Leih 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen den angenommen. wird. beträgt für wöchentlich 2Bücher deutſcher, engliſcher und franz von Eduard Ottmann in Gieſien, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Geſebedingungen. 1 oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens auf. Monat: 1 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6 Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, 4 Büch 1 Mk. 50 Pf. iblivthel öſiſcher Literatur 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliechenen Buches wird von jedein Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ . Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und er: 6 Bücher: korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren der Leſer zum Erſatz des Gan 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i n verpflichtet. auf 14 Tag t e feſigeſetz beſonders darguf aufmerkſam gemacht, daß das Wei der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ felben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——————— N Ff. „ beſchmutzte, ver⸗ erkes, ſo iſt t und wird terverleihen — 8——— ⸗„————————— — * — Roderich. * Eine Hof⸗ und Räubergeſchichte aus dem Jahre 1812 von Otto Mülher. 3 6 3 Stuttgart. 1 Druck und Verlag von Eduard Hallberger. 1861. * Srſtes Rapitel. Wieneht der Freundſchaftsbund zwiſchen der Prin⸗ zeſſin und Serena nach der Meinung mancher Leute viel zu ſchnell im erſten Eindruck ſchwärmeriſcher Gefühle ge— ſchloſſen worden war, ſo konnte man doch bald bemerken, daß derſelbe, je näher ſie ſich kennen lernten, an Innig⸗ keit und gegenſeitigem Vertrauen noch zunahm: eine Wahr⸗ nehmung, welche die Prinzeſſin bei jeder öffentlichen Ge⸗ legenheit durch ihr herzliches Benehmen gegen ihr ſchönes Hoffräulein beſtätigte. Beide waren bald unzertrennliche Freundinnen; ja, die Fürſtin ſchien es recht abſichtlich darauf anzulegen, Serena voranzuſtellen und ſie bei den Hoffeſten in aller Schönheit und Anmuth ihrer blühenden Jugend glänzen zu laſſen. Verſchwenderiſch überhäufte ſie die jün⸗ gere Freundin mit Güte und Geſchenten, und je mehr ſie ſelber freiwillig vor ihr zurücktrat und ihr den größeren Theil der Huldigungen überließ, welche ſie ſeither allein genoſſen hatte, um ſo glücklicher und heiterer erſchien ſie —— Allen; ja, nach einer Weile fiel es kaum mehr auf, daß 16 ſie ſich mehr und mehr aus dem Treiben des Hoflebens in die Stille zurückzog und höchſtens noch um Serena's willen Antheil daran nahm. Die Worte einer edlen gelehrten Italienerin*):„Schnell *) Olympia Morata. Müller, O., Roderich. II. 1 wandelt die Erſcheinung der Welt“, finden wohl auf keine Sphäre des Lebens ſo richtig und unmittelbar ihre An⸗ wendung als auf die Welt, in welcher Serena jetzt lebte; und darum ſoll es uns auch nicht Wunder nehmen, wenn nach ſo vielen ungewöhnlichen Störungen und Aufregungen das Leben am Hofe allmälig zu der früheren Einfachheit und den regelmäßigen Abwechslungen zurückkehrte.— Allerdings mochten hierzu die täglich bedenklicher lautenden Nachrichten vom nordiſchen Kriegsſchauplatz weſentlich bei— tragen, welche beim Beginn des Winters alle Gemüther in athemloſe Spannung verſetzten, alle Herzen mit der Ah⸗ nung einer nahen furchtbaren Weltkataſtrophe erfüllten.— Man wußte ſchon, daß Napoleon das nach unſäglichen Opfern an Menſchenleben und Kriegsmaterial gewonnene Moskau wieder verlaſſen und mit dem Reſt ſeiner bis jetzt für unüberwindlich gehaltenen Armee im Anfang eines un⸗ gewöhnlich ſtrengen Winters den in der Kriegsgeſchichte ohne Beiſpiel gebliebenen Rückzug mitten durch unermeß⸗ liche Steppen voll ſtarrenden Eiſes und einer in Rache glühenden Bevölkerung angetreten habe; auch das kleine Kontingent unſeres Landes war zu jenem furchtbaren Welt— kampfe ausgezogen; und Tauſende von zärtlich liebenden Herzen zitterten daheim um das Schickſal theurer Angehöri— gen, die, dem damit ſchwer zu vereinenden Begriffe deutſcher Tapferkeit und Fahnentreue gemäß, der alten Erbſchmach Deutſchlands, fremdem Deſpotismus, zum Opfer fallen ſollten. Unter ſolchen traurigen Umſtänden verboten ſich, zumal an einem deutſchgeſinnten Fürſtenhof, alle außergewöhnlichen Luſtbarkeiten und Zerſtreuungen von ſelber; und in der That waren es der regierende Fürſt und ſeine Gemahlin, die ſich zuerſt aus dem ſeitherigen bewegten Leben voll Glanz und Wechſel zurückzogen, wie es die Ankunft der Prinzeſſin Aurelie veranlaßt hatte.— Während ſonſt um dieſe Zeit erſt die rechte Luſt an Vergnügungen und Zer⸗ ſtreuungen aller Art zu erwachen pflegte, wurde es nach und nach in dieſem verhängnißvollen Jahre in der Reſidenz ſo ſtille, wie in einer entfernten Provinzſtadt; die bürger⸗ liche Geſellſchaft enthielt ſich aus noch triftigeren Gründen wie die vornehme Welt aller lauten Luſtbarkeiten, und der frühere geſellige Frohſinn flüchtete ſich mehr und mehr aus den öffentlichen Vergnügungsorten in die engeren Kreiſe des häuslichen Lebens; ein Hofball wurde eine Seltenheit, und an die gewohnten Freuden und Ergötzlichkeiten des Karnevals dachten dießmal höchſtens nur jüngere Leute.— Vielleicht am wenigſten ſchmerzlich empfanden die Prin⸗ 5 zeſſin und ihre ſchöne Freundin dieſen Uebergang aus der ſeitherigen Welt des flüchtigen Genuſſes und der betäuben— den Vergnügungen zu einem mehr ſtillen, begrenzten Leben . im geiſtig gehobenen und aller ſtrenghöfiſchen Form entbun⸗ denen Verkehr mit einigen auserwählten Perſonen von Bil⸗ ———— dung, Talent und Würdigkeit. Bald verſammelte ſich an dem noch jüngſt nur dem courfähigen Adel und anderen diſtinguirten Perſonen zu⸗ gänglichen Hofe an beſtimmten Abenden eine zwar beſchei⸗ dene, aber durchaus nicht zu verachtende Geſellſchaft von Künſtlern, Gelehrten und äſthetiſch gebildeten Männern, welcher die Anweſenheit einiger durch Geiſt, Anmuth und liebenswürdiges Weſen ausgezeichneter Damen, den frühe⸗ ren Jugendfreundinnen der Prinzeſſin, einen noch erhöhten Reiz verlieh, indem man bald zur allſeitigen Befriedigung wahrnahm, daß die fürſtliche Frau Wittwe ihren vertrau⸗ ten Zirkel mit ebenſo viel Takt als Geſchmack auszuwählen 1 verſtanden hatte. War gleich das bürgerliche Element in dieſem kleinen . Kreiſe vorherrſchend, ſo fehlte doch das durch Geburt be⸗ 4 vorzugte keineswegs, ſofern es ſich wie jenes durch Geiſt und Bildung der Aufnahme in denſelben würdig machte; und der fein gebildete Kavalier fand dann hier den nämli⸗ chen herzlichen Willkomm, der dem ſchüchternen Gelehrten, dem mehr oder minder genialiſch auftretenden Künſtler und Schöngeiſt zu Theil wurde. Man muſizirte, man las und unterhielt ſich in freieſtem Gedankenaustauſch über das Geleſene; ja, man ſpielte ſelbſt, um nicht ganz und gar bei den Leuten in den Verruf eines erkluſiv äſthetiſchen Muſenhofs zu kommen, heitere Geſellſchafts— ſpiele, und zuweilen nahm ſogar der Herr Landgraf an dieſen durch Geiſt und ungezwungene Fröhlichkeit belebten Abend⸗ unterhaltungen für einige Stunden, die er der Erholung von den Regierungsgeſchäften widmete, perſönlichen Antheil. In dieſen Kreis, der bald in der Reſidenz und bei Hofe nur der Frau Prinzeſſin„Abendkränzchen“ genannt wurde, trat Roderich wie nach einer ſtillſchweigend ihm zu— geſtandenen Ausnahmsvergünſtigung gewöhnlich erſt ein, wenn man von den freien ſchönen Künſten zu einer mehr geſelligen Konverſation überging.— Jedermann glaubte es dann dem blaſſen Gelehrten gerne, wenn er faſt jedes⸗ mal, um ſein ſpätes Kommen zu entſchuldigen, angeſtrengte Studien und dringende Arbeiten für dieſes und jenes wiſ⸗ ſenſchaftliche Journal vorſchützte. Sah er doch ſo erſchöpft und angegriffen aus, daß ſeiner freundlichen Bitte um gü— tige Nachſicht mit ſeiner zerſtreuten Perſon von Herren und Damen gerne willfahrt wurde. So ſaß er denn auch ge⸗ wöhnlich zerſtreut und in ſich gekehrt bei Tiſche, lächelte meiſt nur ſtill vor ſich hin, wenn ein guter Einfall, ein artiges Hiſtörchen von den Andern belacht wurde, und ſchien mit ſeinem Geiſte fortwährend bei ſeinen ernſten Büchern und Studien in der ſtillen Studirſtube zu ver⸗ weilen.— Dabei aß er haſtig, wenn auch ſehr mäßig, und hielt ſich beſonders mit ſeinem einfachen Geſchmack an die — 5— feinen weißen Tafelbrödchen, die er unter dem ſtill beob⸗ achtenden Lächeln der Geſellſchaft faſt regelmäßig in ſeiner Zerſtreutheit den neben ihm ſitzenden Perſonen hinweg⸗ nahm; dabei hatte er häufig ein kleines Unglück, das die Uebrigen erheiterte: bald ſchüttete er ſein Weinglas um, bald zerbrach er eine feine chineſiſche Taſſe; auch gab er zuweilen ganz verkehrte Antworten, redete einzelne Anwe⸗ ſende mit fremden Namen an, verwechſelte wohl auch zur Erheiterung die Titulaturen, und ward er dann zu ſeiner großen Verlegenheit den begangenen Irrthum inne, ſo ſuchte er dem Geſpräche ſchnell durch irgend ein Paradoxon eine andere Wendung zu geben und dadurch die Aufmerkſamkeit der Anweſenden von ſeiner Perſon wieder abzulenken. Erſt gegen das Ende der Mahlzeit, wenn der Wein und die Heiterkeit ſeiner Umgebung auch ſeine Lebensgeiſter anregte, ward er geſprächig; bemächtigte ſich in ſeiner geiſt⸗ voll belebten Weiſe der Unterhaltung und holte aus dem reichen Schatz ſeiner Kenntniſſe irgend ein Thema von all— gemeinem Intereſſe hervor, worüber er ſich dann in ſo flie⸗ ßendem und anregendem Vortrag verbreitete, daß man ſeine Geſpräche nicht mit Unrecht das poetiſche Deſſert nannte, welches gewöhnlich den Beſchluß dieſer an geiſtigen und materiellen Genüſſen ſo reichen Abende machte. Seine blühende Redeweiſe, ſein Reichthum an treffen⸗ den originellen Gedanken, ſeine ſcharfe Beurtheilung von Menſchen und Dingen verſchaffte ihm dann eben ſo viele aufmerkſame Zuhörer, als Gäſte in dem Saale anweſend waren; und gab es ſelbſt zuweilen Einige darunter, die von der ſchnellen Aufeinanderfolge tiefſinniger Gedanken und kühner Vergleichungen überraſcht wurden, daß ihnen Manches unverſtändlich blieb, ſo feſſelte doch auch ſie der poetiſche Zauber ſeiner Rede, der Wohlllang ſeiner ſonoren Stimme und der lebhafte Ausdruck ſeiner Züge. — Alles, was er ſagte, trug ſo ſehr den Stempel der über⸗ zeugenden Wahrh heit an ſich, als wenn es im unmittelbaren Zuſammenhang mit dem Tiefſinnigſten und Bedeutſamſten ſtünde, was überhaupt jemals von großen Menſchen über den nämlichen Gegenſtand gedacht und als wahr erfunden worden; und ohne die Mahnung der Schloßuhr, wenn die— ſelbe zehn Uhr ſchlug, hätten Herren und Damen bis Mitternacht den Worten dieſes von geiſtvollen und ſchönen Gedanken überſprudelnden Redners gelauſcht. Selbſt die jüngeren Damen, bei all' ihrem durch die Huldigungen der Männerwelt verwöhnten Geſchmack, be— wunderten dann im Stillen die vortheilhaft in Roderich's Weſen, und ſeine ganze Perſönlichkeit erſchien ihnen nicht bloß höchſt intereſſant und einnehmend, ſondern auch den meiſten anderen Männern an wandtem Benehmen überlegen. e Veränderung Feinheit und ge⸗ Da war Nichts mehr von dem ſchüchternen und verlegenen Pedanten, von dem linki— ſchen Gelehrten zu bemerken, über deſſen kleine Sonderbar⸗ keiten man noch eben gelächelt hatte. Die nachläſſige Haltung ſeines Körpers nahm feſte kräftige Formen an, ſein meiſt geſenktes Haupt richtete ſich kühn empor, jede ſeiner Be— wegungen war maßvoll und edel, und von dem wunder⸗ baren Glanz ſeiner Augen konnte Niemand den Blick wie⸗ der wegwenden, der einmal hineingeſchaut hatte. Sein Weſen erinnerte dann unwilllürlich an den zum Dozen⸗ ten im akademiſchen Hörſaal geborenen Mann der feinen Dialektik und der ſcharfſinnigen philoſophiſchen Unterſu⸗ chung; je ſchlichter und anſpruchsloſer er ſeine Ideen aus⸗ einanderſetzte, um ſo bedeutender trat die Idealität ſeiner Lebensanſchauungen in den Vordergrund, und ſelbſt ein oberflächlicher Beobachter erhielt davon den Eindruck der dem Dienſt des Wahren und den höchſten Zwecken der Humanität ausſchließend geweihten geiſtigen Perſönlichkeit. Einen anmuthigen Gegenſatz zu dieſer ernſt würdevollen Dozentenerſcheinung bildete dann das kleine, aus Herren und Damen gemiſchte lauſchende Auditorium mit ſeinen meiſt jugendlichen blühenden Geſtalten, um die mit Leckereien, ſel⸗ tenen Früchten und blinkenden Kryſtallflaſchen beſetzte runde Tafel gruppirt. Ein Maler hätte daraus das glückliche Motiv zu einem jener reizenden Gemälde aus dem geſell⸗ ſchaftlichen Leben der kleinen italieniſchen Fürſtenhöfe im ſechzehnten Jahrhundert entnehmen können; dort, wo gei⸗ ſtige und leibliche Anmuth ſich auch um erlauchte Frauen zu verſammeln pflegte und den Glanz der Hoheit mit dem poetiſchen Hauche eines idealen Lebens umgab. Denn auch in dem Abendkränzchen der Prinzeſſin herrſchte ſtatt aller weiteren Etikette nur das Geſetz der feinen na⸗ türlichen Sitte; man bewegte ſich ſo frei, man redete ſo ungezwungen, wie in jedem andern gebildeten bürgerlichen Zirkel; und die Prinzeſſin ſelber machte ſtatt der läſtigen Hoflakaien an ſolchen Abenden mit ihrem Ehrenfräulein die liebenswürdige Wirthin, ſchenkte ſelbſt den Thee ein, belebte durch ihren Geiſt, ihre natürliche Munterkeit die Unterhal⸗ tung und ließ niemals eine jener ſchwülen, tiefathmigen Pauſen aufkommen, in denen mitunter auch in einer größe⸗ ren Geſellſchaft Jedes plötzlich den Muth verliert, noch ein Wort weiter zu ſprechen, Alle ſich einander wie fremd und beſtürzt anſehen und das peinliche Gefühl, welches man in ſolchen verhängnißvollen Momenten bei dem Wirthe und der Wirthin vorausſetzt, ſich ſchnell in jedem Antlitz deut⸗ lich ausdrückt.— Erſt wenn der Informator nach mehrmaligen vergeb⸗ lichen Verſuchen, ihn aus ſeinem zerſtreuten Weſen heraus⸗ zureißen, nach und nach in den Fluß der Rede kam und mit ſeinem feurigen Geiſt und ſeiner lebhaften Einbildungs⸗ kraft ein ihm intereſſantes Thema ergriff, um daran ſeine Ideen über Kunſt, Leben und Wiſſenſchaft zu entwickeln, ward auch die Prinzeſſin gleich ihren Gäſten ſtille und überließ Roderich die weitere Unterhaltung der Geſellſchaft. Gewöhnlich zog ſie ſich dann mit Serena in eine halb⸗ runde Niſche im Hintergrund des Saales zurück, die durch das gedämpfte Licht einer von der Decke niederhangenden blaßrothen Glasampel erhellt wurde, von wo aus ſie durch die zurückgeſchlagenen Damaſtvorhänge die den Worten Roderich's lauſchende Geſellſchaft überſehen und in den einzelnen Mienen den Eindruck beobachten konnte, den ſeine Rede auf die Zuhörer machte. Sie ſaß dann meiſt mit verſchlungenen Armen, das Haupt ſanft an Serena's Schulter gelehnt und hielt eine Hand der Freundin in der ihrigen; dabei ſah ſie beſtändig, wie in waches Träumen verloren, nach der röthlich ſchim⸗ mernden Lampe hinauf; und nur wenn Roderich in der Wärme des Gefühls Etwas ſagte, was ſie tiefer berührte und anſprach, drückte ſie der Freundin die Hand zum Zeichen ihrer frohen Bewegung und Uebereinſtimmung. Und in dieſem bald leiſeren, bald ſtärkeren Händedruck lag oft ein ſo inniges Nachempfinden, daß Serena dieſe ver⸗ ſtohlene und doch ſo deutliche Kundgebung einer mehr als gewöhnlichen Sympathie bei all' ihrem unbefangenen Ge⸗ fühle zuletzt mit einer gewiſſen Art von Unruhe erfüllte, die ſie ſich lange ſelber nicht weiter erklären konnte. Die Prinzeſſin war in ihrer und anderer Perſonen Gegenwart immer nur ſo lange heiter und lebhaft, bis Roderich zu reden anfing. Dann aber wurde ſie bald auffallend ſtill, horchte mit ſichtbarer Spannung auf jedes ſeiner Worte, und je mehr er in den Eifer der Rede hin⸗ eingerieth, um ſo ſeltener ſprach ſie ſelber; ja, man be— merkte dann zuweilen, daß ſie ihm gerne auch vor den andern Gäſten das Wort allein ließ. Abgeſehen von ſeiner Stellung als Erzieher ihres ein⸗ zigen Sohnes, an dem ſie mit der größten Mutterzärtlich⸗ keit hing, ohne doch jemals ein Wort in ſeine Erziehung mitzuſprechen, war es bald bei Hofe und in der Reſidenz bekannt, daß Roderich einen großen Einfluß auf ſie aus⸗ übe und ſein Rath in allen wichtigeren Fällen ihre Ent⸗ ſchließungen beſtimmte. Er durfte jederzeit unangemeldet bei ihr eintreten, und wiewohl er mit dem Prinzen nicht im Schloſſe wohnte, war doch ihr Verkehr ein ſehr leb⸗ haſter, und ein Diener mit einer verſchloſſenen Mappe, wozu Beide beſondere Schlüſſel hatten, lief oft zehnmal des Tages aus dem Schloß in das Demannſſche Haus und von da wieder zurück in's Schloß. Ebenſo wußte man, daß ſie es allein durch ihren entſchloſſenen Widerſtand durchgeſetzt hatte, daß der Prinz nicht, wie es in der an⸗ fänglichen Abſicht ſeines fürſtlichen Herrn Vormunds ge⸗ legen, einen adeligen Gouverneur erhielt, ſondern nach wie vor der Leitung und Aufſicht ſeines ſeitherigen Erziehers ausſchließlich überlaſſen blieb. Bis in's Kleinſte galt in Beziehung auf ſeinen Eleven Roderich's Wille als oberſtes Geſetz; ja, er beſtimmte ſelbſt die Stunden, in welchen der Prinz bei ſeiner Mutter oder bei der Frau Landgräfin verweilen durſte. Von den Söh⸗ nen angeſehener Familien, welche die Letztere allzu voreilig nach eigenem Gutdünken zu Geſpielen ihres geliebten Groß⸗ neffen ausgewählt hatte, wies der Informator ſchon am nächſten Tage ohne viele Umſtände zwei aus der Geſellſchaft des Prinzen wieder fort, und ſelbſt die ärztlichen Vorſchrif⸗ ten, welche der Geheimerath von Demann ertheilte, mußten zuvor Roderich's Beiſtimmung erhalten.— Einſtmals ſchenkte die Frau Landgräfin ihrem kleinen Liebling ein ſchönes Puppentheater mit allerliebſten Marionetten, das ſie früher ihren eigenen Prinzen in dem gleichen Alter von einem ge⸗ m.——,— ——— — 10— ſchicten Mechaniker hatte anfertigen laſſen. Schon am fol⸗ genden Tage meldete ſich Roderich zur Audienz bei der Für⸗ ſtin, und wußte es durch ſeine eindringlichen Vorſtellungen gegen ſolche vorzeitige Zerſtreuungen und Aufreizungen der kindlichen Phantaſie dahin zu bringen, daß die erlauchte Dame in ihrer Herzensgüte die größte Reue über dieß Geſchenk empfand und den Prinzen Leberecht ſelber bewog, den bunten Trödelkram wieder von ſich zu geben. Aber nicht die Prinzeſſin allein räumte dem Informator in Allem, was ihren Sohn anging, die ausgedehnteſten Vorrechte ein; auch der Herr Landgraf ſelber, nachdem er Roderich genauer kennen gelernt hatte, gab ſeine vormund⸗ ſchaftliche Willensmeinung dahin zu erkennen, daß man einem Manne, der ſo, wie Doktor Roderich, von ſeiner be⸗ deutenden geiſtigen Höhe herabſteige, um die Erziehung eines unmündigen Knaben zum ausſchließlichen Zweck ſeiner Lebensthätigkeit zu machen, in Nichts vorgreifen dürfe, was derſelbe zum Wohle ſeines Pflegbefohlenen für nützlich erachte. — Ja, Roderich gewann nach und nach das Vertrauen und die Gunſt des regierenden Herrn in ſo hohem Grade, daß ſich dieſer oft ſtundenlang mit ihm in ſein Kabinet ein⸗ ſchloß und Beide ſich in ausführliche Geſpräche über wich— tige politiſche oder ſoziale Fragen der Gegenwart vertieften, während Generäle und Geheimeräthe ſtundenlang nach der Uhr im Vorzimmer die Größe des Antheils berechnen konn⸗ ten, den der regierende Herr an der Unterhaltung mit dem obſkuren Gelehrten nahm.— Selbſt in den Disziplinen der Staatswiſſenſchaft war Roderich zu Hauſe und hatte beſonders in der Volkswirth⸗ ſchaft umfaſſende praktiſche Studien gemacht. Die auch auf dieſem Gebiete unverkennbaren ewigen Wahrheiten waren ſeinem Nachdenken nicht entgangen. Ein naturge⸗ mäßer, aus den Bedürfniſſen der Zeit ſich entwickelnder — —— — * — n — — Fortſchritt, eine immer größere freie Bewegung der mate⸗ riellen und geiſtigen Volkskräfte war die Deviſe, welche er auf ſeine Fahne geſchrieben, und mit allem Freimuth entwickelte er dem Fürſten ſeine politiſchen und national— ökonomiſchen Grundſätze. Auch in philanthropiſchen Fragen neigte er ſich zur reformatoriſchen Richtung; die Verbeſſe⸗ rung des Volksunterrichts war eine ſeiner Lieblingsideen; aber die Hauptbedingungen eines wahren nationalen Lebens erhlickte er in der Einführung einer freiſinnigen Repräſen⸗ tativverfaſſung, in einer weiſen Selbſtbeſchränkung der Dynaſtie zu Gunſten volksthümlicher Einrichtungen und Geſetze, worin er mit dem Lieblingsgedanken des hochſinni⸗ gen Fürſten zuſammentraf, und auch ſonſt in allen frei— ſinnigen Verwaltungsgrundſätzen und politiſchen Anſichten mit demſelben vollkommen harmonirte. Beſeitigung allzu drückender Steuern und anderer Laſten auf dem Wege einer humanen Geſetzgebung; politiſche und bürgerliche Rechts⸗ gleichheit der Unterthanen; Freiheit von Perſon und Eigen⸗ thum waren die Lieblingsgegenſtände der Konverſation zwi⸗ ſchen Fürſt und Informator. Erſterer ermunterte Roderich ſogar zur ſchriftlichen Aus⸗ arbeitung und näheren wiſſenſchaftlichen Begründung einzel⸗ ner dieſer hochwichtigen Geſetzesreformen; und daß der geiſtvolle vielſeitig gebildete Gelehrte ſich dieſes höchſten Auftrags zur vollen Zufriedenheit ſeines fürſtlichen Gönners entledigte, darf ſchon aus dem immer lebhafter werdenden Verkehr zwiſchen Beiden geſchloſſen werden. Häufig ſah man bei günſtiger Witterung den regieren— den Herrn in Begleitung des Prinzenerziehers auf den Wällen des Reſidenzſchloſſes in eifrigem Geſpräche auf— und abgehen; Roderich kam allmälig durch dieſe Auszeich⸗ nung auch in perſönlichen Verkehr mit anderen, dem Für⸗ ſten naheſtehenden einflußreichen Staatsbeamten; aber von allen dieſen war es doch der erſt kürzlich aus dem Dienſt einer durch Napoleon mediatiſirten Standesherrſchaft in den landesherrlichen übergetretene Juſtizrath Helmroth, eine ausgezeichnete juriſtiſche Kapazität, mit dem er bald einen innigen Freundſchaftsbund ſchloß. Er erkannte, was dieſer vor ihm voraus hatte: gründliche Kenntniſſe in allen Theilen der Rechtswiſſenſchaft, dabei ein ſcharfes juriſtiſches Urtheil und einen durchdringenden klaren Verſtand für die ver⸗ wickeltſten und ſchwierigſten Rechtsfragen. Roderich vornehmlich war es, der den Fürſten auf dieſen talentbegabten, noch jungen Mann aufmerkſam machte und dadurch den großen Fähigkeiten deſſelben bald einen noch umfaſſenderen amtlichen Wirkungskreis verſchaffte, indem Helmroth durch landesherrliches Dekret zum Regierungs⸗ rath ernannt wurde und den Reſſort der peinlichen Ge— richtsbarkeit zugetheilt bekam. Da außerdem Helmroth's ſchöne muntere Frau eine Jugendfreundin der Prinzeſſin Aurelie war und als ſolche mit ihrem Manne regelmäßig die Abendkränzchen im Schloſſe beſuchte, ſo wurde das Verhältniß des Informators zu dem Regierungsrath bald ein intimes und er ging faſt täg⸗ lich als Hausfreund im Helmroth'ſchen Hauſe aus und ein. In ſeiner früheren Eigenſchaft als ſtandesherrlicher Juſtiziarius hatte ſich Helmroth ſchon vor Jahren durch mehrere von ihm mit glänzendem Erfolg geführte wichtige Kriminalunterſuchungen den Ruf eines ausgezeichneten In⸗ quirenten erworben, und die Kriminalzuſtiz gehörte nach wie vor zu ſeinem Lieblingsfache. E s mochte daher vor⸗ nehmlich auf ſeine Anregung hin geſchehen, daß Roderich ſich bald gleichfalls für dieſen wichtigen Theil der Juris⸗ prudenz zu intereſſiren anfing und ſich mit Eifer auf das Studium ihrer Literatur zu verlegen entſchloß. Bald geſtand er jedoch dem Freunde, er könne in dieſer S — 13— entſetzlichen Wiſſenſchaft keine Befriedigung für ſeinen Geiſt finden; dieſer kalte Einblick in das tiefſte menſchliche Elend verſtöre ihm ſein Gemüth; denn das einzig ſichere Reſultat, welches er dabei gewonnen habe und woran er nur mit Schaudern denken könne, ſei die Ueberzeugung, daß meiſt allein äußere Umſtände das Verbrechen bedingten, deſſen erſter Gedanke ſogar in vielen Fällen in einer fremden Seele erwache, und daß die meiſten Menſchen unter den gleichen unſeligen Einflüſſen dem nämlichen furchtbaren Fluche anheimfallen würden.— Am folgenden Tage nach jenem Abend, an welchem er ſich in dieſer erregten Weiſe über ſeine Thorheit, unberufen in die Geheimniſſe des Teufels in der Menſchennatur eindringen zu wollen, aus⸗ geſprochen hatte, ſchickte er dem Freunde alle von dieſem entliehenen Bücher zurück und verſicherte denſelben in einem . flüchtig hingeworfenen Billet, er werde lange Zeit brauchen, um ſich von dem Eindruck dieſer Lektüre wieder zu erholen. Helmroth zeigte das Brieſchen ſeiner Frau und ſagte lächelnd: „Da ſieh' mal, Schatz, was unſer Freund Roderich für ſchwache Nerven hat! Er, der noch jüngſt in ſo ergrei⸗ fender Weiſe von der Kanzel herunter die Natur des Bö⸗ ſen im Menſchen ſchilderte, ſcheut ſich jetzt, einen und den andern interecſſanten Kriminalprozeß zu leſen!— Aber ſo ſind dieſe Herren Schwarzröcke! Sie malen uns den Teu⸗ . fel mit allen möglichen Schreckensfarben; ſollen ſie ihm aber tapfer zu Leibe gehen und ihm die Haut über die Ohren ziehen, ſo ſind ſie furchtſam wie Kinder in der Nickelchesnacht und verzweifeln ſchier an Gottes Barmher⸗ zigkeit.“ und ſagte dann ſchalkhaft: „Weißt Du auch, was es war, was Du neulich von Die muntere Regierungsräthin las zuerſt das Billet 14— cD mir wiſſen wollteſt, als Du fragteſt, warum ich Roderich beim letzten Abendkränzchen im Schloſſe immer anſehen mußte? Mir kam nämlich plötzlich der Gedanke, ob er wohl ſchon einmal geliebt haben möge, und wenn dieß der Fall, wie die Frau etwa beſchaffen geweſen, die einen ſolchen Mann habe feſſeln können?— Jedenfalls hat er etwas ungemein Anziehendes für Frauen an ſich, ich meine nämlich dieſes ſcheinbar ſo verſchüchterte zaghafte Weſen, und dann wieder plötzlich dieſe aufflammende Leidenſchaft, dieſe ſtolze Rückhaltloſigkeit, wenn er in die Ekſtaſe hinein geräth.— Ja, ich kann mir ſeinen dunklen Feuerblick in der Zärtlichkeit noch viel intereſſanter und einnehmender denken als im lebhaften Geſpräche.“ Da ſtellte ſich der Regierungsrath mit verſchränkten Armen vor ſeine Frau, zog die Augbrauen kraus zuſam— men und ſagte, indem er ſie aus den grauen Sperberaugen mit ſeinem ſtechenden Inquirentenblick anſah: „Frau Luiſe Helmroth, geborene Arens, ſeit wann be⸗ finden wir uns mit unſern Pflichten als Gattin und Mut⸗ ter in dieſem argen Konflikt? Was geht es uns an, wann Doktor Roderich's Augen am intereſſanteſten ſind! Was kümmert uns das Anziehende in ſeinem Weſen, was, zum Kukuk, ſeine aufflammende Leidenſchaft!— Sapperment, wo ſoll das hinaus!— Ich ſage Ihnen: ſtehen Sie ab von Ihren verwegenen Wünſchen! Man hat Beiſpiele von Exempeln, daß man ſelbſt mit einer leidlich ſchönen Larve und mit aller Koketterie auf gewiſſe Männerherzen doch keinen Eindruck macht, weil ſie bereits— von noch ganz anderen Reizen umſtrickt ſind!“ „Was ſagſt Du, Ferdinand,— Doktor Roderich—?“ fuhr die junge Frau überraſcht auf. „Hat ſein Theil— darauf verlaſſe Dich, Treuloſe!“ entgegnete ihr Mann ſcharf und beſtimmt, wie er es ge⸗ — wöhnlich bei ſeiner letzten richterlichen Sentenz zu thun pflegte. „Aber ſo erkläre mir doch, wie Du das eigentlich meinſt!“ forſchte die Regierungsräthin, ohne ſich dadurch beirren zu laſſen, mit wachſender Neugierde weiter.„Was weißt Du von ihm und wo haſt Du's her? Abſcheulich, Du willſt mich myſtifiziren! Es iſt unmöglich, rein un— möglich! Dieſer Doktor Roderich kann nicht lieben— hat niemals geliebt!“ „Du meinſt, weil Du's nicht biſt!“ entgegnete der Grauſame und weidete ſich an ihrem Staunen.„Seht doch mal, was dieſe kleine eitle Frau nicht Alles für unmög⸗ lich hält!— Weil's ihr nicht glückt, den Doktor in ihrem Netze zu fangen, ſoll's einer Anderen auch nicht gelingen! — Uebrigens will ich Dir nur zu Deinem Troſte ſagen, daß ich's auch nicht Schwarz auf Weiß habe,“ fuhr er lä⸗ chelnd fort und ſtreichelte ihr zärtlich die Wange.„Ich habe nur ſo eine Vermuthung, es könne möglicherweiſe im Herzen unſeres Freundes anders ausſehen, als er ſich den Anſchein gibt, etwa ſo, daß— falls mich gewiſſe Anzei⸗ chen nicht täuſchen— und vorausgeſetzt, daß es ſich auch wirklich ſo verhält, wie ich gelegentlich zu bemerken glaubte — doch Du verſtehſt mich ſchon— nicht wahr, Frauchen, und räumſt mir nun gerne die Möglichkeit ein, daß Doktor Roderich trotz ſeiner aufflammenden Leidenſchafte in ſeinem Inneren noch ganz andere Flammen bergen könnte, als er zeigen mag oder vielleicht auch— zeigen darf.“ „Höre, Unmenſch, nun hab' ich's ſatt!“ rief die Regie⸗ rungsräthin.„Du nennſt die Folter bei eurem früheren peinlichen Verhör eine abſcheuliche Verirrung des menſch⸗ lichen Geiſtes, und Deine arme unſchuldige Frau folterſt Du dafür um ſo ärger!— O hätte ich Dich damals ſo gekannt, wie ich Dich jetzt kenne, Ferdinand,“ ſchluchzte ſie —.————— in verſtellter Verzweiflung;„damals, wo Du mir in der Jasminlaube Treue und zärtliche Liebe ſchwurſt: ich wäre, ſtatt Dir in die Arme zu fallen, lieber gleich aus dem elterlichen Garten in den Neckar geſprungen, wo er am tiefſten!— Nein, mich ſo zu quälen, mich ſo zum Beſten zu halten!— Ich weiß, daß Du ſelber nicht daran glaubſt, daß Doktor Roderich ein Liebesverhältniß hat; aber ab⸗ ſcheulich bleibt's darum doch von Dir, daß Du mich durch die bloße Möglichkeit folterſt, Du könnteſt am Ende doch Etwas von ihm wiſſen, was Du mir nicht ſagen willſt! Wenn ich wirklich neugierig wäre—“ Hier unterbrach ſie ihr Mann durch ein herzliches Ge— lächter und rief, ihren vom Eifer gerötheten Kopf mit bei⸗ den Händen erfaſſend und ſie tüchtig abküſſend: „Nein, Schatz, daß Du neugierig ſeiſt, hat noch Nie— mand in der Welt behauptet!— Daher will ich Dir auch jetzt von freien Stücken erzählen, welche Bewandtniß es mit meiner Beobachtung von unſerm neuen Hausfreund hat. Du magſt dann ſelber bei nächſter Gelegenheit die Augen aufthun, ob Du an einer gewiſſen Dame unſerer Bekannt⸗ ſchaft die nämliche Wahrnehmung machſt.— Apropos! Du erinnerſt Dich doch noch der Liebesgeſchichte der Baronin von Waldkron mit dem gräflichen Muſiklehrer Herzberg?“ „Als wenn ſie geſtern paſſirt wäre,“ verſetzte die Re⸗ gierungsräthin, ihren Mann zweifelhaft anſehend, denn ſie traute ihm ſchon halb und halb wieder eine neue Neckerei zu.—„Aber was hat dieſer Kleinſtadtſkandal mit Doktor Roderich's Herzensgeheimniß zu ſchaffen?“ „Bloß eine kleine Parallele, liebe Luiſe,“ ſagte ihr Mann lächelnd.„Erinnerſt Du Dich auch noch, wie ich damals gleichfalls der Erſte war, der den verliebten Leut⸗ chen in die Karten ſchaute, während noch die ganze Geſell— ſchaft keine Ahnung von ihrem geheimen Einverſtändniß — hatte?— Ph bien! Jene Dame, die ich im Verdacht habe, daß ſie in einem näheren, vielleicht ſogar in einem ſehr nahen Verhältniß zu Doktor Roderich ſteht, benimmt ſich in der Geſellſchaft genau ſo wie die Baronin Waldkron. Und nun überlaſſe ich es Deinem Scharfblick, beim nächſten Abendkränzchen im Schloſſe Deine ſelbſtändigen Beobach⸗ tungen anzuſtellen.“ „Wie? Eine von dieſen Damen ſollte es ſein?“ rief die junge Frau, auf's Höchſte überraſcht und man ſah es dabei ihrem Geſichte an, wie ſie ſogleich jede Einzelne ihrer Bekanntinnen im Geiſte die Revue paſſiren ließ. „Frau von Roos nein, die iſt es nicht,“ ſprach ſie, ihren Mann firirend, zögernd vor ſich hin.„Die Pro⸗ feſſorin Scholley, ach, die macht ja noch heute ihrem Manne zärtliche Liebesgedichte à la Sappho.— Julie Stockhauſen — ja, wenn der Regierungsrefrendar von Soden nicht wäre, der könnte man ſchon Romantik genug zutrauen.— Die Tribunalräthin Hohenſchild, iſt's die vielleicht, Fer⸗ dinand? Doch die hat ſeit ihrer fatalen Reiſe nach Kob⸗ lenz dergleichen galante Abenteuer ſatt gekriegt!— Die Kriegsräthin Stieglitz kann's auch nicht ſein; denn die fürchtet ſich ja noch immer vor dem Informator;— Chri⸗ ſtiane Hornegk, die junge talentvolle Malerin? Aber die ſchwärmt ja nur für ihren Raphael, den Landſchaftsmaler Sebold.— Die Hauptmännin Werner dagegen beſucht aus ſehr triftigen Gründen in der nächſten Zeit keine Ge⸗ ſellſchaft mehr.— Die Hofräthin Schulz— die ſchöne Ambroſia Weigel— Fräulein von Düring— Alle, Alle ſind, um mit Schiller zu reden, werſorgt und aufgehoben!“ — Aber halt! Unſer ſchönes Mädchen aus der Fremde, der Frau Prinzeſſin roſiges Hoffräulein? Ach nein, nein — dummes Zeug! Wie ſollte ſich das junge Blut in einen pergamentenen Scholaſter verlieben, der am kleinen Müller, O., Roderich. 1I. —— — „ 1 ₰ 3 5 . ———,k.— Finger mehr Jahre zählt, als ihr ganzer Taufſchein!— Alſo, was bliebe etwa noch Reſt: Frau von Baumbach, die geſchworene Männerfeindin? Oder die Prorektorin Pauli, die ihrem Manne Jahraus, Jahrein wollene Socken ſtrickt?— Oder die liebenswürdige, leider an ein Scheuſal von Haustyrannen verheirathete Luiſe Helmroth, geborene Arens?— Was meinſt Du, Ferdinand, wenn's am Ende doch die wäre, die der Baronin Waldkron die Kunſt ab— gelernt hat, ihrem Manne durch ein zärtliches Intermezzo mit einem Dritten eine unſchuldige Ueberraſchung zu be⸗ reiten?“ „Zuzutrauen wär's der allerdings!“ ſagte der Regie⸗ rungsrath mit trockenem Ernſte.„Aber dießmal thuſt Du der Flatterroſe doch Unrecht. Nun, Du wirſt ja am näch⸗ ſten Kränzchenabend die Bewußte ſelber herausfinden, und ich ſage Dir nur noch zu Deinem Troſte, daß ſie ſich aller⸗ dings, trotz Deiner vorgebrachten Gegengründe, unter den ſoeben von Dir genannten Damen befindet.“ „Mehr willſt Du mir nicht ſagen, Scheuſal— Mör⸗ der meiner Unſchuld?“ „Abgott meiner Seele, es bleibt dabei— keine Sylbe weiter!“ „Um Gotteswillen, Kaliban, nur noch das Eine ſage mir: Iſt's eine von den verheiratheten Frauen, oder eine von den ledigen?“ flehte ſie, ihn zärtlich umklammernd. „Keins von Beiden und doch Beides!“ rief der Mit⸗ leidsloſe, bückte ſich raſch und entſchlüpfte ſo glücklich der gefährlichen Umſchlingung, in welcher ſelbſt ein Inquirent von Profeſſion einem ſolchen anmuthigen Verhörrichter nicht gewachſen geweſen wäre. Zweites Rapitel.. Di Prinzeſſin Aurelie gehörte zu den Menſchen, die äußerlich um ſo ſtiller erſcheinen, je lebendiger und voller die Saiten ihres Gemüthes tönen, je tiefer Freude oder Schmerz ihre Seele bewegt; jene dem Urtheile der Welt meiſt unverſtändliche Naturen, die ſich mit Glut und In⸗ nigkeit einem ſchönen Gefühle hingeben, und, während ſie äußerlich vom flüchtigen Leben der Täuſchung und Sinnen⸗ luſt den Schein borgen, innerlich den dunklen Brunnen in der Erde Tiefe gleichen, aus denen der Eimer des Ver⸗ trauens, der ſich zu ihnen hinunterſenken darf, das reine perlende Element der Poeſie aus ſeinen ſtillſten Gründen heraufholt.— Nur wer es weiß, durch welche ſchwere Kämpfe ſo oft gerade in den höchſten und niederſten Sphären des Lebens der zu einem ſelbſtändigen ſchönen Daſein der Freiheit und Liebe geſchaffene Menſch den Läuterungsprozeß durchmachen muß, der begreift auch die ſchweigſame Ruhe, die ſchüchterne Verhüllung ſolcher durch ſich ſelbſt ſtark, frei, reich und muthvoll gewordenen Naturen, denen es ihr Geiſt zur zwingenden Nothwendigkeit, ja zur Bedingung ihrer ganzen Exiſtenz macht, daß ſie beſtändig im Stillen den Kampf mit den Geſchicken dieſes Lebens fortſetzen. Selbſt durch die alltäglichen Widerwärtigkeiten und das allen Menſchen gemeinſame, mehr oder minder traurige Loos irdiſcher Unvollkommenheit führen ſolche Charaktere — 20— noch muthig und freudvoll dieſen ſtillen Kampf um ein Hohes und Heiliges in ihrer Bruſt fort; das freigewählte Loos erſchreckt ſie lange nicht ſo ſehr, als jenes gewöhnliche Werkeltagselend, das ſich mühſam durch Dornen und über rauhes Geſtein hinſchleppt, wie's eben die Hand der Vor⸗ ſehung auf die meiſten Lebenspfade ſtreut. Aber darum wohnt auch in ſolchen liebegeweihten mu— thigen Herzen, neben dem Heroismus für die Tage des Kampfes um ein höchſtes und theuerſtes Gut, zugleich ein ſo einfach natürlicher Sinn, ein ſo unmittelbares treues Verſtändniß für der Seele heiliges Ideal, daß ihnen nie⸗ mals unter noch ſo ſchweren Prüfungen ihre Liebe und Hoffnung zum Räthſel wird und der Glaube an ein un— vergängliches Glück ihnen in jedem dunklen Labyrinthe den rettenden Ariadnefaden reicht.—„Denn das Leben iſt die⸗ ſer Schmerzen nicht werth, wohl aber die Liebe tauſend⸗ fältig!“ Wir kennen bereits aus früheren Andeutungen die trau⸗ rige Vergangenheit dieſer ſchönen, geiſtig begabten Frau, ſowie den eigenthümlichen Entwicklungsgang ihres Jugend⸗ lebens. Ohne jenen Glauben an ein höheres, mächtigeres Geſchick dieſes Erdenlebens, dem der wahre ſtandhafte Menſch ſein beſtes Glück erſt muthvoll abringen muß, wäre ſie nimmer mit dieſem heiteren Muthe, dieſem blühenden Leben über den endloſen Jammer ihrer vergangenen Tage hin⸗ weggekommen: ſie wäre entweder in Thränen erſtickt, oder hätte ſich in unwürdiger Verzweiflung dem noch traurigeren Schickſal einer entadelten Seele in die Arme geworfen. Aber ihr Herz war ihr heller Stern geblieben in allen Nächten; und ein Gott, der nicht kleinlich richtet wie die Menſchen, ſondern der die Prüfungen und Geſchicke allein nach der Kraft und Weihe des Herzens wägt, dem er ſie auferlegt, dieſer Gott der Helden und Glücklichen führte ihr — ſchon lange vor der Zeit, da wir ſie kennen lernen, einen andern Stern entgegen, der aus noch dunklerer Lebensnacht in die ihrige hinüberleuchtete und ihr Herz in ſeiner tieſſten Entmuthigung plötzlich mit dem vollen Glanz einer erſten ſchwärmeriſchen Liebe erhellte. Und je tiefer dieſer Stern, bleich wie die Grabesfackel eines untergegangenen Lebens, aus zerriſſenem Gewölke hervortrat, je mehr er erſt in dem wiederauflebenden milden Glanz ihres eigenen Sternes allmälig die verlorene Bahn wiederfand, um ſo heller flammte auch ihm das rettende Licht aus der edelſten Frauenſeele entgegen, zog den Ver⸗ irrten immer mächtiger in ihre reine Bahn hinüber und— * eines Tages wandelten Beide vor Gott, dem alleinigen Zeu— gen ihres Bundes, in einem einzigen Lichte. . Der auf der Höhe des Lebens geborene Menſch wird . ſelten einem ſchönen Drang ſeines Herzens genügen, einer reinen Begeiſterung ſein Hoffen und Streben weihen dür⸗ fen, ohne nach dem Urtheil der Welt einen Fehltritt zu thun, wo nicht gar in einen Abgrund zu ſtürzen.— Je neidiſcher oder bewundernder ſich die Augen der Menge zu ſeiner einſamen olympiſchen Höhe emporrichten, um ſo be⸗ fangener und trüber wird der Blick für die richtige Auf⸗ 7 faſſung ſeiner menſchlichen Wünſche und Neigungen; und was im gewöhnlichen Leben ſelbſt ſtrengere Moralrichter noch für eine entſchuldbare Verirrung erklären und mit dem Mantel der chriſtlichen Liebe zudecken würden, das gilt — dort auf den ſchimmernden Gipfeln der Hoheit und Maje⸗ ſtät für eine Verſündigung wider alle geheiligten Begriffe 6 und unantaſtbaren Hausgeſetze!— Selbſt der himmliſchen Sonne verzeiht man noch eher ihre Flecken, als der irdi⸗ ſchen, und doch— wie häufig ſind es gerade dieſe dunk⸗ leren Schatten, hinter denen ſich ſchüchtern die ſchönſtz und edelſte Menſchlichkeit verbirgt! ——— Vielleicht war es dieſe richtige, von einem geſunden Inſtinkt ihr eingeflößte Kenntniß der Menſchen,— was die Prinzeſſin an dem neuen Wohnorte bewog, anfangs unter dem Scheine der vergnügungsſüchtigen, nach Glanz und Huldigung begierigen Weltdame ihr tieferes Weſen zu ver⸗ hüllen; und vor Allem, während ſie ſelbſt mit klugen Augen ihre Umgebung ſtudirte, für ihre künftige Stellung in dem neuen Leben ſolche Anhaltspunkte zu gewinnen, die es ihr nach und nach möglich machten, aus der angenommenen Rolle unbemerkt wieder zu ihren natürlichen Neigungen zu⸗ rückzukehren.— Aeußere Umſtände kamen ihr hierbei, wie wir ſchon ſahen, trefflich zu ſtatten; ſie beherrſchte noch ſchneller, als ſie wohl ſelber vermuthet hatte, die Stimmung bei Hofe, und hatte glücklich das früher ihr eigenthümliche Son⸗ derlingsweſen durch ihr neueſtes Benehmen aus dem Ge⸗ dächtniß der meiſten Leute verwiſcht. Man beurtheilte ſie jetzt nur noch nach dem Eindruck, den ihre von Frohſinn und Triumphen ſtrahlende Erſcheinung hervorgerufen hatte; aber ihr Plan, kein ihr bisher theueres Herzensbedürfniß dem neuen Zuſtand zu opfern, war doch erſt völlig gelungen, als Serena in allem Zauber jugendlicher Schönheit und Anmuth in den Kreis ihres Lebens eintrat. Das in einer verſchwiegenen unſchuldvollen Liebe glühende Herz der jüngeren Freundin wurde für Aurelie das keuſche Heiligthum, in welches ſie ſich mit ihrem eignen Glück vor den Augen der Welt hineinflüchten durfte; denn was hätte ſie noch an dem holden liebenswürdigen Weſen miſſen ſollen, um ſeiner treueſten Hingebung verſichert zu ſein, als die Gewißheit, daß auch Serena liebe?— So machte das gleiche reizende Geheimniß, welches Beide eingeſtandener⸗ maßen im Buſen trugen, ihre Freundſchaft nur um ſo inniger; und bei unſerer Kenntniß von dieſen zwei ſo ganz für einander geſchaffenen Seelen dürfen wir nicht daran ————— —— zweifeln, daß weder die Prinzeſſin noch ihr ſchönes Hof⸗ fräulein nach weiterer gegenſeitiger Ausforſchung begierig waren. Einer jeden genügte vielmehr die Gewißheit, der Freundin in dem nämlichen Gefühle zu begegnen, das ſie ſelber beſeelte; und hätte nicht Serena, wie wir ſchon an— deuteten, durch Aureliens Benehmen dazu veranlaßt, es nach einiger Zeit zuweilen wie eine dunkle Ahnung em⸗ pfunden, daß Jene ihr noch ein anderes Geheimniß ver— berge, ſie würde in ihrer ſchwärmeriſchen Neigung für die Prinzeſſin nicht daran gedacht haben, ſich allmälig mit ſcheuer Neugierde nach dem Gegenſtand dieſer räthſelhaften Liebe umzuſehen. Daß dieß kein eines ſolchen Herzens unwürdiger Ge⸗ genſtand ſein könne, dafür bürgte ihr ſchon allein dieſes edle ſchöne Herz ſelbſt!— Aber auch am Hofe konnte er nicht verweilen, ſonſt hätte ihr ſcharfes Auge gewiß bald den Rechten entdeckt; mithin mußte er aus irgend welchen unbekannten Gründen die Nähe der Geliebten meiden eine Vermuthung, in der Serena noch außerdem durch die eif⸗ rige Korreſpondenz beſtärkt wurde, welche die Prinzeſſin mitunter in auffallend geheimnißvoller Weiſe führte. Denn dieſe ſelbſt deutete ihr einmal ſcherzend an, alle ihre an auswärts lebende Perſonen gerichteten Briefe gingen durch Roderich's Hand und würden von dieſem zur Poſt gegeben. Aber für ein ſo lebhaft empfindendes Herz, wie das Aureliens, wäre dieſe beſtändige Trennung von dem Ge⸗ liebten bei noch ſo eifrigem ſchriftlichen Verkehr doch gewiß auf die Dauer ein Grund zu zeitweiſer Schwermuth und Niedergeſchlagenheit geweſen; dahingegen die Prinzeſſin auch der ſchärfſten Beobachtung keinen Anlaß gab, an ihrem vollkommen befriedigten Gefühl und einer ſtets ſich gleich bleibenden heiter angeregten Stimmung ihres Innern zu zweifeln.— Denn bemerkte man auch wirklich einmal eine ———— Veränderung in ihrem Weſen, ſo war es viel eher eine noch erhöhte Freudigkeit, eine in Glück und voller Befrie⸗ digung ſtrahlende Miene, die nur der natürliche treue Spiegel einer Seele ſein konnte, welcher Alles nach Wunſch ging, und die deßhalb mit ihrem Herzen und der Welt in vollkommener Harmonie lebte. Ja, mitunter erſchrak ſelbſt Serena über das leiden⸗ ſchaftlich erregte Weſen, wenn Aurelie Etwas ſagte, was auf Liebe oder Glück der Liebe Bezug hatte. Sie glaubte es dann in dem ſeelenvoll verklärten Blick der ſchönen braunen Augen deutlich zu leſen, daß das Herz der Freun⸗ din keine ungeſtillte Sehnſucht, keinen ungewiſſen Beſitz kenne; denn nur Seligkeit überglänzte dann ihr Antlitz, jedes ihrer Worte athmete volles unendliches Glück, und wie berauſcht von dem Vollgenuß deſſelben warf ſie ſich dann der jüngeren Freundin an die Bruſt; und die Glut ihrer Küſſe, der ſtürmiſche Schlag ihres Herzens verriethen dem betretenen Mädchen die Gewalt einer Leidenſchaft, den Ungeſtüm einer Zärtlichkeit, der Nichts ferner lag als halbe Entſagung, oder auch nur ein ungeduldiges Sehnen nach Erfüllung heißer Liebeswünſche. Durch dieſes auffallende Benehmen kam Serena nach und nach bei der Prinzeſſin zu der nämlichen Betrachtung, welche die junge Regierungsräthin Helmroth neulich bei Roderich angeſtellt hatte; indem ſie ſich fragte, wie wohl der Mann beſchaffen ſein möge, den dieſes ſchwärmeriſche, von allen ſchönen Jealen erfüllte Herz ſo ſehr lieben könne, daß ſein Bild allein ihre Seele ganz und gar erfülle und der bloße Gedanke an ihn ſie ſchon glückſelig mache? Wie geſagt, am Hofe konnte er nicht verweilen; von den Prinzen und hohen Herren aber, welche dann und wann erſchienen, machte keiner auf die Prinzeſſin einen be⸗ ſonderen Eindruck; ja ſie war in ihrem Urtheil über fürſt⸗ — liche Standesgenoſſen meiſt ebenſo ſcharf und bitter, wie gegen andere Menſchen mild und nachſichtsvoll.— Sie erſchien dann in der Geſellſchaft ſo kaltzeremoniös, ſo ein⸗ ſylbig und von all' ihrem guten Humor ſo ganz und gar verlaſſen, daß man ſie in dieſer Verwandlung kaum wieder erkannte.— Dann war ſie in Wahrheit die durch eine lange unglückliche Che und eine empörende Behandlung völlig deprimirte, ſcheue und verbitterte Natur; ja, ihre Unliebenswürdigkeit, ihr trocken ſchroffes Weſen erreichte zuweilen einen Höhegrad, daß der ganze Hof darüber aus der Faſſung kam und der fremde fürſtliche Gaſt ſich be⸗ treten von ihr zurückzog. Nur ein einziger Menſch, dieß ward Serena von Tag zu Tag mehr inne, beſaß der Prinzeſſin volles unbedingtes Vertrauen, und zwar gerade derjenige, der ſo manchen an— deren Leuten, wenigſtens im erſten Eindruck ſeiner Perſönlich⸗ keit, durchaus nicht in dieſem einnehmenden, zutrauener— weckenden Lichte erſchien: Roderich, zugleich der einzige Menſch von Bildung, der ihr aus dem früheren Wohnort hierher⸗ gefolgt war. Allerdings hätte dieß ſchon allein die Werthſchätzung und das Anſehen erklären können, worin er bei der Prin⸗ zeſſin ſtand. Denn er war nicht bloß der Erzieher und. Lehrer ihres einzigen Kindes; er war auch der Zeuge ihres früheren Unglücks, vielleicht ſchon damals ihr treube⸗ währter Freund und Rathgeber und der Verlaſſenen einzige Stütze. Ein dankbares Herz aber ſchlägt gewiß unter dem Purpur eben ſo warm wie im ſchlichten Gewande; und daß die Prinzeſſin Aurelie ihre ſicheren, auf eine langjährige Kenntniß ſeines Charakters gegründeten Urſachen hatte, dem Gelehrten nach wie vor dieſes große unbedingte Vertrauen zu ſchenken, dafür bürgte ebenſowohl ihr heller Verſtand, als ihre ſeltene Menſchenkenntniß. Aber Serena beobachtete bald, wie wir ſchon erzählt haben, noch mehr als dieſes dem äußeren Anſchein nach bloß von Aureliens Seite nahe Freundſchaftsverhältniß; während der Informator ſich ſeiner fürſtlichen Herrin ge⸗ genüber in den Formen der kalt ehrerbietigen Ergebenheit bewegte und ſelbſt in ſeinem Benehmen gegen andere fürſt⸗ liche Perſonen ungleich freier erſchien, als bei ihr. Dagegen hatte die Prinzeſſin zuweilen gewiſſe kleine, an ſich ganz unſchuldige, aber doch für ein ſtillbeobachten⸗ des weibliches Auge höchſt bemerkenswerthe zarte Rück⸗ ſichten und Aufmerkſamkeiten für ihn, die eine Frau im⸗ mer nur dem Manne zu ſchenken pflegt, mit dem ſich ihre Gedanken gern und häufig beſchäftigen; deſſen kleine Ge⸗ wohnheiten und Eigenthümlichkeiten ihr ſelbſt noch als Launen und Sonderbarkeiten lieb genug ſind, um ſie nicht bloß ungern an ihm zu vermiſſen, ſondern ſie ſelbſt noch zum Gegenſtand eines zartſinnigen Kultus zu machen. Sie wußte immer genau zum Voraus, was er zu dieſer und jener Sache ſagen, welchen Eindruck dieſes und jenes Freigniß auf ihn machen werde.— Kam in der Unter⸗ haltung etwas zur Sprache, wovon ſie fürchtete, daß es ihn unangenehm berühren möge, ſo hatte ſie immer ſchnell eine glückliche Wendung bei der Hand, um das Intereſſe der Uebrigen von dieſem Gegenſtand wieder abzulenken. Niemals ſprach ſie im Tone des Befehls zu ihm, nicht ein⸗ mal, daß ſie einen ausdrücklichen Wunſch zu erkennen gab; vielmehr äußerte ſie immer ihre Meinung, ihr Urtheil unter dem ſtillen, aber doch ſehr deutlichen Vorbehalt, daß ſeine Meinung, ſein Urtheil vorangehe und ſie ſich gerne eines Beſſeren von ihm belehren laſſe. Beſonders wenn ſie mit ihm und Serena allein war, trat dieſe ihrem ſonſtigen Charakter ſo fremde Unſelbſtändig⸗ keit noch mehr zu Tage; ſie ſchien dann in dieſer freiwilligen Abhängigkeit ein ſo inneres Genügen zu finden, als ob ſie darin einen Erſatz für den traurigen Vorzug finden wolle, immer nur Andern zu befehlen und ſich von einer willen⸗ und charakterloſen Augendienerei um jeden, auch den leiſe⸗ ſten Wunſch beſtohlen zu ſehen. Dagegen widerſprach ihr der einzige Roderich in einer ſtets ſich gleichbleibenden kalten Ehrfurcht häufig ſo entſchieden, daß Serena ſich davon ſchon um ihrer ſelbſt willen verletzt fühlte; denn ſie ſah in dieſem trockenen, rückſichtsloſen Magiſterton einen Mangel an jenem natürlichen Zartgefühl, an jener Schonung im Umgang mit Frauen, die wir mit Recht bei einem Manne als das untrügliche Zeichen einer guten und gebildeten Jugenderzie⸗ hung betrachten, und die das ſpätere Leben bei noch ſo reichen ſonſtigen Kenntniſſen und Erfahrungen ſo wenig lehrt, als das Einmaleins oder das Vaterunſer.— Mehr und mehr kam Serena durch ſolche Beobachtun⸗ gen, ohne daß ſie denſelben abſichtlich nachgegangen wäre, zu dem Reſultat, daß Roderich, aus welchem unbekannten Grund es auch ſein mochte, auf die Prinzeſſin einen Ein⸗ fluß ausübe, der jedenfalls ſehr beſtimmte und Beiden ſehr klare gegenſeitige Beziehungen vorausſetzte.— Wußte er vielleicht um das Geheimniß von Aureliens Liebe und hielt allein durch dieſes feſte Band ihren ſonſt ſo willensſtarken ſelbſtändigen Charakter in ſolcher Abhängigkeit?— Oder war es, wie die Prinzeſſin ſie mitunter ahnen ließ, ſeine bedeutende geiſtige Perſönlichkeit, der ſie ſich freiwillig un⸗ terordnete?— Man weiß es ja, daß es auch ſtarke und ſelbſt recht individuell ausgeprägte Frauencharaktere gibt, die in einem räthſelhaften Widerſpruch ihrer innerſten Natur aus einer momentanen Anwandlung von Laune oder Re⸗ ſignation ein Gefühl, eine Neigung einſeitig und hartnäckig in ſich heranbilden, die zu ihrem ganzen ſonſtigen Gemüths⸗ leben im entſchiedenſten Gegenſatz ſteht. Und dieſes Gefühl übt oft einen um ſo größeren Zauber auf ſolche Naturen aus, beherrſcht um ſo vollſtändiger alle ihre andern Empfindungen, als es ſie in eine freiwillig ge⸗ wählte und darum doppelt reizende Abhängigkeit zu einem Manne verſetzt, der vielleicht nicht einmal eine Ahnung da⸗ von hat, und den jedenfalls ſeine ganze übrige Perſönlich— keit, ſowie ſeine Stellung in der Welt geeignet machen, ihm dieſes Gefühl mit aller Rückhaltloſigkeit zu weihen.— Das Anſehen, welches der ernſte Gelehrte, den man nur ſelten lächeln ſah, durch dieſes nahe Verhältniß zu ſeiner fürſtlichen Gebieterin allmälig bei Hof erlangte, war, wie leicht zu denken, von vielen Perſonen zugleich wahrge⸗ nommen und von faſt eben ſo vielen mit geheimem Neid und Mißgunſt bemerkt worden. Denn hatte er ſich auch wirklich durch treue Dienſte in einer ungewöhnlichen Lebens— lage um die Prinzeſſin verdient gemacht, ſo waren dieß doch immer nur Dienſte aus einer Vergangenheit, mit der man glücklicherweiſe nichts mehr zu ſchaffen hatte, ja, deren Gedächtniß man überall gern und für immer ausgelöſcht hätte.— Demnach erſchien Roderich in den neuen Verhältniſſen ſeines jetzigen Lebens als ein über alles Maß begünſtigter Mann vor vielen Andern, die an dem Orte, wo er jetzt auftrat, ſeither ungleich größere Verdienſte für ſich in An⸗ ſpruch genommen hatten, als ihm, dem Fremden und Aus⸗ länder, zugeſprochen werden konnten. Selbſt ſein gewöhnlich ſchüchternes und zurückhaltendes Weſen kontraſtirte bald nach der Meinung mancher Perſo⸗ nen auffallend mit einem mitunter recht ſchroffen hochfah⸗ renden Benehmen, wenn er ſich nicht in der gehörigen reſpektvollen Weiſe behandelt glaubte. Er hatte dann zuwei⸗ len eine Art von kurzem trockenen Widerſpruch oder von doktrinärer Ironie an ſich, die dem galglatten Höfling, be⸗ 29 ſonders in der Häutungszeit, wenn es noch andere höchſte und allerhöchſte Malevolenzen zu verſchlucken gab, durch⸗ aus nicht behagen wollte. In dem Grade, als Roderich's Stellung eine vielbe⸗ neidete und beſonders um des fehlenden adeligen Prinzen⸗ gouverneurs willen als eine dem alten Brauch an dieſem Hofe geradezu widerſtrebende angeſehen wurde, bildete ſich mehr und mehr, wenn auch ohne eigentliche Verabredung, eine Partei gegen ihn, die bald aus ihrer Abneigung gegen den fremden Eindringling kein Hehl mehr machte und Alles, was in ſeiner äußeren Erſcheinung Sonderbares, Geheim⸗ nißvolles und Abſtoßendes lag, vornweg ſeinen ſtechenden Blick, ſeinen haſtenden Gang, ſeine ſeltſame Zerſtreutheit, zu ſeinen Ungunſten ausbeutete. Unter dieſen Gegnern, die ſich durchaus nicht mit dem ſchroffen, kühlablehnenden Weſen des Informators befreun⸗ den konnten, ſtand bei aller äußeren Freundlichkeit ſein Hauswirth, der Geheimerath von Demann obenan. Zwar beklagte er ſich immer nur über das verwünſchte Celloſpiel ſeines werthen Hausgenoſſen; aber zugleich charakteriſirte er die muſikaliſche Virtuoſität Roderich's in einer Weiſe, als wenn er einen Sologeiger aus Satan's Orcheſter anzuhören verurtheilt ſei; wobei er auch wohl mitunter nicht undeutlich zu verſtehen gab, nur eine dämoniſche Natur oder ein ganz unglücklicher Menſch könne einem ſo herrlichen Inſtrument ſo grauenvoll unheimliche Töne entlocken.— Auch der große und einflußreiche Familienanhang des alten Hof⸗ predigers, der dem fremden Prinzenerzieher zu ſeinem ge⸗ heimen Verdruß die von ihm ſo viele Dezennien lang ausſchließlich beherrſchte Kanzel der Hofkirche häufiger als ihm lieb war räumen mußte, bildete in den geſelligen Kreiſen der Reſidenz eine gefährliche Oppoſition gegen den Letzteren; und hierzu kam noch eine nicht zu verachtende Schaar von Klatſchbrüdern und Klatſchſchweſtern, die an Allem, was bei Hofe vorgeht, ſchon um des lieben Skandals willen lebhaften Antheil nehmen und nach einem uralten Naturgeſetz immer die dunkelſten Partieen der Weltgeſchichte auf den neueſten Fall anzuwenden wiſſen. Man kannte an dem regierenden Herrn die auch an⸗ derswo von Hofleuten und hohen einflußreichen Staatsbe⸗ amten niemals an gekrönten Häuptern gern geſehene Vor⸗ liebe für ſolche Perſonen bürgerlichen Standes, welche ihren Anſpruch an ſeine fürſtliche Gnade weniger auf ver⸗ gilbte Pergamente, auf Gönnerſchaft und Familienprotektion ſtützten, als auf eine freie unabhängige Geſinnung und ausgezeichnete Eigenſchaften des Geiſtes und Charakters. — Nach der Maxime ſolcher Leute ſoll ein Fürſt in der Wahl ſeiner Vertrauten und Rathgeber, beſonders wo es ſich um wichtige Staatsintereſſen und bewährte Regierungs⸗ prinzipien handelt, ſo wenig als möglich ſeinen eignen Willen und Geſchmack haben. Denn wie gefährlich iſt es nicht, wenn ſich Menſchen in ſein Vertrauen eindrängen, die von den Geheimniſſen einer allwiſſenden Staatskunſt, ſowie von den innerſten naturgemäßen Bedürfniſſen des Landes und der angeſtammten Unterthanentreue ſeiner Be⸗ wohner nicht den mindeſten Begriff haben; ja, die nicht einmal um ihrer ſelbſt willen die leichte Kunſt verſtehen, ſelbſt ein helles Regentenauge über die klaffenden Abgründe in der Landesverwaltung zu täuſchen, welche das Volk von ſeinem wohlwollenden Herzen fernhalten!— Wozu hat man denn eine immer lächelnde geſchmeidige Camarilla, wozu einen Geheimerath und eine gonze wohldreſſirte Beamten⸗ hierarchie, wenn Sereniſſimus über die Zuſtände ſeines Ländchens nichts weiter als die nackte, unanſtändige Wahr⸗ heit hören ſoll! Damals wenigſtens galt dieſe Maxrime an den meiſten .—— ———— Höfen für die allein richtige und praktikable; und der Staat oder das Stäätchen war am beſten regiert, wo ſich die Unterthanen bei dem Troſte beruhigten, ihr Landesfürſt ſei ein vortrefflicher Herr, und wenn er nur immer jeden Miß⸗ brauch, jede Veruntreuung ſeiner Beamten erführe, ſo würde gewiß Alles bald beſſer werden. Ein an ſich ganz unbedeutendes Ereigniß ſollte um dieſe Zeit auf die Stellung Roderich's bei Hofe ein neues Schlaglicht werfen und einestheils dem Publikum das An⸗ ſehen beſtätigen, in dem er bei den höchſten Herrſchaften ſtand, anderntheils aber auch die Meinung ſeiner Gegner rechtfertigen, welche ihm Ueberhebung und ein ſchroff rück— ſichtsloſes Benehmen vorwarfen, während alle unbefangenen und anſtändigen Leute ſein Verhalten bei dieſem Falle nur billigen mußten. Eines Nachmittags kam nämlich Roderich mit ſeinem kleinen Prinzen in das Schloß und ſah bei ſeinem Eintritt in den zweiten Hof eine zahlreiche Menſchenmenge, die ſich neugierig in eine offenſtehende Halle drängte; auch die niederen Fenſter zur Seite waren dicht mit Menſchen be⸗ ſetzt, deren Mienen und ganzes Weſen eine große Erregt⸗ heit verriethen. Auf die Frage Roderich's an einen Lakai, was da vorgehe, erhielt er anfangs die ihm unverſtänd⸗ liche Antwort, Lambert, der Laufer der Frau Landgräfin, ſei wegen wiederholter Nachläſſigkeit im Dienſte, und weil er ſich noch obendrein„unnütz“ gemacht, von dem Herrn Oberhofmarſchall von Praſſelaß zum Tragen des ſpani— ſchen Mantels für eine volle Glockenſtunde verurtheilt worden und erſtehe ſoeben dort in der Halle ſeine Strafe. — Neugierig trat nun auch Roderich mit dem Prinzen Leberecht an den offnen Eingang; und der Anblick, den er hier hatte, nachdem ihm die Leute ehrfurchtsvoll Platz ge⸗ macht hatten, übte im erſten Moment einen ſo komiſchen — ——— — ——— Eindruck auf ihn aus, daß er ſelber über die ſonderbare Fabelgeſtalt lächeln mußte, welche hier langſamen Schrittes nach dem Kommandoruf eines graubärtigen Wachtmeiſters von dem Huſarenkorps:„Eins— zwei, Eins— zwei!“ zwiſchen den Säulen, die die gewölbte Decke der Halle trugen, einherging, wie ein Rekrut, dem die erſten Elemente des Marſchirens einexerzirt werden.— Es war ein junger, blaß ausſehender Menſch, der einen ſchweren eichenen Bot— tich in Geſtalt eines Krautſtänders auf den Schultern ge— ſtülpt trug, ſo daß oben aus einem runden Loche nur der Kopf herausſah. Von Außen war der Bottich mit den Landesfarben angeſtrichen; und wer nicht wußte, wie ſchwer dem Delinquenten das Tragen dieſes hölzernen Kragens wurde, auf den konnte dieſe Strafe höchſtens den Eindruck eines ärgerlichen Skandals machen. Aber das eigentlich Barbariſche und Raffinirte derſelben beſtand darin, daß in— wendig der Rand des ſchweren Bottichs da, wo er auf den Schultern ſaß, meſſerſcharf ausgekantet war, ſo daß das ſchwere Holz bei jedem Schritte in höchſt empfindlich ſchmerz⸗ hafter Weiſe in das Fleiſch einſchnitt und der zum Tragen dieſes„ſpaniſchen Mantels“ Verurtheilte häufig noch Wochen nachher zu jedem Gebrauch der Arme unfähig war.— Nur ein grauſamer Humor konnte auf eine ebenſo abgeſchmackte, als der Geſundheit nachtheilige, und obendrein die Men⸗ ſchennatur entwürdigende Strafart verfallen ſein; auch war dieſelbe ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr angewendet wor⸗ den, woraus ſich wohl der große Zudrang neugieriger Leute aus der untern Volksklaſſe zu dieſem widerlichen Schauſpiel erklären ließ. Erſt von dem gegenwärtigen Oberhofmarſchall, einem rohen ungeſchlachten Menſchen aus dem Geſchlecht der modernen Centauren, war der verrufene„ſpaniſche Mantel“ bei dem heutigen Fall wieder hervorgeſucht wor⸗ den und er ſelbſt, dem ſein hartes Benehmen gegen ſeine —— — Untergebenen bei der geringen Hofdienerſchaft den eigen⸗ thümlichen Beinamen„Fleiſchbrühdrach“ verſchaffte, hatte noch zuvor das Marterinſtrume t beſichtigt und die Schärfe der inneren Kanten geprüft. Als Roderich von den Umſtehenden über die eigentliche Natur dieſer grauſamen Strafe belehrt worden war und zugleich an den ſchmerzverzerrten Zügen des armen Laufers die Pein bemerkte, welche demſelben die ſcharfen Kanten des zentnerſchweren Holzkragens verurſachten, fühlte er ſich im Innerſten ſo ſehr empört, daß er ohne weitere Rückſicht in die Halle trat und dem Huſarenwachtmeiſter barſch be⸗ fahl, dieſem Unfug augenblicklich ein Ende zu machen und dem gequälten Menſchen ſeine ſchwere Laſt abzunehmen. Der Graubart, den Informator und den Prinzen erken⸗ nend, rapportirte mit ſoldatiſchem Gruße: „Auf Befehl Seiner Excellenz des Herrn Oberhofmar⸗ ſchalls, thue nur meine Schuldigkeit, Herr Profeſſor!“— Dann ſah er auf ſeine tombakne Uhr und ſetzte achſel— zuckend hinzu:„Noch volle fünfundzwanzig Minuten!— Vorwärts, Lambert: Eins— zwei! Eins— zwei!“ Da verlor Roderich ſeine letzte Faſſung: er ſah den Angſtſchweiß auf der Stirne des hin- und herſchwankenden Laufers, ſah ſeine dick hervorgequollenen Augen, und ging darum irzen Schritten auf ihn zu. Ohne ein Wort zu ſprechen, nahm er ihm den Bottich von der Schulter; der arine Menſch brach erſchöpft in die Kniee zuſammen, Roderich aber ſchwang mit einer Kraft, die Niemand dem 3 bleichen hageren Manne zugetraut hätte, den ſchweren Holz⸗ trog wie ein leichtes Kinderſpielzeug mehrmals über dem Kopfe und ſchleuderte ihn dann mit einer ſolchen Gewalt gegen die nächſte ſteinerne Säule, daß er krachend ausein⸗ anderfuhr und die Splitter durch die ganze Halle flogen. Wie auf ein gegebenes Signal brachen alle Zuſchauer in Mürler, O., Roderich. I. 3 —— ——— 5 ———— einen lauten Beifalljubel aus, der Informator warf noch einen grimmen Blick auf das von ihm zerſtörte Marter⸗ werkzeug, trat dann, vor Aufregung zitternd, zu dem be⸗ ſtürzten Wachtmeiſter und ſagte, ihm vertraulich die Hand auf die Schulter legend: „Geh' Er, mein Freund, und melde Er Seiner Excellenz, Er habe Seine Schuldigkeit gethan und ich die meinige!“ Dann nahm er ſeinen Prinzen an der Hand und ging feſten Schrittes, wenn auch noch viel bleicher als ſonſt, aus der Halle und durch den Schloßhof nach der Treppe hinüber, welche zu den Gemächern ſeiner fürſtlichen Herrin führte. Serena und die Prinzeſſin ſaßen gerade gemüthlich plaudernd beiſammen, als der Lärmen unten im Schloß⸗ hof ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Serena, die an's Fenſter trat, ſah, wie Roderich mit dem Prinzen auf die Treppe zuſchritt, während man hinter ihm unter dem Zu— ſammenlauf vieler Leute einen Menſchen aus der Halle führte, der kaum zu gehen im Stande war und von zwei Männern mehr getragen als geführt wurde.— Wenige Augenblicke nachher trat der Informator mit ſeinem Eleven in das Zimmer, und kaum ſah ihn die Prinzeſſin, ſo rief ſie, auf's Heftigſte erſchrocken: „Um Gotteswillen, Roderich, was haſt Du— was fehlt Ihnen?“ Sie war ihm bei dieſem unwillkürlichen Ausruf einige Schritte entgegengeeilt, denn mit einem Blicke hatte ſie die Er⸗ ſchütterung ſeines Inneren in ſeiner verſtörten Miene geleſen. „Es iſt Nichts, gnädigſte Frau Prinzeſſin,“ erwiederte der Informator mit ſchneller Faſſung, konnte aber doch eine flüchtige Röthe nicht verbergen, wobei ein eigner Blick der Beſtürzung Serena ſtreifte. „An dieſem Hofe ſcheinen in der That noch ſehr mittel⸗ alterliche Sitten zu herrſchen!“ rief er dann mit erzwunge⸗ 35 nem Lachen und wandte ſich zu der noch immer in der Fenſterniſche ſtehenden Serena.—„Haben Sie auch den Spektakel mitangeſehen, gnädiges Fräulein?“ Die Prinzeſſin ſtand einen Moment in der größten Verwirrung ſprachlos zwiſchen Beiden, wie ſie Serena noch niemals geſehen hatte. Das vertrauliche„Du“, womit ſie den Erzieher ihres Sohnes angeredet, brannte wie die Glut eines an ſich ſelbſt zum Verräther gewordenen Herzens auf ihrer Stirne, ihren Wangen. „O erzählen Sie doch, Herr Doktor!“ rief Serena ſo unbefangen als ihr möglich war. „Ja, ich habe ſehr übereilt und unvorſichtig gehandelt!“ ſagte der Informator haſtig, aber doch mit einem hörbaren Nachdruck.„Warum brauchte ich mich auch in dieſen ab⸗ ſcheulichen Handel zu miſchen!— Aber was kann der Menſch dafür, wenn ſich ſein Blut gegen eine ſolche em⸗ pörende Grauſamkeit auflehnt?— Hoffentlich leihen Durch⸗ laucht mir Ihre gnädigſte Fürſprache bei des Herrn Land⸗ grafen hochfürſtlichen Gnaden, daß ſo was nicht wieder geſchieht?“ „Ich muß aber doch vor allen Dingen wiſſen, um was es ſich hier eigentlich handelt,“ ſagte die Prinzeſſin Aurelie lächelnd und ſetzte ſich tief in den Divan zurück.„Komm', Leberecht, komm' mein Kind und erzähle Du mir, was Du davon weißt!“ „Ach, Mama, Roderich hat ganz Recht gehabt!“ rief der Kleine, an ihren Hals fliegend, mit ſchluchzender Stimme. Dieſer abſcheuliche Herr von Praſſelaß! Aber wenn ich ihn ſehe, werde ich's ihm auch grade unter ſeine dicke rothe Naſe ſagen, daß er ein ſehr grauſamer hartherziger Menſch iſt und ich künftig nicht mehr mit ſeinem Hugo ſpielen werde!— Bitte, ſchenk' mir einen Dukaten, liebſte Mama, für den armen Lambert!“ Endlich erfuhren die Damen aus Roderich's Mund den Vorfall, wie er ſich ſoeben mit dem jungen Laufer unten in der Halle zugetragen hatte.— Während die Prinzeſſin ſchweigſam und ſcheinbar zerſtreut mit niedergeſenkten Blicken dem Bericht lauſchte, empfand Serena, oder that wenigſtens ſo, bei der Schilderung, welche Jener von dem eben erleb⸗ ten Auftritt entwarf, die aufrichtigſte Sympathie mit dem muthigen und menſchenfreundlichen Gelehrten, der dem ein⸗ flußreichſten und gefürchtetſten Mann bei Hofe ſo kühn entgegenzutreten gewagt hatte. Sie ſtimmte ihm darum auch begeiſtert bei und wußte ſich überhaupt in ihrem gan— zen Benehmen den Anſchein einer ſo lebhaften Theilnahme an dieſem Ereigniß zu geben, daß die Prinzeſſin ihre Un⸗ befangenheit wieder gewann und überzeugt war, Jene habe ihren verhängnißvollen Ausruf vorhin beim Eintritt Rode⸗ rich's überhört. Aber das verrätheriſche Wort hatte einen nur allzu⸗ tiefen Nachhall im Herzen der Freundin gefunden; und als Roderich, wie er regelmäßig in dieſer Stunde zu thun pflegte, den Prinzen in Gegenwart ſeiner Mutter in den am Vormittage ertheilten Unterrichtsgegenſtänden zu exami⸗ niren anfing und Serena ſich auf ihr Zimmer zurückziehen konnte, befiel ſie dort ein ſo heftiges Zittern, eine ſo na⸗ menloſe Angſt, daß ſie längere Zeit nöthig hatte, um ſich wieder zu ſammeln und den furchtbaren Verdacht, der ſich ſo plötzlich ihrer Seele gegen Roderich und die Prinzeſſin bemächtigt hatte, mit klarem Blicke zu prüfen. Wir überlaſſen hier das beſtürzte Mädchen ſeinen pein⸗ lichen Zweifeln und Betrachtungen über die angſtvolle Frage, ob nicht Alles am Ende doch nur auf einer falſchen Ver⸗ muthung von ihrer Seite beruhe; oder ob es wirklich denk— bar, ja nur möglich wäre, daß Aurelie, das von ihr an⸗ gebetete heißgeliebte Weſen, in jenem Ausruf ihr Alles— ℳ Alles erklärt habe, was ſo manchmal ſchon wie eine un— heimliche Ahnung in ihrer Seele aufgedämmert war, ohne daß ſie auch nur einmal den Muth gehabt hätte, dieſem dunklen Angſtgefühl ihrer Bruſt weiter nachzugehen.— Nein! Nein!— Sie konnte, ſie durfte dieſen furchtbaren Gedanken mit allen ſeinen entſetzlichen Konſequenzen nicht weiter ausdenken— es wäre nicht bloß ein Verrath an ihrer Freundſchaft geweſen— ihr eignes Herz hätte zuerſt an ſeiner hohen heiligen Liebe zweifeln müſſen, ehe ſie Das von der Freundin geglaubt hätte!— Denn was gab es noch Schönes und Edles in der Welt, wenn ein Frauen— ideal wie dieſe Aurelie ſich ſo auch nur vor Gott allein ſeiner reinen Hoheit, ſeines jungfräulichen Adels entkleiden konnte?— In einer ganz anderen Weiſe freilich, als dieß bei Se⸗ rena der Fall war, machte die Geſchichte mit dem„ſpani⸗ ſchen Mantel“ bei Hofe die größte Senſation. Der Ober⸗ hofmarſchall ſchäumte vor Wuth über dieſen unerhörten Eingriff eines frechen erbärmlichen Magiſters in die Funktio⸗ nen ſeines hohen Hofamtes, und vermaß ſich hoch und theuer, er werde eher ſeine Stelle niederlegen, als einen ſolchen Schimpf von einem blaſſen Stubenhocker ruhig hinnehmen.— Ein nicht unbedeutender Theil des hoffähigen Adels, beſon⸗ ders jene Junker, die an jedem Nagel eine Hundspeitſche für die„bürgerliche Canaille“ hängen haben, fühlten ſich gleicherweiſe durch dieſe beiſpielloſe Inſolenz eines obſkuren Gelehrten an allen ihren angeſtammten Schildgerechtigkei⸗ ten verletzt, und einzelnen jüngeren Hofchargen ſtiegen die Sporen förmlich zu Kopfe. Als wenn der„ſpaniſche Mantel“ das von Roderich geſchändete Palladium der geſammten Reichsritterſchaft des alten heiligen römiſchen Reichs geweſen wäre: ſo und nicht anders ſtellte man ſich bei dieſer Cauſe celébre an, und von dieſer Seite wenigſtens ſchien nichts gewiſſer, als daß ſogleich ein neuer, noch dreimal ſchwererer„ſpaniſcher Man⸗ tel“ vom Hofküfer angefertigt und dem frechen Beleidiger oberhofmarſchallamtlicher Würde zuerſt über den Kopf ge⸗ ſtülpt werde. Beſonnenere Leute begnügten ſich mit der Ausſicht, ein ſofortiger Kabinetsbefehl werde den arrogan⸗ ten Prinzenerzieher binnen vierundzwanzig Stunden des Landes verweiſen; und ſchließlich gab's noch eine dritte anſehnliche Partei unter den Hofleuten, die von dem Allem beinahe das Gegentheil glaubte und ſogar im Stillen dem verhaßten„Fleiſchbrühdrachen“ dieſe empfindliche Demüthi⸗ gung von ganzem Herzen gönnte. Dieſe Partei, mit dem wackeren Garde⸗du⸗Korps⸗Kapitän von Elaudius an der Spitze, ſollte denn auch ſchließlich Recht behalten.— Die Reſte des von Roderich zertrüm⸗ merten„ſpaniſchen Mantels“ erhielt ein armer Kammer⸗ muſikus, der bei Seiner Hochfürſtlichen Durchlaucht um ein allergnädigſte Unterſtützung an„etwas“ Brennholz petitio⸗ nirt hatte, auf allerhöchſten etnſthaften Befehl als das„etwas Brennholz“ zu einem vollen Klafter Buchenſcheitholz ausge⸗ liefert; für Roderich aber beſtand die einzige Strafe wegen des ſo eigenmächtig zerſchellten Bottichs darin, daß ihn der regierende Herr an einem der folgenden Tage zu ſich befehlen ließ und ihm auftrug, einen neuen„Strafkoder“ für die niedere Hofdienerſchaft zu entwerfen. „Wonach ſich, vorbehaltlich Unſerer allerhöchſten Sank⸗ tion, gebührend zu achten,“ ſprach der Fürſt und machte dabei mit ſeinem feinen ſchalkhaften Lächeln gegen die an⸗ weſenden Perſonen ſeines Dienſtes jenen unzweideutigen Wink, wobei er mit vollen Backen mehrmals über die Fläche der rechten Hand blies, was ſo viel bedeuten ſollte, als: „Schwatzt's nur immer weiter, Meſſieurs!“ — Drittes Rapitel. Q In dieſer Lage angſtvoller Zweifel, die noch dadurch peinlicher für ſie wurden, daß ſie ihre Sorge in ihr Herz verſchließen und äußerlich heiter und unbefangen erſcheinen mußte, war es für Serena eine Schickung des Himmels, als ihr eines Abends ihr Mädchen ein Billet übergab, das ein Diener im Auftrag eines fremden Herrn in's Schloß gebracht habe. Auf den erſten Blick erkannte ſie zu ihrem freudigen Erſchrecken die Handſchrift des Vaters, der ihr meldete, ſeine Hierherreiſe in der Angelegenheit eines alten Freundes ſei ſo ſchnell erfolgt, daß er ihr nicht einmal zu⸗ vor eine Nachricht hätte geben können. Er wolle aber ganz inkognito hier ſein und wünſche ſie darum im Gaſthof zu ſprechen. Eine Viertelſtunde ſpäter lag Serena in ſeinen Armen; und ſo ſtürmiſch war von ihrer Seite nach dieſer kurzen Trennung von wenigen Wochen die Freude des Wieder⸗ ſehens, daß der Rittmeiſter erſt nach ihrer wiederholten Ver⸗ ſicherung, ſie fühle ſich ganz glücklich und weit über ihre Hoffnungen hinaus in der neuen Stellung zufrieden, ſich beruhigte. Der erſten Begrüßung folgte ein raſcher Strom von Fragen nach allen ihren Lieben in der Heimat, nach Mutter, Brüdern und Schweſtern; und erſt als der Vater ſich befriedigend über das Wohlergehen eines Jeden von ihnen geäußert und alle kleinen häuslichen Begebenheiten ————— —— von dem Tag ihrer Trennung an ausführlich berichtet hatte, erzählte ihm Serena von ihrem ſeitherigen Leben bei Hofe, von ihrem innigen Freundſchaftsverhältniß zu der Prinzeſſin und den vielen neuen und bedeutſamen Eindrücken in ihrer jetzigen Umgebung.— Der Rittmeiſter war wohl⸗ zufrieden mit Allem, was er hörte; am meiſten glücklich aber machte ihn doch das frohe und blühende Ausſehen der ſchönen Tochter, und daß ſie ſich ſo ſchnell in die neue Lage hineingefunden habe. Auch der fernen Söhne wurde ſodann mit in Furcht und Hoffnung getheilten Gefühlen gedacht; hatte ja doch Serena noch in ihrem letzten Briefe dem Vater gemeldet, daß von dem Bataillon, in deſſen Reihen ſie dienten, leidlich befriedigende Nachrichten einge⸗ laufen ſeien, und in der Liſte der dem ſchrecklichen Kriege bis jetzt zum Opfer Gefallenen der Name Brandenſtein glücklicherweiſe fehle. „Der Brief mit dieſen guten Nachrichten kam mir aber auch mal recht à propos, liebe Tochter!“ ſagte der Alte gerührt.—„Denn Du glaubſt gar nicht, was ich ſeit Deiner Abreiſe mit der Mutter, Deiner Brüder halber, aus⸗ zuſtehen hatte. Ihre Aengſten waren oft ſo groß, daß ſie gar nicht mehr zum Schlafe kam und halbe Nächte lang, weil ſie's nicht im Bette duldete, hinter'm Spinnrocken ſaß und den Faden mit ihren Thränen netzte. Aber wie Dein Brief kam mit der guten Nachricht, da hätteſt Du ſie erſt gar nicht wiedererkannt; denn dieſer beſtändige Wechſel von Furcht und Hoffnung ſetzte ihr faſt noch heftiger zu, als vorher der Kummer allein, ſo daß ich ernſtlich für ihre Ge⸗ ſundheit fürchtete. Endlich aber forderte die Natur ihre Rechte; ſie bekam wieder Schlaf und hatte, was ebenſo günſtig war, gute Träume, ſo daß ſie nun mit mir des frohen Glaubens lebt, Gott werde uns unſere lieben Jun⸗ gens alle Drei geſund am Leben erhalten. * — „Aber doch komme ich nicht ohne eine auch für Dich recht ſchmerzliche Nachricht zu Dir, liebe Tochter,“ ſetzte er nach einer Pauſe bewegt hinzu.— Ja, gewiſſermaßen biſt Du ſogar die erſte, wenn auch ganz unſchuldige Veranlaſ⸗ ſung davon geweſen.— Nun rath' mal, Kind, wer wohl der alte Freund ſein mag, in deſſen Angelegenheit ich ſo unvermuthet hierher reiſen mußte?“ „Doch nicht unſer Herr Pfarrer?“ rief Serena betroffen. „Eben der und nur der!“ ſagte ihr Vater mit einer ſonder⸗ bar wehmüthigen Betonung.„Ach, ihn hat's leider mit Ein⸗ mal ſchwer gepackt; und wenn Einem nicht der Glaube an eine gütige und allweiſe Vorſehung zur Seite ſtünde, müßte man wohl fragen, wozu unſer Herrgott dem alten hartge— prüften Manne ſo kurz vor'm Thorſchluß noch dieſe ſchwere Heimſuchung auferlegte?— Und Du, Du, mein Kind, biſt, wie ich ſchon ſagte, bei aller Unſchuld und Unwiſſen⸗ heit die erſte Urſache davon geweſen; denn Du erinnerſt Dich wohl noch an den Abend, wo Dein Herr Bräutigam ſo unvermuthet zu uns kam— hatteſt Du da nicht auf dem Heimweg in Begleitung von Doktors Knecht an unſe— rem Kleeacker gewiſſermaßen ein kleines Abenteuer mit einem fremden Menſchen?“ „Den fremden Maler meinſt Du?“ ſtammelte Serena erſchrocken.—„Soll ich Dir ſagen, daß, ſeitdem ich hier bin, gewiß noch kein Tag vergangen iſt, wo ich nicht an ihn denken mußte? Abends beſonders, wenn ich im Bette liege und nicht gleich einſchlafen kann, iſt's mir oft, als höre ich wieder ſeine bewegliche Stimme, mit der er damals ſo flehend nach dem Grab der beiden Frauen verlangte.“ „So verfolgt Dich die unheimliche Geſchichte alſo auch?“ entgegnete der Rittmeiſter kopfſchüttelnd und ging, die Hände auf dem Rücken, einigemal in großer Bewegung im Zimmer auf und ab. — „Aber was iſt's denn eigentlich mit dem Herrn Pfar⸗ rer?“ fragte Serena erwartungsvoll.„Damals, als Du und Herr von Bebra ihm die Geſchichte erzähltet, war er doch bald wieder darüber beruhigt?“ „Nun, ſo erfahre es denn in Gottes Namen, Kind!“ ſagte Brandenſtein, ſich wieder an ihre Seite niederſetzend, in ſichtlicher Bewegung.„Die Geſchichte von Deiner Be⸗ gegnung mit dem fremden Maler hat nach der Hand unſer ganzes Dorf in Allarm verſetzt; und es gibt ſogar etliche ſchwachmüthige Geiſter bei uns, die ſich Abends nicht mehr über die letzten Häuſer hinausgetrauen. Es iſt nämlich dabei Etwas— ja, ſieh mich nur groß an— Etwas von einem Geſpenſt ruchbar geworden; und wenn wir zum Erempel den blinden Lindenwirth Weber hier hätten, der würde Dir hoch und theuer ſchwören, Du und Doktors Knecht, ihr Beide hättet an jenem Abend das irrende Ge⸗ ſpenſt des jungen unglücklichen Pfarrerſohns Eugen Zim⸗ mermann leibhaftig vor euch geſehen!— Und außerdem gibt's in unſerem Dorfe ſeit etlichen Wochen einen armen alten Mann, den eure Affaire mit dem fremden Maler ſchier um den Verſtand gebracht hat. Aber laß Dir nur Alles der Reihenfolge nach erzählen, wie's gekommen iſt! Denn eben deßwegen bin ich ja hier und Du ſollſt mir beiſtehen, in dieſe räthſelhafte Geſchichte womöglich einiges Licht zu bringen.“ Der weſentliche Inhalt ſeiner Erzählung von den Be⸗ gebenheiten in der Heimat ſeit Serena's Hierſein war fol⸗ gender: Am Abende des Tages, an welchem der Rittmeiſter aus dem Forſthof in ſein ſtilles Neckardorf zurückkehrte, hatte er eben in der dunklen Kammer das Glück ſeines ubervollen Vater⸗ herzens in die Bruſt ſeines treuen Weibes ausgeſchüttet und Frau Settel die Verlobung ihrer geliebten Stieftochter mit dem Freiherrn von Bebra mitgetheilt, als ein alter wür— diger Bauer, einer der wohlhabendſten Männer des Dorfes, in die Stube trat. Dieß gab den Kindern, die ſich eines ſo flüchtigen Willkommgrußes von Seiten des Vaters gar nicht verſehen hatten, endlich die erwünſchte Gelegenheit, der Eltern heimliches Zwiegeſpräch zu ſtören, indem ſie lärmend an die Kammerthüre eilten und ihnen den Beſuch vom al⸗ ten Hausfreund Konrad Rathmann ankündigten. Da mußte denn der langentbehrte Vater aus der dunk⸗ len Kammer heraus; aber ſogleich nahm ihn wieder der alte Rathmann in Beſchlag, indem ihn dieſer in eine ent⸗ fernte Zimmerecke zog und hier lange und eifrig mit ihm redete. Mit Einmal ſchlug der Rittmeiſter beſtürzt die Hände über'm Kopf zuſammen und rief: „Iſt's möglich, Konrad? Unſer alter würdiger Herr Pfarrer?— Schnell, Kinder, meinen Stock— meine Mütze!— Da, Mutter, haſt Du den Schlüſſel zum Reiſe⸗ koffer! Kram' den ungeduldigen Plagegeiſtern aus, was Du vorfindeſt, es ſchickt euch Alles unſere liebe Frau von Bebra und ihr möchtet's euch wohlſchmecken laſſen!— Kommt, Rathmann, kommt mit zum Lindenwirth!“— So eilte er noch in ſeinem Reiſekleid aus dem Hauſe fort und auf nächſtem Weg nach dem Wirthshaus zur Linde, woſelbſt ihn ſein Begleiter ſogleich die Treppe hin⸗ auf in die nach hinten gelegene Wohnſtube des blinden Wirthes führte. Eben waren auch noch zwei andere alte Bauern eingetreten. Der Lindenwirth, ein noch ſtattlicher Greis, erhob ſich bei Brandenſtein's Eintritt ſchwerfällig aus ſeinem Lehnſtuhl und begrüßte ihn mit einem unge⸗ wöhnlich traurigen Ausdruck in den ſonſt trotz ſeiner Blindheit heiteren und belebten Zügen. „Meiner Seel', Herr Rittmeiſter, Sie kommen uns wie gerufen,“ ſagte er, ihm mit Herzlichkeit die Hand ſchüttelnd. „Denn wir brauchen alleweil in einer großen Kalamität einen Mann wie Sie, damit es mit unſerem armen Herrn. Pfarrer nicht vollends in die Brüche geht, ſondern wir, die alten Freunde und langjährigen Vent ſeines großen Kummers, ihm noch paſſabel unter die Arme grei— fen können.— Rathmann, rücke dem Herrn Rittmeiſter den Seſſel des Herrn Pfarrers herbei, und Du, Matthias Schenk, und Du, Jeanbatiſt, macht Euch gleichfalls ſeßhaft. Einer aber ſchließ' erſt die Thüre ab, damit wir nicht ge— ſtört werden.“ Erwartungsvoll nahm der Rittmeiſter den ihm ange— wieſenen Platz ein, nach ihm ſetzten ſich auch die vier alten Bauern und beobachteten eine Zeitlang ein auffallend ge⸗ 3 preßtes feierliches Schweigen, ſo daß man es ihnen wohl anmerkte, wie ſchwer es ihnen wurde, das ſo lange be⸗ wahrte Geheimniß ihres alten Freundes und Seelſorgers. einem Dritten mitzutheilen und noch dazu Einem, der nicht einmal ihres Standes und auch nicht aus ihrem Dorfe ge⸗ bürtig war. Einer ſah den Andern unentſchloſſen und auffordernd an, bald rückte Der, bald Jener unruhig auf dem Stuhle hin und her und räuſperte ſich verlegen; ſelbſt der ſonſt ſo geſprächige Lindenwirth ſaß ſchweigſam mit vorgebücktem Oberkörper im Lehnſtuhl und ſein Geiſt ſchien 4 mit einer längſt vergangenen Zeit beſchäftigt; da nahm endlich der würdige Konrad Rathmann das Wort und ſagte mit gepreßter Stimme: „So könnten wir noch bis übermorgen daſitzen, ihr Freunde und Gevattern, und weder erführe der Herr Ritt⸗ meiſter Etwas von der Sache, noch wäre damit unſerm alten † Herrn groß gedient. Sagt, ſoll ich losſchießen oder nicht?“ „Schieß' in Gottes Namen Dein Pulver los, eh's naß wird,“ ſagte der ſiebz zigjährige Jeanbatiſt und Matthias Schent ſetzte hinzu:„ 8 „ — „Viel länger läßt ſich ja doch die Sach' nicht mehr aufheben, alſo heraus damit!“ Der Rittmeiſter hörte nun aus dem Munde Konrad Rathmann's unter der athemlos lauſchenden Spannung der drei alten Bauern folgende erſchütternde Geſchichte, die ſich während ſeiner kurzen Abweſenheit von Hauſe zu⸗ getragen hatte. Obwohl der würdige Pfarrer ſchon am Abend vorher Serena das kleine Pſalterion in's Vaterhaus gebracht und ihr unter großer Bewegung Lebewohl geſagt hatte, war er doch am folgenden Morgen ſehr früh aufgeſtanden, um ſie noch einmal zu ſehen. Er kam indeſſen einige Minuten zu ſpät in Brandenſtein's Wohnung; denn kurz zuvor war dieſer ſchon mit der Tochter in den Morgennebel davon ge⸗ fahren, und der Greis ging ſichtbar verſtimmt nach dem Dorfe zurück.— Unterwegs muß plötzlich— Gott allein mag wiſſen, aus welchem geheimen Winkel ſeiner Seele— der Wunſch in ihm aufgeſtiegen ſein, das Grab ſeiner ſeli— gen Frau zu beſuchen. Er ging daher, anſtatt in's Pfarr⸗ haus, mit auffallend langſamen Schritten und ſtets ge⸗ ſenkten Hauptes, wie es mehrere Perſonen aus dem Dorfe beobachtet haben, nach dem Kirchhofe. Der Küſter, welcher eben die Frühglocke geläutet hatte, ſchloß gerade die Kir— chenthüre wieder zu, als er die wohlbekannte ehrwürdige Geſtalt ſeines alten Pfarrers in den Gottesacker eintreten ſah. Sogleich fällt ihm etwas Beſonderes in der Miene des⸗ ſelben auf, als wenn dem alten Herrn ein großes Malheur begegnet wäre; eine erdfahle Bläſſe bedeckt das ſonſt ge⸗ bräunte Antlitz und die Augen blicken verſtört umher; auch der mühſame, wankende Gang iſt dem Küſter an dem ſonſt ſo rüſtig einherſchreitenden alten Manne ganz fremd. Am Grabe ſeiner Gattin bleibt der Greis ein paar Minuten ſtehen und wirft ſcheue wilde Blicke umher; dann 46— richtet er die gebeugte Geſtalt mit einem dumpfen Seufzer in die Höhe und zugleich greift ſeine Hand in die Seiten⸗ taſche ſeines Rockes. Wieder ſteht er dann ſinnend und ſcheint mit einem ſchweren Entſchluß zu kämpfen. Das Grab der Pfarrerin ziert ein großes eiſernes Kreuz mit vielen kunſtreich gewundenen Arabesken; es iſt keins von den gewöhnlichen einfachen Kreuzen, wie man ſie ſonſt auf den Kirchhöfen antrifft, ſondern ein ſogenanntes Lilien⸗ kreuz, deſſen drei obere Enden in Lilien auslaufen; in der Mitte iſt ein kleiner dreieckiger Kaſten von ſchwarzem Eiſen⸗ blech, gleichfalls mit Arabesken verziert, angebracht, den man verſchließen kann und in welchen man vor Alters ir⸗ gend eine heilige Reliquie, ein kleines Madonnenbild, oder was ſonſt dem Grabe eines theueren Verſtorbenen eine erhöhte Weihe verlieh, barg, ohne daß profane Hände es berühren konnten. Der Küſter ſieht, wie ſein alter Pfarrer mit zitternder Hand einen kleinen Schlüſſel in das Schloß ſteckt; aber daſſelbe muß wohl von dem Roſt vieler Jahre arg ver⸗ dorben ſein; denn erſt nach längerer Anſtrengung gelingt es ihm, das Käſtchen zu öffnen. Haſtig greift der Greis hinein, um ein bedrucktes, vergilbtes Papier, das einem alten Zeitungsblatt gleicht, herauszunehmen. Er entfaltet es haſtig, ſtarrt eine Weile mit entſetzten Blicken hinein und bricht gleich nachher in den lauten Ruf aus:„Gerech— ter Gott! Er lebt— er war hier!“— Wie ohnmächtig ſinkt er in die Kniee zuſammen; der Küſter ſpringt zu ſeinem Beiſtand hinzu; aber ſchnell hat ſich der alte Herr, da er ſeiner anſichtig wird, von dem Grabe wieder aufgerafft, ſteckt mit zitternder Haſt das Zei⸗ tungsblatt in die Taſche und lallt mit ſchwerer Zunge: „Ah, Fabius, Ihr ſeid's? Kommt, ſtützt mich, mir iſt ein Schwindel in's Hirn gefahren— die Erde wackelt unter — mir wie ein Tanzboden— führt mich heim— oder nein, nein— ſchaut, es geht ſchon wieder— die alten Knochen tragen mich noch— guten Morgen, Fabius, inkommodirt Euch meinethalber nicht weiter!“ Wirklich gab er' nicht zu, daß ihn Jener nach Hauſe führe, obwohl er ſchon jetzt zwiſchen ſeinen vernünftigen Reden allerhand ſinnverwirrte Aeußerungen that und in ſeinem ganzen Benehmen eine Aufregung verrieth, die den Küſter nichts Gutes ahnen ließ. In das Pfarrhaus zurückgekehrt, zeigte er denn auch bald in ſeinem ganzen Thun und Reden, daß ſeinen Gedanken die ſonſtige Klarheit und Beſtimmtheit fehle und eine innere fieberhafte Angſt ihm keine Ruhe ließ. Voll Schrecken eilte ſeine treue Haushälterin zu den alten Freunden im Dorfe, um dieſe von dem bedenklichen Zuſtand des Herrn Pfarrers in Kenntniß zu ſetzen, und die treuen Männer ſäumten denn auch nicht, ſich in's Pfarrhaus zu begeben, wo ſie denn gleichfalls zu ihrem großen Schmerz inne wurden, daß es in dem Kopf ihres alten Seelenhirten nicht richtig ſei und irgend eine unbekannte Veranlaſſung ihm eine Gei⸗ ſtesſtörung verurſacht habe, ſo daß er nur mit großer Mühe ſeine Gedanken klar und zuſammenhängend ausdrücken konnte. Trotz der ſichtbaren Anſtrengung, die er auch jetzt noch machte, ihnen ſein ſchweres Geheimniß zu verbergen, preßte ihm doch endlich die dunkle Angſt ſeiner Seele das ſchauer⸗ liche Geſtändniß ab, es ſei ihm am heutigen Morgen auf dem Rückweg von Brandenſtein's Hauſe plötzlich wie ein ſchwerer Hammerſchlag der Gedanke auf's Herz gefallen: jener Menſch, der neulich Abends dem Fräulein und dem Knecht des Arztes auf dem Wege nach dem Dorfe begegnet wäre und ſich bei ihnen für einen fremden Maler ausge⸗ geben habe, könne Niemand anders als ſein unglücklicher Sohn Eugen geweſen ſein.— —— ———— — Unheimlich rollten bei dieſen, in abgebrochenen Sätzen mühſam aus keuchender Bruſt hervorgeſtoßenen Worten die Augen des alten Mannes, ſeine Züge verglasten ſich, er ſtieß dazwiſchen einzelne dumpfe, unartikulirte Töne aus, und die beſtürzten Bauern glaubten anfangs nicht anders, als daß er wieder im Irrſinn rede und ein neuer Paroxis⸗ mus im Anzuge wäre. Nur ſchüchtern wagten ſie daher, ihm dieſen Wahn wieder auszureden, und erſt, da der Alte ihnen, wie in ſtumpfe gefühlloſe Apathie verſunken, ſchwei⸗ gend zuhörte, wurden ſie in ihrem Widerſpruche dreiſter und entſchiedener, und redeten ſo lange mit Eifer in ihn hinein, bis nach und nach ſein gelähmter Geiſt wieder einige Empfänglichkeit zeigte und ſeine Empfindungen ſich belebten.— Als zuletzt der blinde Lindenwirth ihn flehent— lich beſchwor, doch ſeinem unglücklichen Sohn Frieden im Grabe zu gönnen; der noch reſolutere Konrad Rath⸗ mann aber ihm erſchüttert betheuerte: der käme nimmer wieder, der ſei todt für die Lebenden wie für die Todten, und ihr würdiger, ſonſt ſo aufgeklärter Freund ſolle ſich doch keine ſo närriſche Idee in den Kopf ſetzen— da ging plötzlich in dem Greis noch unter dem Anhören von Rathmann's Worten eine wunderbare Verwandlung vor. Aufmerkſam lauſchend hob er das gebeugte Haupt empor, alle Züge der Angſt und Verſtörung wichen aus ſeinem Antlitz, ſtatt des irren Feuers glänzten ſeine Augen wie verklärt, gerührt faltete er bei den Troſtesreden und herz⸗ lichen Zuſprüchen ſeiner alten Freunde die zitternden Hände, ſah Einen nach dem Andern mit freundlichem Blicke ſtau⸗ nend an, ſchien ſie erſt jetzt wieder zu erkennen und rief zuletzt mit gerührter Stimme: „Schweigt, Männer, ſchweigt doch und laßt auch mich nun ein Wort zu euch reden!— Ich weiß wohl, daß ich euch viel närriſches und unſinniges Zeug vorgeſchwatzt habe; ach, die Angſt, die Angſt hat mich ſchier kindiſch ge— macht; aber jetzt, wo Freund Konrad ſo beſtimmt wie der Papſt behauptet hat, mein Eugen ſei und bleibe todt— ſeht ihr, da iſt's mir plötzlich wie eine helle weiße warme Menſchenhand über den umdunkelten, ſchwergepeinigten Geiſt gefahren und hat mir meine vollen, klaren Sinne wiedergegeben.— Und alleweil ſag' ich euch Dasjenige, was ich den ganzen ſchrecklichen Tag über in meiner ſchwe⸗ ren Noth nicht herausfinden konnte, mit deutlichem Bewußt⸗ ſein: Iſt's mein Eugen nicht geweſen, ſo iſt's doch auch der Schurke Robert Münzer nicht geweſen, den neulich Nachts ſo ſehr nach dem Grab meiner ſeligen Frau verlangte; entweder hat's alſo ein böſer, grundſchlechter Menſch darauf abgeſehen, mich alten Mann um den Verſtand zu bringen, oder— oder es iſt doch mein armer Eugen geweſen, der noch immer nicht Ruh' im Leben oder— im Grab gefun⸗ den hat!“ Er ſagte die letzten Worte mit ſo feierlichem Nach⸗ druck und ſo ganz aus des Herzens innerſter Zuverſicht heraus, daß keiner der Alten ihm zu widerſprechen wagte, und der durch ſeine langjährige Blindheit etwas aber⸗ gläubiſch gewordene Lindenwirth ſogar das letzte„oder“ des alten Pfarrers in dem Sinne auffaßte, derſelbe könne damit das Geſpenſt des Sohnes gemeint haben. Der Pfarrer beobachtete mit ſichtlicher Befriedigung in den erſtaunten und beſtürzten Mienen ſeiner Freunde den Eindruck, den ſeine beweiskräftige Sprache auf dieſe machte, und es war nichts Irres und Befremdendes mehr in ſeinen Zügen zu leſen. Auf einmal ſtand er raſch vom Stuhle auf, richtete ſich ſtramm in die Höhe, daß ſein Haupt bei⸗ nahe die Zimmerdecke berührte und rief dann in großer Erregtheit mit einem Anflug wilden Humors in den Augen: „Dießmal kommen die Propheten zu Saul und er lehrt Müller, O., Roderich. II. —= 50 ſie das Rechte finden, wenn ſie's gleich nicht Wort haben wollen!— Schaut, das iſt meines Leibes Länge, und nun, guter Jeanbatiſt, ſchmächtig Dorſſchneiderlein, komm' und poſtire Dich mal zum Spaß hier neben mich!“ Der Angeredete hinkte, von dem Wink der Anderen dazu ermuthigt, herbei und ſtellte ſeine kleine, bucklige, ſieb⸗ zigjährige Schneiderfigur verlegen lächelnd neben des Pfarrers gewaltige Simſonsgeſtalt. Da drückte dieſer den dünnen Kopf des kleinen Männchens ſo feſt mit dem linken Ell— bogen gegen ſeinen Bruſtkaſten, daß Jenem ſchier der Athem darüber ausging und er ſtöhnend alle ſeine Kräfte an⸗ ſtrengte, um ſich wieder loszumachen, was ihm aber nicht gelingen wollte. Mit triumphirenden Blicken rief da der Pfarrer, den zappelnden Schneider unter dem Arme: „Alleweil horcht auf, ihr Männer, und gebt mir auf meine Frage einen ehrlichen Beſcheid!— Stünde einer von uns Zweien, Freund Jeanbatiſt oder ich, bei ſtichdunkler Nacht auf der Landſtraße und es käme einer von euch des Wegs daher— würde der wohl den Jeanbatiſt für mich, oder mich für den Jeanbatiſt anſehen?“ „Selber ich thät das nicht mal, Herr Pfarrer,“ meinte der blinde Lindenwirth ernſthaft. Quod erat demonstrandum!? rief der Alte mit ſeiner Stentorſtimme, und ließ den halberſtickten Schneider wie⸗ der los.„Achtzehn Jahre drei Monäte war mein ar— mer Sohn Eugen alt und fehlte ihm nur noch ein und ein halber Zoll zu meiner vollen Körperlänge; der Spitz⸗ bube Münzer aber, wiewohl um ein ganzes Jahr älter, reichte ihm mit ſeinem ſchwarzen Mulattenkopf kaum bis zur halben Bruſt hinan;— wo bleibt da nun der hagere, ungewöhnlich große Menſch von neulich Abends, wie ihn meine gute Serena beſchrieben hat?— Holla, Rathmann, 5— Matthias, Jeanbatiſt und Weber, geht euch endlich ein Licht auf!— Hat mein zitternd Vaterherz euch ein 2 für ein U vorgemacht!— Rede, wer es beſſer weiß, wo nicht, ſo ſchweig' er ſtille und bet' ein Vaterunſer für meinen armen Kopf!“— Das hatte ſich am erſten Tage nach Serena's Abreiſe aus dem Heimatdorfe begeben; und wäre nicht der Küſter geweſen, der den ſeltſamen Vorgang am Lilienkreuz auf dem Grabhügel der Pfarrerin heimlich beobachtete, ſo wäre uns der erſchütterte Geiſt des alten Pfarrers, ſo wäre uns ſelbſt der ſo plötzlich, faſt nach einem Menſchenalter in ihm aufſteigende Zweifel an dem Tode ſeines Sohnes ſchon jetzt erklärt; ja, wir könnten uns ſelbſt noch auf die keines⸗ wegs ſeltene Erfahrung im Leben berufen, daß alte Men⸗ ſchen, ehe ſie vollends kindiſch und ſchwachſinnig werden, zuweilen noch einen und den andern Geiſtesblitz in die ſchickſalsreichen Verkettungen einer halbvergeſſenen Zeit zu⸗ rückwerfen und plötzlich eine Entdeckung machen, die— falſch oder richtig— durch ihr immerhin merkwürdiges Zuſammentreffen mit nächſten Begebenheiten ihre Umgebung bewegt und erſchüttert, ehe der müde, erſchöpfte Geiſt ſich völlig umnachtet. Aber unſer alter Pfarrer gehörte durchaus nicht zu jenen ſchüchternen, nachgiebigen Naturen, die ſchnell die Segel einziehen und ſich von einem Schickſalsſchlag, auch wenn er ihnen noch ſo harte Stöße verſetzt, ſogleich in den Staub niederwerfen laſſen. Sind ſie nur über den erſten unvermutheten Anprall wieder hinaus, ſo konzentriren ſie noch einmal die ganze Zähigkeit und Ausdauer ihres Tem⸗ peramentes auf einen Punkt, und die Leidenſchaft des Alters nimmt dann noch in ungleich erhöhtem Grade eine fanatiſche Richtung an, als die der Jugend. Denn die kalte, rückhalt⸗ loſe Energie, der ſtarre unbeugſame Willenstrotz, der er⸗ —— —=— finderiſche Scharfſinn finden beim Alter ganz andere Elemente und Impulſe als bei der Jugend, die wohl als Held in den Opfertod ſich ſtürzt, während Jenes mit ruhigem Fuße als Märtyrer den Holzſtoß beſchreitet und ihn noch oben— drein mit der eigenen Todesfackel anzündet.— So entſchloß ſich denn auch der alte Pfarrer, dem dunkeln Räthſel, das für ihn in der ganzen Erſcheinung, ſowie in dem ſpurloſen Wiederverſchwinden jenes Fremden lag, ſoweit als möglich nachzugehen und nicht eher zu ruhen noch zu raſten, als bis er ſich über das geheimniß⸗ volle Intereſſe deſſelben an dem Grabe ſeiner längſtver⸗ ſtorbenen Frau Aufklärung verſchafft habe. Ohne irgend einem Menſchen im Dorfe ein Wort von ſeinem Plane zu ſagen, machte er ſich ſchon in der Frühe des folgenden Morgens auf den Weg nach jenem Orte, in welchem der mit der Familie Brandenſtein befreundete Arzt wohnte, deſſen Knecht an jenem Abend der nach Hauſe zu⸗ rückkehrenden Serena das Geleite gegeben hatte.— Ein ihm ſehr willkommener Zufall wollte es, daß Doktor Werner bereits auf ſeine Landpraxis ausgeritten war; er fand den Knecht deſſelben im Stalle, eben damit beſchäftigt, das an⸗ dere Pferd zu ſtriegeln. Der chrliche Philipp machte große Augen, als die wohl⸗ bekannte, ſtattliche Geſtalt des würdigen Pfarrers aus dem Nachbardorfe mit den dichten, ſchneeweißen Haaren unter die Stallthüre trat und ihm einen freundlichen guten Mor⸗ gen bot. Dann begann der alte Herr mit ſeinem leut⸗ ſeligen Weſen und geſtützt auf ſeine vieljährige Uebung im Verkehr mit Leuten dieſes Schlags, eine anſcheinend harm⸗ loſe Unterhaltung, indem er den Knecht über Dieß und Jenes ausfragte: Wie es der Frau Doktorin und ihrem klei⸗ nen Erſtgeborenen ergehe? Ob's gegenwärtig viele Kranke in der Umgegend gebe? Wie hoch der Preis des Hafers, ——— —————— — und ob die projektirte neue Straßenanlage durch den Ort noch immer nicht in Angriff genommen ſei?— Erſt als er durch ſolche Fragen die etwas ſchwerfällige Zunge des ehrlichen Philipp an ein mehr regelmäßiges Antwortgeben gewöhnt hatte, rückte er mit ſeinem eigent⸗ lichen Anliegen heraus und erzählte ihm mit vieler Unbe⸗ fangenheit, wie ihm neulich Fräulein Serena ihr beiderſei⸗ tiges Abenteuer mit dem fremden Herrn geſchildert und wie er ſich doch im Grunde darüber gewundert habe, daß Philipp ſo kouragirt und einem wildfremden Menſchen bei dieſem ſonderbaren Gelüſte ſo nachgiebig geweſen. Er belobte ihn dann wegen ſeiner Unverzagtheit, und daß er ſich nicht von den alten dummen Spukgeſchichten, die man ſich vom dortigen Kirchhof erzähle, habe einſchüchtern laſſen. Freilich, meinte er ſcherzend, bei einem Douceur von vier Kronenthalern bedächte ſich auch bei ihm daheim wohl kein Knecht und kein Bauer, einem ſo nobeln Herrn das Geleite nach dem Gottesacker zu geben. „Thät's aber doch, ſo wahr Gott mein Zeuge iſt, nicht um doppelt ſo Viel noch einmal!“ betheuerte Philipp mit ganz vergeiſterten Zügen. „Was ſchwatzſt Du da, Burſche!“ ſagte der Pfarrer plötzlich in verändertem Tone und mußte ſich auf die Bank neben der Thüre niederſetzen.—„Willſt Knecht bei einem Doktor ſein und fürchteſt Dich vor einem friedlichen Kirchhof?— Ha! Ha!— Die vier Kronen werden Dir ſchon bei der nächſten Kirmeß keine Geſpenſterfurcht mehr einflößen?— Allons, Philipp, nun haſt Du mich ſelber auf die Geſchichte neugierig gemacht, und weil ich doch Deinen Herrn nicht zu Hauſe finde, ſo verzähl' mir mal zur Unterhaltung den ganzen Hergang.— Der fremde Herr hat alſo partout der ſeligen Lindenwirthin und mei⸗ ner guten Frau Ruheſtätte beſuchen wollen?“ „Geſagt hat er das freilich,“ ſtotterte der Knecht mit einer auffallenden Beklommenheit;„aber— aber— der Lindenwirthin ihr Grab muß ihm doch nicht ſo gar arg am Herzen gelegen ſein, wie das der ſeligen Frau Pfarrerin, bei deren Beerdigung ich als junger Menſch ſelber zugegen war.“ „So?— Warſt Du das wirklich?“ lallte der Pfarrer mit ſchwerer Zunge und wurde weiß wie die Schürze des Knechtes. Dabei ſtarrte er, das Kinn mit beiden Händen auf den Knopf ſeines Eichſtocks geſtützt, dem Pferd wie träumeriſch in die großen, klugen Augen, das eben den Kopf nach ihm umkehrte und ihn regungslos anſah.— „Das muß ja wohl ein— ſehr guter Freund von mir und meiner Seligen geweſen ſein, meinſt nicht auch, Phi⸗ lipp?“ ſtotterte er dann, ohne Jenen anzuſehen. „Ich weiß nicht, was ich dem Herrn Pfarrer darauf ſagen ſoll!“ rief der gutmüthige Menſch in äußerſten Aengſten und wiſchte ſich den hellen Schweiß von der Stirne.—„Aber ſchon, wie Sie vorhin in den Stall traten, dacht' ich gleich, daß Sie kämen, um mich wegen des fremden Herrn auszufragen; denn Das glaub' ich beinah' ſelber, daß es ein ſehr guter Freund von dem Herrn Pfarrer geweſen ſein muß; wie hätt' er ſonſt eine Stunde und länger weinend auf dem Grab der Frau Pfarrerin liegen und ſich ſo jammervoll über ihren Tod anſtellen ſollen, als wenn ſie erſt geſtern geſtorben wäre!“— Wir vermögen nicht den Eindruck wiederzugeben, den dieſe Nachricht auf den alten Pfarrer machte; wie gelähmt an allen Gliedern ſaß er ohne Regung da, ein Bild der höchſten Seelenſpannung, und konnte nur zuweilen in einem unartikulirten Ausruf, einem ſchweren, zitternden Athemzug den Krampf erleichtern, der ſeine Bruſt zuſam⸗ menſchnürte; zwiſchendurch verzog ein unheimlich zaghaftes 55 Lächeln ohne Leben und Seele ſeine Geſichtszüge, er nickte dem Redenden aufmerkſam lauſchend einigemal zu und ſah ihn dabei doch wie aus erloſchenen Augen ſchlaftrunken an; kurz, ehe der Knecht des Doktors noch recht inne wurde, welchen Eindruck er durch ſeinen Bericht von dem Ereigniß jenes Abends dem Greis bereitete, erlag der geängſtigte und gemarterte Geiſt des alten Mannes zum zweiten Mal der Gewalt des Irrſinns, ſeine Seele umdunkelte ſich, und von nun an machte nur noch ein Gedanke, eine Vorſtel⸗ lung den Inhalt ſeines ganzen Denkens und Fühlens aus. Was der Knecht ihm, nach Art dieſer Leute in ver⸗ worrener Schilderung, mit öfterer Einflechtung perſön⸗ licher Bemerkungen und unbedeutender Nebendinge berich⸗ tete, beſtand in folgenden weſentlichen Punkten, wie wir ſie hier, ſeinen eignen Worten getreu, in der Kürze zu⸗ ſammenfaſſen wollen. Philipp hatte an jenem Abend den Fremden, deſſen dringendem Wunſche und Serena's Befehl gemäß, bis an den Kirchhof begleitet, wo er ihm die Laterne übergab und an der Pforte zurückblieb. Jener, wiewohl er ſich noch eben ganz unbekannt mit der Dertlichteit gezeigt hatte, ſtieg doch ohne Führer zuerſt nach dem Pfarrgarten hinunter, woſelbſt er längere Zeit verweilte. Später ſah ihn der Knecht von dort zurückkehren, und die Laterne bewegte ſich nun auf kürzeſtem Wege nach dem Grabe der Pfarrerin neben der Sakriſteithüre. Als etwa eine halbe Stunde vergangen ſein mochte, ohne daß der Fremde wiederkam, ward es ihm unheimlich zu Muthe; er ſah zwar fort⸗ während das flackernde Licht, aber die Dunkelheit erlaubte ihm nicht, die Geſtalt des Fremden zu unterſcheiden. Er begann nun zu überlegen, ob er nicht lieber mit Zurück⸗ laſſung der Laterne und der vier Kronen in ſein Dorf zurückkehren ſolle, oder ob es am Ende nicht das Beſte wäre, — —— — da er ſich nicht allein in den Friedhof hineingetraute, er rufe aus dem nächſten Hauſe Leute herbei. Denn weil es dort, wo das Licht brannte, fortwährend ſtille blieb und ſich nichts mehr regte noch rührte, ſo ward ihm zuletzt ganz„gruſelig“ zu Muthe und er bildete ſich allen Ern⸗ ſtes ein, der Fremde möge ſich ein Leids angethan haben. Nur das dem Fräulein von Brandenſtein gegebene Ver⸗ ſprechen, Jenen nicht zu verlaſſen, hielt ihn noch am Platze feſt. Endlich entſchließt er ſich, mit Zittern und Zagen einige Schritte in den Kirchhof vorwärts zu thun; er ſchleicht alſo mit ſchlotternden Knieen den kleinen Hügel hinan, ſpringt aber, da neben ihm ein dürres Blatt raſchelt, ſchon nach den erſten zehn Schritten mit großen Sätzen an die Pforte zurück und ſchöpft dort freien Athem. Nach einiger Zeit wagt er von Neuem den gefährlichen Streifzug in das Gebiet der Todten und Geſpenſter; dießmal rückt er ſchon um die Hälfte weiter vor, retirirt aber dann zum zweiten Male nach dem Kirchhofthore.— Endlich, beim dritten Ver⸗ ſuch, ſich der Sakriſteithüre zu nähern, gelangt er unter tauſend Aengſten wirklich bis zur Kirche und bleibt in einiger Entfernung von dem Grabe der Pfarrerin athem⸗ los am großen Grabſtein des letzten Dorfſchulzen ſtehen. Da er aber noch immer mehr rückwärts als vorwärts ſpäht, ſo ſieht er noch immer Nichts von dem fremden Herrn; und erſt die ſchluchzende Stimme deſſelben, vor der er beinahe noch einmal Reißaus genommen hätte, ermu⸗ thigte ihn zuletzt, noch einige kühne Schritte vorwärts zu thun. Denn wo Einer weint und ſchluchzt, da kann er doch noch nicht ganz todt ſein, denkt er bei ſich, und jetzt entdeckt er auch wirklich beim trüben Schein der Laterne die Geſtalt des Unbekannten. Derſelbe hat den linken Arm um das eiſerne Kreuz geſchlungen und ruht ſo mit tief auf die Bruſt nieder— gebeugtem Haupte in halb ſitzender, halb liegender Stel⸗ lung auf dem Grabhügel. Philipp hört fortwährend ſein Schluchzen und Stöhnen, dazwiſchen ſpricht er zuweilen einzelne abgeriſſene Worte vor ſich hin, von denen Jener aber nur den öfteren bangen Ausruf:„Mutter! Mutter!“ verſteht.— Zuletzt wagt der Burſche ſich ganz heran, der Herr im faltigen Mantel fährt mit einem dumpfen Schrei empor und ſtarrt ihn mit geiſterbleichen Zügen aus ſchwar⸗ zen, in Thränen ſchwimmenden Augen ſprachlos an; Phi⸗ lipp faßt ihn am Arme und beſchwört ihn um Gottes⸗ willen, ihm jetzt gleich zu folgen, er werde keine Minute länger mehr warten, und wenn er nicht zur Stelle mit ihm fortgehen wolle, ſo werde er aus dem nächſten Hauſe Leute herbeiholen; denn Mitternacht ſei nahe und Niemand dürfe ſich mehr um dieſe Zeit auf dem Kirchhof aufhalten. Da erhebt ſich der Fremde ſchnell von dem Grabhügel, bückt ſich noch einmal und rafft mit zitternden Händen ein paar dürre Blätter zuſammen, die er auf ſeiner Bruſt verbirgt. Hierauf ſagt er ruhig:„Ihr habt recht, mein Freund! Schon allzulange ließ ich Euch warten; kommt, ich habe gefunden, was ich ſuchte und kann nun wieder gehen.“ Mit dieſen Worten gab er ihm die Laterne in die Hand und ſchritt voraus, redete auch auf dem ganzen Wege keine Sylbe mehr, nur daß er zuweilen ſtehen blieb und zögernd, als habe er doch noch etwas vergeſſen, nach dem Dorfe zurückſchaute. Dicht vor Philipp's Wohnort, da wo ſich ihr Weg trennte, ſtand er ſtill, ſchüttelte dem Knecht die Hand und drückte ihm vier harte Thalerſtücke hinein. „Gute Nacht, mein Freund, das vergelt' Euch Gott Euer Leben lang!“ rief er gerührt, und verſchwand mit —— a⸗————————————v— 8 ——— —— —. raſchen Schritten in der Finſterniß, in der Richtung nach Heidelberg.— Erſt am Schluß ſeines langen, umſtändlichen Berichts bemerkte der Knecht zu ſeiner Beſtürzung die große Verſtö— rung in des Pfarrers Zügen, die dunkle Fieberröthe in ſeinem Geſicht, und ſeinen unſtäten befremdeten Blick. Der alte Herr redete ſinnverwirrte Worte durcheinander, ſtand von der Bank auf, riß mit zuckenden Fingern aus einem Strohgebund eine Handvoll Halmen heraus und ſuchte ſie in die Bruſttaſche ſeines Rockes zu ſtecken; dann ſchlug er mit dem Stock nach einem alten Spinngewebe an der Stall⸗ decke und fragte gleich darauf, ſich umſehend, den Knecht mit lallender Zunge, wo der Menſch hingekommen ſei, der eben noch dageweſen und ihm den Steckbrief geſtohlen habe?— Gleich nachher griff er krampfhaft in die Sei⸗ tentaſche, faßte das Stroh, das er erſt eine Weile verwun— dert betrachtete, warf es dann zornig weg und holte ein altes Zeitungsblatt heraus, bei deſſen Anblick ſich ſeine finſteren Züge wieder erheiterten.— Er las dann einige Minuten mit großer Aufmerkſamkeit darin, murmelte Etwas in den Bart, umwickelte das vergilbte Papier ſorgſam mit einigen Strohhalmen und ſteckte es wieder zu ſich; Philipp ſprang bei dieſen Anzeichen eines vollkommenen Irrſinns entſetzt aus dem Stalle und holte die erſten Leute herbei, die er in der Nachbarſchaft fand, mit deren Hülfe er den alten Herrn, um der jungen Frau Doktorin, die eben erſt das Wochenbett verlaſſen hatte, keinen Schrecken zu ver⸗ urſachen, in das nahegelegene Pfarrhaus ſeines katholi⸗ ſchen Amtsbruders führte, der ſich ſeiner mit der größ⸗ ten Liebe annahm und ihn ſpäter unter dem Beiſtand einiger Männer aus dem Orte nach ſeinem Dorfe zurück⸗ brachte.— Aber damit, ſo erzählten die alten Bauern dem tiefer⸗ — 59— ſchütterten Brandenſtein weiter, war das Maß der Prüfung und des Jammers für ihren würdigen Freund noch nicht voll; denn wenn er ſich auch in den nächſten Tagen unter der Aufſicht zweier handfeſten Wärter, die nicht von ſeiner Seite wichen, äußerlich ruhig verhielt, ſo hatte doch der Schlag, der ihm den Verſtand zerrüttet, darum noch lange nicht ſeinen Geiſt dergeſtalt getrübt, daß nicht wenigſtens ein Gedanke noch, gleich dem letzten ſchwachen Strahl des erloſchenen Tages, in der Finſterniß ſeiner umnachteten Seele zurückgeblieben wäre: der Gedanke an ſeinen Sohn, der noch lebe und bald zu ihm zurückkehren werde.— Dieſe Vorſtellung hatte ſich ſeines Geiſtes ſo ausſchließlich be⸗ mächtigt, daß ſie denſelben in einer beſtändigen Span⸗ nung rege erhielt und das erſchöpfte Seelenleben ſtets von Neuem aufreizte. Sobald es Abend wurde, verlangte er aus dem Dorfe hinausgeführt zu werden; denn gleich werde ſein Sohn auf der Straße von Heidelberg daher kommen; er warte ſogar ſchon auf ihn an Brandenſtein's Kleeacker; oder er behaup⸗ tete, ſein Eugen logire in Heidelberg, bald in dem, bald in jenem Gaſthof, und verwundere ſich, daß ſein alter Vater noch immer nicht zu ihm lomme.— Endlich war er nicht länger mehr zu beſchwichtigen, und die Aerzte fürchteten das Aeußerſte, wenn man ihm nicht zum Schein willfahre und in ſeine fixe Idee einginge. Er wollte nach der Stadt, wollte ſeinen Sohn dort aufſuchen: der Kriminalrichter werde ihn nicht daran hindern, der ſei ja längſt todt— auch die ſchöne fremde Frau drüben am Neckar werde ſei⸗ nen Eugen nicht zum zweiten Mal verrathen, denn ſeitdem ſich ihr Herr Gemahl, der Millionär, in der Amtsvogtei zu Berlin mit einem ſeidenen Tuche erdroſſelt, wiſſe ſie, wie es einem alten Vater zu Muthe ſei, der länger als zwanzig Jahre ſeinen einzigen Sohn als todt beweint habe, und —— 60— was dergleichen ſinnverwirrte, den meiſten Leuten ſeiner Umgebung unverſtändliche Reden mehr waren.— So ſtanden die Sachen, als der Rittmeiſter von ſeinem Beſuche bei der Familie Bebra in das Dorf zurückkehrte; und er wäre nicht der gefühlvolle edle Menſch und treue redliche Freund geweſen, hätte ihn nicht dieſe Nachricht auf das Tiefſte erſchüttern und ihm ſelbſt das große Glück der letzten Tage bitter vergällen ſollen.— Lange ſaß er noch bei den alten Bauern im Stübchen des blinden Linden⸗ wirths und ſie berathſchlagten mit einander, was unter ſo bewandten traurigen Umſtänden mit ihrem würdigen Seel— ſorger anzufangen ſei. Der Eine hatte dieſe, der Andere jene Meinung, zuletzt nahm Brandenſtein nach einer länge⸗ ren Pauſe das Wort und ſagte ſo ruhig, als es ihm die tiefe Bewegung ſeines Inneren erlaubte: „Bis dato, ihr Freunde, redeten wir immer nur von dem Irrſinn unſeres alten Herrn. Wie aber, wenn nun wirklich dieſes arme, vielgeprüfte Vaterherz bei aller Ver⸗ wirrung des Geiſtes doch weiſer und ſcharfſichtiger wäre als wir, und ſein Glaube an den noch lebenden Sohn hätte wirklich einen reellen Grund?— Denn mag auch der furchtſame Knecht unſeres Doktors Vieles in ſeiner Geſpenſterangſt anders geſehen und aufgefaßt haben, als es ſich in Wirklichkeit verhielt: das Eine ſteht jedenfalls feſt, daß außer ihm noch eine andere, und zwar eine ſehr muthige Perſon, meine Tochter Serena nämlich, an jenem Abend den Fremden, der ſich für den ehemaligen Maler⸗ ſchüler aus Mannheim ausgab, geſehen und gleichfalls eine ungewöhnlich große, ſchmerzliche Erregtheit an ihm beob— achtet hat.— Wüßt' ich nur erſt, was unſer armer Freund nach des Küſters Ausſage neulich Morgens nach meiner Abreiſe aus dem Kreuz ſeiner Seligen herausgenommen hat, ſo getraute ich mir wohl....“ — Hier hielt er verwundert inne; denn die alten Bauern rückten wieder unruhig auf ihren Sitzen hin und her und gaben ſich einander mit Blicken und Händen ſonderbare Winke. Der Rittmeiſter begriff ſchnell, daß ſie über Etwas, was er noch nicht wußte, im Widerſtreit ſeien, was ihnen ſelber als wichtigſtes Geheimniß bei der ganzen Sache große Sorge und Unruhe bereite.— Jetzt nahm der wackere Konrad Rathmann das Wort und ſagte, um der Verlegen⸗ heitspauſe ein Ende zu machen, entſchloſſen: „Hilft Alles nichts, wir heben's doch nicht länger mehr auf, ihr Freunde, und außerdem haben wir's hier mit ei⸗ nem Ehrenmanne zu thun und es wär' gradezu falſch von uns calculirt, wollten wir ihm die Geſchichte mit dem eiſernen Käſtle am Kreuze verheimlichen.“ „Ich verlange Nichts zu wiſſen, was nicht ſpeziell zu dem gegenwärtigen traurigen Fall gehört,“ ſagte der Ritt⸗ meiſter betroffen. „Und wie gehört's dazu!“ rief der Lindenwirth in ſchmerzlicher Bewegung.—„Rathmann hat recht: haben wir A geſagt, müſſen wir auch B ſagen und der brave Freund unſeres armen Herrn Pfarrers wird's nicht ver⸗ rathen. Er war Soldat, iſt und bleibt ein Edelmann, er mag nun wollen oder nicht. Alſo ſchieß' los, Konrad, ich verantwort's vor dem todten und dem lebenden Theil!“ Da ſagte Rathmann mit unſicherer Stimme: „Im eiſernen Kreuzkäſtle ſeiner ſeligen Frau hat unſer Herr Pfarrer länger als ein Vierteljahrhundert den heidel⸗ berger Steckbrief ſeines Sohnes Eugen und den von dem elenden Robert Münzer verſteckt gehalten; denn die Frau Pfarrerin hatte kurz vor ihrem Sterben ein überirdiſch Geſicht gehabt, wo ſie mit dem Steckbrief vor den Thron des Allmächtigen trat; da ſprach der Herr dreimal, daß ſie's laut nachrufen mußte, das himmliſche Wort der Barm⸗ — —————————————— herzigkeit: Gnade! Gnade! Gnade! und wenige Augen⸗ blicke nachher war ſie todt.— So haben wir's denn am Abend ihres Begräbnißtags hier in dieſem Stüble heimlich abgeredet, daß das Unheilsblatt für alle Zeit in ſicherem Verſchluß in ihrem Grabkreuz verborgen werde; und ich meine beinahe,“ fügte er mit leiſerer Stimme hinzu,„der Anſchlag habe unſerem würdigen Herrn gut gethan bis neulich Morgens, wo er ſeines alten Gelöbniſſes untreu ward und das Grabgeheimniß ſeiner Seligen wieder auf⸗ ſtörte.— Ich will's nicht verſchwören, aber unſere from— men Voreltern wußten's wohl, und es halten Etliche unter ihren Nachkommen noch heute daran feſt, warum ſie ſolche ſchlimme Sachen, die ihnen große Pein und Trübſal ſchaff— ten, allemal in ſolch' ein heimlich Kreuzkäſtle verſteckten und es den Verſtorbenen überließen, wie die in ihrem ſeligen Frieden damit fertig wurden.“ „Aber es hat ihn, ſo ſchätz' ich, nicht länger mehr ge⸗ duldet und er hat's Schwarz auf Weiß ſehen wollen, was Manmſell Serena ihm von dem Fremden berichtete,“ ſagte der alte Matthias Schenk kleinlaut. „Was meint Ihr damit?“ fragte Brandenſtein ver⸗ wundert. „Nun— das Signalement: ob's wirklich der kleine, ſchmächtige Münzer geweſen, oder ſein langer, hochaufge⸗ ſchoſſener Sohn Eugen, wer von Beiden an jenem Abend ſo großes Verlangen nach unſerem Kirchhof trug,“ ſchluchzte der alte Schneider Jeanbatiſt, und die vier alten Bauern legten ſchweigend die Hände zuſammen und ſtarrten düſter vor ſich hin. Viertes Japitel.— B kannſt Dir denken, meine liebe Tochter,“ fuhr der Rittmeiſter nach einer längeren Pauſe in ſeiner Erzäh⸗ lung fort,„wie mir bei dieſen traurigen Nachrichten zu Muthe wurde. Schon die geheimnißvolle Art, mit der mir die alten Bauern bei verſchloſſener Thüre die Geſchichte mittheilten und zu dem ſchon genugſam erſchütternden Er— eigniß noch die Anſchauungen eines verrotteten Aberglau⸗ bens fügten, indem ſie das ganze Unglück dem Oeffnen des eiſernen Todtenkreuzes zuſchrieben, regte alle meine Empfin⸗ dungen mächtig auf, ſo daß ich trotz der Fatiguen meiner Reiſe in dieſer Nacht kein Auge ſchließen konnte.— Mit einem Herzen voll Wonne über Dein Glück, mein Kind, war ich in mein ſo lange ungeſtörtes Stillleben zurückge⸗ kehrt und finde, kaum zu Hauſe angelangt, den alten be⸗ währten Freund, den ich unter dem Schutze ſeiner friedlichen Penaten geſund zurückgelaſſen hatte, von einem Unglück betroffen, das ich ſchon allein um ſeines hohen Alters willen ein grauenvolles nennen möchte.— Denn dem un⸗ erforſchlichen Willen der Vorſehung genügt es hier nicht bloß, ein Menſchendaſein ſchon frühe mit einem ſchrecklichen Unglück zu beladen; noch am ſpäten Lebensabend ſchlägt ſie den ſo lange ſtandhaften Geiſt mit Wahn und Blindheit und ſucht eine treubewährte Seele mit den Schrecken der Finſterniß heim!— Andererſeits freilich hat mir jener Abend 6 in dem Stübchen des blinden Lindenwirths und in der Ge⸗ ſellſchaft der alten wortkargen, mißtrauiſchen Bauern auch Viel über unſren guten Pfarrer zu denken gegeben; und Manches an ſeinem äußeren rauhen und hartnäckigen Weſen erſcheint mir nun in einem ganz andern Lichte.— Ja, ich möchte ſagen, er habe das Unglück mit ſeinem Sohne durch Jahr und Tag mit allzu großer Heimlichkeit in ſeinem Gemüthe feſtgehalten und es im oabgeſchloſſenen Verkehr mit den alten Bauern als ein von ſeinem übrigen Le⸗ ben getrenntes und beſonderes Schickſal betrachtet, was denn ſeinen Sitten und ſeiner ganzen Lebensart bei allem weichen Herzen doch dieſes eigenthümlich rauhe und eigen— ſinnig ſtarre Gepräge verlieh, daß Leute, die ihn nicht ge⸗ nauer kannten, ſogar von ihm behaupteten, ſein verwil— derter Garten ſei nur das getreue Widerſpiel ſeines Cha⸗ rakters.“ „Du wirſt mir indeſſen glauben, liebe Serena, daß ich damals nicht in der Stimmung war, dem Unglück unſeres alten Freundes in dieſer grübelnden Weiſe nachzugehen. Gab's doch noch ganz andere, ungleich wichtigere Betrachtun⸗ gen für mich, denen ſich bald meine ganze Aufmerkſamkeit zuwandte. Denn bei Allem, was ſonſt dagegen ſprechen mochte, blieb mir doch zuletzt kaum mehr ein Zweifel übrig, daß Dein fremder Maler ein Anderer geweſen ſein müſſe, als der, für den er ſich bei Dir und Doktor Werner's Knecht ausgegeben habe; und hatte Philipp, der ihn auf dem Kirchhof belauſchte, recht verſtanden, da er ihn den Na⸗ men„Mutter“ ausſprechen hörte, ſo konnte es in der That tein Anderer geweſen ſein, als der ſo lange für todt ge⸗ halltene Sohn des Pfarrers. Doch davon nachher!“ „Schon in der Frühe des andern Morgens wurde ich e in's Pfarrhaus gerufen. Der alte Herr wollte ſich ſchlechter— dings nicht länger mehr halten laſſen und verlangte drin⸗ 6 gend, jetzt gleich nach Heidelberg zu gehen, um ſeinen Sohn dort aufzuſuchen.— Als ich zu ihm kam, erkannte er mich auf der Stelle, ging mit anſcheinend ganz unverändertem Weſen auf mich zu, ſchüttelte mir herzlich die Hand und fragte mich in froher Erregtheit, ob ich auch ſchon gehört habe, daß ſein geliebter Eugen noch am Leben ſei und bald zu ihm zurückkehren werde?— Erſt ſein unſtäter Blick und ſeine beim Sprechen etwas lallende Zunge erinnerten mich an ſeinen bedenklichen Gei⸗ ſteszuſtand; ebenſo wollte er ſich durchaus nicht von mir abbringen laſſen, jetzt gleich nach der Stadt zu eilen, wenn er auch, wie er wildentſchloſſenen Blickes verſicherte, mitten durch das Flußbeet des Neckars dahingehen müſſe.— Wir mußten ihm endlich nachgeben, wiewohl er ſich kaum dazu verſtehen wollte, ſein Hauskamiſol mit dem ſchwarzen Tuchrock zu vertauſchen und ſtatt der Hausſchuhe Stiefel anzuziehen. So entſchloß ſich denn Konrad Rathmann, uns zu beglei⸗ ten, und zwar, wie es der Arzt für dieſen Fall ausdrück⸗ lich angerathen hatte, zu Fuß, da er ſich von einer mehr⸗ ſtündigen Bewegung ſeines Patienten in der freien Luft einen heilſamen Einfluß auf deſſen aufgeregtes Nervenſyſtem verſprach. Außerdem folgten uns noch in einiger Entfer⸗ nung die beiden Wärter, um ſogleich bei der Hand zu ſein, wenn wir ihres Beiſtands bedürfen ſollten.“ „Dieß war glücklicherweiſe nicht der Fall. Vielmehr zeigte ſich der alte Mann, nachdem ihm einmal ſein Wille gethan war, ſo vernünftig und nachgiebig, daß er auf alle unſere Vorſchläge einging und ſelbſt einwilligte, bei einem dortigen Freunde, der bereits durch einen vorausgeſchickten Boten von Allem benachrichtigt war, ſo lange zu verweilen, bis Rathmann und ich in den einzelnen Gaſthöfen der Stadt nach dem Fremden geforſcht hätten.— Dabei ſchritt er uns immer rüſtig voraus, war ganz der jugendliche Müller, O., Roderich. 11. 5 — 2 Greis von ſonſt, wenn ihn eine Sache lebhaft beſchäftigte, redete aber von Nichts weiter als von dem Wiederſehen des Sohnes. Begreiflicherweiſe ſahen wir nur mit größter Sorge dem höchſt zweifelhaften Ausgang unſerer Ent— deckungsverſuche nach einem ſeit zwanzig und mehr Jahren verſchollenen Menſchen entgegen. Da uns der Alte immer um einige Dutzend Schritte voraus war, ſo konnte ich mit meinem Begleiter unterwegs einen Plan verabreden, wie er uns unter ſo bewandten Umſtänden im Intereſſe des Kranken am Rützlichſten erſchien. Wir kamen überein, ihm ſeinen einzigen Seelenwunſch in keiner Weiſe zu ſtören, und cher ſelbſt noch ſeine Hoffnung zu beſtärken, als ihm grauſam die letzte Ausſicht abzuſchneiden, ſeinen Eugen wiederzufinden.“ „So gelangten wir gegen Mittag in die Stadt; er folgte uns willig nach dem Hauſe des Freundes, wo man ſich ſogleich mit großer Sorgfalt und Herzlichkeit ſeiner an⸗ nahm und Alles aufbot, ihn zu einem geduldigen Abwarten zu bewegen. Dieß gelang vollkommen; er verſprach unſere Ruckkehr ruhig abzuwarten, denn ſchon die Gewißheit war ihm ein Troſt, daß wir nun in der Stadt nach ſeinem Eugen weitere Nachforſchungen anſtellen würden.— So ließen wir ihn in der befreundeten Familie zurück; und ich geſtehe Dir, liebe Tochter, ſein unerſchütterliches Vertrauen auf einen guten Erfolg hatte mir's in einer Weiſe angethan, daß ich halb und halb ſelber die Hoffnung hegte, irgend eine nähere Nachricht über Deinen myſteriöſen Fremdling zu bekommen.“ „Wir wanderten unverdroſſen von einem Gaſthof zum andern, lange vergebens bei den Wirthen und ihren Leuten nach einem Herrn forſchend, der vor etwa acht Tagen hier geweſen ſein ſolle und deſſen Aeußeres wir ihnen, ſo genau es uns nach der Schilderung des Knechtes möglich war, beſchrieben. Endlich beſchloſſen wir, in einem der kleineren, in der Mitte der Stadt gelegenen Gaſthöfe uns einige Erholung zu gönnen und eine Erfriſchung zu uns zu nehmen. Der mir bekannte Wirth nahm uns freund— lich auf; doch bemerkten wir ſogleich ſein erſtauntes Geſicht, als wir ihn nach dem Fremden befragten und ihn baten, uns, falls er in ſeinem Hotel abgeſtiegen ſein ſollte, mög— lichſt genaue Nachricht von demſelben zu geben.“ „Allerdings,“ ſo erzählte hierauf der Wirth,„ſei ge⸗ nau zu der nämlichen Zeit, die wir angaben, ein ſolcher Gaſt bei ihm geweſen; derſelbe habe ſich als Profeſſor Erich aus Kopenhagen in das Fremdenbuch eingeſchrieben, wäre mit Extrapoſt, jedoch in einem eignen Wagen ange⸗ kommen, aber ſchon in der Frühe des folgenden Tages wieder abgereist. Es ſei ein hoher hagerer Mann, etwa in der Mitte der vierziger Jahre geweſen; eine wirkliche Profeſſorengeſtalt mit ungewöhnlich blaſſen Geſichtszügen und tiefliegenden dunklen Augen. Aber obwohl ſeine Chaiſe ein Wappen mit einer Fürſtenkrone getragen, auch ſonſt das ganze Weſen des Fremden auf einen vornehmen Herrn gedeutet hätte, habe er weder einen Bedienten noch irgend welches Reiſegepäck bei ſich gehabt. Er ſei am ſpäten Nachmittag angekommen, habe über große Müdigkeit in Folge einer mehrtägigen Reiſe geklagt, wäre aber nichts⸗ deſtoweniger mit einbrechender Dämmerung fortgegangen, um einen Freund in der Stadt zu beſuchen. Zuvor habe er noch für den andern Morgen Poſtpferde beſtellen laſſen zu ſeiner Rückreiſe nach Frankfurt am Main und geſagt, er werde wohl erſt gegen Mitternacht in den Gaſthof zurück⸗ kehren, wo man ihm einen Thee und ein gewärmtes Zimmer bereit halten ſolle. Aber es wäre ſchon früh Morgens gegen zwei Uhr geweſen, als er zurückgekommen, in einem Zuſtand von Erſchöpfung und Müdigkeit, daß es ſelbſt dem Hausknecht aufgefallen ſei, dazu mit über und über beſchmutzten Stiefeln und Beinkleidern, was den Burſchen, der ihm hinaufleuchtete, zu fragen veranlaßte, ob er etwa über Land geweſen ſei?— Der Fremde habe dieß mit einem ſtummen Kopfſchütteln verneint, ſei dann in ſeine Stube gegangen, das Bett aber wäre nach ſeiner Abreiſe am frühen Morgen unberührt gefunden worden.“ „So war denn alſo wider Verhoffen, wenn auch nicht die geſuchte Perſon ſelber, doch ihr Name aufgefunden und ebenſo die Thatſache conſtatirt, daß wirklich zu der näm— lichen Zeit ein Fremder in einem Gaſthof Heidelbergs ab⸗ geſtiegen ſei, der den größten Theil jener Nacht außerhalb deſſelben zugebracht habe. Wie dürftig auch die Nachri h— ten lauteten, die uns der Wirth über die Perſönlichkeit des⸗ ſelben geben konnte, ſo waren ſie doch in Verbindung mit dem, was wir ſelber bereits von ihm wußten, wichtig ge⸗ nug; ja, ſogar ein doppelter Umſtand gab der Vermuthung, daß der angebliche Profeſſor wirklich der verſchollene Pfar⸗ rersſohn geweſen, noch weiteren Anhaltspunkt.— Jener Fremde hatte Dir erzählt, daß er auf einer Reiſe nach Italien begriffen ſei, während der Gaſt des Wirthes, wie ich mich ſpäter noch durch Erkundigung auf dem Poſtamt überzeugte, nach Frankfurt am Main zurückgereist war. Er mußte alſo gewiß einen triftigen Grund gehabt haben, auf Philipp's Befragen ſeine Perſon mit derjenigen ſeines ſchlim— men Jugendfreundes Robert Münzer zu vertauſchen. Welcher Fremde aber, außer eben dem unglücklichen Eugen, erinnerte ſich nach ſo langer Zeit überhaupt noch dieſes längſtverſcholle⸗ nen Malerſchülers aus Mannheim?— Aber noch mehr: der Gaſt des Wirthes war nicht bloß auf dem nämlichen Weg, den er hierher gekommen, wieder zurückgekehrt: ſein Aufenthalt in Heidelberg dauerte auch eben nur ſo lange, als er Zeit brauchte, um unſer Dorf zu beſuchen und dann wieder nach der Stadt zurückzukehren. Mithin war der Beſuch des Kirch— — 60— hofs ganz gewiß der einzige Zweck ſeiner Reiſe hierher ge⸗ weſen, und auf dieſem Kirchhof der Beſuch eines einzelnen Grabes!— Auch geſtand mir Konrad Rathmann ſogleich, daß die Schilderung des Wirthes von dem Gaſt, ſoweit ihm ſein Gedächtniß treu geblieben, genau auf jenen Eugen paſſe, wenn man nach einem ſo langen Zeitraum einen damals achtzehnjährigen Jüngling damit vergleichen könne. Der Pfarrersſohn habe im Dorfe nur der„lange Student“ geheißen, und die jungen Mädchen ſeien ihm beſonders um ſeiner feurigen ſchwarzen Augen willen hold geweſen, erzählte mir nun der alte Mann, der jetzt eben ſo eifrig bemüht war, meine letzten Zweifel zu be⸗ ſeitigen, als er bis dahin ungläubig den Kopf zu meinen Muthmaßungen geſchüttelt hatte. Ja, er ſchämte ſich nun ſelber ſeines Aberglaubens, daß er eher an ein Geſpenſt, als an ein Weſen von Fleiſch und Blut geglaubt habe; und vor Allem gab er mir darin vollkommen recht, daß nicht ſowohl der Irrſinn des alten Pfarrers die Geſtalt ſeines Sohnes aus dem Grabe im fernen Holland herauf⸗ geholt, als vielmehr die ganz unglaubliche und doch für ihn unzweifelhafte Wiedererſcheinung deſſelben ſeinen Verſtand verwirrt habe.“ „Aber ebenſo ſpurlos, wie jüngſt aus der Umgebung unſeres Dorfes, war der Fremde, der ſich Profeſſor Erich nannte, nun auch aus der Stadt wieder verſchwunden; das Wappen mit der Fürſtenkrone auf der grünlackirten Reiſe⸗ chaiſe konnte uns der Wirth nicht näher beſchreiben; mithin mußte ich, wollte ich die einmal gefundene leiſe Spur nicht ganz aufgeben, einen neuen Weg beſchreiten, um endlich doch zu einem erwünſchten Ziele zu kommen.“ „Bis zu dieſer Stunde hatte ich von der eigentlichen Geſchichte des Sohnes, welcher dieſes ſchwere Unglück auf das Haupt meines ehrwürdigen Freundes gebracht hatte, ſo gut wie Richts erfahren. Die alten Bauern hatten entweder ſelbſt keine genaue Kenntniß davon; oder es war ihnen im Laufe ſo vieler Jahre die Begebenheit wieder aus dem Ge⸗ dächtniß gekommen; oder ſie verheimlichten mir, was ich beinahe als das Rechte anzunehmen geneigt wer, bei der an ihrem Stande bekannten hartnäckigen Verſchloſſenheit das ihnen anvertraute Geheimniß von der Schuld des jungen Menſchen; genug, ich hatte nur von ihnen unter dem erſten Eindruck des Schreckens und der Rathloſigkeit die eine wichtige Gewißheit erlangt, daß in einem durch ſeine freiſinnige milde Geſetzgebung und ſeine vorzügliche Juſtiz bekannten Lande ein junger Menſch aus guter Fa⸗ milie wegen eines geheimnißvollen Verbrechens von den Gerichten ſteckbrieflich verfolgt und ſpäter von den Nie⸗ derlanden aus durch ein amtliches Atteſt als geſtorben angezeigt worden war.— Dieſe, wenn auch an ſich ſehr unbedeutende Kenntniß der Umſtände veranlaßte mich zuerſt, mich nach näheren Mittheilungen über die Jugendgeſchichte Eugen's umzu⸗ ſehen, und ich wählte daher ohne Bedenken den kürze⸗ ſten, aber jedenfalls ſicherſten Weg, indem ich mich ſo⸗ gleich von jenem Gaſthof aus, wo ich einſtweilen meinen Begleiter zurückließ, zu dem mir perſönlich bekannten erſten Beamten der Univerſitätsſtadt verfügte. Dieſer Chrenmann nahm mich mit großer Freundlichkeit auf; und ihm, als einem erfahrenen treubewährten Manne von der größten Gewiſſenhaftigkeit vertraute ich mich vollſtändig an.— Er hörte mir wohl länger als eine Stunde mit wachſender Spannung und Theilnahme zu, dankte mir dann für das ihm bewieſene Vertrauen, erklärte mir aber zu meinem großen Leidweſen, ich habe ihm da einen ihm ſelber bis jetzt ganz unbekannten Fall erzählt, der in der Zeit allzu⸗ weit vor ſeinem Amtsantritt zurückläge, als daß er mir „ —— — ———— — ſchon jetzt die gewünſchte Aufklärung darüber geben könne. Er werde jedoch die genaueſten Recherchen nach etwa vor⸗ handenen Akten, beſonders nach dem holländiſchen Sterbe⸗ atteſt anſtellen laſſen, und auch außerdem noch bei lebenden Perſonen aus jener Periode Erkundigungen einziehen. Er entließ mich mit der Verſicherung, daß er mir, falls ihm ſeine Bemühungen gelängen, Alles mittheilen wolle, was er ſelber über dieſen Fall erfahren würde, ich möge daher in einigen Tagen wieder bei ihm vorſprechen.“ „Der Eindruck, den unſer Bericht von dem Erfolge unſerer Nachforſchungen auf den alten Pfarrer machte, war ein wider Erwarten günſtiger, was ſich allerdings da⸗ durch erklärt, daß wir zu den erhaltenen Nachrichten des Wirths die Nothlüge fügten: jener Fremde habe bei ſeiner Abreiſe die Bemerkung fallen laſſen, er werde ſpäter wieder nach Heidelberg zurückkehren, um ſich dann längere Zeit, vielleicht für immer, hier aufzuhalten. Zu dem Namen Erich ſchüttelte der alte Herr zwar im Anfang zweifelhaft den Kopf, murmelte ihn aber doch mit ſeltſamem Lächeln beſtändig vor ſich hin, bis ihm derſelbe zuletzt ſo vertraut wurde, daß er ihn häufig mit dem rechten Namen des Sohnes verwechſelte.“ „Einen erſchütternden Eindruck machte es auf uns Alle, als er uns hierauf der Reihe nach umarmte, uns wegen ſeiner großen Herzensangſt, die ihm keine Ruhe gelaſſen, um Ver⸗ zeihung bat und betheuerte, er ſei nun wieder ganz getrö⸗ ſtet, da er ja wiſſe, daß ſein Erich oder ſein Eugen zu ihm zurückkehren werde, und er dann an ſeiner treuen Sohnes⸗ bruſt das lange Leid ſeines vielgeprüften Lebens bis zur letzten Thräne ausweinen dürfe.— Er habe in dieſem einen Sohn ſo viel verloren, daß er ihm gerne noch mehr Namen geben möchte, als dieſe beiden; denn ſelbſt die Söhnezahl des alten Erzvaters Jakob reiche— hätte er — gleich eben ſo viele Söhne durch den Tod verloren— nicht aus, um mit dem Schmerze verglichen werden zu können, den ihm dieſer Eine bereitet habe.“ „In einer ſolchen weichen Seelenſtimmung war es uns leicht, ihn, ohne daß er uns widerſprochen, zur Rückkehr in ſein Dorf zu bewegen; und ſo fuhr er, aller guten, leben⸗ digen Hoffnung voll, gegen Abend mit uns in ſein ſtilles Pfarrhaus zurück.— Einen rührenden Anblick bot das Dorf, als wir dort anlangten; alle Bewohner, Jung und Alt, begleiteten unſern Wagen mit dem unglücklichen Seel⸗ ſorger unter tiefſter Theilnahme bis zu deſſen Wohnung, die Eltern hoben ihm ihre Kinder in den Wagen, daß er ſie ſegne; Allen drückte er zwar freundlich die Hände, ſtreichelte auch der Kleinen Wangen, fragte aber doch, wer denn die vielen fremden Leute wären, die ſich ihm da ſo liebreich bezeigten? Nur unſere Brandfüchſe und Flachsfinken er⸗ kannte er wieder und fragte ſie, wo ſie denn die Serena gelaſſen hätten, damit ſie ihm wieder am alten Spinett eins ihrer heiteren Volkslieder ſänge, am liebſten das vom grünen Baum im Odenwald.—“ Serena, deren Thränen ſchon lange im Stillen gefloſ⸗ ſen waren, brach hier in lautes Schluchzen aus und rief, ſich an des Vaters Bruſt werfend, in ſchmerzlicher Bewe⸗ gung: „So iſt es denn wirklich gekommen, wie er mir manch⸗ mal andeutete, wenn er ſagte, daß er an ein Verhängniß in der Welt glaube, deſſen Walten die menſchliche Seele ſo lange nachgrüble, bis ſie erſchöpft und aufgerieben ſelber dieſem dunklen Räthſel anheimfalle!— Auch haſt Du darin gewiß recht, lieber Vater, daß er den Schmerz um den verlorenen Sohn in allzu einſeitiger Weiſe feſthielt, ſo daß zuletzt ſein Geiſt, da ein neuer Sturm gegen ihn her⸗ anzog, unfähig war, denſelben auszuhalten. Es iſt aber —————— auch ein ſchrecklicher Gedanke, daß der Sohn eines ſo guten edlen Menſchen nach ſo langen Jahren zurückkehrt, um ſeinen alten Vater in Irrſinn zu ſtürzen und dann wie⸗ der ſpurlos zu verſchwinden!— Wenn's nun am Ende doch ein Anderer geweſen wäre!— Wenn des Doktors Knecht in ſeiner Herzensangſt an jenem Abend Dinge ge⸗ ſehen und gehört hätte, die jeder kältere und muthigere Menſch an ſeiner Stelle ganz anders wahrgenommen haben würde?— Haſt Du denn über des unglücklichen Eugen's Jugendgeſchichte ſpäter noch Weiteres erfahren, lieber Vater?“ „Du kannſt Dir wohl denken, daß ich nicht ſäumte, mich zur beſtimmten Friſt wieder bei jenem Gerichtsbeamten in Heidelberg einzufinden,“ erwiederte Brandenſtein mit einem trüben Lächeln.—„Aber was ich von den leichtſinni— gen Streichen des jungen Pfarrerſohnes zu hören bekam, hat mir das Geheimniß ſeiner Schuld faſt noch dunkler gemacht, als es vordem ſchon geweſen war. Keine der noch leben⸗ den Perſonen aus jener Zeit weiß etwas Beſtimmtes über die Art ſeines Verbrechens anzugeben; wahrſcheinlich iſt es alſo, daß aus Rückſicht für die armen Eltern die Sache nach Eugen's ſpurloſem Verſchwinden wieder vertuſcht wurde. Auch ſind trotz der genaueſten Nachforſchung weder die Akten, noch der holländiſche Todtenſchein ausfindig gemacht worden; wohl aber iſt jener heidelberger Beamte durch ge⸗ wiſſe andere gerichtliche Nachweiſe auf die Vermuthung ge⸗ führt worden, daß die Akten über den ehemaligen Studioſus Eugen Zimmermann und ſeinen Complicen Robert Münzer, letzterer von einem franzöſiſchen Vater und einer Eingebo⸗ renen in St. Domingo herſtammend, lange nachher einem auswärtigen Gericht auf deſſen Nachſuchen überlaſſen wor⸗ den ſind; kurz und gut: allen vorhandenen Anzeichen nach müſſen dieſe Papiere, falls ſie überhaupt noch exiſtiren, ſich in eurer Reſidenz befinden, und eben deßhalb bin ich hier.“ —— — — „Wie? Hier in dieſer Stadt?“ fuhr Serena ſtau⸗ nend auf. „Hier oder nirgends ſonſt,“ erwiederte der Rittmeiſter, blickte dann die Tochter eine Weile nachdenkend an und ſagte erſt nach einer längeren Pauſe mit erzwungener Laune: „Ja, hier, mein Kind! Und ein eigenthümlicher Zufall bleibt es außerdem immer noch, daß ich jenem Beamten auf ſeinen freundſchaftlichen Rath, mich in dieſer Sache unter Berufung auf ihn hierher an den Regierungsrath Helmroth zu wenden, die frohe Verſicherung geben konnte, Du hätteſt in dieſem Herrn und ſeiner Gattin treue Freunde gefunden und der Regierungsrath würde mir gewiß ſchon um Deinetwillen allen möglichen Beiſtand leiſten.“ „O das wird er, darüber ſei ganz außer Sorge, beſter Vater!“ rief Serena in freudiger Aufregung.—„Hätten wir nur die Akten ſo ſicher, wie ſeinen guten Willen dazu, ſo könnteſt Du mit dem Erfolg Deiner Reiſe zufrie⸗ den ſein.“ „Gebe Gott, daß Letzteres der Fall iſt!“ ſagte der Ritt⸗ meiſter mit gepreßter Stimme.„Unſer alter Pfarrer hat mit ſeiner anfänglichen Geduld nicht lange ausgereicht und iſt ſchon zweimal ſeinen Wärtern heimlich entwichen, um nach Heidelberg zu laufen und ſeinen Sohn dort zu ſuchen. Man darf ſich ſchon glücklich ſchätzen, wenn er ſich damit begnügt, ſtundenlang auf der Landſtraße vor dem Dorfe auf⸗ und abzuwandeln, um den Heißerſehnten zu erwarten. Da er begreiflicherweiſe zu jeder Amtsthätigkeit unfähig iſt, ſo hat ihm die obere Kirchenbehörde einen jungen Vikar ge⸗ ſchickt, der einſtweilen ſeine Amtsgeſchäfte verſieht. Dennoch will er jeden Sonntag die Kanzel beſteigen und über das Evangelium vom verlorenen und wiedergefundenen Sohn predigen, ſo daß es immer die größte Mühe koſtet, ihn davon abzubringen. Abwechſelnd verweilt außerdem Einer ſeiner beiden in Heidelberg ſtudirenden Enkel bei ihm, ſo daß es ihm weder an Pflege noch Aufſicht fehlt.“ „Ich begreife nur Eins noch nicht ganz,“ ſagte die Tochter zögernd,„was nämlich dem armen Greis in ſeiner traurigen Geiſtesſtörung jene alten Akten nützen ſollen, auch wenn man ſie wirklich wieder auffände?“ Dieſer Bemerkung ſetzte der Rittmeiſter mit ſeiner mili⸗ täriſchen Entſchiedenheit den wohlbegründeten Einwand ent⸗ gegen, wie ein Fall, der nach ſo langen Jahren dieſe un⸗ erwartete Wendung genommen, ſchon für die davon zunächſt betroffenen Perſonen die möglichſte Aufklärung verdiene. Der Aeltere der beiden Enkel ſei ſogar entſchloſſen, ſobald man nur die unbekannte Stadt in den Niederlanden ausfindig gemacht haben werde, wo ſein Onkel in einem öffentlichen Spital Todes verblichen ſein ſolle, ſelber dorthin zu reiſen und an Ort und Stelle die genaueſten Nachforſchungen an— zuſtellen. Sterberegiſter würden dort gewiß nicht minder pünktlich geführt als in deutſchen Landen; und dann erſt, nach einem ſolchen, in der einen oder andern Weiſe ſicher hergeſtellten Thatbeſtand ließen ſich in dieſer Sache über⸗ haupt weitere Schritte mit Ausſicht auf Erfolg thun. Da⸗ hin gehöre beſonders ein in öffentlichen Blättern zu erlaſ⸗ ſender Aufruf des Vaters an ſeinen verſchollenen Sohn; einem ſolchen Aufruf aber müſſe die Zuſicherung völlig ſtraffreier Rückkehr in die Heimat beigefügt ſein, und eine Begnadigung könne man bei der Landesregierung nur auf Grund jener Akten zu erwirken hoffen. Denn wenn Eugen Zimmermann wirklich noch lebe, ſo halte ihn gewiß nur die Furcht vor Strafe und Entehrung ab, in die Arme ſeines alten Vaters zu eilen und deſſen Verzeihung für das große, ihm verurſachte Leid anzuflehen. „Was mir aber perſönlich als Hauptſache meiner Reiſe ———————— hierher am Herzen liegt,“ fügte Brandenſtein lebhaft hinzu, „iſt die Hoffnung, einen Mann in unſer Intereſſe zu ziehen, dem dieſer bedeutende Ruf als ſcharfſinniger Kriminaliſt und vorzüglicher Rechtsgelehrter zur Seite ſteht, wie dieß bei Deinem neuen Freunde, dem Regierungsrath Helmroth, in ſo hohem Grade der Fall iſt.— Seine reichen Erfahrungen in ſolchen dunklen Partieen des Menſchenlebens, ſeine weit⸗ hin gehenden Verbindungen, ſein bewährter Takt in ähn⸗ lichen, ſcheinbar unlöslichen Verwickelungen werden uns trefflich zu Statten kommen.“ In dieſer Weiſe rechtfertigte der Rittmeiſter den Eifer, womit er dieſe Angelegenheit betrieb; er verabredete dann noch mit der Tochter die Zeit, in der er morgen Vormittag mit ihr im Hauſe Helmroth's zuſammentreffen wolle, und begleitete ſie dann, da es ſchon ſpät am Abend war, in's Schloß zurück. Am Hauptportale nahmen Vater und Tochter herzlichen Abſchied von einander, der Alte küßte ſein ſchönes Kind gerührt auf die Stirne und ſagte: „Alles iſt zwar anders geworden wie ſonſt; anſtatt in Dein kleines, weißgetünchtes Stübchen gehſt Du nun hinauf in einen prächtigen Salon mit Gobelin⸗Tapeten und ver⸗ goldeten Möbeln, aber den Gutenachtkuß Deines Vaters ſollſt Du akkurat ſo haben wie früher, wenn Du ſchlafen gingeſt und ich dann mit der Mutter noch ein Stündlein aufblieb.“ Hiermit ſchied er von der Tochter, um in ſein Hotel zurückzukehren; ſie ſelber aber eilte, in Schleier und Mantel gehüllt, durch die nur ſchwach erleuchteten, hier und da von einer Schildwache in langſamem Schritt durchwandel⸗ ten Hallen und ſtillen Höfe des Reſidenzſchloſſes nach dem älteren Flügel hinüber, deſſen zweiten Stock die Prinzeſſin Aurelie mit ihrem Ehrenfräulein und ihrer Dienerſchaft be⸗ wohnte. —n — 7— Es fiel ihr auf, daß die Zimmer der Prinzeſſin ſchon erleuchtet waren, während ihr dieſe doch geſagt hatte, ſie werde erſt gegen Mitternacht von der Soirée bei der Gräfin Walderdorf zurückkehren, Serena möge ſie daher nicht erwarten, ſondern nach ihrer Rückkehr vom Vater ſich ſogleich zur Ruhe begeben.— Dennoch wollte dieſe zu⸗ vor nachſehen, ob etwa die Prinzeſſin, ihrer anfänglichen Abſicht entgegen, aus irgend einem Grunde früher zurück⸗ gekommen ſei; ſie eilte daher erſt auf ihr Zimmer, um Hut und Mantel abzulegen, dann ging ſie über den kleinen hintern Korridor, der aus ihrer Wohnung unmittelbar in das ſogenannte Bibliothekzimmer der Prinzeſſin führte, um durch dieſes in das daranſtoßende Kabinet derſelben zu ge⸗ langen.— Kein Lakai, keine Kammerjungfer war jedoch zu ſehen, Alles vielmehr todtenſtill und wie ausgeſtorben. Das Bibliothekzimmer ſelbſt, ein rundes Gemach mit großen gothiſchen Bücherſchränken von polirtem Eichenholz und einem mit wintergrünen Sträuchern und Topfpflanzen zu einer anmuthigen Stubenlaube umgewandelten Glaserker war zwar nicht erleuchtet; doch konnte Serena durch die halbgeöffnete Thüre in das erhellte Kabinet der Prinzeſſin blicken, woſelbſt, wie gewöhnlich, wenn die Herrin anweſend war, eine Argandlampe auf dem Tiſche vor dem Sopha brannte.— In der Erwartung, daß doch bald Jemand kommen müſſe, der ihr ſage, warum man ſchon ſo frühe die vordern Zimmer erleuchtet habe, ſetzte ſich Serena in den Erker hinter die grünen Myrthen⸗ und Lorbeerſträucher und blickte, das Haupt in die Hand geſtützt, zerſtreut auf die monderhellte Terraſſe hinaus, von welcher eine ſchmale Steintreppe in den unteren, Schloßgraben hinabführte. Bald war ihr Geiſt wieder ausſchließlich mit Dem be⸗ ſchäftigt, was ihr der Vater vorhin von der fernen Heimat erzählt hatte, und ein Gefühl tiefer Wehmuth beſchlich ſie —— — —————— = bei dem Gedanken an den alten treuen Freund und Lehrer ihrer Jugend, dem ſie ſo großen und innigen Dank ſchuldete. — Denn ſie war Jahrelang ſeine fleißige Schülerin gewe⸗ ſen; er hatte ſie nicht nur täglich in allen jenen Lehrgegen— ſtänden unterrichtet, welche den weiblichen Geiſt für das Leben in den gewohnten Formen und hergebrachten Ver⸗ hältniſſen bilden und vorbereiten; er hatte ihr auch ſpäter den Blick für ein höheres geiſtiges Verſtändniß dieſes Le⸗ bens geſchärft und erweitert; hatte aus dem Schatz ſeiner reichen Erfahrungen und ſeiner ſchlichten Weisheit in ihren Geiſt jene köſtlichen Fruchtkörner der Erkenntniß und Wahr⸗ heit geſenkt, die durch ein langes, dem Nachdenken über alle großen und wichtigen Fragen der Menſchheit gewid⸗ metes Leben hindurch bewahrt und aufgehoben, ſpäter einem jungen empfänglichen Gemüthe zehn- und zwölffachen Gewinn abwerfen; denn es empfängt ſie in friſcher Jugend leid- und mühlos als eine neue ſchöne Beſtätigung des immer wei— ter vorwärts ſtrebenden Menſchendaſeins von dem müden, zur Neige gehenden Alter, erfreut ſich ihrer Fülle, ihres Segens, und ahnt nicht die Schmerzen, die Kämpfe und Sorgen, womit jenes ſie einſt in rüſtigeren Tagen aus des Lebens dunklen Schachten heraufholen mußte. Ein edles dankbares Herz aber wird bei Leiden und Widerwärtigkeiten, die den Freund und Wohlthäter einer vergangenen Zeit treffen, nicht bloß der von ihm unmitt⸗ telbar empfangenen Beweiſe von Güte und Großmuth ge⸗ denken; es wird auch Alles, was ihm ſonſt noch ein guter Himmel an ſchönem und beglücktem Leben geſchenkt hat, Jenem zuſchreiben, um mit deſto innigerem Gefühle Gott um Abwendung der Noth vom Haupte dieſes theueren Men⸗ ſchen zu bitten. So war auch in Serena's ſtillen Betrachtungen der Uebergang von dem Schickſal ihres alten väterlichen Freundes — zu dem reichen unendlichen Glück ihres eignen Herzens nur dem Eindrucke zuzuſchreiben, den des Vaters erſchütternde Erzählung in ihr zurückgelaſſen hatte. Niemals zuvor in ihrem jungen Leben fühlte ſie es ſo lebendig als heute, wie das höchſte Glück eines Menſchenherzens faſt unmittel⸗ bar des Schickſals feindliche Mächte in ſeinem Gefolge hat, die ihre dunklen Trauertöne in den Jubel ſeiner Seligkeit miſchen und über die ſonnigen Auen ſeiner Liebe und Hoff⸗ nung aus nahverwandtem Leben herüber die Schatten der Trauer und Zerſtörung werfen.— Welch' ein hohes un⸗ endliches Glück hatte nicht gerade in jenen Tagen, da ihr alter Freund dieſem ſchrecklichen Verhängniß unterlag, das Füllhorn ſeiner Wonnen über ihr junges Daſein ausge⸗ ſchüttet! Wie war ihr im Beſitz des edelſten und treueſten Mannes nach einer Jugend voll Entbehrungen und theil⸗ weiſe ſchmerzlichen Erfahrungen das Leben in ſeiner lichte⸗ ſten Entfaltung aufgegangen, ſo daß es ſie noch jetzt zu⸗ weilen wie eine Ahnung beſchlich, ein ſo vollkommenes Glück könne keinen Beſtand haben und Sterne von ſo hel⸗ lem Glanze müßten bald wieder erbleichen!— Selbſt in dem Taumelleben des Hofes, umgeben von den Huldigungen einer falſchen äußerlichen Welt voll eitlen Schimmers und flüchtigen Genuſſes, hielt Serena an dieſem tragiſchen Ge⸗ fühl in ihrer Bruſt feſt; und mitten im Rauſche des Feſtes, in den Jubeltönen der Luſt und Fröhlichkeit erſchrak ſie oft plötzlich vor ihrem Glücke wie vor einer Vermeſſenheit, die ihr der neidiſche Himmel unmöglich verzeihen werde⸗ Da Bebra ſeit ihrem Eintritt in das neue Amt nicht mehr bei Hofe erſchien, weil er ſich wohl ſelber nicht mehr die Rolle des„ewig jungen Kavaliers“ gegenüber ſo vielen ſcharf beobachtenden und argwöhniſchen Blicken durchzu⸗ führen getraute, wußte es auch Serena nicht anders, als daß der Geliebte dieſer Welt der eitlen Täuſchung ebenſo — — 80 fremd ſei, wie ſie ſelber; ſo ſuchten ihn denn auch ihre ſehnſuchtsvollen Träume immer nur in ſeinem ſtillen Walde, wo ſie ihn einſam mit ſeinem ſeligen Herzen zurückgelaſſen hatte; und mehrmals ertappte ſie ſich mitten in einer glän⸗ zenden Quadrille, umflüſtert von bewundernden und ſchmei⸗ chelnden Stimmen, auf dem ſtillen Waldpfad zwiſchen grü⸗ nen hohen dunklen Fichten, deren Wurzelwerk ein ſchäu— mendes Waldwaſſer beſpülte, wie ſie, von ſeinem Arme umſchlungen, unter ſeinen glühenden Küſſen ſeitwärts das ſcheue Reh belauſchte, das weiter unten am Waſſer ſtand und neugierig verwundert zu den zwei ſonderbaren Geſtal⸗ ten, die ſich ſo feſt umfangen hielten, heraufblickte. Wo war er wohl jetzt?— Was that, was dachte er in dieſer Sekunde, wo ſie ihn mit allen feurigen und zärt⸗ lichen Wünſchen ihres Herzens herbeiſehnte und ein ſo le⸗ bendiges Gefühl ſeiner Nähe empfand, daß ſie unwillkürlich die Hand, die er ſo oft geküßt, an ihre brennenden Lippen drückte und in ſchwärmeriſchem Entzücken:„Auguſt, mein Geliebter!“ ſtammelte. Da, mitten in ihrem wachen Wonnetraum und durch⸗ zittert von allen ſüßen und mächtigen Gefühlen der erſten Jugendliebe, hört ſie plötzlich wieder jenes ſonderbare Geräuſch, das ihr von ihrem Zimmer aus, wenn Nachts Alles rings⸗ um ſtille, ſchon öfters aufgefallen iſt.— Zuerſt knackt es mehrmals ſchnell hintereinander, wie wenn Jemand un⸗ ten im Schloßgraben einen Schlüſſel herumdrehe, eine Vier⸗ telminute ſpäter gibt's einen hellen greinenden Ton, als wenn ſich Eiſen gegen Eiſen riebe; und wie Serena mit den Blicken die Urſache dieſes ſeltſamen Tons erforſchen will und durch das Erkerfenſter hinausſpäht, ſieht ſie eine hohe, dunkle Geſtalt in einem langen Mantel von der aus dem Schloßgraben heraufführenden Treppe auf die freie Terraſſe treten und die kleine eiſerne Thüre in der Brüſtung derſelben wieder zumachen, was jenes Greinen in den verroſteten Angeln verurſacht.— Dann geht die Ge⸗ ſtalt eilenden Fußes grade auf die kleine Pforte unter dem Erker zu, durch die man aus dieſem Theil des Schloſſes auf die Terraſſe gelangt; auf ein leiſes Pochen von Außen wird dieſelbe vorſichtig aber doch hörbar von Innen ge— öffnet— jetzt ſchleichende haſtige Schritte die ſchmale Treppe herauf, und jene männliche Geſtalt tritt raſch in das Bib⸗ liothekzimmer ein; hinter ihr ein Lichtſchimmer, bei welchem Serena, wie Jener eintritt, mit einem Blick die erſte Kammer⸗ frau der Prinzeſſin draußen auf dem Korridor erkennt, die alſo den Herrn heraufgeführt hat. Mit einer raſchen Be⸗ wegung wirft derſelbe Hut und Mantel auf einen der gro⸗ ßen Armſeſſel, die den runden Büchertiſch in der Mitte des Gemaches umſtehen, da hört Serena auch von dem Kabinet der Prinzeſſin her ein Geräuſch wie von eilenden Schritten und rauſchenden Frauenkleidern— die Thüre geht auf und in einem weißen loſen Nachtgewande tritt die Prinzeſſin in die halbdunkle Bibliothek; ſie fliegt Jenem an den Hals, umſchlingt ihn mit beiden Armen und ruft im Tone des zärtlichſten Vorwurfs: „Endlich— endlich, mein Roderich!— Ach, wie lange läßt Du mich heute auf Dich warten!— Anderthalb Stunden Einbuße an der kurzen Spanne Seligkeit in Dei⸗ nen Armen, iſt das nicht grauſam? Aber ich ſpreche den⸗ noch mit Shakeſpeare's Julia: O Wunderwerk, ich fühle mich getrieben, Den ärgſten Feind auf's Zärtlichſte zu lieben!“ „Verzeih, mein geliebter Engel, ich ſah noch kein Licht im Zimmer der Soubiron,“ ſagte die Stimme des Infor⸗ mators mit dem nämlichen Tone der zärtlichſten Vertrau⸗ lichkeit. „Serena iſt ſchon lange zurück,“ entgegnete die Prinzeſſin Müller, O., Roderich. II. 6 amm———————. 4 * 6 —— unter ſeinen glühenden Küſſen noch immer mit verſtelltem Schmollen.—„Ach, wär'ſt Du Romeo, wie ich⸗Deine Julia bin, Du hätteſt längſt dieſe übergroße Sorglichkeit abgelegt und ſprächſt mit Jenem: die Liebe wagt, was irgend Liebe kann“; während ich doch gewiß und wahrhaftig längſt Julia's Beiſpiele folgte und Dir zu Füßen legte all' mein Glück— und durch die Welt Dir folgte als Gebieter!— Aber komm', komm'! Ich bin ſchon, wie Du ſiehſt, nicht mehr Capulet, nicht mehr Montague, ſondern im leichten Abendnegligée Dein treues zärtlich liebendes Weib!“ Damit zog ſie ihn haſtig in das Kabinet, die Thüre ging ſchnell hinter Beiden zu, ſonſt würde wenigſtens Eins von ihnen den leiſen, nur halb unterdrückten Schrei gehört haben, womit Serena in einer Ohnmachtanwandlung die Augen ſchloß. Wie lange ihr bewußtloſer Zuſtand währte, wußte ſie nicht; als ſie wieder daraus erwachte, durchrieſelte ſie eine Eiſeskälte und ſie fühlte ſich zugleich wie gelähmt an allen Gliedern. Erſt mit dem Bewußtſein deſſen, was ſie vorhin geſehen und gehört hatte, kehrte ihr die Kraft zurück, ſich von ihrem Sitze zu erheben und mit zitternden Knieen aus dem Gemache zu ſchleichen. Sie öffnete leiſe die Thüre, durch welche Roderich vorher eingetreten war, aber— 0 Himmel!— dicht davor auf dem rothen Fließboden des Korridors ſtand ein ſilberner Leuchter mit einer brennenden Wachskerze, und drei Schritte weiter ſaß, in einen Mantel eingewickelt, die erſte Kammerfrau der Prinzeſſin ſchlafend auf einem Stuhle. Serena ſtockte der Athem; ſie mußte, wollte ſie ihr Zim⸗ mer gewinnen, an der Wächterin dieſes heimlichen Stelldich⸗ eins vorüber; aber der Gang war zu allem Unglück ſo ſchmal, daß ſie nothwendig mit ihren Kleidern an die der Kammer⸗ frau anſtreifen mußte, und wenn dieſelbe dann erwachte?! — Das Herz ſchlug ihr bei dieſem Gedanken wie ein Ham⸗ mer in der Bruſt— noch einen Moment ſtand ſie in dieſer ſchrecklichen Rathloſigkeit zögernd zwiſchen Thür und Pfoſten — bleiben konnte ſie nicht— vorwärts mußte ſie um jeden Preis— ſchon regte ſich die Schlafende, als wenn ſie den Luftzug aus dem Bibliothekzimmer verſpüre, auch das Licht am Boden flackerte unruhig hin und her; da plötzlich kam Serena in ihrer Todesangſt ein rettender Gedanke; ſie ſchlug ſchnell ihren langen weißen Kreppſhawl auseinander, hüllte ihren Kopf, ihre ganze Geſtalt hinein und huſchte dann ent⸗ ſchloſſen mit dem lautloſen flüchtigen Schritt einer Geiſter⸗ eeerſcheinung an der Schlafenden vorüber.— Was ſie be⸗ fürchtet hatte, geſchah; ſchon im nächſten Moment hörte ſie hinter ſich einen hellen Aufſchrei des Entſetzens, und der Kammerfrau zeternde Stimme rief: La dame blanchel la dame blanche!? Aber Serena war doch glücklich in der Dunkelheit entkommen und erreichte unerkannt und un⸗ geſehen ihr Zimmer. 8— ———— Jünftes Rapitel. Do das laute Aufſchreien der furchtſamen Kam⸗ merfrau, die in ihrem erſten Schrecken ganz den Kopf ver⸗ loren hatte und am wenigſten daran dachte, daß ſie durch einen ſolchen Spektakel das Gegentheil von dem erreiche, was in der heutigen Nacht ihres Amtes war, kamen bald alle Bewohner dieſes Schloßflügels in Allarm und herbei eilten, zum Theil in ſehr maleriſchen Koſtümen, der Schloß⸗ verwalter und der Küchenſchreiber, der Lichtkämmerer und die Weißzeugverwalterin, um zu hören, welche Bewandt⸗ niß es mit dem Schreckensruf von der„weißen Frau“ gehabt habe.— Denn ſeit vielen Jahren hatte ſich die immer ein Unheil verkündende Ahnfrau des fürſtlichen Hauſes nicht mehr gezeigt und noch niemals, ſoweit über⸗ haupt die Geſpenſterchronik des Schloſſes in die Vergangen⸗ heit hinaufreichte, in dieſem Flügel. Da ihnen aber die Kam⸗ merfrau, ſchnell ihren ſchrecklichen Fehler innewerdend, vor⸗ ſpiegelte, ſie ſei drinnen im Bibliothekzimmer Ihrer Durchlaucht eingeſchlafen und habe, plötzlich aus einem angſtvollen Traume erwachend, in ſchlaftrunkenem Zuſtand laut aufgeſchrieen, ſo beruhigten ſich die erregten Gemüther wieder, man gratu⸗ lirte ſich gegenſeitig zu dem blinden Schreckſchuß, gelobte einander ſtrengſte Geheimhaltung, und die alte abergläu⸗ biſche Kammerzofe, die fortwährend trotz ihrer Luſtigkeit auffallend an allen Gliedern zitterte, dankte Gott, als ſich die Leute wieder entfernten. Zum Scheine zog auch ſie ſich auf ihre Stube zurück, von wo ſie jedoch gleich nachher durch das helle Klingeln der Schelle in die Appartements Ihrer Durchlaucht gerufen wurde, gewiß nur, um dort Aufklärung über den eben ſtattgefundenen Lärmen auf dem Korridor zu geben.— So war denn vor Serena's Blick der Schleier vollends geſunken und ihre ſchreckliche Ahnung wurde zu einer Ge⸗ wißheit, der ſich ihr Herz mit allen Gründen der Vernunft, allen Gegenreden der wärmſten Sympathie und Freund⸗ ſchaft nicht länger mehr erwehren konnte. Ein ganz anderes Geſpenſt als das der alten Ahnfrau trat plötzlich mit allen Schrecken der Wirklichkeit in ihr ſo lange harmloſes Leben ein; und zum erſten Mal empfand ſie die Gewalt von Verhältniſ⸗ ſen und fremden Schickſalsverkettungen, die das unſchuldige, dem ſchönen Glauben an die edle unverſtellte Menſchen⸗ natur vertrauende Herz ſchon durch die bloße ſtille Mit⸗ wiſſenſchaft mit einer Angſt erfüllen, wie ſie ſonſt nur das eigene Schuldbewußtſein kennt; ja, vielleicht noch drückender und qualvoller für den unſchuldigen Theil, der den unmit⸗ telbaren, ſeinen eignen reinen Gefühlen widerſtrebenden Eindruck davon empfängt, als für Jene, die es erleben und längſt darin den geheimen Zuſammenhang zwiſchen der äußeren gebietenden Nothwendigkeit und einer freien Her⸗ zenswahl aufgefunden haben. Serena dagegen, das Kind mit den klugen Augen und der erſten ſchwärmeriſchen Jugendliebe im Herzen, erlebte nach dieſem Abend die ſchrecklichſte Nacht ihres jungen Da⸗ ſeins; und der Gedanke, von jetzt an und in Zukunft mit⸗ ten in einem ſo ſchickſalsvollen, allen Verhältniſſen, Ord⸗ nungen und Anſichten der Welt widerſtreitenden Geheimniß als wiſſender Zeuge dazuſtehen, erfüllte ſie mit einer Angſt, als wenn ſie ſelber einen ſolchen Kampf mit der Welt auf⸗ nehmen ſollte.— Das alſo war das unheimlich bange Gefühl geweſen, welches ihr der Informator von Anfang an einflößte; darum hatte ſie ſchon ſeine erſte Erſcheinung wie die eines Menſchen berührt, der von der Vorſehung dazu beſtimmt ſei, einen großen Einfluß auf ihr Schickſal auszuuben? Darum war ihr aber auch an der Prin⸗ zeſſin immer ein fremdes räthſelhaftes Weſen aufgefallen, wenn Roderich anweſend war und durch den Eindruck ſeiner Perſönlichkeit Aurelien ſo befangen und verſchüchtert machte! — Und dieſen Mann, den die Meiſten bei all' ſeinem Geiſt und ſeiner Bildung für einen gelehrten Sonderling, Manche ſogar für einen verſchloſſenen Charakter hielten, liebte eine Frau, wie Aurelie, mit der ganzen Glut und Innigkeit einer erſten ſchwärmeriſchen Liebe?— Fürwahr, hätte es Serena nicht am heutigen Abend mit ihren Augen geſehen und mit ihren Ohren gehört, ſie würde es eher für das Gaukelbild eines neckiſchen Traumes, als für wahr oder auch nur für möglich gehalten haben: ſo ſehr war ſie davon überzeugt, daß es nicht leicht in der Welt zwei ſo ganz von einander verſchiedene Menſchen geben könne, wie dieſen ſcheuen und äußerlich ſo kalten Roderich, dem ſie niemals eine zärtliche Empfindung zugetraut hätte; und jenes von allen ſchönen und ſchwärmeriſchen Gefühlen überſprudelnde Herz der Freundin, die ihr ſeither als das Ideal der von Geiſt und hohem Seelenadel verklärten edlen Weiblichkeit erſchienen war. Darum ſträubte ſich aber auch Serena's Herz, Dank dem Genius der eignen reinen Liebe, fortwährend vor dem ſchrecklichen Gedanken, daß eine falſche, eine unwürdige Leidenſchaft die Prinzeſſin ſo ſehr verblendet haben könne, um ſich mit ſolcher Glut und Innigkeit einem Manne hin⸗ zugeben, deſſen Lebensſtellung ſo wenig als ſeine äußere Erſcheinung dieſen ſo ſeltenen Vorzug rechtfertigen konnte. Roderich mußte daher, anders konnte ſie ſich das Räthſel dieſes geheimen Liebesverhältniſſes nicht erklären, in Wahrheit ein anderer Menſch ſein, als der er der Welt gegenüber erſchien; es mußten ſich hinter dieſer kaltver⸗ ſchloſſenen Perſönlichkeit Eigenſchaften des Geiſtes und Her⸗ zens verbergen, die ihm eine ſolche Gewalt über ein Herz einräumten, das in ſeinen Zuneigungen für, in ſeinen An⸗ ſprüchen an die Menſchen doch wahrlich nicht zu den hin⸗ gebenden und genügſamen zählte, und das außerdem ein an ſchmerzlichen Enttäuſchungen reiches Leben gewiß bei der Anknüpfung eines ſo gefahrvollen Verhältniſſes doppelt vorſichtig gemacht hatte. Dieſer Glaube an den hellſehenden, über die Vorur⸗ theile und Irrthümer der Welt erhabenen Geiſt in einem edlen, liebenden Frauengemüth behielt endlich auch bei Se⸗ rena die Oberhand über die angſtvollen Zweifel gegen eine Liebe, die ihr ſcheues Geheimniß ſo tief in die Schatten der Nacht verhüllen mußte, daß ein junges unſchuldiges Mädchen⸗ herz beinahe davon ſelber, wie von einer geſpenſtiſchen Er⸗ ſcheinung, berührt und ergriffen wurde. Bis zum Anbruch des Morgens quälte ſich Serena mit ſolchen angſtvollen Bildern und Vorſtellungen ab, ehe die fieberhafte Unruhe ihres Blutes nachließ und die Müdig⸗ teit der phyſiſchen Natur die Aufregung und Spannung ihrer Seele überwand. Endlich ſchlief ſie zwar ein, hörte aber doch noch nach einiger Zeit mit halbem Bewußtſein das wohlbekannte ſchrille Geräuſch der eiſernen Gitterthüre auf der Terraſſe, das indeß auf ihre erſchöpften Sinne und Lebensgeiſter nur einen traumartigen Eindruck machte, mit dem ſich gleich nachher die Geſtalt des Geliebten ver⸗ webte, der, in ſeinen grünen Jagdmantel gehüllt, auf dem nämlichen geheimen Weg, wie zuvor der Informator, zu ihr in's Schloß geſchlichen kam, um ſie auf ſchwindelndem —,— —— —— ——— Steg über einen dunklen Abgrund hinüber ſicher und wohlbehalten mit ſtarken Armen in ſeinen ſtillen friedlichen Wald zu tragen, wo eben der Frühling in ſeiner ganzen wonnigen Schönheit erwacht war, der erſte ihres treu⸗ innigen Liebesbundes.— Daß aber wenigſtens ein Theil dieſes holden Morgen⸗ traumes nach der ſo angſtvoll durchlebten Nacht ſich am folgenden Tage erfüllen möge, dafür ſorgte ein anderes, nicht weniger heißes und gleichfalls in dieſer Nacht von allerhand unruhigen Träumen und angſtvollen Bildern verfolgtes Herz, als wenn es ihm ſein innerer Sinn ge— weiſſagt hätte, daß die Geliebte ſeiner Nähe bedürfe. Vielleicht mochte hieran das Geſpräch ſchuld ſein, wel⸗ ches der Freiherr am vorhergehenden Abend mit der Groß⸗ mutter gehabt hatte, nachdem ſich Onkel Reudegen früher als gewöhnlich in Folge einer Erkältung in ſein Schlafzim⸗ mer zurückgezogen und die Beiden, gemüthlich über dieß uud jenes plaudernd, noch beiſammen ſaßen. Bald war Serena auch heute wieder der ausſchließliche Gegenſtand ihrer Unter⸗ haltung, zumub ate reitende Brieſpoſt an dieſem Tage nur Amtsbriefe im Forſthofe abgegeben hatte, ein Umſtand, der natürlich bei einem ſeither ſo regelmäßig eingehaltenen Brief⸗ wechſel nicht ohne ſorgliche Muthmaßungen von der einen, nicht ohne tröſtende Auslegungen von der andern Seite bleiben konnte. Zuerſt haderte Frau Dionyſia mit dem Enkel wegen ſeiner übergroßen Aengſtlichkeit und meinte, wenn er ſo fortfahre, ſich um Richts und wieder Richts Sorge zu ma⸗ chen, werde er noch eher untern Pantoffel, als Serena unter die Haube kommen. Sein Schatz ſei gut aufgehoben; und wenn das Hoffräulein einmal einen Tag zu ſchreiben unterlaſſe, ſo könne daran ebenſo gut eine kleine Schnitt⸗ wunde am Finger, als der Schloßkaminfeger ſchuld ſein, ————— der gerade zur Stunde, wo ſie ſonſt zu ſchreiben pflege, ihren Ofen geputzt habe, ſo daß ſie darüber nothwendig die Poſt habe verſäumen müſſen. „Aber ſo ſeid ihr verliebten Männer von heutzutage!“ rief ſie dann in ihrer bekannten gutmüthig eifernden Art. „Erſt ſpielt ihr die Flatterhanſe und Weiberhaſſer und thut Wunder wie groß mit eurer ſtolzen Unabhängigkeit, kaum aber hat der alte ſpröde Junggeſelle Mondſchein ge⸗ rochen, ſo ſeufzt er aus einer ſentimentalen Tonart in die andere und kommt aus der Wertheriade und den ſelbſtmör⸗ deriſchen Gedanken gar nicht mehr heraus!— Auch darin war die Menſchheit zu meiner Zeit anders und Dein Groß⸗ vater ſelig verbat ſich's ſogar auf's Nachdrücklichſte, daß ich ihm jemals ſo einen verliebten und verwaſchenen Wiſch in's Haus ſchickte. War's auch nicht ganz galant, ſo war's je⸗ denfalls ſehr aufrichtig von ihm; denn er verglich den Brautſtand immer mit den ſieben fetten, den Eheſtand aber mit den ſieben mageren Kühen Pharaoni's und meinte, Brautleute hätten ſchon an der Einbildunn von ihrem Glücke genug und ſollten ſich ihren Vorrat, Sentiments und zärtlichen Gefühlen auf eine ſpätere, weniger ausgie⸗ bige Zeit verſparen, wo's dann Eins dem Andern oft gar herzlich danken werde, wenn noch ſo ein verliebter Schluch— zer aus dem Sparhafen der alten Glückſeligkeit heraus⸗ ſpränge.— Nur eine Sorte von Billets d'amours ließ er gelten; doch waren das nichts weiter als abſcheuliche Fratzen, Tintenkleckſe und Federzeichnungen im Geſchmack der alten Studenten. Aber doch ſag' ich Dir, Guſt, es war mehr Vernunft und wahres Gefühl in dieſem einfachen Briefſtyl, als in Euren auf roſa Seidenpapier gemalten Schmachtbriefchen mit den verwiſchten Thränenſpuren und den hohlathmigen Liebesſchwüren!— Oft beſtand ein ſol⸗ ches Billet d'amour in nichts weiter als einem mit der „— —0 Feder gezogenen Kreis, der die Ewigkeit vorſtellte, in deſſen Mitte eine große rothe Oblate geklebt war, die den Mund und Kuß zugleich bedeutete. Hatt' ich's aber jezuweilen in etwas bei meinem Herrn Galan verſehen und er ſchmollte mit mir, ſo malte er einen Boreas mit gewaltigen Pausbacken, der blies einen ganzen Sack voll Sturm und Grimm gegen mich aus. Meine Antwort darauf waren zehn geſpreizte Krallenfinger; dann malte er mir wohl eine Hechel, wofür ich ihm eine mit Diſteln bekränzte Schlafmütze zurückgab, und was dergleichen einfache, aber höchſt verſtändliche ſinn⸗ bildliche Liebesbekenntniſſe mehr waren.“ Trotz des leichten Humors, womit Frau Dionyſia die Verſtimmung des Oberjägermeiſters durch das Beiſpiel ſei⸗ nes im Punkt der zärtlichen Herzensbedürfniſſe ungleich einfacheren und anſpruchsloſeren Großvaters zu verſcheuchen ſuchte, war ſie doch im Stillen überglücklich, zu ſehen, wie der ſo lange kaltſinnige Verächter aller empfindſamen Ge⸗ fühle und verliebten Launen auf einmal ſo trübſelig den Kopf hängen ließ und ſich kaum noch ſeiner ſentimentalen Grillen vor der böſen Großmutter zu ſchämen ſchien. „Was meinſt Du, Guſt?“ ſagte dieſe, mehr um ihn momentan zu zerſtreuen, als daß ſie ernſtlich geglaubt hätte, er werde auf ihren Einfall eingehen.—„Wenn Du Dich morgen bei guter Zeit auf Deinen Rappen ſetzteſt und nach der Reſidenz ritteſt, um bei Deinem Schatz einmal nach Feuer und Licht zu ſehen?— Du könnteſt Dich dann ſelber überzeugen, daß Deine Unruhe um Serena nur aus Dei⸗ nem eignen Blute herrührt und durchaus nichts mit dem Wohlbefinden unſeres lieben Mädels zu ſchaffen hat? Nimm Dich aber bei Leibe in Acht und laſſ' ſie ja nicht merken, daß Dich das Liebesfieber plagt, ſonſt kriegt ſie's am Ende auch und deſertirt bei Nacht und Nebel vom Hofe davon.“ „Wäre ſie doch nimmer dorthin gegangen!“ rief der — — 2—— 0 Freiherr, ſeinem gepreßten Herzen endlich Luft machend, in vollem Ernſte.„Ich weiß nicht, was mir ſo unruhig im Blute rumort, daß ich lieber jetzt gleich, als erſt morgen früh nach der Stadt reiten möchte; aber Eins weiß ich da⸗ für um ſo gewiſſer, daß mich dieſe beſtändige ſorgenvolle Ungewißheit, ob ſich Serena auch wirklich in jenen Kreiſen glücklich fühlt, zuletzt noch zum veritablen Hypochonder ma⸗ chen wird. Uns kann ſie natürlich nicht ſagen, es gefalle ihr dort nicht, denn wir— wir haben ſie ja hingeſchickt!“ „Ei ſieh doch mal an, wie man ſich ſelbſt noch in ſei⸗ nen alten Tagen irren kann! Ich dachte wirklich, das Pulver ſei längſt erfunden!“ ſprach Frau Dionyſia kopf⸗ ſchüttelnd, wobei ſie ihren Enkel groß und erſtaunt an⸗ blickte.—„Wer war's doch, der die Serena der Frau Landgräfin kaperte?— Und wer hat ſpäter mit dem ſchö⸗ nen Hoffräulein dieſen heidniſchen Prunk treiben wollen und ihm mit echt freiherrlicher Galanterie die koſtbaren Brillanten, Türkiſen und Perlen verehrt? Ja, Herr Jägerlateiner, wer hat dem armen Geſchöpf die goldene Kette der Frau Landgräfin um den Hals gelegt: Er oder wir?“ „Aber nun weiß ich, Guſt, wo Dich der Schuh drückt!“ fuhr ſie, ihm keine Zeit zu einer Antwort laſſend, noch lebhafter fort, da der Freiherr ſie bei dieſem unverhofften Einwand betroffen anſah und nicht wußte, wie er ſich ge⸗ gen dieſe ſchwere Anklage vertheidigen ſollte.—„Du bereu'ſt jetzt bloß, daß Du Deinen Schatz ſo propre mit Pretioſen ausgeſtattet haſt, weil Du denkſt, ein anderer Kavalier bei Hofe könne am Ende den nämlichen Geſchmack an dem ſchönen Mädel finden, wie Du ſelber?— Ach, Guſt! Guſt! Iſt es ſchon ſo weit mit Dir gekommen? Dich plagt nichts weiter als die blaſſe Eiferſucht; denn jetzt erſt fällt Dir auf einmal ein, wo Du eigentlich die — Serena hingethan haſt, an einen Hof, der von galanten und liebenswürdigen Don Juane wimmelt, wo man faſt bei jedem Schritt einem ſchmachtenden Amoroſo oder zärt⸗ lichen Cicisbeo auf die empfindſamen Hühneraugen tritt und wo das Geſchäft der Courtoiſie ſo recht en gros florirt!“ „Ich und— eiferſüchtig!“ rief der Freiherr halb be⸗ ſtürzt, halb beluſtigt über dieſen Verdacht der Großmutter, der vielleicht— er wußte es ſelber kaum— doch nicht ſo ganz unbegründet war, als er ſich's ſelber eingeſtehen mochte. Aber nur einen Augenblick währte dieſer Zweifel an ſeiner eignen beſſeren Kenntniß desjenigen Gefühls, . welches ihm dieſe Unruhe verurſachte, und mit heiterer Zuverſicht ſagte er: „Wär' es wirklich Eiferſucht, was mich plagt, ſo ver⸗ diente ich ſchon Deinen Spott und zwar gehörig!— Nein, nein, beſte Großmutter, das iſt es nicht, was mich um Serena's willen beunruhigt. Aber es wird ſich ja Alles finden, wenn ich morgen zu ihr komme; wüßt' ich nur ſchon, wie es anfangen, ſie zu ſehen, ohne der Prinzeſſin meine Aufwartung machen zu müſſen.“ „Das wirſt Du doch bei Gott nicht unterlaſſen wol⸗ len?“ fuhr Frau Dionyſia erſchrocken auf. „Aber dann erreiche ich meine Abſicht nicht, Serena ohne Zeugen zu ſprechen,“ ſagte der Freiherr unſchlüſſig. „Und doch iſt dieß von Allem die Hauptſache! Daher wird's wohl am beſten ſein, ich gehe Nachmittags in's Schloß, wenn der Prinz nach der Tafel Unterricht bei ſei⸗ ner Mutter empfängt und Serena auf ihrem Zimmer ver⸗ weilt.“ „Halt's meinethalben mit der Prinzeſſin wie Du willſt,“ ſagte Frau Dionyſia nach kurzem Ueberlegen.„Nur thu' mir das Eine zuliebe und beſuche wenigſtens den Herrn — E — 5 — 93— Informator. Es iſt nicht bloß Deine Schuldigkeit, ihm eine Gegenviſite zu machen und Dich nach ſeinem Befinden auf die neuliche Affaire mit dem Strauchdieb im Walde zu er⸗ kundigen wir müſſen uns auch um Serena's willen den Doktor Roderich zum Freunde erhalten. Denn ſo wenig ich ſonſt von ihm und ſeiner Stellung bei Hofe weiß: das Eine hab' ich doch bei ſeinem neulichen Hierſein bald ge⸗ merkt, daß ein ſolcher bedeutender Menſch an jedem Platz in der Welt einen großen Einfluß auf ſeine Umgebung ausübt. Aeſtimir' ihn mir darum ja und richt' ihm auch von mir ein Kompliment aus.“ Gern verſprach er ihr das und verſicherte ſie, daß ihm auch ohne die Rückſicht auf Roderich's einflußreiche Stel⸗ lung bei Hofe die Fortſetzung des bereits angeknüpften Verkehrs mit dem geiſtvollen, intereſſanten Mann nur er⸗ wünſcht wäre, worauf ſie ſich gegenſeitig gute Nacht ſagten und Jedes, zufrieden mit der getroffenen Verabredung, die Ruhe ſuchte.— Es war ein klarer duftiger Wintermorgen, da der Frei⸗ herr ſich auf's Roß ſchwang, um nach der Reſidenz zu reiten und nach ſeinem Liebchen zu ſehen, das, Dank den Verlockungen der eitlen Weltluſt, den Leichtſinn und die Flatterhaftigkeit bereits ſo weit trieb, ihn ganze vierund⸗ zwanzig Stunden lang ohne ein zärtliches Billetdoux zu laſſen!— Je näher er indeſſen ſeinem Ziele kam, um ſo mehr verlor ſich ſeine innere Unruhe, ſein Herz zitterte vor Freude und Ungeduld dem Augenblick entgegen, wo er das holde ſüße Weſen nach einer Ewigkeit von ſo vielen Tagen, Stunden und Minuten wieder in ſeine Arme neh⸗ men und es ſein eigen nennen dürfe— ach, der arme Freiherr büßte zwar ſpät, aber wahrlich nicht gering für ſeine ſo lange ſtandhaft behauptete ſtolze Freiheit und ſein vermeſſenes Junggeſellenthum!— Konnte er ſich doch kaum ———— — einer gelinden Verzweiflung erwehren, wenn er ſich vor⸗ ſtellte, was wohl ſein Freund Claudius bei ſeinem Erſchei⸗ nen für ein abſcheulich ſpöttiſches und triumphirendes, oder gar für ein erbarmungslos mitleidiges Geſicht ſchneiden würde, er, dem eine Rebhuhnpaſtete, ein farcirter Kapaun ungleich reizender und verführeriſcher dünkte, als alle Hoch⸗ gefühle der Liebe, alle Schwärmerei empfindſamer Herzen! Er war darum auch ordentlich froh, als er bei ſeiner Ankunft in der Wohnung des Freundes erfuhr, derſelbe ſei vor einer Stunde in's Schloß gerufen worden; denn ſo konnte er ihm eine Ueberraſchung bereiten und dadurch verhindern, daß Claudius den erſten Trumpf gegen ihn ausſpiele. Er befahl daher dem Bedienten, ſeinem Herrn bei deſſen Rückkehr nichts von ſeiner Ankunft zu ſagen und begab ſich dann hinauf in die Zimmer des Freundes, wo er ſich nach dem Geſchmack deſſelben ſo bequem und behag⸗ lich einrichtete, als es ihm in der Eile möglich war. Er vertauſchte ſeinen Reitrock mit des Freundes koſtbarem Brokat, ſchlüpfte in die bunten pelzverbrämten Aſtrachan⸗ ſtiefel, ſtopfte ſich eine lange türkiſche Pfeife mit dem fein⸗ ſten Levanteknaſter, ſetzte die goldgeſtickte grüne Sammet⸗ mütze auf und warf ſich dann in der behäbigen Attitüde des Freundes in den weichen Divan, ſo daß er in dieſer überaus getreuen Kopie kaum von ſeinem üppigen Origi⸗ nale zu unterſcheiden war. Als wenige Minuten ſpäter Claudius die Thüre öffnete, war er in der That von dem Anblick ſeines Doppel⸗ gängers ſo ſehr überraſcht, daß er einige Schritte zurück⸗ prallte, dann aber auf den Freund zuſtürzte und ausrief: „Gott ſei Dank, Auguſt, Du kommſt mal zur guten Stunde!“ „Was iſt?“ rief der Oberjägermeiſter aufſpringend, dem die große Erregtheit des Freundes ſogleich auffiel. —— „Eine verteufelte Geſchichte, die Dich übrigens perſön⸗ lich nichts weiter angeht,“ entgegnete dieſer zu ſeinem Troſte.„Das ganze Schloß iſt in Allarm, und doch weiß eigentlich kein Menſch zu ſagen, was er davon denken ſoll! Es iſt ein Doppelſpuk der räthſelvollſten Art; denn nicht allein hat ſich in der vergangenen Nacht die weiße Frau gezeigt und zwar dicht vor den Zimmern der Prinzeſſin und ihres Hoffräuleins; auch die Schildwachen haben beim Grauen des Morgens eine männliche Geſtalt durch die kleine Pforte unter dem Erkerfenſter Ihrer Durchlaucht über die Terraſſe nach der Treppe eilen ſehen, die in den unteren Schloßgraben hinabführt. Jene Pforte aber iſt am geſtrigen Abend, wie an jedem anderen Abend, eigenhän⸗ dig von dem Portier verriegelt worden und ebenſo iſt die untere Treppenthüre, die in den Schloßgarten hinausgeht, regelmäßig verſchloſſen.“ „Nun— nun— aber Serena— warum ſagteſt Du, daß ich zur guten Stunde käme?“ fragte der Freiherr, deſſen angſtvolles Weſen einen geradezu komiſchen Kontraſt zu ſeiner fremdartigen Toilette bildete. „Beruhige Dich, Dein Liebchen hat einen ſehr geſunden Schlaf, Guſt,“ ſagte der Schalk.—„Denn von allen Leuten, die mit der Prinzeſſin jenen Schloßflügel bewohnen, iſt ſie die einzige geweſen, die das Zetermordio nicht hörte, welches die Kammerfrau beim Anblick der weißen Frau ausgeſtoßen hat. Sie ſieht nur ein Bischen blaß und angegriffen aus in Folge des Schreckens, den ihr die Alte⸗ ration der Prinzeſſin bereitet hat, welche über den ver⸗ wünſchten Spuk ganz außer ſich ſein ſoll. Denn die Kam⸗ merfrau, die ſich erſt auf's Leugnen verlegte, hat endlich eingeſtanden, daß das weiße Geſpenſt unmittelbar aus dem Bibliothekzimmer dicht an ihr vorüber nach dem Korridor geeilt ſei.“ — ——————————— „Aber wer iſt denn die zweite Spukgeſtalt geweſen, die im Morgengrauen?“ fragte Bebra, noch immer in großer Aufregung. „Gelt, die iſt Dir auch intereſſanter als die andere,“ entgegnete Claudius, den Freund mit wichtig bedenklicher Miene anſehend.—„Aber bis zur Stunde hat Niemand über dieſe räthſelhafte Erſcheinung eine auch nur annähernd wahrſcheinliche Auslegung gefunden, obwohl ſtark zu ver⸗ muthen iſt, daß die männliche Geſtalt im langen dunklen * Mantel und die weiße Frau in einem geheimnißvollen Cauſal⸗ Nexus miteinander ſtehen und ſicherlich mehr Fleiſch und Blut, 3 als Knochengeripp und Grabesmoder, bei dem ganzen Spuk im Spiele Iſt. Uebrigens hat Seine Hochfürſtliche Durchlaucht die ſtrengſte Unterſuchung angeordnet, um den verwegenen Nachtwandler herauszubringen, der zu dieſer ungewöhn⸗ lichen Zeit, allen verſchloſſenen Thüren zum Trotze, in den Schloßgraben gelangt iſt. Denn an keinem der Schlöſſer findet ſich auch nur die geringſte Spur einer Verletzung, . und auch ſonſt exiſtirt überhaupt nur ein einziger Aus⸗ gang aus dem Schloßgraben hinauf nach der Straße, Apropos! Du weißt wohl noch gar nicht mal, daß Dein Schwiegervater, der Rittmeiſter Brandenſtein, ganz inkog⸗ nito hier iſt?— Derſelbe habe, wie mir Serena anver⸗ traute, ein wichtiges Geſchäft mit dem Regierungsrath Helmroth abzumachen; und ſo trifft ſich's ja außerordent⸗ lich glücklich, daß Du gerade heute hierherkommſt. Die Hoftafel iſt abgeſagt, die Prinzeſſin befindet ſich unwohl und hat Serena für den ganzen Tag beurlaubt, damit ſie ſich ausſchließlich ihrem Vater widmen könne— und nun ß noch der Herzallerliebſte dazu!“ Die unverhoffte Nachricht von Brandenſtein's Anweſen⸗ heit in der Reſidenz verſetzte den Oberjägermeiſter in keine deſſen Thüre man gleichfalls verſchloſſen gefunden hat.— ———— ——2 geringe Freude, und es wurde ſogleich zwiſchen Beiden be⸗ rathſchlagt, wie man das glückliche Zuſammentreffen ſo vieler günſtigen Umſtände am beſten benützen möge. Zuletzt entſchied Elaudius dahin, nicht bloß der Freund, ſondern auch Vater und Tochter ſeien am heutigen Tage ſeine lieben Gäſte und müßten mit ſeiner Junggeſellenwirthſchaft vorlieb nehmen: „Dann ſind wir ungeſtört entre nous, und ich will ſchon dafür ſorgen, daß der Alte kein allzuſtrenges Auge auf euch hat. Am Nachmittag laſſe ich für euch die rothe Stube heizen, und dort kannſt Du dann nach Herzensluſt mit Deinem Schatz plaudern und charmiren, wohlverſtan⸗ den mit dem einen Vorbehalt, daß Du immer daran denkſt, wo Du Dich befindeſt!“ Wir ſchildern nicht das Entzücken Serena's, als ſie bald nach ihrer Ankunft in Helmroth's Hauſe, wohin ſie den Vater in einem herrſchaftlichen Wagen von deſſen Gaſt⸗ hof abgeholt hatte, durch den Garde⸗du⸗Korps⸗Kapitän ſelber die Nachricht von Bebra's Anweſenheit erhielt.— Kaum konnte ſie der Freundin und deren Mann die Bewe⸗ gung ihres Innern verbergen; und ohne die wichtige Ange⸗ legenheit des Vaters, der ſich bald mit Helmroth auf deſſen Arbeitszimmer zurückzog, wäre ſie gewiß nicht im Stande geweſen, bei der Regierungsräthin länger als eine Stunde unter harmloſem Geplauder die heiße Ungeduld ihres Her⸗ zens zu bezähmen. Endlich kehrte der Vater, ſichtlich zu⸗ frieden mit dem Erfolg ſeiner Unterredung, in das Wohn⸗ zimmer zurück, und obwohl es auch von Seiten Helmroth's und ſeiner Frau nicht an dringendem und herzlichem Nö⸗ thigen zum Dableiben über den Mittag fehlte, war doch die Anweſenheit des Oberjägermeiſters für Brandenſtein triftiger Entſchuldigungsgrund genug, um ſich mit der Tochter von den neuen Freunden zu beurlauben und Je⸗ Müller, O., Roderich. II. 5 nen in der Wohnung des Garde⸗du⸗Korps⸗Kapitäns auf⸗ zuſuchen. Welche glückliche Stunden des langentbehrten ungeſtörten Zuſammenſeins verlebten nicht die beiden Liebenden, nachdem ſie ſelbſt die Anweſenheit des befreundeten Hageſtolzen nicht abgehalten hatte, ſich einander in der erſten ſtürmiſchen Freude des Wiederſehens in die Arme zu ſinken und dadurch dem erklärten Feind aller empfindſamen Gegenſeitigkeit ein Schauſpiel zu gewähren, das dem blonden Junggeſellen in ſeiner angeborenen Scheu und Blödigkeit vor dergleichen zärtlichen Eindrücken alles Blut in die Wangen trieb.— In ſeiner jungfräulichen Herzensangſt, um nur nicht noch weiter Zeuge einer ſo entſetzlichen Verleugnung aller Schick⸗ lichkeit und Honnéteté ſein zu müſſen, drängte er den Freund ſammt der holden Mitſchuldigen in die rothe Stube und hätte beinahe, ſo groß war ſeine Verwirrung über dieſe Profanirung ſeiner Junggeſellenwohnung, hinter Bei⸗ den den Schlüſſel umgedreht. Auch wir überlaſſen ſie ihrem Glücke; zählen weder die Küſſe, die Schmeichelworte und freudig verklärten Blicke, die da drinnen getauſcht werden; noch ſchleichen wir wie der blonde Garde⸗du⸗Korps⸗Kapitän, ſo oft es ihm die Rückſicht gegen ſeinen andern Gaſt geſtattet, an die Thüre, um mit der Neugierde eines echten Hofmanns, der zugleich Junggeſelle iſt, zu lauſchen, was die beiden Verliebten eigentlich ſo lang und eifrig miteinander zu flüſtern haben; denn es iſt, beim keuſchen Licht Dianen's, das erſte Stell⸗ dichein, das ihm Herzklopfen verurſacht; er ſelber hat es ja gewiſſermaßen provozirt, und fühlt ſich darum geängſtigt, als ſolle er nun die volle Verantwortung dafür tragen! Endlich zeigt der Bediente an, daß die Suppe aufge⸗ tragen iſt. Zum großen Erſtaunen Brandenſtein's, der ſich ſchon lange die auffallende Unruhe und Zerſtreutheit in — 99— dem Weſen ſeines Wirthes gar nicht erklären kann, ſtürzt Claudius nach der rothen Stube hinüber, reißt weit die Thüre auf und ruft mit einer Stimme, als wolle er ſeine Grenadiere gegen eine feindliche Batterie kommandiren: „Meine Herrſchaften, wenn's gefällig iſt, zu Tiſche!“ Die beiden Liebenden, eben im zärtlichſten Téte à Téte begriffen, fahren erſchrocken auseinander; Serena wird glühend roth, denn Jener muß es noch geſehen haben, wie ſie eben in einem langen innigen Kuß den Arm um Bebra's Hals geſchlungen hat. „Bitte tauſendmal um Entſchuldigung, wenn ich ſtöre!“ ſtottert der Hageſtolz in einer Zerknirſchung, die mit ſeiner martialiſchen Figur und den großen waſſerblauen Augen einen unbeſchreiblich komiſchen Kontraſt bildet;—„aber die Suppe wird kalt!“ „Ja, die Suppe— die Suppe, hörſt Du, Serena!“ ruft der Oberjägermeiſter und bricht beim Anblick des Freundes in ein ſchallendes Gelächter aus; denn beinahe erräth er die wahre Urſache dieſer plötzlichen Ueberrumpe⸗ lung in der Herzensangſt des armen Freundes über ihr ſo langes myſteriöſes Beiſammenſein in der rothen Stube! „Ach, Herr von Claudius, ich will Ihnen ja gerne verzeihen, wenn Sie künftig nur Eins nicht wieder thun wollen,“ ſtottert das ſchöne Fräulein in reizender Verwir⸗ rung, indem ſie ihren Arm in den ſeinigen legt.„Bitte, laden Sie mich ja nicht wieder mit dieſem zudringlichen Manne da zu Gaſte, bevor Sie ſelber eine Frau haben; denn das muß ich nun wirklich ſagen: in eine ſolche naiv gemüthliche Junggeſellenwirthſchaft ſetze ich mein Lebtag keinen Fuß wieder.“ Hechstes Japitel. hatte es nicht über ſich vermocht, dem Vater oder dem Bräutigam das Erlebniß der vergangenen Nacht im Bibliothekzimmer der Prinzeſſin mitzutheilen. Denn hielt ſie bei Letzterem eine mädchenhafte Scheu davon ab, ſo war es beim Vater die Beſorgniß, ſein Herz über ihre künftige Stellung bei Hofe zu beunruhigen, was ſie be⸗ ſtimmte, auch ihm ihre Entdeckung von dem geheimen Ver⸗ hältniß zwiſchen Roderich und der Prinzeſſin zu verſchwei⸗ gen, das ihr unter dem Eindruck der Freude und Seligkeit über das Wiederſehen des Geliebten jetzt ſelber lange nicht mehr die große Angſt und Unruhe verurſachte wie am Abend zuvor.— Nichts wird ja auch ein edles Herz leich⸗ ter geneigt machen, fremde Fehler und Irrthümer mild zu beurtheilen, als die Vergleichung des eignen glücklichen, ungetrübten Beſitzes mit dem Zuſtand von Unſicherheit und Bedrängniß Jener, die unter Kampf und Widerwärtigkeiten das nämliche Glück zu erreichen trachten und ſelbſt Gefahr und Mißdeutung nicht ſcheuen, welche der vom Himmel mehr begünſtigte Theil nicht kennt.— Jetzt mit einmal erklärte ſich Serena das Entzücken der Prinzeſſin, als ſie ihr in der erſten Stunde ihrer Bekannt⸗ ſchaft auf ihre Frage geſtand, daß auch ſie eine ſtillver⸗ ſchwiegene Liebe im Herzen trage; und ebenſo wurden ihr nun die inneren Beweggründe klar, die Aurelie, da es ſich — 101— 8 um die Wahl des künftigen Hoffräuleins handelte, zu dem mehrerwähnten Brief an die Frau Landgräfin veranlaßt hatten.— Denn ganz ſo, wie dort die Prinzeſſin ihr Hof⸗ fräulein haben wollte, mußte das Weſen beſchaffen ſein, das zu ihr in dieſen nahen, unmittelbaren Verkehr treten ſollte; ſo daß ſelbſt im Fall einer Entdeckung ihres gehei⸗ men Verhältniſſes zu Roderich keine Gefahr für ſie daraus erwachſen, ſie vielmehr dann erſt recht der Treue und Mit⸗ empfindung der Freundin verſichert ſein durfte. Darum ſchloß ſich Aurelie gleich in der erſten Stunde ihrer Be⸗ kanntſchaft mit dieſer Innigkeit und Hingebung an ſie an und verlangte die nämliche Liebe, die nämliche Aufrichtigkeit auch von ihr; denn Serena's mußte ſie ja für alle Fälle gewiß ſein; ohne dieſes ſichere Gefühl, daß ſie von ihrer Seite keinen Verrath, keine Unbedachtſamkeit zu beſorgen habe, war ein vertrauliches und beſtändiges Zuſammenleben nicht möglich; kurz, ſelbſt mit ſehenden Augen durfte von Serena Nichts zu beſorgen ſein.— Das Alles wurde dieſer jetzt mit einmal ſo klar, als wenn es ihr Aurelie ſelber bekannt hätte; und es war ge⸗ wiß nicht die leichteſte Prüfung ihrer wahren und aufrich⸗ tigen Liebe zu der Prinzeſſin, als ſich ihr bei dieſen Be⸗ trachtungen unwillkürlich die Frage aufdrängte, ob mehr das Verhältniß zu Roderich, oder eine wirkliche Herzens⸗ neigung der Freundin dieſe zärtliche Zuneigung für ſie ein⸗ geflößt habe? Doch nur einen kurzen Moment währte dieſer Zweifel gegen Aurelien's edle, von aller kleinlichen Berechnung freie Geſinnung. Denn hatte ihr dieſe anfangs auch wirk⸗ lich, von jenen Rückſichten geleitet und in einer ihr ſelber noch halb fremden Umgebung, ſchneller als es vielleicht ſonſt zu ihrem Charakter paßte, eine ſchwärmeriſche Freund⸗ ſchaft gezeigt und ſich dadurch ihres Herzens vollkommen —— 3 bemächtigt, ſo gab ſie doch Serena ſpäter ſo viele ſchöne ſichere Beweiſe ihrer treuen ſchweſterlichen Zuneigung, daß dieſe ſie bald wieder von dem Vorwurf der Verſtellung gegen ſie freiſprechen mußte.— Ein Herz wie das der Prinzeſſin liebte weder zum bloßen Zeitvertreib einen Mann, der ſo wie Roderich von aller falſchen Sentimentalität und romantiſchen Uebertrei⸗ bung frei war; noch konnte ein ſolches Herz neben der Erkenntniß ſeiner verhängnißvollen Lage ſeine Liebe ſo innig, ſo wahr und begeiſtert empfinden, und doch zugleich das andere heilige Gefühl der Menſchenbruſt, die treue auf⸗ richtige Freundſchaft nur um egoiſtiſcher Zwecke willen heu⸗ cheln.— Hatte doch Aurelie ſelber einmal ſo ſchön und treffend gegen ſie bemerkt, ein glückliches Herz müſſe wenig⸗ ſtens noch eine Seele in der Welt neben dem geliebten Gegenſtand beſitzen, der es ſich ganz anvertrauen könne: wie wollte ſich alſo Serena ſchöner und wahrer zugleich die große Freundſchaft und Anhänglichkeit erklären, womit die Prinzeſſin ſie beglückte, recht aus der verſchwenderiſchen Fülle des eignen überſeligen Herzens heraus, als durch dieſes Geſtändniß?— Auch die Wahrnehmung, die ſie ſchon früher gemacht hatte, daß Aurelie ſie neuerdings bei jeder öffentlichen Gelegenheit in den Vordergrund ſtellte und ihrer jüngeren Schönheit dadurch auffallend die Hul⸗ digungen der Männerwelt zuwandte, war ihr nun nicht länger mehr ein Räthſel; denn das ganz und ungetheilt von ſeiner Liebe erfüllte Herz der Freundin fühlte ſich ſelig unter dem Schutze dieſer Huldigungen, welche die zudring⸗ liche Ehrfurcht und die Neugierde der Menſchen von ihr ablenkten; ſo daß Serena's Anmuth für ſie der blendende Schild wurde, unter dem ſie ſicher ihr geheimes Verhältniß zu dem Erzieher ihres Kindes verbergen konnte. Wie aber hätte ihr ein Herz, das ſelber für ſeine Liebe das Geheim⸗ — ⸗ niß brauchte, dieſe ebenſo natürliche als unſchuldige Liſt verdenken ſollen? Und war die Prinzeſſin, dieſe vom Schickſal ſo hart⸗ geprüfte Frau, die wahrlich den Kelch der Leiden in der Che mit einem ungeliebten, unwürdigen Mann bis zur Neige geleert hatte, nicht ſogar berechtigt, das Glück der Liebe, auch wenn es tief unter ihrer glänzenden Höhe voll kalten Sonnenſcheins im ſtillverborgenen Thale blühte, mit der nämlichen Sehnſucht zu ergreifen, als wenn es ihr in der Hoheit ebenbürtiger Geſtalt entgegengetreten wäre?— Durfte man deßhalb eine Frau verdammen, die ja gerade in jener Sphäre, welcher ſie durch die Geburt angehörte, Alles, was es für einen edlen Charakter an herben und ſchmerzlichen Enttäuſchungen gibt, ſo furchtbar erlebt, ſo ſtandhaft durchkämpft hatte?— War der Muth, den ſie damals im Unglück bewährt, etwa weniger bewundernswerth, als der, womit ſie jetzt an ihrem Glücke feſthielt? War die Seelengröße, die ſie in jener Zeit der Prüfung gezeigt, weniger edel als jetzt, wo es eine freigewählte Liebe, eine wahre Herzensneigung galt? War das ſüße ſchüchterne Geheimniß dieſer Liebe eines ſolchen Gemüthes voll Tiefe und Innigkeit nicht ungleich werther, als der rauhe Kampf von Ehmals mit dem Gemeinen und Nichtswürdigen? Unter ſolchen vorurtheilsfreien Betrachtungen geſtaltete ſich in der Vorſtellung Serena's das eigentliche Verhältniß der Prinzeſſin zu dem ſchlichten Gelehrten bald zu einem ſo ſchönen und reizenden Liebesidyll in Mitten einer Welt voll eitlen Glanzes und erlogener Menſchenwürde, daß ihr gefühlvolles Herz gegen jeden neuen Zweifel zuletzt nur noch begeiſterte Einreden hatte und der ſchwärmeriſche Ent⸗ ſchluß in ihr reifte, das ſo unabſichtlich entdeckte Geheimniß mit allen ihr zu Gebote ſtehenden Mitteln vor weiterer Gefahr zu ſchützen und der unbekannte Genius zweier Her⸗ — —.———— — 104— zen zu werden, die unter ſo verhängnißvollen Umſtänden dieſe treuinnige Liebe verband. So wollte ſie das in Wahrheit ſein und durch die That erfüllen, was die Prinzeſſin im Stillen gewiß längſt bei ihr vorausſetzte, das Weitere Gott und der Freundin gutem Engel überlaſſend.— Als daher der Garde⸗du⸗Korps⸗Kapitän, leider nur mit zu günſtigem Erfolg, alle erdenkliche Liſt ſeiner unheimlichen Junggeſellenangſt aufbot, um es zwiſchen ihr und Bebra zu keinem weiteren ungeſtörten Zuſammenſein unter ſeinem Dache kommen zu laſſen, war es Serena ſelber, die den Geliebten an das Frau Dionyſia gegebene Verſprechen er⸗ innerte, vor ſeiner Rückkehr jedenfalls noch den Doktor Roderich in deſſen Wohnung außzuſuchen. Der Oberjägermeiſter begab ſich bei ſchon einbrechender Dämmerung, da auch für Serena die Stunde geſchlagen hatte, wo ſie zu der Prinzeſſin zurückkehren mußte, auf den Weg dahin, während der Rittmeiſter bei Claudius auf ſeine Rücktunft warten wollte. In der bewegten Stimmung, in welche ihn der zärtliche Abſchied von ſeiner ſchönen Braut verſetzt hatte, ſchritt Bebra, dicht in ſeinen Mantel gehüllt, denn es ſchneite und regnete durcheinander, ſinnend durch die Straßen auf nächſtem Weg ſeinem Ziele zu. Er kam dabei durch einen Theil der eng und winkelig gebauten Alt⸗ ſtadt, woſelbſt ſich gerade die Landleute, denn es war heute Markttag geweſen, vor den einzelnen Kneipen und Wirths⸗ lokalen anſchickten, mit ihren Karren und Wagen nach ihren benachbarten Dörfern zurückzukehren.— Eben, da der Oberjägermeiſter, ohne auf dieſes bunte und lärmvolle Treiben zu achten, durch ein Gewirr von allerhand ländlichen Fuhrwerken, Marktkörben und Hand⸗ karren an einem der beſuchteſten Wirthslokale vorübergehen wollte, fällt ihm unter den Menſchen, die da ſchreiend und — 105— kannte Erſcheinung auf: Frangois Ventron, der berüch⸗ tigte Vorſtadtskrämer aus ſeinem Marktflecken, welcher heute gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit ganz wohlanſtändig geklei⸗ det iſt. Denn er trägt einen runden Hut und ſtatt der zerlumpten blauen Blouſe einen Tuchrock von ſtädtiſchem Zuſchnitt, dazu eine buntgeblümte Weſte mit einer ſilbernen Uhrkette darauf.— Der Krämer, der ſtark angetrunken ſcheint, iſt gerade in einem lebhaften Wortwechſel mit dem Fuhrmann aus Rohrfeld begriffen, welcher an jedem Markt⸗ tage regelmäßig mit einem einſpännigen Bankwagen nach der Reſidenz fährt und ſolche Geſchäftsleute vom Lande, denen es ihre Umſtände erlauben, ſammt ihrem Gepäck dorthin und wieder zurückbefördert. Bebra hört, daß der Fuhrmann, die ſchlechte Witterung vorſchützend, nicht eine Viertelſtunde länger mehr mit dem Aufbruch warten will; ſchreiende Landjuden, die gleichfalls mitfahren wollen, be⸗ ſtärken denſelben durch lebhaften Zuſpruch darin; während Ventron ihn unter Fluchen und Verwünſchungen an ihr getroffenes Abkommen erinnert, demgemäß er mit der heu⸗ fluchend mit ihrem Gepäck beſchäftigt ſind, eine wohlbe⸗ tigen Rücktehr in ihren gemeinſamen Wohnort ſo lange warten wolle, bis der Krämer ſeine Geſchäfte in der Re⸗ ſidenz erledigt haben werde.— Ventron geräth zuletzt über dieſe angebliche Wortbrüchigkeit des Fuhrmanns, ſowie über den Widerſpruch der Juden in die heftigſte Wuth; er bietet dem Fuhrmann einen ganzen Brabanter über den gewöhn⸗ lichen Ertrag der Fahrt hinaus, wenn er den verfluchten „Baboldern“, wie er die Juden ſchimpfte, ihre paar ſchäbige Batzen zurückbezahlen und noch einige Stunden auf ihn warten wolle. Die Hebräer dagegen und ihre Weiber be⸗ rufen ſich ſchreiend und proteſtirend auf ihre vorausbezahl⸗ ten Plätze; ſchon erklettern ſie von allen Seiten den Wagen, um von ihrem Rechte faktiſch Beſitz zu nehmen und den — 106— ſchwankenden Fuhrmann durch ihre Entſchloſſenheit gleich⸗ falls zu encouragiren; da ſchreit Ventron mit weinheiſerer Stimme, er wolle zwei Brabanter daran geben, aber dann bedinge er ſich auch aus, daß er die Juden, Einen nach dem Andern, vom Wagen herunterſchmeißen dürfe; das Geſchäft, welches er heute noch abmachen müſſe, ſei wich⸗ tiger, als aller dieſer„Chaims“ armſeliger Schacherver⸗ dienſt zuſammengenommen, und er wolle darum auch noch ſo viel Wein extra bezahlen, als der Fuhrmann trinken möge. Dieſer doppelten Verſuchung widerſteht Letzterer nicht länger und läßt ſich, wenn auch ſcheinbar widerſtre⸗ bend, von Ventron, der höhniſch den beſtürzten Juden auf dem Wagen mit dem Hute winkt und ihnen eine glück⸗ liche Reiſe wünſcht, unter dem Hohngelächter der Zuſchauer in das Wirthshaus zurückzerren.— Bald kam der Oberjägermeiſter an das Demannſſche Haus und hörte ſchon auf der Treppe die Töne eines Violoncells. Der Kammerdiener des Prinzen gab ihm auf ſeine Frage nach Roderich die Auskunft, wie er bedaure, ihn jetzt unmöglich anmelden zu können; der Herr Infor⸗ mator wollten um dieſe Zeit immer ungeſtört ſein, weil ſie dann zu muſiziren pflegten. Wenn aber der Herr Baron ſich nur eine Viertelſtunde gedulden wolle, ſo möge er ſich durch das Anhören der Muſik im vorderen Zimmer die Zeit verkürzen laſſen. Damit öffnete er unter einer höflichen Verbeugung die Thüre; und wollte Bebra nicht unverrichteter Sache wie⸗ der zurückkehren, ſo mußte er ſich zum Warten bequemen. Er trat deßhalb leiſe in das an Roderich's Arbeitsſtube ſtoßende Zimmer und konnte, da die Thüre zu demſelben nur angelehnt war, deutlich jeden Ton des ſchönen Inſtru⸗ mentes vernehmen, wie er es in dieſer meiſterhaften Vollen⸗ dung noch niemals hatte ſpielen hören. Es war ein wundervolles Adagio, eines jener älteren vorzüglichen Tonſtücke eines unbekannten Meiſters, die ebenſowohl durch die Einfachheit der Empfindung, wie durch die Tiefe des Gedankens Herz und Geiſt des Zuhörers gleich mächtig ergreifen und einem wahren Künſtler von eignem richtigem Gefühl Gelegenheit geben, die in dem Ton⸗ werk ausgedrückten Empfindungen in ſich aufzunehmen und pſychologiſch zu entwickeln. Wer beſchreibt den Zauber und die Macht dieſes herr⸗ lichen Inſtrumentes in der Hand eines echten Künſtlers auf das Gemüth des Zuhörers?— Wir können den Ein⸗ druck, welchen Roderich's Spiel auf den Oberjägermeiſter machte, nicht beſſer ſchildern, als mit den Worten eines neueren Dichters, der, ſelbſt ein Meiſter im Reiche der Töne,*) die Wirkung jenes unvergleichlichen Inſtrumentes alſo poetiſch charakteriſirt: „Was ſoll ich bei dem Feſtgelage Mit meiner tiefen Trauerklage! Was ſoll ich hier bei Scherz und Luſt Mit meiner Wehmuth in der Bruſt? Wo ſich das Herz nach Elend ſehnt, Wo ſchweres Leid dem Aug' entthränt, Da kann ich Freund und Tröſter ſein, Da dringen meine Töne ein. Haſt Du was Theures zu beweinen, Will wieder ich bei Dir erſcheinen, Soll ſüßer Troſt von meinen Saiten In Deine wunde Seele gleiten.“ Das unvergleichliche Adagio endete nach einer einfachen Cantilene voll reizender Melodieen und einer lebhaſt ſtürmi⸗ *) Schnyder von Wartenſee.. ————— — 108— ſchen Figuration mit einem raſchen grellen Bogenſtrich ſo plötzlich, als wenn der Komponiſt damit einen Schmerz habe andeuten wollen, dem ſelbſt der Zauber der Töne ſeinen Ausdruck verſage; ein“ ſo unvorbereiteter und ge⸗ waltſamer Schluß mitten in der leidenſchaftlichſten Erregung, als ſei plötzlich das Herz geſprungen, das ſolches Weh empfunden, und zugleich entſinke auch der Bogen kraftlos der gelähmten Hand des Spielenden. Erſt als der Kammerdiener ſich nach einer längeren Pauſe überzeugte, daß Roderich für heute ſeinen muſikali⸗ ſchen Vortrag beſchloſſen habe, ſchlich er behutſam auf den Zehen nach der Thüre, um ihm den Freiherrn zu melden. — Beim Oeffnen derſelben ſah Bebra den Informator, der in Mitten des Zimmers, das Antlitz dem in Oel ge⸗ malten lebensgroßen Bilde der Prinzeſſin zugekehrt, auf einem Stuhle ſaß und das Cello noch zwiſchen den Knieen hielt. Dabei ſchien er mit über dem Inſtrumente vorge⸗ beugtem Oberkörper fortwährend die Haltung wie vorhin beim Spiele einzunehmen; nur daß der Arm und die Hand, die den Bogen hielt, ſchlaff an der Lehne nieder⸗ geſunken war. Das Haupt mit den im Eifer des Spieles über die bleiche Stirne niedergefallenen langen ſchwarzen Haaren ruhte regungslos wie das eines Schlafenden auf der linken Hand, deren Finger noch die Saiten umſpannt hielten; doch ſtarrten die Augen mit dem dunklen Flam⸗ menblick beſtändig auf eine Stelle des Fußbodens, als lauſche er noch immer den wunderbar ſüßen und dämoniſchen Tönen, die ſeine Kunſt dem Inſtrumente entlockt hatte. Als er die Stimme des Kammerdieners hörte, ſchnellte er mit einer auffallend haſtigen Bewegung vom Sitze em⸗ por und konnte ſich anfangs gar nicht aus ſeiner großen Zerſtreutheit herausfinden. Jener mußte ihm den Namen des Herrn, der um die Erlaubniß bitte, ihm aufwarten zu 0 dürfen, wiederholen, bevor er zu ſich kam; ſo gänzlich hatte ſich ſein Geiſt während des Spiels aus der unmittelbaren Gegenwart mit ihren Eindrücken und Erinnerungen verlo— ren, als hätten ihn die Töne der Muſik nach jenen fernen Sphären entführt, zu denen kein Klang des irdiſchen Lebens hinaufreicht. Kein Wunder daher, daß er auch beim Empfang des Freiherrn anfangs noch ſo ſehr zerſtreut und aufgeregt war, daß er nur in unzuſammenhängenden Worten ſeine Freude über dieſen unvermutheten Beſuch ausſprechen konnte und erſt durch den Kammerdiener, der Seſſel her⸗ beiſchob, daran erinnert wurde, Jenen zum Niederſitzen zu nöthigen. Neue Verlegenheit, neue Entſchuldigungen; bis endlich Bebra durch eine raſche, entſchiedene Wendung des Geſprächs den zerſtreuten Geiſt des muſikaliſchen Gelehrten auf ein beſtimmtes Objekt lenkte, indem er ſich der Grüße Frau Dionyſia's entledigte und ſich zugleich im Auftrag derſelben erkundigte, wie ihm der neuliche Ausflug nach dem Forſt⸗ hof bekommen ſei?— Dieſe Frage leitete glücklich ein mehr zuſammenhängendes Geſpräch zwiſchen Beiden ein; die Zerfahrenheit in Roderich's Weſen verlor ſich, und in herzlichen Worten bezeigte er dem Freiherrn ſeinen Dank für die ſo freundliche Aufnahme in deſſen Familienkreis. Beſonders das Geſchenk Frau Dionyſia's, die alte ſeltene Bibel, wußte er nicht genug zu preiſen und meinte, ſie habe ihm damit einen Schatz von ſo großem typographi⸗ ſchem Werthe verehrt, daß ihn alle Bibliophilen Alteng— lands darum beneiden müßten. Er unterlaſſe auch niemals, das ſchöne Geſchenk mit ſich auf die Kanzel zu nehmen und ſeinen Zuhörern das Evangelium daraus vorzuleſen, und ſchließe dann ſtets ſeine edle Gönnerin in ſein ſtilles Ge⸗ bet ein. Nachdem er ſich hierauf auch ſeinerſeits nach dem Wohl⸗ —— — 110— befinden der werthen Angehörigen des Oberjägermeiſters erkundigt hatte, lud ihn dieſer ein, doch ja ſeinen lieben Beſuch im Forſthofe recht bald zu wiederholen, und fügte harmlos ſcherzend hinzu: „Aber bei Leibe nicht wieder zu Fuß, lieber Herr Doktor! Denn jener brutale Anonymus, dem Sie da⸗ mals im Walde begegneten, iſt allen ſicheren Anzeichen nach auf einem erſt ſpäter entdeckten Wege ſeinen Verfol⸗ gern glücklich entkommen, und treibt leider mit ſeinen Spießgeſellen ſein Unweſen in unſerer Gegend nach wie ſ vor fort.— Ich ſelber,“ fuhr Bebra in ſeinem heiteren Tone weiter, ohne bei der ſchon im Zimmer herrſchenden Dämmerung den Eindruck zu bemerken, den dieſe Nachricht auf Roderich machte;„ich ſelber bin ſogar feſt überzeugt, daß der Menſch in unſerem Marktflecken wohnt, oder doch wenigſtens einen ſicheren Schlupfwinkel daſelbſt hat. Denn es gibt bei uns ſchon von Haus aus der arbeitsſcheuen und verwegenen Geſellen genug; und in den letzten Jahr⸗ zehnten, während der Kriegsunruhen, hat man auch noch viele Ausländer ohne gehörige Prüfung und Auswahl die Bürgerrechte erwerben laſſen, ſo daß man jetzt kaum mehr weiß, was man mit dieſen Tagdieben anfangen ſoll.“ Er erzählte ihm hierauf, wie noch an dem nämlichen Tage, wo das Keſſeljagen im Walde ſtattgefunden, ein Zufall zur Entdeckung jenes Moraſtpfades im Schilfdickicht geführt und er ſelber die friſchen Fußſpuren des entflohenen Strauchdiebes geſehen habe. Es ſei ihm dabei ſogleich ſein 3 verehrter Gaſt eingefallen, der ſich mit dieſer ſeltenen Menſchenfreundlichkeit ſo lebhaft für die Rettung ſeines feindlichen Angreifers intereſſirt habe, und deſſen edler Wunſch nun ſchließlich doch wider alles Erwarten in Er⸗ füllung gegangen wäre. „Gottlob!— Gottlob!— Ich danke Ihnen für dieſe frohe Nachricht, Herr Baron!“ ſagte Roderich erſt nach einer Pauſe mit einer Stimme, deren mühſam erzwungener feierlich freudiger Ton dem Oberjägermeiſter auffiel.„Da hat ja der Himmel wieder einmal ſichtbarlich über einem Menſchenleben gewaltet!— H! O!— Haben Sie Nach⸗ ſicht mit meiner großen Nervenreizbarkeit, Herr von Bebra! — Aber— nun ſehen Sie's ſelber, wie mich die Freude, daß ich den Tod jenes Elenden nicht verantworten ſoll, tiefer bewegt als Sie vielleicht— damals ahnen mochten! — Ich leide zudem neuerdings mehr als je an hypochon⸗ driſchen Anfällen, auch habe ich häufig ſchreckliche Bruſt⸗ beklemmungen auszuſtehen— ſicher thut das ungewohnte Klima— beſonders der ſchneidende Oſtwind das ſeinige dazu— aber die Hauptſchuld trägt doch das viele Sitzen, oft bis ſpät in die Mitternacht hinein— denn— können Sie's glauben, Herr Baron— daß ich ſeit jenem kleinen Abenteuer eigentlich nur noch für einen Gedanken lebe und arbeite, wie man nämlich jenen verlorenen Theil der Menſchheit, dem mein unglücklicher Feind angehört, der bürgerlichen Geſellſchaft zurückgeben ſolle, ohne darum den Geſetzen des Staates und den Pflichten gegen unſere heilige Religion zu nahe zu treten!—“ „Eine ſchwere Aufgabe, mein verehrter Herr Doktor!“ entgegnete der Freiherr, auf welchen das zwiſchen fieber⸗ haft erregter Lebendigkeit und einer angſtvollen Beklommen— heit getheilte Vertrauen des Informators den Eindruck machte, als habe er einen von den ſchwärzeſten Hypochon⸗ drieen geplagten Menſchen vor ſich, der aus Furcht vor den Quälgeiſtern ſeines Innern ſich in ein lebhaftes Ge⸗ ſpräch hineinreden möchte. „Schwer iſt Alles, was wir als einen abgeſonderten Begriff im Gegenſatz zu der großen Geſammtheit unſerer — —————————————— — 112— übrigen praktiſchen Lebenszwecke und Einrichtungen auf⸗ faſſen,“ entgegnete der Doktor, mit ſichtlichem Eifer auf dieſes Thema eingehend.—„Nur wenn wir über dem Be⸗ ſonderen niemals das Allgemeine vergeſſen, wird uns ſelbſt ein ſchwieriges Problem nicht abſchrecken; denn wir finden in andern, vielleicht ganz fern liegenden Erſcheinungen des Lebens die einfache und natürliche Löſung deſſelben und beſeitigen oft ein Uebel am Leichteſten dadurch, daß wir die Quelle deſſelben in anderen, gleich ſchlimmen und verderb⸗ lichen Mißſtänden verſtopfen.— Wollte man einen einzelnen verderbten Menſchen von der Straße aufleſen und an ſeiner Beſſerung arbeiten, ſo wäre das gewiß in den meiſten Fällen ein eben ſo ſchweres als vergebliches Bemühen; dahingegen der Staat Mittel genug in der Hand hat, die Summe der Verbrecher und Verwahrlosten durch weiſe Geſetze und Einrichtungen auf die kleinſte Zahl zu beſchränken. Wie viel, wie unendlich viel Gutes könnte nicht zum Beiſpiel ſchon allein durch eine zweckmäßige Reform unſeres Ge⸗ fängnißweſens geleiſtet und erreicht werden!— Sehen Sie, Herr Baron, das iſt nun neuerdings mein Steckenpferd geworden; und wenn unſer weiſer mildgeſinnter Regent, woran nicht zu zweifeln, die Reſultate meines Nachdenkens ſpäter unterſtützt, ſo wollen wir nach Jahr und Tag ein⸗ mal über dieſen wichtigen Gegenſtand weiter ſprechen.— Freilich iſt dieſe Zeit des unheilvollen Kriegs wenig zu ſolchen Werken des Friedens angethan, und man wird auch hier vorläufig vieles gute Saatkorn in den Wind ſäen müſſen; aber zum Glück übt gerade auf dieſe Anſtalten in ihrer ſtrengen Abgeſchloſſenheit von der übrigen Welt die unruhige Gegen⸗ wart den wenigſt ſtörenden Einfluß aus; und ſo hoffe ich denn mit Gott ſelbſt unter dem Nothſchrei der übrigen Welt gerade hier dem unglücklichſten und verlaſſenſten Theil mei⸗ ner Brüder weſentliche Dienſte leiſten zu können.“ ——————— — 113— Roderich ſetzte ſodann dem Freiherrn in ſeinem gewohn⸗ ten Redeeifer, wenn ihn eine Sache lebhaft beſchäftigte, ſeine Anſichten über die Reform der Zuchthäuſer und Straf⸗ anſtalten im Lande mit einer Gründlichkeit und mit ſo ein⸗ dringender Verſtandesſchärfe auseinander, daß Jener nicht wußte, was er mehr an ihm bewundern ſolle, ſeine prak⸗ tiſchen, aus dem eifrigſten Nachdenken hervorgegangenen Anſichten und Urtheile, oder die warme begeiſterte Hin⸗ gebung für die Sache der der weltlichen Gerechtigkeit an⸗ heimgefallenen Menſchheit.— Da war mit einmal alle vorige Scheu und Zerſtreutheit aus ſeinem Weſen verſchwunden; Alles was er ſagte und wie er es ſagte, war das Pro⸗ dukt der reinſten Menſchenliebe in Verbindung mit einer großen Kenntniß der Menſchennatur in allen ihren Licht⸗ und Schattenſeiten bis tief hinab in die dunkle Kammer der Seele, wo das Gewiſſen wohnt und deſſen Zwillings⸗ ſchweſter, die Reue.— Zuletzt konnte Bebra nicht umhin, ihm ſein großes Erſtaunen über dieſe Fülle ſeltener und vortrefflicher Gedanken auszudrücken, deren überzeugende Wahrheit und praktiſche Nützlichkeit jedem Denkenden ein⸗ leuchten müſſe; indem er ihn zugleich dringend anging, nicht eher zu raſten und zu ruhen, bis ihm auf dieſem ſo arg verwahrlosten Felde der thätigen Menſchenliebe, das er ſelber bis zu dieſer Stunde nur für eine unfruchtbare Oede gehalten habe, freie Hand und Gelegenheit eingeräumt werde, um die gewonnenen Reſultate ſeines Nachdenkens zum Heile des Staates und ſeiner von ihm ausgeſtoßenen Angehörigen praktiſch in's Leben einzuführen. Still lächelnd nahm Roderich dieſe ſchmeichelhafte Er— munterung und den zugleich ſo aufrichtig gezollten Beifall des Freiherrn mit den von ihm ausgeſprochenen Grund⸗ ſätzen und Anſichten hin; wurde aber wieder ſichtlich erregt und verlegen, als Bebra ihn dann fragte, wie er, der ſonſt Müller, O., Roderich. II. 8 — — 5 — 114— nur mit den Studien der Philoſophie und des klaſſiſchen Alterthums beſchäftigte Gelehrte, überhaupt Luſt und Nei⸗ gung für einen dem friedlichen Verkehr mit den Muſen ſo abholden Gegenſtand bekommen habe, dem ſelbſt manche berühmte Rechtsphiloſophen gern aus dem Wege gingen. Es ſei die tragiſche Geſchichte eines Jugendfreundes, bemerkte er nach einigem Zögern auf dieſe Frage des Obei⸗ jägermeiſters mit einem wehmüthigen Lächeln, die ſchon frühe ſein Nachdenken auf dieſen allerdings wenig erquick⸗ lichen Gegenſtand gelenkt habe; und neuerdings wäre es Seine Hochfürſtliche Durchlaucht geweſen, welche ſich durch einige zufällige Aeußerungen von ihm veranlaßt gefunden hätten, ihn zu einer eingehenden Arbeit über dieſe Materie aufzufordern.— Wie ſo Vieles, was der Menſch an ſich und Andern in ſeiner Jugend erlebt, uns zuweilen in ſpäteren Jahren unter dem friſchen Eindruck jener Er⸗ innerungen erſt recht bedeutſam werde, daß wir darin ſogar die Keime und Anfänge dieſer und jener früh in unſern Geiſt gepflanzten Richtung und Berufsneigung zu erkennen vermögen, ſo ſei auch das Schickſal jenes Jugendfreundes, an das er noch immer nicht ohne die tiefſte Gemüthsbe⸗ wegung denken könne, für ſeine Welt- und Lebensanſchauung von dem entſcheidendſten Einfluß geworden und habe ihn ſchon frühe auf die Nachtſeiten in der Menſchennatur ge⸗ lenkt.— Jener Jugendfreund ſei nämlich wie durch ein Wunder dicht an der Pforte des Zuchthauſes vorbei der Tugend und der bürgerlichen Geſellſchaft zurückgegeben wor⸗ den, und aus einem deklarirten Verbrecher wäre, Dank der Vorſehung, ſpäter durch die Gunſt äußerer Umſtände ein allgemein geachteter, angeſehener Mann geworden—— ——„Eine Geſchichte, Herr von Bebra,“ rief er in leidenſchaftlicher Erregtheit,„die mir noch heute das Herz in der Bruſt zittern macht, wenn ich daran denke, was —————————— — 115— wohl aus dem nämlichen Mann ohne dieſe beſondere Fügung Gottes im Zuchthauſe geworden wäre!— Hinter ihm war ein Steckbrief her, alle Organe der Polizei und Juſtiz im In⸗ und Ausland fahndeten auf ihn— er war rettungs⸗ los verloren, hätte er nicht in der höchſten Noth einen Menſchen gefunden, der ſich ſeiner annahm und ihn nicht bloß der Ehre, ſondern auch dem Leben zurückgab. Dieſer Menſch— nein, dieſer Engel in Menſchengeſtalt rettete den Unglücklichen vom Verderben; er gab ihm einen anderen Namen, eine andere Heimat— es gelang ihm ſogar, die vaterländiſche Behörde ſeines Schützlings durch einen urkund⸗ lichen Beweis von dem erfolgten Tod deſſelben zu überzeugen; und ſo wurde aus dem jungen unglücklichen Verbrecher ein rechter Mann, ein tüchtiger, allgemein geachteter, ja, ein hochſtehender Mann, dem nur ein einziger großer Fehler aus den Tagen ſeiner unſeligen Verblendung anhaften blieb, daß nämlich der Mitgenoſſe, ja, der eigentliche Anſtifter ſeiner Jugendſchuld noch lebt und meinen armen Freund jeden Augenblick durch ſchändlichen Verrath ſchwer kom⸗ promittiren kann.— Aber wir ſind auch auf dieſes Aeußerſte gefaßt!“ rief Roderich aufſpringend mit einer faſt drohenden Stimme, und trotz der tiefen Dämmerung, die in dem Zim⸗ mer herrſchte, ſah der Baron, wie ſeine Augen blitzten und er die zuckende Hand auf die bleiche Stirne preßte. „Das iſt ja fürwahr ein entſetzliches Schickſal!“ ſagte Bebra, im Gefühle, daß er überhaupt auf ein ihm ſo un⸗ vermuthet zu Theil gewordenes merkwürdiges Vertrauen irgend Etwas ſagen müſſe. „Aber doch nur Eins von den tauſend gleich entſetz⸗ lichen, von denen unſere Philanthropen und Geſetzgeber keine Ahnung haben!“ entgegnete Roderich mit mühſam errungener Faſſung.—„Ich habe Ihnen auch nur davon geſprochen, um Ihnen zu erklären, warum ich mich ſo leb⸗ haft für eine Reform unſerer Strafanſtalten intereſſire, in welche die meiſten Verbrecher lebendig begraben werden, ohne daß man ſich auch nur einige Mühe gibt, zu unter⸗ ſuchen, ob nicht noch ein leiſer Funke des göttlichen Lebens in ihrer Seele glimmt, ob nicht noch eine Rettung aus dieſem entſetzlichſten aller moraliſchen Vernichtungsprozeſſe möglich ſei?“ „Dieſe Frage gibt allerdings Viel zu denken,“ entgeg⸗ nete Bebra mit lebhafter Theilnahme.—„Eins kann ich Ihnen aus meiner eignen Erfahrung beſtätigen, daß näm⸗ lich unter allen Subjekten, denen wir gegenwärtig draußen auf dem Lande dieſe Unſicherheit unſerer bürgerlichen Zu⸗ ſtände verdanken, die entlaſſenen Zuchthausſträflinge die gefährlichſten und raffinirteſten ſind. Denn in der Gerichts⸗ ſtube und während des Unterſuchungsprozeſſes lernten ſie die Mangelhaftigkeit unſerer Geſetze, ſo wie die Unfähig⸗ teit unſerer meiſten Beamten in der Praris kennen; und ſo iſt es kaum ein Wunder, wenn ſich nicht in einer rohen Seele ſpäter im Zuchthausleben das Verbrechen zur voll⸗ kommenen Theorie ausbildet. Darum werden Sie ſich aber auch das größte Verdienſt um unſer Land erwerben, lieber Herr Doktor, wenn Sie Ihren edlen Eifer, Ihre hohe Intelligenz unausgeſetzt dieſer Angelegenheit widmen wollen.“ „Ich weiß Ihre gütige Aufmunterung vollkommen zu ſchätzen, Herr Baron,“ entgegnete Roderich zögernd und rückte dabei unruhig auf ſeinem Stuhle hin und her.— „Auch ſoll es mir zu einer wahren Genugthuung gereichen, wenn gerade Sie ſich für dieſe wichtige Frage intereſſiren. — Denn, wie ich höre— vorausgeſetzt, daß ich keine Indiskretion begehe— zählen auch Sie zu dem Kreis treff⸗ licher und für das Wohl der leidenden Menſchheit glühen⸗ der Männer, die ſeit einiger Zeit mit dem edlen Plane umgehen, in dieſer Stadt eine eigene Freimaurerloge unter dem Protektorat Seiner Hockfürſtlichen Durchlaucht zu grün⸗ den. Iſt dem in Wahrheit ſo, dann würde ich mich un⸗ endlich glücklich ſchätzen, früher oder ſpäter gleichfalls Auf⸗ nahme in dieſen ſtillen Brüderbund zu finden und ihm meine ſchwachen Kräfte zur Verfügung ſtellen. Denn hat jemals der Wahlſpruch: Viribus unitis gegolten, ſo muß er bei einer Reform unſerer Straf⸗ und Beſſerungsanſtalten allen anderen Bedingungen eines gedeihlichen Erfolgs vor⸗ angeſtellt werden.“ „In der That— Herr von Demann hat Ihnen nicht unrecht berichtet, wenn er es war—“ ſagte der Ober⸗ jägermeiſter, nicht wenig überraſcht durch die Mitwiſſen⸗ ſchaft des Informators von einem Plane, den er und ſeine gleichgeſinnten Freunde bis jetzt als tiefſtes Geheimniß be⸗ wahrt hatten. „Herr von Demann?— Behüte Gott!“ entgegnete Roderich lebhaft und legte einen eigenen nachdrucksvollen Ton in ſeine Worte, als er hinzufügte:„Nicht er, Herr Baron, ſondern ein Ihrem Bunde noch ungleich näher ſtehender Herr hat mir von dem Plane geſagt und mich ſogar ermuntert, Ihnen vertrauensvoll meinen Wunſch auszuſprechen, gleichfalls in dieſem edlen Kreis Aufnahme zu finden.— Doch darüber läßt ſich ja ſpäter weiter reden!“ ſetzte er mit Zuverſicht hinzu, da er an des Frei⸗ herrn verlegenem Schweigen ſogleich bemerkte, wie wenig dieſer auf einen ſolchen Antrag vorbereitet war.„Seien Sie überzeugt, daß ich ſehr wohl die Nothwendigkeit be⸗ greife, wenn Sie und Ihre Freunde bei der Wahl neuer Vertrauten nur mit äußerſter Vorſicht zu Werke gehen.“ „Deuten Sie mein Schweigen nicht falſch, lieber Herr Doktor!“ ſagte Bebra, ſeine Hand ergreifend, mit aller Offenheit ſeiner gradſinnigen Natur.—„Ein Mann von Ihren Grundſätzen und Ihren vorzüglichen Eigenſchaften des Geiſtes und Herzens wird uns gewiß nur eine ſchöne Bürgſchaft mehr ſein, daß wir nicht mit Unrecht bei un⸗ ſerem Plane auf die Theilnahme der beſten Männer un⸗ ſeres Landes zählen. Aber noch halten wir ſtreng an dem Grundſatz feſt, daß bis zur Konſtituirung der Landesloge nur unſerem hochfürſtlichen Herrn und Meiſter die Wahl neu aufzunehmender Mitglieder zuſteht.“ „Dabei kann ich mich ſchon beruhigen,“ ſagte Roderich mit einem leiſen Lächeln und lenkte dann raſch die Unter⸗ haltung auf einen anderen, weniger kitzligen Punkt. Hiebentes Rapitel. Nac Bebra's Weggang empfand Roderich, da es nach der ſo lebhaften Unterhaltung wieder ſtill und einſam um ihn geworden war, eine Unruhe, als wenn er dem Frei⸗ herrn Etwas geſagt oder verrathen hätte, was dieſer nicht zu wiſſen brauche und worüber er auch bis jetzt gegen alle andere Menſchen die äußerſte Zurückhaltung beobachtet habe. Es war die trübe Angewöhnung ſeiner zu hypochon⸗ driſchen Grübeleien neigenden Natur, die ihn beſonders dann in dieſe ſelbſtquäleriſche Stimmung verſetzte, wenn ihn ein wirkliches Schickſal heimſuchte und er ſich, wie zum Schutze vor dieſem, in eine eingebildete Sorge hineinredete, nur um nicht der drohenden Gefahr in die unheimlich lauernden Augen blicken zu dürfen. Endlich aber ergriff ihn doch die Angſt über den wirk⸗ lichen Grund ſeiner Aufregung ſo lebhaft, daß ihm bald keine künſtliche Selbſttäuſchung mehr möglich war und ſich ſein Empfindungsvermögen immer beſtimmter der einen furchtbaren Vorſtellung zuwandte, daß ſein Feind noch lebe und ihm vielleicht ſchon in dieſem Augenblick ſo nahe ſei, daß eine zweite Rettung vor demſelben nicht mehr denkbar; jetzt, wo er ihm nach dem kurzen glücklichen Wahn von ſeinem Untergang erſt doppelt furchtbar und verderblich zu werden drohte!— Denn hatte ihn ſchon die erſte Begeg⸗ nung mit dem Elenden unter dem Eindruck eines plötzlichen . ———— 1 ——————————— unvorhergeſehenen Zufalls wie ein Schrecken ohne Ende ergriffen, ſo war der Gedanke, daß Jener ihm nun mit Abſicht auflauern und ihn mit allen Anſchlägen und Liſten ſeiner abgefeimten Spitzbubenſeele umgarnen möge, geradezu vernichtend für ihn. Nur zu gut kannte er ja dieſes Menſchen Schlechtigkeit und tollkühne Verwegenheit, wenn ſich derſelbe etwas aus⸗ zuführen vorgeſetzt hatte; und ſchon damals im Walde hatte er genug von ihm zu hören bekommen, um jetzt, wo er nicht länger mehr an dem Entkommen deſſelben zweifeln durfte, auf das Aeußerſte gefaßt zu ſein. So trat denn der alte Fluch ſeines Lebens, und zwar nicht mehr als Phantom ſeiner Einbildungskraft, welches freundliche Genien bald wieder verſcheuchten, ſondern in wirklich drohender Schreckgeſtalt in ſein ſo lange ungefähr⸗ detes Daſein ein; und gelang es dem Ruchloſen, ſeine Spur ausfindig zu machen und von ſeinen jetzigen, ſo glänzenden Umſtänden, ſeiner ehrenvollen Lebensſtellung Kunde zu erhalten, ſo ſtand Roderich's ganze bürgerliche und moraliſche Exiſtenz auf dem Spiele; ein Wort dieſes Menſchen, den ſchon ſeine bloße äußere Erſcheinung als ein Subjekt der gefährlichſten und verkommenſten Sorte kenn⸗ zeichnete, mußte ihn rettungslos zu Grunde richten! Um das Maß ſeines Unglücks, ſeiner Rathloſigkeit voll zu machen und zu der Ueberzeugung von dem eviden⸗ ten Vorhandenſein dieſer drohenden Gefahr auch noch die Qual der Ungewißheit hinzuzufügen, mußten ihm ſogar der Aufenthalt und die Umſtände unbekannt ſein, in denen ſein Feind gegenwärtig lebte; er hatte bei jener Begegnung im Walde nichts weiter von ihm erfahren, als daß er noch lebe; aber wo und wie, an welchem Orte und unter wel⸗ chem Namen, dieß hatte ihm der ſchlaue Böſewicht weislich verſchwiegen, hatte darüber nur die eine drohende Aeuße⸗ ——— ————— rung fallen laſſen, daß ſeine Lebensumſtände von der Art beſchaffen ſeien, daß Roderich— er möge nun wollen oder nicht— ihm Viel bieten müſſe, wenn er ſich von ſeinem ehemaligen Freund und Mitgenoſſen befreit ſehen wolle. Sein Kopf glühte, ſeine Pulſe flogen fieberhaft und ſeine Bruſt arbeitete unter den Schrecken dieſer Drohung wie die eines von ſchwerem Alpdruck Geängſtigten; ge⸗ lähmt an allen Gliedern lag er bis zum Einbruch der völligen Dunkelheit brütend auf dem Sopha, völlig unfähig, einen rettenden Entſchluß zu faſſen, ſo gewiß ſah er ſchon im Geiſte die ſchreckliche Kataſtrophe vor ſich, die ſeine ganze Exiſtenz und, o Himmel, welches edle Leben ſonſt noch vernichtete!— Letztere Vorſtellung wirkte ſo erſchütternd auf ſeine Empfindungen ein, daß er wie von einer unſichtbaren Macht in die Höhe geſchnellt, mit einem raſchen Satze auf⸗ ſprang und nicht anders glaubte, als daß ihn im nächſten Moment der Wahnſinn erfaſſen und in den Abgrund ſeiner Schrecken hinunterſchleudern würde. Die Hand mit der geballten Fauſt krampfhaft gegen die Stirne gepreßt, fühlte er, wie es drinnen pochte und hämmerte, als wolle ihm die entſetzliche Angſt ſeiner Seele den Schädel zerſprengen; aber nur einige Momente währte dieſe gewaltige Hyper⸗ tonie ſeiner Nerven. „Du wirſt's bald erleben, daß ich Recht behalte!“ rief es mit der ſüßen Stimme der Geliebten durch den wilden Aufruhr ſeiner Lebensgeiſter; und ſo deutlich hallten dieſe prophetiſchen Worte, mit denen ſie ihn in der vergangenen Nacht aus ihren Armen entlaſſen hatte, jetzt plötzlich in ſeiner Seele wider, als ſei es der gute Engel ſeines Lebens, der ſie ihm grade in dieſer Stunde ſeiner äußerſten Be⸗ drängniß in's Gedächtniß zurückrufe— und ſchon wußte er auch, was ihn retten werde, was ihn allein unter allen — 122— hülfreichen und gnädigen Mächten Himmels und der Erde retten könne. „Was habe ich denn noch zu fürchten, wenn ſie mein iſt!“ ſprach er zu ſich und athmete wieder aus erleichterter Bruſt.„Iſt's doch ſeit Langem ſelbſt ihr höchſter, einziger Wunſch, daß uns des Prieſters Segen auf immer vereine und ſie, wenn auch nicht vor den Augen der Welt, doch vor Gott und unſeren Herzen mein mir rechtmäßig an⸗ getrautes treues Weib werde, um ſchlimmſten Falles durch keine feindliche Macht mehr, außer dem Tode, von mir getrennt zu werden.— Vergebens habe ich mich ſo lange dagegen geſträubt, ſie unauflöslich an mein unſeliges Ver⸗ hängniß zu ketten— jetzt, wo mir ein Feind droht, der mich unter Umſtänden für immer von ihrer Seite reißen kann, jetzt wäre es blinder Blödſinn, ja Vermeſſenheit, wollte ich das einzige Aſyl, das mich ihr noch erhalten kann, verwerfen und nicht ſo ſchnell als möglich den ſchönen Bund unſerer Herzen durch den Segen der Kirche für immer vor einer Trennung ſchützen.— Dann mag dieſer Teufel in Menſchengeſtalt mich verfolgen; höhere Rückſichten, mäch⸗ tige Freunde und Gönner werden mir im Nothfalle ſchützend und rettend zur Seite ſtehen; denn ehe man meine Schande, meinen Ruin zugibt, wird man Gnade üben um Aurelien's willen, der man nicht ſo mir nichts dir nichts den Gatten von der Seite reißen und ſie ſammt ihm der Entehrung durch einen gemeinen Böſewicht preisgeben kann!“ Nach dieſem kurzen Selbſtgeſpräch war ſein Plan ſchnell gefaßt. Er wollte und mußte die Geliebte noch heute ſehen, um ihr zu ſagen, daß er nicht länger mehr ihrem innigſten Seelenwunſch widerſtrebe, ſondern einwillige, ſich heimlich mit ihr trauen zu laſſen und ſo unauflöslich ſein Schickſal an das ihrige zu ketten. In großer Haſt ordnete er ſeinen Anzug, warf den — 123— langen faltigen Mantel um, und ertheilte dem Kammerdie⸗ ner noch einige Befehle in Betreff des Prinzen, den er, wenn derſelbe aus dem Schloß zurückkäme, zur gewohnten Stunde zu Bette bringen ſolle, ohne auf ſeine Rückkehr zu warten. Er zeigte dabei eine ſo große Eile und war ſo zerſtreut, daß er Jenem, der ihm zum Schutz gegen das greuliche Schneegeſtöber einen Regenſchirm überreichte, dieſen ohne ein Wort zu ſprechen zurückgab und ſich dann von ihm die Treppe hinunterleuchten ließ. Die Hausthüre war bereits geſchloſſen; aber obwohl ihm bei ihrem Oeffnen ſogleich Schnee und Regen heftig in's Geſicht ſchlugen, ſchritt er dennoch hinaus und eilte trotz des ſtürmiſchen Wetters unaufhaltſam in der Richtung nach dem Schloſſe vorwärts. Da er ſein Geſicht faſt ganz mit dem Mantel bedeckt hatte, ſo ſah er in ſeiner großen Eile die Geſtalt des Menſchen nicht, der ihm beim Umbiegen in die nächſte Straße eben ſo haſtig entgegenkam. Beide rannten hart gegeneinander; der ſo unſanft auf die Seite Geſchleuderte ſtieß einen zor⸗ nigen Fluch aus, aber Roderich ſtürmte ohne Aufenthalt ſo raſch vorüber, daß der Andere, der ihm einige Schritte nachtaumelte, es aufgab ihn zu erreichen und nach einigem Zögern gleichfalls ſeinen Weg fortſetzte. Bald trat der Informator über die Schloßbrücke unter den ſchützenden Bogengang, wo ihn die Schildwache anrief und ihm die Nachtparole abforderte, die erſt ſeit dem heuti⸗ gen Abend allen zur Nachtzeit aus- und einpaſſirenden Perſonen ſtrengſtens abverlangt wurde. „Samori!“ entgegnete Roderich und kam unbehindert in das Innere des Schloſſes. Die Prinzeſſin hatte ſich völlig von ihrem leichten Un⸗ wohlſein wieder erholt, obwohl ſie Serena, die ihr nach ihrer Rückkehr vom Vater noch Geſellſchaft leiſten wollte, unter dem Vorwand, ſie wünſche ſich heute bald zur Ruhe zu begeben, auf ihr Zimmer geſchickt hatte.— In' Wahrheit aber war es die ſichere Vorahnung geweſen, Roderich werde auch ohne beſtimmte Verabredung am heutigen Abend noch zu ihr kommen, da ſich der Prinz bei der Frau Landgräfin befand und ſein Erzieher dann gewöhnlich ſelbſt erſchien, um ihn abzuholen. Heute jedoch, wo das Wetter ſo ſchlimm war, ſollte er in der Sänfte der auf's Aengſtlichſte um ſeine Geſundheit beſorgten fürſtlichen Frau Großtante nach Hauſe gebracht werden: ein Umſtand, welcher den Wünſchen der beiden Liebenden noch weiter zu ſtatten kam. „Gottlob, daß Du noch kommſt!“ rief Aurelie und flog ihm zu einer zärtlichen Umarmung entgegen.„Sonſt hätte ich wirklich noch den Lakai mit einem Billet zu Dir hin⸗ übergeſchickt.— Denn wiewohl für die heutige Nacht auf ſpeziellen Befehl des Herrn Landgrafen alle möglichen Vor⸗ ſichtsmaßregeln getroffen ſind, um mich vor mir ſelber, das heißt vor meiner ſehnſuchtsvollen Liebe zu beſchützen, iſt mir doch gar nicht geheuer zu Muthe, da die weiße Frau, wenn ſie ſich erſt einmal gezeigt hat, dann gewöhnlich noch mehrmals in den folgenden Nächten wiederkehrt.“ „Wie E man ſo klug und doch ſo abergläubiſch ſein!“ lächelte Roderich, die holde, ſich ſanft an ihn ſchmiegende Geſtalt glühend an ſich preſſend und ihr zu⸗ gleich mit der andern Hand das in viele kleine feine Löck⸗ chen aufgeringelte Haar von der hellen Stirne ſtreichend. „Aber nur getroſt, mein furchtſames Herz! Ich bringe Dir einen Talisman mit, der Dich künftig vor allen Geſpenſtern mit und ohne ſchlimme Vorbedeutung beſchützen ſoll.“ „Wenn ich dießmal abergläubiſch bin, ſo macht mich nur mein übergroßes Glück dazu,“ ſagte ſie mit einem liebreizenden Lächeln, das zu dem ernſt nachdenkenden Ton ihrer Stimme einen ſonderbaren Kontraſt bildete.— „Denn als mich geſtern Abend der Angſiſchrei meiner — — — 125— Kammerfrau aus Deinen Armen riß, da war's ein ganz anderer Schrecken wie damals, wo ich am Abend vor meinem Hochzeitstage mitten im glänzend erleuchteten weißen Saal unter Hunderten von Feſtgäſten das unholde Geſpenſt auf der Gallerie zu ſehen glaubte, wie es ſchmerzlich mit dem Kopf ſchüttelte und mir mit der Hand eine abwehrende Bewegung machte.— Nur der glückliche Menſch fürch⸗ tet ja das Walten finſterer Mächte und ſchon das Rau⸗ ſchen eines niederfallenden Roſenblattes dünkt ihm in Mit⸗ ten ſeiner Seligkeit eine unheilvolle Bedeutung. Wer aber, wie ich damals, mit ſehenden Augen und wiſſendem Herzen ſeinem Elend entgegengeht, weil er überhaupt an gar kein wahres und vollkommenes Glück auf Erden mehr glaubt, der beachtet dieſe unheimlichen Warnezeichen nicht und doch— und doch, welch' unendlich größeres Unheil hat mir die weiße Frau damals angezeigt, als ich ſelber ahnte! Damals kam ſie, um mich zu warnen— und ſiehſt Du— daß ſie ſich jetzt grade in dem Moment wieder zeigte, wo Du, Böſer, mir— ach zum wievieltenmal, meinen liebſten Seelenwunſch wieder auszureden verſuchteſt, das hat mich erſt recht in meinem fataliſtiſchen Glauben beſtärkt, daß wir uns heirathen müſſen— ja, heirathen, Roderich, denn mir bedeutet die Erſcheinung der weißen Frau immer eine Heirath.— Sie hat, wie alle alte Damen, eine beſondere Paſſion für's Kuppeln, und weil Du mir grauſamerweiſe einen Korb gabſt, haſt Du auch ſie damit tödtlich beleidigt!“ „Sag' lieber: lebendig!“ ſcherzte Roderich, ſonderbar berührt von dem ernſten Ton Aureliens, während er doch ſo gut wie ſie ſelber wußte, daß ſie mit ihrer angeblichen Geſpenſterfurcht nur Scherz treibe.—„Aber dießmal ver⸗ kennſt Du mich wirklich, mein ſüßes Leben,“ fügte er, ſie ſanft zu ſich nieder auf das Sopha ziehend, nun auch ſeiner⸗ ——— — ——— — — — ſeits ernſt hinzu:„denn wie Du mich hier ſiehſt, eile ich durch Sturm und Finſterniß zu Dir— um zu Deinen Füßen, mein theures angebetetes Weib, Dir Abbitte zu thun wegen meines ſeitherigen Kleinmuths, meiner ängſt⸗ lichen Bedenken gegen dieſen letzten, ach, ſo leichten Schritt über die goldene Schwelle meines Himmels!“ Noch ehe ſie den Sinn ſeiner Worte recht verſtanden hatte, war er wie ein Flehender vor ihr auf die Kniee ge⸗ ſunken; und wie ſie ſich ſelig über dieſe unvermuthete ſchnelle Sinnesänderung des Freundes zu ihm niederbückte und entzückt den Arm um ſeinen Hals ſchlang, begegneten ſich ihre Lippen zu einem glühenden innigen Kuſſe: das ſchöne Dankopfer zweier Herzen, die ſich ſchon lange ge⸗ funden und jetzt den Genius ihrer Liebe ſegneten, der ſie endlich auch dieſem letzten, ſo unerreichbar ſcheinenden Ziele nahegeführt hatte, daß der begeiſterte Muth, die kühne, über alle Erdenſchranken triumphirende Liebe des Einen in die noch jüngſt ſo zaghafte und beſorgte Seele des Andern überſtrömte. „Mein Roderich— mein Geliebter, wüßteſt Du, wie glücklich Du mich durch dieſes einzige himmliſche Wort machſt!“ ſtammelte Aurelie noch unter der Glut ſeines Kuſſes, und preßte ihn noch inniger an ſich.„O ich wußte es ja, daß Du mir noch einmal in dieſem einen Punkt meinen Willen laſſen und Dir die— verzeih' mir das letzte böſe Wort— wirklich recht kindiſche Grille wegen Deines leichtſinnigen Jugendſtreichs aus dem Sinne ſchlagen würdeſt! Denn ſieh', mein Lieber— auch das ſag' ich Dir jetzt zum letzten Mal— Du könnteſt mir noch viel, viel mehr Schuld und Verirrung bekannt haben, und ich liebte Dich darum doch mit der nämlichen Glut und Innigkeit wie jetzt!— Was geht mich denn überhaupt der Menſch an, der Du warſt, ehe Du mich kannteſt und liebteſt? —ĩ——— d — Frag' ich denn auch nach meinem eigenen Leben, meinen eigenen Fehlern und Verſchuldungen vor dieſer Zeit!“ rief ſie mit einem ſchwärmeriſch feuchten Blick voll der zärt⸗ lichſten Liebe und Rührung.—„Wie oft ſagt' ich Dir nicht und ſchwur Dir's beim Herzen Deiner Aurelie, daß gerade dieſer dunkle Gram in Deinem ſonſt ſo hellen Geiſte lange zuvor, ehe ich noch ſeine Urſache kannte, es war, was mich mit dieſer ſüßen Allgewalt zu Dir hinzog; denn der Schmerz, Roderich, nur der Schmerz um eine verlorene große, ſchöne Sache, um ein theures unerſetzliches Gut führt gleichverwandte Seelen zuſammen; da es ja Gottes ſchönſte Ordnung in dieſer Welt der Täuſchung und des be⸗ ſtändigen Irrthums iſt, daß ein Herz das andere erlöst und rettet und ſeine Vergehungen und Fehler durch die Weihe⸗ kraft gemeinſamer Liebe in eben ſo viele Tugenden und Vorzüge verwandelt!— Ach, damals, Roderich, wo ich ſo elend und verlaſſen war, haſt Du mitſammt Deiner ver⸗ lorenen Jugend doch mehr Kraft und hohen Seelenmuth bei meiner Rettung bewährt, als ſpäter ich, da ich im ſichern Port Deiner Liebe, beſchirmt von dem guten Engel meines Lebens, den Gott mir in Dir zuſandte, die Stürme erfuhr, die dem grünen Baum Deiner Jugend ſeine ſchöne Krone abbrachen, damit er ſpäter erſtarkt nur um ſo reicher und mächtiger ſeine Aeſte ausbreite.— Doch fort, fort mit dieſen traurigen Bildern einer längſtvergangenen Zeit! Wir haben uns, wir leben uns morgen, Roderich, morgen mußt Du den jungen Pfarrer Albert im Gebirge aufſuchen, dem Du ſein holdes Weibchen aus dem freigewählten ſchreck⸗ lichen Tode in der Flutentiefe entriſſeſt— es iſt ein dankbarer trefflicher Menſch, er wird gewiß einwilligen, unſern Liebes⸗ bund in einer ſtillen Stunde kirchlich einzuſegnen— aber was haſt Du, mein Freund? Warum mit einmal dieſes Staunen in Deinen Blicken?“ — 128— „Nicht über Dich, nur über mich ſelber ſtaune ich,“ ſagte Roderich gerührt,„weil mir jetzt Alles, was Du mir doch früher ſo oft faſt mit den nämlichen Worten ge⸗ ſagt haſt, gleich einer nie zuvor gehörten himmliſchen Muſik in die Seele klingt, gewiß nur darum,“ ſetzte er zögernd mit einem tiefen Athemzug hinzu,„weil mich erſt jetzt der Vorfall in der geſtrigen Nacht, auch wenn's nur ein blin⸗ der Lärm war, daran gemahnt, wie viele unbekannte Schick⸗ ſalsmächte und feindliche Zufälligkeiten es noch in der Welt gibt, die uns jeden Augenblick auseinander reißen können! — Sind wir aber durch den Segen der Kirche unauflös⸗ lich vereint, dann dürfen wir ruhig und getroſt jede finſtere Wolke heranziehen ſehen, brauchen weder vor Geſpenſtern noch vor Menſchen mehr zu zittern; denn im ſchlimmſten Falle treten wir dreiſt mit unſerem rechtmäßig geſchloſſenen Bunde unter die Augen der Welt, berufen uns einfach auf das gemeine deutſche Recht, das ja ſogar den Angehörigen regierender Häuſer als ausſchließlichen Vorzug ihrer fürſt⸗ lichen Geburt einräumt, was wir jetzt als unſern letzten Rettungsanker ergreifen wollen, und ſelbſt euer uraltes fürſtliches Haus⸗ und Familienſtatut ſteht in dieſem Falle ſchützend auf unſerer Seite.“ „Und doch, trotz alledem ſeh'ich noch immer einen trüben Schatten auf der Stirne meines Roderichs?“ ſagte die Prin⸗ zeſſin zärtlich beſorgt.„Als wenn es noch Etwas in der Welt gäbe, was ich nun nicht für Dich und unſer beiderſeiti⸗ ges Glück thun könnte!— Sprich, mein Geliebter, was Dich bewegt?— Laſſe mir beileibe keine neue Sorge in Deinem Gemüth Wurzel ſchlagen, ohne daß Du mir ſogleich den Grund davon entdeckſt!— Ach, ſeitdem Du unmittelbar nach unſerer Hierherkunft die alte Heimat beſucht haſt, biſt Du wirklich ein noch viel größerer Hypochonder geworden, als ſelbſt in unſeren früheren traurigen Verhältniſſen!“ — 129— „Grade eben dacht' ich an die Heimat und meinen alten Vater,“ entgegnete Roderich in tiefer Niedergeſchla⸗ heit und ſeine Miene verdüſterte ſich.—„Aber ſprich ſelbſt, mein ſüßes Leben, wie ich das große Glück Deines mir bald für immer geſicherten Beſitzes ohne Vorwurf von einem allzugütigen Himmel annehmen ſoll? Ich, der dem be⸗ ſten der Väter den einzigen Sohn raubte und ihn jetzt noch in ſeinem hohen Alter einſam und freudlos in der Welt weiß!“ „Und ich ſoll noch immer nicht den Namen Deiner Heimat, Deines Vaters erfahren?“ fragte Aurelie in tiefer Bewegung, obwohl ſie alle Kraft ihres liebevollen Gemüthes aufbot, um äußerlich ruhig zu erſcheinen. „Noch nicht, noch nicht, mein Eins und Alles!“ entgeg⸗ nete Roderich haſtig mit allen Zeichen innerſten Widerſtrebens. —„Genug, daß Du mein Leiden, meine Schickſale kennſt! Habe ich ſchon ſeit ſo vielen Jahren auf ſeine Vergebung, ſeinen Segen verzichtet: ſo will ich auch das Andenken an ihn von nun an mit Gewalt in mein tieſſtes Herz zurück⸗ bannen— bin ich ja doch auch für ihn längſt todt, ſtehe ihm— ſo wenigſtens hofft und glaubt er es jetzt allein noch— im Jenſeits näher als im Leben! O vergib, Aurelie, daß ich Dir wieder dieſen ſchmerzlichen Eindruck bereite; aber ich verſpreche Dir nun auch beſtimmt, nicht eher wieder mit Dir von dem Vater und meiner Heimat zu reden, als bis ich Dir eine gute Nachricht von dem theuren Mann geben kann.“ Er beſiegelte dieſes Verſprechen durch einen feurigen Kuß, eine zärtliche Umarmung, und Beide beſchäftigten ſich hierauf von Neuem mit den Mitteln und Vorſichtsmaß⸗ regeln, die ſie ergreifen wollten, um den Plan ihrer gehei⸗ men Trauung durch den Prediger Albert im Gebirge ſo bald als möglich in Ausführung zu bringen. Müller, O., Roderich. II. 9 — —— — ——— ——— Roderich ſollte zuerſt unter dem Vorwand eines freund⸗ ſchaftlichen Beſuches bei dem jungen Geiſtlichen vorſprechen, der jüngſt durch ſeine Verwendung eine Anſtellung als Seelſorger einer kleinen Gemeinde in einem unweit der Reſidenz gelegenen Gebirgsdorf erhalten hatte und dadurch glücklich in den Stand geſetzt worden war, die letzten Hin⸗ derniſſe zu beſeitigen, welche bis dahin ſeiner Liebe zu der ſchönen Eveline Federſen im Wege ſtanden. Albert dankte mithin dem menſchenfreundlichen Gelehrten nicht nur das Leben und den Gewinn der Geliebten, ſondern auch ſeine materielle Exiſtenz; und nach den glühenden Dankesbriefen, die er und ſeine junge Frau ſpäter an Roderich richteten, durften dieſer und die Prinzeſſin nicht daran zweifeln, daß Jener ihrem Anſinnen nur die ihm durch ſein Amt vorge⸗ ſchriebenen geiſtlichen Einwendungen und Abmahnungen entgegenhalten, ſonſt aber bei feſtem Beharren und in Rück⸗ ſicht auf die allerdings ungewöhnlichen und außerordent⸗ lichen Umſtände in dieſem Falle, ſeinen prieſterlichen Segen zuletzt nicht verweigern könne und auch nicht verweigern werde. Es war allerdings ein Mißbrauch des Amtes, eine Vergehung gegen die geſetzliche Norm, welche jedoch das weiſe Geſetz nur mit einfacher Geldſtrafe und Verwarnung belegte während es dem zuwiderhandelnden ordinirten Prieſter weder zu einem, ſeine geiſtliche Würde beſchädigen⸗ den Vorwurf gemacht werden, noch ihn auch ſeiner oberen Kirchenbehörde gegenüber, ſelbſt wenn dieſe überhaupt in einem ſolchen Falle ihre volle Autorität geltend machte, in nachtheiliger Weiſe kompromittiren konnte.— Während Roderich ſo noch lange und angelegentlich mit der ſchönen angebeteten Frau die Pläne und Hoff⸗ nungen beſprach, deren Realiſirung ihnen für die Zukunft das Glück ihrer Liebe und dieſes Glückes Beſtändigkeit ver⸗ — 131— bürgen ſollte, hatte ſich in dem Demannſſchen Hauſe ein Vorfall höchſt ärgerlicher und ſtörender Art ereignet, wel⸗ cher dem Informator ſchon um ſeines Hauswirthes und der übrigen Mitbewohner willen ſehr fatal war, abgeſehen von den verhängnißvollen Folgen, die derſelbe unter Um⸗ ſtänden für ſeine geſellſchaftliche Stellung haben konnte. Kaum hatte nämlich Roderich das Haus verlaſſen, deſſen Thüre von dem Kammerdiener wieder verſchloſſen wor⸗ den war, ſo wurde die Schelle mehrmals raſch hinterein⸗ ander mit einer ſolchen Heftigkeit geläutet, daß Jener nicht anders glaubte, als der Informator ſei vor dem ſtürmi⸗ ſchen Wetter ſchnell wieder umgekehrt; während der Ge⸗ heimerath, welcher gerade mit den Seinigen beim Nacht⸗ eſſen ſaß, vermuthete, man wolle ihn zu einer plötzlich ſchwer erkrankten angeſehenen Perſon rufen; denn wie hätte ſonſt Jemand wagen ſollen, in dieſer rückſichtsloſen Weiſe das ganze Haus zu allarmiren!— Als daher der Kam⸗ merdiener zurückkehrte, um, wie er nicht anders erwartete, dem Informator die Thüre außzuſchließen, war auch ſchon der Geheimerath mit der umgebundenen Serviette auf den Hehrn herausgekommen und die Zornesröthe auf ſeinem Geſicht verrieth, daß er entſchloſſen war, ſich, wer es auch immer ſein möge, dieſes ungebührliche Sturmläuten für die Zukunft ſtrengſtens zu verbitten. Beim Heffnen der Thüre taumelte ihnen ſogleich ein fremder Menſch von höchſt unmanierlichem Ausſehen ent⸗ gegen, der offenbar der Flaſche allzuſtark zugeſprochen hatte, wie ihnen nicht bloß der windſchief auf's rechte Ohr ver⸗ ſchobene, über und über beſchneite Hut, ſondern auch die unſichere ſchwankende Haltung des Körpers, vor Allem aber ein unverkennbarer Weindunſt von der Sorte des ge⸗ meinen Krätzers, auf der Stelle verrieth. Die von allen wüſten und heftigen Leidenſchaften eines rohen Charakters — 132— zeugende Phyſiognomie des Fremden mit dem gelblichblei⸗ chen Teint und dem ſchwarzen ſtruppichten Bart ließen das qualifizirte Gaunergenie ſogleich erkennen: jene Sorte von Gentlemans, denen ein friedlicher Staatsbürger unter allen Umſtänden lieber bei hellem Tage auf den volkreichen Plätzen und Straßen einer von einer guten Polizei bewachten Re⸗ ſidenz, als im Zwielicht des Abends auf einſamen Wald⸗ pfaden, oder in einem abgelegenen Hohlweg begegnet; ſelbſt auf die Ausſicht hin, daß der verdächtig ehrbar heraus⸗ ſtaffirte Strolch mit den ſtechenden Augen nur um eine Prigſe Tabak, oder einen„Schlag“ Zunder für ſeine mit dem Bildniß des Generals Augereau verzierte Sechsgroſchen⸗ Pfeife bitten ſollte. „Was will Er?“ herrſchte der Geheimerath den ver⸗ dächtigen Geſellen zornig an.—„Meint Er etwa hier eine Kneipe zu finden, daß Er mir faſt den Schellenzug abreißt? Auf der Stelle pack Er ſich aus meinem Hauſe, oder ich laſſe Ihn auf die Hauptwache führen, wo man für Lümmel ſeiner Art jederzeit einen ſehr ſoliden Farrenſchwanz in Be⸗ reitſchaft hält!“ „Bien sensible à votre attention, Monsieur! Veuillez ne pas le prendre en mauvaise parte!? entgegnete der brutale Menſch mit widerlich heiſerer Stimme und einem höhniſchen Grinſen.—„Ich ſuche den Herrn Prinzen⸗ erzieher ſo und ſo— na, wie nennt er ſich doch gegen⸗ wärtig— vom Jäger im Forſthof hört' ich ſeinen Na⸗ men— ah recht, den Herrn Doktor Roderich ſuche ich hier! — Je suis charmé, que vous ayez si bonne opinion von meiner geringen Perſonage, Monsieur!— Aber hilft Sie Alles nichts, Hers von Ballwuchs! Bin doch ein guter Freund vom Herrn Roderich— wir ſtudirten zuſammen auf der Hochſchule, das heißt, er ochste elend und ich lebte derweilen flott neben ihm her, ſilhouettirte die Studenten — 133— für ihre Pouſſagen— wir hatten zuletzt auch hölliſch Pech, er und ich,— und da nahm ich mir denn ſchon längſt vor, ihn einmal, wenn ich wieder auf meinen Geſchäftsrei⸗ ſen durch dieſes Städtle käm', außzuſuchen und ihn an unſere alte Kameradſchaft zu erinnern.— Jamais fortune ne contraria homme plus que moi! Er dagegen ſitzt, wie ich höre, dick in der Wolle— hat mit anderer Leute Fingern ſeine Kaſtanien aus dem Feuer geholt— ha! ha! Wo ſteckt die lange Figur mit dem Ladſtock im Rückgrat?—“ „Herr Doktor Roderich iſt ausgegangen,“ ſagte der Geheimerath, der ſeinen Ohren nicht trauen wollte und in deſſen Geſichtszügen die vorige Wuth dem höchſten Erſtau⸗ nen gewichen war, als er in dieſem verkommenen Geſellen einen Jugendfreund ſeines gelehrten Hausgenoſſen reſpek⸗ tiren ſollte. „Ha! So war er es alſo doch, der mich eben ſo grob an der Straßenecke anrannte!“ rief der trunkene Menſch und ſtampfte zornig mit dem Fuß auf den Boden.—„Das hätt' ich wiſſen ſollen!— Pai Perdu tout mon argent au jeu! Je n'ai plus le sou!— Und der Wirth will doch ſeine Zeche bezahlt haben!— Auf Ehre, Herr von Ballwuchs, Sie müſſen mir im Namen des Herrn Roderich zehn Kronen pumpen, wir hatten ja auch ſonſt gemeinſame Kaſſe— assurement— foi d'honnéte homme! Er wird Ihnen die Bagatelle mit dem größten Dank zurückerſtatten, wenn Sie ihm nur ſagen wollen, daß Sie's ſeinem alten Stubenfuchs aus der Gaſſe zum heißen Stein in Heidel⸗ berg im Candei'ſchen Hauſe vorgelegt haben.“ „Eine ſonderbare Zumuthung, lieber Mann,“ entgeg⸗ nete der Leibmedikus, der bald mit ſeinem durchdringenden Blick den frechen Geſellen, bald mit einem wenig verhehl⸗ ten höhniſchen Lächeln den ſprachlos daſtehenden Kammer— diener anſah.—„Da müßte Er ſich mir jedenfalls erſt —— — 3 — — — 134— beſſer als ehemaligen Freund des Herrn Doktor Roderich legitimiren, eh' ich Ihm auf ſein ehrliches Geſicht zehn Kronen herliehe!— So weit ich den Herrn Informator kenne und hochachte, mag Er ihm wohl während ſeiner Studenten⸗ jahre die Stiefel geputzt haben; aber zu einem ſolchen kordialen Freundſchaftsverhältniß, wie Er mir da vorſchwindeln möchte, hat ſich Herr Roderich gewiß nicht herbeigelaſſen.“ „O'est une calomnie!“ rief der freche Menſch und wurde vor Wuth noch bleicher als zuvor.—„Ich ihm die Stiefel putzen? Morbleu, dieſen Schimpf ſoll er mir in Ihrer Ge⸗ genwart depreciren!— Ja noch mehr! So wahr ich ſein alter Freund und Stubenburſche geweſen bin, ſo gewiß ſoll er mir's bezeugen, daß ich ihm einſtmals dreihundert Thaler geliehen habe, die er mir nebſt den Zinſen von mehr als zwanzig Jahren bis auf den heutigen Tag ſchuldet!— Aber Sie, mein Herr,“ hier wandte er ſich mit affektirter Indignation zu dem beſtürzten Kammerdie⸗ ner:„Sie werden mir gewiß auf den Kredit hin, den ich bei Doktor Roderich habe, wenn auch nicht zehn, doch fünf Kronen vorſchießen? Sonſt ſollen Sie erleben, daß ich ihn auf das Aeußerſte blamire; denn ich werde nicht nur Arreſt auf ſein Hab' und Gut legen, ſondern mich auch ſeiner Perſon verſichern. Nai un moyen tout prét pour le faire taire; mithin, wenn Sie ihm dieſen ärgerlichen Skandal erſparen wollen, ſo—“ „Sie unverſchämter Menſch! Sie heidenmäßiger Be⸗ trüger!“ rief jetzt der ehrliche Kammerdiener, zur Beſinnung kommend, im heftigſten Zorn über dieſe Frechheit und faßte ihn derb am Kragen.„Wenn Sie ſich noch einmal un⸗ terſtehen und geben ſich für einen Freund des Herrn In⸗ formators aus, ſo kriegen Sie's mit mir zu thun; denn ich verbitte mir ein für allemal in ſeinem Namen eine ſolche Kameradſchaft!“ 5 * — — — 5 Wuthzitternd hatte der ſonſt ſo ſchüchterne friedliche alte Mann den Trunkenbold ſo heftig geſchüttelt, daß dieſer— in welchem unſere Leſer gewiß ſogleich den verrufenen Vor⸗ ſtadtkrämer Francois Ventron erkannt haben— noch eben ſo brutal und herausfordernd, mit einmal ganz kleinlaut wurde und mit lallender Zunge eine Entſchuldigung ſtam— melte, indem er betheuerte, er ſei zwar ein alter Freund und Duzbruder vom Herrn Roderich, wolle ſich aber gerne gedulden, bis derſelbe nach Hauſe zurückkehren und ihn als ſolchen anerkennen werde; er müſſe den Herrn Doktor noch heute Abend um jeden Preis ſprechen. Die Zuverſicht, mit der er ſich auf Roderich's Anerken⸗ nung ſeiner wenig reſpektablen Perſon berief, ſetzte den treuen Diener von Neuem in die größte Verlegenheit; denn ſo weit konnte doch der Unbekannte ſeine Frechheit un⸗ möglich treiben und ſich ſelbſt dem Informator gegenüber auf deſſen alte Freundſchaft berufen, wenn er nicht in der That das Recht dazu hatte. Dem Geheimerath, deſſen wenig aufrichtige Geſinnung gegen Roderich wir kennen, ſprach die Neugierde, wie ſich dieſes merkwürdige Räthſel ſchließlich noch löſen werde, 5 deutlich genug aus den lauernden Blicken. Statt ſeines vorigen Aergers über den inſolenten Menſchen zeigte er jetzt in ſeinem Benehmen ſogar Theilnahme für denſelben, und gab in ſeiner geheimen Schadenfreude nicht undeutlich zu verſtehen, Jener möge des Informators Rückkehr abwarten. Aber eben dieſes konnte und durfte der Kammerdiener nicht zugeben und wandte dagegen ein, es ſei ganz ungewiß, wann der Herr Doktor zurückkäme, es könne Mitternacht darüber werden und jedenfalls wiſſe er beſtimmt, daß er ſo ſpät keinen ſolchen Beſuch mehr annehmen werde.— Der verſchlagene Ventron ließ jedoch nicht ſo leicht den Vortheil wieder fahren, daß er einmal im Hauſe war; bis zuletzt der Kammerdiener in ſeiner Herzensangſt und weil er nur noch an die Verlegenheit dachte, in die Roderich dem Leibmedikus gegenüber gerathen werde, wenn er einen ſol⸗ chen Menſchen als ehemaligen Freund anerkennen müſſe, das letzte Mittel ergriff, um Jenen los zu werden, indem er nach ſeiner Stube hinaufeilte und aus ſeinen eig⸗ nen Erſparniſſen die von Jenem verlangten fünf Kronen herbeiholte. „Kommen Sie morgen wieder,“ ſagte er barſch, ihm das Geld einhändigend, und machte zugleich mit einer ent⸗ ſchloſſenen Bewegung weit die Thüre auf.—„Sie ſind ja ganz und gar betrunken und ſollten ſich ſchämen, einem Herrn wie dem Herrn Doktor Roderich in einem ſolchen Zuſtand unter die Augen zu kommen!“ „Jawohl, ſchaffen Sie ihn aus dem Hauſe, ehe der Herr Inſormator zurückkommt!“ ſagte der Geheimerath, der nun nicht anders mehr konnte, als aus Rückſicht für Ro⸗ derich dem Kammerdiener beizuſtimmen.—„Aber halt! wie heißt Er, Monſieur?“ „Sagen Sie ihm nur, es ſei der nämliche gute Freund geweſen, der ihm neulich ſchon einmal irgendwo begegnet wär'!“ hohnlachte Ventron, welcher bereits den derben Griff des Kammerdieners an ſeinem Arme fühlte, und tau⸗ melte dann, von einem wirkſamen Ruck deſſelben über die Schwelle geſchoben, unter Flüchen und Verwünſchungen, in die er zuweilen einen heiſeren Jodelton miſchte, in die ſtockfinſtere Nacht hinaus. Hinter ihm ſchloß der Alte raſch die Thüre und der Geheimerath ſagte mit einem bei⸗ fälligen Grinſen: „Bravo, mein Freund, das haben Sie gut gemacht; ich wollte, ich hätte Sie auch zuweilen ähnlichen Gäſten gegenüber bei der Hand. Der Herr Informator wird Ihnen Dank wiſſen, daß Sie ihm dieſen ſauberen Univer⸗ 3 ſitätsfreund vom Halſe gehalten haben. Ich denke, der brutale Kerl, wenn er erſt ſeinen Rauſch ausgeſchlafen hat, beſinnt ſich eines Beſſeren und wird ſein arges Mißver⸗ ſtändniß inne.— Hä! Hä! Dieſer Kerl will einen ſo vorzüglichen Redner wie Herrn Doktor Roderich zum Schweigen bringen!— Was doch ein berühmter, hochge⸗ lehrter Mann nicht Alles um ſeines Rufes willen von ſol⸗ chen Abenteurern und Schwindlern zu leiden hat!— Gute Nacht, Alter, meinen höflichen Empfehl an den Herrn Dok⸗ tor, wenn er heimkommt.“ Achtes Rapitel. S alte Kammerdiener hatte mit dem, Leuten ſei⸗ ner dienſtbaren Stellung oft eignen, durch vieljährige Ge⸗ wohnheit und Beobachtung gewonnenen ſicheren Takte die Meldung dieſes fatalen Vorgangs an Roderich bis zum ſolgenden Morgen verſchoben, wo derſelbe in den Unter⸗ richtsſtunden eine Pauſe zu machen und der Prinz ſich in dem anſtoßenden Saale mit ſeinen kleinen Freunden durch Federballſpiel zu beluſtigen pflegte. Auch dann noch war er zartfühlend genug geweſen, Jenem das ungebührliche Benehmen des angeblichen Jugendfreundes im mildeſten Lichte darzuſtellen; überzeugt, daß der Geheimerath mit dem ſchlimmen Gaſt ſchon weniger Umſtände machen werde, da es ja dieſes Herrn Art und Weiſe war, den Leuten eine unangenehme Sache ſo rückſichtslos als möglich mitzu⸗ theilen und Kranken und Geſunden die nämlichen bitteren Pillen zu ſchlucken zu geben. Dennoch entging ihm der Eindruck nicht, den dieſe Nachricht auf den Informator ſeines Prinzen machte, und auch ohne beſonderes Ahnungsvermögen ſagte ihm ſogleich das beſtürzte Weſen deſſelben, daß jener fremde Menſch trotz ſeiner brutalen Aufführung und ſeines verdächtigen Aeußeren nur allzu wahr geredet haben müſſe, als er ſich ſo prahleriſch und herausfordernd auf ſein früheres intimes Verhältniß zu dem angeſehenen Gelehrten und Prediger, —— zu dem Freund und Vertrauten hoher fürſtlicher Perſonen berief.— Dieſe Wahrnehmung erſchütterte den ehrlichen Alten kaum minder tief, als ſeine Nachricht Roderich ſelber; er ſuchte daher ſogleich den ſchlimmen Eindruck ſeiner Meldung dadurch zu mildern, daß er ihm betheuerte, er werde den zudringlichen Menſchen das nächſte Mal, falls dieß der Herr Informator wünſchen ſollten, noch ganz anders abfertigen als am geſtrigen Abend. Roderich ſtotterte in ſeiner anfänglichen großen Beſtür⸗ zung etwas von einem entfernten Anverwandten, der ihn durch ſeine Zudringlichkeit ſchon öfters in große Verlegen⸗ heit gebracht habe; ſchien dann aber bei einer mehr ruhigen Prüfung des ärgerlichen Vorfalls nur die Einmiſchung des Geheimeraths zu bedauern, der am Ende gar glauben könne, der Windbeutel hätte nicht ohne einigen Grund auf ein früheres nahes Verhältniß zu ihm gepocht. Noch einige raſche Gänge durch's Zimmer, dazwiſchen einzelne unwillkürliche Ausrufe über den„unverbeſſerlichen Komödianten“, das„verdorbene Genie“, und Roderich hatte ſeinen anfänglichen Schrecken ſo weit bemeiſtert, daß er ſogar, als er dem Kammerdiener dankend das von dieſem dem Schwindler eingehändigte Geld zurückgab, über ſeines ſaubern Herrn Vetters Großmuth und Beſcheidenheit ſcher⸗ zen konnte, der alsbald ſeine Anſprüche freiwillig um die Hälfte vermindert habe, als ihm der Geheimerath ſo rund⸗ weg jede Unterſtützung abſchlug.— Da aber der Kammerdiener weggegangen war und Roderich ſich keinen weiteren Zwang mehr aufzuerlegen brauchte, bemächtigte ſich ſeines Herzens neben der Angſt zugleich eine ſo grenzenloſe Wuth über dieſen frechen Böſe— wicht, daß er ihn mit ſeinen Händen hätte erwürgen kön⸗ nen; während er im nächſten Augenblick an Allem verzweifeln wollte und den Entſchluß faßte, ſich durch einen ſchnellen Tod für immer von den Qualen und Verfolgungen zu be⸗ freien, die ihm dieſer Menſch bereitete. Man muß ſich alle Umſtände ſeines äußeren Lebens klar machen, um überhaupt zu begreifen, wie ein Mann von ſeiner entſchloſſenen Willenskraft, ſeiner Jahre lang geübten Selbſtbeherrſchung ſich ſo plötzlich allen Muthes, aller Hoffnung baar, bis zu dieſem troſtloſen Gedanken verirren und— wenn auch nur momentan— in ſeinem Untergange die einzige Rettung vor einem Menſchen er⸗ blicken konnte, der in jeder Beziehung, geiſtig wie geſell⸗ ſchaftlich, ſo tief unter ihm ſtand und den er ſelber als ein grundſchlechtes Subjekt kannte und verachtete. Denn was auch immer die Schuld ſeiner Jugend ge⸗ weſen ſein mochte, die den Fluch und das Verhängniß ſeines Lebens ausmachte, ſo wiſſen wir's ja aus dem Munde Aureliens ſelber, daß ſie nicht nur Roderich's Ver⸗ gangenheit kannte, ſondern auch gleichgültig, ja heiter dar⸗ über hinausſah und ihm ſelbſt noch wegen ſeiner allzu ängſtlichen Hypochondrieen und übertriebener Sorglichkeit Vorwürfe machte, als wenn es nur allein von ihm abhinge, ſich durch ein freies, weniger peinliches und ſelbſtquäleri⸗ ſches Weſen für immer von dieſer ſchweren Erinnerung zu erlöſen und als den Menſchen zu fühlen, den ſie ſo ſchwär⸗ meriſch liebte. Eins freilich konnte die hochſinnige, in ihren zärtlichen Gefühlen für den angebeteten Mann ſo abhängige und hin⸗ gebende Frau, weil ihr dazu gänzlich das Verſtändhiß des Lebens fehlte, am wenigſten nach ſeinem vollen Gewichte bemeſſen, was doch im Grunde den Kern und die dunkle Folie von Roderich's ganzem Schickſal ausmachte ſeine Vermeſſenheit, einem ſo großen, ſeltenen und vielbeneideten Glück gegenüber; während doch an ſeinem vergangenen Leben ein Makel haftete, den ein ſo ſtolzer, ehrgeiziger Charakter, ein geiſtig ſo hochſtehender Menſch beſtändig wie ein Schrecken ohne Ende an den möglichen Fall einer Ent⸗ deckung erinnern mußte; ſo daß die Schuld ſeiner Jugend, die vielleicht unter minder günſtigen äußeren Lebensum⸗ ſtänden und in einer weniger glänzenden geſellſchaftlichen Stellung längſt nicht bloß in ſeinem Bewußtſein geſühnt, ſondern auch von der Welt ihm verziehen worden wäre, durch dieſen furchtbaren Gegenſatz zu ſeinem angemaßten Glücke alle Menſchen, auch die beſten, gegen ihn empören und ihre Entdeckung ſeine Chre für immer gnadlos zerſtören mußte. Nur darum hatte Roderich, gelähmt von dem Gefühl einer beſtändigen Furcht vor dem doppelt ſchrecklichen Ver⸗ dammungsurtheil der Welt im Fall einer Enthüllung ſeiner Vergangenheit, dem wiederholten Andringen der Geliebten, den Bund ihrer Herzen durch dieſen letzten kühnen Schritt vor allen Gefahren zu ſichern, bis jetzt ſo ſtandhaft, ja hartnäckig widerſtanden. Denn ſeinem Herzen fehlte das Vertrauen zu ſich ſelber, ſeinem Geiſte der Muth und die Schwungkraft, um auch noch über dieſe letzte breite Kluft hinauszukommen, die zwiſchen ſeinem gegenwärtigen Leben und jener unſeligen Zeit ſeiner Jugend lag; zwiſchen dem edlen, durch die Geburt ebenſowohl wie durch ſeine Tugen⸗ den und geiſtigen Vorzüge allen gemeinen und niedrigen Elementen dieſes Daſeins entrückten herrlichen Weſen, und ſeiner einſtigen häßlichen Geſtalt, der ein unvertilgbares Brandmal der Schande, die Folge ſeiner jugendlichen Ver⸗ gehungen, anhaftete: das Einzige, was er ihr bis zur Stunde verheimlicht hatte! Sie kannte nur, wenn auch dem vollen wahrheitsge⸗ treuen Inhalt nach, ſeine Schuld, nicht aber zugleich auch deren unſelige Folge für ſeine bürgerliche Ehre, nicht den ſchrecklichen Konflikt, in welchen dieſelbe ſeinen Namen, ——— — 142— ſeine Perſon mit den Gerichten ſeines Landes einſtmals ver⸗ wickelt hatte; mit einem Worte: ſie kannte nur ſeine That, nicht die aus dieſer im nothwendigen, unmittelbaren Zu⸗ ſammenhang mit den Geſetzen und Ordnungen der bürger⸗ lichen Geſellſchaft entſprungenen unheimlichen Konſequenzen für ſein ganzes ſpäteres Leben. Für ſeine Liebe, für ſein zärtliches, auf den reinſten Stimmungen und Sympathieen beruhendes Verhältniß zu der ſchönen, angebeteten Frau war es allerdings gleichgül⸗ tig und durfte dieß auch ſeinem Bewußtſein, ſeinem von den Irrthümern und Schlacken der Vergangenheit gerei⸗ nigten Geiſte gegenüber ſein, wenn Aurelie mit den Folgen unbekannt blieb, die ſeine damalige That für ihn gehabt hatte; lächelte ſie doch ſogar über die Verirrungen ſeiner Jugend, küßte ihm oft voll heißer Ungeduld ſeine ſchweren Selbſtanklagen, ſeine halbverhüllten Andeutungen von den ſcheuen Lippen, die das eine letzte furchtbare Wort ſeines Unglücks nicht auszuſprechen wagten, auch wenn er noch ſo innig und lebendig davon überzeugt war, daß ſie ſelbſt dieſes Wort ertragen und mit dem Heldenmuth ihrer Liebe ſein ſchweres Kreuz von ihm genommen hätte. Erſt als ihn, den ernſten abgeklärten Charakter und hoch⸗ gebildeten Geiſt, der alte furchtbare Mahner ſeines Jugend⸗ ſchickſals aus ſeiner jahrelang geträumten Sicherheit wieder aufſchreckte; als ihm mitten im Vollbeſitz einer von allen hohen und ſchönen Idealen des Lebens verklärten Liebe wie zum Hohne ſeines ſeltnen Glückes, ſeiner ſchuldgerei⸗ nigten Seele der nämliche Menſch entgegentrat, mit dem ihn einſt die gleiche Schuld und das gleiche Loos verband: da begriff Roderich die ſchauerliche Ironie eines Schickſals, das den jugendlichen Verbrecher zwar glücklich durch alle Kämpfe und geiſtigen Läuterungsprozeſſe des Lebens mit dem wiedergewonnenen Gott in ſeiner Bruſt hindurchgeführt — 143— hatte, und ſeinen geretteten Geiſt durch die Nacht ſchreck⸗ licher Verirrungen ſelbſt zu den lichten Höhen der Menſch⸗ heit leitete; das aber hinter ihm, je höher und kühner er vorwärts ſtrebte, je glühender ſein Gefühl einem menſchen⸗ würdigen Leben voll Liebe und edler Thaten in ſeinen rein⸗ ſten und ſchönſten Zielen entgegenrang— die Welt, die er einſt in einem ihrer einfachſten Geſetze beleidigt hatte, in eine undurchdringliche öde Finſterniß hüllte. In dem der Anbetung des Höchſten geweihten Tempel, wo fromme Herzen andächtig und gerührt ſeinen begeiſter⸗ ten Reden lauſchten; dicht an den Stufen eines erlauchten Fürſtenthrones; geliebt und angebetet von einem in Hoheit geborenen, von allen holden und guten Genien des Lebens umgebenen Weſen: ſo findet den zu jedem ſeltnen neidens⸗ werthen Glück dieſer Erde auserkorenen Günſtling des Himmels der ehemalige Mitſchuldige ſeiner Jugend wieder: ein wüſter verkommener Menſch, obendrein entartet durch Armuth und Elend— ein vollendeter Böſewicht, entſchloſ— ſen, ſeine vielleicht durch hundert ſpätere Verbrechen noch mehr beſudelte Hand von Neuem nach dem unglücklichen Manne auszuſtrecken, der ſich einem ſolchen Feind gegen⸗ über verloren ſieht, wenn nicht ein Gott ſich ſeiner erbarmt und ihn von dem entſetzlichen Verfolger noch einmal gnädig errettet! Wählt er den Tod, der Purpur und Kronen erbleichen macht?— Wählt er das Leben, das ſo oft um des Schuldbeladenen bleiche Stirne den Kranz der reinen Tugend und Ehre flicht? Es iſt die Liebe, die treue, innige Liebe, die das in ſeinem Gewiſſen geängſtigte Herz mit der nämlichen ſchwär⸗ meriſchen Glut und Innigkeit umfaßt, wie das muthvoll ſeinem Glück und ſeinem guten Geiſt vertrauende; die Liebe, die ſelbſt noch den Schuldigen mit ihren weichen ſtarken Armen von dem Sturz in den ſchwindelnden Ab⸗ grund zurückhält, ihm im Gotteshauch der Vergebung die Röthe der Scham von der Stirne küßt; die Liebe, die allein ſich ſtark genug fühlt, es mit einer ganzen Welt voll kalter erbarmungsloſer Richter aufzunehmen, und durch ein einziges ſüßes Wort ſelbſt den zürnenden Himmel zu verſöhnen weiß, wenn ſie in holdem Erröthen ſtammelt: „Ich liebe ihn doch!“ Dieſer Glaube an den Muth und die Alles hingebende, Alles duldende Liebe der herrlichen Frau hielt Roderich auch jetzt wieder aufrecht; und die Gewißheit, daß ihr Beſitz ihn für immer von dieſer tödtlichen Angſt erlöſen, daß ſie dann nicht bloß liebend ſeine Schuld, ſondern auch deren 1 dunkles Verhängniß, einen vor der Welt entehrten und gebrandmarkten Namen ihm vergeben werde, leuchtete und zündete noch einmal gleich einem Himmelsſtrahl in die Nacht ſeines Lebens!— Wie er geſtern, wo er doch nur vor dem ihn unſichtbar umſchleichenden Feind gezittert, ſeine Zuflucht zu dieſem allein noch rettenden Gedanken genom⸗ men, ſo wurde derſelbe ihm jetzt, da ſein Feind wider Erwarten ſchnell aus ſeiner dunklen Verborgenheit an ihn herantrat, zum Ankergrund ſeiner letzten Hoffnung; denn was wagte er überhaupt noch einem Herzen gegenüber, das ihm liebeſelig bekannte, es wolle noch viel, viel mehr Schuld als die ſeine jauchzend auf ſich nehmen, und doch im Schatten ſeiner Liebe ſo glücklich, ſo friedlich ruhen, wie im Schooße Gottes ſelber?— Aurelie gewinnen und dann mit ihr und dem Kinde ſo ſchnell und geräuſchlos als möglich einen Ort verlaſſen, an dem ihm jeder Tag, jede Stunde die nämliche Heim⸗ ſuchung, wie jetzt, bereiten konnte: dieſer Vorſatz ſtand jetzt ſo feſt bei ihm, daß er keine Minute länger mehr mit der Ausführung zu zögern beſchloß und ſogleich 1 einen Miethwagen beſtellen ließ, der ihn nach dem meh⸗ ——————— —* — — — ———— —— ——. rere Stunden entfernten Dorfe der jungen Pfarrersleute bringen ſollte. Auch er zweifelte keinen Augenblick an Albert's Bereit⸗ willigkeit, ihm dieſen großen Dienſt zu leiſten; und nur darüber war er noch mit ſich nicht im Klaren, ob er dem jungen Geiſtlichen ſein ganzes Liebesverhältniß, wie es zwi⸗ ſchen der Prinzeſſin und ihm beſtand, anvertrauen, oder ihm den Namen und hohen Rang ſeiner Verlobten bis zur er⸗ folgten Einwilligung verſchweigen ſolle.— Er überließ jedoch dieſe Frage einer mehr ruhigen Prüfung während der mehr⸗ ſtündigen Fahrt nach dem Gebirgsdorf; hielt es aber unter allen Umſtänden für der Klugheit angemeſſen, zuvor noch dem Geheimerath von Demann einen kurzen Beſuch zu machen, einmal, um demſelben von vornherein den Verdacht zu be⸗ nehmen, als ſtünde dieſe unvermuthete Reiſe in irgend einem Zuſammenhang mit dem Auftritt des geſtrigen Abends; und zweitens, um ihm mit der größten Unbefangenheit eine Er⸗ klärung über ſein Verhältniß zu jenem frechen Menſchen zu geben, das er wohl oder übel glaubwürdig finden mußte. Der Leibmebikus, der ſeinen Beſuch beinahe erwartet zu haben ſchien, kam ihm mit ungewohnter Herzlichkeit ent⸗ gegen; doch entdeckte Roderich auf den erſten Blick hinter dieſem freundlichen Weſen eine große Spannung und ſelbſt eine recht boshafte Schadenfreude darüber, daß ihm der ſonſt ſo kalte und verſchloſſene Gelehrte doch endlich, und obendrein noch in einer für dieſen ſo fatalen Sache, mit ſeinem Vertrauen entgegenkommen müſſe, ja vielleicht ſogar an ſeine Diskretion appelliren werde. Was ihm aber der Informator von dem Unbekannten mittheilte, befriedigte ebenſowenig ſeine Neugierde, als es ſeinem ſchon lange im Stillen gehegten Wunſche entſprach, endlich einmal Eins und das Andere über Roderich's frü⸗ here Lebensumſtände zu erfahren, die für ihn und jeden Müller, O., Roderich. II. 10 — 146— andern Menſchen in der Reſidenz bis dahin in ein un⸗ durchdringliches Dunkel gehüllt geblieben waren. Mit einem Humor, den ſelbſt der argwöhniſche und ſonſt nicht leicht zu täuſchende Scharfblick des Geheimeraths unmöglich für Verſtellung halten konnte, nahm der Infor⸗ mator ſogleich das Wort, um ihm lachend zu ſagen, wie ſehr er ihm für den Dienſt verbunden ſei, daß er ihm den läſtigen Menſchen wohl für längere Zeit abgehalten habe. — Er wolle durchaus nicht die Ehre leugnen, im dritten oder vierten Grad durch einen Stiefbruder ſeiner Mutter mit dem Exkandidaten Piſtorius verwandt zu ſein; dieſem fahrenden Ritter von der traurigen Geſtalt, deſſen eigent⸗ liche Glanzperiode übrigens ſchon ſeit geraumer Zeit ver⸗ blichen ſei. Er könne jedoch den Geheimerath verſichern, daß er am geſtrigen Abend, ohne es zu wiſſen, den Schatten eines in zwei Welttheilen gefeierten, erſtaunlich induſtriellen Genies vor ſich gehabt habe, und nichts bedaure er ſo ſehr, als daß der trunkene Zuſtand ſeines liebenswürdigen Cou⸗ ſins ſeinem verehrten Hauswirth nicht vergönnt habe, ſich mit der über allen Durſt erhabenen Lebensphiloſophie deſſelben ein wenig näher bekannt zu machen. Der Leibmedikus konnte zuerſt bei der ſo heiter ange⸗ regten Stimmung Roderich's nicht umhin, in deſſen launigen Ton einzugehen und ſich gleichfalls ſehr beluſtigt über die ſo bedenklich ſchwankenden Anſtandsbegriffe des ehemaligen Studioſen der Theologie zu zeigen; er meinte, es ſei ſchade, daß Schiller, als er ſeine Räuber geſchrieben, dieſes rare Gauneroriginal nicht gekannt habe; er würde dann die Galgenromantik um eine neue Spezies der ungehangen in der Welt herumlaufenden Spitzbuben bereichert haben. Doch machte der Geheimerath gleich nachher eine raſche Schwenkung nach der ernſten Seite, indem er Roderich mit verſtellter Vorſorglichkeit, wenn auch ſchonend bat, ſich der Verwandtſchaft mit dem ſchlimmen Patron ſelbſt nicht ein⸗ mal im Scherze bei andern Perſonen zu rühmen; denn in dieſer Stadt gäbe es, wie auch anderswo, viele Leute, die gleich aus jeder Mücke einen Elephanten machten und in ihrer nüchternen Moral durchaus kein Verſtändniß für der⸗ gleichen verwandtſchaftliche Beziehungen hätten. „Zumal einem wirklich ſo beiſpiellos unverſchämten Kerl gegenüber,“ fügte er boshaft lächelnd hinzu.—„Denn er gab ſich förmlich das Anſehen, als wenn er Ihnen Ihr Horoſtop für alle Zeiten geſtellt habe und nur zu wollen brauche, ſo müßten Sie ihm Ihr Erſtgeburtsrecht gegen ein Linſengericht abtreten.“ „Ha! Ha! So kann er noch immer nicht von ſeiner alten Praktik laſſen!“ lachte Roderich.—„Jedesmal, wenn er einen ſeiner früheren Bekannten auf's Korn genommen hat, gibt er ſich bei dritten, dieſem naheſtehenden Perſonen die Miene, als habe er gewiſſe wichtige Geheimniſſe über deſſen Vergangenheit in der Taſche, läßt auch wohl ein und das andere myſteriöſe Wort fallen, und gewöhnlich erreicht der Schelm ſchon damit ſeinen Zweck. Denn jene Perſonen wollen ihren Freund nicht durch einen ſolchen Menſchen kompromittirt ſehen, mitunter reizt ſie auch wohl die Neu⸗ gierde, wirklich etwas Näheres zu erfahren— ah! und wie vortrefflich verſteht er ſich nicht auf der Leute Schwä⸗ chen und kleine Malicen— ſo daß er meiſt, bis der eigent⸗ liche Gegenſtand ſeiner Verdächtigungen dahinter kommt, ſeine Vögel ſchon gerupft hat. Er gehört zu jener zigeu⸗ nernden Abenteurerſorte, die aus der Cachoterie ein förm⸗ liches Gewerbe macht, und ich könnte Ihnen mehr als ein Bravourſtückchen von ihm erzählen, um das ihn ſelbſt Cartouche beneiden müßte. Erzählte er Ihnen auch wie⸗ der von meiner früheren Verbindung mit den ſtraßburger Klubbiſten?“ 8 „Davon ſagte er Nichts,“ entgegnete der Leibmedikus beinahe kleinlaut. „Dann muß mein Herr Couſin dießmal wirklich aus⸗ nahmsweiſe ſehr delikat oder— ſehr betrunken geweſen ſein!“ rief Roderich herzlich lachend.—„Es gab eine Zeit, da brachte er mich ſelbſt bei meinen Vorgeſetzten in den Geruch eines geheimen Jakobiners, und ein jetzt verſtorbe⸗ ner höherer Staatsbeamter in einem Nachbarſtaate ſchenkte ihm für dieſe wichtige Mittheilung die größere Hälfte einer wegen grober Betrügereien ihm diktirten Gefängnißſtrafe. Ein andermal erzählte er einem mir wenig holden Profeſſor der Theologie zu Halle, ich ſei ein Kryptokatholik, unter⸗ halte geheime Verbindungen mit den Jeſuiten, er getraue ſich aber ſichere Belege dafür beizubringen, daß meine Eltern noch zur Stunde das Feſt der ungeſäuerten Brode feierten und das Paſſahlamm verzehrten.“ „Ich begreife nur nicht, warum Sie dieſem durchtrie⸗ benen Gauner nicht ſchon längſt den Paß verlegt haben?“ ſagte der Leibmedikus kopfſchüttelnd, wenig erbaut von der humoriſtiſchen Unbefangenheit, womit ihm Roderich dieß Alles erzählte.—„Seien Sie doch ja auf Ihrer Hut vor dieſem Herrn Couſin! Der Menſch äußerte ſich, ohne irgend eine beſtimmte Behauptung zu thun, in einer ſo myſteriös anzüglichen Weiſe über Sie, daß ich beinahe Luſt verſpürte, ihn bis zu Ihrer Rückkehr da zu behalten; denn auf Ehre, Herr Informator, Sie hätten unmöglich auf ſolche Infa⸗ mien ſchweigen können, wie er trotz ſeines Rauſches mit der offenbaren Abſicht, Sie in meinen Augen zu diskreditiren, gegen Sie vorbrachte.“ „Und ich verſichere den Herrn Geheimerath, daß ich auch dießmal würde geſchwiegen haben,“ erwiederte Roderich trocken mit einem verächtlichen Achſelzucken.—„Dergleichen Mohrenwäſche überlaſſe ich andern Leuten, die mehr Reigung 5 und vielleicht auch triftigere Motive haben, ſich um das Ge⸗ ſchwätz eines ſolchen weltkundigen Windbeutels zu bekümmern. Uebrigens iſt es, wenn auch nicht wahrſcheinlich, doch immer⸗ hin möglich, daß mein Herr Vetter mir einen wiederholten Beſuch zudenkt, und in dieſem Falle wollen Sie nur gefäl⸗ ligſt ganz nach Ihrem Belieben mit ihm verfahren.— Nehmen Sie auch bei Leibe,“ ſetzte er mit einem ſarkaſti⸗ ſchen Lächeln hinzu,„keine Rückſicht auf meine Perſon; ich bin zudem heute und morgen in der Geſchäftsangele⸗ genheit eines meiner Freunde von Hauſe abweſend; ſollte daher der Herr Kandidat Piſtorius ſich noch einmal in dieſes Haus wagen, ſo ſind Sie ja nur in Ihrem vollkommenen Recht, wenn Sie ihn nach den eigentlichen Gründen fragen, die einen Menſchen von ſo verdächtigem Exterieur unter Ihr Dach führen. Ich bitte noch einmal ganz ergebenſt, dabei von jeder Rückſicht auf mich abzuſehen.“ „Mein Gott, Herr Doktor, was denken Sie von mir!“ rief der Geheimerath mit angenommener Beſtürzung, um dahinter ſeine wirkliche Verlegenheit zu verbergen.—„Ich würde dieſes mauvais sujet ganz ſo behandeln, wie ich nach den mir ſoeben von Ihnen gegebenen Winken für an⸗ gemeſſen halte, und den frechen Schwindler ohne Weiteres durch meine Domeſtiken aus dem Hauſe weiſen laſſen.“ „Seien Sie verſichert, daß ihm dieß nicht zum erſten Mal in ſeinen Lehr- und Wanderjahren paſſirt,“ entgegnete Roderich mit ſeiner früheren heiteren Laune.—„Dergleichen raſche und einfache Beförderungsmittel ſind für ihn gar nichts Neues und Ungewöhnliches mehr; denn er legte ſchon manche lange Wegſtrecke ohne beſonderen Gemüthsaffekt per Schub zurück, und es gibt wohl keine deutſche Grenze, die er nicht ſchon ein- und das anderemal in Begleitung eines Gendarmen unfreiwillig überſchritten hätte.“ Ungeachtet der humoriſtiſchen Stimmung, womit der ———— — 150— Informator ſich über ſeinen ehemaligen Univerſitätsfreund und Anverwandten äußerte, merkte der Leibmedikus doch recht gut, daß er den reizbaren und ſtolzen Gelehrten durch ſeine anfangs ſo lebhafte Theilnahme an dieſer Sache an einer ſehr empfindlichen Seite berührt habe. So oft ſich da⸗ her Roderich verabſchieden wollte, ſuchte er ihn jedesmal durch ein neues Geſpräch feſtzuhalten, um durch ein über⸗ aus freundliches und kordiales Benehmen den Verdacht bei ihm zu beſeitigen, als wenn er auch nur vorübergehend an irgend eine nähere Beziehung zwiſchen ihm und jenem verdächtigen Landſtreicher geglaubt habe.— Dennoch war der Informator auch jetzt nicht geneigt, ihm mehr Artigkeit und Entgegenkommen zu zeigen wie ſeither, und ihn dadurch erſt recht in der Anſicht zu beſtärken, als ſei ihm die Er⸗ ſcheinung des verrufenen Menſchen und des Geheimeraths Kenntniß von ſeiner früheren Beziehung zu demſelben ir⸗ gendwie fatal oder gar ernſtlich unangenehm. Er beobachtete daher auch heute ſein ſonſtiges gemeſſe⸗ nes und kalthöfliches Benehmen gegen den Leibmedikus, gegen den er nun einmal dieſes unbeſiegbare Mißtrauen im Herzen nährte; ſo daß dieſer, während ſeine Lippe vom Honigſeim der ſchmeichelhafteſten und herzlichſten Freund⸗ ſchaftsverſicherungen überfloß, bei ſich im Stillen den ſtol⸗ zen Pedanten verwünſchte, der ſich durch keine Rückſicht aus ſeiner vornehm trockenen, kühlablehnenden Haltung herausbringen ließ. Dagegen nahm der Informator glücklich den paſſenden Moment wahr, wo er ſeinem Hauswirtb ganz wie zufällig mit einem feinen ſatyriſchen Lächeln durch die leichthingeworfene Bemerkung das Wort vom Munde ab⸗ ſchnitt, er hoffe ſchon in einem der nächſten Tage ſeinen verehrten Gönner durch eine Nachricht zu überraſchen, die dieſen nicht nur mit ſeinem ſeitherigen zurückgezogenen Leben ausſöhnen, ſondern ihn auch, wie er ironiſch hinzu⸗ 151— ſetzte, uͤber alle Antecedentien ſeiner Vergangenheit vollkom⸗ men beruhigen werde. Dieſe geheimnißvolle und doch ſcheinbar mit ſo großer Nonchalance hingeworfene Aeußerung verfehlte denn auch keineswegs ihre berechnete mächtige Wirkung auf den ebenſo neugierigen als intriguenſüchtigen alten Hofmann, und der graue Schlaukopf ließ ſich wirklich durch das ganz unab⸗ ſichtliche triumphirende Lächeln täuſchen, womit der Infor⸗ mator mit der Fingerſpitze ein Stäubchen vom Aermel ſchnickte, was Jener ſogleich in die Worte überſetzte: Warte, dieſen fatalen Einblick in meine früheren Lebensverhältniſſe werde ich Dir ſobald nicht wieder vergeſſen. Er war überzeugt, daß Roderich das landesherrliche Dekret ſchon in der Taſche habe, welches ihn zu einem ebenſo einflußreichen als gefährlichen Rivalen bei Hofe und in der Gunſt des Fürſten mache; und dieſe Gewißheit ver⸗ wirrte, ja erſchreckte den Leibmedikus einen Augenblick ſo ſehr, daß er ſtatt aller Antwort unwillkürlich des Infor⸗ mators Hand an ſein Herz drückte und zugleich in ſeiner Beſtürzung eine ehrfurchtsvolle Verbeugung vor ihm machte. „Au revoir, mein lieber Herr von Demann!“ ſagte Jener mit einem leichten Kopfnicken, als die Kutſche vor das Haus fuhr, und entſchlüpfte raſch allen weiteren Re⸗ ſpektsbezeigungen des Geheimeraths, der ebenſo beſtürzt über das Gehörte, als beſchämt über ſeine freiwillige De⸗ müthigung zornig in die Höhe fuhr und voll Aerger die doppelte Ueberraſchung verwünſchte, in die ihn Jener ver⸗ ſetzt hatte. „Warte, Du eitler Neophyte, Dir tränk' ich doch Deinen Hochmuth noch einmal gehörig ein!“ ziſchelte er grimmig zwiſchen den Zähnen, und zugleich ſchoß aus den kleinen grauen Katzenaugen mit den rothgeränderten, wimpernloſen Augenlidern bei dieſer Verwünſchung ein ſo ſpitzer gifti⸗ „*———— ⸗—— b ger Strahl des tödtlichſten Haſſes, daß Roderich, hätte er dieſen Blick ſeines Gönners geſehen, ſchwerlich mit ſolcher Zuverſicht in den Wagen geſtiegen wäre, um den Ge⸗ heimerath und alle Menſchen über die Antecedentien ſeines früheren Lebens zu beruhigen. Neuntes Rapitel. Nach einer mehrſtündigen, bei dem verwahrlosten Zuſtand der Landſtraßen zum Theil ſehr beſchwerlichen Fahrt langte er bei ſchon völliger Dunkelheit in dem einſam ge⸗ legenen Gebirgsdorf an, und bald hielt der Wagen vor dem Pfarrhaus, das nebſt der Kirche am Ende des Ortes abgeſondert von den übrigen Wohnungen lag und gleich den andern Bauernhäuſern mit Stroh gedeckt war.— Die unvermuthete Erſcheinung des hochverehrten angeſehenen Mannes, dem das junge geiſtliche Ehepaar ſein ganzes Glück nach ſo rauhen und verzweifelten Kämpfen mit den ihrer Liebe feindlichen Geſchicken zu verdanken hatte, war begreiflicherweiſe für Beide nächſt ihrem kaum geſchloſſenen Liebesbund das froheſte und glücklichſte Ereigniß für ihre dankerfüllten Herzen; und die ſchöne junge Pfarrerin ſtürzte mit einem lauten Jubelſchrei ihrem Lebensretter in die Arme, während ihr ſtillerer ſchüchterner Gatte beinahe die Faſſung verlor, als er ſich überzeugte, daß dieſer unerwar⸗ tete Beſuch wirklich ihm und ſeiner jungen Frau gelten ſolle.— Denn Roderich war, als ein dem erlauchten Fürſten und den einflußreichſten Staatsbeamten perſönlich naheſtehen⸗ der Mann nicht nur ſein Gönner; er war auch das von ihm bewunderte Ideal eines vollendeten Kanzelredners und ausgezeichneten Theologen, den er ſich zum Vorbild ſeines geiſtlichen Berufes genommen hatte, wie er in ihm zugleich — 154— das Muſter eines ſeltenen Charakters voll Humanität und reiner Geſinnung erblickte. Erſt als der fürſtliche Informator mit ſeinem gewin⸗ nenden herzlichen und doch zugleich würdevollen Weſen verſicherte, daß ihn neben dem Wunſche, ſeine beiden lieben Freunde in ihrer neuen Häuslichkeit zu beſuchen, auch noch ein perſönliches wichtiges Anliegen zu ihm führe, gewann der junge Pfarrer ſeine natürliche Unbefangenheit wieder; Stolz und Freude leuchteten aus ſeinen Blicken, da er ſeinem Wohlthäter die Verſicherung gab, daß es das Glück ſeines Lebens erſt vollkommen machen werde, wenn er ihm ſeine und ſeiner Gattin große Dankbarkeit durch die That bezeigen könne, wozu es ihnen aber leider gewiß jetzt und ſpäter an einer Gelegenheit fehlen würde. „Wer weiß! Wer weiß!“ ſagte Roderich wie zerſtreut, und die jungen Ehegatten glaubten in ſeinem Antlitz den trüben Schatten einer inneren Sorge zu bemerken, der aber ſchnell wieder dem Ausdruck froher Bewegung wich, als der Pfarrer, die Hand auf dem Herzen, ihm nochmals betheuerte, wie er einem ſolchen Wohlthäter gegenüber jeden Dienſt für leicht und gering achte, den derſelbe von ihm fordern werde. „Morgen ſollen Sie das Nähere erfahren,“ entgegnete Roderich gerührt.—„Ich wußte es ja zum Voraus, daß ich auf Sie zählen dürfe, und ſtaune nur noch über die wunderbaren Fügungen der ewigen Vorſicht, die mir, ge⸗ rade mir die Gnade erwies, das Glück zweier ſo trefflicher Menſchen begründen zu dürfen!— O mein werthgeſchätzter Herr Amtsbruder, und Sie, meine liebe edle Freundin, wer von uns hätte in jenen Tagen Ihrer ſchweren Prü⸗ fung daran gedacht, daß ich ſo bald ſchon Ihren treuen Beiſtand für mein eigenes Glück würde in Anſpruch neh⸗ men müſſen!— Aber gewiß, ich wählte den rechten Weg, um auch meine Verſöhnung mit einer mir feindlichen Welt zu gewinnen; und ſchon jetzt, in Ihrer traulichen Nähe, in dieſem friedlichen Aſyl einer ſelbſt ſo lange verfolgten und ſchwer bedrängten Liebe athme ich freier auf und ſegne die Stunde, die mir den Gedanken eingab, daß ich hier Hülfe und Rettung ſuchen müſſe!“ Er drückte bei dieſen Worten den Pfarrer in tiefer Be⸗ wegung an ſein Herz, reichte dann der ſchönen jungen Frau lächelnd die Hand und ſagte wie aus erleichtertem Herzen: „Aber jetzt kein Wort mehr davon! Ich bin da, ſehe Sie Beide glücklich und will mich vor Allem dieſes Glückes mit Ihnen ungeſtört erfreuen, bevor ich an mein eigenes denke. Mögen dann Sie, lieber Albert, das Ihre thun, um auch in mein, zur Zeit noch gar dunkles Leben die Morgenröthe eines ſchöneren Tages heraufzuführen.“— Erſt als der Nachtwächter des Dorfes eilf Uhr tutete und mit ſingender Stimme ſeinen Spruch herſagte, wünſchte Roderich ſeinen lieben Hauswirthen gute Nacht und der junge Pfarrer geleitete ihn hinauf in das freundliche, ange⸗ nehm durchwärmte Gaſtzimmer, wobei er ihm vergnügt bemerkte, daß er der erſte Gaſt ſei, den ſie in ihrer jungen Häuslichkeit zu beherbergen das Glück hätten. Als Roderich allein war, fühlte er ſich in dem hübſchen traulichen Stübchen mit den blendendweißen Wolkenvorhän⸗ gen ſo behaglich, und der Eindruck, den die Unterhaltung mit den beiden jungen Eheleuten in ihm zurückgelaſſen hatte, war ein ſo wohlthuender und heiterer, daß er noch einige Zeit aufzubleiben beſchloß. Die frohe Hoffnung, daß auch ihn bald der nämliche glückliche Frieden umgeben werde, ergriff und bewegte ſein Gemüth auf das Lebhafteſte; ſchon ſah er ſich im Geiſte mit Aurelien und dem geliebten Kinde in der ſchönen kleinen Villa an einem der reizendſten Punkte des Lemanſees, welche die Prinzeſſin von ihrer Mutter geerbt hatte; ſeine Phan⸗ taſie malte ihm das Glück ſeiner Liebe mit allen holden und entzückenden Farben eines ungetrübten Daſeins aus, frei von jenen drückenden Sorgen und ängſtlichen Rück⸗ ſichten, die ihr ſeitheriges Verhältniß zu einem faſt ununter⸗ brochenen ſtillen Kampf mit ihrer Umgebung gemacht hatten, ſo daß ſie das Glück ihrer Liebe nur nach Minuten zählen durften und das kühne Wagniß, womit ſie es jedesmal erkaufen mußten, ſie oft noch mitten in ihrer Seligkeit er⸗ ſchreckte. Das Alles aber ſollte nun in kürzeſter Friſt eine Wen⸗ dung nehmen, wie ſie das liebeglühende muthige Herz der edlen Aurelie ſchon ſo lange als den allein ihnen noch offenſtehenden Rettungsweg erkannt und mit ſtandhaftem Gefühle feſtgehalten hatte; zugleich die einzige Brücke, die ihnen die Ordnung der Welt, die Meinung der Geſellſchaft übrig ließ, um mit entſchloſſenem Sinne und muthiger Zuverſicht über die weite Kluft hinüberzukommen, die ſie von einander trennte. Dann galt es nur noch dieſes letzte kühne Wagniß und nach dieſem brauchte kein Theil mehr für das Glück des Andern zu zittern; frei und rein und uner⸗ reichbar wie die Sonne ſelbſt durften ſie heiter über die blöden Vorurtheile, über die Mißgunſt der Menſchen lächeln und gewiß ſein, daß wenigſtens die Beſten ihren Muth, ihre Liebe bewunderten und jene große allgemeine Stimme der Welt ſich ſchließlich zu ihren Gunſten erklären würde, die der vollendeten That des Heroismus und der ſchön⸗ menſchlichen Geſinnung niemals ihren Beifall und ihre Anerkennung verſagt.— Dann lebten ſie vereinigt ein Daſein des Friedens und der ſtillen ungetrübten Heiterkeit, dem zwar der Glanz der Hoheit und die vielbeneidete Gunſt fürſtlicher Perſonen fehlte; das ihnen aber dafür — 157— einen überreichen Erſatz an allen jenen höheren und reine⸗ ren Freuden des Geiſtes gewährte, die allein den wahren Werth und Inhalt dieſes vergänglichen Daſeins ausmachen, der Herzen lange ſchwere Kämpfe um ein höchſtes theuer⸗ ſtes Gut endlich köſtlich belohnen und ſie wieder mit den feindlichen Geſchicken und den furchtbaren, oft ſo dicht neben einander geſtellten Gegenſätzen des Lebens ausſöhnen. So nahe dieſem Ziele und ihrer baldigen Erfüllung gewiß, wer hätte es da Roderich verdenken wollen, wenn ihn dieſe holden Bilder ſchon wie ein wirkliches und greif⸗ bares Glück voll ſeligen Beſitzes entzückten und berauſchten, während ein ungeahnter ſüßer Friede in die ſo lange ſtür— miſch bewegte Seele einzog.— Im ſtillen Pfarrhauſe des einſamen Gebirgsdorfes, umgeben von den Zeugen und Eindrücken eines Liebesglückes, deſſen friedliches Bild ihn entzückte und rührte, ſchuf ſich ſeine Phantaſie für die Zukunft das nämliche neidenswerthe Glück, die nämliche gemüthliche Häuslichkeit in engbegränzten Räumen voll innerer Freuden und geiſtigen Genügens. Er holte das Miniaturbild der Geliebten hervor, das er immer bei ſich trug, znd betrachtete lange mit Rührung die freundlichen, theuern Züge; dann drückte er das kleine Bild feurig an die Lippen und ſtammelte uberſelig: „Geduld! Geduld nein Herz, auch wir werden bald glücklich ſein!“ Auf dem Thurm der nahen Kirche ſchlug es jetzt zwölf Uhr. Wieder tönte das Nachtwächterhorn, wieder rief der Hüter des friedlichen Dorfes ſeinen frommen Spruch in die ſtille Nacht hinaus und„lobete“ in ſeinem rauhen Bauerndeutſch„Gott den Herre“.— Roderich ſtellte die Lampe in den Alkoven, dann trat er an das kleine Fen⸗ ſter und ſah über den Pfarrgarten hinaus in die mond— erhellte Nacht, die den reinen Schnee, welcher rings die — 158— Erde deckte, mit einem magiſchen Silberlicht übergoß und ihren Sternenglanz über das weiße Gefilde ausbreitete. Nur dort, wo der dunkle Schatten der Kirche und der beiden immergrünen hohen Fichten ſeitwärts über die vor⸗ derſten Kreuze des Friedhofs fiel, behauptete die Nacht ihr altes Recht an alles Lebendige und Todte. Dort war es düſter unheimlich, und der bläuliche Schein des Schnees, welcher auf den dunkelgrünen Fichtenzweigen matt erblinkte, machte den Eindruck dieſer Schattenpartie noch melancholi⸗ ſcher; denn dort ruhte der Tod im Arme der ewigen Nacht, kein Sternenlicht beſchien die letzte Ruheſtätte des müden Lebens, ſelbſt die einzelnen Grabhügel waren nicht zu un⸗ terſcheiden, denn ein Leichentuch bedeckte ja alle Schlum⸗ mernden. Roderich mußte ſo wohl längere Zeit tief in ein unbe⸗ ſtimmtes Sinnen und Hinträumen verſunken am Fenſter geſtanden ſein, den Blick in die glänzenden Regionen des Firmamentes verloren, daß er die drei dunklen Männer⸗ geſtalten, welche vom Felde her der Kirche nahten, erſt be⸗ merkte, als ſie ſchon unter den beiden Fichten ſtilleſtanden, dort wo die alte Kirche in dem vorſpringenden Thutmbau ein ſchmales Fenſter zeigte, das kaum eine halbe Mannes⸗ länge vom Boden entfernt war. Während der Eine von ihnen einen ſchwarzen Hund an den Stamm der Fichte anband, machten ſich die beiden Andern in auffallend verdächtiger Weiſe an dem kleinen Fenſter zu ſchaffen, und wie ein Blitz durchfuhr Roderich der Gedanke, daß die Drei einen verbrecheriſchen Plan im Schilde führen müßten; denn was ſonſt hätte ſie ſo ſpät in der Nacht und bei dieſer ſtrengen Winterkälte nach der einſam gelegenen Kirche führen ſollen, wenn es nicht einen jener räuberiſchen Einbrüche galt, wovon Roderich ſchon früher in dem kaum zwei Stunden von hier entfernten —— — 159— Forſthof durch die alte Freifrau mehr als ein neueſtes Bei⸗ ſpiel erzählt bekommen hatte. Dieſen Verdacht faſſen und ſogleich entſchloſſen ſein, den ruchloſen Plan der drei Geſellen zu vereiteln, war bei ihm die Eingebung eines Momentes. Er löſchte zuerſt, um Jenen nicht zu verrathen, daß noch Jemand im Pfarrhauſe wach ſei, das Licht im Alkoven aus und eilte dann die Treppe hinunter. Durch leiſes Klopfen an den Thüren weckte er ſchnell den Pfarrer und benachrichtigte denſelben von der wichtigen Entdeckung. Raſch war Albert in den Kleidern, ebenſo die junge Pfarrerin; und während dieſe, die wackere Frau eines alten flotten Studenten, ſchnell aus dem Wandſchrank in der Studirſtube ihres Mannes einen krummen Säbel und einen ſcharfgeſchliffenen Schläger her⸗ beiholte, weckte der Pfarrer ſeinen Knecht, einen muthigen Bauernburſchen, ſowie die Magd, und hieß Erſteren ſo ſchnell als möglich zum Schulzen, ihrem nächſten Nachbar laufen und dieſen ſammt ſeinen Leuten herbeiholen. „Unſer Dorfſchulze iſt der ſtärkſte und entſchloſſenſte Mann im Gebirge,“ bemerkte er dann ſeinem Gaſte.— „Er nähme es im Nothfall allein mit einer halben Räuber⸗ bande auf; zum Glück hat er noch außerdem drei eben ſo handfeſte Söhne und mehrere Knechte; auch wohnt der Land⸗ jäger bei ihm im Hauſe, und dieſer bewahrt die Flinten unſerer Dorfwache auf, die während des letzten Kriegs errichtet wurde. Wir dürfen alſo baldigſt auf einen tüch⸗ tigen Sukkurs zählen; gebe nur Gott, daß wir die Böſe⸗ wichter bei dieſer Gelegenheit fangen!“ Jetzt kehrte die Magd von dem Küchenfenſter zurück und meldete zitternd, die drei Männer ſeien richtig durch das kleine Fenſter neben der Sakriſtei in die Kirche einge— ſtiegen, ſie glaube auch einen Lichtſchein oben im Thurme bemerkt zu haben, der ſchwarze Hund aber liege der Länge 60 nach ausgeſtreckt unter den Fichten im Schnee und ſcheine Wache zu halten. Mehrere Minuten vergingen den Bewohnern des Pfarr⸗ hauſes in einer athemloſen Spannung; ſelbſt der anfangs kaltblütige Albert gerieth in eine fieberhafte Aufregung, und ohne das Flehen ſeiner jungen Frau und Roderich's Vorſtellungen wäre er allein, ohne die Hülfe aus dem Dorfe abzuwarten, den drei frechen Räubern mit ſeiner gu⸗ ten Klinge zu Leibe gegangen. Gleich darauf hörten ſie den Hund auf dem Kirchhof anſchlagen, auch kam die Magd mit der Nachricht, daß eben der Schulze mit wenigſtens zehn handfeſten Männern anlange, unmittelbar darauf fiel ein Schuß und ſchon ertönte auch die Lärmtrommel durch's Dorf, die in dieſen unruhigen kriegeriſchen Zeiten häufig auf den einſam gelegenen Ortſchaften des Gebirgs gehört wurde. Jetzt hielt den Pfarrer keine Rückſicht mehr zurück, er eilte mit der blanken Waffe durch die hintere Thüre auf den Kirchhof hinaus, wo der Hund der Räuber, durch einen Schuß des Landjägers niedergeſtreckt, bereits todt im Schnee lag. Schnell waren beide Kirchenthüren ſowie das offenſtehende Fenſter mit Leuten beſetzt, ein Entkommen der Diebe war alſo nicht mehr möglich. „Holla, Herr Pfarrer, den Schlüſſel zur Sakriſtei her⸗ bei!“ rief ihm die mächtige Stimme des Schulzen entgegen. —„Die Kerle wollten uns an die Glocke und ſtecken nun oben im Thurme wie eingekeilte Dachmarder feſt! Sie müſſen entweder den Sprung wagen, oder wir holen ſie herab!“ Ohne Verzug eilte Albert in's Haus zurück, den Schlüſſel zu holen; während deſſen erſchien wirklich einer der Räu⸗ ber, die ſich ſo plötzlich in ihrem verbrecheriſchen Beginnen aufgeſtört und gefangen ſahen, an dem oberſten Thurm⸗ fenſter und drohte, auf die Untenſtehenden Feuer zu geben, — — 161— wenn dieſe nicht ſogleich den Platz räumen würden; ſtatt aller Antwort ſchoß einer der Bauern nach ihm, verfehlte ihn zwar, doch blieb die Drohung der Räuber ohne Folge: das ſichere Zeichen, daß dieſe keine Feuerwaffen bei ſich führten. „Schont das Leben der Elenden, ihr Leute!“ rief Ro⸗ derich aus dem Fenſter des Pfarrhauſes den Dorfbewoh⸗— nern zu.—„Sucht ſie um jeden Preis lebendig in eure Gewalt zu bekommen, ſie werden dann der verdienten Strafe für ihren Frevel nicht entgehen!“ „Todt oder lebendig! Wir müſſen ſie haben!“ ſchrieen dagegen die wüthenden Bauern, und ſchon eilten von allen Seiten die aus ihrem erſten Schlaf aufgeſchreckten Männer des Ortes herbei, bewaffnet mit allen möglichen Gegenſtän⸗ den: Senſen, Heugabeln und Beilen. Alle drängten nach der Thüre des Thurmes, die ſie in ihrer Wuth mit den Aerten eingeſchlagen hätten, wenn nicht noch eben recht⸗ zeitig der Pfarrer mit dem Schlüſſel angelangt wäre. Es war ein greulicher Tumult; unten tobten die erbitterten Bauern, oben im Thurme brüllten, um Jenen Furcht ein⸗ zuflößen und ſie über ihre geringe Zahl zu täuſchen, die Räuber und drohten die Kirche in Brand zu ſtecken, wenn man ſie nicht frei abziehen laſſen werde; da wählte zuerſt der Dorfſchulze mit großer Kaltblütigkeit die ſtärkſten und entſchloſſenſten Männer aus, und rief hierauf mit ſeiner gewaltigen Stimme den Dieben drohend zu: „Wir wollen euch ſchon frei abziehen laſſen— nach dem Galgen! Mir nach, ihr Männer!“ ermunterte er dann die Seinigen, die Kirchenthüre aufſchließend, eine Laterne in der einen, einen Säbel in der andern Hand, und hinan ſtürmten die Bauern die ſteile Treppe zum Schutz ihres bedrohten Gotteshauſes. Nach einem kurzen verzweifelten Kampfe mußten ſich zwei der Räuber der Müller, O., Roderich. II. 14 — — — 162— Uebermacht ihrer Angreifer ergeben und wurden, arg zu⸗ gerichtet, mehr todt als lebendig von den Wüthenden vom Thurme heruntergeriſſen. Der dritte wagte wirklich den Sprung aus der oberſten Thurmluke auf das ſtark ab⸗ ſchüſſige ſchindelbedeckte Dach der Kirche und ſtürzte von dort elend zerſchmettert auf die Erde herunter; wenn noch ein Funke Leben in ihm war, ſo endete er in den nächſten Augenblicken da, wo er lag, unter den wüthenden Streichen der ergrimmten Bauern. Kaum vermochte das Anſehen des Dorfſchulzen und des Pfarrers von den beiden andern Verbrechern das nämliche furchtbare Loos abzuwenden, und nur mit Mühe gelang es dem Erſteren und dem Landjäger, ſie gebunden unter ſicherer Bewachung nach dem Dorfe zu führen.— Dorthin wurde auch der Leichnam des verunglückten Kir⸗ chenräubers geſchafft und bald eilten reitende Boten mit der Anzeige des Geſchehenen nach der benachbarten Stadt, da der Schulze nicht wagte, auf ſeine Verantwortlichkeit hin die beiden Gefangenen ohne den zuvor eingeholten Be⸗ fehl des Gerichtes von dem Schauplatz ihres Verbrechens zu entfernen und ſie unter ſicherer Bedeckung nach dem nahen Amtsſitze führen zu laſſen.— Tief erſchüttert von dem Auftritt, von dem er Zeuge geweſen, kehrte der junge Pfarrer in ſeine Wohnung zur Gattin und dem Gaſte zurück, und was er ihnen hier noch weiter erzählte, war allerdings geeignet, auch ihr Intereſſe an dem ſchon an ſich ſo ungewöhnlichen und ſchreckli— chen Ereigniß in dieſer unmittelbaren Nähe noch mehr zu ſteigern. Man hatte nämlich in den Miſſethätern drei in der ganzen Umgegend ſehr wohlbekannte und in der Nach⸗ barſchaft bürgerlich anſäßige Individuen erkannt, die zwar keineswegs im Rufe großer Moralität und eines untadel⸗ — 163— haften Lebenswandels ſtanden, denen aber doch kein Menſch das furchtbare Verbrechen eines Kirchenraubs zugetraut hätte. Der beim Sturz Verunglückte und der Eine, deſſen man lebendig habhaft geworden, waren zwei ſchon vor mehreren Jahren aus dem Elſaß eingewanderte Brü⸗ der, Namens Conſtant: ungemein ſchlaue und verſchlagene Geſellen, die allerhand kleine Handelsgeſchäfte trieben, häufig als Hauſirer mit kurzen Waaren oder mit Säme⸗ reien das Land durchzogen und auch ſchon einigemal wegen betrügeriſcher Streiche mit den Gerichten in Konflikt ge⸗ rathen waren.— Der Dritte im Bunde galt zwar gleich⸗ falls für einen übelbeleumundeten Menſchen, der beſonders wegen ſeines rachſüchtigen und jähzornigen Charakters ge⸗ fürchtet wurde, doch war auch auf ihn bis zu dieſer ver⸗ hängnißvollen Stunde kein irgend namhaftes Verbrechen herausgekommen. Er heiße, erzählte der Pfarrer weiter, Frangois Ventron Hhalte in der Vorſtadt des benachbar⸗ ten Marktfleckens Rohrfeld einen kleinen Kram mit einem Schnapsladen und gelte im Allgemeinen bei dem Volke für das, was man einen„verwogenen“ Menſchen nenne. Aus allen Anzeichen zu ſchließen, ſei man in dieſen drei, ſchon ſeit Langem unzertrennlichen Kameraden der Urheber ſo vieler in neueſter Zeit begangenen Verbrechen habhaft geworden. Denn nicht allein habe Damian Con⸗ ſtant beim Anblick der Leiche ſeines jüngeren Bruders ver— zweifelt ausgerufen, der ſei jetzt beſſer daran wie er; auch die vielen, bei den Räubern und in dem Kirchenthurm vor— gefundenen Diebsgeräthſchaften ließen mit Sicherheit auf ein ſchon längere Zeit gewerbsmäßig betriebenes Raubſyſtem ſchließen.— Der Krämer Ventron zeige in ſeinem ganzen Benehmen das verzweifelte Weſen eines auf Alles gefaßten Verbrechers, ſtoße gräuliche gottesläſterliche Drohungen aus und vermeſſe ſich hoch und theuer, er wolle, käme er nur — 164— erſt zum Protokoll, eine Glocke durch's Land läuten, davor allen guten Chriſten das Herz im Leibe ſchaudern würde. „Sie aber, mein hochverehrter Freund,“ ſo ſchloß der junge Pfarrer bewegt ſeinen Bericht, indem er Roderich's Hand ergriff,„Sie hat Gott auch dießmal wieder ſichtbar⸗ lich zu unſerem und der ganzen Gegend Heil am heutigen Tage in unſere Nähe geführt. Denn ohne Sie wären die Diebe höchſt wahrſcheinlich mit dem geraubten Kirchengut unentdeckt entkommen und hätten, wer kann wiſſen wie lange noch, durch ihr heilloſes Treiben das Land in fort⸗ währendem Schrecken und Unſicherheit erhalten.“ „Wenn Sie erſt erfahren, was mich zu Ihnen führt,“ entgegnete Roderich in der gleichen lebhaften Bewegung, „ſo werden Sie erſt recht die wunderbare Fügung der Vorſehung bei dieſem erſchütternden Ereigniß erkennen. Denn ich kann es unmöglich anders, als für einen beſon⸗ deren Wink des Himmels anſehen, daß ich gerade diejenige Kirche vor Raub und vielleicht ſelbſt vor frecher Entheili⸗ gung ſchützen durfte, an deren Altar ich Hülfe und Ret⸗ tung für ein höchſtes ſchwerbedrohtes Glück ſuchen wollte. — Morgen mehr davon,“ fügte er mit einem herzlichen Händedruck hinzu;„jetzt bedürfen wir Alle, und beſonders Ihre liebe Frau der Ruhe; und ich bitte außerdem recht ſehr, daß Sie ſich ja meinetwegen nicht abhalten laſſen, Ihre geſtörte Nachtruhe durch einen langen Morgenſchlaf nachzuholen.“— * Während ſich dieſes in dem ſtillen Pfarrdorfe zutrug, wohin Roderich die Furcht vor dem ihn unſichtbar umſchlei⸗ chenden Feind ſeines Lebens und ſeiner Ehre getrieben hatte, damit er hier, ohne daß Einer von ihnen Beiden es ahnte, das Mittel in der Hand der Alles vergeltenden Vorſehung werde, welche Jenen endlich der ſtrafenden Gerechtigkeit 165 überlieferte: ereignete ſich an einem andern Orte, freilich unter ganz verſchiedenen äußeren Umſtänden, ein der Haupt— ſache nach analoger Fall, indem auch hier eine alte Schuld, ſo lange dem Auge der Menſchen in geheimnißvollem Räth⸗ ſel verſchleiert und halb der Vergeſſenheit anheimgefallen, wieder an den Tag kam, ſogar noch in weſentlich von ihrer urſprünglichen Geſtalt abweichenden neuen Thatſachen, und unter einem veränderten Geſichtspunkt ſelbſt noch ge heimnißvoller und deutungsreicher als früher. Der Leſer hat es ſchon errathen, daß wir damit die Geſchichte des unglücklichen Pfarrerſohnes Eugen Zimmer⸗ mann meinen, deren verlorene Akten und urlkundliche Schriftſtücke ſich endlich, Dank dem unermüdlichen Eifer des wackeren Regierungsraths Helmroth und ſeiner von ihm befeuerten Untergebenen, nach langem mühevollen Suchen im dunkelſten Winkel eines alten Regiſtraturſchranks wie⸗ derfanden; vielleicht ſchon zum Oeftern bei den in regel⸗ mäßigen Zeiträumen wiederkehrenden Auto⸗da⸗fe's im in⸗ neren Hofraume des Juſtizkanzleigebäudes überſehen und daher endlich in kaum noch lesbaren Schriftzügen der Welt zurückgegeben. Es waren die Akten einer gegen zwei jugendliche In— culpaten, den ehemaligen Studioſus der Theologie, Eugen Zimmermann und ſeinen Complicen, den Maler Robert Münzer vor dem heidelberger Kriminalgericht eingeleiteten peinlichen Unterſuchung, wobei es ſich um nichts Gerin— geres als um eine von beiden Jünglingen längere Zeit hindurch fortgeſetzte, ſehr intime Verbindung mit einem, der großartigſten Verbrechen und Betrügereien überführten Aben⸗ teurer und deſſen Frau, ſeiner Mitſchuldigen, handelte. Helmroth zögerte nicht, ſobald er in den erſten geſchäfts⸗ freien Stunden Einſicht von den alten Alten genommen hatte, dem Rittmeiſter von Brandenſtein verſprochenermaßen — 166— einen ausführlichen und bis in die kleinſten Details ge⸗ wiſſenhaften Bericht von ihrem Inhalt zu geben. Trotz einzelner Widerſprüche und unklarer Momente, von denen es ihm zweifelhaft blieb, ob dieſelben mehr einer mangelhaft geführten Unterſuchung oder dem Verluſt einzelner fehlender Aktenſtücke zuzuſchreiben waren, entging doch ſeinem ſcharfen Richterauge keiner der zum hiſtoriſchen Zuſammenhang, ſowie zum pſychologiſchen Verſtändniß der betheiligten Perſonen nothwendigen Hauptpunkte; ja er entdeckte ſogar noch mehrere neue, für eine richtige Beurtheilung nicht unerheb⸗ liche Incidenzpunkte, auf die der damalige Inquirent ent⸗ weder kein beſonderes Gewicht gelegt hatte, oder die eine ſpätere, mehr freiſinnige und humane Praxis beim Inqui⸗ ſitionsverfahren unmöglich überſehen durfte. Wir ſtellen in der nachfolgenden Geſchichte die akten⸗ mäßig erhobenen Nachrichten zuſammen, welche Helmroth ſeinem neuen Freund, dem wackeren Rittmeiſter von Bran⸗ denſtein, von dem verſchollenen Sohn des alten wahnſinni⸗ gen Pfarrers am Neckar brieflich mittheilte; wobei wir nur die Bemerkung vorausſchicken, daß wir uns bei dem, auch noch an anderen merkwürdigen Perſönlichkeiten und Ereigniſſen reichen Geſammtbild vornehmlich an diejenigen Partieen halten, welche über den damaligen Charakter und die Handlungsweiſe des unglücklichen Pfarrerſohnes Auf⸗ klärung geben.— Moöglich, daß wir damit die Regiſter der jugendlichen Verbrecherſtatiſtik um einen mehrgenannten dunklen Namen ärmer machen; um ſo gewiſſer aber dafür auch die lohnende Ausſicht, daß wir— auf dieſe und noch andere ſichere Mittheilungen geſtützt— in dieſer Ge⸗ ſchichte einer verirrten Jugend den Anfängen eines tragi⸗ ſchen Schickſals begegnen, das uns in den vorangegangenen Blättern unter anderem Namen, anderen Verhältniſſen ſchon mehrfach beſchäftigt hat, aber auch darin noch eine unver⸗ — kennbare Familienähnlichkeit mit ſeiner alten Phyſiogno⸗ mie zeigt, daß hier wie dort eine neben der wirklichen Schuld und außer dem Willen und der Verantwortlichkeit ihres Urhebers geſtellte Verkettung von noch anderen zufälligen Umſtänden hinzukommt, die ihm gleichfalls zu Buch geſchrie⸗ ben werden: in der Jugend die unmittelbare Nähe eines fremden Verbrechens, welches ſeine rieſengroßen Dimenſionen auf ihn überträgt; im ſpäteren Alter dagegen die für ihn nicht minder verhängnißvolle unmittelbare Verbindung mit allen tugendhaften und berechtigten Anſprüchen eines vom Glück ausnahmsweiſe begünſtigten Lebens.— Sonſt iſt es die Schuld, aus deren düſterem Schatten das Verhängniß hervorſchreitet und den Menſchen verfolgt, der durch eine böſe That den Zorn der Rachegöttinnen gereizt hat. Bei dem jungen Studenten Eugen Zimmermann dagegen haben wir es zwar auch mit einer Schuld aus früherer Zeit und deren unſeliger Folge für das ſpätere Leben zu thun; das Uebel aber, welches für ihn ſpäter daraus erwächst, ſteht außer allem Verhältniß zu der wirklichen Größe der That; denn der Himmel lächelt ſchon lange verſöhnt über des Schuldigen Haupt, als der Ruf:„Steiniget ihn!“ gerade von Denen erhoben wird, die ihm vielleicht die be⸗ gangene böſe Handlung am Erſten verziehen hätten, wäre er damit nur nicht ſpäter ihrem eingebildeten und wirklichen Sittlichkeitsgefühl, nicht den Geſetzen ihrer falſchen und wah⸗ ren Konvenienz feindlich und verletzend entgegengetreten. Zehntes Rapitel. Un die nämliche Zeit, da Eugen Zimmermann, der einzige talentvolle Sohn von Eltern, die ihn auf's Zärt⸗ lichſte liebten, als achtzehnjähriger blühender Jüngling die Univerſität Heidelberg bezog, um ſich nach dem Wunſche des Vaters dem Studium der Theologie zu widmen, kam auch eine franzöſiſche Familie, angeblich aus Lyon ſtam⸗ mend, nach der Univerſitätsſtadt und ließ ſich hier für längere Zeit häuslich nieder. Sie miethete ein reizend am jenſeitigen Ufer des Neckars gelegenes, von Weinbergen und Gartenanlagen umgebenes Haus, und bald erregte eben⸗ ſowohl die Schönheit der noch jugendlichen Dame und ihre elegante Toilette, wie der zur Schau getragene Reichthum ihres Gemahls Aufſehen in der Stadt. Denn er ließ nicht nur das vorläufig auf zwei Jahre gemiethete Haus von unten bis oben auf's Koſtbarſte neu herrichten und möbli⸗ ren, ſondern ſchaffte auch Equipage und Pferde an; und zu der mitgebrachten Bonne der Kinder und dem Diener kamen bald noch ein Kutſcher und verſchiedene weibliche Domeſtiken aus der Stadt hinzu. Zwar fehlte dieſem äußeren Glanze, als der Name und Stand der Fremden bekannt wurde, der Nimbus eines altfranzöſiſchen Adelsge⸗ ſchlechtes; es war weder ein Comte noch ein Marquis; indeſſen mochte auch der einfachere Titel eines ehemaligen Großhändlers und Seidenfabrikanten, und noch gegenwär⸗ — 169— tigen Mitinhabers eines der größten Etabliſſements dieſer Art zu Lyon immerhin genügen, um einestheils den großen Aufwand zu erklären, den er und ſeine Frau machten; an⸗ derntheils das Intereſſe zu rechtfertigen, welches ſelbſt die erſten und angeſehenſten Familien der Stadt an den Frem— den nahmen, die nach einiger Zeit hier und da Beſuche abſtatteten, geſellige Verbindungen anknüpften und ſich dabei, trotz ihres großen Reichthums, ſo einfach und an— ſpruchslos benahmen, daß ihr Haus bald für eins der be⸗ liebteſten und vielbeſuchteſten in der Stadt galt, und Herr und Madame Chevalier ſich auch ihrerſeits von dieſem ge⸗ müthlichen ſüddeutſchen Tone und herzlichen Entgegenkom⸗ men auf's Freundlichſte angezogen fühlten. Bald hatten ſie's in der Hand, ſich ihren geſelligen Umgang aus den ihnen am meiſten zuſagenden Perſonen auszuwählen, und auch hierbei zeigten ſie ſo viel richtigen und feinen Takt, daß ihr eigener Reichthum bei der Wahl ihrer neuen Freunde durchaus keinen Maßſtab bildete, ſie vielmehr vorzugsweiſe die Bekanntſchaft ſolcher Leute ſuchten, die ſich durch Bil— dung und geſellige Talente auszeichneten. Beſonders leb⸗ haft intereſſirten ſich Beide für das Leben und Treiben der berühmten Hochſchule, ſowie für die eigenthümlichen Sitten und freieren Lebensformen der deutſchen Studentenwelt. Madame Chevalier gewährte es Vergnügen, alle Einrich⸗ tungen, Gebräuche und altherkömmlichen Freiheiten des fröhlichen Burſchenlebens kennen zu lernen; und ihr Gemahl war aufmerkſam genug, ihre Wißbegierde dadurch zu befrie⸗ digen, daß er einzelne muntere Studenten in ſeine geſelligen Kreiſe zog und es ſelbſt gern ſah, wenn ſie auch hier noch ein gebildetes burſchikoſes Weſen zeigten und beſonders die maleriſchen Trachten und Abzeichen ihrer Landsmannſchaf⸗ ten beibehielten. Herr Chevalier, der reiche Großhändler und Mitbeſitzer der erſten Seidenfabrik Frankreichs, hatte für ſeine eilf⸗ jährige Tochter Laura einen jungen Maler, Namens Ro⸗* bert Münzer, als Zeichnenlehrer engagirt, der ſich damals in Heidelberg herumtrieb und halb den flotten Burſchen, halb den genialen Künſtler ſpielte. Man ſagte ihm nach, daß er vornehmlich mit reichen Studenten verkehre, deren Generoſität und Leichtſinn ihm geſtattete, auf ihre Koſten ein zügelloſes Leben zu führen und die Unerfahrenen unter ihnen zu allen möglichen tollen Streichen und Ausſchwei⸗ fungen zu verleiten. Er war ohne Eltern, ohne Heimat, galt bald für einen Franzoſen, bald für einen Kreolen, war aber jedenfalls ſchon damals ein Menſch von höchſt zweifelhaftem Charakter und ſchwankenden Begriffen über perſönliche Ehre und Moralität. Durch dieſen Robert Münzer, der ſeine Lehrjahre bei einem Maler Bruckmann in Mannheim durchgemacht und ſich jedenfalls ſchon län⸗ gere Zeit in der Ausübung von allerhand freien Künſten in der Gegend zwiſchen Rhein und Neckar herumgetrieben hatte, wurden Einige jener Studenten in das Haus des Herrn Chevalier und ſeiner liebenswürdigen, lebensluſtigen Gemahlin eingeführt; und unter dieſen als einer der Letzten, die dort Zutritt fanden, unſer Eugen, ein bildſchöner, nur etwas zu hoch aufgeſchoſſener Jüngling mit feurigen ſchwarzen Augen und einem lebhaften empfänglichen Geiſte, aber auch mit einem bedeutenden Hang zu einem leicht⸗ ſinnigen Leben voll ſinnlicher Eindrücke und zügelloſer Begierden.— Ein rechtes Mutterſöhnchen, von den Eltern als einziger vielverſprechender Sohn äußerſt verzogen, war er dadurch früh zu jener gefährlichen Selbſtüberſchätzung verleitet worden, die für einen jungen Mann, der zum erſten Mal ſelbſtſtändig im Leben auftreten und ſich durch eigne moraliſche Kraft vor den Nachſtellungen des Böſen, vor den Verlockungen der Sinnlichkeit ſchützen ſoll, oft ſo — 171— gefährlich wird. Uebrigens war er ein ſehr fähiger Kopf, hatte bei aller Herzensſchwäche der Eltern eine vortreffliche Schulbildung erhalten und beſaß ungewöhnliche Kenntniſſe in alten und neuen Sprachen. Dabei hatte er von einem vorzüglichen Lehrer einen guten muſikaliſchen Unterricht ge⸗ noſſen und galt für einen ungemein fertigen Violinſpieler. Da es ihm ſein Vater, ein wohlſtehender und ver⸗ mögender Geiſtlicher in der Nachbarſchaft, an Nichts fehlen ließ und ihn jederzeit reichlich mit Geld verſorgte, auch ſeine Schulden anfangs noch ſogar mit einem gewiſſen gut— müthigen Humor über des Herrn Sohnes koſtſpieligen Studieneifer bezahlte, ſo war Robert Münzer bald der un⸗ zertrennliche Freund des unerfahrenen Pfarrerſohns. Der⸗ ſelbe ſchmeichelte nicht bloß ſeiner Eitelkeit, indem er ihn bei den übrigen Studenten in den Ruf eines ungewöhnlich geiſtreichen jungen Mannes brachte, ſondern auch den „Fuchs“ in die Geſellſchaft der„bemoosten Häupter“ ein⸗ führte; dabei verleitete er das für ſinnliche Reizungen be— ſonders empfängliche Temperament Eugen's durch ſein eig⸗ nes laſterhaftes Beiſpiel und ſeinen vor keiner Ausſchwei⸗ fung zurückſchreckenden Lebenswandel zu den gefährlichſten Verirrungen, und bald galt der junge Student für einen ebenſo lockeren Zeiſig, wie ſein übel renommirter Freund Münzer ſelber. Durch die wenig ehrenvolle Empfehlung dieſes grund⸗ verdorbenen, aber äußerſt ſchlauen Menſchen fand Eugen Zutritt und freundliche Aufnahme im Hauſe des glanz⸗ liebenden Großhändlers, und es ſchmeichelte der Eitelkeit des jungen, von ſeinen geiſtigen und körperlichen Vorzügen gleich ſehr eingenommenen Mannes nicht wenig, daß ihn der gewandte feine Lebemann und ſeine ſchöne liebenswürdige Gemahlin bei jeder Gelegenheit durch große Artigkeit vor den andern jüngeren Leuten ihres Zirkels auszeichneten und ihn bald ganz als einen ihnen gleichgeſtellten Freund behandelten. Robert Münzer ſelbſt trat vor ihm als dem bevorzugteren und durch ſeine überlegenen geiſtigen Eigen⸗ ſchaften ihn verdunkelnden Freund neidlos zurück; Eugen war bald der tägliche gerngeſehene Gaſt im Hauſe des reichen Großhändlers, arrangirte Landparthieen und häus⸗ liche Unterhaltungen, durfte den Kindern Unterricht im Kla— vierſpiel ertheilen, und ehe er eigentlich noch ſelber recht begriff, was ihm dieſe große Bevorzugung verſchaffte, for⸗ derte ihn Herr Chevalier eines Abends lächelnd auf, auch ſeiner Gemahlin, die übrigens das Deutſch ſchon recht leid⸗ lich radebrechte, Unterricht in der deutſchen Sprache und ſchönen Literatur zu geben.„Man wiſſe nicht, wie ſie's noch einmal brauchen könne,“ fügte er ſcherzend hinzu und dabei ſah Madame den Jüngling mit ihren großen dunklen Augen und ihrem liebreizenden Lächeln ſo erwartungsvoll an, daß er unmöglich Nein ſagen konnte und gerne ver⸗ ſprach, ſeinem werthen Gönner auch hierin nach Kräften gefällig zu ſein.— Erſt die täglicher werdenden Neckereien und Anſpielungen Robert's, der ihn warnte, ſeinen Lehreifer zu mäßigen und den Zauberblicken der gefährlichen Schüle⸗ rin gegenüber auf ſeiner Hut zu ſein, erweckten allmälig in dem eitlen Jüngling den Gedanken, er habe bei Madame Chevalier einen beſonderen Stein im Brett, und der faſt um anderthalb Decennien ältere Herr Gemahl der jungen lebensluſtigen Frau ſei galanter Franzoſe genug, um es ſogar nicht ungern zu ſehen, wenn der ſchöne liebenswürdige Student es ſich angelegen ſein ließe, ſeiner an das glänzende Leben und die Zerſtreuungen der großen Welt gewöhnten Frau den mehr idylliſchen Aufenthalt in der deutſchen Uni⸗ verſitätsſtadt ſo angenehm als möglich zu machen. Aber auch die ſchöne Madame Chevalier ſelbſt ſchien gegen die Huldigungen ihres jungen Anbeters durchaus nicht gleichgültig zu ſein; und wenn ſie auch als feingebil⸗ dete Weltdame, die in den höchſten ariſtokratiſchen Kreiſen von Paris die erſten Triumphe ihrer Schönheit und Liebens⸗ würdigkeit gefeiert hatte, zuweilen über die etwas linkiſchen Galanterieen des Pfarrerſohnes aus dem Neckardorf lächelte, ſo zeigte ſie doch zugleich ſo viel gütige Nachſicht und lieb⸗ reizendes Weſen, war bei all' ihrer Ueberlegenheit in den feineren Umgangsformen doch wieder ſo natürlich, ja kind— lich, daß Eugen, der ſich zum erſten Mal in den glänzen⸗ den Salons der hohen Geldariſtokratie bewegte, mehr und mehr von ihr bezaubert wurde und bald kaum anders mehr wußte, als daß zwiſchen ihm und der ſchönen Fran⸗ zöſin ein ebenſo ſublimes wie romantiſches Liebesverhältniß im Geſchmack von la nouvelle Héloise oder Göthe's Wer⸗ ther beſtehe, das den jungen, ſo ſehr von ſeinen wirklichen und eingebildeten Vorzügen eingenommenen Menſchen ſchon durch die bloße Vorſtellung in eine Art von Schwindel verſetzte und ihn zu den kühnſten und ungemeſſenſten Hoff⸗ nungen befeuerte. Dabei kam ihm wenige Wochen nach ſeinem Eintritt in das Haus des Lyoner Seidenfabrikanten noch ein wei— terer Umſtand zu Statten, wie er ſich kaum eine günſtigere Gelegenheit für ſein Verhältniß zu der ſchönen Frau hätte wünſchen können, indem nämlich Herr Chevalier unerwar⸗ tet ſchnell in wichtigen Geſchäften eine mehrwöchentliche Reiſe antreten mußte. Es war ſein ausdrücklicher Wunſch, daß Eugen während der Zeit ſeiner Abweſenheit von Hauſe täglich Madame beſuchen möge, und zum erſten Mal merkte bei dieſer Gelegenheit der junge Student, daß der Herr Gemahl doch nicht ſo ganz frei von Eiferſucht war, als es bis jetzt den Anſchein gehabt hatte. Denn derſelbe gab beim Abſchied Eugen nicht undeutlich zu verſtehen, wie glücklich er ſich ſchätze, in dem fremden Lande einen Freund — gefunden zu haben, der mit der Unverdorbenheit der Jugend dieſen männlich beſonnenen Charakter vereinige und in deſſen Schutz er mit voller Ruhe Frau und Kinder zurück⸗ laſſen dürfe. Er ſprach dabei gegen ſeine Gemahlin in Gegenwart Eugen's mit auffallender Betonung den Wunſch aus, daß dieſe ſich während ſeiner Abweſenheit von aller Geſellſchaft zurückziehen und außer ihrem beiderſeitigen treu⸗ bewährten Freunde keinen andern Beſuch bei ſich empfangen möge. Es fiel Eugen nicht weiter auf, daß um die nämliche Zeit auch Robert Münzer eine Reiſe nach der Schweiz in Familienangelegenheiten antrat, ein Zufall, der ihm begreif⸗ licherweiſe nächſt der Entfernung des Hausherrn ſelbſt das Angenehmſte war, was er ſich wünſchen konnte. Denn Münzer war ja der Einzige, der ſeine geheime Leidenſchaft für die ſchöne Franzöſin ahnte und Eugen hatte im Punkte der Diskretion ſchon mehr als eine ſchlimme Erfahrung mit ihm gemacht, um nicht des frivolen und unzuverläſſigen Menſchen Mitwiſſenſchaft von einem ſo zarten, ja unter Umſtänden ſelbſt für ihn bedenklichen Verhältniß zu fürchten. Kaum war Herr Chevalier mit ſeinem Diener abge⸗ reist, kaum hatte einen Tag ſpäter auch Robert die Stadt verlaſſen, ſo begannen die Lektionen mit verdoppeltem Eifer, das Haus wurde für alle andere Bekannten förmlich ab⸗ geſperrt, nur dem glücklichen Eugen öffnete ſich zu jeder Stunde die verſchloſſene Pforte. Wohl mußte er von ſeinen Kommilitonen viele Neckereien und Stichelreden hören; denn er ließ ſich weder mehr regelmäßig bei ihren Gelagen noch auch im Hörſaale ſehen, wie er denn zuletzt kein einziges Kolleg mehr beſuchte und ſeine Studien gänzlich vernach⸗ läſſigte. Dabei machte er einen Aufwand, als wenn ſein Vater ein Millionär wäre, kleidete ſich wie ein Graf und war, was kleine, aber zuweilen auch ſehr koſtſpielige Auf⸗ merkſamkeiten gegen Madame Chevalier und deren Kinder anbelangte, die Galanterie und Artigkeit ſelber. Sie ſelbſt, die Frau des reichen Großhändlers, machte ihm bald zärt⸗ liche Vorwürfe über ſeine arge Verſchwendung und erin— nerte ihn, wenn auch ſo ſchonend als möglich daran, doch auch an ſeine Eltern und den eigentlichen Zweck ſeines Aufenthaltes auf der Hochſchule zu denken; aber gerade dieſe delikate Beſorgniß, er möge ſich über die finanziellen Kräfte ſeiner Familie hinaus anſtrengen, um würdig den Geſellſchafter und ſtillen Verehrer einer ſo reichen Dame repräſentiren zu können, goß nur neues Oel in die Gluthitze ſeiner Eitelkeit; auch erblickte Eugen in dieſen Warnungen ſchon ein ſicheres Anzeichen mehr, daß ſich der Gegenſtand ſeiner leidenſchaftlichen Liebe nach äußeren Mitteln umſehe, um ſeine immer deutlicher hervortretende Abſicht aufzuhalten und ihn durch die Mahnung an ſeine Pflicht gegen die Eltern und den von ihm erwählten Lebensberuf zur Beſinnung und Mäßigung zurückzubringen. Bald ſagte ihm ihr eigenes Benehmen deutlich genug, daß auch ſie ſich mit ihrem Pflichtgefühl im Widerſtreit be⸗ finde; denn oft, wenn ſie ihn während des Vorleſens lange wie in ſtilles Entzücken verſunken angeblickt hatte, ſchrack ſie, ſobald er vom Buche aufſah, ſichtbar zuſammen, als habe er ſie auf einem innerſten verbotenen Gedanken ertappt. Sie ſchlug dann erröthend die Augen nieder, ſtrich ſich, wie in träumeriſches Sinnen verloren, mit der kleinen reizenden Hand über die Stirne und geſtand ihm zuletzt in holder Verwirrung, ſie ſei wieder einmal recht zerſtreut geweſen und wiſſe eigentlich nicht ein Wort mehr von dem, was er ihr eben vorgeleſen habe. Dann riß ſie ihm auch wohl ohne Weiteres das Buch ungeduldig aus der Hand, warf es lachend weg und bat ihn mit ſichtbarer Bewe⸗ gung, er möge ihr lieber Etwas von ſich und ſeinem Leben — 176— erzählen; Bücher könne ſie auch ohne ihn leſen, aber ſo eine recht wilde, verzweifelte romantiſche Geſchichte aus dem deutſchen Studentenleben ſei viel mehr nach ihrem Ge⸗ ſchmack, davon habe man in den langweiligen Salons von Paris und Lyon keine Ahnung! Endlich kam es zwiſchen Beiden zu einer offenen Er⸗ klärung; in einer überaus zärtlichen und erſchütternden Szene bekannte ſie ihm unter einem Strom von Thränen, bevor er noch ſelber mit ſeiner feurigen Deklamation ganz zu Ende gekommen war, ihre glühende Gegenliebe; flehte ihn an, ſie auf ewig zu meiden und ſchwur doch im nächſten Augenblick, ſie könne und werde ſich nie von ihm trennen laſſen, ohne Eugen gebe es für ſie kein Leben mehr, eher möge ihr eiferſüchtiger und tyranniſcher Mann ſie ermor⸗ den, und was der verzweifelten und heroiſchen Ausbrüche einer lange verhaltenen Liebe im Herzen einer feurigen Franzöſin mehr waren. Eugen war wie in einem Taumel; im erſten Rauſch ſeines Glückes ſtammelte er ſeiner angebeteten Cecile die feurigſten Liebesſchwüre und forderte ſie auf, ſich von ihm bis an's Ende der Welt entführen zu laſſen. Madame Chevalier wäre auch wohl, von dem Ungeſtüm ſeiner zärt⸗ lichen und heldenmüthigen Liebe hingeriſſen, zu Allem be⸗ reit geweſen und hätte, ſo über jedes andere Bedenken erhaben fühlte ſie ſich in dieſer großen Stunde, ſogleich anſpannen laſſen; aber ſie war nicht bloß die Gattin eines ungeliebten ältlichen Mannes, ſie war auch die Mutter zweier von ihr auf's Zärtlichſte geliebten Kinder, und war außerdem noch, Dank der ausgeſuchten Herzloſigkeit ihres eiferſüchtigen Tyrannen, des Millionärs, ohne alle Mittel für eine, wenn auch ganz beſcheidene Exiſtenz in Arkadien. Mithin mußte man aus der Noth eine Tugend machen und den romantiſchen Plan einer Flucht mit Sack und Pack, ſo beredt ihn auch der kühne Student darzuſtellen wußte, für's Erſte wieder aufgeben. Bei einer mehr ruhigen Prüfung aller Verhältniſſe fand auch er zuletzt ein vorläufiges Behaupten der einmal gewonnenen Poſition im Hauſe des Großhändlers für das Rathſamſte; er ſteckte bereits ſo tief in Schulden, daß die Manichäer ſich ſchon ſchwierig zeigten und bei jedem neuen Baaranlehen immer höhere Prozente anſetzten. Auch der Vater ward unzufrieden mit dem für ihn ſtets koſtſpieliger werdenden Studieneifer des Sohnes und die Mutter mußte ſchon heimlich von ihrem Erſparten zuſchießen, um nur Eugen's Kredit bei Hauswirth, Koſtgeber und Kaufleuten aufrecht zu erhalten. Wie reizend er ſich daher auch die Entführung einer ſo ſchönen, allgemein bewunderten Frau ausmalte und ſich zugleich alles Dasjenige vergegenwärtigte, was für ihn ſelber an chevalerestem Renomme in den Augen der Welt bei einem ſolchen Abenteuer abfallen werde— des Lebens ſchnöde Proſa dämpfte leider die ſtolzen und hochfliegenden Pläne ſeiner romantiſchen Phantaſie bald wieder; ja, es dauerte nicht lange, ſo ward ihm die Unzulänglichkeit ſeiner pekuniären Hülfsmittel, einem ſo glänzenden und romanti— ſchen Liebesglück gegenüber, noch empfindlicher fühlbar, indem auch Madame Chevalier ſich den traurigſüßen Troſt nicht länger mehr verſagen konnte, den Geliebten einen tieferen Blick in die wahren Verhältniſſe ihrer Ehe thun zu laſſen. Danach war das Sprüchwort„der Schein trügt“ wohl noch niemals ſo richtig am Platze geweſen wie hier. Denn unter der glänzenden Oberfläche des zärtlichſten ehe⸗ lichen Verhältniſſes und beneidenswerther Glücksumſtände verbarg ſich ein klaffender Abgrund von Kampf, Elend und Entſagung auf der einen, von Geiz, Selbſtſucht und lauerndem Argwohn auf der andern Seite; kurz, Herr Müller, O., Roderich. M. 12 Chevalier war nach dieſen Geſtändniſſen ſeiner ſchönen unglücklichen Frau der herzloſeſte Egoiſt und grauſamſte Ehetyrann, den es unter allen Millionären und in Seide ſpekulirenden Großhändlern der Erde gab; ſie aber, das ſagten ihm ja ihre Thränen, ihre krampfhaften Umarmun⸗ gen, das ſchönſte und verlaſſenſte Weib unter Gottes Sonne, das Opfer einer unerhörten Heuchelei und Verſtellung; denn Herr Chevalier ſei vor ihrer Verheirathung der char⸗ manteſte und liebenswürdigſte Galant geweſen, den man ſich habe denken können; ſonſt würde ihre altadelige Fami⸗ lie, die direkt von den Grafen von Rouſſillon abſtamme, nimmer ihre Einwilligung zu ihrer Verbindung mit einem bürgerlichen Kaufmann gegeben haben.— Entſetzlich! Alle ihre nächſten theuerſten Anverwandten: Vater, Brüder, Oheime und Schwäger, hatten in der Revolution ihre und ihrer ritterlichen Vorfahren Treue und Ergebenheit für das Königshaus mit ihrem Blute auf dem Schaffot bezahlen müſſen— ſie allein, die letzte Roſe aus dem uralten Geſchlecht der Grafen von Rouſſillon, blieb unbeſchützt in der Gewalt eines Mannes zurück, den ſie um ſeiner niede⸗ ren Leidenſchaften willen verachten mußte, der im ſtillen beſchämenden Gefühl ſeines Abſtandes von ihr ſie in einer fortwährend abhängigen Lage erhielt, daher ſie oft für die kleinen und großen Bedürfniſſe ihres edelmüthigen Herzens nicht mal über hundert Louisd'ors zu verfügen habe, ſo daß ſie ſchon mehrmals, um nur nicht ihrem Tyrannen in der demüthigen Geſtalt einer Bettlerin nahen zu müſſen, zu den Pretioſen ihrer verſtorbenen Mutter ihre Zuflucht genommen habe, um hinter ſeinem Rücken ihrem Hang zum Wohlthun genügen zu können.— Zum Glück ſei ſie noch immer im Beſitze einer ſchönen Anzahl von Brillanten und andern Schmuckgegenſtänden; und da ſie bei dem Reichthum ihres Gemahles um die Zukunft der — 179— beiden Kinder keine Sorge zu haben brauche, ſo lege ſie ihrem geliebten Eugen die Frage vor, ob er nicht Mittel und Wege wiſſe, nach und nach einen Theil dieſer Pretio⸗ ſen, natürlich ohne Wiſſen des Herrn Chevalier, zu ent⸗ äußern? Denn nun erſt hätte dieſer glänzende Flitter einen Werth für ſie, da er ihr ja ſpäter die Möglichkeit verſchaffen ſolle, mit dem Geliebten zu entfliehen und ſich in irgend einem fremden Lande in einem ſtillen Thale eine Hütte für ihr beiderſeitiges Glück zu bauen. Eugen, wenn auch bis jetzt mit derartigen„brillanten“ Handelsgeſchäften wenig vertraut, war doch ſogleich zu Allem bereit und meinte, er habe mehr als einen zuver⸗ läſſigen Mann an der Hand, dem er ſich anvertrauen dürfe. Als ihm Madame einige Tage ſpäter ganz wie zufällig einen Theil ihres Schmuckes zeigte und ihn lächelnd auf⸗ forderte, ihr einmal denſelben oberflächlich zu taxiren, er⸗ ſtaunte er über den Reichthum an Perlen und Edelſteinen und ſchätzte den Werth derſelben, wenn auch mit unkundigen Blicken, doch auf mehrere tauſend Thaler. Die ſchöne Cecile ſah ihn zwar beſtürzt und ungläubig an, brach dann aber in ein herzliches Gelächter aus und meinte heiter, da ſei ſie ja bei ihren ſeitherigen heimlichen Verkaufsſpekulationen um mehr als die Hälfte übervortheilt worden und ſie könne von Glück ſagen, daß ſie jetzt für dieſes Geſchäft einen ſo vortrefflichen Kompagnon gewonnen habe. Als ihr Eugen wegen ihrer unbeſonnenen Handlungsweiſe Vorwürfe machte, wurde ihre Ausgelaſſenheit nur noch größer; ſie neckte ihn mit ſeiner ernſthaften philiſtröſen Geſchäftsmiene und gelobte ihm dann unter zärtlichen Küſſen und Schmeichelreden, künftig auch nicht den kleinſten Stein mehr ohne ſein Wiſſen her— zugeben und ihm, als dem koſtbarſten Juwel ihres Herzens, den ganzen Handel allein zu überlaſſen. „Vertrödele und verkaufe die Brillanten und Perlen — 180— wie Du willſt, mein Engel!“ rief ſie lachend.„Nur ſei klug, daß mein Mann nicht eher hinter Dein kaufmänniſches Genie kommt, als bis wir ſo viel Geld daraus gelöst haben, um für immer ſeine liebenswürdige Nähe entbehren zu können!“ Sie händigte ihm dann ſogleich eine Perlen⸗ garnitur ein und ſetzte ganz beiläufig hinzu, ein Juwelier habe ihr den Schmuck einmal auf fünfzig Dukaten geſchätzt, die er wohl auch heute noch werth ſein möge; zugleich be⸗ ſchenkte ſie ihn mit einem prachtvollen Siegelring, der einen in einen Amethyſt eingegrabenen orientaliſchen Namenszug zeigte, und erzählte ihm, Einer ihrer tapferen Vorfahren habe ihn von einem Kreuzzug aus dem gelobten Land mit nach Hauſe gebracht, daher möge ihn jetzt ihr junger Rit⸗ ter als Andenken von ihr tragen, was er um ſo unge⸗ ſcheuter thun könne, als ſie ganz beſtimmt wiſſe, daß Herr Chevalier dieſes alte rare Kleinod noch niemals zu Geſicht bekommen habe.— So vergingen dem jungen Pfarrersſohn aus der Pfalz und ſeiner reizenden Angebeteten aus dem Heldengeſchlecht der Grafen von Rouſſillon die Tage und Wochen von Herrn Chevalier's Abweſenheit wie Minuten und Stunden; und als endlich der Großhändler eines Abends ſpät un⸗ vermuthet zurückkehrte, waren beide verliebte Leutchen längſt über alle Zweifel und Bedenken ihres künftigen heimlichen Einverſtändniſſes hinaus und ein Jedes von ihnen kannte genau die Rolle, die es dem hartherzigen Ehemann und mißtrauiſchen Gönner gegenüber zu ſpielen hatte. Dieß war aber auch in der That nöthig; denn Herr Chevalier war als ein ganz anderer Menſch von ſeiner Reiſe zurückgekehrt, wie ihn Eugen früher gekannt hatte, und behandelte beſonders ſeine arme Frau, ſelbſt in Gegen⸗ wart des jungen Hausfreundes, mit der größten Rückſichts⸗ loſigkeit. Die Urſache dieſer ſchlimmen Umwandlung war die eines ſolchen eigennützigen und harten Charakters allein würdige; und bald erfuhr Eugen in einer heimlichen Schäfer⸗ ſtunde aus dem Munde der weinenden Cecile, daß der Großhändler durch die Spitzbübereien eines Menſchen, in den er ſein größtes Vertrauen geſetzt hatte, bei einer Spe⸗ kulation enorme Verluſte erlitten und nur allein ſeinem ſicheren Kredit in der Handelswelt den Fortbeſtand ſeiner alten berühmten Firma zu danken habe. Dieſe ſchreckliche Kataſtrophe hatte den bis dahin in allen ſeinen Unternehmungen von einem fabelhaften Glück begünſtigten Kaufmann ganz aus Rand und Band gebracht; er ſchlich oft tagelang wie trübſinnig umher, zeigte ſelbſt gegen untergeordnete Perſonen das größte Mißtrauen, brach alle angeknüpften geſellſchaftlichen Verbindungen mit den angeſehenen Familien der Stadt und Umgegend ab und wollte mit Ausnahme Eugen's Niemand mehr bei ſich ſehen. Auch machte er dieſem bald kein Hehl mehr aus ſeinem Unglück; obwohl er jedesmal, wenn er ſich in Klagen gegen ſeinen treuloſen Geſchäftsfreund und in Verwünſchungen gegen ſeine Frau, die ihn allein zu jener falſchen Speku⸗ lation verleitet habe, erſchöpft hatte, mit einer wunderbaren Reſignation lächelnd hinzufügte: ſpäteſtens in einem Jahre hoffe er die gehabten Verluſte, und wohl auch noch ein Sümmchen d'rüber, wieder eingebracht zu haben; denn Seide wiſſe er zu ſpinnen und für ſeinen verlorenen Glauben an der Menſchheit wolle er ſich künftig durch den an der Seiden⸗ raupe ſchadlos halten. In einer ungleich roſigeren Laune kam bald nachher auch Robert Münzer wieder zum Vorſchein; er hatte von einer alten bigotten Tante, die in der Gegend von Baſel begütert war, durch die Vorſpiegelung ſeiner Frömmigkeit mehrere hundert Thaler geſchenkt erhalten und verjubelte nun dieſes Geld mit den gleich liederlichen Studenten ſeiner — Bekanntſchaft. In's Haus des Großhändlers kam er bei⸗ nahe nur noch an jenen Tagen, an welchen er deſſen Tochter Laura Zeichnenunterricht ertheilte; über Eugen's Liebe zu der ſchönen Frau machte er ſich in ſeiner fri⸗ volen Weiſe luſtig, ſpottete auch wohl über den modernen Ikarus, der ſich gewiß noch einmal an dieſer Sonne die lügel ſeines Hochmuthes verbrennen werde und verletzte dadurch des Freundes Gemüth, das in dieſer Zeit ſehr reizbar war, ſo tief, daß ihr Verhältniß mehr und mehr zu erkalten anfing, was im Grunde weder dem einen, noch dem anderen Theil beſonders nahe zu gehen ſchien.— Auch Herr Chevalier zeigte ſich gegen ſeinen ehemaligen Günſt⸗ ling Robert lange nicht mehr ſo familiär wie früher, und warnte Eugen vor deſſen Ungang. Man könne vor Men⸗ ſchen dieſes Kalibers nicht genug auf ſeiner Hut ſein, be⸗ merkte er in einem ſehr verächtlichen Tone. Das ſeien ganz unberechenbare Charaktere, zum Guten zu ſchlecht und zum Böſen, wenn auch nicht zu gut, doch glücklicherweiſe zu energielos. Gemeinlich thäten ſie das Eine wie das Andere am unrechten Platze, ſpielten die Großmüthigen, wo es nichts nütze und ſeien unzuverläſſig und treulos, wo man auf ihre Freundſchaft zähle. Dieſes ſehr unliebſame Urtheil klang allerdings ſonder⸗ bar aus dem Munde eines Mannes, der doch den win⸗ digen Burſchen nach wie vor in ſeinem Hauſe duldete und ſogar bei einer zweiten Reiſe, die er bald nach der erſten unternahm, 3 Anerbieten nun e ſeinen Sekretär begleiten zu wollen. Freilich w Chevalier neuerdings augenleidend, mußte ſtets eine grüne Brille tragen und ſollte ſich nach dem Rathe eines berühm⸗ ten Pariſer Augenarztes jeder Art von ſchriftlichen Arbei⸗ ten enthalten: bei ſeiner großen weitverbreiteten Korre⸗ ſpondenz allerdings ein fataler Umſtand, der ihn denn — 183— auch wirklich zuletzt ſeine geheime Abneigung gegen Münzer überwinden ließ, welcher eine ſehr ſaubere Hand ſchrieb und der franzöſiſchen Korreſpondenz vollkommen mächtig war. So reisten Beide ab, dießmal im Wagen und mit den Pferden des Fabrikanten, und Eugen trat wieder auf den ausdrücklichen Wunſch des Hausherrn in ſein früheres Vertrauensamt als Majordomus und Beſchützer der zurück⸗ gelaſſenen Frau und Kinder. Beide Liebende benützten dieſe Zeit ihres ungeſtörten Zuſammenſeins auf's Gewiſſenhafteſte und Induſtriöſeſte: neue Entführungsplane wurden entworfen, neue Pretioſen gingen durch Eugen's Vermittlung aus dem Beſitz der rei⸗ zenden Madame Chevalier in den von häßlichen graubärtigen Juden über; ſchon war ein artiges Kapitälchen beiſammen, und je mehr ſich der unnütze koſtbare Tand in höchſt brauchbare wohlgezählte Geldrollen verwandelte, um ſo höher ſtieg die Hoffnung unſers liebenden Paares; ein Schmuckgegenſtand nach dem andern wurde veräußert, bald hatte man tauſend und mehr blanke Thaler beiſammen, immer ſchon eine ganz ſchöne Summe für den Anfang in Arkadien, wo nur die Herzen Verſchwendung treiben und bunte Bänder und Wieſenblumen den einzigen Schmuck von Schäfer und Schäferin bilden! Frau Cecile ward, je mehr ſich der Fond ihres künf⸗ tigen Liebesglückes auch in klingender Münze vor ihren Augen anhäufte, immer ungeduldiger, immer heroiſcher; wie Ferdinand Cortes ſeine Schiffe hinter ſich verbrannte, ſo gab ſie heiter ein Kleinod nach dem andern von ſich und löste ſo zugleich unmerklich die goldne Sklavenkette, die ſie an ihr ſeitheriges kaltes Leben voll öden Glanzes und un⸗ geſtillter Herzensſehnſucht feſſelte.— Aber auch Eugen glühte von Eifer und Ungeduld, ſobald als möglich mit ſeiner ſüßen Turteltaube den poßloſen Flug in freiere Regionen anzutreten; denn das Straßenpflaſter der Univerſitätsſtadt brannte ihm, ſo zu ſagen, unter den Fußſohlen, und ſo oft er ſich flüchtigen Schrittes auf dem Trottoir zeigte, verfolgte ihn auch alsbald aus raſch geöffneten Fenſtern und Kaufläden das verhängnißvolle„Pſt! Pſt!“ ſeiner Manichäer. Seine Gläubiger ſtammten faſt alleſammt zu ſeinem Unglück aus dem Bund der alten Propheten, deren Nachkommen bis auf den heutigen Tag einen wunderbaren ſcharfen und richtigen Sinn der Vorahnung beſitzen und genau den Moment voraus wiſſen, wo ihr Schuldner ſich für inſolvent erklären wird und zu dem„Pech“ der Erde ſich noch der Schwefel des zürnenden Jehovah geſellt. Dem redlichen Vater waren endlich die Augen über des einzigen Sohnes liederlichen Lebenswandel aufgegangen; der ſonſt ſo gutmüthige Mann gerieth darüber in den äußerſten Zorn und verlangte vor jeder weiteren Auseinanderſetzung von Eugen peremtoriſch eine aufrichtige Beichte über alle ſeine Paſſivas auf Heller und Pfennig. Hätte der ſchuld⸗ bewußte Sohn es über ſich gewonnen, dem zürnenden Vater Alles zu bekennen, ſo wäre ihm gewiß deſſen Vergebung und Hülfe zu Theil geworden; ſtatt deſſen aber bewogen ihn einestheils Furcht und Scham, anderntheils die Hoff⸗ nung auf den rettenden Genius ſeiner Liebe, ſich den Eltern gegenüber der unverzeihlichſten Täuſchungsmittel zu bedie⸗ nen, um die volle Entdeckung ſeiner ſchlimmen Streiche bis zu dem Moment hinauszuſchieben, wo er mit der Geliebten das Weite gewonnen haben werde: ein Plan, der uns nicht bloß die ſchreckliche Verirrung des ſonſt ſo begabten Jüng⸗ lings klar macht, ſondern auch von ſeiner völligen Unkennt⸗ niß der einfachſten und natürlichſten Lebensverhältniſſe zeugt. — Durch eine merkwürdige Zuverſicht in ſeinem Benehmen gelang es ihm, den aufgebrachten Vater, der perſönlich in Heidelberg erſchien, wirklich zu ſeinen Gunſten umzuſtim⸗ men und die meiſten der ſchlimmen Nachrichten zu entkräften, welche dieſem von dortigen Bekannten über des Sohnes leichtſinnigen Lebenswandel und ſein intimes Verhältniß zu der franzöſiſchen Familie zugegangen waren. Ja, der ſchlichte ehrliche Dorfpfarrer ließ ſich ſogar bewegen, einen Beſuch im ſchönen Hauſe der Fremden abzuſtatten; und was Eugen's theueren Verſicherungen und ſeinem beharr⸗ lichen Lügenſyſtem vielleicht noch nicht ganz gelungen war, das erreichte Madame Chevalier durch den Zauber ihrer natürlichen Anmuth und ihr feingebildetes Weſen um ſo gewiſſer. Der Eindruck, den außerdem ihr gediegenes Hausweſen und die Liebenswürdigkeit ihrer beiden wohlerzogenen Kin⸗ der auf den Pfarrer machten, war ein ſo günſtiger, daß der arme getäuſchte Mann gerne und faſt ohne Widerſpruch diejenigen Schulden des Sohnes bezahlte, welche ihm dieſer anzugeben für gut fand; und dann erleichterten Herzens in ſein ſtilles Dorf zurückkehrte, um auch die bekümmerte Mutter über die jedenfalls ſehr übertriebenen Nachrichten von ihres geliebten Eugen's ſchlimmer Aufführung auf der Hochſchule zu beruhigen und durch die ausführliche Beſchreibung deſſen, was ihm ſelber im reichen prachtvollen Hauſe des Millio⸗ närs an Ehren und herzlicher Freundſchaft erzeigt worden war, ſogar noch ihren mütterlichen Stolz zu reizen; denn dieß Alles war ihm ja doch nur um des Sohnes willen widerfahren, und ſicherlich hatte auch nur der Neid klein⸗ licher und boshafter Seelen die übelen Gerüchte über ihren zwar leichtſinnigen, aber gewiß unverdorbenen Eugen aus⸗ geſtreut!— Trotzdem er die gutmüthigen Eltern in dieſer Weiſe ſowohl über ſeine moraliſche Aufführung wie über ſeine finanzielle Lage noch einmal täuſchte, war doch eine Kata⸗ ſtrophe im Leben des verirrten Jünglings unausbleiblich; und es gehörte die ganze Praxis der leichtfertigen Studen⸗ tenmoral dazu, dieſelbe überhaupt ſo lange aufzuhalten, als es bereits geſchehen war. Das Einzige, was ihm noch einen inneren Halt gewährte, war ſeine wirklich ſchwär⸗ meriſche Liebe zu der ſchönen Franzöſin, die ſeinen ſinken⸗ den Muth immer von Neuem zu beleben wußte und ſein ohnedieß ſtarkes Selbſtgefühl durch ihre begeiſterte Bewun⸗ derung für Alles, was er ſagte und that, zu einer immer gefährlicheren Höhe hinanſchwindelte. Dabei hielt ſie ihn in einem beſtändigen Rauſch ſeiner entflammten Sinne ge⸗ feſſelt, in dem er weder ſich ſelbſt in ſeiner grenzenloſen Verblendung, noch den Abgrund erkannte, dem er rettungs⸗ los zutaumelte; denn ſelbſt ſeinen Leichtſinn wußte ſie noch durch das Beiſpiel ihrer eignen, von allen Reizen und Künſten einer feinen Koketterie unterſtützten Genialität zu immer größeren Unbeſonnenheiten anzuſtacheln. So ſchlä⸗ ferte ſie allmälig in der Bruſt des verlorenen Jünglings den Reſt ſeines beſſeren Bewußtſeins vollends ein, und es bedurfte nur noch einer neuen Verlegenheit zu den bereits in ſo hohem Grade angewachſenen Verſchuldungen, ſo war der moraliſch ruinirte junge unerfahrene Menſch reif zu Handlungen, die ihn nicht bloß mit ſeinem inneren Richter, ſondern auch mit dem hinter'm Aktentiſche in den aller⸗ ſchlimmſten Konflikt bringen mußten. Bei ihrer zweiten, dießmal gemeinſamen Rückkehr in die Univerſitätsſtadt ſchienen Herr Chevalier und Robert Münzer die Rollen vertauſcht zu haben; denn der Erſtere zeigte ſich eben ſo wohl aufgelegt, als der Andere verſtimmt und er⸗ bittert war. Der Grund von Beidem klärte ſich für Eugen bald auf: der franzöſiſche Kaufmann hatte ausgezeichnet gute Geſchäfte in Norddeutſchland gemacht, neue vortheil⸗ hafte Handelsverbindungen angeknüpft, und ſtand auf dem Punkte, in einer der Hanſeſtädte eine gewinnverſprechende Commandite neben ſeinem Handlungshaus in Lyon zu gründen.— Robert Münzer dagegen hatte ſchlimme Er⸗ fahrungen mit ſeinem quaſi Prinzipal gemacht, nach ſeiner Erzählung waren ſie mehrmals während der Reiſe wegen der geringfügigſten Veranlaſſung hart aneinander gerathen; er erklärte den Seidenfabrikanten für den gröbſten und rück⸗ ſichtsloſeſten Menſchen, der ihm in ſeinem Leben vorgekom⸗ men ſei, und wußte außerdem von dem Geize deſſelben bei Berichtigung der Gaſthofsrechnungen ſo ergötzliche Anekdoten zu erzählen, daß Eugen dieſelben ohne frühere faſt gleich⸗ lautende Mittheilungen der Geliebten für erfunden oder wenigſtens für übertrieben gehalten hätte.— Wer mochte zum Beiſpiel von einem ſo grundreichen und dem äußeren Anſcheine nach ſo liberalen Manne die Geſchichte glaubhaft finden, welche Münzer unter Anderem von ihm erzählte, wonach Chevalier in Kaſſel aus Wuth über die nach ſei⸗ ner Meinung unerhörten Prellereien in den deutſchen Gaſt⸗ höfen und die hohen Haferpreiſe, Pferde und Wagen an den erſten beſten Roßkamm verkaufte und ſeine weitere Reiſe in elenden Miethkutſchen, meiſt einſpännig zurücklegte?— Kurz, der junge Student hegte ſeitdem gegen den ihm ſchon genugſam verhaßten Feind ſeines höchſten Lebensglückes eine ſo gründliche Verachtung, daß er wirklich ſein ganzes, nicht geringes Schauſpielertalent aufbieten mußte, um dem Tyrannen und herzloſen Peiniger des ſchönſten Weibes auf Erden nach wie vor äußerlich freundlich und rückſichtsvolt zu begegnen.— Er hätte ihn manchmal, ſo groß war ſein Grimm gegen den dieſes herrlichen Beſitzes ſo ganz unwür⸗ digen Mann, mit ſeinen Händen erwürgen können, wenn er es mitanſehen mußte, wie er die arme ſchöne Cecile ſelbſt in Gegenwart der Domeſtiken wegen dieſer und jener ganz unbedeutenden Geldausgabe auf das Heftigſte anfuhr, ihr ariſtokratiſchen Hochmuth und übertriebenen Lurus vorwarf — 188— und ſie der maßloſen Verſchwendung ſeiner Einkünfte be⸗ ſchuldigte. Dieß ſagte der nämliche Mann, von dem Eugen aus dem Munde der Geliebten wußte, daß er oft halbe Nächte lang unter Haufen Goldes vergraben ſitze und jedes einzelne Goldſtück mit einer Aengſtlichkeit nachwäge, als ſei jeder Gran Mindergewicht ein Zentner an ſeinem künftigen Seelenheil, oder es handle ſich dabei um Leben und Verlieren von einem ſeiner reizenden lieblichen Kinder, wenn nicht von Beiden! cLilftes Kapitel. Zu dieſer Erbitterung in Eugen's Gemüth gegen den reichen Geizhals kam noch die Betrachtung über ſeine eigene täglich ſchlimmer werdende Lage. Er hatte nicht bloß Alles gethan, um ſich die Rückkehr zu einem ſoliden Lebenswandel unmöglich zu machen; ſelbſt das ſeitherige leichtſinnige Leben in dieſer Weiſe länger fortzuſetzen war er nicht mehr im Stande; denn ſeine Gläubiger waren nicht ſo leicht zu täuſchen, wie der gute Vater, die zärtlich liebende Mutter. Aber auch die ſo lange muthige und leichtfertige Madame Chevalier begann allmälig zu zweifeln, es möchte ihm doch nicht gelingen, ſie aus der Gewalt ihres Tyrannen zu er— löſen; ja, es ſei ihm am Ende nicht einmal rechter Ernſt damit geweſen!— Und doch hatte der unbeſonnene Student wahrlich Eifer und ſelbſt induſtriöſes Genie genug gezeigt, in dieſer kurzen Zeit den größeren Theil ihrer Kleinodien zu verkaufen, allerdings bedeutend unter dem Werthe! In⸗ deß reichte der Erlös nach der Meinung der ſonſt ſo wenig bedenklichen jungen Frau noch lange nicht hin, um einen Fluchtverſuch mit Ausſicht auf Erfolg unternehmen zu kön⸗ nen. Zwar beſaß ſie, ihrer Verſicherung nach, noch viel mehr Geſchmeide; aber theils konnte ſie ſich nicht entſchlie⸗ ßen, ſich von den Pretioſen ihrer ſeligen Mutter, der er⸗ lauchten Gräfin von Rouſillon, zu trennen; theils— und dieſer Grund war vermuthlich noch ungleich gewichtiger für — 190— ſie— befand ſich eben dieſer Hauptſchmuck in den Händen des Herrn Gemahls, der leider ganz der Mann dazu war, einen ſo bedeutenden Werthgegenſtand gehörig unter Schloß und Riegel zu halten. In dieſer verzweifelten Lage nahte ſich ihm Robert Münzer wieder, angeblich um ſeinen ſtillen Grimm gegen Herrn Chevalier in des Freundes Bruſt auszuſchütten. Bei den bekannten mißlichen Umſtänden Eugen's war es dem ſchleichenden Böſewicht ein Leichtes, von ihm unter dem Siegel der Verſchwiegenheit nicht allein deſſen intimes Verhältniß zu der ſchönen Franzöſin, ſondern auch die große Verlegenheit zu erfahren, in welcher ſich Eugen dem getäuſchten Vater und ſeinen immer ungeſtümer mahnenden Gläubigern gegenüber befand. Anfangs ſpielte Robert den Ungläubigen; dann ſtellte er ſich, als falle er bei dieſen Nachrichten aus den Wolken, und heuchelte den beſtürzten und theilnehmenden Freund ſo meiſterhaft, daß Eugen wie⸗ der das alte volle Vertrauen zu ihm faßte, ſich erſchüttert an ſeine Bruſt warf und damit— ein rettungslos verlore⸗ ner Menſch war! Denn nur zu ſchnell gelang es dem Verräther, den ver⸗ zweiflungsvollen Freund, der ſich an ihn wie an ſeinen letzten Halt auf Erden anklammerte, aus dem leichtſinnigen Schul⸗ digen zu einem Verbrecher mit Abſicht und Vorbedacht zu machen, indem er ihn zuerſt durch die Gefahr erſchreckte, der er ſich durch den Verkauf jener Pretioſen hinter dem Rücken des Ehegemahls ausgeſetzt habe. Denn eine Frau könne und dürfe nicht ohne Wiſſen ihres Mannes ſo bedeu⸗ tende Werthſachen veräußern; und wenn Eugen dieß auch im Auftrag und mit Einwilligung von Madame gethan habe, ſo ſei er doch als der eigentliche Verkäufer vor dem Geſetze der ſchuldige Theil; ganz abgeſehen davon, wie tief unter dem Werthe er jene Gegenſtände verſchleudert habe, ſo daß ihm im Falle einer Entdeckung Niemand, am wenig⸗ ſten aber Herr Chevalier glauben werde, er habe den vollen Erlös für die verkauften Pretioſen auch richtig an deren frühere Eigenthümerin abgeliefert. Beim Ausmalen ſolcher Schreckgebilde baute Münzer auf die ihm wohlbekannte ängſtliche und hypochondriſche Natur des Freundes, der, ohne Lebenskenntniß und Urtheil in praktiſchen Dingen, ihm Alles auf's Wort glaubte; während er ſich auf eine für Eugen ſelbſt überraſchende Art den Anſchein zu geben wußte, als ſei er mit allen auf einen ſolchen heikelen Fall anwendbaren Strafgeſetzen genau ver⸗ traut und habe dergleichen große Verlegenheiten ſchon früher aus eigner und fremder Erfahrung genugſam kennen gelernt. Zuerſt machte er Eugen den Vorſchlag, ſeinem Vater noch nachträglich ein offenes Geſtändniß von ſeinen Schul⸗ den abzulegen; Münzer erbot ſich in dieſem Falle mit großer Zuverſicht, den gutmüthigen, einfachen Mann ſo zu bearbeiten, daß der Freund mit einem gelinden Donner⸗ wetter wegkommen ſolle. Allein die Scham, in den Augen des Vaters dann für immer als Lügner und vollendeter Heuchler zu gelten; dazu die allerdings ſpät in ſeinem Herzen wieder erwachende kindliche Liebe und die Furcht, daß eine ſolche Entdeckung der Mutter möglicherweiſe das Leben koſten könne, bewirkte, daß ſich Alles in Eugen gegen dieſen Vorſchlag ſträubte. Er erklärte, ſich lieber auf der Stelle todtſchießen, als ſeinen Eltern Das anthun zu wollen; worauf Münzer ſich Bedenkzeit erbat, um, wie er ſagte, ein anderes Finanzprojekt auszuhecken. Che er jedoch damit zu Stande kam, oder vielmehr, ehe er Eugen ſeinen Anſchlag mittheilte, ereignete ſich ein Fall, der dieſem, wäre ihm überhaupt noch ein einziger un⸗ befangener Blick in das ihn immer enger und verderblicher umſpinnende Truggewebe möglich geweſen, nothwendig die — 192— Augen über ſeine gefährliche Lage hätte öffnen müſſen, in die er durch ſeinen Leichtſinn, ſeine Eitelkeit und Unerfah⸗ renheit hineingerathen war.— Eines Abends nämlich, als man nach einem kurzen aber heftigen Wortwechſel zwiſchen beiden Ehegatten ſich wieder beruhigt hatte und Eugen, der mit Herrn Chevalier eine Partie Schach zu Ende ge⸗ ſpielt, ſchon an den Aufbruch dachte, hefteten ſich auf ein⸗ mal die Blicke des Hausherrn ſonderbar verwundert auf den Siegelring mit dem vrientaliſchen Schriftzug, welchen der junge Student von ſeiner Geliebten zum Geſchenk er⸗ halten hatte. Von dieſer ausdrücklich dazu ermuntert, trug er ihn ſeitdem unbeſorgt vor den Augen des Herrn Ge⸗ mahls, dem dieß auch bis jetzt nicht im Mindeſten aufge⸗ fallen war.— Sowohl Eugen als die Dame ſeines Her⸗ zens bemerkten ſogleich den forſchenden Blick Chevalier's und wurden Beide nicht wenig verlegen, was dieſem keines⸗ wegs zu entgehen ſchien. „Was haben Sie denn da für eine alterthümliche Rari⸗ tät, mon cher ami?“ fragte er Eugen verwundert.„Wie iſt mir doch!— Entweder ſah ich dieſen Ring ſchon früher irgendwo, oder es täuſcht mich ſeine große Aehnlichkeit mit einem andern Kleinod der Art. Bitte, laſſen Sie doch ein⸗ mal ſehen.“ „Ich bedaure, Herr Chevalier,“ ſtotterte Eugen in gren⸗ zenloſer Beſtürzung;„aber der Ring ſitzt mir ſchon ſeit Jahr und Tag ſo feſt am Finger,— daß ich ihn näch⸗ ſtens vom Goldſchmied werde durchfeilen laſſen müſſen.“ Da zog der Großhändler die Hand des jungen Studen⸗ ten, welche auffallend in der ſeinigen zitterte, gegen die Lampe und betrachtete den Ring einige Sekunden lang mit großer Aufmerkſamkeit. Che es Eugen verhindern konnte, ſtreifte er ihm denſelben auf einmal leicht vom Finger ab, ſah erſt den ſo unvermuthet auf einer Lüge ertappten Jüngling fragend an, warf dann einen raſchen Blick in die innere Seite des Goldreifs, und es wäre ſchwer zu entſcheiden geweſen, was ſeine Geſichtszüge ausdrückten, ob Staunen oder Wuth, wobei er abwechſelnd ſeine Frau und den jungen Haus⸗ freund mit ſeinen dunkel blitzenden Augen durchbohrend anſah.— Es war ein entſetzlicher Moment für die beiden Schuldigen, die ſich ſo unvorbereitet gerade von dem Manne durchſchaut und in ihrem geheimen Einverſtändniß errathen ſahen, den zu fürchten ſie die meiſte Urſache hatten. Eugen hätte vor Scham und Schrecken in den Boden ſinken mögen, das triumphirende Grinſen in Chevalier's Geſicht hatte einen Ausdruck von teufliſcher Bosheit, den er noch nie zuvor in dieſen Zügen bemerkt hatte; Cecile hingegen ſaß mit nie— dergeſchlagenen Augen da, bleich wie eine entlarvte Sün— derin, die ihr Urtheil aus dem Mund eines unerbittlichen Richters erwartet, und ihre zuckenden Finger zupften mecha⸗ niſch an der Serviette, die auf dem Tiſche lag. „Ah, ich errathe!“ Mit dieſen, in ſchneidendem Hohne mühſam hervorgeſtammelten Worten unterbrach Herr Cheva⸗ lier endlich die furchtbare Pauſe.—„Du haſt dieſen werth⸗ vollen Ring da, den ich mich noch recht gut am Finger Deines verſtorbenen unglücklichen Vaters geſehen zu haben erinnere, unſerem jungen Freunde zum Präſent gemacht? Das iſt ja wirklich recht aufmerkſam, recht generös von Dir, mein Schatz,— wenn ich auch daraus erſehe, daß Du den großen Werth, der in dieſem Kleinod und Deinen andern Pretioſen ſteckt, ſchwerlich keunſt.— Uebrigens glauben Sie darum bei Leibe nicht, Herr Eugen,“ mit dieſen im Tone der tiefſten Verachtung ausgeſprochenen Worten wandte er ſich ſodann zu dem jungen Studenten,„daß ich Ihnen entziehen werde, was meine Frau Ihnen ſo groß— müthig geſchenkt hat; wiewohl ich gewiß, was Sie mir nicht beſtreiten werden, das volle Recht dazu hätte.— Müller, O., Roderich. 1I. 13 ————— — 194 Nur um das Eine bitte ich Sie, daß Sie künftig wenigſtens die kleine Rückſicht auf mich nehmen und den Ring nicht ferner mehr vor meinen Augen tragen wollen. Empfangen Sie ihn unter dieſer Bedingung von mir zurück— und reden wir nun von etwas Geſcheidterem!“ Mit letzterer Meinung mußte es ihm indeſſen doch nicht ſo ſehr Ernſt geweſen ſein; denn ſchon in der Frühe des andern Morgens erhielt Eugen, der noch im Bette lag, ein Billet von Madame Chevalier, worin ſie dem Geliebten in flüchtigen, mit zitternder Hand geſchriebenen Zeilen anzeigte, ſie habe die ſchrecklichſte Nacht ihres Lebens durchgemacht; ihr Mann beſtehe darauf, daß ſie ihm ihre Pretioſen zeigen ſolle, und drohe im Falle ihrer ferneren Weigerung mit Gewalt ihre Schlöſſer öffnen zu laſſen. Wenn Eugen keine Hülfe wiſſe, ſo ſei ſie verloren; Chevalier raſe wie ein Tiger im Hauſe umher, eine ſolche Eiferſucht habe ſie ihm nimmer zugetraut, es fehle ihm zum Othello Nichts als die ſchwarze Mohrenhaut!— Sie ſei aber nun auch feſt entſchloſſen, ſelbſt ohne ihre Kinder dieſen fürchterlichen Menſchen auf ewig zu fliehen; Eugen möge daher ſo ſchnell als möglich Rath und Hülfe ſchaffen; denn ſie traue ihrem Manne das Aeußerſte zu!— In einem Poſtſcript, das ſich auffallend durch eine feſte Handſchrift und große Ge⸗ dankenklarheit von der tragiſchen und deſperaten Stimmung des übrigen Briefes unterſchied, bemerkte ſie ihm noch, wie ſie erſt jetzt durch ihren Mann erfahren habe, um welche große Summe ſie, oder vielmehr Eugen, beim Verkauf ihrer Pre⸗ tioſen von den Schacherjuden betrogen worden ſeien; denn ihr Mann ſchwöre, daß ſie Schmuckgegenſtände im minde— ſten Werth von fünftauſend Gulden in Händen haben müſſe, die er zu ſehen verlange. Und das Alles ſei um etwas Mehr als den vierten Theil losgeſchlagen worden! Eugen verlor über dieſe Zuſchrift vollends den Kopf 195— und lief, die Hände ringend wie ein Verrückter, der ſich rings von Flammen umgeben ſieht, mit nackten Füßen im Zimmer umher; die Angſtbilder der vergangenen Nacht geſtalteten ſich vor ſeiner erhitzten Einbildungskraft zur furchtbaren Wirklichkeit, und in dieſem Zuſtand der baar⸗ ſten Verzweiflung fand ihn Robert Münzer.— Wie es der Böſewicht angefangen hat, den Freund, der ihm vertraute, bis zum Aeußerſten zu treiben, iſt zwar nirgends gemeldet; doch läßt es die ſpätere Entwickelung dieſer tragiſchen Jugendgeſchichte außer Zweifel, daß es allein Münzer war, der in dem Sohn redlicher Eltern den furchtbaren Entſchluß hervorrief und ihn auch zur ſofortigen Ausführung deſſelben drängte, ſich durch frevelhaften Ein⸗ griff in fremdes Eigenthum die Mittel zu verſchaffen, um den lange vorbereiteten Plan ſeiner Flucht mit Madame Chevalier nach Polen endlich auszuführen.— Genug, als der Gemahl dieſer Dame am Nachmittage des nämlichen Tages gegen fünf Uhr von einem Spaziergang nach Hauſe zurücktehrte und ſein Zimmer betrat, fand er die eiſerne Geldkiſte, aus der er unglücklicherweiſe beim Weggehen den Schlüſſel abzuziehen vergeſſen hatte, geöffnet, und dieſelbe um mehrere Rollen däniſcher Dukaten beſtohlen, ohne daß, nach der einſtimmigen Ausſage der Domeſtiken und der beiden Kinder, Jemand anders als die zwei jungen Freunde Eugen und Robert während ſeiner Abweſenheit das Haus betreten hatte. Herr Chevalier eilte ſogleich auf's Gericht, um perſön⸗ lich Anzeige von dem Vorgefallenen zu machen und auf ſtrengſte Unterſuchung zu dringen.— Wenn er auch nicht direkt den Verdacht der Behörde auf den Studioſus Eugen Zimmermann lenkte, ſo legte er doch auf die heutige An⸗ weſenheit deſſelben in ſeinem Hauſe, ſowie auf den ihm jeden Augenblick geſtatteten Eintritt in ſeine Stube einen ———————— — ſo eigenthümlichen Accent, daß er, vom Richter über die Urſache hiervon befragt, nach einigem Zögern nicht ohne ſichtliche Bewegung die am geſtrigen Abend zwiſchen ihm, ſeiner Frau und dem jungen Studenten vorgefallene Szene mit dem Siegelring erzählte: das Einzige, wie er mit einer feierlichen Betheuerung hinzufügte, was ihn bis jetzt an dem ihm ſo liebgewordenen jungen Mann unangenehm be⸗ rührt habe. Die Ausſage eines der Dienſtboten, der Robert Münzer aus dem Zimmer des Hausherrn hatte gehen ſehen, er⸗ klärte er dadurch, daß er den Maler auch zuweilen mit Schreibereien beſchäftige; derſelbe verweile zu jeder Tages⸗ zeit in ſeiner Stube und er habe ſeine Treue ſchon mehr⸗ mals in ſolchen Fällen erprobt gefunden, in denen es ihm ein Leichtes geweſen wäre, noch viel größere Summen zu unterſchlagen, ohne eine Entdeckung befürchten zu müſſen. Letztere Verſicherung, von dem Beſtohlenen ſelber mehrmals wiederholt, mußte den Verdacht von Münzer ab- und mit verdoppeltem Gewicht auf den andern jungen Hausfreund lenken, zumal dieſer Verdacht auch außerdem noch durch Eugen's bekannte unſinnige Verſchwendungen verſtärkt wurde. Der Richter ließ zuerſt auf dieſe Anzeichen hin den jungen Studenten durch vertraute Leute näher beobachten, und bald ſtellte es ſich in der That heraus, daß Eugen an verſchiedenen Orten noch am nämlichen Tage Geldzah⸗ lungen in däniſchen Dukaten gemacht hatte. Bei dieſer Ge⸗ legenheit entdeckte man durch einen jener Zufälle, wie ſie zuweilen dem nach einer ganz anderen Seite gerichteten Späherauge der weltlichen Gerechtigkeit neue und unbekannte Thatſachen enthüllen, daß Eugen in den letzten Wochen bei mehreren Leuten, die hierin Geſchäfte zu machen pflegten, werthvolle Schmuckſachen veräußert habe, und es gelang ſogar dem Gericht, einige dieſer Gegenſtände ausfindig zu 197— vorgelegt wurden, erkannte er ſie ſogleich, noch ehe man ihn danach befragte, als zum Schmuck ſeiner Frau gehörige Pretioſen, wodurch ſich denn der Chef des Kriminalamtes veranlaßt fand, Gerichtsperſonen zur Verhaftung und Vor⸗ führung des jungen Akademikers in deſſen Wohnung zu ſchicken.— Dieſe aber fanden das Neſt leèr, ſei es, daß Eugen von der ihm drohenden Gefahr noch rechtzeitig Wind bekommen, ſei es, daß die unbeſtimmte Furcht vor einer Entdeckung ihn veranlaßt hatte, ſich unſichtbar zu machen. Genug, er war nirgends zu finden und die eifrigſten Nach⸗ forſchungen hatten auch nicht den kleinſten Erfolg. Er war und blieb ſpurlos verſchwunden; weder Die ihn beweinten, noch Die ihn verdammten erfuhren längere Zeit hindurch etwas von dem Schickſal des unglücklichen Jünglings. Wir ſchildern nicht den Schmerz des Vaters, nicht der Mutter tödtlichen Schrecken bei dieſen Nachrichten von dem einzigen Sohne. Der Pfarrer, ein ſtarker rieſenmäßiger Mann, war wie vernichtet, und ſchon damals wollte man Zeichen von Geiſtesſtörung an ihm bemerken, die aber glück⸗ lich und ohne weitere Folgen verliefen; ſo daß der tiefge⸗ beugte Mann bald im Stande war, vor Gericht zu erſchei⸗ nen und die erſchütternde Erklärung abzugeben, daß, wenn auch der Name des Sohnes für ewige Zeit gebrandmarkt ſei, er, als deſſen unglücklicher Vater, ſich vor Gott und ſei⸗ nem Gewiſſen verpflichtet fühle, ſoweit ſein Vermögen reiche, allen den unſchuldigen Perſonen, die durch Jenen in Scha⸗ den gekommen, vollen Erſatz zu gewähren.— So zahlte er denn nicht allein dem Lyoner Großhändler den vollen Werth⸗ betrag der von Eugen verkauften Schmuckgegenſtände ſeiner Gemahlin, eine Summe, die ſich allein auf nahezu fünf⸗ tauſend Gulden belief, ſondern erſetzte ihm auch das geſtoh⸗ lene Geld zurück; er hörte dabei nicht einmal auf den machen. Als ſie Herrn Chevalier einen Tag ſpäter bei Amte Rath rechtskundiger Freunde, die ihn bewegen wollten, den gerichtlichen Weg zu beſchreiten und es auf einen Prozeß gegen den franzöſiſchen Kaufmann durch alle Inſtanzen an⸗ kommen zu laſſen, ſondern zahlte, wie geſagt, die kaum nachweisbare, offenbar aber höchſt übertriebene Erſatzſumme Jenem auf Heller und Pfennig aus. Dieß und die andern beträchtlichen Schulden, welche ſein verlorener Sohn in dem kurzen Zeitraum zweier Semeſter kontrahirt hatte, er⸗ ſchöpfte das Vermögen des Pfarrers bis über die Hälfte; demungeachtet verwendete er freiwillig noch eine weitere Summe zur Gründung eines Stipendiums für einen armen, unbeſcholtenen Studirenden der Theologie, damit dieſer durch einen tugendhaften Lebenswandel und redlichen Stu⸗ dieneifer die durch Eugen dem Geiſt der reinen Wiſſenſchaft und ihrer altehrwürdigen Stiſtung zugefügte Schande wieder ſühnen möge— das letzte rückhaltloſe Wort, welches der treffliche Mann in dieſer, ſein ganzes Lebensglück zerſtören⸗ den Sache bei fremden Perſonen geſprochen hat; wir müß⸗ ten denn noch der Grabrede gedenken, die er wenige Wochen ſpäter ſeiner innig geliebten Gattin hielt, welcher der Jam⸗ mer das Herz gebrochen hatte.— Eugen blieb verſchollen und vergebens waren alle Nach⸗ forſchungen der Familie nach ſeinem Aufenthalt. Viele glaubten und hofften es ſelbſt im Stillen, daß der unglůck⸗ liche Jüngling, als die Reue über ſeine ſchrecklichen Verir⸗ rungen in ſeiner Bruſt erwachte, freiwillig den Tod ge⸗ ſucht und ſein Leben in den Fluten des Neckars oder Rheins geendet habe.— Aber die Strafe eines gerechten Himmels ſollte ſchnell auch Die ereilen, die ſo entſetzliches Leid über eine allgemein geachtete Familie gebracht, und um der ge⸗ meinſten ſpitzbübiſchen Intereſſen willen einen jungen, un⸗ erfahrenen Menſchen durch teufliſches kn zu Grunde gerichtet hatten. Aus den Sterbeſeufzern der unglücklichen — 199 Muttér, aus den Jammerlauten eines verzweifelten Vater⸗ herzens erwuchs ihnen, als ſie ſich ſchon der Früchte ihrer verruchten That ungeſtraft erfreuen zu können glaubten, ein furchtbarer Rächer für dieſe und andere Miſſethaten, und der Sturz des unglücklichen Jünglings in den ihm von dieſen Menſchen bereiteten Abgrund riß auch ſie nach kurzer Friſt in das nämliche Verderben. Hier ſtehen wir zugleich vor dem eigentlichen tragiſchen Moment in dieſer Geſchichte einer verirrten Jugend, der— wie Helmtoth in ſeinem Briefe an Brandenſtein bemerkt— in das ſeither ſo dunkel und undurchdringlich verſchleierte Geheimniß über Eugen nach jener Kataſtrophe ein helles Streiflicht wirft und uns kaum weniger als Alles erklärt und beſtätigt: nicht nur ſein ſpurloſes Verſchwinden, ſon⸗ dern auch ſein ſpäteres Verſchwundenbleiben, nicht nur die von ihm ſelbſt herrührende falſche Nachricht von ſeinem Tode, ſondern auch das Motiv hiezu; und vor Allem die Gewißheit, daß er zur Zeit noch irgendwo auf Erden lebt und allerdings der nämliche geheimnißvolle Fremdling ge⸗ weſen iſt, der im Herbſte dieſes Jahres eines Abends der Mutter eingeſunkenen Grabhügel in ſeinem Heimatdorf be⸗ ſucht hat.— Schon war nämlich, etwa nach Verlauf von ſechs Mo⸗ naten, die Geſchichte des jungen Studenten bei den meiſten Menſchen in Vergeſſenheit gerathen, die Akten ſeines Pro⸗ zeſſes ruhten ohne Richterſpruch unter andern Repoſiten in der Regiſtratur des Kriminalgerichts, da gewann mit einmal eine ſchon mehrere Jahre hindurch in vielen deut⸗ ſchen Staaten bald hier, bald dort auftauchende und ſpur⸗ los wieder verſchwindende Spukgeſtalt der allerſchlimmſten Sorte Fleiſch und Blut, und einer der feinſten und abge⸗ feimteſten Matadore in der großen unſichtbaren Republik der Beutelſchneider, Galgenvögel und Induſtrieritter kam — 200— nach einer langen, fabelhaften Carriere à la Cartouche an's Ende ſeiner verbrecheriſchen Aktionen. Durch gleichzeitiges Zuſammentreffen verſchiedener ver⸗ dächtiger Umſtände, wobei die von Eugen verkauften Pre⸗ tioſen nicht die unwichtigſte Rolle ſpielten, wurde allmälig die Behörde auf das Leben und Treiben der Familie Cheva⸗ lier im ſchönen Hauſe jenſeits des Neckars aufmerkſam; und der nämliche Beamte, vor dem der reiche Fabrikant und Großhändler klagend gegen den unbekannten Dieb in ſeinem Hauſe aufgetreten war, gewann bald die ſichere Ueberzeugung, daß ein ſeit Jahren von allen Seiten ſteck⸗ brieflich verfolgtes, höchſt gefährliches Subjekt und jener weltmänniſch gebildete, unbeſcholtene und vielbeneidete Kauf⸗ mann aus Lyon jedenfalls in einer ſehr nahen Verbindung mit einander ſtehen müßten. Nach weiteren, mit ungemeinem Scharfſſinn und dem Aufgebot aller Mittel, wozu beſonders eine mit verſchiede⸗ nen peinlichen Gerichten des Auslandes eingeleitete, ſehr eifrige und belangreiche Korreſpondenz gehörte, blieb dieſem ausgezeichneten Kriminalbeamten nach einiger Zeit kaum mehr der Schatten eines Zweifels übrig, daß jene räth⸗ ſelhafte Verbindung zweier, dem Anſcheine nach ſo we⸗ nig zuſammengehörender Perſönlichkeiten eine ſo intime und unzertrennliche ſein müſſe, als ſie nur jemals zwiſchen einem unbekannten namenloſen Böſewicht und einem be⸗ kannten unbeſcholtenen Privatmann beſtanden; mit andern Worten, es ſtellte ſich bis zur evidenten Gewißheit heraus, daß der berüchtigte Ueberallundnirgends und unſer Lyoner Großhändler ein und der nämliche Menſch waren, der den Augen der Welt gegenüber in Heidelberg ein brillantes Haus machte, mit den angeſehenſten Familien der Stadt ver⸗ kehrte, muſikaliſche Soiréen und üppige Gaſtmähler veran⸗ ſtaltete, ſeinen Kindern eine vortreffliche Erziehung geben — 201— ließ, ſogar öfters mit ſeiner Frau den Gottesdienſt beſuchte; dagegen an weit entfernten Orten, was ſeine häufigen Rei⸗ ſen erklärte, bald in Erfurt, bald in Eiſenach oder Koblenz ſeit Jahren mit unerhörter Kühnheit an Poſtwägen und Diligencen als„nächtlicher Paſſagier“ die großartigſten Gelddiebſtähle verübte; dem Herzog von G. aus deſſen Kabinet Juwelen und Brillantorden im Werthe von zwan— zigtauſend Thalern raubte; in Frankfurt am Main einem reichen Engländer eine Brieftaſche mit mehreren Tauſend— pfundnoten aus dem Reiſekoffer eskamotirte, und unter min— deſtens einem Dutzend falſcher Namen und Titulaturen in den Signalements aller Gerichtsſtellen der von ihm heim⸗ geſuchten Städte figurirte: der Schrecken aller Poſtbeamten, die ſtille Verzweiflung aller Polizeimänner! Von Seiten der Behörde wurde Richts verſäumt, dieſe für die öffentliche Sicherheit ſo wichtige Entdeckung zu nützen und ſich vor Allem der gefährlichen Perſon des ausgeſuchten Gauners zu verſichern. Noch war von Com— plicen bei ſeinen einzelnen Verbrechen nicht die Rede; und erſt ſpätere Nachforſchungen ließen den Verdacht aufkommen und machten es ſogar mehr als wahrſcheinlich, daß Cheva⸗ lier bei ſeinen Raubzügen häufig von einem jungen Men⸗ ſchen begleitet worden ſei, über deſſen Aeußeres jedoch die eingegangenen Nachrichten ſo verſchieden und ſelbſt theil— weiſe einander ſo widerſprechend lauteten, daß es unmög⸗ lich war, daraus auf dieſe oder jene beſtimmte Perſönlich— keit aus ſeiner Heidelberger Umgebung zu ſchließen. Der Pſeudo⸗Großhändler aus Lyon und angebliche Millionär war zur Zeit, als das peinliche Gericht zu ſeiner gefänglichen Einziehung ſchreiten wollte, wieder einmal von Hauſe abweſend. Doch verſicherte man ſich glücklich der Perſon ſeiner Frau, die anfangs Alles in Abrede ſtellte und bei den mit ihr vorgenommenen Verhören von ihrer — 202— Kunſt in der Verſtellung und der feinen Lüge ſo unleug⸗ bare Beweiſe ablegte, daß ſelbſt der Richter, wenn auch nicht an ihrer Mitwiſſenſchaft, doch zum Mindeſten an ihrer Theilnahme an den Verbrechen ihres Mannes zuweilen wieder zweifelte. Sie wollte auch weder den gegenwärtigen Aufenthalt ihres Mannes, noch den Zweck ſeiner dießmali⸗ gen Reiſe wiſſen, hielt trotz der ſchwierigſten und verfäng⸗ lichſten Fragen im Verhöre mit ſtaunenswerther Beharr⸗ lichkeit an dem Märchen von ihrer vornehmen franzöſiſchen Geburt, ſo wie von ihres Mannes unbeſcholtener Ver— gangenheit und ſeinem großen, durch Seidenhandel gewon⸗ nenen Vermögen feſt, und ſelbſt die unwiderlegbarſten Be⸗ weiſe ſeiner Miſſethaten konnten die feine und gewandte Lügnerin zu keinem Geſtändniß bewegen. So ſtanden die Dinge, als ein an Chevalier gerichteter Brief ohne Unterſchrift, der den Poſtſtempel Würzburg trug, von der Poſtbehörde der Univerſitätsſtadt an den Unter⸗ ſuchungsrichter abgeliefert wurde. Durch dieſes Schreiben eines ſeiner Vertrauten bekam man die Gewißheit, daß der induſtriöſe Seidenfabrikant dießmal Berlin zum Schauplatz ſeiner großartigen Handelsſpekulationen ausgewählt habe, und zwar, wie man nun erſt von anderer Seite erfuhr, in Begleitung des übelrenommirten jungen Malers Robert Münzer, ſeines gewöhnlichen„Reiſeſekretärs“. Die ſofort durch eine abgeſandte Eſtaffette mit dem dortigen Gericht eingeleiteten Maßregeln hatten wenige Tage ſpäter das glückliche Reſultat, daß Monſieur Cheva⸗ lier faſt in dem nämlichen Moment gefänglich eingezogen wurde, wo er ſich anſchickte, mit einer beträchtlichen Beute an Geld und Kleinodien die preußiſche Hauptſtadt wieder zu verlaſſen; dahingegen alle Verſuche der dortigen Polizei, auch ſeines Reiſegefährten habhaft zu werden, ohne Erfolg blieben.— Als man aber am folgenden Morgen zum er⸗ — 203— ſten ordentlichen Verhör mit dem Verhafteten ſchreiten wollte, fand der Gefängnißwärter bei ſeinem Eintritt in die Zelle die an einem ſeidenen Tuche hinter der Thüre ſeines Gefängniſſes hängende Leiche Chevalier's, der, würdig ſeiner übrigen Thaten, in der verfloſſenen Nacht die weltliche Gerechtigkeit auch noch um das ihr verfallene Leben liſtig beſtohlen hatte. In der nun gegen die Wittwe des Selbſtmörders fort⸗ geſetzten Unterſuchung iſt dem Regierungsrath Helmroth ganz beſonders ein Umſtand merkwürdig geworden, den zwar die noch vorhandenen Akten ſelbſt nicht genügend auf⸗ geklärt haben, deſſen innerer Zuſammenhang jedoch mit früheren und nachherigen Ereigniſſen in Eugen's Leben kei⸗ nem Zweifel unterliegt. Denn weil jene Aktenbruchſtücke ſich allein auf den verſchollenen Pfarrersſohn beziehen, ſo iſt der Kombination des Prüfenden ein weites Feld über⸗ laſſen, um die muthmaßlichen Beweggründe außzufinden, welche den damaligen Unterſuchungsrichter beſtimmt haben mögen, die durch Eugen's ſpurloſes Verſchwinden unterbro⸗ chene Prozedur gegen denſelben wieder aufzunehmen.— Höchſt wahrſcheinlich hat gerade dieſes räthſelhafte Verſchwinden des des Diebſtahls in Chevalier's Hauſe dringend verdäch⸗ tigen Jünglings ſelbſt, in Verbindung mit ſeinem erwieſenen intimen Verhältniß zu dem berüchtigtſten aller neueren Diebe, die Wiederaufnahme der Unterſuchung gegen ihn veranlaßt. Durch ſeine Flucht iſt er des ihm zur Laſt ge⸗ legten Verbrechens faſt ſo gut wie geſtändig worden; außerdem erwähnten wir ſchon, daß die von auswärtigen Behörden gemeldeten Schilderungen von der äußeren Per⸗ ſoönlichteit des jugendlichen Reiſebegleiters und muthmaßli⸗ chen Diebsgehülfen Chevalier's ſich einander in ſehr weſent⸗ lichen Angaben widerſprachen, ſo daß einige dieſer Signa⸗ lements viel eher auf Eugen, als auf ſeinen nächſten Freund und unzertrennlichen Gefährten Robert Münzer paſſen moch⸗ — 204— ten, mithin der Verdacht, daß auch er, gleich dieſem, mit— unter an den verbrecheriſchen Unternehmungen ihres ge⸗ meinſamen Gönners thätigen Antheil genommen habe, nahe genug lag.— Vor Allem aber dürfen wir mit Gewißheit annehmen, daß Madame Chevalier es in ihrem eigenen Intereſſe für rathſam gefunden hat, in ihren Verhören auf den bereits ſo gut wie überwieſenen jugendlichen Dieb ihres Hauſes möglichſt viele neue und denſelben auf's Aeußerſte kompromittirende Ausſagen zu machen; denn einestheils konnte ſie damit am beſten das ſchändliche Komplott ver⸗ decken und die abgefeimte Art, womit ſie, ihr Mann und Robert Münzer den jungen, unerfahrenen Menſchen in's Verderben gelockt hatten; anderntheils hoffte ſie ſich durch ſolche freiwillig abgelegte Geſtändniſſe den Schein der Auf⸗ richtigkeit und Wahrheitsliebe zu geben— genug, alle dieſe Umſtände erklären es hinreichend, daß der Richter ſich noch nachträglich veranlaßt fand, wie gegen Robert Münzer, ſo auch gegen den Studioſus der Theologie, Eugen Zimmer⸗ mann, als der Beihülfe an verübten Verbrechen gegen frem⸗ des Eigenthum dringend verdächtig, in öffentlichen Blättern einen Steckbrief zu erlaſſen und, neben genauem Signale⸗ ment eines Jeden, die Behörden des In⸗ und Auslandes aufzufordern, ſich im Betretungsfall ihrer Perſon zu ver⸗ ſichern und ſie an die zuſtändige Behörde ihrer Heimat abzuliefern. Dieſer Steckbrief war den Akten Eugen's in Abſchrift beigelegt, und ebenſo fand ſich auch ſein Todten⸗ ſchein in holländiſchem Original vor, darunter eine amt⸗ lich beglaubigte, deutſche Ueberſetzung deſſelben. Dieſes wichtige Dokument war formell nicht zu beſtreiten; denn die Behörde der kleinen niederländiſchen Stadt, in deren Spital Eugen nach kurzer Krankheit dem Typhus erlegen, hatte ſich mit Siegel, Datum und Unterſchrift für den Tod des paßloſen Studenten aus der Pfalz verbürgt. Aber — 205— einen großen Mangel hatte dieſe Urkunde doch: die Stadt ſelbſt nämlich, in welcher der unglückliche Pfarrersſohn ge⸗ ſtorben ſein ſollte, lag weder in Holland, noch ſonſt irgend⸗ wo in einem den Geographen bekannten Lande der alten und neuen Welt; ſie mußte mithin gleich nach Eugen's Tode entweder ſpur- und namenlos mit dieſem vom Erd— boden verſchwunden ſein; oder der Todtenſchein hatte eine Täuſchung zum Zweck, Eugen war nicht geſtorben, hatte ſelber dieſes Dokument gefälſcht und ſogar das einzige Motiv zu dieſer ſonſt ganz unerklärlichen Handlung in dem Todtenſchein ſelbſt deutlich genug angegeben! Das Datum ſeines Sterbetages war das nämliche, welches der gegen ihn erlaſſene Steckbrief trug: ein Umſtand, der Helmroth ſo bedeutſam erſchien, daß er in ſeinem Brief an den Ritt⸗ meiſter von Brandenſtein folgende Betrachtung daran knüpfte: „Daß ſein Sterbetag mit demjenigen, an welchem der Steckbrief gegen ihn erlaſſen wurde, zuſammenfällt, beſtä⸗ tigt mir Alles, was ſich meine Einbildungskraft, über den dürftigen Inhalt der Akten hinaus, an Muthmaßungen und Wahrſcheinlichkeiten von der ſpäteren ſchickſalsvollen Geſchichte dieſes unglücklichen Jünglings zuſammengebaut hat. Sein ſpurloſes Verſchwinden aus Heidelberg zu dem nämlichen Zeitpunkt, an welchem Chevalier gegen den ihm angeblich unbekannten Dieb ſeines Hauſes klagend vor Ge— richt auftrat, läßt zwar mit großer Sicherheit auf die böſe That ſchließen, zu der jene abgefeimten Menſchen ihn ſelbſt verleitet haben; es iſt aber nicht bloß wahrſcheinlich, ſon⸗ dern geht ſelbſt aus den Alten deutlich hervor, daß Eugen, den wir als zaghaft und ängſtlich kennen, nur der Ver⸗ führte war, Münzer hingegen der eigentliche Ver⸗ brecher. Dieſer Dieb aus Freundſchaft“ erſcheint über— haupt, ſo oft er handelnd in Eugen's Leben eintritt, als der perſonifizirte Dämon des jungen, unerfahrenen Men— — 206— ſchen; und ich möchte unbedenklich die Hand dafür in's Feuer des Bekenntniſſes legen, daß er es geweſen iſt, der den ſpitzbübiſchen Anſchlag auf das Vermögen der unglücklichen Pfarrersleute am Neckar zuerſt in Chevalier's empfängliche Seele geworfen hat. Er kannte die Eltern, kannte Eugen genau genug, um den Erfolg ſeiner teufliſchen Intrigue mit größter Sicherheit vorausberechnen zu können, und in dem ſauberen Chepaar fand er die würdigen Genoſſen ſeiner Unthat. Der einzige, vielgeliebte Sohn war nur das Mittel in der Hand dieſer Böſewichter, um dem unglücklichen Vater, ſelbſt unter dem Beiſtand der Gerichte, den größten Theil ſeines Vermögens zu rauben. Nebenbei mag es auch den Schurken bequem genug geweſen ſein, durch den leicht⸗ ſinnigen, bethörten Pfarrersſohn, ohne daß ſie dabei perſön⸗ lich Etwas riskirten, die auswärts geſtohlenen Werthgegen⸗ ſtände unter der Hand verſilbern zu laſſen.“ „Dieß Alles als begründet, oder auch nur als wahr⸗ ſcheinlich vorausgeſetzt, ſo iſt wohl die Annahme geſtattet, daß Eugen bis zur Kataſtrophe, welche die Urheber von ſeinem und ſeiner Eltern Unglück ſo unverhofft erreichte, ſich ir⸗ gendwo in der Nähe, vielleicht ſelbſt mit Wiſſen und unter dem Beiſtand ihm naher Perſonen verborgen gehalten habe. Denn nachdem der Vater mehr als vollen Schadenerſatz für die dem Sohne zur Laſt fallenden Vergehungen an fremdem Eigenthum geleiſtet hatte, konnte dieſer mit Zu⸗ verſicht auf eine bedeutende Milderung ſeiner Strafe zäh⸗ len. Erſt die ſchreckliche Enthüllung der Miſſethaten, mit deren Urhebern er ſo lange Zeit hindurch als mit ſeinen nächſten Freunden verkehrte; erſt die gerechte Befürchtung, daß er, deſſen Name bereits gebrandmarkt war, in den Augen aller Menſchen auch noch für einen Mitſchuldigen an dieſen Verbrechen angeſehen werde, mag den unglücklichen Jüngling zur Flucht aus der Heimat auf Nimmerwieder⸗ — kehr bewogen haben. Jene Befürchtung wurde zur entſet⸗ lichen Wahrheit, als er den Steckbrief las, und es blieb— ihm nun kein Zweifel mehr, daß die Welt ihn und ſeine Vergehungen mit dem gleichen Maße meſſen werde, wie Die, mit denen er ſo lange verkehrte, ohne zu ahnen, welche furchtbare Verbrechen die eigenen Fehltritte und Verirrungen ſeiner leichtſinnigen Jugend umgaben. In Chevalier's entdeckten Unthaten erreichte ihn ein— ich wage dieß mit meiner innerſten Ueberzeugung vor jedem Richter der Welt zu vertreten— weit über den Grad ſeiner jugendlichen Verſchuldungen hinaus entſetzliches, un⸗ verdientes Verhängniß, und dieſes geht ihm noch bis zur Stunde nach, wo ich Ihnen, mein hochverehrter Freund, mit erſchütterter Seele das Geſtändniß niederſchreibe, daß dieß das erſte gemeine Verbrechen iſt, welches ich in meiner ganzen Praxis kennen lernte, dem ich keinen Richter, wohl aber einen Dichter wünſchte, der hier Stoff genug zu einem neuen Verbrecher aus verlorener Ehre fände.“ „Seitdem ich Einſicht von dieſen Akten genommen habe,“ ſo ſchloß der Regierungsrath ſeine umfangreiche Epiſtel, „geht mir beſtändig ein Gedanke im Kopfe herum, den ich wohl nicht eher wieder loswerde, als bis es Jemand ge⸗ lingt, mich von der Grundloſigkeit deſſelben beſſer wie ich es vermag, zu überzeugen. Ich bilde mir nämlich feſt ein, jener myſteriöſe Unbekannte, der vor einigen Wochen als Profeſſor Erich aus Kopenhagen auftauchte, wäre nicht bloß der Sohn Ihres armen alten Pfarrers, ſondern auch zugleich ein Mann, der irgendwo in der Welt— aber gewiß nicht in Dänemark— eine bedeutende, vielleicht ſelbſt eine offizielle Stellung einnimmt. Ich ſchließe dieß weniger aus dem fürſtlichen Wappen an ſeiner grün lackir⸗ ten Reiſekutſche— denn das könnte er allenfalls noch ſeinem ehemaligen Gönner, dem Lyoner Großhändler, abge⸗ — 0 lernt haben— als aus der ungleich wichtigeren Thatſache, daß er, der ſeinen alten Vater noch am Leben weiß, nicht im Stande iſt, ihm zu nahen, während ihm doch der Be⸗ ſuch des mütterlichen Grabes ein wahres Herzensbedürfniß geweſen ſein muß. Liegt alſo, da wir an ſeiner kindlichen Pietät nicht zweifeln können, hier nicht die Vermuthung nahe, daß nur äußere und gewiß ſehr gebieteriſche Umſtände ihn bewegen müſſen, ſeine von einem Steckbrief ſignaliſirte Perſon fort und fort in dieſes undurchdringliche Dunkel zu hüllen?— Ja, iſt überhaupt noch eine andere Rückſicht denkbar, als die auf eine hervorragende geſellſchaftliche Stellung, womit immer ein in den Augen der Welt ſehr leicht verſehrbarer Name verbunden iſt, was ihn abhält, der Schuld ſeiner unreifen, kaum zurechnungsfähigen Jugend noch heute ſo ſcheu aus dem Wege zu gehen? Nur der ſchauerliche Nimbus, womit ein Steckbrief nach dem Be⸗ griffe— nein, nach dem innerſten Inſtinkt der Menſchen Jeden umgibt, der einem ſolchen Fluche, verdient oder unverdient, jemals anheimgefallen iſt, nur der allein kann ihn abhalten, in die Arme ſeines alten Vaters zu eilen. Denn er muß es wiſſen, und weiß es auch beſtimmt, daß nicht bloß vor Gott, ſondern auch vor dem weltlichen Richter eine einzige weiße Locke dieſes ehrwürdigen Hauptes jetzt ſchwerer wiegt, als die ganze Schuld ſeiner unbeſon⸗ nenen Jugend. Es iſt darum bloß das unerbittliche Statut der menſchlichen Geſellſchaft allein, was ihm die Hände bin⸗ det und ſeinen Willen in Feſſeln legt; und die zutreffende Wahrheit von alledem vordusgeſetzt, ſo ſage ich: er thut wohl daran. Denn einen Steckbrief löſchen ſelbſt die Freudezähren eines brechenden Paterauges nicht aus— den hebt man am beſten für ewig da auf, wo ihn Ihr alter Pfarrer ſo lange klugerweiſe verſteckt gehalten hat!“ — Zwälftes Rapitel. Auf dem Forſthofe, wie überall in der Umgegend, wohin in den nächſten Tagen die Kunde davon drang, erregte die Neuigkeit, daß man endlich die gefährlichen und gefürchteten Diebe auf friſcher That ergriffen und gefäng⸗ lich eingezogen habe, eine lebhafte Befriedigung. Erſt jetzt begriff man, wie es dieſen Menſchen überhaupt möglich ge⸗ worden war, ſo⸗ lange Zeit hindurch trotz aller Nachfor⸗ ſchungen und Schutzmaßkheln der Behörde immer neue Verbrechen zu den bereits verübten zu häufen und einen ganzen Diſtrikt in Angſt und Aufregung zu erhalten.— So wenig vortheilhaft auch die beiden Brüder Conſtant und der Rohrfelder Vorſtadtkrämer Francois Ventron in der öffentlichen Meinung angeſchrieben waren, hätte ihnen doch Niemand, und die ſie zunächſt kannten zu allerletzt, ſo verwegene Thaten zugetraut; denn ſeit Jahren war man ja daran gewöhnt geweſen, ſie nur nach den bekannt ge⸗ wordenen ſchlimmen Seiten ihres Charakters zu beurtheilen; ſo daß ſie als liederliche Tagdiebe, Trunkenbolde, herzloſe Ehemänner und liſtige Wildbiebe zwar hinlänglich berüch⸗ tigt waren und von allen beſſeren Menſchen gemieden wurden, aber vielleicht gerade deßhalb keinen tieferen Ver⸗ dacht erweckten.— Es iſt die einem jeden Kriminaliſten bekannte Erfahrung„daß das wirkliche Verbrechen keinen dem Allgemeinwohl ſchädlicheren Schutz findet, als in einem Müller, O., Roderich. 1I. 14 — 2 offenkundig unmoraliſchen Lebenswandel; und nur zu häufig verſteckt der kühne Feind der öffentlichen Sicherheit ſeine Miſſethaten hinter ſolchen Handlungen, die ſeinem Charak⸗ ter das Gepräge einer minder verabſcheuungswürdigen Lei⸗ denſchaft geben. Ein paſſionirter Wilddieb oder ein Spie⸗ ler mit falſchen Würfeln, ein liſtiger Schmuggler, ein ſchlauer Hauſirer, der in allen Winkelzügen des kleinen Betrugs gewandt iſt, werden nicht leicht in der öffentlichen Meinung zu ſchlimmeren Prädikaten avanciren; ihr Charakterbild iſt kein ſchwankendes und der kluge oder redliche Mann glaubt ſich im Verkehr mit ihnen genugſam vorgeſehen zu haben, wenn er ſie für das nimmt, was ſie ihm und Andern gelten. Nur ein Mann hegte, wie wir bereits früher erfahren haben, ſchon lange im Stillen einen tieferen Verdacht gegen das Treiben des Vorſtadtkrämers: der Oberjägermeiſter, welcher ſeit längerer Zeit geneigt war, dem auffallend in ſeinen äußeren Lebensumſtänden heruntergekommenen Men⸗ ſchen das Schlimmſte zuzutrauen. Als ihm daher ſeine Jäger die erſte Meldung von dem nächtlichen Ereigniß im benachbarten Gebirgsdorf überbrachten und er hörte, daß Ventron und ſeine Spießgeſellen durch einen, zufällig im Pfarrhaus zum Beſuche anweſenden fremden Herrn bei ihrer verruchten That ertappt worden ſeien, erinnerte er ſich ſogleich ſeiner Begegnung mit dem Krämer in der Re⸗ ſidenz wieder, zu deſſen prahleriſchen Reden gegen die Land⸗ juden im ſtarkangetrunkenen Zuſtand er jetzt den erklärenden Kommentar gefunden zu haben glaubte. Theils Neugierde, theils wirkliches Mitleiden mit der unglücklichen Frau des gefangenen Kirchendiebs erweckte in ihm das lebhafte Verlangen, die Krämerin gleich zur Stelle in ihrer Wohnung aufzuſuchen. Er hörte, daß ihre Ver⸗ zweiflung über die Maßen groß ſei und glaubte daher, ſie werde nach dieſer ſchrecklichen Kataſtrophe nicht nur eines herzlichen Zuſpruchs bedürftig, ſondern auch unter Umſtän⸗ den vielleicht ſogar geneigt ſein, ihm Näheres über ihres Mannes ſeitherige Aufführung mitzutheilen. Wußte er doch, was ſie von dem rohen Menſchen zu leiden gehabt hatte, von deſſen Vergangenheit auch ihm nichts weiter bekannt war, als was einſt die alte Schullehrerswittwe Ahn im Schmerz um ihres geliebten Pſlegekindes traurige Lage Frau Dyoniſia anvertraut hatte, daß er aus dem Elſaß ſtamme und vor Jahren als fahnenflüchtiger Soldat in dieſe Gegend gekommen ſei. Seine Hoffnung, die Krämerin werde ihm von ihrem Manne ſolche Mittheilungen machen, dié ſeinen lange ge⸗ hegten Verdacht gegen Ventron beſtätigten, täuſchte ihn jedoch vollkommen. Er fand zwar die arme Frau in der äußerſten Troſtloſigkeit und ihr Jammer wurde durch ſeine unvermuthete Erſcheinung in ihrer armſeligen Wohnung anfangs noch größer; aber ſowohl ſeine aufrichtigen Troſt⸗ worte, wie ſeine ſcheinbar gleichgültigen Nachfragen nach dieſem und jenem Umſtand aus Ventron's Leben verfehlten ihren Zweck; ſie hatte nur Jammerlaute über das entſetz⸗ liche Unglück, und die einzige Anklage, die ſie gegen den Urheber deſſelben vorbrachte, waren Thränen und verzwei⸗ felte Schmerzesausbrüche über das ihm bevorſtehende ſchreck⸗ liche Schickſal. Selbſt ihr eignes trauriges Loos ſchien die unglückliche Frau kaum näher zu berühren; ſie betheuerte, daß ſie von Ventron nichts Schlimmes weiter wiſſe, als daß er bisweilen ſehr jähzornig geweſen ſei. Sie könne ſich auch gar nichts Anderes denken, als daß böſe Men⸗ ſchen ihn verführt haben müßten, und der beſtändige Refrain ihrer Klagen war, daß ſie ja gerne Alles hingeben und erdulden wolle, wenn er nur nicht am Leben geſtraft würde. ——— ——— —— — — 212— Dieſe Seelengröße und ſeltene Treue einer Frau, deren unglückliche Che im ganzen Orte ſprüchwörtlich geworden war, rührten Bebra auf's Tiefſte. Leider konnte er ihr in dieſer letzten größten Sorge ihres Herzens keinen Troſt bie⸗ ten; doch forderte er ſie auf, nur immer getroſt ihre Zu⸗ flucht in den Forſthof zu nehmen, denn ihrer und ihres Kindes würde man ſich dort gerne annehmen und es ihr nicht an dem Nöthigen fehlen laſſen. Sie werde am beſten wiſſen, ob Ventron ſich auch noch andere ſchlimme Hand⸗ lungen habe zu Schulden kommen laſſen; die That, bei der man ihn ergriffen, ſei allerdings ruchlos und ungeſetzlich genug, aber am Leben werde er demungeachtet ohne andere ſchwere Verbrechen nicht geſtraft werden. Dieſe letztere Verſicherung bewirkte in der Krämerin eine auffallende Unruhe und angſtvolle Bewegung. Sie ſchien mit ſich uneins, was ſie dem Freiherrn hierauf er⸗ wiedern ſolle; die Angſt ihres Herzens überwand jedoch endlich das letzte Bedenken, und mit zitternder Stimme be⸗ merkte ſie ihm, es ſei wohl möglich, daß die Gebrüder Conſtant auch noch andere böſe Thaten verübt hätten, wo⸗ für jetzt ihr unglücklicher Mann mitzuleiden haben werde; aber Das wiſſe ſie von Ventron ſelber, daß man ihm, möchte auch Damian Conſtant oder wer ſonſt das Schlimmſte gegen ihn ausſagen, ſchließlich doch Nichts anhaben könne; denn er hätte, ſetzte ſie mit ſtockender Stimme nach einer Pauſe hinzu, mehr als einmal die Aeußerung gegen ſie fallen laſſen, daß er einen vornehmen Herrn in der Reſidenz zum Freund habe, der noch viel mächtiger ſei als der Oberamtmann; käme es daher wirklich einmal mit ihm zum Biegen oder Brechen, ſo werde Der ihn ſchon ſchützen, und was dergleichen dunkle, für den Freiherrn natürlich ſehr merkwürdige Reden mehr waren, welche die arme Frau in ihrer grenzenloſen Angſt herausſtotterte, hauptſächlich wohl — von dem Verlangen getrieben, ſich hierdurch ſelber über das Schickſal ihres Mannes zu beruhigen. Denn daß es kein rechtes Vertrauen war, was ſie zu dieſer auffallenden Mittheilung veranlaßte, bewies dem Oberjägermeiſter der Umſtand, daß ſie durchaus zu keiner näheren Erklärung ihrer räthſelhaften Worte zu bewegen war, dagegen nach Art geringer und mit den Geſetzen und Einrichtungen des Staates unbekannter Leute hartnäckig darauf beſtand, es ſei gewiß ſo, wie ihr Ventron geſagt habe, der gnädige Herr werde ſchon ſehen, daß ihr Mann einen mächtigen Beſchützer in der Stadt habe, der ihn retten müſſe, gleichviel ob er wolle oder nicht. Mehr als dieß brachte der Freiherr mit aller ſeiner Ueberredungskunſt nicht aus ihr heraus. Selbſt als er ihr deutlich zu verſtehen gab, wie wenig er an eine ſo mächtige Gönnerſchaft bei einem auf offener That ertapp⸗ ten Kirchenräuber glaube, beharrte ſie auf ihrer Zuver⸗ ſicht und wiederholte immer nur, es werde doch ſo ſein, wie der Ventron ihr geſagt habe. Zuletzt verſank ſie in ein dumpfes Hinbrüten und ſtarrte regungslos, die Hände in den Schooß gelegt, vor ſich nieder. Unter dieſen Umſtänden konnte der Freiherr kaum noch erwarten, irgend eine weitere Aufklärung von ihr zu erhalten, doch gab er darum die Hoffnung nicht auf, ſpäter in einer mehr gefaß⸗ ten Stimmung Näheres von ihr zu erfahren, verwies ſie daher für's Erſte in ihrem großen Jammer an Gott und verſicherte ſie außerdem nochmals ſeines und Frau Diony⸗ ſia's Schutzes.— Es waren ſonderbar widerſtreitende, für ihn zum Theil ganz neue Empfindungen, die ſich auf dem Heimweg nach dem Forſthof in der Bruſt des wackern Mannes regten. Obwohl unter dem Landvolk aufgewachſen und ſeit vielen“ Jahren faſt im täglichen Verkehr mit demſelben, waren ihm ——————————— — doch noch niemals die Gegenſätze von Tugend und Laſter, von Seelenadel und moraliſcher Verkommenheit im Leben der nothleidenden und gedrückten Menſchheit ſo deutlich und unmittelbar vor die Seele getreten, als in dieſer arm— ſeligen Vorſtadtswohnung, ſchon ſo lange für ihn ein Ge⸗ genſtand des Argwohns, daß der Mann darin ebenſo grundſchlecht und gefährlich, als die Frau gut, tugendhaft und darum namenlos unglücklich ſein möge. Welche Stunden der Trübſal und Verzweiflung mochte die Aermſte nicht ſchon in dieſer Herberge der roheſten Geſellen erlebt, welche Mißhandlungen mochte dieſes ſchöne Gemüth nicht ſchon ausgeſtanden haben; und wie edel, wie heldenmüthig bewies ſie ſich demungeachtet nicht in ihrer jetzigen äußer⸗ ſten Bedrängniß und Verlaſſenheit!— Kein Wort der Anklage, der Verdächtigung gegen den Urheber ihrer Leiden kam über ihre Lippen; ihr Herz hatte nur Gebete und heiße Wünſche für ſeine Rettung; und wenn wirklich Et⸗ was in ihrem Benehmen gegen ihn und ſein verborgenes ſchlimmes Treiben ſprach, ſo war es die Angſt, die ihr der Gedanke an ſein Schickſal vor Gericht verurſachte. Aber auch ihre geheimnißvolle Andeutung von dem unbekannten mächtigen Beſchützer ihres Mannes in der Re⸗ ſidenz beſchäftigte fortwährend Bebra's Vorſtellung; denn wiſſentlich hatte ihn die arme Frau gewiß nicht belogen, und das fremdartige Ausſehen Ventron's in der wohlan⸗ ſtändigen Kleidung, als er ihn dieſer Tage zum letztenmal in der Stadt ſah, hing am Ende doch mit ihrer heutigen Ausſage zuſammen. „Das Alles wird und muß ſich ja bald aufklären,“ dachte der Freiherr und erſtattete, zu Hauſe angelangt, dem Onkel und der Großmutter Bericht über den Erfolg ſeines Beſuches bei der Vorſtadtkrämerin. „Es iſt am Ende das nämliche ſaubere Kleeblatt ge⸗ weſen, das Deiner Forſtkaſſe nachſtellte,“ ſagte Frau Dio⸗ nyſia.—„Wenigſtens könnte man ſich's erklären, warum die drei Räuber als gute Bekannte und Nachbarn von uns ſich ſo viel Mühe gaben, um ſich durch geſchwärzte Geſichter unkenntlich zu machen.— Ach die arme Ventronin! Wie mach' ich mir jetzt ſchwere Vorwürfe darüber, daß ich das ihrer braven Pflegemutter im Anfang des Herbſtes gege⸗ bene Verſprechen nicht gehalten und dem Böſewicht einmal auf Deutſch und Franzöſiſch meine Herzensmeinung geſagt habe!— Aber daran biſt Du allein ſchuld, Guſt; denn wär'ſt Du mir nicht mit Deiner Liebesaffaire dazwiſchen gekommen, ich hätt's nimmer vergeſſen. So aber hatte ich freilich keinen Platz mehr für andere Malefikanten im Her⸗ zen als für Dich und die Serena— ach, du lieber Gott, was muß das für eine Ehe geweſen ſein, die eine arme, rechtſchaffene Frau durch den Galgen zur Wittib macht! — Ich habe mir in meinem langen Leben viel Noth, Jammer und Elend in der Nähe angeſehen; aber eine brave Perſon, wie die Krämerin, mit einem ſpruchreifen Dieb und Böſewicht im Bunde— das hat mich der liebe Gott erſt heute erleben laſſen!“ Später kam Onkel Reudegen ganz blaß und verſtört in den Saal zurück, hatte ſogar gegen alle Dehors die Schreibärmel noch an und die naſſe Feder mit der langen Fahne hinter'm Ohr und konnte kaum zuſammenhängend berichten, was ihm ſoeben Martin, des Forſtrechners Schrei⸗ ber, der draußen im Wald bei der Holzverſteigerung ge⸗ weſen, erzählt habe. Unter den Holzſchlägern gehe nämlich das Gerücht, tein Anderer als Ventron habe an dem Tage, wo man das große Keſſeljagen abgehalten, die Begegnung im Wald⸗ grunde mit dem fremden Herrn aus der Stadt gehabt, der ſpäter bei der Herrſchaft im Forſthof ſo ehrenvolle Auf⸗ — 216 nahme gefunden hätte. Einer der Gebrüder Conſtant, und zwar eben der Verunglückte, habe das neulich im Trunke in einem Nachbardorfe an mehrere der Holzſchläger erzählt und ſogar noch damit geprahlt, Ventron kenne den fremden Herrn aus alter Zeit als einen ſehr guten Freund, es ſei auch durchaus zu keinem Streite zwiſchen ihnen gekommen, ſondern nur zu einer freundſchaftlichen Auseinanderſetzung über gewiſſe frühere Verhältniſſe. Der Oberjägermeiſt hörte den alten Onkel ſprachlos an. Aber ſowohl die er wie Frau Dionyſia war von der merkwürdigen Neuigkeit allzuſehr überraſcht, als daß Beide die ſeltſame Bewegung in des Freiherrn Geſichtszügen be⸗ merkt hätten. Er wurde auch ſeiner Beſtürzung ſchneller wieder Meiſter wie die Alten; und da ihn die Großmutter fragte, was er denn eigentlich von dieſer Nachricht denke, die ja wirklich ganz ſonderbar mit der Aeußerung der Krämerin von einem mächtigen Gönner ihres Mannes in der Reſidenz zuſammentreffe, brach er in ein kurzes Lachen aus und entgegnete ausweichend: „Das fehlte noch, daß Doktor Roderich, über deſſen Perſon ſchon ſo Viel in der Stadt gefabelt wird, auch noch mit Räubern und Dieben lirt wäre! Nichts als dummes Leutegeſchwätz, über das gewiß unſer gelehrter Freund in der Reſidenz ſelber am Herzlichſten lachen würde!“ „Ich meine aber doch, man ſollte dieſem Gerücht ein wenig näher nachgehen,“ bemerkte dagegen die alte Frei⸗ frau kopfſchüttelnd.—„Denn einmal iſt es nicht ganz gleich⸗ gültig, wenn Perſonen von diſtinguirter Stellung, die bei uns einen freundlichen Empfang finden, ſo in's Gerede der Leute kommen, und dann— ich ſage Dir, Guſt— die Serena hat am Ende doch mit ihrer Behauptung nicht ſo Unrecht gehabt, daß damals, wo er zum erſten Mal, und zwar unmittelbar nach jener Affaire im Walde, in den Forſt⸗ 1 2 — 217— hof kam, ſein Weſen eine recht auffallende Verſtörung und Unſicherheit verrieth, die ſie ſogar an ihm ängſtigte.“ „Das hat ſie ihm gewiß längſt im Stillen abgebeten,“ ſagte der Freiherr heiter, rückte aber dennoch unruhig auf dem Stuhle hin und her.—„Uebrigens will ich gerne, wenn Du dieß wünſcheſt, beim nächſten Zahltag den Forſt⸗ rechner und ſeinen Schreiber veranlaſſen, daß ſie ſich bei den Holzſchlägern nach den Details jener Geſchichte erkun⸗ digen. Leider iſt auch hier, wie bei den meiſten ähnlichen Gerüchten, der Haupturheber nicht mehr zu hören; ſonſt würden wir bald beſtimmt wiſſen, daß die ganze anſchei⸗ nend ſo geheimnißreiche Sache auf einem leeren Wirths⸗ hausgerede beruht.“ Frau Dionyſia nickte zwar zuſtimmend mit dem Kopfe, aber der ernſtſinnende Ausdruck ihrer Miene verrieth doch deutlich genug, daß ihr der eigentliche Zuſammenhang in dieſer Angelegenheit durchaus noch nicht ſo klar und er⸗ wieſen vorkam, wie es bei dem Freiherrn der Fall zu ſein ſchien. Jenes unter den Bauern und Taglöhnern verbrei⸗ tete ſonderbare Gerücht von dem angeblichen Freundſchafts⸗ verhältniß zwiſchen dem geehrten Gaſt ihres Hauſes und einem ſchändlichen Kirchendieb, und die von Bebra kurz zu⸗ vor überbrachte Aeußerung der Krämerin, die ſie als wahrheitliebend kannte, von dem mächtigen Gönner Ven— tron's in der Reſidenz, hatten doch bei allem Räthſelhaften wieder ſo viel innere Uebereinſtimmung und beide Nach⸗ richten kamen ihr außerdem ſo unmittelbar hintereinander zu Gehör, daß es ihr nicht leicht wurde, in dem Allen ein bloß zufälliges Zuſammentreffen äußerer Umſtände zu er⸗ blicken, wieohl auch ſie ſich bei näherer Ueberlegung ſagen mußte, daß die eine dieſer Nachrichten ebenſo unwahrſchein⸗ lich klang wie die andere.— Aber die Vorwürfe, die ſie ſich machte, die arme Krämerin trotz der gegebenen Zuſage im Stich gelaſſen zu haben, laſteten ſo ſchwer auf ihrem Herzen, daß ſie in dem traurigen Schickſal derſelben nur noch eine ſie perſönlich berührende Angelegenheit erblickte und in dieſer hypochondriſchen Stimmung geneigt war, das Schlimmſte und Seltſamſte für möglich zu halten. Doch auch der Freiherr war, als er ſich allein befand und ſeinen Betrachtungen ohne den Einfluß einer fremden Meinung Raum geben konnte, keineswegs der Anſicht, daß dieſe räthſelhafte Geſchichte bloß auf einem müßigen Bauern⸗ gerede beruhe. Ihm war nicht nur der Eindruck noch recht wohl gegen⸗ wärtig, den Roderich's erſte Erſcheinung damals im Walde auf ihn gemacht hatte; dieſer Eindruck erhielt ſogar noch nachträglich durch das ominöſe Gerücht, wie es unter den Holzſchlägern ſeines Reviers umging, eine ganz unvermu⸗ thete beſtimmtere Geſtalt und er konnte ſich bald nicht mehr von der Ueberzeugung trennen, daß doch etwas Wahres an dieſem Gerede ſein und dem Informator allerdings damals etwas ganz Außerordentliches im Walde begegnet ſein müſſe, was denſelben viel tiefer und innerlicher aufgeregt habe, als es ſonſt bei einem gewöhnlichen Zuſammentreffen mit einem unverſchämten Bettler der Fall geweſen wäre. Er erinnerte ſich wieder der großen Theilnahme deſſelben für 3 den entſprungenen Strauchdieb und wie der Doktor ſogar noch das brutale Benehmen ſeines Angreifers zu entſchul⸗ digen verſucht hatte. Aber auch der jüngſte Eindruck, den er bei ſeinem Beſuch in Roderich's Wohnung von der Per⸗. ſönlichkeit des gelehrten Sonderlings und nervös überreiz⸗ ten Menſchen mit ſich genommen hatte, trat ihm mit Finmal ſo lebendig vor die Seele, als ſähe er die hagere Geſtalt mit den bleichen gramverdüſterten Zügen wieder vor ſich ſitzen, wie er in haſtigen kurzen Sätzen von ſeinen geiſtigen und körperlichen Leiden erzählte und in ercentriſcher Weiſe — 05 von einem Gegenſtand zum andern überſprang, anſcheinend ſo mittheilſam und zutraulich, und doch im Grunde nur zerſtreut und aufgeregt. Aber der Oberjägermeiſter war nicht der Mann, der ſich mit unbeſtimmten Phantaſieen über mögliche Dinge und Urſachen, für die ſein Verſtand keinen Anhaltspunkt in der Welt der wirklichen Erſcheinungen und Thatſachen auffin— den konnte, länger befaßt hätte, als ſich mit ſeiner prakti— ſchen Natur vertrug. Ihn beſchäftigte daher das wunder⸗ liche Zuſammentreffen dieſer ihm räthſelhaften Umſtände und Ereigniſſe nur ſo lange, bis ihm die Einſamkeit ſeines Zimmers fühlbar wurde und das einbrechende Abenddunkel ihn gemahnte, daß die Stunde der phantaſtiſchen Träu— mereien und Hypochondrieen geſchlagen habe. Einen Mo⸗ ment noch ſah er überlegend hinaus in's Freie; es war das gräulichſte Schneegeſtöber, welches jemals in einer fri⸗ ſchen Waidmannsbruſt das Verlangen nach einem Erho⸗ lungsritt durch Wind und Wetter geweckt hatte, und ſchnell war ſein Entſchluß gefaßt. Er eilte die Treppe hinunter, hieß ſeinen Reitknecht dem Rappen den neuen ruſſiſchen Sattel auflegen und befahl ihm, erſt nach ſeinem Wegritt der Großmutter und dem Onkel zu ſagen, das ſchöne Wetter habe ihn zu einem Ritt nach der Stadt zu Freund Claudius verlockt, er werde auch wohl erſt Morgen zum Mittageſſen wieder zurücktommen. Ganz anders, als auf ihren heiteren Bräutigam, wirkte das heutige ſtürmiſche Schneewetter auf Serena's Stim⸗ mung ein, die den ganzen Nachmittag über auf ihrer einſam gelegenen Stube zugebracht hatte, deren nach der Terraſſe und dem Schloßgraben hinausgehende beiden Rund⸗ bogenfenſter heute gar kein rechtes Tageslicht hereinlaſſen wollten, ſo dicht und unaufhörlich wirbelten draußen die —% Schneeflocken durcheinander. Selbſt die traulichen Schloß⸗ tauben, die den ganzen Winter hindurch regelmäßig ab und zu an ihr Fenſter geflogen kamen und an den Scheiben nach Futter pickten, blieben heute aus, konnten wegen des argen Schneeſturms ihre Mauerlöcher in den Thürmen nicht verlaſſen, und ſo war es denn wirklich recht melancholiſch einſam um Serena's Innen- und Außenwelt beſtellt. Denn auch auf ihrem Gemüthe ruhte heute eine ganz unbekannte Schwermuth und Beklommenheit; ſie wußte ſich ſelber nicht zu erklären, was ſie eigentlich ſo ängſtlich bedrückte und hätte daher für ihr Leben gern eine liebe vertraute Seele bei ſich gehabt, um die ſchwermüthigen Gedanken wieder los zu werden.— Schon ſtundenlang verweilte Roderich drüben bei der Prinzeſſin, die ſie gleich nach ſeinem Weg⸗ gehen wollte rufen laſſen. Er war, das wußte Serena, gegen Mittag von einem Ausflug in die Nachbarſchaft zu⸗ rückgekehrt, die Prinzeſſin hatte gleich nach ſeiner Ankunft für die heutige Tafel abſagen laſſen, und ſo verweilten Beide ſchon die ganze Zeit über in Aureliens Kabinet und das Hoffräulein wartete noch immer vergeblich auf Rode⸗ rich's Entfernung. Es wurde dunkel und immer dunkler, zuletzt fiel nur noch ein matter bleigrauer Schimmer des ſcheidenden Tags durch die Fenſter in die große Stube; Serena vermochte ſich durchaus nicht zu erklären, was der Informator ſo lange zu dieſer ungewohnten Zeit mit der Prinzeſſin zu verhandeln hatte. Dieſe ſelbſt war ſchon den ganzen Vor⸗ mittag über ungewöhnlich thätig geweſen, und wie es ihrer Freundin hatte ſcheinen wollen, war auch die alte Kam⸗ merfrau öfter, als ſie ſonſt pflegte, ab- und zugegangen. Dieß und der Umſtand, daß ſie zufällig dabei war, als Letztere ihrer Herrin meldete, ſoeben ſei Herr Roderich von ſeiner Fahrt zurückgekehrt, gab Serena in Verbindung nit — 221— dem ungewöhnlich langen Verweilen des Informators zu allerhand Vermuthungen Anlaß und beſonders die heim⸗ liche Geſchäftigkeit der Prinzeſſin und der Kammerfrau war ihr geradezu räthſelhaft. Endlich hörte ſie draußen auf dem Korridor Schritte und gleich darauf blieb Jemand vor ihrer Thüre ſtehen, klopfte aber erſt nach einigem Zögern leiſe an. Sie hatte eben eine Kerze angezündet und rief von der Sophaecke aus„Herein“. Wie erſtaunte ſie nicht, in dem Eintretenden den Informator zu erkennen, der zum erſten Mal ihr Zim⸗ mer betrat. Mit einem Ausruf der Ueberraſchung ſprang ſie haſtig auf und eilte ihm entgegen. Er ſtotterte, noch immer an der Thüre ſtehend, einige Worte der Entſchuldi⸗ gung, daß er unangemeldet einzutreten gewagt habe, küßte ihr zugleich die Hand und führte ſie an ihren Platz zurück, indem er ſie mit einem ungemein feierlich erregten Weſen, das ihm ſelber anfangs nur unzuſammenhängend zu ſpre⸗ chen erlaubte, in einer auch ihr Herz nahe berührenden hochwichtigen Angelegenheit um gütiges Gehör bat. Noch ehe ſich Serena von ihrem ſprachloſen Erſtaunen erholt hatte, da ſie fortwährend den blaſſen, ſichtbar tiefbe⸗ wegten Mann anſehen mußte, ergriff Roderich wieder ihre Hand und bat ſie, zwar mit unſicherer Stimme, aber doch mit einem ihr Innerſtes treffenden Blick der zarteſten Schonung und Theilnahme, ſie möge ſich auf eine Mitthei⸗ lung vorbereiten, die er ihr im Auftrag ihrer Freundin, der Prinzeſſin Aurelie, jetzt machen wolle, und wobei es ſich von ihrer Seite um nichts Geringeres als um ihre ganze Liebe und Hingebung an die Perſon der edlen erlauchten Frau handle.— Ohne dem beſtürzten Mädchen, das bei dieſer unerwarteten Einleitung die Farbe wechſelte, Zeit zu einer Antwort zu laſſen, nahm ſein noch eben ſo feierliches We⸗ 6 plötzlich eine lebhaftere Bewegung an, in ſeinen Augen — 222— glänzte ein Strahl der Rührung und Zuverſicht, und mit jener Stimme, deren mächtig ergreifendem Tone kein Herz widerſtand, rief er begeiſtert: „Sie empfangen zugleich mit dieſer Nachricht ein Glück, um das Sie nur ein einziger Menſch in der Welt nicht zu beneiden braucht— ich, Ihr Freund, den die Gnade der edelſten Frau gewürdigt hat, weil ſie ſich ſelber nicht die nöthige Kraft und Ruhe des Gemüthes zutraut, Ihnen eine Eröffnung zu machen, deren heiliges Geheimniß die Prinzeſſin als höchſtes Pfand ihrer Freundſchaft in Ihr treues Schweſterherz niederlegt.— Wohlan, ſo erfahren Sie denn, Fräulein Serena, daß Ihre Durchlaucht auf dem Punkte ſteht, ſich zu vermählen, und zwar machen es ihr unabweisbare Umſtände und Rückſichten, über die Sie ſpäter jede Aufklärung erhalten werden, zur gebieteriſchen Pflicht daß dieß ſo ſchnell, aber auch ſo heimlich als möglich ge⸗ ſchieht, wozu von unſerer Seite alle nothwendigen Maß⸗ regeln getroffen ſind. Die Trauung wird in einem abge⸗ legenen Dorfe in ſtiller Abendſtunde durch einen hierzu be⸗ reiten Prediger evangeliſchen Bekenntniſſes vollzogen werden; der Bräutigam iſt bereits nahe, Sie werden ihn in dem Augenblick ſehen, da die Prinzeſſin mit ihm an den Altar der kleinen Dorfkirche tritt, auch die nöthigen Zeugen für die heilige Handlung ſind gewonnen, es fehlt mithin Ihrer Freundin zu deren vollkommenem Glück nur noch Eins, deſſen Gewährung allein bei Ihnen ſteht, und daß ſie nicht den Muth gehabt hat, es Ihnen ſelbſt zu ſagen, mag Ihnen als ſicherſter Beweis gelten, wie feſt ſie auf Ihre Freundſchaft zählt.“ „Reden Sie, Herr Doktor,“ ſtammelte Serena, eiskalt bis in's innerſte Herz.„Aurelie weiß, wie weit es in meiner Macht ſteht, ihr Alles zu ſein, ihr Alles zu thun, und daß ich ihr bis zu dieſer äußerſten Grenze —— Freiheit angehöre, weiß ſie gleichfalls. Alſo ſprechen Sie ſchnell, was ich thun ſoll— thun kann, um ihr Glück vollkommen zu machen?“ „Ich wußte es zum Voraus, wie es auch die Prin— zeſſin von Ihnen wußte, daß Sie einwilligen würden,“ ſprach der Informator in einem ſonderbar ruhigen und doch mehr zerſtreuten Tone, ſah mit verſchränkten Ar⸗ men ſinnend vor ſich hin und betrachtete die vor ihm auf dem Tiſche liegenden Bücher mit den blinkenden Goldſchnit⸗ ten und bunten Einbänden. Dann fuhr er, mehr wie zu ſich ſelber redend, fort: „Ganz recht— wie ich ſchon ſagte— heute über acht Tage— und gleich nach der Trauung brechen wir auf— erreichen in der Frühe des Morgens Heidelberg, raſten einige Stunden und reiſen dann ohne Aufenthalt mit Re⸗ laispferden bis Baſel. Und Sie, Serena— o vergeben Sie mir meine große Zerſtreutheit— Sie begleiten doch die Prinzeſſin— verlaſſen ſie nicht— und leben min⸗ deſtens noch ein Jahr nach dieſer Zeit mit ihr auf ihrer reizenden Beſitzung am Genferſee?“ „Wie, Herr Doktor— das wäre Aureliens Wunſch?“ mehr vermochte Serena nicht hervorzubringen, ſo ſehr lähmten Schrecken und Ueberraſchung ihre Lebensgeiſter bei dieſem plötzlichen furchtbaren Einblick in das von ihr mit dieſer Zuverſicht verlangte unmögliche Opfer. Erſt der ruhige, ohne allen Ausdruck irgend einer tieferen Be⸗ wegung auf ſie geheftete Blick des Informators gab ihr die Beſinnung zurück; mühſam gewann ſie ſo viel Faſſung, daß ſie ihn fragen konnte, wie es denn möglich, ja auch nur denkbar möglich ſein werde, einen ſolchen Plan auszuführen, die Prinzeſſin und ihr künftiger Gemahl könnten doch unmög⸗ lich alle Folgen eines ſo verhängnißvollen Schrittes reif⸗ 5 erwogen haben, und was dergleichen in ihrer Herzens⸗ — 224— angſt hervorgebrachte Aeußerungen mehr waren, welche Jener ruhig anhörte und zuweilen ſelbſt mit einem ſtum⸗ men Kopfnicken zu beſtätigen ſchien. „Seien Sie über die Hauptſache unbeſorgt, meine ſchöne verehrte Freundin,“ ſagte hierauf Roderich, der ſichtlich froh war, ihren Bedenken und Einwendungen durch gute Troſtgründe begegnen zu können.—„Weder die Prinzeſſin noch ihr künftiger Gemahl ſind über die Folgen dieſes allerdings ſehr ernſten Schrittes im Unklaren; ja, gäbe es überhaupt in dieſer für ihr ganzes künftiges Schickſal ſo entſcheidenden Frage noch irgend ein Bedenken für Beide, ſo müßten ſie ihrer Verbindung für alle Zeit entſagen und dieſe Nothwendigkeit allen anderen Entſchließungen voran⸗ ſtellen.— Ich löſe Ihnen dieſes Räthſel einfach durch die Erklärung, daß Prinzeſſin Aurelie in eine morganatiſche Ehe mit einem Manne von bürgerlicher Herkunft tritt, daß ſie für immer den Anſprüchen an ihre hohe Geburt, ihre fürſtliche Familie entſagen wird; daß Prinz Leberecht nach ſeiner Konfirmation an den Hof ſeines hochfürſtlichen Vor— mundes zurückkehrt, und daß dieß Alles, was Sie nicht überſehen wollen, ſchon lange vorher bis in's kleinſte De⸗ tail erwogene und ſelbſt ſchon ſoweit vorbereitete Ent— ſchließungen ſind.— O zögern Sie darum nicht, Serena, willigen Sie ein, Ihre fürſtliche Freundin zu begleiten und auch nach dieſer wunderbaren und doch ſo natürlichen Wandlung der Dinge wenigſtens noch ein Jahr in Ihrem jetigen Verhältniß bei ihr in der Schweiz zu leben. Ich brauche es Ihnen nicht zu ſagen, was der Prinzeſſin dieſen innigen Wunſch einflößt: Sie verhehlt es weder ſich noch Ihnen, daß eben ein Weſen von Ihrer ſeltenen Art dazu gehört, um durch eine treue rückhaltloſe Anhänglichkeit das Urtheil der Welt von vornherein milder und günſtiger für ſie zu ſtimmen; denn wer wird, wer kann es noch vaß — 225 die Prinzeſſin zu verdammen, wenn Serena von Soubiron ſich durch einen ſolchen Schritt nicht abhalten läßt, ihr nach wie vor treu ergeben zu bleiben; ja ſogar ſich freiwillig entſchließt, ihre beſcheidene Eriſtenz in fremdem Lande künf⸗ tig mit ihr zu theilen!— Ah, ich brauche meiner hochherzi⸗ gen Freundin dieſen gewichtigen Grund nur anzudeuten und Sie wird gewiß nicht Nein zu einer Bitte ſagen, die nur eine edle Frau an ein ebenſo edles Weſen ſtellen kann.“ „Fragen Sie die Prinzeſſin ſelber, Herr Doktor, ob es in meiner Macht ſteht,“ ſagte Serena zitternd, wenn auch ſchon um Vieles gefaßter und ſelbſt über ihre letzte Ent⸗ ſchließung in dieſer ſchwerkritiſchen Lage im Klaren.„Be⸗ ſtätigt ſie es Ihnen, daß ich kan n, daß ich darf, was Sie von mir verlangen, dann in Gottes Namen will ich Alles aufbieten, ihren Wunſch zu erfüllen.“ Sie mochte aber Dieſes und noch viel Mehr ſagen, um ihn zu überzeugen, wie es gar nicht in ihrer Macht ſtehe, jetzt gleich eine beſtimmte und gar die gewünſchte Entſcheidung zu geben, ohne den Vater zuvor befragt zu haben, was doch gewiß ihre nächſte und heiligſte Pflicht ſei— Roderich hatte für jede ihrer ausweichenden Erklä⸗ rungen neue Beweisgründe, neue dringende Aufforderun⸗ gen, und ſetzte ihr damit ſo hartnäckig und eifrig zu, daß Serena zuletzt völlig in die Enge kam und keinen Ausweg mehr vor ſich ſah, dieſem beharrlichen und ſcharfſinnigen Dränger zu entgehen und wenigſtens ſo viel Zeit zu ge⸗ winnen, um den Geliebten von ihrer ſchrecklich peinvollen Lage zu benachrichtigen. Da, in ihrer äußerſten Bedrängniß, als ſie kaum mehr wußte, was ſie ſeinen flehenden und dringenden Vorſtel⸗ lungen noch ferner entgegenhalten ſolle und Roderich ſchon beinahe ſeine Sache ſo gut wie gewonnen glaubte, endete plötzlich ein jedenfalls bedeutungsvoller Zwiſchenfall ebenſo ller, O., Roderich. II. 45 ———————— — 226— unvermuthet als erſchütternd die für das arme Mädchen ſo peinliche Unterhaltung; und zwar war es der Informa⸗ tor ſelbſt, der mit einmal mitten im Eifer der Rede heftig zuſammenfuhr, das kleine Buch, in dem er ſchon eine Weile mechaniſch geblättert hatte, mit allen Zeichen des Schreckens anſtarrte und mit lallender Zunge, wobei Todtenbläſſe ſein Geſicht bedeckte, in die Worte ausbrach: „Um Gotteswillen, wie kommt dieſes Buch hierher?“ „Was fehlt Ihnen? Was haben Sie, lieber Herr Doktor?“ fragte Serena, faſt nicht minder erſchreckt durch ſeinen angſtvollen Ausruf wie er ſelber.—„Es iſt ein altes Pſalterion, ſoll aus einer ehemaligen Kloſterbibliothek ſtam⸗ men und wurde mir, als ich die Heimat verließ, von mei⸗ nem alten Freund und Lehrer zum Andenken geſchenkt. Sehen Sie, da hat mir der theure Mann noch in der Ab⸗ ſchiedsſtunde ſeinen Namen hingeſchrieben: Ernſt Eugen Zimmermann, und trotz ſeiner achtzig Jahre mit feſter ſchö⸗ ner Handſchrift die Worte Luther's beigeſetzt:„Wie man nicht wehren kann, daß einem die Vögel über den Kopf herfliegen, aber wohl, daß ſie nicht auf dem Kopfe niſten, ſo kann man auch böſen Gedanken nicht wehren, aber wohl, daß ſie nicht in uns einwurzeln und böſe Thaten hervorbringen.“ „Himmel! Ihnen iſt unwohl, Herr Doktor!“ rief ſie aufſpringend, als ſie ſah, wie Roderich mit einem Seußzer das Haupt tief in den Lehnſtuhl zurückſinken ließ und in dieſem ſchrecklichen Augenblick einem Sterbenden glich, in deſſen Bruſt nur noch mühſam der Athem arbeitet, wäh⸗ rend ein konvulſiviſches Zittern nach dem andern ſeine Glieder überfliegt und Todesſchatten die bleiche Stirne be⸗ decken.— Aber nur einen Moment bot der Unglückliche dieſen entſetzensvollen Anblick dar, und noch ehe ſie in namenloſer Angſt das Glas mit Waſſer gefüllt hatte, erholte —— — 007 22 er ſich; mit dem Bewußtſein kehrte ihm auch die phyſiſche Kraft zurück, und während er mit eiskalten Händen die ihrigen erfaßte und das Glas zitternd an die Lippen führte, belebten ſich ſeine Züge wieder. Aber noch immer hielt er ihre beiden Hände feſt umklammert, als fürchte er einen neuen Anfall, und holte dabei mehrmals tief Athem, wie ein Menſch, der ſich allmälig von einem furchtbaren Alpdruck erlöst fühlt. Endlich fand er die Sprache wieder und ſagte zu dem zitternden Mädchen, dem die Angſt große Thränen erpreßte: Gottlob— beruhigen Sie ſich, Fräulein Serena— „ es geht vorüber— war nur mein altes Uebel— hier, hier—“ und dabei griff er mit zuckenden Fingern nach ſeinem Herzen, richtete ſich dann mühſam im Stuhle auf und ſagte mit einem Lächeln, das ſeine bleichen Züge noch mehr verzerrte: „Nicht wahr— Sie bemitleiden mich, liebes Fräulein — Ihre Thränen ſagen es mir— und doch— doch iſt es noch lange nicht das Schwerſte, was ich ſchon im Leben gelitten und überſtanden habe!— Aber bei Leibe, erzäh⸗ len Sie der Prinzeſſin kein Wort davon— ſie wollte ſo nicht, daß ich noch heute in dieſer aufregenden Sache mit Ihnen Rückſprache nähme— zudem mir die geſtrige und heutige Fahrt in dem abſcheulichen Wetter ſchon ſehr zuge⸗ ſetzt hatte— o!o! wenn ich Ihnen doch dieſen Schrecken hätte erſparen können!“ „Der iſt ſchon überſtanden— darüber machen Sie ſich keine weiteren Sorgen, lieber Herr Doktor!“ entgegnete Serena äußerlich wohlgemuth, wiewohl ſie noch an allen Gliedern zitterte. „Sonderbar!“ fuhr Roderich, ſchon um Vieles lebhafter, nach einer Pauſe fort, während er in Nachſinnen verſunken ſchmerzlich vor ſich hin lächelte.—„Wenn ich an Vorbedeutun⸗ —— 2 gen glauben wollte, ſo wäre hier in der That eine Ver⸗ anlaſſung dazu geboten. Denn erklären Sie ſich's einmal, Fräulein Serena, wie es wohl kommen mag, daß ich bis jetzt, ſo oft ich von dem ſchrecklichen Herzkrampf über— raſcht wurde, jedesmal unmittelbar zuvor an einen längſt verſtorbenen theuren Jugendfreund denken muß— wie denn auch wirklich dieſes Uebel von dem Momente her datirt, wo ich in ihm Alles verlor, was ich damals beſaß.— Soll das etwa ſo viel bedeuten, daß ich früher oder ſpäter einmal durch einen ſolchen Anfall wieder mit ihm vereinigt werde?“ Er flüſterte die letzten Worte mehr wie in Selbſtver⸗ geſſenheit halblaut vor ſich hin, wobei er mehrmals nach⸗ denklich mit dem Kopf nickte. Dann griff er zögernd wie⸗ der nach dem alten Pſalterion, betrachtete lange, wie es Serena vorkommen wollte, mit einem bald ſcheuen, bald ſchmerzlichen Ausdruck die Schriftzüge des alten Pfarrers, wobei zuweilen ein krampfhaftes Zucken der Augenlider und Mundwinkel unheimlich genug ſeine bleichen Züge belebte, dann ſchob er das Buch ſachte weit von ſich weg, ſchauerte, wie von einem Fieberfroſt durchſchüttelt, in ſich zuſammen und ſagte, ohne den ſtarren Blick von dem alten Buche abzuwenden: „Das iſt alſo gewiß ein Ihnen ſehr theueres Andenken, Fräulein Serena?— Schon achtzig Jahre zählt der Freund und Lehrer Ihrer Jugend? Ach, warum haben Sie mir noch niemals Etwas von Ihm erzählt?— Achtzig Jahre! — Da war der Freund, von dem ich Ihnen vorhin ſagte, doch ein wenig jünger— der ſtarb mit Reunzehn und ſein letzter Wunſch war, daß ich ihm ein dem Ihrigen ganz ähnliches Büchlein mit in den Sarg, in die gefalteten Hände legen ſolle— aber nicht die Pſalmen waren's, ſondern die Lieder ſeines Lieblingsdichters Hölty— und auch dem 1 3* — 229— armen Jüngling hatte ein alter Freund und Lehrer einen Denkvers hineingeſchrieben, der lautete: Ueb' immer Treu und Redlichkeit Bis an dein kühles Grab, Und weiche keinen Finger breit Von Gottes Wegen ab. „Nun denken Sie ſich meinen Schrecken, Fräulein, bei der entſetzensvollen Sinnentäuſchung, daß ich dieſes Buch, welches ich ihm doch ſelber in die ſtarren Hände legte, plötz⸗ lich da wieder vor mir zu ſehen glaubte— o es iſt fabel— haft— die Pſychologen und Philoſophen mögen dagegen behaupten was ſie wollen— was ein krankes Herz ſelbſt in einem geſunden Hirne für unheimliche Viſionen erzeugt, als wenn Macbeth am Ende doch Recht behielte, wenn er ſagt: Die Erd' hat Blaſen wie das Waſſer hat!“ ————— Dreizehntes Rapitel. An dem nämlichen ſtürmiſchen Winterabend, da die⸗ ſes merkwürdige Geſpräch zwiſchen dem Prinzenerzieher und dem Hoffräulein im Schloſſe ſtattfand, ſaßen in einem an— dern Hauſe der Reſidenz, bei dem Regierungsrath Helmroth, vier Herren um die dampfende Punſchbowle beiſammen. Die Unterhaltung, welche ſie führten, mußte jedenfalls wich⸗ tig und bedeutſam genug ſein, da Keiner von ihnen dar⸗ auf achtete, daß die freundliche Hauswirthin ſich gleich nach dem Abendeſſen zurückgezogen hatte und auch ſpäter nicht mehr zum Vorſchein kam. Außer dem Regierungsrath war es deſſen Hausarzt, Leibmedikus von Demann und der Garde⸗du⸗Korps⸗Kapitän von Claudius, welcher den Ober⸗ jägermeiſter mitgebracht hatte, deſſen Anweſenheit gerade an dem heutigen Abend, wie wir ſogleich ſehen werden, für die Andern doppelt wichtig geworden war. Denn Das, was Bebra in die Reſidenz führte, der Wunſch nämlich, dem Freunde das ſeltſame Gerücht in Be⸗ treff Roderich's mitzutheilen und ſeine Meinung darüber zu hören, war auch der Grund von Demann's heutiger Anweſenheit im Helmroth'ſchen Hauſe; und kaum hatte Claudius nach der erſten Begrüßung die Neuigleit aus dem Forſthof gehört, ſo rief er mit allen Zeichen des Staunens: „Da kommſt Du uns ja wirklich merkwürdig gelegen, Guſt! Auch noch andere Leute ſind plötzlich über dieſen Herrn zu — 231— allerhand ſonderbaren Muthmaßungen gekommen, daher wird es das Beſte ſein, Du betheiligſt Dich brevi manu an unſerer heutigen vertraulichen Beſprechung und begleiteſt mich zu Helmroth, der ſich zudem ſchon lange auf Deine nähere per⸗ ſönliche Bekanntſchaft freut. Du wirſt an dieſem Abend noch ganz andere Dinge von unſerem Herrn Prinzenerzieher zu hören bekommen!“ Hierin irrte ſich der Garde⸗du⸗Korps⸗Kapitän nicht; denn was der Freiherr bis jetzt für ein zweifelhaftes und jeden⸗ falls unerwieſenes Gerücht gehalten hatte, noch dazu von Leuten ausgehend, die ſo leicht zu täuſchen waren, das wurde ihm, als der Leibmedikus noch einmal den Vorfall mit dem fremden Abenteurer in ſeinem Hauſe erzählte und eine genaue Schilderung der übelverrufenen Perſönlichkeit hinzufügte, mit Einmal zur ſonnenklaren Gewißheit; er konnte nun nicht länger mehr daran zweifeln, daß der Menſch, den er an dem nämlichen Tage vor dem Wirths⸗ haus mit den Juden im Streite geſehen, und welcher einige Stunden ſpäter unter dem Vorwande, ſeinen Jugendfreund Roderich zu beſuchen, in ſo frecher Weiſe in das Demann' ſche Haus eingedrungen war, derſelbe übelberüchtigte Fran⸗ cois Ventron geweſen ſei, von dem ſeine Holzſchläger mun— kelten, er wäre damals jenem fremden Herrn im Walde begegnet und habe ſich ihm als einen alten Freund zu erkennen gegeben. So ſtanden denn die vier Männer, von denen außer⸗ dem noch jeder ein perſönliches Intereſſe hatte, ſich den merkwürdigen Fall in einer und der andern Weiſe zu erklären, vor einem mit ſieben Riegeln verſchloſſenen höchſt räthſelhaften Geheimniß, zu welchem eine Allen gleich inte⸗ reſſante und bedeutende Perſönlichkeit die dunkle Folie bildete. Dazu kam die unter ſolchen Umſtänden doppelt wichtige Kachricht, welche Bebra von der Gefangennehmung des plötzlich zu dieſer ominöſen Bedeutung gelangten Vorſtadt⸗ krämers überbrachte; kam die, beſonders für Helmroth un⸗ gemein intereſſante, wenn auch gleichfalls ſehr unbeſtimmte Andeutung, die Roderich dem Leibmedikus von einer dem⸗ nächſt bevorſtehenden Veränderung in ſeinen äußeren Lebens⸗ verhältniſſen gegeben hatte: jene Andeutung, welche be⸗ kanntlich der Geheimerath dahin auslegte, der Informator des Prinzen Leberecht werde in Folge ſeines nahen Ver⸗ hältniſſes zu der fürſtlichen Familie demnächſt ein wichtiges Amt bei Hofe oder im Staatsdienſt erhalten; während Helm⸗ roth, wie wir wiſſen, ſchon lange einen ungleich tiefer be⸗ gründeten Verdacht hegte. Dieſen auszuſprechen, hielt er ſich zwar weder für befugt, noch war er ſelbſt im Stande, den Freunden ſeine im Stillen gemachten Beobachtungen über das zwiſchen Roderich und der ſchönen geiſtvollen Prinzeſſin waltende nahe Verhältniß durch unwiderlegbare Beweiſe als unzweifelhaft darzuſtellen; das Eine aber konnte er wohl, ohne einen Widerſpruch befürchten zu müſſen, mit Beſtimmtheit und rückhaltloſer Offenheit erklären, daß es ſeine und der Freunde gemeinſame Pflicht ſei, durch alle. ihnen zu Gebote ſtehende Mittel in dieſes verhängnißvolle Dunkel Licht, volles Licht zu ſchaffen, wenn nur die der geſellſchaftlichen Stellung Roderich's und ſeinem nahen Ver⸗ hältniß zu der fürſtlichen Familie gebührende Rückſicht da⸗ bei nicht verletzt werde. „Wir ſind es unſerem durchlauchtigſten Herrn ſelber ſchuldig,“ ſagte zuſtimmend der Geheimerath, indem er mit der langen hageren Naſe an der halbgeöffneten goldenen Tabatiere ſchnüffelte,„dieſer geheimnißvollen Beziehung eines ihm perſönlich ſo naheſtehenden Mannes zu einem auf dem Verbrechen des Kirchenraubs ertappten, offenbar höchſt gefährlichen Subjekte auf die Spur zu kommen. Mir war dieſer Herr Roderich gleich von Anfang an in Man⸗ —— chem unklar, und ſchon ſein haſtender Gang, ſein unruhig ſtechender Blick, mit dem er meinen Jüngſten ſo oftmals in den hinterſten Winkel der Kinderſtube ſcheuchte, machten auf mich den Eindruck eines innerlich ſcheuen, ſchwer zu dechiffrirenden Charakters. Auch dieſes plötzlich aufflam⸗ mende und doch eben ſo ſchnell wieder erlöſchende Feuer in ſeinem Weſen hat, man möge mir dagegen einwenden was man wolle, etwas Forcirtes und Erkünſteltes; er ſucht da⸗ mit— ich wette— bloß zu imponiren, und doch iſt's nicht weiter als ein, wohl ihm ſelber am Meiſten zum Bewußtſein gekommener Mangel an äußerer Haltung und ſicherem Be⸗ nehmen.“ „Was mir in der letzten Zeit an ihm auffällig war,“ nahm der Garde⸗du⸗Korps⸗Kapitän das Wort,„iſt die Wahrnehmung geweſen, daß er mit ſolchem Eifer in un⸗ ſeren freimaureriſchen Zirkel aufgenommen zu werden ſuchte. Ich habe nun ſchon von mehreren Freunden erfahren, wie er es förmlich bei ihnen darauf anlegte, daß ſie ihm mit einer Aufforderung zum Eintritt in unſern Geheimbund ent⸗ gegenkommen möchten.“ „Ja, ja, unſer weißes Schloßdämchen von neulich könnte am Ende auch manches Intereſſante von einem— Geheimbund erzählen!“ kicherte der Leibmedikus mit einer boshaften Grimaſſe. „Wie meinen Sie das, Herr Geheimerath?“ ſagte Helm⸗ roth mit einem nur wenig bemerkbaren Zug von Verwun⸗ derung in dem ruhigen Antlitz.„Doch nicht etwa, daß wir am Ende von— Geſpenſtern in dieſer Sache Mehr erfahren würden, als von Weſen mit Fleiſch und Blut?“ „Vermuthlich— möglich— ohne Zweifel— voraus⸗ geſetzt, wir hätten gleich den Myſtagogos bei der Hand, der die weiße Dame, hä! hä! herbeizubeſchwören ver⸗ möchte,“ verſetzte Jener, immer an ſeiner Tabatiere rie⸗ — 234— chend, mit geheimnißvollem Schmunzeln.—„Aber wir ſind ja Gottlob unter uns!“ rief er und klappte ungeduldig die Doſe zu.„Mit ſtummen Gedanken, auch noch ſo klug, mit verſchwiegenen Muthmaßungen, auch noch ſo begründet, können wir zu keinem aufrichtigen Meinungsaustauſch über dieſen räthſelhaften Menſchen und ſeine ebenſo räthſelhafte Stellung bei Hofe kommen! Alſo, ich mache in Gottes tamen den Anfang und ſage: Doktor Roderich hat vielleicht — kein Doktordiplom, aber ganz gewiß den Schlüſſel...“ „Welchen?“ rief raſch und von einer unwillkürlichen Ahnung ergriffen, der mit der militäriſchen Bewachung des fürſtlichen Reſidenzſchloſſes betraute Garde⸗du⸗Korps⸗ Kapitän. „Den Schlüſſel zu dem Geheimniß mit der weißen Frau,“ entgegnete der Leibmedikus mit liſtigem Augenzwin⸗ kern; und die Schadenfreude, ſogleich das erwünſchte Echo auf ſeine ſcheinbar ſo unverfängliche Aeußerung gefunden zu haben, drückte ſich deutlich genug in ſeinen Zügen aus. „Oder wüßte mir etwa Freund Claudius zu erklären, warum juſt in der nämlichen Nacht, da ſich die weiße Frau in dem Schloſſe zeigte, ſpäter die Schildwachen eine lange männliche Geſtalt auf der Terraſſe außerhalb des Schloſſes geſehen haben?— Ah, ich merke, wir müſſen uns vor allen Dingen noch nach einem und dem andern Alliirten umſehen, bevor wir uns in jene unbekannten Gebiete des Ueberſinnlichen und Uebernatürlichen hineinwagen, in wel⸗ chen zur Mitternachtsſtunde die Damen der Unterwelt mit Herren aus der feinen Geſellſchaft zärtliche Stelldicheins halten!“ „Der Herr Geheimerath kann uns gewiß über dieſe ge⸗ heimnißvolle Begebenheit noch weitere intereſſante Aufklä⸗ rungen geben!“ rief der Oberjägermeiſter heiter, welcher des Leibmedikus ſchwache Seite im Punkt der alleswiſſen⸗ — 235— wollenden Untrüglichkeit kannte.„Ich kam am Morgen nach dieſer Nacht in die Reſidenz und weiß auch Jemand, der mir beinahe die nämliche Vermuthung äußerte.“ „Sagte Ihnen auch dieſer Jemand, daß der Herr In⸗ formator in derſelben Nacht erſt mit dem Grauen des Mor⸗ gens in ſein Quartier zurückkehrte?“ fragte Demann ironiſch und ſah Einen nach dem Andern mit ſeinem ſpitzen Blick eine Weile mißtrauiſch an, bevor er hinzuſetzte: „Aber das iſt freilich, ſo lange er mit ſeinem Prinzen bei mir im Hauſe wohnt, faſt in jeder Nacht geſchehen und hat dieſe üble Gewohnheit des Nachtwandelns ſeltſamer⸗ weiſe erſt bei ihm aufgehört, ſeitdem Freund Claudius auf Befehl Seiner Durchlaucht regelmäßig Abends einen Wacht⸗ poſten vor das Bibliothekzimmer der fürſtlichen Frau Wittwe auf die Terraſſe ſtellt.“ Eine Pauſe folgte in der kleinen Geſellſchaft dieſen mit auffallend gleichgültigem Tone ausgeſprochenen Worten, deren Sinn doch wahrlich verſtändlich und inhaltsſchwer genug war.— Claudius bemerkte, wie der Oberjägermeiſter nur mit Mühe ſeine innere Bewegung zurückhielt und kaum ſeine Beſtürzung bei dem plötzlich in ihm auftauchenden neuen Gedanken bemeiſtern konnte; während der Regierungsrath, ohne aufzuſehen, beſtändig das Glas zwiſchen den Fingern herumdrehte, wobei zuweilen ein leiſes Lächeln, das aber viel eher Zuſtimmung als Zweifel oder Ueberraſchung aus⸗ drückte, um die feſtgeſchloſſenen Lippen ſpielte. Mit dieſer unerwarteten Wendung des Geſprächs war natürlich der Gegenſtand der Theilnahme und Neugierde, um den es ſich zuvor gehandelt, bedeutend nach einer andern, ungleich wichtigeren Seite gerückt worden; und ſowohl Clau— dius wie ſein Freund begriffen, daß der Geheimerath ſie mit jenen verhüllten Worten auf ein Geheimniß habe hin— weiſen wollen, das viel mehr Bedeutung für ſie hatte als *— 3236— die ganze, noch eben ſo lebhaft beſprochene Frage wegen Roderich's Beziehung zu einem gemeinen Böſewicht. Endlich nahm der Regierungsrath, dem es allerdings als Wirth zunächſt zukam, dieſes peinliche Schweigen zu beenden, das Wort und ſagte mit ungewöhnlichem Ernſte: „Ei, Herr Geheimerath, da treffen wir ja wirklich recht ſonderbar auf dem nämlichen Gedanken zuſammen! Wenn unſere beiden werthen Freunde Nichts dagegen einzuwenden hätten, ſo möchte ich Sie dringend erſuchen, uns noch eine und die andere intereſſante Aufklärung über dieſen immer räthſelhafter werdenden Caſus zu geben. Was mich betrifft, ich wiederhole es Ihnen, ſo ſind mir in jüngſter Zeit über Roderich's nahe Beziehungen zu einer gewiſſen, von uns Allen hochverehrten Perſönlichkeit zuweilen ſchon ganz eigen⸗ thümliche Gedanken durch den Sinn gefahren.“ „Ich ſag's ja,“ verſetzte der Geheimerath trocken,„wir brauchen vor Allem— Alliirte, ſonſt ſuchen wir noch lange mit der Stange unſerer Weisheit im Nebel herum, ſcheuchen vielleicht Fledermäuſe und weiße Damen auf, tat. Einer iſt unter uns— ich behaupte nicht einmal, daß ich es nicht ſelber bin— der könnte uns allerdings, wenn er wollte, jenes volle Licht verſchaffen, von dem Sie, lieber Helmroth, vorhin ſprachen.“ Abermals hielt er inne, ſah wie zerſtreut aus den grauen blinzelnden Augen vor ſich hin und vermuthlich wäre wie⸗ der eine neue, gleich drückende Pauſe wie die vorige entſtan⸗ den, hätte nicht das Hausmädchen dem Regierungsrath einige Worte in's Ohr geflüſtert, worauf dieſer erſt ver⸗ wundert auf die Uhr ſah und dann ärgerlich ausrief: „Was fällt dieſem Herrn Konfuſionarius ein, mich noch Abends um neun Uhr in wichtigen Geſchäften zu be⸗ ſuchen? Er iſt ja doch ſonſt nicht ſo dienſteifrig!“ kommen aber doch dabei zu keinem irgend erheblichen Reſul⸗ — 237— Er ſtand auf, bat die Gäſte ſeine hoffentlich nur kurze Abweſenheit zu entſchuldigen und ging, ein brennendes Licht in der Hand, mit jener unzweideutigen Miene aus dem Zimmer, welche der von Dienſtgeſchäften mannigfach⸗ ſter Art überhäufte Vorgeſetzte gewöhnlich dem Untergebenen bei ſolchen Ausnahmsfälien zu zeigen pflegt.— Aber er blieb trotzdem doch um ein Bedeutendes länger aus, als er und ſeine Gäſte vermuthet hatten; und dieſe begannen ſchon Betrachtungen darüber anzuſtellen, daß die Urſache dieſer Störung doch wichtiger ſein möge, als ihr Wirth geglaubt habe, da kehrte der Regierungsrath zurück und jedem der drei Herren fiel ſogleich eine Veränderung in ſeinen Zügen auf. Weil er jedoch ſelber über den Gegenſtand, der ihn ſo lange in Anſpruch genommen, mit einigen flüch⸗ tigen Worten hinausging, ſo hatten auch ſeine Gäſte keine weitere Veranlaſſung, ihn darüber zu befragen; aber eben ſo wenig fühlte ſich auch Einer unter ihnen noch geneigt, die ſo zur Unzeit unterbrochene intereſſante Unterhaltung wieder aufßunehmen. Man verabredete daher nur noch weitere gegenſeitige Mittheilungen und wollte an einem der näch⸗ ſten Abende bei dem Garde⸗du⸗Korps⸗Kapitän wieder zuſammenkommen. Mit dieſer Zuſage trennte man ſich gegen halb eilf Uhr, und dem Oberjägermeiſter entging ein gewiſſer Nachdruck in der Stimme nicht, da Helmroth ihm beim Abſchied die Hoffnung ausſprach, ihn im Laufe des nächſten Vormittags bei Elaudius wiederzuſehen. Als ſie ſich unterwegs von dem Leibmedikus getrennt hatten, ſagte er zum Freunde: „Hör', Luichen, was ſind das für wunderliche Ge⸗ ſchichten, die da bei euch vorgehen, ohne daß unſereins eine Ahnung davon kriegt?— Oder wäre dem Geheime⸗ rath bloß der Punſch zu Kopf geſtiegen und hätte ihn zu dieſen delphiſchen Orakelſprüchen voll Doppelſinnes inſpirirt? — 288— — Nein, es iſt nicht denkbar! Mein kluger Schatz hätte doch ſonſt gewiß auch ſchon Etwas davon merken müſſen!“ „Da kennſt Du Demann ſchlecht, wenn Du glaubſt, er rede dergleichen auch nur sub rosa ohne tieferen Grund,“ entgegnete Claudius.„Alle Teufel, wer hätte Das für möglich gehalten! Dieſe liebenswürdige herrliche Frau und— dieſer Roderich! Aber denkſt Du noch daran, Guſt, was ich Dir damals, als Du auf das Hof⸗ fräulein am Neckar ausritteſt, von gewiſſen, ſchickſalsvoll prä⸗ deſtinirten Naturen ſagte? Ich meine, die Sache ließe ſich wirklich ganz dazu an, um jene Ahnung meiner Seele wahr zu machen, über die Du ſo herzlich lachteſt!— Wir wollten auf des Leibmedikus Anregung hin heute Abend bei Helmroth unſere Gedanken über die räthſelhaften Beziehun⸗ gen eines berühmten Kanzelredners zu einem ganz gemeinen Strolch und Vagabunden austauſchen, da kommſt Du— im wahren Sinne des Wortes— mit neuen, noch viel wichtigeren Entdeckungen über dieſen Herrn zu uns herein⸗ geſchneit, der myſteriöſe Schleier, der ihn ſo ſchon umgibt, wird dadurch nur noch dichter und undurchdringlicher, und plötzlich zieht der alte Diabolus Demann ein neues Regiſter auf und regalirt uns mit einer Melodie nach ſeinem wah⸗ ren Geſchmack!“ Unter dieſem Geſpräche langten ſie in des Kapitäns Wohnung an und das angenehm durchwärmte Zimmer forderte Beide, auch ohne die lebhaft erregte Stimmung der Gemüther, zu noch längerem Zuſammenbleiben auf. Bald erklärte ſogar der Oberjägermeiſter, er werde in die⸗ ſer Nacht ſchwerlich ein Auge zuthun, ohne daß er eigent⸗ lich ſagen könne, was ihm dieſe Sorge wegen Serena's einflöße. „O, um Die brauchſt Du Dir keine Sorge zů machen, armer Seladon, zu deutſch„Maigrün!“ entgegnete Clau⸗ dius.—„Zwar fehlte ſie heute, weil die Prinzeſſin an Mi⸗ gräne litt, bei der Hoftafel; aber noch geſtern Abend im Theezirkel bei der Frau Landgräfin war ſie die Munterkeit ſelber. Sei nur ruhig, Bruderherz,“ fügte er trocken gut⸗ müthig hinzu:„Ich laſſe Euch morgen wieder die rothe Stube heizen.“ „Sprechen muß ich ſie unter allen Umſtänden!“ rief der Freiherr erregt.„Höre ich von ihr, daß es mit den Andeutungen des Geheimeraths ſeine Richtigkeit hat, ſo kann ſie unmöglich länger an dieſem Hofe bleiben.“ „Das iſt überhaupt noch mein einziger Troſt bei der ganzen Geſchichte,“ ſagte Claudius nach einer Pauſe. „Denn wäre es wirklich an Dem, wie der Leibmedikus uns zu verſtehen gab, ſo hätte Serena gewiß längſt Etwas. davon gemerkt und Dir wenigſtens einen und den andern Wink gegeben. Sie, die mit der Prinzeſſin auf dem allerherzlichſten und vertrauteſten Fuß lebt; ſie, die be⸗ ſtändig um ſie iſt und ihr, ich möchte faſt ſagen, jeden Herzſchlag ablauſchen kann, ſie ſollte von einem wirk⸗ lichen Verhältniß der Art— ſo wirklich, wie es der Ge⸗ heimerath behauptet— noch nicht das Mindeſte entdeckt haben? Wer weiß, wo ſich der Herr Informator ſonſt Nachts herumtreibt! Sind wir einmal dazu berechtigt, hinter dieſem Manne mehr zu ſuchen, als er ſich zu ſein vor der Welt den Anſchein gibt, und ich meine aller— dings, daß wir hierzu einigen Grund haben, ſo können wir auch ſeinen nächtlichen Exkurſionen noch ganz an⸗ dere Motive unterſtellen, als dieſes höchſt gewagte Ein⸗ dringen in das fürſtliche Reſidenzſchloß zur Nachtzeit ver⸗ muthen laſſen müßte.— Jedenfalls aber kann ich Dir darin nur beiſtimmen, daß Du Serena Alles entdeckſt, was uns heute beſchäftigt hat. Auch irre ich gewiß nicht, wenn ich des Geheimeraths Aeußerung von vorhin, Einer von — uns könne in dieſer Sache Licht ſchaffen, wenn er nur wolle— als auf Dich gemünzt betrachte. Denn Helmroth hegt ja ſelbſt einen ähnlichen dunkeln Verdacht gegen Roderich und gegen eine von uns Allen hochverehrte Perſönlichkeite im Herzen, und was mich betrifft, ſo weiß der Herr Leib⸗ medikus ſehr wohl, daß er von mir zu allerletzt in dieſer Sache die gewünſchte Aufklärung bekommen würde. Es beweist wirklich einen großen Mangel an Menſchenkennt⸗ niß, daß der Informator dieſem intriguanten Mann ſo viel Vertrauen ſchenkt und ſich ſo unvorſichtig ſeiner ge— wonnenen Avancen bei Hofe gegen ihn rühmt!“— Noch lange beſchäftigte, als er ſich allein auf ſeinem Zimmer befand, die Frage, wie er es anfangen wolle, um Serena andern Tages zu ſehen und ungeſtört zu ſprechen, des Freiherrn Gedanken, und er ſchlief endlich ein, ohne noch darüber mit ſich in's Klare gekommen zu ſein. Wie freudig war er daher überraſcht, als Claudius am andern Morgen ſchon in voller Uniform mit der Nachricht zu ihm in's Zimmer trat, er komme bereits aus dem Schloſſe von der Viſitatiom der Wachtpoſten, und habe bei dieſer Gelegenheit Serena durch deren Kammermädchen von der Anweſenheit des Freundes in der Reſidenz benachrichtigen laſſen. Noch während Beide frühſtückten, traf denn auch ſchon ihre ſchriftliche Antwort ein. In flüchtigen, mit auf⸗ fallend unſicherer Hand geſchriebenen Zeilen meldete ſie dem Geliebten, ſie werde zu ihm in des Freundes Wohnung kommen, wenn auch die ganze Stadt es erfahren ſollte; denn die Sache, die ſie ihm mitzutheilen habe, ſei von höchſter Wichtigkeit für ſie, für ihn, für noch andere Per— ſonen! Nur über die Zeit, wann ſie zu ihm kommen werde, könne ſie jetzt noch nichts entſcheiden. Der Brief ſchloß mit den bedeutſamen Worten:„Gottlob, das Gebet meiner Angſt iſt erhört, Du biſt da— und ich athme wieder frei auf!“ „Spukt Ventron am Ende auch ſchon in unſerem Schloſſe?“ rief Claudius beſtürzt, als er das Billet, wel⸗ ches ihm der Freund ſprachlos überreichte, geleſen hatte. „Das ſind ja ganz deſperate Ausrufungszeichen und Ge— dankenſtriche! Hölle und Teufel, wenn die Muthmaßungen des Geheimeraths— was meinſt Du, Guſt— am Ende doch nicht ſo ganz ohne wären! Sie athmet wieder frei auf was ſoll das heißen? So blümerant ſchreibt doch ein Mädchen, wie Dein Schatz, nicht zum bloßen tragiſchen Zeitvertreib?“ „Gewiß nicht!“ lachte der Freiherr krampfhaft und die Herzensangſt ſtand ihm dabei in allen Zügen geſchrieben. „Mein Gott, was mag vorgefallen ſein! Noch ihr Brief von vorgeſtern athmete nur Glück und Zufriedenheit!“ „Ganz ſo, wie ich ſie im letzten Hofßzirkel bei Ihrer hochfürſtlichen Durchlaucht ſah,“ beſtätigte der Freund. „Aber wir müſſen uns ſchon gedulden, bis ſie kommt und uns Aufklärung darüber gibt, welche Bewandtniß es mit ihrer Angſt gehabt hat. Denn Das ſteht nun unzweifel— haft feſt, daß irgend Etwas faul iſt im Staate Dänemark und die weiße Frau, ſie mag nun der irdiſchen oder der überirdiſchen Welt angehört haben, uns richtig wieder ein⸗ mal ein Hofmalheur prophezeit hat.“ Nur mit Mühe gelang es ihm endlich, den Freund zu beruhigen, der ſich die bitterſten Vorwürfe darüber machte, Serena in dieſe Lage gebracht zu haben, indem er Bebra vorſtellte, wie wenig man ja überhaupt noch im Stande ſei, zu beurtheilen, welche unvermuthete Wendung zum Schlimmen das noch jüngſt ſo ſchöne und herzliche Verhält— niß der Prinzeſſin zu ihrem Hoffräulein genommen habe. Zwiſchen Spott und Aerger rief er aus: „Dieſer Geheimerath gilt wahrlich nicht umſonſt für den Spiritus familiaris in allen Hofgeſchichten und Intri⸗ guen, und mit Recht führt er bei unſerer niedern Diener⸗ Müller, O., Roderich. II. 16 — 242— ſchaft den Spottnamen„Wetterfroſch!“ Denn er hat von allen geheimen Vorgängen immer die erſte Witterung, und jedes noch ſo fein angelegte Kammerſtückchen kömmt ihm auf eine meiſt unbegreifliche Weiſe zu Gehör. Das macht, weil unſere Schloßbaſen männlichen und weiblichen Ge⸗ ſchlechtes eine förmliche abergläubiſche Angſt vor ſeiner All— wiſſenheit haben und es ſchon im Geiſte voraus erleben, wie er ſie noch auf dem Sterbebette wegen Verheimlichung von dieſer oder jener Neuigkeit quält und ihre Unter⸗ laſſungsſünde mit ſeinen hölliſchen Mixturen und Lat⸗ wergen abſtraft. Nun ſiehſt Du auch, daß ich richtig errathen habe, wen er unter den„Alliirten“ verſtand, die wir noch gewinnen müßten, um hinter Roderich's Ver⸗ hältniß zu der Prinzeſſin zu kommen— Niemand ſonſt als Serena.“ „Dießmal könnte ſich der kluge Herr doch bedeutend verrechnet haben!“ fuhr der Oberjägermeiſter erregt auf; „denn von ihr kriegt er kein Wort zu hören, darauf kann er ſich verlaſſen! Ein Anderes freilich iſt's mit Dir und Helmroth; euch werde ich natürlich Nichts von dem ver⸗ hehlen, was ich von ihr zu hören bekomme; denn hier han⸗ delt es ſich ja überhaupt nicht um eine Intrigue oder einen Skandal nach dem Geſchmack eurer feinen Hofleut⸗ chen, ſondern um die Löſung eines mir noch immer ganz unentwirrbar ſcheinenden Räthſels, ich meine das Verhält⸗ niß eures Prinzenerziehers zu dem berüchtigten Vorſtadt⸗ krämer und entlarvten Böſewicht Ventron.“— Dieß ſollte ſchneller, als die Freunde erwarteten, in Erfüllung gehen; denn noch ſaßen ſie plaudernd beiſammen und Jeder ſuchte ſich dieſe kaum mehr zu bezweifelnde intime Beziehung zwiſchen zwei Menſchen von ſo bedeutendem geiſtigen und moraliſchen Abſtand zu erklären, da hielt, es mochte gegen zwölf Uhr ſein, eine Chaiſe vor dem Hauſe und Beide eilten in der Meinung, es ſei der Hofwagen mit Serena, an's Fenſter. Es war jedoch nur eine gewöhn⸗ liche Poſtkutſche, deren über und über beſchmutzte Räder und Pferde einen auswärtigen Beſuch vermuthen ließen. Aber herausſtieg zu ihrem nicht geringen Erſtaunen der Regierungsrath Helmroth im grünen pelzverbrämten Ober⸗ rock, wechſelte erſt noch mit einem im Wagen ſitzenden Herrn, in welchem der Oberjägermeiſter einen jungen Ge⸗ richtsbeamten ſeines Amtsbezirks zu erkennen glaubte, einige Worte, worauf der Wagen wieder davon fuhr und Jener in's Haus ſchritt. „Flinke Juſtiz geht noch über ſalomoniſche Weisheit, ihr Herren!“ mit dieſen Worten trat Helmroth mit bereiftem Backenbart und einem von der Winterkälte hochgerötheten Antlitz in's Zimmer, ſchlug erſt mehrmals die froſtſteifen Arme untereinander, ehe er beiden Freunden die Hand zum Gruße ſchüttelte, worauf er haſtig den Oberrock auf den nächſten Stuhl warf, einen Rollſeſſel an den Ofen ſchob und mit einem ernſt bedeutſamen Wink dem Kapitän und deſſen Gaſt zu verſtehen gab, ein Gleiches zu thun. „Monſieur Ventron, vulgo Herr Kandidat Piſtorius, läßt ſich den beiden Herren reſpektvollſt zu Gnaden empfehlen,“ mit dieſen in gleichmüthigem, faſt jovialem Tone geſproche⸗ nen Worten löste er den erſtaunten Freunden, die beim Klang dieſes Namens gleichzeitig wieder von ihren Sitzen aufſprangen, das Räthſel ſeiner bereits vollendeten frühen Dienſttour.—„Aber nehmen Sie doch zuvor gefälligſt wieder Ihre Plätze ein,“ fuhr er lächelnd fort und weidete ſich an ihrer ſtarren Ueberraſchung.„Ich ſage Ihnen ja, Mon⸗ ſieur Ventron befindet ſich nach einem eilfſtündigen ununter⸗ brochenen Schlaf in erwünſchtem Wohlſein, iſt heiter und guter Dinge, und hat ſogar als Mann von Welt und Bil⸗ dung, der weiß was ſich ſchickt, meine frühe Morgen⸗ viſite im Amtsgefängniß durchaus nicht übel vermerkt.“ „Sie wären wirklich ſchon dort geweſen?“ rief der Oberjägermeiſter und ſchlug erſtaunt die Hände zuſammen. „Das nenn' ich fürwahr eine prompte Juſtiz!“ „Helmroth, ich bitte Sie, machen Sie's gnädig und darum kurz, denn Sie ſehen ja, daß ich wie auf lauter Nadeln ſitze!“ ſtöhnte der Garde⸗du⸗Korps⸗Kapitän mit einer Mitleid flehenden Geberde. „Und doch fürchte ich beinahe, daß wir noch bedeutend tiefer in die Geduldprobe hineingerathen werden,“ entgeg⸗ nete der treffliche Rechtsgelehrte mit Achſelzucken.—„Was ich meinen Freunden für jetzt ſagen kann, um Ihre ſehr verzeihliche Neugierde und Spannung zu befriedigen, iſt kaum mehr als die volle Beſtätigung deſſen, was der Ge⸗ heimerath neulich von demangeblichen Jugendfreund Roderich's erfahren hat, ſowie deſſen, was des Krämers arme Frau in ihrer Deſperation dem Herrn Oberjägermeiſter geſtern andeutete. Uebrigens muß ich bemerken, daß ich keines⸗ wegs als Richter mit dem Gefangenen verkehrt habe, wie ich Ihnen ſogleich des Näheren erklären werde. Der Herr nämlich, welcher mich am geſtrigen Abend ſo unvermuthet aus Ihrer Mitte zog, war kein anderer als der Oberamt⸗ mann Schunk von Schunkendorf, der mir die wichtige Nach⸗ richt überbrachte, Ventron habe ſchon beim erſten Verhör merkwürdige Aeußerungen über einen gewiſſen, dem Hofe ſehr naheſtehenden Mann gethan, dem er einſtmals wich⸗ tige Dienſte geleiſtet habe und den er jetzt dringend zu ſprechen verlange. Er gebe vor, dem Herrn Etwas anver⸗ trauen zu wollen, was ſowohl für dieſen ſelbſt, wie für ihn, den Inquiſiten, von der allergrößten Wichtigkeit wäre. Trotzdem iſt es dem Oberamtmann durchaus nicht gelun⸗ gen, den Namen dieſes, wie Ventron prahleriſch betheuerte, — 245— ſehr intimen Freundes von ihm zu erfahren. Er könne denſelben nur einem hohen Beamten entdecken, der min⸗ deſtens ein Geheimerath oder eine Excellenz ſein müſſe, da ſein Freund ſelbſt mit dem regierenden Herrn auf dem allerbeſten Fuß ſtände und wöchentlich mehrmals an der fürſtlichen Familientafel ſpeiſe.“ Dieſe, bei einem auf friſcher That ertappten Kirchendieb und notoriſch berüchtigten Subjekt allerdings merkwürdige Aeußerung hat denn auch— ſo erzählte Helmroth den lau⸗ ſchenden Freunden weiter— nicht verfehlt, auf den höchſt loyalen Amtmann einen tiefen Eindruck zu machen, den als Junker von echtem Schrot und Korn, alſo auch von höchſt beſchränkten Begriffen über Gleichheit vor dem Geſetze, Alles was den Hof angeht, oder nur entfernt mit fürſtlichen Per⸗ ſonen im Zuſammenhang ſteht, jederzeit mit einem tiefen Reſpekt erfüllt. Zugleich hoffte er hier endlich die lang er— ſehnte Gelegenheit gefunden zu haben, ſeine diplomatiſchen Talente und ſeinen großen Geſchäftstakt in Behandlung von dergleichen delikaten Verwickelungen auf's Glänzendſte bewähren zu können; genug, der freche Geſelle Ventron muß dieſe kleine Schwäche des Herrn Amtsvorſtandes ſo⸗ gleich bemerkt haben; denn als er ſah, wie ſehr Jenem dieſe prahleriſchen Aeußerungen imponirten, ſo daß ihm faſt die Stimme verſagte, verſicherte er ihn mit der Miene eines Protektors, er werde die artige Behandlung des Herrn von Schunk während ſeiner gewiß nur ſehr kurzen Haft bei ſeinem Gönner am Hofe nachdrücklich zu rühmen wiſſen, damit dieſer, deſſen Arm ſehr weit in die Höhe reiche, ſich gelegentlich auch dem Herrn Baron dafür erkenntlich zeige. Er habe deßhalb auch kein anderes Geſuch zu ſtellen, als daß man ihn fernerweit anſtändig behandle und verköſtige; ihm auch, was Alles ſein Gönner demnächſt dankbar be⸗ richtigen werde, geſtatten möge, ſo viel Wein aus der Poſt ———— — 246— in ſein Gefängnißlokal kommen zu laſſen, als er täglich zu ſeiner leiblichen Stärkung bedürfe. Wenig fehlte und der gute Herr von Schunk hätte dem Gauner ſeinen eigenen Weinkeller zur Verfügung geſtellt, ſo gänzlich hatte ihn deſſen intime Beziehung zu einem Herrn, welcher wöchentlich mehrmals an der fürſtlichen Familien⸗ tafel ſpeiste, aus der Contenance gebracht. Glücklicherweiſe war der zweite Beamte in Behandlung derartiger delikater Verhältniſſe weniger ſtrupulös als ſein Vorgeſetzter und ſeinem Andrängen gelang es endlich, Herrn von Schunk zu beſtimmen, ſich unverweilt in die Reſidenz zu begeben und dem Regierungsrath Helmroth den Fall, wie er vor⸗ liege, perſönlich mitzutheilen. Aber wie groß war das Erſtaunen des Oberamtmanns, da er von ſeinem Chef, auf den er mit ſeiner großen und erſtaunlichen Neuigkeit einen gleich tiefen Eindruck hervorzurufen erwartete, mit einem kühlen Lächeln an— gehört wurde und zuletzt zu ſeiner grenzenloſen Beſtür⸗ zung erfahren mußte, der Regierungsrath ſei bereits von Allem unterrichtet, es verhalte ſich auch in der Haupt⸗ ſache wirklich ſo, wie Inquiſit im erſten Verhöre ange⸗ geben, der mächtige Gönner bei Hofe ſtelle keine der ge⸗ machten Angaben in Abrede und dringe ſelber auf ſtrenge peinliche Unterſuchung. Mit dem Beſcheide, Punkt vier Uhr des andern Mor⸗ gens mit einer Poſtkutſche vor dem Hauſe ſeines Vorgeſetz⸗ ten zu halten, wurde der Oberamtmann entlaſſen und zu⸗ gleich kollegialiſch freundſchaftlich erſucht, ſich jetzt vor Allem die wohlverdiente Ruhe zu gönnen, den Zweck ſeines Hier⸗ ſeins aber vor jeder Seele in der Reſidenz auf ſeinen rich⸗ terlichen Eid zu nehmen und als ſtrenges Dienſtgeheimniß zu bewahren. „Ventron mußte Pohl,“ ſo fuhr Helmroth anſcheinend — in heiterer Laune in ſeiner Erzählung fort,„auf ſeiner Pritſche vortrefflich geſchlafen haben; denn als ich ihn gleich nach meiner Ankunft in der Amtsſtadt vorführen laſſen wollte, erklärte er dem Amtsvogt, er pflege niemals vor acht Uhr aufzuſtehen; auch wolle er zuerſt frühſtücken und ſeine Toilette machen, dann aber werde er mit Vergnügen dem Herrn Oberamtmann zur Morgenviſite aufwarten. Da er jedoch hörte, ein Mitglied der hohen Landes⸗ regierung ſei ſchon aus der Reſidenz angelangt, um ſeine Angaben, wie er geſtern ausdrücklich verlangt habe, über Stand und Namen ſeines vornehmen Gönners bei Hofe entgegenzunehmen, verlor er einen Moment ſeine Faſſung und folgte nicht ohne ſichtbare Beſtürzung den Gensdarmen in das Verhörzimmer.— Ich hatte nur den zweiten Ge⸗ richtsbeamten bei mir, trat dem Gefangenen ſogleich beim Eintritt feſt entgegen, und ohne ihm Zeit zu laſſen ſich zu ſammeln, nannte ich ihm den Stand und Namen Des⸗ jenigen, von dem er wähnte, daß er ihn allein kenne und Niemand ſonſt als er von ſeinem Verhältniß zu ihm Wiſſenſchaft habe. Dieſe plötzliche Enttäuſchung hatte die von mir beabſichtigte Wirkung auf den verſchlagenen Menſchen, dem Liſt und Verſchmitztheit in den Zügen geſchrieben ſtan⸗ den. Er ſah das wichtigſte und für ihn ſo überaus koſt⸗ bare Geheimniß, noch bevor er es ſelber freiwillig zu ſeinem Nutzen enthüllen durfte, im Beſitze des Gerichtes; und ſeine Beſtürzung darüber war ſo groß, daß er heftig am ganzen Körper zitterte und endlich in die Worte ausbrach: Ja, Excellenz, der iſt's— den muß ich wohl kennen— mei— nen allerbeſten Freund— ach, wenn ich ihn nur wenige Minuten unter vier Augen ſprechen und an Etwas erin⸗ nern könnte— er würde mich gewiß nicht in meiner Trübſal ſtecken laſſen!“ „Vergebens ſuchte ich ihn zu bewegen, mir eine nähere glaubwürdige Angabe über den Charakter ſeines ſo intimen Verhältniſſes zu Herrn Roderich zu machen. Weder meine nachdrücklichen Ermahnungen, noch meine Zweifel in die Wahrheit ſeiner Angabe reizten ihn, wie ich hoffte, zu einer näheren Erklärung. Da ich es nicht für gerathen hielt, der künftigen Unterſuchung gegen dieſen jedenfalls höchſt ver⸗ ſchlagenen Menſchen in irgend einer Weiſe vorzugreifen, ſo durfte ich ſo wenig auf ſeine Erſcheinung im Demannſchen Hauſe, als auf die Aeußerungen ſeiner Frau von einem mächtigen Gönner in der Reſidenz, ja nicht einmal auf ſeine damalige Begegnung mit Roderich im Walde anſpie⸗ len, um ihn dadurch möglicherweiſe zu bewegen, ſein hart⸗ näckiges Schweigen aufzugeben und mir klaren Wein ein⸗ zuſchenken.— Ich mußte mich darauf beſchränken, ihm unausgeſetzt das Abenteuerliche und Sinnloſe einer ſolchen Vorſpiegelung zu Gemüthe zu führen und ihn durch Hin⸗ weiſung auf die für ihn ſicher ſehr nachtheiligen Folgen einzuſchüchtern, wenn es jenem Herrn, woran ich nicht im mindeſten zu zweifeln mir den Anſchein gab, gelingen ſollte, ihn der Lüge und mithin der abſichtlichen Täuſchung ſeines Richters zu überführen. Auf alle dieſe Vorhalte lächelte er nur geheimnißvoll vor ſich hin, oder verzog ſein Geſicht zu einer abſchreckenden Hohngrimaſſe und wiederholte be⸗ ſtändig die Betheuerung, daß Roderich ihn ſo gut kenne wie er ihn; woran er dann jedesmal mit einer für mich geradezu unheimlichen Sicherheit die flehende Bitte knüpfte, ich möge doch ſeinen Freund nur ein paar Minuten zu ihm laſſen, er gelobe mir bei allen Heiligen, daß es ihm Roderich ſelbſt ewig danken werde, wenn dieſer ihn nur anhören wolle— ſonſt ſtehe er für Nichts— denn ſein Entſchluß ſei für alle Fälle gefaßt— er — 248 könne Dinge zu Protokoll geben, davor die ſchwärzeſte TTinte blaß werde und der allergnädigſte Herr Landes⸗ — 249 vater möglicherweiſe ſelber einen gefährlichen Leibſchaden davon trüge“ „Ich lachte ihm zwar auf dieſe mit bebender Stimme und in unverkennbarer Gemüthsbewegung vorgebrachten Drohungen mit aller aufrichtigen Herzlichkeit in's Geſicht; ſchalt ihn einen Narren, der ſich einbilde, ſeine Richter durch ſolche abgeſchmackte Finten einſchüchtern zu können; wer in aller Welt denn einem auf offener That ertappten Kirchenräuber derartige Faſeleien glauben werde, er zuckte jedoch immer nur mit einem höhniſchen Lächeln die Achſel und ſagte zu Allem Nichts weiter als: Excellenz werden mir's zwar verdenken— aber noch unterm Galgen brauch' ich nur zu rufen: Roderich! Lieber Roderich! und er muß kommen und mir ſein Ohr an den Mund halten!“ „Bei dieſer durch Nichts zu erſchütternden Feſtigkeit war— davon durfte ich mich zuletzt leider überzeugt halten— für's Erſte von dem liſtigen Menſchen keine weitere Aufklärung zu bekommen. Kaum ließ ich ihn daher, um auch noch dieſes letzte pſychologiſche Erperiment nicht unverſucht zu laſſen, nur entfernt merken, es könne vielleicht ſeiner Bitte willfahrt und eine Zuſammenkunft zwiſchen ihm und Ro⸗ derich von dem Richter unter Umſtänden genehmigt werden, ſo ſtrahlte ſein ganzes Geſicht von Freude und, Entzücken, jauchzend warf er ſeine Mütze in die Höhe und würde, ohne mein ſtrenges Abwehren, im erſten ſtürmiſchen Taumel vor mir auf die Kniee niedergeſtürzt ſein.— Nein, das war gewiß keine Verſtellung— der Mann fühlte wieder ſicheren Boden unter den Füßen!“ „Dieß, ihr lieben Herren,“ ſo ſchloß Helmroth ſeine Erzählung,„iſt das Reſultat meiner heutigen außerordent⸗ lichen Zuſammenkunft mit Herrn Ventron geweſen; nun ſagen Sie mir aufrichtig Ihre Meinung: Stehen wir erſt vor einem ſchwindelnden Abgrund— oder blicken wir be⸗ reits aus der Tiefe eines ſolchen in die Höhe? Licht kann hier nur ein Mann ſchaffen— und“ ſetzte er mit einem flüchtigen Wechſel der Geſichtsfarbe und gedämpfter Stimme hinzu,„in gewiſſem Sinne nennen wir alle Drei dieſen Mann unſern Freund.“ Wierzehntes Rapitel. oderich wußte bis jetzt nur, daß er das Werkzeug in der Hand der Vorſehung geweſen war, um einen der gefährlichſten Diebe nach einem Leben voll Miſſethaten endlich dem Arme der ſtrafenden Gerechtigkeit zu überliefern; doch ahnte er nicht, wer ſich unter dem berüchtigten Namen Francois Ventron verbarg und welche Gefahr er durch die Gefangen⸗ nehmung deſſelben auf ſein eignes Haupt herabbeſchworen hatte. Auch trat jenes nächtliche Abenteuer im einſam gelegenen Gebirgsdorfe ſchnell wieder vor einem andern, ſein ganzes Denken und Fühlen ungleich näher in Anſpruch nehmen⸗ den Ereigniß in den Hintergrund zurück, wir meinen ſeine Unterredung mit dem Hoffräulein.— Denn was er hier ſah und entdeckte, machte auf ſein Herz einen Eindruck, der dem eines wirklichen Verhängniſſes Nichts an erſchüttern⸗ der Kraft und vernichtender Gewalt nachgab. Welcher Art ſein Schrecken und wie grenzenlos ſeine Beſtürzung bei die⸗ ſer wunderbaren Entdeckung war, ſahen wir in jener Scene mit Serena, und vor dieſem erſchütternden Ereigniß mußten alle anderen Empfindungen ſeiner Seele verſtummen. Dicht am Ziele ſeiner höchſten Wünſche, die er ſo lange mit ſtandhaft edler Entſagung von ſich gewieſen, bis endlich die gewonnene Einſicht von der Größe der ihm und ſeiner Liebe drohenden Gefahr ihn ſein letztes Bedenken aufzu⸗ — 252— geben zwang— eine ſolche Entdeckung, ein ſolcher, aus heiterem Gewölke plötzlich niederfahrender Blitzſchlag, — wer hätte es Roderich verdenken wollen, wenn er ſich davon wie von den Schauern einer nahenden, letzten Schick⸗ ſalskataſtrophe angeweht fühlte!— Alle leidensvollen Erin⸗ nerungen, alle alten längſtverblaßten Geſtalten ſeiner Ver⸗ gangenheit lebten ja plötzlich wieder vor ſeinem Geiſte auf, er ſtand wieder mitten drinnen in ſeinem alten Verhängniß, und die Vaterhand ſelber hatte ihm mit friſcher deutlicher Schrift noch einmal den unentrinnbaren Fluch ſeines Lebens ſchwarz auf weiß geſchrieben! Dahin war die Verſöhnung und die tröſtende Gewißheit von der endlich geſühnten Schuld ſeiner Jugend, die er noch vor wenigen Monaten am eingeſunkenen Grabhügel der Mutter unter heißen Thränen und Gebeten gefunden zu haben hoffte; vergebens hatte ihr verklärter Geiſt aus den Sterngefilden ihres ſeligen Friedens ihm gelächelt; vergebens hatte er an jenem Abend, ein anderer verlorener, nur noch tauſendmal unglücklicherer Sohn als der des neuen Teſtamentes, ſeine Lippen in ſcheuer Ehrfurcht und Andacht auf die Thürklinke der Gartenpforte gedrückt, die des theuren Greiſes Hand täglich zu berühren pflegte— der Anblick jenes alten, ihm nur zu wohlbekannten Büch⸗ leins mit des Vaters faſt noch friſcher Handſchrift, dazu die Entdeckung von Serena's naher und inniger Beziehung zu dem geliebten Freund und Lehrer ihrer Jugend: dieß Alles im Vereine mit der Gewißheit, dem wie durch Gottes Fügung ſeinem gegenwärtigen Leben ſo nahe gerückten Mädchen an jenem Abend ſchon einmal auf dem Weg zum Grabe der Mutter begegnet zu ſein, machte auf Roderich's ganze Seelenſtimmung einen ſo wunderbar ergreifenden und bewältigenden Eindruck, daß er ſich wie von dunklem Zauber umfangen vorkam und ſich mit ſeinem Geiſte in den Labyrinthen 258 einer Weltanſchauung verlor, deren Iſisſchleier noch keines Sterblichen Hand gelüftet hat. Niemand in ſeiner Umgebung, nicht einmal das ſonſt ſo ſcharfe und hellſehende Auge der Liebe, entdeckte jedoch das Mindeſte von dem, was in Roderich's Seele vorging. Die Prinzeſſin war in dieſen Tagen der tieſſten Aufregung allein mit dem Plan zu ihrer ſchleunigen Abreiſe beſchäftigt; und die Vorſicht, die ſie, um keinen Verdacht zu erwecken, bei ihren geheimen Vorkehrungen beobachten mußte, ließ ſie alles Andere überſehen. Dabei war es für Serena eine auffallende Wahrnehmung, daß Aurelie nach jenem Geſpräche mit dem Informator gegen ſie mit keiner Silbe der wichtigen Frage erwähnte, die doch nach Roderich's ausdrücklicher Verſicherung den Schlußſtein zu ihrem Glücke bilden ſollte; die Frage nämlich, ob die Freundin ihr nach dem neuen Aufenthaltsorte folgen, oder aus Gründen, die allerdings der Prinzeſſin hinreichend bekannt waren, einem andern, mächtigeren Zug ihres Herzens ſolgen wolle?— Hatte ſie ſelber die Hoffnung, Serena für die Dauer an ſich zu feſſeln, bereits ſo gut wie aufge⸗ geben? Oder wollte ſie vielleicht die Entſcheidung bis zum äußerſten Moment hinausſchieben, um es der Freundin dadurch unmöglich zu machen, ſich noch in der letzten ver— hängnißvollen Stunde von ihr loszureißen? Oder fehlte ihr der Muth, dieſes große Opfer, nachdem Serena ſchon gegen Roderich dieß und jenes Bedenken geäußert hatte, noch einmal perſönlich von ihr zu fordern— genug, Letz⸗ tere bemerkte ſo wenig eine Veränderung in dem herzlichen Benehmen der Prinzeſſin gegen ſie, daß ſie zuletzt allen Ernſtes auf den Verdacht gerieth, der Informator habe ihr jenen Vorſchlag ohne Wiſſen Aureliens gemacht und dieſe ſelbſt ahne noch nicht entfernt, daß die Freundin bereits ihren ganzen verhängnißvollen Plan kenne und durch Roderich — 254— felbſt in das Geheimniß ihrer bevorſtehenden Wiederver⸗ mählung eingeweiht worden ſei. Und beinahe ſchien das ſonderbar veränderte Weſen des Gelehrten, ſo oft er mit Serena zuſammenkam, dieſe ihre Vermuthung beſtätigen zu wollen; denn er war in der That ſeit jenem merkwürdigen Geſpräch ein ganz Anderer gegen ſie geworden, und beſonders der Blick, mit dem er ſie oft wie in waches Träumen verſunken minutenlang un⸗ verwandt anſah, hatte einen ſo eigenthümlichen Ausdruck von Schwermuth und tiefer Rührung, daß Serena ſich nicht ſelten ganz unheimlich davon berührt fühlte, ohne zu begreifen, was ihr eigentlich ſeit jenem Abend an ſeinem Weſen ſo fremd und verändert vorkommen wollte. Für alle Fälle war jedoch, ſeitdem ſie ihren Bräutigam geſprochen, ihr Entſchluß gefaßt; und ſie folgte darin nicht nur dem Wunſche des Geliebten, ſondern auch ihrem eigenen innerſten Gefühle, indem ſie ſich vorſetzte, die Freundin, komme auch was da wolle, nicht zu verlaſſen, ſondern vor Allem ihrer Pflicht zu folgen, die ja zugleich ihres Herzens Stimme war und ſie an die Seite der Prinzeſſin wies, bis. dieſe ſelbſt ſie ihres Dienſtes entbinden werde.— Der Freiherr hatte nicht gezögert, bei einer mehr ruhigen Prüfung der Verhältniſſe ſeinen anfänglichen Plan, Serena von Hofe wegzuthun, ſchnell wieder aufzugeben, denn auch er konnte dieſem muthvollen Entſchluß ſeiner ſchönen Braut unmöglich ſeine Zuſtimmung verſagen; ſelbſt den Kampf, den ihn die vorausſichtlich längere Trennung von der Ge⸗ liebten koſtete, überwand er leichter im Hinblick deſſen, was ſie Beide dereinſt an innerer Genugthuung und freudigem Bewußtſein empfinden müßten, wenn ſie ſich ſagen konnten, daß ſie ohne Rückſicht auf eigenes Glück treu an einmal übernommenen Pflichten und Verbindlichkeiten feſtgehalten hatten. † 55— 20 Allerdings ſprachen neben dieſen noch andere, kaum minder gewichtige Gründe bei dem Oberjägermeiſter für Serena's Verbleiben in ihrer noch jüngſt ſo vielbeneideten Stellung bei der Prinzeſſin. Denn zu den räthſelhaſten Umſtänden, welche ihm und den Freunden Roderich's Per⸗ ſon ſchon vorher myſteriös genug gemacht hatten, kam nun noch, um ſie vollends ein tiefes, höchſt merkwürdiges Ge⸗ heimniß ahnen zu laſſen, die neue ſichere Entdeckung des zwiſchen ihm und der Prinzeſſin beſtehenden zärtlichen Ver⸗ hältniſſes hinzu eine Entdeckung, die es den drei Freun⸗ den ſogar zur höchſten Pflicht machte, dem angeblichen Jugendfreunde eines— Ventron von nun an eine noch größere Aufmerkſamkeit zu widmen als früher, und auf alle ſeine Schritte und Handlungen ein wachſames Auge zu haben. Denn hier handelte es ſich ja nicht mehr bloß um die Befriedigung einer allerdings ſehr gerechtfertigten Neugierde; nicht mehr bloß um den Privat⸗Charakter und die myſteriöſe Vergangenheit einer ſo ſehr bevorzugten, geiſtig bedeut⸗ ſamen Perſönlichkeit; hier galt es das unmittelbare Intereſſe der fürſtlichen Familie ſelber, galt das Glück und den Ruf einer Dame, die in ihrer hohen iſolirten Stellung vielleicht nicht einmal die dunkeln Schickſalsverkettungen ahnte, welche den Gegenſtand ihrer geheimen Liebe zum Jugendgenoſſen eines dem peinlichen Gericht auf Leben und Tod verfallenen Böſewichts machten! Daher mußte ihnen vor Allem daran gelegen ſein, in der unmittelbaren Nähe der Prinzeſſin Jemand zu haben, der mit aufrichtiger Hingebung für die Perſon der erlauch⸗ ten Frau Takt und Scharfblick vereinte, um auf jeden Vor⸗ gang in ihrer Umgebung zu achten und im Bunde mit ihnen entſchloſſen war, ſelbſt auf die Gefahr einer ſchwe⸗ ren Verantwortlichkeit hin Alles zu thun, um das bedenk⸗ —— 256 liche Räthſel von Roderich's Vergangenheit zu löſen und unter Umſtänden ſelbſt die Prinzeſſin vor einem Unglück zu bewahren, dem ſie ahnungslos und von ihrer Liebe ver⸗ blendet mit ſicherem Schritte entgegenging. Wer aber hätte ſich hierzu beſſer eignen ſollen als das verſtändige Mädchen mit dem Herzen voll ſchwär⸗ meriſcher Liebe und Begeiſterung für die verehrte Fürſtin, das, auch ohne weitere Kenntniß der über Roderich's ſon⸗ ſtigen Lebensverhältniſſen bereits waltenden ſchweren Zwei⸗ fel, richtig die Gefahr begriffen hatte, in welcher die Freundin ſchwebte, und das darum ohne Zaudern den ein⸗ zig rettenden Schritt that, indem ſie dem Geliebten Alles entdeckte. Dieſer war vorſichtig genug geweſen, Serena Nichts von den Bedenken und Zweifeln ahnen zu laſſen, die bei ihm und den Freunden ſchon vorher gegen den Informator erwacht waren; theils um ihr nicht noch größere Sorge und Unruhe zu verurſachen, als ſie ſo ſchon empfand; theils um ihr die ſo nöthige Unbefangenheit des Herzens, der Prinzeſſin gegenüber, zu bewahren. Daß dabei auch der Vorfall mit dem Pſalterion zur Sprache kam, läßt ſich denken; aber ſei es nun, daß man ſich bereits daran gewöhnt hatte, Roderich einer großen Verſtellung für fähig zu halten; ſei es, daß Serena ſelber auf jenen Auftritt ſpäter unter an— dern Eindrücken und Sorgen kein ſo großes Gewicht mehr legte— genug, keiner der drei Freunde fand darin einen beſondern Grund zu neuen Muthmaßungen; keiner ahnte die verhängnißvolle Bedeutung, welche dieſer anſcheinend ſo gleichgültige Vorfall in der nun folgenden Kataſtrophe für den Prinzenerzieher haben ſollte. Dieſe Kataſtrophe— welches poetiſche Gleichniß ver⸗ möchte uns die erſchütternde tragiſche Wirkung derſelben auf den Unglücklichen zu veranſchaulichen, mit dem wir uns — 257— von jetzt an faſt nur noch ausſchließlich beſchäftigen werden! — Da hängt der furchtbare Fels, der ihn zerſchmettern ſoll, ſchon jahrelang in ſchwindelnder Höhe ſcheitelrecht über ſeinem Haupte; längſt hat er ſich daran gewöhnt, ohne Grauen zu der drohenden Gefahr hinaufzublicken, baute ſogar die Hütte ſeines ſtillen Glückes, ſeines wiedergewon⸗ nenen Friedens mit ſich, mit Gott und der Welt unmittel— bar unter den furchtbaren Felſen; rings umblühte ihn, den Gefährdeten, ein reiches ſeltenes Glück voll herrlicher und entzückender Farben; vielleicht, daß ſogar die jahrelange Gewohnheit an den finſteren Anblick ſeine freudige Zuver⸗ ſicht, ſein Gottvertrauen noch erhöhte und eine von gnädi— gen Himmelsmächten ſichtbar beſchützte hohe einzige Liebe ſeinen Geiſt mit einer Weihe verklärt, die ſelbſt den auf ſeinem vergangenen Leben ruhenden Fluch endlich noch ver⸗ ſöhnen zu wollen ſcheint! Da mit einmal löst ſich ein kleiner Stein von der ſtützenden Unterlage los und rollt als warnenber Vorbote des nahenden Unheils in die Tiefe; dieſem folgt bald ein zweiter, ein dritter— beſtürzt blickt der Bedrohte empor— der Fels hängt noch immer in der gewohnten ſchauerlichen Schwebe unbeweglich über ſeinem Haupte— doch iſt die Angſt in ſeiner Seele erwacht, das ſichere Selbſtvertrauen entſchwunden; er lauſcht mit athem⸗ loſer Spannung auf jedes neue unheimliche Warnezeichen aus der Höhe und bald auch aus der Tiefe, ſchon denkt er ernſtlich an ſeine Rettung vor der drohenden Gefahr— aber erſt gilt es, auch noch andere theuere und heilige Güter— ihm mehr werth als das eigene Leben— dem Verderben zu entreißen— dieſe angſtvolle Sorge läßt ihn ſelbſt das nahende Unheil vergeſſen, verwirrt ihm die Sinne, täuſcht ſein ſonſt ſo ſcharfes Auge über die eigene Gefahr, und plötzlich begräbt ihn, den der Himmel noch einmal ſichtbar erretten wollte, der ſtürzende Fels tief unter ſich im Ab⸗ Müller, O., Roderich. II. — 258— grund— erſt ſein Verderben und nun das ſtumme Denk⸗ mal ſeines Untergangs! 3 Wie ſo oft in ungewiſſen und verwickelten Lebenslagen, ſollte auch dießmal die Entſcheidung der ſchwebenden Frage durch Umſtände und Beweggründe herbeigeführt werden, die weitab von den Plänen und Berechnungen Derer lagen, welche ſich die Aufklärung dieſes verhängnißvollen Myſte⸗ riums vorgeſetzt hatten, wir meinen den Oberjägermeiſter und ſeine beiden Freunde Claudius und Helmroth. Denn während dieſe ihr nächſtes Augenmerk auf die im Verlaufe der Unterſuchung von Ventron und ſeinem Mit⸗ ſchuldigen zu erwartenden Geſtändniſſe richteten und ſich außerdem darauf beſchränkten, alle Schritte Roderich's im Geheimen zu beobachten, war ein anderer Mann rückſichts⸗ los oder auch ehrgeizig genug, die Löſung des geheimniß⸗ vollen Dramas auf eigene Hand zu verſuchen und auf eine allerdings weniger umſtändliche Weiſe zum Ziele zu kommen. Kaum hatte nämlich der Leibmedikus aus einer der vielen, ihm jederzeit zu Gebote ſtehenden Quellen aus der Amtsſtadt Kunde von den merkwürdigen Aeußerungen be⸗ kommen, die der„Herr Vetter“ ſeines werthen Hausge⸗ noſſen über ſeine geheimnißvolle nahe Beziehung zu einem angeſehenen Herrn bei Hofe vor dem Verhörrichter gemacht haben ſollte: ſo ließ es dem alten ränkeſüchtigen Hofmann mit dem feindſeligen Gemüth keine Ruhe mehr, bis er den ihm ſo verhaßten Gelehrten eines Morgens beim zufälligen Begegnen in der Frau Landgräfin Vorzimmer um ein Ge⸗ ſpräch unter vier Augen erſuchte, da er ihm eine nicht ganz unwichtige Mittheilung machen wolle. Roderich, ſogleich dazu bereit, folgte ihm ohne ſchlimme Ahnung in das dem Geheimerath im Schloſſe zur Verfügung — — 259— geſtellte Zimmer, deſſen Thüre Letzterer nach ihrem Eintreten vorſichtig verriegelte. Dabei nahm ſein noch eben unbefan⸗ genes Benehmen mit einmal ein ſonderbar feierliches und unentſchloſſenes Weſen an und er ſchien mit ſich zu kämpfen, wie er dem Informator auf gute Art und ſo ſchonend als möglich den für dieſen ſo fatalen Fall vortragen ſolle. Er richtete zuerſt mit auffallender Unruhe mehrere gleichgültige Fragen an denſelben, wobei er ihn zuweilen aus den kleinen ſtechenden Augen mit einem ganz eigenen mitleidigen Blick anſah; bis Roderich, den dieſes Benehmen nicht wenig be⸗ fremdete, ihn zuletzt in ſichtbarer Spannung fragte, ob die Sache, die er ihm mittheilen wolle, vielleicht doch nicht ſo ganz unwichtig für ſie Beide ſei, als der Herr Geheimerath ihn habe vermuthen laſſen? Da ſchlug ſich der ſchlaue Fuchs wie im Aerger über ſeine Bedenklichkeit mit den drei Mittelfingern der rechten Hand klatſchend vor die Stirne, murmelte mit heiſerem Kichern einige unverſtändliche Worte in den Bart und verſetzte dann: „Meiner Seel', Herr Doktor! Die Sache, die ich Ihnen im Vertrauen mittheilen wollte, iſt für den Einen von uns ſo wenig erheblich als für den Andern. Sie werden dar⸗ uber gewiß ebenſo herzlich lachen wie ich es ſelber that, da man ſie mir erzählte.“ „Und doch verriegelten Sie zuvor ſo vorſichtig die Thüre?“ fragte Roderich, dem das Benehmen des Geheime⸗ raths immer unerklärlicher wurde. „Das iſt ſo an dieſem Orte meine Gewohnheit, hä! häl“ kicherte der Leibmedikus hüſtelnd.„Denn Sie dürfen mirs glauben, Freund, daß hier in dem Zimmer ſchon mehr als ein wichtiges Geheimniß verhandelt wurde, von dem weder ich noch ſonſt ein Menſch ſpäter begriff, wie es aus dieſen vier ſtummen Wänden den Weg in das große Publikum fand! O man muß die Welt kennen, wie ich — 260— ſie kennen lernte— dieſe böſe, tückiſche, gottesläſterliche Welt, und man verriegelt gerne ſeine Thüre ebenſo mecha⸗ niſch, wie man Nachts beim Zubettegehen das Licht aus⸗ bläst und ſich die Schlafmütze über die Ohren zieht? Nun, wiſſen Sie auch ſchon das neueſte Bravourſtückchen vom Herrn Kandidaten Piſtorius? Ah, ich ſehe, daß ich mit meiner Neuigkeit bei Ihnen zu ſpät komme!— Der verwünſchte Kerl!— Will einer armen Dorfgemeinde ihre einzige Glocke ſtehlen und ſieht das lange hänfene Seil nicht, das daran gebunden iſt!“ „Wie? Sie wollen ſagen...2“ ſtammelte Roderich, den Geheimerath mit Blicken des Entſetzens anſtarrend. „So wiſſen Sie wirklich noch Nichts von dem Vorfall?“ fragte Demann verwundert, that aber dabei anfangs, als bemerke er den erſchütternden Eindruck nicht, den dieſe Neuigkeit auf ſeinen Hausgenoſſen machte, welcher wie ver⸗ nichtet vor ihm ſtand.—„Da bin ich ja ſehr, ſehr froh, daß ich Ihnen den erſten Aufſchluß geben kann und ver⸗ zeihe darum auch gerne dem ſauberen Kumpan den Aerger, den er mir neulich durch ſein freches Eindringen in mein Haus verurſachte. Denn ohne das hätte ich ja natürlich niemals erfahren, daß Sie der Menſch überhaupt Etwas angeht. Aber mein Gott, lieber Doktor, was machen Sie mir da für eine facies hippocratica! Gratuliren Sie ſich doch zu der angenehmen Ausſicht, daß Sie den Elenden bei dieſer Gelegenheit ein für allemal mit guter Manier“ — und er machte dabei eine ſehr unzweideutige Bewegung mit der Hand nach dem Halſe—„loswerden, denn ich ſage Ihnen ja, er iſt hundertmal reif zum Galgen— ein kompleter Gaudieb— ſeit Jahren der Schrecken der ganzen Provinz— führt auch noch obendrein einen falſchen Namen, heißt nicht Piſtorius, wie Sie mir neulich ſagten— ſondern nennt ſich gegenwärtig— Ventru, nein, nicht ſo— Ven⸗ — — 261— tron— Frangois Ventron— und droht beim Verhör⸗ richter mit, ich weiß nicht welchen wichtigen Angaben über einen an dieſem Hofe lebenden angeſehenen Herrn, deſſen Freundſchaft ſich der freche Geſelle ſogar zu rühmen wagt!“ Wir unterlaſſen es den Eindruck zu ſchildern, den dieſe Mittheilung auf Roderich machte; jedes Wort des Geheime⸗ raths traf ihn wie ein Dolchſtoß; mit dem Blicke des rettungslos von einer reißenden Strömung erfaßten und ſeinem ſicheren Untergang in wilden Wirbelfluten mit Blitzes⸗ ſchnelle entgegentreibenden Schwimmers erkannte er in einem Momente nicht bloß, daß Alles für ihn verloren ſei, ſon⸗ dern auch, daß er ſelber ſeinen furchtbaren Feind in die Hände der Juſtiz geliefert habe— ein Gedanke von ſo ver⸗ nichtender Gewalt, daß ihn derſelbe wie die Hand der All⸗ macht ſelber traf und ihn eine Zeit lang ganz unfähig zu jeder andern Vorſtellung machte.— Was er in dieſen ſchreck⸗ lichen Augenblicken, wo ſein Geiſt mit dem Wahnſinn rang und ſeine Seele von den Schrecken der Vernichtung durch— dröhnt wurde, dem Leibmedikus antwortete, wußte er ſelber nicht; er hörte nur, während er mit keuchender Bruſt und trockenem Gaumen zu dieſem redete, den tonloſen Klang ſeiner eigenen Stimme, die ihm wie eine fremde in's Ohr tönte; aber ſeinen Worten mußte wohl aller Sinn und Zu⸗ ſammenhang fehlen, da der Geheimerath ihn wiederholt bat, er möge doch nur erſt wieder zu ſich kommen, er ver⸗ ſtehe wirklich ganz und gar nicht, was er ihm da ſagen wolle, bevor Roderich ſich mit ſeinen betäubten Sinnen in der Wirklichkeit wieder zurecht fand und einigermaßen ſeiner grenzenloſen Verwirrung Meiſter wurde. Aber trotz der Verſicherung vom Gegentheil hatte ihn Demann nur zu wohl verſtanden und bei dieſer Gelegen⸗ heit Blicke in ſein Innerſtes gethan, die ihm jedenfalls Mehr ſagten, als der Unglückliche mit ſchwerer Zunge her⸗ vorſtammeln konnte. Der Leibmedikus hat auch ſpäter häufig dieſen und jenen Freund im Vertrauen verſichert, daß er niemals in ſeinem Leben mit einem Menſchen die⸗ ſes unſagbare Mitleiden empfunden und gewiß die nämliche Seelenangſt wie jener ſelber ausgeſtanden habe, als in dieſer Stunde mit dem armen Informator, der wie gebro⸗ chen, mit ſchlotternden Knieen und einem ganz greiſen⸗ haften Ausſehen von ihm fortgewankt ſei. Aber jedesmal pflegte er dann auch nach einer längeren Pauſe mit Achſel⸗ zucken hinzuzuſetzen: „Indeſſen, was wollte ich machen?— Meine Pflicht war mir vorgeſchrieben, und ſtünde er jetzt wieder gerade ſo vor mir, ich wüßte ihm heute keinen andern Rath zu geben wie damals, wiewohl ich es ihm eigentlich nie ver⸗ dacht habe, daß er ihn nicht befolgte.“ Welchen Rath er ihm gegeben, hat er zwar niemals geſagt; doch läßt uns die verzweifelte Lage Roderich's nur die Wahl zwiſchen zwei Vermuthungen; vorausgeſetzt, daß der Leibmedikus, woran wir nach ſeiner ausdrücklichen Ver⸗ ſicherung von ſeiner großen Theilnahme nicht zweifeln wol⸗ len, es wirklich aufrichtig mit dem Bedrängten gemeint hat. Danach mußte Roderich entweder fliehen, wie er ging und ſtand, ehe ſein Feind die angedrohten Geſtändniſſe wirklich gegen ihn ablegte; oder er mußte dem Regenten ſo raſch wie möglich ſeine ganze räthſelhafte Lage rückhaltslos entdecken, und der Gnade eines ihm wohlgeſinnten edel⸗ müthigen Fürſten ſeine in dieſem Falle ſo gut als gewiſſe Rettung aus dieſer ſchrecklichen Situation anheimgeben— mithin wollen wir annehmen, daß es wirklich letzterer Rath war, den ihm der Leibmedikus ertheilt hat. Sei es aber, daß Roderich, den wir bereits von dem dunkel fataliſtiſchen Vorgefühl eines über die Kraft ſeines moraliſchen Menſchen weit hinausgehenden Schickſals befan⸗ — 263— gen gemacht wiſſen, zu raſchen kühnen Entſchließungen un⸗ fähig war; ſei es, daß er in Wirklichkeit noch an andere Mittel zu ſeiner Rettung als dieſe beiden äußerſten glaubte, und ſich vielleicht ſogar bei einer mehr ruhigen Prüfung aller ihm ſo günſtigen Umſtände mit der Hoffnung ſchmei⸗ chelte, für ſich allein die furchtbare, ſeine ganze Ehre und Lebensſtellung mit Ruin bedrohende Gefahr abwenden zu können; genug, er entſchloß ſich nach zwei Tagen voll ſchrecklicher innerer Kämpfe, ſeine Zuflucht gerade zu dem⸗ jenigen Manne zu nehmen, mit dem er ſchon ſo oft und eifrig das reiche Thema über Schuld und Sühne, Verhäng⸗ niß und menſchliche Willensfreiheit, ſowie über göttliches und weltliches Richteramt abgehandelt hatte: zu Helm⸗ roth, dem Referenten in Kriminalſachen bei dem oberſten Juſtizkollegium des Landes. Dieſer ſaß gerade mit Frau und Kindern beim Nch⸗ mittagskaffee, als Roderich in's Zimmer trat. Seine ver⸗ ſtörte Miene, ſein aufgeregtes Weſen fielen Helmroth ſogleich auf; denn kaum konnte der Informator mit einem ſcheuen Blick auf den kleinen gemüthlichen Familienkreis die Bitte hervorſtottern, ihm in einer Sache, die keinen Aufſchub dulde, ein gütiges Gehör zu ſchenken.— Der Regierungsrath ſtand ſogleich auf, warf ſeiner Frau, die einen Moment die Farbe wechſelte, einen Blick zu, den Jener zwar nicht bemerkte, der aber Dieſer deutlich ſagte, daß die Stunde einer ſchweren Prüfung für ihren Mann geſchlagen habe, und führte hier⸗ auf den Informator am Arme ſchweigend in ſein Arbeits⸗ zimmer. Bevor er ihn jedoch zum Riederſitzen auf dem Sopha nöthigen konnte, mußte er zuerſt eine Menge ein⸗ zeln in Papier eingewickelte Tulpen⸗ und Hyazinthenzwiebel hinwegräumen, die zu ſortiren und in Töpfe zu pflanzen er ſich heute vorgeſetzt hatte. Während deſſen ſtand Roderich ſchweigend am Fenſter und ſah regungslos hinaus in den — Garten, bis Helmroth zu ihm trat und ſtumm die Hand auf ſeine Schulter legte. Da drehte ſich Jener haſtig um, ſein irrer Blick begegnete dem des Freundes, der ihn feſt und ruhig, doch mit einem Ausdruck tiefer Sorge in der Miene anſah, worauf Roderich mit dem Weſen eines tiefer⸗ ſchütterten Mannes ſeufzend beide Hände vor die Augen ſchlug und ſich mechaniſch von dem Regierungsrath nach dem Sopha führen ließ. „Ich habe Sie ſchon ſeit zwei Tagen erwartet, nahm dieſer nach einer Pauſe mit gepreßter Stimme das Wort und zog ihm dabei ſanft die Hände vom Antlitz.—„Aber vor Allem müſſen wir uns offen in die Augen blicken; denn das, was Sie zu mir führt, wird heute zum erſten und— ganz gewiß auch zum letzten Mal in dieſem Leben zwiſchen uns beſprochen; darum iſt Offenheit und volles gegenſeitiges Vertrauen das Erſte, was Einer von dem Andern erwarten kann. Alſo zur Sache, mein Freund! Sie wiſſen bereits, wen Sie bei Ihrer neul lichen Anweſen⸗ heit im Pfarrhauſe Ihres wackeren Schützlings Albert an's Meſſer der Juſtiz geliefert haben?“ Roderich ſah bei dieſer Frage den Regierungsrath mit einem ſeltſam verſchleierten Blick wie träumeriſch an, ſenkte dann das Haupt tief auf die Bruſt herab und erwiederte kaum hörbar: „Ich weiß es!“ „Sie haben damit,“ fuhr Helmroth bewegt fort,„der Menſchheit jedenfalls einen größeren Dienſt geleiſtet, als ſich ſelber; denn der hier in Rede ſtehende Verbrecher hat nicht bloß zu einer Zeit, wo er ſich noch auf freiem Fuße befand, auf Ihre ehemalige Freundſchaft gepocht und ſich Dinge aus Ihrem vergangenen Leben zu wiſſen gerühmt, auf deren Geheimhaltung Sie den größten Werth legen müß⸗ ten; er hat auch ſogar neuerdings in ſeinem Gefängniſſe und vor ſeinem Richter Aeußerungen gethan, die Sie, die Wahr⸗ heit derſelben vorausgeſetzt, ſchwer kompromittiren würden. Er droht für den Fall, daß Sie ihn— wie er ſich aus⸗ drückt— verleugnen oder ihm Ihren Schutz— gegen wen iſt allerdings ſchwer zu ſagen— verweigern würden, Ge⸗ ſtändniſſe abzulegen, die Ihnen geradezu verderblich werden müßten. Letzteres hat er in meiner Gegenwart am zweiten Morgen nach ſeiner Gefangennehmung wiederholt, und leider ſcheint er mir ganz der verworfene Menſch zu ſein, um dieſe Drohung, ſoweit es an ihm gelegen iſt, zur Wahr⸗ heit zu machen.“ „Er wird ſein Wort halten— verlaſſen Sie ſich darauf — denn er hat Ihnen bei Gott nicht zu Viel geſagt!“ murmelte Roderich dumpf vor ſich hin. „Wär's möglich!“ rief Helmroth erſchüttert die Hände zuſammenſchlagend, faßte ſich aber ſchnell wieder und ſagte mit nur wenig veränderter Stimme: „Sie kennen alſo dieſen höchſt gefährlichen Menſchen perſönlich? Aber bei dem Geheimerath von Demann be⸗ zeichneten Sie ihn doch nur als ein mauvais sujet, das Ihnen durch ſeine zudringliche Geltendmachung eines ſehr entfernten Verwandtſchaftgrades ſchon häufig läſtig gewor⸗ den ſei?“ „Ich habe dem Geheimerath nicht die Wahrheit geſagt,“ entgegnete Roderich immer mit der nämlichen tonloſen Flü⸗ ſterſtimme.„Der Menſch iſt weder ein entfernter Verwandter von mir, noch heißt er Piſtorius oder Ventron, ſondern...“ „Halt, mein Freund!“ fiel ihm Helmroth mit einer ab⸗ wehrenden Geberde in's Wort und legte die Hand auf Roderich's Arm.—„Bevor wir in dieſer Sache weiter reden, muß ich eine offene Frage an Sie richten, die mir ſowohl meine amtliche Stellung, als Ihr nahes Verhältniß zu un⸗ ſerem Hofe nothwendig macht. Denn es wäre doch,“ ſetzte — 266— er nach einigem Zögern mit gedämpfter Stimme hinzu, wobei er ſich zugleich tiefer in die Sophaecke zurücklegte —„es wäre doch immerhin möglich, daß eines Tages der Prozeß jenes ſo vieler und ſchwerer Verbrechen angeklagten Räubers vor einem höheren Tribunal verhandelt würde, wo dann zweifelsohne die Reihe an mich käme, über den Höhegrad ſeiner Schuld und ſeiner Strafe nach meinem Eid und Gewiſſen als Richter zu urtheilen. Können Sie mir wohl in Rückſicht hierauf eine beruhigende Zuſicherung geben, daß Sie bereit ſind, Alles, was Sie mir jetzt in unſerem Privatgeſpräch über Ihr räthſelhaftes Verhältniß zu dieſem Verbrecher entdecken wollen, ſpäter bei Ihrer vielleicht nöthig werdenden gerichtlichen Zeugenvernehmung zu wiederholen?“ Roderich verſetzte nach einer Pauſe mit einem ſchmerz⸗ lichen Lächeln, das ſeinen ohnedieß verſtörten Zügen einen noch gramvolleren Ausdruck verlieh: „Was Sie von mir über dieſen Menſchen jetzt erfahren ſollen, wird wohl niemals Ihr richterliches Gewiſſen be⸗ ſchweren; denn ich habe keine Anklage gegen ihn vorzubrin⸗ gen und eher möchte ich vielleicht demnächſt ſelber neben ihm vor Ihrem Richterſtuhle erſcheinen, als gegen ihn zu zeugen haben. Darüber ſeien Sie alſo ganz außer Sorge, mein werthgeſchätzter Freund, ſelbſt wenn ich Ihnen dieſen Namen nicht— lange mehr geben darf! In meinem fürch⸗ terlichen Unglück, das Sie jetzt von mir hören ſollen, iſt mir der Name Ventron ganz und gar fremd. Denn an dem Tage, da mich mein finſteres Verhängniß nach einer mehr als zwanzigjährigen Trennung wieder im Walde mit ihm zuſammenführte, er mich auf den erſten Blick erkannte und mir nachſtürzte, um mich— o wenden Sie nur ſchau⸗ dernd ihr Antlitz von mir ab, Helmroth— um mich an unſer gemeinſames Jugendverbrechen zu erinnern— an — — 267— dieſem Tage ſagte er mir, er halte ſich zuweilen unter fremdem Namen vorübergehend in der Gegend auf, gelte für einen ehemaligen Kandidaten der Theologie und verfer⸗ tige den Landleuten allerhand Schriftſtücke und Schreibereien. Zu der Zeit aber, von der ich Ihnen jetzt erzählen werde, führte er einen andern Namen, damals hieß der Verſucher und Verderber meiner Jugend— nein, meines ganzen Lebens— nicht Ventron, nicht Piſtorius— ſondern nannte ſich nach dem Familiennamen ſeines Vaters Robert Mün⸗ zer— ja wohl, Helmroth,— Sie hören hier in der That ſeinen einzigen richtigen Namen— jeder andere, den er ſpäter geführt haben mag, iſt falſch— aber mein Gott— was haben Sie, was ſoll dieſer Blick— dieſes Staunen — ach— bin ich Ihnen ſchon jetzt—?“ Hier ſtockte Roderich's Stimme; denn Helmroth war beim Klang jenes Namens, wie von einem elektriſchen Schlage berührt, mit einem Satz vom Sopha emporgeſchnellt bis mitten in's Zimmer; ſtand hier, die eine Hand wider die Stirne gepreßt, die andere, als wolle er in der Luft einen unſichtbaren Gegenſtand ergreifen, weit von ſich ausgeſtreckt, regungslos vor ihm und ſah ihn wie vergeiſtert mit Blicken und Zügen an, die ebenſoviel Staunen als Beſtürzung ausdrückten. „Ah, ich errathe— Sie wiſſen ſchon mehr als ich dachte!“ ſtammelte Jener ganz außer Faſſung, wollte ſich gleichfalls vom Sitze erheben, ſank aber erſchöpft in den Sopha zurück. „Erzählen Sie!“ ſagte Helmroth wieder ſo ruhig wie vorher, nahm ſeinen vorigen Platz wieder ein, und nach einer Pauſe begann Roderich mit gefaßter Stimme die Ge⸗ ſchichte Eugen Zimmermann's zu erzählen. Jünßzehntes Kapitel. Wr ſchon den meiſten Mitlebenden die näheren Um⸗ ſtände unbekannt geblieben ſind, welche den tragiſchen Ausgang von Roderich's Leben begleiteten, ſo fehlt uns auch über das letzte Geſpräch zwiſchen ihm und Helmroth jede nähere Nachricht. Nur das Eine können wir als eine damals vielfach verbreitete Meinung anführen, daß der Re⸗ gierungsrath nach einem mehrſtündigen Geſpräche die Ueber⸗ zeugung gewonnen habe, eine Berufung an die Gnade des Fürſten, damit der gegen Ventron eingeleitete Unter⸗ ſuchungsprozeß unter der Bedingung der ſofortigen Aus⸗ wanderung des Gefangenen nach Amerika niedergeſchlagen werden möge, werde für den Informator eher nachtheilig als nützlich ausfallen. Nach einer andern, uns von einem mit Roderich perſönlich bekannten Manne zu Theil gewordenen Mittheilung ſoll dagegen dieſer ſelbſt von einem ſolchen Schritt auch in ſeiner äußerſten Rathloſigkeit aus ſehr triftigen Gründen Nichts haben wiſſen wollen; was allerdings einem weiteren Gerüchte zur Beſtätigung dienen würde, wonach der Fürſt kurz zuvor durch eine unbekannte Perſon aus ſeiner nächſten Umgebung von dem zwiſchen der Prinzeſſin und dem Erzieher ihres Sohnes beſtehenden zärtlichen Ein⸗ verſtändniß plötzlich Kunde erhalten habe und dadurch aufs Aeußerſte gegen Roderich aufgebracht worden wäre. Ueber ſeine ſpäteren Lebensſchickſale, ſeit der unglück⸗ 5 —. — 269— lichen Jugendkataſtrophe in Heidelberg, hat er zwar gewiß an jenem Abend dem Regierungsrath gleichfalls ausführ⸗ liche Geſtändniſſe abgelegt; doch ſind auch hierüber nur un⸗ beſtimmte Gerüchte in's Publikum gelangt, was uns vermu⸗ then läßt, daß die wenigen, in die eigentlichen Verhältniſſe eingeweihten Perſonen triftige Beweggründe gehabt haben müſſen, nach dieſer Zeit mit ihrem Wiſſen ſehr geheim zu thun. So tritt das Geheimnißvolle, welches Roderich's ganze Perſönlichkeit während ſeines Aufenthalts in jener Stadt für die meiſten Perſonen hatte, immer dunkler und räthſel⸗ hafter an uns heran, je mehr er ſich ſelber der Löſung des größten Räthſels nähert, das ihn, wie wir früher ſahen, in letzter Zeit ſo vielfach beſchäftigt hat. Was wir in nachfolgenden flüchtigen Zügen von der Geſchichte ſeiner Vergangenheit andeuten, nachdem er in der Heimat für todt galt und ſein Name dort längſt verſchollen war, beruht gleichfalls auf Gerüchten, die damals in der Reſidenz kurſirten, in jenen Tagen der politiſchen Stürme aber eben ſo ſchnell als ſie auftauchten, wieder verſchwan⸗ den, ſo daß es heute nur noch wenige ältere Leute dort gibt, welchen dieſe Reminiſcenzen noch gegenwärtig ſind. Danach ſtellen wir folgende, uns von mehreren glaub⸗ würdigen Perſonen mitgetheilte Nachrichten über die letzten Tage Roderich's in einem Geſammtbilde zuſammen, zu welchem uns beſonders zwei, noch während der Ausarbei⸗ tung unſerer Erzählung faſt gleichzeitig verſtorbene Männer, der Eine aus dem reichen Schatz ſeiner eigenen Erinnerun⸗ gen, der Andere nach mündlichen Mittheilungen Helmroth's ſelber werthvolle Züge und Anhaltspunkte geliefert haben, die ſelbſt einem noch treueren hiſtoriſchen Charakterge⸗ mälde, als wir überhaupt zu geben unternommen haben, zu Statten kommen würden. — 270— Ganz kurze Zeit nachher, als in dem vertrauten Freun⸗ deskreiſe, welcher ſich die Erforſchung von Roderich's früheren Lebensumſtänden vorgeſetzt hatte, die uns bekannten Ereig⸗ niſſe den gegen den Prinzenerzieher gefaßten dunklen Ver⸗ dacht beſtätigten und die Ueberzeugung mehr und mehr Raum fand, daß auf der Vergangenheit des Gelehrten jedenfalls merkwürdige, von ihm ſelber mit größter Sorg⸗ falt geheimgehaltene Verhängniſſe ruhen möchten, tauchten plötzlich in der Reſidenz allerhand unheimliche Gerüchte über den Prinzenerzieher auf, von denen eigentlich Niemand wußte, von wem ſie ausgingen und wie viel oder wie wenig Glauben ſie verdienten. Bald ſollte ein durchreiſender Fremder von Diſtinktion an der Table d'hote des erſten Gaſthofs verdächtigende Aeußerungen über Roderich's Vergangenheit gethan haben; bald war ein anonymer Brief mit furchtbaren Enthüllun⸗ gen über die wahre Perſon des gefeierten Kanzelredners die Veranlaſſung dazu geweſen; bald hatte ein eingezogener Verbrecher in einem Nachbarſtaat vor Gericht ſchauerliche Bekenntniſſe über den hochgeſtellten Mann und ſeine frühe⸗ ren intimen Beziehungen zu demſelben abgelegt— genug, die Reſidenz war mit einmal voll von den abenteuerlichſten Geſchichten von dem ſo ſchnell zu Ruf und Bedeutung ge⸗ langten räthſelhaften Mann und ſeiner noch räthſelhafteren Vergangenheit. Kein Menſch glaubte zwar recht daran; aber dennoch wußte faſt Jeder eine andere Lesart, eine andere Erklärung für das große Ereigniß des Tages. Die Einen munkelten, Roderich ſei als relegirter Student, ein zweiter Salvator Roſa, in eine förmlich organiſirte Räuber⸗ bande eingetreten, welche in den unruhigen Kriegszeiten, in die ſeine Jugend fiel, im Elſaß gehaust habe; Andere wollten wiſſen, ſein eigentlicher Name figurire bereits ſeit mehreren Jahren in der von einem berühmten auswärtigen u Kriminaliſten nach aktenmäßigen Quellen verfaßten Mono⸗ graphie eines berüchtigten Poſtdiebs als deſſen Genoſſe und Helfershelfer; während dritte Perſonen— und gewiß nicht die am ſchlechteſten unterrichteten— aus ſicherer Quelle erfahren hatten, an all' dem Gerede ſei zwar kein wahres Wort, demungeachtet aber ſehe es um Roderich's Vergan⸗ genheit ſchlimm aus, noch ſchlimmer faſt als um ſeine— Gegenwart! Jedoch ſeien ganz andere Perſonen dabei zu berückſichtigen, vielmehr zu reſpektiren; und wer es nicht bloß mit ſich ſelber, ſondern auch mit Fürſt und Vaterland wohl meine, der gehe am beſten ſolchem Gerede weit aus dem Wege und enthalte ſich jeder öffentlichen oder privaten Aeußerungen über den myſteriöſen Fall. So ging die Fama der Reſidenz, bald lauter bald leiſer flüſternd, bald in loyaler bald in polizeiwidriger Geſtalt, von Haus zu Haus, und auf einmal beſann man ſich wieder zwiſchen athemloſer Spannung und ſprachloſer Be⸗ ſtürzung auf alle die verſchiedenartigen unheimlichen Ein⸗ drücke, die Der und Jener ſchon von Roderich's erſter Er⸗ ſcheinung empfangen hatte oder vielleicht auch noch nach⸗ träglich von ihm empfing.— Ganz zuletzt, und von den Meiſten in dieſem allgemeinen Wogen und Drängen der wunderbarſten und ſchauerlichſten Geſchichten ſchnell wieder als alltägliche und proſaiſche Erfindung über Bord gewor⸗ fen, tauchte noch ein weiteres Gerücht über Roderich auf, von dem ſich aber Niemand, der es nacherzählte, eine dra⸗ ſtiſche Wirkung auf Nerven und Einbildungskraft des Pub⸗ likums verſprach; wonach der ſo viel beſchrieene und be⸗ flüſterte Mann allerdings nicht der ſein ſollte, der er war — mithin ganz gewiß ein Anderer— aber leider doch nur ein Menſch von gewöhnlichem bürgerlichem Schickſals⸗ zuſchnitt: ein Pfarrersſohn aus der Pfalz, der in Folge eines ſchlimmen Studentenſtreichs von ganz abgeblaßtem — burſchiloſem Genre mit den Gerichten ſeiner Heimat in Konflilt gekommen, und mehr aus jugendlicher Unerfahren⸗ heit als aus wirklicher Noth landesflüchtig geworden ſei. Das einzig Merkwürdige an der ganzen Alltagsgeſchichte ſei der originelle Einfall, den er gehabt, daß er den gegen ihn erlaſſenen Steckbrief faſt umgehend mit der falſchen Nachricht von ſeinem in Holland erfolgten Tode beantwortete; während in der Wirllichkeit ein alter katholiſcher Weltprieſter in der Gegend von Bonn ſich des unglücklichen Jünglings angenommen habe, als Roderich in ſeiner Verzweiflung eben den Sprung in die Fluten des Rheines, wo dieſer am tieſſten, hätte wagen wollen.— Dieſer wahrhafte Sama⸗ riter habe, gerührt von ſeinem Unglück, zu dem Heile ſeiner Seelenrettung ſpäter auch noch die materielle Hülfe gefügt und den hochbegabten jungen Mann unter ſeinem eigenen Familiennamen als Adoptivſohn angenommen. Roderich habe, ſogar auf den ausdrücklichen Wunſch ſeines Wohl⸗ chäters, ſein unterbrochenes Studium der proteſtantiſchen Theologie an einer norddeutſchen Univerſität fortgeſetzt und in einem glänzend beſtandenen Staatsexamen ſo rühmliche Beweiſe ſeiner Kenntniſſe und Fähigkeiten abgelegt, daß er auf die Empfehlung berühmter Lehrer am Bonner Lyzeum als Nachmittagsprediger in eine kleine Reſidenz Mittel⸗ deutſchlands berufen worden ſei. Wie wir oben bemerkten, ſtimmte dieſe, wenn auch im⸗ merhin ungewöhnliche, doch noch lange nicht außerordent⸗ liche Lebensgeſchichte ſchlecht zu der romantiſchen Abenteurer⸗ rolle, die ihm das Reſidenzpublikum im Allgemeinen ſo gern zugetheilt hätte; wiewohl allerdings der ſteckbrieflich verfolgte ehemalige Student als intereſſanter Gegenſatz zu dem heutigen gefeierten Kanzelredner ſchon mehr nach dem Geſchmad der Leute war. Anders freilich lautete über letzteren Punkt das Urtheil — in jenen excluſiven Kreiſen, welchen Roderich in ſeiner Stellung als Prinzenerzieher trotz ſeiner bürgerlichen Her⸗ kunft zunächſt angehörte, in den Kreiſen des hohen Adels und der hoffähigen Geſellſchaft, in denen ein ſolcher Ein— dringling mit allerhand jakobiniſchen Hirngeſpinnſten von bürgerlicher Gleichheit, Volkswohlfahrt und Beſchränkung der Standesprivilegien im Kopfe, durchaus keine ange⸗ nehme Erſcheinung iſt.— Eine Kabale gegen einen ſolchen gefährlichen Neuerer anzuſpinnen und ihn wieder von Hofe zu entfernen, war darum auch hier nur eine Frage der Zeit, nicht der moraliſchen Erwägung. An kleinen Höfen weben bekanntlich die Kreuzſpinnen der Intrigue ihre größten Netze, und an einem freien ſelbſtbe⸗ wußten Charakter rächt ſich außerdem die kleinliche Malice, der gedemüthigte Geburtsſtolz und die in ihrem tiefſten Nichtsgefühl gekränkte Bedientennatur am liebſten. Auch Roderich ſollte dieß bald erfahren; denn welche Rückſichten hätte man überhaupt noch gegen einen Mann zu beobachten brauchen, dem alle Welt nachſagte, das Faktum, daß ihn einſtmals ein Steckbrief verfolgt habe, ſtehe ihm ja ganz deutlich in den Zügen geſchrieben; denn ſo und nicht anders könne überhaupt nur ein ſolches proſtribirtes Geſicht ausſehen— dieſes Antlitz ſei ſelbſt nur wieder ein verkörperter Steckbrief, und was der grauſamen und entſetzlichen Redensarten mehr waren, womit man ſich gegenſeitig zu dieſer neueſten Cauſe célsbre beglückwünſchte. Einzelne Hofdamen bekamen bei der ſchauerlichen Nach⸗ richt Nervenzufälle; der erſte Flügeladjutant litt an Leibesver⸗ ſtopfung und Milzſtechen, der Oberzeremonienmeiſter redete irrſinnig, und der Kammerherr von Ludow klagte über einen beſtändigen dumpfen Druck auf der linken Schläfe; dabei herrſchte trotz des ſtrengen Winters eine unerträgliche Ge⸗ witterſchwüle in der Hofatmoſphäre, die alle Bewegung Müller, O., Roderich. II. 18 ——— lähmte. An der Tafel ſah man nur lange, wie mit Per— gament überzogene Geſichter; die leckerſten Gerichte, die köſtlichſten Weine blieben unangerührt; man flüſterte nur mit gedämpften Stimmen, und ein unverſehenes Stuhlrücken, ein plötzliches Huſten oder Räuſpern machte alle Hoſchargen vor Schreck auffahren. Nach jenem Geſpräche mit dem Regierungsrath hatte ſich Roderich mehrere Tage lang vor Niemand als ſeinem Eleven und den wenigen, zu deſſen Dienſte gehörenden Per⸗ ſonen ſehen laſſen, korreſpondirte aber dafür noch lebhafter als ſonſt mit der Prinzeſſin, ſo daß dieſes beſtändige Ab⸗ und Zugehen der Hoflakaien von gewiſſen aufmerkſamen Per⸗ ſonen bald bemerkt wurde.— Es hieß, der Herr Informator ſeien unpaß und hüteten in Folge davon das Zimmer. Noch hatte er keine Ahnung von den über ihn und ſein vergangenes Leben in der Stadt und bei Hofe umgehenden verhängnißvollen Gerüchten; vielmehr muß er ſich, wie wir ſogleich ſehen werden, auch jetzt noch mit der Hoff⸗ nung geſchmeichelt haben, daß die über ſeinem Haupte ſtehende ſchwarze Gewitterwolke ihn nicht mehr an ſeinem jetzigen Aufenthaltsort erreichen werde; denn nur noch eine Nacht brauchte er hinter ſich zu haben, und der rettende Tag war da, der ihn für immer mit der Geliebten und dem Prinzen aus einer Stadt ſollte ſcheiden ſehen, in welcher er im Verläufe weniger Monate das ganze furcht⸗ bare Schickſal ſeines vergangenen Daſeins noch einmal hatte durchleben müſſen. Unbemerkt waren auch von ihm alle Vorkehrungen zur Abreiſe getroffen worden; nur der treue Kammerdiener war in das Geheimniß eingeweiht, in⸗ dem dieſer mit ihm und dem Prinzen unter dem Vorwand einer Schlittenfahrt Nachmittags die Stadt verlaſſen und letzterer erſt auf der nächſten Poſtſtation, wo zu gleicher Zeit die Prinzeſſin mit der Kammerfrau eintraf und zwei Wagen mit Pferden zur gemeinſamen Weiterreiſe nach Albert's Pfarrdorfe bereit ſtanden, erfahren ſollte, daß man nicht mehr in die Reſidenz zu den fürſtlichen Verwandten zurückkehren werde.— Alle Effekten, Bücher und Papiere, die man ſpäter nachkommen laſſen wollte, ſtanden bereits in verſchloſſenen Kiſten gepackt und mit dem Wappenſiegel und der Adreſſe der Prinzeſſin verſehen, in der hinterſten Kammer; nur das gewöhnliche Empfangzimmer zeigte noch die frühere Ordnung. War es jene Zuverſicht, welche die Nähe einer bevor⸗ ſtehenden entſcheidenden Lebenswendung zuweilen gerade ſolchen Perſonen einflößt, die ſonſt jeder noch ſo kleine Entſchluß große hypochondriſche Bedenken und Sorgen koſtet; oder lag dieſem Schritt eine tiefer berechnete Abſicht zu Grunde: genug, Roderich faßte den Vorſatz, am Tag vor ſeiner Abreiſe, die auch für die erlauchte Fürſtenfamilie ſo verhängnißvolle Folgen haben ſollte, ſich noch einmal zur gewohnten Nachmittagsaudienz bei dem regierenden Herrn einzufinden und ganz ſo unbefangen wie ſonſt mit dem trefflichen Fürſten ſeine Ideen über einzelne Fragen der Politik oder der Landesverwaltung auszutauſchen. Wir erinnern uns noch aus ſeinem letzten Geſpräch mit dem Oberjägermeiſter, daß ihn der Fürſt einige Zeit zuvor zum ſchriftlichen Entwurf einer Reform des Gefäng⸗ nißweſens aufgefordert hatte. Dieſe Aufgabe hatte Ro⸗ derich ſelbſt noch unter den Aufregungen und erſchüttern⸗ den Eindrücken der letzten Wochen eifrig beſchäftigt, und mit großer Klarheit und tief in das Weſen dieſer wichti⸗ gen Humanitätsfrage eindringender Verſtandesſchärfe hatte er dieſelbe zu löſen geſucht. Es war eine Meiſterprobe von philoſophiſcher und publiziſtiſcher Befähigung; eine Arbeit, die dem Kenner des Menſchenherzens ebenſo große — 276— Ehre machte, wie dem wiſſenſchaftlich gebildeten Praktiker; eine Fülle der ſcharfſinnigſten und eigenthümlichſten Gedan⸗ ken in ſtreng logiſcher Folgerung, die überall den Nerv dieſes für das Staatswohl ſo bedeutſamen Themas berührten. Wer ſeine Lebensſchickſale kannte, der mußte ſogleich in dieſen lichten geiſtvollen Ausführungen die tieferen perſön⸗ lichen Beziehungen herausfinden, in denen dieſes Werk zu ſeinem Urheber ſtand; ein Las Caſas im Kerker hätte nicht beredter und weiſer über das Weſen dieſer Strafart, über ihre heilſamen und unter Umſtänden ſo verderblichen Ein⸗ flüſſe auf das einzelne Individuum, wie auf die geſammte bürgerliche Geſellſchaft urtheilen können, als es hier geſchah; ſo daß Roderich, indem er dieſe Schrift in die Hand des erlauchten und humanen Fürſten niederlegte, nicht bloß der ſ leidenden und verirrten Menſchheit einen wahren Dienſt damit erwies, ſondern ſeiner Arbeit auch noch obendrein den Charakter eines Selbſtbekenntniſſes aufgeprägt hatte, das ſeine Jugendſchuld und deren tragiſche Folgen in ihrem wahren Lichte erſcheinen ließ. Dieſe Ueberzeugung von dem günſtigen Eindruck, wel⸗ chen ſeine Abhandlung auf den Fürſten machen werde; dazu die Hoffnung, daß ein Herz und ein Verſtand, die ſich den darin ausgeſprochenen Rechtsgrundſätzen und Lebensanſchauungen zuneigten, auch den Gang ſeiner eignen Schickſale und Vergehungen aus dieſem höheren Geſichts⸗ punkte richtiger und dann auch milder beurtheilen würden, bewogen Roderich zu dem Entſchluß, dieſe letzte Arbeit im Dienſte des gütigen Fürſten demſelben perſönlich zu über⸗ reichen. Er hatte ſich vorgenommen, ihm dabei einige Worte über ſeine ſo nahe perſönliche Beziehung zu dieſer Arbeit zu ſagen; er wollte dem Fürſten wenigſtens andeu⸗ ten, daß mehr als bloßes Nachdenken und Studium ihn zu dieſen Anſichten und Reformvorſchlägen geführt hätten, — 277— und daß gerade die bedeutendſten Ideen über Schuld, Strafe und Menſchenveredelung auf Erfahrungen und Ein⸗ drücken beruhten, die er ſelber in früheren Jahren an un⸗ mittelbarer Quelle geſammelt habe. In ſeinem gewöhnlichen dunklen Magiſterkleid, den kleinen runden Hut tief in die Stirne gedrückt und die ſchwarzlederne Kabinetsmappe mit dem Manuſkript unterm Arme, begab ſich Roderich gegen drei Uhr Nachmittags in das Schloß. Der Weg dahin führte ihn durch die belebteſte Straße der Reſidenz, es begegneten ihm daher viele Leute, die ihn kannten. Bald fielen ihm die verwunderten und neugierigen Blicke auf, womit ihn Dieſer und Jener be⸗ trachtete; er ſah, wie man ſogar ſtehen blieb um ihm nach— zublicken, während andere, im Geſpräche auf dem Trottoir zuſammenſtehende Perſonen bei ſeinem Anblick wie beſtürzt auseinanderwichen und ihn mit allen Zeichen des Staunens beim Vorübergehen anſahen. Während er ſonſt auf dieſem Gange von allen Begegnenden faſt ohne Ausnahme mit Ehrfurcht begrüßt wurde, griffen heute nur Einzelne flüchtig an die Hüte, wogegen die Meiſten, wie wenn ſie ihn nicht ſähen, ohne Gruß vorübergingen. Als er in den Schloßhof eintrat, ſtand gerade eine Gruppe von Offizieren und Hofbeamten dort beiſammen. Auch hier wandten ſich bei ſeinem Erſcheinen ſogleich alle Augen verwundert auf ihn; aber keiner der Herren erwie⸗ derte ſeinen Gruß, vielmehr glaubte er deutlich in einzelnen Mienen Spott und Schadenfreude zu leſen. Roderich warſ einen ſcheuen Blick hinauf nach den Fenſtern der Prinzeſſin: alle Gardinen waren geſchloſſen, nur am Fenſter des Schlafkabinets ſtanden zwei Damen, in denen er die Frau Landgräfin ſelber und die Oberhofmeiſterin erkannte. Von einer tiefen Angſt über alle dieſe ſeltſamen Wahrnehmun⸗ gen ergriffen, ſchritt er die äußere Hoſtreppe hinan; im —— — 278— inneren Raum ſtanden mehrere Lakaien und Hoffouriere; auch dieſe traten, ſobald ſie ſeiner anſichtig wurden, beſtürzt zurück, aber keiner grüßte wie ſonſt ehrfurchtsvoll den Freund und Vertrauten ihres fürſtlichen Gebieters; viel⸗ mehr folgten ihm auch hier nur ſtaunende Blicke, da er die Treppe nach den Gemächern des Herrn hinaufſtieg. Im Vorzimmer befanden ſich der Adjutant und der dienſtthuende Kammerherr. Als Roderich eintrat, machte er an der Thüre ſein gewohntes kurzes Kompliment, und ging dann raſch auf den Kammerherrn zu; aber wiewohl er ſich ſichtlich Gewalt anthat, um ſeine innere Bewegung zu beherrſchen, war doch ein leiſes Zittern der Stimme bemerk⸗ bar, da er ihn fragte, ob Seine hochfürſtliche Durchlaucht ſich allein in Ihrem Kabinet befänden, in welchem Falle er ihn zu melden bäte. Der Kammerherr ſah den Adju⸗ tanten zögernd an; dieſer, ein ſtattlicher Offizier, maß Roderich erſt mit einem befremdeten Blick vom Kopf bis zu den Füßen und ſagte dann mit ſchneidendem Hohne, indem er ihn ſcharf fixirte: „In welcher Eigenſchaft ſoll ich Sie Seiner Durchlaucht melden, mein Herr?“ „Wie, Herr von Schaumburg, kennen Sie meinen Namen und meine Stellung bei Hofe nicht?“ ſtotterte Ro⸗ derich auf's Aeußerſte verwirrt und wechſelte die Farbe. „Ihren Namen— wer weiß— aber Ihre Stellung bei Hofe— die kenne ich nicht,“ entgegnete der Adjutant trocken.„Es iſt der ausdrückliche Befehl Seiner Durch⸗ laucht, Sie nur dann zur Audienz zu melden, wenn Sie zuvor Ihren wahren Namen angeben würden. Denn * einen Doktor Roderich kennen Höchſtdieſelben ſeit ehegeſtern nicht mehr!“ „Ich folge nur dem Befehl Seiner Durchlaucht, indem ich eine in hohem Auftrage ausgearbeitete Schrift perſön⸗ — lich überreichen wollte,“ ſagte der Gelehrte mit tonloſer Stimme und fuhr ſich dabei mechaniſch mit der Hand über die Stirne, durch deren Poren ein kalter Schweiß hervor⸗ zudringen begann. „Bedauere, daß ich Sie dennoch nur unter dieſer Bedingung anmelden kann,“ entgegnete der Andere finſter. „Nun denn— in Gottesnamen— ſo muß ich mich in das Unabänderliche fügen!“ keuchte Roderich nach einer furchtbaren Pauſe wie vernichtet hervor.—„Ich gebe die mir befohlene Arbeit in Ihre Hände, mein Herr, und warte, bis Seine hochfürſtliche Durchlaucht geruhen werden, mich ſpäter zur Audienz zu befehlen.“ Der Adjutant lehnte jedoch das Manuſtript, welches ihm Jener bei dieſen Worten überreichen wollte, mit einer kurzen Handbewegung kalt ab und ſagte: „Seine Durchlaucht haben befohlen, daß Sie ſich in Allem, was Ihr früheres Verhältniß zum Hofe betrifft, an den Gouverneur des Prinzen Leberecht, Kapitän von Clau⸗ dius, wenden möchten.“ Roderich ſah ihn ſprachlos an; was in dieſem Moment in der Seele des unglücklichen Mannes vorging, wußte außer ihm nur Gott allein; denn wie von einem jähen Schlage gelähmt, ſtand die hohe hagere Geſtalt, das Haupt mit dem todtbleichen gramdurchfurchten Antlitz und den ſchwarzen Locken auf die Bruſt niedergeſenkt und den glühen⸗ den Flammenblick ſtarr auf den Boden geheftet, eine Weile regungslos vor den beiden Herren, die ihn erwartungsvoll anſahen. Dann machte er eine raſche heftige Bewegung, wobei ſich ein ſchwerer Seufzer der beklommenen Bruſt ent⸗ rang und ſeine Hände krampfhaft die Mappe zuſammen— tnickten, murmelte dumpf vor ſich hin:„O mein Lebe⸗ recht!“ und verließ mit wankenden Schritten das Zimmer. Draußen auf dem Korridor ſtand des Fürſten alter Kam⸗ —— merdiener; der ergriff den halbohnmächtigen, an ſeiner letzten Kraft gebrochenen Mann ſchweigend am Arm, führte ihn die Treppe hinunter und geleitete ihn dann auch noch, ohne ein einziges Wort zu ſprechen, aus dem Schloſſe bis an's Thor des Demann'ſchen Hauſes. Im Hofe kam ihm der Leibmedikus entgegen: „Mein Gott, wie konnten Sie aber auch wagen...!“ rief dieſer, betroffen über das gänzlich verſtörte Ausſehen ſeines Hausgenoſſen und führte ihn ſodann hinauf in ſeine Stube, wo Roderich ohne einen Laut auf das Sopha nie⸗ derfiel und mit beiden Händen ſein Antlitz bedeckte. Ein einziger Blick hatte ihm gleich bei ſeinem Eintritt Alles, was er ſchon wußte, zu einer noch furchtbareren Gewißheit gemacht: der Prinz war fort und ebenſo war das lebensgroße, in Hel gemalte Porträt der Prinzeſſin von der Stelle an der Wand verſchwunden, wo es ſeither neben dem des verſtorbenen Gemahls gehangen hatte. Der Leibmedikus trippelte unruhig und unentſchloſſen in der Stube auf und ab; bald ſtand er, mit den Fingern gegen die Scheibe trommelnd am Fenſter, bald mit ver⸗ ſchränkten Armen vor dem regungslos daſitzenden Roderich. Er huſtete, er räuſperte ſich; zuletzt, als Jener ſich durch⸗ aus nicht aus ſeiner Apathie herausreißen laſſen wollte, brach er das lange Schweigen und ſagte: „Ich bin weit davon entfernt, Ihnen in dieſer für Sie ſo ſchrecklichen Lage mit Tröſtungen und Rathſchlägen läſtig fallen zu wollen. Haben Sie aber irgend einen Wunſch, den ich Ihnen erfüllen kann, erfüllen darf, ſo ermächtigt mich die ausdrückliche Erlaubniß Seiner Durchlaucht dazu, Ihnen nützlich zu ſein.“ Da zuckte Roderich ſchreckhaft zuſammen, ließ die Hände langſam vom Antlitz niederſinken, blickte ſeinen Hauswirth eine Weile aus erloſchenen Augen ſtumm an und ſagte dann, während dunkle Glut und Leichenbläſſe abwechſelnd ſein Geſicht bedeckten, mit ſonderbar veränderter, zittern⸗ der Stimme: „Mir thut meine Bruſt entſetzlich wehe, Herr von Demann— aber dennoch habe ich einen andern Wunſch als Ihre ärztliche Hülfe— den Sie mir erfüllen können — erfüllen werden— wenn ich Sie beim allmächtigen Gott und ſeiner Barmherzigkeit darum beſchwöre. Sagen Sie mir, wo iſt der Prinz? Was macht die Prinzeſſin? Ich ſah vorhin alle Fenſter von Ihrer Durchlaucht Ge⸗ mächern mit Gardinen verhängt.“ „Sie fragen mich da mehr, Herr Roderich, als ich Ihnen in Ihrer jetzigen Stimmung des Weiteren beant⸗ worten kann,“ entgegnete der Leibmedikus zögernd.„Der Prinz iſt da, wo er von jetzt an allein noch hingehört, bei ſeinem fürſtlichen Herrn Vormund. Prinzeſſin Aurelie aber wird Sie in dieſem Leben nicht wiederſehen, was Ihnen genügen muß, um Sie den einzigen Entſchluß faſſen und raſch— raſch ausführen zu laſſen, der das ſchreckliche Verhängniß noch von unſerem edlen Fürſtenhauſe abwenden kann, welches Sie und Ihr unſeliges Geſtirn auf daſſelbe heraufbeſchworen haben. Wir ſprechen weiter darüber, wenn Sie ſich zuvor erholt haben werden— heute Abend. Denken Sie einſtweilen meinen Worten ſo ruhig und reiflich nach, als Ihnen möglich iſt, und ſollten Sie ſonſt Etwas bedürfen, ſo brauchen Sie nur die Schelle zu ziehen, meine Leute ſtehen zu Ihren Dienſten.“ Bevor er jedoch wegging, hob er erſt die Mappe vom Boden auf, welche Roderich hatte fallen laſſen, und legte dieſelbe auf den Schreibtiſch neben die alte Bebra'ſche Fa⸗ milienbibel. Noch einen langen forſchenden Blick warf er auf den in düſterem Brüten vor ſich hinſtarrenden todtbleichen Gelehrten, und verließ dann mit lautloſem Schritt das Zimmer. ————-———— — 282— Eben kam ein Herr in ſchlichtem blauen Oberrock von halb militäriſchem, halb bürgerlichem Zuſchnitt die Hof⸗ treppe herauf, den der Geheimerath erſt erkannte, da er ihm näher gegenüberſtand. „Wie? Seh' ich recht, Herr Rittmeiſter von Branden⸗ ſtein?“ rief Demann verwundert.—„Was verſchafft mir die Ehre dieſes ſo ſeltenen, lieben Beſuches?“ „Ich komme, ſcheint's, zu einer böſen Stunde in Ihr Haus, Herr Geheimerath,“ entgegnete der Angeredete mit dem Blick und Weſen eines Mannes, dem eine ſchwere Sorge das Herz belaſtet.—„Herr von Bebra folgt mir mit dem Regierungsrath Helmroth auf dem Fuße, und da ich von dieſen beiden Herren gehört habe, daß Sie bereits um Alles wiſſen, ſo brauche ich Ihnen auch kein Hehl aus dem Zweck meines Hierſeins zu machen. Ich bringe dem armen Herrn Roderich die Nachricht von dem geſtern Morgen unterm Frühgeläute erfolgten Ableben ſeines alten Vaters, bringe ihm deſſen bei vollem Bewußtſein ausgeſprochenen letzten Segenswunſch!“ Der Leibmedikus ſagte mit einer an dem ſonſt ſo talten Manne ganz ungewohnten Rührung: „Gebe nur Gott, daß dieſer Vaterſegen nicht zu ſpät für ihn kommt, mein lieber Herr von Brandenſtein! Aber treten Sie doch in's Zimmer— wie lange ſahen wir Sie nicht in der Reſidenz! Haben Sie ſchon die Fräulein Tochter im Schloſſe beſucht? Traurig, Herr Rittmeiſter, wenn ſchon man in ſo großer Jugend ſo ſchreckliche Erfah⸗ rungen an den Menſchen macht! Aber Fräulein Serena darf dafür auch, das weiß ich aus unſeres Fürſten eigenem Munde, auf die ewige Dankbarkeit unſerer hohen Herr⸗ ſchaften zählen; ihr Verhalten in dieſer unſeligen Geſchichte iſt wirklich über alles Lob erhaben geweſen!“ „Eine Lehre für's Leben, nicht mehr nicht weniger, — 283— Herr Geheimerath, die ihr, ſo Gott will, nicht verloren gehen wird,“ entgegnete der alte beſcheidene Militär, wäh⸗ rend ihn der Leibmedikus unter großer Artigkeit in ſeine Arbeitsſtube nöthigte. „Ja, ja, eine wahrhaft tragiſche Geſchichte, ganz wie für unſere Reſidenz zugeſchnitten!“ fuhr der Geheimerath, nachdem er Brandenſtein zum Sitzen genöthigt hatte, leb⸗ haft erregt fort.—„Unter uns geſagt, es hat heute Morgen drüben im Schloſſe ſchon furchtbare Szenen gegeben. Die Prinzeſſin iſt außer ſich vor Jammer und Verzweiflung über die Entdeckung ihres Fluchtplanes und wer weiß, über was ſonſt! Aber unſeres fürſtlichen Herrn Wille ſteht feſt und den erſchüttert im Punkt der unantaſtbaren Hoheit ſeines Hauſes keine Macht der Erde. Die Prinzeſſin wird und muß ſich in das Unabänderliche finden— ebenſo wie Der droben!“ fügte er mit einem heftigen Ruck auf dem Stuhle hinzu.„Denn einen Steckbrief kann weder eine Prin⸗ zeſſin noch eine Bürgerstochter ihrem Liebhaber vergeben!“ „Führen Sie mich zu Herrn Roderich, wenn ich bitten darf,“ ſagte Brandenſtein dringend.—„Das Schickſal, welches ihn verfolgt, iſt ein ſo außerordentliches, daß ihm gewiß jetzt, wo Alles auf ihn einſtürmt, der Segen ſeines alten Vaters zur guten Stunde kommt.“ „Darf nicht, darf nicht, mein Beſter!“ entgegnete der Leibmedikus abwehrend und verlegen.—„Einmal iſt ſein Gemüthszuſtand ein ſo deſolater, daß ihm dieſe Nachricht möglicherweiſe den Tod geben könnte; und zum Andern iſt es der ſtrenge Befehl Seiner hochfürſtlichen Durchlaucht, daß ich Niemand zu ihm laſſe. Wie ernſtlich es aber dem Fürſten mit dieſem ſeinem allerhöchſten Willen gemeint iſt, mögen Sie daraus entnehmen, daß drüben im Bedienten⸗ zimmer drei in Zivil gekleidete Gardiſten die ſtrengſten Ordres haben, Niemand die Treppe hinaufzulaſſen.“ — 284— „Mein armer alter Pfarrer!“ rief Brandenſtein erſchüt⸗ tert.—„Er hätte keine Ruhe im Grabe, wenn es mir nicht gelänge, dem unglücklichen Sohn ſeinen letzten Segen münd⸗ lich zu überbringen! O Herr Geheimerath, wenn es Ihnen daher irgend möglich iſt, ſo machen Sie bei mir eine Aus⸗ nahme; der Fürſt ſelber würde gewiß gnädig d'rüber hin⸗ wegſehen, erführe er die Urſache davon.“ „Hätten Sie den erlauchten Herrn heute morgen ge⸗ ſehen, wie ich ihn ſah, Sie würden anders urtheilen, lieber Brandenſtein,“ entgegnete der Leibmedikus mit großer Be⸗ ſtimmtheit.—„Und daß Roderich ſogar ſpäter noch in einer unbegreiflichen Verblendung um eine Audienz nach⸗ ſuchte, das hat gewiß dem Faß vollends den Boden aus⸗ geſchlagen!“ Hier wurde das Geſpräch durch die Ankunft Bebra's und des Regierungsraths unterbrochen; beide Herren kamen direkt aus dem Schloſſe von dem Regenten, und die Nach⸗ — richt, welche ſie überbrachten, war eben ſo außerordentlich wie der Fall, um den es ſich hier handelte. Dieß verrieth auch die große Aufregung, in welcher ſich Beide befanden. Roderich ſollte nämlich, ſo lautete des Fürſten neueſte Entſchließung, punkt eilf Uhr in der Nacht von Helmroth und drei Gardiſten in einer verſchloſſenen Chaiſe in den deutſchen Nachbarſtaat gebracht und dort ſofort auf freien Fuß geſetzt werden; außerdem ſollten ihm ſeine ſämmtlichen Effekten nach einer, durch einen beſonders hierzu ernannten Hofkommiſſär vorgenommenen genauen Unterſuchung, dahin nachgeſchickt werden. Was aber das Merkwürdigſte an dieſer unerwartet milden Sinnesänderung des Regenten war, das erfuhren Brandenſtein und der Leibmedikus erſt nach dieſer Mittheilung. Die Nachricht von dem Tode des alten Vaters Roderich's hatte auf den Fürſten einen ſo tiefen Eindruck gemacht, daß er nach kurzem Nachſinnen — 285— erklärte, in ein ſolches Verhängniß, worin die ewige Vor⸗ ſehung ſo ſichtbar walte, dürfe der Menſch ſeine Hand nicht miſchen; darum ſolle Roderich im Frieden von dannen ziehen und ſein ehemaliger fürſtlicher Gönner wolle ſogar noch ſeinen perſönlichen Einfluß bei dem befreundeten Nach⸗ barhofe geltend machen, damit nicht nur ſein unglücklicher Jugendprozeß niedergeſchlagen, ſondern ihm auch die durch den Tod des Vaters erledigte Pfarre am Neckar zu Theil werde. „Das iſt mehr als Fürſtengröße— das iſt Menſchen⸗ größe!“ rief der Rittmeiſter und ſank erſchüttert in des Freiherrn Arme.—„O lieber Bebra, nun bin ich auch um meines Kindes Loos nicht weiter mehr beſorgt; denn ein ſo edelmüthiger Herr kann ein unſchuldiges Mädchen, das allein ſeiner Herzenseingebung folgte, nicht ungerecht verdammen!“ „Im Gegentheil, mein verehrter Freund,“ verſetzte Helmroth, mit Wärme ſeine Hand ergreifend;„Seine Durchlaucht erklärte uns vorhin ausdrücklich, Ihre Tochter habe ſich in dieſer entſetzlichen Geſchichte, bei welcher das Glück, der Frieden, ja die Ehre des erlauchten Hauſes nahezu auf dem Spiele ſtanden, der Liebe und Dankbar⸗ keit aller dabei betheiligten Perſonen auf's Höchſte würdig gemacht. Der Fürſt entläßt Fräulein Serena zwar, wie es auch nicht anders der Fall ſein kann und wie ſie ſel⸗ ber es ausdrücklich wünſcht, ihres Dienſtes bei der Prin⸗ zeſſin; aber zum Danke für ihre ſo ſeltene Hingebung an die Perſon der armen erlauchten Dame, und für den in ſo außerordentlicher Lebenslage bewieſenen hohen Muth, hat er ihr und ihrem trefflichen Vater eine Freude zugedacht, die Sie Beide über Seine fernere gnädigſte Geſin⸗ nung nicht länger im Zweifel laſſen wird. Noch heute ſollen nämlich drei Hauptmannspatente ausgefertigt werden und morgen mit Eſtafette nach Inſterburg zu unſerem Truppen⸗ —.———————— — 286— korps abgehen, das ſich eben dort wieder zu ſammeln beginnt. Drei junge Helden haben, neueſter Meldung des kommandirenden Generals zufolge, die Fahne ihres Regi⸗ mentes unter beiſpielloſen Gefahren glücklich und wohlbe⸗ halten über den Niemen gebracht; ihre Namen ſind zwar noch Geheimniß, aber Das dürfen wir ungeſcheut wieder⸗ holen, was der Fürſt uns mit einem trüben Lächeln beim Abſchied ſagte: So Viel, als die Fahne, gelte ihm der Dienſt, den die kleine Soubiron Ihm und der armen Prin⸗ zeſſin in dieſer andern ſchrecklichen Kampagne geleiſtet habe.“ „O meine Kinder, das hat eure Mutter um euch ver⸗ dient!“ rief Brandenſtein, und Thränen der freudigſten Rührung glänzten ihm in den grauen Wimpern.„Nur noch eine ſchwere Prüfung— der arme Herr Roderich— und dann fort— fort zu meiner guten Settel!“ Er wußte noch nicht einmal, was er mit dem Ausruf „der arme Herr Roderich!“ eigentlich geſagt hatte; denn jedenfalls war es anders von ihm gemeint geweſen, als es nach dem Willen und der Abſicht einer höheren uner⸗ forſchlichen Macht in den trüben Sternen dieſes unglück⸗ lichen Lebens geſchrieben ſtand. Der Geheimerath war bei ſchon einbrechender Däm⸗ merung hinaufgegangen, um Roderich auf den Beſuch des alten treubewährten Freundes ſeines Vaters vorzuberei⸗ ten; er kam jedoch unerwartet ſchnell wieder zurück, tau⸗ melte faſt mehr als er ging in das Zimmer und ſtammelte, auf einen Stuhl niederfallend: „O Gott— ich glaube— der Informator hat uns alle noch einmal myſtifizirt!“ „Iſt er fort?“ rief Helmroth erſchrocken. „Fort und doch da!“ entgegnete der Leibmedikus ganz außer Faſſung.„Er ſitzt oben in der Sophaecke, rechts am Fenſter— die Hände vor dem Geſicht, ganz ſo — 28— wie ich ihn vorhin verlaſſen hatte— aber in der ſchon dunkeln Stube kam es mir vor— als ſei er doch ein Anderer— o ich bin wirklich zum erſten Mal in meinem Leben vor einem Menſchen erſchrocken, der— möglicher⸗ weiſe nicht mehr das iſt, was er war!“ „Todt!“ riefen Bebra, Helmroth und der Rittmeiſter wie aus einem Munde und ſprangen beſtürzt von ihren Sitzen auf. „ „Er regt ſich nicht, ſitzt da wie ein römiſcher Prätor auf dem Forum— ſeine Hände ſind eiskalt— ſein Puls ſchlägt nicht mehr!“ brachte der Geheimerath athemlos ſtot⸗ ternd heraus.„Aber zum Kukuk! Ich ſſoll doch wiſſen, was Entſetzliches in meinem Hauſe vorgeht!“ Mit dieſem heftigen Ausruf ſprang er vom Stuhle auf und rief durch die Thüre dem Diener nach Licht. Er nahm es demſelben haſtig aus der Hand und ging feſten Schrittes die Treppe hinauf; ihm folgten die drei Herren. Beim Ein⸗ tritt in die Stube des Prinzenerziehers ſaß dieſer ganz in der Stellung, wie der Geheimerath ſie beſchrieben hatte, in der Sophaecke, beide Hände feſt vor dem Antlitz, wie es wohl ein Menſch zu thun pflegt, dem plötzlich ein allzu⸗ heller Schein die Augen blendet. Daß es aber wirklich ein ſolches Licht geweſen ſein muß, was er geſchaut hat, das zeigten, als ihm der Geheime⸗ rath die eine, und Helmroth die andere Hand ſanft vom Geſicht hinwegzogen, die im Tode gebrochenen Augen, zeigte ein in ſchmerzloſem ſchnellen Sterben verklärtes Antlitz init freundlichen Zügen und einem ungemein ſtolzen triumphi⸗ renden Lächeln um die feſtgeſchloſſenen ſchmalen Lippen. So war Roderich, wie es ja auch ſein ihm noch immer gnädig geſinnter Fürſt gewünſcht hatte„in Frieden von dannen gezogen“. Der Segen des alten Vaters hatte ihn auch ohne Brandenſtein's treugemeinte Vermittlung erreicht, — 288— nur noch ein Räthſel blieb von ſeinem Leben in der Welt zurück, wozu er wohl ſelber durch einige kurz vor ſeinem Ende geſchriebene Worte die nächſte Veranlaſſung gegeben hatte. Auf dem vorderſten Blatt der alten Bebraſſchen Familienbibel, welche offen auf dem Schreibtiſche lag, fand man in noch friſcher Tintenſpur dieſe von ſeiner Hand ge⸗ ſchriebenen Worte, welche allerdings geeignet waren, über die Art ſeines plötzlichen Todes den nämlichen räthſelhaften Schleier zu breiten, der ſo lange über ſeinem ganzen Leben geruht hatte. War es der Widerſpruch, in dem dieſe heroiſchen Worte zu ſeinem ſo häufig gezeigten unentſchloſſenen und zaghaf⸗ ten Weſen ſtanden, in welchem ſogar Manche wieder nur eine künſtlich auf den Eindruck von Gelehrtenſchüchternheit und Weltunkenntniß angelegte berechnete Haltung erblicken wollten; oder war es die ſo naheliegende Vermuthung, daß Einer, der ſo ſtirbt, ſehr wohl weiß, was er ſeinem Ge⸗ dächtniß bei Mit⸗ und Nachwelt ſchuldig iſt: genug, es wollen Manche noch bis zum heutigen Tag nicht an eine natürliche Todesart bei ihm glauben; und die unſäglichen Schmerzen in der Bruſt, über die Roderich noch kurz zuvor bei dem fürſtlichen Leibmedikus klagte, haben ſpäter zu den ſeltſamſten Gerüchten Veranlaſſung gegeben. Sein Reiſeſpruch in's dunkle Jenſeits lautete mit den Worten des unglücklichen Dichters Günther: „Laß den Jammer— er bethört! Geh' am Sicherſten und glaube Deines Weſens Ewigkeit!“ er Welt ſeinem gegeben raſchen g, fund and ge⸗ n, über thaften nLeben Worte zaghaf⸗ et ternheit erblicen ng doß en Ge⸗ ug, e5 an eine äglichen zor iter zu nit den icherten * — „ „ „ — —— — ——— ol Chart Sreen Nellow Bed Magenta Srey 3 Srey 4