſſe mich am leichteſten in die⸗ ſelben eingeführt hatte. Und nun kann ich in Wahr⸗ heit ſagen, daß das Daſein, wie ich es lebe, mein Werk iſt. Zwar bin ich nur ein Bauer, aber wel⸗ chen andern Beruf hätte ich wählen ſollen? Zum Philoſophen fehlte mir der Muth, zum Dichter das Talent: ſo mußte ich mich an den Erdkloß halten, aus dem ich gebildet ward. Ehrgeiz kenn' ich dabei freilich nicht,“ fügte er lächelnd hinzu;„und ich würde auch wahrlich wenig Gelegenheit finden, ihn zu be⸗ friedigen. Zwar nennen ſie mich im Lande den „Bauernkönig“ und ſagen mir nach, ich buhle um den Ruhm der Popularität. Aber das iſt doch wohl gein anderer Trieb in meinem Blute und ich ſelbſt oube nicht daran. Ich würde ja meinen Namen „* „ 8 52 Georg Volker. verleugnen, wollt' ich's nicht mit dem Volie ſuhen zu dem ich herabgeſtiegen bin, und welches mich für ſeines Gleichen anſieht. Und das iſt die ganze Kunſt, durch die ich populair wurde; der ärmſte Bauer er⸗ blickt in mir nur den Bauer, denn da und dort ſcheidet bloß eine Furche ſeinen Acker von dem mei⸗ nigen, und das iſt für ihn der einzige Unterſchied. Hierzu kommt noch, daß mein ſeliger Vater wohl der bekannteſte Mann im Odenwald war, und während ſeiner Lebzeit der Grabenhof in Wahrheit die letzte Zuflucht aller Bedrängten und Mühbeladenen der ganzen Umgegend; wem Pachter Volker nicht helfen konnte, der war ein verlorener Mann; und ſo iſt denn auch der Sohn, freilich ohne ſein Verdienſt, gewor⸗ den, was einſt der Vater geweſen, der allgemeine Freund und Rathgeber des Bauernvolkes. „Nun ſage mir, Du ſeiſt ohne Ehrgeiz!“ rief Germanos bewegt.„Muß man denn gerade um Orden, Titel oder Lorbeer buhlen, um ehrgeizig ge⸗ nannt zu werden! Aber ich weiß es ja aus früherer Zeit, wie Du immer nur für andere Menſchen lebteſt und an Dich ſelbſt ſtets zuletzt dachteſt. Wie man⸗ cher arme— dankte Dir auf der ſein Brot— „Und Dir ſein Bier!“ fiel ihm Volker ſcherzend ₰ Georg Volker. 53 ins Wort.„Aber ich will auch nicht über die Ma⸗ ßen beſcheiden ſein; denn in der That darf ich mich rühmen, daß mir die Gegend Einiges zu danken hat. Die Leute fangen an, und das iſt mein Verdienſt, ſich die Augen zu reiben, der Bauer lernt begreifen, daß es hinter ſeinen Bergen auch noch ein Stück Welt giebt und zwiſchen Stier und Menſch doch eini⸗ ger Unterſchied beſteht. Die jüngere Generation be⸗ ſonders läßt mich hoffen, daß meine Bemühungen um Aufklärung und materielle Erleichterung des Volkes nicht vergebens ſein werden. Ich habe in den einzelnen Dörfern Sonntagsſchulen geſtiftet, wo⸗ bei ich ſelbſt häufig den Unterricht leite und Geſchichte und Politica, freilich auf eine ganz eigne Weiſe, do⸗ cire. Verſchiedene junge Dorfſchullehrer, die ich mei⸗ nen Ideen über Volksbildung und Erziehung eines tüchtigen Geſchlechts zugänglich fand, unterſtützen mich hierin auf das Kräftigſte. Selbſt die Alten wol⸗ len nicht hinter der Jugend zurückbleiben, und Du wirſt Gelegenheit haben, zu beachten, wie manches geſunde Urtheil, wie manche geiſtige Fähigkeit hier oft zu Tage tritt. Nur muß man freilich den Bauer zu behandeln verſtehen und ihn immer da packen, wo ihm der praktiſche Nutzen der Idee in die Au⸗ gen fällt; denn er iſt wie die rauhe Eiche ſeiner 54 Georg Volker. Berge; da wo ſie ſteht und Wurzel geſchlagen hat, trotzt ſie allen Stürmen und Wettern; aber verpflanzen kannſt Du ſie nicht, und wär' auch der fremde Him⸗ mel noch ſo mild, das fremde Erdreich noch ſo fruchtbar.“ „Ich wüßte nicht damit fertig zu werden,“ ant⸗ wortete Germanos. „Das glaub' ich Dir gern,“ ſagte Volker.„Der Bauer der Wirklichkeit iſt ein anderer, als der in unſern jetzt zur Mode gewordenen Dorfgeſchichten voll Sentimentalität und Unwahrheit; er iſt ein hiſtori⸗ ſches Ungeheuer, und Du wirſt Dich eher mit einem Kabylen der Wüſte als mit einem Odenwälder Bauer verſtändigen; denn um ihn richtig zu behandeln, dazu gehört eben ſo viel Takt und Menſchenkenntniß, als Geduld und eine ſichere praktiſche Auffaſſung ſeiner Individualität und ſeines ganzen Lebens, ſammt Al⸗ lem, was zu ihm gehört. Du kannſt ihm alle Ver⸗ nunft bieten, kannſt ihm eine beſſere Ueberzeugung mit den triftigſten Gründen aufnöthigen wollen, und er nimmt's nicht an, beharrt lieber tauſend Mal bei allen ſeinen Irrthümern und Vorurtheilen, und iſt ſogar im Stande, Dir in's Geſicht Recht zu geben, um hinter Deinem Rücken Dich auszulachen, daß er Dich überliſtet hätte. Es giebt nur ein Mittel, den 3 Georg Volker. Bauer herumzukriegen, und das iſt, wenn man ſich anſtellt, als nähme man Dasjenige, was er glauben ſoll, von ihm an, und lerne von ihm. Ich kenne Bauern in dieſen Bergen, die ſo von Aberglauben und trotzigem Wahne befangen ſind, daß ſie noch trotz Bibel und Katechismus, trotz Pfarrer und Conſiſto⸗ rium, an gewiſſen Traditionen des Heidenthums feſt⸗ halten und dicht hinter Luther den Wodan ſetzen; ja, es find noch keine fünfzig Jahre her, da gingen alte Bauern Nachts in den Wald, vergruben unter geheiligten Steinen friſche Ochſenherzen und ſchwuren am andern Tage mit leichtem Gewiſſen vor Gericht drei falſche Eide in einem Athem. Der Bauer hängt eben am alten und verrotteten Glauben ſeiner Vor⸗ fahren feſt, bis das Neue und Beſſere unter ſeiner rauhen Hand alle äußerliche Unterſcheidung und Be⸗ ſonderheit für ihn verloren hat. Dabei hat ihn außer⸗ dem der Druck, unter dem er lebt, ſo verſchloſſen und heimtückiſch gemacht, daß ſelbſt die Wohlthat meiſt nur dann Werth für ihn hat, wenn er ſie auf irgend einem Umweg erlangen und gleichſam wie ein Dieb davon tragen kann. Dank kennt er faſt ſo wenig, daß er ſich nur murrend dazu bequemt und ſelbſt da, wo er ihn aufrichtig ablegt, ein„Hol' der Henker“ mit in den Kauf giebt. Und doch, welch' ein herr⸗ 8 56 Georg Volker. licher Kern liegt nicht oft in dieſer rauhen Schale, wie viele echte Menſchlichkeit kommt hier niemals zu Tage und verkümmert in Noth und Elend, weil ſie nicht gepflegt wird!“ „Und Euer Graf?“ fragte Germanos.„Ich ſollte meinen, wenn ihm das Wohl ſeiner Unterthanen nur halb ſo viel am Herzen läge wie Dir, ſo müßte dieſer Diſtriet, trotz ſeines rauhen Klimas und ſeiner kar⸗ gen Erde, ein kleiner Muſterſtaat von Volksglück und humanen Inſtitutionen ſein.“ Georg's Miene verdüſterte ſich, er drückte mit leb⸗ hafter Bewegung den Hut tiefer in die Stirne und ſagte bitter auflachend: „Ein Standesherr und Volksglück! Nein, Beſter, das reimt ſich nicht! Doch davon ein ander Mal. Der Graf iſt ein Menſch, den man kennen muß, be⸗ vor man ſeine Thaten begreift. Still, ſtill, dort liegt das Schloß, reiten wir darauf zu, eh' es uns gereut; in ſeinen Mauern lebt nur eine edle Seele— Alles andere iſt des Satans!“ Mit dieſen Worten gab er ſeinem und des Freun⸗ des Pferde einen leichten Schlag mit der Reitgerte, und im raſcheſten Trabe ging es an dem Dorfe vor⸗ über, das ſie zur Rechten liegen ließen, den Schloß⸗ berg hinan, bis ſie nach wenigen Minuten mit dam⸗ Georg Volker. 657 pfenden Roſſen durch ein prächtiges Portal in den Hof einritten. „O weh!“ rief Volker; das„iſt wieder eine tolle Sardanapalswirthſchaft en miniature!“ Fünftes Capitel. Germanos verſtand anfangs nicht, was dieſer Ausruf bedeuten ſollte; erſt als Georg einen herbei⸗ eilenden Diener nach der Urſache des Lärmes fragte, ob etwa Geſellſchaft da und welche Perſonen anwe⸗ ſend ſeien, ward er auf das wirre Getöſe von Stim⸗ men, Lachen und Gläſerklingen aufmerkſam, welches aus dem Innern des Schloſſes erſcholl. Der Die⸗ ner ſagte ihnen, daß eine kleine Geſellſchaft von Her⸗ ren aus der Nachbarſchaft bei dem Grafen zu Gaſte ſei, doch fügte er zugleich hinzu, die Tafel ſei ſchon aufgehoben und die Herren— eben im Billard⸗ zimmer beiſammen. Georg zögerte und warf einen unſchlüſſigen Blick auf den Freund, den dieſer ſogleich richtig auffaßte, indem er ſagte: 38 Georg Volker. 1. „Wir wollen die Herrſchaften nicht ſtören und liebet zu einer paſſendern Zeit wiederkommen.“ Er war ſchon im Begriff, ſein Pferd umzudrehen, als plötzlich ein Fenſter erſten Stocks geöffnet wurde, an welchem der Graf erſchien und ihnen zurief: „Nur abgeſattelt, meine Herren! Sie dürfen nicht wieder fort, ich werde gleich unten ſein und ſo liebe Gäſte willkommen heißen.“ Jetzt war an keinen Rückzug mehr zu denken; gleich nachher erſchien die ordensbeſternte Figur des Grafen Nellenburg unter der Thür der Thurm⸗ treppe und zog Volker unter einer Fluth von freund⸗ ſchaftlichen Vorwürfen über zu ſpätes Kommen, vom Pferde, während er es den Dienern überließ, Ger⸗ manos beim Abſteigen behülflich zu ſein. Auf die⸗ ſen machte ſchon die erſte Erſcheinung des Grafen einen ungünſtigen Eindruck; er hatte einen ſtattlichen Mann von vornehm ariſtokratiſcher Haltung zu fin⸗ den geglaubt, und ſah ſtatt deſſen eine Geſtalt, de⸗ ren ganzes Aeußere viel eher einen Börſeſpeculan⸗ ten, als den Abkömmling ritterlicher Ahnen, den ge⸗ bietenden Standesherrn einer ehemals reichsunmittel⸗ baren Grafſchaft hätte errathen laſſen. Obwohl kaum ein angehender Vierziger, war doch ſeine Haltung bei einem ſonſt kräftigen Körperbau gebückt, ſein 3 Georg Volker. 59 Haar tief ergraut und ſeine Miene hatte jenen ab⸗ gelebten, lebensſatten Ausdruck, der den früh ſtumpf gewordenen Geiſt bekundet. Wie geſagt, die ganze Erſcheinung des Grafen war nicht geeignet, für ihn einzunehmen, und Germanos empfand von vornher⸗ ein einen unüberwindlichen Widerwillen gegen ihn, der eher noch zu⸗ als abnahm, da der Graf, welchem Volker den Freund vorſtellte, ihn mit jener manie⸗ rirten Leutſeligkeit begrüßte, die der vornehme deutſche Ariſtokrat ſo gern dem„Bürgerlichen“ gegenüber annimmt und ſich dabei ſo eckig und geſpreizt anſtellt, als ſuche er dadurch abſichtlich den Beweis zu lie⸗ fern, daß ihm ein ſolches Weſen völlig fremd und ungeläufig. Eine hellſchnarrende, mit etwas Heiſer⸗ keit vermiſchte Stimme, kurz abgebrochene Redeſätze, ungelenke Bücklinge und ein Schwulſt trivialer Phra⸗ ſen, das ſind die beliebten Surrogate der deutſchen Adelsariſtokratie, womit ſie ſich für das Ennui und pele méle der Geſellſchaft entſchädigt. „Charmant! Charmant!“ rief der Graf ein über's andre Mal, und überſchüttete den Freund „Nachbar“ Volker, wie er Georg titulirte, mit ei⸗ ner Fluth ebenſo artiger als nichtsſagender Redensar⸗ ten; dann nahm er jeden der Freunde am Arm und zog ſie mit haſtendem Eifer die Treppe hinauf in den 60 Georg Volker. Saal, wo die übrigen Gäſte verſammelt waren. Bei ihrem Eintritt empfing ſie ein lautſchallendes Geläch⸗ ter, das von dem bon ton, der hier herrſchte, Zeug⸗ niß gab. Ein Blick auf den mit Champagnerfla⸗ ſchen beſetzten Tiſch und die weinglühenden Geſichter der meiſten Gäſte zeigte, daß man nach aufgehobe⸗ ner Tafel noch lange nicht an den Aufbruch dachte, ſondern nach alter deutſcher Ritterſitte die Mahlzeit in einem Zechgelage fortſetzte, deſſen Ende bei dieſer Stimmung der Gäſte nicht abzuſehen war. Die Ge⸗ ſellſchaft beſtand aus zehn bis zwölf Baronen und andern Ebenbürtigen der Umgegend, deren Schlöſſer und Beſitzungen an die Grafſchaft Nellenburg gränz⸗ ten, und wohl Keiner war darunter, der nicht im voll⸗ blütigen Hochgefühl ſeiner altadeligen Abkunft den Eintritt der beiden Bürgerlichen mit Mißbehagen em⸗ pfand, obwohl Volker den Meiſten eine bekannte Er⸗ ſcheinung war. Der Graf ſtellte die Neuangekom⸗ menen flüchtig der Geſellſchaft vor, nöthigte ſie dann zum Niederſitzen, und zeigte insbeſondere gegen Vol⸗ ker eine große Aufmerkſamkeit, indem er ihm häufig zutrank und ſich auch ſonſt alle Mühe gab, ihn den Gäſten gegenüber als ſeinen„lieben Freund“ zu be⸗ handeln, mit dem er jederzeit, wie mit ſeines Glei⸗ chen umgehe. Aber Georg blieb einſilbig und zu⸗ Georg Volker. 61 rückhaltend, und nahm ſo wenig Antheil an dem Ge⸗ ſpräch, daß der junge Erbgraf von Flach-Flach, eine hohe vierſchrötige Geſtalt, neben dem er Platz genommen hatte, ohne daß dieſer ſich anfangs viel um ihn bekümmern wollte, ihm zuletzt mit derber Ver⸗ traulichkeit auf die Schulter ſchlug und ausrief: „Nun, Nachbar Volker, hättet auch die Philoſo⸗ phie heute zu Hauſe laſſen können; hockt Jahr aus Jahr ein hinter den Büchern, ſtudirt chaldäiſchen Ackerbau und mäſtet die Ochſen auf Griechiſch.“ Volker ſah den Sprechenden, der ſeine Rede mit en wiehernden Gelächter Sun ruhig an und verſetzte: „Entſchuldigen Sie, Herr Graf, ich mäſte meine Ochſen deutſch und leſe meinen Homer griechiſch.“ Der dicke Junker wurde durch dieſe Antwort ſo verblüfft, daß er nichts Anderes zu thun wußte, als ſich den ſtrohgelben Schnurrbart zu ſtreichen und dem Geſpräch ſchnell eine angemeſſene Wendung zu ge⸗ ben. Doch hatte er durch ſeinen unziemlichen Spaß den Humor der Uebrigen geweckt, und Volker mußte bald auch von anderer Seite hören, daß man über ſein einſames Leben auf dem Grabenhof ſpöttelte und ihn nicht undeutlich merken ließ, wie gern man ihn, den bürgerlichen Gutsbeſitzer, ſelbſt in die vor⸗ 62 Georg Volker. nehme Geſellſchaft aufzunehmen bereit ſei, wenn er ſich nur um den Zutritt bewerben wolle. „Sie haben, weiß Gott, den ſchönſten Hof im ganzen Odenwald,“ rief der hagere Graf B—g, der es liebte, ſich über ſeine Schulden ebenſo luſtig zu machen, wie die Welt über ſeine Gläubiger.„Und welche Jagden, welche herrliche Fiſchereien! Meine ganze Grafſchaft würde ich Ihnen dafür hingeben und verzichte für mich und meine Leibeserben auf jegliche Apanage.“ Die Geſellſchaft brach in ein lautſchallendes Ge⸗ lächter aus, in welches der aufrichtige Graf von gan⸗ 3 zem Herzen einſtimmte. Immer ohrbetäubender wurde der Tumult, immer ungezügelter die Luſtigkeit der Gäſte, und das Gelage artete zuletzt in ein förm⸗ liches Bacchanal aus. Wir wollen jedoch den Leſer nicht mit der weitern Beſchreibung deſſelben aufhal⸗ ten; es genüge darum, zu bemerken, daß ein geiſtlo⸗ ſer Spaß den andern hetzte, daß Jeder bis zur Er⸗ ſchöpfung ſeinen Fond an innerer Leere und Her⸗ zensrohheit preisgab; daß der Champagner aus gro⸗ ßen kryſtallenen Humpen getrunken wurde, aber trotz ſeiner feurigen Traube kein Geiſt, kein Witz in die Geſellſchaft dieſer Hochtorys kommen wollte. Ger⸗ manos trank aus lauter innerm Grimm zwei oder Georg Volker. 63 drei Junker, verſchlemmte hochnäſige Dragoner⸗Lieu⸗ tenants, die dem Bürgerlichen gegenüber der Stamm⸗ baumhafer zu ſtechen anfing, vollends unter'n Tiſch, und machte aus der Noth eine Tugend, indem er ſich, aufgeregt wie er war, von dem wilden Taumel fortreißen ließ und es den übrigen Zechkumpanen ſelbſt noch an zügelloſer Luſtigkeit zuvor that. Georg ſah bedenklich durch die dichten Tabackswolken, welche den Saal bis zum Erſticken füllten, wie der Freund, allen guten Vorſätzen alter und neuer Zeit zum Trotze, in der Kunſt, mit wenig Zügen viel Wein zu trinken, Unglaubliches leiſtete, ſo daß in Kurzem da, wo Germanos ſaß, Alles drunter und drüber ging und der flotte Studio in ihm noch ein⸗ mal zum Ausbruch kam. Endlich, es dämmerte ſchon, war das Maß voll; mit umnebeltem Gehirn und ſchwankenden Füßen erhoben ſich die Gäſte, man rief nach Dienern und Pferden, nahm verwirrten Abſchied vom Schloßherrn und ſeinen beiden zurückbleibenden Gäſten, und bald ſahen ſich dieſe allein im Saale, da der Graf den Abziehenden das Geleite bis hinunter in den Schloß⸗ hof gab. Germanos fühlte ſich, als er nun mit Georg allein war, und mit ziemlich unſichern Blicken die 64⁴ Georg Volker. Verheerung maß, die er ſelber zumeiſt unter den Fla⸗ ſchen des Grafen hatte anrichten helfen, in jenem Zuſtande, der ſich ihm beſſer nachempfinden als be⸗ ſchreiben läßt. Mit innerm Widerſtreben und Wi⸗ derwillen gegen die Hohlheit und den banalen Ton dieſer hochadeligen Genoſſenſchaft hatte er ſich, wir möchten faſt ſagen, aus lauter Oppoſitionsluſt gegen das Gemeine, ſo weit aus ſeiner eigenen höhern Sphäre entfernt, daß er darüber den Schwerpunkt verlor und ſich zuletzt in gleicher Lage mit denen be⸗ fand, die er im Grund ſeines Herzens eben ſo ſehr verachtete, als bemitleidete. Anfangs war es ihn freilich ſauer genug angekommen, ſich in den Ton 3 und die Weiſe der Uebrigen zu finden, bis erſt all⸗ mählig der überreich genoſſene Wein und der ſinn⸗ verwirrende Tumult des Gelages ihn unrettbar in jenen Zauberkreis hineinzog, dem nun einmal keine Sterblicher hienieden entrinnen ſoll. NRit ſteigender Beſorgniß hatte Georg, der allen Verſuchungen widerſtanden und nur äußerſt mäßig getrunken hatte, dieſe bedenkliche Metamorphoſe an dem Freunde wahrgenommen, der jetzt an ſeinem Arme durch den von Wein⸗ und Tabacksdunſt erfüllten Saal wandelte, und in ſeinen Geſprächen und Be⸗ griffen eben ſo wenig ſicher war, wie in ſeinen Schrit⸗ Georg Volker. 65 ten auf dem glatten Parket. Das Kantiſche Ich und Nicht⸗Ich war bei Germanos dergeſtalt in Confuſion gerathen, daß es Georg ſchwer fiel, ſich des Lachens zu enthalten, als Jener ihn faſt flehentlich beſchwor, an ſeine Nüchternheit zu glauben, da er als gebore— ner Nihiliſt keines Rauſches fähig wäre. Volker überlegte bei ſich, was in dieſer kritiſchen Lage zu thun ſei; er machte Germanos den Vorſchlag, ſich ſo ſtill als möglich aus dem Schloſſe fortzuſtehlen und den Salon der Gräfin für heute lieber ganz zu meiden; aber theils die Schwierigkeit der Ausführung, theils die Zuverſicht des Freundes, der ſich hoch und theuer vermaß, gerade in ſeiner dermaligen Stimmung einem ariſtokratiſchen Thee mit virtuoſer Weltverach⸗ tung gewachſen zu ſein, beſtimmten ihn, ſich in das Unvermeidliche zu fügen und den Freund den Grä⸗ finnen votzuſtellen. Im ſchlimmſten Falle ſtand ih⸗ nen ja der Graf zur Seite, der es zunächſt zu ver⸗ antworten hatte, daß ſein Wein vor dem Thee der Gräfin ſervirt worden war. „Laß mich nur machen,“ ſagte Germanos;„ich kenne mich in dieſem Punkte zu genau, um mich über mich ſelber zu täuſchen. Ich werde bei der Gräfin den ſchweigſamen Philoſophen ſpielen, und hat mich erſt einmal ein weicher Fauteuil aufgenommen, ſo kannſt P 5 66 Georg Volker. Du ſicher ſein, daß ich eher einſchlafe, als eine ein⸗ zige Albernheit begehe oder ſage.“ O ſäh'ſt Du, voller Mondenſchein, Zum letzten Mal auf meine Pein, recitirte er dann, an das Fenſter tretend, mit echt Fauſtiſcher Wehmuth, zog die feinen Glacéhandſchuhe an, erſuchte Georg, ihm die Atlasbinde etwas loſer zu knüpfen und ſtand dann mit verſchränkten Armen da, in todesmuthiger Weltverachtung der Rückkehr des Grafen entgegenſehend. In dieſem Augenblicke öffnete derſelbe die Thür und rief:„Allons, allons, mes amis! Die Gräfin wartet auf uns— kommen Sie, lieber Nachbar, kommen Sie, Herr Germanos, es iſt äußerſt charmant von Ihnen, daß Sie uns noch ein Stündchen en famille ſchenken wollen,— ein heißer Tag das— nun, wie haben Sie ſich amüſirt? Nicht wahr, Graf Luckerod iſt ein ſuperber Mann, ein Cavalier comme il faut— ach, und ein Reiter— und ein Trinker, ich ſage Ihnen, was er heute geleiſtet hat, iſt ein Kinderſpiel gegen ſonſt.“ Und in dieſem Tone ging es fort, aus einem Saal in den andern, athemlos, unentrinnbar, hinüber nach dem linken Schloßflügel, den die Gräfin be⸗ wohnte, der Schloßherr an jedem Arm einen der Georg Volker. 67 Freunde, er immer ſchwatzend, ſie immer ſchweigend; und ſelbſt, als ſie ſchon vor der Gräfin ſtanden, die mit einer ältlichen Dame, ihrer Geſellſchafterin, in einem eleganten kleinen Zimmer am Theetiſch ſaß, hemmte er nur ſeinen unverwüſtlichen Redefluß, um ſeine Gemahlin in herriſch haſtigem Tone zu fragen: „Aber wo in aller Welt iſt Eugenia? Franz! Franz!“ — der gerufene Kammerdiener erſchien in der Thür —„man melde ſogleich Comteſſe Eugenia, daß der Thee ſervirt wird— ah— Pardon, meine Beſte, ich vergaß beinahe, Dir Herrn Germanos vorzuſtel⸗ len, für mich ſchon ein lieber Freund, obwohl wir uns kaum eine Stunde kennen; aber was bedarf es mehr für uns Alle hier im Schloſſe, um den Mann herzlich als unſern Freund willkommen zu hei⸗ ßen, der ein Freund unſers wackern Nachbars Vol⸗ ker iſt!“ w „Ah ſchön, Herr Germanos,“ ſagte Gräfin Ma⸗ thilde, mit einem Blick, ebenſo unzuftieden mit dem geſchwätzigen Gemahl, als der Ton, womit ſie es ſagte, verbindlich und wohlwollend gegen den Gaſt klang.„Seien Sie auch mir herzlich als Volkers Freund willkommen, dem ich noch beſonders danke, daß er Sie uns ſo bald ſchon zugeführt hat.“ Germanos verbeugte ſich ſtumm und küßte ihre 5* 68 Georg Volker. Hand mit einer Grandezza, die einem Cavalier am Hofe des ſpaniſchen Philipp Ehre gebracht hätte. „Nehmen Sie Platz, meine Herren,“ fuhr die Gräfin in ihrem verbindlichen Tone fort;„hier meine Freundin, Frau von La Blanche.“ Germanos verbeugte ſich abermals mit derſelben ſteifen Förmlichkeit gegen die alte wohlbeleibte Dame, in der ſchwarzen Tüll⸗Haube, die ihn mit ſtrengen Marmor⸗Zügen ſo feſt anſah, daß ihn der Schreck über den durchbohrenden Blick dieſer Antike beinahe entnüchtert hätte. Dann ſetzte man ſich zum Thee nieder, der Graf zur Seite ſeiner Gemahlin, zwiſchen welcher und der Frau von La Blanche ein Seſſel für die junge Gräfin Eugenia leer blieb. Germanos rückte, ſcheinbar aus Zufall, in Wahrheit aber mit großer Geiſtesgegenwart, ſeinen Seſſel noch tiefer in den Schatten, den die Alabaſterlampe über den Tiſch 1 warf; noch einmal ſtreifte ſein ſchöner Blic das Antlitz der Frau von La Blanche, dann, als er ſie 1 mit ihrem Strickzeug beſchäftigt ſah, legte er mit vi⸗ 5 ler Grazie das linke Bein über das rechte, ſchlang die weißglacirten Finger in einander und firirte be⸗ ſtändig ſeine Fußſpitzen, entſchloſſen, in dieſer Poſi⸗ tion bis auf's Aeußerſte auszuharren und den Gräf⸗ lichen zu zeigen, wie ein weitgereiſter Mann, der —— Georg Volker. 69 Kairo und Jeruſalem beſucht hat, ſich in einem deut⸗ ſchen ariſtokratiſchen Theezirkel zu benehmen pflegt. Man kann ſich denken, mit welchen Augen die Gräfin Mathilde den ſonderbaren Gaſt betrachtete, der auf alle ihre Fragen faſt ſo gut wie nichts ant⸗ wortete, beſtändig wie zerſtreut vor ſich hinſtarrte, und es dem Freunde überließ, ihre Neugierde in Be⸗ treff der fremden Länder, die dieſer doch höchſtens nur aus Reiſebeſchreibungen kannte, zu befriedigen. Volker ſaß wie auf glühenden Kohlen; er kannte die Gräfin als eine Dame, deren Eitelkeit durch nichts mehr beleidigt werden konnte, als wenn man ihren Salon langweilig fand, und er bot darum ſeine ganze Beredtſamkeit auf, um einestheils die Geſell⸗ ſchaft zu unterhalten, anderntheils den Freund dieſem furchtbaren Schweigen zu entreißen; indem er ihn faſt mit Gewalt in das Geſpräch zu ziehen ſuchte; denn ſchon bemerkte er, wie der Gräfin Miene immer kälter, ihr ganzes Weſen immer zurückhaltender wurde. Aber ſo oft er auch eine directe Frage an Germanos richtete, dieſer verharrte immer in ſeiner ſchweigſamen Brutusrolle oder gab höchſtens ſo lakoniſche Antworten, daß Volker durch ſeine Rede faſt noch mehr in Verlegen⸗ heit verſett wurde, als durch ſein Schweigen. Der Grä⸗“ fin war es unmöglich, ſich in dieſe abſtracte Perſon⸗ 70 Georg Volker. lichkeit eines, wenigſtens dem Aeußern nach, feinen und gebildeten Mannes hineinzufinden, deſſen geiſt⸗ volle Phyſiognomie ihr Intereſſe erweckte; ſie, eine Weltdame, die ſich ſelten von Außergewöhnlichem überraſchen ließ, die mit Glück ſo häufig manche pe⸗ nible Situation der Geſellſchaft überwunden, manchen Siſyphusſtein des gedehnten Salongeſprächs bei Seite geſchoben: ſie war frappirt, knüpfte von Neuem den Faden der Unterhaltung wieder an; umſonſt, er zer⸗ riß jedes Mal wieder unter ihrer gewandten Zunge, denn Germanos nahm an nichts Antheil, und der Gräfin, die vergebens den ganzen Fond ihrer Zuvor⸗ kommenheit und Nachſicht gegen ihn erſchöpft hatte, blieb nichts übrig, als den ungezogenen Gaſt, der ſo wenig Lebensart zeigte, mit kalter Höflichkeit zu igno⸗ riren und die Unterhaltung mit Georg und Frau von La Blanche, auch der Graf war in der Nähe ſeiner Gemahlin wortkarg geworden, allein zu führen. End⸗ lich, nach einer langen peinvollen halben Stunde, die für den armen Volker zu einer halben Ewigkeit ge⸗ worden war, erſchien mit der jungen Gräfin Eugenia der Engel, der dieſen Alp von der Geſellſchaft wäl⸗ zen und durch den Strahl ihrer Schönheit den ſtum⸗ men Memnon rühren ſollte. Georg übernahm es, 4 ihr ſeinen Freund vorzuſtellen, wobei er die Gelegen⸗ ₰ * — Georg Volker. 71 heit ergriff, dieſen mit krampfhafter Verzweiflung heimlich in den Arm zu zwicken. Aber ſo freundlich ihn auch Eugenia willkommen hieß, der Zauberreiz ihrer anmuthigen Erſcheinung vermochte nichts über den Bekenner des modernen Nihilismus; und als ſie im Verlauf des nächſten Geſprächs einige gewöhliche Höflichkeitsfragen an ihn richtete, erhielt ſie von ihm dieſelbe ſtumme Antwort, wie vorhin ihre Coufine, die Gräfin Mathilde. Verwundert ſah ſie Volker an, dieſer zuckte ſo leiſe, daß es ſonſt Niemand bemerkte, die Achſel, ein ſpöttiſches Lächeln glitt über ihr ſchönes Antlitz, noch einmal firirte ſie den ſchweig⸗ ſamen Gaſt und erzählte dann mit größter Unbefan⸗ genheit und Lachen dem Grafen, der ſie um die Ur⸗— ſache ihres langen Wegbleibens fragte, daß ſie ihren Papagei ſo lange mit Zuckerbrot, in Champagner getaucht, gefüttert habe, bis der Vogel zuletzt völlig trunken geworden und mit einem Rauſch auf ſeiner Stange eingeſchlafen ſei. Aber trotz Eugeniens Munterkeit und dem geiſt⸗ voll⸗belebenden Weſen, das ihre Gegenwart ſonſt über dieſen kleinen Zirkel verbreitete, wollte es ihr doch heute nicht gelingen, die Verſtimmung und den Druck, der ü Geſellſchaft laſtete, zu entfernen und eine un⸗ gezwungene Unterhaltung in Gang zu bringen. So 72 Georg Volker. oft ſie auch mit Georg ein intereſſantes Geſpräch an⸗ knüpfte, ebenſo oft lenkte der Graf durch oberflächliche und ſtörende Zwiſchenbemerkungen die Unterhaltung wieder in das Geleiſe der alltäglichſten Converſation zurück, jener Converſation, welche die hohe Geſell⸗ ſchaft ſo recht eigentlich erfunden zu haben ſcheint, nicht ſowohl um ihre Gedanken, als um ihre Ge⸗ dankenloſigkeit zu verbergen. Auch Gräfin Mathilde ließ deutlich genug den Mißmuth durchblicken, den ihr das Benehmen des noch jüngſt von Volker mit ſo beredten Zügen als liebenswürdigen und geiſtvol⸗ len Geſellſchafter geſchilderten Germanos bereitete; denn ſie war nicht gewohnt, in ihrer herriſchen Nähe andere als die eignen Launen zu dulden, und wer Eintritt in ihren Salon erhielt, der ſollte wenigſtens ſo viel geſellſchaftliches Talent dahin mitbringen, um nicht gegen die äußerſten Regeln des Anſtandes und eines guten Tons zu verſtoßen. So ſehr ſie es, be⸗ ſonders zur Zeit, die ſie am fürſtlichen Hofe und in der Reſidenz zubrachte, liebte, ſich mit einem ausge⸗ wählten Kreiſe von geiſtvollen und renommirten Per⸗ ſönlichkeiten, beſonders aus der Schrifſteller⸗ und Künſtlerwelt zu umgeben, und durch deren Ruf und berühmte Namen den Glanz ihres eigenen Hauſes zu erhöhen, ſo war ſie doch weit davon entfernt, ſich in Georg Volker. 73 dieſem Kreiſe fremden Anſichten und perſönlichen Ei⸗ genthümlichkeiten unterzuordnen, oder gar um dieſer oder jener Originalität willen Geſetze und Formen der Geſellſchaft zu opfern, die bei ihr allen andern Rückſichten vorangingen. Sie wollte nicht nur die Gönnerin und Beſchützerin Aller ſein, ſondern auch über Alle eine und dieſelbe Herrſchaft ihrer Laune geltend machen, und eben darin hatte es Germanos ſchon in der erſten Stunde für ewige Zeit mit ihr verdorben, daß er gleichfalls eine Laune haben wollte. Endlich ſchien es Volker an der Zeit, aufzubre— chen; er winkte dem Freunde, der ſogleich als zuſtim⸗ mendes Signal mit dem Stuhl rückte; noch bevor iedoch Beide mehr als dieſe Voranſtalten zum Auf⸗ ſtehen gemacht hatten, rief auch ſchon der Graf, trotz ſeiner ſchweren ſchläfrigen Augen, mit lebhafter Zu⸗ vorkommenheit: „Wie, meine Herren, Sie wollen uns ſchon ver⸗ laſſen? Nun, ich muß wirklich geſtehen, Herr Volker, Sie ſind punktlicher im Gehen als im Kom⸗ men.“ In dieſem Augenblicke trat der Kammerdiener des Grafen in den Saal und überreichte dieſem einen großen verſiegelten Brief mit dem Bemerken, daß das 7⁴ Georg Volker. Schreiben ſoeben durch einen Courier aus der Re⸗ ſidenz überbracht worden ſei. „Es wird die Einberufung zum Landtag betreffen,“ ſagn der Graf, den Brief nachläſſig öffnend.„Mit einer ſolchen conſtitutionellen Verfaſſung ſind doch außerordentlich viele Umſtände und Moleſte ver⸗ knüpft.“ Er warf bei dieſen Worten einen Blick in das geöffnete Schreiben. „Wie? Aus dem Cabinet des Großherzogs!“ rief er überraſcht und begann zu leſen⸗ Sein Ant⸗ litz wurde erſt dunkelroth, dann leichenblaß, ſichtbar zitterte der Brief in ſeiner Hand. „Mein Gott, welche Schreckenskunde!“ rief er erſchüttert.—„In Paris eine neue Revolution— die Tuilerien vom Volke erſtürmt, der König ent⸗ flohen, Guizot fort, Prinz Nemours gefallen, und — die Republik ausgerufen! Alles officiell!“ „Die Republik!“ ſtammelte die Gräfin mit er⸗ bleichender Miene und griff mechaniſch nach dem Brief. Der Standesherr war wie vom Donner gerührt und wußte kein Wort weiter hervorzubringen. Volker und Germanos ſahen ſie ſtaunend an. Wenn ſich eine Geſellſchaft, aus ſo gemiſchten ————— Georg Volker. 75 und verſchiedenartigen Elementen zuſammenſetzt, wie dieſe, mehrere Stunden lang alle erdenkliche Mühe gegeben hat, um nicht vor Langeweile und geiſtiger Abſpannung einander anzugähnen, und es erfolgt plötzlich ein Wetterſchlag, unter deſſen betäubender Gewalt das Haus zuſammenzuſtürzen droht, ſo mag es leicht geſchehen, daß Jedes über dem erſten Schrecken ſeine einſtudirte Rolle vergißt und die Maske der ſogenannten Convenienz fallen läßt. Nicht anders wirkt ein großes Weltereigniß, das ſo unerwartet in die Gegenwart eintritt, daß im er⸗ ſten Augenblick Jeder nur das thut und ſagt, was ihm die Gewalt des Momentes eingiebt; das Un⸗ glaubliche, Urplötzliche daran übermannt uns, und wir haben nicht Zeit, in dem großen Augenblicke un⸗ ſer Gefühl zu verleugnen, unſre Gedanken zu um⸗ ſchleiern; denn die Wahrheit der Geſchichte iſt ſtärker als die Lüge des conventionellen Lebens, und wir betäuben die erſtere nur, wenn wir uns wieder mit der letzteren verſtändigt haben; aber bis uns dieſes gelungen, bis wir uns erſt wieder dem großen ewi⸗ gen Moment gegenüber als kleine und ſterbliche Menſchen fühlen, mag leicht ein ruhig beobachtendes Auge uns in des Herzens geheimſte Falten blicken und unſren ganzen innern Menſchen durchſchauen. 76 Georg Volker. Mehr noch als der Graf war es ſeine Gemah⸗ lin, welche durch die Nachricht von dem Pariſer Er⸗ eigniß dergeſtalt afficirt wurde, daß ſie im erſten Schrecken ihre ganze Faſſung verlor. Anfangs ver⸗ langte ſie, daß der Graf ſogleich durch reitende Bo⸗ ten den benachbarten Standesherren die erhaltene Nachricht mittheilte; gleich darauf ergriff ſie mit der⸗ ſelben ängſtlichen Haſt den Plan, die Sache möglichſt ge⸗ heim zu halten und erſt nähere Mittheilungen abzuwar⸗ ten;„denn,“ meinte ſie in einer komiſchen Miſchung von wahrer Herzensangſt und erheucheltem Gleichmuth, „es ſoll ſpäter nicht heißen, daß wir die Verbreiter von Nachrichten geweſen ſeien, die ſich vielleicht nach der Hand als voreilig und übertrieben erweiſen und uns bei den Nachbarn in den Verdacht bringen könnten, als ſeien ſie uns wichtig genug zur Mit⸗ theilung.“ Eugenia lächelte bei dieſen verſchiedenartigen Plä⸗ nen ihrer Couſine ſtill vor ſich hin, während Frau von La Blanche mit gefaltenen Händen regungslos wie eine Mumie da ſaß, und nur zu jedem neuen Einfall der Gräfin beiſtimmend mit dem Kopf nickte. Der Graf ſelbſt, mochte er nun den beiden Gäſten gegenüber dieſe Rolle ſeinem Stande für angemeſſen halten, odet entſprang ſein Benehmen wirklich je⸗ . ——— . Georg Volker. 77 nem ariſtokratiſchen Dünkel, der Dasjenige, was ſei⸗ nen Vorurtheilen und Gewohnheiten dient, auch für das einzig Wahre und Mögliche hält, der Graf ſelbſt hatte ſich nicht ſobald von ſeiner erſten Be⸗ ſtürzung erholt, als er auch ſchon die ganze Nachricht desavouiren wollte und ſich anſtellte, als berühre ſie ihn wenig oder gar nicht. Er ſpielte den Indiffe⸗ renten, redete im Vorbeigehen von den politiſchen und ſocialen Verhältniſſen Frankreichs wie ein Blin⸗ der von der Farbe, nannte die Franzoſen„Laffen,“ die in einem Athem vive Pempereur und vive la république ſchrieen, und meinte, das revolutionaire Fieber werde ihnen ſchon vergehen, wenn die übri⸗ gen Großmächte ein ernſthaftes Wort mit ihnen re⸗ deten. Trotz ſeines anſcheinenden Gleichmuths ſprang er jedoch jeden Augenblick vom Divan auf, ging ein⸗, zweimal in unruhiger Erregung mit großen Schrit⸗ ten durch das Gemach, ſtellte ſich zuweilen an's Fenſter, trommelte mit den Fingern an den Scheiben und kehrte auf den verlaſſenen Sitz zurück, ſobald das Seufzen der Gräfin ſein Ohr berührte, um von Neuem ſeine politiſchen Gemeinplätze auszukramen. Zuletzt ging er in äußerſt ungnädiger Laune aus dem Salon, ohne eigentlich Abſchied zu nehmen, und kehrte auch ſpäter nicht wieder. 78 Georg Volker. Eugenia ſowenig als Volker und noch weniger Germanos hatten bis dahin eigentlichen Antheil an der Unterhaltung zwiſchen dem Grafen und ſeiner Gemahlin genommen; denn Jedes war zu ſehr mit ſich beſchäftigt, als daß es dem zweckloſen Hin⸗ und Herreden zweier Menſchen hätte Antheil ſchenken ſollen, die ſich abſichtlich einander über die folgen⸗ ſchwere Bedeutung der erhaltenen Kunde zu täuſchen ſuchten. Nach des Grafen Weggang trat eine noch größere Stille ein, was die Blutwallungen der ängſtlichen Gräfin noch vermehrte; denn ſie mußte reden und reden hören, womöglich Widerſpruch fin⸗ den, um ihre fieberhafte Aufregung zu beſchwichtigen, da ſie, wie alle ſchwachen Naturen, die ihre Stärke nur der Macht der Gewohnheit und der erlernten Selbſtbeherrſchung verdanken, einen Troſt darin fand, ſich das Gefürchtete mit allen furchtbaren Farben auszumalen. Darum als die Gäſte nochmals Anſtalten mach⸗ ten, aufzubrechen, nöthigte ſie dieſelben ſo dringend zum Verweilen, daß Beide ſich wieder niederſetzten, obwohl ſie gern dieſer Sphäre ſchwüler Sorge ent⸗ ronnen und in freiem Austauſch der Gefühle ihren Herzen Luft gemacht hätten. „Ich geſtehe, es iſt zum Erſchrecken,“ fuhr die Georg Volker. 79 Gräfin fort und ſagte damit ſicherlich mehr als ſie ſagen wollte;„es iſt zum Erſchrecken, daß man ſich über eine Nachricht ängſtigt, die Einen doch eigent⸗ lich nichts angeht. Aber dieſe Franzoſen ſind von jeher die Friedensſtörer von Europa geweſen, und ſo oft ſie eine Revolution machten, ſtand gleich die halbe Welt in Flammen. Sagen Sie mir, Herr Volker, wie kommt's nur, daß gerade dieſes Volk ſich das Recht herausnehmen darf, beſtändig die Ruhe und den Frieden der übrigen Nationen zu ſtören? Iſt's nicht mehr als ſchrecklich? Der ſchöne arme Nemours!“ Volker erwiederte zerſtreut: „Ich denke, gnädige Frau Gräfin, daß wir noch zu wenig von den Ereigniſſen in Frankreich wiſſen, um ſchon jetzt ein ſicheres Urtheil darüber zu haben. Die neueſten Begebenheiten in Sicilien zeigen uns allerdings, daß auch in unſren Tagen noch eine Re⸗ volution möglich iſt, und zwar eine glückliche, wenn⸗ gleich die Nachricht aus Paris“— „Eine glückliche Revolution!“ rief die Gräfin, in deren Adern bei dieſen Worten das alte Blut de⸗ rer von** zu*** zu kochen anfing, mit einem krampfhaften Lachen, wobei ihre Augen blitzten, als wolle ſie den voreiligen Sprecher mit den Blicken 80⁰ Georg Volker. durchbohren.„Und das nennen Sie eine glückliche Re⸗ volution, wenn ein König entthront, ein Prinz er⸗ mordet und die Republik ausgerufen wird? Repu⸗ blik! Iſt's nicht das furchtbarſte Unglück, welches ein Volk treffen kann! Welcher denkende und füh⸗ lende Menſch mag es ein Glück nennen, wenn der Thron wankt, der Altar zuſammenſtürzt, wenn das furchtbare Volk ſeinen Abſchaum in die Höhe treibt und die Menſchen ſich in wüthende Tiger ver⸗ wandeln!“ Sie hielt erſchöpft inne, lehnte ſich in den Di⸗ van zurück und ſuchte das glühende Antlitz zu küh⸗ len, indem ſie ſich mit einem Tuche Wind zuwehte. Georg, der ſich keinen Augenblick durch ihren hefti⸗ gen Widerſpruch hatte aus der Faſſung bringen laſ⸗ ſen, erwiederte nach einer Pauſe in ebenſo ruhigem als entſchiedenem Tone: „Sie haben mich vollkommen mißverſtanden, gnädige Frau Gräfin, und Sie erlauben mir darum, Ihnen in der Kürze zu bemerken, daß ich eine Re⸗ volution nur dann eine glückliche nenne, wenn ſie zum Heile des Volkes ausſchlägt, das ſie macht; wenn ſie aus unterdrückten Menſchen nicht ſowohl wüthende Tiger, ſondern freie edle Bürger ſchafft; wenn ſie die mit Füßen getretenen Rechte des Vol⸗ Georg Volker. 8¹ kes ſchützt und rettet, die Schächer und Phariſäer aus den entweihten Tempeln jagt, kurz, wenn ſie die alten Uebel der Demoraliſation nach Unten wie nach Oben mit Stumpf und Stiel ausrottet und einem verderbten fluchwürdigen Regiment fuͤr immer ein Ende macht; das, gnädige Frau, nenn' ich eine glückliche Revolution, und wünſche ſie ſo gut dem Franzoſen wie dem Türken.“ Die Züge der Gräfin nahmen bei dieſem auf⸗ richtigen politiſchen Glaubensbekenntniß des„Nach⸗ bars“ Volker, einen kaum zu beſchreibenden ſpötti⸗ ſchen und verächtlichen Ausdruck anz ſie zuckte mit⸗ leidig lächelnd die Achſel, vermochte aber eine ge⸗ raume Weile vor innerm Grimm kein Wort hervor⸗ zubringen. Georg ſaß, das Haupt in den Lehnſtuhl zurückgelehnt, mit verſchlungenen Armen da, und ſah nachdenkend zu dem am Plafond ſpielenden Wi⸗ derſchein der Lampe empor. Eugenia rückte unruhig auf dem Stuhl hin und her; ſie wußte, daß ein neuer Sturm im Anzug war; denn nicht von heute oder geſtern datirte ſich der Gräfin geheime Ungnade gegen Georg, und auch dieſer wußte ſehr wohl, warum er bei der gnädigen Frau nicht gut angeſchrieben ſtand. „Wir verſtehen uns allerdings ſelten,“ ſagte nach 82 Georg Volker. einer Pauſe die Gräfin mit ſchwer errungener Mäßi⸗ gung und ſuchte dabei ihrem Geſicht einen möglichſt freundlichen Ausdruck zu geben.„Was ſagen Sie dazu, Herr Germanos,“ mit dieſen Worten wandte ſie ſich plötzlich zu dem in wache Träume Verſunke⸗ nen,„daß Ihr Freund ſeit Jahr und Tag in ge⸗ wiſſer Hinſicht unſer allerſchlimmſter Nachbar iſt, mit dem man lieber ganz und vollſtändig in offener Fehde leben als ihn um ſeiner vielen andern trefflichen Eigenſchaften willen immer von Neuem lieben möchte?“ Der Angeredete ſah die Gräfin mit großen irren Augen an; halb hatte er nicht gehört und halb nicht verſtanden, was ſie ſagte; denn ſeit dem Eintreffen jener Nachricht aus Paris war in ihm neuerdings eine Verwandlung vorgegangen, von der wir im Verlauf dieſes Abends noch mehr erfahren werden. „Ja,“ fuhr die Gräfin fort, und zwang ſich abermals zu einem wohlwollenden Lächeln;„Ihr Freund gehört wirklich in einem Punkt zu den Unverbeſſerlichen; denn ſein großmüthiges Herz über⸗ hört alle wohlgemeinten Warnungen, obwohl ihn doch ſelbſt manche eigne Erfahrung hätte überzeugen ſollen, daß er häufig gerade das Gegentheil von dem bewirkt, was er erreichen will. Seitdem Herr Vol⸗ ker ſich mit der Emancipation der Bauern befaßt Georg Volker. 83 und ſie aufklären will, giebt es, ich ſage dies ohne Uebertreibung, in einer Woche in unſter Graſſchaft mehr Unfrieden und Verwirrung als ſonſt in einem halben Jahre. Man ſieht es den Leuten ordentlich an, daß ſie nicht mehr die Alten, und Zucht und Sitte von ihnen gewichen ſind; Jeder will ſelbſt denken und ſeine eigne Anſicht haben; Niemand fragt mehr nach Geſetz und Obrigkeit; ja, ſo weit iſt es ſchon mit dieſer traurigen Aufklärung gekom⸗ men, daß beide für den Bauer nur da zu ſein ſchei⸗ nen, um ſie zu verſpotten und zu verachten. Die Jugend vorzugsweiſe zeigt einen Geiſt der Ungebun⸗ denheit und Sittenverwilderung, der unmöglich zum Guten führen kann; das Alles iſt die traurige Folge davon, daß man den gemeinen Mann über Dinge aufklärte, die er weder mit ſeinem beſchränkten Ver⸗ ſtand, noch mit ſeinem einfachen Gefühl faſſen kann. Aber auch abgeſehen von dieſen Uebeln, ſo frage ich, was nützt dem Bauer alle Aufklärung, ſo lange ihm die materiellen Mittel abgehen, ſeine äußere Lage in dem Grade zu verbeſſern, als ſeine Intelligenz, wenn wir es denn einmal ſo nennen wollen, zu⸗ nimmt? Da errichtet Herr Volker mit großen Ko⸗ ſten Schulen, unterhält eigne Lehrer, giebt den Bau⸗ ern Bücher und Zeitungen in die Hand, und was 5 6* 84⁴ Georg Volker. gewinnt das Volk dabei? Nichts als daß die alten guten Sitten, die Einfachheit und Gottesfurcht der Väter immer mehr verloren gehen, die Zufriedenheit in Mißvergnügen, die Sparſamkeit in Verſchwen⸗ dung, die Mäßigkeit in Uebermuth, kurz alles Gute in ſein ſchlimmes Gegentheil ſich verwandelt. Hö⸗ ren Sie nur unſte Prediger, wie dieſe über Ab⸗ nahme des kirchlichen Sinnes in den Gemeinden klagen; hören Sie die Richter und Beamten, wie viele rohe, geſetzwidrige Handlungen begangen wer⸗ den, nur weil die Leute, denen man mit dieſer mo⸗ dernen Aufklärung ihr geſundes, natürliches Gefühl vergiftet hat, Recht und Unrecht nicht mehr zu un⸗ terſcheiden wiſſen. Niemals gab es ſo viel Wild⸗ und Holzdiebe, niemals aber auch ſo viele Tauge⸗ nichtſe und Vagabunden in der Grafſchaft als heut zu Tage; wobei ich es noch nicht einmal hoch an⸗ ſchlagen will, daß das Band zwiſchen Herrſchaft und Unterthanen ſtets lockrer wird und die angeſtammte Treue des Volks zu ſeinem Regenten immer mehr in's Reich der Fabel zurückkehrt, was ich ſelbſt wahr⸗ zunehmen häufig Gelegenheit finde. Denn ich kann oft durch drei, vier Dörfer fahren und höchſtens ein alter Mann rückt hier und da die Mütze, um mich zu grüßen.“ Georg Volker. 85⁵ Die Dame, welche fühlen mochte, daß ſie ſich in ih⸗ rem Eifer für des Volkes wahre Wohlfahrt ganz von dem anfänglichen Gegenſtande des Geſprächs entfernt hatte, brach hier ſchnell ab und kam wieder auf das frühere Thema der Unterhaltung, die Pa⸗ riſer Revolution, zurück. Doch auch Georg war ein⸗ ſilbig geworden, Eugenia redete ſchon lange kein Wort mehr, und ſo waren es denn die Gräfin und Frau von La Blanche allein, welche die Unterhal⸗ tung führten. Germahos wartete mit fieberhafter Ungeduld auf den Moment, wo Georg ihm neuerdings zum Auf⸗ bruch winken ſollte. Was eigentlich in ihm vorging, darüber war er ſich ſelber nicht klar; denn zu dem Rauſch des Weines kam bei ihm, nachdem der Graf die Depeſche erhalten, der politiſche Rauſch und wir⸗ belte vollends alle Leidenſchaften ſeiner ercentriſchen Natur durcheinander. Aber ſo gewaltig ihn auch die Nachricht aus Paris ergrif, hatte er es doch anfangs über ſich gewonnen, dies durch nichts zu verrathen und ſein übervolles Herz, das faſt unter der Macht des erſten Eindrucks ſpringen wollte, mit dem letzten Aufgebot ſeiner nüchternen Beſinnung im Zaume zu halten. Er ſah eben noch ein, das dies nicht der Ort, nicht die Menſchen ſeien, ſich ſeinem 86 Georg Volker. Gefühle zu überlaſſen; zu reden getraute er ſich nun vol⸗ lends nicht mehr; denn in dem Grade, als die Idee der Pariſer Revolution rieſengroß in ſeiner Seele leben⸗ dig wurde und alle ſeine Lebensgeiſter weckte, fing auch der Wein von Neuem in ſeinen Adern zu glühen und zu ſprühen an, und ein Taumel nach dem andern ergriff ihn. Sein demokratiſches Blut kam immer mehr in Wallung, Alles ſchwankte und wankte vor ſeinen Blicken, ſeine Stirn glühte, immer heißer ſtieg ihm der Champagner zu Kopfe, ſein Herz pochte in zitternden Schlägen. Mit unſichrer Hand griff er nach der kryſtallenen Karaffe, um durch ein Glas kalten Waſſers das heiße Blut zu kühlen; aber ſein Unſtern wollte, daß das Waſſer an ihm ſtrafen ſollte, was er an dem Wein geſündigt, die Flaſche zerbrach unter ſeinen Händen, eine ganze Fluth ergoß ſich über den Tiſch und nahm mit unentrinnbarer Schnelligkeit ihren Weg in den Schooß der gegenüberſitzenden Frau von La Blanche, auf dem erſt jetzt ein kugelrunder un⸗ förmiger Mops ſichtbar wurde, welcher mit dickgeſchwol⸗ lenen Augen bei dem unvermutheten Sturzbad winſelnd aus ſeinem ſüßen Schlummer auffuhr und unartikulirte Töne eines Entſetzens ausſtieß, für das ſeine von Schreck halbentſeelte Herrin nur ein erſticktes: Mon dieu! fand. Georg Volker. 87 Volker's Beſtürzung war unbeſchreiblich; Germa⸗ nos hatte es durch ſein ganzes Benehmen während des Abends bei den Damen dahin gebracht, daß von ihrer Seite auf keine Entſchuldigung für dieſen neuen Verſtoß gegen die conventionelle Form zu hof⸗ fen war. Alle erhoben ſich nach dieſer naſſen Kata⸗ ſtrophe von ihren Sitzen; Frau von La Blanche, ihren gebadeten Mops unter'm Arm und ſelbſt von Waſſer triefend, warf dem unmanierlichen Menſchen denſelben ſtechenden Blick zu, der ihn vorher ſchon einmal verwirrt hatte, jetzt aber, unter der Wucht ſeines übrigen tragiſchen Geſchickes, ſanft wie ein matter Frühlingsſtrahl an ſeinem zerknirſchten Ge⸗ müth abprallte; worauf die Dame, ohne ein Wort zu ſprechen, mit ernſt⸗majeſtätiſcher Haltung den Sa⸗ lon verließ. Gräfin Mathilde war ebenſowenig geneigt, einem Menſchen, der ſich ihr wie Germanos bis zu dieſem Augenblick ſo wenig durch Liebens⸗ würdigkeit empfohlen, wir ſagen, Gräfin Mathilde war ebenſowenig geneigt, ſein Mißgeſchick zu ent⸗ ſchuldigen und, wie ſie wohl ſonſt gethan, mit dem Gleich⸗ muth einer Dame von Welt und Ton darüber hin⸗ wegzuſehen. Darum als er ihr nahte und mit ziemlich unſichrer Stimme ſeine Entſchuldigung ſtammeln wollte, ſagte ſie mit einem recht boshaft ironiſchen Lächeln: 88 Georg Volker. „Der ganze Abend hat uns ja nur Unglück ge⸗ bracht; ich bin überzeugt, ohne die Pariſer Revolu⸗ tion wäre uns dieſer Schreck erſpart worden.“ Mit dieſen Worten hatte ſie den Funken in ein Pulverfaß geworfen. „Die Revolution!“ rief plötzlich Germanos, vo allen böſen Geiſtern und Dämonen ſeines Lebens gepackt, mit völlig veränderter Stimme;„ja Sie ha⸗ ben Recht, gnädige Frau, die Revolution iſt uns näher als wir Alle denken, heute in Paris, morgen in Wien, übermorgen vielleicht in Petersburg, wer kann wiſſen, wo ſie ihren Weltlauf beſchließt! Throne werden ſtürzen, der Abſolutismus wird ſeinen letzten Trumpf aus ſpielen, aber die Völker werden ihm das Va banque! ſeiner Vernichtung entgegendonnern und vielleicht noch ſchneller, als der Frühling aus der Knospe in die Blüthe tritt, bricht der Sturm auch in Deutſchland los! Victoria, Volker! Dann heißt's: Schwert heraus— Zopf hinein, wenn der rothe Phönir der Freiheit über'n Rhein fliegt und von ſeinem helltönenden Ca ira⸗Geſang die Geier der Despotie krächzend die Flucht ergreifen! Madame, — gnädige Frau, und Sie, kleine geniale Blondine, laſſen Sie uns noch in dieſer Stunde vereint zum neuen Bund der Menſchheit brüderlich die Hände Georg Volker. 89 reichen; denn bald, das ſchwöre ich Ihnen, ſo wahr ich ein Republikaner bin, wird es in Deutſchland keine Fürſten mehr geben und keine Grafen, ſondern nur freie glückliche Bürger, und der ſchönſte Titel, mit dem der Deutſche ſich ſchmückt, wird heißen: Republikaner! Ja, ich ſagt' es ja immer, dieſes Hundeleben muß ein Ende nehmen, und wär's auch ein Ende mit Schrecken, und ſollten auch alle Ari⸗ ſtokraten“— Er endete nicht ſeine furchtbare Philippika, und ließ die zum wüthenden Schlag auf den Tiſch ge⸗ ballte Fauſt wie gelähmt niederſinken; denn mit bei⸗ den Armen fühlte er ſich von Volker umſchlungen und ſchnell wich die Raſerei ſeines Rauſches einer dumpfen Betäubung. „Um Gotteswillen,“ ſtammelte Georg,„biſt Du toll? Gnädige Frau— gnädige Comteſſe Eugenia, Sie ſehen, er redet im Fieber— er hat wieder ſei⸗ nen Anfall— o Gott!“ Die Gräfin hörte ihn nicht; ſie war in den Lehn⸗ ſtuhl zurückgeſunken, und hielt, wie zur Abwehr vor den furchtbaren Schreckensbildern der Revolution, beide Hände vor's Geſicht, während ihr Körper in nervöſen Krämpfen zuckte. Eugenia lag gleichfalls im nächſten Lehnſtuhl, und konnte nur dadurch ein Georg Volker. lautſchallendes Gelächter unterdrücken, daß ſie das Taſchentuch feſt zwiſchen die Zähne preßte; doch hatte ihr der Zwang, den ſie ſich anthat, alles Blut nach dem Kopf getrieben und ihre Augen ſtanden voll Lachthränen. Germanos kam allmählig zur Beſinnung, um vollends allen objectiven Boden unter ſeinen Füßen zu verlieren; mit düſtren Blicken ſtarrte er bald die Gräfin, bald Eugenien unheimlich an, ſeine Haud wühlte im Haare, er fühlte, wie der Rauſch des Weines ihm abermals die Sinne umnebelte, die ganze Stube drehte ſich um ihn, ein heftiger Schwin⸗ del umdunkelte ſeine Blicke, es war ein Glück, daß Georg, den verhängnißvollen Moment in ſeiner gan⸗ zen Schwere erfaſſend, den Freund, der ſchon die Farbe wechſelte, ſchnell unter den Armen ergriff und mit ihm unverweilt den Saal verließ. In der friſchen Abendluft des Schloßhofs er⸗ wachte Germanos bald aus ſeiner Betäubung, ſein Bewußtſein kehrte ihm zurück, doch beſann er ſich kaum noch, was mit ihm vorgegangen war, noch wo er ſich befand. Willenlos ließ er ſich von Georg und den gräflichen Dienern, die hierin eine große Gewandtheit zeigten, auf's Pferd heben; da er end⸗ lich glücklich im Sattel ſaß, fragte er des Grafen Georg Volker. 94 Reitknecht, ob er auch wirklich auf einem Gaul ſitze, und als es ihm dieſer beſtätigte, rief er:„Dann iſt's gut!“ und ſprengte ſicher und wohlgemuth an Georg's Seite zum Schloßhof hinaus. Hinter ihnen ſchlug die Dienerſchaft unter lautem Gelächter das Thor zu, und fort ging es, als ſtände in ihrem Rücken die Welt in Flammen, mit Windeseile den Schloßberg hinunter. Keiner redete ein Wort; erſt als ſie das Dorf hinter ſich hatten, da, wo die Chauſſee eine Biegung nach dem Grabenhof macht, rief Germanos plötzlich:„Halt!“ und auf dieſes Commando hielten Beide die ſchnaubenden Roſſe an. „Nun?“ fragte Volker verwundert. Statt aller Antwort brach der Nihiliſt in ein ſo lautes welterſchütterndes Gelächter aus und lachte ſo anhaltend, daß Volker nicht wußte, ob er mit lachen oder an des Freundes Verſtand irre werden ſollte. Endlich mußte er denn freilich dem Drange ſeines Herzens nachgeben, und Beide lachten wohl eine Viertelſtunde ſo lang und herzlich um die Wette, als wollten ſie den geſtirnten Himmel über ſich an den alten Mythus vom olympiſchen Göttergelächter erinnern. Georg Volker. Sechstes Capitel. Am Ende des großen Dorfes, wo die Lindenallee anfängt, deren alte Bäume Sommers den Weg nach dem Schloß beſchatten, ſteht, etwas weiter von den andern Häuſern der Straße zurückgelegen, ein alter⸗ thümliches Wohnhaus, deſſen Außenwände mit klei⸗ nen hölzernen Schindeln bekleidet ſind, die vom Al⸗ ter und der Witterung längſt ſchwarz gefärbt wurden. Das Ganze hat ein verfallenes und verkommenes Ausſehen, wenn auch die erhaltende Pflege überall ſichtbar iſt. Auf dem Dache wächſt reichliches Moos, aber dennoch nehmen ſich die beiden großen Wetter⸗ fahnen noch immer ganz ſtattlich aus, beſonders wenn der Wind ſie ſo dreht, daß man die in das Blech geſchnittenen drei Lilien ſehen kann, die ſie zieren. Das Häuschen ſieht auch gar nicht nach einer Bauernwohnung aus, wenngleich die Fenſter nie⸗ drig und im obern Stockwerk ſelbſt noch mit runden, in Blei eingeſetzten Scheiben verſehen ſind, wie man ſie häufig im Odenwalde antrifft. Aber bei alledem haben Haus und Hof nichts Bäueriſches, denn ſo⸗ wohl die blendend weißen Gardinen im untern Stoc Georg Volker. 93 als auch die blanken Fenſterſcheiben, hinter denen zwiſchen blühenden Winterlevkojen eine große roth— braune Katze ſich ſonnt, laſſen auf eine ſtille bürger⸗ liche Haushaltung ſchließen. Aber weder iſt's des Pfarrers Wohnung, noch die des Amtmanns, ſondern es iſt der„Wittwenſitz“ von drei alten, niemals ver⸗ mählt geweſenen Damen, dem adeligen Geſchlecht Derer von Lilien entſproſſen und weit und breit un⸗ ter dem Namen der drei Liien bekannt. Schreitet man über die keuſche Schwelle in die helle Hausflur, ſo weht uns ein Geiſt alter Erinnerungen an, wie wenn ein lieblich Kindermährchen uns plötzlich wieder vor die Seele tritt, Rothkäppchen zu Walde geht, wo die tauſend Vögelein zwitſchern und die Wipfel feſtlich zu Großmütterleins Geburtstag rauſchen. Ja, ſo recht mährchenheimlich feſtlich hat ſich hier die gute alte Zeit eingebaut, und ſieht uns aus Allem ſo hell und freundlich in die Augen, als brauche man nur zu rufen: Kehre wieder, und ſie werde da ſein aller Orten. In der großen Stube liegt und ſteht jedes Ding ſo ſäuberlich an ſeinem Platze, als ſei es erſt eben aus dem Kaufladen oder der Werkſtätte ſeines Urhebers gekommen; und doch iſt es ſchon ein ſchönes Stück Menſchenalter her, daß dieſe Möbel, dieſe Bildet und Spiegel, dieſe chineſiſchen Vaſen 94 Georg Volker. und Potpourris, kurz, alle die großen und kleinen Kunſtſächelchen neu waren, an denen aber kein Stäub⸗ chen, kein Mangel ſichtbar iſt, man müßte denn ſa⸗ gen, es ſei Roecoco. Die beiden großen Katzen von gemaltem Dresdner Porzellan auf dem mächtigen Kachelofen ſcheinen zu leben, und die prachtvolle Uhr an der Wand mit reicher durchbrochener Meſſingarbeit war gewiß einmal ein Meiſterſtück ſeltenſter Art. Und doch, wie viele Stunden hat ſie nicht ſchon ge⸗ ſchlagen, ſeitdem zum erſten Mal das tönende Glocken⸗ ſpiel in ihrem inneren Gehäuſe die Melodie„Herr Gott Dich loben wir,“ erklingen ließ. Und wie die Dinge, ſo die Menſchen. Drei alte Weſen, einander ſo ähnlich an Geſtalt und Zügen, als hätten ſie ſich in der langen Zeit, die ſie als treues Schweſter⸗Kleeblatt unter dieſem Dache beiſam⸗ men leben, gegenſeitig ſo innig ergriffen und durch⸗ drungen, bis Eine geworden wie die Andere, das zu⸗ letzt der Tod ſelbſt diejenige, welche er zuerſt abberu⸗ fen wollte, nicht mehr herausfinden konnte; oder viel⸗ leicht auch, daß ſie, wie ſie an einem Tage geboren ſcheinen— denn längſt hat die Zeit den kleinen Un⸗ terſchied an Lebensjahren bei ihnen ausgewiſcht— ſo auch an einem Tage zu ſterben, beſtimmt ſind, wenn der knöcherne Mann mit der Hippe an ihre Georg Volker. 95 friedliche Pforte klopft, der einzige Freier, dem ſie noch aufgethan wird. Adelgunde, Kunigunde, Roſamunde, Freifräulein von Lilien, ſo heißen die drei wohlbeleibten frommen Damen, deren jungfräuliche veſtaliſche Bekanntſchaft wir dem Leſer in dieſem Capitel zugedacht haben; vorausgeſetzt, daß er nicht den leiſeſten Zweifel an dem zu hegen wagt, was ſie, nächſt ihren Ahnen, für das Höchſte halten, woran ihr Herz ſich ſtärkt, ihre Seele ſich verjüngt, an dem Ruhme, daß im Vergleich mit ihnen die keuſche Göttin Selene ſelbſt ihnen den Preis der untadligen lilienreinen Unſchuld laſſen mußte. Denn nie, ſeit Armand dArlincourt dreimaltraurigen Angedenkens, hat ein Mann es wie⸗ der gewagt, nach einer dieſer Lilien die verwegene Hand auszuſtrecken, und nie iſt ſeitdem wieder die Veſtaflamme der Jungfräulichkeit an ihrem Altare erloſchen, in deren keuſcher Pflege ſie ihr langes ſtilles Leben hinbrachten und alterten, drei gute Ge⸗ nien aus einer Vergangenheit, deren letzte Sterne im⸗ mer mehr im Aufgang eines neuen Tages erlöſchen. Gern erzählten wir wohl dem Leſer ausführlich, wie ſich unſere drei Lilien in der Blüthezeit ihres Lenzes, da noch ihre Reize ebenſo ſprüchwörtlich wa⸗ ren, wie ihres Vaters, des edlen Freiherrn weiland 96 Georg Volker. landgräflich— ſchen Oberjägermeiſters grobkörnig Jägerlatein, wie ſich in dieſen Tagen der gefeierten Schönheit und der allgemeinen Huldigung, ihre Her⸗ zen und Lippen zu ſo ſtrengem Gelübde verſtehen mochten. Da uns jedoch dieſer Rückblick in eine ſpäte Vergangenheit allzuweit von dem Gange unſrer Geſchichte ablenken, und in Zeiten und Verhältniſſe zurückverſetzen würde, deren Schilderungen wir un⸗ möglich in einen modernen Roman verweben können, ſo wollen wir uns darauf beſchränken, nur in weni⸗ gen Worten einer Geſchichte zu gedenken, die einſt⸗ mals in weiten Kreiſen erſtaunliches Aufſehen machte, manche weißgepuderte Allongeperrücke, manche hoch⸗ ſteif⸗moraliſche Coiffure à la Madame de Sevigné bedenklich ſchütteln machte, die aber vielleicht jetzt außer den drei alten Fräulein und dem Vetter Peter, von dem wir ſogleich eines weitern berichten werden, kein Menſch mehr kennt. Kurz vor der Schlacht von Jena wurde ein jun⸗ ger franzöſiſcher Garde⸗Capitain Comte Armand d'Arlincourt mit Namen, im Hauſe des Oberjäger⸗ meiſters einquartiert. Der neue Paris unter den drei Huldgöttinnen verliebte ſich bald ſo tief in Adel⸗ gundens, des Freiherrn älteſter Tochter, feuriges Au⸗ genpaar, daß er ſich zuletzt nicht anders mehr vor Georg Volker. 97 Amors ſcharfem Pfeil zu retten wußte, als Schutz zu ſuchen bei der ſanfteren Kunigunde mit dem ſchwär⸗ meriſchen Veilchenblick, der er gleich der Schweſter den Schwur ewiger Treue in's tiefverſchwiegene Herz legte, und dagegen auch von ihrer ſchüchternen Ro⸗ ſenlippe das Geſtändniß ewiger Gegenliebe abküßte; bis denn zuletzt, um den Bund der ſchweſterlichen Sympathieen vollſtändig zu machen, auch die kleine wilde Roſamunde, von dem alten Freiherrn nur ſein „Hummelchen“ genannt, ſich in dem Schmetterlings⸗ Garn des unwiderſtehlichen Chevaliers verfing, der nun eine Zeitlang mit dem Genie eines Don Juan und der Courtviſie Caſanova's, allen drei Schweſtern die Cour machte, bei Adelgunden den hochtragiſchen, bei Kunigunden den elegiſchen und bei Roſamunden den chevaleresken Liebhaber mit ſo viel Effect zu ſpie⸗ len wußte, daß keine von ihnen an der Aufrichtig⸗ keit ſeiner Gefühle zweifelte, und jede ſich für die Auserwählte hielt. Allen Dreien hatte der liſtige Chevalier das Verſprechen gegeben, gleich nach dem Frieden bei dem Freiherrn um die Hand ſeiner ge⸗ liebten älteſten(zweiten und jüngſten) Tochter anzu⸗ halten und ſie als ſein ehelich Gemahl auf ſein ſchö⸗ nes Schloß an der Garonne zu führen. So bewahrte alſo eine jede der armen Betrogenen den heilloſen 7 Georg Volker. Verrath als theuerſtes Heiligthum im treu verſchwie⸗ genen Herzen, denn das wahre Glück wie der wahre Schmerz ſind ja beide ſtumm; alle Drei machten es ſich leicht, das als Geheimniß zu hüten, was Jede vor dem Blick der Andern zu verbergen ſuchte, und weil Jede ſich ihres Glückes verſichert glaubte, ſah und achtete Keine auf das der beiden Andern. So nur ward es dem Chevalier möglich, am Tage, da ihn die Kriegstrompete wieder in's Feld rief, im Hauſe des Freiherrn drei Bräute mit einem Bräu⸗ tigam zurückzulaſſen.„Armand!“ ſeufzte Roſamunde in der einen,„Armand!“ ſeufzte Kunigunde in der andern Ecke, während der Freiherr über ſeines„Hum⸗ melchens“ ungewohnte Stille und Nachdenklichkeit den Kopf ſchüttelte und nicht wußte, wie er ſich dieſe plötzliche Verwandlung ihres ſonſt ſo munteren We⸗ ſens erklären ſollte. Endlich erſcheint der Tag des Friedens, von allen Dreien mit gleicher Sehnſucht, gleichem Zittern er⸗ wartet und herbeigefleht; aber ein Tag, eine Woche nach der andern vergeht, und der Chevalier kehrt nicht zurück, läßt auch keine Sylbe von ſich hören. Immer tiefer neigen ſich im verſengenden Brand der zehrenden Liebe die Köpfe der armen drei Lilien, in Harm und Sorge ſchleicht jede im Hauſe herum, Georg Volker. 99 die Angſt, ſich betrogen zu ſehen, wird immer mehr zur ſchrecklichen Gewißheit. Der Oberjägermeiſter war ein Mann von altem Schrot und Korn und ebenſo bekannt durch ſeine Bizarrerieen wie durch ſein rauhes, oft tyranniſches Weſen. Der armen Töchter Noth entging nicht ſei⸗ nem ſcharfen Blick, er fing an,„Unrath zu wittern“ und ſetzte Alles dran, der Urſache auf den Grund zu kommen. Er nahm eine Jede beſonders vor und wußte es durch fürchterliche Drohungen dahin zu bringen, daß ihm alle Drei nacheinander Alles geſtan⸗ den und ſeine Vergebung für dieſen erſten Fehltritt ihrer unerfahrenen Jugend anflehten. Man kann ſich vorſtellen, in welche Wuth der Freiherr bei dem Be⸗ kenntniß der erſten gerieth; welches Entſetzen ihn überkam, als ſpäter die zweite ihm daſſelbe bekannte und endlich auch die dritte und jüngſte ſeiner Töch⸗ ter zitternd mit dem Geſtändniß herausrückte, daß Armand und nur Armand ihr Herz beſitze, der mit dem Schwur ewiger Treue von ihr geſchieden ſei. „Armand!“ ſtammelte der Oberjägermeiſter, als der furchtbare Name zum dritten Mal ſein Ohr traf, und ſein Verſtand ſchien wirklich eine Zeitlang auf Nimmerwiederkehr den Weg des unter ſo ſchwierigen Herzens⸗Conflicten unſichtbar gewordenen Chevaliers 100 Georg Volker. gegangen zu ſein. Nur in Einem war er ſich noch klar, daß nämlich die Satisfaction für einen ſo uner⸗ hörten Streich, wie der des Chevaliers war, nicht auf gewöhnlichem Weg geſucht werden dürfe, und das die⸗ ſes ganz abnorme Bubenſtück gegen die Ehre eines altadeligen Hauſes auch auf ebenſo ungewöhnliche Weiſe geſühnt werden müſſe. Von dieſem Geſichtspunkt aus betrachtete er die unerhörte Frevelthat und in ſeiner bizarren, faſt an Verrücktheit gränzenden Tyrannenlaune that er denn nach reiflicher Ueberlegung und mit kühlem Blute einen Schritt, gegen welchen ſelbſt das romantiſche Drei⸗Liebes⸗Verhältniß des Chevaliers wie ein blaſſes Schattenbild ſich in Dunſt und Nebel verlor. Er ſperrte die drei unglücklichen Mädchen, jede in ein beſonderes Zimmer und ſetzte ſie außer aller Communication mit den übrigen Hausgenoſſen. Jede erblickte darin nur die Strafe für ihren eignen Fehl⸗ tritt und keine ahnte, daß auch die beiden andern Schweſtern ein gleiches Schickſal unter gleichem Her⸗ zensgram erduldeten; denn es wäre ja auch nich das erſte Mal geweſen, daß er an allen Dreien ſtrafte, was Eine verſchuldet hatte. So hielt ſich jede für die Urheberin des Leidens der beiden an⸗ dern, denn keine hatte gewagt, ſich der Schweſter zu Georg Volker. 101 vertrauen, da der Alte dies jeder insbeſondere auf das Schärfſte verboten hatte. Ach, und alle Drei kannten ja dieſes Vaters furchtbare Strenge und Jähzorn nur zu gut, um nicht zu wiſſen, daß ſie im Falle des Ungehorſams das Aeußerſte hätten erwar⸗ ten müſſen. Während ſich die Armen in Geduld in ihr Schick⸗ ſal ergaben und jede in ihrem ſtillen Kämmerlein Zeit genug hatte, ihrem kurzen, ſo ſchrecklich zerſtör⸗ ten Liebestraum nachzuweinen, ſaß der Alte auf ſei⸗ ner Stube und brütete über ſeinen furchtbaren Rache⸗ plan. Drei Tage und drei Nächte kam er nicht aus den Kleidern und ſeine Diener nahten ihm nicht ohne Zittern. Denn niemals ſetzte es ſo viele gräßliche Flüche, ſo viele Fußtritte und Peitſchenhiebe ab, als zur Zeit, wo der graue Tyrann ſämmtlicher hochfürſt⸗ lichen Wälder und Parke nichts Geringeres dachte und that, als ſeiner drei unglücklichen ſchönen Kinder Lebensglück für immer zu zerſtören. Er ſchrieb an alle Freunde und Verwandte der Familie Briefe, worin er ſie mit den üblichen For⸗ malitäten zum Verlobungsfeſt ſeiner drei Töchter ein⸗ lud, und zugleich den Tag beſtimmte, an welchem daſſelbe in ſeinem Hauſe in der Reſidenz gefeiert werden ſollte. Auf dieſen Tag ließ er nun ein 102 Georg Volker. glänzendes Gaſtmahl herrichten; wer nur irgend mit einer Faſer ſeiner Herkunft mit der Stammzwiebel der Lilie zuſammenhing, wurde dazu geladen, und außerdem noch die ganze Genoſſenſchaft ſeiner zahl⸗ reichen Jagdfteunde und Kumpane im Lande. Groß war natürlich das Aufſehen, welches die Nachricht von der gleichzeitigen Verlobung der drei ſchönſten Fräulein der Reſidenz, zudem noch Töchter einer der angeſehenſten Adelsfamilien des Landes, machte; um ſo größer, da Niemand die glücklichen drei Bräuti⸗ game kannte und man ſich vergebens die Köpfe dar⸗ über zerbrach. Die abenteuerlichſten Gerüchte liefen in der Reſidenz umher, und Frau Fama ſpielte in dieſer geheimnißvollen Geſchichte das ganze Trompe⸗ tenregiſter ihrer Phantaſieen durch. Am Morgen des beſtimmten Tages erſchien der Freiherr bei ſeinen Töchtern, und kündete einer je⸗ den mit kurzen Worten in ſtreng feierlichem Tone an, daß ſie ſich zu ihrem Verlobungsfeſt ſchmücken ſolle; Armand ſei da und er, der Vater, wolle ihren Wünſchen nicht länger im Wege ſtehen. Wir be⸗ ſchreiben nicht die Ueberraſchung der armen drei Li⸗ lien, nicht dieſen Wechſel von der tiefſten Traurig⸗ keit zum ſeligſten Glücke; vergeſſen war nun aller Gram und des Vaters grauſame Behandlung, zu⸗ Georg Volker. 103 mal er einer jeden ſagte, daß auch für die beiden Schweſtern ſich Freier gefunden hätten, die ihm und ihnen genehm wären. Jede beeilte ſich nun, ihre koſtbarſten Kleider anzuziehen und ſich ſo ſchön als möglich zum Empfang ihres geliebten Armand zu ſchmücken. Der Alte verſprach ſelbſt, ſie zum Feſt⸗ mahle abzuholen, bis dahin ſie jedoch wie ſeither in ihrem Kämmerlein verharren mußten. Unterdeſſen zogen von nahe und fern die gelade⸗ nen Gäſte in hellen Haufen herbei, die ganze hoch⸗ adelige Sippſchaft des im Lande weit verbreiteten Geſchlechtes Derer von Lilien. Der Freiherr empfing alle in ſeiner prächtigen, über und über mit Gold geſtickten grünen Landjägermeiſter⸗Uniform, zwar ern⸗ ſter, als ein dreimalglücklicher Brautvater gewöhnlich iſt, aber doch mit großer Herzlichkeit und warmem Willkomungruß; das ganze Haus prunkte in hoch⸗ zeitfeſtlichem Glanze, und die Tafel wollte faſt bre⸗ chen unter der Laſt von koſtbaren Speiſen und Lecke⸗ reien aller Art vom großen Wildſchweinskopfe mit den vergoldeten Hauern, bis zum Goldfaſan mit den prächtigen Schwanzfedern. Als alle Gäſte beiſam⸗ men waren, ging der Alte weg, die drei Bräute zu holen; eine nach der andern erſchien in ihrem ſchön⸗ ſten Brautſtaat, jede den Brautkranz in ihrem Haare, 104 Georg Volker. ſowie es der Vater befohlen; worauf der Freiherr der Muſik das Zeichen gab und ein rauſchender Tuſch den Beginn des Feſtmahls ankündigte. Wohl fragte und forſchte man nach den drei Bräutigamen und ſchüttelte die Köpfe über deren langes Verwei⸗ len; aber der Freiherr wußte es ſo geſchickt und glücklich zu wenden, daß man ſich höchſtens von Seiten der Gäſte einer angenehmen Ueberraſchung verſah, und ſich ohne Arg in Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten, zum Gaſtmahl niederſetzte. Die drei Bräute erhielten die Ehrenplätze an der Tafel und neben einer jeden blieb ein Stuhl leer— für den Bräutigam. Aber ſo gütlich auch Jeder⸗ mann ſich that, ſo eifrig auch der Hausherr ſeine Gäſte zum Eſſen und Trinken nöthigte, eine rechte Fröhlichkeit wollte doch nicht an der Tafel aufkommen, und je länger die von Allen mit größter Spannung erwarteten Verlobten ausblieben, um ſo größer wurde der Gäſte Beklommenheit. So oft ſich die Flügelthü⸗ ren aufthaten, blickte Alles neugierig hin; und die armen Bräute zumal, welche jeden Augenblick mein⸗ ten, jetzt werde Armand in den Saal treten, ſchraken dann ſichtbar zuſammen. Aber nur neue Speiſen wurden in langen Gängen hereingetragen oder die Diener ſchleppten ſchwere Flaſchenkörbe herbei. Der * Georg Volker. 105 dreimal heiß Erſehnte erſchien noch immer nicht. Gegen das Ende der Mahlzeit trat der alte Kammerdiener zu ſeinem Gebieter heran, und ſtellte eine mit einem Tuche bedeckte ſilberne Platte vor deſſen Platz auf die Tafel. Mit ernſter Miene er⸗ hob ſich ſodann der Landjägermeiſter vom Stuhle und blickte ſo lange ruhig an der Tafel hinauf und hinunter, bis eine Todtenſtille eintrat und alle Au⸗ gen erwartungsvoll auf ihn gerichtet waren. Dann wiſchte er ſich mit der Serviette den Wein aus dem grauen Schnurrbart und begann zu reden. Anfangs wußte eigentlich Niemand recht, wohin der Alte mit ſeinen Worten ziele. Denn bald ſprach er von der fernſten Vergangenheit ſeines Geſchlechtes, bald erzählte er von dieſem und jenem Vorfahren, gab dazwiſchen umſtändliche genealogiſche Aufklärun⸗ gen über die einzelnen Verzweigungen der Familie, und hatte ſchon lange Vieles ohne Zuſammenhang durcheinander geredet, ehe er zu dem Punkte gelangte, wo Alle mit größter Spannung Aufklärung über den eigentlichen Zweck ſeines Vortrags und des heu⸗ tigen Feſtes erwarteten, vornehmlich aber eine Nach⸗ richt über die Namen, die Perſonen und den Stand der künftigen drei Eidame. Endlich kam der Freiherr auf die feſtliche Bedeu⸗ 106 Georg Volker. tung des Tages, die Verlobung ſeiner Töchter, zu ſprechen und eröffnete den horchenden Gäſten, wie er deshalb alle ſeine Verwandten und Freunde nach al— ter Familienſitte um ſich verſammelt habe, da, er ſagte dies mit auffallender Betonung, ein ſolches Verlobungsfeſt im Geſchlecht Derer von Lilien noch niemals gefeiert worden ſei. Sodann erzählte er von dem Grafen Armand dArlincourt(die drei Jungfrauen wurden beim Klang dieſes Namens feuerroth und ſenkten verſchämt die Blicke), wie dieſer in ſeinem Hauſe gaſtliche Auf⸗ nahme und als Edelmann und Offizier des Kaiſers alle die Ehren und Aufmerkſamkeit gefunden habe, die ſeinem Rang und Stand gebührten. Der Alte ſchilderte ſodann des Grafen liebenswürdige Eigen⸗ ſchaften, ſein feines geſittetes Weſen und ſeine edle Abkunft, und geſtand, daß er ihn wie ſeinen Sohn liebgewonnen habe, ehe er noch gewußt hätte, daß der Graf auf dieſes Prädicat reflectire. Der Freiherr hielt einen Augenblick inne, und ſichtbar war die Gewalt, die er ſich anthat, um ſei⸗ ner Gefühle Meiſter zu bleiben. Neugierig blickten alle Gäſte auf die drei Verlobten, um diejenige her⸗ auszufinden, welche man im nächſten Augenblick von dem Vater als die Braut des ſchönen Grafen Ar⸗ ——— ——————— —— — Georg Volker. 107 mand proclamiren zu hören erwartete. Aber es war unmöglich, die rechte zu errathen, denn alle Drei zeigten dieſelbe holde Verwirrung und Eine war noch ſchöner und reizender als die Andere in dieſer Secunde ihres höchſten Glückes. Aber welches ſtarre namenloſe Entſetzen ergriff alle Anweſenden, als der Alte nach dieſer kurzen Pauſe das Wort wieder nahm, um ohne Rührung und Erbarmen mit ſeinen unglücklichen Kindern die ganze Geſchichte von der Schandthat des Franzoſen zu of⸗ fenbaren, der ſeinen drei Töchtern nacheinander die Ehe verſprochen und ſich dann, wie er mit teufliſchem Hohne hinzufügte, aus dem Staube gemacht habe, vermuthlich, weil ihm noch rechtzeitig eingefallen ſei, daß die drei„Lilien“ für ewige Zeit aus Frankreich verbannt bleiben ſollen. Noch wußte eigentlich von Allen, welche dieſer furchtbaren Entdeckung gelauſcht hatten, Niemand recht, ob der Alte im Scherz oder in Wahnſinn re⸗ dete, ſo undenkbar erſchien Jedermann dieſe uner⸗ hörte Verleugnung der Natur, und die drei Schwe⸗ ſtern zumal blickten einander an, als verſtänden ſie nicht, was in dieſem Augenblick mit ihnen vorge⸗ gangen, und ob ſie wachten oder träumten; da zog der Freiherr, um ſein gräßliches Spiel bis auf's 108 Georg Volker. Aeußerſte zu treiben, das Tuch von der ſilbernen Platte hinweg und legte vor jede ſeiner Töchter ei⸗ nen zierlich aus Marzipan gebildeten Offizier in der franzöſiſchen Garde Uniform, wobei er jedes Mal mit einer hellen Lache ausrief:„Das iſt Dein Ar⸗ mand! Und das Deiner! Und das Deiner!“ Die nun folgende Scene beſchreiben wir nicht! Ein Jammergeſchrei war die einzige Antwort der unglücklichen Opfer dieſes Vaters mit dem Tiger⸗ herzen, und wie drei vom Blitzſtrahl der Vernichtung getroffene Linien knickten ſie zuſammen. Aber der Freiherr hatte ſich über den Erfolg ſei⸗ ner ſündhaft⸗unmenſchlichen Rache dennoch getäuſcht; ſtarr vor Entſetzen über dieſen unnatürlichen Vater ſaßen anfangs die Gäſte regungslos da; und erſt als Roſamunde lautaufſchreiend ohnmächtig vom Stuhl ſank, Adelgunde in fürchterlichen Krämpfen zuckte, Kunigunde mit gläſernen Augen, bleich wie der Tod, den Vater anſtarrte, da erholten ſich die Gäſte von ihrer anfänglichen Betäubung, und ſo viele Hände zum Beiſtand der Unglücklichen herbeieilten, ſo viele erhoben ſich zum Fluch und Abſcheu gegen den unna⸗ türlichen Vater; und ſelbſt Vetter Peter, des Alten Liebling, damals noch ein junger ſchmucker Lieutenant, hätte ihn in der erſten Aufwallung Georg Volker. 109 ſeines Zornes beinahe mit den Händen erwürgt. Alsbald traten die nächſten Verwandten des Hau⸗ ſes zuſammen und beſchloſſen nach kurzer Berathung einſtimmig, die armen Mädchen unverweilt aus der Nähe ihres grimmigſten Feindes zu entfernen, da man von deſſen Wuth und Tücke für ihr Leben Ge⸗ fahr beſorgte. Umſonſt ſuchte der Alte einige der Gäſte zurück⸗ zuhalten; alle verließen das Haus des Tyrannen, der zuletzt allein an der Tafel ſitzen blieb, ſtarr und ſich hinblickend, dann wieder in wilder Luſt auflachend und furchtbare Flüche, nſeine Kinder, bald gegen die übrigen Freunde und Verwandten ausſtoßend. Wie zum Trotz gegen das Urtheil der Welt, das er ſo frevent⸗ lich gegen ſeine Töchter herausgefordert, das aber ſtatt deſſen ihn ſelbſt mit ſeiner ganzen Schwere traf, leerte er Becher auf Becher, einige ſeiner Bedienten mußten ihm beim Trinken Geſellſchaft leiſten, bis ihn zuletzt der Wein gegen Mitternacht dergeſtalt be⸗ täubte, daß er vom Stuhle fiel und von den zittern⸗ den Dienern leblos zu Bette gebracht wurde. Der Schlag hatte ihn gerührt, er war ſteif und todt vom Scheitel bis zur Sohle, und beinahe wäre es geſchehen, daß nach zwei Tagen die e 1¹⁰ Georg Volker. gefehlt hätten, um dieſen würdigen Sohn der„gu⸗ ten alten Zeit“ zur letzten Ruheſtätte in die Fami⸗ liengruft Derer von Lilien zu tragen, ſo allgemein ſprach ſich der Abſcheu aller Menſchen gegen einen Vater aus, der ſeinen lieblichen unſchuldigen Kindern ſolches Herzeleid bereitet hatte. Dies die tragiſche Liebesgeſchichte unſrer drei Lilien, die, ſo romanhaft ſie auch klingt und ſicher von manchem Leſer mit ungläubigem Kopfſchütteln aufgenommen wird, dennoch eine wirkliche Begeben⸗ heit bleibt, an der wir in unſrer Erzählung nichts ab⸗ und wenig hinzugethan haben. Zugleich belehrt uns dieſe Geſchichte abermals, wie ſeltſam oft das Schickſal ſeine ſchwarzen und heiteren Looſe miſcht; Schönes und Gemeines, Liebliches und Häßliches ſo wunderbar räthſelhaft durcheinander mengt und verbindet, daß ſchon ein tieferer Sinn, ein höheres Lebensverſtändniß dazu gehört, das Gold der Poeſie von den Schlacken der proſaiſchen Widerlichkeit zu rei⸗ nigen, und jene auf der dunklen Folie menſchlicher Verirrung und Verzerrung in lichten Zügen zu ver⸗ klären. Und ſo erhält auch die an und für ſich wider⸗ Georg Volker. 111 wärtige Geſchichte der drei Schweſtern mit dem Che⸗ valier dArlincourt erſt die rechte tragiſche Weihe, wenn man nicht ſowohl die Begebenheit als ſolche, ſondern vielmehr die rührende Art und Weiſe be⸗ trachtet, wie ſich jenes unverdiente Schickſal im Le⸗ ben unſrer drei alten Fräulein im Laufe langer Jahre, wir möchten faſt ſagen, zur Mythe ausgebildet und längſt für ſie den Stachel herber Erinnerungen ver⸗ loren hat. Sie haben ſich im treuen gegenſeitigen Schweſtertroſte ſchon ſo lange daran gewöhnt, an dieſer Drei⸗Herzensgeſchichte nur den ſchönen Grund⸗ ton ihrer Liebe feſtzuhalten, daß, was einſt alle Drei in der Jugend holder Täuſchung eine Zeitlang für das wahre Glück nahmen und das ſpäter ihr ge⸗ meinſames Leid wurde, endlich zur wirklichen Liebe ſich verklärte; ſo daß ſie zuletzt in der langen Ange⸗ wöhnung an das ſchweſterliche Mitgefühl den freu⸗ digen Muth gewonnen haben, nur an dem Schönen und Beglückenden jener Erinnerung feſtzuhalten. Ja, ſie haben ſelbſt über dem Glücke des gegenſeitigen Troſtes, wie ihn der edle Menſch im gemeinſamen Leiden ſo leicht und ſicher findet, ſogar den treuloſen Verräther vergeſſen, der ſie alle Drei täuſchte; und Jede hat, der Andern zum Troſte, ſo viele Selbſt⸗ verleugnung beſeſſen, daß ſie ihn ſogar noch ent⸗ ——————————— ——————= S 112 Georg Volker. ſchuldigte und den heilloſen Frevel von ſeinem beſſern Selbſt ſchied. So haben ſie ſich gegenſeitig den Glauben an den Geliebten erhalten, und weil jede der andern zuredete, daß die Schweſter die zumeiſt von ihm Geliebte geweſen ſei, wiſſen ſie es auch nicht anders, als daß er im Grunde alle Drei mit derſelben Zärtlichkeit und auftichtiger Geſinnung ge⸗ liebt habe. Adelgunde ſchwärmte für den Anbeter Kunigundens, wie dieſe für das Ideal Roſamundes; kurz die wahre Liebe hat verſöhnt, was die falſche verſchuldet, und ſo kommt es denn, daß Chevalier Armand in ihrem Gedächtniß noch immer als der liebenswürdigſte, ſchönſte und angebetete Mann ihres Herzens fortlebt, und doch keine der andern um ihrer Liebe willen gram iſt. Dahingegen ſchaudern ſie noch immer zuſammen, wenn des Vaters Name von ungefähr einmal ge⸗ nannt wird; und ſo viele Jahre auch zwiſchen dem Heute und jenem ſchrecklichen Tag ihrer Verlobung liegen, dieſen Schmerz hat doch die Zeit nicht ge⸗ lindert, ſeine Wunde nicht ſchließen können. Im Ge⸗ gentheil vereinigt ſich in ihm eben Alles, was ihnen Armand Schlimmes und Trauriges zugefügt hat und was der grauſame Vater ſo ſchrecklich an ihnen ſtrafte. Georg Volker. 113 Nur ein Mann lebt, der außer Armand noch ein Anrecht auf ihre Herzen hat, und zwar lebt der⸗ ſelbe mit ihnen als alter Hageſtolz unter einem Dache, ſpeiſt von ihrem Brote, trinkt von ihren Reben, und repräſentirt ihnen ſo gleichſam, aller⸗ dings unter höchſt divergirenden liebenswürdigen Eigenſchaften, den verlorenen Chevalier. Denn wahr⸗ lich, nicht mehr zärtliche Sorgfalt, Ergebenheit und Geduld könnten ſie gegen den Geliebten ſelbſt üben, als ſie dem„Vetter Peter“ erzeigten, ſo heißt näm⸗ lich in Haus und Dorf der ſonderbare Kauz, der den obern Stock des ſtillen Jungfernſitzes bewohnt und ſich daſelbſt eingeniſtet hat, wie in friedlichem Taubenſchlag ein alter mürriſcher Kater mit gräuli⸗ chen Launen. Hauptmann Peter von Bärenhorſt bildet mit ſei⸗ nem alten Diener Baldrian das würdige Gegenſtück zu den drei guten ſanften Weſen, die ihn wie ihren Augapfel pflegen und hegen, ihn vor jedem rauhen Zuglüftchen bewahren und nur da zu ſein ſcheinen, um ſich zum Dank für alle dieſe Liebe und Zärtlich⸗ keit von ihm beſtändig mit rauher Härte tyranniſiren und quälen zu laſſen. Sie zittern vor ihm wie Kin⸗ der vor dem ſtrengen Vater, ſein Wink iſt oberſtes Geſetz im Hauſe, ſein Commando duldet keine Wi⸗ 1 8 ———————— 1 ———— Georg Volker. derrede.„Vetter Peter will es ſo,“ iſt ihr drittes Wort, das jede weitere Erörterung unnöthig macht. Und für alle dieſe ſeltene Aufopferung, für alle dieſe Herzensgüte und himmliſche Geduld, was thut dafür der Hauptmann? Wie belohnt er ihnen dieſe Pflege ſeiner alten Tage? Höchſtens lobt er ein⸗ mal den Sonntagsbraten, vorausgeſetzt, daß er über die Sauce dazu einen furchtbaren Fluch mit in Kauf geben kann; oder er erlaubt ihnen, beim Nachmit⸗ tagskaffee, während er ihre Stube mit dichten Kna⸗ ſterwolken anfüllt, zuzuhören, wie er leiſe für ſich die Zeitung lieſt und dabei zuweilen ſeine Randgloſſen vor ſich hinmurmelt; bis er endlich in der Sophaecke einnickt und einer von den Schweſtern vergönnt iſt, ihm die Fliegen abzuwehren; oder er erſcheint, was ſie ihm beſonders hoch anrechnen, bei ihren Namens⸗ und Geburtstagen in voller Uniform bei Tiſche, nachdem er zuvor durch Baldrian in der Frühe des Morgens ſeine Gratulation hat abſtatten laſſen; ſticht auf das Wohl der Gefeierten eine Flaſche Al⸗ ten ertra aus und küßt ihr nach aufgehobener Mahl⸗ zeit ſo derb gravitätiſch die Hand, daß dieſelbe un⸗ ter dem ſtechenden Schnauzbart roth aufläuft. Weiter haben ſich Vetter Peter's Galanterieen ge⸗ gen das gute Schweſter⸗Kleebatt niemals erſtreckt, Georg Volker. 11⁵ und ſonſt thut er beſtändig nichts, als daß er ſie mit ſeinen Paſcha⸗Launen quält oder ihr keuſches Ohr mit ſeinen robuſten Landsknecht⸗Späßen beleidigt. Dabei flucht und ſchimpft er bei jeder Gelegenheit auf die Franzoſen, und wehe der noch ſo ſanften Ein⸗ rede, die ihm in dieſem Falle gemacht wird; er zieht dann ſein faltenreiches Geſicht in eine abſcheuliche, ſauer⸗ſüße Grimaſſe zuſammen, ſein Blick wird ſtechend wie der eines Baſilisken, und mit kichernder Stimme erzählt er ihnen dann die Geſchichte von einem fran⸗ zöſiſchen Chevalier, deſſen Name ihm entfallen und der einmal vor vielen vielen Jahren irgendwo drei adelige Fräulein, wie Münchhauſen ſeine Enten, an einer Leine gefangen habe, und was der rohen grau⸗ ſamen Sticheleien auf ihre unglückliche Bebesgeſchichte mehr ſind. Hat er dann auf dieſe Weiſe die Armen, die mit niedergeſchlagenen Blicken daſitzen, genugſam gepeinigt und durch ſeine meiſt ſehr unzarten Scherze erzittern und erbleichen gemacht, ſo erhebt er ſich zu⸗ letzt ſchwerfällig mit einem Fluche aus dem Polſter⸗ ſtuhl, klopft jeder der Schweſtern ſanft auf die Wan⸗ gen, ſpricht wie zur Abbitte recht höhniſch mitleidig: „Nir für ungut, Gundchen!“ und verläßt dann„in der Maienblüthe ſeiner Sünde“ mit einem langgezo⸗ genen Brrrrrr! das Zimmer. ——— e —— ————— Georg Volker. „Gott im Himmel!“ ſeufzt dann gewöhnlich Adel⸗ gunde nach einer langen Pauſe gepreßt. „Verzeih' ihm, Liebe, er meint es nicht ſo böſe,“ bemerkt Kunigunde mit ſanfter Stimme, und mit ge⸗ faltenen Händen ſetzt Roſamunde hinzu:„Der beſte Menſch auf Erden! Gott erhalt uns Vetter Peter noch recht lange.“ Sonſt, das heißt nämlich da, wo ihm die drei Damen nicht in den Weg kommen, iſt der alte Hau⸗ degen ein herzensguter, hülfreicher Menſch, ſteht weit und breit im Rufe großer Wohlthätigkeit und ſein gerades leutſeliges Weſen macht ihn bei Allen beliebt. Die Bauern halten große Stücke auf ſeinen Rath; er curirt ihnen das kranke Vieh, reißt ihnen die hoh⸗ len Backenzähne aus und ſchlichtet ihre Familienzwiſte. Bei keiner Kindtaufe, keinem Hochzeitsſchmaus darf der„alte Bär,“ wie ihn die Bauern, die bei Perſo⸗ nennamen ſolche Abkürzungen lieben, nennen, fehlen; Sonntags ſitzt er auch wohl bei ihnen in der Schenke, unterhält ſich mit ihnen über Krieg und Frieden, legt ihnen das„Blatt“ aus oder erzählt ihnen von ſeinen Heldenthaten und Abenteuern in Spanien und Ruß⸗ land. Daß es ihm dabei auf ein bischen Uebertrei⸗ bung mehr oder minder nicht ankommt, verſteht ſich; denn„ein Bauernmagen verträgt viel.“ Dabei hilft 116 Georg Volker. er gern und jederzeit, wo es eine Noth zu lindern, eine Thräne zu trocknen giebt, iſt der treue Freund jedes Unglücklichen, der wackere Beſchützer jedes un⸗ ſchuldig Verfolgten und Gedrückten. Wer einen „Praſt“ auf dem Herzen hat, der kommt zu ihm, und der„alte Bär“ ruht und raſtet dann nicht, bis die beregte Sache wieder im rechten Gleiſe geht und das Hinderniß gehoben iſt. Auch wird keine Leiche zum Dorfe hinausgetragen, der Hauptmann ginge denn an der Spitze der Leidtragenden in ſeinem militairi⸗ ſchen Kleid; er wirft die erſte Scholle auf den Sarg, ſpricht dann laut und andächtig das Vaterunſer und verſchmäht wohl auch mitunter nicht, ſchließlich am Leichenſchmauſe Theil zu nehmen, was Alles ihm natürlich eine große Popularität verſchafft, ſo daß er der„Vetter Peter“ der ganzen Gemeinde iſt. Ein vieljähriges Leben unter den Bauern hat ihn mit ihren Anſichten, Bedürfniſſen und Eigenthümlichkeiten auf das Innigſte vertraut gemacht, ſo daß Niemand wie er es verſteht, den Bauer zu behandeln und bei demſelben den Nagel jedesmal auf den Kopf zu tteffen. Dabei hält der Alte große Stücke auf Chriſtum und ſeinen Glauben, verehrt den Herrn Pfarrer kindlich und fehlt keinen Sonntag in der Kirche. Dort ſitzt er in ſeinem vergitterten Stuhl, zunächſt der Kanzel, ————————— „ ———— 118 Georg Volker. und die Bauern meinen, der Geſang„laute“ nicht, wenn ſie des alten Bären Stimme nicht hören, ſo gewaltig tönt ſein tiefer Baß durch den Kirchengeſang. Während der Predigt wagt auch kein Glied der Ge⸗ meinde eher einzunicken, als bis aus des Hauptmanns Stuhl das wohlbekannte Schnarchen gehört wird, worauf denn Einer nach dem Andern ſeinem Beiſpiel folgt, bis das Vaterunſerläuten die Schläfer aus ih⸗ rer Andacht aufweckt. Der geneigte Leſer hat hoffentlich ſeine vorige ungünſtige Meinung von dem rauhen und doch ſo gutmüthigen Kriegsmann wenigſtens in ſo weit geän⸗ dert, daß er neugierig ſragt, wie es möglich ſei, daß derſelbe Mann, den jedes Kind um den Finger wi⸗ ckeln kann, zu Hauſe ein ſo grimmiger Eiſenfreſſer und den drei alten Damen beſtändiger Plagegeiſt iſt. Wir wollen alſo dieſen Widerſpruch in ſeinem Cha⸗ rakter aufklären, ſo weit uns dies überhaupt mög⸗ lich iſt. Vetter Peter iſt die ehrlichſte Haut von der Welt, aber dabei ein Erzſchalk ohne Gleichen. Bei all ſei⸗ ner großen Gutmüthigkeit kann er nicht leben, ohne Jemanden das empfinden zu laſſen, was er ſeinen „Stich“ nennt; dieſer„Stich“ aber und was damit gleichbedeutend, eine ihm durch langjährige Gewohn⸗ Georg Volker. 119 heit zur andern Natur gewordene Luſt daran iſt es gerade, was ihn antreibt, allen üblen Humor ſeines Blutes, Alles was ihn verdrießlich und feindſelig ſtimmt, auf die drei guten Weſen abzuladen, deren ſanfte Reſignation und himmliſche Geduld ihn längſt über ſeine Rauhheit gegen ſie auf das Vollſtändigſte beruhigt hat. Ja, er iſt beinahe überzeugt, daß er ihnen auf dieſe Weiſe erſt recht zu Gefallen lebt: „denn was hätten die alten Geſpinſter ſonſt von mir, wenn ich ſie nicht ärgerte!“ Mit dieſer Philoſophie beruhigt er ſich jedesmal, ſo oft die ſtille Noth der drei guten Weſen ſein Mitleid rühren will, und gewiß treibt er's dann noch einmal ſo arg mit ihnen. Im tiefſten Herzensgrund aber blühen eigentlich nur die drei Lilien; er würde ſich in Stücke hauen laſſen, bevor er ihnen von fremder Hand ein Haar krümmen ließe, und ſo weit geht ſeine Tyrannei ge⸗ gen ſie, daß er nicht duldet, daß ein Anderer als er ſelber, ſie kränkt und„coujonirt.“ Dieſer„Stich“ in ihm iſt nur eine andere Sorte von Liebe, die den rauhen, weiberfeindlichen Hage⸗ ſtolzen noch in ſeinen alten Tagen plagt, daß er den guten Weſen immer das Gegentheil von dem anthut, was er fühlt; damit ſie niemals inne werden, wie 3. 120 Georg Volker. treu und herzlich er ihnen im Grund ſeiner Seele zugethan ſei. Auch ſoll hier noch als eine Eigenthümlichkeit an ihm hervorgehoben werden, daß er noch nicht ein einziges Mal in ſeinem Leben einer der Schweſtern mehr Uebeles gethan hat, als allen Dreien zugleich; nur in der Dreizahl iſt er ihnen furchtbar und plagt ſie. Gegen Zwei von ihnen zeigt er ſich ſchon viel mil⸗ der und Einer allein geht er ſogar knurrend und brummend aus dem Weg und thut, als ſähe er ſie nicht. Darum duldet er auch nicht, daß ſie in ſei⸗ ner Gegenwart von ihrem Tode ſprechen, denn ſtürbe eine, ſtürben gar zwei von ihnen, er wäre im Stande, der letzten noch in ſeinen alten Tagen als zärtlicher Seladon einen Heirathsantrag zu machen, ſo ſehr liebt er in der Einen, was ihm an den Dreien fatal iſt. „Sie haben zu Dreien Einen geliebt, ſo ſollen ſie auch zu Dreien an Einem ſterben und verderben, Baſta!“ ſagt ſich der Hauptmann und thut darnach ſieben Tage in der Woche, macht dreihundertfünfund⸗ ſechzig im Jahre. Sonſt aber giebt es in der Welt nur einen Men⸗ ſchen, bei dem der alte Bärenhorſt ſein wahres Ge⸗ fühl nicht zu verleugnen braucht, um ihn tödtlich zu Georg Volker. 12¹ haſſen, und dieſer Eine iſt der Graf von Nellenburg. Woher ſich dieſe Feindſchaft ſchreibt, wie ſie im Lauf der Jahre wuchs und an innerer Erbitterung wie an offenem Haß zunahm, iſt hier nicht der Ort zu er⸗ zählen. Es genüge zu bemerken, daß das größte Uebel, das ſchrecklichſte Mißgeſchick, welches den Gra⸗ fen heimſuchen würde, immer nur gering wäre im Vergleich zu dem Schaden, den ihm ſein unverſöhn⸗ licher Feind täglich und ſtündlich auf den Hals wünſcht. Von dieſem Gefühl eines tiefnagenden Grimmes ver⸗ folgt, läßt der Hauptmann keine Gelegenheit vorbei⸗ gehen, ſeinem Todfeind Eins anzuthun. Er hetzt nicht allein die Bauern gegen den Standesherrn auf, daß ſie dieſem, wo es in Recht oder Unrecht angeht, allen möglichen Trotz und Schaden zufügen; er greift ſogar oft ſelbſt mit an, wenn es eine Feind⸗ ſeligkeit gegen den Grafen auszuführen giebt, ſchenkt den Wilddieben unter den Bauern Jagdgewehre, ſammt Pulver und Blei, ſo viel ſie deſſen brauchen, daß ſie dem Grafen Nachts in die Forſte brechen, und ihm ſeinen Wildſtand vernichten. Denn nach des Alten Marime gehört das Wild dem lieben Gott und ſo⸗ mit auch allen Menſchen, und nur das Ungeziefer iſt für den gnädigen Herrn allein; oder er ſtiftet die Bauern an, daß ſie dem Grafen das Holz klafterweis ————————— ————— 122 Georg Volker. aus dem Walde holen;„denn wem der Schatten des Baumes gehört, dem gehört auch der Aſt;“ lau⸗ ter Lebensphiloſopheme, die ſelbſt der härteſte Bauern⸗ ſchädel leicht und faßlich findet. Ja, der Alte pürſcht oft in eigner Perſon mit einigen vertrauten Wild⸗ dieben Nachts in den gräflichen Wäldern, oder ſchleicht wohl auch, wenn der Mond aufgegangen, allein mit der Büchſe auf den Anſtand nach der Gränze zwi⸗ ſchen ſeinem und des Grafen Jagdrevier; und man⸗ cher feiſte Bock, nach welchem dem gräflichen Herrn ſchon der Mund wäſſerte, wandert ſtill und gemüth⸗ lich in die Küche der Lilien, wo er von den drei frommen Hausgenoſſinnen, die noch keinen Menſchen auch nur um einer Stecknadel Werth betrogen haben, unter ſtillen Seufzern zubereitet, von Vetter Peter aber mit innigem Wohlbehagen verzehrt wird, nach dem Grundſatz:„Der Teufel holt zuletzt noch den ganzen Kram!“ So hat er es wirklich dahin gebracht, daß die Bauern Alles für erlaubt halten, was ſie ihrem Standesherrn gegenüber in Vortheil bringt, oder wenn auch nicht, doch dieſen in Schaden; und mehr als durch lle Aufklärung, welche Volker unter ihnen ver⸗ breitet, lehrt ſie der Hauptmann durch die eine Le⸗ bensregel, daß zweimal zwei vier, und der Menſch Georg Volker. 123 kein Hund, wohl aber ein Eſel ſei, der ſich was Un⸗ gerechtes bieten laſſe, ſich als freie Menſchen fühlen und nicht als Leibeigene.„Müßt ihr ihm Hörige ſein, ſo ſeid wenigſtens recht ungehörig,“ ſpricht der Alte, und der Bauer ſchiebt vergnügt die Pelzmütze von dem rechten aufs linke Ohr und betrügt den Grafen wo er kann. Wenn dann Sonntags der Pfarrer nach der Predigt das übliche Kirchengebet für den„regierenden“ Herrn und deſſen Haus ſpricht, ſo kann man ſicher ſein, daß zwei Drittheile der Ge⸗ meinde heimlich den linken Daumen einſchlagen, was bei ihnen ſo viel bedeutet, daß ſie das Gegentheil von dem wünſchen, was ſie bitten. Es iſt faſt allein nur des Hauptmanns Werk, daß der„Raubritter“ beſtändig mit ſeiner halben Grafſchaft im Prozeß liegt; und dabei verſteht der alte Schlaukopf ſeine Praktiken und Intriguen ſo künſtlich anzulegen, daß der Graf faſt immer verliert, und noch obendrein zu ſeinem Aerger erfahren muß, wie die Bauern, wenn es zum Entſcheid und Urtheil kommt, erſt recht zu⸗ greifen. So hatten ihm z. B. im vergangenen Herbſte Fiſchdiebe zur Nachtzeit einen großen Kar⸗ pfenteich abgegraben; die Thäter wurden öffentlich als ſolche angegeben und ſollten zur Strafe gezogen wer⸗ den; aber Dank den Liſten des alten Bären, er wußte 124 Georg Volker. die Sache ſo klug zu drehen und zu wenden, daß der Graf mit allen Beweiſen und Rechtsmitteln nicht ausreichte und das Hofgericht ihm ſogar das Teich⸗ gelände, welches von Rechtswegen der Gemeinde ge⸗ hörte, noch obendrein abſprach. Ein harter Schlag für den habſüchtigen Grafen! Der Hauptmann aber lobte die Bauern und ermunterte ſie, dem Grafen immerfort die Fiſche ſammt dem Waſſer zu ſtehlen. Daß bei einem ſolchen Verhältniß an freundliche Nachbarſchaft zwiſchen dem Schloß und dem Jungfern⸗ haus nicht zu denken iſt, braucht wohl kaum be⸗ merkt zu werden. So oft es der Alte abpaſſen kann, wann die Gräfin durch's Dorf fahren wird, ſteht er hinter den Jalouſieen auf der Lauer und wartet, bis der Wagen am Hauſe vorüber iſt. Dann ſtößt er in ein großmächtiges Sprachrohr, auf welches wohlbe⸗ kannte Signal alsbald alle Jungen, ſammt allen Kötern und Spitzhunden des Dorfes lärmend und bellend aus Häuſern und Höfen hervorbrechen und mit lautem Geſchrei den Wagen der gnädigen— bis zum Dorf hinaus verfolgen. Dies Alles und noch tauſenderlei großen und kleinen Schabernack dazu ſtiſtete des Hauptmanns Bosheit an, und es iſt leicht zu begreifen, daß er bei der gräflichen Herrſchaft eben nicht hoch in Gna⸗ Georg Volker. 125 den ſteht, woran er jedoch erſt recht ſeine Luſt hat. Denn je giftiger ihn der Stachel ihrer Feindſchaft trifft, um ſo ärger treibt er es, und in Wahrheit ha⸗ ben die„Gräflichen“ keinen Tag Ruhe und Frieden vor ihm. Und ſo plagt und ärgert er ſie ſchon viele Jahre lang mit ſtets ſich erneuernder Erfindſamkeit und ver⸗ jüngt ſich ſichtbar, ſo oft er dem Grafen einen recht eclatanten Streich ſpielen kann. Auch die Lilien haben ſchon längſt jeden geſell⸗ ſchaftlichen Verkehr mit dem Schloß abgebrochen; denn wie dürften ſie es wagen, ſelbſt wenn dies ihr Wunſch wäre, eine Schwelle zu betreten, an der nach Vetter Peter's Meinung der Teufel ſelbſt Kehrum machen würde. Das einzige thatſächliche Verhältniß, in welchem die Bewohner des ſtattlichen Herrenſchloſſes zu denen des ſtillen Hauſes im Dorfe ſtehen, beſchränkt ſich darauf, daß Letztere durch Menſchenfreundlichkeit und Wohlthun nach allen Seiten hin an der leidenden und gedrückten Menſchheit wieder gut zu machen ſu⸗ chen, was die„Erlauchten“ durch ihren Stolz und ihre Hartherzigkeit verſchulden; allerdings eine Auf⸗ gabe, ſo ſchwer, daß eben vier ſolche herzensgute unermüdliche Menſchen, wie der alte Bär und ſeine 126 Georg Volker. drei Lilien, dazu gehören, um ſie zu erfüllen und nicht muthlos darüber zu werden. Als hätte Gott das kleine unſcheinbare Haus eigends an den Fuß des Schloßberges gebaut, damit Diejenigen, welche oben keine Gnade noch Erbarmen finden und wei⸗ nend mit gepreßtem Herzen von dannen gehen, hier gleich ihres Kummers Mühſal ablegen und getröſtet weiter ziehen könnten, ſo und nicht anders üben ſeine Bewohner Mildthätigkeit und Barmherzigkeit aus, die den Fluch in Segen verwandelt und die Werke der Bosheit und des Eigenthums in Werke echter Chriſtenliebe. — Es bliebe uns nun, nachdem wir den Leſer mit den Menſchen und dem Treiben im Hauſe der drei alten Jungfrauen bekannt gemacht haben, nichts übrig, als den Grund anzugeben, weshalb wir uns ſo ausführlich über Verhältniſſe und Perſonen ver⸗ breitet haben, deren ſtille Zurückgezogenheit und fried⸗ licher Charakter doch ſo wenig vermuthen laſſen, daß ſie irgendwie bedeutſam und handelnd in den Gang der Begebenheiten eingreifen werden. Letzteres iſt auch in der That ſo; denn wie ihr ganzes Leben faſt nur noch aus Vergangenheit und Reminiscenzen beſteht, und uns an längſt verſchwundene Zeiten erin⸗ nert, ſo können wir auch unſte Vorliebe für die alte Georg Volker. 127 ſonderbare Hausgenoſſenſchaft nur durch jene elegiſche Stimmung rechtfertigen, die uns ſo oft in der Nähe ehrwürdiger Ruinen beſchleicht, daß wir uns gar nicht wieder von ihnen zu trennen vermögen, und dar⸗ über gern Wirklichkeit und Gegenwart vergeſſen, um uns in den Traum ferner Erinnerungen zu verſenken. Und wer hätte es auch nicht an ſich ſelbſt ſchon erfahren, wie uns an vereinſamten Denkmalen al⸗ ter Zeiten und Herrlichkeiten oft ein Gefühl beſchleicht, als poche unſer Herz nirgend ſo lebendig für alles Große und Schöne dieſer Erde wie hier, als müß⸗ ten wir an dem verwitterten Markſtein, auf der Gränze zwiſchen Leben und Hinſterben, noch einmal ſo freudig an Letzteres glauben und ihm mit all unſrer Hoffnung und Sehnſucht glühend entgegen⸗ ſtreben. Auch iſt nicht alles Alte und Verſchwundene dar⸗ um ſchon todt und verloren, weil wir es mit blö⸗ dem Auge dafür anſehen; und manche liebliche holde Erſcheinung des Lebens tritt uns wie ein Räthſel, dunkelheiligen Sinnes voll, aus Ruinen entgegen, die wir längſt dem Tod und der Vergeſſenheit ge⸗ weiht glaubten. Wir entſinnen uns, irgendwo einmal die Ge⸗ ſchichte eines berühmten Bildes geleſen zu haben, ————— ———— 2— 128 Georg Volker. deſſen wunderbare Entdeckung nicht nur die Kunſt um ein unſterbliches Meiſterwerk bereicherte, ſondern die auch um der ihr zu Grunde liegenden poetiſchen Ideen willen wiedererzählt zu werden verdient. Ein Maler in Antwerpen beſaß ein altes Oelbild von unſcheinbarem Werthe; es ſtellte den Mord Kains dar, und ſein ganzer Werth beſtand faſt nur in ſei⸗ nem großen Alter, wovon es die unverkennbaren Spuren an ſich trug. Längſt waren die Farben ver⸗ dunkelt, ſo daß die einzelnen Geſtalten darauf nur noch in dämmernden Umriſſen deutlich waren. Viele Jahre lang hing das alte Bild unbeachtet da, bis es einſt der Zufall wollte, daß es der Maler in ei⸗ ner Beleuchtung betrachtete, in der ihm Etwas an der Gruppe auffiel, was er bis dahin nicht wahr⸗ genommen hatte. Zu ſeinem Befremden ſah er nämlich aus dem dunklen Bilde ein Antlitz hervor⸗ treten, das nicht zu der übrigen Darſtellung gehörte, und doch, je länger er es anſchaute, immer deutli⸗ cher aus den gealterten Farben auftauchte. Erſtaunt unterſucht er das Gemälde, reinigt es vom Staube, und wie groß iſt ſeine Freude, als er zuletzt nicht länger mehr daran zweifeln kannn, daß das wenig geachtete Bild eine werthvolle Palimpſeſte*) verdeckt. *) Alte Bilder, welche ſpäter übermalt wurden. Georg Volker. 129 Vorſichtig löſt er nun die oberen Farbendecken ab, und nach unendlicher Mühe glückt es ihm, das Mei⸗ ſterwerk eines unbekannten Malers aus der alten florentiniſchen Schule dem Licht der Sonne und der Bewunderung aller Welt zurückzugeben. Das Bild ſtellt den Kopf eines jungen liebreizenden Mädchens dar, das mit vorgebeugtem Angeſicht ſinnend in den Kelch einer dunkelblauen Blume blickt, mit einem Ausdruck, ſo ſchwermuthsvoll und ſehnſüchtig, als hätte ſie im Blumenkelch Gott weiß, welchen unver⸗ ſtandenen Traum ihres jungen Herzens, ja vielleicht dieſes junge Herz ſelber verloren. Dunkles Haar legt ſich ihr ſchlicht um Stirn und Wangen, der Teint ihrer Züge iſt ein wenig gebräunt und von einer ſanften Röthe überhaucht, ſo daß man das warme Leben zu fühlen meint, welches der in andäch⸗ tigem Schauen halbgeöffnete Mund ausathmet, wäh⸗ rend aus den glänzenden verklärten Augen eine Sehn⸗ ſucht leuchtet, ſo innig und gluthvoll, daß man nicht weiß, ob eine menſchliche Seele ſolche Sehnſucht er⸗ tragen könnte, ſo etwas tief Nachtſchattiges, nach Innen ſich Verzehrendes ruht in dieſem himmliſchen Blick der braunen Augen, über denen ſich eine Stirn wölbt, auf welche Jugend und Unſchuld ihres Lieb⸗ vreizes holdeſten Zauberſchein ausgegoſſen haben. 9 130 Georg Volker. Ob aber das Ganze ein Werk der genialſten Phan⸗ taſie oder das Portrait einer wirklichen Perſon ſei, wagte kein Kenner zu entſcheiden, während ſich die Meinung der Laien, die meiſt nach dem erſten Ein⸗ druck urtheilen, für Letzteres ausſprach. Wir gedachten unwillkürlich dieſes Bildes, weil uns aus dem alten Familiengemälde der drei Blien bald auch eine ähnliche holde Jugenderſcheinung ent⸗ gegentreten ſoll, eine Palimpſeſte, nicht der Kunſt, ſondern des wirklichen Lebens. Siebentes Capitel. Unſer junger Freund, der Braunlockige, befand ſich am Morgen des folgenden Tages nach dem Be⸗ ſuch im gräflichen Schloß in jenem echt⸗ germani⸗ ſchen Zuſtand, wo einem ordinairen Menſchen ge⸗ wöhnlich ſeine dümmſten Streiche paſſiren und er einen moraliſchen Haarzopf nach dem andern ab⸗ wickelt; während das Genie mit fauſtiſcher Zerriſſen⸗ heit ſich in die Klüfte des eignen Seins hinabſtürzt oder mit prometheiſcher Schmerzesluſt dem Zorne Georg Volker. 134 des Donnerers Hohn lacht. Germanos kannte aus früherer Zeit dieſen Zuſtand, in welchem ein Menſch von gutorganiſirten Nerven ohne Leidenſchaft Vater und Mutter verleugnet, ein Königreich für einen Hä⸗ ring hingiebt und kalten Blutes ein Dutzend Mani⸗ chäer die Treppe hinunterwirft. Erſt, als er ſich zu⸗ fällig im Spiegel erblickte, gewahrte er die Verwü⸗ ſtung, welche der Champagner des Grafen in ſeiner ſonſt ſo blühenden Geſichtsfarbe angerichtet hatte. Er glich eher einem abgehärmten Mönch vom Berge Karmel als einem jungen lebensfrohen Patrizierſohne, der von ſeinen Revenüen lebt; und mit einem tiefen Seußzer redete er darum ſein ungerathenes Spiegel⸗ bild folgendermaßen an: „O Sohn einer guten Mutter, was muß ich nicht an Dir erleben! Sind das Deine frommen Entſchlüſſe, Deine aufrichtigen Gelöbniſſe zur Beſſerung? Wie oft ſagt' ich Dir nicht ſchon, daß Durſt der Abgrund ſei, an dem die Sphinr Deines Verderbens lauert? Du löſeſt zwar ihr Räthſel, aber jedes Mal zu Dei⸗ nem Unheil: Morgens auf zwei, Abends auf vier Füßen! Nun, meinethalben! Zwiſchen Dir und mir beſteht fürder keine Gemeinſchaft mehr! Wer ſo wie Du aller Sitte und allem Anſtand Hohn ſpricht, und gar in einem gräflichen Salon, der verdient nicht den 132 Georg Volker. Namen eines gebildeten Mannes, und Comteſſe wird ihn nicht zum zweiten Mal in ihrem Zirkel empfan⸗ gen! Er wird wie Tantalus von den goldnen Ti⸗ ſchen hinabgeſtoßen in des Nichts grauenvolle Oede und fällt mit ſeiner Plebejernatur der Mythe anheim, ſeine Strafe heißt Hunger, ſein Fluch heißt Durſt und zu beiden geſellt ſich noch die ſpätere Reue ob ſeiner Miſſethaten.“ „Amen!“ ſagte Volker, der unbemerkt von Je⸗ nem in das Zimmer getreten war und die moraliſche Strafpredigt mit angehört hatte.„Bei ſolcher Zer⸗ knirſchung ſollſt Du für diesmal noch Abſolution er⸗ halten; ein Gang nach dem Frühſtück in friſcher Morgenluft wird Dich bald von Deinem Katzenjam⸗ mer heilen.“ „Ja, aber auch von dem Jammer, den keine Katze kennt, von dem Jammer der Blame?“ fragte Germanos in komiſcher Verzweiflung.„O, welche erbärmliche fluchwürdige Figur hab' ich geſpielt, und Alles unter dem Einfluß meines alten tückiſchen Ster⸗ nes, daß ich mich immer da am meiſten blamiren muß, wo ich das Pfauenrad meiner Liebenswürdig⸗ keit am ſtrahlendſten entfalten möchte! Volker! Volker! ich ſage Dir, wenn ich noch jetzt, nach ei⸗ nem faſt elfſtündigen Kalibans⸗Schlaf nicht recht Georg Volker. 133 weiß, wo meine diverſen Verſtandeskräfte hingekom⸗ men ſind, ſo magſt Du daraus ermeſſen, wie mir geſtern zu Muthe war. Der Kopf iſt mir ſo wüſt, als hätt' ich drei Nächte gezecht, und meine Begriffs⸗ verwirrung ſo groß, daß mich der Fürſt von Reuß⸗ Schleiz⸗Ebersdorf jetzt gleich zu ſeinem erſten Rath ernennen könnte. Aber gehen wir— wanken wir — im Gehen ſind ja den alten griechiſchen Philo⸗ ſophen die beſten Gedanken gekommen, ſo werde auch ich dabei wieder allmählig zu Verſtande kommen.“ „Ich habe während der ganzen Nacht kein Auge geſchloſſen,“ ſagte Volker, der ungewöhnlich aufge⸗ regt ſchien.„Wenn nur die Zeitungen da wären! Aber wir müſſen uns ſchon bis zum Abend gedul⸗ den; die Nachrichten aus Paris—“ „O Himmel, wie iſt mir!“ rief plötzlich der Andere, wie von einem elektriſchen Schlage durchzuckt, und faßte den Freund an beiden Schultern.„So war es alſo kein Traum— die Barrikaden in Pa⸗ ris— die Tricolore— der Sturm auf die Tuile⸗ rien—?“ Er ſah den Freund mit großen Augen ſprachlos an, und deutlich konnte dieſer in ſeinen Mienen le⸗ ſen, wie er allmählig wieder zum wachen Bewußt⸗ ſein deſſen kam, was er am geſtrigen Abend mit hal⸗ 2 2 ————————————— — ———— —— 134 Georg Volker. ber Vernunft im Rauſche dahin genommen hatte, um es während des Schlafes in den wirren Träu⸗ men und Bildern ſeiner aufgeregten Phantaſie vollends zu verlieren. Zuletzt rief er mit ſtürmiſchem Entzücken: „Gelobt ſei Gott, es iſt Wahrheit, hohe einzige Wahrheit, die nur zu tief in meiner Seele lag, als daß ich ſie ſo ſchnell hätte wiederfinden können! In Frankreich die Republik! Komm, komm', mein theurer Georg, ſo was muß man unter Gottes freiem Himmel weiter ausdenken, ſonſt zerſpringt Einem das Herz!“ „Wir wollen nach der Marienlinde gehen; das Wetter iſt herrlich, ein Sonnenſchein wie im Früh⸗ ling,“ ſagte Georg und ergriff des Freundes Arm. Sie hatten bald den Grabenhof hinter ſich und ſchritten auf ziemlich ſteilem Pfade denſelben Berg hinan, von welchem Germanos zwei Tage vorher heruntergekommen war. Oben lag der alte mächtige Wald, in der Gegend der Eulobenkopf genannt, eine Bezeichnung, die wir zwar ſprachlich nicht erklären können, die wir aber dennoch ſpäter ſo viel als mög⸗ lich auf ihren hiſtoriſchen Urſprung zurückführen werden. Das Geſpräch der beiden Freunde drehte ſich na⸗ Georg Volker. 135 türlich nur um den Inhalt der Depeſche, die der Graf von Nellenburg geſtern Abend in ihrer Anwe⸗ ſenheit erhalten hatte. Germanos beſonders ergriff das große Weltereigniß mit allem Feuer jugendlicher Schwärmerei und Begeiſterung; und ſeine genaue Kenntniß der Pariſer Zuſtände in den letzten Mona⸗ ten verſetzte ihn lebhaft mitten auf den Schauplatz des neueſten Freiheitskampfes. Georg blieb äußer⸗ lich ſtiller; denn ihm ging der Enthuſiasmus ſeines Herzens nicht ſo leicht von der Zunge weg, wie dem beredten Freunde, da ein mächtiger Eindruck, ein großes Erlebniß von ihm immer ſchwer überwunden wurde, dafür aber auch um ſo nachhaltiger in ſeiner Seele haften blieb. Alles Große, Erhabene und Bedeutſame in Leben und Geſchichte ergriff ihn wie eine Tragödie ſeines Innern; es mußte, ſo zu ſa⸗ gen, in ſein Fleiſch und Blut übergehen, bevor er ihm die objective Seite abgewann und er ſich mit ſeinem Urtheil daran wagte; was bei ihm lange Zeit ſtiller Strom der tiefen Empfindung, das ſpru⸗ delte bei Germanos gleich in allen Schaumflocken der Phantaſie und Begeiſterung über; was Jenem ein Theil ſeines eignen Selbſt wurde, das nahm der Andere wie eine dichteriſche Viſion, die er nun mit einer gluthvollen Einbildungskraft in die Wirklich⸗ 136 Georg Volker. keit übertrug, ſo wie es gerade zu ſeinen Wünſchen und Lebensanſchauungen paßte. Am beſten charakte⸗ riſiren wir wohl die beiden Individualitäten dahin, daß bei dem Einen ſchnell in Knospe und Blüthe ging, was bei dem ruhigeren und beſtändigeren Sinn des Andern erſt nach Wurzel ſtrebte, dann aber auch alle Organe ſeines Geiſtes durchdrang und bewegte. Wenn Germanos glühte und ſprühte, ſo war's im Brillantfeuer der Poeſie, bei Volker aber war's ein im Innern glühender Vulkan. Und ſo war es denn auch heute wieder der Be⸗ ſonnenere von Beiden, der zuerſt des ercentriſchen Freundes Betrachtungen auf das lenkte, was zunächſt in Frage kam, nämlich auf die Folgen und Einwir⸗ kungen der franzöſiſchen Revolution auf Deutſchland; „denn,“ meinte Volker,„iſt's die rechte Freiheit, ſo wird ſie nicht am Rheine ſtehen bleiben, ſondern muß, wie die ewige Sonne ſelbſt, ihre Strahlen über ganz Europa werfen.“ „Ja, Du haſt recht, das iſt die Hauptſache!“ rief Germanos.„O Deutſchland, wie wirſt Du dieſe Kunde aufnehmen! Wird ſie Dich endlich erlöſen von dem hundertjährigen Fluch Deiner Knechtſchaft, oder wirſt Du abermals die rechte Zeit verſchlafen, und Dir erſt die Augen reiben, wenn der Tag, der Georg Volker. 137 goldene, wieder der Nacht weicht, die der Furcht bleiche Geſpenſter uns zurückführt? Ach, wer hoffen könnte, daß auch uns mehr als ein Broſämlein ab⸗ fiele von dem reichen Göttermahl der Freiheit! Aber was glaubſt Du, daß die Deutſchen thun werden bei dieſer Nachricht? Erſchrecken werden ſie bis zum Tode vor dem Frevel, einen König ſammt ſeiner ganzen Wirthſchaft aus dem Lande zu jagen, und ſchließlich werden ſie ihren eignen Fürſten noch ein⸗ mal den Nacken hinhalten zum Zeichen ihrer loyalen Geſinnung und Unterwürfigkeit. Und das nennen ſie dann ihre patriarchaliſche Zufriedenheit: wie ein armer Bettler vor des reichen Mannes Thür zu lun⸗ gern und die Knochen abzunagen, die der Glückliche ihnen mitleidsvoll zuwirft. Ja, Deutſchland iſt der Lazarus Frankreichs! Hoffe darum nimmer Etwas von dieſen Deutſchen, denn ſie alle ſind geborene Han⸗ noveraner, und der Fürſt hat die treueſten Untertha⸗ nen, der ſie ſeine Paſchalaunen am nachdrücklichſten empfinden läßt. Denn wir unterſcheiden uns nur dadurch von den Türken, daß dieſe ſich in Opium berauſchen, während wir uns aus dem Hochgefühl unſeres Servilismus Wonnetaumel trinken!“ Volker verſetzte in lebhafter Bewegung: „Wahrlich, Du redeſt wie ein echter Deutſcher, Se ————— 2———— S — —————— 138 Georg Volker. der Alles eher kann, als ſein Volk achten und ſich in ihm! Aber ich ſage Dir, diesmal täuſcheſt Du Dich! Deutſchland, ſo lahm und geknechtet es auch daliegt, wird durch dieſen Anſtoß mehr als gewaltig erſchüttert werden; ja, vielleicht hat in dieſem Augen⸗ blick ſchon die Stunde geſchlagen, wo die edelſte und mächtigſte Nation der Erde ſich ermannt und zu neuem, thatkräftigem Leben aufrichtet. Und weſſen bedarf es denn eigentlich zu unſerer Rettung und Befreiung? Sind nicht vierzig Millionen Manns genug! Wer ſind unſere Dränger und Unterdrücker? Menſchen, die keinen andern Gedanken kennen als Furcht und für welche die erſte Regung eines einig⸗ freien Lebens im deutſchen Volke das Signal ſein wird, daß ſie einpacken, wie Louis Philipp, um nicht unter dem Sturz ihrer morſchen Throne begraben zu werden. Wahr iſt's, wir haben mehr als einen Louis Philipp in Deutſchland, mehr als einen Po⸗ lizeiſtaat. Aber laß nur einmal ein Glied aus der Kette unſter Dynaſtenherrſchaft ſpringen und das ganze Knechtungsſyſtem bricht über Nacht zuſammen.“ „Ich ſtaune über Dich, Georg,“ verſetzte Germa⸗ nos kopyſſchüttelnd,„Du, der ſonſt ſo beſonnene, ja, verzeih' mir den Ausdruck, der ſonſt ſo über Alles bedenkliche Menſch, hälſt eine Revolution in Deutſch⸗ — — 5 Georg Volker. 139 land überhaupt für möglich? Gehört dazu nicht Muth, und zwar nicht Soldaten⸗, ſondern Volks⸗ muth? Gehört dazu nicht eine große begeiſterte Idee, die alle Herzen durchdringt und zu einem Ziele leitet? Sage mir um's Himmelswillen, wer ſoll dieſe Revolution machen, und wäre ſie gemacht, wer ſoll ſie durchführen?“ „Das Volk, wer ſonſt,“ erwiederte Georg im ſicherſten Tone;„aber nicht jener Theil des Volkes, den Du mit Recht verachteſt, nicht der feige Höfling und Bureaukrat, nicht der ängſtliche Krämer und Klein⸗ ſtädter, nicht der über alles Große erhabene deutſche Philiſter, ſondern die lebensftiſche begeiſterte Jugend, der trotz ſeiner alten Unterdrückung noch immer im Kern geſunde Bauer, der auf Recht und Freiheit hal⸗ tende intelligente Bürger, und vor Allen jeder gute, deutſche Patriot im Lande, die ſollen die Revolution nicht ſowohl machen, denn ſie macht ſich von ſelbſt, wohl aber mit ihr gehen, unter ihrem ſiegreichen Banner vor die Throne der Fürſten treten und ſprechen:„Da ſind wir, gebt uns unſere Rechte zurück und gebt ihr ſie nicht, ſo nehmen wir ſie uns!“ Germanos blickte den Freund nach denkend an und ſagte erſt nach einer Pauſe: 1⁴⁰ Georg Volker. „Wenn ich Dir das Alles glauben möchte, ſo wär' es beſonders um deß willen, daß Du, Du ſol⸗ che Worte ausſprichſt. Aber ich kann es noch nicht faſſen, daß aus Dir über Nacht ein politiſcher Schwind⸗ ler geworden ſein ſollte.“ „Es iſt mein innerſtes, klares Gefühl, daß es jetzt in Deutſchland zu einer Entſcheidung kommen wird, jetzt oder nie!“ ſagte Volker und ſetzte mit Nachdruck hinzu:„Ja, ich ſage nur das Nämliche, was Du geſtern Abend prophetiſch im Weinrauſch ſelbſt ſagteſt. Wohin ich blicke, ſehe ich nichts als Anlaß zur Revolution; denn iſt der Name Deutſch⸗ land mehr als eine bloße diplomatiſche Lüge, eriſtirt wirk⸗ lich ein Deutſchland mit einer Geſchichte, einem Volk, einem Nationalgefühl, ſo kann es nicht länger in dieſer Weiſe fortgehen. Beſtätigt ſich auch nur die Hälfte von dem, was wir geſtern Abend im Schloſſe hörten, beſtätigt ſich nur das Eine: der Sieg der Volksfreiheit über das Königthum, ſo wird bald nur Derjenige noch ein Schwindler heißen, der nicht mit ruhigem Auge in den Abgrund zu blicken vermag, welcher ſich in Deutſchland aufthun wird. Das Maß iſt voll, ein einziger Stoß und die Schale läuft über!“ „Du haſt mir ſchon einige Mal gut prophezeit,“ Georg Volker. 14⁴¹ ſagte Germanos.„So erinnere ich mich zum Bei⸗ ſpiel noch recht wohl des Tages—“ „Was bedarf es der Prophetengabe, wo die Thatſachen reden!“ fiel ihm Volker lebhaft in's Wort. „Kennteſt Du wie ich die Stimmung und Lage des Volkes, ſeinen Druck und die Sehnſucht nach freie⸗ ren, gerechteren Zuſtänden, wahrlich, Du würdeſt weniger Bedenken gegen ſeinen guten Willen äußern, ſich je eher je lieber aus dieſer unerträglichen Noth zu befreien und ſeine Menſchenrechte wieder zu erobern. Ich ſah die Fäuſte ſich ballen gegen die thranniſche Willkür, und es waren Fäuſte, Freund,— ich hörte die Flüche und Verwünſchungen, womit der gedrückte Mann ſeine Kette hinſchleppt, ich lernte die Leiden des Volks an der Quelle kennen, ich ſah ſein Elend im Sarg und in der Wiege, und oft dacht' ich da bei mir: So kann's, ſo darfs nicht länger mehr fortgehen! Aber auch ſelbſt abgeſehen vom Elend der unterſten Volköklaſſen, iſt denn der gebil⸗ dete Mann etwa beſſer daran? Trifft nicht jeden Deutſchen derſelbe namenloſe Fluch, daß wir einem Volke angehören, welches ſeit Jahrhunderten metho⸗ diſch an ſeinem beſten Leben zu Grunde gerichtet wird? Wahrlich, Germanos, wenn ich Dir, der Du mich bedächtig nenneſt, für einen Schwindler gelte, 1⁴² Georg Volker. ſo bedenke, wie erſt den Tauſenden und Millionen ſchwindeln mag, welche die Freiheitskunde von Paris in Elend und Armuth, in Knechtſchaft und ſtiller Verzweiflung trifft! Ich bin von jeher ein ſchlechter Politiker geweſen und kümmerte mich wenig um Welt⸗ händel; aber das traue ich mir doch zu, daß der Geiſt, welcher mich aus meinem Volk und meiner Zeit anweht, immer einen offnen Sinn und eine richtige Auffaſſung bei mir findet; denn er belebt nur in mir die ewigen Wahrheiten der Geſchichte; und daran halt' ich nun ein Mal feſt als an dem Einzigen, was wir überhaupt beſtimmt wiſſen können.“ „Du überſiehſt nur das Weſentliche,“ ſagte Ger⸗ manos;„der Fürſten Macht und der Dynaſtieen Ver⸗ zweigungen unter einander, die in unſter troſtloſen nationalen Zerſplitterung und in der dem Deutſchen angeborenen und gefliſſentlich genährten armſeligen Stammeseiferſüchtelei einen Allürten findet, der ihnen bis dahin gerade in den entſcheidendſten Perioden die treueſten Dienſte geleiſtet hat. Und wie ſoll jener gordiſche Knoten, den ſie im Bundestag zuſammen⸗ geſchnürt haben, zerhauen werden; dort wo ſich das heillos teufliſche Gewebe jener giftigen Kreuzſpinne der europäiſchen Diplomatie, jenes verfluchten Met⸗ ternich's, verſchlingt, mit dem er Geiſt und Arm un⸗ Georg Volker. 143 ſtes unglücklichen Volkes umſponnen hält! O wüchſe doch alles Gift aus des Teufels Großmutter inferna⸗ liſcher Küche auf dem Johannisberg, und müßt' Er's trinken mit ſeinen feigen Helfershelfern bis zur Na⸗ gelprobe, dieſer Mufti des Satans in menſchlicher Geſtalt!“ „Sein ganzes Werk bleibt doch nur eine Lüge und kann der Wahrheit auf die Dauer nicht widerſtehen,“ erwiederte Volker.„Ich verachte keineswegs der Fürſten Macht und des Abſolutismus unzählige Hülfs⸗ mittel; aber ich weiß auch, was ein Volk vermag, das man dreißig Jahre hindurch auf alle mögliche Weiſe betrogen und mißhandelt hat; und das wohl lange Zeit mit dem gefeſſelten Löwen an Geduld und ſtillem Ingrimm, wohl aber auch im Moment der Erlöſung mit dem freien Löwen an Muth und Freiheitsluſt wetteifern kann. Die Geſchichte zeigt mehr als ein Beiſpiel, wie ſchnell bei einem Volke der Nacht des äußerſten Despotismus das helle Ta⸗ geslicht der Freiheit folgt. Sieh' nach Frankreich! Wie hat uns nicht die Nachricht überraſcht, wie wenig ahnte unſer Herz von einer ſolchen Kataſtro⸗ phe, die den gekrönten Wucherjuden trotz aller ſeiner Bayonnette von dem Throne des ſogenannten Bürger⸗ königthums ftürzt an einem Tage. Du großer 14⁴ Georg Volker. Gott, wann hätte auch, ſeitdem die Welt beſteht, eine Revolution, die aus innerer hiſtoriſcher Noth⸗ wendigkeit entſprang, ſich lange beſonnen, mit wem ſie Abrechnung halten ſoll!“ Dies und mehr noch redete, trotz des Freundes hartnäckigem Widerſpruch und Zweifel, der begeiſterte Volker, dem mit einem Mal das Gefühl der Vater⸗ landsliebe und der tiefe Groll über ſeines Volkes Schmach den Strom der Worte, wie ſeit lange nicht, frei machte; ſo daß ihm, je länger er redete, die Ueberzeugung immer größer und inniger erwuchs, die Ueberzeugung, daß die Kunde von Paris in allen guten deutſchen Herzen denſelben Wiederhall finden werde wie in dem ſeinigen. So gelangten ſie auf die Höhe und wandelten in eifrigem Geſpräche längs des Waldes hin bis zur Stelle, wo der Berg ſich in ſanften Abdachungen wieder thalwärts ſenkte und anf freier grüner Ber⸗ geshalde die hundertjährige Marienlinde ſtand, auf weite Stunden in der Runde der Gegend wohlbe⸗ kanntes Wahrzeichen. Denn nicht allein das hohe Alter und Sommers die herrliche Blätterfülle des weitgeäſteten majeſtätiſchen Baumes machten denſelben zu einer Seltenheit; auch der poetiſche Sinn des Volkes ſah in ihm einen Gegenſtand der Verehrung, — Georg Volker. 145 den Alle mit gleicher Liebe und Sorgfalt huteten, die jungen Mädchen zumal, für welche der Baum, wie wir an einem andern Orte erzählen wollen, noch eine ganz beſondere Bedeutung hatte; denn aus ihm ergrünte ſeit undenklichen Zeiten, was an Glück der Liebe und an Schmerz der Liebe in dieſen ſtillen Bergen gefunden wurde. Vor den Beiden lag nun die herrliche Landſchaft ausgebreitet, von welcher Volker dem Freunde wäh⸗ rend ihrer Trennung in ſeinen Briefen ſo manche reizende Schilderung entworfen hatte. Trotz der winterlichen Färbung hatte die Gegend an dieſem Morgen ein ſo frühlingsſonniges Ausſehen, daß man die weißen Schneeflächen mit den braunen Furchen dazwiſchen für blendende Blumengefilde hätte halten mögen, ſo warm war die Luft, ſo heiter athmete die Erde Frühlingsnähe. Auch ein Buchfink ſchmetterte ſchon vom höchſten Aſt der Linde ſeinen hellen Lie⸗ besſchlag in die ſonnige Welt hinaus, und die blauen Bergfernen mit ihren duftigen Farbentönen leuchte⸗ ten ſo zauberiſch im Glanz der reinen Lüfte, als ſei dort ſchon der Lenz mit allen ſeinen Wonnen eingezogen und gönne dem rauhen Winter nur noch kurze Friſt, um vollends von der Erde Abſchied zu nehmen. Vor ihnen, am Fuße des Berges, lag das . 10 * 14⁴6 Georg Volker. große Dorf Nellenburg mit ſeinen alten Gehöften und dunklen Hütten und weiter höher hinan, auf dem gegenüber liegenden Berge, erhebt ſich das Schloß, deſſen Bogenfenſter prächtig im Morgengold leuchteten; Germanos fand den Anblick dieſer Winterlandſchaft ſo reizend, daß er entzückt ausrief: „O Freiheit! Sieh dieſes himmliſche Land und kehre ein bei uns!“ 5 „Wenn ſie nach Deutſchland kommt, wird ſie hier viele treue Herzen finden,“ ſagte Volker.„Erinnere Dich nur an das, was geſtern Abend ſelbſt die Frau Gräfin geſagt hat; und wahrhaftig, ſie hatte nicht ſo ganz unrecht; denn im Odenwälder Bauer ſteckt ein guter Kern, und ſo viele auch ſchon ge⸗ ſtorben und verdorben, ein tüchtig Volk iſt's immer geblieben und Muth zum Dreinſchlagen haben ſie auch.“ „Ja, wenn wir erſt einmal ſo weit wären!“ rief Germanos. Georg deutete mit aufgehobenem Arm nach dem gräflichen Schloß und ſagte düſter: „Der dort drüben ſorgt wenigſtens nach Kräften dafür! Ach, daß Du geſehen hätteſt, wie er bleich wurde nach dem Leſen der Depeſche und die Furcht vor einer Revolution ihm deutlich in den Zügen ge⸗ Georg Volker. 147 ſchrieben ſtand! Aber gerade ſein Anblick gab mir den erſten Hoffnungsſtrahl, daß es wirklich in Deutſchland zu Etwas kommen wird. Denn darin gleichen ſie ſich alle auf ein Haar, die großen Herren wie die kleinen, daß ſie vor dem Augenblick zittern, wo das unterdrückte Volk ſich erhebt und todes⸗ muthig die Kette entzwei bricht, in die es ihre Will⸗ kür und ihr Eigennutz geſchlagen hat. Dieſe Furcht regiert ſie ebenſowohl im ſtrahlenden Königspalaſt wie im Schloß des Mediatiſirten; und darum war es mir, wie ich den Grafen ſo ganz außer Faſſung ſah, als lege in dieſem Augenblick die Nemeſis ihre ſchwere Hand auf jedes Fürſtenherz, ob es ruhig ſchlage bei ſo furchtbarer Mahnung. Und ſo muß es auch wohl ſein; denn die Großen und Mächti⸗ gen, die auf den Höhen des Lebens ſtehen, haben zwar meiſtens taube Ohren für den Fluch der Mil⸗ lionen unter ihnen, aber dafür deſto ſchärfere Augen für die Wetterwolke, die über ihren Häuptern auf⸗ ſteigt; während wir, die wir im Staube kriechen, erſt an ihrem Zittern empfinden, daß bereits der Donner über ihren Häuptern dahinrollt. Wie wer⸗ den ſie ſich jetzt beeilen, uns gnädig zuzunicken, daß wir uns nur nicht fürchten und unter ihrem mächti⸗ gen Schutz uns ſicher fühlen ſollen!“ 10* — 148 Georg Volker. Germanos ſagte: „Wäre die Zeit der Demagogen nicht vorüber, ich würde ſchwören, Du ſei'ſt der Geheimen Geheim⸗ ſter Einer.“ „Die Zeit der Demagogen iſt allerdings vorüber,“ verſetzte Volker in feierlichem Tone.„Gebe Gott, daß nun die Zeit der Helden kommt und der Er⸗ löſer.“ Achtes Capitel. Wie verabredet, hatten die Freunde auf den Nar⸗ ren im Thurm ein wachſames Auge und ließen alle ſeine Schritte, ohne daß Jener es merkte, auf das Sorgfältigſte beobachten. Nachts ſtand immer ein vertrauter Mann in der Ruine auf der Lauer, um den Augenblick zu erſpähen, in welchem der Fremde wieder auf den Grabenhof zurückkehren werde; allein alle dieſe Vorſichtsmaßregeln hatten keinen andern Er⸗ folg, als daß die Spannung, womit man einer Ent⸗ deckung entgegenſah, nur immer größer wurde, je mehr die Ausſicht ſchwand, dem verdächtigen Treiben des Narren auf die Spur zu kommen. Wie es in i —— Georg Volker. 1⁴49 ſolchen Fällen zu gehen pflegt, ſo geſchah es auch hier: jemehr Scharfſinn und Sorgfalt man anfangs gezeigt hatte, um die Sache aufzuklären, um ſo läſ⸗ ſiger wurde man Seitens der Mitwiſſenden, mit Ausnahme Volker's, als nach einigen Tagen nichts ſich entdecken laſſen wollte, was auch nur die Neu⸗ gierde, geſchweige denn den Argwohn noch mehr als bereits geſchehen, gereizt hätte. Unterdeſſen hatte Germanos die perſönliche Be⸗ kanntſchaft des Mattelhans gemacht, und im Allge⸗ meinen dasjenige beſtätigt gefunden, was Georg ihm über denſelben mitgetheilt hatte. Der Alleinbeherrſcher aller grunzenden Inſaſſen des Grabenhofes, vom ſchwerträchtigen Mutterſchwein bis herunter zum hellquikenden munteren Ferkel, mochte gegenwärtig zwiſchen achtunddreißig bis vier⸗ zig Jahre alt ſein, obwohl ſeine den Blödſinnigen meiſt eigne abgezehrte Geſtalt ihn viel älter erſchei⸗ nen ließ. Sein Geſicht war voller Falten und Run⸗ zeln, und zeigte im ruhigen Zuſtand jene träge Er⸗ ſchlaffung der Muskeln und ſtumpfe Ausdruckloſig⸗ keit der Züge, die den frühgealterten Menſchen be⸗ kunden, in deſſen kranker Seele nur die böſen Triebe der ſinnlichen Natur: Haß, Geiz, Feigheit und Tücke zur Regung kommen; während die guten bloß in 15⁰ Georg Volker. einer angeborenen Furchtſamkeit leiſe angedeutet ſind und ſich höchſtens in Gutmüthigkeit oder in einer überaus großen Dienſtgefälligkeit äußern, vorausge⸗ ſetzt, daß es zuvor gelungen iſt, ſein Mißtrauen zu beſiegen und ſein Intereſſe zu erwecken. Sonſt un⸗ terſcheidet ſich Mattelhans von den andern Menſchen ſeiner Art ſehr weſentlich dadurch, daß er ſich weder über Gebühr zudringlich, noch unter Gebühr luru⸗ riös und dem Comfort ergeben zeigt. Er iſt ein phi⸗ loſophiſcher Narr und in Speiſe und Trank ſo we⸗ nig lecker, daß er faſt mit Allem vorlieb nimmt, was ein menſchlicher Magen überhaupt verdauen tann. Sein Wuchs iſt ſtark und knochig und trotz der vorgebeugten Haltung ſeines Oberkörpers, trotz ſeines ſchlotternden Ganges beſitzt er eine außerge⸗ wöhnliche Stärke und trägt die ſchwerſten Laſten auf den breiten Schultern. Mit den ſeiner Pflege und Obhut anvertrauten Thieren lebt er in einem wahr⸗ haft patriarchaliſchen Verhältniß, und ſelbſt ſeine Phy⸗ ſiognomie hat im jahrelangen, liebevollen Umgang mit dem eichelfreſſenden Volk der borſtigen Schweine etwas von deren Geſichtsbildung angenommen; ſeine graublinzelnden geſchlitzten Augen liegen weit aus⸗ einander, faſt unter den Schläfen, und die aufge⸗ ſtülpte Naſe läßt im Verein mit dem ungewöhnlich Georg Volker. 151 großen Mund, der ſich rüſſelartig, faſt ohne alle Zuthat von Kinn vorſtreckt, den angeborenen Beruf auf den erſten Blick an ihm erkennen. Dünnes flachsfarbenes Haar und außerordentlich lange Ohren vollenden das Bild des Menſchen, der ſeit vielen Jahren unter dem Namen Mattelhans, ſo genannt von der Matte im Walde, auf der er in der Som⸗ merzeit die Schweine hütet, die Rolle der traurig⸗ komiſchen Figur auf dem idyillſchen Grabenhof ſpielt. Selten, daß er ſich Winters in die Geſindeſtube wagt, wo er der Knechte Spott und, wegen ſeines ſchmutzigen Ausſehens, der Mägde Aergerniß iſt; nur Jungfrau Veronika, des Hauſes treue Verwalterin, gönnt dem Armen zuweilen einen mitleidigen Blick, und in ihren mütterlichen Buſen ſchüttet er denn auch mit weinerlich grunzenden Klagetönen ſein Leid aus, wenn Jemand auf dem Hof ihn beleidigt oder rauh behandelt hat. Die ſchenkt ihm dann gewöhn⸗ lich als Entſchädigung eine kupferne Münze und ſeine Freude iſt dann ebenſo groß als vorher ſeine Traurigkeit. Er läuft dann meiſt vom Hofe weg, mag's auch noch ſo ſehr ſtürmen oder ſchneien, und fragt man ihn bei ſeiner Rückkunft, wo er geweſen, ſo erzählt er mit unbeſchreiblich häßlichem Grin⸗ zen, daß er das Geld ſeiner Frau gebracht, der 152 Georg Volker. Eule im Walde, die es ihm vor den Dieben hüte. Und dieſer Menſch, der allerdings mitunter ſchon Proben einer großen Verſchmitztheit abgelegt hatte, zumal wenn der Dämon des eingefleiſchteſten Gei⸗ zes ihn inſpirirte und ſeinen Inſtinct ſchärfte, dieſer Menſch in der erbarmungswürdigen, verachteten Ge⸗ ſtalt eines blödſinnigen Hofhirten, ſollte der Mit⸗ ſchuldige an einem Verbrechen ſein, deſſen dunkles Geheimniß und ſeine ſchwere Bedeutung Den, welchen es zunächſt anging, unſern Volker nämlich, mehrere Nächte nicht ſchlafen ließ und ihn mit allen ängſtli⸗ chen Bildern der Sorge und des Argwohns quälte! Ein altes Sprüchwort ſagt: Wer einen Narren ver⸗ ſtehen will, muß ſelbſt ein Narr ſein; und ſo müſ⸗ ſen wir es denn wohl den künftigen Begebenheiten unſter Geſchichte überlaſſen, eine Sache außzuklären, die wahrſcheinlich in andern Labyrinthen als denen eines unzurechnungsfähigen Narrenſchädels, ihren Ariadnefaden findet.— Seit der Ankunft von Germanos auf dem Gra⸗ benhof war eine Woche vergangen, und nirgends wollte, wie im Eingang dieſes Capitels bemerkt, eine Entdeckung erfolgen; Volker fing ſchon an, die Hoffnung aufzugeben, daß überhaupt jemals Etwas herauskommen würde, und nur des Freundes Zureden — Georg Volker. 153 bewogen ihn, die Piſtole noch in dem Schreibpulte liegen zu laſſen. Aber keine Hand wollte an den ge⸗ heimen Mechanismus rühren, und Mattelhans ſo wenig als irgend ein andrer Menſch auf dem Hofe ſchien zu ahnen, welcher Argwohn in Volkers ſtil⸗ lem Blicke lauerte, welche Sorge ihn allnächtlich oft bis nach Mitternacht in Haus und Hof umhertrieb. Der geneigte Leſer hat mit uns den Anfang des denkwürdigen Jahres achtzehnhunbert achtundvierzig erlebt, jene Zeit, da die herrliche Erhebung des deut⸗ ſchen Volkes zur Freiheit und Einheit der Nation ſo allgemein und übereinſtimmend war, daß man kaum noch an dem Erfolg derſelben für das wieder⸗ erſtandene Vaterland zweifeln mochte. Wie überall, wo deutſche Herzen ſchlugen, ſo wurden auch Volker und Germanos durch die Nachrichten aus Paris bald dergeſtalt mit ihrem ganzen Denken und Fühlen in Anſpruch genommen, daß für ſie eigentlich gar kein anderes Intereſſe mehr exiſtirte, als der Inhalt der Zeitungen und der Austauſch ihrer gegenſeitigen Betrachtungen und Anſichten darüber. Sie kamen bald nicht mehr aus dem politiſchen Discours her⸗ aus, und ſchon die nächſten Poſten waren auch für Germanos inhaltsſchwer genug, um ihn nicht län⸗ Zer mehr an den unausbleiblichen Folgen der Pari⸗ 15⁴ Georg Volker. ſer Revolution für Deutſchland und deſſen Neugeſtal⸗ tung zweifeln zu laſſen. Die Zeitungen kamen faſt nicht mehr aus ihrer Hand und was ſie redeten und dachten, war Politik. Germanos äußerte gegen Volker: „Ich war nur kleingläubig und verzagt, weil ich mich ſelbſt nicht kannte. Nun aber, da ich ſehe, daß aller Orten in den Saiten des deutſchen Ge⸗ müthes die Accorde der Freiheit wiederhallen, fühl' ich, daß ich im Grund meines Herzens doch ein gu⸗ ter Deutſcher bin und keinem Andern an Vaterlands⸗ liebe nachſtehe. Und ſo ergeht's wohl den Meiſten, daß dieſes herrliche Gefühl erſt in ihnen erwacht, wenn es ſich als große allgemeine Begeiſterung kund giebt und, in Millionen Herzen gleichzeitig den En⸗ thuſiasmus entflammt, daß der Einzelne, ſelbſt wenn er wollte, ſich ſeiner mächtigen Einwirkung nicht für die Dauer erwehren kann.“ Volker verſetzte: „Es iſt ja auch das erſte Mal, daß wir ein Stück Geſchichte mit erleben und uns die Tragödie der Weltgeſchicke in der Nähe betrachten können. Zur Zeit des polniſchen Freiheitskampfes waren wir noch Knaben, und wenn uns auch noch manche gewaltige Eindrücke aus jenen Tagen übrig geblieben ſind, ſo — Georg Volker. 15⁵ ſind dies doch eben nur Eindrücke unſerer Phantaſie, nicht aber Erlebniſſe, die uns unmittelbar berührten. Die Julirevolution ging nun vollends ſpurlos an mir vorüber, ſei's weil ſie mich in der träumeriſchen Uebergangsperiode aus der Knabenzeit in das Jüng⸗ lingsalter antraf, wo unſer einer vor lauter Inner⸗ lichkeit nichts mehr verachtet als die Politik; ſei's, weil mir ſchon damals ein unbeſtimmtes Vorgefühl ſagte, daß hinter dieſer Revolution der Philiſter mit ſeiner Perfidie ſtecke und ein heuchleriſcher Despot nur die Maske der Freiheit berge, um ſpäter aus der ſchillernden Puppe des Liberalismus als häßli⸗ cher Nachtfalter der lichtſcheuen Dämmrungspolitik hervorzukriechen.“ „Diesmal iſt's anders!“ rief Germanos in frohem Muthe.„Der Birkenſaft des Völkerfrühlings rieſelt durch alle Adern, und bald klingt, ſo Gott will, der Wetzſtein hell an der Senſe der freien Männer durch alle Gauen, daß er ſie ſchärfe zur Vertilgung des alten Unkrautes! Schon regt ſich's in Baden, in Württemberg und am Rheine, und außerdem,“ fügt er mit geheimnißvoll lächlender Miene hinzu,„außer⸗ dem hab' ich noch ein ganz ſicheres Vorzeichen, daß der deutſchen Atmoſphäre ein Temperaturwechſel be⸗ vorſteht. Der Frankfurter Cenſor, Pr. T., iſt näm⸗ 156 Georg Volker. lich in Folge eines plötlichen Schlagfluſſes vorge⸗ ſtern mit Tod abgegangen und die Wittwe bittet mit ihren vier unmündigen Kindern um ſtilles Beileid. Ich kannte den Mann perſönlich; er war der gut⸗ müthigſte Cenſor von der Welt, denn er ſtrich eben Alles, was er nicht verſtand, und nach demſelben Princip ſtrich Gott zuletzt ſein Leben durch, als die Zeit anfing, ihm unverſtändlich zu werden.“— Am Samſtag Nachmittag, alſo gerade eine Woche nach ſeiner Ankunft auf dem Grabenhof, war es, wo Germanos wie gewöhnlich in ſeiner Stube, welche an den Bücherſaal Volker's ſtieß, auf dem Sopha lag und nach der Mahlzeit ſeine Sieſta hielt. Georg war hinauf in den Wald geritten, wo ſeine Leute mit dem letzten Holzſchlag für dieſen Winter be⸗ ſchäftigt waren; er wollte, nachdem er noch beim Förſter vorgeſprochen, ſo früh als möglich wieder zurück ſein, um dann mit dem Freunde einen Beſuch bei den Fräulein von Lilien und dem alten Hauptmann abzuſtatten, was ſeither von einem Tag zum andern war verſchoben worden. Es mochte gegen drei Uhr des Nachmittags ſein, in Haus und Hof war es ungewöhnlich ſtille, denn die meiſten Leute befanden ſich im Walde, oder waren außerhalb des Hofes mit dem Ableiten des Waſſers ————— Georg Volker. 157 auf den Wieſen beſchäftigt. Im Wohnhaus ſelbſt war außer dem Gaſte Niemand anweſend, als Jung⸗ frau Veronika, welche im gepolſterten Lehnſtuhl in ihrem Zimmer zu ebener Erde ſaß und, wie gewöhn⸗ lich um dieſe Zeit, einen Abſchnitt aus der Poſtille las; worüber ſie denn zuletzt einnickte und dasjenige aus Altersmüdigkeit that, was Germanos, wie er behauptete, nicht laſſen konnte, ſeitdem er in den ſüd⸗ lichen Ländern die Wohlthat und Zweckmäßigkeit eines kurzen Nachmittagsſchlafes gründlich hatte kennen lernen. Kurz, die würdige wohlbeleibte Matrone ſchlummerte gleichfalls, denn ſie ſtammte noch aus der guten alten Zeit, wo die Andacht der Seele ge⸗ wöhnlich den Uebergang zum Schlummer des Leibes bildete und das von frommen Gebeten eingefriedigte Gemüth die nächſte Wirkung derſelben an einem ru⸗ higen Schlafe erkannte; es war, wie geſagt, allent⸗ halben ſo ſtill auf dem Hofe, daß der Tiktak der großen Schwarzwälder Uhr faſt das einzige Geräuſch verurſachte. Da öffnete ſich mit einmal leiſe die Thür, welche aus der Küche in den Hinterhof führte, der durch einen ſchmalen Gang zwiſchen der Scheune und dem Holzſchoppen mit der Ruine in Verbindung ſtand, und herein ſchlich Mattelhans, ängſtlich nach allen 158 Georg Volker. Seiten umherſpähend, ob Niemand anweſend ſei. Eine weiße Katze lag ſchlafend auf der eiſernen Platte des noch warmen Herdes; aber ſo leiſe ſchlich Jener an ihr vorüber durch die Küche nach der Haus⸗ flur, daß das Thier ihn nicht einmal hörte. Hier lauſchte et zuerſt an der Thür der Geſindeſtube, dann an der gegenüber befindlichen von Veronika's Zim⸗ mer, und ließ ſogar vor letzterem mehrmals ſein wohl⸗ bekanntes Grunzen vernehmen, auf welches Zeichen gewöhnlich ſeine Gönnerin herauskam und ihn nach ſeinem Begehren fragte. Als ſie aber nicht erſchien, und auch ſonſt Alles ruhig blieb, ſchlich er lautlos wie das böſe Gewiſſen ſelbſt, die Treppe hinauf in den obern Stock, ſtand jedoch zum öfteren ſtill, bald vor⸗, bald rückwärts lauſchend, und ſetzte ſich, oben an⸗ gelangt, auf der letzten Treppenſtufe nieder, ſei es nun, daß die Furcht ihn überwältigte, oder daß er abwarten wollte, ob ihm Jemand von Unten nachkomme. Erſt als er ſich auch hier ſicher fühlte und ſein ſcharfes Ohr nichts vernahm, ſchlich er langſam nach dem Vor⸗ zimmer, welches zu Volker's Arbeitsſtube führte. Leiſe öffnete er die Thür, ſchob vorſichtig ſeinen Kopf hinein, zog ihn aber ſchnell wieder zurück, denn er glaubte in dieſem Augenblick ein Geräuſch im untern Stock zu vernehmen. Doch Alles blieb ruhig, wor⸗ Georg Volker. 159 auf Mattelhans endlich einzutreten wagte; hinter ſich ließ er die Thür weit offen ſtehen, um für alle Fälle an einer ſchleunigen Flucht nicht behindert zu ſein. Durch das Vorzimmer trat er dann in Volkers Stube, erſchrak jedoch beim Anblick ſeiner unholden Geſtalt im gegenüberhängenden Spiegel ſo heftig, daß er beinahe wieder zurückgewichen wäre. Erſt als er die Täuſchung erkannte, faßte er wieder Muth, und ging in dem Augenblick, wo ein zweites Spiegelbild hin⸗ ter dem ſeinigen, ohne daß er es merkte, in das Glas trat, auf den Secretair zu. Mit Haſt drehte er an dem Schlüſſel, das Schloß knackte zurück, drauf ein kurzes ſecundenlanges Schnarren, wie wenn der letzte Faden von einer Spule abläuft, und im nächſten Moment ein Donner, als ſtürze das ganze Haus bis in's unterſte Fundament zuſammen. Mit einem fürchterlichen Schrei des Entſetzens prallte der Narr zurück, hinter ihm ſchrie eine zweite Stimme hell auf, und wie er jetzt in eiliger Flucht ſein Heil ſuchen wollte, ſtieß er in der Thür auf eine weibliche Ge⸗ ſtalt, welche ihm die Arme entgegenhielt; aber ganz blind vor Entſetzen rannte er ſie mit einem heftigen Stoß nieder, und ſtürzte über ſie hinweg, heulend, als ſitze ihm die Hölle im Nacken, aus der Stube die Treppe hinunter. 160 Georg Volker. Wie Germanos einen Augenblick ſpäter durch den Bücherſaal in Volker's Stube trat, ſtand der Sekre⸗ tair offen, deſſen Platte durch die Erſchütterung der Er⸗ ploſion aufgefahren war, und ein dichter Pulverdampf erfüllte das ganze Gemach. Raſch eilte der Jüngling nach dem vordern Zimmer, dem Diebe nach,— aber, o Himmel! Auf dem Teppich vor ihm lag ein wunder⸗ ſchönes junges Mädchen mit entſeelten Zügen und blu⸗ tete heftig aus einer Wunde unterhalb der linken Schläfe. Es iſt uns nicht auffallend, daß Germanos im erſten Moment der Ueberraſchung nicht anders wußte, als daß er den ertappten Dieb in dieſer holden Ge⸗ ſtalt vor ſich habe, und Niemand als die ſchöne Un⸗ bekannte es geweſen ſein könne, welche in der Abſicht, ein Verbrechen zu begehen, an den verhängnißvollen Schlüſſel gerührt hätte. In Folge des Schrecks war ſie dann niedergeſtürzt, wobei ſie im Fallen mit dem Kopf wider die Tiſchecke geſtoßen war, kurz, er konnte nach alledem nicht an ihrer Schuld zweifeln, und nur Eins blieb ihm räthſelhaft, wie ſie bei ſo viel Schönheit, Unſchuld und zartem Weſen eine ſo häßliche und noch dazu ſo gewagte That beabſichtigen konnte, bei hellem Tage in ein fremdes Haus zu ſchleichen und mitten in bewohnten Räumen einen ſo frechen Diebſtahl zu verſuchen. Georg Volker. 161 Noch ſtand er, von dieſem Zweifel bewegt, und wußte nicht, ob er der ſchönen Unbekannten, deren ganze Erſcheinung den gebildeten Stand verrieth, als galanter Ritter oder als rauher Gendarm entgegen⸗ treten ſollte, als plötzlich die Thür aufgeriſſen wurde und Jungfrau Veronika in das Zimmer ſtürzte. Kaum wurde ſie des ohnmächtigen blutenden Mädchens auf dem Teppiche anſichtig, als ſie mit dem Jammer⸗ ſchrei:„Annli! Gerechter Himmel— Annli todt!“ neben der Entſeelten niederſank, denn ſie hatte den Schuß gehört und ſchloß aus der Wunde an des Mädchens Schläfe, daß es erſchoſſen ſei. Lautweinend und alle Mächte des Himmels um Rettung und Hülfe anrufend, ergriff ſie das blutende Haupt und legte es ſanft auf ihren Schooß; als mit einmal die Ohnmächtige, von der Freundin wohl⸗ bekannter Stimme geweckt, aus ihrer Betäubung erwachte, die Augen aufſchlug und dadurch die arme Veronika beruhigte, ſo daß ſie entzückt ausrief:„Ge⸗ lobt ſei Gott! Sie lebt— Annli— liebe füße Annli, wer hat Dir ein Leids gethan?“ Staunend, mit großen dunklen Augen blickte das Mädchen, wie aus ſchweren Träumen erwachend, bald den jungen fremden Mann, bald die mütterliche Freundin an, und ſchien noch immer nicht recht zu 1 3 11 162 Georg Volker. wiſſen, was mit ihr vorgegangen; erſt als ſie das Blut an ihrer Schläfe bemerkte, kam ſie zur Beſin⸗ nung und rief mit einer Stimme voll des lieblichſten Wohllautes: „Ach Veronika, alterire Dich nicht ſo ſehr! Es iſt nichts als ein wenig Blut, weil ich mit dem Kopf wider den Tiſch fiel, als mich Mattelhans zu Boden ſtieß. Aber wo iſt er hingekommen und wer ſchoß nach ihm? Rufe doch Volker, daß ich ihm Alles erzähle, damit er den Mattelhans zur Rede ſtellt. Denn gerade wie ich in das Zimmer trat, ſtand der Narr am Pult und wollte das Schloß öffnen; da fiel der Schuß, Jener ergriff die Flucht und verſetzte mir einen ſo heftigen Stoß, daß ich niederſtürzte. Er hat gewiß etwas Böſes im Schilde geführt und ſchrie und heulte auch ſo ſchrecklich, daß ich glaubte, der Schuß habe ihn verwundet.“ Alſo erzählte ſie der treuen Freundin, welche, noch immer von dem gehabten Schreck an allen Gliedern zitternd, mit zärtlicher Sorge bemüht war, das Blut zu ſtillen, während Germanos in die Küche eilte, um Waſſer zu holen. Bis er wieder zurückkehrte, wußte Annli ſchon, wer der fremde Herr war, und dieſe Nachricht ließ ſie ſchnell das eben erlebte Abenteuer Georg Volker. 163 vergeſſen. Sie begrüßte Germanos wie einen alten Bekannten und ſagte: „Sie ſind der Freund Volker's, darum ſollen Sie auch mein Freund ſein, und mir jederzeit erlauben, Sie als ſolchen zu betrachten. O, wie oft ſprachen wir von Ihnen und freuten uns den ganzen Winter über auf Ihre Ankunft! Nun ſind Sie da, der liebſte Gaſt, den uns dieſer Frühling bringen konnte, und Sie ſollen gewiß ſehen, daß es ſich auch bei uns im Odenwald angenehm und vergnügt leben läßt.“ Germanos hielt, während ſie das ſagte, ihre Hand, die ſie ihm gereicht hatte, in der ſeinigen und wußte nicht, was er ihr darauf erwiedern ſolle; er durfte nicht länger daran zweifeln, daß daſſelbe Mädchen, welches er noch eben fur eine auf friſcher That er⸗ tappte Diebin gehalten, in dieſes Haus gehöre, und doch vernahm er heute ihren Namen zum erſten Mal und konnte ſchlechterdings nicht begreifen, was ſie berech⸗ tige, ihn in dem Hauſe des Freundes als Gaſt will⸗ kommen zu heißen. Und wie ſchön war nicht dieſes Mädchen, welch ein gebildetes Weſen ſprach nicht aus jedem ihrer Worte, jeder ihrer Bewegungen! Wahrlich, wir wollen es ihm nicht verdenken, daß er einen Augenblick an dem Freunde irre wurde, Dder noch mit keiner Silbe dieſer Annli bei ihm er⸗ 11* —————————— ————— ———————— 16⁴ Georg Volker. wähnt hatte, vielleicht, wie ein böſer Argwohn ihm zuflüſterte, weil da, wo Annli's Rechte an den Freund anfingen, die ſeinigen an Volker's Vertrauen auf⸗ hörten. Zum Gluͤck las die kluge Veronika dieſen Zwei⸗ fel in ſeinen Zügen, und ſie beeilte ſich darum, ihm über die Perſon ihres holden Schützlings die nöthige Auskunft zu geben. Sie erzählte ihm, daß Annli Werle das Pflegekind der Fräulein von Lilien ſei und von Kindheit an faſt täglich auf den Graben⸗ hof komme;„denn,“ fügte ſie mit einem ſtolzen Blick auf das Mädchen hinzu,„bei uns iſt ſie erzogen worden und Herr Volker war ihr Lehrer,— nicht wahr, Annli, Geographie und Geſchichte, ſogar das Leſen und Schreiben, haſt Du bei ihm gelernt und verdankſt ihm allein Alles?“ „Alles, und mehr als alles das!“ entgegnete ſie mit leuchtenden Zügen;„daß ich bin, daß ich lebe, ihm allein verdank ich's!“ „Ach ja, das war damals, wo Du als kleines Kind das Scharlachfieber bekamſt,“ fiel ihr Veronika in's Wort.„Du wollteſt von keinem andern Men⸗ ſchen, als von Herrn Volker Arznei annehmen; und weil er ſo gütig war, Deinem Eigenſinn nachzuge⸗ ben, und vier odet fünf Nächte lang nicht von Dei⸗ Georg Volker. 165 nem Lager wich, meinſt Du, er allein habe Dir das Leben gerettet.“ „So iſt's,“ verſetzte Annli mit einer lebhaften Bewegung.„Wär' es aber auch nicht ſo, wär ich auch ohne ihn wieder geſund geworden unter dem Beiſtand jener treuen edlen Menſchen, die an mir Elternſtelle vertreten; willſt Du darum mit mir ha⸗ dern, Veronika, daß ich dem Freunde, dem ich ſo Vieles verdanke, auch noch meine Geneſung danke? Iſt's nicht die rechte Dankbarkeit, alles Gute, was wir von den Menſchen empfangen, Demjenigen zu⸗ meiſt zuzuſchreiben, der uns das Beſte von Allem ſchenkte?“ Und mit freudiger Ruhrung in den ſchönen Zü⸗ gen rief ſie nach einer Pauſe:„Wie glücklich bin ich, daß ich wieder hier bin. Ach, Veronika, Du glaubſt nicht, was ich in dieſen acht Bagen meiner Entfer⸗ nung von Hauſe ausgeſtanden habe! Ich hatte Al⸗ les und doch fehlte mir Alles! Friederike, meines Bruders Braut, iſt ein herzensgutes Mädchen, ſie und ihre Eltern wollten mich faſt mit Gewalt das Heimweh vergeſſen machen; aber es ging nicht, je mehr ſie mir Liebes erzeigten, um ſo trauriger wurde ich, und alle meine Gedanken waren beſtändig bei Euch im Odenwald. Nein, in meinem Leben geh' 166 Georg Volker. ich nicht wieder dahin! Will Paul mich ſehen, ſo mag er ſich Urlaub beim Regiment nehmen und aus der Stadt zu uns hierher kommen; iſt ja doch hier ſeine Heimath ſo gut wie die meine.“ Germanos hatte mit ſteigender Aufmerkſamkeit dem anmuthigen Zwiegeſpräch des Mädchens mit der Alten gelauſcht; und war auch ſein anfänglicher bö⸗ ſer Verdacht gegen Annli in Betreff ihres Verhält⸗ niſſes zu Volker vor dem Zauber ihrer kindlichen Un⸗ ſchuld allmählig verſchwunden, ſo fühlte er ſich doch noch lange nicht geneigt, dem Freunde die ſeltſame Geheimnißthuerei zu vergeben, und ſein Vorſatz ſtand feſt, ſich bei Georg für dieſen Mangel an Vertrauen eine gehörige Satisfaction auszubitten. Längſt hatte die kleine Wunde an Annli's Schläfe ausgeblutet, und ein ſchmales Streifchen ſchwarzes Heftpflaſter war das einzige Zeichen von ihrem un⸗ ſanften Zuſammenſtoß mit Mattelhans; auf ihr Ge⸗ ſicht war die Farbe der Jugend und Heiterkeit zurück⸗ gekehrt, und man ſah es ihr an, wie ſie ſich wieder in den bekannten Räumen heimiſch fühlte. Volker blieb noch immer aus, und auf den Vorſchlag Ve⸗ ronika's ging Germanos mit Annli hinunter, um im traulichen Stübchen der Alten den Kaffee einzuneh⸗ men. Natürlich bildete das eben überſtandene Aben⸗ Georg Volker. 167 teuer mit Mattelhans den alleinigen Gegenſtand der Unterhaltung, und ausführlich erzählte Veronika dem Mädchen, was ſich ſeit ihrer Abweſenheit vom Gra⸗ benhof begeben, von Germanos' erſter Entdeckung an bis zu der Verrätherei des Narren gegen ſeinen Herrn und Wohlthäter. Annli's innere Bewegung wuchs in dem Grade, als ihr die Vorgänge auf dem Grabenhof in den letzten acht Tagen bekannt wurden; ſie erkundigte ſich bei Germanos genau nach den kleinſten Details der Geſchichte mit dem Narren und verſank dann in ein tiefes Nachdenken. Nach einer Pauſe unterbrach ſie plötzlich das Schweigen und und rief mit ſeltſam veränderter Stimme: „Ach, ich wußt'es ja, daß etwas Schlimmes auf dem Grabenhof vorgehen müſſe, während ich fern von hier war! Jede Nacht hatte ich einen ängſtlichen Traum; einmal ſah ich den Hof in hellen Flammen ſtehen, alle Scheunen brannten lichterloh, ein andres Mal träumte mir, der Oberknecht ſei vom Pferde ge⸗ ſtürzt, und in der letzten Nacht meines Aufenthaltes in der Stadt hatte ich einen Traum, ſo fürchterlich, daß ich noch jetzt nur mit Grauſen daran denken kann. Ja, ſtelle Dir vor, Veronika, ich ſah den ſchwarzen ſchwediſchen Ritter, der in der Ruine be⸗ Georg Volker. graben liegt, er wandelte zur Nachtzeit langſam auf dem Anger rings um den ganzen Grabenhof herum, und ich mußte ihm folgen, obwohl mir die Angſt wie Blei in den Füßen lag. Von Zeit zu Zeit ſtand er ſtill und nahm mit leichter Mühe einen Stein aus der Mauer, den er in den Waſſergraben warf, wobei es mir vorkam, als wanke jedesmal das Ge⸗ bäude und drohe mit dem Einſturz. So ging er rings um den Hof, ich immer in einer namenloſen Angſt hinter ihm her, bis er zuletzt durch den Kü⸗ chengarten in die Ruine zurückwandelte. Im Erker neben dem Thurm, da wo der Hollunderbuſch ſteht, kehrte er ſich plötzlich nach mir um, ſchlug das Viſir. eines Helmes auf, und wie eben ein Mondſtrahl von Oben in den Erker fiel, ſah ich Georg todtenbleich, mit geſchloſſenen Augen vor mir ſtehen. Da wachte ich auf, vom eignen Schrei geweckt, den mir das Grauen auspreßte, aber ich hatte keine Ruhe mehr im Bette, ſtand auf, kleidete mich ſogleich an und packte meinen Koffer zur Abreiſe.“ Sie verſtummte, ſtand haſtig vom Stuhle auf und trat in großer Aufregung an's Fenſter, um nach Volker zu ſehen, der noch immer nicht zurückkommen wollte. Erſt allmählig gelang es der freundlichen Zuſprache von Germanos und der frommen Menno⸗ Georg Volker. 169 nitin, ſie über ihre Traumgeſchichte zu beruhigen; aber wenn ſie nun auch ſelbſt über ihre Angſt lächelte und beſonders von Germanos durch die Verſicherung Troſt gewann, daß man nun noch weniger zu beſor⸗ gen habe, indem man ja durch die heutige Begeben⸗ heit erſt recht vor dem Narren gewarnt ſei, ſo blie⸗ ben doch ihre ohnedies durch den vorhergegangenen Schreck erſchütterten Nerven aufgeregt, und ſie ver⸗ mochte es zuletzt nicht mehr, den Blicken des jungen Mannes ihre wachſende Unruhe zu verbergen; denn je länger Georg ausblieb, um ſo größer wurde ihre Spannung und Ungeduld, ihn wiederzuſehen, und ihre leidenſchaftliche Erregung war zuletzt dem Gaſt des Hauſes ſo auffallend, daß ſein früherer Verdacht in verſtärktem Maße zurückkehrte, der Verdacht, Annli möge von Volker am Ende doch noch etwas mehr als Geographie und Geſchichte gelernt haben. Endlich,— es war ſchon fünf Uhr, ertönte Pfer⸗ degetrappel im Hof. Mit einem Freudenſchrei ſtürzte Annli aus der Stube, und kehrte eine Minute ſpäter ſtrahlend von Glück an Volkers Hand zurück; war es Täuſchung, war es Wirklichkeit, das Gefühl von dem Wiederbeſitz des Freundes ließ ihre Geſtalt grö⸗ ßer, ihre Haltung feſter erſcheinen, und wenn ſie uuch lange kein Wort mehr ſprach, ſo verriethen doch 17⁰ Georg Volker. die beredten Züge und der erhöhte Glanz ihrer ſeelen⸗ vollen Augen, daß die Freude des Wiederſehens nur ihren Mund ſtumm gemacht habe. Nit einem leichten Scherz ging Volker ſpäter über des Freundes Bemerkung hinaus, welcher nicht ohne Empfindlichkeit äußerte, er habe Annli's Be⸗ kanntſchaft weniger ihm als dem Narren zu verdan⸗ ken, worauf Georg erwiederte: „Ich hütete mich auch diesmal wohl, Dir das Mädchen früher zu ſchildern, als Du ſie geſehen; das, was ich mit Dir bei Gräfin Eugenia erlebte, hat mich in dieſem Punkt vorſichtig gemacht. Man muß einem Enthuſiaſten niemals in ſeinem Urtheil vorgreifen, denn gleich wird ein Zweifler daraus.“ Er traf ſodann die nöthigen Verabredungen mit dem Freunde, wie man ſich des Narren ohne großes Aufſehen verſichern und ihn zum Geſtändniß ſeiner verbrecheriſchen Pläne, ſo wie zur Angabe ſeines un⸗ bekannten Mitſchuldigen bringen könne. „Wenn ihm die heute empfangene Lection nicht die Zunge löſt, ſo iſt Hopfen und Malz an ihm ver⸗ loren,“ ſagte Georg. „Eine tüchtige Tracht Prügel,“ meinte Germa⸗ nos,„würde im vorliegenden Falle ſelbſt nicht gegen den humanen Geiſt des neunzehnten Jahrhunderts Georg Volker. 174 verſtoßen. Aber ich fürchte beinahe, daß uns der Haſe, der einmal Pulver gerochen hat, nicht ſo bald wieder zum Schuß kommen dürfte.“ „So legen wir ihm Schlingen, wenn er dem Kohl nachgeht,“ verſetzte Volker, und eilte mit dem Freunde weg, um ſich wo möglich der Perſon des Narren noch an dieſem Abend zu verſichern. Uenntes Capitel. Aber Mattelhans war, wie Germanos richtig ver⸗ muthet hatte, ſpurlos verſchwunden, obwohl ſie nicht nur ſein Gelaß im Thurme, ſondern auch den übri⸗ gen Theil der Ruine und zuletzt den ganzen Graben⸗ hof nach ihm durchſuchten. Erſt ſpäter erfuhr man von den heimkehrenden Knechten, daß dieſe den Nar⸗ ren über das Feld hatten laufen ſehen, wobei er ſich von Zeit zu Zeit platt auf die Erde niedergeworfen und ein ſo jämmerliches Geheul ausgeſtoßen habe, wie vor Jahren, wo ihn einſtmals ein Schwarm wilder Waldbienen bis auf den Grabenhof verfolgte; aber ſchnell ſei er dann wieder aufgeſprungen, ſobald 172 Georg Volker. ihm Jemand zu nahen geſucht, und ungeachtet aller Zurufe und Winke, ſei er weiter gerannt, dem Walde zu. So berichteten die Knechte zum großen Leidwe⸗ ſen der Freunde, die hieraus erſahen, daß ihnen für's Erſte der beſte Theil ihres Planes wie man zu ſa⸗ gen pflegt, in Rauch aufgegangen war. Als ſie von ihren vergeblichen Nachforſchungen in's Haus zurückkehrten, hatte ſich Annli bereits mit Veronika nach dem Dorf entfernt; Letztere begleitete ſie auf Volker's Wunſch, um bei den drei Fräulein und dem Hauptmann die Urſache von der Verwun⸗ dung des geliebten Pflegekindes ſo darzuſtellen, daß die alten Leute keinen Verdacht ſchöpfen konnten und die wirkliche Veranlaſſung des Unfalls ſo geheim als möglich bleibe. Annli hatte dies ihrem Freunde ver⸗ ſprochen, und er wußte, daß er in dieſem Fall auf ihre Verſchwiegenheit zählen durfte.* „Noch einen letzten Verſuch laß uns machen,“ ſagte Germanos.„Heute iſt's gerade eine Woche, daß der Unbekannte zu dem Narren in den Thurm kam; und daß Letzterer gerade heute ſein Attentat auf Deinen Schreibpult wiederholte, macht die Ver⸗ muthung nicht ganz unwahrſcheinlich, daß auch jener Fremde heute wiederkommen werde. Wir wollen uns darum, ſobald es völlig dunkel geworden, in Georg Volker. 173 der Nähe des Thurmes verſtecken, damit wir auf dieſe Weiſe gleich an den rechten Mann kommen, an dem Dir jedenfalls mehr gelegen ſein muß, als an jenem Simpel von Handlanger.“ Volker ſtimmte ihm bei, indem er ſagte: „Wir legen uns an geeigneter Stelle in den Hin⸗ terhalt, und außerdem poſtiren wir einige handfeſte Burſchen ſo, daß ſie ſogleich in der Nähe ſind, um dem Unbekannten den Rückzug abzuſchneiden; iſt er erſt einmal über den Steg herüber, ſo bleibt ihm dann nur die Wahl, ſich entweder zu ergeben, oder ſein Heil in der Flucht durch den moraſtigen Hof⸗ graben zu verſuchen, in welchem Fall er dann die Bekanntſchaft meines treuen Packan machen ſoll.“ Unterdeſſen war ſchon die Dämmerung eingetre⸗ ten, und beide Freunde ſaßen, nachdem ſie ihren Kriegsplan durchſprochen, ſchweigend nebeneinander auf dem Sopha. Vor Germanos' Seele ſtand wieder, wie er ſie vorhin bleich und blutend im anſtoßenden Zimmer gefunden hatte, die liebliche Annli und ihre ganze Erſcheinung beſchäftigte ſeine Einbildungskraft auf das Lebhafteſte. Er hatte Volker's Benehmen gegen das Mädchen beobachtet, und wie er den Freund kannte, der wohl zu ſchweigen, aber niemals zu heucheln verſtand, 174 Georg Volker. durfte er nicht länger mehr daran zweifeln, daß das Verhältniß der Beiden wirklich kein anderes war, als wie es ihm Veronika geſchildert, nämlich das Ver⸗ hältniß eines Lehrers zu ſeiner Schülerin, die in der Unſchuld ihrer Seele der Dankbarkeit gegen den Freund jenen ſchwärmeriſchen Ausdruck verleiht, wo⸗ mit ein treues Herz und ein inniges Herz. zugleich ſo gern dem Wohlthäter gegenüber erſcheint, zumal wenn es ſich, wie hier ſo ſchön der Fall war, in dem unbegränzten Gefühl ſeiner Dankbarkeit rück⸗ haltslos äußern darf. Das alſo war die dunkle Blume, die in Georg's ſtiller Waldeinſamkeit blühte, an deren zarter Pflege er ſich entſchädigte für den Mangel eines bewegten Lebens und die ihm dafür, im Reiz der jungfräulichſten Unſchuld, der Schönheit Seele, zu der er ſie veredelt, im ſüßeſten Hauch ihrer Düfte zurückgab; das war die Poeſie, die über ſein friedliches Leben dieſen Zauberſchein ausgoß und ſein zur ſtillen Beſchaulichkeit geneigtes Gemüth mit ihrem ſchönſten Daſein erfüllte. Ja, in dieſer Annli erkannte Germanos den Freund wieder; ſie war in Allem das treue Abbild ſeiner eignen Seele, nur noch zarter und von noch weicherem Stoffe gebildet als die ſeine. So faßte und verſtand Germanos dieſes innige — Georg Volker. 175 Verhältniß zwiſchen Lehrer und Schülerin, fteilich im ſtarken Gegenſatz zu ſeiner anfänglichen Vermu⸗ thung, die ihm jetzt, dem reinen ſichren Charakter des Freundes gegenüber, faſt ebenſo lächerlich vor⸗ kam, als wenn ihm Jemand geſagt hätte, Georg werde dieſes holde Geſchöpf jemals einem anderu Menſchen gönnen. Die Freunde wurden in ihren Betrachtungen, wie ſie Jedem die Ereigniſſe und Eindrücke dieſes Tages eingaben, durch die Erſcheinung des Dieners unterbrochen, der Lichter hereinbrachte und die ſoeben angelangten Zeitungen und mehre Briefe auf den Tiſch legte. Während Georg die letzteren durchlas, griff Germanos nach den politiſchen Blättern, hatte aber kaum einen Blick hineingeworfen, als er mit einem Jubelſchrei ausrief: „Heil uns! Die Freiheit pocht an Deutſchlands Kerkerpforten und das Volt ruft Herein! In Baden ſind die Würfel gefallen, da ſtehrs ſchwarz auf weiß: Die Schlacht iſt geſchlagen, der Sieg iſt gewonnen! Am erſten März hat es aus dem ganzen Land eine Sturmpetition nach der Hauptſtadt gegeben, die zweite Kammer hat die Forderungen des Volkes zu den ihrigen gemacht, die Regierung ſie bewilligt: Preßfteiheit, Vereinigungsrecht, allgemeine Volksbe⸗ 176 Georg Volker. waffnung, Gleichberechtigung Aller vor dem Geſetz, Aufhebung des Feudalweſens und ein deutſches Par⸗ lament!“ Er verſtummte plötzlich, denn Georg hörte ihn nicht; bleich, ein Bild des leibhaftigen Schreckens ſaß er da und ſtarrte regungslos, wie vom Donner gerührt, in einen Brief, den er ſoeben geöffnet hatte, und deſſen Inhalt, wär' es ſein Todesurtheil geweſen, ihn nicht furchtbarer hätte erſchüttern können. „Was haſt Du, Volker?“ rief Germanos, Schreck⸗ liches ahnend.„Hat dieſer Brief da—?“ Mechaniſch reichte ihm Georg denſelben hin, un⸗ vermögend ein Wort zu ſprechen, und Jener las zu ſeinem höchſten Erſtaunen folgende anonymen Zeilen: „Herr Georg Volker! Sehen Sie ſich vor; „Graf Nellenburg und ſein Amtmann Pr. Leo „trachten danach, Ihnen Ihr Beſitzthum zu rau⸗ „ben. Hüten Sie die Schenkungsurkunde „Ihres ſeligen Vaters, die Sie in einer ro⸗ „then Mappe aufbewahren. Da, wo ſie jetzt liegt, „iſt ſie nicht ſicher vor der Diebeshand Ihres ge⸗ „bornen Feindes.“ Wie ein Strahl aus undurchdringlicher Nacht fiel es nun auch plötzlich in Germanos' Seele; aber auch er vermochte im erſten Augenblick der Beſtür⸗ — — — Georg Volker. 177 zung kein Wort hervorzubringen, ſondern deutete bloß nach dem Schreibpult, indem er den Freund fragen zu wollen ſchien, ob die Schenkungsurkunde dort liege. „Dort!“ ſtammelte Volker, und mit dem Aus⸗ ruf:„Großer Gott!“ wankte er vom Stuhl nach dem Secretair; Germanos ergriff das Licht, während Jener zitternd die Klappe öffnete und in die oberſte Schublade griff. Er hielt die Urkunde in der Hand!— „Iſt ſie noch da?“ rief Germanos zwiſchen Furcht und Hoffnung.„Sie iſt noch da!“ ſagte Volker, und ſank, beide Hände mit dem geretteten Document vor die Stirn drückend, mit einem dumpfen Seufzer in die Kniee zuſammen.„Gott im Himmel, ich bin noch meines Vaters Sohn!“ mehr konnte er nicht ſprechen, lehnte ſich ſchwer an des Freundes Schul⸗ ter, der ſich zu ihm niedergebeugt hatte und den Wankenden in ſeinen Armen auffing. „Erhole Dich, mein Lieber, ſei ein Mann, komme zu Dir!“ ſprach Germanos tröſtend, obwohl ſelbſt auf das Aeußerſte erſchüttert. Noch iſt nichts ver⸗ loren, und Du haſt ja, dem Himmel ſei Dank, Dein gutes Recht noch in Händen; Gott ſah die verruchte That, beſſer als wir, und warnte Dich, damit das 12 178 Georg Volker. Bubenſtück, für das ich jetzt noch keinen Namen weiß, für alle Zukunft ein verfehlter Plan der Hölle bleiben ſollte!“ Georg ſchlug bei dieſer herzlichen Zuſprache mit ſeltſam traurigem Blick die Augen zu dem Freunde auf, und ſah ihn einige Secunden ſprachlos an. Plötzlich ſagte er düſter vor ſich hin:„Die Hölle — ja, die Hölle, o Germanos, mein Freund, mein Einziger, das iſt's, wovor mir eben graut wie da⸗ mals, wo der alte Mann auf ſeinem Sterbebett— o nicht doch— hinweg, du grauer Schatten meiner fürchterlichſten Stunde, Du gehörſt nicht mehr in dieſe Welt der ſchwarzen Sünde und der Miſſethat — fort! fort! Sei ſelig, dreimal ſelig, Du unſelig Entſchlafener, aber quäle mich nicht mehr mit Dei⸗ nem ſterbenden Blick— laß mich den Fluch, der mir den Geleitſchein gab in's Leben, allein tragen— laß mich an meiner Pein verbluten, ein zweiter Philoktet an einſamen Geſtaden! Ja, Germanos, wohin führſt Du mich? Gütige Gottheit— zur Ruhe nicht, bevor ich Alles weiß— Alles——“ Er hielt plötzlich inne, eine dunkle Fiebergluth bedeckte auf einmal wie Todesſchatten ſein noch eben bleiches Antlitz, dick auf ſchwollen ihm die Adern an Hals und Schläfen, ein heftiger Blutandrang nach — Georg Volker. 179 Kopf und Bruſt benahm ihm den Athem und:„O mein Gott! O mein Gott!“ entrang ſich wie ſein letzter Seufzer den krampfhaft zuſammengepreßten Lippen. Germanos ſtürzte nach der Waſſerflaſche, übergoß ihm das Antlitz, riß die Halsbinde ab, und zwang ihm dann das Glas mit Gewalt zwiſchen die Lippen. Georg trank und athmete tief auf; der heftige An⸗ fall eines Stickkrampfes ging, Dank ſeiner kräftigen Natur, glücklich vorüber und unter den ſorgenden Bemühungen des Freundes erholte er ſich wieder. Stumm drückte er Germanos in ſeine Arme und ein Thränenſtrom erleichterte endlich die gepreßte Bruſt; die dunkle Angſt wich von ſeiner Seele und er er⸗ mannte ſich wieder zum klaren Bewußtſein deſſen, was ihn ſo furchtbar niedergeſchmettert hatte. Aber noch verging wohl eine halbe Stunde, ehe Volker ſeiner erſchütterten Empfindung wieder ſo weit Herr ward, daß er mit Faſſung reden konnte, ob⸗ wohl Germanos ihn zum öfteren bat, heute nicht weiter von einer Sache zu ſprechen, die ihn ſo heftig anzugreifen ſcheine. „Nein, nein!“ verſetzte darauf Georg mit ſicherem Tone und lächelte nun ſelbſt über des Freundes all⸗ zugroße Beſorgniß.„Für jetzt ſoll auch nichts wei⸗ 12* 180 Georg Volker. ter geſagt werden, als was uns Beiden frommt; nur das Eine glaube mir, es iſt nicht erſt mein Vorſatz von heute, Dich in mein Schickſal einzuweihen ganz und vollſtändig, wie Du das Recht dazu haſt, es von mir zu fordern; ſchon am erſten Tage Deiner An⸗ kunft war dies meine Abſicht, und nur die Span⸗ nung, in der mich das räthſelhafte Geheimniß mit dem Narren dieſe Zeit über beſtändig erhielt, ließ mich meinen Vorſatz hinausſchieben. Ja, ſagte mir doch ſelbſt mitunter eine Ahnung, ich ſolle erſt den Ausgang dieſer echten Grabenshofs⸗Geſchichte ab⸗ warten, da ſie möglicherweiſe noch die Fortſetzung zu Früherem bilden könnte, und bei Gott, es iſt ſo! Denn nur im erſten Moment des Schreckens konnte ich vergeſſen, daß ich jetzt nicht ſo unvorbereitet wie⸗ der vor der dunklen Pforte meiner alten Noth ange⸗ langt bin, und daß Du, mein Germanos, mir dies⸗ mal rettend und hülfreich zur Seite ſteheſt! Darum darfſt Du aber auch nicht länger mehr ein Fremd⸗ ling ſein in dem Labyrinth meiner Vergangenheit, Alles ſollſt Du wiſſen, erſchrick nicht— Alles, und dann entſcheiden, ob mich dieſe Stunde nicht ebenſogut hätte vernichten können, als mich eine ähn⸗ liche Stunde ſchon einmal zu vernichten drohte. Nur laß mich erſt noch mit mir ſelber in Klarheit kom⸗ . S Georg Volker. 181 men über das, worüber ich Jahre lang mich zu täu⸗ ſchen ſuchte und wonach ich doch immer wieder grei⸗ fen mußte wie nach einer dunklen Wolkengeſtalt, die je näher dem Auge, um ſo unerfaßbarer der Hand! Aber heute freilich hat dieſe Wolkengeſtalt einige Conſiſtenz gewonnen und der alte Dämon in meiner Bruſt Realität geſchmeckt!“ Er ſprach dieſe Worte ſo feſt und ſicher, und ſein ganzes Weſen war dabei ſo leidenſchaftslos und ruhig, daß Germanos, trotz des dunklen Sinnes ſei⸗ ner Rede, nicht an deren inhaltsſchwerer Bedeutung zweifeln konnte. Für jetzt aber forſchte er nicht wei⸗ ter nach und war nur froh, daß der Freund ſich wie⸗ dergefunden hatte. Noch einmal nahm Volker das anonyme Billet in die Hand, betrachtete es aufmerkſam, prüfte die Schriftzüge, die Adreſſe und ſagte dann: „Schade, daß der Poſtſtempel ſo ganz undeutlich iſt; aber um ſo klarer ſind die Schriftzüge, faſt wie geſtochen; ein Kalligraph könnte ſich auf dieſe wun⸗ derſchöne Handſchrift Etwas einbilden.“ Germanos betrachtete gleichfalls mit Aufmerkſam⸗ keit das Schreiben und erwiederte dann: „Es iſt eine männliche Handſchrift; doch ſicht man's den Zügen ordentlich an, daß ſie mehr ge⸗ 182 Georg Volker. zeichnet als geſchrieben wurden; ja ſogar ſtudirt ſcheinen ſie mir, und ihr Schreiber hat ſicherlich nicht auf jeden Brief, den er in ſeinem Leben ſchrieb, ſo große Sorgfalt verwendet.“ „Sonderbar,“ verſetzte Volker.„Es geht mir mit dieſer Handſchrift wie mit manchem Menſchenantlitz; man meint es zu kennen, und erſt, wenn man es ſchärfer betrachtet, tritt Einem das fremde Geſicht daraus entgegen. „Aber genug, daß wir den Sinn vollkommen faſſen! Ja, ich wollte nun faſt darauf ſchwören, daß jener Menſch, den Du heute vor acht Tagen beim Narren im Thurm ſahſt, kein Andrer war als Seine Erlaucht, der Herr Graf ſelber!“ „Ich bezweifle das,“ erwiederte Germanos kopf⸗ ſchüttelnd.„Des Grafen Statur iſt lange nicht ſo groß als die des Unbekannten.“ „Nun dann, beim allwiſſenden Gott, ſo war der Teufel ſelbſt in leibhaftiger Geſtalt beim Mattelhans, und dieſer hielt ihn in ſeinem Blödſinn für den ha⸗ gern Amtmann Leo!“ rief Volker im Ton der ſicher⸗ ſten Ueberzeugung. Einer von Beiden muß es ge⸗ weſen ſein, denn einen Dritten im Bunde, als höch⸗ ſtens einen Narren, der im äußerſten Fall nicht ein⸗ mal gegen ſie zeugen darf, konnten ſie nicht brauchen.“ — Georg Volker. 183 Er ſtand haſtig vom Stuhl auf und durchſchritt in großer Aufregung das Zimmer; dann trat er an 3 den Tiſch, nahm wiederum das Billet und ſagte: 5„O! Der Schreiber dieſer Zeilen weiß ſicherlich 6 noch weit mehr als er ſchreibt und doch ſteht's auch 6 wiederum deutlich hier zu leſen:„die Diebeshand ihres gebornen Feindes!“ Ja, mein geborner † Feind iſt der Graf Nellenburg, und hier in dieſer Bruſt ſteht's mit alten Zügen geſchrieben, ſo alt wie 7 mein Leben, daß es ſo iſt, wörtlich ſo, wie der Brief da lautet!“ Er hielt einen Augenblick inne und griff mit der Hand nach dem Herzen, als wolle er dort die . Stimme zurückhalten, die ſoeben aus ſeinem Munde zu voreilig geſprochen. Er gewann nur mit Mühe ſeine Faſſung wieder und fuhr fort: „Ich halte den Grafen, der mir auf ſo verruchte Weiſe mein Eigenthum ſtehlen wollte, für einen durchaus ſchlechten Menſchen und hielt ihn nie für etwas Anderes; aber kennteſt Du erſt den Amtmann Leo, Du würdeſt den Grafen in die Hölle, den Letz⸗ teren aber an den höchſten Galgen in der Welt wün⸗ ſchen; denn ſieh, Germanos, dieſer Leo iſt der abge⸗ feimteſte Teufel, der jemals Gottes ſchöne Schöpfung * verunziert hat, ſeine Seele ſo ſchwarz und aller * — 184⁴ Georg Volker. ſchmutzigen Schandthaten voll, daß die Thränen der ganzen weinenden Menſchheit ſie nicht rein waſchen würden; denn er iſt verhärtet gegen Thränen, weil er die Kunſt verſteht, ſie zu weinen, während ſein Herz jubelt und der Teufel in ihm triumphirt; er ſchneidet Dir, wie Shylock das Fleiſch bei lebendi⸗ gem Leibe aus der Bruſt, wirft es ſeinen Hunden vor und ſpricht ein andächtiges Vaterunſer dabei; er ſchwört Dir in's Geſicht drei Meineide, und wenn er Dich allein hat, klopft er Dir vertraulich auf die Schulter und bittet um Deine fernere Freundſchaft. Sein Baſilisken⸗Auge könnte dem Kind im Mutter⸗ leibe Schaden thun, und es giebt bejahrte Leute ge⸗ nug in der Grafſchaft, die Dich alles Ernſtes ver⸗ ſichern, der Amtmann Leo hätte ihnen das Haar vor der Zeit weiß gefärbt, weil er ſie zu ſcharf an⸗ geſehen; kurz, ein Menſch wie ein Scheuſal und ein Scheuſal wie ein Menſch, das iſt unſtes erlauchten Herrn Grafen würdiger Freund und Juſtitiarius, die unſauberſte Blaſe im deutſchen Bureaukraten⸗ ſumpf!“ Man muß geſtehen, dieſes Charakterbild lautete eben nicht ſchmeichelhaft für Den, den es zeichnete. Georg aber, der nicht zu viel geſagt haben wollte, erzählte dem Freunde einige Stückchen aus dem Georg Volker. 185 Amtsleben dieſes hochgräflich nellenburgiſchen Ge⸗ richtsherrn, über welchen ein Bauernſprüchlein lau⸗ tete: Geh' nicht in die Höll' und nicht in die Amts⸗ ſtube, an beiden Orten ſchindet man Dich bei leben⸗ digem Leibe; und Germanos war zuletzt mit Georg völlig einverſtanden, daß einem ſolchen Menſchen jede Schlechtigkeit zuzutrauen ſei, zu deren Ausführung ihm Macht und Mittel geboten wären. „Und wie willſt Du Dich vor ihm ſchützen?“ fragte er, als Volker ſeine Erzählung geendet hatte. „Laß'mich nur machen,“ erwiederte Dieſer düſter. „Offen wagen Beide nichts gegen mich und in ihrer dunklen Höhle ſcheuen ſie mich erſt recht. Was be⸗ ſonders den Amtmann anbelangt, ſo bin ich ſeinet⸗ wegen nun erſt vollends außer Sorge; denn auch das ſteht in dieſem Brief geſchrieben und Du lieſt es doch nicht heraus; aber in dieſer Stunde weiß ich's ſicherer als je zuvor, daß das, was ſie zu mei⸗ nen Feinden macht, mich auch vor Ihnen ſchützt: des Grafen böſes Gewiſſen, des Amtsmanns Feig⸗ heit! O Germanos— Du ſollſt eine Geſchichte khören Georg Volker. Pehntes Capitel. So Vieles hatte Germanos, trotz ſeiner jungen Jah⸗ re, ſchon an ſich und Andern erfahren, ſo Manches geſehen und erlebt, was ihn die Verkettungen und Schickſale dieſes Daſeins in ihren oft ſo tief tragi⸗ ſchen Beziehungen zun Menſchenherzen hatte kennen lernen; er war nicht ſelten unter eigenthümlichen Verhältniſſen bald mehr, bald minder noch an frem⸗ den Geſchicken und Leiden betheiligt geweſen, die ſeine Phantaſie anregten und ſeinem Geiſte jenen Fond von Gedanken und Anſchauungen zuführten, welche den begabten Menſchen immer von dem ge⸗ wöhnlichen unterſcheiden; aber noch niemals hatte ihn ein fremdes Geſchick ſo tief erſchüttert und gleich⸗ ſam in ſein eignes innerſtes Leben zurückgeführt, als dasjenige, von welchem er Volker heimgeſucht ſah. Mag auch das Unerwartete und Ungewöhnliche der Begebenheiten ſeinen Antheil an dieſem Mitgefühl haben; mag der ſchwärmeriſche Enthuſiasmus ſeiner Freundſchaft zu Georg ihm die weichſten Saiten des Gemüthes angeſchlagen, ja mag ſelbſt die Ruhe Georg Volker. 187 und der ſtille Frieden, den der Ort athmete, Vieles dazu beigetragen haben, den Eindruck in ihm zu er⸗ höhen: ſo war es doch noch ein Anderes, wovon Germanos mehr als von jedem Schickſal ſeiner Ver⸗ gangenheit in innerſter Seele berührt wurde. Es war dies, wir können es nicht anders bezeichnen, der helle Blick in eine Seele, deren ganzes Sein und Fühlen er bis jetzt zu kennen glaubte wie ſeine eigene, und die nun plötzlich gleich einem dunklen Räthſel vor ihm ſtand, als hätte er ſie nie zuvor im Leben gewußt, und ihr Vertrauen beſeſſen. Noch ehe er begriff, wie ſich Alles gefügt, noch ehe er ſelbſt den wirklichen Zuſammenhang ſeiner einzelnen Wahrnehmungen und ihre Beziehungen unter einan⸗ der kannte, ſah er plötzlich, daß Georg's Leben ein Schatten decke, von dem er ſeither nicht die geringſte Ahnung gehabt hatte. Mit ſeinen eignen erſchüt⸗ terten Sinnen hatte er ſich ja geſtern davon über⸗ zeugt, daß für den ſtarken klaren Volker noch ein Geſchick eriſtire, welches deſſen ſo oft bewährte mo⸗ raliſche Kraft und Entſchloſſenheit beinahe vernichten und ſeines Geiſtes innerſten Haltpunkt zerſtören konnte; er war Zeuge geweſen von dem geheimniß⸗ vollen Walten feindlicher Mächte in dieſem Haus des Friedens; er hatte den Freund in einem Zuſtand 188 Georg Volker. von Muthloſigkeit und Verzweiflung geſehen, der ihn das Aeußerſte von der Entdeckung ſeiner Geheimniſſe beſorgen ließ; kurz alle dieſe Betrachtungen und Wahr⸗ nehmungen ſtürmten plötzlich ſo mächtig auf ihn ein, daß er ſich in tiefſter Seele davon berührt fühlte, gleich als ſtände er ſelbſt inmitten dunkler Schick⸗ ſalsverkettungen. Bald erinnerte ſich auch Germanos, von ſolchen Reflerionen geleitet, wie Volker ja auch von Annli nie zuvor ein Wort mit ihm geſprochen hatte, ſo wenig als von ſeinem eigentlichen Verhält⸗ niß zum Grafen Alfred, in welchem ſein ahnendes Herz mit Recht den Knotenpunkt des ganzen unſeligen Schickſals des Freundes vermuthete. Aber nur einen Moment laſtete der Zweifel an Georg's wahrer Freundſchaft wie ein dunkler Schat⸗ ten auf ſeiner Seele, und ſchnell ihn wieder abſchüt⸗ telnd, fand er, je länger er alle Umſtände von Vol⸗ ker's Leben in Gegenwart und Vergangenheit prüfte, die richtige Erwägung ſeines Benehmens in jener dem Freunde angeborenen Scheu und Zurückhaltung, welche dieſen lieber Jahre lang ſchweigen und ſein Leid im tiefſten Buſen verſchließen ließ, als in einer freien Stunde ihm Worte zu leihen und am Freundes⸗ herzen Schutz und Troſt zu ſuchen. Es war ja im⸗ mer ſeine Art geweſen, ſeine Trauer allein zu tragen ———— Georg Volker. 189 und nur ſein Glück mit dem Freunde zu theilen, und zudem, wer konnte wiſſen, was noch ſonſt ihn ver⸗ ſtummen ließ, ſo oft einmal zufällig die Rede auf ſeine Vergangenheit kam? Dieſe Erinnerung war es, welche Germanos bald wieder mit dem„ſchweigſamen Oranien“ ausſöhnte, wie er ſonſt wohl im Scherze Volker geheißen und ihn am Morgen nach dem verhängnißvollen Abend, an welchem ihnen durch den anonymen Brief die Schurkerei des Grafen enthullt wurde, zu folgender Betrachtung leitete: Nichts in der Welt geſchieht umſonſt, aber auch Nichts geſchieht zur unrechten Stunde; und wie Alles ſeine Zeit hat, ſo hat ſie auch der Zufall. Ich komme hierher, und der erſte Schritt, den ich auf den Grabenhof ſetze, leitet mich auf die Spur einer dunklen Miſſethat; ſo werde ich des Freundes erſter Warner, denn wer weiß, ob er nicht in dieſer Stunde ohne mich das Opfer ſeines Feindes wäre. Aber meine Hülfe genügte nicht zu ſeiner Rettung und die Vorſehung ſandte noch einen anderen Warner, der ihm nicht allein die Gefahr zeigt, in welcher er ſchwebt, ſondern auch das Mittel, ihr zu entgehen und ſich vor ſeinen Feinden zu ſchützen. Und dennoch kaum erhebt ſich dieſe unbekannte rettende Hand, ſo 190 Georg Volker. ſeh' ich, als ſollte ein Unglück das andere ablöſen, neue Noth den Freund bedrohen; wie wenn, was ſo wunderbar ſeine Sache zum Heile führte, für ihn nicht vorhanden ſei, wie wenn hinter dem erſten Ver⸗ brechen noch ein anderes laure, das ihn noch mehr zu vernichten drohe als jenes theure, wichtige Papier. Iſt das Krankheit der Seele oder iſt's eine wirkliche Noth, was ihn fort und fort bedrängt und ihm zu Zeiten dieſen ſcheuen Blick in's Auge legt? Aber warum muß ich erſt jetzt dieſen nagenden Wurm an ſeiner Seele ahnen? Hing er denn nicht immer trüben Gedanken nach und ängſtigte ſich oft bis zur wirklichen Krankheit des Leibes an ſonderbaren fataliſtiſchen Träumereien ſeiner Seele ab, obgleich er niemals eine eigentliche Urſache ſeiner Schwermuth angab, wie wenn er aus lauter Pietät vor ſeinem Schmerz nicht an ſein Unglück zu rühren wage? Guter, armer Menſch, welcher Feind muß das ſein, der Dich verfolgt! Aber ſei's was es ſei, nun ich ein Licht habe, will ich mir auch ſchon den Tag ver⸗ ſchaffen; und verſchweigt er mir auch in Zukunft ſein Leid, ſo will ich ihn ſo lange an ſeiner inner⸗ ſten Seele belauſchen, bis dieſe mir ihr ſchweres Ge⸗ heimniß losläßt, und dann, ja dann wollen wir ſe⸗ hen, wie ich damit fertig werde. Georg Volker. 191 Dieſer treue Vorſatz war bald der einzige Ge⸗ danke, der Germanos noch beſchäftigte, obwohl je⸗ des Mal, ſo oft im Verlauf der nächſten Tage die Rede auf die in dem vorigen Capitel geſchilderte Scene kam, das plötzliche Verſtummen Georg's nur allzudeutlich den innern Kampf verrieth, den ihn der Entſchluß, ſich dem Freunde offen mitzutheilen, ko⸗ ſtete. Aeußerlich zwar hatte Volker ſchnell wieder ſein voriges ruhig ſichres Weſen angenommen, ſelbſt ſeine Heiterkeit ſchien zurückgekehrt und er ſuchte ſich faſt mit Gewalt in dem Glauben zu erhalten, als ſei überhaupt nichts vorgefallen, oder Germanos werde ſich wenigſtens mit dem begnügen, was er bereits wiſſe; aber im Grunde fühlte er doch ſelbſt am deutlichſten, daß er, einmal aus ſeiner alten gewohnten Bahn herausgerückt, nicht auf halbem Wege ſtehen bleiben könne, ſondern zuletzt doch thun müſſe, was eben ſowohl Gebot der äußern Nothwendigkeit wie ſeines innerſten Herzens war. Nur die moraliſche Kraft fehlte ihm, um von den Augen des Freundes eine Binde hinweg zu nehmen, unter deren Schutz er ſich ſelber ſo lange am glücklichſten gefühlt hatte; er fürchtete das einmal ausgeſprochene Wort, denn ihm war zu Muthe, als müſſe damit Wahrheit wer⸗ 192 Georg Volker. den, woran er ſich ſo lange in Zweifeln ab⸗ gemüht hatte. Jetzt war es wirklich, wie Germanos damals ge⸗ ſagt, der„ſteinerne Gaſt,“ der bei Volker eingekehrt war; er ſollte dieſem Geſpenſt ſeines Lebens einen Namen geben, er follte mit der Hand nach ihm grei⸗ fen und es dem Freunde zeigen— was Wunder! daß er zurückbebte und ſich faſt noch mehr vor der Enthüllung, als vor dem zu Enthüllenden fürch⸗ tete. Germanos ſeinerſeits, vom zarten Sinne des Mit⸗ gefühls und ſeiner Sorge um den geliebten Menſchen geleitet, fand ſich geduldig in dieſe Stimmung Volker's hinein und ſagte und that nichts, was die⸗ ſen auch nur entfernt an ſein gegebenes Verſprechen hätte erinnern können. Ehe wir⸗ in unſter Erzählung weiter gehen, ſei hier noch erwähnt, daß der Samſtag Abend ruhig wie jeder andere Abend auf dem Grabenhof verlief; der Unbekannte zeigte ſich nicht wieder, obwohl die Knechte Volker's bis nach Mitternacht in der Ruine mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf ihn lauerten. Das anonyme Billet blieb alſo für die Freunde der einzige Commentar zu jener geheimnißvollen Zuſammenkunft im Narrenthurm, und wir haben geſehen, daß es Georg Volker. 193 mehr als hinreichte, ſie über des Narren verdächtiges Treiben aufzuklären. Was aus dieſem geworden ſei, darüber blieb man mehrere Tage in Zweifel, obwohl Volker es nicht an Nachforſchungen nach ſeiner werthen Perſon feh⸗ len ließ. Erſt ſpäter hörte man von den Köhlern und Holzſchlägern des Waldes, daß Mattelhans ſich noch in der Gegend aufhalte und bald hier, bald dort ſich ihnen gezeigt habe. Später ſah man ihn mehrmals, wie er Abends, nachdem es auf dem freien Felde leer von Menſchen geworden war, um den Grabenhof ſchlich und aus der Ferne flehend ſeine Arme nach dem verlorenen Paradies ſeiner einſtigen Glückſeligkeit ausſtreckte; aber heran wagte er ſich nicht, und ohne Hirt blieb die verwaiſte Heerde, bis Georg die Obhut der Schweine einem armen Knaben aus dem Dorfe anvertraute, der an des treu⸗ loſen Mattelhans Stelle Koſt und iſihwe auf dem Grabenhof fand. Am Sonntag Nachmittag fuhrten endlich die Freunde ihren ſeither immer hinausgeſchobenen Vor⸗ ſatz aus, und ſchickten ſich zum Beſuche bei dem Hauptmann und den drei alten Fräulein an. Be⸗ ſonders freute ſich Germanos auf die perſönliche Be⸗ kanntſchaft des Erſteren, da er nach Allem, was er 13 194 Georg Volker. von dem alten Bär gehört hatte, ſchloß, daß er in dieſem Freund alles Barocken ſeinen Mann finden werde. „Und was die drei Parzen anbetrifft,“ fügte er hinzu,„ſo verſtehe ich mich vortrefflich auf die Kunſt, alten Jungſern den Hof zu machen. Es braucht hier nur einer glücklichen Miſchung von Frivolität und kindlicher Gefühls⸗Unſchuld, um ſie zu bezaubern und ihr Herz zu gewinnen. Alte Jungfern ſind wie al⸗ tes Pech; je wärmer Du dieſes anhauchſt, um ſo weicher ſchmilzt es Dir in der Hand.“ Die drei Fräulein ſaßen eben mit dem Haupt⸗ mann beim Kaffee und Letzterer las ihnen mit ſeiner monotonen Baßſtimme aus der Zeitung die neueſten Welthändel vor, wobei er zuweilen als Randgloſſe einen derben Fluch hineinwarf, oder wohl auch, was freilich den Zuſammenhang ſeiner Vorleſung ſehr ſtörte, in tiefen Zügen mächtige Rauchwolken aus dem braunen Meerſchaumkopf hervorholte, von denen dann noch lange nachher ſein grauer Schnauzbart fortdampfte; da erſchienen Volker und Germanos, deren Ankunft von den vier alten Hausgenoſſen mit herzlicher Freude begrüßt wurde. Auf Germanos machte zwar dieſer Empfang anfangs einen wunder⸗ lich beklemmenden Eindruck; es kam ihm vor, als ſei Georg Volker. 195 er plötzlich aus der lebendigen Gegenwart mitten in jene alte Zeit zurückverſetzt worden, die er aus den Familien⸗Romanen Lafontaine's und Richardſon's hatte kennen gelernt, ſo ſeltſam fremdartig berührte ihn dieſes altherkömmliche feierliche Ceremoniel, dieſe ſteifen Knire der alten fteundlichen Damen und ihre gedrechſelten Complimente. Dazu die draſtiſch⸗derbe Geſtalt des alten Hauptmanns, der Germanos ohne Weiteres in ſeine Arme ſchloß und ihn als ſeinen „lieben Teufelsbraten“ im„alten Bau“ willkommen hieß; worauf er ſich in ſeinen beliebten, eben nicht ſehr gewählten freundſchaftlichen Vorwürfen eifernd und polternd gegen Volker ausließ, daß er ſo lange gezögert habe, ihm den Freund vorzuführen. Ger⸗ manos, der an dem Alten gleichfalls großes Wohlge⸗ fallen fand, hatte ſich ſchnell in dieſem wunderlichen Familienkreiſe orientirt, entzückte die Damen durch ſein feines Weſen und nahm durch ſeinen guten Hu⸗ mor den Vetter Peter ſo ſehr für ſich ein, daß dieſer bald nicht mehr aus dem Lachen und Bauchſchütteln herauskommen konnte, beſonders als Volker, der in dieſem Punkt genau des Alten ſchwache Seite kannte, ihm ausführlich erzählte, was ſich heute vor acht Tagen zwiſchen dem Freund und der Gräfin auf dem Schloſſe begeben hatte. Da wußte ſich der alte Bär 44 Georg Volker. vor Luſt und Entzücken gar nicht mehr zu faſſen, die Thränen der Wonne rannen ihm über die Wangen, er erwiſchte Germanos, als wolle er ihn ſcalpiren, an den Haaren, und küßte ihn ſo derb ab, daß die⸗ ſem beinahe die Luft ausging, worauf er ihn ohne Weiteres mit Du anredete, was die Damen nicht wenig in Verlegenheit ſetzte. Aber was fragte der Hauptmann nach den Formen der Höflichkeit und des guten Tons, wo er ſich wie jetzt ſo ganz ſeiner Her⸗ zensfreude überlaſſen konnte! Weil Germanos dies der Gräfin gethan, ſtand der Alte keinen Augenblick an, ſich ſogleich mit ihm auf jenen vertrauten Fuß zu ſetzen, auf welchem nach ſeiner Meinung zwei Menſchen zu einander ſtehen müſſen, die ſo aus ei⸗ nem Teige geknetet und von einer Hefe geſäuert ſind, wie er bei ſich und Germanos vorausſetzte. Ja, er würde denſelben, wenn es nur angegangen, auf der Stelle als Sohn adoptirt und ihn zu ſeinem Univerſalerben eingeſetzt haben, ſo unmäßig war ſeine Schadenfreude bei dieſem Streich, den Germanos der Gräfin geſpielt hatte. Und in derſelben Weiſe, wie ſein Haß, äußerte ſich denn auch ſeine Freundſchaft; er fing bald dergeſtalt an, ſich bei dieſem neuen See⸗ lenbund wohl und behaglich zu fühlen, daß es ſelbſt den beiden jungen Männern angſt und bange wurde, Georg Volker. 197 ſo arg trieb's der Alte mit ſeinen Scherzen; denn, wie geſagt, da wo Vetter Peter ſich einmal in ſei⸗ nem Element fühlte, hatten der höfliche Ton und die gute Sitte und was man ſonſt an Rückſichten dem geſellſchaftlichen Anſtand, zumal in Anweſenheit von Damen, ſchuldet, ſo ziemlich ihr Ende erreicht, und in der Derbheit und Ausgelaſſenheit ſeines Humors kannte er keine Schranken mehr. Ein Glück, daß die deutſche Sprache bei Weitem nicht ausreichte, ſeine Bilder, Vorſtellungen und Gleichniſſe auszu⸗ drücken, weshalb er ſich beſtändig nach neuen Stich⸗ wörtern umſehen mußte; aber dennoch wollte dieſe Gewohnheit noch lange nicht für ein zartes Ohr den Ueberfluß an wirklich deutſchen Kern⸗Wörtern und Redensarten ausgleichen, welche Vetter Peters Spä⸗ ßen dieſe verhängnißvolle Eigenthümlichkeit verliehen, daß die drei Lilien, die doch derſelbe Anſtand zu blei⸗ ben zwang, welchen der Alte ſo furchtbar mit Füßen tra, allh Augenblicke leiſe zuſammenſchauerten, was freilich, ſo oft er es merkte, eine noch grandioſere Sentenz hervorrief. Die armen drei Lilien! Gleich Kindern, denen der ſtrenge Blick des Vaters ſich zu rühren nicht erlaubt, ſaßen ſie da wie auf der Folterbank, und hatten kei⸗ nen andern Schutz gegen den unzarten Vetter, als ₰ 198 Georg Volker. jenen, den Gott ihren Schweſtern auf dem Felde verleiht, ihre Unſchuld und Reinheit. Endlich erſah Geotg den günſtigen Moment, wo der Alte drauf und dran war, eine berüchtigte Liebes⸗ geſchichte zwiſchen einer in der Nachbarſchaft wohnen⸗ den adeligen Dame mit dem Jäger ihres Gemahles ſammt allen tragiſchen Nebenumſtänden aufzutiſchen, um ihn zu unterbrechen, worauf Roſamunde ſogleich mit Geiſtesgegenwart ihn fragte, von welcher Sorte Wein Vetter Peter befehle? „Alle Donner und Hagel, Mundchen, haſt recht!“ fiel er ihr betroffen über ſeine Vergeßlichkeit in's Wort und ſchlug ſich mit der flachen Hand klatſchend auf die ledernen Hoſen.„Sitzen wir da ſo trocken beiſammen, ſchwatzen uns die Kehlen ſpacherig wie alte Baſen und fehlt doch das Beſte!— Weg da! Den Kellerſchlüſſel her, muß ſelbſt in die Grube ſtei⸗ gen, heute, wo ich den Teufelsjungen bei mir habe, ſoll vom„Beſten“ der Pfropfen ſpringen, hinten im Sand linker Ecke an der Mauer grab' ich ihn her⸗ aus, liegt daſelbſt ſchon an die zehn Jahre, heut aber ſoll er ſeine Auferſtehung feiern, nicht ſo, Jun⸗ gens? und Ihr, alte Scharteken, könnt Euch ſchieben; vorderſamſt aber holt mir meinen ſilbernen Ehrenpo⸗ kal, denn ſolchen Schmollis wie heute trank ich nicht Georg Volker. 199 ſeit meinem unvergeßlichen Freund und Bruder Kra⸗ chenſtein, Gott hab' ihn ſelig!“ Mit dieſen Worten nahm er das gewichtige Schlüſſelbund von der Wand und verließ, ein fröh⸗ lich Trinklied vor ſich hinſummend, das Zimmer. Kaum war er weg, ſo entfernten ſich die Damen, eine nach der andern, unter ſchicklichem Vorwand, um in dem abgelegenſten Kämmerlein des Hauſes ſich von ihrer ausgeſtandenen Angſt zu erholen. Bald kehrte der Hauptmann aus dem Keller zu⸗ rück, über und über mit Schmutz und Spinngeweben bedeckt, als ſei er, Gott weiß, aus welcher Katakombe hervorgekrochen. Unter jedem Arm trug er eine dunkle dickbauchige Flaſche von der Sorte der ſoge⸗ nannten„Bocksbeutel,“ während ſein Diener Bal⸗ drian, einſt der ſtattliche Flügelmann von des Haupt⸗ manns Compagnie, einen gefuüllten Flaſchenkorb her⸗ beiſchleppte und denſelben neben dem Lehnſtuhl des Hauswirthes niederſetzte. Dann wiſchte er ſeinem Herrn reſpectvoll mit dem Aermel den Staub und Kellerunrath vom Rocke, putzte den goldenen Ehren⸗ pokal mit einer Serviette blank und poſtirte ſich hier⸗ auf hinter den Seſſel des Alten, wohl wiſſend, daß ein braver Soldat in der bevorſtehenden Schlacht ſei⸗ nen Platz dicht hinter ſeinem Capitain zu behaupten hat. 200 Georg Volker. Und wahrlich, es war eine heiße Schlacht und das edle Rebenblut floß in Strömen! Nach einer halben Stunde ſchon ſah es in der friedlichen ehrba⸗ ren Jungfernſtube nicht viel beſſer aus, als acht Tage zuvor im Bankettſaal des Grafen von Nellen⸗ burg; denn war auch heute die Zahl der Gäſte un⸗ gleich geringer als dort, ſo lärmte und tollte dafür der alte Bär ärger als ein halbes Dutzend zechender Landjunker und verführte mit Germanos einen ſolchen Spektakel, daß die Fenſter klirrten und das alte Ge⸗ bälk des Hauſes unter ihrem ſchallenden Gelächter erzitterte. Volker merkte bald, daß er hier eine höchſt über⸗ flüſſige Rolle ſpiele, indem der Alte ſich faſt aus⸗ ſchließlich mit Germanos beſchäftigte, deſſen über⸗ ſprudelnder Humor bald in jene wilde Luſtigkeit aus⸗ artete, die wir ſchon einmal an ihm haben kennen gelernt, obwohl ihm heute die Fröhlichkeit ſo recht von Herzen ging und kein innerer Grimm den Wein mit Galle miſchte. Des alten Bären Antlitz verklärte ſich immer mehr, er ſang, jauchzt und lachte mit Germanos um die Wette, und bald waren Beide in Wahrheit das, wozu ſie auch vermöge ihrer ganzen Naturanlage ſo recht eigentlich geſchaffen ſchienen, nämlich ein Herz und eine Seele; und der Alte lieb⸗ Georg Volker. 201 koſte den Jungen mit ſeinen rauhen Tatzen nicht min⸗ der zärtlich, als ſein zottiger Namensvetter in der Naturgeſchichte mit dem Sohne zu thun pflegt, wenn ſie ſich beim lieblichen Honigſchmauſe gütlich thun. Als darum Vetter Peter die ſechſte Flaſche in's Vordertreffen führte, ſchlich Georg aus der Stube, um, von Niemandem im Hauſe bemerkt, eilig die Treppe hinaufzugehen. An des Hauptmanns Zim⸗ mern vorüber, ſchritt er auf die letzte Thür zu; es war die von Annlis kleiner Stube. Leiſe öffnete er ohne anzuklopfen, und die er ſuchte, war wirklich darin. Sie ſtand am Fenſter unter ihren blühenden Geſträuchern und Topfpflanzen, beide Arme auf den Fenſterrahmen gelegt, und blickte, das Kinn auf die Hände geſtützt, hinaus in die abendgolderleuchtete Schöpfung, in welcher eben die Sonne prächtig an dem gegenüberliegenden Gebirge unterging. In Sin⸗ nen verloren, bemerkte ſie nicht des Freundes Nähe; wunderbar hell umfloß der Abendglanz die ſchlanke Geſtalt und legte ſich in roſigen Contouren ſcharf um die anmuthigen Formen von Haupt und Schultern. Volker ſtand ſchon dicht hinter ihr und noch immer bemerkte ſie ſeine Anweſenheit nicht; erſt, als er ſanft die Hand auf ihren Arm legte und dabei:„Guten 202 Georg Volker. Abend, Annli,“ ſagte, kehrte ſie ſich ſchnell mit einem leiſen Schrei des Staunens um, und rief bei ſeinem Anblick mit freudigem Erſchrecken: „Ach, Volker, wie leucht'ſt Du!“ In der That ſtand der Freund, als ſie nun ſelbſt auf die Seite getreten war, ganz von Licht umſtrahlt, vor ihr, und ſo hell überglänzte die Sonne ſeine Ge⸗ ſtalt und Miene, daß Annli einen Augenblick wie geblendet vor ihm ſtand und nicht wußte, ob es die Sonne, ob Volker's Nähe es war, was ihren Blick verdunkelte. „Das ſchadet den Augen, Kind,“ ſagte er, in's goldne Abendroth deutend. „Es funkelt mir auch wirklich wie lauter Feuer⸗ ſterne vor den Blicken,“ erwiederte Annli, indem ſie die ſeidene Schürze einigemal wider die Augen mit den prächtigen Wimpern drückte.„Aber was thut's!“ fuhr ſie dann heiter fort.„Gehört die Seele zum Lichte, ſo muß ſich auch unſer irdiſcher Blick daran gewöhnen; ſchau' nur, Georg, welch ein herrlicher Abend! Je tiefer man in das goldne Licht hinein⸗ blickt, um ſo leichter erträgt man den allzuhellen Glanz, und zuletzt ſieht es Einen ordentlich wie mit den dun⸗ klen Augen der Gottheit daraus an. Ach, ich kann mir recht denken, warum die frommen Indier das —————————— ———— ———— Georg Volker. 203 Feuer und die Perſer die Sonne anbeteten. Iſt doch in allen Religionen das Feuer das Symbol der Weisheit und Reinheit zugleich, und mag ich's dar⸗ um auch himmliſch ſchön finden, daß die Katholiken bei ihren hohen Feſten ſo viele Kerzen anzünden. Denn da wo Glanz iſt, iſt auch Andacht; das fühlt' ich eben ſo recht deutlich, wo mir faſt zu Muthe war, als zöge es meine Seele wie mit goldnen Sichtfäden aus des Lebens dunklen Gefilden zu jenem ſtrahlen⸗ den Prachtbild hinüber, und wiederum fühlt' ich doch auch ſo recht lebendig, was ich einſt als Kind häufig empfunden hatte, wenn Abends die rothen Lichter durch die grünen Waldeshallen funkelten und alle Büſche und Wipfel wie von tauſend Kerzen zauberiſch erleuchtet ſchienen. Da war es mir oft, als ginge in der Welt Etwas vor, wovon kein Menſch außer mir eine Ahnung, und wofür ich ſelbſt keinen Namen hatte; ich in dieſem unausſprechlichen Gefühl vergehen und n ſchwindenden Licht nachlaufen mö⸗ gen bis in's 3 endroth hinein, ſo tief hatte mir der goldne Zauber es angethan; bis es denn zuletzt Nacht wurde, der Wald rings in dunkle Schatten zurück⸗ trat, und die Sterne gleich verlorenen Boten des Lichtes, deſſen Glanz erloſchen war, am Himmel auf⸗ gingen. Ach, was iſt doch nicht Alles im Kinde 204 Georg Volker. lebendig und ſchafft jene Wunder im ſtillen Kinder⸗ gemüth, wovon wir ſpäter kaum noch ein Gedächt⸗ niß haben. Aber was haſt Du?“ fragte ſie nach ei⸗ ner Pauſe, während ſie den Freund ſchärfer in's Auge faßte;„ich leſe in Deinen Zügen, daß Dich et⸗ was bewegt und beſorgt macht? Errath' ich's recht, ſo geht Dir der Handel mit dem Narren noch immer im Kopf herum!“ „Beinahe iſt's ſo,“ erwiederte Volker.„Aber damit ich die Geſchichte ein für alle Mal vom Her⸗ zen kriege, ſo komme ich mit einer Bitte zu Dir, die Du mir erfüllen mußt. Es handelt ſich näm⸗ lich darum, daß dieſes Papier(er zog bei dieſen Worten die Schenkungsurkunde mit dem rothen Um⸗ ſchlag aus der Bruſttaſche ſeines Rockes hervor), welches für mich den allergrößten Werth hat, und niemals in eine fremde Hand kommen darf, für die Zukunft beſſer als ſeither aufgehoben wird, und da wollt' ich Dich denn bitten, Annli, es mir zu be⸗ wahren; denn bei Dir ſucht es Niemand, während es auf dem Grabenhof nirgends ſo ſicher iſt, daß ich nicht beſtändig um ſeinen Verluſt beſorgt ſein müßte.“ „Mein Gott, wie erſchreckſt Du mich Georg!“ ſagte ſie, befremdet von dieſem ſonderbaren Verlan⸗ Georg Volker. 205 gen des Freundes, und betrachtete mit ängſtlichen Blicken den Gegenſtand, welcher Jenen in ſo große Sorge verſetzte.„Wo ſollt ich verbergen, was für Dich ſo unſchätzbaren Werth hat! Kann mir nicht ebenſo leicht ein Unglück damit begegnen als Dir ſelbſt?“ „Nein, nein, das gerade iſt's, weshalb ich es Dir übergeben will,“ verſetzte Georg mit innerer Erregung.„Du brauchſt es nicht ängſtlich zu ver⸗ bergen, denn kein Menſch ahnt dieſes Document in Deinen Händen. Bewahre es bloß wie jedes andere Dir werthe Stück und hüte es vor neugierigen Au⸗ gen. Wo Du es auch hinlegſt, da liegt mein ganzes Hab und Gut bis auf die letzte Scholle, da liegt mein ganzes Schickſal; darum hüte es mir ſorgfäl⸗ tig, ich werde nicht eher ruhig ſein, als bis ich es in Deinen Händen geborgen weiß.“ „O dann gieb!“ rief das Mädchen ebenſo ge⸗ rührt als erſchüttert, aber doch leuchtete ihr Auge in ſtolzem Glanze, als ſie hinzufügte:„Und ſollt' ich's beſtändig hier auf meinem Herzen tragen, ſollt' ich auch Tag und Nacht für daſſelbe zittern, ich bewahre Dir Dein Papier, bis Du es zurückforderſt. Aber wo ſoll ich es eigentlich hinthun?“ fragte ſie dann, unſchlüſſig im kleinen Gemache umherblickend.„Da 206 Georg Volker. iſt mein Schrank, dort mein Tiſch mit der verſchloſ⸗ ſenen Schublade, hier die Commode.“ „Gleichviel!“ verſetzte Volker, dem mit einem Mal eine ſchwere Laſt vom Herzen fiel, als er das Document in Annli's Hand erblickte.„Leg' es im⸗ merhin in die Commode.“ „Nein! Nein! Ich weiß einen beſſeren Platz!“ fiel ihm Annli plötzlich lebhaft in's Wort;„einen Platz, den ſicherlich Niemand im Hauſe kennt, und wo Dein Papier außerdem noch von drei gewaltigen Helden bewacht wird!“ Volker verſtand nicht, was Annli mit dieſen Worten ſagen wollte; aber ſchnell war ſie mit glei⸗ chen Füßen auf ihr ſchneeweißes Bett geſprungen und öffnete zu Häupten deſſelben, faſt unter der Zimmerdecke, einen kleinen Wandſchrank, den die ge⸗ blümte Tapete jedem Auge verbarg. „Das iſt das ſicherſte Verſteck im ganzen Häuſe,“ ſagte ſie;„ich ſelbſt verdanke ſeine Entdeckung nur dem Zufall und war ſehr erſtaunt, wie ich es auf⸗ machte, drei alte Figuren aus Marzipan zu finden. Siehſt Du, da ſind ſie noch immer!“ Mit dieſen Worten reichte ſie dem Freunde ein mit einem Papier umwickeltes Päckchen herab, und als es dieſer öffnete, fand er darin wirklich drei Georg Volker. 207 Marzipan⸗Offiziere, wunderſchöne Lieutenants in der franzöſiſchen GardeUniform! Freilich war das Con⸗ fect durch das Alter faſt zu Stein erhärtet, auch hatte ein naſchhafter Mäuſezahn dem einen Kriegs⸗ helden ſtark am Arme zugeſetzt und dem andern beide Beine bis über die Kniee abgefreſſen; aber trotz des invaliden Zuſtandes waren die Farben noch wohlerhalten und die Wänglein leuchteten wie Aepfel; Volker lachte über dieſe unerwartete Weihnachtsbe⸗ ſcheerung und rief wohlgemuth: „Da haſt Du recht, Annli, dieſe da ſollen Dir das Document bewachen helfen; ich ſeh' es ihnen an, Lß ſte es tapfer gegen jeden Angriff vertheidi⸗ gen werden, denn es ſind ja Helden von Marengo und Auſterlitz.“ Hierauf legte Annli das Document in den Wand⸗ ſchrank, die drei Marzipan⸗Figuren wanderten gleich⸗ falls in ihr dunkles unbekanntes Invaliden⸗Hötel zurück, worauf Annli die Tapetenthür feſt zudrückte und dann von dem Bette hinunter ſpringen wollte. Aber ſchnell nahm Volker die holde Geſtalt auf den Arm und ließ ſie ſanft aus der gefährlichen Höhe auf die ſichere Erde niedergleiten. Annli ſagte:„Nun iſt Alles gut! Dort oben liegt Dein Papier ſicher geborgen und Du kannſt 208 Georg Volker. außer aller Sorge ſein. Das Einzige, was ihm noch droht, wäre Feuersgefahr. Aber wenn's einmal, wovor Gott ſein ſoll, ſo weit kommt, dann holſt Du mich ſammt Deinem Schatz aus dem Feuer.“ „Erſt Dich, dann das Doeument!“ erwiederte Volker, indem er das liebliche Geſchöpf ſanft an ſich zog und ihr bewegt in die dunkelglänzenden Augen blickte, die Annli ſo kindlich gläubig zu ihm aufſchlug, wie wenn ſie wüßte, daß das Beſte, was ſie ihm anvertrauen konnte, ſchon längſt ſicher unter ſeiner treuen Obhut ſtände. Elftes Capitel. Seit jenem Abende, an welchem wir die beiden Freunde auf dem Schloß des Standesherrn, im Kreiſe der gräflichen Familie geſehen haben, hatte ſich dort Manches verändert, wenn auch freilich nur wenige Perſonen, und dieſe zunächſt an ſich ſelber, die Wahrnehmung davon machten. In dem Weſen des Grafen war dieſe Veränderung am auffallendſten und äußerte ſich beſonders in jener ſtörenden Zerſtreutheit, — — Georg Volker. 209 hinter welcher ſich ſeine innere Umuhe, ſein Miß⸗ behagen und ſein Groll vergebens zu verbergen ſuch⸗ ten. Er war immer unſtät, nahm tauſenderlei vor und doch ſah man ihn niemals weniger beſchäftigt als jetzt, da bei Allem, was er that und ſagte, der Unmuth über die eigne Mißlaune deutlich genug hervor⸗ trat. Dabei zeigte er ſich noch mehr als früher herriſch und argwöhniſch und das Geringſte reichte hin, ſeine heftigſte Leidenſchaft zu reizen. Obwohl er es nie⸗ mals Wort haben wollte, dachte und trieb er im Grunde nichts weiter, als daß er in ſtets geſteiger⸗ ter Spannung und Bitterkeit die politiſchen Ereig⸗ niſſe der Gegenwart beobachtete, und ſich doch dabei anſtellte, als ignorire er mit vornehmer Gering⸗ ſchätzung die Zeitung und Alles, was dieſe ihm Wi⸗ derwärtiges und Fatales verkündete. Dabei redete er nie zuvor mit ſo vielem Nachdruck von der glor⸗ reichen Vergangenheit ſeines Geſchlechtes und der hiſtoriſchen Größe ſeiner Familie, als in den Tagen, wo von allen Seiten der Geiſt einer neuen Zeit mächtig heranrauſchte, und die Blicke der Menſchen ſich immer erwartungsvoller der nahe bevorſtehenden Kataſtrophe in Deutſchlands politiſchen Verhältniſſen zuwandten. Wir brauchen kaum zu erwähnen, daß die revolutionaire Bewegung zu Anfang jenes ver⸗ 1 14 2¹0 Georg Volker. hängnißvollen Jahres den Grafen an der verknöchert⸗ ſten, aber nichts deſto weniger empfindlichſten Seite ſeines hochgeboren Ich's, an ſeinen ariſtokratiſchen Vorurtheilen berührte. Er war ja ein Standesherr und gehörte zum hohen erlauchten Adel Deutſchlands, zu jenem Adel, der zwar in keiner Zeit etwas Gro⸗ ßes und Erhebendes geleiſtet, dafür aber, nachdem ſein Trotz durch die Fürſtengewalt gebrochen, mit all ſeiner widerhaarigen Eitelkeit immer das erſte Wort im Staate führen und die übrigen Klaſſen der Ge⸗ ſellſchaft nur als untergeordnete Kaſten angeſehen wiſſen will; während er die privilegirte Nichtigkeit für ſich beanſprucht und ſein faules Drohnenthum bis zu den früheſten Jahrhunderten der deutſchen Geſchichte zurückdatirt, derſelben Geſchichte, die eben durch dieſen hohen Adel und ſeine unverwüſtliche Brutalität ſo traurig und troſtlos geworden iſt, daß höchſtens nur noch ein deutſcher Reichsbaron ein Wohlgefallen daran finden kann. Wie geſagt, Graf Nellenburg war an jedem Glied ein Enkel ſeiner Ahnen, und haßte die Neuzeit, in der er doch lebte, wie den Tod, zumal wenn ſie Miene machte, auch nur ein Blättchen oder Zweiglein an hochadeligen Stammbaumen zu knicken, oder die aus dem allge⸗ meinen Schiffbruch ehemaliger Souverainetät und C — Georg Volker. 2¹¹ Reichsunmittelbarkeit geretteten theuren Ueberreſte von alten„Hoheitsrechten“ und„angeſt ammten“ Erin⸗ nerungen anzutaſten. Wir wollen darum auch nicht mit ihm rechten, wenn ihn jede neue Nachricht von dem Sieg der Volksfreiheit, nachdem die erſte Be⸗ täubung überwunden war, in einen Zuſtand von Unmuth und Bitterkeit verſetzte, der ſeine ganze lä⸗ cherliche Don Quirote⸗Natur oft in höchſt komiſcher Weiſe zu Tage förderte, zumal das vornehme Igno⸗ riren von Thatſachen ihm nicht immer glücken wollte, worüber ihm denn häufig genug in den Stunden ſeiner„hautainen“ Launen die Galle über die ver⸗ fluchte„Volkscanaille“ tintenſchwarz ins reine Voll⸗ blut ſchoß. Was die Gräfin anbelangt, ſo haben wir dieſe bereits als eine Dame kennen gelernt, die bei einer kaltanfröſtelnden Ariſtokraten⸗Natur Verſtand und Bildung genug beſaß, um durch angelerntes Weſen zu erſetzen, was ihr an höherer Lebensanſchauung wie an warmem Gefühl abging. Mit ſehr ſchwa⸗ chen Nerven vereinigte ſie jene ſtolze Kälte und Selbſtbeherrſchung, die ebenſowohl ein Product an⸗ geborner Herzloſigkeit, wie einer jeſuitiſchen Erzie⸗ hung ſein kann, durch die ſo häufig in den hohen und höchſten Kreiſen frühzeitig aus dem Menſchen 14* —— 22 Georg Volker. eine kalte Puppe gedrechſelt wird, an der zuletzt nichts mehr menſchlich als das verächtliche Lächeln des Hohnes und der Grauſamkeit, ſo oft man zufäl⸗ lig an eine Faſer des Innern rührt, die noch unbe⸗ wußt in einem menſchlichen Gefühle fortvibrirt, wäh⸗ rend das ganze übrige Gemüth in troſtloſer Oede und Selbſtſucht ſtarrt. Auch ſie konnte ſich nicht, gleich dem Gemahl, von dem Wahne losreißen, daß Standesvorurtheile und vergilbte Pergamente hin⸗ reichten, um die drohenden und widerwärtigen Er⸗ ſcheinungen der Gegenwart zu bannen und ſich vor ihrer Gefahr zu ſchützen. Sie half darum auch wacker in dem Grafen den tödtlichen Haß gegen Alles ſchüren, was ſich von unten herauf neben oder gar über ihrem ſouverainen Bewußtſein geltend ma⸗ chen wollte; ja ſie war vielleicht in ihrem Urtheil über die jüngſten politiſchen Ereigniſſe noch einſeiti⸗ ger und bitterer als er, da ſie zugleich ſtark zu einer gewiſſen frömmelnden Pietiſterei hinneigte, was ſie aber keineswegs abgehalten hätte, die kühne Cicerv⸗ Zunge mit Nadelſtichen zu durchbohren, die es würde gewagt haben, in ihrer Sphäre vom bürgerlichen oder plebejiſchen Volke anders als en canaille zu reden. Dieſen beiden hochariſtokratiſchen Naturen gegen⸗ — —— Georg Volker. 2¹³ über ſtand die neunzehnjährige Eugenia, der Gräfin Couſine, die ſie, nachdem ſie das adelige Fräulein⸗ ſtift verlaſſen, wo ſie nach dem Tode ihrer Eltern die erſte Erziehung genoß, zu ſich auf das Schloß ge⸗ nommen hatte. Eugenia war die einzige Erbin eines der reich⸗ ſten und älteſten Adelsgeſchlechter Süddeutſchlands, und wurde darum von dem Grafen und der Gräfin, da dieſe ſelbſt kinderlos waren, als ein Gegenſtand ihrer vornehmſten Aufmerkſamkeit und Sorgfalt be⸗ handelt. Denn noch mehr als das Schweſterkind war es das Glückskind, von deſſen glänzender Zu⸗ kunft ſich Beide für ihren Stolz wie für den Ruhm und das Anſehen des eignen Hauſes, die glänzendſte Ausbeute verſprachen, weshalb denn auch nichts verſäumt wurde, um in Eugeniens Bruſt ſchon frühe das Gefühl der Dankbarkeit und kindlichen Anhäng⸗ lichkeit zu pflanzen, ein Gefühl, das ja bei edlen Herzen ſo leicht und ſicher Wurzel ſchlägt. Aber eben darum, weil Eitelkeit und Egoismus die Haupt⸗ triebfedern dazu waren, war auch Eugeniens Erzie⸗ hung keine wahre und glückliche geweſen, ſondern alle Eindrücke und Lehren, die ihre junge Seele von dieſer Seite erhielt, trugen das Gepräge von der Gräfin Eitelkeit und hochſtrebenden Plänen; wo durch in dem 21⁴ Georg Volker. ſchönen, von Natur unendlich weichen Gemüthe ſchon frühe der Grund zu jener innern Disharmonie der Weltanſchauung gelegt wurde, an der wir ſpäter dieſes ſeltne Weſen mit ſeiner beſten Lebenshoffnung werden ſcheitern ſehen; denn weit entfernt, daß der Gräfin unglücklicher Einfluß Eugenien in ihrer tie⸗ feren Gemüthsentwickelung ſchädlich wurde, diente er bloß dazu, ihr ſchon frühe die Schatten auf den Höhen des Lebens zu zeigen und ihre Seele voll Innigkeit und ſchwärmeriſcher Gefühlswahrheit in jene ſelbſtſtändige Richtung hineinzudrängen, mit der ſie unmöglich die ihr von den Verwandten zugedachte Beſtimmung erfüllen und verbinden konnte. Da jedoch die pſychologiſche Entwickelung dieſes Charakters zu tief in die äußern Begebenheiten unſter Geſchichte eingreift, ſo unterlaſſen wir hier mehr zu ſagen, als für den Leſer zum Verſtändniß Eugeniens ſchon jetzt nothwendig iſt. Denn das, was ſie bis zu dieſer Stunde war, verſchwindet entweder ganz aus ihrem Weſen, oder wird ihr doch ſelbſt zumeiſt zum unerklärlichen Räthſel, ſobald die erſte tiefere Wahrheit des Schickſals an ihr Herz klopft, und die Seele ihre Kraft daran erprüfen ſoll. Bis jetzt glich ihre Jugend einem Traume unter Blumen, und ſo ſehr auch die Gräfin ſich Mühe Georg Volker. 215 gab, ſie aus ihrem kindlichen Gemüthsleben in die kalte Welt der Wirklichkeit hinüberzuziehen, und ihr ein Daſein verſtändlich zu machen, in welchem der von Glück und Geburt Begünſtigte mit Verachtung auf ſeinen Nebenmenſchen herabblickt, und in der Ertödtung aller ſanfteren Gefühle, in der Angewöh⸗ nung an die ſtarren Formen und den herzloſen Ego⸗ ismus des ſogenannten privilegirten Standes ſeinen allgemeinen Lebenszweck erfüllt; ſo wenig konnte ſie doch damit ein ideales Gemüth, wie das Eugeniens gewinnen, dem ein ſo tief ſchwärmeriſcher Sinn für alles Schöne, Gute und Wahre innewohnte, und dem der angsborene Adel der Seele höher galt, als derjenige, welchem der Zufall die Krone in die Win⸗ del ſtickt. Hierzu kam noch, daß Eugenia bald mit richtigem Gefühl den Abſtand erkannte zwiſchen ei⸗ nem wirklich vornehmen, innerlich und äußerlich von den Sonnenſtrahlen des Glückes geſättigten Daſein, und jenem hohlen Prunk, jener kleinlich berechnenden Standeskoketterie, womit der Graf und die Gräfin ſich in ihrer hochgebornen Balance zu erhalten ſuch⸗ ten, da doch häufig genug der Leichenſchatten ihrer längſt zu Grabe getragenen ſouverainen Herrlichkeit wie ein recht unwillkommener Gaſt durch die ſtolzen Hallen wandelte und einen grellen Contraſt zu der 2¹6 Georg Volker. affectirten Vornehmheit und der fürſtlichen Repräſen⸗ tations⸗Sucht bildete, womit man an den alten Satzungen vom„Regentenhaus“ feſthielt; Eugenia ſah dieſe kümmerliche Eriſtenz eines zu lebendigem Tode verurtheilten Standes, der ſich vergebens an dem übrig gebliebenen Flitter ſeiner ehemaligen Reichs⸗ unmittelbarkeit für das goldne Zeitalter ſeines wirk⸗ lichen Glanzes zu entſchädigen ſuchte; und bald ſchon fühlte ſie ſich darum mit ihrem warmen, reichen Ge⸗ müth einſam und unverſtanden in dieſem Kreis der kleinlichſten Berechnungen, Vorurtheile und Selbſt⸗ täuſchungen, den ihr das Schickſal, um welches ſie doch von Tauſenden beneidet wurde, angewieſen hatte und welchem zu entrinnen, das fühlte ſie, faſt ebenſo ſchwer war, als ihm anzugehören. Sie lernte außer⸗ dem an den meiſten ihrer Standesgenoſſen faſt durch⸗ gängig dieſelben Eigenſchaften und Anſichten kennen, welche den Grafen und die Gräfin charakteriſirten, und ſie ſah wohl im ganzen Jahre keinen einzigen „Ebenbürtigen“, der ihr eine vortheilhaftere Mei⸗ nung von dem Stande beigebracht hätte, welcher ſich von den alten geſtürzten Titanen der Mythologie nächſt Anderm hauptſächlich dadurch unterſcheidet, daß er ſeinen Groll nicht ſowohl im Feuerſpeien als im Windmachen Luft verſchafft. Georg Volker. 217 So war ihr Leben dem der ſchönen Alpenblume zu vergleichen, die ja auch auf kalten, eisumſtarrten Höhen in lieblicher Schönheit leuchtet und an ſüßem Duft und Frühlingsluſt ihren Schweſtern in den grünen Thälern nicht nachſteht. Zwar blüht ſie ein⸗ ſam unter himmelhohen Gletſchern, und der warme Sonnenſtrahl, der ſie aus der ſchlummernden Knospe wach küßte, weckt ringsherum kein zweites Leben mehr in der todten Natur; aber dafür erſcheint dieſes Eine auch dem Wanderer, der ſich zu dieſer einſa⸗ men Höhe verirrt, um ſo reizender, und dünkt ihm ſchöner, himmliſcher, als der ganze Frühling, der tief unten pranget. Es iſt das letzte Symbol der lieb⸗ lichen Naturſeele, dem er auf ſeinen ſteilen Pfaden begegnet; noch weiter hinauf umſtarret ihn todte Oede. Aber auch die Blume in den Wolken erreichen doch der Erde Wetter und Stürme; und ſo greift denn auch in Eugeniens Leben plötzlich eine rauhe Hand und zerſtört in einer Stunde die ganze ſchöne Welt ihrer einſamen Frühlingsträume. Sie erwacht am Abgrund einer furchtbaren Wirklichkeit; ihr er⸗ ſter klarer Blick in's Leben iſt ein Blick in die Nacht der ſchwärzeſten Menſchenſeele und vor ihr enthüllt ſich zugleich das Geſchick dieſer Erde in einer ſeiner merkwürdigſten Verkettungen. 2 18 Georg Volker. Das war die Stunde der Trauer geweſen, wo Eugenia zum erſten Mal den ſchneidenden Schmerz empfand, mit dem ſich eine reine Seele von dem Himmel ihrer Kindheit losreißt, und mit der Kennt⸗ niß von der erſten Schuld in dieſer Schuld unſeliges Walten verflochten wird; das war aber auch zugleich die Stunde der Prüfung für ſie geweſen, eine Prüfung, die ſie mit eben ſo viel ſeltnem Heroismus als echt weiblicher Klugheit beſtand. Und nach dieſer Stunde ſehen wir ſie wieder, vom Scheitel bis zur Sohle ein anderes Weſen, ern⸗ ſter und feierlicher in all ihrem Thun und Reden, dabei ſo feſt und ſicher in ihrem ganzen Auftreten, als wiſſe ſie, daß ſie ein anderer Menſch geworden, der etwas Großes gewagt und vollführt hat, wovon außerihr Niemand weiß als Gott und der— den ſie gerettet hat. Aber ſein Dankgebet findet nur den Weg zum Himmel, und vergebens ſucht er auf Erden die ret⸗ tende Hand, die ihn vor Unheil bewahrte. Der Gräfin ſcharfem Auge war dieſe ebenſo plötz⸗ liche als unerklärliche Verwandlung mit der Couſine nicht entgangen; aber vergebens forſchte ſie nach der Urſache hiervon und beobachtete ſie auf Schritt und Tritt. Erſt als Eugenia einige Tage mit mehr als menſchlicher Kraft und Seelenſtärke die furchtbare Er⸗ — Georg Volker. 249 ſchütterung ihres Innern ertragen, ſchien es, als wolle ihre letzte Faſſung ſie verlaſſen; denn eines Morgens, als ſie vor die Gräfin trat, war ſie todtenbleich, und aus erloſchenen Augen ſtarrte die Verzweiflung. Stummes Schweigen und nur zuweilen ein heftiges Zuſammenſchaudern war Alles, was ſie auf die be⸗ ſorgten Fragen und die Thränen der Gräfin erwie⸗ derte. Endlich brach der gewaltſam zurückgehaltene Schmerz ſich Bahn; die Natur, gütiger als der Wille, verſagte ihren Dienſt zu dieſer ungeheuren Prüfung, Eugenia ſank, als ſie ſtumm aus der Gräfin Zim⸗ mer wanken wollte, zuſammen und mehrere Stunden lang lag ſie kalt wie eine Leiche da. Jammern und Wehklagen erfüllte das ganze Schloß, ſchon hielt man ſie wirklich für todt, als ſie noch vor der Ankunft des zufällig abweſenden Arztes zum Bewußtſein zu⸗ rückkehrte. Sonderbar benahm ſich bei dieſem er⸗ ſchütternden Auftritt der Graf, welcher ganz den Kopf verloren zu haben ſchien; er weinte wie ein Kind und gebehrdete ſich noch troſtloſer als die Gräfin, die ſelbſt einer Ohnmacht nahe war. Endlich erholte ſich Eugenia unter den Bemühun⸗ gen des Arztes, der ihr ſogleich eine Ader geöffnet hatte. Das Blut war dunkel, als wiſſe es von der Sorge zu erzählen, die auf Eugeniens Seele laſtete. 220 Georg Volker. Der Gräfin, welche ſich dem Arzte vollſtändig ver⸗ traute, beſtätigte dieſer ihre Vermuthung, daß eine heftige Gemüthserſchütterung die Nerven übergewal⸗ tig aufgeregt habe; und das weinende Kammermäd⸗ chen geſtand auf wiederholtes Drängen, daß die junge Gräfin ſchon mehrere Nächte hindurch kein Auge ge⸗ ſchloſſen, ſelbſt in der letzten nicht zu Bette gegangen, ſondern bis zum Morgen regungslos am Tiſch ge⸗ ſeſſen und beſtändig in die Lampe geſtarrt habe. So war denn Gräfin Mathilde jetzt wenigſtens darüber im Klaren, daß ſie ſich nicht getäuſcht hatte, als ſie in Eugenien eine Verwandlung entdeckte, de⸗ ren Urſache ſie gleich anfangs im Gemüth geſucht hatte. Da jedoch der Arzt die äußerſte Vorſicht und Schonung anempfahl, wagte ſie ferner nicht mehr auch nur den leiſeſten Argwohn blicken zu laſſen, ſondern war einzig darauf bedacht, durch die zärtlichſte Pflege zu zeigen daß ihr, mehr als an Eugeniens Geheimniß, an der Sorge für der theuren Couſine Leben und Geſundheit gelegen ſei. Sie wich nicht von dem Krankenlager, bis ſie nach einigen Tagen die tröſtliche Gewißheit erlangt hatte, daß alle Ge⸗ fahr verſchwunden und Eugenia mit raſchen Schrit⸗ ten der Geneſung entgegen ging. Wirklich erholte ſich dieſe auch ſchneller, als nach Georg Volker. 221 den heftigen Zufällen ſelbſt vom Arzte erwartet wurde, und bald täuſchte ſich auch Gräfin Mathilde nicht in der weiteren Wahrnehmung, daß in Eugenien zum andern Mal eine Verwandlung vorgegangen war, die Jener freilich in ihrer tieferen Urſache, hätte ſie nur darnach forſchen wollen, ebenſo räthſelhaft er⸗ ſcheinen mußte, als die erſte vor der Krankheit. Nichts mehr an Eugenien glich dem früheren Weſen; ver⸗ geſſen ſchien mit der wiederkehrenden Geſundheit alle Noth und dunkle Schwermuth der letzten Tage; ja, als hätte die Krankheit in ihr wirklich zu Stande gebracht, wogegen ſich früher ihre ganze Na⸗ tur auflehnte, ſo erſchien ſie nun in Allem als das Gegentheil jenes Weſens, das wir in ihr kennen lern⸗ ten; denn ein kalter ſtolzer Sinn befeſtigte ſich in ihr immer ſichrer; ſie zeigte ſich bald ebenſo herriſch und launenhaft, als früher gütig und in ihrem Gefühle beſtändig, und ein grauſamer Spott gegen Alles, was unter ihr ſtand, trat an die Stelle ihrer ſonſt ſo weichen Innigkeit und Herzensgüte; mit einem Wort, das ſo lange ungefügige Kind hatte endlich glücklich ſeine Schuhe ausgetreten, und die Weltdame ging mit allem Stolz, zu welchem ſie ihre hohe Geburt berechtigte, aus dieſer wunderbaren Metamorphoſe hervor. Nun die Seele verflüchtigt ſchien, ſtrahlte der 222 Georg Volker. Körper um ſo reizender; ſchlanker ward die Geſtalt, ſtolzer hob ſich das Haupt, und wenn auch das Ant⸗ litz ſelten lächelte, ſo war es darum in ſeinem Ernſte nicht minder ſchön und ausdrucksvoll, als früher mit ſeinen hellen lebendigen Zügen. „Gott ſei Dank!“ ſagte die Gräfin.„Der Doe⸗ tor hat an die rechte Ader geſchlagen und. den fal⸗ ſchen Tropfen aus ihrem Blute geholt.“ Sie glaubte bald ſo feſt an den Beſtand dieſer ihr ſo angenehmen Umwandlung, daß ihr kaum noch ein Bedenken darüber kam, es könne, was ſie jetzt ſo ſehr als glänzender Schein an Eugenien entzückte, noch einmal in Täuſchung aufgehen und alle ihre hochfliegenden Pläne mit ſich fortnehmen. Eines Tages, es mochten ungefähr drei Wochen ſeit ihrer Krankheit verfloſſen ſein, ſaß Eugenia mit der Gräfin in deren Zimmer beiſammen, und Beide erwarteten des Grafen Rückkehr von der Jagd, der heute ungewöhnlich lange ausblieb. Da wurde der Amtmann Leo gemeldet, ein Name, der unſern Leſern bereits bekannt iſt; Eugenia ſtand ſogleich auf, um ſich zu entfernen, als der Angemeldete ſchon eintrat und durch ſeine Erſcheinung die Gräfin, die in dieſes Mannes Miene vortrefflich zu leſen verſtand, zu dem ängſtlichen Ausruf veranlaßte: Georg Volker. 223 „Mein Gott, Amtmann, Sie bringen uns gewiß wieder eine ſchlimme Kunde!“ Der hagere graue Bureaukrat verbeugte ſich im gemeſſenen Vorſchreiten nach dem Sitze der Gräfin ein, zwei Mal mit jener Devotion, die ſo trefflich zu ſeiner ganzen pedantiſchen Erſcheinung paßte, und erwiederte: „Nicht doch, gnädigſte Frau Gräfin; es iſt viel⸗ mehr, was ich Ihnen zu vermelden die Ehre habe, ſo wenig erſchreckender Natur, daß ſich Ihre Erlaucht durchaus nicht zu beunruhigen brauchen; denn meine ganze Nachricht beſchränkt ſich darauf, daß der Herr Graf beim heutigen Jagen einen Wilderer im Bu⸗ chengrundner Wald auf der friſchen That ertappt und Dieſelben, weil ſich der Menſch zur Flucht anſchickte, ſich bewogen gefunden haben, das berüchtigte Indivi⸗ duum, Konrad Stein mit Namen, durch einen wohl⸗ gezielten Schuß zum Stehen, respective zum Falle zu bringen. Darauf haben der Herr Graf geruht, die Jagd für heute zu beſchließen und werden unfehl⸗ bar in der Bälde auf's Schloß zurückkehren.“ „Gerechter Himmel!“ rief Eugenia und ſank, beide Hände ſchaudernd vor das Geſicht drückend, auf den nächſten Stuhl nieder. „Beruhige Dich, liebes Kind,“ tröſtete ſie die 224⁴ Georg Volker. Gräfin.„Es iſt ja nur ein Bauer und ein ſchlechter Menſch dazu. Aber ſagen Sie mir,“ mit dieſen Wor⸗ ten wandte ſie ſich wieder mit einem bedeutungsvol⸗ len Blick auf Eugenien zu dem Amtmann,„hatte der Wilddieb denn nicht Zeit, dieſes Aeußerſte zu vermei⸗ den, und ſich davon zu machen? Gewiß ſetzte er er ſich zur Wehre und der Graf that nur aus Noth“—— „Allerdings, gnädigſte Frau Gräfin, allerdings,“ verſetzte der Gerichtsherr lebhaft.„Der Kerl hatte die Unverſchämtheit, das Gewehr auf den Herrn Grafen anzulegen“— „Haben Sie nicht eben geſagt, daß er die Flucht ergriffen und der Graf ihm eine wohlgezielte Kugel nachgeſchickt habe?“ fiel ihm Eugenia in's Wort, und ſah ihn dabei ſo feſt und durchbohrend an, daß der Amtmann betreten vor dem blitzenden Strahl des ſchönen Auges einen Schritt zurückwich und verwirrt ſtotterte: „Es iſt, wie ich ſagte, gnädigſte Comteſſe Eu⸗ genia. Der Wilddieb legte zuerſt auf den Herrn Grafen an, ergriff dann die Flucht, und wurde ver⸗ dientermaßen, weil in flagranti, d. h. auf der That ertappt, von Sr. Erlaucht niedergeſchoſſen.“ „So? So?“ ſagte Eugenia gedehnt, und lang⸗ Georg Volker. 225 ſam glitt ihr Blick von dem Amtmann ab auf den Boden, wo er ſtarr auf einem Punkte haften blieb. Die Gräfin nahm nach einer kurzen peinlichen Pauſe das Wort und ſagte mit jener äußern Kälte, die ihr in Momenten der innern Erregung eigen war: „Nun, die Sache wird ſich ja herausſtellen;; der Graf iſt kein Barbar, der einen unſchuldigen Men⸗ ſchen mir nichts, dir nichts zuſammenſchießt. Alle Welt weiß, daß er Jahre lang den Unfug der Wild⸗ und Holzfrevler in ſeinen Wäldern mit beiſpielloſer Geduld ertrug und es an Warnungen und geſetzli⸗ chen Maßregeln nicht fehlen ließ. Betrachtet man n einzelnen Fall im Zuſammenhang mit dem 2 em, ſo wird man vielleicht den Menſchen bedau⸗ ern, der durch ſeine eigne Schuld für den Frevel der übrigen Wilddiebe büßen mußte, aber uns, ſie legte einen gewiſſen Nachdruck auf dieſes Wort, uns wird Niemand der Grauſamkeit anklagen können.“ Der hagere Schreibſtuben⸗Despot beeilte ſich ſo⸗ fort, der Gräfin vollkommen beizuſtimmen, und ver⸗ breitete ſich dann mit herzloſer Gründlichkeit über den moraliſchen Einfluß, den dieſes Exempel der Strenge auf die verſtockten Gemuͤther der Bauern ausüben werde.„So einen der Unverbeſſerlichſten in's Gras beißen zu laſſen,“ meinte er,„werde mehr fruchten 15 1 . 226 Georg Volker. als alle Geſetze, Edicte und Verbote gegen den Wild⸗ diebſtahl.“ „Die Ratten vertilgt man betannlich nur aus einem Bau, wenn man eine lebendig auf der Kohlen⸗ pfanne röſtet,“ ſagte der würdige Prieſter der The⸗ mis mit teufliſchem Grinzen.„Ich erinnere mich noch recht wohl, gehört zu haben, wie der hochſelige Urgroßvater unſres Herrn Grafen, Graf Bodo, ein ſtrenger aber gerechter Herr, drei Zigeuner auf einer zu dieſem Zweck veranſtalteten Treibjagd erlegte. Die⸗ ſes land⸗ und herrenloſe Geſindel hatte nämlich zu Anfang des vorigen Jahrhunderts dergeſtalt im Oden⸗ wald überhand genommen, daß kein Menſch ſeines Eigenthums, ja nicht einmal ſeines Lebens mehr ſicher war. Bald einzeln, bald in Banden durchzo⸗ gen ſie das Land, überfielen Nachts die einſam lie⸗ genden Bauernhöfe und lauerten am Tage an den Straßen auf die Reiſenden, die ſie bis auf's Hemd plünderten. Da entſchloß ſich Graf Bodo, dem Un⸗ weſen mit einem Schlag ein Ende zu machen. Heim⸗ lich wurden alle Gemeinden der Grafſchaft aufgebo⸗ ten, daß ſie in nächtlicher Weile den großen Wald umſtellten, in welchem die Zigeuner hauſten, und als der Tag graute, ritt der Herr Graf mit einem zahlrei⸗ chen Jagdgefolge, dem ſich viele hohe Herren von Georg Volker. 227 nah und fern anſchloſſen, hinaus, die Schützen und Jäger vertheilten ſich mit ihren Hunden im Gebirge und zur beſtimmten Stunde brachen die Treiber von allen Seiten in den Wald ein. Bis zum Mittag dauerte die Jagd und drei der braunen Gauchdiebe wurden glücklich erlegt; niemals hat man wieder von einem Zigeuner in der Grafſchaft gehört, wie weggeblaſen war die ganze Horde, bis auf ein klei⸗ nes Mädchen, das man ſpäter noch im Walde fand und welches die hochſelige Urgroßmuttter des Herrn Grafen in den Lehren der chriſtlichen Religion un⸗ terrichten ließ.“ „Ah recht, dieſelbe Zigeunerin, von der wir noch einen Abkömmling im Dorfe haben, das Kind des verunglückten Förſters Werle,“ ſagte die Gräfin. „Dieſelbe,“ verſetzte der Amtmann und fügte, in⸗ dem er ſich mit leiſe zuckendem Finger ein Stäubchen vom Rockärmel wegklopfte, hämiſch lächelnd hinzu: „Die Race haben wir noch und iſt auch danach.“ „Es ſoll eine wunderſchöne Perſon geweſen ſein dieſe Zigeunerin,“ fuhr die Gräfin fort, die Leo's letzte Worte überhört hatte.„Selbſt ihre ſchwarz⸗ äugige Urenkelin, die kleine Annli, wie ſchön wäre ſie nicht, wenn man ihre Abkunft nicht wüßte.“ „Das ſcheint indeſſen den Herrn Volker nicht 15* 228 Georg Volker. abzuhalten, ihr viele Artigkeiten zu erweiſen,“ ſagte der Amtmann.„Aber als ein rechter Sonderling liebt er auch das Sonderbare und ſo iſt's vielleicht hier gerade die Herkunft der kleinen Here—“ Er endete nicht ſeine Rede, denn vor ihm ſtand plötzlich, groß und ſicher, wie eine ſtrafende Nemeſis, Eugenia, und ihr Auge ruhte durchbohrend auf dem Verleumder der Unſchuld, der vergebens ſeine Ver⸗ wirrung hinter einem ſtaunend fragenden Blicke zu verbergen ſuchte. „Was haſt Du, liebes Kind?“ fragte die Gräfin verwundert über die ſtumme, faſt drohende Haltung, mit welcher Jene den Amtmann firirte. „Nichts, liebe Mathilde,“ verſetzte ſie nach einer Pauſe mit bebender Stimme und einem unbeſchreib⸗ lich verächtlichen Blicke auf den Amtmann.„Ich wollte nur dieſem Menſchen da einmal recht tief in's Auge ſehen, um zu wiſſen, wie der größte Schurke von der Welt meinen Blick erträgt. Nun ſiehſt Du's, daß er ihn nicht erträgt!“ rief ſie mit heller Stimme, während eine dunkle Gluth ihr Antlitz überflammte, und verließ dann mit einem krampfhaften Gelächter, das der Gräfin durch Mark und Bein zitterte, feſten Schrittes den Saal, ohne ſich noch einmal nach den beiden Zurückbleibenden umzuſehen. Georg Volker. 229 Der Amtmann ſtand wie an den Boden gena⸗ gelt, Schrecken und Staunen lähmte ſeine Zunge; dieſe kurze, aber ihm ſehr deutliche Kritik ſeiner wer⸗ then Perſon hatte ihn dergeſtalt aus dem Concept gebracht, daß er gar nicht wußte, wie er ſich dabei benehmen und was er zu ſeiner Rechtfertigung vor⸗ bringen ſollte. Auch die Gräfin erholte ſich nur langſam von ihrer Beſtürzung über Eugeniens Hef⸗ tigkeit und hatte eben ein Wort der Entſchuldigung auf den Lippen, als plötzlich vor dem Schloſſe ein verworrener Tumult entſtand und das Schreien und Durcheinanderreden vieler Stimmen Beider Aufmerkſam⸗ keit auf ſich zog. Erſchrocken eilte die Gräfin an's Fenſter und ſah einen großen Haufen Bauern, die in wildem Andrang mit den von der Jagd zurück⸗ kehrenden gräflichen Dienern, Lttztere bei Weitem die Schwächeren an der Zahl, handgemein geworden wa⸗ ren, ſo daß die Leute des Grafen Mühe hatten, das Schloßthor zu behaupten, in welches die Bauern ein⸗ zudringen verſuchten. „Da haben ſie den Wilddieb!“ rief der Amt⸗ mann, den ein Blick auf die Gruppe der Streitenden ſogleich über des Kampfes Urſache belehrte. zirklich ſah die Gräfin inmitten des Knäuels, da wo der Streit am heftigſten war, auf einer aus * 230 Georg Volker. Fichtenzweigen zuſammengeflochtenen Tragbahre den an Händen und Füßen geknebelten todtbleichen Mann, ein Bild des Entſetzens und der unmenſchlichſten Mißhandlung; denn das mit Blut getränkte Hemd verrieth nur allzudeutlich, daß es der unglückliche Wilderer war, welchen des Grafen Kugel im Bu⸗ chengrundner Wald erreicht hatte. Ihm galt der verzweifelte Kampf. Endlich glückte es den Gräflichen, den halbtodten Mann in den Schloßhof zu zerren, und es handelte ſich nun darum, das Thor gegen den wüthenden Andrang der Bauern zu ſchließen. Doch vergebens! Die Ueberzahl war zu groß und mit Gewalt bra⸗ chen die Bauern das ſchon halb geſchloſſene eiſerne Gitter auf, ein wüthender Schlag mit einem Knüt⸗ tel traf den muthigſten von des Grafen Jägern ſo heftig in's Genick, daß er betäubt niederſtürzte, und die Uebrigen eben nur noch Zeit hatten, ihn ſammt dem Wilddieb in das Innere des Schloſſes zu flüch⸗ ten und die ſchwere eichene Thür zu verrammeln. Augenblicklich donnerten die Aerte der Bauern gegen dieſelbe, der Tumult im Hofe war furchtbar, und die Angreifenden, jetzt ſchon an hundert Köpfe ſtark, machten Miene, durch die unbeſchützten Fenſter des untern Stockes in die innern Räume einzudringen. Georg Volker. 23¹ Dies Alles ſah die Gräfin vom Fenſter aus und wollte eben mit vieler Geiſtesgegenwart hinuntereilen, um den Dienern die Freigebung des Wilddiebes an⸗ zubefehlen, als Graf Alfred, der unterdeſſen durch das hintere Schloßthor zurückgekehrt war, ſchäumend vor Wuth in den Saal trat, und den ihm folgenden Jägern und Dienern mit heiſerer Stimme zurief, aus den Fenſtern auf die Bauern zu ſchießen. Schon griff er ſelbſt nach einer Büchſe, als die Gräfin ſich in namenloſer Angſt an ſeine Bruſt warf und ihn beſchwor, den wüthenden Bauern keinen Widerſtand zu leiſten. Ihr Anblick, und noch mehr das immer drohender werdende Geheul unten im Hofe gaben dem Grafen noch rechtzeitig die Beſin⸗ nung zurück und belehrten ihn über das Gefährliche eines ſo ungleichen Kampfes. Aber vergebens waren die Bitten ſeiner Gemah⸗ lin und die Vorſtellungen der übrigen anweſenden Perſonen, ihn zu bewegen, den Wilddieb frei zu ge⸗ ben und dadurch die Wuth der Erbitterten zu be⸗ ſchwichtigen. R Zröße durch ſein Zaudern die Ge⸗ fahr wurde, um ſo hartnäckiger beſtand er auf ſei⸗ nem Willen, und zu der Kugel, die dem Unglůckli⸗ chen im Fleiſche ſaß, ſollte nun noch die Strafe des Geſetzes hinzukommen. Demzufolge befahl er mit 232 Georg Volker. barſchen Worten dem Amtmann, dies den Bauern als ſeinen letzten Beſchluß kund zu thun, und ſie zu⸗ gleich in ſeinem und des Geſetzes Namen unter An⸗ drohung ſchwerer Strafe aufzufordern, ſofort den Schloßhof zu verlaſſen. Der Amtmann, dem es durchaus nicht wohl bei dieſer Sache zu Muthe war, begab ſich zögernd in's Vorzimmer, um vom Fenſter aus die Bauern anzu⸗ reden und ſie im Guten oder Schlimmen, aber wo möglich doch mehr in erſterem, zu bewegen, von ih⸗ rer Gewaltthat abzuſtehen. Kaum aber zeigte er ſich, ſo entſtand ein ſo furchtbarer Tumult, daß er für gerathen fand, ſich dem Volkshaufen ebenſo ſchnell wieder unſichtbar zu machen und mit der Mel⸗ dung von dem Vergeblichen ſeiner Bemühung zu dem Grafen zurückzukehren. „Es giebt nur ein Mittel, gnädigſter Herr, die meuteriſche Rotte zu befriedigen,“ ſagte er zitternd und blaß wie ein Schatten.„Laſſen Sie in gnädig⸗ ſter Berückſichtigung der augenblicklichen dringenden Umſtände den Gefangenen los, damit nur die Bau⸗ ern erſt einmal abziehen. Ew. Erlaucht brauchen nicht zu ſorgen, daß es mir nicht nachträglich gelin⸗ gen werde, die Schuldigen herauszufinden und zut wohlverdienten Strafe zu ichem 4„ Georg Volker. 233 „Nein! Nein! Nein!“ rief der Graf zähneknir⸗ ſchend und ſo wüthend mit dem Fuß ſtampfend, daß ſein würdiger Gerichtsherr erſchrocken zurückprallte. „Wenn Sie nicht den Muth haben, ſo will ich ſehen, wer Herr in dieſem Schloß iſt, die Hallunken oder iche Und ſchon griff er abermals in blinder Raſerei nach der Büchſe, um damit an's Fenſter zu ſtür⸗ zen, als mehrere ſeiner Diener athemlos in den Saal geflüchtet kamen und meldeten, daß die Thür des Treppenthurms keine Minute mehr den Artſchlä⸗ gen der Angreifenden Widerſtand leiſten werde.“ „Weh! Weh! Wir ſind verloren! Wo iſt Euge⸗ nia!“ ſchrie die Gräfin händeringend. Da, in dem Moment, wo alle Anweſenden wirk⸗ lich glaubten, daß der Herrin Schreckensruf furchtbar in Erfülluug gehen würde, und Mancher ſich, um ſein Leben bangend, ſchon nach einem Ausweg zur Flucht umſah, faſt in dem Moment, wo eben ein wildes Triumphgeſchrei ihnen ankündigte, daß die Bauern die Thür wirklich eingebrochen hatten, ent⸗ ſtand plötzlich unten im Hof eine Todtenſtille. Gleich darauf hörte man eine männliche Stimme laut und vernehmlich reden, und als die Gräfin zwiſchen Furcht und Hofng ſich dem Fenſter nahte, um durch die 234 Georg Volker. Gardine zu ſpähen, erblickte ſie zwar den ganzen Schloßhof mit Menſchen angefüllt, Viele darunter mit Senſen, Aexten und Heugabeln bewaffnet, ſonſt aber Alle ſchweigend aufhorchend zu dem Manne, der auf ſchweißbedecktem Roſſe in der Bauern Mitte hielt, und ſo laut zu denſelben redete, daß manches ſeiner Worte von den oben im Saal athemlos Lau⸗ ſchenden deutlich verſtanden wurde. Der Redner aber war Niemand anders als Volker, der junge Beſitzer des Grabenhoſs, welcher eben noch zur rechten Se⸗ cunde anlangte, um ſeinen vielgeltenden Einfluß auf die Bauern zum Schutz des bedrohten Schloſſes aus⸗ zuüben. Er ſprach lange und mit großem Nachdruck vom Pferde herunter, und keine Stimme, keine Wi⸗ derrede unterbrach ihn. Erſt, als er geendet, erſcholl ein unbeſchreiblicher Jubel; unter dem donnernden Zuruf der Bauern hoben ihn Einige der Stärkſten vom Pferde und trugen ihn auf den Armen nach der zertrümmerten Schloßthür. Hier wandte ſich Volker noch einmal zurück, winkte mit der Hand den Nachdrängenden Ruhe zu, und ging allein in das Schloß, die harrende und ihm vertrauende Menge im Hofe zurücklaſſend. —— Georg Volker. 235 Zwölftes Capitel. Eine Minute ſpäter trat er feſten Schrittes, denn Niemand war da, der ihn hätte anmelden ſollen, mit dem Hut in der Hand in den Saal, unter die in ängſtlicher Spannung ſeiner Ankunft harrenden Schloßbewohner. Der Graf ſaß neben der todtbleichen Gräfin auf dem Sopha, ihm zur Seite ſtand der Amtmann, deſſen Züge, von der Furcht blaſſer Farbe ganz über⸗ goſſen, vor allen andern die Beſtürzung und Rath⸗ loſigkeit verriethen, welche in dieſen Räumen fürſtli⸗ cher Pracht und Hertlichkeit herrſchte. Ohne aufzuſtehen, ſah der Graf dem Eintretenden finſter entgegen und winkte erſt, als Volker nach einer ſtummen Verbeugung ſeine Anrede erwartete, ſchwei⸗ gend mit der Hand, was Dieſer eben ſo gut für einen ungnädigen Gruß, wie für das Zeichen nehmen konnte, ſeine Meldung vorzubringen. Georg that Letzteres, indem er ſprach: „Herr Graf, Frau Gräfin, erlauben Sie mir Ih⸗ nen zu ſagen, daß Sie in höchſter Gefahr ſchweben 236 Georg Volker. und daß ich nicht die Macht beſitzen würde, das Aeußerſte zu verhüten, ſofern dem gerechten Begehren, das ich Ihnen im Namen Ihrer Unterthanen vor⸗ tragen ſoll, nicht die ſchleunigſte Erfüllung wird.“ „Was reden Sie da von Unterthanen!“ herrſchte ihn der Graf im heftigſten Zorne an.„Meuterer, Vagabunden, Wilddiebe— nichts ſonſt! Und Sie? Was haben Sie mit dieſem Geſindel zu ſchaffen? Wer giebt Ihnen das Recht, hier von Gefahr für mich und die Meinigen zu ſprechen?“ „Ihre Lage, Herr Graf,“ verſetzte Georg mit großer Ruhe.„Beſtreiten Sie mir nicht ein Recht, das ich eben ſo wohl in Ihrem eignen Intereſſe, wie in demjenigen Ihrer Unterthanen ausübe, indem ich hier ungerufen erſcheine, um Ihnen im Auftrag und nach dem einſtimmigen Willen des unten verſammel⸗ ten Volkes—“ „Willen! Wer hat hier einen Willen, wenn ich nicht will,“ rief der Graf in drohendem Tone.„Sa⸗ gen Sie's offen heraus, Sie gehören zu Denen, die Sie heraufgeſchickt haben!“ „Warum nicht!“ erwiederte Georg und kämpfte mit ſichtlicher Gewalt ſeine innere Bewegung nieder. „Ich gehöre mit Leib und Seele zu dem Volke, das mir vertraut und das ich ſo glücklich war, trotz ſeiner Georg Volker. 237 tiefen und gerechten Entrüſtung, in die Schranken der Selbſtbeherrſchung und der Geſetzlichkeit zurückzu⸗ führen. Ja, Herr Graf, ich gehöre zu dieſem Volke und will in ſeinem und der Menſchlichkeit Namen Sie bitten und beſchwören, den Unglücklichen frei zu geben, damit wir Alles zur Rettung ſeines Lebens verſuchen, das ja doch, und wär er noch ſchuldiger als er iſt, immer ein Menſchenleben bleibt, ſo gut, wie das Ihrige, wie das meinige! Sie haben ihn im Walde auf der That ergriffen, Sie haben— Gott wird darüber richten!— den unglücklichen Mann, einen Familienvater von fünf Kindern, der ſeine Flinte von ſich warf und flehend Ihre Kniee umfaßte, erſt gehen heißen, und dann, als er freudig und Ihrer Gnade dankend, von dannen eilen wollte, da haben Sie ihm eine Kugel nachgeſchickt! Und nun, nun laſſen Sie ihn noch immer gefeſſelt dalie⸗ gen, ohne Hülfe, wo vielleicht noch Hülfe möglich, und die Qual des Unglücklichen rührt Sie nicht! Ha, Herr Graf von Nellenburg,— hier bebte Georgs Stimme;„Sie am beſten wiſſen, daß mir ſchaudern muß, daß hier— er drückte krampfhaft die Hand auf' Herz— des armen Wilddiebs Schick⸗ ſal einen furchtbaren Schmerz weckt, einen Schmerz der eigenen Wunde— o laſſen Sie mich nicht weiter 238 Georg Volker. reden, haben Sie wenigſtens Mitleid, wenn Sie nicht gerecht ſein wollen, laſſen Sie uns den ſterben⸗ den Mann zu ſeinem armen Weib und ſeinen jam⸗ mernden Kindern zurückbringen, erhören Sie mich um der Menſchheit willen, in deren lichter, vom Glück beſchienener Höhe Sie geboren wurden!“ Der Graf unterbrach hier den Redenden mit einem ſchallenden Hohngelächter, ſeine Züge verzerrten ſich noch mehr zum getreuen Abbild ſeiner grauſamen Seele, und mit wuthblitzenden Augen rief er aus: „Schade, Herr Georg Volker, ewig ſchade, daß Sie nicht auch auf dieſer vom Glück beſchienenen Höhe geboren find! Das Wappen über Ihrer Haus⸗ thür hätte dann doch wenigſtens einen Sinn!“ Nur wenig und ſo leiſe, daß es außer dem Gra⸗ fen Niemand ſonſt bemerkte, zuckte Georg bei dieſer ſpöttiſchen Anſpielung auf das ſteinerne Wappen an ſeinem Hauſe zuſammen. Schnell ſich faſſend, trat er dann dem Grafen einen Schritt näher und ſagte mit ſo lauter Stimme, daß es Alle im Saale hören konnten: „Ja, Sie haben vollkommen recht, Herr Graf, und ich danke Ihnen für dieſen Wink. Schon lange wollte ich den Stein entfernen laſſen, und nur eine gewiſſe Pietät hielt mich ſeither davon ab. Aber mochte er auch wohl fühlen, und bückte ſich deshalb Georg Volker. 239 was ſoll er auch noch dort? Der Hof iſt ja nun bürgerliches Gut, ein Bauernhof wie jeder andere, und da ich ſeit einigen Tagen ſicher weiß, daß er mein bleibt, ſo will ich den übermüthigen Schmuck wegthun und ihn hinten am Thurme des Narren— Sie kennen ja wohl das alte Gemäuer, Herr Amt⸗ mann?— einfügen laſſen.“ Eine fahle Bläſſe überflog bei dieſen Worten das Geſicht des Standesherrn und ſeine Beſtürzung war ſo groß, daß es ihm nicht möglich wurde, den Blick von Georg's ruhigem Auge auszuhalten. Sein wür⸗ diges Factotum, der Amtmann, verlor gleichfalls den letzten Reſt ſeiner improviſirten Faſſung; und wenn er auch nicht bleich wurde, wie ſein Gebieter, ſo ging doch Etwas in ſeinen Zügen vor, was einem böſen Gewiſſen ähnlicher war, als einem guten. Dies ſchnell zu dem Grafen nieder, als wolle er einen leiſen Befehl von demſelben entgegen nehmen, in Wahrheit aber nur, um ſeine gränzenloſe Verwirrung den Anweſenden zu verbergen. Der Gräfin war die Beſtürzung der Beiden nicht entgangen, obwohl ſie gar nicht begriff, was Volker mit dieſen gleichgültigen Worten hatte ſagen wollen. Aber als eine kluge Weltdame, und in der Kunſt der 25 Georg Volker. Selbſtbeherrſchung eben ſo geübt, wie in derjenigen des Vertuſchens, ſuchte ſie ſchnell das Geſpräch auf ein anderes Thema zu bringen, das nicht nur die Aufmerkſamkeit der beobachtenden Dienerſchaft ablen⸗ ken, ſondern auch den unwillkommenen Vertreter des Volkes ſelbſt in Verlegenheit ſetzen ſollte. Sie ſagte darum mit erheuchelter Beſorgniß: „Ich fürchte ſehr, Herr Volker, Sie haben ein ſchlimmes Amt übernommen. Wie konnten Sie aber auch nur die Bauern in dem wahnſinnigen Plane beſtärken, einen Schuldigen mit Gewalt befreien zu wollen, der dem Geſetze verfallen iſt?“ „Dem Geſetze allerdings, gnädige Frau,“ erwie⸗ derte Georg,„aber niemals der Willkür. Fürchten Sie darum nichts für mich, denn ſo wenig, als ich die Bauern in ihrem Plane beſtärkte, wie die Frau Gräfin zu ſagen geruhen, ſo wenig werde ich zu⸗ geben, daß man zehn Jahre Zuchthaus, die höchſte vom Geſetz gegen den Wilddiebſtahl verhängte Strafe, in einen— Meuchelmord verwandelt! Ha, Frau Gräfin, Sie ſagen es ſelbſt, der dem Geſetz verfallen iſt, gehört dem Geſetze; aber wenn er nun vielleicht in dieſem Augenblick ſchon eine Leiche iſt— welches Geſetz der Welt erreicht ihn dann noch?“— Die Gräfin lehnte ſich ſtumm in die Sophaecke Georg Volker. 24¹ zurüͤck, und wer darauf geachtet hätte, würde wahr⸗ genommen haben, daß ihr in dieſem Augenblick ſo wenig wohl zu Muthe war, wie dem Grafen und ſeinem Amtmann. Erſterer gewann jedoch allmählig ſeine hochgräf⸗ liche Contenance wieder; und wenn er auch, im ſon⸗ derbaren Gegenſatz zu ſeinem bisherigen Ton gegen Volker, nicht mehr für rathſam fand, dieſen noch fernerhin perſönlich zu beleidigen, ſo erwachte dafür ſeine Wuth gegen die meuteriſchen Bauern in ver⸗ doppeltem Grade und der ſo tief beleidigte Stolz des Odenwälder Selbſtherrſchers kannte in ſeinem Grimme keine Gränzen mehr. Eben hatte er ſich mit allen ſeinen Ehren und Parolen hoch und theuer vermeſſen, er werde keinen Fuß breit von ſeinem Willen abge⸗ hen, als plötzlich der mit erneuerter Stärke ausbre⸗ chende Tumult im Hofe ihn daran erinnerte, daß noch ein anderer Wille exiſtire, ein Wille, der dies⸗ mal ausnahmsweiſe ungleich größeres Gewicht hatte, als der des gebietenden Herrn. Bald lärmten und tobten die Bauern noch ärger als zuvor; der Graf lief wie raſend im Saale auf und ab, der Amtmann immer einige Schritte rathlos hinter ihm her, der weibliche Theil des Schloßgeſindes jammerte, trotz der ſtarren unbeweglichen Haltung der Gebieterin, . 16 24⁴2 5 Georg Volker. immer lauter; kurz, es war ein Moment der allge⸗ meinſten Verwirrung und Rathloſigkeit.„Waffen! Waffen!“ ſchrie der Graf, und der Amtmann, der aus Angſt nicht recht mehr hörte, ſtürzte nach der Waſſerflaſche; umſonſt verſuchte Volker noch einmal die ganze Kraft ſeiner Beredtſamkeit auf den ſtolzen eigenſinnigen Charakter, um ihn zur Nachgiebigkeit zu bewegen, indem er ihm die unglückſeligen Folgen darſtellte; umſonſt trat jetzt ſelbſt die Gräfin auf Georg's Seite, umſonſt ergriff ſelbſt der zitternde Amtmann die Partei des Wilddiebs und bat um deſſen ſofortige Freilaſſung: je mehr Bitten und Ver⸗ nunftgründe vorgebracht wurden, um des Grafen faſt dämoniſchen Trotz gegen die drohende Gefahr zu er⸗ weichen, um ſo raſender beſtand dieſer auf ſeinem einmal gefaßten Entſchluß, ſo daß endlich Volker mit erſchütterter Stimme ausrief: „Nun, wohlan Herr Graf, ſo erfahren Sie es an ſich und den Ihrigen, wohin ſolche Unnachgiebig⸗ keit führt. Ich habe hier Nichts mehr zu ſchaffen, da Sie weder auf die Stimme der Menſchlichkeit, noch auf die der gebietenden Noth hören wollen. Die Bauern ſind raſend, Gott aber wird darüber richten, wer ſie ſo weit gebracht hat!“ „Verlaſſen Sie uns nicht, beſter Herr Nachbar!“ Georg Volker. 243 iammerte die Gräfin in Todesangſt, und hing faſt an Volker's Halſe; denn draußen tobten und heulten die Bauern immer furchtbarer, Hunderte von Stim⸗ men brüllten Volker's und des Wilddiebs Namen, „Feuer!“ ſchrieen andere, noch einmal rief Georg: „Kein Bedenken, Herr Graf, geben Sie auf der Stelle den Gefangenen dem Volk heraus, oder ſeien Sie gewärtig———“ „Volk? Volk!“ ſchrie der Standesherr, blaß vor Wuth.„Ha! Ich will doch ſehen, wer dieſes Volk iſt und ob ſie meinen Anblick ertragen können!“ Mit dieſen Worten wollte er an's Fenſter ſtürzen und daſſelbe aufreißen, als plötzlich die Scheiben praſſelten und dicht an ſeinem Kopfe vorüber ein mächtiger Stein, wie von einer Rieſenfauſt geſchleu⸗ dert, in den Saal flog und donnernd an der hintern Wand einen prächtigen venetianiſchen Spiegel zer⸗ trümmerte. Die Gräfin ſank laut aufſchreiend ohn⸗ mächtig in die Arme ihrer Kammerfrauen, der Graf ſtand ſtarr und ſteif, als hätte ihn ein Blitzſtrahl ge⸗ troffen, ſchon zeigten ſich in den vordern Gemächern mehrere wildausſehende, mit Beilen und Prügeln be⸗ waffnete Bauerngeſtalten, die der würdige Pfarrer des Dorfes vergebens vom weiteren Eindringen ab⸗ zuhalten verſuchte; und erſt als Volker ihnen winkte, 16* 24⁴4 Georg Volker. blieben ſie in der geöffneten Flügelthür ſtehen und harrten noch einmal in drohender Poſition, was ihr Freund, der„Bauernkönig,“ gegen ihren Grafen, den „Sultan,“ ausrichten werde, zumal ſie nun ſelbſt ein Wort mitſprechen wollten. Georg aber, dem es nicht entging, daß der Graf durch dieſen Steinwurf beſſer als durch alle Gründe der Vernunft über das Gefährliche eines längeren Widerſtandes von ſeiner Seite aufgeklärt worden war, hob ſchnell den Stein auf, und ihn Jenem hinhaltend, ſagte er in prophetiſchem Tone: „Sehen Sie, Herr Graf, dies iſt nur ein Stein, aber ſein Sinn ſpricht wahrlich deutlich genug; denn die Hand, welche ihn aus der Mauer Ihres Schloſſes riß, hat damit den Anfang gemacht zu dem furchtba⸗ ren Werk jenes Geiſtes, der ſchon vor Jahrhunderten die Stammburg Ihrer Ahnen zertrümmerte, und der, heute abermals heraufbeſchworen, ſich ſchwerlich ver⸗ ſöhnlicher zeigen würde, als zur Zeit des Bauernkrie⸗ ges.“ Dieſes deutliche Argument wirkte endlich; und den ſtolzen Ariſtokraten ergriff zum erſten Mal die Vorſtellung jenes Verhängniſſes, das wohl Jahre und Jahrzehnte hindurch ungeahnt über dem Haupt des Menſchen ſchwebt, plötzlich aber mit Lawinen⸗ Georg Volker. 24⁵5 gewalt niederſtürzt und ihn zu vernichten droht, wenn noch der eine rettende Moment ungenützt vet⸗ ſtreicht. Und Graf Alfred erkannte dieſen Moment und— beugte ſich; aber ſelbſt noch in ſeiner Angſt und Demüthigung unmenſchlich, tief er: „So nehmt den Hallunken! Ich hoffe, er hat den Reſt und wird bald vollends des Henkers ſein!“ Er warf Volker noch einen drohenden Blick zu, und ging dann, auf den Arm ſeines Amtmanns ge⸗ ſtützt, faſt erſchöpft vom ohnmächtigen Grimm aus dem Saale, ohne ſich weiter um ſeine Gemahlin zu bekümmern, die ſich erſt langſam von ihrer Betäubung erholte. Volker aber gab ſogleich mit lauter Stimme dem immer ſtärker andrängenden Bauernhaufen Kunde von der Freilaſſung des Verwundeten, welche Nach⸗ richt mit einem wild triumphirenden Jauchzen aufge⸗ nommen wurde und ſich ſchnell aus den Vorzimmern die Treppe hinunter, die gleichfalls ſchon dicht mit Bauern beſetzt war, unter die im Hofe verſammelte Menge verbreitete. Aber auch furchtbare Verwün⸗ ſchungen gegen den Grafen wurden dazwiſchen laut; und Volker mußte ſeinen ganzen moraliſchen Einfluß auf die aufgeregten Gemüther aufbieten, um ihre Racheluſt zu zähmen und ſie von weiteren Gewalt⸗ 246 Georg Volker. thaten abzuhalten. Endlich glückte es ihm, die Bau⸗ ern aus den innern Räumen des Schloſſes zu trei⸗ ben, der Wilddieb wurde ihnen ausgeliefert; aber es war nur noch ein ſterbender Mann, denn die Kugel ſaß ihm tief im Hinterhalſe und an Rettung war wohl kaum zu denken. Eben wollte Volker, den der Anblick des Ver⸗ wundeten auf das Heftigſte erſchüttert hatte, die Treppe hinuntergehen, als plötzlich Eugenia, bleich wie der Tod und mit von Entſetzen entſtellten Zügen, ihm entgegenflog und in ſeine Arme ſtürzte. „Volker— um Gotteswillen— wer hat Sie hier⸗ hergeführt!“ ſtammelte ſie mit allen Zeichen des tief⸗ ſten Schreckens. Der junge Mann, die liebliche Geſtalt an ſeiner Bruſt, war unvermögend, ein Wort zu ſprechen. Er fühlte einen Augenblick, wie ihr warmer Athem ſeine Lippe berührte, er empfand den Druck des zitternden Buſens an ſeinem Herzen, feſter, inniger umſchlang ihn ihr Arm und tiefathmend flüſterte ſie: „Volker! Volker! Ich weiß Alles— ich kenne Ihr ganzes Schickſal— ein Wunder des Himmels zeigte mir die Ihnen drohende Gefahr— Sie ſind der edelſte Menſch— o haben Sie Mitleid— das was ich ſcheine, bin ich nicht, ſo wahr Gott im Georg Volker. 247 Himmel lebt und ſein allwiſſendes Auge es ſieht, welche Qual ich ſeit jenem Tage in dieſem Hauſe erdulde!“ Sie verſtummte plötzlich, riß ſich mit einem kurzen krampfhaften Weinen, das ihm durch die in⸗ nerſte Seele ſchnitt, von ihm los, ergriff mit zitternder Haſt ſeinen Arm und ſagte, indem ſie ihn nach der Treppe drängte: „Eilen Sie! Kehren Sie nimmer wieder in dieſes Schloß zurück, ihr Todfeind wohnt in dieſen Mau⸗ ern, aber an einem andern Ort will ich Sie ſpre⸗ chen, und dann ſollen Sie erfahren, in welche Hände Gott Ihr Schickſal gelegt hat, und welches Herz—“ Volker ſah die Verſtummende einen Moment ſtau⸗ nend ſprachlos an— plötzlich— er wußte nicht wie ihm geſchah— ſank der Schleier von ſeiner Seele, er hatte das Rechte gefunden, und kaum noch ſeiner Sinne mächtig, ſtammelte er, als ob er plötz⸗ lich vor einer lichten Viſion ſtände: „Wie, Gräfin Eugenia, ſo waren Sie der En⸗ gel, der mich warnte, rettete— als das Unheil ſchon meine Schwelle überſchritten?“ In dieſem Augenblick vernahm man vom Saale her Stimmen, Eugenia verſchwand durch die nächſte Thür und Volker ſtand da, als hätte ihm der tönende 2¹8 Georg Volker. Pfeil des Gottes mit den Seheraugen das innerſte Leben getroffen. Erſt als Leute von der gräflichen Dienerſchaft ihm näher kamen, die den zertrümmerten Spiegel fortſchafften, wankte er wie traumestrun⸗ ken, die breite Marmortreppe hinunter, nicht ohne einige Mal ſtehen zu bleiben, denn er fühlte ſich wie gelähmt an Leib und Seele. Im Hofe empfin⸗ gen ihn die Bauern mit lautem Jubel, verſtummten aber ſchnell, als ſie ſein blaſſes Antlitz ſahen und die Verſtörung in ſeinem ganzen Weſen bemerkten. Schweigend beſtieg er ſein Pferd, winkte den Bauern zum Abzug und war ſelbſt der Letzte der ungebetenen Gäſte, welche den Hof verließen.— Unterdeſſen waren Diejenigen, welche, von einer zahlreichen Volksmenge geleitet, den verwundeten Wilddieb in's Dorf hinuntertrugen, Zeugen eines ebenſo unerwarteten als lebhaften Auftrittes. Ohn⸗ gefähr in der Hälfte des Schloßwegs kam ihnen nämlich der alte Hauptmann von Bärenhorſt entge⸗ gen, und zwar nicht nur in voller militairiſcher Uni⸗ form mit dem großen dreieckigen Federhut quer auf dem Kopfe, ſondern auch im abenteuerlichſten Aufzug von der Welt. Wie eine lebendige Rüſtkammer keuchte er daher, beladen mit allen Attributen des Krieges, als: Büchſen, Flinten, Piſtolen, und hatte nicht we⸗ Georg Volker. 249 niger als drei Säbel umgeſchnallt, wobei er noch obendrein ſein großes Sprachrohr nicht vergeſſen hatte. Hinter ihm her aber ſchleppten ein Dutzend und mehr Bauernjungen die übrigen Waffen und Mu⸗ nitionsvorräthe aus des Hauptmanns buntem Arſe⸗ nal herbeiz konnten aber, trotz ihrer jüngern Beine dem Alten kaum nachkommen, deſſen Eile ebenſo groß war, als der Eifer, welcher ihn in dieſe kriege⸗ riſche Poſitur verſetzt hatte. „Halt! Halt!“ ſchrie er dem bergabkommenden Zuge ſchon von Weitem aus voller Kehle entgegen, während ihrerſeits die Leute, welche den Wilddieb und ſeine Träger umgaben, ſich beeilten, dem Haupt⸗ mann näher zu kommen, was aber dieſen nur noch mehr in ſeinem Glauben beſtärkte, daß ſie auf der Flucht begriffen ſeien. „Muth, Kinder, Muth, ich bin da!“ redete er ſie mit jugendlichem Feuereifer an, als er ſie erreicht hatte. Fürchtet Euch nicht, noch iſt nichts verloren, ſeht Ihr, ich bringe Succurs, da ſind Waffen mehr als wir brauchen, um den Raubritter ſammt ſeinem Geſindel in die Pfanne zu hauen. Allons, Kinder, zugegriffen, jetzt geht der Tanz erſt recht los, der alte Bärenhorſt führt Euch an, und in einer halben Stunde iſt das verfluchte Reſt unſer oder ich will 2⁵⁰ Georg Volker. mein Lebtag nicht wieder Euer alter Bär heißen! Da nehmt, die Schützen mit den Feuergewehren voran; zwar fehlt uns die ſchwere Artillerie, aber das thut nichts, Chauſſeeſteine ſind auch gut zum Bombardement! Auf, blaſ' Sturm, Trompeter— Trarara!— Vorwärts, Kinder, mir nur immer nach — kein Pardon gegeben—— Was? Ihr ſtutzt! Kratzt Euch hinterm Ohr? Holla, Michel, Peter, Chriſtoph, Hannphilipp— was ſoll das? Hat Euch der gnädige Herr mit einem Fußtritt heimgeſchickt und Ihr wollt nun wieder in's alte Hundeloch zu⸗ rückkriechen? Pfui Henker, Ihr Memmen! Hätt' ich das gewußt, dann wär' ich, weiß Gott! mit meinen drei alten Weibsbildern ausgerückt und Ihr hättet zuſehen können, wie ich den Raubritter Mo⸗ res gelehrt— Buff! Bumm! Krach— trarara— Victoria— vive la république halt's Maul, Eſel, wer hat da gerufen vive la république? Schwer⸗ noth— das fehlte noch!“ Wer weiß, wie lange der kampfesmuthige Alte noch in dieſer ungeberdigen Weiſe fortgeeifert hätte, um die Bauern, die er auf der Retirade begriffen wähnte, zu einem nochmaligen Angriff auf das Schloß anzufeuern, hätte ihn nicht der Anblick des Wilddiebs, den er jetzt erſt bemerkte, über ſein Miß⸗ Georg Volker. 25¹ verſtändniß aufgeklärt. Darüber vergaß er denn ſchnell ſeine ganze Kriegsluſt, und das alte Solda⸗ tenherz, welches ſich ſchon im Getümmel des Kam⸗ pfes geträumt hatte, zerſchmolz mit einem Mal vor Wehmuth und Mitleiden; die hellen Thränen liefen dem Hauptmann an den Backen heruntet und in tiefſter Betrübniß rief er aus: „Ach, mein ehrlicher, kreuzbraver Konrad, wer hat Dir das gethan! Der beſte Schütz im Oden⸗ wald! Nun kann der Raubritter in's Fäuſtchen la⸗ chen, denn an dieſem da hat unſere Sache ihren wackerſten Streiter verloren! O der verfluchte Blut⸗ hund! Der Unmenſch! Aber wart' nur, Konrad; er ſoll Dir Schmerzgeld bezahlen, bis er die Schwer⸗ noth kriegt und ihm der Hetzleim an der Spitzbu⸗ benhand klebt! Allons, Kinder, bringt den Bleſſir⸗ ten in mein Haus, dort ſoll er gepflegt werden, als wär' ich's ſelber; mein Baldrian iſt ſo ein halber Feldſcheer, und ſo lange noch ein Funken Lebenslicht im bravſten aller Wilderer iſt, wird ihm der alte Bär beiſtehen wie ſeinem leiblichen Bruder!“ Er ließ ſodann den Verwundeten mit möglichſter Sorgfalt aufheben und eilte ſelbſt dem Zuge voraus, um die nöthigen Vorkehrungen zur Aufnahme und Verpflegung des bravſten aller Wilddiebe zu treffen. 252 Georg Volker. Vergebens waren die Bitten und Wehllagen der ar⸗ men Lilien, die ihn faſt fußfällig beſchworen, ihnen den blutenden Mann nicht in's Haus zu ſchaffen; er blieb taub, verwies ſie auf die Geſchichte vom barmherzigen Samariter, und wurde, als ſie demun⸗ geachtet nicht aufhörten zu ſeufzen und zu lamenti⸗ ren, zuletzt ſo wüthig, daß ſie ſich zitternd in das Unvermeidliche ergeben mußten und ſelbſt noch liebe⸗ voll Sorge trugen, Vetter Peter's unglücklichen Freund zu empfangen, der ſogleich nach ſeiner An⸗ kunft auf Adelgundens keuſches Lager gebettet wurde, was dieſer beinahe eine Ohnmacht zugezogen hätte. Volker hatte anfangs vom Schloſſe aus, da es bereits ſtark zu dunkeln anfing, auf dem nächſten Wege nach ſeinem Hofe zurückreiten wollen; bald aber beſtimmte ihn der Gedanke, daß vielleicht bei der herrſchenden Aufregung unter den Bauern ſeine Anweſenheit nöthig ſein möchte, noch einmal in's Dorf zurückzukehren und ſich ihres friedlichen Ver⸗ haltens zu verſichern. Daneben zog ihn auch das geheime Gefühl einer Sehnſucht und Unruhe, wofür er kaum einen Namen wußte, zu Annli, dem ſtillen Kind mit den dunklen Augen; und ſo war er froh, als ihm auf halbem Wege einer ſeiner Knechte ent⸗ gegenkam, dem er das Pferd übergab, um es nach Georg Volker. 253 dem Hofe zu bringen. Er ſelbſt kehrte auf dem nächſten Wege in's Dorf zurück, fand indeſſen Alles hier ruhig. Die Bauern ſaßen friedlich in den Schenken, und unterhielten ſich von den einzelnen Begebenheiten und Actionen des in den Annalen ihrer Dorfgeſchichte ſo denkwürdigen Tages. Auf dem Wege nach dem Hauſe der drei Lilien begriffen, begegneten ihm am Ende der langen Dorfſtraße mehrere Leute, die von dort herkamen und ihm die Nachricht von dem Tode des Wilddiebs brachten, der eben unter den Händen des Chirurgen verſchieden war. Auf dieſe Kunde hin änderte Georg ſeinen Entſchluß, da ihn dort doch nur Unruhe und neue Verwirrung erwarteten, und er auch keineswegs in der Stimmung war, die wahrſcheinlich ſehr große Neugierde der drei Fräulein nach den heutigen Vor⸗ gängen im Schloß zu befriedigen. So ging er denn beim völligen Einbruch der Dunkelheit durch das Dorf zurück, und ſchlug den Weg über den Berg nach dem Grabenhof ein. Die Nacht war ungewöhnlich hell und heiter, obwohl nur einzelne Sterne am Himmel ſtanden und der Mond noch nicht aufgegangen war; ein warmer Frühlingshauch wehte über die Erde; und hätte der Wald im Laube des Sommers gerauſcht, die Luft 8 254⁴ Georg Volker. hätte nicht wärmer und wonniger ſein können, als ſie heute es war, wo doch erſt Alles in der Natur zum Leben erwachen ſollte und nur hier und da jun⸗ ges Grün an Büſchen und Hagen ſich zeigte. In Georg's Seele war nach dem Sturm der letzten Stunden noch Alles in einer fieberhaften Auf⸗ regung, und verworren durchwogten ihn die verſchie⸗ denartigſten Empfindungen. Er war nun einmal nicht dazu geſchaffen, ſo mächtige und einander wi⸗ derſtreitende Eindrücke, wie ſie ihm dieſer Tag ge⸗ bracht, ſchnell zu überwinden und ſich von beängſti⸗ genden Gefühlen frei zu machen. Was für ihn im äußern Erlebniß ein Moment, das wurde im Nach⸗ erleben zu Stunden und Tagen, und wie ſicher und ruhig ihn auch meiſt das Außergewöhnliche erſchei⸗ nen ließ, um ſo tiefer durchdröhnte es doch ſein In⸗ neres und durchzitterte noch lange nachher alle Ae⸗ corde ſeiner Seele. Auch heute wogten ſo die wechſelnden Ereigniſſe und Eindrücke des Tages durch ſeine Bruſt, ohne daß er ſich längere Zeit im wilden Drang ſeiner er⸗ ſchütterten Gefühle einer deutlichen Vorſtellung be⸗ wußt geworden wäre. Dazu kam noch die Stille der äußern Welt um ihn und der Nacht leiſe Stim⸗ men, die wie Schilfgeflüſter in rauſchendem Wogen⸗ Georg Volker. 235 ſtrom, in die Erregung ſeines Innern hineinrede⸗ ten. Bald ergriff ihn die bitterſte Reue über das Geſchehene, bald war ihm wieder zu Muthe, als hätte am heutigen Tage ein jahrelanges dunkles Ge⸗ ſchick, gegen das er vergebens ſein Leben hindurch angekämpft, ſeine Verkettungen in neuem, noch un⸗ auflösbarerem Knoten zuſammengeknüpft; die heftige Scene mit dem Grafen verſetzte ihn in ſeiner Ver⸗ gangenheit fernſte Jahre zurück, während die Begeg⸗ nung mit Eugenien ihm wie ein helles Bild im dun⸗ klen Rahmen der Zukunft entgegentrat und ſeine Seele plötzlich wie mit lauter neuen, ungekannten Träumen überſchüttete. Er wurde zuletzt durch alle dieſe Betrachtungen und Rückerinnerungen ſo aufge⸗ regt, daß er mehrmals ſtill ſtehen und tief Athem ſchöpfen mußte, ſo ſehr war ſein Blut in Aufruhr, und das Blut iſt ja eben der Menſch in uns, der ſtarke wie der ſchwache, der hoffende wie der ver⸗ zagende. Endlich hatte er des Berges Höhe erreicht, leich⸗ ter athmete ſeine Bruſt und ein friſcher Hauch von Weſten kühlte ihm labend die heiße Stirn An der Marienlinde blieb er ſtehen und lehnte ſich an ihren Stamm; des Ortes milder Zauber feſſelte ſeine Schritte und eine weiche Wehmuth beſchlich ſein Ge⸗ 8* 2⁵6 Georg Volker. müth, als er jener Zeit gedachte, wo er als Kind auf dieſer Stelle geſeſſen, und mit hellen unſchuldi⸗ gen Augen hinausgeblickt hatte in die ferne große Welt, in der er ſich ſpäter ſo einſam und heimath⸗ los fühlen ſollte. Still, in Dämmerung verſchleiert, lag die Land⸗ ſchaft vor ihm, und das Dorf ruhte faſt ganz im Schatten des Berges, der es deckte. Auch das Schloß gegenüber zeigte ſich dem Auge nur in dunklen Um⸗ riſſen; bloß ein einziges Fenſter nach der großen Terraſſe zu war erleuchtet, und hell ſchimmerte von dort ein Strahl herüber, wie der Wink rettender Verheißung dem von des Lebens wilden Wogen umhergetriebenen Schiffer. Es war Eugeniens Fenſter, derſelben Eu⸗ genia, die ihm noch vor wenig Stunden ſo nahe ge⸗ weſen, deren Athem ſeine Lippen berührt, deren Herz an dem ſeinigen geſchlagen hatte, während ihr Mund Worte redete, die ihm bis in die innerſte Seele wi⸗ derhallten. Lebendig ergriff ihn die Erinnerung daran und an das, was jener Worte Zauber in ihm geweckt hatte; aber mehr noch als der Gedanke, daß ſie es ge⸗ weſen, die ihn von des Grafen tückiſcher Abſicht und der Gefahr unterrichtet hatte, in der er ſo lange ohne Ahnung ſchwebte, mehr noch als dieſer Gedanke, ——— Georg Volker. 257 war es die Vorſtellung, daß ſie um ſein Schickſal wiſſe und darum im Mitgefuhl ihrer ſchönen Seele jene Warnung gewagt habe, nach deren Urheber er bis jetzt vergebens geforſcht hatte. Dieſe Betrachtung ergriff ihn ſo mächtig, daß ihm die Thränen aus den Augen ſtürzten und er er⸗ ſchüttert ausrief: „So iſt alſo noch außer jenen beiden Böſewich⸗ tern ein Herz in der Welt, das Dein unverdientes Schickſal kennt und Dich bemitleidet! Aber von wannen kam ihr dieſe Kenntniß, und wer ſagte ihr, daß ſo dicht in ihrer Nähe an meinem Verderben gearbeitet wurde? Hat ihr ſcharfes Auge den Plan des tückiſchen Grafen durchſchaut? Hat ein Zufall ihr entdeckt, woher jene Schenkungs⸗Urkunde ſtammt und warum mir der habſüchtige Alfred den Beſitz meines Hofes nimmer gönnen kann? Aber ſagte ſie nicht, daß ein Wunder des Himmels ihr Alles ver⸗ rathen hätte? Ja! So muß es auch ſein, denn ohne ein Wunder war ich nicht zu retten, und ohne dieſes Wunder hätte ſelbſt der treue Freund vergebens mich vor einer Gefahr gewarnt, deren Nähe wir zwar kannten, deren Größe jedoch uns Beiden verborgen blieb.“. Aber ſo ſehr ſich ſeine Einbildungskraft abmühte, I. 3 17 258 Georg Volker. auch nur annähernd eine Wahrſcheinlichkeit aufzufin⸗ den, wie Eugenia hinter des Grafen Pläne gekom⸗ men ſein möchte, ſo wenig löſte er doch dieſes Räth⸗ ſel; und wie ſchon ſo oft in ſeinem Leben, wo es gerade ſeines Herzens theuerſte Fragen galt, ſtand er auch jetzt wieder vor einer dreimal verſchloſſenen Pforte und ſuchte vergebens nach dem Zauberſpruch, der ſie allein öffnen konnte. Er fand ihn nicht, und der einzige Troſt, der ihm blieb, war, daß Eugenia ihn ja hatte hoffen laſſen, er werde ſie wiederſpre⸗ chen an einem andern Orte, und dann Alles er⸗ fahren. Da plötzlich, er hatte ſo lange nur an ſich allein gedacht, daß er darüber alles Andere vergeſſen, er⸗ innerte er ſich wieder an die Worte der jungen Grä⸗ fin von ihrem eignen Unglück und von der Qual, die ſie ſeit jenem Tage im Schloß der Verwandten erduldete; und ein Schauer, kalt wie der des Todes, durchrieſelte ihn, denn unheimlich ſtieg die alte Schreck⸗ geſtalt ſeines Lebens in ſeiner Seele empor; er ſah den Feind, der ihn ſelber aus einer Oede des Grauens in die andere jagte, nun auch in jenem Hauſe ge⸗ ſchäftig, deſſen Aufenthalt Eugenien zur Qual wurde, ohne daß ſie ſich in ihrer reinen Seele vielleicht ſelbſt bewußt war, was ſie eigentlich ängſtige und welches Georg Volker. 2⁵9 Grauen in die Träume ihres ahnungsloſen Herzens ſo bange Klagetöne und Wehelaute miſchte. Ein kalter Angſtſchweiß trat ihm bei dieſer Vor⸗ ſtellung, die ſo natürlich aus der eignen Noth ſeines Lebens in die fremde hinübergriff, auf die Stirn, und das in Fiebergluth pochende Haupt feſt wider des Baumes rauhe Rinde drückend, ſtammelte er: „O Eugenia! Wie weit reicht Deine Kenntniß von dem Jammer in meiner Bruſt? Hat es Dir nur ein banger Traum während des Schlummers in die Seele geflüſtert, oder hat Dein ſcharfes Auge, heller als das meinige, die Miſſethat der Hölle ganz durchſchaut, die auch mein Daſein vernichtete?“— Die furchtbare Gewalt dieſer Vorſtellung raubte ihm faſt die Beſinnung; ſein Herz flüchtete ſich vor ſolchen Bildern, und kraftlos, tieferſchöpft lehnte er ſich an den Stamm der Marienlinde, deren knospende Zweige der Nachtwind tönend an einander ſchlug. Allmählig verſank er in jenen halbwachen dämmern⸗ den Zuſtand, in welchem uns unſre Seele gleichſam verlaſſen zu haben ſcheint, um außer uns, in fernen unbekannten Räumen der Unendlichkeit den guten Engel unſres Lebens aufzuſuchen und ihn uns als Lichtboten zum Troſt und Frieden des umnachteten Gemüthes zurückzuführen. 17* 260 Georg Volker. Auch Volker fand zuletzt ſeinen guten Engel wie⸗ der; und in brünſtigem Gebete zu ſeinem Schöpfer kehrte ihm Frieden, Muth und Hoffnung zurück; noch einmal ſuchte ſein Auge das Fenſter Eugeniens; es war dunkel geworden und dies mahnte ihn gleichfalls zur Heimkehr. Da mit einem Mal wurde es ſonderbar hell, wie wenn der volle Mond hinter wallendem Gewölk her⸗ vortrete. Aber es war nicht der Mond; und als Volker aufſchaute, ſah er zu ſeinem Erſtaunen hinter dem nördlichen Waldgebirge einen weithin leuchtenden feuerrothen Schein, der ſich prächtig in nordöſtlicher Richtung am Horizont ausdehnte und ihm in wun⸗ derbarer Klarheit ein eben ſo ſeltnes als majeſtätiſches Nordlicht zeigte. Wie ein Morgenroth in dunkler Nacht trat das herrliche Phänomen hinter dem fels⸗ gezackten Gipfel des Eulobenkopfs hervor; flammte immer heller und röther empor, und beinahe hatte es das Anſehen, als ſtrahle der ganze nördliche Him⸗ mel im Widerſchein eines entfernten großen Brandes. Georg indeſſen erkannte es ſogleich als das, was es war; denn deutlich unterſchied er den dunkelbraunen Bogen im flammenden Hintergrund, aus welchem die hellleuchtenden Strahlenbüſchel faſt bis in die Gegend des Polarſternes hervorſchoſſen, bald in tie⸗ Georg Volker. 261 fem Purpur, bald in hellem Carmoiſin. Weithin leuchtete das prächtige Feuerbild der Nacht durch die Landſchaft, und der dunkle Eulobenfels ſtand wie ein Rieſenhaupt, glorienumſtrahlt, in der majeſtäti⸗ ſchen Beleuchtung. Lange betrachtete Volker, in ſtaunendes Anſchauen verſunken, die ſeltne Naturerſcheinung, als plötzlich ferne Glockentöne, vom Nachtwind herübergetragen, an ſein Ohr ſchlugen, ein Zeichen, daß man ſich ir⸗ gendwo durch das Nordlicht hatte täuſchen laſſen und daſſelbe für den Widerſchein eines Brandes hielt. Bald läutete es auch in andern Orten des Gebirges, und Georg unterſchied deutlich am wohlbekannten Klang die Glocken der einzelnen Dörfer. Zuletzt er⸗ tönte auch in Nellenburg die Feuerglocke. Er konnte ſich nach all den Erſchütterungen dieſes Tages eines angſtvollen Eindruckes nicht erwehren, als ſo das Glockengeläute, wie Geiſterſtimmen, bald näher, bald entfernter durch die Stille der Nacht er⸗ tönte. Es lag für ihn etwas unheimlich Propheti⸗ ſches in dieſen bangen Klängen, die ein Unglück ver⸗ kündigten, das doch in Wahrheit nicht eriſtirte; und wir wollen es ihm in der Aufregung ſeines Gemũ⸗ thes nicht als krankhaften Nervenreiz oder gar als blinden Aberglauben auslegen, wenn er zuletzt unwill⸗ 262 Georg Volker. kürlich in dieſer Erſcheinung eine bedeutungsvolle Zu⸗ gabe zu dem verhängnißreichen Tage erblickte, und in dem Flammbild im Norden, das ja zudem von Alters her für ein ſchlimmes Vorzeichen betrachtet wird, noch mehr ſah als ein bloßes Phänomen der Natur. Ein gewiſſer fataliſtiſcher Zug war ihm von jeher eigen geweſen, und der Gedanke, daß gerade heute dieſes ſo ſeltne Licht ſich zeigte, weckte wieder all ſeine vo⸗ rige Beängſtigung. „Ja, ich verſtehe Dich, alter Geiſt der Nacht,“ ſprach er vor ſich hin;„was mir der Tag verſchweigt und der Sonne goldner Strahl mir nicht zeigen kann, das offenbarſt Du mir, heil'ge Nacht, und zeigſt und deuteſt mir in Deines Himmels Feuerſchrift die Hie⸗ roglyphen meines Lebens! Dort das blutroth flam⸗ mende Licht in der dunklen Wolkenregion, und hier der Wahrheit ahnungsvolles Aufdämmern in der dun⸗ klen Menſchenbruſt, wie gleichen ſich nicht beide! Licht in der Nacht und doch keine Klarheit, das iſt's ja, was meinen Geiſt ſchon an die Gränze des Wahn⸗ ſinns führte, was mich beſtändig verfolgt wie der tonloſe Schritt der Eumenide und mir mein Leben zur Qual macht! Ja, und wie dort der feurige Schein die Menſchen ängſtigt und täuſchet, daß ſie erſchreckt aus ihrem Schlummer auffahren und der 3 — Georg Volker. 263 Noth Wehruf ausſtoßen, ſo erfüllt auch mich das trügeriſche Licht in meiner Seele mit Grauſen, ſo oft es aufdämmert, ohne mir doch die Wahrheit zu ent⸗ hüllen. Gott der Güte! Gott der Allwiſſenheit, o lege entweder den Schleier des Vergeſſens ganz über meine Seele, mein Leben; oder zerſtreue dieſe grauen⸗ volle Dämmrung, wirf Deiner Sonne allerhellſten Strahl in das Grab meines unglücklichen Vaters, und ich will Alles ertragen— Alles, was menſch⸗ lich zu ertragen iſt, nur nicht das Eine, den Zweifel an einer Wahrheit, der noch furchtbarer, als die ganze volle Wahrheit ſelbſt.“ Und langſam ſchritt er dem Grabenhof zu. — ſn 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 5 „ * 1. 3 5 S E F * 3 6.