Leihbiblivthekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Gduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und eſebedingungen 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Vibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 pffen. 2. Lesepreis. Bei ückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe interlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für mhchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: t auf Monat 1 W. 1 W f 2 T— Pf „ 5„„ auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Foſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt 5 ſon ers dar⸗ a erkſ daß Weiterverleihen der B t„indem Diejenigen, welche die⸗ 1 dafür zu ſtehen haben. — Sito Zweiter Band. — Frapkfurt aſn. Verlag von Meiding r ohn K Conp. — 1859 6 3 „ „ Erſtes Kapitel. Es widerfährt gewiß jedem Menſchen ein und das andere Mal im Leben, daß gerade ſolche Wünſche und Ausſichten, auf die wir unter beſtimmten Umſtänden un⸗ ſere ganze Hoffnung geſetzt haben, mit ihrer Erfüllung ſo lange auf ſich warten laſſen, bis der letzte Termin der Entſcheidung verſtrichen iſt und der noch jüngſt mit heißer Ungeduld erſehnte Moment der Verwirklichung jener Wünſche erſt eintritt, wenn wir bereits aus der Noth eine Tugend gemacht und ihnen für immer entſagt haben. Nächſt dem wirklichen Mißgeſchick gibt es nichts Bittereres als ein Glück, das uns auch nur um eine Stunde zu ſpät kommt, nachdem wir zuvor Wochen und Monate lang vergebens auf ſeine Erfüllung geharrt haben. Dieſe Erfahrung machte Ludwig Moſer, da endlich D. Müller, der Kloſterhof. II. 1 —— der langerſehnte Brief des Oberamtmanns mit einem Wechſel im Betrag von mehreren tauſend Thalern eintraf, an demſelben Tage, an welchem er mit Bla⸗ ſius den Gaſthof verlaſſen und eine freundliche Gar⸗ tenwohnung vor dem Thore in Conſtantin's Nachbar⸗ ſchaft bezogen hatte, die mit einem Blockhaus ungefähr die nämliche Aehnlichkeit hatte wie ſeine gegenwärtige Situation mit dem einſtmals geträumten Anſiedlerl eben in Texas ſelber. Es waren drei elegant möblirte Zim⸗ mer im Erdgeſchoß mit äner vom rothen Herbſtlaub des wilden Weinſtocks umzogenen Veranda, und außer⸗ dem im oberen Stocke eine große helle Stube mit weiß⸗ getünchten Wänden, in welche ſich Blaſius mit ſeinem Wichsappgrat und dem Stiefelſortiment des Doctors einquartierte, wie er bei ſeinem Einzug in das neue Quartier ſagte:„Noch ganz ſeekrank von der Angſt, es zu werden.“ In dem Brief des Oberamtmanns war Ludwig der Umſtand merkwürdig, daß darin diesmal mit keiner Sylbe vor fernerer Uebereilung gewarnt wurde; im Gegentheil billigte der Freund vollkommen den Plan, zuvor an Ort und Stelle die amerikaniſchen Verhältniſſe zu prü⸗ fen, den Rath dortiger bekannter Anſiedler zu hören, ihre eigne Lage aus perſönlicher Anſchauung kennen zu lernen und erſt nach allen dieſen gewonnenen Einſichten und Reſultaten einen letzten definitiven Entſchluß zu faſſen, ob das väterliche Gut loszuſchlagen.. oder aber neuerdings in mehrjährigen Pacht zu geben ſei, wozu bis zum künftigen Frühjahr die allerbeſte Ausſicht vor⸗ handen wäre; ſogar werde ſich noch ein höherer Pacht⸗ zins erzielen laſſen, wenn Ludwig den billigen Wünſchen des hierzu luſttragenden Oekonomen entgegenkommen und eine Erweiterung einzelner Gebäulichkeiten genehmigen wolle. Es lautete zwar wie eine ganz einfache ſelbſt⸗ verſeändliche Wahrheit, klang aber doch wie eine recht bittere Jronie, daß der Oberamtmann dieſem Vorſchlag fol⸗ gende Bemerkungvon ſeinem nüchternen Standpunkt aus“ beifügte und ſie der Beherzigung des Freundes empfahl: „Willſt Dn einmal abſolut Dein Vaterland ver⸗ laſſen und Deinen deutſchen Originaltert in die Sprache der Sioux und der„Siebenfeuermänner“ überſetzen, ſo ſehe ich wirklich nicht ein, warum Du dies nicht ebenſo gut als ein von ſeinen Revenüen lebender Rentier aus Europa, wie als amerikaniſcher Realitätenbeſitzer thun kannſt. Heutzutage, wo die Entfernungen ſchwinden, wo der unterſeeiſche Telegraph bald beide Welttheile auf wenige Stunden zuſammenrücken wird, iſt es im Grunde völlig einerlei, wo Einer ſeine Beſitzungen liegen hat, ob in Schwabenheim am Neckar, oder in Neu⸗Braun⸗ fels an der Guadelupe, ob er deutſche Runkelrüben oder indianiſches Zuckerrohr anbaut, wenn nur über⸗ haupt Etwas dabei herauskömmt. träglichen Schluß für die Tragikomödie meiner jüngſten „Ein erſtaunliches Aufſehen hat verdientermaßen Deines Blaſius glückliche Handelsſpeculation gemacht. Vergangenen Freitag langte die transatlantiſche Fracht, drei Kiſten und drei Tonnen, via Mannheim, glücklich mit einem Heilbronner Schiffe hier an und ſofort ging die Kunde davon durch's ganze Land; die große Londo⸗ ner Weltausſtellung wiederholte ſich en miniature; Nie⸗ mand iſt es dabei eingefallen, die Möglichkeit einer di⸗ rekten Sendung von Galveſton nach Schwabenheim in ſo kurzer Friſt zu bezweifeln; die Begierde nach den fremden Wunderdingen war bei den Meiſten ſo groß, daß man den Raritätenfritz ſogar beſchuldigt, er habe noch diverſe Gegenſtände von ganz unzweifelhaft vater⸗ ländiſchem Gepräge als texaniſche Waare mit unterlaufen laſſen, eine ſteinerne Butterdoſe, eine Kürbisflaſche und ein als indianiſche Friedenspfeife verkleidetes Kirſchrohr mit irdenem Kopfe.“ Dieſe Schilderung verſetzte Ludwig in die heiterſte Laune; und es war wohl zunächſt das Werk ſeiner fro⸗ hen Stimmung, daß er die bittere Jronie des Schickſals leichter verwinden konnte, welche ihm mit ernſthafter Miene die Mittel zur Ausführung ſeiner Pläne erſt in die Hand gab, als letztere bereits ſchon geraume Zeit von ihm für immer ad acta gelegt waren. Was gilt's, am Ende finde ich doch noch einen er⸗ — Vergangenheit! rief er heiker aus. In Texas ſind wir, wenigſtens nach der Meinung der guten Schwabenhei⸗ mer bereits glücklich angelangt; jetzo handelt es ſich nur darum, daß ich ſelber eine ähnliche gute Meinung von dem Fortgang meines Lebens bekomme; und dazu ſollſt zunächſt Du mir verhelfen, kleiner Papierſtreifen, ge⸗ nannt Prima⸗Wechſel bei Sicht, mit deſſen Hülfe ich bei mir ſelber ein Anlehen im Betrag von viertauſend Thaler contrahiren und ſo Schuldner und Gläubiger in einer Perſon vorſtellen will. Dank meinen guten Ster⸗ nen, die mich, wenn auch nicht vor Unverſtand, doch vor Unverſtands Schickſal bewahrt haben, iſt's ja nur ein kleiner Bruchtheil von dem, was ich daheim noch an väterlichem Segen beſitze; und dermaleinſt ſoll auch dieſer Bruchtheil ſo Gott will wieder mit dem Ganzen vereinigt werden, ſey's nun in baarer Münze, ſey's im klingenden Freudeton einer ſchönen Erinnerung! Nun können wir die Anker lichten! rief er dem ein⸗ tretenden Blaſius entgegen und hielt den Brief ſammt dem Wechſel triumphirend in die Höhe. Da lies, was Du für ein vertrackter Kerl biſt und wie die Schwaben⸗ heimer unſern ganzen Plunder bis auf den letzten dum⸗ men Streich ausgekauft habent Ich ſag's ja immer, es ſind die einzigen geſcheidten Leute in der Welt! verſetzte Blaſius und griff mit der einen Hand nach dem Wechſel, mit der andern nach dem Briefe. Als er erſteren mit einem flüchtigen Ken⸗ nerblick geprüft hatte, rief er vergnügt: Alleweil kriegt unſere Tollheit ein vernünftig Ge⸗ ſicht! Viertauſend Thaler, ohne die Verbindlichkeit, ſie außerhalb Landes zu verzehren, die Anſiedlung laß' mir gefallen, auf das Fahrwaſſer wag' ich mich auch. Nun mögen ſich die Herren Rothhäute ſelber unter ein⸗ andér auffreſſen, auch die Klapperſchlangen und Jaguare geniren keinen großen Geiſt mehr, die Büffel werden ſich ſchon ohne uns die Hörner ablaufen, wir laſſen Texas ſammt dem Bruder Straubinger vielmals grü⸗ ßen, bleiben im lieben Vaterland und ſingen nach wie vor: Bald graſ' ich am Neckar, Bald graſ' ich am Rhein, Bald hab' ich ein Schätzel, Bald hin ich allein. Er tauzte, während er die Anfangsſtrophe des alten Volkslieds ſang, vor Freude wie närriſch in der Stube herum und Ludwig mußte ihn wiederholt auffordern, den Brief des Oberamtmanns zu leſen, beſonders die Stelle, welche von dem glücklichen Verkauf ihres Aus⸗ wandererinventars handelte. Blaſius zeigte jedoch kaum mehr zin Intereſſe an dieſer Angelegenheit, ſah nur flüchtig in den Brief und ſagte dann, indem er die Schriftzüge betrachtete: So ich die geſtrenge gantſchrift des Herrn —,— —— — —,— Oberamtmanns anſehe, muß ich immer daran denken, wie kleinlaut unſre Bauern daheim werden, wenn ihnen durch den Gerichtsboten etwas Geſchriebenes vom Herrn Theobald vor die Naſe gehalten wird. Mein Schwa⸗ ger, der Schultheiß Wörle von Mukkendorf hat mich verſichert, er habe anno Achtundvierzig die radikalſten Unruhſtifter und Aufwiegler im Gemeinderath dadurch zur Ruhe gebracht, daß er jedesmal, wenn ſie ſich un⸗ nütz hätten machen wollen, einen großen Papierbogen mit der wohlbekannten Handſchrift des Herrn Oberamtmanns, dick mit blauem Sand beſtreut, aus der Seitentaſche ge⸗ zogen und ihn ruhig neben ſich hingelegt habe, worauf gleich die Schreier ſtille geworden und wie das böſe Gewiſſen ganz bedugt davon geſchlichen ſeien. Höre, Blaſius, wir müſſen noch heute den Wechſel einkaſſiren, ſagte Ludwig. Wenn wir auch des Geldes für uns ſelber in der nächſten Zeit nicht benöthigt ſein werden, ſo iſt doch noch ein Schuldpoſten im Betrage von achthundert Thalern zu bezahlen, was ich je eher, je lieber abmachen möchte. Achthundert Thaler! Das erſte Wort, das ich davon höre! ſtotterte Blaſius zurückprallend und riß Mund und Augen weit auf. Wie, mein Freund, warſt Du nicht noch nenlich ſelber der Anſicht, Volkhauſen drücke der Gedanke ent⸗ * — 8— ſetzlich, daß ihm ſein reicher Onkel kürzlich ſeine Schul⸗ den bezahlt habe? Allerdings, ich hab's aus ſeinem eignen Munde, daß ihm die Geſchichte hölliſch fatal iſt, erwiderte Blaſius. Ihnen hat er's ja gleichfalls geſtanden, er hätte lieber noch einmal ſo viel Schulden, wenn er nur dieſem Manne nichts zu danken brauche. Ich kann ihm das ſo deutlich nachfühlen, als wenn es mir ſelber paſſirt wäre, ſagte Moſer. Lieber den Buckel voll ehrlicher Schulden als eine einzige Verbind⸗ lichkeit gegen Jemand, der uns gegen unſeren Willen eine Wohlthat aufzwingt. Darum müſſen wir ihn ſo⸗ bald als möglich von dieſem Hypochonder zu erlöſen trachten. Es iſt aber doch Jammerſchade um das viele ſchöne Geld, entgegnete Blaſius und kratzte ſich unſchlüſſig hinterm Ohre. Halb begreif' ich den Herrn Volkhauſen, halb begreif' ich ihn wiederum nicht. Honorig iſt's je⸗ denfalls von ihm, daß er's lieber mit ſeinen Manichäern zu thun haben will, als mit einem reichen hartherzigen Muckeronkel, der ihm die Wohlthat wie einen abgenag⸗ ten Knochen an den Kopf wirft. Wenn ich aber dage⸗ gen bedenke, daß Schulden, die einmal bezahlt ſind, ei⸗ gentlich gar keine Schulden mehr ſind, oder noch richtiger, eigentlich ein reines Nichts, etwas, das gar nicht weiter exiſtirt, als wozu wir's in unſerer Einbildung machen, ——— ——————2 — ——————————————————— ſo könnte ſich ja der Herr Volkhauſen ebenſo gut vor⸗ ſtellen, ſein Onkel habe ihm nur aus Zerſtreutheit oder in einem Anfall von Blödſinn aus der Patſche geholfen; oder es ſei dem alten Herrn, worauf ich mein groß und klein Cerevis ſetze, dabei mehr um den eignen Credit, als um den des Neveus zu thun geweſen. Geſchehene Dinge laſſen ſich nun einmal nicht ändern, und gewiß ſind darunter ohne unſere Schuld quittirte Rechnungen dasjenige, was ſich noch am Leichteſten ertragen läßt. Wenn nur der Herr Vo khauſen davon ein Einſehen ha⸗ ben wollte! Ohne auf dieſe moderne Schickſalsanſchauung nä⸗ her einzugehen, ſagte Ludwig: Höre, welchen Plan ich mir ausgedacht habe, damit der Freund nicht eher Etwas von der Sache erfährt, als bis wir ihm ſeine Befreiung von jeder moraliſchen Verbindlichkeit gegen ſeine Verwandten anzeigen können. Morgen Vormittag begibſt Du Dich zu Herrn Cyprian Franke, und zwar in der würdig beſcheidenen Geſtalt eines Famuli oder Amanuenſis. Du ſagſt dem alten Herrn, daß Du im Auftrag ſeines Neffen Conſtantin zu ihm kämeſt, bei dem Du ſeit mehreren Jahren als Schreiber im Dienſt ſtändeſt; Volkhauſen habe Dich hergeſchickt, um ſeinem Onkel die achthundert Thaler wieder zurückzuzahlen, die derſelbe jüngſt bei ſeinen Gläu⸗ bigern vorgelegt habe und erbitteſt Dir dagegen eine einfache Empfangsbeſcheinigung. Außerdem wirſt Du dafür Sorge tragen, bei dieſer Gelegenheit die falſchen und verleumderiſchen Nachrichten zu widerlegen, die man dem frommen Herrn von ſeinem Neffen hinterbracht hat; Du wirſt ihm denſelben im vortheilhafteſten Lichte ſchildern, wie er ſchon ſeit Jahren den ſolideſten Le⸗ benswandel führe, Tag und Nacht ſeinen gelehrten Stu⸗ dien obliege, und ſich einer Mäßigkeit befleißige, die über alles Lob erhaben ſei. Dabei läſſeſt Du es als Dein ſtilles, aber beſcheidenes Verdienſt durchleuchten, daß er hauptſächlich Deinem moraliſchen Einfluß dieſe heilſame Wiedergeburt ſeines inneren Menſchen zu ver⸗ danken habe. Das Letztere iſt partout unmöglich! ſagte Blaſius mit größter Beſtimmtheit. Den Bären läßt ſich der alte Herr nimmermehr von mir aufbinden! Damn ſuche Dich ihm durch andere Vorzüge zu empfeh⸗ len, entgegnete Ludwig lachend. Stelle Dich frommgläubig, wehklage über der Zeiten Verderbniß, ſprich im ſingen⸗ den Tone vom neuen Jeruſalem. Dazu hab' ich ſo wenig ein Genie, als zum Wiederge⸗ burtshelfer, ſagte Blaſius kleinlaut. Aber laſſen Sie mich nur machen, ich kenn' mich darin aus; wenn ich erſt den Herrn Onkel in Perſon vor mir habe, dann will ich ſchon den richtigen Ton treffen, vorausgeſetzt, daß ich überhaupt zum Pfeifen bei ihm komme. —„ *— Du biſt ja diesmal ungemein zaghaft und bedächtig, ſagte Ludwig. Und doch iſt Dir's gewiß noch niemals vorgekommen, daß Du Jemand eine Auslage von acht⸗ hundert Thalern zurückzahlen kannſt, die er bereits in den Schornſtein geſchrieben hat? Eben treffen Sie den Nagel auf den Kopf! erwi⸗ derte Blaſius eifrig. Weil ich Etwas thun ſoll, was mir gegen die Leber läuft, darum bin ich mit mir ſelber uneins und komme zu keinem geſcheidten Einfall. Die ganze Geſchichte ſieht allerdings aus der Vogelperſpektive betrachtet aus wie eine fabelhaft großartige Generoſität; rückt man ihr aber näher zu Leibe, ſo wird, mit Ver⸗ laub, daß ich's frei herausſage, eine blaſſe Renommage daraus, ein Ding, das weder Kopf noch Schwanz hat. Ja, wenn das Riſiko nicht wär', daß der Herr Onkel, trotz ſeiner Million die achthundert Thaler ganz gemüth⸗ lich einzöge, dann wollt' ich ſchon vierſpännig vom Bock herunter bei ihm vorfahren. Aber wenn er nun kurz⸗ weg Bon! ſagt, vielleicht den Herrn Neffen ſogar noch wegen ſeiner reellen Denkart belobt und bei ſich denkt: Die achthundert Thaler, die er mir ſo großartig refü⸗ ſirt, ſollen den alten Weibern im Spital zu gute kom⸗ men; oder aber: Für die achthundert Thaler kann ich ein weiteres Schock Hottentotten zum Chriſtenthum be⸗ kehren laſſen— beſſer, ein Reffe fährt in die Hölle und ich gewinne dafür dem Himmel ein halb Bataillon — 12— ſchwarzer Heiden— na, Herr Doctor, wie ſchmeckt Ih⸗ nen der Moſt? Dann ſind unſere achthundert Thaler heidi.. und wo Sie mit Ihren Freunden wochenlang Sillery, Cliquot und Duc de Montebello für das ſchöne Geld hätten trinken können, ſaufen obſolete Hottentotten Fuſel in der Katechismuslehre! Aber wer redet denn hier von mird rief Ludwig zwiſchen Aerger und Heiterkeit. Lediglich um den Freund handelt es ſich, den wir dieſen engherzigen Philiſtern gegenüber von einer Verbindlichkeit erlöſen müſſen, die für einen anſtändigen Menſchen drückender iſt als alle Plagen Egyptens! Genug, Du überbringſt morgen im Namen Volkhauſen's das Geld ſeinem Onkel; und wenn Du Deinẽn Witz aus Verſehen in eine der Kiſten mit eingepackt haben ſollteſt, die Du nach Schwabenheim g ge⸗ ſchickt haſt, ſo ſieh' zu, wie Du ohne ihn mit dem alten Herrn fertig wirſt. Nun laß uns zum Banquier ge⸗ hen und das Geld holen. S Blaſius war jedoch nicht der Menſch, der ſich ſo leicht von einer einmal gewonnenen Anſicht wieder abbringen ließ; zumal, wenn es ſich um eine Sache handelte, bei der er keinen nützlichen oder vernünftigen Beweggrund entdecken Lonnte. Hätte der von ihm durch die ganze Scala ſeines Pborenen Reſpekts vor„Geniemenſchen“ hochverehrte Volkhauſen die doppelte Summe bei Doctor Moſer entlei⸗ hen wollen, um ſich ſeiner läſtigen Manichäer zu entledigen, — 13— Blaſius würde die innere und äußere Nothwendigkeit einer ſolchen Finanzoperation auf der Freundſchaft breiteſter Baſis mit Leichtigkeit begriffen und mit aller Wärme gutgeheißen haben; ſo aber taſtete ſein ſonſt ſo feinſpu⸗ riger, ſcharfſinniger Kopf vergebens nach einer vernünf⸗ tigen Auflöſung des pſychologiſchen Räthſels, daß ein Menſch von der genialen Denkart Volkhauſen's, der doch ſonſt mit heiterem Muthe jedem Mißgeſchick trotzte, ſich in dieſem einen Punkte ſo überempfindlich zeigen und nicht einmal einem ſteinreichen Onkel die Bezahlung ſei⸗ ner Schulden vergeben ſollte. Ein ſolcher Widerſpruch war ihm noch nicht eMe gerieth daher auf die Vermuthung, Volkhauſen habe Purch das unfrei⸗ willige Abhandenkommen ſeiner Schulden den philoſo⸗ phiſchen Schwerpunkt verloren, könne den Gedanken, keine Schulden mehr zu haben, hoch piel weniger ertra⸗ gen, als den eigenmächtigen Eingriff des Onkels in ſeine perfönlichen und ſtaatsbürgerlichen Rechte. Nur Eins ſtand ſo feſt und klar vor der Seele des ehemali⸗ gen Studentenburſchen, als hätt es ihmger Oberamtmann von Schwabenheim ſelber zur Pflicht gemacht, daß näm⸗ lich die achthundert Thaler, die Doctor⸗Moſer, vermuthlich von der Begriffsverwirrung ſeines Freundes Conſtantin angeſteckt, dem Herrn Cyprian Franke ſo großmüthig zu⸗ rückzahlen wollte— daß dieſe achthundert Thaler weder alten Spitalweibern, noch obſoleten Hottentotten, am 14— wenigſten aber beſagtem Herrn Cyprian Franke zu gut kommen ſollten; die ſchwierige Doppelfrage war nur, wie er die erwähnte Summe ſeinem Herrn erhalten und doch zugleich die Abſicht deſſelben erreichen ſolle, Con⸗ befreien? Eins erſchien ohne das Andere unmöglich; aber Blaſius verzagte nicht und trat am Vormittag des folgenden Tages, ſeinem alten oft erprobten Wichſier⸗ genie vertrauend, wohlgemuth mit dem Banknotenpäck⸗ chen in der Seitentaſche, ſeinen Weg nach der Wohnung des Herrn Franke an. Er hoffte das Beſte von der Inſpiration des Augen⸗ blicks und wollte es zunächſt auf den Eindruck ankom⸗ men laſſen, den die Perſönlichkeit des Kaufherrn auf ihn machen werde. Er hatte von dem Manne, deſſen Reichthum in der ganzen Stadt ebenſo ſprüchwörtlich war wie ſeine übergroße Frömmigkeit, nur eine höchſt unklare Vorſtellung; denn bis zur Stunde war ſein Be⸗ griff von einem frommen Chriſten bei ſeiner burſchikoſen Weltanſchauung faſt identiſch geweſen mit dem von ei⸗ nem armen Teufel, und ſeine Kenntniß von den geſell⸗ ſchaftlichen Elementen des ſogenannten Muckerthums reichte nicht über die Sphäre von zurückgekommenen Flickſchneidern, hektiſchen Strumpfwirkern und von einem und dem andern armen Dorfſchulmeiſterlein oder Bäl⸗ getreter hinaus, wie ſie ihm in Schwabenheim und Um⸗ ſtantin von der Verbindlichkeit gegen ſeinen Onkel zu gegend zuweilen vorgekommen waren; während er hier in der großen norddeutſchen Handelsmetropole die für ihn neue Entdeckung machte, daß man einigen der reich⸗ ſten und angeſehenſten Familien einen übertriebenen Glau⸗ benseifer nachredete, als wenn ſie den Himmel ſchon hienieden für ſich und ihre Freunde in zeitlichen und ewigen Pacht genommen hätten. Wie ein guter Schauſpieler, der ſich für jede Rolle eine eigne Perſönlichkeit erfindet und dasjenige, was ſonſt ſeine äußere Erſcheinung im bürgerlichen Leben charakte⸗ riſirt, möglichſt unter der Maske der Täuſchung zu ver⸗ decken ſucht, ſo hatte ſich auch Blaſius Winkel für ſeine heutige Action einen beſonderen Menſchen ausgedacht, den er unter andern Umſtänden ſelber als einen gründ⸗ lich ausſtaffirten Tartüffe zur Thüre hinausgeworfen haben würde. Mit dem ihm eignen ſinnreichen Erfin⸗ dungsgeiſt war er bei dieſer Metamorphoſe darauf be⸗ dacht geweſen, alle ſeine Reminiſcenzen von Leuten ähn⸗ licher Sorte in ſeiner äußeren Erſcheinung anzubringen und demgemäß auch ſeinem Coſtüme einen möglichſt or⸗ thodoxen Anſtrich zu geben. Er wählte zu dieſem Zwecke den alten verſchliſſenen Communionsrock ſeines Vaters ſelig, des biederen Dorfchirurgen von Schwaben⸗ heim, mit den faſt thalergroßen Metallknöpfen darauf, den er aus kindlicher Pietät mit nach der neuen Welt hatte nehmen wollen; hierzu kamen baumwollene gewirkte Inexpreſſibles aus der nämlichen Verlaſſenſchafts⸗Gar⸗ derobe mit Knieſchnallen; ferner ein vom Kleidertrödler erhandelter Quäkerhut mit breiter Krempe, und an den Beinen blau und weißgeſtreifte Strümpfe mit Schuh⸗ ſchnallen, alſo unter Umſtänden das Muſterbild eines armen Famuli oder Scribenten, der gegen dürftige Schreibgebühren bei ſchmaler Koſt Manuſcripte co⸗ pirt und nebenbei ſeinem gelehrten Brodherrn in aller⸗ lei häuslichen Verrichtungen, als da ſind: Stubenkehren und Stiefelputzen, Nähen, Waſchen und Kinderwarten, ebenſo redliche als vielſeitige Dienſte leiſtet. Wie er ſo ging und ſtand, das Haar ſchlicht zurück⸗ gekämmt, mit eingebogenen Knieen und mit vom vie⸗ len Sitzen und Schreiben knochenſchief gewordenen Schultern, fehlte ihm Nichts als Zopf und Haarbeutel, um einen zweiten Lorenz Kindlein darzuſtellen, ſo täu⸗ ſchend hatte ſich der Schalk in die Maske der alles⸗ duldenden chriſtlichen Ergebenheit eingekleidet. Kein Fädchen an ihm hätte auch nur entfernt zu einem Ver⸗ gleich mit dem zerfahrenen debauchirten Conſtantin auf⸗ gefordert, geſchweige denn die innere Aehnlichkeit bei⸗ der Schelme errathen laſſen; denn gelang es ihm nicht, das Mitleid des Herrn Cyprian durch die Vorſtellung zu wecken, wie wenig ſein entarteter Neffe eine ſo treue und chriſtliche Schreiberſeele ſein zu nennen ver⸗ diene, ſo war ſeiner ganzen Fuchsliſt der Fangzahn ausgebrochen und die achthundert Thaler gingen ohne Gnade mit der nächſten Bibel⸗ und Katechismusfracht zu den Hottentotten am Katriver und ihren Herrnhuter Miſſionären! H. Müller, der Kloſterhof. H. 1 Zweites Kapitel. Dieſe und ähnliche bedenkliche Erwägungen mochten ſchuld daran ſein, daß dem ehemaligen Wichſier und Conſorten aller tollen Studenten doch das Herz beden⸗ tend höher ſchlug, als er jetzt aus dem Tumult der Straße in das ſtille große Haus des reichen frommen Mannes eintrat; es ward ihm ganz eigen zu Muthe bei dieſer überaus reinlichen Einfachheit: das Holzge⸗ täfel an den Wänden, das Schnitzwerk an dem Trep⸗ pengeländer, die blanken Meſſingbeſchläge an Thüren und Schellenzügen, die Stuccatur an der hellen gewölb⸗ ten Decke, das Alles machte ſchon an ſich einen ſonder⸗ bar beklemmenden Eindruck auf ihn, welcher noch durch die fremden würzigen Arome der buntbemalten chineſi⸗ ſchen Theekiſten, der importirten Havannah⸗Cigarren und der cehloniſchen Zimmetballen bis zur angſtvollen Spannung erhöht wurde, ſo daß er bald ſelbſt nicht mehr wußte, ob es mehr der hier waltende Gottesfrie⸗ den oder der Reſpekt vor dem Reichthum ſei, welcher hinter dieſen maſſiven Mauern wohnte, was ihn ſo myſteriös anſchauerte. Er hatte plötzlich das ſichere Ge⸗ fühl, ſich in eine Sphäre gewagt zu haben, von der er bis jetzt keine Ahnung gehabt. Dieſe aromatiſchen Ge⸗ rüche fremder Zonen gaben ſeiner Schwabenheimer Naſe tauſend geheimnißvolle Räthſel auf; er wußte nicht, roch er Pietismus, oder roch er Colonialhandel; aber gewiß waren's keine vaterländiſchen Odeurs, weder von Ca⸗ millen, noch von Pfälzer Tabak, noch von Schwarz⸗ wälder Kirſchgeiſt.. ach, hätt' er doch gleich einen tüchtigen Schluck von letzterem thun können, er wäre gewiß alsbald wieder vollkommen Herr der Situation geworden, ſtatt daß er mit wachſender Beklommenheit nach allen Seiten hin lauſchte, ob er nicht vielleicht das Geräuſch eines Kochlöffels aus der Küche, oder eine Stimme aus einer der Stuben hören werde. Hier ſchlafen wohl die Leute bei Tage, oder am Ende ſind ſie gar beim Gebet, weil Alles ſo todtenſtill iſt, dachte er bei ſich; da hörte er endlich raſche Schritte, die aus einem Seitengang kamen; es war ein junger Comptoiriſt mit einer Schreibfeder hinterm Ohr; nach einigem Hin⸗ und Herreden konnte derſelbe ſoviel ver⸗ ſtehen, daß der Fremde ſeinen Prinzipal zu ſprechen 22 — 20— wünſche. Er führte ihn daher nach dem Comptoir, wo die ſonderbare Erſcheinung kein kleines Aufſehen er⸗ regte. Blaſius, in der Meinung, er befände ſich in einer Amtsſtube, erſtaunte nicht wenig über die große Anzahl von„Schreibern,“ und als jetzt der junge Comptoiriſt aus dem hinteren kleinen Gemach zurück⸗ kehrte und ihn bedeutete, daß er dort Herrn Franke ſein Anliegen vorbringen möge, grüßte er jeden der Herren im Vorübergehen mit einem tiefen Bückling, was die lange Pultreihe hinab keine geringe Heiterkeit verurſachte. Jetzt kam er an die offen ſtehende Thüre und hatte den Herrn„Muckeronkel“ in Perſon vor ſich. Herr Chprian ſaß in ſeinem ſchwarzen Lederſtuhl am Schreibtiſch und ſah dem ihm angemeldeten Frem⸗ den mit ernſter Geſchäftsmiene und ſchon halb unge⸗ duldig mit den Blicken nach ſeinem Anliegen fragend, entgegen. Als Blaſius ſich mehrmals tief vor ihm ver⸗ beugte, wobei er inſtinktartig die ſchiefe Schulter noch ſteifer in die Höhe zog, legte Jener die Augenbrauen finſter zuſammen und ſagte faſt barſch: Wir haben hier keine Zeit zu vielen Komplimenten, mein Freund; ſag' Er mir kurz Sein Anliegen, Schlag Ein Uhr wird das Comptoir geſchloſſen. Hab' ich die Ehre, den Herrn Onkel mütterlicherſeits vom Herrn Doctor Conſtantin Volkhauſen vor mir zu ſehen? fragte Blaſius und machte in demſelben Moment eine doppelte Wahrnehmung; denn wie auf ein gegebenes Signal hörte beim Klang dieſes Namens alles Feder⸗ gekritzel und Papiergeräuſch hinter ihm auf; dagegen ſtand Herr Franke, ohne daß er ſein blitzſchnelles Auf⸗ ſtehen bemerkt hätte, plötzlich dicht vor ihm, um einen ganzen Kopf größer, als er ihm beim Sitzen vorgekom⸗ men war, und blickte ihm mit geſpannten Geſichtszügen in die Angen. Leider bin ich das! ſagte er kurz, warf einen arg⸗ wöhniſchen Blick in den vorderen Saal, zog dann den unwillkommenen Beſuch herein und machte raſch die Thüre zu. Noch einmal fixirte er ihn dann ſcharf und fragte im vorigen Tone: Wer iſt Er und was bringt Er? Da zuckte Blaſius de⸗ und wehmüthig zuſammen und ſagte ſchluchzend: Ach, Herr Franke, wer kann ſagen, was er iſt, ob Heu oder Stroh! Denn ſingt nicht ſelbſt der höchſtſelige König David:„Alles Fleiſch iſt wie Gras und alle Herrlichkeit des Menſchen wie des Graſes Blume. Das Gras iſt verdorrt und die Blume abgefallen.“ Sonſt aber kann ich wohl ohne Unbeſcheidenheit mit S Wallenſtein von mir ſagen: „Wenn ich an mein Schickfal denk' Wackeln alle Tiſch' und Bänk'!“ Ich habe nämlich ſchon ſeit dritthalb Jahren das ehrenvolle Unglück, Schreiber mit Nothbehelf bei Ihrem Herrn Neweh Conſtantin zu ſein. Was aber Hochdero zweite Anfrage betrifft, ſo habe ich leider Eure Hoch⸗ wohlgeboren nur zu vermelden, daß ich ſo Wenig bringe als ich ſelber bin; daß ich daher aufrichtig wünſche, die⸗ ſes Wenige zugleich mit meiner perſönlichen Wenigkeit wieder mit von dannen zu nehmen und Ihnen Ihre koſtbare Geduld nicht weiter zu rauben. Erklär' Er ſich deutlicher, ſagte der alte Herr trocken. Ich liebe keine ſolche Winkelzüge in der Rede. Wie heißt Er? Blaſius Winkel, wenn Sie's nicht genirt, gnädiger Herr, verſetzte der Pſeudoſchreiber mit Nothbehelf. Und was will Er von mir? Blöslich Eure Hochwohlgeboren unterthänigſt bitten, Nichts von meinem Herrn zu wollen. Entweder iſt Er ein Narr, oder ein unverſchämter Menſch! rief Herr Cyprian zornig über dieſes neue Kauderwelſch und machte zugleich eine ſehr unzweideu⸗ tige Bewegung mit der Hand nach der Thüre. Da ergriff Blaſius, noch eh' es Jener hindern konnte, mit Geiſtesgegenwart die nämliche Hand, die ihn zur Thüre hinausweiſen wollte, drückte ſie mit Ehrfurcht an ſein Herz und ſagte voll Emphaſe: Hören Sie mich, Herr Franke, bevor Sie mich ver⸗ dammen, vielleicht daß ich nicht vergebens an Ihre Groß⸗ muth appellire. Wir leben daheim in der bitterſten Noth; mein armer Herr und ich behelfen uns kümmer⸗ lich; und oft, wenn wir uns Abends zu Bette legen, wundert ſich Einer über den Andern, daß er überhaupt noch exiſtirt. Heute Morgen aber ſollte ſich das Blätt⸗ chen mit Einemal wenden; denn eben, als der Herr Doctor ſeine gewöhnliche Bibelfrage an mich gerichtet hatte:„Blaſius, was werden wir eſſen? Blaſius, was werden wir trinken?“ trat der Briefträger mit ei⸗ nem in's Kreuz verſiegelten Brief in die Stube, mein armer Herr wäre ihm vor Freude ſchier um den Hals gefallen, denn der Brief kam von einem alten Univerſitätsfreund, dem er einſtmals auf der Hoch⸗ ſchule zu Göttingen, als ſich derſelbe in großem Pech, wollt' ſagen in großer Geldverlegenheit befunden, acht⸗ hundert Thaler gepumpt— geliehen hatte. Und grade jetzt, wo er ſelber in die äußerſte Noth hineingerathen war, ſchickt ihm der brave Freund das Geld vollzählig zurück, auch nicht ein Groſchen fehlte daran, mir gingen faſt die Sinne unter, und der Herr Doctor waren gleichfalls ſo gerührt, daß ſie lange nichts weiter ſagen konnten, als:„Herr! Herr! Wie wunderbar ſind doch deine Wege zu Waſſer und zu Lande!“ Das ſind ja wirklich ganz curioſe Neuigkeiten! ſagte Herr Cyprian Franke mit einem ironiſch ungläubigen Lächeln und blickte forſchend dem Erzähler in's Auge. Aber wo will Er mit Alledem hinaus und warum er⸗ zählt Er mir das? Ohne ſich durch den Argwohn des alten Herrn und ſeinen ſtrengen Blick irre machen zu laſſen, fuhr Bla⸗ ſius im Tremulo der tiefſten inneren Bewegung fort: Ich weiß, Herr Franke, man hat den Herrn Volk⸗ hauſen auf's Schändlichſte bei Ihnen verleumdet und kein gutes Haar an ihm gelaſſen, außer denjenigen, woraus ihm ſeine Feinde den Abſalonszopf drehen möch⸗ ten. Doch ſage ich's Ihnen frei heraus: Herr Volk⸗ hauſen mag als Brandfuchs ein und das andere Mal ſtark über die Schnur gehauen haben; aber darum bleibt er doch in meinen Augen ein Ehrenmann, ein höchſt reſpectables Mitglied der menſchlichen Geſellſchaft, und dabei iſt er die Redlichkeit und Gewiſſenhaftigkeit ſelber und ſo überaus mäßig und einfach in ſeinen leib⸗ lichen Bedürfniſſen, daß ſich der heilige Antonius ſelbſt an ihm ein Muſter nehmen könnte. Denn wär' er das Alles nicht, und noch viel mehr dazu, was mir die Beſcheidenheit zu ſagen verbietet, ſo hätte er die acht⸗ hundert Thaler ruhig in die Taſche geſteckt, hätte ge⸗ dacht: mein reicher Herr Onkel mag zuſehen, wer ihm die Summe zurückbezahlt, womit er meine Gläubiger befriedigte, ich hab' ihn ja nicht dazu animirt. aber conträr, mein Herr, höchſt conträr! Trotzdem, daß wir Nichts zu reißen und zu beißen haben, heißt er mich P —— doch nach kurzem aber ſchweren Kampfe die achthundert Thaler zu Ihnen tragen, damit der Herr Onkel ſehe, daß der Herr Neffe mit ſeinem loyalen Rechtsbewußtſein noch lange nicht ſo arg auf den Hund gekommen iſt, als ſeine hämiſchen Feinde vorgeben möchten. Wie? Habe ich Ihn recht verſtanden, mein Freund! rief der alte Herr, in deſſen Miene ſich bei dieſer Nach⸗ richt jetzt ebenſo viel freudige Ueberraſchung, als vor⸗ hin Argwohn und Mißtrauen ausdrückte. Mein Neffe Conſtantin fühlt ſich alſo wirklich aus freiem Antrieb bewogen, mir jene kleine Summe, an deren Wieder⸗ bezahlung ich gar nicht einmal gedacht habe, zurückzu⸗ zahlen? Das war auch accurat meine Meinung, entgegnete Blaſius kleinlaut. Denn er ſah in der frohen Ueber⸗ raſchung, womit Jener dieſe Nachricht aufnahm, blos die Freude des intereſſirten Kaufmanns, der einen be⸗ reits verloren gegebenen Schuldpoſten wider Verhoffen einkaſſiren kann.— Aber, fuhr er wehklagend fort, der Herr Doctor wollten gar keinen vernünftigen Gegen⸗ grund annehmen, und den einzigen, den ſie vielleicht hätten gelten laſſen, durft' ich nicht mal ſagen.. Sag Er mir ihn, mein lieber Blaſius Winkel, ſprach Herr Cyprian, der auf einmal ganz Sanftmuth und Theilnahme geworden war, ſo freudig hatte ihn ſeines — 26— Neffen reelle Denkart überraſcht und für denſelben ein⸗ genommen.. Ich weiß nicht, fuhr dieſer, wieder ermuthigt durch die freundliche Anrede„mein lieber Blaſius Winkel“ fort: ich weiß nicht, ob es der Apoſtel Paulus oder der Apoſtel Saulus geweſen iſt, der an die Makkabäer folgenden Vers ſchreibt: „Zwar iſt es ſchwer, doch geht es an, Daß auch der Kauf⸗ und Handelsmann Chriſt ſein und ſelig werdes kann.“ Es iſt ganz gleichgültig, wer Solches ſchreibt, ſagte der alte Herr, gegen ſeine fonſtige Strenge und Ge⸗ nauigkeit bei bibliſchen Citaten ſehr erheitert durch den ihm unbekannten Apoſtelſpruch. Nur Eins muß ich Ihm bemerken, daß es nicht blos für den Kauf⸗ und Handelsmann, ſondern auch für jeden andern wahren und aufrichtigen Menſchen ſchwer iſt, ein Chriſt zu ſein nach dem Vorbild unſeres Herrn und Heilandes; denn wir ſind allzumal Sünder und nur der Herr kennet die Seinen. Aber wie hängt jener Spruch mit dem einzi⸗ gen vernünftigen Gegengrund zuſammen, den Er mir mittheilen wollte? Wenn ich es aufrichtig ſagen ſoll, ſo bezieht ſich der Ausſpruch des Apoſtels direkt auf Eure Hochwohlge⸗ boren, entgegnete Blaſius mit dem Ernſt eines Exegeten von Fache. Denn ein guter Chriſt ſein, das ſagen Sie 5 ja ſelber, iſt allemal ſchwerer, als ein guter Kauf⸗ und Handelsmann ſein, der ſeine Lehrjahre durchgemacht hat und die doppelte Buchführung verſteht. Hätte ich aber das Alles dem Herrn Doctor deutlich machen wollen, ſo hätte ich ihm auch weiter auseinanderſetzen müſſen, daß ſein Herr Onkel zwar ein guter Chriſt, aber auch ſtellenweiſe ein guter Kauf⸗ und Handelsmann ſei, der möglicherweiſe in letzterer Eigenſchaft die nämliche Summe mit größter Gemüthsruhe wieder einſtreichen möchte, die er als Chriſt den Gläubigern des Herrn Neffen ſo ho⸗ norig ausbezahlt hat. Wie? Iſt es denn nicht meines Neffen Meinung, daß ich das Geld annehmen ſoll? fragte Herr Cyprian überraſcht. Warum kommt Er in dieſem Falle über⸗ haupt zu mir? Hat Er die achthundert Thaler bei ſich, ſo zeig' Er ſie mal her. Jetzt iſt's Matthäi am letzten.. er greift zu und ich bin gepritſcht! dachte Blaſius bei ſich, während er mit dem Genie eines Feldherrn, der ſeine Colonnen weichen ſieht, die Miene der heiterſten Zuverſicht an⸗ nahm, raſch das Banknotenpaket aus der Taſche zog und es vor Herrn Franke auf den Tiſch legte. Dieſer nahm es in die Hand und blätterte flüchtig darin, wobei ſeine Züge wieder jenen der treuen Pſeudo⸗ ſchreiberſeele ſo fatalen Ausdruck von heiterer Befriedi⸗. gung zeigten, der ihn das Aeußerſte beſorgen ließ. — 28— Wahrlich, er ſchickt mir das Geld mit Proteſt zu⸗ rück, murmelte der alte Herr kopfſchüttelnd vor ſich hin. Und was wird die Folge davon ſein? ſprach Bla⸗ ſius und ſchritt mit untereinander geſchlagenen Armen und troſtlos zur Erde geſenkten Blicken in dem kleinen Cabinet auf und nieder. Neue Schulden, neue Ver⸗ legenheiten.. neue unerhörte Genieſtreiche, um ſich die zudringlichen Gläubiger, die unmanierlichen Philiſter vom Halſe zu halten! Was ſagt Er da? rief Herr Chprian voll Beſtür⸗ zung. Glaubt Er wirklich, daß mein Neffe vielmehr Sein Herr.. das frühere unordentliche Leben wieder von vornen anfangen und mich in neue Ungelegenheiten bringen würde? Dann nehm' Er lieber gleich das Geld wieder mit und laß' Er mich ungeſchoren. Ich kann nicht. darf nicht, ſo ſehr ich auch die Nützlichkeit von Hochdero annehmbarem Vorſchlage ein⸗ ſehe, mein Herr würde ſich nun und nimmer dabei beruhigen, entgegnete Blaſius mit tiefer unverkennbarer Trauer in Blick und Stimme.— Als ich ihm dringende Vorſtellungen machte, er möge doch dieſe Kleinigkeit auf ſich beruhen laſſen, erklärte er mir rund heraus, daß er entſchloſſen wäre, lieber zu ſterben, äls in Ihren Augen länger für einen Schuldenmacher von Profeſſion zu gel⸗ ten. Jetzt, ſo ſprach er mit der Entſchloſſenheit der Verzweiflung zu mir; jetzt, wo ich nach ſo langer Zeit wieder einmal bei baarem Gelde bin, ſoll Onkel Cyprian ſehen, wie prompt ich in dieſem Punkt denke. Trag' alſo das Geld zu ihm, bevor mich der Hunger zwingt, mich an ſeinem rechtmäßigen Eigenthum zu vergreifen. Aber komme mir ja nicht ohne eine Quittung über den Empfang der achthundert Thaler zurück— ich weiß, auch das wird Ihn von meiner Accurateſſe überzeugen! Mir ſcheint, mein Reffe Conſtantin hat Ihn mit ſehr ausgedehnten Vollmachten verſehen, ſprach Herr Cyprian gedehnt und blinzelte in ſeiner gewohnten Weiſe den angeblichen Schreiber mißtrauiſch an.— Er weigert ſich das Geld wieder heimzutragen und zugleich eröffnet Er mir doch mit Beſtimmtheit die wenig angenehme Ausſicht, binnen Kurzem neues Aergerniß erleben zu müſſen. Auch ſehe ich in der ganzen Art und Weiſe, wie mein Neffe, angeblich am Rande des Abgrundes, den prompten Bezahler gegen mich ſpielt, nichts weniger als eine reelle Abſicht, vielmehr einen recht prahleriſchen Stolz, der mir eine wohlgemeinte Gutthat wie einen mulſterigen Reisſack zurückſchickt. Dieſer Conſtantin iſt und bleibt doch nach wie vor der wilde Oelbaum, von dem in der heiligen Schrift geſchrieben ſteht, daß er die Wurzel nicht trägt, ſondern die Wurzel trägt ihn. Blaſius wußte nicht recht, was er auf dieſen Vor⸗ wurf anworten ſollte; hätte er nur einen paſſenden Bi⸗ belſpruch bei der Hand gehabt, er würde damit gut — 30— oder übel das Gleichniß von dem wilden Oelbaum pa⸗ rirt haben. So aber blieb ihm nur ein alter verſtaub⸗ ter Vers übrig, der noch aus der guten glücklichen Zeit ſeiner eignen dichteriſchen Inſpiration ſtammte und von Weitem beſehen im Ton und Rhythmus einige Fami⸗ lienähnlichkeit mit einem lutheriſchen Kirchenlied hatte. Ja, ſagte er mit gedämpfter Stimme und räusperte ſich feierlich; Eure Hochwohlgeboren haben leider auch hierin wiederum vollkommen Recht, ebenſo wie mein Großvater ſelig, der mir den frommen Vers in's Ge⸗ ſangbuch ſchrieb: Es koſtet viel ein Chriſt zu ſein, Die Heiden leben billig, Die Chriſten trinken Bier und Wein, Die Heiden trinken Millich. Wiſſen Sie was, Herr Franke, fuhr er dann zuver⸗ ſichtlicher fort, als er im Geſicht des alten Herrn den Ausdruck einer unverkennbaren Rührung beim Anhören des ſchlichten Kirchenverſes zu bemerken glaubte.— Ihr Herr Neffe iſt nun einmal ſo; und weil er ſo iſt, darum wär' es nach meiner Meinung ſogar naturwidrig, ihn anders machen zu wollen, ganz abgeſehen von den drei marinirten Aalen, welche die Grundrechte jedem deutſchen volljährigen Staatsbürger garantiren, nämlich: liberal, egal und radical, je nachdem!— Da Sie nun partont die achthundert Thaler nicht von ihm zuric⸗ — 31— nehmen wollen, er aber noch partouter darauf beharrt, daß Sie ihm den Empfang der Schuldſumme beſchei⸗ nigen ſollen, ſo wär' meine Meinung alleweil die, man ließe das Schüſtmiljöh eintreten, wo die Gothaner ſei⸗ nerzeit in der Paulskirche zu Frankfurt erfunden haben. Sie brauchten dann das Geld nicht von ihm anzuneh⸗ men; er hinwiederum wär' in der angenehmen Lage, nach wie vor mit Ihrer Quittung in der Taſche un⸗ wiſſentlich Ihr Schuldner zu bleiben; ich würde das Geld gewiſſenhaft zu ſeinem Nutzen verwalten und ihn hinter ſeinem Rücken vor Rückfall bewahren; kurz und gut, das corpus delicti da.. er deutete auf die Bank⸗ noten.. brauchte weder den Herrn Onkel, noch den Herrn Neffen weiter zu incommodiren, und wie geſagt, der„wilde Oelbaum“ käme bei der Gelegenheit gehörig unter die Baumſcheere. Der alte Herr machte jedoch zu dieſem Vorſchlag, der ſo ganz von allem kaufmänniſchen Brauch und Her⸗ kommen abwich, ein ſehr mißvergnügtes Geſicht und er⸗ klärte Blaſius rund heraus, er werde niemals eine Empfangsbeſcheinigung über eine Summe ausſtellen, die er nicht auch in Wirklichkeit erhalten hätte. Von Allem, was ihm dieſer von ſeinem Neffen mitgetheilt habe, ge⸗ falle ihm blos das Eine, daß Conſtantin auch dem On⸗ kel gegenüber fernerhin keine Schuldverbindlichkeiten mehr haben wolle, obgleich er die Motive dazu in dieſem be⸗ — ſondern Falle nicht ganz billigen könne. Er ſei jedoch bereit, die achthundert Thaler gegen Quittung anzuneh⸗ men und ſie zu vier ein halb Procent Zinſen in ſeinem Geſchäfte anzulegen, zu jederzeit beliebiger Verfügung ſeines Neffen Conſtantin Volkhauſen. In dieſer Form ſtellte er denn auch die gewünſchte Empfangsbeſcheinigung aus und Blaſius ſah gleich nachher die Banknoten mit einem troſtloſen Blick in den großen eiſernen Geldſchrank unrettbar verſchwinden. Nun geh' Er, mein Freund, ich hoffe zu Gott, daß wir uns ſobald nicht wieder ſehen werden, ſprach der alte Herr mit großer Freundlichkeit, indem er ihm die Quittung übergab und einen halben Thaler als Douceur in ſeine Hand drückte. Dann ſchob er den Aermſten aller modernen Financiers durch die Thüre in das vor⸗ dere Comptoir, wo nur noch ein einziger Menſch an⸗ weſend war, ein breitſchultriger Geſelle aus dem Ge⸗ ſchlecht jener Rieſen, deren herkuliſche Körperkraft Blaſius ſchon mehrmals beim Aus⸗ und Einladen der Schiffe am Krahnen anzuſtaunen Gelegenheit gehabt hatte. Kluus Köſter! ſagte Herr Cyprian, zeig' dem Mann da den Weg nach der Hinterthüre. Der Packer winkte Blaſius, ihm zu folgen und ge⸗ leitete ihn über den Corridor und durch die Vorhalle bis an die Treppe, wo er mit der Hand ſtumm nach der Hausthüre unten deutete. Blaſius, im Innerſten empört, wollte ihm das ſchnöde Trinkgeld, welches er von Herrn Franke empfangen, in die breite Schwielenhand drücken; Jener aber wies ihn ſtreng zurück, deutete noch einmal nach der Hausthüre und ſagte blos mit einem ſpöttiſchen Grinzen: Lüttje Man, halt di jo nich upp, dat is hier nich Mode! d. Müller, der Kroſterhof. H. Drittes Kapitel. Conſtantin Volkhauſen befand ſich am Morgen des nämlichen Tages, an welchem ihn der Freund ohne ſein Wiſſen von der drückenden Verbindlichkeit gegen den reichen Oheim erlöſt hatte, in einer ungewöhnlichen Aufregung; denn endlich war das langerſehnte Schreiben des berühmten Philologen und Alterthumskenners aus Göttingen angelangt, dem er ſchon vor mehreren Mo⸗ naten einzelne Auszüge aus einer uralten Handſchrift von einem Theile der„Reiſebriefe des Pythagoras“ zur Prüfung und Beurtheilung ihrer Aechtheit überſandt hatte. In ſeinem Antwortſchreiben drückte der ausgezeich⸗ nete Kenner der griechiſchen Literatur ſein höchſtes Er⸗ ſtaunen über dieſen ſeltenen, für die Alterthumswiſſen⸗ ſchaft unſchätzbaren Fund aus; wenn er auch manchen, trotz der leichten fließenden Sprache in der Schreibart — 35— und in gewiſſen grammatiſchen Verſtößen begründeten Zweifel gegen die unbedingte Aechtheit des Manuſcripts hegte; doch erklärte er die Darſtellung im Ganzen als eine mit dem Charakter der älteſten Geſchichtſchreibung vollkom⸗ men übereinſtimmende, ſowie den Inhalt mit den vorhan⸗ denen hiſtoriſchen Zeugniſſen jenes Zeitalters gleichlautend, und ſprach ſeine Anſicht über das Alter der ihm mitgetheil⸗ ten Bruchſtücke dahin aus, daß der Tert dem ptolomäiſchen Zeitalter angehören, dagegen die vorliegende Handſchrift den Schriftzügen nach zu urtheilen etwa im neunten Jahr⸗ hundert entſtanden ſein möchte. Schließlich forderte er Volkhauſen auf, der wiſſenſchaftlichen Welt nicht länger dieſe koſtbare und reiche Quelle der wichtigſten Nach⸗ richten aus dem geographiſchen, chronologiſchen und ge⸗ ſchichtlichen Gebiete des Alterthums vorzuenthalten und durch Herausgabe ſämmtlicher Fragmente des„großen Denkers von Samos“ der gelehrten Kritik Gelegenheit zu geben, ſich über Alter, Urſprung und inneren Gehalt dieſes ſeltenen Schriftwerks auszuſprechen.— Dieſer Brief nun war es, der unſern Freund mit der durchhauenen Wange am heutigen Morgen in eine fieberhafte Aufregung verſetzte; denn es war damit zu⸗ gleich der erſte Würfel gefallen, welcher über das Schick⸗ ſal ſeiner langen und mühevollen Studien, und damit zugleich über das Schickſal ſeiner Zukunft entſcheiden ſollte; ein Erfolg, wie ihn ſich ſeine kühnſte Hoffnung 3* kaum zu träumen gewagt hatte. Denn welche Sorge, welches Hinderniß konnte es nun noch für ihn geben, nachdem ſich die erſte wiſſenſchaftliche Autorität Deutſch⸗ lands, wenn auch nicht für die Aechtheit ſeiner Frag⸗ mente, doch auch nicht gegen dieſelbe erklärt und jeden⸗ falls das große Alter, ſowie den hohen inneren Werth derſelben anerkannt hatte? War doch damit jene ſeltene Handſchrift, um deren Beſitz ihn der berühmteſte Kenner des Alterthums beneidete, ſchon jetzt gegen jeden Zwei⸗ fel, jedes Mißtrauen der Menſchen ſicher geſtellt; durfte er doch auf die allgemeine Anerkennung aller derer zäh⸗ len, denen der berühmte Name jenes großen Gelehrten für das coros kpa*) des pythagoriſchen Bundes“ ſel⸗ ber galt! Wie aber, ſo werden die Leſer fragen, war Conſtan⸗ tin in den Beſitz jener koſtbaren Fragmente gelangt, von denen ſich bis jetzt nur eine dunkle, höchſt dürftige Tradi⸗ tion in den Kreiſen gelehrter Archäologen und Philologen erhalten hatte, geſtützt auf eben ſo dürftige Andeutungen in den Schriften griechiſcher Hiſtoriker? Allerdings hatte ſchon im ſcholaſtiſchen Mittelalter ein angeblich zu Vi⸗ terbo aufgefundenes Manuſeript des nämlichen Inhaltes großes Aufſehen gemacht, war aber ſpäter, Dank den *) Er hat es geſagt. Unterſuchungen italieniſcher Gelehrten, als nachahmendes Uebungsſtück erkannt und unter dem gewichtvollſten Nach⸗ weis ſeiner hiſtoriſchen, grammatiſchen und paläogra⸗ phiſchen Mängel als ein mißglückter Verſuch, die ver⸗ lorene ächte Handſchrift zu fälſchen, entlarvt worden. Und nun ſollte mit Einmal im Norden Deutſchlands eine alte Abſchrift der ächten Reiſebriefe des alten grie⸗ chiſchen Weiſen, wenn auch nur bruchſtückweiſe durch glücklichen Zufall entdeckt worden ſein, und ſo die un⸗ beſtimmte Nachricht Herodot's und ſpäterer Schriftſteller von den Reiſen des Pythagoras nach Aegypten, ſowie von dem Einfluß altägyptiſcher Weisheit auf die Lehren und Zwecke des pythagoriſchen Bundes, eine auf litera⸗ riſche Zeugniſſe geſtützte vollgültige Beſtätigung er⸗ halten! So fabelhaft dies auch erſchien, gab es doch bereits zwei Menſchen, von denen der Eine, eben jener berühmte Göttinger Gelehrte, die Handſchrift, wenigſtens was die Wahrſcheinlichkeit und hiſtöriſche Möglichkeit der darin geſchilderten Begebenheiten und Eindrücke, ſowie die zeit⸗ gemäße Schreibart anbetraf, als einen für die Wiſſen⸗ ſchaft der Alterthumskunde unſchätzbaren Fund bezeich⸗ nete; der Andere dagegen, allerdings weniger competent, bereits ſo feſt und bis in's innerſte Mark ſeiner Ueber⸗ zeugung hinein von der Aechtheit der pythagoriſchen Fragmente durchdrungen war, daß er ſelbſt an die Iden⸗ — 38— tität der Handſchrift mit der des großen, geheimniß⸗ vollen Sektenſtifters des grauen Alterthums glaubte und in jedem Schriftzug ein Symbol der pythagoriſchen My⸗ ſtik erblickte. Dieſer Andere war aber eben kein Anderer als On⸗ kel Felix, und wir erhalten damit zugleich einen Com⸗ mentar zu den Sonderbarkeiten ſeines Weſens, ſowie zu ſeiner Vorliebe für alles Dunkle und Mhſteriöſe. Außerdem wiſſen wir aber auch bereits, daß der in das große gelehrte Geheimniß Eingeweihte grade der rechte Mann war, um dem Tiefſinn deſſelben bis in ſeine un⸗ terſte Wurzel nachzugrübeln und ihn ganz und in ſeiner vollen Weihe in ſich aufzunehmen. Alles, was auch nur entfernt in der modernen Welt, ſowie in den Erſchei⸗ nungen und Eindrücken ſeiner Umgebung an die dunkle Tradition von jener uralten Sekte erinnerte, die Pytha⸗ gobus gegründet haben ſoll, weckte ſein lebhafteſtes In⸗ tereſſe, wurde mit Vorliebe von ihm ergriffen und bald zur perſönlichen Eigenthümlichkeit ausgebildet. So war ſeine große Liebhaberei für Katzen altägyptiſchen Ur⸗ ſprungs; ſein oft wochenlanges Stummſein deutete das „pythagoriſche Stillſchweigen“ an; ſeine Vorliebe für alte Bäume ſtand in unmittelbarer Beziehung zu dem heiligen Hain von Dodona; ſeine ſtreng geregelte Mäßig⸗ keit war pythagoriſche Satzung; und wenn ſeine Ange⸗ hörigen damals bei dem großen Brande in der unmit⸗ telbaren Nachbarſchaft ſeines Wohnhauſes ſein ruhevolles Benehmen in Staunen verſetzte, ſo wußten ſie nicht, daß Phthagoras, nach der Sage, ſeinen Tod in den Flammen eines brennenden Hauſes gefunden hatte. Selbſt ſeiner Antipathie gegen„unbequeme Schwieger⸗ ſöhne“ lag eine pythagoriſche Zahlenmyſtik zu Grunde; hätte er in ſeinen Töchtern die Vierzahl(Tetraktys) vorgeſtellt geſehen, wer weiß, ob er nicht einer jeden die Zweiheit(Dyas) ſtatt der Einheit(Monas) mit Freuden zugeſtanden haben würde, ſtatt daß ihm die Dreizahl, ſelbſt dem ſchönen Töchterkleeblatt gegenüber, nichtsbedeutend und trivial erſchien. Allerdings wich er auch andererſeits wiederum in man⸗ cher ſeiner Gewohnheiten ſtark von ſeinen alten Vor⸗ bildern ab; gelbe waſchlederne Handſchuhe hatte wohl niemals ein Pythagoräer getragen, ſowenig als Havan⸗ naheigarren geraucht; doch muß man dabei zicht über⸗ ſehen, daß Herr Felix lange zuvor, ehe er durch ſeinen gelehrten Neffen in das Geheimniß der aufgefundenen pythagoriſchen Reiſefragmente eingeweiht wurde, ein ebenſo leidenſchaftlicher Reiter als Raucher geweſen war. Was den koſtbaren literariſchen Fund ſelbſt anbe⸗ langte, ſo war 3 Conſtantin mit der Erklärung, wie er in den Beſſtz deſſelben gekommen, ſelbſt gegen Onkel Felir ſo zurückhaltend, daß auch dieſer nicht mehr wußte, als daß ſein Ne das Manuſcript von einem ſpani⸗ 0 ſchen Carliſtenoffizier geſchenkt bekommen habe. Die Hand⸗ ſchrift ſollte aus einer der vielen Kloſterbibliotheken auf dem Berge Athos ſtammen und unter Philipp's des Zwei⸗ ten Regierung in die Bibliothek des Eskurials gekommen ſein, wo ſie gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts von einem Vorfahren jenes Offiziers, einem gelehrten Benediktiner, neuerdings wieder entdeckt wurde; dieſer entwendete ſie heimlich, indem er dabei nicht weniger als das Leben wagte, und ſein Erbe, eben jener Offizier, fand die ſeltene Handſchrift in der Verlaſſenſchaft ſeines Großoheims wieder auf. Gegen alle übrigen Menſchen that Conſtantin ſo ge⸗ heimnißvoll mit ſeinem Manuſcripte, daß ſogar die ge⸗ liebte Schweſter, ſonſt die Vertraute bei allen ſeinen großen und kleinen Angelegenheiten, nur in einer auf⸗ geregten Stunde, wie wir ſahen, eine Andeutung über den werthvollen Inhalt der blechernen Kapſel erhielt, worin er jene koſtbaren Blätter des Alterthums, neun⸗ zehn an der Zahl, vor jedem unberufenen, neugierigen Blicke zu verbergen pflegte. Dennoch war eine, wenn auch nur dunkle Nachricht von jenem ſeltenen literariſchen Beſitze ſchon ſeit Lan⸗ gem in's Publikum gedrungen, ſei es, daß eine unvor⸗ ſichtige Aeußerung Conſtantin's die Veranlaſſung dazu gegeben; ſei es, daß das Räthſel, welches über ſeinen häuslichen Arbeiten und Studien bei ſtets verſchloſſenen „ Thüren waltete, die Leute von ſelbſt auf den Gedanken gebracht hatte, ein Mann von ſo erſtaunlicher Gelehr⸗ ſamkeit könne auch nur mit einem Werke von der höch⸗ ſten wiſſenſchaftlichen Bedeutung beſchäftigt ſein. Seine Freunde waren längſt daran gewöhnt, daß er oft wochen⸗ lang unſichtbar war und an keinem ihrer fröhlichen Ge⸗ lage Theil nahm; ſie erſchöpften ſich dann in Scherz und Ernſt in allen möglichen Auslegungen für dieſes räthſelhafte ſpurloſe Verſchwinden, und gewöhnlich ver⸗ einigte man ſich ſchließlich zu der Anſicht: Warten wir's ab; was lange währt, wird gut.— Erſchien er dann nach längeren oder kürzeren Zwiſchenräumen plötzlich wieder in ihrer Mitte, ſo ging das vorige tolle und ausgelaſ⸗ ſene Leben unter Erlkönigs ſchützenden Privilegien von Neuem an und Conſtantin erreichte bald ſeinen Zweck, daß Niemand mehr an ſein langes Wegbleiben dachte. oder ihn gar darüber zur Rede ſtellte.— In welchem Zuſammenhang ſtand aber dies Alles mit der ſtürmiſchen Freude, in die wir ihn durch den Brief des Göttinger Gelehrten verſetzt ſehen, nachdem er doch jene Handſchrift bereits Jahrelang im Beſitz gehabt und ſich alſo wohl über deren Werth, ſowie über die größere oder geringere Wahrſcheinlichkeit ihrer Aecht⸗ heit längſt hätte aufklären können? Welches andere Ver⸗ dienſt hatte überhaupt er an dieſen alten vergilbten Blättern, als daß ſie ihm ein glücklicher Zufall in die Hand geliefert, und er ſich durch Herausgabe jener be⸗ rühmten Fragmente einen Ruf in der gelehrten Welt erwerben konnte, wie er ihn allerdings ſo raſch und glänzend durch die gediegenſte wiſſenſchaftliche Original⸗ arbeit nicht errungen hätte? Allerdings war es auch ein verdienſtliches und gewiß höchſt mühſames Unter⸗ nehmen, jene letzten ſchriftlichen Dokumente einer ural⸗ ten Zeit, von der ſo wenige literariſchen Zeugniſſe ein Mittel zur Vergleichung boten, gehörig und gründlich durch wiſſenſchaftliche Kritik zu beleuchten und die ein⸗ zelnen abgeriſſenen Nachrichten des Pythagoras von ſei⸗ nen Reiſeerlebniſſen in Aegypten mit den vorhandenen Kenntniſſen von den politiſchen, geographiſchen und re⸗ ligiöſen Zuſtänden jener Zeit, jener Länder und Völker in glaubwürdige Uebereinſtimmung zu bringen; oder den darin enthaltenen neuen Aufklärungen unter den bereits bekannten Reſultaten der Alterthumsforſcher ihre rechte Stelle anzuweiſen; es galt, Fehlendes zu ergänzen, Wi⸗ derſprüche zu berichtigen, dunkle, gänzlich aus dem Zu⸗ ſammenhang geriſſene Sätze zu erläutern, räthſelhafte Abkürzungen in der Schrift, wie ſich deren die alten Autoren ſo häufig bedienen, nach ihrer urſprünglichen Bedeutung zu erklären.. kurz, die ganze Aufgabe, welche Volkhauſen hier zu löſen hatte, erforderte allerdings einen bedeutenden, mit reicher und vielſeitiger Gelehrſamkeit ausgerüſteten Philologen und Alterthumskenner, war aber demungeachtet für einen Mann von ſeinen großen geiſti⸗ gen Anlagen, dem der ureigne freie ſchöpferiſche Ge⸗ danke höher galt als aller todte und überlieferte Wiſ⸗. ſenskram, doch nur eine Aufgabe von untergeordneter Bedeutung, deren Löſung ihn weder innerlich befriedigen, noch ihm als höchſtes äußeres Ziel ſeines wiſſen⸗ es und Eifers gelten konnte,— wie der Fall zu ſein ſchien. 4* mit jenen uralten Fragmenten noch Bewandtniß haben; etwas Außeror⸗ dentliches, das ihn allein und perfönlich betraf und in ſeinen Augen weit über den eigentlichen Werth ſeiner ſeltnen Handſchrift hinausging, mußte noch hinzukom⸗ men, daß er ſeit vielen Jahren, ungebeugt durch Noth und Entbehrung jeglicher Art, ſeine ganze geiſtige Kraft und Energie dieſen wenigen alten Blättern widmete, und von dem Erfolg der mühevollen Arbeit ſogar das Schickſal ſeiner ganzen Zukunft abhängig machte. Es iſt die Geſchichte von ſo manchem hochbegabten Geiſt, der, erbittert über die Ungerechtigkeit des Schick⸗ ſals, gereizt durch die Bosheit und Erbärmlichkeit der Menſchen, ſich in eine ſtolze Verachtung, in einen kalten Hohn gegen die Welt, die ihn gekränkt und mißkannt hat, zurückzieht, und jenen reinen Ehrgeiz verliert, wel⸗ cher ihn doch einſt zu den höchſten und edelſten An⸗ ſtrengungen, zu den größten Entſagungen fähig machte. Wie manches ſeltene Talent iſt ſchon an dieſem inneren Widerſpruch mit ſich ſelber zu Grunde gegangen, indem es ſeine edelſten Fähigkeiten, weil ſie nicht gleich die verdiente Anerkennung bei den Menſchen fanden, dem ieteren Dienſte blinder Leid enſchaften und perſönlicher Zwecke unterordnete und ſo die helle S n de verlor, auf der allein nur reine Bege ung und Weltanſchauung den benden zum Ziele führen. r ewiſſen, daß Conſtantin ſeiner Reigung für die Studien des Alterthums nicht blos eine ſorgenfreie glän⸗ zende Exiſtenz opferte; wir wiſſen auch, daß er ſchon auf der Hochſchule ſich genöthigt ſah, dem Onkel, der ihn zum Theologen beſtimmt hatte, während ſeiner gan⸗ zen Univerſitätszeit dieſe eigenmächtige Aenderung in der Wahl ſeiner Studien und ſeines künftigen Lebens⸗ berufes zu verheimlichen, da er bei dem guten, aber höchſt einſeitigen Manne weder auf ein Verſtändniß der in⸗ neren Beweggründe hierzu, noch auf eine Rechtfertigung derſelben hoffen durfte. Wollen und können wir ihn auch nicht von einem großen Leichtſinn in der Art, wie er dieſen Schritt aus⸗ führte, freiſprechen und von einem unter keinerlei Um⸗ ſtänden zu rechtfertigenden Mangel an Wahrheitsliebe, ſo müſſen wir doch auch andererſeits zu ſeiner Entſchul⸗ digung ſeine Zugend in Anſchlag bringen, ſowie ſeinen — ₰ „ durch die pietiſtiſche Erziehung im Hauſe der Pflegel⸗ tern frühgeweckten Drang nach Uns hängigkeit und freie⸗ ren geiſtigen Sphären. Das Studium der Theologie, zumal in der Richtung, in der es der Oheim haben wollte, wäre für ihn erſt die rechte wahre Heuchelei, die innere, ſeinen geiſtigen Menſchen zerſtörende Lüge geweſen; wäh⸗ rend ihm ſeine Begeiſterung für das Alterthum dieſen Ab⸗ fall von der Wahrheit ſogar noch als ein dem Dienſte der Wiſſenſchaft dargebrachtes ſchuldiges Opfer vorſpiegelte. So war alſo ſchon für den erſten Schritt in die Hallen der Alterthumskunde ein ſophiſtiſches Motiv nö⸗ thig, das ihn bald zu weiteren Conſequenzen drängte. Er mußte den Onkel fort und fort täuſchen und bei al⸗ len Schätzen an ſeltenep reichen Kenntniſſen doch Man⸗ gel leiden an jenem Frieden des Gemüthes, der allein den vertrauten Umgang mit der Wiſſenſchaft zu einem frohen ſegensreichen Gewinn für den Menſchen macht. Als aber endlich längere Verſtellung unmöglich war, als ſeine ganze Liſt an den Tag kam, da konnte zwar Conſtantin die glänzendſten Zeugniſſe ſeiner akademiſchen Lehrer aufweiſen, konnte ſich eines Fonds von gelehrten Kenntniſſen rühmen, wie ſelten ein junger Mann ſeines Alters; aber der Weg, auf dem. er zu dieſem hohen Ziele gelangt, war nicht derjenige geweſen, der mit dem einfachen natürlichen Begriff von Recht und Wahrheit parallel läuft und wahrlich— er hatte auch ſich ſelbſt — 8 — 46— gegenüber zugleich Herzen ſeines väterlichen Freundes und Wohlthäters noch etwas Mehr einge⸗ büßt, als er ſich anfangs eingeſtehen mochte; ſein reiches Kapital an geiſtiger Energie und Friſche war in der jahrelangen künſtlichen Verſtellung zu Grunde gegangen, und nun er von ſeinem großen gelehrten Wiſſen in allen Gebieten der Alterthumskunde den rechten würdigen Ge⸗ brauch machen ſollte, fehlte ihm im äußeren Leben die heitere ſorgloſe Exiſtenz, im inneren das ſichere Selbſt⸗ vertrauen, welches ihm die freigebige Großmuth des Oheims früher verſchafft hatte. Erſt jetzt empfand er ſeinen großen Mangel an Energie, an Muth und Aus⸗ dauer im Ertragen äußerer Noth; und wenn auch ſein Stolz, ſein Trotz ſich lange gegen dieſe Erkenntniß auf⸗ lehnte, die Noth des Lebens, die Verlaſſenheit ſeiner Lage rückte ſie ihm täglich näher und näher; zu ſpät erkannte er, daß er mit allen ſeinen reichen Geiſtesſchätzen in die Irre gerathen war und an den hellſprudelnden Quellen der Wiſſenſchaft doch ihrer erquickenden La⸗ bung entbehren müſſe. Mitten im Drang einer ſtets auf der Schwebe ba⸗ lancirenden Exiſtenz, von Gönnern und Verwandten verlaſſen, nur auf den Umgang von wenigen treuen Freunden beſchränkt, die den guten Kern trotz der rau⸗ hen Schale erkannten, ſchuf er zuletzt einen neuen, wo⸗ möglich noch abenteuerlicheren Täuſchungsplan als der — erſte geweſen war, um ſich an den Menſchen, die ihn beleidigt und zurückgeſetzt hatten, zugleich aber auch an der Wiſſenſchaft ſelbſt zu rächen, die ihm ſtatt der ge⸗ hofften Früchte nur Dornen geboten und einen bei vielen verrufenen Namen obendrein; dieſen Plan erfaſſen und ſich zugleich von dem Geiſt ſeiner alten eminenten Aus⸗ dauer im Verfolgen eines gelehrten wiſſeuſchaftlichen Zieles neuerdings wie mit friſchem Lebensodem ange⸗ weht fühlen, war das Werk einer einzigen Stunde; und bald ergriff er denſelben mit dem vollen Humor jener Genialität, die ſich über jedes äußere und innere Be⸗ denken hinwegſetzt und aus des Alterthums geheiligtem Tempel die Flanune ſtiehlt, um ſie auf dem Altar der falſchen Götter einer neuen Zeit prahleriſch leuchten zu laſſen. Die Wiſſenſchaft, die ihm ihre dunkelſten Hie⸗ roglyphen enthüllt hatte, ſollte ihm nicht allein ſeine Einbuße an äußerem Glück und perſönlicher Achtung bei den Menſchen mit reichen Zinſen zurückzahlen, ſon⸗ dern ihm auch zugleich als Mittel dienen, alle bekann⸗ ten und anerkannten Autoritäten der Welt durch ein Gaukelſpiel zu täuſchen, das ſelbſt der ſcharfſinnigſten Kritik, der bewährteſten Einſicht in den Geiſt und das Weſen der alten Literatur ſpottete. Zu dieſem Ende faßte Conſtantin den auf ſolcher Höhe der Geiſtesbil⸗ dung unerhörten Entſchluß, unter dem Palladium eines der berühmteſten und gefeiertſten Namen des Alter⸗ thums ein Schriftwerk herzuſtellen, von deſſen einſtigem Vorhandenſein überhaupt nur noch eine dunkle Sage unter den Literatoren exiſtirte, von dem kein beſtimmtes hiſtoriſches Zeugniß eine ſichere Kunde gab; das er alſo, wenn ihm mit dem Aufwand ſeiner ganzen Ge⸗ lehrſamkeit die kaum denkbare Löſung dieſes außervr⸗ dentlichen Problems gelang, dreiſt für ein Originalwerk jenes alten Autors ausgeben konnte, ohne daß er irgend welchen ſtichhaltigen Nachweis über die Unächtheit ſei⸗ ner Arbeit zu befürchten brauchte. Er entſchied ſich nach kurzer Wahl für eine bis zur Thatſache höchſter Wahrſcheinlichkeit ausgeführte Nachahmung der„Reiſebriefe des Pythagoras“, ent⸗ ſchloſſen, ſeine ganze eiſerne Willenskraft, alle ſeine durch⸗ dringende Verſtandesſchärfe und Combinationsgabe auf⸗ zubieten, um ein dem Namen und Geiſte des großen Philoſophen und Staatsmannes würdiges Schriftwerk herzuſtellen, gegen welches ein gerechtfertigter Unglanbe an den ächten Urſprung deſſelben nicht aufkommen könne und deſſen vollendete Nachahmung unter dem unleug⸗ baren Stempel ächter Claſſicität in Form und Gedanke, die zweifelnden Bedenken aller Derer niederſchlagen ſollte, die etwa von vornherein die Möglichkeit eines ſo koſtbaren ſeltenen Handſchriftenfundes in Abrede zu ſtellen geneigt ſein möchten. Ee hieße jedoch über die Aufgabe eines der Unter⸗ haltung gewidmeten Buches hinausgehen, wollten wir hier die Schwierigkeiten aufzählen, die mit einer ſolchen Arbeit ſelbſt für den gelehrteſten und ſcharfſinnigſten Kopf verbunden waren. Nur ein Menſch von Conſtan⸗ tin's geiſtiger Begabung, ausgerüſtet mit dem ganzen gelehrten Apparat des Alterthums, aber auch nur ein Menſch von Conſtantin's verzweifelter Lebensſtellung und von ſeinem glühenden Verlangen, die Welt ſeine volle Verachtung vor ihrem hohlen Scheinweſen, ihren blöden Vorurtheilen in gelehrten wie in religiöſen Dingen em⸗ pfinden zu laſſen; nur ein ſolcher Menſch konnte einen ſo fantaſtiſchen und doch auch wieder ſo originellen Plan erdenken und ausführen; und halb wie zum Hohne, halb wie zum Triumphe für die Wiſſenſchaft, zu deren ausgezeichnetſten Jüngern er zählte, vollendete er im Verlauf mehrerer Jahre mit unſäglichen Mühen jene altgriechiſche Handſchrift, die den gründlichſten Ver⸗ gleich mit den wirklichen Originalwerken aus jener Zeit nicht zu ſcheuen brauchte und ſowohl in der Sprache wie in der ganzen Auffaſſungs⸗ und Anſchauungsweiſe der darin behandelten wichtigen Gegenſtände aus den dunklen Gebieten der Religion, Philoſophie, Politik und Cultur, kurz des geſammten geiſtigen und materiellen Lebens der pythagoriſchen Periode, für das Werk eines damaligen Zeitgenoſſen gelten konnte. Die enorme Schwierigkeit des Unternehmens, der H. Müller, der Kloſterhof. I. 4 5 außerordentliche Aufwand an Fleiß, Scharfſinn und Aus⸗ dauer, den die vielſeitigen Studien dazu erforderten, ließen Conſtantin kaum dann und wann einmal flüchtig an das Unmoraliſche einer ſolchen literariſchen Fälſchung denken. Selbſt die Gefahr ſchreckte den Verwegenen nicht ab, daß im Fall einer Entdeckung der gefälſchten Rei⸗ ſebriefe ſein Name in weiteſten Kreiſen berüchtigt wer⸗ den mußte; denn über der ſtrengen wiſſenſchaftlichen Aus⸗ führung ſeiner Arbeit überſah er das Verwerfliche der⸗ ſelben; und ſo blieb, während er ſeine ganze Gelehr⸗ ſamkeit und Geiſtesſchärfe aufbot, um jede auch die kleinſte Detailſchilderung glaubwürdig darzuſtellen, das Ganze doch nur eine fingirte Urkunde aus jener alten Zeit, ein falſchgemünztes Gepräge der Wahrheit, an dem er unmöglich, trotz allen äußeren glänzenden Er⸗ folges, aller ſtaunenswerthen Gelehrſamkeit, ein rechtes, inneres Genügen finden konnte, wie es doch gewiß bei einem, ſo ſeltenen Talentes würdigen Geiſtesprodukt der Fall geweſen ſein würde. Es war die eingebildete Befriedigung des gekränkten Ehrgeizes, war die nach einer äußeren eclatanten Genug⸗ thuung verlangende Begierde, ſeine Feinde und Gegner nicht blos zu beſchämen, ſondern auch neuerdings zu reizen; und war, wir müſſen dies zu ſeiner Rechtferti⸗ gung ſagen, der ihn lebhaft beſeelende Wunſch, durch die That zu beweiſen, daß ſelbſt eine der glänzendſten —— Autoritäten des gelehrten Alterthums, mit denen in un⸗ ſeren Schulen, Gymnaſiem und Akademien ſo viel nich⸗ tige Abgötterei und hohle Oſtentation auf Koſten unſe⸗ rer Nationalliteratur getrieben wird, von einem heutigen Gelehrten noch erreicht und ſelbſt in ihrer eigenſten gei⸗ ſtigen Bedeutung wiedergegeben werden könne, ohne daß die eitle Philologenzunft den ihr geſpielten Betrug merke. Was aber bei der ganzen Sache, von ihren ertremen Seiten abgeſehen, das Merkwürdigſte war und einen faſt tragikomiſchen Eindruck macht, war der Umſtand, daß Conſtantin die Löſung der ſich geſtellten Aufgabe nicht etwa wie einen müßigen gelehrten Zeitvertreib oder wie eine philologiſche Spielerei betrachtete, ſondern die⸗ ſelbe tiefſinnig, mit der vollen Hingebung an eine reine, den höchſten Zwecken der Wiſſenſchaft dienende Geiſtes⸗ arbeit auffaßte, ſo daß er zuletzt beinahe ſelber an die Wahrheit ſeiner fingirten phthagoriſchen Reiſebriefe glaubte. Er litt Hunger und Kummer wie ein ächter deutſcher Stubengelehrter; er duldete wie ein Geiſtes⸗ märthrer die bitterſten Entbehrungen um der großen Sache willen; manche lange Winternacht hindurch ſaß er mit erſtarrten Gliedern wie ein zum Abſchreiben verurtheil⸗ ter Mönch hinter ſeinen altgriechiſchen Folianten, ver⸗ glich Textverſchiedenheiten, ſchuf und bildete durch Zu⸗ ſammenſtellung mit vorhandenen verlorengegangene Sy⸗ nonhme, erfand nicht blos neue Schriftzüge und Abbre⸗ * 4 viaturen, ſondern auch neue Thatſachen neue überraſchende Aufklärungen dieſer und jener dunklen Stelle des Por⸗ phyrius und Jamblichus, des Ariſtoteles und Philolaus; kurz, lebte ſich dergeſtalt in die nicht einmal hiſtoriſch nachweisbare Reiſe des Phthagoras hinein, daß ihm Alt⸗ ägypten zuletzt faſt bekannter wurde, als die Geſchichte ſeiner eigenen Vaterſtadt. Viertes Kapitel. Nach dem Allen wiſſen wir uns nun die ſtürmiſche Freude zu erklären, die der Brief ſeines früheren aka⸗ demiſchen Lehrers und Gönners auf Conſtantin machte, ſo daß er den ganzen Vormittag über in einer Art von Taumel hinbrachte und die abenteuerlichſten Pläne ent⸗ warf, wie er nun mit ſeinem koſtbaren Manuſcript vor der Oeffentlichkeit weiter operiren wolle. Dazwiſchen trieb er mit ſeinem grauen Kater, der an ſolche excentri⸗ ſche Stimmungen ſeines Herrn gewöhnt zu ſein ſchien, allerhand neckiſche Kurzweil, fertigte ihm zuletzt aus Löſchpapier einen Doctorhut an, ſetzte den Geduldigſten aller vierbeinigen akademiſchen Würdeträger auf die ble⸗ cherne Kapſel und hielt in ſeinem Namen eine lateini⸗ ſche Promotionsrede zum Ruhm und Preis der gelehrten Kritik und Hermeneutik.— Mitten im Pathos ſeiner — 54— launigen Stachelrede gegen das eingebildete Gelehrten⸗ thum,„das immerfort mit gieriger Hand nach Schätzen gräbt, und froh iſt, wenn es Regenwürmer findet,“ ward er plötzlich durch ein Klopfen an der Thür unterbrochen; es war Blaſius, der noch in dem nämlichen Aufzug, wie er vorhin vor Herrn Cyprian erſchienen, hereintrat, um ihm im Auftrag ſeines Herrn anzukündigen, daß eine Einladung für den Abend in den Kloſterhof für beide Freunde angelangt ſei. Was zum Kukkuk ſoll das altfränkiſche Leichenbitter⸗ koſtüm? rief Conſtantin lachend, bevor noch Jener ſei⸗ nen eigentlichen Auftrag ausgerichtet hatte. Biſt Du Dein eigner Großvater geworden und willſt den entar⸗ teten Enkel verleugnen? Dazu ſchneid'ſt Du ja ein ſo verzweifeltes Jammergeſicht, als hätteſt Du Leberthran geſchluckt! Heut iſt ein Unglückstag, wie ich ſobald keinen zwei⸗ ten wieder erleben möchte! wehklagte Blaſius und zeigte in ſeinem ganzen Weſen eine Faſſungsloſigkeit, wie ſie Conſtantin noch nicht an ihm geſehen hatte. — Malheur kann jeder Menſch haben, fuhr er weinerlich fort; aber wenn noch ſolch' ein Kelch hinzukommt, dann hört Alles auf und ich will den ſehen, der dann waſ⸗ ſerdicht bleibt!— Ach, mein armer Doctor! Was iſt's mit ihm? fragte Conſtantin mehr verwun⸗ dert als beſtürzt. Nichts iſt's mit ihm.. vorbei iſt's mit ihm! rief Blaſius mit verzweifelter Geberde.— Heute Morgen war er noch friſch und geſund, das Frühſtück ſchmeckte ihm vortrefflich, darnach rauchte er noch wie gewöhnlich ſeine Havanneſerin bei vollen Verſtandeskräften, trällerte dazwiſchen den Robin Adair, aber wie ich um die Mit⸗ tagszeit vom Herrn Cyprian Franke heimkomme.. Von meinem Onkel?... fiel ihm Jener zwiſchen Staunen und Beſtürzung in's Wort. Da war mein armer Herr aus Rand und Band, hatte einen Kopf ſo roth wie der Prophet Elias, als er auf feurigem Wagen in den Himmel fuhr, mit einem Wort, hatte den Stuß weggekriegt und fackelte das con⸗ fuſeſte Zeug durcheinander. Krank— ſchwerkrank! fragte Conſtantin erſchrocken. Stuß Stuß, Herr Doctor, purer Stuß! ſagte Blaſius und deutete, um ihm den letzten Zweifel über den Zuſtand des Freundes zu benehmen und ihn zu⸗ gleich über den Sinn dieſes räthſelhaften Wortes auf⸗ zuklären, mit dem Finger gegen die Stirne. Eigentlich, fuhr er mit größter Ernſthaftigkeit fort, eigentlich hätt' ich ſchon geſtern das Unglück vorausſehen können, wo der Herr Doctor ſich's in den Kopf ſetzte, Ihrem Onkel die achthundert Thaler in Ihrem Namen zurückzuſchicken, damit Sie endlich Ihren permanenten„Moraliſchen“ loswürden. Denn welcher Menſch, deſſen Verſtandes⸗ 5 kräfte richtig im Blei hängen, wird Schulden zweimal bezahlen, auch wenn's den beſten Freund betrifft! Da haſt Du allerdings Recht, Blaſius, erwiderte Conſtantin, und war ſo überraſcht und gerührt durch dieſen neuen Beweis von Ludwig's Freundſchaft, daß nur die Sorge um des Freundes Geſundheit dieſes Ge⸗ fühl zurückdrängen konnte. Er wiederholte daher haſtig und dringender ſeine Frage nach Moſer's Befinden, wor⸗ auf endlich Blaſius ſeine Schalksrolle aufgab und mit liſtig geheimnißvollem Augenzwinkern ſagte: Ich weiß meiner Seel nicht, was dem Doctor fehlt; aber daß er den Stuß weggekriegt hat, während ich bei Ihrem Herrn Onkel war und dieſem das Unzeitgemäße und Vernunftwidrige einer nochmaligen Bezahlung von bereits bezahlten Schulden klar zu machen verſuchte, das kann ich verbürgen. Denn wie ich nach Hauſe kam, ſaß mein Doctor in Hemdeärmeln am Schreibtiſch, den feuer⸗ rothen Kopf in beide Hände geſtützt und las in einem feinen allerliebſten Goldſchnitt⸗Briefchen, mit allerhand buntgemalten Blümchen und Schnörkeln verziert, war ſo ganz und gar in's Leſen der fünf oder ſechs Zeiler⸗ chen vertieft, daß ich ihm lange über die Schulter in's Billetdoux blicken konnte, eh' er mich nur einmal gewahr wurde. Da aber ſprang er drei Ellen hoch vom Stuhle . auf wie ein angeſchoſſener Rehbock und redete ganz ver⸗ wirrtes Zeug durcheinander. So ſagte er zum Exem⸗ — pel:„Blaſius, Du mußt wiſſen, Volkhauſen und ich ſind heute Abend zu der liebenswürdigſten jungen Dame zum Thee gebeten;“ gleich nachher verzerrte er das Ge⸗ ſicht zu einer wilden Melancholie und mit einer Don⸗ nerſtimme ſchrie er mich an:„Blaſius, wenn mir nur mein neuer Rock gut in der Taille ſitzt““ Auf einmal warf er ſich der Länge nach lachend auf's Sopha, preßte das Briefchen wider die Lippen und arbeitete dabei mit verzückten Beinen in der Luft herum wie ein Telegraph, wo ich mir endlich das Herz faßte und ihn flehentlich bat, er möge ſich doch vor Allem nach ſeinem abhande⸗ nen Verſtand umſehen, bevor er ſich um ſeine ſchlanke Taille bekümmere. Das iſt ja ſchrecklich! ſagte Conſtantin mit Pathos und nahm den tragiſchen Bericht mit der nämlichen Ernſthaftigkeit auf, womit er vorgebracht wurde.— Daß eine Einladung zu einer Taſſe Thee ſolche plötzliche Sinnesſtörungen verurſacht, davon hat man allerdings mehr als ein Beiſpiel, nur das Eine iſt mir unbegreif⸗ lich, wer ihn in dieſe Calamität hineingebracht hat, da er doch noch ſo gut wie fremd in hieſiger Stadt iſt? Es iſt dieſelbige junge Dame, die ihm das feine klitze⸗ rige Billetdvurchen geſchrieben hat, entgegnete Blaſius und fiel unwillkührlich in den vorigen larmoyant bur⸗ lesken Ton zurück.— Den Sonnenſtich hätt' er alſo jedenfalls auch ohne Texas gekriegt! — —— Wie? Du glaubſt im Ernſte, er ſei..7 Verrückt— verliebt bis über die Ohren! entgegnete Blaſius in leidenſchaftlicher Erregung. Schon ſeit län⸗ ger als acht Tagen roch ich den Mondſchein, aber es war mir platterdings unmöglich, meinem ſonſt ſo klugen Doctor nach der kaum überſtandenen Lection mit Texas dieſe beinah' noch größere Narrheit zuzutrauen. Erſt als er anfing, wieder Verſe zu machen, welche üble Ge⸗ wohnheit er ſeit ſeiner Liebſchaft mit der überſpannten Profeſſorstochter unterlaſſen hat, gingen mir die Augen auf. Aufgepaßt, Blaſius, dacht' ich, dein Doctor fängt wieder zu ſpinnen an, das Texasfieber ſitzt ihm noch in den Knochen und ſucht einen neuen Ausweg; und ſchon nach drei Tagen hatte ich richtig aus ſeinem Pa⸗ pierkorb eine ganze Stoppelernte von großen und klei⸗ nen Schnitzelchen mit: O Du, die Du; mit Mondſchein und Nachtblumen; mit Angen, tief wie Meeresgrund; mit Sehnſuchttaucherglocken und Paradiefesſtimmen, kurz, mit der ganzen alten Litaneh von: Liebe mich, oder ich liebe Dich! zuſammengeleſen, ſo daß ich mit Hülfe von Kleiſter ſelber ſo ein ſchmachtlappiges Carmen hätte zu Stand bringen wollen. Ach, nun errathe ich! ſagte Conſtantin. Die Einla⸗ dung zum Thee auf den heutigen Abend hat das ſchlei⸗ chende Delirium endlich zum Ansbruch gebracht! Aber ſagteſt Du nicht, daß auch ich gebeten wäre? — 5— Eben derentwegen ſchickt mich ja der Doctor zu Ih⸗ nen, entgegnete Blaſius. Punkt acht Uhr werde er Sie nach dem Kloſterhof abholen. Nach dem Kloſterhof..? ſtotterte der Gelehrte und ſeine Miene drückte, ſoweit es die tiefe Narbe auf ſei⸗ ner linken Wange geſtattete, ebenſoviel Staunen als Be⸗ ſtürzung aus. Von dorther alſo erhielt Dein Herr je⸗ nes.. Billetdoux, wie Du's nennſt? Ah, jetzt merk ich, Sie kennen bereits die Flamme, an der ſich mein Doctor die Flügel verſengt hat! ſagte Blaſius ohne Arg. Aber iſt denn ſeine neue Pouſſage wirklich der Rede werth, vielmehr iſt ſie überhaupt ein ſubjectiv⸗objectiver Gegenſtand für ihn? Was verſtehſt Du von Subjectiv und⸗Objectiv? rief Conſtantin und mußte trotz ſeiner plötzlichen Zer⸗ ſtreutheit über dieſe ſonderbare Frage herzlich lachen. Den Begriff kennen freilich hier zu Lande nur ſtu⸗ dirte Leute, bei uns daheim aber find't ihn jede blinde Frau mit dem Stecken im Nebel, entgegnete Blaſins, tief verletzt durch dieſen Zweifel an ſeinem philoſophi⸗ ſchen Wiſſen.— Aber damit Sie ſehen, daß ich meinen Schulſack noch nicht verloren habe, ſo will ich Ihnen Red' und Antwort darüber ſtehen. Subjectiv heißt bei verliebten Leuten Alles, was ſie gegenſeitig an einander bewundern und wofür ſie durch den Mondſchein gehen, Dick oder Dünn; objectiv aber bedeuten einfach die— 6 Moneten, weil auch verliebte Leute bei eintretender Ab⸗ kühlung baares Geld allen andern irdiſchen Glücksgütern vorzuziehen pflegen. Und inſofern hab' ich Recht, wenn ich frage, ob jenes Frauenzimmer auch ein ſubjectiv⸗ob⸗ jectiver Gegenſtand für meinen Doctor ſei, widrigenfalls ich es für meine Schuldigkeit halten würde, dem Herrn Oberamtmann Theobald ſofort von dieſem neuen Aus⸗ wanderungsproject in's Land der ecareſſirenden Turtel⸗ täubchen und der himmelblauen Vergißmeinnicht⸗Aeuglein getreulich Bericht zu erſtatten. Du kannſt über dieſen Punkt außer Sorgen ſein, ſagte Conſtantin mit angenommener Ruhe. Ich weiß ganz beſtimmt, daß Dein Doctor von einer ernſthaften Pouſſage mit jenem Frauenzimmer noch ebenſoweit, ja vielleicht noch weiter entfernt iſt, als von Texas. Kei⸗ nenfalls aber laſſe ihn merken, daß Du über dieſe Sache mit mir geſprochen haſt. Heute Abend zur beſtimmten Stunde erwarte ich ihn. Alle Wetter, ich glaube wirklich, mein Herr hat mich ſchon mit ſeiner Geiſtesconfuſion angeſteckt! ſagte Bla⸗ ſius, im Begriffe, aus der Thüre zu gehen und fuhr mit der Hand betroffen in die Seitentaſche des Rockes. Die Quittung vom Herrn Onkel Cyprian über die von Ihnen zurückgezahlten achthundert Thaler.. Zeig' her! rief Conſtantin und griff mit Haſt nach dem Papier, auf welchem ihm ſogleich die wohlbe⸗ — kannten ſteifen Schriftzüge des Oheims in die Augen fielen: „Unter heutigem Datum hat mein Neffe Conſtantin Volkhauſen 800 Thaler, ſchreibe achthundert Thaler, an mich zurückbezahlt, welche Summe ich am erſten Oectober d. J. ohne irgend welchen Vorbehalt einer ſpäteren Schuldverbindlichkeit von ſeiner Seite, an ſeine Gläubiger vorgelegt, resp. für ihn bezahlt habe. Da ich die Rückerſtattung dieſes Geldes von ihm weder verlangt noch erwartet habe, ſo beſcheinige ich ihm andurch den Empfang genannter Summe mit dem Beifügen, daß ich dieſelbe ohne Zins⸗Abz zug als ein meinem Neffen Conſtantin Volkhauſen eigenthüm⸗ lich zugehöriges Kapital, mit vom heutigen Tag an laufenden Zinſen zu 4 ½% vom Hundert in meinen Büchern ihm gut ſchreiben will, ſo zwar, daß er obengedachte Summe(800 Thlr.) jederzeit und nach ſeinem Belieben, entweder ganz oder theilweiſe benebſt den bis dahin fällig gewordenen Zinſen bei meinem Kaſſier gegen einfache Quittung wieder zurückziehen kann“ Folgte noch das Datum und als Unterſchrift der Name Cyprian Franke. Das iſt eine Freundesprobe, wie ſie meines Lud⸗ wig's würdig iſt! ſprach Volkhauſen gerührt und blickte 6 mit feuchtem Auge auf das Blatt.— Ja, Onkel Cyprian, von dieſem Edelmuth haſt Du bei aller Deiner chriſtli⸗ chen Barmherzigkeit doch keine Ahnung; denn Du weißt nur Hunger, Armuth und äußere Drangſale des Lebens zu lindern, die Schmerzen des ſtrebſamen und niederge⸗ haltenen Geiſtes hingegen, das Leid des gekränkten Cha⸗ rakters kennſt Du nicht; dazu gehört mehr, als die ſtarre Orthodoxie, das verhimmelte Chriſtenthum ahnen: ein ſchöner, freier, menſchlicher Sinn und jene heilige Weihe des Gemüthes, die man nicht in Deinem Tem⸗ pel und Deinen frommen Winkelverſammlungen em⸗ pfängt. Glaub' es mir, Blaſius, durch dieſen Freun⸗ desdienſt hat mich Dein Doctor von einer Sorge erlöſt, wie ich ſie nie zuvor im Leben ſo ſchwer und unerträg⸗ lich empfunden; und wie er es that, das eben iſt die Hauptſache dabei!— Ich ſage ihm aber auch dafür jetzt kein Wort des Dankes, noch bin ich in der Stimmung, Dich nach dem Benehmen meines Onkels bei der ganzen Affaire auszufragen. Gewiß, er hat lange an dem Kelch zu leeren! Glaub's nicht, ſprach Blaſius kopfſchüttelnd. Denn der Herr Onkel, wie er die achthundert Thaler in den Geldſchrank verſchloß, ſahen ſo freundlich mild und in ih⸗ rem Gott vergnügt aus wie die Gutthat ſelber und ich konnt's ganz deutlich in ſeinem Geſichte leſen: Wollen doch ſehen, wie lange der Herr Neffe mir das Geld ich—,— — ih——— ruhig im Kaſten läßt, zu 4 ½ verzinslich, das er mir heute ſo großartig zurückgezahlt hat. Du kennſt dieſe Sorte von frommen Leuten noch nicht, lieber Blaſius, ſagte Conſtantin vergnügt. Unter dem Deckmantel kindlicher Gutmüthigkeit und patriar⸗ chaliſcher Milde ſind ſie nicht blos in ihren Empfindun⸗ gen gar ſorgſame knauſeriſche Haushälter, berechnen bei jedem Gefühl den Disconto, auch ihre Geſichtszüge wiſ⸗ ſen ſie vortrefflich zu beherrſchen, ſo daß ſie zum ſauer⸗ ſten Apfel oft die zuckerſüßeſte Miene machen. Es muß für einen honetten Menſchen ein großes Malheur ſein, das Licht der Welt in einer ſolchen Sipp⸗ ſchaft zu erblicken oder durch Heirath, Verſchwägerung oder Adoptirung von Ungefähr hineinzugerathen, meinte Blaſius tiefſinnig.— Auch bei uns daheime gibt's hart⸗ geſottene Philiſter und langſtielige Bureau⸗ und Comp⸗ toirſeelen genug, die aus purer Grundſätzlichkeit das Kind im Mutterleibe verhungern laſſen würdèn, wenn's nicht nach ihrer Pfeife tanzt; aber ſolch' eine in Ge⸗ müthlichkeit und Flanell eingewickelte Melange von Gott⸗ ſeligkeit und macadamiſirter Hartherzigkeit iſt mir doch noch niemalen vorgekommen! Wenn's möglich wär', Herr Volkhauſen, Sie würden durch dieſe meine heutige perſönliche Bekanntſchaft mit Ihrem ehemaligen Herrn Pflegevater noch um ſo und ſo viele Procente über die 4 ½ hinaus an Hochachtung bei mir gewinnep; denn es fehlte, weiß Gott, nur am gehörigen Animo bei dem alten Herrn und er hätte mich mit einem:„der Friede Gottes ſei mit dir!“ von einem rohen Individuum von Packknecht, das Muskeln wie Tonnenreife und Fäuſte wie ein Eſau hatte, nach urchriſtlicher Väterſitte die Hintertreppe hinunterwerfen laſſen.— Als Blaſius nach dieſem objectiv⸗ſubjectiven Gegen⸗ beweis von Herrn Cyprian's angeblicher Zerknirſchung weggegangen war, hatte Conſtantin, den doch ſonſt nicht leicht eine Sache aus der Faſſung brachte, einige Zeit nöthig, um ſein von Ueberraſchung, Rühruͤng und Dank⸗ barkeit bewegtes Gemüth wieder zu ſammeln und zugleich eine ihm unerklärliche, nie zuvor empfundene angſtvolle Unruhe niederzukämpfen, die ſich plötzlich ſeines Herzens bemächtigte und wie ein ſonderbarer Druck auf ſeiner Seele laſtete. Er ſtaunte darüber wie über eine ihm ganz neue Entdeckung an ſeinem inneren Menſchen; be⸗ ſtürzt, fäſt betäubt von dem fremdmächtigen Eindruck begriff er anfangs kaum, was ihn ſo plötzlich und ſo tief erſchüttert und ihm durch ein einziges, noch dazu in ſcherzhafter Uebertreibung ausgeſprochenes Wort des gu⸗ ten Blaſius eine ganze Welt von ſchickſalsvollen Mög⸗ lichkeiten und Verkettungen nahe gerückt hatte, als wenn es ſchon ſo gut wie ausgemacht geweſen wäre, daß je⸗ nes harmloſe Wort überhaupt dieſe mehr als ernſthafte Auslegung verdiene.— Mitten in die Freude über — 65 Ludwig's edelmüthigen Beiſtand fiel für ihn wie ein Blitz aus heiterer Luft der Schreckensgedanke an die Mög⸗ lichkeit, daß der nämliche Freund vom Schickſal auser⸗ ſehen ſein könne, ihm eine Prüfung zu bereiten, härter als Alles, was er bis jetzt an Noth, Kampf und Ent⸗ ſagung erfahren habe. Und wie ein langes Unglück, das ſelbſtverſchuldete zumeiſt, den Menſchen fataliſtiſch macht und ihm nur zu häufig in ſeinen Handlungen wie in ſeinen Vorausſetzungen über das gewöhnliche Maß, womit die Dinge dieſer Welt gemeſſen werden wollen, hinausführt, daß er in ſelbſtgeſchaffenen Einbil⸗ dungen die Conſequenz einer höheren Fügung erblickt: ſo war auch Conſtantin ſofort bereit, aus den unbedeu⸗ tendſten Zufälligkeiten und Wahrnehmungen der letzten Zeit eine Kette von ſicheren Schlüſſen und Beweiſen für die Thatſache zu ziehen, daß Moſer, freilich ohne es zu wiſſen, des Freundes letztes ſchönes Lieben und Hoffen für immer zerſtört habe. Es war bei ihm ſchon kein Zweifel mehr: Ludwig liebte ſeine ſchöne Couſine Eliſabeth Franke— es mußte ſo ſein, denn er fürchtete es ja— konnte gar nicht an⸗ ders ſein, denn er ſelber, der in Allem ſeither der Schmied ſeines eignen Unheils geweſen, er ſelber hatte ja den Freund ſeinem Glücke entgegengeführt und ihm recht wie mit Abſicht und Vorbedacht, Eliſabeths Theil⸗ nahme und Aufmerkſamkeit zugewendet.— Erſt mit D. Müller, der Kloſterhof. H. 5 66— dieſer Vorſtellung wußte er aber auch zugleich, daß die ſchöne Couſine ſeinem eignen Herzen noch in einer ganz anderen Weiſe theuer ſei, als er ſeither im ſiche⸗ ren Gefühl des bevorzugten Freundes, des erklärten Ver⸗ trauten ihrer Seele geahnt hatte. Der Gedanke an die Möglichkeit, dieſes ſchöne, ihm unentbehrlich gewordene Verhältniß zerſtört zu ſehen, das ſo lange Jahre hin⸗ durch ſein Troſt, ſein beſter geiſtiger Stützpunkt geweſen und das ohne des Freundes Dazwiſchenkunft ſein Herz wohl für immer in dieſer ungetrübten, von keinem höhe⸗ ren Wunſche unterbrochenen Harmonie ausgefüllt hätte, dieſer eine Gedanke verwandelte plötzlich ſeine reine brü⸗ derliche Neigung zu Eliſabeth in die Gluth der heftigſten Leidenſchaft und im Moment des ihm ſchon faſt gewiſ⸗ ſen Verluſtes erkannte er die ſo lange genährte Selbſt⸗ täuſchung in ſeinem Gefühle für das theuere Weſen. Da iſt es wieder, das alte Geſicht meines Schickſals, das mir ſo lang ich lebe immer dieſelbe höhniſch trium⸗ phirende Fratze ſchneidet! rief er aus und ſtarrte, die Hand gegen die fieberheiße Stirn gepreßt, mit funkelndem Blick in die Spiegelſcheibe an der Wand. Immer erſt Gewinn hinter dem verlorenen Glücke her, und mitten in Glückes Vollbeſitz Entbehrung— Täuſchung! Ja, es muß wohl wahr ſein, daß jedem Menſchen von der Vor⸗ ſehung ſein Verhängniß beſonders zugeſchnitten wird, Dieſem in dieſer, Jenem in jener Facon, wie es eben —5 8— zu ſeinem inneren Kleiderleib paßt, ſo daß man alſo nicht fehlginge, wenn man aus dem Stereotyp ſeines äußeren Schickſals auf ſeine geiſtige Beſchaffenheit und Charakterphyſiognomie zurückſchließen wollte. Der Eine hat durch ſein ganzes Leben Mißgeſchick bei der, der Andere bei dieſer Sache, gleichwie dem Einen dieſe, dem Anderen jene Speiſe regelmäßig Magenbeſchwerden ver⸗ urſacht. Ich Unglücksvogel bin dazu auserſehen, immer erſt Appetit zu bekommen, wenn die Tafel aufgehoben iſt, immer erſt das rechte Ziel zu erkennen, wenn ich längſt blind daran vorübergelaufen bin und ein Anderer die Siegespalme ſchwingt! So haderte der in allen Tiefen ſeines Gemüthes auf⸗ geregte Conſtantin noch lange gegen ſein Schickſal fort und es waren nicht die ſchmeichelhafteſten Epithetas, wo⸗ mit er dabei ſich ſelber bedachte; er redete ſich immer tiefer in dieſes neue gefürchtete Mißgeſchick hinein und wußte zuletzt dasjenige, was ihn ſeine erhitzte Einbildungskraft befürchten ließ, nicht mehr von der Wirklichkeit zu un⸗ terſcheiden; ebenſowenig unterſuchte er die Gründe zu dieſer Furcht, ſondern war feſt davon überzeugt, der Freund müſſe Eliſabeth mit der nämlichen Leidenſchaft lieben, die er heute zum Erſtenmal an ſich ſelber kennen lernte. Erſt nachdem er ſeine voreilige und ſo wenig moti⸗ virte Angſt einigermaßen überwunden hatte und ſein Blut * 65 ruhiger geworden war, tauchte ganz wie zufällig vor ſeiner muthloſen Seele die Frage auf, welchen Antheil Eliſabeth an ſeiner Verzweiflung habe und ob es über⸗ haupt ihrem ruhig ſicheren, treubewährten Charakter ent⸗ ſpräche, daß er ſo plötzlich ganz und für immer aus ih⸗ rem Herzen verbannt ſein ſolle? Zwar zweifelte er nicht daran, daß ſie jenes für Blaſins ſo verdächtige Billet an den Freund geſchrieben, aber was war denn in der Hauptſache damit erwieſen? Durfte ein Mädchen von Eliſabeth's freiem unabhängigen Sinn nicht eine freund⸗ liche Zeile an einen Mann richten, den ſie um des Freundes willen doppelt hochachtete? Brauchte ſie darum mehr für ihn zu empfinden, als ein allgemeines Ver⸗ trauen und Wohlwollen, ſowie ein unbefangenes Inter⸗ eſſe an ſeiner gebildeten Perſönlichkeit? Freilich war jenes Billet nach Blaſius' Meinung ein Billetdoux— aber mit welchem Argwohn mochte der Burſche nicht über ſeines Herrn Schultern in das unſchuldige Blättchen ge⸗ ſchielt haben; er, der gewiß vordem häufig genug ver⸗ liebte Briefe in die Hände ſeiner Studentenſchätzchen be⸗ fördert hatte? Und ſah es denn Eliſabeth wirklich ſo ähnlich, daß ſie ſich ohne Weiteres in einen jungen Mann verliebte, den ſie vielleicht drei⸗ höchſtens viermal im Va⸗ terhauſe geſehen und mit dem ſie, was Conſtantin ihr genau nachrechnen konnte, noch keine zehn Worte ohne Zeugen gewechſelt hatte.— A ——————— So blieb denn zuletzt von allen ſeinen Zweifeln nur ſoviel als Thatſache ſtehen, daß er Dasjenige in Bezug auf ſich ſelber gelten laſſen mußte, wofür er den Freund hatte verantwortlich machen wollen. Im Sturme der Lei⸗ denſchaften war ihm ein Gefühl ſeines Inneren zum klaren Bewußtſein geworden, von deſſen Macht und Einfluß auf ſein Leben er bis dahin keine Ahnung gehabt hatte, und in wildem Orkane warf ihm plötzlich die ſo lange glatt und friedlich dahinfluthende Welle ſeiner Empfindung die herrliche Perle ſeiner Liebe entgegen, die bisher tief und unerkannt in ſeiner Seele geruht hatte. Fünftes Kapitel. Genau zur beſtimmten Stunde trat Ludwig in Con⸗ ſtantin's Zimmer, um den Freund nach dem Kloſterhof abzuholen. Er war, das ſah dieſer auf den erſten Blick, in einer ungewöhnlich lebhaften Stimmung und kaum konnte ſich Volkhauſen in die Art und Weiſe hineinfin⸗ den, womit der Freund ſeinen innigen Dank für den großen, ihm geleiſteten Dienſt aufnahm, indem er ihm das Wort vom Munde abſchnitt und ſo, daß es faſt wie Spott klang, lachend ausrief: Das fehlt noch, daß Du Deinen Hypochonder vom Onkel Cyprian auf mich überträgſt! Glaubſt Du denn, die achthundert Thaler ſeien Dir ſo ohne Weiteres von mir geſchenkt? Im Gegentheil werde ich entſprechende Gegenleiſtung ſeiner Zeit von Dir verlangen und es iſt noch ſehr die Frage, in welchem Verhältniß Du M Dich dann wohler fühlſt, als Deines Onkels oder als mein Schuldner. Betroffen ſchwieg Conſtantin und ſah ihn forſchend an; dieſer Ton, dieſes Weſen war ihm völlig fremd an dem Freunde und er hatte Mühe, äußerlich unbefangen dabei zu bleiben. Ja, einen Moment wollte er ſogar hinter dieſen in leichtem ſcherzenden Tone ausgeſproche⸗ nen Worten eine ernſtliche Meinung entdecken, als wenn Ludwig in der That auf einen Gegendienſt von ſeiner Seite zähle, vielleicht.. am Ende hatte Blaſius doch Recht gehabt vielleicht.. doch nein, einen ſolchen Ge⸗ danken konnte der Freund unmöglich hegen.. dieſen Verdacht hatte er in keiner Weiſe verdient— Conſtan⸗ tin erröthete über ſich ſelber, daß er auch nur flüchtig einen ſolchen Argwohn hatte faſſen können, verwünſchte ſein Mißtrauen⸗ und ſagte mit aller Herzlichkeit der Freundſchaft: Es gilt, Ludwig! Wie ich Deine große Güte ohne lauten Dank annehme, ſo ſollſt Du auch ohne viele Worte mir glauben, daß ich Dir dieſen Liebesdienſt nimmer vergeſſen werde. Gottlob, der Mann, der mich in dieſe peinvolle Abhängigkeit verſetzen wollte, wird ſich ein andermal hüten, in dieſer vorgreiflichen Weiſe die Vorſehung gegen mich zu ſpielen. Ludwig entgegnete lachend: Er hat ſeiner Quittung eine neue Barmherzigkeits⸗Clauſel beigefügt, die wir nicht ruhig hinnehmen dürfen. Denn mit anderen Worten heißt das ſo viel als: Gott, ich und Conſtantin wiſſen, daß ich ihm die achthundert Thaler zu 4%½ Procent verzinſe, alſo bleibt er mir nach wie vor zu Dank ver⸗ pflichtet.— Du ſchickſt ihm daher morgen ohne Umſtände einen Notar in's Haus, der darauf beſtehen muß, daß er Dir in aller Form Rechtens eine Empfangsbeſchei⸗ nigung ausſtellt und reſignirſt ein für allemal auf ſeine Gnade! Bei Leibe! Das würde beſſer in ſeinen moraliſchen Kram taugen, als Du Dir denkſt, erwiderte Conſtantin lebhaft.— Solche Menſchen ſehen in jedem rückhaltloſen, wenn auch noch ſo berechtigten Vorgehen gegen ihre tyran⸗ niſchen Launen nur einen Akt der gewaltthätigen Selbſt⸗ hülfe; während ſie durch eine mehr paſſive Oppoſition, die mit ihrer eignen bürgerlich beſchränkten Anſchauung des Lebens gleichen Schritt hält, allmälig in die ängſt⸗ lichſte Rathloſigkeit hineingetrieben werden. Onkel Cy⸗ prian wird, deſſen bin ich gewiß, die Tage und die Stunden zählen, bis ich wieder mit meinen Finanzen in der Decadence begriffen und genöthigt ſein werde, nach jenem Kapital zurückzugreifen, das mir ſeine vier⸗ einhalb⸗procentige Barmherzigkeit zur Dispoſition ſtellt⸗ Je länger ſich nun dieſer von ihm mit mathematiſcher Gewißheit vorausberechnete Zeitpunkt meiner neueſten Geldklemme hinausſchiebt, die für ihn zugleich jedesmal einen ſichtbaren Akt des göttlichen Strafgerichts bedeu⸗ tet, um ſo ſchwächer wird ſeine Hoffnung werden, mich durch's Unglück gebeugt und meinen Trotz endlich einmal nachhaltig gebrochen zu ſehen; er wird zuletzt, weil er ſich ſchlechterdings nicht in einen Menſchen hineinver⸗ ſetzen kann, der ohne nachweisbare Exiſtenzmittel, ohne Amt oder ſonſtige Erwerbsquelle beſteht, aus einer Sorge in die andere gerathen; und ſchließlich wird dies Alles, wenn auch nicht mir, ſo doch meiner Schweſter Anna zu gute kommen, die er immer dann am meiſten mit Güte und Aufmerkſamkeit überhäuft, wenn ihn meinetwegen ſein Gewiſſen, wie es die heilige Schrift nennt,„beißt.“ Ich freue mich außerordentlich darauf, heute ihre perſönliche Bekanntſchaft zu machen, ſagte Ludwig. Es iſt ein liebes munteres Weſen, bemerkte Con⸗ ſtantin. Jammerſchade, daß ſie in der frommen, phi⸗ liſtröſen Sippſchaft verkommen muß! Sie hat wirklich von ihrer Jugend wenig zu genießen, und ohne ihren heiteren Sinn und ihren natürlichen Verſtand wäre ſie längſt der Pietiſterei verfallen. Aber woher weißt Du eigentlich, daß ſie heute im Kloſterhof ſein wird? Deine Couſine Eliſabeth hat die Freundlichkeit ge⸗ habt, mich ſchriftlich hiervon zu benachrichtigen, entgeg⸗ nete Ludwig mit Unbefangenheit. Was ein junges Frauenzimmer in fünf Zeilen Geiſtvolles und Liebens⸗ würdiges ſagen kann, das ſteht in dieſem artigen Billet, — deſſen Handſchrift noch dazu die ſchönſte iſt, die ich je⸗ mals bei einer Dame geſehen habe. Aber warum blickſt Du mich ſo verwundert an? Hab' ich etwa Unrecht? Aufrichtig, ich habe Eliſabeth's Handſchrift ſeit meh⸗ reren Jahren nicht zu Geſicht bekommen, entgegnete Conſtantin nicht ohne einige Gereiztheit. Vielleicht ent⸗ hält ihr Briefchen auch eine Aufklärung darüber, wie ſie dazu kommt, diesmal die Einladung ſchriftlich an Dich zu richten, während ich, der ältere Freund, doch bis jetzt immer nur mündlich den Auftrag von ihr er⸗ hielt, Dich mitzubringen? Ueber dieſes große Räthſel habe ich bis jetzt noch nicht einmal nachgedacht! rief Ludwig lachend, werd' es 1 auch bleiben laſſen, denn man weiß ja, daß in der Nähe der Sphinx immer ein Abgrund iſt. Gut, ſo will ich der Oedipus ſein und es löſen, ſagte Conſtantin, der in des Freundes Scherz einging, um ſich nicht weiter zu verrathen: Eliſabeth hat den brieflichen Weg gewählt, um auf dieſe Weiſe in Dein intereſſantes Autographen⸗Album zu kommen, von dem Du ihr neulich erzählteſt. Bruderherz, Du haſt fehl gerathen und kein Gott rettet Dich von dem Sturz in den Abgrund, rief Lud⸗ wig und ſchüttelte ihn an den Schultern. Eliſabeth wollte Dir nur damit indirect beweiſen, daß ihre Schwe⸗ ſter Lucinde vollkommen Recht hatte, als ſie jüngſt be⸗ hauptete, Eiferſucht ſei viel mehr bei den Männern als bei den Frauen zu finden, da Letztere in der Regel nur froh ſein müßten, die Aufmerkſamkeit ihrer Tyrannen auf einen andern Gegenſtand gelenkt zu ſehen. In dieſem Falle hat ſie ſicher den Zweck ihrer ſchriftlichen Einladung verfehlt, entgegnete Conſtantin. Denn hätte ich überhaupt Anlagen zur Eiferfucht und das Recht dazu, ſo wüßt' ich doch, daß weder Du noch Eliſabeth ſie mir jemals einflößen könnte.— Beide Freunde hatten ſich durch dieſe Unterhaltung, die ſo wenig zu dem Hauptereigniß des Tages paßte, in eine ganz eigne, feierlich bewegte und doch gereizte Stim⸗ mung hineingeredet, als wenn ſich dem gemeinſamen Ge⸗ fühl ihres heute noch feſter geſchloſſenen jungen Freund⸗ ſchaftsbundes die Vorahnung beigeſelle, daß ein ſo treu⸗ inniges Verhältniß Beiden unter Umſtänden die nämliche Prüfung auferlegen und die Harmonie ihrer Herzen auch außerhalb der Sphäre ihrer Freundſchaft ſich in dem gleichen Gefühle begegnen könne. So unbefangen Lud⸗ wig dem Freunde in Betreff Eliſabeth's gegenüberſtand, empfand er doch dieſe geheime Unruhe; und Conſtantin, wieder einmal dem fataliſtiſchen Zug ſeines Herzens fol⸗ gend, konnte nur mit Gewalt den bangen Gedanken un⸗. terdrücken, daß der Freund ſeinem ganzen, ihm ſo nah verwandten Denken und Fühlen nach unmöglich lange mit einem Mädchen von Eliſabeth's geiſtig verklärter Schönheit verkehren könne, ohne nicht tiefer davon be⸗ rührt, ohne nicht mächtig von ihr angezogen zu werden. So erlebten Beide, während ſie ſchweigend nebenein⸗ ander durch die dunklen Straßen und über die vom Gaslicht erhellte Brücke dem Kloſterhofe zuſchritten, die alte Wahrheit des Menſchenherzens an ſich, daß das Schickſal, lange bevor es dem Sterblichen heilbringend oder verderblich naht, ſeine Seele in vorahnendem Ge⸗ fühl hoffend und fürchtend umſchwebt, als wenn es ſie zuvor an ihrem innerſten Leben erſpähen und die hellen und dunklen Töne belauſchen wolle, die darin ſeiner mächtigen Stimme einſtmals antworten werden, in Luſt oder Leid, in Schmerz oder Seligkeit. Sie fanden die drei Schweſtern mit Anna in der Gar⸗ tenſtube, von der eine Glasthüre in den daranſtoßenden Garten führte. Herr Felix Franke war nicht anweſend, was keinem der Freunde unwillkommen war; denn der alte Herr pflegte gewöhnlich Einen von ihnen ſogleich ſo ausſchließlich für ſeine ſpeciellen Intereſſen in Anſpruch zu nehmen, daß der Gaſt bei der allgemeinen Unter⸗ haltung leer ausging und ebenſo gut mit ihm allein in irgend einem leeren Winkel zuſammengeſeſſen hätte, vertieft in ein Geſpräch über alle möglichen großen und kleinen Weltbegebenheiten, mit alleiniger Ausnahme derjenigen, die in einer Geſellſchaft von ſchönen heiteren Damen einen jungen lebhaften Mann zu intereſſiren pflegen. — — 77 Denn was fragt dieſer in ſolcher Umgebung nach den verſchiedenen Todesſtrafen am Hofe altperſiſcher Könige, oder nach dem Urſprung und den Lehren der Eſſäer, oder nach den geheimen politiſchen Zwecken der heiligen Vehme auf rother Erde! Eliſabeth ſtellte Ludwig ihrer Couſine Anna vor, und dieſe ſagte, indem ſie dem Freund des Bruders die Hand gab, in ihrer neckiſch heiteren Weiſe: Wie ich höre, wollten Sie in Texas Urland cul⸗ tiviren, Herr Doctor, und ſind eigentlich nur aus Zu⸗ fall durch— Ueberſitzen im Weinkeller von dieſem Plane abgekommen. Ich finde das ſehr verſtändig von Ihnen und wünſchte nur, daß meinem Bruder Con⸗ ſtantin guch einmal bei der Weinflaſche ein ſo unver⸗ hofftes Glück paſſirte! Seit Jahren ſchon lechzt er be⸗ ſtändig nach jener höheren Erkenntniß, die der Lateiner in vino veritas nennt. Ach, wenn ich Alles in der Welt begreife, ſo begreife ich das Eine nicht, wie eine ſo durſtige Seele in einer ſo trocknen Familie, wie die unſrige, Wurzel ſchlagen konnte! Der Herr führt ſeine Heiligen wunderlich, mein Fräulein, entgegnete Moſer, in ihren munteren Ton ein⸗ ſtimmend und fühlte ſich ſogleich zu dem ſchönen freund⸗ lichen Mädchen hingezogen, in welchem ihm das ganze lebhafte geniale Weſen ihres Bruders, nur in feineren und weicheren Zügen ausgeprägt, entgegentrat. Hab' ich nicht bei der Flaſche ſeine erſte Bekannt⸗ ſchaft gemacht! rief Conſtantin; und kann man in Wei⸗ nes Goldgrund einen köſtlicheren Fund thun, als einen treuen Freund! Selbſt die himmliſche Göttin der Schön⸗ heit entſteigt nur ordinärem Waſſer, dahingegen die Freundſchaft allein im funkelnden Weine ihr ureignes Element behauptet. Kaum fühlte Noah nach der großen Waſſersnoth wieder trocknes Erdreich unter ſeinen Fü⸗ ßen, ſo beſiegelte er auch ſchon den Bund der neuen Menſchheit mit der verſöhnten Gottheit durch Anpflan⸗ zung des Weinſtocks und der Allvater zog als Friedens⸗ ſymbol einen großen ſiebenfarbigen Faßreifen, Regen⸗ bogen genannt, durch den Himmel; ſeitdem ſchließen auch die Menſchen unter ſich ihre Freundſchaftsbündniſſe beim perlenden Weinglas, das ihnen zugleich in ſeinen pris⸗ matiſchen Farben jenes himmliſche Friedenszeichen wie⸗ der vergegenwärtigt. Darum ſag ich Dir, Anna, es iſt mehr altbibliſche Orthodoxie in meinem Durſte, als in der Nüchternheit unſerer milchſuppeneſſenden Brüder und Schweſtern in Zion, die ſich von uns ſündhaften Weltkindern im Weintrinken nur dadurch unterſcheiden, daß ſie ſich's heimlich wohlſchmecken laſſen, während wir es zum Greuel ihrer ſanftmüthigen Herzen mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung öffentlich thun in unſerer Sünde Maienblüthe! Dieſe feurige Apotheoſe des Durſtes fand bei den jungen Damen den wohlverdienten Beifall; nur Lucinde ſchüttelte bedenklich den Kopf und meinte, das ſei nicht die rechte Einleitung zu einem gemüthlichen Familien⸗ thee; denn der Vater habe zwar trotz ſeiner großen Mäßigkeit einen ganz ſtattlichen Weinkeller, aber auch, wie zu ſo manchem andern dunklen Räthſel, allein den Schlüſſel dazu in ſeinem Beſitze. Glauben Sie indeſſen nur nicht, Herr Moſer, ſagte ſie lachend, daß dies etwa aus Geiz oder aus Argwohn geſchieht, wir Töchter möchten ihm heimlich ſeine Wein⸗ flaſchen decimiren; der alleinige Beſitz des Weinkeller⸗ ſchlüſſels hat nur darum dieſe große Wichtigkeit für ihn, weil er befürchtet, ſein Chateau-la Roſe und ſein alter Portwein möchte auf gewiſſe junge Herren von der dur⸗ ſtigen Sorte Vetter Conſtantins eine noch ſtärkere An⸗ ziehungskraft ausüben, als die Liebenswürdigkeit ſeiner Töchter jemals im Stande wäre. Eliſabeth warf der muthwilligen Schweſter einen ſtrengen Blick zu und ſagte, während ſie die Kohlen des Samowars umrührte, in ſtrafendem Tone: Lucinde, mit Ausnahme des Herrn Moſer kennen wir alle Dein Talent, zu Zeiten im Uebermuth mehr zu ſprechen, als Du verantworten kannſt. Zur Strafe dafür ſollſt Du jetzt gleich mit der Köchin in den Keller gehen und den Herren Wein heraufholen. Da haſt Du den Schlüſſel.. es wird ſich nun zeigen, ob Deine 8 Liebenswürdigkeit die Concurrenz mit Vaters Chateau⸗ la Roſe auszuhalten vermag. Conſtantin klatſchte in die Hände und rief bravo! als Eliſabeth ihr mit dieſen Worten den Kellerſchlüſſel überreichte, den Lucinde ganz verwirrt durch dieſe ſchla⸗ gende Widerlegung annahm und mit einem feuerrothen Kopf aus dem Zimmer eilte. Dos heiß' ich die Macht der vollendeten Thatſachen mit Unbefangenheit anerkennen, ſchönes Bäschen! rief ihr Conſtantin lachend nach, Eliſabeth aber ſagte halb ernſt, halb im Scherze zu Ludwig: Leider kann ich's nicht verhehlen, Herr Moſer, daß wir drei Schweſtern die ſchlimme Gewohnheit angenom⸗ men haben, uns in einem gewiſſen ironiſchen Ton zu gefallen, wenn von unſeren häuslichen Zuſtänden die Rede iſt. Auch ſind unſere nächſten Freunde und Freun⸗ dinnen— ſie warf dabei einen bedeutſamen Blick auf Conſtantin und Anna— immer bereit, uns in unſerer ironiſchen Lebensauffaſſung durch Entdeckung neuer Ge⸗ ſichtspunkte und Schlagwörter zu beſtärken, ſo daß wir ſchon mitunter in den traurigſten Situationen auf die ſonderbarſten Widerſprüche verfallen ſind. Als wenn es nicht auch ohnedies ſchneidende Gegenſätze und Diſſonanzen im Leben genug gäbe! Die ſchlimme Folge davon iſt freilich, daß, wo in einer Familie dieſer Alles ironiſi⸗ rende Ton einmal eingeriſſen iſt, nicht blos das Unbe⸗ — — deutende und wirklich Komiſche ſeinen Ausdruck darin findet, ſondern auch gar manche ernſte Rückſicht verletzt wird. Geſtehen Sie mir's aufrichtig, Herr Moſer, es iſt dies auch Ihr erſter Eindruck von unſerem Hauſe geweſen? Bei Gott nicht! entgegnete Ludwig ſo lebhaft, daß Conſtantin ſogar eine flüchtige Röthe auf ſeinem Ge⸗ ſichte bemerken wollte— Aber freilich muß ich auch ſa⸗ gen, fügte er lächelnd hinzu, daß ich ſelber an dieſer ſchlimmſten Täuſchung der romantiſchen Schule, ſich über alles Wirkliche und Herkömmliche im Leben hin⸗ wegzuſetzen, lange genug laborirt habe und wohl eben darum von dieſem Aethergeiſt der Ironie, wie Tieck es nennt, der in Ihrem Hauſe herrſchen ſoll, eher ange⸗ heimelt als fremdartig berührt wurde. Ja, ich leugne es nicht, daß ich noch jetzt zuweilen gerade in den wich⸗ tigſten und ſchwierigſten Lebenslagen in Verſuchung komme, den alten tollen Puck meiner Jugend mir her⸗ beizuwünſchen, der den beiden würdigen Baſen Weisheit und Ehrbavkeit ſo manchen glatten Kirſchkern der Jronie glücklich auf die bebrillten Naſen ſchnellte. Es iſt ja auch immer nur des Schickſals eigne Gri⸗ maſſe, die wir ihm in der Jronie mit unſerem Geſichte nachſchneiden, ſagte Conſtantin; wie man ja auch bei gewiſſen Carricaturen von dem lebendigen Ausdruck ihrer Mienen ſo draſtiſch berührt wird, daß man ihn unterm Anſchauen unwillkührlich im eignen Geſicht nachahmt. D. Müller, der Kloſterhof. II. 6 Auch könnte man die Ironie mit der Balancierſtange vergleichen, die der Seiltänzer in die Hand nimmt, wenn er auf ſtraffem Tau zum Kirchthurme hinanſchreitet, dort wo die Uhr dieſer Zeit in die Ewigkeit hinüberpickt.— Zetzt erſchien Lucinde wieder, eine Platte mit Fla⸗ ſchen und Gläſern in der Hand. Sie trug den vorhin geſenkten Kopf wieder ſtolz in die Höhe gerichtet und um den ſchönen Mund ſpielte ſtatt des vorigen Aus⸗ drucks der Beſchämung ein reizendes, aus Spott und Zorn gemiſchtes Lächeln, als ſie die Platte ſchweigend auf den Tiſch niederſetzte. Dann gab ſie den Schlüſſel an Eliſabeth zurück und ſagte mit einem decidirten Tone und einem Streifblick auf Ludwig: Verzeih', ich wußte bis zu dieſer Stunde nicht, daß Vater ſo bereitwillig— vollendete Thatſachen anerkennt und Dir in Folge davon ſeinen Chateau⸗la Roſe zur Verfügung ſtellte. Ein andermal hole Dir übrigens den Wein ſelbſt aus dem Keller, der den Triumph Deiner Liebenswürdigkeit vollenden ſoll; denn wie ich die Fla⸗ ſchen vom Gerüſte nehmen wollte, ſprang mir ein dickes Scheuſal von Ratze mit blutgierigen Augen entgegen und um ein Kleines wäre ich vor Schrecken vom Stuhle geſtürzt. Es wird der verwünſchte Prinz Deiner Zukunft ge⸗ weſen ſein, der ſich einſtweilen im Weinkeller des künf⸗ tigen Schwiegervaters orientiren wollte, neckte Anna die Schmollende. G Oder der verlarvte Schutzgeiſt Eures Hauſes, die Jronie, nach Tieck die höchſte und klarſte Beherrſchung des Stoffes, des geiſtigen wie des flüſſigen! ſagte Con⸗ ſtantin und lachte im Dreiviertelstakt hell auf. Hat man zweiundzwanzig Katzen im Haus und iſt doch ſeines Lebens vor Ratten und Mäuſen nicht ſicher! klagte Helene. Aber trotz dieſer und anderer Scherzreden wollte die durch Lucinden's taktloſe Bemerkung gegen Eliſabeth ver⸗ ſcheuchte heitere Stimmung nicht wieder in den kleinen Kreis zurückkehren; denn gerade das Dunkle und Befremd⸗ liche in ihrer Anſpielung anf irgend ein tieferes Geheim⸗ niß der Schweſter machte ihre Abſicht erſt recht deutlich, nicht blos zu verletzen, ſondern auch jede Rechtfertigung Eliſabeth's von vornherein abzuſchneiden, wodurch na⸗ türlich bei den Anweſenden die Frage entſtehen mußte, was wohl Lucinde in ihrem beleidigten Stolze damit habe ſagen wollen. 6 Eliſabeth konnte trotz ihres ſonſt ſo ſicheren Weſens kaum ihre Beſtürzung über dieſe Indiscretion der Schwe⸗ ſter verbergen. Einen Moment wechſelte ihre natürliche friſche Geſichtsfarbe mit einer tiefen Bläſſe und ihre Hände zitterten, während ſie den Thee bereitete; nur ihre Augen behielten auch jetzt noch den ruhig klaren Ausdruck und wie ſie ſich jetzt nach einem fragenden Blick von der Schweſter abwandten und denen Ludwig's begegneten, 6 3 84— ag in ihrem Glanze ein ſo ſeelenvoller Ausdruck von Zuverſicht und Vertrauen, daß er in dieſem Moment wußte, Niemand anders als er ſei der Gegenſtand von Lucinden's Stichelrede geweſen, Niemand als er die von dem Vater anerkannte— vollendete Thatſache! Was bei dieſer plötzlichen Entdeckung, der ein ebenſo plötzlicher Hellblick in ſeine eigne innerſte Seele folgte, in Ludwig vorging, davon reden wir vielleicht ein an⸗ dermal; hier ſei nur erwähnt, daß er erſt nach wieder⸗ holter Aufforderung des Freundes mechaniſch nach dem gefüllten Weinglas griff, es mit einer ſtummen Verbeu⸗ gung gegen Eliſabeth an die Lippen führte, bei ihrem freundlichen Zunicken aber das Trinken vergaß und es unberührt wieder ebenſo mechaniſch vor ſich niederſetzte. Er hat Lucinde verſtanden! dachte Conſtantin und wie Feuer ſchoß ihm der Gedanke mit dem Weine durch's Blut, als er das Glas, ohne den Blick von dem Freunde zu wenden, in einem Zuge leerte.— In dieſer peinvollen Spannung der Gemüther er⸗ ſchien Herr Felix Franke, ſowohl den beiden Freunden wie den jungen Frauenzimmern jetzt eine ſo willkom⸗ mene Erſcheinung, daß Alle, mit Ausnahme Lucinden's, wie von einem ſchweren Alp erlöſt, ihre Sitze verließen und ihm entgegeneilten, um hinter heiteren Fragen und Begrüßungen die innere Aufregung zu verſtecken. Der alte Herr ſchüttelte Ludwig wiederholt die Hand und ſagte ſehr freundlich zu ihm: Sie haben, wie ich höre, eine Privatwohnung bezogen und wir ſind alſo für's Erſte ſicher, Sie nicht ſo bald wieder zu verlieren. Wenn ich mir erlauben dürfte, Ihnen einen Rath zu ertheilen, ſo wäre es der, ſich vor Allem mit unſerem Klima auf guten Fuß zu ſetzen. Gegen unſer kaltfeuch⸗ tes nebelichtes Schmutterwetter ſind Flanelljacken und doppelte Sohlen nicht dringend genug zu empfehlen und ſehr möchte ich Sie außerdem warnen, nicht zu frühe, das heißt, nicht vor Mitte November an's Einheizen zu denken; man verweichlicht dadurch die Haut und iſt dem kalten Nordoſtwind doppelt ausgeſetzt. Dieſe in der gewohnten, langſam bedächtigen Sprech⸗ weiſe ertheilten Sanitätsvorſchriften ſtimmten ſchnell die Geſellſchaft wieder heiter und Jedes beeilte ſich nun, Lud⸗ wig eine Vorſichtsmaßregel gegen den ſtrengen Winter zu empfehlen.— So kehrte im Geleite des ehrwürdigen Al⸗ ters der gute Humor in den Kreis der Jugend zurück und leiſe fragte Eins das Andere, was wohl den alten Herrn heute ſo ungemein fröhlich anregen möge. Hole uns doch eine Flaſche Chateau d'Jquem aus dem Keller, mein Kind, ſagte er zu Eliſabeth. Es ſind heute zehn Jahre, ſeit ich das letzte Glas von dieſem Weine mit Eurem Brnuder getrunken habe, der grade damals von St. Thomas zurückkehrte.. Zehn Jahre.. eine lange Zeit, in der ſich Manches in dieſem Hauſe verändert hat, was damals für's ganze Leben Dauer und Beſtand verſprach, ſetzte er gedankenvoll hinzu, machte dann aber mit der Hand eine raſche abweiſende Bewegung, wie um ſich einer ihm aufſteigenden trü⸗ ben Vorſtellung zu erwehren und ſein Geſicht nahm ſchnell wieder den vorigen heiteren Ausdruck an, als er zu Ludwig gewendet fortfuhr: Haben Sie denn auch ſchon gehört.. doch nein, wie ſollten Sie.. daß ſich drüben in Amerika ſchlimme Dinge vorbereiten, ich meine nicht politiſche, ſondern mercantile.. bedeutende Falliſſements mehrerer der er⸗ ſten Häuſer von New⸗York und andern Handelsplätzen, darunter eine alte mir bekannte Firma, was nicht ohne nachtheiligen Einfluß auf die europäiſchen Verhältniſſe bleiben wird. Gehören dergleichen Fälle zu den außergewöhnlichen Erſcheinungen in der Handelswelt? fragte Ludwig, mehr um eine Antwort zu geben, als daß ihn dieſe Nachricht beſonders intereſſirt hätte. Das grade nicht! verſetzte Herr Franke mit einem eigenthümlichen Augenblinzeln und betrachtete wie ver⸗ wundert die Wände und den Plafond des Zimmers, ob es auch wirklich noch das nämliche Haus ſei, in wel⸗ chem er ſo viel Mißgeſchick erlebt hatte und worin jetzt Jemand eine ſo ſonderbare Frage an ihn richtete. Zu ſpät erinnerte ſich Ludwig daran, daß ja der Mann, der ihm gegenüber ſaß, aus ſeiner eigenen Erfahrung es ihm beſtätigen könne, wie wenig ſelten derartige Fälle in der Handelswelt ſeien; aber das voreilige Wort war einmal geſprochen, eine neue Verlegenheit, ebenſo pein⸗ lich wie die eben erlebte, trat ein, die erſt endete, als Eliſabeth mit dem vom Vater gewünſchten Weine erſchien, den ſie in eine Kryſtallflaſche gegoſſen hatte; ſie präſen⸗ tirte davon jedem der Herren ein feingeſchliffenes Kelchglas. Ja, ja, Herr Moſer, fuhr der Alte in einer an ihm ganz ungewohnten Zutraulichkeit fort, indem er ſein Glas erhob; dieſer Wein ſah auch ſchon beſſere Tage und hat uns bei manchem ſchönen Familienfeſte durch ſeine köſtliche Würze und duftende Blume an die herr⸗ lichen Uferhügel der Garonne von Langon verſetzt, ſo daß mancher reiche Gaſt von nah und fern meinen Keller um dieſe Krone aller Weine beneidete. Das Alles hat ſich freilich ſchon lange geändert und Sie dürfen es mir nicht für Uebermuth oder Verſchwendung auslegen, wenn ich Ihnen heute dieſen Wein vorſetze. Wir trinken ihn zuweilen blos noch zum Andenken an beſſere Zeiten und wer weiß, Kinder, fuhr er nach einer Pauſe in feierlich prophetiſchem Tone fort,— wie bald der Chateau d'Jquem auch von anderen Tafeln, die heute noch in allem Glanz der Verſchwendung ſtrahlen, verſchwun⸗ den ſein wird! Denn er iſt kein Freund in der Noth, ſo wenig als es die ſind, welche dem, der ihn ſpendet, ſeinetwegen Schmeicheleien ſagen. Ei, Onkel Felix, Du ſcheinſt wirklich die Dinge drüben und vielleicht auch hüben ſehr ſchwarz anzuſehen, ſagte Conſtantin, verwundert über dieſe offene Sprache eines ſonſt in ſeinen eignen, wie in fremden Angelegen⸗ heiten bis zur äußerſten Aengſtlichkeit verſchloſſenen Mannes. Unſer Freund kann Manches in dieſem Punkt erle⸗ ben, wenn er dieſen Winter über bei uns bleibt, ver⸗ ſetzte Herr Franke und um ſeine ſchmalen Lippen zuckte ein eigenthümliches ironiſch ſchmerzliches Lächeln. Aber warten wir's in Ruhe ab, wozu wir ja glücklicherweiſe Alle in der Lage ſind. Die Verhängniſſe, welche ſich gegenwärtig in den Staaten vorbereiten, werden ſchnell genug den Weg über den Ocean finden und wohl dem, der. dann ohne Uebermuth und blinde Selbſttäuſchung von ſich ſagen kann: Ich bin vorbereitet!— Apropos, Herr Doctor, wir ſprachen neulich von dem alten Ga⸗ gern. Kennen Sie auch die Schriften von Juſtus Mö⸗ ſer? Gewiß iſt dieſe Frage bei einem Manne von Ihrer Bildung überflüſſig und ich wollte auch eigentlich nur damit ſagen, daß ich unwillkührlich bei dem Einen immer —— —————— — 89— an den Andern denken muß, wenn es überhaupt, was freilich burlesk genug klingt, möglich wäre, Patriotismus, Freimuth und reine Menſchenliebe, die gemeinſamen Tu⸗ genden der beiden Ehrenmänner, aus der Amtsſtube an die grünen Tiſche der Diplomaten und Standesherrn zu verſetzen. Mit dieſem raſchen kühnen Uebergang aus der Ah⸗ nungsdämmerung kommender Geſchicke in das helle Ge⸗ biet der politiſchen und publiciſtiſchen Literatur hatte Herr Felir die Unterhaltung für den übrigen Theil des Abends in unbeſtreitbaren Beſitz genommen und alle Verſuche der jungen Damen, Conſtantin und Ludwig zu„entſetzen“, ſcheiterten an der bekannten ſtrengen Ob⸗ ſervanz des alten Herrn, der jede ſtörende Zwiſchenfrage durch eine ſeiner gewohnten mildſtrengen Redensarten abſchnitt, etwa lautend:„Mein Kind, Du mußt uns nicht ſchon wieder unterbrechen,“ oder:„Laß' uns doch, das gehört ja gar nicht hierher,“ oder, wenn einer der beiden bedrängten Freunde Miene machte, ſeinem Banne zu entrinnen, durch die im gutmüthigſten Tone ausge⸗ ſprochene Bitte:„Macht das doch ein andermal unter einander ab!“— Glücklicherweiſe beſaß Ludwig einige Uebung in der Kunſt, über einen gleichgültigen Gegenſtand ſcheinbar mit regem Intereſſe zu reden und doch das wirklich Anziehende der Umgebung darüber nicht aus dem Auge zu verlieren. Während daher der alte Herr ſich im Verlaufe der Unterhaltung der angenehmen Täuſchung überließ, den Gaſt in ein lebendiges Geſpräch über Ca⸗ glioſtro zu verwickeln und mit Begierde ſeinen Aeuße⸗ rungen über den berüchtigten Abentenerer lauſchte, war Ludwig's Seele mit ganz anderen Wundern beſchäftigt, als die, welche jener angebliche Geiſterbeſchwörer ver⸗ richtet haben ſollte. Mit der nämlichen Virtuoſität, wie Caglioſtro ſelber, täuſchte er ſeine Umgebung, in⸗ dem er durch Erzählung anziehender Abenteuer aus dem Leben des Wundermannes die Aufmerkſamkeit der Zu⸗ hörer von dem Gegenſtand ſeiner unmittelbaren ſtillen Beobachtung abzog, ſo daß ſelbſt Eliſabeth, wiewohl er ſie während des Redens alle Augenblicke anſah, dies ihrer eignen lebhaften Theilnahme an ſeiner Erzählung zuſchrieb.— Nur Conſtantin, dem ſein bereits geweckter Verdacht den Blick ſchärfte, entging des Freundes be⸗ ſtändiges Hinüberſehen nach ſeinem holden vis à vis ſo wenig als der unſichere Ton in Ludwig's Worten, ſo oft er es that. Er lauſchte ihm ja gleichſam am eignen Herzen ſeine innerſten Gedanken und Gefühle ab und irrte nur darin, daß er auch Eliſabeth's wirkliche Unbefangenheit, womit ſie dem Geſpräch lauſchte, für verſtellt hielt und in ihrem theilnahmvollen licke ein tieferes Intereſſe argwöhnte, als ihr die Geſchichte von dem abenteuerlichen Verhältniß Caglio⸗ ſtro's zu der Gräfin von der Recke jemals einflößen konnte. Er war beinahe ſchon feſt überzeugt, daß zwi⸗ ſchen Freund und Freundin ein Einverſtändniß walte, daß Beide ſich auf's Lebhafteſte für einander intereſſir⸗ ten und vielleicht nur noch das eine kleine Wort fehle, um aus einem ſtillverſtohlenen Lieben und Wer⸗ ben mit leuchtenden Blicken und deutlichem Erröthen einen erklärten Bund zweier gleichgeſinnter Herzen zu machen, die ein Zufall, der faſt wie ſichere Vorherbe⸗ ſtimmung ausſah, ſo wunderbar zuſammengeführt hatte: ihn auf dem Wege zu einem neuen Leben, ſie in der von früh auf genährten Sehnſucht und ſchwärmeriſchen Vorliebe für Süddeutſchland und Alles, was damit in näherer oder entfernterer Beziehung ſtand.— Ja, ſo argwöhniſch und doch wieder ſeines Argwohns nächſte Beute, war der ſo lange harmlos und ſeines tieferen Gefühls ſich ſelber unbewußt dahinlebende Conſtantin plötzlich geworden, daß er mit einer erfinderiſchen Be⸗ gierde, an der nur das verſchmähte und in ſeiner beſten Zuverſicht gekränkte Herz ein Genügen findet, nach ſol⸗ chen Anhaltspunkten für ſeinen Verdacht griff, die doch gewiß nur in ſeiner Einbildung wurzelten, und auf dieſe Weiſe zuletzt ſogar auf den ſonderbaren Gedanken ge⸗ rieth, der Onkel ſelber gebe Ludwig den Vorzug und 9 begünſtige dadurch, wenn auch abſichtlos, die ſtillver⸗ ſchwiegene Hoffnung des Freundes! Allerdings hatte ſich dieſer durch ſein lebhaftes Weſen und eine gewiſſe leichte und natürliche Art des Benehmens das Wohlwollen des alten Herrn, der doch ſelber ſo überaus ängſtlich und bedächtig war, in ungewöhnlich kurzer Zeit erworben; und Conſtantin ſelbſt war der Erſte geweſen, der ſeine Freundinnen im Kloſter⸗ hof damit neckte, daß ihr Vater bei Ludwig ſo ganz und gar von ſeiner gewohnten Maxime abweiche und vor lauter Intereſſe an des jungen Mannes angenehmer und lebendiger Unterhaltung nicht entfernt an die Mög⸗ lichkeit zu denken ſcheine, in ihm dereinſt einen„unbe⸗ quemen“ Schwiegerſohn in's Haus zu bekommen. Da⸗ rin aber that Conſtantin dem alten Herrn großes Un⸗ recht, daß er ſich von ſeinem Hypochonder den Verdacht einflüſtern ließ, der Onkel ziehe die Unterhaltung mit Ludwig der ſeinigen vor; ein Verdacht, der ſo wenig Grund und Urſache hatte als der andere, daß Eliſa⸗ beth im Stillen dieſe angebliche Bevorzugung des neuen vor dem älteren Freund und nahen Verwandten des Hauſes theile. So blieb zuletzt von Allem, was Conſtantin an die⸗ ſem Abende in ſeiner von Zweifel und Eiferſucht ge⸗ reizten Stimmung beobachtet zu haben glaubte, bei ruhi⸗ gerer Prüfüng nur die doppelte Gewißheit zurück, ein⸗ mal, daß er ſelber Eliſabeth mit allem Feuer einer plötz⸗ lich erwachten Leidenſchaft liebe; und zum Andern, daß der Freund von Lucinden unter die„vollendeten That⸗ ſachen“ einregiſtrirt worden ſei, was ja der Onkel ſeiner⸗ ſeits durch Ueberlaſſung des Kellerſchlüſſels an ſeine ältere Tochter ſtillſchweigend anerkannt hatte. Sechſtes Kapitel. Aber auch Eliſabeth ſollte in ihrem langjährigen herzlichen Verhältniß zu Conſtantin die Wahrheit des Goethe'ſchen Satzes an ſich erfahren,„daß Nichts in je⸗ dem Zuſtand bedeutender ſei, als die Dazwiſchenkunft eines Dritten.“ Zwar ſuchte ſie ſich die Anwendung dieſes Satzes auf den neuen Hausfreund eine Zeit lang ſelbſt zu verhehlen, als wenn ſie blos um Conſtantin's Freundſchaft für Ludwig willen dieſen intereſſanter fände wie andere junge Männer ihrer Bekanntſchaft; dennoch ertappte ſie ſich zuweilen, je näher ſie den ſüddeutſchen Privatdocenten kennen lernte, auf unwillkührlichen Ver⸗ gleichungen zwiſchen dem lebhaften, poetiſch angeregten Weſen Ludwig's, und der äußerlich ſchroff kalten, inner⸗ lich verbitterten Verſtandesnatur Conſtantin's, deſſen edlere Empfindungen ſo häufig den heftigſten Leidenſchaften t weichen mußten, ſo daß ſchon eine genaue Kenntniß ſei⸗ nes inneren Menſchen dazu gehörte, um ihm mit herz⸗ lichem Vertrauen entgegenzukommen und ſich nicht von ſeiner ſchroffen Außenſeite oder ſeinem excentriſchen We⸗ ſen abgeſtoßen zu fühlen. Daß dieſe Vergleichungen nicht immer zu Conſtantin's Gunſten ausfielen, daß die freier und harmoniſcher ausgebildete Perſönlichkeit Mo⸗ ſer's, ja ſelbſt eine gewiſſe Unentſchiedenheit und Unſicher⸗ heit in ſeinem Benehmen gegen ſie einen tieferen Ein⸗ druck auf Eliſabeth machte und ihrer eignen weichen Gefühlsnatur ungleich mehr entſprach, als das längſt fertige und in klaren Umriſſen abgeſchloſſene Verhält⸗ niß zu dem älteren Freunde, fühlte ſie bald ſo deutlich, daß ſie ſich ihre eigne Unbeſtändigkeit zum Vorwurf machte und von den Schweſtern wegen ihres wandel⸗ baren Geſchmacks manche neckiſche Stichelrede hören mußte. Sie ärgerte ſich jedesmal im Stillen über ſich ſelber, ſo oft ſie zwiſchen Beiden dieſe müßigen Vergleichungen anſtellte, wobei doch, wie ſie ſich ſtets von Neuem vor⸗ hielt, die Hauptſache immer die nämliche blieb: Zwei gleich treffliche Menſchen, die an einander ihre herz⸗ liche Freude hatten und in ihrer treuen gegenſeitigen Zuneigung die Unterſchiede vergaßen, welche das Leben, lange bevor ſie ſich zuſammenfanden, durch die Ungleich⸗ heit ihrer inneren Entwicklung und ihrer äußeren Ver⸗ hältniſſe, der Individualität eines Jeden aufgeprägt hatte. — 96— Wer kann ſagen, war dann gewöhnlich das Schluß⸗ reſultat ihrer derartigen Betrachtungen,— was aus dem Einen unter den eigenthümlichen Lebenseinflüſſen des Andern geworden wäre! Vielleicht hätte derſelbe Con⸗ ſtantin, den wir heute noch in vollſter Unordnung mit ſeinem äußern und inneren Leben begriffen ſehen, wäre er unter des Freundes glücklicher Conſtellation geboren worden, längſt ſeinen ſicheren Port gefunden, wär' ein gemachter tüchtiger Mann von Ruf und Stellung im Leben; dahingegen der ſüddeutſche Sprudelkopf, unter das Joch von Conſtantin's Ingendſchickſalen gebeugt, höchſtwahrſcheinlich in Onkel Cyprian's Comptoir zum nüchternen Geldmenſchen abgedämpft worden wäre, der für nichts mehr Sinn und Intereſſe hätte, als für Zucker⸗ und Baumwollenpreiſe. Eine tiefere Neigung für den Einen oder den An⸗ dern empfand Eliſabeth nicht. Bei Conſtantin, dem ſie von Kindheit an wie die Schweſter dem Bruder gegen⸗ überſtand, hätte ihr überhaupt ein ſolches Gefühl nie⸗ mals kommen können und ebenſo wenig würde ſie ihn einer wirklichen Herzensneigung oder gar einer leiden⸗ ſchaftlichen Liebe für fähig gehalten haben; in dieſem Punkte war ſie ſeiner ebenſo ſicher, wie ſie es in Be⸗ zug auf ſich ſelber war; über dieſe Schlla, über dieſe Charhbdis des Lebens war er nach ihrer Meinung hinaus, hätte er nur auch ſeine anderen verſchuldeten und un⸗ — verſchuldeten Mißgeſchicke ebenſo glücklich überſtanden gehabt, gewiß, das nächſte und eigentliche pſychologiſche Motiv ihrer Theilnahme für ihn wäre damit wegge⸗ fallen, wir meinen ſein Unglück und das damit zuſam⸗ menhängende Zerwürfniß mit dem größten Theil ſeiner Anverwandten. Denn eben dieſer ungebeugte Stolz, dieſes ſtandhafte Ausharren in Noth und Elend erwarb ihm zunächſt Eliſabeth's Theilnahme, ſie, die denſelben tiefen und ge⸗ rechten Widerwillen gegen dieſe von den blödeſten Vor⸗ urtheilen des bornirten Reichthums geleiteten Menſchen hegte und darum in Conſtantin mit Freuden den na⸗ türlichen Alliirten begrüßte. War er ja doch zugleich das Opfer und der Strafengel dieſer aus den ſtarrſten Elementen der Unduldſamkeit und des Eigennutzes zu⸗ ſammengeſetzten Sippſchaft, die keinen höheren Gott kannte als den Mammon und einen Menſchen verdammte, der es gewagt hatte, aus ihrer Mitte mit dieſem unab⸗ hängigen Charakter, dieſem lebendigen Wiſſensdrang, dieſem Selbſtvertrauen auf ſeine eigne Kraft hervorzu⸗ gehen; lauter Eigenſchaften, die das flache geldſtolze Krämervolk zu den„bürgerlichen“ Beſchränktheiten zählte, während es im Stillen Den mit tödtlichem Haß ver⸗ folgte und in der öffentlichen Meinung herunterzuſetzen trachtete, der ſeine ehrliche Armuth und ſeinen Unabhängig⸗ keitsſinn ſo offen zur Schau trug. D. Müller, der Kloſterhof. II. 7 Eliſabeth ſelber befand ſich dem größeren Theil der Familie gegenüber faſt in der gleichen oppoſitionellen Stellung wie der Vetter; auch ſie galt für ein enfant terrible, und ihr unabhängiger Sinn, ihr ſelbſtändiges Weſen wurden ihr für Uebermuth, Freigeiſterei und Un⸗ weiblichkeit ausgelegt. Weil ſie meiſt rückhaltlos ihre Meinung ausſprach und allem frommen Scheinweſen ebenſo abhold war, als dem hohlen Prunk mit Reich⸗ thümern, die in ſolchen Händen für ſie nur den Werth von tauber Spreu hatten, darum warf man ihr Neid und Bettelſtolz vor, und das vornehme Volk der Baſen und Tanten in den rauſchenden Crinolinen zuckte verächtlich die Achſel über das beſcheidene Mouſſelinkleid und er⸗ blickte in ihrer einfachen Toilette nichts als die Abſicht, durch geſuchte Einfachheit etwas Beſonderes vorſtellen zu wollen. Selbſt ihr rothwangiges Geſicht mit den großen freien Augen wurde ihr zum Vorwurf gemacht; da war von vornehmem Blaßwerden und jungfräu⸗ licher Verſchämtheit keine Spur zu finden; dieſer„eman⸗ zipirte“ Blick kam von dem beſtändigen Leſen zweideu⸗ tiger Bücher, welche die frivolen Tagediebe der menſch⸗ lichen Geſellſchaft, Dichter und Schöngeiſter genannt, aller Moral zum Hohne verfaßten, und aus denen Eli⸗ ſabeth jene freien Anſichten und Grundſätze geſchöpft hatte, die nun einmal für ein junges Mädchen aus „guter“ Familie nicht paſſend ſind. Daß ſie viel Ver⸗ — — 99— ſtand beſaß, das freilich konnte ihr ſelbſt der Neid nicht abſprechen. Wäre ſie nur nicht ſo ſehr darauf ausge⸗ weſen, dieſen Verſtand bei jeder Gelegenheit glänzen zu laſſen und ſchonungslos, ja anſtandswidrig⸗geiſtreich durch ihr treffendes Urtheil die hohle Oſtentation und enge geiſtige Sphäre ihrer Familie bloszulegen, wodurch ſie oft die allernächſten Rückſichten verletzte und ſich und Andere nach der Meinung dieſer Menſchen com⸗ promittirte!— Und endlich, daß ſie's ſo offen und gleichſam wie zur planmäßigen Gegendemonſtration darauf anlegte, den„wilden Oelbaum“, wie Onkel Cyprian im ſchmerz⸗ lichen Gefühl der unrettbar verlorenen Seele ſeines Nef⸗ fen Conſtantin dieſen nannte, in den Garten ihrer Freund⸗ ſchaft zu verpflanzen und bei jeder Gelegenheit die be⸗ geiſterte Lobrednerin ſeiner ſeltenen und ausgezeichneten Eigenſchaften war, das verzieh ihr außer ihren nächſten Angehörigen, von der ganzen angeſehenen, weitverzweig⸗ ten Sippſchaft vielleicht nur der einzige Onkel Cyprian, und auch dieſer nur ganz im Stillen, weil es ihm denn doch zuletzt einen geheimen Troſt gewährte, den von allen übrigen Anverwandten Verſtoßenen und förmlich Vervehmten wenigſtens noch mit dieſem einen letzten“ Band an die Familie geknüpft zu ſehen. Aber wie treu auch ihr Herz dem Vetter Conſtan⸗ tin zugethan ſein mochte, ſein wärmſter Schlag für ihn 7* ———— gehörte doch nur dem Mitgefühl für ſeine verlaſſene Lage, dem Zorn über den ſo ungerecht Verdammten, ſo lieblos Mißhandelten an; nur darum trug ſie jede ihm widerfahrene Kränkung wie ein eignes Leid ſo lange mit ſich herum, bis ſie Gelegenheit fand, ihn durch einen neuen Beweis ihrer Zuneigung für die erlittene Unbill ſchadlos zu halten. So war ſie ſeine Freundin in des Wortes ſchönſter Bedeutung; aber eben weil ſie nur das eine Ziel vor Augen hatte, ihn aufrecht zu erhalten, ſeinen Muth zu befeuern, ſeine Zuverſicht zu ſtärken, darum konnte einfach und naturgemäß von keinem an⸗ deren tieferen Gefühl für ihn die Rede bei ihr ſein; wie es uns von Conſtantin ebenſo wenig wundern darf, daß es bei ihm— wir ſahen dies ja— nur einer zu⸗ fälligen Veranlaſſung bedurfte, um ihm plötzlich klar zu machen, daß es ohne die ſchöne treue Couſine über⸗ haupt keine Exiſtenz mehr für ihn gebe!— An dem mil⸗ den belebenden Strahl ihrer reinen Freundſchaft entzün⸗ dete ſich in ſeinem Herzen die Flamme der heftigſten Leidenſchaft; und aus dem freundlichen Genius ſeiner Jugend, der den Verirrten ſo manchmal durch des Le⸗ bens wildbewegte Wogen zum ſicheren Hafen geleitet hatte, ward das Ideal ſeiner Sehnſucht, zur ſelben Stunde, in der ihm die Gefahr, Eliſabeth zu verlieren, zum Erſtenmal nahe trat. Wie aber ſein Gefühl, wenn es einmal überfluthete, ſtürmiſcher und heftiger Art war, 0 und er in Hoffnung oder Befürchtung immer ſogleich das Aeußerſte erwartete, ſo bedurfte es auch jetzt nur dieſer drohenden Ausſicht, und aus dem Apparat ſei⸗ nes Fatalismus fügte ſich faſt von ſelbſt vor ſeiner Seele eine ganze Tragödie von Schickſalen, Leiden und Kataſtrophen zuſammen, die freilich alle auf der irrigen Vorausſetzung beruhten, daß Eliſabeth dem Freunde niemals jene Einladung zum Thee ſchriftlich hätte zu⸗ gehen laſſen ohne die ſichere Gewißheit, eine freundliche Zeile von ihrer Hand werde von Ludwig mit der näm⸗ lichen Freundlichkeit anfgenommen werden. Und doch hatte Eliſabeth, als ſie jene Zeilen an Ludwig ſchrieb, keine andere Abſicht gehabt, als daß ſie ihm dadurch zu verſtehen geben wollte, wie er von nun an von ihr und den Ihrigen gleichfalls als Hausfreund angeſehen werde, daher es ſich wohl zieme, d daß auch an ihn einmal eine direkte Einladung gerichtet werde. Sie ſchrieb ihm daher ſo freundlich und unbefangen, wie ſie es bei jedem andern ihrer näheren Bekannten gethan hätte, und erſt als ſie das Billet adreſſirt hatte, wollte es ihr vorkommen, als ſei ihr Etwas an dem Namen auf⸗ fallend. ein räthſelhaftes Etwas, ſo fremdartig ſah er ſie mit den Zügen ihrer 6 ſo wohlbekannten eig⸗ nen Handſchrift an. Wie kann man aber auch einen unintereſſanten Namen haben! ſagte ſie und lächelte, indem ſie fort⸗ —— — 102— während die Adreſſe betrachtete, ſinnend vor ſich hin. — Ludwig Moſer.. welches Bild würde ich mir wohl im Geiſte von dem Manne machen, wär' er mir fremd und Jemand ſagte zu mir, ich ſolle dieſen Herrn Ludwig Moſer über kurz oder lang perſönlich kennen lernen? Auf ſeine ſchönen Augen wär' ich ſicher nicht verfallen, ſo wenig als auf den gutmüthigen Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichtes, das doch, ohne irgend dem Ideal männlicher Schönheit zu entſprechen, in der ernſten wie in der hei⸗ teren Stimmung dieſen angenehmen Eindruck macht, wie ihn viel ſchönere und regelmäßigere Geſichter mit feurig blitzenden Augen und griechiſchen und römiſchen Dandynaſen niemals bewirken. An ihm aber iſt Alles⸗ blonde, ſchlanke Natürlichkeit, friſches lebendiges Weſen, und ich wollte wetten, wenn er ſonſt den Katheder be⸗ ſtieg, ſo ſah's aus, wié wenn ſich ein junger Ritter auf's Streitroß ſchwänge. Schwerfällig iſt Nichts an ihm als ſein Name— vielleicht weil er an das träge ſchleichende Moos erinnert, unter dem freilich die Quel⸗ len ſprudeln, ach, die kühlen munteren Quellen der ſtillen Waldeinſamkeit, nach der ich mich, wie viele Jahre ſchon, vergebens ſehne! Sie mußte ſelbſt über dieſes wunderliche Wechſel⸗ ſpiel ihrer Gedanken lächeln, das ſie ſo unvermuthet aus einer launigen Betrachtung in dieſe ernſte Stim⸗ mung verſetzte, als wenn denn doch der Name des — neuen Freundes nicht ſo ganz ohne tieferen Anklang an ihr eignes Inneleben bleiben ſolle und ein Ton darin ſogar recht geheimnißvoll innig in die alte Sehnſucht ihres Herzens nach dem ſchönen grünen Wald über⸗ klänge. Auch Das geht Conſtantin ab, dachte ſie und war ſchon wieder von dem Einen bei dem Andern; er hat niemals mit und in der Natur gelebt, und darum ent⸗ behrt er auch die glückliche Unbefangenheit, den heiteren Lebensmuth des Andern, dem man es ordentlich anzu⸗ ſehen glaubt, daß er dieſen friſchen Pulsſchlag, dieſen empfänglichen Sinn für alles Schöne aus den roman⸗ tiſchen Waldgründen und duftenden Almen ſeiner Hei⸗ math mit hierher gebracht hat. Conſtantin dagegen lebte beſtändig wie ein Anachoret in ſeiner gelehr⸗ ten Stubenwildniß; außer ſeinen wenigen geiſtesver⸗ wandten Freunden ſah er immer nur dieſelben gries⸗ grämigen oder ſchadenfrohen Geſichter und manches Jahr hat er wohl kaum einmal den Fuß aus dem Thore ſeiner Vaterſtadt geſetzt.— Freue Dich, Lisbeth! rief die jüngſte Schweſter, die jetzt mit ſtrahlendem Geſicht in's Zimmer geeilt kam.— Eben war ich bei unſerer Schwägerin Luddy und bringe einen ganzen Sack voll Neuigkeiten mit. Die große Schickſalsfrage iſt endlich entſchieden. Nächſten Freitag über acht Tage geben ſie ihren erſten Ball mit zwei⸗ hundert Einladungen, dem neu gemalten Plafond in ihrem Tanzſaal zu Ehren.. lauter junge Leute.. mit Ausſchluß ſämmtlicher alten Familienhühner und ſonſti⸗ ger Oelgötzen.. jedenfalls der erſte geſcheidte Einfall, den ſie ſeit Langem gehabt haben! Ich begreife nur Deine ſtürmiſche Freude nicht, ſagte Eliſabeth kühl.— Es wird wieder eine ebenſo ſteife langweilige Geſchichte geben, wie alle früheren Bälle, wobei ſich ſämmtliche Leute, mit alleiniger Ausnahme von Karl gründlich ennuyiren und man noch obendrein die malitiöſeſten Redensarten über den unſinnigen Luxus und das geſchmackloſe Arrangement hören muß, worin er und Luddy allerdings das Ihrige leiſten. Man bekommt dann aber doch wieder einmal ſelbſt Stoff und Gelegenheit zum malitiöſen Raiſonniren, ver⸗ ſetzte Helene heiter.— Außerdem gehört nur ein ganz klein bischen Illuſion von unſerer Seite dazu, ſo kön⸗ nen wir uns einbilden, daß wir mit zu den erſten Standesperſonen der Stadt zählen und der Glanz und Reichthum der Familie Franke ſeinen bedeutenden Lüſtre auch auf uns werfe. Müſſen uns doch die vor⸗ nehmſten Elegants und eitelſten Herrchen, die ſonſt auf der Straße beim Begegnen kaum den Hut vor uns lüpfen, bei ſolchen Gelegenheiten den Hof machen und uns mit Galanterien überſchütten, ohne daß ſie bei un⸗ ſeren Sottiſen eine Miene verziehen dürfen. 105 Wir haben ja nicht einmal paſſende Toiletten, be⸗ merkte Eliſabeth kopfſchüttelnd.— Auch weißt Du, wie ſchwer der Vater ſeine Einwilligung zu Dergleichen gibt. Für das Eine muß Karl ebenſo gut ſorgen, wie für das Andere, was auch Luddy's Meinung iſt, ſagte die Jüngſte zuverſichtlich.— Sollen wir in ſeine nüchterne Ge⸗ ſellſchaft einiges Leben bringen und ihm ſein Haus reprä⸗ ſentiren helfen, ſo kann er auch wohl einer Jeden wie⸗ der einmal ein ſchönes ſeidnes Ballkleid ſchenken; und was den Vater anbelangt, ſo wird dieſer ſeine gewohn⸗ ten Bedenken fallen laſſen, wenn er hört, daß unſer blonder Doctor gleichfalls gebeten werden ſoll, der ja ohne uns völlig fremd in der ſteifen G eſellſchaft wäre. Eliſabeth ward von dieſer N achricht nicht wenig überraſcht; ſie konnte der Schweſter ihr Staunen nicht verbergen und ſtotterte verwirrt: Doctor Moſer? Was wollen ſie mit dem auf ihrem Balle? Sie können ihn doch unmöglich ohne Conſtantin bitten, und wenn ſie ſo taktlos wären, dies dennoch zu thun, ſo würde er ſicher unter keinen Umſtänden dieſe offenbare Mißachtung des Freundes durch ſein Erſchei⸗ nen beſtätigen. Davon iſt auch gar nicht die Rede, verſetzte die Jüngere mit ſchlauem Lächeln. Weil Luddy ſich's ein⸗ mal in den Kopf geſetzt hat, den blonden Doctor mit Dir in der Quadrille zu ſehen, ſo war's ihr ein Leich⸗ — 106— tes, ihren Mann von der Nothwendigkeit zu überzeu⸗ gen, ſeine Antipathie gegen den Vetter aufzugeben und Conſtantin gleichfalls zu bitten. Aber dieſer wird gewiß ablehnen, darauf verlaſſe Dich, verſetzte Eliſabeth mit großer Beſtimmtheit. Gleichviel, ob Conſtantin hingeht oder wegbleibt, die Geſchicke haben damit ihren fadengraden Weg angewie⸗ ſen bekommen und werden ſich erfüllen, erwiederte die Andere.— Für den Doctor fällt damit aller Grund weg, die Einladung abzulehnen; dazu iſt er ja auch viel zu artig, ganz abgeſehen davon, daß er Dich nach Luddy's ausdrücklichem Willen zu Tiſche führen ſoll. Eliſabeth rief mit erzwungenem Lachen: Wie doch dieſe reichen Leute über ihre Nebenmen⸗ ſchen tyranniſch verfügen! Alſo der Doctor ſoll mich zu Tiſche führen und darum muß er folgerichtig an jenem Abend in dieſem ihm ganz fremden Hauſe erſcheinen! Da möcht' ich denn doch wiſſen, wer ihn zu all dieſen Frohnden zwingen wollte, wenn er einfach Nein ſagte? Mache das Alles mit Luddy aus, entgegnete die Schweſter ausweichend.— Du kennſt ſie und weißt, daß Langeweile und des eignen Herzens unbefriedigte Sehn⸗ ſucht ſie immer auf neue romantiſche Verwickelungen ſinnen laſſen. So hat ſie's jetzt auf den Doctor und Dich abgeſehen und was das allein Sonderbave dabei iſt, ich finde, daß ſie im Grunde ganz Recht hat: Ihr Zwei ſeid wie geſchaffen für einander; denn er hat Etwas au ſich, was ich bis jetzt noch an keinem andern Menſchen als an Dir entdeckt habe: Deinen ſchrägen geſenkten Blick von unten nach oben, was ſich, wenn Ihr einmal officielle Liebesblicke wechſeln dürft, gewiß einzig in ſei⸗ ner Art ausnehmen wird.. zwei Menſchen, die ſich einander mit Blicken wie gezückte ſchmachtende Türken⸗ ſäbel zärtlich und verliebt von unten nach oben an⸗ ſehen. Du biſt ein Kindskopf und ich verbitte mir derglei⸗ chen alberne Reden! ſagte Eliſabeth zwiſchen Aerger und Lachen.— Luddy mag ſich einen andern Roman aus⸗ denken; denn ich bin nun erſt recht entſchloſſen, ihr ei⸗ nen Strich durch die Rechnung zu machen und ſowohl Conſtantin wie ſeinen Freund zu veranlaſſen, nicht auf ihren Ball zu gehen. Dazu iſt es zu ſpät! rief Helene triumphirend. Bruder Karl hat heute Vormittag den gefügigen Ehe⸗ mann in ſo glänzender Weiſe bethätigt, daß er nicht blos Doctor Moſer in ſeiner neuen Wohnung beſuchte, ſondern auch zu Conſtantin in deſſen fünften Stock hin⸗ aufgeſtiegen iſt, um Beide perſönlich zu ſeinem Ballfeſt auf Freitag in acht Tagen einzuladen. O es muß ein Anblick für Götter geweſen ſein, wie der gelehrte Alterthumsforſcher in ſeinen Strohſchuhen und dem frie⸗ ſiſchen Wamms den ſtolzen Weſtindier auf ſeinen einzi⸗ —— 108 gen, noch einigermaßen kapitelfeſten Holzſtuhl zum Sitzen nöthigte! Dann iſt freilich Akles möglich! rief Eliſabeth im höchſten Erſtaunen.— Aber wie will Karl dieſen Schritt O bei Onkel Cyprian rechtfertigen, deſſen Gunſt ihm doch ſonſt ſo koſtbar iſt? Eben das erklärt Alles, entgegnete die Andere leb⸗ haft.— Sie haben es darauf abgeſehen, den Doctor für Dich„anzufüttern,“ wie man fremde Tauben mit Anis⸗ brod herbeilockt; darum müſſen ſie ihn um jeden Preis heranziehen. Denn Du weißt, wie ſehr es ſie Beide im Stillen verdrießt, daß die Schweſtern des reichen Herrn Carlos Franke nicht unter die Haube kommen wollen; ſchlage nur bei Karl dieſe Hochmuthsſaite an, ſo iſt er ſogar im Stande, Bruderliebe für uns zu empfinden. Noch einmal, was mich betrifft, ſo danke ich für jeg⸗ liche Rolle in dieſem Romane, ſagte Eliſabeth. Dieſe Menſchen, die uns ſeit Jahren bei aller äußeren Freund⸗ lichkeit, ſobald es nämlich ihrer Eitelkeit ſchmeichelt oder ein Großmuthsſchauer ſie anwandelt, in Noth und Elend darben laſſen, ſie ſollen ſich um ſich bekümmern und ſich nicht in unſere Angelegenheiten miſchen. Lieber zeit⸗ lebens eine alte Jungfer bleiben, als durch ihre Protek⸗ tion unter die Haube kommen! Das behaupte ich nicht von mir, erwiederte kleinlaut Helene und wiegte ſchalkhaft ſinnend das anmuthige Köpfchen. Könnt' ich einen Mann nach meinem Sinn und Geſchmack kriegen, ſo wäre mir's ganz einerlei, wer ihn mir aufoectroyirte. Aber ich ſag's ja immer: Was hilft euch Schönheit, junges Blut? Das iſt wohl Alles ſchön und gut, Allein man läßt's auch Alles ſein; Man lobt euch halb mit Erbarmen. Nach Golde drängt, Am Golde hängt Doch Alles!— Ach, wir Armen! — Siebentes Kapitel. Blaſius Winkel ſchüttelte immer bedenklicher den Kopf über ſeines Doctors ſonderbar verändertes Weſen in jüngſter Zeit, den er oft kaum in dieſer Umwandlung wiedererkannte, ſo ganz verſchieden von dem früheren war deſſen jetziges Weſen und Treiben, ein beſtändiger Wechſel der ſeltſamſten Widerſprüche, Launen und Stim⸗ mungen. So übermüthig und exeentriſch er in der ei⸗ nen Stunde war, ebenſo melancholiſch konnte er in der nächſten ſein; kurz, der treue Diener fand von Tag zu Tag mehr Anhaltspunkte für ſeinen gleich im Anfang gefaßten Verdacht, ſeinem Herrn müſſe das Aergſte wi⸗ derfahren ſein, was nach ſeiner Meinung einem vernünfti⸗ gen Manne bei geſetzten Jahren überhaupt geſchehen konnte, und eine böſe Stunde habe den armen Doctor in die liſti⸗ gen Netze irgend einer verführeriſchen Schönen verſtrickt. — 2 3 — So war der weiland Stolz des edlen Rhenanencorps, der würdige Paladin des freien fröhlichen Junggeſellenthums unrettbar dem Fluche des Philiſteriums verfallen; vor⸗ bei war es für alle Zeit mit dem heiteren Leben der fahrenden Scholaren, der fidelen Stegreifritter ohne Furcht und Tadel; aus dem romantiſchen Abenteurer⸗ zug nach dem Weſten war, o dreimal bittere Jronie des Schickſals, eine ganz alltägliche Mondſcheinpromenade geworden, die man ebenſogut und jedenfalls wohlfeiler in Schwabenheim und Umgegend hätte haben können, und über kurz oder lang kehrte der Doctor als wohl⸗ verpackter Ehemann in des Lebens alten Ueberdruß zu⸗ rück, konnte ſich mit des Majors Erlaubniß unter den Schwabenheimer Kirſchbäumen mit ſeiner jungen Ehe⸗ hälfte in der Hängematte ſchaukeln, die er ſich für ſeine Jagdparthieen und Streifzüge gegen die wilden Coman⸗ ches in den Urwäldern angeſchafft hatte! Wir würden dem ehrlichen Burſchen Unrecht thun, wollten wir behaupten, er habe bei ſolchen muthloſen Betrachtungen an ſich gedacht und an ſeinen möglichen materiellen Nachtheil. Wohl aber regte ſich in ſeinem Herzen die Eiferſucht und tief ſchmerzte ihn der Gedanke, ſein Doctor, dem er ſo viele Jahre hindurch Eins und Alles geweſen und mit dem er ſogar, hätte es ſein müſ⸗ ſen, über das Meer gegangen wäre, könne ihn eines Tags nicht mehr unentbehrlich finden oder auch nur ei⸗ nen der Dienſte miſſen, die er bis dahin im unantaſt⸗ baren Alleinbeſitz ſeines Vertrauens ihm geleiſtet hatte. Wozu brauchte er überhaupt eine Frau, er, der noch jüngſt ſo feſt entſchloſſen geweſen war, mit ihm allein zeitlebens in einem Blockhaus, fern von„Europens übertünchter Höflichkeit“ vorlieb zu nehmen? Hätt' ich ihn doch in Gottes Namen gewähren laſ⸗ ſen, ſeufzte Blaſius bekümmert, und wär' ihm nach Texas gefolgt! Unter den holdſeligen Frauen und Jung⸗ frauen der Rothhäute wäre er ſeines Herzens ſicher ge⸗ weſen; denn für eine ſolche Ehehälfte, die ſich den Leib mit Schmalz und Zinnober anſtreicht und zum Schmuck einen Knochen durch den Naſenknorpel ſteckt, hätt' er ſich wohl ſchönſtens bedankt und ſeine gereimten Geduchter anderswo an den Mann gebracht. Ach, wenn ich nur das Herz hätte, ihm einmal aufrichtig meine Meinung zu ſagen! Aber er iſt wie verzaubert; und wenn ich ihm nicht noch auf einem Umweg beikomme, ſo geht er mir vor der Naſe in ſein Unglück hinein und macht hinter meinem Rücken Hochzeit!— Endlich kam Blaſius nach langem Hin⸗ und Her⸗ ſinnen zu dem Plane, der ihm unter ſo bewandten Um⸗ ſtänden als der einzig richtige und praktiſche erſchien, ſich nämlich durch Liſt in den Beſitz von des Doctors Herzens⸗ geheimniß zu ſetzen, den Gegenſtand ſeiner Neigung aus⸗ zukundſchaften und dann anf graden oder krummen We⸗ — 113— gen den unſeligen Zauber zu zerſtören, der Jenen nach ſeiner Anſicht umfangen hielt. Er ſoll mir auch die Ueberfracht wieder loswerden, ſo gut wie die andere, dachte er; wenn ich nur erſt weiß, wie ich ſeiner Pouſſage beikomme! Hat er die Profeſ⸗ ſorstochter, die noch dazu ein Geheimerathskind war, vom Halſe gekriegt, ſo wird er auch von einer Pfeffers⸗ tochter oder ſonſtigen Kramladenprinzeß wieder loszu⸗ eiſen ſein.— In der That war es aber auch hohe Zeit, daß ſich der treue Diener in's Mittel legte, um ſeinen Herrn aus dem Zauber der unbekannten Schönen zu erlöſen. Denn der Doctor war ſeit einigen Tagen das vollkommene Widerſpiel ſeines früheren Menſchen und Blaſius hatte mit ſeinem bewährten Spürſinn den Grund davon rich⸗ tig herausgefunden: Liebe, allerzärtlichſte ſchwärmeriſche Liebe! Auch Ludwig verhehlte ſich dies nicht länger; im dunkelſchattigen Garten des Kloſterhofs, in dieſer von einem alten eigenſinnigen, wunderlichen Manne ſeit Jah⸗ ren mit Sorgfalt gepflegten Wildniß prangte in herrli⸗ cher Entfaltung ſtill und unentdeckt die holde Blume ſeiner Sehnſucht, umwoben vom ſüßeſten Zauberſchein der Unſchuld, beſchirmt von den Genien einer in Poeſie und reichen Ahnungen verlebten Kindheit.. Eliſabeth, in lieblicher Verwirklichung Das, was ihr Name aus⸗ D. Müller, der Kloſterhof. II. 8 — 114— drückte:„Huld Gottes“ für Den, in deſſen Seele ihr ſchönes Gemüth den ſonnigen Strahl ſeiner treuinnigen Gegenliebe ſenkte und ihm dadurch das Leben zu einem einzigen Frühlingstag verklärte. Urplötzlich, überraſchend, und doch ſeinem innerſten Herzen verſtändlich und wohlbekannt wie Alles, was der Menſch an großen Empfindungen, an tiefen und dauern⸗ den Eindrücken vorn Daſein empfängt, erwachte dieſes Gefühl in Ludwig's Seele und war alsbald darin hei⸗ miſch wie die Blume im Lenze, der ſie wachgeküßt hat. Jetzt verſtand er mit Einmal ſich ſelber, ſein Leben, ſei⸗ nen Geiſt bis weit hinab in die dämmernde Jugendzeit, wie in die helle nächſte Gegenwart; er wußte, welcher dunkle unruhvolle Sehnſuchtsdrang nach einem neuen unbekannten Leben ihn hierhergeführt, wie unter Täu⸗ ſchungen und Irrthümern ein guter Genius ſeinen Schritt zur Wahrheit gelenkt und ihn bis dicht vor die Schwelle der von ihm ſo lange vergebens geſuchten höheren Le⸗ benserfüllung geführt hatte. Nicht dieſer und jener un⸗ befriedigte Zuſtand, nicht dieſes und jenes verfehlte Ziel ſeiner Jugend hatte ihm einſt das alte Leben verleidet und ihn allmälig bis zur völligen Lostrennung von dem⸗ ſelben geführt; Ludwig erkannte, daß Alles, was er ſeit⸗ her für Mißgeſchick und Mißlingen, für Darben und Entbehren angeſehen hatte, nur aus dem einen ungeſtill⸗ ten Drang ſeiner Bruſt hervorgegangen war und daß ihm 6 — 115— zur Verſöhnung und Verſtändigung mit dem Leben nichts weiter gefehlt hatte, als dieſes einzige Gefühl einer be⸗ geiſterten und vollkommenen Liebe. Ob er auf Gegenliebe bei Eliſabeth hoffen dürfe, dieſer Zweifel beunruhigte ihn kaum; denn die wahre Liebe iſt bei einer reinen Natur in ihren erſten Empfin⸗ dungen frei von Egoismus, ſie denkt weder an Beſitz noch an Verluſt und genügt ſich allein an den neuent⸗ deckten Schätzen und köſtlichen Juwelen ihrer inneren Welt, die plötzlich wie durch Zauberhand gehoben aus der Seele Tiefen hervorfunkeln und die ſie durch ein einziges vorlautes Wort wieder zu verlieren fürchtet. In dem Rauſch ſeiner Gefühle, ſelbſt noch geblendet durch den Glanz, den ſein Geiſt von ſeiner jungen Liebe empfing, ſah er nicht, was in dem Freunde vorging und wie Conſtantin nur mit Mühe ſeine äußere Unbefangen⸗ heit beibehielt, wenn Ludwig von Eliſabeth redete. Er merkte nicht, wie jedes begeiſterte Wort über ſie ſein tiefſtes Herz verwundete, ohne daß Conſtantin dem über⸗ ſtrömenden Freunde das Einzige zu ſagen wagte, was dieſen vielleicht noch zu dem Entſchluß hätte bewegen können, auf ferneres Hoffen und Lieben bei Eliſabeth für immer zu verzichten. Im Gegentheil ward es all⸗ mälig, bewußt oder unbewußt, für ihn Bedürfniß, Lud⸗ wig in ſeinen ſchwärmeriſchen Empfindungen zu beſtär⸗ ken; denn ein vorahnendes Gefühl ſagte ihm, daß es dieſe und nicht ſeine Liebe ſei, in wetcher Eliſabeth ihres Herzens eignes verwandtes Leben und zugleich deſſen innerſtes Verſtändniß wiederfinden werde, jene unnenn⸗ bare Sympathie der Seelen, die ſich in einem einzigen Blick, einem einzigen Worte verſteht und mit hellem Se⸗ herange im tiefſten Herzen des geliebten Gegenſtandes lieſſt. So, wie Ludwig, mit dieſem ruhevoll bewegten Gefühl, mit dieſer frohen Zuverſicht auf den herrlichen Gewinn, hätte er Eliſabeth nimmer lieben können; dazu fehlte ihm nicht blos das tiefere Verſtändniß ihres geiſtigen Weſens, nicht blos der ideale Sinn, dazu fehlte ihm auch des Herzens freudiger Muth, des äußeren Lebens Glück. und der gute Glaube an Beides.— Faſt täglich kamen jetzt die Freunde in den Kloſter⸗ hof, und bald war es eine ſtille Abrede zwiſchen Beiden, daß, wenn Einer den Andern nicht mehr in ſeiner Woh⸗ nung fand, er ihn mit Gewißheit dort ſuchte, wo man kaum mehr daran dachte zu fragen, wer von Beiden der ältere Hausfreund ſei. Jedenfalls brachte der Neue neue Anſchauungen und bald auch neue Gewohnheiten in das ſo lange einförmige Leben, deſſen einziger Wech⸗ ſel bis dahin meiſt aus den wunderlichen Launen des alten Herrn beſtanden hatte; ja, dieſer ſelbſt ward nach der Verſicherung der Töchter immer heiterer und zu⸗ gänglicher, womit eine an ihm ganz ungewohnte Tole⸗ ranz, gegenüber kleinen häuslichen Vorkommniſſen, Hand in Hand ging. Die Katzenrepublik freilich ſtand ſich bei dieſem Umſchwung der Dinge am ſchlechteſten; denn die Köchin miſchte neuerdings nach einer geheimen Ordre Eliſabeth's die theure Milch bedeutend mit Waſ⸗ ſer; aber um ſo wohler und wie von einem ſchweren Alpdruck erlöſt fühlten ſich die Töchter in dem neuen Zuſtand, der befeſtigt ſchien, als ſogar Conſtantin's Vor⸗ ſchlag, im künftigen Frühjahr die Gartenwildniß unter eines Gärtners ordnende Hand zu ſtellen, von Herrn Felix mit einem freundlich zuſtimmenden Kopfnicken be⸗ antwortet wurde. Ludwig bezeichnete ſchon mit verhäng⸗ nißvollen Strohſeilern die einzelnen alten Kaſtanien⸗ bäume, die ſo lange dem Hauſe Licht und Sonnenwärme entzogen hatten und dafür mit Nächſtem der Mordaxt einer neuen Cultur zum Opfer fallen ſollten. Alles ge⸗ wann in den inneren Verhältniſſen und Stimmungen des Hauſes einen heiterern, oder wie Lucinde ſagte, „menſchlicheren“ Anſtrich und dieſer neue Geiſt der ge⸗ gegenſeitigen Zufriedenheit ward ſtillſchweigend Derje⸗ nigen als Verdienſt zuerkannt, der, weil er die trübe Vergangenheit mit ihren geſpannten und drückenden Ver⸗ hältniſſen nicht kannte, von dieſer glücklichen Umwand⸗ lung am wenigſten begriff. Selbſt Herr Carlos Franke und ſeine Gemahlin fühlten ſich angezogen von dem be⸗ lebteren freieren Weſen im väterlichen Hauſe; und ob⸗ wohl Ludwig nach ihrem beſchränkten Standesvorurtheil kaum dasjenige vorſtellte, was ſie unter„gentlemanlike“ verſtanden, ſo zeigten ſie ſich doch auffallend liberal ge⸗ gen ihn und erwieſen ihm im engeren Familienkreis eine Zuvorkommenheit, die ſie nur ſelten für ſolche Perſonen übrig hatten, welche es ihnen an Reichthum und Auf⸗ wand nicht gleichthun konnten. Carlos erklärte ihn mit trocknem Wohlwollen für geſellſchaftsfähig, ſeine Frau, noch günſtiger geſtimmt, fand ihn ungemein„ſchlank“ und angenehm; kurz, der ehemalige Privatdocent fand Gnade vor den Augen dieſer ſtolzen, durch Erziehung und Glück verwöhnten Menſchen, die freilich nicht ahn⸗ ten, wie wenig es Ludwig in anderen Verhältniſſen um ihre Gunſt zu thun geweſen wäre. Carlos ſtellte ihm eins ſeiner Reitpferde zur Verfügung, Madame Franke* erbat ſich von ihm für den bevorſtehenden Ball noch einmal ſeine und Conſtantin's direkte Zuſage und ver⸗ ſicherte gleich nachher Eliſabeth, ſie habe für ſie und ihre Schweſtern bereits die neueſten Blumen-Coiffüren aus Paris verſchrieben. Was meinſt Du, Lueinde? fuhr ſie dann in ihrer lebhaft geſprächigen Weiſe fort; wird nicht ein runden Kranz von Sammetlaub in granatener Schattirung Eli⸗ ſabeth allerliebſt ſtehen, beſonders wenn ſilberfarbiges Schilf hinzukommt, das ſich anmuthig, wie von einem leichten Sturme bewegt, niederbeugt? Dazu ein weißes Atlaskleid mit zwei Tüllröcken darüber, und Odalisque⸗ 1 — 119— Aermel mit offenen Spitzen, ich dächte, das müßte ſie ausgezeichnet kleiden.— Damit war für die nächſten Tage die Parole aus⸗ getheilt und der bevorſtehende glänzende B Ball nahm be⸗ ſonders das Intereſſe der beiden jüngeren Schweſtern faſt ausſchließlich in Anſpruch. Die glänzenden Toilet⸗ ten, welche der reiche Bruder mit jener Liberalität, die ihm bei großen Ereigniſſen der Art eigen war, auf den Altar der Bruderliebe niederlegte, beſchäftigten ihre Ein⸗ bildungskraft auf's Angenehmſte und alle Augenblicke mußte Eliſabeth den Vorwurf von ihnen hören, ſie ſei nur deßhalb ſo gleichgültig, weil ſie anderen hochfliegen⸗ den Träumen nachhänge und ſich im Geiſte ſchon mehr mit ihrem Brautkleid als mit ihrem Ballſtaate be⸗ ſchäftige. Ohne Beiſpiel in den Annalen des Hauſes war aber das Benehmen des Vaters in dieſer hochwichtigen Angele⸗ genheit, er, der ſonſt jedesmal viele Tage brauchte, bevor er nach ſorgenvollſter Erwägung ſeine Einwilligung zum Beſuche eines Balles, eines thé dansant gab, ja ſogar dieſelbe ſchon zwei⸗ dreimal noch an dem nämlichen Abende, den die armen Mädchen mit fieberhafter Unge⸗ duld herbeiſehnten, wieder zurückgenommen hatte.— Denn an welchem andern Orte als in einem Tanzſaal, wo ſie noch dazu in allen verführeriſchen Reizen der Jugend und Anmuth prangten, konnten ſie nach ſeiner Meinung — 120— mehr Gefahr laufen, Männerherzen zu erobern und ihm „unbequeme“ Schwiegerſöhne aufzuhalſen? Man war daher nach langer geheimer Berathung mit den beiden Freunden übereingekommen, diesmal den alten Herrn in pleno mit der Nachricht von der Einladung zum Balle zu überraſchen und ihm unter dem erſten Eindruck der Beſtürzung ſeine Einwilligung abzugewin⸗ nen. Auch war verabredet worden, daß man erſt am letzten Tag vor dem Balle die Sache zu Sprache brin⸗ gen wolle, damit er nicht wie früher eine lange Woche hindurch ſeine Fantaſie an den abenteuerlichſten Vor⸗ ſtellungen erhitzen möge, welche ſchreckliche Folgen mög⸗ licherweiſe für ihn und ſeine Kinder daraus entſtehen könnten. Nach Lucinden's Vorſchlag ſollte die Rückſicht auf den neuen Freund, den man doch unmöglich allein könne gehen laſſen, jeden etwaigen Einwand des Vaters beſeitigen und Alle waren überzeugt, daß man ihn da⸗ mit am erſten gewinnen werde. Doch kaum hätte es dieſer diplomatiſchen Vorſicht bei dem beabſichtigten Familien⸗Handſtreich bedurft; denn Herr Felir gab ſeine Erlaubniß, daß die Mädchen den Ball des Bruders beſuchen dürften, ohne alles Beden⸗ ken und von jener wunderlichen Unentſchloſſenheit, jenem ängſtlichen Erwägen, das ſonſt jeder derartigen Entſchei⸗ dung vorangegangen, war diesmal nichts an ihm zu be⸗ merken. Sehr heiter ſagte er zu Ludwig: Sie werden alſo auch mit von der Partie ſein? Tragen Sie und Conſtantin mir nur Sorge, daß meine Töchter ſogleich nach dem Schluſſe des Ballfeſtes unter Ihrem Schutze auf kürzeſtem Wege nach Hauſe fahren und haben Sie mir ja Acht darauf, daß der Kutſcher nüchtern iſt. Man hat in Wien vor einigen Jahren den Fall erlebt, daß zwei junge Damen, die von einem Balle nach Hauſe fuhren, im ſtrengſten Winter in einer Remiſe übernachten mußten. Der Kutſcher war nämlich ſtark angetrunken, ſpannte ohne Weiteres die Pferde aus, ſchob den Wagen in die Remiſe, ſchloß die Thüren, und den beiden Aermſten half kein Schreien und kein Jammern, ſie mußten, weil Alles im Hauſe feſt ſchlief, bis zum andern Morgen in der verzweifelten Lage aus⸗ harren. Aber mein Gott, wie iſt das möglich, Herr Franke? entgegnete Ludwig mit verſtelltem Erſtaunen. Merkten denn die jungen Damen nicht, daß der Kutſcher.. Junge Damen, das wiſſen Sie noch nicht, pflegen in der Regel gar nichts zu merken! fiel ihm der alte Herr mit feierlichem Nachdruck in's Wort, verſtummte dann und betrachtete wohl eine Minute lang die Aſche ſeiner glimmenden Cigarre, bevor er ſie wieder in den Mund ſteckte, um neue pythiſche Rauchwolken in lang⸗ ſamen Zügen vor ſich hin zu blaſen. ₰ — 122— Habt Ihr denn auch ſchon für einigen Flitter ge⸗ ſorgt, liebe Kinder? fragte er nach dieſer Pauſe ſeine Töchter ungemein freundlich, fiel aber ſogleich wieder in ſeinen ernſt wehmüthigen Ton, als er gedämpft hin⸗ zuſetzte: Ihr wißt, Brillanten, wie ſie morgen Abend in jenem Hauſe in reicher Menge vorhanden ſein wer⸗ den, kann ich Euch nicht anſchaffen, und auf den Schmuck Eurer ſeligen Mutter wird wohl keine von Euch Anſpruch machen. Die Schweſtern wechſelten bedeutungsvolle beſtürzte Blicke mit einander und Lucinde ſagte raſch: Für Alles haben Bruder Karl und ſeine Frau in ſehr generöſer Weiſe geſorgt, lieber Papa. Brillanten brauchen wir nicht, weil wir ſie nicht haben und unſre ganze Eitelkeit beſteht grade darin, ſo einfach als mög⸗ lich zu erſcheinen. Der alte Herr ward auf dieſe Verſicherung hin ſo⸗ gleich wieder freundlich, man ſah es ihm an, daß die⸗ ſes Wort aus ſeinem Herzen geſprochen wurde, und zu Ludwig gewendet, ſagte er geheimnißvoll lächelnd: Hören Sie, lieber Freund, Zweierlei thun Sie bei Leibe in Ihrem ganzen Leben nicht. Erſtens reiſen Sie niemals durch Kaſſel und zweitens, wenn Sie ſich je einmal verheirathen ſollten, ſo kaufen Sie Ihrer Frau nie einen Brillantſchmuck. Sie glauben gar nicht, wie unheimlich Brillanten in trüben Zeiten aus der todten Aſche unſeres Glückes funkeln; es liegt etwas Dämoniſches i ihrem Glanze, als wenn ſie ſagen wollten: Wir ſind der Sterbeblick deines Glückes.— Aber weg damit! Weg damit! Ihr geht alſo morgen auf den Ball, liebe Kin⸗ der, ſeid vergnügt, ſoweit Euch dies dort möglich iſt, die Köchin wird aufbleiben und das Haus bewachen, für alles Andere ſtehen mir die beiden Herren hier ein. Und nun gute Nacht, gute Nacht! Hiermit ſtand er auf, nahm das Licht, grüßte in der Thüre noch einmal mit einer ſtummen Handbewegung und ging hinunter in ſeine Stube, das Erſtemal, daß er ſich an einem Abend, an welchem Ludwig anweſend war, in ſein Zimmer zurückzog. Wir ſind noch nicht auf dem Balle, Kinder! ſagte Eliſabeth in prophetiſchem Tone. Aber Ihr Vater hat ja noch eben ſeine ganz be⸗ ſtimmte Einwilligung gegeben, bemerkte Ludwig verwun⸗ dert. Was meinſt Du dazu, Conſtantin? fragte ſie den Vetter. Hab ich Recht oder Unrecht? Wenn Onkel Felix auf den Brillantſchmuck zu ſpre⸗ chen kommt, dann iſt allerdings ſeine Stimmung unbe⸗ rechenbar, entgegnete dieſer kopfſchüttelnd. Welche Bewandtniß hat es damit, vorausgeſetzt daß dieſe Frage nicht indiskret iſt? ſagte Ludwig. Es iſt zwar eine Art von Familiengeheimniß, aber als unſer Freund dürfen Sie es ſchon wiſſen, verſetzte Eliſabeth mit einem ſchmerzlichen Lächeln.— Der Bril⸗ lantſchmuck der ſeligen Mutter exiſtirt ſchon lange nicht mehr, der Vater ſah ſich vor Jahren genöthigt, ihn zu verkaufen, nur das leere Etui repräſentirt ihm noch die einſtige Herrlichkeit. Jedesmal ſo oft ihn eine tragi⸗ ſche Stimmung anwandelt, erinnert er ſich wieder an den Verluſt jener Juwelen, der ihm ſo vieles andere Unglück in's Gedächtniß zurückruft. Dabei glaubt er beſtimmt, wir Töchter wüßten nichts von dem Verkauf der Brillanten und ſucht uns denſelben fortwährend zu verheimlichen; denn er hat ſich die wunderliche Idee in den Kopf geſetzt, dadurch an Achtung und Liebe in un⸗ ſeren Augen zu verlieren. Als wenn wir nicht wüßten, daß er dieſes größte ſchmerzlichſte Opfer uns gebracht habe! Das iſt mir eine ſchöne Einleitung zu dem morgen⸗ den Ballfeſt! rief Helene weinerlich.— Aber ſo geht es immer in dieſem Schickſalshauſe! Jeden Kummer, jede traurige Enttäuſchung erleben wir doppelt, zuerſt in un⸗ ſerer Einbildung und dann in der Wirklichkeit. Wartet doch wenigſtens in Geduld ab, was kommt! Herr Doctor Moſer hat ganz Recht, in dieſer raſchen und beſtimmten Weiſe hat uns der Vater noch nie zuvor ſeine Einwil⸗ ligung zum Beſuch eines Balles gegeben. Finden Sie das Remiſe⸗Abenteuer der beiden Wie⸗ — 425— nerinnen nicht ungemein lehrreich? fragte Lucinde lachend den Doctor. Ich erinnere mich noch ſehr wohl, wie der Vater eines Morgens, wir waren noch ganz kleine Dinger die mit ihren Puppen ſpielten, zur Mutter in die Wohn⸗ ſtube kam, ein Zeitungsblatt in der Hand. Er ſah ganz alterirt aus, legte die Zeitung, irgend ein obſcures Wie⸗ ner Klatſchblatt, das ihm zufällig in die Hände gefallen war, vor ſie auf den Tiſch und ſagte in ſeiner heftigen Weiſe: Da lies und laſſe Dir's zur Warnung dienen; ich ſagte Dir's ja immer, daß Töchter unter allen Um⸗ ſtänden ein Unglück für Eltern ſind; aber ich werde mit meiner Maßregel nicht warten, bis die Unſrigen Bälle beſuchen, das erſte Mal, daß der Kutſcher ſich wieder betrinkt, jag' ich ihn aus meinem Dienſte!— Was ſind das für ſeltſame, ich möchte beinahe ſagen, confuſe Verhältniſſe in Deiner Familie! ſagte Ludwig zu Conſtantin, als ſie gegen zehn Uhr Abends vom Kloſterhof nach ihrem Quartier zurückkehrten.— Dieſes Haus, welches wir ſoeben verlaſſen haben, wankt, das ahne ich immer deutlicher, in ſeinen innerſten Funda⸗ menten; und dort in ſeinen ſtolzen Prunkſälen bereitet der einzige Sohn des nämlichen Hauſes ein Feſt vor, das ihn vielleicht Tauſende koſtet, während der alte Vater und die drei lieblichen Schweſtern darben und ohne ihren geiſtigen Fond, ihren heiteren Seelenmuth dem nüch⸗ ternen Elend des kleinbürgerlichen Lebens zur unrett⸗ ——— baren Beute würden! Du mußt mir endlich dieſes Räthſel löſen, Freund, oder ich werde irre an meinen natürlichſten Begriffen von Recht, Pflicht und Sitt⸗ lichkeit. Ich will Dir in einer perſiſchen Blume antworten, entgegnete Conſtantin bitter lachend.— Frage die harten kalten Steine, über die Dein Fuß wandelt, und frage die hellen reinen Geſtirne dort zu unſern Häuptern, wo und wie ſie zuſammenkommen, ſie werden Dir ſagen: In den Geſchlechtern und Familien der Menſchen! An⸗ ders kann ich Dir, was Du hier Räthſel nennſt, nicht erklären. Es iſt der dem Gemeinen angeborne Inſtinkt der grauſamen Härte, was die reichen Leute gegen die armen Leute aus ihrem Geſchlechte aufbringt, wenn dieſe nicht mit ihnen aus einem Stoffe beſtehen. Außer⸗ lich zwar halten ſie gute Freundſchaft mit ihnen, ver⸗ ſehen ſie mit köſtlichen Specereien und Gewändern, aber 5 im Stillen verweigern ſie ihnen das trockne Brod; denn es wäre ja doch möglich, daß die Darbenden, ihrer Noth enthoben, die Reichen und Uebermüthigen durch ihren Geiſt, ihre Bildung, ihre Tugenden in den Schatten ſtellten, darum müſſen ſie— ſo will es der kalte Mam⸗ mon— ewig im Dunkel bleiben, abſorbirt von dem Kampf um eine zweifelhafte Exiſtenz; denn ſie ſind ja in den Augen Jener nur um deßwillen arm, weil ihnen die unpraktiſchen Ideen der ſogenannten Humanität und Moral höher gelten als Gewinnſucht und flüchtiger Le⸗ bensgenuß. Aber das ſind doch hoffentlich nur ertreme Erſchei⸗ uungen in Eurer reichen Handelswelt? fragte Ludwig kopfſchüttelnd. ö†ch bin nicht Chriſt und nicht Jude genug, um den reichen Mann ohne Signalement in die Hölle, den ar⸗ men, blos weil er ein Lump iſt, in Abraham's Schooß zu verweiſen, entgegnete Conſtantin erregt.— Gottlob, es gibt in dieſer Stadt auch Leute, die ihren Reichthum menſchlich zu verwerthen wiſſen; ſelbſt Onkel Cyprian, der doch gewiß ein reicher und einſeitiger Mann iſt, liebt patriarchaliſche Einfachheit und iſt wenigſtens dem⸗ jenigen Theile der Familie ein treuer Freund und Va⸗ ter, der ſeine religiöſe Richtung theilt oder ihn dieſes glauben zu machen verſteht. Aber dieſer Karl, genannt Carlos, und dieſer Corneli, genannt Sauerampfer, ſie ſind ſchlecht, ſind gemein um der angebornen Laune ihrer innerſten Natur willen; und ſelbſt, wenn ſie ihren herzloſen Egoismus verleugnen, tritt noch immer ir⸗ gend ein gemeiner ſchäbiger Zug ihres Charakters in den Vordergrund.— Er mag Leid genug von dieſen Menſchen erfahren haben, aber gewiß urtheilt er im Allgemeinen zu ſtrenge, dachte Ludwig, gab jedoch, um den Freund nicht weiter aufzuregen, dem Geſpräche eine andere Richtung, indem — 128— er die Unterhaltung auf den morgenden Ball im Hauſe des jüngeren Herrn Franke lenkte. Nach Alledem wunderſt Du Dich vielleicht, daß ich hingehe, ſagte Conſtantin zögernd; aber ſei überzeugt, daß ich weiß, was ich thue. Der nachträgliche Katzen⸗ jammer wird ſicher auf Seiten des Mannes ſein, der jetzt mit Einmal die Krallen einzieht und mich mit Sam⸗ metpfoten ſtreichelt. Ich finde es ebenſo politiſch als natürlich, daß Du Deine Antipathie von dem Augenblick an zurückdrängſt, wo ſich Dein Couſin anſtändig gegen Dich benimmt, entgegnete Ludwig.— Was auch die Beweggründe ſeiner Freundlichkeit ſein mögen, Du biſt nicht verpflichtet, dar⸗ nach zu fragen. Ja, er wäre ſogar in den Augen un⸗ befangener Leute im Vortheil gegen Dich geweſen, hätteſt Du ſein Entgegenkommen anders als ſo erwidert, wie Du jetzt wirklich thuſt. So iſt's und noch etwas Mehr! ſagte Conſtantin kurz, drückte dem Freunde die Hand und ſchloß raſch die Thüre ſeines Hauſes auf. Gute Nacht, rief er hei⸗ ter. Schicke mir morgen Deinen Blaſius bei Zeiten mit Patchouli und Brenneiſen, Punkt halb neun Uhr holen wir die Mädchen im Kloſterhof ab. In einem Wagen fahre ich mit Lucinde und Helene, im andern fährt— Cäſar und ſein Glück!— Anfangs mußte Ludwig, da er allein den Weg nach — ſeiner Wohnung fortſetzte, über dieſen Scherz des Freundes lächeln; erſt als er dem Worte weiter nach⸗ ſann, glaubte er einen Spott darin zu entdecken, als wenn Conſtantin ihm häkte ſagen wollen, er möge nicht allzudreiſt ſeinem Glücke vertrauen wie Cäſar dem ſei⸗ nigen; oder auch wohl daß er ihn auf den Unterſchied habe aufmerkſam machen wollen zwiſchen dem Cäſar, der ſich auf ſchwacher Barke dem ſtürmiſchen Meere anvertraut, und ihm, der in Glacé in einer bequemen Kutſche zu einem Balle fahre; genug, je tiefer ſich Lud⸗ wig in den vermeintlichen Sinn dieſer Worte hinein⸗ grübelte, um ſo mehr verlor er darüber deren einfache nächſtliegende Deutung aus den Augen; er hielt ſich für verletzt, gekränkt an ſeinem innerſten Gefühle und hatte doch keinen andern Grund dazu, als daß er dem Freund eine ſolche Abſicht zutraute; bis er endlich, an ſeiner Gartenwohnung angelangt, ſeine Empfindlichleit ver⸗ wünſchte und faſt beſtürzt ausrief: Alſo dahin iſt es ſchon mit mir gekommen, daß ich in dem harmloſen Wort eines treuen Freundes eine Be⸗ leidigung erblicke!— Liebe! Liebe! Du biſt nicht allein blind, du machſt auch blind; als wenn der Menſch, von deinem holden Zauber berührt, ſein Urtheilsvermögen verlöre und, weil er zum Erſtenmal tief und heilig em⸗ pfindet, dieſes allein in kindiſcher Empfindlichkeit äußern könne! O mögeſt Du mir zum Heile prophezeit haben, D. Müller, der Kloſterhof. II. 9 130 Conſtantin! Gerne will ich Dir dann die böſe Grille dieſer Stunde abbitten und Dir auch ſonſt Alles ſagen, was Du wiſſen mußt, um auch ferner meines Glückes treuer Beſchützer zu ſein. Dank ich Dir doch den ſchönſten und theuerſten Wunſch meines Herzens, warum nicht auch ſeine Erfüllung! Gute Nacht, ihr Sterne, ihr freund⸗ lichen Beſchützer treuer Liebe und Freundſchaft; gönnt mir die eine und erhaltet mir die andere! Achtes Kapitel. Endlich erſchien der unter banger Erwartung herbeige⸗ ſehnte Ballabend und die drei Schweſtern hatten eben un⸗ ter gegenſeitiger Hülfeleiſtung ihre Toiletten beendigt, als der Vater ihnen durch die Köchin hinaufſagen ließ, die Herren ſeien unten und auch die Kutſchen harrten bereits vor der Hausthüre. Laßt uns die Mäntel erſt unten in der Wohnſtube anlegen, rrieth Lurinde den Schweſtern. So ſehen wir gleich an ihren Mienen, was wir auf dem Balle vor⸗ ſtellen werden. Wir fahren jedenfalls zuſammen in dem einen Wa⸗ gen, die beiden Herren im andern, ſagte Eliſabeth. Du ſprichſt ein großes Wort gelaſſen aus, denkſt aber nicht an unſere zwar beſcheidene, aber doch immer⸗ hin anſehnliche Stahlreifen, entgegnete Helene. Wenn 9 wir Drei in eine Chaiſe gepackt werden, ſo kommen wir wie Hühner zum Balle, die ſich gegenſeitig im Korbe des Händlers die Federn zerknittert haben. Dennoch weiß ich keinen andern Rath, ſagte die Aeltere entſchloſſen.— Keine von uns kann mit einem der Herren allein zum Balle fahren. Denkt an den Vater, Kinder, wir ſind noch nicht aus dem Hauſe, darum macht's kurz! Dieſe Warnung, die den beiden Andern wie ein Caſſandraruf in's Ohr klang, beſeitigte raſch jeden wei⸗ teren Einwand und gab den Ausſchlag zu Eliſabeth's Gunſten. Der Eindruck, den die Schönheit der drei anmuthi⸗ gen Jugendgeſtalten in den reichen geſchmackvollen Toilet⸗ ten nicht blos auf die beiden jungen Männer, ſondern auch auf den alten Vater machte, war ein ſo über⸗ raſchender, daß die Mädchen ſchon mit einiger Zuver⸗ ſicht den ferneren Geſchicken dieſes Abends entgegenſehen konnten. Ja, Herr Felix ſelbſt ſchien faſt noch mehr als die beiden Andern von Bewunderung hingeriſſen zu ſein; denn mit ſtrahlenden Blicken betrachtete er abwech⸗ ſelnd ſeine Töchter, als wiſſe er nicht, welcher er den Preis der Schönheit zuerkennen ſolle, bis er zuletzt Eliſabeth auf die Stirne küßte und in einem Tone, dem man die freudige Rührung anhörte, zu ihr ſagte: Nein, nein, Du und Deine Schweſtern braucht wirklich keine Diamanten; nicht wahr, Conſtantin, Deine Cou⸗ ſinen können ſich auch ohne dieſen koſtbaren Trödel in der glänzenden Aſſemblée ihres Bruders ſehen laſſen? Erſtaunt blickten ſich die Mädchen einander an; denn das ſagte heute der nämliche Mann, der, wenn er ſie ſonſt in Ballkleidern ſah, für ihre Jugendreize nur kum⸗ mervoll beſorgte Blicke hatte, deſſen warnende Worte und väterliche Ermahnungen ſie dann bald erröthen, bald erbleichen machten. Aber man konnte auch in der That nichts Reizen⸗ deres ſehen als dieſes anmuthigen Schweſterkleeblatt in den reichen und doch ſo einfachen weißen Atlasgewän⸗ dern, in denen ſie in Wahrheit an die edlen Antigone⸗ und Iphigenien⸗Geſtalten der altgriechiſchen Welt erin⸗ nerten, bei welchen jeder weitere Schmuck der natürlichen Schönheit und Grazie ihres Weſens, anſtatt ihn zu er⸗ höhen, nur Eintrag gethan hätte. Auch die beiden Freunde lichen jetzt ihrer Bewun⸗ derung Worte und erklärten ſich entſchieden gegen jede falſche Verſchwendung an Gold und Juwelen bei ſo geſchmackvollen Toiletten. Da erinnerte der Peitſchen⸗ knall der ungeduldig werdenden Kutſcher, die wohl noch andere Gäſte dem gleichen Ziel entgegenzuführen hatten, die jungen Leute an den Aufbruch, und Herr Felix war es ſelber, der mit der Galanterie eines jugendlichen Verehrers unter artigen Schmeicheleien einer jeden Toch⸗ ter den Mantel vorſichtig, damit ja keine Bandſchleife oder Blume zerknickt werden möge, um die Schultern legte. Dann begleitete er ſie hinaus an den Wagen und ſagte, indem er jedem der Freunde die Hand drückte: Die Herren vergeſſen mir nicht ihr geſtriges Ver⸗ ſprechen und ſtehen mir für meine Töchter ein.— Hierauf ſchloß er den Kutſchenſchlag des vorderen Wagens. Amü⸗ ſirt Euch gut, meine Kinder! rief er den Mädchen heiter zu und fort rollten die Kutſchen auf dröhnendem Pfla⸗ ſter die Straße hinab, worauf Herr Franke in die Wohnſtube zurückkehrte. Hier gab er den beiden Do⸗ meſtiken noch einige Befehle und ging dann mit der Lampe nach ſeinem Zimmer, um wie gewöhnlich bis zum Schlafengehen in einem ſeiner Lieblingsſchriftſteller zu leſen. Er wählte die Annalen des Livius, jenes Meiſterwerk der römiſchen Literatur im auguſteiſchen Zeitalter, voll des Gedankens römiſcher Hoheit und Größe, römiſchen Staatsgeiſtes und ächt auguſteiſcher Humanität; derjenige Schriftſteller, welchen er immer zur Hand zu nehmen pflegte, wenn er ſich in eine ru⸗ hige gleichmäßige Stimmung hineinleſen oder von ſor⸗ genvollen Gedanken befreien wollte. Aber war es nun die der jetzigen Stille des Hauſes vorangegangene Unruhe, was ihn zerſtreut machte, war es das Bild der ſchönen Töchter, deren glänzende Er⸗ ſcheinung am heutigen Abend in ſo grellem Widerſpruch — 5— 5 zu ihrem ſonſtigen beſcheidenen und einfachen Leben ſtand, was ihn beſchäftigte: ſeine Gedanken ſchweiften beſtändig von dem Gegenſtand ſeiner Lectüre ab nach dem Hauſe des reichen Sohnes, wo es jetzt prächtig und laut genug hergehen mochte, während er in ſeinem trüben Alter einſam und verlaſſen dem Wechſel menſch⸗ lichen Glückes ungeſtört nachdenken konnte und Niemand nach den Sorgen fragte, die an ſeinem Herzen nagten.— Zuletzt, als dieſe ſchmerzlichen Betrachtungen, dieſe nie⸗ derſchlagenden Vergleichungen zwiſchen dem Einſt und Jetzt, zwiſchen dem Glück von Sohn und Bruder, und ſeinem eignen beſtändigen Mißgeſchick immer quälender wurden, machte er das Buch zu und grübelte ſich nun tiefer und tiefer in ſeinen Gram hinein. Er ſah ſich ſchon im Geiſte mit dem weißen Stabe der Armuth aus ſeinem Hauſe gehen, die harten Gläubiger theilten pei brennender Kerze den Reſt ſeiner Habe, entehrt war ſein Name bei ſeinen Mitbürgern auf immerdar— im Aſyl alter Leute, im Hospital ſuchte und fand er bei Leidensbrüdern ein letztes Mitleid, eine Verſorgung für den Reſt ſeines Altets; und der Sohn, der Bruder, die ihn immer hülflos gelaſſen hatten, ſie ließen's auch ruhig geſchehen, daß man ihn eines Morgens in aller Frühe ſtill im Armenwagen hinausfuhr zur letzten Ruhe⸗ ſtätte; dann hieß' es in der ganzen Stadt: endlich iſt auch der alte Felix Franke geſtorben, hätte für ſich und — 136— die Seinen beſſer daran gethan, früher aus dieſer Welt zu ſcheiden.— Und ſeine Kinder? Was ward aus die⸗ ſen, wer nahm ſich ihrer an, wenn der Bruder und der Vatersbruder und die übrigen reichen Glieder der Fa⸗ milie nicht den Muth hatten, den ſie gewiß nicht hatten, öffentlich durch die That zu bekennen, daß ſie Jenen blos zu helfen bereit wären, weil ihr Vater todt ſei, während ſie vordem ſie und ihn im Elend darben ließen? Dieſe Vorſtellung, ſo oft ſie ihn ſchon gequält und geängſtigt hatte, erſchütterte ſein Herz auch jetzt wieder ſo heftig, daß er aufſtand und einigemal ſtöhnend mit großen Schritten durch das Zimmer ging, wobei er ab⸗ wechſelnd die Namen des Bruders und des Sohnes zwiſchen den Zähnen murmelte, als wenn er ſie für ſeines Alters Unglück und Verlaſſenheit verantwortlich machen wollte.— Und doch, welchen gerechten Vorwurf konnte er ihnen denn eigentlich machen? War es ihre Schuld, daß er ſtolz und hartnäckig dem Einen wie dem Andern ſeit Jahren den wachſenden Ruin ſeines Geſchäftes ver⸗ ſchwieg und die Hülfe, die ſie ihm nicht von freien Stücken anboten, auch nicht mit Wbrten begehren, nicht mit Zahlen nachweiſen wollte?— Aber wie hätte er es auch über ſich gewinnen können, einem Bruder ſeine verzwei⸗ felte Lage zu entdecken, der, ſo edel und großmüthig auch ſeine Geſinnung war, darin doch gewiß nur die längſt erwartete gerechte Strafe des Himmels für ſeinen — 137— religisſen Unglauben erblickt haben würde? Und wie hätte er einem Sohne ſich und ſeine Verlegenheiten an⸗ vertrauen mögen, von dem er zum Voraus wußte, daß derſelbe, auch wenn er ihm ſcheinbar bereitwillig half, doch mit dieſem Akt der kindlichen Pietät bei allen Mit⸗ gliedern der Familie in übertriebenſter Weiſe prahlen, ja vielleicht gar ihm ſelber gegenüber früher oder ſpäter auf den geleiſteten Dienſt anſpielen würde?— Gewiß, es war der im Gliück großgezogene, im Unglück verhär⸗ tete Stolz ſeiner Bruſt, der ſich gegen die Vorſtellung auflehnte, von Menſchen Hülfe zu erflehen, die ihm die Nächſten im Leben waren und doch ſeit Jahren ihn ringen und kämpfen ſahen, ohne auch nur einmal die Hand zu ſeiner Rettung zu regen, ohne auch nur durch ein Wort ihn zu ermuntern, ihnen ſeine Sorgen zu ent⸗ decken.— Nichts, nichts in der Welt hätte ihn darum jetzt noch zu einem ſolchen Schritt vermögen köunen; lieber wäre er den hartherzigſten Wucherern zum Opfer geworden, wenn dies, ach wenn dies nicht ſchon längſt bis zum letzten Unterpfand der Fall geweſen wäre!— Denn kein Stein an ſeiſtem Hauſe, kein Ziegel auf ſei⸗ nem Dache war mehr ſein eigen; und dennoch athmete er auch jetzt wieder frei auf aus gepreßter Bruſt und ein zitterndes„Gottlob!“ entrang ſich ſeinen Lippen, als dachte, daß es nur fremde harte Menſchen die ſeine und ſeiner Kinder Exiſtenz noch mit waren, einem Scheine von Selbſtändigkeit umgaben und deren Wille ihn überhaupt noch bürgerlich exiſtiren ließ— auf wie lange? Das ſtand freilich bei jenen geheimnißvoll wal⸗ tenden Mächten des Lebens, die ihn faſt wie durch ein Wunder bis jetzt vor dem Aeußerſten bewahrt hatten, wenn er auch ſchon manchmal feſt überzeugt geweſen war, daß das Wrack ſeines einſt ſo blühenden Geſchäf⸗ tes am andern Tage vollends aus den Fugen gehen werde. Denn ſchon mehr als einmal hatte er nicht den Thaler in der Kaſſe gehabt, um ſein und der Seinigen nächſtes Lebensbedürfniß zu befriedigen; und dennoch war er immer wieder durch irgend eine günſtige Handelscon⸗ junctur, durch irgend eine unverhoffte Wendung aus dem Aergſten herausgekommen, als wenn er noch nicht genug Widerwärtigkeiten erfahren, als wenn der letzte vernichtende Schlag ihm aber und abermals aufgeſpart bleiben ſolle.— Bis hierher hatte er ſein Unglück mit klarem geiſti⸗ gen Auge angeblickt und ſich mit Bewußtſein Rechen⸗ ſchaft von ſeiner traurigen Lage gegeben; jetzt aber, wo der Schmerz ihn übermannte und der Gedanke an ſei⸗ nen baldigen völligen Untergang wie ein drohendes Ge⸗ ſpenſt vor ſeine Seele trat, drängte ſein Blut ſiedend nach Kopf und Herzen, ſeine Vorſtellungen vergirrten ſich mehr und mehr zu irren Bildern der An— Verzweiflung und jene unheimlichen Geſichte eiſe ſchütterten Geiſtes erſchienen wieder vor ſeinen Blicken, wurden zu Geſtalten und Vorſtellungen der wirklichen Welt und bereiteten dem alten Manne Qualen, wie er ſie bei keinem noch ſo harten Schlag des Schickſals je empfunden hatte. Heute war es der koſtbare Brillantſchmuck, den er einſtmals ſeiner verſtorbenen Gattin geſchenkt hatte, wel⸗ cher ſeine aufgeregten Lebensgeiſter beſchäftigte; in der vollkommenſten Sinnestäuſchung befangen, hatte er das leere Etui mechaniſch aus ſeinem Schreibpult genommen und es geöffnet— o wie zaubriſch funkelte ihm das herrliche Geſchmeide beim Schein der Lampe entgegen, welch' ein Leuchten und Spielen der Farben, welch' ein Glanz und Feuer in den à jour gefaßten Juwelen— faſt mußte er vor dem Blitzen und Funkeln der Steine die geblendeten Augen ſchließen, mit zitternden Händen griff er entzückt nach dem koſtbaren Kleinod, er hatte es wieder— das Letzte, was er noch von ſeinem ein⸗ ſtigen großen Reichthum ſein nannte— da plötzlich, nein, das war keine Täuſchung der aufgeregten Sinne, fingen die Juwelen an zu erbleichen, immer ſchwächer wurde ihr Feuer, immer trüber und wolkiger ihr Glanz, Strahl auf Strahl erloſch— und zuletzt, bei wiederkeh⸗ rendem Bewußtſein, hielt er das leere Käſtchen mit der blauſammtnen Unterlage in den zitternden Händen, von dem ganzen herrlichen Zauber blieb es allein nur als —— 140— wirklicher Beſtandtheil zurück, und mit einem tiefen Seuf⸗ zer aus ſchwer gepreßter Bruſt kehrte ſein Geiſt in die Welt der wirklichen Eindrücke und Erſcheinungen zurück. Erſchüttert fuhr er ſich mit der Hand über die Stirne.— Wo bin ich? Wo ſind meine Kinder? ſtam⸗ melte er und ſtarrte durch's geſchloſſene Fenſter hinaus in die finſtere Nacht. Als er ſich umkehrte, fiel ſein Blick auf das leere Etui und zugleich beſann er ſich wieder auf das, was er am geſtrigen Abend ſeinen Töchtern von dem Brillantſchmuck ihrer ſeligen Mutter geſagt hatte. Plötzlich erinnerte er ſich auch ihrer Ab⸗ weſenheit von Hauſe wieder, ſowie der Urſache derſelben. Haſtig ſah er auf die Uhr. Schon eilf Uhr vorüber! rief er erſchrocken.— Dann hab' ich wohl länger als eine Stunde geſchlafen. Aber wo bleiben ſie und wo ſind die beiden Herren, deren Schutz ich ſie doch ſo dringend anempfahl? Auf Con⸗ ſtantin kann man zwar bauen, allein der Andere— wer bürgt mir für ſeinen reellen Charakter?— Ha! Man hat mehr als ein Beiſpiel, daß Töchter bei ſolchen Ge⸗ legenheiten entführt wurden; iſt nicht noch vor wenigen Jahren eine junge Dame von einem Ballfeſt ſpurlos verſchwunden und man fand ſie nicht eher als am an⸗ dern Morgen wieder— aber todt in einem Weiher des Schloßgartens, im vollen Ballſchmuck, den Blumenkranz im Haare! Eine entſetzliche Geſchichte, an die ich wirklich —— — 141— nicht gedacht habe, als ich geſtattete, daß ſie, die Schön⸗ ſten und die Aermſten zugleich, der wahnſinnigen Prunk⸗ ſucht und Eitelkeit ihres Bruders zum Relief dienten, daß die Welt an ihren reichen Spitzen und ſchweren Atlaskleidern ſehen ſolle, welch' ein liebender Bruder er ſei, wie großmüthig beſorgt für ſeine Geſchwiſter— aber warte, Karl, das ſoll Dir nicht gelingen, dieſen Täu⸗ ſchungsplan zerſtör' ich Dir noch heute— jetzt zur Stelle — Deine Schweſtern ſind meine Töchter, in meine Noth gehören ſie, nicht in Deine Pracht und Herrlichkeit,— im ſtillen Vaterhaus bethört ſie keine Lüge, keine Schmei⸗ elei der kalten herzloſen Welt,— warte, Karl, wir wollen doch ſehen, ob es keine Kindesliebe mehr in der Welt gibt, ob ſie Dir gleichen— oder der Frau, die ſie mir geboren hat! In fieberhafter Aufregung war er während dieſes Selbſtgeſprächs in der Stube auf⸗ und abgeſchritten, jetzt öffnete er die Thüre und rief über die dunkle Haus⸗ flur der Köchin, die ſchlaftrunken aus der Küche geeilt kam, um nach des Herrn Befehl zu fragen. Zünde Sie mir die Laterne an, gebot er mit ent⸗ ſchloſſener Stimme, ich will meine Töchter vom Balle holen. Aber, Herr Franke, die Fräuleins ſind ja kaum an⸗ derthalb Stunden dort! ſtammelte Jene erſchrocken und ſah ihn groß an. —— — 142— Sie ſollen aber keine Minute länger dort bleiben! rief der Alte mit wuthfunkelnden Blicken. Und zu Fuße, in den dünnen Atlasſchuhen ſollen ſie nach Hauſe zurückkehren?— Und der Herr Franke ſelber wollen in dem alten Reitrock dorthin gehen? ſagte Jene, ihren ganzen Muth zuſammennehmend. Die Laterne anzünden— auf der Stelle— ich will es! donnerte er ſie wüthend an, als ſie noch immer zö⸗ gerte, ſeinem Befehl Folge zu leiſten, worauf denn be⸗ greiflicherweiſe jeder weitere Widerſpruch von ihrer Seite aufhörte und ſie die verlangte Laterne herrichtete. Herr Felix ſetzte ſeine hochrothearrirte ſchottiſche Tuchmütze mit der buntfarbigen Einfaſſung und den beiden nach hinten niederfallenden Bändern auf, nahm ſeinen Stock, eine wilde Rebe, und trat wirklich in ſeinem verſchab⸗ ten leberfarbenen Reitrock, einer Art Chenille mit klei⸗ nem Radkragen, durch die finſtere nebelfeuchte Nacht den Weg nach des Sohnes Hauſe an.— Er hatte ſo große Eile und ſeine Gedanken waren ſo ausſchließlich mit der Rettung ſeiner Töchter aus vermeintlichen Ge⸗ fahren beſchäftigt, daß er durch ſein ſtarkes Klopfen mit dem Stocke an den Fenſterladen des Miethkutſchers, der in einer Seitenſtraße unweit ſeines Hauſes wohnte, einen Theil der Nachbarſchaft aus dem erſten Schlum⸗ mer weckte; worauf der Mann, den er dabei mit Na⸗ men rief, erſchrocken mit dem Kopf aus dem Fenſter 143— fuhr, denn derſelbe glaubte nicht anders, als daß ſein Haus bereits in lichten Flammen ſtünde. Herr Felix gab ſich ihm zu erkennen, hieß ihn ſogleich die Pferde anſpan⸗ nen und ertheilte auf des Kutſchers befremdliches Fra⸗ gen, ob denn die jungen Damen wirklich ſchon ſo bald wieder vom Balle abgeholt werden ſollten, da doch die beiden Wagen erſt auf ein Uhr nach Mitternacht be⸗ ſtellt worden ſeien, durch Nacht und Nebel mit lauter Stimme Jenem die merkwürdige Antwort: Ja, Nach⸗ bar Lampe, das ſollen ſie, und zwar zur Stelle; komm' Er nur gleich mit dem Wagen nach, ich gehe voraus und hole ſie aus dem Saale herunter. Denn ich habe meine Töchter zu was Beſſerem erzogen, als daß ſie fremder Eitelkeit zur Folie dienen und bei den Prunkfeſten unſerer vornehmen Welt blos Statiſten vor⸗ ſtellen ſollen.— Neuntes Kapitel. Darin hatte jedoch der alte Herr ganz gewiß Unrecht gehabt, und wenn er nur geſehen hätte, wie man ſeine drei ſchönen Mädchen an dieſem Abend von allen Sei⸗ ten feierte, es würde ihm nimmer ein ſolches Mißtrauen gegen die ſiegreiche Gewalt der Grazien in den Sinn gekommen ſein, noch hätte er den guten Geſchmack der jungen Männerwelt in dieſer ungerechten Weiſe unter⸗ ſchätzt. Gewiß, die drei„Frankenkinder“ waren trotz ihrer, im Vergleich mit den übrigen glänzenden Damen⸗ toiletten einfachen Erſcheinung der Gegenſtand der un⸗ getheilteſten Bewunderung und Huldigung, und wenn keine von ihnen einſtimmig als Ballkönigin anerkannt wurde, ſo durfte ſie dafür höchſtens die beiden andern Schweſtern verantwortlich machen. In wenigen Minu⸗ ten hatten ſie ſämmtliche Tänze für den ganzen Abend — 145%— vergeben; jetzt begann die Muſik und Ludwig führte Eliſabeth in den Saal. Die ſtrahlenden Blicke der rei⸗ chen Schwägerin folgten dem Paare. Du haſt da einen allerliebſten Freund, Vetter Con⸗ ſtantin, ſagte Madame Franke zu dem neben ihr ſtehen⸗ den Couſin.— Aber warum folgſt Du nicht ſeinem Bei⸗ ſpiel und tanzeſt gleichfalls? An ſchönen Tänzerinnen fehlt es doch wahrlich nicht! Er entſchuldigte ſich mit ſeiner völligen Unkenntniß in dieſer edlen Kunſt und ſie entgegnete flüſternd, in⸗ dem ſie ihn neckiſch mit dem Fächer auf den Arm ſchlug: Dann darfſt Du's aber auch keiner Dame verden⸗ ken, wenn ſie Deinem Freunde den Vorzug vor Dir giht. Uebrigens bitte ich um das Vergnügen, Dich bei Tiſche zum Nachbar zu haben. Sorge auch ja, daß Dein Freund ſich amüſirt; Eliſabeth ſcheint ſich wirklich für ihn zu intereſſiren— ein allerliebſtes Paar, ſieh' nur, wie ſie dahinfliegen! Er tanzt gewiß ausgezeichnet. O der kann Alles, ſchöne Couſine, ſagte Conſtantin, — ſogar verheirathete Frauen für ſich einnehmen. Aber warte, ich werde Eliſabeth eiferſüchtig auf Dich machen! Auch Herr Carlos Franke war heute die Liebens⸗ würdigkeit ſelber gegen den ſonſt ſo mißachteten Vetter. — Mach's wie ich, Conſtantin, und ſpare Deine Kräfte für Auſtern und Champagner, ſagte er, ihm voll Herab⸗ D. Müller, der Kloſterhof. II. 10 laſſung auf die Schulter klopfend.— Aber willſt Du nicht Corneli anreden? Bitte, thu's um Anna's willen, ich verſichere Dich, Ihr verſtändigt Euch leicht. Das iſt von meiner Seite längſt geſchehen, entgeg⸗ nete Conſtantin froſtig. Höchſtens unter vier Augen rede ich gelegentlich noch einmal mit ihm. Halte das wie Du willſt, verſetzte Jener und unter⸗ drückte nur mit Mühe ſeinen Aerger über die kurze Ab⸗ fertigung ſeines Verſöhnungsvorſchlags. Unſerer auf⸗ richtigen Freundſchaft darfſt Du gewiß ſein.— Kein Zweifel, ſie haben's auf ihn abgeſehen und machen mir darum den Hof, dachte Conſtantin bei ſich, da der Hausherr ſich andern Gäſten zuwandte.— Als wenn es hier überhaupt noch Viel zu intriguiren gäbel Wie eifrig die Beiden dort in der Ecke des Saales mit einander reden und Muſik und Tanz über ihre Unter⸗ haltung vergeſſen! Gewiß macht er ihr eben jetzt eine Liebeserklärung, denn ſie erröthet ein über's andremal und lächelt doch immer freundlicher. Aber nein, er ſpricht nur mit ihr von ihrem Ballbouquet und ſie er⸗ klärt ihm wahrſcheinlich die ſymboliſche Bedeutung der einzelnen Blumen.— Jetzt war der erſte Tanz zu Ende und viele junge Damen aus den reichſten Familien, die ſonſt bei zufäl⸗ liger Begegnung kaum einen kühlen Blick für Eliſabeth und ihre Schweſtern hatten, kamen voll Freundlichkeit —— — S 7 vi. — 147 auf ſie zu und wollten wiſſen, wer der intereſſante fremde Herr ſei, mit dem ſie eben getanzt habe. Als ſie aber hörten, daß es nur ein junger obſcurer Gelehr⸗ ter aus Süddeutſchland wäre, weder ein Graf, noch ein Baron, nicht einmal ein Offizier in Civil, ſank ſchnell der Barometer ihrer Vertraulichkeit um viele Grade, Einige rümpften ſpöttiſch die Naſen, Andere zuckten ſogar mit einem gedehnten„Ah ſo!“ verächtlich die Achſel, als wollten ſie ſagen: Das hätten wir uns gleich vorſtellen können, daß nichts Beſonderes hinter ihm ſteckt!— Nun, wie tanzt meine Schweſter Eliſabeth, lieber Doctor? Nicht wahr, ſie hat auch bei Ihnen ihren alten Ruhm wieder bewährt, auf den ſie ſonſt immer ſtolz war, nämlich für eine ſehr unfertige Tänzerin zu gel⸗ ten?— Mit dieſen Worten redete Herr Carlos Franke ſeinen jungen Gaſt an, indem er deſſen Arm in den ſeinigen legte und mit ihm durch die glänzende Zimmer⸗ reihe wandelte.— Sehen Sie ſich nun gehörig in unſe⸗ rer jungen Flora um, fuhr er äußerſt cordial fort, und bezeichnen Sie mir diejenigen Damen, denen ich Sie vorſtellen ſoll.. Faſt verlegen über dieſe ungewöhnliche Herzlichkeit des ſonſt ſo ſtolzen Parvenüs verſetzte Ludwig: Ich bin Ihnen für Ihre Güte ſehr verbunden, Herr— Franke. Aber nachdem ich ſo glücklich war, neben Ihrer Frau Gemahlin die vier liebenswürdigſten Damen auf 10 dieſem Balle kennen zu lernen, wünſche ich, offen ge⸗ ſagt, keine weiteren Bekanntſchaften. Anna Volkhauſen— da haben Sie Recht, das iſt ein allerliebſtes Mädchen, nur etwas flüchtig und über⸗ irdiſch! entgegnete Jener mit einem leiſen Spott in der Miene.— Auch kann ich mir denken, daß die Freundſchaft für den Bruder ſie Ihnen noch intereſſanter mocht. Run, ſie iſt ja noch zu haben, fügte er in ſeinem blaſirt trocknen Tone hinzu, blinzelte ihn aber doch ſchalkhaft an, als er fortfuhr: Nehmen Sie ſich vor ihr in Acht, ſie iſt ſehr verliebter Natur und der Pietismus von Onkel und Tante hat ihr noch keineswegs die Romantik aus dem Kopfe getrieben. Hier unterbrach Madame Franke das Geſpräch, wel⸗ ches für Ludwig peinlich zu werden anfing; auch ſie ſagte ihm viel Artiges in jenen flüchtigen oberflächlichen Redensarten, die man, außer im glänzenden Salon, kaum einem gebildeten Menſchen in's Geſicht zu ſagen unternehmen dürfte. Dabei war ſie eben ſo zerſtreut als aufgeregt und hörte nur mit halbem Ohre, was Ludwig ihr Schmeichelhaftes über ihre glänzenden Arran⸗ gements ſagte. Als auch Conſtantin zu ihnen trat, neckte ſie dieſen wieder mit ſeiner gelehrten Pedanterie.— Du mußt Dir in Allem Deinen Freund zum Muſter nehmen, ſagte ſie zu ihm. Aber ich verſichere Sie, Herr Moſer, Sie werden Mühe haben, dieſen gelehrten Son⸗ — 149— derling zu emanzipiren. Nun, verlieren Sie nur die Geduld nicht; für die kurze Zeit ſeines Umgangs mit Ihnen hat er ſich wirklich ſchon recht bedentend zu ſei⸗ nem Vortheile verändert.—— Da haſt Du nun in Bauſch und Bogen beiſammen, was ſich die Créme unſerer Geſellſchaft nennt, ſagte Conſtantin, als er mit dem Freunde in einem entfernten Vorzimmer Platz genommen hatte, wohin kaum die Klänge der jetzt beginnenden Francaiſe drangen.— Welchen Ein⸗ druck macht denn eigentlich dieſer Knäuel von befrackten und becrinolirten Geſchöpfen auf Dich? Nun, Eure junge Damenwelt kann ſich ſehen laſſen, entgegnete Ludwig. Ich habe ſchon manchen hochariſto⸗ kratiſchen Reſidenzball mitgemacht; aber dieſes angeborne feine und doch ſo natürliche Weſen war doch immer nur Ausnahme, während es hier die eigentliche Folie der Geſellſchaft bildet. Schon die vielen Orden und Uni⸗ formen und die gensdarmenmäßig zugeſchnittenen Bärte erweckten daheim immer meinen gründlichen Ekel, ganz abgeſehen von dem gezirkelten ſteifgravitätiſche Weſen, das in ſo vielen unſerer ſüddentſchen Reſidenzkreiſe für Vornehmheit und feine Bildung gilt. Dazu die angſt⸗ ſchwitzende Devotion, das allgemeine Behagen an Un⸗ terthänigkeit hier, an herablaſſender Vorgeſetztenhuld dort ach, Du glaubſt gar nicht, Freund, wie vortheilhaft und erquicklich ſich dagegen Eure Geſellſchaft ausnimmt! Selbſt Eure jungen kaufmänniſchen Lions, wie ungleich freier und weltmänniſcher bewegen dieſe ſich nicht, als daheim unſere Lieutenants und Aſſeſſoren, auch wenn ſie den erſten Familien angehören. Wie? das wäre im Ernſte Dein Ernſt? rief Con⸗ ſtantin erſtaunt.— Unmöglich! Dich blendet nur der äußere Glanz, der facettirte Schliff von Menſchen und Diamanten! Mehr braucht's ja aber auch nicht bei einer ſolchen Gelegenheit, entgegnete Ludwig lächelnd.— Denn hier wie bei uns gilt ja doch in dieſem Punkte das Nämliche: Unabſichtliche, aber größtmögliche Verdunkelung ſeiner Nebenmenſchen, und dabei, ganz wie zufällig, des eig⸗ nen Ich's ſtrahlende olympiſche Verherrlichung. Wir ſind allzumal Deutſche und mangeln des Ruh⸗ mes, den wir vor Gott haben ſollten, brummte Con⸗ ſtantin in den Bart. Er wollte eben dieſen Satz noch weiter ausführen, als ein ſonderbarer Lärmen und ein lauter Wortſtreit auf dem Vorplatz der beiden jungen Männer Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich lenkte. Jetzt folgte ein heftiger Schlag, gleich nachher fuhren die Flügelthüren auf, ein gallo⸗ nirter Diener ward ſichtbar, der in tiefgebeugter devoter Stellung zur Seite ſtand, und herein trat Herr Felir Franke, den geſchwungenen Stock in der Rechten. Mit wüthendem Blick ſah er den beſtürzten Portier an, der — . ſveben in höchſt unmittelbarer Weiſe die claſſiſche Elaſti⸗ cität der wilden Rebe, bekanntlich der Korporalſtock der altrömiſchen Legionen, auf ſeinem Rücken hatte kennen lernen. Lump, infamer! Du willſt mir den Eintritt in die Wohnung meines Sohnes verwehren! ſagte der Alte mit vor Wuth zitternder Stimme und würde wohl noch einmal das vorige Experiment wiederholt haben, wäre ihm nicht Conſtantin in den Arm gefallen und hätte damit ſeinem Zorn eine andere Richtung gegeben. ſeiner heftigen Art.— So alſo bewachen Sie die Un⸗ ſchuld meiner Töchter? Aber ich, der Vater dieſer un⸗ glücklichen Geſchöpfe, ich bin da zu ihrem Schutze, mir ſollen ſie folgen und nigmals, niemals wieder dieſe Schwelle betreten! Wo ſind ſie? Wo ſind ſie? Um Gotteswillen, beſter Onkel, Du wirſt doch nicht in dieſem Anzug.7 ſtammelte Conſtantin, ihn am Arme zurückhaltend. Der alte Herr trat ſtolz einen Schritt zurück, maß ihn mit einem unbeſchreiblich verächtlichen Blick vom Kopf bis zu den Füßen und ſagte dann mit ſchneiden⸗ dem Hohne: So ſollte Dich jetzt Pythagoras ſehen.. in Frack und Glacé, er würde wenig Reſpekt vor ſeinem gelehr⸗ ten Interpreten bekommen! Aber, Herr Franke, ich erkenne Sie kaum wieder! ſagte jetzt Ludwig auf's Höchſte beſtürzt.— Was kann Sie bewegen, Ihren Töchtern dieſe unſchuldige Freude zu zerſtören? Mehr als hundert junge Damen nehmen ja an dem Balle Theil, Ihr Herr Sohn würde doch ge⸗ wiß niemals ſeinen Schweſtern— wäre dies überhaupt denkbar— von irgend Jemand eine Beleidigung an⸗ thun laſſen. So? Meinen Sie, mein Herr? entgegnete der Alte ironiſch und heftete ſeinen Blick mit durchbohrender Schärfe auf den jungen Mann.— Was wiſſen Sie von meinem Sohne? Kennen Sie ihn ſo genau wie ich? Gehen Sie, gehen Sie, wohin Sie wollen— meinetwe⸗ gen nach Texas— aber treten Sie mir hier nicht in den Weg— ich müßte ſonſt bereuen, Sie jemals als Freund in meinem Hauſe aufgenommen zu haben. Laß' ihn! flüſterte Conſtantin dem Freunde, der den Alten noch immer zurückhalten wollte, in's Ohr. Ich fange an zu glauben, daß das, was er vor hat, wohl⸗ gethan iſt. Es iſt Etwas wie vom armen König Lear an ihm! Hatte nun der Oheim ſeine Worte verſtanden, oder war ſein Zorn ſchnell verraucht, genug, er nickte den Beiden mit Einmal freundlich und verſöhnt zu und ſchritt dann in das nächſte Zimmer; die ſchottiſche, bunt⸗ carrirte Mütze trug er gleich einem Chapeaubas unter'm rechten Arm, den Stock mit dem gebogenen Griff hielt er unter's Kinn, ſo kam er durch die vorderen Zimmer dem Tanzſaale näher, wo eben die Frangaiſe in vollem Gange war. Jetzt erblickten ſchon einzelne Gäſte die ſonderbare Erſcheinung und erkannten zu ihrem höchſten Erſtaunen in dem alten Manne mit dem kahlen Schä⸗ del in der leberfarbenen Chenille den Vater des reichen Feſtgebers; er grüßte im Vorüberſchreiten mit milder Würde die ihm bekannten Perſonen durch ſtumme Hand⸗ bewegung, ohne zu bemerken, daß Alle ſich ihm nengie⸗ rig nachdrängten, während andere, noch dichtere Grup⸗ pen bei ſeinem Anblick beſtürzt auseinander wichen— überall ſtarre Mienen, plötzliches Verſtummen, hier und da leiſe Ausrufe des Staunens!— So kam Herr Felix an die geöffneten Flügelthüren des im höchſten Lüſtre ſtrahlenden Tanzſaales und faſt zu gleicher Zeit wurden Sohn, Schwiegertochter und Töchter ſeiner an⸗ ſichtig, hundert Köpfe reckten ſich in die Höhe, die Tou⸗ ren ſtockten,— man ziſchelte, man fragte und deutete mit den Fingern nach dem alten Mann im grmen Kleide in Mitten dieſer prächtigen Welt des Reichthums, der Jugend und der Freude, Herr Carlos Franke kam mit ausgebreiteten Armen leichenblaß auf ihn zu und ſtam⸗ melte:„Aber Vater..!“ Jener ſah ihn mit eiſig kal⸗ tem Hohn an und nickte kaum mit dem Kopfe— die Muſik verſtummte, weil kein Menſch mehr au's Tanzen — dachte, nur eine einzige Perſon war in dem ganzen Saale, die mit einem ſchnellen Blick die Urſache ſeiner Anwe⸗ ſenheit durchſchaute— Eliſabeth, zugleich die Erſte, welche wußte, was dies Alles— Alles zu bedeuten habe!— Sie verlor keinen Augenblick die Faſſung, eilte auf den Vater zu, umſchlang ihn zärtlich mit dem Arme und ſagte ſo laut zu ihm, daß es alle Umſtehende hören konnten: Ah, Papa! Du kommſt zwar um eine volle halbe Stunde früher, als wir Dich erwartet haben— aber das thut Nichts, wir fahren gerne mit Dir nach Hauſe zurück, denn wir wiſſen ja, daß Du nicht eher zur Ruhe gehſt, als bis Deine Kinder unter Dache ſind. Du biſt mein gutes Kind, ſprach Herr Franke ge⸗ rührt und ſeine bis dahin feierlich ernſte Miene nahm einen heiteren Ausdruck an.— Wo aber ſind Deine Schwe⸗ ſtern? Unten ſteht der Wagen— höre, Karl, fagte er in ſtrengem Ton zu dem Sohne, der noch immer wie betäubt daſtand;— den Menſchen, den Du da im gold⸗ bordirten Rock an die Thüre Deines Vorſaales geſtellt haſt, mußt Du morgen aus dem Dienſt jägen; denn er verweigerte mir den Einlaß, ſelbſt da ich mich ihm als Deinen Vater zu erkennen gab; nimm dieſen Stock und prügle ihn zum Hanſe hinaus. Mit dieſen Worten reichte er ihm den Stock hin, welchen Jener mit einem Achſelzucken annahm, wobei er Sr — 15 & mit mühſam gewonnener Faſſung ſagte: Beruhige Dich, lieber Vater, er wird noch in dieſer Nacht aus meinem Dienſte gehen. Nein, behalt' ihn immer bei Dir! rief der Alte mit funkelnden Blicken.— Kommt, kommt, Kinder, wir wollen die Luſtbatkeit nicht länger ſtören; gute Nacht, liebe Luddy, amüſire Dich gut; gute Nacht, Anna; gute Nacht, Corneli, grüße Deinen lieben Vater vielmals von mir — aber wo iſt Conſtantin und der andere Herr?— Nun, Kinder, ſeid Ihr parat, ſo laßt uns in Gottes Na⸗ men aufbrechen. Und mit ſeiner buntearrirten Mütze den Muſikanten auf der Gallerie zuwinkend, in ihrem Spiele fortzufah⸗ ren, reichte er Eliſabeth den Arm, Helene und Lucinde, Beide mehr todt als lebendig, mußten vorangehen, unter lautloſem Schweigen der Anweſenden ſchritten die Aerm⸗ ſten durch die zahlreiche Verſammlung, Niemand gab ihnen das Geleite als Anna Volkhauſen, die bleich, aber mit feſtem Schritt neben Eliſabeth herging und ſcheinbar in vollkommenſter Unbefangenheit mit der Freundin plauderte.— In jeder kleineren oder größeren Geſellſchaft, die durch ein unvorhergeſehenes Ereigniß in Allarm verſetzt wird, gibt es gewiß immer einige Perſonen, die ſogleich bereit ſind, durch taktloſes Benehmen die Verlegen⸗ 3. — 156 heit derer zu vergrößern, welche jener Fall zunächſt angeht. So war auch Herr Felir Franke kaum mit ſeinen Töchtern aus dem Saale verſchwunden, als einzelne Gäſte laut ihre Mißbilligung äußerten, während Andere ſich beeilten, den Hausherrn und ſeine Gemahlin ſo ſchonend und theilnahmvoll wie möglich über dieſe fa⸗ tale Scene zu tröſten, indem ſie den ganzen Vorfall unter allerhand Witzreden als einen originellen Einfall des alten wunderlichen Herrn darzuſtellen verſuchten. Die Stimmung des Feſtgebers und ſeiner Gemahlin wurde dadurch immer gereizter, und wenn ſie auch Alles aufboten, um den Augen der Gäſte ihre Beſchämung, ihre Empörung zu verbergen, ſo ſah es ihnen doch Je⸗ dermann an, wie tief ihr Stolz durch dieſen Vorgang verletzt, wie ſehr ſie dadurch an ihrer empfindlichſten Seite berührt worden waren.— BViele, ja die Meiſten gönnten im Stillen den übermüthigen Menſchen dieſe Demüthi⸗ gung; ſelbſt in das Bedauern miſchten ſich Aeußerungen der Schadenfreude darüber, daß endlich auch dieſen „ſtolzen Wellen“ ein donnerndes Quos ego! zugerufen worden war; das, was die öffentliche Meinung ſchon ſeit Jahren über das ſchreiende Mißverhältniß zwiſchen der unſinnigen Verſchwendung des Sohnes und der traurigen bedrängten Lage ſeines alten Vaters gemuth⸗ maßt hatte, fand durch den heutigen Abend mit Einmal grade das gelegenſte iſt, um ſeine moraliſche Niederlage eine thatſächliche Beſtätigung; zugleich aber tauchten neue, für den reichen Theil noch ungünſtigere Anſichten auf über das innere Zerwürfniß in der Familie Franke, wel⸗ ches bei dieſer Gelegenheit ſo eclatant zu Tage getreten war und auf Vorgänge zwiſchen Vater und Sohn ſchließen ließ, an die ſeither Niemand gedacht hatte. Kein Menſch überſah jedoch alle dieſe ſchlimmen und nachtheiligen Folgen für ſeinen künftigen Ruf ſchneller und deutlicher, als eben der, welcher zunächſt davon be⸗ troffen wurde: Herr Carlos Franke, der geldſtolze über⸗ müthige Parvenü, der vielleicht heute ſelber zum Erſten⸗ mal ſein unnatürliches Verhältniß zu ſeinen nächſten Angehörigen inne ward und mit tiefer Beſchämung die unwürdige Rolle erkannte, die er in ſeiner herzloſen Selbſtſucht, ſeiner prahleriſchen Eitelkeit und Großthuerei ſo lange vor den Augen der Welt ohne alles Nachden⸗ ken geſpielt hatte. Aber laß' einen von Natur niedergearteten Menſchen zu einer ſolchen Selbſterkenntniß kommen, laß' ihn dazu noch die Beſchämung empfinden, daß er mit aller äuße⸗ ren Oſtentation den faulen Fleck an ſeiner von Egois⸗ mus und unedlen Motiven geleiteten Seele den Augen der Welt nicht länger verbergen kann— und aus dem verhüllten ſchlechten Charakter wird ein offenbarer Bö⸗ ſewicht, Einer, dem gewiß das nichtswürdigſte Mittel —— von ſich ab auf einen andern unſchuldigen Menſchen zu wälzen. Herr Carlos Franke mußte um jeden Preis für den Fiasko des heutigen Abends einen Erklärungsgrund fin⸗ den, welcher nicht blos glaubwürdig erſchien, ſondern auch den Vorfall mit ſeinem Vater von Urſachen her⸗ leitete, für die ihn, den Sohn, kein Menſch in der Welt verantwortlich machen konnte.. und ſiehe da, ſchon war er mit ſich im Reinen, wer ihm dieſen unerhörten Schimpf angethan haben ſollte! Die Francaiſe hatte von Neuem begonnen, die Dane des Hauſes machte mit noch größerem Eifer als vor⸗ her die Honneurs, kein Menſch ſchien mehr an das unangenehme Intermezzo zu denken; da ſah Conſtantin, der eben bei einer Gruppe nichttanzender Herren ſtand, durch die Flügelthüre in den anſtoßenden Salon, wie ſein Freund Ludwig mit Herrn Carlos Franke in einer Fenſterniſche in einem lebhaften Geſpräch begriffen war; Beide redeten, ſo ſchloß er wenigſtens aus den Mienen und Bewegungen eines Jeden, in großer Aufregung miteinander; Ludwig's Geſicht glühte immer dunkler, das des Hausherrn war noch fahler als ſonſt, der Gegen⸗ ſtand ihres Geſprächs mußte jedenfalls ſehr ernſter Natur ſein.— Jetzt, nein, Conſtantin täuſchte ſich nicht, zuckte Herr Franke verächtlich die Achſel gegen den Gaſt, veſeuc eine kurze, flüchtige Verbeugung und kehrte ihm den Rücken— was haben die miteinander? dachte Conſtantin und ging dem Freunde, deſſen große Bewe⸗ gung ihm auffiel, entgegen. Jetzt ſah ihn auch Ludwig, eilte auf ihn zu und ergriff ihn haſtig am Arme. Fort! fort! Nicht eine Minute bleiben wir länger in dieſem Hauſe! flüſterte er ihm in's Ohr. Aber ſo ſage doch nur... Komm', komm'— nur kein Aufſehen— draußen ſollſt Du Alles erfahren, entgegnete Jener, ihn mit ſich fortziehend.— In höchſter Spannung gab Conſtantin dem Drängen des Freundes nach, unten in der Garderobe fanden ſie ihre Hüte und Paletots— eben als ſie über den mit koſtbaren Teppichen belegten, mit Gruppen der hervlichſten Blumen und Orangeriegewächſe geſchmück⸗ ten Corridor der Hausthüre zuſchritten, öffneten ſich zur Rechten die Flügelthüren des in einem Feenglanz von Silber, Kryſtall und goldenen Girandolen ſchimmernden Speiſeſaales. Die Mahlzeit wenigſtens wär' ihm verſalzen! mur⸗ melte Ludwig, und im nächſten Moment befanden ſich die Freunde auf der Straße, noch einige hundert Schritte weiter, und der letzte Ton der Ballmuſik verhallte in der ſtillen Nacht. Da hielt Conſtantin endlich den Freund, der noch immer weiter eilen wollte, am Arme feſt und ſagte: Nun ſtehe ſtill und rede! Doch nein, rede noch nicht, ſondern laß' mich zuvor eine Frage an Dein großes Herz thun: Wollen wir nicht lieber hier gleich nebenan in den Weinkeller gehen? Noch ſeh' ich Licht darin und der reiche Lump dort ſoll mich nicht umſonſt nach Auſtern Es gilt! rief Conſtantin lachend.— Wollt' ich doch Eins gegen Hundert wetten, daß ich ſchon jetzt weiß, was er Dir geſagt hat! O Du glaubſt nicht, wie leicht ſolche Menſchen grade bei unvorbereiteten Fällen, bei denen ſie nicht Zeit haben ſich zu maskiren, zu berech⸗ nen ſind, ſie, deren ganzes Sinnen und Trachten dem allerſchaalſten Egoismus entſpringt! Laß' mich nur erſt vom Weine inſpirirt ſein, ſo will ich Dir ſagen, was der Gegenſtand Eures lebhaften Discours war.— ¹ und Champagner lüſtern gemacht haben. Komm', ſei mein Gaſt und bezahle die Zeche. Wenn Du mir verſprichſt, Deinen guten Humor unter allen Umſtänden beizubehalten? entgegnete Ludwig. Bald ſaßen beide Freunde ſo heiter, als hätten ſie den ganzen Abend hier im traulichen Geſpräche zuge⸗ bracht, bei einer Flaſche Cliquot, und die kleinen Na⸗ tives⸗Auſtern, die der Aufwärter ihnen mit kunſtfertiger Hand öffnete, ſchmeckten ihnen auch ohne die Fontainen von Fau de Perse und Pau de Cologne und ohne die ſilbernen Tafelaufſätze im Hauſe des Millionärs vor⸗ trefflich; da füllte Conſtantin zum Drittenmal die Gläſer 6 und ſagte, den Freund geheimnißvoll anblinzelnd, in feierlichem Tone: Nun laß' uns auf das Wohl des Mannes trinken, der uns heute die tragiſche Gewalt der modernen Nemeſis in ſo unmittelbarer Weiſe hat kennen lernen, ſo daß er ſelbſt beinahe wie ein Charakter aus einer alten Tragödie erſchien und man unwillkürlich an den Ausſpruch Kant's denken mußte: Erhaben iſt Das, was alles Andere ne⸗ ben ſich als klein erſcheinen läßt— den Onkel Felir mein' ich, dem endlich ein Gott die Augen geöffnet und die Zunge gelöſt hat! Betroffen ſah Ludwig den Freund an. So hätte er am Ende doch Recht gehabt! rief er aus. Aha! Nun biſt Du gefangen und ich habe mich nicht geirrt! ſagte Conſtantin mit ſtrahlendem Blick.— Siehſt Du, das war's, was ich von Dir hören wollte und nun ſage ich Dir einfach: Nein, er hat nicht Recht gehabt, der Elende, der mich bei Dir beſchuldigte, ich hätte On⸗ kel Felir zu dieſem Schritt angeſtiftet. O, ich errieth es gleich an der erkünſtelten Wuth und Bitterkeit, an dem ſchadenfroh triumphirenden Blick, als er mit Dir ſprach und Du ihn vergebens von meiner Unſchuld über⸗ zeugen wollteſt! So iſt's, entgegnete Ludwig überraſcht und reichte dem Freunde die Hand über den Tiſch. Du haſt wirklich HD. Müller, der Kloſterhof. I. 11 dieſen Menſchen durchſchaut bis in ſeine innerſte See⸗ lenfalte. Alles das hat er geſagt und hinzugefügt, ſeit Jahren hätteſt Du ihn dem Vater entfremdet, die Schweſtern dazu, hätteſt Dir gegen ihn und ſeine Frau bei mehreren Gelegenheiten die größten Ungezogenheiten erlaubt, hätteſt ihn in der ganzen Stadt für ein Unge⸗ heuer von Sohn verſchrieen, wogegen ſich nicht blos ſein Herz, ſondern auch ſein Stolz in einer Weiſe aufgelehnt habe, daß es ihm unmöglich geweſen ſei, die Welt durch die That eines Andern zu überzeugen. Bravo, braviſſimo! Den Nothſchrei kenn' ich! rief Conſtantin lachend.— Das Nämliche hat er ſchon früher einmal gegen Eliſabeth geäußert und iſt natürlich mit Glanz abgefahren. Da Alles, was ich zu Deiner Vertheidigung ſagen mochte, nichts fruchtete, fuhr Ludwig fort,— und er dar⸗ auf beharrte, Du allein hätteſt ihm den Skandal mit dem Vater bereitet, der Portier habe es mit angeſehen, wie Du mich, der ich den Alten habe zurückhalten wol⸗ len, daran verhindert hätteſt, ſo ſchlug ich ihm vor, ſeine Beſchuldigung in Deiner, ſowie in Gegenwart ſeines Vaters und ſeiner Schweſtern zu wiederholen, was er aber mit der leeren Ausrede ablehnte, er wiſſe wohl, daß Du dort Recht behalten würdeſt.— Jetzt war es mit meiner Geduld zu Ende; ich ſagte ihm mit dür⸗ ren Worten, wie ich mich wundern müſſe, daß er bei — 163— einer ſolchen Meinung von Dir Dich perſönlich zu ſei⸗ nem Balle eingeladen und Dir überhaupt dieſes freund⸗ liche Entgegenkommen gezeigt habe, worauf er mir nichts weiter zu antworten wußte, als daß er ſeinen beſtimm⸗ ten Grund dazu gehabt habe, ich würde ihm ſpäter in Betreff Deiner gewiß noch einmal Recht geben. Hier⸗ mit brach er das Geſpräch ab. Lächelnd verſetzte Conſtantin: Ich merke, Du haſt im Criminalproceß gute Stu⸗ dien gemacht. Denn ein böſes Gewiſſen braucht man nur ſich ſelber vertheidigen zu laſſen, gleich wird ſein eigner ärgſter Ankläger daraus.— Er weiß alſo zum Voraus, daß ich bei ſeinem Vater und ſeinen Schweſtern Recht behalten würde?— Welch' glänzendes Zeugniß für ſeine Sohnestreue und Bruderliebe! Für mich waltet hier überhaupt nach Allem, was ich am heutigen Abend geſehen und gehört habe, nur noch ein großes Räthſel, ſagte Ludwig kopfſchüttelnd.— Ich habe wohl ſchon manches Beiſpiel von den Launen der blinden Glücksgöttin kennen gelernt, die das Füll⸗ horn ihrer Gaben, ohne nach Würdigkeit und Verdienſt zu fragen, verſchwenderiſch über ihre Günſtlinge aus⸗ leert; aber ein ſolch enormer Reichthum, wie ihn dieſer Herr Carlos Franke, eines armen Mannes Sohn, re⸗ präſentirt, übertrifft doch Alles, was ich bis jetzt von Handelsglück und glänzenden Speculationen erfahren 10* — 164— habe. Und noch dazu in dieſer unverhältnißmäßig kur⸗ zen Zeit und bei dieſer ganz unverantwortlichen geiſtigen Beſchränktheit. Erkläret mir, Graf Oerindur, dieſen Zwieſpalt der Natur! Dahinter mußt Du beileibe kein tiefſinniges Räth⸗ ſel des Weltgeiſtes ſuchen, antwortete Conſtantin, indem er langſam ſein Glas ausſchlürfte, das er vorhin zum Toaſt auf den Oheim gefüllt hatte.— Mit Onkel Ch⸗ prian's Kredit und der Hälfte des Reingewinns an ſei⸗ nem überſeeiſchen Geſchäfte wäre jeder andere bornirte Menſch in zehn bis zwölf Jahren das Nämliche in Weſtindien geworden, was Karl Franke daſelbſt wurde: erſt ein kleiner Cröſus und dann ein großer Schwindler. — Das iſt Alles traditionelles Glück; weder eignes Ver⸗ dienſt, noch geiſtige Begabung bedingt den Erfolg; ein kalt nüchterner Stockjobber⸗Verſtand, gute, das heißt ſichere Capitains, die es bei Verpackung der beliebten Ebenholz⸗Waare mit dem Comfort im unteren Schiffs⸗ raume nicht allzu genau nehmen, und vor Allem rück⸗ ſichtsloſes Wagen, notabene nach alten, erprobten Er⸗ fahrungsſätzen— mehr gehört eben nicht dazu und jede neue Spekulation wirft dem Unternehmer etwa die Apanage eines Eurer kleinen ſüddeutſchen Mediatiſirten ab.— Das einzige perſönliche Verdienſt, welches Karl Franke an ſeinem großen Glück hatte, war der zufällige „Umſtand, daß er der Sohn eines freigeiſtigen armen 165 Vaters und der Neffe eines reichen ſtrengpuritaniſchen Oheims war; factum factissimum: Seine Fortüne iſt die feurige Kohle, welche Onkel Cyprian auf dem Haupt ſeines ſtarrſinnigen irreligisſen Bruders Felix geſammelt hat, nicht um dieſen zu wärmen, ſondern ihn gelinde und„erwecklich“ zu brennen. Das alſo wäre des Pudels Kern! rief Ludwig.— Darum dieſe abgeſchmackte Anklage gegen Dich, darum dieſe Auflehnung von Herz und Stolz gegen die nächſte und heiligſte Pflicht! So iſt's, verſetzte Conſtantin in gleichmüthigem Tone. Karl Franke fürchtet bei Onkel Cyprian mißliebig zu werden, darum wagt er weder offen noch heimlich die „ 1 Seinigen zu unterſtützen; vielfach ſind noch ſeine In⸗ tereſſen von deſſen Gunſt abhängig, ja in der Kauf⸗ mannswelt iſt ſo ziemlich allgemein die Meinung verbrei⸗ tet, der alte fromme Herr drücke nur um deßwillen ein Auge zu bei der unſinnigen Verſchwendung ſeines Nef⸗ fen, weil es vornehmlich ſeine Fonds ſeien, mit denen Jener ſeit Jahren dieſe enormen Geſchäfte macht. Und zu rechnen verſteht Onkel Cyprian ebenſogut als zu be⸗ ten, das darfſt Du mir glauben. Alſo ein„ſ ſtilker 6 Compagnon“ von ihm, wie man bei uns ſagt, meinte Ludwig.— Nun fehlt mir nur noch ein Lichtlein zur vollen Beleuchtung: Dein Onkel Felix ſpricht doch immer mit der größten Hochachtung, um 1— 166— nicht zu ſagen, mit wahrhaft unterwürfigem Reſpekt von ſeinem Bruder Cyprian? Worüber wir uns ſchon oft im Stillen beluſtigt 1 haben, ſagte Conſtantin heiter. Du mußt nämlich wiſ⸗ ſen— aber verrath's niemals— daß es weniger der Reſpekt vor dem Bruder, als vor deſſen Reichthum iſt, was ihm dieſe unbedingte Hochachtung einflößt. Die⸗ ſer gute Onkel Felix wäre, hätte ihn Gott mit Glücks⸗ gütern geſegnet wie den Bruder und den Sohn, der nämliche harte einſeitige Charakter geworden wie Jene. Erſt das Ungkück machte ihn human und milderte ſein Bherriſches Weſen, zwar nicht auf einmal, ſondern Stoß auf Stoß; bis er, ſo komiſch es auch klingt, den gei⸗ ſtigen Gehalt und Inhalt des Lebens nothgedrungen höher zu achten anfing als den materiellen und ſich in 3 Metaphyſik und Hiſtorie verfing, wie der vom Falken gehetzte Kranich im Vogelgarn.— Bei dieſer ſchwierigen Metamorphoſe iſt allerdings ſeine ganze Individualität in eine Verſchrobenheit hineingerathen, die an jene ſelt⸗ ſamen Spiele der Natur gemahnt, bei denen man nicht weiß, ob ſie Fiſch oder Vogel ſind; genn ſie haben Flü⸗ gel zum Schwimmen und Schwimmhühte zum Fliegen.— Nach dieſem Geſpräche verſanken Beide in jenes ſchweigſame Nachſinnen, bei welchem die Gedanken eines Jeden die nämliche Richtung weiter verfolgten, die ſie durch die vorhergegangene Unterhaltung bekommen hat⸗ — 167— ten. Zuweilen ſah Einer den Andern zerſtreut an, als wolle er ſich vergewiſſern, daß auch der Freund noch an dem nämlichen Gedankenfaden fortſpänne, bis ſich zuletzt im freudig überraſchten Aufſchauen ihre Blicke begegneten und zugleich Beide wußten, daß ſie eben das Nämliche gedacht hatten; wie von einem Impulſe geleitet, erhoben ſie die Kelche,„der Kloſterhof!“ riefen ſie wie aus einem Munde, ſtießen klingend an und leer⸗ ten, der Eine mit begeiſtert ſtrahlendem Blicke, der An⸗ dere mehr ſtille vor ſich hinlächelnd die Gläſer. Zehntes Kapitel. Wie billig machte das Ereigniß mit Herrn Felix und ſeinen Töchtern ſchon am folgenden Tag die Runde durch die ganze Stadt und wurde in allen Geſellſchafts⸗ kreiſen beſprochen und beurtheilt. Sogar die Perſon eines jungen unbekannten Gelehrten aus Süddeutſchland, der ſich an dem Ballabend ausſchließlich mit den drei„Fran⸗ kenkinder“ unterhalten hatte, wurde mit der vielberufenen Geſchichte in Zuſammenhang gebracht; man erfuhr nach⸗ träglich, daß derſelbe ſchon ſeit mehreren Monaten im Kloſterhof aus⸗ und eingehe und dort als ein auf äſthe⸗ tiſchen Kreuz⸗ und OQuerzügen begriffener Literat und Schöngeiſt gaſtliche Aufnahme gefunden habe. Bald ſollte Lucinde, bald Helene, bald Eliſabeth Gegenſtand ſeiner Huldigung ſein; die Einen nannten ihn ſchön und in⸗ tereſſant, die Andern fanden ſeine Manieren comödianten⸗ 60 haft und kleinſtädtiſch; daß er aber mit Conſtantin Volk⸗ 3 hauſen dieſe intime Freundſchaft geſchloſſen, war jeden⸗ falls durchſchlagender Beweis genug, daß ſein Charakter aller Realität entbehre; denn„Gleich und Gleich ge⸗ ſellt ſich gern“ und„ſage mir, mit wem du umgehſt, ſo will ich dir ſagen, wer du biſt.“— Genug, wenn die Menſchen einmal auf einen Spektakel verfallen, ſo kommt es ihnen bekanntlich auf ein Bischen unſchuldige Verleumdung mehr oder weniger nicht an; denn Jeder will dann nicht blos das Seinige in klingender Münze zur allgemeinen Collekte der Menſchenliebe beiſteuern, ſondern auch noch ein Scherflein apart hinzuthun, Der einen längſt im Stillen gehegten Verdacht, Jener eine Beobachtung neueſten Datums, ein Dritter eine zwar fabelhaft lautende, aber doch aus allerbeſter Quelle ge⸗ ſchöpfte Nachricht. Es darf daher nicht Wunder nehmen, wenn die die beginnende Winterſaiſon ebenſo zeitgemäß als ſtoffreich eröffnende Ballaventüre die Gemüther acht Tage lang in die angenehmſte Tranſpiration verſetzte, wobei das reiche Haus der prachtliebenden Verſchwendung mit ſei⸗ nem neuen Tanzſaal⸗Plafond faſt ebenſo ſchlimm, wo⸗ nicht noch ſchlimmer wegkam, als der ſtulbeſcheidene Klo⸗ ſterhof, am allerſchlimmſten aber der arme Pechvogel Conſtantin, der im ſchnödeſten Undank die ihm on den reichen Verwandten nach ſo vielen, die Familie kom⸗ — promittirenden Streichen bewieſene Güte und entge⸗ genkommende Freundlichkeit dadurch vergalt, daß er den Vater gegen den Sohn aufhetzte und, wie er den Klo⸗ ſterhof ſchon ſeit Jahren im Geheimen terroriſirte, ſo jetzt mit ſeinem bekannten Intriguen⸗Genie auch andere, ihm wohlwollende Verwandte öffentlich zu blamiren trachtete.— Sein Freund aber, der hergelaufene blonde Abenteurer, hatte ihm gewiß den gottloſen„Trick“ mit⸗ anzetteln helfen; denn was konnte man von einem Men⸗ ſchen erwarten, der unter dem Vorgeben, nach Texas auswandern zu wollen, hier hängen geblieben war und auf den von Gott und Rechtswegen die Polizei ein auf⸗ merkſames Auge hätte haben ſollen. Herrn Carlos Franke aber und ſeiner Frau, mochten auch ihre Beziehungen zu dem Kloſterhof ſein welche ſie wollten, geſchah es ſchon Recht, daß ſie in dieſer ärgerlichen Weiſe kompromittirt wurden; wozu gab es denn eine diſtingnirte Geſellſchaft, ine exkluſive Geld⸗ und Familienariſtokratie, wenn man ſo wenig Rückſicht gegen ſtandesmäßige Zirkel, gegen„erſte Häuſer“ nehmen wollte und Leute von ſolchem zweifelhaf⸗ ten Caliber, die ſogar Bier tranken und faſt allnächtlich in den Gaſthöfen die armen Hausknechte aus ihrem Schlaf aufſtörten, bei ſich zu empfangen den Muth hatte? Da konnte man allerdings jeder Inkonvenienz gewärtig ſein, abgeſehen davon, daß man ja, wie geſagt, von dem Einen nicht mehr wußte, als daß er der Buſen⸗ „ freund des unordentlichſten und discreditirteſten Men⸗ ſchen in der ganzen Stadt war. Einer glücklichen, mitten im Kampfe wildbewegter Elemente ſtill und friedlich daliegenden Inſel voll heite⸗ ren Sonnenſcheins glich in dieſen Tagen des öffentlichen Rumors der Kloſterhof, und es gab vielleicht in der ganzen Stadt kein zweites Haus, in dem man den fa⸗ moſen Vorfall beim Ballfeſt des Herrn Carlos Franke mit größerer Unbefangenheit beurtheilte und verdientermaßen mit wirklichem Humor ausbeutete, als dasjenige, welches mit Einſchluß ſeiner beiden Hausfreunde, die Hauptfiguren zu dem vielbeſprochenen Ereigniß geliefert hatte. Anfangs zwar glaubten die Mädchen das Schreck⸗ liche nicht überleben zu können und überließen ſich im erſten Eindruck der baarſten Verzweiflung. Nach ihrer Meinung waren ſie beſchimpft, ja entehrt für immer, ihr Lebensglück, alle Freuden und Hoffnungen ihrer Ju⸗ gend unrettbar zerſtört, ihre ganze Zukunft ein einziger dröhnender Nachhall dieſer furchtbaren Stunde!— Selbſt Eliſabeth, die doch bei der Scene auf dem Balle allein ihre Geiſtesgegenwart behalten hatte, brauchte einige Stunden, ehe ſie ſich von ihrer Betäubung wieder er⸗ holte, während die beiden Jüngeren die Nacht in fieber⸗ hafter Aufregung hinbrachten und aus Alteration bei⸗ nahe wirklich erkrankt wären. Erſt der folgende Morgen mit ſeiner hellen Winter⸗ 2 ſonne verſcheuchte die Angſtgebilde der Nacht und be⸗ ruhigte allmählig die aufgeregten Gemüther. Sie ſa⸗ hen ein, daß ſie dem Vorfall im erſten Gefühl des Schreckens und der Beſchämung doch eine viel zu ſchick⸗ ſalsvolle Bedeutung beigelegt hatten und daß man doch unmöglich ſie für die Launen des Vaters verantwortlich machen könne.— Was wollten, was konnten die Men⸗ ſchen, ſelbſt die boshafteſten, mehr thun als die ganze Geſchichte höchſtens lächerlich finden, und warum ſollten ſie ſelber dies nicht gleichfalls zu thun im Stande ſein? War es denn ein Verbrechen, einen originellen Vater zu haben, der ſich unter Umſtänden über alle Urtheile der Welt, über alle Rückſichten gegen die Etikette der vor⸗ nehmen Geſellſchaft hinwegſetzte und ſeine Töchter mit⸗ ten aus der erſten Francaiſe in leberfarbener Chenille vom Balle abholte? In der ganzen Stadt kannte man ihn ja ſchon ſeit Jahren als einen Sonderling; nun denn, war etwa ſeine jüngſte Handlung, von dieſem Geſichtspunkt aus betrachtet, nicht aller Anerkeunung werth? Konnte ihr Jemand das Prädikat:„Noch nicht dageweſen!“ abſpre⸗ chen? Man mußte nur die rechte unbefangene Anſchauung davon haben, ſo war an der ganzen Geſchichte eigent⸗ lich blos zu beklagen, daß der Vater nicht mit ſeinem Erſcheinen in dem glänzenden Zirkel bis zum Schluſſe des Balles gewartet hatte. Er ſelber mochte bei näherer Prüfung der Verhält⸗ niſſe ungefähr zu dem nämlichen tröſtlichen Reſultat ge⸗ kommen ſein wie ſeine Töchter; denn als er am Mor⸗ gen zur beſtimmten Zeit am Frühſtückstiſche erſchien, war er zwar anfangs ein wenig verlegen und blinzelte aus kleinen Augen Eine nach der Andern forſchend an, wurde aber bald ungemein zutraulich, da keins der Mäd⸗ chen des Vorfalls mit einer Shlbe erwähnte, vielmehr alle Drei kaum noch an den Schrecken zu denken ſchie⸗ nen, den er ihnen am geſtrigen Abend verurſacht hatte. Er rauchte, was er nur bei einer ganz ausnahmsweis guten Stimmung zu thun pflegte, ſeine erſte Morgenci⸗ garre in ihrer Geſellſchaft, lobte Alles, was ſie thaten, kurz, ſchien ungemein froh, ſo leichten Kaufes bei dem Handel wegzukommen. Auch die beiden Freunde er⸗ hielten, wenn gleich abweſend, ihren Antheil an Lob⸗ ſprüchen, er rühmte ſie über die Maßen und entdeckte ſogar noch neue Vorzüge an ihnen. Ich will Euch auch endlich erzählen, Kinder, ſagte er nach einer bedeutſamen längeren Pauſe,— wie ich damals zu der Bekanntſchaft mit dieſem Doctor Moſer, unſerem. jetzigen werthen Hausfreund gekommen bin, da Ihr doch wißt, daß ich ſonſt niemals zu ſo ſpäter Stunde den Weinkeller zu beſuchen pflege. Aber an jenem Abend hatte ich grade die Lectüre eines Buches beendet, das mich durch ſeinen Inhalt ungemein angeſprochen hatte, nämlich die Geſchichte Jean Paul's von dem Armenad⸗ vokaten Siebenkäs, ein Buch, das zwar nicht für euch Mädchen und Frauen geſchrieben iſt, das aber darum doch kein deutſcher Mann ungeleſen laſſen ſollte, zumal wenn er in den nämlichen Schuhen einhergeht, wie der gute Siebenkäs. Unter Anderem kommt in dieſem Buche gegen den Schluß hin ein Menſch vor, eben der nämliche Sieben⸗ käs, der nach vielen traurigen und herben Lebenserfah⸗ rungen endlich die Zeitlichkeit ſegnet und drei Tage ſpä⸗ ter zur ewigen Ruhe beſtattet wird, demungeachtet aber an einem andern Orte, fern von ſeiner Heimath, un⸗ ter glücklichen Verhältniſſen fortlebt; denn er iſt eigent⸗ lich gar nicht geſtorben und es wurde nur ein leerer Sarg, den ſein Freund Leibgeber, welcher den ganzen Handel angeſtiftet hat, zuvor mit allerhand Kram im ohngefähren Gewicht von Siebenkäſen's Körper anfüllte, ſtatt ſeiner in das Grab geſenkt.— Genug, mir kam da auf einmal die Idee, daß es doch ebenſogut möglich ſein müſſe, ſich ſelber wie Andere über ſeinen Tod zu täu⸗ ſchen und es könne doch nicht anders als ein höchſt ei⸗ genthümliches Gefühl ſein, wenn man ſich ſo recht leb⸗ haft vorſtelle, man ſei geſtorben und ſehe ſich einmal die Welt nach ſeinem Tode an.— Alſo ging ich noch ſpät am Abend von Hauſe fort, um mir meine liebe Vater⸗ ſtadt zu betrachten, wie ſie ſich etwa nach meinem Tode ausnehmen möchte.— Aber da hat Lucinde ſchon wie⸗ der ihr moquantes Lächeln, als wolle ſie ſagen: Se non = vero, 5 bon troväto, und ich verſichere Euch doch, Kinder, es war wirklich eine ſo ernſthafte und vollkom⸗ mene Täuſchung, daß ich mich einigemal faſt mit Gewalt daran erinnern mußte, wie ja Alles blos ein Werk meiner eignen Einbildungskraft, und ich nur zum Scheine geſtorben ſei. So durchwanderte ich die ſtillen Straßen und kam, je mehr ich mich der Täuſchung meines To⸗ des überließ, immer tiefer in die Zeit nach meinem Sterbejahr hinein, ſo daß ich wohl ſchon zwanzig und mehr Jahre todt ſein mochte, meine irdiſche Hülle längſt zu Staub verfallen, mein Name längſt ausgelöſcht im Gedächtniß meiner Mitbürger.— Und wirklich hatte ſchon Vieles ein verändertes Anſehen gewonnen; die Straßen, die Häuſer, die öffentlichen Plätze ſahen zum Theil ganz anders aus wie bei meinen Lebzeiten und ſelbſt die Stimme der Nachtwächter hatte einen fremd⸗ artig vornehmen Accent bekommen, ſo ungefähr, wie wenn heutzutage einer unſerer Würdeträger in Staat oder Kirche den Nachtwächterſpruch ausrufen würde.— Auch an Euch dacht' ich und fragte mich, ob Ihr wohl noch am Leben ſein und wo Ihr Euch dermalen auf⸗ halten möchtet? Da wurde mir, ich weiß ſelber nicht, wie es geſchah, plötzlich klar, daß Ihr ja ſchon lange nicht mehr in dieſer Stadt wohntet, ſondern weit weg — 176— in einem andern Lande; und im Aufblick nach den Sternen, die noch im alten wohlbekannten Glanze ſtrahl⸗ ten, empfand ich mit einmal das frohe Bewußtſein, daß es Euch ſämmtlich wohlergehe und die Tage der Ju⸗ gendtrübſal längſt für Euch vorüber ſeien.— Nun, Kin⸗ der, ich will es Euch nur grade herausſagen: Ihr waret alle Drei glücklich verheirathet, und dieſe Gewißheit machte mich mit einmal ſo zerſtreut und aufgeregt, daß mein Geiſt die Täuſchung, ich ſei längſt geſtorben, nicht länger mehr feſtzuhalten vermochte und ich mich gegen Mitternacht aus der fernen Zukunft in der Gegenwart wiederfand, die Stadt nicht zwanzigjährig verwandelt, ich ſelbſt noch unter den Lebenden, Alles wie ſonſt und ſogar im Weinkeller am Bartholomäiplatze noch Licht!— Da beſchloß ich hinunter zu gehen, um auf meine fröh⸗ liche Auferſtehung von den Todten noch ein Glas zu leeren; am hinterſten Tiſche fand ich einen fremden Herrn, der in tiefes Sinnen verloren noch ganz allein daſaß und, wie mir ſchien, nicht eben in der beſten Stimmung ſeinen Wein trank. Ich knüpfte ein Geſpräch mit ihm an und lernte in ihm einen ebenſo intelligenten wie angenehmen jungen Mann kennen, der mir in allen Stücken ſehr wohl gefiel; nun, ich denke, ſeinen Namen brauch' ich Euch nicht zu ſagen. Nach dieſer in ernſthaft feierlichem Tone vorgetra⸗ genen Geſchichte jenes Abends ging Herr Felix weg und die Mädchen, welche eine ganz andere Stimmung am heutigen Morgen bei ihm befürchtet hatten, waren nicht wenig froh, ihn im Gegentheil ſo wohl aufgelegt zu ſehen. Ach, wenn er doch nur in dem einen Punkte Recht hätte, daß wir noch einmal aus dieſer Stadt hinaus⸗ kommen! ſeufzte Lucinde.— Ihr werdet's erleben, Kinder, was nun aus uns wird! Karl und ſeine Frau ſetzen keinen Fuß mehr über unſre Schwelle, und was Die thun, wird für die übrigen Verwandten durch die Bank maßgebend ſein. Seither waren wir doch wenigſtens noch dann und wann einmal ſo glücklich, unſer Kloſter⸗ hofelend auf einige Stunden vergeſſen und, wie Eliſa⸗ beth einmal ſo treffend bemerkt hat, ohne Rente neben großen Kapitalien herlaufen zu dürfen. Aber das Alles wird jetzt anders werden und der Krieg der armen Leute mit den reichen eine für uns ſehr bedenkliche Wendung nehmen. Nur die drei Narren möcht' ich ſehen, die uns zwi⸗ ſchen heute und zwanzig Jahren glücklich machen werden, ſagte Helene.— Der Vater hat wenigſtens darin gut vor⸗ geſorgt, daß er keinem hieſigen Herrn dieſe Humanität zutraut. Ich ſchlage Euch ganz ernſtlich vor, laßt uns dem neuen Chriſtenthum huldigen, laßt uns für das„Rauhe Haus“ in Hamburg wollene Strümpfe ſtricken und vom Candidat Wulf jeden Sonntag eine Predigt ohne Zahn⸗ D. Müller, der Kloſterhof. II. 12 * bürſte anhören, ſo wird uns in Bälde geholfen ſein. Denn„Sorge machet alt vor der Zeit,“ ſagt ſchon Je⸗ ſus Sirach, und bis unſre drei Glücklichmacher ſich ein⸗ ſtellen, können wir leicht zu alten Jungfern eingeroſtet ſein. Das iſt wieder Euer ſauerer Gurken⸗Humor, den ich nun einmal in den Tod nicht leiden mag, ſagte Eliſabeth in vorwurfsvollem Tone.— Ihr könnt doch gar Nichts mehr mit Unbefangenheit und ohne dieſe bitteren Anſpielungen auf unſere Lage vorbringen! Wahrhaftig, wenn ich an unſer Altjungfernthum glauben möchte, ſo wär' es um dieſer Eurer ſchlimmen Gewohnheit willen! Warum denkt Ihr nicht ſtatt deſſen lieber an die ſchönen Worte in Kalidaſa's„Wolkenbote“: Wer war vollkommen glücklich je, Wer ging ſtets auf des Unglücks Pfade, Es ſteigt hinauf und ſinkt hinab Des Glückes Lauf gleich einem Rade. Du haſt gut reden! entgegnete Lucinde zwiſchen Spott und Aerger. Du haſt doch wenigſtens einmal mit dem Doctor geſtern getanzt. Nein, das weiß ich beſſer! rief Helene lachend. Sie unterhielten ſich in der Blumenſprache miteinander und ſind nur zweimal pro forma durch den Saal gewalzt. Aller Augen waren aber auch dafür auf Euch gerichtet und ich hörte gar wohl, was man ſich rechts und links in's Ohr ziſchelte. Aber ſchön war der Doctor, das muß 3 man ihm trotz des Ballfracks laſſen. Er ſah aus wie ein Prinz von Geblüte und ſeine feinen Pariſer Schuhe erregten ſelbſt den Neid unſerer Dandys. Unſere Schwägerin war auch ganz ſtolz auf dieſe Acquiſition, bemerkte Lucinde. Und wie cordial und artig benahm ſich nicht ihr Mann gegen ihn! fügte Helene hinzu. Offen geſagt, es hat mir ungemein von ihnen gefallen, daß ſie unſern Freund ſo auffallend bevorzugten. Luddy iſt wirklich eine charmante Frau, wenn ſie will. Wir haben in der letzten Zeit wahrlich keine Urſache gehabt, uns über Mangel an Liebe von ihrer Seite zu beklagen, ſagte Lucinde. Aber der Vater hat Alles ver⸗ dorben! Auf, auf, an's Tagewerk, Kinder! rief Eliſabeth. Wir plaudern ſonſt dem lieben Gott den halben Vor⸗ mittag hinweg. Du, Helene, beſorgſt die Küche, Lueinde ſieht oben in der Kammer die Wäſche durch, ich will drüben im Lagerhauſe die Aepfel ausleſen, damit ſie endlich in den Keller kommen und nicht beim erſten Nachtfroſt verderben. „ Eilftes Kapitel. An dem nämlichen Morgen hatte Ludwig Moſer gleichfalls eine längere lebhafte Unterhaltung über die Vorgänge und Eindrücke auf dem geſtrigen Balle; und wenn er darüber beinahe das Frühſtück vergaß, ſo war zunächſt derjenige daran Schuld, deſſen Wißbegierde er bei dieſer Gelegenheit zu befriedigen hatte, nämlich der⸗ ſelbe treue und theilnahmvolle Freund in der fernen Heimath, deſſen Bild immer dann lebendig vor ſeine Seele trat, wenn er ſich in einer wichtigen Lebensfrage von ſeinen Gefühlen und Entſchließungen Rechenſchaft geben und das Für und Wider ſeiner Anſichten gegen einander abwägen wollte. Was, ſo fragte er ſich, würde Theobald dazu ſagen, wenn er jetzt hier in dieſer Stube auf⸗ und abginge, im damaſtenen Schlafrock, die lange Pfeife im Munde, ganz Autorität vom Scheitel bis zur Sohle?— War's doch ſein beſtändiger Refrain, ich müſſe heirathen und dann einige Jahre in die fremde Welt hinaus! Nun, in der fremden Welt wär' ich ja ſchon, es handelte ſich alſo blos noch um den andern wichtigen Schritt, der über das Glück und Unglück meines ganzen Lebens entſcheiden ſoll.— Ja, Theobald, ich ſchwöre Dir, noch geſtern war's anders; da hätt' ich vielleicht noch, wenn auch nach unſäglichem Kampfe, den Gedanken an ihren Beſitz aufgeben und mich losreißen können— aber heute, heute iſt das nicht mehr möglich; denn es hieße das ſo viel, als mich an Kopf und Herz für bankerott er⸗ klären und meines Geiſtes beſten Glauben für immer aufgeben.— O, wenn Du ſie geſehen hätteſt, wie ſie am geſtrigen Abend in Mitten der ſtolzen glänzenden Welt voll falſcher Götzen dem armen alten Vater an den Hals flog, wie ſie ſtrahlenden Blickes, ein triumphiren⸗ der Engel der Liebe, die ſchadenfrohen und ſtaunenden Geſichter anſah, daß ſelbſt die frivole Geſinnung und das trotz ſeines Reichthums bettelarme Gemüth von die⸗ ſem rührenden Anblick unwillkührlich ergriffen wurden — Du würdeſt gewiß nicht ſo zweifelhaft den Kopf ſchütteln! Nein, thu' mir den Gefallen, Theobald, und blaſe nicht mit dieſer Emphaſe die Tabakswolken in die Luft!— Ich weiß, Du haſſeſt jedes Uebermaß von Em⸗ pfindung, aber ich wiederhole Dir noch einmal: Sieh' — 182 dieſes Mädchen, lern' es kennen in ſeiner ſtillen Größe, in ſeiner ſanften Innigkeit, und Du wirſt ausrufen: Junge, lieber Junge, die und keine Andere darf Deine Frau werden, habe nur den Muth, ſie zu gewinnen und ihres Beſitzes würdig zu ſein, und Du wirſt es auch; es iſt ja das nämliche liebe Weſen, das deine ſelige Mutter mir immer als die rechte Frau für Dich ſchil⸗ derte: Stark und weich, voll idealer Seele, und doch einfach und ſicher in allen Dingen des praktiſchen Le⸗ bens; kurz, eine Frau mit dem Kopf eines Mannes und dem Herzen eines Engels! Ob ſie ſchön ſei, fragſt Du? fuhr er nach einer Pauſe trunkenen Hinträumens fort.— Ach, geh' mir doch, Du nüchterner Aktenmenſch, daran hab' ich ja ſelber noch nicht einmal gedacht, das iſt ja auch in der Hauptſache ganz Nebenſache, nur das weiß ich, daß ſo ſein wie ſie, mir das Schönſte bedeutet, was es in dieſer Welt gibt und daß jede andere ſogenannte vollkommene Schönheit von ihr lernen könnte, was holde Natur und edle Weib⸗ lichkeit iſt. So ſchwärmte und fantaſirte Ludwig; und wer ihn belauſcht hätte, wie er mit dem unſichtbaren Freund und Vertrauten ſeiner Jugend redete, indem er genau in deſ⸗ ſen ihm bekannte Lebensanſchauungen und Grundſätze einging, würde einen dramatiſchen Dichter vor ſich zu ſehen geglaubt haben, der gerade mit einem lebhaft ge⸗ 183 führten Dialog zweier Freunde in ſeiner neueſten Co⸗ mödie beſchäftigt ſei. Erſt als Blaſius kam und ihm Zeitungen und Bücher auf den Tiſch legte, endete die Unterhaltung, eben da er dem Oberamtmann ſeinen fe⸗ ſten Entſchluß erklären wollte, noch heute Eliſabeth ſeine Liebe zu bekennen, mündlich oder ſchriftlich, wie es der Freund am rathſamſten fände. Unwillkührlich kam ihm da plötzlich die Idee, ſtatt des abweſenden Freundes, der doch im Grunde nur das Echo ſeiner eignen Wünſche war, über dieſen letzten wichtigen Punkt die Meinung ſeines treuen Dieners zu vernehmen und dieſem den Schickſalsſpruch anheim zu geben. Mit verſchränkten Armen ſtellte er ſich daher vor ihn hin, firirte ihn zuerſt eine Weile und fragte dann plötzlich ohne jede weitere Einleitung: Hör', Blaſius, was meinſt Du: Soll ich oder ſoll ich nicht?— Da ſah ihn der drollige Burſche erſt eine Weile, ohne im Mindeſten von dieſer ſonderbaren Frage überraſcht zu werden, ſchweigend an, erhob dann bedäch⸗ tig den kurzen ſtumpfen Zeigefinger mit dem zerſprun⸗ genen Nagel wie einen Wegzeiger zur alleinigen Wahr⸗ heit, und antwortete dann mit der ganzen überlegenen Ruhe ſeines Weſens; Nicht— ja nicht, Herr Doctor, wenn Sie mir fol⸗ gen wollen! Denn im Zweifelsfall, wo der Menſch mit ſich uneins iſt, was er thun ſoll, kann man gut und 18— gern einen blinden Trompeterſchimmel gegen eine alte Judenkuh verwetten, daß er im Begriff ſteht, mit beſtem Wiſſen und Gewiſſen eine große Dummheit zu begehen. Darum ſag' ich noch einmal: Halt' la! keinen Schritt vorwärts, oder wir kommen in einen grundloſen Schla⸗ maſſel hinein! Schon recht! verſetzte Ludwig, äußerſt beluſtigt von dieſer trocknen Weisheitslehre ſeines Mentors.— Aber wenn ich Dir nun ſage, daß der Fall, der mich in dieſe Ungewißheit verſetzt, ganz unvermeidlich iſt, daß es ſich nur darum handelt, ihm die rechte Fagon zu geben, mit anderen Worten, daß entweder ſo oder ſo— Du ver⸗ ſtehſt mich doch?— manövrirt werden muß, alſo zum Beiſpiel, ſchriftlich oder mündlich, was wäre da Deine unmaßgebliche Meinung? Dann wär' ich allerdings für Oeffentlichkeit und Mündlichkeit, ſagte Blaſius kleinlaut und ließ den Kopf bödeutend tiefer hängen.— Schriftlich? bei Leibe, Herr Doctor; denn gar Mancher iſt ſchon durch ein kleines Zettelchen viel dümmer geworden, als durch ganze Fo⸗ lianten voll Weisheit und Gelehrſamkeit klüger, und wer ſich dem Teufel oder einem Frauenzimmer verſchreibt, der kann gewiß ſein, daß ſie ihn zur beſtimmten Friſt holen werden, der Eine in die Hölle, die Andere in die Ehe, wobei aber erſt noch die Frage entſteht, was von — 185— beiden ſchlimmer wäre. Ich für meinen Theil wenig⸗ ſtens drehe bei der Wahl die Hand nicht um. Ich weiß, Du biſt immer ein Weiberhaſſer geweſen! ſagte Ludwig lachend und hatte Mühe, bei dieſer un⸗ erwarteten Wendung des Geſprächs, die einer deutlichen Anſpielung nur zu ähnlich ſah, unbefangen zu bleiben. Wie kann ich haſſen, was für mich gar nicht mal exiſtirt! entgegnete Blaſius und ſchlug verächtlich ein Schnippchen.— Fällt mir im Traume nicht ein, mein Bischen Gift und Galle an die Weibsleut zu ver⸗ ſchwenden. Wozu auch? Sie laſſen mich in Frieden und ich ſie! Haſt Du denn noch nie in Deinem Leben eine zärt⸗ liche Neigung verſpürt? fragte Ludwig. Alle Ritt' lang, Herr Doctor, verſetzte der Schalk mit ſpöttiſcher Laune. Oftmals lief mir ſchon das Waſ⸗ ſer im Munde zuſammen bei dieſer und jener Dulcinea; und war's nicht eine friſche Blutwurſt mit Sauerkraut, ſo war's gewißlich eine gebratene Gans mit Leberfüllſel, zu allermeiſt aber doch und am nachhaltigſten die Wein⸗ flaſche, wo ich auch immer mehr auf inneren Werth, als auf äußere Vorzüge und Etiquette gehalten habe. Du biſt alſo wirklich entſchloſſen, unbeweibt zu ſter⸗ ben? inquirirte Moſer weiter. Wenn ich nicht unbeweibt leben ſoll, allerdings! ſagte Blaſius mit großer Beſtimmtheit. Ja, ich verachte . jeden Mann, der in dieſem Punkte nicht denkt wie ich und Sokrates; denn welcher rechte Geſell mit fünf ge⸗ ſunden Sinnen wird ſich freiwillig unter's Pantoffel⸗ regiment begeben und ſein flottes Lebensſchifflein an ſo einen crinolinenen Luftballon hängen? Iſt die Ehe nicht geradezu allem Chriſtenthum zuwider, da doch der liebe Gott ſelber, dieſes Muſter aller Vollkommenheit, bis in ſein hohes Alter ledig geblieben iſt?— Und ſind nicht alle großen Männer der Weltgeſchichte Hageſtolze geweſen oder haben höchſtens aus politiſchen Gründen geheirathet? War Hannibal, war Friedrich der Große, war der tapfere Landsknecht⸗General Georg von Frondsberg ein Pan⸗ toffelheld? War's Napoleon, war's Prinz Eugen der große Ritter? Und denkt etwa Herr Conſtantin Volk⸗ hauſen an's Heirathen, ja können Sie ſich ihn über⸗ haupt als Ehekrüppel vorſtellen? Gewiß und wahrhaftig ebenſo wenig, als ich mir Sie denken kann, wie Sie als galanter Ehemann Ihrer Frau Liebſten den Garn⸗ ſtrang beim Abwickeln halten, oder als zärtlicher Vater an der Wiege ſitzen und ſingen: Eyo Popeyo, ſchlag's Gickelchen todt, Legt keine Eier und frißt mir mein Brod. Hiermit glaubte der gute Blaſius dem Doctor ſeine Meinung über das Heirathen aufrichtig genug kund gegeben zu haben, und ging weg, damit Jener dem Geſagten un⸗ geſtört weiter nachdenken möge; denn er war überzeugt, 187 daß er mit ſeiner Rede einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht habe, weil Jener kein Wort mehr entgegnet, ſondern immer nachdenklicher vor ſich hingeblickt hatte. Das heißt man Einem sub rosa den Text leſen, dachte Blaſius, während er oben in ſeiner Stube den Staub des geſtrigen Balles von den feinen Pariſer Glanzſchuhen ſeines Herrn mit einem ſeidenen Tuch ab⸗ wiſchte.— Aber wahr iſt es doch, wenn ich ein heiraths⸗ luſtig Mädel wär', in die charmanten Füßchen thät' ich mich auch verlieben. Doch nur gemach, Mademoiſelle; noch haben Sie den raren Vogel nicht im Garne und da ich nun weiß, wohin täglich ſein Strich geht, will ich ſchon Obacht auf ihn geben. Mögen mir auch ſchöne Nonnen ſein, die drei Jüngferleins da draußen im Klo⸗ ſterhof!— Aber wenn ſie das Locken und Girren nach meinem armen Doctor nicht bald ſein laſſen, ſo werde ich ihnen ein Incognito von ihm rapportiren, daß ihnen künftig von ſelber die Luſt vergehen ſoll, ihre zarten Herzchen an einen ſolchen Zeiſig zu hängen. Man kann ja einem Menſchen unter Umſtänden ſo viel Gutes und Schönes nachrühmen, daß zuletzt kein gutes Haar mehr an ihm bleibt. Zwölftes Kapitel. Ludwig war jedoch trotz aller ſchlagender Beweis⸗ gründe ſeines Dieners gegen die Ehe, nichts weniger als ſchwankend in ſeinem Entſchluſſe geworden, und am liebſten wäre er ſogleich nach dem Kloſterhof geeilt; denn er fürchtete mit der rinnenden Stunde ſeinen Muth, ſein Selbſtvertrauen wieder ſchwinden zu ſehen, während er ſich jetzt vollkommen in der Verfaſſung fühlte, in glühenden und beredten Worten Eliſabeth Al⸗ les zu ſagen, wovon ſein Herz bis zum Springen voll war— Alles, was er ihr ſagen mußte, damit ſie ihn recht verſtehe, damit auch nicht der Schatten eines Schat⸗ tens jemals zwiſchen ihr und ihm walte. Aber wie ſollte er es anfangen, ohne irgend eine äußere Veran⸗ laſſung am Vormittag zu ihr zu gehen, wo er doch kaum hoffen durfte, ſie allein zu finden, während er am — — * — 189 Abend durch Conſtantin's und des Alten Anweſenheit erſt recht behindert war? Da war's ein guter Gedanke, der ihm raſch über alle Zweifel und Bedenken hinaushalf, indem er ſich ſagte: Was liegt an all' den Nebendingen, wenn du nur ſie gewinnſt!— Haſt du den Muth zur That, ſo hab' auch den Muth zum Wollen! Als ob ſie ſich geſtern Abend auch lange bedacht hätte, ihrem Vater entgegen⸗ zueilen und ſich mit ihrer Jugend und Schönheit zwi⸗ ſchen den alten Mann im armſeligen Kleide und die ſchadenfrohe, boshafte Welt des Reichthums zu ſtellen und jeden kränkenden Blick von ſeiner ehrwürdigen Er⸗ ſcheinung abzuhalten! Und jetzt ſuche ich wie ein rechter kleinſtädtiſcher Anſtandskrämer nach einem höflichen Ent⸗ ſchuldigungsgrund für mein Erſcheinen in ihrem Hauſe! — Da war mein Vater doch ein anderer Freier! Der ritt geſtiefelt und geſpornt am hellen Mittag vor ſeines Lieb⸗ chens Haus, klopfte mit der Reitgerte an ihr Fenſterlein und erklärte ihr hoch zu Roß ſeine treue, herzinnige Liebe. Alſo Muth, Muth, du ewig Zaudernder, ſo oft es dein Heil gilt; jetzt heißt's: Wagen und Gewinnen und dem Himmel vertrauen— zum Zittern und Zagen iſt's noch immer Zeit! Mit dieſem muthigen Vorſatz verband unſer Freund eine für die Umſtände ſehr flüchtige Toilette; kaum nahm er ſich Zeit, ſeine Halsbinde in einen nachläſſigen 4 190— Knoten zu ſchlingen und erſt auf der Straße machte er die Entdeckung, daß er ſeine Weſte ſchief zugeknöpft und in der Eile zwei Links⸗Handſchuhe mitgenommen hatte. Wie er durch die volksbelebten Gaſſen dahineilte, hatte er ein Gefühl, als laufe er über ein Pflaſter von elaſtiſcher Guttapercha, zugleich ſtürmten tauſend verworrene Ein⸗ drücke der Außenwelt auf ihn ein, die er ſeither nicht empfunden hatte, und doch konnte er keinen der vielen Gegenſtände feſthalten, bei keiner Erſcheinung verweilen, Alles tanzte bunt und kaleidoſkopenartig vor ſeinen Blicken durcheinander, nur die hundert großen und klei⸗ nen Meſſer in dem Erker eines Meſſerſchmieds verur⸗ ſachten ihm momentan das Gefühl, als kehrten ſie alle ihre Spitzen gegen ſeine Bruſt; zuletzt erzengte das auf⸗ geregte Blut vor ſeinen brennenden Augen jene dunklen Funkenkreiſe, die beim Kranken für ein Symptom des in der Zunahme begriffenen Fiebers gelten, beim Ge⸗ ſunden wohl nichts Anderes; und erſt, als er dem Klo⸗ ſterhöfe näher und näher kam, ward er ſich allmälig des Aufruhrs ſeiner Lebensgeiſter bewußt, fühlte, wie ſeine Pulſe ſtürmiſch flogen, ſein Herz in der ſchwer beklommenen Bruſt zitterte.— Hatte er ſich zu Viel zu⸗ getraut? Hatte er die Kraft ſeines Muthes, die Aus⸗ dauer ſeiner Zuverſicht überſchätzt? Unmöglich konnte er doch in dieſer Verfaſſung vor Eliſabeth erſcheinen; ſie mußte ja Alles eher glauben, als daß er gekommen ſei, — ihr eine Liebeserklärung zu machen,— wie in aller Welt konnte man überhaupt einem Mädchen von dieſen ſel⸗ tenen Vorzügen des Geiſtes und Herzens in nüchternen, armſeligen Worten ſagen, man liebe ſie, man ſei ge⸗ kommen, um ihre Hand zu bitten, der Weg durch's Le⸗ ben ſei zwar lang und dornenvoll, aber man traue ſich doch ſo viel inneren Werth und äußere Liebenswürdig⸗ keit zu, um ſich ihr dreiſt zum Begleiter anzubieten! Schon ſtockte bei dieſen kleinmüthigen Betrachtungen nicht blos ſein Blut in den Adern, ſondern auch ſein Fuß zögerte, und furchtſam ſah er vorwärts; denn noch am nächſten Hauſe vorüber, und die Kaſtanienbäume ihres Gartens wurden ſichtbar, gleich nachher das Hans, worin ſie wohnte— o Himmel, wenn ſie jetzt gar zu⸗ fällig am Fenſter ſaß, ihn erblickte, ihm ſchon von Wei⸗ tem anſah, was ihn hierherführe— war ihm da nicht das Wort vom Munde wie weggeſchnitten, konnte er ihr da noch Etwas ſagen, was ſie nicht ſchon wußte, konnte er Gedanken präciſiren, Redeſätze zuſammenfügem, hei⸗ lige Schwüre, feurige Liebesbetheuerungen thun— wenn Alles, Alles, und noch viel Mehr dazu, ihm deutlich im Geſichte geſchrieben ſtand? O hätt' ich doch dieſen Dummkopf von Blaſius zur Thüre hinausgewotfen, anſtatt mich in meiner Feigheit und Unentſchloſſenheit an ſeinen Ausſpruch wie an ein geheiligtes Drakel zu binden! dachte er in ſeiner Muth⸗ — 192— loſigkeit.— Wozu dieſer martervolle Gang, dieſe perſön⸗ liche Todesangſt? Schreiben kann man ja Alles, leſen auch, und einen ſchriftlichen Heirathsantrag ſchriftlich mit Ja oder Nein beantworten, gleichfalls— aber da ſein, da ſtehen wie ein bebendes Rohr im Sturme— Aug' in Auge ihr gegenüber, nein, das iſt unmöglich,— der Menſch kann Nichts über ſein dummes Blut hinaus, Blödigkeit wird Einem angeboren, Niemand hat ſich ſeine Nerven ſelber geſchaffen— und wenn die Zunge Einem den Dienſt verſagt, ſo möcht' ich doch den ſehen, der noch ein Wort hervorbrächte!— O pfni, denk an deinen Vater—„hoch zu Roß!“ war immer ſein Wahl⸗ ſpruch. Aber du, armer Junge, du kannſt Nichts— biſt Nichts— du blamirſt dich— ſchleich' dich darum ganz ſachte nach Hauſe zurück— thu' als wär' Nichts vorgefallen— iß' ein Butterbrod, erhole dich nur erſt — ſpäter, ſpäter biſt du vielleicht klüger, ruhiger, mehr Herr deines Leichnams— wehe, da ſind ſchon die Bäute und eben ſpringt, o böſes Omen, eine ſchwarze Katze über'n Zaun und läuft mir grade über den Weg! Beinahe wäre dieſes ſchlimme Vorzeichen, wenn auch kein triftiger, doch ein erwünſchter Vorwand für ihn geweſen, umzukehren, hätte ihn nicht plötzlich jenes Ge⸗ fühl übermannt, das uns wie die blinde Nothwendig⸗ keit ſelber ergreift, wenn wir vor einem entſcheidenden Moment unſeres Lebens zaghaft zurücktreten wollen und — — 193— an der Stelle raſchen Handelns eine ängſtliche Reflexion unſern Muth lähmt. Aber als hätte ein guter Gott dafür geſorgt, daß wir in ſolchen muthloſen Augenblicken glücklich über Alles, ſelbſt über die Schwäche unſerer eignen Willenskraft hinauskommen, drängt uns plötzlich die innere Angſt, ſtatt zurück, vorwärts, und das Ge⸗ ſchick, das wir ſo lange und ſo laut beſchworen, zieht uns magiſch in ſeinen Kreis hinein. So erging es auch Ludwig; er läutete ſo heftig an dem Schellenzug, als wolle er das ganze Haus aus dem Todesſchlaf erwecken und wenige Sekunden nachher öff⸗ nete die Köchin verwundert über den ungeduldigen Be⸗ ſuch von Innen die Hausthüre. Er fragte ſie mit ſtotternder Stimme nach Fräulein Eliſabeth.— Sie iſt hinten im Lagerhaus und ſortirt Obſt, ich will ſie aber ſogleich rufen, lautete die Ant⸗ wort. Nein, ich gehe ſelber hin, ſagte Ludwig. Hätte gerne ſchon lang einmal das Lagerhaus in Augenſchein genommen. So will ich dem Herrn Doctor den Weg zeigen, erwiederte Jene und führte ihn durch Hausflur und Küche nach der Hinterthüre, durch welche ſie in den kleinen Hof gelangten. Wohl zwanzig Katzen von allen Farben und Lebensaltern ſprangen ihnen hier entgegen. Fort, ihr Schmarotzer, eure Suppe iſt noch lange D. Müller, der Kloſterhof. II. 13 — 194— nicht gekocht! rief die Köchin in gutmüthigem Eifer und ſcheuchte die zudringlichen Geſchöpfe mit einem alten Beſenſtiel fort. Dann deutete ſie auf eine kleine Seiten⸗ pforte in der alten Kloſtermauer und ſagte: Wollen der Herr Doctor nur gefälligſt da eintreten und durch den Gang linker Hand gehen bis zum letzten Fenſter; dann ſehen Sie rechts die große Halle, wo Sie das Fräulein ganz allein finden werden. Hatte er ſich nun geirrt oder legte ſie wirklich einen Nachdruck auf die Worte ganz a llein, genug ſie klan⸗ gen ihm wie Muſik in die Ohren und auf Einmal war alle ſeine vorige Angſt und Unentſchloſſenheit verſchwun⸗ den. Feſten Schrittes ging er der bezeichneten Pforte zu und ſchob, ohne recht zu wiſſen was er that, hinter ſich den inneren Riegel vor. Er kam dann in einen ſchmalen hellen Gang mit dicken Quadermauern; hier und da trug noch eine mächtige ſteinerne Säule die ge⸗ wölbte Decke; auch an einzelnen Reſten von Stuccatur fehlte es nicht und verwittert ſchatten die Köpfe bär⸗ tiger Propheten auf ihn nieder. Ueber ausgetretene Grabſteine mit verlöſchten Schriftzügen ſchritt er leiſe vorwärts; es war ſo ſtille, ſo kloſterheimlich einſam ringsum, daß nur die über den Boden zerſtreuten Frucht⸗ körner und hier und da ein Syrup⸗ oder Mehlfaß, oder ein Haufe von aufgeſchüttetem Roggen ihn an die mer⸗ cantile Beſtimmung dieſer Räume erinnerten. Aber wie groß war ſein freudiger Schrecken, als ſich jetzt am letzten Fenſter, wie ihm die Köchin geſagt hatte, zur Rechten eine weite Halle aufthat, von der hellſten Sonne beſchienen, und er Eliſabeth's anſichtig wurde, die in Mitten eines reichen Ernteſegens der herrlichſten Aepfel auf dem mit Stroh bedeckten Boden kniete und die ein⸗ zelnen Sorten in verſchiedene Körbe vertheilte. Ab und zu richtete ſich die ſchlanke Geſtalt auf den Knieen em⸗ por und warf mit der Geübtheit eines altrömiſchen Dis⸗ cuswerfers die faulgewordenen Aepfel nach einer gegen⸗ über an der Mauer befindlichen greulich angemalten Märtyrerfigur von Stein, wobei ſie faſt immer ſo ſicher zielte, daß der Kopf des armen Heiligen kaum mehr zu erkennen war, ſo arg hatte ihn der Uebermuth ſeiner holden Gegnerin bereits zugerichtet; auf ſeiner Naſe hing eine halbfaule Goldreinette, ſein linkes Auge war von einem Borſtorfer jämmerlich getroffen und an ſeinem ehrwürdigen Silberbart träufelte ungegorner Cider⸗ ſtoff reichlich hernieder. Ganz neu war Ludwig dieſer Muthwille an ihr, ſie, die ſonſt ſelbſt im heiteren Verkehr und in der Freude noch einen ruhigen Ernſt zeigte, was beſonders bei der ausgelaſſenen Stimmung der beiden jüngeren Schweſtern noch mehr hervortrat. Aber jetzt, wo ſie ſich unbeobach⸗ tet glaubte, trieb ſie auf Koſten eines armen Kloſter⸗ heiligen ihren Muthwillen ſo weit, daß ſie, ſo oft ihm 13* ein neuer fauler Apfel an den Kopf flog, nicht blos hell auflachte, ſondern auch mit lauter Stimme den Namen irgend einer bekannten Perſönlichkeit nannte, als hätte ſie den faulen Apfel dieſer und nicht dem armen Schutz⸗ patron von Stein zugedacht. Vor Allem waren es bei dieſer eigenthümlichen Execution die alten reichen Muhmen und Tanten, ſowie die hartherzigen Oheime und andere Angehörigen ihrer Sippſchaft, welche am ſchlimmſten wegkamen, während der alte Frater ſanctus recht wie ein frommer Dulder und Kreuzträger für die Sünden Aller zur Zielſcheibe dienen ünd nach der Reihe bald für einer frommen Tante giftige Zunge, bald für eines alten Herrn Vetters ſtadtkundigen Geiz, bald für einer jüngeren Couſine hochnaſiges Weſen auf's Furcht⸗ barſte büßen mußte. Da ſah ſie plötzlich, eben als ſie mit dem Ausleſen von goldgelben Gravenſteinern beſchäftigt war, wie der Schatten einer menſchlichen Geſtalt ſeitwärts über den Boden hinglitt, und haſtig aufblickend erkannte ſie den Doctor, deſſen Erſcheinung an dieſem Orte ſie auf's Höchſte überraſchen mußte; denn ſie ward über und über roth und beinahe hätte man aus ihrem freudigen Er⸗ ſchrecken ſchließen mögen, daß ſie eben jetzt, wenn auch nicht direkt an ihn ſelber, doch an— Etwas, das mit ihm in Verbindung ſtand, gedacht hatte. Raſch erhob ſie ſich und noch ſtand ihr die holdeſte Verwirrung in — 197— allen Zügen geſchrieben, als ſie ſchon mit freundlichem Gruß auf ihn zukam und lachend ausrief: Mein Gott! Wie kommen Sie in den alten Bau? Sind Sie Herr Doctor Moſer, oder ſind Sie irgend ein altes Mönchsgeſpenſt, das Ihre Geſtalt angenommen hat, um mich am hellen Tage zu erſchrecken? Wenigſtens ſchleichen Sie ſo geiſterhaft geräuſchlos einher, als gin⸗ gen Sie auf Mönchsſandalen! Ludwig ſtotterte einige Worte der Entſchuldigung, war aber durch ihren Scherz ſo verwirrt geworden, daß er keinen zuſammenhängenden Satz hervorbringen konnte und ſie ihm ſogleich die tiefe Bewegung anſah, von der ſein ganzes Weſen ergriffen war. Ihr erſter Gedanke war der Vorfall mit dem Vater auf dem geſtrigen Balle, ihr zweiter, daß Ludwig gekommen ſei, um ihr eine da⸗ mit in Zuſammenhang ſtehende Nachricht zu überbrin⸗ gen. Sie ſagte daher mit ſchmerzlicher Betonung: Ich errathe, was Sie hierherführt, mein Freund. Sie wollen mit mir über das reden, wovon Sie geſtern Abend im Hauſe meines Bruders Zeuge waren. Nicht wahr, ich hatte doch ein ahnendes Herz, als ich ſo ſehr gegen jenen Ball war? Aber warum folgte man mir auch nicht? O nein, nein, den Abend gäbe ich nicht um mein Leben hin! rief Ludwig in ſchwärmeriſchem Gefühle. Denn Alles, was ich bis jetzt von dem Zauber der ed⸗ len Weiblichkeit kennen lernte, ward übertroffen von dem Bilde, das ſich mir darſtellte, als Sie Ihrem Vater entgegeneilten und ihn durch Ihren ſanften Einfluß, wie 3 ich beſtimmt glaube, von weiteren verhängnißvollen Schrit⸗ 1 ten abhielten. Das iſt's, ja, Sie haben es errathen, das gllein iſt's, was mich zu Ihnen führt; ohne dieſes Ereigniß würde ich wohl noch lange nicht den Muth 3 gefunden haben, mein ſchönſtes Glück von Ihnen zu er⸗ 3 flehen und Sie zu bitten, mir für alle Zeit das Ihrige 13 anzuvertrauen. Nein, entziehen Sie mir nicht Ihre Hand, Eliſabeth! rief er, ihre Hand glühend an ſein Herz drückend; in ihr ruht das Schickſal meines Lebens; aber ehe Sie es entſcheiden, beſchwöre ich Sie, mir niemals zu zürnen, daß ich mein Auge bis zu Ih⸗ nen zu erheben wagte! Wie, Herr Moſer, hab' ich Sie recht verſtanden? 3 ſtotterte Eliſabeth, und es war ſchwer zu ſagen, ob ihre Miene mehr Staunen oder mehr Schrecken, wenn nicht beides zugleich, bei dieſem unerwarteten Geſtändniß aus⸗ drückte, deſſen Sprache ſo leidenſchaftlich und doch ſo rührend klang, daß ſich ſchnell ihre Augen mit Thränen füllten.— Was ſagen Sie, mein Freund, fuhr ſie zitternd fort. O gewiß, Sie ſind in einer ſo großen Aufregung, wie ich es ſelber durch Ihre Rede geworden bin; darum bitte ich Sie, ſprechen Sie nicht in dieſer ſtürmiſchen —— — 199— Leidenſchaft weiter, ich wäre ſonſt ganz außer Stande, Sie ruhig anzuhören. Schon der ſanfte Ton ihrer Stimme, dazu die Be⸗ wegung in ihrem ſonſt ſo ſicheren ruhevollen Weſen machten auf Ludwig einen tiefen Eindruck; als er aber gar die Thränen ſah, welche ihr Angſt und Beſtürzung auspreßten, ergriff ihn eine ſo tiefe Reue und Beſchä⸗ mung über ſein, wie er wähnte, unzartes Benehmen, daß er auf dem Punkte ſtand, auf und davon zu eilen und ihr nimmer wieder unter die Augen zu kommen. Doch ſchnell hatte ſie ihre Faſſung wieder gewon⸗ nen, und wie ſie jetzt raſch ihre Thränen trocknete, lächelte auch ſchon ihr Antlitz wieder in ſeiner früheren Heiterkeit und ſeine Hand ergreifend, ſagte ſie mit der ihr eignen anmuthvollen Offenheit: Jedenfalls hätte Ihnen Ihr Blaſius ſeinen Lieb⸗ lingsſpruch mit auf den Weg geben ſollen:„Wozu die Gewalt!“— Ja, wozu die Gewalt, mein Freund, wo doch gar kein Grund vorhanden iſt, uns zu alteriren! Nun, was haben Sie mir denn eigentlich mit Vernunft und Ruhe zu entdecken?— Sie wagen Ihr Auge bis zu mir zu erheben, ſagten Sie nicht ſo? Und wagte ſogar, Ihnen dies zu ſagen, entgegnete Ludwig verwirrt; denn dieſe Ruhe und Sicherheit ihres Weſens war doch gewiß nur der Abſicht zuzuſchreiben, die ihr peinliche Scene ſo ſchnell als möglich abzukür⸗ — 200— zen.— Sprechen Sie nun in Gottes Namen mein Ur⸗ theil, fügte er mit erzwungener Feſtigkeit hinzu; und ſchon in der nächſten Stunde reiſe ich ab, verſchone Sie auf immer mit meinem läſtigen Anblick! Sie ſah ihn eine Weile ruhig an, wenigſtens ſchien ſie es zu ſein, dann ſagte ſie: Ah, ich merke, Sie tragen wie jener ſtolze Römer, Krieg und Frieden in den Falten Ihrer Toga! Aber wiſſen Sie auch, mein Freund, ſo muß ich Sie als Tochter meines Vaters fragen, warum Karthago ſich ſo lang und tapfer gegen die römiſche Macht vertheidigt hat? Ich ſehe, Sie wiſſen es nicht, darum will ich es Ihnen ſagen: Weil eine Frau Karthago gegründet hat. Aber nun laſſen Sie uns vernünftig reden; denn noch neulich waren Sie's ſelber, der die treffende Bemerkung machte, der Menſch ſei nur deßhalb ſo häufig unglück⸗ lich, weil er aus angeborener Verhängnißlaune in ent⸗ ſcheidenden Augenblicken grade das Gegentheil von dem thue, was ihm zum Heile gereiche. Dieſe Güte iſt mehr als ich verdiene, ſprach Ludwig mit tiefer Rührung. Ja, Sie thun Recht daran, Eliſa⸗ beth, einen Menſchen zu ironiſiren, der mit verwirrten Sinnen und verzweifelten Geberden um Ihre Liebe wirbt!— Aber Sie ſollen mich ruhig ſehen, ſo ruhig, wie es nur immer ein Menſch in meiner jetzigen Lage ſein kann. — Liebe? Alſo wirklich— um meine Liebe werben Sie? ſagte Eliſabeth und holte tief Athem, wobei ihr Auge fortwährend mit dem geſenkten ſinnenden Blick, als wolle es in ſeiner tiefſten Seele leſen, auf den jun⸗ gen Mann geheftet blieb.— Das iſt allerdings eine ſehr ernſthafte Sache, fuhr ſie mit zitternder Stimme fort; an dieſen Ausgang des geſtrigen Ballabenteuers hätt' ich wahrlich nicht gedacht; denn ſo oft mich auch ſchon meine böſen Schweſtern mit Ihnen neckten, war's mir doch immer, als könne es gar nicht ſein, als hätten Sie ganz andere Dinge im Kopfe wie meine Wenigkeit. Wie bin ich verwirrt, betäubt, daß die Muthwilligen nun ſchließlich doch Recht behalten ſollen— daß Sie mich lieben; denn ich war immer ſo feſt überzengt, daß nie, nie ein Mann dieſes Wort zu mir ſprechen würde— und nun kommen Sie da auf einmal zu mir, als müſſe es ſo ſein— o gönnen Sie mir einige Augenblicke Zeit, mich zu erholen, ich werde nun wie billig dafür geſtraft, daß ich Ihnen vorhin Ihre große Aufregung zum Vor⸗ wurf machte. Hier verſagte ihr die Stimme, und es war gewiß das Erſtemal in ihrem Leben, daß ein Eindruck ſie der⸗ geſtalt überwältigte, daß es ſich wie ein Flor vor ihre Augen, ihre Sinne legte und ſie eine wankende Bewe⸗ gung machte, wie wenn ſie der Uebermacht dieſes Ein⸗ drucks erliegen ſolle. Im Schwindel ſchloß ſie die Au⸗ gen, ward bleich und bleicher, und ohne den Arm des Freundes wäre ſie gewiß zuſammengeſunken; ſo aber ſtand ſie, das Haupt an ſeine linke Schulter gelehnt, ihres ſtarken muthigen Geiſtes würdig, aufrecht neben ihm— zwei⸗dreimal überflog in raſchen Zuckungen ein heftiges Zittern ihren Körper, noch näher ſchmiegte ſie ſich an den Freund, der ſelber bebend, mit fliegenden Pulſen die ſchöne ſchlanke Geſtalt mit ſeinen Armen umfangen hielt, jetzt richtete ſie langſam das Haupt empor, blickte mit einem unendlich glücklichen Lächeln, die Augen in Thränen ſchwimmend, ſchwärmeriſch zu ihm auf und ſagte mit dem ſüßen Stammellaut der erſten Liebe: Ludwig— wenn Sie mich nur auch ſchelten wollten, wie ich Sie vorhin— denn jetzt bin ich gleich Ihnen der Verhängnißlaune verfallen— weiß mir nicht zu rathen noch zu helfen, ſchnell, ſchnell— geben Sie mei⸗ nem armen verwirrten Kopfe einen vernünftigen Ge⸗ danken— ſagen Sie mir, was aus Allem werden ſoll — aus Ihnen, aus dem Vater, aus den Schweſtern, aus dem ganzen Weſen— wenn ich— wenn ich wirk⸗ lich den Muth hätte, Ihr Glück vor Gott und meinem Herzen auf mich zu nehmen? Ein Neid für die Himmliſchen bis zu unſerem letzten Herzſchlag! jauchzte der Jüngling überſelig; denn nun war ſeines Zweifelns und Zagens für immer ein Ende; — — mit glühender Inbrunſt drückte er das holde Weſen an ſein Herz, Lippe an Lippe tauſchten ſie in bebendem Kuß ihre Seelen und: Du und Du, Mein und Dein — Ewig! Ewig! war dgs Gebet ihres jungen Liebes⸗ bundes!— Aber wie es ein Glück in der Welt gibt, das zu groß ſcheint für ein einzelnes ſchwaches Men⸗ ſchenherz, weßhalb nothwendig Zwei dazu gehören, um es im Wechſel von Zweifel und Glauben, Furcht und Hoffen zu faſſen und zu tragen, ſo war auch keins von ihnen allein im Stande, dies Uebermaß von Seligkeit in ſeine Bruſt zu verſchließen; vielmehr bedurfte Jedes des Andern Beſtätigung, um in dieſem Taumel der Gefühle an den Beſtand und die Wahrheit ihres Glückes zu glauben.— Welch' heißes Forſchen, welch' begieriges Lauſchen, welch' ein redeſeliges Frag⸗ und Antwortſpiel, bald mit ſtammelnden Lippen, bald mit leuchtenden Blicken muß nicht vorangehen, bis zwei glückliche Herzen wiſſen und begrejfen, daß ſie einander für alle Zeit an⸗ gehören, daß es ſo und nicht anders kommen mußte, bis ſie ſich fanden zum einigen Bunde; daß alle guten und alle feindlichen Mächte des Lebens geſchäftig waren, es ſo und nicht anders zu fügen! Seliges Finden im ſchmerzlichſten Meiden, frohes Gewinnen im traurigſten Entſagen— wer anders als ein liebegeweihtes Paar in der erſten Stunde ſeines Glückes vermöchte alle dieſe räthſelhaften Widerſprüche zu löſen, alle dieſe wunder⸗ baren Verkettungen des Schickſals zu einem einzigen herrlichen Einklang zu verbinden. So kam's, wie ich Dir ſchon ſagte, mein Liebſter, flüſterte Eliſabeth glühend.— Sie neckten mich ſo lange mit Dir, bis ich's ſelber zu glauben anfing, daß ich Dich liebte. Und nachher trieb das eigne thörichte Herz ſo viel Neckereien mit ſich ſelber, daß es fremder Stichel⸗ reden gar nicht mehr bedurfte. Das iſt das wahre Glück, das ſich wie ein Dieb in unſer Herz ſchleicht, ſagte Ludwig. Iſt's erſt ein⸗ mal drinnen, ſo wird ſchnell ein Herrſcher daraus, der eigenmächtig von allen unſeren Gefühlen Beſitz nimmt; nur dem falſchen erbaut man Triumphbögen und thut ihm Thüren und Pforten auf! O ich weiß es, daß mich die Schweſtern blos mit Dir neckten, weil Jede Dich gern ſelber gehabt hätte! plauderte Eliſabeth überſelig weiter. Aber das vermu⸗ then ſie doch nicht, ſo wenig als der Vater, als Con⸗ ſtantin. Ach, der Aermſte! Nun weiß ich, was ſchuld war, daß ich in der letzten Zeit immer dieſes tiefe un⸗ erklärliche Mitleid mit ihm fühlte; es war die Vorah⸗ nung, daß eines Tags Jemand kommen werde, dem ich vor ihm und ſeinem treu bewährten Herzen den Vorzug geben müſſe. Und was der Vater ſagen wird,— ja, das iſt ganz und gar unberechenbar—— wie ſo Vieles noch, woran ich jetzt kaum denken mag! Was bekümmert Dich, mein Eins und Alles? fragte Ludwig, dem der ſchmerzlich bewegte Ton und der un⸗ ſichere Blick nicht entging, womit ſie Letzteres ſagte. Ja, Du haſt Recht, das muß gleich zwiſchen uns in's Reine kommen! entgegnete ſie nach einigem Nach⸗ denken lebhaft.— Denn es iſt ja im Grunde die letzte Angelegenheit, die mich noch allein angeht, während Al⸗ les, was nun kommt, uns zuſammen berührt. Und ſo ſag' ich Dir ohne alle Unbeſcheidenheit, daß ich noch ſo recht keine klare Vorſtellung davon habe, was aus dem Kloſterhof werden ſoll, wenn ich Dir angehöre und kei⸗ nem andern Menſchen ſonſt. Die Schweſtern können mit dem Vater ſo wenig. zurechtkommen, wie dieſer mit ihnen; der letzte Halt dieſer ſchwankenden Verhältniſſe, dieſes, ich darf wohl ſagen, auf's Nichts geſtellten Haus⸗ ſtandes geht mit mir verloren; zwar ſoll ſich kein Menſch in ſeinem Wirkungskreis für unerſetzbar halten, aber in— £ 7 dieſem Falle glaube ich doch beinahe an eine Ausnahme von der Regel, ſo gewiß als ein letzter Anker, der ver⸗ loren geht, das Schiff im Sturme allen Winden und Wogen Preis gibt! Und das ſoll nicht ſein, darf nicht ſein— wie könnten wir unſer eignes ſchönes Glück ſicher gründen auf die Noth und Verlaſſenheit der Mei⸗ nigen, wo Alles hinter uns in Ruin und Verwirrung zuſammenſtürzte! Sind die Deinen nicht auch die Meinen? entgegnete Ludwig mit Wärme; und haben wir nicht, Gott ſei Dank, noch einigen Ueberfluß an irdiſchem Gut, der meinem ſüßen Leben geſtattet, nach wie vor den ſchönen Regungen ſeines kindlichen Herzens zu folgen? Wollen ſie uns in die Heimath folgen, ſo käme es erſt noch auf die Probe an, wo ſie ſich mehr behagen würden, ob hier in dieſen vielfach ausgelebten Zuſtänden; ob dort im ſchönen Süddeutſchland mit ſeinen frohſinnigen Men⸗ ſchen, ſeinen einfachen leichten Lebensformen, ſeinen rei⸗ zenden Naturſcenerien. Du redeſt über dieſen Punkt genau ſo, wie ich's vorher wußte, ſagte Eliſabeth und ſah ihn mit thränen⸗ feuchtem innigen Dankesblick an.— Daß Du in dieſer Stunde unſres ſchönſten Glückes den Meinigen dieſe herzliche Liebe und Theilnahme bezeigſt, ſiehſt Du, Lud⸗ wig, das ſoll zwar bei Dir und mir immer als eine ſelbſtverſtändliche Sache gelten, aber den erſten Kuß, den Dir Dein Schatz von freien Stücken gibt, ſoll Dir darum Deine Herzensgüte doch eintragen. So groß auch dieſer Lohn war, ihm, wer hätte das denken ſollen, genügte er doch nicht; denn zum er⸗ ſten Kuß„von freien Stücken“ nahm er ſich eigenmäch⸗ tig noch ſo viele weitere Küſſe, daß Eliſabeth Recht hatte, ihn unter ſeinen feurigen Liebkoſungen neckiſch zu fragen, wann er eigentlich abzureiſen gedenke? edenfalls gleich nach der Hochzeit! rief der Ueber⸗ — müthige ſtrahlend von Glück und Wonne. Und auf der Stelle gehe ich zu Deinem Vater und präſentire mich ihm als„unbequemer Schwiegerſohn!“ Um Gotteswillen! Das laſſe bleiben, Ludwig! ſagte ſie beſtürzt. Denn es iſt nicht dafür zu bürgen, daß er uns in ſeiner erſten blinden Heftigkeit einen Streich ſpielt, auf den Niemand vorbereitet ſein kann. Hier bleibt nichts weiter übrig, als daß ich und kein an⸗ derer Menſch ſonſt die Rolle des Brautwerbers für Dich übernehme; aber dazu müſſen wir die günſtige Gelegen⸗ heit abwarten und ihn vorher möglichſt auf das Unver⸗ meidliche vorzubereiten ſuchen. Sie ſetzte ihm nun die Gründe für dieſe ihre Anſicht ſo überzengend auseinander, daß er nicht anders als ihr beiſtimmen konnte und es zuletzt ſogar reizender fand, ihr Verhältniß noch einige Zeit geheim zu halten, als der Welt das Glück ihrer ii Liebe ſchon jetzt Preis zu geben. Du wirſt die alten gelben langſtieligen Tulpen und ſtolzen Feuerlilien unſerer werthen Verwandtſchaft noch früh genug kennen lernen! ſagte ſie lachend. Dort Der — ſie deutete auf den ſteinernen Kloſterheiligen an der Wand— hat vorhin tüchtig für ſie herhalten müſſen; ich warf ihm Alles, was faul im Staate Dänemark iſt, an den Kopf— ach, wie hätt' ich mir denken ſollen, daß in dieſer Racheſtunde Deine Liebe mich für alle O ausgeſtandene Leiden und Kränkungen der Vergangen⸗ heit ſo überreich entſchädigen würde!— Nun aber geh', mein Liebſter, damit mein langes Verweilen im Lager⸗ haus keinen Verdacht erweckt; ich öffne Dir die Pforte nach der hinteren kleinen Straße, ſo kommſt Du unge⸗ ſehen aus dem Bereich von Vater und Schweſtern. Heute Abend, wenn Du mit Conſtantin zum Thee kommſt, wollen wir ſehen, wer von uns in der Kunſt der Ver⸗ ſtellung das Andere übertrifft. Wenn ſie mir nur nicht auf den erſten Blick Alles anſehen: Vom unſchuldigen Aepfelleſen allein kann man doch unmöglich einen ſolchen heißen Kopf kriegen! Nach einem zärtlichen Abſchied trennten ſich die bei⸗ den Glücklichen und was von den verſchiedenen Aepfel⸗ ſorten noch nicht ausgeleſen war, kam für diesmal in buntem Durcheinander auf's Kellergerüſte: Goldgelb und rothwangig, ſauer und ſüß; Reinetten und Gold⸗ pepping, Edelkönig und Gravenſteiner, Calville und Rambour; kurz, ein Péle méle, wie es unter Eliſabeth's Hausregiment noch nicht geſehen worden war. 3 Dreizehntes Kapitel. Während ſich ſo im ſtillen Kloſterhofe ein ſchönes ſeltenes Glück, gegründet auf die wahre, ihres Zieles ſich bewußte Liebe einfach und naturgemäß vorbereitete und zwei ſo recht für einander geſchaffene Herzen dem weiteren Verlauf der Dinge mit voller freudiger Zuver⸗ ſicht entgegenſehen durften, ſollte dort im Hauſe des Reichthums und der Frömmigkeit das nämliche Glück nach kurzem Beſtand eine unerwartet traurige Wen⸗ dung nehmen und die ſchöne Anna Volkhauſen zu ihrem Schrecken inne werden, welche feindliche Conſtellation gleich von Anfang an über ihrem romantiſchen Liebes⸗ verhältniß gewaltet habe. Und zwar waren es wiederum die nämlichen Menſchen mit den nämlichen niedrigen und eigenſüchtigen Motiven, die ſie ſchon einmal in Ge⸗ fahr gebracht hatten, als eine Heuchlerin entlarvt vor H. Müller, der Kloſterhof. H. 14 210 dem Oheim dazuſtehen und der Liebe und des Schutzes ihres einzigen Freundes und Wohlthäters für immer verluſtig zu werden, welche dem armen Mädchen auch jetzt wieder dieſe neue, noch ſchrecklichere Prüfung berei⸗ teten: Corneli und ſein würdiger Freund, Candidat Wulf, dieſe beiden zu ihrem Verderben auf's Engſte verbundene Genoſſen, von denen der Eine aus Habſucht, der Andere aus Rache und beleidigtem Stolze wegen ſeiner ſo ſchnöde zurückgewieſenen Bewerbung um Anna's Herz und Hand, ihren Ruin beſchloſſen hatten. Beide hatten, gewarnt durch den erſten mißlungenen Anſchlag, mit der Emſigkeit und Ausdauer von Menſchen, die kein Mittel, auch das niedrigſte nicht ſchenen, um ihr Ziel zu erreichen, die an jenem Theaterabend aufgefun⸗ dene Spur weiter verfolgt und waren mit ihrem gleich anfangs gefaßten Verdacht, daß die Spenderin des ſil⸗ bernen Lorbeerkranzes und Tante Heloiſe eine und die nämliche Perſon ſei; bis zum ſicheren Beweis gelangt; auch das weltliche Treiben im Hauſe der frommen Dame, die ihren reichen Verwandten gegenüber die Entſagung und ſchlichte Einfachheit ſo weit trieb, daß ſie nur in baumwollenen gefärbten Handſchuhen Viſite bei ihnen machte, kam bei dieſer Gelegenheit an den Tag, und durch Beſtechung und Ueberliſtung einer alten Plander⸗ taſche von Hausjungfer, gegen welche Frau Helotſe leider nicht immer die nöthige Vorſicht beobachtet hatte, erfuhr zuletzt Eckers die unter Protection der Tante vergangenen Herbſt mehre Wochen hindurch faſt allabend⸗ lich ſtattgefundenen Stelldicheins zwiſchen Anna und Hohenbaum, erfuhr, daß das Fflegekind der reichſten und frömmſten Leute der Stadt ein heimliches Liebes⸗ verhältniß mit einem fremden Comödianten oder Opern⸗ ſänger angeknüpft habe!— Jene Perſon betheuerte dem ſchlauen Kundſchafter, es ſei mehrmals zu ſehr aufgereg⸗ ie verliebten Leutchen wären zuletzt gar nicht mehr aus dem Geſchluchze herausge⸗ kommen; kurz, was überhaupt durch einen ſo unreinen ten Scenen gekommen, d Kanal zu erfahren war, kam auf dieſem Wege zur Kunde der drei Verbündeten. Aber noch fehlte zu dem Allen das letzte beweiskräf⸗ tige Zeugniß von Anna's Schuld, und hier ſchienen in der That alle Nachforſchungen ihrer Feinde ohne Erfolg bleiben zu ſollen. Vergebens belauerte man ſie bei Täg und bei Nacht und ließ keinen ihrer Schritte unbeobach⸗ tet. Wnte Adele, natürlich von Allem unterrichtet, durchſuchte mehrmals in ihrer Abweſenheit alle Schub⸗ laden und Gefüächer in Anna's Stube nach Briefen oder andern unwiderlegbaren Frevelbeweiſen; aber nirgends wollte ſich ein Corpus delicti entdecken laſſen, welches dem ſtrengen Gerechtigkeitsſinn des Herrn Cyprian ge⸗ genüber als wirkſam und zu Anna's Ueberführung ge⸗ die eignet befunden worden wäre. Allerdings erblickte 14. — 22— Tante mit Schaudern unter Strümpfen verſteckt Heine's Buch der Lieder, jedoch mit dem Namen einer andern, gleichfalls der ſündhaften Welt verfallenen Nichte, Eli⸗ ſabeth Franke; auch fand ſie einige von des abſcheulichen Conſtantin's Hand geſchriebene Briefe neueſten Datums, jedoch ſo ſchuldloſen Inhalts, daß auch hieraus unmög⸗ lich eine Anklage geſchmiedet werden konnte; denn um Anna aus dem Herzen des Oheims zu verdrängen, be⸗ durfte es ganz anderer ſicherer Beweiſe, daß ſie wirk⸗ lich mit einem Comödianten ein heimliches Liebesver⸗ hältniß angeknüpft habe. Noch früher als Anna ſelber merkte Tante Helorſe aus dem ungemein kühlen Benehmen der reichen Schwä⸗ gerin gegen ſie, ſo wie aus einzelnen, kaum zu mißdeu⸗ tenden Aeußerungen, daß dieſelbe auf eine allerdings un⸗ erklärliche Weiſe eine Witterung von den jüngſten Vor⸗ gängen in ihrem Hauſe erhalten haben müſſe. Auch verhehlte ihr Madame Franke kaum ihr Beſtreben, Anna ſo viel als möglich von ihr ferne zu hakten und zeigte ſelber bei wiederholten Gelegenheiten eine ent⸗ ſchiedene Abneigung, das Haus der Schwägerin ferner zu betreten. Das böſe Gewiſſen der guten Tante He⸗ loiſe hatte bald den rechten Commentar zu allen dieſen unheildrohenden Anzeichen gefunden; der Gedanke, bei den reichen Verwandten in Ungnade zu fallen und am Ende gar der bedeutenden Revenue, welche ihr die Groß⸗ muth ihres Schwagers Cyprian ausgeſetzt hatte, ver⸗ luſtig zu werden, ſchuf ihr tauſend ſchwere Aengſten, die zu ihren ſonſtigen romantiſchen Neigungen einen ſehr proſaiſchen Abſtich bildeten und die lebensluſtige, an Ueberfluß gewöhnte Dame, die ſo viele Jahre hin⸗ durch himmelnde Frömmigkeit und irdiſche Freuden zu vereinigen gewußt hatte, faſt zur Verzweiflung brachten. In ihrer Herzensangſt entwarf ſie daher den abenteuer⸗ lichen Plan, Anna, in der ſie die alleinige Urſache ihres Unglücks erblickte, um jeden Preis als Mittel zur Ret⸗ tung vor der ihr drohenden Gefahr zu gebrauchen und ſie ſuchte und fand bald Gelegenheit, die Nichte, das „Unglückskind,“ unter vier Augen zu ſprechen. Man kann ſich Anna's Schrecken bei dieſer Nach⸗ richt vorſtellen, die kaum erſt nach den kurz zuvor er⸗ lebten Scenen mit ihren Verwandten wieder frei zu athmen wagte. Tante Heloiſe fand es im eignen In⸗ tereſſe für rathſam, ihr die Gefahr eher noch zu ver⸗ größern und vor Allem den Zorn und die Unverſöhn⸗ lichkeit Onkel Cyprian's, nachdem dieſer ſie noch jüngſt gegen Gattin und Sohn ſo entſchieden in Schutz ge⸗ nommen habe, mit den lebhafteſten Farben auszumalen. Dann erſt kam die Reihe an ihr eignes Unglück; ſie verwünſchte ihre Schwachheit, der leichtſinnigen Jugend dieſen Einfluß auf ihr Herz und ihre Handlungen ein⸗ geräumt zu haben, ſprach von dem großen Fond ihrer natürlichen Gutmüthigkeit wie von einer ausgemachten Sache und betheuerte, nur Anna zu Liebe den Sänger Hohenbaum, der ja wirklich bis auf ſeinen wenig an⸗ ſtändigen Beruf ein recht netter Menſch geweſen ſei, in ihr ſtilles Haus aufgenommen zu haben. Es gibt nur ein Mittel zu unſerer beiderſeitigen Rettung, mein Kind, fuhr ſie dann im Tremulo der chriſtlichen Ergebung fort;— und dies beſteht darin, daß wir Alles aufbieten, den gegen uns erwachten Verdacht im Keime zu erſticken und Deine gute Tante Adele, die es ſo herzlich aufrichtig mit Dir meint, wieder mit Dir aus⸗ zuſöhnen. Dies erreichſt Du ganz leicht und ohne be⸗ ſondere Opfer von Deiner Seite, wenn Du ihren Lieb⸗ ling, unſern guten Candidat Wulf, künftig minder ab⸗ ſtoßend und kaltſinnig behandelſt wie ſeither und ihm durch ein angemeſſenes kluges S wenigſten nicht alle Hoffnung auf die dereinſtige Erfüllung ſeir heißeſten Wünſche abſchneideſt. Nein, ich verſichere S Anna, Du brauchſt wirklich nicht über meinen Vorſchlag zu erſchrecken; denn ich will ja keineswegs damit ge⸗ ſagt haben, daß Du Wulf's Bewerbungen ernſtlich nimmſt; nur um Zeit zu gewinnen, nur um weiteren Entdeckungen vorzubeugen, iſt dieſe kleine Liſt von Dei⸗ ner Seite nothwendig. O Himmel! Was räth'ſt Du mir, Tante! rief Anna entſetzt und empört durch dieſen angeblich ſo wohlge⸗ meinten Vorſchlag.— Ich ſoll mein eignes Herz verleug⸗ nen und das Nämliche meinem heiligſten Gefühl zuwi⸗ der thun, was ich doch ſeither nur allein um dieſer theuerſten Neigung willen über mich vermocht habe: Heucheln und mich verſtellen Menſchen gegenüber, die kein Herz für mich, kein Verſtändniß für meine Liebe haben!— Nimmermehr! Eher mag ſelbſt Onkel Cyprian mir fluchen und mich aus ſeinem Hauſe verſtoßen, als daß ich meinem Alfred auch nur zum Scheine untreu würde! Du nimmſt die Sache wirklich viel zu ernſt, mein Kind, ſagte Tante Helolſe mit unerſchütterlicher Ruhe. — Du ſollſt ja Deinem Verlobten nicht untren werden, nicht einmal zum Scheine, verſteh' mich nur recht; Du ſollſt nur gegen Candidat Wulf ein wenig freundlicher thun, allerdings blos zum Scheine, damit Deine Tante einſieht, daß ſie Dir und mir Unrecht gethan hat. Das Uebrige überlaſſe Gott und der Zeit. Auch glaube mir, liebes Kind, ich kenne die Männer beſſer wie Du. Dein Alfred mag das treueſte Herz von der Welt ha⸗ ben, ſo wird er es doch viel lieber ſehen, wenn Du Alles aufbieteſt, um Dich in Deiner gegenwärtigen Po⸗ ſition bis zu Eurer Verbindung zu behaupten, als daß Du durch die Entdeckung Eures geheimen Verhältniſſes einen Stadtſcandal riskirſt, und Onkel Cyprian's Gunſt obendrein. — 216— Aber wenn nun Wulf, durch mein freundliches Be⸗ nehmen ermuthigt, Ernſt macht? ſtotterte Anna und ſchauderte bei dem bloßen Gedanken an die Möglichkeit dieſes„Ernſtmachens“ zuſammen. Ach, Du biſt ein Kind! eiferte die Tante mit ver⸗ ſtellter Laune.— Da ſollte Eliſabeth Franke an Deinem Platze ſein, die wüßte ſich beſſer zu helfen! Du aber haſt immer Sentimentalität nöthig, wenn Du den Leu⸗ ten ein 2 für ein U vormachen willſt! Sei doch ver⸗ nünftig, Anna; ein Mädchen von Deinem natürlichen Mutterwitz und Deiner— verzeihe mir das Wort— glücklichen Gabe der Coquetterie braucht doch wahrlich nicht um ein Benehmen verlegen zu ſein, das einem verliebten Pedanten grade ſo viel Hoffnung übrig läßt, als Du für nöthig findeſt, um ihn im Schach zu halten. Heute ſchmollſt Du mit ihm, morgen biſt Du die Lie⸗ benswürdigkeit ſelber; das Einemal ſtellſt Du Dich träu⸗ meriſch, das Andremal zeigſt Du Dich mit Dir ſelber im Widerſpruch— kurz, er muß zuletzt ganz feſt daran glauben, Du liebteſt ihn, und dieſen Glauben läßt Du ihm, bis im nächſten Frühjahr Dein Alfred zurückkehrt und Du in ſeinen Armen den Lohn Deiner Treue und Klugheit findeſt.— Das waren die Rathſchläge, welche die fromme Tante Helolſe ihrer ſchönen Nichte gab, und Anna, das in der Furcht Gottes erzogene Kind dieſer Welt, hatte in ihrer Bedrängniß kaum eine andere Wahl mehr, als die ihr vorgeſchlagene Intrigue durchzuführen und ihre nächſten Verwandten noch einmal zu täuſchen.— Wie ſie dieſen ſeither ihre wahre Liebe verheimlicht hatte, ſo ſollte ſie ihnen nun eine falſche vorſpiegeln, ſollte durch die Künſte der Coquetterie und Verſtellung einen Menſchen wieder für ſich zu gewinneèn ſuchen, den ſie im Grund ihres Herzens verachtete, den ſie bereits ihren Widerwillen auf ſo empfindliche und verletzende Weiſe hatte fühlen laſſen. Aber in den unnatürlichen, ſo ganz ihrem leicht⸗ blütigen Weſen entgegenſtrebenden Verhältniſſen, in denen ſie aufgewachſen war, gab es wir haben bereits die Probe davon erhalten— eigentlich ſchon geraume Zeit hindurch keinen andern Grundſatz mehr für ſie, als den der Selbſthülfe und der Erlöſung um jeden Preis. Seit den letzten Vorgängen mit ihren Verwandten beherrſchte eine grenzenloſe Erbitterung ihr ganzes Denken und Fühlen, ſelbſt der ſo gütige Oheim, der ihr doch dieſe eclatante Satisfaction gegenüber der eignen Gattin, dem eignen Sohne verſchafft hatte, wurde von ihr der Schwäche und Einſeitigkeit beſchuldigt, ſie fühlte überall den Boden unter ihren Füßen wanken, der Gegenſatz zwiſchen ihrem äußeren traurigen Daſein und dem ihrer ſchönen ſchwärmeriſchen Liebe wurde ihr täglich pein⸗ voller und unerträglicher und immer muthiger und ge⸗ faßter blickte ſie in den Abgrund, der ſie nach ihrer und ſie wagte den kühnen Sprung ohne Reue, 9 zuletzt doch noch ihren Wünſchen in B Meinung allein noch von dem wahren natürlichen Le⸗ ben der Freiheit, der Liebe und des Gliückes trennte; nur noch eines zufälligen äußeren Anſtoßes bedurfte es Empfindung für Das, was ſie hinter ſich an Rückſich⸗ ten und Pflichten gegen ſich und Andere zurückließ.— So beſchloß ſie denn auch jetzt, ihrem Bruder Conſtantin Alles zu entdecken und ſich in ihrer verzweifelten Lage ſeines Rathes und Beiſtandes zu bedienen, er, der ei zige Menſch, der ihr ja überhaupt noch im Leben, neben dem fernen Geliebten, ganz und allein angehörte!— Wie richtig übrigens Tante Helotſe die Stimmungen und Charaktere im Hauſe des reichen Schwagers beur⸗ theilt hatte, als ſie ihrer Nichte anſtatt der ſeitherigen feindlichen Oppoſition eine mehr den Umſtänden ange⸗ meſſene nachgiebigere Haltung anrieth, das ſollte Anna bald an ſich ſelber erfahren. Denn weil Niemand in ihrer Umgebung den wahren Grund dieſer unerwarteten er bei ihr ahnte, gelang die beabſichtigte Täuſchung ſo vollkommen, daß ſelbſt Tante Adele bei all ihrem ſonſtigen argwöhniſchen Weſen zuletzt die Ueberzeugung gewann, der Trotz und die Verſtocktheit in Anna's Gemüth ſeien gebrochen und ſie werde ſich, theils durch Furcht, theils durch Berechnung geleitet, Betreff Wulf's fügen. Denn Madame Franke ſah es ja mit eignen Augen, wie i8 — — 2¹9 ſie gegen den erklärten Günſtling des Hauſes jetzt lange nicht mehr o ſchroff war, als früher; war ſie doch ſo⸗ gar bemüht, ihn durch kleine freundliche Aufmerkſam⸗ keiten ihr voriges kränkendes Benehmen vergeſſen zu machen, womit dann auch wieder— ſelbſt das entging“ der Tante ſcharfem Auge nicht— eine Befangenheit, eine Schüchternheit und ein Inſichgekehrtſein wechſelte, ſo bedeutungsvoll und ſymboliſch, daß man unmöglich eine Frau ſein und alle dieſe gewiſſen Vorzeichen einer erwachenden tieferen Neigung in einem jungen Mädchen⸗ herzen verkennen konnte.— Sie erröthete und ſchrack leiſe zuſammen, wenn nur des Freundes Name genannt wurde; oder ſie lauſchte theilnahmvoll mit feuchten Blicken, wenn Tante wie zufällig ſeine großen geiſtigen und moraliſchen Vorzüge erwähnte, und verſank dann in ein träumeriſch andachtvolles Sinnen mit verklärten Zügen; genug, Anna ſpielte die Rolle der jungfräulich verſchämten „Knospe“ zum ſtillen Triumph der Tante, die in ihrem von Frömmelei und Wunderbekehrungsglauben verblö⸗ Alles für die lautere'Wahrheit nahm, ſo eiſterhaft, daß ſie oft ſelber im Stillen vor den Fol⸗ gen ihrer und Verſtellungskunſt zitterte und zu⸗ weilen kaum mehr bei Dem, wovon ſie den Schein an⸗ nahm, Wirklichkeit von Täuſchung zu unterſcheiden wußte. ₰ Da nun auch Tante Helolſe ihrerſeits Himmel und — Erde aufbot, um Alles, was auf das angeblich weltliche Treiben in ihrem Hauſe Bezug hatte, im unſchuldigſten Lichte darzuſtellen, ſo war Madame Franke bald feſt da⸗ von überzeugt, daß man ihr die Sache jedenfalls höchſt übertrieben dargeſtellt habe. War doch der vermeinte fremde Opernſänger ein höchſt unſchuldiger Miſſionszög⸗ ling aus dem Wupperthal geweſen, der mit Anna nur in rein geiſtlichen Dingen verkehrt und gewiß auf ihre jüngſte Sinnesänderung den allerheilſamſten Einfluß ausgeübt hatte; und was die abſcheuliche Verleumdung mit dem Opernbeſuch der Schwägerin und dem ſilbernen Lorbeer⸗ kranz anbelangte, ſo brauchte dieſe ſtatt aller Vertheidi⸗ gung nur ihren Freund und chriſtlichen Mitbruder, den Schneider Pehmüller in der Vorſtadt als Zeugen an⸗ zurufen, daß ſie an jenem Abend der Andachtsübung in ſeinem Hauſe beigewohnt habe— ein Alibi, wogegen al⸗. lerdings jede weitere Anſchuldigung verſtummen mußte. Nicht die Werke, ſondern das Zeugniß gelten dem wahren innerlich durchleuchteten Chriſten für den allei⸗ nigen Glauben; nur Gott prüft Herzen und Nieren, und wer ſagt: ich glaube, der gehört ſeinem Reiche an. Der beſte, der vortrefflichſte Menſch gilt vor Gott Nichts ohne den Glauben.„Thuet Buße und bekehret Euch!“ Nach Mehr fragen wir nicht. Auch Wulf fragte nicht nach Mehr bei Anna; und kaum hatte der noch vor Kurzem ſo unverſöhnliche Can⸗ didat eines geiſtlichen Miniſterii dieſe günſtige Wendung in ſeinem Verhältniß zu der ſchönen Widerſpänſtigen bemerkt, ſo war er auch ſchon wieder der alte Menſch des beſchränkten Geiſtes und der eitlen Selbſttäuſchung, ſo daß er Anna's freundliches Weſen für baare Münze nahm und ſich ſogar noch einbildete, ſein perſönliches Verdienſt allein und höchſtens eine beſſere Erkenntniß ihrer Lage, eine richtigere Würdigung der äußeren Um⸗ ſtände habe dieſe ſchnelle Umwandlung in ihrer Sinnes⸗ art bewirkt und ihm ſchließlich dieſe glänzende Genug⸗ thuung verſchafft. Zum Glück für Anna wollte er diesmal klüger ſein wie früher und ſich weniger aufdringlich zeigen, damit ſie nicht, durch ſein Drängen eingeſchüchtert, in den vo⸗ rigen Trotz zurückfalle; unter dem Einfluß einer ſanften Gewohnheit ſollte ſich die günſtige Stimmung für ihn immer mehr in ihrem Gemüth befeſtigen und ihr Herz ſich mählig aber ſicher mit dem holden Gedanken ver⸗ traut machen, in ihm, und nur in ihm allein den künf⸗ tigen Auserwählten zu erblicken. Madame Franke bot ihrerſeits Alles auf, ihren chriſt⸗ lichen Freund und Seelentroſt in ſeiner frommen Ge⸗ duld zu beſtärken und ihm dieſe Prüfungszeit dadurch zu verſüßen, daß ſie ihm von Allem, was in Anna's Benehmen und Aeußerungen etwa zu ſeinen Gunſten ge⸗ deutet werden konnte, umſtändlichen Bericht ablegte. Dabei war ſie der Nichte gegenüber darauf bedacht, bei jeder Gelegenheit ihres„lieben“ Wulf's gediegenen und ſanftmüthigen Charakter, ſowie ſeine große Beſcheiden⸗ heit, ſeine köſtliche Herzenseinfalt anzupreiſen und gerade den ſtilleren Tugenden ſeines Geiſtes und Gemüthes die lauteſten Lobſprüche zu ſpenden.— Allerdings war auch nach ihrer Meinung ſein Aeußeres dem Begriff der vollkommenen männlichen Schönheit nicht ganz ent⸗ ſprechend; aber ſein ſchlichtes grades Benehmen— An⸗ dere nannten'es freilich brüsque und bäuriſch— war der getreue Spiegel ſeines natürlichen, von keiner fal⸗ ſchen Erziehung und ſogenannten feinen Lebensart ver⸗ dorbenen und verſchrobenen Weſens; und wenn er dann und wann auch wirklich einmal einen kleinen Verſtoß gegen den in den Kreiſen der übertünchten vornehmen Lügenwelt und lockeren Moral herrſchenden Bonton machte, ſo brauchte man nur durch die rauhe Schale bis zum ſüßen Kern ſeines Inneren durchzudringen, und es war rein unmöglich, ihm noch wegen dieſer und jener harmloſen Aeußerung oder ihm eignen, vielleicht etwas allzunatürlichen Offenheit gram zu ſein. Daß alle dieſe Vorgänge und künſtlichen Verwickelun⸗ gen ſowohl von der einen wie von der andern Seite vor dem würdigen Haupt der Familie geheimgehalten wurden, deuteten wir ſchon an; denn kein Theil hatte ein Intereſſe dabei, Herrn Cyprian in die Mitwiſſen⸗ ſchaft zu ziehen: weder Frau Adele, was ihren alten Lieblingsplan einer Verbindung zwiſchen Wulf und der Pflegetochter anbelangte; noch Tante Heloiſe mit ihrem vom böſen Scheine weltlicher Neigungen nothdürftig ge⸗ reinigten Lebenswandel, mit ihren Andachtsübungen bei Schneider Pehmüller in der Vorſtadt, ſowie mit ihren intimen Beziehungen zu durchreiſenden Miſſionszöglingen aus dem Wupperthale; noch endlich Anna mit ihrer wahren Liebe zu einem ſchönen Opernſänger und ihrer erheuchelten zu einem Predigtamts⸗Candidaten der craſ⸗ ſeſten Sorte, auf den ſie ſelber früher ſo häufig die Worte des Camvens in der Luſiade über den Rieſen Adamaſtor angewendet hatte: „Schwarz ſind die Zähn' und Lippen anzuſchauen.“ Vierzehntes Kapitel. Aber es ſind nicht blos des Schickſals feindliche Kächte, nicht blos der Menſchen Tücke und Bosheit, die dem Glicke treuer Liebe ſo oft den Weg mit Dor⸗ nen und Diſteln beſtreuen; auch aufrichtige und wohl⸗ wollende Freunde, bewährt in allen Nöthen und Gefahren, arbeiten oft im redlichſten Eifer unſerem Glücke entgegen und bereiten uns Widerwärtigkeiten und Kämpfe, wie es kaum dem ärgſten Feinde möglich geweſen wäre: eine neue Beſtätigung des alten Erfahrungsſatzes, daß der Freund in der Noth nicht immer im Glücke taugt, wie der im Glücke nicht immer in der Noth. Ein ſolcher unwillkommener Schutzgeiſt, verſteht ſich mit dem allertreueſten Herzen und der allerredlichſten Abſicht von der Welt, wurde der gute Blaſius Winkel für ſeinen Doctor, als er endlich nach nochmaliger Prü⸗ — fung aller Verhältniſſe denjenigen letzten entſchloſſenen Schritt that, welchen er nicht blos vor Gott und ſeinem Gewiſſen verantworten zu können glaubte, ſondern der auch nach ſeiner Meinung der einzig richtige war, um ſeinen Herrn gegen deſſen eignes Wiſſen und Wollen— der Doctor war ja kaum noch zurechnungsfähig!— der Menſchheit, dem Vaterland, dem Jahrhundert, vornehm⸗ lich aber ſich ſelber zurückzugeben, und zwar dies Alles auf eigne Verantwortlichkeit, oder wie Blaſius ſich aus⸗ zudrücken pflegte:„auf ſeine eigne Kanne Bier.“ Ich werd' ihn wohl erſt noch um Erlaubniß bitten, ob ich ihn von dem Abgrund zurückhalten darf, dem er in ſeinem verliebten Duſel blindlings zutaumelt! rai⸗ ſonnirte er bei ſich mit der Zuverſicht, die jede gute Sache uns einflößt.— Wozu brauch' ich weitere Voll⸗ macht, da der Herr Oberamtmann mir's dreimalheilig auf die Seele gebunden hat, ihm meinen Doctor accurat ſo wie er von Schwabenheim ausgezogen iſt, in's alte Neſt zurückzuliefern, mit dem nämlichen Signalement, wie er's ihm in ſeinen Reiſepaß geſchrieben hat. Und nun käm' er ſtatt deſſen in ſeiner jetzigen Proviſorsge⸗ ſtalt nach Hauſe zurück, wo's dann im Signalement heißen müßt' anſtatt:„blühende Geſichtsfarbe“— Mehl⸗ ſuppenteint; anſtatt:„Stirne frei“— melancholiſche Fal⸗ ten; anſtatt:„Augen braun“— Augen verliebt und ſchwärmeriſch verduſtert; anſtatt:„Statur ſchlank“— D. Müller, der Kloſterhof. II. 15 „ 226 Figur traurig!— Da aber, wo in ſeinem Paß unter der Rubrik„beſondere Kennzeichen“ geſchrieben ſteht:„hat keine,“ da müßte es jetzt conträr heißen: hat Eine! ha! ha! Oder ſie ihn— auch nicht übel— nihilomi nus Crambambuli, würde der große Kikkero ſagen! Während dieſes Monologs hatte Blaſius ſeine Toi⸗ lette beendet und die Sorgfalt, die er darauf verwandte, ließ jedenfalls auf ein wichtiges Vorhaben ſchließen. Im entſchiedenen Gegenſatz zu ſeinem neulichen Quäker⸗ coſtüme bei Herrn Chprian Franke war er heute bemüht geweſen, ſich das Anſehen eines Mannes zu geben, der mit und in der Welt zu leben weiß und deſſen äußere Erſcheinung ungefähr die Mitte hält zwiſchen einem Bie⸗ dermann und einem gemüthlichen Gauner, der den Leu⸗ ten mit der größten Treuherzigkeit ſtets ſeine aufrichtige Meinung in's Geſicht ſagt und niemals Umſtände macht, wo es einen Vortheil zu gewinnen gilt.— Sein Original Zu dieſer Rolle war ein in Schwabenheim und Umge⸗ gegend vielbekannter Winkeladvokat, mit Namen Stroh⸗ metz, berüchtigt durch die Meiſtergeſchäftigkeit, mit der er ſich in fremde Angelegenheiten miſchte und Leuten, die ihn gar nichts angingen, ſeine Rathſchläge aufzu⸗ dringen ſuchte. Er hieß deßhalb in der ganzen Gegend nur der„Menſchenfreund“ und wer ſich einmal mit ihm eingelaſſen hatte, ging ihm künftig gewiß gerne aus dem Wege. Dabei galt er für einen Menſchen, der ſich un⸗ ter dem Scheine der uneigennützigſten Theilnahme zu allerlei delicaten Dienſten gebrauchen ließ, eheliche Zwiſte ſchlichtete, intime Familienhändel ausglich, am liebſten aber doch in eine ſchon an ſich genugſam verwickelte Geſchichte noch irgend ein neues Knötchen oder Intrigue⸗ chen einzuſchwärzen ſuchte. Unzufriedene Väter bedienten ſich ſeiner, um die Aufführung ihrer mißrathenen Söhne auf der Hochſchule oder in der Garniſon auszukund⸗ ſchaften; eiferſüchtige Ehemänner ließen durch ihn die verdächtigen Schritte ihrer Frauen bewachen; lachenden Erben zu Liebe erweichte er die Herzen kaltſinniger Ver⸗ wandten; ſtrengen Eltern, unerbittlichen Vormündern las er den Text, weil ſie ihren heirathsfähigen Töchtern und Mündeln den Mann nicht gönnen wollten, von deſſen Beſitz doch allein deren ganzes Lebensglück abhing; kurz, wo es nur immer Etwas einzufädeln, Etwas auszukund⸗ ſchaften oder zu vermitteln gab, da war Strohmetz, de „Menſchenfreund“ berufen oder unberufen der Helfer in der Noth, bis die betheiligten Perſonen meiſt zu ſpät einſahen, daß er ihnen durch ſeinen Beiſtand mehr ge⸗ ſchadet als genützt habe. So war der Charakter des Mannes beſchaffen, der ſich eines Vormittags unter dem erſten heftigen Schnee⸗ geſtöber dieſes Winters in einem abgegriffenen grauen Filzhut, einer menſchenfreundlichen weißen Halsbinde und in einem dunkelblauen, mit mo ttenzerfr eſſe nem Aſtra⸗ 15 228— chanpelz beſetzten Mantel nach dem Kloſterhof verfügte. Die Köchin, welche ihm die Hausthüre öffnete, fragte er im Polterton des keinen Einwand noch Aufſchub dul⸗ denden Geſchäftsmannes nach Herrn Felix Franke, den er in einer höchſt dringlichen Angelegenheit ſogleich ſpre⸗ chen müſſe. Sag' Sie Ihrem Herrn, ich ſei der Doctor Stroh⸗ metz aus Schwabenheim und käm' in einer Sache von der allerhöchſten Wichtigkeit zu ihm— prrrrr! Mit dieſen Worten ſchwenkte er ohne Umſtände ſei⸗ nen Hut, ſo daß der reinliche weiße Fliesboden rings von Schnee beſchmutzt wurde, und ſtampfte und ſcharrte ſo lange mit den Füßen, bis der Hausherr raſch die Thüre ſeines Zimmers öffnete, um nachzuſehen, wer draußen ſo ungebührlich die Ruhe ſeines Hauſes ſtöre. Kaum ward Blaſius⸗Strohmetz ſeiner anſichtig, ſo ging er mit der Zuverſicht eines Mannes, der ſich eines europäiſchen Rufes bewußt iſt, auf ihn zu und ſagte mit würdevoller Gemeſſenheit: Ich bin der Doctor Strohmetz aus Schwabenheim — hoffe, daß ich nicht zu ſpät komme, um ein großes Familienunglück von Ihrem friedlichen Hauſe abzuwen⸗ den— da ich zufällig im Gaſthof hörte, daß ein ge⸗ wiſſer, mir ſehr wohlbekannter Menſch— Doctor Mo⸗ ſer, bei Ihnen aus⸗ und eingeht— über den ich Ihnen ——— wenn Sie's wünſchen ſollten, ſehr genaue Aufſchlüſſe geben kann. Der alte Herr, noch immer die Thürklinke in der Hand, ſah den ihm gänzlich unbekannten Menſchen wäh⸗ rend dieſer Anrede forſchend und nicht ohne Mißtrauen an; erſt bei Erwähnung ſeines jungen Hausfreundes zuckte er beſtürzt zuſammen, ſein Geſicht wurde ſonder⸗ bar lang, er faßte den Fremden noch einmal ſcharf in's Auge und zog ihn dann am Mantel in das ſonſt jedem Menſchen verſchloſſene Heiligthum ſeiner Studirſtube. Hinter ihm machte er die Thüre zu, fixirte ihn noch einmal vom Kopf bis den Füßen und ſagte dann in ſtrengem Tone: Wen hab' ich die Ehre.. Doctor Stroh..7 Strohmetz iſt mein Name und bin ein Landsmann vom Doctor Moſer, entgegnete Blaſius mit größter Beſtimmtheit.— Auf einer Geſchäftsreiſe begriffen, da ich als Bevollmächtigter Contrakte für eine Auswanderer⸗ geſellſchaft auf künftiges Frühjahr mit einem hieſigen Rheder abzuſchließen habe, kam ich vor einigen Tagen hierher und weil ich wußte, daß ſich dieſer ſaubere Herr gegenwärtig hier herumtreibt, ſo zog ich Erkundigungen über ihn ein und hörte, daß Sie, Herr Franke, ſchon ſeit Wochen ihm Zutritt in Ihrem Hauſe geſtatten. Ich hielt es daher, wenn auch unbekannterweiſe, für — 230 meine Menſchenpflicht, Sie, als den Vater von drei lie⸗ benswürdigen Töchtern... Was?— Was, mein Herr? rief der Alte, da Blaſius einen Moment inne hielt; denn bei Erwähnung ſeiner Töchter gerieth Herr Felix in die heftigſte Angſt und faßte krampfhaft den Arm des Unglücksboten. — vor dieſem Suitier zu warnen, fuhr Pſendo⸗ Strohmetz in dem nämlichen Tone fort und ſein tief⸗ mitleidiger Blick ging Herrn Felix wie ein Meſſer durch's Herz;— zumal man mir erzählte, eine Ihrer Fräulein Töchter habe ſich bereits in ein näheres Ver⸗ hältniß mit dem Leichtfuß eingelaſſen, der daheim— ſo wahr ich Strohmetz heiße— nicht weniger als fünf junge Damen an fünf verſchiedenen Orten hat ſitzen laſſen, lauter Töchter aus angeſehenen, höchſt achtungs⸗ werthen Familien, mit denen er heimlich ſich verlobte; als endlich die Sache ruchbar wurde, ging er bei Nacht und Nebel außer Landes und ließ ausſprengen, er ſei nach Texas ausgewandert, was ihm aber da, wo man den Herrn beſſer kennt wie hier, Niemand geglaubt hat! Nun, Ihre Mademoiſelle Tochter wird ihn. Welche? Welche?— O meine Ahnung! rief Herr Felir erſchüttert und ſchlug ſich mit der Hand vor die Stirne. So? So? Sie wiſſen alſo noch Nichts von der Sache? fragte Blaſius mit erheuchelter Beſtürzung. Ach! Das hätte ich wiſſen ſollen— ſo wird's ja wohl noch nicht viel zu bedeuten haben. Im Gegentheil!— Im Gegentheil!— Es iſt ſo, wie Sie ſagen! rief Herr Felix und rannte, den Kopf zwiſchen beiden Händen, wie verzweifelt im Zimmer auf und ab. Aber welche— welche ſoll es denn ſein? Wiſſen Sie nicht den Namen der Unglücklichen, mein Herr? Denn daß alle Drei— nein, das glauben Sie doch wohl ſel⸗ ber nicht— Wenn's auf ihn ankäme, warum nicht! entgegnete Blaſius achſelzuckend. Ich ſage Ihnen ja, er iſt in die⸗ ſem Punkte zu Allem fähig. Schade um die ſchönen Eigenſchaften, die er ſonſt beſitzt!— Aber das Careſſi⸗ ren iſt nun einmal ein Erbfehler in ſeiner Familie— ſo zu ſagen, ein geographiſcher Erbfehler, ſchon ſein Großvater ſelig, der bekannte Herr von Caſanova— ſeine Mutter war nämlich eine natürliche Tochter dieſes famo⸗ ſen Schweinehunds— hat darin Ausgezeichnetes geleiſtet. Caſanova!— Ein Enkel Caſanova's ſeit Monaten täglich in meinem Hauſe! ſtammelte Herr Felir und meinte, der Schlag ſolle ihn rühren. Wie ich Ihnen ſage, dieſer Herr von Caſanova machte ſeinerzeit in einem pfalzbayriſchen Landſtädtchen, während man die Pferde wechſelte, die Bekanntſchaft einer ſchö⸗ nen reichen Poſtmeiſterstochter, zwar flüchtig, aber doch in gewiſſer Art ſo nachhaltig und wirkſam, daß man am Enkel Spuren von muſikaliſchem Talent ent⸗ decken will; wenigſtens bläſt Herr Doctor Moſer aus⸗ gezeichnet das Poſthorn! Genug! Genug! rief der Alte ſchäumend und ſeine ſeitherige Betäubung wich einer heftigen Erbitterung, ſo daß er vor Wuth und Alteration am ganzen Leibe zitterte. Das dürfte Sie ſonſt nicht irre an ihm machen, fuhr Blaſius mit größter Ruhe fort.— Er hat ſonſt weiß Gott Nichts von ſeinem ſeligen Herrn Se ater an ſich, als dieſe eine böſe Untugend. Denn das Lügen und Aufſchneiden, dazu die Verſchwendung und das Schuldenmachen, und das viele Trinken und Hazardiren könnte man ihm noch nachſehen, zumal er bereits mit ſeinem väterlichen Erbe— wie man bei uns zu ſagen pflegt— ſo ziemlich auf dem letzten Loche pfeift, ein Glück für ihn, ein wahres Glück; denn dann wird er doch ſchließlich noch zu Verſtande kommen und ſeinen ſechs armen ſitzengelaſſenen Bräuten,— ach nein, fünfe ſind's ja blos— Sechs— acht! ſchrie Herr Felix und ballte wüthend beide Fäuſte — und ſeinen acht armen ſitzengelaſſenen Bräuten die Reue erſparen, den loſen Vogel nicht beſſer unter Verſchluß gehalten zu haben, ſagte Blaſius und ließ jenes eigenthümliche tröſtliche Schluchzen hören, das —— man bei ſeinem Vorbild, dem Schwabenheimer„Men⸗ ſchenfreund,“ faſt nach jeder mitleidigen Redensart hören konnte. O ich blinder Thor— ich Rabe von einem Vater! ſeufzte der alte Herr mit kummervoller Miene.— Acht⸗ undzwanzig Katzen umſchwärmen Nachts mein Haus, um es mit der dieſen geheiligten Thieren eignen gött⸗ lichen Schutzkraft vor allen böſen und gefährlichen Heim⸗ ſuchungen zu bewahren; und am Tage— am hellen Tage thu' ich dem Unglück ſelbſt die Pforte auf, heiße den treuloſen Verräther an meinem friedlichen Herde willkommen, laſſe ihn nicht blos von meinem Weine trinken und von meinem Brode eſſen, ſondern geſtatte auch noch ſeinen lüſternen Blicken den reinen unſchuld⸗ vollen Anblick meiner armen Kinder! Das war freilich ſehr unvorſichtig von Ihnen ge⸗ handelt, mein werther Herr Franke, indeß—— Nein, mein Herr, ſprechen Sie kein Wort mehr zu ſeiner Rechtfertigung! unterbrach ihn der alte Herr mit wuthzitternder Stimme.— Er iſt der größte Schurke un⸗ ter Gottes Sonne—ſelbſt ſein Großvater verdient noch meine Achtung— ich kenne deſſen Memoiren— er machte doch wenigſtens kein Hehl aus ſeinen ſchlechten Streichen— aber dieſer Enkel— dieſer entartete Enkel — o ſagen Sie mir, Herr Stroh.. Herr Strohmenſch, wie ich Ihnen den großen Liebesdienſt vergelten ſoll⸗ 93 234— den Sie meinem ſo bitter getäuſchten Vaterherzen durch dieſe Entdeckung geleiſtet haben? Da kommen Sie allerdings meiner Bitte auf hal⸗ bem Wege entgegen, erwiederte Blaſius mit einem tiefen Bückling.— Meine Stellung in Schwabenheim iſt keine ſo ganz unabhängige, wie Sie vielleicht glauben, ich bin Familienvater, als Sachwalter der Bauern komme ich vielfach mit dem Intimus des Herrn Moſer, dem Ober⸗ amtmann Theobald in Berührung und als oberſte Per⸗ ſon in allen Juſtiz⸗ und Verwaltungsſachen meines Di⸗ ſtriktes iſt meine Stellung, ja weeine ganze Exiſtenz von deſſen Gunſt und Gewogenheit abhängig. Ah, ich verſtehe, verſtehe! Auf meine Discretion kön⸗ nen Sie zählen! ſagte Herr Franke und drückte ihm herzlich die Hand.— Ja, von dieſem Herrn Theobald ſprach der elende Menſch immer mit der größten Hoch⸗ achtung. Alles verlogen,— Alles eitel Wind und Dunſt! rief der Pſendo⸗Advokat auf's Tiefſte empört.— Ein türkiſcher Paſcha mit drei Roßſchweifen iſt humaner wie dieſer Herr Theobald— der ganze Oberamtsbezirk ſeufzt un⸗ ter ſeinem ehernen Schritt— Zudda Zarrak ſelber war ein Engel gegen dieſen grimmen Schreibſtubenthrannen, der nie ſeinen Namen anders als mit Bauern⸗ und Ju⸗ denblut unterſchreibt! Doch Sie— Sie haben jetzt an⸗ dere Sorgen— leben Sie gefälligſt wohl, verehrter 1 . Herr Franke; künftiges Frühjahr, wann ich mit meinen Auswanderern hierherkomme, werde ich ſo frei ſein, Sie wieder zu beſuchen— alſo auf à revoir mein Herr— bitte mich Ihren drei Fräulein Töchtern unbekannter⸗ weiſe zu empfehlen— gehorſamer Diener! Mit dieſen Worten nahm Blaſius in einer ſo auf⸗ fallend eiligen Weiſe ſeinen Rückzug aus dem Kloſter⸗ hof, daß Jeder, der nicht wie Herr Felix ganz und gar verwirrt geweſen wäre, Verdacht geſchöpft hätte, es möge ihm, nachdem er ſeine menſchenfreundliche Warnung an⸗ gebracht, mehr um ſeine eigne perſönliche Sicherheit als um die des bedrohten Theils zu thun ſein. Selbſt der Köchin, die dem Unbekannten wieder die Hausthüre öff⸗ nete, war dieſe Haſt ſo auffallend, daß ſie voll Beſtür⸗ zung nach des Herrn Zimmer lief, um ſich zu überzeu⸗ gen, daß dieſem kein Leid widerfahren ſei. Durch's Schlüſſelloch ſchauend, erblickte ſie ihn, wie er, die Au⸗ gen ſtier auf den Boden geheftet und den Kopf in die Hand geſtützt, auf ſeinem gewöhnlichen Platz am Ofen ſaß; doch mußte ihn dasjenige, was der Fremde mit ihm verhandelt hatte, jedenfalls ſehr heftig alterirt ha⸗ ben; denn ein finſterer Zorn lagerte auf ſeinem Geſichte und jetzt— kaum he ſie noch Zeit, nach der Küche zu eilen— ſprang er mit wuthblitzenden Augen vom Sitze empor und riß die Thüre auf. Feſten Schrittes ging er auf die Hausthüre zu und drehte haſtig den Schlüſſel herum; dann zog er denſelben aus dem Schloſſe, ſteckte ihn in die Seitentaſche ſeines Rockes und ſchob oben und unten noch die beiden mächtigen Riegel vor, als befürchte er bei hellem Tage einen feindlichen Ueber⸗ fall. Hierauf ging er nach der hinteren Hausthüre und traf hier die nämlichen ſeltſamen Vorſichtsmaßregeln. In der Küche hieß er die beiden Dienſtboten ihm folgen und begab ſich zuerſt mit ihnen in die Zimmer des Erd⸗ geſchoſſes links von der Hausthüre. Hier gebot er ihnen barſch, ſämmtliche Fenſterläden feſt zu verſchließen und verſicherte ſich an jedem Fenſter, daß es von Außen nicht zu öffnen war. Dann ſchloß er ſämmtliche Zim⸗ merthüren ab und ſteckte alle. Schlüſſel zu ſich. Von 4 1 s Wohnzimmer; auch da wurder alle Fenſterläden geſchloſſen, ebenſo wie die Glasthüre, welche aus dem daranſtoßenden Gartenzimmer in's Freie führte. Als völlige Dunkelheit ſie umgab, ſagte er zu der zitternden Köchin, die natürlich von Allem ſo gut hier ging's hinüber in wie Nichts verſtand: Zünde Sie die Laterne auf der Hausflur an und trag Sie Sorge, daß dieſelbe künftig Tag und Nacht brennt. Dann begab er ſich in ſeine Stube, wo er mit der nämlichen ängſtlichen Vorſicht beide Fenſterläden verrie⸗ gelte; ein Gleiches geſchah in der Küche und der Waſch⸗ küche, und als jetzt die Laterne auf dem Vorplatz brannte, hieß er die Köchin zwei Lichter anzünden, die er ſelbſt hinüber in ſeine Arbeitsſtube trug, wo er ſie auf den Pult ſtellte, an dem er gewöhnlich ſtehend zu ſchreiben pflegte.— Nach allen dieſen merkwürdigen Vorkehrungen gebot er der Köchin, ſeine Tochter Eliſabeth herunterzu⸗ rufen, die gerade mit ihren beiden Schweſtern im mitt⸗ leren Stock beſchäftigt war, den kothen Saal für den Winteraufenthalt einzurichten, wie es ſchon ſeit mehreren Jahren der Brauch war, wegen der Feuchtigkeit von Wänden und Fußboden im unteren Wohnzimmer. Fünfzehntes Kapitel. Obgleich Eliſabeth ſich wohl rühmen durfte, daß kein noch ſo wunderlicher Einfall des Vaters mehr im Stande ſei, die regelmäßige Ordnung ihrer Gedanken zu ver⸗ rücken und ſie aus dem Concept zu bringen, ſo war doch was ſie heute ſah und erlebte, ſo ungewöhnlicher Art, daß ſie wirklich einen Moment an ihren fünf geſunden Sinnen irre wurde und kaum wußte, ob es Mittag oder Mitternacht ſei. Denn während eine Treppe höher hel⸗ ler Tag herrſchte, waltete zu ebener Erde ſtockfinſtere Nacht, brannte auf dem Vorplatz die Spiegellaterne, in der Küche das Oellicht, in Vaters Zimmer, zu wel⸗ chem die Thüre nur angelehnt war, ſogar zwei Stearin⸗ kerzen. Er ſelber ſtand aufrecht an ſeinem Pulte und ſah, als er draußen ihre Stimme hörte, unverwandt nach der Thüre, mit einer Miene, die Alles eher aus⸗ — 239— drückte, als Mangel an Energie, Mangel an ruhiger kaltblütiger Ueberleging. Schön, mein Kind, daß Du kommſt, redete er die Eintretende in ſeinem gewohnten mild ernſten Tone an. Ich höre da ſonderbare Dinge von Dir und Deinen Schweſtern, über die ich zuerſt mit Dir, als der Aelte⸗ ſten, meine Anſichten austauſchen möchte. Tritt nur näher an's Licht, denn in dieſer Sache muß ich helle ſehen— helle bis auf den Grund Deiner Seele—— nun, wie ſteht's? Wie habt Ihr Euch in der Belletage eingerichtet? Da ſie ſeine Gewohnheit kannte, ein wichtiges Ge⸗ ſpräch durch gleichgültige Nebenfragen einzuleiten und erſt auf weiten Umwegen dem eigentlichen Gegenſtand näher zu kommen, ſo berichtete ſie ihm in dem nämlichen Tone, wie ſie die oberen Zimmer diesmal eingerichtet habe. Ganz wie beiläufig ſagte ſie dann: Auch Du, lieber Vater, ſcheinſt derweilen parterre neue Einrichtungen vorgenommen zu haben; es ſoll ſich wohl tauſend und eine Nacht bei uns wiederholen? Wenn's nur nicht ſo viel Oel koſtete! Das laſſe eine von meinen vielen Sorgen ſein, ſagte er ausweichend und netzte verlegen das Deckblatt ſeiner Cigarre mit den Lippen.— Zunächſt wollte ich von Dir hören, wie es mit den Vorräthen der Haushaltung füt dieſen Winter beſtellt iſt? Wie immer um dieſe und jede andere Jahreszeit, erwiederte ſie und zuckte mit einem, trüben Lächeln die Achſel.— Ich kaufe den nöthigen Bedarf ein, wenn ich Geld habe; und habe ich keins, ſo ſuche ich Dir die Ebbe in der Haushaltungskaſſt ſo 6 S e bis Du mir wieder welches geben kannſt. Das iſt meine ganze Finanzkunſt. Als hätte er ihre Worte überhört, fuhr er ruhig fort: Haſt Du ſchon Eier in Kalk eingeſetzt? Haſt Du Schinken und Rauchfleiſch vorräthig? Kartoffeln ſind ja wohl für den ganzen Winter da, ebenſo Roggen⸗ und Wai⸗ zenmehl?— Reis, Graupen, Hülſenfrüchte, dazu Kaffee und Thee, nebſt Holſteiner Butter wird wohl Deine Vorrathskammer in hinlänglicher Quantität aufzuweiſen haben, und an eingemachten Früchten, an Gewürzen und etlichen Ingwertöpfen fehlt es Dir gewiß auch nicht.— Im Keller liegt außerdem ein reicher Vorrath des herr⸗ lichſten Obſtes, und noch geſtern kaufte ich von meinem Makler an der Börſe eine halbe Kiſte Citronen aus Meſſina.— Holz und Steinkohlen habe ich glücklicherweiſe ſchon vor acht Tagen herbeifahren laſſen; das Waſſer ßumpe in der Waſchküche iſt vorzüglich, im Weinkeller müſſen neben den franzöſiſchen Weinen noch einige Dutzend Flaſchen des älteſten Araks vorhanden ſein,— es wäre alſo nur das friſche Fleiſch, friſche But⸗ ter nebſt Milch und Rahm, was wir zu entbehren hätten. Mein Gott, Vater, was ſoll das Alles? rief Eli⸗ ſabeth, in deren Seele es plötzlich ſeltſam zu tagen begann. — Willſt Du eine Continentalſperre en miniature ein⸗ führen? Oder befürchteſt Du den Ausbruch der Cholera? Die Köchin ſagte mir, ſie hätte auf Deinen Befehl alle Fenſterläden parterre ſchließen und die Laterne auf dem Vorplatz anzünden müſſen, auch ſeien beide Hausthüren von Dir verriegelt und die Schlüſſel abgezogen worden? Ohne ſeinen Blick von ihr zu wenden, bejahte er jede dieſer Fragen mit einem ſtummen Kopfnicken, ſah hierauf lange, wie in ein unbeſtimmtes Hinträumen ver⸗ loren, nach der Zimmerdecke, wobei er die ſchmalen Lip⸗ pen mit den nach unten gezogenen Mundwinkeln feſt zuſammenpreßte und fuhr dann, den Blick wieder auf die ſchöne Tochter heftend, als komme er wie zufällig auf das Thema des vorigen Geſprächs zurück, in dem nämlichen kalt ernſten Tone weiter: Du mußt Dein Verhältniß zu dieſem Doctor Moſer wieder auflöſen, mein Kind. Ich verkenne nicht, daß er eine angenehme Perſönlichkeit beſitzt und manche blen⸗ dende Eigenſchaften, die noch andere Leute als junge unerfahrene Mädchen, welche keine wachſame Mutter mehr zur Seite haben, für ihn einnehmen könnten.— Aber wie ich ſeit heute nicht blos ſeinen wahren Charakter, D. Müller, der Kloſterhof. I. 16 ſondern auch ſeine Antecedentien und ſeine ſonſtigen Ver⸗ hältniſſe kennen lernte, muß ich es für eine wunderbare Fügung Gottes erklären— Du weißt, ich brauche die⸗ ſen Ausdruck nicht allzu oft— daß meine unſelige Blind⸗ heit in Betreff ſeiner aufhört und ich— der Himmel gebe das!— noch rechtzeitig vor dieſem gefährlichen Menſchen gewarnt worden bin.— Seit wann iſt Dir denn eigentlich die ſonderbare Grille gekommen, Du lieb⸗ teſt den jungen Fant?— Fünf junge Damen ſeiner Hei⸗ math haben ſich demſelben Wahne hingegeben und Alle hat er um Lieb' und Treue betrogen! Wer ſagt das? ſtammelte Eliſabeth und wechſelte die Farbe. Ein Ehrenmann— Einer, der ihn genauer kennt wie Du und ich, erwiederte Herr Felix mit Nachdruck, blickte aber doch voll Mitleid auf ſein Kind.— Schon weiß die ganze Stadt um das Unglück, das mein Haus betroffen hat, und mich muß ein wildfremder Mann, den ich nie zuvor im Leben ſah, ein Landsmann dieſes meineidigen Menſchen, davon benachrichtigen. Nur ein abſcheulicher Verleumder kann Dir ſo Etwas von Moſer hinterbracht haben! ſagte Eliſabeth, die ſich allmälig von ihrem erſten Schrecken wieder erholte und, wenn auch noch mit unſicheren Blicken, doch ſchon um vieles klarer, die Wahrſcheinlichkeit durchſchaute, daß hier entweder irgend ein Mißverſtändniß obwalte, oder — 243— eine vom Vater nach ſeiner gewohnten Art gleich in's Ungeheuerliche übertriebene Beſorgniß dieſe plötzliche Ka⸗ taſtrophe in ſeiner gegen Ludwig herbeigeführt habe. Aber Herr Felix ſchüttelte ſchmerzlich lächelnd das Haupt bei ihrem Verſuche, den Freund zu rechtfertigen und ſagte ohne Vorwunrf: Du und Deine Schweſtern müßt am beſten giſſe ob es Wahrheit oder Verleumdung iſt, wenn die Welt in den Gaſthöfen ſich erzählt, Ihr hättet Euch mit Doe⸗ tor Moſer hinter meinem Rücken in ein Liebesverhältniß eingelaſſen. Wenn das die Welt behauptet, ſo gehört die Welt in's Narrenhaus! rief Eliſabeth, die jetzt ſicher wußte, daß man ihn myſtificirt hatte.— Denn das zum Wenig⸗ ſten kann ich beſchwören, daß ich allein von ihm geliebt werde und meine Schweſtern nicht daran denken, mir dieſes Glück ſtreitig zu machen! Ach, laß' doch das, davon verſtehe ich nichts! ſagte er ärgerlich und machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung.— Nur das weiß ich aus den Schriften alter zuverläſſiger Philoſophen und Weltweiſen, daß dieſe die Liebe für eine Seelenkrankheit erklären, oder zum Min⸗ deſten für eine Illuſion des Gemüthes, die ſich nur durch gewiſſe Störungen des geiſtigen Vermögens er⸗ klären laſſe. Aber dem ſei wie ihm wolle, Doctor 16* 16 Moſer kann unter keinen Umſtänden mein Schwieger⸗ ſohn werden; denn Du weißt, daß ich kein Vermögen mehr beſitze, mithin fehlen mir die Mittel, Dich und Deine Schweſtern auszuſteuern,— mithin ſchließe ich von heute an mein Haus gänzlich von der Welt ab und ge⸗ ſtatte Niemand mehr, wer es auch ſein möge, den Zu⸗ tritt über meine Schwelle.— Ihr habt Raum genug zur freien Bewegung innerhalb unſerer vier Wände und braucht Euch darum für die Zukunft keinen ſolchen ver⸗ leumderiſchen Gerüchten mehr auszuſetzen. Aber, lieber Vater, ich ſage Dir ja, daß ich Moſer's anverlobte Braut bin, entgegnete Eliſabeth, feſt entſchloſ⸗ ſen, Alles zu wagen, um ihn von ſeinem abenteuerlichen Plane wieder abzubringen.— Er iſt der edelſte, beſte Menſch, und wer ihn bei Dir ſo ſchändlich verleumdet hat, der führte ſicherlich Böſes gegen uns Alle im Schilde. Mein Verlobter weiß ſo gut wie Du, daß ich Nichts habe, daß Du mir vielleicht keine hundert Thaler mit⸗ geben kannſt. Und hätt' ich eine Million im Vermögen, Doctor Moſer könnte doch niemals mein Schwiegerſohn werden! rief Herr Felix, wobei die Adern auf ſeiner Stirne dick aufſchwollen und eine dunkle Zornesröthe über ſein Antlitz flammte.— Er iſt Alles in Allem geſagt ein ruinirter Böſewicht, ein Menſch, den ſeine Herkunft noch mehr als alle ſeine Laſter brandmarkt. Sprachlos ſtarrte Eliſabeth ihren Vater an. Was ſagſt Du? Was weißt Du von Ludwig's El⸗ tern und Herkunft? ſtammelte ſie dann, auf's Tiefſte erſchreckt durch den beſtimmten Ton, wie durch die Si⸗ cherheit in ſeinem ganzen Weſen, womit er ihrem Glücke das Todesurtheil ſprach. Von ſeinen Eltern weiß ich wenig mehr als Nichts, entgegnete der Alte gemäßigt.— Den Namen ſeines Groß⸗ vaters aber Dir zu ſagen, iſt ganz unmöglich, denn er taugt nicht für das Ohr eines jungen anſtändigen Frauenzimmers. Er ſprach die letzten Worte mit einer ſo feierlich gedämpften, geheimnißvollen Stimme und der Blick ſeiner ſtarren weitgeöffneten Augen hatte dabei einen ſo ſcheuen Ausdruck, als wenn das Geſpenſt des alten vielverrufenen dämoniſchen Wüſtlings ſelber in Moment leibhaftig vor ihm ſtünde! Aber dieſer Anblick war es auch, der Eliſabeth's Muth und Hoffnung plötzlich wieder aufrichtete; denn jetzt wußte ſie beſtimmt, daß der Vater wieder einmal, von ſeinem alten dunklen Wahne befangen, irgend einer unheimlichen Idee durch alle Labyrinthe ſeiner fantaſti⸗ ſchen Weltanſchauung, ſein eigner Diabolus, nachging und im ſeltſamen Widerſpruch zu ſeinem ſonſtigen klaren und nüchternen Verſtand von dieſer einen Vorſtellung dergeſtalt eingenommen ſei, daß er zu jedem ſicheren Urtheil unvermögend war— ein Zuſtand der Exaltation und des Nervenüberreizes, von dem es unmöglich war, ihn anders als durch widerſpruchloſe Fügſamkeit in ſeine wunderlichen Launen allmälig wieder zurückzubringen. Mit ihrem ſicheren Takt und ihrer genauen Kenntniß ſeines Charakters ergriff ſie ſchnell dieſes Mittel, ihn zu beruhigen. Sie erklärte ſich bereit, allen ſeinen Wün⸗ ſchen und Befehlen Gehorſam zu leiſten und ſich mit den Schweſtern gerne in die künftige häusliche Abge⸗ ſchloſſenheit zu fügen; ja, ſie ſelber fand noch einzelne zweckmäßige Einrichtungen, wie man ſich von der feind⸗ lichen Welt und ihren Nachſtellungen am beſten ſchützen könne und war der Meinung, daß man vor Allem das Hausmädchen entlaſſen und ſich mit der treubewährten Köchin behelfen müſſe, da Erſteres ſich gewiß nicht für die Dauer zu einem ſolchen ſtrengen Kloſterleben ver⸗ ſtehen werde.— Ihre Nachgiebigkeit und ihre verſtändigen Rathſchläge erfreuten den Alten ungemein; er bat ſie, ihren Schweſtern die Nothwendigkeit dieſer neuen Haus⸗ und Lebensordnung von der beſten Seite darzuſtellen und geſtattete ſogar von freien Stücken täglich eine Stunde für die Bewegung in der friſchen Luft inner⸗ halb des Bezirks des Gartens. Dann ſagte er wohl⸗ gemuth: Beſtelle nur das Abendbrod, mein Kind, ich bin wirklich recht hungrig. — Mein Gott, Vater, Du biſt ganz im Irrthum, er⸗ wiederte ſie.— Die Dunkelheit hier unten und die beiden Lichter täuſchen Dich über die Tageszeit. Gleich wird es zwei Uhr ſein und gewiß iſt das Mittageſſen längſt fertig; wir haben heute Dein Leibgericht: Schellfiſch mit Pellkartoffeln, dazu eine Flaſche bahriſch Bier. Er ſtutzte und ſah ſie groß an. Wie? Erſt Mittag? rief er überraſcht.— Ach, Du haſt Recht, mein Kind, ich bin wirklich ganz zerſtreut. Mit dieſen Worten löſchte er, wie er ſonſt Abends vor'm Zubettegehn zu thun pflegte, beide Lichter aus, wobei er ſich regelmäßig, auch wenn eine Lichtſcheere vorhanden war, vorſichtshalber ſeines Daumens und Zeigefingers bediente, und tappte nun— denn auf dem Vorplatz war das Licht in der Laterne, weil es der „ Köchin bei der plötzlichen Inſtandſetzung derſelben an Docht gefehlt hatte, wieder ausgegangen— mit Eliſa⸗ beth aus dem dunklen Zimmer und über die ſtockfinſtere Hausflur nach der Treppe, wo ihnen der helle Tages⸗ ſchein von Oben entgegenfiel. Die beiden Jüngeren, bereits von der merkwürdigen Scheidung von Licht und Dunkelheit unterrichtet, ſtanden banger Erwartung voll am Treppengeländer; ein Wink Eliſabeth's hinter des Vaters Rücken bedeutete ihnen, ſich keine Neugierde mer⸗ ken zu laſſen; mit ſeinem ſonderbar verlegenen, förm⸗ lichen Weſen, das ihm immer eigen war, wenn er ſich durch eine neue Originalität in Widerſpruch mit der gewohnten Ordnung des Hauſes geſetzt hatte, grüßte er beide, wobei er ſich wie fröſtelnd die Hände rieb, durch ein ſtummes Kopfnicken, und gab dann das Zeichen zum Niederſitzen. Ohne ein einziges Wort zu ſprechen, wie man es in ſolchen Fällen von jeher gewohnt war, wurde das Mittagsmahl eingenommen, dem alten Herrn ſchmeckte ſein Leibgericht vortrefflich; als er geſättigt war, kaute er wohl noch eine halbe Stunde an einem Stückchen trocknen Schwarzbrot zerſtreut vor ſich hin brütend, und die Mädchen mußten gleichfalls ſo lange regungslos ſitzen bleiben. Dann legte er ſeine Serviette mit der gewohnten Umſtändlichkeit zuſammen, jede ſeiner Bewe⸗ gungen hatte dabei etwas feierlich Steifes, und ſtand endlich mit einem nachdenklichen„Hm! Hm!“ vom Sitze auf. Mit einem bedeutungsvollen Blick aus den großen hellgrauen Augen gab er Eliſabeth zu verſtehen, was ſie jetzt thun ſolle und kehrte dann gemeſſenen Schrittes in ſeine dunkle Parterre⸗Region zurück.— Nein, Kinder, was zu arg iſt, iſt zu arg! rief die leidenſchaftliche Lucinde außer ſich, nachdem Eliſabeth ſie und Helene von Allem unterrichtet hatte, was ſie nicht bereits durch die Köchin erfahren hatten.— Wenn wir uns auch in dieſe tyranniſche Laune des Vaters fügen, ſo verdienen wir in Wahrheit, daß die Leute mit Fingern auf uns zeigen, und daß man uns wirklich für a. ———— 1 * a. ———— —— — das hält, was der miſerabele Menſch dem Vater in den Kopf geſetzt hat! Sagt mir nur um Gotteswillen, wer iſt dieſes Scheu⸗ ſal im grauen Filzhut, dieſer Doctor Strohmetz geweſen? jammerte die troſtloſe Helene.— Juſtine ſagt, er hätte eine Ausſprache gehabt, ſo roh und häßlich, wie ſie noch nie Jemand habe reden hören. Und dieſem gemeinen Strolch glaubt es der Vater auf's Wort, daß wir alle Drei mit dem Doctor ein Liebesverhältniß unterhielten? So was kann aber auch wirklich nur dem Vater auf⸗ gebunden werden! Seid doch vernünftig, Kinder, ſagte Eliſabeth beſänf⸗ tigend.— Ein miſerabler Scherz iſt's, den ſich irgend ein Wicht, der den Vater und ſeine Wunderlichkeiten kennt, mit ihm und uns erlaubt hat.— Wie kann nur ein Menſch in der Welt Strohmetz heißen! Das Ganze ſieht wirk⸗ lich viel gefährlicher aus, als es in Wirklichkeit iſt. Wie lange kann denn dieſe abenteuerliche Einrichtung dauern? Habt nur ein klein wenig Geduld und ſeid vernünftig, dann wird der Vater bald von ſelbſt von ſeiner barocken Idee zurückkommen. Vernunft und Sonderbarkeit ſind bei ihm oft nur haarbreit geſchieden. So, zum Bei⸗ ſpiel, weiß ich ſeit heute ganz genau, woran ich mein Lebenlang nicht gedacht habe, warum er ſich ſo ſehr gegen den Gedanken ſträubt, Eine von uns lönnte ſich einmal verlieben. Dieſe Geſpenſterfurcht, Ihr errathet's — nicht, hat wirklich einen ſehr reellen und ſogar vernünf⸗ tigen Grund. Es iſt der nämliche ſchwerfällige Hypo⸗ chonder, den er in allen Geldangelegenheiten zeigt, und die ganze Sonderbarkeit läuft bei ihm darauf hinaus, daß er uns— nicht ausſteuern kann. Darum ſind ihm Schwiegerſöhne ſo„unbeguem!“— Nun, Gott ſei Dank, mein Schatz wird ihm dieſen Hypochonder be⸗ nehmen! Wie Du nur bei Allem ſo zuverſichtlich bleiben kannſt! ſagte die Jüngſte beklommen.— Wenn nun jener Unbe⸗ kannte Recht hätte und Ludwig wäre wirklich ein An⸗ derer, als wofür Du und wir ihn ſo lange angeſehen haben? Dann wäre er eben nicht der treue herrliche Menſch, der er iſt! rief Eliſabeth begeiſtert und ihre Miene ſtrahlte im vollen glücklichen Stolz ihres ſchönen Glau⸗ bens an den Geliebten.— Laßt Euch doch nicht von des Vaters Schrullen anſtecken, liebe Kinder! Und wäre ſein Großvater auch ein Straßenräuber geweſen oder ein Scharfrichter, der Enkel wäre mir womöglich noch ein⸗ mal ſo lieb!— Ja, prügeln möcht' ich mich, daß ich mich vorhin durch Vaters blinde Schreckſchüſſe ſo in's Bocks⸗ horn jagen ließ! Wozu iſt denn die Liebe in der Welt, wenn ſie uns nicht das eigne Herz heilig und unantaſt⸗ bar machen ſoll!— Was ſagſt Du dazu, Lucinde? Ich ſtimme Dir vollkommen bei, entgegnete dieſe. Dein Ludwig iſt gut durch und durch, ich nähm' ihn heute zum Mann, wenn Du ihm den Laufpaß geben ſollteſt. Ach, Tante Helolſe hat Recht; es iſt etwas reizend Unconfirmirtes in ſeinem Weſen! Jedenfalls find' ich es unter den Kanonen ungerecht vom Vater, daß wir für Deine Liebesgeſchichte mit ein⸗ ſitzen ſollen, ſagte Helene mit trocknem Jammer.— Er hätte Dich ja allein in eine Dachkammer ſperren können! Mach' ihm den Vorſchlag! rief Eliſabeth munter. Nur riskirſt Du freilich dabei, daß er gegen Dich und Lueinde gleichfalls das pennſylvaniſche Zellenſhſtem in Anwendung bringt. Nein, da will ich Euch einen klüge⸗ ren Rath geben! Wir machen zunächſt bonne mine à mauvais jeu und benutzen unſer Hausmädchen Friederike zur Communication mit der Außenwelt; ſie iſt treu, klug und zuverläſſig und wird uns gewiß die beſten Dienſte leiſten. Unſere beiden Ritter Conſtantin und Ludwig mögen dann das Ihre thun zu unſerer Er⸗ löſung. In einigen Tagen iſt Onkel Cyprian's fünfundſechzig⸗ ſter Geburtstag! jubelte Lucinde.— Dann giebt's das große Familienfeſt wie in jedem Jahre, und eher würde Vater ein Loch in die Brandmauer ſeines Hauſes bre⸗ chen laſſen, um ſich den Weg zu ihm zu bahnen, als daß er an dieſem Tag verſäumte, dem Bruder zu gra⸗ tuliren und bei Tiſche dem Haupt der Familie zur Rechten zu ſitzen. Herrlich! Herrlich! Dann thun ſich die Pforten unſerer Altjungfernburg von ſelber wieder auf! Bis dahin aber muß Alles im Hauſe ſeinen gewohn⸗ ten Gang gehen, ſagte Eliſabeth.— Je mehr der Vater fich überzeugt, daß wir hinter Schloß und Riegel die nämlichen ſind, wie in der Freiheit, um ſo ſchneller wird ſeine Furcht ſchwinden, uns den Anfechtungen der Welt wieder auszuſetzen. Jetzt will ich an Ludwig und Anna ſchreiben und ihnen von den Vorgängen des heutigen Morgens, beſonders was den Doctor Strohmetz anbe⸗ trifft, Nachricht geben. Friederike wird die Briefe über⸗ bringen, das Weitere müſſen wir in Geduld abwarten.— Die Nachbarn des Kloſterhofs, obwohl ſeit Jahren an die Wunderlichkeiten und eigenſinnigen Launen ſeines Beſitzers gewöhnt, erſtaunten doch nicht wenig, als plötz⸗ lich ſämmtliche Fenſterläden des unteren Stocks geſchloſ⸗ ſen wurden und alle Perſonen, welche Einlaß begehrten, unverrichteter Sache wieder abziehen mußten. Man würde ſchon am folgenden Tag auf die ſeltſamſten Muth⸗ maßungen über dieſe plötzliche räthſelhafte Abſperrung verfallen ſein, hätte man nicht an den Fenſtern der bei⸗ den oberen Stockwerke zuweilen das muntere Geſicht von einem der drei Mädchen geſehen, die ihren Be⸗ kannten aus der Nachbarſchaft freundlich wie ſonſt zu⸗ nickten und in Allem guter Dinge zu ſein ſchienen. Dennoch erregte der Umſtand, daß auch am dritten Tage die Thüre verſchloſſen blieb und kein Menſch aus⸗ und einging, die wachſende Neugierde der Leute; man ſah weder den alten Herrn zur gewohnten Zeit nach der Börſe gehen, noch wurde die Köchin mit dem Markteimer ſichtbar; die Milchverkäuferin, der Buttermann, der Metzger, der Bäcker, die Gemüſefrau, der Barbierge⸗ hülfe, der Zeitungsträger,— Alle läuteten zur beſtimmten Stunde vergebens und wiederholt an der Hausſchelle, die Pforte that ſich keinem auf, und doch rauchten bei Tage die Schornſteine, doch ſah man Abends die Wohn⸗ ſtube erleuchtet, hörte Klavierſpiel und unterſchied deut⸗ lich hinter den Fenſterſcheiben die ehrwürdige Geſtalt des alten Herrn mit der ſchottiſchen Mütze auf dem kahlen Scheitel und der unvermeiblichen glimmenden Cigarre im Munde. Selbſt die Makler und andere Geſchäftsleute aus der kaufmänniſchen Welt, die ſonſt täglich mit Herrn Franke zu verkehren hatten, ſahen mit verwunderten und beſtürzten Blicken an dem geheimniß⸗ vollen Haus hinan, ſchüttelten nach drei⸗ und viermaligem Läuten der Glocke immer bedenklicher die Köpfe und gingen nur zögernd wieder von dannen. Unter ſolchen Umſtänden konnte es nicht fehlen, daß die Frage, was dies Alles zu bedeuten habe, ſich bald aus der näheren Umgebung des Kloſterhofs in weitere Kreiſe verbreitete; einzelne entfernt wohnende Bekannten des Hauſes kamen eigens, um ſich von der Wahrheit — des umlaufenden Gerüchts zu überzengen; auch die Freun⸗ dinnen der Mädchen zog die Neugierde herbei, der viel⸗ beſprochene Vorfall mit dem alten Herrn Franke auf dem Balle ſeines Sohnes Carlos erhielt dadurch ein neues Ferment, man wollte wiſſen— man hatte gehört — es war erzählt worden— es verlautete ſelbſt— nein, wer hätte das gedacht— aber es war ja nach Alledem und Alledem kaum anders zu erwarten geweſen —— kurz, alle die Redensarten und Gewohnheits⸗ phraſen, womit die Menſchen ſich untereinander über eine Sache zu verſtändigen pflegen, von der im Grunde Niemand etwas Beſtimmtes weiß, wurden in raſchem Conſum verbraucht und zuletzt— das war des Pudels eigentlicher Kern— kam man dahin überein, daß ſo Etwas überhaupt nur im Kloſterhof geſchehen könne, was? wußte freilich kein Menſch ſo recht zu ſagen. Hatte Herr Felix ſein ohnedies kaum noch nennens⸗ werthes Geſchäft vollſtändig quittirt? War der unglück⸗ liche Kaufmann aus einem paſſionirten Katzenfreund ein mit Gott und Welt zerfallener Menſchenfeind geworden? Oder ſollte der Kloſterhof etwa künftig als Tempel der Veſta gelten, da man joa ſelbſt am Tage durch das Fen⸗ ſter über der Thüre die Laterne der Hausflur wie eine ewige Lampe brennen ſah? Oder waren die drei holden „Frankenkinder“ übereingekommen, ſich als moderne Dorn⸗ röslein von den Hecken und Gebüſchen des Gartens 255— allmälig in eine romantiſche Waldwildniß einſpinnen zu laſſen? Dieſe und andere Auslegungen wurden verſucht, um ſich in Scherz oder Ernſt einen Fall zu erklären, der ſo ungewöhnlich und myſteriös ward, daß man ſogar hier und da leiſe munkelte, es werde wohl nächſtens vor dem Kloſterhof die verhängnißvolle„gelbe Chaiſe“ hal⸗ ten, worin— nun, worin der Vorſteher einer gewiſſen berühmten Privatanſtalt für ganze, halbe und Dreivier⸗ tels⸗Narren ſeine Patienten unter irgend einem harm⸗ loſen Vorwand abzuholen pflegte. Ende des zweiten Bandes. ₰ * — S. — — S P⸗ Druck von C.