5 5„ 1 Leihbibliothek dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur „ von 2 Cduard Hitmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Weih und Teſebedingungen. ofensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ 4 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ſe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und„ 2 beträgt: S 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5 Auswürtige Khonnenten haben für Hin- und Zurlickſendung 4 — — der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Es gibt nicht leicht eine empfindlichere Demüthigung, als wenn uns in einem neuen glücklichen Lebenszuſtand, der allen unſeren Wünſchen entſpricht, nachdem wir mit der Vergangenheit für immer abgeſchloſſen haben, plötz⸗ lich eine widerwärtige Erſcheinung der alten Zeit entge⸗ gentritt, uns unſer ganzes voriges beſchränktes Daſein im Contraſt zu unſeren jetzigen freien Eindrücken und Stimmungen vor die Seele rückt und das alte Leben mit ſeinen lächerlichen und aufdringlichen Geſtalten, ſei⸗ nen Kirchthurmsanſichten und Gevatterſtückchen noch ein⸗ mal zur Geltung bringen will. Dies empfand auch Ludwig, als er Eliſabeth's Brief empfieng, der ihm noch unter dem en Eindruck der überſtandenen Angſt bei dem Vat ſeltſamſte Mähr mittheilte, die er in ſeinem ganzen Leben gehört hatte. Jeder D. Müller, der Kloſterhof. MI. 1 andere Name aus alter Zeit würde ihn in ſeiner gegen⸗ wärtigen Situation minder unängenehm überraſcht ha⸗ ben, als der des ihm wohlbekannten berüchtigten Win⸗ keladvokaten aus Schwabenheim, dieſes verlogenen Sub⸗ jektes, dem ſeit mehreren Decennien die Schwelle von Ludwig's Vaterhaus verboten war, weil ihn ſchon deſſen Eltern als einen Menſchen von zweideutiger Geſinnung hatten kennen lernen, und dem unſer Freund einſt ſelber bei einer öffentlichen Gelegenheit die Maske der Men⸗ ſchenfreundlichkeit ſo unerbittlich vom Geſicht gezogen hatte, daß Strohmetz, ohne jemals offen feindlich gegen ihn aufzutreten, ſeitdem zu ſeinen geheimen erbittertſten Gegnern gehörte.— Wollte Ludwig daher jetzt ſeinen Augen trauen, ſo war allerdings dieſer Mann unter allen ihm bekannten Perſonen der geeignetſte Charakter, um ihm dieſen feigen tückiſchen Streich zu ſpielen, zu⸗ mal in der Fremde und ohne eine Wiedervergeltung fürchten zu brauchen. Der Umſtand, daß Strohmetz in der That die in der ſüddeutſchen Heimath unter dem Land⸗ volk herrſchende Auswanderungsluſt allen ſtrengen Geſetzen zum Trotze, zu ſeinem Intereſſe ausbeutete und für einen der gefährlichſten Schwindler und Winkelagenten galt, trug nicht wenig dazu bei, ſeine Anweſenheit in der Seeſtadt zu erkltenz aber auf welche Weiſe er in das nahe Verhältniß ig's zum Kloſterhof, ja ſogar in das Geheimniß ſeiner ſtillverſchwiegenen Liebe einge⸗ 5 drungen war, das blieb Ludwig ein ebenſo dynkles Räth⸗ ſel als die Frage, durch welches Mittel der Bosheit und Argliſt es ihm gelungen ſein konnte, den Vater der Ge⸗ liebten ſo vollſtändig gegen ihn aufzubringen?— Ludwig würde daher die Anſicht Eliſabeth's, daß man Letzteren myſtificirt habe, getheilt haben, wäre die Schilderung der Köchin von dem Unbekannten nicht bis auf's Kleinſte übereinſtimmend mit der Perſönlichkeit ſeines ſauberen Landsmannes geweſen, und hätte nicht ſchon der Name allein für die Identität Beider entſchieden. Denn wel⸗ cher einzige Menſch in der fremden Stadt wußte über⸗ haupt von der Exiſtenz des obſeuren Winkeladvokaten; es blieb ihm daher keine andere Annahme möglich, als daß es wirklich der rachſüchtige Strohmetz geweſen ſei, der das ganze Unheil angeſtiftet habe. Wir unterlaſſen es, ſeine Wuth, ſeine Beſchämung zu ſchildern, daß ein ſolcher untergeordneter Menſch dieſe verderbliche Macht auf ſein Glück ausüben ſollte; er konnte das Ganze kaum für denkbar halten, und doch war es ſo; und der kochende Grimm ſeiner Bruſt, das Gefühl ſeiner Ohnmacht dem feigen Verleumder gegen⸗ über, machte ihn zu jeder näheren Prüfung des verhäng⸗ nißvollen Ereigniſſes vollends unfähig; mit brennenden Augen überlas er den Brief Eliſabeth's zu wiederholten Malen; bald fuhr er ſich wie ein Träumender mit der Hand über die Stirne, bald glaubte er hier, bald dort 1* eine neue Wahrſcheinlichkeit aufdämmern zu ſehen, die ihm das unentwirrbare Räthſel löſen könne; darüber erhitzte ſich ſeine Einbildungskraft immer mehr und ſchuf ihm tauſend angſtvolle Bilder und abenteuerliche Vor⸗ ſtellungen, und ſo tappte er lange im Finſtern fort von einer falſchen Muthmaßung zur andern, bis er ſich zu⸗ letzt mit Gewalt aus ſeinem wirren, unfruchtbaren Brü⸗ ten aufraffte und die Frage in's Auge faßte, was von ſeiner Seite geſchehen könne, geſchehen müſſe, um die ſeinem jungen Liebesglück drohende Gefahr abzuwenden und einem feindlichen Geſchicke den nach ſeinem Herzen zielenden Streich zu pariren. Ohne Conſtantin keine Hülfe!— Dieſer Gedanke ſtand ſogleich klar und beſtimmt vor ſeiner Seele; denn es war der einzige Menſch, der einen Einfluß auf Herrn Felix ausübte, der Einzige, der die feindlichen Dämonen in der Seele des alten Mannes bannen konnte, weil er ja allein in der ganzen Familie ihm in Leid und Noth treu geblieben war. Warum zögerte ich überhaupt ſo unge W Alles zu ſagen, da er es doch binnen Kurzem erfahren muß? ſagte ſich Ludwig in vorwurfsvollem Tone.— Hätte ich ihm gleich mein Glück entdeckt, ſo wär' es ein freiwilli⸗ ger Schritt des Vetrauens und der Freundſchaft ge⸗ weſen, ſtatt daß es jetzt ſtark den Anſchein gewinnt, die Desperation allein öffne mir das Herz gegen ihn!— Ob —„ er wohl wirklich, wie Eliſabeth glaubt, die Nachricht von meiner Verlobung ſo ſchwer empfinden wird? Ob er noch gar keine Ahnung davon hat, daß es zwiſchen ihr und mir fernerhin keinen Platz mehr für ihn giebt? Dieſe Frage war allerdings keine ſo zufällige, als es vielleicht auf den erſten Blick ſcheinen möchte; Lud⸗ wig's Bedenken hatten vielmehr einen ſehr triftigen Grund in Wahrnehmungen, die er in den letzten Tagen an dem Freund gemacht hatte und denen er wohl nur in der Trunkenheit ſeines eignen Glückes bis jetzt keine nähere Prüfung geſchenkt hatte. Denn ihm war ſeit jenem Ballabend die große Zerſtreutheit und das inſichge⸗ kehrte Weſen Conſtantin's nicht entgangen, ſo wenig als die plötzlichen Ausbrüche wilder Luſtigkeit, in denen er ſich gewaltſam einem dunklen Gram ſeiner Bruſt zu entreißen ſtrebte; auffallend genug zumeiſt dann, wenn er mit Ludwig allein zuſammen war, während er im größeren Freundeskreis, wo es laut und bunt durch⸗ einander zuging, meiſt ſtumm und inſichgekehrt da ſaß und al Stichelreden und Anſpielungen auf ſeine alt⸗ bekannte„periodiſche Melancholie“ ruhig über ſich er⸗ gehen ließ. So war es erklärlich, daß Ludwig nicht ohne eine geheime innere Befangenheit heute nach des Freundes Wohnung ging, um dieſem endlich von ſeinem Verhält⸗ niß zu der ſchönen Couſine und was ſich an Sorgen und Bedrohniſſen daran knüpfte, ein volles Bekenntniß ſelbſt mit aufrichtiger Reue über die ſeitherige Zurück⸗ haltung gegen ihn abzulegen. Der Gedanke gewährte ihm einigen Troſt, daß er zugleich Conſtantin's Hülfe und treue Freundſchaftsdienſte in Anſpruch nehmen, ja von ihm die Beſeitigung einer wirklichen, ſeiner Liebe drohenden Gefahr erbitten wollte; denn wo gab es einen großmüthigeren Freund in ſolchen Nöthen, als Volk⸗ hauſen, der grade, hochſinnige Menſch, deſſen ganzes äußeres Unglück ja eben in dieſem völligen Mangel an praktiſcher Nützlichkeitstheorie und Rückſichtnahme auf den eignen Vortheil beſtand?— Ein Menſch, der ſeinem höheren Geiſtesdrang und ſeinem unabhängigen Charak⸗ ter ſo große Opfer an Glück und einer geſicherten Le⸗ bensſtellung gebracht hatte, war gewiß nicht im Stande, das Glück eines Freundes zu beneiden, oder ihm gar feindlich entgegenzutreten, ſelbſt wenn es ihm die ſchwerſte Reſignation koſtete, ſelbſt wenn er ſich ſagen mußte: Ohne ihn wär'ſt du vielleicht der Glückliche!— Er fand wie gewöhnlich Conſtantin's Stbenthüre verſchloſſen, an die doch ſchon ſo lange kein ungeduldiger Gläubiger mehr gepocht hatte; auch heute that ſie ſich erſt auf, als Ludwig den Freund beim Namen rief, worauf dieſer ſogleich von ſeinem aus Folianten und einem alten Pferdehaarpolſter improviſirten Divan auf⸗ ſprang und den Riegel zurückſchob. Trotz der bereits in dem Zimmer herrſchenden Dämmerung bemerkte Lud⸗ wig doch das verſtörte Weſen Conſtantin's, der ihm eine fieberheiße Hand bot und ihn mit unſicherer Stimme, die eine tiefe innere Bewegung verrieth, willkommen hieß. Ich erwarte Dich ſchon ſeit mehreren Stunden, ſagte er dann mit ſchwer errungener Faſſung.— Meine Schweſter Anna war heute Nachmittag bei mir, ſie hatte einen Brief von Eliſabeth und brachte mir die Nachricht von Onkel Felix ſeinem neuſten Rappel! Das ſieht freilich nicht gut aus— aber vor Allem mußt Du mir ſagen, wer dieſgr Strohmetz iſt, von dem Dir ja Eliſabeth wohl ausführlicher geſchrieben hat? Es lag in ſeinen Worten etwas ſo Gezwungenes und die Abſicht, den eigentlichen Hauptpunkt ſeinerſeits 6 unberührt zu laſſen, trat dabei ſo deutlich hervor, daß R Ludwig nicht ohne Befangenheit erwiederte: Wer dieſer Strohmetz iſt, ſollſt Du nachher hören. Vor Allem wollte ich Dir ſagen, daß Eliſabeth—— Deine Braut iſt! fiel ihm Conſtantin in's Wort und machte ſich, um dem Freund ſeine große Aufregung „ zu verbergen, im dunkelſten Zimmerwinkel Etwas zu ſchaffen.— Das weiß ich ſchon ſeit einigen Stunden durch meine Schweſter, fuhr er dann mit ſtockender Stimme fort; und kam mir auch die Nachricht keineswegs uner⸗ wartet, ſo geſtehe ich Dir doch— ich hätte ſie lieber von Dir zuerſt erhalten, als von jeder anderen Perſon, meine ſüße Anna ſelbſt nicht ausgenommen. Begreif' ich es doch jetzt ſelber kaum, wie ich Dir ſo lange— faſt eine ganze Woche lang— mein Glück verſchweigen konnte, entgegnete Ludwig mit voller Herz⸗ lichkeit.— Denn daß Du in der jüngſten Zeit ſo wenig in der Stimmung zu ſein ſchieneſt, den innigen Antheil daran zu nehmen, den ich von Dir erwarte, das durfte mich nicht abhalten, Dir Alles zu entdecken. Ich will mich deßhalb auch wahrlich nicht bei Dir rechtfertigen, vielmehr ein reumüthiges pater peccavi ſprechen. Sei mir nicht böſe, Conſtantin, ich mache mir über mein langes Schweigen in dieſer Sache jetzt ſelber die bitter⸗ ſten Vorwürfe, habe keine andere Entſchuldigung dafür, als eben Deine große Verſtimmung, die auch den andern Freunden an Dir aufgefallen iſt. Dem Reuigen ſoll vergeben ſein! ſagte Volkhauſen und zwang ſich, indem er dem Freunde noch einmal die Hand reichte, mit Mühe in den alten Ton ihrer herz⸗ lichen Freundſchaft hinein.— Meine Verſtimmung war allerdings in der letzten Zeit pyramidal; theils rumorte der alte Höllengaſt Kopfgicht wieder in meinem gemar⸗ terten Schädel herum, ſo daß ich oft meinte, die Stirn⸗ haut müſſe mir auseinander ſpringen; theils kam noch ein anderes Ereigniß dazu, das mir wie Ahnungs⸗ grauen neuen Unheils ſchon lange durch die Seele zog. —————— ——— 9 Dazu das verwünſchte viele Kneipen in den letzten Näch⸗ ten und der heilloſe Stadtklatſch in Folge der Ball⸗ affaire— ach, Du glaubſt nicht, Freund, wie der Brand⸗ geruch dieſer wüſten See, Leben genannt, mir wieder einmal auf die Nerven gefallen iſt!— Aber von Deinem G Glück, Deiner Liebe wollen wir jetzt reden, brachte er kaum hörbar, mit gepreßter Stimme hervor;— ja, das ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt— Euch Beiden muß geholfen wer⸗ den— ſchnell— heute noch— Ihr ſeid einander w werth — wer Euch wieder trennen will, iſt ein Narr, ein Teufel — ach, ich kann mir wohl einen Tag denken, an dem Euere Vereinigung mich mit Allem aus sſöhnt, was der alte Gott da oben, und das neue Jeruſalem da unten mir an Pech und Nochmal— Pech aufoetroyirt haben! Und nun zur Tagesordnung, ſpricht Präſidium.— Wer iſt Strohmetz? Narr oder Teufel? Der raſche Uebergang aus der ſchwer verhaltenen heftigen Leidenſchuſt dieſer wahren herzlichen Theil⸗ nahme, dazu der von einem tiefinneren Zerwürfniß zeu⸗ gende gallenbittere Humor waren Urſache, daß Ludwig nicht ohne Beſorgniß vor dieſer ercentriſchen Stimmung des Freundes ſeine Mittheilung der Ereigniſſe begann, die ihm Eliſabeth's Brief gemeldet hatte, woran er dann ſeine eignen Muthmaßungen über die ihm ſelber noch immer unerklärliche Erſcheinung jener verrufenen Perſönlichkeit knüpfte. In die dunkelſte Ecke des Di⸗ vans gedrückt, hörte ihm Conſtantin aufmerkſam zu, und verharrte auch noch, als Ludwig ihm ſchon alle Details der neueſten Vorgänge im Kloſterhof mitgetheilt hatte, lange Zeit in ſeinem Schweigen. In der kleinen Gelehrtenklauſe herrſchte bereits völlige Dunkelheit und es waltete jene feierliche Stille darin, in der wir nach einem lebhaft geführten Geſpräche voll tiefgehender Intereſſen und unſer innerſtes Leben berüh⸗ render Mittheilungen von einem Gefühl beſchlichen wer⸗ den, als ſei ein Theil unſeres Weſens von uns geſchie⸗ den und bewege nun in den nämlichen erhöhten Em⸗ pfindungen, wie vorher uns ſelber, das vertraute Herz, dem wir unſer Geheimniß mitgetheilt haben. Endlich erhob ſich Conſtantin, dehnte wie Einer, dem die Bruſt bis zum Springen enge geworden iſt, beide Arme weit aus, warf dabei den Kopf in den Nacken zurück, ſo daß Ludwig beim Scheine des Mondes ſein Geſicht bleich und geiſterhaft im ſtarren Aufblick nach der Zim⸗ merdecke unterſcheiden konnte, holte dann tief Athem und ſagte plötzlich in dem trocknen Ton ſeiner gewohnten Ruhe und kalten Ueberlegung: Höre, mit dem Strohmetz bin ich im Reinen, ich tenne den„Ehrenmann“ des guten Onkel Felir und nehme ihn— bei meinem großen und kleinen Cerevis! — mit Haut und Haaren auf mein Gewiſſen. Frage jetzt nicht weiter, ſondern laß' mich nur machen; Du — ſollſt eine Satisfaction erhalten, dergleichen noch nicht in. der Welt erlebt worden!— Apropos, haſt Du mir nicht einmal von einem Vermögens⸗Nachweis geſagt, den Du Dir vorſichtshalber bei Deiner Abreiſe von Deinem competenten Gerichte hätteſt ausſtellen laſſen? Allerdings, entgegnete Ludwig verwundert. Es iſt ein vollſtändiges, in aller Form Rechtens entworfenes und gerichtlich beglaubigtes Wirthſchaftsinventar meiner ſämmtlichen Moventien und Mobilien, kein Horn und keine Klaue fehlt daran. Bon! fuhr Conſtantin in dem nämlichen Geſchäfts⸗ tone fort.— Ebenſo beſitzeſt Du, wenn ich mich recht ent⸗ ſinne, ein ähnliches obrigkeitlich beglaubigtes Certificat Deiner ſämmtlichen Kapitalausſtände— nicht ſo? Jeder Banquier der Welt würde mir daraufhin zwei Drittel meines Baarvermögens vorlegen, verſicherte Ludwig. Aber was ſoll das Alles? Ohne dieſe beiden Schriftſtücke möchte es uns ſchwer werden, Dir die Pforten des Kloſterhofs wieder zu öff⸗ nen, ſagte Conſtantin mit dem größten Gleichmuth.— Du mußt nämlich wiſſen, mein guter Junge, was Du noch nicht zu wiſſen ſcheinſt, daß Du in einer Geldſtadt lebſt und liebſt, und nicht in einem Arkadien, wo die roman⸗ tiſchen Hochgefühle, die zarten und ſublimen Ueber⸗ ſchwenglichkeiten gratis an jedem Brombeerſtrauch wach⸗ ſen. Bei uns hingegen läuft Alles, ſelbſt die innigſten und minniglichſten Triebe zartbeſaiteter Herzen, ja ſelbſt die wunderlichen Hypochondrieen und barocken Capricen eines Sonderlings von Schwiegerpapa, zuletzt auf die einfachſte Frage von der Welt hinaus, nämlich: Ob Du Geld haſt, ob keins?— Denn hier gilt nur Das, was Du haſt, nicht Das, was Du biſt; und Eure romanti⸗ ſchen Liebesverhältniſſe, Eure ſentimentalen ſüddeutſchen Gefühlspoſſen, Eure idealiſtiſchen Träumereien kennt man hier nur aus guten und ſchlechten Romanen. Wer ſich hier— ohne Kaufmann zu ſein— in die Tochter aus einem unſerer„erſten“ Häuſer verliebt, der hat über⸗ haupt nur zweierlei Wahl: Entweder muß er überzeu⸗ gende Beweiſe beibringen, daß er ſelber die zu einem ſtandesmäßigen Unterhalt einer Familie nöthigen Mittel beſitzt, oder aber, er gilt für einen Lumpen, dem man, wie figura zeigt, wenn man höflich gegen ihn verfahren will, die Thüre vor der Naſe zuriegelt. Wie, ſo wären Eure liebenswürdigen feingebildeten Mädchen Nichts weiter als Waaren, die man ſo theuer wie möglich losſchlägt? rief Ludwig. Im Durchſchnitt gilt das von unſeren erſten Häuſern vollkommen, wenn ich auch nicht ſagen will, daß es alle ſo halten, entgegnete Conſtantin.— Aber das kannſt Du jedenfalls als Gewißheit annehmen, daß eigentliche ro⸗ mantiſche Verhältniſſe, bei denen die Liebe als Siegerin über die Hinderniſſe, die ihr Vorurtheil und Intereſſe „ — 13 entgegenſtellen, hervorgeht, zu den ſeltenſten Ausnahm⸗ fällen gehören, von denen oft ganze Generationen bei uns keine Ahnung bekommen. Unſere Nabobs ſind in dieſem Punkte noch amerikaniſcher als die Amerikaner ſelbſt. Was in den andern Kreiſen des Lebens für ganz natürlich und ſelbſtverſtanden gilt: inniges Zuſam⸗ menhalten verſchwiſterter Herzen, gegenſeitige Hingebung und Aufopferung der Eltern für geliebte Kinder, der Kinder für theure Eltern— das Alles bedeutet in den Augen von vielen unſerer reichen Gentlemans und ver⸗ härteten Mucker kleinbürgerliche Beſchränktheit; man hat keine Zeit für dergleichen hohle Sympathieen, ein Je⸗ der helfe ſich ſelber, ſo gut er kann— bei uns gilt nur, um mit dem höchſt verſtändigen Franz Moor in Schil⸗ ler's Räubern zu reden, der, welcher ſchwimmen kann, dahingegen wer plump iſt, in Gottes Namen unterge⸗ hen mag! Aber was haben dieſe widernatürlichen Zuſtät mit meiner Angelegenheit zu thun? rief Ludwig unge⸗ duldig.— Bin ich nicht, Gottlob! in der glücklichen Lage, Deinem Onkel Felix, und wer ſonſt darnach zu fragen ein Recht hat, jede beruh higende Garantie geben zu können? Das iſt aber auch wirklich Dein Glück, mein Junge, entgegnete Conſtantin bitter auflachend.— Denn daß Du's nur weißt, Dein würdiger Landsmann Strohmetz hat in Onkel Felix große Bedenken gegen Deine ökono⸗ miſchen Verhältniſſe erweckt. Eliſabeth ſchreibt hierüber an Anna, ihrer ſchönen Seele werth, ganz aufrichtig, ihr ſeiſt Du zwar reich genug und ſie tauſche Deine Liebe nicht um alle Schätze der Welt, aber den Vater ſollteſt Du womöglich zu überzeugen ſuchen, daß Stroh⸗ metz ihn ſchändlich belogen habe. Ich habe Grund zu glauben, daß Eliſabeth in dieſem Punkte ineine Ver⸗ mittlung wünſcht, und weil nun ein glücklicher Zufall will, daß ich, wie ich Dir ſchon ſagte, dieſen Strohmetz perſönlich kenne und ihn ganz in meiner Gewalt habe.. Wie in aller Welt iſt denn das aber möglich? rief Ludwig und hielt ſich den Kopf zwiſchen beiden Händen! feſt.— Wie kannſt Du den elenden Menſchen kennen, von dem ich wenigſtens das Eine beſtimmt weiß, daß er nie zuvor in dieſe Stadt gekommen iſt?— Ich bitte Dich um Gotteswillen, Conſtantin, mache mir keine neue Con⸗ uſion, die Geſchichte iſt wirklich auch ohnedies ſchon ver⸗ wickelt genug, und nun willſt Du ſogar noch den heil⸗ loſen Anſtifter perſönlich kennen! Sei doch geſcheidt, ich erlaube mir wirklich keinen ſchlechten Witz gegen Dich! verſicherte Conſtantin ebenſo beſtimmt als ernſthaft.— Der Strohmetz iſt da geweſen, dies Factum ſteht feſt— er hat der Köchin im Klo⸗ ſterhof ſeinen Namen geſagt, die üblen Folgen ſeiner böſen Nachrede ſind auch da, und ich— ich werde den verdammten Kerl in einer Weiſe in's Gebet nehmen, daß er— das ſchwör' ich Dir— ſogar ſeines Namens ſich ſchämen und mir erklären ſoll, er ſei der größte Gauner, der durchtriebenſte Galgenſtrick unter Gottes Sonne! Nun, auf dieſe Betheuerung hin muß ich Dir ſchon glauben, entgegnete Ludwig zögernd; obwohl ich wirklich mit dem Schüler im Fauſt hier ſprechen möchte: Mir wird von alledem ſo dumm Als ging mir ein Mühlrad im Kopfe herum. Conſtantin ſagte: Vor Allem müſſen wir ein Mittel ausfindig machen, uns mit Onkel Felix in direkten Rapport zu ſetzen; denn die Friederike können wir dazu nicht gebrauchen, weil er ſonſt ſogleich merken würde, durch welchen Kanal wir überhaupt von den neueſten Ereigniſſen im Kloſterhof Wind bekommen haben. Da iſt alſo wirklich guter Rath theuer und es ſcheint, daß wir zu einer förmlichen Be⸗ lagerung ſchreiten müſſen. Eliſabeth räth ſelbſt dazu, uns in Nichts zu über⸗ eilen, bemerkte Ludwig.— Sie meint, wenn man ihrem Vater nur einige Tage Zeit ließe, die Sache praktiſch durchzumachen, ſo werde er von ſelber die Unmöglich⸗ keit einſehen, dieſes ſtrenge Abſperrungsſyſtem für die Dauer durchzuführen. Da hat ſie vollkommen Recht, verſetzte Conſtantin. — Onkel Felix iſt auch darin einzig, daß er bei allen ſei⸗ nen Originalſtückchen den Humor davon immer zuerſt ſatt kriegt und dann gerne wieder ſo unbemerkt als möglich zu den alten bewährten Zuſtänden zurückkehrt; auch gibt es dann keinen fügſameren und handlicheren Menſchen als ihn und wer's verſteht, kann ihn dann um den Finger wickeln und Alles bei ihm erreichen. In dieſer Weiſe beſprachen die Freunde noch lange die zu ergreifenden Maßregeln gegen die dem Glücke des Einen drohende Gefahr, während der Andere, dem die⸗ ſes Glück weder in Beſtand noch Unbeſtand zu Theil werden ſollte, ſeinen Troſt in dem Bewußtſein zu fin⸗ den ſchien, zwei geliebten Menſchen als treuer Freund in der Noth zur Seite zu ſtehen und ſich in ſtiller Ent⸗ ſagung ihnen hülfreich zu zeigen. Ein aufrichtiges herz⸗ liches Wort gab das andere; von der Gegenwart kamen ſie auf die Zukunft zu ſprechen, und Ludwig machte — und Schilderungen von ſeinem und des Freundes neuem Leben, wie er ſelber auf einer andern ſüddeut⸗ ſchen Univerſität die unterbrochene akademiſche Docen⸗ tenlaufbahn wieder aufnehmen wolle, mit größerem Ernſt und größerer Mäßigung als vordem; wie Con⸗ ſtantin ihm und der Freundin ſpäter dahin nachfolgen ſolle, um die gleiche Carriére einzuſchlagen; während Herr Felix mit den beiden Mädchen auf dem reizend gelegenen Hofgut in Schwabenheim leben würde, in der ——— — 17— unmittelbaren Nähe einer durch die Eiſenbahn bis auf eine halbe Stunde nahe gerückten größeren Handelsſtadt, die den ländlichen Aufenthalt mit allen Annehmlichkeiten ſtädtiſchen Comforts und geſelliger Unterhaltung zu um⸗ geben erlaubte. Conſtantin hatte während dieſer meiſt vom Freunde allein geführten Unterhaltung ſeine Studirlampe anzu⸗ zünden verſucht, was ihm bei ſeiner Ungeſchicklichkeit in allen mechaniſchen Verrichtungen erſt nach mehrmaligen vergeblichen Verſuchen glückte. Als endlich das Licht brannte und der helle Schein auf ſein Antlitz fiel, er⸗ ſchrack Ludwig über die Bläſſe in ſeinen Geſichtszügen; ſeine Stirne war von Gram und Sorgen umwölkt und eine tiefe Niedergeſchlagenheit hatte ſich ſeines ganzen Weſens bemächtigt.— Da erſt gedachte Moſer wieder ſeiner vorhinigen Andeutung von einem neuen Mißge⸗ ſchick, das ihn betroffen und bat nun Conſtantin um eine nähere Aufklärung über dieſe dunklen Worte, Aber er mußte ſeine theilnehmende Frage mit größerem Nach⸗ druck wiederholen, bevor Jener darauf einging, nicht ohne ſichtbare ſchmerzliche Ueberwindung, dieſen Punkt noch einmal zu berühren. So? Habe ich das vorhin wirklich geſagt? fragte er und ſah den Freund dabei zweifelhaft an.— Aber laß uns lieber heute nicht weiter von dieſer Sache ſprechen; denn wie ich Dir neulich nicht in der rechten Stimmung D. Müller, der Kloſterhof. III. 7 — 18—„ zu ſein ſchien, Dein Glück zu verſtehen, ſo biſt Du jetzt noch weniger zu einer für mich ſo verhängnißvollen Mittheilung von meiner Seite geſtimmt und ich ver⸗ denke Dir das auch gewiß nicht, alſo— ſtill davon! Aber Ludwig ließ mit Bitten und Drängen nicht nach, bis Conſtantin ſich zuletzt halb gezwungen, halb freiwillig entſchloß, die ſchwere Sorge ſeines Herzens dem Freunde anzuvertrauen, jedoch unter der einzigen Vorausbedingung, daß dieſer ihn in Allem gewähren laſſen müſſe. Denn hier, fügte er mit feſter Stimme und düſter blitzendem Auge hinzu, ſtelle ich meinen Mann ohne fremden Rath noch Beiſtand, und wer ſich hineinmengt, den erkläre ich für meinen Feind, mit dem mich in dieſem Leben keine Macht der Welt wieder ausſöhnt!— Wir ahnen, was Conſtantin, nachdem ihm Ludwig feierlich gelobt hatte, nie ohne ſein Wiſſen und ſeinen Willen in dieſer Sache Etwas zu unternehmen, dem Freunde mittheilte: Anna's Verhältniß zu dem Sänger Hohenbaum, das ſie dem Bruder erſt jetzt entdeckt hatte. Als er aber die Beſtürzung ſah, in die Ludwig bei dieſer unerwarteten Nachricht gerieth, hielt er plötzlich 3 inne, die Narbe auf ſeiner Wange färbte ſich dunkel und er fragte heftig: Nun was iſt Dir daran bedenklich? Theilſt auch — 19— Du das Vorurtheil der Philiſter und Mucker gegen dieſen Stand? Dazu kennſt Du mich, ſollte ich denken, zu gut, entgegnete Ludwig, ohne ſich durch den bitteren Ton in Conſtantin's Frage verletzt zu fühlen.— Das Vorurtheil ſelbſt iſt es, das ich in dieſem Falle allein fürchte; denn bedenke nur... Was iſt da zu bedenken! fuhr Conſtantin auf und ſeine Stimme bebte. Sie liebt ihn— das iſt für mich genug, und ich— als einziger Bruder, habe hier allein zu entſcheiden.— Wehe dem, der mir dieſes Recht ſtreitig macht! Mich mögen ſie meinetwegen maltraitiren und verläſtern, wer aber ihrem Glücke in den Weg tritt, den ſchlag' ich nieder wie einen tollen Hund— Gott verdamm' mich! Noch nie hatte Ludwig den Freund in dieſer furcht⸗ baren Aufregung geſehen, er zitterte wie in Fieberſchauern, ſein Geſicht war erdfahl geworden und das wilde Funkeln ſeines einen Auges, während das andere ſtarr und un⸗ beweglich blieb, hatte in der That etwas recht Unheim⸗ liches,— der ganze Menſch war in einem Zuſtand von Exaltation und Reizbarkeit, in dem ihn das Geringſte außer ſich brachte. Augenſcheinlich war auch er von dem Unglück der geliebten einzigen Schweſter feſt überzeugt; aber eben deßhalb lehnte er ſich auch mit ſeiner gan⸗ 2 — zen moraliſchen Kraft und Leidenſchaft gegen den Ge⸗ danken auf, daß dieſe Angſt ſeines Herzens gerechtfertigt ſei; allen feindlichen Tücken und Geſchicken des Lebens zum Trotze ſollte Anna nun einmal aurchaus glücklich werden, und auf ihn— auf ihn allein ſollten alle die Leiden und Kämpfe einſtürmen, von denen er das ge⸗ liebte Weſen bedroht ſah— daher dieſe Erbitterung, dieſer heftige Widerſpruch bei dem leiſeſten Zweifel, denn im Grunde beſtätigte und rechtfertigte derſelbe ja doch nur ſeine eigne Seelenangſt. Sie ſollen mir kommen! rief er mit flammendem Blicke und ſchlug dabei wüthend mit der Fauſt auf den Tiſch; dieſe verknöcherten Materialiſten des Pietismus, dieſe in die Spezereien des verhimmelten Chriſtenthums einbalſamirten Mumien der herzloſeſten Beſchränktheit, dieſe Shyloks in Frack und Manſchetten— ſie ſollen mir kommen, ich will ihnen heimleuchten, daß ſie gerne für alle Zeiten ihre pflegelterliche Liebe und Bevormun⸗ dung an den Nagel hängen!— Nun will ich meiner ſüßen Anna durch die That den böſen Argwohn abbitten, daß ich ſie manchmal für fähig hielt, jenen Frömmlern all⸗ zuviele Conceſſionen zu machen! Schickſalskinder ſind wir ja beide; und wie unſere Eltern uns in einer Woche dahinſtarben, ſo ſoll auch fernerhin ein gemeinſames Loos uns beſchieden ſein und ein gemeinſamer Troſt, daß wir dieſen jämmerlichen Krämerſeelen trotzen und ihnen die Heuchlermaske ihrer falſchen Liebe vor die Füße ſchleudern! Ich habe dazu den Anfang gemacht und meine Anna folgt nach, was meinſt Du, Freund, iſt das nicht das gleiche Blut? Ludwig ſah den Freund, den während dieſer Worte eine Fieberhitze nach der andern überflog, nicht ohne tiefe Beſorgniß an; denn nimmer hätte er es für mög⸗ lich gehalten, daß dieſer unverwüſtlich ſcheinende Menſch mit dem athletiſchen Körper und den Muskeln von Stahl in eine ſo heftige Gemüthsbewegung hineingerathen könne, ſo daß er an allen Gliedern zitterte und jeder Nerv in ihm krampfhaft aufzuckte. Schone Dich nur, mein Beſter! bat er ihn daher mit herzlicher Stimme.— Ich gönne Dir wahrlich gerne das Glück und begreife auch die Freude, daß Du end⸗ lich Deiner Anna Bruder ſein darfſt in des Wortes vollſter ſchöner Bedeutung; wahrlich, nicht umſonſt ſollt Ihr ſo lange in dieſen unnatürlich getrennten Verhält⸗ niſſen gelebt haben, ſie begünſtigt und gehoben von den nämlichen Menſchen, die Dich ſo ſchmählich mißhandelt und fallen gelaſſen haben! Aber Eins thut vor Allem Noth, mein Freund, daß Du über der Bruderliebe nicht die Klugheit aus den Augen ſetzeſt. Bedenke, daß Anna noch im Hauſe des Oheims lebt, der zugleich ihr Vor⸗ mund iſt, daß ſie noch unter dem Einfluß von Men⸗ ſchen ſteht, die ihr die größten Leiden und Prüfungen bereiten können, ohne daß Du dies zu hindern im Stande ſein würdeſt; dazu bedenke die zartorganiſirte Natur Deiner Schweſter und ihre große Senſibilität, die keinen rauhen Sturm verträgt, und Du wirſt mir Recht geben, daß hier Mäßigung und Vorſicht allein zum Ziele führen können, vorausgeſetzt, daß, woran wir ja zunächſt nicht zu zweifeln brauchen, Anna's Glück wirklich durch dieſe Liebe dauernd und ihrer ſchönen Seele würdig begründet wird. Wie verſtändig und von wahrer aufrichtiger Theil⸗ nahme eingegeben aber auch dieſer Rath des Freundes war, ſo vermochte ſich doch Conſtantin nicht zu mäßigen, ſetzte vielmehr den mit Schonung geäußerten Bedenken des Freundes fortwährend einen heftigen Widerſpruch entge⸗ gen; hartnäckig beſtand er darauf, daß Anna ſo ſchnell wie möglich ihren jetzigen Verhältniſſen entriſſen würde, und ließ ſogar nicht undeutlich den Plan durchblicken, ſeiner Schweſter nöthigenfalls zu einer heimlichen Ent⸗ fernung aus dem Hauſe des Oheims behülflich ſein zu wollen. Ludwig ſah ein, daß bei dem furchtbar gereizten Zu⸗ ſtand, in dem ſich Volkhauſen heute befand, keine Ein⸗ wirkung möglich ſei; die Jahrelang genährte Erbitterung ſeines Gemüthes durchbrach plötzlich alle Schranken, das Verhängniß ſeines Lebens, das er, ſo lange es noch Ahh eine Hoffnung, einen Troſt für ihn in der Welt gab, mit Standhaftigkeit, ja mit wahrem Stoicismus ertra⸗ gen hatte, fand ihn, nun dieſe letzte Hoffnung bei der Gewißheit von Eliſabeth's Liebe zu dem Freunde von ihm wich, ohne Widerſtand, und es bedurfte nur eines einzigen neuen Schickſalſchlages, und die edle ſtarke Na⸗ tur brach in ſich ſelber zuſammen, zerſtörte ſich wie ein nach Innen glühender Vulkan durch die eigne ungemeſ⸗ ſene Leidenſchaft.— Er brauchte alſo Kampf, brauchte eine heftige gewaltſame Empörung gegen das ganze Le⸗ ben, um die einſt ſo mächtige Energie ſeines Geiſtes vollends aufzureiben, und darum ergriff er mit der fie⸗ berhaften Angſt eines Menſchen, der ringsum alle Säulen und Stützpunkte ſeiner Exiſtenz wanken ſieht, das Letzte und Einzige, woran ſein Herz noch mit der alten Kraft und Innigkeit feſthing, um in ſeiner Rettung unterzu⸗ gehen, ohne zu ahnen, daß er dadurch möglicherweiſe das geliebte Weſen in das eigne Verderben mit hineinziehen könne. So wenigſtens beurtheilte Ludwig an dieſem Abend den Zuſtand des Freundes, der zuweilen wie erſchöpft in ſich zuſammenbrach und dann eine Zeitlang ſtumm vor ſich hinſtarrte, bis er plötzlich von Neuem auffuhr und dem in ſeinem Blute tobenden Aufruhr bald im Hohne, bald im Grimme neue Worte lieh. Glaube mir, Freund, ſagte er, nachdem er wiederum eine Weile ſtumm dageſeſſen hatte; die alten Tragiker wiſſen wohl, warum ſie das größte Elend, welches von den Göttern über Menſchen verhängt werden kann, in den Familienzwiſt legen, und warum ſie das alte Lied von dieſer Trübſal immer von Neuem wiederholen. — Denn was kann es Schickſalvolleres geben, als das unſelige Verhältniß zwiſchen Menſchen, die durch Bande des Blutes, durch das älteſte und natürlichſte Geſetz der Welt aneinander gekettet ſind, und denen es doch eine innere Nothwendigkeit, ja der Trieb der Selbſter⸗ haltung eingibt, ſich gegenſeitig zu ſcheiden wie Oel und Eſſig, wie Waſſer und Flamme?— Und wenn es dann doch zum Wenigſten damit gethan wäre, daß man zu⸗ letzt die ganze widerwärtige Bagage mit einem Fußtritt von ſich ſtieße und den ſchädlichen Einfluß dieſer Fami⸗ lienantipoden damit für immer los würde!— Aber nein, wie eine ſiechende Krankheit ſchleppt man an dieſen erſten unvertilgbaren Schmerzens⸗Eindrücken der Kindheit, an dieſen Erſchütterungen und Demüthigungen des er⸗ wachenden Bewußtſeins, an! dieſen lähmenden Geiſtes⸗ convulſionen, an dieſen kleinen und großen Jämmerlich⸗ keiten, die alle zuſammen die verlorene Jugend ausmachen, weiter; ſo oft man an die widerliche Zeit der Familien⸗ thrannei zurückdenkt, iſt Einem ſo erbärmlich zu Muthe, ja man verachtet ſich ſelber ſo ſehr, wie wenn man ſich lange in einer ſchlechten Geſellſchaft, unter lauter unter⸗ —— geordneten Elementen bewegt und ſich von ihnen hätte terroriſiren und brutaliſiren laſſen! Ludwig, der für heute jede eigne Meinung, dem Freunde gegenüber aufgegeben hatte, ſtimmte ihm bei und ſuchte ſodann ihre Unterhaltung auf gleichgültigere Gegenſtände zu lenken. Auch glückte ihm dies, zumal Conſtantin über einen dumpfen Schmerz an der linken Schläfe klagte; er folgte zuletzt dem Rathe des Freun⸗ des, ſich zur Ruhe niederzulegen und Ludwig ſchied ge⸗ gen Mitternacht von ihm, mit ganz anderen Sorgen als die geweſen, welche ihn herbegleitet hatten.— Als er ſich auf der Straße befand, ſchlug es von der Hauptkirche zwölf Uhr; er ſah noch einmal nach des Freundes Woh⸗ nung hinauf, dort war es bereits dunkel, doch glaubte er beim Lichte des Mondes Conſtantin's Geſtalt zu erkennen, der, das Geſicht gegen die Scheiben gedrückt, hinter dem Fenſter ſtand und regungslos nach dem ge⸗ ſtirnten Himmel hinaufblickte. Du Aermſter der Armen! ſeufzte er bewegt.— Dir hat auch kein guter Stern in's Leben geleuchtet, und das ſchäumende Blut, das heute ſiedendheiß in Deinen Adern rollte, war weder das des Helden, der auf ſeinen Schild hinſinkt, noch das des Märtyrers für ein freies ſchönes Geiſtesleben; es war das Blut des bis zum Tode gehetzten edlen Wildes; und wohin ich auch blicke und ſpähe, ſeh' ich doch nirgends eine Rettung für das Opfer jener S — grauſamen Ironie des Lebens, die gerade die beſte gei⸗ ſtige Kraft durch die jämmerlichſten Verhältniſſe elend zu Grunde richtet und ihn, der jauchzend und gottbe⸗ geiſtert den Kampf mit allen feindlichen Mächten des Schickſals gewagt hätte, langſam aber ſicher in der Schlammtiefe der gemeinen Wirklichkeit untergehen läßt! Zweites Kapitel. Unter allen direkt oder indirekt betheiligten Perſonen war wohl Niemand bei dieſen neueſten Vorgängen im Kloſterhof ſchwüler und unheimlicher zu Muthe, als dem wirklichen Urheber, und ſchon am folgenden Tage erkannte Blaſius zu ſeinem Schrecken das Unheil, wel⸗ ches er durch ſeinen voreiligen Eifer, den Doctor aus einer vermeintlichen großen Gefahr zu retten, und durch ſeine unberufene Einmiſchung in deſſen Liebeshandel an⸗ gerichtet hatte. Ludwig ſelber war es, der ihm die erſte Nachricht von dem ebenſo raſchen als ſeltenen Erfolg ſeines ächten Meiſterſtücks in der alten vielgeübten Kunſt der durch⸗ triebenen Wichſierſtreiche mittheilte, indem er ihn nicht blos mit vollſtem Vertrauen in die ganze Geſchichte ſei⸗ ner glücklichen Liebe zu dem ſchönſten und reizendſten Mädchen der Stadt einweihte, ſondern ihm auch die ſchändlichſte Cabale entdeckte, die jemals das Glück zweier trenliebender Herzen tückiſch tet hat. Als Blaſius nach dieſer Mittheilung, wie wenn er eigentlich vor Betäubung kein Wort verſtanden hätte, den Doctor fortwährend mit einem unbeſchreiblich nich⸗ tigen und einfältigen Lächeln anſtarrte, fuhr Ludwig, der darin nur den unverkennbaren Eindruck des tiefſten und gerechteſten Abſcheu's erblickte, mit erhöhter Stimme fort: Und wer glaubſt Du, wer uns dieſen infamen Streich geſpielt hat? Rath's einmal! Denn Du kennſt den Hallunken ſo gut wie ich, haſt ihm ſelber ſchon einen argen Bären aufgebunden, es iſt kein Hieſiger, ſondern ein höchſt malproprer Landsmann von uns— nun, was ſiehſt Du mich in Einemfort ſo dämiſch an — ich glaube wirklich, Du haſt Dasjenige, was die erſte Shlbe ſeines Namens bedeutet, in Deinem Kopfe! Doch nicht der Stroh— Strohmetz? ſtotterte Blaſius. Eben der mitleidige Allerweltsſchuft! rief Ludwig wüthend.— O hätt' ich den Biedermann hier zur Stelle, wie damals, als Du ihm weisgemacht hatteſt, ich ſei ein Enkel Caſanova's, was er ſogleich in ganz Schwa⸗ benheim auspoſaunte und worüber er ſpäter vierzehn zu zerſtören getrach⸗ — Tage im Amtsgefängniß zubringen mußte!— Ha! ha! Den Witz lohn' Dir Gott noch in der andern Welt, Blaſius! Aber möglich wär's immer, daß er noch hier in der Stadt verweilte. Thu' mir daher den Gefallen und ſpüre in allen Gaſthöfen und Wirthshäuſern dem Schelmen nach; triffſt Du ihn irgendwo, ſo meld' es mir ſogleich, laß' ihn aber bei Leibe nicht aus dem Auge, bis ich da bin!— Es iſt Dir ja ſchon ſo Vieles geglückt, was keinem andern Menſchen möglich geweſen wäre, wohlan, ſo verſuche auch jetzt Dein Heil in dieſer Sache, meinen ſchönſten Wiener Meerſchaum dedicire ich Dir, wenn Du mir den Schurken aufſpürſt. Da müßt' ich Tinte getrunken haben! dachte Bla⸗ ſius bei ſich, zu Moſer aber ſagte er mit voller Zu⸗ verſicht: Verlaſſen Sie ſich drauf, Herr Doctor, den„Men⸗ ſchenfreund“ liefre ich, falls er noch hier in der Stad iſt, todt oder lebendig in Ihre Hände! Ich weiß, Du wirſt Deine Sache gut machen! ent⸗ gegnete Ludwig, hocherfreut über dieſen redlichen Dienſt⸗ eifer.— Vor Allem aber geh' zu Volkhauſen, der auf eine mir ganz unbegreifliche Weiſe hinter unſeres wackeren Landsmannes Schliche gekommen iſt. Doch wollte er mir durchaus keine nähere Erklärung hierüber geben, und verſicherte mich, er werde ſchon allein mit ihm fer⸗ tig werden— er kenne den Strohmetz ganz genau. — — 30— Wa— was? ſtammelte Blaſius, drei Schritte zu⸗ rückprallend und riß dabei Mund und Augen ſo weit auf, als ſei ihm plötzlich das böſe Gewiſſen wie ein Krampf in die Geſichtsmuskeln gefahren. Vielleicht ſagt er Dir mehr wie mir, entgegnete Ludwig, der es ganz natürlich fand, daß Blaſius den Zuſammenhang davon ebenſowenig begriff als er ſelber. Er kennt alſo den Strohmetz? wiederholte dieſer mit etwas mehr Faſſung, und wiſchte ſich den hellen Angſt⸗ ſchweiß von der Stirne.— Aber wie iſt denn das men⸗ ſchenmöglich— da doch der Strohmetz— ich wollte ſagen, der Herr Volkhauſen—— Zum Glück für ihn klopfte es in dieſem Augenblic von Außen leiſe an die Thüre, ſonſt würde er ſich in ſeiner grenzenloſen Verwirrung am Ende noch durch ſeine eignen Worte verrathen haben. Auf Ludwig's„Her⸗ ein“ trat ein allerliebſtes junges Mädchen in der Tracht des Landvolks der Umgegend in das Zimmer, machke einen artigen Knix gegen den Doctor, und wollte die⸗ ſem eben Etwas ſagen, als ſie des fremden Burſchen anſichtig wurde. Erſt ward ſie blutroth, faßte ſich aber ſchnell, griff in ein Körbchen, das ſie am Arme trug und überreichte ihm ein zierlich zuſammengefaltetes Brieſchen. Mein Herr läßt den Herrn Doctor vielmals grüßen, ſagte ſie und lachte dabei mit dem ganzen Schelmenge⸗ — 3 1— ſicht, ich ſoll die Antwort heute Abend gegen acht Uhr abholen. Schön, Friederike, ſie ſoll bis dahin parat ſein, ent⸗ gegnete Ludwig, das Mädchen machte einen zweiten Knir und war eben ſo ſchnell als es gekommen, wieder zur Stube hinaus. Gottlob! Die war's nicht, die mir geſtern die Thüre zum Kloſterhof aufmachte! dachte Blaſius; denn ganz ähnliche Briefchen hatte er in der letzten Zeit ſchon mehrere in des Doctors Hand geſehen, und errieth deß⸗ halb ſogleich, welcher„Herr“ ihm dieſes da ſchickte. Er würde wie Viel nicht darum gegeben haben, hätte er Etwas von dem Inhalt deſſelben erfahren kön⸗ nen, um ſeine Maßregeln danach zu nehmen und dem drohenden Ungewitter zu entgehen, das doch allein durch ſeine eigne Schuld über ſein Hanpt gekommen war. Da aber Ludwig keine Miene machte, den Brief in ſeiner Gegenwart zu leſen, ihm vielmehr nochmals auftrug, ſogleich zu Volkhauſen zu gehen und dieſen von ſeinem Vorhaben zu benachrichtigen, dem Schwabenheimer„Men⸗ ſchenfreund“ in der Stadt nachſpüren zu wollen, ſo blieb ihm keine andere Wahl, als ſich mit ſchwerem Herzen und tauſend ſorgenvollen Hypochondrieen und Muth⸗ maßungen über den Inhalt des Briefes, auf den Weg zu machen. Die Worte ſeines Lieblingshelden, des alten Landsknechtsgenerals Frondsberg zu Luther in Worms: „Münchlein, Münchlein, du gehſt heute einen ſchweren Gang,“ kamen ihm nicht aus dem Sinn; ſein ſonſt ſo er⸗ finderiſcher und verſchlagener Kopf ließ ihn diesmal völlig im Stiche, die Verſicherung ſeines Herrn, daß Volkhau⸗ ſen den Strohmetz kenne, hatte ihn vollends confus ge⸗ macht; denn gar wohl entſann er ſich, daß er Jenem mehrmals in letzter Zeit ſeine Noth mit dem Doctor geklagt hatte; wie leicht war es alſo möglich, daß Volk⸗ hauſen mit ſeinem einen geſunden Blitzauge beſſer als der Andere mit ſeinen beiden vom Liebesfieber getrübten den Schelmenſtreich durchſchaut und den Strohmetz rich⸗ tig erkannt hatte, der das ganze Unheil angerichtet. Ach, ich wollte meinen Doctor wider ſeinen Willen von einer großen Dummheit abhalten und habe darüber ſelber den größten Eſelsſtreich von der Welt gemacht! wehklagte er im Stillen auf dem Wege zu Conſtantin's Wohnung.— Was ging es denn mich an, daß das Mädel arm iſt wie eine Kirchenmaus, und der Herr Schwie⸗ gerpapa in der ganzen Stadt für ein Uebergenie gilt und mit ſeinem Geſchäft ſtark im Abbruch begriffen iſt? Wozu braucht' ich mich in das Katzenneſt einzuſchmug⸗ geln, da ich doch von Kindsbeinen an immer dieſen in⸗ nerlichen Gruſſel vor Katzen gehabt habe? O heiliger Sanct Chriſtoffell, hilf mir nur das Einemal noch aus der Tinte und laß' dieſen Kelch gnädig an mir vor⸗ übergehen, ich will mir ja gerne acht Tage lang durch — 33— die ganze Stadt die Beine nach dem Strohmetz, oder eigentlich nach mir ſelber ablaufen, wenn nur der Ofen bald wieder zu rauchen aufhört! Ach— eine Tracht Prügel wäre jetzt wahrlich die größte Wohlthat für mich; denn einmal den„Menſchenfreund“ geſpielt und mein Lebtag nicht wieder! Unter dieſem ſtillen Stoßgebet war er ſchweren Her⸗ zens die vier Treppen zu Volkhauſen's Wohnung hin⸗ aufgeſtiegen und ſtand nun athemlos vor deſſen Thüre; ſchon mehrmals hatte er den Finger gekrümmt, um anzu⸗ klopfen, und getraute ſich's doch nicht: als plötzlich mitten in ſeinem Verzagen die Thüre von Innen raſch aufge⸗ macht wurde, ein langer Arm ſich herausſtreckte, eine Rieſenfauſt ihn an den Haaren faßte und ihn mit einem gewaltigen Ruck in's Zimmer zog. Servus, Herr Strohmetz! ſchrie Conſtantin den über dieſen ganz ungewöhnlich zuvorkommenden Empfang ſei⸗ nes Gönners bis zum blaſſen Tod erſchreckten Blaſius wüthend an.— Schön, daß Sie ſich zu mir bemühen, Herr Strohmetz!— Als Freund Ihres Landsmannes, des Doctor Moſer, der mir ſchon ſo viel Rühmliches von Ihnen erzählt hat, war ich äußerſt begierig auf Dero werthe perſönliche Bekanntſchaft— aber nehmen Sie doch ge⸗ fälligſt Platz hier auf dieſem Divan, verehrungswürdig⸗ ſter aller Menſchenfreunde, jedoch der Länge nach und auf den Bauch— auf's Geſicht— wenn ich bitten darf! D. Müller, der Kloſterhof. III. 3 Und ehe noch Blaſius wußte, wie ihm geſchah, hatte ihn Volkhauſen wie einen Sack auf den Divan nieder⸗ geworfen, das Geſicht nach unten gekehrt, und ein ſchwankes Bambusrohr hoch in der Rechten ſchwingend, ließ er daſſelbe mehrmals in raſchen Tempis auf jenen unnennbaren Theil von Pſeudo⸗Strohmetzen's Körper niederfallen, der von dem Schöpfer eigens mit einem ganz beſonderen Empfindungsvermögen für dergleichen ebenſo einfache als aufrichtige Bewillkommnung ausge⸗ ſtattet zu ſein ſcheint. Es war ein hehrer Augenblick in dem Leben Beider, da eigentlich keiner von ihnen wußte, wer der größere Menſchenfreund ſei, der, welcher vergalt, oder der, welchem vergolten wurde. Legen Sie nur immer noch etliche zu, Herr Doctor! ſagte Blaſius, ohne ſeine Lage zu ändern, als Conſtan⸗ tin das Rohr in den Winkel warf.— Ich will ſie alle dem Strohmetz gewiſſenhaft beſtellen, wenn ich nach Schwabenheim zurückkomme, denn ich weiß ja doch— Sie und ich, wir bleiben nach wie vor gute Freunde und die Schläge gelten eigentlich einem ganz andern Staatsbürger. War es nun das in Folge der gedeihlichen Leibes⸗ bewegung raſch verkühlte Blut in Conſtantin, oder war es dieſe edle, von der reinſten Menſchenliebe zenugende Hingebung an eine dritte Perſon, für welche er dieſe Baarvorlage einſtweilen auf ſein eignes Conto — 35— nahm, um ſie ſpäter richtig und ohne Agiotage demje⸗ nigen zurückzuzahlen, auf den der traſſirte Wechſel lau⸗ tete; genug, der gelehrte Commentator und Kenner des Alterthums brach bei dieſer Interpretation in ein helles Gelächter aus, zog Blaſius in die Höhe, drückte ihm herzlich die Hand und ſagte zu ihm mit der alten freund⸗ ſchaftlichen Geſinnung, als wenn Nichts zwiſchen ihnen vorgefallen wäre: Du Schelm! Das war ja auch meine Anſicht von der Sache! Ohne dieſe vorhergehende friedliche Ver⸗ ſtändigung wären wir nimmer zu einem gütlichen Ver⸗ gleich gekommen. Weiß Gott, Herr Doctor, Sie ſind der größte Men⸗ ſchenkenner, den's in der Welt gibt! rief Blaſius und rieb ſich mit der Hand jenen Körpertheil, der dieſer Verſicherung unverwerflichſter Zeuge war.— Sie errathen Einem ſeine innerſten Gedanken; denn wie ich vorhin zu Ihnen ging, hatte ich ordentlich eine wahre Kindbetterin⸗ ſehnſucht nach einer ſolchen Erfriſchung durch ungebrannte Aſche, wie ich ſie niemals größer nach gebranntem Waſ⸗ ſer empfunden habe. Nun iſt mir wieder ganz leicht um's Gewiſſen; denn was dem Menſchen nach Recht geſchieht, das geſchieht auch zu ſeinem Beſten, und wenn's nur nicht ſo gar unverſchämt wäre, möchte ich Sie wohl bitten, lieber die Sache vollends jetzt gleich unter uns abzumachen, nur damit mein Doctor nichts 2* * — 36— weiter davon erfährt. Wir haben uns ja nun verſtän⸗ digt, ſo will ich gern auch jede weitere Strafe erdul⸗ den, die Sie mir aufdictiren. Du haſt Dein Dir zugedachtes Penſum erhalten und Moſer bleibt bei dem Glauben, Strohmetz habe ihm dieſen Streich geſpielt, entgegnete Conſtantin.— Aber wie in aller Welt, Kujohn, biſt Du auf dieſen Toll⸗ häuslerſtreich verfallen? Woher kannteſt Du meinen Onkel Felix ſo genau, daß Du Dir ſo was gegen ihn herauszunehmen wagteſt? Ihnen kann ich's ſchon ſagen, erwiederte Blaſius, ſichtbar geſchmeichelt durch ſeines Gönners lebhafte Neu⸗ gierde. Ich hatte mir's einmal feſt in den Kopf geſetzt, mein Doctor ſei in der Sache unzurechnungsfähig, und nur ein gehöriger„Moraliſcher“ könne ihm das Liebes⸗ fieber wieder vertreiben. So legte ich mich denn aller⸗ wege auf die Spionage und hatte bald in der Nachbar⸗ ſchaft des Kloſterhofes gute Freunde genug, die mir die curioſeſten Hiſtörchen von dem alten Herrn Franke er⸗ zählten; das Wichtigſte von Allem aber war mir ſeine ſtadtkundige Angſt vor Schwiegerſöhnen, die ſo trefflich in meinen Kram taugte. Und weil ich vorher meine Sache bei dem reichen Herrn Muckeronkel leidlich gut gemacht hatte, ſo dacht' ich, werd' mir's auch bei dem armen Herrn Schluckeronkel gelingen, mich unter einer fremden Geſtalt bei ihm einzuſchmuggeln; die Frage war nur noch, welche?— Und da kann ich Ihnen bei dem letzten hohlen Zahn meiner ſeligen Großmutter ſchwören— dieſe Frage hat ein Gott entſchieden! Keine neue Flunkerei, Freund Blaſius, wenn ich bitten darf! rief Conſtantin mit einer drohenden Ge⸗ berde. Wie können Sie in dieſer feierlichen Stunde ſo was von mir glauben, Herr Doctor! entgegnete er mit einem vielſagenden Blick auf den Divan. Aber wie kamſt Du auf die Idee, gerade den Stroh⸗ metz vorzuſtellen? fragte Volkhauſen. Das iſt's ja, was ich erzählen wollte und woran Sie jedenfalls mehr Ihre Freude haben werden, als an dem ganzen übrigen Poſſen, ſagte Blaſius mit einem ge⸗ heimnißvollen Augenzwinkern.— Denn wär' die Idee auf meinem Krautacker gewachſen, ſo wär's höchſtens ein pelziger Rettig geworden, und die Welt würde mit Recht ſagen: Alles ſchon dageweſen!— Aber der Stroh⸗ metz, nämlich der wirkliche ſtaatsbürgerliche Strohmetz, der Schwabenheimer„Menſchenfreund“ und geheime Auswandereragent war vor etlichen Tagen in eigner höchſt deſpectirlicher Perſon in natura hier, hat im Wirthshaus zur Stadt Baltimore logirt, auf dem Fiſch⸗ markt ſah ich meinen lieben Landsmann, wie er die gro⸗ ßen Aale betrachtete, da fuhr mir plötzlich der Gedanke durch den Kopf: Du kommſt mir wie gerufen! und 2 — mein Plan mit dem alten Herrn Franke war fix und fertig, wie eben der größte Aal mit einem gewaltigen Hupf aus dem Korbe ſchnellte, dem Strohmetz grad un⸗ ter die Beine, ſo daß ihm vor Schrecken beim Satz, den er machte, unter dem Gelächter der Leute ſein grauer Filzhut vom Kopfe fiel.„Menſchenfreund!“ rief ich, ſo laut ich konnte; aber wie er ſich dunkelbraunroth im Geſicht nach dem Rufer umſah, war ich ſchnell im dich⸗ teſten Haufen der Marktleute verſchwunden, mein Stroh⸗ metz aber ging wohl noch eine Stunde ganz tiefſinnig im Gedränge umher, um den Schwabenheimer heraus⸗ zufinden, der ihn in der fremden großen Stadt bei ſeinem Spitznamen gerufen hatte. Bitte Dir eine Gnade aus! rief Conſtantin, den dieſe launige Erzählung vollends mit dem drolligen Bur⸗ ſchen ausſöhnte.— Steht es in meiner Macht, ſo ſoll Dir's gewährt werden! S Ein Wort, ein Mann! ſagte Blaſius hocherfreut. — Wußt' ich doch zum Voraus, daß ich wenigſtens bei Ihnen noch einige Anerkennung finden würde. Denn weil der Strohmetz wirklich hier war, ſo wird weder mein Doctor, noch ſonſt ein Menſch jemals daran zwei⸗ „felr; daß er auch der Anſtifter von Allem geweſen iſt. Was Sie mir aber für meine unſchuldige Bemühung gewähren wollen, das iſt die klare Auskunft über einen Punkt, der für mich noch in ein völliges Duſter ge⸗ ½ 39— hüllt iſt: Woher Sie nämlich mit dieſer handgreiflichen Gewißheit gewußt haben, daß ich der Strohmetz war? Dieſes Räthſel will ich Dir löſen, ſo wenig ſchmei⸗ chelhaft es auch für Dich ſein mag, erwiederte Conſtan⸗ tin heiter und zog die oberſte Schublade ſeiner Kom⸗ mode auf. Er nahm ein Briefchen daraus hervor, fal⸗ tete es ſchmal zuſammen und hielt Blaſius die für ihn beſtimmten Zeilen dicht vor die Augen. Da lies Dein Lob, Du Böſewicht, aber laut! ſagte er lachend zu ihm. Blaſius wurde im ganzen Geſicht erſt blutroth, dann blaß wie ein armer Sünder, als er mit ſtottern⸗ der Stimme folgende Worte herausbuchſtabirte: „Nach Allem, was mir mein Schatz früher von die⸗ ſem Scheuſal von Diener erzählt hat, halte ich den Blaſius eines ſolchen Streichs allerdings für fähig, denn Ludwig ſcheint wirklich nach der Hand allzunachſichtig gegen dieſen frechen Menſchen geworden zu ſein. Bitte, beſte Anna, theile Conſtantin unter dem Siegel der tief⸗ ſten Verſchwiegenheit meinen Verdacht mit. Der Vater erklärt Strohmetz zwar für einen Ehrenmann, dahingegen iſt unſere Köchin Juſtine der Meinung, der Menſch habe gleich beim erſten Anblick auf ſie den Eindruck eines ge⸗ meinen Geſellen gemacht, und auch ſtark nach Schlh⸗ wichſe gerochen. Aber ganz abgeſehen davon, ob nun meine Vermuthung richtig iſt oder nicht, ſo begreife ich wirk⸗ lich nicht, wie mein Schatz an dieſem Tölpel von Die⸗ ner ſo lange Gefallen finden konnte!“ Nicht wahr, Deines Doctors Liebchen iſt doch nicht ſo ganz auf den Kopf gefallen? rief Conſtantin lachend und ſchüttelte den Aermſten, der vor Schrecken und Be⸗ ſchämung wie gelähmt daſtand, an den Schultern.— Was ſagſt Du zu allen dieſen Komplimenten? Nun iſt's mit dem Doctor und mir für immer vorbei! ſtammelte er troſtlos.— Aber ich hab's ja mein Lebtag geſagt: Wo das Oſezeug, das Weibsvolk das Heft in die Hand kriegt, da hört Alles auf, da hätt' ſich ſelbſt unſer Herrgott die Mühe ſparen können, den Adam aus dem Paradies zu jagen; denn er wär' ſchon über ein Weilchen von ſelber gegangen!— Jammerſchade um meinen guten Doctor!— Jammerſchade um mich!— Ach— wir paßten ſo gut zuſammen! Du hörſt ja, daß ich Dich nicht verrathen werde, ſagte Conſtantin, der wirklich Mitleiden mit ihm em⸗ pfand. Bin ich denn nicht ſchon verrathen? rief Blaſius kummervoll.— Trifft nicht Alles accurat auf mich zu, was ſie da von mir ſchreibt?— Aber nein! Eins iſt falſch — Eins iſt von der Köchin Juſtine ſchändlich verſtunken und erlogen: nach Schuhwichſe hab' ich nicht gerochen, dagegen lehn' ich mich entſchieden auf, proteſtire feierlich * — 41 — das iſt Infamie— Injurie; denn ſeit mein Doctor auf Freiersfüßen geht, trägt er lackirte Stiefel! Das iſt wahr, das hätte meine Couſine ſelbſt am Beſten wiſſen ſollen! entgegnete Volkhauſen, ungemein beluſtigt über dieſen ſchlagenden Gegenbeweis.— Den Umſtand werd' ich jedenfalls zu Deinen Gunſten aus⸗ beuten— außerdem war ja Strohmetz ſelber hier— hat in der Stadt Baltimore logirt— Alles Belege für Deine Unſchuld! Mit dieſen Troſtgründen gelang es ihm endlich, den tiefgebeugten Muth in der Seele des guten Blaſius wie⸗ der aufzurichten, der ſich glücklich ſchätzte, in Volkhau⸗ ſen einen zwar ſtrengen, aber auch höchſt gerechten und humanen Richter gefunden zu haben. Er folgte dem Rath deſſelben und begab ſich auf ſeinen Streifzug nach dem Schwabenheimer Menſchenfreund; ja, es gewährte ihm ſogar einigen Troſt, dem Befehle ſeines Herrn mit der größten Pünktlichkeit Folge zu leiſten, indem er von Wirthshaus zu Wirthshaus nach einem„gewiſſen“ Strohmetz fragte und zugleich anſtandshalber überall einen Schoppen trank; denn er konnte wenigſtens auf dieſe Weiſe während etlicher Tage nicht blos ſeinem Herrn aus dem Wege gehen, ſondern auch ſeinem böſen Gewiſſen, indem er ſich mit Hülfe einer ihm an⸗ geborenen Elaſticität ſeines Geiſtes zuletzt in dem Glauben beſtärkte, ſeine Nachforſchungen hätten einen 42 . wirklichen Zweck und irgendwo werde er den vermale⸗ deiten Strohmetz doch noch auskundſchaften.— Nach ſo vielen Aengſten und Gewiſſensſerupeln wegen ſeiner treuloſen Handlungsweiſe gereichte es ihm zu einer be⸗ ſonderen Genugthuung, den ſeinem Doctor geſpielten bö⸗ ſen Streich mit jedem neuen Glaſe immer tiefer in den Lethe der Vergeſſenheit zu verſenken, und er trank zu⸗ letzt mit dem nämlichen Pflichtgefühl, womit er ſonſt jede andere dienſtliche Obliegenheit zu verrichten pflegte. Den erſten Tag kam er gar nicht wieder nach Hauſe, und am Abende des zweiten ſo ſpät, daß er ſeinen Doctor bereits in den Federn fand, und am Morgen des dritten verließ er das Haus ſchon mit dem grauen⸗ den Tage, doch ſchrieb er mit Bleiſtift auf einen Zettel die Notiz: der Strohmetz ſei bis jetzt nirgendwo zu fin⸗ den„geweſt;“ nur noch dreiundvierzig Wirthshäuſer er⸗ ſten, zweiten und dritten Rangs reſtirten, dann kämen die„Hötel garnie“ an die Reihe.— Jener zweite Brief, den Eliſabeth ihrem Verlobten durch das ſeines Dienſtes entlaſſene Hausmädchen geſandt hatte, enthielt wirktich, wie Blaſius ahnenden Geiſtes vorausgeſehen, eine für die Situation im Kloſterhof ſehr wichtige neue Mittheilung, welche Ludwig faſt noch mehr überraſchte, als die Tags zuvor empfangene Nach⸗ richt von Strohmetzen's Erſcheinung im Kloſterhof. Eli⸗ ſabeth meldete ihm nämlich darin, wie ihre Lage ſich „ ſeit geſtern Abend dem Vater gegenüber bedeutend ver⸗ ſchlimmert habe. „Ich weiß ſelber kaum, ob ich darüber lachen oder weinen ſoll,“ ſchrieb ſie an den Geliebten.—„Da ſitz' ich nun, wie in einem verwünſchten Schloß, und ſoll dem Vater bekennen, was ich von Deiner Herkunft wiſſe; denn es ſei gar nicht denkbar, daß Du mich über dieſen Punkt im Dunkel gelaſſen hätteſt. Drei peinliche Verhöre habe ich deßhalb ſchon beſtanden und weiß noch immer nicht, wo er mit ſeinem Verdacht hinaus will. Nur ſo viel iſt mir klar geworden, daß jener abſcheu⸗ liche Menſch, der ſich unter dem Vorgeben, Dein Lands⸗ mann zu ſein, bei ihm einführte, ihm irgend eine ſchänd⸗ liche Lüge über Deine Vorfahren ſo glaubwürdig dar⸗ geſtellt hat, daß des Vaters ganze Seele davon voll iſt, ſo daß ſich alle ſeine Vorſtellungen auf dieſen einen Punkt concentriren.— Ich ſoll ihm ſagen, ob ich wirklich nicht wiſſe, wer der Vater Deiner Mutter geweſen ſei? Ob Du mir keine Andeutung über dieſen Mann gegeben hätteſt?— Ob ich niemals gewiſſe Memoiren von dieſem Großvater durch Dich zur Lectüre erhalten hätte? Ob Du wirklich gar kein muſikaliſches Talent beſäßeſt?— Dieſe Fragen wiederholen ſich in allen möglichen Va⸗ riationen und Wendungen und ich mag ſagen, was ich will, er ſchüttelt ungläubig den Kopf, blitzt mich zornig an und jagt mich aus der Stube, um mich in der näch⸗ ſten halben Stunde wieder herunter zu citiren und das nämliche peinliche Verhör von Neuem zu beginnen. Sag' mir um Alles in der Welt, Liebſter, was kann er gegen Deinen Großvater haben?— Haſt Du irgend eine Muthmaßung darüber, ſo gib mir einen Wink, damit ich ihm wenigſtens beweiſen kann, daß ſein hartnäckiges Schweigen über dieſen Punkt mich ebenſowenig an Dir und meiner Liebe irre macht, als die volle Kenntniß dieſer„Mystères de Schwabenheim.“— Auf alle meine Bitten, mir zu ſagen, was es denn eigentlich ſei, was ihn ſo furchtbar gegen Dich aufgebracht habe, gab er mir immer nur die nämliche Antwort: Mein Kind, das kann ich Dir nicht ſagen; oder: Mein Kind, dieſe Geſchichte eignet ſich nicht zur Mittheilung für junge Mäd⸗ chen.“— Hier konnte Ludwig, wie nah' ihm auch die Noth des geliebten Weſens ging, nicht weiter leſen— eins, zwei, drei Stöße gegen die Innewand ſeines Bruſt⸗ kaſtens— das Blatt entſank ſeinen Händen, und er mußte ſo heftig auflachen, daß ihm das Hirn ſchütterte und ihm die hellen Thränen über die Wangen liefen.— Ja, wäre in dieſem Augenblick der verhaßte Strohmetz in Perſon bei ihm eingetreten, er hätte ihn höchſtens lachend zur Thüre hinauswerfen können; denn nun war ja auf einmal das ganze verhängnißvolle Räthſel gelöſt und wie ein heiterer Satyrkopf ſeiner loſen tollen Ju⸗ gend blickte ihm das Mißgeſchick der Gegenwart in die Seele; lachte ihn neckiſch gutmüthig an und ſein guter Humor rief ihm zu: Siehſt Du, ſo treib' ich's heute noch wie damals; und Deiner Liebe zu Liebe bin ich wieder da, löſe Dir alle Sorgen, gieße meinen heiligen Geiſt über Dich aus und jauchze im Uebermuth Deiner eignen Thorheit: Pan iſt erſtanden— Enkel Caſano⸗ va's, ſei Deines großen Ahnen werth! Kein Zweifel!— Strohmetz hatte aus Rache für die einſt erduldete vierzehntägige Gefängnißhaft wegen über⸗ wieſener Verbalinjurie das von Blaſius ihm aufgebun⸗ dene Mährchen von dem Enkel Caſanova's von Schwa⸗ benheim nach dem Kloſterhof getragen; und wie das Wunder des Wunders liebſtes Kind iſt, ſo fand es hier bei dem alten Herrn Felix ebenſo wenig Beanſtandung, als einſtmals bei dem Winkeladvokaten; nur mit dem einzigen Unterſchied, daß es der Eine wie ein namen⸗ loſes Familienunglück im tiefſten Winkel ſeiner Seele verſteckte; der Andere aber es zur gangbaren Landmünze ausprägte, die lange Zeit in dem Groß⸗ und Kleinhan⸗ del von Schwabenheim's Klatſchbaſen in Cours blieb. Herr Felir dagegen, der jedenfalls den Großvater beſſer kannte wie den Enkel, wagte nicht einmal den Namen des Erſteren in den Mund zu nehmen; und ſo ſtraften ſich noch am unſchuldigen Enkel verdientermaßen die tauſend galanten Sünden und Schäden, die der Groß⸗ vater, berüchtigten Angedenkens, unter ſeinen ſchönen Zeit⸗ genoſſinen angerichtet hatte.. Ludwig's Entſchluß war ſchnell gefaßt; hier konnte, das ſah er als Juriſt wohl ein, nur durch den Ver⸗ klagten ſelber der Beweis vom Gegentheil beigebracht werden; hier bedurfte es vor Allem amtlich beglaubigter Atteſte, Kirchenbuchauszüge, Geburts⸗, Trauungs⸗ und Todtenſcheine, kurz, des ganzen urkundlichen Apparates von beſchriebenen und beſiegelten Regiſtraturpapieren, den die moderne Geſetzgebung zur Beweisführung einer legitimen Geburt vorſchreibt.— Das Alles aber zu er⸗ reichen, war ohne des Oberamtmanns Beiſtand und Mitwiſſenſchaft rein unmöglich, und ſo koſtete es ihn taum eine Ueberwindung, Jenem endlich ein volles rück⸗ haltloſes Bekenntniß von ſeinem ſeitherigen Leben und Treiben und den ſo weſentlich modificirten Plänen für ſeine Zukunft abzulegen, ſowie ihm über Glück und Ge⸗ ſchick ſeiner jungen Liebe bis auf den gegenwärtigen Moment getreulich Bericht zu erſtatten. Nur die Ge⸗ ſchichte mit Strohmetz wollte er ihm verſchweigen, ſie wäre eine allzuſchreiende Diſſonanz in dem Vollton ſei⸗ nes Glückes geweſen, und ſein ganzes Innere lehnte ſich mächtig dagegen auf; denn lächerlich— das konnte ſich Ludwig nicht verhehlen— über die Maßen lächer⸗ lich war ſeine jetzige Situation, was auch der trockenſte Aktenmenſch herausgefühlt hätte, geſchweige denn ein Mann von Theobald's großem Talente, ſelbſt einer ernſt⸗ haften Sache noch eine komiſche Seite abzugewinnen, ſo daß ſeine Bauern von ihm behaupteten, er könne mit dem einen Auge blitzen und mit dem andern ſchmunzeln. — Aber Ludwig brauchte ja auch nicht einmal die ei⸗ gentliche Urſache anzugeben, weßhalb er jene amtlichen Atteſte ſo ſchnell wie möglich zu beſitzen wünſchte; war doch Grund genug hierfür die heiße Ungeduld des ver⸗ liebten Bräutigams, der bald Hochzeit zu machen ge⸗ denkt, was bekanntlich aller Orten ohne gültige Legiti⸗ mationspapiere ſeine Schwierigkeit hat! Mochte daher der ſarkaſtiſche Oberamtmann ſeine Randgloſſen dazu machen, ſo viele er wollte— Eile, dringendſte Eile war und blieb unter allen Umſtänden des Briefes Loſung, und Großväter und Großmütter dieß⸗ und jenſeits des Rheines mußten daher ſo ſchnell als möglich noch ein⸗ mal geboren, noch einmal getraut und begraben werden — Alles dem einzigen theueren Enkel zu Liebe, der ſich anſchickte, gleichfalls ein Großvater zu werden und ſei⸗ ner Enkel künftige Großmutter in Zucht und Ehren heimzuführen als ſein trautes Gemahl auf die Farm der Väter am grünen Neckar— ein umgekehrter Aus⸗ wanderer nach der lieben Heimath! „Aus meinem eignen germaniſchen Urwald will ich mir dann nach den Flitterwochen den ſchönſten und grünſten Baum ausſuchen und einen neuen Katheder — 48— daraus zimmern laſſen für das alte Jus mit dem durch⸗ löcherten Boden, das nun einmal die Welt nach wie vor regieren zu ſollen ſcheint, trotz aller Schwindelköpfe, Pro⸗ jectenmacher und Phantaſten mit und ohne venia le⸗ gendi!— Ich bin geheilt von vielen meiner Thorheiten und die mir verblieben ſind, ſollen mir ehrwürdig ſein um der Liebe halber, welche ja auch Etwas zu verzeihen haben will; ſonſt aber will ich mein großes Glück für eine unverdiente Gabe von einem mehr als gütigen Him⸗ mel anſehen, der mich das Wahre da finden ließ, wo ich drauf und d'ran war, das Falſche in der Ferne zu ſuchen.“— In dieſem Augenblick ſchlug es acht Uhr. Wo bleibt Friederike? rief er und fuhr beſtürzt in die Höhe; denn über der langen Epiſtel an den Freund hatte er gänzlich vergeſſen, Eliſabeth's heutigen Brief zu beantworten. Abſcheulich! Schändlich! rief er und warf Alles auf dem Schreibtiſch durcheinander.— Da wartet mein armer Schatz in ſeiner Noth auf ein Troſtwort von mir und ich fühlloſer Barbar, der ich doch allein die Urſache ihres Kummers bin, denk' nicht einmal daran, ihr zu. ſchreiben! Ach, da hör' ich ſchon ihr Mädchen läuten! — Niederträchtiger Menſch, nun ſtehſt Du wieder einmal in Deiner ganzen Erbärmlichkeit vor mir! Was ſoll ich nx — 49— machen? Herein!— Ah, Friederike— ſchon da? Wa⸗ rum kommen Sie denn aber ſo früh? Das freundliche Mädchen ſah ihn aus der ſchwarz⸗ ſammtnen Kapuze verwundert an: Im Gegentheil, Herr Doctor, es iſt ſchon acht Uhr vorbei, ſagte ſie in ihrem gemüthlichen Plattdeutſch.— Bis ich nach dem Kloſterhof hinauskomme, wird's halb neun— bitte, geben Sie mir ſchnell den Brief; denn Punkt neun Uhr geht die Herrſchaft zu Tiſche und da muß Fräulein Eliſabeth oben ſein. Was Brief! rief Ludwig, dem plötzlich ein glücklicher Gedanke durch die Seele fuhr.— Ich ſelber bin der Brief — adreſſirt an Fräulein Eliſabeth Franke dahier— aber in den kleinen Korb da geh' ich ſchwerlich hinein, ſo begleite ich Sie und Sie zeigen mir das Fenſter in der Plätteſtube, das der alte Herr nicht verſchloß, weil es Eiſenſtäbe hat.— So gut Sie ihr dort den Brief überreichen können, ebenſo gut kann ich ihr Alles münd⸗ lich ſagen. Schnell, Friederike, Sie ſollen auch dereinſt den ſchönſten Schwabenheimer Burſchen zum Schatz kriegen! Wenn er Dem gleicht, der heute Vormittag bei Ihnen war, ſo möcht' ich mich ſchönſtens bedanken! ſagte die muntere Dirne lachend. Was glaubſt Du denn? entgegnete Ludwig und O. Müller, der Kloſterhof. IM. 4 hatte ſchon den Hut auf dem Kopfe. Das iſt ja nur eine Abart vom Schwabenheimer Menſchenſchlag! Aber wenn Herr Franke— Dahinter käme, meinen Sie? rief Ludwig. Trauen Sie Ihrem Fräulein ſo wenig Klugheit zu? Auch geht der Mond erſt gegen zehn Uhr auf! Fürchten Sie darum nichts und denken Sie an Ihren Zukünftigen; für die Ausſteuer ſorgt die Frau Doctorin! Nun, ich gönne dem Fräulein dieſe unverhoffte Freude lieber als mir den Schwabenheimer! ſagte das Mädchen. Wie ſie mir heute am frühen Morgen das Briefchen durch's Fenſter warf, ſah ſie wirklich recht blaß und angegriffen aus. Aber Sie wollen doch nicht fortgehen und die Lampe brennen laſſen? ſetzte ſie hinzu, da Lud⸗ wig ſchon die Thüre geöffnet hatte; raſch kehrte er zu⸗ rück und löſchte das Licht, als ſich plötzlich im Dunkeln ein weicher warmer Akm um ſeinen Nacken legte und eine wohlbekannte liebe Stimme zu ihm ſagte: Schatz, wie biſt Du zerſtreut! Erſt hältſt Du un⸗ ſere Couſine Anna für die Friederike, welche unten war⸗ tet, und dann willſt Du ſogar das Licht hier unter den vielen Papieren brennen laſſen! Eliſabeth! ſtammelte Ludwig überſelig und riß ſie ſtürmiſch an ſein Herz. Küßt Euch nur, ich halte mir die Augen zu! rief Anng lachend. Da Du nicht zu mir kommen kannſt, ſo iſt es nicht mehr als billig, daß ich zu Dir komme, fuhr ſie fort und ſchmiegte ſich mit der ganzen Innigkeit ihrer Liebe an ihn; ihre Lippen ruhten lange in ſtillſeligem Kuſſe auf einander, bis Anna in die Hände klatſchte und neckiſch ausrief: Du ſcheinſt Deinen alten Lieblingsſpruch im Inſti⸗ tut noch immer nicht vergeſſen zu haben, Lisbeth: „Nacht muß es ſein, wo Friedlands Sterne ſtrahlen.“ Bitte, Herr Vetter, machen Sie Licht, mir beginnt ſchaurig zu Muthe zu werden; denn ich weiß, daß ſich ein Todtenſchädel in Ihrem Zimmer befindet— ach, es iſt gewiß der von Ihrem Großvater ſelig!— Drittes Kapitel. Einige Tage ſpäter hatte Herr Cyprian Franke nach dem Comptoirſchluß ein längeres Geſpräch mit ſeinem erſten Buchhalter und vertrauteſten Diener, Herrn Fabri, der in alle ſeine näheren Angelegenheiten eingeweiht war und auf deſſen Rath und Meinung er jederzeit großes Gewicht legte. Denn eine ſchwere Sorgenlaſt, die ihm keine Ruhe ließ, lag auf ſeinem Herzen, nach⸗ dem er im Verlaufe des Tages zuerſt an der Börſe von Geſchäftsfreunden und Verwandten, und ſpäter nach Tiſche von Frau und Sohn Kunde von den ſeltſamen Gerüchten bekommen hatte, welche ſeit mehreren Tagen über den Kloſterhof und ſeinen Bruder in der Stadt umliefen.— Herr Fabri, eine hierzu wegen ſeiner großen Beliebtheit und ſeinen vielfachen Connexionen unter allen Klaſſen der Bevölkerung ganz geeignete Perſönlichkeit, 3 war von ihm ausgeſchickt worden, um nähere verläßliche Erkundigungen über dieſe ſeinen Chef auf's Höchſte be⸗ unruhigende Gerüchte einzuziehen und kehrte jetzt von dieſer Miſſion zurück, leider mit neuen, noch unange⸗ nehmeren Nachrichten, als der alte Herr bereits vernom⸗ men hatte.— Durch ihn erfuhr derſelbe nicht blos das fortdauernde Zerwürfniß zwiſchen Karl Franke und ſei⸗ nem Vater, er hörte auch bei dieſer Gelegenheit zum Erſtenmal von dem nahen Verkehr eines jungen frem⸗ den Mannes aus Süddeutſchland mit ſeinem Bruder und deſſen Kindern, der, von Conſtantin dort eingeführt, bis vor wenigen Tagen allabendlich in den Kloſterhof gekommen ſei, ein homme de lettres, wie der altfränkiſch geſchulte Herr Fabri Ludwig bezeichnete.— Auch über die traurige finanzielle Lage des Bruders und deſſen häufige, ſelbſt in der niederen Kaufmannswelt bekannte Verlegenheiten erſtattete Herr Fabri getreuen Bericht; er nannte kleine Handwerker, unbemittelte Geſchäftsleute, die ſeit vielen Jahren auf Bezahlung von verhältniß⸗ mäßig ganz geringen Summen, die ihnen Herr Felix Franke ſchuldete, warteten; kurz, ſein Bericht, ſo vor⸗ ſichtig und ſchonend er auch ſeine Ausdrücke über dieſe delikaten Punkte wählte, ließ Herrn Cyprian in den in gänzlicher Auflöſung begriffenen Zuſtand ſeines einzigen Bruders blicken, wobei ihm eigentlich nur der eine Um⸗ ſtand unklar blieb, wie Jener trotz ſeiner traurigen ökonomi⸗ ſchen Verhältniſſe, noch den Haushalt in dieſer äußerlich geregelten und anſtändigen Weiſe fortführen konnte.— Auch hierüber gab ihm Herr Fabri Aufklärung, indem er die muſterhafte Ordnung der Töchter, ihr beſcheidenes häusliches Leben, ihre einfache Toilette mit wenigen aber nachdrucksvollen Worten hervorhob. Selbſt daß Eliſa⸗ beth noch für kranke bedürftige Leute in der Nachbar⸗ ſchaft nach Kräften ſorge und etlichen Hausarmen, die ſie von der Mutter übernommen, zwar kleine aber re⸗ gelmäßige Geldunterſtützungen ſpende, hörte Herr Cyprian heute zum Erſtenmal, und geſchah es nun abſichtslos oder ging eine tiefere Gemüthsbewegung in ihm vor, wovon jedoch in ſeinem fleiſchigen Geſicht kaum eine Spur zu leſen war, er ſtampfte zuweilen im Auf⸗ und Abſchreiten durch die Stube mit dem Fuße gegen den Boden, oder murmelte unverſtändliche Worte in den Bart. Nachdem Herr Fabri ihm dies Alles erzählt hatte, ging Jener noch eine Zeit lang mit auf dem Rücken zu⸗ ſammengelegten Händen ſchweigend in der Stube auf und nieder, blieb dann vor dem Buchhalter ſtehen und blinzelte denſelben eine Weile mit ſeinem eigenthümlichen träumeriſchen Blick aus den halbgeſchloſſenen Augen for⸗ ſchend an. Dann ſagte er in ſeiner langſamen, von häufigen Pauſen unterbrochenen Sprechweiſe: Das Unglück meines armen Bruders hab' ich ſchon lange vorausgeſehen, lieber Fabri, es mußte ſo kommen und mehr als einmal deutete ich ihm meine Befürch⸗ tungen ſo ſchonend als möglich an. Denn der Kauf⸗ mann ſoll, ich will nicht behaupten, ſtrenggläubig ſein und Gott beſtändig vor Angen und im Herzen haben, wiewohl das gewiß das Beſte für ihn wäre; aber er ſoll auch nicht, wie mein Bruder Felix, ſich ganz von dem Herrn abwenden und das, was man Philoſophie nennt, über unſere heilige geoffenbarte Religion ſetzen.— Kein anderer Stand in der Welt bedarf ſo ſtrenger einfacher Anſichten und Lebensregeln wie der des Kaufmannes; jene ſogenannte höhere geiſtige Ausbildung wirkt gradezu hemmend und zerſtörend auf ſeine Thätigkeit ein, mit dem ſchlichten frommgläubigen Sinn der Väter verliert er auch die ruhige Zuverſicht, das einfache Calcul, ver⸗ wickelt ſich dagegen in allerhand unklare Ideen, und weil er den ſicheren Boden des Evangeliums aufgab, verliert er auch das einfache ruhige Verſtändniß der weltlichen Dinge ringsum.— Ich meinestheils habe im⸗ mer darnach getrachtet, den von meinem Vater und deſſen Vater und deſſen Vater verfolgten Weg ſtreng einzuhalten; weil ich mit dem Herrn einig war, war er's auch mit mir; ich forſchte und grübelte nicht mit anmaßlicher Begierde nach höherer Erkenntniß, ſondern ließ mich, was ich immer einfach das„Ziehen“ nenne, von dem Geiſte lenken, den die heilige Schrift verkün⸗ det. Der alte Gott der Propheten und das alte Ge⸗ — 56— ſchäft meiner Vorfahren waren unzertrennlich; darum trachtete ich nach keinen Neuerungen, hielt mich ſtreng an der Firma bewährte Prinzipien, unſere Unterneh⸗ mungen waren ſtets die gleichen, unſere Schiffe gingen ſtets den nämlichen Weg, unſere Handelsartikel änderten ſich kaum— unſere Geſchäftsfreunde waren meiſt die Enkel Derer, mit denen mein Großvater ſelig in Ver⸗ bindung geſtanden hatte— nun ſagen Sie mir, Herr Fabri, ob wir bei dieſer Maxime etwa zu kurz gekom⸗ men ſind?— Ich bitte und wünſche, daß Sie mir hierüber aufrichtig Ihre Meinung ſagen. Das weiß die ganze hieſige und auswärtige Han⸗ delswelt, entgegnete der Buchhalter, daß wir nächſt Got⸗ tes Beiſtand allein dieſem ſtrengen Grundſatz der Stabi⸗ lität den Flor unſeres Hauſes zu danken haben. So ſoll's denn auch fernerhin ſein Verbleiben da⸗ bei haben, ſagte der wackere Chef feierlich.— Hätte mein Bruder denſelben Grundſatz befolgt und die alten be⸗ währten Unternehmungen nicht aufgegeben, er genöſſe heute noch des nämlichen Credits wie unſer Vater ſelig. Aber weil er dem trügeriſchen Geiſt einer neuen Zeit folgte, wollte er auch Alles auf einen neuen Fuß ein⸗ richten und wie ſein inneres, ging ihm darüber auch das äußere Glück verloren. Er baute Fabriken, die nicht rentirten, er betheiligte ſich mit großen Kapitalien an ausländiſchen Handelsunternehmungen, die von An⸗ 7 S 5 deren ausgedacht und ausgeführt wurden, ohne daß er mehr dabei zu thun hatte, als ſein gutes Geld hinzu⸗ geben; daneben ſollte auch ſein häusliches Leben im Kleinen ein Bild der großen aufgeklärten Welt vorſtel⸗ len; anſtatt ſeine Töchter ſchlicht und chriſtlich zu er⸗ ziehen, jagte er ſie mit Scheltworten zur Küche hinaus, nach ihrer Confirmation durften ſie kaum noch an hohen Feſttagen die Kirche beſuchen, er hielt ihnen franzöſiſche Gonvernanten, Muſiklehrer, gab Bälle, Concerte, und führte ſie ſogar ſpäter häufig in die Oper. Da iſt es denn wirklich zu verwundern, daß die Mädchen ſich ſo gut in die jetzigen eingeſchränkten Verhältniſſe zu finden wiſſen. Hingegen will mir jener junge Herr aus Süd⸗ deutſchland um ſo weniger gefallen; und die Art, wie mein Bruder plötzlich ſein Haus von aller Welt ab⸗ ſchließt, läßt auf Vorgänge ſchließen, die ich kaum aus⸗ zudenken wage. Wieder ging er nach dieſen Worten lange ſchweigend in der Stube auf und ab und ſeine Miene war der getreue Ausdruck ſeiner inneren Rathloſigkeit und Ver⸗ ſtimmung. Mein Neffe Karl Franke ſcheint ſich von allen dieſen Vorgängen im Vaterhauſe wenig oder gar nicht anfechten zu laſſen, fuhr er dann unmuthig fort.— Ich weiß zwar nicht, welches Verhältniß gegenwärtig zwiſchen ihm und dem Vater waltet, aber das rechte iſt's ſicher nicht. So muß ich denn ſelber meinem eignen Namen zu liebe des Bruders Angelegenheiten zu den meinigen machen. Denn es gibt Menſchen, die gegen göttliche Heimſuchung und Gnadenentziehung ebenſo unempfindlich bleiben, wie ge⸗ gen des Herrn Barmherzigkeit und Langmuth mit ihren Sünden. Sagen Sie mir daher, lieber Fabri, was hier zu thun iſt? Ich fürchte beinahe, daß es ſchwer, ja unmöglich ſein dürfte, unter dieſen Umſtänden Ihrem Herrn Bru⸗ der beizukommen, entgegnete der bewährte Diener mit Achſelzucken.— Denn er hält alle Zugänge ſeines Hauſes ſo feſt verſchloſſen, daß ſelbſt ſein langjähriger Freund und Hausarzt, Doctor Steinmann, ſchon zweimal ver⸗ gebens vorgefahren iſt. Der heftige Mann hat aus Aerger und Ungeduld den Schellenzug abgeriſſen und ſeitdem kann man nicht einmal mehr läuten. Das iſt mehr als Sonderbarkeit, das iſt—— rief Herr Cyprian ganz außer Faſſung, ſtockte einen Moment und fügte mit zitternder Stimme kaum hörbar hinzu: das iſt ein entſetzliches Unglück! Dieſer junge fremde Mann aus Süddeutſchland— ſahen Sie ihn jemals — oder wiſſen Sie Etwas von ſeinen Abſichten, die ihn in unſere Stadt— in den Kloſterhof führten? Nichts weiter weiß ich, als daß er ein Freund von Conſtantin Volkhauſen iſt, ſagte Herr Fabri. . — 59— Und dieſer ſelbſt? fuhr der alte Herr fort, was hörten Sie zufällig von ihm? Eben bei Doctor Steinmann erzählte man ſich die Neuigkeit, er werde demnächſt mit einem großen gelehrten Werk vor die Oeffentlichkeit treten, ſagte der Buchhal⸗ ter.— Sehr gelehrte und angeſehene Perſonen des Aus⸗ landes, ſelbſt ein berühmter Profeſſor, ich glaube, in Göttingen etablirt, hätten ihm darüber die ſchmeichel⸗ hafteſten Lobſprüche gezollt. Wie? Ein Literatus in meiner Familie und läßt Bücher drucken? rief Herr Chyprian und gerieth von Neuem in die heftigſte Aufregung.— O der unglückliche Menſch! Alſo auch das muß ich noch von ihm erleben! Bitte, ſchonen Sie mich nicht, lieber Fabri, es iſt gewiß ein gottloſes Buch voll atheiſtiſcher Grundſätze, eins je⸗ ner Bücher, von denen unſer frommer Hauptpaſtor neu⸗ lich ſo wahr als treffend ſagte, daß Gott ſie nur ge⸗ ſchehen ließe, weil er nach ſeinem unerforſchlichen Rath⸗ ſchluß wolle, daß alle Sünden der Menſchen dabei zu Tage kämen!— Romane⸗, Komödienſchreiber in meiner Familie! Bitte vielmals um Vergebung, verehrter Herr Franke! ſagte der Buchhalter ſchüchtern, denn noch ſelten hatte er ſeinen wackren Prinzipal ſo tiefinnerlich empört ge⸗ ſehen, wie heute. Es ſoll ein ſtreng gelehrtes Werk ſein — ein wahrer Schatz von raren Kenntuiſſen— auch hat Ihr Herr Neffe das Buch nicht ſelber verfaßt, ſondern es blos durch einen Zufall aufgefunden. Ein gewiſſer Phthagoras ſoll der eigentliche Autor da⸗ von ſein. Pythagoras? War das nicht ein Heide und ein Epicuräer dazu? ſtotterte Herr Cyprian mit unſicherer Stimme und blirzelte ſeinen erſten Buchhalter ver⸗ legen an. Mir iſt leider nichts von ihm bekannt, entgegnete dieſer.— Doctor Steinmann bezeichnete ihn mir als den Stifter einer Schule, ob's aber eine Handelsſchule oder eine Gelehrtenſchule war, davon ſagte er nichts; jedoch muthmaße ich das Erſtere, denn ich erfuhr bei dieſer Getegenheit, er habe große Geſchäftsreiſen nach Aſien gemacht und eben ſein Reiſejournal ſei der. Inhalt von Herrn Volkhauſen's Opus. Jedenfalls gehen Sie morgen vor der Börſe in den Buchladen, ſagte Herr Franke, und beſtellen Sie dort das Buch— aber auf Ihren Namen, damit es ſogleich in Ihre Hände kommt. Denn was auch ſein Inhalt ſein möge, ich will es ſehen. Phthagoras— h! hm! Auf welche ſonderbare Ideen doch Menſchen verfallen, die einmal von den Wegen des Herrn abgewichen ſind! Als wenn wir in dieſer argen, glaubensleeren Zeit auch noch die Schriften alter Heiden zu leſen brauchten! Da könnte dieſer Conſtantin nun ſchon fünf Jahre die Stelle eines zweiten Predigers an unſerer Dreifaltig⸗ keitskirche einnehmen, geachtet und geliebt von der gan⸗ zen frommen Gemeinde— und ſtatt deſſen— doch weg damit!— Reden wir von meinem armen Bruder Felix weiter! Sie wiſſen, daß ich übermorgen meinen fünf⸗ undſechzigſten Geburtstag feiere— und er ſollte dabei fehlen— er und ſeine Kinder— meines Bruders Kinder — wo ich an dieſem Tage bei Tiſche ſo ſchon immer nach dem Platz hinſehen muß, den ſonſt mein geliebter— den ſonſt mein Neffe Conſtantin einnahm!— Nein, das geht nicht— das ſehen Sie ein, Fabri— der Tag wäre ein böſer Tag für mich— denn Familie heißt ein heilig Geſetz bei mir— ſelbſt meine arme Schwä⸗ gerin Helviſe ſoll geladen werden— und Felix— Felix und ſeine Töchter— ſchaffen Sie Rath, mein guter Fabri— ich, der Familie Haupt und Aelteſter, will Alle— hören Sie, Alle an dieſem Tage um mich verſammelt ſehen, fröhlich wie ſonſt! Der Buchhalter, dem der ſchnelle Uebergang aus der vorigen leidenſchaftlichen Erregtheit zu dieſer weichen Rührung an ſeinem Prinzipal ungleich mehr auffiel, als der Gegenſatz ſeiner patriarchaliſchen Herzlichkeit zu der ſonſtigen kühlen Weiſe, womit derſelbe ſein Verhältniß zu dem Bruder auffaßte, verſprach ſein Möglichſtes zu thun, um Herrn Chprian den großen Schmerz zu er⸗ ſpaven, an ſeinem Ehrentage nicht wie ſonſt den Bruder erklärte ſich bereit, gleich anderen Hausfreunden den und deſſen Familie um ſich verſammelt zu ſehen. Er Verſuch zu machen, Eintritt in den Kloſterhof zu er⸗ halten und dem Beſitzer deſſelben perſönlich die Ein⸗ ladung ſeines Herrn Bruders zu deſſen Geburtstagsfeſt zu überbringen, obwohl er im Stillen gerechten Zweifel in den günſtigen Erfolg des Unternehmens ſetzte. Bieten Sie Alles auf, um ihn von meiner aufrich⸗ tigen Bruderliebe zu überzeugen, ſagte der alte Herr; und wer ihn ſo genau kannte, wie ſein vieljähriger treuer Diener, dem war dieſe wunderliche Miſchung von See⸗ lenangſt, Großmuth und kleinlicher Zurückhaltung kein Räthſel in ſeinem Charakter mehr.— Bieten Sie Alles auf, aber ja ſo ſchonend als möglich, damit er endlich Vertrauen zu mir faſſe und ſich mir offen entdecke; kein Menſch in der Welt iſt freudiger bereit wie ich, ihm alle ſeine Sorgen abzunehmen, nur ſoll er nicht die reine Unmöglichkeit von mir erwarten, daß ich, der äl⸗ tere Bruder, ihm meine Hülfe aufnöthige! Seine Töch⸗ ter— allerdings— bei ihnen iſt's ein ander Ding, ihnen kann ich mich hülfreich beweiſen, ohne dem Herrn in ſeinen unerforſchlichen Rathſchlüſſen vorzugreifen, ſie ſind jung, unerfahren— ihnen helfe ich daher gerne, und doppelt gerne nach dem, was ich heute durch Sie von ihnen hörte.— Sagen Sie, lieber Freund, was ſoll ich thun? Mein Neffe Karl ſcheint gar nicht daran zu denken, daß er drei leibliche Schweſtern hat; und ich geſteh's Ihnen aufrichtig, dieſer Mangel an brüderlicher Geſinnung thut mir um ſeinetwillen weh. Gott hat ihn mittelbar durch mich zu dieſer Höhe des Glückes ſteigen laſſen; ich ſelbſt, als ich ihm Credit in dieſer ausgedehnten Weiſe eröffnete, erwartete von ihm nichts anderes, als daß er wenigſtens einen Theil ſeines Glückes daran wenden würde, ſeinem Vater und ſeinen Schwe⸗ ſtern eine ſorgenfreie Lebensſtellung zu bereiten— ach, ſagen Sie mir doch, lieber Fabri, was mag ihn wohl der letzte große Ball ſo im Ungefähren gekoſtet haben? Viel, ſehr viel Geld ganz gewiß, entgegnete der Buch⸗ halter und blickte, da er dieſe unerwartete Zwiſchenfrage durchaus nicht mit dem ernſten Gegenſtand des Geſprächs zuſammenreimen konnte, ſeinen Prinzipal verwundert an. Als deſſen Miene ihm andeutete, daß er nähere Antwort erwarte, nahm Herr Fabri keinen Anſtand, zu erklären, er ſchätze die Koſten jenes Ballabends für den Feſtgeber auf mindeſtens dreitauſend Thaler. Das wäre allerdings ein ſchönes Stück Geld! ſagte Herr Cyprian, jedoch ohne irgend ein Zeichen von Miß⸗ billigung, und wiegte ſinnend den ſchweren Kopf mit dem fleiſchigen Doppelkinn in der weißen bauſchigen Halsbinde hin und her.— Aber gleichviel, ich erſpare ihm dieſe kleine Lection nicht, fuhr er dann, wie mit ſich ſelber redend fort; für mich iſt das weder eine Ver⸗ ſchwendung, noch ein Opfer,— ſo bleibt es denn dabei, jeder meiner drei Nichten ſchreiben wir tauſend Thaler zu gute, fage eintauſend Thaler, wovon ihnen die Zin⸗ ſen alljährlich auf Martini mit Vier vom Hundert aus⸗ bezahlt werden, macht vierzig Thaler für eine Jede, da⸗ dafür wirft man noch lange keinem Operiſten einen ſilbernen Lorbeerkranz zu und dem reichen Bruder bleibt außerdem noch hinlänglich Gelegenheit, ſich ſeiner Schwe⸗ ſtern anzunehmen. Dies Alles n halblaut im Tone des calculi⸗ renden Geſchäftsmannes in ſich hinein, machte dann einen für ſeine ſonſtige Schwerfälligkeit unverhältnißmäßig raſchen einmaligen Gang durch das Zimmer, wobei ihm ſichtlich das Athmen ſchwer wurde, blieb wieder vor dem Buchhalter ſtehen und ſagte ſo ruhig als beſpräche er die gleichgültigſte Sache von der Welt: Sie hören es, Fabri, wir ſchreiben jeder meiner drei Nichten aus dem Kloſterhof ein für allemal eintauſend Thaler zu gute; fertigen Sie morgen die Schenkungs⸗ urkunde aus, das Kapital bleibt bis zu ihrer dermal⸗ einſtigen Verheirathung, oder wo nicht, bis zu meinem Ableben mit Vier vom Hundert in unſerem Geſchäfte ſtehen— was aber unſere gute Schweſter und Schwä⸗ gerin Helolſe anbetrifft, ſo iſt mein Wille, daß ihr vom — 65— künftigen Neujahr an anſtatt der ſeitherigen Rente von viertauſend Thalern alljährlich nur zwölfhundert Thaler aus meiner Kaſſe ausbezahlt werden; denn ich kann wohl von ihr mit dem Evangeliſten Lucas 18, 5. ſpre⸗ chen:„Dieweil mir dieſe Wittwe ſo viele Mühe macht, will ich ſie retten, auf daß ſie nicht zuletzt komme und übertäube mich.“ Bei dieſem Beſchluß ſoll es ſein Bewenden haben, ſagte Herr Cyprian ſeltſam lächelnd, da er etwas von Staunen, wenn nicht von Beſtürzung in der Miene ſeines erſten Buchhalters zu leſen glanbte über eine ſolche Willensverfügung, die ſo ganz dem ſonſtigen Gerechtig⸗ keitsſinn ſeines Prinzipals widerſprach. Denn übte auch derſelbe nur eine gerechte Strafe für die langjährige Scheinheiligkeit aus, womit die Schwägerin ihn getäuſcht hatte, ſo blieb es doch ganz unbegreiflich, wie der ſonſt ſo generöſe Mann die armen Bruderstöchter ſo kärglich für alle Zeit bedenken mochte, und zwar in einem Au⸗ genblick, wo er durch jenes Arrangement nahe an drei⸗ tauſend Thaler zu anderen Wohlthaten gewann. Aber der Buchhalter ſollte über dieſen merkwürdigen Wider⸗ ſpruch in der Handlungsweiſe ſeines Prinzipals nicht lange im Unklaren bleiben, denn mit ſeiner ruhig ern⸗ ſten Stimme fuhr Herr Chprian nach einer Pauſe alſo fort:. Was meinen guten Bruder anbelangt, ſo wollen Sie D. Müller, der Kloſterhof. III. 5 5 ihm ſo ſchonend als möglich andeuten, daß ich ſeine offene brüderliche Anſprache abwarten will. Fertigen Sie für alle Fälle eine Urkunde mit offenen Rubriken aus, worin ſeine ſämmtlichen Paſſivas Platz finden, ich decke ſie alle, ſowohl was ſeine Gläubiger an die Firma, als an das Inventar und an den Haushalt zu fordern haben, in acht Tagen ſoll Alles bereinigt ſein, wenn er mir nur das eine Wort gönnt: Lieber Bruder, hilf mir!— Und nun, gute Nacht, Fabri, ich habe Sie ſchon über Gebühr lange von Ihrem gewohnten traulichen Freundeskreis abgezogen, gehen Sie mit Gott— ich hoffe, wir kommen auch über dieſe Sache noch glück⸗ lich hinaus. Als er dem treuen Diener und Vertrauten ſeiner innerſten Herzensgeheimniſſe bis an die Thüre das Geleite gegeben hatte, blieb er, nachdem er dieſelbe wieder zugemacht, dicht davor ſtehen, blickte eine Weile auf die metallene Klinke und murmelte halblaut vor ſich hin: Gott will's noch nicht geſchehen laſſen, daß er zu Ihm zurückkehrt, aber Gott will und ſpricht es deutlich aus durch den Mund des Apoſtels:„Die Liebe ſei nicht falſch.“— Wohl denn, Bruder Felix, laß' ſehen, ob ich Dir auf dieſem Wege beikomme, damit auch einſt von Dir das Wort des Matthäus gelte:„Wenn der un⸗ ſaubere Geiſt von dem Menſchen ausgefahren iſt, ſo durchwandelt er dürre Stätte, ſuchet Ruhe und findet ſie nicht,“ damit es fernerhin zwiſchen uns nicht mehr heiße, wie im Briefe an die Römer:„Jakobum habe ich geliebet, aber Eſau habe ich gehaſſet.“ Viertes Kapitel. Im Kloſterhofe hatte ſich unterdeſſen die Lage der Dinge, wenigſtens war Herr Felix dieſer Meinung, in keiner Weiſe verändert, und das ſtrenge Abſperrungs⸗ ſyſtem von aller Welt ſchien nach achttägiger Dauer ſo⸗ wohl ihm wie den Töchtern ſo wenig Unbequemlichkeit mehr zu bereiten, als habe man von je in dieſem Zu⸗ ſtand der Iſolirung gelebt. Der frühere Zuſtand war gänzlich beſeitigt und von der äußeren Welt exiſtirten für die durch ſo wunderliche Caprice zu einem moder⸗ nen Anachoretenleben verurtheilten Hausbewohner nur noch bruchſtückartige Eindrücke und Wahrnehmungen: Wagengeraſſel, Straßenlärm, Glockengeläute, Nachtwäch⸗ terrufe, und bei einem Blick durch's Fenſter, die Straße mit ihren bekannten Häuſern und Nachbarsgeſichtern und ein Stückchen Himmel.— Seit dem letzten Verſuch des alten Freundes und Hausarztes, Doctor Steinmann, durch anhaltendes unermüdliches Läuten an der Haus⸗ ſchelle ſich mit Gewalt Einlaß zu verſchaffen und durch einen ohrbetäubenden Lärm die eigenſinnigen Bewohner des Kloſterhofs zur Uebergabe zu zwingen, hörte auch die letzte Communication mit der Menſchheit auf; denn der Draht des Schellenzugs hing ſeitdem zerriſſen von der Decke der Hausflur herunter, und wenn wirklich noch einmal Außen an dem meſſingenen Griff gezogen wurde, ſo gab's nur ein klirrendes dumpfes Geräuſch wie der Ton einer zerſprungenen Saite auf dem Re⸗ ſonanzboden. Im Uebrigen aber lebte man ſo gemüthlich wie frü⸗ her und ſelbſt an kleinen ergötzlichen Abwechslungen fehlte es nicht, die den guten Humor immer wach er⸗ hielten. Einzelne Vorräthe der Speiſekammer gingen zu Ende, der Küchenzettel mußte demzufolge vereinfacht werden. Des Lebens gewohnter Ueberfluß reducirte ſich immer wahrnehmbarer auf einfache, aber höchſt zweck⸗ mäßige Verhältniſſe. Statt des engliſchen Tafelſalzes erſchien bald gewöhnliches Kochſalz bei Tiſche, an der Sardellenſauce fehlten die Sardellen, an der Kapernſauce die Kapern; da man nur über Rauch⸗ und Pökelfleiſch zu verfügen hatte, ſo brauchte man auch keine Fleiſch⸗ brühe zu kochen und behalf ſich mit einer ſchmackhaften — 70— Waſſerſuppe, die jedoch dem verwöhnten Gaumen des Herrn Felix von je in den Tod zuwider geweſen war; weil die Milch fehlte, trank man den Kaffee ſchwarz, dahingegen der Thee, dieſes Lieblingsgetränk aller Haus⸗ bewohner, bei noch ſo großer Zuckerzuthat nahezu un⸗ genießbar blieb.— Dennoch trotzten die Töchter mit einer wahren Todesverachtung allen dieſen Entbehrungen und zeigten nie den mindeſten Verdruß; niemals hatten die Mädchen ſo viel gelacht und geſungen, als in dieſen Tagen der allerſtillſten Häuslichkeit; und hätte nur Eli⸗ ſabeth nicht dieſe unglückliche beharrliche Unwiſſenheit gezeigt, ſo oft Herr Felix ſie von Neuem wegen des Großvaters des Geliebten in's Gebet nahm, der Friede, die glückliche Einſamkeit, die Befreiung von allen Un⸗ annehmlichkeiten und Sorgen, welche eine geregelte Haus⸗ haltung mit ſich zu bringen pflegt, wären ein ſchätzbarer Erſatz für den Mangel an geſelligem Umgang geweſen. — Welchen Spielraum hatte nicht ihre Fantaſie, wenn ſie ſich alle die verſchiedenartigen Urtheile, Muth⸗ maßungen und Anſichten des Publikums über dieſe plötz⸗ liche totale Weltentſagung ausmalten und ihre Bekann⸗ ten in Stimmen und Geberden nachahmten, wie dieſe ſich in Geſellſchaften, Theezirkeln oder im Familienkreiſe über die neueſten räthſelhaften Vorgänge im Kloſterhofe unterhielten! Denn die Noth lehrt den Menſchen nicht blos beten, ſondern auch lachen, und die jungen über⸗ — T müthigen Lebensgeiſter ſprudelten daher oft in den aus⸗ gelaſſenſten Launen und Einfällen über. Daß Eliſabeth ſchon am zweiten Tag nach ihrer Einſperrung den klugen Einfall hatte, den in doppelten Exemplaren vorhandenen Schlüſſel zur i Haus⸗ thüre zu benutzen, um durch dieſe und da s Lagerhaus einen Ausgang zu gewinnen, dieſer glückliche U nſtand trug frei⸗ lich nicht wenig dazu bei, den Mädchen den ihnen aufer⸗ legten Zwang erträglich zu machen. Denn weil Herr Felix an ſo Etwas auch nicht entfernt dachte, ſonſt aber in Al⸗ lem ein Mann der Minute war, ſo riskirten ſie kaum die Gefahr einer Entdeckung, wenn ſie in den Abend⸗ ſtunden bis gegen neun Uhr, um welche Zeit man zu Nacht ſpeiſte, dieſes letzte ihnen noch offenſtehende Schlupf⸗ loch benutzten, um ſich für die ſtrenge Elauſur des Tages ſchadlos zu halten und in Ludwig's Wohnung mit Anna und Conſtantin zuſammenzukommen.— Doch mußte immer abwechſelnd eine der beiden jüngeren Schweſtern zu Hauſe bleiben, um für den Fall, daß der Vater ja ein⸗ mal außer der Zeit aus ſeiner Stube kommen und Et⸗ was verlangen möchte, bei der Hand zu ſein. Dafür wurde ſie von den Andern bei deren Rückkehr nicht blos durch allerlei kleine Geſchenke, Leckereien und Stadt⸗ neuigkeiten entſchädigt, ſondern bekam auch, wenn der Vater zur Ruhe gegangen war, ausführlichen Bericht über den neueſten Stand der Dinge, über die Pläne, welche man für die Zukunft entworfen, über die Schritte, die man thun wollte, um den Vater wieder mit Lud⸗ wig auszuſöhnen, ſobald des Letzteren Papiere von Hauſe eingetroffen ſein würden. Denn ſelbſt Conſtantin hatte die Hoffnung aufgegeben, den Onkel durch die ſiegende Macht ſeiner Beredtſamkeit zu gewinnen, und er mußte ſich von den Mädchen überzeugen laſſen, daß diesmal ruhiges geduldiges Abwarten das Beſte wäre, um den Alten wieder, nach ſeines Neffen Ausdruck,„zur Raiſon zu bringen.“— So kam man bald überein, die Saat der Verleumdung, die der tückiſche Strohmetz gegen den künftigen Schwiegerſohn in ſein Herz geſtreut hatte, in ihrem Lignen Unkraut erſticken zu laſſen; Herr Felix ſollte durch die heitere Geduld und Fügſamkeit ſeiner Töchter in ſeine neueſte wunderliche Caprice, bis zu dem Punkte gebracht werden, wo er ſelber zuerſt die Unmög⸗ lichkeit einſehen würde, den von ihm über den Kloſterhof verhängten Belagerungszuſtand länger fortzuführen; und dieſer Moment ſeiner Zerknirſchung ſollte dann zugleich derjenige ſein, in welchem man ihn durch überzeugende urkundliche Beweiſe von allen Geſpenſtern und Sorgen befreite, die der tückiſche Strohmetz, um Ludwig zu ſchaden, gegen ihn losgelaſſen hatte.— Denn die anfäng⸗ liche Erwartung Eliſabeth's, der Vater werde den Ge⸗ burtstag ſeines einzigen Bruders unmöglich vorübergehen laſſen, ohne nach althergebrachtem Familienbrauch dem 73 würdigen Haupte des Hauſes den gewohnten feierlichen Glückwunſch zu ſpenden, erwies ſich, je näher dieſer wichtige Zeitpunkt heranrückte, als voreilig; und an dem nämlichen Tage, an dem auch Herr Fabri, des großen Handlungshauſes hochangeſehener erſter Buchhalter den vergeblichen Verſuch machte, in ſchwarzem Frack und weißen Glacéhandſchuhen in den Kloſterhof einzudringen, erklärte der Vater feierlich, er wolle das ſchöne Fami⸗ lienfeſt diesmal in ſeinem Hauſe allein mit den drei Töchtern begehen, welcher Entſchluß freilich jede Hoff⸗ nung auf dieſen erſehnten Tag vernichtete. Schlachten wir eine Katze zum Feſtbraten, oder fan⸗ gen wir ein Paar Raben mit Schlingen im Schnee? fragte Lneinde die Schweſtern.— Ach, die ſchönen Auſtern und die ſchleſiſchen Faſanen werden diesmal ohne uns verzehrt werden, ich ſehe Tante Heloiſe ſchon im Geiſte, wie ſie im höchſten Feſtſtaat an der Tafel ſitzt und mit frommgierigem Blick, halb Madonna halb Harpyie, mit der Steinbutte liebäugelt und dem Diener, der ihr Cliquot einſchenkt, faſt erſchrocken abwehrt, jedoch erſt, wenn das Glas überſchäumt. Und die prächtige Rebhuhnpaſtete, bei deren Erſchei⸗ nen Hauptpaſtor Stillfried jedesmal ſeinen orthodoxen Schluchzer kriegt! ſeufzte Helene; und der funkelnagel⸗ neue Doppellouis, den Onkel beim Abſchiede immer einer Jeden von uns in die Hand drückte— Kinder, ich ſage 74— Euch, die Zeit wird ſehr ernſt, und bis Lisbeth uns ihre Schwabenheimer Delikateſſen vorſetzt, als da ſind Kar⸗ taffelklöſe und Sauerkraut, kann noch mancher Tropfen den Neckar hinunterfließen! Wie's nur der Vater fertig gebracht hat, fuhr Lu⸗ einde in wehklagendem Tone weiter, daß er nicht einmal an den Wildſchweinskopf mit Trüffelſauce denkt, der immer ihm zu Ehren aufgetragen wird, weil ihm Onkel Chprian durch dies ſein Leibgericht den hehren Tag für's ganze übrige magere Jahr unvergeßlich mächen will? Es iſt ein Gottesglück für mich, daß Ihr gleich nach unſerer Heirath Euren eignen Haushalt in Schwabenheim bekommt! rief Eliſabeth lachend.— Aber laßt's gut ſein, lnna wird uns ſchon gehörig mit Reſtern vom lukulli⸗ ſchen Mahl im Haus der Gerechten verſorgen. Ich für meinen Theil habe mich ſchon geſtern auf eine Portion geräucherten Lachs bei ihr abonnirt. Beſtelle für mich heute Abend ein Stück Eistorte! — Und ich will meinen Doppellouis, der mir von Gott und Rechtswegen zukommt! riefen beide Schweſtern zu⸗ gleich und tanzten ſingend und jubelnd im Vorgenuß von des reichen Onkels herrlichem Feſtmahl ſo ausge⸗ laſſen im Saale herum, daß die Fenſter ſchütterten und die Nachbarsleute vis à vis verwundert zu dem räthſel⸗ haften Haus voll innerer und äußerer Widerſprüche aufſchauten, wo unten bei hellem Tage eine Hauslaterne — 75— brannte und oben ohne Muſik getanzt und gejubelt wurde, wie ſonſt in den guten Tagen der Vergangenheit um Mitternacht bei Flöten⸗ und Geigenſpiel.— Am heutigen Abend war die Reihe, Eliſabeth zu begleiten, an der jüngſten Schweſter. Als es daher dun⸗ kel war und der Vater hinter ſeinen verdeutſchten rö⸗ miſchen oder griechiſchen Hiſtorikern in ſeinem Gelehrten⸗ Comptoir ſaß, ſchlüpften beide Mädchen dicht vermummt auf dem bekannten Weg durch's ſtockfinſtere Lagerhaus aus dem Kloſterhofe und fanden am bezeichneten Platze die treue Friederike ihrer bereits harrend. Es war ein greuliches Schneegeſtöber, Helene zögerte und meinte, man müſſe entweder toll ſein oder verliebt, um bei ſol⸗ chem Wetter dieſen weiten Weg zu machen. Da faßte ſie die ältere Schweſter herzhaft am Arme und ſagte: Nur Geduld! Kommt auch ſchon die Reihe an Dich, mein Kind, wo Dir das Alles Maienwonne dünkt und Blüthenregen; dann begleite ich auch Dich, wenn's ſein muß, darauf zähle ganz feſt. Wenn's nicht um Deinetwillen wär', ich kehrte um und läſe lieber mein vom Vater mir aufgegebenes Pen⸗ ſum im Plutarch, ſagte ſie in ihrer ernſthaft drolligen Weiſe.— Auch will ich Dir nur geſtehen: Neugierde trotzt ſo gut wie Liebe Stürmen und Wettern! Und groß, ſehr groß iſt wirklich meine Neugierde, ob die verwünſch⸗ ten Papiere endlich da ſind? — Dieſe allerdings ſehr wichtige Frage bildete nun den Gegenſtand ihrer Unterhaltung und ließ ſie Schnee und Wind bald vergeſſen. Ob ſie da ſind oder nicht! meinte Eliſabeth getroſt. Mein Schatz iſt jedenfalls da und Dein Schwager auch. Als Enkel Caſanova's erkenne ich ihn nicht an! ſagte die Andere lachend.— Aber wart' einmal, wir wollen das Schickſal befragen: Wenn dort der Nachtwächter mit der Fiſtelſtimme an der nächſten Straßenecke ſteht, ſo ſind die Papiere da,— fehlt er, dann iſt's wieder nichts und Du kriegſt einen entarteten Enkel zum Manne.— Ach, er iſt wirklich da! Siehſt Du den Langen dort im Schneemantel? Ja, da iſt er! ſagte die wohlbekannte Geſtalt, aber mit einem tiefen Baß und trat aus dem Dunkel der Häuſerſchatten auf's Trottvir. Es war Conſtantin, der ſie an der Stimme erkannt hatte. Du lieber, guter Vetter! rief Eliſabeth und hing ſich an ſeinen rechten, Helene an ſeinen linken Arm.— Du treuer Goldmenſch! An ſolchem Abend hier zu ſtehen, das geht faſt über die Freundſchaft hinaus. Dank, herzinnigen Dank! Iſt der Brief vom Oberamtmann da? fragte Helene haſtig.— Bis jetzt nicht, entgegnete Conſtantin trocken. Ludwig hat noch einmal ſeinen Burſchen nach der Poſt geſchickt, er ſelbſt konnte mich nicht begleiten, weil er noch immer hoffte, der Briefträger werde unterdeſſen kommen. O dieſer abſcheuliche Oberamtmann! rief Helene. Möge er einſchneien bis an den Zipfel ſeiner Schlaf⸗ mütze! Da wate ich in fußtiefem Schnee, erfriere mir die Naſe— Alles einem Schwager zu Liebe, der's noch nicht einmal iſt! Kommt Anna? fragte Eliſabeth. Sie iſt ſchon bei Ludwig und hilft ihm den Punſch brauen, berichtete er; vorausgeſetzt, daß Du nicht eifer⸗ ſüchtig auf ſie wirſt. Ich brachte ſie ſelber hin, ſie war ganz erſtarrt von der Kälte. Ihr werdet intereſſante Dinge von ihr zu hören bekommen. Onkel Chprian iſt außer ſich darüber, daß ſein Fabri mit der Einladung auf Morgen heute nicht zu Euch dringen konnte. Laßt's Euch nur von Anna erzählen; ſie ſagt, niemals hätten Eure Actien bei Onkel Cyprian höher geſtanden, als ſeitdem der Kloſterhof vorn und hinten verriegelt wäre. Bliebet Ihr auch nur noch eine Woche ſtandhaft, ſo werde On⸗ kel Cyprian auf allen Kanzeln für Euch beten laſſen; dieſe ganz ungewöhnliche Demonſtration Eures Vaters ſcheint ihm wirklich ſtark an's Gewiſſen gerührt zu haben. Dann ſegne Gott dieſen Strohmetz, ſelbſt wenn's auch nur ein Strohmann geweſen wäre! ſagte Eliſabeth. Daß Du noch immer den armen unſchuldigen Men⸗ ſchen in dieſem böſen Verdacht haſt! verſetzte Conſtantin kopfſchüttelnd. Blaſius? Das ſei ferne von mir! ſagte ſie ernſt. Dem brauchte ich nur einmal in ſein ehrliches gut⸗ müthiges Geſicht zu ſchauen und ich that ihm ſogleich von Herzen wegen meines Argwohns Abbitte. Gottlob, daß Ludwig Nichts davon erfahren hat!— Unter dieſem Geſpräche hatten ſie Moſer's Wohnung erreicht; aus den dunklen Fichten des Gartens ſchim⸗ merten ihnen die beiden wohlbekannten Fenſter entgegen, und eben kam auch Blaſius von der andern Seite durch den tiefen Schnee auf's Gartenthor zu. Menſch!— Ich ſage Dir, Du haſt die Papiere! rief Conſtantin, der ihn erkannte, ſchon von ferne drohend. Wer ſtreit's denn, Herr Doctor? Ja, Gottlob ich habe ſie, ein Pereat dem Strohmetz! jubelte er und hielt triumphirend das Packet in die Höhe. Haſtig griff Eliſabeth darnach. Gib's her, Blaſius, ſagte ſie überſelig. Das will ich Deinem Herrn ſelber geben. Mit einem linkiſchen Kratzfuß überreichte er ihr den großen Brief mit den fünf oberamtlichen Siegeln und ſagte in ſeinem verbindlichſten Tone auf Hochdeutſch: Mit Vergnügen, mein Fräulein! Ich hoffe, Sie wer⸗ den zugleich in dieſen Papieren die ſichere Quarantaine er⸗ halten, daß der dermaleinſtige Urenkel des ſeligen Herrn Poſtmeiſters von Duderſtadt ein höchſt legitimes Anrecht auf die allgemeine Hochachtung aller guten Pfälzer dieß⸗ und jenſeits des Rheines haben wird! — Dummer Schnack! rief Eliſabeth und ſchlug ihm den ſchweren Brief rechts und links um die Ohren. Der loſe Burſche aber, der ſich heute vor Ausge⸗ laſſenheit nicht zu helfen wußte, ſang mit heller Stimme die beiden erſten Strophen des bekannten Studentenlieds in die ſtille Nacht hinaus: „Was kommt dort von der Höh'? Es iſt der Poſtillion!“ er neuen blanken Friedrichdor's, bei deren Anblick Fünftes Kapitel. Endlich war der gedruckte Pythagoras angelangt, „Urtext und Ueberſetzung, zum Erſtenmal herausge⸗ geben, überſetzt und erklärt von Conſtantin Volkhau⸗ ſen, Pr. philos.,“ von einer angeſehenen norddeutſchen Firma in Druck und Papier untadelhaft ausgeſtattet. Zugleich überſandte der Verleger zwölf elegant gebun⸗ dene Freiexemplare, gratulirte in einem freundlichen Schreiben der gelehrten Welt zu dieſer raren modernen Inkunabel, ſchmeichelte ſich und dem Autor mit einer großen und wohlverdienten Anerkennung, welche dieſes ſeltene Buch in allen gelehrten und wiſſenſchaftlichen Kreiſen finden werde und fügte das ſtipulirte, für das Erſtlingswerk eines noch unbekannten Schriftſtellers nicht unbedeutende Honorar bei, ein ſchönes Röllchen von — 8— ſelbſt dem alten Pythagoras das Herz im Leibe gelacht* hätte! So ſtand nun Conſtantin am Ziele ſeiner jahrelan⸗ gen Mühen und Arbeiten; das Werk, auf deſſen Vollen⸗ dung er alle Hoffnungen und Träume ſeines Ehrgeizes gerichtet hatte, lag vollendet vor ihm, über Erwarten glänzend und ſchmeichelhaft für ſeinen Urheber war der Erfolg, den es bei einzelnen berühmten Autoritäten der gelehrten Welt gefunden hatte; kein Menſch ahnte bis jetzt eine Täuſchung, am wenigſten eine abſichtliche; ein⸗ zelne Abweichungen vom doriſchen Dialect, einzelne Ver⸗ ſtöße gegen Chronologie und Orthographie ließen ſich auf Rechnung ſpäterer Erklärer und Abſchreiber ſetzen; in der Hauptſache war und blieb es ein Buch von un⸗ zweifelhaft wiſſenſchaftlichem Gepräge, eine Antiquität, der die Zeugniſſe und Urkunden aus jener altgriechiſchen Culturperiode ſo unwiderlegbar zur Seite ſtanden, daß die gelehrteſte und ſcharfſinnigſte Kritik, auch wenn ſie bei dieſer und jener Stelle ſtutzig wurde, zu allerletzt. den gelehrten Herausgeber dafür verantwortlich machen konnte. Hatte doch dieſer ſelbſt hier und da in den Anmerkungen einzelne Widerſprüche des Tertes achge⸗ wieſen und mit Glück deren Erklärung oder muthmaß⸗ liche Urſache darzulegen verſucht!— Dennoch war es nicht die reine Freude am endlichen Gelingen einer ſo ſchwierigen Arbeit, was Conſtantin D. Müller, der Kloſterhof. III. 6 jetzt fühlte; der Stolz, die kühne Zuverſicht, womit er das große ſtaunenswerthe Werk mit der vollen Hinge⸗ bung an eine wahre, ſeines Geiſtes würdige Aufgabe begonnen und ausgeführt hatte, waren, nun es vollen⸗ det als Eigenthum der Welt vor ihm lag, von ihm ge⸗ wichen; und eine Angſt ohne Namen ergriff ihn bei der Vorſtellung, daß man ſeiner gefälſchten Arbeit, für die er die Achtung und den Glauben der Beſten ſeiner Zeit⸗ genoſſen in Anſpruch nahm, auf die Spur kommen, daß man ihn der unerhörteſten Täuſchung beſchuldigen möge, welche die neuere Zeit auf literariſchem Gebiete erfah⸗ ren habe!— Das bis dahin glücklich beſtandene Wagniß ſeines gelehrten Falſums erſchreckte ihn mehr als es ihn ermuthigte; denn er, dem ſelber ſo großes Unrecht widerfahren, der mit ſo ſtrenger Unerbittlichkeit die laxen Grundſätze von ſo Manchem ſeiner Widerſacher bei Ge⸗ winnung ihrer Reichthümer gerichtet hatte, er handelte jetzt ſelber aller Moral und Wahrheit zuwider, indem er unter einem berühmten Namen des Alterthums ein Werk fälſchte und die Ehre von deſſen Entdeckung und Veröffentlichung für ſich in Anſpruch nahm, das ihm ſogar noch neben dem literariſchen Ruhm eine namhafte Geldſumme eintrug, die der Verleger doch nur im feſten Glauben an die Aechtheit des Manuſcriptes bezahlt hatte. So war der Erſatz jahrelanger Mühen, Studien und Entbehrungen kaum gewonnen, als er inne wurde, daß Der, welcher dieſes Rieſenwerk von Fleiß und Ge⸗ lehrſamkeit zu Stande gebracht, und Jener, der es mit dem einfachen Geſetz der Sittlichkeit und Schriftſteller⸗ ehre in Einklang bringen ſollte, zwei ſehr von einander verſchiedene Menſchen ſeien; der Eine ebenſo herviſch, genial und über die kleinlichen Bedenken der Moral er⸗ haben, wie der Andere muthlos, innerlich mit ſich zer⸗ fallen und den nagendſten Sorgen und Gewiſſensſcru⸗ peln preisgegeben.— In der That ſchien es, als wenn er ſeine ganze geiſtige Kraft an dieſes eine Werk geſetzt und daſſelbe mit der letzten Energie zu Ende geführt hätte, um nun, wo er die Frucht ſeiner langen Mühen ernten ſollte, vor der Größe eines Wagniſſes zurück⸗ zuſchrecken, das ihm früher unter geiſtigen Anſtrengun⸗ gen jeder Art kaum dann und wann einmal klar zum Bewußtſein gekommen war.— In der faſt beſtändigen Anſpannung aller ſeiner Kräfte und ganz von dem einen Gedanken eingenommen, durch dieſes Werk des eiſernen Fleißes ſeinen Feinden noch mehr als ſeinen Freunden zu imponiren, hatte er weder Zeit noch Stimmung ge⸗ funden, ſich die Folgen davon nach allen Seiten hin klar zu machen; er hatte das Größte leiſten wollen, hatte es auch in Wahrheit geleiſtet,— aber es war ein Guß der edelſten und koſtbarſten Metalle in eine falſche Form; dem Genie war die erſte Bedingung alles höhe⸗ 6* ren Schaffens, die Wahrheit, abhanden gekommen und das Meiſterwerk eines ſeltenen, in ſeinen Sphä⸗ ren zum Höchſten befähigten Geiſtes ſank darum zur werthloſen gemeinen Spekulation eines von Ehrgeiz ge⸗ blendeten, von falſchen und niederen Leidenſchaften irre⸗ geleiteten Unglücklichen herab.— An ſich blieb es eine„„ ſtaunenswerthe Arbeit der reichſten und unfaſſendſten 3 Studien, der gelehrteſten Combination; aber ein einziger Hauch, ein einziger begründeter Nachweis von der Un⸗ ächtheit eines kleinen Bruchtheils, und das ganze ſtolze Gebäude ſtürzte hohl und haltlos in ſich zuſammen, an die Stelle des alten pythagoriſchen Nimbus trat die nackte häßliche Thatſache des modernen literariſchen Frei⸗ beuterthums mit allen ihren furchtbaren Conſequenzen und vernichtenden Zeugniſſen gegen Den zu Tage, der ſie zu erſinnen und auszuführen ſich nicht entblödet hatte. S3 Er war am Ziele und ſah, daß er vor einem Ab⸗ grund ſtand!— Das Gefühl ſeines verlorenen Daſeins, ſeines theils unverſchuldeten, theils verſchuldeten Schick⸗ ſals, der nagende Grimm, die gerechte Erbitterung gegen deſſen Urheber, das Alles hatte ihn bis zu dieſer ſchwin⸗ delnden Höhe getrieben; und vor ihm, hinter ihm gab's keine Möglichkeit der Rettung mehr.— Da, wo er jetzt ſtand, mußte er ſtehen bleiben und warten, bis aus ir⸗ gend einem Winkel der Erde der Ruf erſcholl:„Herunter mit ihm! Die Reiſebriefe des Pythagoras ſind gefälſcht, dem Geiſte ihrés Autors den Lorbeer, aber ſeinem Cha⸗ rakter den literariſchen Staupbeſen!“ Mag er auch vielleicht auf den erſten Blick ein pſy⸗ chologiſches Räthſel ſcheinen, dieſer gänzliche Umſchlag einer in ihren Anſtrengungen noch vor Kurzem ſo ener⸗ giſchen und ihres Zieles und Strebens ſich ſo ſicher bewußten Natur: wir erklären es uns mit wenigen Worten, wenn wir ſagen, daß das endliche Gelingen ſeiner langen mühſeligen Arbeit einen durch ein anderes Unglück be⸗ reits in ſeiner beſten Kraft gebrochenen Menſchen in ihm fand; daß der Erfolg für ſeine kühnen Vorausſetzungen zu ſpät eintrat und trotz ſeines äußeren Glanzes weit hinter dem Verluſte zurückſtand, den er neuerdings er⸗ litten hatte.— Des Freundes Glück bei der angebeteten Freundin, der Schweſter verhängnißvolle Lage hatten ſeinem Herzen ſchnell hintereinander zwei Stöße verſetzt, die gerade dieſe aus felſenharten und unendlich weichen Stoffen, ohne die wohlthätigen milden und ſelbſt die widerſtreitendſten Gefühle ausgleichenden elegiſchen See⸗ lenſtimmungen zuſammengeſetzte Natur, an ihrem inner⸗ ſten Leben erſchüttern mußten.— Jener durch Jahre vor⸗ bereitete und erſehnte Erfolg ſeines Buches fand daher einen mit ſich und dem Schickſal zerfallenen Menſchen in ihm, dem alles Andere eher und beſſer zu Geſichte geſtanden hätte, als der kühndreiſte Uebermuth, der herausfordernde kecke Humor, womit er dieſe gewaltige Arbeit einſt unternommen und zu Ende geführt hatte; denn eben dem Humor kommt zwar einiges Unglück, und unter Umſtänden auch recht viele Miſere ganz wohl zu ſtatten; aber etwelche Bedingungen, darunter vor Allem gewiſſe liebe alte Gewohnheiten, äußerlich unſchein⸗ bare, aber innerlich um ſo mehr motivirte Beziehungen, und ein wenn auch noch ſo zart geſchlungenes Band mit einer gleichgeſtimmten Seele, dürfen ihm doch nim⸗ mer fehlen, ſoll ihm nicht bald die karge magere Erde, in der dieſe ſeltene Wandelblume des Gemüthes am liebſten wurzelt, die letzte Nahrung verſagen.— Conſtantin erſchrak vor der Entdeckung ſeiner Liebe zu Eliſabeth kaum minder, als vor dex Gewißheik ſeiner hoffnungs⸗ loſen Liebe; und als dazu noch Anna den alten, ihm ſo wohlbekannten Ton des Schmerzes anſchlug, als er auch ſie von jenen feindlichen Mächten bedroht ſah, ärger als er ſich's und ihr eingeſtehen mochte, die ihn ſelber in's Elend geſtürzt hatten, da— fehlte eben nur noch der Eintritt des von ihm ſo lange, ſo heiß und ſo ungeſtüm herbeigeſehnten Glückes, und der wankende Muth, der erſchütterte Geiſt in ihm ſah nur neue Schrecken in ſei⸗ nem Gefolge, Kämpfe und Schickſale, denen er nicht mehr gewachſen war.— Denn nichts erträgt ein entmu⸗ thigter und geknickter Menſch ſchwerer als einen Gewinn, und ſelbſt den redlichſten, der ihm noch eine ſpäte Blume 7 00 auf das Wintergrab ſeiner letzten Hoffnung wirft; und nun gar ein Gewinn wie dieſer, mit ſolchem innerlichen Zerwürfniß, mit ſolchen dunklen Befürchtungen für die Zukunft verknüpft!— So war der Zuſtand ſeines Innern beſchaffen, in welchem Conſtantin mit ſeinem literariſchen Erſtlings⸗ werk vor das Forum der Oeffentlichkeit trat. Die Wür⸗ fel waren gefallen; aber ein dunkles Vorgefühl ſagte ihm, daß der Ausgang ein anderer ſein würde als der, welchen er noch jüngſt ſo kühn und zuverſichtlich erwar tet hatte.— Allerdings war der erſte Erfolg ein ſo enk⸗ ſchieden günſtiger, daß er ſich ſelbſt zuweilen wegen ſei⸗ nes Kleinmuthes Vorwürfe machte; aber je mehr er ſich einzureden eine Entdeckung ſeines gefälſchten Ma⸗ nuſcriptes ſei nicht möglich, ſelbſt die ſtrengſte Kritik und Gelehrſamkeit werde keinen Anhaltspunkt für ein begründetes Urtheil gegen die Aechtheit der Briefe finden, um ſo größer wurden ſeine Zweifel, ſeine Bedenken gegen die Unantaſtbarkeit einzelner ſeiner Hy⸗ potheſen und Combinationen, und ſeine fieberhaft erhitzte Einbildungskraft erſchöpfte ſich dann in allen möglichen Vorſtellungen, welche Stelle, welche Nachricht in den Briefen ihm etwa als falſch und unhaltbar nachgewieſen werden könnte.— Dazwiſchen entwarf er wieder Pläne, wie er dieſen und jenen Satz vertheidigen und durch eine glänzende Polemik jeden Verd acht zunichtemachen wolle; ſeine Zuverſicht erwachte von Neuem; er wollte allen Angriffen, von welcher Seite ſie auch kommen möchten, durch andere noch glänzendere Beweiſe ſeines reichen Wiſſens, ſeiner gründlichen Gelehrſamkeit die Spitze bieten— aber da fiel ſein Blick auf die blinken⸗ den Goldmünzen, für jetzt noch die alleinigen furchtba⸗ ren Ankläger des verübten Betrugs, und wie vernichtet ſank er wieder in ſich zuſammen; denn die ſtumme Be⸗ redtſamkeit des durch Unrecht erworbenen Goldes wider⸗ legte alle ſeine Dialektik, alle ſeine noch ſo künſtlich auf⸗ gebauten Trugſchlüſſe. Einmal kam er auf die Idee, das Geld dem Ver⸗ leger unter irgend einem Vorwand wieder zurückzu⸗ ſchicken; aber mußte er nicht befürchten, durch einen ſol⸗ chen höchſt auffallenden Schritt ſelbſt den erſten Verdacht gegen ſich zu erwecken?— Und war jener wackere Mann mit ſeinem Vertrauen, war die Welt nicht auch ſo von ihm betrogen?— Oder ſollte er ſich dem Freunde anver⸗ trauen, mit dem er doch bis dahin höchſtens nur in ausweichenden geheimnißvollen Andeutungen, mehr ge⸗ nöthigt als freiwillig, über ſeine Arbeit geſprochen hatte? War der glücklichere Freund dann nicht auch der beſ⸗ ſere?— War damit nicht Eliſabeth's Wahl, ſelbſt der herzlichſten Freundſchaft, der ſchonendſten Theilnahme gegenüber, gleichſam wie durch höhere Fügung gerecht⸗ fertigt? So wankte und ſchwankte er von einer Entſchließung, einem Plane zum andern, der Tag verging ihm unter Qualen einer Hypochondrie, die durch den neuen, ſo plötzlich erwachten Feind in ſeiner Bruſt einen Bundes⸗ genoſſen bekommen hatte, den er nicht zu bewältigen ver⸗ mochte.— Sein ohnedies in Folge der jüngſten heftigen Gemüthserſchütterungen leidender körperlicher Zuſtand machte ihn vollends zu jeder ruhigen Prüfung ſeiner Lage unfähig; denn das eigne fieberhaft erregte Blut war es ja, was ihm dieſe angſtvollen Bilder ſchuf, und zum Erſtenmal in ſeinem Leben empfand er den dop⸗ pelten Fluch eines Schickſals, d blos unglücklich werden läßt, ſ as den Menſchen nicht ondern ſein Herz auch noch mit einer Schuld belaſtet, die ihn erſt recht und vollkommen elend macht.— Beſtändig ging Onkel Cyprian, wie er leibte und lebte, mit ſeinen kurzen Schritten in dem braunen fal⸗ tigen Oberrock vor ihm auf und ab, hielt vie„Briefe des Pythagoras“ in der Hand und ſchaute unausgeſetzt mit einem ſonderbar ſcheuen, befremdeten Blick auf das Titelblatt und den mit einmal ſo bexühmt gewordenen Autornamen ſeines Neffen.— Kopfſchüttelnd murmelte er zuweilen„Editio prineeps!“ Was aber dieſe ſeltſame „Signatur“ bedeute, das wußte der Neffe jedenfalls beſ⸗ ſer als der Onkel.— Und ganz ſo wie ihn Conſtantin am Abend zuvor 00 im Geiſte geſehen hatte, ging der alte Herr wirklich am frühen Morgen des folgenden Tages, der ſein fünfund⸗ ſechzigſter Geburtstag war, in ſeiner Stube auf und ab, hielt den Pythagoras mit dem aufgeſchlagenen Titelblatt in der Hand und ſah immer wieder von Neuem auf den Namen des Neffen.— Niemand als Herr Fabri war bei ihm, der mit beſorgtem Blick die Miene ſeines verehrten Chefs beobachtete, obwohl es ſchwer war, daraus zu entnehmen, was eben in Herrn Cyprian's Ge⸗ müth vorging. Das iſt ja eine ſonderbare Geburtstagsüberraſchung, die mir da mein Neffe bereitet, ſagte er erſt nach einer längeren Pauſe.— Nur Schade, daß ich kein Wort von dem Inhalt ſeines Buches verſtehe!— Was für eine Sprache des alten Heidenthums mag es wohl ſein? Es iſt Griechiſch, wie mir der Buchhändler ſagte, entgegnete Herr Fabri.— Der Mann wußte nicht genug den erſtaunlichen Werth dieſes Buches zu rühmen und prophezeite Herrn Volkhauſen das glänzendſte Ge⸗ ſchäft damit. Wie? Das wäre die griechiſche Sprache? rief Herr Cyprian überraſcht und betrachtete mit ehrfurchtsvollen Blicken den fremdartigen Druck.— Das wären die näm⸗ lichen Schriftzüge, worin zuerſt das neue Teſtament geſchrieben ward?— Wie in aller Welt kommt mein de⸗ — 9 bauchirter Neffe zur Kenntniß dieſer heiligen Sprache, daß er ein ganzes Buch damit ausfüllen kaun!— Aber was mag wohl darin ſtehen? Und was iſt der wirkliche Nutzen davon? Gibt es denn wohl viele Menſchen in der Welt, die ein ſolches Buch überhaupt leſen können? Und was intereſſirt ſie eigentlich daran?— Iſt es nicht an ſich höchſt gleichgültig, was ſo ein alter Heide vor vielen tauſend Jahren über Dies und Jenes gedacht hat?— Fehlte ihm doch die erſte und alleinige Quelle al⸗ ler wahren menſchlichen Erkenntniß, das Wort Gottes, die heiligen Schriften alten und neuen Teſtaments!— Ja, wenn mein Neffe Conſtantin das Alles ſelber geſchrie⸗ ben hätte!— Aber gleichviel! Ich will das Buch an mich nehmen, denn Schaden kann's ja doch keinem Menſchen in dieſem Hauſe bringen. Mein gelehrter Freund, unſer würdiger Director Starke ſoll mir gelegentlich nähere Aufſchlüſſe über ſeinen Inhalt geben. Eben der ſei ganz außer ſich vor Freude und Stau⸗ nen über das gelehrte Opus ſeines ehemaligen Schülers geweſen, berichtete Herr Fabri.— Er wäre noch geſtern Abend ſpät trotz des ſchrecklichen Wetters in den Buch⸗ laden gekommen und hätte ſogleich zwei Exemplare mit⸗ genommen. Sonderbare Welt— ich verſtehe ſie nicht mehr! mur⸗ melte Herr Cyprian betroffen vor ſich hin, und man ſah ſeiner Miene den tiefen Eindruck an, den dieſe letztere Nachricht auf ihn machte. Ganz ſachte legte er das Buch auf den Schreibtiſch, machte dann wieder ſei⸗ nen mehrmaligen Gang durch die Stube, knöpfte erſt einen, dann noch einen Knopf an ſeinem Rocke zu und blieb wie immer, wenn er etwas Wichtiges ſagen wollte, erſt eine Weile ſchweigend und wie mit ſich ſelber im Kampfe, vor dem Buchhalter ſtehen. Auch holte er tief Athem, bevor er wieder das Wort nahm und fortfuhr: Sie haben alſo meinen Bruder Felix nicht geſprochen? Und ich ſoll wirklich dieſen Tag ohne ihn begehen?— Nein, nein, das kann, das darf nicht geſchehen, lieber will ich allen unſeren Verwandten abſagen laſſen, will Nieman⸗ den bei mir ſehen, als unſern alten würdigen Haupt⸗ paſtor, und Sie, meinen Freund, und unſern Wulf mit meinem Sohn, meiner Gattin und meiner Pflegetochter! — Das hätte ich von meinem Bruder nimmer, nimmer er⸗ wartet, was auch die Urſache dieſer räthſelhaften Ab⸗ ſchließung ſein möge! Sein Geſicht hatte bei dieſen Worten eine rothblaue Farbe bekommen, heftig zitterten ſeine faltigen Hän⸗ gewangen, er trank mit Haſt ein großes Glas Zucker⸗ waſſer aus, ergriff dann beide Hände ſeines Buch⸗ halters und ſagte mit einer faſt drohenden Geberde, die zu dem flehenden Ton ſeiner Stimme einen beinahe komiſchen Kontraſt bildete: Was iſt mit meinem Bruder, mit ſeinen Kindern 93 vorgefallen?— Die Angſt um ihn tödtet mich faſt!— Denn was kann dieſe ſchreckliche Abſperrung anders bedeuten, als ein namenloſes Unglück, das er der Welt zu ver⸗ bergen ſucht?— Die ganze Stadt iſt voll davon, ſelbſt in der Magiſtratsſitzung kam die Rede darauf— als Haupt der Familie darf ich die Sache nicht mehr länger ruhig mitanſehen. Aber es iſt unmöglich, wie ich ſchon geſtern zu mel⸗ den die Ehre hatte— bemerkte der Buchhalter achſel⸗ zuckend. Es ſoll nicht unmöglich ſein, und wenn auch, ich werde es möglich machen! rief Herr Cyprian mit einer Heftigkeit, die man nur in den äußerſten Fällen an ihm zu ſehen gewohnt war.— Und zwar auf der Stelle! Sie wiſſen, daß wir vor zwei Jahren bei der letzten großen Fruchtſpeculation einen Theil der Räume in meines Bruders Lagerhaus mietheten, ſeitdem bewahrt unſer Meiſter einen Schlüſſel zu der hinteren Thüre, dem ſogenannten Mönchspförtlein, durch dieſes kommen wir ohne Aufſehen in den Kloſterhof und bis dicht vor die Fenſter von meines Bruders Stube im Erdgeſchoß. Das Weitere wird Gott walten! Wie? Sie wollten in eigner Perſon bei dieſem greu⸗ lichen Wetter—— Mir meines Bruders und ſeiner Kinder Glück⸗ wunſch zum heutigen Tage holen! fiel ihm der alte Herr in's Wort.—Kommen Sie, begleiten Sie mich, doch daß bei Leibe Niemand im Hauſe unſer frühes Weggehen beierkt!— Wir nehmen am Markt eine ge⸗ ſchloſſene Droſchke, heißen den Kutſcher durch Neben⸗ ſtraßen fahren und kommen ſo unbemerkt an den alten Thorthurm. Von dort haben wir kaum noch hundert Schritte bis an den Kloſterhof. Da der Buchhalter ſah, daß ſich Herr Cyprian von dem einmal beſchloſſenen Plan nicht abbringen ließ, ſo verſuchte er keinen weiteren Einwand mehr, ſondern folgte demſelben die Hintertreppe hinunter aus dem Hauſe. Kein Menſch bemerkte ihr Weggehen, zumal heute auch im Comptoir nur ein Arbeiter für die nö⸗ thigſten laufenden Geſchäfte anweſend war, alle Uebri⸗ gen aber des Geburtsfeſtes ihres Prinzipals wegen feierten. Es herrſchte ein heftiges Schneegeſtöber und man ſah nur wenige Menſchen raſchen Schrittes durch die Straßen eilen. Wer nicht mußte, blieb an dieſen Mor⸗ gen gewiß zu Hauſe.— Bald erreichten beide Herren unter einem Regenſchirme, der trotz des kurzen Weges bereits dick mit Schnee bedeckt war, die nächſte Droſchke; „nach dem alten Thorthurm hinter'm Kloſterhof,“ rief der Buchhalter dem Kutſcher zu, Herr Chprian aber zog in der Wagenecke ſeine goldne altwodiſche Repetir⸗ uhr hervor und ſagte ſo bedächtig, als notire er in ſeinem Gedächtniß den neueſten Maatſchappy⸗Preis von Java⸗ und Brafilkaffee: Zehn Minuten nach Neun. 5 4. Sechſtes Kapitel. Im Kloſterhof waltete an dieſem Morgen, dem noch Tags zuvor wiederholt und nachdrucksvoll betonten Wunſche des Herrn Felir zufolge, eine feſtliche Stim⸗ mung, die einen eigenthümlichen Abſtich zu der ganzen übrigen tragikomiſchen Situation des Hauſes bildete und von den launigen Mädchen treffend der Lage einer halb ausgehungerten Feſtung verglichen wurde, in wel⸗ cher des Landesvgters Geburtstag mit allen üblichen Ehren und Feierlichkeiten, wie im tiefſten Frieden, feſt⸗ lich begangen wird.— Es war des alten Herrn wunder⸗ licher Wille geweſen, daß der Ehrentag des Familien⸗ hauptes wie ſein eigner angeſehen und gefeiert werden ſolle, wie es eben die Umſtände geſtatteten; und die Töchter thaten aus leichtbegreiflichen Gründen ihr Mög⸗ liches, um ihm den grellen Abſtand zwiſchen dem heu⸗ tigen Tag und dem vorjährigen recht fühlbar zu machen. Sie hatten des Onkels Bildniß aus jungen Jahren, welches im Staatszimmer hing, mit einem grünen Epheu⸗ kranz geſchmückt, in welchen ſie künſtliche Blumen und Flitter von alten Ballbouquets höchſt ſinnig einflochten. Außerdem waren die drei großen ineinandergehenden Zimmer des mittleren Stocks heute geöffnet und wie zum Empfang einer zahlreichen Geſellſchaft in Stand geſetzt worden. Der liebliche Duft einiger Räucherkerz⸗ chen, verbunden mit der wohlthuenden Wärme, welche den Oefen entſtrömte, erhöhte noch dieſen feſtlichen Ein⸗ druck. Im Staatszimmer war der runde Mahagonitiſch mit allen Attributen eines leckeren Frühſtückes herge⸗ richtet; in der Mitte prangte eine herrliche Sandtorte, umgeben von anderem zierlichen Backwerk, ſoweit es die kunſtfertige Köchin Juſtine ohne Milch und Hefe hatte herſtellen können; und der großen prächtigen Kanne von Meißner Porzellan entſtiegen die würzigen Arome der feinſten Caraccas⸗Chocolade.— Die meiſten der zur Neige gehenden Vorräthe waren dem feſtlichen Tage verſchwen⸗ deriſch geopfert, die letzten Eier theils zu Kuchen ver⸗ braucht, theils für das Frühſtück beſtimmt worden. Beim Mittagsmahl ſollte der letzte Schinken als Feſt⸗ braten figuriren, für den Pudding war der letzte Reis ausgegeben, für den Salat das letzte Provengeröl, für das Gemüſe die letzten Erbſen, für das Compot der D. Müller, der Kloſterhof. IM. letzte Topf Quitten.— Nach dieſem Tage lebte man nur noch von Brod, Kartoffeln und friſchem Obſte, von ſauren Gurken und in Waſſer angerührten Pfannkuchen ohne Milch und Eier. Gleichviel—„aprés nous le deluge!“ ſagten die munteren Mädchen und vertheilten die letzten Roſinen und Mandeln unter ſich, welche von dem Reispudding übrig geblieben waren. Sie hatten ſich, um dem Vater in Allem gerecht zu werden, in ihre ſchwarzen Atlaskleider geſteckt und auch ihre übrige Toilette ganz ſo einfach gewählt, wie ſie ſonſt an dieſem hehren Familientag im Hauſe des frommen Oheims zu erſcheinen pflegten, wo Alles in hochkirchlicher Galla aufrauſchte und bunte Farben, welt⸗ licher Tand und eitles Schaugepränge verpönt waren. Zur beſtiminten Stunde erſchien Herr Felix; auch er hatte zu Ehren des Tages ſeinen etwas aus der Mode gekommenen ſchwarzen Frack angelegt und ſeine Miene war ſo feierlich, ſein Weſen ſo ceremoniös und, was man auf Plattdeutſch nennt„benaut, wie es ſeine Töchter höchſtens nur in jenen frommen geſpreizten Kreiſen der reichen Verwandten an ihm zu ſehen ge⸗ wohnt waren.— Sein ſonſt ſo freies lebhaftes Geſicht war bei einer ſolchen hochnothpeinlichen Familienſtim⸗ mung wie mit einem Falzbein ſeltſam geglättet, ſeine Züge hatten einen unheimlich pietiſtiſchen Ausdruck; der zuſammengekniffene Mund mit den ohnedies ſchmalen —— ———— — Lippen zeigte nur eine einzige ſtramme Reſpectsfalte und die Augenbrauen ſchienen wie von unſichtbaren Dräh⸗ ten ſtraff in die Höhe gezogen.— Auch ahmte er dann, man wußte nicht ob mit Abſicht oder unwillkührlich, in Gang, Haltung und Bewegung den älteren Bruder nach, was ihm jedoch, weil ihm deſſen Korpulenz und unge⸗ lenke Schwerfälligkeit abging, nur ſelten glücken wollte, ſo daß er ſich aus einem Verſehen in das andere ver⸗ irrte; ein merkwürdiger Zug von Befangenheit und Unſelbſtändigkeit in dem ſo originell und decidirt an⸗ gelegten Charakter des Mannes, der doch ſonſt gewiß mit Erfolg allen herkömmlichen Formen und Anſichten der Welt ſpottete und als eigenwilliger hartnäckiger Son⸗ derling ſeines Gleichen in der Stadt ſuchte. Die Mädchen hatten Mühe, ernſthaft zu bleiben; denn ſeine feierliche Miene nahm beim Anblick des lecke⸗ ren Frühſtücks ſchnell einen ſehr weltlich vergnüglichen Ausdruck an; doch kehrte ſein würdevoller Ernſt zurück, als er das geſchmückte Bild des Bruders ſah, er trat auf daſſelbe zu, betrachtete es, was ihm ſonſt niemals einfiel, lange aufmerkſam und murmelte dann kopf⸗ ſchüttelnd: Sehr verändert— wirklich ſehr verändert hat er ſich in den letzten fünfundvierzig Jahren. Dann wandte er ſich zu ſeinen Kindern, begrüßte ſie freundlich und ſagte mit mildem Ernſte: 7 — 100— Ich danke Euch im Namen meines Bruders Cy⸗ prian für die Aufmerkſamkeit, mit der Ihr ſein Bildniß feſtlich bekränzt habt.— Ei, das iſt ja wohl Caraccas⸗ Chocolade, mein Lieblingsgetränk? rief er überraſcht, cor⸗ rigirte ſich aber ſchnell und ſetzte mit Betonung hinzu: ſein Lieblingsgetränk!— Und hier— was der Tauſend — eine Sandtorte! Das iſt ja—— charmant, wollte er ſagen, ſtockte aber noch einmal und ſagte verlegen: das iſt ja außerordentlich aufmerkſam, wer von Euch hat denn den klugen, vielmehr kindlichen Einfall gehabt? Lieber Vater, die Chocolade wird kalt, willſt Du nicht Platz nehmen, daß ich einſchenken kann? ſagte Eliſabeth und hatte gleich den Schweſtern Mühe, äußerlich ernſt⸗ haft zu bleiben bei den Anſtrengungen, die Jener machte, um des Bruders würdevoll gemeſſenes Weſen nachzu⸗ ahmen.— Aber ſei es nun, daß ihm die freiere Luft im eignen Hauſe jene Gravität unmöglich machte; ſei es, daß er den Töchtern gegenüber daran verzweifelte, ſeine Rolle durchzuführen: genug, er gab ſich bald mit Un⸗ befangenheit den angenehmen Eindrücken und Genüſſen hin, die ihm die feſtliche Bedeutung des heutigen Tags vergegenwärtigten; die Chocolade, die Sandtorte, die Mandelſchnitten waren ausgezeichnet, ein Gläschen Ma⸗ deira wurde ſpäter auch nicht verſchmäht und ſchließlich die feinſte Regalia zu Ehren des brüderlichen Feſttags angezündet.— Nicht die leiſeſte Sorgenfalte lag mehr 101— auf ſeiner Stirne und er überließ ſich ganz dem Be⸗ hagen, in friedlicher Weltabgeſchiedenheit doch alle Ge⸗ nüſſe und Annehmlichkeiten der Welt im Kreiſe der Sei⸗ nigen koſten zu können. Was geht uns denn nun ab? fragte er in der hei⸗ terſten Stimmung und betrachtete mit ſichtbarem Wohl⸗ gefallen ſeine drei ſchönen Töchter.— Ich möchte doch ſehen, in welchem Hauſe unſerer reichen Freunde und Bekannten der heutige Morgen ſo angenehm und ge⸗ müthlich verlebt wird, wie bei uns?— Wir feiern da ein ſchönes Feſt und brauchen uns doch keinerlei Zwang anzuthun. Gewiß, die Menſchen ſollten endlich klug werden und es machen wie wir, ihre Häuſer abſchließen und ſich auf den Kreis der Ihrigen beſchränken. Wäre dieſe Einrichtung allgemein eingeführt, und warum ſollte ſie das nicht ſein können, gewiß, die Meiſten lebten glück⸗ licher und zufriedener.— Denn was hat man denn ei⸗ gentlich davon, daß man ſich als Theil eines großen Ganzen fühlt und beſtändig mit ſo vielen Menſchen verkehrt, die einen doch im Grunde gar Nichts angehen? Ich habe es immer im Stillen gedacht, der Menſch iſt kein Geſellſchaftsthier wie der Biber und der Affe; im Gegentheil, er iſt von der Natur viel mehr für die Einſamkeit als für Corporation geſchaffen und unſere neueren Philoſophen und Volkswirthſchaftslehrer haben darum vollkommen Recht, wenn ſie die Familie als die — 102— Baſis des Staates betrachten. Nur ſollte man dann auch den Begriff der erſteren ſo ſcharf wie möglich feſt⸗ ſtellen und das Ganze naturgemäß zwiſchen vier Mauern einſchließen. Aber wäre dann nicht die Baſis allein da und der Staat exiſtirte gar nicht mehr? ſagte Lucinde ſo ernſthaft, als ihr möglich war. Du ſprichſt, wie Du's verſtehſt, mein Kind, entgeg⸗ nete der Vater mit nachſichtsvollem Lächeln.— Doch wie kann man überhaupt mit jungen Mädchen ein ſo wich⸗ tiges Thema behandeln!— Ich will daher auch nur einige der ſegensreichen Folgen dieſes vollſtändig in ſich abge⸗ ſchloſſenen Familienlebens andeuten, das allerdings alle Formen, Sitten und Einrichtungen unſerer politiſchen und ſocialen Welt von heute weſentlich vereinfachen würde. Zum Beiſpiel, weil die Menſchen ſich nicht mehr um einander bekümmerten, gäbe es auch keine Kriege mehr, mithin wären Diplomatie und Militär ganz überflüſſig; es gäbe aber auch keine Prozeſſe mehr, alſo brauchte man auch keine Bureaukratie und keine Advokaten mehr. Da der Gottesdienſt und der Unter⸗ richt der Jugend gleichfalls auf's Haus beſchränkt blie⸗ ben, ſo könnte man Kirchen und Schulen ſchließen; und weil jeder Familienvater in ſeinem Hauſe als oberſte Autorität angeſehen würde, ſo wären auch die Fürſten und Regierungen füglich zu entbehren. 03 Und was würde erſt an Schuhen, Kleidern, Hüten und Viſitenkarten erſpart werden! ſagte Helene.— Ja, die Mode käme zuletzt ſelbſt aus der Mode, und wenn man ſich nur mit ſeinen nächſten Angehörigen verſtändigte, ſo könnte man Jahr aus Jahr ein im Negligé herumgehen. Denn Beſuche empfänge man natürlich ebenſo wenig als man ſolche machte; Bälle, Theater, Concerte, Reunionen, Landparthieen und Schlittenfahrten hörten von ſelber auf, zuletzt gäb's ſogar auch keine Zeitung mehr, weil keine Neuigkeiten zu melden wären, und abermals über ein Weilchen könnte man auch den Kalender abſchaffen. Herr Felix, der es in ſeinen guten Stunden ſehr wohl vertrug, wenn ſeine Töchter mit ihm ſcherzten und ſich ſelbſt eine und die andere Stichelei über ſeine Pa⸗ radoxien erlaubten, mußte bei dieſer ernſthaften Schil⸗ derung ſeiner Jüngſten von den ſocialen Reformen, die er, wenn auch zunächſt nur für ſein eignes Haus prak⸗ tiſch in's Leben zu führen entſchloſſen war, herzlich lachen, und indem er die Muthwillige an dem kleinen Ohr⸗ läppchen zupfte, ſagte er heiter: Nicht wahr, der Kalender macht Dir ſchon Sorge? Wie wird Dir da erſt zu Muthe ſein, wenn wirklich die Tage kommen, von denen es da heißt: Sie gefallen uns nicht?— Nun, Juſtine, was hat Sie? fragte er die in dieſem Augenblick haſtig eintretende Köchin, in deren Ge⸗ ſicht ſich die größte Beſtürzung ausdrückte, ſo daß ſie kaum die Nachricht hervorſtammeln konnte, es ſei ein Herr unten im Hofe, der durch's Lagerhaus hereinge⸗ kommen wäre und vor den Fenſtern an ihres Herrn Stube ſtehe. Strohmetz! rief Lucinde aufſpringend, und der ver⸗ hängnißvolle Name war ihrem Mund entfahren, ehe ſie noch daran dachte, daß der Vater denſelben noch nicht ein einziges Mal genannt hatte. War nun dieſer unvorſichtige Ausruf, war die Mel⸗ dung der Köchin Schuld daran— des alten Herrn Geſicht wurde plötzlich erdfahl und alle ſeine Züge ſpannten ſich ſtraff zuſammen. Wer wagt das?— Was weißt Du von dem Manne? mit dieſer an die Dienerin und die unbeſonnene Tochter gerichteten Doppelfrage unterbrach er das furchtbare Schweigen, wobei er Beide mit einem zermalmenden Blick anſchaute. Ach nein, der iſt's nicht— ſondern Ihr Herr Bru⸗ der ſelber! ſtotterte Jene.— Hinten am alten Thorthurm hält die Droſchke und darin ſitzt Herr Fabri, der ihn herbegleitet hat. Mein Bruder Cyprian? mehr konnte Herr Felix nicht hervorbringen, ſchlug ein über's anderemal die Hände zuſammen und ſeine Wuth wich ſchnell einer gränzenloſen Beſtürzung und Rathloſigkeit. Faſt komiſch war die Angſt und Unentſchloſſenheit, die ihm dieſer ſo — 105— ganz unerwartete Beſuch unter den gegenwärtigen Um⸗ ſtänden bereitete. Eliſabeth— rathe— ſprich— was ſoll ich thun? war Alles, was er ſagen konnte. Ja, Papa, da iſt wirklich guter Rath theuer, erwie⸗ 5 derte dieſe mit der größten Seelenruhe.— Es ſoll Nie⸗ mand in's Haus hinein, dies iſt Dein ausdrücklicher Wille, mithin muß Onkel Cyprian wieder abziehen. Wo denkſt Du hin!— Bei dieſem gräulichen Wetter — und noch dazu an ſeinem Geburtstag! ſtammelte der Alte mit einem faſt bittenden Blick. Gut, dann will ich ihn heraufholen, jedoch unter einer Bedingung, verſetzte ſie ruhig, aber beſtimmt. Ja, unter einer Bedingung, Papa! riefen die bei⸗ den Andern mit der nämlichen Entſchiedenheit, und die treue Dienerin des Hauſes, den wichtigen Moment in ſeiner vollen Bedeutung mit großer Geiſtesgegenwart er⸗ faſſend, ſagte entſchloſſen: Wenn nicht noch heute das Haus wieder aufgemacht „ wird, ſo geh' ich morgen aus dem Dienſt, wie ſchwer mir auch der Abſchied von den Fräuleins wird! Kaum hatte ſie dieſe Worte geſprochen, ſo hörte man unten Herrn Cyprian mit dem Stock an die hintere Hauspforte klopfen, es blieb mithin Herrn Felix, deſſen hartnäckiger Eigenſinn völlig gebrochen war, keine an⸗ dere Wahl mehr; denn die Gewalt der Umſtände war ——— — 106— ſtärker als ſeine thranniſche Laune. Mit zitternder, faſt flehender Stimme rief er daher aus: So macht ihm doch nur um Gotteswillen die Thüre auf! Ihr ſollt ja Euren Willen haben— komme was da kommen mag— ich waſche meine Hände in Un⸗ ſchuld— auf meinem Pulte liegen die Hausſchlüſſel! Auf dieſe Worte flogen die drei Mädchen mit lautem Jubel zum Saale hinaus und die Treppe hinunter, eine halbe Minute ſpäter erklang hell die Schelle der hin⸗ teren Hausthüre, Herr Felir ſtand ſtarr wie eine Bild⸗ ſäule mit ausgebreiteten Armen am Treppengeländer, und jetzt hörte er auch ſchon die Stimme des Bruders, der ihm aus dem dunklen Parterre entgegenrief: Guten Morgen, lieber Bruder Felix!— Ich grüße Dich mit den Worten des frommen Königs David aus dem ſechsundzwanzigſten Pſalm:„Ich habe lieb die Stätte Deines Hauſes und den Ort, da Deine Ehre wohnet!“ Gleich darauf tauchte die bekannte wohlbeleibte Ge⸗ ſtalt des würdigen Seniors der Familie keuchend und über und über beſchneit aus dem Dunkel auf, Glück⸗ wünſche von der einen, herzliche Dankesworte von der andern Seite wechſelten unter einer brüderlichen Um⸗ armung mit liebevollen Vorwürfen und ſtotternden Ent⸗ ſchuldigungen; unter dem Beiſtand ſeiner Nichten ent⸗ ledigte ſich Herr Cyprian des naſſen Winterrocks und betrat dann an der Hand ſeines Bruders die wie zum feſtlichen Empfange eines ſo lieben und verehrten Gaſtes hergerichtete Staatsſtube.— Vergebens würden wir den Eindruck von Ueberraſchung und Verwirrung zu ſchil⸗ dern verſuchen, den die Entdeckung auf ihn machte, daß man hier eben daran war, ſeinen Geburtstag feierlich zu begehen; ſein blumengeſchmücktes Bild über dem So⸗ pha, der lecker beſtellte Frühſtückstiſch, der Feſtſtaat von Bruder und Nichten, das Alles wirkte auf den ſonder⸗ bar aus ſpröden, zähen und weichen Stoffen zuſammen⸗ geſetzten Mann, den jede ungewöhnliche Ueberraſchung gleich aus der Faſſung brachte, ſo mächtig ein, daß er lange kein Wort hervorzubringen vermochte und eben ſo wenig im Stande war, ſich in dieſes unvermuthete freund⸗ liche Familienfeſt hineinzufinden.— Kurz, ſeine Verlegen⸗ heit war nicht geringer, als ſie's vorhin bei dem Bru⸗ der geweſen war; denn daß man hinter Schloß und Riegel, in einem Hauſe, von dem die abentenuerlichſten Gerüchte umgingen, mit dieſer liebevollen zarten Auf⸗ merkſamkeit, wie ihn ja jetzt der Augenſchein überzeugte, ſeines Ehrentags gedachte, dieſe Entdeckung machte ihn ſo befangen, daß ſich ſeiner herzlichen Freude ein recht drücken⸗ des Gefühl der Beſchämung beigeſellte, was ſich denn auch in ſeinem ganzen Weſen deutlich genug verrieth.— Er konnte zuletzt dieſen widerſtreitenden Empfindungen ſei⸗ ner Bruſt keinen andern Ausdruck geben, als daß er erſt Herrn Felix und dann ſeine drei Nichten der Reihe ₰ nach ſtumm in die Arme ſchloß, worauf er den Bruder mit allen Zeichen einer wahren inneren Bewegung am Arme faßte und ihn raſch aus der Stube führte. Die Schweſtern ſahen ſich einander groß an; denn dieſe ungewöhnlich feierliche preßhafte Stimmung des Herrn Cyprian und ſein ſtummes Weggehen mit dem Vater ließen jedenfalls auf ein Ereigniß von beſonderer Wichtigkeit ſchließen; dazu dieſer ungewöhnliche Beſuch überhaupt und die dem Charakter des Onkels ſonſt ſo ganz fremde Entſchloſſenheit, mit der er ſich Eingang in den Kloſterhof verſchafft hatte— was konnte das Alles an⸗ ders bedeuten, als die Vorboten großer Ereigniſſe— vielleicht gar, dafür ſprach vor Allem des Tages feſt⸗ liche Bedeutung, höchſt glückliche Wendungen in dem ſeitherigen Verhältniß beider Brüder zu einander? Und in dieſen Erwartungen ſollten ſich die Schweſtern nicht täuſchen; denn als nach Verlauf einer Stunde der Vater ohne den Onkel in die obere Stube zurückkehrte, erfuhren ſie zwar lange keine Sylbe von Dem, was un⸗ ten zwiſchen ihm und dem älteren Bruder verhandelt worden war; doch war ſein Ausſehen merkwürdig ver⸗ ändert und trotz ſeines feierlich gedämpften Weſens glänzte ein heller Freudenſtrahl in ſeinen Augen, ver⸗ klärte eine heitere Zuverſicht ſeine ſelbſt in guten Stim⸗ mungen ſonſt noch ernſte und meiſt umwölkte Stirne.— Aber wie er von jeher im Unglück ſeiner Umgebung ſchweigſam und in ſich verſunken erſchienen war, ſo war er es auch heute in ſeinem Glücke; denn herzliche Mit⸗ theilung und ein offener Austauſch ſeiner Empfindungen lag weder in dem einen, noch in dem anderen Falle in dem ſeltſam verſchnörkelten Charakter des alten Man⸗ nes, der in Freud' und Leid niemals einer gewiſſen tragiſchen Stimmung Herr werden konnte.— Und wie er dann häufig gerade das Entgegengeſetzte von Dem ſagte, was ſein Inneres bewegte, ſo war es auch heute nichts Auffallendes für ſeine Töchter, als er nach einer längeren Pauſe mit Einmal ſeinen Kopf in die Höhe warf, die Mädchen eine Weile forſchend anblickte und dann mit der ihm eignen inquiſitoriſchen Strenge fragte: Nannte da nicht Eine von Euch vorhin den Namen Strohmetz?— Woher habt Ihr dieſen Namen? Höchſt einfach von unſerer Köchin, lieber Papa, ent⸗ gegnete Eliſabeth.— Du magſt daraus entnehmen, was für ein feiner Diplomat dieſer Herr geweſen iſt. Dich beſchwor er um Geheimhaltung ſeines Namens und un⸗ ſerer Juſtine gab er denſelben unbedenkl lich Preis. So gleichgültig auch dieſe Nachricht an ſich war, auf den alten Herrn machte ſie doch, verbunden mit Eli⸗ ſabeth's ruhigem T Tone, einen unverkennbaren Eindruck, ſo daß er nichts weiter darauf zu ſagen wußte, als: So, ſo— hm! hm!— ei! ei!— In ſichtbarer Verlegenheit * ſah er dann nach der Zimmerdecke und ſagte hierauf mit einer ungemein großen Nachgiebigkeit kleinlaut: Ihr ſeid doch damit einverſtanden, daß ich dem On⸗ kel, der Euch vielmals grüßen läßt, auch in Eurem Na⸗ men für den heutigen Mittag zugeſagt habe? Punkt drei Uhr ſchickt er uns den Wagen. Aber, lieber Vater— die vordere Hausthüre— ſoll denn die auch wieder für alle Welt geöffnet werden? fragte Lucinde beſtürzt. Es war der Wunſch Deines Onkels! entgegnete er barſch, mit einem zornigen Blick.— Dagegen wirſt Du doch wohl Deinen vorwitzigen Mund nicht wieder aufthun! Ach, unſer ſchöner kurzer Traum vom ewigen Frie⸗ den! ſeufzte Helene und ließ traurig das Köpfchen hängen. Mit großen Schritten ging Herr Felix im Zimmer auf und ab; denn auf dieſen unbegreiflichen Fall, daß ſeine Töchter die Nachricht von ihrer Erlöſung aus der ſtrengen Clauſur mit ſo trübſeligen Geſichtern aufneh⸗ men würden, war er zu allerletzt vorbereitet und ihre Niedergeſchlagenheit brachte ihn daher faſt zur Ver⸗ zweiflung.— Aber er konnte und durfte ſie ſeinen Zorn über dieſen vermeintlichen Eigenſinn nicht merken laſſen; denn Alles, was er auch dagegen hätte ſagen mögen, wäre ja die ſchreiendſte Inconſequenz gegen ſeine ganze ſeitherige Handlungsweiſe geweſen, mithin blieb ihm nichts übrig, als klein beizugeben und ſeinen Aerger über ſich und ſeine Töchter gleichzeitig hinunterzuſchlucken.— Er legte daher nothgedrungen ſeine finſtere Miene in eine weiche ſentimentale Rührung, lächelte erſt wehmüthig über ſeiner Kinder Unverſtand und ſagte dann mit fei⸗ erlich gedämpfter Stimme im Tone der wieder einmal verkannten väterlichen Autorität: Allerdings hat ſich plötzlich Vieles verändert. Euer gütiger Oheim bietet mir mit ſeiner bekannten Groß⸗ muth ſeine brüderliche Hülfe an und wird gewiſſe ſeit⸗ her ſchwer zu beſeitigende— Differenzen in meinem Geſchäfte in der Kürze bereinigen. Ja, ich kann wohl ſagen— es iſt mir ſchon jetzt viel leichter um's Herz, als heute Morgen beim Erwachen; manche Sorgen, die mich ſeither beugten, ſind, ſo Gott will, durch dieſen edlen Mann für immer von mir genommen und ich be⸗ anſtande daher nicht länger die Rückkehr zu unſeren al⸗ ten Verhältniſſen, zu unſerer früheren gewohnten Lebens⸗ weiſe. Vor Allem freue ich mich recht von Herzen auf die Stunde, wo Euer Vetter Conſtantin wieder das Erſtemal zu uns kommt. Nachdem Du ihm länger als acht Tage die Thüre verſchloſſen haſt? ſprach Eliſabeth und ſah ihn groß an. Vater, da kennſt Du Conſtantin ſchlecht. Der ſitzt wohl längſt bei ſeinem Freunde auf deſſen ſchönem Gut am Neckar und denkt kaum noch an uns! ſagte Lucinde. Freund?— Schönes Gut?— Neckar? rief Herr Felix beſtürzt und ſein Geſicht wurde ſonderbar lang. — Was weißt Du vom Neckar? Allwiſſend bin ich nicht, doch viel iſt mir bewußt, entgegnete Lucinde heiter.— Aber was liegt an Conſtan⸗ tin!— Hätten wir nur den Andern wieder, ich meine den Blonden!— Was der wohl auf ſeinem ſ chönen Gut am Neckar von unſerer norddeutſchen Gaſtfreundſchaft denken mag? Iſt Moſer auch fort? rief Herr Felix aufſpringend und ſchlug entſetzt die Hände über'm Kopf zuſammen. Was läßt ſich anders annehmen nach der Art, wie Du ihn behandelt haſt? entgegnete Lueinde achſelzuckend. — Nicht wahr, Eliſabeth, Du glaubſt doch auch, daß er längſt über alle Berge iſt? Wer wollt's ihm verdenken! ſagte dieſe, ohne eine Miene zu verziehen.— Jedenfalls könnte Papa's Freund, Banquier Helmsdorf, Auskunft über ihn geben,— no⸗ tabene, wenn mich ein ſonderbarer Traum in vergan⸗ gener Nacht nicht betrogen hat. Mir träumte nämlich äußerſt lebhaft, der alte Herr Helmsdorf ſei mit vieler⸗ lei Urkunden zu Papa in's Comptoir gekommen: In⸗ ventarien, amtliche Vermögens⸗Nachweiſe, ja, was das Allerſeltſamſte war, ſogar mit Geburts⸗, Trau⸗ und Sterbe⸗ ſcheinen von Moſer's Eltern und Großeltern— Alles mit großen Amtsſiegeln verſehen— ein ganzer Akten⸗ ſtoß! Der Vater aber hätte ſämmtliche Papiere unter'n Tiſch geworfen und ausgerufen:„Das iſt Alles Lug und Trug! Mein Gewährsmann bleibt nach wie vor— Strohmetz!“ Ah, der Gentleman, der in der Stadt Baltimore logirte? rief Helene.— Wo haſt Du denn das Fremden⸗ blatt von der vorvorigen Woche, Lisbeth? Nicht wahr, Papa, das iſt doch ein Gaſthof für gentile Leute und nicht, wie Lueinde behauptet, eine ganz gewöhnliche Her⸗ berge für Schiffer und Matroſen?—„Particulier“ Stroh⸗ metz aus Schwabenheim wäre ſonſt gewiß nicht dort ab⸗ geſtiegen. So laßt mir doch den Menſchen aus dem Spiele! rief der Alte heftig, mäßigte ſich aber ſogleich wieder und ſagte zu Eliſabeth in größter Spannung: Helmsdorf hätte wirklich ſolche Papiere und urkund⸗ liche Beweiſe über Deinen— über den Doctor Moſer in Händen? Wirklich? Nein, das ſagt' ich nicht, Papa, entgeg⸗ nete Jene lebhaft. Mir träumte nur, es ſei ſo. Kindspoſſen! rief Herr Felir ärgerlich. Was gehen mich Deine Träume an! Zahlen will ich ſehen, ſichere authentiſche Beweiſel Nun, dann geh' in Gottes Namen zu Helmsdorf, D. Müller, der Kloſterhof. III. 8 114— Vater! ſagte Eliſabeth entſchloſſen.— Einmal mußt Du ja doch erfahren, daß Alles, was jener erbärmliche Menſch Dir über Moſer, ſeinen Charakter, ſeine Vermögens⸗ und Familienverhältniſſe ſagte, ie ſchändlichſte Verlenm⸗ dung geweſen iſt. 2 Dies hielt auch Dein Onkel allerdings für nicht ganz unmöglich, erwiederte Herr Felix ſo ruhig, als be⸗ richte er den einfachſten Thatbeſtand von der Welt. Wie? Du haſt mit Onkel über dieſe Angelegenheit geſprochen? fragte Eliſabeth erſtaunt. Allerdings, entgegnete der alte Herr mit einer be⸗ wundernswerthen Ruhe.— Er ſelber fragte mich nach dem jungen Mann aus Süddeutſchland, aber auch ohne⸗ dies wär' es meine Fflicht geweſen, ihm die Sache zur Entſcheidung vorzulegen; denn als Haupt der Familie gebührt ihm doch wohl zweifelsohne die erſte Stimme in einer ſo wichtigen Angelegenheit. Und was ſagte der Onkel? riefen alle drei Mädchen zugleich in der lebhafteſten Erwartung. Da ſah ſie Herr Felix erſt groß an, als befremde ihn die unberufene Reugierde in Betreff deſſen, was er mit dem Bruder vorhin in dieſer Sache geſprochen, dann erwiederte er ausweichend: Ihr wißt, Euer Oheim pflegt in dergleichen Fällen Nichts oder Wenig zu ſprechen, wohl aber Viel zu den⸗ ken. Gott gab ihm, wie jedem verſtändigen und beſon⸗ nenen Manne, die Zunge nicht ſowohl zum voreiligen Plaudern als zum weiſen Schweigen; mich nahm's faſt Wunder an ihm, daß er ſich vorläufig für die Möglich⸗ keit einer Wendung der Dinge zu Gunſten Moſer's aus⸗ ſprach. Ich will auch nicht, daß Ihr jetzt noch ein Wort über dieſe Sache faſelt, Ihr ſeid noch ſammt und ſonders zu jung und unerfahren, um über Das zu urtheilen, worüber ſelbſt ernſte und gereifte Männer zuweilen den Kopf verlieren. Beſorgt nach wie vor das Hausweſen, liebet Euch mehr untereinander als nach Außen, vor Al⸗ lem aber ſchickt nach dem Schloſſer, damit der Schellen⸗ zug an der Hausthüre wieder in Stand geſetzt werde. Dieſer Doctor Steinmann mit ſeiner zudringlichen Art ſoll mir nicht wieder über die Schwelle kommen! Damit ging er raſch, um jeder weiteren Erklärung enthoben zu ſein, aus dem Zimmer; eine halbe Stunde ſpäter ſahen ihn die Mädchen im heftigen Schneewetter aus dem Hauſe gehen, ſahen, wie er die Nachbarn rechts und links mit ungewöhnlicher Leutſeligkeit grüßte. Nun geht Potiphar zu Joſeph und läßt ſich Deine Träume auslegen, ſagte Helene, die ihm durch's Wind⸗ fenſter nachblickte, zur älteren Schweſter; Lucinde aber, deren guter Humor durch die vorhergegangenen Scenen mit Vater und Onkel einmal geweckt war, rief wohl⸗ gelaunt: Das gab uns ein Gott ein, Kinder, daß wir uns 8 — 116— nicht blos zu Ehren Onkels an Caraccas und Sandtorte bene thaten, ſondern auch ſein Bild, dem Vater zu Liebe bekränzten!— Dieſer armſelige Flitter hebt uns in ſeiner Meinung höher, als Alles, was wir bis dahin verſucht haben, um uns ſeine Gunſt zu gewinnen. Denn ſo ſind dieſe frommen reichen Leute; gegen die Nächſten ſind ſie am mißtrauiſchſten, weil ſie in allen einfachen und natürlichen Regungen der Liebe und Anhänglichkeit eine Schwäche erblicken, die ſie nicht in ihren Herzen aufkommen laſſen dürfen, wo allein die„Gerechtigkeit“ Sitz und Stimme hat; dahingegen alle ſchöne Unbe⸗ fangenheit des Gemüthes ſie in tiefſter Seele empört, weil ja möglicherweiſe ein rein menſchliches, warm pul⸗ ſirendes Gefühl dahinter verborgen ſein könnte. Bei Alledem bin ich nur begierig, wie ſich der Onkel aus dieſer Affaire herauszieht, ſagte Eliſabeth.— Denn es iſt wirklich zum Erſtenmal, daß er an ſein nahes verwandtſchaftliches Verhältniß zu uns erinnert wird. Tante Adele, Wulf und Corneli werden ihn ſchon bearbeiten, meinte die Jüngſte.— Gebt Acht, eh' wir noch zu Tiſche gehen, weiß er kaum mehr, was er heute Morgen im Haus der emancipirten Nichten geſehen und gefühlt hat. Da bin ich doch nicht ganz Deiner Meinung, ver⸗ ſetzte Eliſabeth.— Denn wäre Onkel nicht entſchloſſen geweſen, diesmal ſeinen eignen Weg zu gehen, ſo wäre — 117— er überhaupt nicht hierher gekommen. Auch Anna iſt ja der Meinung, es möchten ihm neuerdings allerhand Zweifel gegen ſeine nächſte und allernächſte Umgebung aufgeſtiegen ſein. Wäre nur erſt Anna ſelber dieſer Verhältniſſe quitt und ledig! ſagte Lucinde.— Denn wie ſie's durchfechten will, davon habe ich wirklich keinen rechten Begriff. Sie war von je trotz allen äußeren Glückes und Ueberfluſſes und trotz ihres leichten heiteren Sinnes, ein rechtes Un⸗ glückskind! Mir wollte es neulich vorkommen, als glaube ſie ſelber nicht mehr recht an ein glückliches Ende ihrer Liebesgeſchichte, bemerkte Helene.— Seit ſie den Bruder in's Vertrauen gezogen hat, iſt ihre innere Unruhe noch größer als früher. Der leidenſchaftliche Conſtantin wird ſie in ſeiner maßloſen Erbitterung gegen Alles, was Familie heißt, gewiß noch zu einem verhängniß⸗ vollen Schritt verleiten! Ich hab's ihr, ſo ſehr ich auch Conſtantin ſchätze und liebe, genug widerrathen, ſagte Eliſabeth beküm⸗ mert.— Denn Alles in der Welt gelingt eher, als eine Sache, die die äußerſte Vorſicht, die kälteſte Berechnung und vor Allem einen ruhigen, ſeines Wollens und ſei⸗ ner Mittel ſich bewußten klaren Sinn erfordert, mit fataliſtiſchen Gewaltmaßregeln durchſetzen zu wollen. Conſtantin iſt der redlichſte Menſch, der treueſte zuver⸗ * — läſſigſte Freund, den ich kenne, und ſein beſonnener Rath gilt im Kreiſe ſeiner näheren Freunde für ein Evange⸗ lium; aber laßt ſeine Bruderliebe, ſeinen ſchwärmeriſchen Enthuſiasmus für die einzige Schweſter auf feindlichen Widerſtand ſtoßen, und ſein Ungeſtüm, ſeine Leidenſchaft wird Alles auf's Spiel ſetzen— ſein und Anna's Glück! 2 Siebentes Kapitel. Wir unterlaſſen die nähere Beſchreibung des glän⸗ zenden Feſtes, das, wie alljährlich, ſo auch am heutigen Tage den ganzen zahlreichen Kreis von Verwandten und Befreundeten um den würdigen Senior der Familie Franke verſammelte. Der unter ſo eigenthümlichen und ſelbſt bedenklichen Umſtänden begonnene Tag ſollte wie alle ſeine Vorgänger verlaufen unter einem dumpfſchwü⸗ len Pomp von Gravität und hochpatriziſcher Grandezza, von ceremoniöſen Komplimenten und athemloſen Gratu⸗ lationen, wogegen ſelbſt die ausgeſuchteſten Leckerbiſſen der Tafel, die köſtlichen Weine und Früchte ferner Zonen bei den doch ſonſt ſehr materiell und weltlich ge⸗ ſinnten drei„Frankenkindern“ kaum die gebührende Würdigung finden konnten.— Bis zum Anbruche der Nacht währte das herrliche Mittagsmahl, das durch ein * halbes Dutzend ſtereotyper Tiſchreden gewürzt wurde, de⸗ nen jedesmal ein Toaſt, ein allgemeines Erheben von den Sitzen und Gläſeranſtoßen folgte, was Einen grade die be⸗ ſten und leckerſten Biſſen haſtig hinunterzuwürgen zwang; aber wie paßten auch dergleichen langathmige, troſtlos nüchterne Phraſen zu den köſtlichen Auſternragouts, den delicaten Rebhuhnpaſteten, dem himmliſchen Eispudding, zu den idealiſchen Confitüren und Südfrüchten, zu Ma⸗ laga, ſüßem Chatean d'Yquem und Champagner.— Den⸗ noch müſſen wir es ven jungen lebensfrohen Geſchöpfen zum Ruhme nachſagen, daß ſie ſich keinen der herrlichen Leckerbiſſen entgehen ließen; und manche ſeltene candirte Frucht, manche Chinois, manche reizende Confitüre aus den Conditorläden des Palais royal wanderte verſtohlen in die tiefe Taſche, denn Alles war ja doch blos ein kurzer feenhafter Traum, ein glänzendes Zaubermährchen, und nur was man ſicher und geborgen von der reichen Tafel mit nach Hauſe nahm, verſprach Dauer und Be⸗ ſtand für die nächſtfolgenden Tage. Du, Lisbeth!— Eben ſieht Dich Onkel Cyprian ſchon wieder an, flüſterte Anna der neben ihr ſitzenden Couſine in's Ohr.— Nick ihm doch einmal zu! Sie that's, da erhob der alte Herr oben an der Tafel ſeih gefülltes Glas, winkte ihr freundlich und trank ihr zu. Hierauf ſuchte er unter den Früchten und Confitüren, die vor ihm ſtanden, lange wähleriſch die ——— — 121 — beſten und ſeltenſten Stücke aus, füllte einen ganzen Teller damit und ſchickte ihr denſelben durch einen Diener. Laß' Dir ein Zeitungsblatt geben, und thu' Alles hinein, flüſterte ihr Anna wieder zu.— Sie folgte dem Rath, ſchüttete die liebreiche Spende hinein, worüber ſich der Onkel ſehr vergnügt bezeigte; denn das war ganz nach ſeinem Sinne, vom Ueberfluß für ſpätere Zeit einen Theil zurückzulegen und das, was ſeine Güte bot, ohne Umſtände anzunehmen. Eine ſolche Auszeichnung war an dieſem feſtlichen Tage noch keiner der Nichten aus dem Kloſterhof zu Theil geworden und mit neidiſchen Blicken ſahen daher die andern jungen Damen aus der reichen Verwandt⸗ ſchaft nach der bevorzugten Couſine hinunter. Das gönn' ich ihnen durch die Bank! plauderte Anna weiter.— Sei nur recht munter und unbefangen, Onkel liebt das. Da, nimm noch dieſe Ananasſchnitte. — Ach, ſäße doch Dein blonder Schatz jetzt zwiſchen uns und wir könnten uns nach Herzensluſt über die ſteif⸗ zopfigen Philiſter mit ihren langgezogenen Feſttagsge⸗ ſichtern moquiren!— Sieh nur, wie Tante Helotſe ihr böſes Gewiſſen durch Champagner betäubt!— Und. die Generalconſulin mit ihrem Fledermausgeſicht grast wahr⸗ haftig den ganzen Teller mit den herrlichen Bordeauxer Erdbeeren ab!— Mit welchem giftigen Blick Corneli ihr ₰ — nachrechnet, wie ſie einen Franc nach dem andern hin⸗ unterſchluckt!— Wulf, der ſonſt ſo ſalbungsvolle Mäßig⸗ keitsapoſtel, kaut er nicht mit ſeinem Ebenholß ſo eifrig darauf los, als wollt' er ſich heute noch durch Eſſen einen Stuhl im Himmelreich verdienen!— Das iſt werk⸗ thätiges Chriſtenthum nach ſeinem Sinne!— Hoffentlich wird mein Zukünftiger nun wieder acht Tage an Ma⸗ genkrampf zu leiden haben! Dies flüſternd erhob das boshafte muthwillige Mäd⸗ chen ihr Kelchglas und winkte dem hohlwangigen from⸗ men Freund des Hauſes ſo vertraulich zu, daß ſich die beiden rothen Flecken auf ſeinen hageren Backenknochen noch dunkler färbten und er ihr, während er mit einer ſteifen Verbeugung ſein Glas leerte, einen zärtlich ſchmachtenden Blick zuwarf, der ſagen ſollte:„Was wir lieben!“— Als ſpäter der duftende Mokka in den feinen Scha⸗ len aus Japan herumgereicht wurde, erhob ſich ein Theil der Gäſte und zerſtreute ſich in den anſtoßenden Ge⸗ mächern; es bildeten ſich größere und kleinere Gruppen; die Herren rauchten, wie es noch die Mode aus alter Zeit geſtattete, in Gegenwart der Damen Cigarren, und Jung und Alt bewegte ſich plaudernd und ſcherzend durcheinander. Der Candidat hatte ſich Anna genähert und ſagte ihr in ſeiner Weiſe die artigſten Dinge, Eli⸗ ſabeth ſchwatzte mit Bruder und Schwägerin und erzählte ihnen von den Vorgängen der letzten Woche im Kloſter⸗ hof, ohne freilich zu ſagen, was der Grund von des Vaters plötzlicher Verfeindung mit Welt und Menſchheit geweſen war; ſowohl Carl Franke wie ſeine Frau zeig⸗ ten ſich ſehr befriedigt von dem glicklichen Ausgang die⸗ ſes neueſten Abenteuers des Vaters, das ihnen nach ihrer Verſicherung viel Sorge, Aergerniß und Unruhe bereitet habe; dann fragte die Schwägerin mit muthwil⸗ ligen Blicken nach einem gewiſſen jungen blonden Herrn und merkte ſogleich an Eliſabeth's Erröthen, daß es ſeit dem Ballabend zwiſchen Beiden zu einem ausge⸗ ſprochenen Verhältniß gekommen ſei. Sie ließ auch nicht eher mit Bitten, Drängen und Necken nach, bis Eliſabeth ihr und ihrem Manne Alles geſtand, worüber ſie eine aufrichtige und herzliche Freude zeigten Die vergnügungsluſtige Schwägerin, die niemals an Zer⸗ ſtrenungen und Betäubungen genug kriegen konnte, machte ſogleich Pläne zu drei, vier großartigen Feſten, wenn die Verlobung erſt bekannt ſein würde, Eliſabeth aber ſagte: Vor Allem ſetzt Euch wieder mit dem Vater in Ord⸗ nung. Er iſt heute in ſeiner beſten Stimmung und nimmt ein freundlich Wort gewiß gut auf. Jene fatale Scene dürft Ihr dem alten Manne nicht nachtragen. Hier unterbrach Herr Cyprian's Dazwiſchentreten das Geſpräch; er nickte ſeinem Neffen Carl und deſſen Frau 124 freundlich zu, ergriff dann Eliſabeth's Hand und führte ſie ſchweigend hinüber in der Tante Wohnzimmer, wo er un⸗ geſtört mit ihr ſprechen konnte. Wie erſtaunte ſie, als er ihr zuerſt in herzlichſter Weiſe liebevolle Vorwürfe dar⸗ über machte, daß ſie niemals mit ihm ohne Rückhalt über die wahre Lage ihres Vaters geſprochen habe, da er doch, den ja Gott ſo reich mit Glücksgütern geſegnet, dann gewiß nicht geſäumt hätte, dem einzigen Bruder beizuſpringen und ihm in jeder Art hülfreich zu ſein. Noch wußte ſie vor Ueberraſchung nicht, was ſie ihm darauf antworten ſolle, als er ihr die Hand auf den Mund legte und mit einem gütigen Lächeln ſagte Aber weil ich von Deinem guten Vater heute Vor⸗ mittag hörte, daß Du in jüngſter Zeit viel mit Dir und Deinem eignen Herzen beſchäftigt geweſen biſt, ſo verzeihe ich Dir dieſe Unterlaſſung gerne. Empfange meinen herzlichſten Glückwunſch zu Deiner Verlobung, dem ich die Bitte beifüge, mir Deinen Bräutigam mor⸗ gen Vormittag gegen eilf Uhr zu ſenden, damit ich ſeine perſönliche Bekanntſchaft mache und mich, woran ich übrigens ſchon jetzt nicht im Mindeſten zweifle, von der Trefflichkeit Deiner Wahl überzenge. Dein Vater rühmt den jungen Mann ungemein und auch ſonſt ſind, wie ich ſoweit erfahren habe, ſeine Umſtände günſtig. Sage ihm daher, er dürfe der allerherzlichſten Aufnahme bei mir verſichert ſein. Hier machte er eine kurze Pauſe, betrachtete ſie for⸗ ſchend und fuhr dann fort: Was ich Dich noch beiläufig fragen wollte, liebe Eliſabeth, weiß Deine Couſine Anna ſchon um dieſes Ereigniß? Sie iſt von Kindheit an meine Vertraute in guten und böſen Stunden geweſen, entgegnete Eliſabeth zögernd, da ihr des Onkels argwöhniſcher Blick und die Unſicher⸗ heit ſeiner Stimme bei dieſer Frage auffiel. So? So? Sie weiß alſo darum! ſprach der alte Herr und holte tief Athem. Seine noch eben ſo freundliche Miene war mit Einmal auffallend ernſt und nachdenk⸗ lich geworden.— Ich wünſchte ſehr, ſie hätte von die⸗ ſer Angelegenheit noch gar keine Wiſſenſchaft erhalten; aber das iſt nun nicht mehr zu ändern, fügte er wie im Selbſtgeſpräch hinzu, nahm hierauf Eliſabeth's Arm in den ſeinigen und führte ſie ebenſo ſchweigſam wie vorhin in die Geſellſchaft zurück, wo man bereits von allen Seiten Anſtalten zum Aufbruch machte. Bald waren die Prunkgemächer leer, die Diener räumten die Tafel ab, der Herr und die Dame des Hauſes zogen ſich betäubt und erſchöpft von dem feſtlichen Tage mit ſeiner ungewohnten Verwirrung und ſeinen verſchieden⸗ artigen Eindrücken, Jedes auf ſeine Stube zurück; der Letzte, der ſich nach einem Schwall von frommen Segens⸗ — 6 ſprüchen verabſchiedete, war Candidat Wulf, welcher in Corneli's Begleitung wegging.— Letzterer hatte ſich von der Haushälterin eine große Düte mit allerlei Confect geben laſſen, deren Beſtim⸗ mung wir leicht errathen, da er Wulf nach deſſen Woh⸗ nung begleiten wollte. Aber ſelbſt dieſer tadelte halb im Scherz, halb im Ernſte ſeine Galanterie und meinte, er hätte wohl am heutigen Abend ſeinen Bedarf an zarter Aufmerkſamkeit für Hermine Eckers bei einem Conditor nehmen ſollen. Jener machte ſich dagegen über des Freundes„Champagner⸗Moral“ luſtig, lachte und verſetzte in einem Tone von Frivolität, der aus dem Munde dieſes jungen Pedanten und Geizhalſes doppelt widerlich klang: Sahen Sie nicht, daß ja auch mein Vater die Mäd⸗ chen aus dem Kloſterhof reichlich damit bedachte? Warum ſoll ich nicht ein Gleiches da thun, wo ich doch wenig⸗ ſtens ſicher bin, daß mir meine Freundlichkeit weder mit Undank noch mit Heuchelei vergolten wird?— Hermine iſt mir mit ihrem natürlichen heiteren Weſen am kleinen Fin⸗ ger lieber, wie dieſe drei gezierten eitlen Coufinen zuſam⸗ men!— Bin doch wirklich äußerſt verlangend, was Eckers über den ſüddeutſchen Abenteurer draußen vor'm Thor ausgekundſchaftet hat, und ob es wirklich an dem iſt, daß meine liebenswürdigen Couſinen allabendlich in ſei⸗ ner Junggeſellenwohnung mit ihren diverſen Liebhabern b und Verehrern Zuſammenkünfte haben?— Zuzutrauen iſt ihnen das ſchon, und davon nehm' ich auch Anna nicht aus, nach dem Sprüchwort: böſe Geſellſchaften verder⸗ ben gute Sitten. Was hätten ſonſt ihre heimlichen Aus⸗ gänge an den letzten Abenden zu bedeuten gehabt! Wuff erwiederte kein Wort; denn er wußte, daß Cor⸗ neli nichts weniger als einverſtanden mit ſeinen geheimen Herzenswünſchen war und es viel lieber geſehen hätte, wenn der einflußreiche Freund von Vater und Mutter ſeinen Haß gegen Anna getheilt und ihm ihre Stellung im Haus der Fflegeltern hätte untergraben helfen, anſtatt ſich neuerdings wieder mit dieſem Eifer um ihre Gunſt zu bewerben. Andererſeits war der Candidat ſelbſt ſich ſeiner inneren gemeinen Motive zu klar bewußt, um nicht jeden Argwohn gegen Anna, den Corneli in ihm zu wecken für gut fand, zu theilen, und dann auch kei⸗ neswegs die Möglichkeit zu bezweifeln, daß ihr in jüng⸗ ſter Zeit ſo freundliches Benehmen gegen ihn eine bloße Verſtellung ſei, um ihn ſich nicht zum offenen Feinde zu machen. So ſchwankte er auch neuerdings wieder, trotz der tröſtlichen und ermuthigenden Zuſprachen ſeiner Gönne⸗ rin, Madame Franke, beſtändig zwiſchen den widerſtrei⸗ tendſten Gefühlen hin und her; bald überließ er ſich den ausſchweifendſten Hoffnungen bei ſeiner ſchönen Aus⸗ erkorenen, bald trat das Geſpenſt eines unbekannten glück⸗ licheren Nebenbuhlers vor ſeine Seele und rief ihm alle verzweifelten Rachepläne der Vergangenheit zurück; denn er wußte ja beſſer als Einer, was Heuchelei vermag und welche Gedanken des Verrathes und der Tücke ſich oft unter der unſchuldigſten und frömmſten Maske ver⸗ bergen!— So kamen ſie an das alte Haus des Vorſtadt⸗Com⸗ miſſionärs Eckers, welches Wulf noch immer unter dem Vorwand bewohnte, eine verlorene Seele, ein vom Wege des Heils abgeirrtes Schaf der frommen Heerde, durch ſeine beſtändige Gegenwart und den Einfluß ſeiner gott⸗ ſeligen Perſönlichkeit früher oder ſpäter wieder zur rech⸗ ten Hürde zurückzuführen. Am Treppengeländer empfieng ſie Hermine, auch heute wieder in idealiſch antikem Gewande, mit wallenden Locken à Lamballe, zart angehauchten Wangen und einer Schnur falſcher Korallen am entblößten Halſe. Warum ſo ſpät, mein Freund? rief ſie dem jungen Begleiter des Hausgenoſſen im Flötenton der zärtlichſten Freundſchaft entgegen.— Iſt der Geburtstag des Herrn Vaters glücklich abgetafelt? Und denkt man endlich auch an Die, welche ſchon ſtundenlang die Minuten bis zu Ihrer Ankunft gezählt hat? Kommen Sie, kommen Sie! Papa iſt ſchon lange zu Hauſe und wartet mit Unge⸗ duld auf Sie; er hat eine ganze Laſt von intereſſanten Neuigkeiten heimgebracht. Letztere Nachricht bewirkte bei Corneli, daß er ihre freundliche Begrüßung heute nur flüchtig erwiderte, ihre reizende Toilette kaum eines Blickes würdigte, die Düte mit Confitüren raſch in ihre Hand gab und dann nach der Stube des Commiſſionärs eilte, wo der Alte ihn mit einem widerlichen Lachen empfing; vor demſelben ſtand ein ſchon halbgeleerter Punſchnapf und ſein hoch⸗ geröthetes Geſicht deutete genugſam die Wirkung anderen verſchwundenen Hälfte des ſtarken Getränkes an.— Hermine füllte zwei Gläſer, überließ dem Candi⸗ daten eins davon zu nehmen und präſentirte das andere mit anmuthvollem Lächeln ihrem jungen Freunde auf der Fläche ihrer weißen Hand. Zärtlich beſorgt flüſterte ſie ihm in's Ohr: Wie ſind Sie heute echauffirt, Corneli! Schnell trin ten Sie dieſen Punſch, damit Sie nicht krank werden. — Sie Böſer!— Sagen mir kaum freundlich guten Abend und haben nur Sinn für Papa's Neuigkeiten! Nun, Eckers, kramen Sie aus! rief der junge Mann, und nippte nur flüchtig an dem Glaſe, das jedenfalls mehr Rum als Waſſer enthielt. Setzen Sie ſich zu mir, ſprach dieſer mit ſchwerer Zunge.— Herminchen, wie biſt Du heute wieder ſo zer⸗ ſtreut und aufgeregt,— rücke doch Herrn Franke den Fau⸗ teuil herbei, was brauchſt Du Dir auch gleich Alles ſo zu Herzen zu nehmen!— Ja, mein verehrteſter junger H. Müller, der Kloſterhof. III. 9 Herr und Freund, wenn ich mir erlauben darf, Sie ſo zu nennen— leider, ſehr leider ſind meine Nachrichten keine guten für Sie— bin ich doch ſelber noch ganz angethan davon— denn der fünfundſechzigſte Ge⸗ burtstag Ihres Herrn Vaters hat ſich wirklich nicht gut angelaſſen— Schade um den würdigen braven Herrn, daß er in ſo ſchlimme Hände gerathen iſt! Alſo Nummer Eins: Mit den feinen Dämchen aus dem Kloſterhof iſt's richtig, und Nummer Zwei: mit Fräulein Anna Volkhauſen ditto!— Wie Sie wiſſen, wohnt der angebliche Gutsbeſitzer aus Süddeutſchland, der ſich Doctor Moſer nennt, bei der Decorationsmalerswittwe Weſtermann draußen vor'm Neuen Thor, im Garten⸗ haus linker Hand.— Beſagte Wittwe Weſtermann nun hat eine unverheirathete Muhme bei ſich im Hauſe, eine zwar ſchon bejahrte, aber durchaus zuverläſſige Perſon, die früher als renommirte Feinwäſcherin in die erſten Häuſer kam und viele Jahre hindurch ſowohl für den Kloſterhof, wie für Ihr elterliches Haus, Herr Corneli, gewaſchen hat. Dieſe alte Kunigunde nun iſt meine Quelle und nach ihrer Ausſage vergeht kein Abend, wo nicht bei dem angeblichen Gutsbeſitzer aus Süddeutſch⸗ land die jungen Damen aus dem Kloſterhof mit Fräu⸗ lein Anna Volkhauſen und dem ſauberen Herrn Bruder erſcheinen. Dann wird gepunſcht, geſungen, gelacht, muſicirt bis gegen neun Uhr, Herr Moſer hat einen koſtbaren Wiener Flügel angeſchafft, denn merken Sie wohl, meine Herren, er iſt ein perfecter Sänger— die Leute in der Nachbarſchaft ſind entzückt von dem herr⸗ lichen Tenor— häl! hä! ein Gutsbeſitzer— ein Ge⸗ lehrter— ein Sänger— Fräulein Anna Volkhauſen liebt ja, wie wir wiſſen, den Tenor vor allen andern Singſtimmen— summa summarum, kein Zweifel Doctor Moſer iſt derſelbe nämliche fromme Don Juan — wollte ſagen fromme Miſſionszögling aus dem Wup⸗ perthale, der uns bei Madame Helolſe aus dem Garne entſchlüpfte, hä! hä! um bei Wittwe Weſtermann um ſo ſicherer in die— Mäuſefalle zu gehen! Der Eindruck, den dieſe Nachricht auf ſeine beiden Gäſte machte, war ein ſo verſchiedenartiger, daß der Eine, wie vom Donner gerührt, regungslos ſitzen blieb und ſprachlos den Redenden anſtarrte, der Andere hin⸗ gegen mit einem Satz vom Stuhle aufſprang und ſich vor Freude kaum zu mäßigen wußte. In Gold laß' ich Sie einfaſſen, Eckers, wenn die Sache ſich ſo verhält! jubelte Corneli mit funkelnden Blicken und ſeine bleichen Züge verzerrte ein ur hreib⸗ lich häßliches Grinzen der gierigſ ſten Söhi ucht Glauben Sie ihm kein Wort, Corneli Geers ſchwin⸗ delt Sie wieder an! ſtnelte der Cungitat mit vor Wuth und Angſt bebender Stimme.— Beweiſe! Beweiſe will ich haben, beſſere und überzeugendere als die frü⸗ 4 9 heren, wo er uns auch mit ſeinen alten Weibern, der Logenverſchließerin und der Haushälterin Ihrer Tante Helorſe, in die allergrößte Verlegenheit brachte! War es nun der Champagner des Geburtstagsfeſtes, welcher ihm noch in der Nachwirkung dieſe Sprache der aufrichtigſten Geſinnung gegen ſeinen geiſtlichen Pflege⸗ befohlenen eingab, oder war es die durch die wüthendſte Eiferſucht geſteigerte Angſt, Eckers möchte bei ſeinen neue⸗ ſten Recherchen glücklicher geweſen ſein als bei ſeinen früheren; genug, der Candidat verlor in dem nämlichen Grade ſeine klare Beſinnung, als ſein biederer Haus⸗ wirth durch dieſe leidenſchaftliche Zurechtweiſung entnüch⸗ tert wurde, ſo daß ſchnell die Dünſte des Punſches aus ſeinem Hirne entwichen und er mit der Miene des tief⸗ gekränkten, aber durchaus nicht unverſöhnlichen Mannes ſagen konnte: Sehen Sie, Herr Franke, ſo iſt nun unſer wackerer Freund Wulf! Sein frommer Eifer kennt oft gar keine Gränzen mehr, und weil er alle Menſchen von der näm⸗ lichen Religioſität und Tugendhaftigkeit erfüllt glaubt, die ihn ſelber beſeelt, ſo empört ihn jede ſchlechte Hand⸗ lung auf's Tiefſte. Aber ſagen Sie ſelber, Herr Franke, ſind nicht diesmal die allergrößten Wahrſcheinlichkeits⸗ gründe vorhanden— und mehr hab' ich ja auch nicht behaupten wollen— daß jener Doctor Moſer und der Sänger Hohenbaum aus Wien eine und dieſelbe Perſon 33 ſind? Seine Freundſchaft mit Conſtantin— ſein muſi⸗ kaliſches Genie— ſein geheimnißvolles Incognito— und vor Allem die erwieſene Thatſache, daß Anna ihn heimlich beſucht— deutet nicht Alles darauf hin, daß das frü⸗ here Geſchäft fortgeſetzt wird, nur unter veränderter Firma und mit größerer Vorſicht? Gewiß! Ganz gewiß— Eckers hat Recht, lieber Wulf, glauben Sie mir auf mein Wort, es iſt ſo! ſagte Corneli, der vor Ungeduld brannte, dasjenige auch von dem Candidaten als glaubhaft und erwieſen anerkannt zu ſehen, was ſeinem vom gemeinſten Egoismus geleite⸗ ten Sinn ſo ſehr willkommen war, daß er im blinden Eifer, Anna entlarvt zu ſehen, Alles, auch das Unwahr⸗ ſcheinlichſte für baare Münze genommen haben würde. Der fromme Candidat war für die Länge außer Stande, den vereinten liebreichen Bemühungen der Freunde, ihn eines Beſſeren zu belehren und ihn von Anna's Schuld factiſch zu überzeugen, einen Widerſtand entgegenzuſetzen; zumal Eckers den moraliſchen Gehalt ſei⸗ nes Charakters und die edle Uneigennützigkeit ſeiner ſchwär⸗ meriſchen Liebe für das Fflegekind des reichen Hauſes gerade genau genug taxirte, um ſeine ohnedies von den Dünſten des Weines umnebelten Sinne vollends durch die Vorſpiegelung zu bethören, er werde bei Anna erſt dann reüſſiren, wenn ihr Hochmuth gebrochen, ihr Herz von Reue und Verzweiflung zerknirſcht und der gefähr⸗ liche Nebenbuhler für immer beſeitigt ſei, allerdings eine ganz eigenthümliche Art von Ermuthigung eines Ver⸗ liebten, die aber demungeachtet ihre Wirkung nicht ver⸗ fehlte.— So entſchloß ſich denn der fromme Candidat im Gefühl ſeiner Ohnmacht und im Bewußtſein, daß er den Mangel an angeborener Liebenswürdigkeit und andern empfehlenden Eigenſchaften von Geiſt und Gemüth nicht beſſer als durch äußere Mittel des Zwangs und der gewaltſamen Aufnöthigung erſetzen könne, als Drit⸗ ter dem edlen Bunde beizutreten, der ſich noch einmal die Hände reichte, um Anna mit mehr Erfolg als früher zu entlarven und ſie für immer aus dem Herzen ihres treueſten väterlichen Freundes zu verdrängen. Aber jetzo kommt Nummer Drei meiner Neuigkeiten, nahm ſodann Eckers wieder das Wort und zwar mit einem ſo bedenklichen Blick auf Corneli, daß dieſer ſo⸗ gleich die ſchlimme Botſchaft ahnte, womit Jener denn auch ohne Zögern herausrückte.— Es ſei ſchon heute Mittag an der Börſe, ſo erzählte er zu Corneli's un⸗ beſchreiblicher Beſtürzung, die der Geſchäftswelt ganz unerwartete Neuigkeit bekannt geworden, daß die Firma Felix Franke zwar mit nächſtem Jahre ganz zu beſtehen aufhöre, daß ſie aber alle ihre eingegangenen Verbind⸗ lichkeiten zuvor löſen und ihre ſämmtlichen Gläubiger bis auf den letzten Heller und Pfennig befriedigen werde. Dieſes alle Welt überraſchende Arrangement, an wel⸗ 4 — chem nicht mehr zu zweifeln, ſei unter ausdrücklich nam⸗ haft gemachter Bürgſchaft des Herrn St Franke den Hauptgläubigern angezeigt und dieſelben zur Einrei⸗ chung ihrer Schuldforderungen veranlaßt worden, der ſo den hereinbrechenden Ruin ſeines Bruders Felix noch in der letzten Stunde aufhalten und zur Deckung der ſämmtlichen Paſſivas in den Büchern des tiefverſchul⸗ deten Geſchäftes ſich namentlich verbindlich gemacht habe, eine Entſchließung, welche, wie Eckers mit einem heiſeren Wiehern hervorbrachte, den Herrn Cyprian Franke gut und gerne um ein halbeshundertauſend Thaler erleich⸗ tern könne.— Mein alter verehrter Prinzipal gefällt mir gar nicht mehr, er wirft ſein gutes Geld in ein durchlöchert Sieb und halst ſich noch den ganzen Klo⸗ ſterhof mit ſeinen Katzen und ſeinen vier Hungermäulern obendrein auf! brummte der ehemalige Wechſelfälſcher in den Bart, ſteckte die rothangelaufene Kupfernaſe kopf⸗ ſchüttelnd in das Punſ chglas und roch und ſchlürfte zu⸗ gleich mit einem lauernden Blick auf den bleichen Cor⸗ neli den letzten Reſt aus. Es wäre ſchwer, den Schrecken und die Wuth zu ſchildern, in welche dieſe Nachricht den jungen Franke verſetzte, von der ihm jedes Wort wie mit einer Geier⸗ kralle an's innerſte Herz griff. Ganz außer Stande, ſich zu mäßigen oder auch nur ſeine häßliche Leid erſchaft einigermaßen zu verbergen, überließ er ſich ganz den Eingebungen ſeines Geizes und erlaubte ſich gegen ſeinen trefflichen Vater, gegen ſeinen unglücklichen Oheim und deſſen Töchter Ausdrücke, die höchſtens nur für ſolche Ohren paßten, wie die ſeiner jetzigen Umgebung. Selbſt Hermine blickte ihren Vater einigemal bedenklich an und verſuchte dann wieder ihre ganze Beredtſamkeit, um Corneli zu beſänftigen; aber weder ihre Schmeichelreden, noch ihre zärtlichen Tröſtungen konnten den jungen Men⸗ ſchen beruhigen. So reden Sie doch, Eckers, wozu dieſe Schellfiſch⸗ Augen! rief er verzweifelt aus.— Geben Sie mir einen vernünftigen Rath, ſtatt dieſes troſtloſen Schweigens! — Was iſt hier zu machen! Da blickte ihn der Alte, der in ſeinen vorigen Tau⸗ melzuſtand zurückgefallen zu ſein ſchien, aus verſchwom⸗ menen rothunterlaufenen Augen zerſtreut an, ſchüttelte den Kopf und ſagte mit lallender Zunge: Was da zu machen iſt?— Nichts iſt zu machen, ſag' ich Ihnen, Herr Franke, weil Ihr Vater einmal ſein Jawort gegeben hat, wovon weder Sie, noch ein Menſch in der Welt ihn wieder abbringen wird.* Und dieſer alte Narr von Onkel, dieſe verlogenen heuchleriſchen Mädchen ſolle mich ungeſtraft um mein väterliches Erbe betrügen! ief Corneli und ſeine Lippen ſchäumten, ſeine wie im Fieberparoxismus glänzenden Augen ſchoſſen Wuthblitze auf den rathloſen Rathgeber. — — 137 Es thut mir leid für Sie, junger Herr, wirklich ſehr leid! lallte der Commiſſionär achſelzuckend und wollte ihm zur Bekräftigung deſſen ſeine Hand über den Tiſch reichen. Aber Corneli, der nicht mehr wußte, was er that, ſtieß ſie heftig zurück, ſprang wüthend auf und ſtürzte taub gegen alle Bitten und Vorſtellungen von Wulf und Hermine aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Faſt hätte er ſich in ſeiner blinden Eile un⸗ ten auf der ſtockfinſteren Hausflur an einer eiſernen Wage das eine Auge ausgeſtoßen; er rannte ſo heftig gegen die Stange, daß er zurücktaumelte; endlich fand er die Thüre und ſtürzte, ein Tuch vor das verletzte Auge drückend, faſt beſinnungslos durch die dunklen Straßen der väterlichen Wohnung zu. Eckers erhob ſich nach dieſer unerwarteten Sceue ſchwerfällig aus dem Lehnſtuhl, wankte auf den beſtürz⸗ ten Wulf zu, klopfte ihm auf die Schulter und ſagte in grinzendem Hohne mit roher widerlicher Vertraulichkeit: Bravo, Candidatchen, bravo!— An Dem habt Ihr ein Meiſterſtück in der edlen Kunſt der Menſchenerzie⸗ hung gemacht!— Wenn der Euch noch aus der Art ſchlüge, ſollte mich's Wunder nehmen!— Hä! hä! An dieſem Früchtchen wird der fromme Herr Cypriano noch große Vaterfreude erleben!— Aber es geſchieht ihm nach Ver⸗ dienſt! Seine ehrlichen Freunde ſtieß er in's Elend und die falſchen überſchüttet er mit Gold!— Herminchen, mein Kind, hilf mir zu Bette, das iſt keine Parthie für Dich, den fängt man nur mit einem Köder: Gold! Gold! Gold!— Schlag' ihn Dir darum aus dem Sinne— der⸗ gleichen Vögel niſten immer im eignen Stammbaum, und ſo wird auch er mal Eine aus der Sippſchaft kriegen, gerade ſo hart, gerade ſo geizig und— was die Haupt⸗ ſache iſt, ganz gewiß gerade ſo unfläthig reich wie er ſelber! Fünfzigtauſend Thaler— hä! hä!— Wenn's fünfzehn⸗ tauſend ſind, die den frommen Mann Gottes heute ſeine Bruverliebe koſtet, dann iſt's hoch gegriffen!— Und ſelbſt damit hat er ſich noch bis zu ſeinem fünfundſechzigſten Geburtstag beſonnen! ———— — Achtes Kapitel. Welchen glücklichen Abend verlebte man dagegen an dieſem für die vielgeprüften Bewohner des Kloſterhofs ſo entſcheidenden Tage, an welchem der unvermuthete Frühbeſuch des trefflichen Oheims gleich einem freund⸗ lichen Genius alle Sorgen der Vergangenheit zerſtreute, indem ſeine Großmuth einen Zuſtand von Frieden, Sicherheit und Beruhigung ſchuf, der Allen das Ge⸗ fühl eines erneuten Lebens einflößte und den beiden Liebenden jene erſten ungetrübten Feierſtunden berei⸗ tete, in denen ſich gleichſam des Hauſes heiliger Friede ſchützend und ſegnend um den Bund der jungen Herzen legt, deren Gliück nun keine Liſt mehr braucht und keine Verſtellung vor den Augen der böſen neidi⸗ ſchen Welt!— Nie war Eliſabeth ihrem Verlobten ſchöner erſchienen, als in dieſem bräutlichen Gefühl des endlich 140 erreichten Zieles, das ihr ganzes Weſen verklärte und über die zarte und doch ſo feſte jungfräulichk Geſtalt einen Zauber von Anmuth und Rührung verbreitete, der nicht blos den Augen des glücklichen Bräutigams allein die nun vollkommen gewordene glückſelige Harmonie ihres Herzens verrieth. Vor Allem aber war es Herr Felix, den dieſe gün⸗ ſtige Wendung in den Schickſalen ſeines vielgeprüften Lebens wie durch einen Zauberſchlag umgewandelt hatte; da war von den alten Sorgen und gepreßten Stim⸗ mungen ſo wenig mehr in ſeinem Geſichte zu leſen, als von jenem unfriedſamen Geiſt der Verneinung und des eigenſinnigen Widerſpruchs; alles Sonderbare und Ver⸗ ſchnörkelte in ſeinem Weſen war plötzlich verſchwunden und die noch vor Kurzem oft recht unheimlich hervor⸗ tretende Originalität des Haustyrannen hatte ſich ſchnell in die gewinnendſte Herzlichkeit und heiterſte Behäbigkeit verwandelt.— Daher mußten die beiden andern Schwe⸗ ſtern der älteren das Zugeſtändniß machen, daß ſie allein den Vater richtig beurtheilt habe, als ſie ſeine ganze menſchenfeindliche, oft den düſterſten und ſeltſam⸗ ſten Hypochonderien zugängliche Gemüthsſtimmung allein dem Unglück zuſchrieb, das ihn unausgeſetzt verfolgte und dem er doch ſeiner ganzen Natur nach ſo wenig gewachſen war. Denn einen unpraktiſcheren Menſchen gab es nicht leicht und einen weniger für die Kämpfe — ———— 141— und Widerwärtigkeiten des Lebens geſchaffenen Charakter gleichfalls nicht. So war ihm kaum der Alp von Sorgen durch des Bruders Güte vom Herzen genommen, als ſich ſein le⸗ bendiger Geiſt ſchnell in der Wirklichkeit zurechtfand und ſein ſo lange verdüſtertes und verbittertes Gemüth die glückliche Naivetät wiedergewann, die ſich unter dem lähmenden Einfluß der Sorgen nur in einem feindlichen ba⸗ rocken Humor kundgegeben hatte. Seine glückliche Umwand⸗ lung bewies er ſchon durch die freundliche Aufmerkſamkeit, mit der er, ohne noch darum von den Töchtern gebeten wor⸗ den zu ſein, aus freiem Antrieb von dem Feſtmahl des Bruders nach Ludwig's Wohnung eilte, um den„unbe⸗ quemen“ Schwiegerſohn perſönlich in ſein Haus zurück⸗ zuführen, welche Genugthuung er ihm nach ſeiner Ueber⸗ zeugung ſchuldig zu ſein glaubte. Zu Hauſe ſchloß er er ihn nochmals gerührt in die Arme und legte dann ſchweigend Eliſabeth's Hand in die ſeinige; und als bald nachher auch Conſtantin kam, der bereits durch ein Bil⸗ let der Couſine davon benachrichtigt worden war, daß im Kloſterhof wieder Alles auf den vorigen Fuß geſetzt ſei, durfte Herr Felix wohl mit Recht einen Tag ſegnen, der ihm zu dem neuen Glücke die alten bewährten Freunde zurückbrachte. Auch war er es allein, welcher in ſeiner großen Freude die Veränderung in Conſtantin nicht be⸗ merkte, während dieſer ſich doch anfangs förmlich Ge⸗ walt anthun mußte, um beim Eintritt in die wohlbekannten Räume ſeine innere Aufregung zu beherrſchen und auf des Onkels herzlichen Ton einzugehen. Die Andern da⸗ gegen beobachteten nicht ohne Sorge ſein verſtörtes Ausſehen, den Wechſel von dunkler Röthe und krank⸗ hafter Bläſſe in ſeinem Geſichte und den ganzen, auf's Aeußerſte gereizten Zuſtand ſeines Innern. Erſt nach und nach gewann er die alte Unbefangenheit wieder, ſein ſtürmiſches Blut ward ruhiger und die Erſchütterung ſeines Gemüthes wich einer ſanften elegiſchen Stimmung, in der er mit Rührung der fröhlichen Stunden gedachte, die er im Kloſterhof als Knabe und Jüngling verlebt hatte. Fiel auch zuweilen im Verlaufe des Geſpräches ein trüber Schatten über ſein Antlitz, oder zuckte er un⸗ willkührlich bei einer glücklichen Erinnerung leiſe zuſam⸗ men und konnte vor Bewegung nicht weiter ſprechen, ſo war er doch ſchon im nächſten Augenblick wieder Herr ſeiner Empfindungen und lenkte ſchnell die Aufmerkſam⸗ keit der Zuhörer auf eine andere Ingendgeſchichte.„ Was hätt' ich denn ohne Euch, Ihr lieben treuen Menſchen, im Leben gehabt, ſprach er mit einem dank⸗ baren Blick auf den Oheim und die Mädchen,— als mich Onkel Cyprian eines ſchönen Morgens an die Luft ſetzte und ich, ſo zu ſagen, von der öffentlichen Meinung in der großen und kleinen Bann gethan wurde!— Ein Vater⸗ haus kannte ich ja überhaupt nicht; ſelbſt meine jetzigen — Freunde gingen mir damals aus dem ſehr vernünftigen Grund aus dem Wege, nicht durch den Umgang mit mir bei den einflußreichen Perſonen der Stadt in Miß⸗ kredit zu kommen, denn es war ja die reichſte und an⸗ geſehenſte Familie durch mich compromittirt worden; und wo eine vornehme Staatsperrücke wackelte oder eine alte Baſe aus„erſtem Hauſe“ Nervenzufälle kriegte⸗ konnte man eine Zeitlang mit Beſtimmtheit annehmen, daß das entartete Scheuſal Conſtantin Volkhauſen die Urſache davon geweſen war! Aber da bewährte der Kloſterhof noch einmal ſeine alte fromme Beſtimmung, wurde zum Aſyl des Geächteten, und die verkümmerte Poeſie meiner Jugend ſchlug in ſeinem wilden Garten neue friſche Wurzeln, die zurückgehaltene Romantik durch⸗ brach nach allen Seiten das Gehege frommer Heuchelei; was haben wir nicht Alles angeſtellt, Kinder, als Euer Bruder Karl noch zu uns hielt!— Und weißt Du's noch, Onkel, wie Du noch in Deinen alten Tagen Griechiſch bei mir lernen wollteſt, mir aber ſchon bei der Lehre vom Augment Roſt's Grammatik an den Kopf warfſt? Und wie wir mit Karl's Vogelflinte nach den Katzen ſchoſſen, wenn Vater nach der Börſe gegangen war! ſagte Lucinde.— Du hatteſt zwei, ich ſogar drei auf dem Gewiſſen, deren Cadaver noch lange zu Vaters Graus hinten am Garten zwiſchen den Weiden im ſchlam⸗ migen Waſſer hiengen. Und wie Eliſabeth uns Platen's Oden vom Apfel⸗ baum herunter vordeclamirte! fuhr Helene fort; wobei ſie ſich einen rothen Shawl à la Sappho oder Corinna turbanartig um den Kopf geſchlungen hatte! Ach, Lud⸗ wig, da hätten Sie— da hätteſt Du dabei ſein ſollen! Laßt die alte Zeit in Frieden ruhen, ſagte Herr Fe⸗ lix.— Als ſie noch Gegenwart war, erſchien ſie Euch min⸗ der roſig wie jetzt, wo Ihr ſie durch ſo manchen trüben Nebel und Trauerſchatten hindurchſchimmern ſeht. Mich verlangt vor Allem von Dir, lieber Conſtantin zu hö⸗ ren, wie es mit dem Pythagoras ſteht? Iſt denn das Buch noch immer nicht da? Das wiſſen Sie noch nicht einmal, lieber Vater! rief Ludwig überraſcht, als Conſtantin bei dieſer Frage des Alten in eine ſonderbare Verwirrung gerieth und plötzlich die Farbe wechſelte.— O der Schelm! fuhr er dann zum Freunde gewendet fort. Ich glaube, er hat ſich ſo ſehr an das„phthagoriſche Schweigen“ gewöhnt, daß er noch jetzt, wo alle Welt ſeines Ruhmes bereits voll iſt, kein Wörtlein über ſein Buch zu ſprechen wagt! Geſtern Abend hätteſt Du im Club ſein ſollen, Conſtan⸗ tin!— Jeder neuankommende Freund that immer beim Eintritt die nämliche Frage:„Nun, habt Ihr ſchon die große Neuigkeit von unſerm Volkhauſen gehört?“ Das iſt wirklich abſcheulich von Dir, Conſtantin! Das verzeihen wir Dir nimmermehr! riefen die Mäd⸗ chen durcheinander.— Uns, die wir ſchon ſeit vielen Monaten auf Dein Buch geſpannt ſind, keine Shlbe davon zu ſagen! Was verſteht denn Ihr von einem ſo gelehrten Werk! entgegnete der alte Herr ungeduldig.— Leſet Eure Romane und leichten Claſſiker und überlaßt das Geſpräch über des Vetters Buch uns Männern. Du wirſt mir doch hoffentlich, lieber Neffe, die intereſſanteſten Briefe Dei⸗ nes berühmten Reiſenden verdeutſchen? Ungemein be⸗ gierig bin ich beſonders auf ſeine Schilderungen von Judäa; denn aufrichtig geſagt, der Joſephus iſt mir zu viel Hofhiſtoriograph—— Conſtantin, der bis dahin nur mit größter Mühe ſeine innere Unruhe und Verwirrung bemeiſtert hatte, ſprang jetzt plötzlich vom Stuhle auf, blickte den Oheim und die Uebrigen mit entſtellten Zügen verſtört an und ſagte dann mit einer Stimme, deren flehender Ton Alle erſchreckte: um Gotteswillen, ſprecht von etwas Anderem!— Wer es weiß, was mich dieſe Arbeit gekoſtet hat, der wird mich ſchonen— meine beſte Kraft iſt davon erſchöpft und meine Seele lechzt förmlich nach anderen Eindrücken — anderen Elementen!— Ludwig, Du kannſt mir's nachfühlen— darum ſpannt mich nicht noch einmal auf alte entſetzliche Geiſtesfolter! Alle blickten den räthſelhaften Menſchen beſtürzt an, D. Müller, der Kloſterhof. III. 10 146 Niemand verſtand recht, was er damit ſagen wollte. Conſtantin war mit einem glühenden Antlitz auf den Stuhl zurückgeſunken und knöpfte mit zuckenden Fin⸗ gern den Rock bis oben zu; glücklicherweiſe fand Eli⸗ ſabeth nach einer kurzen, aber höchſt peinlichen Panſe das rechte Wort, indem ſie mit einem theilnahmvollen Blick auf den Vetter ſagte: Ich kann mich ganz wohl in Dein Gefühl hineinver⸗ ſetzen, lieber Conſtantin. Was Jahrelang und unausgeſetzt unſern Geiſt in Spannung und angeſtrengter Thätigkeit erhalten hat, das wird Einem, wenn man endlich damit zu Stande gekommen iſt, zur unerträglichen Laſt und man möchte am liebſten gar nichts mehr davon hören! Hab' ich doch einmal von einem alten berühmten Maler geleſen, der keins ſeiner Bilder ſpäter mehr anſehen konnte, und erzählt man nicht ſelbſt vom großen Dante, er habe keinen ſeiner vollendeten Geſänge mehr als ein⸗ mal geleſen. Rrrrrr! Ein ander Bild, ſagt der Berliner Guck⸗ kaſtenmann! rief die muntere Lueinde.— Höre, Schwager Ludovico, was haſt denn Du in Deinem jungen Leben bis jetzt zum Druck befördert? Prangt Dein berühmter Name auch ſchon im Leipziger Meßkatalog? Du ſollſt meine Diſſertation über das altrömiſche Erbrecht in Goldſchnitt verehrt bekommen, erwiederte Lud⸗ wig, und hiermit lenkte die Unterhaltung wieder in ihren * früheren unbefangenen Ton ein.— Selbſt Conſtantin wurde nach und nach geſprächig und ſuchte den kleinen Freundeskreis durch heitere Scherze und launige Ein⸗ fälle für die Beſtürzung zu entſchädigen, die er ihm vorhin verurſacht hatte. Doch behielt ſeine muntere Stimmung den ganzen Abend über etwas Aufgeregtes und Erzwungenes, und als man gegen neun Uhr zu Tiſche gehen wollte, war er ohne Abſchied weggeſchlichen, wie es auch ſonſt zuweilen ſeine Gewohnheit war, wenn ihn eine Laune anwandelte und Dies und Zenes nicht nach ſeinem Sinne war.— Heute war es aber doch etwas Anderes als üble Laune, was ihn aus dem traulichen Kreis der Freunde in die kalte Winternacht hinaustrieb. Das Gefühl der plötzlichen Entfremdung hatte ſich ſchon beim erſten Ein⸗ tritt in das Haus des Oheims ſeines Herzens bemäch⸗ tigt; und der Anblick der beiden Glücklichen, die nun von Vater und Schweſtern, und bald auch von der gan⸗ zen Welt, als Verlobte angeſehen wurden, hatte ihm vollends die Faſſung benommen. Dennoch war es we⸗ der Neid noch Eiferſucht geweſen, was ihm dieſe Qual bereitete, ſondern allein die traurige Vorahnung der in⸗ neren und äußeren Oede in ſeinem Leben, wenn Eliſabeth und Ludwig über kurz oder lang von hier ſcheiden ſollten und er dann aber und abermals zu einer troſtloſen Re⸗ ſignation verurtheilt ſein würde. In dieſer aufgeregten 10* Stimmung ſeines Gemüthes bedurfte es denn nur noch einer leiſen Mahnung an die unſelige That, durch die er ſein letztes Gut, ſeine Ehre, auf's Spiel geſetzt hatte, und in ſeinem Innern wurden Empfindungen wach, die er unmöglich für die Dauer ſeiner Umgebung verbergen konnte; Empfindungen der Angſt, der Reue und Nieder⸗ geſchlagenheit, wie ſie nur in einer ſolchen leidenſchaftli⸗ chen Natur dieſen Höhegrad bis zur völligen Erſchöpfung jeder moraliſchen Kraft erreichen konnten. Ohne ſich eines Zieles, einer Abſicht bewußt zu ſein, eilte er in ſtürmiſcher Haſt durch die dunklen Straßen, über die Brücke den Quai hinunter. Das Rauſchen der hoch mit Eis gehenden Wogen, das eigenthümliche Schleifen und Knirſchen der ſich übereinander ſchieben⸗ den Eisſchollen verurſachte ihm in der ſtillen Nacht ein Gefühl ſchauerlichen Behagens; denn in dem verworre⸗ nen Geräuſch des unter der ungewohnten Laſt ſtöhnen⸗ den Stromes war es ihm, als höre er längſt verklun⸗ gene Stimmen aus vergangenen Tagen, wie ſie in deut⸗ lichen Worten und Klagelauten ihm von dem alten Weh und Jammer ſeines Lebens erzählten, und von dem dunklen Fluche, der ihn von früher Jugend an verfolgt hatte. Zuweilen auch, wenn der Mond hinter den Wol⸗ ken hervortrat und auf Augenblicke die bewegte Strom⸗ fläche beſchien, glaubte er menſchliche Rieſenleiber aus der Fluth auftauchen zu ſehen, die unter den letzten Todes⸗ * — 149— zuckungen ſich bekämpften, im ringenden Vernichtungs⸗ kampf einander zermalmten und von den treibenden Wo⸗ gen unaufhaltſam weiter geführt wurden. Es war ein unheimliches Ergötzen mit verwirrten Sinnen und fie⸗ berhaft fliegenden Pulſen an dieſem wilden Treiben des Elementes; und der tobende Aufruhr ſeines Innern war zugleich das vollkommen getreue Gegenbild zu den verworrenen und geſpenſtiſchen Eindrücken der Außenwelt, zu dem nächtigen Graus und Tumult, in welchem der gewaltige Strom immer neue dämoniſche Geſtalten und düſtere Phantome vor ſeinen Blicken erſcheinen und verſchwinden ließ, ſo daß er im Taumel zuletzt die Au⸗ gen ſchließen und der Angſt ſeiner Seele in einem lau⸗ ten Aufſchrei Luft machen mußte. Entſetzt ſchwankte er zugleich von dem Geländer der Landungsbrücke zurück, auf das er ſich ſeither mit beiden Armen gelehnt hatte; denn er glaubte, daſſelbe wanke plötzlich und er werde mit ihm hinunterſtürzen in die wildſchäumende Fluth, bis er im nächſten Augenblick inne ward, daß es nur ſein eigner Schwindel geweſen ſei, der dieſen ſchreckhaften Eindruck bewirkt hatte. Wie er ſich aber jetzt umſah und die Gegend der Stadt, in der er ſich befand, genauer erkennen wollte, fand er ſich zu ſeiner großen Ueberraſchung gerade dem Hauſe von Onkel Cyprian gegenüber, ſah des Letzteren Wohnſtube noch hell erleuchtet, und im danebenſtehenden 150— Lagerhauſe ein Stockwerk tiefer die beiden wohlbe⸗ kannten Fenſter von Anna's Zimmer mit den entblät⸗ terten Lindenbäumen davor und den grünen geſchloſſe⸗ nen Jalouſien. Aber ſowohl dieſe, wie die übrigen Fenſter des hohen Giebelhauſes waren bereits dunkel.— Indem er wieder ſchärfer hinaufſah, erkannte er deutlich die wohlbekannte Geſtalt des Oheims, der an dem einen Fenſter ſtand und mit auf den Rücken zuſammengeleg⸗ ten Händen regungslos in die Nacht hinausblickte, wie es Conſtantin bedünkte, gerade auf die Stelle, wo er ſtand, obwohl Jener bei der herrſchenden Finſterniß nicht einmal die Umriſſe ſeiner Geſtalt erkennen konnte. — Seit Jahren hatte er den Mann, der ihm einſt der Nächſte im Leben geweſen, nicht mehr geſehen, ſelbſt den Anblick des Hauſes hatte er vermieden und heute, gerade an des Onkels fünfundſechzigſtem Geburtstage, mußte er ſich hierher verirren und nach ſo langer Zeit den Mann wiederſehen, in dem er, wie einſt ſeinen treueſten Freund und Wohlthäter, ſchon Langem den Urheber ſeines Mißgeſchicks erblickte, ohne daß jedoch ſein Herz immer den Muth gehabt ihn deſſen heute verſtummte vor dem Anblick der ſtillehrwürdigen Geſtalt jedes bittere Gefühl in ihm; denn nach der vorhergegangenen furchtbaren Auf⸗ regung in ſeinem Blute hatte ſich ſeines Gemüthes bei der Entdeckung von dem Orte, an dem er ſich befand, 151¹ eine ſanfte Schwermuth bemächtigt, und weiche Empfin⸗ dungen traten an die Stelle der vorhin ſo heftigen und erſchütternden Eindrücke. Er konnte ſeinen Blick nicht wieder von der ſtillen Geſtalt abwenden; ja, er bildete ſich ganz feſt ein, daß der Onkel in dieſem Augenblick an ihn und an nichts Anderes ſonſt denke, an ihn, der hier draußen in der ſchaurigen Nacht, ihm ſo nahe, ſein erlrene Leen beweinte. Ich weiß es, warum er beſtändig ſo ſtarr auf den einen Punkt hinſchaut! ſprach er zu ſich.— Sein Geiſt ſieht mich, ohne daß es ihm bewußt wird, hier ſtehen, er hat meine Nähe trotz der Finſterniß entdeckt, darum brütet er ſo düſter vor ſich hin, regt ſich nicht, denn mein Blick hält ihn feſtgebannt, meines Unglücks dunkle Magie, das mich verfolgt um ſeinetwillen, concentrirt all ſein Denken und Empfinden auf die Stelle, auf der ich ſtehe, ihm unſichtbar, und doch ſeinem inneren Sinne gegenwärtig.— Darum flieht der Schlaf ſeine Augen und ſeine frommen Gebete bringen ihm keinen Frieden; denn mein Unglück, das ſagt ihm eine ſichere Stimme, geht über ſeine Vorſtellungen von Menſchenſchickſal hin⸗ aus und wiegt ſchwerer in der Wagſchale ſeines Lebens, als viele gute Thaten ſeiner frommen Milde und Men⸗ ſchenliebe zuſammengenommen. Ha! Wenn ich ihm jetzt meine Nähe kundgäbe?— Conſtantin! Conſtantin! rief er, dieſer plötzlichen Eingebung folgend, mit lauter 52 durchdringender Stimme in die ſtille Nacht hinaus, ſah, wie Herr Cyprian bei dieſem Ruf raſch ſein geſenktes Haupt emporrichtete, einen Moment beide Arme ausbrei⸗ tete und dann von dem Fenſter zuvückprallte; aber gleich nachher erſchien er wieder, blickte noch einmal in die Nacht hinaus, trat von Neuem zurück und im nächſten Moment ertönte im Hauſe die Schelle mit einem langen heftigen Ton, was Conſtantin bewog, ſchnell am Quai hinaufzugehen, um nicht hier entdeckt zu werden. Gleich nachher ſah er wirklich mehrere Leute mit einer Laterne aus dem Hauſe des Oheims treten und vor demſelben wie ſuchend auf⸗ und abgehen; er eilte daher raſch vorwärts und bog in das nächſte ſchmale Gäßchen für Fußgänger ein, welches den Quai mit der hinteren Straße verband. Auf kürzeſtem Wege kehrte er nach Hauſe zurück und noch lange beſchäftigte ſeine Einbildungskraft die Vorſtellung von dem, was wohl der Onkel bei dem unvermutheten Klang ſeines Namens gedacht und wie ſich derſelbe den räthſelhaften Ruf in der ſtillen Nacht ausgelegt haben möge? * Nenntes Kapitel. Im Franke'ſchen Hauſe herrſchte am folgenden Mor⸗ gen eine große Verſtörung; denn zu dem geheimnißvol⸗ len Ereigniß der vergangenen Nacht, das den alten Herrn faſt kein Auge hatte ſchließen laſſen, kam der Umſtand hinzu, daß kein Menſch wußte, was eigentlich vorgefallen ſei, indem Herr Cyprian jede Erklärung da⸗ rüber verweigerte. Er war bis nach Mitternacht voll Unruhe in ſeinem Zimmer auf⸗ und abgegangen und hatte ſeine Leute wiederholt mit Laternen auf die Straße geſchickt, um nachzuſehen, ob ſich draußen an der Landungsbrücke nichts Verdächtiges zeige; wobei er ſelber trotz der kalten Nacht mehrmals das Fenſter öffnete und ſich überzeugte, daß die Packknechte ſeinem Befehle gehörig Folge leiſteten. Zuletzt war ſeine Unruhe und Aufregung ſo groß gewor⸗ den, daß die Haushälterin Madame Franke wecken wollte, was er ihr aber ſtrengſtens unterſagte; vielmehr hieß er ſie ſelber zur Ruhe gehen, worauf man ihn wohl noch eine Stunde und länger mit ſtarken Schritten in ſeiner Stube auf und nieder wandeln hörte. Wie geſagt, kein Menſch im Hauſe wußte, was ſich mit ihm ereignet hatte, und kaum war es völlig Tag geworden, ſo ſchickte er ſchon einen der Knechte nach der Wohnung des Herrn Fabri und ließ ihn bitten, doch ſogleich zu ihm zu kom⸗ men. Als der Buchhalter wenige Minuten ſpäter an⸗ langte, fand er den Prinzipal bleich und erſchöpft im Lehnſtuhl ſitzen und nur mit Mühe konnte ihm derſelbe das Ereigniß der vergangenen Nacht mittheilen. Beide hatten dann noch eine längere geheime Unterredung mit einander, worauf Herr Fabri in großer Beſtürzung forteilte, aber ſchon nach Verlauf einer halben Stunde mit aufgeheiterter Miene zurückkehrte und dem in größter Unruhe ſeiner harrenden Prinzipal jedenfalls eine gute Nachricht überbrachte; denn bald nachher ließ derſelbe das ſämmtliche Geſinde zu ſich heraufbeſcheiden und be⸗ fahl ihm mit ſeiner gewohnten Ruhe, keinem Menſchen Etwas von dem Vorfall der letzten Nacht zu ſagen, es ſei Alles blos ein Irrthum geweſen.— Beim Frühſtück zur gewohnten Stunde fehlte Cor⸗ neli; er ließ herunter ſagen, er wäre am vorigen Abend beim Zubettegehen in der Dunkelheit mit dem Kopfe ge⸗ gen die offenſtehende Thüre ſeines Schlafzimmers ge⸗ ———— ſtoßen und habe in Folge davon eine Contuſion am lin⸗ ken Auge bekommen; daher wolle er den Vormittag auf ſeiner Stube zubringen und durch kalte Aufſchläge die Geſchwulſt zu beſeitigen ſuchen. Sogleich eilte Madame Franke beſorgt hinauf zum Sohne, Herr Cyprian blieb mit Anna zurück, die ihm den Kaffee einſchenkte; als ſeine Frau nicht zurückkehrte, wurde auch der alte Herr, der ſich ohnedies nicht in der beſten Stimmung befand, unruhig, leerte haſtig ſeine Taſſe, murmelte Etwas von unvernünftigen jungen Leuten in den Bart und gieng gleichfalls hinauf, um nachzuſehen, was Corneli fehle. Anna wartete und wartete mit dem Kaffee auf die Rück⸗ kehr von Tante und Onkel; als ſie nach friſchen Kohlen ſchellte, hörte ſie von dem Stubenmädchen, es ſei nach Candidat Wuflf geſchickt worden, daß er ſogleich kommen möge. Herr Franke wäre leichenblaß, von Madame ge⸗ führt, die Treppe heruntergekommen und nach ſeiner Stube gegangen, ſie werde wohl den Kaffeetiſch abräu⸗ men können. Anna's Schrecken bei dieſer Nachricht war nicht ge⸗ ring; ihr erſter Gedanke war, Corneli miſſe ein großes Unglück zugeſtoßen ſein; als ſie aber pon dem Mädchen hörte, daß der junge Herr ſchon ſeit einer Stunde auf ſei und blos ein blaues Ange habe, wußte ſie nicht, was ſie davon denken ſolle. Noch ſtand ſie unſchlüſſig und überlegte, was wohl dies Alles zu bedeuten habe, 156 als plötzlich die Thüre mit Heftigkeit aufgeriſſen wurde und die Tante bleich wie ein Marmorbild hereinſtürzte. Elendes, mißrathenes Geſchöpf— fort aus meinen Augen! kreiſchte ſie die Nichte mit dem hellen Accent der furchtbarſten Wuth an.— Nicht den Tag mehr bleibſt Du in dieſem Hauſe, das Du beſchimpft haſt, oder ich ſelber verlaſſe es und flüchte mich vor Deinem wider⸗ lichen Anblick unter das Dach meines Bruders!— Fort auf Deine Stube, Comödiantendirne!— Dein Onkel, deſ⸗ ſen Herz Du gebrochen haſt, läßt Dir ſagen, Du ſoll⸗ teſt Dich nicht unterſtehen, den Fuß über die Schwelle zu ſetzen, bevor er als Dein Vormund und Pflegevater über Dein künftiges Schickſal entſchieden habe! Mein Onkel wird ſein armes Kind immer gehorſam finden, ſagte Anna mit einer wunderbaren Faſſung und Feſtigkeit, nahm ihr Körbchen unter'n Arm und verließ ie Stube.— Erſt auf ihrem Zimmer fühlte ſie, daß ihr die Füße den Dienſt verſagten, vor ihren Augen dun⸗ kelte es, ein ſtechender Schmerz, den ihr ein krampfhafter Huſtenanfall verurſachte, durchzuckte plötzlich ihre Bruſt, noch ſah ſie mit einem Blick ihr weißes Tuch, das ſie an den Mund geführt hatte, von hellem Blute geröthet und ſtürzte ohnmächtig auf dem Teppich vor dem So⸗ pha nieder. Zum Glück war die alte Margreth draußen in der Vorhalle mit dem Kehren des Fußbodens beſchäf⸗ tigt, hörte den Fall und öffnete die Thüre; auf ihren S. 157— Angſtſchrei eilten junge Leute aus dem Comptoir herbei und eben, als Candidat Wulf die hintere T Treppe herauf⸗ kam, gieng durch's ganze Haus die Schreckenskunde, das Fräulein habe einen Bl Blutſturz bekommen, man wi iſſe nicht, ob ſie noch lebe oder bereits verſchieden ſei.— Alles lief angſtvoll d durcheinander, mehrere der Herren vom Comptvir eilten nach Aerzten fort, andere in die Küche nach Waſſer; Wulf, von ſeinem böſen Gewiſſen getrie⸗ ben, ſtürzte nach den Zimmern der Dame, in dieſem Angenblick erſchien ein junger ſchwarz gekleideter Herr in der Vorhalle, um dem Chef ſeine Aufwartung zu machen, hörte von einem der Packer, was ſich begeben und eilte, ohne ſich lange zu bedenken, in Anna's Stube. Hier war ſchon die Haushälterin mit den Mägden be⸗ ſchäftigt, der Lebloſen Schläfe und Pulsadern mit ſtar⸗ ken Eſſenzen zu reiben; der fremde Herr, den man für einen jungen Arzt hielt, riß ſogleich die Fenſter der ſehr warmen Stube auf, brachte Anna in eine halb ſitzende Lage auf dem Sopha und rief nach Citronen und Eſſig. Von dem Saft der Erſteren, den er mit Waſſer miſchte, brachte er mit Mühe einen Löffel voll zwiſchen ihre Lippen und hatte nach wenigen Augenblicken die unaus⸗ ſprechliche Freude, daß Anna mehrmals tief aufathmete und ſich von ihrer Ohnmachtanwandlung zu erholen an⸗ fieng. An ſeine Schulter gelehnt, lag ſie noch mit ge⸗ ſchloſſenen Augen da, ihr Antlitz weiß wie eine Wachs⸗ 158 maske, als in der offenſtehenden Thüre die würdige Ge⸗ ſtalt des Herrn Cyprian erſchien, der beim Anblick der vermeinten Todten und der Blutſpuren an ihrem Kleide entſetzt die Hände zuſammenſchlug und dann taumelnd nach dem nächſten Stuhle griff, auf den er wie gebrochen niederſank. Da ſchlug Anna, von dem Laut einer befreundeten Stimme geweckt, die ihren Namen nannte, die Augen auf; ſie erkannte Ludwig, und ſagte mit einem wehmü⸗ thigen Ausdruck äußerſt ſchwach: Ach, warum haſt Du mich aufgeweckt?— Mir war ſo wohl— ſo leicht, laß' mir doch dieſen ſüßen Frieden noch ein Weilchen, lieber Vetter Ludwig! Und wieder ſchloß ſie matt die Augen, noch einmal dunkelte es vor ihrer Seele, aber ein traumſeliges Lächeln verklärte ihr Antlitz, ihr Athem wurde leichter, Ludwig fühlte, wie das warme Leben in den jungen Körper zu⸗ rückkehrte und als jetzt ein Arzt erſchien, erklärte der ſelbe, daß für's Erſte keine Gefahr weiter zu beſorgen ſei.— Wankenden Schrittes nahte Herr Cyprian der Kranken, er hatte ſich einigermaßen von ſeinem Schrecken erholt, doch rannen ihm noch beſtändig große Thränen der Angſt über die Wangen und der alte Mann war ſo erſchüttert, daß er kein Wort hervorbringen konnte. Auf den Rath des Arztes wurde Anna mit größter Vorſicht in das daranſtoßende Cabinet zu Bette gebracht, N 159 Herr Cyprian ſtand ſprachlos da und ſtarrte auf das weiße Tuch mit den Blutflecken, wie wenn er noch im⸗ mer nicht wüßte, was ſich eigentlich Schreckliches bege⸗ ben, jetzt fuhr er dumpfſtöhnend mit der Hand über die Stirne und zugleich fiel ſein Blick auf den jungen un⸗ bekannten Mann, heftete ſich mit einem ungewiſſen Aus⸗ druck auf denſelben, bis er endlich mit ſchwerer Zunge die Frage hervorſtammeln konnte: Was ſteht zu Befehl, mein Herr? Eine unglückliche Stunde führt mich in das Haus S des verehrten Onkels meiner Braut, ſagte Ludwig, der ſelber kaum noch ſeine Faſſung wiedergewonnen hatte, mit einer Verbeugung. Mein Name iſt Moſer.. Bei dem Klang dieſes Namens prallte Herr Cyprian zum Erſtaunen des jungen Mannes drei Schritte zurück, erhob wie zur Abwehr beide Arme gegen den Fremden und rief mit einem Blick voll Abſcheus und Ent⸗ rüſtung: Wie?— Sie wagen mit Ihrer frechen Lüge ſelbſt bis in mein unglückliches Haus zu dringen? Auf der Stelle entfernen Sie ſich, mein Herr, ich kenne Ihren wahren Stand und Namen, Sie ſind ein Elender— meines Alters Jammer komme über Sie! Sprach Herr Cyprian Franke dieſes im Irrſinn, oder redete er mit Vorbedacht und Ueberlegung ſo?— Lud⸗ wig ſtand wie vom Donner gerührt, ſah ihn groß an — und konnte erſt nach einer Pauſe mit feſter Stimme wiederholen: Mein Name iſt Ludwig Moſer, meine Braut Ihre Nichte Eliſabeth Franke— einer Lüge bin ich mir ebenſo wenig bewußt, als einer ſonſtigen Handlung, die Sie, mein Herr, berechtigen könnte... Ihr Name iſt Hohenbaum— Sie ſind Opernſänger — haben das Herz meines unglücklichen Kindes bethört — o! ich kenne das ganze abſcheuliche Complot.. ſchrie Herr Cyprian und zitterte dergeſtalt vor Wuth und Aufregung, daß ihm die Stimme faſt den Dienſt verſagte.— Leugnen Sie, daß Anna Sie häufig Abends in Ihrer Wohnung beſucht hat? Jetzt fiel es plötzlich wie Schuppen von Ludwig's Augen und er ahnte nicht blos das ganze Mißverſtänd⸗ niß, welches hier waltete, ſondern wußte auch, was Anna in dieſen bejammernswerthen Zuſtand verſetzt hatte.— Er begriff, daß hier noch ein anderes Schickſal auf dem Spiel ſtünde, als das ſeines Empfangs im Hauſe der neuen Anverwandten, und ſagte daher ſchnell entſchloſſen: Der Sänger Hohenbaum verweilt gegenwärtig in Wien, ſein Portrait hängt noch bis auf den heutigen Tag in den Kunſtläden, auch war er während ſeines hieſigen Aufenthalts in vielen der erſten und angeſehen⸗ ſten Familien dieſer Stadt eingeführt, wo man ihn perſönlich hochſchätzte— wohlan, mein Herr— dieſes 16 Mißverſtändniß wird ſich leicht aufklären— und außer⸗ dem ſtelle ich durchaus nicht in Abrede, daß Anna mich allerdings mehrmals beſucht hat— weil Sie doch wohl zugeben werden, daß meine Braut nach den allgemeinen Anſichten der Welt ſchicklicherweiſe nicht ohne Beglei⸗ tung in meiner Wohnung erſcheinen konnte, während mein Schwiegervater aus einer unbegreiflichen Caprice ſein Haus verſchloſſen hielt. Nach dieſen Worten machte er eine kurze ſteife Ver⸗ beugung und ergriff ſeinen Hut, um ſich zu entfernen; auf den alten Herrn aber bewirkte dieſe ruhige Antwort und die würdige Haltung des Unbekannten faſt das Nämliche, als wenn ihn Jemand mit Gewalt aus einem von Alpdrücken begleiteten ſchweren Angſttraum aufrüttele und ihm wieder das Bewußtſein zurückkehre. Denn in der erſten heftigen Betäubung hatte er Alles, was ihm Frau und Sohn von Anna's beiſpielloſem Verrath mittheilten, für wahr und erwieſen angenommen; das Unglaubliche wirkte auf ſein erſchüttertes Gemüth wie die entſetzens⸗ volle Wahrheit; und als gleich nachher die Schreckens⸗ kunde ihres plötzlichen Todes ſein Ohr traf, verlor er völlig jedes klare Bewußtſein.— Zetzt aber, nach Lud⸗ wig's feſter und durchaus glaubhafter Erklärung wich plötzlich die furchtbare Betäubung von ihm, er ſchnappte mehrmals nach Luft und griff dabei mechaniſch mit bei⸗ den Händen wie nach einem unſichtbaren Gegenſtand D. Müller, der Kloſterhof. MI. 11 umher,— noch einen Moment des Zweifels und der Be⸗ ſtürzung über die unerhörte entſetzliche Täuſchung, und er begriff Alles— Alles— ſeine noch eben kraftloſe und gebeugte Geſtalt richtete ſich hoch auf, ſeine Augen 5 leuchteten geiſterhaft und mit einer Stimme, Die wie Prophetenton klang, rief er drohend: Holla! Was geht in meinem Hauſe vor?— Wo iſt meine Frau? Wo mein Sohn 2— Bei dem dreieinigen Gott beſchwör' ich Sie, Herr Moſer, ſagen Sie mir die Wahrheit: Sind Sie wirklich kein Anderer, als der Bräutigam meiner lieben Nichte Eliſabeth Franke? Allerdings noch ein Anderer, entgegnete Ludwig nach dem Grundſatz: Biegen oder brechen;— nämlich der Freund Ihres Neffen Conſtantin Volkhauſen. Ha! So kommen Sie— kommen Sie im Augen⸗ blick mit herauf! rief Herr Cyprian in fieberhafter Auf⸗ regung und ergriff ſeine Hand.— Wiederholen Sie dies in Gegenwart meiner Frau und meines Sohnes, und verzeihen Sie einem alten Manne dieſes ſchreckliche Mißverſtändniß!— Es muß ſich ja Alles aufklären— ach, meine Anna— meine arme unſchuldige Anna! Wer hat Dir und mir dieſes Herzeleid bereitet? Auf Ludwig's Zunge ſchwebte das verhängnißvolle Wort, das Alles erklärt hätte; aber der Anblick des würdigen gebeugten Greiſen flößte ihm ein ſo tiefes *. — 168 Mitleid ein, daß er es nicht über ſich gewinnen konnte, das Unglück dieſer Stunde durch die Entdeckung von Corneli's vertrautem heimlichen Umgang mit dem ver⸗ rufenen Eckers zu vollenden.— Sie waren eben im Begriff, Anna's Stube zu verlaſſen und nach den Zim⸗ mern von Madame Franke hinaufzugehen, als die An⸗ kunft des Hausarztes, den man erſt ſpäter in der Stadt aufgefunden hatte, Herrn Cyprian's Plan änderte und ihn bewog, die Sache für's Erſte nicht weiter zu ver⸗ folgen. Daß ſeine Frau nicht erſchien, um Anna bei⸗ zuſtehen, klärte ihn ja ohnedies hinlänglich darüber auf, wer an dem ganzen unglücklichen Vorfall ſchuld ſei.— Anna hatte ſich unterdeſſen wieder ſoweit erholt, daß auch der bewährte Hausarzt ſie außer Gefahr erklärte; er machte die nöthigen Verordnungen, empfahl gleich ſeinem Collegen die äußerſte Schonung der Kranken und beſtand vor Allem darauf, daß nur eine einzige ver⸗ traute Perſon in den nächſten Tagen um ſie ſein und allein ihre Pflege übernehmen ſolle.— Herr Chprian, in dem die Angſt um ſein geliebtes Kind jeden andern Ge⸗ danken zurückdrängte, blickte unentſchloſſen auf Ludwig; dieſer verſtand ihn ſogleich und nannte Eliſabeth, indem er ſich erbot, nach dem Kloſterhof zu eilen und ſie zur Pflege ihrer liebſten Freundin herbeizuholen. Da gieng der alte Herr mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu, drückte ihn an ſeine Bruſt und ſagte, während der Arzt 1% — 164— noch einmal nach dem Bette der Kranken zurückkehrte, mit halblauter Stimme zu ihm: Das iſt ſchön von Ihnen, daß Sie der Freundſchaft ihr Recht gönnen wollen neben der Liebe. Damit Sie aber doch nicht ganz während dieſer Zeit Ihre Eliſabeth ent⸗ behren, ſo kommen Sie täglich zu mir, ich werde Sorge dafür tragen, daß Sie dann mit Ihrer lieben Braut ein Stündlein ungeſtört plaudern können. Mit dieſer Verſicherung entließ er den neuen Neffen, deſſen perſönliche Bekanntſchaft er unter ſo verhängniß⸗ vollen Umſtänden hatte machen ſollen; Ludwig aber mußte erſt durch mehrere Straßen wandern, um ſich wieder von dem Eindruck zu erholen, den das Haus der reichen frommen Verwandten mit ſeiner ſchwülen, Herz und Athem beklemmenden Luft, und die eben erlebte er⸗ ſchütternde Scene auf ihn gemacht hatte. Er athmete erſt wieder frei auf, als er die in der Winterſonne blinkenden Fenſter des friedlichen Kloſterhofs erblickte. Schon prangten die blühenden Topfgewächſe dahinter, die er heute Morgen bei einem Kunſtgärtner für Eliſabeth ausgeſucht hatte, und ſie ſelber ſtand da⸗ bei und betrachtete ſinnend die Frühlingsgabe der Liebe mitten im ſtarren Winter.— Jetzt ward ſie ſeiner auf der Straße anſichtig, flog ihm die Treppe hinunter ent⸗ gegen und hieng glühend an ſeinem Halſe; aber ſchon im nächſten Moment las ſie in ſeinen Zügen die ſchmerz⸗ 165 liche Bewegung ſeines Innern und Ludwig theilte ihr als⸗ bald ſo ſchonend als möglich den Unfall mit, der ihrer lieb⸗ ſten Freundin zugeſtoßen war. Einen Augenblick ſtand ſie ſprachlos vor ihm; dann warf ſie ſich an ſeine Bruſt und ſagte weinend: Das war alſo ſchuld an der Bangigkeit, die mich ſchon den ganzen Morgen über verfolgt hat!— Nicht die Schwere meines Glückes, wie ich meinte, machte mich ſo beklommen, ſondern eine Ahnung ſagte mir, daß ſo viel Seligkeit nicht lange ohne den Neid der Himmliſchen beſtehen könne.— Ach, meine arme Anna! Da haben ſie Dich gewiß wieder einmal auf's Grau⸗ ſamſte mißhandelt und zu ſpät erkannte Onkel Cyprian die Bosheit und Schlechtigkeit derer, die ihn Alles glau⸗ ben machen können! Sie war ſogleich bereit, zur Freundin zu eilen und deren Pflege bis zur völligen Wiederherſtellung allein zu übernehmen.— Ludwig aber ſollte ſich auf Eliſabeth's Rath, woran er ſelber noch nicht einmal gedacht hatte, zu Conſtantin begeben, um dieſen von Allem zu unter⸗ richten, damit er nicht durch andere Perſonen in einer noch vielleicht dazu entſtellten Weiſe von dem Ereigniß im Hauſe des Oheims Kunde bekäme. Eben war er im Begriffe wegzugehen, als die jüngſte Schwägerin herei kam und die Nachricht brachte, es ſei ein Herr unten der ſich für einen Freund und Landsmaun Ludwig's ausgebe und vom Vater ſogleich in Beſchlag genommen worden ſei. Wenn's nur kein zweites Unglück iſt! rief Eliſabeth, als ſchon im nämlichen Augenblick die Thüre gesffnet wurde und von Herrn Felix am Arme geführt, der Un⸗ bekannte hereintrat. Stellt Euch vor, Kinder, dieſer Herr reiſte über— Kaſſel! ſagte der Alte mit der Miene des höchſten Stau⸗ nens auf den Fremden deutend, und mit dem Freuderuf: Theobald! ſtürzte Ludwig in des Freundes Arme.— Ja, er war es, der biedere Oberamtmann von Schwa⸗ benheim, den die Sorge um den geliebten Freund nicht länger zu Hauſe geduldet, der im ſtrengen Winter einen vierzehntägigen Urlanb genommen hatte und hierher ge⸗ eilt war, um ſich die neue romantiſche Verwicklung, in die Jener hineingerathen, perſönlich zu betrachten; denn bei ſeinem ruhigen klaren Verſtande und ſeiner ſicher geordneten Anſicht vom Leben war es ihm unmöglich geweſen, ſich dieſen merkwürdigen Umſchlag in Ludwig's Stimmung und die plötzliche Aenderung ſeiner Lebens⸗ pläne, Wünſche und Hoffnungen aus den ſeitherigen Er⸗ fahrungen von ihm zu erklären; ebenſowenig, als er aus des Freundes jüngſten Briefen und Andeutungen n klaren Einblick in deſſen gegenwärtige äußere Si⸗ ion zu gewinnen vermochte; ſo daß ſich ihm zuletzt 167 Entſchließung gehöre noch immer nicht zu den Unmög⸗ lichkeiten in Ludwig's Leben und nur ein raſches ener⸗ giſches Dazwiſchentreten von ſeiner Seite könne einen zweiten, vielleicht noch verhängnißvolleren Schritt des Freundes verhüten. So kam er deni mit der beinahe feſten Ueberzeugung an, dieſen in neuer chaotiſcher Verwirrung zu fin⸗ den, in Verlegenheiten und Gefahren, wozu eben ein ganzer, mit entſchieden organiſatoriſchem Talent ausge⸗ rüſteter, entſchloſſener Juſtiz- und Verwaltungsbeamter gehöre, um ihm wieder Luft zu verſchaffen; außerdem wollte er noch einmal allen moraliſchen Einfluß aufbie⸗ ten, um den vom Vaterland losgeriſſenen Freund zu ſeinen Penaten zurückzuführen, in Ludr wig's Leben Ord⸗ nung zu ſchaffen und ſeinen Geiſt auf erreichbare prak⸗ tiſche Ziele, auf ein beſonnenes maßvolles Handeln hin⸗ zulenken.— Zu Letzterem hatte ihm ſchon des Freundes jüngſter Brief begründete Hoffnung auf Erfolg gegeben; und wenn Theobald dennoch ein Bedenken hatte, ſo war allein der n ch daran ſchuld, der für ihn in der Betrachtung lag, daß Ludwig dieſe vernünftigen Vorſätze grade in einer faßte, die allem Anſcheine nach eher zu neuen Illuſionen, als zu wirklichen ernſtgemeinten Ausführungen geeignet war. Jedenfalls aber mußte der ältere, erfahrene Freund die Verhältniſſe ſelber an Ort und Stelle ſehen und prüfen und ſich ſeine Mei⸗ nung aus eigner Anſchauung bilden; und deßhalb war er gekommen, auf dem kürzeſten Weg über Kaſſel, was den alten Herrn im Kloſterhof wie billig noch mehr in Erſtaunen ſetzte, als alles Andere ſonſt, worüber ihm der wackere Oberamtmann auf ſeine Fragen offenen Be⸗ ſcheid gab. Dieſer war durch Blaſius, den er allein in der Wohnung des Freundes antraf, nach einer ſtürmiſchen Bewillkommnungsſcene vom Stand der Dinge unterrich⸗ tet worden; und ſchon die Nachrichten, die er hier über Eliſabeth und deren Familie empfieng, lauteten ſo gün⸗ ſtig, daß er ſich kurzer Hand entſchloß, Ludwig's Rück⸗ kehr nach Hauſe nicht abzuwarten, ſondern ſich auf eigne Verantwortlichkeit nach dem Kloſterhof zu begeben und auf dem Weg des ſummariſchen Verfahrens ſofort eine Ocular⸗Inſpection anzuſtellen. Daß dieſe nicht blos zu Gunſten des Freundes, ſon⸗ dern auch der vermeinten Gegenpartie ausfiel, bedarf bei einem zwar ſtrengen aber unparteiiſchen Richter keiner näheren Ausführung.— Theobald war ſogleich von Allem, was er im Kloſterhof ſah und hörte, in einer Weiſe befriedigt, daß er aus ſeiner Freude darüber kein Hehl machte und nach ihrem Weggehen Ludwig ernſthaft verſicherte, mit einem ſolchen Mädchen wie dieſe Eliſabeth würde er ihn ſelbſt nach Texas unbeſorgt habe auswandern ſehen. Er machte ihm dann Vorwürfe über die diplomatiſche Zurückhaltung in ſeinem letzten Briefe, ſowie über die oberflächliche Schilderung der hier vor Allem in Frage kommenden Perſonen und Verhält⸗ niſſe. Beſonders die dunklen Stellen und Andeutungen über Deinen künftigen Schwiegervater ängſtigten mich nicht wenig, ſagte er; am meiſten aber gab mir der Umſtand zu denken, daß Du Deinen Legitimationseifer bis auf Deine Großeltern ausdehnteſt und beſonders dieſes große Gewicht auf ihre reſpectiven Trauſcheine legteſt.— Denn wo in aller Welt, außer höchſtens noch hier und da bei ſtrenggläubigen Judenfamilien, verlangt man vom Bräutigam dergleichen vorſündfluthliche Ge⸗ ſchlechtsregiſter! Ueber das Alles ſollſt Du Aufklärung erhalten, ſo⸗ bald ich Conſtantin. beruhigt habe, erwiederte Ludwig.— Ja, gewiß, unſer aller guter Stern führt Dich zur rech⸗ ten Stunde in unſere Mitte und ich erlebe es wieder einmal, daß die Freundſchaft ein Ahnungsvermögen be⸗ ſitzt, wie kein anderes Gefühl der Seele!— Du biſt der Mann, den wir jetzt Alle brauchen, und Die zumeiſt, die im Taumel ihres Glückes daran erinnert werden, daß es noch Schmerz und Schickſal in der Welt gibt, welche auf ihre lebendige Theilnahme und Hülfe zählen. Sagte doch auch Eliſabeth, daß ſie nun erſt ihrer ar⸗ men Freundin ganz und ungetheilt angehören könne, nachdem ſie mich in Deinen Händen wiſſe; und ich ſel⸗ ber fühle, wie ich Conſtantin jetzt ungleich mehr ſein kann, da ich Dich mit Deiner Ruhe und Beſonnenheit in der Nähe habe. Dieſe Hoffnung, welche Ludwig an die Anweſenheit des Freundes knüpfte, rechtfertigte ſich alsbald bei Con⸗ ſtantin, auf den die einfache Erſcheinung des allem er⸗ künſtelten Weſen abholden Mannes mit dem grundehr⸗ lichen und trotz einer gewiſſen bureaukratiſchen Trocken⸗ heit, doch ſo menſchenfrenndlichen Charakter den wohl⸗ thätigſten Einfluß übte.— Was in der letzten Zeit allen ſeinen Freunden unmöglich geweſen war, das gelang dem Oberamtmann ohne irgend eine auffällige Bemü⸗ hung: der wilde Tumult in Conſtantin legte ſich, ſeine trankhafte Reizbarkeit, die bei der unſchuldigſten Veran⸗ laſſung in die heftigſte Leidenſchaft ausartete, verließ ihn, und die fieberhafte Unruhe ſeines Blutes, die einen unbefangenen Verkehr mit ihm neuerdings faſt unmög⸗ lich gemacht hatte, verlor ſich aus ſeinem Weſen, das wieder den wohlwollenden Geſinnungen ſeiner Freunde zugänglich wurde. Der glückliche Umſtand, daß Anna ſich raſch von ihrem Unfall erholte und ſchon am Nachmittag des Un⸗ glückstags von Eliſabeth vollkommen beruhigende Nach⸗ richten über das Befinden der theueren Kranken an⸗ * langten, nahm Conſtantin eine Centnerlaſt vom Herzen und trug nicht wenig dazu bei, ſein Gemüth dem Ein⸗ druck von Theobald's edler gewinnender Perſönlichkeit zu öffnen, deſſen biederer Sinn und warmes Mitgefühl aus jedem ſeiner Worte ſprach, womit er ihn zu trö⸗ ſten und aufzurichten ſuchte.— Beide ſonſt ſo verſchie⸗ dene Naturen, die ſich vielleicht unter andern Einflüſſen und Stimmungen feindlich von einander abgeſtoßen ge⸗ fühlt hätten, faßten ſchon am erſten Abend ihrer Be⸗ kanntſchaft eine herzliche Zuneigung zu einander; denn eben die Gegenſätze in ihrer Lebensanſchauung übten eine mächtige Anziehungskraft auf ſie aus, und jeder von ihnen ſagte ſich im Stillen, daß er hier ſeinen Mann gefunden, der den vollkommenen Revers zu ſeinem eig⸗ nen Gepräge bilde: der Eine ebenſo ercentriſch und lei⸗ denſchaftlich, als der Andere beſonnen und maßvoll; der Eine in beſtändigem und doch erfolgloſem Kampf mit dem Leben, der Andere das Muſter eines vorſichti⸗ gen und ſicher berechnenden Verſtandes— kurz, zwei Charaktere von ſo entgegengeſetzter Richtung, daß nur das Ungleichartige ihres Weſens ſie einander nähern und ein gegenſeitiges tieferes Verſtändniß vermitteln konnte.— Blos die unbeugſame Willenskraft war Beiden gemeinſam; mit dem einzigen Unterſchied, daß ſie bei dem Einen in einem unerſchütterlichen Rechtsgefühl wur⸗ zelte, beim Andern dagegen faſt wie eine dämoniſche Macht erſchien, die Alles negirte und ſelbſt die Axt an den Stamm des eignen Glückes legte. Es war aber auch in der That hohe Zeit, daß Con⸗ ſtantin einen ſolchen Freund fand, deſſen ganzes Weſen zum Vertrauen aufforderte, auch wenn derſelbe nicht, wie dies bei Theobald der Fall war, ſo unbefangen in den Kreis ſeines Lebens eingetreten wäre, gerade in dem Zeitpunkt, wo er ſich unglücklicher fühlte als je zuvor, ſein Herz vereinſamt, ſeine Seele von Reue und Hypo⸗ chondrien gemartert war, und zu allen dieſen Sorgen um ſeine bedrohte Ehre, zu allem Leid um den Verluſt der theuern Jugendfreundin nun noch der geliebten Schweſter plötzliche Krankheit hinzukam, die, was ihm gleich ſein ahnender Sinn weiſſagte, allein nur die Folge der bejammernswerthen Lage war, in die ſich das arme Mädchen mit ſeiner hoffnungsloſen ſchwärmeriſchen Liebe, den harten und einſeitigen Verwandten gegenüber, ver⸗ ſetzt ſah. Zehntes Kapitel. Während Conſtantin im Umgang mit Theobald neuen Lebensmuth gewann und ſich von dem gediegenen grad⸗ ſinnigen Weſen deſſelben wie von einem friſchen Geiſtes⸗ hauch angeweht fühlte, machte ſein merkwürdiges Buch in allen gelehrten Kreiſen das größte Aufſehen und wurde von einzelnen competenten Leuten für ein Phänomen in der Literatur erklärt. Die erſten kritiſchen Organe be⸗ eilten ſich, vorläufig auf dieſe ſeltene moderne Inkunabel hinzuweiſen; berühmte Fachmänner bezeigten brieflich dem bis dahin unbekannten Herausgeber und gelehrten Commentator ihre Hochachtung und baten um nähere Nachricht über die Entdeckungsgeſchichte dieſer Jahrhun⸗ dertelang verborgen gebliebenen Handſchrift; Conſtantin bekam dadurch allmälig ſeine alte Zuverſicht wieder; der Erfolg ſeiner jahrelangen Mühen und Arbeiten ſchien ja geſichert, befeſtigte ſich von Tag zu Tag mehr; die beiſpielloſe Verwegenheit verlor ihren ängſtlichen Cha⸗ rakter für ihn; nur wenn ihn ein Freund auf eine neue Zeitſchrift aufmerkſam machte, in der wieder ſeines Buches Erwähnung geſchehen, kehrte die alte Angſt zu⸗ rück und es ließ ihm keine Ruhe, bis er den betreffen⸗ den Artikel geleſen und ſich von der abermaligen Grund⸗ loſigkeit ſeiner Furcht überzeugt hatte. Daß dieſe glänzenden Erfolge ſeines erſten literari⸗ ſchen Debüts das vaterſtädtiſche Publikum ſehr zu ſei⸗ nen Gunſten ſtimmten, iſt erklärlich; ſeine Freunde waren ſtolz auf ihn, ſeine Feinde verſtummten.— Man ent⸗ ſchuldigte mit einmal die Fehler und Verirrungen ſeiner Jugend, fand es ganz in der Ordnung, daß ein ſo ge⸗ nialer fähiger Kopf ſich nicht unter die Muckerkappe hatte ſtecken laſſen, und gönnte dem kurzſichtigen Onkel, den hartherzigen Verwandten dieſe Demüthigung; Reich⸗ thum und Prahlſucht haben aller Orten mehr erbitterte Feinde als Armuth und Beſcheidenheit; und wie arm, wie beſcheiden war nicht Conſtantin's ganze Exiſtenz bis dahin geweſen, wie kümmerlich hatte er ſich nicht durch⸗ geſchlagen, wie ruhig und ſiegesgewiß verachtete er nicht jahrelang die falſchen und ganz ſicherlich übertriebenen Nachreden, die man über ihn ausſtreute; aber dafür konnte er nun auch überzeugt ſein, daß viele, ſehr viele Perſonen ihm ſchon längſt im Stillen Großes zugetraut, — —— Großes von ſeinem Geiſte, ſeinen Kenntniſſen erwartet hatten! Nur ein Einziger von allen Freunden des Gelehrten machte bald die ſonderbare Entdeckung, daß ihn ſchon die bloße Erwähnung ſeines Buches in eine Unſicherheit und Befangenheit verſetzte, die dem Autor eines vielge⸗ rühmten Werkes ſonſt nicht eigen zu ſein pflegt.— Die⸗ ſer Freund war allerdings auch der einzige in dem Kreiſe von Conſtantin's Bekannten, deſſen Amt und Be⸗ ruf es war, durch den äußeren Menſchen hindurch und ſeine Masken und Verſtellungen bis in der Seele ge⸗ heimſte Falten zu ſpähen und am unbewachten Zucken eines Mundwinkels, am flüchtigen Wechſel der Geſichts⸗ farbe die unter der Decke ſpielenden Affecte und Ge⸗ müthsbewegungen zu errathen, jeden Zug der unwillkühr⸗ lichen Beſtürzung, jeden flüchtig ſcheuen Blick in ſeinem Gedächtniß anzumerken und aus dieſen hundert kleinen, ganz unſcheinbaren Beobachtungen zuletzt einen Geſammt⸗ ſchluß zu ziehen auf den verborgenen Gedanken, der vielleicht gar das Tageslicht ſcheut und das Urtheil der Menſchen. Keinem Andern, als dem Oberamtmann fiel dieſes räthſelhafte Weſen an Conſtantin auf; jedesmal, wenn auf die„Briefe des Pythagoras“ die Rede kam, be⸗ merkte er, wie dieſer dem Geſpräch ſchnell eine andere Wendung zu geben und die Aufmerkſamkeit der Freunde von dieſem Thema wieder abzulenken ſuchte; oder er verſank auch wohl in ein ſtummes Hinbrüten, erſchien zerſtreut, nahm keinen Theil an der Unterhaltung und lauſchte doch auffallender Weiſe mit geheimer Begierde auf jedes Wort, das über ſein Buch geſprochen wurde. Selbſt einzelne Widerſprüche in ſeinen Angaben über die Art und Weiſe, wie er in den Beſitz der ſeltenen Handſchrift gekommen war, entgiengen dem ſcharfſichtigen Beobachter und Menſchenkenner nicht; und wenn er ſich auch die eigentliche Urſache dieſer ſonderbaren Eigen⸗ heiten an dem neuen Freunde nicht zu erklären ver⸗ mochte und am wenigſten ein Mißtrauen gegen ihn faßte, ſo war er doch bald mit ſich darüber einig, daß Conſtantin an einem inneren Zwieſpalt leide, der aus einem nicht näher zu erforſchenden Grund mit ſeinem vielbeſprochenen gelehrten Werke in unmittelbarem Zu⸗ ſammenhang ſtehen müſſe.— Er verſchloß jedoch dieſe Beobachtung ſorgfältig in ſeiner Bruſt, erwähnte ſeiner⸗ ſeits des Buches mit keiner Sylbe und hegte bald das ſichere Gefühl, daß Conſtantin ihm eben deshalb ſein Vertrauen ſchenke. Bald kannte er deſſen ganze Ver⸗ gangenheit in guten und böſen Tagen, alle Kämpfe und Verirrungen ſeiner Jugend, ſowie die näheren Ver⸗ hältniſſe ſeiner Familie.— Es ſchien ihm ein wahres Bedürfniß zu ſein, Theobald Alles mitzutheilen, was er vielleicht nie einer andern Menſchenſeele anvertraut hätte; ſelbſt die ſchmerzliche Reſignation, die ihn Lud⸗ wig's Liebe koſtete, ließ er den Freund deutlich genug ahnen, nur über ſeinen berühmten Coden Pythagoreus ſprach er niemals ein Wort mit ihm. Erſt in den letzten Tagen von Theobald's Aufenthalt, deſſen Urlaubszeit zu Ende ging, zeigte Volkhauſen eine auffallende Beklommenheit und hatte oft ganz das We⸗ ſen eines Mannes, dem eine ſchwere Sorge auf dem Herzen liegt, die er gerne durch offene Mittheilung von ſich abwälzen möchte, wozu ihm aber entweder der Muth oder die Kraft gebricht.— Man ſah es ihm an, daß er mit einem Entſchluß kämpfte; und ſeine Spannung, ſeine innere Unentſchiedenheit drückte ſich oft in ſeinem ganzen Benehmen aus. Er wollte immer mit Theobald allein ſein, ſelbſt Ludwig's Anweſenheit verſtimmte ihn; dann klagte er wieder, daß er keinen einzigen Freund beſitze, dem er ſich offen und ohne von ihm in ſeinen ſubjectiven Gefühlen mißverſtanden zu werden, mitthei⸗ len könne; denn alle Menſchen ſeien von dem Augenblick an Egoiſten, wo ſie ſich mit liebevollem Verſtändniß in die Gemüthszuſtände eines Freundes hineinfinden ſoll⸗ ten, und was dergleichen räthſelhafte, oft recht bittere Aeußerungen mehr waren.— Endlich, am Vorabend von Theobald's Abreiſe, ſchien er mit ſich in's Reine gekommen zu ſein; denn er ſagte ſchon Mittags nach Tiſche in Gegenwart Ludwig's ganz wie zufällig zum Oberamtmann, daß er ihn noch in einer Sache von d. Müller, der Kloſterhof. III. 12 — 178— großer Wichtigkeit zu ſprechen wünſche und ſich ſeinen juriſtiſchen Rath darin erbitten wolle. Dann brachte er die Unterhaltung ſchnell auf einen anderen Gegen⸗ ſtand, ſcherzte über Dies und Jenes, und war auch den ganzen Nachmittag über ungewöhnlich heiter geſtimmt. Den Abend verlebte man im Kloſterhof, wohin auch Eliſabeth, da dies der Freundin Zuſtand jetzt ſchon er⸗ laubte, für einige Stunden gekommen war.— Alle waren heiter und guter Dinge, man machte Pläne für die Zu⸗ kunft, beſprach die künftige Einrichtung in Ludwig's Vaterhaus und ſuchte ſich den traurigen Eindruck des Abſchieds ſo lang als möglich ferne zu halten. Endlich war es Zeit zum Aufbruch, den Conſtantin durch häu⸗ fige Zeichen von Ungeduld zu beſchleunigen ſuchte. Der Oberamtmann verabſchiedete ſich von Allen auf's Herz⸗ lichſte, ergriff dann Eliſabeth's beide Hände und ſagte ſo heiter, als es ihm ſeine innere Bewegung erlaubte: So hat alſo der alte liebe Gott ſeine Sache wieder einmal gut gemacht! Im Frühjahr, wenn die Droſſeln in unſeren Buchwäldern ſchlagen, pflücke ich Ihnen den erſten Veilchenſtrauß in meinem Garten. Bis dahin ſoll die Farm am ſchönen Neckar zu Ihrem Empfang in Stand geſetzt ſein, verſteht ſich, ganz im Geſchmack der Cooper'ſchen Anſiedler an Susquehanna. Machen Sie ſich überhaupt nur darauf gefaßt, daß Sie lauter urſprüngliche Zuſtände bei uns vorfinden werden; unſere . Bauern zum Exempel ſind, wenn man ihnen das Chri⸗ ſtenthum nachſieht, kaum von den Mohicans zu unter⸗ ſcheiden und übertreffen die Rothhäute ſogar noch in ihrer Liebe zum„Feuerwaſſer.“ Auch an Wilddieben fehlt es nicht in unſern großen Wäldern, mit denen Lud⸗ wig nach Herzensluſt anbinden kann; und Spione, wenn auch freilich nur in politicis, ſitzen ſeit dem Jahre achtund⸗ vierzig ungeheißen in allen Wirthshäuſern. Geht über kurz oder lang der Zollverein auseinander, ſo haben wir als Grenzbewohner auch wieder die Schmuggler⸗ Romantik mit ihrem Gefolge von nächtlichen Streif⸗ zügen, todtſchießeriſchen Douaniers und„Leiſefüßen,“ die gleich Schlangen lautlos mit ihrer Contrebande durch die Büſche ſchlüpfen.— Alſo bleibt's dabei, im Früh⸗ jahr holen Sie ſich bei mir den erſten Veilchenſtrauß! So ſchied der wackere„Geſtrenge,“ welchen Ehren⸗ namen ihm Lucinde beigelegt hatte, auf baldiges frohes Wiederſehen aus dem liebgewordenen Kreiſe der neuen Freunde, von den Mädchen mit anmuthigen Geſchenken für Frau und Kinder reichlich bedacht. Während Lud⸗ wig Eliſabeth nach dem Hauſe des Oheims begleitete, führte Volkhauſen den Freund meiſt ſchweigend nach ſeiner Wohnung, wobei er unterwegs einigemal tief auf⸗ ſeufzte und dann wieder durch einzelne dunkle Andeu⸗ tungen den Oberamtmann auf dasjenige vorzubereiten ſuchte, was er ihm zu ſagen ſich entſchloſſen hatte.— „ 12 — 180— Wie ganz anders, aller ſchönen und geweihten Em⸗ pfindungen voll, war dagegen die Unterhaltung der bei⸗ den Liebenden an dieſem Abende auf dem Wege nach dem reichen und doch plötzlich ſo unglücklichen Hauſe On⸗ kel Cyprian's!— Der Abſchied von dem trefflichen Freund des Geliebten hatte Eliſabeth, deren Gemüth ohnedies durch die Ereigniſſe der jüngſten Zeit mächtig genug bewegt worden war, in eine tiefwehmüthige Stimmung verſetzt, wozu der naheliegende Gedanke, unter welchen ſo ganz von den jetzigen verſchiedenen Umſtänden ſie den Freund im nächſten Frühjahr wiederſehen ſollte, einen reizenden Contraſt voll ſeliger Ahnungen bildete, ſo daß ſein letztes gemüthliches Wort von den erſten Veilchen am ſchönen Neckarſtrome noch lange in ihrem Herzen nachhallte und ihr den ganzen Liebesfrühling ihres Glückes vor die Seele zauberte. Als Ludwig ſie mit ihrem feierlichen Schweigen neckte und ſcherzend fragte, ob der Abſchied von Theobald ſie ſo nachdenklich mache, zog ſie ſeine Hand in den war⸗ men Muff, drückte ſie zärtlich und ſagte mit einem tiefen Athemzug: Ach, ich will Dir's nur bekennen, blonder Mann, Euer Geſpräch vorhin von den Möbeln und Tapeten, die Theobald einſtweilen für unſere Wohnung ausſuchen ſoll, hat mich ganz tragiſch geſtimmt. Denn nun wird's wirklich Ernſt mit unſerm Glücke, und das hat mich im tiefſten Herzen erſchreckt, ganz wie beim alten Eulen⸗ ſpiegel: der ſchöne Pfad bergab in's liebliche Thal macht mich beklommen, und oft bangt mir vor meinem unend⸗ lichen Glück wie vor einem dunklen Räthſel!— Beſonders wenn ich Nachts ſo mutterſeelenallein am Bette der ſchlafenden Anna ſitze, ihrem leiſen Athem lauſche und ſie mir mit ihren marmorbleichen Zügen wie eine ſchlum⸗ mernde Spinx vorkommt, und nun plötzlich der ganze Himmel meiner Seligkeit mit Deinem rothwangigen Ge⸗ ſicht und Deinen treuen Augen mir in die Seele blickt — o Ludwig, das ſind Gegenſätze im Gemüth, die Einem ſchon zu ſchaffen machen können! Du greifſt Dich zu ſehr an, mein Herz, dieſe Nacht⸗ wachen, dieſe beſtändigen Sorgen ſchaden Deiner Ge⸗ ſundheit, ſagte er beſorgt. Glaub' das nur nicht, mein Lieber! verſicherte ſie ihn dagegen.— Nie fühlte ich mich wohler und friſcher als gerade jetzt; aber das wirſt Du mir zugeben, daß meine gegenwärtige Lage allerdings geeignet iſt, Einem die innerſten Gedanken über Menſchenſchickſal und Got⸗ tesfügung aus dem Schlafe zu erwecken.— Denk' nur mal nach, wie ſich das Alles plötzlich ſo wunderbar ge⸗ ſtaltet hat!— Wir, durch lange Jahre die Armen, die Be⸗ drängten und Verlaſſenen, ſitzen mit Einmal dem Glück ſo recht im Schvoße, der Vater iſt von allen ſeinen Sorgen befreit, meine Schweſtern ſind glücklich, ich ſelbſt — habe vor lauter Seligkeit kaum noch eine Erinnerung an die ſchwere ſchmerzliche Vergangenheit; und nun vergleiche einmal damit die jetzigen Zuſtände in Onkel Cyprian's Hauſe!— Hier, wo früher Alles von Segens⸗ fülle ſtrotzte, wo man das Gold in ſchweren Säcken zu⸗ ſammenpackte, wo man den ewigen und zeitlichen Frieden ſchon bedroht ſah, wenn ein Dienſtbote einen ſilbernen Löffel ſtahl— wie ſieht es nun in dieſem Hauſe aus! Wo ſind die friedfertigen Menſchen mit ihren liebreichen Reden hingekommen? Und die fromme Gottſeligkeit, der heilige Wandel?— Tödtliche Verſtimmung, furchtbare Verſtörung beherrſcht die Gemüther; der Sohn vermeidet den Blick des Vaters, der Gatte das Alleinſein mit der Gattin; ſelbſt die frommen Conventikelbrüder und alten Betſchweſtern wagen ſich nicht mehr herbei; an die Stelle des myſtiſchen Halbdunkels iſt plötzlich eine furcht⸗ bare Klarheit getreten, man erkennt ſich gegenſeitig, die füßliche Herzlichkeit, die blöde Duldung hat aufgehört; kurz, ich ſage Dir, Ludwig, es herrſcht ein grauenhafter Zuſtand, und der arme redliche Onkel iſt in dieſen letz⸗ ten Wochen ſichtbar um zehn Jahre gealtert! Nimm auch dieſe traurigen Eindrücke für eine Bürg⸗ ſchaft unſeres Glückes, ſagte Ludwig.— Schon im Alter⸗ thum war's ja ein ſchöner pvetiſcher Glaube der Menſchen, daß das wahre Glück das Walten dunkler Mächte brauche, um der Himmliſchen beſtändiger Gunſt gewiß zu ſein. — 183— Das ſchien auch beinahe Onkels Meinung zu als Du heute Vormittag nicht zur gewohnten Stunde zu mir kamſt, verſetzte ſie lächelnd.— Der Grund, daß Du den letzten Tag dem Freunde widmen wolleſt, mochte er ſchlechterdings nicht gelten laſſen. Denke Dir, nach langem Zögern fragte er mich zuletzt mit ſichtbarer Sorge, ob wir etwa Streit mit einander bekommen hätten? Als ich ihn hierüber beruhigt hatte, ging der merkwürdige Mann, den ſchon die kleinſte Abweichung von der gewohnten Regelmäßigkeit ängſtigt, weg, kehrte aber gleich nachher mit einer neuen Bibel in Pracht⸗ einband mit herrlichen Kupferſtichen zurück, die er mir zum Geſchenk machte, blos damit ich immer eine Stelle darin leſen möchte, wenn es jemals zwiſchen Dir und mir zu einem Mißverſtändniß kommen ſollte. Er zeigte mir dann die Stelle, und ich muß ſagen, daß mir dies⸗ mal ſein frommgläubiger Sinn in einer wahrhaft poeti⸗ ſchen Verklärung erſchienen iſt. Es waren nämlich die himmliſchen Worte des Apoſtels Paulus an die Corin⸗ ther:„Die Liebe iſt langmüthig und freundlich. Sie verträgt Alles, ſie glaubet Alles, ſie hoffet Alles, ſie duldet Alles.“— Ach, Ludwig, mein Geliebter, mehr Inhalt hat mein ganzes Herz nicht für Dich, als in dieſem einen Spruch enthalten iſt! Haſt Du denn auch wirklich damit genug, wenn ich allenfalls noch die zwei Sätze hinzugebe:„Sie hat Alles, ſie braucht Alles?“ ———— — 184— Mit ſtürmiſcher Innigkeit drückte er das holde We⸗ ſen an ſein Herz und rief entzückt: Zu Viel! Zu Viel! Aber einen Streit laſſen wir doch gelten— ſag's indeß beileibe dem Onkel nicht— wer nämlich das Andere am zärtlichſten liebt! Darüber ſtreit' ich erſt gar nicht mit Dir, erwiederte ſie lebhaft.— Denn das iſt lediglich Deine Sache und eben darum heißt's ja im Brief an die Corinther:„Sie duldet Alles!“ Mitternacht war ſchon nahe, Conſtantin hatte dem Oberamtmann ſein Bekenntniß vollſtändig abgelegt und ihm Nichts verſchwiegen, was auf die ſchwere Selbſt⸗ anklage des literariſchen Falſums irgend Bezug hatte. Alles hatte er ihm entdeckt, nicht blos die Hülfsmittel der Wiſſenſchaft und Gelehrſamkeit, die er zur Fälſchung angewendet, ſondern auch die techniſche Manipulation, deren er ſich bediente, um die alte Mönchshandſchrift, ſowie die Farbe der Tinte und des Papiers auf's Täu⸗ ſchendſte nachzuahmeh und auf die ſinnreichſte Weiſe nach vielen mißlungenen Verſuchen einen Coden char- taceus von ſo charakteriſtiſchen glaubwürdigen Merkmalen des Alterthums herzuſtellen, daß auch nicht der lei⸗ ſeſte Verdacht gegen deſſen Echtheit aufkommen konnte. Theobald wußte nicht, worüber er mehr ſtannen ſollte, ob über den Scharfſinn, oder über die unſägliche Mühe, über die Ausdauer und Geduld, die bei dem unzurei⸗ chenden Material vor keiner Schwierigkeit, ja vor keiner Unmöglichkeit zurückbebte, bis das vorgeſteckte Ziel er⸗ reicht war; worauf das koſtbare Werk Blatt für Blatt, wie es entſtanden, dem tollen Spiel des wilden Katers Baccalaureus überlaſſen wurde, welcher es bis zur halben Unkenntlichkeit der mit dem Kunſtfleiß eines Möuchs vom Berge Libanon gemalten und geſchnörkelten Schrift⸗ züge entſtellte, da des Katers Krallen und ſcharfes Ge⸗ biß den„Zahn der Zeit“ erſetzen mußten, was Conſtan⸗ tin das„Antikiſiren“ ſeiner Handſchrift nannte.— Eine lange Pauſe trat nach dieſen Geſtändniſſen ein, Theobald ging mit gleichmäßigen Schritten in der Stube auf und ab, Conſtantin ſaß, den Kopf in die Hand geſtützt, am Tiſche, vor ihm lagen die neunzehn vergilbten Blätter der nachgeahmten Handſchrift, die Zeugniſſe ſeines herrlichen Geiſtes und ſeiner unſeligen That.— Zuweilen nahm der Oberamtmann eins der merkwürdigen Blätter in die Hand, betrachtete es noch einmal, als könne er ſich noch immer nicht überzeugen, daß es wirklich nur ein Werk der Tänſchung ſei, zuletzt legte er ſie ſämmtlich genau nach der Seitenzahl zu⸗ ſammen, wog ſie prüfend auf der flachen Hand und ſagte, indem er Conſtantin mehr zerſtreut als forſchend anblickte, in trocknem Tone: „Falsum est: quidquid in veritate non est, Sed pro vero adseveratur,“ heißt's bei uns Juriſten, und dieſen 5 — 186— allgemeinen Rechtsgrundſatz auf den vorliegenden Fall angewendet: Fälſchung aus gewinnſüchtiger Abſicht, Stel⸗ lionat, das vorſätzliche wahrheitswidrige Benehmen im Verhältniß zu Andern, die dadurch in ihrem Vermögen oder ſonſtigen Rechten benachtheiligt werden.— Mann! Mann! Was haben wir da angeſtellt!— Wiſſen Sie auch, daß dieſe Handſchrift im allerentſchiedenſten Wider⸗ ſpruch zu jedem deutſchen Strafgeſetzbuch ſteht? Ich hege beinahe dieſelbe Vermuthung, ſagte Con⸗ ſtantin in dem nämlichen gelaſſenen Tone.— Geben Sie mir aber lieber einen praktiſchen Rath, wie ich mich im Falle einer Entdeckung zu benehmen habe; Sie wiſſen nun Alles, mein Unglück, meine Verirrung und als Folge von beiden meinen gegenwärtigen bedenklichen Con⸗ flict mit dem Geſetze. Sagen Sie mir um Gotteswil⸗ len, Theobald, wie über letzteren hinauszukommen iſt! Schwer, wenn ſich ein Ankläger findet, entgegnete der Oberamtmann achſelzuckend.— Als„ciens dolo malo“ muß die Fähigkeit zu einer vernünftigen Einſicht bei Ihnen angenommen werden; denn das an ſich aller⸗ dings vernunftwidrige Verbrechen ſteht im offenen Con⸗ traſt zu der ungemeinen Ueberlegung und geiſtigen An⸗ ſtrengung, womit daſſelbe ausgeführt wurde. Wohl würde ſich ein Richter kaum in der Lage ſehen, gegen eine blos auf die Täuſchung des Publikums und ge⸗ wiſſer gelehrter Corporationen berechnete Fälſchung der Art eine Strafe zu erkennen; aber ein anderer Fall iſt es mit dem Verleger, dem Sie dieſes gefälſchte Werk als ein echtes nraltes Manuſeript verkauft haben, mit dem wiſſentlichen Vorſatze, ihn nicht blos zu tänſchen, nicht blos den Ruf ſeiner Firma im Fall einer Ent⸗ deckung zu disereditiren, ſondern auch eine Summe Geldes von ihm zu bekommen, die er im Vertrauen auf die Echt⸗ heit der Handſchrift Ihnen ausbezahlt hat.— Sie haben mithin einen unerlaubten Vortheil bezweckt und erreicht; bei uns zu Lande würde eine ſolche Handlung analog mit einem Diebſtahle im Betrage von über eintauſend Gulden angeſehen und demgemäß mit Arbeitshaus nicht unter einem Jahre, ſowie mit Entziehung der bürger⸗ lichen Ehren⸗ und Dienſtrechte nicht unter fünf Jahren beſtraft werden. Conſtantin hatte ihn bis dahin mit dem Aufgebot aller ſeiner Faſſung und Ruhe angehört; bei dem letz⸗ ten furchtbaren Ausſpruch aber vermochte er die Angſt und Erſchütterung ſeines Gemüthes nicht länger mehr zu beherrſchen, Entſetzen durchſchüttelte ſein Gebein, Ent⸗ ſetzen malte ſich in ſeinen Zügen und wie an ſeiner in⸗ nerſten Kraft gebrochen, ſank der ſtarke athletiſche Menſch in ſich zuſammen. Verloren! Verloren! war Alles, was er hervorbrin⸗ gen konnte, wobei er mit zitternden Händen nach der Handſchrift griff, die er mit krampfhaft zuckenden Fin⸗ — 188— gern zuſammenballte und ſich die Papiere dumpfſtöhnend vor die Stirne ſchlug. Theobald fühlte das tieſſte Mit⸗ leid mit dem bejammernswerthen Zuſtand des Unglück⸗ lichen, er ſprach ihm mit herzlichen Worten Troſt ein und ermahnte ihn vor Allem zur Ruhe und Mäßigung in ſeinen Gefühlen. Denn er habe bis jetzt nur die juri⸗ ſtiſche Seite der Sache in's Auge gefaßt, die Frage, was zur Abwendung der drohenden Gefahr im Falle einer Entdeckung der gefälſchten Handſchrift geſchehen ſolle, bliebe noch in ihrem ganzen Umfange zu prüfen. Vor Allem, ſagte Theobald, iſt die unverweilte Rück⸗ gabe des Geldes, welches der Buchhändler bezahlt hat, nicht blos von Fflicht und Ehre geboten, ſondern ſelbſt die Klugheit macht uns Solches nöthig; denn würde auch die Wiedererſtattung des Geldes im Falle einer Un⸗ terſuchung die Strafe wegen Betrugs nicht ausſchließen, ſo wäre doch der freiwillige Erſatz jedenfalls ein we⸗ ſentlicher Milderungsgrund. Wie freudig war Volkhauſen überraſcht, als der bie⸗ dere Oberamtmann ſich hierauf erbot, die Zurückgabe des Geldes perſönlich zu vermittlen und auf ſeiner Rück⸗ reiſe die Stadt zu berühren, in welcher der Buchhändler wohnte.— Briefliche Auseinanderſetzung ſei in dieſem Falle, ſo meinte Jener, doppelt gefährlich; dahingegen er das Beſte von einer mündlichen Unterhandlung erwarte, zumal der humane Charakter des Verlegers die beſte Ausſicht gebe, daß von dieſer Seite dann keine weitere Gefahr zu befürchten ſei. Aber das Urtheil der Welt— die Stimme der öf⸗ fentlichen Meinung, wie ſteht es damit, wenn die Sache dennoch ruchbar würde? fragte Conſtantin zögernd mit ungewiſſer Stimme. Das wäre freilich ein anderer Caſus, entgegnete Theobald mit einem Blicke innigen Mitleids, der Jenem nicht entgieng.— Hier hört meine Praxis auf' in dieſem Falle müßten Sie den beſten Rath in der eignen Bruſt ſuchen; ein Dritter, und wär's auch der theilnehmendſte Freund, könnte hier höchſtens nur vor neuen falſchen Vorausſetzungen warnen und Sie ermuthigen, das ſelbſt⸗ verſchuldete Schickſal ſtandhaft zu ertragen. Geben Sie mir die Hand, Volkhauſen, und geloben Sie mir, daß Sie ſogleich dieſe Stadt verlaſſen und zu mir in meine ſtillen Berge kommen wollen, wenn, was Gott verhüten wird, die Sache wirklich dieſe ſchlimme Wendung für Sie nehmen ſollte. Die herzliche Sprache, das theilnehmende grade We⸗ ſen des edlen Mannes ergriff Conſtantin noch mehr als der vorahnende Ton, den er in dem großmüthigen An⸗ erbieten Theobald's zu hören glaubte. Uebermannt von ſeinen Gefühlen ſtürzte er an ſeine Bruſt und rief er⸗ ſchüttert: O warum kannte ich Sie nicht ein einziges Jahr — 190 früher! Dann wäre es nimmer ſo weit mit mir gekom⸗ men und auch ohne dieſe traurigen Geſtändniſſe hätte mich ſchon der Einfluß Ihrer redlichen Freundſchaft vor ſolchem Schwindel bewahrt! Sie mögen darin Recht haben, entgegnete der Ober⸗ amtmann ſchmerzlich bewegt.— Es gäbe wohl kaum ein nennenswerthes ſelbſtverſchuldetes Mißgeſchick in der Welt, hätte der Menſch immer in den entſcheidenden Momen⸗ ten ſeines Lebens einen Freund zur Seite, der ihn durch ein einziges, vielleicht noch dazu gans zufälliges Wort, vor plinden Uebereilungen warnte, von verzweifelten Entſchließungen wieder abbrächte. Denn das Beſte, was wir zu unſerem Heile thun, geſchieht ja doch immer un⸗ ter dem Einfluß uns befreundeter theilnehmender Men⸗ ſchen, eine Erfahrung, die ich neuerdings wieder ſo recht eclatant an unſerm Freunde Ludwig beſtätigt finde; ohne Sie wär' er ganz ſicher ſeinen falſchen und ge⸗ fährlichen Weg weiter gegangen, blind an ſeinem beſten Glücke vorüber!— Zum Danke dafür bitte ich Sie noch einmal, thun auch Sie keine weiteren Schritte ohne mich! Wenn's nicht zu ſpät iſt! murmelte Conſtantin ge⸗ dämpft vor ſich hin und verſank in ſeine vorige Nieder⸗ geſchlagenheit. Dann griff er nach der verhängnißvollen Goldrolle, die noch unangerührt in ſeiner Kommode lag und händigte ſie dem Oberamtmann ein, der ihm da⸗ gegen ſeines Sträubens ungeachtet, eine genau präciſirte — 191— Empfangsbeſcheinigung mit Angabe der Beſtimmung des Geldes ausſtellte. Seine innere Bewegung verbergend, ſagte Theobald lächelnd: Das iſt ja der Vortheil, den wir Staatshämorrhoi⸗ darii vor euch Männern des Genies voraushaben, daß wir Nichts ohne Brief und Siegel thun— alſo Gott befohlen, mein Freund! Das Leben iſt ſelber ein einziger langer Abſchied vom Leben, daher wollen wir den heutigen kurz machen. Gehen Sie friſch und muthig an ein neues Tagewerk; was der Menſch mit dem Geiſte, womit er Großes zu leiſten berufen iſt, gefehlt hat, das ſoll er auch mit, dem nämlichen Geiſte wieder gut machen, denn: Nulla fides, nulla laurea! Mit dieſen Worten ſchüttelte er ihm noch einmal herzlich die Hand und ſchied von ihm im feſten Glau⸗ ben, daß der heutige Abend für Conſtantin's Leben von entſcheidenden Folgen ſein werde und, wenn ihm über⸗ haupt noch zu helfen, der Weg, den er angerathen, der einzige ſei, welcher ihn aus ſeiner jetzigen verwickelten Lage erlöſen und ihn zu freieren, ſeines Geiſtes wür⸗ digeren Zielen führen könne. Eilftes Kapitel. Eliſabeth hatte ihrem Freunde die neueſten Zuſtände im Hauſe Onkel Cyprian's wahrlich nicht mit allzugrel⸗ len Farben geſchildert; und wenn ſie dadurch im Hin⸗ blick auf die jüngſte glückliche Veränderung im eignen Vaterhauſe an die wunderbaren Wandlungen des Men⸗ ſchenlebens im Allgemeinen erinnert wurde, ſo war das ein ſo unmittelbarer Eindruck der nächſten Wirklichkeit, daß ihn wohl jedes tiefere Gemüth in ihrer Lage gleich lebhaft empfunden hätte. Dagegen war es Sache ihres eigenſten Gefühls, daß ſie Alles aufbot, um die geweihte Stimmung ihrer Seele auch ihrer Umgebung im Hauſe des Oheims mitzutheilen und beſonders den alten tief⸗ gebeugten Mann wieder mit Gattin und Sohn auszu⸗ ſöhnen. Ohne ihm eine Frömmigkeit zu heucheln, die ihr fremd war, ſuchte ſie ihm durch liebevolle Aufmerk⸗ ſamkeit und eine ſtets ſich gleichbleibende heitere Ruhe des Gemüthes den geſtörten Frieden S zu⸗ rückzugeben und jeden traurigen Eindruck von ihm ferne zu halten. Mit der nämlichen Ruhe ertrug ſie die pein⸗ lichen Scenen, die ihr die Tante in den erſten Tagen bereitete, ſo oft ſie mit derſelben in Berührung kam; und war gegen Corneli trotz ſeines häufig geradezu un⸗ artigen Benehmens freundlich und unbefangen wie ſonſt. Für ſie war ja Anna's Verlaſſenheit Grund genug, ſich von Alledem ſo gut wie gar nicht berühren zu laſſen, und zuletzt gelang es ihrem ſtandhaften Sinn und ſicheren Takte, die gereizte Stimmung von Tante und Vetter zu mildern und Beiden, wenn auch nur äu⸗ ßerlich, ein rückſichtsvolleres Betragen gegen ſie ſ ſt wi⸗ der Willen aufzunöthigen. Zwar erſchien Madame Franke niemals am Krankenbett Anna's, zwar 36 der Letzteren Name nicht über Corneli's Lippen; aber dafür hatte Eliſabeth die Genugthuung, zu beobachten, wie die Spannung zwiſchen dieſem und ſeinem ehemaligen Hof⸗ meiſter Wulf immer größer wurde, da Jeder im Stil⸗ len die Schuld der mißlungenen Intrigue auf den An⸗ dern ſchob. Zu ſpät ſahen ſich Beide von dem elenden Eckers abermals getäuſcht und angeſchwindelt; aber ge⸗ wiß hatte der fromme Candidat wenigſtens darin voll⸗ kommen Recht, daß hauptſächlich Cornelis Voreiligkeit und deſſen ungemeſſener Geiz ihn um den Erfolg ſeines D. Müller, der Kloſterhof. III. 13 ſo fein angelegten Planes auf Anna's Beſitz gebracht habe. Denn anſtatt dieſe endlich, wie er gehofft hatte, in der gänzlich verzweifelten Lage zu ſehen, in der ihr kaum mehr eine andere Wahl übrig blieb, als ſeine großmüthige ſelbſtverleugnende Liebe zu erwiedern und ſich ſo die Verzeihung der Pflegeltern für ihren entſetz⸗ lichen Fehltritt zu gewinnen— anſtatt dieſer für ihn ſchon ſo gut wie gewiſſen Ausſicht ſah er plötzlich das heiß⸗ erſehnte Ziel ſeiner geheimen Wünſche und Berechnun⸗ gen in eine ſo weite Ferne gerückt, daß ſeiner Hoffnung letzter Schimmer erblaßte; denn Herr Cyprian hatte feſt und beſtimmt den Entſchluß ausgeſprochen, Anna ſogleich nach ihrer Geneſung aus dem Hauſe zu thun und ihr in der benachbarten Landſtadt bei einer jungen, ihr be⸗ freundeten Paſtorin, deren Mann nicht einmal der ſtreng⸗ kirchlichen Richtung angehörte, einen angenehmen und ihren Wünſchen vollkommen zuſagenden Aufenthalt zu bereiten.— Im Stillen hegte der alte Herr ſelbſt die Hoffnung, dadurch Conſtantin mittelbar zu veranlaſſen, jene Stadt gleichfalls zu ſeinem künftigen Wohnort zu wählen, und ſo den unglücklichen Neffen, für den ſich immer lauter und mächtiger die alte Liebe wieder in ſeinem Herzen zu regen begann, mit Einmal allen ſeit⸗ herigen mißlichen Umſtänden entriſſen zu ſehen. Dabei verfolgte er mit Eifer einen Plan, der nicht blos ſeinem Herzen alle Ehre machte, ſondern auch bewies, daß er end⸗ 5 lich die richtige Einſicht von Conſtantin's eigentlichem Le⸗ bensberuf gewonnen hatte. Ganz im Geheimen bemühte er ſich nämlich, dem Neffen in jener Stadt, die ein ausgezeichnetes Gymnaſium hatte, eine Lehrerſtelle zu verſchaffen, und war bald, Dank der perſönlichen Gunſt einflußreicher und hochſtehender Leute im Nachbarſtaate ſo glücklich, die Gewißheit zu erhalten, daß ſeine zu dieſem Zweck eingeleiteten Schritte ſich des beſten Er⸗ folgs zu erfreuen hatten.— Er hörte bei dieſer Gelegen⸗ heit abermals die ſchmeichelhafteſten Urtheile über den jungen vorzüglichen Gelehrten; man war bereit, Conſtan⸗ tin förmlich als Lehrer der alten Sprachen an jene An⸗ ſtalt zu berufen und Herr Cyprian dankte Gott für die Freude, den ſchon längſt verloren Geglaubten, wenn auch freilich nicht auf ſeinen Wegen, doch noch einem nützlichen ſegensreichen Leben und Wirken zurückgegeben zu ſehen. Endlich, als alle vorbereitenden Schritte geſchehen waren und es ſich jetzt nur noch darum handelte, Con⸗ ſtantin's Einwilligung zu dem neuen Lebensplan zu er⸗ halten, theilte der alte Herr zuerſt ſeiner Nichte Eliſa⸗ beth die Sache mit und hatte die frohe Genugthuung, daß das verſtändige Mädchen die größte Freude über dieſe unerwartete günſtige Wendung in Conſtantin's Le⸗ ben äußerte und feſt überzeugt war, dieſer werde ein ſo ehrenvoll gebotenes, ſeinen Neigungen und Fähigkeiten 13 6 ſo ganz entſprechendes Amt nicht blos mit Freuden an⸗ nehmen, ſondern auch den von ihm gehegten Erwartun⸗ gen ſeiner künftigen Vorgeſetzten mit der größten Ge⸗ wiſſenhaftigkeit entſprechen.— Jetzt erſt rückte Herr Ch⸗ prian mit ſeinem eigentlichen Anliegen heraus und for⸗ derte ſie auf, ihren Bräutigam zu veranlaſſen, als Con⸗ ſtantin's nächſter Freund die Sache weiter in die Hand zu nehmen und denſelben ganz wie von ſich aus zu be⸗ wegen, ſeinem Leben endlich eine mehr geordnete Rich⸗ tung zu geben und jene günſtige Gelegenheit dazu nicht ungenützt vorbei zu laſſen. Man muß das Eiſen ſchmieden, ſo lange es noch heiß iſt, ſagte Herr Cyprian.— Conſtantin hat jetzt einen doppelten Anlaß, ſich der Welt endlich in einem beſſeren Lichte wie ſeither zu zeigen; einmal als Bruder, der wenigſtens noch für die einzige Schweſter Liebe und Anhänglichkeit hat und ſich um keinen Preis von ihr trennen will; und zweitens, weil er nun nicht mehr wie ſonſt behaupten kann, an ſeinem Unglück ſeien allein ſeine nächſten Verwandten Schuld. Gib alſo Deinem Bräu⸗ tigam in Gottes Namen volle Aufklärung über das ganze Verhältniß; und weil zwiſchen Euch Beiden— was der Herr verhüten möge— niemals ein Geheimniß obwalten ſoll, ſo ſag' ihm auch offen, welchen Antheil ich an Conſtantin's Vocation habe. Moſer wird nicht blos meinen Wunſch ehren, ſondern auch aus Rückſicht der Klugheit Con⸗ — 197— ſtantin kein Wort davon ſagen; denn das fürcht' ich beinahe: meine Einmiſchung könnte ihn gegen alle Gründe der Vernunft und des eignen Vortheils taub machen; zwiſchen uns ſcheint es in dieſer Welt zu kei⸗ ner Verſtändigung mehr kommen zu ſollen!— Was iſt Deine Meinung über letzteren Punkt, mein liebes Kind? Dieſe Frage ſetzte Eliſabeth in keine geringe Verle⸗ genheit; denn ſie kannte die übergroße Reizbarkeit des Onkels in Allem, was ſeinen Neffen anbetraf und hatte längſt aus einzelnen Aeußerungen, die ihm entſchlüpft, den ſchmerzlichen Kampf ſeines Innern zwiſchen Reue und jahrelang genährtem Vorurtheil errathen, den die jüngſten Vorgänge in ſeiner Familie endlich zu Gunſten Conſtantin's entſchieden, ſo daß ſie überzeugt war, der Onkel hege kaum noch einen größeren Wunſch, als ſeine Ausſöhnung mit dem Neffen. Nicht ohne Zögern ſagte ſie daher: Laß auch hier die Zeit walten, lieber Onkel. Was Conſtantin gegen Dich verſchuldet hat, iſt ihm ja längſt, das weiß ich, von Dir im Stillen verziehen worden. Aber auch er wird in glücklicheren Verhältniſſen endlich das Gefühl der Bitterkeit ablegen und einſehen, daß, wenn ihm wirklich von Dir zu Viel geſchehen, Deine ſo ſchwer durch ihn gekränkte Liebe ſelbſt Härte und Un⸗ gerechtigkeit entſchuldigt. So? So? Ich war alſo wirklich hart und ungerecht — 198— gegen ihn? ſprach Herr Cyprian gedämpft vor ſich hin und ſein kummervoller Blick ruhte dabei ohne Zorn auf der ſchönen Nichte.— Iſt das Deine aufrichtige Meinung, Eliſabeth? So ſehr ich Dich liebe und verehre, mein guter On⸗ kel, muß ich doch ſagen: Conſtantin iſt auch Unrecht geſchehen! entgegnete ſie mit ſanftem aber feſtem Tone, und die innere Bewegung preßte ihr Thränen aus.— Er hatte gefehlt, hatte gewiß ſchwer gefehlt; aber es waren die Verirrungen eines edlen Herzens, eines jungen ſtür⸗ miſchen Fenerkopfes, der ſich in einen fremden, ihm widerſtrebenden Lebensberuf hineingedrängt ſah; wär's ihm damals möglich erſchienen, Dich davon überzeugen zu können, wer weiß, ob er zur Falſchheit, zur unver⸗ zeihlichen Verſtellung gegen Dich, ſeinen Wohlthäter, ſeine Zuflucht genommen hätte! Du redeſt gegen mein Herz— aus meinem inner⸗ ſten Herzen heraus! erwiederte Herr Cyprian ganz au⸗ ßer Faſſung.— Iſt das auch die Anſicht von noch ande⸗ ren Menſchen?— Sprich offen, mein Kind, denn ich ſage Dir ja: Meine Seele verſteht Dich! Dafür hat Conſtantin geſorgt, daß das Urtheil der Welt faſt ohne Ausnahme für Dich und gegen ihn war, ſagte ſie mit Nachdruck.— Wie manches Mal zitterte ich nicht ſelber, er möchte in ſeiner grenzenloſen Empö⸗ rung gegen die Menſchheit einen verzweifelten Entſchluß 199— faſſen und ſeinem eignen beſſeren Selbſt untreu werden! — O, er war ſehr unglücklich, der arme Conſtantin! Aber Gottlob! Der Himmel hat über ihm gewacht und jetzt iſt ja Alles gut!— Seine Taßhnte, ſeine Kenntniſſe, ſein redlicher Fleiß finden endlich die verdiente Anerkennung, Du ſelbſt nimmſt wieder mit der alten Liebe an ſeinem Schickſal innigen Antheil und bemühſt Dich um ſein Glück, nur noch ein wenig Geduld, beſter Onkel, und auch er wird dem nämlichen Zug des Herzens folgen. Das walte Gott! ſprach Herr Cyprian feierlich. Aber noch kann ich Deinen guten Glauben an eine ſolche Sinnesänderung bei ihm nicht theilen, dazu hat er mip ſel⸗ ber noch jüngſt die Hoffnung benommen, als er mir meine kleine Wohlthat ſo ſchnöde zurückwies. Einen Augenblick ſah ihn die Nichte zandernd an, dann ſagte ſie entſchloſſen: Daran iſt er unſchuldig geweſen, lieber Onkel. Nicht er, ſondern ein Anderer, der nicht länger mehr den furchtbar gedrückten Zuſtand ſeines Gemüthes, in den ihn Deine unverdiente Großmuth verſetzt hatte, mitan⸗ ſehen konnte, ſchickte Dir ohne Conſtantin's Wiſſen in ſeinem Namen das Geld zurück.— Nun, Onkel, eine ſolche treue Freundſchaft wirſt Du doch wohl hoffentlich keinem andern Menſchen unter Conſtantin's Bekannten zutrauen, als— Deinem neuen Neffen Ludwig Moſer? Der Eindruck, den dieſe unerwartete Mittheilung — 200— auf den alten Herrn machte, war ein ſo eigenthümlicher, daß Eliſabeth den wahren Grund ſeiner tiefen Bewe⸗ gung erſt erkannte, als er mit bebender Stimme aus⸗ rief: Iſt's ſo, wie Du ſagſt, dann bleibt mir freilich nichts übrig als zu bekennen, daß ein Menſch, der ſolche Freunde beſitzt, kein böſer Menſch ſein kann!— Ah, das war ſchön von Deinem Bräutigam— das rührt mich— und dem andern Neffen thu' ich hiermit aufrichtig und vor mei⸗ nem Gotte Abbitte wegen meines falſchen Verdachtes— junge Leute— wüßtet Ihr doch, wie Ihr mich froh macht, wie meine Seele freudig mit dem Apoſtel auf⸗ jauchzt:„Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden!“ Seine tiefe Bewegung ließ ihn nicht weiter reden, er ſchloß Eliſabeth ſtumm in die Arme und ſagte erſt nach einer Pauſe wie von einer ſchweren Centnerlaſt befreit: Gottlob! Nun habe auch ich ihm ein Unrecht abzubit⸗ ten!— Dir aber, mein Kind, ſag' ich tauſendmal Dank für Dein treues aufrichtiges Wort von vorhin; denn ich ſpreche jetzt mit dem Apoſtel Paulus:„So gewiß die Wahrheit Chriſti in mir iſt, ſo ſoll mir dieſer Ruhm nicht geſtopfet werden!“— Geh' nun wieder zu Anna hinunter und ſage ihr, ſie ſolle freudig ſein und guten Muthes, bald werde ſich Alles zum Heile wenden, vergiß mir auch bei Leibe die Abrede mit Deinem Bräutigam — 201— wegen Conſtantin's nicht, derweilen ich ſelber dem hei⸗ ligen Spruch unſeres Herrn und Meiſters mit Eifer nachdenken will:„Wer ſeine Hand an den Pflug leget und ſchaueter ic wärts, der iſt nicht geſchickt zum Reiche Gottes.“— Sie wollte nach dieſen Worten aus dem Zimmer gehen, als ein Wink von ihm ihr noch zu verweilen ge⸗ bot; doch ſtand er erſt eine Zeitlang zögernd vor ihr und ſah ſie mit Blicken tiefer Rührung ſchweigend an, bevor er endlich für das, was ſein Inneres bewegte, das rechte Wort fand, indem er ungemein liebreich ſagte: Ja, Du haſt wirklich Viel von Deiner ſeligen Mut⸗ ter geerbt, Eliſabeth; und wenn ich Dich ſo anſehe, iſt mir, als ſtünde ſie ſelber vor mir wie d damals, da Dein guter Vater ſie mir als ſeine Verlobte vorſtellte. Frei⸗ lich iſt das ſchon eine lange Weile her und die treffliche Frau hatte viel Leid und Prüfung in ihrem Leben durchzukämpfen, bevor der Herr ſie in die Hütten ſeines Friedens eingehen hieß.— Auch Du, mein Kind, fuhr er nach einer abermaligen Pauſe mit noch bewegterer Stimme fort,— ſtehſt jetzo als holde Braut vor mir, ich ſelber finde an Dir in dieſer Deiner fröhlichen Wonne⸗ zeit eine rechte treue Stütze; da wird wohl Dein Bräu⸗ tigam mir nicht zürnen, wenn ich ihm vorgreife und Dir für die Liebe, die Du Anna und mir in den letz⸗ ten Wochen erwieſen haſt, eine Freude zugedacht b. 20 Mit dieſen Worten ſchloß er ſeinen Sckretär auf und nahm daraus ein prachtvolles neues Etui, das er ihr überreichte, indem er ſie bat, daſſelbe vor ſeinen Augen zu öffnen und ihm zu ſagen, ob die Wahl ſei⸗ nes Geſchenkes auch ihren Beifall fände?— Sie that's und ſtieß zugleich einen Schrei der freudigſten Ueber⸗ raſchung aus beim Anblick des Brautſchmucks ihrer ſe⸗ ligen Mutter, den ſie auf den erſten Blick wieder er⸗ kannte: die nämlichen Juwelen in der nämlichen Faſ⸗ ſung, wie ſie einſt der Vater in den Tagen ſeines Glückes ihrer geliebten Mutter geſchenkt hatte und die derſelbe ſpäter, von der Noth gedrängt, als letzten werth⸗ vollen Gegenſtand ſeines ehemaligen Reichthums an ei⸗ nen Inwelier verkauft hatte. Seine Verlegenheit muß wohl damals ſehr groß ge⸗ weſen ſein, ſagte Herr Cyprian, ſelber nicht ganz ohne Ver⸗ legenheit.— Durch einen Zufall bekam ich davon Kunde und ſäumte nicht, das auch mir ſo liebe Andenken wie⸗ der einzulöſen, in der Abſicht, es dermaleinſt derjenigen von meines Bruders Töchtern, die ſich zuerſt verheira⸗ then würde, zum Hochzeitgeſchenk zu machen.— Nimm darum dieſe Brillanten an Dich, liebes Kind, und ſchmücke Dich damit an Deinem Ehrentage, wenn Deine Freundinnen Dir den grünen Brautkranz um die Stirne flechten; denn Du wirſt dabei nicht des beſ⸗ ſeren und ſchöneren Schmuckes des Weibes vergeſſen, — 203— von welchem der Apoſtel Petrus ſagt,„daß er nicht aus⸗ wendig ſein ſolle, ſondern der verborgene Menſch des Herzens unverrückt, mit ſanftem und ſtillem Gemüthe, das köſtlicher iſt vor Gott, als alles Goldumhänge und Edelgeſteine.“ Nun trockne Deine Thränen, meine Toch⸗ ter, damit Anna keine neue Alteration bekommt, was, wie Du weißt, des Arztes beſtändige dringende Mah⸗ nung an uns iſt. Damit entließ er die Nichte und Eliſabeth mußte ſich nach dieſer Unterredung abermals ſagen, daß ihr bei welchem trotz aller ſchwierigen Gewiſſenszweifel die na⸗ nie im Leben ein zweiter Menſch vorgekommen ſei, türliche Gutmüthigkeit und der redliche gerechte Sinn ſchließlich dieſen reinen und vollkommnen Sieg davon⸗ trügen, wie dies bei Onkel Chprian der Fall war; der nämliche Mann, der einen koſtbaren Schmuck, von dem ſich ihr Vater gewiß nur nach den ſchwerſten Kämpfen getrennt hatte, jahrelang im geheimſten Schubfach ſei⸗ ner ängſtlichen Berechnung zurückgehalten hatte, um ihn eines Tages mit der noblen Anſpruchsloſigkeit eines wahren Gentlemans wie ein ganz zufälliges willkom⸗ menes Geſchenk der Tochter ſeines Bruders zurückzu⸗ geben. Vierzehntes Kapitel. Mit Conſtantin Volkhauſen hatte ſich ſeit dem Abende, an dem er endlich nach langen Kämpfen ſein gedrücktes Herz an die Bruſt eines Ehrenmannes wie Theobald ausgeſchüttet, eine wohlthätige Verwandlung zugetragen; und wenn er auch äußerlich ſeinen Freunden zuweilen noch ungewöhnlich ernſt erſchien, ſo war doch ſeine vo⸗ rige ruhige Zuverſicht und ſichere Haltung zurückgekehrt und jene Reizbarkeit verſchwunden, die ihn ſeither oft beim kleinſten Anlaß in leidenſchaftlichſter Erbitterung hatte aufbrauſen laſſen.— Allerdings lebte er auffallend zurückgezogen und war meiſt einer der Erſten, welche Abends den Erlkönigklub verließen; auch im Kloſter⸗ hof erſchien er nur auf beſondere Nöthigung von Seiten Ludwig's oder der Verwandten; doch tröſteten ſich da⸗ für ſeine Freunde mit der frohen Wahrnehmung, daß —— — 205— der geſellige Verkehr mit ihm ſich wieder leidlicher ge⸗ ſtaltete und die treubewährte herzliche Geſinnung bei ihm die alte geblieben war. Um ſo erſchütternder und betäubender wirkte daher auf alle Gemüther ein Ereigniß ein, welches, von Kei⸗ nem geahnt, an dem nämlichen Tage eintrat, da endlich Conſtantin's Schickſal, Dank der Güte ſeines Oheims, dieſe günſtige Wendung genommen hatte; ſo daß es nur noch allein von ihm und ſeiner freien Entſchließung abhieng, und er ſah ſich am Ziele aller ſeiner Wünſche, in einer geſicherten und geachteten Lebensſtellung, in ei⸗ nem Berufe, zu dem er ſo recht eigentlich von der Natur beſtimmt war, dazu noch obendrein in ganz neuen Ver⸗ hältniſſen und Umgebungen; mit einem Worte, befreit und erlöſt von ſeiner ganzen ſeitherigen niederdrückenden Lage!— Am Abende dieſes Tages ſaßen noch einige der nächſten Freunde Conſtantin's in traulichem Geſpräche in der Erlkönigskammer beiſammen, als noch zu ſpäter Stunde der wackere Doctor Dieſer eintrat, der ſich heute gegen ſeine Gewohnheit ſtill und ſichtbar verſtimmt auf ſeinen Platz ſetzte, und auf die Frage der Andern, was ihm fehle und warum er heute ſo trübſelig drein⸗ ſchaue, lange nur mit ſchmerzlichem Kopfſchütteln und tiefen Seufzern antwortete. Endlich ſagte er mit finſte⸗ rem Geſicht in ſeinem tiefen Zornesbaß: ——————————— ů“——————m——— Hier ſcheint's alſo noch nicht zu ſpuken, wie unten im Caſino, wo man die Köpfe zuſammenſteckt und ein gelehrtes Journal von Hand zu Hand wandern läßt!— Apropos! War Volkhauſen da, oder unſer blonder Texa⸗ ner?— Luft, Luft, Clavigo, oder ich erſticke!— Eine Fäl⸗ ſchung vom Alpha bis zum Omega, eine ganz gemeine Fälſchung wäre der herrliche Pythagoras!— O dieſe ge⸗ meine deutſche Kritikaſterzunft! Schlagt ihn todt, er iſt ein Rezenſent!— Engländer— Franzoſen— was ſeid ihr doch in dieſem Punkt für andere Kerls, als dieſes elende feige deutſche Gelehrtenthum mit ſeinen Zöpfen und Tröpfen, wo ein Neidhammel den andern nieder⸗ ſtößt, ein aufgeblaſener Froſch aus dem ſtinkenden Sumpf deutſcher Gründlichkeit noch lauter quackt wie der andere.— Ach, mein armer ehrlicher Conſtantin, Du ein literariſcher Fälſcher! Was iſt?— Erzähle?— Unmöglich! riefen die übri⸗ gen Freunde in größter Beſtürzung durcheinander. Ich ſag's Euch ja doch wahrlich deutlich genug! ver⸗ ſetzte der Andere grimmig.— In den kritiſchen Blättern für Alterthumswiſſenſchaft ſteht eine anonyme Rezenſion über Volkhauſen's Buch, die ſich nachzuweiſen bemüht, daß die Briefe des Pythagoras gefälſcht ſeien; daß nie eine alte ächte Handſchrift davon exiſtirt habe; daß das Ganze ein offenbarer Betrug neueſten Datums ſei, der von einem gelehrten italieniſchen Mönche des fünfzehnten 3 ℳ —— — 207 Jahrhunderts ſchon einmal verſucht und damals eben ſo ſchmählich entlarvt worden wäre. Der Verfaſſer weißt nicht blos in den Jahreszahlen und ſonſtigen Angaben unſerem Freunde viele grobe Anachronismen nach, ſon⸗ dern auch offenbare Widerſprüche und Irrthümer in der alten Geſchichte, Geographie und Archäologie— kurz, leſtt die infame Kritik ſelber— ich konnte ſie nur mit irren Augen und wirren Sinnen überfliegen! Eine lange Pauſe entſtand nach dieſer unerwarteten Mittheilung; Einer ſah den Andern ſprachlos an, denn Jeder las in den Mienen des Andern eine Beſtürzung, die noch mehr ausdrückte als bloße Indignation oder Erſchrecken. Zuletzt nahm Doctor Tiedemann das Wort und ſagte mit gepreßter Stimme: Unſer Freund Dieſer hat Recht, eine ſolche Abſcheu⸗ lichkeit kommt nur in Deutſchland vor, Engländer und Franzoſen würden ſich ſchämen, den jungen literariſchen Ruhm eines Landsmannes ſo ſchmählich vor der Oef⸗ fentlichkeit zu verdächtigen.— Ob wohl Conſtantin ſchon Etwas davon weiß? Das wäre, wenn jener Rezenſent auch nur in einem Punkte Recht gegen ihn behielte, ſein Untergang für alle Zeit! ſagte Bardenfleth in größter Erregtheit. — Mit dieſem Buche iſt Conſtantin's ganze geiſtige Exi⸗ ſtenz unauflösbar verbunden, wer das Eine vernichtet, zerſtört auch die Andere; bedenkt nur, welche unſägliche —————— z—— — 208— Mühe, welchen immenſen Fleiß, Studien und Arbeiten aller Art er daranf verwendet hat! Und wie regte ihn nicht ſchon allein die endliche Errei⸗ chung ſeines Zieles in jüngſter Zeit auf! bemerkte der Maler Lukas, gleichfalls einer von Conſtantin's näheren Freunden.— Offen geſtanden, es machte auf mich einen förmlich tragiſchen Eindruck, dieſen merkwürdigen Ge⸗ genſatz zu beobachten zwiſchen dem früheren ringenden und ſtrebenden Menſchen, und demjenigen, der endlich ſeine jahrelangen Mühen durch den glänzendſten Erfolg gekrönt ſah. Mit dieſer Bemerkung des Künſtlers war dem klei⸗ nen Freundeskreis das Stichwort für die fernere Un⸗ terhaltung gegeben und Jeder theilte nun ſeine Beobach⸗ tungen mit, die er in der letzten Zeit an Conſtantin ge⸗ macht hatte. Alle ſtimmten darin überein, daß ſeit der Veröffentlichung des Pythagoras eine merkwürdige Um⸗ wandlung mit ihm vorgegangen ſei, deren Urſache aller⸗ dings Niemand anzugeben wußte. Man erinnerte ſich wieder der ſeltſamen geheimnißvollen Art, womit Con⸗ ſtantin Jahre hindurch, ſelbſt ſeinen nächſten Freunden gegenüber, dieſe wiſſenſchaftliche Arbeit betrieben hatte, eine Muthmaßung reihte ſich an die andere und zuletzt ſagte Tiedemann mit feierlichem Nachdruck: Was mir immer an unſerem Freunde aufgefallen iſt, das war der Widerſpruch zwiſchen ſeinem offnen ee und gemüthlichen Weſen im geſelligen Verkehr und ſei⸗ ner— wie ſoll ich's gleich nennen— ſeiner ihm zur andern Natur gewordenen, ängſtlich diplomatiſchen Zu⸗ rückhaltung in ſeinen wiſſenſchaftlichen Arbeiten und Beſtrebungen. Faſt könnte man da auf die Vermuthung gerathen, er habe ſich noch immer wie einſt auf der Hochſchule in der Lage befunden, die ſeinen Neigungen entſprechende wiſſenſchaftliche Thätigkeit maskiren zu müſſen; ja, wer möchte ſich ſelbſt zu entſcheiden ge⸗ trauen, wie Viel ihm nicht von jenem widernatürlichen Verhältniß, als er ſeinen braven, nur leider höchſt ein⸗ ſeitigen Oheim über die Wahl ſeines Studiums täuſchte, auch ſpäter noch anhangen blieb, er, der ſich alle ſeine reichen, vielſeitigen Kenntniſſe gleichſam nur wie durch Diebſtahl zu eigen machen konnte! Seine Studien, bemerkte Bardenfleth, hatten immer etwas Apartes und Geſuchtes; ihn reizte ſtets mehr das Beſondere, weitab vom Weg der gewöhnlichen wiſſen⸗ ſchaftlichen Forſchung liegende Ziel, wobei ſein antedi⸗ luvianiſcher Humor ſich an den ſeltſamſten Experimenten und Hhpotheſen ergötzte.— Ich meine daher beſtimmt, daß er zu Viel des fremdartigen und eurioſen Wiſſens⸗ materials in ſich aufgehäuft hatte, um noch an einer geſunden geiſtigen Production mit fruchtbaren, nützlichen Tendenzen Geſchmack finden zu können. Sagt lieber, er hatte nie eine rechte Freude am Le⸗ D. Müller, der Kloſterhof. II. 14 210 ben und darum auch nicht an der Wiſſenſchaft, nicht an ihren reinen und höchſten Zielen und Ihr werdet der Wahrheit noch näher kommen! entgegnete Doctor Die⸗ ſer mit ſchmerzlicher Bewegung.— Woher ſollte denn auch dieſer edle Geiſt, deſſen beſte Jugend unter dem dum⸗ pfen Druck des Muckerthums und einer goldverblödeten Familientyrannei verkümmerte, jene Zuverſicht und Frei⸗ heit der Lebensanſchauung gewonnen haben, die allein ein wahres geiſtiges Schaffen fördert, ja möglich macht?— Ach, Kinder, jetzt will ich's Euch nur ſagen, der Schrecken liegt mir noch immer bleiſchwer in den⸗ Gliedern; denn ich kann nicht leugnen, jener unbarmherzige Kritikus geht unſerm armen Pythagoras direkt an's Leben, ſeine Gegenbeweiſe ſind geradezu vernichtend. Wenn er am Ende doch Recht hätte! unmöglich! riefen die Freunde wie aus einem Munde, aber die Beſtürzung in Aller Miene zeugte mehr als dieſer einſtimmige Widerſpruch, daß Jeder im Stillen Aehnliches fürchte. Das Einzige, was mir in dieſem Falle denkbar iſt, ſagte Bardenfleth, wäre die Möglichkeit, daß Conſtantin ſich ſelber über die Aechtheit ſeiner alten Handſchrift getäuſcht hätte. Denn fabricirt— wie man ja auch von Banknotenfälſchern zu ſagen pflegt— ſelber fabri⸗ eirt kann er ſie doch unmöglich haben. Dazu ſtehen 211 ihm, von ſeinem ehrlichen Charakter ab geſehen, allzuge⸗ wichtige wiſſenſchaftliche Autvritäten zur Seite. Mitternacht iſt zwar da, aber darum ſeht beileibe noch keine Geſpenſter! ſprach der Maler und zwang ſich zu einem unbefangenen Lachen, was ihm jedoch kaum glücken wollte.— Ich fürchte bei der ganzen verwünſchten Geſchichte nichts weiter, als Volkhauſen's leidenſchaftli⸗ ches Temperament. Trifft ihn dagegen— und dies müſſen wir veranſtalten— der Angriff ſeines gelehrten Gegners bei guter Laune, dann wird er ihn ſchon zu pariren wiſſen, davor bangt mir nicht!— Wäre nur der Kloſterhof⸗Romeo zur Stelle, daß wir pünktliche Ab⸗ ſprache mit ihm treffen könnten! Die Freunde berathſchlagten hierauf und machten Pläne, wie man Conſtantin die Sache am beſten bei⸗ bringen könne; ſchließlich kam man überein, daß man ſich am andern Vormittag, da es zudem ein Sonntag war, bei guter Zeit in Ludwig's Wohnung verſammeln wolle, um mit ihm, dem man am meiſten moraliſchen Einfluß auf Conſtantin zutraute, das Weitere zu beſprechen. Doctor Dieſer erbot ſich unaufgefordert, das verhäng⸗ nißvolle Literaturblatt dorthin mitzubringen;— denn in Caſino darf's nicht aufgelegt bleiben, ſprach er ent⸗ ſchloſſen.— Lieber begehe ich einen ſtatutenwidrigen Ein⸗ griff in die Rechte der Geſellſchaft, ſtehle 14 das ver⸗ * wünſchte Blatt und riskire, daß man mich eum intamia ausſtößt! Einverſtanden! ſagten die Andern und giengen ſchwei⸗ gend auseinander, nachdem Doctor Dieſer als Präſes des Erlkönigklubs zuvor mit feierlicher Stimme den ge⸗ wohnten Abſchiedsſpruch gethan hatte: „Erreicht den Hof mit Müh und Noth!“ Dreizehntes Kapitel. So war denn Conſtantin's Loos aus der Urne ge⸗ ſprungen— ein ſchwarzes Loos, und der Freunde ſor⸗ genvolle Ahnungen ſeinetwegen waren keine voreiligen und unbegründeten geweſen.— Schon der Brief des Ober⸗ amtmanns, der ihm den Erfolg ſeiner Bemühungen bei dem Buchhändler meldete, ſchlug ſeinen kaum erwachten Muth wieder völlig darnieder; denn war es auch dem wackeren Freunde gelungen, von dem humanen Verleger die feſte Zuſage unverbrüchlichen Schweigens zu erhal⸗ ten, ſo war es ihm dagegen unmöglich geweſen, Letzte⸗ ren zur Zurücknahme das an ſeinen Autor einmal aus⸗ bezahlten Honorars zu bewegen: eine Weigerung, die man, wie Theobald ſchrieb, dem tiefgekränkten Ehren⸗ manne nicht verdenken ſolle, da derſelbe im Fall einer Entdeckung der gefälſchten, von ihm aber als ächt edirten — „Briefe des Pythagoras,“ unmöglich auch nur den Schat⸗ ten eines Verdachtes auf ſich und ſeine alte geachtete Firma laden könne, als ſei er nicht der zuerſt und zu⸗. nächſt Betrogene geweſen. Hingegen war es mit ſeiner vollſten Beiſtimmung geſchehen, daß der Oberamtmann das Geld einer milden Lokalſtiftung zur Unterſtützung bedürftiger Handwerker übermittelte, welches Geſchäft denn auch Theobald, bevor er jene Stadt wieder verließ, pünktlich in Richtigkeit gebracht hatte. Wie geſagt, ſchon der Unerwarteke, für Conſtantin ſo demüthigende Ausgang dieſer Unterhandlungen mit ſeinem Verleger ſtellte ihm wieder die ganze Größe der ihm drohenden Gefahr vor die Seele und rief zugleich alle Sorgen und Befürchtungen ſeines Herzens wieder wach.— Selbſt die ehrenvolle briefliche Anfrage des aus⸗ wärtigen Cultusminiſters, ob er unter den beigefügten Bedingungen geneigt wäre, in den fremden Staatsdienſt überzutreten und an jenem ausgezeichneten Gymnaſium der Nachbarſtadt die erledigte Stelle eines Lehrers der alten Sprachen in den beiden oberen Claſſen zu über⸗ nehmen, wirkte nur wie ein flüchtiger Sonnenblick auf ſeine verdüſterte und erſchütterte Seele und bereitete ihm bald nachher womöglich noch größere Qualen, noch angſt⸗ vollere Reflexionen. Er ſollte alſo ſogar noch Ehren gewinnen, noch reichere Früchte da einernten, wo ſein eignes, ach zu ſpät erwachtes Gewiſſen ihn und ſeine Handlungsweiſe verdammte, wo er ſo ſchon tollkühn ge⸗ nug des Schickſals Mächte gegen ſich herausgefordert, ſo vieler Menſchen guten Glauben an ſeinen Charakter getäuſcht und ſich mit einem Ruhme bedeckt hatte, den er doch allein dem offenbaren Betrug, der gefälſchten Wiſſenſchaft verdankte!— Nein, nein, nach dieſem neuen Lorbeer griff er nicht; an dieſem Glücke, das ihm wie eine letzte Jronie ſeines Schickſals gegen alle Wahrheit des Lebens, gegen alle Conſequenzen der ſchuldigen That erſchien, brach ſeine Vermeſſenheit, ſein Selbſtvertrauen wie ein ſchwaches Rohr zuſammen— er reſignirte in einem lakoniſchen Brief an den Mini⸗ ſter faſt ohne Dank auf die ihm angebotene ehrenvolle Vocation.— Als Ludwig, der Einzige den Conſtantin im Mitbeſitz dieſes Geheimniſſes wähnte, den geſchehe⸗ nen Schritt erfuhr, war das unglückliche Schreiben ſchon auf dem Wege nach der Nachbarreſidenz, Volkhauſen aber lehnte dem beſtürzten Freunde gegenüber jede wei⸗ tere Erklärung mit der Bemerkung ab, daß er jetzt wiſſe, was er ſich und ſeiner Ehre ſchuldig ſei. Ludwig war ſprachlos, zum erſtenmal fuhr ihm wie ein Blitz der Schreckensgedanke an die von Conſtantin begangene Schuld durch die Seele; er erinnerte ſich wieder der großen Aufregung, in welcher damals Theo⸗ bald in der Nacht vor ſeiner Abreiſe erſt nach langen Stunden von dem Freunde nach Hauſe zurückgekehrt war, ohne ihm ein Wort von dem zu ſagen, was er mit Jenem verhandelt habe— plötzlich— noch einen Blick in das tiefbleiche Antlitz Conſtantin's, und er ahnte das Schlimmſte!— Ohne jedoch eine Miene zu ver⸗ ziehen, gieng er auf den Freund zu, legte ihm feſt die Hand auf die Schulter und ſagte mit der nämlichen äußeren Ruhe, die Conſtantin ihm gegenüber zu behaup⸗ ten wußte: Gut, Langer, du haſt refüſirt, alſo gehſt Du im Früh⸗ jahr mit mir an den Neckar! Wollen ſehen, treues Bruderherz, erwiederte Con⸗ ſtantin mit einem hellvergnügten Auge, während das andere mit dem gelähmten Muskel eine krampfhaft zuckende Bewegung zum Lächeln machte, aber dabei ſtarr und unheimlich glänzend nur die Pupille unſtät hin und her rollte. Es iſt bald Zeit, daß ich meine Anna wiederſehe, ſagte er gleich nachher im raſchen Uebergang zu einer weicheren Stimmung.— Sprich mit Deiner Eliſabeth, ob ſich's nicht einrichten läßt, daß ich einmal hinkomme; fürchtet ſie, es möchte Anna zu ſehr aufregen, ſo— ſo kann's ja wohl geſchehen, daß ich, während ſie ſchläft, ſie einmal zu ſehen kriege.— Mich ſcheert's den Henker, ob mir Eins der frommen Wachsmaskengeſichter in den Weg kommt!— Heute Nacht ging's mir wirklich recht ſchlecht; ich hatte heftiges Fieber, kein Tropfen Waſſer —— —— in der Caraffe, in meinem Brand leerte ich, weil kein Durſt verloren gehen darf, den Reſt einer Arakflaſche — prrrr! Was doch ſolche deutſche Cultminiſter für zudringliche Menſchen ſind! Ludwig, dem die fieberhafte Aufregung nicht ent⸗ gieng, in der ſich Conſtantin trotz ſeiner ſcheinbaren Ruhe und Gelaſſenheit befand, verſprach ihm ſeinen Wunſch noch heute zu erfüllen und mit Eliſabeth nähere Ver⸗ abredung zu nehmen.— Dann ging er fort, mit einer tiefen Sorge im Herzen; denn es war ihm heute an Volkhauſen Etwas aufgefallen, was ihm, wiewohl er ſich's nicht näher zu erklären wußte, doch die Ueber⸗ zeugung einflößte, daß der Freund dicht vor einem Ab⸗ grund ſtehe und ſelber an ſeiner Rettung verzweifle.— Er kehrte nach Hauſe zurück, um noch Etwas zu beſor⸗ gen und dann ſogleich zu Eliſabeth zu eilen, ihr ſeine Befürchtungen mitzutheilen, da fand er die Freunde aus dem Erlkönigklub ſeiner voll Ungeduld auf ſeiner Stube harrend, und in den nächſten Minuten wußte er ſchon ganz genau, warum Conſtantin jenen ehrenvolleu An⸗ trag zurückgewieſen und was ihm ſelber vorhin dieſe unerklärliche Sorge um den Freund eingeflößt hatte.— Doctor Dieſer hatte ſeiner gegebenen Zuſage getreu das verhängnißvolle Blatt aus dem Leſelokal des Caſino's mitgebracht, und keiner der Genoſſen war nach dem Le⸗ ſen des Aufſatzes mehr im Zweifel, daß damit Con⸗ 218— ſtantin's Schickſal für immer entſchieden ſei. Die Be⸗ weiſe der von ihm unter des großen Pythagoras Namen begangenen Fälſchung waren ſo überzengend, ſo klar und eingehend dargelegt, daß auch die treueſte und begeiſtertſte Freundſchaft muthlos dagegen verſtummen, und ſelbſt die glänzende Anerkennung, die der mitleidloſe aber gerechte Richter am Schluſſe der ſeltenen Gelehrſamkeit„des glücklichſten und gefährlichſten aller literariſchen Falſarii alter und neuer Zeit“ zollte, nur noch ihren Schmerz um den unglücklichen Freund vermehren mußte. Auch brachte Keiner, ſo lang und eifrig man auch hin und her berieth, wie man Volkhauſen über dieſe Si⸗ tuation hinaushelfen könne, einen ausführbaren Vor⸗ ſchlag zur Sprache, und zuletzt vexeinigte man ſich in dem traurigen Uebereinkommen, daß hier jede direkte Hülfe der Freundſchaft unmöglich ſei und man es ihm allein überlaſſen müſſe, wie er die ſchweren Folgen ſeiner unſeligen That ertragen werde. Ich will mit ihm auf der Stelle nach Rom reiſen! rief der wackere Enthuſiaſt Bardenfleth.— So geht er wenigſtens dem erſten Stadtklatſch aus dem Wege. Das wäre allerdings noch ein Vorſchlag, der ſich hören läßt, erwiederte der Arzt Tiedemann. In einem Jahre verraucht viel Strohfener. Wenn er nur auch mitgeht! Es iſt Alles vergebens, ſagte Ludwig niedergeſchlagen. — 219— Wäre denn der arme Conſtantin ohne dieſen blinden fanatiſchen Trotz, ohne dieſen unbeugſamen Eigenwillen überhaupt der unglückliche Menſch, der er iſt? Lieber, als daß er einem treuen vernünftigen Freundesrath Ge⸗ hör ſchenkt, lieber ſetzt er ſich in der Toga eines altrö⸗ miſchen Senators auf den curuliſchen Stuhl mitten auf den Marktplatz ſeiner Vaterſtadt, läßt ſich von Schu⸗ ſtersbuben am Bart zupfen und von alten Weibern mit Knütteln todtſchlagen!— O ich habe heute eine ſchlimme, ſchlimme Vorſtellung von ſeiner Zurechuungsfähigkeit erhalten! Bei ihm ausharren, den Wankenden ſtützen, den Sinkenden aufrichten— das iſt Alles, was jetzt noch in unſerer Macht ſteht! Moſer hat Recht, ſagte der Maler.— Conſtantin iſt kein Charakter, der ein ſelbſtverſchuldetes Unglück er⸗ trägt, und nun gar ein ſolch innerlicher moraliſcher Zwie⸗ ſpalt! Wie ich ihn kenne, wär' er über kurz oder lang ſein eigner furchtbarer Ankläger in dieſer traurigen Ge⸗ ſchichte geworden! So laßt uns treulich bei ihm aushalten! ſprach Bardenfleth bewegt; ſelbſt ſeine Verirrung hat noch etwas Ehrwürdiges für mich, denn ſeine kindliche Nai⸗ vetät geht aus Allem hervor. Er hatte gewiß auch nicht entfernt eine Ahnung von den unſeligen Folgen die⸗ ſer Autorſchaft gehabt, ihn reizte nur die fabelhafte Schwierigkeit, das jedem Andern unlösbar ſcheinende Problem und es war mehr der Nihiliſt in ihm, als der überlegte Mephiſto, der den Pythagoras veſtituirte. Hierin ſtimmten ihm die Uebrigen bei und Alle ge⸗ lobten, auch fernerhin in treuer Freundſchaft zu Con⸗ ſtantin zu halten, und, wo ſich eine Veranlaſſung dazu bieten ſollte, Jeder in ſeinem Kreiſe des Freundes Partei zu ergreifen und etwaige boshafte Angriffe und Verdäch⸗ tigungen gegen ſeine Ehre mit aller Entſchiedenheit zu⸗ rückzuweiſen.— Mit dieſem Vorſatz trennte man ſich und Ludwig eilte zu Eliſabeth, theils um ſie von Copſtan⸗ tin's ſehnſuchtsvollem Verlangen nach der kranken Schwe⸗ ſter in Kenntniß zu ſetzen, theils um in ihr ſtarkmuthiges Herz die Sorgen und Befürchtungen auszuſchütten, die ihm des Freundes Schickſal bereitete.— Wenn ſie kei⸗ nen Rath in dieſer Drangſal weiß, dann können wir Andern alleſammt die Segel einziehen! dachte er bei ſich und war doch ſelber unſchlüſſig, wie er ihr Conſtantin's verzweifelte Lage entdecken ſolle, ohne ihr dadurch einen allzuheftigen Schrecken zu bereiten.— Er fand ſie ſeiner ſchon harrend in dem Zimmer, welches ihnen Onkel Cyprian's liebevolle Fürſorge angewieſen hatte, damit ſie ſich täglich auf einige Zeit allein ſehen und ſprechen könnten; auf den erſten Blick las Eliſabeth ſein erſchüt⸗ tertes Herz in ſeinen Zügen und bald genug kannte ſie die Urſache davon in ihrer ganzen erſchreckenden Be⸗ —— — ½ deutung. Einen Augenblick verlor auch ſie alle Faſſung, ſchnell aber ſich ermannend, ſagte ſie von einem muth⸗ vollen Entſchluß erhoben: Ich will hin zu ihm, will ihm Alles ſagen, von mir, das weiß ich, wird er dieſe ſchlimme Nachricht noch am erſten mit Ruhe annehmen und ertragen.— Ach, der arme, arme Menſch! Nun habe ich freilich den Schlüſ⸗ ſel zu vielen dunklen Räthſeln ſeiner Vergangenheit, nun wird mir beſonders auch meine Empfindung klar, wa⸗ rum ich immer dieſes tiefe Mitleid mit ihm fühlte, wenn er zuweilen wochenlang weggeblieben war und dann blaß und erſchöpft von ſeinen geiſtigen Anſtrengungen wieder zu uns kam! Da, o lache mich nur wegen mei⸗ ner nachträglichen Prophetengabe aus, ſagte mir oft eine innere Stimme, es könne unmöglich ein rechtes, ein freu⸗ diges Werk ſein, was ihn beſchäftige, da es ihn immer ſo düſter machte und er niemals mit Wärme und Be⸗ geiſterung von ſeiner Arbeit ſprach. Vielmehr verach⸗ tete er alle Gelehrſamkeit und bemitleidete und ver⸗ ſpottete die eitle Selbſttäuſchung derer, die ſich einbilde⸗ ten, den höheren Intereſſen des Lebens durch die Wiſ⸗ ſenſchaft zu dienen und dadurch größere Erkenntniß, Humanität und Tugend unter den Menſchen zu fördern. Aber daß er ſich ſo weit von den reinen Bahnen ſeiner ihm einſt ſo theueren Muſen entfernen würde, das ahnte ich freilich nicht, denn nie kannt' ich einen Menſchen, — dem Lüge und Falſchheit ſo ſehr in den Tod zuwider geweſen wären, wie ihm. Ludwig zuckte ſchmerzlich bewegt die Achſel, als ſie ihn hierauf dringend fragte, ob er nicht auch glaube, daß Conſtantin von ihr noch am erſten einen guten und verſtändigen Rath annehmen werde? Ich fürchte, er hat die Linie ſeines Verhängniſſes bercits überſchritten, ſagte er.— Aber auch ſo, wie ſchön ich auch Deinen Entſchluß finde, würde ihn gerade Deine liebreiche Theilnahme vollends zu Boden werfen. Laß uns vor Allem abwarten, wie er ſich überhaupt bei der Sache benimmt, er iſt in ſeiner jetzigen Gemüthsverfaſ⸗ ſung ein ganz unberechenbarer Menſch; möglich, daß ein Aeußerſtes ihn wieder zur Beſinnung bringt und ihn lenkſamer macht. O meine arme Anna, wie ſorge ich nun erſt um dich! klagte Eliſabeth weinend.— Schon ſeit mehreren Ta⸗ gen iſt Conſtantin ihr einziger Gedanke, wachend und träumend beſchäftigt ſie ſich nur mit dem Bruder. Auch ſie hat die größte Sehnſucht, ihn zu ſehen; aber ohne den Arzt, ohne den Onkel dürf, wir es keinenfalls wagen. ⸗ Iſt's nicht eine Tragödie im großen Stile, dieſes Geſchwiſterſchickſal! rief Ludwig erſchüttert.— Halt' feſt, bleib' ſtark, mein Liebchen, ich fürchte, der letzte Akt ſteht noch bevor! Thun wir unſere Schuldigkeit! ſagte ſie.— Ein Glück wie das unſere, will vom Himmel durch treue Werke abverdient ſein. Rege Du Dich nur nicht allzuſehr auf, mein Beſter, Du ſiehſt mir wirklich ſo angegriffen aus, als hätteſt auch Du einen Pythagoras geſchrieben. Geh' zu meinen munteren Schweſtern, daß ſie Dich ein wenig zerſtreuen; ſie nähen eben an meiner⸗Weißzeugausſtat⸗ tung. Heute ſchrieb mir Lucinde, ſie hätten ſich Beide an dem rauhen Drillich der Küchenhandtücher die Finger wund genäht und der ungalante Herr Schwager nähme demungeachtet gar keine Notiz mehr von ihnen. Mein Gott! Wo ſollen wir denn mit all dem Tan⸗ delkram hin! rief Ludwig.— Das Alles hat ja meine ſelige Mutter ſchon doppelt und dreifach für die künftige Schwiegertochter angeſchafft! Davon verſtehſt Du nichts, Mann! ſagte Eliſabeth ſehr ernſt.— Darin bin auch ich eine gute Tochter mei⸗ ner Vaterſtadt und beſtehe darauf, daß ich mit einer gehörigen Weißzeugausſtattung in den Stand der hei⸗ ligen Ehe trete. Denn ſonſt fehlt der künftigen Haus⸗ frau die beſte Garantie und der Mann kriegt das Re⸗ giment, was nicht ſein ſoll, noch geduldet werden kann. Wozu hätte denn auch mein guter Vater jahrelang vor „unbequemen“ Schwiegerſöhnen gezittert, wenn die Weiß⸗ zeugausſtattung nicht eine ſo bedentſame inhaltsſchwere Frage bildete? Es that aber auch wirklich noth, daß ſie Ludwig's Stimmung in dieſer freundlichen Weiſe aufheiterte; denn ſo niedergedrückt und entmuthigt wie heute war er ihr noch nicht erſchienen, ſo ſehr hatte Conſtantin's Lage ſein Gemüth erſchüttert und eine ihm ſelber unerklärliche bange Vorahnung von noch größeren bevorſtehenden Leiden in ihm wachgerufen.— Darum hätte Eliſabeth ihn nicht leicht durch einen anderen Troſt ſchneller und erfolgreicher aufrichten können, als indem ſie ihn an das eigne Glück erinnerte, das ſchon, Dank der ſchweſterli⸗ chen Liebe, aus dem Reiche holder Träume und roman⸗ tiſcher Verſchleierung ſich in höchſt poſitive Begriffe um⸗ zuſetzen anfieng, als da waren: Weißzeugausſtattung, Küchenhandtücher und Pantoffelregiment. 3 Auch fand er das Alles ſpäter im Kloſterhof ganz ſo beſtätigt, wie es ihm Eliſabeth geſagt hatte; beide Schwägerinnen und noch eine Nätherin ſaßen mit gluth⸗ rothen Köpfen unter dicken Ballen von Weißzeug und hantirten mit Nadel und Scheere ſo emſig drauf los, als ſei das Weltende im Anzug. Wir ſind jetzt an Eurem Tiſchzeng, ſagte Lucinde mit dem ſtrengen Blick der Parze, die den Lebensfaden ſpinnt. — Mit ſechs Dutzend feinen Damaſtſervietten kann ſich der Herr Schwager lange den Mund abwiſchen, wenn die Frau Gemahlin ihn ſinnig aber gemüthlich mit Spätzlen und Sauerkraut regalirt oder ihm eine verſalzene Waſ⸗ 9 5 — 25 ½ ſerſuppe mit geröſteten Zwiebelſchnittchen vorſetzt. Bei jedem Nadelſtich, den ich thue, muß ich immer an die draſtiſche Schilderung des Oberamtmanns von Eurer Schwabenheimer Kochkunſt denken.—„Ne, Idylle, Du reizeſt mir niche!“— Phe love in the cottage laß ich al⸗ lenfalls noch gelten, aber Milchſuppe und gar Spätzle mit ſauren Schweinsohren— hu! In dieſer Weiſe mußte Ludwig für ſein langes Weg⸗ bleiben büßen; aber die launige Strafpredigt hatte we⸗ nigſtens das Gute für ihn, daß er darüber die düſteren Sorgen vergaß und ſich in heiterer Stimmung unter Scherzen und Neckereien bis gegen Abend mit den bei⸗ den munteren Schwägerinnen herumſtritt. Dann holte ihn Herr Felix in ſeine Stube herunter, aus der Alles was ſeither noch an das Comptoir des Kaufmanns er⸗ innert hatte, ſpurlos verſchwunden war, ſo daß ſie nun vollſtändig dem Studirzimmer eines eifrigen Gelehrten glich. Mit geheimnißvollem Lächeln führte ihn der Schwiegervater an eine große Kiſte, die er öffnete; ſie war bis oben hin mit Handlungsbüchern angefüllt. Da liegt der langjährige Alp meines Herzens! ſagte er.— Gottlob! Morgen wird die Kiſte auf den oberſten Boden geſchafft, und wenn mir der Himmel Enkel ſchenkt, ſo will ich ihnen gerne geſtatten, daß ſie ſich aus des Großvaters Haupt- und Contobüchern Papierdrachen und Napoleonshüte anfertigen. Na! Sie werden Nichts D. Müller, der Kloſterhof. MI. 15 226— dagegen einzuwenden haben?— Aber daß ich's nicht vergeſſe, fuhr er dann, die Kiſte wieder ſchließend, la⸗ chend fort: Sie haben da einen ſonderbaren Kauz von Diener angenommen. Ich war nämlich heute Vormit⸗ tag in Ihrer Wohnung, eben als Sie mit Ihren Freun⸗ den weggegangen waren. Wie ich in's Vorzimmer trete, ſteht der Burſche bei einer Ofenhitze von mindeſtens vierzig Grad in höchſt eigenthümlichen braunledernen Unterhoſen und in Hemdeärmeln vor dem Spiegel und raſirt ſich. Als er mich durch den Spiegel erblickte, kehrte er ſich nicht einmal um, ſondern ſeifte ſich das Geſicht fortwährend über und über ein, als wolle er ſich Naſe, Stirn und Angenbrauen zugleich wegraſiren. Dann machte er mir einen ſteifen Bückling nach dem andern, aber immer durch den Spiegel, ſeifte beſtändig fort, und es koſtete mich große Mühe, bis ich endlich von ihm herausbrachte, Sie ſeien ausgegangen. Der Menſch hat wohl einen Sparren? Ludwig brachte dieſe Nachricht bei der bekannten Empfindlichkeit des alten Herrn in einige Beſtürzung; er entſchuldigte ſeinen Blaſius ſo gut er konnte mit dem Umſtand, daß derſelbe nicht gewußt hätte, wen er vor ſich habe und verſprach dem Herrn Schwiegervater jede mög⸗ liche Genugthuung von Seiten des unmanierlichen Bur⸗ ſchen. Herr Felix aber bat unter herzlichem Gelächter um Pardon für ihn und verſicherte, er habe ſich lange nicht über einen Menſchen ſo köſtlich amüſirt, als über den närriſchen kurzſtämmigen Geſellen in der braunle⸗ dernen Unterhoſe mit dem dicken Seifenſchaum im Ge⸗ ſicht und ſeinen ſteifen Komplimenten.— Vom Kloſterhof ging Ludwig, weil er es den Freun⸗ den feſt zugeſagt hatte, nach dem gewöhnlichen Verſamm⸗ lungslocal. Zwar waren heute alle Plätze beſetzt und es fehlte außer Volkhauſen keiner der Genoſſen, den⸗ noch herrſchte nicht die ſonſtige fröhliche Stimmung im Erlkönigsclub, vielmehr drückte ſich auf allen Geſichtern eine tiefſchmerzliche Bewegung und Niedergeſchlagenheit aus. Natürlich bildete die Geſchichte mit Conſtantin das alleinige Thema des Geſprächs; denn die Sache war bereits ſtadtkundig geworden und wenn auch kein Einziger der Anweſenden ein verdammendes Urtheil ſprach, vielmehr Alle ihr tiefes Mitleid mit dem Freunde äußerten, ſo wagte doch Keiner ein Wort zur Verthei⸗ digung deſſen zu ſprechen, der doch ſo lange die Seele der ganzen Geſellſchaft geweſen war. Von allen Sei⸗ ten beſtürmte man Moſer mit Fragen; Jeder wollte wiſſen, ob Conſtantin bereits von dem gegen ihn gerich⸗ teten Angriff Kunde erhalten habe; Ludwig erzählte Alles, was er von dem Freunde wußte und lautlos lauſchte man ſeinen Worten. Nachdem er geendet hatte, machte Bardenfleth mit gedämpfter Stimme den Vorſchlag, ietzt kein Wort mehr über dieſe traurige Angelegenheit 15 — 228— zu ſprechen und Alle ſtimmten ihm bei. Hier und da brachte Einer eine andere Frage in Anregung; aber was ſonſt Stoff zu lebhafter und eingehender Unterhaltung geboten hätte, gieng heute faſt ſpurlos vorüber, bald leerte Einer nach dem Andern ſchweigend ſein Glas und ſchlich von dannen. Schon gegen zehn Uhr waren nur noch die gewöhnlichen Nachzügler beiſammen. Man trank, wie Doctor Dieſer bemerkte, nur mit halber Kehle, Erlkönigs ſonſt ſo helles Phantaſusauge war von düſte⸗ ren Nebeln verſchleiert. Wir wollen aber doch zuſammen bleiben, ſagte Tie⸗ demann; und Bardenfleth, der ſtets zu guten Werken der Liebe und des Troſtes bereite ließ Cham⸗ pagner kommen. Denn noch lebt ja der alte Gott, ſagte er mit er⸗ zwungenem Frohſinn; und wäre Conſtantin jetzt in un⸗ ſerer Mitte, ſo wollte ich gar nicht mehr an den ver⸗ wünſchten Handel denken!— Nun, Freund Ludwig, Du auf Roſen gebetteter Liebling der Himmliſchen, erheitere Dein Gemüth und laß uns anſtoßen auf's Wohl Deiner geiſtvollen Braut! Zwar entführſt Du uns bald unſer ſchönſtes Kleinod, Niemand wird mehr meine Verſe im Tagblatt leſen, Niemand mir mehr im Cotillon den Blumenſtrauß überreichen, aber doch ſoll Dir darum nicht gegrollt ſein, ich ſchicke Euch künftig jede Num⸗ — 20— mer des Tagblattes, worin ein Gedicht von mir ſteht, unter Kreuzband zu. Jedenfalls hat er ſeine neue Welt leichter entdeckt, als einſt Columbus die ſeine, ſagte Doctor Dieſer, nach⸗ dem Alle ihre Gläſer auf's Wohl der ſchönen Braut gelehrt hatten. Mich tröſtet dabei allein der Gedanke, daß ja doch blos immer nur Einer ſolch' ein ſeltenes Glück gewinnen kann! Aber einiges Verdienſt haben wir doch auch dabei, nahm Tiedemann das Wort und drückte Ludwig die Hand.— Hätten wir Dich damals nicht im Weinkeller in unſere Mitte genommen und Dir die Siebenmeilen⸗ ſtiefel ausgezogen, wer weiß, wo Du jetzt ſäßeſt! Statt deſſen lieferſt Du wieder mal faktiſch den tröſtlichen Be⸗ weis, daß die Erde rund iſt und kehrſt nach kurzer Weltfahrt dahin zurück, von wo Du jüngſt ausliefſt. Laßt mich einen Toaſt ausbringen! rief Ludwig be⸗ geiſtert.— Es leben die vier Freunde, die mir damals zuerſt Halt zuriefen in meinem tollen blinden Rennen nach einem unbekannten Ziele! Ein helles Gläſerklingen und lauter ſtürmiſcher Ju⸗ bel war die Antwort. Es lebe das Genie, auch wo es irrt und fehlt! rief der Maler.— Conſtantin, unſer neuer Pythagoras, er lebe! 8 1 Er lebe— der neue Pythagoras lebe! rief der treue Chorus und wie auf ein verabredetes Zeichen er⸗ hoben ſich Alle feierlich von ihren Sitzen; da— in dem nämlichen Angenblick fuhr mit einem heftigen Schlag die Thüre auf— auf der Schwelle ſtand todtenbleich, in der rothen frieſiſchen Jacke, ohne Kopfbedeckung Der, deſſen Name eben jenen verhängnißvollen Zuſatz erhal⸗ ten hatte— Conſtantin, und rief mit furchtbarer Stimme und gräßlich verzerrten Zügen, ſo daß Alle ihn entſetzt anſtarrten: Haltet ein— trinket nicht!— Ein Glas her— ich— ich will den rechten Toaſt ausbringen, und ein Schuft, wer mir nicht nachtrinkt! Er ſtürzte an den Tiſch, mit zitternder Hand reichte ihm Bardenfleth den gefüllten Kelch, da richtete ſich der Un⸗ glückliche hoch empor, wie ein fahler Wetterſchein zuckte es aus dem kranken Auge, nur die breite Narbe glühte, ſonſt war kein Blutstropfen in ſeinem Geſichte— aber mit Einmal verklärten ſich ſeine Züge zu einem wun⸗ derbaren Glanze, er erhob das Glas und ſagte feierlich: Es lebe der redliche unbekannte Menſch, der mich Schurken entlarvt und des großen Pythagoras Gedächt⸗ niß vor einem Fälſcher geſchützt hat! Beſtürzt prallten die Freunde zurück, Bardenfleth wollte ihm das Glas vom Munde wegreißen, er aber ſtieß ihn wüthend von ſich:„So trink' ich allein meine Schande!— Sie lebe ewig in Eurem Gedächtniß!“ rief er mit dem hellen Accent des Wahnſinns, leerte, ohne daß es Einer verhindern konnte, das Glas mit einem raſchen Zuge, machte dann die Nagelprobe und taumelte mit einem dumpfen Schrei zu Boden.— Ein Schlag hatte ihm die linke Seite gelähmt, er röchelte wie ein Sterbender, die fünf Freunde hielten den furchtbarſten Moment ihres Lebens mit der Standhaftigkeit beſonne⸗ ner Männer aus; Tiedemann, der erfahrene Arzt, ver⸗ ſuchte ſogleich alle Mittel ſeiner Kunſt, noch hatte Con⸗ ſtantin ſein volles Bewußtſein, man brachte ihn in das nächſte Zimmer und legte ihn auf ein Bett— Senf⸗ teig, warme Fußbäder und ein Aderlaß wurden zugleich angewendet, der Unglückliche wollte noch reden, aber die gelähmte Zunge verſagte den Dienſt, unter vergeblichen Anſtrengungen lallte er— es klang wie„Anna! Anna!“ — mit verſchlungenen Armen umſtanden die Freunde be⸗ tend das Lager, Tiedemann hielt das Haupt des Ster⸗ benden ſanft im Arme, und eben, da es von dem nahen Dome eilf Uhr ſchlug, ſagte er ruhig, indem er ihn in's Kiſſen zurücklegte:„Gute Nacht, armer Conſtantin!“— ℳ Vierzehntes Kapitel. Wir ſchildern nicht den Schmerz, nicht die Erſchütte⸗ rung der Freunde, auch nicht das Aufſehen, welches dieſes urplötzliche tragiſche Ende eines ſo hochbegabten und von Allen, die ihn näher kannten, um ſeiner treuen biederen Geſinnung willen ſo geliebten Menſchen in der ganzen Stadt machte. Selbſt in kalten Herzen regte ſich, als die näheren Umſtände ſeines Todes bekannt wurden, etwas wie Ahnung, daß ein ſolches Ende nach einem ſolchen Schickſal nicht zu den gewöhnlichen Ausgängen des Menſchenlebens gehöre, ſondern zugleich die ſichtbare und Allen fühlbare Verſöhnung eines edlen unglücklichen Geiſtes mit der Welt bedeute, indem der Tod ihn im Moment von ſeinem Leid erlöſte, wo ihm die Rettung aus eigner Kraft verſagt war. Aber auch ſeine innigſten Freunde, nachdem ſie ſich von dem erſten erſchütternden — — 33— Eindruck erholt hatten und wieder zu einer ruhigeren Stimmung zurückkehrten, geſtanden ſich ein, daß in die⸗ ſem Tode eine wahre Genugthuung für ſie Alle liege, da er ihnen Conſtantin's Gedächtniß in reiner, von kei⸗ nem Schatten getrübter Trauer zu ehren und zu be⸗ wahren vergönnte. Denn ſein unerwarteter Heimgang erſchien beinahe wie die von ihm freiwillig gewählte, ſeiner innerſten Denkart entſprechende Sühne für die begangene Schuld, und wenigſtens konnte man mit vol⸗ ler Gewißheit ſagen, daß ihm die unerträgliche Laſt das Herz gebrochen in dem Augenblick, wo vielleicht ein An⸗ derer in völlige Abhängigkeit von einem elenden und verachteten Daſein gerathen und ein Leben um jeden Preis dem Sterben um einen einzigen, den der wiedergewon⸗ nenen Ehre, vorgezogen haben würde.— Ludwig war es vorbehalten, Herrn Cyprian Franke am nächſten Vormittage die Trauerkunde von ſeines Neffen und Pflegeſohnes raſchem Tode zu iteingen Er fand den alten würdigen Mann von Gattin, Sohn, Eliſabeth und dem Hausarzt umgeben, im Wohnzimmer, auf's Höchſte ergriffen von der erſchütternden Nachricht, die ihm der Letztere ſoeben mitgetheilt hatte.— Als er Ludwig's anſichtig wurde, gieng er mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu und drückte ihn, unvermögend ein Wort zu ſprechen, unter leiſem Weinen lange ſtumm an ſein Herz, wobei ſeine Lippen in ſtillem Gebete zitterten. — Faſſung! Faſſung! ſagte der Arzt, indem er ſeine Hand ſanft auf des alten Herrn Schulter legte.— Con⸗ ſtantin's Tod hat neben anderen ungewöhnlichen Um⸗ ſtänden auch noch die eigenthümliche Bedeutung für uns, daß wir ihn mit vollkommen heiterer Gelaſſenheit er⸗ tragen müſſen, wenn wir nicht auf einen doppelten Ver⸗ luſt gefaßt ſein wollen.— Nicht wahr, Eliſabeth, Sie trauen ſich Kraft genug zu, jetzt gleich zu Anna hinunter⸗ zugehen und mit ihr ſo harmlos und unbefangen wie ſeither zu verkehren?— Denn ich wiederhole es noch ein⸗ mal, daß Anna vor den nächſten vierzehn Tagen keinen anderen als hellen und fröhlichen Blicken begegnen darf. Nun, Eliſabeth, zeigen Sie Ihrem Bräutigam, was ein treues ſtandhaftes Fräuengemüth in ſolchen Tagen der Prüfung zu leiſten vermag. Sie ſah zwar durch Thränen, aber mit ſtrahlendem Blick auf den Geliebten und ſagte entſchloſſen: Wenn Du Dir das Gleiche zutrauſt, Ludwig, und mit mir zu Anng hinuntergehen willſt, ſo können wir's vielleicht zuſammen durchführen. Ohne Dich aber wär' es mir ganz gewiß unmöglich, denn ſie fragt alle Augen⸗ blicke nach dem Bruder. Herr Cyprian brach bei dieſen Worten in lautes Weinen aus und rief mit flehender Stimme: Geht, geht, Kinder, und verſucht's!— Erhaltet mir die letzte Lebensfreude meiner alten Tage, ich will in Geduld 5 warten, bis mir die Gnade des Herrn ſo viel Kraft und Stärke verleiht, um ihr gleichfalls mit heiterem An⸗ geſicht nahen zu können! Der Arzt ergriff dann ſchweigend Ludwig's und Eliſabeth's Hände und führte Beide nach Anna's Stube hinunter. Bevor er die Thüre öffnete, ſagte er mit leiſer Stimme zu ihnen: Nun gilt's Muth, Ihr glücklichen Herzen! Aber glau⸗ bet einem alten Manne: Was Ihr heute der ärmſten Schweſter thut, wird Euch ein guter Himmel lange nicht vergeſſen! So überlaß' ich Euch denn getroſt Anna's Leben und gehe ſelber wieder hinauf zu unſerm alten Herrn. Mit dieſen Worten öffnete er ſachte die Thüre und ſchob Beide hinein. Als ſie durch das vordere Zimmer leiſe in das Cabinet eintraten, hatten ſie einen Anblick, der ihre Kraft auf eine noch ſtärkere Probe ſtellte, als wenn ihnen Anna ſogleich durch die ungeduldige Frage nach Conſtantin die Herzen erſchüttert hätte. Sanft ſchlum⸗ mernd lag ſie im Bette, ein freundlicher Traum ſpielte in ſeligem Lächeln um die halbgeöffneten Lippen und hauchte eine feine durchſichtige Röthe über die bleichen ſchönen Züge, ſo daß ſie ſelber des Schlafes holder verkörperter Genius zu ſein ſchien; aber für die Lie⸗ benden hatte dieſes rührende Bild noch eine höhere Be⸗ deutung, und Beide fühlten es zugleich ohne Worte, ohne — 236— Blicke, wie hier ihre vereinte Liebe zum Schutzengel ei⸗ ner anderen leidenden Menſchenſeele wurde, für wahre Herzen immer der höchſte Gewinn an reinen und dauern⸗ den Empfindungen. Das Glück, von welchem Anna eben träumte, es war ja in lichten verklärten Zügen lebendig in ihre Seelen geſchrieben— Ludwig, das iſt himmliſch! hauchte Eliſabeth, da ſchlug Anna groß die hellen Augen auf—„Alfred rief ſie noch halb vom ſüßen Traumeswahn umfangen.— Bedauere ſehr, wenn ich ſtöre! ſagte der Freund lachend und Eliſabeth fügte ebenſo heiter hinzu: Nur hübſch Geduld, liebes Herz, innner Eine nach der Andern, ſo kommen wir zu⸗ letzt Alle nach und nach aus Träumen zur Wahrheit. Damit war der glückliche und unbefangene Ton ge⸗ funden, heitere und lachende Geſichter umgaben an die⸗ ſem und dem folgenden Tag die Kranke; ſelbſt der On⸗ kel erſchien in ſeiner gewohnten freundlichen Ruhe, wenn er auch nach jedem Beſuche am Krankenbett der geliebten Tochter Stunden brauchte, um ſich wieder von der furcht⸗ baren Anſtrengung zu erholen, die ihm dieſe Selbſtver⸗ leugnung koſtete. Alles ſchien nach Wunſch zu gehen— da kam der Begräbnißtag Conſtantin's, dem ſeine Freunde noch dadurch eine erhöhte Feier zu geben ſuchten, daß ſie ſelber den blumengeſchmückten Sarg hinaus nach dem Friedhof tragen wollten. Es war ein heller ſonniger Wintermorgen, Anna fühlte ſich nach einem erquickenden Schlummer wohler als ſeit lange, ſie hatte die ganze Nacht hindurch nicht ein einziges Mal gehuſtet und war heiter und guter Dinge. Was Eliſabeth an dieſem ſchrecklichen Morgen litt, läßt ſich eher nachfühlen als beſchreiben; aber mit wun⸗ derbarer Seelenſtärke beherrſchte ſie den tiefen Jammer ihres Herzens, wenn es ihr auch manchmal dunkel vor den Augen wurde oder eine Eiſeskälte ſie durchſchau⸗ erte.— Da wurde Anna, die noch eben mit ihr ge⸗ ſcherzt hatte, plötzlich auffallend ſtill und nachdenklich und ſagte mit einem Seufzer: Ach, wenn doch Conſtantin endlich zu mir käme! Was ſoll nur eigentlich dieſes ewige Fernhalten, dieſes Vertröſten von einem Tage zum andern bedeuten? Es iſt auch wirklich abſcheulich vom Doctor! ent⸗ gegnete die Freundin faſt allzugereizt, denn ſie ward vor Aerger todtenbleich und ihre Stimme hatte einen auffallend heiſeren Klang.— Aber ich hab's ihm auch geſtern ehrlich geſagt, fügte ſie mit mühſam gewonnener Mäßigung hinzu.— Keine acht Tage gehorchen wir ihm mehr und wenn er dann—— Conſtantin nicht zu Dir läßt— ſo— ſo— kommt er ohne des Doctors Erlaubniß! Was haſt Du denn eigentlich, Lisbeth? fragte Anna und blickte ſie forſchend an.— Du biſt ja heute ganz — 238— anders wie ſonſt— ich weiß nicht, was es iſt— aber ſchon vorhin, wie Du an mein Bett trateſt und mir guten Morgen wünſchteſt, ſah ich etwas Fremdes an Dir!— Deine Aungen ſind geröthet und Deine Hände — o Gott, ſind kalt wie Eis! Mir iſt ganz wohl, verſicherte ſie wohlgemuth. Al⸗ lerdings hatte ich eine ſchlechte Nachtruhe— ich kann nun einmal nicht beim Mondlicht ſchlafen und hatte vergeſſen, die Fenſterläden zu ſchließen. Nein, nein! ſagte Anna gereizt,— es iſt auch ſonſt noch Etwas an Dir, was mich ängſtigt!— Ich bitte Dich um Gotteswillen, Lisbeth, rief ſie und ſetzte ſich raſch im Lager auf— Du mußt mir jetzt gleich ſagen, was Du in Deinem Geſichte haſt? Kind, ſei doch klug, mich fröſtelt blos ein wenig! entgegnete ſie und wollte laut über der Freundin Be⸗ ſorgniß auflachen; aber da ſchnitt es ihr plötzlich wie ein Meſſer durch's Herz, nur ein einziger heller Weh⸗ ſchrei entrang ſich ihren Lippen, dann ſtockte ihr Athem, ſie mußte ſich am Tiſche feſthalten. Was iſt denn das! ſprach Anna und ſank zugleich wie von einer unſichtbaren Hand getroffen, in's Kiſſen zurück. Denn eben läuteten viele Glocken, Eliſabeth fiel auf den nächſten Stuhl, Anna's Augen ſtanden ſtarr und groß auf die mit einer Ohnmacht ringende Freun⸗ din gerichtet. tenden bleichen Greis beide Arme entgegen.— Lisbeth, — o ſieh ſie nur an— ſie hat kein Mitleid mehr mit mir— oder zu viel— zu viel— und Du— auch Du, Lisbeth! Was bedeutet das Geläute— Lisbeth, um Gotteswillen— Du weinſt ja ohne Thränen— doch Deine Lippen bluten— Lisbeth, ſei doch menſchlich — olo!l mein Gott— das iſt Todtengeläute— man begräbt Jemand— Onkel, lieber Onkel, Gottlob, daß Du zu mir kommſt! rief ſie und ſtreckte dem eben eintre⸗ Onkel— welchen Jammer leſ' ich in Deinen Zügen— das kann nur— Conſtantin gelten— ha! das iſt das Rechte! Wie ein jäher Strahl zuckte die furchtbare Gewiß⸗ heit über ihr Antlitz— krampfhaft fuhr ſie ſich mit beiden Händen nach dem Herzen, zugleich drang ihr ein heller Blutſtrom aus dem Munde und in einem unbe⸗ ſchreiblich wunderbar lebendigen Aufſchauen der großen herrlichen Angen ſuchte und fand die junge Seele noch unter des Bruders Sterbegeläute den Weg zu beſſe⸗ ren Gefilden.—— Fünfzehntes Kapitel. So hatte denn der Tod auch diesmal wieder Die vereint, die das Leben ſo lange trotz ihrer herzlichen Liebe getrennt hatte, und drei Tage ſpäter ruhten beide Geſchwiſter auf Onkel Cyprian's Erbbegräbniß neben einander. Wie ihr Loos bei aller Verſchiedenheit ihrer äußeren Lebensumſtände doch ein gemeinſames und ihre Stellung, gegenüber einer frömmelnden, jedem Verſtänd⸗ niß von Poeſie und ſchöner freier Menſchlichkeit ver⸗ ſchloſſenen Umgebung von früher Kindheit an eine gleich traurige und unnatürliche geweſen war, ſo fügte es nun eine gütige Vorſehung, daß auch ihr Ausgang aus dieſes Daſeins dunklen Verkettungen ein gemeinſamer war und für Beide mit dem nämlichen Zeitpunkt zuſammenfiel, wo alle ihre wahren Freunde ſich in der einſtimmigen teinung begegneten, daß eine weitere Entwickelung ihrer 8 — — 241— Schickſale bei dem Einen wie beim Andern nicht gedacht werden konnte ohne die gewiſſe Ueberzeugung, daß beide Geſchwiſter den unglücklichſten Verhängniſſen entgegen ge⸗ gangen ſein würden, Kämpfen und Leiden, für deren end⸗ lichen befriedigenden Ausgang nach menſchlicher Berech⸗ nung Niemand die Bürgſchaft übernommen hätte.— Die Eine mit ihrem Herzen, der Andere mit ſeinem moraliſchen Gefühl in unlösbarem Conflict mit des Lebens rechten und falſchen Anſichten, mit der Wirklichkeit beſtehenden und gebietenden Ordnungen— wo hätte da noch ein anderer Ariadnefaden als der, welchen die Parze ſpinnt und zerſchneidet, aus ſolchem Labyrinthe leiten können? So faßten nicht nur Ludwig und Eliſabeth, ſo faß⸗ ten alle näheren Freunde der beiden Geſchwiſter dieſen ſchnellen gemeinſamen Tod als die einzige noch übrig gebliebene Verſöhnung mit ihrem Schickſal auf; aber unſere Liebenden giengen noch einen Schritt weiter; ſie erblickten zugleich in dieſem Heimgang der ihren Herzen ſo nahe ſtehenden theueren Menſchen den Wink einer höheren Abſicht, welche nicht blos das dunkle und gänz⸗ lich unentwirrbar ſcheinende Menſchenverhängniß ſchließ⸗ lich doch noch zum Heile derer löſt, die davon zunächſt berührt wurden, ſondern die auch den Zurückbleibenden in den verſöhnten Schatten Jener zwei Genien ſchenkt, die ihrem eignen Glücke immerfort ſchirmend und ſeg⸗ nend zur Seite ſtehen werden. — Müller, der Kloſterhof. III. 16 — 242— Denn in welchem Gefühle könnten ihre Herzen den Glauben an die Weihe, ja an die höhere Vorausbeſtim⸗ mung ihrer Liebe wahrhafter und dauernder begründen, als im Andenken an das edle unglückliche Geſchwiſter⸗ paar, deſſen trauriges Geſchick ſich ſo innig mit ihrer eignen glücklichen Liebe verwebte, daß die Roſen dieſer und die Grabcypreſſen Jener ſich ihnen zu einem ein⸗ zigen holden Symbole vereinen, welches ihnen immer⸗ dar ſagen wird, daß unendliches Glück und unendliches Weh oft ſo dicht neben einander dem nämlichen Boden entwachſen, wie Roſe und Cypreſſe.— Im Frühjahr ſoll die Hochzeit ſein, Eliſabeth trägt ſchon lange den Brautring ihrer ſeligen Mutter neben dem goldnen Reif Ludwig's, aber das Trauerkleid will ſie erſt an dem Tage ablegen, wo ſie dem Geliebten im hellen Schmuck ihrer bräutlichen Schönheit zum Altare folgt.— Wie Viel gibt's da nicht noch zu ſchaffen und zu ſorgen von früh bis ſpät, ſo daß ſich ſogar bei Herrn Felix ganz im ſtillen Hintergrund ſeiner Seele zuweilen wieder der alte Aerger regt über die„Unbequemlichkeit,“ die ein Schwiegerſohn im Hauſe verurſacht und ihm dann der üble Humor bei dieſer häuslichen Unruhe mitunter deutlich genug im Geſichte geſchrieben ſteht.— Aber ein Tag kam doch, an welchem er wiederum — 243— Gott dafür danken mußte, daß er einen Menſchen hatte, vor dem er ſein ganzes Herz ausſchütten konnte, ohne fürchten zu brauchen, von ihm mißverſtanden zu werden. Es war das ein klarer Februartag, und auf des alten Herrn Antlitz, als er von einem Beſuche bei ſeinem Bruder zurückkam, ſtand die umwölkte Stirne und der feierliche Ernſt ſeiner Züge in einem ſonderbaren Con⸗ traſt mit dem„ſtrahlenden, faſt triumphirenden Blick ſeiner grauen„Tanberaugen.“— Trotzdem es ihm vortrefflich ſchmeckte, ſprach er doch bei Tiſche kein Wort, wohl aber ruhte ſein Auge oft lange ſinnend auf Ludwig und Eliſabeth. Es war ganz das alte Weſen an ihm, wenn ihm eine Sorge, ein Aerger mehr als billig die böſen Lebensgeiſter aufſtörte.— Nachdem er ſeine Serviette mit der gewohnten Acecurateſſe zuſammengelegt und das Zei⸗ chen zum Aufſtehen gegeben hatte, faßte er Ludwig am Arme, blickte ihn lange halb forſchend, halb zerſtreut an und fuhr plötzlich grimmig gegen ſeine Töchter auf: Was ſchnattert Ihr denn da ſo unaufhörlich? Geht hinunter an Eure Näharbeit, ich habe Moſer an Etwas zu erinnern, was zwar ſchon eine geraume Weile her iſt und woran er vielleicht ſelber nicht mehr denkt— worüber ich ihm aber jetzt ganz genaue Anskunft geben kann. Nachdem die Mädchen auf ſeinen herriſchen Wink das Zimmer verlaſſen hatten, trat er dicht vor den jungen Mann und ſagte mit einem ironiſch gutmüthigen Lächeln: 16* 2 Sie müſſen mir's nicht übel nehmen, wenn ich ſoeben auch gegen Ihre Braut etwas barſch aufgetreten bin; aber noch iſt ſie meine Tochter wie die beiden Andern, und ich mag ſolchen Kindsköpfen gegenüber nicht gerne von ernſten Dingen reden. Wieder hielt er eine Pauſe inne und ſagte dann mit feierlicher Miene: Allerdings gehören ſolche Fälle nicht zu den außer⸗ gewöhnlichen Erſcheinungen in der Handelswelt, wie Sie wohl jetzt, nachdem Sie ſich längere Zeit in unſeren kaufmänniſchen Verhältniſſen umgeſehen haben, aus eig⸗ ner Wahrnehmung beobachtet haben werden. Ludwig ſah ihn fragend an; er wußte anfangs gar nicht, was der alte Herr damit ſagen wollte, bis ihm plötzlich jenes Geſpräch vor mehreren Monaten wieder einfiel, da man ſich eines Abends von den bedrohlichen Ausſichten unterhalten hatte, die in Folge bedeutender Falliſſements von New⸗Yorker Häuſern dem europäiſchen Handel möglicherweiſe bevorſtünden.— Die im Winters⸗ anfang ſtattgefundene Unterhaltung nahm Herr Felix jetzt, gegen Wintersende, an dem damals abgebrochenen Faden 5 wieder auf und ſprach in dem nämlichen feierlichen Tone: Ich ſagte es Ihnen ja ſchon damals, Sie könnten, blieben Sie den Winter über bei uns, Manches in die⸗ ſer Hinſicht erleben. Nun, die Todten reiten ſchnell, und der beleidigte Schatten Conſtantin's hat raſch genug — 245— die Mächte der Vergeltung gegen ſeinen Feind und Widerſacher aufgewiegelt. Sein Blick hatte bei dieſen Worten etwas unheim⸗ lich Wildes und ſeine Stimme zitterte hörbar, als er nach einer Pauſe fortfuhr: Heute hieng's an einem Haare und mein Sohn, Herr Carlos Franke hätte— ſeine Zahlungen eingeſtellt!— Daß es nicht ſo weit mit ihm kam, dankt er allein der Großmuth ſeines Onkel's Cyprian, der den gewiſſen Ruin ſeines Neffen dadurch verhütet hat, daß er ihn als offenen Compagnon annahm und zugleich ſeinen eignen Sohn Corneli für majorenn erklären ließe. Die neue Firma lautet künftig: Cyprian Franke Sohn und Comp., da mein Bruder ſich aus dem Geſchäft zurückzieht. Ja, „die Erd' hat Blaſen wie das Waſſer hat,“ heißt's im Macbeth, dieſe Aſſociation hätte ſich aber doch wohl Niemand träumen laſſen! Wie begreiflich überraſchte dieſe Neuigkeit auch Moſer nicht wenig; aber noch ungleich mehr intereſſirte ihn dabei das Benehmen ſeines Schwiegervaters, der ſeine Freude über die Gefahr, in welcher der ſtolze Sohn geſchwebt hatte, kaum zu verbergen ſuchte. Da ſagte Herr Felix, der wohl dieſe Betrachtung in Ludwig's Seele leſen mochte, mit jenem Pathos, das an der Wahrheit der Empfindung nicht zweifeln läßt: Gottlob! Ich erlebe noch kurz vor meinem Ende die — 246— Genugthuung, daß der Himmel doch nicht alle Unnatur der Menſchen ungeſtraft hingehen läßt!— Dieſer Karl war einſt mein Liebling, wie keins meiner Kinder— und wie hat er mir meine blinde Affenliebe vergolten! Doch ſtill, ſtill, ſtill davon!— Zwiſchen ihm und mir be⸗ ſtand ſchon ſeit Jahren keine andere Gemeinſchaft mehr, als daß mein empörtes Herz mir nicht erlaubte, dieſem harten eitlen Menſchen die Wunden zu zeigen, die mir ſeine Fühlloſigkeit gegen mein Unglück geſchlagen hatte. — Aber als ich Sie, lieber Moſer, Sohn nennen durfte, da war auch dieſe Qual des beleidigten Vater⸗ herzens von mir genommen und nun iſt's gut— iſt's gut— Herr Carlos Franke weiß ſeit hente Morgen, daß ich ihn nur noch verachte! Seine Augen wurden feucht, er preßte Ludwig mit Innigkeit an ſein Herz und ſagte bewegt: Vergeſſen Sie aber mir zuliebe ja Alles, was wir ſoeben geſprochen haben; am Beſten, Sie laſſen Eliſabeth zeitlebens im Wahne, ich hätte ihres Bruders Engher⸗ zigkeit nie ſo recht empfunden und ſein wahrer jämmer⸗ licher Charakter ſei mir eigentlich niemals ganz klar geworden. Nach dieſen Worten gieng er ſo raſch aus dem Saale, als fürchte er bei längerem Verweilen noch anderen Bedanken und Empfindungen ſeines Inneren Worte zu leihen.— Als gleich nachher Eliſabeth, die ihren Vater die Treppe hatte hinuntergehen hören, hereinkam, ſaß Lud⸗ wig, den Kopf ſinnend in die Hand geſtützt am Fenſter und ſah ohne ſich nach ihr umzukehren regungslos hinaus auf die Straße. Das iſt Sorge, die Dir der Vater in die Seele geredet hat, rief ſie beſtürzt und fuhr ihm ſanft mit der Hand über die umwölkte Stirne. Zerſtreut nickte er ihr zu und ſagte erſt nach einer Pauſe: Ja, eine Sorge, mein liebes Herz, aber eine, die Gottlob ſchon weit hinter uns liegt!— O was iſt doch die Liebe für eine wunderbare Magie! rief er begeiſtert und umſchlang das holde Weſen.— Eben kramte mir da Dein guter Vater eine alte garſtige Geſchichte aus längſt vergangener Zeit aus, aber kaum hör' ich Deine liebe Stimme und ſeh' Dir in's Auge, ſo hab' ich auch ſchon Alles wieder vergeſſen, was er mir erzählte! Ah, ich merke, Du willſt mich auf die Probe ſtellen! rief ſie mit ſtrahlenden Blicken.— Nun ſieh, wie ich ſie beſtehe!— Neugierig bin ich zwar; aber was ich Dir nicht aus den Augen leſen kann, das will ich auch niemals wiſ⸗ ſen! Zum Beweiſe dafür nimm dieſen Brief vom Ober⸗ amtmann an Dich; ich habe ihn zwar aufgemacht, aber gewiß kein Wort darin geleſen, ja glaub's nur, kein Wort!— Denn es iſt geradezu abſcheulich, was Dir da ſchreibt! — Sie ward feuerroth, als Ludwig haſtig nach dem Briefe griff; aber kaum hatte er einen flüchtigen Blick hineingethan, ſo ſprang er lautlachend vom Stuhle auf und ſie ſtürmiſch umfaſſend, rief er jubelnd: Was? Die Frau Oberamtmännin hat Zwillinge! Ein Bube und ein Mädchen! Ha! Ha!— Das geſchieht Dir aber Recht— denn geſteh's nur, liebe Nengierde — in meinen Augen haſt Du dieſe Neuigkeit nicht geleſen? O Du entarteter Enkel! rief ſie, und in Zorn und Liebe ſchlug und küßte ſie zugleich den loſen Mund— Strafe und Verſöhnung in einem Momente! Druck von C. P. Melzer in Leipzig. ſ 12 14 15 16 17 18