2 Lriyviivchet 3 deutſcher, engliſcher d franzs ſiſcher Sii 3 Gduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. S 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliot ek ſteht hr Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von ergen 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe kinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ir b Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— 3 1 Monat:* M.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. W.— f „ Auswürtige Aonnenten haben für Hin.“ und Zurtuſen endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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In der Nähe des Schloſſes Oedenburg lag noch zur Zeit des dreißigjährigen Krieges ein großes bevölkertes Dorf, deſſen Name zwar längſt aus dem Gedächtniß der Menſchen verſchwunden iſt, von deſſen Eriſtenz aber mehr als eine Kunde bis auf unſere Zeit ſich erhalten hat, abgeſehen davon, daß ſelbſt die Spuren eines ehemaligen Grabens und hier und da auch Ueberreſte von Mauerwerk in dem Boden noch zu entdecken ſind. Die Gegend, wo jenes Dorf lag, heißt heut zu Tage die„Steinhaide,“ wohl ſo benannt, weil die Haide dort an mehren Stellen mit vielen einzeln zerſtreuten, theils kleineren, theils größe⸗ ren Felsblöcken bedeckt und das Land, welches einſt ſehr fruchtbar geweſen ſein ſoll, jetzt kaum noch einer Cultur fähig iſt. Es macht einen eig⸗ nen Eindruck wenn man plötzlich aus den herr⸗ lichen üppigen Waldungen in dieſes einſame Hai⸗ deland tritt, das mit ſeinen grauen Steinen und den ſeltſamen Bildungen ihrer weißen Moosflech⸗ ten, aus der Ferne betrachtet, den Anblick eines großen verödeten Kirchhofs bietet, wo nur hier und da eine einzelne verkrüppelte Tanne, die kaum den Namen Baum verdient, dem Auge eine Ab⸗ wechslung gewährt und ſelbſt der Heidelbeerſtrauch und der Wachholder kein rechtes Gedeihen mehr finden wollen. Die ganze Steinhaide, die im Um⸗ kreis wohl dreiviertel Stunden beträgt, iſt faſt rings von Wäldern eingeſchloſſen; ohngefähr in der Mitte erhebt ſich eine felſige Anhöhe mit drei alten gewaltigen Eichbäumen, welche errathen laſ⸗ ſen, daß einſt dieſe ganze Gegend mit Wald be⸗ deckt war. Der Anblick dieſer vereinſamten ſtatt⸗ lichen Bäume macht in der traurigen Verödung und inmitten der übrigen armſeligen Vegetation einen doppelt erquickenden Eindruck, und oft ſchon lenkte ich meine Schritte dieſer Baumgruppe zu, in deren Schatten ich jüngſt einen Menſchen ra⸗ ſten ſah, der auf einem großen Felsſtück ſaß und mit dem Rücken wider einen Eichſtamm lehnte. Als ich näher kam, erkannte ich in ihm einen alten Bauer mit eisgrauem Haar und ehrwür⸗ digem Antlitz. Er ſah mich ruhig lächelnd, beide Hände auf ſeinen langen Stab geſtützt, den Hügel heraufkommen und rief mir freundlich den üb⸗ lichen Abendgruß unſerer Landleute entgegen. Ich erwiederte denſelben und ſetzte mich ermüdet auf dem nächſten Felſen nieder. Als ich ihn nach ſeinem Wohnort fragte, nannte er ein nahgele⸗ genes Walddorf und erzählte mir dann in un⸗ ſerem Bauerndialekt, wie der Sitz unter den drei Haide⸗Eichen ſchon von Jugend auf ſein Lieb⸗ lingsplatz geweſen ſey und er, ſeitdem er alt und arbeitsunfähig geworden, häufig hierher komme, wo es ringsum ſo ſtille und einſam ausſchaue und man noch einmal ſo fromm und inbrünſtig ſein Abendgebet verrichten könne. „O lieber Herr,“ fuhr dann der Greis mit gerührter Stimme fort;„hier iſt's wunderbar ſchön und heimlich für Einen, der wie ich mit zweiundneunzig Jahren herkommt und ſich be⸗ ſinnt, was einſt auf dieſem Platze ſich ergeben hat. Das ſollten Sie wiſſen, wie ich es weiß und die drei alten Bäume da, Sie würden dann ſicherlich auch öfter hierher kommen und die dürre Haide dann mit andern Augen anſehen. Ich fragte ihn nach dem näheren Sinn ſeiner Rede, obwohl ich ſchon errieth, daß er damit auf das Dorf anſpielte, welches einſt auf dieſer Stelle geſtanden haben ſoll. Er beſtätigte mir dieſe Ver⸗ muthung, indem er ſagte: „Da wächſt ringsherum, wie Sie allenthal⸗ ben ſehen, im dürren Erdreich ein geringes Blüm⸗ chen, ganz unſcheinbar und armſelig, wenn man's mit andern ſtattlichen Blumen unſerer Wälder und Wieſen vergleicht. Der ganze Boden iſt da⸗ mit bedeckt, und bald, wenn's zur Herbſtzeit in die Blüthe kommt und der ſonnige Abendſchein dann ſo recht blutroth und prächtig drauf fällt, iſt die Haide über und über ein einziger Flam⸗ menglanz und ſchon tief im Walde ſieht man zwiſchen den Bäumen hindurch ihr Leuchten und Funkeln, als brenne ein ganzes Dorf, was denn die Leute von Altersher das Schwedenfeuer nen⸗ nen; obwohl es doch im Grunde bloß von der kleinen Marillisblume herrührt, wie der jünge Herr in wenig Monden ſelber ſehen kann. Hier aber, unter den drei Eichen, hat mir's oft als kleines Kind die Urahne erzählt, was die Ma⸗ rillisblume bedeutet und von wem ſich der ſanfte Name herſchreibt. Will's der Herr von einem geringen Bauer erzählt bekommen, ſo kann's ge⸗ ſchehen, denn bis die Nacht vollends hereinbricht, ſt meine Geſchichte längſt zu Ende. Aber wahr — ——— muß ſie ſeyn, denn die alte Urahne hat betheu⸗ ert, daß es alſo geſchehen zur Zeit, da der Schwed' im Lande hauſ'te und die Peſt dazu die Menſchen⸗ mit Tod und Trübſal heimſuchte.“ Den nun folgenden Mittheilungen des ehr⸗ würdigen Landmannes verdanke ich die ebenſo rührende als romantiſche Geſchiche von dem„un⸗ ſichtbaren Bräutigam“, die ſich in dem Munde des Volkes von Geſchlecht zu Geſchlecht bis auf unſere Tage fortgeflanzt zu haben ſcheint. Im Jahre 1624 lag auf der jetzigen Stein⸗ haide ein großes reiches Dorf, das den Namen Dreieichen führte. Denn ſchon damals ſtanden die obenerwähnten drei Bäume auf dem Hügel am ſüdlichen Ende dieſes Dorfes und in der Nähe des alten, ganz aus Stein ausgeführten Hauſes, des größten im Orte, welches damals ein reicher Großbauer mit Namen Merian be⸗ wohnte. Derſelbe, ſchon ſeit vielen Jahren Witt⸗ wer, beſaß nur ein einziges Kind, aber in dieſem zugleich auch die Krone aller Schönheit und Lieb⸗ lichkeit, ſo daß der Name Marillis in der ganzen Gegend faſt noch mehr bekannt war, als der Reichthum ihres Vaters. Deſſen ungeachtet wollte kein Menſch den — alten Merian wirklich glücklich preiſen und den immer düſteren, verſchloſſenen Mann, der mit Niemanden Freundſchaft hielt und ſich ſogar oft recht feindlich und hartherzig zeigte, um ſeinen Reichthum beneiden. Man ſah ihn niemals lä⸗ cheln und abſichtlich ſchien er jede Gemeinſchaft mit den übrigen Dorfbewohnern zu meiden, ja ſo⸗ gar zu fürchten. Er lebte Jahr und Tag hindurch für ſich allein, behandelte ſein Geſinde äußerſt rauh und kannte kein Erbarmen gegen die Ar⸗ muth. Kein Biſſen Brod fiel dem Hungernden von ſeinem Tiſche ab; und wie ihn ſelber der Segen des Himmels niemals heiter und zufrieden machte, ſo gönnte er auch keinem andern Menſchen einen Antheil an dieſem Segen und häufte nur immer Schätze auf Schätze, die ihm mehrere große, wilde Hunde Tag und Nacht bewachen mußten. War aber der Alte wegen ſeines rauhen Sin⸗ nes und ſeines herzloſen Geizes weit und breit berüchtigt, ſo hatte dafür Marillis aller Herzen Liebe und Zutrauen für ſich, denn ſo mild und mitleidig, wie ſie, gab's keine zweite Seele mehr auf Erden, ſo daß man ſie in Wahrheit den Engel nennen durfte, der ſchon auf Erden die Schuld — — tilgte, welche ihr rauher Vater gegen ſeine Mit⸗ menſchen übte. Mehr indeſſen noch, als dieſer Contraſt zwi⸗ ſchen ihr und dem Vater, war es die allen Leu⸗ ten bekannte wunderbare Geſchichte, die ſich ohn⸗ gefähr ein Jahr zuvor mit Marillis begeben und die ihr ſeitdem bei vielen Leuten einen noch be— deutſameren Ruf verſchafft hatte, als ſie bereits durch ihre Schönheit und ihr ſanftes Gemüth erworben. Im Dorfe nämlich hielt man ſie faſt allgemein für eine mit höheren Seelenkräften be⸗ gabte Jungfrau und erzählte ſich die Begeben⸗ heit, wie ſie zu dieſem prophetiſchen Geiſte ge⸗ kommen, als ein unleugbares und ſelbſt von ein⸗ zelnen Perſonen miterlebtes Factum, an dem nur noch ein gottloſer Sinn und ein verſtocktes Ge⸗ müth zweifeln konnten. Damit aber hatte es folgende Bewandniß: Kein Menſch ahnte noch etwas, als Ma⸗ rillis ſelbſt bald zu dieſer, bald zu jener ihrer vertrauteren Geſpielinnen im Dorf in allerhand unverſtändlichen Reden Andeutungen gab, die auf ein wichtiges Geheimniß ſchließen ließen, ſo daß ihre Freundinnen, welche das Ganze An⸗ fangs für Scherz hielten, endlich eine verborgene — — Liebſchaft dahinter vermutheten und ſie häufig damit neckten. Dennoch wußte keine von ihnen, welcher Mann ſo glücklich geweſen war, das Herz der ſchönen Marillis zu gewinnen, da auch nicht Einer der jungen Burſche im Dorfe ſich rühmen durfte, von ihr bevorzugt zu werden und man ebenſowenig an ihr eine beſondere Vorliebe für Dieſen oder Jenen bemerkte, ſo Viele ſich auch um ihre Gunſt bemühten und um einen freundlichen Blick buhlten. Sogar war es bald deutlich zu erkennen, daß Marillis, je mehr in ihr das kindliche Weſen dem Liebreiz der Jung⸗ frau wich, eine auffallende Scheu gegen Män⸗ ner hegte und es ganz beſonders übel empfand, wenn Einer ihr mehr Aufmerkſamkeit erzeigte, als den andern Mädchen, mochte die ihr gezollte Huldigung auch noch ſo aufrichtig gemeint ſeyn. Ihr Ohr wie ihr Herz blieben dem Schmeichel⸗ laut der Liebe jederzeit verſchloſſen, und auf das Beſtimmteſte wies ſie alle Bewerbungen der an⸗ geſehenſten und ſchönſten Jünglinge zurück, ſo daß bald keiner mehr den Muth hatte, mehr von ihr zu hoffen, als ſtilles Herzeleid und verzehrenden Liebesgram. Denn Manchem that ſie es an mit dem Zauber ihrer tiefen Augen und Mancher — 13— ſuchte ſich vergebens den Gedanken an die holde ſpröde Marillis und ihr kaltes Verſchmähen aus dem Sinn zu ſchlagen. Da, wie oben bemerkt, fingen die Freundin⸗ nen endlich an, aus einzelnen dunkeln Aeuße⸗ rungen den Verdacht zu ſchöpfen, es möge denn doch mit ihrer Sprödigkeit nicht ſo ernſthaft ge⸗ meint ſein; und bald mußte ſie ſelbſt es einge⸗ ſtehen, daß Einer— aber nur Einer— von dem ſie nicht wiſſe, ob ſie jemals ihn ſchauen werde, ihr das Herz gerührt und die Seele da⸗ hingenommen habe, ſo daß ſie ſich ihm zu eigen ergeben müſſe, unter welcher Geſtalt er auch immer ihr erſcheinen möge. Staunend lauſchten alle, die dieſes ſeltſame Bekenntniß aus ihrem Munde vernahmen, und manches Herz erſchrack vor dem ſicheren innigen Tone und dem ſeelenvollen ſchwärmeriſchen Blick, mit welchem Marillis es ablegte. Aber wo wäre je ein halbes Geheimniß, zumal es als ſolches uns ſelbſt noch mehr drückt und drängt als ein ganzes, vor der Welt Augen ſicher geblieben Und ſo mußte denn auch Marillis endlich ihren beiden vertrauteſten Freundinnen ein volles Ge⸗ ſtändniß ihrer geheimen Neigung ablegen. Da erzählte ſie ihnen denn eine ſo abenteuerliche und grauſenhaft klingende Geſchichte vom ſingen⸗ den Stein und vom Liede unter der Erde, dort auf dem felſigen Hügel, wo die drei Eichen ſtan⸗ den, daß den Mädchen im erſten Augenblick der Gedanke kam, die Freundin rede irre oder lüge ihnen wohl gar ein Märchen vor, um ſie für ihre Neugierde zu ſtrafen. Dennoch gelobten ſie mit einem theuren Eid, den ſie auch treulichſt hielten, der Marillis unverbrüchliches Schweigen und folgten ihr dann gegen Abend zu dem Hü⸗ gel vor's Dorf unter die drei Bäume, wo ſie ſich auf das Geheiß ihrer Führerin ruhig ver⸗ hielten, bis die Sonne durch's Laub auf den Felſen fallen werde, den ſie ihnen als den ſin⸗ genden Stein bezeichnete. Es war der größte von allen, die den Hügel bedeckten; damals umrankte 3 ihn noch, wie die übrigen Steine, grüner Epheu, während im Geklüft zur Seite ein mächtiger dichter Brombeerſtrauch ſich ausbreitete und mit anderm Strauchwerk den nördlichen Theil des Hügels in eine undurchdringliche Wildniß um⸗ ſchuf, dahingegen nach dem Dorfe hin ein be⸗ quemer Pfad auf glattem Raſen zu den Eichen hinanführte. „Hört Ihr's!“ rief plötzlich Marillis mit leuchtenden Augen; und wirklich vernahmen in demſelben Augenblick beide Mädchen zu ihrem Schrecken den Geſang einer überaus wohltönen⸗ den männlichen Stimme, die ein unbekanntes Lied in einer fremden Sprache ſang, welches die Klänge eines Inſtrumentes begleiteten, das ſie nie zuvor gehört hatten. Der Geſang kam in der That aus dem Felſen dicht vor ihnen, den eben jetzt die letzten Strahlen der Abendſonne magiſch überglänzten; mitten aus dem dichten Brombeerſtrauch heraus tönte die ſchauerliche me⸗ lancholiſche Weiſe des fremden Liedes und den⸗ noch ſchien der unſichtbare Sänger deſſelben ei⸗ nigemal wieder ſo weit von ihnen entfernt, daß die Zuhörerinnen bald über den Hügel hinaus ſtaunend thalwärts ſchauten, bald wieder mit ſcheuen Blicken den Brombeerſtrauch anſtarrten, worin doch unmöglich ein Menſch verſteckt ſein konnte, obwohl ſie zuletzt nicht länger zweifelten, daß der zauberhafte Geſang wirklich aus den dichteſten Dornenhecken hervorkam, deren tauſend und abertauſend grüne Beeren ſich bereits zu färben begannen. Marillis lächelte über die bleiche Angſt ihrer — — Gefährtinnen, die mehr todt als lebendig daſtan⸗ den und noch immer auf die Stelle ſtarrten, als daſelbſt ſchon lange der Geſang verſtummt war und bereits der Nachtfalter um die Dornhecken flatterte. „Nun habt Ihr's gehört, werdet mich nicht mehr, wie ſeither, auslachen, aber auch nicht das Geheimniß an die Andern verrathen,“ ſagte Marillis, die Hände der Freundinnen erfaſſend. „Als ich den wunderbaren Geſang zum Erſten⸗ mal belauſchte, da ergriff mich derſelbe namen⸗ loſe Schrecken, wie jetzt Euch, und weil ich mutterſelig allein war, lief ich ſchon nach den erſten Lauten davon, ſteckte meinen Kopf in die Bettkiſſen und wußte mir vor Angſt nicht zu helfen. Aber doch konnte ich es nicht verwinden und ſchon am folgenden Abend zog es mich wie⸗ der hierher, als hätten mir's die Bäume und die kalten Felſen und die Dornbüſche angethan, zumeiſt aber doch der wunderbare traurige Ge⸗ ſang da drinnen im Felſen. Ich lauſchte angſt⸗ voll, nahm mir aber vor, diesmal nicht wieder davon zu laufen, ſollte es mich auch gleich das Leben koſten. Endlich fing der Geſang an, faſt ſank ich vor Angſt noch mehr als vor Rührung auf die Kniee, aber doch hatte ich ſchon einigen Troſt bekommen, denn, dacht' ich, wer ſo ſchön und wehmuthsvoll ſingt, der thut mir kein Leid, der bedarf wohl ſelber der Tröſtung. Seitdem bin ich jeden Abend hier und weiß ſchon lange nichts mehr von Furcht und Grauen, wenn der Fels zu ſingen anfängt; denn anders iſt es ja doch nicht,“ fügte ſie mit bewegter Stimme hin⸗ zu und blickte trübe auf den kalten harten Stein, der ſo ſüße weiche Melodieen in ſeinem Innern verbarg. In dieſem Augenblick trat ihr Vater aus dem Hauſe und rief ihren Namen. Da ſie ihm ſogleich antwortete, kam er den Hügel herauf, der zu ſeiner Beſitzung gehörte, denn noch nie zuvor hatte er ſie daſelbſt in Geſellſchaft anderer Mädchen geſehen. „Was ſchafft ihr da?“ fragte er und deutlich war ein Argwohn im Blicke zu leſen, womit er die beiden Gefährtinnen ſeines Kindes betrachtete. Die Mädchen verſtummten, denn ſie, wie alle Menſchen, hatten eine Scheu vor dem finſtern Mann. Marillis aber ſagte unbefangen: „War's gegen Deinen Willen, daß wir hier⸗ Die Mediatiſirten M. 2 her kamen, ſo vergib mir; aber es iſt auf dem Hügel ſo ſchön unter den drei Eichbäumen, da wollt' ich ihnen gerne einmal meinen Lieblings⸗ platz zeigen.“ „Du mußt in die Küche und die Abendmahl⸗ zeit zurichten,“ erwiederte der Alte.„Wir haben heute Abend Gäſte. Der Muller aus der Wald⸗ mühle und ſein Sohn kommen zu uns, darum ſäume nicht und ſorge, daß ſie's vollauf finden.“ Damit ging er weg und ſeufzend folgte ihm Marillis, denn ſie ahnte, was den ſonſt ſo kargen Vater auf einmal ſo gaſtlich und freigebig machte. Schon ſeit geraumer Zeit bemerkte nämlich Marillis, daß der Sohn des reichen Waldmül⸗ lers, in der ganzen Gegend nur unter dem Na⸗ men der ſchlimme Franz bekannt, von ihrem Va⸗ ter mit einer an dem ſonſt ſo verſchloſſenen Manne ungewöhnlichen Freundlichkeit behandelt wurde, obwohl ſonſt Niemand mit dem böſen Menſchen etwas zu ſchaffen haben mochte und ihm gerne aus dem Wege ging. Zwar von Geſtalt war der Franz lange nicht ſo ſchlimm als ſein Name; auch in ſeinen Manieren unterſchied er ſich ſehr vortheil⸗ haft von dem derben ungeſchlachten Weſen der übrigen Bauernburſche, und bis auf die häßliche Narbe auf der Stirne, die ihm im Zorne ſogleich ganz dunkel aufglühte, bis auf das rothe kraus⸗ wollige Haar konnte er ſogar für einen ſtattlichen und wohlgebildeten Geſellen gelten. Wer ihm aber tiefer in das Auge ſchaute, gleichviel ob mit dem Blick des Menſchenkenners oder mit dem der frommen Unſchuld, dem mochte bei all ſeinen fei⸗ nen Manieren und glatten Worten in ſeiner Nähe doch nicht wohl zu Muthe ſein, und gewiß verſah er ſich nichts Gutes von dem tückiſchen Sinn, der Jenem eben ſo unverkennbar in den Angen lauerte, als die wilde unbändige Leiden⸗ ſchaft in der dunklen Narbe, mit der Gott ihn, gleichſam zur Warnung für die Guten, gezeichnet hatte. Als der einzige Sohn des reichen Wald⸗ müllers konnte es ihm kein anderer Burſche an Aufwand und Verſchwendung zuvorthun; und da er noch obendrein in der Kunſt des Prahlens und des hochfahrenden Weſens ſelbſt ſeinem ſtol⸗ zen Vater, dem Waldmüller, nichts nachgab, ſo war der ſchlimme Franz bei jeder Gelegenheit der Erſte oder bildete ſich wenigſtens ein, es zu ſeyn. Dieſer Menſch nun wurde auf einmal, wie die ſchöne Marillis anfangs zu ihrem Staunen — 20— und ſpäter zu ihrem Erſchrecken gewahrte, von dem alten Merian mit ungemeiner Freundlichkeit aufgenommen, und nicht ſobald wußte er ſich in der Gunſt deſſelben ſicher, als er auch ſchon mit der ihm eignen Zudringlichkeit ſeine Bewerbun⸗ gen bei ihr anfing und nicht abließ, ſie mit ſei⸗ ner Liebe zu ängſtigen. Denn in der That war für ſie der Gedanke furchtbar, von dem Franz geliebt zu werden, wenn ſie auch eigentlich ſelber nicht wußte, welche unheimliche Scheu ihr der glattzüngige und allgemein als bösartig bekannte Menſch einflößte. Aber wer lehrt denn auch die unſchuldige Taube den Habicht erkennen, und welche Wiſſenſchaft verräth dem ſanften Reh die Nähe des raubgierigen Luchſes? Immer lauter warnte ſie eine innere Stimme vor dieſem Men⸗ ſchen, und wie freundlich und ſchonend ſie ihm auch äußerlich begegnete, wie wenig ſie ihn, aus Furcht vor dem ſtrengen Vater, den unbeſieg⸗ baren Widerwillen empfinden ließ, den ihr ſein ganzes Weſen einflößte, um ſo gewiſſer wurde es ihr doch, daß der Sinn, der ſie vor ihm warnte, nimmer lügen könne. Endlich, da er gar nicht abließ, ſie auf allen Schritten zu verfolgen, da er ſelbſt in ihres Vaters Gegenwart ſeine Bewerbungen fortſetzte und die⸗ ſer, der doch ſonſt ſo mißtrauiſch ſie bewachte, dieß gar nicht zu bemerken, ſie vielmehr abſicht⸗ lich ohne Schutz und Hülfe vor dem ungeſtü⸗ men Burſchen zu laſſen ſchien, erkannte die arme Marillis, daß die Gefahr bereits nahe ſei und ſchwerlich bloße Liſt und Verſtellungskunſt ſie da⸗ raus erretten könne. Aber wo dieſe Rettung ſu⸗ chen und bei welcher Macht der Erde, wenn nicht im Grabe, ſie finden!— War es wirklich ihres Vaters Wille und Beſchluß, daß ſie den ihr ver⸗ haßten Müllersſohn ehelichen ſolle, ſo half kein Flehen und Widerſtreben, denn noch nie in ſei⸗ nem Leben hatte der alte Merian etwas gewollt, bevor er ſich nicht der Mittel verſichert, um ſei⸗ nen Willen, der ſtarr war wie ſein Herz, auch auszuführen. Je mehr ſich indeſſen Marillis bewußt wurde, daß ſie ihre Rettung, nächſt dem Himmel, nur von ſich ſelbſt hoffen dürfe, deſto ſchneller ent⸗ wickelte ſich in der jungen zarten Seele eine Kraft, von deren wunderbarem Daſein ſie ſeither ſo wenig eine Ahnung gehabt hatte, als ſonſt ein Menſch in ihrer Umgebung. Wohl mochte ſchon der räthſelhafte Geſang unter den drei Eichen auf dem Hügel jene Kraft ihres innerſten Lebens geweckt und den Schleier gelöſt haben, welcher ſonſt die Menſchenſeele nur durch ahnungsvolle Dämmerung in die lichten Auen der ewigen Wahr⸗ heit und Erkenntniß ſchauen läßt; wohl mochte ſchon die unbegreifliche Stimme ſelbſt mit dem tiefen ſeelenvollen Ton ihr wie ein Laut aus ei⸗ ner andern Welt den innern Sinn geſchärft und des Gemüthes Ahnungen, des Herzens ſchwär⸗ meriſche Sehnſucht dahin geleitet haben, von wo, wie ſie wähnte, jene Stimme ertönte: in das unbekannte Land der Geiſter. Doch war es ge⸗ wiß vor allem das rauhe Erdengeſchick, das wirk⸗ lich herbe Leid, in deſſen feindlichem Contraſt zu jener ſeligen Welt des Friedens und der Liebe, die ihr der Zauber⸗Geſang verkündete, ihr zu⸗ erſt der innere Geiſt lebendig und ſein Auge klar und prophetiſch wurde. Dort auf dem Hügel ge⸗ ſchah es ihr zum Erſtenmal, daß ſie eines Abends von dem wunderbaren Geſang eingewiegt, in ei⸗ nen traumähnlichen Zuſtand verſank, in welchem ſie über ihrem Haupte in den Zweigen einen un⸗ beſchreiblich hellen Glanz zu erblicken glaubte, der ſich wie reines Silber um alle Aeſte legte und die Blätter durchſchimmerte, daß ſie ganz durchſichtig wurden und ihr zartes Gewebe deut⸗ lich hervortrat. Auch abwärts vom Stamm her⸗ unter floß der wunderbare Silberſchein der drei Bäume, Marillis ſah durch die Erdendecke das ganze Wurzelwerk der Eichen, wie es hierhin und dorthin in allerhand wunderſamen Verſchlingun⸗ gen durch den Hügel drang, dunkle Maſſen, die ihr Felſen zu ſein ſchienen, mächtig umklammerte, weit auslief nach allen Richtungen, und ſich zu⸗ letzt in tauſenden von ſilbernen Aeſten im dunk⸗ len Erdenſchooß verlor. Sie erwachte erſt beim Rauſchen der Wipfel, hatte dies alles, das wußte ſie nun deutlich, bloß im Traume geſchaut, und doch konnte ſie von nun an jene drei Bäume nicht anders denn mit einer heiligen Scheu be⸗ trachten und gar nicht ſo gleichgültig wie andere Bäume. Seitdem ſchlief ſie oftmals auf dem Hügel bei dem Liede des unbekannten Sängers ein; und wie ſie zuerſt in den dunklen Schooß der Erde, i in die Verſchlingungen der Eichwurzeln ge⸗ ſchaut hatte, ſo blickte ſie bald auch mit hellem Auge während jenes Schlummers in die noch tiefere Dunkelheit der Zukunft, erkannte deutlich der Erdengeſchicke Verflechtungen, ſah ihren An⸗ fang und ihr Ende. Meiſt waren es zwar fried⸗ liche ſchöne Träume, holde Geſichte menſchlichen Glückes: bald ging eine Freundin im Brautſchmuck zum Altare, bald tönte Muſik und Jubel vom ſonnigen Platze herüber; und lange waren es nur die freundlichen und nächſten Beziehungen ihres eignen Lebens, woran ſich ihres Geiſtes Er⸗ leuchtung bekundete; aber doch gab es auch da⸗ zwiſchen manche Begebenheit, die ſie erſchreckte, und einmal erholte ſie ſich kaum von dem bangen Geſicht, das ſie hatte am Abend des Tages, an welchem der neue Kirchhof von Dreieichen feier⸗ lich vom Prieſter eingeſegnet worden war. Denn mitten im Gebete, als eben die ganze Gemeinde auf den Knien lag, wich plötzlich unter allen der Boden, und vor jedem that ſich ein Grab auf— ſein Grab, in das er lautlos verſank. Auch der Prieſter war nicht mehr zu ſehen, in einem Momente lagen hunderte von ſtummen Grabhügeln da, und drüberhin wankte auf ho⸗ hem ſilbernen Graſe, wie erſchrocken über ſo plötz⸗ liche Verwandlung, ein fahles Mondlicht. Marillis betrachtete dieſe Viſionen, von de⸗ nen ihr jedoch nicht immer eine klare Erinner⸗ ung zurückblieb, als die mit dem geheimnißvollen — Geſang des Felſens in unmittelbarer Verbin⸗ dung ſtehende Einwirkung einer höheren Macht auf ihre Seele, und es darf uns darum nicht Wunder nehmen, wenn ſie in dieſem Glauben noch dadurch beſtärkt wurde, daß bald hier, bald da eine ihrer Vorahnungen ſich erfüllte und da⸗ bei alles denſelben Verlauf in der Wirklichkeit nahm, wie ſie es träumend geſehen und erlebt hatte. Aber wie heftig ſie auch bei den erſten Fällen dieſer Art erſchrack und wie feſt ſie ſich dann auch vornahm, nicht mehr zu den drei Eichen zurückzukehren, ſo konnte ſie doch kaum wei oder drei Abende hinter einander von dort wegbleiben, ja ſie fand ſich oftmals ſchon auf dem Gang nach dem Zauberreich des Hügels, noch bevor ſie deſſen deutlich inne ward, und dann hatte ſie gewöhnlich ein Gefühl, als trü⸗ gen unſichtbare Hände ſie hinauf und ſie ſchwebe nur ſo über den Pfad dahin. Es war wohl mehr inneres wahres Be⸗ dürfniß als blos weibliche Schwatzhaftigkeit, was ſie antrieb, bei ihren vertrauteſten Freundinnen zuweilen eine Andeutung von dem zu geben, was, wie ſie wußte, bald eintreffen werde. Sie hatte dabei wohl nur das Verlangen, ſich ſelber jede Täuſchung unmöglich zu machen; und außerdem mochte auch dadurch das Schauerliche gemildert werden, das für ſie in der Vorſtellung einer ſo ungewöhnlichen Begabung lag. Da ſich nun aber ihre Prophezeihungen wirklich erfüllten, da erſchracken die, gegen welche ſie ſich ausgeſprochen hatte, faſt noch heftiger als ſie ſelbſt, und mehr als eine Freundin zog ſich voll abergläubiſcher Furcht von ihr zurück und betete im Stillen für das Seelenheil der armen Marillis; denn un⸗ möglich konnte doch derſelben ſolche Wiſſenſchaft* zukünftiger Dinge von einem guten Geiſt einge⸗ geben worden ſeyn. Fragte man ſie aber nach der Quelle ihrer Vorherſagungen, ſo war ihre gewöhnliche geheimnißvolle Antwort: Mein un⸗ ſichtbarer Bräutigam hat mir Das erzählt. Ihr Vater ahnte nichts von alledem; und da jene Viſionen auf dem Hügel auch keinen weiteren Einfluß auf die Geſundheit des Mäd⸗ chens zeigten, ihre Wangen friſch und roth, ihre Augen hell und klar blieben, ſo kam ihm auch nicht der leiſeſte Gedanke, daß ſein Kind krank, wenn nicht gar bereits der Gewalt dämoniſcher Mächte unrettbar verfallen ſeyn möge. Wie ſchon zu verſchiedenen Malen in frühe⸗ ren Jahren, ſo kamen auch um dieſe Zeit wie⸗ der zwei fremde Männer in das Haus Merians und verweilten daſelbſt mehre Tage, ohne daß man wußte, welches Geſchäft ſie in das abgele⸗ gene Dorf führte. Sitten und Kleidung, vor⸗ nehmlich aber die Ehrfurcht, welche Merian ihnen bezeigte, ließen auf den vornehmen Stand der beiden Gäſte ſchließen, die eine fremde Sprache redeten, welche außer dem Alten kein Menſch ſonſt im Hauſe verſtand. Während ihres Auf⸗ enthaltes in Dreieichen kamen Beide gewöhnlich ſelten zum Vorſchein, und die große Stube des obern Stocks, welche ſie bewohnten, durfte wäh⸗ rend dieſer Zeit Niemand betreten. Merian aber war dann häufig bis Mitternacht dort mit ihnen eingeſchloſſen, man hörte das Klingen von vielem Gelde, und noch lange nachher, wenn die beiden Unbekannten wieder abgereiſt waren, ſaß der Alte Nachts in jener Stube und zählte, wie man deutlich hören konnte, vieles Geld zuſammen. So undurchdringlich aber auch das Dunkel war, welches auf der Erſcheinung und dem Aufent⸗ halt der Fremdlinge in dem düſtern Hauſe ruhte und ſo wenig ein Menſch das Verhältniß kannte, in welchem der Bauer zn den beiden vornehmen Herren ſtand, war doch ihr Beſuch und was ſich daran knüpfte durch Zeit und Gewohnheit allen Hausbewohnern unverdächtig geworden und am wenigſten hatte Marillis ein Arg dabei. Denn jedes Mal, daß die Fremden erſchienen, brachten ſie ihr ein koſtbares Schmuck⸗ oder Kleidungsſtück zum Geſchenk mit, bald goldene Spangen, bald einen ſilbernen, mit Edelſtei⸗ nen beſetzten Kamm, und diesmal ſogar, was ſie über und über erröthen machte, ein äußerſt artiges Schmuckkäſtchen von gediegenem Silber in Geſtalt einer Kinderwiege. Auch jetzt würde wohl der Beſuch der Un⸗ bekannten und der Verkehr des Vaters mit den⸗ ſelben ihr keine weitere Sorge gemacht haben, wenn nicht ein ebenſo auffallender als verdäch⸗ tiger Umſtand ſie auf die Frage hingeleitet hätte, wer wohl die beiden vornehmen Herrn ſeyn und was ſie mit dem Vater ſo geheim bei verſchloſ⸗ ſenen Thüren zu verhandeln haben möchten? So lange nämlich die Fremden nach Dreieichen kamen, war nie ein Menſch Zeuge der Unter⸗ redung zwiſchen ihnen und dem alten Merian geweſen. Deßhalb mußte es Marillis zumeiſt auffallen, daß der rothköpfige Franz nicht allein zugelaſſen, ſondern auch noch obendrein von bei⸗ den Herren mit großer Aufmerkſamkeit behandelt wurde. Er durfte jederzeit ihre Stube betreten, begleitete ſie auf ihren abendlichen Spazierritten und erfreute ſich in allen Stücken ihres Vertrau⸗ ens und ihrer Wohlgeneigtheit. Marillis bemerkte dieſe Auszeichnung des ihr ſo verhaßten Menſchen mit immer größerer Be⸗ ſorgniß, wiewohl ſie ſich nicht zu ſagen wußte, was ihr dieſe dunkle Angſt einflößte. Die beiden Gäſte ſchienen edle biedere Männer zu ſeyn, und wenn ſie ſich ihnen auch nicht durch Worte ver⸗ ſtändigen konnte, ſo fühlte ſie doch viel eher eine wahre Zuneigung zu ihnen, als daß ihr eine Furcht beigekommen wäre Um ſo weniger begriff ſie deßhalb den vertraulichen Umgang, den Jene mit Franz unterhielten, zumal ſich derſelbe nichts weniger als zurückhaltend gegen ſie betrug, ſondern zum öfteren ſeinen bösartigen Charakter und ſeine niedere Denkungsart ungeſcheut an den Tag legte. Sie würde ſich indeſſen wohl noch lange mit dieſen vergeblichen Fragen und Zweifeln abge⸗ müht und doch zu keinem Reſultat gekommen ſein, hätte nicht eine neue, ihr ungleich bedeut⸗ ſamere und auffallendere Wahrnehmung ihre Sorgen nach einer andern Seite gerichtet. Drei Abende ſchon weilte ſie nämlich lauſchend auf dem Hügel und der wunderbare Geſang wollte nicht mehr wie ſonſt zur gewohnten Stunde er⸗ tönen. Der ſonnbeglänzte Felſen blieb ſtumm wie die andern Steine in der Runde, und nur der Abendwind flüſterte ſchaurig in dem Strauch⸗ werk der Brombeerhecken. Da, am vierten Tage, als ſie wieder vergebens mehrere Stunden auf den ſüßen Klaggeſang gelauſcht hatte, ergriff ſie eine unſägliche Traurigkeit und ſie fühlte ſich wie verlaſſen und abgeſchieden von ihrer letzten und einzigen Lebensfreude. Heiße Thränen floſſen auf den harten Stein, der ihr ſo lange Troſt geſpendet, der ihre Seele ſo oft mit ſeinem wun⸗ derbaren Klang aus der Noth des Lebens in die liebliche Welt goldner Träume und lichter Offen⸗ barungen eingewiegt hatte. Da plötzlich ſchlug ein dumpfer, gräßlicher Schrei, der keiner Menſchenbruſt anzugehören ſchien, dicht aus dem Brombeerſtrauch an ihr Ohr, wie wenn am jüngſten Tage ein Einziger von allen, die da auferſtehen, zu ewiger Grabesnacht verdammt wird und in der Erde zurückbleiben muß. Entſetzt ſtarrte ſie auf den unheimlichen Buſch, aus welchem in demſelben Moment eine Fleder⸗ maus, wie verſcheuſcht von dem Schrei, hervor⸗ ſchwirrte in die abendliche Dämmerung. Die Flucht des kleinen häßlichen Thieres hatte etwas Ge⸗ ſpenſtiſches, und Marillis dachte ſogar einen Au⸗ genblick an die Kunſt böſer Geiſter, die ſich in allerhand Geſtalten und Leibern dem Auge des Menſchen verbergen, zumal an ſo ſchaurigem Orte. Zagend ſchlich ſie näher an den Buſch und lauſchte mit angehaltenem Athem, ob ſie vielleicht etwas vernehmen könne, was ihr den unheimlichen Schrei erklären werde. Aber Alles blieb ſtille, ein Roth⸗ kehlchen hupfte arglos dicht neben ihr dem Neſt⸗ chen ſeiner Jungen zu, ſah ſie dabei zuweilen mit frommen klugen Augen an und verſchwand zuletzt, als wiſſe es von keinen Geſpenſtern, in dem Dickicht des Brombeerſtrauchs, wo es noch ein wenig zwitſcherte, was Marillis mit Ein⸗ mal ihren alten Muth zurückgab. „Das kleine Vöglein fürcht' ſich nicht“ ſagte ſie, ihres Schreckens ſich ſchämend;„und weil's fromm und unſchuldig iſt, braucht's auch keine Furcht zu haben. Warum thue ich nicht deß⸗ gleichen, da doch Gott es weiß, daß ich reinen Herzens bin und nie mit Vorbedacht Böſes ge⸗ than habe?“ Eine heilige Scheu hatte ſie ſeither immer ab⸗ gehalten, dem Bombeerſtrauch zu nahen, aus dem ſo lange jener wunderbare Geſang ertönt war. Jetzt, wo derſelbe verſtummt und ſtatt des lieb⸗ lichen Liedes ein Schrei des Schreckens plötzlich aus dem dichten Buſch hervordrang, begehrte ſie lebhaft nach einer Aufklärung des Geheimniſſes, die ihr aber die dornigen, dicht in einander ver⸗ ſchlungenen Zweige der Sträucher unmöglich zu machen ſchienen. Doch ſchnell war ihr Entſchluß gefaßt; und was noch jüngſt als Geheimniß ihr ſo heilig und unnahbar geweſen war, ſollte ſich ihr jetzt entweder offenbaren oder ſie für immer von dem Hügel halten. Sie eilte darum nach Hauſe und kehrte ſogleich wieder im raſcheſten Lauf mit einem Hackbeil unter der Schürze zu⸗ rück, das ſie aus der Küche genommen hatte. Ein kurzes Gebet, ein muthiges:„Hilf Gott alle⸗ zeit, Amen!“ und ein kräftiger Hieb entfernte die erſten Zweige; das Rothkehlchen flog ängſtlich zwitſchernd davon, Marillis aber, ſonſt ſo mild und gütig, achtete dießmal nicht der armen Creatur und ihr Beil arbeitete immer weiter dar⸗ 33— auf los, daß ſie ſchon nach einer Viertelſtunde an dem Felſen emporklimmen und auf einem ſchmalen Vorſprung deſſelben, welchen ſeither der Brombeerſtrauch faſt ganz überdeckt hatte, einen Standpunkt gewinnen konnte. Ihre Hände blu⸗ teten von den Dornen, aber ſie achtete deſſen nicht und hieb immer raſtloſer mit glühendem Antlitz und hochpochendem Buſen darauf los, zuweilen einen Augenblick innehaltend und nach dem Dorfe hinunter lauſchend, ob Niemand dem Hügel nahe komme und ſie bei ihrem Zerſtörungswerke über⸗ raſche. Jetzt war ſie faſt bis in die Mitte der Wildniß eingedrungen und hob eben zu neuem Schlag gegen einen der dickſten Aeſte das Beil in die Höhe, als ihr plötzlich das Blut zu Eis erſtarrte und der geſchwungene Arm wie gelähmt niederſank. Denn dicht vor ihr aus der Erde heraus redete eine Menſchenſtimme, zwar dumpf und unverſtändlich, aber doch immer hörbar ge⸗ nug, um zu unterſcheiden, daß es keine Täuſchung der aufgeregten Sinne, kein Gaukelſpiel der Ein⸗ bildungskraft, ſondern Wahrheit, grauenvolle Wahrheit war. Marillis ſtarrte, wie am ganzen Körper gelähmt, in die Hecken, von wo die Stimme kam. Nichts ſah ſie, als Zweige und üppig wu⸗ Die Mediatiſirten U. 3 chernden Epheu, nichts fühlte ſie als einen ſelt⸗ ſamen, ihr unerklärlichen Modergeruch, gleich als ſtünde ſie dicht vor einem Keller oder unterirdi⸗ ſchen Gewölbe. Doch nur einen Moment ertrug ihr Geiſt den furchtbaren Ton einer menſchlichen Stimme ohne eines Menſchen Anweſenheit; dann taumelte ſie entſetzt von dem Felſen nieder, fiel zum Glück auf weichen Grasplatz, wo ſie mehrere Minuten bewußtlos liegen blieb, bis ihr das Grauen die Beſinnung wiedergab und ſie mit Zurücklaſſung ihres Beiles von dem Hügel ent⸗ wich. Leichenhlaß gelangte ſie in das Vaterhaus, wo die Mägde bei ihrem verſtörten Blick er⸗ ſchrocken aufſchrieen und ihr Beiſtand leiſten woll⸗ ten; denn alle hielten ſie für ſchwer krank und Marillis mußte den letzten Reſt ihrer Kraft und Beſonnenheit zuſammennehmen, um ſie zu be⸗ ruhigen und durch die Ausrede zu beſchwich⸗ tigen, daß ein wildgewordener Stier aus der Dorfheerde ihr nachgerannt wäre und ſie beinahe erreicht hätte. Sie mußte ſich zu Bette legen, denn ein Fieberſchauer nach dem andern durch⸗ rieſelte ihr Gebein, und bald redete ſie in irren Worten viele wunderliche Dinge durcheinander von Stimmen unter der Erde, von ſingenden Steinen, von ſilberglänzenden Bäumen mit gold⸗ nen Eicheln und von dem unſichtbaren Bräu⸗ tigam. Erſt gegen Mitternacht wurde ſie ruhig und ein wohlthätiger Trank, den ihr die alte Schaffnerin bereitete, beſchwichtigte endlich die aufgeregten Lebensgeiſter und ſie fiel in einen ſanften Schlummer, aus dem ſie erſt beim völli⸗ gen Anbruch des nächſten Tages erwachte, nicht frank und nicht geneſen, denn ihre Wangen blie⸗ ben bleich und beſtändig durchzuckte ein Krampf ihren Körper. Als ſie das Lager verließ, wuſch ſie zuerſt die Hände vom geronnenen Blute rein und ging dann hinunter in die Wohnſtube. Zu ihrer Freude hörte ſie, daß der Franz den abge⸗ reiſten Fremden wieder das Geleit gegeben und erſt in acht Tagen wieder nach Dreieichen zu⸗ rückkehren werde. Ihr Vater zeigte in ſeinem gan⸗ zen Weſen eine auffallende Unruhe, fragte ſie indeſſen nur einmal nach ihrem Befinden, denn andere Sorgen ſchienen den Greis jetzt zu be⸗ ſchäftigen, und am Abend hörte man ihn wieder vieles Geld in der obern Stube zuſammen⸗ zählen. So vergingen der armen Marillis unter Pein und Angſt acht lange ſchwere Tage. Oft glaubte — 36— ſie dicht vor ſich unter der Erde in Stube, Flur und Küche die umheimliche Stimme zu hö⸗ ren, und einigemal ſah ihr Vater ſie ſtaunend an, wenn ſie dann mit einem leiſen Schrei zu⸗ rückwich und ſich erſt allmählig auf die Täuſchung ihrer aufgeregten Sinne beſann. „Das ſind Narrendinge, die Dir der Franz aus dem Kopfe treiben ſoll,“ ſagte Merian, als ſie wieder einmal dieſelbe jähe Anwandlung von Schrecken hatte.„Er begehrte Dich von mir zum Weibe und ich habe ihm zugeſagt, daß ihr gleich nach der Ernte eure Hochzeit feiern ſollt. Denke darum an Deine künftige Einrichtung und wenn der Franz von der Reiſe zurückkehrt, ſo empfange ihn als Deinen Bräutigam mit aufrichtiger Freude, wie ſich's geziemt.“ „Um Gotteswillen, Vater!“— mehr aber konnte das unglückliche Mädchen nicht hervor⸗ bringen, denn wie gebrochen an Leib und Seele ſank ſie bei dieſer Nachricht in den Stuhl zurück und bedeckte mit beiden Händen ihr Geſicht, denn vor ihren Augen ward es dunkel und ihr ſchwan⸗ den die Sinne. „Nimmſt Du ihn auch nur um Gottes Willen, mir ſchon recht,“ verſetzte der feindliche Menſch mit rauhem Hohne und ließ ſie ohne Hülfe in ihrer Ohnmacht liegen. In der Nacht, welche dieſem Tage folgte, konnte Marillis kein Auge ſchließen. Immer ſah ſie ſich im Geiſte vor dem Altare, an der Seite des böſen Menſchen mit der großen Narbe auf der Stirne; oder ſie dachte mit Schrecken an die Waldmühle im düſtren Tannengrund, wo es ihr gewiß niemals wohl und heimiſch werden könne. So war Mitternacht nahe gekommen, und weder Thränen noch Gebete wollten ihr bedräng⸗ tes Herz erleichtern. Da kam ihr mit einmal faſt unwillkürlich der Gedanke an den Hügel und ſie mußte ſich's ſagen, daß ihr Unglück doch eigentlich erſt angefangen habe, als jener geheim⸗ nißvolle Geſang verſtummte und ſie aus einem reinen und höheren Leben wieder zu der rauhen Wirklichkeit zurückkehrte. Das Fenſter ihres Kämmerleins, durch deſſen runde Glasſcheiben der Mond hell und voll auf den Fußboden fiel, ging grade nach dem Hügel und den drei Eichen hinaus. Vor dem Fenſter befand ſich ein ſchmaler, rings mit hohen Mau⸗ ern umgebener Zwinger, den ſeit vielen Jahren fein menſchlicher Fuß betreten hatte. In der Ecke ſtand ein großer Hollunderbuſch, der an dem feuchten ſchattigen Ort vortrefflich gedieh und jedes Jahr in neuen Schößlingen ausſchlug. Steine und Mauerſchutt, den vielleicht ſchon der frühere Beſitzer des Hauſes hierher geſchafft hatte, machten den Boden ſehr uneben, der außer⸗ dem noch mit Nachtſchatten, Brennneſſeln und andern Zierſtauden der Wüſtenei bedeckt war. Dicht am Hollunderſtrauch, in der nördlichen Ecke des Zwingers, lag ein verſchütteter Brunnen, deſſen ſteinerne Einfaſſung ſchon vor vielen Jah⸗ ren entfernt worden war. Mehrere halbmorſche Eichdielen deckten ihn nothdürftig zu und drüber⸗ hin ſuchten die Ranken der weißblühenden Feld⸗ winde den jenſeitigen Rand des Brunnens zu erreichen. Der einzige Zugang in dieſen Raum befand ſich gleichfalls auf der nördlichen Seite und beſtand in einer kleinen runden Thüre, die außerhalb des Zwingers noch mit einem ſteiner⸗ nen thurmähnlichen Vorbau verſehen war. Marillis hatte ſich vom Lager erhoben, da ihre wachſende Beklommenheit ſie nicht länger vort aushalten ließ. Im Zimmer war es ſchwül, und ſie öffnete darum das von Außen, mit fünf eiſernen Gitterſtangen verwahrte Fenſter, um — friſche Luft zu ſchöpfen. Ihr alter großer Ros⸗ marinſtock, von dem ſchon ihre ſelige Mutter einen Zweig mit in das Grab genommen hatte, und den ſie darum als ein theures Vermächtniß ſtets mit größter Sorgfalt pflegte, hatte eben zum Zweitenmal in dieſem Jahr ſeine kleinen, blaßgelben Blüthen angeſetzt, und ſtrömte ihr, als ſie das Fenſter öffnete, einen wahren Rauſch von Duft und Würze entgegen. Da fiel ihr ſo⸗ gleich wieder der Franz ein, denn ſchon damals, wie noch heutzutage, war es in dieſer Gegend Sitte, daß die Bräute am Vorabend ihres Hoch⸗ zeittages den ſchlankſten Zweig des Rosmarin⸗ ſtocks abſchnitten und aus ihm und den Schilf⸗ blättern des türkiſchen Graſes einen Strauß banden, von welchem ſie nach geſchehener Trau⸗ ung den Rosmarinzweig in die Erde ſteckten, bis er Wurzel anſetzte, was ihnen eine glückliche Zukunft bedeutet. Auch der alte Rosmarinſtock vor dem Fenſter der Marillis verdankte dieſer ſchönen Sitte ſeinen Urſprung; ihre Mutter hatte ihn einſt als Braut an dem Buſen ge⸗ tragen und ihn dann mit einem Fruchtkorn in den Topf gepflanzt, wo er bald nachher Wurzel ſchlug, im Lauf der Jahre zum ſtattlichen Baume — 1 emporwuchs und nun auch der Tochter bald— o, wie bald, einen Zweig bieten ſollte zu ihrem Hochzeitsfeſte! Darum erſchrack aber auch Marillis ſo hef⸗ tig, daß es ihr eiskalt durch den ganzen Körper bis in die Fußſpitze hinab rieſelte, als der Duft des ehrwürdigen Buſches ihr durch das geöffnete Fenſter entgegenſtrömte und ſie an die immer näher rückende Stunde ihres Unglücks mahnte. Oder wollte ſie der Rosmarin vielleicht an ſeine Doppelbeſtimmung erinnern, die von ihm nicht nur den Schmuck der Jugend und der Liebe, ſondern auch den der Wehmuth und der Trauer entlehnt und ſeinen dunklen Zweig in gfahr Todenhände legt? Hell und freundlich beſchien das Mondlicht den Hügel hinter dem Hauſe, in den drei Eichen rauſchte leiſe der Nachtwind und das graue Fels⸗ geſtein umfloß ein mildes weiches Licht, durch das zuweilen der Schatten eines der vom Winde bewegten Zweige leiſe hin und herſchwankte. Der Ort hatte mit Einmal ein wunderbar fried⸗ liches Anſehen gewonnen und je länger Marillis hinüberſchaute, um ſo mächtiger erwachte in ihr die alte Sehnſucht nach ſeinem lieblichen Ge⸗ — heimniß und ſie begriff kaum noch, welche Angſt ſie ohnlängſt von dannen geſcheucht hatte. Da weckte ſie plötzlich ein Geräuſch unter ihrem Fenſter aus ihren Träumen. Sie hörte, wie man von Außen einen Schlüſſel in die Thüre ſteckte, gleich nachher knarrte das Schloß, die Pforte öffnete ſich und ein Mann, in welchem ſie auf den erſten Blick ihren Vater erkannte, trat in den Zwinger. Trotz der hellen Mondnacht trug er eine kleine Laterne und außerdem noch einen Weidenkorb. Marillis, die ſich hinter ihrem Rosmarin vor jeder Entdeckung ſicher wußte, ſah, wie der Alte die Laterne und den Korb neben den Brunnenrand niederſetzte und dann die Thüre hinter ſich wieder ſorgfältig zuriegelte. Eine unerklärliche Angſt überfiel ſie, als er dann zu dem Brunnen trat und zwei von den mor⸗ ſchen Eichdielen aufhob, welche die Oeffnung be⸗ deckten. Darauf befeſtigte er die Laterne an dem Gurt ſeiner Beinkleider, nahm den Korb in die Linke und ſtieg vorſichtig in den Brunnen hin⸗ unter, in welchem Marillis zu ihrem Erſtaunen die oberſten Sproſſen einer Leiter entdeckte. Sie trat, ohne ſich eines klaren Gedankens bewußt zu werden, von dem Fenſter zurück und 1 mußte ſich kraftlos auf ihrem Lager niederſetzen, ſo heftig zitterten ihr die Kniee und es bedurfte längerer Zeit, bis ſie ſich von dem Eindrucke erholte, den dieſe räthſelvolle Erſcheinung ihres Vaters in ſo ſpäter Stunde und ſein noch räth⸗ ſelvolleres Verſchwinden in dem alten Brunnen auf ſie ausgeübt hatte.„Ich träume nicht, nein, nein, ich bin hell wachend und was ich ſah, war kein Bild meiner Aufregung,“ ſtammelte ſie und betaſtete mit zitternden Händen ihre nackten eis⸗ kalten Arme. Dann ſtand ſie auf, hüllte ſich in ein warmes Gewand und kehrte zagend zu dem Fenſter zurück. Der Brunnen lag noch offen da, aber wie ſcharf ſie auch hinunterlauſchte, ſo konnte ſie doch nichts hören, was ihr einen weiteren Aufſchluß über das nächtliche Beginnen ihres Vaters in der unterirdiſchen Tiefe verſchafft hätte. Dennoch lauſchte ſie fort und fort und verwandte kein Auge von der Stelle, wo Jener verſchwun⸗ den war. Der Nachtwächter im Dorfe verkündete die erſte Stunde nach Mitternacht, allmälig ent⸗ wich das Mondlicht von dem Hügel und ſchat⸗ tenhafte Dämmerung lagerte auf den Felsgrup⸗ pen. Der Alte aber wollte noch immer nicht wiederkehren. Marillis hatte ihr Antlitz feſt wider zwei Eiſenſtäbe gelehnt und verſuchte zu beten, denn immer grauenhafter erſchien ihr dieſes nächt⸗ liche Beginnen des Mannes, den ſie von Kind⸗ heit an gefürchtet hatte, wie keinen andern Men⸗ ſchen auf Erden. „Da unten ſchafft er nichts Gutes!“ ſagte ihr die ahnungsvolle Stimme ihres Innern, aber was er Böſes dort ſchaffe, das verſchwieg ihr der dunkel aufklaffende Brunnen, und ſo oft ſie auch zu beten verſuchte, reichte ein Blick auf die ſchwarze ſtumme Oeffnung hin, um ihr jedes Gottvertrauen unmöglich zu machen. Denn un⸗ heimlich, wie das glanzloſe Auge der Schuld, ſah es ſie aus dem Brunnen an, in deſſen düſtere Nacht ihr Vater vorhin aus der Nacht auf der Oberwelt hinabgeſtiegen war, um vielleicht tief unten in einer dritten noch ſchwärzeren Nacht ſein unſeliges Geheimniß zu verbergen. Endlich glaubte Marillis über der Oeffnung einen flüchtigen Dämmerſchein zu erblicken, der jedoch ſogleich wieder verſchwand, worauf die vorige Finſterniß über dem Abgrund lagerte. Nach einer Weile dieſelbe Erſcheinung, derſelbe ſchnelle Uebergang vom Licht zur Dunkelheit. So blieb es mehre Minuten, bis auf einmal aus dem Brunnen Strahlen hervordrangen, die ſteinernen Wände deſſelben ſich erhellten und endlich des Alten grauer Kopf am Rande der Einfaſſung ſichtbar wurde. Jetzt ſtand er ſchon mit halbem Körper über der Erde, aber bevor er vollends herausſtieg, ſtellte er zuerſt den Korb nieder, löſchte die Laterne aus, worauf er die Leiter verließ, die Oeffnung wieder mit den bei⸗ den Dielen zudeckte und ſich dann geräuſchlos wie er gekommen war, aus dem Zwinger ent⸗ fernte. Es war zwei Uhr Morgens, als Maril⸗ lis das Schloß hinter ihm knarren hörte und bald nachher vernahm ſie oben in der Stube ſeine ſchweren Schritte. Der Morgen, welcher dieſer Nacht folgte, war wundervoll ſchön und ſonnig, und ſelbſt die Wüſtenei in dem Zwinger vor des Mädchens Fenſter beſchien ein Sonnenſtrahl, der durch's Laub des Hollunderbuſches in den kühlen Raum funkelte. Nur einen einzigen flüchtigen Blick warf Marillis auf den verdeckten Brunnen, den ſie ſo lange Zeit bloß für die Wohnung des Stein⸗ marders gehalten, welchen ſie manchmal dort ein⸗ und ausſchlüpfen geſehen hatte. 5 Als ſie ihrem Vater begegnete, ward ſie todt⸗ bleich und vermochte ihm kaum den gewöhnlichen Morgengruß zu bieten. Doch fand ſie nichts in ſeinem Weſen, ſeinen Mienen, was auf den un⸗ heimlichen Vorfall dieſer Nacht hingedeutet hätte; er war heute ſogar in ſeiner Art aufgeweckt und ertheilte dem Geſinde die Befehle für den Tag mit ungewohnter Freundlichkeit. Kaum war er aus dem Hauſe gegangen, um nach den Holz⸗ ſchlägern in einem entfernten Revier zu ſehen, als Marillis, der dieſe Freundlichkeit des Vaters ein unerklärliches Gefühl von Grauen und Neu⸗ gierde einflößte, nach ſeiner Stube eilte und da⸗ ſelbſt ſogleich hinter dem Bettvorhang den Wei⸗ denkorb und die Laterne entdeckte, welche beide Gegenſtände ſie heute Nacht bei ihm im Zwinger geſehen hatte. Mit zitternder Hand zog ſie den Korb hervor, der leer war. Aber zwiſchen dem Geflecht entdeckte ihr prüfendes Auge viele Krum⸗ men von Brod und Kuchen, und der Geruch überzeugte ſie, daß er noch jüngſt zum Aufbe⸗ wahren von Speiſen gedient haben müſſe. Der Henkel war übrigens ſehr vergriffen und verrieth einen langjährigen Gebrauch. Die Laterne, welche ſie hierauf mit noch größerem Argwohn prüfte, war gleichfalls ſehr alt und die Gläſer darin faſt erblindet. Sie hatte dieſelbe früher nirgends ge⸗ ſehen, auch glich ſie nicht denen, wie ſie im Dorfe und der Umgegend gebraucht wurden. Ein kunſt⸗ voll gearbeitetes ſilbernes Kettchen diente wohl dazu, ſie am Gurte zu befeſtigen, wenn ihr Be⸗ ſitzer ſeinen dunklen Weg in den Brunnen antrat. Eben wollte ſie Korb und Laterne wieder an ihren alten Platz ſtellen, als ihr Blick auf einen dritten Gegenſtand fiel, der mehr noch als das bis jetzt Entdeckte geeignet war, ihre Einbildungs⸗ kraft aufzuregen und ihr von dem nächtlichen Ge⸗ ſchäft ihres Vaters in dem Ziehbrunnen vollends alle Vorſtellungen und Muthmaßungen zu be⸗ nehmen. Das waren drei große mächtige Schlüſſel von alter Fagon, von denen der kleinſte die Zwin⸗ gerthür öffnete, während die beiden andern ihr völlig unbekannt vorkamen. Da ſie aber mit dem erſteren zuſammengebunden waren und dicht neben der Laterne lagen, ſo mußte ihr Vater ſich ihrer wohl gleichfalls häufig bedienen, und doch gab es keine Thüre noch Truhe im ganzen Hauſe, welche ihr die Beſtimmung der beiden Schlüſſel klar gemacht hätte. Sie legte vorſichtig Alles wieder hin, wie ſie es gefunden, und verließ dann das Zimmer, völ⸗ lig rathlos über das, was ſie von ihrer Entdek⸗ kung denken, wie ſie es mit dem dunklen Gefühl ihrer Bangigkeit in Einklang bringen ſolle. Sie ging aus dem Hauſe, eilte mit ſcheuem Fuß an dem Zwinger vorüber und war ſchon auf halbem Weg nach dem Hügel, ehe ſie ſich noch auf das beſann, was ſie bei ihrem letzten Aufenthalt da⸗ ſelbſt erlebt und gehört hatte. Sie gedachte des Küchenbeils, das ſie dort bei ihrer Flucht hatte liegen laſſen. Da es aber ein heller, ſonniger Morgen war, ſo beſiegte ſie leicht den letzten Reſt von Furcht und beſchritt kühn den Hügel, wo⸗ ſelbſt ſie ſich, um vollends alle ängſtlichen Ge⸗ danken zu zerſtreuen, damit beſchäftigte, einen Strauß von jenen kleinen rothen Blümchen zu pflücken, deren ich im Eingang meiner Erzählung gedacht habe und die noch heutzutage unter dem Namen Marillisblumen bekannt ſind. Das Roth⸗ kehlchen, dem ſie jüngſt um ſein friedliches Neſtchen im Brombeerſtrauch ſo bange gemacht hatte, umflog ſie ängſtlich zwitſchernd, als fürchte es neue Ge⸗ fahr für das Aſyl ſeiner Liebe. Sie trat an den Felſen, ſah hinauf, dort lag das Beil im Epheu, wie ſie es hatte fallen laſſen. „Fürcht' dich nicht, Vöglein!“ ſagte ſie, um — ſich ſelber Muth einzuflößen und ſchwang ſich herzhaft auf den Felſenvorſprung, wo ſie aber doch ein Zittern anwandelte, als ſie die verdäch⸗ tige Stelle betrachtete, auf welcher damals die Menſchenſtimme aus dem Buſche ihr Ohr be⸗ rührt hatte. Die von ihr abgehauenen Zweige und Stauden lagen verdorrt auf dem Boden um⸗ her und zerrten ſie mit ihren Dornen bald hier bald da am Rocke. Als ſie ſich nach dem Beile bückte, entfiel ihr der Blumenſtrauß, den ſie vorgeſteckt hatte. Er lag auf dem Epheu. In dieſem Augenblick ſpürte ſie wieder ganz nahe jene moderige Kellerluft und es wehte ſie kalt aus dem Boden an. Ohne eigent⸗ lich zu wiſſen, was ſie wollte, nahm ſie das Beil und entfernte damit den Epheu. Ein Stein, glatt und von ungewöhnlicher Weiße glänzte ihr plötz⸗ lich entgegen. Noch einmal arbeitete ſie mit dem ſcharfen Meſſer in dem dichten Gewirre, und wie ſie eben bemüht war, eine neue Schichte von Epheu und Moos auf die Seite zu ſchieben, ge⸗ wahrte ſie unter dem erſten Stein einen zweiten, unter vieſem einen dritten Stein, und wohin ſie auch mit dem Beile gegen die, die Felſenwand umkleidende Epheuwand hieb, gab doch der ver⸗ meintliche Stein dahinter zu ihrer großen Ver⸗ wunderung keinen Klang noch Widerſtand; da⸗ gegen wehte es immer kälter und luftiger aus dem Felſen und endlich entdeckte ſie hinter dem Epheu eine Oeffnung und in den drei weißen Steinplatten Treppenſtufen, die von Menſchen⸗ händen gearbeitet waren und durch einen dunk⸗ len gewölbten Gang, aus dem es kühl und ſchau⸗ rig herauswehte, in das Innere des Hügels hin⸗ ab zu führen ſchienen. Noch ſtand ſie und ſtarrte regungslos das Wunder an, als es plötzlich wie ein Schatten an ihrem innern Auge vorüberglitt und der Ruf, der unheimliche, der ſie ohnlängſt gleich einer Stimme aus dem Grabe zuerſt angedonnert und dann bewußtlos niedergeworfen hatte, ihr wieder in's Gedächtniß kam. Einen Moment nachher dachte ſie an den räthſelvollen Geſang im Brom⸗ beerſtrauch; und wie es denn eben oft nur eines Momentes bedarf, um uns aus langem Irren und Zweifeln zur richtigen Erkenntniß zu führen, die Räthſel unſers Innern, die unverſtandenen Erſcheinungen der Außenwelt durch ein einziges Wort zu löſen, ſo war es auch Marillis mit einmal zuk Sinne, als kehre ihr Geiſt aus däm⸗ Die Mediatiſirten, U. 4 mernden Regionen an dieſe Stätte zurück, als habe er nun in der nächſten Nähe gefunden, was er ſo lange in weiter Ferne, bald auf Er⸗ den, bald im Himmel ſchweifend und irrend ge⸗ ſucht und doch nimmer gefunden hatte. Jetzo aber ſtund ſie an der Pforte des Geheimniſſes, Wirk⸗ lichkeit trat an die Stelle der Viſion; die Natur, die ſie noch jüngſt von guten und dämoniſchen Weſen belebt wähnte, zog den Schleier geſpen⸗ ſtiger Täuſchung hinweg, und zeigte ihr da, wo ſie ſonſt dem Ange nur eine Wildniß geboten, das Werk von Menſchenhänden. Mit einem Wort: der ſingende Fels bekam zu ſei⸗ ner geheimnißvollen Stimme nun auch einen Mund. Marillis ſchwindelte aber doch, und das Erſte was ſie mit klarem Bewußtſeyn fühlte, war der Gedanke, noch einmal einem Orte zu entfliehen, der ihr nach dieſer neuen Entdeckung neben dem Grauen auch noch die Furcht vor perſönlicher Gefahr einflößte. Aber die Sonne ſchien ja ſo hell, im weiten Revier war es ſo friedlich, zu⸗ dem allenthalben Leben und Weben im Dorf, im Feld, im nahen Vaterhaus,— was hätte ſie da zu beſorgen gehabt! So gewann ſie es end⸗ lich über ſich, näher an die Treppe zu treten und in den kühlen Gang hinunter zu lanſchen; aber ihr Ohr vernahm keinen Laut, nur ein Waſſer glaubte ſie einigemal tief unten rauſchen zu hören; aber vielleicht war's auch der Athem der Finſterniß, die dort tief im Erdenſchooß ſchlum⸗ merte. Sie ſprang von dem Felſen herunter, denn der zweite Gedanke der ihr kam, war die Be⸗ ſorgniß, man möchte vom Hügel aus die Treppe entdecken. Es beruhigte ſie jedoch die Wahrneh⸗ mung, daß noch Epheu genug an dem Felſen zurückgeblieben war, um gleich einer ſchützenden Wand jedem Auge, das hier nichts ſuchte, die Oeffnung zu verbergen. Mit erleichtertem Herzen und ſchon um vieles neugieriger auf weitere Entdeckungen kehrte ſie zu der Treppe zurück, die, wie der Moosüberzug darauf deutlich zeigte, vielleicht ſeit Jahrhunderten nicht war betreten worden; endlich hatte ſie ſogar den Muth, einen runden Feldkieſel hinunterzuwerfen. Sie hörte ihn von Stufe zu Stufe fallen und wirklich rauſchte es unten auf, als fiele er in ein Waſſer. Sie wiederholte nach einer Weile dieſe gefahr⸗ loſe Unterſuchung der ſchauerlichen Stiege mit noch mehreren Steinen und hatte, als das Er⸗ gebniß immer daſſelbe blieb, zuletzt ſo viel Muth gewonnen, daß ſie laut hinunterrief:„Wer da?“ Ihre Stimme verhallte in dumpfem Echo und erſchrocken floh Marillis vom Felſen herunter. Bis zur Mittagsſtunde verweilte ſie auf dem Hügel, hatte während dieſer Zeit das von ihr angerichtete Werk der Zerſtörung, ſo gut es an⸗ gehen wollte, wieder hergeſtellt, die Oeffnung, ſowie die Treppe, mit Zweigen und Ephen hin⸗ länglich bedeckt, und kehrte alsdann, über das Geheimbleiben ihrer Entdeckung völlig beruhigt, in das Vaterhaus zurück. Wir erzählen hier kurz, daß Marillis mehrere Nächte hintereinander ihren Vater, und zwar je⸗ desmal zur beſtimmten Stunde belauſchte, wie er in den Zwinger kam und in obenbeſchriebener geheimnißvoller Weiſe in den Brunnen hinab⸗ ſtieg, den er meiſtens erſt nach einer, oft nach zwei Stunden wieder verließ, um in ſeine Stube zurückzukehren und ſich niederzulegen. So kam der Vorabend des Tages herbei, an welchem der ſchlimme Franz zurückkehren ſollte. Sein Vater, der Waldmüller war am Nachmit⸗ tag da geweſen und hatte von dem alten Merian nochmals die Beſtätigung ſich geben laſſen, daß 3 Franz und Marillis gleich nach der Ernte ein Paar werden ſollten. Niedergeſchlagen bis zur äußerſten Traurigkeit ſchlich das Mädchen gegen Abend zum Hügel und ſah auf dem Wege dahin durch den großen Kornacker ihres Vaters nicht ohne Schrecken, wie die Aehre ſich bereits höher bräunte und voll und ſchwer am Halme niederhing. Auch im Flachsfeld zur Linken kniſterte bereits das heiße Korn in der braunen Kapſel und allenthalben an Bäumen und Sträuchern ſpann ſich der Herbſt mit weißen flockigen Sommerfäden an die Erde feſt,— noch ein paar Tage, und im Korne klirrte die Sichel, in der Sonne auf dem Knot⸗ tentuch ſprang das goldbraune Flachskorn kni⸗ ſternd und knatternd aus ſeiner Hülſe. Marillis kam auf dem Hügel an, eben als das Abendroth Dorf, Fluren und Wälder ganz mit Purpur übergoß und das Leben allenthalben noch einmal freudig aufjauchzte, hier im Lied glücklicher Menſchen, dort in goldenem Gewölk aus den Kehlen von hundert jubelnden Lerchen. Sie ſchaute trüben Blickes zuerſt in die abend⸗ liche, prächtig ſchimmernde Landſchaft und dann 5 hinunter zum Vaterhaus, das ſie nun bald ver⸗ laſſen ſollte, um einem ungeliebten Mann in ſein düſteres Waldthal zu folgen, wo der Mühlbach vergebens ſchäumend über das Rad dahinbrauſte, vergebens das Mahlwerk Tag und Nacht pol⸗ terte und raſſelte, denn Gott hörte ja doch die Flüche des alten Müllers und die Lügenworte ſeines böſen Sohnes. Faſt vergaß ſie über ſo ängſtlichen Bildern und Vorſtellungen die Nähe ihres Geheimniſſes, als plötzlich ihr Auge mitten in dem Flachsfeld eine Entdeckung machte, die ihr bis dahin entgangen war. Der erwähnte Acker lief nämlich vom Fuße des Hügels bis hinunter zum Hauſe und ging dort mit ſeiner ſchmalern Seite längs der Mauer des Zwingers hin, der neuerdings für Marillis eine ſo un⸗ heimliche Bedeutung erlangt hatte. Nur ein Fuß⸗ pfad, der um den Acker herum und nach den drei Eichen hinaufführte, ſchied dort Feld und Mauer von einander. Nun war es aber für Marillis eine ebenſo neue als unerklärliche Er— ſcheinung, daß von der nördlichen Ecke des Zwingers an, wo der Hollunderbuſch die Mauer überragte, bis hinauf zum Fuß des Hügels, mitten durch das Flachsfeld hindurch, ein faſt ſchnurgrader, ohngefähr drei Schritte breiter Streifen ging, auf welchem der Flachs ungleich höher und kräftiger gediehen war, als im übri⸗ gen Felde, wozu noch kam, daß auch die Farbe der Saat hier viel friſcher und grüner war. Sie blickte verwundert hinauf und hinab, immer deut⸗ licher trat der Unterſchied der Vegetation hervor und faſt haarſcharf war die Grenze, welche den⸗ ſelben bemerklich machte. Da ſah ſie den alten Großknecht ihres Vaters, der ein gar ehrlicher Menſch war, zwiſchen den nächſten Feldern hin⸗ wandeln. Sie rief ihn herbei und Jener folgte ſogleich ihrem Rufe.. „Da ſieh' mal, Kilian, was das iſt?“ ſagte ſie und deutete auf den Streifen im Flachsfeld. Der Alte ſchien keineswegs von dieſer Ent⸗ deckung überraſcht zu ſein, denn er nickte lächelnd mit dem Kopfe und verſetzte: „Das macht der hohle Gang unter der Erde mit der gewölbten Mauer,“ belehrte er die ſtau⸗ nend auflauſchende Marillis.„Gott weiß, wozu er angelegt wurde und es iſt auch noch kein Menſch hinein gekommen, zumal er weder einen Ausgang hat, noch einen Eingang. Mir denkt's nicht wie lange der unterirdiſche Weg beſteht und wozu er da iſt. Nur Ein's rathe ich ihr, 56 Jüngferlein, rede Sie nicht bei Ihrem Vater da⸗ von. Bracht' ich ihm, es ſind nun drei Jahre, einſtmals eine zerbrochene Pflugſchar, die beim Pflügen jenes Ackers im Mauerwerk Schaden genommen hatte; ward da Herr Merian kreide⸗ bleich, ſagte aber kein Wort und warf mir das Eiſen ſo hart wider das Schienbein, daß man noch heute die Narbe davon fühlen kann.“ Nach dieſer Belehrung ging der Großknecht weg, ſeiner Arbeit im Felde nach, und ließ die Jungfrau, die ſeine Entfernung kaum bemerkte, auf dem Hügel zurück. Marillis hatte jedes ſei⸗ ner Worte im Sinne behalten, denn ſeine Rede ſagte ihr ja nur, was ſie längſt mit ihren Ohren gehört, mit ihren Augen geſchaut und mit ihren hellen und dunklen Ahnungen erlebt hatte.— Da unten tief im Schooß der dunklen Erde weilte ein Menſch, ein Lebendiger,— deſſen Stimme ſie gehört hatte, ſo im milden Klagge⸗ ſang der Wehmuth wie im wilden Schrei der Verzweiflung— und ihr Vater trug dem Un⸗ glücklichen durch den Ziehbrunnen allnächtlich Speiſe zu im Korbe,— und die Laterne leuch⸗ tete ihm unter dem grünen Flachſe hin, auf dem Weg der ſchwarzen Schuld,— vielleicht bis * 4 3 * unter den Hügel, auf dem ſie ſaß, vielleicht,— der allwiſſende Gott ſah es!— bis unter die äußerſten Wurzeln der großen Eichbäume, die ſo grün und fröhlich in die hellen Lüfte ragten, während unten in der Nacht ihrer Wurzeln ein Menſchenleben ſchmachtete, das des holden Him⸗ melslichtes und der freundlichen Erde entbehrte. Aus dem Flachſe heraus, mit dem die zarteſten Fädchen geſponnen werden, wuchs plötzlich die ungeheure Schuld hervor; die Feuchtigkeit des unterirdiſchen Mauerwerks gab den Pflanzen ei⸗ nen höheren Wuchs, ein friſcheres Anſehen vor den andern, und auf der Erde lag die offenbare Spur der Sünde unter der Erde!— Ein kind⸗ lich Gemüth, ein frommer reiner Sinn, wie wir an Marillis haben kennen lernen, kann zwar durch Jahr und Tag ahnungslos an ſolcher Spur vorüber wandeln, hat höchſtens an dem Grauen genug, das in der Nähe dunkler Schuld ſeine Seele erfüllt, und das Herz erbeben macht; aber laß einmal ſolch' kindliches Gemüth die hellen Augen aufſchlagen, führ' es aus der Welt ſeiner glücklichen Unſchuld in das düſtre Bereich der Sünde, und du wirſt dein Wunder erleben an dem hellſehenden Blick dieſes Auges, womit — es in einem Moment, in erleuchtetem Sinne, das Wahre erkennt und aller Sünde Liſt und Tücken zu nichte macht. Sie wußte Alles, noch ehe ſie wußte, daß es eben nicht weniger als Alles war. Selbſt daß die Felſenpforte, die ſie jüngſt in dem Brom⸗ beerſtrauch entdeckt hatte, der andre Ausgang des unterirdiſchen Ganges war, welcher vom Zwinger durch das Flachsfeld bis hinan zum Hügel führte, ſelbſt das wußte ſie, noch bevor ſie an die ſteinerne Treppe dachte, die von dort in das Innere des Hügels leitete. Erſt als ſie vor dieſer ſtand, mehr ſtaunend über ihr eignes Wiſſen als über Das, was dieſes Wiſſen ihr klar und immer klarer machte, dachte ſie an die Treppe, dachte ſie an die Möglichkeit, auf der⸗ ſelben hinunter zu gelangen und—— Schon hatte ſie den Epheu von der Oeffnung zurückgeſchoben, Abendröthe erhellte den Vorder⸗ grund der Wölbung und warf an die feuchte Wand ein roſig Licht, wie wenn es ihr die Pforte ſchmücken wollte, welche zu der glanz⸗ loſen Stiege hinabführte— da, in dieſem Mo⸗ ment ertönte tief aus dem Hügel heraus eine männliche Stimme, es war derſelbe Geſang wie⸗ der, der ſo lange ſtumm geblieben, nur heute viel näher, deutlicher. Marillis legte ſich auf den Knieen dicht an die Oeffnung, lauſchte ohne Grauen, ohne Beben mit gefaltenen Händen in die ſchwarze Finſterniß und ſang, als das unter⸗ irdiſche Lied verſtummte, mit ihrer hellen lieb⸗ lichen Stimme die erſte Strophe eines Kirchen⸗ liedes in den Treppengang hinunter, wobei ſie nur ſorgte, daß ihre Stimme recht voll und kräf⸗ tig in die Tiefe drang. Aber ſo lange und ſcharf ſie dann auch hinablauſchte, es erfolgte keine Antwort; und als ſie beim völligen Einbruch der Nacht die Oeffnung wieder zudeckte, tröſtete ſie nur der muthvolle Vorſatz, daß ſie morgen mit Anbruch des Tages hinunterſteigen und, es koſte was es wolle, den armen Lebendigbegrabe⸗ nen erlöſen wolle. Sie that übrigens in dieſer Nacht kein Auge zu; als ihr Vater zur beſtimmten Stunde wieder in den Brunnen ſtieg, ſah ſie ihm ruhig nach; harrte ebenſo ruhig auf ſeine Wiederkehr und ſelbſt, daß er diesmal länger als gewöhnlich aus⸗ blieb, ängſtigte ſie nicht. Erſt mit dem Grauen des Morgens kehrte der Alte zurück; und wie ſein greiſes Haupt ſich langſam aus dem Brun— — 6 nen emporhob, glaubte Marillis es deutlich zu wiſſen, daß Gott ihr nur darum dieſen Mann zum Vater gegeben habe, damit ſie den Fluch der Unthat ſühne, den dieſes Haupt auf ſich ge⸗ laden habe. Mit Sonnenaufgang ſtand Marillis ſchon auf dem Hügel und blickte nach Oſten andäch⸗ tig, wo die leuchtende Himmelskönigin der Schöpf⸗ ung einen herrlichen Tag verhieß, der vielleicht für das muthvolle Mädchen der letzte ſeines jun⸗ gen Lebens werden ſollte. Aber ihr Entſchluß ſtand nicht allein unwiderruflich feſt, es zog ſie ſogar wie mit magiſcher Gewalt in das Innere des Hügels und freudig betrat ſie darum den Felſen, ſchob raſch den thaufeuchten Epheu hin⸗ weg und zündete dann mit dem mitgebrachten Schwefelfaden die kleine Handlaterne an, da ſie wohl vorausſehen konnte, daß ſie es da unten nicht ſo hell finden würde, als auf der Ober⸗ welt. Auch auf ihren Anzug hatte ſie heute eine beſondere Sorgfalt gewendet und ihren ſchönſten Sonntagsſtaat angelegt. „Ade, du liebe Gotteswelt! Ade, ihr guten Menſchen da unten!“ rief ſie, und ihr Fuß mit den niedlichen Schuhen und den ſchneeweißen rothgeſtickten Zwickelſtrüͤmpfen betrat zum Erſten⸗ mal die oberſte Stufe, noch einmal ſchaute ſie rückwärts nach der goldnen Himmelsſonne und ging dann langſam, mit der linken Hand die Laterne vorhaltend, mit der Rechten an der feuch⸗ ten Mauer ſich ſtützend in die Finſterniß hin⸗ unter, die ihr mit ſchwarzen Augen entgegenſah. Schon dreißig Stufen mochte ſie hinter ſich ha⸗ ben, da blickte ſie noch einmal rückwärts nach der Oberwelt und erſchrack heftig vor der Tiefe, in welcher ſie bereits angelangt war. Einen Mo— ment ſtand ſie zaghaft und unſchlüſſig, und das kleine Stückchen blauen Himmels, welches ihr noch nachſah auf ihrem unheimlichen Gang, hatte etwas von dem Blick des treuen Mutter⸗ auges und zitternd ſtammelte ſie: „Bleibe bei mir, o Himmel! Verlaß' Dein armes Kind nicht!“ Aber nur einen Moment ſchwankte ſie, ob ſie vureen oder zurück⸗ fliehen ſolle. „Iſt ja doch mein Herz bei mir und in ihm mein frommer Glaube an Gottes Barmherzigkeit,⸗ tröſtete ſie ſich und ſtieg dann entſchloſſen weiter, immer tiefer in die Finſterniß hinein, durch welche das Licht der Laterne nur einen gewiſſen Däm⸗ merſchein verbreitete. Die Treppe ging immer gradaus, die Nacht wurde ſchwärzer, das Licht immer trüber. Jetzt fühlte ſie, daß das Mauer⸗ werk aufhörte und ſtatt deſſen rauhes Felsgeſtein die Seitenwände bildete. Auch die Treppe ſchien enger, die Wölbung niedriger zu werden. Das Rauſchen eines Waſſers war der erſte Ton, den ihr Ohr deutlich vernahm. Noch wenige Stufen ſtieg ſie dann hinunter, als ſie merkte, daß die Treppe zur Linken bog, und da, wo die Wöl⸗ bung ſich ausbreitete, zu beiden Seiten ein höl⸗ zernes Geländer hatte. Unter ihren Füßen fühlte ſie hölzerne Stufen. Das Rauſchen des Waſſers kam immer näher, und zugleich wehte eine un⸗ gewöhnlich warme Luft ihre Schläfen an. End⸗ lich ſtand ſie auf der letzten Stufe der Treppe, aber das Geländer zu beiden Seiten hörte doch nicht auf. Erſt als unter ihr der Boden wankte, erkannte ſie, daß ſie über eine Brücke ging und tief unten in der Finſterniß, wohin kein Strahl der Kerze drang, rauſchte ein unſichtbares Waſſer. So leiſe und vorſichtig ſie aber auch den Fuß aufſetzte, ſchien doch der Steg kaum ihre Laſt tragen zu können und ſchwankte beſtändig hin und her. Endlich war ſie hinüber und ging nun — 63— auf weitem Pfad vorwärts, immer das Licht weit vor ſich hinhaltend und nach allen Seiten hinſpähend. Der Pfad wandte ſich fortwährend um mächtige Felſen, welche wohl die Wölbung der Decke trugen, und wollte gar kein Ende nehmen. „Mein Gott! Mein Gott, verlaß' mich nicht!“ rief Marillis in unſäglicher Angſt, als ſie ſich zuletzt, ſo weit und ſo lange ſie auch bereits vor⸗ wärts gegangen war, noch immer nur von der⸗ ſelben Dunkelheit umgeben ſah, die ſich endlos durch die Erde auszudehnen ſchien. Einigemal glaubte ſie wieder dieſelben Felſen zu erkennen, an denen ſie ſchon einmal vorübergewandelt war, die Täuſchung wiederholte ſich, das Rauſchen des Waſſers kam bald näher, bald verhallte es in weiter Ferne, und eben war ſie ihm wieder ganz nahe gekommen, als ſie hinter einem Felſen hervortretend, auf dem Boden einen Schein be⸗ merkte, dem ſie langſam näher ging. Der Schein lag aber doch nicht, wie ſie anfangs geglaubt hatte, auf dem Boden, ſondern fiel in ſchräger Richtung von oben aus dem Felſen durch eine ſchmale Spalte herunter. Da hinauf aber ging der Pfad, der ſo lange kein Ende hatte nehmen wollen, und zwar waren es treppenähnliche Stu⸗ fen, welche von Menſchenhand in den Felſen ge⸗ hauen ſeyn mußten. Wenige Augenblicke ſpäter ſtand Marillis dicht vor der ſchimmernden Spalte, und wie ſie näher den Felſen beleuchtete, ſah ſie ſich auf einer altanartigen, mit einem eiſernen Geländer umgebenen Platte, der Schimmer aber fiel aus dem Riß einer niedrigen eiſernen Thüre, in der von außen ein Schlüſſel ſtack, ganz den beiden alten Schlüſſeln ähnlich, welche ſie geſtern hinter dem Bett ihres Vaters entdeckt hatte. Ohne ſich zu bedenken, verſuchte Marillis die Thüre zu öffnen, aber dreimal mußte ſie den Schlüſſel mit vieler Anſtrengung umdrehen, bevor ſich die⸗ ſelbe aufthat. Haſt Du einmal in Deinem Leben, lieber Leſer, einen Traum gehabt, in dem Dir zu Muthe war, als verginge Dir vor lauter Schauen in ein Wunder ohne Namen und ohne Gleichen auf Erden die Seele, und Du wüßteſt zuletzt nichts mehr von Dir, als daß Dein Geiſt trunken in Licht verſchwebe: ſo haſt Du das Gefühl, welches Marillis regungslos an die Schwelle der Thüre bannte, die ſie doch ſo muthvoll aufgeſchloſſen hatte. Am düſtren Orte, von dem ihr ahnend — Herz ihr geſagt hatte, daß ſie daſelbſt das Opfer einer ungeheuren Schuld finden werde, zu deſſen Erlöſung ſie all ihr Denken und Fühlen, all ihr Dichten und Trachten mächtig hindrängte, an dieſem Ort des Schreckens und der ſchwarzen Miſſethat ſtand ſie plötzlich wie von nie geſchau⸗ tem Himmelslicht geblendet, wie von nie ge⸗ ahntem Himmelsfrieden angeweht. Denn was ſie ſah, nachdem ſie erſt wußte, daß es ein wirk⸗ liches Sehen war und keine Hellſehung, rührte nicht nur und bewegte ihr kindlich Gemüth wie ein liebliches Wundermährchen, ſondern es lößte zugleich den Zauber von der Jungfrau ſtiller Sehnſucht und ließ ſie glauben an Das, was ſie ſo lange nur gehofft und geahnt hatte. In einem Polſterſtuhl von rothem Sammt ſchlummerte tief und regungslos, als gäbe es für ihn längſt kein Wachen mehr, ein junger Mann in ſchwarzem, mit Pelzwerk verbrämtem Kleid über das ſich ein feiner weißer Kragen legte, auf welchen dunkle Locken voll und glänzend vom Scheitel niederfielen. Auch die linke Seite des Antlitzes war mit Locken bedeckt, die der Schlum⸗ mer dorthin genickt, und Marillis konnte darum Die Mediatiſirten, U. 5 eben nur erkennen, daß es das ſchönſte und edelſte Jünglingsantlitz war, welches ſie bis dahin ge⸗ ſchaut hatte. Freundliche Hoheit ruhte in ſeinen Zügen, die das Licht der vier Kerzen auf dem Armleuchter vom Tiſche aus voll und glänzend beſchien. Sein linker Arm lag auf dem Tiſch, der außerdem mit vielen Büchern in koſtbarem Einband bedeckt war. Auch ein goldner Pokal ſtand daſelbſt, den eine kleine ſilberne Platte zu⸗ deckte. Die Füße des Jünglings waren mit Saf⸗ fianſtiefeln bekleidet und ruhten auf einem koſt⸗ baren Pantherfell, obgleich der Boden allenthal⸗ ben mit weichen Teppichen belegt war. Auch die übrige Einrichtung dieſes unterirdiſchen Felſen⸗ gemaches entſprach dem vornehmen Anſehen des Schlafenden. Ein ſchwerer dunkelrother Sammt⸗ vorhang verſchloß im Hintergrund das Ruhela⸗ ger; und oben, wo derſelbe an der Decke befeſtigt war, prangte eine goldne Königskrone. Die Wände waren rings mit hellgrünen Seidenſtoffen beklei⸗ det, in welche Blumen von ſanftem Silberglanz eingewirkt waren. Marillis überſah jedoch all die ſeltene Pracht vor dem Anblick des ſchlafenden Bewohners die⸗ ſer geheimnißvollen Klauſe, aus welcher derſelbe doch nimmer heraus konnte, indem ſie ja die ei⸗ ſerne Thüre von Außen dreimal verſchloſſen ge⸗ funden hatte. War es nun der ungewohnte Luftzug, der durch die geöffnete Pforte ſein Antlitz berührte, war es eine Ahnung des eigenen Herzens, was ihn erweckte; mit Einmal ſchlug der könig⸗ liche Jüngling groß und hell die Augen auf und ſein erſter Blick fiel auf das Mädchen, das er eine Zeitlang ſo ruhig anſah, als wiſſe er ſich in einer Traumestäuſchung befangen und dürfe ihr nur ſo lange trauen, als eben die holde Täu⸗ ſchung währe. Erſt als ſie die Hand erhob und dann einen Schritt ehrfurchtsvoll zurückwich, fuhr der junge Mann erſchrocken zuſammen, ſprang auf und re⸗ dete einige Worte in einer fremden Sprache, deren Töne Marillis indeſſen nicht unbekannt waren. Denn oftmals hatte ſie die beiden Gäſte ihres Vaters in derſelben Sprache mit einander reden hören; und nun vernahm ſie dieſelbe wie⸗ der und hatte keine Antwort darauf. Nur ſoviel konnte ſie aus den Mienen und dem ganzen Weſen des unbekannten Jünglings errathen, daß ihre Erſcheinung ſeit langer Zeit das außeror⸗ 5* dentlichſte Ereigniß für ihn war. Sie ſagte zit⸗ ternd: „Gott im Himmel ſendet mich zu Euch, Herr, um Euch aus Eurer langen fürchterlichen Haft zu erlöſen. Ich bin die Tochter Merian's, der Euch hier eingeſchloſſen hält und allnächtlich mit Trank und Speiſe verſorgt, und mein Name iſt Marillis.“ Bei dem Ton ihrer Stimme ſtieß der Jüng⸗ ling einen lauten Freudenſchrei aus, eilte zu ihr und faßte ihre Hand, indem er in gebroche⸗ nem Deutſch ſtammelte: „Kein Engel— Menſch wie ich— o Gott, wie dank ich dir, daß du mich läßt ſehen freund⸗ lich Menſchenauge, und hören freundliche Men⸗ ſchenrede!— Marillis Du heißt? Biſt Kind von Merian? Leb'ſt droben auf ſchöner heller Erde, unter goldnem Himmel und kommſt in's Finſtere?— Sprich mir es: Wer hat Dir ge⸗ zeigt meine Verlaſſenheit?“ Seine Stimme hatte einen ſanften, unend⸗ lich rührenden Ton und⸗ bewegte Marillis' Herz auf das Innigſte. Schon um Vieles zuverſicht⸗ licher ſagte ſie darum: „Lange ſchon, o Herr, hab' ich Euch ſingen —— gehört, wenn ich Abends droben auf dem Hügel ſaß, wo die drei Eichen ſtehen und die großen Felſen umherliegen. Da ließ mich ein Zufall endlich eine verborgene Treppe entdecken, und ich nahm mir vor, Eurem Geſange nachzugehen und Euch auf die Oberwelt zu führen!“ „O Du doch ein Engel!“ rief der ſchöne Jüngling.„Kommſt zu dem verlaſſenen Mundo⸗ lan, Freiheit bringſt Du ihm— bringſt ihm neues Daſeyn— und er darf's nicht nehmen, muß hier unten bleiben in tiefem Kerker— braucht's nicht Schloß, nicht rauher Fels— bin⸗ det ihn Gottes Gebot, der Ehre Gebot, bindet ihn Herz in der Bruſt— heiliger Schwur— großmächtig ſchrecklich Geſchick— ginge Mun⸗ dolan lieber noch tiefer in die Erde hinein, als hinauf an's helle Sonnenlicht, ſtürbe lieber— als das thun— o nimmermehr!“ Marillis ſah ihn lange ſtaunend und ſprach⸗ los an. „So wollt Ihr mir nicht folgen, da ich doch einen Weg weiß, auf dem Ihr Euch retten könnt?“ rief ſie dann erſchüttert.„O lieber Herr, Ihr wißt wohl nicht einmal, wo Ihr ſeyd? Hier zwar, in dieſem Gelaß, iſt's herrlich und ſchön; aber rings umher ruht eine grauſe Finſterniß und ich hätte wohl nimmer ohne Gottes Bei⸗ ſtand den Weg zu Euch gefunden!“ „So iſt's,“ verſetzte Mundolan und ſein ſchattenhaftes, des Lichtes längſt entwöhntes Auge blickte trübe das holde Kind der Freiheit und des heitern Tages an, das mit wahrem Hel⸗ denmuth in ſeine finſtere Nacht herabgeſtiegen kam, um ihn zu retten, ihn, den doch nichts in der Welt retten konnte! Nachdenkend ſchüttelte er dann das ſchöne reichgelockte Haupt, ſeufzte tief auf, daß der bange Laut wie ein Meſſer Marillis' Herz durchſchnitt und warf ſich in den Seſſel, beide Hände wie abwehrend vor das Geſicht ſchlagend, gleich als fürchte er der ſüßen reizenden Verlockung doch nicht widerſtehen zu können. Sie kniete vor ihm nieder auf dem buntge⸗ fleckten Pantherfell und ſagte mit innigem Mit⸗ leid:„So bring' ich Euch wohl nur neue Trau⸗ rigkeit ſtatt der fröhlichen Erlöſung, armer Herr! Und Ihr müßt hier bleiben und dürft mir nicht folgen, wenn ich wieder auf die Oberwelt zu⸗ rückkehre?“ Er bejahte mit einem ſtummen Kopfnicken. „O das iſt hart, das ertrag' ich nicht!“ rief ſie und brach in lautes Weinen aus.„Was ſoll mir von nun an der Erde Glück und Freude mit meiner Wiſſenſchaft von Eurem ſchrecklichen Lvos hier im ſchwarzen Erdgewölbe! Wie möcht' ich der Sonne Glanz, des Himmels blaue Wol⸗ ken, der Blumen lieblich Prangen ertragen, nun ich weiß, daß Ihr hier unten einſam weilet, ohne Freund, ohne eines Menſchen Nähe, der Euch tröſtet! Müßte ich nicht erſchrecken, wenn mein Fuß über grünen Matten wandelt? Oder wenn ich ſehe, daß eine Wurzel in die dunkle Erde geht, während oben im hellen Sonnenlicht die Blume blüht und der Wipfel fröhlich rauſcht in's füße Vogellied?“ „Wurzel!— Ja wohl,“ ſeufzte der Jüng⸗ ling.„Hängt doch auch an mir und daß ich hier tief unten in der ſchwarzen Erden verwei⸗ len muß, ein herrlich Glück— Leben im Son⸗ nenlicht— iſt Nacht mein Loos und Einſam⸗ keit, gleich der Wurzel— oben aber blüht es — hat grünen ſtolzen Wipfel— ragt mächtig in die Wolken,— ich nur bin Wurzel, darf nicht los— muß ausdauern— bis Tod kommt und Licht bringt!“— — Marillis verſtand nicht, was er mit dieſen abgebrochenen, von dem Accent der tiefſten Muth⸗ loſigkeit betonten Worten ſagen wollte. Aber ſie fühlte, daß ſie nicht weinen dürfe in der Nähe eines ſo fürchterlichen Schickſals und darum faßte ſie ſich ſchnell und fragte: „So ſeyd Ihr wohl ſchon lange hier, habt vielleicht gar keine Erinnerung mehr von dem Leben auf der Erde?“ Er erwiederte nichts, weder durch Worte noch durch Zeichen, ſah ſie nur ſchweigend an und legte dann die zarte, feingeformte Hand auf ihr Haupt, fuhr ſanft an dem glänzenden Haare nieder und berührte ihre Wange, die dabei heiß wurde. „Sei bei mir— heute, morgen, ſei alle Tage bei mir!“ flüſterte er flehend.„Habe Troſt dann, habe Freude,— redeſt Du vom Sonnen⸗ licht— von Blumen— bringſt mir Blumen — grün Laub auch von den Eichen oben—“ „Ihr ſollt es haben, alles was ſchön iſt und lieblich auf Erden, ſollt Ihr haben!“ rief Marillis, von einer plötzlichen Eingebung er⸗ leuchtet. Denn es ſtand feſt bei ihr, ihn nim⸗ mer zu verlaſſen und zu ihm zurückzukehren, ſo lange ihr die Möglichkeit dazu gegeben ſei. „Mein Vater kommt Nachts zu Euch,“ fuhr ſie lebhaft fort.„ Ich aber ſuche Euch bei Tage auf und bleibe bei Euch, ſo lange ich kann. Niemand außer mir kennt die Treppe und Gott wird helfen, daß kein Auge ſie jemals endeckt! Find' ich nur wieder den Weg zurück, ſo will ich das Nächſtemal ihn auch wieder bis zu Euch finden.“ Wie eine Himmelsmuſik klangen dieſe Troſt⸗ worte in des Jünglings Seele. Zwei große Thränen rollten über ſeine Wangen, er faltete die Hände und ſprach mit vielem Ausdruck in ſeiner Sprache ein kurzes Gebet, wovon Ma⸗ rillis nur den Namen Jeſus Chriſtus verſtand. Hierauf erzählte ſie ihm ausführlich die Ge⸗ ſchichte aller Begebenheiten, die wir bereits ken⸗ nen, verſchwieg ihm auch nicht die neuliche An⸗ weſenheit der beiden Fremden im Vaterhaus, welche Nachricht ihn übrigens keineswegs zu überraſchen ſchien, und nur Eins verhehlte ſie ihm— ihr Unglück nämlich mit dem ſchlimmen Franz und was ihr bevorſtand. Sie ſchlug ſich den Gedanken daran ſchnell aus dem Sinn, aber er merkte dennoch ihr Erſchrecken und fragte ſie nach der Urſache deſſelben. Da erzählte ſie ihm — von dem Schrei, den ſie ohnlängſt aus dem Gewölbe herauf gehört hatte. Er wechſelte bei dieſer Nachricht die Farbe— einen Augen⸗ blick rang er mit einer großen Angſt und rief dann: „O Gott— auch Das du hören mußteſt!“— Wie lange aber auch Marillis unter der Erde bei dem Unglücklichen blieb, ſo war es doch für Beide noch viel zu früh, als ſie end⸗ lich an ihre Rückkehr dachte. Zwar ſchlug keine Uhr in dieſem Gemache und für ſeinen Bewoh⸗ ner ging die Sonne weder auf noch unter, doch Marillis ahnte, daß es Zeit zum Aufbruch ſei. „Ich begleite Dich,“ ſagte er,„ich kenne alle Wege.“ Sie ſah ihn ſtaunend an und fragte: „Wie, Herr? Ihr könntet hier herauskom⸗ men?“ Er nickte lächelnd, hieß ſie die Thüre von Außen ſchließen, und nachdem ſie ſeinen Wunſch erfüllt hatte, öffnete er dieſelbe von innen ſo leicht und mühlos, daß ſie es nicht eher begrei⸗ fen konnte, als bis er ihr den ſcharfen Dolch zeigte, mit deſſen Hülfe er den Riegel von In⸗ nen zurückſchob. Er belehrte ſie dann, daß Merian weder von der Brücke noch von der Treppe, auf der ſie herabgekommen, Kenntniß habe; und gab ihr als den beſten Wegweiſer durch den labyrinthiſch gewundenen Gang der großen Höhle den Strom an, deſſen Rauſchen ſie nur immer zu folgen brauche, um auf kürzeſtem Weg zu ihm zu gelangen. Nach ſeiner Angabe lag die Brücke kaum hundert Schritte von dem Felſen entfernt, deſſen Grotte er bewohnte; ſie aber war, anſtatt ſich zur Linken zu halten, in ein Labyrinth zur Rechten gerathen, deſſen Schlangen⸗ windungen ſie, ſo klein auch der Raum war, doch länger als eine halbe Stunde verfolgt hatte, ohne darum eigentlich von der Stelle zu kommen. Auch den Gang, welchen Merian jede Nacht heraufkam, kannte Jener bis zu einer großen eiſernen Thüre, die der Alte indeſſen ſorgfältiger als die erſte verſchloſſen hielt. Nur von dem Vorhandenſeyn der Treppe und eines zweiten Ausgangs hatte auch Mundolan bis jetzt keine Ahnung gehabt. Aber, o Himmel! Wie war die Welt des Lichtes und des Lebens in ſo kurzer Zeit eine andere geworden, da Marillis wieder an's Tages⸗ licht trat und ſich vom Hügel aus umſchaute, als müſſe ſie ſich erſt beſinnen, wie es vor ein paar Stunden geweſen, und welche Verwand⸗ lung vorgegangen ſey. Da war noch Alles wie ſonſt: Dorf, Bäume, Vaterhaus, und der große dunkle Garten daneben, und weiter unten der Buchwald,— und doch ſchien ihr eine Zeitlang jeder Gegenſtand in der Nähe und in der Ferne von einem eigenen ſchattenhaften Weſen umwaltet, gleich als hinge ihr ein Flor vor den Augen und verdunkele ihr die freundlichen Farben des Lebens. Selbſt die ſonnigen Auen des Dorfes und die leuchtende Wieſenbucht im Walde dünkten ihr lange nicht mehr ſo helle ſchimmernd, wie ſonſt— kurz allüberall umwebte ein Schatten das wohlbekannte Bild, und ſie mußte mehrmals rückwärts zu der düſteren Stiege hinunterblicken, um zu begreifen, daß es nur der Eindruck des eben Erlebten und der eigene neue Sinn in ihr war, der dieſe Wandlung hervorrief. Denn in ihr ſelber, das empfand ſie deutlich, war es ja auch nicht mehr wie ſonſt, und bei⸗ nahe erkannte ſie ſich nicht wieder, als ſie von dem Hügel, neben dem dunkeln Streifen des Flachsackers hin, langſam dem Vaterhaus zu⸗ wandelte. Es kam ihr vor, als ſei ſie in den paar Stunden, die ſie in dem Hügel verweilte, um ebenſoviele Jahre älter und kräftiger gewor⸗ den; der Muth, der ſie vorhin unter Beben und Herzklopfen in die finſtere Höhle hinuntergeführt hatte, war zur wunderbar ſichren Kraft und Ruhe in ihr erſtarkt; das Gefühl eines großen ſeltenen Gelingens erhöhte alle ihre Sinne und lag wie ein feſter Anker in dem Grund ihrer Seele; ſie hatte eigentlich keine Furcht mehr, denn was konnte ſie noch fürchten, nachdem ja der Boden, auf dem ſie ſo lange wie im Traume wankend und ſchwankend umhergegangen, feſt ge⸗ worden und der Alp düſtrer Ahnungen von ihr genommen war. Der unſichtbare Bräutigam ihrer Seele war gefunden, der tönende Fels hatte ſich auf⸗ gethan und der prächtige Diamant, der die Ver⸗ zauberung bewirkt, lag nun ſtrahlend in herr⸗ licher Schöne vor ihren Augen. Das Wort über ihres Daſeins Beſtimmung war geſprochen, und ſo lange es bloß Menſchen waren, deren Tücke ſie durchſchauen, deren Miſſethat ſie vernichten konnte, gab es für ſie keine eigentliche Furcht mehr; nur die Sorge bewegte ſie noch, daß nicht ein Zufall Jene auf die Spur ihres Geheim⸗ niſſes leiten wöge. Der Mann hat nur Kraft und aus ihr er⸗ wächſt ihm der Muth; dem Weib aber, das dem Muthe ſich weiht, legt Gott zugleich eine Kraft in die Seele, die ſeine Seele ſelber wird, daß es mun in göttlicher Weihe erfülle, was ihm in menſchlicher Kraft verſagt war. Dauu iſt's nicht mehr die große That allein, die die Welt anſtaunt und die Herzen erſchüttert, dann iſt es jene reine ſtille That, die den Glorienſchein des Märtyrerthums verſchmäht, wie den Lorbeer des Ruhmes, und ſich begnügt mit dem blutenden Her⸗ zen, mit dem geopferten Gott in dieſem Herzen. So konnte Marillis bei ihrer Rückkehr in das Vaterhaus dem Franz, der ihr im Hofe entgegentrat, freundlich die Hand reichen, konnte ſogar dulden, daß er ſie in der Flur hinter der Hausthüre herzhaft abküßte und ſie dann vor allen Leuten ſeine Braut nannte. Der Alte kam hinzu und ſeine düſtre Miene erheiterte ſich ſicht⸗ bar beim Anblick der Beiden, die nun Eins waren. Marillis ſcherzte und meinte, ſie hab's dem Franz nur ein wenig ſauer machen wollen. Da aber der geizige Merian ihr in der Freude ſeines Herzens einen ganzen Becher voll blanker Gold⸗ ſtücke als Mitgift in die Schürze ſchüttete, da 3 ward es dunkel vor ihren Augen, ſie wechſelte die Farbe und ſchrie laut auf vor Entſetzen. Wenig fehlte, und ſie hätte die reiche Gabe voll Abſcheu vor ſich auf den Boden geſchleudert. „Kriegſt noch mehr, Kind!“ ſagte der Alte, der ihr.. Schreck für bloße Ueberraſchung hielt beim Anblick des vielen Goldes. „Vater Merian! Ihr habt gut das Töchter⸗ lein ausſtatten!“ rief Franz und ſein Lachen ſchnitt Marillis wie ein dreiſchneidig Schwert durch die Seele, als er hinzuſetzte:„Euer Flachs hinter dem Haus iſt dieſes Jahr wieder herrlich gerathen und trägt Euch, weiß Gott! ein ſchönes Stück Geld ein.“ „Rothkopf!“ drohte ihm der Alte, und das Mädehen wußte nicht, ob ers im Scherz oder Ernſt meinte, denn ſein Geſicht drückte bei die⸗ ſem Ausruf ebenſoviel Vergnügen als Unmuth aus. Aber dagegen wußte ſie nun ein Anderes um ſo deutlicher, daß nämlich der Franz den Acker kannte, aus welchem dieſes Geld gelöſt worden war. „Die Flachsernte gehört heuer der Marillis, ſie mag ſich daraus ihren Bedarf an Weißzeug anfertigen.“ —— Mit dieſen Worten ging der Alte aus der Stube und überließ es dem künftigen Schwie⸗ gerſohn, ſein armes Töchterlein über dieſe unge⸗ wöhnliche Freigebigkeit zu beruhigen. Marillis aber ſchüttete haſtig das Gold auf den Tiſch, daß mehrere Stücke davon auf den Boden roll⸗ ten. Franz bückte ſich darnach, und dieſen Mo⸗ ment benutzte das fromme Mädchen, um ein Kreuz über dem Sündengold zu ſchlagen, das ſie wie mit den Augen des Böſen ſelber anſah. Der wüſte Menſch, dem ſich über dem Bücken die Narbe auf der Stirne höher geröthet hatte, ſah bald ſie, bald das Gold mit lüſternen Augen an und lächelte beim Anblick des letzteren ſo teufliſch geheimnißvoll, daß Marillis ihn zitternd fragte, was das bedeute und warum er nicht lieber das Gold gleich einſtecke, das ja doch nun ſein gehöre ſo gut als ihr. „Ja, der Flachsacker,— der ſoll uns der⸗ maleinſt noch mehr als Das eintragen,“ verſetzte er mit dem ihm eignen widerlichen Hohne und ſtrich dabei langſam das Gold ein.„Aber wenn ſchon Das mein iſt, was doch Dein Vater Dir ſchenkt, wie viel eher Du, die er mir ſchenkt! Heiſa, Liebchen! Thu' mir darum nicht ſo ſpröde ———————— und fürcht' Dich nicht vor der Narbe. Sie thut Dir nichts zu leide, und ſind wir mal Mann und Frau und Du ſiehſt, daß ſie mich brennt, ſo küſſe ſie ſo lange, bis ſie wieder kühl wird.“ Er zog ſie bei dieſen Worten mit roher Zärt⸗ lichkeit auf ſeinen Schooß, herzte ſie, die ſich ſchüchtern, wie das Lamm an den Würger, an ihn ſchmiegte und kaum wußte, wie ſie ſich noch vor ſeinem leidenſchaftlichen Ungeſtüm ſchützen ſolle, als zum Glück ihr Vater eintrat und den Franz in die obere Stube rief. Mit wirren Sinnen und fliegenden Pulſen ſaß Marillis an dem Tiſche und es währte längere Zeit, bis ſie ſich wieder Meiſterin ihrer aufgeregten Lebensgeiſter fühlte. „Muth, o Gott! Muth!“ ſtammelte ſie und wankte aus der Stube, um an dem Grabe ihrer Mutter von den vielen Eindrücken dieſes Tages auszuruhen, die in ſo wechſelvoller Geſtalt auf ihr Gemüth eingeſtürmt waren. Der Dichter ſoll nicht poetiſcher ſeyn als die Geſchichte; und mir will es vorkommen, als hätte es auch in gegenwärtigem Fall mit dieſem Satze ſeine Richtigkeit. Daß ein undurchdringlicher Die Mediatiſirten U. 6 ——— Schleier auf Mundolan's Geſchichte ruht, daß wir keine Ahnung haben, weder von ſeiner Her⸗ kunft, noch von ſeiner Familie und ſeinem Va⸗ terland, dünkt mir ungleich poetiſcher, als wenn wir dies oder das von ihm wüßten; wie es denn ebenſo gewiß den richtigen Sinn des Vol⸗ tes bekundet, welches die Sage von ihm aufbe⸗ wahrt, daß Niemand ſeine Fantaſie verſucht hat, um dieſer Geſchichte einen befriedigenden Schluß zu geben. Daß eine Verkettung von außerordent⸗ lichen Schickſalen Mundolan dahin führte, wo ihn Marillis entdeckte, braucht nicht erſt geſagt zu werden; daß ſein Leben denen, die ihn in ſo furchtbarer Haft gefangen hielten, ebenſo koſtbar war als das Geheimniß, welches ſie über dieſes Leben ausbreiteten, iſt faſt mit derſelben Be⸗ ſtimmtheit anzunehmen; und ſo ſoll uns denn zuletzt nur noch das Eine unbegreiflich und räth⸗ ſelhaft bleiben, warum Mundolan ſelbſt jeder⸗ zeit ſich ſtandhaft weigerte, auf dem ihm von Marillis gebotenen Wege dem grauſen Orte ſeiner Gefangenſchaft zu entfliehen,— zu ent⸗ fliehen den furchtbaren grauſamen Feinden, welche die Macht hatten, nicht nur ſeinen Leib lebendig zu begraben, ſondern auch ſeinen Willen an die⸗ — ſen Ort der lichtloſen Einſamkeit zu feſſeln. So durfte er, und dieß gewiß nur im Hinblick auf das unentrinnbare Verhängniß ſeines Daſeyns, der armen Wurzel ſich vergleichen, die nimmer aus der Erde herauskommt und deren Beſtim⸗ mung es iſt, in Dunkelheit zu leben und zu grü⸗ nen um des Baumes willen, von deſſen Stamm ſie ausgeht, deſſen Kraft ſie bedingt. Wie be⸗ merkt: der Umſtand, daß ein ſolcher undurchdring⸗ licher Schleier auf dem Schickſal des ſchönen unglücklichen Mundolan ruht, ſoll uns wahrlich nicht verleiten, dieſen Schleier zu lüften. Marillis hielt ihr Verſprechen. Schon am andern Morgen ſtieg ſie wieder in den dunklen Hügel hinab zu dem einſamen Gaſt dieſer un⸗ heimlichen Herberge, und brachte ihm Blumen, die ſchönſten im Garten, auf den Wieſen und im Walde. Auch des Eichlaubs hatte ſie nicht ver⸗ geſſen, das er ſo lebhaft gewünſcht hatte. Dies⸗ mal fand ſie den Weg zu ſeiner Grotte durch die dunkle Höhle ohne langes Irren. Sie folgte immer nur dem Rauſchen des unterirdiſchen Stromes, und Mundolan ſtand bereits in der geöffneten Thüre ſeines Gefängniſſes und rief ihr ſchon aus der Ferne ihren Namen entgegen. 6* Wir beſchreiben nicht die ſanfte Freude des Jünglings beim Anblick der holden Gabe, nicht die laute, als Marillis ihm nochmals gelobte, daß von nun an kein Tag ihres Lebens vorüber⸗ gehen ſolle, an dem ſie nicht zu ihm kommen und ihm Geſellſchaft leiſten werde. Mundolan war überglücklich; denn alles, was er noch vom Leben begehren durfte: Blumen und freundlich Menſchenauge und ein treues, theilnehmendes Menſchenherz, er beſaß nun alle die langent⸗ behrten Schätze in reichſter Fülle, und in die Nacht ſeiner langen einſamen Trauer leuchtete nun auch ohne Sonne der himmliſche Strahl eines neuen Lebens. Er war nicht mehr allein, und ſelbſt wenn Marillis ihm fehlte, war ſie bei ihm, wenn auch nur in der Erwartung ihres Kommens, das ihm ja jeder Tag brachte. Seliger Traum der Gottheit, unſterblich wie der Geiſt, der dich träumt auf der ſchönen hellen Erde, in lichter Sonne oder im milden Glanz guter Geſtirne,— ſo findeſt du nun auch den Weg in ein dir lange verſchloſſenes finſteres Ge⸗ laß tief unter der Erde, wo kein Sonnenſtrahl dich verklärt und kein Stern dir leuchtet!— Aber wohin Gottes Ange nur immer reicht, dahin reicht ja auch die Verſöhnung; und wohin nur immer Haß und Tücke zu ſchleichen vermag, da⸗ hin findet ja auch Liebe und Treue den Weg, wenn freilich auf andren Pfaden. Marillis Auge gewöhnte ſich mehr und mehr an die Finſterniß, je heller es in ihrem Herzen wurde; bald fand ſie Mundolans Grotte ohne Laterne, bald hätte ſie dieſelbe mit geſchloſſenen Augen finden können. Der Menſch denkt, Gott lenkt. Merian und ſein böſer Schwiegerſohn dachten ihr Geheimniß ſo ſicher und undurchdringlich, wie die Riegel, hinter denen ſie es verbargen, wie die Nacht, in die ſie es begruben. Aber Gott lenkte den Fuß des frommen Kindes mit den hellen Augen in dieſelbe Nacht; und während Jene unter dem Flachsacker hin mit böſem Gewiſſen und ſcheuem Schritte zu dem Opfer einer furchtbaren That heranſchlichen und ſein Leben mit Nahrung fri⸗ ſteten, weil es ihrer unmenſchlichen Habgier diente, kam Marillis gleich nach ihrer Entfernung von der andern Seite freudigen Muthes heran, brachte dem Unglücklichen Blumen der Erde, lehrte ihn ihre Namen, beſchrieb ihm die Orte, wo ſie auf⸗ geblüht waren, die Freude, die ſie bei ihrer Ent⸗ deckung empfunden hatte. Und bald waren es — 5 mehr die Worte zu den Blumen als die Blumen ſelber, die Mundolan glücklich machten. Jene ver⸗ welkten ſchnelle in dem lichtloſen Raume und ihre Farben erbleichten im Kerzenſchimmer; aber was Marillis ſprach, klang wie ein Frühlingston, der nimmer verhallen wollte, in ſeine Seele, lehrte ihn lauſchen auf das helle Lerchenlied, das er nicht hörte, lehrte ihn ſchauen den grünen Wald und die goldenen Wolken, die er nicht ſah. Eins nur wunderte ſie dabei, daß er ihr nämlich nicht ſa⸗ gen wollte, wo die Blumen vom vorigen Tage hin⸗ gekommen ſeyen; denn jedesmal waren ſie ſpurlos verſchwunden, wenn ſie darnach fragte. Verbarg er ſie vor Merians argwöhniſchem Auge? Oder was ſonſt ſchaffte er damit? Als ſie jedoch immer neugieriger wurde und nicht nachließ, ihn um eine Aufklärung zu bitten, ergriff er einſt den Armleuchter und führte ſie aus ſeiner Grotte durch den Gang an eine Felswand, wo er ihr ein offenes Grab zeigte, und dahinein hatte er die Blumen geworfen. Er ſagte ihr, daß in die⸗ ſem Grabe einſt ſeine ſterbliche Hülle ruhen werde und verſchwieg ihr nun auch nicht länger, daß er den Schreckensruf, welchen ſie einſt aus dem Hügel im Brombeerſtrauch vernommen, ausgeſtoßen habe, als ihm Merian und noch ein Menſch, der nach Mundolans Beſchreibung kein anderer als der Franz ſein konnte, an dieſes Grab geführt und ihm angekündigt hätten, daß er hier einſt ruhen werde. „Nun war letzte Hoffnung hin— wußte ich, daß nimmer mein Leib ruhen werde bei Vater — bei Bruder— o dort, wo's auch kühl iſt und ſtille wie da, aber heilig— und brennt ge⸗ weihte Lampe— ſingen Prieſterchöre— ſüß duf⸗ tet Weihrauch— ſchlafen ſie alle— alle— gute und böſe— nur ich nicht!——“ Bebend ſchmiegte ſich das Mädchen an ihn und flehte:„Kommt mit mir, Mundolan! Kommt nur einmal mit mir hinauf an's goldne Son⸗ nenlicht, und ſehen ſollt Ihr, daß Ihr es hier unten in der Finſterniß gar nicht mehr aushalten könnt, auch wenn Ihr den Muth hättet, wieder dahin zurückzukehren.“ Er ſtarrte bei dieſen Worten in das Grab, ſchüttelte langſam das Haupt und ſagte dumpf: „Da iſt's, da haben ſie's gewollt,— da muß es ſein! Sonnenlicht— o Marillis, wie gerne ſchaut' ich es noch einmal!— Aber Schwur macht Sonne finſter— Schwur macht Auge blind— Nacht ſoll's ſeyn— immer Nacht um Mundolan!“ „So kommt in der Nacht mit mir herauf, wenn Euch ein Schwur den Tag verbietet!“ rief Marillis, wie von einer plötzlichen Eingebung erleuchtet. Stumm und groß ſah ſie der edle Jüngling an, ſein Auge war glänzender, ſeine Miene er⸗ hellte ſich, zwar ſchüttelte er abermals das Haupt, aber doch ſchon um vieles ungewiſſer, zaudernder; und endlich gelang es wirklich der innigen Zu⸗ ſprache des Mädchens, ihm das Gelöbniß ab⸗ zugewinnen, die künftige Nacht mit ihr hinauf⸗ zuſteigen und eine Stunde auf dem monderhell⸗ ten Hügel unter den drei Eichen zu verweilen. Die Anweſenheit ihres Verlobten hielt Ma⸗ rillis bis zur zehnten Stunde des Abends im Hauſe zurück. Als er endlich wegging, fühlte ſie ſich ganz erſchöpft von der Gewalt, die ſie ſich hatte anthun müſſen bei der unerträglichen Ver⸗ traulichkeit des ihr in den Tod verhaßten Men⸗ ſchen. Sobald ſie ſich von ihm befreit ſah, that ſie gegen ihren Vater, als ginge ſie ſchlafen, wünſchte ihm und der alten Schaffnerin gute Nacht und begab ſich in ihre Kammer. Als aber alles im Hauſe ruhig geworden war, nahm ſie ihre Schuhe in die Hände und ſchlich auf den Strümpfen die Treppe hinunter, durch eine Hinterthüre in den Obſtgarten, lief dann am Zwinger vorbei unter den alten Nußbäumen, deren Schatten ſie deckte, den Hügel hinan und ſtand in wenigen Minuten athemlos vor der Treppe. Da pochte ihr denn doch ein wenig das Herz in der Bruſt, als ſie bedachte, daß in Zeit von zwei Stun⸗ den ihr Vater dem nämlichen Ziel entgegen⸗ wandern und zu Mundolan hinabkommen werde; und einen Augenblick hegte ſie ſelbſt die Be⸗ ſorgniß, er möge heute früher als gewöhnlich in den Ziehbrunnen ſteigen und dann Mundo⸗ lan's Entfernung bemerken. Schnell aber kehrte ihr der alte freudige Muth zurück, als ſie den herrlich geſtirnten Himmel und die mondbeglänzte Erde betrachtete und ſich den Eindruck vergegen⸗ wärtigte, den der Anblick der großen ſtillen Schöpfung auf Mundolans Gemüth ausüben werde. „Komm', lieber Mond, und hilf mir ihn feſthalten auf der ſchönen Erde!“ rief ſie ge⸗ rührt.„Und ihr, Sterne, ſpannt eure Netze aus und nehmt ſein Herz gefangen, daß er wieder Sehnſucht fühlt und Drang nach Freiheit und Leben! Du aber, Nachtigall dort unten im Lin⸗ denbaum, halt hübſch die Töne recht lange an, daß du ſeine Seele immer tiefer in's Zaubernetz der goldnen Sterne hineinlockeſt, bis er nicht wieder heraus kann und zu mir ſpricht: Maril⸗ lis, entflieh mit mir dieſem Orte der Angſt, wo uns Beiden Verderben droht!“ Alſo durch die Hoffnung auf den Beiſtand von Mond, Sterne und Nachtigall wunderbar in ihrem naturinnigen Gemüthe getröſtet, eilte ſie in den Hügel zu kommen, und bald leuchte⸗ ten ihr durch die Finſterniß Mundolan's wohl⸗ pekannte vier Kerzen entgegen. Er ſtand auf dem Altan vor dem Eingang ſeiner Grotte, in einem prächtigen Anzug von ſilbergrauem Sammt, auf dem Haupte ein Barett mit wallenden ſchwarzen Federn, die eine große ſtrahlende Rubinſchnalle befeſtigte. „O Herr! wie ſeyd Ihr ſchmuck!“ rief Ma⸗ rillis ſtaunend, und faſt blendete ſie die ſtrahlende Erſcheinung Mundolan's, daß ſie glaubte, den ewig jungen König der Nacht in leibhaftiger Geſtalt vor ſich zu erblicken. Denn ſein Mantel glänzte über und über von kleinen goldenen Ster⸗ ℳ nen und der ſilberfadige Sammt ſeines Unter⸗ kleids ſchimmerte wie aus Mondſtrahlen gewebt. Zum reichſten Feſte ſchien er gerüſtet, und die untadelige Schönheit ſeines Antlitzes war ihr noch nie ſo verklärt erſchienen als jetzt. „So komm,“ ſprach der edle Jüngling mit hochklopfender Bruſt.„Weil ich Dich nicht hatte, war es Nacht— ohne Stern, ohne Mond— nun folg' ich Dir hinauf— friſche Luft, Rau⸗ ſchen im Baum— da ſollſt Du mir ſagen, wie es mich anſchauert— o Du Mädchen, das Ma⸗ rillis heißt und den Engeln gleicht,— das ſage mir, warum ich zittere?“ Die Bewegung ſeines Innern bei dem Gang in's Freie ließ ihn noch weniger als ſonſt den rechten Ausdruck für die Gefühle ſeiner beklom⸗ menen Bruſt finden. In den ihm ungewohnten deutſchen Lauten konnte er Marillis ſeine Empfin⸗ dungen nicht deutlich machen und alle Augen⸗ blicke miſchte er darum Worte ſeiner Landesſprache hinein. So ſtiegen Beide Hand in Hand die Treppe hinauf, Mundolan faſt mit demſelben bangen Gefühl, womit vordem Marillis zum Erſtenmal hinunter geſtiegen war. „Nun ſchaut bald auf,“ ſagte das Mädchen liebreich, als ſie ſeine Hand in der ihrigen zit⸗ tern fühlte.„Es iſt ja friedlich da oben und wir ſitzen beiſammen auf dem Felſen, von wo ich Euch auch das Haus zeige, in dem ich ge⸗ boren bin. Ha! Seht Ihr's Mundolan! Da flimmern ſchon die Sterne neugierig herein und die Nachtigall in der Linde ſingt, als wollte ſie ſagen: nur getroſt! wo ich ſinge iſt Frieden!“ „Gott, o Gott, das iſt Himmelsluft!“ ſprach Mundolan, als ihm auf den letzten Stufen der Treppe ein Windeshauch das Antlitz berührte. Gleich darauf ſchob Marillis den Epheu zurück, drängte ihn in's Freie, leitete ihn, der faſt wie berauſcht wankte, von dem Felſen herab auf den Hügel, und ſagte mit vor Freude und Mitleid zitternder Stimme:„Nun iſt's gut, nun ſind wir da!“ Mundolan ſaß lange kraftlos wie ein müder Greis auf dem Steine, mit niedergebeugtem Haupte und geſchloſſenen Augen. Sein Athem ging ſchwer, als könne ſich ſeine Bruſt nicht an die Luft der Freiheit gewöhnen, als ſey ſelbſt die ſanfte Dämmerung der Nacht ſeinem nur an Kerzenſchein oder gänzliche Finſterniß gewöhnten Auge noch zu helle. Marillis kniete vor ihm — 93— und ſah erſchüttert zu dem, ſeinem lebendigen Grabe entſtiegenen Jüngling auf, faſt ſorgend, daß er dem mächtigen Eindruck erliegen und vor ihrem Blick dahin ſterben werde, wie in heißer Sonne die Blume des ſchattigen Waldes. Erſt als ſie ihn leiſe bei Namen nannte und ihm ſanft die kalte Wange ſtreichelte, erholte er ſich langſam, wie traumestrunken öffnete er die Wn⸗ gen, aber nur ſie ſchaute er unbeweglich an, wie wenn ihr Anblick das Einzige ſei, was er ſehen und verſtehen könne,— er das einzige fremde Weſen in der weiten Schöpfung, das nicht hin⸗ ein gehörte, das eine andere Welt ſeine Heimath nannte! Jetzt erſt, bei ſeinem bejammernswerthen An⸗ blick, ward Marillis inne, wie lange, lange Jahre Mundolan ſich ſchon aus der Welt verloren, wie lange lange Jahre ſchon ſein Körper dem lichten freien Daſein auf der Erde entwöhnt ſein mußte. Ein Rauſchen über ſeinem Haupte erſchreckte ihn heftig. Es war der Wind in den Eichwipfeln. Starr ſchaute er hinauf, goldene Sterne funkel⸗ ten durch's wehende Gezweig, ihr Glanz erleuch⸗ tete ſeine Miene und je länger er empor ſchaute, um ſo lebendiger ſchienen die Eindrücke eines alten Lebens in ihm wieder zu erwachen; die Schöpfung, aus der ihn eine ungeheure Miſſe⸗ that ausgeſchieden, nahm den Verlornen, den Geretteten wieder auf; im Golde der Sterne löſte der Himmel den dunklen Bann von ſeiner Seele, der linde Hauch des Nachtwindes weckte bald keine Fieberſchauer mehr in ſeiner Haut, und die beklommene Bruſt athmete freier und leichter. Das erſte Wort, mit dem er ſeine Erlöſung begrüßte, war„Gnade!“ Er wiederholte dieſen Ausruf mehrmals und flüſterte dann einige Worte in ſeiner fremden Sprache, die nach dem Tone ſeiner Stimme und dem Ausdruck ſeiner Miene einer alten ſeligen Erinnerung gelten mußten, vielleicht die Segensworte ſeines ſterbenden Va⸗ ters oder das Gebet der ſterbenden Mutter. Denn ſo klangen dieſe Worte in Marillis' Seele. Das Mädchen fing nun an, ihn, der ſchüch⸗ tern, als fürchte er überall ſeiner vorigen un⸗ terirdiſchen Finſterniß zu begegnen, um ſich ſchaute, mit ihrer heimathlichen Umgebung bekannt zu machen. Sie zeigte ihm die Stelle des Hügels, wo ſein Lied ſie ſo oft in hellſehenden Schlum⸗ mer eingeſungen, ſie zeigte ihm das Dorf und das Vaterhaus und weiter unten hinter der Kirche den mondbeglänzten Friedhof, auf wel⸗ chem ihre Mutter ruhte. Bei letzterer Nachricht gerieth Mundolan in eine heftige Aufregung, ſtand auf und ſah lange hinunter nach dem Friedhof, und ſagte dann wehmüthig: „Dort ſchlummert Mutter Dein! O, haſt's gut, Marillis, darfſt beten am Grab— Blu⸗ men ſtreuen— hat Wolke Antlitz, lächelt mit Mutteraugen— ſchaut in's Herz Dir, ſpricht: Weine nicht, Marillis— ich Mutter bin bei Dir, und ſchütze und ſegne Dich!“ Marillis, der ihr natürliches Gefühl längſt geſagt hatte, daß ſie nicht an die Geheimniſſe von Mundolans früherem Leben und Schickſal rühren dürfe, ſuchte ſchnelle ſeinen Gedanken eine andere Richtung zu geben, was ihr denn auch gelang, indem ſie ihn auf die mitten durch den Wieſengrund führende helle Landſtraße auf⸗ merkſam machte und ſchüchtern hinzuſetzte: „Sie geht durch den Wald und durch's Ge⸗ birg in die Ferne, und man hat mir geſagt, daß ſie gar nicht wieder aufhöre, ſondern von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt durch alle Welt laufe.“ Mundolan, der ihren Gedanken errieth, legte ſanft den Arm um ihren Nacken und flüſterte: „Nicht ſo, Marillis! Hier friedlich es iſt und ſchön— hier Mundolan bleiben muß. Könnte auch nicht weg ohne Dich— wäre die Straße der Freiheit noch ſo breit— lieber doch da un⸗ ten leben und bei Dir bleiben, als fort von hier — o nimmermehr!“ „Aber wie lange wird's währen und ich kann nicht mehr zu Euch kommen, gehe ſelber fort von hier und Ihr bleibt dann allein, verlaſſen in Eurer traurigen Dunkelwelt zurück!“ rief ſie und barg weinend das Geſicht in ihren Händen. „Du— fort von mir— mich verlaſſen?“ ſtammelte Mundolan erbleichend. „So iſt's, Herr,“ erwiederte ſie tonlos. „Mein Vater hat mich dem Franz aus der Waldmühle verlobt und nach der Ernte iſt meine Hochzeit!— Aber ich hätte es auch ohne Euch nicht ertragen, geſchweige denn jetzt, da ich Euch kenne, da ich Euer Troſt bin— da Ihr nicht leben werdet ohne mich— o Mundolan— Ihr ſeid gut und edel und unglücklich, wie kein anderer Menſch in der Welt, und ſeht, der Franz — iſt ein grundböſer Menſch, hat Tücke im Herzen und läſtert Gott jede Stunde durch Wort und That.“ „Jeſu mein Heiland!“ ſagte der arme Jüng⸗ ling nach einem kurzen aber ſchweren Kampfe. „So werde ich wieder bleiben allein— nur Du mein Troſt, mein Beiſtand— Marillis aber fern von mir,— elend wie ich!“ Sie hörte die Worte ſeiner Reſignation; aber ſie hatte keinen Einwand mehr; vernichtet lag ſie am Boden, ihr Haupt auf ſeinen Knieen und blickte ſtarr mit weiten thränenloſen Augen gen Himmel. Ueberraſcht beugte ſich Mundolan zu ihr nieder und nannte leiſe ihren Namen. Als er aber ihre bleiche Wange anfühlte, erſchrack er vor ihrer Kälte und wiederholte flehender, inniger ihren Namen. Aber ſie hörte ihn nicht; regungslos lag ſie da, eine geknickte Blume, und nur das ſchwere Athmen ihres Buſens war das einzige Lebenszeichen. Des Jünglings Angſt war unbeſchreiblich, aber ſeine Bemühungen, ſie zum Bewußtſeyn zurückzurufen und eine Empfindung in ihr zu erwecken, blieben lange erfolglos. End⸗ lich ſchien der Starrkrampf, der ihr auf Sinnen und Gliedern lag, zu weichen; ihre Finger be⸗ Die Mediatiſirten, i1 7 — 9 gannen zu zucken, ihre feſt aufeinander geſchloſſe⸗ nen Lippen öffneten ſich und gleich darauf hörte ſie Mundolan ſprechen in einem fremden Accent, mit einförmigem, mehr ſingendem als redendem Tone, der tief aus ihrem Innern zu kommen ſchien, wobei jedoch ihr von dem innern Viſions⸗ glanz verdunkeltes Auge immer ſtarr und feſt nach dem Himmel gerichtet blieb. Lange verſtand er nicht, was ſie ſprach, ihre Rede hatte weder Sinn noch Zuſammenhang, bis zuletzt ihre Ge⸗ fühle deutlicher hervortraten und die wunderbare Thätigkeit ihrer Seele ſich der Wirklichkeit zu⸗ wandte. Sie hörte Glockengeläute und ſah ſich neben dem Franz in bräutlichem Schmucke an der Spitze ihres eigenen Hochzeitszuges der Kirche zuwandeln. Der Prieſter ſtand am Altare, an deſſen Stufen ein blaſſer Engel ſaß, Antlitz und Geſtalt in ein weißes Linnen gehüllt, das ihn allen andern Augen unſichtbar machte. Er ſchien zu ſchlummern; aber trotz der Engelsge⸗ ſtalt hatte ſein Anblick für Marillis doch etwas Schreckenerregendes und ſie konnte ihn nicht ohne geheimes Grauen anblicken. Denn jung und blühend war ſein Antlitz, aber das Haar, das ihm in reichen Locken auf die Schultern niederfiel, war ſilberweiß, wie das der älteſten Männer im Dorfe, und auch der Schlummer, in den er verſunken ſchien, war trotz der Ju⸗ gendgeſtalt der Schlaf des müden Greiſenal⸗ ters, das der Gruft entgegennickt. Keiner von allen ſah den alten Knaben, wie Marillis ihn nannte, in deſſen Nähe die Luft kalt war, während doch heller Herbſtſonnenſchein die übrige Kirche erwärmte. Als der Geſang der Gemeinde vorüber war, folgte die Trauung. Da der Prie⸗ ſter Amen ſprach, lallte es der Knabe wie im Traume nach; aber Niemand, außer Marillis, hörte den ſchauerlichen Ruf, Niemand achtete beim Weggang aus dem Gotteshaus des Kna⸗ ben, nur ſie ſah noch einmal an der Kirche nach ihm zurück— er ſaß noch immer an der nämlichen Stelle. Nach dieſem Geſichte folgte ein anderes, das zwar weniger geſpenſtiſch, aber darum nicht minder furchtbar für ſie war. Sie lag zur Nacht⸗ zeit an Franzens Seite als deſſen Gattin, das Mühlrad rauſchte, der Mond ſtand voll und groß über den dunklen Tannen. Schon viele Jahre lebte ſie in der Waldmühle ein elendes verkümmertes Leben, und nur Gott allein wußte 7* um das wehvolle Geheimniß ihres Herzens. Mundolan ſaß noch immer in ſeinem finſtern Gelaß unter der Erde, und auch heute wieder wollte ſie ſich von der Seite ihres Mannes fortſchleichen zu dem Geliebten, der ſchwer er⸗ krankt war. Aber Franz erwachte über ihrem Weggehen und während er ſie noch mißhandelte, trat ihr Vater mit der wohlbekannten Laterne in das Zimmer und meldete dem Genoſſen ſeiner ſchwarzen Sünde, daß Mundolan ſo eben ſchmerz⸗ los geſtorben ſey. Marillis ſchrie laut auf, denn wie leiſe Merian auch dieſe Nachricht dem Franz in's Ohr flüſterte, ſie hörte es doch, daß Mun⸗ dolan geſtorben, hätte auch nicht hinter Beiden der Knabe geſtanden, den ſie an ihrem Hoch⸗ zeitstage auf den Stufen des Altares ſchlum⸗ mern geſehen hatte. Sein langes Haar hatte noch denſelben Silberglanz, ſeine Wangen wa⸗ ren friſch und roth, aber die Augen hielt er noch immer geſchloſſen und ſchien ſelbſt im Ge⸗ hen und Stehen zu ſchlummern. Der Knabe, den weder Franz noch Merian ſahen, folgte Beiden nach dem Dorf, und ſie ſah durchs Fen⸗ ſter, wie er ihnen dicht auf dem Fuß nachwan⸗ delte, gleich der ewigen Gerechtigkeit. Da wußte ſie es mit Einmal, daß es der Peſten gel ge⸗ weſen war, der ihres Hauſes Schwelle über⸗ ſchritten und den ſie ſchon vor vielen Jahren auf den Stufen des Altares hatte ſitzen ſehen. Mundolan lauſchte ſtaunend den dunklen Viſio⸗ nen ſeiner Freundin eben wollte er noch einen Verſuch machen, ſie der Angſt zu entreißen, in der ſie den Peſtengel nach dem Dorfe wandeln ſah, als ſie ſelbſt, wie von einem jähen Schreck ergriffen, plötzlich emporfuhr, gleich darauf vol⸗ lends erwachte, mit hellen Augen um ſich blickte und beſtürzt ausrief:„Was that ich? Ihr noch hier, Mundolan? Seht Ihr nicht, daß bereits mein Vater mit der Laterne in den Zwinger tritt, um zu Euch hinunterzuſteigen! Fort! Um Gotteswillen, fort, damit er nicht vor Euch in Eurer Grotte anlangt!“ Mundolan ſah hinunter nach Merians Hauſe und erkannte wirklich einen Lichtſchimmer an dem bezeichneten Platze. Gleich darauf erhellte ſich auch der Zwinger. Marillis drängte ihn faſt mit Gewalt nach der Pforte zurück und in raſcheſter Eile ſtiegen Beide die Treppe hinunter. An der Brücke ſchieden ſie und Marillis ſah ihm erbangend nach. Glücklich erreichte er noch — 102— im rechten Moment ſeine Klauſe, denn gleich nachher glänzte durch die Finſterniß ein trübes Licht aus der Richtung des Flachsackers her und nach wenigen Minuten ſah Marillis in weiter endloſer Ferne ihren Vater den gewölb⸗ ten Gang herauf kommen. Sie drückte ihre po⸗ chende Bruſt feſt wider den kalten Stein, da der Alte zu der Grotte Mundolan's hinanſtieg; noch einen Augenblick, und er verſchwand ſammt dem Licht in dem Innern des Felſens. Dieſer Abend hatte in dem Weſen des zar⸗ ten Mädchens jene Verwandlung vollendet, die wir bereits andeuteten. Der unwiderrufliche Ent⸗ ſchluß Mundolan's, zu bleiben und zu dulden, gab auch ihrem eignen Unglück eine höhere Weihe, und der Gedanke, dem Geliebten wenigſtens nahe zu bleiben, machte ſie zu dem Aeußerſten fähig. Sie wurde nach wenigen Wochen das Weib des verhaßten Menſchen, folgte ihm hinunter in ſei⸗ nen düſteren Tannengrund, erfüllte treulich alle Pflichten, die ihr das neue Verhältniß auferlegte und ertrug mit ſtandhaftem Muthe jede noch ſo harte Prüfung ihres Mißgeſchicks. Nicht das rohe Betragen ihres Mannes, nicht die täglich wiederkehrende Demüthigung unter den ſtrengen — 103— Willen des Abſcheulichen konnten ihr die einmal erwählte Beſtimmung ihres Daſeyns verleiden und eine Reue in ihr erwecken mit freudiger Ruhe und Gelaſſenheit ertrug ſie das Schwerſte, entwaffnete oft ſelbſt durch ihre Geduld den Jäh⸗ zorn des Müllers, und verkehrte nicht ſelten ſeine blinde Wuth in ein plötzliches Verſtummen bei dem ſtillen ruhigen Blick der Ergebung, wo⸗ mit ſie dem Ausbruch ſeiner wilden Leidenſchaft entgegenſah. Doch gehört dieſes Gemälde eines um ſeiner Liebe willen ſo grauſam gemarterten Herzens nicht in den Rahmen unſerer Geſchichte. Und wenn wir dennoch einen Augenblick dabei ver⸗ weilten, ſo geſchah es, um am Schluß unſerer Erzählung auf den dunklen Grund von Maril⸗ lis' Leid um ſo heller das Bild jener durch dieſe herben Prüfungen noch reiner verklärten und durch den fortwährenden Schmerz der Entſagung erhöhten Liebe zu zeichnen, die in ſo ſeltener Verleugnung alles irdiſchen Glückes, das Liebe bedingt, ſich muthig erhielt und ſtark, und zehn Jahre lang, ſo berichtet nämlich die Sage, in dieſem leidvollen Zuſtand ausharrte. Marillis blieb ihrem unſichtbaren Bräutigam — 104— treu, ſo treu wie dieſer ſeinem Entſchluß, nimmer dem furchtbaren Kerker zu entweichen, in den man ihn gebannt wähnte. Aber in der ſtillen Nacht haben ſie oft beiſammen geſeſſen oben auf dem Hügel unter den drei Eichen und dort hat auch Mundolan den Knaben geſegnet, den Ma⸗ rillis ihrem Manne nach einem Jahre geboren; bis eines Tages, Gott wollte es ſo, des alten Merian's argwöhniſches Auge in der Grotte ſeines Gefangenen einen friſch gepflückten Strauß jener kleinen rothen Blümchen entdeckte, die wir nun mit dem Namen der ſchönen Marillis auf der Haide dort blühen ſehen. Dieſe Entdeckung traf den verhärteten Böſe⸗ wicht wie ein Donnerſchlag; aber vergebens be⸗ mühte er ſich, herauszubringen, wie Mundolan zu den Blumen gekommen. Soviel er auch den dunkeln Gang unterſuchte, das Labyrinth zeigte keinen zweiten Ausgang, und erſt, als er in ſei⸗ ner Herzensangſt den Müller im Tannengrund von dem Vorfall benachrichtigte, entdeckte deſſen ſcharfes Auge hinter der Brücke die an's Tages⸗ licht hinauf führende Treppe, entdeckte den Aus⸗ gang auf den Hügel,— und das Räthſel von den Blumen war gelöſt! — 105 Freilich ahnten Beide nicht, daß in ihrer nächſten Nähe die Mitwiſſende ihrer ſchwarzen Schuld lebe; noch hofften ſie, es ſey bloß Mun⸗ dolan, der um jenen verborgenen Ausgang wiſſe und um dieſem jeden Weg zur Flucht zu benehmen, arbeiteten ſie viele Nächte hindurch mit vereinter Anſtrengung, um die Treppe abzubrechen. Ma⸗ rillis ſah von oben ihr teufliſches Beginnen und verzweifelte. Endlich war das Werk der nächtlichen Bos⸗ heit vollendet. Ein Abgrund gähnte der Unglück⸗ lichen entgegen, und in einer der nächſten Nächte fand ſie auch die Oeffnung hinter dem Brom⸗ beerſtrauch mit großen Felsſteinen zugemauert. Unten aber lebte Mundolan fort, wie ſie aus dem Lichtſchimmer vom Hügel aus erſah, wenn ihr Vater Nachts in den Zwingerbrunnen ſtieg, um ihm Trank und Speiſe zuzutragen. Ihr Herz brach langſam, aber zuletzt brach es doch. Sie verfiel in eine hitzige Krankheit, und das Fieber von fünf Tagen erzählte den beiden Böſewichtern das treubewahrte Geheimniß vieler langen Jahre. Am ſechſten Tage um die dritte Stunde des Morgens verfiel die Kranke in einen ſanften — 106— Schlummer, aus dem ſie erſt durch ein leiſes Geſpräch wieder aufgeweckt wurde. Als ſie die Augen öffnete, erkannte ſie ihren Vater, der in die Stube getreten war und mit Franz heim⸗ lich redete. Die wohlbekannte kleine Laterne ſtand auf dem Tiſch und brannte bleich. Draußen graute der Tag. Sie hörte jedes Wort der beiden Män⸗ ner. Als dieſe aber verſtummten, der Franz mit verſchränkten Armen am Fenſter ſtand, Merian finſter vor ſich hinſchauend am Tiſche ſaß, ver⸗ nahmen beide vom Lager her einen langen tiefen Seufzer; da ſie zu der Kranken traten, der alte ſeinem Kinde mit der Laterne ins Geſicht leuch⸗ tete, war Marillis bereits verſchieden und er ſah das zweite Sterben in dieſer Nacht. Wenn unſere Bergbewohner ſich noch heuti⸗ gen Tages von dem verpeſteten Dorf erzählen, ſo meinen ſie damit jenes große Dorf Dreieichen. Denn Marillis' Geſicht erfüllte ſich furchtbar, und der giftige Athem der Nemeſis hauchte alles Lebendige an, das auf der Stätte ſo grauſer Schuld geboren worden war. Bald lag das ganze Dorf wie verödet, erſt ſtarben die Jungen, dann die Alten, und es waren nur noch wenige Greiſe übrig, da kamen die Schweden unter Banner in — 107— die Gegend, und lagerten ſich in die benachbar⸗ ten Dörfer. Sie hielten ſtrenge Mannszucht, denn der Landesherr, obwohl im Geheim kaiſer⸗ lich geſinnt, hatte ſich doch offen für die Sieger erklären und von Oeſtreichs Parthei abfallen müſ⸗ ſen. Dieſem Umſtand verdankte die ganze Land⸗ ſchaft eine nachſichtige Behandlung von Seiten der gefürchteten Schweden. Nur das Dorf Drei⸗ eichen, ohnedieß ſchon ſchwer von der Peſt heim⸗ geſucht, wurde, man weiß nicht warum, von den Siegern mit Feuer und Schwert getroffen. In einer Nacht brannten ſie es bis auf den Bo⸗ den nieder, und die wenigen Einwohner, die ſich retten wollten, ermordeten die Schweden, die den ganzen Ort umzingelt hatten. Jetzt iſt's dort eine ſtille öde Haide, wie ich ſie im Anfang meiner Erzählung beſchrieben habe; im Herbſte aber, wenn die Marillisblumen blü⸗ hen, hört man noch zuweilen einen fremdartigen Geſang im Hügel, oder man ſieht auch wohl im Mondſchein zwei menſchliche Geſtalten unter den drei Eichen ſitzen, und die Leute behaupten dann, es ſey der ſchöne unglückliche Jüngling Mundo⸗ lan und die arme Müllerin Marillis aus dem Tannengrund. 1 Mitternacht war nahe, als Ludwig ſeine Er⸗ zählung ſchloß und das Heft zuſammenlegte. Die Phyſiognomie der Geſellſchaft war ſehr verſchie⸗ den von derjenigen beim Anfang der Vorleſung. Drei Perſonen lagen in ſüßem Schlummer: Onkel Louis, der Profeſſor und Lonny. Der alte Herr ſaß zuſammengebückt im Lehnſtuhl und ſah, in tiefes Nachdenken verſunken, den Leſer, als dieſer ſchon längſt verſtummt war, noch immer unbe⸗ weglich an. Die Criſtallflaſche, welche der Kam⸗ merdiener vor ihn geſtellt hatte, war leer. Lu⸗ einden's Miene drückte eine lebhafte Theilnahme an dem ſoeben Gehörten aus, dahingegen Marlo und Walpurg die Geſchichte von dem„unſicht⸗ baren Bräutigam“ wohl nur mit halbem Ohr vernommen haben mochten. „Von Alledem habe ich bis dahin noch nichts gehört,“ ſagte Graf Emanuel.„Zwar iſt mir be⸗ kannt, daß auf der Steinhaide vor Jahrhunder⸗ —— ten ein Dorf geſtanden haben ſoll, welches aller⸗ dings von der Peſt verheert und ſpäter von den Schweden niedergebrannt worden iſt, aber die Geſchichte Mundolan's und was ſich daran knüpft, iſt wohl nur ein Märchen, wenn nicht gar eine Erfindung Ihrer eigenen dichteriſchen Fantaſie?“ „Erlaucht entſchuldigen,“ erwiederte Ludwig. „Was ich in dieſer Novelle erzählte, wurde mir wortgetreu von dem alten Bauer berichtet, den ich neulich unter den drei Eichen auf der Stein⸗ haide fand.“ „Auch die Waldmühle im Tannengrund iſt hiſtoriſch, lieber Vater,“ ſagte Lucinde.„Wenig⸗ ſtens eriſtirt noch unter dieſem Namen in dor⸗ tiger Gegend eine Mühle, und immer wär' es möglich, daß auch ſchon in früheren Jahrhun⸗ derten daſelbſt eine ſolche geſtanden hätte.“ „Aber was ſollen wir denn von Alledem denken, Herr Welker?“ fuhr der Graf lebhaft fort.„Wer mag dieſer Mundolan geweſen ſeyn?“ „Mir gefällt es grade, lieber Onkel, daß wir uns im Grunde Vieles dabei denken können,“ erwiederte Walpurg.„Denn würde unſere Neu⸗ gierde in dem Grade befriedigt, als ſie durch dieſe Novelle geſpannt wird, ſo möchte zuletzt eine Be⸗ — 110— gebenheit vorliegen, die ſich nicht für die Dar⸗ ſtellung eignet, und wohl eher in die Hölle als in das heitere Reich der Poeſie gehört.“ Der alte Herr rückte unruhig mit einem„Hm! Hm!“ auf dem Stuhle hin und her, und wollte den Einwand Walpurgs nicht gelten laſſen. Nach ſeiner Anſicht mußte der Dichter die angefangene Geſchichte auch zu einem klaren und befriedigen⸗ den Schluß bringen und allenfalls durch eigne Fantaſie die Lücken in der Tradition erſetzen. Denn ſo, wie es geſchehen, bleibe die Begeben⸗ heit noch grauenhafter, und Niemand werde ſich mit einer heiteren Vorſtellung beruhigen können. Walpurg erwiederte: „Das Heiterſte dabei iſt, daß Mundolan ſtirbt, nachdem der Marillis die Möglichkeit benommen iſt, ferner zu ihm zu gelangen.“ Während dieſes Geſprächs hatten ſich die drei Schläfer nach und nach ermuntert. Der Pro⸗ feſſor ſah in großer Verlegenheit umher und gab ſich Mühe, eine Anſicht zu gewinnen; da er in⸗ deſſen kaum die erſte Hälfte der Vorleſung mit angehört hatte, ſo wußte er nicht einmal, was aus den einzelnen Perſonen der Novelle gewor⸗ den war. Lonny hingegen geſtand ganz aufrichtig, ſie könne ſich niemals des Schlafes erwehren, wenn ſie Jemanden lange in Einemfort reden höre. „Zudem,“ fügte ſie mit vieler Naivetät bei, „muß ich aufrichtig geſtehen, daß mich die Sache gleich von vornherein nicht lebhaft intereſſirte, da uns ja Herr Welker belehrt hatte, daß es eine Sage wäre. Eine Sage aber verliert im⸗ mer, wenn man ſie in die Wirklichkeit überträgt und ihr durch die Darſtellung einen Schein von Glaubwürdigkeit zu verleihen ſucht.“ Walpurg ſah Lucinden bedeutſam an und ſagte dann lächelnd zu Lonny:„Dich reizte wohl nur der Titel: unſichtbarer Bräutigam?“ Lonny erröthete flüchtig und verſetzte: „Was mich reizte, ſag' ich nicht;— aber was mich einſchläferte, war der Umſtand, daß der „unſichtbare Bräutigam“ gar nicht zum Vor⸗ ſchein kommen wollte. Nichts für ungut, Herr Welker: was wird aus de! Marillis 2. „Ludwig, halt' reinen Mund!“ rief Marlv. „Das ſoll ihre Strafe ſein für die gänzliche Mißachtung, die ſie Deiner ſchönen Novelle ge⸗ zeigt hat.“ „Gut, ſo dichte ich mir das übrige hinzu,“ ſagte Lonny. — In dieſer heitern Stimmung neckte ſich die Geſellſchaft noch eine Weile hin und her, bis endlich die ſpäte Stunde daran mahnte, daß es Zeit zum Aufbruch ſei. Walpurgs Schlafcabinet befand ſich im Sommerhaus unten am See. Marlo begleitete ſie durch das Bosquet. Sie kamen an die Stelle in der Allee, wo die Grä⸗ fin ihn damals begrüßt hatte, als ſie mit ihrem Gemahle zum Beſuche auf Schloß Wil⸗ lingen angelangt war. Unwillkürlich ſtanden beide ſtill und ſahen einander fragend an. „Hier war's, wo ich Dich wieder fand,“ ſagte Walpurg und ſchlang ihren Arm um ſei⸗ nen Hals, indem ſie leiſer hinzufügte:„Und ſeitdem warſt Du mir auch ein unſichtbarer Bräu⸗ tigam, bis ich Dich endlich zum Andernmal wie⸗ derfand, wie Marillis den armen Mundolan, ſo einſam und in Nacht begraben, wie dieſer. O ſag' es mir Marlo, ſag' es mir noch hundert⸗ mal, daß ich Dein geweſen bin, und daß Du mein warſt, ehe wir beide daran dachten, daß es uns noch einmal im Leben ſo gut werden würde als jetz!“ Er zog ſie feſter an ſich, die zarte ſchlanke — Geſtalt, und erwiederte mit gen Himmel gerich⸗ tetem Antlitz in bewegtem Tone: „Walpurg! Und meine Walpurg! Wie ſollt' es anders ſein! Kann, was für die Cwigkeit beſtimmt iſt, auch nur einmal im Leben dieſer Beſtimmung untreu werden? Ging es darum minder herrlich an unſern Seelen vorüber, das verklärte Nol unſerer Glückſeligkeit, weil wir ſein Antlitz nicht ſchauten, oder ſeinen allzuhellen Schein nicht ertragen konnten? Der Glaube daran war ja doch da, ſelbſt wo der Muth uns verließ, ihn zu gewinnen. O! die Menſchen, das fühl' ich jetzt recht lebendig, ſind alle zum Glücke geboren— alle; und nur weil ſie zagen es zu ſeyn, weil ſie zu ſeiner innern Wahrheit falſcher Bedingungen, zu ſeiner ſichern Beſtätigung äuße⸗ rer Momente bedürfen, erreichen ſie's ſo ſelten, und laſſen ſo die köſtlichſte Anlage des Geiſtes, ſich glücklich zu fühlen, ungenützt.“ Nach wenigen Minuten traten ſie aus den dunklen Laubgängen des Bosquets heraus. Hell lag der Mond auf der Waſſerfläche und im Graſe daneben puhſtete bei ihrer Annäherung ein ſchlummernder Schwan. Da glaubte zuerſt Walpurg eine menſchliche Geſtalt zu erblicken Die Mediatiſirten I. 8 die, das Ruder in der Hand haltend, aufrecht unter den Trauerweiden im Nachen ſtand und unverwandt nach ihren Fenſtern hinaufſah. Sie machte Marlo darauf aufmerkſam, der ihre Ent⸗ deckung beſtätigte, worauf Beide, von den Schat⸗ ten der Platanen gedeckt, leiſe näher ſchlichen und in dem nächtlichen Schiffer zu ihrer Ver⸗ wunderung den Joſt erkannten, deſſen hohe Ge⸗ ſtalt ſich in deutlichen Umriſſen von der mond⸗ beglänzten Waſſerfläche abſchnitt. Beide waren begierig zu erfahren, was ihn noch in ſo ſpäter Nacht hierher führte; aber ſo leiſe ſie auch ihre Füße aufſetzten, hörte doch ſein ſcharfes Ohr ihre nahenden Schritte auf dem Kies; worauf ſein Nachen ebenſo flüchtig als geräuſchlos unter dem Schatten der Trauerweiden am Ufer hinglitt und ihnen bald ſammt ſeinem Führer aus den Augen kam. Erſt lange nachher ſahen ſie ihn in beträchtlicher Entfernung den See durchſchneiden und ſeinem Walde zufahren. Sie riethen lange hin und her, was wohl Joſt hier gewollt haben möchte und zuletzt meinte ſie im Scherze, er hätte vielleicht die Abſicht ge⸗ habt, ihr ein Ständchen zu bringen. Marlo ſchüt⸗ telte nachdenkend den Kopf und geſtand, daß ihm Joſt überhaupt in neuerer Zeit verändert vorkomme,„woran wohl,“ fügte er hinzu,„kein anderer Menſch ſchuld iſt als ich. Denn ſeitdem Du da biſt, glaubt er ſich von mir allenthalben vernachläſſigt und überläßt ſich deßhalb häufig den traurigſten Vorſtellungen, wozu er ja, wie wir wiſſen, ſo viele Anlage hat.“ „Der Wald hat ihn ganz verzaubert,“ ſagte Walpurg.„Er will nicht heraus und hat mich beſchworen, ihn nicht auf den Neufelder Hof zu ſetzen, wo er es doch nimmer aushalten könne. Sprich darum mit dem Vater, denn ich glaube ſelbſt, daß der Waldträumer nicht für die Land⸗ wirthſchaft taugt. Aber was gilts, Marlo,“ rief ſie mit Heiterkeit,„wenn wir ſo fortplaudern, überraſcht uns das Morgenroth am duftigen See und Lucinde ſieht uns die verſchlafenen Augen an. Laß uns darum ſcheiden!“ Sie wollte ſich von ſeinem Arme losmachen, allein er hielt ſie feſt und ſagte: „So nicht, meine theure Walpurg! Ehe wir ſcheiden, ſollſt Du mir erſt ſagen, wie lange wir noch unſre Liebe der Gefahr einer Entdeckung ausſetzen wollen? Ich dächte, wir ſagten es lie⸗ ber allen Leuten grad heraus und benähmen 8* —————————— — — 116— ihnen dadurch alle Luſt, uns zu beobachten und auf Schritt und Tritt zu verfolgen.“ „Das muß jedenfalls überlegt werden,“ ver⸗ ſetzte Walpurg zögernd.„Wie ich den Vater kenne, wird ihn ſchon dieſe Nachricht an ſich auf das Aeußerſte überraſchen und ebenſo auch den Onkel und ſelbſt Lucinden, wiewohl ich zweifle, daß wir ihr damit etwas Neues ſagen. Noch mehr aber wird die Eile auffallen, mit der wir zur Ent⸗ ſcheidung drängen, und beinahe möchte es uns unmöglich ſeyn, die Menſchen zu überzeugen, daß zwiſchen dem was wir ſind, und dem was wir waren, für uns mehr als fünf Monate liegen, daß wir viele Jahre nöthig hatten, um zu die⸗ ſem glücklichen Ziele zu gelangen. Erklären wir uns jetzt ſchon über die Einigung unſerer Seelen, ſo iſt hiermit ausgeſprochen, was ich ewig nur Dir allein, mein Geliebter, ausſprechen möchte, daß ich nämlich den Himmel preiſe, der mich gnädig wieder hierher zurückführte, von wo mich einſt ein Schickſal entfernte, über das ich gar nicht nachdenken mag. Gönne mir darum immer⸗ hin den Wittwenſchleier, ſo lange es angeht. Ich trage ihn der Welt zu Liebe ſo ehrlich und red⸗ lich, daß Du über den Muth ſtaunen ſollſt, mit — dem ich ihn zuweilen verſtohlen lüfte, um Dir zu vergönnen, dahinter das in Wonne und Se⸗ ligkeit ſchwimmende Antlitz Deiner Walpurg zu ſehen, und ſie manchmal auch zu küſſen.“ Sie hing ſich bei dieſen Worten an ſeinen Hals und bezeugte ihm durch einen langen innigen Kuß, wie ernſt es ihr mit ihrer Tröſtung gemeint ſey. „Da ſitzen wir nun!“ ſagte ſie lachend, als ſie ſich noch im Kuße von Marlo auf die nächſte Bank gezogen ſah und der Arm des Jünglings ſie feſter an deſſen pochende Bruſt drückte.„Da ſitzen wir nun, und droben wacht die geplagteſte aller Kammerzofen und harrt voll Unmuth auf ihrer Herrin Rückkehr. Aber auch die Herrin hat nun ihren Herrn gefunden und iſt glücklich im Dienen und Gehorchen. Guter Gott! warum haſt Du doch die Liebe ſo ſchön gemacht, daß der Geiſt, den ſie beſeelt, alles andere Wünſchen und Wollen und Mögen für nichts hingibt, nur da⸗ mit er den einen allmächtigen Wunſch feſthalten kann, ſich im Glück des Geliebten ſeiner eignen Seligkeit bewußt zu werden! Ach, ich möchte einmal mit einem recht nüchternen, egviſtiſchen und am ſtarren Gletſcher des Vorurtheils erkal⸗ teten Menſchen über das Weſen der Liebe ſtrei⸗ — 118— ten! Aber immerzu, ſo wie wir thun, nur Feuer in Feuer zu ſchütten, das gibt wohl zuletzt eine einzige ſchöne Flamme voll Pracht und Glanz, doch macht ſie auch gar zu heiß und Du drückſt zu feſt, Marlo! Gib nach, wilder Schelm— oder ich empöre mich!“ Doch er hörte nicht 8 ihre n ſon⸗ dern hielt ſie nur immer feſter an ſich gedrückt und ſeine brennenden Lippen irrten wie das eben beſchriebene Feuer auf ihren Wangen, ihrem Halſe umher. „Walpurg,“ ſtammelte er hochathmend und ſie fühlte die Gluth ſeines Geſichtes an dem ihrigen;„daß Du mir verzeihen könnteſt! Aber ſo, wie ich Dich jetzt umſchlungen halte, kenne ich mich nicht mehr, empfinde nichts mehr, als daß ich Dich halte, daß Du mein biſt, daß Du mein ſeyn mußt, daß alles andere aufhört für mich zu erxiſtiren. „So iſt's auch recht,“ verſetzte Walpurg und legte ſeine linke Hand wider ihr Herz.„Hier fühle, ob's anders ſchlägt? Was ich Dir aber verzeihen ſoll, das mußt Du Dir erſt ſelbſt ver⸗ geben, lieber Marlo, eher kann ich es nicht. Alſo laß' los in Gottesnamen! Zur Abſolution ge⸗ 9 hört vor allem freier Athem, und den benimmſt Du mir eben.“ Sie entzog ſich langſam ſeinen ungeſtümen Armen, legte ſeine beiden Hände ſanft zwiſchen die ihrigen und ihm lächelnd ins Geſicht ſchau⸗ end, ſagte ſie: „Nun halt' ich Dich feſt, Du uncultivirter Menſch, und will Deine Beichte anhören. Be⸗ kenne alſo, wovon ſoll ich Dich zuerſt losſprechen?“ „Von meinem eignen Unwerth“ verſetzte Marlo nach einer Pauſe mit niedergeſchlagenen Augen. „So geſchehe es; kraft der Liebe, die mich beſeelt, und der aufrichtigen Reue, die Dich zu mir führt, ſprech' ich Dich los von deinem eig⸗ nen Unwerth und heiße Dich in meiner Liebe fortan den Willen ſuchen und die Kraft, ein beſſerer Menſch zu werden und Deine ungeſtüme Leidenſchaft zu bändigen. Bekenne nun weiter, wovon ſoll ich Dich ferner losſprechen?“ „Von meinem Hunger, wenn mich hungert, von meinem Durſte, wenn mich dürſtet, Du Heilige!“ rief Marlo in überſtrömendem Gefuhle und faſt wurde aus dem frommen Scherze Ernſt, denn er ſank zu ihren Füßen nieder und lag auf ſeinen Knieen, in Miene und innerer Erre⸗ —— gung das Bild eines durch und durch reuevollen Sünders. Walpurg beugte ſich zu ihm nieder, drückte ſanft ſein Haupt wider das treue ſichre Herz und ſagte gerührt: „Liebe wandelte einſt Steine in Brod und öffnete dem Quell der Labung den harten Felſen. Nun denn, Marlo, hungert Dich, dürſtet Dich,— hier an dieſem Herzen iſt Brod und Quelle, hier nimm's, denn Dein gehört es ja, Dein gehört mein Wille,— Dein mein Alles!“ Sie legte nach dieſen Worten ſanft ihre Stirne wider ſeinen Scheitel, und das Glück ihrer Seele in dieſen Minuten ſtrömte wie ein reiner hei⸗ terer Friede in Marlo's Seele über, und von dem Unwerth, den er ihr eben erſt ſo bußfortig bekannt, war damit ſchon ein guter Theil weg⸗ genommen. Verſöhnt, wenn ſolch ein Streit, um ihn zu ſchlichten, der Verſöhnung bedarf, ſchieden beide; er, um ſeine Buße im grauenden Tage unter den wallenden Gebüſchen des Gartens zu vol⸗ lenden; ſie, um den Frieden ihrer Seele einem holden Morgentraume anheimzugeben, in wel⸗ chem der Jüngling, dem ſie ſo leicht und freudig * von ſeinem Unwerth verholfen, dem ſie den Hunger geſtillt und den Durſt in ſo lieblicher Wandlung, in hoher Schönheit zu ihr niederlächelte und ſie, die Reine, durch ſein reines Weſen blendete. Noch ſchlummerte ſie, und vergebens ſuchte der Tag durch die von außen mit Jalouſien, von innen mit blauſeidenen Vorhängen verſchloſſenen Fenſter in das Schlafcabinet zu dringen. Nur ein einziger Sonnenſtrahl fiel ſchräg in das däm⸗ mernde Zimmer und auf das in einer alkoven⸗ artigen Wandvertiefung dem Fenſter gegenüber angebrachte Lager, Stirn und Haar der lieblichen Schläferin erleuchtend, ſo daß er mehr von ihr auszugehen als nach ihr hinzuſtreben ſchien. Sie lag, wie ſie von Kindheit an gewöhnt war, den linken Arm unter dem Halſe und das Haupt ein wenig zurückgebengt. Ihr Mund war halb im Traumeslächeln geöffnet und die Geiſter hol⸗ der Liebesworte, die wir ſie in dieſer Nacht ihrem Marlo zuflüſtern hörten, ſpielten noch um ihre Lippen mit dem leiſen Athem, den ſie aushauchte. Da wurde die Thüre des Cabinets mit einem freundlichen:„Darf ich?“ vom anſtoßenden Saale aus geöffnet und Lonny's Lockenkopf ſchaute herein. Bald ſchlich ſie leiſe auf dem weichen Teppich — 122— dem Lager zu und betrachtete ſich beim Dämmer⸗ ſchein des Sonnenſtrahls das anmuthige Bild, wobei ſie ſich jedoch ſehr in Acht nahm, durch ein Geräuſch Walpurg zu erwecken. Da ſie in⸗ deſſen bei ihrem Eintritt die Saalthüre hatte offen ſtehen laſſen, ſo hörte Walpurg gleich nach⸗ her die Uhr ſpielen, bei welchem Ton ſie auffuhr und ohne Lonny's Anweſenheit, die ihr zu Häup⸗ ten ſtand, wahrzunehmen, nach dem Stunden⸗ ſchlag lauſchte. Es war ſchon neun Uhr. „Guten Morgen, Langſchläferin!“ ſagte jetzt Lonny hervortretend und ließ ſich dann eine Weile von Walpurg mit großen verwunderten Augen betrachten.„Ja, ſieh' mich nur an,“ fuhr ſie dann lachend fort.„So, wie ich hier vor Dir ſtehe, bin ich ſchon ſeit zwei Stunden aus den Federn und habe bereits verſchiedene vriginelle Einfülle gehabt.“* „Laß hören,“ erwiederte Walpurg und zog die kleine Muthwillige auf den Rand des Bettes zu ſich nieder. „Jetzt nicht, jetzt haben wir Seſeres zu thun,“ verſetzte Lonny.„Ich will dein Kammermädchen rufen, daß es Dir hilft, in die Kleider zu kom⸗ men. Dann gehen wir hinauf in's Schloß, und — — 123— wenn's wirklich wahr iſt, was mir geſtern Papa's Kammerdiener vertraute, dem es ſein Bruder aus der Reſidenz geſchrieben hat, daß nämlich Prinz Arthur uns im nächſten Monat beſucht, dann wollen wir auf etwas denken, was eben ſo beluſtigend als originell ſein ſoll.“ „Prinz Arthur— das weißt Du beſtimmt— will uns beſuchen? fragte Walpurg mit verſtell⸗ tem Erſtaunen, obwohl ſie in Wirklichkeit dieſe ihr bekannte Nachricht aus dem Munde Lonny's ſehr überraſchte. „Sparmann's Bruder ſteht im nächſten Dienſt der Großherzogin,“ verſetzte Walpurg.„Derſelbe will es aus dem Mund der Fürſtin ſelbſt gehört haben und ſchreibt es nun unſerm Alten als ein tiefes Hofgeheimniß. Nun ich denke, die friſche Bergluft ſoll dem ſchüchternen Prinzen wohl be⸗ kommen, und dann wollen wir ihm auch ſo viel zu lachen geben, daß er vollends geſund werden und wieder rothe Wangen kriegen ſoll. Es iſt wohl ein recht guter Menſch, dieſer Prinz Arthur, nicht wahr, Walpurg?“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu. „So gut als liebenswürdig,“ antwortete dieſe und mußte über den treuherzigen Ton lächeln, womit Lonny dieſe Frage an ſie ſtellte. „Mir gefüllt er auch, und faſt noch mehr in ſeinem Bild, das drüben auf Deinem Schreib⸗ tiſch ſteht, als in der Wirklichkeit,“ ſagte Lonny. „Doch ſoll es jetzt dem Original ſehr ähn⸗ lich ſein,“ verſetzte Walpurg und fügte gähnend hinzu:„Nur Schade, daß der arme Prinz ſo blaß iſt.“ „Ja, denk' nur, beinahe hätte ich ihn gar nicht wieder erkannt,“ fuhr Lonny fort.„Als er im vorigen Herbſte bei uns war, da hatte er noch ein ſo geſundes friſches Ausſehen, und weil er dabei ſo äußerſt ſchüchtern war, verwunderte ich mich oft im Stillen und hielt ihn zuletzt gar für einen Pedanten, wie unſer Profeſſor einer iſt. Nun aber, o weh, iſt auf Einmal aus dem geſunden ſchönen Menſchen ein blaſſer, ſchwer⸗ müthiger Herr geworden, dem man's an den Augen anſieht, daß er an nichts mehr eine rechte Freude hat, daß er lebensſatt und Gott weiß was ſonſt noch iſt!“ „Nichts von alldem,“ ſagte Walpurg;„Prinz Arthur iſt weder lebensſatt noch ſchwermüthig, ſondern nur krank. Aber kein Menſch kennt den Sitz ſeines Uebels und alle Aerzte, die man zu Rathe zog, ſchütteln den Kopf und wiſſen kein — Mittel zur Abhülfe. Da hat denn ſeine beküm⸗ merte Mutter, die Großherzogin, in ihrer Sorge um das geliebte Leben zuletzt ihre Zuflucht zu einer weiſen Frau genommen, die ſchon manchem unheilbaren Kranken Leben und Geſundheit rettete. Die weiſe Frau aber hat gleichfalls nur eine dunkle unbeſtimmte Antwort gegeben, welche da⸗ hin lautet, der Prinz könne nur von einem Men⸗ ſchen geheilt werden, der ſelber nicht einmal wüßte, daß er das Mittel dazu beſitze. Käme aber die Hülfe nicht bis zum dritten Oſtertage des künftigen Jahres, ſo müſſe der Prinz ſterben.“ „O Gott, das iſt ja recht traurig!“ ſeufzte Lonny, ſtand von dem Bett auf und öffnete un⸗ willkürlich die Thüre zum blauen Cabinet, um des Prinzen Portrait zu betrachten. Hell und freundlich beſchien die Sonne das hleiche trübe Bild, die junge Gräfin ſah es lange ſchweigend an und ſagte dann, ohne von der Schwelle wegzugehen: „Walpurg, mich dünkt, der Marlo habe einſt noch viel kränker ausgeſehen, als Prinz Arthur. Und nun iſt er doch wieder geſund geworden. Aber es 6 doch närriſch, daß ſo ein blaſſer, leidender Mann immer viel ſchöner und intereſ⸗ — 126— ſanter ansſieht, als ein geſunder rothwangiger. Fi! Was mögen nur unſere alten Ritterfräulein für einen Geſchmack gehabt haben, daß ihnen die rauhen Ritter mit den dicken Schnauzbärten und den kräftigen Zügen oft ſo großes Herzeleid bereiteten!“ „Schelle Julien, ich will aufſtehen,“ ſagte Walpurg.„Tritt unterdeſſen in das blaue Cabinet und unterhalte Dich dort, ſo gut Du kannſt, an dem Büchertiſch.“ Gerne folgte Lonny dieſem Wunſch der Couſine, machte ſachte die Thüre hinter ſich zu und unterhielt ſich, während Walpurg mit der Toilette beſchäftigt war, damit, daß ſie dem Bild Arthurs neuerdings ihre Aufmerkſamkeit zuwandte. Plötzlich kam ihr ein raſcher Gedanke, der auch von ihr ſogleich ohne weiteres Ueberlegen aus⸗ geführt wurde. Sie nahm des Prinzen Bild und lief damit, ſo eilig ſie konnte, durch die auf den Corridor führende Thüre die Treppe hinunter und dem Schloſſe zu. Auf der Terraſſe ſtand Lucinde, ſchnell bog ſie darum in eine weg ein, eilte dem Orangeriehaus langte durch dieſes in den Gemüſe 9 hier kam ſie glücklich und ungeſehen kühnen Raube auf ihrem Zimmer an und ver— ſchloß das Bild, das ihr um ſeiner Bläſſe willen ſo wohl gefiel, in ihren Secretär, feſt entſchie⸗ den, in zwei Monaten die Copie auf's Genaueſte mit dem Original zu vergleichen. Walpurg, obgleich Allen als treffliche ge⸗ wandte Reiterin bekannt, hatte ſich lange gewei⸗ gert, ein Pferd zu beſteigen, und bald im Scherz, bald im Ernſte verſichert, ſie getraue ſich dieſes nicht mehr, ſeitdem ihr einmal in der Nähe von Rom unter den Trümmern alter Gebäude ein Pferd der**ſchen Geſandtin vor einem aus der Erde hervorragenden und wie eine große Rieſenfauſt geſtalteten Marmorblock ſcheu gewor⸗ den ſey und ſie abgeworfen habe. Im gräflichen Marſtall ſtand ein ſehr frommes und geſchultes Damenpferd, das Lonny wohl zu Zeiten zu be⸗ ſteigen und in dem Parke umherzureiten pflegte. Aber ſie hatte doch niemals eine rechte Luſt da⸗ bei, denn ſie behauptete immer, der hohe Sitz auf dem Sattel mache ihr Schwindel. Endlich gab Walpurg den Bitten Marlo's nach oder viel⸗ mehr ſie ſelbſt forderte ihn eines Tages ganz un⸗ vermuthet zu einem Spazierritt nach der Stein⸗ haide auf, um den verödeten Schauplatz von Lud⸗ wigs Novelle zu beſuchen. „Ich bin nun über meine Furcht hinausge⸗ kommen,“ ſagte ſie,„und kehre mit verdoppeltem Eifer zu dem alten Vergnügen zurück.„Im Grunde war's auch weniger Furcht vor einem zweiten Unfall, als die verletzte Eitelkeit der vielgerühm⸗ ten Reiterin; denn weil ich mir damals im Stillen gelobte, niemals wieder ein Pferd zu beſteigen, ſo glaubte ich meinen Vorſatz nicht leichter aus⸗ führen zu können, als indem ich mich ſelber über⸗ redete, im Sattel drohe mir größere Gefahr als anderswo.“ So wurde denn Lonny's Falbe geſattelt und ür ſich ſelbſt wählte Marlo das feurigſte Thier im Stalle. Walpurg ſtand bereits im Reitkleid unter den Arkaden, als er auf ſeinem Rappen und die Falbe am Zügel durch die Lindenallee dahergebrauſt kam. „Ha, meine Amazone!“ rief er entzückt und hielt die Pferde an, denn niemals zuvor glaubte er die Geliebte ſo ſchön geſehen zu haben. Das maleriſche Coſtüme verlieh ihrer Erſcheinung neuen Zauberreiz. Während der dunkle Tuchrock, den nur eine einfache Reihe von elfenbeinernen Knöpfen ſchmückte, lang und— faltig von der ſchlanken Taille niederfiel, war der obere Theil ihres Kör⸗ pers in eine polniſche Uhlanenoffiziers⸗Uniform gekleidet und prächtig glänzten die ſilbernen Schnüre und Arabesken auf dem dunkelgrünen Sammet. Von den Schultern ab fiel wehend das ſchwarze goldbordirte und mit feinem gekräuſel⸗ tem Pelzwerk verbrämte Wamms, und die zarten Hände ſtacken heute in gelben Stulpen, indeß eine leichte polniſche Uhlanenmütze das anmuthige militäriſche Bild vollendete. Marlo ſprang von ſeinem Roß, um ihr in den Sattel zu helfen, indem er den rechten Arm ausſtreckte, damit ſie ſich auf demſelben nach der Sitte der polniſchen Damen zum Sattel hinauf⸗ ſchwinge. Aber kaum fühlte er den zarten Fuß auf ſeiner Hand, ſo ſaß ſie auch ſchon oben, und gab ihm leiſe den üblichen Dank für den geleiſteten Steigbügeldienſt mit der Reitgerte auf die Wange. Ihr Kammermädchen ordnete noch die Falten des Rockes, und leicht flog ſie dann, das wehende Wamms hinter ihr her, wie ein Falke hinter dem flichenden Goldfaſan, die Pap⸗ pelallee hinunter. Der ſpiegelglatte See ſtrebte vergebens ihr Bild zwiſchen den ſchlanken Pap⸗ Die Mediatiſirten I. 9 peln, die ſich in ſeiner Bläue abſpiegelten, feſt⸗ zuhalten. Hold und feenhaft wie oben in der Wirklichkeit auf weichem Pfad, ging es unten im Spiel der Täuſchung flüchtig dahin und erſt am Gitterthor des Parkes hielt ſie ihr Rößlein an, um an Marlo's Seite in die Schatten der Eichen einzureiten. „Nun fühl' ich mich wieder einmal!“ ſagte ſie zu ihm und zog das loſe gewordene Band, welches die Mütze unter dem Kinn feſthielt, in die Schnalle zurück.„Was doch der Menſch für ein Thor iſt, daß er ſo oft aus Indolenz ver⸗ leugnet, was er doch mit Geſchicklichkeit und Ta⸗ lent auszurichten verſteht! Denn die rechte Luſt an einer jeden Kunſt kommt doch immer erſt mit deren Ausübung und im Gefühle des Könnens erhöht ſich dann der Genuß. Warum hab' ich nun von Onkel Louis das Reiten gelernt, habe Luſt am Reiten, und komme doch ein ganzes Jahr lang in keinen Sattel? Nun aber will ich es gewiß nicht wieder ſo gering anſchlagen, die⸗ ſes herrliche Vergnügen, und ſo oft Du willſt, begleite ich Dich auf Deinen Spazierritten. Ma⸗ chen wir einmal ſogleich einen wackern Anfang und reiten um die Wette!“ — 131— „Wohl!“ entgegnete Marlo,„bis an das andere Thor des Parks!“ Bald flogen beide in geſtrecktem Galopp durch die Wölbung der hohen Eichen und Buchen da⸗ hin, Wolpurg's Falbe berührte kaum mit den Füßen den Boden, und Marlo's muthiger Rapp hielt ihr beſtändig den Kopf buhlend vorgeſtreckt, welche Artigkeit ſie ihm dadurch erwiederte, daß ſie ihn mit der Oberlippe am ſilbernen Gebiß faßte. Und wie die Thiere, ſo lagen auch die Reiter bald feſt aneinander, er umſchlang ſie im ſcharfen Dahinrennen mit dem Arme und im langen Kuß legten ſie wie im Flug den be⸗ zeichneten Weg durch den abendſonnigen Park zurück. „Das ſoll uns einmal ein andres Liebes⸗ paar nachmachen!“ rief Walpurg glühend vom ſcharfen Ritt und dem Kuße ſo ſeltner Art. „Wahrhaftig! wenn Du ein Koſacke wärſt und ich eine Koſackin, wir hätten unſere Reitkunſt nicht glänzender bewähren können! Aber nun, du wilder Rapp da vorn, laß ab von deiner Zärtlichkeit gegen mein fanftes Thierchen!“ Sie ſchlug dabei dem feurigen Liebhaber ihres Pferdes mit der Gerte auf den Hals und fragte 9** dann Marlo nach dem weiteren Weg zu der Steinhaide. „Wir halten uns immer am Saum des Tan⸗ nenwaldes hin,“ verſetzte dieſer.„Erſt am drit⸗ ten Wege biegen wir ein und kommen nach eini⸗ gen Minuten an die Waldmühle; dann haben wir bis zu den drei Eichen nur noch eine Viertelſtunde.“ „Aber es wird ſpät werden,“ meinte Wal⸗ purg.„Wir hätten früher aufbrechen ſollen.“ „Der Mond geht früh auf,“ tröſtete er ſie. „Und der Vater ſpät ſchlafen,“ ſetzte Wal⸗ purg hinzu. Nach einer halben Stunde ſahen ſie die hellen Wände der Waldmühle durch die grünen Tannen ſchimmern. Da es heute Sonntag war, ſtand das Rad ſtille, und ſowohl im Hauſe als in der Um⸗ gebung herrſchte ein tiefes Schweigen. Nur den Mühlbach hörte man hinter der Mühle rauſchen. Die einſame Lage der Wohnung, der verwilderte Garten daneben und die düſtre Tannenwaldung erinnerten Walpurg lebhaft an Ludwigs Novelle. „Der Ort hat wirklich etwas von der Art, als ſei hier einmal ein liebend Herz langſam verblutet“, ſagte ſie und blickte im Vorüberreiten durch das niedere Fenſter in die Stube. Aber — 133— kein Menſch zeigte ſich darin. Nachdem ſie hier⸗ auf den Tannengrund durchritten hatten, kamen ſie in einen äußerſt kühlen, ſchattigen Buchen⸗ wald und da, wo derſelbe ſich lichtete, fing die Steinhaide an. Walpurg hatte den Eindruck der einſamen Mühle noch immer nicht verwunden und meinte, es ſey recht abenteuerlich von ihnen gehandelt, daß ſie einen Ort aufſuchten, der ihnen durch die Willkür einer dichteriſchen Fantaſie von vornherein Grauen einflößen müſſe. „Mich würde dort Alles erſchrecken, was mich auch nur entfernt an Welker's Geſchichte erinnert,“ ſagte ſie. „Nur daß wir uns lieben, ſoll Dich an jene Liebe erinnern, die einſt unter den drei Eichen unter dem ſchützenden Geheimniß der Nacht ihr ſtilles Feſt feierte“, erwiederte Marlo aber doch erſchrack ſie faſt, als er bald darauf mit dem Arm zur Seite deutete, wo die drei Eichen wirk⸗ lich mitten in der Haide zum Vorſchein kamen. Langſam ritten ſie nun über die öde Flur dem Hügel zu, deſſen graue, übereinander ge⸗ thürmte Felsgruppen, aus der Ferne betrachtet, einem Monumente aus alter Zeit glichen, indem die verſchiedenen Moosarten auf den Steinen — 134— die architektoniſche Täuſchung vollendeten, ſo daß man in ihnen allerhand fantaſtiſche Figuren und Skulpturarbeiten zu erblicken glaubte. Schon vämmerte der Abend über die flache Haide und nur hier und da ſangen noch auf den einzelnen Steinen kleine weiß und ſchwarz gefleckte Vögel ihr mißtönendes Abendlied. Marlo ſcherzte über die Beklommenheit, wo⸗ mit ſie die Felſen betrachtete, denen ſie nun nahe gekommen waren. Darüber vergaß denn auch ſie zuletzt ihre Scheu vor dem Orte und machte ihm den Vorſchlag, abzuſteigen und den Hügel vollends zu beſchreiten. Mit Freuden gab er ſeine Zu⸗ ſtimmung, half ihr vom Pferde und band die Roſſe an die zwei nächſten verkrüppelten Tan⸗ nenbäume an. Die Gräfin ſchürzte ihr langes Reitkleid, das ihr im Gehen hinderlich wurde, zuſammen, nahm die Schleppe unter den einen Arm und legte den andern in den des Geliebten. „Der alte Bauer und nach ihm unſer Dichter haben doch recht, der Ort hat wirklich ungemein viel Anziehendes, das zum Dableiben und Raſten einlädt,“ ſprach ſie, als ſie auf dem Hügel an⸗ gelangt waren.„Laß uns darum niederſitzen, Freund! Denn wer weiß, ob nicht dieſe Stätte — — 135— noch etwas von jenem alten Liebeszauber bewahrt, dem wir durch unſre Gegenwart neue Bedeutung und Belebung verleihen.“ Marlo erwiederte: „Siehſt Du nun, daß grade Dasjenige Dich am meiſten an dieſen Platz feſſelt, wovor Dir vorhin bangte! Ja gewiß haben dieſe Bäume, dieſe Felſen für uns eine weit reizendere Bedeu⸗ tung als andere Bäume, andere Felſen; und iſt es auch bloß unſer eigner Sinn, der an ihnen etwas Beſonderes wahrnimmt, ſo gilt dies im Grunde gleich; denn alle Verzauberung liegt ja doch zuletzt nur in dem Auge, das ſie erblickt, und nicht in dem verzauberten Gegenſtand.“ Beide ſaßen dann eine Zeitlang ſchweigend neben einander, und der Abendwind in den alten Eichen erzählte ihnen noch einmal die Geſchichte jener ſeltnen Liebe, die ſich, als ſie ſchon längſt keine irdiſche mehr war, doch noch in ſo rein menſchlicher Geſtalt lebendig erhielt und ſo ver⸗ ſtändlich zu der Menſchen Gedächtniß redete. Walpurg ſagte: „Wäre es nicht der troſtreichſte, ſo müßte es der niederſchlagendſte Gedanke ſein, daß es oft gerade die reinſten und mächtigſten Gefühle, die — 136— ſchönſten und ſeltenſten Handlungen ſind, die ohne Namen und Erinnerung bleiben und wo⸗ von keine andere Stimme eine Kunde vermeldet, als die unſres Herzens, wenn wir den einzelnen rührenden Lauten lauſchen, in denen ſie noch zuweilen aus fernen Tagen zu uus herüber⸗ flüſtern. Aber dennoch heiße ich dieſen Gedanken troſtreich; denn was bliebe uns noch Schönes und Heiliges zu empfinden, wüßten wir es be⸗ reits in ungleich ſchönerer Begeiſterung und Weihe des Gefühls längſt vor uns empfunden, müßten wir beſchämt uns ſagen, daß wir ſo nicht geliebt, ſo nicht geduldet haben? Mir wenigſtens erging es immer ſo, und ich fühlte jedesmal eine wahre Muthloſigkeit, wenn ich von einer großen ſchö⸗ nen That hörte, an deren Möglichkeit ich bis dahin entweder gar nicht gedacht oder ſie doch wenigſtens nicht ſo gedacht hatte, wie ich ſpäter ſie erkannte. Dann machte ich mir Vorwürfe und ſah darin ein Zeugniß meiner eignen Mängel; denn das mußt Du nur zum Voraus wiſſen, lieber Marlo, egviſtiſch bin ich, wie vielleicht kein zweiter Menſch in der Welt! Dasjenige, wovon ich mir nicht ſagen könnte, es iſt mein, in mei⸗ ner Seele iſt's geworden, ich mußte es fühlen, —————— denken, erleben, weil es ſonſt nicht geſchehen wäre, Das gilt mir nicht als mein wahres und innerſtes Eigenthum, dafür fordere ich weder von mir noch von andern eine Belobung. Und darum ſage ich noch einmal: Es iſt tröſtlich, daß die Genien, die dem Schönen lächeln und dem Großen hold ſind, immer in ewiger Ju⸗ gend und wie neugeboren vor uns treten, daß wir nicht ahnen, wie lange ſie ſchon ſegnend und beſeligend auf Erden walten, daß wir nicht wiſſen, wie lange vor uns ſchon beſſere und edlere Men⸗ ſchen, als wir ſind, ihrer Gnade ſich erfreut, ihres Beiſtandes ſich gerühmt haben.“ Marlo erwiederte: „Ich verſtehe Dich, meine Walpurg, wenn Du anders damit ſagen willſt, daß die ſchöne und große That, die wir zu unſrer Freude wie zu unſrem Ruhme ganz die unſre nennen dürfen, keine zweite neben und über ſich haben, daß ſie uns als einzige gelten und in dieſem ſtolzen Gefühl ihre Wahrheit finden ſolle.“ „Nenne ſie Liebe, wenn Du willſt, dieſe ſchöne und einzige That,“ ſagte Walpurg lächelnd; „dann verſtehen wir uns ſogleich auf das Voll⸗ ſtändigſte. Denn vor keiner andern Gewalt, die — 6— da herrſchet im Himmel und auf Erden, mag ein edler Geiſt ſelbſtändiger beſtehen, mag ein edles Herz ſichereres Gefuhl ſeines Werthes gewin⸗ nen, als in der Liebe. Und darum, ſo frag' ich Dich, könnteſt Du wohl den Gedanken er⸗ tragen, daß ein Menſch, der nicht Du biſt, in hellerem Glanze je ſie geſchaut, in höherer Weihe je ſie erfaßt hätte? Könnte ich es ertragen, daß ein Mann von einem Weibe wahrer und inniger geliebt worden ſey, als Marlo von Walpurg? Licht und immer helleres Licht für Dich und mich begehr' ich! Aber wie es einzig und immer nur aus der Seele des Einen in die des Andern überſtrömen ſoll, ſo will ich auch kein fremdes Atom von noch hellerem Licht in dieſem Glanze, und immer muß ich wiſſen, daß unſere Liebe ohne Gleichen ſey. Mögen dann auch noch ſo ſüße Mythen aus dem Epheu, der den Grabſtein deckt, mit verklingenden Tönen zu mir herüber⸗ ſchweben, in ſie hinein dichte ich noch eine an⸗ dere, ſchönere Mythe, entzückender Accorde voll, die Mythe von meiner ſtolzen ureignen Liebe! O Marlo! Wie Du mein Eins biſt und mein Alles in dieſer Welt, nichts neben Dir, nichts über Dir beſteht, ſo will ich auch, daß die Seele,⸗ — 139— die ich Dir weihe, Dir nur lauter eigne und ureigne Gefühle entgegenträgt, daß, was ich Dir weihe, Du einzig und allein empfängſt, der Glück⸗ lichen Glücklichſter! Ich weiß nicht, was ich Al⸗ les dieſem ſtolzen Willen zu Liebe thun könnte, aber das weiß ich, daß ich ihn nicht aufgebe, nähme mir auch Gott gleich die Kraft, ihn zu erfüllen.“ „O Himmel! Laß mich nie zu Schanden werden vor ſolcher Liebe!“ ſagte Marlo, und zog das holde Weſen feſter an ſich. Aus der weichen Stimmung, die der ſtille, liebegeweihte Ort ihnen einflößte, erwuchs beiden in dieſer Stunde ein Muth ver Seele, den ſie früher nicht in dieſer Stärke empfunden, und mit Freudenthränen im Auge und bedeckter Stimme flüſterte Walpurg: „Marlo, nenne mich immer Dein Mädchen; die Sterne dort oben wiſſen, daß ich das von Dir fordern darf.“ In dieſem Augenblick ging der ſtrahlende Mond über dem dunklen Buchwald auf und überglänzte die Haide, ſo weit das Auge reichte, mit ſeiner ſanften Dämmerung. Das weiße Moos auf den Felsſteinen aber nahm hier und da einen ganz eigenthümlichen hellen Schein an und leuch⸗ tete wie Phosphor. — Marlo ſaß lange ſtumm und blieb mit gegen den Felſen gelehntem Haupte in derſelben Lage, in der ihn die letzten Worte Walpurg's gefunden hatten. Erſt, als ſie zu ihm aufſchaute, ſein Kinn faßte und ihn einen Träumer nannte, ſah er ſie an, aber mit einem Blicke, ſo klar und ruhig, daß ſein Träumen ihr wenigſtens keine weitere Sorge mehr machte. „Laß uns aufbrechen,“ ſagte Walpurg. tief⸗ athmend.„Im Schloſſe ſind ſie gewiß in großer Angſt um uns, und am Ende läßt Lueinde an⸗ ſpannen und fährt nach dem Wildſtein, um uns dort aufzuſuchen wie ſchon einmal.“ „Der nähere Weg von hier nach Willingen führt dort vorüber,“ erwiederte Marlo.„Aber ſprich ſelbſt, mein ſüßes theures Mädchen,“ fügte er, die Geliebte zärtlich umfaſſend, mit traurigem Tone hinzu;„iſt's nicht grauſam, daß wir ſchon von hinnen ſcheiden müſſen? Sieh, hier könnt' ich ſtundenlang bei Dir ſitzen und dächte an die Heimkehr.“ „Grade darum muß ich es thun, lieber Schwär⸗ mer,“ ſagte ſie und zog ihn ſanft vom Sitze auf. Sie beſtiegen dann ihre Pferde wieder und ritten nun in ſüdlicher Richtung über die Haide dahin, bis ſie nach einer Viertelſtunde die Gränze derſelben erreichten, und nun den Waldweg ein⸗ ſchlugen, der an dem Wildſtein und den Heili⸗ genwieſen vorüber nach Schloß Willingen führte. Zauberiſch glänzte das Mondlicht durch die Wipfel der hohen Buchen, und im Vorüberreiten glaubte Walpurg manchmal in der dämmernden Wald⸗ perſpective einzelne helle Geſtalten zu ſehen, ob⸗ wohl es doch nur der Mondſchein war, welcher ihr dieſe Täuſchung bereitete. Dieſelbe wieder⸗ holte ſich noch häufiger, als ſie den Heiligen⸗ wieſen näher kamen, die tiefer unten zur Rechten des Weges lagen und mit ihren mondbeglänzten Triften durch die Lichtung des Waldes zu ihr heraufſchimmerten. „Die IJwidien ſpuken bereits allenthalben im Walde umher,“ ſagte ſie lächelnd.„Sieh nur mal da hinunter, wie das zwiſchen den Baum⸗ ſtimmen flimmert und tanzt, ſo daß man oft wirklich menſchliche Geſtalten zu ſehen glaubt.“ „Jetzt ſollte Lonny bei uns ſeyn,“ rief Marlo lachend.„Die würde ſie nicht nur zu ſehen glau⸗ ben, ſondern auch wirklich ſehen!“ „Es muß aber doch in Wahrheit nicht ge⸗ heuer in unſern Wäldern ſeyn,“ meinte Walpurg — 142— zwiſchen Scherz und Ernſt.„Denn je mehr wir uns in ſie hinein leben, um ſo wunderbarer um⸗ ſtrickt uns ihre Romantik, und die vielen zum Theil ſehr poetiſchen Sagen, die wir allenthalben unter dem Landvolk verbreitet finden, gewinnen immer mehr an Beſtätigung, ohne daß wir be⸗ greifen, wie es zugeht. Die Waldmühle der armen Marillis iſt aufgefunden, von Mundolan's Hügel kehren wir ſo eben erſt zurück, die feſtliche Aus⸗ ſchmückung der Wildſtein⸗Grotte erklärt uns auch kein Menſch, und was der Joſt uns neulich von dem unheimlichen Schrei in der Ruine erzählt hat, ſo fabelhaft es klingt, ſo ſchauerlich klingt es doch auch zugleich,— kurz, ich fühle mich mehr und mehr verſucht, an die Anweſenheit irgend eines mächtigen Berggeiſtes, wenn nicht gar an Rübezahl ſelbſt zu glauben, der uns mit ſeinem Spuk ängſtigen will.“ Ton und Miene, womit ſie dies ſagte, belehr⸗ ten indeß Marlo, wie wenig ſie ſelbſt an ihre Geſpenſterfurcht glaubte. „Eins aber möcht' ich wirklich wiſſen,“ ſagte ſie. Wer nämlich die vielen ſchönen Lieder dich⸗ tet, die wir neuerdings aus dem Munde unſerer Bergbewohner hören. Früher legte ich mir eine — 143— ganze Sammlung davon an und glaubte ſo ziem⸗ lich Alles beiſammen zu haben, was die Volks⸗ poeſie unſerer Gegend an ſinnigen und reizenden Productionen aufzuweiſen hat. Wie erſtaunte ich daher, als ich bei meiner Rückkehr zu Euch überall neuen Liedern begegnete, denen die alten wohl⸗ bekannten Melodien untergelegt waren. Ich habe neulich Gelegenheit gehabt, mich unter dem Bei⸗ ſtand des alten Schulmeiſters von Raindorf in den Beſitz von zwölf dieſer neuen Volkslieder zu ſetzen und fand zu meinem Erſtaunen, daß ſie alle einen und denſelben Autor haben müſſen. Es iſt lautere, wahre Poeſie in ihnen und den geborenen Dichtergenius verleugnet keins derſel⸗ ben. Trotz der elegiſchen Stimmung und dem oft allzu düſtren Schluß, in welchem ſie gleich einem Grablaut verhallen, ſpricht ſich doch in dieſen Dichtungen eine wunderbar innige Ver⸗ trautheit mit den Geheimniſſen der Natur und des Menſchenherzens aus, und wo der unbekannte Sänger gar an die goldnen Saiten der Liebe rührt, ihre Schmerzen ſchildert und ihre Won⸗ nen, da erhebt ſich ſeine Sprache aus dem ſchlich⸗ ten Ton des Volksliedes oft zum pomphaften Rhythmus der feurigſten Begeiſterung und be⸗ — 144— ſonders einige Verſe darunter ſind von unbe⸗ ſchreiblicher Schönheit. Aber ſo viele Mühe ich mir auch gab, den Verfaſſer ausfindig zu ma⸗ chen, gelang mir dieſes bis jetzt doch ebenſo we⸗ nig als andern Leuten, und Niemand weiß woher dieſe Gedichte kommen und wo ihr Sänger lebt.“ „Da hätten wir ja wieder die Geſchichte von Marillis' ſingendem Felſen“, meinte Marlo, der ihrer Mittheilung mit ſteigender Aufmerkſamkeit zugehört hatte.„Ich werde mir es indeſſen an⸗ gelegen ſeyn laſſen, dieſen neuen Mundolan aus ſeiner Dunkelheit zu befreien. Wahrſcheinlich iſt's ein Talent in niedrer Hütte, dem wir aus ſeiner Armuth heraushelfen müſſen, damit es ſich frei und heiter entfalten kann.“ „O Gott!“ ſeufzte Walpurg;„wie viel ſchö⸗ nes herrliches Leben verkümmert doch in dieſer Welt der Verhängniſſe und der Ungerechtigkeit! Wer weiß, ob der Liedermund, dem ſo ſüße Weiſen entſtrömen, nicht von rauhem Gerſtenbrod ſich nährt, ob die Stirne, die des beſten Lorbeers würdig, nicht vom Schweiße harter Arbeit und Mühſal trieft. Das iſt denn doch die düſterſte Nachtſeite des Lebens, einen Liebling Apolls, ei⸗ nen Genins der Schönheit ſo elend und unbe⸗ — kannt verkümmern zu ſehen. Thu'es, theurer Marlo, thu' es um unſrer Liebe willen und forſche in allen Hütten des Gebirgs nach dieſem armen Menſchen! Wer ſoll ſich denn des Dichters er⸗ barmen, wenn es nicht der Dichter thut! Iſt er ja doch unſer Freund, unſer Bruder, und dazu noch tauſendmal ärmer, als alle die Armen, die wir kleiden und nähren! Daß er aber in der Grafſchaft leben muß, dafür bürgen mir ſeine Lieder ſelbſt, ſo gut, als ich weiß, daß die Wald⸗ blume nicht unten in der freien Ebene gedeiht, ſo gut, als ich am helleren Schlag der Amſel erkenne, daß ſie im Walde ſingt hoch im Wipfel grüner Buchen.“ Unter dieſem Geſpräche waren ſie am Fuße des Wildſteins angelangt, deſſen dunkle Fels⸗ maſſen den bis dahin monderhellten Pfad düſter beſchatteten. „Hier war es, wo Joſt als Knabe den fürch⸗ terlichen Sturz that,“ ſagte ſie und ritt noch dichter an Marlo's Seite. „Und ich blieb unten,“ erwiederte dieſer be⸗ wegt„und nenne nun doch die herrliche Schat⸗ tenblume mein eigen, der zu Liebe damals der treue Joſt ſein Leben in Gefahr ſetzte.“ Die Mediatiſirten, M. 10 — 146— Unwillkürlich hielten Beide ihre Pferde an, ſahen hinauf zu der ſchwindelnden Höhe, Wal⸗ purg neigte ſich ein wenig zu Marlo himüber, der ſie mit dem Arme umfaſſen wollte; aber ſie ſagte beklommen: „Weiter! Weiter! Ich ſeh' ihn noch immer von dort herabſtürzen, mit der Blume in der Hand, laß uns ſchnell fortkommen!“ Es ſchlug neun Uhr im Schloßthurme, als ſie vor Walpurg's Pavillon anhielten und Marlo die Pferde dem harrenden Reitknecht übergab. Er ſelbſt ging, während ſich Walpurg zur Abend⸗ tafel umkleidete, an dem Waſſer auf und nieder, um einen ſchönen Tag in ſeinem Leben reicher, dennoch aber verlegen wie er denſelben im Schloſſe glücklich zu Ende führen ſolle. In dieſen Tagen war es, wo Lucinde an ihrem Vater zum öfteren eine gewiſſe Unruhe und innere Erregung wahrnahm, der ſie in keiner Weiſe eine Deutung geben konnte. Der alte Herr ſprach wenig und ging oft ſtundenlang mit auf dem Rücken zuſammengelegten Händen in ſeinen Zimmern auf und ab, oder er wandelte ſo durch die einſamſten Laubgänge des Gartens, in ein Nachdenken vertieft, deſſen Gegenſtand — 17— kein Menſch anzugeben wußte. Dabei duldete es ihn nie längere Zeit an einem Orte, er war be⸗ ſtändig auf der Flucht vor einer unbekannten Sorge, die ſein Gemüth bedrängte und ſchwere Wolken auf ſeine ſonſt ſo helle Stirne legte. Lucinde glaubte ihren Vater genugſam zu kennen, um zu wiſſen, daß kein Menſch im Stande war, ihn aus dieſer tiefen Verſtimmung zu reißen, noch weniger aber von ihm eine Aufklärung da⸗ rüber zu erhalten. Obgleich ſein erwählter Lieb⸗ ling, wagte ſie doch kaum ihn zu beobachten und ihn eine Sorge merken zu laſſen; ſie hatte nur immer an den Uebrigen zu bitten und zu war⸗ nen, daß man den Vater ungeſtört ſich ſelbſt überlaſſen und in Allem ſonſt thun möge, als ſey die Umgebung längſt an dieſes Weſen gewöhnt. Wie erſtaunte ſie darum, als er ihr eines Tages ganz unerwartet den Wunſch ausſprach, in einer für ihn und ſeine Kinder wichtigen An⸗ gelegenheit ihren Rath zu vernehmen, und ſie zu dieſem Ende aufförderte, ihn nach den Gemächern ihrer verſtorbenen Mutter zu begleiten, wo ſie das Weitere vernehmen werde. Zwiſchen Angſt und Erwartung folgte ſie ihm in jene Zimmer des älteren Schloßflügels, welche die ſelige Gräfin 10* — 148— bewohnt hatte, woſelbſt ſich neben deren Schlaf⸗ kabinet ein kleines Gemach befand, deſſen Ein⸗ richtung noch aus der Zeit ihrer Großmutter herſtammte, die eine eifrige Katholikin geweſen war und hier ihre häusliche Andacht verrichtet hatte. Lucinde hatte wohl als Kind dieſes Ge⸗ mach einigemal beſucht und erinnerte ſich auch, daß hinter dem rothen Damaſtvorhang, wo der mit reichem Schnitzwerk verzierte nußbaumene Betſtuhl ſtand, auf dem noch das Gebetbuch und der Roſenkranz ihrer Großmutter lagen, eine ver⸗ borgene Tapetenthüre in den ehemaligen Banket⸗ ſaal führte, der wegen ſeiner unregelmäßigen Bauart unter dem Namen„der krumme Saal“ be⸗ kannt war, gegenwärtig aber nur noch zur Auf⸗ bewahrung der Ritterrüſtungen und eines Theils von Onkel Louis' großer oſteologiſcher Samm⸗ lung diente, die hier auf der langen Bankettafel unter Glas aufgelegt war. Seit vielen Jahren war indeſſen das Gemach nicht mehr von ihr betreten worden, das in der That mit ſeinem runden Fenſter, ſo wie dem muſiviſch verzierten Fußboden und den nackten Wänden ganz das Anſehen einer kleinen ſchlich⸗ ten Kapelle hatte. Nur ein einziger Polſterſtuhl — 149— von alter Arbeit ſtand neben dem Betſchemel und war als Reliquie nach dem Tode der frommen Großmutter, die darin geſtorben, hierher geſtellt worden. Außerdem ſtand noch ein kleines rundes Tiſchchen von Ebenholz in der Fenſterniſche, und auf dieſem ein mit einer Glasthüre verſchloſſener Kaſten von der Geſtalt eines Triangels. Derſelbe enthielt nichts als einen Kranz von drei Roſen, einer rothen, einer weißen und einer ſchwarzen, das ſymboliſche Erinnerungszeichen, welches dem Vater des verſtorbenen Grafen bei deſſen fünf⸗ zigjährigem Jubiläum von ſeinen Brüdern, den Freimaurern, zugeſandt worden war. Aber trotz der ſchlichten alterthümlichen Ein⸗ richtung hatte das ehrwürdige Gemach dennoch ungemein viel freundliches und heimliches; denn eben als Lucinde an der Hand ihres Vaters ein⸗ trat, vergoldete die Abendſonne die hintere Wand deſſelben und warf einen hellen Purpur über den vergilbten Damaſt, der mit ſeinen ſchweren Falten ein Heiligthum zu bedecken ſchien, und ietzt wie in ſeinen urſprünglichen Farben ſchim⸗ merte. Auch die metallenen Spangen des Gebet⸗ buches und die mit bunten Initialen prächtig geſchmückten Blätter glänzten noch unverſehrt, und der Roſenkranz mit dem kleinen diamantnen Kreuz⸗ chen ſchien erſt eben der Hand der Andacht ent⸗ glitten zu ſein. Mit Rührung betrachtete Graf Emanuel die Stätte und die wenigen Gegenſtände, die ihm das Andenken einer längſt entſchwundenen Zeit mit ihren Vorgängen und Erſcheinungen wieder recht lebhaft zurückrief. Er war ſo bewegt, daß er lange nicht reden konnte, was Lucinden ver⸗ anlaßte, an das Fenſter zu treten, um ihm Zeit zu laſſen, ſich zu ſammeln. Die ungewöhnliche Wahl des Ortes, ſowie das ganze ſeitherige und gegenwärtige Weſen des Vaters ſagten ihrem ahnenden Herzen, daß die Mittheilung, die er ihr verſprochen hatte, von großer Wichtigkeit und Bedeutung ſein, daß ſie vielleicht durch dieſelbe den Schlüſſel zu Vielem erhalten werde, was ihrem ſcharfen Auge und ihrem jeder liebenden Sorge vollen Gemüthe an dem Vater ſo manch⸗ mal räthſelhaft geweſen war. Auch ſie hatte Faſ⸗ ſung nöthig; denn noch ſelten hatte ſie den Greis ſo bewegt und erſchüttert geſehen wie heute; doch ihre ſeltne Kraft des Willens und der Selbſt⸗ beherrſchung ließ ſie bald ſchon ihre eigne Un⸗ ruhe unterdrücken. Der Graf aber ſchwieg noch — 151— immer und vergebens erwartete ſie, daß er ſie zu ſich rufen und ihr den Zweck ihrer Herkunft entdecken werde. Sie glaubte ihn im Lehnſeſſel ſitzend, war aber nicht wenig erſtaunt, als ſie ihn, da ſie ſich endlich nach ihm umzuſehen wagte, knieend auf dem Betſtuhle erblickte, die Stirne auf das Buch gedrückt und beide Hände gefaltet über dem Haupte zuſammengelegt. Die⸗ ſer Anblick war für ſie ebenſo erſchütternd als rührend, denn noch nie zuvor hatte ſie den ſtar⸗ ken Mann in dieſer frommen Stellung geſehen, gleichſam gebrochen an Muth und Leibe, und kaum verſtand ſie darum, was ſie ſelber ſo vieler Demuth, ſo großer Weichheit und Ergebung ent⸗ gegenſetzen ſollte. Leiſe nahte ſie ihm, und ſo ſeltſam, ſo ganz ungewöhnlich erſchien ihr dieſe regungsloſe, in Andacht verſunkene Geſtalt, daß ſie, als ſie ſich zu ihm niederbeugte, kaum wußte, wie ſie ihn an ihre Gegenwart erinnern ſollte. „Mein theurer Vater!“ war Alles, was ſie flüſtern konnte, und ſie ſagte dies in einem Tone, daß es faſt wie eine Sorge und nicht wie ein Wort des Troſtes klang. Langſam, aber feſt rich⸗ tete Graf Emanuel ſein Antlitz zu ihr empor, ſah ſie ruhig an und nickte dann, die gefaltenen Hände auseinanderlegend, mit dem Haupte, wor⸗ auf er ſich erhob und in dem Lehnſtuhle niederließ. „Schön, mein Kind, daß Du mich daran er⸗ innerſt,“ ſagte er dann und ſeine Stimme war ſo ſicher als ſeine Miene ruhig.„Es iſt Zeit, daß ich zu Dir rede und Deinen Rath vernehme, was mit dem armen Joſt geſchehen ſoll, der nicht aus ſeinem Walde heraus will und das geſchenkte Gut verſchmäht.“ Lucinde traute ihren Ohren kaum. „Aber mein Gott, theurer Vater, wenn ich Sie recht verſtand, ſo wollten Sie mir ja etwas eröffnen, was für Sie und Ihre—“ Sie konnte nicht enden, denn ſie wußte ſelbſt nicht, wie es geſchah, daß ihr das Wort auf der Zunge erſtarb, welches indeſſen Graf Emanuel ergänzte, indem er mit tiefer Stimme und feſtem Blick auf die Tochter ſagte: „Jawohl, Lucinde, was für mich und für meine Kinder von der äußerſten Wichtigkeit iſt. Und darum eben iſt es der Joſt— o mein Kind, mein geliebtes— Du erbleicheſt!“ „Mein Vater!“ ſtammelte Lucinde mit heller Stimme und faſt ging ihr der Athem aus, ſo „ — — 12 daß ſie ſich auf den Betſchemel niederſetzen mußte und einen Moment wie zur Abwehr einer allzu⸗ mächtigen Gefahr die Hände vorſtreckte. Aber eben ſo ſchnell faßte ſie ſich auch wieder, griff mit ſtarker lieblicher Seele nach dem alten Muth zurück, und ſagte, beide Hände auf ſeinen Knieen zuſammenlegend und mit treuen heiteren Augen zu ihm, der nimmer vor ſeinem Kinde erbangen noch verſtummen durfte, aufblickend: „Nun ſprechen Sie, Papa! Ich will dann ſchon Rath ſchaffen.“ Graf Emanuel ſagte gerührt, indem er ſeine Hand auf ihr Haupt legte: „Du warſt ja immer mein liebes verſtän⸗ diges Kind und haſt jederzeit das erſte Anrecht auf mein unbedingtes Vertrauen gehabt. So will ich denn auch jetzt nur zu Dir allein reden, denn das, was hier(er legte die Hand auf das Herz) ſo viele Jahre tief verſchloſſen ruhte, darf nicht über kurz oder lang mit mir in die Gruft getragen werden, ich muß es der Erde zurück⸗ laſſen, und Dein treues Herz, meine Lucinde, ſoll darum der ſichre Schrein ſeyn, in den ich es berge, überzeugt, daß Du Dein ganzes Leben hindurch dieſe Stunde und was ſie Dir auf⸗ erlegt, in liebevollem Gedächtniß bewahren wirſt.“ Er hielt ein wenig inne, um die wiederkeh⸗ rende Aufregung zu bemeiſtern und fuhr dann fort: „Wäre Alles Schuld, was die Welt ver⸗ dammt, ſo dürfte ich nicht ſagen, daß es die ſeligſte Erinnerung iſt, an die ich meine Erzäh⸗ lung anknüpfe. „Meine nun verſtorbene Schweſter Natalie war ſechzehn Jahre alt, als die Eltern eine junge gebildete Dame, Emilie Monaldi mit Namen, in das Schloß aufnahmen, die als Na⸗ taliens Geſellſchafterin und zugleich als ihre und der beiden jüngeren Schweſtern Lehrerin in der Muſik engagirt worden war. „Ich ſelbſt hatte das vier und zwanzigſte Jahr zurückgelegt, als Emilie Monaldi, von dem landgräflichen Hofe auf das Wärmſte empfohlen, bei uns anlangte. Ihr Vater, ein geachteter Muſiklehrer in der Reſidenz, der noch dem jetzi⸗ gen Großherzog Klavierunterricht ertheilt hat, war ſchon ſeit mehreren Jahren todt und hatte ſein einziges Kind in dürftigen Verhältniſſen zu⸗ rückgelaſſen. 55— „Ich kann nicht ſagen, daß ihre erſte Erſchei⸗ nung geeignet geweſen war, meine Leidenſchaft zu entzünden und mich in ihr das ſeltne liebens⸗ würdige Weſen erblicken zu laſſen, als welches ſie uns von ihren Gönnern geſchildert worden war. Es fiel ihr ungewöhnlich ſchwer, ſich in dem neuen Zuſtand zurecht zu finden, und ſie zeigte in den erſten Monaten ihres Hierſeins eine ſo große Niedergeſchlagenheit und Schüch⸗ ternheit, daß meine Mutter mehrmals im Begriff ſtand, ſie wieder in die Reſidenz zurückzuſenden, ein Vorſatz, deſſen Ausführung jedoch die große Gutmüthigkeit der trefflichen Frau jedesmal ver⸗ hinderte. Deine Tante Natalie war ein äußerſt lebhaftes munteres Mädchen, und ſchon um des Abſtandes der Jahre willen, denn Emilie war faſt fünf Jahre älter als ſie, nicht geeignet, den Trübſinn der neuen Freundin zu zerſtreuen. Die beiden jüngeren Schweſtern waren noch Kinder, und ſo blieb der arme Fremdling lange Zeit ohne einen eigentlichen Anhalt in unſrem Schloſſe, da meine Mutter, bei aller ihrer Her⸗ zensgüte, nicht im Stande war, ſich in ſie hin⸗ einzufinden. Aber auch Emilie kannte nicht die Kunſt, Menſchen zu gewinnen, die ſo unendlich — 156— verſchieden von ihr waren und bei denen ſie ſo wenig ein Verſtändniß ihres Innern vorausſetzen durfte. „Ohne grade beſonders ſchön zu ſeyn, beſaß ſie doch alle die äußeren leiblichen Vorzüge, die im Vereine mit Anmuth und Seelenadel die edle Weiblichkeit in ſo großem Zauber hervortreten laſſen. Oft, wenn ich Walpurg anſehe, muß ich unwillkürlich an Emilie Monaldi zurückdenken, obwohl mich doch bei jener eigentlich nichts an dieſe erinnert, als das Weſen, welches zwiſchen Körper und Seele die Mitte hält, ohne daß man ſagen kann, wem von beiden es zumeiſt angehört. Emiliens Geſtalt war voller und höher als die Deiner Couſine und ihr Antlitz hatte zum öftern ein leidendes krankhaftes Anſehen, obwohl ſie ſich ſtets einer unverkümmerten Geſundheit er⸗ freute. Ihre lebensvollen Züge erheiterten ſich nur ſelten, meiſt blieben ſie ernſt und gleich Schatten lag es dann auf ihnen. Lächelte ſie aber, ſo war ihr Antlitz ein anderes, und hell wie aus Flören hervor, trat dann die liebliche Seele an den Tag und verklärte ihre Miene mit ſüßem Madonnenſchein. „So wie ich ſie Dir da beſchreibe, nicht an⸗ 3 4 5— ders, als müßten ihr Flügel wachſen, um dem Liede der Lerche nachzueilen in die lichte Him⸗ melsbläue, ſah ich ſie einſt am erſten heitren Frühlingsmorgen an dem Geländer der Terraſſe ſtehen, und hätten mir nicht ihre Geſtalt und ihre Kleidung geſagt, daß es Emilie ſey, ich würde ſie für ein anderes Weſen gehalten haben, ſo ganz hatte der Frühling ihre Miene verwan⸗ delt, ſo unbeſchreiblich ſchön war ſie da. Ich konnte bis dicht an ihre Seite herantreten, ehe ſie meiner anſichtig wurde, und ſie ſah mich ſchon längere Zeit, ehe ſie erſchrack, als ich ſie nämlich fragte, was ſie ſo froh bewegt habe? Erröthend ſagte ſie mir, es ſey der Lenz geweſen, der Ler⸗ chenklang im Himmel und die goldne Wolke dazu, die ihr dieſe freudige Stimmung eingeflößt hätten und ſie fühle ſich nun erſt glücklich und heimiſch bei uns. „Von nun an ſchien in der That die ſeit⸗ herige Schwermuth von ihr gewichen, wenigſtens glaubte ich dieſe Verwandlung an ihr wahrzu⸗ nehmen. Eines Tags hatten wir zahlreiche Gäſte; darunter mehrere Herren aus der Reſidenz, die Emilie kannten und ſo lange mit Bitten in ſie drangen, bis ſie endlich nachgeben und ſich ent⸗ ſchließen mußte, der Geſellſchaft einige Lieder zu ſingen. Wohl wußte ich, daß ſie als ausgezeich⸗ nete Sängerin in der Reſidenz geglänzt, daß ſie ſelbſt in öffentlichen Concerten und bei kirch⸗ lichen Feierlichkeiten geſungen hatte. Da ſie ſich aber immer geweigert hatte, meinen Bitten zu willfahren und ſonſt auch im Schloſſe Niemand anweſend war, der mehr Intereſſe für Muſik ge⸗ zeigt hätte, als eben die Mode mit ſich brachte, ſo hörte ich ſie an jenem Tage zum erſten Mal ſingen. Ich will hier nichts weiter von dem Ein⸗ druck ſagen, den dieſer Geſang in mir hervorrief; alle Anweſenden theilten ihn; nur ſagen will ich, daß ich jetzt erſt anfing, dieſes wunderbare ſtille Mädchen zu verſtehen, zu verſtehen den Genius, ohne den ſich nimmer der von ihm be⸗ ſeelte Menſch beurtheilen läßt. Nun erklärte ich mir die Wehmuth, den Ernſt ihres Weſens und begriff die Scheu, die ſie vor den Menſchen zeigte, die ja nimmer würdigen konnten, was ihr innerſtes und höchſtes Leben ausmachte. Ich junger Schwärmer fing an ſie zu verehren um einer Gabe willen, die ſie in meinen Augen ſo unendlich verklärte, ich fing an, ſie zu lieben wie ein Weſen höherer Art, vergebens kämpfte mein Verſtand eine Zeit lang gegen dieſe ungeſtüme Leidenſchaft an, Emilie ſelbſt verhalf ihr zum Siege, indem ſie arglos meine Huldigung hin⸗ nahm, und ihr Vertrauen zu mir in dem Grade erhöhte, als ſie darin nur eine Verehrung ihres ſeltenen Talentes erblickte und nicht entfernt ahnte, daß ich in meiner unſeligen Leidenſchaft bereits ſo weit gekommen war, nach ihrem Beſitz zu trachten als nach einem Glücke, das mir keine Macht der Welt ſtreitig machen dürfe.“ „Endlich,“ fuhr Graf Emanuel nach einer Pauſe fort,„merkte ſie doch, daß mein Enthuſias⸗ mus für die von ihr ſelbſt ſo ſchwärmeriſch ge⸗ liebte Kunſt nicht ſowohl dieſer als vielmehr der Künſtlerin galt, daß ich mehr Verehrung für die Prieſterin empfand, als für die Gottheit, der ſie diente. Dieſe Entdeckung machte ſie außerordent⸗ lich beſtürzt und raubte ihr eine Zeit lang Ruhe und Seelenfrieden. Vergebens bot ſie alles auf, ſich vor meiner Leidenſchaft zu ſchützen, vergebens beſchwor ſie mich zuletzt mit Thränen, meiner Liebe zu entſagen, der ſo wenig ein günſtiges Prognoſtikon zu ſtellen war,— ich hörte nicht auf, ſie zu beſtürmen, ſie zu widerlegen, jeder Tag gebar neue abenteuerliche Entwürfe in meiner — 160— aufgeregten Einbildungskraft; bald wollte ich den Rechten meiner Geburt zu Gunſten Deines Oheims Louis entſagen, bald mit der Geliebten nach Amerika entfliehen, bald wagte ich Verblen⸗ deter ſogar auf die Einwilligung der Eltern zu unſerer Vermählung zu hoffen, oder dieſelbe im ſchlimmſten Fall ertrotzen zu können. Sei es nun, daß meine unausgeſetzten Bemühungen, meine leidenſchaftliche Hartnäckigkeit endlich Emilien von der Wahrheit und Redlichkeit meiner Liebe überzeugten, ſei es, daß in ihrem eigenen Her⸗ zen eine Stimme zu meinen Gunſten zu reden anfing, ſie hörte auf, mich zu fürchten, mich zu widerlegen, und endlich lag ſie, nur noch von dem Genius ihrer Unſchuld beſchützt, in meinen Armen. Aber dieſer— o mein Kind, mein Reines, mein Treues— er wandte ſich ab von uns, das Leben trat uns zu feindlich, die Gegen⸗ ſätze unſerer Verhältniſſe ſtanden ſich zu ſchroff gegenüber, als daß wir uns nicht für berechtigt hätten halten ſollen, das von uns ſelbſt zu gewin⸗ nen, was uns die Welt, was uns die Menſchen und ihr grauſames Vorurtheil doch nimmer wür⸗ den gegönnt haben. In einer ſtillen Nacht am Altare der kleinen Dorfkirche zu Niedberg, legte —— der dortige Geiſtliche, freilich nur allein vor Gott und dem treuen Sparmann, unſere Hände zum ewigen Bunde der Seelen in einander und ſegnete, höherer Pflicht eingedenk als derjenigen, welche ihm Menſchen auferlegten, eine Ehe ein, der freilich kein anderer Segen hinieden zu Theil werden ſollte. Denn ſchon bald mußten Emiliens Lippen, die ſo lange nur vom Geſang reiner himmliſcher Melodieen übergeſtrömt waren, mei⸗ ner Mutter das Geſtändniß ablegen, daß, um ſie vor der Schande zu retten, es nur ein Mit⸗ tel gäbe: die Anerkennung ihrer heimlichen Ver⸗ mählung mit dem künftigen Erben und Herrn der Grafſchaft. Ich beſchreibe Dir nicht die furcht⸗ baren Scenen, welche an dieſem und den folgen⸗ den Tagen in den Gemächern meiner Mutter ſtattfanden. Vor meinen Augen mißhandelte der jähzornige Vater die Geliebte, mit Füßen trat er mich wie einen Hund, und wäre meine Mut⸗ ter ihm nicht in die Arme gefallen, als er in ſeiner gränzenloſen Wuth ein Piſtol auf Emilien abdrückte, wer weiß, wo die Kugel, die den Spiegel zertrümmerte, ihr Ziel gefunden hätte. Aber das Maaß meiner Leiden war damit noch nicht voll. Ohne daß ein Menſch mein Verbre⸗ Die Mediatiſirten, H. 11 — 162— chen kannte, mußte ich ein viertel Jahr lang im Thurme hinter Eiſenſtäben ſchmachten und erhielt erſt meine Freiheit wieder, als mein Vater mich von der Leiche der geliebten Emilie hinweg, die oben im Falterhauſe das Leben eines Sohnes mit dem ihrigen erkauft hatte, nach Wien führte, wo ich Deiner Mutter als deren Bräutigam vor⸗ geſtellt wurde.“ Der Graf, den die Erinnerung dieſer Be⸗ gebenheit auf das Heftigſte ergriffen hatte, holte tief Athem und legte zitternd beide Hände auf der Tochter Haupt, indem er mit leiſer Stimme ſagte: „Unter düſtren Tannen, tief im Forſte, hat Elias Falter die Unglückliche begraben und viel⸗ leicht iſt Joſt ſchon oftmals über die Stätte ge⸗ wandelt, ohne daß er ahnte, welchen Schmerz das Moos kühlt, das ſein Fuß berührt. Es iſt nämlich der Joſt jener Emilie Monaldi Sohn, die mein Vater eine Metze nannte, die aber, ſo wahr als ich ihm dieſe Miſſethat vergeben habe, ein Engel an Unſchuld und Reinheit war, eins von jenen ſüßen ſanften Weſen, die ſich auf die Erde verirren— verlorenen Peris zu vergleichen, die erſt wieder fallen und ſterben müſſen wie Menſchen, bevor ſie in den Himmel, ihre Heimath, zurückkehren dürfen.“ Der Graf verſtummte und ſah ſtill lächelnd in das Abendroth, das ihm wie mit glänzenden Händen dahin zu winken ſchien, von wo, außer dem ewigen Licht, nichts zur Erde zurückkehrt. Lucinde lag lange in halb betender, halb lau⸗ ſchender Stellung, das Haupt auf ſein Knie ge⸗ lehnt, an ſeiner Seite wie ein Kind, dem ſchau⸗ rig trauliche Märchen das Herz innigſt bewegen. „Du weinſt, meine liebe Tochter?“ ſagte der Graf und hob ihr Antlitz zu ſich empor. Aber ihre Augen hatten keine Thränen und ruhig ſagte ſie: „Weinen? Ich, Ihr Kind, weinen, da ich nun erſt recht ſtolz ſeyn darf auf einen Vater, der mir zugeſtehet, daß es eine Erinnerung gibt und in dieſer Frinnerung einen Moment, der wie der glänzende Angelſtern unſtes Daſeyns uns niemals verläßt, der allen Inhalt unſtes Geiſtes, allen Kern unſtes Lebens ausmacht! Sagten Sie mir vorhin, daß der Menſch, den ein höherer Genius beſeelt, nur im richtigen Er⸗ kennen deſſelben beurtheilt werden dürfe, wie vielmehr der Menſch, der dem Genins des 11* — 164— Schmerzes nicht die Einkehr verweigert in der Seele innerſtes Heiligthum? Ihre Emilie Monaldi, o laßen Sie mich ſie ſo nennen, ſelbſt beim An⸗ denken meiner unvergeßlichen Mutter möchte ich ſie nicht aus Ihrem Leben entfernt wiſſen, hätte auch ihr grauſames Schickſal einen andern glück⸗ lichern Ausgang genommen! Ja, mein lieber Vater, Sie müſſen mich recht bald unter die düſtren Tannen in den Forſt führen, wo ich es vielleicht beſſer als hier lerne, dem Gedächtniß dieſes holden Weſens meine Thränen zu weihen. Und was den Joſt anbelangt, dieſen Menſchen—“ „Ja, ja, ein andrer Mundolan!“ ſprach der Graf gedankenvoll vor ſich hinblickend;„denn auch er lebt ja in Dunkelheit, Niemand ahnet etwas von ſeiner Abkunft, ahnet, daß er vor Gott und dieſem Herzen, wie ich es Emiliens Leiche zuſchwur, mein Sohn iſt, mein armer Erſt⸗ geborner, dem Marlo dereinſt unwiſſend alle die Rechte und Beſitzthümer rauben wird, die doch, wenn denn Geburt wirklich einmal den Vorzug geben ſoll, alle jenem gehören, der droben in der Bauernhütte lebt und die Ruinen ſeiner Ahnen hütet, ohne zu wiſſen, daß unten im Thale Vater und Bruder ihm ſein gutes Erbe vorenthalten. O Lueinde! Sag' mir nichts von Geſetz und Gebräuchen, von ehrwürdigen Rechten und Ver⸗ trägen, ich kenne ſie alle, weiß, daß ſie, wie ſie beſtehen, auch erhalten werden müſſen— aber hier— in dieſem Herzen liegt ein Dokument begraben, das ich nicht vernichten kann, und woll⸗ ten es mir gleich alle Richter der Erde durch Gegenbeweiſe widerlegen.⸗ Lucinde, die auf dieſe Wendung nicht gefaßt war, wechſelte die Farbe und ihre Bläſſe ver⸗ rieth dem Grafen, was ihm ihr Mund verſchwieg. „Fürchte nichts,“ ſagte er gütig.„Wie der Mundolan in Welkers Geſchichte, ſo würde auch Joſt uns nimmer folgen, wollten wir ihn aus ſeiner Dunkelheit an das Licht der Sonne her⸗ vorziehen. Er bleibe darum wo er iſt— aber Du, mein Kind, Du führ' ihn zu mir, wenn mein Stündlein gekommen iſt, daß ich die Hand ſegnend auf ſein Haupt lege, damit ich im Jen⸗ ſeits vor Emilien beſtehen kann, wenn ſie mich nach unſtem Sohne fragt.“ „Und mein Bruder ſoll er ſeyn, ſo lange ich lebe!“ ſagte Lucinde feierlich.„Das ſchwöre ich Ihnen beim Andenken meines Eduard, das ſchwöre — 166— ich Ihnen beim Haupte, welches ich jetzt küſſe und es mein theures vielgeliebtes Vaterhaupt nenne.“ Sie erhob ſich und neigte ſich ehrfurchtsvoll zu den Silberlocken nieder, die das Abendgold in ihrem Kuſſe und die Heiterkeit auf des Greiſen Stirne noch höher überglänzten. „Nun ſtill, mein treues, kluges Kind!“ ſagte Graf Emanuel ſich erhebend, und ſeine Geſtalt erſchien ihr um zehn Jahre jünger und kräftiger, als er mit ihr aus dem Betzimmer der ſeligen Großmutter ging und die leidvolle Geſchichte ſei⸗ ner Jugendliebe in Lucinden's Herzen geborgen wußte.— Während dieſer Vorgänge auf dem Schloß hatte die kleine Reſidenz der Grafen von Willingen bereits zu verſchiedenen Malen Gelegenheit gehabt, die Talente der Schauſpielertruppe zu bewundern, die nun im Saale des Rathhauſes vor dem ſchauluſtigen Publikum Tragödie und Komödie agirte. Da verkündigte endlich der Theaterzettel die Aufführung von Shakeſpeare's König Lear, die durch verſchiedene Hinderniſſe, worunter das fühlbarſte der Mangel eines Narren, bis jetzt verzögert worden war. Dieſe wichtige Rolle war ſeither dem Unglücksfrit überwieſen geweſen, der ſie, man darf ihm das zum Ruhme nachſagen⸗ mit all dem tiefſinnig⸗herben und kauſtiſch⸗ ſentimentalen Humor aufgefaßt hatte, den der Dichter hineingelegt. Durch den Austritt dieſes ſeines Komikers war dem Schauſpieldirektor ein wirklicher Verluſt erwachſen und die Ausſichten, auch nur einigermaßen einen Erſatz dafür zu be⸗ kommen, wurden mit jedem Tage zweifelhafter, indem von allen neuen Bewerbern keiner den Anſprüchen genügte, welche Jener an den Reprä⸗ ſentanten des komiſchen Faches ſiellte. Endlich gelang es ſeinen und Ludwig Welkers Bitten, den Fritz zu einem nochmaligen letzten Auftreten in den Ringmauern ſeiner Vaterſtadt zu bewegen, wobei er ſich nur ausbedung, daß man ſeinen Namen auf dem Theaterzettel in ſein directes Gegentheil:„Schmerzlich“ verkehren und außer⸗ dem vor Eltern und Publikum die Sache ſo geheim als möglich halten ſolle. Er ſchmeichelte ſich dabei mit der Hoffnung, daß kein Menſch hinter dem königlichen Narren den Sohn des Oberförſters herauswittern werde, ja er getraute ſich ſogar, die eigne Mutter zu täuſchen und vor ihren Augen jenes wunderbare Geberdeſpiel zu 1* — 168— entwickeln, in welchem er von je als unübertrof⸗ fener Meiſter geglänzt hatte. Denn was der Vater mit der Zunge, das war der Sohn, und faſt in noch höherem Grade, mit dem Geſicht. Die Beweglichkeit ſeiner Muskeln war außer⸗ ordentlich; er konnte faſt jede nur einigermaßen prägnante Phyſiognomie in die ſeinige überſetzen, wie es denn ſchon in früheren Zeiten zu den Hauptleiſtungen ſeiner Genialität gehörte, die Freunde mit ſeinen Geſichtern zu unterhalten. Nachdem alſo dieſe Bedenklichkeiten glücklich beſeitigt waren und der Unglücksfritz bereits als „Herr Schmerzlich“ auf dem Theaterzettel figurirte, nahm er am Nachmittag die Flinte von der Wand, und ſagte Vater und Mutter, er wolle mit ſeinem Freund Welker nach der Steinhaide gehen, wo ſie neulich einen Fuchsbau entdeckt hätten. Der Alte ſchien ſehr vergnügt darüber zu ſeyn und meinte, er ſolle nur recht eifrig jeden Tag das Revier durchſtreifen; das werde ihm nicht allein die Komödiantenſtreiche vollends aus dem Kopf treiben, ſondern ihm auch die Gunſt des Herrn wieder verſchaffen, der gewiß ein achtſam Auge auf ihn habe. Die Mutter bat ihn, ſich nur nicht zu verſpäten, da die — 169 Komödie um ſechs Uhr ihren Anfang nehmen werde. Als der Alte brummte und ſie zornig an⸗ fuhr, ſie ſolle den Jungen nicht noch mehr ver⸗ ziehen, wußte ſie ihn ſchnell durch die Bemerkung zu beſänftigen, er werde doch heute in ſeiner neuen Uniform erſcheinen müſſen, da die gnädi⸗ gen Herrſchaften dem Schauſpiel beiwohnen und alle Honoratioren der Stadt, ihnen zu Ehren, im höchſten Staat erſcheinen würden. Schmun⸗ zelnd ging der Oberförſter nach der Wand, wo die Stabstrompete hing, nahm dieſelbe herunter und entlockte ihr einige leiſe muntere Töne, was immer bei ihm für ein Zeichen innerlichen Ver⸗ gnügens galt. Abſichtlich ging hierauf der verſchlagene Bur⸗ ſche mit der Flinte über dem Rücken mitten durch die Stadt und über den Marktplatz, an deſſen Ecken die Affichen der heutigen Vorſtellung viele Neugierige herbeilockten. Mehrere begegneten ihm; keiner von ihnen ahnte, daß der Fröhlich und der Schmerzlich in einem und demſelben grünen Jagdhabit ſteckten und König Lear's treuer Narr in eigner Perſon vor ihnen ſtünde. So kam er endlich glücklich zum Thore hinaus — 170— und hatte ſeine Abſicht erreicht. Durch die Gär⸗ ten, hinter Zäunen und Hecken kehrte er dann ungeſehen nach dem Rathhaus zurück und gelangte durch die Judenſynagoge an das alterthümliche Gebäude, in deſſen Inneren er heute Abend zum letzten Male als kluger Narr eines kindiſchen Königs, Angeſichts ſeiner ganzen Sippſchaft, An⸗ geſichts von Vater und Mutter, den Kothurn beſchreiten ſollte. Der in gothiſchem Style erbaute Saal, in deſſen ehrwürdigen, ſonſt nur einem hochweiſen Magiſtrat zugänglichen Räumen gegenwärtig Thalia ihren Tempel aufgeſchlagen hatte, herrſchte ſchon eine ganze Stunde vor der Aufführung ein außerordentliches Gedränge, und beſonders die hintern Sitze, ſowie die Emporbühne wollten kaum die Menge der Zuſchauer faſſen, welche von nah und fern herzuſtrömten. Aber auch die ſo⸗ genannten Sperrſitze füllten ſich mehr und mehr mit Zuſchauern. Hier ſaßen die Vertreter der höhern Bourgeviſie, die gräflichen Beamten, die Pfarrer und Gutsbeſitzer aus der Umgegend mit ihren Weibern und Töchtern, alle, wie die Oberförſterin vorher geſagt hatte, in ihrem ausgeſuchteſten Staat. Endlich kam auch der Oberförſter mit ſeiner — 171— kleinen runden Ehehälfte am Arme. Es war noch immer ein ſtattliches Paar, er in der neuen grü⸗ nen goldbetreßten Uniform, den Hirſchfänger an der Seite, ſie in ihrem großbeblümten ſei⸗ denen Sonntagskleid und der mit reichen Spitzen und hochrothen Bändern geſchmückten Staats⸗ haube. Beide thaten ſich was Rechts auf das Aufſehen zu gute, welches ihre Erſcheinung in der Verſammlung hervorrief; ſie ſetzten ſich auf die vorderſten Stuhlreihen, um der gnädigen Herrſchaft recht nahe zu ſein und wo möglich in den Zwiſchen⸗Acten ein Wort freundlicher Huld zu erhaſchen. Endlich, mit dem Schlag ſechs Uhr erſchien der regierende Herr mit ſeiner Familie und meh⸗ ren mediatiſirten Herrſchaften aus der Umgegend durch eine Seitenthüre in dem Rathhausfaale. Leutſelig die Verſammlung grüßend, führte er Walpurg zu dem Lehnſeſſel, worauf er auch bei den übrigen Damen die Honneurs machte und jeder mit dem ihm bei ſolcher Gelegenheit eignen freundlich ceremoniellen Weſen ihren Platz an⸗ gab. Es war ein glänzender kleiner Hofſtaat und das Publikum vergaß eine Zeitlang über der Aufmerkſamkeit, welche es den reichen Toiletten — der Damen und den ſilbernen Sternen der Herren zuwandte, des myſteriöſen Vorhangs, der noch immer König Lear's tragiſches Geſchick den Au⸗ gen der Zuſchauer verdeckte. Endlich rollte der⸗ ſelbe unter Trompetenſchall in die Höhe und es erſchien der alte König Lear im Purpurgewand mit ſeinem Gefolge auf der Bühne. Es iſt nicht unſere Abſicht, hier einen dra⸗ maturgiſchen Bericht über die nun folgende Auf⸗ führung dieſes größten Meiſterwerks der eng⸗ liſchen Bühne zu ſchreiben. Nur ſagen wollen wir, daß bis zum Schluß der Haideſcene im zweiten Acte die Vorſtellung ihren befriedigenden Fortgang nahm, und nicht allein der Director als König Lear, ſondern auch die übrigen Mit⸗ glieder der Geſellſchaft reichen Beifall erndeten. So war man bis zur vierten Scene des zweiten Actes gelangt, zwiſchen den Redepauſen der Schauſpieler konnte man das Summen der Fliegen hören, ſo lautlos lauſchte die Verſamm⸗ lung dem Vortrag der Acteurs. Nur hier und da ward zuweilen ein leiſes Schluchzen über des armen Königs beginnende Noth und der Töchter Tücke vernehmbar, und des Baſtards Edmund unerhörte Teufelei preßte dem Oberförſter man⸗ chen dumpfen Kernſpruch aus den Zähnen; als plötzlich bei dem erſten Auftreten des Narren in der vierten Scene vor Gloſters Schloß der helle Schreckensruf der Oberförſterin:„Ei du Unglücks⸗ fritz!“ durch den ganzen Saal gehört wurde. Die gute Frau, deren Mutterauge trotz der bunt⸗ ſcheckigen Kleidung und der zum triſteſten Lebens⸗ überdruß verzogenen Miene in dem Narren auf den erſten Blick ihren Liebling erkannt hatte, war vor Schreck und Staunen vom Stuhle aufge⸗ fahren und ſtarrte, die Hand weit ausgeſtreckt, auf ihren Fritz. Dadurch belehrte ſie das Pu⸗ blikum vollends, wem ihr Ruf galt, und nun ent⸗ ſtand in dem Saale eine Verwirrung ohne Glei⸗ chen. Die Hinterſten ſtiegen auf Stühle und Bänke, man ſchrie, lachte und jubelte! Jedermann erkannte den Vielbekannten, Baſen rangen die Hände, Muhmen und Gevatterinnen jammerten, Einen von ihrem Blute in ſo unmittelbarer ge⸗ ſahrdrohender Nähe von allen Conflikten des tragiſchen Geſchicks zu erblicken, denn nichts an⸗ deres fühlten ſie als Furcht und Entſetzen, dem Fritz möge ein Unglück zuſtoßen und er etwas von dem Jammer abkriegen, der ſich bereits auf des Königs greiſem Haupte zu ſammeln anfing. — Das Lärmen und Kreiſchen, das Rufen und Lachen wuchs ohne Aufhören, ſelbſt die Herrſchaften auf den vordern Sitzen theilten die allgemeine Be⸗ wegung und Ueberraſchung, Lonny lachte un⸗ mäßig, der Profeſſor, der im Livius geleſen hatte, daß das Volk zuweilen revolutionire, ſah ſich nach der Saalthüre um, und ſämmtliche Herren und Damen erhoben ſich zuletzt von ihren Sitzen. Der Vorhang mußte fallen— der Unglücksſtern war in den Zenith des Unglücksfritz getreten. Graf Emanuel fand jedoch ſchnell ein wirk⸗ ſames Mittel, die Aufregung der Zuſchauer zu beſchwichtigen und die frühere Ruhe wieder herzu⸗ ſtellen. Er trat nämlich raſch zu dem Oberförſter und ſeiner Frau heran und ſprach mit dem Alten, der noch immer kaum wußte, was ihm wider⸗ fahren, ſo angelegentlich, daß alsbald der Tumult verſtummte und Alles erwartungsvoll dem Er⸗ gebniß dieſer Unterredung entgegenſah. Dann ſagte der Graf mit lauter Stimme, daß es Alle hören konnten:„Es iſt gut, Oberförſter; Euer Fritz iſt ein wackrer Burſche und ich werde für ihn ſorgen. Jetzt aber ſoll er uns den Narren vollends zu Ende ſpielen und ich will,“ hier — 175— wandte ſich der Graf zu dem Publikum,„daß man die Vorſtellung nicht weiter ſtöre.“ Todtenſtille folgte dieſem Wort des gebieten⸗ den Herrn. Noch eine Weile ruhte des Grafen Blick mit würdevollem Ernſt auf der Verſamm⸗ lung, dann ſetzte er ſich nieder und ſandte Marlo auf die Bühne, damit das unterbrochene Spiel ſeinen Fortgang nehmen möge. Nach wenigen Minuten ging denn auch der Vorhang wieder auf, wiederum erſchienen Lear, Kent und der Narr, aber nur die gute Oberförſterin konnte auch dießmal einen leiſen Schrei der Ueber⸗ raſchung nicht unterdrücken, während ſonſt kein Laut in dem Saale gehört wurde. Der Ober⸗ förſter ſelbſt ſaß Anfangs ſtumm und regungslos und drehte erſt ſpäter, als die Handlung ihren ungeſtörten Fortgang nahm, den Kopf bald rechts, bald links, um ſich namentlich diejenigen in der Verſammlung zu merken, welche ſich an ſeiner gegenwärtigen Lage weideten, denen er ihren Spott bei der nächſten großen Holzverſteigerung tüchtig einzutränken gedachte. Bald hatte indeſſen die Gewalt der Tragödie und vornehmlich Lears tief erſchütterndes Spiel in der Sturmesſcene auf der Haide das ungetheilte Intereſſe der Zu⸗ — ſchauer wieder auf ſich gelenkt. Der Donner da⸗ zwiſchen, die feurigen Blitze verfehlten auch nicht ihre Wirkung, ſo wenig als das Erbſengeraſſel im Siebe hinter den Couliſſen, welches den Regen auf das Täuſchendſte nachahmte. Aber Donner und Regenguß übertönte noch des alten Königs wil⸗ der Jammerruf und erſchütterte jedes Gemüth auf das Mächtigſte. Auch der Unglücksfritz wurde ganz über dem treuen Schalksnarren vergeſſen und ſelbſt ſeine näheren Bekannten zweifelten manchmal an der Aechtheit ſeiner Perſon, ſo groß war die Täuſchung, mit der er in Miene, Stimme und Haltung ſeine ſchwierige Rolle durchführte. Die vornehmen Herrſchaften ließen es ihm nicht an Zeichen des Beifalls fehlen, ſelbſt die Damen applaudirten dem Vertreter der mitleidigen Jronie gegenüber dem impoſanten Bild vernichteter Men⸗ ſchengröße und Herrſcherkraft. Als am Schluß der Vorſtellung der Vorhang fiel nach den Wor⸗ ten Albaniens: Laßt uns, der trüben Zeit gehorchend, klagen, Nicht, was ſich ziemt, nur was wir fühlen, ſagen, Dem Aelt'ſten war das ſchwerſte Lvos gegeben, Wir Jüngern werden nie ſo viel erleben— ſchien noch längere Zeit Niemand unter den Zu⸗ ſchauern an den Schluß des Stückes zu denken und auch Graf Emanuel ſaß ſinnend, die letzten Worte bei ſich erwägend und in Betrachtung ihrer Wahrheit verſunken, die ihm ja ſein eignes Leben ſo ſichtbar beſtätigte. Dem Aeltſten war das ſchwerſte Loos gegeben, wiederholte er leiſe, und gab, indem er ſich von ſeinem Sitze erhob, das Zeichen zum allgemei⸗ nen Aufbruch. Er blieb den ganzen Abend über nachdenkend und ſchlich zuletzt aus der Geſellſchaft weg, in welcher auch noch nach ſeiner Entfernung die heute ſtattgehabte Vorſtellung den weiteren Stoff der Unterhaltung bildete. Das traiſche Geſchick des alten Königs dröhnte noch lange in des Grafen Seele fort und wollte gar nicht wieder verhallen. Eine ungewohnte Be⸗ klommenheit, wie das dunkle Vorgefühl einer ihn bevorſtehenden ſchweren Prüfung geſellte ſich zu der Erregung ſeines Innernz faſt fühlte er Reue in dieſer ihm fremden Stimmung den Kreis ſei⸗ ner Kinder und Gäſte verlaſſen zu haben, und er beſchloß, um ſich zu zerſtreuen, dahin zurück⸗ zukehren. Er verließ in dieſer Abſicht mit einer Kerze in der Hand die Gemächer und ging auf einem nähern Wege durch einen langen ſchmalen Die Mediatiſirten, l. 12 — 178— Corridor des ältern Schloßflügels nach dem Saale, in welchem die Geſellſchaft verſammelt war. Am Ende des Ganges befand ſich eine kleine Treppe, die zu dem neuern Theil des Schloßbaues hinabführte. Hier nun war es, wo es ihm mit einmal vorkam, als ſitze auf der unterſten Treppenſtufe ein Kind in weißen Gewändern und hebe die Hand zu ihm auf. Er glaubte ſeinen Engelbrecht zu erkennen. Staunend ſchritt er der Erſcheinung näher, das Kind aber eilte davon, er folgte ihm haſtig und an der großen Treppe, die vollſtän⸗ dig erleuchtet war, ſah er es noch ein Mal ganz deutlich an dem Geländer neben der Marmor⸗ ſtatue ſtehen, an derſelben Stelle, wo Engelbrecht ihm ſo oft das Händchen zum Gruße durch das Schnörkelwerk des eiſernen Gitters entgegen⸗ geſtreckt hatte. Hier angelangt, ſuchte er jedoch vergebens nach einer Spur des Kindes. Graf Emanuel war ein viel zu heller Kopf, um nicht ſogleich das Ganze für ein Spiel ſei⸗ ner aufgeregten Sinne hinzunehmen. Er lächelte ſelbſt über die Haſt, mit der er dem Phantom nachgelaufen war, das ihn in ſo geliebter holder Geſtalt geneckt hatte. „Soll ich noch in meinen alten Tagen Ge⸗ — 179— ſpenſter ſehen!“ ſagte er kopfſchüttelnd.„Was würde unſer rationaliſtiſcher Stadtpfarrer zu einer ſolchen Erſcheinung ſagen!“ Er ſtellte den ſilbernen Leuchter auf das Poſtament des Marmorbildes, fühlte aber nun doch keine rechte Neigung mehr, zu der Geſell⸗ ſchaft zurückzukehren. „Beſſer unter Gottes freiem Himmel noch ein Stündchen im Garten luſtwandeln,“ ſagte er ſich.„Schlaf zudem wird heute doch nicht vor Mitternacht zu hoffen ſeyn, alſo will ich's ein⸗ mal mit der lieben Mondnacht verſuchen, ob ſie mir wieder zu meinem kalten Blute verhilft.“ Geſagt, gethan. Er hieß den Diener, der ihm auf der Treppe entgegenkam, das Licht wegneh⸗ men, fragte, zob das Gefolge der fremden Herr⸗ ſchaften gehörig mit Speiſe und Trank verſorgt worden ſey und ging dann, von dem Auge des ſtaunenden Dieners gefolgt, die Treppe hinunter. Er war lange nicht im Mondſchein geluſt⸗ wandelt, vielleicht ſeit Emilie Monaldi's Tod war ihm das nicht mehr in den Sinn gekommen. Heute aber ſollte ers erleben, wie treu und ſicher die Nacht an den lieblichen alten Geheim⸗ niſſen feſthält, die man ihr einmal vertraut hat, 12* — 180— und wie es eigentlich nur die Nacht iſt, in deren holdem Dämmerſchein wir die verlornen Pfade der ſeligen Jugendzeit wieder finden. Er wandelte längere Zeit durch die uns be kannte Allee der hohen Roßkaſtanien und dachte der Erſcheinung ſeines längſt verſtorbenen Kindes nach, als eines Ereigniſſes, dem er bald ſelbſt einen gewiſſen Schein von Glaubwürdigkeit wünſchte, ſo innig bewegte und rührte ihn die Vorſtellung, Gott habe den holden Knaben ihm geſandt, um ihn auf ſeinen Tod vorzubereiten. „Dann ſollteſt Du mir gegrüßt ſeyn, lieb⸗ liche Engelsgeſtalt, mit dem ſchönſten Gruße: Frieden!“ ſagte er bewegt;„und ich folgte Dir ſogleich zu Deinen ſeligen Gefilden, wo Deine Mutter meiner harrt und Emilie Monaldi ihr zur Seite mir im Licht entgegen wandelt. Denn dort giebts ja keinen Neid noch Entbehrung, und in ungetheilter Seligkeit beſitzt der verklärte Geiſt Alles, was auf Erden ſeine Wonne und Sehn⸗ ſucht ausmachte; dort blühen ſie alle, die früh verwelkten, im feindlichen Leben geknickten Blu⸗ men unſrer Hoffnung, und keine noch ſo ſtille, unverſtandene Sehnſucht unſres Herzens hat der Himmel unbelauſcht gelaſſen.“ — — Unter dieſem frommen Selbſtgeſpräch war der Greis an das Ende des Baumganges gelangt, wo eine Fontaine inmitten eines großen runden Beckens ſprudelte und mit ihrem Geplätſcher das Schweigen der Nacht nur noch lieblicher und zauberiſcher machte. Alte Lindenbäume beſchatte⸗ ten hier einen weiten ebenen Plan, der in früheren Jahren häufig der Spielplatz ſeiner Kinder ge⸗ weſen war. Heute aber war es nur das Mond⸗ licht, das hier und da zauberiſch durch die Baum⸗ wipfel ſilberte und die alte, aus weißen Birken⸗ ſtämmen erbaute Eremitage zur Seite unter den Fichtengruppen, in milder Beleuchtung hervor⸗ treten ließ. Dorthin lenkte der Graf ſeine Schritte und trat unter die Fichten, die freilich alt ge⸗ worden waren, ſeitdem er zum letztenmal die edle Emilie an dieſer Stätte geſehen hatte. Aber der ſüße Harzduft, den ſie zum Danke für den er⸗ uickenden Thau der Sommernacht ausſtrömten, das ferne Geplätſcher der Fontaine und die tiefe Ruhe in den Wipfeln, waren nicht gealtert, und Alles gemahnte den Grafen an die Liebe ſeiner Jugend, die in dieſem heimlichen Verſteck ihren lauteſten Herzſchlag verrathen hatte. Dort unter der Vorhalle der Eremitage ſtand die Bank aus „ Birkenäſten, wo Emilie trunkener Seele voll ſo oft dem Schmeichelwort des Jünglings gelauſcht und ſeine ſchwärmeriſche Innigkeit getheilt hatte; dort hatte ſie einſt dem Geliebten das erſchüt⸗ ternde Bekenntniß ihres Unglücks abgelegt, und dorthin zog es heute wieder den Grafen mit allen Banden des alten Liebeszaubers. Sonſt pflegte er nur zu gewiſſen Tagen dieſen Ort zu beſuchen und hier im ſtillen Verkehr mit jenen Erinnerungen zu verweilen; heute aber war es faſt nur der Zufall, der ſeine Schritte hierher leitete, und mehr als Erinnerung beſchäftigte ſein Gemüth in dieſer Stunde. Er hatte ſchon längere Zeit auf der Bank geſeſſen, da kam es ihm plötzlich vor, als eile Jemand die Allee herunter. Gleich nachher hörte er Händeklatſchen und einige Sekunden ſpäter Walpurgs herzliches Lachen.„Marlo!“ rief ſie und noch einmal:„Marlo!“ Dann ward es wieder ſtill. Der Graf ſtand verwundert auf, trat aus den Fichten hervor, von denen einige mit ihren Aeſten faſt bis zur Erde reichten, und gleich darauf ſah er Walpurgs Geſtalt flüchtigen Fußes von der Fontaine her auf die Eremitage ukommen. Manchmal ſtand ſie ſtille und blickte — 183— rückwärts nach der Allee. Dort erſchien jetzt auch Marlo, ſah ſuchend umherz ſie rief wieder ſeinen Namen, er folgte raſch dem Laut, Walpurg, von dem Schatten der Bäume gedeckt, eilte wieder vorwärts, und Graf Emanuel hatte eben noch Zeit genug, hinter die nächſte Fichte zu treten, da war ſie ſchon da und ſtand kaum fünf Schritte von ihm entfernt, hochathmend dem ſie verfol⸗ genden Jüngling entgegenſchauend. „Ein ſchlechter Jäger!“ ſagte ſie und ſpähte dabei aus den Fichten hervor. Der Graf hörte des Sohnes nahenden Schritt, Walpurg lief, um ſich weiter zu verbergen, hinter die Eremitage, Marlo folgte ihr raſch, eine Weile gab es einen ziemlich lebhaften Wettlauf um das Häuschen herum, war er hinten, ſo war ſie vorn, kam er vorn an, ſo lachte ſie ihn auf der entgegenge⸗ ſetzten Seite aus, bis endlich Marlo ſeine Zu⸗ flucht zu einer Liſt nahm, die Bank unter der Vorhalle quer in den Weg ſchob, dann haſtig zurücklief und Walpurg, die vor Schreck über die unerwartete Barriere laut aufſchrie, glücklich erhaſchte. Wie die Bank ſtand, ſo blieb ſie ſtehen, als Marlo ſein holdes Wild auf dieſelbe nieder⸗ — zog und ſie nun Kuß auf Kuß für die Mühe ſtrafte, die ihn der Fang gekoſtet hatte. Der alte Graf, dem beide Liebende den Rücken zukehrten, ſtund wie an den Boden gewurzelt, und preßte vor Staunen einen Fichtenzweig krampfhaft in der Hand zuſammen, ohne deſſen Nadelſtiche zu empfinden. Marlo ſagte: „Gib für immer den Verſuch auf, mir je⸗ mals zu entrinnen. Ich folgte Dir durch alle Zonen bis an's Ende der Welt und ruhte nicht bis ich Dich wieder hätte, ſo wie jetzt.“ „Fürchte nichts,“ erwiederte ſie, ihren Arm zärtlich um ſeinen Hals ſchlingend.„Es war nur eine verſtellte Flucht und das, was Du Deinen Gewinn nennſt, iſt vielmehr der meinige. Denn ich halte Dich und habe noch obendrein die Luſt, Dich auslachen zu können.“ „Jedenfalls gewinnen wir beide ein allerlieb⸗ ſtes Plätzchen, das wie verloren in dem großen Garten liegt,“ meinte Marlo.„Wochenlang kommt oft keine Seele hierher und doch iſt's hier ſchöner als ſonſtwo. Nur der Vater beſucht zuweilen die Eremitage und ſitzt dort Abends unter der Halle.“ „Dort?“ ſagte Walpurg, ſtand auf und ging —— — —„— haſtig nach der bezeichneten Stelle, wo ihr Auge auf dem Boden ein buntes Tuch entdeckt hatte. Sie hob es auf und erkannte es als dasjenige, welches ſie am heutigen Abend bei dem Dheim geſehen hatte. Sie theilte Marlo dieſe Entdeckung mit und beide ſahen ſich betroffen an. „Er iſt hier geweſen,“ ſagte dieſer. „Vielleicht noch hier,“ meinte Walpurg. „Komm', komm', laß uns hinuntergehen nach dem Sommerhaus, hier iſts wirklich nicht geheuer.“ Dem alten Grafen war kein Wort von die⸗ ſer Unterredung entgangen. Von den Fichten voll⸗ ſtändig gedeckt, ſah und hörte er alles, was auf der Bank und in der Halle vorgegangen war. Walpurg warf das Taſchentuch zurück und beide eilten dann ebenſo flüchtig, als ſie hierher ge⸗ kommen waren, von dannen. Ueberzeugt, daß ſie nicht wiederkehren würden, trat der Graf aus ſeinem Verſteck hervor, und ging mit gefaltenen Händen von dannen. „Engelbrecht— großer Gott— Das haſt du mir künden wollen! Ich ſoll ſeinen frühen Tod nicht mehr beweinen, ich habe wieder einen Sohn— und Walpurg— Walpurg dereinſt vielleicht Mutter von dieſes Sohnes Sohn—“ er verſtummte, blieb ſtehen, und die Hände, wie ſie gefaltet in einander lagen, emporhebend, ſtam⸗ melte er nach einer Pauſe mit tiefer Stimme: „Das mir? Guter Gott im Himmel! So verzeihe Du ihnen, daß ſie mich um dieſe Freude beſtehlen wollen. Aber dennoch, o Gott, laß es auch ſo eine rechte Freude ſeyn, und ſegne mir dieſen Sohn, ſegne mir dieſe Walpurg, daß ich's richtig deute, das holde Engelskind von heute Abend, das in Engelbrechts Geſtalt und Miene mir verhieß: Es ſoll nicht ſterben dein altes Geſchlecht, Emanuel; neu ſoll es erblühen, ein verjüngter Baum, weit ſchattend in's ſonnige Leben, der Menſchen Freude und Gottes Freude, der ihn im Wanken ſchützte.“ So betete der alte Graf von Willingen; und hätten nicht die kühleren Schauer der Nacht ihn an die Rückkehr in's Schloß gemahnt, er wäre wohl dem Morgenroth ſeines neuen Daſeyns mit hellen Augen entgegengetreten. — ,—— — 187— Der Sommer neigte ſich ſchon ſeinem Ende zu und Marlo ſah mit Ungeduld der Ankunft des Prinzen entgegen. Walpurg hatte ſowohl ihn wie Lucinden immer mehr geneigt gemacht, einer Hoffnung Raum zu geben, die, wenn ſie ſich wirklich erfüllte, ſo ziemlich alles das erfüllte, was man überhaupt hoffen mochte. Lonny ſelbſt, der Gegenſtand ſo glänzender Wünſche, erſchien Allen um dieſe Zeit wunderbar verändert, und immer lieblicher umwebte der jungfräuliche Zau⸗ ber, was an holder Kindlichkeit nicht von ihr weichen wollte. Walpurgs bedeutſame Anſprache an ihr Gemüth war längſt mit Innigkeit ver⸗ nommen worden und hatte ſich ſchnell zum ſchwär⸗ meriſchen Gefühle ausgebildet: ſinnender Ernſt kam oft überraſchend mitten in das heitere Leben hinein, ſie erſchrack dann ſichtbar, wie vor ſich ſelber, und über ihr Antlitz flogen, gleich Schat⸗ ten über ſonnige Höhen, Vorahnungen des Lebens, das ſich tief in ihrer Seele zum goldnen Früh⸗ roth anſchickte. Auch war ſie gerne und häufig allein, lebte viel in Waldesſchatten, und je mehr es Licht und Sonne in ihr wurde, um ſo ſtiller und nachdenklicher erſchien ſie nach außen. Wal⸗ purg und alle, die ein Auge dafür hatten, ſahen — mit ſtillem Entzücken das laute Kind ſtumm wer⸗ den und ſtörten es nicht in dem reizenden Ge⸗ heimniß ſeiner ſcheuen Entfaltung aus der Knospe zur prächtigen Blüthe. „Das ſind die Tage, in denen wir nur mit Engeln und Blumen verkehren dürfen und jeder Menſch uns einen Schaden bringt,“ pflegte Wal⸗ purg zu ſagen.„Laßt ſie nur, bei Leibe! un⸗ geſtört, und fragt ſie nicht, wo das hinaus will? In ſolchen Stunden muß die Seele nicht wiſſen, daß es noch außer ihr eine Welt gibt, die auf ihre Miſſion wartet. Es iſt der Traum, der einzige im Leben, der ſo, wie er geträumt wird, unſre Exiſtenz entſcheidet und ſich auch ohne ſichtbare Wahrnehmung erfüllt. Unſchuldig ſeyn, iſt leicht; aber das Wiſſen davon faßt ſich ſchwer; und doch iſt's die unerläßliche Kenntniß des Weibes, ohne die es vor keinem edlen Manne beſtehen kann, will es mehr ſeyn, als eine ſchöne Lilie.“ Eines Abends hatte Lonny ihrem kleinen Neffen Otto das Verſprechen gegeben, ihn hin⸗ unter in den Park zu führen und ihm den zah⸗ men Hirſch zu zeigen, der daſelbſt in einer Um⸗ zäunung gehegt wurde. Im Garten ließ ſie ſich —,—— ———— — von dem Gärtner einige große halbreife Wein⸗ trauben abſchneiden, die das Thier beſonders liebte. Des Hirſches war der ungeduldige lebhafte Knabe bald müde; er eilte alſo zu ſeinen kleinen Geſpielen zu kommen, bei denen er ſich eine beſſere Unterhaltung verſprach. Lonny ließ die Kinder unter der Aufſicht einer alten Frau, und fehrte dann zu dem Hirſch zurück, der ſich ſeit lange ihrer beſonderen Gnade erfreute. Das edle Thier legte bei ihrem Herannahen den Kopf auf den obern Balken der Umzäunung, die es der Freiheit beraubte, und ſah ſie mit den großen Augen ſo traurig an, als wolle es ihr die Grau⸗ ſamkeit der Menſchen klagen, die es hier mitten im grünen freien Waldrevier gefangen hielten. So wenigſtens legte ſie ſeinen Blick aus und ſagte mitleidig, indem ſie ihn auf der Stirne ſtreichelte:„Armer Hannibal! Wie gern wollt' ich dich erlöſen und dir die Freiheit geben, für die du doch eben ſo gut geſchaffen biſt, als die andern Hirſche im Walde. Ich will dir darum einen Vorſchlag machen. Verſprich mir, daß du wieder in deinen Pferch zurückkehren willſt, wenn ich dir's befehle, ſo laß ich dich ein Stündlein — 190— heraus und du läufſt mir nicht davon, ſondern bleibſt hübſch in meiner Nähe und gehorchſt mei⸗ nem Rufe.“ Der Hirſch ſagte nichts. Sie aber ging raſch auf die Thüre los, öffnete dieſelbe, die nnr von außen mit einem hölzernen Riegel verſchloſſen war und rief:„Hannibal, nun mache dir's zu nutze!“ Das Thier trat langſam heraus, ſah ſie eine Weile an, folgte ihr dann in den Wald. Anfangs zeigte er ſich ſehr zahm und gehorſam; bald aber und je weiter ſie ihn fortführte, wollte er nicht mehr auf ihren Ruf herbei kommen, ſon⸗ dern ſprang in dem Walde umher, ſtellte ſich mit den Vorderläufen wider die Baumſtämme und ſtieß dabei ein Freudegebrüll aus. Erſt als ſie ihm näher ging und ihm eine Weintraube vor⸗ hielt, kam er herbei und ließ ſich die Gabe aus ihrer Hand wohlſchmecken. Dieſes anmuthige, vom Abendgold verklärte Waldbild war es, welches längere Zeit von vier Augen vom nahen Wege aus mit Staunen be⸗ trachtet wurde. Es waren zwei Männer zu Pferde, die auf dem ſandigen Waldweg, ohne von Lonny bemerkt worden zu ſeyn, ihr ſo nahe gekommen waren, daß ſie nur ein Zwiſchenraum von etwa ——— fünfzig Schritten von ihr trennte. Der Eine war ein großgewachſener breitſchultriger Mann in den Dreißigen, der Andre eine ſchlanke Jünglings⸗ geſtalt, deſſen Antlitz bei allem lebensvollen Aus⸗ druck fuſt eben ſo viel trübe Bläſſe zeigte, als das ſeines Begleiters blühende Geſichtsfarbe und Lebensluſt. Mit einem Wort, der Breitſchultrige war der blonde Hauptmann, der Adjutant deſſen, der an ſeiner Seite hielt und dem er jetzt einige Worte in's Ohr flüſterte. „Still!“ ſagte Prinz Arthur, mit der Hand winkend, und verwandte kein Auge von der hol⸗ den Erſcheinung. Er ſprang hierauf vom Pferd, warf dem Hauptmann den Zügel zu und ſagte: „Reiten Sie nach des Waldhüters Haus und erwarten Sie mich dort.“ Dann ging er, während der Hauptmann die⸗ ſem Befehle Folge leiſtete, langſamen Schrittes dem Platze zu, wo Lonny den Hirſch fütterte. Dieſer hob mehrmals ſeinen Kopf mit dem ſtatt⸗ lichen Geweih über ihre Schulter und betrachtete ihn verwundert. Lonny aber merkte nichts davon und plauderte arglos mit dem Thiere weiter. Erſt, als der Hirſch plötzlich von ihr zurückſprang, und des Prinzen Schatten in der Abendſonne neben ihr auf die Erde niederfiel, drehte ſie ſich haſtig um und ſah den jungen Mann eine Weile ſprachlos an. „Verzeihung, Comteſſe,“ ſtotterte Arthur, „wenn ich hier ſchon vor Ihnen erſcheine. Doch der Zufall war ſo glücklich, und die Freude, Sie zuerſt zu begrüßen—“ „Aber, mein Gott, Hoheit,“ ſagte Lonny in äußerſter Verlegenheit und ward dabei blutroth, „ſind Sie's denn wirklich? Und hier im Wald, ohne Gefolge, zu Fuße?“ „Der Hauptmann ritt mit einem Pferde vor⸗ aus nach des Waldhüters Wohnung,“ erwiederte ihr der Prinz.„Denn um ganz ohne Aufſehen bei Ihnen zu erſcheinen und Marlo zu über⸗ raſchen, ſetzten wir uns heute Nachmittag, nach⸗ dem wir das Regiment inſpicirt hatten, in F. zu Pferde, und ließen unſern Wagen auf dem gewöhnlichen Wege nachfolgen. Gönnen Sie mir alſo, daß ich dem Zufall danke, der mir ſchon hier geſtattet, Ihnen die herzlichſten Grüße mei⸗ ner Mutter zu überbringen, in deren Namen ich Sie verſichern ſoll, daß ſie gerne mich hierher begleitet haben würde, wenn es das fortdauernde Unwohlſeyn des Vaters erlaubt hätte. Es iſt ihr 5 — 193 ſehnlichſter Wunſch, Sie nach ſo langer Tren⸗ nung einmal wieder zu ſehen und Sie dürfen nicht länger zandern, der würdigen Frau dieſe Freude zu bereiten. Lonnh hatte den ſchüchternen Prinzen noch nie zuvor ſo lange und in einem Fluß der Rede ſprechen hören. Das, was er ihr von der Groß⸗ herzogin ſagte, rührte ſie ſo innigſt, daß ſie Mühe hatte, ihre Thraͤnen zurückzuhalten. „Wahrlich, Prinz,“ ſagte ſie bewegt;„ich werde Papa nun noch dringender anliegen, mich recht bald mit Lucinden an den Hof zu ſenden, damit ich es Ihrer königlichen Hoheit ſelbſt ſagen kann, wie glücklich mich ſo viel unverdiente Liebe macht. Aber kommen Sie nun auch ohne Aufent⸗ halt mit in's Schloß. Sie dürfen Marlo und dem Vater nicht ſo lange in dieſer Nähe Ihre Gegenwart entziehen. Den Hirſch mag der Wild⸗ hüter wieder einfangen, mein Verdienſt iſt, daß ich ihn frei ließ.“ Schüchtern legte ſie ihren Arm in den ſeini⸗ gen und ging mit ihm langſam durch den vom Abendroth durchfunkelten Wald dem Hauſe zu. In allen Wipfeln ſangen hell die Droſſeln, noch einmal ſo laut ließ auch der Buchfink ſein Lied Die Mediatiſirten, U. 18 — 194— erſchallen, und Prinz Arthur ward in der Wald⸗ wonne dieſer Stunde mit jedem Schritte vor⸗ wärts geſünder. Hinter ihnen her aber wandelte der treue Hirſch, ohne daß beide auf den wür⸗ digen Repräſentanten der allgemeinen Waldesluſt geachtet hätten. Der blonde Hauptmann begrüßte Lonny mit vieler Ehrfurcht und ſchien ſich gar nicht mehr der heitern Tage vom vorigen Jahre zu erin⸗ nern, wo er ihr mehr als einmal mit vieler Jovialität die Neckereien vergolten hatte, zu deren Ziel er ſich von ihrem Muthwillen auserkoren ſah. Sein Weſen war feierlich und was er ihr ſagte, trug viel eher das Gepräge der Unter⸗ thänigkeit, als der früheren ungezwungenen Laune. Lucinde und Walpurg ſaßen im Gartenſalon, als letztere ihre Couſine am Arme eines jungen Herrn, der ihr bekannt vorkam, über den freien Platz der Terraſſe zuſchreiten ſah. „Was haſt Du?“ fragte Lucinde ſie ver⸗ wundert. „Ach, ich weiß nicht, aber es kam mir eben vor—“ mehr konnte ſie vor innerer Erregung nicht antworten, ſtand haſtig vom Stuhle auf. und eilte durch die offenſtehende Glasthüre hin⸗ aus, eben als Lonny und Arthur die Terraſſe heraufſtiegen. Walpurgs Ausruf:„Willkommen, Prinz!“ ſagte Lucinden Alles, und langſam, denn ſie fühlte wirklich, wie ihr die Kniee zitterten, trat ſie gleichfalls zur Begrüßung des hohen Gaſtes aus dem Saale. Der Prinz kam ihr mit einer herzlichen Anſprache entgegen, küßte ihr ehrfurchtsvoll die Hand und ſagte mit flüchtigem Erröthen: „Sie gönnen mir wohl ſchon für einige Wochen einen glücklichen Aufenthalt in Willingen, gnädige Frau? Ich bin es dießmal mit dem Hauptmann Schulburg allein, der Ihre Gaſt⸗ freundſchaft in Anſpruch nimmt. Wir kommen ganz incognito, um Abbitte zu thun für die große Unruhe, die wir Ihnen im vorigen Herbſte ver⸗ urſachten.“ „Nun Sie da ſind, mein Prinz, und ſich ſo rzuig bezeigen, ſoll Ihnen Alles vergeben ſeyn,“ erwiederte Lucinde, gerührt von dem ſchlichten, herzgewinnenden Tone, womit Arthur ſich ihrer Gaftfreundſchaft empfahl. Auch ihr und Walpurg brachte er ſodann Grüße von der Großherzogin, worauf ſich die Geſellſchaft in die obern Gemächer des Schloſſes verfügte. Bald kam der alte Graf, 13* — der den Sohn ſeines verehrten Fürſten mit Herz⸗ lichkeit in die Arme ſchloß, nach ihm der freude⸗ glühende Marlo, den Arthur kaum wieder er⸗ kannte, ſo glücklich fand er ihn verwandelt. Graf Louis mußte erſt vollſtändige Toilette machen, bevor er ſich dem künftigen Landesherrn vorſtellte, und erſchien ſpäter in Generalsuniform mit allen ſeinen Dekorationen geſchmückt. Auch der Profeſſor kam in hoher Galla wie zur Cour gekleidet und hatte ſelbſt Stahldegen und Klapp⸗ hut nicht vergeſſen. Beide bildeten in ihrer äußern Erſcheinung einen wunderlichen Contraſt zu dem übrigen Theil der Geſellſchaft, der alles überflüſſige Ceremoniel verbannte und ſich bald im vertraulichen Familienton zurecht fand. Schul⸗ burgs heitere Erſcheinung erhöhte noch die glück⸗ liche Stimmung der Geſellſchaft, und der Prinz war keineswegs derjenige, der ſeine Wirthe daran erinnert hätte, daß ein zur Souveränität beſtimm⸗ tes Fürſtenhaupt in den Hallen der mediatiſirten Grafen eingekehrt war. Arthur war eine liebenswürdige herzgewin⸗ nende Perſönlichkeit. Was ihm von einer pedan⸗ tiſchen, nach den Tendenzen der Schulpforta gelei⸗ teten Erziehung noch an Schüchternheit anhing, fand in ſeinem hellen Verſtande und in ſeiner großen Herzensgüte die günſtigſte Vermittlung. In ſeiner äußern Erſcheinung war er anſpruch⸗ los und beſcheiden und konnte eben ſo wenig mit ſeinem Geiſte wie mit ſeinem hohen Rang prunken. Ohne daß er es an Tag zu legen wagte, war er ein Feind aller erheuchelten Devotion und Dienſtbefliſſenheit und liebte die Menſchen am meiſten, die ihm ein freies offnes Vertrauen ent⸗ gegenbrachten. Das Schnörkelweſen der Etikette, die Winkelzüge des Servilismus waren ihm in den Tod zuwider, da hingegen ein Menſch, den Geiſt zierte, ihm nicht leicht Scheu einflößte. Treu hielt dieſe ſchöne Natur an dem idylliſchen Grundton feſt, der ſeines Geiſtes ganze Welt⸗ anſchauung und ſeines Herzens innerſte Gefühls⸗ weiſe bedingte; und ſo verſchwenderiſch auch der Himmel das Füllhorn irdiſchen Glückes über ſei⸗ nem Haupte ausgegoſſen hatte, waren es doch nur die reinen und ſtilleren Freuden des Lebens, denen er ſich mit Inbrunſt und Begeiſterung hin⸗ gab. Er haßte allen Schein, ſo in Mühe wie in Genuß, und ſein liebſtes Streben ging darauf hinaus, in dem hohlen prunkenden Daſeyn, das ihn umgab, ſich und ſeinem Geiſte in ruhiger — 198— Zurückgezogenheit zu genügen, unbekümmert um den forcirten Lebensgenuß, der am Hofe ſeines Vaters gefunden wurde. Viele hielten ihn darum für einſeitig und mehr für bloß gelehrt, als für wirklich geiſtvoll; andere nannten ihn ſogar gradezu beſchränkt und phlegmatiſch und trauten ihm keineswegs Selbſtſtändigkeit in Charakter und Bildung zu. Im Ganzen war die öffentliche Meinung ihm nicht günſtig, man verſprach ſich von ſeiner Regierung wenig Heil, fürchtete den Mißbrauch ſeiner Güte und ſah faſt mit Gewiß⸗ heit einem Günſtlingsregimente entgegen. Auch der Umſtand, daß der künftige Thronerbe noch immer unvermählt bleiben wollte, trug neuerdings nicht wenig dazu bei, ihm die Sympathien des Landes zu entfremden und alle jene Befürch⸗ tungen noch begründeter erſcheinen zu laſſen. Man wollte ſogar wiſſen, der Prinz ſey ein Weiberhaſſer, wie ſein Freund und Günſtling Schulburg, welches Gerücht allerdings eben ſo wohl durch ſein ſchüchternes Benehmen, den Damen des Hofes gegenüber, als durch ſein an⸗ geblich phlegmatiſches Temperament an Beſtä⸗ tigung gewann. Es gab nur wenig Leute, die dem Prinzen alle die guten und ausgezeichneten 5 0 Eigenſchaften zutrauten, welche ihm die öffent⸗ liche Meinung abſprach. Die Propheten der Zukunft waren über ihn völlig im Unklaren. Er hatte keine Paſſionen, weder für den Exercirplatz, noch für das Kabi⸗ net, nicht einmal für eine Balettänzerin— was ſollte aus einem ſolchen Prinzen je Großes werden! Wie Arthur in Willingen Vieles verwandelt fand, ſo wollte man auch an ihm eine große Veränderung entdecken, und Walpurg beſonders, die ihn zuletzt in der Reſidenz geſehen hatte, ſtaunte faſt über den merkwürdigen Unterſchied von jetzt und damals. Das war nicht mehr der trübe melancholiſche Jüngling, für deſſen Gene⸗ ſung eine fromme Mutter täglich ihre heißeſten Gebete zum Himmel ſchickte, den das Vaterauge nur mit kummervollem Blicke betrachtete; zum wenigſten war er hier, wo Walpurg ihn jetzt wiederſah, ein Anderer; ebenſo gewandt als ge⸗ ſprächig, ebenſo anregend im Umgang als ſelber glücklich angeregt. Denn recht wie ein junger freudiger Held ſchien er eben nur gekommen zu ſeyn, um zu ſehen und zu ſiegen, und mit einem ungemein liebenswürdigen Weſen von Schüch⸗ — 200— ternheit und Zuverſicht, von glühendem Ver⸗ langen und ſcheuem Beben legte er vor Aller Augen das ſchöne, ſo lange bewahrte Geheimniß ſeines Herzens an den Tag. Nichts glich an Un⸗ ſchuld und Innigkeit dem ſtummen und doch ſo beredten Werben des edlen Fürſtenſohnes um die Liebe des holden Grafenkindes; beſtändig war er an ihrer Seite, hatte nur Augen für ſie und hielt ſogar bald tapfer den freudigen Blick des ihrigen aus. Aber auch nichts Reizenderes gab es, als dieſe Lonny in den Tagen ihrer jungen Liebe. Zwar ſtaunte ſie anfangs, als der Prinz ſich ihr immer und immer wieder nahte, aber kein Menſch ſah ihr dieſes Staunen an, und die holde Demuth in dem ſonſt ſo ſtolzen und oft recht eigenwilligen Weſen erhöhte nur den Muth des Prinzen. Bloß die Gegenwart ihrer Familie und beſonders die Augen Lucindens ſchienen ſie zu ängſtigen. Fanden ſich aber beide, was zum öfteren geſchah, allein, bald im Garten, bald im Schloſſe, dann war ihr zu Muth als könne ſie dem Prinzen alles ſagen und ſie plauderte heraus, was ihr auf die Zunge kam. Auch er⸗ wies ſie ſich ihm, was ihr ſonſt wirklich nicht eigen war, ſehr geduldig, und konnte, ſo lange 20 er wollte, ihm ſtumm gegenüber ſizen und lächelnd vor ſich hinſehen. Nur manchmal ſchlug ſie dann die Augen zu ihm auf und am heißeren Brennen ihrer Wangen fühlte ſie, daß er erſt in der Se⸗ kunde vorher die ſeinigen zu Boden geſenkt hatte. Doch wir zeichnen hier ein Bild des Lebens und nicht des Himmels; darum wollen wir über jene Tage hinweggehen, wo es in dem alten Schloß zu Willingen wunder ſtill und feierlich war, und die Spieluhren in den großen ſtillen Sälen, ſo oft ſie ſich hören ließen, nur andeu⸗ ten zu wollen ſchienen, daß in ſolchen Tagen dem Glücklichen keine Stunde ſchlägt. Der alte Graf, nachdem ihm erſt durch einzelne Andeu⸗ tungen der beiden Frauen und dann durch ſeine eigne Beobachtung des Prinzen, die Sache klar geworden war, kam ſelten aus ſeinen Gemächern und Nachts hörte man ihn oft noch lange mit gemeſſenem Schritte aus einer Stube in die andre gehen. Lucinde, als ſie erſt merkte, was Lonny in ihrer Gegenwart ſo befangen machte, entfernte dieſe Gegenwart; und ohne den kleinen Otto wären ſo die beiden oft halbe Tage lang allein und verlaſſen geweſen: Paul und Virginie auf einſamer Inſel.— Denn Marlo und Wal⸗ — 202— purg wußten, daß in dem Saale wo Lonny und Arthur ſtumm bei einander ſaßen, auch ihr Glück ſeiner ſchönen Erfüllung entgegenwandelte; ſie wußten, daß in dem Momente, wo jene jungen Herzen das Wort gefunden haben würden, nach welchem ſie jetzt noch vergebens ſuchten, auch ihre Liebe aus dem ſchüchternen Geheimniß her⸗ vortreten und den Tag des Lebens und der Freude begrüßen werde. Der Prinz hatte den Wunſch geäußert, die Ahnenbilder zu ſehen und Lonny erbot ſich ſo⸗ gleich, den Cicerone abzugeben. Es war ihr eine rechte Luſt, ihn in das Alterthum ihres ehrwür⸗ digen Geſchlechts zurückzuführen. So betraten ſie den krummen Saal, an deſſen Wänden die Bil⸗ der der Vorfahren, wie ſie auf einander gefolgt, in großen Rahmen aufgehängt waren. Dank Lu⸗ cinden's Sorge ſtrahlten ſie alle, als ſeyen ſie erſt eben aus dem Atelier der Maler hierher gewandert. Es waren viele edle Geſtalten dar⸗ unter, von Ruhm und Heldenthaten leuchtende Ant⸗ litze, und Arthur konnte nicht müde werden, immer wieder von dem nächſten zu dem verlaſſenen zu⸗ rückzukehren. So kamen ſie nur langſam an den Bildern vorwärts, und zu jedem gab ihm Lonny die hiſtoriſche Erklärung. Dabei mußte er doch nothwendig auch ſie anſehen, und ſo geſchah es denn, daß beide einen ganzen Vormittag in dem Saale zugebracht hatten und doch erſt bis in's fünfzehnte Jahrhundert gekommen waren. Da ſagte ſie, ſie wolle ihm für heute nur noch ein Bild und zwar, wie ſie mit ſichtlicher Verwirrung hinzuſetzte, das ſchönſte von allen Bildern zeigen. „So müßte es auch das Lebendigſte in dieſem Saale ſeyn,“ erwiederte Arthur und ergriff ihre Hand. Sie ließ ihm dieſelbe, denn zu dem Bilde, das ſie ihm jetzt zeigen wollte, paßte es ſich ſchon, daß ſie ihn an der Hand demſelben entgegenführte. „Sehen Sie, das da iſt's,“ ſagte ſie und ließ ihm noch immer die Hand, mit der andern auf ein wunderſchönes Frauenbild deutend, dem ſie mit leiſem Anſchmiegen an ſeinen Arm den kurzen Commentar gab:„Meine Mutter.“ „Sie— nein Sie, Comteſſe!“ rief Arthur und trat dem Bilde näher, auf das Höchſte von der wunderbaren Aehnlichkeit mit Lenny über⸗ raſcht. „Sie iſt als Braut gemalt, und war damals grade ſo alt wie ich,“ belehrte ihn Lonny.„Schade, daß das ſchöne Coſtume abgekommen iſt! Oder was meinen Sie, Prinz, würde ich wohl im Puderkopf und in dieſem hellblauen Atlaskleid noch den Vergleich mit meiner Mutter aushalten können? Ich bezweifle das!“ Arthur ſah ſie ſchweigend an mit der Miene des Kenners und antwortete erſt nach einer Pauſe: „Das ſchönſte Bild in dieſem Saale iſt noch immer, wie ich vorhin bemerkte, auch das leben⸗ digſte. Die Tochter würde im Puderkopf und hellblauen Atlaskleid den Vergleich mit der Mutter nicht zu fürchten brauchen. Dieſes Bild da—“ „Nennen Sie's nur auch mit meinem Namen, die Mutter hieß wie ich Leontine,“ fiel ſie ihm raſch in's Wort. „Leontine?“ fragte Arthur erſtaunt.„Sie heißen alſo nicht Lonny?“ Sie lachte hell auf und rief: „Nennen Sie mich nur immerfort Lonny, wenn's auch ein recht heidniſcher Ketzername iſt, der in keinem Kalender ſteht. Leontine aber bin ich getauft, unten in der Schloßkapelle, Anno ſo und ſo viel, von dem alten Herrn Stadtpfarrer von Willingen. Ich ſelbſt, oder vielmehr die Gou⸗ vernante taufte mich ſpäter noch einmal und der ſchreckliche Löwenname kam darüber den Leuten bald aus Mund und Gedächtniß.“ „Leontine— Lonny—“ ſprach Arthur lang⸗ ſam vor ſich hin als wolle er im Laut der beiden Namen prüfen, welchem er vor dem andern den Vorzug geben ſollte. Zuletzt entſchied er ſich zu Gunſten deſſen, der nun ſchon ſo lange Zeit ihm das Schönſte und Lieblichſte auf Erden aus⸗ gedrückt hatte. So geheim man auch des hohen Gaſtes An⸗ weſenheit zu halten ſuchte, war es doch nicht möglich geweſen, dieſelbe ganz zu verbergen, und bald war das Schloß von Willingen der Sam⸗ melplatz des hohen Adels der Provinz. Da die Länder verſchiedener Standesherren in der Nähe lagen, ſo mußten Gegenbeſuche abgeſtattet wer⸗ den, und mancher Tag ſah den Prinzen und Marlo erſt ſpät am Abend unter Fackelſchein in das Schloß zurückkehren. Nichtsdeſtoweniger ver⸗ gaß Arthur keinen Angenblick über dieſe Zer⸗ ſtreuungen und Störungen den eigentlichen Zweck ſeines Hierſeyns, und ſelbſt in der lauten Verwir⸗ rung, welche die Anweſenheit ſo vieler Gäſte verur⸗ ſachte, fand ſich manches glückliche Stündlein, in welchem er ungeſtört bei Lonny verweilen konnte⸗ Der Namenstag des Großherzogs gab dem Grafen Emanuel Gelegenheit zu einem ſchönen Doppelfeſte, durch das er zugleich die Anweſen⸗ heit des Prinzen und den fernen Souverän zu feiern gedachte. Schon in der Frühe des Morgens ertönten alle Glocken von Willingen, worauf gegen zehn Uhr der würdige Stadtpfarrer in der Schloß⸗ kapelle vor der gräflichen Familie und den an⸗ weſenden Gäſten den Morgengottesdienſt abhielt. Später erſchienen ſämmtliche Beamten, ſowohl die ſtandeshexrlichen als die des Großherzogs. Mittag war große Tafel im weißen Saale, wozu an hundert Gäſte geladen waren. Als Graf Emanuel am Schluſſe des Mahles den goldnen Pokal erhob und den Toaſt auf das Wohl des Regenten ausbrachte, donnerten die Kartaunen, die man zu dieſem Zweck auf die Ruine hinauf⸗ geſchafft hatte, und tauſendſtimmiger Jubelruf antwortete ihnen aus allen Gauen der Graf⸗ ſchaft. Dann erhob ſich Marlo, und in einer ſchönen Rede erinnerte er den Prinzen an die Tage, die ſie zuſammen auf Hellas geweihtem Boden verlebt hatten. An die rührende Geſchichte von Harmodios und Ariſtogeton knüpfte er dann — 207— einige treffliche Betrachtungen über das Glück der wahren Freundſchaft und ſchloß ſeine Rede mit einem Toaſt auf das Wohl ſeines Freundes und künftigen Regenten. Prinz Arthur war ſicht⸗ lich gerührt. Er umarmte den Freund, dann wechſelten beide ihre Pokale und zum freudigen Erſchrecken aller derer, die ihn verſtanden, rief der glückliche Fürſtenſohn plötzlich mit ſtrahlen⸗ der Miene: „Galt Dein ſchöner Spruch, o Marlo, der Freundſchaft, ſo möge nun auch leben, was wir lieben und in ſtillem Glück für uns vom Him⸗ mel erflehen!“ Staunend lauſchten die Anweſenden auf. Lonny ſaß mit Purpur bedeckt und führte, als die Verſammlung Arthur nachrief:„Was wir lieben!“ mit bebender Hand das Champagner⸗ glas an die Lippen. Doch nur vom Schaume koſtete ſie und begegnete dabei den Augen des Vaters, der ſie ruhig lächelnd anblickte, während ſeine Hände wie zum Gebete gefaltet den Pokal umſchlungen hielten, aus dem er ſo eben das Wohl derer getrunken hatte, die Arthur liebte. Bis zum Anbruch der Nacht währte das Mahl, worauf ſich die Damen erhoben, um Toilette zu — dem bevorſtehenden Balle zu machen, der den feſt⸗ lichen Tag feſtlich beſchließen ſollte. Dieſen Augen⸗ blick benutzte Walpurg, um den Prinzen in eine Fenſterniſche zu ziehen und ihn neckend zu fra⸗ gen, wen er mit jenem Toaſt gemeint habe? Als er ihr die Antwort ſchuldig blieb, ſprach ſie plötz⸗ lich mit feſter Stimme:„Damit Sie ſehen, wie man gegen ſeine Freunde aufrichtig iſt, vertraue ich Ihnen, daß ich jenen Toaſt auf Marlo, mei⸗ nen Bräutigam bezog.“ Der Prinz ſah ſie mit großen Augen an— „Sie? Marlo?“ war alles, was er hervorbrin⸗ gen konnte. Sie nickte lächelnd und ſagte dann mit weicher Stimme:„Glücklich, wie ich bin, meine ich ein Recht zu haben an jedes fremde Glück, und darum darf ich mich wohl auch in das Ihrige eindrängen. Nun denn, ſo ſage ich Ihnen, daß ich den Räuber kenne, der mir einſt ein gewiſſes Miniaturbildchen mit diebiſcher Hand aus meinem Kabinet ſtahl und es in ſeinem Schreib⸗ tiſch verbarg, bis Jemand aus ſeiner nächſten Um⸗ gebung dahinter kam und mich von dem Urheber meines Verluſtes in Kenntniß ſetzte. Was meinen Sie, Prinz? Soll ich nicht noch nachträglich Rache nehmen an dem Räuber meines Eigenthums?“ — 209— „Ich bin in Ihrer Gewalt,“ ſtammelte Arthur in äußerſter Verwirrung. „Wohlan,“ ſagte ſie;„ſo vergelten Sie Ver⸗ trauen mit Vertrauen!— Welcher Dame galt vorhin Ihr Toaſt?“ „Ich will Vertrauen mit Vertrauen vergel⸗ ten,“ erwiederte der Prinz;„aber erſt, wenn ich Ihnen den Namen meiner Braut nennen kann, wie Sie mir den Namen Ihres Bräutigams nannten.“. „Gut,“ erwiederte ſie nach einigem Beſinnen. „Ich gebe Ihnen eine Friſt von drei Tagen. Erfüllen Sie bis dahin Ihr Verſprechen nicht, ſo fordere ich jenes Bild als mein Eigenthum zurück und werde es dann beſſer zu verwahren wiſſen.“ In größter Aufregung beurlaubte ſich Arthur von der Gräfin, winkte Schulburg aus dem Saale und flüſterte ihm im Vorzimmer in's Ohr: „Denken Sie an den Auftrag meines Vaters und bereiten Sie den Grafen vor. Sie finden in meiner Chatulle den Brief des Großherzogs und die vom Staatsrath ausgefertigte Urkunde. Nehmen Sie beides zu ſich, vielleicht daß noch heute—“ Dee Mediatiſirten, I 14 —— „Ich verſtehe, Hoheit,“ erwiederte der Baron mit einer Verbeugung. Arthur eilte hierauf in ſeine Gemächer, wo er ſich unter dem Beiſtand ſeines Kammerdieners aus der ſchweren Uniform in den leichten Ball⸗ frack warf. Ueber die weiße mit ſilbernen Blu⸗ men geſtickte Atlasweſte legte er das große Band des Hausordens, und holte dann zwei goldene Ringe aus ſeinem Schmuckkaſten. Er ſteckte beide an die linke Hand, küßte ſie und flüſterte:„O Mutter, ſey bei mir mit deinem Segen!“ Der alte Kammerdiener, eine würdige Grenadierfigur, wiſchte ſich eine Thräne aus dem Auge. Der Prinz ſah es durch den Spiegel und drehte ſich haſtig nach ihm um. „Was iſt, Martin?“ fragte er. „Freude, gnädigſter Herr!“ ſtammelte der Alte erſchüttert;„Freude, daß ich der Erſte ſeyn werde von allen den vielen Tauſenden, die ihre Kniee beugen dürfen vor der ſchönen zukünſtigen Lan⸗ desmutter!“ Arthur lachte, trotz ſeiner innern Bewegung, laut auf und rief:„Landesmutter! Wie ſie die⸗ ſes neue Prädikat wohl aufnehmen würde! Aber ihr ſteht ja Alles ſchön und darum, Alter, thu' ——— „„—— —— —. mir den Gefallen, und wenn die Zeit da iſt, ſo begrüße ſie im Namen ihres treuen Volkes mit dieſem ſchönſten Ehrentitel der Fürſtin. Sie wird Dir das gewiß Zeit ihres Lebens nicht vergeſſen.“ „Ein ſchönes Avancement! murmelte der Alte mit freudezitternder Stimme und legte dem Prin⸗ zen den Frack an. Gegen neun Uhr nahm der Ball ſeinen An⸗ fang und die Gäſte kehrten allmälig aus dem feſtlich illuminirten Bosket in das Schloß zurück. Die Geſellſchaft war eben ſo glänzend als zahl⸗ reich und dazu entfaltete noch der erlauchte Wirth alle Pracht ſeines fürſtlichen Reichthums. Das ganze Schloß ſchwamm wie in einem Lichtmeer, alle Gemächer waren feenhaft erleuchtet, überall ſtrahlte es von Gold und Goldeswerth. Garten und Orangerie hatten ihre ſeltenſten Gewächſe und Blumen zur Verzierung des Saales hergeben müſſen und der Tropenländer berauſchende Düfte miſchten ſich in das milde Arom, welches aus ſil⸗ bernen Räucherpfannen im lichtblauen Gewölke des flackernden Sandel⸗ und Zimmtholzes emporwallte. Als der Prinz in Begleitung Marlo's und mehrerer andrer Cavaliere in den Saal eintrat, 14* — 212— empfing ihn von der Tribüne aus das Muſik⸗ chor mit der alten Feſthymne ſeines Volkes. Die⸗ ſelbe ging am Schluſſe in eine rauſchende Polo⸗ naiſe über und die Paare ordneten ſich zum Tanze. Arthurs Augen ſuchten die Geliebte, aber keine der tauſend ſtrahlenden Kerzen leuchteten ihm auf ihre Spur. Er fand ſie nirgends. „Du mußt den Ball eröffnen,“ flüſterte ihm Marlo ins Ohr. „Sehr gern; aber wo iſt denn—?“ dem Prinzen blieb die Stimme aus, als er ihn nach der Schweſter fragen wollte. „Lucinde tanzt nicht und Walpurg auch nicht,“ ſagte Marlo.„Lonny aber ſuche ich allenthalben vergebens. So wähle die ſchöne Gräfin Fanny, deren feurige ſchwarze Augen Dich beſtändig er⸗ wartungsvoll anſehen. Schnell, Theuerſter, ent⸗ ſchließe Dich, denn ſieh, man wartet auf Dich aller Orten.“ Trotz dieſes Drängens ſtand Arthur noch immer unſchlüſſſg und hoffte vergebens auf das endliche Erſcheinen der jungen Gräfin. Erſt als er den Grafen Emanuel auf ſich zukommen ſah, faßte er einen ſchnellen Entſchluß, ergriff Marlo's Hand und flüſterte ihm in's Ohr: „Dir und Walpurg gehört die Ehre, den Ball zu eröffnen.“ Marlo, der noch keine Ahnung davon hatte, daß der Freund um ſein Geheimniß wiſſe, er⸗ ſchrack ſichtbar. Aber Arthur benutzte ſeine Be⸗ ſtürzung, und noch ehe Graf Emanuel dem Prinzen nahe gekommen war, verſchwand er, und eilte raſch hinter die nächſten Drangenbäume. Ohne bemerkt zu werden, kam er durch eine Seiten⸗ thüre aus dem Saale, eilte durch verſchiedene Gemächer, welche Buffets enthielten, hinaus auf den Corridor, und begegnete hier Lonny's Kam⸗ mermädchen. Er fragte ſie nach der Gräfin, konnte aber keine beſtimmte Auskunft erhalten. Auf's gradewohl ging er darum die Treppe hinauf, welche zu Lucindens und Lonny's Zimmern führte. Aber kein Menſch begegnete ihm, alle Leute waren unten beim Feſte beſchäftigt. Er trat an das nächſte Fenſter, welches in den Hof hinausführte. Vor demſelben lief eine ſteinerne Gallerie rings um den innern Schloßbau hin bis hinüber zu den Fenſtern des krummen Saales. Anfangs ſiel es ihm nicht auf, daß derſelbe ſchwach erleuchtet war. Plöbzlich machte er dieſe Entdeckung und zugleich ſagte ihm auch ſchon ſein Herz, dort, — 214— nur dort werde er die Geſuchte finden.— Auf ungewiſſem Wege eilte er raſch vorwärts nach dem ältern Schloßflügel; mehre Diener begeg⸗ neten ihm und wieſen ihn zurecht, endlich fand er ſich wieder in bekannten Räumen, ein weiter ſchwach erleuchteter Corridor, deſſen Wände mäch⸗ tige Hirſchgeweihe und alterthümliche Jagdbilder al fresco zierten, nahm ihn auf, und gegenüber erblickte er die Flügelthüre des alten Saales. Dieſelbe war nur angelehnt und ohne Geräuſch trat er ein. Sie hörte ihn nicht; denn das, was ſie in dieſer Stunde that, erfüllte ihre junge Seele ſo ganz und vollkommen, daß ſelbſt die Ankunft des Geliebten ſie nicht in ihrem ſtillen Geſchäft ſtörte. Sie hatte nämlich das Licht auf die Erde geſtellt, und ſaß auf einem Polſter vor dem Bilde ihrer Mutter, die eine Hand wider das Bild gelegt, zu welchem ſie, als lauſche ſie mit Ohr und Seele freundlicher Rede, unverwandt emporſchaute. Hell lag das Licht auf ihrem Antlitz, und von Licht umfloſſen war auch die ſchöne jugendliche Geſtalt, um die ſich ein hellblaues Atlaskleid, an Schnitt und Farbe ganz dem der Mutter ähnlich, in reichen Falten ſchmiegte. Was aber die Hand that, die ſo glänzend auf dem Bild ruhte, er⸗ kannte erſt Arthur, als er näher hinſchauend deutlich ſah, wie die Hand des warmen leben⸗ digen Fleiſches ſanft auf der kalten Mutterhand lag, die doch nur Farbentäuſchung war und ſich nimmer zum Segen auf den dunklen Lockenkopf legen wollte. Iſt aber das Auge aller Rede Sinn und alles Schweigens Prophet, ſo ſoll es nun jetzt auch an Lonny's Augen klar werden, was ſie dort ſo ſtill und ſtumm mit dem Bilde der Mutter verkehrte, während leiſe die Töne der Muſik aus dem fernen Ballſaale herüberklangen und ſie doch nicht ſtörten. So ohngefähr las es Arthur aus ihren Augen: „Ich bin dein Kind, o Mutter, fromm und ſchön wie du, und du ſollſt nicht allein ſehn, wenn auch Arthur jetzt mit Sehnſucht auf mich wartet im glänzenden Saale des Jubels und der Freude. Denn iſt es dir wirklich Ernſt mit dei⸗ nem glücklichen Lächeln, o Mutter, ſo weiß ich daß er mich ſuchen wird im ganzen Schloß, bis er zuletzt in dieſen Saal tritt und mich zu dei⸗ nen Füßen findet. Ach, lebteſt du noch, an keiner andern Stelle, als der, welche deinem Kinde ge⸗ bührt in der Stunde ſeines allerſchönſten Glü⸗ ckes, am Mutterherzen, ſollte er mich finden, von Mutterarmen umſchlungen, von Mutterhand ihm zugeführt. Nun aber du todt biſt und mir ferne, ſo laß es dein ſchweigſames Bild ſeyn, das mich ſchützt, das mich ihm zuführt, wie einſt dich ſelbſt deine Mutter dem Vater als ſchöne fromme Braut. Und ihr alle, ihr edlen Ritter und ver⸗ ehrte Ahnen, ſeyd insgeſammt Zeugen, wenn das Leben, das euch längſt verließ, noch einmal in dieſem Saale ſeinen glücklichſten Traum erneut, noch einmal eures Blutes Roſen haucht auf junge Wangen, noch einmal frühlingsſonnig euer ſchwindendes Gedächtniß verklärt und es in der Menſchen Liebe zurückruft.“ So ſprachen ihre Augen in unverwandtem Hinblick auf das Bild der ſchönen Mutter, und der Jüngling an der Thüre gelobte ſich's an der Pforte ſeines Glückes, nie der Stunde zu ver⸗ geſſen, wo Lonny, umſchwebt von den Genien ihres alten Geſchlechtes, ſeiner ſo geduldig harrte, weil ja der Mutter Lächeln ſie über ſein langes Ausbleiben tröſtete. Erſt, als er noch immer nicht kommen wollte, faßte ſie ſich ein Herz und nannte, als ſey der Laut ſeines Namens — 217— ſchon des Geliebten halbe Gegenwart, ſeinen Namen. „Hier,“ antwortete aus dem tiefen Saale eine Stimme, aber faſt ſo leiſe, daß ſie von Lonny's Herzen, kaum aber wohl von ihrem Ohr vernommen wurde. Denn ſonſt hätte ſie gewiß nicht gleich darauf noch einmal lauter „Arthur!“ gerufen, und dies ſo flehend und ſehn⸗ ſuchtsvoll, als ſollte er ſie mitten im jubelerfüll⸗ ten Feſtſaal hören. Da faßte ſich Arthur endlich ein Herz, von der Thüre aus mit deutlicher Stimme zu fragen: „Lonny, darf ich näher treten?“ Sie lauſchte auf, erhob ſich haſtig von dem Polſter und trat ihm einige Schritte entgegen. Der Prinz eilte auf ſie zu: „Lonny, ich ſuchte Sie allenthalben!“ „Hier bin ich, Arthur!“ „Und denken Sie nicht an mich?“ „Immer, Arthur, immer!“ Sie legte bei dieſen Worten die Hand auf des Jünglings Schulter, ſah ihn eine Weile feſt und ſicher an und ſagte dann mit dem reinen Tone der geweihten Glocke, die zum Erſtenmal läutet: „Ich wünſche mir nie einen ſchöneren und heiligeren Gedanken als den an Sie und was Sie adelt. Nun ſagen Sie mir etwas dagegen⸗ womit ich ebenſo zufrieden ſeyn kann.“ „Meine Liebe, meine ewige ſchöne Liebe!“ rief Arthur, drückte das holde Weſen an ſein Herz, und in ſeinem glühenden Kuß war es Lonny zu Muthe, als müſſe ſie die Augen ſchlie⸗ ßen vor ſo viel Licht und Seligkeit. Jauchzend rief ſie:„Mein Arthur, gib Weihe Deinem Kuſſe und nimm hin, was ich Dir ja doch nun geben muß!“ Mit dieſen Worten zog ſie ihn vor der Mut⸗ ter Bild und Angeſichts ihres verklärten Geiſtes drückte ſie ihrem Bräutigam die Weihe ihres Kuſſes auf die Lippen. Sie ſetzte ſich dann auf den Seſſel nieder, winkte ihm auf das Polſter zu ihren Füßen, denn, meinte ſie dazu im ſchönen Verſtändniß ihrer Liebe: „Nun ich Deine Herrin noch, wie Du einſt mein Fürſt und Herr.“ Sie legte bei dieſen Worten ihren Arm um ſeinen Hals und ſo ſaßen beide eine Zeitlang ſchweigſam bei einander. Jedes fühlte, daß der Genius ihrer Liebe ſie umſchwebe, und in An⸗ dacht und Rührung lauſchten ſie den füßen unge⸗ kannten Melodien, womit denſelben ihre Seelen be⸗ grüßten. Arthurs Ange ſchaute trunken in das von Purpurſchatten bedeckte Antlitz Lonny's, immer tiefer beugte ſie ſich zu dem Jüngling nieder und ihre Locken fielen ihm in lieblichem Dunkel über Stirn und Augen. So ruhten ſie halb im Kuß, halb im Schauen, und hätten Dich, wür⸗ diger Greis, jetzt auch Engel auf goldnen Händen in den Himmel getragen, ſolch ſeliges Bild wür⸗ deſt Du ſelbſt dort vergebens geſucht haben. Aber Graf Emanuel ſchien dies auch zu fühlen, und feſt an der Schwelle haftete darum ſein Fuß, als er, den Prinzen und ſein Kind zu ſuchen, endlich in dieſen Saal kam. Da ſah er, was für kein Menſchenauge, ſondern nur allein zu Gottes und ſeiner Engel Luſt da zu ſeyn ſchien: die Freude zweier glücklichen Men⸗ ſchen an einander. Denn nicht mehr als das iſt die Liebe. In dieſem Augenblick hielten die Bergknap⸗ pen des Gebirgs unter Fackelſchein zu Ehren des Prinzen einen feierlichen Umzug. Immer näher kam die Muſik aus dem mit tauſend bunten — 220— Lampen erleuchteten Bosket dem Schloſſe zu und erinnerte Arthur und Lonny an die Welt, die es noch außer ihrer Liebe für ſie gab. Sie hob lauſchend ihr Haupt in die Höhe und ſagte: „Hörſt Du, Arthur; das ſind die Menſchen, die an unſerem Glücke Theil haben wollen. Was thun wir? Sollen wir hinunter gehen oder hier bleiben?“ Der Jüngling kniete vor ihr nieder und ſagte: „Laß uns bleiben; denn wie wollten wir ſchon jetzt mit unſerm Glücke vor den Menſchen beſtehen?“ „Aber doch vor mir?“ ſagte jetzt Graf Emanuel, der ihnen näher getreten war. „Vater!“ rief Lonny, ſtürzte erſchüttert in ſeine Arme und umſchlang ihn krampfhaft. An der treuen Vaterbruſt fand ſie die erſten Thrä⸗ nen ihrer Seligkeit. Und lange weinte ſie dieſe ſüßeſten aller Thränen, während der, welcher ſie ihr entlockt hatte, des Grafen Hand gefaßt hielt und ſie, unvermögend ein Wort zu ſprechen, ehr⸗ furchtsvoll an ſein Herz drückte. Der Greis war gleichfalls auf das Tiefſte erſchüttert und männ⸗ liche Thränen perlten in ſeinen Wimpern. „Kinder! liebe Kinder!“ war lange Zeit alles, was er ſagen konnte, wobei er den Prin⸗ zen neben Lonny an ſein Herz zog und ihn auf das Innigſte umarmte. „So hat's Gott gewollt und darum ſey Gott gelobt in alle Ewigkeit!“ ſprach er dann feier⸗ lich, und höher und ſtolzer hob ſich ſeine Geſtalt in der Umarmung ſeiner beiden Kinder, als er mit bewegter Stimme fortfuhr:„Prinz Arthur, mein theurer, vielgeliebter Sohn, vergeſſen Sie nimmer, was ich Ihnen jetzt ſage. Uns iſt gro⸗ ßes Unrecht geſchehen, heillos Unrecht! Geborene Fürſten wie ſie, raubten uns die Mächtigen die⸗ ſer Erde, woran keine Hand ungeſtraft taſten ſollte und am wenigſten die Bruderhand: unſrer Väter Erbe, unſrer Urväter Stolz, die unverletz⸗ liche Würde der Souveränität, des Fürſten hei⸗ liges angeſtammtes Recht. Wir wurden die Die⸗ ner der Herren, die vordem uns zur Seite, nie⸗ mals aber über uns ſtanden; wo unſre Vor⸗ fahren in Hoheit gewandelt, wie jene, mußten wir nun fremde Oberhoheit anerkennen und die Ehre erlag der Uebermacht. Aber Dank dem ge⸗ rechten Himmel! Er duldet keinen Frevel länger als ſeine Langmuth reicht; und wählt aus denen, die uns kränkten und beugten, die Edlen aus, — 222— daß ſie uns wieder erheben und den geraubten Beſitz uns doppelt und freudig zurückgeben. Lonny, nun wieder der Hoheit Kind, trockne darum Deine Thränen und ſey fröhlich, denn ſieh, Dein altes Geſchlecht verſammelt ſich heute in ſeligen Gefilden und ruft Dir zu aus Deines Vaters Mund: Sey glücklich wie Du es ver⸗ dienſt, ſowohl um Deiner eigenen Tugenden als um jener Tugenden willen, die Deine edlen Vor⸗ fahren übten; ſey dreimal glücklich, weil das Heil, das Dir und uns allen widerfahren, noch größer iſt, als alles frühere Mißgeſchick! Dich führt nun eines edlen Jünglings Liebe an einen ge⸗ achteten deutſchen Fürſtenthron; einſt trittſt Du mit ihm zu dieſem Thron hinan und übeſt dann einen Theil jenes großen Amtes, das Gott in ſeine Hand gelegt hat. O mein Kind, dann erſt wird es ſich recht bewähren, ob edles Blut von Willingen in Deinen Adern ſtrömt, oder ob der Fürſt, der Dich ſeinem Volke als Fürſtin zu⸗ führte, nicht beſſer gethan hätte, eine ſtrahlende Königstochter zu freien, ſtatt der Tochter eines mediatiſirten Grafen im einſamen Gebirge.“ „Halten Sie ein, Vater!“ rief Arthur auf das Tiefſte erſchüttert.„Was an Lonny ſtrahlt, ver⸗ 3 F — 223— dunkelt allen Glanz der Majeſtät und wird der⸗ einſt um den Thron, den ſie ziert, allen Licht⸗ ſchein der Tugend verſammeln.“ „Wahr iſt's,“ ſagte Graf Emanuel gerührt; „und Lonny darf es auch hören, daß ich ein Kleinod in Ihre Hände gebe, das ich ſelber wahrlich niemals gering geſchätzt habe. Nehmen Sie es hin und hüten es mir treulich. Ich ſchenk' es Ihnen, dem künftigen Regenten, mit demſel⸗ ben Vertrauen und demſelben Stolze, womit ich einſt Lucindens Hand in die des trefflichen Barons Eduard legte.“ Mit dieſen Worten drückte er Lonny an des Prinzen Bruſt und beide Hände über ihren Häup⸗ tern faltend, ſegnete er ſie mit ſtummen Lippen, wäh⸗ rend draußen im Bosket die Bergknappen eines jener einfachen tiefergreifenden Volkslieder an⸗ ſtimmten, die, wie wir bereits erfahren haben, auf Walpurg's Gemüth ſtets einen ſo wunder⸗ baren Eindruck machten. „Amen!“ ſagte dann Graf Emanuel; worauf Arthur den einen der mitgebrachten Verlobungs⸗ ringe an Lonny's Hand ſteckte, wie er ihr dabei bemerkte:„Von der Mutter ihrer theuren Prin⸗ zeſſin Tochter geſendet.“ 22 Der Graf ſagte mit freudeſtrahlendem Blicke: „Jetzt aber, ihr glücklichen Hoheiten, kommt mit mir hinunter zu den Gäſten, damit des Auf⸗ ſehens ein Ende werde, das Eure Abweſenheit vom Feſte bereits verurſacht hat.“ „Ach! Welch ein ſchwerer Gang aus dem Himmel auf einen Ball!“ ſeufzte Lonny, und drückte ſich feſter an des Prinzen Arm. Die Theilnahme der Gäſte hatte ſich von dem Tanze ab der Muſik der Bergknappen zugewendet; Alle waren nach den Fenſtern geeilt, und allge⸗ mein bewunderte man die Präciſion, mit welcher dieſelbe ausgeführt wurde. Ein Diener kam im Auftrag des gnädigen Herrn, Lucinden hinaus⸗ zurufen. Sie folgte, von einer frohen Ahnung getrieben, ſogleich dem Befehle. Bald kehrte ſie in den Saal zurück und ſuchte Marlo. Sie fand ihn in einem Nebenzimmer. Sie winkte ihn auf die Seite und flüſterte:„Marlo, Du mußt ſo⸗ gleich einen Kourier an den Großherzog abgehen laſſen. Der Vater iſt noch zu bewegt, als daß er ſelber ſchreiben könnte, darum ſollſt Du in ſeinem Namen dem Regenten melden, daß in dieſer Stunde Arthur und Lonny ein Brautpaar geworden ſind. Auch will der Prinz, daß dieſes — 225— frohe Ereigniß ſogleich allen Anweſenden an⸗ gekündigt werde. Ich ſchicke darum nach Joſt und dem Oberförſter, damit auf allen Bergen Freuden⸗ feuer angezündet werden. Die Bergknappen kom⸗ men uns dabei ſehr gelegen. Flugs, Bruder, ſchreibe den Brief, wie ihn Dir Dein Herz eingibt.“ Marlo eilte ſogleich davon. Lucinde kehrte in den Saal zurück, ſah Walpurg, und dieſe er⸗ rieth ſogleich aus ihrer Miene Alles, noch ehe ſie ihr ein Wort davon geſagt hatte. Onkel Louis aber ſtand wie eine Bildſäule, als ihm Lucinde die Kunde von der Erhöhung ſeines Geſchlechtes in flüchtigen Worten mittheilte. Er ſah ſie ſprach⸗ los an und erſt, als auch Schulburg hinzutrat und ihm ſeinen Glückwunſch abſtattete, fanden ſeine Gedanken allmälig er Klarheit und Zuſammenhang. Niemand wußte, wie es kam, daß ſich auf einmal unter den Anweſenden die Nachricht von des Prinzen und Lonny's Verlobung verbreitete und doch kein Menſch eigentlich ſagen konnte, wer es ihm mitgetheilt hatte. Jeder hörte und glaubte es, jeder ſagte es dem andern, und ſo geſchah es, daß man ſich in Zeit von einer halben Viertelſtunde eine ganze lange Liebes⸗ Die Mediatiſirten I. 15 — 226— geſchichte mit allem Beigeſchmack der Romantik in's Ohr flüſterte. Niemand war da, der dieſe liaison nicht längſt als weltbekannt vorausgeſetzt hatte, Viele behaupteten ſogar, es ſey bereits eine alte Geſchichte, und es fehlte ſelbſt nicht an Solchen, die keinen Anſtand nahmen, Arthur und Lonnh ſchon in der Wiege zu kopuliren. Einige behaupteten, daß es von je des Großherzogs liebſter Gedanke geweſen ſey, das reiche Haus von Willingen dem ſeinigen durch die Bande des Blutes zu vereinigen; ſeine Freundſchaft zu dem Grafen Emanuel, Marlo's Freundſchaft hin⸗ wiedrum zu dem Prinzen, deſſen vorjähriger Beſuch auf dem Schloß, Walpurgs Anſehen bei der Großherzogin— alles deutete ja längſt auf eine ſolche verbi hin, und doch war unter den vielen Gäſten eigentlich Niemand, der ſich nicht im Stillen etwas Rechtes darauf zu Gute that, ſein Erſtaunen und Befremden über dieſes unerwartete Ereigniß den Andern ſo glücklich verborgen zu haben. Kaum bemerkte man noch den ſchnellen Ab⸗ zug der Bergknappen; ſelbſt die Rückkehr des Grafen Emanuel in den Saal feſſelte nur vor⸗ übergehend die allgemeine Aufmerkſamkeit. Alles — 227— blickte geſpannt nach der Thüre, durch welche man jeden Augenblick das junge Brautpaar ein⸗ treten zu ſehen erwartete. Kein Tanz wollte mehr zu Stande kommen, die Damen flüſterten unter einander, und die Herren ſuchten unter dem Vor⸗ rath ihrer Redensarten denjenigen aus, womit ſie das hohe Brautpaar bei deſſen Erſcheinen feierlich begrüßen wollten. Wenn viele Menſchen beiſammen ſind, von denen im Grunde keiner weiß, was er über das, was Alle beſchäftigt, im rechten Augenblick denken und ſagen ſoll, ſo hört man gewöhnlich, wenn es Zeit zum Reden iſt, nur ein lautes vielſtim⸗ miges„Ah!“ Dieſes„Ah!“ ging denn auch durch alle Tonarten des Staunens und der Ueberraſchung durch den Saal, als n die Flügelthüren geöffnet wurden und Prinz Arthur mit Lonny am Arme eintrat. Der Graf und Schulburg eilten ihnen ſogleich entgegen; erſterer umarmte den Prinzen, während jener ſich vor Lonny ver⸗ neigte und ſie ehrfurchtsvoll Königliche Hoheit grüßte. Dann führte der Graf das Brautpaar ſeinem Bruder zu, der unvermögend zu reden, beide ſtumm in die Arme ſchloß und dann haſtig 15* den Saal verließ. Walpurg und Lucinde ſtanden fern von den übrigen mit dem Profeſſor und dem kleinen Otto im Hintergrund des Saales und erwarteten die Glücklichen. Dieſe eilten auf ſie zu und Lonny ſank beiden zugleich in die Arme.„Ich bin glücklich!“ war Alles was ſie ihnen aus der Tiefe ihres Herzens zuflüſtern konnte, worauf Arthur von Lucinden den Schwe⸗ ſterkuß und von Walpurg die Schweſterhand erhielt. Der Profeſſor konnte ſich trotz ſeiner ſieben Flanelljacken einer tiefen Rührung nicht erwehren, obwohl dies eigentlich nicht mit ſeinen Anſichten von Etikette übereinſtimmte. Er redete darum lieber mit dem Prinzen leiſe von werthvollen Handſchriften, die auf der Hofbibliothek aufbe⸗ wahrt wurden, und erbat ſich ſchüchtern eine Einſicht in dieſelben. „Wo iſt Marlo?“ rief Arthur.„Er kommt nicht den Bruder zu grüßen?“ Lucinde belehrte ihn über den Grund ſeiner Abweſenheit; worauf der Prinz Lonny's Hand ergriff und ſie den anweſenden Herren und Da⸗ men als ſeine vielgeliebte Braut vorſtellte. Schulburg's Wink nach der Tribüne des Muſikcorps gab gleich nachher das Zeichen zu einem ſchmetternden Tuſch, in welchen die Ver⸗ ſammlung mit einem donnernden Lebehoch ein⸗ ſtimmte; dreimal wiederholte ſich der Ruf, den draußen im Schloßhof, wohin bereits die Kunde von dem Heile, das dem edlen Grafenhaus wi⸗ derfahren, gedrungen war, die treuen Unterthanen der Grafſchaft jubelnd erwiederten und hierauf den Prinzen und die Prinzeſſin zu ſehen ver⸗ langten. Beide erſchienen auf dem Balkon, und ein herrliches bengaliſches Feuer übergoß alsbald das künftige Herrſcherpaar des Landes mit hellem Purpurlicht. Unbeſchreiblich war der Jubel des treuen Volkes:„Arthur und Lonny“! war die Loſung aller und„Arthur und Lonny“! jauchzte es tauſendſtimmig gen Himmel, während ſchon hier und da auf den nächſten Bergen die Freu⸗ denfeuer aufloderten und durch die dunkle Nacht das Glück der Grafſchaft dem Lande verkündig⸗ ten, dem aus dem Geſchlechte Willingen heute die künftige Regentin geſchenkt worden war. Und immer mehr Freudenfeuer brannten auf, denn die Söhne der Nacht, die treuen Bergleute verſtanden ſich trefflich auf dieſe ſchöne fernhin⸗ reichende Kunde der Nacht. — 230— Wir ſind mit dieſem Abend, der die Sterne des Hauſes Willingen herrlicher als je zuvor in ihrem alten Glanze verjüngte, zu einem Abſchnitt gekommen, den wir nicht übergehen möchten, ohne vorher einiger Betrachtungen zu gedenken, welche wir in Walpurgs älteren Papieren aufgezeichnet finden; ihr Inhalt dürfte zugleich geeignet ſeyn, uns zur Einleitung in die nun folgenden Be⸗ gebenheiten zu dienen. „Jene Macht, der wir die Verkettung der Erdengeſchicke zuſchreiben, mag wohl oft mehr als wir wiſſen oder ahnen, mit menſchlichem Sinn und Verfahren ihrem göttlichen Zwecke entgegenarbeiten, und der Seele, der ſie eine Schickung zudenkt, lange Zeit folgen, ohne daß dieſelbe ahnt, wie, was ſie thut, was ſie erlebt oder erſehnt, nichts anders iſt, als das, was je⸗ ner Schickung vorangeht, ſie vorbereitet und zu⸗ letzt erfüllt. Denn wie der Tod im blühenden Leben, ſo keimt auch das Geſchick in dieſem Le⸗ ben, und reift allmälig mit ihm ſeiner Erfüllung entgegen. Es iſt nichts zufällig in der Welt, als der Zufall, an den wir glauben; und das Kind dem unter fallenden Blüten, oder der Alpenwan⸗ derer, dem unter donnernder Lawine die Parze, die nicht weinet, des Lebens Faden abſchnitt, ha⸗ ben zugleich und ſo gut ihre Beſtimmung erfüllt, als die Blüte, die zu Grabe ſank, als die La⸗ wine, die den Abgrund ſuchte. Und iſt es mit dem Leben des einzelnen Menſchen anders, als mit dem der großen Weltſchöpfung? Tritt nicht auch hier in jedem Augenblick eine Erfüllung ein, leert den einen Eimer, während ſchon der andre wieder zu neuem Schöpfen nach den Quel⸗ len unſeres Daſeins hinuntergeht?“ „Freilich, die Blüten, die im Lenze welken, die ſtillen Träume, die leiſen Töne des in ſich verſchwebenden und verklingenden Seelenlebens, ſie ſind es nicht, deren Verluſt wir beweinen; denn ſo vieles hofft und erſehnt ja der Menſch, und nennt es doch nicht mit Namen, hat kein Grab für ſeine Täuſchung, kein Denkmal für fein Ge⸗ dächtniß. Anderes, wovon er ſo wenig das ſtille Blühen als das ſtille Reifen in der Seele merkte, tritt ihm erſt ſpäter als Frucht entgegen; immer aber muß ſchon ein rechter Schmerz uns faſſen oder ein rechtes Glück uns in den Schooß fallen, wenn wir uns darauf beſinnen ſollen, was wir waren ohne dieſen Schmerz, was wir ſein wür⸗ den ohne dieſes Glück. Und doch hat alles ſeinen natürlichen Zuſammenhang; und die Thräne, die ich heute weine, ſank vielleicht ſchon dem Kinde in leidvollem Wiegentraum in die Seele und ruhte dort, eine Perle im Meeresſchooß, bis die Welle kam und ſie zu Tag führte.“ „Es iſt eine trübe Reigung mancher Gemüther, den Spuren eines Schmerzes mit Hartnäckigkeit nachzugehen und das, was wir Geſchick nennen, Verhängniß, durch unſre ganze Lebensentwicklung bis hinauf zu den Quellen zu verfolgen. Mir ſelbſt kommt es oft vor, als ſey es immer nur die Vergangenheit, die mir über dieſen oder jenen dunklen Zuſtand meines Gemüthes in der Gegen⸗ wart Aufklärung verſchaffen könnte, und da mühe ich mich denn ab und forſche und grabe mich zu⸗ letzt ſo tief in ein altes Leben hinein, daß ich mich gänzlich darin verliere und kaum noch weiß, wo ich wieder an Gegenwärtiges anknüpfen ſoll. Nun ſage mir Jemand, ob das nicht eine Krank⸗ — 233— heit iſt wie alles, woran ſich vergeblich unſere Natur erſchöpft! Ach! Ich mein' es oft mit Hän⸗ den greifen und in allem ſchönen glücklichen Leben deutlich leſen zu müſſen, daß es hienieden eigentlich gar kein wahres ſicheres Glück gibt, als das, welches die Vergangenheit mit ihren dunklen Händen uns entzieht, als das, was ſich in uns als Erinnerung zum verlorenen Paradieſe geſtaltet. Denn es iſt falſch, grundfalſch, daß nur das Lebende ein Recht hat!— Wäre Schiller ein ebenſo wahrer Dichter geweſen, als er ein großer Dichter war, nimmer hätte er ſich mit dieſem Spruch ſo tief an dem ſchönſten Glauben des Menſchenherzens verſündigen können. Nur das Todte, das Verlorne hat ein Recht, nur die⸗ ſes allein löſt die heiligen Siegel der Poeſie, alles andre aber iſt Träumen und Schäumen. Wir wiſſen nichts, außer Geſchichte; der Moment, den wir erleben, iſt immer der letzte, von dem wir etwas deutlich erkennen; und je mächtiger, je entſcheidender dieſer Moment, um ſo weniger klares ſicheres Verſtändniß deſſelben. Sage mir ein Menſch, der kein Gott iſt, er wiſſe im Augenblick, wo er mir es ſagt, was in ihm vorgehe, und ich will ihn als Prophet der Zu⸗ kunft grüßen! Nur die Götter im hellen Olymp erleben die Gegenwart und darum Seligkeit; der Menſch aber irrt immer nur mit ſeinem Bewußt⸗ ſeyn aus der Dämmerung der Zukunft in die“ der Vergangenheit und ſelbſt der Athemzug des höchſten Entzückens, des innigſten Glückes, er wird erſt unſer, wenn wir ihn ausgeathmet haben. Und ſoll's nicht ſo auch mit der Seele ſeyn? Doch ſtill, das denkt Niemand aus!“ „Durch edler Völker Geſchichte geht die Sage, daß die zum Sehen berufenen Menſchen, wenn ſie ihres Todes Stunde nahe fühlen, zu Berge ſteigen, in's Sonnige recht mitten hinein, wenn nicht gar in die Flammen des Holzſtoßes, den zu errichten bei den alten Indiern nur fromme Prieſterſtände wagen durften. Als wenn das reinſte Symbol des erlöſten Geiſtes zugleich auch ſein ureigenſtes Element nach dieſer Erlöſung wäre! Ach, wie muß das ein ſo ganz anderes prophe⸗ tiſches Sterben ſeyn, mitten in Sonnenglanz und reinen Flammen, unter der Muſik ſilberner In⸗ ſtrumente und feierlicher Jubelhymnen, als dort, wo die Schatten Gethſemanes die zagende Seele, die nach Licht ſtrebt, düſter an das Grabesdunkel mahnen! Dich aber, du alter Tireſias, du Seher mit blinden Augen, dich lob ich mir! Am heili⸗ gen Brunnen des Berges, wo die Sonne ſo recht hell die klare Fluth beſchien, da trank'ſt du dir noch einmal Labung, denn heiß war der Tag und mühvoll der Pfad—— ach, neidenswer⸗ thes Loos, ſo erquickt von hinnen zu gehen!— Nur im Glücke, im höchſten, o Gott, laß mich ſterben, wenn Du mir ſonſt ein ſolches Glück zugedacht haſt!“ „Ich hatte einmal einen wunderbaren Traum. Laß ſehen, wie ſich die Geſpenſtergeſchichte auf dem weißen Papier ausnimmt. Meine Seele war fort und ich lebte doch noch. In mir war viel ſtilles Weinen, aber die Thränen hatte die Seele alle mit ſich genommen und ſtatt ihres lindernden Balſams brannte es mich ſalzig im trocknen Auge. Ich ſuchte in der ganzen Welt vergebens nach meiner Seele und getraute mich doch nicht, einem Menſchen meinen Verluſt zu klagen. Immer wandelte ich ſtumm vorwärts und weil ich keine Seele mehr hatte, wollte es — 236— auch nie rechter Tag um mich werden. Glanzloſe Dämmerung umſchwebte mich und ich ſah die Sonne nur wie durch Flöre. Endlich aber unter dem Suchen und Irren lebte allmälig vor mir auf dem Pfade, den ich wandelte, ein lichtes Weſen auf und ich erkannte an meiner Geſtalt, meinen Mienen, daß es meine Seele war, die aber immer wankend vor mir hin⸗ und her⸗ ſchwebte und ſich nicht wieder in den Körper fügen wollte. Nur was ſchuldig an ihr war und nicht ganz rein von Fehl, das kehrte allmälig von ihr in mich zurück und verurſachte mir, weil die beſſere, die reinere Seele fehlte, unſäg⸗ liche Pein. Endlich konnte ich nicht mehr weiter; ermattet ſank ich zur Erde und ſah nur noch mit brechendem Auge, wie die flüchtige Aethergeſtalt immer weiter ſich von mir entfernte, wobei ich ihr vergebens nachrief: Seele, liebe ſüße Seele, bleibe bei mir! Ich weiß nicht mehr, wie es ge⸗ ſchah, daß in dieſem ſeelenloſen Zuſtand mir plötzlich der Gedanke kam, als müſſe ich zurück⸗ laufen, da werde die Seele ſogleich umkehren und mir nachſtreben. Ich that es und lief ohne mich umzuſchauen, mit verjüngter Kraft davon. Als ich mich umſah, war ſie wirklich hinter mir — 237— und ich erſtaunte, die Welt in meinem Rücken ſonnenhell zu ſehen, während ich vor mir immer noch die glanzloſe Dämmerung erblickte. So lief ich lange im eigentlichen Sinn zwiſchen Tag und Nacht hin, meine Seele hinter mir her, im Tage mir nachſtrebend, ich ihr flüchtig voran, in Nacht entweichend. So liefen wir, bis ich zuletzt nach Willingen kam, in das Schloß, deſſen Treppe ich athemlos hinaufſtürze. Ich laufe nach den Zimmern der Tante, ich durcheile verſchiedene Säle, alle ſind wie ausgeſtorben, kein Menſch tritt mir entgegen, und vergebens rufe ich die Namen ſeiner Bewohner durch die öden Gemächer. Von meiner Seele aber ſehe und höre ich nichts mehr und weiß nicht, wo ſie geblieben iſt. Plötz⸗ lich tönt von Marlo's Zimmern herüber ein lau⸗ ter Jammerſchrei, der meinen Namen nennt, ich ſtürze ihm nach, trete durch die Bibliothek in des Vetters Cabinet, und ſehe ihn im Lehnſtuhl ſitzend, viele, viele Jahre alt, mit grauem Haare, daß mir ſchaudert und ich ihn kaum wieder er⸗ kenne in dem greiſenhaften Anſehen. Seine Augen ſind gebrochen— er iſt ſo eben geſtorben; ich ſelbſt aber weiß von mir in dieſem Augenblick, daß ich als Leiche viele Jahre hindurch in der — 238— Welt herumgelaufen bin, und dieſe grauenvolle Idee erſchüttert mich ſo mächtig, daß ich darüber aufwache und noch in den ſonnenhellen Früh⸗ lingstag hinein vor Entſetzen laut aufſchreie.“ Dem lauten Feſte des Jubels und der Freude folgten mehrere ſtille Tage, denn man fühlte das Bedürfniß, das für die Meiſten ſo unerwartete Ereigniß in ruhiger Betrachtung ebenſowohl dem eignen Herzen als der Welt gegenüber, zur ſicheren Gewißheit zu führen und das neue Ver⸗ hältniß in die gewohnte Ordnung der Dinge ſchicklich einzufügen. War ſchon dem Hauſe ein großes Heil widerfahren, das, wie wir ſahen, von dem Grafen Emanuel demjenigen zur Seite geſtellt wurde, woran ſich ſeit dem frühen Heim⸗ gang des edlen Barons Eduard, Lucindens Ge⸗ mahl, ſo traurige Betrachtungen anknüpften, ſo mußte die Verbindung mit dem ſouveränen Re⸗ gentenhauſe in ihren nächſten und ſpäteren Fol⸗ gen noch ungleich bedeutender für des Hauſes Zukunft und ſeine neue Stellung in der Zeit aufgefaßt werden. In die liebliche Waldidylle von Arthur's und Lonny's Liebe flocht die ernſte . — 239— Frage der Politik ihre Fäden; denn das glück⸗ liche Familienereigniß war zugleich ein Ereigniß für den Staat, ein ganzes Volk war dabei mit ſeinen höchſten Intereſſen betheiligt, und das für ſo viele Tauſende Bedeutſame mußte darum auch denen, die es ſo nahe berührte, in ſeiner ganzen Bedeutſamkeit vor Augen treten. Aber dazu war auch Graf Emanuel der rechte Mann, und ſein ſchlichter ritterlicher Sinn ließ ihn bald das Rechte erkennen und darnach ſeine Handlungen beſtim⸗ men. War ja doch ſein Kind auch die Enkelin ſeiner Ahnen, war ja doch die neue Morgenröthe, die um Lonny's Stirne ſpielte, zugleich die Ver⸗ jüngung des alten Geſchlechtes zu neuem Leben, wie ſollte da ein Mann von Emanuel's Grund⸗ ſätzen lange haben ſchwanken können! Treu ſeinem Herzen, treu dem Gedächtniß ſeines Hauſes bewährte er ſich als ächter Menſch und ächter Ritter; er wollte an dem Glücke ſei⸗ nes Kindes nicht mehr Antheil nehmen, als jeder andere Unterthan des Fürſten, deſſen Thron ſie dereinſt zieren ſollte; Lonny's Sterne und die Sterne ſeines Hauſes trennten ſich fortan, und glücklich, daß ſie ihrer Ahnen Tugenden dahin mit⸗ nahm, wohin er ihr nicht folgen konnte, erfreute — 240— er ſich dieſes Kindes nur noch in deſſen eigenem Glück und begehrte nichts weiter für ſich und ſein Haus. „Wir bleiben hier im alten Bau ganz die Alten,“ ſagte er am andern Morgen zu Lucin⸗ den, die heraufgekommen war, ſich nach des Vaters Befinden nach der unruhigen Nacht zu erkundigen, woran ſich bald zwiſchen Vater und Kind ein trauliches Geſpräch über das, was nun geſchehen müſſe, anknüpfte. „Denn Niemand ſoll von uns ſagen, wir wollten uns den jungen Leuten nothwendig machen, um dereinſt in ihrer Gnadenſonne zu ſtrahlen. Mich ſieht die Reſidenz nur noch einmal an Lonny's Hochzeitstag in ihren Mauern und wenn Marlo meines Sinnes iſt, ſo wird er ſeinem Schwager auch nicht die Schwelle abtreten. Mir war's ſchon recht, als Du Dir Eduard wählteſt, mir iſt's auch recht, daß Lonny den Prinzen wählte, aber Dein Eduard ſo wenig als Arthur verrücken mir den alten Poſten. Hier ſteh' ich, hier bleib' ich, und konnte der eine treffliche Sohn zu mir heraufſteigen und mein Herz finden, ſo mag nun auch der andere zu mir herunter⸗ kommen und gleiches Recht ſuchen. Der wahre Menſch kann nur ganz thun, was er ganz iſt. Ich bin ein mediatiſirter Graf und im Schatten meiner alten Eichen will ich leben, wie ich darin geboren ward. Hier iſt mein Platz, wo ich wir⸗ ken kann, hier nur umſchirmen mich die Geiſter meiner Vorfahren, und ihr Segen vergönnt es mir, einem kleinen Theil der großen Menſchheit Vater, Freund und Beſchützer zu ſeyn. Mehr begehr' ich nicht und mehr ſoll auch Marlo nach mir nicht begehren. Es iſt gerade genug Arbeit für den Tag und läßt ſich ſanft darauf ſchlum⸗ mern in der Nacht. Will er aber mehr, ſo ſuche er ſich ein anderes Königreich, Macedonien iſt in dieſem Falle für ihn zu klein.“ „Marlo, lieber Papa, würde ſich ſchon da⸗ mit begnügen, wenn“— ſie hielt einen Augen⸗ blick inne und ſetzte dann leiſe hinzu:„wenn die Walpurg bei ihm in Macedonien bleiben wollte.“ „So?“ ſprach der Graf und ſah ſie dabei ſo ruhig an, daß ſie über den Gleichmuth er⸗ ſtaunte, womit er ihre Andeutung hinnahm.„Die Walpurg alſo, meinſt Du?“ fuhr er nach einer Pauſe ſort.„Nun, die läßt ſich ja vielleicht er⸗ bitten und bleibt bei uns. Will ſie denn über⸗ haupt fort? Wohl gar zum zweiten Mal in die Die Mediatiſirten, I. 16 — große Welt hinaus, der ſie doch vor kurzem noch ſo herzlich ſatt geweſen iſt? Den Wittwen⸗ ſchleier zum wenigſten ſollte ſie doch nun vollends bei uns austragen, mein' ich.“ „Ach, Papa, ich glaube bemerkt zu haben“— Der Graf fiel ihr mit vieler Heiterkeit in's Wort: Still, ſtill, Lucinde, arge Verleumderin! „Was glauben wir nicht alle ſchon bemerkt zu haben, und wenn wir's beim Lichte beſchauen, geht—“ „Die Thüre auf, lieber Vater, und Wal⸗ purg tritt unangemeldet herein,“ ſagte Lueinde lächelnd und deutete, verwundert über ſo frühen Beſuch, auf Walpurg, die mit freundlichem Mor⸗ gengruß auf den Grafen zueilte und dann zu Lucinden ſagte: „Du auch ſchon hier? Nun, wir ſind ja heute alle ungewöhnlich früh aus den Federn! Was mich anbetrifft, lieber Onkel,“ fuhr ſie dann zu dem Grafen gewendet fort,„ſo komme ich in der Angelegenheit eines Andern, die mir aber nichtsdeſtoweniger ein ſo theures Geheimniß iſt, daß ich es unmöglich vor Lucinden ausſprechen kann. Wenn ſie darum ſo gut ſeyn wollte, mich mit Onkel einige Minuten allein zu laſſen, würde 13 — 243— ich mit Vergnügen bereit ſeyn, ihr ſpäter dieſe Bitte näher zu motiviren. So, wie ich hier ſtehe, bin ich nicht mein und kann darum auch nicht über meine Geheimniſſe verfügen.“ Lucinde ſah ſie betroffen an, denn in dem Tone von Walpurg's Stimme, in dem Ausdruck ihrer Miene lag etwas, wozu ſie, um es richtig zu deuten, in dieſem Augenblick mehr Gemüths⸗ ruhe hätte haben müſſen, als ihr zu Gebote ſtand. Walpurg aber ergriff ſie lächelnd am Arm, flüſterte bittend:„Nichts für ungut, Lucinde,“ und führte ſie unter dem ſanften Streicheln der treuen Schweſterhand aus dem Kabinet, deſſen Thüre ſie hinter ihr zumachte und ſogar den Riegel vorſchob. Der Graf, der dies alles mit ſteigender Verwunderung mit angeſehen hatte, ſetzte ſich, ohne den Blick von ihr abzuwenden, in ſeinen Lehnſtuhl, legte bedächtig den Rock über die Kniee und deutete ihr dann ſtumm auf das nächſte Fauteuil. „Bei Leibe!“ ſagte Walpurg mit inniger Rührung.„Stehend muß ich meine Bitte dem Oheim vortragen, ſtehend ſeine Entſcheidung ver⸗ nehmen. Denn ſo groß iſt, was ich von dem theuren Haupte erflehen will, daß ich es lieber 16* auf meinen Knieen, als ſo im feſten Stand der ſichren Vorausſicht vortragen möchte.“ „Was haſt Du? Du biſt ja heute ungewöhn⸗ lich demüthig,“ verſetzte der Graf, ſonderbar er⸗ griffen. „Demüthig und doch muthig,“ erwiederte ſie leiſe, beugte ſich nieder zu der verehrten Hand, und ſagte, indem ſie dieſelbe küßte: „Denn was wäre mein hohes, herrliches Glück, müßt' ich nicht vor der Stunde erbeben, in der ich es ausſpreche, in der ich ſein Geheim⸗ niß und mit ihm das Theuerſte, was ich beſitze, in die Hand des beſten Vaters niederlege!— Ach! Es iſt ſo leicht, einen Himmel in ſeiner Bruſt zu tragen und ſeiner Laſt freudig alle Kraft des Leibes, alle Begeiſterung des Herzens zu weihen; aber an Tag zu geben dieſes Him⸗ mels Seligkeit und dem Auge der ſtaunenden Welt ungeſcheut ſeine goldnen Pforten aufzuthun, das iſt nicht leicht, lieber Vater, dazu gehört ebenſoviel Muth als Demuth, ebenſoviel herr⸗ licher Stolz als ſtille Beſcheidenheit. Ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich es vor Ihnen aus⸗ ſprechen ſoll, da ich niemals daran gedacht habe, eines Menſchen Auge in dieſen Himmel blicken — 245— zu laſſen, da es mir immer vorkam, als ſey ich damit ſeines ſchönſten Glückes verluſtig!“ „Rede getroſt,“ ſagte Graf Emanuel.„Denn iſt's ein rechter Himmel, den meine Walpurg jetzt vor mir aufthun will, ſo habe ich auch Muth genug, ihr kein Sonnenſtäubchen zu nei⸗ den und begnüge mich nur mit ſeinen wärmen⸗ den Strahlen.“ „O, Sie ſollen mehr haben!“ rief Walpurg in tiefſter Bewegung;„Sie ſollen den Frühling davon haben, und ſeine ſchönſte wonnigſte Le⸗ benskraft ſoll dieſer Himmel aufbieten, um Ihr Daſehn zu verſchönern und es mit Blumen der Liebe und Dankbarkeit zu beſtreuen!“ „Verſprich nicht zuviel!“ ſagte der Graf lä⸗ chelnd.„So wie ich dich heute vor mir erblice, muß ich faſt glauben, daß Du mich nicht allzu⸗ verſchwenderiſch bedenken darfſt.“ „Iſt's Verſchwendung, wenn ich den Altar ſchmücke und ihm im Voraus reiche Dankopfer, gelobe für die Erfüllung meines Gebetes?“ er⸗ wiederte Walpurg zögernd.„Und hat der Menſch, welcher ein recht großes einziges Glück begehrt nicht das Recht, ſich im Voraus die ſchöne Mög⸗ lichkeit auszudenken, daß ihm aus der Erfüllung — 246— dieſes Glückes auch die Mittel erwachſen, ſich ſeiner durch die Uebung der Dankbarkeit erſt recht würdig zu machen? O ich verſpreche gewiß nicht zu viel, beſter Oheim!“ Der Graf blickte ſie fortwährend ruhig an, ſagte kein Wort und ſchien es ihr vielmehr über⸗ laſſen zu wollen, wie ſie aus ihrem kühnen Ver⸗ ſprechen ſelbſt gelangen werde. Dieſe Art, ſich ein Vertrauen nach ſo liebevoller Anſprache an ſein Herz, ohne alles Entgegenkommen faſt auf⸗ nöthigen zu laſſen, war ihr neu an ihm und ſtörte ſie ſelbſt einen Angenblick. Doch war Wal⸗ purg ſchon ſeit geraumer Zeit nicht mehr das Weib, das in einem entſcheidenden Lebensmo⸗ ment lange über das rechte Wort und die rechte That in Zweifel geblieben wäre, und nachdem ſie darum einige Minuten hindurch den ruhigen Blick des Grafen eben ſo ruhig ausgehalten hatte, ſagte ſie mit der ihr eignen Anmuth und Sicherheit: „Ich ſehe, daß Oheim mich im Stiche läßt, ſo muß ich mir denn ſelber helfen, wie ich das ſchon öfters im Leben mit Glück verſucht habe. Oheim Emanuel, es gab eine Zeit, da war es Ihr größter Kummer, daß Marlo ſich entſchieden Ihrem Wunſche widerſetzte, eine Frau zu nehmen —— und Ihnen Enkel zu ſchenken. Sie hatten den armen Menſchen im Verdacht, er wolle Ihr theures Haupt um den heiterſten Abendſonnen⸗ ſchein eines jeden edlen ſegensreichen Lebens be⸗ trügen, um jenen Abendſonnenſchein, der zugleich wie die Morgenröthe einer ſchöneren Verheißung dieſem Leben und ſeinen Thaten erſt die rechte Dauer verheißt. Aber ſo wahr ich Marlo für den edelſten und beſten Menſchen halte, ſo wahr verdient er auch nicht dieſen grauſamen Verdacht des ſonſt ſo gütigen Vaters, und ich, ich ſtehe hier mit Muth und Freudigkeit gerüſtet, den Vetter vor ſo harter Anklage zu vertheidigen. Iſt er ſchuldig, ſo bin ich es, die ſich als Gattin eines andern Mannes und jetzt als deſſen Wittwe zu der Sünde bekennt, Marlo um die Liebe ſei⸗ nes Vaters gebracht zu haben. Ja, beſter Oheim, ſo erfahren Sie es denn heute, daß ich in dem Sturme, der mich zu vernichten drohte, die Perle meiner Unſchuld feſt in der Seele hielt, daß Graf Rheſa mich wohl um meiner Jugend Glück, aber nimmer um meiner Seele Reinheit betrügen konnte, und daß die Jungfrau Walpurg, die Sie einſt an der Hand des ungeliebten Mannes ſcheiden ſahen, heute vor Sie tritt als jungfräu⸗ — liche Wittwe und Marlo für ſich begehrt, den⸗ ſelben Marlo, dem ich, lebte Graf Rheſa noch, mit heiterem Lächeln jederzeit den Fluch des Vaters von der Stirne küſſen würde! Sehen Sie, Oheim, ſo ſündigt der Menſch und vertraut doch ſeinem Gotte! So rettet,“ fügte ſie mit leiſerer Stimme und tiefem Erröthen hinzu, in⸗ dem ſie beide Arme über die Bruſt kreuzte,„ſo rettet die Seele ihr reines Götterbild aus dem feindlichen Leben, das ſeine Entheiligung duldet, und gibt es lächelnd wie im Triumphe dem Ge⸗ liebten hin, damit er es ſein nenne in Ewigkeit.“ Sie hatte dieſe Worte kaum ausgeſprochen, als der Graf ſie wanken ſah. Er ſprang hinzu und fing ſie noch im Falle mit den Armen auf. Aber wie heftig auch dieſes Geſtändniß die ſonſt ſo ſtarke begeiſterte Seele erſchüttert hatte, ſo überwand doch die Freude des eignen Muthes bald ihre Schwäche und ſchnell kehrte ihr das Bewußtſeyn zurück. Der Graf führte ſie nach dem Sopha, und ſelber auf das Tiefſte erſchüt⸗ tert, vermochte er lange ſeiner Bewegung nicht Meiſter zu werden; ja, noch eher als der Oheim war Walpurg wieder im Stande zu reden, und ſanft an ſeine Bruſt geſchmiegt, ſagte ſie: — — 249— „Gottlob! Nun iſt's heraus, und Vater wird nicht umhin können, der Welt durch die That zu beweiſen, daß er den argen Standesunterſchied in ſeiner Familie auf das Glücklichſte auszu⸗ gleichen weiß. Erſt kam ein Baron und machte die hochgeborne Gräfin Lucinde zur Baronin; dann kam ein Prinz von Geblüt und machte Gräfin Lonny zur Prinzeſſin, und zu allerletzt kommt die Gräfin zum Grafen und kein Menſch kann nun behaupten, daß im Schloß zu Wil⸗ lingen lauter ungleiche Ehen geſchloſſen würden.“ Graf Emanuel ſagte, indem er ſie mit Zärt⸗ lichkeit in die Arme ſchloß:„Theure arme Wal⸗ purg! Daß Du aus ſo ſchwerer leidvoller Prü⸗ fung zuletzt doch noch als glückliche Seele her⸗ vorgehſſt, das iſt's nicht, was ich an Dir ſegnen will. Denn das mußt Du mir glauben, Kind, Dich hat Gott lieber als die beiden andern theu⸗ ren Töchter. Aus dem Schmerze gewannſt Du Dir für Deine Liebe die Weihe, die kein Vater⸗ ſegen gibt, und darum verſtummt auch hier mein Mund und ſagt kein Wort. Aber ein anderes Glück muß des Vaters Segen ſchirmen Dir und Marlo, und darum fleh' ich zu dem Gott der Güte, der über dieſes Haus ſo reiche Gnade ausgießt: Gott meiner Väter, der Du mir nur den einen Sohn ließeſt und für den Einen nur die eine Walpurg, ſegne den Bund ihrer Liebe, wie erſt im Unglück, ſo nun im Glücke, daß ſich in freudiges Leben wandle dieſes nun bald ganz ſtillen Hauſes letzte Hoffnung; daß es in dieſem Räumen, in denen Vergangenes und Verlebtes immermehr ſchweigſames Recht gewinnen will, wieder wie eine Zukunft einkehrt, Kinderjubel um die alten Ahnenbilder laut wird und roth⸗ wangiges Leben die trüben Alten umſpielt.“ Walpurg barg das glühende Antlitz an ſeiner Bruſt, faſt ſo, wie am geſtrigen Abend Lonny that und doch wieder ganz anders als jene! Denn ſo wie Walpurg liebte, mußte, was dieſer Liebe an Glück und Seligkeit angehörte, nur wenig zu Tage kommen, und ihr beſtes Lieben hielt die Seele tief in ſich zurück, eine ſtille, herr⸗ liche Schattenblume! Während dieſes in dem Kabinet des guſe vorging, waren Arthur und Lonny, unbekümmert um dasjenige, was Lucinde und Walpurg mit dem alten Herrn zu verhandeln hatten, in den Garten hinunter gegangen, und wandelten lang⸗ ſam, ohne ein andres Ziel als das der unge⸗ N e eeeete — 251— ſtörten Einſamkeit, zwiſchen den Blumenbeeten, an Fontänen und Treibhäuſern vorüber, dem See zu. Wenn wir erzählen ſollten, was den Inhalt ihrer Unterredung ausmachte, wir vermöchten es nicht. Die Liebe und die glückliche Liebe zumal redet gewöhnlich im erſten Erguß ihrer Selig⸗ keit jene ſonderbare Sprache, in der ſich immer nur die zwei Menſchen einander verſtändlich wer⸗ den, welche das, was ſie darin ausdrücken wollen, oft grade mit dem entgegengeſetzten Wort be⸗ zeichnen. Es iſt zugleich die Sprache der hol⸗ deſten Verwirrung und des innigſten Verſtänd⸗ niſſes, und hat das mit der delphiſchen Orakel⸗ ſprache gemein, daß ſie ſich in allerhand dunklen und ſeltſamen Metaphern erſchöpft und beſtändig aus einem Paradoron in das andere überirrt. Das Herz in der Kindheit ſeines Glückes plau⸗ dert dann wie ein frohes Kind, dem die Klug⸗ heit das Stichwort geboten, alles aus, woran es bisher wie an ſeinem tiefſten Geheimniß feſt⸗ gehalten hat, ohne ſich deßhalb ärmer zu wiſſen. Im Gegentheil, je mehr die Zunge ausplaudert, um ſo mehr behält das Herz doch im Grunde zurück und nur die Schaumwellen des Gefühls — 252— überſtrömen den Rand der Lippe, während der edle Wein ſich perlend im Grund abklärt. Er hatte ſeinen Arm um die ſchöne Geſtalt gelegt und hielt ſie ſo beſtändig im Gehen ſanft an ſich gedrückt. Der alte Gärtner ſtand ehr⸗ furchtsvoll am Wege und hatte ſchon lange zu⸗ vor, ehe ſie noch an ihm vorüber kamen, mit dem Reinigen des Pfades eingehalten, als dürfe in der Nähe ſo großen Glückes nichts an irdiſche Mühe und Thätigkeit erinnern. Sie gingen auf den ehrlichen Greis zu, und Lonny redete ihn freundlich an: „Guten Morgen, Hannadam! Was macht's Leben? Noch immer wohl und rüſtig? Sieh'mal Alter, das iſt Prinz Arthur, mein Bräutigam. Nun ſag's offen und grade heraus: Wie gefällt er Dir? Darf ich nicht ein Bischen ſtolz auf ihn ſein?“ Dem ehrlichen Hannadam, wie den alten Hans Adam die Leute gewöhnlich kurzweg nann⸗ ten, liefen bei dieſer Anrede ſeiner freundlichen Herrſchaft die hellen Thränen über die gefurch⸗ ten Wangen, aber doch ſprach er offen und grade heraus, was Lonny von ihm zu wiſſen begehrte, indem er ihr erwiederte: — 253— „Stolz? Ei, das ſollt ich nicht meinen, gnädige Comteſſe! Denn iſt auch der edle Herr da ſeit geſtern Abend Ihr Herzallerliebſter, ſo wird's ihm doch jeder Willinger in's Geſicht ſagen, daß der Stolz an ihm iſt, und nicht an dem Fräulein. Denn ſehen Sie gnädigſter Prinz, was unſers Herrn Grafen Erlaucht für zwei kreuzbrave Töchter hat, das wird all' ſeiner Leb⸗ tag nicht offenbar werden und nur der Himmel weiß es vorerſt, derweil ſich's die Leute nicht zu ſagen getrauen.“ „Pfui, pfui, Hannadam! Du ſchmeichelſt!“ rief Lonny,„und ich muß roth werden!“ „Roth werden?“ fragte der treuherzige Alte kopfſchüttelnd.„Hab' ich doch all' meine Zeit nicht daran gedacht, daß die Roſe roth wird und die Pfirſichblüthe, wenn der warme Sonnen⸗ ſchein ſie aufthut zur Luſt und Freudigkeit der Herrſchaften. Das iſt auch Schmeichelei, der Son⸗ nenſchein, gnädigſter Herr Prinz, und doch muß es einmal ſo ſein, derweil es ſonſt ja gar keine Blumen gäbe. Ach, Herr Gott, was iſt ſchöner in der Welt als ſo ein Rothwerden vor dem lauten Segen der Menſchen! Ich hab's immer bei mir gedacht: mit der Comteſſe Lonny geht — 254— einmal der Grafſchaft und unſerm erlauchten Hanſe der allerſchönſte Segen aus, und nun trifft's ein— ach! und das Beſte davon erleb' ich wohl doch nicht!“—— Er ſprach die letzten Worte zögernd und ſah dabei bald den Prinzen, bald Lonny mit einem Blicke an, der ihnen ſogleich verrieth, daß er noch etwas auf dem Herzen hatte, was er ſich nicht herauszuſagen getraue. Als der Prinz ihn mit Herzlichkeit anredete, zu ſagen, wie er es mit jener Aeußerung gemeint habe, ging ein helles 2 Schmunzeln über die alten Züge und verlegen, wie den ſcheuen Wunſch in ſeiner Seele, ſo drehte er auch die grünſammtne Mütze mit dem Mar⸗ derpelz in der Hand herum. „Ja, ja, wenn's Comteſſe Lucind' wär' und der ſelige Herr Baron——“ mehr war lange nicht aus ihm herauszubringen, obwohl auch Lonny ihm die beſten Worte gab, ihr zu ſagen, was er vorhabe und warum er mit ſeinem Ver⸗ trauen heute ſo karg gegen ſie thue? Endlich hub er ſtotternd an: „Wenn's nur erlaubt wäre, wollt' ich's wohl ſchon frei von der Leber wegkriegen und auch meine Petition den jungen gnädigen Herrſchaf⸗ 1 — 255— ten grade ſo ſtellen, wie damals im Treibhaus bei Comteſſe Lneind' und dem Herrn Baron. N, ſchauen's mal um ſich, Herr Prinz, was ſehen Sie da? Und da? Und dort? Und weiter ringsum?“ „Bäume, Blumen, Pflanzen, Zierſträucher, alles im ſchönſten Blühen und Gedeihen,“ ant⸗ wortete Arthur erwartungsvoll. „Aber ſehen's ſonſt gar nichts, wirklich gar nichts, gnädigſter Prinz?“ fragte der Alte.„Topp! da ſeh' ich armer geringer Bauer mehr, weiß Gott im Himmel! viel mehr, als Eure Hoheit. Da ſeh' ich alte Bäume, die mit mir alt gewor⸗ den, da ſeh' ich Blumen und Pflanzen, an denen ich in Sommer und Winter, in Herbſt und Frühling meine ſaure Mühe hatte und über allem, mein gnädigſter Prinz, ſeh' ich noch die Freude, die mir nun die Mühe vergilt, hier im grünen ſtolzen Baume, dort im prächtigen Blu⸗ menſtock; denn alles hab' ich ja, ſo zu ſagen, aus meinen Gedanken hervorleben ſehen und die Linde da zum Beiſpiel, hielt ich als Knabe in meiner Hand, und ſchwenkte ſie ſo luſtig in der Luft herum, als wär's nur ein Peitſchenſtiel. Nun, mit Vergunſt, ſagen Sie mir einmal, was — 256— glauben Sie wohl, woran ich faſt noch mehr Luſt und Freude habe, als an dem Gedeihen ſelber? Das rathen Sie gewiß nicht und darum will's Ihnen der alte Hannadam ſagen. Nicht allein hab' ich einſtmals die Linde in der Luft geſchwenkt, ſondern da war's mir auch zu Sinn, als ſäh' ich ſchon im Geiſt den großen ſtattlichen Baum, um den im Sommer viel tauſend Bien⸗ lein ſummen und der mit ſeinem Duft den gan⸗ zen Schloßgarten ausfüllt. Das im Geiſte vor⸗ ausſehen, was noch nicht iſt, was Alles erſt noch wird, ſchauen Sie, gnädigſter Herr, das iſt von jedem guten und ſchweren Werk doch zuletzt das Allerbeſte, denn hintennach kommt dann die Freude doppelt, einmal weil's iſt und das andre⸗ mal, weil's ſo iſt, wie man ſich ſchon im vor⸗ aus darauf gefreut hat.“ Der Prinz erwiederte: „Ihr redet da ein wahres, ſchönes Wort, lieber Alter, wofür ich Euch gar herzlich danke. Nun aber kommt auch einmal zu Eurer Petition, wie Ihr es nennt; ich ſage Euch im Voraus, daß Ihr keine Fehlbitte thun ſollt.“ „Topp! Herr Prinz, ſchlagen's ein!“ rief der ehrliche Alte mit vor Freude ſtrahlender — Miene und hielt ihm die ſchwielige Hand ent⸗ gegen, zog ſie jedoch erſchrocken zurück, als der Prinz eine Bewegung machte, ihm ſein Ver⸗ ſprechen durch einen Handſchlag zu bekräftigen. „Ei, Hannadam!“ rief der Gärtner beſtürzt und wiſchte ſich den Frevel, den ſeine Hand an des Prinzen hoher Perſon zu begehen im Be⸗ griff geweſen war, derb an den harten Leder⸗ hoſen ab. „ Lonny mußte über dieſe ſonderbare Abbitte laut auflachen. „Ja, lachens nur, gnädig Fräulein,“ ſagte der Alte mit einem verlegenen Blick auf den Prinzen „Ich ſag' nun meine Petition doch, und wenn gnädigſte Comteſſe gleich noch einmal ſo roth werden als vorhin. Hat einſtmals Comteſſe Lu⸗ cinde und der Herr Baron mir im Treibhaus die Freude gemacht, ſo erbitt' ich mir's nun auch von dem Herrn Prinzen und ſeiner Jungfer Braut als ein Labſal für mein Alter und als eine Ver⸗ geltung für meinen langjährigen Gartendienſt aus—“ Arthur griff unwillkürlich nach der Börſe. „Weiß der Sir! So that der Herr Baron auch, als ich damals meine Petition ſtellte! rief Die Mediatiſirten, U. 17 — 258— der ehrliche Bauer und klatſchte vor Staunen und Schrecken ſo laut in die Hände, daß es weithin durch den ganzen Garten ſchallte.„Aber, Herr Prinz, das iſt's nicht, was ich erbitte, weiß der Himmel, ich nehm's nicht, ſondern nur'mal, nur ein einziges Mal thun Sie mir's zu Lieb' und küſſen's die gnädige ſchöne Comteſſe Lonny herzhaft auf den Mund!“ Er ſprach die letzten Werte ſo langſam und beſonders das„herzhaft“ kam ſo tief und feier⸗ lich aus ſeiner ehrlichen Seele heraus, daß beide den mit gefaltenen Händen und verklärtem Antlitz der Gewährung ſeines Wunſches entgegenſehen⸗ den Alten eine Weile ſtaunend anblickten, ehe ſie den ſchönen Sinn ſeiner ſchlichten Bitte verſtanden. „Ehrlicher Hannadam, dieſe Freude ſollſt Du ſo oft erleben, als Du ſie haben willſt!“ rief Lonny und flog an des Geliebten Hals, der denn auch keinen Anſtand nahm, ſein dem Bauer gegebenes Verſprechen zu erfüllen. „Gott ſey Dank!“ ſprach hierauf der Greis und eine Thräne zitterte in ſeinem treuen Auge, als er hinzufügte:„Das iſt echte Blüthe— das wird gute Frucht!“ Beide ſahen ihn betreten an, des Prinzen Geſicht ward faſt noch dunkler, als das Lonny's, dann brachen ſie zu gleicher Zeit in ein lautes Gelächter aus und eilten haſtig die Allee hin⸗ unter, um ſo ſchnell als möglich dem Propheten ihres Kuſſes aus den Augen zu kommen. Erſt der See hielt ihren Lauf auf, Lonny ſprang in den Nachen und ſah, vom Prinzen ab⸗ gewendet, tief über den Rand gebückt, in das Waſſer, als wolle ſie darin die Flammen auf ihrem Geſichte auslöſchen. Ohne daß ſie es merkte, band Arthur den Nachen ab, und als ſie umblickte, ruderte er ſchon wacker darauf los, um ſo ſchnell als mög⸗ lich vom feindlichen Geſtade wegzukommen und die hohe See zu gewinnen. „Laß uns in's Rohr fahren zu den Enten,“ ſagte ſie.„Es iſt darin wunderbar ſtill und das Getöne im Röhrig, wenn der Wind hindurchgeht, erinnert mich immer an die wunderſchönen Mum⸗ melſeelieder, die ich einmal irgendwo geleſen habe.“ Der Prinz lenkte nach der vom Wald be⸗ grenzten Uferſeite hinüber, wo hohes Schilfrohr eine ziemliche Strecke weit in den See hinein gleichſam den Uebergang von der Vegetation der Erde zu der des Waſſers bildete. Leicht zog der 17* Nachen durch die grüne Flur der Waſſerlilien, deren weiße, faſt wie aus Wachs gebildete Blu⸗ men Lonny im Vorüberfahren abriß und ſie nach dem Prinzen warf. Bald gelangten ſie in das Bereich des Schilfes, das ſich ſchmiegſam unter dem Druck des Kiels zu beiden Seiten aus⸗ einander theilte und hinter ihnen ſogleich wieder zuſammenrauſchte. Nach wenigen Ruderſchlägen kamen ſie auf eine kleine, freie Waſſerfläche in Mitten des Röhrigs und dieſe Stelle bezeichnete Lonny ihrem Piloten als einen Aufenthalt, den ſie von jeher äußerſt angenehm und reizend ge⸗ funden habe. „Es iſt hier etwas, das mich gar nicht wie⸗ der los läßt,“ ſagte ſie. Der Nachen ſteht hier von ſelbſt ſtill und das Schilfrohr bildet auf allen Seiten eine undurchdringliche Wand, wie die Pampas der Wildniß. Komm, legt das Ruder nieder und ruhe ein Bischen an meiner Seite von den Regierungsſorgen aus. Ach, Dir iſt heiß geworden, armer Fährmann!“ ſagte ſie und legte ihre Hand auf ſeine Stirne; ſanft trocknete ſie ihm dann die feuchten Locken und beſtätigte da⸗ durch auf das Anmuthigſte ihr Talent zu dem ſchönen Beruf ihrer Zukunft. Der Prinz fuhlte ſich in der fremdartigen und doch ſo reizenden Umgebung außerordentlich wohl und überließ ſich gerne dem Eindruck, wie ihn Lonny vorhin geſchildert hatte. Er ſaß neben ihr auf der Bank und hielt ihre Hand. Ringsum im Rohre flüſterte und wisperte es märchenhaft durcheinander und das tönende Schilf erzählte ihnen von allerhand wunderſamen Heimlichkeiten tief in ſeinen ſtillen feuchten Kammern. Ueber ſich hatten ſie den blauen klaren Himmel, unter ſich die blaue klare Fluth; Lonny brachte den Kahn allmälig in eine ſchaukelnde Bewegung, was nach ihrer Meinung zu der Situation ge⸗ hörte, deren eigenthümlichen Reiz ja eben das Schwankende und Schwebende in Wolke, Fluth und Schilf ausmache. „Wenn's einmal eine Revolution in unſerem Lande gib wollen wir uns hierher flüchten,“ ſagte ſie heiter.„Hier ſind wir ſicher vor Demagogen und Communiſten, denn außer Joſt und mir weiß kein Menſch von dieſem Aſyl, und das grade macht es ſo wunderſchön. „Wie alles Schöne im Leben,“ erwiederte Arthur und dankte ihr, daß ſie ihn hierher ge⸗ leitet, hier, wo er zum Erſtenmal mit Ruhe dem — 262— Gefühle ſeines Glückes ſich überlaſſen könne. Dann ſagte er: „Mir iſt's zu Muth, als ſey in dieſem Augenblick der Kurier mit Marlo's Brief bei den Eltern angelangt. Wenn er ſcharf zugeritten iſt, ſo haben ſie jetzt die Gewißheit des langer⸗ ſehnten Glückes in Händen. Mama ſitzt dann beim Vater im Kabinet und beide beten für uns. O, meine Lonny, was wird das für eine Freude ſeyn, wenn ich Dich den Eltern zuführe!“ „Horch! Was war das?“ rief ſie auflauſchend. „Es donnert!“ „Behüte Gott!“ ſagte Arthur, hörte aber in demſelben Augenblick gleichfalls einen fernen Donner. Derſelbe wiederholte ſich in kurzen Zwiſchenräumen, bald leiſe, bald ſtärker, und zu⸗ letzt konnten beide in ihrem ſtillen Verſteck nicht länger daran zweifeln, daß es die Artillerieſalven ſeyen, beſtimmt, der Reſidenz und dem Lande die freudige Kunde der Verlobung ſeines künftigen Herrſcherpaares zu melden. „So iſt's auch,“ ſagte Lonny.„Wir hören bei günſtigem Wind das grobe Geſchütz Eurer militäriſchen Herbſtübungen. Nun iſt's heraus, Arthur: denn was einmal die Kanonen ſagen, — 263— das kann nicht lange mehr verborgen bleiben. Mir iſt's dabei ganz ſonderbar zu Muth; höre nur, wie ſie immerfort darauf losſchießen und Salve auf Salve—“ Sie hatte noch nicht ausgeredet, da donnerte es plötzlich ganz in ihrer Nähe, und ein Böller⸗ ſchuß hallte krachend in den Bergen wider. Die⸗ ſem folgte gleich darauf ein zweiter und ein drit⸗ ter, bis nach dem elften das Signal verſtummte. Die fernen Salven aus der Reſidenz aber hall⸗ ten noch immer ohne Unterbrechung dumpf herüber. Lonny hatte mit ſteigendem Erſtaunen die nahen Böllerſchüſſe vernommen, die auf der Burg⸗ ruine gelöſt wurden und ſtand, die einzelnen Signale zählend, aufrecht im Kahne. „Was bedeutet das?“ war der erſte Ausruf ihrer Verwunderung.„Läßt Vater auch uns ſchon durch Blitz und Donner den Willingern procla⸗ miren? Aber das kann ja nicht ſeyn, bevor des Großherzogs Antwort zurück iſt.“ Arthur hatte eine freudige Ahnung. „Elfmal ſchoß es ja!“ rief er entzückt.„Das kann alſo keiner Gräfin von Willingen gelten, die bekommt nur ſieben Kanonendonner. Es muß vielmehr einem Grafen gelten— — 264— Schon wollte ſie dieſe Vermuthung beſtreiten, und der Muthwille ſah ihr hell aus Augen und Zügen, als ihr plötzlich, ſie wußte ſich's ſelbſt nicht zu erklären, der Geliebte einen Blick zu⸗ warf, daß ſie faſt darüber betroffen wurde, ſo ſicher zugleich und ſo bedeutungsvoll kam ihr die⸗ ſer Blick vor. „Marlo?— Mein Bruder Marlo?“ fragte ſie mit einmal ganz ſchüchtern und wagte kaum ein leiſes Lächeln der Ungläubigkeit blicken zu laſſen. Als aber Arthur ihr lächelnd zunickte, als ſie in ſeiner glücklichen Miene die Beſtätigung deſſen las, was ihr noch immer die äußerſte Ueber⸗ raſchung bereitete, da fiel es mit einmal wie ein heller Strahl in ihre Seele, ihr Antlitz ging aus dem Ausdruck des höchſten Staunens in das des frendigſten Entzückens über und jauchzend ſant ſie mit dem Ausruf:„Walpurg!“ in des Prinzen Arme. Am ſtillen Ort, im ſchaukelnden Kahn unter Schilfgeflüſter, war es das erſte fremde Glück, für welches Lonny am theuren Herzen zum Him⸗ mel betete. „Komm', komm'!“ rief ſie dann überſelig. „Ich muß ſehen, ich muß hören, ich muß meine Liebe im fremden Liebesglück doppelt ſchön leuch⸗ ten ſehen, eine Sonne in der Sonne,— und die Walpurg,— wie will ich nun erſt an ihrem Herzen von meinem eignen Glücke ausruhen!“ Der Prinz griff zum Ruder, Lonny ſelbſt nahm das zweite, rauſchend ging der Kahn durch's Schilfrohr und bald gewannen ſie wieder freies Waſſer. Lunny ruderte, daß ihr das Ge⸗ ſicht glühte, ſo ungeduldig ſah ſie der Landung entgegen. Raſch durchſchnitt der Kahn die blaue Fläche, endlich legte er an dem Sommerhaus an, und der Dienerſchaft freudige Bewegung verkün⸗ digte ihnen ſogleich die Beſtätigung deſſen, was ſie im Schloſſe erleben ſollten. Marlo verbrachte den glücklichſten Tag ſeines Lebens im ſtillen Familienkreiſe und erſt am ſpä⸗ ten Nachmittag, wo mehrere Gäſte zum Beſuche in dem Schloſſe eintrafen, fand er Gelegenheit, ſich mit der Geliebten zurückzuziehen. Lucinde hatte im Verlauf des Tages mehr⸗ mals Joſt's erwähnt, der über den neueſten glücklichen Ereigniſſen faſt ganz vergeſſen worden — 266— war. Walpurg forderte darum Marlo zu einem Spaziergang nach dem Schloßberg auf, denn ſie meinte, wenn überhaupt ein Menſch in der Welt, ſo ſey es Joſt, der treue Freund und Spiel⸗ genoſſe beider, der ein Recht habe an ihr Glück, und dem ſelbſt ein Antheil daran gebühre. „Ich höre ſonderbare Dinge von ihm,“ ſagte Marlo.„Er ſoll jetzt oft Tagelang außer dem Hauſe verweilen, ohne daß ein Menſch weiß, wo er ſich aufhält. Und ſeine nächtlichen Fahr⸗ ten auf dem See, was ſollen die bedeuten? Er weigert ſich, in das Schloß zu kommen, ſo oft ich ihn auch dahin beſcheiden ließ, und ſchon zweimal hab' ich es deutlich bemerkt, daß er mir gefliſſentlich ausweicht.“ Walpurg ſah ihn lächelnd an und ſagte: *„Und das wundert Dich noch, nachdem ich Dir erzählt habe, daß ſeit länger als vierzehn Tagen keine Nacht vergeht, wo er nicht im Nachen vor meinem Schlafkabinet hält und an den Trauer⸗ weiden anlegt, ohne jedoch an's Land zu ſteigen oder ſonſt etwas vorzunehmen, was mir ſein ſtundenlanges Verweilen am Sommerhaus er⸗ klären könnte! Auch geſtern, als ich vor dem Schlafengehen, es war ſchon drei Uhr morgens, noch einmal durch die Gardine ſah, erkannte ich deutlich ſeine Geſtalt unter den Bäumen. „So iſt er wohl in Dich verliebt!“ rief Marlo. „Wenigſtens mag unſer Glück Schuld ſeyn an dieſem ſonderbaren Weſen, das er in neue⸗ ſter Zeit angenommen hat,“ verſetzte ſie nach⸗ denklich.„Denn ich kann es mir mit ſeiner Natur recht wohl zuſammenreimen, daß ihn unſtre Liebe auf das Tiefſte erſchüttert und, wie er von je an uns ſo den innigſten Antheil genommen hat, ſein Gefühl mächtig aufgeregt haben muß. So viel darfſt Du als gewiß annehmen: von dem Augen⸗ blick an, wo wir uns beſaßen, verlor er uns beide, und mit uns zugleich ſich ſelbſt. Es iſt ein gar hartnäckiger Fanatiker, und eher magſt Du ihn heißen in den Tod gehen, als von dem etwas hingeben, was ihm einmal zur Sympathie geworden iſt. Es gibt ſolche ſtarre Menſchen, die ſich eher das Herz aus dem Leibe als aus die⸗ ſem Herzen eine Neigung reißen laſſen; und hab' Acht, Marlo, mit dem Joſt nimmt es kein gutes Ende. Ich meine es ihm in neueſter Zeit anzu⸗ ſehen, daß er dunkle Gedanken mit ſich herum⸗ trägt, die ihn nicht ruhen laſſen und zugleich ſeine Seele verwirren. „Es iſt ein zu vollſaftig Gemüth und erſtickt an ſeiner Fülle,“ ſagte er.„Wir müßten daran denken, ſeinem Gefühl, ſeinem ganzen Denken und Sinnen eine freiere Richtung zu geben.“ „Hoffe das nicht,“ ſagte Walpurg.„Alle An⸗ lagen in ihm gehen auf das Trübe und Trau⸗ rige hinaus und ſelbſt ſeine Freude hat etwas Melancholiſches. Er war zu viel mit ſich allein, ſah zu tief in die Natur hinein und ihre dunkel⸗ ſten Seiten waren ihm immer die liebſten. Er begriff wenig und faßte doch viel, gelangte end⸗ lich durch die dämmernden Schatten der Träu⸗ merei zu einer Art von Hellſehung, war aber doch nicht im Stande, ſich von ſeinem inſtinct⸗ artigen Gefühle zum freien Bewußtſein zu er⸗ heben. So beurtheile ich ihn, und kann nicht anders, als vor der Stunde zittern, wo vielleicht, was jetzt noch dunkel in ihm gährt und däm⸗ mert, als ein ihm feindliches Schickſal aus ihm heraustritt und den Kampf mit ſeiner morali⸗ ſchen Kraft begehrt.“ Unter dieſem Geſpräche waren ſie an der Burgruine angelangt, und fanden das Falterhaus verſchloſſen. Sie gingen dann in den Schloßhof, ſahen aber auch hier keinen der Bewohner. — 269— Marlo machte Walpurg den Vorſchlag, die Klauſe Joſt's zu beſuchen, was denn auch von ihr an⸗ genommen wurde. So gingen ſie denn durch den gewölbten Gang, der zu dem ſogenannten Bankett⸗ ſaal führte, nach der Kapelle, jenem Theil der Ruine, die ſie vor wenigen Monaten ſo freund⸗ lich mit Blumen und grünen Zweigen ausge⸗ ſchmückt gefunden hatten. Aber heute war da⸗ für der Anblick um ſo trauriger. Verdorrte Bir⸗ kenzweige hingen von den Wänden nieder und längſt waren die Blumenkränze verwelkt, die da⸗ mals ſo friſch und duftend geweſen. Wo aber der kleine Altar mit dem Kreuze und der herr⸗ lichen Schattenblume geſtanden hatte, da erblick⸗ ten ſie jetzt nur noch mehr große Trümmerſteine über den Boden zerſtreut und Altar, Kreuz und Blume waren verſchwunden. Der Raum glich einem zerſtörten Tempel, verlaſſen von ſeinem Gott und ſeinem Prieſter. „O weh!“ ſagte Walpurg.„Das haben wir verſchuldet, die wir ſein ſtilles Heiligthum durch unſte Gegenwart entweihten. Der arme Menſch! Hat er doch ſelbſt den ſchönen Altar nicht ein⸗ mal verſchont gelaſſen und auch ſonſt alles zer⸗ ſtört, was uns einſt ſo freundlich an ſein ſinniges — 270— Gemüth erinnerte. Wo er jetzt wohl ſein Gebet verrichten mag? Im alten weiten Trümmerhau⸗ fen war dies gewiß ſein liebſter Aufenthalt— und nun haben wir ihn daraus vertrieben.“ Marlo rückte einige Steine zu einem Sitze zurecht, denn das Bergſteigen hatte Walpurg er⸗ müdet und beiden war die einſame Stätte noch immer freundlich genug, um hier ein Stündlein zu verplaudern, inmitten der alten Stammburg, die einſt als ſtolze Ritterveſte weit durch die Ebene leuchtete und nun in ihren gebrochenen Trümmern noch den Enkeln derer, die in Glück und Ruhm weitherrſchend hier gehauſt hatten, ein gar heimlich vom ſonnigen Abendhimmel be⸗ leuchtetes Plätzchen bot. Walpurg ſagte: „Mir war immer wohl unter Ruinen, und je älter dieſe, um ſo wohler! Man hat da ſo Vieles beiſammen, was man zu der rechten glück⸗ lichen Stimmung braucht, um unſere Sehnſucht über das Leben und ſein vergängliches Theil zu erheben, und eben im Hinblick auf das Alte und Geweſene dieſe Sehnſucht nach einem ewigen und dauernden Zuſtand erſt recht lebendig zu empfinden. Mich konnte es niemals traurig machen, — — 271— das Gefühl meines Seyns dieſen ſtummen Zeu⸗ gen des Todes entgegenzuhalten, denn was an⸗ ders vermöchte ſo laut ein Ewiges in uns zu beſtätigen, als die Ruhe, womit unſer Geiſt das zerſtörte Menſchenwerk betrachtet? Ja, hier denke ich ſelbſt am wenigſten der Zerſtörung, hier frage ich mich nicht, was bleibt von Dir oder was wird aus Dir, ſondern hier fühle ich nur noch, daß ich bin und darum auch nicht aufhören kann, zu ſeyn. Kein beſſerer Prediger des un⸗ ſterblichen Lebens in uns als der Tod und ſeine ſtummen Male! Denn ihnen allein gegenüber hat das Herz den Muth, den Gedanken der Ewigkeit unbedenklich an den gegenwärtigen Moment anzuknüpfen, ohne einen Schauder des Todes zu empfinden. Nur ein bischen Fantaſie zum alten Mauerwerk, und ich ſelbſt bin ſchon todt und nehme das Epheugeflüſter für die ver⸗ klingenden Töne des irdiſchen Lebens.“ „Du ſprichſt immer vom Tode, liebe Wal⸗ purg.“ „Weil er mir immer das Nächſte iſt, lieber Marlo.“ „Und iſt denn der Tod etwas ſo Schreckhaftes, mein Geliebter?“ fuhr ſie nach einer Pauſe mit — 272— erhöhter Stimme fort.„Seitdem ich den kleinen Engelbrecht ſterben ſah, mag ich das niemals behaupten. Man braucht ja, Gottlob! nicht aus allem holden und lieblichen Weſen der Natur Leichenduft zu riechen und kann dennoch dem Tod darin tief und klar in die Augen ſchauen. Hat nur der Menſch recht gelebt, war nur in ſeinem Leben ein einziger Moment, wo er ſich mit Bewußtſeyn ſagen konnte, daß er ſeines Da⸗ ſeins Zwecke verſtand und erfüllte, ſo ſtirbt er weder für die Menſchheit, noch für ſich ſelbſt. Wandelt ja doch Alles in und außer uns be⸗ ſtändig von der Wiege zum Grabe, und möchte ich doch manchmal ſelbſt in dieſem ewigen Ster⸗ ben und Vergeſſen in uns grade das rechte un⸗ zerſtörbare Leben erblicken. Denn ſieh, der Geiſt, der ſchon hinieden ſo vieles abſchüttelt, was ihn hemmt und hindert, und immer nur in die Höhe ſtrebt, der muß doch auch einmal den Moment finden, wo er ſich ganz frei macht vom Irdiſchen und für ſeiue Sonnenahnung auch Sonnennähe begehrt.“ „Das iſt zwar recht ſchön geſagt,“ erwiederte Marlo;„aber der Glaube daran faßt ſich doch ſchwer. Es gab eine Zeit, wo ich vor dem Tode — 273— lange nicht dieſe unüberwindliche Scheu hatte. Selbſt begehren, innigſt und warm vom Himmel als eine Wohlthat erflehen, mocht' ich ihn; und jemehr ich von dieſem letzten Tröſter alles Lei⸗ des gänzliche Zerſtörung erwartete, um ſo zuver⸗ ſichtlicher ward mein Wünſchen. Aber Gottlob! Ich fürchte ihn wieder, denn ſage mir, was Du willſt, zum Tode gehört doch mehr Muth als zum Leben, und wäre ſelbſt dieſes Leben nur ſein abgeblaßtes Contrefei.“ „Nenn' es ſein lieblichſtes Symbol!“ ſagte Walpurg, und umſchlang ihn mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit„Denn ſieh, Du feiger, muthloſer Menſch! Du haſt ja doch in dieſer Bruſt ein Herz und in dieſem Herzen eine Liebe da nicht über kurz oder lang ein Zu ten, wo dieſes Herz vor Seligkeit b Liebe wie ein freudiger Engel gen Himmel ſtrebt? Aber ich merke ſchon, Du biſt noch ſehr im Argen mit Deinem Glauben und klammerſt Dich wie ein verzweifelter Schwimmer an die grüne Weide des Lebens! Nun, meinethalben! Mir entgehſt Du doch nicht, und wo Du hängſt, häng' ich an Dir. Oder ſoll ich voran? Das hat der Menſch von ſeiner Liebe, daß er nicht ſterben kann mit Die Mediatiſirten, U. 18 — einem Hauche. Das geht aus wie zwei Flammen, die erſt im Verlöſchen in einander ſchlagen und plötzlich prächtig in Einer aufleuchten. Wäre da der Tod kein Gewinn? Ah, geh' mir! Wenn Du nicht ſogleich mir eingeſtehſt, daß Du heute um zehn Jahre weiſer geworden biſt, ſo halte ich es nicht länger bei Dir aus!“ „Walpurg!“ rief Marlo erſchrocken und ſträubte ſich faſt in ihren Armen, als ſie ihn immer in⸗ niger, immer feſter umſchlang.„Walpurg, welche Reden!— Verſuche die Götter nicht, die Dich mir gönnen! Denn wahrlich, das iſt keine Weis⸗ heit, die rothen Roſen des Lebens ſo kaltblütig in die ſtrömende Woge zu werfen, die ſelber im Wein in trägt und keine Rückkehr kennt! Aber, es iſt nur der Ort, der Dich mit dieſen düſteren Bildern erfüllt. Komm' darum mit hinauf zu dem hellen Thurm, wo die grüne Birke in der Mauer wurzelt, während dieſe da welk und dürr niederhängen.“ Sie war nur einen Augenblick über die Auf⸗ regung betroffen, in welche ihn ihre Worte ver⸗ ſetzt hatten. Laut lachte ſie dann auf und ſagte: „So gehen wir, obwohl hier grade Licht ge⸗ nug für uns wäre, um uns nicht vollends in Todesahnungen zu verlieren. Aber ſieh' einmal, was iſt denn das dort für ein ſonderbarer Stein? Da ſteckt ja ein Schlüſſel darin, als wär's gar kein Stein, ſondern eine Thüre?“ Marlo ging neugierig darauf zu. Er drehte an dem Schlüſſel und erſtaunte, als ſich wirklich ein kleiner Wandſchrank aufthat, deſſen Thüre von Außen täuſchend mit Steinfarben übermalt war. „Ei, ſieh da, ein kleines geheimes Archiv!“ ſagte er verwundert. Denn der Wandſchrank ent⸗ hielt in der That nichts als verſchiedene Papiere, die theils als loſe Blätter bunt durcheinander lagen, theils in Rollen zuſammengewickelt und feſtgebunden waren. Alle waren beſchrieben und Marlo erkannte auf den erſten Bli ts feine ſchöne Handſchrift. „Gedichte?“ ſagte Walpurg„als Marlo ein Blatt herausnahm und dann noch Eins, und es ihr nach einem flüchtigen Blick hinrei ald hatte ſie beide Hände voll, Marlo aber kramte noch immerfort und merkte kaum auf ihr Erſtaunen, das mit jedem neuen Blick in die⸗ Blätter wuchs, bis ſie zuletzt entzückt ausrief: „H Himmel! Das ſind ja alte Bekannte! Schau! Schau! Unſte ſchönen Volkslieder! Und 18* hier noch neue dazu, und alle von Joſt's Hand geſchrieben, von Joſt's Hand corrigirt—“ „Corrigirt?“ fragte Marlo erſtaunt. „Sieh— nicht anders, erwiederte ſie; ganze Verſe hat er ausgeſtrichen und daneben die vor⸗ genommenen Aenderungen beigefügt,— o Gott— ſo wäre Joſt der langgeſuchte, unbekannte Dichter, der Genius, dem ich nachſpüre in allen Dörfern, in allen Hütten des Gebirgs, um endlich ihn hier zu finden!“ „Joſt— ein Dichter!“ rief Marlo, der noch immer nicht an dieſe wunderbare Entdeckung glauben mochte. Sie las aufmerkſam, plötzlich verfärbte ſie doch das Ganze zu Ende und über⸗ 2 arlo mit zitternder Hand ein Blatt. ar überſchrieben:„Marlo's Me⸗ teor.“ Er las es— las es noch einmal, dunkle Zornesgluth bedeckte ſein Geſicht.„Der Thor!“ ſtammelte er und zerknitterte das zin der krampfhaft geballten Fauſt. Denn das Gedicht war prachtvoll— u mächtig, es enthielt die Biß von Walpurg's Tod! Er riß ihr ſämmtliche Blätter aus der Hand — 277— und war im Begriff, ſie zu vernichten, als ſie— hinzuſprang und ihn noch zur rechten Zeit da⸗ ran erinnerte, daß er einen Raub an fremdem Eigenthum begehen würde. „Leben wir ſeiner Viſion zum Trotze!“ ſagte ſie lächlend, legte ſämmtliche Papiere wieder in den Wandſchrank und ſchloß die Thüre. Den Schlüſſel ließ ſie ſtecken.—— Joſt, zu welchem wir nun nach längerer Zeit zurückkehren, war in der That allen Leuten, die ſich für den ſtillen Waldträumer intereſſirten, ein räthſelhafter Menſch geworden, aus welchem, wie Elias Falter ſagte, gar nichts Geſcheidt's mehr herauszubringen war. Er begrub ſich oft Tagelang in die düſterſte Waldung, konnte für ſein vereinſamt Gemüth nie Einſamkeit genug in der Außenwelt finden, und doch wußte Niemand, womit er ſich beſchäftigte oder welcher Gram ihn das Auge der Menſchen fliehen ließ. Er kam nicht mehr hinunter in das Schloß, auch die Stadt vermied er ängſtlich, und nur in den Dör⸗ fern des Gebirges ſah man ihn noch zuweilen mit denjenigen Leuten verkehren, welchen er von ieher ſein Vertrauen geſchenkt hatte. Er ſtand bei den Bauern in großem Anſehen, denen er — 278— eben ſo wohl durch ſeinen hellen Verſtand und ſeine außerordentliche Körperkraft imponirte, als ſie in ihm jederzeit einen thätigen und liebevol⸗ len Freund in allen Nöthen des Lebens erblick⸗ ten. Von Lucinden mit dem ſchönen Amte betraut, zwiſchen ihrem edlen Herzen und der Armuth den Vermittler zu machen, war man ſchon lange gewohnt, in ihm den eigentlichen Wohlthäter und Menſchenfreund zu erblicken; denn über der Gabe, die aus feinen Händen floß, vergaß man meiſt der fernen Geberin und hielt ſich an den, der ſie brachte, zwar in ihrem Namen, aber gar häufig auch durch ſeine Fürſprache ausgewirkt. So kam es, daß Joſt, ohne darnach zu ſtreben, einen großen Anhang in allen Dörfern der Graf⸗ ſchaft hatte und beſonders unter den jungen Burſchen viele Freunde zählte, die ihm mit Leib und Leben ergeben waren. Er entſchied in ihren Streitigkeiten und ſchlichtete ihre Händel, ſein Ausſpruch galt jederzeit als letztes Urtheil, und was er haben wollte, geſchah ohne Widerrede. Das Vertrauen zu ſeiner Redlichkeit war eben ſo groß, als das zu ſeiner Einſicht, als die Furcht vor ſeiner Körperkraft. Er war Einer ihres glei⸗ chen und ſtand doch wieder weit über ihnen; — 279— dabei beſaß er das ſeltene Talent, ſelbſt auf rohe Naturen eine Art von Uebergewicht auszuüben, indem, was von ihm kam, ſich in ſo zartem, ſinnigem Weſen gab, daß auch ein kaltes Herz und ein rauher Sinn davon gerührt werden mußten. Was aber ſein Anſehen in neueſter Zeit noch ungleich bedeutender machte, das waren jene Lie⸗ der, in denen er auf des Volkes Fantaſie und Gemüth einen ſo unwiderſtehlichen Einfluß aus⸗ übte. Zwar waren es nur wenige ſeiner ver⸗ trauteſten Freunde, die in das Geheimniß ſeiner poetiſchen Begabung eingeweiht waren und durch deren Vermittlung die Gedichte unter das Volk gelangten. Dennoch bildete ſich allmälig um den ſtillen Sänger eine kleine Gemeinde, die in An⸗ dacht den wunderſamen Stimmen lauſchte, mit denen er ihnen von den Dingen erzählte, die da vorgehen unter der Erde, in geheimer Wald⸗ ſchlucht oder im mondhellen Felsthal, oder in dunkler Menſchenbruſt. Von letzterer beſonders brachte er häufig reiche geweihte Kunde, bald das Herz ſchildernd, das in Liebesweh hinſtirbt, bald die Wonne in dieſem Weh, bald dieſes Weh ſelbſt, das ſich der finſtren Schuld verbin⸗ — 280— det und in Verdammniß endet. Es iſt faſt mit Gewißheit anzunehmen, daß der hochbegabte Jüngling in dieſen Gedichten zuerſt über ſich ſelbſt und den lange verhaltenen unbekannten Schmerz ſeiner Seele klar wurde; faſt alle bil⸗ den die erſchütternde Paraphraſe zu ſeinem dunk⸗ len Urſprung, zu dem tragiſchen Geſchick, das ſeines Lebens Anfänge bezeichnet und von dem er ſich noch immer nicht frei weiß. Es haucht ihn vielmehr ſtets von Neuem an, tritt wie ein ſchweigſamer Schatten, bald in lieblicher weißer Frauengeſtalt, bald als dunkler Mahner in grauem Grabestalar ihm entgegen, winkt ihm oder ent⸗ flieht vor ihm mit trauernder Geberde, daß unter ſeiner Flucht die Blumen welken und das glän⸗ zende Farrenkraut wie erſchrocken zur Seite weicht. Und dann wird's Nacht um ihn— der Unkenteich zündet ſeine Lichter an und tief unten in der Erde ſcharrt der Maulwurf. Im Wald herrſcht Todtenſtille, nur ferne hört man der Jwidien leiſe Klaggeſänge oder das Geſtöhn eines verendeten Rehes, dem das heiße Blei des Jägers im Fleiſche ſitzt. Schwieg er dann und ſah im Kreis ſeiner Hörer umher, ſo konnte er ſeines Gedichtes Wirkung auf jedem Antlitz leſen, und mehr begehrte er nicht. Oft brauchte er nicht einmal Menſchen, um ſich der Wahrheit ſeiner Gefühle im Echo des fremden Gefühles klar zu werden. Denn er hatte Lieder verfaßt, die waren nicht für Menſchen geſchrieben; dafür begehrte er nur lauſchende Blumen, oder auch nur einen lauſchenden Sonnenſtrahl, oder ſein ſtilles Herz allein, das einem noch tieferen Herzen lauſchte. Das waren jene Lieder, in denen die Jungfrau mit der Roſenſtirne ſich zu ihm neigte und ein ſüßes Liebeswort in ſein Ohr flüſterte, das ſeligſte Wort, vor dem aller Lerchenjubel in der Wolke, alle Melodien der grünen Waldeseinſamkeit ver⸗ ſtummten. Da ging der Abendſtrahl durch den dämmernden Wald zum kühlen Quell beten, da hatten die Blumen, die hohen, dunkelblauen mit den winkenden Glocken am Stengel, ein feierlich Geflüſter untereinander, und die Echo's am ſon⸗ nigen Felsgelände nahmen Geſtalt an und tru⸗ gen auf glänzenden Armen das holde Kind her⸗ bei, in deſſen Lachen und Jubeln der weite Wald einſtimmte, als ſey's die ganze ſelige Kindheit auf Erden, die da mitlache und mitjuble. Und zu ihm trat es; wie es aber die kleinen Hände zu ihm emporhob, wuchs es wunderbar heran, — 282— ward aus dem jubelnden Kind ein ſtilles Mäd⸗ chen, mit viel kindlich ſcheuem Sinn im Auge, bis aus dieſem mählig die andre Scheu ſich her⸗ vorwagte und der Jungfrau Augen lieblich ſchat⸗ tenhaft umdunkelte. Sehnſucht und Schmerz der Sehnſucht nach dem verlorenen Traum ſeiner Kindheit war der Grundton faſt aller dieſer Gedichte. Nächſt die⸗ ſem trat der Gegenſatz zwiſchen ſeinem Herzen und dem, was das Schickſal ihm verſagte, häufig ſchneidend hervor und ging wie ein ſchriller Weh⸗ ſchrei durch die ſüßeſten Melodien. Joſt war das Herz, und Walpurg beurtheilte ihn darin voll⸗ kommen recht, ſich fanatiſch an einem Gefühle feſtzuklammern und es bis zur gänzlichen Er⸗ ſchöpfung ſeiner Leidenſchaft durchzuleben. Dem Sohne der wilden Natur gegenüber mag der Ausdruck entſchuldigt werden, wenn wir ſein Gemüth dem Felſen vergleichen, in deſſen Ge⸗ klüft eine junge Eiche ſich einwurzelt, welche nun langſam am Widerſtand des Felſens ihre Wurzelkraft übt und endlich übermächtig das Geſtein zerſprengt. Dieſer Bruch war in Joſt's Gemüth geſchehen; unter ihm wankte der Boden und über ihm that ſich im Wanken ein Himmel — 283— auf, in den er mit recht unheimlichem Propheten⸗ auge hineinſchaute. Was er ſchon in ſeiner gänz⸗ lichen Gefühlsbefangenheit nicht faßte, das be⸗ griff er noch weniger mit ſeinem objektiven Ver⸗ ſtande; wohl aber lag zwiſchen beiden noch ein drittes Vermögen, das der dunklen angſtvollen Vorahnung, mit dem er ſich ſo lange herum⸗ ſchleppte, bis endlich der bei ihm eingefleiſchte Glaube an eine dämoniſche Macht in der Natur das Verhältniß Marlo's und Walpurg's in ſeine nächtigen Geſichte hineinzog und das Glück bei⸗ der Liebenden ihm nun nicht anders erſchien, als das leuchtende Meteor, das Walpurg's Ankunft im Schloſſe begleitet hatte. Oder hatte Joſt etwas von dem Blick, der es den Menſchen anſieht, wie viel vom Himmel ſie tragen können? Genug, ſein Gedicht„Maros Meteor“, war in der Stimmung, in welcher beide es fanden, mehr als geeignet, ſie zum Nachdenken über die Nacht ihrer Vergangenheit, und über den blen⸗ denden Lichtſchein ihrer Gegenwart zu veranlaſſen. „Laß' uns ihn offen fragen, warum er nicht an unſer Glück glauben will?“ ſagte Walpurg. „Bei Leibe!“ erwiederte Marlo.„Denn frage nur einen Propheten, wie er es meint, ſo haſt Du ſogleich noch eine zweite Prophezeihung zu der erſten. Errathen wir es darum lieber ſelbſt leicht und mühlos und laſſen die Sphynr des Unheils an unſerm Witze verderben! Und ſo löſe ich das Orakel: Du biſt mein Meteor, das am Himmel aufging, das ich im Niedergang in meine Seele begraben habe. Walpurg ſah ihn ernſt an. „Sage lieber“, erwiederte ſie dann,„wie ich in Dir aufging, ſo kann ich auch nur in Dir untergehen. Nein, Joſt, Dein Bild iſt falſch. Denn Du überſiehſt dabei die Geſetze der Schwerkraft. Meteore kommen aus dem Himmel, Liebe geht in den Himmel.“ Jeder glückliche Menſch hat ein Verlangen nach Sorge; und dieſes Verlangen ſteigert ſich in dem Grade, als ſein Glück auf ſichren Pfa⸗ den unter wolkenloſem Himmel ſeinem Ziele ent⸗ gegenſchreitet. Darin ſind wir alle Kinder, und der Stärkſte unter uns iſt es oft am Meiſten, daß uns in der ſüßeſten Empfindung unſres Glückes oft ein Gefühl beſchleicht, von dem wir nicht wiſſen, ob es von außen zu uns, ob es — 285— aus unſter Seele nach außen ſtrebt. Alles iſt gut, es ſchweigen die Stürme, es glätten ſich die Wogen, ſonnige Wolken blauen uns des Herzens Hoffnung und Fröhlichkeit zurück, und umſonſt fragſt Du Dich: Wovor bangt Dir? Warum zittert Du?— Und doch iſt die Antwort ſo leicht, doch entſpringt dieſes Gefühl dem innerſten Bedürfniß der menſchlichen Natur bei jedem gro⸗ ßen Glücke, dem Zweifel an ſeinem Beſtand, der Furcht vor ſeinem Verluſt. Denn alles glaubt ſich am Ende leichter, als ein wandelloſes Glück, als ein Glück, das, wie es unſrem Herzen, ſo auch dieſes Herz hinwiederum ihm gewachſen bleibe im ſchönen gleichen Verhältniß der Kraft dieſes Herzens zu der Laſt dieſes Glückes. Denn die Fähigkeit, ein Glück, ein großes, zu ertragen, iſt von allem wahren Glück jederzeit das Beſte, weil damit zugleich ausgeſprochen iſt, daß die Har⸗ monie unſeres Geiſtes in nichts geſtört wurde, als ſich derſelbe aus ſeiner Sehnſucht zu dem Gefühl ihrer Erfüllung erhob. Es ſind nicht Arthur und Lonny, deren Glück uns auf dieſe Betrachtung hinleitet. Beide, ſo wie ſie glücklich ſind, wiſſen nichts anders von ihrem Glücke, als daß es nur immer ſchöner, immer ſonniger werden muß, obwohl ſie nicht begreifen, wie das möglich ſeyn ſollte! Das Nächſte iſt ihnen noch das Schönſte, in die Ferne ſehen ſie nur wie in einen goldnen Morgennebel, und am wenigſten kümmert ſie die Frage, was er wohl verſchleiern möge? Glänzt er doch! Ver⸗ ſchleiert er doch! Zeit genug für künftiges Glück bleibt ja übrig, nur das Gegenwärtige macht ihnen zu ſchaffen. Anders Marlo, anders Walpurg. Auch ihnen reift der Herbſt die volle glühende Traube der Erfüllung, auch ſie haben keinen Wunſch mehr, auch ihnen frühlingt jede Sehnſucht, und jeder Gottestraum ihrer Seelen tritt, kaum ausgeträumt, in das Recht der holdeſten Wirklichkeit. Und den⸗ noch iſt etwas in ihrem Glück vorhanden, das, und darum ſind ſie ja eben ſo glücklich, ſie oft mit unbegreiflicher Gewalt erfaßt und ſie einander in die Arme wirft, das nicht genannt, nicht aus⸗ geſprochen wird, es müßte denn lauten: Zu viel Seligkeit macht krank, zu viel Himmel macht trunken. Die Zeit für ſolche Liebe ſcheint dahin zu ſeyn, und doch ſcheint ſie's nur. In Wahrheit aber iſt ſie es ſo wenig, daß man ſich billig darüber — wundern ſollte, wie ſo manche Dichter der Ge⸗ genwart dem Menſchenherzen, das ſie malen, eine Nüchternheit zumuthen, die ſie doch zuletzt durch nichts als die eigne Entnüchterung ihres Gefühls rechtfertigen können. „Aber Gottes Athem geht darum doch nicht aus, er weht durch alle Zeiten, und nur die, die er nicht anhaucht, verſpüren ihn auch nicht. Am Tempel der Liebe baut die Menſchheit fort und fort, und erſt mit dem letzten Herzen, das auf Erden ſchlägt, wird er vollendet ſeyn und die Seligen zum Gebete verſammeln.“ So ſagte Walpurg, als der blonde Haupt⸗ mann in ſeinem blühenden Eifer gegen alles Ueberſchwengliche den Werther Göthe's eine Treib⸗ hauspflanze nannte, und ſein Schickſal dem un⸗ geſunden ſchwächlichen Zeitgeiſt Schuld gab. Später kam ſie auf dieſes Thema zurück, da ſie eines Morgens mit Marlo an dem ſonnigen OHrangeriehaus vorüberwandelte und durch die gelüfteten Glasfenſter die prächtigen erotiſchen Blumen betrachtete, die daſelbſt aufgeſtellt waren. Lächlend ſagte ſie: „Da ſieh' mal den herrlichen indiſchen Diſtel⸗ ſtrauch! In ſeiner Heimath kann er nicht ſchöner und feuriger blühen, als hier unter Hannadam's treulicher Sorge. Was hat nun der Hauptmann gegen dieſe Treibhauspflanze? Stünde ſie unbe⸗ achtet am Wege, beſtaubt vom Handel und Wan⸗ del der breiten Heerſtraße, er wäre wohl im Stande und köpfte im Vorbeigehen die Krone ab, blos weil ſie ſo natürlich ausſieht. Nun aber, da ſie Geld koſtet, ihr Unterhalt Geld und Mühe dazu, ihr Leben durch künſtliche Mittel erhalten wird, ſchimpft er über ihre Unnatur und nennt ſie höchſtens ein gefälliges Kunſtſtück. Daß doch die Menſchen immer über dem Bilde den Sinn, über dem Gegenſtand den Geiſt vergeſſen! Ich ſehe in dieſer Blume ganz Indien aufblühen, ich habe Palmen, Braminen vor mir, ich höre das me⸗ lancholiſche Liebeslied der armen Bajadere, und alles erzählt mir dieſe Blume, das Kind des heiligen Ganga. Ich vergeſſe über ihrem Anblick grauſam, daß ihr der Thau ihres Himmels, die Würze ihrer Luft, der kühle Schatten des Pal⸗ menhaines fehlt. Mir iſt ſie ein Kunſtwerk, das mir den ganzen großen Geiſt ſeines Meiſters offenbart, weit über das Gegenwärtige und Ge⸗ genſtändliche hinaus. Und ſo, meine ich, wider⸗ legten ſich auch die Einwürfe des Hauptmanns ——— „— am einfachſten. Denn was iſt überhaupt ſchön auf Erden, was nicht zugleich auch fremd auf ihr gedacht werden muß? Wo anders denn er⸗ ziehen wir die feurigen Blumen unſrer Liebe und Begeiſterung, als in der ſtillen ſichren Bruſt, im beſtändigen Kampf mit feindlichen Elemen⸗ ten? Ja, was iſt Poeſie ohne dieſen Kampf, ohne dieſen Schutz! Sie wäre gar nicht einmal, und müßte verderben ohne die zarte Pflege unſrer keuſcheſten Seele. Ach, Lieber! Dir muß ich es ſagen, denn Du weißt das noch beſſer als ich, wie neidiſch das Herz ſein köſtliches Kleinod be⸗ wahren und vor rauhen Händen ſchützen ſoll. Und daß ich es bin und Du, und wir beide allein, die das eigentlich recht wiſſen, das iſt noch das Allerſchönſte dabei. Denn nur einmal wird ja der wahre, ſeinem Geiſt getreue Menſch beſſer als andre Menſchen, und das iſt in dem Augenblick, wo er fühlt, daß etwas Großes, Heiliges in ihn kommt, wovon Andre nichts ahnen können. Marlo, als damals in der Wildſteingrotte der Regen⸗ bogen ſeine goldne Tapete zwiſchen uns und die übrige Welt legte, da fanden wir's, das Ein⸗ zige, was ohne uns ewig ungefunden geblieben wäre. Und der Hauptmann ſoll mir darum nicht Die Mediatiſirten, U. 19 — 290— den armen Werther ſchelten. Schwärmeriſch er⸗ griff er's, ſchwärmeriſch mußte er es auch los⸗ laſſen, ſonſt wäre ja zuletzt ein Philiſter aus ihm geworden, und was noch trauriger, ein deut⸗ ſcher Philiſter, der über nichts in der Welt lächelt, als über die Träume ſeiner Jugend.“ „Jawohl,“ ſagte Marlo,„das iſt uns Deut⸗ ſchen längſt zur andern Natur geworden! Ein Volk, das ohne zu erröthen, über ſeine Geſchichte lächelt, lernt nur allzuleicht auch über ſeine Jugend lächeln und denkt nicht daran, daß ſie doch den beſten Theil ſeines Daſeyns ausmacht. Denn was hätten wir Deutſche noch, wenn wir keine Jugend hätten, keine Dichter der Jugend, keine Liebe der Jugend? Was iſt noch groß und wahr bei uns, was nicht die Jugend angeht! Und doch, wie arm, wie freude⸗ und thatenleer auch dieſe Jugend! Was liebt ſie? Was begeiſtert ſie? Woran glaubt ſie noch, dieſe fröhliche glückliche Jugend mit den blon⸗ den germaniſchen Locken und den ſchwärmeriſchen blauen Augen? Neulich war ein Taſchenſpieler auf einer gewiſſen deutſchen Univerſität, dem brachten die Studenten Abends einen Fackelzug. Ich meine, damit wäre die deutſche Jugend hinlänglich beleuch⸗ tet und wir könnten von etwas Beſſerem reden.“ „In Gottesnamen!“ erwiederte Walpurg. „Denn ſich jung fühlen unter ſo vielen Alten, iſt faſt eben ſo ſchwer als glücklich ſeyn unter lauter Unglücklichen. Marlo, wir wollen niemals von hier weggehen, wollen niemals über die Marken unſerer Grafſchaft hinaus nach der Welt und ihren Vor⸗ oder Rückgängen fragen. Hier iſt's ſchön, iſt's frei und urwaldlich; hier wehen Himmelslüfte, unbekümmert um der Men⸗ ſchen kalten engen Sinn, ſchon froh, wenn nur hier und da eine warme Bruſt ſie mit Lebens⸗ gefühl einathmet. Man ſollte wirklich niemals einen Schritt von der Stelle weichen, auf der uns Gott in's Leben rief. Zu Hauſe, da ſollte jedes wahren Menſchen Heimat ſeyn und nirgend anderswo. Die Fremde mag zwar vieles an uns bilden, den Geiſt erweitern, das Auge abklären; aber gewiß iſt, daß allein die Heimat unſer In⸗ neres in ſeiner Tiefe ausbildet, die Fremde hin⸗ gegen es nur in der breiten Oberfläche cultivirt.“ „Das ſagen wir beide jetzt, nachdem wir ein gutes Stückchen Welt geſehen haben,“ verſetzte Marlo.„Nein, nein! Die Erinnerung an Griechen⸗ land, an das Meer, an den Himmel über dieſem Meere laß ich mir nicht nehmen! Denke ich an 19* — dieſe Tage zurück, dann iſt mir zu Muth, als ſey es damals geweſen, wo ich die Weihe empfing für die Gegenwart, als hätte ich damals meinem Geiſte die Liebe gelobt, die ihn jetzt erhebt und beſeligt.“ „Mag ſeyn, daß Dir die Erinnerung daran mehr zu gute kommt als mir die meinige an Rom und Sicilien«, ſagte Walpurg.„Mir ſind jene Orte und die Eindrücke, die ich dort empfing, jetzt faſt noch unverſtändlicher als damals, und ich beſinne mich vergebens auf den Zuſtand mei⸗ ner Seele in jener Zeit. Es war ein beſtändiges Kämpfen gegen jede neue fremde Erſcheinung, und nur das Todte und Alte erweckte noch eine Sympathie in mir. Auch dem Meere dank' ich füßen Troſt, liebliche Täuſchung, und ohne Wider⸗ ſtreben gab ich ihm meine ganze Seele hin; es war zu groß, zu erhaben, um mich zu ängſtigen und erinnerte mich vielmehr, ſo oft ich die Augen ſchloß und eine Weile ſeinen geheimnißvollen Tönen lauſchte, an das Wogen und Dröhnen meiner alten Wälder. In dem Getümmel des fremden Lebens aber, oder in der Geſellſchaft, empfand ich eine Angſt, ein ſo innerliches Gefühl des Entferntſeyns von meinem alten Daſeyn, daß ich mehr als einmal den Leuten, die mich natürlich nicht verſtanden, Veranlaſſung gab, den Kopf über mich zu ſchütteln oder wohl gar an etwas Bedenkliches in mir zu glauben. Ich er⸗ innere mich eines alten gutmüthigen Engländers, mit dem wir in Neapel zuſammenkamen, der ſei⸗ nen beiden Töchtern mit einem mitleidigen Blick auf mich in's Ohr flüſterte: German lady— sad and tired of life.“ „Du lebensſatt! Und noch obendrein in den Augen John Bull's!“ rief Marlo lachend, der den Eindruck bemerkte, welchen dieſe Erinnerung in ihr hervorrief.„Säh' er Dich jetzt, er ſollte bald andrer Meinung werden! Was denkſt Du, Walpurg, reiſen wir beide noch einmal nach Italien?“ „Nimmermehr!“ rief ſie erſchrocken; und mit bebender Stimme ſetzte ſie hinzu:„Lieber nach Sibirien, lieber nach Spitzbergen; nur dorthin nicht, um Gotteswillen nicht! Ich ertrüge nim⸗ mer vor Deinem Auge dieſe nahe Erinnerung an mein einſtiges Leid, an jenen gkenzenlos elen⸗ den Zuſtand meiner Seele! Da war ſchon alles todt in mir, ich wandelte nur noch über die Erde wie ein Leib ohne Seele, und ſelbſt die Todes⸗ — 294— ſehnfucht verließ mich. Im Grunde mag's wohl nur ein recht tiefes Heimweh geweſen ſeyn, aber ſo tief lag daſſelbe in mir begraben, daß ich es vor dem andern großen Weh in meiner Bruſt nicht einmal auffinden und ſeiner bewußt wer⸗ den konnte. Marlo, beſter Marlo, reden wir nicht mehr davon! Ich bin allzu glücklich, um nicht vor der Erinnerung jener Zeit zurückzuſchaudern, in der ich weder an mein noch an eines andern Menſchen Glück glauben konnte. Und das darf Dich auch nicht wundern, mein Lieber; denn ein Schmerz, der ſich ſo recht tief in die Seele ein⸗ gegraben, der ſo lange unſer eigentliches Leben bedingt hat, der ſoll wohl verſöhnt, aber doch nimmer vergeſſen werden. Wie Du den ſchönen ſonnigen Himmel von Hellas in der Erinnerung nur immer ſonniger und verklärter erblickſt, ſo finde auch ich, je ferner die dunklen Tage jener Zeit vor meiner Erinnerung zurückweichen, einen Troſt darin, ſie nimmer zu vergeſſen. Denn ein ganz fernes Leid und ein ganz fernes Glück üben gleichen Zauber auf das Gemüth und eins wie das andre tröſtet wunderbar den Geiſt über der Zukunft Geſchicke und Glücke.“ „Und am Ende,“ fuhr Marlo lebhaft fort; — 295— „am Ende iſt ja doch auch der Schmerz ein Prophet der Zukunft, ſo gut wie die Freude, wie die Hoffnung. Nur dunkler iſt ſeine Sprache, nur räthſelvoller ſeine Miene und langſamer keimen die Körner der Weisheit, die er in die Wunden unſrer Seele ſtreute.“ „Die Ernte iſt nah“, ſagte Walpurg leiſe. „Bald binden wir die holden Garben unſerer Liebe in Eine zuſammen und freuen uns, wenn die vollen Aehren einander küſſen. Schon klingt die Senſe am Wetzſtein melodiſch durch die Thä⸗ ler, blaue Kornblumen ſchauen wie die Augen der Erfüllung überall aus der goldnen Saat her⸗ vor und im Weizenfeld lockt die Wachtel ihre flüggen Jungen; alles deutet auf der Mühen Ende hin, auf den Lohn der braven That, auf der heißen Stirne Kühlung. Bald mäht man auch unſre Heiligenwieſe im Walde ab, dann gibt's dort wieder das ſchöne Feſt und in dieſem Jahre ſoll es, wie der Vater ſagte, noch viel ſchöner werden, als je zuvor. Biſt Du's zufrie⸗ den und thuſt keinen Einſpruch, ſo nehme ich dann den Stadtpfarrer zu Hülfe, damit Du end⸗ lich einſehen lerneſt, daß ich Dir herzlich gut bin, mehr als Du noch weißt.“ — Sie ſprach die letzten Worte wieder mit jenem gedämpften Tone, der mehr wie ein Hauch, denn wie Stimme aus ihrem Munde kam. Und doch waren das grade die Worte die Marlo am lieb⸗ ſten von ihr hörte und auch am deutlichſten ver⸗ ſtand, denn jedesmal das Schönſte, das Glück⸗ lichſte drückte ſie damit aus. Sie ſelbſt aber hatte dabei eine Empfindung, als ginge ihr vor lauter Gefühl die Sprache aus. Den Eindruck, den dieſer leiſe Accent auf die Zuhörer ausübte, hat wohl Lonny am richtigſten bezeichnet, als ſie einſt be⸗ merkte: „Was die Walpurg in dieſem Tone ſagt, das ſagt mir immer zugleich auch mein Herz.“ Lucinde aber meinte, mit dem Hals ſei nicht zu ſpaſſen; da ſey das kleinſte Uebel, wenn es unter gewiſſen Erſcheinungen wiederkehre, immer das bedenklichſte. Sie nahm ſich vor, mit dem Arzt zu ſprechen und that es auch; aber Wal⸗ purg gab dem Doctor recht, der meinte, das müſſe man nicht ſo genau nehmen. Auch hätte Walpurg gar nicht einmal Zeit gehabt, krank zu ſeyn, denn das Schloß von Wil⸗ lingen hatte durch die Doppelverlobung des künf⸗ tigen Landes⸗ wie des künftigen Standesherrn — 2 nicht nur in der Nähe, ſondern auch in der Ferne eine Bedeutung erlangt, wie man ſie kaum er⸗ warten durfte. Nicht nur daß die Reſidenz und das ganze Land an den freudigen Ereigniſſen daſelbſt den lebhafteſten Antheil nahm und alles ſich beeilte, des Prinzen freie, aus wahrer Her⸗ zensneigung hervorgegangene Wahl zu beglück⸗ wünſchen; es zeigte ſich auch bald, daß der gute alte Klang des Namens Willingen weit über der Grafſchaft Marken hinaus dem Volke eine Bürgſchaft des Heiles war, welches man nun für Arthur vom Himmel zu erflehen anfing. Die Stimmung des ganzen Landes ſprach ſich für dieſe Verbindung aus, wozu wohl des Grafen Emanuel Popularität nicht wenig beitrug. Man verehrte in ihm das Muſter eines echten deut⸗ ſchen Ritters ohne Furcht und Tadel; und ſeine hochherzige Geſinnung, ſein vielbewährter patrio⸗ tiſcher Sinn berechtigte die künftigen Untertha⸗ nen Arthurs zu der Hoffnung, daß ein ſolcher Mann, dem Throne ſo nahe geſtellt, den heil⸗ ſamſten Einfluß auf alle Landesangelegenheiten ausüben werde. Darum erſchienen denn auch bald aus allen Städten der einzelnen Provinzen De⸗ putationen zur feierlichen Beglückwünſchung des — 298— hohen Paares und der erlauchten Familie; die befreundeten Höfe ſchickten ihre Geſandten, und oft faßten die weiten Säle des hochgeehrten Hauſes kaum die große Zahl der vornehmen Gäſte, die mit allem, ihrem Range und ihrer Miſſion zukommenden Gepränge einzogen und die Huldigung derer überbrachten, die ſie geſandt hatten. Es lag in der Natur der Verhältniſſe, daß Marlo's und Walpurg's Verbindung vor dem ſtrahlenden Glück des künftigen Regentenpaares in den Hintergrund trat. Dafür aber ließen es die treuen„Angeſtammten“ nicht an rührenden Zügen von Liebe und Ergebenheit fehlen; in den Dörfern läuteten Morgens und Abends die Glocken noch einmal ſo lang und feierlich, die Glück⸗ wünſche der Schulzen und Ortsgeiſtlichen laute⸗ ten oft viel herzlicher, als die, welche Lonny und Arthur von den Diplomaten empfingen; und die Chöre der einzelnen Singvereine, wenn ſie Abends von den benachbarten Waldbergen ihre Lieder in das Thal hinabſangen, wollten lange gar nicht aufhören. Mit einem Worte, Lonny war der Stolz, Marlo die Freude der Grafſchaft; und dieſem, jedem treuen Willinger an den Augen — 299— abzuſehenden Gefühle entſprach denn auch die Stimmung, womit das Volk das Doppelglück der Herrſchaft zu dem ſeinigen machte. Der pa⸗ triarchaliſche Sinn der Bergbewohner verſtand ſich mehr auf den Ausdruck reiner wahrer Freude, als auf den des hochmüthigen Stolzes, und ſehr richtig unterſchied dabei der ſchlichte Bauer das Verhältniß zwiſchen Souverän und Standesherrn. Jenem huldigte man nur, dieſem war man erge⸗ ben, für jenen betete man in der Kirche zuerſt— für dieſen zuletzt, und das„Amen“ war ſein. So tritt es überall an den Tag, wo ein Herr einen andern Herrn über ſich hat. Die deutſchen mediatiſirten Häuſer brauchen ſich zur Zeit noch nicht über den Verluſt ihrer ſouveränen Würde und Reichsunmittelbarkeit zu beklagen. Das Ge⸗ fühl davon iſt ihren Unterthanen faſt durchge⸗ hends geblieben, und wenn es auch an Scheu verlor, ſo gewann es dafür an Innigkeit. Die alte Herrlichkeit des Namens findet an der Tra⸗ dition noch lange eine feſte, nicht wankende Stütze, wie am Epheu die gebrochene Säule. Endlich kamen ruhigere Tage, und an einem der ruhigſten lehnte Graf Emanuel die Erhebung in den Fürſtenſtand ab. Arthur gab dem zweiten — 300— Vater vor dem erſten recht. Lucinden's Auge aber leuchtete in freudigem Stolze, als Lonny ihr den kleinen Otto in der vom Großherzog geſandten überaus prächtigen Uhlanenuniform zuführte. Sein Vater war einſt Major deſſelben Regimen⸗ tes geweſen. In der Taſche des kleinen Lieute⸗ nants ſtack ein großes Patent und Lonny malte ihm dazu mit Kohle einen mächtigen Schnurr⸗ bart in's Geſicht. Auch ein Pferd von der Groß⸗ herzogin kam an für Walpurg, ein frommes rei⸗ nes Blut, und ſo weiß, wie Marlo's Roß ſchwarz. war. Als die Holſteinerin im Schloßhof den Herrſchaften vorgeführt wurde, wieherte ſie hell, und ſogleich antwortete ihr aus dem Stalle der Schleswiger. Iduna hieß das ſchöne weiße Roß aus dem meerumſchlungenen Lande. Walpurg war mit Marlo hinuntergegangen und ſprach vom Hof aus zum Balkon hinauf, wo der Prinz bei dem Grafen ſtand: „Herrlich! Herrlich! Dazu ein weißes Reit⸗ kleid und eine weiße Lilie in die Hand, was meinen Sie, Prinz, ſo müßte man ja auf der Iduna wenn ſie nur ſtatt der Glanzmähne Flü⸗ gel hätte, ohne weiteres in den Himmel einreiten können? Ein wahres Opferpferd iſt's, und ſo — 301— ſanft,— ah, Marlo, was wird Dein Rappe dazu ſagen? Er erſchrickt wohl gar vor ſo hellem Schein und wird vor Schrecken noch ſchwärzer!“ Arthur antwortete: „Iduna kommt aus dem Marſtall des Mark⸗ grafen von***. Sie hat einen berühmten Ahnen in jenem prächtigen Hengſt, den Marſchall Ney am Tage von Waterloo ritt. Vier Pferde waren dem Helden bereits unter dem Leibe erſchoſſen worden, da führte ihm ſein Stallmeiſter das fünfte vor. Der Marſchall ſchwang ſich in den Sattel und ſprengte an die Spitze der Kolonne, um ſie von neuem in den Kugelregen der eng⸗ liſchen Bataillone zu führen. Als er aber ſeinem Pferde die Sporen gibt, will dieſes nicht vor⸗ wärts, bäumt ſich und bringt zuletzt die franzö⸗ ſiſche Fronte in Unordnung. Ein Adlerträger fällt dem Thier in die Zügel, dieſes aber beißt nach ihm und faßt dabei die Fahne mit den Zähnen. Der Grenadier behält nur die Stange in der Hand; die Franzoſen ſehen's, jauchzen: Vive Pempereur! und mit der flatternden Fahne zwi⸗ ſchen dem Gebiß trägt nun der Hengſt den Mar⸗ ſchall unter die Feinde. Ich habe einen Kupfer⸗ ſtich, der dieſe merkwürdige Schlachtſcene darſtellt.“ — 302— „Ei, ei, Iduna!“ ſagte Walpurg, dem Pferde ſanft den Hals ſtreichelnd;„da haſt Du wohl auch etwas von dem Heldenblut jenes vierfüßigen Fahnenträgers in den Adern, und ich ſollte ſchon einiges Mißtrauen in Deine ſanften Augen ſetzen.“ „Ich verbürge mich für ihr ſanftes Tempera⸗ ment,“ entgegnete Arthur.„Sie könnten auf die⸗ ſem Pferde getroſt über einen ſchwindelnden Alpenſteeg reiten; es ſcheut niemals und geht da⸗ bei ſo leicht, daß es eine wahre Luſt iſt.“ „Nun, ich wag' es ſchon mit ihm!“ ſagte ſie und ließ das Pferd in den Stall führen. Dort bekam es ſeinen Stand neben Marlo's Rappen. Der Proberitt, welchen Walpurg noch an demſelben Abend in Geſellſchaft Arthur's und Marlo's auf ihm machte, fiel ganz nach Wunſch aus und bei der Rückkehr äußerte ſie zu dem Grafen, auf der Rduna könne ſelbſt der Profeſſor ohne Gefahr reiten. „Sonderbar,“ ſagte eines Tages Ludwig zu Marlo.„Unſer Oberförſter will nicht auf ſeiner Trompete mehr blaſen. Er behauptet, das Uebel, welches mit der Seele des ſterbenden Stabs⸗ trompeters hineingefahren, ſtecke noch immer darin und quiecke und winſele, ſo oft er die Trompete an den Mund ſetze. Er will ſie nur zu dem Mechanikus in die Reſidenz ſchicken, damit der⸗ ſelbe eine Reparatur vornehme und wo möglich den unheimlichen Gaſt daraus entferne.“ „Die Narrheit krankt immer an einer noch tieferen Narrheit,“ verſetzte Marlo wohlgemuth. „Ich finde die Uebels⸗Idee, wie ſie ſich allmälig aus der Stabstrompete herangebildet hat, höchſt originell und wir ſollten einmal ernſtlich darüber zu Rathe gehen, ob ſich nicht daraus ein moderner Tragödienſtoff gewinuen ließe? Denn gibt es überhaupt ein allwaltendes Dämonion in der Welt, an welches die alten Tragiker ſo zuverſicht⸗ lich glauben, ſo muß es ſich auch irgendwie offen⸗ baren, ſey's nun aus dem Munde einer Caſſandra oder aus dem Becher einer Stabstrompete. Ludwig fand dieſe moderne Auffaſſung höchſt beluſtigend. Marlo jedoch gab der in heiterer Dichterlaune begonnenen Unterhaltung auf ein⸗ mal eine unerwartet ernſte Richtung in ein Ge⸗ biet hinein, welches beide ſeit langer Zeit nicht mehr betreten hatten. Das Geſpräch über die in Uebelshäuſer's Trompete fantaſtiſch ausgebildete — 304— Schickſalsidee ſprang nämlich von dieſer über auf das wirkliche Leben ſelbſt. Der Graf, der ſich gerne ſeinem fataliſtiſchen Humor überließ, rief endlich zwiſchen Scherz und Ernſt:„Lieber Ludwig: wenn wir dem Ober⸗ förſter die böſe Trompete durch Liſt abgewinnen könnten! Ihre Nähe iſt wirklich ominös und ohne daß ich ſie höre, erſchreckt ſie mich.“ „Ich wüßte nur eine einzige, den Oberför⸗ ſter zur Herausgabe zu bringen,“ verſetzte Lud⸗ wig, den die Furcht des glücklichen Marlo vor dem Organ des Weltübels äußerſt beluſtigte. „Rede! Ich ſage ja zu Allem,“ rief dieſer haſtig. „Laß uns den Oberförſter in unſer Geheim⸗ niß einweihen, daß wir im Beſitze der verlorenge⸗ gangenen Handſchriften des Diodor ſind. Ich wette Eins gegen Hundert, daß er uns die Trompete über⸗ läßt, wenn wir ihm dieſen Tauſch vorſchlagen.“ „Aber er wird dann unſere Bosheit an den Tag bringen?“ meinte Marlo. Der Schelm Ludwig rieb ſich einen Moment nachdenklichſt die Stirne, denn dieſer Einwand war in der That zu erwägen. Mit Einmal aber rief er lachend:„Marlo, ich hab's, ich hab's, wie ich es noch nie hatte! — 30 8 Wir tauſchen gegen die Handſchriften, die uns ja zudem der Profeſſor freiwillig in einer grän⸗ zenloſen Verwirrung bei dem Feuerlärm in die Hände gab, die Stabstrompete ein und——“ „Menſch!— Ich ahne—!“ rief Marlo und ſah, überraſcht von ſolcher raffinirten Schel⸗ merei, den Freund erwartungsvoll an, der mit feierlicher Stimme fortfuhr: „Und legen die Stabstrompete in die feuer⸗ feſte Kiſte, an die Stelle von Diodor's verlo⸗ rengegangenen Handſchriften! Dann mag der Oberförſter in Gottes Namen gegen den Pro⸗ feſſor prahlen, ſo viel er will! Dieſer, wie ich ihn kenne, wird den Beſitz der Trompete in ſei⸗ nem ganzen Tiefſinn zu würdigen wiſſen, wird wiſſen, daß, wie der Oberförſter ihn, ſo er den Oberförſter im Sack hat. Dann iſt der Widerſpruch in beiden feindlichen Naturen ge⸗ löſt, ein Contraſt hebt den andern auf— die Differenzen gleichen ſich aus, und die Wand⸗ lung geht geräuſchlos vor ſich. Einer faßt den andern an ſeiner eignen innerſten Sympathie, einer liebt den andern, und es müßte mit dem Kukuk zugehen, wenn zuletzt nicht noch Einer zu dem Andern in die Schule ginge, Die Mediatiſirten, 1I. 20 der Profeſſor die Trompete blaſen, der Ober⸗ förſter ſchwärmeriſch Griechiſch lernte.“ Marlo lachte ſo laut und anhaltend, daß Ludwig ihn daran erinnern mußte, daß noch nichts geſchehen ſey, bevor man nicht den Ober⸗ förſter für den Tauſch gewonnen hätte. Er über⸗ nahm es, die nöthigen Schritte dazu einzuleiten und ging zum Forſthof hinunter. Einige Stunden ſpäter trafen ſich Joſt und Marlo zufällig im Walde. „Wo in aller Welt ſteckſt Du?“ fragte der Letz⸗ tere.„Man ſieht und hört ja nichts mehr von Dir? Sprich, was haſt Du? Du verſchmähſt nicht allein den Neufelder Hof, auch unſre Liebe und Zuneigung ſcheint Dir in neueſter Zeit gleichgültig.“ Joſt blickte ihn ruhig an und verſetzte: „Das mußt Du nicht ſagen, Marlo, denn Du ſelbſt glaubſt es nicht. Ich verſchmähe den ſchönen Neufelder Hof nicht und noch weniger Eure unverdiente Zuneigung. Ich verſchmähe nur mich ſelbſt, Eurer Großmuth und Liebe ge⸗ genüber. Wenn ich Dir die Schenkungsurkunde zurückſtellte, ſo that ich es, weil ich glaubte und noch glaube, daß ich das große Gut nicht zu be⸗ wirtſchaften verſtehe, weil meine Kenntniſſe von der Landwirthſchaft zu gering ſind und ich mich alſo einer Großmuth ſchämen müßte, die ich ſo wenig durch ein Verdienſt rechtfertigen kann. Geſetzt, ich verwaltete den Neufelder Hof und er käme binnen wenigen Jahren durch meine Schuld in Verfall, was würdeſt Du, was würde Dein Vater, was würde— mein Herz dazu ſagen?“ „Aber ſo, wie Du jetzt lebſt, wirſt Du ein Träumer, ein Sonderling,“ erwiederte Marlo. „Ein Sonderling nun ja, das mag wohl ſein— und auch nicht ſein,“ ſagte Joſt mit trübem Lächeln.„Aber Sonderling ſein oder es ſcheinen, iſt ja doch kein Verbrechen, Marlo? Ich kränke dadurch keinen Menſchen, als viel⸗ leicht mich ſelbſt.“ „Uns alle kränkſt Du damit, und mich am meiſten,“ verſetzte Jener mit Nachdruck.„Du entziehſt Dich unſren Blicken, Du gehſt mir aus dem Wege, und am wenigſten fällt es Dir ein, die Freundin zu beſuchen, die Dir doch ſo un⸗ endlich wohl will und deren Herz ſich vergebens fragt, wonit ſie dies an Dir verdient hat.“ Joſt wechſelte bei dieſem Vorwurf die Farbe, 20* ſein ganzes Weſen gerieth in Bewegung und die Adern an ſeinem breiten Halſe ſchwollen dick an. „Die Walpurg—“ war Alles, womit er dem ſchweren Vorwurf Marlo's begegnen konnte. Und dabei ſtierte ſein Auge regungslos auf die Erde, dabei zuckten beſtändig ſeine Lippen und die Muskeln ſeiner Wangen zitterten krampfhaft. Marlo rührte der mitleidsvolle Anblick des armen Menſchen, den er durch dieſes harte Wort plötz⸗ lich an ſeinem innerſten Leben erſchüttert hatte, ohne nun den Muth zu haben, ihn wieder auf⸗ zurichten. Aber Joſt mußte ſelbſt dieſem Zuſtand ein Ende machen, und nachdem er ſich geſammelt hatte, ſprach er mit tiefer Erregung: „Die Walpurg hat um mich nichts anderes verdient, als was ich ihr ewig danke und wofür ich ihr jetzt gleich und morgen und übermorgen mein Leben mit Freuden dahin geben will, kann es ſie glücklich machen. Sprich, Marlo, was ſoll ich thun, was verlangt ſie von mir?“ „Du ſollſt ein anderer Menſch werden,“ ver⸗ ſetzte der Graf mit herzlichſter Anſprache.„Du ſollſt wieder zu deinen Freunden zurückkehren, ſollſt Dich ihres Glückes freuen und daran auf⸗ richtigen Antheil nehmen. Du ſollſt, mit einem — 309— Worte, wieder der alte Joſt werden, das iſt Walpurgs einziger Wille.“ „Und das allein vermag ich nicht!“ ſagte Jener in gedämpftem Tone.„Sie iſt ja auch nicht mehr die alte Walpurg, und Du biſt nicht mehr der alte Marlo, wie ſoll ich allein derſelbe bleiben, der ich war, als Ihr beide, Du und die Walpurg, meiner noch bedurftet? Ihr täuſcht mich nimmer, Morlo; Ihr ſeid es mehr als ich, die das Andersſeyn wollen, die mich, mich auf⸗ geben, und grauſam an der Schwelle ihres Glückes ſtehen laſſen. Da ſind der Prinz Arthur und der Ludwig Welker Eure Freunde geworden, da kommen die vornehmen Herren, die Geſandten und die Offiziere, und darüber wird freilich der Joſt in ſeinem ſtillen Walde vergeſſen und ſoll in ſchmerzlichem Gedächtniß die Tage Eurer glücklichen Kindheit hüten— ſoll der Alte bleiben, während Ihr Euch von ihm wendet!“ „Du biſt ungerecht, lieber Joſt,“ verſetzte jener, auf das Innigſte gerührt von dieſer ein⸗ fach traurigen und doch ſo tief gefühlten Sprache des treuen Herzens, das ſein ganzes großes un⸗ verſtandenes Weh in dieſen Worten verſchleierte und nicht entfernt ahnte, wie deutlich Marlo — 310— grade dadurch ſeinen eigentlichen Zuſtand durch⸗ ſchaute.„Sehr ungerecht biſt Du,“ fuhr dieſer lebhaft fort;„denn Du denkſt nicht daran, was ich gelitten habe, und was Walpurg gelitten hat, ehe wir im letzten Donner des Geſchickes, das den Blitz dicht an dem theuren Haupte nieder⸗ ſchleuderte, das Ende unſerer langen Leiden er⸗ reichten.“ „Wohl denk' ich daran,“ erwiederte Joſt mit weichem Ton und einem ſchwärmeriſch innigen Blick auf Marlo.„Denn auch ich litt damals, litt mit Euch und um Euretwillen, und Euer Unglück war das meinige— Ihr gönntet mir es damals— Ihr fühltet, daß es für Euch ſonſt zu ſchwer geworden wäre— da war der Joſt Dein Freund— o ja— da beſaß er alles, was Du Dein und nicht Dein nannteſt— da brachteſt Du es ihm ſelbſt noch auf halbem Weg entgegen und theilteſt gerne mit ihm Deine Trauer um die ferne, um die verlorene Walpurg!“ „Nun?“ fragte Marlo erſtaunt und betroffen, als jener einhielt und die Wange feſt wider die rauhe Rinde des Baumes drückte, in deſſen Wipfel er hinaufſtarrte. „Sey doch vernünftig, Joſt,“ fuhr Marlo fort. — 311— „Wie es damals war, ſo iſt ja auch Alles noch jetzt, nur wurde Tag aus der Nacht, nur ging der Schmerz in Wonne unter.“ Joſt blieb regungslos in der vorigen Stel⸗ lung, feſter preßte er die Wange wider die rauhe Rinde, düſterer wurde ſein Auge, das unver⸗ wandt nach oben blickte. Er ſchien Marlo's letzte Worte nicht einmal gehört zu haben und dieſer ſagte nach einer Pauſe: „Da ſtehſt Du nun und ſinnſt und grübelſt Dich wieder in Deine alten Sorgen hinein. Komme lieber mit hinunter zu Walpurg; Du ſollſt ihr nicht einmal Abbitte thun wegen Deiner langen Entfernung; nur ſehen will ſie Dich und durch den Augenſchein ſich überzeugen, daß Du ſie noch nicht vergeſſen haſt.“ „Vergeſſen? O Marlo!“ ſagte Joſt leiſe vor ſich hin und ſenkte das Haupt.„Jawohl, ver⸗ geſſen, das wäre noch mein beſtes Heil; aber vergeſſen und vergeſſen ſeyn, das wäre noch das Allerbeſte!“ Dieſe dunkle Betrachtung deckte ſeine Züge mit Schatten, und langſam, ohne aufzuſehen, als wolle er dieſem Gedanken in noch tiefere Schatten nachgehen, wandelte er mit verſchränkten — 312— Armen von Marlo weg, der ihm verwundert nachſah. Jener war ſchon eine geraume Strecke zwiſchen den Bäumen hingegangen, als er ſich noch einmal nach dem Grafen umwandte, ihm mit der Hand winkte und dann haſtig davon ging. Marlo wußte nicht, welches Gefühl der Be⸗ fangenheit ihn abhielt, dem Freunde zu folgen oder ihn zurückzurufen. Er ſah ihm nach, bis er ſich hinter einem jungen Eichenſchlag verlor und ſeufzte:„Armer Joſt! Ich begreife Dich, wie kein anderer Menſch, aber helfen kann ich Dir doch nicht! Dir hilft überhaupt kein Menſch auf Erden; denn das, was Dich retten könnte, müßte aus Dir ſelber heraustreten und freundlich Dein räthſelvolles Schickſal verſöhnen. Treuer, armer Joſt! Du biſt Einer von den wenigen Menſchen, die durch ihre ganze Eriſtenz an einem Geſchicke kranken, das zugleich ihre innerſte Le⸗ bensbedingung ausmacht und an dem ſie ewig wie an einem drohenden Felſen über ihrem Haupte feſthalten müſſen, damit dieſer ſie nicht im Sturze zerſchmettere. Ja, ja, Menſchheit, das ſind deine armen Söhne, deine Paria's, an denen du ewig ſündigeſt, weil du ſie ewig verleugneſt! In dieſem — — 313— Joſt ruht vielleicht ein Dichter der Nation, ein Heldenſänger, ein großer ſeltner Dichtergenius, und was iſt er? Was will er? Vergeſſen ſeyn!“ Es war Marlo zu Muthe, als müſſe er dem alten ſtummen Wald grollen, der ſo gar nichts von dem wieder losläßt, was er einmal in ſein mächtiges Leben hineingezogen, was er einmal mit dröhnendem Prophetenwort ſein eigen ge⸗ nannt hat.. Ueberhaupt lebte unſer glücklicher Freund um dieſe Zeit nicht ſelten in einer Stimmung, welche aus den verſchiedenartigſten Elementen ſeines Innern zuſammengeſetzt, ihm oft ſelber unbegreif⸗ lich vorkam. Er war häufig ſo aufgeregt, ſo reiz⸗ bar und ſtürmiſch, daß er eigentlich nichts mit Ruhe und Vernunft unternehmen konnte, und ein Schwanken und Abſpringen von einem Ge⸗ genſtand zum andern ſich deutlicher bemerkbar machte. Heftig, haſtig in jedem ſeiner Gefühle, ſchien es ihm recht eigentlich darum zu thun zu ſeyn, der Fülle ſeines überſchwenglichen Glückes die Fülle ſeines überſchwenglichen Gefühles ent⸗ gegenzuſetzen; und dabei hatte er nur immer zu thun, um von den goldnen Wellen ſeiner Glück⸗ — 314— ſeligkeit den Schaum wegzuſchöpfen, deſſen Ge⸗ nuß nicht ſättigte und den verlangenden Geiſt nur in einem beſtändigen Dürſten und Lechzen weitertrieb. Es war des Glückes Uebermaß, was Marlo in dieſen Tagen zu keiner eigentlich ruhigen und freieren Seelenſtimmung kommen ließ; nur in den Armen Walpurgs ſchlug ſein Blut in ſanfteren Wellen, fand er Frieden vor dem all⸗ zumächtigen Gefühl, das ihm beſonders in ein⸗ ſamen Stunden oft nicht anders vorkam, als ein außer ihn geſtelltes, unerreichbares, unerfaßliches Glück, dem er vergebens in ſeiner Bruſt Raum und Stätte zu bereiten ſtrebte. Wir ſahen in den vorigen Blättern, mit welcher Erfindungskraft ſein Humor bald hier, bald dort nach äußeren Erſcheinungen und Erlebniſſen griff, um ſich mit ihrer Hülfe der innern Bedrängniß zu erwehren und nicht ganz den Boden unter ſeinen Füßen zu verlieren. Er definirte ſich ſogar das Welt⸗ übel aus des Oberförſters Stabstrompete heraus ſein Gefühl ſchlug in Fatalismus über, und er legte zuletzt wirklich einiges Gewicht auf den Beſitz der Trompete, als wenn er damit die Ge⸗ ſchicke in ſeine Gewalt bekäme. Ueberhaupt war um dieſe Zeit ein Humor in Marlo gekommen, der ihn oft zu ſeinem Heile recht unſanft aus dem Schweben und Schweifen ſeiner Gefühle auf die ſichre harte Erde nieder⸗ ſetzte. Denn der ächte urbehagliche Humor ver⸗ trägt ſo wenig das Maßloſe als das allzu Ge⸗ mäßigte; er hält in jedem Gefühlszuſtand die goldne Mitte ein und verlangt vor allem nach einer geſunden derben Koſt für das in Roſen⸗ duft und Mondſcheinwonne über Gebühr ſchwel⸗ gende Gemüth. Es iſt der alte Siebenſchläfer in uns, mit der nüchternen Pudelmütze auf dem Kopfe und den traumestrunkenen Phantaſus⸗ Augen; er ſchläft feſt und tief; aber erweckt ihn endlich der allzulaute Tumult der Lebensgeiſter, dann ſchlägt er plötzlich hell und klar die gött⸗ lichen Augen auf, und oft genügt ein Blick aus ihrem dunkel ruhigen Glanze, um aller Verwir⸗ rung und Bangigkeit in unſerem Gemüthe ein Ende zu machen. Es iſt der treueſte Freund in der Noth wie im Glücke: denn im Grunde legt er über beide dieſelbe väterliche Hand des Frie⸗ dens, lächelt, wo wir weinen, und weint in unſre Seligkeit. Wer den rechten Humor zum Beglei⸗ ter hat, der kann getroſt die empfindſame Reiſe durch dieſes Leben antreten. Es iſt der gute alte — 316— Firnewein des Hafis, wärmt im Froſte, kühlt in der Hitze, und trinkt ſich doch niemals aus. Auch Marlo erlabte ſich ſeiner, und Wal⸗ purg ſah mit Freuden drein, wenn die heftigen Gefühle in der Bruſt des Geliebten mit einmal ſo mild wurden und der ſchwärmeriſche Jüng⸗ ling dem ſichern Gefühl ſeiner Liebe auf allen holden Pfaden der Wirklichkeit nachging. Ihrem ſchönen harmoniſchen Sinn entſprach jederzeit mehr das Bewußte, das Erlebte; ſie mochte ſich lieber in dem hellen Tempel ihrer Seele vor dem glorreichen Altar ihrer Liebe in ſtillem Gebete verſenken, als, wie Marlo häufig that, in dunkle Wolken ſchauen über ihrem Haupte und die Götter fürchten, die ihr doch ſo gnädig waren. „Du ſtürmſt zu viel und läßt mich zurücke,“ ſagte ſie lächelnd, als er ihr wieder einmal in glühenden Worten das Gefühl ſeiner Liebe ſchilderte und das Gefühl ſeiner Angſt in dieſer Liebe.„Worüber haſt Du Dich denn zu ängſtigen als etwa über Deinen oder meinen Tod? Sonſt wüßte ich doch wahrlich nichts, was einem muthi⸗ gen Herzen, wie dem Deinen, Niedergeſchlagen⸗ heit bereiten könnte? Aber ich merke ſchon, Du mußt Dir mit aller Gewalt Widerwärtigkeiten bereiten, weil es Dir ſonſt auf dem hellen ebenen Pfad an meiner Seite nicht mehr behagt. Nun, ſtürme nur d'rauf los, Wilder! Mich erſchreckſt Du doch nicht! Auch folge ich Dir nicht, wenn Du mir ſo alle Augenblicke, wie ein Abenteurer davongehſt, bald in den Himmel, bald in den Tartarus! Für's Erſte bleibe ich hübſch auf der ſchönen Erde, halte mich an's Gegenwärtige und begnüge mich mit telluriſchen Stoffen. In dieſem Herbſt zumal iſt ja die Erde allenthalben ſo brod⸗ duftend, die Luft ſo weintrunken, daß man ſchon geſättigt wird vom bloßen Athmen! Ich war niemals geſünder und darum niemals begnüg⸗ ſamer, als in dieſem Jahre. Das macht, ich athme mein Leben, ich begnüge mich mit mir! Ich habe nun meinen ganzen Inhalt wieder, und wüßte für's Erſte mit Ueberfluß wirklich nichts anzufangen. Du aber biſt ein Nimmerſatt und thuſt, als gingeſt Du in die Ehe wie in die ſie⸗ ben magren Jahre König Pyaraonis. Gib Acht, Marlo, Du hungerſt zuletzt und bettelſt noch vor meiner Thüre.“ „Er bettelt ſchon jetzt, der Hungernde!“ rief er entzückt und umſchlang das ſchöne Weſen. An der Pforte, wo immer ſo reiche, füße — 318— Almoſen für den darbenden Geliebten bereit lagen, empfing er davon auch heute wieder ſo viel und ſo reichlich, bis Walpurg meinte, er habe nun übergenug und mißbrauche ihre Mildthätigkeit. Auch war's ſchon eine geraume Weile her, daß Graf Emanuel hinter ihnen ſtand, der doch erſt dieſer Tage das ſcharfe Mandat gegen den Bettelunfug in der Grafſchaft erlaſſen und ihn im Betretungsfall bei Waſſer und Brod im „Melcher“ zu ahnden gedroht hatte. Der„Melcher“ aber war ein runder, maſ⸗ ſiver Thurm im Willinger Schloßweiher, die Zu⸗ fluchtsſtätte aller derer, die der Vogt daſelbſt eingeſperrt hatte. Am Abend deſſelben Tages war Walpurg früher als gewöhnlich aus dem Schloß nach ihrem Sommerhaus gegangen, da auch Marlo, dem die neuen Verhältniſſe viele Correſpondenzen verurſachten, ſich in ſein Arbeitszimmer zurück⸗ gezogen hatte, um einen Theil der Nacht darauf zu verwenden, Briefe ferner Freunde und Be⸗ kannten der Familie zu beantworten, die der Vater ſchon längſt erledigt glaubte. War es nun die Entfernung des Freundes, war es der Ein⸗ druck der ſtillen verſchleierten Nacht, waren es — 319— Marlo's Nachrichten von dem Joſt: Walpurg fand heute nicht die Freude an dem Monde, die ſie ſonſt daran hatte, beſonders wenn derſelbe ſo recht liebeſelig in ihres Jünglings ſchwärmeriſchen Augen widerleuchtete und ſeine Züge noch bleicher machte. Denn das hat nun einmal der Mond vor der Sonne voraus, daß die Liebe die Bilder ihrer Glückſeligkeit am liebſten mit ſeinen ſanften Strahlen ausmalt und mit ſeiner milden Be⸗ leuchtung vergoldet. Sie blieb eine Zeitlang in dem monderhellten Salon ebener Erde, deſſen Flügelthüren nach den Arkaden hinaus gingen, und als das Mäd⸗ chen Licht herein brachte, hieß ſie es daſſelbe wieder forttragen. Eine ſonderbare St überkam ſie, als ſie des Geſpräches mit Marlo am heutigen Morgen gedachte. „Bin ich denn wirklich ſo ruhig, ſo genügſam als ich ihm geſagt habe?“ fragte ſie ſich.„Zit⸗ tert nicht auch mein Herz, ſo oft der Ton der Glocke mich daran erinnert, daß ich wieder um eine Stunde meines Glückes reicher bin? Oder ärmer?— Ach! da ſchelt' ich ihn haſtig und heftig und denke nicht daran, wie bald das kurze — Leben um iſt, dann alles wie ein Traum vor unſerm Geiſte in Nacht verrinnt, bis endlich auch dieſer Geiſt die Erde aufgibt, und vielleicht einem neuen Traume entgegen ſchlummert. Ja gewiß, ich thue dem lieben Menſchen Unrecht, daß ich ihn ſtür⸗ miſch nenne und ſein heißes Blut ſchelte!— Hat doch auch die Wolke Eile, die in der Wolke, und die Welle, die in der Welle verrinnt. Und iſt's anders mit den Seelen? Sollen ſie allein träge ineinander ſchleichen, mühſam, gleich Schatten im widerſtre⸗ benden Licht, wankend und ſchwankend einander na⸗ hen und meiden? Glücklich, ſchön und glücklich iſt ja doch nur das Finden ohne Suchen und Irren, und das Wort Entbehrung ſollte eigentlich Niemand kennen, der ſein Erdenglück mit dem ſtolzen Namen Seligkeit grüßt. Entbehren! Das Wort klingt wie Erde und Himmelsthau oder wie Lallen eines in brennender Sandwüſte ver⸗ dürſtenden Wanderers. Wer entbehrt, der hat nichts, der kann nicht ſagen: ich lebe; denn zum Leben, von dem wir wiſſen, daß es Leben iſt, ganzes, ſchönes, ſichres Leben, ſoll nichts uns fehlen, was zu ſeinen Bedingungen gehört, nicht einmal das Feindliche, geſchweige denn das Freundliche, das überaus Freundliche!“ — — 3 Walpurg hielt inne und ſchloß wie erſchrocken vor dieſer Betrachtung die Augen. Aber die Vorſtellung davon wollte dennoch nicht weichen und trat im Gegentheil immer lebendiger vor ihre Seele. Sie fuhr alſo in ihrem Selbſtgeſpräch weiter: „Was hilft es nun, daß ich mir ſelber wider⸗ ſtrebe? Mit der Moral bringe ich es nun ein⸗ mal nicht fertig und kein anderes Tröſten bleibt mir mehr übrig als das pater peccavi alles frommen Fehles! Du guter Gott im Himmel! Wer kann ſagen: Ich will entbehren? Wer kann's glauben? Indem ich mir es ja vorſage, geſtehe ich mir auch ſchon ein, daß ich die Thor⸗ heit begehe, mein Wünſchen und Sehnen dem nüchternen Willen unterthan zu machen, daß ich mithin die beſte Kraft meiner Seele zum Knech⸗ tesdienſt erniedrige. Denn was wir wünſchen und erſehnen, macht ja doch im Grunde unſer einziges Leben aus, Entbehrung aber ſtellt eine Scheidewand zwiſchen dieſes Leben und unſere Seele und hindert uns, dieſer in jenem Genüge zu leiſten.“ Im ſelbigen Augenblick glaubte Walpurg das Rauſchen eines Ruders am Strande zu Die Mediatiſirten, II. 21 ——————————— 3— hören. Beide Glasthüren ſtanden noch offen, und wenn es wieder Joſt war, ſo mußte ihn dieſer Umſtand belehren, daß ſich noch Jemand im Salon aufhielt. Einige Minuten war Walpurg unſchlüſſig, ob ſie hinaufgehen oder unten bleiben ſolle. Erſt als ſie wirklich von dem Sopha die bekannte Geſtalt im Nachen erkannte, entſchied ſie ſich zu bleiben. Er ſaß im Nachen und ſah eine Zeitlang unbeweglich vor ſich nieder. Viel⸗ leicht auch, daß er lauſchte, ob noch Jemand im Hauſe wache. Dann ſtand er auf, bog die Wei⸗ denzweige auseinander und blickte nach dem Fen⸗ ſter ihres Schlafcabinets hinauf; halb bedeckten die grünen Aeſte ſeine athletiſche Geſtalt und ſie konnte darum nichts von ſeinem Geſichte ſehen. Da ſchlug plötzlich die Uhr auf dem Kamine. Joſt fuhr ſogleich aus dem Gezweig zurück, ſah die offenſtehende Thüre, durch die er den Schlag der Uhr ſo deutlich gehört hatte, und Walpurg empfand ein Zittern, als er gleich nachher aus dem Nachen ſtieg und mit leiſem Tritt den Ar⸗ kaden zuging. Zum Entfliehen war es nun zu ſpät. Sie drückte ſich tiefer in die Sophaecke zurück und wartete mit Herzklopfen, ob er ſie bemerken werde. Das Zimmer war ganz mond⸗ — — — 323— hell, nur Walpurg ſaß im Schatten. Joſt trat zögernden Schrittes unter die Arkaden, jetzt ſtand ſeine große Geſtalt in der Thüre und einen Augenblick ſpäter hatte er die Gräfin auf dem Sopha entdeckt. Regungslos ſtand er da, denn ſie hatte die Augen geſchloſſen und er wähnte ſie dort eingeſchlummert. Schnell jedoch erholte ſie ſich von ihrer anfänglichen Beſtürzung, und ehe er ſelbſt noch zu einem Entſchluß gekommen war, ergriff ſie die günſtige Gelegenheit und ſagte mit einmal im herzlichen Tone der Unbe⸗ fangenheit: „Ei, guten Abend, lieber Joſt: nur näher! Ich ſitze hier ganz allein und eben dachte ich an Dich, halb im Traume, halb im Wachen.“ Zugleich trat ſie ihm entgegen und führte ihn, der kein Wort hervorbringen konnte, nach dem Sopha. „Da ſetze Dich zu mir,“ ſagte ſie und winkte ihn an ihre Seite. Joſt aber blieb mit geſenktem Haupte vor ihr ſtehen und der ſchwere Athem ſeiner Bruſt war alles, womit er ihre freundliche Anrede er⸗ wiederte. „Was haſt Du? Was fehlt Dir?“ fragte 21* — 324— ſie mit Theilnahme.„Komm' doch näher, denke, es ſei die Moosbank am Waldbach, wo wir ſo oft beiſammen ſaßen. Aber daran denkſt Du wohl nicht mehr und ich muß Dich deßhalb an jene ſchöne Zeit erinnern.“ Joſt rang noch immer vergebens gegen die heftige Erſchütterung an, die der Schrecken bei Walpurgs Stimme in ſeinem Innern nach⸗ dröhnen ließ. Seine Hand war eiskalt und die ſtarke Bruſt hab ſich ſchwer unter der Laſt ſeiner Angſt. Endlich aber kam dem Armen Leben und Beſinnung zurück, er brach in Thränen aus und ſtürzte erſchüttert neben Walpurg auf die Kniee nieder, beide Hände vor das Geſicht ſchlagend, als ſey er ihres Anblicks unwerth und noch mehr des Glückes, an ihrer Seite zu ſitzen. „Verzeihung! Verzeihung!“ flehte ſein Mund, und ein Ton, ſo ſanft, ſo rein, ſo herzerſchüt⸗ ternd, als ſpreche ihn ein Engel aus, rührte beim Laute ſeiner Stimme Walpurg's allertiefſte Seele. „Joſt, lieber Joſt, was hätte ich Dir zu ver⸗ zeihen!“ ſagte ſie, in ſonderbarem Widerſpruch mit dem, was ihm Marlo heute Morgen im Walde vorgeworfen hatte.„Bin ich es denn nicht vielmehr, die Dir Abbitte thun muß?“ fuhr ſie dann gerührt weiter fort.„Warſt Du nicht immer mein treuer, mein beſter Freund, und ich vernachläſſige Dich jetzt dafür, vergeſſe über meinem Glücke, welcher Antheil Dir davon ge⸗ bührt. Steh' auf, o ſteh' auf und trockne Deine Thränen: längſt hab' ich mich geſehnt, ein trau⸗ liches Stündchen mit Dir zu verplaudern.“ Joſt hatte unter ihrem Reden die nöthige Faſſung wieder gewonnen, und antwortete ihr nun, ohne jedoch ſeine demüthige Stellung zu verlaſſen: „Es iſt wahr, gnädige Frau; mein Herz ſpricht mich frei von dem Vorwurf, den Marlo mir heute morgen gemacht hat. Nie war ich der undankbare Menſch, Sie zu vergeſſen, nicht ein⸗ mal zu klagen getraute ich mir, daß Sie mich über Ihrem Glück vergeſſen hätten. Erſt heute morgen, als Marlo ſo harte Rede gegen mich führte, that ich das! Und nur dafür flehe ich um Verzeihung. O ich bin elend genug und darf nicht auch von Ihnen verkannt, verachtet werden!“ „Behüte Gott! Welche Reden!“ fuhr Wal⸗ purg erſchrocken auf, denn es lag etwas in dem Ton ſeiner Klage, was ihr völlig fremd an ihm — war.„Ich meinen Freund verachten! Steh' auf, Joſt, oder ich glaube wirklich, daß Du mir der⸗ gleichen zutrauſt.“ Schweigend erhob er ſich; verwundert ſah ſie ihn an, nöthigte ihn dann neben ſich auf das Sopha und ſagte: „Nun rede fort, Joſt! Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich meine, Du müßteſt mir in dieſer Stunde etwas wundervoll Schönes zu ſagen haben. Iſt's nicht ſo? Lebt nicht in Deinem Geiſte ein Gedanke, in deiner Seele ein Wunſch, mit dem Du geheim thuſt, den Du neidiſch vor den Augen Deiner Freunde verbirgſt? Ach, ſo etwas muß es ſein, ich kann es nicht anders denken, und will darum jetzt ſogleich, daß Du mir Alles vertrauſt.“ Jroſt ſah ſie betroffen an.„Er lebt,“ ſagte er leiſe;„und,“ fügte er mit erhöhter Stimme hinzu,„wird leben, ſo lange meine Seele lebt!“ „Biſt Du deſſen ſo gewiß?“ fragte Walpurg und blickte ihm ruhig in's Auge. Aber wie ſtaunte ſie und lauſchte hoch auf, als Joſt, der ſtille anſpuchsloſe Menſch, bei dieſer Frage mit „Ja!“ antwortete und dann im Tone des freu⸗ digſten Stolzes fortfuhr: „Ja, Gottlob, deſſen bin ich gewiß! es giebt einen Tod, o Walpurg, den der ſelige liebege⸗ weihte Geiſt überwindet; Genius nennt die Welt dieſen zum Leben auferſtandenen Tod in uns, und in wem er wach wird, der ſieht die Dinge anders, der fühlt anders, begreift anders, dem ziehen trunken die Ströme der Ewigkeit durch die Seele und er bebt nicht mehr vor dem Grabe zurück. O nennen Sie mich keinen Schwär⸗ mer, Walpurg, wenn ich Ihnen erzähle, wie es in mir wurde, ſeitdem Sie wieder da ſind, ſeit⸗ dem mein Wald in Ihrer Nähe rauſcht, und die Natur ringsum mit Ihren Lippen zu mir redet, mit Ihren Augen mich anſchaut, wohin ich den Blick auch wende. Lange begriff ich das nicht, und hielt die liebliche Wandlung der Natur aus dem düſtern Grauen der Räthſel zum hellen Daſeyn der Wahrheit für eine Täuſchung meiner Fantaſie. Erſt nach und nach gewann ich den Muth, mich in das durch Sie geweihte und ge⸗ löſte Wunder zu verſenken und daran zu glauben. Da fing ich an, den innern Sinn in mir leben⸗ dig zu verſpüren; da weckten aller Orten Stim⸗ men aus der Höhe, aus der Tiefe, in Wolken und Winden meine Seele aus ihrem Schlummer, 38 da fühlte ich mich wie mit Zaubernetzen umſtrickt und immer tiefer in das Wunder hineingezogen. Es war alles wie ſonſt, und doch wieder alles ſo ganz anders; die Natur hatte eine Scheu vor mir bekommen, ſah mich an mit dunklen Augen und wich zurück, wenn ich, trunkener Sehnſucht voll, den Spuren ihrer Räthſel nachging. Plötz⸗ lich aber ſtand ſie groß vor mir, unvermuthet, wo ich es oft am wenigſten geſucht, entwirkte ſich die heilige Dämwerung, und in röthlichem Gewölk ſtand das Himmelsbild ſichtbar vor mir und erfüllte meinen Geiſt mit ſeiner Nähe.“ Er hielt inne, aber das helle Entzücken in ſeinen Augen, ſeinen Zügen erzählte der ſtaunen⸗ den Walpurg noch beſſer als ſeine Worte von dem Erwachen des Dichtergenius in ſtiller Wald⸗ einſamkeit. Innigſt bewegt ſagte ſie hierauf, in⸗ dem ſie die Hand auf ſeinen Arm legte: „Ich danke Dir, Joſt, ich weiß nun alles. Du biſt ein Dichter worden, während wir Dich verkannten und einen Träumer nannten. Nun vergib Du mir, edler Menſch, wie ich Dir ver⸗ gebe, daß Du gegen mich ſo argen Verdacht hegen konnteſt, als ſei ich nicht mehr Deine treueſte Freundin. Auch ſollſt Du's nun erfahren, daß — 329— ich Dich ſchon lange kenne, ohne es zu wiſſen. Wie erklärſt Du Dir das? Er ſah ſie fragend an. Sie lächelte über ſeine Verwunderung und recitirte hierauf mit bewegter Stimme einen Vers aus ſeinem Lied„Waldesträumen.“ Leis wandelnd geht der Abendſtrahl Zum Quell im kühlen Grunde beten. Im Golde ſtumm ruht Berg und Thal, Ich aber wandl' in meiner Qual Zu unverſtandenen Gebeten. Er lauſchte hoch auf. „Wer— wer ſagte Ihnen—?“ ſtammelte er erſchrocken. „Du nicht, Joſt,“ erwiederte Walpurg mit ſanftem Vorwurf.„Und doch, meine ich, hätte ich es ſeyn ſollen und kein Menſch ſonſt, vor der Du Dein Talent nicht hätteſt verbergen dür⸗ fen! Aber auch ſo fanden Deine Gedichte den Weg zu meinem Herzen, auch ſo erkannte ich in ihnen das tiefſinnige Dichtergemüth. Ja, glaube mir nur, lieber Joſt, Du haſt mich oft genug durch die Wahrheit Deines Gefühles er⸗ ſchreckt, und ich möchte Dir ſchon eins oder das andere Deiner Gedichte vorſagen, von dem ich, als ich es zum erſtenmal hörte, wie von einer unbekannten Stimme in meiner eigenen Seele ergriffen wurde. Er legte ſtumm beide Hände zuſammen und ſein Haupt ſank tief auf ſeine Bruſt nieder, als er mit bebender Stimme leiſe ſagte: „Gräfin Walpurg, meine Seele war das, die nicht mehr mein iſt, ich müßte denn mein nennen dieſer Seele geraubte Seligkeit,— mein, o Gott, mein Deiner Wunder ſchönſtes Wun⸗ derwerk: die gerettete Seele!“ Walpurg, die einen leidenſchaftlichen Ausbruch ſeines Gefühls befürchtete und doch nicht umhin konnte, die ſchwärmeriſche Sprache Joſt's zu be⸗ wundern, erſchrack vor dieſem Uebergang in ſei⸗ ner Rede; denn ſie wußte ja, wer allein ſeine Seele retten und ihm Frieden und Freude zu⸗ rückgeben konnte. Sie ſagte mit vieler Wärme: „Allerdings war es Deine Seele, die ich aus Deinen Gedichten herauslas und in dem über⸗ aus herrlichen und mächtigen Gefühl, das ſie in mir erweckten, für meine eigne Seele nahm⸗ Aber darum hat Dich ja auch Gott mit ſo ed— lem Dichtergeiſt begabt, daß jeder, der ihn mit poetiſchem Sinn erfaßt, darin zugleich ſich ſelbſt — 331— mit ſeinen unausgeſprochenen Empfindungen wie⸗ derfindet. Des Dichters Seele iſt die Weltſeele; und wie ihm ſelber oft das Schönſte und Herr⸗ lichſte unbewußt aus der Tiefe ſeines Innern hervorkommt und im leichten Schaume der Fan⸗ taſie ſich zum göttlichen Bilde der Schönheit ab⸗ klärt, ſo mag auch, was einen ſolchen Dichter in den Stunden ſeiner Weihe beſeligt und be⸗ geiſtert, einem andern Gemüthe, das ihn ver⸗ ſteht, in nicht minder geheimnißvollem Zauber als ſein eigen zu gute kommen. Der iſt ja im⸗ mer der Beſte unter uns, der ſich in allem Schö— nen und Guten dieſer Welt wiederfindet, ſey es nun, daß er es mit lebendigem Bewußtſeyn er⸗ faſſe, ſey es, daß er die dunklen Ahnungen, die unverſtandenen Räthſel unſeres Innern erſt in uns löſe und lichte.“ Joſt ſaß längere Zeit an ihrer Seite und ſchien dem Geſagten weiter nachzudenken. Mit einer Haſt, die ſie beinahe erſchreckte, ſagte er dann: „Die Poeſie, die den Menſchen nicht frei macht, iſt keine Poeſie, iſt Lüge und heißt Gott verſuchen; darum habe ich ihr entſagt. Mir fehlt zum wahren Dichter der Glaube an mein Glück, 82— 332— an mein Talent, deßhalb habe ich es mir heilig und theuer gelobt, niemals wieder ein Gedicht zu machen. Ich will fort von hier! Mein Tod ſoll unbekannt bleiben wie meine Geburt, und die wenigen Menſchen, die mein dunkles Leben kannten, werden mich bald aus dem Gedächtniß verlieren. Das iſt mein innigſter, mein letzter Troſt. Sie und Marlo aber“— hier ſtockte plötz⸗ lich ſeine Stimme. Dann ſtand er haſtig auf, legte Walpurgs Hand wider ſeine Stirne und eilte raſch aus dem Salon. Auf das Heftigſte erſchrocken trat die Gräfin, um ihn zurückzurufen, unter die Ar⸗ kaden, aber ſchon war er mit ſeinem Kahn vom Ufer abgeſtoßen und ruderte ſeinem dunklen Walde entgegen. Es war einer der erſchütternſten Momente in Walpurgs Leben, wie ſie ſo den Nachen mit dem ärmſten Menſchen auf der Welt die Wogen des See's durchſchneiden und allmälig in den Nebeln verſchwinden ſah. Sie ſelbſt verſtand kaum die zwiſchen tiefem Mitleiden und ſtaunen⸗ der Bewunderung getheilte Stimmung, die ihr Joſt's ganzes Weſen eingeftößt hatte. Vergebens veſann ſie ſich auf ihr früheres harmlos glück⸗ liches Verhältniß zu dem Pflegeſohn des alten Elias, vergebens ſuchte ſie nach bekannten Er⸗ innerungen, um an ſie den gegenwärtigen fremd⸗ artigen Eindruck anzuknüpfen, ſie ſah nur wie durch einen täuſchenden Flor in die Vergangen⸗ heit, und allein in der Scene am Wildſtein, wo Joſt als Knabe ſeine Treue gegen ſie beinahe mit dem Leben gebüßt hätte, glaubte ſie den heu⸗ tigen Menſchen wieder zu erkennen. Sonſt aber fand ſie in ſeinem früheren Weſen und Leben keine Beziehung zu dem Eindruck, den er an dieſem Abend in ihr zurückgelaſſen hatte, denn ſo tief war ſie noch nie zuvor von eines Men⸗ ſchen Trauer erſchüttert, von eines Menſchen zarter Hingebung gerührt worden. Joſt's Verhängniß ging in allem über ihren Muth hinaus; denn von der erſten Stunde ſei⸗ nes Lebens an bis zu dem gegenwärtigen Au⸗ genblick erſchien er ihr jetzt als der Held eines unbekannten tragiſchen Geſchickes, und ihr eignes Leben bildete darin wider ihr Verſchulden einen nur allzufeindlichen Gegenſatz zu dem höheren Leben, das jener ſo ſtill und räthſelhaft in ſich ausgebildet hatte. Es iſt edlen Gemüthern eigen, daß ſie das⸗ — 334— jenige, was ſie unwiſſend und durch eine Ver⸗ kettung von zufälligen und nothwendigen Um⸗ ſtänden verſchuldet zu haben glauben, zunächſt an ſich ſelber ſtrafen, indem ſie ſich für die allei⸗ nige Urſache von dieſem und jenem fremden Mißgeſchick anſehen, in das ſie doch nur durch äußere Verhältniſſe, vielleicht ſelbſt durch die Schuld des darunter leidenden Theils, hinein⸗ gezogen wurden. Und eben ſo eigen iſt es einem edlen Gemüthe, den fremden Schmerz zu dem ſeinigen zu machen und ſich liebend mit ganzer Seele in denſelben zu verſenken, als ſey damit die beſte Hülfe geboten. Walpurg war in allem ſtark und ſicher, nur in Einem konnte ſie ſich häufig bis zur äußer⸗ ſten Niedergeſchlagenheit hinreißen laſſen, in der Betrachtung nämlich, daß ein lebendes Weſen in der Schöpfung eriſtiren könne, dem ihr eignes Leben zum Schaden oder gar zum Verderben ge⸗ reichen ſollte. Sie zitterte vor dem goldgrünen Käfer, den ihr Fuß beinahe zertreten hätte, und ſelbſt der offenbare Mißbrauch ihres gefühlvollen Herzens konnte ſie noch lange nicht abhalten, ihre Leichtgläubigkeit auch fernerhin mißbrauchen zu laſſen. So weiſe und erhaben ihr Geiſt über die großen und gewaltigen Schickungen des Le⸗ bens nachdachte, ſo kindlich naiv und unmittel— bar berührte ſie das wirkliche Menſchenleid, ſeine Seufzer, ſeine Thränen, ſeine Wunden. Und nun trat ihr plötzlich das größte Leid der Menſchen⸗ ſeele, das ſie ſich überhaupt denken konnte, das Leid verſchmähter Liebe, oder wie Joſt es nannte, das Leid der verlorenen Seele entgegen, und er— ſchütterte ſie faſt noch mehr durch das Gefühl der eignen Schuldloſigkeit an demſelben als durch die düſtere Geſtalt, mit der es die helle Welt ihres Glückes verdüſterte. Es war der arme, in der einſamen Dunkelheit ſeines Waldes aufgewach⸗ ſene Geſpiele ihrer Kindheit, der treue aufopfernde Freund, war zugleich der durch ſeine erhabenen Dichtungen ihr längſt bekannte Genius, dem ſie ſo eifrig nachgeſtrebt hatte, und war endlich der von ſeiner Liebe hochgeadelte Menſch, deſſen ohnedies ſo tiefgekränktes Daſeyn in ihrem Glücke eine neue Anklage fand gegen einen Himmel, der ſo viel reine ſchöne Größe im Elend und in der Ungunſt des Lebens verkümmern läßt. Es iſt oft die weichſte Stelle unſeres Her⸗ zens, gegen welche das Schickſal ſeine feindlichen Pfeile am ſicherſten ſchleudert, und das menſch⸗ — 336— liche Gefühl iſt häufig genug grade in einem reichen freien Gemüthe auch das am meiſten em⸗ phatiſche. Walpurg konnte nicht aufhören, den herrlichen Marlo zu lieben; aber bald war es die Allmacht dieſer Liebe allein, die ſie vor dem Gedanken an ein Herz ſchützte, das ihr ange⸗ hörte und darum brechen mußte. So lebt ſich das Glück in das Unglück hin⸗ ein, wie dieſes in jenes, verſchwiſtert ſich mit ihm, und zuletzt trennt beide nichts mehr. Mit Joſt war die elegiſche Stimmung in Walpurg's Liebe gekommen, die wir in der Folge noch häufig hervortreten ſehen. Als ſie endlich einſchlummerte, träumte ſie ſich mit Marlo auf dem See, in einem Nachen, den die Wellen hin und hertrieben. Bei ihnen aber war wieder jener ſtille Schwan, der ſie ſchon einmal nicht hatte verlaſſen wollen. Am folgenden Morgen hielt ein ſonderbares Gefühl, dem ſie keinen Namen geben konnte, Walpurg ab, Marlo oder ſonſt Jemand im Schloſſe etwas von ihrer Begegnung mit Joſt in der ver⸗ gangenen Nacht zu erzählen. Theils fürchtete ſie den ſtörenden Einfluß einer dritten Perſon bei dem Werke, das ſie ſich zu des Freundes Ret⸗ ———————— — 337— tung vorgeſetzt hatte, theils erſchien es ihr be⸗ denklich, in dieſen glücklichen Tagen, wo jedes ſo viel mit ſich ſelbſt zu thun hatte, eine Sorge zu veranlaſſen, zu deren Beſeitigung Niemand ſich berufen fühlen konnte. Einmal dachte ſie dar⸗ an, den Grafen Emanuel von allem in Kennt⸗ niß zu ſetzen, wenn ihr nicht bei näherer Be⸗ trachtung von Joſt's entſchiedenem Charakter ſelbſt des Oheims Vermittelung als nutzlos erſchienen wäre. Ihn alſo entweder ziehen zu laſſen oder ein Mittel aufzufinden, ihm die Flucht aus ihrer Nähe unmöglich zu machen, blieb die letzte Wahl; und ſo entſchloß ſie ſich denn zu einem Schritte, der zwar ihrem weichen Gemüth einen ſchweren Kampf koſtete, zuletzt aber dennoch der einzige blieb, den ſie thun konnte. Sie verwandte einen Theil des Nachmittags darauf, Joſt in einem Briefe die Gründe aus⸗ einanderzuſetzen, welche ihn zum Ausharren in ſeiner gegenwärtigen Lage beſtimmen und ihm dieſes ſogar zur Pflicht gegen ſie, die er verlaſ⸗ ſen wollte, machen mußten. Sie ſchrieb darin unter Anderem folgendes. „Mein Freund! Du gingſt ſo ſchnelle von mir! Ich konnte Dich nicht zurückrufen und wünſchte Die Mediatiſirten, I. 22 — 338 auch kaum, daß der Nachen, der Dich mir ent⸗ führte und dem ich durch die mondhelle Nacht ſo lange nachſah, bis er in der Dunkelheit ver⸗ ſchwand, umlenken und Dich mir zurückbringen möchte. Heute aber muß ich mit Dir ſprechen und wär es auch nur auf dem Wege der Schrift. Es iſt ſo beſſer, und wir reden ſpäter das Wei⸗ tere mündlich ab. „Du willſt fort von hier und haſt es ausge⸗ ſprochen. Marlo und ich ſollen ohne Dich glück⸗ lich ſeyn! Ich muß Dir das beſtreiten; ja noch mehr, ich muß Deinen Entſchluß vernichten und Dich hindern, an mir eine Schuld zu begehen, die Du am wenigſten vor Deinem Herzen ver⸗ antworten könnteſt. Denn es iſt nun einmal ſo wie es iſt; Dein Dableiben gehört zur Beding⸗ ung meines Glückes und ich bin es Marlo ſchul⸗ dig, von Dir eine Prüfung zu fordern, die ich mir ſelber kaum aufzuerlegen getraute. Mein ed⸗ ler Joſt! Es gilt wieder eine Blume für Wal⸗ purg am ſchwindelnden Felſen zu pflücken, es gilt wieder, mir eine Freude zu bereiten, eine wahre ſchöne Freude! Aber die Blume, die ich Dich heute mir gewinnen heiße, ſie will nicht, wie die reizende Schattenblume, Dein Leben in — 339— Gefahr ſetzen; Du ſollſt ſie, geleitet von meiner Hand, beſchirmt von meinen frömmſten Segens⸗ wünſchen, auf ſicherem Pfade mir gewinnen, köſtlicher als das Köſtlichſte, was Du mir bie⸗ ten kannſt! Ich fordere von Dir, o hör' es, Joſt, und bleibe mir gut,— die dunkle Schattenblume der Entſagung, und will ſie tief in Deinem Dichtergemüthe, getränkt von Deiner Seele ſtillem Weinen, mild beleuchtet von Deines Geiſtes lieb⸗ lichen Strahlen, gehütet wiſſen. „Ich darf es mir nicht denken, denn es zer⸗ ſtört mich, daß Du, mein Freund, anders als ſchön und Deiner würdig leiden ſollteſt! Gib alſo immerhin den muthloſen Gedanken auf, daß Du mich fliehen müßteſt, um mich und den von mir angebeteten Marlo glücklich zu wiſſen. Du würdeſt mir vielmehr dadurch nur beweiſen, daß, was Dich von uns trieb, nicht die rechte ſchöne Wahrheit war, die ich Dir, Deinem Leben, Dei⸗ nem Genius nun einmal wünſche. Und ihm zu⸗ meiſt, der ja ſonſt kein wahrer reiner Genius wäre, dem Du die beſte Weihe ſeiner Kraft rau⸗ beſt, indem Du ihm ſeinen ſchönen großen Schmerz verkümmerſt! O lieber Joſt! Seitdem ich Dich als Dichter kenne, muß ich mit meiner ganzen — 340— Seele zu Dir reden! Was willſt Du, frage ich Dich darum, was willſt Du in der Ferne ſuchen? Was an jedem andern Ort überhaupt, wo ich nicht lebe? Läßt Du nicht alles— alles bei mir zurück? Oder hört mit Deiner Entfernung von hier etwa auch mein Andenken bei Dir auf? Ich meine es Dir geſtern Abend an den Augen an⸗ geſehen zu haben, daß Du nicht fort kannſt, un⸗ möglich! Und könnteſt Du es dennoch, ſiehſt Du, Freund, ich ließe es nimmer, nimmer geſchehen, ſpräche lieber: Bleibe, leide, ſey elend! „Ja oft iſt mir, als müſſe ich Dich noch in einer Stunde meines Lebens in meiner Nähe haben, als müſſe ich Dir dann zurufen: Ioſt, lieber Joſt, verlaſſ mich nicht! Du darfſt nicht fort, wär' es auch das dunkelſte Verhängniß, das Dich in meine Nähe bannt!—“ „Aber ich habe noch ein anderes Wort für Dich und Du ſolſſt nicht mehr, wie es in Dei⸗ nem Verſe heißt: wandeln zu unverſtandenen Gebeten.“ „Wäre die Poeſie auch nur in der Welt, uns mit unſerm Schickſal zu verſöhnen, man müßte ſchon des allerbeſten Glaubens leben, daß ſie ſich göttlich und allgütig erwieſe in allen — 341— Stunden unſerer Trauer und Kränkung. Aber ihre Miſſion geht noch höher hinauf. Denn nicht verſöhnen allein will ſie uns mit unſrem Schmerze und den Geiſt zur freieren Betrachtung ſeiner hohen ewigen Beſtimmung hinleiten; menſchlicher ſchön noch als göttlich legt ſie zugleich auch in das Herz, das mit lauterem Schlag ihr entgegen⸗ pocht, die heilige Liebe am Schmerz, den ſie ver⸗ geiſtigt, daß wir, wenn auch verſöhnt, doch nim⸗ mer aufhören können, dieſem Schmerze nachzu⸗ wandeln aller Orten und ihn innigſt zu lieben. Das Schönſte iſt immer das Wehvollſte; und der helle Glanz, der am reinen Marmorbild niederfließt, der tiefmächtige Accord, der uns im Tonwerke des Meiſters rührt und erſchüttert, vornehmlich aber der ahnungsvolle Laut aus der Dichterbruſt, was ſind ſie anders, als das Weh einer tiefheiligen Sehnſucht des Geiſtes in uns, der ſich dem Schmerze weiht, und dem Morgen⸗ roth jener Sehnſucht im alten Memnonlied der Menſchheit, der Poeſie, entgegentönt?“ So weit der edelmüthigen Walpurg Brief, der allerdings geeignet war, in Joſt's Gemüths⸗ leben eine mächtige Cataſtrophe herbeizuführen. Sie forderte ſein Dableiben als eine Bedingung ihres Glückes, ſie wollte ein Opfer von ihm, ein großes, ein ſeltenes; und er, der niemals auch nur entfernt gewagt hatte, zu hoffen, er ſollte nun, dies forderte ſie von ihm, geleitet von ihrer Hand, beſchirmt von ihren frömmſten Gebeten, entſagen! Welche Wonne lag für ihn in tieſt Vor⸗ ſtellung! Denn Joſt war bei alledem ein begnüg⸗ ſames Herz, eins von jenen Herzen, die ſo recht eigentlich dazu beſtimmt ſcheinen, Entſagung zu üben und in ihr erſt der Fülle ihres R Reichthums ſich ſicher und innig bewußt zu werden. Dennoch antwortete er nicht ſogleich und mehrere Tage vergingen, bevor Walpurg von dem Erfolg ihres Briefes Kenntniß erhielt. Ludwig, der Schalk, hatte während deſſen mit nicht minderm Eifer an dem Gewinn der Stabs⸗ trompete geärbeitet und fand an dem Unglücks⸗ friz einen thätigen Beiſtand. Der Oberförſter zauderte mit der Herausgabe des ihm trotz ſeiner unheimlichen Gewalt ſo theuer gewordenen Erb⸗ ſtückes; und erſt als ihm der junge Gelehrte die Aechtheit der Handſchriften des Diodor nachge⸗ wieſen und die Identität derſelben mit den ver⸗ loren gegangenen Blättern des Profeſſors außer — 343— Zweifel geſtellt hatte, willigte er ein und über— ließ die Trompete unter Zuſicherung treueſter Verſchwiegenheit an den gräflichen Hofmeiſter. Dagegen empfing er noch an demſelben Tage die koſtbaren Documente des alten Hiſtorikers, und Marlo befand ſich nun im unbeſtreitbaren Beſitz des Weltübel⸗Organs. Die Ausgelaſſenheit der beiden Freunde erreichte jedoch erſt ihren Höhe⸗ punkt in dem Momente, als der Profeſſor das Inſtrument in ſeiner feuerfeſten, eiſernen Kiſte entdeckte, wo hinein jene es, wie bereits verab⸗ redet, hinter ſeinem Rücken gelegt hatten. Die Damen merkten wohl, daß etwas vor⸗ gehe, und Lucinde war der Anſicht, man ſolle für alle Fälle auf einen Uebermuth gefaßt ſeyn. In⸗ deſſen blieb die Sache ein Geheimniß, bis man eines Tages ſonderbare, unartikulirte leiſe Töne eines Blechinſtrumentes hörte, die aus des Pro⸗ feſſors Zimmer drangen. Da erſt weihten Marlo und Ludwig die Damen in die Intrigue ein, und ſo kam denn endlich die Geſchichte mit den auf ſo unbegreifliche Weiſe ſpurlos verſchwundenen Handſchriften des Diodor an den Tag. An jenem Abende nämlich, wo es in dem Forſthof brannte, waren es Marlo und Ludwig, — 344— die dem Profeſſor bei ihrer Rückkehr von der Brandſtätte auf der Schloßtreppe begegneten, eben als er, zum Collaborator entpuppt, in dem ſonderbarſten Aufzug von der Welt, die Treppe herunterſtürzte, in der einen Hand die Pergament⸗ rollen, in der andern den Leuchter mit der ge⸗ knickten brennenden Wachskerze. In einem unbe⸗ greiflichen Zuſtand von Beſchämung und Geiſtes⸗ verwirrung wollte er an Marlo den Leuchter überlaſſen, gab aber ſtatt deſſen die koſtbaren Documente in die Hand und lief dann ohne Beſinnung aus dem Schloſſe in den Hof. Eine Minute ſpäter vermißte er die Handſchriften, aber weg, rein weg war alle Erinnerung an den letzten Vorgang aus ſeinem Geiſte verwiſcht, der Verluſt blieb eine beweinenswerthe That⸗ ſache, und vergebens durchſtöberte der arme Ge⸗ lehrte alle Kammern, alle Winkel ſeines Gedächt⸗ niſſes,— Diodor's Handſchriften fand er nim⸗ mer wieder! Es war eine recht boshafte Schadenfreude, die es den Freunden eingab, während der allge⸗ meinen Nachforſchung nach den verloren gegan⸗ genen eilf Kapiteln des Diodor eine aufrichtige Trauer um dieſen großen Verluſt der hiſtoriſchen — 345— Wiſſenſchaft zu heuchlen, heimlich aber über des armen Mannes Herzeleid in's Fäuſtchen zu lachen. Marlo würde auch wohl dem bedauernswerthen Zuſtand ein Ende gemacht haben, wenn nicht Ludwig, der einen eingeimpften Haß gegen alles Stockgelehrtenthum und Pedantenweſen hegte, ihn davon abgehalten und ſich zuletzt ſelbſt durch Liſt in den Beſitz der vielbeweinten Fragmente geſetzt hätte. Er behauptete ſich darin, allen Vor⸗ ſtellungen und Bitten des Freundes zum Trotze, und erſtickte endlich durch ſeine heiteren Gegen⸗ beweiſe die letzte menſchliche Rührung in Marlo's Seele. „Keine Gnade mit gelehrten Pedanten!“ rief er mit Pathos.„Es hieß ſich verſündigen an allem Schönen, Freien und Idealen dieſer Erde, wollte man mit einem deutſchen Stubengelehrten Mitleiden haben. Lieber weinen über den ver⸗ dorrten Regenwurm im Wagengeleiſe, als über ſolches Käfergeſchlecht mit dem kalten Blute in den Adern, mit dem trocknen herzloſen Verſtand und der flanellenen Geſinnung! Was thun ſie? Was können ſie? Der Jugend goldnen ſchönen Frühlingstraum uns verkümmern, den Mehlthau trivialer Nüchternheit auf die Blumen unſter — 346— Poeſie ſtreuen und Sinn und Begeiſterung, Drang und Sehnſucht mit ſpaniſchem Rohr in uns niederhalten, mehr können ſie nicht; ſie müßten ſich denn auf das vielbeliebte Achſelzucken der Humanität verlegen und um Lakayengunſt buhlen, wodurch ſie freilich oft genug in einem Tag mehr Unheil ſtiften als unſereins in einem Jahre!“ Marlo mochte ſagen, was er wollte, Ludwig beharrte auf ſeinem fanatiſchen Haß gegen alles gelehrte Zunftweſen und verweigerte ihm jederzeit ſtandhaft die Herausgabe der Diodor-Fragmente. So nahten denn unter Luſt, Launen und lieblichem Herbſtſonnenſchein die Tage des Hei⸗ ligenwieſen-Feſtes, und Lucinde traf Vorberei⸗ tungen zu ſeiner möglichſt reichen und großarti⸗ gen Entfaltung. Es ſollte diesmal, ſo war des Grafen Emanuel Wille, ein Volksfeſt werden im allerſchönſten Sinne des Wortes, und gela⸗ den war, wer nur immer ein heiter Antlitz und einen heiteren Sinn dazu mitbrachte. Der Leſer erinnert ſich wohl noch der Bedeutung dieſes Herbſtfeſtes, das ſo recht eigentlich aus der poe⸗ ſchen Naturanſchauung des Volkes hervorgegan⸗ gen war. Die Sage von dem verlorenen See, der hier einſt an grünen Waldesbuchten geſtan⸗ den, erhielt dadurch alljährlich eine neue Bedeu⸗ tung, denn fröhliche Menſchen verſöhnten gleich⸗ ſam durch ihre Freude das traurige Geſchick der armen Jwidien, und wenigſtens drei Tage im Jahre waren die grünen Triften dem Jubel und der Freude glücklicher Weſen zurückgegeben. Selbſt daß noch eine Frohnde auf den Heiligen⸗ wieſen haftete, indem die Jugend eines benach⸗ barten Dorfes gehalten war, der gräflichen Herrn⸗ ſcheune die Ernte zu thun und das Heu einzu⸗ bringen, wollte dem Volksſinn eher zuſagen, als daß man darin eine Erinnerung an alte ſchwere Laſten, vielleicht gar ein abſichtliches Feſthalten an früheren und möglicherweiſe auch wiederkeh⸗ renden Verhältniſſen zwiſchen Herrn und Un⸗ terthanen erblickt hätte. Man betrachtete viel⸗ mehr dieſes Belaſſen eines alten Zwanges in⸗ mitten freierer und glücklicherer Tage als eine ehrwürdige Pflicht der Dankbarkeit und Erge⸗ benheit gegen die milde Hand, die jene drücken⸗ den Laſten von dem Volke genommen, das Ei⸗ genthum frei und aus Sklaven Menſchen ge⸗ macht hatte. So war's ein wahres Feſt der Freiheit, das Feſt des ſchönen Sieges der ver⸗ — 348— jüngten Menſchheit über alte grauſame Inſtitu⸗ tionen der Barbarei und rauhen Sitte. Auch war ja der gebietende Herr an dieſen Tagen der Arbeit zugleich der freundliche Wirth aller, wandelte mit ſeinen Kindern, Gäſten und Die⸗ nern unter ihnen herum und ſpendete an Lab⸗ ſal und Ueberfluß von jeglichem Wohlleben mehr, als vielleicht die ganze Heuernte ihm einbringen mochte. Denn nach der Arbeit gab es Durſt, und mit dem Durſt kam der Hunger, und ruh⸗ ten die müden Hände, ſo wollten doch die Füße darum noch lange nicht raſten, zum Tanze aber gehörte Muſik, gehörten Bänder und hohe ſchlanke Maienbäume, die man weiß geſchält und ihnen nur oben einen grünen Büſchel gelaſſen hatte, daß es ausſah wie ein luftiger Weihnachtsbaum. Wie geſagt, die herrliche Zeit kam allmälig her⸗ bei und ſchon wandelte mancher Bauernburſche zwiſchen Licht und Dunkel mit ſeinem Schatz nach den Heiligenwieſen und erſah ſich dort im Voraus ſein Stück Arbeit und ſein Stück Luſt daran. Das Gras war prächtig gerathen, wallte wie grüne Wellen hin und her, und die gold⸗ gelben Blumen darin und die feuerrothen er⸗ tranken faſt in ſeinem kühlen Wogen. Rings — 349— herum aber am Wieſenſaum warfen die alten ſtattlichen Buchenwälder ihrer Schatten dunklere Töne auf die Trift, und der graue Wildſtein mit ſeinen grottesken Felsbildungen ragte wie ein altes Geiſterſchloß aus den Weimuthskiefern hervor. Alles Leben war hier ſo ſtumm, ſo ſattſam in waldgrüner Luſt und Herrlichkeit ver⸗ ſunken, daß ſelbſt das Rucken der wilden Tau⸗ ben in den Wipfeln und das Pochen des Grün⸗ ſpechts am Holze einen eigenthümlicheren Ein⸗ druck machte, als anderswo im Wald. Und da⸗ hinein, in dieſes glückliche Revier, dichtete die Volksſage die ſchöne Mythe von dem verlorenen See, über welchen ja ſonſt die Natur Gras hätte wachſen laſſen. Wir wiſſen auch, welche fromme Scheu den Fuß des Wanderers abhielt, die Hei⸗ ligenwieſen zu betreten. Sah's ja doch oft an den dunkelſten Plätzen, zumal wenn noch Wol⸗ kenſchatten drüber hin jagten und die Täuſchung im magiſch ſchwankenden Grasglanz erhöhten, beinahe aus, als ſchaute der verlorene See mit dunklen Augen aus der Erde hervor und ſuche nach ſeinen auf der feindlichen Welt zurückge⸗ bliebenen Jwidien. Selbſt der Stier, der ſich von der Heerde verirrt, oder der Hirſch, der im 3 Abenddunkel hierher wandelte, ſtanden oft plötz⸗ lich wie betroffen, mit zur Erde geneigtem Kopfe auf den Wieſen ſtill, ſtarr die Augen auf einen Punkt gerichtet, und ſchienen auf etwas unter der Erde zu lauſchen, während das junge Reh⸗ kalb leicht und munter drüber hinhüpfte und ſich ſeines tanzenden Schattens inmitten von Sonne und Schwärmen von azurblauen Wieſenfaltern erfreute. Ach! daß die Erde doch nicht überall und aller Orten dieſem ſchönen friedlichen Bezirke gleicht, wo ſelbſt du, armes vielgeprüftes Herz in des ſtarken Joſt's Bruſt, dein leidvolles Le⸗ ben vergiſſeſt und dich ſo recht tief und trunke⸗ ner Seele voll in einen Zuſtand hineinträumſt, der viel Aehnlichkeit mit jenem ſtillen Daſeyn hat, das wir nach unſrem Tode vielleicht in ei⸗ ner treuen Seele noch ein Weilchen auf Erden fortleben, bis auch dieſe treue Seele dahingeht und dann nichts mehr von uns zu merken iſt, nicht einmal mehr das Geliebtwerden. Dort, an dem düſtern Wildſtein unter den Weimuths⸗ kiefern hatte er auch jenes Gedicht gefunden, das Marlo und Walpurg ſo tief erſchreckte. Wir ſagen; gefunden; denn er ſuchte es nicht, er —————— — 8 fänd es, wie er ja auch die Augen ſah, die ſo tief und ſehnſuchtsvoll aus der grünſonnigen Heiligenwieſe hervorſchauten, eben dort, wo der herrliche Hirſch das Haupt mit den ſtolzen Ae⸗ ſten ſtarr auf die Erde niederbeugte, regungslos daſtand und lauſchte. Was aber hörte er dort? Und was meinte Joſt, daß das Thier höre?— Es iſt das wahre Glück, das in einem tie⸗ feren Gemüthe— und wo anders wohnte wah⸗ res Glück?— oft ein Gefühl erzeugt, als rännen Ströme der Ewigkeit durch unſre Seele und wir hätten nichts weiter mehr auf Erden zu thun, als frei zu geben den beglückten Geiſt und ihn Rettung ſuchen zu laſſen im Himmel, oder wo ſonſt nur immer die Geſchicke der Wandlung und des Verderbens nicht hinreichen. „Das iſt das rechte Glück, von dem wir wiſſen, daß wir jeden Augenbick in ihm ſterben können,“ ſagte Marlo.„Darum mag ich's auch entzückend ſchön finden, daß die Griechen den am meiſten von den Göttern begnadet hielten, den dieſe leidlos, inmitten von Glück, Jugend und Lebensfreude, von der Erde wegnahmen. Denn die Helden, die Herven, deren Gedächtniß jung bleiben ſoll, ſie müſſen auch jung ſterben und nicht erſt unter der Bürde des Hinfälligkeit aller irdiſchen Größe an ſich ſelber erfahren. Die ganze Menſchheit hegt nun ein⸗ mal dieſes Gefühl der Ehrfurcht vor dem Hel⸗ den, der im Morgenroth der Jugend dahinging. Wie könnte ich mir auch einen Achill, einen Hektor, einen Alexrander im Alter denken! Es muß ein Geſetz der Welterſcheinung ſeyn, daß das wahrhaft Große und Unſterbliche ſich nicht in ſeinem Schöpfer überlebt, ja, daß es ihn faſt wie eine höhere Macht dämoniſch von hinnen führt.“ Walpurg ſaß ernſt und nickte dem Geliebten nachdenkend zu. Ludwig nahm das Wort, indem er ſagte: „Nur die Philiſter und die Elephanten wer⸗ den alt, ſonſt, mein' ich, mögen wir uns verge⸗ bens in der Welt des ſchönen Geiſtes nach Al⸗ ter und Altersſchwäche umſehen. Ich gebe Dir recht, mein Lieber, wenn Du den Tod im Ra⸗ phaeliſchen Ruhme der Jugend ſchön findeſt; aber ſchön und erhaben zugleich iſt doch auch der ewige junge Geiſt im gealterten Menſchen, im müden, ehrwürdigen Helden⸗ und Dichter⸗ haupt. So zum Beiſpiel Göthe, der mit ſterben⸗ ————————————— dem todtumdunkelten Auge noch nach Licht be⸗ gehrte! Ja, ich kann mir eigentlich gar keinen großen Mann denken, ohne den unverwüſtlichen Jüngling in ihm! Ob dann auch der Leib all⸗ mälig altert, die Schulter ſich beugt und das Haupt im Silberſchein nickt, jene Jugend, die ich meine, des Talentes und der Begeiſterung Jugend, iſt darum doch nicht verloren.“ Walpurg ſagte: „Jeder von Euch hat recht, und möchte ich noch ein Drittes hinzufügen: Daß nemlich ohne das Genie der Jugend überhaupt kein Ge⸗ nie beſtehen kann, walte es nun im Menſchen⸗ geiſte, oder im Menſchenherzen, oder im großen Leben der Natur. Wehe dem Daſeyn, das dieſe Jugend nicht hat! Es iſt auch kein Alter in ihm und keine Liebe und keine Weisheit. Selbſt die Hoheit im Gemüthe, ſelbſt ſeines Nichts durch⸗ bohrendes Gefühl kann ihm dieſen Mangel nicht erſetzen. Es bleibt ſtumm, bleibt kalt und thaten⸗ los. Nüchternheit iſt ſein Name, Nüchternheit ſein Lvos! Ah! Und dieſes Loos! Ich hab's ge⸗ ſchaut, ich hab's begriffen! Mich ſchüttelt's oft noch wie ein Fieberfroſt, wenn ich an dieſe Menſchen denke am Hofe Arthurs! Automaten Die Mediatiſirten, II. 23 — 34— mit warmem Blut in den Adern, anders kann ich ſie nicht bezeichnen. Sie lebten nur, weil ſie's nicht ändern konnten, und fröſtelten einander an um ſich zu überzeugen, daß es dem Einen nicht beſſer ergehe als dem andern! Das nenn' ich vornehme Stagnation! Aber davon wißt Ihr nichts und ſo was muß man auch eigentlich gar nicht denken! Es macht muthlos und irre an ſich ſelbſt. Da war doch auch, mit geringen Aus⸗ nahmen, nicht ein Menſch, zu dem man hätte ſprechen können: Was denken Sie nun von alle⸗ dem? Denn Denken war dort ebenſo verpönt als Fühlen, das comme il faut allein ging wie ein dunkler Orakelſpruch durch alle Salons, und Ton war nur, was comme il faut war. Nein, nein, dieſe Menſchen hatten keine Jugend,— ſie hatten Pferde, Karoſſen, Ahnen, Paſſionen— aber Jugend, ſchöne lebendige Jugend hatten ſie nicht! Marlo, ich bitte Dich, lache nicht, und auch Sie nicht, Herr Welker. Man ſoll über alles in der Welt lachen, nur nicht über das Elend! Und ein Elend iſt's doch wirklich, leben zu müſ⸗ ſen, blos um dereinſt ein Ahne zu werden!“ Nichts deſto weniger brachen Marlo und Ludwig in ein ſchallendes Gelächter aus, das Lucinden aus einem entfernten Zimmer herbei⸗ zog. Als ſie die Veranlaſſung vernommen hatte, ſagte ſie mit vieler Munterkeit: „Das ſollte Onkel Louis wiſſen! Er würde Euch ritterlich dienen! Denn auch er lebt im Bewußtſeyn, daß einmal ein Tag kommt, wo er ein Ahne ſein und mitzählen wird in der Ge⸗ nealogie unſres Hauſes.“ „Und in ſeinem Leben ſammelte er Knochen von allerhand Gethier, balgte Vögel aus und wandelte die Hallen ſeiner Väter in ein Natura⸗ liencabinet um, ſo berichtet von ihm der zukünf⸗ tige Hiſtoriographe des hochgräflichen Hauſes,“ rief der ausgelaſſene Marlo.„Aber einerlei! Wie die große That zur Großthat wird, dafür ſorgt der Epigone. Wir thun genug, wenn wir uns eifrigſt mit dieſem und jenem befaſſen, heute ei⸗ nen Keuler anlaufen laſſen, morgen ein fünf⸗ procentiges Anleihen beim Banquier erheben, übermorgen einen neuen Kaſtenmeiſter beſtallen— hinter uns lauern ſchon die wißbegierigen Enkel und empfangen aus Clios Hand die Annalen unſrer Lebensgeſchichte! Sorge darum bei Leibe kein Menſch für ſeinen Nachruhm! Die, welche nach uns hier ſitzen werden, werden auch ſchon 23* — 356— Mittel finden, unſere Namen zu glorificiren. Denn es iſt ihr Intereſſe, daß wir ein Aſt mehr werden am Stammbaum des Geſchlechtes, der zum alten Schatten neuen biete und vielleicht gar irgend einem Genealogiſten Kopfzerbrechen koſtet.“ „Leben wir darum!“ ſagte Walpurg zwiſchen Ernſt und Scherz.„Andere mögen es dann nach uns ausdichten und ausſchmücken. Das Beſte finden ſie doch nicht, das Erlebte ſelbſt nämlich. Das bleibt uns und tritt vielleicht einſt als freundliche Mythe aus alten Zeiten hervor. Ich bin nicht ſtolz auf meinen alten Adel, aber Eins iſt doch ſchön daran: Zu wiſſen, daß vor uns Menſchen lebten, die durch ihre Tugenden und ruhmvolle Thaten alles, was etwa gut an uns iſt, gleichſam beſtätigen, wie wenn wir es als Erbe von ihnen empfangen hätten. Man glaubt ja ſchon viel lieber an den edlen Sohn eines edlen Vaters, als wenn der Vater ſtatt deſſen ein Uebelthäter geweſen wäre. Das Sprichwort, der Apfel fällt nicht weit vom Baum, ſo oft es auch ſchon gelogen hat, ganz lügt's doch nicht, wenn auch gleich mancher Herbſt dahin gehen mag, bis einmal wieder ſo ein recht rothwangiger geſunder Apfel dicht an dem alten Stamm niederfällt.“ — 357— „Und eine Walpurg ihn aufhebt!“ flüſterte ihr Lucinde leiſe in's Ohr und legte, wie zum Schutz vor ihrem eignen Blut, beide Hände über der Freundin Geſicht. Auch noch in dem Glück ſeiner Kinder, das gleich goldnem Abendroth ſein Alter roſig ver⸗ klärte, gedachte Graf Emanuel des armen Sohnes, welcher droben auf ſeinem ſtillen Waldberg nicht ahnte, wie nahe dem Vaterherzen und dem Muttergrabe er lebe. Seitdem Joſt ſich entſchieden geweigert hatte, den Neufelder Hof von Marlo anzunehmen, war es des Grafen beſtändiges Sinnen, ihm anderweitig eine ſorgenfreie Zu⸗ kunft und dem Sohn Emiliens eine unabhängige Stellung im Leben zu ſichern. Nun er in Lucin⸗ dens Herzen die Geſchichte ſeiner unglücklichen Jugendliebe niedergelegt und bei der trefflichen Tochter eine ſo ſchöne als hochherzige Aufnahme derſelben gefunden hatte, war dem alten Herrn eine ſchwere Laſt von der Seele genommen; und mit ihrem Wiſſen deponirte er ſpäter bei der Landeskaſſe der Reſidenz ein bedeutendes Kapital, deſſen Zinſen von des Grafen Todestag an dem — Pflegeſohn Elias Falters als lebenslängliche Rente zufallen ſollten. So ohne ſein Wiſſen Ge⸗ genſtand liebevollſter Sorge und Theilnahme, lebte Joſt in jenen Tagen gleichfalls den Be⸗ trachtungen ſeiner Zukunft, die durch Walpurgs Brief unerwartet eine Bedeutung für ihn ge⸗ wonnen hatte, welche ſo weit von ſeinen ſeit⸗ herigen Vorſätzen und Plänen entfernt lag. Er ſollte bleiben und den Gedanken an Entfernung aufgeben! Schön und ſeiner würdig ſollte er leiden und, verſtand er den Schluß ihres Briefes richtig, in der Poeſie die Verſöhnung eines Schickſals finden, das ihn zu einem Daſeyn ohne Namen und ohne Liebe verdammte. In dieſen Tagen, kurz nach ſeiner abendlichen Zuſammenkunft mit Walpurg, überraſchte Joſt im zweifelhaften Dämmerlicht des Abends unter düſteren Tannen einen Mann, der dort in ſchwarzem Kleide auf den Knieen lag und zu beten ſchien. Sein Haupt war entblößt und zeigte ſich ſilbern; er war aber ſo tief in Andacht ver⸗ ſunken, daß Joſt, der den Grafen Emanuel lange nicht in dem Betenden erkannte, ihm nahe treten konnte, ohne von jenem bemerkt zu werden. Da erſt erkannte er zu ſeinem Erſtaunen in dem — 359— frommen Greis den regierenden Herrn, der re⸗ gungslos wie ein Marmorbild vor einem kleinen Mooshügel niederkniete, welchen Joſt wohl hun⸗ dertmal geſehen hatte, an welchem er wohl hundert⸗ mal achtlos vorüber gewandelt war, ohne zu ahnen, daß dieſe unſcheinbare Erderhöhung einen Mächtigen der Erde zur Andacht bis zur frommen Kniebeu⸗ gung bringen könne. Es war dabei ſo ſtill im Walde— ſo grabesſtill!— Joſt, hinter einem Buſche ſtehend, ſah, wie der Graf, nachdem er ſein Gebet geendigt hatte, den Hügel küßte. Dann ſtand der Greis auf und wandelte auf dem nächſten Fußpfad durch die Tannen langſam nach dem Schloſſe zu. Joſt nahte ſich nach ſeiner Entfernung dem Moos⸗ hügel und fand hier noch die von den Knieen des Grafen in der Erde zurückgelaſſene Spur. Als er aber davor ſtand, wußte er auch, daß es ein Grab ſey, vielleicht ein altes theures Grab, das den frommen Herrn hierher geführt hatte. Ein einſam Gebet im Walde iſt ein an⸗ deres als das in der Gemeinde, ein einſam Grab im Walde ein anderes als das in der ſtillen Gemeinde, und wie wir Joſt kennen, mußte da⸗ rum beides, Gebet und Grab, ſein Herz tief⸗ — 360— mächtig ergreifen. Waren es nun die frommen Gefühle, die Segenswünſche und Gebete, die hier aus dem Herzen des Grafen zurückgeblieben, den ſtillen Hügel noch umſchwebten, war es die Gewalt des Eindrucks, den die unerwartete Ent⸗ deckung des Grabes auf ſein Gemüth ausübte, oder war es endlich jene Stimme tief in ſeiner Seele, die ihm ſagte, daß auch für ihn an dieſem Hügel Troſt und Erhebung zu finden ſey, er beugte unwillkürlich ſeine Kniee in die von des Grafen Knien zurückgelaſſene Spur und ſagte mit gedämpfter Stimme: „Du Glücklicher, der hier unten ſchlummert, wie neide ich dich um dieſes ſtille unbekannte Grab! Auch du haſt vielleicht einſt von den Menſchen viel Böſes erfahren, auch dir legten ſie vielleicht Entſagung auf und wollten doch nicht, daß Du ſie fliehen und dich mit deinem gekränkten Herzen in ferne Einſamkeiten begraben ſollteſt, mir ſagt es dein Grab, dein ſtilles am ungewöhnlichen Orte, daß ſolch' ein Aſyl nicht leicht erkauft und gefunden wird. Wer du aber auch biſt, Namenloſer da unten im ſtillen Grabe, ob im Leben ein edler oder ein böſer, ein glück⸗ licher oder ein unglücklicher Menſch, mir ſoll — 361— deine Ruheſtätte heilig ſeyn und ich will bei ihrem Anblick denken, ich ſey unter Lebendigen, was du unter Todten— vergeſſen, verloren wie du.“ Er legte bei dieſen Worten die Hände auf das Moos, als daſſelbe unter ihrem Drucke ſich ein wenig verſchob und ein weißer Stein zum Vorſchein kam. Joſt erkannte beim näheren Betaſten, daß es eine Marmorplatte war, die unter dem Mooſe lag, jedem Auge verborgen. Seine Neugierde erwachte und vorſichtig legte er die grüne Moos⸗ decke hinweg, die ſich faſt wie ein Teppich weg⸗ ſchieben ließ. Wirklich, der Stein hatte eine Inſchrift, das geheimnißvolle Grab einen Namen! Emilie Monaldi lautete der Letztere, und der darunter in den Stein gegrabene Todestag trug genau das Datum deſſelben Tages, an welchem ihn Elias Falter im Walde aufgefunden hatte. Sprachlos ſtarrte er auf die geheimnißreiche Schrift, in ſeinem Innern ging etwas vor, wo⸗ von er ſich keine Rechenſchaft geben konnte, und faſt war ihm zu Muthe, als müſſe das geheim⸗ nißvolle Grab ſich aufthun und ihm den lieblich räthſelhaften Namen Emilie Monaldi zugleich mit des Grafen Erſcheinung und Andacht noch —————— — weiter aufklären. Er ſann und ſann, welche mächtige Sehnſucht wohl den edlen Greis hier⸗ her geführt haben möchte, und welches Ver⸗ hängniß ihn doch wieder Grab und Grabesdenk⸗ mal zugleich ſo tief in Dunkelheit verbergen ließ? War's Sünde, war's Reue und Seelenangſt, was Jenen hierher in den einſamen Tannengrund zog? War's ein Grab der ſchwarzen That? War's ein Grab der Verſöhnung? Er konnte es nicht wiſſen; jedenfalls aber hatte das Grab nun einen Namen, und ſtumm traurig ſahen ihn die Buchſtaben auf dem Marmor an, als wollten ſie ihn anklagen, daß er die Decke von dem holden Namen gezogen und ihn dem Himmel wieder gezeigt habe. Ein Grab hat ſchon an ſich ſo viel Geheim⸗ nißvolles, was die Menſchen zum Verſtummen und Stillſtehen nöthigt. Wie vielmehr ein Grab, das die Menſchen mit all ſeinem unerforſchten Geheimniß noch in ein tieferes Geheimniß zu bergen ſtreben, als fürchteten ſie ſein Schweigen, ja als fürchteten ſie noch mehr von ihm, denn Schweigen. Joſt ſchauderte vor dieſem Schweigen— ſein ganzer großer Wald um dieſes kleine Grab v — 363— herum kam ihm nun wie ein Friedhof vor; aber der Frieden wohnte nicht darin, ſo wenig als ſich ſeine aufgeregte Fantaſie bei dieſer Ent⸗ deckung beruhigen konnte. Vorſichtig legte er das Moos über die Mar⸗ morplatte und brachte Alles wieder in den vo⸗ rigen Stand. Dann ging er ſeinem Hauſe zu, und allerlei abenteuerliche Betrachtungen folgten ihm dahin. „Sonderbar“, ſagte er zu ſich;„wie hat doch der Name ſo viel lieblichen Klang, als gehöre er gar nicht in dieſe Wälder. Ob's wohl eine Fremde war, die hier, fern von der Heimath, eine Ruheſtätte fand? Walpurg mögte ich ſchon Alles vertrauen, wenn ich nur ſicher wüßte, daß es ſie nicht ängſtigt. Und dann iſt Marlo da, dem ſie gewiß die Geſchichte von dem Grab wieder erzählen wird. Nein! Nein! Ich darf nicht reden, ich muß ſchweigen und harren—“ Plötzlich ſprangen ſeine Betrachtungen eine andere Frage über. „Das Jahr, der Tag ihres Todes ſollte ſich, wenn es wirklich ſo iſt, wie auf dem Steine geſchrieben ſteht, in dem Willinger Kirchenbuch vorfinden müſſen. Aber wozu dann das Geheim⸗ — 364— niß ihres Grabes in der Waldeseinſamkeit? Und wo ſtarb ſie? Doch wohl im Walde ſelbſt, und nicht in der Stadt, in keinem Dorfe der Nachbarſchaft, wo man die Verſtorbenen nach den Kirchhöfen trägt und ihnen dort vor aller Welt Augen ein offnes ehrliches Grab gönnt. Weh! Weh! Was muß ich alſo glauben! Daß ihr Sterben ſo unbekannt war wie ihr Grab es jetzt iſt! Daß ihr unbekanntes Sterben an dem⸗ ſelbem Tage, wo der alte Elias mich im Aſchen⸗ haufen fand,—“ Seine Schritte ſtockten, es war ihm, als müſſe er ſich mit Gewalt zurückhalten, dieſem Geheimniß weiter nachzudenken, als könne es ihm Gefahr bringen, Gott weiß, welche Gefahr, ſich noch tiefer in dieſe Betrachtungen zu ver⸗ ſenken, die doch bereits ſo feſt und mächtig in ſeiner innerſten Seele Raum gewonnen hatten und ſeine Fantaſie immer unheimlicher beſchäf⸗ tigten. „Es iſt beſſer, ich entdecke Walpurg Alles,“ ſagte er, da ſeine Angſt ihm kaum noch geſtattete, ſich der düſterſten Vorſtellungen zu erwehren. „An einem ſolchen Geheimniß tragen zwei Men⸗ ſchen immer leichter als Einer. Auch wird ſie — 365— es nicht an Marlo verrathen, denn das hieße ja vielleicht— wer weiß! den Vater an den Sohn verrathen!“ Aber noch einen andern Einfluß, als ſorgen⸗ volle Unruhe, als unheimliches Dichten und Grübeln, übte dieſe Entdeckung auf Joſt's Gemüth aus. Er entfernte ſich dadurch immer mehr von ſeitherigen Zuſtänden, hatte bald keinen andern Gedanken mehr, und bildete ſich zuletzt alles Ernſtes ein, jenes Grab im Tannengrund mit dem unter Moos verborgenen Marmorſtein müſſe in irgend einer dunklen Beziehung zu ſeinem eignen frühern Leben ſtehen. Lag es doch eben ſo unerforſchlich vor ihm wie ſein Schickſal! Verſtummte doch bei ſeinem Anblick, ſo oft er ſich auch daran zu gewöhnen ſtrebte, jedes andere Gefühl vor dem einen ahnungsvollen, welches ihn bald in dieſem Grabe die düſtere Sphynr erblicken ließ, die er vergebens nach dem Urſprung ſeines Daſeyns fragte. Wir wiſſen ja, daß Joſt zu den unſelig organiſirten Naturen gehörte, die ſich mit ihrem ganzen Fühlen und Denken leicht an irgend einer unheimlichen Idee feſthängen und ſich dann willenlos ihrer dämoniſchen Ge⸗ walt unterwerfen. So geſchah es, daß er beinahe —ů— — 366— mit ſeinem fantaſtiſchen Ahnungsvermögen Das als Wahrheit ergriff, was wirkliche Wahrheit war, mit andern Worten, daß er dichtete, was ſich einſt in Wirklichkeit mit ihm in den erſten Tagen ſeines Daſeyns begeben hatte. Wer war er dieſem Grabe gegenüber?— Dieſe Frage ging beſtändig durch ſeine Seele, und es braucht kaum geſagt zu werden, daß vieles, was er ſeit⸗ her ahnungslos hingenommen hatte, dadurch mit einmal eine andere Bedeutung für ihn und ſein Schickſal gewann. Erwies ſich ihm doch Graf Emanuel jederzeit ſo väterlich, wollte doch ſeine Großmuth gegen den unbekannten Find⸗ ling gar keine Gränzen finden; und Marlo und Lucinde, wie viel Freundliches knüpfte ſich nicht für ihn von früheſter Kindheit an dieſe bei⸗ den Namen! Joſt begriff das alles nun ganz anders! Es war ihm daher kaum auffallend, daß er den alten Herrn jetzt öfters als ſonſt in den Abendſtunden dem Tannengrund zuwandeln ſah. Er beobachtete den ſtillen Pilger vft genug und überzeugte ſich dadurch mehr und mehr von der großen Gewalt des Grabes auf deſſen Herz. Zwar betete derſelbe dort nicht immer, ging oft — 367— weg, wie er gekommen war, aber immer ſtand er doch wenigſtens einige Minuten dort ſtill und betrachtete gedankenvoll den Mooshügel. Einmal wollte es der Zufall, daß der Graf und Joſt ſich dort begegneten, und letzterer glaubte wirklich ein leiſes Erſchrecken an dem Herrn zu bemerken. „Was ſchaffſt Du hier, lieber Joſt?“ redete ihn derſelbe dann freundlich an. „Es iſt ſo ſtill hier, erlauchter Herr,“ war ſeine Antwort.„Darum gehe ich auch gerne hier⸗ her, wenn der Abend durch die Tannen funkelt und der Wald ringsum wie in lauter Licht und Glorie ſteht.“ „Biſt Du zufrieden, lebſt glücklich fort, wie ſonſt?“ fragte der Graf gerührt. „Glückliches Leben, mein gnädiger Herr, kannt' ich nie,“ erwiederte Joſt mit zur Erde geneigtem Hanpte.„Wie mag glücklich ſeyn, wer ſich ſelbſt nicht kennt, nicht Eltern und Heimath! So gut es ihm auch ergeht, ihm fehlt ja doch zu jedem Heil, zu jeder Freude der Glaube! Sie gaben mir nun Alles, was ich bedarf, und noch viel. mehr dazu. Aber den Werth Ihrer Großmuth kann ich nicht ſchätzen, ich müßte es denn nach ——————— — 368— der Größe des Unglücks thun, das Sie mich wollen vergeſſen machen.“ „Ei, ei, Joſt, welche muthloſe Rede!“ ſagte der alte Herr mit ſanftem Vorwurf.„Wann hab' ich jemals meine Liebe zu Dir von Deinem Schick⸗ ſal abhängig gemacht? Um Deinetwillen, um Deiner Bravheit und Redlichkeit willen war ich Dein Freund. Du aber denkſt nur, ich hätte aus Mitleiden ſo an Dir gehandelt?“ Joſt ſchlug die großen Augen zu dem gütigen Herrn auf und ſagte feierlich, die Hand auf's Herz gelegt:„Nein, gnädiger Herr, beim Him⸗ mel, nein, das denke ich nimmermehr! Sie ſind zu gut und edel, als daß ich Ihre hohen Wohl⸗ thaten einem andern Beweggrund, als dem Ihres großmüthigen Herzens zuſchreiben könnte. Und der beſte Dank für alles Gute und Schöne ge⸗ gen den Geber iſt ja immer der, daß man die erzeigte Wohlthat jederzeit mit des Wohlthäters ſchönſter Tugend bezeichnet, und ſo bei Ihnen die Großmuth.“ „Nun, nun, laß gut ſeyn, mein lieber Sohn,“ erwiederte der Graf innigſt gerührt, als Joſt, überwältigt vom Gefühle der Dankbarkeit, ſeine Hände ergriff und ſie mit Thränen und Küſſen bedeckte.„Du und ich, wir kennen uns ja,“ fuhr der Greis zu ihm niedergebengt fort.„That ich Dir Gutes, ſo nimm's an, als hätte es Dir Dein Vater erzeigt, hörſt Du, Joſt, Dein Vater? Wer weiß, ob der wirkliche Dich mehr hätte lieben können als ich.“ Joſt lauſchte bei dieſen Worten hoch auf, und eine dunkle Röthe bedeckte ſein Antlitz. Stammelnd ſagte er: „Nicht mehr lieben, onein, das könnte er nicht! Wohl aber mich ſein Antlitz ſehen laſſen, ſeine Hände ſegnend auf mein Haupt legen, das könnte doch nur der Vater, den ich nicht kenne, wie ich die Mutter nicht kenne, die mich gebar— die vielleicht mein Daſehn mit dem ihrigen erkaufte!“ ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu. Der Graf ſchrack ſichtbar zuſammen. „Wer ſagte das?“ rief er mit einem ſcheuen Blick auf das nahe Grab, der jedoch ebenſo ſcheu im nächſten Moment zu Joſt zurückkehrte. Der Arme aber neigte ſein Haupt und blieb ſtumm. Graf Emanuel legte zitternd ſeine Hand auf Joſt's Haupt und ſprach nach einer Weile mit gedämpfter Stimme: „Steh' auf, lieber Sohn, und begleite mich Die Mediatiſirten, I. 24 — 370— bis an den Ausgang das Waldes. Dort ſollſt Du mir die neue Anpflanzung von Lerchenbäumen zeigen, die ich ſeit einem Jahre nicht beſucht habe. Wie ſteht's damit? Taugt der Boden? Ich ſollte denken, die Bäumchen müßten dort trefflich ge⸗ deihen.“ „Das Wild hat ihnen im letzten Winter gro⸗ ßen Schaden gethan,“ erwiederte Joſt. „Nun, immer beſſer mir, als dem Landmann,“ ſagte der Graf im Fortgehen.„Holz haben wir zudem in Ueberfluß und können uns ſchon etwas von den armen Creaturen verderben laſſen. Wenn alle Bäume wüchſen, die wir anpflanzen, dann möchten wir zuletzt vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr ſehen.“ Während dieſer Vorgänge in dunklen Wal⸗ desſchatten hatte es in dem Kreiſe unſerer Glück⸗ lichen auf Schloß Willingen keine Stunde an neuem Glücke gefehlt, und faſt war's zwiſchen den Verlobten ein beſtändiger freundlicher Wett⸗ ſtreit, es einander im Gefühl innerlicher Be⸗ friedigung und Liebesglückes zuvorzuthun. Aber ſchon nahten die Vorboten anderer, minder ſchönen Tage. In der Reſidenz, am Hofe verlangte man ſehnſuchtsvoll nach Lonny's Er⸗ ſcheinen und die fürſtlichen Eltern zumal gönn⸗ ten nur noch kurze Friſt. Lonny ward blaß, als zum erſtenmal das Wort Scheiden ausgeſpro⸗ chen wurde und ſuchte Schutz vor dem ſchreck⸗ lichen Gedanken in den Armen deſſen, der ſie doch ihrer lieben Heimath entführen wollte. Lu⸗ einde tröſtete ſie mit ſchweſterlichen Worten, in⸗ dem ſie ſagte: „Nur getroſt, mein Kind. So, wie heute, kann's ja doch nicht immer bleiben, und wir alle ſollten ſchon jetzt einſehen, daß wir kein Recht haben, ohne Opfer von unſrer Seite noch mehr Glück zu begehren. Es iſt eine gar weiſe Einrichtung, daß der Menſch auch noch im Glücke genöthigt iſt, dieſem und jenem mit ſchwerem Herzen zu entſagen und liebgewonnene Gewohn⸗ heiten aufzugeben. Denn ſo gewinnt er zum neuen Zuſtand ſeines Glückes auch einen neuen Menſchen, er tritt gleichſam aus ſich heraus, und wie alles um ihn herum, ſo nimmt auch er ſelber eine neue Geſtalt an.“ Später ſagte Walpurg zu Marlo: „Das meint Lucinde, die ſich einen glückli⸗ — 372— chen Zuſtand nun einmal nicht anders denken kann, als daß ſich der Menſch darin nach der äußern Umgebung forme und hineinſchicke. Als wenn ſich die wahre innere Harmonie nicht ſo⸗ wohl am innigen Feſthalten des Alten und Lieb⸗ gewonnenen, als an der Gefügigkeit unſrer Neigungen und Sympathien erproben ließe. So lange wir unter den Sternen der Vergänglich⸗ keit leben, ſollen wir nur immer hartnäckig am alten Leben feſthalten und es eigentlich niemals ganz loslaſſen. Denn ich ſage es ja zu wieder⸗ holten Malen, der Menſch nennt im Grunde nichts ſein als was er erlebt hat. Damit kann er machen was er will, denn es iſt ſein eigen, wie ſonſt gar nichts in der Welt. Und ſo freut es mich auch und rührt mich innigſt von Lonny, daß ſie erſchrickt, ſo oft von mehr Glück die Rede iſt, als ſich in den Rahmen ihres ſeitherigen Daſeyns faſſen läßt. Alle Trennung iſt bedenk⸗ lich; denn das, was zurückbleibt, iſt jederzeit das Beſte; vom Kommenden aber weiß man nichts, als daß es uns für alle Fälle jenes er⸗ ſetzen muß, damit wir erſt wieder das ſind, was wir für möglichen Gewinn eingeſetzt haben.“ „Wer aber nicht wagt, gewinnt nicht!“ ent⸗ — 373— gegnete Marlo, der ſeine Walpurg jederzeit gar zu gerne beſtritt, um ihr am Ende recht geben zu müſſen. „Auch das Gewinnen ſelbſt iſt oft noch ein Wagſtück,“ verſetzte ſie, ihm ſchelmiſch auf die Wangen klopfend.„Denn ſage mir, Lieber, was gewann ich eigentlich an Dir? Wie kann ich überhaupt Wagen nennen, was ich that, ehe ich Dich gewann?— Fängt nicht vielmehr das Wagen erſt recht an, wenn man, um nur das einmal Gewonnene ſich zu erhalten, fort und fort wagen muß? Unſere Bauern haben ein köſtliches Sprichwort, wenn zwei Leute ſich zu⸗ ſammenthun: Sie wagt's mit ihm, heißt's dann. Ich habe das niemals vom Manne ge⸗ hört; im Gegentheil heißt's da immer: Er hat ſie gewonnen.“ „Das ſoll alſo wohl ſo viel heißen, als daß Du mit mir wagen willſt, was ich bereits an Dir gewonnen habe?“ ſagte Marlo.„Aber ſo wäre ich ja vor Dir im Vortheil?“ „Wenn Du willſt, ja“, entgegnete ſie mit großer Zuverſicht, und verklärten Auges ſetzte ſie hinzu:„So muß es ja auch ſeyn, wo das rechte Verhältniß zwiſchen Wagen und Gewinnen ſich — 374— einſtellt. Du ſiehſt, daß ich wage, ich ſehe, daß Du gewinnſt; mich ſtärkt Dein Glück, Dich ſtärkt mein Muth, und ſo, mein' ich, gewännen wir beide, Du die Stärke meines Muthes, ich die Stärke Deines Glückes. Lege dann die Hym⸗ nen und Triumphgeſänge aller Welt zuſammen, Du findeſt keinen ſchöneren Siegeston für die wahre Liebe!“ Marlo athmete hoch auf bei dem ſchönen Worte und begeiſtert rief er aus: „Weißt Du's noch, Walpurg, wie Du da⸗ mals zu mir ſagteſt, als ich die Erde anrief zum Zeugen meines Glückes? O Himmel! ſagteſt Du da, und heute verſteh' ich's!“ „Wir hatten es damals aber auch nöthig, uns an beide Mächte zu addreſſiren,“ erwiederte ſie lächelnd.„Denn hätte uns auch nur Eine nicht beigeſtanden, es möchte ſchlimm mit uns geendet haben. Gewinnen und Wagen, Erde und Himmel mit uns im Bunde, anders war es nicht möglich!“ „Mögen ſie uns Beide gnädig bleiben, mir die Erde im Gewinnen, Dir der Himmel im Wagen,“ verſetzte Marlo mit heitrem Muthe. „Die Erde iſt mir nie recht hold geweſen,“ — 375— ſagte Walpurg.„Hat ſie mir doch ſelbſt einmal eine Fauſt gemacht, daß mein Pferd ſcheute und mich abwarf. Zwar war's nur ein Stein, aber ein recht häßlicher, drohender, und ſah wirklich aus wie eine geballte Rieſenfauſt.“ „Die Erde verſöhnen wir durch Vertrauen, den Himmel durch Glauben,“ tröſtete ſie Marlo. „Zwiſchen beiden wandelt dann die Liebe unge⸗ fährdet und weiß nicht mehr von Gefahr, als die Taube in ihrem grünen Baumwipfel.“ „Wir wollen in den Wald gehen, nach der Wildſteingrotte, o komm'“, ſagte Walpurg, durch dieſes Gleichniß daran erinnert, daß der Herbſt mehr und mehr den Wald zu bräunen anfange und man eilen müſſe, ſich noch mit Waldluſt vorzuſehen für den langen öden Winter. „Aber wir gehen doch allein?“ ſagte Marlo. „Ganz allein? Wie ſollen wir das anfan⸗ gen? Eins iſt ja doch beim andern?“ verſetzte ſie lächlend. Er ſah ſie fragend an, ſie blickte zu ihm auf und flüſterte dann, ſeinen Arm feſt wider ſich drückend: „Komm', komm'— ganz allein.“ Auf den Höhen, die ſie nun beſchritten, la⸗ — 376— gen Schatten in der Sonne, als ruhte dort der müde Herbſt im Arme des heißen Sommers. In den Wolken aber war noch viel Frühlings⸗ glanz; und prächtig empfingen rings die brau⸗ nen Wälder der Landſchaft vom Abend aus goldnen Schalen die Feuertaufe ihrer zweiten Verjüngung. Die Welt ſah aus, als hätte ſie Joſt ge⸗ dichtet. „Hab' Dank, mein treuer Geleitsmann,“ ſagte Walpurg, als ſie, von Marlo geführt und geſtützt, glücklich den Felspfad zurückgelegt hat⸗ ten und Beide nun vor der Grotte ſtanden. „Nun laß uns ruhen,“ fuhr ſie fort und warf ſich am kühlen Orte auf der Moosbank nieder, den Freund an die Seite winkend. Marlo ſchien dies jedoch nicht zu bemerken, ſondern ſtand, in ihren Anblick verſunken, ſtumm vor ihr, und lächelte über ihre holde Erſchöpfung. Sie hatte beide Hände zwiſchen Haare und Wangen ge⸗ legt und die feuchten Locken von den Schläfen geſchoben, während ihr Antlitz über und über glühte. So blickte ſie, mit dem Rücken wider den Felſen gelehnt, in anmuthiger, zuſammenge⸗ ſunkener Geſtalt zum Freunde auf und überließ — 377— ſich eine Weile dem wonnigen Genuß der küh⸗ len Raſt nach mühevollem Bergſteigen. „So müde bin ich noch nie zuvor hier an⸗ gelangt,“ ſagte ſie dann. Schade! daß wir kein Pau de cologne-Glas bei uns haben! Was meinſt Du, Schatz, wenn Du als ein galanter Cavalier nach dem Schloß zurückeilteſt—2“ „Ich riskirte jedenfalls, dort, wie hier bei meiner Rückkehr, tüchtig ausgelacht zu werden,“ verſetzte er. „Dieſer Meinung bin ich auch,“ ſagte ſie. „Es gibt nichts Poſſirlicheres in der Welt als einen Liebhaber, der Lakaien- und Läuferdienſte thut. Eher mag ich es noch vom Ehemann lei⸗ den, daß er ſich zuweilen ſeiner Frau zu lieb in gelinden Trab ſetzt. Was bei ihm als Groß⸗ muth und Herablaſſung, das erſcheint bei jenem als ein Ueberſtürzen von naiven Hochgefühlen oder affektirten Huldigungen, deren unnütze Müh⸗ ſeligkeit er ſelbſt am erſten verwünſcht. Komm darum lieber zu mir auf den bequemen Moos⸗ ſitz.“ Sie ſetzte ſich bei dieſen Worten aufrecht hin, warf ihm dann munter ihren Shwal wie eine Schlinge über den Kopf und zog ihn da⸗ mit zu ſich nieder. ————— „Voilà, won lion eaptif!“ rief ſie, den Shwal loswickelnd und ihn ſtatt deſſen mit ih⸗ rem Arme umſchlingend.„Sind wir nun nicht mutterſelig allein, wie Du es haben wollteſt? Aber warum wieder dieſen ſonderbaren Blick? Kennſt Du mich nicht, oder denkſt wohl gar, ich wolle Dich bei Zeiten an die Herrſchaft meiner Launen gewöhnen?“ Sie legte bei dieſen Worten ihren Kopf auf ſeine Schulter und ihr Fuß ſpielte eine Zeit⸗ lang recht ſchalkhaft verwegen mit dem ſeinigen, der doch bei weitem nicht ſo klein und zart war. Marlo ſchlang ſeinen Arm um die zarte Ge⸗ ſtalt:„Du willſt Kampf?“ flüſterte er ihr glü⸗ hend ins Ohr. „Mit Dir?“ fragte ſie eben ſo leiſe.„Nim⸗ mermehr!— Aber horch! Was war das?“ rief ſie auffahrend.„Es ſind Leute da in der Nähe.“ Marlo trat ſogleich vor die Grotte und ſpähte durch die Wipfel der Bäume hinunter nach dem Weg, der an dem Wildſtein vorüber führte. Er hörte zwar unten viele Stimmen, konnte aber nichts von Meuſchen entdecken. Wal⸗ purg, die ihm gefolgt war, ſchaute gleichfalls nach den Wieſen hinab und ſagte:„Dort iſt's! — 379— Gewiß ſind es die jungen Leute aus dem Dorfe, welche morgen die Heuernte anfangen. Komm', lieber Menſch, laß uns ſchnell fortgehen, leicht könnte es ihnen einfallen, heraufzuſteigen, und hier ſollen ſie uns doch nicht finden.“ „Warum nicht hier?“ fragte Marlo. Sie ſah ihn einen Augenblick betroffen an, lachte dann laut auf und erwiederte:„Daß man Euch Männern doch immer Alles in's Geſicht ſagen muß! Nun, weil die Grotte dann die Bauern leicht an Dido und Aeneas erinnern könnte!“ Dieſes Argument kam ihm ſo unerwartet, daß er gleichfalls laut auflachte, wiewohl er einen ſtarken Zweifel hineinſetzte, ob die Bauern mit dem Virgil bekannt ſeyn möchten, der die Ge⸗ ſchichte von Dido und Aeneas ſo anmuthig be⸗ richtet. So verließen beide den Felſen; ſie ge⸗ langte noch früher als er ſelbſt an den Fuß des Wildſteins, wie wenn ſie mehr vor ihm als vor den Leuten, die doch erſt noch kommen ſollten, auf der Flucht geweſen wäre. Als ſie ſich dann nach den Wieſen wandten, fanden ſie dort eine zahlreiche Verſammlung von jungen Burſchen und Bauerndirnen aus dem — 380— nahgelegenen Dorfe. Dieſelben hielten ihren ſo⸗ genannten Umzug um die Herrenwieſen, womit der Anfang des morgenden Feſtes bezeichnet wurde. Jeder Bauernburſche bekam da nämlich von dem gleichfalls anweſenden gräflichen Rent⸗ meiſter ſein Stück Arbeit für die nächſten Tage angewieſen, wofür ihm im Namen ſeines Herrn, des Grafen, freie Zehrung und am vierten Tage „freie Muſik“ zugeſagt wurde. Die Mädchen erhielten ſchon heute bunte Bänder, um damit ihre und ihrer Burſchen Senſen und Rechen zu ſchmücken, wie dies von Alters her Brauch ge⸗ weſen war. Als die jungen Leute des Erbgrafen mit der Gräfin Walpurg am Arme anſichtig wurden, dachten ſie nicht anders, als daß beide gekom⸗ men wären, ſich die Vorbereitung zu dem mor⸗ genden Feſte anzuſehen. Mit lautem Jubel wurden ſie darum alsbald von der fröhlichen Jugend begrüßt und umringt, da ſie ja als glückliches Brautpaar in ihre Mitte gehörten. Marlo ſagte beim Abſchied: „Mäht nur erſt den Plan hübſch rein, und pflanzt Zelt und Maienbaum auf, dann komm ich mit meiner Braut Walpurg zu Euch und führe den erſten Tanz auf. Wer iſt von Euch in dieſem Jahre Weißburſche?“*) Sie ſagten ihm, daß die Wahl dießmal auf den Joſt Falter gefallen ſey. Man wiſſe aber noch nicht, ob er ſie annehmen werde. „Gut,“ verſetzte Marlo.„Wenn er ſich wei⸗ gert, ſo meldet es mir. Ich will dann ſelbſt Euer Weißburſche werden in dieſem Jahr und den Fichtenzweig auf den Hut ſtecken; Ihr ſollt ſchon mit mir zufrieden ſeyn!“ Ein tiefes Schweigen beantwortete dieſen freundlichen Antrag des zukünftigen Herrn. Be⸗ ſtürzung und Verlegenheit malte ſich auf allen Geſichtern und auch nicht ein Einziger zeigte ſich, der des Erbgrafen Antrag mit Bereitwil⸗ ligkeit entgegengenommen hätte. Vielmehr traten bald verſchiedene von ihnen zu geheimer Be⸗ rathung auf die Seite, mehr und mehr folgten ihnen, und Marlo und Walpurg ſahen zu ihrer Verwunderung, daß endlich ſelbſt die Mädchen die Köpfe zuſammenſteckten und heimlich Rath zu pflegen anfingen. *) In dortiger Gegend der Entrepreneur bei den Tanz⸗ beluſtigungen des Landvolkes. —— „Nun, was habt Ihr?“ fragte Marlo.„Bin ich Euch als Weißburſche etwa nicht recht, ſo ſagt's frei heraus.“ Auf dieſe Anrede hin faßte ſich endlich einer der Bauernburſche ein Herz, der wahrſcheinlich in der Rednergabe mehr bewandert war als die andern, und ſagte mit ſtotternder Stimme: „Ja, Herr Erbgraf— das ſoll nicht ſeyn und unſer Weißburſch kann Er ſein Lebtag nicht werden. Erſtens iſt der Joſt Falter gewählt, und wenn der auch nicht Ja ſagt, ſo kann doch darum kein Anderer für ihn eintreten, und dann—“ Hier ſtockte er und warf einen verlegenen Blick auf Walpurg. „Nun?“ fragte Marlo erwartungsvoll. „Und dann“, fuhr der Burſche fort,„iſt auch Seine Braut keine Weißbraut mehr— ſondern Wittwe, mit Verlaub, Herr Erbgraf, und darum kann Er Sein Lebtag kein Weiß⸗ burſch unter uns werden.“ „Das iſt freilich etwas anderes,“ verſetzte Marlo, und wußte nicht, ob er über die Naive⸗ tät der Bauern lachen oder ſich über ihre Roh⸗ heit ärgern ſollte. — 383— Jenes Burſchen Erklärung aber wurde von allen Anweſenden mit allgemeinem Beifallsge⸗ murmel aufgenommen und:„Nein! Nein! Kein Weißburſch! Sein Lebtag nicht!“ konnte er deutlich genug vernehmen. Marlo hielt es alſo für's Beſte von ſeinem Antrag abzuſtehen. Er lobte die Bauern wegen ihrer Freimüthigkeit, verſprach ſelbſt, Joſt zu be⸗ ſtimmen, die ehrenvolle Wahl anzunehmen, und erhielt dafür beim Weggehen die Genugthuung, daß ihn die Bauern zwar nicht als ihren Weiß⸗ burſchen, wohl aber doch als ihren Herrn Erb— grafen hochleben ließen.— Joſt aber lehnte die auf ihn gefallene Wahl mit Entſchiedenheit ab, ſelbſt dann noch, als auch Marlo und Walpurg wiederholt in ihn drangen das Ehrenamt zu übernehmen, und beim Feſte in dem üblichen weißen Kleide zu erſcheinen. „Ich tauge nicht dazu,— nun vollends gar nicht mehr,“ war ſeine beſtändige Antwort. Graf Emanuel fand die Geſchichte von Mar⸗ lo's verunglückter Spekulation auf die alterthüm⸗ liche Würde des Weißburſchen höchſt beluſtigend.. ——— „Ja, ja, die Bauern, das ſind harte Köpfe,“ ſagte er.„Eher laſſen ſie ſich den Zaun vom — 384— Garten, oder den Zahn aus der Kinnlade brechen, als daß ſie ſich ein Jota an ihrem guten Rechte vergeben. Und nun gar eine ſo altehrwürdige Gewohnheit, bei der ihre Väter alt geworden ſind und wovon ihre Großväter in die alten Familienbibeln niedergeſchrieben haben, daß es ſo von jeher geweſen ſei! Der Bauer unſerer Gegend iſt im Allgemeinen der Civiliſirung nicht abgeneigt; was er nicht weiß, das läßt er ſich ſchon, wenn auch nicht grade an einem Tage, aber doch allmählig, begreiflich machen, und ſein geſunder Sinn ergreift dann zuletzt das Rechte leichter und treffender, als es nach der erſten ſchwerfälligen Auffaſſung den Anſchein hatte. Darum, Kinder, ſcheltet mir den harten, ſpröden Bauer nicht roh und dumm! Es iſt ein ſchö⸗ ner echt menſchlicher Zug, daß er das Wahre und Gute immer am liebſten in einen früheren Zuſtand zurückverlegt, und eben, weil es nicht mehr iſt oder doch wenigſtens an alter Weihe und Unantaſtbarkeit verloren hat, um ſo eigenſin⸗ niger daran hängt. Im Bauer hält der Baum der Menſchheit mit ſtarken derben Wurzeln an ſeinem Urſprünglichen feſt; und während Stamm und Zweig und Krone mächtig und prächtig in die Höhe, in die Breite ſtreben, geht unten die treue ſtarke Wurzel in's Land der Gnomen und Kobolde, bricht mit grüner Kraft durch rauhe Felsſchichten und zieht die Säfte und Nahrungs⸗ Stoffe mit tauſend zarten Faſern aus der er⸗ nährenden Muttererde. Ja, ja, Kinder, der echte Bauer wird ſo gut geboren, wie der echte Ari⸗ ſtokrat, und in Beiden iſt viel Gleiches, viel Gemeinſames.“ Walpurg ſagte lächelnd zu Marlo, da ſie mit ihm allein war:„Das iſt doch Vaters lieb⸗ ſtes Thema! Nichts geht ihm über ſeine Bauern und deren Gerechtigkeiten. Aber auch ich finde es reizend, ſich mit Liebe in den ſchlichten Sinn des Volkes, in ſeine Vorſtellungen, Sitten und Gefühle zu verſenken. Das Wahre, das echt Menſchliche tritt einem da noch ſo unmittelbar, ſo urſprünglich vor die Seele, daß man nicht begreift, warum man ſo lange vergebens dar⸗ nach ſuchen, oder wie man es ſo lange an ſich ſelbſt verleugnen konnte. Ach! wir vornehmen, wir hochgebildeten und überfirnißten Leute ſoll⸗ ten nur recht oft und unverdroſſen zu den Bau⸗ ern in die Schule gehen und von ihnen wahr und ſchön empfinden lernen. Der Salon würde Die Mediatiſirten, M. 25 — 386— ſich wohl dabei befinden und manches blaſirte Ebenbild Gottes weniger darin zu erblicken ſeyn. Wie ſchön iſt nicht die Sitte mit dem Weiß⸗ burſchen und ſeiner Weißbraut! Die Jugend wählt ſich ihres Feſtes Prieſter und Führer aus der Jugend, ſchließt in ihrer reinen Freude alles aus, was an das feindliche Leben, an Alter und Vergänglichkeit erinnert, und will ſelbſt— mich nicht einmal zur Weißbraut. Was in aller Welt mag ihnen nur fatal an mir ſeyn!“ „Tröſte Dich, Walpurg,“ verſetzte Marlo lachend.„Das Loos des Weißburſchen und ſei⸗ ner Braut bei dem Feſte iſt keineswegs ein be⸗ neidenswerthes. Beide haben von Morgens bis Mitternacht nichts weiter zu thun, als nach dem erſten Tanze ſtille zu ſitzen, bis der letzte aus⸗ geſpielt iſt. Und während dieſer ganzen Zeit müſſen ſie jedem, der ihnen naht, nicht nur aus dem Glaſe Beſcheid thun, ſondern auch noch außerdem jedem, der es haben will, etwas Schö⸗ nes und Glückliches ſagen.“— „Aber wenn nun Joſt die Wahl angenom⸗ men hätte, woher bekäme er dann die Weiß⸗ Braut?“ fragte ſie. „O, dafür haben unſere Leutchen beſtens ge⸗ — 387— ſorgt“, erwiederte Marlo heiter.„Der Jüng⸗ ling, dem dieſe Auszeichnung zu Theil wird, und der ſelbſt keine Braut hat, hat völlig freie Wahl unter ſämmtlichen Mädchen des Dorfes, und der Burſche, deſſen Schatz jener zur Weiß⸗ Braut erwählt, muß ihm ſein Mädchen für die Dauer des Feſtes ohne Widerſpruch überlaſſen, ſammt allen Nechten und Anſprüchen an daſß⸗ ſelbe. Da hilft keine Widerrede, da muß jede Eiferſucht ſchweigen, und was das Merkwür⸗ digſte dabei iſt, ſo lange ich auch zurückdenke, hat doch dieſe Sitte noch niemals zu einer Strei⸗ tigkeit Veranlaſſung gegeben.“ „Das ſind mir ſonderbare Gebräuche!“ ſagte Walpurg kopfſchüttelnd. Aus der Reſidenz trafen wieder Gäſte ein, darunter die zum künftigen Dienſte Lonny's be⸗ ſtimmten Cavaliere und Damen. Außerdem er— ſchienen aus der Nachbarſchaft verſchiedene Stan⸗ desherrn mit ihren Familien, da es ſeit einer langen Reihe von Jahren hergebrachte Sitte war, in dieſen Tagen des fröhlichen Heuernte⸗ Feſtes Schloß Willingen zu beſuchen und ſich 25 — 388— daſelbſt, auch ohne Einladung, als willkommener Gaſt zu betrachten. Der Sinn des Volköfeſtes wurde auch noch in der höhern Geſellſchaft feſt⸗ gehalten; man verbannte alle ſtrengen Formen der Etikette, Jedermann überließ ſich den Ein⸗ gebungen einer heitern ungezwungenen Laune und ſuchte noch ſo viel als möglich die Reize des idylliſchen Naturlebens in ihrem herbſtlichen Dahinſchwinden zu ergreifen. Es war da gar nichts ſeltenes, empfindſame Garde⸗Lieutenants aus der Reſidenz am murmelnden Bache wan⸗ deln, oder leichtgeſtriegelte Kammerherrn, Ge⸗ heime⸗Regierungsräthe, Geſandtſchafts⸗Attachés und andere ſtille Verehrer der holden Natur mit der Empfindſamkeit arkadiſcher Schäfer über dies und das in Wolke, Flur und Wald ſeufzen zu hören. Selbſt die ſaure Milch auf den nah ge⸗ legenen gräflichen Meyerhöfen ward gekoſtet und deliciös gefunden, ſelbſt die prächtigen Schwei⸗ zerkühe im Stalle wurden bewundert und mit Glageehandſchuhen geſtreichelt; gern ſetzte man ſich dabei über Pfützen und andere Inconvenien⸗ zen des Landlebens hinaus, ergoß ſich in be⸗ geiſterten Phraſen über die Wohlthat einer ge⸗ ſunden Kuhſtall⸗Luft, und nur die großen Kreus⸗ — 389— ſpinnen in den ſonnigen Eckplätzen, nur den fa⸗ talen Duft in den Abzugskanälen wünſchte man beſeitigt. Der deutſche Salons⸗Menſch und der deutſche Kuhſtall⸗Menſch hatten in dieſen Tagen des fröhlichen Heuerntefeſtes wenigſtens das mit einander gemein, daß ſich einer um den andern mehr als zu jeder andern Zeit bekümmerte und das Wedeln des Kuhſchwanzes, das Brummen des ſtattlichen Bullen Herrchen und Fräuleins ebenſo ſehr entrainirten, als den Melcher und die Liſe, den Peter und die Käthe die näſeln⸗ den Stimmchen der feinen Damen oder die glän⸗ zenden Lorgnons der feinen Herren. Das goldne Zeitalter ſchien in die Welt zurückgekehrt, man nahm von Seiten der diſtinguirten Perſonen keinen Anſtand, ſich zu ſagen, daß man ſchon während dieſer paar Tage im Jahre den Ennuy der Idylle ertragen und dem Volke mit gutem Beiſpiel ländlich⸗ſittlicher Einfalt vorangehen müſſe. Zudem gehörte es ja zum bon ton, im gräflichen Familienkreiſe zu Willingen mit bür⸗ gerfreundlichen Sympathien vertraut zu thun, vielleicht ſelbſt mit Bürgerlichen zu rangiren und überhaupt dort eine ganz andere derogirtere Fi⸗ gur zu ſpielen, als in der Reſidenz oder — 390— in ſonſtigen erxeluſiven Zirkeln der haute volée. Durch die neueren Verhältniſſe war der ſchöne natürliche Ton in der Familie des Gra⸗ fen Emanuel keineswegs geſtört worden, denn Arthur und ſein treuer Schildknappe in allem guten Thun, der blonde Hauptmann, begriffen es vortrefflich, ſich in dieſe Stimmung hinein⸗ zufinden, da ja beide ſelbſt unter dem Drucke der Etikette und der Diſtinction ſchmachteten. Daher irrten denn auch alle die, welche ſich von den diesjährigen Herbſt⸗Feſtlichkeiten auf Schloß Willingen eine noblere und vorzugsweis auf die Grundgeſetze der Hofetikette baſirte Haltung verſprachen; im Gegentheil ſchien es Graf Ema⸗ nuel in dieſem Jahre darauf angelegt zu haben, ſeine diſtinguirten Gäſte nur mehr als Staffage des Ganzen, denn als Hauptperſonen in den Vordergrund zu ſtellen. Es ſollte jedem über⸗ laſſen bleiben, wie er ſich mit ſeinen Paſſionen während der feſtlichen Tage am beſten in die allgemeine Freuve und Herrlichkeit hineinfinden wolle; die Hausordnung geſtattete von vorn⸗ herein jede mögliche Freiheit, und wie das Kom⸗ men, ſo war auch das Gehen einem Jeden über⸗ — — 391— laſſen. Freundlich verwebte Lueinde des Hauſes neues Doppelglück mit der alten Bedeutung des 3 Erntefeſtes; Arthur und Lonny, Marlo und Walpurg ſollten darin zugleich das Frühlings⸗ feſt ihrer Liebe feiern und es von glücklichen Menſchen mitgefeiert ſehen. Nur Walpurg kam ihr ſtille vor. Faſt trübe ſah ſie in die heiteren Vorbereitungen zu dem Feſt der grünen Wieſen. „Lieb Herz, wer heißt mich denn ſo ſeyn?“ antwortete ſie auf Lueindens beſorgte Fragen. „Du nicht, und kein Menſch, und ich ſelbſt nicht! Auch bin ich im Grunde ſo wenig trau⸗ rig, daß ich nicht wüßte, wie ich mich glückli⸗ cher fihrem ſollte. Ah! Was wird Marlo noch Alles aus mir machen! Da iſt ein Wort von ihm hinreichend, mich tagelang zu beſchäftigen. Da ſagt er z. B.„tief!“ und ich werde tief⸗ ſinnig über dem Wort, und immer tiefer hallt es in meiner Seele wieder. Ging Dir's denn auch ſo mit Deinem Eduard? Ich kann den Ton von Marlo's Stimme niemals los wer⸗ den und oft ruft er mich Nachts im Traum ſo laut, daß ich aufwache und an's Fenſter laufe, weil ich meine, er ſey draußen.“ — 392— ℳ „Erwarteſt ihn wohl“, ſagte die Schwägerin recht boshaft. „Aber ich wollte ja wiſſen“— „Ob es mir ebenſo ergangen?“ fuhr Lueinde fort.„O gewiß, und noch immer hör' ich Eduards Stimme, wie er mich ruft, wie er dies und das zu mir ſagt, daß ich oft meine, er ſtünde dicht hinter mir. Das Ohr der Liebe hat ein gar treues Gedächtniß, und bei Sterbenden beſon⸗ ders tritt das oft ſehr deutlich hervor. Sie ſind ſchon todt, alle Sinne hören auf und nur im Ohre will der Ton des Lebens nicht verhallen.“ „Das Ohr iſt ein ſonderbares Ding“, ſagte Walpurg.„Ich höre zum Beiſpiel oft ein un⸗ beſtimmtes Dröhnen in der Luft oder unter der Erde, das die mir nächſten Perſonen nicht ver⸗ nehmen, obgleich ich ſie darauf aufmerkſam mache.“ „Es dröhnt in Dir,“ meinte Lueinde.„Du hörſt es nur außer Dir.“ Walpurg ſah zur Erde und erwiederte leiſe: „Dröhn' es denn auch glücklich aus.“ In dieſe Zeit fallen wohl die nachfolgenden Betrachtungen, welche wir in den Papieren Wal⸗ — 393— purgs finden. Unverkennbar iſt darin, daß die lichte Seele ſich der dunklen Ahnung nicht erwehren konnte, als ſey mit dem, was ſie bereits gewonnen, noch nicht Alles gewonnen, als müſſe noch et⸗ was geſchehen, was über Marlo's Beſitz, über das Glück ihrer Liebe hinaus, ſie einen Zuſtand gewinnen ließe, der von dem Gegenwärtigen alles, was darin ſchön und hold und glücklich, an ſich ziehen und dennoch ihren Geiſt mit einem ganz andern Gefühl von Gewißheit und ſeligem Frieden ſeines Glückes erfüllen werde. Wie ſie aber dieſen Zuſtand nannte, wie ſie ihn ſich überhaupt dachte, leſen wir wohl am beſten aus folgenden Zeilen heraus: „Was iſt denn das Glück? Wo fängt's an, wo hört's auf? Muß das Herz höher ſchlagen oder muß es brechen, wann es am Glücklichſten iſt? Ich denke mich oft in jene Tage zurück, wo die Menſchen um mich herum nicht wußten, was ſie anders als eine Träumerin aus mir machen ſollten. Damals, mein' ich, wär's mir ſo recht deutlich geweſen, was Glück ſey, ewiges unend⸗ liches Glück; damals, mein' ich, hätte ich's em⸗ pfunden, erlebt,— dieſes eine Gluck, deſſen Definition mir jetzt ſo ſchwer fällt. Ja, gewiß, — 394— das wahre Glück des Herzens weiß ſo wenig von ſich, als die Unſchuld von ſich weiß, daß ſie Unſchuld iſt. Das wahre Glück ſieht dich an, groß und ſonnig, wie der ewig heitre blaue Himmel, unendlich, wie die Sternnacht mit ihren Weltenfernen. Nicht das Einzelne, nicht das Be⸗ ſondere gewinnt darin Gewicht und Bedeutung; denn nennſt du ſchon dein Glück mit einem Namen, o Menſch, kleideſt es in die reizende Erſcheinung der Liebe, oder wie du es nennen willſt, ſo haſt du damit ſchon den beſten Theil deines Glückes aus der Hand gegeben, und dein iſt's nur noch, weil du daran glaubſt. Darum ſieht es dich dann aber auch oft ſo räthſelvoll und unbegreiflich an, darum drängt es dich, die ganze Fülle deiner Seligkeit über den einen geliebten Gegenſtand auszuſchütten und in ihm zu umfangen was du ſonſt wie ein Unendliches außer dir mit allen ſchönen und großen Worten deiner Begeiſterung ausdrückteſt. Ach ja wohl, der Himmel über uns beſitzt ſich doch leichter als der in unſerm Herzen; und leichter mag auch wohl des Geiſtes Sehnſucht durch Ewig⸗ keiten ſchweifen, als hier im wechſelnden Leben unter einer ſchönen Blume Pflege und Wartung dem großen Frühling der Seligkeit entgegen⸗ träumen. Denn als einen Frühling, einen para⸗ dieſiſch goldnen Frühling denk ich mir dieſe Selig⸗ keit. Da muß alles, was wir hier wegen ſeiner Schöne und Göttlichkeit mit heiliger Scheu an⸗ ſtaunen, nur Knospe ſeyn im Vergleich zu dem Frühling, den ſich die gläubige Menſchenſeele hinter den Schatten des Todes aufgeblüht denkt und ihn Seligkeit nennt.“ „Und doch, was zwingt uns denn eigentlich und drängt unſeren Geiſt mit ſeiner unendlichen Sehnſucht ſo mächtig zu dem Einen, zu dem Ein⸗ zigen, daß wir es lieben und um ſeinetwillen alles andere aufgeben? Sind wir zu arm an Gefühl, um uns ein Glück zu gewinnen, das keinen Namen hat und an nichts anderem haftet, als an unſerm Geiſte und dem Glauben an ſeine Ewigkeit? Oder ſind wir zu reich an Gefühl und entäußern uns, wie der blüthenüberreiche Baum, eines Theils unſerer Sehnſucht, nur damit wir mit um ſo mehr Kraft und Ausdauer an dem Einen feſthalten und die Frucht ſichern können?“ „Ah, du reiches und doch ſo genügſames Herz! Daß du doch Alles, was du liebſt und erſehneſt, was du dichteſt und trachteſt, zuletzt in einem Gefühle zuſammenthuſt, das dann dein Eins iſt und dein Alles! Aber auch das iſt ja Gebet der unbegrenzten Andacht,„Gott“ ſprechen und nichts ſonſt. Und ſo erfindet ſich auch das Herz in ſeinem unendlichen Glücke einen Namen, der ſein Gebet wird für alle Gebete, und mit dem es nennet, was ihm nur immer unendlich dünkt. „Da war geſtern ein Tag, o nimmer vergeß' ich den, wär' es auch nur um der Nacht willen, die ihm folgte. Die Sterne ſtanden ſo ſtill am Himmel, als hätte Gott ihnen zugerufen, von ihrem Wandel abzulaſſen und die Welt in Ruhe zu beſcheinen. Ruhe am Himmel, Ruhe auf Er⸗ den; nur in meinem Herzen ein Zittern und Klopfen, daß ich's gar nicht beſchwichtigen konnte. Was war das für eine Sorge? Als hätte ich etwas gethan, wofür die Geſetze der Erde noch keine Sühne geſchaffen, ſo ängſtlich fühlte ich mich bewegt in dieſem allgemeinen ſtummen Frie⸗ — 397— den der Schöpfung. Ach es war wohl nur die Sorge, nicht um Vergehen und Vergänglichkeit, wohl aber die Sorge um das, was kein wahrer Menſch thut ohne Angſt: Sein ewiges Glück überdenken und den Tod der Erde dabei nicht vergeſſen. Denn das muß doch wahr ſeyn, wenn auch ſonſt nichts wahr iſt von allem, was man den dunklen Archiven des Grabes Unheimliches andichtet: Der Tod trennt! Das iſt fürchter⸗ lich! Mich getrennt denken von Marlo, mich in einem Zuſtand wiſſen, wo ich ihn nirgends finde, wo mein Geiſt nicht weiß: Da oder dort lebt er, und das Herz dazu mich nicht tröſtet: Genug, daß er lebt:— dann hörte ich auf!— Ja gewiß!“ „Denn leben kann doch nur, was die Ge⸗ ſetze des Lebens erfüllt, was alles das wiſſend oder unwiſſend thut, woran ſeine Eriſtenz gebun⸗ den iſt. Nun aber ſollt' ich leben ohne Marlo? Und eine Seele dazu haben? Nein das ginge nicht, denn was Seele in mir wäre, das müßte entweder von ihm wiſſen und ihn lieben,— oder es müßte aufhören.“ „ — 398— „Ich habe, daß ich es mir nur endlich ſelbſt in die Feder dictire, eine ſonderbare Ahnung von meinem baldigen Tode. Und geſtern Nacht, in der ſtummen Natur, da wußte ich es ſogar, daß die Welt auch ohne mich beſtehen wird! Großer Gott! Wirf mich aus deinem Tempel hinaus, und du, ewige Güte, verſchließe mir dereinſt den Himmel— nur laß' mich auf der Erde, ſo lange Marlo darauf verweilt! Aber was mich ſo ſon⸗ derbar ängſtigt, darüber kann ich mir eigentlich nicht einmal klar werden. Es iſt mit allem, was ich erlebe, als ginge im nächſten Augenblick die Scheere der Parze ſchneidend hindurch und ab⸗ fiele die Locke, an der ich den fliehenden Engel meines Lebens feſthalten möchte. Auch verſuche ich umſonſt, mir meine Zukunft auszudenken. Als ob ich gar nicht wüßte, noch es möglich ſein könnte, daß ich länger lebte, als bis zum Moment, wo ich erſt recht leben möchte, als ob dann plötzlich alles aus wäre, mein Seyn ein ſchönes kurzes Meteor!— Und Marlo zurücke? Wie kommt's doch, daß ich ihn mir nicht als meinen Mann, mich nicht als ſeine Frau denken kann? Weg, weg, du fürchterliche Wand, die ſich hier jedesmal, ſo oft ich dieſer Vorſtellung — 399— nachdenke, zwiſchen mich und meine Fantaſie ſchiebt, daß ich nicht ſehe, wie das wird, was doch werden ſoll.“ Wir erſehen aus dieſem ſchriftlichen Bekenntniß, in welche Stimmung Walpurg durch den Ge⸗ danken an ihre Zukunft verſetzt wurde. Oft mitten in ihrem ſchönen großen Glücke überkam ſie dann die düſtere Vorſtellung von einem Ende vor der Zeit, daß heißt, in ihrer Sorge Sprache überſetzt, vor einem Geſchick, das ihr faſt zugleich mit Joſt's dunklem Prophetenwort als ein Nahes, ein Unentrinnbares ſich darſtellte. Sie hatte kein Bild von ihrer Zukunft, ſchon das ängſtigte ſie; wie ſie es auch ängſtigte, daß die Welt in jener Nacht, der ſie in den vorigen Blättern Erwähnung gethan, ſo ſtumm vor ihr gelegen hatte. Und was nicht Alles ängſtigt ein tiefes Ge⸗ müth im Gefühle, daß die Stunde näher und näher tönt, wo jeder Wunſch in der Bruſt ſchweigen, jede Sehnſucht feiern und das ſo viel⸗ geprüfte ſtarke Herz ſeine letzte Kraft im Ge⸗ winnen und Erleben ungeahnter Seligkeit prüfen und bewähren ſoll. Walpurg gehörte zu den liebegeweihten Naturen, die ſich nun einmal hinter der letzten Erfüllung ihres Glückes keine weitere Beſtimmung ihres Daſeins mehr denken können. Wie die Blume im allerſchönſten Aufblühen auch dem Tode ſchon am Nächſten, ja wie der Blume ganzes Prangen und Blühen eigentlich nur der Anfang ihres Sterbens genannt werden kann, ſo kehrt in Seelen, die auch von einem Blühen wiſſen, oft ein Gefühl ein, als ertödte ſich das Herz grade im holdeſten Blühen,— verblute, vergehe! Wir erzählten neulich, daß Walpurg trübe in die freundlichen Vorbereitungen Lucindens zum Feſt der grünen Wieſen hineinſchaue. Sie erklärte ſich's nicht, was ſie bewegte, und nannte es auch mit keinem andern Namen, als daß ſie's dem Dröhnen verglich in Wolke und Erde. Auch gab's ja Sonnenblicke genug, wo von den Höhen des Glückes, auf denen ſie wandelte, alle Schatten ſchwanden und Licht, nur lauter Licht die ſchöne glückliche Welt beſchien. Marlo aber vergaß immer mehr, daß er auf Erden wandelte und ſeiner Liebe Glück vom Himmel nur als Lehen empfangen habe. Präch⸗ tig, wie der goldne Herbſt ſelbſt, reifte die Traube ſeiner Sehnſucht dem Wein der Erfüllung ent⸗ gegen, und ſchon berauſchte ihn ihr Duft und weckte alle Organe ſeiner glühendſten Empfin⸗ dungen. Was in Walpurg tiefe ſchattenhafte Andacht, das war in ſeiner Seele helles, jubeln⸗ des Entzücken, und zur Liebesluſt geſellte ſich bald auch noch die Dichterluſt. Zwar blieb's eben bei der Luſt und dem Drange in voller begeiſterter Bruſt; aber auch darin gewann ſeine poetiſche Stimmung täglich neue Nahrung, und gerne mochte er mit Ludwig über die Pläne zu künftigen Großthaten auf dem Felde der Literatur ſprechen. So ſagte er einſt: „Das fehlt uns Deutſchen gar ſo ſehr, daß wir unſere Poeſie gewöhnlich unter Hunger und Lunger, einen armen Lazarus, auf den Schwellen des Lebensgenuſſes abſetzen und ſie dort darben laſſen. Wo ſind die Dichter der Nation, die frei und freudig Eintritt erhielten in den Saal voll Pracht und Herrlichkeit?„Laßt mir herein den Alten!“ rufen zwar auch unſere Könige mit Göthe aus, aber dann ſind's auch eben nur die Alten, denen alſo Heil und Gnade widerfährt, während ſich die Jungen, die Tapferen, im end⸗ loſen Kampf mit dem Philiſterium herumplagen Die Mediatiſirten, 1I. 26 — — 402— und, o, wie häufig, darin untergehen müſſen! Den Einen erlöſtt das Grab, den Andern das Narrenhaus, den Dritten gar das Philiſterium ſelbſt von der ſchweren Noth, mit deutſcher Zunge zu deutſchen Ohren im Lied der ſüßen Dicht⸗ kunſt reden zu müſſen. Ja, nenne mir doch jetzt einen einzigen Dichter von Bedeutung, der nicht entweder übergeſchnappt iſt, oder eine Prima⸗ donna geheirathet hat! Du lieber Gott! Mit der Kehle der Coulliſſennachtigall muß der Sänger der Ewigkeit eine Alliance ſchließen, nur um noch zeitweiſe einen Quiek hören laſſen zu können! Mir will es wirklich manchmal vorkommen, als ſeyen unſre meiſten Poeten eigentlich gar keine Poeten mehr, ſondern alles eher, denn Söhne der ſchönſten, freieſten Kunſt auf Erden. Da hobelt Dir, zum Beiſpiel, Einer in vier Wochen einen Band Verſe zuſammen und nennt's poli⸗ tiſche Poeſie! Artige Verſe, o ja, auch recht ar⸗ tige Bildlein; aber der bewegende Gedanke fehlt dem guten Mann der Bewegung, und zu⸗ letzt reiſſt er in die Schweiz, und beſieht ſich die Welt, die er nicht anders machen kann, aus der Vogelperſpective. O dieſe Kammerhuſaren des Genies, ſie haben uns Jüngern viel verdorben! — 403— Denn die Nation ſchmeckte bald die Bettelſuppe aus der angeblichen Kraftbrühe des Patriotismus heraus, und nachdem die paar armſeligen Fett⸗ augen weggeſchöpft waren, ſtand darunter zum Verwundern hell das klare Waſſer, und ſah Einen ordentlich appetitlich an!— Und daß ſie das Handwerk recht zu Ehren bringen, darf auch der liebe Brodneid nicht fehlen; denn wer heut zu Tage wirklich gute Verſe macht, oder gute Dramen ſchreibt, der thut damit etwas, was er in den Augen ſeiner collegialiſchen Mitchriſten nicht vor Gott verantworten kann:— er macht ſich berühmt und nimmt Geld ein! Im Alterthum war das wirklich anders, da lebte der Ruhm von den Dichtern, heut zu Tage leben die Dichter vom Ruhm.“ „Und von der Bläme!“ ſeufzte der Student Ludwig.„Berühmt und berüchtigt— gleichviel, wenn nur das Buch geleſen wird und Spektakel macht! O des Pechs, heut zu Tage ein deutſcher Barde zu ſeyn!“ Während deſſen klirrten ſchon die Senſen durch's hohe Gras und allüberall auf den Wie⸗ 265 ℳ — 404— ſen des Waldes herrſchte fröhliches geſchäftiges Leben. Unter Lachen und Scherzen mähte und rechte man, und immer weiter kam der Wieſen⸗ boden, ſeines üppigen Graswuchſes beraubt, unter dem Blinken der Senſen in ſeinem ur⸗ ſprünglichen helleren Grün zum Vorſchein. Wäh⸗ rend die rüſtigen Burſchen die Senſen ſchwan⸗ gen, waren ihre ſchmucken Mädchen in den wei⸗ ßen Hemdärmeln, die kaum bis zum Ellenbo⸗ gen reichten und in ihren kurzen faltenreichen Röcken von rothem Tuche, mit den Rechen hin⸗ ter ihnen drein, breiteten das Gras auseinan⸗ der, damit es an der Sonne dürr werde, und riefen einander fröhliche Reden zu, die dann unter Scherz und Lachen weiter gingen von einer Mähderin zur andern, bis tief hinunter zum letzten Mähder⸗Paar im kühlſonnigen Wie⸗ ſengrund. Auch gab's dazwiſchen manchen lu⸗ ſtigen Fall, der allgemeine Heiterkeit erregte. Bald jagte man einen armen Haſen auf, der nun rings von mörderiſchen Senſen und ge⸗ ſchwungenen Rechen bedroht, von einem Wieſen⸗ Ende an's andere gejagt wurde, bis er dann endlich unter allgemeinem Zujauchzen den Kreis durchbrach und Rettung im Buchwald ſuchte. Auch das Echo am Wildſtein ſpielte eine Rolle und hallte beſtändig vom Jauchzen und Zuruf der jungen Leute wider. Mit einem Wort, der Eindruck dieſer ländlichen lebendigen Scene war ein überaus freundlicher, und beſonders die ma⸗ leriſchen Trachten der Mädchen bildeten auf dem ſonnigen Wieſengrund ein allerliebſtes Bild, welches ringsum dunkle Wälder mit ihren Schat⸗ ten umrahmten. Einmal kam Walpurg mit Marlo und andern Gäſten, um ſich den Fort⸗ gang der Arbeit zu betrachten. Die kleine Ge⸗ ſellſchaft wurde von den jungen Landleuten mit Jubel empfangen, und Walpurg erhielt von ei⸗ nem der Mädchen einen überaus künſtlich aus zarten Gräſern und feinem Schilf geflochtenen Kranz, den ſie ſich um den Kopf legte,„der Oreaden und Napäen liebliche Königin“, wie der Profeſſor ſie grüßte. „Glückſeliges Völkchen!“ rief ein ſüß wis⸗ pelnder Kammerherr und hielt ſich vor dem effrayanten Heuduft den ſeidenen Foulard mit dem Patchouli unter die Naſe.„Das nenn' ich Comfort der Idylle! Par honneur! Die Men⸗ ſchen ſind ſelbſt Schuld daran, daß ſie das ver⸗ lorene Paradies nicht wiederfinden. Was ſagen — 406— Sie zu dieſem Project, meine Damen? Wenn wir hier eine paradieſiſche Colonie comme 1l laut improviſirten und allen modernen Tic auf einige Stunden bei Seite ſetzten?“ „O won dieu! Nichts Ennuyanteres in der Welt, als ein Paradies, lieber Baron!“ erwie⸗ derte die liebenswürdige Baroneſſe von E.„Laſ⸗ ſen wir das in Gottesnamen verloren ſeyn! Ich glaube, es iſt die Hahn⸗Hahn, oder die Paal⸗ zow, welche das verlorene Paradies von Milton einen Gout de la dormeuse nennt.“ Walpurg und Marlo waren endlich ſo glück⸗ lich, dem tödtlichen Nichts dieſer Converſation zu entgehen und luſtwandelten weit von der üb⸗ rigen Geſellſchaft entfernt an dem See hin. „Die arme Lonny! Wie wird ſie ſich in der Reſidenz nach uns umſehen, unter dieſem Volk von Pfauen und Papageyen!“ ſagte Wal⸗ purg. „Ich hielt es nicht aus,“ verſetzte Marlo, „dieſes Leben aus einem Tag in den andern ohne einen andern Lebenszweck, als den ſich zu ennuyiren! Welch' eine Bildungsloſigkeit und Gefühlsdürre herrſcht in dieſer vornehmen Ge⸗ ſellſchaft! Unter Dutzenden von Larven oft nicht — 407— eine einzig fühlende Bruſt! Worte! Worte, nichts als Worte! und ſonſt nur abgeſtandene, längſt verpuffte Jdeen und Sympathieen, an die kein Menſch mehr glaubt!“ „Ich wollte, wir wären im Stillen,“ ſagte Walpurg.„Mir kommen dieſe Land- und Stadt⸗ junkerfiguren, wie ſie ſich hier um uns herum bewegen, beinahe vor, als ſähen ſie ſelbſt zum erſtenmal in die Nichtigkeit und Leere ihres Daſeyns hinein und wüßten ſie doch mit Nichts auszufüllen. O ja wohl hat Shakespeare recht, wenn er Machbeth ſagen läßt: „Die Erd' hat Blaſen, wie das Waſſer hat.“ Da trat Lucinde, die vielgeſchäftige, mit freudeſtrahlendem Antlitz zu ihnen und ſagte: „Kinder! Liebe Kinder! Wißt Ihr auch ſchon die Neuigkeit? Der Großherzog hat aus Ver⸗ anlaſſung von Arthur und Lonny's Verlobung die Begnadigung der politiſchen Gefangenen aus⸗ geſprochen und alle ſind ſogleich auf freien Fuß geſetzt worden. Als Lonny es hörte, meinte ſie, das ſey nicht mehr als billig, da ja ihre nächſten Anverwandten, ihr Vater, Bruder und ſie ſelbſt, gleichfalls Demagogen ſeyen!“ „Kommt, kommt,“ ſagte Marlo,„das gibt — 408— eine köſtliche Ueberraſchung für manche unſerer werthen Gäſte! Und für uns obendrein noch eine erwünſchte Gelegenheit zu phyſiognomiſchen Stu⸗ dien: denn in keinem zweiten Fall zeigt ſich das menſchliche Geſicht wahrer und drückt treuer den innern Menſchen aus, als wenn Einer eine bittere Pille ſchlucken und dabei ſüß lächeln muß!“ Brieffragment Ludwig Welker's. „Der Sterne allerſchönſter, mein Lieber, iſt doch der Hoffnungsſtern! Das mag wohl ein alter Satz ſeyn, aber wer ihn erlebt, der glaubt ihn gern. O wie preiſ' ich dich darum, holdes Geſtirn, das mich noch ehe ich es ſelber erkannte, hierhergeführt in dieſes Aſyl alles Schönen und Freundlichen der Welt! Ich kann wohl in Wahr⸗ heit von mir ſagen: Seitdem ich hier zur Ruhe gekommen bin, iſt's lebendig in mir geworden und alle Pulſe meiner Begeiſterung fliegen noch einmal ſo raſch. Ruhe, ich ſagte es Dir ja immer, ſchadet nicht dem thätigen Streben, und den Poeten zumal ſollte man jederzeit wenigſtens ſo viel Ruhe gönnen, als ein Menſch braucht, um aus den Windeln gemach heraus, durch alle ſchwarze und weiße Wäſche dieſes Lebens und endlich ins Sterbehemdlein ſich hineinzuwickeln. Denn ich weiß nicht, ſagt's ein alter Philoſoph oder ſage ich es: Der eigentliche Hauptzweck unſeres Daſeyns beſteht ja doch nur darin, daß wir beſtändig Wäſche abtragen und aus einem Bielefelder Leinwandhemd in's andere kriechen. „Du kennſt meine Art zu ſein, wenn viele Menſchen um mich ſind, die alle die Hände voll zu thun haben, um nur mit ſich ſelbſt fertig zu werden. So ſteht's auch gegenwärtig in Willingen, wo man jetzt an einem Tage mehr Athemloſig⸗ keit verkonſumirt, als ſonſt in Wochen und Monaten. Es fällt eigentlich keinem Menſchen ein, für etwas anderes da zu ſein, als für das, was alle beſchäftigt und wofür alle mehr oder weniger ihre eigne Perſon in den Vordergrund ſchieben, um bei jeder thunlichen Gelegenheit den Hauptperſonen Platz machen zu können. Des Prinzen Anweſenheit gibt zu den maßloſeſten Erwartungen auf Ehre, Glanz und Beförderung Veranlaſſung; und ich glaube gewiß, daß von drei Menſchen, die ihm nahen, zwei wegbleiben würden, wenn er kein Prinz wäre! Und ſein großes Glück macht ihn ſo leutſelig, ſo herab⸗ — 410— laſſend! Marlo iſt viel vornehmer geworden und dünkt ſich ſchon was Rechtes im Beſitz der herr⸗ lichen Walpurg, da hingegen der Fürſtenſohn und die Prinzeſſin alle Menſchen mit Huld überſchütten und beſtändig ihres Glückes Fülle mit vollen Händen ausſtreuen wollen. Bei ihr kommt nun noch obendrein die Freude über die Standeserhöhung dazu; wer ſie Hoheit anredet, dem muß ſie ſich unwillkürlich neigen und ihn mit Erröthen anhören. Ihm hingegen hat Lonny eine ganz neue Seite des Lebens aufgeſchloſſen. Sie führt ihn allen Menſchen zu, als wenn er mit ihrer Hülfe erſt recht zum Gefühl der ſchönen Menſchenliebe gelangen könne. Mit einem Wort, ich nenne den Bund ihrer Seelen ein wahres Heil für das Volk, deſſen Zukunft ſich darin ſo glücklich verwebt ſieht. „Du magſt Dir ſelbſt ein Bild von unſrem gegenwärtigen Leben entwerfen. Lonny hat dieſe Umwandlung neulich ſchön und ſinnig aufgefaßt, indem ſie bemerkte, man ſähe keine einzige blaue Taube mehr auf dem Schloßthurm. „Nun denke Dir eine dieſer blauen Tauben, die den Flug auf ihrer Flucht aus dem lauten unge⸗ wohnten Tumult der Menſchen in die ſtille Waldes⸗ — 411— einſamkeit genommen undſſich dort ein friedlich Neſt⸗ chen hoch in grünen Buchenwipfeln erbaut hat. „Mir kam er recht zu Statten, dieſer Doppel⸗ bund der beiden Liebespaare und das, was ihm folgte an lauter Verwirrung und feſtlichem Ge⸗ pränge. So mußte auch ich auf eine Zuflucht bedacht ſeyn und ſuchte und fand Schliche und Wege genug, mich, ſo oft mir beliebte, unbemerkt davon zu ſtehlen und hinter mir zu laſſen, was da Hochwohlgeboren und Hochgeboren, privilegirt und diſtinguirt über den glänzenden Parket ſtol⸗ zirt und das Bürgerpack kaum über die Achſel anſieht. Zwar muß ich es meinen edlen Gönnern nachrühmen, daß ſie mich den Standesgenoſſen gegenüber ſo ziemlich in der Schwebe gehalten haben und mir jederzeit zu Hülfe kamen, wenn die Marquis und die Marguiſinnen, die Huſaren⸗ rittmeiſter und die Hoffräuleins Miene machten, mich„in meines Nichts durchbohrendes Gefühl“ zurückzuſchleudern. Aber was ich auch dadurch gewann, das ſchluckte ſich doch, bei aller can⸗ dirten Toleranz, ſo ſauer bitter hinunter, daß ich bürgerlicher Tolpatſch mit meinem ariſtokratiſchen Air oft noch mehr Aergerniß erregte als mit meiner Domeſtiken⸗Impertinenz. — 412— „Nun aber, um zur blauen Taube zurück⸗ zukehren, mußt Du wiſſen, daß eine Stunde von hier entfernt, in einem alten Eulenneſt von Ritterburg, dem Stammſchloß des gräflichen Geſchlechtes, im letzten Frühling das Sonder⸗ barſte ſich mit mir begab, was einem Menſchen, der ein deutſcher gefühlvoller Jüngling iſt, über⸗ haupt paſſiren kann. Es wäre zu weitläufig, wollte ich Dir erzählen, bis zu welcher ſchwin⸗ delnden Höhe von Empfindſamkeit mich die Liebe zu einem wunderholden Waldkind mit Namen Clara allgemach hinaufgegipfelt hat. So viel nnr wiſſe, daß die Philoſophie auf Claras Lippen all meinen heißen Fauſtiſchen Wiſſensdurſt ge⸗ löſcht und mich auf ewig zu ihrem eifrigſten Bekenner gemacht hat. Ach, was iſt alles Wiſſen und Forſchen, alles Dichten und Träumen unſres Geiſtes gegen jene Erkenntniß! Aber es gehört auch eben alles dasjenige dazu, wie ich es bei Clara fand, um mich in zweimal vierundzwanzig Stunden über die Verkehrtheit meiner ſeitherigen Lebensphiloſophie aufzuklären und mich von dem Wahne zu heilen, als wenn ein Menſch, der nicht zu lieben verſtünde, überhaupt etwas verſtünde. „Nun aber ſollſt Du auch, magſt wollen oder — 413— nicht, in kurzen Worten hören, wer eigentlich dieſe Clara iſt, wobei ich Dir nur im Voraus bemerke, daß ich das eigentlich ſelbſt nicht weiß, ſo wenig als ſie. Aber das iſt grade das Rei⸗ zendſte von allem, daß hierüber ſolch ein roman⸗ tiſches Dunkel ſchwebt, welches ich fur's Erſte kaum mehr aufgehellt ſehen möchte, als bereits geſchah. Clara iſt nämlich der Name, den ſie führt, ſeitdem ſie bei ihrem angeblichen Oheim, dem alten Elias Falter, auf dem Schloßberg wohnt. Sonſt in Rom, wo ſie geboren wurde, hieß ſie Marline, ein Name, der vieles errathen läßt, wenn man weiß, daß Graf Louis ſie nach dem Tod ihrer Mutter, einer italieniſchen Sän⸗ gerin, hierhergenommen hat, derſelbe Graf Louis, welcher in dem wieder aufgelebten Namen Marlo zugleich den des alten Ahnherrn des Hauſes Willingen verehrt und ihn niemals ohne Ehr⸗ furcht und Rührung ausſpricht. Füge ich nun noch hinzu, daß Marline ihrem Namensvetter Marlo wie aus dem Geſicht geſchnitten ähnlich iſt, ſo ähnlich beinahe, wie ihr Name dem ſeinigen, dann magſt Du Dir das Weitere mit deiner Fantaſie ausmalen. Du haſt damit zugleich einen ſuperben Stoff zu einer Dichtung im allermodern⸗ 4 6 — 414— ſten Genre. Unten der Salon und die Grafen⸗ familie, der alte Onkel Lonis, eine lange hagre Camoens⸗Figur, eine ſchwarze Taffetbinde vor dem Auge; oben eine graue Ritterburgruine mit diverſen unheimlichen Spukgeſchichten, einen präch⸗ tigen wilden Wald rings herum und im kleinen Hauſe des Kaſtellans das liebliche Kind, das man unten im Schloß desavouirt und in Geſell⸗ ſchaft eines alten Kräuterſammlers und deſſen Pflegeſohn, eines barocken Menſchen mit Namen Joſt Falter, den Augen der Welt verbirgt. Ein Zufall entdeckte mir ſie, als ſie vom hohen Thurme der Burgruine herab die vom Abendgold beleuchtete Welt betrachtete, in der ſie ſo fremd war, wie ihr dieſe Welt. Seitdem habe ich ſie oft geſehen, und das Geheimniß in dem ſie lebt, reizt mich, es durch meine Liebe noch tiefer und geheimnißvoller zu machen. Ich komme öfters zu ihr hinauf, wenn der Alte und ſein Pflegeſohn weggegangen ſind. Eine Birke auf dem alten Thurme, die ich von meinem Fenſter aus deutlich ſehen kann, und an welche ſie, wenn ſie allein iſt, ein Tuch bindet, dient uns zum Signal. Mit einem Worte: Was unten im Schloſſe mit lautem Tumulte geſchieht, thun — 415— wir oben um ſo ſtiller und verſtohlener. Wir lieben uns, und warten mit guter Ruhe die gelegene Zeit ab, wo wir uns beſſer als gegen⸗ wärtig über unſere Wünſche und Abſichten aus⸗ ſprechen und erklären können. Dann muß ſich alles offenbaren, und wenn ich aus dem über⸗ aus freundlichen Weſen des Grafen Louis einen Schluß ziehen darf, ſo wird auch alles gut enden. Er ſcheint bereits, trotz ſeines einen Auges, das ganze Verhältniß durchblickt zu haben, was indeſſen, wie geſagt, auf ſeine Stimmung gegen mich nur den Einfluß hat, daß er ſich mir immer mehr mit wahrhaft väterlicher Liebe zuwendet und ich ſo ziemlich für den erkornen Liebling des alten Herrn gelte. Er nennt mich oft ſogar ſeinen lieben Sohn.“—— Am Vorabend des eigentlichen Erntefeſtes, als in den Sälen des Schloſſes eine glän⸗ zende Geſellſchaft ſich zum Thee verſammelt hatte, wurde Marlo von Lucinden aufmerkſam gemacht, daß Walpurg vor einer halben Stunde wegge⸗ gangen und noch nicht wieder zurückgekehrt ſey. Er ging hierauf ihrer Spur nach und hörte von . — 416— den Dienern, daß ſie nach dem Sommerhaus hinuntergewandelt ſey, wohin ihr Kammermädchen ſie gerufen hätte. Joſt wäre dort geweſen und hätte ſie zu ſprechen verlangt. Sogleich eilte Marlo zum Pavillon hinunter, denn ihr langes Wegbleiben aus der Geſellſchaft war ihm ebenſo räthſelhaft, als ſeine Neugierde auf die Veran⸗ laſſung von Joſt's Beſuche zu einer ſo unge⸗ wöhnlichen Stunde geſpannt war. Im Hauſe am See war Alles ſtill, da Walpurg's Diener⸗ ſchaft oben im Schloſſe mitſerviren half. Er ſah die Fenſter ihres Wohnzimmers erleuchtet, deren Gardinen geſchloſſen. Ohne ſich weiter auf⸗ zuhalten, ging er die Treppe hinauf und trat in den erſten Salon, der nicht erleuchtet war. Doch ſtand die Thüre zum nächſten Zimmer offen; aber erſt als er einige Minuten vergebens auf das Erſcheinen der Geliebten gewartet hatte, fiel es ihm auf, daß auch in dem anſtoßenden er⸗ leuchteten Zimmer kein Laut gehört wurde. Er trat alſo, von dem weichen Fußteppich begünſtigt, leiſe näher, als ſein Auge zufällig in den Spiegel fiel, welcher der Thüre gegenüber aufgehängt war. Da ſah er Walpurg auf dem Sopha ſitzen, und wie er ſie ſah, erſchrack er auf das Heftigſte. Ihr Blick war ſtarr auf die Erde gerichtet, ihre Hände lagen zuſammengefaltet auf dem Schooße, als wenn ſie bete. Ihre Züge aber waren blaß, ihr ganzer Anblick zeigte ihm ein Bild des Schreckens und der äußerſten Muthloſigkeit. Sie aber ſah ihn erſt, als er ſie bei Namen nannte und in größter Angſt fragte, was geſchehen ſey?— Beim Tone ſeiner Stimme blickte ſie auf, aber nur ein leiſes:„Gott im Himmel, Marlo!“ war Alles, was ſie ihm antworten konnte.. „Was iſt? Was fehlt Dir?“ ſchrie Jener entſetzt und ergriff ihre Hand, die kalt war wie Eis. „Warte nur! Warte nur! Du ſollſt ja Alles hören,“ flüſterte ſie und ſtrich mit der Hand über die Stirne, als müſſe ſie ſich ſelbſt erſt auf dasjenige beſinnen, was er hören ſolle. „Ewiger Himmel!“ rief Marlo außer ſich vor Angſt und ſtürzte zů ihren Füßen.„Rede, Walpurgl was bewegt Dich, mein Leben? Du biſt blaß, Deine Hände ſind kalt— Du haſt einen Schrecken gehabt,— einen großen Schre⸗ cken,— Joſt war bei Dir“— Sie legte die Hand vor die Augen und ſagte dann mit bebender Stimme: S Mediatiſirten, II. 27 —————————— * — 418— „Er war bei mir, Marlo, und was er mir erzählt hat, war allerdings geeignet, mich faſt um den Verſtand zu bringen. Denn denke Dir nur, er macht mich zur Mitwiſſerin eines ſchreck⸗ lichen Geheimniſſes, er behauptet, tief im Walde, im Tannengrund ein heimliches Grab gefunden zu haben, mit einem unter Moos verborgenen Leichenſtein—“ „Er iſt verrückt, ich beſchwöre Dich, Wal⸗ purg, glaube nicht dem Fantaſten!“ ſagte Marlo. „O nein, etwas muß drran ſeyn,“ erwiederte ſie lebhaft.„Denn denke nur,— er will mir das Grab zeigen, ich ſoll die Inſchrift auf dem Marmorſtein leſen,— ſoll,— o Gott— ſoll Deinen Vater, Marlo— an jenem Grabe knieen ſehen, wie Joſt ihn ſah,— was ihn zuerſt zur Entdeckung des Grabes führte! Und das Alles iſt noch nichts gegen das, was nun folgt. Joſt — denke nur,— Joſt lebt des felſenfeſten Glau⸗ bens,— jenes Grab ſey die Ruheſtätte ſeiner Mutter,— er findet, daß ihr Todestag der Tag ſeiner Geburt iſt,— er findet, daß Elias Falter auf das Heftigſte erſchrack, als er ihm den Namen der Todten nannte, die dort begraben liegt— und wie er es mir erzählte,— mit * — dieſer ganz gewiſſen Ueberzeugung— mit dieſer ſcharfſinnigen Berückſichtigung aller Nebenum⸗ ſtände,— da ward ſein Argwohn auch der meine, da konnt' ich nicht anders als an eine dunkle That glauben, die ihr Opfer ſelbſt noch im Grabe vor den Augen der Menſchen verbirgt!“ „Und meinen Vater hinführt, um dort zu beten? O nein, Walpurg,“ ſagte Marlo mit ſanftem aber ſichrem Tone.„Da muß es noch eine zweite Auslegung geben— ſelbſt wenn ich gelten laſſen will, was Joſt für ſich anzuſprechen ſich berechtigt glaubt, das Grab ſeiner unbekann⸗ ten Mutter und meinen Vater im Gebete an die⸗ ſem Grabe! Aber ſagteſt Du nicht, es ſtände ein Name auf dem Marmorſtein? So müßte ja der Name allein hinreichen, um alles aufzuklären.“ „Ein ſchöner Name ſogar, der ſchon an ſich eine ganze Leidensgeſchichte erzählt: Emilie Mo⸗ naldi,“ erwiederte Walpurg. „Emilie Monaldi!“ ſtammelte Marlo aufs heftigſte beſtürzt und erbleichte.„Emilie Monaldi — im Wald begraben?— Und Joſt dieſer Emilie Monaldi—“ „Was haſt Du? Welcher plötzliche Schrecken?“ fragte ſie ſtannend. — — 420— „Ich kenne den Namen,“ erwiederte Marlo tiefathmend.„Mein Vater hat als Jüngling ein Mädchen dieſes Namens geliebt,— ich fand einſt Briefe von ihr an ihn in dem Nachlaß meiner Großmutter, ein ganzes Packet!“ „Aber was ſagte Joſt eigentlich? Wie drückte er es aus? Und wie benahm er ſich dabei?“ ſetzte er in leidenſchaftlicher Erregung hinzu. „So wie er mußte, nicht anders, Herr ſeines Gefühles und doch durch und durch von der Wahrheit deſſelben erſchüttert,“ erwiederte Wal⸗ purg. „Laß mich nachdenken,“ ſagte Marlo.„So viel ſteht ſchon jetzt feſt: wir dürfen nicht dulden, daß Joſt in Ungewißheit bleibt, ob ihn jenes unſrem Vater ſo theueres Grab etwas angeht. Hat er aber ein Recht an daſſelbe, ſo ſoll es ihm werden, nicht von Dir, nicht von mir, von keinem andern Menſchen ſoll es ihm werden, als von dem, der dieſes Recht vor ihm unge⸗ theilt beſeſſen hat. O liebe Walpurg! Mir meinen alten Vater knieend zu denken am einſamen Grab ſeiner Jugendliebe, das rührt mich mehr als alles in der Welt! Bei ſeinem ehrwürdigen Haupte ſchwöre ich es Dir darum: Joſt ſoll ihn — 421— nicht mehr belauſchen! Dieſer Gedanke iſt mir unerträglich! Hier muß Licht werden!“ „Aber das Grab iſt ſtumm, iſt dunkel,“ ent⸗ gegnete ſie zögernd. „Hat Joſt ſich und Dich nicht getäuſcht, ſo gibt's noch einen Mund, der reden kann,“ er⸗ wiederte Marlo entſchloſſen. „Elias!“ rief ſie und ihre Miene leuchtete hell auf.„Er und er allein, meine Liebe!“⸗ beſtätigte ihr der edle Jüngling.„Sogleich gehe ich zu ihm, und Du begleiteſt mich!“ ſetzte er hinzu.„Denn Du, Du mußt da bei mir ſeyn, wo ich vielleicht— wanke! Nicht ſo, meine ſüße ſtarke Walpurg?“ Sie legte beide Arme um ſeinen Hals, drückte ſeine Stirne wider ihre Lippen, drückte einen ſanften Kuß auf dieſe ſchöne helle Stirne und ſagte mit neugeſtärktem Muthe! „Nein, nicht ſo! Du der Stab und ich die Rebe! Aber ich auch dieſes Stabes Stütze wie er die meine! Komm', ſey getroſt! Heute erleben wir zum Erſtenmal, was zwei Leute können für einen Dritten thun, die ſich lieben. Und dieſer Dritte unſer Vater! Komm', Marlo, komm'! Das ſoll der Anfang werden unſrer Thaten für's — 422— Leben! Denn die wahre Liebe hat Kraft und Segenskraft genug für ſich und andere.“ „Wie viel Uhr iſt's wohl?“ fragte Marlo, der ſich an die Geſellſchaft im Schloß erinnerte. „Gleichviel,“ verſetzte Walpurg.„Was wir jetzt thun, richtet ſich nicht nach der Uhr. Komm' und laß' droben im Saal die Menſchen ſich in's Ohr ziſcheln, Du ſeyſſt bei mir'“ Unter ernſten Geſprächen und Betrachtungen über dasjenige, was ihnen zunächſt lag, kamen Marlo und Walpurg auf der Waldhöhe an, fanden aber alle Fenſter des Falterhauſes dunkel. Auch war die Thüre verſchloſſen und Niemand gab Antwort, als Marlo zuletzt mit lauter Stimme nach Elias rief. „So wären wir wohl vergebens herauf ge⸗ gangen,“ ſagte Walpurg. „Sonderbar!“ verſetzte er.„So ſpät am Abend und kein Menſch zu Hauſe.“ „Weißt Du was, Lieber, wir wollen doch die Mühe des Bergſteigens nicht ganz umſonſt gehabt haben,“ ſagte ſie.„Laß uns darum noch ein wenig höher rücken, auf den Thurm, wo wir warten, bis Jemand zurückkommt. Der Abend iſt wunderſchön und da droben im luftigen Re⸗ vier können wir uns gewiß auch leichter auf eine gute Ausrede bei unſeren Gäſten beſinnen.“ Sie durchſchritten den innern Raum der Ruine, ſtiegen die Wendeltreppe hinauf, und langten auf der Plateform des Thurmes an. Die Nacht war wundervoll hell und die alten Wälder rings⸗ um tönten im Winde, der ihre Wipfel bewegte. Hoch oben aber in den Wolken hörte man das Zwitſchern ganzer Flüge von Wandervögel, die bei Nacht reiſen und doch, wie die lau⸗ ſchende Walpurg meinte, den Weg nach Süden finden. „Siehſt Du, Herz,“ fuhr ſie dann, an die Birke gelehnt fort,„ſo findet jede Sehnſucht ihr Ziel, und wo, ich Flucht ſehe und Wandel und Bewegung, da denke ich immer ſogleich auch an den Augenblick, wo, was da wandelt, ſein Ziel erreicht und Ruhe. Ach, Marlo, was meinſt Du? Ruhen wir jetzt nicht auch, irrenden Vögeln vergleichbar, die durch die Nacht den Weg fan⸗ den zur ſüßduftenden Inſel im ſtillen Ocean? Ja, die Ruhe, das iſt doch des Lebens ſchönſter Genuß, und was überhaupt groß und herrlich, ohne Ruhe kann's nicht gedacht werden. Darum lobe ich mir auch immer, was nach Ruhe ſchmeckt; 1 — 424— und gewiß macht mich das Gedicht am meiſten lebendig, das die Ruhe athmet des Geiſtes ſeines Schöpfers. Dann kommt erſt die rechte Bewegung in mich und die rechte Befriedigung; dann tritt der erhabene Gedanke, das leuchtende Bild deut⸗ lich vor meine Seele, dann bin ich überwältigt und kann ſtaunen. Sieh' die Nacht, was ſie dichtet:— Ruhe! Ob jene Sterne gleich wan⸗ deln, in der Ruhe doch wandeln ſie, und ruhe⸗ voll beſtätigen ſie das letzte Geſetz der Ewigkeit: Ruhe. Je näher Gott, um ſo mehr Ruhe; drum in Gott entſchlafen, heißt der fromme Spruch auf den ſilberweißen Kreuzchen.“ Marlo ſtand neben ihr und ſah gedankenvoll in die rauſchende Tiefe nieder.„In Gott ent⸗ ſchlafen“ wiederholte er dann leiſe.„Ja, ja, in Gott entſchläft Alles, und der edelſte Menſchen⸗ geiſt, das beſte Herz, die reinſte Seele, einmal entſchlafen ſie.“ „Mit dieſem Gedanken ſtehen die frommen Indier ſechzig Jahre lang auf der Säule und laſſen ſich die Nägel in's Fleiſch wachſen,“ ſagte ſie.„Wach' auf, mein träumeriſcher Fakir; denn noch ſind wir nicht, was wir werden, noch gibt's Unruhe genug— ah, ſo viel Unruhe, daß wir — 425— uns für's Erſte ſchon dabei beruhigen müſſen, wenn's nur hier ruhig iſt.“ Bei dieſen Worten ſah ſie zufällig an der Birke hinauf und bemerkte ein Tuch, welches an einem der Aeſte angebunden, im Nachtwind flatterte. Marlo ſah gleichfalls die Entdeckung ver⸗ wundert an, bog dann den Zweig herüber und löste es los. Walpurg erkannte es ſogleich für ein Damentuch. In dieſem Augenblick hörten ſie unten im Hofe ein helles Gelächter, das aus einer weiblichen Kehle kam und ſo laut erklang, daß die ganze Ruine mitzulachen ſchien. Beide traten auf die Seite des Thurmes, von wo man hinunter ſehen konnte. Was ſie aber erblickten, war ihnen in der That ſo lang räthſelhaft, bis es ſich endlich natürlich auflöste. Clara und Ludwig ſpielten nämlich unten im alten mondhellen Burghof, ſie lief ihm davon, ſo oft er ſie auch feſthielt, und er lief ihr nach, ſo oft ſie ihm auch davonlief. Es war ein her⸗ zig Spiel unter vier Augen, das vier andere Augen oben von dem Söller mit immer größerer Verwunderung betrachteten. „Er iſt's!“„Sie iſt's!“ ſagten ſie beide, und jetzt—„O Himmel! ſind denn das Ver⸗ — 426— liebte oder Thoren?“ rief Walpurg, denn unten im Hofe tanzten, der Poet und ſein Schatz einen luſtigen Walzer ohne Muſik, es hätte denn der Glücklichen unaufhörliches Lachen dafür gelten müſſen. So trieben ſie's eine Weile fort, bis Clara unter ſchallendem Gelächter ihrem Tänzer abermals davon lief, zum Burghof hinaus, und Ludwig ihr nacheilte, erſt längere Zeit nachher verhallten ihre fröhlichen Stimmen im Walde. Marlo und Walpurg, nachdem ſie ſich über⸗ zeugt daß beide Liebenden ſich von der Ruine entfernt hatten, verließen dieſelbe nach einiger Weile gleichfalls, nicht wenig erſtaunt über das⸗ jenige, was ſie geſehen hatten. Obwohl nun die unteren Fenſter des Falterhauſes erleuchtet waren, fühlten ſie doch keine Neigung mehr, dort vor⸗ zuſprechen, denn die neue und unerwartete Ent⸗ deckung beſchäftigte ſie faſt ebenſo ſehr, als die Angelegenheit Joſt's. Sie ſchauten darum nur im Vorübergehen durch das Fenſter in die un⸗ tere Stube, ſahen aber blos Clara, die am Tiſche ſaß und ſtarr in das Licht blickte. Weder von Joſt noch von dem Alten war eine Spur zu entdecken. Als ſie endlich wieder in dem Schloſſe an⸗ — 427— langten, war man bereits zur Tafel gegangen. Sie fühlten indeſſen keine Neigung, zu der Ge⸗ ſellſchaft zurückzukehren; denn dasjenige, was ſie heute Abend erlebt hatten, vertrug ſich nicht mit der fröhlichen Stimmung, die dort herrſchte. „Unſere Sorgen wachſen mit unſrem Glücke,“ ſagte Walpurg.„Wie Vieles beſchäftigt uns jetzt ſchon, was eigentlich gar nicht zu uns ge⸗ hört; wie Vieles will ſchon von uns Rath und That, noch ehe es ſich uns ſichtbar vor Augen ſtellt.“ Unterdeſſen Beide den verſchiedenartigen Er⸗ lebniſſen des heutigen Abends in Marlo's Bib⸗ liothekzimmer weiter nachdachten und ſich zuletzt in dem ſchönen Geſtändniß vereinigten, daß ihre Liebe dazu berufen ſey, die alten Sorgen und geheimen Störungen des innern Friedens der Familie glücklich zu enden und zu einem frohen Ausgang zu führen, war es im Kabinet des alten Grafen Emanuel faſt dieſelbe Frage, welche dort, freilich unter andern Vorausbedingungen, gleichfalls mit Eifer und Theilnahme verhandelt wurde. Elilas Falter nämlich hatte zuletzt wirklich dasjenige gethan, was er nicht länger mehr un⸗ —— terlaſſen durfte, er entdeckte dem Grafen Emanuel, daß Joſt auf eine unerklärliche Weiſe den Namen ſeiner Mutter gefunden habe und anfange, über die ſeitherigen Täuſchungen, worin man ihn ſo lange erhalten hatte, Licht zu bekommen. Von wo? Das blieb freilich ein Allen unerklärliches Geheimniß. Man denke ſich des alten Herrn Lage beim Empfang dieſer Kunde. Er war ſprachlos und wollte zuletzt einen Augenblick wirklich an irgend einen über menſchliches Ermeſſen und Einſicht hinausreichenden Einfluß höhrer Mächte glauben. Aber ebenſo ſchnell fand auch ſein klares Auge wieder das Rechte, als er ſich auf die letzte Zu⸗ ſammenkunft mit Joſt in der Nähe des Grabes beſann. „Hat Joſt den Namen, ſo hat er ihn vom Grab ſeiner Mutter,“ ſagte er auf Einmal mit ſicherer Stimme und ſchon lag auch das Räth⸗ ſel gelöſ't und enthüllt vor ſeinen Augen.„Die Schuld von alledem iſt mein,“ fügte er hinzu. Er ließ Lucinden noch ſpät am Abend zu ſich beſcheiden und eröffnete ihr in Gegenwart des alten Elias das Verhängniß, von dem er betroffen worden. Lucinde erſchrack heftig, und — am meiſten vor dem Gedanken, daß das alte unſelige Geheimniß ihres Hauſes noch ſpät zu Tage kommen und dem Gericht der Welt erliegen ſolle. Es war etwas in ihr, ſollen wir ſagen, vom alten Blut oder vom jungen Weibe, das dieſen Gedanken unerträglich machte. Doch hatte ſie Beſonnenheit genug, dieſe Furcht vor dem Vater geheim zu halten. Der alte Herr aber kam durch folgende einfache Reflerion von ſelbſt darauf, indem er nämlich ſagte: „Das Geheimniß verräth ſich oft am Erſten durch das Geheimnißvolle. Wer hieß uns auch, den Joſt durch die abenteuerliche Erdichtung von ſeinem Auffinden im Walde reizen, und ihn ſo auf die Spur führen, die wir ihm ſo klug und vorſichtig verwiſcht zu haben wähnten! Als ein Findling mußte er ja täglich und ſtündlich nach ſeinen Eltern und ſeiner Abkunft forſchen, und ſich das durch die Fantaſie zu erſetzen ſuchen, was ihm die Wirklichkeit verſagte. Fieberträume, ängſtliche Bilder jagten ihn aus einer dunklen Vorſtellung in die andere, und dabei hatte er doch wieder zu viel von dem hellen ſchönen Geiſt ſeiner unglücklichen Mutter geerbt, als daß er ſich bei dem unverſchuldeten Geſchick hätte beru⸗ — 430— higen können. Nein, nein, man ſoll keinem Menſchen das Leben abſchneiden und ihn leben laſſen; man ſoll keinem Menſchen den Becher mit Lethewaſſer reichen und ihm ſagen: Trink, trink und vergiß! Hätten wir ihm Eltern ge⸗ geben, er wäre ein glücklicher Menſch geworden, er hätte niemals daran gedacht, im Mooſe zu wühlen und Gräber nach den Anfängen ſeines Lebens zu fragen. Und nun redet das Grab und „Zahlen beweiſen“ ſagte der alte Benzenberg. Gäbe es nicht einen gerechten Gott im Himmel, man müßte ihn erdenken, um bei Verſtand zu bleiben!“ Nach einer Pauſe, während der er mehrmals, von den beſorgten Augen Lucindens und des Alten gefolgt, das Gemach durchſchritten hatte, fuhr er fort: „Mögen Andere anders denken, ich ſcheue nicht das Urtheil meines Herzens, aber ich ſcheue das Urtheil der Menſchen. In dieſen Tagen meines Glückes ſolch' ein Unglück:— Das hätte früher oder ſpäter kommen ſollen, meinet⸗ halben— jetzt aber— in dieſer Stunde trifft es mich, gänzlich unvorbereitet. Lucinde, mein liebes, kluges Kind, ſprich ein Wort, ich bitte Dich, damit wir endlich einen Anfang bekommen!“ — 431— Die Tochter erwiederte ihm: Mein beſter Vater! Immer bleibt nur wenig zu fürchten, aber vieles zu hoffen, wenn wir zuerſt dasjenige thun, was unſre Pflicht iſt. Dann mag auch die Klugheit ein Wörtlein drein ſprechen. Nehmen wir nur als Wink des Himmels, was wir als ein Unglück betrachten, ſo iſt Alles gut. Joſt glaubt bis jetzt nur das Grab ſeiner Mutter gefunden zu haben, wohlan denn, ſo wiſſe er es ſicher! Ihr, Elias, ſagt ihm nichts, ſondern ſendet ihn morgen zum Vater, der ihm ſelber die Entdeckung machen wird. Aber frühe, damit wir den Tag für uns haben, der dem Feſte ge⸗ hört und den Gäſten.“ Der Graf ſagte nach einigem Nachdenken: „Thu's, Elias, ſende ihn zu mir, morgen um halb Acht. Er ſelbſt ſoll dann entſcheiden, ob er vor der Welt mein Sohn ſeyn will, oder nur vor dieſem Herzen. Er hat ſo oder ſo das Recht an meine volle offne Liebe.“ „Und ich, Vater, will den Joſt überzeugen, daß er nicht Ihr Sohn vor der Welt ſeyn darf,“ ſprach Lucinde feſt.„Er iſt edel, er verdient dieſe ſchöne Entſagung, ihm genüge darum, was ſeiner werth iſt!“ Aber weder das Eine noch das Andere geſchah. Elias kam am folgenden Tage in aller Frühe zu Lucinden, eben als dieſe damit beſchäftigt war, ihren Knaben zu dem bevorſtehenden feſt⸗ lichen Tage zu ſchmücken, und meldete ihr, daß Joſt in der Nacht nicht nach Hauſe gekommen ſey. Er habe, ſagte der Alte, den ganzen Wald bis hinunter zum Wildſtein nach ihm durchſucht, und zuletzt hätte ihn die Hoffnung, den Armen am Grabe ſeiner Mutter zu finden, nach dem Tannengrund geführt. Aber auch dort habe er ihn nicht gefunden, wohl aber die Spur von ihm, die Alles beſtätige, was der gnädige Herr am vorigen Abend vermuthet hätte. Vom Leichen⸗ ſtein ſey nämlich in der letzten Nacht das Moos weggeriſſen und das Epitaph bloßgelegt worden, und zwar könne das kein anderer Menſch gethan haben, als Joſt, da ganz nahe dabei ſein Meſſer gelegen, womit er wahrſcheinlich den Marmor von der grünen Moosdecke befreit hätte. Dieſe Nachricht beunruhigte Lucinde nicht wenig. Das Beſte, was ſie für den Augenblick zu thun wußte, war, Elias zu bitten, weitere Nachforſchungen anzuſtellen, ſonſt aber ihren Vater nichts merken zu laſſen. Sie ging dann — 433— ſelbſt hinauf zu dem Vater, der nach einer ſchlaf⸗ loſen Nacht bereits ſein Bett verlaſſen hatte. Sie fand ihn bei der Lectüre ſeines Lieblings⸗ autors Montesquieu. Der Graf hörte ſie ruhig an, als ſie ihm erzählte, ſie ſey nach reiflicher Ueberlegung zu dem Plane gekommen, daß man zuerſt die Vermählung Lonny's und Arthur's abwarten ſolle, bevor man einen Schritt in der andern Sache thue, und zwar, wie ſie hinzuſetzte, beſonders um deßwillen, als man ſich in gegen⸗ wärtiger Zeit, wo ſo viele neue Intereſſen an⸗ geregt worden ſeyen und es ohnedies genug Aufregung und Gemüthsunruhe abſetzen würde, nicht in neue, wenn auch nur innerlich ſtörende Verhältniſſe einlaſſen möge. Sie ſagte: „Ich habe es ja von Ihnen gehört, mein lieber Vater, und darum immer beherzigt, daß der Menſch nicht zweierlei auf einmal thun ſolle, weder zu ſeinem Glücke noch zu ſeinem Leide. Es iſt ſchon genug gewonnen, daß wir den Ent⸗ ſchluß haben und wiſſen, was geſchehen ſoll, wenn die Zeit dazu da iſt. Jetzt aber ſcheinet ſie mir, wohin ich blicke, ungünſtig. Das ganze Schloß voll Gäſte, die Augen aller Welt voll Spannung und Erwartung auf die Vorgänge Die Mediatiſirten, II. 28 — 434— in unſrem Familienkreiſe gerichtet, faſt jedes von uns ein Gegenſtand allgemeinſter Aufmerkſamkeit, und dazu zwei Liebespaare, die von gar nichts anderm mehr wiſſen wollen als von ihrer Hoch⸗ zeit,— beſter Vater; das iſt gewiß nicht der rechte Zeitpunkt, um mit einem alten Leben voll Schickſal und Verlegenheit auszupacken und ihm Sitz und Stimme in unſrem Herzen einzuräumen. Darum ſpricht Ihr kluges Kind: Geduld!— Iſt's erſt wieder ruhig um uns herum, und wiſſen wir, wo wir ſtehen blieben vor den Dingen, die wir dann glücklich hinter uns haben, ſo wollen wir mit Eifer das neue Werk betreiben und uns ihm mit ganzer Seele hingeben. Auch dünkt mir's rathſam, Joſt ein wenig darauf vor⸗ zubereiten. Löſen wir darum die Binde, die ja noch immer auf ſeinen Augen ruht, nicht allzu raſch, gönnen wir ihm Zeit, ſich die Möglichkeit klar auszudenken, daß die dunklen Geſchicke ſeines Daſeyns ſich aushellen werden; auch damit ſorgen wir ja ſchon für ihn, und er erkenne eine Zeitlang nur am fernen Dämmerſchein den Tag, dem wir ihn entgegenführen wollen. Geht's nach meinem Sinne, ſo müßte das zugleich der Tag von Marlo's und Walpurg's Vermählung — 435— ſeyn. Ich habe es mir ſchön, o ſehr ſchön aus⸗ gedacht, lieber Vater! Am Vorabend ſeines ſchön⸗ ſten Feſtes eröffneten Sie Marlo das ganze Verhältniß. Ich bürge Ihnen dafür, daß die leidvolle Jugendgeſchichte ſeines Vaters ein tiefes Echo in ſeiner erſchütterten Seele finden wird. Aber zugleich wird das auch der beſte Segen für ihn ſeyn, den die Vaterhand auf ſein Haupt legen kann. Denn er wird im Hinblick eines alten, ihm ſo nahe geſtellten Unglücks den Muth finden, ſein eigenes Glück zu ertragen, und die Parallele liegt nicht ſo ferne, die er zwiſchen Ihrem und ſeinem Looſe ziehen kann.“ Graf Emanuel legte langſam den Montes⸗ quien zuſammen, ſtand auf, und das Kind ſeines Herzens an dieſes treue Herz drückend, ſagte er bewegt: „Ja, ja, ſo könnte es gehen! Nimm meinen beſten Dank für Deinen Rath. Ich billige ihn und will jedenfalls geſchehen laſſen, daß wir mit Joſt's Angelegenheiten warten, bis die Gäſte abgezogen und Arthur und Lonny ein Paar ſind. Dann möge in Gottes Namen geſchehen, was in Gottes Hand liegt!“ Der Ton ſeiner Stimme hatte bei letzteren 28* — 436— Worten einen ſchweren gepreßten Accent, wie wenn, was dann geſchehen ſolle, ihm gewiſſer ſey, als er ihr ſchon jetzt ſagen könne. Sie ſah ihn fragend an, er aber legte ſtumm ſeine Hand auf ihr Haupt und ſagte leiſe:„Ja, mein liebes Kind, ſo geſcheh' es. Nun geh' und mache, daß wir mit dem was zunächſt liegt, in's Reine kommen. Apropos, wo waren denn geſtern Abend Walpurg und Marlo? Elias erzählte mir, Joſt ſey unten im Pavillon geweſen und hätte die Gräfin geſprochen.“ „Ich weiß nichts davon,“ erwiederte Lucinde beſtürzt. „So weißt Du auch nicht daß Marlo und Walpurg gleich nachher einen Gang nach dem Schloßberg gemacht haben?“ „Kein Wort weiß ich davon,“ rief ſie in ſteigender Angſt. „Ich fürchte ſehr, der Joſt hat ſchon geplau⸗ dert,“ ſagte der alte Herr und mußte ſich nie⸗ derſetzen, ſo kraftlos fühlte er ſich. „Das will ich ſogleich wiſſen,“ entgegnete Lucinde, und eilte, ihrem Vater und ſich ſelbſt Gewißheit zu verſchaffen, hinunter zu Walpurg's Wohnung. —— Nach einer Weile hörte Sparmann, der alte Kammerdiener, die Glocke laut aus des Ge⸗ bieters Cabinet ertönen. Als er eintrat, ſtand der Graf aufrecht in der Mitte des Gemachs, einen großen geſiegelten Brief in der Hand haltend, und ſagte: „Sparmann, der Brief muß ſogleich durch Courier an den Großherzog abgehen. Darin ſteht, was wir geſtern Abend berathen haben. Ich gebe Joſt meinen Namen, gebe Emilie Monaldi meinen Namen zurück, Du weißt's allein unter allen Menſchen, die da leben, daß ſie meine durch Prieſterwort angetraute erſte rechtmäßige Gemahlin war,— und in dieſem Briefe liegt der Trauſchein des Pfarrers von Niedberg ein⸗ geſchloſſen. Hab Acht, daß der Courier ein zuver⸗ läſſiger Mann iſt.“ „Erlauchter Graf—!“ ſtammelte der Alte verwirrt und wollte den Brief nicht annehmen. „Da,“ verſetzte Emanuel ruhig;„nimm nur immerhin. Auch Dir, dem einzigen Menſchen, der in jener Nacht meinen Schwur hörte, mit dem ich der unglücklichen Mutter Joſt's ewige Treue gelobte, auch Dir muß ja leicht werden, wenn endlich dieſem Schwur vollkommene Ge⸗ — 438— nüge geſchieht. Wozu hätten wir denn beide unſere grauen Köpfe, wollten wir nicht einſehen, daß es hohe Zeit dazu iſt! Möge der Großher⸗ zog in ſeiner Weisheit beſchließen, was ihm das Rechte dünkt. Ich lege hiermit Joſt's und meines Hauſes Geſchick in ſeine Hände. Erklärt er den Sohn aus erſter Ehe zum legitimen Erben, ſo wird Marlo der letzte ſein, der am armen rauhen Eſau zum Jakob werden könnte.“ Er legte nach dieſen Worten das Schreiben auf den Tiſch, deutete ſchweigend auf daſſelbe und trat in das anſtoßende Kabinet, deſſen Thüre er hinter ſich zuſchloß. Sparmann nahm den Brief, hob ihn zitternd in die Höhe und ſtammelte: „Ewiger Gott! So ſpät noch dein Gericht und ſo furchtbar am ſchuldloſen Haupte des Sohnes! Der Tag war überaus freundlich, ganz wie geſchaffen zu einem Herbſtfeſte, der Himmel ſo klar, die Erde ſo ſonnig wie am ſchönſten Früh⸗ lingsmorgen. Die braunen Wälder dufteten, und ringsum glänzte die Schöpfung in tauſend blit⸗ — 439— zenden und ſtrahlenden Farbenbrechungen, faſt jeder Halm diamant beſetzt, die Luft ſelbſt flimmernd und glitzernd über ſo vielem und prächtigem Glanze. Walpurg, die heute ungewöhnlich früh auf⸗ geſtanden war, ſah es Lucinden ſchon von Wei⸗ tem an, daß eine Sache von Wichtigkeit ſie zu ihr führe. Sogleich dachte ſie an Joſt und er⸗ wartete faſt ein Unglück zu vernehmen. So war es denn auch nicht zu verwundern, daß, als Jene nun wirklich ſeinen Namen ausſprach, ſie heftig er⸗ ſchrack und ihr ſogleich eingeſtand, was Lucinde wiſſen wollte, daß nämlich Joſt am vorigen Abend dageweſen ſey und ſich den ſonderbaren Wahn nicht hätte nehmen laſſen wollen, ein Grab im Walde entdeckt zu haben. Mehr ſagte Walpurg zwar nicht, aber Lucinde war ſcharf⸗ ſehend genug, zu bemerken, daß er es nicht bei dieſer einen Mittheilung gelaſſen hatte. Walpurg ihrerſeits erkannte am ganzen Weſen Lueindens, an ihrer Aufregung und den Beſorgniß, mit der ſie ſich nach Joſt erkundigte, daß ihr gleichfalls nicht unbekannt geblieben ſey, woran ſie ſelbſt kaum noch zweifeln konnte. „Wie Joſt geſtern Abend von mir wegge⸗ kommen iſt, weiß ich nicht zu ſagen,“ erwiederte — 60— ſie, als Lucinde weiter forſchte.„Ich war ſo be⸗ ſtürzt durch das, was er mir erzählt hatte, daß ich nicht weiter auf ihn achtete, ſondern nur Mühe hatte, mit mir ſelber fertig zu werden. Als ich mich von meinem Schrecken erholt hatte, war er fort, und das ängſtigte mich dann ſo ſehr, daß ich froh war, als Marlo erſchien. Wir gingen dann zuſammen hinauf nach dem Falter⸗ haus, fanden daſſelbe jedoch ohne Leute.“ Als ſie erfuhr, daß Joſt in der Nacht gar nicht nach Hauſe gekommen ſey, ward ſie ſehr ängſtlich. „Dann iſt er fort!“ rief ſie im Tone der ſicherſten Gewißheit. „Wohin?“ fragte Lucinde. „Das weiß Gott! Vielleicht nach Amerika, was ſchon früher'mal ſein Vorſatz war.“ „Wollte das der Himmel!“ ſeufzte Lucinde. „Wie, Du wünſcheſt es?“ rief Walpurg erſtaunt. Lucinde warf ſich ihr an die Bruſt, heftig zitternd am ganzen Körper, und ſagte mit beben⸗ der Stimme. „Wollte Gott, er wäre fort— und glücklich! Walpurg! Mir ahnt das Schrecklichſte! Dieſer — 441— Joſt— o Du weißt es nicht— ſteht uns näher als wir dachten——“ „So iſt's war!“ ſprach Walpurg vor ſich hin, bekannte dann der Schwägerin Alles, was ſie von Joſt vernommen hatte und ſchloß mit der Frage, welcher Grund ſie wünſchen laſſe, daß er auf immer fort ſein möge? Lucinde aber, die ſich unterdeſſen wieder er⸗ holt hatte, vertröſtete ſie auf eine nähere Mit⸗ theilung, wenn erſt die Feſtlichkeiten vorüber und ſtillere Tage gekommen ſein würden. Als ſie weggegangen war, ſandte Walpurg ſogleich nach Marlo, um mit ihm das Weitere zu berathen. Es war ihr aus Allem klar gewor⸗ den, daß ſie und der Geliebte es nicht allein ſeyen, welche Joſt's Sache beſchäftige. Denn Lucindens ganzes Weſen beſtätigte es ihr, daß dieſelbe gleichfalls um das Geheimniß von dem Grab im Walde und deſſen Beziehung zu Joſt und der Familie wiſſe. War es nun die innere Aufregung oder das wirkliche Ereigniß und deſſen unbefangene Prü⸗ fung, Marlo nahm dieſe Nachricht faſt leichter dahin, als Walpurg lieb war und meinte, wie er Joſt kenne, ſey weder für dieſen noch für die — Familie etwas zu fürchten. Es werde Alles gut ausgehen, man ſolle nur darnach trachten, das Schickſal, wie es nun einmal vorliege, möglich geräuſchlos hinzunehmen und es vor allem ein⸗ ander ſelbſt durch muthvolles Ertragen leichter zu machen. „Ich habe mir alles genau überlegt,“ ſagte er;„und finde, daß ſich die Sache gerade um ſo viel einfacher macht, je weniger wir ſie als ſchwierig betrachten. Was iſt es am Ende damit, wenn Joſt nun auch wirklich der Sohn meines Vaters wäre? Nur das Ungewiſſe und Dunkle in dieſem Verhältniß müßte von ſeinem Herzen und ſeinen Blicken entfernt werden, dann ſähe ich auch nicht im Mindeſten ein, warum er nicht lieber Sohn meines Vaters, als der jedes an⸗ dern Mannes ſeyn wollte? Ich finde es ſogar unter allen Umſtänden günſtig, daß ſich dieſes erſt jetzt entdeckt. Wäre es früher geſchehen, wer weiß, welche Lebensrichtung Joſt genommen und wie man ihn überhaupt hätte in der Welt placiren wollen. So aber überließ man ihn ſich ſelbſt, und er hatte wenigſtens Zeit genug, ſich mit dem Ge⸗ danken vertraut zu machen, daß ſeine Abkunft nicht ewig ein Räthſel bleiben würde.“ Es war neun Uhr, als die jungen Bauern und Bäuerinnen mit Muſik in den Schloßhof gezogen kamen, zum erſtenmal ſeit undenklicher Zeit ohne Weißburſchen. Nachdem vor der gnä⸗ digen Herrſchaft ein„Tanz“ aufgeſpielt worden war und man vom Herrn die Erlaubniß erhalten hatte, das Feſt auf den Heiligenwieſen zu beginnen, zog der fröhliche bunte Zug unter Jauchzen und Hüteſchwenken wieder ab, oben auf der Ruine wurden dreimal die Böller gelöst, und von allen Seiten ſtrömten nun die anwohnenden Land⸗ bewohner, ſowie die Städter, in ihren feſtlichen Kleidern den Heiligenwieſen zu. Tief im Walde aber, fern von der Menſchen beginnender Freude, ſuchte Elias ſchon während des ganzen Morgens vergebens noch immer nach dem verſchwundenen Weißburſchen des Ernte⸗ feſtes, wandelnd, fragend und forſchend aus einem Walddorf in's andere, aber nirgends war der Joſt Falter geſehen worden und kein Menſch wußte von ihm zu berichten. Nach der Tafel verfügte ſich der Graf Emanuel mit ſeinen Gäſten und wer ſich ſonſt dem glänzenden Zug anſchließen wollte, zu Fuß in den Wald nach den Wieſen, woſelbſt ein — großes, mit den Hausfarben geſchmücktes Zelt für die Herrſchaften aufgeſchlagen war; Mehrere tauſend Menſchen waren anweſend, und das Ganze gewährte ein eben ſo reizendes als eigen⸗ thümliches Bild von einem wahren Volksfeſte. Ueberall wo es im Walde oder am Saum der Wieſen einen Schatten und weiches Moos dazu gab, lagerten Gruppen von glücklichen Menſchen, an verſchiedenen Orten ſpielten Muſikbanden den jüngeren Leuten zum Tanze auf, und außerdem hatte das Feſt aus der ganzen Umgegend ver⸗ ſammelt, was ſich ſonſt zerſtreut auf Jahrmärkten und Kirchweihen, bei Hochzeiten und Kindtaufen von der holden Muſika ernährte, alſo alle Bän⸗ kelſänger und Virtuoſen auf der Geige und Cla⸗ rinette, auf Harfe und Drehorgel. Auch eine Geſellſchaft engliſcher Künſtler fehlte nicht, die durch Pauken⸗ und Trompetenſchall die ſchau⸗ luſtige Welt zu ihren halsbrechenden Künſten herbeilockte, und weiter unten, wo unter großen Schmorpfannen die Feuer brannten, weiſſagte ſogar eine Zigeunerfamilie Jedermann aus den Linien der Hand all' das Gute und Schöne, wovon ſich die klugen braunen Leute nur immer einen kleinen klingenden Dank verſprachen. Die Erſcheinung der glänzenden Geſellſchaft aus dem Schloß ſtörte nicht die glückliche Har⸗ monie des Feſtes, und nachdem ſich das Volk erſt eine Weile in ehrfurchtsvoller Entfernung die reichen Toiletten betrachtet hatte, kehrte es unverweilt zu ſeinen Freuden zurück, hier zum Tanze dort zum Glaſe, und Jubel und Frölich⸗ keit herrſchte aller Orten. Vergebens ſuchte ſich Graf Emanuel der trüben Gedanken zu erwehren, die ihm ſeit der Mittheilung des alten Elias beſtändig von Neuem die Seele umdüſterten. Sparmann, der ſeinen alten Herrn aus der Ferne beobachtete, ſah deut⸗ lich, welche Anſtrengung es denſelben koſtete, äußerlich heiter und ruhig zu erſcheinen. Der treue Diener glaubte ſogar zu bemerken, wie der Gebieter, ſo oft ſein Auge auf Marlo fiel, leiſe zuſammenbebte, ſeine Miene einen kummer⸗ vollen Ausdruck annahm und ein ſchmerzliches Lächeln um ſeine Lippen ſpielte. Walpurg ſah den Geliebten einigemal bedeut⸗ ſam an und zuletzt verſtand ſie derſelbe. Sie nahmen alſo die erſte Gelegenheit wahr, um aus der Geſellſchaft fort in den ſtillen Wald zu kommen. Bald lag Jubel und Luſt weit hin⸗ „ — 446— ter ihnen und nur manchmal klang noch ein leiſer verlorener Ton der Flöten und Clarinetten zu ihnen herüber. In einer einſamen Felsſchlucht ſchwieg endlich auch dies letzte Zeichen des frohen Feſtes, und ſie waren allein mit ſich und ihrer Liebe. Da ſagte Walpurg: „Lieber Marlo, haſt Du auf den Vater ge⸗ achtet? Sind das bloß die Sorgen um Joſt, was ſeine Stirne ſo tief umwölkt? Mir kommt es anders vor, und ich meine es ihm anzuſehen, daß es mehr die Rückerinnerung iſt an das, was keine Sorge mehr ſchafft, als Gegenwärtiges und Zukünftiges.“ „Ich wollte, der Tag wäre vorüber!“ er⸗ wiederte Marlo, ſehr verſtimmt.„Joſt wird nir⸗ gends gefunden und ich ſeh' es Lucinden ordent⸗ lich an, daß ſie jeden Moment eine böſe Botſchaft erwartet. Und zu alledem der Zwang, den die Geſellſchaft uns auferlegt! Ich möchte wirklich wiſſen, was die Leute nur denken, uns grade heute mit ihrer Gegenwart zu beläſtigen! Ge⸗ hört das vielleicht auch mit zu dem Schickſal, deſſen Ende wir noch nicht abſehen können? Oder iſt's Zufall, böſer tückiſcher Zufall, der uns dieſe Maſſe von Pflichten und Rückſichten gegen fremde Perſönlichkeiten zu einer Zeit auferlegt, wo wir kaum mit uns ſelbſt fertig werden können?“ „Ich möchte wirklich nicht behaupten, daß dies ein bloßer Zufall wäre,“ verſetzte Walpurg. „Denn Du kannſt's ja jeden Tag erleben, daß Dich die Menſchen dann am Meiſten durch ihre Gegenwart behindern, wenn Du ſie am wenig⸗ ſten nöthig haſt. Es iſt ein inſtinktartiges Gefühl in dem Philiſter, das ihm anſagt, wenn etwas vorgeht, wobei er überflüſſig iſt. Und dann kommt er Dir gewiß und wahrhaftig in hellen Haufen angezogen, wie Fröſche hinter'm Sommer⸗ regen drein, und bietet Dir ſeinen Beiſtand an.“ „Ja ja, ſo iſt's,“ ſagte Marlo lächelnd.„Es gäbe gar keine Verlegenheit in der Welt mehr, wenn man nicht beſtändig bei jedem Thun und Laſſen rechts und links blicken und die Leute um Verzeihung bitten müßte, daß man ſie nicht gleich zum Henker wünſchen darf. Ach und wir armen Neunzehnjahrhündertler! Was haben wir nicht alles aus unſren ſogenannten ſocialen Zuſtänden gemacht, bis wir endlich in dieſes Chaos von Vor⸗, Rück⸗ und Nachſichten hineingeriethen! Sollte man nicht glauben, die Menſchen ſähen es — 448— heutigen Tages recht eigentlich darauf ab, ſich einander mit lauter Rückſichten gegenſeitg um den letzten Reſt von Freiheit und Bewußtſeyn zu bringen! Unſer ganzes modernes Leben iſt aus Rückſichten zuſammengeſetzt, und Rückſichten, kleine und große, ſind es aller Orten, die den Geiſt berücken und den Charakter ſchlecht machen.“ „Da macht wieder Jemand eine Fauſt im Sack,“ ſagte ſie lachend.„Aber es iſt nun ein⸗ mal ſo, und wir werden es ſchwerlich ändern können. Laß uns darum lieber ſogleich in das Unvermeidliche uns fügen und zu der Geſell⸗ ſchaft zurückkehren. Was meinſt Du? Gehen wir?“ Marlo zauderte. Zwiſchen, und Hei⸗ terkeit rief er aus: „Daß wir und grade wir dazu verdammt ſind, die Honneurs zu machen! Um Arthur und Lonny bekümmert ſich Niemand, und Ludwig und Clara haben noch freieren Spielraum, da kein Menſch etwas von ihrer Liebe weiß.“ Walpurg ſagte: „Darum haben wir aber auch von beiden Liebespaaren das Beſte gemein, von dem Einen die Anerkennung der Welt, von dem Andern die — 10— Freude, daß von unſrer Liebe im Grunde auch kein Menſch eine Ahnung hat. Und das, meine ich, ſei das Allerſchönſte bei jedem Glück: zu wiſſen, daß die Leute es nur nach ihrer eignen Denkungsart anſchauen, und nur darin wahr⸗ nehmen, was ihnen ſelbſt Glück dünkt; während wir doch das Alles viel beſſer wiſſen und in unſrer Liebe ſtillen Hütten ein Glück beherber⸗ gen, von dem ſo Wenige Ahnung haben. Denn das wirkliche Glück verbirgt ſich ſchon von ſich ſelbſt dem neidiſchen Auge der Welt, und ruht, eine köſtliche Perle, in ſeiner treuen Muſchel, der Seele. Darum mag ich es auch ganz freudig annehmen, wenn die Leute immer nur von dem Liebesglück Arthur's und Lonnh's reden, weil es ihnen ſo blank in die Augen fällt, das unſ⸗ rige hingegen faſt ganz mit Stillſchweigen über⸗ gehen. Aber mein Gott, was haſt Du?“ Dieſe plötzliche Frage entfuhr ihr, da ſie Marlo auf einmal zuſammenſchrecken ſah, als wenn ihn eine unſichtbare Hand gefaßt und umgedreht hätte. Staunend ſah er zwiſchen den Felſen hin⸗ durch und ſtammelte kaum hörbar: „Ja, wahrhaftig— das iſt der Ort, da herum muß es ſeyn!“ Die Mediatiſirten, ll. 29 — 450— „Was denn? O ſprich!“ „Dort die Tannen,— ſiehſt Du ſie nicht?“ Da durchzuckte auch ſie ein jäher Schreck. Sie verſtand, was er meinte, und dem Wink ſeiner Hand folgend, ſah ſie die Tannen, kaum fünfzig Schritte entfernt, unter denen das ſo lange unbekannte Grab der unglücklichen Emilie Monaldi liegen ſollte. Schnell aber faßte ſie ſich, ergriff Marlo's Arm und ſagte: „Heute nicht! Um Gott nicht lieber Marlo! Ein andermal wollen wir hingehen und es ſuchen.“ „Was haben wir zu fürchten?“ erwiederte er lebhaft.„Wir ſind ja nicht hierher gekommen, um einem Grabe ſein Geheimniß abzulauſchen. Da wir aber einmal da ſind, ſo ſollten wir dem Zufall folgen, der uns in die Nähe geführt hat, und uns mit eignen Augen von dem Vor⸗ handenſeyn des Grabes überzeugen. Komm' liebe Walpurg! Mich verlangt wirklich und ich fühle eine wahre Sehnſucht nach dem Orte, um den ſich ſo vieles dreht und bewegt, was uns un⸗ mittelbar angeht.“ „Wir werden uns eine Erſchütterung holen, deren wir ſpäter bei unſrer Rückkehr zum Feſt —— ——, — —. nicht Herr ſeyn können,“ ſagte ſie mit warnen⸗ der Stimme. „Iſt's nicht das Erntefeſt!“ ſprach Marlo dagegen mit gehobenem Muth,„Und da, dächt' ich, ſollten wir feiern nicht allein dieſes Jahres Segen an dem, was uns der Himmel an leib⸗ licher Nahrung beſchieden, ſondern auch das, was ſo lange Jahre hindurch, ein unbekanntes Geſchick, über unſern Häuptern ruhte und viel⸗ leicht die Urſache von ſo manchem düſteren Schat⸗ ten in unſrem Daſeyn geweſen iſt. Nun aber auch hier alles einen friedlichen Ausgang ver⸗ ſpricht, die Furcht vor Schaden immer mehr ſchwin⸗ det und dagegen der Gewinn an Erfahrung und innerem Erlebniß immer ſicherer wird, ſollten wir es ſchon wagen, auch dieſe Ernte feſtlich zu feiern und den Herbſt zu ſegnen, der uns ſo reiche Erfüllung beut. Komm, liebe Walpurg, haſt Du doch ſelbſt das ſchöne Wort ausgeſprochen, daß unſre Liebe eine Verſöhnung ſeyn ſolle alles feindlichen Mißgeſchicks im Leben!“ „Wohlan, ſo ſey's,“ erwiederte ſie und folgte ihm aus der Felſenſchlucht dorthin, wo hinter dem hellen Buchwald düſtere Tannen hervor⸗ winkten. Bald traten ſie in den Schatten der⸗ ⸗ —— ſelben ein und ſuchten das Grab, das hier ſo lange unentdeckt unter dem Moos der Wildniß geruht hatte. Walpurg war es beſtimmt, den kleinen Erd⸗ hügel zu finden. Aber kein Marmorſtein lag mehr darauf und das Moos war gleichfalls weg⸗ geriſſen. „Weh!“ rief ſie erbebend. Welcher Frevel! Das war gewiß Joſt! Noch ſtanden Beide, ſtumm das zerſtörte Grab anſtarrend, da ertönte plötzlich durch die ſtille Waldeseinſamkeit Muſik, und ſo hell und fröhlich klangen die Töne der Geigen und Flöten von dem Feſte herüber, als wolle ſelbſt der alte Wald fortan vergeſſen, was er doch ſo lange nur der Menſchen Vergeſſenheit bewahrt hatte. „Hier Wahrheit— dort Täuſchung!“ ſagte Walpurg, erſt auf das Grab und dann nach der Richtung deutend, von wo die Muſik herüber klang. Sie legte darauf ihre Hand in die Marlo's und ſprach ſanft: „Geh'n wir dorthin, wo wir der Täuſchung dieſes Lebens die Wahrheit unſrer Liebe entgegen halten können. Segne Gott immerdar unſre lebendige und dieſe todte Liebe!“ ,— Sie kehrten darauf zu der Geſellſchaft zurück, die ſich bereits unter dem Volke zerſtreut hatte und ſelbſt hier und da péle méle mit den bür⸗ gerlichen und bäueriſchen Ragen machte. Die jün⸗ geren Repräſentanten der haute volée, die Gardelieutenants und ſonſtige Aſpiranten der Unſterblichkeit, dazu einige junge Engländer, die zum erſtenmal ohne Erzieher in ſchwefelgelben Gamaſchen den Continent beſuchten, fanden Ge⸗ ſchmack am ländlichen Tanz, und mancher Bauer ſah ſcheel darein, wenn ihm ſein Schatz von einem der vornehmen Herrchen auf den grünen Plan geführt wurde, als wäre das eben nur ſo Mode unter den vornehmen Leuten. Es dämmerte ſchon, und die Begriffe von Mein und Dein, von Bauer und Adelig ver⸗ wirrten ſich immer mehr. In Walpurg entſtand abermals eine große Sehnſucht, aus dem Tumult, der ſie faſt betäubte, fort in die Stille zu kom⸗ men. Sie war ſo bewegt, ſo aufgeregt, und doch wollte die Unruhe des Feſtes nimmermehr die Unruhe in ihrem Innern beſchwichtigen. Denn ſtets banger ward ihr dabei, wohin ſie auch wandelte, wo ſie ging oder ſtand, immer war ihr zu Muthe, als müſſe ſie weiter, als treibe — 454— es ſie fort, bis ſie dann zuletzt wirklich allein war. Noch ehe ſie recht wußte, wie ſie hierher gekommen, ſaß ſie auf einem bemooſten Felſen auf der den Wieſen entgegengeſetzten Seite des Wildſteins. Da wo der treue, faſt an allzu viel Gemüth krankende Joſt einſt der herrlichen Schat⸗ tenblume gepflegt, in dem ſtillen waldheimlichen Bezirk ſeiner glücklichſten Träume, ſaß ſie jetzt in der Felſen⸗Niſche und ließ ſich von dem Quell⸗ getön unter dem tiefer liegenden Geſtein die Ge⸗ ſchichte ihrer Jugend erzählen. Müde vom Gehen und den erſchütternden und verwirrenden Ein⸗ drücken des Tages, fühlte ſie zuletzt eine unwider⸗ ſtehliche Neigung zum Schlafe und ſie würde vielleicht ihrer Ermattung nachgegeben haben und wirklich eingeſchlummert ſeyn, wenn nicht plötzlich ein ſonderbares Geräuſch, wie von dum⸗ pfem Donner unter der Erde, ihre Aufmerkſam⸗ keit geweckt und ſie nach den ſeltſamen Tönen hätte aufhorchen laſſen. Bald war es ihr, als kämen dieſe aus dem Felſen, bald glaubte ſie das Geräuſch vor ſich unter der Erde zu hören. Einigemal glich es dem Wogen rauſchender Ge⸗ wäſſer, dann dröhnte es wieder wie Donner in — —— unterirdiſchen Gewölben, aber eine ſichere Deu⸗ tung war nicht möglich und ſie zweifelte ſelbſt noch, ob es ein Phänomen ſey oder nur der in der Waldtiefe verhallende Lärmen des Volks auf den Heiligenwieſen. „Was in aller Welt iſt das?“ fragte ſie ſich ſtaunend.„Von einer Erderſchütterung kann es doch nicht herrühren und von einem Gewitter auch nicht!“ Sie hatte noch nicht ausgeredet, da machte ſie mit einmal im Zweifel der Dämmerung die Entdeckung einer neuen merkwürdigen Erſchei⸗ nung, Der Leſer erinnert ſich wohl noch der Be⸗ ſchreibung, die wir von dieſer Localität bei einer früheren Gelegenheit gegeben haben. Wir erzähl⸗ ten damals unter Anderm von den kühlen Baſſins, die das dem Felſen entquellende Waſſer dicht an dem Wildſtein hier und da bildete. Wie nun Walpurg von ihrem erhöhten Standpunkt in der Niſche aus, zu welcher mehrere Stufen hinan⸗ führten, dem Donner lauſchte, ſah ſie plötzlich, daß die Waſſer ſich hoben, die kleinen, durch grünes Moorland von einander getrennten Baſſins ſchnell überſtrömten und in Zeit von wenigen — 456— Minuten in einander floſſen, ſo daß, wo noch eben ihr Fuß trocken gewandelt, nur eine ein⸗ zige Waſſerfläche ſichtbar wurde, die rings vom Felsgeſtein wie in einem von der Kunſt ge⸗ ſchaffenen Becken eingeſchloſſen war. Daraus hervor aber ragten die Sträucher und Stauden, die am Rand der kleinen Bächlein gewachſen waren; und ſo hoch ſtieg in wenigen Augenblicken das Waſſer, daß die blauen Glockenblumen an den langen Stengeln eben nur noch mit ihren Kronen auf der Waſſeerfläche ſchwammen. Wal— purg ſelbſt, die ſchon fürchtete, daß das Waſſer noch höher ſteigen und ſie auf dem Altan⸗ähn⸗ lichen Felſenvorſprung einſchließen möchte, ent⸗ deckte nur noch einen ſchmalen, dicht am Wild⸗ ſtein hinlaufenden Fußpfad, auf dem ſie ſogleich davon eilte, um die Leute auf den Wieſen auf dieſe ſonderbare Verwandlung aufmerkſam zu machen und ſich die Erſcheinung des Waſſers erklären zu laſſen. Je näher ſie aber den Wieſen kam, wo noch vorhin ein ſo lautes und fröhliches Leben ge⸗ herrſcht hatte, um ſo mehr fiel ihr nun die ängſtliche Stille auf, worin das von Allen deut⸗ lich gehörte räthſelhafte Donnern und Rauſchen — 457— unter der Erde die Menge verſetzt hatte. Marlo kam ihr ſogleich entgegen. Sie fragte ihn, was geſchehen ſey und erhielt die Nachricht, daß in dem Augenblick, wo der Donner angehoben bis zum letzten Hall deſſelben, die ganze weite Wieſe in zitternder Bewegung geſchwankt hätte, ſo daß es von Jedermann deutlich verſpürt worden ſey. „Dann war's doch ein Erdbeben!“ ſagte ſie und erzählte ihm, was ſie im Wildſteingrund Merkwürdiges erlebt und geſehen hatte. Marlo lauſchte hoch auf, ging zu ſeinem Vater und rief dieſem zu: „Vater, ich halte dafür, daß wir auf einem ſehr gefährlichen Terrain ſtehen. Unter uns wankt dröhnend der Boden und Walpurg erzählt, daß die Gewäſſer im Walde ihr Haupt aus dem Erd⸗ grund erheben. In Norwegen iſt's vor circa fünfzig Jahren vorgekommen, daß ein ſeit Jahr⸗ hunderten von der Erdoberfläche verſchwundener See über Nacht zurückkehrte und ſeinen früheren Bezirk wieder völlig unter Waſſer ſetzte.“ Der Ton von Marlo's Stimme, als er dies ſagte, bebte leiſe. Graf Emanuel ſprach ſtill vor ſich hin:„Was kann nicht Alles in der Welt zurückkehren!“ und billigte nach kurzer Berathung — 4538— des Sohnes Vorſchlag, daß das Feſt von den Heiligenwieſen weg auf eine weiter nach der Stadt gelegene Haide verlegt werde. Demzufolge räumte die Volksmenge eilig die ſchwankenden Moorwieſen und bald war es dort wieder ſo ruhig, wie in ſtillen Mondnächten, wo die Jwidien daſelbſt ihre Tänze aufführten. Auf der Haide jedoch, wo bald Alles wieder beim Scheine luſtiger Feuer und Fackeln ſich der Freude des unterbrochenen Feſtes überließ und die Muſik ſelbſt bei denen, welchen noch das vorhin gehörte räthſelhafte Getöſe unter dem Wieſenboden in den Gliedern nachdröhnte, bald den letzten Reſt von Bangigkeit vertrieb, hielt ſich die vornehme Geſellſchaft nicht lange mehr auf. So ſchön und wahrhaft entzückend auch die helle Mondnacht und das über und über geſtirnte Firmament glänzte, zog man doch die kerzenſchimmernden Säle einem längeren Verweilen unter freiem Himmel vor, und der ſorgſame Wirth hatte zu dieſem Zweck für die Damen Wagen und für einen Theil der reit⸗ luſtigen Herren Pferde aus dem Schloſſe herbei holen laſſen, eine Fürſorge, wodurch der Aufbruch der Geſellſchaft nur noch beſchleunigt wurde. † Es war auf ihre eigne Veranlaſſung geſchehen, daß für Walpurg das weiße Roß Iduna nicht fehlte, welches ihr der Reitknecht mit dem über dem Sattel hängenden weitfaltigen Reitrock vor⸗ führte. Sie ſchürzte den letzteren leicht um die Hüfte und wollte ſich eben von der Hand eines Cavaliers auf den Sattel ſchwingen, als ein junger ihr bekannter Bauernburſche an ſie heran trat und ihr heimlich ſagte, der Joſt Falter ſei am Wildſtein und begehre die gnädige Gräfin dringend zu ſprechen. Walpurg ſtutzte und unter⸗ drückte kaum einen Schrei der Ueberraſchung bei dieſer Nachricht.„Er will fort von hier— noch heute,“ ſagte der junge Bauer;„die gnädige Frau ſollen das Weitere von ihm ſelbſt hören.“ Niemand hatte die Unterredung bemerkt. In dem Gewirre der Wagen und Pferde, das noch durch das Einſteigen und Vertheilen der Geſell⸗ ſchaft in die einzelnen Kutſchen, ſo wie durch das Zurufen der Diener und das Durcheinander⸗ Befehlen der Herren, die nach ihren Pferden ſuchten, vermehrt wurde, hatte kein Menſch auf die Gräfin geachtet und ſelbſt Marlo war in dieſem Augenblick nicht in ihrer Nähe. Vergebens ſuchte ihn ihr ſpähendes Auge vom Pferde aus — 460— in dem bunten Knäuel; auch Lueinden ſah ſie nicht, der ſie doch gerne ein Wort von dem eben Vernommenen in's Ohr geflüſtert hätte, da ſie entſchloſſen war, ſogleich und ohne Aufenthalt nach dem Wildſtein zu reiten, und Joſt zu ſprechen, und möglicherweiſe, denn ihr ahnte nichts Gutes von der Botſchaft, einem Unheil vorzubengen. Der Wildſtein lag von der Haide kaum eine Viertelſtunde entfernt, und auf dem wohlbekann⸗ ten Wege dahin, zumal wenn ſie die Heiligen⸗ wieſen überritt, konnte ſie bei der Schnelligkeit ihres Pferdes dort und auch wieder von da zu⸗ rück ſeyn, bevor noch die Geſellſchaft im Schloß angelangt war und ihre Entfernung bemerkt hatte. Dies erwägend, zögerte ſie nicht lange, gab ihrem Pferde einen leichten Schlag auf den Hals, rief ihrem Jokey zu:„Ich komme zurück!“ und war gleich nachher, ohne daß Jemand ſonſt auf ihr Davoneilen Acht gab, in dem jungen Eichſchlag, der die Haide umgrenzte, verſchwunden. — Es war nicht ſein Werk geweſen, das zerſtörte, an ſeinem alten Frieden gekränkte Mut⸗ — — 461— tergrab! Aber ſcheu, als ſei er der Urheber des Frevels, das die theure Stätte entweiht und den Marmor von ihr geraubt hatte, floh er da⸗ vor zurück, als er am heutigen Abend noch ein⸗ mal, zum letzten Mal, dort beten wollte, eh' er auf immer von ihr ſchied. Wie auf den Pfaden zu unverſtandenen Ge⸗ beten war er dann nach dem Wildſtein gewan⸗ delt, hatte jedoch nicht einmal bemerkt, daß der Lärm des Feſtes auf den Wieſen verſtummt und überhaupt der ganze Wald ringsum ſo ſtumm ge⸗ worden war, als ſchaudere auch ihm vor dem Frevel am Grabe jener Emilie Monaldi, deren Gedächt⸗ niß nun zum zweiten Mal namenlos im Waldes⸗ ſchweigen untergehen ſollte. Aber auch auf das andere ſeltſame Geräuſch wie von wogenden, ſteigenden und immer näher brauſenden Waſſern unter der Erde achtete er kaum, obwohl es in der Nähe des Wildſteins ſo ſtark wurde, daß er einige Mal wie betroffen ſtill ſtuand und lau⸗ ſchend umblickte, ohne jedoch der Urſache weiter nachzudenken. Er hatte dabei nur das Gefühl, als rede zuweilen ein dunkler Prophet Troſtes⸗ worte in die Klage ſeiner weinenden Seele. So kam er an den Fuß des Wildſteins, und zwar — an dieſelbe Stelle der Felsgruppe, von wo, wie wir erzählten, wenige Stunden vorher Walpurg durch die immer höher ſteigende Fluth vertrieben worden war. Jetzt reichte hier bereits das Waſſer bis an die Stufen der Niſche und bildete eine einzige mondhelle Fläche, auf der die Schatten ſchwanker Wipfel langſam hin und her gingen. Da erſt merkte Joſt, der ſonſt den Käfer im Holze hörte, auf die gewaltigen Vorgänge in der Natur, und das unterirdiſche Dröhnen von der Wieſe herauf, als kämpfte dort Waldesrau⸗ ſchen mit Meeresbrandung, nahm auf einmal ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Anfangs wie trunken, bald aber mit helleren und zuletzt mit ganz hellen Sinnen lauſchte er auf, er ſah die Waſſer ringsum, hörte das Brauſen von noch ferneren Waſſern.„Kühleborn allerwegen!“ mur⸗ melte er, faſt noch mehr betroffen über dasjenige, was er nicht ſah, als über das, was doch ſeine nächſte Sorge hätte in Anſpruch nehmen ſollen, nämlich der bereits faſt ganz von den Fluthen umſpülte Wildſtein. „Das iſt der See!“ ſagte er ſich plötzlich, bengte ſich zur Erde nieder und lauſchte, das Ohr feſt an den Boden gedrückt, einige Minu⸗ 3 —— — 463— ten mit angehaltenem Athem. Dann wußte er, daß es der See war, der immer näher und näher heraufwogte. Er ſprang empor und eilte auf dem höher gelegenen Herrnweg nach der andern Seite des Wildſteins, von wo man die Ausſicht nach den Heiligenwieſen frei hatte. Faſt wie Tageshelle lag es auf der weiten ſtillen Trift, faſt noch heller als Tag beſchien der Mond einzelne Flächen der Wieſen, während hier und da noch die Feuer des verlaſſenen Feſtes glimmten. Und wie Joſt noch lauſchend ſpähte und des Geſichtes harrte, das ihm dasjenige, was eben unter der Erde vorging und das, was in dieſem Augenblicke ſein Innerſtes bewegte, enthüllen ſollte, ſah er plötzlich aus dem gegenüber lie⸗ genden Walde hervor etwas Weißes ſchimmern, gleich darauf ein weißes Pferd— ſo weiß, wie Walpurgs Iduna, und die es lenkte, war Wal⸗ purg! Im raſcheſten Ritt ſprengte ſie über die Wieſen ihm entgegen, ſchon hatte ſie faſt die Mitte derſelben erreicht, er ſah ihren wehenden Schleier, wehen ihr Gewand, wehen ſilberne Mähnen— da plötzlich ging ein Schrei hell — 464— gellend durch die Schöpfung, jammernd rief die ſüßeſte Stimme:„Joſt, lieber Joſt—!“ und wie er es hörte, war es ihm auch ſchon, als ſähe er Roß und Reiterin langſam im Moore ver⸗ ſinken. Es war wie ein Phantom im Nebel⸗ glanz! Joſt ſchreit entſetzlich auf, im Verſinken der Verſinkenden nahe, will er ſie ergreifen, aber diesmal iſt es die herrliche Schattenblume, die ihn mit ſich hinabreißt!— Mitternacht rauſcht kühl durch's Laub, froh⸗ lockend ſingen Jwidien ihrem alten See ent⸗ gegen.— * Es iſt ein ſonderbarer Widerſpruch unſerer Natur, daß in dem Menſchen, den ein mäch⸗ tiges Geſchick erfaßt, oft dasjenige, was er iſt und dasjenige, was er kann, in keinem Ver⸗ hältniß zu einander ſtehen, und er ſelbſt am wenigſten die Kraft ahnt, die ihm überhaupt das Leben, einem ſolchen mächtigen Geſchicke gegen⸗ über, möglich macht. Wie von allen grünen Wurzeln ſeines Daſeins plötzlich losgeriſſen, fühlt er nicht einmal, daß es nur das Geſchick ſelber iſt, welches ihn aufrecht hält, und ihm jene Kraft verleiht, die ihm im gewöhnlichen Leben ſo oft verſagt war. Vieles und Schönes bildet ein edler Geiſt an ſich aus, findet das Rechte, wo er es ſucht, und bedarf nicht der Schule des Unglücks, um ſich zu ſtandhaftem Muth zu ſtäh⸗ len. Letzterer wächſt ja in dem Grade, wie die Macht, die ihn herausfordert, wie der feindliche Sturm, der ihm Gefahr droht. Aber ſtürzt ein⸗ mal einen Menſchen von den goldnen Tiſchen der Seligkeit, verdammt ihn zu ewigem Hunger und Dürſten in einer Welt ohne Sonne, und fragt ihn dann, was ihn noch leben läßt, aus⸗ harren einem Geſchicke gegenüber, das keinen Kampf mehr fordert,— und er wird euch die Antwort ſchuldig bleiben! Er ſelber weiß ja nicht, daß jeder Athemzug dieſes Lebens, deſ⸗ ſen Rechtfertigung ihr verlangt, einen Theil ſeines Geſchickes ausmacht, ſo ohngefähr wie zum Sturme die Meeresſtille gehört, die dieſem folgt. Und in einer ſolchen Stille finden wir denn auch Marlo wieder. Fragen wir aber nicht, wie lange Zeit er brauchte, um Walpurgs Tod zu beweinen, fragen wir au ch nicht, wie knh Zeit Die Mediatiſirten, II. 30 — 466— er brauchte, um aus dieſem Weinen wieder zu trockenen Augen zu kommen. Wir kennen ihn nicht mehr! Die uehie Thräne, wenn er ſie jemals einem ſolchen Geſchicke weinte, ſah einen neuen Menſchen in ihm, denn in dem Feuer eines ſolchen Schmerzes geht entweder der Geiſt unter, oder erhebt ſich geweiht aus der Zerſtörung. Auch Marlo erhob ſich wieder; und hatte er früher häufig an zu viel Glück gekrankt, daß ſelbſt der Beſitz der herrlichen Walpurg ihn kaum über die Beſtändigkeit dieſes Glückes beruhigen konnte, ſo war es nun der auf immer verlorene Stern, in deſſen Suchen er, freilich auf dunk⸗ len Pfaden, endlich zu der Erkenntniß gelangte, daß der Menſch nichts von alledem verlieren kann, was ihm einmal Bedingung des ewigen Geiſtes in ihm geworden iſt, und daß der Tod wohl des Lebens holde Erſcheinung zerſtören könne, nimmer aber, was dieſer Erſcheinung an Cwigem und Unſterblichem zu Grunde liegt. Und wie hätte er auch Walpurg lieben, wie dieſe ihn mit der ganzen Inbrunſt und Begei⸗ ſterung ihrer Seele wieder lieben können, wäre —— der Tod, unter welcher Geſtalt er auch immer erſchien, dieſer Liebe mehr geweſen, als ein blo⸗ ßer Prophet zu einem andern Leben! Wenig⸗ ſtens konnte der, der Walpurg ſo von ganzer Seele geliebt hatte, an ihrem Grabe wohl ſeines ganzen irdiſchen Glückes Untergang, niemals aber den ſeiner Liebe beweinen. Nicht in muthloſer Trauer und Reſignation, wohl aber in einem ſchönen ſegensreichen Leben will ein ſolches Geſchick verſöhnt werden; und es geſchah gewiß im ſicherſten Einverſtändniß mit Walpurgs verklärtem Geiſte, daß Marlo mehrere Jahre nach ihrem Tode ſeinem Vater das größte Opfer brachte, welches dieſer von ihm, als dem letzten des Geſchlechtes, fordern konnte. Er vermählte ſich mit einer edlen liebenswür⸗ digen Frau, und wieder nach mehreren Jahren umſpielte rothwangiges Leben die alten trüben Ahnenbilder, mit ihm kam Jugend und Zukunft in das alte Haus von Willingen und kräftig und blühend gedieh ein neues Geſchlecht von Enkeln und Erben unter dem Segen jener Liebe, die zwar wie ein ſchönes Meteor verſchwunden, aber doch da⸗ rum mehr als Meteorglanz zurückgelaſſen hatte. 30 — 468— Wenn die ſchöne freundliche Großherzogin nit ihrem fürſtlichen Gemahle und drei blühen⸗ den Prinzen Sommers aus der Reſidenz in das waldumgrünte Schloß von Willingen einkehrt, ſo geſchieht es wohl, daß der Jubel in den alten Hallen oft ſo laut und wild wird, daß ſelbſt Graf Emanuel, der doch ſo lange nach dieſem Jubel ſich geſehnt hat, ihm entlieht, ſey es nun in den ſtillen Tannengrund, wo jetzt ein ein⸗ faches epheuumlaubtes Monument die Ruheſtätte ſeiner erſten Gemahlin bezeichnet; ſey es weiter hinunter dort, wo zwiſchen grünen Waldesbuch⸗ ten tief und kühl wieder der alte See ſteht und dem Greiſe wie eine zweite Verjüngung in's Auge glänzt. Er weiß dann oft kaum, an welcher von beiden Stätten er am liebſten verweilt, und manchmal geſchieht es ihm gar, daß er die hol⸗ den Namen Emilie und Walpurg mit einander verwechſelt, am alten See der eignen Jugend⸗ liebe, im Tannengrund, der des Sohnes gedenkt. In dieſem Andenken einer alten Zeit hört er dann manchmal durch das Rauſchen des Wal⸗ des eine Stimme tönen, die alſo redet: — — — — v 6 „Bald wird auch dir der Erde Ton ver⸗ ſtummen und der dem müden Gliederbau ent⸗ wankende Geiſt der Cwigkeit ungeahnetem Räthſel in verjüngtem Daſeyn näher und näher treten. Und wieder eine Weile ſpäter wird über Dem, was du hier geweſen, die Vergeſſenheit ruhen, und vielleicht eines ſpäten Enkels Hand deinen unbekannten Namen aus dem Moosſtein graben, der deinen Todtenhügel deckt. Nur ich, die ich dieſes dir künde, ich die ewige wandelloſe Na⸗ tur, hab' ein treues Gedächtniß für das Daſeyn guter Menſchen, und wo meine Blumen blühen, meine Quellen gehen, meine Sterne leuchten, all überall red' ich in's Herz dem ſpäteſten Ge⸗ ſchlecht, erzähle ihm von dem, was war, und erwecke in ihm die Sehnſucht nach dem Alten. Die Weihe der Stätte, auf der ein guter Menſch gewandelt, bewährt ihre Kraft noch nach Jahr⸗ tauſenden, und wie dort das Abendgold im ſtillen See, ſo leucht' ich in's Herz des Enkels dieſer Weihe reines Gold, rühre ihn leiſe an ſeiner ſtillſten Seele und flüſtere: Hier ging vor dir ein guter Menſch: o ſei ihm gleich!—“ So redete der Wald, und in ſeinem Ver⸗ — 470— ſtummen war es dann dem Grafen oft zu Muthe, als ſey's nicht mehr das Abendgold, was ſo hell in wunderbarer Jugendſeligkeit aus dem alten See glänze, als ſey's vielmehr der ſchönen Walpurg freundliches Antlitz, das ihm lächelnd zuwinke: Glaub's nur, o glaub's nur, der Himmel iſts ſchon werth, daß uns die Erde vergißt! ———— —————— — —————————