„ ———— ivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. 8 Cduurd Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für rchenilich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mi. 50 Pf 2— Pf. 3. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Als wenn das Schickſal, das den Marmorpalaſt heimſucht, ein anderes wäre wie das der Hütte! Als wenn die Hoheit, die in Purpur wandelt, der Name, den die Geſchichte verherrlicht, ein Anſehen hätten jener Macht gegenüber, die den ſtolzeſten Nacken beugt wie den niedrigſten, und Jedem die Kette des Verhängniſſes an die Ferſe ſchlägt, gleich unentrinnbar für den König wie für den Bettler. Und doch iſt es ſo, und wohl der Welt, daß es ſo iſt! Denn würde alles Leid dieſer Erde, bekanntes und unbekanntes, mit demſelben Auge angeſchaut, mit demſelben Maße gemeſſen, die Menſchheit hätte bald ihre letzte Thräne ausgeweint und der Engel Mitleid wandelte ungerührt an Palaſt und Hütte vorüber 1 . Darum wohl der Welt, daß es ſo iſt; daß ſo viele Seelen⸗ größe, ſo viel herrlicher Hervismus des Herzens, ſo viel reiner Adel des Geiſtes und Gemüthes ungekannt und ungenannt dem tönenden Pfeil des zürnenden Gottes erliegen, unverſtanden wie ein Räthſel, dem hienieden keine Löſung beſchieden, aus dem Leben gehen, ohne daß ſie je ein Auge fanden, das ſie zu würdigen und zu beweinen verſtand. Es gibt eine alte Geſchichte, rührend⸗leidvoll und traurig, werth, daß ſie ewig jung bliebe in Schrift und Gedächtniß aller guten Menſchen. Das iſt die Geſchichte von jener Liebe, die in Treue bis zum Tode verſöhnen wollte, was Haß und Schuld an Unheil in der Familie angerichtet. Wer kennt ſie nicht, dieſe rührende Geſchichte, auf dem reinſten Blatte der An⸗ nalen Verona's mit unvergänglichen Zügen verzeichnet, die Geſchichte von Romeo und Julia? Klingt ſie doch aus jedem Nachtigallenlied, duftet aus jeder Frühlings⸗ roſe! Und Lied und Roſe ſorgen dafür, daß dieſe Geſchichte ewig jung bleibt und die Thränen ihrer Uuſt und ihres Leides niemals ausgeweint werden. Wie ein in dunkler Erdennacht verlorener Strahl der wigen Liebe wandelt ſie durch alle Zeiten und Zonen und ſucht immer von Neuem das himmliſche Licht, von welchem ſie ausging. Jahrhunderte lanz liegt ſie dann wieder in Mythendämmerung begraben, und nur der Dichtergeiſt entzündet an ihr ſeine belebende Flamme; aber plötzlich wacht ſie wieder auf; und fragſt du, wer ſie weckte, ſtaunſt du, von wo ſie kam, ſie ſagt es dir nicht. Vielleicht von unten, tief unten, wo die ſtillen Bächlein gehen und die frommen Zwerge noch immer an Schneewittchens gläſernem Sarge ſitzen; vielleicht von oben, hoch oben, wo die jubelnde Lerche ſich in heiliger Morgenfrühe ihr Lied holt bei der Frau Wolke, wenn der Tag die liebemüde Nacht mit goldenem Arme umfängt. Denn das nur wiſſen wir, daß Schneewitichen nicht todt iſt und die Lerche, die Julia in Romeo's Armen weckte, auch noch lebt. Stirbt ja doch nichts Holdes und Süßes in der Welt, ſondern wandelt nur und kehrt wieder; Mährchen, die einmal Wahrheit geweſen, haben die Erde lieb, und nur der Menſch weiß, was Vergeſſenheit iſt. So auch das Mährchen von Verona. Aber diesmal iſt's nicht das Haus fürſtlicher Ahnen, nicht der ſtolze Palaſt des Nobili, in dem es einkehrt. Fern von Verona's lieblichen Fluren und Italiens ſüßduftenden Orangenhainen, fern von des Südens liebedurchſchwängerten Lüften ſucht es ſich diesmal ſeine Herzen in rauherer Zone, in einſamen deutſchen Bergen. Wie die Schwalbe des Südens baut es ſich dort unter niederem Dache an, heimlich traulich niſtet's ſich ein in der Schuld grauenvoller Nähe. Aber das Mährchen von Verona, wo es auch einkehrt, verkäßt nur mit dem blumengeſchmückten Sarge der Liebenden die Schwelle wieder, wo es ſein holdes Opfer ſich geholt hat. Dann, nach kurzer Raſt, eilt es fort, fliegt vielleicht mit den Schwalben dahin,— weit, weit, über Alpen und Meere. — Im öſtlichen Theile der Provinz Oberheſſen liegt der Vogelsberg, ein vier bis fünf Meilen langes und ungefähr vier Meilen breites Baſaltgebirg, welches ſich bis zur hanauiſchen und fuldaiſchen Grenze erſtreckt, in feinen älern meiſtentheils fruchtbar, auf ſeinen Höhen abet ſehr rauh und der Kultur wenig zugänglich iſt. Hier, und zwar im rauheſten Theile dieſes un⸗ wirthbaren Gebirgszugs, der in zweiunddreißig Aeſten ausläuft, auf dem ſogenannten Oberwald, einer großen, faſt ganz mit Wald bedeckten Hochebene, liegt ein altes lutheriſches Pfarrdorf, das ſchon im vierzehnten Jahrhundert in den Urkunden und Chroniken jener Gegend genannt wird. Der Boden, der an vielen Stellen Eiſenſtein enthält, wodurch bekanntlich die Vegetation außerordentlich verkümmert wird, und der noch obendrein überall mit größeren und kleineren Steinen vermiſcht iſt, zeigt wenig Eigiebigkeit, und die durch das rauhe Klima ohnedieß ſehr beſchränkte — % Kultur gewinnt ihm, ſelbſt beim angeſtrengteſten Fleiße, kaum des Lebens äußerſte Nothdurft 3 Die Vieh⸗ zucht, gefördert von den an würzigen Kräutern reichen, oft ſtundenlangen Berghaiden, bildet den vornehmſten Nahrungszweig dieſer armen Gegend, während der Boden, neben uralten Waldungen, faſt Nichts erzeugt als Hafer, Flachs und Kartoffeln, dazu einige ver⸗ krüppelte Steinobſtbäume, die aber nur ſelten einen ſpärlichen Herbſtertrag abwerfen. Es iſt ein trauriges Land, dieſer Oberwald mit ſeinen alten Dörfern, ſeinen alten Wäldern und alten Baſaltkuppen, deren ſchwarze Häupter Vorberge Gipfel krönen. Allerdings hat auch ſeine freundliche Jahreszeit und zeigt dann manche romantiſche Naturſchönheit. Dann bedecken ſich die Berghaiden über und über mit blühendem Ouendel und Thymian, was der Landſchaft ſtundenweit ein eigenthümlich reizendes rothbraunes Kolvrit verleiht. Aber im Winter, der hier eben ſo ſchneereich iſt als der Sommer nebelduftig, wenn der rauhe Nord über die beeiste Hochebene fährt und Wege und Dörfer faſt ganz unter Flugſchnee begräbt, ſo daß kaum noch der ſchwere Rauch einen Ausgang durch die dunkeln Stroh⸗ dächer findet, magſt du dich vergebens nach einem freundlichen Ruhepunkt für das Auge umſehen. Weit — breit liegt dann A und öde vor ir glänzende Eisflächen ſtarren wie Gletſcher an den ſteilen nieder, alle Pfade und Wege ſind vom Schnee verſchüttet, ſo daß, wer des Landes nicht ganz kundig, wohl daran thut bei ſeinen Wanderungen durch dieſes winterliche Geſild ſich eines Führers zu bedienen; denn ſchon Mancher, der ſich nahe am Ziele wähnte, verirrte ſich in der unwirthbaren Gegend, verſank ſpurlos unter trügeriſcher Schneedecke und ſein Leichnam w erſt wieder aufgefunden, wenn der Winter in Bächen thalwärts ſchmolz und die Höhen allmählig frei von Eis und Schnee wurden. Auf Meilen in der Runde erblickt man dann oft kaum eine menſchliche Seele, nicht einmal ein Thier im Schneegeſild. Das Wild ächzt hungrig in den dichteſten Gründen des Forſtes, und höchſtens ſchleicht ein lungernder Fuchs um die Dörfer und Bauernhöfe und ſtößt von Zeit zu Zeit ein mißtönendes Geheul aus, das dem heiſern Bellen eines kranken Hundes gleicht. Selbſt der Rabe verläßt dann ſeine winterliche Höhe, kehrt in den Dörfern bei ſeinen Feinden, den Menſchen ein und legt ſeine angeborene Scheu vft ſo weit ab, daß er auf der Schwelle der Hütten ſitzt und traulich der milden Hand wartet. Spät erſt, wenn ſchon längſt in der Ebene gen Süden, der geſegneten Wetterau, die Felder grünen, erſcheint der langerſehnte Lenz auch auf den rauhen Höhen des Vogelsbergs und . ——— — 7— rührt mit ſeinem goldenen Zauberſtab an die erſtarrte Schöpfung, daß ſie aufwacht aus langem Witterſchlaf und aus Scholle und Knoſpe in's keimende Daſeyn drängt. Aber ſelbſt dieſes Erwachen iſt ein gewalt⸗ ſames, ängſtliches, wie vonſchwerem Alpdrücken. Denn die Berge ſenden wilde Sturzbäche in's Thal, die ſich ſelbſt ihr Bett graben, wodurch oft das beſte Gelände auf Jahre hinaus verſandet und zerriſſen wird; oder der Sturm wirft zugleich mit den Eislaſten die ſtärkſten Bäume nieder, die Bergſtröme ſchwellen mächtig an und brechen verheerend aus ihren Dämmen. Und damit wir auch der Menſchen nicht vergeſſen, die gleichfalls zu neuem Daſeyn erwachen wollen, ſo ſey hier bemerkt, daß meiſtens ihre Noth erſt recht anfängt, wenn der Winter vorbei iſt und mildere Tage kommen. Denn der letzte Vorrath iſt aufgezehrt, ſelbſt das rauhe Haferbrod fällt nur noch in dünnen Scheiben ab, und bis die Mühlen, vom Eiſe befreit, wieder im Thale gehen, iſt ſelbſt bei den wohlhabenderen Bergbewohnern das Mahlkorn ſelten geworden. Nur die Kartoffel ſchützt dann noch den deutſchen Irländer vor dem Hungertode, und wohl mag das alte Sprüchwort dor⸗ tiger Gegend recht haben, welches lautet:„Wenn die Schlehen und Holzäpfel nicht gerathen, gibt's weder zu ſieden noch zu braten.“ —— Das Dorf Altenhain lag am Abhange eines ziemlich ſteilen Berges und ſeine Hauptſtraße war zur Winterszeit wegen des glatten abſchüſſigen Pflaſters kaum zu befahren. Das letzte Haus auf der Höhe linker Hand, wenn man durch den Hohlweg in den Ort herunterkam, war das Pfarrhaus; ein im Ver⸗ gleich zu den übrigen Bauernwohnungen ſtattliches zweiſtöckiges Gebäude mit einem geräumigen, von Ställen eingeſchloſſenen Hofe, der nach der Straße zu offen lag und im Hintergrund einen großen Obſtgarten zeigte. Das Ganze hatte ein äußerſt reinliches, ein⸗ ladendes Ausſehen, beſonders wenn zur Sommerszeit das kleine Blumengärtchen davor in vollem Flor ſtand und die ſchlanken Malven wie zum Gruße von der Mauer auf die Straße herabwinkten. Man ſah es dem Hauſe ſchon von außen an, daß hier gute Menſchen wohnten; wie aus freundlichen Augen blickte Einem aus den hellen Fenſtern die Gaſtlichkeit entgegen und auch das Storchenneſt auf ſeinem alten Dache ſchien andeuten zu wollen, daß, wer hier einkehre, auf herz⸗ lichen Willkomm zählen dürfe. Es war im Spätſommer des Jahres 18 an einem Nachmittage; ein ſchweres Gewitter, welches ſich in drohenden Wetterwolken über den Bergen zuſammen⸗ gezogen hatte, war eben nach wenigen heftigen Donner⸗ ſchlägen und einem kurzen Regen vorübergegangen, die Sonne beſchien wieder hell die abgekühlte Erde und die Natur athmete nach einem ſchwülen Tage erquickt auf.— Im Garten, der an das Pfarrhaus ſtieß, ſaßen drei Perſonen, die ſich gleichfalls an der erfri⸗ ſchenden Kühle labten, welche das Gewitter in der Atmoſphäre zurückgelaſſen hatte. Noch tropften die Blätter der Laube vom Regen und die vom Thau getränkten Roſen hingen ſchwer an ihren Zweigen nieder. Es war Burkhard, der junge Pfarrer von Alten⸗ hain, mit ſeiner Gattin Friederike und deren jüngerer Schweſter Auguſte, welche ſich nach dem heißen Tage die Zeit bis zum Abendeſſen mit heitern Geſprächen verkürzten, nachdem man übereingekommen war, daß ein ſo herrlicher Abend nicht im engen Zimmer hin⸗ gebracht werden dürfe, ſondern vollſtändig bis zum Sternenſchimmer im Freien genoſſen ſeyn wolle. Auguſte, die der Pfarrer ſchon zu wiederholten malen mit ihrer Gewitterfurcht aufgezogen hatte, verlor endlich die Geduld und rief lachend: „Ja, wenn ich deine und deiner Frau bibelfeſte Nerven hätte! Aber wir Leute in der Stadt haben nun einmal keinen Geſchmack an dergleichen, wie ihr's nennt, erhabenen Naturſcenen und intereſſiren uns höchſtens in der Oper für ſolche Knalleffelte. Sagt was ihr wollt, es gehören wirklich robuſte Nerven dazu, um in eurem idylliſchen Vogelsberg duszuhalten. Denn alles, was ich bis jetzt von den Reizen und Annehmlichkeiten deſſelben kennen lernte, ſetzt ſo viel Naturwüchſigkeit voraus, daß mir oft ganz unheimlich dabei wird; in der Stadt hat man wirklich keinen rechten Begriff von dem, was ihr auf dem Lande Romantik nennt, und ihr ſelbſt wißt's vielleicht nicht 1 einmal.“ Friederike ſuchte der Schweſter zu beweiſen, worin eigentlich die Poeſie des Landlebens beſtehe, und warum ſie dieſelbe nicht faſſen könne, als ihr Burkhard in's Wort fiel, indem er ſagte:„So ganz unrecht hat„ Auguſte in der That nicht. In den Nerven liegt allerdings der Unterſchied, und geſund müſſen letztere jedenfalls ſeyn, wenn man unſerer rauhen Gebirgsnatur Geſchmack abgewinnen will. Denn iſt es wahr, daß unſer Nervenſyſtem ein eigenthümliches Leben beſitzt, ja daß die Thätigkeit der Seele ſelbſt aus dem Leben der Nerven hervorgeht, ſo muß es auch wahr ſeyn, daß alle unſere Anſchauungen und Wahrnehmungen dadurch bedingt werden, der Menſch mithin am tieſſten und richtigſten die Natur empfindet, dem ein geſundes Nervenſyſtem inwohnt. Was macht denn unſere moderne Geſellſchaft, im Gegenſatz zum unverkümmerten Leben des Landvolks, ſo blaſirt und abgeſpannt, was iſt ſchuld an dieſer Raffinerie der Genußſucht, an dieſer geiſtigen Indolenz unſerer ſogenannten gebildeten Stände, als eben der Mangel an geſunden Nerven? Seht den Bauer; warum iſt er der zufriedene und glückliche Menſch, wodurch erhält er ſich ſeinen reinen, ungekünſtelten Naturſinn, ſeine Gefühlsunmittelbarkeit? Ja, warum ſteht er noch heute auf ſeinem alten geſchichtlichen Boden und repräſentirt uns ſo gleichſam in ſeinem Stande noch immer die urſprünglichen Formen und Lebensverhältniſſe der Geſellſchaft? Wüßte er erſt einmal, was Nerven ſind, er würde bald auf⸗ hören, ein Sohn der Natur und der Geſchichte zu ſeyn. Und gewiß iſt es kein Paradoxron, wenn ich ſage, an allem moraliſchen und phyſiſchen Elend der andern Stände iſt einzig die Schwachnervigkeit ſchuld, die es uns unmöglich macht, das Leben noch mit friſchen, geſunden Organen zu genießen. Wir ſind nicht nur nervenſchwach in unſerem Leichnam, wir ſind es auch in unſerer Literatur, unſerer Poeſie, unſerem Kunſtgeſchmack; ja unſer ganzes politiſches, ſociales und philoſophiſches Leben krankt an dieſer troſtloſen Erſchlaffung unſerer Nerven, die jede produktive Kraft, jeden Schönheitsenthuſiasmus von vornherein zerſtört und die ganze Generativn ſchwach und erbärmlich macht.“ Auguſte ſagte:„Aber wenn geſunde Nerven allein die Bedingungen ſind, durch die wir zu wahren und rechten Menſchen gedeihen, ſo müßten wir alle Bauern werden und zu den Kuhſtällen der Urſprünglichkeit zurückkehren.“—„In gewiſſem Sinne allerdings,“ entgegnete Burkhard.„Wenigſtens ſollten wir uns einmal zu erklären ſuchen, warum der diutſche Bauer unter allen Ständen am meiſten ſeine hiſtvriſche Phyſiognomie beibehalten und von allen ſocialen und politiſchen Revolutionen am wenigſten berührt worden iſt, während ſowohl Bürgerthum als Adel im Grunde längſt ihre urſprüngliche Bedeutung verloren haben.“— „Du wirſt mir aber doch zugeben,“ ſagte Auguſte, „daß der Bauer, wie er neuerdings in den Dorfno⸗ vellen geſchildert wird, ganz anders ausſieht als er in Wirklichkeit iſt, und daß ſehr viel Phantaſie dazu gehört, um ihn in dieſer pvetiſchen Umgeſtaltung wieder zu erkennen.“ „Von Herzen gern geb' ich dir dies zu,“ verſetzte der Pfarrer,„obwohl der gute Bauer gewiß nicht daran ſchuld iſt. Ich habe auch einige dieſer Dorf⸗ novellen geleſen und möchte ihren Verfaſſern nicht rathen, mit ſolchen Copien den Originalen nahe zu kommen; ſie würden an des Bauers Spott und ſeinen derben Fäuſten ob ſolcher grundfalſchen Schilderung eine ſehr unangenehme Kritik erfahren. Alle dieſe neuern Poeten kennen entweder das eigentliche Weſen des Bauers gar nicht, oder ſie ſelbſt entbehren ſo ſehr † — aller Naturwahrheit, daß ſie ſich nimmermehr zur Romantik ihres Stoffes emporheben können. Es geht ihnen mit den Dorfgeſchichten nicht beſſer wie früher mit ihren Salonsnovellen; in beiden Gattungen der Poeſie herrſcht dieſelbe Unnatur, und ein Baron der Gräfin Hahn⸗Hahn iſt eben ſo wenig im wirklichen Leben zu finden, wie der Bauer aus der modernen— Dorfnovelliſtit. Nur die Blaſirtheit unſerer neuern Schöngeiſter konnte ſich ſo weit von der wahren Ro⸗ mantik der Natur entfernen, und Immermann iſt der Einzige, der uns in ſeinem Hofſchulzen ein richtiges Bild vom Bauer entwirft, indem er ihn ſchildert wie er iſt, nicht wie er dem phantaſieloſen Poeten erſcheint, der ſich überall nur an den äußerlichen Apparat des Dorflebens hält, und wohl recht gut den Hahn auf dem Miſte, aber ſehr ſchlecht das Herz in der Men⸗ ſchenbruſt ſchildert. Auch Geßner zeichnete in ſeinen Royllen Bauern und ließ ſie ſentimentaliſiren und moraliſiren, gerade wie unſere Heutigen; aber die Allongeperrücken, womit er ſeine Figuren ausſtafftte, waren eben ſo lächerlich als die Glacbhandſchuhe, mit denen jetzt die Poeten die Dorfnovelliſtik bearbeiten. Das iſt höchſtens verbauerte Poeſie, aber der Bauer darin fehlt überall.“ „Ich bin nur begierig, wie es deinem Freund Ernſt bei uns gefallen wird,“ ſagte die Pfarrerin. 14 „Das Vaterhaus wird er freilich nicht wieder erkennen, und auch ſonſt hat ſich vieles verändert, was zur Zeit, da ſein Vater noch den Herrnhof im Dorfe beſaß, ſeine Kindheit umgab.“—„Wie freue ich mich auf dieſes Wiederſehen!“ ſprach Burkhard vergnügt.„Ernſt ſucht ja auch nichts weiter in Altenhain als uns, und wir gewinnen dafür einen lieben Gaſt, der uns gewiß vieles Intereſſante aus ſeinem bewegten, wechſelvollen Leben erzählen kann.“—„Wenn ich nur erſt eine richtige Vorſtellung von dieſem Ernſt hätte!“ rief die Schwägerin.„Mir iſt nichts ſchrecklicher als ſo ein wildfremder Menſch, mit dem man urplötzlich in ein Freundſchaftsverhältniß treten ſoll, bloß weil er des Schwagers Freund und ein Vogelsberger dazu iſt.“— „Du mußt Geduld haben,“ verſetzte der Pfarrer lächelnd.„Ich ſelbſt weiß kaum noch mehr von ihm, als daß er des penſionirten Amtmanns von Bernau einziger, ſehr talentvoller Sohn war, im Dorſe nur der„böſe Ernſt“ hieß und von meinem Vater, der uns beiden den erſten Unterricht ertheilte, mehr als einmal Schläge bekam, weil er aller tollen Streiche voll und der Grammatik äußerſt abhold war. Als ſein Vater ſtarb, kam Ernſt von hier mit vierzehn Jahren weg, und ſeitdem ſahen wir uns nicht wieder; er ſtudirte in Göttingen die Rechte, iſt aber ſpäter, als ihm von einer verſtorbenen Tante eine reiche Erb⸗ —.— — —— S ſchaft zufiel, geſcheidt genug geweſen, das Corpus juris bei Seite zu werfen und auf Reiſen zu gehen, von denen er jetzt zurückgekehrt iſt.“ „Das läßt ſich hören,“ ſagte Auguſte.„Meine Nerven ſtärken ſich ſchon einigermaßen bei dem Ge⸗ danken, daß Ernſt eine reiche Tante beerbt hat. Dies ſpricht jedenfalls für ſeine perſönliche Liebenswürdigkeit, denn reiche Tanten zeigen immer einen guten Geſchmack, zumal wenn ſie ihr Teſtament aufſetzen.“— Friederike rief lachend:„Nimm dich in Acht, Schweſter! Ernſt ſoll für Mädchen gar nicht ungefährlich ſeyn; er hat blaue Augen und braunes Haar!“ „Und wie alt?“ fragte Auguſte.— „Siebenundzwanzig Jahre und fünf Monate,“ antwortete plötzlich eine fremde männliche Stimme, und wie ſie mit lautem Angſtſchrei von der Bank aufſprang, zertheilte ſich die hintere Wand der Jasminhecke und durch die Zweige ſah ein fremdes bärtiges Geſicht in die Laube, das bis zum Sprechen ähnliche Bild des Neffen einer reichen Tante. Groß war die Freude der Pfarrleute, als der ſeit Wochen ſehnlich erwartete Gaſt endlich da war und Burkhard der Gattin und Schwägerin ſeinen Jugendfreund Ernſt Bernau vorſtellen konntt. Dieſer ſelbſt fühlte ſich ſchnell einheimiſch in dem trauten Kreiſe, wo Alles ihn an die erſten Jahre ſeiner glück⸗ lichen Jugend erinnerte, deren altes Leben ihn nun wieder vollſtändig umgab, zwar mit neuen Menſchen, ſonſt aber in allen Gegenſtänden und Eindrücken noch gerade ſo wie ehemals. Denn die Heimath läßt nicht von uns ab, ſo weit und lange wir uns auch von ihr entfernen mögen, und in einem Hauche, einem Tone zaubert ſie uns plötzlich wieder alle holden und glück⸗ lichen Träume der Vergangenheit vor die Seele, Träume, die uns vielleicht nur täuſchten, weil uns eben die Heimath fehlte, um ſie zu erfüllen. Kaum beſchien die Sonne des folgenden Tages Ernſt's Zimmer, ſo war er auch ſchon aus den Federn und ſchlich, während die Bewohner des Pfarrhauſts noch ſchlummerten, durch die hintere Thüre in's Freie. Aus dem Garten gelangte er auf den Fußpfad, der zur Höhe hinanführte und ſich vben im Tannenwald verlor. Dieſen Weg beſchritt Ernſt; denn auf dem Berge hatte man eine herrliche Ausſicht, weit über die Höhen des Vogelsberges hinaus, ſo daß man bei hellem Wetter deutlich die ſanften Wellenlinien des Taunus unterſcheiden konnte. Ernſt erreichte den Tannenwald, den Spielplatz ſeiner glücklichen Kindheit, und wie er in den von der Morgenſonne hell beſchienenen Forſt eintrat, hatte er — 5 — ein Gefühl, als ſey er erſt geſtern hier geweſen, und nicht trennten ihn lange Jahre voll reicher Erlebniſſe und Schickſale von dieſen Räumen alter Erinnerungen. So tief hatte die wildromantiſche Natur der Heimath ſeiner Seele ihre Eindrücke eingeprägt, daß ihn Alles wie mit alten wohlbekannten Augen anſah, das Mor⸗ genlied der Vögel in den Zweigen, ja ſelbſt der Harz⸗ duft im thauigen Tannengrund ihm die ſelige Kinder⸗ zeit zurückrief. Er ging nach dem ſogenannten Tannen⸗ ſtein, einem Hügel an der weſtlichen Waldſpitze, auf welchem ein ruinartiges, von Wachholderſträuchern über⸗ wuchertes Gemäuer noch Spuren eines ehemaligen Kaſtells von hohem Alter zeigt, deſſen Geſchichte jedoch längſt verloren gegangen. Der Berg ſenkte ſich hier nach der Seite des Dorſes hin in einem ſchroffen Steingeklüft thalwärts, aus welchem hier und da einzelne verkrüppelte Tannen hervorwuchſen, was dem Ganzen einen ungemein düſtern Eindruck verlieh. Die Umgebung des Tannenſteins hatte auf Ernſt ſchon in der Kindheit immer einen eigenthümlichen Zauber aus⸗ geübt, und er erinnerte ſich noch recht wohl des geheim⸗ nißvollen Schauers, der ihn beſchlich, ſo oft er hierher kam, wo es dann jedesmal ſo ſtill und einſam war, der Tannengrund zauberiſch im Abendgefunkel blitzte und leuchtete, das graue Mauerwerk im Zittern der Sonnenlichter zu wanken ſchien und der Wind leiſe in Büſchen und Sträuchern ſeufzte. 2 Zwar dieſes ſchauerlichſüße Gefühl, welches die düſtere Romantik des Orts ſonſt auf ihn ausgeübt hatte, empfand er nicht mehr; aber doch überkam ihn, der ſo manchen großartigen und erhabenen Natureindruck in ſich aufgenommen, eine eigene Wehmuth, als er iest, an die zerfallene Mauer gelehnt, hinunterſchaute nach Altenhain und ſein Blick dem Vaterhaus, dem ſogenannten„Herrnhof“ begegnete, der faſt am Ende des Dorfes lag und bei weitem das größte Gebände im Orte war. Noch grünten im Hofe die beiden alten Ulmen und auch der große Weiher vicht dahinter ſtand noch wie ſonſt im hohen Schilfe; alles hatte das alte Anſehen behalten, und doch dünkte es dem Fremdling in der Heimath, als ſey Alles ſeltſam eng und klein geworden und ein eigenthümlicher Schatten ruhe über dem ſonſt ſo hellen Bilde, wie es ihm ſeine Phantaſie oft in fernen Ländern vor die Seele gegaukelt. Sinnend wandte er ſich von dem Tannenſtein weg nach dem Hohlweg, der aus dem Walde nach dem Dorf hinunterführte und auf beiden Seiten von ſteilen, durch das Gewäſſer wild zerriſſenen braunen Erdwänden eingeſchloſſen war; und hier, kaum fünfzig Schritte vom Tannenſtein entfernt, in einer ſchatten⸗ haſten, von der Natur gebildeten Niſche der Erdwand 3 zur Linken—— — 5 Sonderbar! Nicht eher, als bis er vor dem kleinen, aus rauhem Feldſtein kunſtlos gebildeten Kreuze ſtand, das eine wilde Roſenhecke dem Auge faſt verdeckte, während noch die Ueberreſte einer ehemaligen hölzernen Einfaſſung ſichtbar waren, beſann ſich Ernſt auf jene dunkle Begebenheit aus ſeinen Kinderjahren, welche damals dieſe Stelle weit und breit in Verruf gebracht hatte. Lebhaft trat wieder die Geſchichte vom Mord des jungen Förſters Friedrich, der hier einſt mit zerſchmet⸗ terter Hirnſchale todt gefunden worden, vor ſeine Seele. Unwillkührlich nahte er dem Platz und legte wie zum Gruße an den Unglücklichen, deſſen junges Leben hier unter Mörderhänden geendet hatte, die Hand auf das Steinkreuz. Alle Einzelumſtände der grauenvollen That kehrten in ſeine Erinnerung zurück; er beſann ſich wieder auf die ſtürmiſche Herbſtnacht, wo ſein Väter plötzlich die Mutter weckte und ſie fragte, ob ſie nicht den Angſtruf gehört, der eben durch die Stille der Nacht, faſt ſcheine es ihm vom Tannenſtein herunter, ſein Ohr berührt habe. Bei dem Geſpräch der Eltern erwachte Ernſt, damals noch ein Kind, und fing aus Furcht zu weinen an. Die Mutter ſuchte ihn zu beruhigen und meinte, der Vater habe wohl geträumt oder ein Nachtvogel möge in den Ulmen vor den Fenſtern den Schrei ausgeſtoßen haben. Aber am⸗ 2* Morgen klärte ſich's grauenvoll auf; die Leiche des jungen Förſters, den man nur den ſchönen„Tannen⸗ ſchütz“ nannte, wurde unter dem Wehklagen vieler Leute in's Dorf nach dem Rathhaus getragen. Wenige Stunden nachher erſchien ein Unterſuchungsrichter von dem benachbarten Amte in Begleitung des Phyſkus und vollzog die gerichtliche Obduktion an der Leiche. Aber vergebens waren alle Nachforſchungen nach dem Thäter; wohin auch die Hand der irdiſchen Gerechtigkeit grif, tappte ſie im Dunkeln, und keine Strafe erreichte den Frevel am Tannenſtein. Das Wert der Nacht blieb der Nacht finſteres Geheimniß, und zuletzt legte die Vergeſſenheit der Menſchen ihren Schleier, die Natur ihre grüne Hülle über die That der blutigen ünde und deren blutgetränkte Stätte. Nur das ſteinerne Kreuz mit der halbverſunkenen hölzernen Einfaſſung lugte noch aus der wilden Roſenhecke hervor und ſchien der Sühne zu harren für den grauſen Mord aus alten Tagen. Ernſt, der ſich noch deutlich des ſchmucken Tan⸗ nenſchützen erinnerte, den er oft als Kind im Förſter⸗ haus tief hinten im Walde beſucht hatte, wurde von dieſer dunkeln Begebenheit ſeiner früheſten Jugend ſo lebhaft ergriffen, daß er zuſammenfuhr, als das Raſcheln einer Eidechſe im Laube ihn nach einer Weile aus ſeinen Betrachtüngen aufſchreckte. Wie das ängſt⸗ — liche Beben der Schuld, die noch ungeſühnt am Ort ihrer Miſſethat der Vergeltung harrt, tönte das Ge⸗ räuſch in ſein Ohr und unwillkührlich drängte ſich ihm der Gedanke auf, ob wohl der Mörder noch am Leben und welcher Art ſein Seelenzuſtand ſeyn möge, wenn er jetzt an Ernſt's Stelle ſtehen und das alte Zeugniß ſeiner Miſſethat erblicken würde. Nahe lag dieſer Be⸗ trachtung die weitere pſychologiſche Frage: Wo ein Menſch, der ſo ungeheure Schuld auf ſeine Seele geladen, zwanzig Jahre lang die moraliſche Kraft her⸗ nimmt ſie zu tragen, ohne auch nur ein einziges mal in Verſuchung zu gerathen, ſein Herz durch ein frei⸗ williges Geſtändniß von dem furchtbaren Drucke zu befreien und ſo das unſelige Geheimniß von ſich abzu⸗ ſchütteln? Es iſt nicht möglich, kein Lebender erträgt ſo etwas! rief eine Stimme in ihm; und doch, wie viele Beiſpiele bezeugten ihm nicht das Gegentheil! Hat doch auch das Bewußtſeyn der Schuld ſeine ſchauerliche Gewohnheit und verhärtet zugleich mit dem Herzen, bis ihm die eigene That fremd wird und mit der dunkeln Angſt auch der Reue milde Regung abſtirbt. In dieſem Augenblick brach die Sonne in den ſchattigen Hohlweg herein und legte ſich hell und breit über die Mordſtelle; oben auf dem wilden Birnbaum am Abhang der Erdwand ſang ein Buchfink ſein fröhlich Morgenlied in die Lüfte und im Thale unten. — 22— läutete die Altenhainer Frühglocke. Noch einen letzten Blick warf Ernſt auf das Steinkreuz und ging dann den Hohlweg entlang, der je näher dem Dorfe immer abſchüſſiger wurde, nach dem Pfarrhaus zurück. Sein Weg führte ihn am Kirchhof vorüber, der ſeitwärts von der Straße auf einem grünen Hügel lag und rings mit großen Feldſteinen eingefaßt war. Zu dem ſchwarzen Gitter, das den Eingang verſchloß, führte eine holperige Steintreppe hinan und ſchien andeuten zu wollen, daß ſelbſt der Weg zu dieſer Stätte des Friedens noch beſchwerlich und der Erde Mühſal erſt im kühlen Grabe für den Sohn der rauhen Berge ein Ende finden ſolle. Der Anblick dieſes Kirchhofs hatte trotz der Armſeligkeit ſeiner Anlage etwas unge⸗ mein Friedliches und Elegiſches und der alte Tannen⸗ bäum am Thore bildete gleichſam den freundlichen Gegenſatz des immergrünen, wenn auch kümmerlichen Lebens zu dem Schweigen der Gräber. Auf der Treppe ſaßen mehrere kleine halbnackte Kinder, Bilder der Armuth und Dürftigkeit, während ihnen noch der Kindheit fröhliche Unſchuld aus den Augen lachte. Bei ihnen ſtand ein ſchlankes, ungefähr achtzehnzähriges Bauernmädchen mit ausdrucksvollen ſanften Zügen und ſah neugierig über die kleine lärmende Schaar hinweg zu dem fremden Herrn her⸗ unter, den die Kinder nicht ſobald erblickten, als ſie N —— furchtſam nach dem Dorf liefen und das Mädchen allein ſtehen ließen. Ernſt nahte ihr und bot ihr einen freundlichen Morgengruß, den ſie ſchüchtern erwi⸗ derte, worauf er ein Geſpräch mit ihr anknüpfte, indem er ſie fragte, ob ſie von Altenhain ſey und welches Geſchäft ſie ſo frühe hierher an den Kirchhof führe; „denn,“ fügte er hinzu,„du biſt zu ſchön und zu jung, um ſchon an's Sterben zu denken.“ „Wenn's nur das Eine wäre, hätt' ich kein Leid darum,“ erwiderte ſie mit trübem Lächeln und ſchlug dabei die großen glänzenden Augen zu dem Fremden auf, der in der That von der natürlichen Anmuth dieſes Bauernmädchens überraſcht war. Selbſt der Ton ihrer Stimme hatte trotz des bäueriſchen Dialekts etwas Gewinnendes, und der trauernde Blick, der ihre Worte begleitete, deutete auf ein Leid dieſer jungen Seele, das ſeine lebhafteſte Theilnahme erweckte. Als er ihr aber erzählte, daß er nicht fremd im Dorfe ſey und»ſeinen Namen nannte, verklärten ſich plötzlich ihre Züge zu heller Freude, und bewegt rief ſie aus:„Ach, Herr Ernſt, ſo ſind Sie's wirklich! Und mich kennen Sie auch nicht mehr? Aber ich war freilich noch gar klein, als Sie vom Herrnhof wegkamen. Du liebe Zeit, und derweil iſt Ihnen die Ammy vollends aus dem Geſicht gewachſen!“ „Wie? Wahl's Ammychen?“ rief der junge Mann überraſcht und drückte ihr herzlich die Hand.„Nim⸗ mermehr hätt' ich dich wieder erkannt, ſo groß und ſchlank biſt du geworden.“—„Ach ja, Herr Ernſt, das war eine ſchöne Zeit, als Sie noch in Altenhain wohnten!“ ſprach ſie bewegt und ihre Augen wurden naß.—„Iſt's nicht mehr ſo bei euch wie ſonſt?“ fragte er.—„Dort ruht die ſchöne Zeit!“ ſchluchzte Anmm, in den Kirchhof deutend, und brach, ihr Antlitz mit der Schürze bedeckend, in heftiges Weinen aus. „Dein Vater?“ fragte Ernſt beſtürzt.—„O nein! nein! nein! der lebt!“ rief ſie krampfhaft zuſammen⸗ fahrend.„Die Mutter, die treue, arme Mutter— dort ruht ſie nun ſchon in's achte Jahr unter'm Gras⸗ hügel— ach, ihr iſt wohl!“—„Catharina todt!“ ſagte Ernſt gerührt und ſuchte mit dem Blick das Grab, welches Ammy ihm zeigte.—„Sie hat viel Herzleid erduldet, bis Gott ſie endlich zu ſich nahm,“ fuhr das Mädchen geſaßter fort.„Aber das Aergſte hat ſie doch nicht erlebt! Ach, Herr Ernſt— wenn ich Ihnen nur Alles ſo ſagen könnte, wie ich's auf dem Herzen habe! Aber fragen Sie nur die Frau Pfarrerin— das iſt mein letzter Engel; denn Rudolph wird ja doch nimmer mein, wegen der Väter, die ſich ſchon ſeit Jahren todtfeind ſind, und erſt recht, ſeitdem ſie wiſſen daß wir nicht von einander laſſen können.“ Sie verſtummte und ſah mit gramesdüſterem Blick, die Hände auf das Gitterthor gelegt, nach dem Grab ihrer Mutter, wobei ſie in leiſem Weinen die Lippen zuſammenpreßte, wie um die Gewalt eines Schmerzes zurückzuhalten, den nächſt der Seele, die ihn litt, nur Gott allein in ſeiner ganzen Größe kennen mochte. „Wer iſt denn der Rudolph?“ fragte Ernſt nach einer Pauſe, vom innigſten Mitleid ergriffen.— Da ſah ſie ihn durch Thränen lächelnd an und verſehte ohne Schüchternheit:„Der Rudolph— Ihnen ſag' ich's ſchon, der Rudolph iſt mein Liebſter und ich gab ihm in dieſem Frühjahr mein Jawort für Zeit und Ewig⸗ keit. Sein Vater, der uns ſo wehe thut, iſt ſonſt der beſte Mann im Ort und kein Menſch kann ihm Etwas nachſagen; der Rudolph liebt ihn auch kindlich und es gibt gar keinen beſſern Vater, als der Heinrich Falk gegen ſeinen einzigen Sohn iſt.“— „Wie? derſelbe Heinrich Falk, der von uns den Herrnhof kaufte?“ fragte Ernſt überraſcht.—„Iſt Rudolphs Vater,“ beſtätigte Ammy mit einem Seuf⸗ zer.—„Aber woher rührt die bittere Feindſchaft zwiſchen euern Vätern?“ fragte Ernſt weiter;„der Konrad Wahl war doch ſonſt ein braver, e Mann.“ „Weiß Gott, Herr Ernſt, das war er auch!“ erwiderte Ammy mit bebender Stimme.„Doch das iſt ſchon lange her und Sie würden ihn nicht mehr wieder erkennen. Mit dem Alter kam der böſe Feind über ihn, er wurde ein Streiter, ein Trinker, ach! und ein unbarmherziger Menſch dazu. Die Wirth⸗ ſchaft gerieht in Verfall, kein Knecht wollte bei ihm aushalten, und die Leute ſagen, und es muß wohl wahr ſeyn, er habe der Mutter Tod auf ſeinem Ge⸗ wiſſen und der Kinder Noth dazu. Mein Bruder wollte zuletzt auch nicht mehr bleiben und verdingte ſich als Knecht auf ein anderes Dorf; ich aber mußte mit den jüngern Geſchwiſtern bei ihm aushalten und habs alle Tage ſchlimmer bei ihm, ſo daß ich ſchon manchmal, Gott verzeih mir die Sünd'! in's Waſſer gehen wollte, wo's am tiefſten iſt. Nicht mal weinen, nicht mal an die Mutter denken ſoll ich, ſo will's der Vater, und wenn ich's doch nicht laſſen kann, dann wird er wild und treibt's ſchrecklich mit mir.“ Ammy brach abermals in heftiges Weinen aus und rief mit thränenerſtickter Stimme:„Meine Mutter flehte ihn noch auf ihrem Sterbebett an, er ſolle nur menſchlich gegen mich ſeyn. Da lachte er ſo gräßlich auf, daß die arme Frau nur noch einmal zu Gott für mich beten konnte, und dann war ſie todt. Wüßte ſie, wie mir's jetzt bei ihm geht, ſie kratzte ſich mit den Nägeln aus der Erde und hyolte mich zu ſich hinab!“ „Armes Kind! ſo viel mußt du leiden!“ ſagte Ernſt.—„Ach, und das tiefſte Leid, das Leid von allem Leid—!“ ſtammelte Ammy und preßte krampf⸗ haft die Hand auf's Herz.„Alles wollt' ich ertragen von ihm, Flüche und Schläge, Hunger und Kummrr, wenn's nur Rudolph darum beſſer hätte! Aber auch er geht zu Grund über dem Herzleid, und die Leute ſagen, er treibe es ſo nicht mehr lange. Was ich Ihnen über die Feindſchaft zwiſchen den Alten ſagen kann— es weiß eigentlich Niemand, woher ſie ſtammt und warum keiner dem andern auch nur den Sonnen⸗ ſtrahl am Scheuerthor gönnen will. Einſt waren ſie gute Freunde wie zwei Brüder und hielten zuſammen wie's recht iſt. Später erſt kam der Hader zwiſchen ſie, und nun machen ſie ſich und andern das Leben ſauer; denn viele Leute tragen an dem Haß der beiden mit, und man kann faſt ſagen, das ganze Dorf iſt ſich unter einander um ihretwillen feind geworden. Wer's mit dem Heinrich Falk hält, der hat den An⸗ hang meines Vaters gegen ſich, und wer dem Konrad Wahl Freund iſt, den feinden die andern an. Bis in den Betſtuhl geht der Haß, und ſelbſt beim heiligen Abendmahl ſcheiden ſie ſich noch und werfen ihre Gift⸗ blice in den Kelch. Bei jeder Kirchweihe gibt's Schlägerei und ſchon manchmal iſt Blut gefloſſen; hätten wir unſern Herrn Pfarrer nicht, der noch ab⸗ wehrt und verſöhnt, ſo viel er kann, es gäbe Mord und Todtſchlag in der Gemeinde, und Altenhain wäre weit und breit verrufen, blos wegen der Feindſchaft zweier einziger Menſchen.“ So erzählte Ammy dem Freund ihrer Kindheit, der ſie dann noch Verſchiedenes über ihren Vater fragte und ihr zuletzt vorſchlug, er wolle den Konrad Wahl noch heute beſuchen und ihm einreden, daß er die Heirath zugebe.— Sie ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Das hilft alles nichts; er hat nun einmal kein Herz für mich, für keinen Menſchen, ſeitdem er das dort, ſie deutete auf ihrer Mutter Grab, für immer gebro⸗ chen. Geben Sie ſich keine Mühe.“ Nichsdeſtoweniger beharrte Ernſt auf ſeinem Vor⸗ ſatz, obgleich er ſelbſt auf keinen Erfolg bei dem rauhen Menſchen hoffte, den er einſt als einen rechtſchaffenen, keineswegs hartherzigen Mann gekannt hatte. Er nahm Abſchied von dem Mädchen und ſchritt dem Pfarrhaus zu, um vor allen Dingen von dem Freunde Näheres über die ihm von Ammy geſchilderten Per⸗ ſonen und Verhältniſſe zu erfahren und darnach ſeinen Plan zu entwerfen. Er führte noch an demſelben Tage ſeinen Vorſatz aus, obwohl er nach allem, was Burkhard ihm von dem Kaſtenmeiſter— dieſen Titel hatte Konrad Wahl in ſeiner Eigenſchaft als Gemeinderechner— erzählte, zum voraus das Vergebliche ſeiner Vermittlung einſah. Dennoch konnte er der Neugierde nicht widerſtehen, die Bekanntſchaft mit dem ehemaligen Nachbar zu erneuern, ſelbſt auf die Gefahr hin, von dieſem eben nicht freundlich willkommen geheißen zu werden. Und wirklich war ſchon der erſte Eindruck, als er in den Hof des Kaſtenmeiſters eintrat, kein glück⸗ verkündender. Am Brunnentrog ſtand der Knecht und wuſch ſich den Arm, den ihm ſein Herr wegen eines ileinen Verſehens mit dem Peitſchenſtiel blutig geſchla⸗ gen hatte. Er war ein großer, ſtämmiger Menſch, und der ihn ſo grauſam gezüchtigt, mußte ihm alſo wohl an Körperkraft noch überlegen ſcyn. Ernſt trat zu dem Knecht und fragte ihn nach der Veranlaſſung ſeiner Wunde. Da warf dieſer von der Seite einen düſter ſcheuen Blick nach den Fenſtern der Wohnſtube, knirſchte vor Grimm oder Schmerz mit den Zähnen und erzählte ihm hierauf unter rohen Wuthausbrüchen die erlittene Mißhandlung. Dann hob er ſeine Fauſt gegen das Haus und ging fluchend in den Stall. Ernſt trat in die Hausſtur, wo auf dem tennen⸗ artig feſtgeſtampften Lehmboden noch die Peitſche lag, mit welcher der Bauer den Knecht gezüchtigt hatte. Vodtenſtille herrſchte im Hauſe; die Thüre zur Wohn⸗ — ſtube war halb geöffnet und durch dieſe gewahrte er einen Mann mit grauem Kopf und wetterharten Zügen, der in weiten Hemdeärmeln, welche am Handgelenk von blauen Glasknöpfen zuſammengehalten wurden, am Tiſche ſaß, beide Ellbogen recht nach trotziger Bauern⸗ art breit auf die Tafel geſtemmt hatte und finſter brütend vor ſich hinſtarrte. Hätte Ernſt es nicht ge⸗ wußt, daß es der Kaſtenmeiſter war, nimmer würde er in dieſem unheimlichen Menſchen den Konrad Wahl wieder erkannt haben, ſo ganz und gar zum Schlimm⸗ ſten verwandelt kam ihm derſelbe vor, und jeder Zug ſeiner Miene war eine Beſtätigung deſſen, was er bereits über den bösartigen Chaxakter des Mannes vernommen hatte. 3 Arme Ammy! Nun wußte Ernſt, daß der keine Thräne kindlicher Liebe ſehen konnte und das Grab ſeines armen Weibes ihn vollends hart und herzlos gemacht hatte. Denn Grab und Thränen üben ja auf böſe Menſchen nicht den ſänftigenden und verſöhnenden Eindruck wie auf gute; der verhärtete Sinn, das der Schuld verfallene Gewiſſen zittert vor jedem ſanſten Gefühl, wie die Sünde vor dem Rauſchen eines Roſenblattes; die Nacht in ihrer Seele erträgt keinen * Lichtſtrahl, und weil, ſie das Auge des allwiſſenden Gottes fürchten, können ſie auch die Thräne im Men⸗ ſchenauge nicht ſehen, und das Grab, das ſtumme, 4„ — 3— erſchreckt ſie faſt noch tiefer als der Klage ſanfter Wehlaut, als des Freundes treues Warnungswort. Wahl regte ſich nicht; doch zeigten dem Beobachter an der Thüre die dickgeſchwollenen Adern ſeiner Stirne, die im grauen Haar krampfhaft zuſammengeballte Fauſt, daß die Wuth, in der er den Knecht geſchlagen, noch in ſeiner Bruſt koche und ihm vielleicht nur ein Ge⸗ genſtand fehle, um ſeine wilde Leidenſchaft vollends auszutoben. Einen Augenblick ſtand Ernſt in Ver⸗ ſuchung ſich zurückzuziehen; denn die Stunde ſchien ihm keineswegs geeignet zu Erörterungen und Ermah⸗ nungen, wie die waren, welche ihn hierher geführt hatten. Aber ſchon war es zu ſpät dazu; denn eben richtete der Kaſtemneiſter den Kopf in die Höhe und gewahrte den Unbekannten auf der Schwelle ſeiner Thüre. Eine Weile ſtarrte er denſelben mit glanzloſen Augen wie ein Trunkener an, dem der Rauſch ſchwer auf allen Sinnen liegt; er lallte einige Worte der Ueberraſchung, blieb aber dabei regungslos auf der Vank ſitzen. Da faßte ſich Ernſt, der ſeine innere Scheu überwand, ein Herz, und näher tretend ſagte er ſo freundlich und unbefangen als ihm möglich wart „Nun, Konrad, kennt Er mich nicht mehr?“ Und bei dieſen Worten reichte er ihm ſeine Hand zum Gruß über'n Tiſch.* * aber noch immer kein Auge von ihm, ſagte auch kein Da wurde des Kaſtenmeiſters Antlitz erſt blaß, dann dunkel, und die fremde Erſcheinung ſchien ihm allmählig bekannter zu werden. Drch merkte Ernſt an ſeiner halb ſtaunenden, halb argwöhniſchen Miene, daß Jener über ſeine Perſon im Ungewiſſen blieb und ſich ſeiner nicht mehr erinnern konnte.. Jetzt reichte ihm auch Wahl zandernd die ſchwielige Hand, verwandte Wort und ſchien ſogar mit ſich im Kampfe, ob er die rauhe Seite gegen den Fremden herauskehren oder deſſen freunklichen Gruß eben ſo freundlich erwidern ſolle.„ Ernſt urtheilte richtig, daß er dieſen günſtigen Moment des Zweifels in des Bauers Seele benutzen müſſe, um ſich ſeines Zutrauens zu verſichern und mit ihm gleich von vornherein auf den alten Fuß zu kom⸗ men.—„Topp, Nachbar Konrad, was ſchaut Er mich ſo fremd an? Bin ich's oder bin ich's nicht?“ rief er lachend und ſchlug dabei dem Bauer ſo derb auf die Schulter, daß dieſer betroffen auffuhr und ſich brummend an der Wand die Stelle rieb, wo ihn der freundſchaftliche Willkommgruß ſo unſanſt berührt hatte. Ernſt aber fuhr ohne Umſtände in ſeinem angenvm⸗ menen zutraulichen Tone fort:„Macht keine Umſtände, Nachbar Konrad. Wenn ich Euch ſage, wer ich bin, ſo weiß ich auch, daß ich Euch willkommen ſeyn werde. Darum rathet's erſt und beſinnt Euch einmal auf den böſen Buben, der ſo oft bei Euch hier am Tiſche ſaß und dem's hier immer beſſer ſchmeckte als drüben im„ Vaterhaus. Ra, Konrad, kommt Er bald auf die Spur?“ Da gingen plötzlich dem ſtumpfen finſtern Bauer groß die Augen auf, über ſein hartes Geſicht ſiel ein heller Schein, wie aus alter beſſerer Zeit, und:„Potz Henker, das iſt des Amtmanns Ernſt!“ rief er er⸗ ſtaunt, ſchüttelte Jenem dann wie einem alten lieben Bekannten derb und herzlich die Hand und ſuchte die „ Verwirrung, in die ihn dieſe unerwartete Erkennungs⸗ ſcene verſetzte, hinter dem alten ungezwungenen Ton zu verbergen, wie er vordem zwiſchen ihnen geherrſcht hatte. Ernſt hütete ſich auch wohl, ihn die ſchlimme Meinung merken zu laſſen, die er von ihm mit hierher gebracht, war vielmehr die Unbefangenheit ſelber und machte ſich's in dem alten ledernen Großvaterſtuhl be⸗ guem, welchen ihm der Kaſtenmeiſter an den Tiſch ſchob. Dann holte der Bauer aus dem Glasſchrank in der Oberſtube den kryſtallenen Pokal, das Hoch⸗ zeitgeſchenk von Ernſt's Eltern, auf das er ſich immer * viel zu gute gethan hatte; den ſtellte er auf blankem zinnernen Teller vor ſeinen Gaſt, füllte ihn mit Wein und trank ihn Jenem zu:„auf die alte Zeit.“ Ernſt wiederholte den Spruch mit dem Beiſatz:„Und die 3 alte Kameradſchaft,“ und that einen langen Zug, was den Alten ſichtlich erheiterte. Dann erzählte er dem Kaſtenmeiſter von ſeinem ſeitherigen Leben, ſeinen Fahrten und Schickſalen, wie es zu deſſen Anſchauungs⸗ weiſe und Faſſungsvermögen paßte, was Jenen guch anfangs lebhaft intereſſirte. Allmählig aber wurde er zerſtreut, rückte unruhig auf der Bank hin und her und ſprach dem Glas mit Kornbranntwein häufiger zu als dem Kryſtallpokale. Das gaſtfreie harmloſe Weſen ſchien ihm für die Dauer unbequem zu werden, und er mußte ſich ſichtbar Gewalt anthun, um Ernſt gegenüber unbefangen zu bleiben. Dieſer vermied es anfangs mit Abſicht ſich nach ſeinen Familienverhältniſſen zu erkundigen, und wollte abwarten, was ihm der Kaſtenmeiſter aus freien Stücken davon mittheilen werde. Aber hartnäckig ſchwieg letzterer über Alles, was ihn ſelbſt und ſein Hausweſen betraf. Ernſt merkte, daß ihm die Unter⸗ haltung drückend wurde und der Zwang, den er ſich anthun mußte, ihn mehr und mehr befangen machte. Er nahm zu rohen Scherzen ſeine Zuflucht, trank immer mehr Branntwein, ſein Blick ward unſtet und ſeine Augen nahmen mehr und mehr eine dunkle Röthe an. Zu verſchiedenen Malen ſtand er von der Bank auf, ging unter irgend einem Vorwand weg, kehrte nach einiger Zeit wieder, Alles nur, um dem Gaſte einen Augenblick aus dem Geſicht zu kommen und „ demſelben ſeinen Seelenzuſtand, der gewiß unerträglich war, zu verbergen. Ernſt's Gegenwart packte ſein Gewiſſen an der für eine rohe Natur empfindlichſten Seite, der Beſchämung; und ſo verhärtet auch Wahl's Gemüth ſeyn mochte, hatte doch die Ungewißheit, ob Ernſt ihn kennen oder ihn noch für den alten beſſern Menſchen halten möge, der er einſt geweſen war, etwas Driückendes für ihn, und vielleicht war ihm noch nie geſchehen, was ihm heute geſchah: er ward irre an ſich 3 So wenigſtens urtheilte Ernſt, der ihn aufmerk⸗ ſam beobachtete und wahrnahm, wie er ſich in ſeinem ganzen Weſen als einen Menſchen gab, den ein un⸗ vorhergeſehener Zufall plötzlich nöthigt, der Angewöh⸗ nung des Böſen, das er längſt offen zur Schau ge⸗ tragen, zu entſagen und ſich auf Gefühle und Zuſtände ſeines innern und äußern Lebens zurückzubeſinnen, an die er vielleicht ſeit vielen Jahren nicht mehr gedacht hat. Ernſt ſah den Kampf, der in ſeinem Innern vorging; aber ſo heftig auch der Stoß geweſen ſeyn mochte, mit dem ihn die Erinnerung an ein altes beſſeres Leben aus ſeiner moraliſchen Verſunkenheit emporrüttelte, die verhärtete Seele hielt ihn zuletzt doch aus, und ſchon der nächſte Anlaß ſollt wahren Charakter völlig enthüllen. 3* Ernſt hielt es endlich an der Zeit, Ammys An⸗ gelegenheit zur Sprache zu bringen; er begann glſo den Kaſtenmeiſter wie zufällig nach den Verhältniſſen im Herrnhof zu fragen, und äußerte ganz flüchtig, er möchte wohl einmal beim jetzigen Beſitzer, dem Heinrich Falk, vorſprechen und ſich das alte Vaterhaus beſehen, den Hof und den Garten und was ſonſt noch zu den Erinnerungen ſeiner frohen Kindheit gehöre. Wie er den Namen des Todfeindes nannte, ging im ganzen Weſen des Kaſtenmeiſters eine auffallende Umwandlung vor, das Blut ſchoß ihm in die Augen und der böſe Blick kam zum Vorſchein, mit dem uns der feindliche Dämon anſchaut, den wir unverſehens in der Seele eines Böſewichts wecken. Es war ein fürchterlicher Blick in den grauen glanzloſen Augen, deren Kreiſe weiter und weiter ſich ausdehnten, während ſie regungs⸗ los auf Ernſt gerichtet ſtanden; eine erdfahle Bläſſe bedeckte dabei die Züge des unheimlichen Menſchen, die Fauſt ballte ſich krampfhaft um den Hirſchhorngriff des kurzen krummen Meſſers und um die ſchmalen zuſammengekniffenen Lippen zuckte ein Lächeln, dem man wohl unter andern Umſtänden die abſcheulichſte Abſicht hätte zutrauen können. Ernſt ſchauderte in innerſter Seele zuſammen und ſah unwillkührlich auf das Meſſer in der braunen haarigen Fauſt, die aber regungslos auf dem Tiſche liegen blieb. „Was hat Er, Wahl?“ ftagte er ihn mit mög⸗ lichſter Ruhe.„Er wird ja blaß wie die Wand?“— Er ſtand bei dieſen Worten auf, oder wollte viel⸗ mehr aufſtehen; denn er mußte ohl im Seſſel ſitzen bleiben, weil ihn der Kaſtenmeiſter plötzlich am Arme packte und ihn mit Rieſenkraft auf den Stuhl nieder⸗ drückte. Dann beugte er ſich zu ihm nieder, während die Bläſſe ſeiner Züge einer braunen Röthe wich, und ſagte mit ſchwerer Zunge:„Hör' Er, Musje Ernſt, das iſt meine Feindſchaft! Nach dem Heinrich Falk ſoll Er mich nicht fragen, ſonſt muß ich Blut ſehen— rothes Blut, von wegen der Feindſchaft!“— ch will auch nicht weiter von ihm reden,“ erwiderte Ernſt.„Was geht mich der Heinrich Falk an! Iſt er Euet Fend, ſo hab' ich nichts mit ihm zu ſchaffen, ſondern halte treulich zu Euch.“—„Recht ſo! das ſoll's ſeyn!“ rief der Bauer und ſchlug mit der ge⸗ ballten Fauſt auf den Tiſch.„Hier iſt Freundſchaft, und dort—“ er deutete durch's Fenſter nach dem Herrnhof hinüber— dort iſt Feindſchaft!“ „Ich wüßte einen Streich, den Ihr Eurem Feinde ſpielen könntet, der ſollt' ihn ſchwer ärgern,“ nahm Ernſt nach einer Pauſe wieder das Wort.— Wahl horchte hoch auf.—„Wenn's nämlich wahr iſt,“ fuhr Jener fort,„daß Rudolph Falk— vom Alten reden wir nicht— um's Ammychen freit; he, iſt's ſo, Konrad?“ . — 38— Der Kaſtenmeiſter ſah ihn erſt betroffen an und erwiderte dann trotzig:„Wenn's nun ſo wär'! Eh'* der Rudolph das Ammychen kriegt, kriegt er und ſie die Schwerenoth und der Alte dazu!“—„Vom Alten reden wir ja nicht!“ ſagte Ernſt mit abwehrender Geberde.„Aber was Eure Feindſchaft anbetrifft, ſo mein' ich, wenn zwei Feinde ſich recht haſſen, müßten ſie auch niemals eines Sinnes ſeyn, geſchweige denn eins und daſſelbe thun, ſo daß man faſt glauben möchte, ſie ſeyen im Geheim mit einander übereinge⸗ 6 kommen.“ „Was da!“ rief Wahl zurückfahrend mit einer ſeltſamen Miſchung von Schrecken und Ueberraſchung in den Zügen.„Wer ſagt, daß wir eines Sinnes ſeyen!“—„Doch, Konrad, doch, Eins thut ihr beide in allen Stücken einander gleich,“ verſetzte Ernſt.„Er will die Heirath nicht, und Ihr wollt ſie auch nicht. So ſeyd ihr wirklich in dieſem Punkte eines Sinnes. Hab' ich Recht?“—„Ja, wenn Er's ſo meint!“ ſagte der Bauer und athmete ſchwer auf.—„Anders nicht,“ erwiderte Ernſt;„und darum behaupt' ich noch einmal: die rechte Feindſchaft iſt's zwiſchen euch doch nicht; denn der wahre Feind thut niemals dem Feind das Gleiche, ſondern immer das Gegentheil von dem, wäs jener treibt; alſo müßtet Ihr, Konrad, die Heirath Seelenſpannung an— wollt' ich ſie ihm geben, ein wollen, weil ſie der Falk nicht will, oder Ihr müßtet ſie nicht wollen, wenn er darnach ſtrebte.“ Einen Augenblick ſtutzte der Alte abermals und ſah den Gaſt, der lächelnd den Kopf ſchüttelte, mit argwöhniſchem Blicke an. Dieſe eben ſo neue als eigenthümliche Auffaſſung ſeiner Feindſchaft gegen Falk frappirte ihn; denn den Beweis, daß er, indem er gegen die Heirath war, im Grunde nur daſſelbe that, was ſein ärgſter Feind wollte, konnte er allerdings nicht entkräften. Aber die Sophiſtik Ernſts war den⸗ noch für die rauhe trotzige Seele des alten Bauers zu fein zugeſpitzt, und die pſychologiſche Berechnung auf den eingefleiſchten Haß des Kaſtenmeiſters brachte darum gerade das entgegengeſetzte Reſultat von dem hervor, was Ernſt erreichen wollte. Denn nachdem Wahl eine geraume Weile hindurch, den Kopf in beide Hände geſtützt, grdankenvoll dageſeſſen und den Gaſt zerſtreut firirt hatte, ſagte er plötzlich mit veränderter, ge⸗ dämpfter Stimme:—„Das iſt Seine Raiſon, Musje Ernſt; ich aber ſag' Ihm: es gibt eine Feindſchaft, wo gerade das Nämliche, was einer dem andern an⸗ thut, das Rechte iſt und dem Feind am Meiſten zuſetzt. Weiter ſag' ich Ihm: wollt' ich das Ammychen dem Rudolph geben“— hier wurde ſeine Stimme feierlich und ſeine Züge nahmen den Ausdruck der höchſten Wort von mir, und die Heirath geſchähe, ſo wahr als ich den Falk haſſe bis in's Weiße von ſeinem Aug' hinein!“ Seine Hand zitterte, als er nach dieſer ſeltſamen Betheuerung das Glas mit Branntwein füllte, daſſelbe, ohne das Auge mit dem lauernden Glutblick von Ernſt zu wenden, langſam an die Lippen führte, um es in einem raſchen Zug zu leeren und dann durch's offene Fenſter in den Hof zu ſchleudern, wo es klirrend zer⸗ brach, worauf er mit lautem Lachen ausrief:„Sagt, das Glas ſey von Eiſen und der Schnaps, den ich trank, ſey Katzenmilch geweſen, aber ſagt nicht, daß der Konrad Wahl mit ſeinem Feind eines Sinnes ſch! Das iſt lange her, der Heinrich Falk weiß wie lang! Geh' er nur in den Herrnhof, Musje Ernſt, und frag' Er ihn ſelbſt;— mein Feind hat einen alten Kalender mit rothem Gockelhahn; ha! ha! darin ſteht's, wie lang's her iſt!“— Schwerfällig erhob ſich ſodann der Bauer von der Bank hinter'm Tiſch, drückte ſich die Pelzmütze auf's Ohr und ging mit plumper Gravität aus der Stube, ohne ſeinen Gaſt eines Wortes, eines Blickes weiter zu würdigen. „O weh, arme Ammy,“ ſeufzte Ernſt, von Ab⸗ ſchet und Grauen gegen den feindlichen Menſchen erfüllt, in deſſen rauher Seele der dämoniſche Haß längſt jede mildere Regung erſtickt hatte. Das Weſen dieſes Mannes hatte bei all ſeinen ſchlechten und häß⸗ lichen Eigenſchaften, bei all ſeiner grobſinnlichen Denkart und der Niedrigkeit ſeiner Bildungsſtufe doch etwas Ueberwältigendes und Impoſantes; und Ernſt athmete darum erſt frei auf, als er dem Hauſe des Kaſten⸗ meiſters den Rücken zukehren und wieder einem andern Menſchen in's offene ehrliche Auge blicken durfte. War das Beſitzthum des Kaſtenmeiſters Konrad Wahl, welches einſt zu den anſehnlichſten Bauerngütern von Altenhain gezählt hatte, verfallen und verkommen, ſo daß man überall in Haus, Hof und Stallung den traurigen Rückgang der ehemals wohlgeordneten Wirth⸗ ſchaft auf den erſten Blick merken konnte, ſo hatte dafür der ſogenannte Herrnhof ein um ſo freundlicheres Ausſehen und Alles darin verrieth den Wohlſtand und die Tüchtigkeit ſeines Beſitzers. Da war kein zerfallenes Mauerwerk, kein ſchadhaftes Dach, keine Wildniß von Brennneſſeln und Diſteln; überall gewahrte man die größte Ordnung, die muſterhafteſte Verwaltung, und ein einfach edler Sinn ſprach aus der ganzen Einrich⸗ tung. Darum galt aber auch der alte Heinrich Falk für einen eben ſo tüchtigen Haushälter, wie für einen erfahrenen und fleißigen Landwirth, und ſein ſchönes Beſitzthum gereichte dem ganzen Dorfe zur Zierde. 1 Freilich mochten's ihm Viele nicht gönnen und meinten, er verdanke ſeinen Wohlſtand weniger ſeinem Fleiß und ſeiner einfachen Lebensart, als vielmehr dem Wu⸗ cher und dem Geize; wer ihn aber näher kannte, der dachte beſſer von ihm und ſeinen Grundſätzen und hielt ihn für einen ehrlichen ſchlichten Mann, der nur immer ſtreng den graden Weg ging und Recht und Schuldigkeit weder an ſich noch an andern verletzt ſehen wollte. Es iſt wahr, ſein äußeres Weſen hatte etwas Zurückſtoßendes; er war unzugänglich und wenig mittheilſam; aber ein ſchlimmer Mann, oder gar tückiſch und laſterhaft wie ſein Feind, der Kaſtenmei⸗ ſter, war er darum noch lange nicht, ſondern im Gegentheil hatte, wer einmal ſein Zutrauen genoß, einen treuen, bewährten Freund an ihm; auch war er von friedliebender, nachgiebiger Gemüthsart, und der einzige Vorwurf, den man ihm vielleicht mit Recht machen konnte, beſtand darin, daß er die Frömmigkeit übertrieb und in Glaubensſachen zur Bigotterie hin⸗ neigte. Das legten ihm denn ſeine Feinde für Heu⸗ chelei und Scheinheiligkeit aus und beſchuldigten ihn, er ſey nur fromm, um dahinter ſeinen Eigennutz zu verſtecken, während die ihm Näherſtehenden recht gut wußten, daß es ihm um ſeinen ſtrengen Glaubens⸗ eifer hoher Ernſt war. Dieſe Andeutungen über Heinrich Falk werden . * genügen, um den auffallenden Kontraſt zwiſchen ſeinem Charakter und dem ſeines geſchworenen Feindes in's rechte Licht zu ſtellen. Die beiden Menſchen waren ſo grundverſchieden von einander, daß in der That kaum zu begreifen war, wie ſie es in dem einen unvertilg⸗ baren Gefühl des Haſſes zu dieſer merkwürdigen Uebereinſtimmung hatten bringen können; denn auch der fromme Heinrich Falk haßte ſeinen Nachbar auf's Tödtlichſte; und wenn er auch nicht, wie dieſer, ſeine Feindſchaft in rohen Wuthausbrüchen zur Schau trug, ſo gab er ihm doch an tiefnagendem Groll und Er⸗ bitterung nichts nach, und die Galle ſchoß ihm jedesmal über, ſo vft der Name des Gehaßten in ſeiner Gegen⸗ wart genannt wurde. Es war eben, als hätten ſich die beiden Menſchen einander ein Leid angethan, das keiner dem andern jemals vergeben und vergeſſen könne, und doch wußte Niemand zu ſagen, worin eigentlich die Urſache ihres tödtlichen Haſſes beſtand und was, zu ihrem und der ganzen Gemeinde Schaden, dieſen jahrelangen Groll bewirkt hatte. Ja, ſo grundver⸗ ſchieden in ihrer Natur waren die beiden Gegner, daß dieſelbe Feindſchaft, welche den einen im Laufe der Jahre grauſam, gottlos und laſterhaft gemacht, den andern zum religiöſen Schwärmer umgewandelt hatte; denn wahrlich, was der eine in wilden Flüchen von der Hölle, das rief der andere in glühenden Gebeten vom Himmel auf das Haupt des Feindes herab, und Fluch und Gebet wurden, ſo ſchien es wenigſtens, erhört, weil beide um dieſer räthſelhaften Feindſchaft willen ein unglückliches Leben führten und einer dem andern nicht die Luft gönnte, die ſie einathmeten. Das war der Konrad Wahl und war der Heinrich Falk, die ſo einander haßten, daß alle Leute des Dorfes mit in ihren Grimm hineingezogen wurden und die für den, jene für den andern Partei nahmen. Aber ſelbſt noch in ihrem beiderſeitigen Anhang zeigte ſich die Verſchiedenheit der feindlichen Charaktere; während zum Kaſtenmeiſter die Böſen und Verrufenen hielten, ſtanden die guten und rechtſchaffenen Leute auf Seiten Falks. So von Hütte zu Hütte wandelte der finſtere Engel des Haſſes durch's ganze Dorf und ſchrieb den Fluch der Zwietracht an jede Pforte. Nur zwei Menſchen waren es, über die der böſe Engel in Altenhain keine Gewalt bekommen konnte, deren Herzen vielmehr immer inniger, immer treuer für einander ſchlugen, je bitterer die übrigen Dorfbe⸗ wohner ſich anfeindeten und in Worten und Hand⸗ lungen dem ſchlimmen Beiſpiel derer folgten, welche zuerſt der Zwietracht Saamen ausgeſtreut hatten. Das waren die Kinder der beiden Männer, deren Feindſchaft wir ſo eben dem Leſer geſchildert haben, des Heinrich Falt einziger Sohn Rudolph, und des Konrad Wahl ſchönes Töchterlein Ammy. Seltſamer Doppelſinn des Schickſals! So pflanzeſt du in der Kinder Gemüth der Herzen innigſte Neigung, während die Väter ſich grimmig haſſen und verfolgen! So läßſt du an den Dornen der Zwietracht die Wunderblume der Liebe erbluhen und eineſt und ſcheideſt ſo in einer Len Freundliches und Feindliches! Und wahrlich, es war eine Liebe, ſo tief, ſo weit, wie der Abgrund, der ſie ſchied, und ſichtbar wuchſen ihrer Herzen Flammen in Eine zuſammen, je mehr der Väter feindliche Leidenſchaft ſie zu trennen und zu dämpfen ſtrebte. Nicht Zaun, nicht Graben trennte dieſe Liebe, und wie die zwei Ulmen in der feindlichen Nachbarn Höfen, trotz der hohen Mauer, ihr Gezweige in einander ſchlangen und heimlich im Abendwind mit einander kosten und flüſterten, ſo waren auch Rudolph und Ammy Eins in tieſſtillem Gemüthe, und weit über der Väter alten Haß hinaus ſchlang Treue ihren Arm ſchützend und ſchirmend um der Kinder junge Liebe. Rudolph war ein redlicher Sohn und hing mit unbegrenzter Liebe an ſeinem Vater; ja, hätte ihm auch der alte Falk durch ſeinen hartnäckigen Widerſtand gegen das Verhältniß mit Ammy das Herz gebrochen, er würde dennoch nicht aufgehört haben ihn zu ver⸗ ehren; ſo ſehr liebte er den ernſten, meiſt ſchweigſamen — 46— Mann mit dem ehrwürdigen Silberhaupt, der ſeiner⸗ ſeits keinen höhern Stolz kannte als dieſen Sohn, ſo 6 daß, wer dem Heinrich Falk ſeinen Rudolph lobte, damit gleich deſſen ganzes Herz gewonnen hatte. Anfangs achtete der Alte kaum auf des Jünglings erwachende Reigung zu dem ſchönen Nachbarskinde und Rudolph ſelbſt dachte vielleicht kaum einmal im Ernſte daran, wie verhängnißvoll dieſe Neigung für ihn werden könne. Ihm gefiel eben nur die ſchlanke, an⸗ muthige Ammy vor allen andern Mädchen des Dorfes, und der Väter Feindſchaft hielt ihn nicht ab, ihr freundlich zu begegnen, ſo oft ſie ſich zufällig einmal beiſammen fanben. Er ſah, mit welcher unverdroſſenen Sorge ſie, die noch ſo jung war, früh und ſpät dem Hausweſen ihres Vaters vorſtand, und wie ſie dabei ihren jüngern Geſchwiſtern die Stelle der liebevollen vin erſetzte; er ſah den harten Stand, den das ſile, ſunſte Mädchen dem rauhen Vater gegenüber hatte, und wie ſi doch vhne Murren, ohne Klagen ihr ſchweres Loos ſtandhaft ertrug. Wahrlich, Rudolph hätte nicht der brave gutherzige Menſch ſeyn müſſen, wenn Ammy's Schickſal nicht ſeine innigſte Theilnahme hätte erwecken ſollen. Aber wie geſagt, lange Zeit dauerte es dennoch, ehe das Bild des ſchönen Mädchens ihn noch lebhafter zu beſchäftigen anfing als das des unglücklichen und verlaſſenen, ehe er inne ward, daß dieſe — — anmuthige Erſcheinung eine eben ſo ſchöne reine Seele verklärte, die ſo recht nur für ihn und ſonſt keinen Menſchen in der Welt geſchaffen ſchien. Langſam, aber ſicher wuchs in ſeinem jugend⸗ friſchen, kräftigen Gemüth die Liebe zu dem Nachbars⸗ kinde auf; aus dem innigen Mitleid wurde allmählig innige Zuneigung, und plötzlich, eh' er noch recht wußte wie ihm geſchah, hatte ihn Ammy mit einem Blicke angeſehen, wie nie zuvor; tief in ſeiner Seele zündete dieſer zauberhafte 2 Blick und weckte in ihm alle Gluth der erſten reinen Jugendliebe. Von dieſem Augenblick an war Rudolph wie umgewandelt, alle Fröhlichkeit ſchwand aus ſeinem Herzen, und die ihn früher gekannt hatten und jetzt ihn wieder ſahen, merkten's ſogleich, daß ein tiefer Gram an ſeiner Seele nage, der ſeine Jugendkraſt zu zerſtören drohe. Er, der ſonſt ſo pünktlich das väterliche Gut verwaltet und ſich deſſen Gedeihen und Erhaltung eifrig angelegen hatte ſeyn laſſen, er vergaß auf einmal ſeine Geſchäfte, die ſeit⸗ herige Thätigteit wurde ihm zur Laſt und bald fehlte dem Ganz en überall die ordnende und leitende Hand, das wachſame Auge. Der Vater, der wohl ſchon früher die heimliche Neigung des Sohnes zu ſeines Feindes Tochter bemerkt hatte, fing an ernſtlich Ver⸗ dacht zu ſchöpfen und brachte endlich Rudolph durch dringendes Zureden zu dem Geſtändniß, daß er gerade — dasjenige Mädchen liebe, von welchem er wiſſe, daß es ihm ſein Vater am Wenigſten gönnen werde. Als der Jüngling den Namen Ammh nannte und zugleich mit einem theuren Schwur erklärte, daß er niemals von ihr laſſen werde, da verfärbte ſich der Alte und der Schrecken ließ ihn kein Wort der Gegenrede her⸗ vorbringen. Auch ſpäterhin ſprach er nicht mehr über dieſen Punkt, doch merkte Rudolph aus dem ganzen Benehmen des Vaters, daß derſelbe ſeine Herzensange⸗ legenheit Tag und Nacht 1 ſich herumtrug und ſeitdem nicht wieder heiter und zufrieden werden wollte. Schien er es doch faſt mit Aengſtlichteit zu ver⸗ en, mit dem Sohn allein zu ſeyn, und war von der Stunde an, da Nudolph ihm ſeine Liebe zu Ammy bekannt hatte, gegen ihn eben ſo zurückhaltend und wortkarg, wie gegen alle andern Menſchen. Ja, die gung des ſonſt ſo gutmüthigen und nachgiebigen Mannes gegen dieſe Liebe ging ſo weit, daß er ſich nicht einmal dazu verſt Einſpruch dagegen Autorität zwiſchen de zu treten; ein ſtiller, ſtummer Trübſinn war Alles, was er dem Glücke Rudolph's entgegenſetzte, und doch war auch das ſchon zu viel und unerträglich für ein ſo treues Sohnesherz. Rudolph fühlte endlich, daß eine letzte Entſchei⸗ dung in dieſer mehr als qualvollen Lage nöthig ſey, um entweder ein für allemal zum Ziele ſeiner heißeſten Winſche zu kommen, oder aber, und dies ſagte ihm ſein ahnungsvolles Herz, ein Verhältniß ſchnell und für immer zu löſen, das ſeinem Vater ſolches Herze⸗ leid bereitete. Ja, er war entſchloſſen, Ammy zu entſagen, wenn dies ſeines Vaters Wille ſeyn ſollte; vorher aber wollte er dieſen Willen kennen, und ſein Vorſatz ſtand darum feſt“, bei der erſten ſchicklichen Gelegenheit die Entſcheidung ſeines Glückes in des Vaters Hand zu legen. Er hatte Ammy dieſe ſeine Abſicht mitgetheilt und fand ſie bereit zu Allem, was ſein Vater in Betreff ihres Verhältniſſes beſchließen ſollte. Ja ſie ſelbſt ermuthigte den Geliebten noch zu dieſem Schritte; „denn,“ ſprach ſie mit Thränen im Auge,„er iſt nicht nur dein Vater, ſondern war auch einſt meiner Mutter Freier; und noch auf ihrem Sterbebette ſagte ſie zu mir; Hätt es Gott gewollt, daß ich Heinrich Falk's Frau geworden wäre, ich brauchte vielleicht noch nicht zu ſterben und hätte nimmermehr dieſes Elend erfahren. Siehſt du, Rudolph, das ſagte meine Mutter von deinem Vater, und darum ſollſt du auch um meinet⸗ willen mit ihm reden, da ich nun einmal keinen Vater habe, dem ich meine Liebe zu dir vertrauen könnte. Er 4 ſchlüge mich todt, ſäh' er mich hier bei dir am Zaune ſtehen, und nimmer dürft' ich ihm ſagen, was du deinem Vater bekennen ſollſt, daß wir uns lieben und nicht von einander laſſen wollen, außer wenn's Gottes Wille iſt, wie bei meiner armen Mutter und deinem braven Vater.“ Rudolph ſchlang über den Zaun, der die Nach⸗ barsgärten trennte, ſeinen Arm um Ammy's ſchlanke Geſtalt, zog ſie mit Innigkeit an ſein Herz und rief bewegt:„Nicht ſo, Ammy! Gottes Wille kann uns zwar trennen, wie er uns vereinigen kann, aber keine Macht der Welt wird dich oder mich zwingen können von einander zu laſſen, wenn nur unſere Herzen ſich treu bleiben. Mein Vater kann mir verbieten, dich, zu heirathen, und ich muß ihm folgen, wie's meine Pflicht iſt. Mehr aber kann er nicht von mir forder und nimmer wird eine andere mein Weib wie du„fo wahr als ich an meine Liebe wie an meine Seligkeit glaube!“—„Und ich, Rudolph ſchwöre dir beim Grabe meiner armen Mutter; die Ammy bleibt ohne dich ihr Lebenlang ledig!“ ſagte das Mädchen in feſtem Tone, und mit einem innigen Kuß beſiegelten ſie den Schwur ihrer Herzen, den Gott allein gehört hatte. Gott allein! Und doch wie ganz anders, als ſie's gedacht, ſollte ſich dieſer Schwur erfüllen! Die ganze Entſagung hätte er ihnen leicht gemacht, denn in ihr J lag ja zugleich ſeine ganze Erfüllung, und ihrer Liebe Muth würde in voller Reſignativn das Schwerſte ſtand⸗ haft ertragen haben. Aber eine halbe Erfüllung, ein halbes Entſagen, das hatte ihr Schwur nicht verſprochen und ihre Herzen würden's auch ſo nicht vermocht haben. Am folgenden Morgen trat Rudolph vor ſeinen Vater, dem ein Blick in des Sohnes feierliche Miene ſogleich deſſen Anliegen verrieth. Mit aller Leiden⸗ ſchaft und Wärme des Gefühls, wie es ihm die ent⸗ ſcheidende Stunde eingab, ſchilderte dieſer noch einmal ſeine Liebe zu Ammy und beſchwor ihn, ſeines Sohnes gunzes Lebensglück nicht der Feindſchaft gegen den Nachbar zu vpfern, was er thun würde, wenn er ihm un des feindlichen Vaters willen die gute fromme Tochter verweigere, deren Mutter er ja ſelbſt einſt geliebt habe. Bei dieſer Erinnerung an eine längſt entſchwundene Zeit ſchrak der alte Falk heftig zuſammen und Leichenbläſſe bedeckte ſein Antlitz. Rudolph, der des Vaters Erſchütterung bemerkte und ſie dem Eindruck zuſchrieb, den das Andenken an Ammy's Mutter auf ihn mache, ſuchte den günſtigen Moment zu nützen, indem er ihm die trefflichen Eigenſchaften ſeines Mädchens ſchilderte, das von dem hartherzigen Vater ſo Schreck⸗ 4* liches zu leiden habe, während er, obwohl der Sohn eines guten und redlichen Vaters, doch nicht minder unglücklich fey wie Ammy ſelbſt. „Verſagt ſie mir in Gottes Namen,“ rief er erſchüttert,„wenn Ihr's mit Eurem Vaterherzen fertig bringen könnt! Ich werde Euch gehorchen, wie es dem Sohne ziemt und Ammy aufgeben. Aber denkt dann immer daran, Vater, daß Euer Sohn das um Euret⸗ willen leidet, was ihm Euer ärgſter Feind ſelbſt nicht hätte anthun können.“—„Das ſollſt du nicht! beim allwiſſenden Gott, das ſollſt du nicht!“ rief der Alte, dem endlich des Sohnes Jammer das Herz rührte. Dann ſchritt er einigemal in heftiger Bewegung, vie Hände krampfhaft zuſammengefalten, in der Stube auf und ab, blieb zuletzt vor dem Sohne ſtehen und ſa in einer Erſchütterung, wie ſie Rudolph nie zuvor an ihm wahrgenommen, mit bebender Stimme: Hier haſt du mein Jawort, Rudolph, die Ammy ſoll dein werden, ſo weit ich ein Wort dazu mitzuſprechen habe. Führſt du ſie mir als dein Weib in's Haus, ſo will ich ſie wie meine geliebte Tochter ſegnen, und Gvit, der mich in Frieden ſo alt werden ließ und mich ſo oft wunderbar erhörte, er wird auch mein Gebet erhören, daß es euch beiden immerdar wohl ergehen möge auf Erden. Ich trete dir von jenem Tage an mein ganzes Beſitzthum ab und ſetze mich für den — 53— Reſt meiner Lebenszeit auf meinen Alttheil oben in die Stube, und ihr ſollt nimmer von mir ſagen, daß der Heinrich Falk ein ſchlimmer Vater ſey, det ſeinen Kindern nicht jedes Glück von Herzen gönne. Eins aber“— hier dämpfte ſich ſeine Stimme und ſeine Züge drückten einen ſchweren Seelenkampf aus— „Eins mußt du mir ſchwören, Rudolph, ſo wahr als dir deines Vaters graues Haar theuer und ſein Segen dir heilig iſt: Der Konrad Wahl darf niemals erfahren, daß ich eher meine Zuſtimmung zu dieſer Heirath gegeben habe, als bis er ſelbſt zuvor Ja geſagt und dir ſein Kind zugeſprochen hat. Das ſchwöre mir, ſo wahr ein Gott im Himmel lebt, der den Meineid ſtraft und die Treue belohnt.“ „Ich ſchwöre!“ ſprach Rudolph, ſonderbar ergriffen von der räthſelhaften Bedingung, an welche der Vater ſeine Einwilligung zu der Heirath knüpfte.—„Gut!“ ſagte der Alte tiefathmend und ſank faſt erſchöpft von der allzuheftigen Aufregung in den Seſſel nieder, indem er düſter vor ſich hinſtarrte;„gut, ſo geh' nun hinüber und freie bei dem Konrad Wahl um ſeine Tochter Ammy. Mein Segen iſt dir gewiß, und daß du weißt, was dein alter Vater für dich thut, ſo ſage ich dir, er betet zu Gott dem Allmächtigen, daß er das Herz ſeines ärgſten Feindes rühre, damit dieſer nicht des geliebten einzigen Sohnes beſtes Glück zer⸗ * ſtören möge! Fort! Fort! Rudolph— denk' an deinen Schwur, der Herr wird uns Allen gnädig ſeyn!“ Von Furcht und Freude gleich mächtig bewegt, verließ Rudolph den Vater, um ſogleich nach deſſen Willen zu Konrad Wahl hinüber zu gehen und bei dieſem ſeine Bewerbung um Ammy's Hand anzubringen. Wohl wußte er, welche Aufnahme ihm, dem Sohn des Feindes, dort bevorſtand; allein einmal ſeines eigenen Vaters Einwilligung gewiß, zweifelte der liebeglühende Jüngling nicht daran, daß es ihm, trotz aller Schwie⸗ rigkeit, zuletzt dennoch gelingen werde, auch Ammy's Vater zu bewegen und deſſen Einwilligung zu der Heirath zu erhalten; er haute dabei nicht wenig auf des Kaſtenmeiſters gänzlich ruinirten Vermögensverhält⸗ niſſe und ſchmeichelte ſich mit der Hoffnung, derſelbe werde gewiß einen ſo wohlhabenden Tochtermann nicht abweiſen, dem dereinſt das reichſte Gut im Dorfe zufiel. Als Rudolph in den Nachbarhof eintrat, ging der Alte gerade aus der Scheune nach dem Hauſe. Wie er Rudolphs anſichtig wurde, blieb er betroffen ſtehen und ſtarrte den Jüngling verwundert an. Dieſer nahte ihm, grüßte ihn freundlich und ſagte:„Guten Morgen, Nachbar Wahl. Ich hätte ein Anliegen an Euch und bitt' Euch darum in Freundſchaft, gönnt mir einige Minuten ruhig Gehör.“—„Was ſoll's?“ herrſchte ihn der finſtere Bauer unmuthvoll an. Ohne ſich durch dieſen unfreundlichen Empfang aus der Faſſung bringen zu laſſen, erwiderte der Jüngling mit dreiſter Offenheit:„Ich komme zuerſt zu Euch, Nachbar, da ich es nicht wagen durfte mich meinem Vater anzuvertrauen, bevor ich mit Euch geredet und Euere Willensmeinung gehört hätte. Denn mein Vater würde mich am Ende gar auslachen, wenn ich ihm dasjenige, was ich auf dem Herzen habe, eher ſagen wollte, als bis ich Eurer, Nachbar Wahl, ganz gewiß bin. Kurz und gut, meine Anfrage an Euch iſt die: Gefällt Euch der Sohn Eures Feindes beſſer als deſſen Vater, ſo nehmt mich zum Tochter⸗ mann an, gebt mir die Ammy, wie ſie geht und ſteht und Ihr ſollt für Euere alten Tage einen treuen Sohn an mir haben, der Alles, was ſein heißt, mit Euerem Kinde theilen will. Laßt Euch die Feindſchaft mit meinem Vater nicht tümmern fuhr Rudolph fort, als er bemerkte, wi lte die Stirne finſter und finſterer zuſammenzog meine Hand, Wahl, wenn Ihr mir die Ammh zur Frau gebt, ſo bin ich ſo gut Euer Sohn wie der des Heinrich Falk.“ Da lachte der Kaſtenmeiſter ſo wild auf, daß die Hühner im Hofe ängſtlich auf die Stange flogen und Nudolph ſelbſt ein Grauen anwandelte vor dem bös⸗ artigen Manne, der ſein theuerſtes Glück in der Hand hatte.—„Hol's der Henker, darüber läßt ſich ein Wort reden!“ rief der Alte mit widerlichem Hohn und betrachtete den Jüngling mit ſtechenden Blicken, die eben ſo viel lauernde Bosheit wie offenbare Schadenfreude ausdrückten.„Du begehrſt von mir die Ammy zur Frau und verlangſt weiter keine Mitgift als meinen Vaterſegen? Na, das läßt ſich ſchon an⸗ hören! Und wann meinſt du, daß die Hochzeit ſeyn ſolle?“—„Das habt Ihr zu entſcheiden, Vater Wahl,“ erwiderte Rudolph, dem trotz des verdächtigen Weſens des Kaſtenmeiſters ein Stein vom Herzen fiel; denn in ſeinem argloſen Gemüth hielt er das alles für des Alten rauhe Art und Weiſe, dachte an keine Tücke noch Verſtellung und wähnte ſich faſt ſchon am Ziele ſeiner Wünſche. Da drücte jener, wie wenn er über etwas nach⸗ ſinnen wollte, den Daumen gegen die Stirne und murmelte einige unverſtändliche Worte in den Bart: —„Auguſt— September— Oktober— recht ſo, ſeyn,“ ſagte er darauf. zur Bedingung ſetzen, von „Aber zweierlei muß ich dem ich nicht abgehe, und wenn mich hier gleich auf der Stelle der Schlag rühren ſollte. Dein Vater muß einwilligen, daß ihr am letzten Oktober getraut werdet, das iſt Nummer Eins; und dann, daß dein Alter mir vor euerer Hocheit in Gegenwart unſerer ganzen Freundſchaft die Hand reicht und laut und vernehmbar ———,S—— * 0 die Worte zu mir ſpricht:„Konrad Wahl, ich habe dir viel Schlimmes zugefügt, aber heut' retteſt du meine Seele aus der ewigen Verdammniß.“ Thut er das, ſo iſt die Ammy dein, und die Mitgift, die du nicht begehrſt, wird darum“— hier warf ſich der Bauer prahleriſch in die Bruſt—„Gott verdamm mich, nicht geringer ſeyn, als es der Konrad Wahl leiſten kann.“ Rudolph ſah den Alten erſchrocken an und aber⸗ mals grante ihm vor dem Blick voll Hohn und Rach⸗ ſucht, womit jener ihn betrachtete.„Ich verſteh' Euch nicht, Nachbar,“ ſtammelte er betreten;„mein Vater—“ „Wird ſchon beſſer verſtehen, wie ich's meine!“ fiel ihm Wahl lachend in's Wort, ſchlug dabei mit hellem Zungenſchnalzen die Hände klatſchend in einander, wie wenn er ſich ſelbſt das Handgelöbniß geben wollte, daß es bei dem Ausſpruch ſein Bewenden haben ſolle, und ging dann, ohne weiter auf die Beſtürzung ſeines künſtigen Tochtermannes zu achten, in's Haus. Voll banger Sorge und Ungewißheit verließ dieſer die feindliche Nachbarſtätte; denn noch räthſel⸗ hafter als die Bedingung, an welche ſein Vater die Einwilligung zur Hochzeit geknüpft hatte, erſchien ihm des Kaſtenmeiſters Forderung, und er war völlig außer Stande ihren dunkeln Sinn zu deuten oder ihren Zu⸗ ſammenhang mit ſeinem Liebesglück herauszufinden. Völlig niedergeſchlagen und rathlos erſchien er vor ſeinem Vater und hinterbrachte dieſem vas Reſultat ſeines Freiergangs in's Nachbarhaus. Der alte Falk hörte den Sohn, und was dieſer ihm von ſeinem Geſpräch mit dem Kaſtenmeiſter erzählte, mit Ruhe und ohne ſichtbare Verwunderung an; auch die ſonder⸗ bare Forderung des Feindes überraſchte ihn nicht, er lächelte nur leiſe vor ſich hin und ſchüttelte das Haupt über dieſe widerſinnige Bedingung. Als Rudolph ſeinen Bericht geendet hatte, drückte ihm der Vater voll Mitleid die Hand und ſagte be⸗ wegt;„Da ſiehſt du's nun ſelbſt, was ich zum vor⸗ aus wußte; der drüben legt dir einzig und allein den Balken in den Weg, nicht dein treuer Vater, wie du vorhin meinteſt. Hier iſt nichts mehr zu machen, als daß du dich in Geduld dem unerforſchlichen Willen deines Herrgottes unterwirfſt und die Ammy aufgibſt. Es iſt mir nun ganz klar, was ich längſt vermuthete: Der Kaſtenmeiſter leidet am Säuferwahnſinn und weiß weder mehr was er ſpricht noch was er thut. Ich ihm meiner Stele Rettung verdanken— ihm, dem ſchlechteſten Menſchen unter Gottes Sonne! Als hätte ſeine Feindſchaft mich um mein Seelenheil gebracht und ſeine Freundſchaft gäbe mir's zurück! Nein, Rudolph, um dieſen Preis kann dein Vater dir die Ammh nicht gewähren; ich haſſe zwar den Wahl — als einen bösartigen verruchten Menſchen, dennoch wollt' ich ihm, hätt' er eingewilligt, die Hand der Verſöhnung reichen. Aber meine Seele—“ hier zit⸗ terte ſeine Stimme vor innerer Erregung und er faltete andächtig die Hände—„die hab' ich von meinem Schöpfer empfangen und hoffe ſie ihm dereinſt rein und durch dieſes Lebens Prüfungen geläutert zurückzugeben.“ So war denn das Schickſal dieſer ſtillen Dorf⸗ liebe ſchnell und furchtbar entſchieden und zwei treue Herzen ſollten um einer unſeligen Feindſchaft willen den ſchönſten Traum ihrer Jugend für immer auf⸗ geben. Nichts glich dem Schmerz, der Verzweiflung der beiden Liebenden, als ſie ſich ſo der letzten Hoff⸗ nung ihrer Vereinigung— und wann hätte ſelbſt die hoffnungsloſeſte Liebe nicht noch gehofft!— für immer beraubt ſahen. Zwar trugen ſie ſtill ihr Leid in grambewegter Bruſt; aber ſey es nun, daß ihr Un⸗ glück ſich in ihren Blicken und Mienen kund gab, ſey es, daß der Kaſtenmeiſter, um dieſen Triumph über ſeinen Feind zu feiern, kein Geheimniß aus Rudolphs Bewerbung machte; bald kannte das ganze Dorf die traurige Liebesgeſchichte der beiden Nachbarskinder und „alle guten Leute hatten das innigſte Mitleid mit ihnen. — 60— Man fand es unbegreiflich, daß die feindlichen Väter nicht den ihnen vom Himmel ſelbſt gebotenen Wink zur Verſöhnung benutzt und ihrem langjährigen Hader mit der Ehe ihrer Kinder ein glückliches Ziel geſeh hatten; das eigenthümliche Verhältniß, unter welchem Rudolph und Ammy ſich liebten, erhöhte noch das Intereſſe an ihrem traurigen Schickſal, und ſelbſt manches rauhe Gemüth empfand nun erſt doppelt den Fluch dieſer Feindſchaft, die nicht nur ganz Altenhain in zwei feindliche Parteien ſpaltete, ſondern ſelbſt die Kinder, die einzigen faſt, die bis jetzt von der Zwie⸗ tracht der beiden Nachbarn nicht berührt worden waren,* von einander trennte und unglücklich machte. Ammy hatte von ihrem harten Vater von dem Tage an, da Rudolph bei dieſem um ihre Hand an⸗ hielt, noch mehr zu leiden als zuvor; und ſie hätte dieſes gequälte und mißhandelte Daſeyhn nimmer S tragen, wenn es für ſie nach dem Verluſt des Ge⸗ liebten überhaupt noch eine Noth und Drangſal gegeben hätte. So aber war der Schmerz der jungen Seele Demantſchild, an dem alle Kränkung des rohen Vaters abprallte, der ſie beſtändig auf jede erdenkliche Weiſe es entgelten ließ, daß des Feindes Sohn ſie zu lieben und um ſie zu freien gewagt hatte. Eben ſo ſchwer, wenn auch weßiger ſtandhaft, trug Rudolph an ſeinem herben Looſe, obgleich der Vater keine Schuld daran . hatte und ſelbſt alles aufbot, den niedergeſchlagenen Muth des Sohnes wieder aufzurichten. Umſonſt! der Gram und Ammy's Verluſt nagte wie ein Wurm an ſeinem jungen Leben und legte über ſeine ſonſt ſo glückliche Jugend einen düſtern Grabesſchleier. So trugen beide das gemeinſame Leid, und län⸗ gere Zeit mieden ſie ſelbſt einander und gingen ſich aus dem Wege, wie wenn es jedem nur im Entfernt⸗ ſcyn vom andern möglich wäre, ſich aufrecht zu erhalten, nicht anders, als wenn bereits der uner⸗ bittliche Tod zwiſchen ſie getreten ſey und eins das an⸗ dere am Liebſten als geſtorben beweinen möchte. Das aber eben iſt die wahre Liebe, die kein Scheiden und Meiden kennt, auch wenn Meere ſie trennen und die feindlichen Geſchicke der Welt ſich wie Alpen zwiſchen ſie und ihre Sehnſucht thürmen. Nur ſie ſelber legt ſich dann die Binde der Täuſchung vor die Augen und beweint ihr Liebſtes als todt und dahin, nur um nicht im Auge des andern den furchtbaren Gedanken zu leſen, daß auch der geliebte Gegenſtand noch lebt und athmet wie ſie ſelber— in der gleichen Ent⸗ ſagung. Auf Rudolphs ſonſt ſo offenen und ſanften Charakter äußerte das gänzliche Fehlſchlagen ſeiner ſchönſten Hoffnung einen keineswegs günſtigen Einfluß; er wurde, je tiefer er ſich in ſeinen Gram, ſeine Her⸗ zensmuthloſigkeit verſenkte, immer ernſter, immer ab⸗ geſchloſſener; kein Lächeln der Heiterkeit kam mehr über ſeine Züge, er fing an, erſt die fremden und ſpäter auch die bekannten und befreundeten Menſchen ängſtlich zu meiden, und war am Liebſten da, wo er ſeinen düſtern Betrachtungen ungeſtört nachhängen durfte. Die Jagd war das einzige, woran er noch ein Wohlgefallen zu finden ſchien, und oft durchſtrich er tagelang, mehr ſelber ein von ſeinem Schmerze gehetztes Wild als daß es ihm um Jagdbeute zu thun geweſen wäre, die großen Wälder, ließ daheim den Vater mit den Knech⸗ ten für die Landwirthſchaft ſorgen und ſuchte ſeinen letzten Troſt in der einſamſten Einfamkeit des Ge⸗ birges. Die Natur der Heimath entſprach ſeiner düſtern Herzensſtimmung; denn dort in den alten Wäldern, oder auf den öden Haiden gewöhnt ſich der Menſch, dem das Leben Frieden und Befriedigung verſagt, leicht an ein Daſeyn ohne Freude, ohne Hoff⸗ nung; die Natur ſelbſt ſenkt in ſein Gemüth den Eindruck des Schauerlichen und Vereinſamten, und je empfänglicher der Sinn iſt, der ſich ihr in ſeinem Schmerze hingibt, um ſo tiefer übt ſie ihre Wirkung auf das trauernde Gemüth.. So lag er oft ſtundenlang, die Flinte zur Seite, auf einem Felſen, ſtarrte unverrückt in die düſtern Waldſchatten hinunter und ſchreckte aus den Träumen 6— ſeiner ſtummen Trauer auf, wenn der Schrei eines wilden Vogels oder ein Unkenruf aus dem nahen Moore ſein Ohr berührte. Aus dem Waldbach löſchte er ſeinen Durſt und ein Stück trockenes Brod ſtillte ſeinen Hunger. Er gewöhnte ſich ſo ſehr an dieſes unſtete Leben und Umherirren in der wilden Gebirgs⸗ natur, daß ſich mehr und mehr, ihm ſelber nie die Fäden lösten, die ihn noch mit der übrigen Welt verknüpften und ſeine Seele ſich immer tiefer in den Schatten einer gramesdunkeln Traumwelt verlor. Kehrte er dann am ſpäten Abend nach dem Herrnhof zurück und er ſah noch Licht in des Vaters Stube, ſo harrte er lieber draußen vor dem Thore, bis das Licht er⸗ loſch, ehe er es über ſich gewann, vor des Vaters ehrwürdiges Antlitz, unter ſeinen betümmerten, tief⸗ forſchenden Blick zu treten. Gerade daß der Alte ihn ruhig gewähren und gehen ließ, war die Urſache, daß Rudolph ſeine Nähe ſcheute, da ihm die moraliſche Kraft fehlte, ſich ſeinem verzehrenden Trübſinn zu entreißen und wieder zu ſei⸗ nen Pflichten und Obliegenheiten von früher zurück⸗ zukehren. Er liebte den Vater noch ſo innig wie ſonſt; wußte er ja doch, daß dieſer Alles gethan hatte, was in ſeinen Kräſten ſtund, um ihm zu Ammys Beſitz zu verhelſen; allein eben dieſer Gedanke war es, der ſeinen Stachel beſtändig von Neuem gegen Ru⸗ — 64— dolphs Bruſt kehrte, denn er fühlte ſich ſo großer Güte unwerth, und doch beſaß er weder den Muth noch die Kraft zur Umkehr von den dunkeln Bahnen ſeiner Schwermuth, und der Entſchluß, dieſem traurigen Leben lieber ein freiwilliges Ende zu machen als es in dieſer nutzloſen Weiſe länger fortzuführen, faßte in ſeinem Gemüthe immer tiefere Wurzel. Da ergriff plötzlich wie ein Lichtſtrahl in dunkler Nacht, der noch einmal ſeinen ganzen Lebensmuth ent⸗ zündete, ein Gedanke ſeine Seele, den er ſofort aus⸗ zuführen beſchloß, der letzte Weg aus dem unglück⸗ ſfeligen Verhängniß für ihn und Ammy. Er hörte nämlich, daß im künftigen Frühjahr eine benachbarte Dorfgemeinde nach Amerika auswandern wolle, und ſogleich war ſein Plan gefaßt, ſich mit Ammy dieſen Leuten anzuſchließen und in der neuen Welt ein Glück zu finden, das er bereits in der alten für immer ver⸗ loren gegeben hatte. Ja, in Amertka wollte er ſein geliebtes Mädchen beſitzen; dort, wo kein feindlicher Vater ſeiner Liebe mehr im Wege ſtand, dort, wo weite Meere ihn von der Stätte ſeines ſeitherigen Mißgeſchickes trennten. Von dieſem Augenblick an war Rudolph ein anderer Menſch, und als gar erſt Ammy, der er vei der nächſten Gelegenheit ſeinen Plan mittheilte, ohne Bedenken ja ſagte, hatte er auch die letzte Sorge überwunden, und von Neuem 65 knüpfte das lebendige Vertrauen auf Gottes rettende Hand das ſchon ſo gut wie für immer gelöste Band der beiden treuen Herzen. Fortwährend beobachteten ſie zwar äußerlich das ſeitherige Benehmen und ſchienen ſich kaum mehr zu kennen; beide ſpielten die Rolle der⸗ durch Gottes und der Menſchen Wille für immer von einander Geſchiedenen ſo gut, daß Niemand Verdacht ſchöpfte, geſchweige denn ein fortdauerndes geheimes Einverſtändniß errieth. Aber in der Stille der Nacht, die des Argwohns und der Feindſchaft lauerndes Auge ſchloß, ſahen ſich Rudolph und Ammy bald hier, bald dort; ſie oder er wußten immer ein noch ſichereres Plätzchen als das vorige Stelldichein, und zuletzt, als der Mond durch ſeine Helle in Hof und Garten jeden Winkel unſicher machte, fand Rudolph einen Ort, wo ſchwerlich ein Menſch ſie geſucht haben würde, ſelbſt wenn er ſie dort ſicher zu finden gewußt hätte. Das war der Tannenſtein im Walde, verrufen und gemieden um des unheimlichen Gaſtes willen, der dort ſeit vielen Jahren hauſen ſollte; denn am alten Gemäuer herum ſpukte ja zur Nachtzeit der blaſſe Förſter Friedrich, der „Tannenſchütz“ geheißen, der abergläubiſchen Menſchen Schreckgeſpenſt, nun aber einer treuen ſtillen Liebe ſchützender Genius. c 56 Auch im Pfarrhaus hatte die tragiſche Liebesge⸗ ſchichte von Rudolph und Ammy Herzen gefunden, die das Schickſal der jungen Leute aufrichtig beklagten und innigen Antheil daran nahmen. Die junge Pfarrerin intereſſirte ſich auf das Lebhafteſte für Ammy, und beide verkehrten mit einander wie zwei Freundin⸗ nen, die kein Geheimniß unter ſich haben. Rudolph beſaß Burkhards herzliche Zuneigung, der ihn nicht nur um ſeines trefflichen Charakters willen liebte, ſon⸗ dern auch ſeinen gebildeten Verſtand und ſeine tüch⸗ tigen Kenntniſſe in praktiſchen Wiſſenſchaften zu ſchätzen wußte. Der Pfarrer ſowohl wie ſeine Frau hatten ſich alle erdenkliche Mühe gegeben, die Hinderniſſe zu beſeitigen, welche der Vereinigung der ihnen ſo lieb⸗ gewordenen Menſchen im Wege ſtanden; aber alle ihre Verſuche waren an dem ſtarren Sinne von Ammys Vater geſcheitert, und zulctzt mußten auch ſie ihre Theilnahme an dem Loos der beiden auf's Tröſten und Ermuthigen beſchränken. Auguſtens Ankunft in Altenhain und ſpäter Ernſts Anweſenheit brachten mancherlei Zerſtreuung und Störung in das pfarr⸗ häusliche Stillleben. Rudolph, der, wie wir ſahen, nur noch in der Einſamkeit Troſt ſuchte, war ſchon lange nicht mehr dort geſehen worden; auch Ammh kam nur noch ſelten dahin. Man hielt im Pfarrhaus die Sache für abgemacht und vertraute der alles in * dernden Zeit, daß ſie auch dieſe Wunden endlich heilen werde. Da aber eines Tages der alte Heinrich Falk, dem ſeine Sorge um den geliebten Sohn keine Ruhe ließ, zu Burkhard kam, um dieſem mit erſchüttertem Herzen ſeinen Kummer zu klagen und deſſen Rath zu erbitten, erwachte im Pfarrhaus von Neuem die Theilnahme an dem ſchon halb vergeſſenen Schickſal der beiden Lie⸗ benden, und als man Abends beiſammen ſaß, erzählte Burkhard den übrigen ſeine Unterredung mit dem alten Falk. Man rathſchlagte nun hin und her, wie man es anfangen ſollte, um Rudolph ſeiner Schwer⸗ muth zu entreißen; noch einmal machte die Pfarrerin Plane, des Kaſtenmeiſters unbeugſamen Sinn umzu⸗ ſtimmen, aber der Pfarrer ſchüttelte zu hll ihren Vor⸗ ſchlägen den K Kopf und ſagte:„Auf dem ſeitherigen Wege iſt hier nichts zu machen. Wir alle, und Ernſt zuletzt, haben uns überzeugt, daß der Konrad Wahl weder durch Güte noch durch Vernunft zur Nachgie⸗ bigkeit zu bringen iſt; ja, ich fürchte beinahe, wir haben durch unſer Drängen und Einreden den Wider⸗ ſtand in dieſem harten Gemüthe nur noch unbeugſamer gemacht. Der Menſch iſt ſchlecht, grundſchlecht, und ſein Haß gegen den Nachbar entſpricht ſeinem übrigen Charakter Wenn ſolch ein raffinirter Bauer einmal guf ſeinem Willen beſteht, ſo mag cher das Himmels⸗ 68— 8 gewölbe einbrechen, als daß er ſich etwas davon ab⸗ dingen läßt.“ „Man ſollte gar nicht denken,“ nahm Ernſt das Wort,„daß Menſchen, die auf der unterſten Stufe der Bildung ſtehen und ſich ihr ganzes Leben lang in den allerbeſchränkteſten und einfachſten Verhältniſſen bewegen, in einem einzigen Gefühle wieſe ſeltene Aus⸗ dauer beweiſen. Die Feindſchaft zwiſchen den beiden Nachbarn erinnert mich unwillkührlich an die corſiſche Blutrache, nur daß dort Dolch und Flinte ſchnell vollenden, was hier durch Jahr und Tag in Tücke und unüberwindlichem Abſcheu ſortbeſteht. Sagt mir nur in aller Welt, was kann zwei Bauern von dieſer ganz verſchiedenen Gemüths⸗ und Denkart ſo heftig gegen einander aufbringen, daß die Luſt am Haß faſt noch größer ſcheint als der Haß ſelbſt, wie wenn nicht ſowohl eine äußere Urſache als vielmehr eine innere Naturnothwendigkeit, wenn nicht gar der Ein⸗ fluß eines tückiſchen Zauberers, ſie zu dieſer räthſel⸗ haften Feindſchaft aufſtachelte! Sie prozeſſixen nicht mit einander, ſie reden kaum von einander, Niemand kennt den Grund ihrer räthſelhaften Erbitterung und doch haſſen ſie ſich ſo grimmig, als ſey ihre beider⸗ ſeitige Eriſtenz von dieſem Haſſe bedingt.“ „Ihre Feindſchaft hat mir ſchon piel zu denken gegeben,“ erwiderte Burkhard,„und pſychologiſch hat 5 ſie für mich ein hohes Intereſſe. Die Verſchiedenheit dieſer feindlichen Charaktere iſt ſo groß, daß eher Waſſer und Oel zuſammengehen würden als unſere beiden Nachbarn. Der eine faſt von guäkerhafter Einfachheit, ſanft, mäßig und in ſeiner Glaubens⸗ richtung an den Pietismus ſtreifend; der andere roh, ſinnlich, grauſam, und aller Gottesfurcht baar und ledig, wo liegt da der geheimnißvolle Knoten, der dieſe beiden Feinde zuſammenhält und ihrem Haſſe die dämoniſche Gewalt verleiht? So lange ich den Wahl und den Falk kenne, hat ihre Abneigung gegen einan⸗ der von Jahr zu Jahr zugenommen und nichts war im Stande ſie zu einer Annäherung zu bewegen. Selbſt das gemeinſame Unglück, das doch ſonſt die Antipathien der Menſchen mildert, ſchied ſie nur noch ſchroffer; wie denn bei dem letzten Wolkenbruch vor vier Jahren, der faſt unſere ganze Gemarkung verwü⸗ ſtete, der Kaſtenmeiſter ſich über den erlittenen Schaden erſt dann beruhigte, als er hörte, daß des Feindes Felder noch ärger mitgenommen wären als die ſei⸗ nigen.“ Die Pfarrerin ſagte:„Aber iſt nicht die Liebe zwiſchen Rudolph und Ammy faſt eben ſo wunderbar und räthſelhaft als der Väter Feindſchaft? Kann man ſich etwas Rührenderes und Reizenderes zugleich denken als dieſe Treue, dieſe Hingebung zweier Men⸗ ſchen, die doch unter dem unmittelbaren Einfluß jener unheilvollen Feindſchaft aufgewachſen ſind? Von früh auf hörte jedes von ihnen aus dem Munde des Vaters nur Schlimmes und Gehäſſiges über den Vater des andern; Ammy wußte von Rudolph, wie Rudolph von Ammy nur Böſes und Feindliches; es dürfte alſo kaum Wunder nehmen, wenn unter ſolchen Einflüſſen der Haß der Väter auf die Kinder fortgeerbt wäre; und was ſehen wir ſtatt deſſen? Wie die reine Waſ⸗ ſerlilie im ſumpfigen Moraſte, ſo erblüht aus dem unverſöhnlichen Haß der beiden Alten die herrlichſte poeſiereichſte Liebe, ja dieſe Feindſchaft ſcheint für die jungen Leute nur vorhanden, um auf ihrer dunkeln Folie das hellſte Bild von Treue und Unſchuld zu zeichnen; eines findet bei näherer Bekanntſchaft das andere ſo liebenswerth, daß die künſtlich genährte Ab⸗ neigung ſich vlötzlich in ihr entſchiedenſtes Gegentheil verkehrt und die Freude über dieſe unerwartete Ent⸗ deckung ihrer innigen Stelenharmonie ſchnell die herz⸗ lichſte Zuneigung bewirkt. Ammy erzählte mir ein⸗ mal, Rudolphs Bild ſey ihr von der Stunde an ins Herz gekommen, da deſſen Vater, der alte Falk, ſie urz vorher ſo feindlich angeblickt, daß ſie nur in dem Gedanken an den Sohn Troſt und Beruhigung habe finden können.“. „Da ſiehſt du nun,“ wandte ſich der Pfarrer zu „ der Schwägerin,„daß unſer Vogelsberg ſo gut ſeine romantiſchen und tragiſchen Liebesgeſchichten hat wie eure Reſidenz; ja wer weiß, ob hier nicht mehr wahre Poeſie und Schwärmerei der Herzen gefunden wird als dort, wo die Liebe meiſtens zu den faſhionablen Aben⸗ teuern und kaufmänniſchen Spekulationen zählt, und im beſten Falle Gvethe und Schiller, im ſchlimmſten Matthiſſon und Clauren die Stichwörter dazu her⸗ geben müſſen.“—„Deine Frau hat ſehr recht,“ ſagte Ernſt,„wenn ſie das Verhältniß zwiſchen Ru⸗ dolph und Ammy eben ſo eigenthümlich und räthſelhaft findet, als die Feindſchaft der beiden Alten. Denn das wirſt du mir zugeben, daß die romantiſche Liebe, wie wir ſie hier repräſentirt ſehen, in eurem Vogels⸗ berg eben ſo ſelten iſt wie ſonſtwo in der Welt. Aber das Beſondere hat dieſes intereſſante Verhältniß, daß es ſich aus den dem Ideale feindlichſten Gegenſätzen entwickelte und darum unſer doppeltes Intereſſe erweckt. „Ich wolite auch nur ſagen,“ erwiderte der Pfarrer,„daß die Liebe in ihrer ppetiſchen und inten⸗ ſiven Kräft nicht der durch ein höheres Leben und Bildung gewonnenen idealen Anſchauung bedarf, um in gleicher Romantik und Innerlichkeit zu beſtehen,„. wie es ſonſt nur bei dem geiſtig gebildeten Menſchen der Fall iſt; ſo wenig als der Haß, der zwiſchen den beiden feindlichen Nachbarn einen Höhegrad erreicht, „ — 73— Beſonderes und behauptet im Schönen wie im Häß⸗ lichen ſeine urſprüngliche Charakteriſtit. Zerfahrenheit kennt der Bauer nicht, ſo wenig als Weltſchmerz und Zerriſſenheit. Darum werden aber auch die übrigen Stände der Geſellſchaft ſich immer in einem ſchroffen Gegenſatz zu ihm befinden, während er ſelbſt ſo wenig von ihnen und ihren glücklicheren Zuſtänden wiſſen will, daß er ſie trotz ſeiner Armuth, ſeiner Niedrigkeit und Entbehrung herzlich verachtet und nimmer mit ihrem Looſe tauſchen würde.“ „Ihr habt hier aber auch noch ächtes Bauernvoll⸗ blut,“ fagte Ernſt,„und man kann weit in Deutſch⸗ land herumſuchen, che man einen Menſchenſchlag von dieſer rauhen Zähigkeit und Charaktereigenthümlichkeit antrifft, wie unſern Vogelsberger Bauer. Ich ſah einmal einen in London, der auf der Straße Beſen ausrief; hatte der Kerl nicht eine Stimme, ſo laut und ſeltſam, daß plötzlich, mitten im Volksgewühl der“ Weltſtadt, der Vogelsberg mit ſeiner ganzen barocken Urweltlichkeit vor mir lag, ſo mächtig wirkte der hei⸗ mathliche Ruf:„Kaaft Beſe, ſchine Beſe!“ auf meine Phantaſie.“ „Das iſt wahr,“ brach jetzt Auguſte lachend ihr ſeitheriges Schweigen;„urweltlich genug iſt dieſes Volk, und ſeine Sprache wie ſeine Sitten und Be⸗ griffe erinnern lebhaft an die Geſchichten von den alten . der in pſychologiſcher Hinſicht eben ſo merkwürdig er⸗ ſcheint. O ihr glaubt nicht, wie gerade im gemeinen Volke das rein Menſchliche in ſeinen guten und ſchlim⸗ men Seiten vft viel großartiger und poetiſcher zu Tage tritt wie dort, wo das Leben der ſogenannten gebil⸗ deten Stände mit ſeinem Lurus, ſeinen Rückſichten und Formen die urſprüngliche Naturanlage und Indivi⸗ dualität verwiſcht und den angeborenen Charakter oft in ſein gerades Gegentheil verkehrt. Zwar an In⸗ telligenz, an Gefühlsverfeinerung und ſogenanntem objektivem Bewußtſeyn wird uns der Bauer immer nachſtehen; ſelbſt da, wo er ſich über ſeine Sphäre zu höheren Gefühlen und Anſchauungen erhebt, wird ſeine rauhe Schwielenhand jenes zarten Taſtſinnes entbehren, womit wir philoſophiſch⸗kritiſch äſthetiſch durchweichten Menſchen unſer Seelenleben an ſeinen geheimſten Pulſen befühlen und die Schläge zählen, die uns dieſe oder jene Empfindung koſtet; aber dafür findet man unter'm Volke ungleich mehr Originalität, ungleich mehr natürliche Charakterentwicklung, und was einmal in einer kernhaften Bauernnatur Wurzel gefaßt hat, iſt ſchwer wieder auszureißen; es wächst und wächst fort, und wird's auch kein ſchlanker Frucht⸗ baum und keine anmuthige Palme, ſo wird's doch eine knorrige Steineiche, die den Stürmen trotzt und den Wettern. Immer aber iſt's etwas Ganzes und Deutſchen in Bärenhäuten. Wenn ſo ein Bauer ſagt: „Wu dann?“ klingt's faſt wie„Wodan“ und ſein rauher Gruß„Guure Tak!“ kratzt Einem ordentlich in der Kehle. Hat doch neulich unſer Nachbar Hann⸗ juſt mir ganz ernſthaft erzählt, ſein Stier rufe ihn immer beim Namen, wenn er hungrig ſey.“ „Das Schrecklichſte an den Leuten iſt ihr Aber⸗ glauben,“ ſagte die Pfarrerin.„Wenn es wirklich ſo viele Geſpenſter, ſo viele Heren und Kobolde gäbe, wie unſere Vogelsberger meinen, ich hielte es keine acht Tage hier aus. In jeder Katze, die Abends beim Dämmerſchein über'n Weg ſpringt, ſehen ſie ein altes Weib, jeder Uhu iſt ein Todesbote, in der Luft ſelbſt heulen und winſeln böſe und geplagte Geiſter und an jedem Kreuzweg kauert Nachts eine Hexe und lauert hinter'm Dornſtrauch auf eine arme Seele. Die Spinne im Kuhſtall, das friedliche Heimchen in der Lehmmauer, ja ſelbſt der Rauch im Schornſtein haben ängſtliche, unheimliche Bedeutung; der Alp hockt ſich in Geſtalt eines grauen Zwerges Nachts den Schla⸗ fenden auf die Bruſt; bis in die Eingeweide hinein dringen die zwickenden Unholde, und ſchon mancher feindliche Kobold ſetzte ſich tückiſch in einem hohlen Backenzahn feſt und quälte und marterte dort„recht⸗ ſchaffen“ ſein Opfer, bis ihn ein Nagel aus einem vermoderten Sarge wieder daraus vertrieh.“ — 75— „Und doch iſt auch dieſer Aberglaube ein Lob für den Bauer, erwiderte Burkhard lächelnd.„Er erſetzt ihm die Poeſie, und die unheimlichen Spinnſtubenmähr⸗ chen, die das Volk Winters beim flackernden Kienſpan dichtet, bergen oft unter dem Gewande der Geſpenſter⸗ furcht gar geſunde und wahre Empfindungen. Der Vogelsberg mit ſeiner wildromantiſchen Natur voll einſamer Schauer und düſterer Eindrücke iſt ſo recht eigentlich der Tummelplatz allet möglichen Geſpenſter, und der lange öde Winter zumal mit ſeinen Entbeh⸗ rungen und ſeinem Ungemach führt von ſelbſt die Einbildungskraft in jene abenteuerlichen Regionen des Spukhaſten und Ueberſinnlichen. Je rauher und un⸗ wirthbarer die Natur, um ſo mehr Geſpenſter und Kobolde. Es„wannert,“ ſagt der Vogelsberger Bauer, wenn er einen Spuk bezeichnen will, und in dieſem Worte liegt in der That ein recht unheimlicher Begriff, der die wirkliche Thätigkeit unſichtbarer Geiſter be⸗ zeichnet. Und„wannert's“ nicht ſelbſt ganz in unſerer Nähe? Denkt nur an den Tannenſtein oben im Walde; dort hängt auch ein dunkler Aberglaube ſeit vielen Jahren am alten Gemäuer feſt und will nicht von der grauſen Mordſtelle entweichen. Ja, der Tannen⸗ ſchütz, der ſich Nachts dort ſehen läßt, iſt ſo recht eigentlich der Repräſentant unſerer Spukwelt, und um ihn gruppirt ſich, wie um den Helden eines Schauer⸗ ſtücks, das ganze übrige Geſpenſterperſonal. Und doch hat dieſer Schemen einmal wirklich Fleiſch und Blut gehabt, iſt ſo zu ſagen ein hiſtoriſches Geſpenſt und ſein Spuk datirt unmittelbar aus der Wirklichkeit. Er iſt trotz des Aberglaubens, der ihn mit dieſem grauenvollen Nimbus umgab, ein gar tiefſinniger Geſell, ein Stück Hamlet, und wie dieſer brütet er beſtändig über dem furchtbaren Gedanken einer ungeſühnten Blutſchuld. Hier fällt das Rechtsbewußtſehn des Volks mit der Geſpenſterfurcht in eine dunkle nebelhafte Viſion zu⸗ ſammen; denn der Tannenſchütz repräſentirt uns neben dem Wahn, der ihn ſchuf, auch den Glauben an eine ewige Vergeltung; er repräſentirt uns zugleich das ſchwer beleidigte und noch nicht geſühnte Geſetz, und ſo lange der Tannenſchütz im Hohlweg„wannert,“ wird das Auge des allwiſſenden Gottes feſt auf ſeinen Mörder gerichtet ſehn. Aberglaube iſt das freilich, aber Glaube iſt doch dabein „Gewalt hat das Geſpenſt auch bei hellem Tage,“ ſagte Ernſt und beſchrieb dann den Zuhörern ſeine Empfindung des Schauers, der ihn bei ſeinem neulichen Beſuch des Tannenſteins angewandelt, und wie das Raſcheln einer Eidechſe im dürren Laube ihn faſt von dannen geſcheucht habe. Da ſagte der Pfarrer nach einer Pauſe in einem Tone, dem man das innere Erregtſeyn anhörte:„Es iſt ſchon ein Geſpenſt, ſich zu denken, daß eine B. That ohne Namen und ohne Sühne bleibt. Aber der Tannenſchütz hat neben dem Grauen, das er einflößt, noch eine andere unheilvolle Bedeutung, an die ich glauben muß, weil ich den Beweis davon ſchon mehr⸗ mals miterlebt habe. So voft er zeigt, kann man ſicher ſeyn, daß bald nachhtin Altenhain ein Unglück paſſirt, und zwar nicht ein vereinzeltes, ſondern eines, das mehrere Menſchen, ja häufig die ganze Gemeinde zugleich betrifft. Es iſt wirklich ſo, der Tannenſchütz hat es auf uns abgeſehen.“— „Schade, daß Müllner oder Houwald nicht mehr leben!“ ſagte Ernſt;„das wäre ja ein trefflicher Stoff für eine Schickſalstragödie in modernem Style.“ „Ich packe und reiſe morgen ab!“ rief Auguſte, zwar lachend, aber doch mit allen Zeichen wahrer Seelenangſt in den Zügen.„Das alles iſt dummes Zeug, und dennoch fürchte ich mich davor. Denn ein vernünftiger Menſch, daß ihr's mur wißt, hat nicht allein Furcht vor der Dummheit, ſondern auch Furcht vor ſeiner eigenen Furcht. Abſcheulicher Schwager! Ich zittere ſchon, wenn ich mir denke, daß ich jetzt hinauf in meine Stube trete und vor meinem eigenen Schatten erſchrecke. Oder der Wind bewegt leiſe die Gardinen, oder der blaſſe Mond—“ „Dahu! dahu!“ tönte plößlich das Nachtwächter⸗ horn ſo ſchauerlich vor den Fenſtern des Pfarrhauſes, daß ſie mit einem lauten Schrei vom Stuhle auffuhr und entſetzt in der Pfarrerin Arme ſtürzte.„Mein Gott, Auguſte, wie du dich anſtellſt!“ ſagte dieſe ſelbſt erſchrocken.„Seit Wochen ſchon hörſt du zu jeder Stunde der Whtzeit den alten Nickel, und heute—“ —„Olle gurre Gaiſter luwwe Gott den Herre! Eilf Auer is die Glock!“ ſang der alte Nickel halblaut wie im Schlafe vor ſich hin, nachdem er eilfmal in's Horn geſtoßen, und ſchlurfte dann mit ſeinen ſchweren Holz⸗ ſchuhen in's Dorf zurück, das er trotz ſeiner ſiebzig Jahre noch immer ſo treulich bewachte, wie am Tage die Heerde, welche gleichfalls ſeiner Obhut anvertraut war. Auguſte richtete fich mit vergeiſterten Zügen auf, ſah alle der Reihe nach an und ſagte dann tiefath⸗ mend:;„Das hat man von euerer Romantik! Ich wiederhole dir noch einmal, Burkhard, was ich dir ſchon neulich ſagte: Ich habe keine Nerven für den Vogelsberg. Und nun gar der Tannenſchütz— das iſt nicht zum Aushalten!“ „Wir beide haben nichts von ihm zu befürchten,“ tröſtete ſie Ernſt.„Sie hören ja ſelbſt von Burkhard, daß es das Geſpenſt blos auf Altenhain abgeſehen hat. Wir gehören mithin nicht in ſein Revier.“— — 9 „Das läßt ſich hören!“ rief Auguſte.„Wiſſen Sie was, Herr von Bernau, wir laſſen uns morgen vom Altenhainer Bürgermeiſter eine Aufenthaltskarte auf unbeſtimmte Zeit ausſtellen, und wenn der Tannen⸗ ſchütz kommt, legitimiren wir uns damit als Aus⸗ länder.“—„Da habt ihr das Weib!“ ſagte Burkhard heiter;„im einen Augenblick eine geknickte Lilie, im andern eine übermüthige Tulpe!“—„Und der Mann? Was iſt der Mann?“ rief Auguſte mit Eifer:„Hute am Samſtag, fünf Minuten nach eilf Uhr ein loſer Schwätzer, und morgen, wenn er auf die Kanzel tritt und ſeinen romantiſchen Bauern etwas vorpredigen ſoll, ein Pfarrer, der ſeine Predigt nicht auswendig kann.“ Dieſe Wendung des Geſprächs brachte ſchnell eine heitere Stimmung in die kleine Geſellſchaft; vergeſſen war der Tannenſchütz und der alte Nickel, und ziemlich zufrieden mit den ausgeſtandenen Schauergefühlen trennte man ſich bald nachher mit dem Vorſatze, trotz aller Geſpenſter des mitternächtlichen Vogelsbergs die Bettdecke über die Ohren zu ziehen und es dem alten Nickel zu überlaſſen, das Dorf vor Schaden zu behüten. Ernſt befand ſich, als er auf ſeine Stube kam, in einer Gemüthsverfaſſung, die ihm das Träumen mit wachen Augen ungleich angenehmer machte als das mit ſchlummernden. Zudem ſchlief ja Auguſte ihm gegenüber und ihr freundliches:„Gute Nacht, Herr Eidechſenheld,“ wollte ihm gar nicht wieder aus den Ohren kommen. Bald klang's im rechten, bald im linken, und damit auch die Augen bei dieſem Zauberklingen nicht zu kurz kämen, ſtand die zarte Jugendgeſtalt in einemfort vor ihm, lachte ihm mit den heitern Zügen voll Unſchuld und Liebreiz in's Herz, oder ſah ihn mit den großen ſinnigen Augen ſo ſchelmiſch ernſthaft an, als wolle ſie ſagen:„Die Auſenthaltskarte, Herr von Bernau!“— Klipp! Klapp! flogen aus dem gegenüberliegenden Zimmer Auguſtens Stiefelchen vor die Thüre, damit das Haus⸗ mädchen ſie am Morgen dort finden und ihnen den verlorenen Glanz zurückgeben möge. Der Träumer mit wachen Augen fuhr wie von einem elektriſchen Strom durchzuckt zuſammen; es war für heute der letzte Ton, der ihm von ihrem Daſcyn Kunde gab. Armer Ernſt! Zwei kleine Stiefelchen, ſo klein, um einer Sylphide Neid zu erwecken, haben dir gerade noch gefehlt, um dir erſt recht den holden Quälgeiſt vor die Seele zu zaubern, als wollten ſie ſagen: „Faſſe dir ein Herz, Eidechſenheld; ſie hat uns von ſich geworfen, hole uns zu dir herüber, und wenn ſie dann morgen mit ihrem zarten kleinen Fuß hinein⸗ ſchlüpfen will, ſo gibſt du uns nicht heraus, ſondern warteſt ab, was ſie über unſern Verluſt ſagt. Viel⸗ 5 leicht ſagt ſie auch gar nichts; um ſo beſſer! Dann denkt ſie bei ſich im Stillen: Er hat mir die Stiefeln geſtohlen, damit ich nicht von hier fort kann, weil er es ohne mich keine acht Tage mehr in dieſem ver⸗ wünſchten Geſpenſterdorf aushalten würde. Oder ſie fragt nach uns und ſucht ihre Stiefeln im ganzen Hauſe; dann kannſt du ihr noch immer ſagen, was ſie ſchon längſt wiſſen ſollte, daß du bis über deine Ohren und bis in ihre Fußſpitzen hinein in ſie verliebt ſeyſt, verliebt wie ein Eidechſenheld, dem aller und jeder Muth fehlt, ſeinem ſtillen Sehnen Worte zu leihen, die Gefühle ſeines Herzens u. ſ. w.“ So flüſterten und lockten die kleinen glanzledernen Stiefelchen vor Auguſtens Thüre ihm durch's Schlüſſel⸗ loch die Verſuchung, ſie zu rauben, in's Herz. Immer ſtärker wurde ſein Verlangen, immer ſchwächer ſein moraliſcher Widerſtand gegen einen ſolchen verwegenen Diebſtahl; er legte das Ohr an's Schlüſſelloch und glaubte deutlich zu hören, wie die Stiefelchen unge⸗ duldig ob ſeines langen Zauderns auf dem Vorplatz hin und her liefen und zwiſchen ſeiner und Auguſtens Thüre einen Wettlauf anſtellten. Schon hatte er die Klinke in der Hand, als er ſich noch rechtzeitig beſann, daß ſie noch wachen oder wenigſtens durch das Geräuſch der knarrenden Thüre wieder aufwachen möchte, weſches Bdenten neues Zaudern, neue Zweifel in ihm herpor⸗ — rief und den Eidechſenhelden abermals in ſeiner ganzen Blöße hinſtellte. „Ich warte noch eine halbe Stunde, dann ſchläft ſie gewiß feſt und ich hole mir die verwünſchten Dinger um ſo ſicherer!“— Geſagt, gethan! Die Stiefelchen hatten Geduld und warteten noch ein Weilchen auf ihren Entführer; Ernſt aber trat, erheitert durch ſeinen heroiſchen Entſchluß, an's Fenſter, das er öffnete, um in die mondhelle Nacht hinaus zu ſchauen und unter den Millionen Sternen, die funkelnd auf die ſtille Erde niederleuchteten, ſich denjenigen herauszuſuchen, der ihn ims gelobte Land ſeiner heißen Sehnſucht führen ſollte. Es war alles ſo ſtill, ſo ſchweigſam ringsum, wie wenn der Kirchhof mit ſeinen hell blinkenden Kreuzen jenſeits des Dorfwegs der ganzen Natur den tiefen Frieden eingeflößt hätte, der auf ſeinen vom Mondlicht beſchienenen Hügeln träumte. Kein Lüftchen regte ſich, kein Halm, kein Blättchen bewegte ſich, nur hie und da zitterte noch ein Sternenſchimmer durch die heilige Stille der Nacht und mit leiſer Hand wob ihn die Dämmerung in ihr ſchleierhaftes Gewand. 3 Ernſt's Zimmer hatte die Ausſicht hinauf nach dem Tannenſtein; gerade über dem Hügelkopf ſtand der Vollmond und beſchien das alte Gemäuer, das in dieſer Beleuchtung jenen magiſchen Salpeterſchein ver⸗ —— —— — 65 breitete, den man zuweilen in hellen Nächten an Ruinen beobachten kann. Alles war bei der zauberiſchen Helle ganz deutlich zu unterſcheiden; wie in Strömen floß das Mondlicht durch den reinen Aether und ſchnitt die einzelnen Gegenſtände im Vordergrund des Tan⸗ nenſteins, Bäume, Büſche, Felſen und Mauerwerk in ſcharfen Umriſſen von den dunkeln Schattengruppen des dahinter liegenden Waldes ab. Nur auf Schottland's Hochgebirgen hatte Ernſt eine ſolche helle Herbſtnacht geſehen, wie er ſie hier in ihrem ganzen Zauberſchein vor ſich hatte, eine in Dämmerung gehüllte Oſſianiſche Mythe, durch die der Gedanke der Ewigkeit ſeine gol⸗ denen Fäden zieht. Da mit einemmal— nein, es war keine Täu⸗ ſchung!— eben als ſein Auge wiederum über den Tannenſtein hinſtreifte, ſah er dort ſo deutlich, als wandle ſie nur wenige Schritte von ihm entſernt, eine männliche Geſtalt, die ſich langſam zwiſchen den Baum⸗ ſtämmen hin und her bewegte, jetzt im Schatten des Gemäuers verſchwand, dann wieder daraus hervortrat, bis zum Rande der Höhe, da wo die Bergwand ſich in ſteilem Geklüft nach dem Dorf hinabſenkte, vor⸗ ſchritt, dort eine Weile ſtehen blieb, worauf ſie aber⸗ mals nach dem Gemäuer zurückging und daſſelbe wie vorhin in gemeſſenem Schritt umwandelte. 65 — 3 Dieſe Erſcheinung an dem verrufenen Orte und zu ſo ſpäter Nachtſtunde verſetzte Ernſt in nicht ge⸗ ringes Erſtaunen; alles, was er am heutigen Abend von dem Tannenſchützen gehört hatte, trat wieder leb⸗ haft vor ſeine Seele und wenig fehlte, daß ſeine Ein⸗ bildungskraft den einſamen Nachtwanderer dort oben mit dem unheimlichen Mitternachtsgaſt des Tannen⸗ ſteins verwechſelt hätte. Es ging ihm wie ſchon manchem geſcheidten Mann in ähnlichen Fällen; je mehr ſein Verſtand über das abenteuerliche Spiel ſeiner Phantaſie lächelte, um ſo tiefer ergriff dieſe ſein Gemüth; wozu noch kam, daß alles, der Ort, die Stunde, ja ſelbſt die eigene bewegte Stimmung ſeines Innern zu einer ſolchen geſpenſtiſchen Illuſion voll⸗ kommen paßte. Das Grfühl eines ihm ſeither fremd gebliebenen Schauers hatte einen eigenthümlichen Reiz für ihn, und indem er ſich gerne der ſelbſtgeſchaffenen Täuſchung hingab, daß die Geſtalt, die er dort auf der Waldhöhe erblickte, wirklich der Tannenſchü ſey, verſtrickte ſich ſein Gemüth immer tiefer in dieſer Vor⸗ ſtellung, und das tunkle Bild ſeiner Kindheit von dem Mord des ſchönen Förſters Friedrich trat abermals, nur noch feſter und beſtimmter als neulich im Hohlweg, vor ſeine Seele. Da fiel ihm ein, er wolle Burkhard wecken, der ihm erklären ſolle, was die einſame Geſtalt dort oben zu bedeuten habe; und ſchon ſchritt er der Thüre zu, als der Gedanke: Du machſt dich am Ende lächerlich und aus dem Eidechſenhelden wird über Nacht ein Geſpenſterheld, ihn von dieſem Vorſatz abbrachte. Eben krähte der Hahn im Pfarrhof die Mitternacht an; wie Ernſt wieder nach dem Fenſter zurückkehrte, war der Tannenſchütz nirgends mehr zu erſpähen und gleich nachher trat auch der Mond hinter wallendes Gewölk und verſchleierte ſo den noch eben taghellen Berggipfel. Ernſt dankte Gott, daß er den Freund nicht ge⸗ weckt hatte, der eben noch recht gekommen wäre, um nichts mehr von der Erſcheinung zu erblicken, und ihn wahrſcheinlich wegen ſeiner Geſpenſterſeherei ausgelacht hätte. Er nahm ſich darum auch vor, gegen keinen Menſchen im Hauſe etwas von ſeiner Wahrnehmung zu verrathen, denn er hatte es ja am heutigen Abend an ſich ſelber erfahren, wie muthwillig bei allem Mangel an Muth eine gewiſſe junge, kleine allerliebſte Dame wurde wegen einer bloßen Eidechſe, die Loch gewiß zu den natürlichſten Dingen in der Welt gehört. Vom Thurme ſchlug es zwölf Uhr.—„Gleich kommt der alte Nickel,“ dachte Ernſt, indem er die Bettdecke über ſich zog und das Licht auslöſchte. Aber der alte Nickel blieb aus und nirgends im Dorfe ertönte ſein Horn. Ernſt wachte noch, als es Eins ſchlug, der alte Nickel kam wieder nicht; es ſchlug zwei— vom Nachtwächter war abermals nichts zu hören.„Das iſt doch kurios!“ ſagte Ernſt und ſchlief endlich auch ohne Nachwächter ermüdet ein. Der Morgen des Tages, welcher dieſer Nacht folgte, fand ganz Altenhain in einer ſchwer zu be⸗ ſchreibenden Aufregung und Beſtürzung. In allen Mienen las man Sorge und Bangigkeit, nicht anders, als wenn der Feind im Anzug wäre, der das Dorf mit Brand und Plünderung heimſuchen werde. Die Männer vergaßen die Kirche und ſtanden in Gruppen vor ihren Thüren; ängſtliche Frauengeſichter ſchauten aus den niedern Fenſtern und lauſchten dem Geſpräche jener, kein fröhlicher Kinderlärm war auf der Straße zu hören, und als jetzt die Glocke die Dorfbewohner zur Kirche rief, ſchlichen nur wenige alte Leute dahin, wie wenn zum Gottesdienſt am heutigen Sonntage den meiſten die Andacht und der Glaube fehle. Wie ein Lauffeuer hatte ſich nämlich ſchon in aller Frühe die Kunde durch's Dorf verbreitet, daß der alte Nickel in der verfloſſenen Nacht kurz vor zwölf Uhr den Tannenſchütz geſehen habe, von Hütte zu Hütte wanderte mit dieſer Kunde der Schrecken in die Gemüther und bald las jedes in der Miene des andern, daß dem Dorf ein Unglück bevorſtehe. So tief ſaß der dunkle Wahn von der verhängnißvollen Gewalt dieſes Geſpenſtes in den Herzen der Bauern feſt, daß ſchon die bloße Nachricht von ſeiner Erſcheinung ihnen gleichbedeutend mit dem wirklichen Unglück ſelbſt war; und wir haben's ja am vorigen Abend aus dem Munde des Pfarrers gehört, wie die Erfahrung vieler Jahre dieſe Furcht vor dem Tannenſchützen nur allzu⸗ ſehr gerechtfertigt hatte. Ein Unheil war ſicher auch diesmal wieder im Anzug, und je allgemeiner der Glaube daran war, ein um ſo ſchwereres Verhängniß befürchtete man, denn der eine Nachbar redete ſeine Sorge in die des andern hinein. Die meiſten fürchteten die Cholera, welche um dieſe Zeit in der Hauptſtadt der Provinz ausgebrochen war und dort, ſo wie in den benachbarten Dörfern, große Verheerungen anrichtete. Andere waren der Anſicht, die Cholera ſey's nicht, ſondern die Gemeinde werde wohl den großen Prozeß wegen ihres einzigen Waldes verlieren, den ſie ſchon ſeit vielen Jahren gegen die alten Rechtsanſprüche der Grafen von G. geführt hatte und deſſen Akten jetzt ſpruchreif dem oberſten Gericht des Landes zur Ent⸗ ſcheidung vorlagen. Wieder andere ermahnten zur Vorſicht mit Feuer und Licht, und die Politiker wollten ſogar mit Beſtimmtheit wiſſen, der Kreisrath werde demnächſt den Amtsdiener mit einem großen Brief in's Dorf ſchicken und neue Steuern zu den alten, 8 im Orte, den die Na faſt unerſchwinglichen Laſten ausſchreiben. Kurz, der Deutungen waren faſt eben ſo viele als der Befürch⸗ tungen; und alle Plagen, Leiden und Heimſuchungen des armen gedrückten Bauernlebens wurden von der Furcht und dem Aberglauben bereits als nahe bevor⸗ ſtehend angekündigt. Denn Niemand konnte zwar ſagen, welches Unheil der furchtbare Tannenſchütz dies⸗ mal prophezeit habe, daß aber ſeiner Erſcheinung ein Unglück und vielleicht gar eines, woran kein Menſch denke, folgen werde, davon waren alle überzeugt und jedem„gruſelte“ ſchon bei dem bloßen Gedanken an die ſchauerliche Viſion des alten Nickels. Konrad Wahl war vielleicht der einzige Menſch chricht ſo wenig erſchreckte, daß er vielmehr in ein lautes Grlächter ausbrach und die Nachbarn, die mit furchtſamer Miene zu ihm kamen, alte Weiber ſchalt und Einfaltspinſel, daß ſie ſich von ſolchem Schnickſchnack des Nachtwächters in's Bocks⸗ horn jagen ließen. Er für ſeinen Theil wolle gar nichts mehr von der dummen Geſchichte hören, und ſeinethalben könne der Teufel ſelbſt auf dem Tan⸗ nenſtein ſitzen, ihn kümmere kein Geſpenſt, und was der vermeſſenen Reden mehr waren. Ammy erſchien mit rothgeweinten Augen und abgchärmtem Geſichte; der allgemeine Schrecken hatte auch ſie ergriffen, wenn's auch freilich, ihr Herz wußt' es ja, ſicher ein anderer Schrecken war, als der der übrigen Leute. Doch ſuchte ſie ihre Angſt, ſo gut ſie konnte, zu bemeiſtern, und ſtimmte ſelbſt dem Vater gegen die Freunde und Hausgenoſſen bei, daß nur der Aberglaube Geſpenſter ſehen könne und kein vernünftiger Menſch an ſo etwas glaube. Im'Stillen aber dachte ſie doch, der Rudolph hätte nicht bis zur Mitternacht am unheimlichen Platz auf mich warten ſollen; es bedeutet gewiß Schlimmes, daß ihn der alte Nickel für den Tannenſchütz gehalten hat, und ſie fühlte darum ein tiefes Grauen; denn nicht vor dem Geſpenſt, wohl aber vor dem Unglück, das deſſen Erſcheinung jedesmal prophezeite, bangte ihr in innerſter Seele. Schwerbeklommen ging ſie hinaus in den Hof und ſchaute verſtohlen über den Zaun in des Nachbars Garten; aber Rudolph war nirgends zu ſehen, und ſie kehrte, um keinen Verdacht zu erregen, wieder in die Stube zurück. Ihr Vater lehnte, auf beide Ellenbogen geſtütt, am Fenſter und ſtarrte gedankenvoll unter dem Glockengeläute auf die Straße hinaus. Eben ging der alte Falk, das Geſangbuch in der Hand, mit niedergeſenktem Haupte vorüber nach der Kirche; ſie ſah ihn und ſchaute im ſelben Augenblick, während ſie ſich etwas am Tiſche zu ſchaffen machte, ihrem Vater von der Seite in's Geſicht. Der war mit einemmal todtenbleich geworden, ſah aber doch, ohne ſich zu 6 regen, dem Feinde mit einem feſten Blicke nach, bis dieſer um die Ecke verſchwand, worauf er ſich hoch empor richtete, ſtarr die Tochter betrachtete, die Arme weit ausdehnte und ſich plötzlich mit beiden Fäuſten ſo heftig wider die Bruſt ſchlug, daß es einen dumpfen Klang gab, worauf er ſchnell und wie Ammy zu hören glaubte, mit einem leiſen Seufzer, der ihr ſchaurig fremd in's Ohr tönte, die Stube verließ und die Treppe hinaufſtieg. Was war das? was hat er? dachte das Mädchen und bebte, ohne zu wiſſen wovor, an allen Gliedern; denn ſo erſchüttert hatte ſie ihren Vater noch niemals geſehen, und dieſer Blick— nein, das war nicht der wilde böſe Blick von ſonſt, das war ein Blick— ſie konnte ihn gar nicht wieder vergeſſen, wie wenn ſie dabei ein fremdes Auge, glanzlos und erloſchen wie das des Todes ſelbſt, voll Jammer und Hülfloſigkeit angeſchaut hätte. Der Alte kam auch lange nicht wieder; Ammy hörte ihn in der Oberſtube umhergehen, und als ſie nach einiger Zeit gleichfalls hinauf kam und einen Moment an der Thüre lauſchte, was er wohl drinnen zu ſchaffen hätte, hörte ſie, wie er halblaut mit ſich ſprach und glaubte deutlich das Wort„Tannenſchütz“ zu verſtehen. Alſo fürchtet er ſich doch wie die andern Leute, dachte Ammy und eilte wieder hinunter in die Küche. Auch ſpäter bei Tiſche war der Kaſtenmeiſter — ſonderbar verwandelt, ſprach nur wenig und ließ das Eſſen faſt unangerührt ſtehen. Keinem der Hausbe⸗ wohner entging es, daß ihn etwas ſehr angelegentlich beſchäftigte, und alle wunderten ſich nur, wie er dabei gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit ſo gar nicht barſch und rauh war, vielmehr ſtill und in ſich gekehrt. Nach dem Eſſen ſaß er wohl eine Stunde mit verſchränkten Armen auf der Ofenbank und ſchien ſich immer tiefer in ſeine Gedanken hineinzugrübeln. Er ſchickte dann den Knecht nach dem benachbarten Dorfe, um beim dortigen Grobſchmied eine ſchadhaft gewordene Pflug⸗ ſchar ausbeſſern zu laſſen, und gab dem Burſchen unaufgefordert einige Batzen zum Trunk, worüber dieſer große Augen machte. Als der Knecht fort war, ſagte er zu Ammy, ſie ſolle bis zum Abendgeläute mit ihren jüngern Geſchwiſtern hinunter zu ſeiner Schwe⸗ ſter der Müllerin gehen, auch gab er ihr noch eine Beſtellung an ſeinen Schwager wegen der letzten Korn⸗ lieferung und zählte ihr das Mahlgeld auf den Tiſch. Sie hatte ſchlechterdings kein Verſtändniß von dieſem ſonderbaren, halb gelaſſenen, halb beklommenen Weſen des Vaters; und nur wenn ſie ihn zuweilen von der* Seite anſah und ſeinen ſcheuen Blick beobachtete, wollte es ſie bedünken, als dränge er mit Gewalt eine innere Unruhe zurück. „Was hat er nur vor, wenn's nicht der Tan⸗ nenſchütz ſeyn ſoll?“ fragte ſie ſich aber⸗ und abermals, da ſie in ihrer Kammer war und ſich zum Gang nach der Mühle ſonntäglich ankleidete, wohin ihr die jün⸗ gern Geſchwiſter voll Ungeduld vorausgeeilt waren. Jett war ſie mit threm Anzug ſertig und ſchritt durch den Hof dem Thore zu, als ihr einfiel, zuvor noch dem Vieh einiges Futter aufzuſchütten, da es leicht Abend werden konnte, ehe der Knecht zurückkehrte. Sie ging alſo ſtatt zum Hofe hinaus erſt nach dem Stalle, fand wirklich alle Reffe leer und ſtieg auf der Leiter nach dem über dem Kuhſtall befindlichen Heuboden hinauf, um von dort durch die in der Decke ange⸗ brachte Lucke einiges Heu herunterzuwerfen. Da ſieht ſie durch die Glasſcheibe, welche an der Stelle eines ausgehobenen Ziegels in's Dach eingefügt war, um ein nothdürftiges Licht in den ſonſt dunkeln Heuboden zu leiten, ihren Vater, der eben nach dem Hofthore geht und, wahrſcheinlich in der Meinung, daß ſie bereits das Haus verlaſſen, von innen den Riegel vorſchiebt. Dies kommt ihr verdächtig vor und die Scene vom heutigen Morgen, das ganze räthſelhafte Weſen des Alten fällt ihr dabei ein. Sie ſieht ihn dann wieder nach dem Hauſe zurückkehren, und ſchon beſinnt ſie ſich nach einigem Zögern, ſchnell ihr Ge⸗ ſchäft der Fütterung zu beendigen, als ſie abermals ſeine Schritte im Hofe vernimmt. Unter dem Arme 33 trägt er etwas, das wie ein Pack alten Zwilchs aus⸗ ſieht, und außerdem nach einen Spaten und einen Pfläſtererhammer. Damit geht er gerade auf den Stall zu. Durch die Lucke ſieht ihn Ammy eintreten und eine unbekannte Angſt ergreift ſie, als er jetzt auch die Stallthüre hinter ſich verſchließt. Scheu wie das im Netze gefangene Rebhuhn vor dem heran⸗ ſchleichenden Marder duckt ſie ſich tief in's Heu und blickt aus ihrem dunkeln Verſteck in den Stall hin⸗ unter. Der Alte legt ſämmtliche Werkzeuge, die er bei ſich trägt, auch den leinenen Pack, auf den Hafer⸗ kaſten und tritt dann in den Stand der braun und weiß gefleckten trächtigen Milchkuh, das ſchönſte Stück Vieh in ſeinem Stalle; er bindet dieſelbe los und führt das Thier nach der andern Seite, wo er die Kette um einen Tragbalken ſchlingt. An dem hierdurch leer gewordenen Platz der Kuh fängt er nun an zuerſt die Laubſtreu wegzuräumen, dann reißt er mit einer eiſernen Brechſtange die Pflaſterſteine auf und beginnt mit großer Haſt ein Loch in die Erde zu graben. Ammy entgeht nichts von dem, was der Alte vor⸗ nimmt, doch kann ſie ſich ſein ſonderbares Geſchäft lange nicht erklären; denn er gräbt immer fort, wie wenn er einen verborgenen Schatz ſuche, und das Loch iſt bereits mehrere Fuß tief, als er den Spaten zur — 94— Seite ſtellt. Nun ſchreitet er über den Sandhügel nach dem Haferkaſten, nimmt das alte Stück Linnen und wickelt aus demſelben ein breites, zweiſchneidiges, wohl armlanges Meſſer heraus mit einem Hirſchhorn⸗ griff und ſonſt auch von ungemein künſtlicher Arbeit. Beim Blitzen des funkelnben Stahls wird das Vieh im Stalle unruhig, die Stiere ſchütteln ihre Ketten, die Kühe drücken ſich ſcheu an einander; der Kaſten⸗ meiſter aber tritt mit der blanken Waffe an das Erd⸗ loch, bückt ſich nieder und drückt die Klinge bis an den Griff in den Boden der Grube, daß die Erde knirſcht, worauf er haſtig den aufgeworfenen Sand mit beiden Händen in das Loch ſcharrt; dann ſtampft er ihn mit den Füßen feſt, pflaſtert die Steine wieder ein und wirft die Laubſtreu darüber. Als keine Spur ſeines räthſelhaften Werkes mehr übrig, führt er die Kuh in ihren Stand zurück, wirft den alten Lappen, in den das Meſſer eingewickelt war, in die Dünger⸗ grube und verläßt den Stall. Ammy hat kaum noch ſo viel Kraft, ſich aus ihrem Verſteck aufzurichten, ein kalter Angſtſchauer nach dem andern durchrieſelt ihr Gebein; denn ſie hat in dem Meſſer denſelben Hirſchfänger wieder erkannt, womit ihr Vater einſt die Mutter ermorden wollte, als dieſe den zweiſchneidigen Stahl durch Zufall auf dem Boden einer alten Kiſte entdeckte und bei ſeinem Anblick einen lauten Schrei ausſtieß. Der Kaſten⸗ meiſter eilte aus der Stube in die Kammer, entriß ihr das Meſſer und wollte ſie damit umbringen; Ammy ſieht es und wirft ſich ihm lautſchreiend in die Arme, was dem Raſenden die Beſinnung zurückgibt. Ihre Mutter aber, vor Schrecken und Entſetzen halb todt, iſt ſeit dieſem gräßlichen Augenblick elend ge⸗ blieben und bald darauf von einem ſchleichenden Fieber befallen worden, das nach einem halben Jahr ihrem Leben und Leiden ein Ende machte. Und heute, heute nach ſo langer Zeit verſcharrte ihr Vater daſſelbe Meſſer heimlich unter dem Stall⸗ pflaſter, wo gewiß kein Menſch es ſuchte— wahrlich, ein gräßliches Geheimniß für ein mitwiſſendes Herz, zumal von Ammys ahnungsvollen Träumen! War es der Heuduſt, der ſie ſo betäubt, war es die Angſt, die ſie ausgeſtanden hatte, der Kopf ſchwin⸗ delte, die Füße zitterten ihr, da ſie die Leiter herun⸗ terſtieg, um durch die Scheune, zu welcher aus dem Stalle eine Thüre führte, in den Garten zu gelangen. Noch einen Blick warf ſie auf die Stelle, an der ihr Vater das Meſſer vergraben hatte; die Kuh ſtand mit zur Erde geſenktem Kopfe da und ſtierte regungslos immer auf den einen Platz. Ammy graute, ſie eilte in die Scheune und von da in den Obſtgarten. Ungeſehen von ihrem Vater erreichte ſie die Straße 6— und ſchritt der Mühle zu, die am Ende des Dorfes lag. Allmählig legte ſich ihre innere Aufregung, ſie fing an, das, wovon ſie eben unſichtbarer Zeuge ge⸗ weſen, mit ruhigerem Blute zu prüfen, und fand zuletzt zu ihrem Troſte, daß die Furcht ihr die Sache unheimlicher dargeſtellt hatte, als ſie in Wirklichkeit ſeyn mochte. Sie wußte ja, daß ihr Vater aber⸗ gläubiſch war, und wie er häufig, gleich andern Bauern, zu allerlei Zauberkünſten ſeine Zuflucht nahm, um das Vieh vor dem Einfluß böſer Geiſter zu ſchützen. Die Milchkuh war trächtig; vielleicht nur um deßwillen vergrub er ſo heimlich das Meſſer im Stande derſelben? Oder war's am Ende gar das böſe Gewiſſen, welches ihm zuflüſterte, daß er dieſen Stahl einſt gegen ſein redliches Weib gezückt und dieſes vom heftigen Schreck das tödtliche Fieber davongetragen habe?„Ja, gewiß nur darum vergräbt er's jetzt ſo ſcheu in die Erde,“ ſagte ſich Ammy und athmete leicht auf.„So oft er es ſeither von ohngefähr ſah, mußte ja der Mutter Tod ihm centnerſchwet auf's Herz fallen; er konnte die verfluchte Mordwaffe nicht länger mehr unter ſeinem Dache dulden, bei Tag und Nacht ſah er ſie vor ſeinen Augen funkeln; darum ſchaffte er ſie bei Seite, denn das muß wohl wahr ſehn, gerechter Gott! was neulich der Herr Pfarrer auf der Kanzel ſagte:„Je länger wir der Reue über —— eine alte Miſſethat das Herz verſchließen, um ſo ſiche⸗ rer ſetzt ſie ſich darin feſt, und ärger als ein Dorn im Fleiſche quält die Schuld ein verhärtet Gemüth; ſie eitert wie dieſer nach innen und lebt gleich dem Kornwurm in der Hülſe, vom Marke unſeres Lebens. Aber ein einziger Sonnenſtrahl reicht hin, und das ſo lange verborgene Gewürm fliegt mit Millivnen Flügeln durch die Luft und kriecht wie die Heuſchrecke Egyptens auf allen Wegen, daß es die Hühner freſſen und die Vögel es ihren Jungen in's Neſt tragen.“ Als es Abend wurde und Ammy mit ihren Ge⸗ ſchwiſtern nach Hauſe zurückkehrend, den Vater wie⸗ derum auf der Bank hinter'm Ofen ſitzend fand, bemächtigte ſich ihrer die frühere Angſt mit verdoppelter Gewalt und ihre Einbildungskraft erhitzte ſich an tauſend unheimlichen Vorſtellungen und Muthmaßungen, was wohl dieſen Mann ſo urplötzlich ergriffen und ſeinen rauhen Trotz niedergebeugt haben könne. Die Scene im Stall trat wieder in ihrer ganzen räthſelhaf⸗ ten Furchtbarkeit vor ihre Seele, und beſtändig funkelte ihr der blanke Stahl vor den Augen. Ach! ſie hätte ihn ſich am liebſten jetzt gleich ins unglückliche Herz geſtoßen, ſtatt länger eine Beute ſo marternder Zweifel und nagender Angſt zu ſeyn. Ob ſie Rudolph das 8 7 Geheimniß vom vergrabenen Meſſer mittheilen ſollte? „Nein ich darf ihm nicht ſo ſchwarze Gedanken in's Gemüth reden,“ ſagte ihr eine innere Stimme, und ſie entſchied ſich dafür, ihm nichts zu ſagen, wenig⸗ ſtens nicht ohne vorher ihren Vater noch ferner beobachtet zu haben. Es war zehn Uhr; der Kaſtenmeiſter hatte, in düſteres Schweigen verſunken, eine ganze Flaſche ſtar⸗ ken Kornbranntweins geleert, und nichts war vermögend geweſen ihn ſeiner dumpfen Apathie zu entreißen. Mit unſichern Füßen wankte er in die Kammer und bald hörte Ammy an ſeinem ſchweren Athem, daß er eingeſchlafen ſey. Da löſchte ſie die Oellampe aus, welche nach der Sitte jener Gegend an einem meſſin⸗ genen Draht von der Decke über den Tiſch herabhing, ſtellte ihr Spinnrad zur Seite und ging in ihre Kam⸗ mer, wo ſie das Fenſter öffnete und angſtbeklom⸗ men in die mondhelle Nacht hinausſchaute. Gleich nachher hörte ſie hinten im Garten Rudolphs wohl⸗ bekanntes Zeichen, womit er ihr ſeine Anweſenheit anzukündigen pflegte, indem er die Stimme eines Nachtvogels täuſchend nachahmte. Ein heftiger Schreck durchfuhr ſie, und ſtatt dem bekannten Signal zu folgen, harrte ſie, bis nach einer Weile der Ruf ſich wiederholte. Da endlich faßte ſie ſich ein Herz, ſtieg leiſe aus dem Fenſter, drückte ſich an dem Holzſchuppen . 9 hin bis zu dem ſchmalen Gang, der zwiſchen Scheuer und Hofmauer nach dem Obſtgarten führte, und ſah wirklich, als ſie denſelben betrat, am hintern Hag, da wo die Straße nach dem Wald hinaufging, die wohlbekannte Geſtalt des Geliebten. In dieſem Au⸗ genblick dachte ſie wieder an den Tannenſchütz; ein jäher Schreck durchfuhr ſie, faſt verſagten ihr die Füße den Dienſt und ſie mußte ſich am nächſten Baume feſthalten. Jetzt gab Rudolph zum drittenmal das Zeichen, da raffte Ammy ihren letzten Muth zuſammen und ſtürzte mit dem Ausruf:„Gott im Himmel, Rudolph, was haſt du gemacht!“ halb ohnmächtig in ſeine Arme. Beſtürzt fragte ſie der Jüngling nach dem Grund ihrer heftigen Bewegung, aber ſie konnte längere Zeit vor Angſt kein Wort hervorbringen, und erſt nach herzlichem Zuredeg und zärtlichen Liebkoſungen gelang es ihm zu erfahren, was ihr ſo großen Schrecken verurſache.—„Ich weiß es wohl,“ ſtammelte ſie erſchüttert;„es iſt nichts als Albernheit von mir, aber wie ich dich vorhin da hinter der Hecke ſtehen ſah, überkam mich eine heftige Furcht, ich meinte, du ſeyſſt am Ende nicht— o Rudolph! wenn's nur kein Unglück bedeutet, daß dich der alte Nickel in vergangener Nacht für den Tannenſchützen anſah! Zetzt heißt's im ganzen Orte, das Geſpenſt habe ſich wieder gezeigt; 7½ nur ich allein weiß, di; du es warſt und nicht der Furchtbare, vor dem allen Menſchen graut.“ „Was thut's!“ erwiderte der Jüngling, froh, daß Ammys Angſt keinen andern Grund hatte.„Der Tannenſchütz ſoll freilich Unheil bedeuten; dafüt wiſſen wir beide ja recht gut, daß der alte Nickel ſich verſehen hat, ſo gut wie Alle, die ihn ſchon geſehen haben wollen. Aber warum bliebſt du auch geſtern Abend aus und ließeſt mich allein auf der Höhe warten?“— „Das will ich dir ſagen, Liebſter“, verſetzte das Mädchen, ermuthigt durch des Freundes Zuverſicht und ſeine tröſtende Nähe.„Der Brummhard und der Braunhennerich waren bis nach eilf Uhr bei uns und karteten mit meinem Vater; da mußt' ich dich denn allein laſſen und dachte auch gar nicht einmal daran, daß du ſo lange auf mich warten würdeſt. Darum ängſtigte ich mich aber auch faſt zu Tode, als hente Morgen die Nachbarn geſprungen kamen und erzählten, der Tannenſchütz habe ſich gezeigt.“ „Ei, Ammy, du biſt doch ſonſt ſo muthig,“ verſetzte Rudolph lächelnd.—„Ging' ich denn ſonſt mit dir über's Waſſer nach Amerika?“ ſagte ſie. „Nein, an Muth ſehlt mir's wahrlich nicht, und was ein Menſch für ſein Liebſtes in der Welt thun kann, das nehm' ich freudig auf mich. Du ſollſt's auch nur wiſſen, Rudolph, meine Furcht iſt nicht allein ſo groß wegen des Tannenſchützen, ſonkrn weil ich den ganzen Tag über nur ängſtliche und verſtörte Geſichter ſah und dann— mein Vater—“—„Der hat ein böſes Gewiſſen und glaubt darum an Geſpenſter,“ fiel ihr Rudolph in's Wort.—„Ein böſes Gewiſſen! woher weißt du das?“ rief Ammy erſchrocken und ſah ihm ſtarr in's Geſicht.—„Thut er nicht immer Böſes an uns?“ fragte Rudolph verwundert über dieſen ſonder⸗ baren Zweifel.„Hat er nicht, ſo weit er's konnte, unſer ganzes Lebensglück zerſtört, und ſollte ein gutes Gewiſſen haben, er, der deine Mutter in's Grab gebracht hat!“ „Ja, das hat er, ſo wahr Gott im Himmel lebt!“ ſprach Ammy tief ergriffen,„und er kann darum auch keine ruhige Stunde mehr haben.“—„Wir aber, wir fürchten keine Geſpenſter, nicht wahr?“ fragte der junge Mann und zog die ſchlanke, anmuthige Geſtalt näher an ſich.„Schau, wie ich geſtern ſo allein in der mondhellen Nacht auf dem Tannenſtein herumging und alle Augenblicke nach dem Dorf herunterſchaute, ob du nicht kämſt— leugnen will ich's nicht, da kam auch mir der Tannenſchütz in Gedanken ziemlich nahe und ich ſah—“—„Du ſahſt ihn?“ rief ſie zuſam⸗ menfahrend.„Und ich ſah mehr als einmal in den ſtillen Hohlweg hinunter, wo die Schatten der über⸗ hangenden Dornhecke leiſe im Mondlicht um's kleine Steinkreuz wankten; aber gefürchtet, wie du's vielleicht meinſt, hab ich mich doch nicht, ſondern ich dachte nur bei mir, käm' jetzt der Tannenſchütz wirklich aus dem Hohlweg herauf, ſo würde ich an Ammy denken und ihm deinen Namen entgegenrufen, da hätt' es ſchon ſollen von mir weichen, das graue Mondgeſpenſt. Denn die lebendige Lieb' im Herzen fürchtet keine Geſpenſter, weil die Engel im Himmel mit ſind und ſie beſchützen.“ 4 „O du guter, guter Rudolph!“ rief Ammy be⸗ wegt und hing ſchluchzend an des Geliebten Hals. „Was kann uns denn auch für Leid geſchehen ſo lange wir uns treulich lieben und nicht von einander laſſen! Nun hab' ich ſelbſt ſchon gar keine Furcht mehr und woollte auch wie du allein auf dem Tannenſtein herum⸗ gehen und an dich denken. Es iſt auch zudem gottlos, ſich vor einem friedlichen Todten zu ſcheuen, ſein Ge⸗ dächtniß durch Geſpenſterfurcht zu kränken und ihm ſolches Unheil anzudichten, wie's unſere Bauern dem Tannenſchütz thun. Nur die Menſchen ſind böſe und ſeindlich, die Todten aber thun Niemanden etwas zu leide.“ „Nur noch den Winter habe Geduld und bleibe mir ſtandhaft,“ ſagte Rudolph froh bewegt.“ Fommt's Frühjahr— dann ade, du Jammerthal von Altenhain! Ich hab' alles ſchon auf's Beſte beſtellt, achthundert Thaler und die Reiſekoſten vbendrein, damit wollen wir — 103— ſchon in Amerika durchkommen.“—„Ach ſäh' ich nur ſchon die erſte Schwalbe!“ ſeufzte Ammy beklommen. „Ein Winter iſt eine lange Zeit, und wer weiß was bis dahin noch geſchieht!“—„Was haſt du nur eigent⸗ lich?“ fragte er ſie, da er ſich ihr Schwanken zwiſchen Muth und Beklommenheit gar nicht erklären konnte. „War dein Vater wieder hart gegen dich?“ Sie ſeufzte aus ſchwerer Bruſt und erwiderte ausweichend:„Frag' mich nicht, es iſt davon nicht gut reden; der Alte hatte heute einen Tag— ſo ſchlimm wie ich's noch niemals erlebte.—“„War er wieder wild?“—„Wild? Gar nicht, vielmehr ſtill und ſcheu.“—„Aber was that er denn?“—„Was er that? O frag' mich nicht, Rudolph! Ich kann's dir nicht ſagen— wüßt's auch nicht zu erklären, was er eigent⸗ lich vor hatte—— Ach!— das Meſſer— das ſchreckliche Meſſer!“ Heraus war das angſtvolle Geheimniß, ehe ſie's noch inne ward; mit ſcheuer Lippe hatte ſie's geſtam⸗ melt, ſchaudernd und mit abwehrender Geberde, als ſäße ihr das Meſſer tief in der Bruſt und ſie müſſe vor Schmerz laut aufſchreien. Vergebens bot ſie ihre ganze Ueberredung, ihre ganze Widerſtandskraft auf, um Rudolph von weiterem Eindringen abzuhalten. „Das Meſſer! was für ein Meſſer? Sag' mir doch alles, liebe Ammy!— Du und ich, wir dürſen uns ja nichts verheimlichen!“ So beſtürmte ſie, ſo flehte und ſchmeichelte der junge Mann zärtlich und beſorgt und wußte ſie mit ſeinen Fragen und Bitten ſo in die Enge zu treiben, daß ſie es ihm zuletzt nicht mehr abreden konnte und gegen ihren Willen und Vorſatz das ſcheue Geheimniß in ſeiner Bruſt barg. Sie be⸗ ſchrieb ihm die ganze Scene im Stalle, erzählte ihm dann auch die frühere Geſchichte vom Meſſer, wie ihr Vater einſt damit die Mutter beinahe ermordet hätte. Immer ſtiller und nachdenklicher ward Rudolph, kein Wort ging ihm verloren, eine ſonderbare Vorahnung überkam nun auch ihn, und er, der noch am geſtrigen Abend ſo muthig einem vielverrufenen, unheilvollen Ge⸗ ſpenſte das Gefühl ſeiner ſeligen Liebe entgegen gehalten haben würde, er bebte jetzt in innerſter Seele zuſammen, wie der Mund ſeines Mädchens ihm die Geſchichte von dem im Stalle vergrabenen Meſſer erzählte. Auch als ſie dann verſtummte und beklommen ihr Antlitz an ſeine Schulter drückte, ſagte er lange kein anderes Wort als:„Das iſt ja ſonderbar, ganz ſonderbar!“ womit er jedoch, ſtatt Ammys Angſt zu verſcheuchen, ihre Sorge nur noch größer machte. Nach einer längeren Pauſe, während Rudolph, von dunkeln Gefühlen be⸗ ſtürmt, ſeine ganze Kraſt aufbieten mußte, um äußerlich ruhig und gelaſſen zu bleiben, umfaßte er ſie mit ſtarkem Arm, als ob er nun wiſſe, was er unter dieſen Um⸗ — 105— ſtänden zu thun habe. Wie ſie aber jetzt fragend zu ihm aufblickte, lächelte er ſie mit ſorglos unbefangener Miene an und ſagte dann in leichtem Tone: „Hör', Ammy, mit dem Meſſer hat's gar nichts auf ſich; das iſt eine ganz gewöhnliche Geſchichte und braucht dich nicht zu ängſtigen. Dein Vater hielt's ſchon früher mit alten Weibern, die er wegen ſeiner Gicht um Rath fragte, und da hat ihm wahrſcheinlich die blinde Urſel oder die liſtige Hollengrete geſagt, er ſolle das Meſſer vergraben, dann werde ihn die Gicht verlaſſen; denn der alte Weiberglaube meint, mit dem Meſſer ſtecke man zugleich den Schmerz in die Erde.— Und unter einer trächtigen Kuh, ſagteſt du?— Ganz recht; dicht vor der Krippe, nicht? und mit der Spitze gerade in die Erde, war's nicht ſo?“—„Er ſteckte es bis an's Heft in den Sand,“ erwiderte Ammy und ſah ihn verwundert an.—„Und dicht vor der Krippe?“— „Eine Handlänge etwa davor, mitten im Stand der Milchkuh.“—„Die Grube kann aber doch nicht all⸗ zutief geweſen ſeyn?“—„Ei freilich war ſie tief; du müßteſt dich ſchon platt auf die Erde legen, um mit der Hand ihren Grund zu erreichen.“—„Ganz recht, es iſt ein ſogenanntes Gichtmeſſer geweſen,“ ſagte Rudolph ſicher.„Gerade ſo machte es einſtmals unſer Oberknecht, weil's ihm die Hollengrete für ſechs Batzen ſo angegeben hatte. Die Gicht verließ ihn zwar nicht, aber darum glaubte er doch ſteif und feſt an des ver⸗ grabenen Meſſers Zauberkraft.“ Ammy athmete bei dieſer Erklärung, die zudem des Vaters Aberglaube ihr ſehr wahrſcheinlich machte, frei auf; das zuverſichtliche, argloſe Weſen, womit Rudolph ihre dunkle Furcht ſo einfach und natürlich widerlegte, erleichterte ihr Herz und die heute erlebte Scene im Stalle verlor für ſie auf einmal alles Beängſtigende und Furchtbare. Faſt ärgerlich über ihre kindiſche Angſt rief ſie:„Das kommt davon, wenn man einen Menſchen ſo recht von ganzer Seele lieb hat! Man hat dann zu nichts ſonſt mehr Muth, Kraft und Zuverſicht, und das Geringſte macht einem Sorge und Herzklopfen. Ach Rudolph! Nudolph! Wenn wir nur ſchon von hier fort, in Amerika wären! Mir kommt's manchmal ſo weit, ſo unerreichbar vor, wie wenn man im Traume auf der Haide einem eiligen Wolkenſchatten nachläuft und doch nicht vom Platze kann.“—„Es kommen doch Viele glücklich hinüber und keinen hat's noch gereut,“ erwiderte Rudolph zer⸗ ſtreut.—„Was ich für dich thun kann, gereut mich niemals,“ ſagte Ammy;„denn das allein iſt ja mein Stolz, daß ich ſicher weiß: Bin ich erſt einmal dein Weib, ſo biſt du glücklich, weil mich nur der Athemzug gereut, bei dem ich nichts für dich thun kann. Alles, alles will ich für dich thun, Rudolph, leben und k † . — ſterben für dich und mit dir gehen, wenn's Gottes Wille wäre, bis an's Ende der Welt! Das iſt mein „Geſetz,“ und ihm bleib' ich treu bis zum letzten Herzſchlag!“ „Ich weiß, wir werden's zuſammen durchmachen,“ ſagte Rudolph mit einem innigen Kuß auf ihre Lippen. „Mit dir wag' ich nichts und gewinne doch alles. Nun aber iſt's Zeit, daß wir ſcheiden; ich ſehe, mein Vater hat noch Licht, drum will ich machen, daß ich nach Haus komme. Gute Nacht mein Schatz; wenn ich dir morgen pfeife, wird's wohl ein bischen ſpäter ſeyn wie heute, dann gehen wir zuſammen nach dem Tannenſtein, dort haben wir nun gewiß nichts zu beſorgen.“—„Wohin du willſt,“ ſagte Ammy, riß ſich von ſeinem Halſe los und eilte flüchtigen Fußes durch den Garten ihrer Kammer zu, Gott im Herzen dankend für das Glück nach einem ſo angſtvoll durch⸗ lebten Tage. Rudolph ging nachdenklich nach dem Herrnhof zurück; wie er vor das Haus kam, fiel gerade das Licht aus ſeines Vaters Stube hell vor ihm auf die Erde nieder. Er nahte dem Fenſter; da ſaß der alte Heinrich Falk am Tiſche und vor ihm lag die große Bibel aufgeſchlagen, in der er allabendlich vor dem Schlafen⸗ gehen zu leſen pflegte; beide Hände tuhten zuſammen⸗ geſaltet auf dem Buche; beim Lampenſchein, der über ſein ehrwürdiges Geſicht fiel, konnte Rudolph deutlich jeden Zug ſeiner Miene beobachten. Sie war unge⸗ wöhnlich ernſt; auch las er nicht, wie der Sohn anfangs geglaubt hatte, im heiligen Buche; ſein Blick war vielmehr ſtarr auf die Lampe gerichtet, wie wenn der Geiſt des alten Mannes, weit vom gläubigen Gebete ab, einem unbegreiflichen Gedanken nachſänne. Voll Rührung betrachtete Rudolph das theuere, ernſt⸗ 3 fromme Vaterantlitz, in dem er heute abermals jenen tiefſchmerzlichen Zug einer unbekannten Sorge wahr⸗ nahm, der ihm ſchon ſo manchmal aufgefallen war. Er denkt gewiß an dich, ſagte ihm eine innere Stimme; ach! vielleicht ahnt ſein redliches Herz in dieſem Augen⸗ blic, welcher Kummer ihm künftiges Ftühjahr bevor⸗ ſteht, wenn er dann allein und einſam Abends in ſeiner Kammer ſitzt und— X —— „Wie der Hirſch ſchreit nach friſchem Waſſer, ſo ſchreit meine Seele zu dir, o Gott!“ hörte Rudolph in dieſem Augenblick deutlich den Vater ſeufzen; zuckend glitten dabei die Finger der gefalteten Hände ausein⸗ k ander, der Blick des Greiſes hatte einen gläſernen Ausdruck bekommen und aus den geiſterhaft bleichen Zügen ſprach die ſtumme Reſignativn einer an Gott und Welt irre gewordenen, an ihrem innerſten Glau⸗ ben gebrochenen Seele. —— — — 6 „Armer alter Mann!“ dachte Rudolph.„Du biſt mit deinem gottesfürchtigen, frommen Sinn und deinem allzueifrigen Glauben arg in die Irre gerathen und ringſt nun wie der ungerechte König des alten Teſtamentes in Angſt und Noth vergebens nach Frieden und Erleuchtung. Wahrhaftig! wenn du ein Sünder biſt, was ſind dann wir, die wir auf Liſt und Betrug gegen dich, den beſten der Menſchen ſinnen, im Ver⸗ gleiche zu dir! du, der du dein ganzes Leben lang nur Treue und Redlichkeit geübt haſt! Dir kann Niemand einen Fehl nachweiſen, alle Welt liebt und ehrt dich, nur du ſelbſt biſt dir feind und verkennſt den Werth deiner tugendhaften Seele aus übertriebenem Glau⸗ benseifer.“ o dachte der Jüngling und ſchlich er ſchüttert d den ſchmerzlichen Anblick des alten Va⸗ ters, den er ſo innig liebte und verehrte, nach ſeiner Stube hinauf. Die ſorgfältige Art, womit ſich Rudolph bei Ammy nach der Stelle erkundigte, wo ihr Vater das Meſſer eingegraben habe, hat wohl den Leſer bereits den Plan errathen laſſen, auf den es der junge Mann hierbei abgeſehen hatte. Und in der That hatte die Erzählung des Mädchens, weit entfernt ihm wirklich ſo gleichgültig zu ſeyn, wie er ſich anſtellte, inen * dunkeln Argwohn gegen den feindlichen Nachbar in ſeiner Seele geweckt, und ſchnell war ſein Entſchluß gefaßt, dieſe Entdeckung weiter zu verfolgen, und wo möglich das vergrabene Meſſer von dem Platze, wo es jener eingeſcharrt, heimlich wegzuhvlen. Voll von die⸗ ſem Plane ging er mehrere Tage mit ſich zu Rathe, wie er ſein Vorhaben am ſicherſten ausführen könne, ohne weder Ammy noch ſonſt einen Menſchen in ſein Geheimniß zu ziehen. Endlich glaubte er vas Richtige gefunden zu haben. Da des Kaſtenmeiſters Knecht ſeine Lagerſtätte im Stalle hatte, mußte er vor allem darauf bedacht ſeyn, dieſen für eine Nacht vom Hofe zu entfernen; dann konnte er leicht und unentdeckt durch den Garten in die Scheune des Nachbars gelan⸗ gen und am bezeichneten Ort finden, was er ſuchte. Nun hatte ſein Vater einen Knecht in ſeinem Dienſte, der mit dem des Kaſtenmeiſters näher bekannt war. Hierauf baute Rudolph ſeinen Plan, und eines Tags, als Joſt, ſo hieß der Knecht, mit den Pferden aus der Schwemme geritten kam, ging er ihm in den Stall nach und fragte ihn ohne Umſchweife, ob er ſich ein ſchönes Stück Geld und einen herzlichen Dank oben⸗ drein verdienen wolle. Joſt, ein treuherziger und zuverläſſiger Burſche, war ſogleich zu jedem Dienſt bereit und erwiderte, was er für Rudolph thun könne, ſolle ihn niemals — 111— gereuen. Da ſagte dieſer:„Du weißt, Joſt, wie es mit mir und dem Mädel drüben ſteht; und weil wir noch immer heimlich zuſammenhalten, trotzdem daß uns die Alten mit ihrer Feindſchaft einen Strich durch die Rechnung gemacht haben, ſo möchte ich wohl morgen Abend ein Stündchen mit Ammy plaudern. Im Stalle, da ſieht uns Niemand; darum ſollſt du mir des Ka⸗ ſtenmeiſters Knecht morgen Abend mit nach Raunrod nehmen, wo grade Kirmeß iſt, und ihn dort traktiren. Willſt du mir das zu Gefallen thun, ſo ſag' ja.“ „Dreimal für einmal und alle Tage dazu,“ er⸗ widerte Joſt, ſichtlich geſchmeichelt durch das Vertrauen, welches ihm Rudolph durch dieſes Anerbieten bewies, worauf dieſer in die Taſche griff und dem Knecht drei harte Thaler in die Hand drückte, wobei er hin⸗ zuſetzte:„Das iſt für die Raunroder Kirmeß; aber halte mir ja den Hannes bis Mitternacht feſt; denn je ſpäter ihr zurückkommt, um ſo lieber iſt's mir und meinem Mädel.“ Joſt begriff ſehr wohl die Wichtigkeit ſeines Auf⸗ trags und führte darum denſelben mit ſo viel Eifer und Geſchick aus, daß des Kaſtenmeiſters Knecht ohne Arg ſeine Einladung hinter dem Rücken ſeines Herrn annahm, zumal ihm der Kamerad freie Zehrung ver⸗ ſprach. . In derſelben Nacht hatte ſich Konrad Wahl früher als gewöhnlich zu Bette begeben; er war auch bald eingeſchlafen, wurde aber von einem bangen Traume geplagt, erwachte darüber, griff ſchlaſtrunken nach der Vranntweinflaſche und that einen langen Zug daraus, um ſeine aufgeregten Lebensgeiſter zu betäuben und die dunkeln Traumbilder aus ſeiner Seele zu verſcheuchen. Er ſchlief auch wirklich wieder ein, als ihm gegen MWitternacht träumte, die Milchkuh im Stalle ſey vor der Zeit zum Kalben gekommen und brülle darum einmal über's andere ängſtlich um Bei⸗ ſtand. Der Traum war ſo lebhaft, daß er abermals erwachte, und gleich nachher hörte er wirklich das Brüllen der Kuh, die bald in lingeren, bald in kür⸗ zeren Pauſen klägliche dumpfe Töne auſtieß und gar nicht damit aufhören wollte. Zuletzt ſtand der Bauer auf, fluchte auf den faulen Knecht, der das Thier ver⸗ gebens ſchreien laſſe, und ging nach dem Stalle, um ſelber nachzuſehen, was der Kuh fehle. Im Hofe ſtolperte er in der Dunkelheit über ein zerbrochenes Wagenrad, das im Wege lag, und wäre beinahe zu Falle gekommen, was ſeinen Zorn noch ſteigerte. Im Stalle ſelbſt war es vollends dunkel.„Holla, Hannes!“ rief Konrad Wahl nach dem Bette des Knechts hinüber;„was ſoll das heißen! Die Milchkuh brüllt in Nöthen, und du fauler Schlingel hörſt's N * — 113 ² nicht einmal! Was iſt's mit dem Vieh?“— Ein ſchwe⸗ res Schnarchen, gleich nachher einige unartikulirte Töne und ein Knarren des Bettſtollens war alles, was der Knecht von ſeiner Lagerſtätte aus hören ließ, worauf der Bauer brummend zur Milchkuh ging, das Thier in der Dunkelheit betaſtete und ſich überzeugte, daß ihm nichts fehle. Er warf einen Arm voll Kleeheu auf's Reff und die Kuh fraß munter.—„Du fauler Taugehichts! das Vich hat nur Hunger, darum brüllt's ſo erbärmlich, daß man's durch's halbe Dorf hört, und doch, Schlafmütze, regſt du dich nicht! Aber wart' nur! Ich will dir auf Martini den Weg aus meinem Dienſt zeigen, daß kein Hund mehr ein Stück Brod von dir nehmen ſoll. Und das laß dir geſagt ſeyn, paſſirt der Ku hem Rlben ein Unglück, ſo kriegſt du keinen Batzen von deinem Lohn, du Taugenichts, du Hallunke!“— Mit dieſen Worten ſtolperte der Alte fluchend und wüthend über des Knechts hart⸗ näckiges Schweigen aus dem Stall, ſchlug die Thüre heftig hinter ſich zu und kehrte mit ſchweren Tritten in's Haus zurück. Jetzt erſt richtete ſich der im Bette Liegende athem⸗ los lauſchend auf; und als alles im Hofe ruhig blicb, ſprang er mit gleichen Füßen aus dem Bette, zog das blanke zweiſchneidige Meſſer unter der Decke hervor und enteilte damit durch die Scheune in den Garten. 8 Mit einem Satze war er durch die Hecken auf der Straße und lief nun, ohne ſich umzuſehen, dem Herrn⸗ hof zu. Dunkle Chronik der Schuld, wer ſchreibt deine wunderbaren Hieroglyphen? Gleich dem Schatten des Raben, der über ſonnige Auen dahin fliegt, ſo ver⸗ ſchwinden ſie dem Blicke des Schauenden, und wie der Tropfen im Sande, verrinnt ihre Spur in der Jahre Vergeſſenheit. Der aber, deſſen Schuld ſie verkünden, ſieht ſie doch und ſein ſcheues Auge begegnet ihrer blutigen Schrift in jeder Erſcheinung des Lebens, und jeder Ton, der ſein Ohr berührt, ruft ihm im Weh⸗ laut die That ſeiner alten Sünde in's Gedächtniß zurück. Nur die Furcht vor der Entdeckung ſchützt ihn noch vor der Vernichtung und leitet inſtinktartig ſeine Schritte auf dem ſchmalen, ſchwindelnden Pfad, zu deſſen Seiten der Abgrund gähnt. Aber einmal irre gemacht in der Angſt grauenvoller Gewohnheit, einmal durch einen fremden unberechneten äußern Moment aus der Methode ſeines innern Schuldbewußtſeyns heraus⸗ geriſſen, verliert der Verbrecher den ſichern Boden unter ſeinen Füßen, ſein Trotz, ſeine Haltung verläßt ihn und umſonſt greift er nach neuen Conſequenzen ———— — 115— ſeiner alten blutigen Miſſethat. Das iſt der Moment, wo die Eumenide ihn faßt an der letzten Silberlocke ſeines greiſen Schädels und ihn rettungslos, erbar⸗ mungslos in den Abgrund ihres düſtern hin⸗ unterzieht. Rudolph kam glücklich vor Mitternacht mit dem geraubten Hirſchfänger auf ſeine Stube, warf den blanken Stahl auf's Bett und zündete haſtig das Licht an. Erſt jetzt merkte er, wie ſeine Hand zitterte und die Aufregung in Folge des gehabten Schrecks ihm das Blut heftig durch die Adern jagte. Wie das Licht brannte und ſein Auge zufällig in den vor ihm hän⸗ genden Spiegel fiel, erſchrak er faſt über ſeine Bläſſe und das Verwilderte in ſeinen Geſichtszügen, ſo ſehr hatte vus überſtandene Abenteuer ihm zugeſetzt. Er warf ſich erſchöpft der Länge nach auf's Lager, um ſich von ſeiner phyſiſchen und moraliſchen Anſtrengung zu erholen. Deneben als er die Grube wieder zu⸗ geworfen, die Steine an ihre vorige Stelle gefügt und die Kuh wieder angebunden hatte— alles in der größten Eile— hörte er den Kaſtenmeiſter auf den Stall zugehen; erſchrocken raffte er das Meſſer vom Boden auf und ſprang damit ohne langes Bedenken in das Bett des Knechtes, wobei er jedoch mit dem Kopfe ſo heftig wider einen Balken rannte, daß er halb botäubt niederfiel. Aber zugleich war die Fin⸗ 8* . ſterniß, die ihm tiſen Unfall bereitete, auch ſeine Beſchützerin; denn wer weiß, was geſchehen wäre, wenn der Kaſtenmeiſter ihn entdeckt hätte! Während dieſer Betrachtung fing der Kopf an ihn heftig zu ſchmerzen; die Beule ſchwoll immer dicker auf und das Blut klopfte fieberhaſt an der verletzten Stelle. Er wuſch die Geſchwulſt mit kaltem Waſſer und band ein in Eſſig getränktes Tuch darüber, bis er allmählig Linderung verſpürte. Dann kleidete er ſich aus, um zu Bette zu gehen; vorher aber griff er noch einmal nach dem geraubten Hirſchfänger und trat damit an's Licht, um ihn näher zu betrachten. Es war in der That ganz ſo, wie Ammy die Waffe beſchrieben, der Stahl ſo blank, als ſey er eben erſt friſch polirt worden, und der Hirſchhorngriff von ungemein künſt⸗ licher Arbeit. Noch betrachtete Rudolph mit Verwun⸗ derung die ſchöne ſchmucke Jägerwaffe, und abermals drängte ſich ihm der Gedanke auf, was den Kaſten⸗ meiſter dazu beſtimmt haben könne, dieſelbe als ein unnützes, werthloſes Stück in die Erde zu vergraben; da fiel ſein Auge auf eine zollange Silberplatte von ovaler Form am Knopfe des Griffes und er enideckte eine in dieſelbe gravirte Zeichnung; ſie ſtellte einen Tannenbaum dar, unter welchem ein Schütze mit ſei⸗ nem Hunde ruhte, und darunter ſtand deutlich zu leſen der Name„Friedrich Krafft.“ 1 * Wie der Blitz, der plötzlich vor uns ricderſchü uns durch ſeinen allzuhellen Schein nicht allein blen⸗ det, ſondern auch einen Moment jeden andern Eindruck der Sinne unmöglich macht, ſo hatte auch Rudolph nicht ſobald den Namen Friedrich Krafft geleſen, als der Gedanke, daß er des vor vielen Jahren ermor⸗ deten Tannenſchützen Waffe in der Hand halte, wie Blitzeshelle ihn durchzuckte und ſo heſtig alle ſeine Sinne betäubte, daß er eine zeitlang keinem andern Gefühle Raum geben konnte. Der Tannenſchütz und nur der Tannenſchütz war ſein einziger Gedanke, und erſt als er ſich nochmals den Namen des Unglücklichen feſt durch's Auge in die Seele geprägt, ſo daß eine Täuſchung nicht mehr möglich war, fiel es ihm wie ein zweiter dröhnender Wetterſchlag auf's Haupt: Dann iſt der Kaſtenmeiſter ſein Mörder! Und wie vorhin im finſtern Stalle das Meſſer, ſo grub er nun in einer Minute die ganze dunkle That aus der Nacht der Hölle heraus; ſein Herz zit⸗ terte in hörbaren Schlägen, der blanke Stahl, den er vor Schreck auf den Tiſch hatte fallen laſſen, ſprühte und funkelte beim Lichtſchein wie das Richtſchwert der ewigen Gerechtigkeit; in fieberhafter Glut pochte ſeine wunde Stirne, alle ſeine Sinne wirbelte ein wildes tſetzen durcheinander: Der Tannenſchütz— Ammy Konrad Wahl— und er ſelbſt, der Entdecker der — 118— alten Unthat!—— Ein Bild, eine Geſtalt ver⸗ drängte ſo vor ſeiner Seele die andere; er war nicht mehr im Stande alle dieſe Eindrücke des innern Grauens von denen der furchtbaren Wirklichkeit zu ſcheiden, und faſt wäre es um ſeinen Verſtand gethan geweſen. Er hatte keinen Willen, keinen Entſchluß, nur eine dumpfe Angſt lag bleiern auf ſeiner Seele; er warf ſich wie gelähmt an allen Gliedern auf's Bett und die erſchöpfte Natur ſank bald aus wirrer Betäu⸗ bung in einen feſten Schlaf, den ſelbſt dunkle Traum⸗ geſtalten nicht zu ſtören vermochten. Ammh, die am Nachmittag des folgenden Tages ein Geſchäft in das benachbarte Bergdorf führte, hatte auf ihrem Heimweg durch den Wald einen Kranz von Immergrün gewunden, den ſie im Vorbeigehen auf's Grab ihrer Mutter legen wollte; denn ſchon wehten Herbſtesſchauer durch's Land und der Winter konnte da ſeyn, ehe man ſich deſſen verſah. Wie ſie aus dem Walde trat, lag der Abend⸗ ſchein prächtig auf der Landſchaft und die Berghaiden, die der blühende Thymian bedeckte, glühten weithin im Glanze der Sonnenlichter. Da mußte ſie unwillkühr⸗ lich an Amerika denken, denn ſo einſam war es rings um ſie, als wohne weit und breit keine Menſchenſeele ——, gerade wie Rudolph ihr ſo oft das Leben im fremden Welttheil beſchrieben. Sie blieb auf dem Hügel ſtehen, blickte ſinnend in's Abendroth und ſagte;„Der Ru⸗ dolph hat am Ende doch recht, wir werden erſt glück⸗ lich ſeyn, wenn die Sonne, die uns hier untergeht, dort ihr Morgenroth über unſere ſtille Hütte im Ur⸗ wald wirft, wenn dort Abend ſeyn wird, wo hier der Tag anhebt. O Sonne, du bleibſt ja doch immer die nämliche, nicht wahr? Und ſeh' ich dich in Ame⸗ rika Morgens aufgehen, dann will ich immer denken, eben wird's Abend in Altenhain, eben wirſt die Sonne ihren letzten Strahl auf der Mutter Grab und der Mond geht leuchtend über'm Oberwald auf.“ Sie ſchritt dann den Hügel nach dem Dorfe hin⸗ unter und achtete bald, in Träume und Bilder der Zukunft verloren, kaum mehr der Außenwelt. Wie ſie aber jetzt hinter dem Erlenbuſch hervortrat, da wo der Feldweg um den Hügel herum biegt, ſah ſie in der Entfernung von etwa hundert Schritten auf der ſteinernen Brücke, die über den Bach führte, einen Mann ſtehen, der, die Hände auf den Rücken gelegt, ſtarr iws Waſſer hinab blickte. Im hellen Abendſchein ſchnitt ſich ſeine hagere, dunkle Geſtalt in lichtſcharfen Umriſſen von der Luft ab; aber weil Ammy ſelbſt von der Sonne geblendet wurde, erkannte ſie ihn nicht ſo⸗ gleich, bis ſie ihm näher gekommen war und nun ſah, — 120— daß es der alte Heinrich Falk war. Er hatte ſeinen gewöhnlichen langen Tuchrock an und darunter trug er faltige Stiefeln, die bis zu den Knieen reichten; ſein Haupt bedeckte ein ſchwarzes Sammtkäppchen, unter welchem ſeines Haares Silberlocken im Abendſcheine hervorglänzten. Wer ihn nicht gekannt hätte, würde in dieſer mehr bürgerlichen als bäuriſchen Tracht den Seelſorger oder Schulmeiſter des Dorfes vermuthet haben, ein Glaube, dem das ernſtehrwürdige, von ſcharfen Zügen markirte Geſicht noch weitere Beſtäti⸗ gung verlieh. Auch das gelbe ſpaniſche Rohr mit dem ſilbernen Knopf paßte nicht recht zum Landmann, wenn derſelbe unter der Abendfeier hinaus nach ſeinen Fel⸗ dern wandelt, um nachzuſehen, ob die Stoppeln ge⸗ hörig untergepflügt oder die Waſſergräben ausgeſtochen ſind. Kurz, es war eben eine andere Erſcheinung als die des gewöhnlichen Vogelsberger Bauers, denn etwas fremdartig Förmliches und Zurückhaltendes lag von jeher im Weſen des alten Herrnhofbeſitzers, der den brſten Theil der Altenhainer Gemarkung ſein eigen nannte und darum wohl auch ſchon in ſeiner äußern Erſcheinung eine Ausnahme vom„geringen“ Manne machen durfte. Ammy klopfte das Herz, indem ſie dachte, daß ſie jetzt ſo nah an ihm vorübergehen müſſe. Sollte ſie den Vater Rudolphs grüßen? ſollte ſie ſtumm an ihm vorbeiwandeln? Sie hatte immer eine gewiſſe Scheu vor dem ernſten ſtillen Nachbar im Herzen ge⸗ tragen, deſſen Blicke ſtets ſo feſt und ruhig auf ſie gerichtet waren, wenn ſie ihm einmal zufällig begeg⸗ nete, als kenne er ſie gar nicht, während ſie doch faſt unter ſeinen Augen aufgewachſen war.„Ich biet' ihm doch einen guten Abend,“ ſprach ſie nach kurzem Bedenken,„und laß' es darauf ankommen, ob er mich wieder grüßt. Er iſt ja am Ende doch Rudolphs Vater, der ihn nach mir über alles in der Welt liebt und werth hält.“ „Guten Abend, Nachbar Falk,“ ſagte ſie darum im Vorüberſchreiten ſo laut, daß der alte Mann faſt erſchrocken aus ſeinem tiefen Sinnen auffuhr und ſich haſtig nach ihr umkehrte; ja, er ging ſogar einige Schritte auf ſie zu, wie wenn er ſie anreden wolle, obwohl ſie merkte, daß er es nur aus Zerſtreutheit that. Denn als er ſie erkannte, ſtand er mitten au der Brücke ſtill und blickte ſie ſo ſtarr an, daß ihr dabei ganz ſonderbar zu Muthe wurde und ſie gleich⸗ ſalls unwillkührlich ſtehen blieb. „Du biſt die Ammy Wahl?“ redete er ſie nach einer Pauſe mit einem, wie ihr vorkam, unſichern Tone an.—„Ei ja doch,“ erwiderte ſie beklommen und ſchlug vor dem ſtrengen Blick, mit dem er ſie betrach⸗ tete, die Augen nieder.„Er kennt mich ſchon, Nachbar Falk, und weiß——“ ihre Stimme ſtockte.„Füt wen iſt denn der Kranz da, den du am Arme trägſt?“ fragte er um ein weniges milder.—„Ich wollt' ihn auf's Grab meiner Mutter tragen,“ erwiderte ſie und bemerkte bei dieſen Worten eine leiſe Bewegung in ſeinen Zügen. Ermuthigter fügte ſie hinzu:„Es iſt ia das Letzte, was ich ihr noch thun kann. Wollte Gott, ſie lebte noch!“ Da ſagte der Alte mit einem ſonderbar verän⸗ derten haſtigen Tone:„Laß ſie ruhen, deine arme, brave Mutter, und gönne ihr den ewigen Frieden! Ihr iſt wohler als uns allen.“ Er legte nach dieſen Worten mit einemmal ſeine Hand auf des Mädchens Schulter, und wie Ammy ihn verwundert anblickte, merkte ſie, daß etwas in ihm vorgehe, wie wenn er ihr Wichtiges mittheilen wolle und doch nicht das rechte Wort dafür finden könne. Ein Widerſtreit in den Gefühlen Falks war deutlich in ſeiner Miene zu leſen, bis er zuletzt ſeine Unentſchloſſenheit überwand und zögernd ſagte:„Höre Ammy, es iſt gut, daß ich dich einmal unter vier Augen ſprechen kann; ſchon lange hatt' ich's im Plane, dir meine Herzensmeinung offen darzulegen, denn du — obwohl du ſeine Tochter biſt— verdienſt doch mein Vertrauen, weil ich dich ſür eben ſo ehrlich und fromm und gut halte, wie ich deinen Vater— doch ————— — 123— Las ſoll hier nicht geſagt werden! Zur Sache denn⸗ weil es einmal Gottes Wille iſt, der das Glück und den Frieden meiner alten Tage in deine Hand legt, mein gutes Kind!— Wie ſteht's mit dem Rudolph? Habt ihr's noch im Geheimen mit einander, oder geht er dir aus dem Wege wie du ihm? Warte noch, ſage mir noch nichts, ehe du's recht überlegt haſt, da hier die reine Wahrheit uns allen, auch dir, Ammy, zum Heile gereicht. Alſo beſinne dich zuvor, mein Kind, denn wiſſe, was du mir ſagſt, hört nicht allein dieſes Ohr; auch der allwiſſende Gott hört deine Worte und Er“— hier faltete er bewegt die Hände—„Er wolle nicht mit dir in's Gericht gehen, wenn du einen alten bekümmerten Vater belügſt. Beim Gedächtniß deiner ſelig entſchlafenen Mutter, ſprich die Wahrheit, Ammy: wie ſteht's mit dem Rudolph? Liebſt du ihn noch?“ Das Mädchen wurde durch dieſe Frage, die ihr ims innerſte Herz griff, eben ſo erſchüttert wie durch den ſeierlichen und doch zurückhaltenden Ton, mit dem der Alte dieſelbe an ſie richtete. Ein ſchrecklicher Zweifel ergriff ſie; ſollte ſie ihm alles bekennen, ſollte ſie ihm alles verſchweigen? Mit zitternder Stimme ſagte ſie deshalb, und um nur Zeit zu gewinnen an eine Ausflucht zu denken:„Ach, Nachbar Falk, wie guält Er doch mein Herz und möchte es ausforſchen bis zum allertieſſten Grunde! Und Er ſelbſt, Er ſelbſt ſagt mir doch auch nicht, was ich ſo gerne von Ihm wiſſen möchte und wofür ich jetzt gleich zehn Jahre meines Lebens dahin gäbe.“—„Was ſoll ich dir* ſagen?“ rief Falk auflauſchend.„Sprich, Ammy, Ver⸗ trauen gegen Vertrauen— was ſoll ich dir ſagen?, Da faßte ſie ſich ein Herz, und mit einer feſten Stimme, ſo feſt, daß ſie ihr beinahe ſelber fremd klang, erwiderte ſie, indei ſie ihm muthig in's Auge ſah:„Sage mir der Nachbar Falk zuvor, warum. Er eigentlich meines Vaters Todfeind iſt, wie dieſer der ſeinige, und wenn ich's richtig weiß, ſoll Er auch von mir hören, wie ich's mit dem Rudolph halte.* Ich kann nun einmal dieſer Feindſchaft nicht auf den Grund ſchauen, und doch hat ſik miür mein Liebſtes in der Welt——“ Des alten Mannes Geſicht hatte bei dieſer Wen⸗ dung des Geſprächs den Ausdruck eines heftigen Schreckens 8 angenommen; eine fahle Bläſſe bedeckte ſeine Züge und er war eine zeitlang vor Staunen und Beſtürzung über dieſe dreiſte Frage ganz außer Stande ihr eine Antwort darauf zu geben.„Ich und dein Vater? das alſo willſt du wiſſen?“ ſtammelte er endlich tonlos und ſeine Bruſt hob ſich krampfhaft.„Nun ja, Ammy, du. ſollſt die Auskunft haben, wie ich die deinige eben ſo 6 treulich erwarte. Nimm das Kränzlein da, trag's auf deiner Mutter Grab und frage ſie, frage ihren ver⸗ klärten Geiſt, er wird dir ſagen, warum der Konrad Wahl und der Heinrich Falk aus treuen Freunden Todfeinde geworden ſind; er wird dir ſagen, daß beide ſie zum Weibe begehrten und daß der, dem ſie den Vorzug vor dem andern gab, ſie eben ſo unglücklich machte, wie der den ſie verſchmähte, darüber ſelber unglücklich wurde. Da haſt du den Grund unſerer alten Feindſchaft und nun ſprich; wie ſteht's mit dir und dem Rudolph?“ „Halt, Nachbar Falk!“ rief Ammy, die nun mit ſich im Klaren war, was ſie thun ſolle.„Was Er mir da von meiner Mutter ſagt, wußt' ich ſchon ſeit Jahren, und brauche darum nicht ihr Grab zu fragen, was ihr Mund mir einſt ſelber anvertraut hat. Ich weiß, daß Er mit meinem Vater um die arme ſchöne Hirtentochter geſreit hat— ach! einer war damals noch ſo gut und brav wie der andere— aber ſag' mir doch der Nachbar, wenn es auch erklärlich wäre, daß Er, der ve erſchmähte Freier, dem glücklicheren Reben⸗ buhler den Beſitz der Katharina neiden durſte— was treibt denn meinen Vater zu dieſer bittern Feindſchaft, ihn, der doch die ſchöne Katharina gewann? Und der Nachbar Falk, als ihn meine Mutter abwies, hei⸗ rathete gleich darauf die Mutter ſeines Sohnes, lebte glücklich und in Frieden mit ihr bis zu ihrem Tode— Gott hab' ſie ſelig!— und doch haßt er meinen Vater fort und fort, als hätt' Er ſein eigenes Weib niemals treu geliebt. Das, und nur das wollt ich von Ihm erklärt haben, und cher hab' ich auch die rechte Ant⸗ wort nicht.“ Falk hatte ſie während ihrer Rede unbeweglich angeſehen, ihr Einwand ſchien ihn jedoch lange nicht mehr ſo ſehr zu überraſchen wie ihre erſte Frage, ein ſeltſames Lächeln glitt ſogar über ſeine Züge, und ſchmerzlich bewegt zuckte er mit einem frommen Blick gen Himmel die Achſel, indem er wie verwundert ausrief: „Und das fragſt du, Ammy? Du, des Konrad Wahl eigenes Kind fragſt noch, warum dein Vater mich haßt? Bin ich ihm etwa ſo ähnlich an— Untugend, an— Laſterhaftigkeit und gottloſem Lebenswandel, daß er in mir einen von Seinesgleichen erblicken ſollte? Ich ſage dir, Ammy, dein Vater haßt mich um ſeines ſchlechten Herzens, um—— ſeines böſen Ge⸗ wiſſens willen, verſtehſt du mich, Mädchen?“ Er ſprach die letzten Worte zwar mit ſeſter, feier⸗ licher Betonung, war aber, was Ammy befremdete, innerlich ſo erſchüttert davon, daß er zum nächſten Vrückenſtein wankte und ſich wie erſchöpft darauf nie⸗ N derließ, als wenn ihm die Kraft fehle, ſich noch länger aufrecht zu erhalten. Sie fühlte inniges Mitleid mit dem alten Manne, und wie er jetzt ſein Sammtkäppchen abzog, es in den gefalteten Händen zuſammenpreßte und leiſe für ſich zu beten anfing, machte dies einen ſolchen Eindruck auf ſie, daß ſie in Schluchzen und Thränen ausbrach und gerührt ſagte:„Ach, Nachbar Falk, nun hat Er mir, weiß Gott! die rechte Antwort gegeben, denn nun hab' ich's ſicher, was mir ſchon lange mein eigenes Herz ſagte: Der Konrad Wahl haßt ihn um Seiner Frömmigkeit, um Seines gottes⸗ fürchtigen Wandels willen; er mag es nicht ſehen, wenn einer ſeiner Nächſten an unſern Herrn und Heiland glaubt und treulich den Geboten der Religion nachlebt. Selbſt wenn mein Vater zum heiligen Nachtmahl geht, „ flucht er vor und nach der Kirche, und Ihn, Ihn haßt er darum wie ſeinen ärgſten Feind, weil der Nachbar in allem das Gegentheil von dem thut, was mein Vater treibt und denkt. Gott ſegne Ihn, Nachbar Falk! Er iſt wahrlich nicht ſo der Feind meines Vaters, 4 wie dieſer der Seine, und darum laß Er mich jetzt mit einem Händedruck ſcheiden!— Wollte der Himmel, Er wäre mein Vater!“ „Wollte der Himmel!“ ſagte der Alte dumpf und gedankenvoll vor ſich hin und ſah mit einem ſchweren ufzer empor, als das Mädchen jetzt ſeine Hand ergriff. „Du biſt mir aber noch immer die Antwort auf meine Frage ſchuldig,“ fuhr er dann mit ſanftem Vor⸗ wupf fort.„Nun, ich ſehe daraus, auch ohne daß du mir's bekenneſt, daß dir der Rudolph noch nicht aus dem Sinne iſt und du's am Ende gar noch heimlich mit ihm haſt? Iſt's nicht ſo? Ha, du wirſt blaß, du zitterſt! Nun weiß ich genug und danke dem Herrn noch einmal, daß er uns beide zuſammengeführt hat. Höre, Ammy, du biſt ein verſtändiges Mädchen und wirſt wiſſen es zu ertragen; darum ſag' ich dir: Schlag' dir den Rudolph aus dem Sinn; denn ehe nicht aus Nacht Tag, aus Fluch Segen wird, kann aus dieſer Heirath nichts werden; hörſt du, Ammy, nichts, es triumphirten denn zuvor die hölliſchen Geiſter über euern Liebesbund und ſäße der ſchwarze Engel der Schuld beim hellen Sonnenlicht auf der Schwelle eurer Thüre! Das iſt meine Meinung, Ammy: So lange dein Vater am Leben, oder du nicht vor Gott und Welt das Zeugniß ablegen kannſt, daß du nicht ſein Kind biſt, gezeugt aus dem Samen des Fluches und genährt von der Milch der Verdammniß— hörſt du, Ammy, das ſag' ich, ich, der Vater deines Liebſten— ſo lange wollt' ich meinen einzigen Sohn lieber im Grabe als mit dir am Traualtare ſehen. Darum ſchlage dir den Rudolph aus dem Sinn und höre mich weiter. Ich habe mir's reiflich überdacht, daß, wenn ihr beide beiſammen hier in Altenhain bleibt, die Sache nicht gut thut. Jagt doch der Sommerwind die Neſ⸗ ſelſaat aus deines Vaters Hof über die Mauer in einen Garten, daß ſie dort aufgeht; arbeitet ſich doch — 129— der alte Hollunderſtrauch in meinem Beſitzthum durch's Mauerfundament in euern Hof und treibt dort neue Schößlinge, und die Liebe— o ich weiß, Ammy, die Liebe iſt leichter als Reſſelflocken, hartnäckiger und eifriger als Holderwurzel.“ 3„Darum muß eines von euch,“ fuhr der alte Falk fort,„um eueres beiderſeitigen Glückes willen fort von hier— je eher, je beſſer, und du, Ammy, du ſollſt mir nun ſagen, ob du ſo große Liebe zu Rudolph im Herzen trägſt, daß du dich von ihm trennen kannſt, um ihn nicht eher wieder zu ſehen, als bis er dich vergeſſen hat und dein Bild für immer aus ſeinem Herzen verſchwunden iſt? Willſt du das, ſo hab' ich einen Platz für dich bei meiner Baſe zu Fulda, die ſelber kinderlos iſt, und wo du bei der guten alten Frau wie das Kind des Hauſes gehalten ſeyn ſollſt. Willſt du das, Ammy, ſo ſprich ja, wo nicht, ſo muß Rudolph von hier fort; du kannſt dann beim Konrad Wahl auch fernerhin ein elendes und mißhandeltes Leben führen, während ich, ſo oft ich dich ſehe, denke: Da geht die, die dir den Sohn geraubt hat und dem Sohne den Vater!“ Ammy ward durch dieſen unerwarteten Vorſchlag des Alten in neue, noch größere Verlegenheit verſetzt und wußte anfangs gar nicht, wie ſie ſich jenem und ſeinem entſchloſſenen Willen gegenüber verhalten ſolle 9 — 130— Denn Heinrich Falk war ein Mann„der ſich nicht leicht von einem gefaßten Vorſatze abbringen ließ und eigenſinnig auf dem beharrte, was er einmal als recht und rathſam erkannt hatte. Das alles wußte ſie aus Rudolphs Mund und darum erſchrak ſie über dieſen Vorſchlag ſo heſtig, daß ſie aller Muth verließ und ſie in Thränen ausbrechend, ohne recht zu wiſſen, was ſie ſagte, erwiderte:„Nun ja, darüber läßt ſich ſchon ſprechen, Nachbar; bin ich doch beinah ſchon ſelbſt daxauf gekommen und habe mehr als einmal denſelben Plan gehabt. Noch geſtern dachte ich bei mir—“ ſie ſtockte einen Moment, und jetzt wußte ſie wieder was ſie ſagte—„daß ich im künftigen Frühjahr von Altenhain fortgehen wolle, weit fort; denn länger halte ich das troſtloſe Leben doch nicht aus und will mir lieber bei fremden Leuten mein Brod verdienen⸗ als dieſe Noth und Trübſal noch länger ertragen.“ Der alte Falt war durch dieſe Bereitwilligkeit um ſo mehr überraſcht, als er faſt mit Sicherheit auf den entſchiedenſten Widerſtand gerechnet hatte. Er zeigte ſich demnach ſehr erfreut über ihren muthigen Entſchluß, in dem er das einzige wirkſame Mittel erkannte, ſie und Rudolph von einander abzubringen, und ſagte „Wußt' ich doch, daß du ein braves, kluges Mädchen ſeyſt; darum ſollſt du aber auch immer an mir einen ahren hülfreichen Freund und Beſchüter finden, ja, 3 1. — 131— wenn du vorhin wünſchteſt, ich möchte dein Vater ſeyn, ſo ſollſt du das nicht in den Wind geredet haben; denn beim allmächtigen Herrn des Himmels und der Erde ſchwöre ich dir, ich will dich halten, als wäreſt du mein leiblich Kind und nicht die Tochter meines wüthenden Feindes!“ Ammy hatte während dieſer Worte ihre Geiſtesgegen⸗ wart völlig wieder gewonnen, und um ihrer Sache ganz gewiß zu ſeyn, ſagte ſie darum mit verſtelltem Zweifel:„Aber was wird der Rudolph dazu ſagen? Wird er ſich gutwillig darein ergeben oder wird er mir am Ende gar nachgehen, ſo weit ich auch von hier wegkomme? Denn der Rudolph, Nachbar Falk, der Rudolph, fürcht' ich, läßt nimmer von mir, wenn ich ihn auch tauſendmal verlaſſe!“ „Beſſer wär's freilich, du gingeſt bald von hier weg,“ erwiderte der Alte, betroffen von dieſer Zuver⸗ ſichtlichkeit in ihrem Glauben an den Geliebten.„Was hält dich denn auch noch bei deinem harten Vater zu⸗ rück?“—„Die Kinder meiner Mutter, beſonders die kleine kranke Lisbeth,“ ſprach Ammy mit leiſe zittern⸗ der Stimme; denn in dem Augenblick, wo ſie doch eine Lüge ſagte, kam ihr plötzlich der Gedanke an ihre wirkliche Schuld gegen ihre jüngeren Geſchwiſter, die ſie verlaſſen wollte, nicht um Rudolph zu fliehen, ſondern um erſt recht ihm anzugehören und mit ihm 9* 1— zu tragen und zu theilen, was Gottes Wilk ihnen immer auferlegen werde. Doch ſchnell faßte ſie ſich wieder und fügte ſicher hinzu:„Ja, Nachbar Falk, deſſen ſey Er gewiß, bevor die kleine Lisbeth nicht wieder ganz geſund iſt und keine Gichter mehr hat, bringen mich keine zwanzig Gäule von Altenhain weg, denn ich hätte um des armen Kindes willen keine Ruhe vor Gott und meinem Gewiſſen.“ „Ich will auch deshalb nicht weiter in dich dringen,“ verſetzte Falk zögernd, da er dachte, daß er ihr nicht zu viel auf einmal abdringen dürfe.„Dein Schweſter⸗ chen wird ja hoffentlich bis zum Frühjahr geneſen, aber dann, Ammy, dann—“—„Geh' ich von Alten⸗ hain fort, auch wenn ich Lisbeth allein zurücklaſſen muß,“ ſagte ſie mit erhobener Stimme, ſah dabei dem Nachbar feſt in's Auge und wiederholte mehrmals nachdenkend mit dem Haupte nickend:„Dann— dann!“ Falk ſchied von ihr und wußte nicht anders, als daß er in dieſer einen Stunde faſt ohne Mühe und halb durch Zufall erreicht habe, was ihm Tage und Wochen hindurch unmöglich geſchienen und worüber er ſo manche Nacht ſchlaflos und kummervoll hingebracht hatte. Zum erſtenmal ſeit langer Zeit kehrte er mit erheitertem Antlitz von ſeinen einſamen Abendgängen auf den Herrnhof zurück. — 133— nmy fand begreiflicherweiſe nicht eher Ruhe, als bis ſie Rudolph von ihrem Geſpräche mit dem alten Falk, ſo wie von deſſen Abſichten mit ihr in Kenntniß geſetzt hatte. Aber vergebens harrte ſie zur beſtimmten Stunde an ihrem Kammerfenſter auf das bekannte Zeichen; geſtern Abend war er nicht gekommen und heute blieb er abermals aus. So mußte ſie ſich alſo bis zum folgenden Tage gedulden, wo ſie ihm wenigſtens einen Wink zu geben hoffte, daß ſie ihm Wichtiges mitzutheilen habe. Hätte ſie gewußt, was den Geliebten abhielt zu ihr zu kommen, ihr unter die Augen zu treten, ſie wäre nicht ſo friedlich einge⸗ ſchlummert mit dem Troſt aller treuen Liebe:„Auf Nacht und Noth folgt Morgenroth.“ Jedes Ding in der Welt hat ſeine zwei Seiten, und oſt iſt gerade dasjenige Erlebniß, welches uns im erſten Eindruck wie ein Schrecken ohne Ende nieder⸗ wirft, bei näherer Betrachtung das lange und immer vergebens geſuchte Mittel zu unſerer Rettung und wird, ſtatt uns zu vernichten, die Brücke zu unſerem beſten Heile.— So erging es auch Rudolph nach jener Nacht der grauenvollen Entdeckung; denn die helle Sonne beſchien den unheimlichen Gedanken an den ermordeten Tannenſchützen ganz anders als der bleiche — 134— Mond, und bald griff der Jüngling mit ganz andern Gefühlen nach dem geraubten Hirſchfänger als in der Nacht zuvor, wo Schrecken und Aufregung und des Blutes Fieberhitze ihm jede klare Erwägung unmöglich gemacht und das Geſpenſtiſche der Sache, im Bunde mit dem Eindruck der überſtandenen Gefahr, ihm Sinne und Gedanken verwirrt hatte. Jetzt aber, wo die ruhige Prüfung des nächtlichen Erlebniſſes mit der ſichern Ueberzeugung Hand in Hand ging, daß endlich der Himmel ſein heißes Gebet erhört habe, ihn mit Ammy zu vereinigen, ohne daß er dar⸗ um Vater und Vaterland für immer zu fliehen brauche, jetzt war auch ſein Entſchluß ſchon gefaßt und nur über die Art der Ausführung ſchwankte er noch. Mit dem Zeugniß des blanken Stahls in der Hand wollte er den tückiſchen Konrad Wahl, ſeinen und aller guten Menſchen Feind, vor der Welt entlarven, wollte als Rächer des ſchändlich gemordeten Förſters auftreten und dem weltlichen Richterarme, wenn auch ſpät, den⸗ jenigen überliefern, den Gott ſelbſt durch ein ſichtbares Wunder mit dem Kainszeichen der Blutthat ſtempelte, die ſo viele Jahre vergebens der Sühne geharrt hatte. Das war Rudolphs feſter Entſchluß, ſich und Ammy, den Vater und ganz Altenhain von einem Menſchen zu befreien, der ſchon ſo vieles Unglück und Herzeleid angerichtet hatte und für den auch nicht die leiſeſte — 135— Rückſicht der Menſchlichkeit und des Erbarmens ſprach, ſelbſt wenn er nicht der fluchwürdige Mörder des un⸗ glücklichen Tannenſchützen geweſen wäre. Mit dieſem Vorſatz in der Seele war Rudolph den ganzen Tag über im Walde herumgeſtreift, hatte alles noch einmal reiflich erwogen und war zuletzt zu dem Reſultate gelangt, daß er weder ſeinem Vater, noch dem Pfarrer, noch ſonſt einem Menſchen in der Welt ein Wort davon ſagen dürfe, bevor er dem Richter— es war noch derſelbe, welcher einſt dem Urheber der Miſſethat am Tannenſtein vergebens nach⸗ geforſcht— ſeine wichtige Entdeckung mitgetheilt hätte. Denn nur dieſem gehörte ſein Geheimniß, dieſem die Strafe des dem Geſetze Verfallenen. Am folgenden Morgen rüſtete ſich Rudolph zum Gange nach der zwei Stunden entfernten Amtsſtadt S., an deren ſüdweſtlichem Ende ein alterthümliches, maſſiv aus Stein gebautes Haus, das ſogenannte S— r Schloß, in Mitten eines großen Weihers liegt, ſeit uralter Zeit der Sitz des Amtsgerichtes dortiger Gegend.— Er hatte den Hirſchfänger des Tannen⸗ ſchützen in einer ledernen Scheide um den Leib ge⸗ ſchnallt und darüber trug er ſeinen Mantel. Wie Rudolph durch die Dorſſtraße ſchritt, begegnete ihm gerade der Kaſtenmeiſter, der ihn höhniſch feindlich von der Seite anſah; aber der Jüngling erwiderte den — 136— boshaften Blick ſo feſt und ſicher, daß der Alte, ſcchtbar betroffen die Augen von ihm wegwandte, und wie ſich Rudolph im Weiterſchreiten noch einmal nach ihm umblickte, ſtand jener unter dem Thore ſeines Hauſes und ſah ihm aufmerkſam nach.—„Ja, das iſt der Mörder!“ ſagte Rudolph und griff unwillkührlich dem Hirſchfänger an ſeiner Seite. Ammy hatte ihn am Hauſe vorübergehen ſehen und vermuthete richtig, daß er nach der Stadt wolle, wohin ihn häufig Geſchäfte führten. Schnell lief ſie, um ihm wenigſtens einige flüchtige Worte zu ſagen, durch den Garten nach dem Kirchhof hinauf und er⸗ wartete ihn hier in der erſten Biegung des Hohlwegs. Wie Rudolph wenige Minuten nachher mit ihr zu⸗ ſammentraf, wunderte ſie ſich, daß er bei ihrem Anblick heftig erſchrak und ſie beſtürzt fragte, was ſie ſo frühe ſchon hier thne. Sie ſagte ihm darauf, wie ſie ihm den Vorſprung abgewonnen habe, um ihm eine Sache von Wichtigkeit mitzutheilen, und erzählte ihm dann ihre Begegnung mit ſeinem Vater und welches ſonder⸗ bare Anerbieten ihr der alte Mann gemacht habe; ſie ſchritten während dieſes Geſpräches langſam den Hohl⸗ weg hinauf und Ammy begriff gar nicht, warum der Geliebte ſo ganz zerſtreut ihr zuhörte und ihrer Er⸗ zählung kaum einige Theilnahme ſchenkte. Sie glaubte eine innere Bewegung und Unruhe an ihm zu be⸗ — merken und fragte ihn beſorgt nach dem Grund der⸗ ſelben. Er gab ihr jedoch nur eine ausweichende Antwort und forſchte dann wiederholt nach dieſer und jener Aeußerung ſeines Vaters, obwohl ſeine Gedanken alle Augenblicke eine andere Richtung nahmen und er ſogar ihr ſelbſt keine rechte Aufmerkſamkeit ſchenkte. „Mein Gott! was haſt du, Rudolph?“ fragte ſie endlich beklommen, als er wiederum in düſteres Sinnen verſunken neben ihr hinſchritt. Da erwiderte er ihr haſtig:„Noch kann ich dir nicht mehr ſagen, Ammy, als daß es bald anders, ja, ſo Gott will, ganz gut mit uns beiden ſtehen wird. Hab' nur noch Geduld bis zum Abend; dann bin ich zurück und du erfährſt das Nähere. Hoffentlich erſpart uns der Weg, den ich eben gehe, die Reiſe nach Amerika und wir werden ein Paar hier in Altenhain, ſollte auch die Hölle ſelber Einſprache dagegen thun. Wie ſagte mein Vater geſtern zu dir: Nicht eher als bis aus Nacht aus Fluch Segen werde, könnteſt du mein ſeyn?“ „So ſagte dein Vater,“ verſetzte ſie ängſtlich und ſah ihn voll banger Sorge an. „Wohl denn, er hat wahr geſprochen!“ rief der Jüngling ſeierlich.„Ja, Ammy, aus Nacht ſoll Tag, aus Fluch Segen werden, zwiſchen heute und morgen, und dann trennt uns keine Macht der Erde mehr! Wir ſind an der Grenze unſeres Leidens angelangt. — 138— Siehſt du dort das graue Kreuzchen unter der wilden Roſenhecke? Das iſt der Markſtein unſeres Schickſals, und wie der Tannenſchütz noch jüngſt in ſtiller Nacht⸗ ſtunde dort oben auf der Höhe unſere heimliche Liebe beſchirmte, ſo ſoll er nun auch der Engel werden, der uns bei helllichtem Tage zuſammenführt, wenn anders es Gottes Wille iſt, daß aus Nacht Tag, aus Fluch Segen wird!“. Ihr graute bei dieſen dunkeln Worten des Ge⸗ liebten in innerſter Seele, zagend blickte ſie nach dem Steinkreuz hinüber und ſprach mit bebender Stimme: „Rudolph, Rudolph! was haſt du vor? Ein unſeliges Geſpenſt der Furcht und des Aberglaubens ſollte der Engel unſerer wahrhaftigen Liebe werden? O ſprich, was bedeutet das? Was willſt du in der Stadt?“ Sie warf ſich bei dieſen Worten krampfhaft an ſeine Bruſt, er aber machte ſich ſanft von ihr los und ſagte:„Gedulde dich bis zum Mittag; dann kehr' ich zurück und du biſt mein, mein für immer! Adieu, auf Wiederſehen!“ Raſch eilte er dann vorwärts, dem Tannenſtein zu und ließ ſein Mädchen in ſorgenvollſter Unruhe und Ungewißheit am Platze ſtehen. Sie blickte ihm nach und rief erſchüttert, indem ſie die Hände faltete: „So begleite du ihn, mein Gebet, und beſchütze ihn vor böſen Mächten! Rudolph! Rudolph! Denk' an — 139— deine Liebe!“— Er hörte ſie nicht mehr; ſchon war er auf der Höhe angelangt und ſchritt haſtig am Ge⸗ mäuer vorüber dem Walde zu. Wie Amm) ſeiner noch einmal in weiter Ferne zwiſchen den Baumſtäm⸗ men anſichtig wurde, glaubte ſie etwas Glänzendes in ſeiner Hand blitzen zu ſehen, oder war es nur ein Sonnenſtrahl geweſen?— Tief beklommen ging ſie nach dem Dorfe zurück. Den Kaſtenmeiſter wollte an dieſem Morgen der Blick Rudolphs gar nicht wieder verlaſſen, und wo er ging und ſtand, verfolgte ihn die Erinnerung daran. Wie hatte der ihn angeſehen! Was war es geweſen, was ihn in dieſem Blick erſchreckte? Je mehr er ſeinem Zweifel nachgrübelte, auf was ihn eigentlich Rudolph ſo ſcharf angeſchaut haben möge, um ſo ängſtlicher ſtiegen allerhand dunkle Bilder in ihm auf; er konnte zuletzt die wachſende Unruhe und Bangigkeit ſeines Innern kaum mehr bemeiſtern und ſein Seelenzuſtand wurde ihm von Stunde zu Stunde unerträglicher. Bald hatte er keine Ruhe mehr im Hauſe; er ſuchte noch vor Mittag die Schenke auf, kehrte aber auch von dort in kurzer Zeit wieder zurück, und als er von Ammy hörte, daß der Knecht auf den Acker gefahren ſey, nahm er, einige unverſtändliche Worte vor ſich hinmurmeld, ſeinen Weg in den Stall. Das Mädchen war allzuſehr mit ſich beſchäftigt, als daß ſie dem Vater große Aufmerk⸗ ſamkeit geſchenkt hätte; ſie achtete kaum auf ſein ver⸗ ſtörtes Weſen, alle ihre Gedanken waren beſtändig bei Rudolph, und leiſe vor ſich hinweinend beſorgte ſie in der Küche das Mittagsmahl. Ihr war ſo ſchwer und ahnungsvoll um's Herz; und als ſie ſpäter einen Augen⸗ blick unter die Thüre trat, gerade als vom Ulmenbaum im Hofe zwei Raben krächzend aufflogen, fick ihr der Gedanke centnerſchwer auf die Seele:„O Gott, die ſchwarzen Vögel bedeuten gewiß nichts Gutes! Rudolph, Rudolph! warum biſt du ſo von mir gegangen?“ In Hof und Haus blieb's lange ſtill; erſt als ihre Geſchwiſter aus der Schule kamen, ward es munter und lebendig um ſie; ſie deckte, um die Ungeduld der kleinen Hungrigen zu beſchwichtigen, den Tiſch; trug, als gleich nachher der Knecht in den Hof fuhr, die Suppe auf und hieß den älteren Buben nach dem Vater im Stall oder der Scheune ſehen und ihn herbeirufen. Sie ſelber ſagte dem Knecht, daß das Eſſen bereit ſtehe, trat dann an den Tiſch und ſchnitt Brod. Da kommt der Knecht mit einer betroffenen Miene in die Stube und ſagt ihr, draußen im Stalle ſitze ſein Herr leichenblaß auf dem Haferkaſten, höre nichts und rege ſich nicht, wie wenn ihn der Schlag gerührt hätte. Ammy ließ erſchrocken Brod und Meſſer fallen und lief nach dem Stalle. Da ſaß wirklich der Alte bleich wie der Tod auf dem Haferkaſten, regte ſich nicht und blickte ſtarr, mit gräßlich verzerrten Zügen nach dem Stand der Milchkuh, wo das Pflaſter aufgeriſſen und der Sand herausgeſcharrt war. Ein Blick— ein Gedanke, und vor ihren Augen dunkelte es; ſie mußte ſich an der nächſten Wand feſthalten und ſtammelte: „Gerechter Gott Vater, was habt Ihr?“ Der Knecht trat auf den Bauer zu und rüttelte ihn am Arm; da blickte ihn der Kaſtenmeiſter endlich wie traumestrunken mit ſtieren Augen an und lallte mit ſchwerer Zunge, kaum vernehmbar:„Was— was da? Dort—“ er deutete auf die friſche Grube— „dort hatt' ich's vergraben— und nun iſt's fort! Ein Räuber oder der Teufel muß es geholt haben, und ich— ich hab' mir ſelber mein Grab gegraben!— Dort— dort— ha! da glitzert's wieder!“ Er wollte ſich erheben und nach dem bezeichneten Orte hinwanken, aber die Angſt, die furchtbare, hing ſich wie Blei an ſeine Füße; er wankte und taumelte beſinnungslos in des Knechtes Arm. Ammy, von dem gräßlichen Anblick des Vaters auf's Tieſſte erſchüttert, und im Wahne, er ſterbe vor ihren Augen, ſtieß einen lauten Schrei aus und lief jammernd in den Hof; Leute aus der Nachbarſchaft kamen herbei und trugen den Kaſtenmeiſter, der mit gebrochenen Augen alle —————————— — 142— fremd anſtarrte, während ihm ein weißer Schaum auf die Lippen trat, wie einen halbtodten Mann in's Haus. Nur langſam erholte er ſich wieder. Schnell hatte ſich die Kunde davon im Dorfe verbreitet und die Nachricht, dem Kaſtenmeiſter ſey eine beträchtliche Summe Geldes geſtohlen worden, die er zu größerer Sicherheit im Kuhſtalle vergraben, hatte ſo viel Glaubwürdiges, daß Niemand daran zweifelte, zumal bekannt geworden war, daß er erſt in den letzten Tagen mehrere Güterſtücke um einen namhaften Kauf⸗ preis in andere Hand gegeben hatte. Viele Leute kamen in's Haus und die Grube im Kuhſtall, wo der Dieb den verſteckten Schatz geholt, war Gegenſtand der all⸗ gemeinen Neugierde. Der Verdacht fiel natürlich zunächſt auf den Knecht und derſelbe mußte manches unzwei⸗ deutige Wort anhören, welches ihn des Raubes an ſeines Herrn Eigenthum beſchuldigte. Er ging darum zu Ammy, die bleich und verſtört in ihrer Kammer ſaß, und klagte ihr die unverdiente Anſchuldigung. Da ſagte dieſe, von einer Todeskälte durchſchauert: „Laß dich's nicht kümmern, Hannes, die Leute wiſſen nicht was ſie ſprechen. Bald wird alles an's Tageslicht kommen und der rechte Dieb gefunden werden; dann hört die böſe Nachrede von ſelbſt auf, und die dich jetzt beargwohnen, werden dir in ihren Herzen dafür Abbitte thun.“—„Schon recht,“ erwiderte der ehrliche — 143— Hannes bekümmert.„Aber wenn's nun im Dunkel bleibt? dann hängt der Schimpf für immer an meinem Namen, daß ich meinen Herrn beſtohlen, und alle Leute ſehen mich zeitlebens darauf an.“ „Eines begreif' ich ſelber nicht,“ ſagte Ammy nach einer Pauſe:„wie der Dieb in den Stall kam; beſinne dich einmal recht, Hannes, ob du auch von der Schuld ganz frei biſt?“—„Ach, das iſt's ja eben,“ erwi⸗ derte dieſer und kratzte ſich verlegen hinterm Ohr. „Freilich war ich neulich Nachts nicht zu Hauſe, ſondern bis zum Morgen in Raunrod, auf der Kirmeß, wohin mich der Joſt aus dem Herrnhof mitgenommen hatte. Wir hatten viel getrunken und getanzt und ich ſchlief auch gleich ein. Morgens kam der Herr, ſchrecklich böſe, ſagte, ich hätte die Milchkuh vergeblich die halbe Nacht nach Futter brüllen laſſen, bis er ſelbſt aufge⸗ ſtunden und in den Stall gegangen ſey; er wolle mich dafür auf Martini aus dem Dienſt ſchicken. Mir fiel's gleich auf, daß er meinte, er habe in der Nacht mit mir geredet und ich habe im Bette geſchnarcht, doch ließ ich ihn nichts merken; wie er aber fort war, ſuchte ich dem Ding auf die Spur zu kommen und ſah auch gleich, daß ein fremder Menſch im Stalle geweſen ſeyn mußte. Mein Bett war ganz ſandig, das Laken zertreten; auch ſtand das Scheuerthürchen nach dem Garten zu offen und im Graſe ſah ich friſche Fußſpuren.—„Der Joſt hat dich mit näch Raunrod genommen?“ fragte Ammy.—„Er redete mir ſo lange zu, bis ich mit ging,“ erwiederte Hannes;„er hatte drei harte Thaler, die auch richtig alle für Muſik und Wein drauf gingen.“ Sie hatte ihre letzte Kraft nöthig, um ſich aufrecht zu erhalten und dem Knecht gegenüber glaſſen zu bleiben; ihre Befürchtung, daß Rudolph das Meſſer entwendet habe, ward ihr dadurch faſt zur Gewißheit; aber noch furchtbarer als dieſe lag auf ihrer Seele das, was Rudolph ihr am heutigen Morgen im Hohl⸗ wege vom Tannenſchütz geſagt hatte, und als der Knecht die Kammer verlaſſen, ſtammelte ſie, auf ihre Kniee niederſinkend, von einer ſchwarzen Ahnung ergriffen: „Gerechter Gott im Himmel! der Rudo lph geht meinem Vater an's Leben!“ Im Pfarrhaus herrſchte an dem Tage, der für Rudolphs und Ammy's Verhältniß dieſe verhängniß⸗ volle Wendung genommen hatte, eine ſtillfrendige Be⸗ wegung. Zwiſchen Ernſt und Auguſte war es endlich zur beiderſeitigen Herzenserklärung gekommen, und letz⸗ tere, noch jüngſt dem Vogelsberg ſo wenig hold, fand hier plötzlich ein Glück, ſo ſelten und herrlich, wie ſie ſich's ſchwerlich in dieſem rauhen Land geträumt hätte. — 145 Als Burkhard und ſeine Frau das junge Brautpaar herzlich beglückwünſchten, ſagte Auguſte zur Heiterkeit aller:„Nun wird's wirklich romantiſch bei euch, ganz ſo, wie ich es mir nach euern Briefen gedacht hatte. Scheltet mich auch nicht, daß ich den Vogelsberg eine zeiklang ſo wenig nach meinem Geſchmack und euer Leben ziemlich einförmig fand. Im Grunde ging mir“ upekswo nicht beſſer, und nur weil hier alles viel enger und beſchränkter zuſammengerückt und ge⸗ drückt war, trat Einem des Daſeyns ewiges Einerlei um ſo deuklicher vor die Augen. Das junge Herz, dem die Liebe fehlte, empfand auch keine romantiſche Waldesluſt, keine Bergesfreiheit, und eure idylliſchen Lämmlein und Zicklein konnten mich auch nicht in⸗ tereſſiren. Ach, lieber Ernſt, ſo ein patriarchaliſches 5 Stillleben zweier verliebten Pfarrersleute iſt für einen pritten Menſchen mit und ohne Tannenſtein⸗Romantik enſetzich langweilig.“ Der glückliche Bräutigam ſagte:„Dem Kaſten⸗ meiſter iſt ſein vergrabener Schatz abhanden gekommen und wir heben dafür den unſern. So iſt das Glück! Jenem ſchwindet's, dieſem fällt's in Hülle und Fülle in den Schvoß. Wer's aber hat, der halt es feſt und 6 ſuche es immer feſter zu halten. Seyd ihr hierin mit mir einverſtanden, ſo machen wir gleich nach Weih⸗ nchten Hochzeit, der Schwager traut uns hier in 6 10 — 146— Altenhain und die Schwägerin backt den Hochzeitkuchen dazu. Dann iſt der Vogelsberger Romantik vollkom⸗ men Genüge geſchehen und für das Frühjahr lad' ich hiermit die künftige Frau von Bernau höflich nach Neapel und Palermo ein.“—„Lieber Burkhard!“ rief Auguſte,„wenn du wieder auf die Kanzel gehſt, ſo ſprich doch am Schluſſe deiner Predigt eine recht fromme Fürbitte für mich, daß dieſer erſtaunlich lie⸗ benswürdige Bräutigam ein eben ſo liebenswürdiger Ehemann werde. Nicht wahr, Schweſter, du weißt auch ein Lied davon zu ſingen?“ In dieſem Augenblick wurde die heitere Unterhal⸗ tung durch ein leiſes Klopfen an die Thüre unterbro⸗ chen und auf Vurkhards Herein trat der alte Falk in die Stube. Des Mannes Weſen hatte etwas ſonderbar Haſtiges und Verſtörtes, er achtete kaum auf die übrigen, ſondern bat den Pfarrer mit gedämpfter Stimme um eine Unterredung unter vier Angen. Burk⸗ hard führte ihn ſogleich hinauf in ſeine Studierſtube, während die Hausgenoſſen unten beim Nachmittags⸗ kaffee ſitzen blieben. „Was hat der alte Mann?“ fragte Auguſte.„Er war ja ganz verwirrt und konnte kaum ſprechen.“— „Das macht ſeine Befangenheit,“ erwiderte die Pfar⸗ rerin.—„Auch mir ſchien es, als ſey die Angele⸗ genheit, welche ihn hierher führt, für ihn eine ſehr — 147— ängſtliche und dringende,“ meinte Ernſt.—„Er iſt immer ein wenig umſtändlich,“ ſagte jene.„Schon häufig ſah ich ihn ſo, und meinte anfangs Wunder was er habe; am Ende kam denn heraus, daß er ſich dieſe oder jene dunkle Stelle in der Bibel nicht erklären konnte. Gebt Acht, es iſt nichts weiter als ſolch ein theologiſcher Zweifel und er holt ſich bei ſeinem geiſt⸗ lichen Gewiſſensrath die Aufklärung.“—„Nein, das glaub' ich nicht!“ rief Auguſte.„Mit dieſem ſcheuen Blicke ſucht Niemand einer heiligen Wahrheit auf den Grund zu ſehen. Ich mag nun einmal dieſen bigotten Alten nicht, ſo ſehr ich auch den Rudolph um ſeines offenen und gebildeten Weſens willen gern habe. Dieſe kalte Frömmigkeit aber war mir immer in den Tod zuwider.“ Burkhard blieb lange aus und der Nachmittag ging beinahe darüber hin, ohne daß man von den beiden etwas ſah und hörte. Da kommt plötzlich gegen fünf Uhr der junge Schulvikar in großer Aufregung in die Stube geſtürzt und meldet, ſo eben ſey der Amtmann mit dem übrigen Gerichtsperſonal und meh⸗ reren Landjägern nach Altenhain gekommen, und gleich darauf ſey der Kaſtenmeiſter, des Mords am Tannen⸗ ſchütz dringend verdächtig, auf das Rathhaus geführt worden, wo ein vorläufiges Verhör ſtattfinden ſolle.— Staunend hörten die im Pfarrhaus die ſelſame Mähr; 10* 4 der Schulvikar fügte noch hinzu, es ſey allgemein das Gerede, Rudolph Falk habe den Feind ſeines Vaters als Mörder des Förſters angegeben, nachdem er im Stalle des Kaſtenmeiſters den Hirſchfänger des Ge⸗ tödteten gefunden und dadurch die Entdeckung herbei⸗ geführt. „Großer Gott! da will ich doch gleich meinen Mann rufen,“ ſagte die Pfarrerin und eilte die Treppe hinauf. Sie ging durch das Beſuchzimmer nach Burk⸗ hards Stube; aber wie ſie jetzt durch die halbgeöffnete Thüre blickte, war ſie nicht wenig erſtaunt, ihren Mann im Prieſterornat zu ſehen, der dem vor ihm knienden Falk das heilige Abendmahl reichte und zu dem andächtig Lauſchenden niedergebeugt, demſelben den Altarkelch an die Lippen hielt, wobei er die Worte des Sakramentes ſprach. Betroffen wich ſie aus dem Zimmer zurück; der unerwartete Anblick dieſer heiligen Scene hatte ſie heftig ergriffen, ſie ging die Treppe hinunter und wollte ſich in die Wohnſtube begeben, als ein Tumult im Pfarrhof ſie vor die Hausthüre zog. „Guten Abend, Frau Pfarrerin,“ ſagte der alie freundliche Amtmann, der eben die Haustreppe her⸗ aufkam.„Entſchuldigen Sie, daß ich in dieſer Ge⸗ ſellſchaft“— er deutete auf die ihm folgenden Land⸗ jäger—„Ihnen meinen Beſuch abſtatte und den — N Frieden Ihres Hauſes ſtöre. Wir ſuchen den Heinrich Falk.— Die Leute aus dem Hofe!“ befahl er einem der Landjäger, da der Andrang der Dorfbewohner immer ſtärker wurde. „Den Heinrich Falk? was iſt mit dem?“ ſtam⸗ melte Friederike;„eben reicht ihm droben mein Mann das heilige Abendmahl.“—„Hat's nöthig!“ erwi⸗ derte der Amtmann.„Erſchrecken Sie nicht, verehrte Frau; den einen Mörder des unglücklichen Förſters Krafft haben wir und den andern ſuchen wir unter Ihrem Dache. Landjäger, holt ihn herunter!“ Während dieſes kurzen Geſprächs waren Ernſt und Auguſte aus der Stube gekommen und vernahmen nun gleichfalls zu ihrem höchſten Erſtaunen die ent⸗ ſetzensvolle Nachricht. Der Kaſtenmeiſter hatte ſeinen Todfeind als Mitſchuldigen am Morde des Tan⸗ nenſchützen angegeben. Und ſchon kam der alte Falk an Burkhards Hand die Treppe herunter, bleich, das leibhaftige Bild des zerſchmetterten Sünders, der mit greiſem Haare dem Lohne ſeiner Jugend⸗Miſſethat ent⸗ gegen wankt; ſtumme Reſignation lag in den ſtarren Zügen, die Lippe zitterte in leiſem Gebete. Erſchüttert ſagte der Pfarrer zum Amtmann: „Nehmen Sie ihn hin; Gott der Allgütige hat ſich ſeiner erbarmt, und ich habe ihm, kraft meines heili⸗ gen Amtes und um ſeiner wahrhaftigen Reue willen, die himmliſche Gnade verheißen.“ Der alte Falk ſagte kein Wort; ſtumm reichte er allen die eiskalte Hand zum Abſchied, und erſt als er ſich von dem Pfarrer losriß, brach er in die erſchüt⸗ ternden Worte aus:„Schützen Sie meinen armen Sohn Rudolph vor Verzweiflung und bringen Sie ihm und Ammy meinen Segen!“ Dann im Abgehen fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu:„Gott ſey uns gnädig und ſegne uns, er laſſe uns ſein Angeſicht leuchten, Sela! Das Blut Jeſu Chriſti, ſeines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde!“ Gefaßt beſtieg er dann den im Hof haltenden Bauernwagen, der ihn unter Gendarmeriebegleitung in das Amtsgefängniß nach S. führen ſollte, und langſam ſetzte ſich hierauf der ernſte Zug mit dem be⸗ tenden Verbrecher durch die Dorfſtraße in Bewegung. Gleich nachher folgte ein zweiter Wagen, auf dem, ². mit Ketten an Händen und Füßen beladen, der Ka⸗ ſtenmeiſter ſaß, der dem Pfarrhaus und den hinter 3 den Fenſtern ſtehenden Bewohnern deſſelben im Vor⸗ überfahren einen feindlich glühenden Blick zuwarf. Der Pfarrer hatte einige Zeit der Ruhe und Sammlung nöthig, um ſich von der Erſchütterung der letzten Stunde zu erholen und ſeinen Hausgenoſſen den Zuſammenhang dieſer ſo räthſelvollen tragiſchen Ge⸗ ſchichte mitzutheilen. Alle waren wie betäubt von dem unerwarteten Schlag und Auguſte zumal hatte die Sache ſo lebhaft aufgeregt, daß ſie um Gotteswillen bat, man möge für's Erſte nicht weiter davon reden. Da ſagte ihr Schwager mit innerer Bewegung: „Das darf uns allen nicht erſpart werden; denn ich verſichere euch, was ſich heute in unſerer unmittelbaren Nähe ereignet hat, gehört zu den ſeltenen Erlebniſſen, die einen unvergänglichen Moment in unſerem Daſeyn bilden, weil uns in ihnen ſo recht klar und anſchaulich wird, wie wunderbar die göttliche Vorſehung ſich mit den Geſchicken des Menſchenlebens verkettet und ſie auf ſcheinbar entgegengeſetzten Bahnen doch zuletzt einem ewigen Ziele entgegenführt. Da forſchen und grübeln die Denker und Philoſophen beſtändig nach dem Grund der letzten Dinge und ſtreben den Schleier zu lüften von dem unerforſchlichen Wechſelverhältniß zwiſchen Welt und Ewigkeit, zwiſchen göttlicher Allmacht und menſchlichem Willen; aber die rechte Offenbarung gibt uns doch nur das Leben, und nur der iſt weiſe, nur der verſteht und ahnt das heilige Weſen der Gottheit, der hinabſteigt in die tiefe Menſchenſeele und ſich aus ihr den goldenen Schlüſſel holt zum Tempel der ewigen Wahrheit. Ja, wer von uns heute nicht an Gott glaubt, und zwar an einen gerechten und allweiſen Gott, dem iſt für immer dieſer heilige Tempel ver⸗ ſchloſſen und vergeblich wird er Zeit ſeines Lebens in dieſem Dämmerungsthale nach Licht und Erkenntniß ringen.“ „Gib uns deine Erzählung nur gleich und voll⸗ ſtändig,“ ſagte Ernſt.„Am Tage unſeres Glückes wird ſie für Auguſten und mich eben um des Gegen⸗ ſatzes willen doppelt reichen Stoff zum Nachdenken bieten.“—„Laßt ſie in Gottes Namen der dunkle Rahmen ſeyn zum hellen Bild eurer Glückſeligkeit,“ erwiderte Burkhard und erzählte hierauf ſeinen lau⸗ ſchenden Zuhörern folgende Geſchichte aus alter Zeit. Heinrich Falk und Konrad Wahl waren noch junge Burſche und hatten von Kindheit auf immer als gute Kameraden zuſammengehalten. Weil jeder ſtets für den andern einſtand und des Freundes Sache redlich zu der ſeinigen machte, ſo hatten beide, welche noch außerdem die Söhne der reichſten Bauern und kräftige waghalſige Geſellen dazu waren, den Vortheil davon, daß ihnen bei jeder Gelegenheit unter den übrigen jungen Leuten die erſte Stimme zufiel und ſie ſo zu ſagen den Ton im Dorfe angaben. Bei Kirch⸗ weih⸗ und Erntefeſten ſpielten ſie immer die Haupt⸗ rollen, führten die ſchönſten Mädchen auf den Tanz⸗ boden, ließen die meiſten Thaler ſpringen, und was „ 5 der Heinrich und der Konrad mit einander verabrede⸗ ten, das erhielt den Beifall der andern und galt für ausgemacht. Selten machte ihnen Jemand dieſen Vor⸗ rang ſtreitig, und trotz des Uebermuthes der beiden alſo Bevorzugten trugen ſie gewöhnlich den Sieg da⸗ von, ja mancher, der mit ihnen anband, hatte den Schaden allein für ſich und ſuchte ſich bald wieder in Güte mit ihnen zu vertragen. Für das ſchönſte Mädchen in Altenhain galt da⸗ mals die Tochter des armen Dorfhirten Traut; ſie hieß Katharina und war trotz der Armuth ihrer Eltern unter dem Namen„Trautkäthchen“ die vielbekannte Zierde des Dorfes. Und doch ſollte gerade ſie durch ihre Schönheit ſo großes Unheil über Altenhain brin⸗ gen! Alle Burſchen hatten nur Augen für ſie, alle Eltern beneideten den armen Hirten um die ſchöne ſchlanke Tochter; aber Trautläthchen ward darum nicht ſtolz und übermüthig und ſorgte und achtete nur um ſo eifriger auf ihren guten Ruf, damit ſie niemals Anlaß zu ſchlimmer Nachrede gebe. Da kam ein neuer Förſter auf die Stelle im Walde, der zur Altenhainer Gemarkung gehörte, Friedrich Krafft mit Namen; ein junger ſchmucker Jägersmann, den bald alle Leute nur den ſchönen„Tannenſchütz“ nannten, da ſein Förſterhaus im Tannenforſt gelegen war und er auch gewöhnlich ein grünes Tannenreis zum Schmuck auf ſeinem Hute trug. Er war am Rhein zu Hauſe und die Altenhainer Mädchen fanden bald, daß er ſich ſehr zu ſeinem Vortheil von den Bauernburſchen unterſchied; ſein Benehmen war viel feiner, und ſeine fremdländiſche Sitte und Sprache, ſo wie ſein lebensluſtiger heiterer Sinn verſchafften ihm bald manche ſtille Huld, manche offenkundige Zuneigung Er hatte, noch ehe er darnach ſtrebte, ein bedeutendes Anſehen im Dorfe gewonnen; die ſchönſten und reich⸗ ſten Bauerntöchter bevorzugten ihn ſichtbar und jede fühlte ſich geehrt, wenn der ſchlanke Tannenſchütz in ſeinem ſchmucken grünen Jägerkleid ſie zum Tanze führte und ihr das Glas mit einem freundlichen Trink⸗ ſpruch zubrachte. Dabei war er ein kecker, muthiger Geſelle, war bald tüchtig hinter den Holz⸗ und Wild⸗ dieben der Umgegend her, ließ ſich weder in ſeinem Waldrevier noch im Dorfe etwas bieten und hielt wacker wie ein braver Jägersmann auf Pflicht und Ehre. Auch beobachtete er gegen die Bauernburſche gewöhnlichen Schlags eine ſichere Zurückhaltung, nahm niemals Theil an ihren rohen Scherzen und Aus⸗ ſchweifungen, ſondern blieb immer mäßig und anſtän⸗ dig. Wiewohl es ihm bald nicht an offenen und heim⸗ lichen Feinden fehlte, behauptete er doch ſein Anſchen unter den Bauern und ging unbehindert im Dorfe aus und ein. Anfangs hielten Falk und Wahl zu ihm, beide fühlten ſeine überlegene Perſönlichkeit ſehr wohl und ſuchten darum ſeine Freundſchaft; aber ſey es nun, daß er ihnen nicht recht traute, ſey es, daß der Ueber⸗ muth, mit dem ſie ſich an ihn drängten, ihm mißfiel, er wies ſie einigemal kurz und entſchieden von ſich und achtete auch ſpäter kaum darauf, als beide zu ſeinen geheimen Neidern wurden und aus dieſen zuletzt ſeine offenen Feinde. Trautkäthchen hatte den Tannenſchütz durch ihre Schönheit bald eben ſo ſehr für ſich eingenommen, wie durch ihr ſtilles, beſcheidenes Weſen. Er ſah und ſprach ſie oft auf den Waldtriften bei der Heerde, und es entſpann ſich allmählig zwiſchen beiden ein Verhältniß, das zwar den Augen der Welt verborgen blieb, aber doch nicht ſo vollſtändig, daß nicht wenigſtens zwei Menſchen es merkten, die ſich dadurch in ihrer eigenen Bewerbung um den Beſitz des ſchönen Mädchens ſehr unbequem geſtört ſahen. Und dies waren eben die beiden Freunde Falk und Wahl, von denen jeder für ſich dem Trautkäthchen nachging und nach deſſen Gunſt ſtrebte. BZwiſchen beiden entſtand, da ſie ſich als Nebenbuhler erkannten, eine gewiſſe Spannung, und der Tannen⸗ ſchütz allein, der ihnen noch ungleich gefährlicher war als einer dem andern, verhinderte, daß ſie ſich ſchon damals um des Mädchens willen offen entzweiten; viel⸗ mehr hielten ſie fortwährend gegen ihn zuſammen und ſchmiedeten allerhand tückiſche Plane, um ihn aus Traut⸗ käthchens Herzen zu verdrängen. Sie reichten jedoch damit nicht weit; mit dem Glücke des Förſters bei Katharina wuchs in beider Seelen der Haß gegen ihn, ſie vergaßen zuletzt ganz, daß ſie ſich ſelbſt als Neben⸗ buhler gegenüber ſtanden, und vereinigten all ihren Grimm gegen den fremden Eindringling, der ja jedem von ihnen den gleichen Schaden anthat. So blieben ſie denn nothgedrungen Freunde gegen den gemeinſamen Feind und jeder ſuchte anfangs den läſtigen Nebenbuhler auf eigene Hand und zu ſeinem Vortheil aus dem Felde zu ſchlagen, bis ſie zuletzt einſahen, daß dieſem auf ſolchem Wege nicht beizukommen ſey. Es war zuerſt Heinrich Falk, in dem das tiefere Gemüth auch eine tiefere und zerſtörendere Leidenſchaft begründete, der dem Konrad Wahl von ferne und an⸗ fangs nur wie im Scherze, die verruchte Abſicht zu erkennen gab, den Förſter ein für allemal unſchädlich zu machen. Der andere ſtutzte, hielt anfangs zurück und wich dem Verſucher aus; denn noch hoffte Wahl auf weniger gefährlichem Wege zum Ziele zu kommen. Er gewann hinter Falks Rücken den alten Traut; aber Katharina wollte trotz des Vaters. Wunſch und Willen nichts von dem aufgedrungenen Freier wiſſen, und nach einigen heimlichen Gängen zog der reiche Konrad mit — einem Korbe ab, während der Tannenſchütz ſein Ver⸗ † hältniß mit dem Mädchen im Stillen fortſetzte. Nun erwachte des wilden Wahls ganze fürchterliche Rache⸗ luſt, er ſchwor dem Förſter den„blaſſen“ Tod, ſuchte ſelbſt den Freund auf, und die ſichere Gewißheit ihres gemeinſamen Verluſtes, wenn der Tannenſchütz am Leben bliebe, vereinigte beide ſchnell zu einem eben ſo furcht⸗ baren als raffinirten Bubenſtück. Das eigene Intereſſe trat bei jedem nun noch vollſtändiger in den Hinter⸗ grund; die Frage, wer von ihnen die Katharine haben ſolle, wollten ſie durch's Lvos entſcheiden— ein gräß⸗ liches Lvos! „Laß es darauf ankommen,“ ſagte der liſtige Falk; „wenn nur der Tannenſchütz ſie nicht kriegt, dann hab' ich keinen Neid. Wir lauern dem rheiniſchen Windbeutel auf, ſchlagen ihn zuſammen und werfen das Meſſer über ſeiner Leiche in die Luft. Wem dann die Spitze zufällt, der nimmt das Mädchen zum Weibe. Biſt du's zufrieden?“—„Ich bin's!“ ſagte Wahl und ſchlug ein zum Vunde der ſchrecklichen Miſſethat. Die Liebe hatte ſie getrennt, der Haß vereinigte ſie. Von nun an war das Leben des jungen Förſters dem Untergange geweiht, und es war nicht die Schuld ſeiner beiden Feinde, daß der Sommer darüber hinging, 4 ohne daß ſich zur Ausführung ihres verbrecheriſchen Anſchlags eine paſſende Gelegenheit geboten hätte, wie⸗ — 158— wohl Trautkäthchens holde Liebe bald im grünſchattigen Buſch, bald in der Hütte des Hirten ihn ſo glücklich und ſorglos machte, daß er kein Auge hatte für den lauernden Mordgedanken in den Blicken ſeiner Feinde. Mehrmals gingen ſie ihm heimlich nach, wenn er Abends aus dem Dorfe in ſeinen ſtillen Tannenwald hinauf⸗ ſtieg; theils fehlte ihnen jedoch der Muth zur Aus⸗ führung ihrer blutigen That, theils retteten den Förſter günſtige Umſtände, ſo einmal, daß er einen andern Weg wählte und die Hohlſtraße umging, wo jene ihn erwarteten; das anderemal, daß er unterwegs einen Be⸗ gleiter antraf, mit dem er dann dicht an ſeinen in der wilden Roſenhecke verſteckten Feinden arglos vorüber wandelte. Aber endlich ſchlug doch ſeine Stunde, und an einem nebligen Herbſtabend, wo Konrad und Heinrich wiederum das Haus des Hirten umſchlichen, ſahen ſie den Geſuchten durchs Fenſter, wie er drinnen beim Trautkäthchen ſaß und vertraulich mit ihr koste. Hell warf der flackernde Kienſpan von der Wand ſein Licht auf die beiden Liebenden, ſie lachten und ſcherzten mit einander und ſie duldete es, daß er ſeinen Arm um ihre Hüfte ſchlang und ſie küßte; dann riß er von ihrem Rocken einigen Flachs ab, wickelte ihn leicht zuſammen und hielt ihn an's Licht; lodernd fuhr die Flamme an die Decke, da rief ſie:„Ach, Friedel, ſo flattert die Seele in den Himmel;“ er aber ſagte lachend:„Nein, Käthchen, ich mein's anders: ſo wie das Flachsfeuerchen haben der Falk und der Wahl dich geliebt, und wie dieſes, ſo ſchnell iſt auch die Flamme in beider Herzen erloſchen. Ich aber halte dich feſt in alle Ewigkeit und laſſe nicht von dir!“— Das alles ſahen und hörten die Beiden am Fenſter und des Förſters Glück goß neues Oel in die Gluth ihrer Rache; raſch eilten ſie im grauen Nebel hinauf nach dem Tannenſtein, wo ſie ſich in den Hecken am Hohl⸗ weg verſteckten. Der Förſter ließ lange auf ſich warten, erſt gegen Mitternacht vernahmen ſie ſeine Schritte. Wie er durch den Hohlweg ging, pfiff er ein munteres Jägerlied, ſorglos war er dem Endziel ſeines jungen Lebens ge⸗ naht, da brachen plötzlich die beiden aus den Büſchen hervor. Erſt traf ihn Falk's Beil in den Nacken, daß er mit einem lauten durchdringenden Schrei zu Boden taumelte; noch zog er auf der Erde liegend den Hirſchfänger, um wenigſtens ſein Leben ſo theuer als möglich zu verkaufen, da zerſchmetterte ihm Wahl mit einem wüthenden Schlag der Holzart den Hirn⸗ ſchädel— ein tiefer Seufzer und des Tannenſchützen Seele flatterte in den Himmel. Die Böſewichter ſtanden einen Moment ſtarr vor dem Opfer ihrer blutigen Unthat; dann rief Falk, — — 160— indem er den blanken Hirſchfänger von der Erde auf⸗ hob:„Nun laß uns um's Trautkäthchen looſen! Klinge oder Stiel! Gib Acht, Konrad, die Spitze gilt dem Glück!“ Und hoch warf er bei dieſen Worten den Stahl zwiſchen ſich und dem Genoſſen in die Luft, beide wichen zurück vor dem fallenden Meſſer, das ſunkenſprühend auf die Kieſelſteine im Hohlweg kieder⸗ klirrte; und wie ſie hineilten, um das Ergebniß dieſes ſchauerlichen„Meſſerwurfs“ zu ſehen, lag die Klinge auf Konrad's Seite. „Mein iſt die Katharine!“ ſagte dieſer ſchwer⸗ athmend und hob den Hirſchfänger von der Erde auf. Falk gab ihm die Hand und erwiderte is Glück hat für dich entſchieden; der da macht ſie dir gewiß nicht mehr ſtreitig und auch mich ſoll's nicht verdrießen, wenn ich dich an ſeinem Platze ſehe. Ich heirathe nun die Gertrude, du aber kannſt luſtig ſingen; Erſt Todtſchlag und dann freien; Juchhe, wen ſoll's gereuen!“ Der Pfarrer hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort:„Das iſt die Geſchichte von dem Mord des Tannenſchützen, wie ſie mir heute Nachmittag der alte Falk wörtlich mitgetheilt hat, nachdem endlich nach vielen, vielen Jahren furchtbarer Pein ein Zufall die Entdeckung der alten Unthat herbeigeführt hatte. Rudolph nämlich, ſo wollte es der Gottheit Rathſchluß, fand im — — 161— Stalle des Kaſtenmeiſters den von letzterem vergrabenen Hirſchfänger des Förſters; Ammy hatte ihm den Ort verrathen. Der unglückliche Jüngling eilte zum Gericht, deponirte dort alle näheren Umſtände, wie er in den Beſitz der Waffe gekommen, und als er ſpäter heim⸗ kehrte, und ſeinem Vater erſt jetzt alles entdeckte“— „Gerechter Gott!“ ſtammelte Auguſte.—„Da iſt der alte Falk ſchnell zur Erkenntniß gekommen, daß es für ihn nur noch Ein Heil in der Welt gebe, und ſtatt ſich durch die Flucht zu retten, wie er wohl gekonnt hätte und wie Rüdolph ihn fußfällig beſchwor, eilte er zu mir, n Für alles zu entdecken, und mit dem Troſte des heiligen Sakramentes verſehen, ſich ſelbſt ſeinem Richter zu ſtellen. Der Amtmann kam ihm darin nur zuvor, was ich auch morgen vor Gericht auf meinen Amtseid zu Protokoll geben werde.“ „Das iſt ja eine Schickſalstragödie ſonder Gleichen,“ ſagte Ernſt.„Wer hätte das gedacht! Dieſe Feinde bei ſo furchtbarer gegenſeitiger Mitwiſſenſchaft!“— „Und doch löst gerade ſie uns das Räthſel ihres jahre⸗ langen Haſſes,“ verſetzte Burkhard.„Ja, ich möchte ſogar behaupten, dieſe Feindſchaft ſey der bei weitem wichtigſte pſychologiſche Moment in der ganzen Geſchichte. Falk hat ſich bei mir weitläufig darüber ausgeſprochen, und faſſe ich alle ſeine Aeußerungen zuſammen, ſo muß ich bekennen, daß mich gerade dieſe Seite ſeines Unglücks 11 am meiſten mit ihm ausgeſöhnt hat. Denkt euchtzwei Menſchen von ungefähr gleicher Gemüthsart, gleicher Geiſtes⸗ und Charakterbeſchaffenheit, auf deren Seelen ſich plötzlich ein und daſſelbe Schuldbewußtſeyn mit gleich ungeheurer Schwere wälzt, und die nun durch Jahr und Tag dazu verdammt ſind, es der Welt in tiefinnerſter Bruſt zu verheimlichen und ängſtlich jede Frinnerung, jedes Zeugniß ihrer ſchwarzen That zu meiden. Wie zwei an eine Kette geſchmiedete Ga⸗ leerenſtlaven hängen ſie aneinander, jeder empfindet doppelt die unerträgliche Laſt der unfreiheit, keiner kann ohne den andern ſich bewegen, jeder ſchleppt an der Mit⸗ wiſſenſchaft des andern faſt noch ſchwerer als an ſeiner eigenen Schuld. Und nun laßt dieſe beiden Unglück⸗ lichen Nachbarn ſeyn, Ange in Auge ſich beſtändig gegenüber ſtehen— ſoll da nicht die ſtärkſte Natur allmählig mürbe werden, der eiſernſte Willenstrotz brechen? Soll da nicht alles, was menſchlich in ihnen lebt, zu Grunde gehen? Man müßte wahrlich zuvor wiſſen, was es heißt, einen Mord für ſich allein auf der Seele zu haben, um erſt recht zu begreifen, wie zwei Seelen an einem böſen Gewiſſen zu tragen haben!“ „Entſetzich!“ rief die Pfarrerin zuſammenſchau⸗ dernd.„Aber eines verſteh' ich nicht. Du nannteſt eben Wahl und Falk gleichgeartete Charaktere, und doch, gibrs eine größere Verſchiedenheit zwiſchen zwei Menſchen — 163 als die ihrige?“—„Ganz recht,“ erwiderte Burkhard. „Aber auch die Verſchiedenheit ihres Charakters war nur eine nothwendige Folge ihres böſen Gewiſſens. O, wer hier ein Seher wäre, um in den Herzen dieſer beiden Männer zu leſen, wie es geſchah, daß ſie, von einem und demſelben ſchwarzen Punkte ausgehend, ſich zuletzt ſo weit von einander entfernten, daß der eine ein Frömmler, der andere ein Gottesleugner wurde! War es das, ich möchte ſagen inſtinktartige Gefühl der Selbſterhaltung, daß jeder nur darnach ſtrebte, dem andern vor ten ern der Welt ſo unähnlich als möglich zu werden? Wollten ſie vielleicht dadurch die Gleichartigkeit ihres Seelenzuſtandes verbergen? Wer kann es ſagen! Es war eben ein und derſelbe Samen der Schuld, der ſo verſchiedenartige Frucht erzeugte; bei dem einen nahm das gefolterte Gemüth die Richtung nach dem Ueberfinnlichen, beim andern ging der Charakter vollends in moraliſcher Schlechtigkeit unter; der eine wollte ſich durch Beten und ein mäßiges, gerechtes Leben mit dem Himmel abfinden, der andere verlachte in wilder Sinnenluſt die Hölle und ſpottete der Stimme ſeines Gewiſſens, ſo oft es ſich regte; nur die Feind⸗ ſchaft war das bleibend Gleichartige in ihnen, wie ihr Schuldbewußtſeyn ſelbſt, aus dem ihr Haß entſprang. Und zuletzt reißt dennoch eine Hand beide in's Ver⸗ derben, und aus dem eigenen Blute erwächst ihnen in ihren Kindern der Rächer ihrer Miſſethat. Ernſt, das iſt mehr als Schickſalstragödie, und wir nennen's wohl nur darum ſo, weil wir die geheimen und mäch⸗ tigen Fäden der Seele nicht ſehen, an welchen Gott das Menſchenleben ſeinem Ziele entgegenführt.“ „Laßt uns dieſes Thema abbrechen,“ ſagte die Pfarrerin.„Wir ſeiern heute euern Verlobungstag und da ſoll uns nur Glück, Freude und Liebe des Lebens beſchäſtigen.—„Aber Liebe iſt ja auch in dieſem ſchwarzen Bilde,“ erwiderte Auguſte.„Denkt doch an Rudolph und Ammy. Gewiß! wenn etwas den Himmel mit dem furchtbaren Unheil, welches die beiden Alten ſich und der Menſchheit angerichtet haben, verſöhnen kann, ſo muß es dieſe Liebe ſeyn, die ſo rein, ſchuldlos und leidvoll in der Miſſethat dunkler Nähe hintrauerte und ohne die ſchreckliche Kataſtrophe von heute wohl nimmer erlöst worden wäre.“ „Mein erſter Gedanke war Ammy,“ ſagte Friederike. „Was muß das weiche Herz bei dieſer erſchütternden Wendung der Dinge empfunden haben! Wir wollen uns ihrer aber nun auch doppelt hülfreich annehmen.“ „Und Ernſt und ich ſtehen Rudolph zur Seite,“ ſprach Burkhard.„Wie ich den leidenſchaftlichen, ge⸗ fühlvollen Jüngling kenne, der mit grenzenloſer Licbe an ſeinem Vater hing, wird er der Freundſchaft für's Erſte noch benöthigter ſeyn als der Liebe. Gebe nur — 165— 5 Gott, daß dieſe tragiſche Geſchichte wenigſtens für die beiden Kinder der alten Verbrecher zum Heile ausſchlägt!“ Man kam hierauf überein, für den Reſt des Abends alle düſtern und traurigen Betrachtungen zu verbannen, und bald gelang es auch dem glücklichen Bräutigam, die Stimmung der übrigen durch ſeine eigene heitere Erregtheit aufzuhellen und den letzten Schatten aus den Gemüthern zu verſcheuchen. Die Punſchbowle dampfte zu Ehren der beiden Verlobten und in ungeſtörter Freude beſchloß man einen Tag des Glücks, der zweien ſo ganz für einander geſchaffenen Menſchen, wie Ernſt und Auguſte, in dem Augenblick die heitere Pforte einer ſchönen Zukunft öffnete, wo ein eben ſo ſeltenes als erſchütterndes Verhängniß ſeinen dunkelſten Akkord in den Jubel ihrer Herzen miſchte. So hatte ſich denn der Tannenſchütz, und was im Volksglauben an Furcht und Sorge ſeiner unheil⸗ vollen Erſcheinung anhing, abermals bewährt, nur daß er diesmal nicht allein als Unglücksprophet für andere, ſondern auch als eigener Rächer der an ihm verübten Miſſethat auftrat, indem er den beiden Mör⸗ dern ſeines jungen Lebens, trotz ihrer grauen Haare, den Untergang bereitete. Denn allgemein war bekannt geworden, daß der Kaſtenmeiſter den Hirſchfänger ver⸗ — 166— grub, als die Kunde, das Geſpenſt habe ſich wieder gezeigt, das ſchlummernde Gewiſſen in ihm weckte und ihn zu jenem Schritte bewog. Wie begreiflich war die Aufregung, welche die Gemüther bei dieſer unerwarteten Kataſtrophe ergriff, anfangs eine ſo große und allgemeine, daß dieſe An⸗ ſchauungsweiſe nicht ſogleich beim Volke Eingang fand; wohl aber hatte die Begebenheit zur unmittelbaren Folge, daß die Altenhainer Bauern, ſo viele Jahre durch den Haß zwiſchen Falk und Wahl in zwei feind⸗ liche Parteien geſchieden, in dieſem erſchütternden Aus⸗ gang einen Wink des Himmels erblickten, ihren alten Hader beizulegen, der ſo vielen Unſegen über das Dorf gebracht hatte, gleichſam zur gerechten Vergeltung für die Unthat, welche die zwei angeſehenſten Männer von Altenhain verübt hatten. Darum eilte denn ein jeder ſich mit ſeinem Feinde auszuſöhnen, um auch keinen Augenblick länger an dem unſeligen Fluch der beiden Miſſethäter mitzutragen und das Dorf ein für allemal von der alten Schuld jener frei zu machen.„Wir habew's alle ſchwer genug gebüßt, daß wir zwei Mör⸗ der ſo lange ungekannt in unſerer Mitte hatten,“ ſagten ſich die Bauern;„fortan ſoll der Tannenſchütz uns nicht mehr ſchrecken und mit dem Frieden kehre unſere Hütten und Herzen ein.“ auch wieder der alte Segen und der alte Qunuen in 6 Es war wenige Tage vor Weihnachten, als Ernſi, den dringende Geſchäfte mehrere Monate lang in der Reſidenz aufgehalten hatten, nach dem Vogelsberg zu⸗ rückkehrte, wo unterdeſſen der Winter in ſeiner ganzen wilden Schönheit eingezogen war. Von dem Städtchen S., in welchem er am ſpäten Abend zuvor angelangi, hatte er ſich am Morgen des folgenden Tags aufge⸗ macht, um zu Fuß Altenhain zu erreichen, da bei dem tiefen Schnee die Straße dahin völlig unfahrbar ge⸗ worden war. Zudem trennten ihn nur wenige Stun⸗ den von dem Ziel ſeiner Sehnſucht, und der Reiz der winterlichen Gebirgsnatur war ihm noch aus ſeiner Kindheit allzu erinnerlich, als daß er denſelben, trotz Schnee und Kälte, hätte aufgeben mögen. Und in der That wurde die Gebirgslandſchaft, je höher er aus den nebligen Thalgründen in den eigentlichen Oberwald hinauf gelangte, immer reizender und die wildromantiſche Schönheit des rauhen Vogels⸗ bergs trat immer großartiger und impoſanter aus den ſchukeigen NRebelhüllen hervor. In weiten Spiegel⸗ flächen breiteten ſich die eisbedeckten Berghaiden über die ganze Hochebene aus; leuchtend blitzte der Schnee im Sonnenlicht; ſo weit das Auge reichte, nichts als ein einziges glänzendes Schneegefild, in welchem nur hier und da ein dunkler Tannenwald, oder ein einſam gelegener Bauernhof das winterliche Kolorit der Land⸗ F*„ — 168— ſchaft unterbrachen. Ueberaus prächtig und maleriſch erſchien der Bielſtein, ein mächtiger Baſaltfelſen, deſſen ſchwarzes Steingeklüft mit dem im Schnee leuchtenden Gipfel, aus der Ferne betrachtet, einem rieſigen Mem⸗ nonsantlitze glich, das halb im Wüſtenſand verſunken mit ſtummen großen Augen den Wanderer anſtarrt. Um den waldbedeckten Hoherodskopf, den höchſten Gipfel des Vogelsbergs, lagerten dichte Nebel, aus welchen der alte ſteinerne Thurm auf der Höhe nur in grauen, undeutlichen Umriſſen hervorſchaute. Ernſt, ein gewandter Eisläufer, glitſchte mit Windeseile über die ſpiegelglatten Eisflächen dahin; ihm war ſo froh und friſch zu Muthe in dieſer ſtum⸗ men wilden Natur der Heimath wie einſt als Knabe, und faſt vergaß er über der ſonnig klaren Luft des ſcharfen Nordoſt's, der über die ſchneebedeckten Höhen des Oberwaldes dahin fuhr und die Nebel immer höher an den Bergen hinauf jagte. Dabei war es ſo ſtill, ſo ſchweigſam in dieſer kalten und doch ſo ſchönen Winterwelt, und die Eisblumen an den kahlen Sträu⸗ chern und Halmen blitzten und funkelten ſo zauberiſch im Kryſtallglanz wie geſponnenes Glas, als wollten ſie der Erde des Frühlings Luſt und Glanz erſetzen. Kaum zeigte ſich ein lebendes Weſen im öden Geſilde; nur einmal hyuſchte ein Haſe dicht vor unſerem Wan⸗ deter aus ſeinem Lager auf und in der Nähe des — 169— 6 Tannenſteins hüpfte ein Rothkehlchen leiſe ſingend aus der Dornhecke hervor, flog eine zeitlang wie verwun⸗ dert über die fremde Menſchenerſcheinung von Zweig zu Zweig neben ihm her und ſchien ihn fragen zu wollen, woher des Weges er komme und was ihn, den Fremdling im feinen warmen Pelzkleid, zu dieſer Fußwanderung auf des Vogelsbergs rauhen Höhen be⸗ wege. Endlich, es war gegen eilf Uhr Vormittags, ge⸗ langte Ernſt an den Tannenſtein und den Hohlweg. Oben am Rande deſſelben hinſchreitend ſah er erwar⸗ tungsvoll nach dem Thal hinunter, das ſich vor ihm zu öffnen begann; denn gleich mußte der Altenhainer Kirchthurm hinterm vordern Hügelrand hervortreten und ein wenig ſpäter auch das Dach des Pfarrhauſes. Da plötzlich tönte aus dem Hohlweg zur Seite ein unterdrücktes Seufzen und Schluchzen in ſein Ohr, und wie er ſich raſch umſah, erblickte er eine alte Bauersfrau, die unten vor dem ſteinernen Kreuzchen ſtand, das nur noch mit der Spitze aus der Schneedecke hervorragte. Die Bäuerin war ſchwarz und ſonntäg⸗ lich gekleidet; ſie trug eine weiße Haube mit großem ſteifem Hinterſchild, von welchem ein Trauerband nie⸗ derhing; in der Hand hielt ſie ein Geſangbuch, in dem ein Rosmarinzweig ſteckte, und ſo ſchien ſie in dieſer Tracht, obgleich es Werktag war, zu einem Kirch⸗ gang gekleidet. Die Erſcheinung der trauernden Alten an dieſer Stelle und am kalten Decembermorgen erweckte Ernſt's Neugierde; ſie merkte indeſſen ſeine Anweſenheit erſt, als er ihr von oben einen guten Morgen zurief, wor⸗ auf er ſchnell durch den tiefen Schnee am ſteilen Weg⸗ abhang hinunterkletterte und ihr nahte.„Was fehlt Euch, liebe Frau?“ fragte er in mitleidigem Tone. „Ihr weint da am Kreuz, das der Schnee bedect, und denkt in Euerer Trauer nicht an Euer Alter in der eiſigen Kälte.“ „Ach, Herr!“ erwiderte die Bäurin und trocknete ſich mit der ſchwarzen Taffetſchürze die Augen.„Grad' an mein Alter dacht' ich eben, wie ich vor dem Kreuz⸗ chen ſtand, und daß ich ſo großes Herzeleid noch in meinen alten Tagen erleben muß.“—„Hat etwa das Kreuz da für Euch eine beſonders traurige Bedeu⸗ tung?“ fragte Ernſt weiter.—„Freilich,“ antwortete ſie ſchwer ſeufzend.„Der Herr iſt wohl fremd im Vogelsberg, ſonſt müßt' Er ſicherlich die Geſchichte vom Tannenſchütz wiſſen, von der eben die Leute weit und breit reden.“—„Ich kenne die ſchreckliche Ge⸗ ſchichte,“ ſagte Ernſt;„auch bin ich keineswegs ſo fremd im Vogelsberg, wie Ihr meint. Selbſt den Konrad Wahl und den Heinrich Falk kenne ich perſönlich.“ 6 Da ſtieß die alte Frau einen Schrei der höchſten Ueberraſchung aus, ſchlug erſchüttert die Hände zu⸗ ſammen und rief:„O lieber Jeſu! ſo iſt Er gewiß der Freund des Herrn Pfarrers zu Altenhain, von dem mir das arme Ammychen ſo oft erzählte?“— „Der bin ich allerdings,“ verſetzte er und ſah ver⸗ wundert die alte Bäuerin an, die hierauf in lautes Weinen ausbrach, und ſchluchzend ſeine Hand erfaſſend, ausrief:„Ach Gott! ach Gott! So brauch' ich mich auch nicht vor Ihm zu ſchämen, wenn ich's ſage, daß ich des verrufenen Konrad Wahls einzige Schweſter bin vom Gaulenhof drüben hinter'm Berge und vor Jammer und Herzleid um den ſchändlichen Menſchen mir die Seele ausweinen möchie!“ „Was könnt' Ihr für ſeine Unthat?“ erwiderte Ernſt tröſtend.„Schrecklich iſt's freilich immer, einen ſolchen Bruder zu haben, aber zu ſchämen braucht Ihr Euch darum nicht; denn Euch ſieht man's gleich an, daß Ihr gut und chrlich ſeyd.“—„Das iſt alles recht,“ ſagte die Alte und weinte noch heftiger.„Hätt' ich nur den heutigen Gang nicht nach Altenhain zu machen, ſo wollt' ich ſchon gerne mein Lebenlang des Kaſtenmeiſters Schweſter heißen— aber ſo—— „Habt Ihr denn heute Gottesdienſt im Dorfe?“ fragte Ernſt.„Es iſt Werktag und doch tragt Ihr Sonntagskleider und habt auch ein Geſangbuch?“— — 1 „Ach ja, ein Gottesdienſt am offenen Grabe!“ ſprach ſie gedankenvoll vor ſich hin, und indem ſie den Fra⸗ genden mit trauernder Miene anblickte, fügte ſie hinzu: „Das weiß der Herr alſo noch nicht, daß wir heut' eine Leiche im Dorfe haben, eine ſchöne junge Leiche, um deretwillen ich mich ſchwarz trage und für die ich auch den Rosmarinzweig da—“ „Ammy!“ rief Ernſt, von einer dunkeln Ahnung ergriffen.—„Eben das Ammychen wird heute begra⸗ ben,“ verſetzte die Alte gedämpft.„Vorgeſtern Nacht hat der liebe Gott ſich ihrer erbarmt und ſie zu ſich genommen. Was der Himmel der Erde nicht gönnt, das nimmt er ihr frühe mit ihrem Liebſten weg, und die Leute nennen das dann am gebrochenen Herzen ſterben.“—„O erzählt mir doch!“ rief er auf das Tiefſte erſchüttert;„hatte denn Ammy nicht noch ihren Rudolph?“ ½ „Hätt's ſterben können, wenn der Rudolph ihm geblieben?“ erwiderte die Bäurin.„Das iſt's ja ge⸗ rade, warum alle Welt am Leid der Beiden ſo innigen Antheil nimmt! Denn was war die Unthat der Alten gegen die Noth, die den Jungen auferlegt wurde! O Jeſu! das iſt eine ſo ſonderbare Geſchichte, daß man 3 eigentlich gar nicht recht drüber nachdenken ſollte, weil man ſonſt an allem in der Welt irre werden möchte Ja, ja; ihre Liebe war wohl zu heiß, und ſe hatt 173— auch ſonſt ſchon zu viel durchgemacht, als daß ſie den letzten Schlag ſtandhaft hätten aushalten ſollen; darum, wie die Leute glaubten, nun wäre alles gut und ſie hätten den Berg hinter ſich, kam erſt das Schlimmſte über ſie und brachte beiden den Untergang.“ Sie hielt einen Augenblick nachdenkend inne und fuhr dann fort:„Ja ſo, der Herr weiß noch von allem ſo gut wie nichts, und ich glaubte doch, ſo eine Geſchichte wüßten alle Leute; nun, ich will's Ihm verdeutlichen, wenn ich's auch ſelber noch immer nicht recht begreife.— Wie der Konrad und der Falk in's Gefängniß abgeführt waren, da verſchwand auch der Rudolph auf einmal aus dem Dorfe und hatte weder der Ammy noch ſonſt einem Menſchen etwas davon geſagt. Niemand wußte, wo er hingekommen war, bis er erſt nach acht Tagen wieder bleich und elend nach Altenhain zurückkehrte. Kaum erkannte man ihn wieder, ſo abgczehrt ſah er aus; die Augen lagen ihm tief im Kopf und kein Blutstropfen Farbe war mehr in ſeinem Geſicht. Er war, wie er ſah, daß alles verloren und die Mordgeſchichte durch ihn an's Tages⸗ licht gekommen ſey, beim Landesherrn in der Reſidenz geweſen und hatte den Fürſten um ſeines alten Vaters Begnadigung angefleht, konnte aber nichts ausrichten und mußte mit Kummer hören, daß den nichts vom lebenslänglichen Zuchthaus retten könne. Das, mein“ — 174— ich, hat ihm den Herzſtoß gegeben, und ſo kam der arme Menſch wieder ins Dorf, als ob er wiſſe, daß ihn hier ſein Grab erwarte. Ammy ſah ihn von weitem die Straße heraufſchleichen und ſtürzte ihm ent⸗ gegen; er aber kannte ſie kaum mehr, hieß ſie kalt von ihm ablaſſen und ſagte, daß er ſeines Vaters Sohn bleibe und keine Rede mehr von der Heirath mit ihr ſeyn könne. Ach! da hättet Ihr den Jammer des armen Mädchens ſehen ſollen! Es hatte alles verloren um ſeiner Liebe willen, hatte dem Rudolph das vergrabene Meſſer verrathen, was die Urſache von allem Unglück wurde, und nun ſtieß auch noch der Liebſte ſie grauſam von ſich und fluchte der Stunde, wo er ihr Treue geſchworen und ſeinen Vater damit in lebenslängliche Gefangenſchaft gebracht habe!“ „Ein paar Tage glaubten wir, ſie verliere wirk⸗ lich den Verſtand, bis der Rudolph, der ihr ſo großes Leid angethan, wieder zu ihr kam und ſie ein langes Geſpräch unter vier Augen mit einander hatten. Was ſie da ausgemacht haben, weiß der liebe Gott; aber ſeitdem gingen ſie wieder mit einander, waren häufig beiſammen, entweder ſie auf dem Herrnhof oder er bei Ammy im Hauſe. Aber von Liebe war nichts mehr zwiſchen ihnen zu merken, und cher hätte man ſie Bruder und Schweſter halten mögen als für zw Rüte, die ſich das Jawort gegeben und einander herzlich gut geweſen waren. Beide ſchienen beſtändig niedergeſchlagen, alle Fröhlichkeit war von ihnen ge⸗ wichen, und wer's nicht ſchon wußte, hätte es ihnen auf den erſten Blick anſehen müſſen, daß ihnen das beſte Leben zu Grunde gegangen und ſie nur noch wie aus Gewohnheit zuſammenhielten.“ „Ich traute dem Ding gleich von Anfang nicht; denn immer hatten die beiden was Apartes an ſich gehabt und das Leid von wegen der großen Feindſchaft der Väter ſtand den Unglückskindern ordentlich im Geſicht geſchrieben. Lange konnt's auch in dieſer trau⸗ rigen Weiſe nicht fortgehen, denn ſie marterten ſich zu Tode, eines um des andern willen, das ſahen alle Leute, und mit kam's immer vor, als wenn ſie etwas Heimliches mit einander abgeredet hätten und nur noch nicht darüber einig wären, wie ſie's ausführen wollten. Der Rudolph aber wußt's am Ende doch und hat's auch richtig, Gott verzeih' ihm die Sünde! gethan; denn eines Morgens fand ihn der Waldhüter droben auf dem Tannenſtein als Leiche, er hatte ſich erſchoſſen auf demſelben Platz, wo er ſonſt mit Ammy beiſam⸗ men geſeſſen und ihr ewige Treue geſchworen hatte.“ „Wie man dem armen Mädchen die Schreckens⸗ kunde hinterbrachte, ſtieß ſie einen Schrei aus, als wäre ihr die Stele geſprungen, worauf ſie wieder ſtil 6 wurde und ſeitdem auch nicht mehr von dem Rudolph geſprochen hat. Aber der Tod ſaß ihr von der Stunde an in den Augen. Acht Tage ſpäter holte man mich vom Gaulenhof, weil Ammy in der Nacht ſchwer er⸗ krankt ſey und nach mir begehre. Sie hatte fürchter⸗ liche Krämpfe bekommen, alle ihre Glieder waren wie gelähmt. Ich habe manchen Menſchen in ſchweren Nöthen ſterben ſehen, aber ſolch ein Sterben mit ge⸗ brochenem Herzen kannt' ich noch nicht. Vierzehn Tage rang ſie mit dem Tode, ehe Gott ſie erlöste; nur in der letzten Stunde lag ſie ruhig und ſchmerzlos da und lächelte ihrem Schweſterchen zu, das ich auf dem Arme hatte. Wie ſie aber die Hände nach dem Kind aus⸗ ſtreckte, fiel ſie auf's Kiſſen zurück und war todt.“ „Heute wird ſie neben dem Rudolph begraben, und der Herr kommt eben noch recht, um das ſchöne Ammychen auf ſeinem letzten Gange zu begleiten. Das ganze Dorf trauert um ſie, als ſey allen ein Engel geſtorben. Ach Gott! ach Gott! wir alten Leute heißen oft wunderlich und ſonderbar, aber die Jungen treiben's, weiß der Herr, nicht beſſer. Da hätten ſie nun glücklich werden können, trotz der blutigen Schuld ihrer Väter; denn ſie waren ja reinen Herzens und liebten einander treulich trotz der Alten Feindſchaft;— aber nein! Wie's zum Halten und Binden für immet⸗ dar kommen ſollte, gehen ſie auseinander nach ſo vie — 177— treuer und ſtandhafter Liebe, und nur im Grabe finden ſie ſich wieder!“— Unter dieſem Geſpräche waren ſie am Dorfe an⸗ gelangt, und die Bäuerin hätte Ernſt wohl noch weiter erzählt, wenn ihnen nicht plötzlich das Geläute der Glocken die Beerdigung angekündigt hätte. Raſch eilten beide vorwärts, und wie ſie in das Dorf einſchritten, ſchlug die alte Bäuerin laut jammernd die Hände zu⸗ ſammen; denn eben bog der Leichenzug um die Ecke und bewegte ſich langſam, unter dem Geſang der Schuljugend, die Dorfſtraße herauf. Der Sarg, in welchem man das ſchöne Ammychen ſeinem Bräutigam zutrug, war über und über mit Kränzen und Blumen geſchmückt, freilich nicht mit denen des Frühlings, ſon⸗ dern nur mit bunten Flitterblumen, aber doch gar anmuthig bräutlich, als wenn man noch bis zum Grabesrand des Lebens holde Täuſchung habe feſthal⸗ ten wollen. Ernſt blieb, des Zuges harrend, am Eingange zum Friedhof ſtehen, dort wo er vor wenig Monaten bei ſeiner erſten Ankunft im Dorfe das ſchöne Ammy⸗ chen gefunden hatte. Das Ganze machte auf ihn einen unbeſchreiblich wehmüthigen Eindruck und auch ohne ſeine perſönliche Bezichung zu der Dahingeſchie⸗ denen hätte dieſer Anblick ſein innigſtes Mitgefühl erweckt. Der reine Glanz des Schnee's, welcher alles blendend überſchimmerte, duzu die ſchwarzen Trauer⸗ geſtalten, die bunten Blumen und das einförmige irchenlied der hellen Jugendſtimmen, welches der alte Dorſſchullehrer nach jeder Strophe von neuem an⸗ ſtimmte— alles das im Verein mit der Betrachtung des wahrhaft tragiſchen Schickſals, das hier ſeine letzten Klageakkorde ausſpielte, erhöhte in ihm noch das Melancholiſche des Eindrucks und rührte mächtig er⸗ ſchütternd ſein innerſtes Gemüth. Er hatte ein Gefühl, als würde in dieſer Stunde ſeine eigene glückſelige Kindheit, die er in Altenhain verlebt hatte, zu Grabe getragen; und wie noch jüngſt der Anblick des ſchönen Ammychens ihm dieſe zuerſt wieder ſo recht lebendig in's Gedächtniß zurückgerufen, ſo erſchien ihm heute der lange Leichenzug mit dem blumengeſchmückten Sarge als die letzte Erinnerung an dieſelbe. Jetzt nahten die Träger mit dem Sarge der Treppe; der alte Tannenbaum ſchüttelte leiſe wie zum Weihnachtsgruße aus ſeinen grünen Zweigen Schnee⸗ flocken auf die Blumen und Bänder; Ernſt erblickte hinter dem Sarge den Freund im Prieſterornat und auch Burkhard ward ſeiner anſichtig. Sie drickten ſich die Hand und jener ſagte erſchüttert:„Das alſo iſt der Ausgang!“—„Und der Eingang zum Frieden,“ entgegnete der Pfarrer bewegt. — 179— Ernſt wohnte der Beerdigung bei, bis der Sarg in die Grube geſenkt war und das Grab auch dieſe ſeltene Perle des Lebens in ſeine dunkle Tiefe hinab⸗ gezogen hatte, worauf er ſich leiſe, da Burkhard ſeine Rede begann, vom Friedhof entfernte, um in's Pfarx⸗ haus hinüber zu eilen. Auguſte, die ihn ſchon geſehen hatte, flog ihm auf der Treppe entgegen; er drückte ſie an ſein Herz und ſagte:„Vergib mir, Geliebte, daß ich erſt dem todten Ammychen meine letzten Grüße in's frühe Grab nachrief, ehe ich dir den Gruß und Kuß meiner leben⸗ digen Liebe brachte!“—„Wo fände dieſe auch ſchöner und himmliſcher ihre Kraft und Weihe als am Grabe der todten?“ erwiderte ſie gerührt.„Komm, du Theuerer, und laß dich dafür noch einmal umarmen. Daß du, deinem Glücke ſo nahe, der Trauer um das fremde Unglück nicht vergaßeſt, das ſoll mir unver⸗ geßlich bleiben.“ — 3 3 i 3 Druckerei des k. Bürgerhoſpitals Mannheim, November 1851. ott ſiſ ſſſſſſſſſſiſiſ 8 9 10 11 12 1 3 14 1