Leihbibliothekt deutſcher, engliſcher franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . Seih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſiattet — S— wird. 2 5 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: S für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mk Pf 1 Mk 50 Pf 2 Wi. Pf. 3. E 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Mit Heinrich Beck, dem Sohne rechtlicher Eltern aus dem Bürgerſtande, der bis vor Kurzem das Ghm⸗ naſium ſeiner Vaterſtadt beſucht und für einen der fähigſten Schüler der Anſtalt gegolten hatte, war der Dritte im Bunde in das neue Freundſchaftsverhältniß eingetreten; ein ſinniger Jüngling, in dem es aber bei aller äußeren Stille und Schüchternheit des Weſens nicht minder ſtürmiſch gährte, wie in den beiden Andern, nur daß er bis zur jüngſten Zeit faſt ohne allen Um⸗ gang allein ſeinen Büchern gelebt hatte, was ihm eine gewiſſe Scheu und Befangenheit verlieh, bis ein Zu⸗ fall das in ihm ſchlummernde Talent für die Bühne entdecken ließ. Er ſollte nämlich auf dem Liebhaber⸗ theater der Geheimeräthin von Lichtenſtein in einem franzöſiſchen Luſtſpiel die unbedeutende Rolle eines 4 Pariſer Friſeurs ſpielen, da ein anderer junger Mann ſeiner Bekanntſchaft, der jene Rolle übernommen hatte, kurz vor Aufführung des Stückes daran verhindert wurde. Lange ſträubte ſich Beck gegen das Andrängen ſeiner kunſteifrigen Gönnerin; er mochte jenen Men⸗ ſchen, deſſen Platz er ausfüllen ſollte, nicht leiden; denn dieſer hatte ſich ſchon öfter über des armen Bürger⸗ ſohnes eckiges Weſen luſtig gemacht und war ſehr ein⸗ gebildet auf ſein vermeintliches großes Schauſpieler⸗ talent; endlich mußte jedoch Beck nachgeben, und halb aus Verzweiflung darüber, vor einer ſo angeſehenen Geſellſchaft in dieſer faden Rolle auftreten zu ſollen, halb aus einer Anwandlung von Schadenfrende ergriff er die Gelegenheit, ſich an ſeinem eitlen Widerſacher dadurch zu rächen, daß er dieſen in der Rolle des Pa⸗ riſer Haarkünſtlers bis zur täuſchenden Aehnlichkeit nachahmte, was unter den Anweſenden die größte Hei⸗ terkeit hervorrief. Beck feierte einen doppelten Triumph und war der Held des Abends; anweſende Freunde der theatraliſchen Kunſt, darunter Ekhof ſelber, erkannten das in dem ſchüchternen Jüngling verborgene ſeltene Talent für komiſche Darſtellung und ermunterten ihn zu weiteren Verſuchen, woran es natürlich die protec⸗ tionsfüchtige Geheimeräthin vor Allen nicht fehlen ließ. So ſpielte er denn auf jenem Liebhabertheater nach und nach die verſchiedenartigſten Rollen und bekundete in einer jeden den angeborenen Beruf zum Schauſpieler. Sobald er die Bretter betrat, war er ein anderer Menſch: feurig, erregt, voll ſprudelnden Humors und durch ſeine feine Komik, ſeine geiſtvolle Laune Alles zur Bewunderung hinreißend. Selbſt wenn zuweilen noch hier und da Etwas von ſeinem linkiſchen Weſen hervor⸗ trat, wußte er dieſen Fehler ſo glücklich mit dem jedes⸗ maligen Charakter ſeiner Rolle zu verweben, daß es die Wirkung einer künſtleriſch berechneten Abſicht machte und die Lachluſt der Zuſchauer nur noch vermehrte. Die Geheimeräthin, ganz enchantirt von dieſem, offenbar allein unter den Fittichen ihrer Protection aus⸗ gebrüteten hoffnungsvollen Talente, erklärte ihn ſofort für einen Zukunftsſtern erſter Größe am deutſchen Thea⸗ terhimmel und arbeitete von nun an mit der ihr eignen Beharrlichkeit an dem Plane, Beck für die Bühne zu gewinnen. Dabei kam ihr der durch ſo unzweifelhafte Erfolge geweckte Ehrgeiz des jugendlichen Dilettanten trefflich zu Statten und zuletzt gelang es ihr wirklich, die ängſtlichen Bedenken der in kleinbürgerlichen Ver⸗ hältniſſen lebenden Familie ihres Schützlings durch das Ausmalen der glänzenden Ausſichten zu beſiegen, die ſich ihrem Sohne in der neuen Laufbahn eröffnen wür⸗ den. Ganz betäubt von der Liebenswürdigkeit und Her⸗ ablaſſung der vornehmen Dame willigten die Eltern, wenn auch mit ſchwerem Herzen ein, daß ihr Heinrich, den ſie dem geiſtlichen Stande beſtimmt hatten, ſtatt deſſen einen Beruf erwählte, den der ſchlichte Bürger damals kaum für einen ehrlichen anſah, ja, den der ſtrengkirchliche Sinn jener Zeit geradezu als eine Er⸗ findung des Satans verdammte. So hatte denn ein dreimal günſtiger Zufall den langgenährten Wunſch des würdigen Ekhof, eine Anzahl talentvoller Schüler um ſich zu verſammeln, kurz nach jenem Zeitpunkt erfüllt, da alle Freunde des Theaters den unerſetzlichen Verluſt des Größten unter Deutſch⸗ lands Schauſpielern befürchtet hatten.— Drei Jünglinge von den edelſten Anlagen betraten faſt gleichzeitig, von ſeinem herrlichen Vorbilde begeiſtert und angefenert die Bühne, und der Erfolg war bei Jedem ein über alle Erwartung günſtiger. Das kunſtfreundliche Publi⸗ tum vereinte ſich zu ihrem einſtimmigen Lobe und be⸗ glückwünſchte laut und im Stillen den alten Meiſter, dem es vergönnt war, ſeine ſegensreiche und gefeierte Kunſtthätigkeit dadurch zu krönen, daß er in jungen Herzen das nämliche Feuer entzündete, welches ihn ſelber ſein Leben lang durchglüht hatte. So erzog er ſich in ihnen, indem er ihnenzugleich Vorbild und Lehrer war, nicht blos Erben ſeines Ruhmes, ſondern auch Erben ſeines Geiſtes, welche ſpäter in ſeinem Sinne weiter ſtreben und der Kunſt auch nach ſeinem Tode als ſeine würdigen Schüler jenes reine und gediegene Weſen bewahren ſollten, das ihm, dem treuen ein⸗ fachen Sohn der Natur und ihrer ewigen Wahrheit, von jeher als höchſtes Ideal der Bühne gegolten hatte. Unter den Perſonen, welche lebhaft wünſchten, die Schüler des großen Ekhof, wie man bald allgemein die drei Jünglinge nannte, in ihren Privatkreis zu ziehen, um ſie mit Aufmerkſamkeit und Auszeichnung zu behan⸗ deln, war die Geheimeräthin Sidonie von Lichtenſtein Eine der Erſten, ſie, das äſthetiſche Orakel der Reſidenz und die oberſte Protectrice aller jungen hoffnungsvollen Talente, ſie mochten nun ſingen oder tanzen, malen oder Comödie ſpielen, mochten mit oder ohne Einwilligung ihrer Familie die bürgerliche Laufbahn mit den ſchönen freien Künſten vertauſcht haben. Denn wie hätte das ſtattliche Haus der Muſe von Gotha am alten Markte für den Sammelplatz aller Hommes de Lettres, aller Kunſtnotabilitäten des In- und Auslandes gelten können, wenn jenes intereſſante Dreigeſtirn ihrem äſthetiſchen Cerele, ihren muſikaliſchen Soiréen und dramatiſchen Abenden fehlen ſollte, zumal ja der Eine der drei jungen Männer die erſte Weihe der Kunſt in ihrem, den Muſen und Grazien ſo holden Hauſe empfangen hatte? Aber, o ſchnöder Undank einer übermüthigen Ju⸗ gend, ſelbſt Heinrich Beck, der doch wahrlich den beiden Andern mit dem Beiſpiel eifriger Bemühung um eines ſolchen Hauſes Gunſt und Gönnerſchaft hätte voran⸗ gehen ſollen, ſelbſt er vergaß die der Geheimeräthin ſchuldige Rückſicht ſo ſehr, daß er ſeit ſeinem Eintritt in die neue Laufbahn durchaus keine Luſt mehr bezeigte, neben der ernſten und eifrigen Ausübung ſeiner Kunſt auch noch das franzöſiſche Liebhabertheater Ihrer Ex⸗ cellenz durch ſein Talent verherrlichen zu helfen. Seine beiden gleich übermüthigen Freunde Beil und Iffland zögerten ſogar länger als drei Wochen, ſich der vielgel— tenden Gönnerin der Schaubühne vorzuſtellen und ehr⸗ furchtsvoll, wie es jungen unbekannten Anfängern der Kunſt geziemt, um ihre gnädige Protection zu bitten, was bis jetzt noch kein neuengagirtes Mitglied der her⸗ zoglichen Hofbühne unterlaſſen hatte! Kein Wunder vaher, daß ſich ihr geheimer Miß⸗ muth über ſolche beiſpielloſe Negligence von Tag zu Tag mehrte und das Schweigen, welches ſie über die An⸗ trittsrollen der drei unartigen Debutanten beobachtete, für ihren äſthetiſchen Zirkel immer ominöſer wurde. Bald fand die allgemeine Zufriedenheit des Publikums mit den Leiſtungen der jungen Talente in einzelnen, in ein vrakelhaftes Halbdunkel gehüllten Aeußerungen der Geheimeräthin einen bedenklichen Widerſpruch. Wenn ſie auch nicht geradezu einen offenen Tadel ausſprach, ſo ſollte man doch ihrer Meinung nach mit dem unbe— dingten Beifall nicht allzu voreilig ſein; junge Talente ſind leicht durch übertriebenes Lob zu verderben, Eitel⸗ keit und Hochmuth ſtellen ſich ohnedieß bei dem an— gehenden Schauſpieler, der mit ſeinen Leiſtungen auf den öffentlichen Beifall eines oft nicht einmal urtheils⸗ fähigen Publikuns hingewieſen iſt, häufig noch früher ein, als der edle Stolz und das berechtigte Selbſtgefühl, welches allerdings den wahren Künſtler beſeelen ſoll; turz, ſolche junge Leute, bei denen man zudem noch über ihre Herkunft, ihre frühere Erziehung und moraliſche Aufführung ſichere Nachrichten einziehen muß, ſollte man ſchon um ihrer ferneren Ausbildung willen nicht gleich als vollkommene Muſter betrachten, und Herrn Ekhof ſelber werde gewiß am Meiſten damit gedient ſein, wenn man zuerſt die Erfolge ſeiner Lehren und Unter⸗ weiſungen abwarte, ehe man ſeine Schüler mit ſo un⸗ mäßigem Lobe überſchütte. In dieſer Art machte die Geheimeräthin ihrem ver⸗ ſteckten Aerger über das Ausbleiben der neuen Theater⸗ mitglieder aus ihrem ſo eifrig geſuchten Zirkel Luft, ohne damit eigentlich, wie es ſonſt ihre Gewohnheit war, die erſte Stimme in der öffentlichen Kritik über neue Bühnenerſcheinungen abzugeben. Denn im Stil⸗ len hoffte ſie noch immer, daß es den Bemühungen ein⸗ zelner ihrer Anhänger und Hausfreunde gelingen werde, die übermüthigen Jünglinge zur nachträglichen Aner⸗ kennung ihrer gefürchteten Autorität in Kunſtſachen zu bewegen und ſie zu beſtimmen, ſich demuthsvoll unter die Fittiche ihrer äſthetiſchen Protection zu begeben. Zu dieſem Zwecke hatte ſie den eifrigſten ihrer Verehrer, den uns aus der Stammgeſellſchaft in den„drei Kronen“ bekannten Kammerregiſtrator Weſternhagen mit ausge⸗ dehnter Vollmacht verſehen, ihr um jeden Preis, aber doch mit der nöthigen diplomatiſchen Vorſicht und wo⸗ möglich auf dem Wege des wohlgemeinten Winkes, die drei loſen Vögel in's Garn zu locken; eine Miſſion, für die allerdings Niemand geeigneter war, wie das ge⸗ ſchmeidige, immer freundliche und dienſtbereite Männ⸗ chen, die perſonifizirte Ueberſetzung einer ſchlichten Kanzleifigur in den parfümirten Bel Esprit mit ariſto⸗ kratiſchen Formen. Seit Jahren genoß er, trotz ſeiner beſcheidenen Subalternſtellung, als Mann von großer Beleſenheit und ſchüchternem Urtheil in äſthetiſchen Dingen die Ehre, in dem Zirkel der feingebildeten Dame Zutritt zu haben, wo er, immer aufgelöſt in ſchluchzende Bewunderung, jede Bemerkung ſeiner geiſtreichen Gön⸗ nerin in ſeinem Gedächtniß notirte, um ſie Tags dar⸗ auf als Ordre du jour des neuen guten Geſchmacks von Haus zu Haus zu tragen. Freilich ſagten ihm böſe Zungen nach, der alte freundliche Hageſtolz trage das auf Elfenbein im Co⸗ ſtüme der Corinna gemalte Miniaturbild der Geheime⸗ räthin unter dem feingefältelten Jabot und beſorge neben dem Amte des äſthetiſchen Gewiſſensrathes auch noch das weniger ehrenvolle des eifrigen Zuträgers von allen möglichen Klatſchgeſchichten, ſowie des geheimen Charge d'Affaires, durch deſſen Hände alle die feingedrehten Intrignen⸗Fädchen liefen, welche dieſe neue Corinna wie ein unentrinnbares Netz über die ganze Reſidenz ausgeſpannt hatte. So Viel war jedenfalls gewiß, daß der kleine Kammerregiſtrator auf einem, für ſeine öko⸗ nomiſchen Verhältniſſe ungewöhnlich feinen Fuß lebte, immer die erſten Spargeln aß, den feinſten Amersforter ſchnupfte und hinter dem Aktentiſche der Kanzlei heim⸗ lich Paſtetchen und andere Leckerbiſſen naſchte. Iffland's boshafte Zunge nannte ihn daher auch nur das„Artiſchockenmännchen“; ein Beiname, der dem guten Kammerregiſtrator bis an das Ende ſeiner Tage verblieben iſt. Da Weſternhagen ein eifriger Theaterfreund war und niemals eine Vorſtellung verſäumte, ſo hatte er nicht unterlaſſen, die an jenem Abend im Gaſthof zu den„drei Kronen“ angeknüpfte Bekanntſchaft mit Iff⸗ land fortzuſetzen, beſonders nachdem der von ihm hoch⸗ verehrte Ekhof des jungen Mannes großes Talent gegen ihn gerühmt und deſſen Anſtellung an der Hofbühne be⸗ wirkt hatte. Er befand ſich öfter in der Geſellſchaft der drei Künſtler, erzeigte ihnen bei ſeiner bekannten Dienſtfertigkeit mancherlei Gefälligkeiten, war alſo ge⸗ wiß der paſſende Mann, um der Geheimeräthin die Satisfaction zu verſchaffen, daß die übermüthige Jugend ſich ſchließlich doch noch um ihre einflußreiche Gönner⸗ ſchaft bewerben müſſe. Denn ſo tief gekränkt fühlte ſich die ſtolze Dame teine Sylbe von ſeinen Schülern ſprach, während ſie doch früher Beck's Anſtellung mit allen ihr zu Gebote ſtehenden Mitteln betrieben hatte. Sie ſah im Geiſte ſchon ihr ganzes Anſehen beim Theater bedroht, wenn die junge Zucht ſich nicht gleichfalls unter ihren kriti⸗ ſchen Scepter beugte, und auch der kleine Kammerre⸗ giſtrator begriff ſehr wohl, was hier auf dem Spiele ſtand und daß er daher Alles aufbieten müſſe, um ſeine neuen Freunde in's Haus der Geheimeräthin zu ſchaffen. Aber war es nun der ſorgloſe Sinn der Jünglinge, die allein ihrem Genius vertrauten und am wenigſten durch fremde Gunſt erreichen mochten, was ſie allein ihrem Talent und Fleiß verdanken wollten, oder hatte Iffland ſchon damals bei ſeinem erſten Beſuch in Ekhof's kleinem Hauſe einen Vorgeſchmack der Laſt und Ab⸗ hängigkeit bekommen, die mit der Huld einer ſolchen übereifrigen Kunſtgönnerin verbunden waren; genug die zarten Winke und beſorglichen Andeuntungen Weſtern⸗ hagen's blieben unbeachtet, ja, der übermüthige Iffland machte ſich ſogar nicht ſelten in ſo ergötzlicher Weiſe über die, Muſenwirthſchaft“ im Lichtenſteiniſchen Hauſe luſtig, daß den kleinen Kammerregiſtrator eine Gänſe⸗ haut nach der andern überlief und er Gott dankte, wenn die Unterhaltung der drei verwegenen Spötter eine an⸗ dere Wendung nahm. Sie wußten, daß in dem äſthetiſchen Zirkel der Ge⸗ heimeräthin nur Franzöſiſch geſprochen wurde, daß auf ihrem Liebhabertheater, wo gleichfalls nur franzöſiſche Stücke Gnade fanden, es den Darſtellenden ſelbſt in den zärtlichſten Scenen nicht erlaubt war, ſich einander mit den Händen zu berühren, geſchweige denn zu um⸗ armen, was für eine beiſpielloſe Verletzung des feinen Anſtandes, der Bienſéance gegolten haben würde; An⸗ laß genug für drei junge, ihrer goldnen Freiheit zum Erſtenmal ſich bewußte Geſellen, dieſes Haus und ſeinen ſteifförmlichen Cultus ausländiſcher Literatur und Kunſt zu meiden und ſich weder durch die in Ausſicht geſtellten Genüſſe und Annehmlichkeiten, noch durch die Furcht vor der Geheimeräthin großem Einfluß in Sa⸗ chen des guten Geſchmacks dahin verlocken zu laſſen. Die Geheimeräthin hätte beinahe vor Aerger über die vereitelte Hoffnung ihres Ehrgeizes Krämpfe be⸗ kommen, da ihr der Kammerregiſtrator nach einigen Tagen das Vergebliche ſeiner Bemühungen mittheilte. Zwar verſchwieg er ihr dabei vorſichtig die Spottreden und Witzeleien der jungen Leute über ihre äſthetiſche Geſchmacksrichtung; indeſſen ließ er doch mit einiger Schadenfreude durchblicken, daß eine gute Portion ge⸗ nialer Ungebundenheit ſämmtlichen drei Herrn nicht ab⸗ zuſprechen ſei, wozu vielleicht bei Beil auch noch der Umſtand mitwirke, daß ſich derſelbe bis jetzt noch nie⸗ mals in vornehmen Zirkeln bewegt habe. Es war gerade an einem Sonntagmorgen und die Glocken riefen die frommen Reſidenzbewohner zur An⸗ dacht in die Kirchen, als dieſes Geſpräch in dem Ka⸗ binet Ihrer Excellenz ſtattfand. Die bereits im Spätſommer ihres Lebens ange⸗ langte Dame befand ſich noch mit ihrer Morgentoilette im Stadium des erſten jungfräulichen Lenzes einem loſen Gewande von lichtblauer Seide, reich mit Spitzen und Blonden beſetzt, und einem allerliebſten Fichühäubchen mit Roſaband, ſo daß ſie trotz ihrer etwas allzurund⸗ lichen mittelgroßen Geſtalt bei ihrer blühenden Geſichts⸗ farbe und dem noch immer lebhaften Glanz der blau⸗ grauen unruhigen Augen in der That um zehn und mehr Jahre jünger erſchien, als ſie in Wahrheit ſein mochte. Um die Zierlichkeit und blendende Weiße ihrer kleinen rundgeformten Hände hätte ſie ſogar manche achtzehn⸗ jährige Schönheit beneiden können; und was die Grazie ihrer Bewegungen, die Leichtigkeit ihres Ganges anbe⸗ langte, ſo merkte man ihr hierin trotz ihrer vollen Fi⸗ gur und der mangelnden Taille durchaus nicht die be⸗ drohliche Nähe der Fünfzigen an. Die Geheimeräthin hatte ſpeben unter wachſendem Mißmuth den Bericht des Kammerregiſtrators zu Ende gehört, als ihr finſterer Blick zufällig durch's Fenſter auf die Straße fiel und ſie unter den Kirchengängern ihren alten Freund Ekhof gewahrte, welcher in ſeinem ſchlichten braunen Sonntagsfrack und der ausnahms⸗ weiſe geordneten grauen Wollperrücke, das Geſangbuch unterm Arme, an ihrem Hauſe vorüber der Kirche zu⸗ ſchritt, deren Frühgottesdienſt er regelmäßig zu beſuchen pflegte. Kaum bemerkte ſie ihn, als ſie in ihrer Zorneshitze, denn er war ja der Lehrer dieſer inſolenten, jungen Leute, die ihr äſthetiſches Regiment anzuerkennen ſich weigerten, das Fenſter aufriß und ohne Rückſicht auf Ethof's frommen Morgengang, ohne Rückſicht auf die Vorübergehenden zu nehmen, ihm auf Franzöſiſch zurief: „Lieber Ekhof, auf ein Wort, wenn's gefällig iſt, ich muß Sie ſogleich ſprechen; bemühen Sie ſich herauf, Sie kommen noch immer früh genng zur Predigt!“ Man ſah es ſeiner Miene, ſeinem ganzen Weſen an, daß ihn dieſe wenig rückſichtsvolle, faſt einem Befehle gleichkommende Art von Einladung, Angeſichts ſo vieler Perſonen nicht wenig überraſchte, ja verletzte. Doch trat er nach einigem Zögern ins Haus, ſtieg raſch die breite Treppe hinan, ging feſten Schrittes durch die vordere Zimmerreihe, wobei er das Haupt gegen ſeine Gewohnheit ſtolz in die Höhe gerichtet trug, und öffnete raſch, ohne anzuklopfen die Thüre des Kabinets. Die Geheimeräthin erſchrack beinahe vor dem finſter ſtra⸗ fenden Blick ſeiner ſonſt ſo freundlichen Augen, als er ſie ohne Gruß mit Nachdruck fragte: „Geſchwind, Excellenz, was gibt's, daß Sie mich auf dem Wege zu meinem Gott und Schöpfer aufhal⸗ ten? Heute iſt ein Tag des Herrn, an dem ſelbſt Ochs und Eſelein von den Mühſalen des Werkeltags aus⸗ ruhen, alſo auch wohl ein armer vielgeplagter Theater⸗ director ſeinen Frieden haben ſollte!“ „Mein Gott, liebſter Freund, Sie ſind ja ganz alterirt!“ ſtammelte Frau von Lichtenſtein in großer Verwirrung.„Es iſt kaum mehr als Nichts, nur eine Kleinigkeit, um derentwillen ich Sie für eine Minute heraufzukommen bat.“ „Um ſo ſchlimmer für mich, gnädige Frau, um ſo ſchlimmer für meine alten Knochen,“ entgegnete Ekho [2 und verzog den Mund zu einem ironiſchen Lächeln. „Zwar meine Lauchſuppe kann ich um einer ſolchen Müller, Ekhof. ll. 2 Kleinigkeit halber immerhin kalt eſſen, brauche ſie dann doch zum wenigſten nicht zu blaſen; aber Gottes Wort darf mir nicht kalt werden, das wollen Ihre Excellenz gewiß ſelber nicht verſchulden.“ „Nein, ich will Sie nicht von Ihrer Kirche abhalten, lieber Brummbär, wir reden ein andermal von der Sache, wenn Sie bei beſſerem Humeur ſind wie heute,“ ſagte die Gnädige mit der Miene der gekränkten, aber doch nachſichtsvollen Freundſchaft.„Ich wollte mich nur über Ihre Schüler beklagen, an denen ich dieſen aufrichtigen Antheil nehme und die mir trotzdem noch immer nicht die ſchuldige Aufwartung gemacht haben. Nicht wahr, lieber WVeſternhagen, den jungen Leuten gehörte von Gott und Rechtswegen eine kleine Lectiom?“ „Ey, der Lection halber ſind ſie bei mir!“ entgeg⸗ nete Ethof, dem bei dieſer Entdeckung von der Urſache der heftigen Gährung im Geblüte ſeiner Gönnerin ſchnell ſeine heitere Laune zurückkehrte.„Aber Scherz bei Seite, Frau Geheimeräthin, Sie ſollten meinen gu⸗ ten Jungen darum Ihre gnädige Protection nicht ent⸗ ziehen; denn ich verſichere Sie auf Ehre, es ſind alle drei charmante tüchtige Leute, und wenn ſie auch viel⸗ leicht in der Courtviſie und dem feinen Savoir⸗vivre noch Einiges zu wünſchen übrig laſſen, ſo muß man das ihrer Jugend und ihrer Unbekanntſchaft mit den hieſigen Verhältniſſen zu gute halten. Ich kann meinen Schülern zum Ruhme nachſagen, daß ihnen das Studium ihrer Kunſt über Alles geht und ſie ihre Zeit auf das Nütz⸗ lichſte anwenden.“ „Aber ich höre doch, daß die jungen Herren ein ſehr flottes ungebundenes Leben führen ſollen,“ ſagte die Geheimeräthin zwar äußerlich ruhig, ward jedoch da⸗ bei vor Zorn und innerer Aufregung im ganzen Geſicht roth wie eine Pfingſtroſe.„Ja, ſie ſollen Abend für Abend in den Wirthslokalen vor den Thoren zechen, Bier trinken und Tabak rauchen, denken Sie doch, Dabak, dieſe jungen Leute!“ „Was denn aber ſonſt, meine Gnädige?“ fragte Ekhof ganz erſtaunt und der Schalk ſaß ihm dabei in allen Zügen ſeines faltigen Geſichtes.„Gott ſei Dank, daß Keiner von ihnen ein Kopfhänger iſt, ſonſt ſchickt' ich ihn noch heute nach Hauſe und riethe ihm unter die Methodiſten zu gehen, ſtatt unter die Comödianten! Wer Ihnen aber geſagt hat, daß meine Schüler ein un⸗ gebundenes Leben führten, alſo wohl mit andern Wor⸗ ten ein leichtfertiges unmoraliſches Leben, der iſt, Gott verzeih' mir die Sünde, daß ich an einem hellen Sonn⸗ tagmorgen läſtere, ein Stänker mit und ohne Permiß! 3 Daß es muntere ausgelaſſene Geſellen ſind, froh an ſich ſelber und ihrem jungen Leben, wer wollte ihnen das verdenken! Sie doch gewiß zu allerletzt, Frau Geheime⸗ räthin, die Sie ja ſelber ſo vielen Menſchen ohne Un⸗ terſchied des Standes Ihr gaſtfreies Haus zur Heiter⸗ keit und frohem Lebensgenuß öffnen.“ Die Geheimeräthin war nicht die Dame, trotz Ekhof's energiſchem Widerſpruch einem Beweiſe wiedem letzteren, der ſo ſehr zu Gunſten ihrer feinen geſelligen Bildung ſprach, das Ohr zu verſchließen. Sie reichte ihm da⸗ her gütig die Hand und ſagte mit der ihr eignen Gei⸗ ſtesgegenwart, wenn es einen ihrer ehrgeizigen Wünſche zu befriedigen galt: „So wollen wir Frieden ſchließen, alter Freund, jedoch unter der einen Bedingung, daß Sie Ihren Schü⸗ lern ſagen, wie gerne ich auch ſie als liebe Gäſte in meinem Zirkel empfangen möchte. Ein ſolcher Wink aus dem Munde ihres verehrten Lehrers wird hin⸗ reichen, ſie über die Anſprüche aufzuklären, welche die hieſige Sitte an junge Künſtler von Talent und Bil⸗ dung macht.“ „Parole d'honneur, gnädige Frau, Sie ſollen alle Drei vor Ihnen Buße thun in Sackund Aſche!“ erwie⸗ derte Ekhof trenherzig.„Das Decorum darf kein rechter Künſtler außer Acht laſſen.“ Nach dieſer troſtreichen Verſicherung athmete auch der kleine Kammerregiſtrator freier auf und betheuerte mit ſchluchzender Stimme, es falle ihm ein ſchwerer Stein vom Herzen; denn die drei jungen Talente ge⸗ hörten nothwendig in die gute Geſellſchaft, weil der Schauſpieler nur in der ariſtokratiſchen Sphäre die eigentliche Weihe ſeiner Kunſt empfangen könne, den Diamantſchliff der Weltbildung, eine Aeußerung, die Ekhof zu der ſcherzhaften Antwort veranlaßte: „Ey, Freund Weſternhagen, in dieſem Falle müßtet Ihr ja den Le Kain ſelber übertreffen und unſeren herr⸗ lichen Schröder dazu. Denn der Eine war, eh' er zur Bühne ging, ein Goldſchmiedsgeſell, der Andere gar ein Schuſterslehrling; den Diamantſchliff aber, von dem Ihr redet, hätte ihnen keine Ariſtokratie der Welt bei⸗ gebracht, ohne den inneren feinen, hellen Sinn der Poeſie, der ſie zur Menſchendarſtellung trieb. Denn Kunſt ſteckt nicht in den Kleidern, Sonſt wäre ſie ja bei den Schneidern, ſagt ein ehrliches Sprichwort und ein anderes, das man gleichfalls auf das Verhältniß zwiſchen der Kunſt und der vornehmen Welt im Allgemeinen beziehen könnte— unfre liebe Excellenz ficht das ja glücklicherweiſe nicht an— lautet zwar ein bischen grob und altmodiſch, aber doch herzhaft wie ein lutheriſcher Bibelſpruch: „Kunſt geht vor Geſpunſt.“ Die Geheimeräthin machte zu dieſer, mit großer Aufrichtigkeit geſprochenen Herzensmeinung ihres alten Freundes gute Miene und hütete ſich wohl, ihn den Aerger merken zu laſſen, den ſeine offene Verachtung aller Schöngeiſterei und Kunſtgönnerſchaft in ihr er⸗ regte. Denn ſie war in der letzten Zeit ſchon mehr⸗ mals bei ihren Einmiſchungen in ſeine amtliche Wirk⸗ ſamkeit auf einen an dem anſpruchsloſen und gefälligen Manne ſonſt ganz ungewohnten Widerſpruch geſtoßen und hatte ihn ſogar im Verdachte gehabt, daß er es ſei, der die drei jungen Schauſpieler zu dieſem gänzlichen Ignoriren ihres von allen Künſtlern ſo eifrig geſuchten Zirkels veranlaßt habe. Eine innere Stimme mochte ihr dabei ſagen, daß Ekhof alle Urſache habe, ihr zu grollen und beſonders ihre Neigung zur Protection junger Talente zu verwün⸗ ſchen; ſie, welche die Haupturheberin aller der ehrgei⸗ zigen Wünſche und thörichten Einbildungen war, womit ſein ſchönes Pflegekind Betty ihn daheim plagte, weil Frau von Lichtenſtein in dem kleinen unruhigen Kopfe Hoffnungen und Träume von einer glänzenden Zukunft erweckte und nährte, welche der einfache, mit den Zu⸗ ſtänden der deutſchen Bühne ungleich beſſer vertraute Künſtler für ebenſo falſch als gefährlich erklären mußte. Wie freudig überraſchte ſie daher die Bereitwillig⸗ keit, womit Ekhof ihr verſprach, ſeinen talentvollen Schülern, die gegenwärtig um der Neuheit willen die ganze Stadt beſchäftigten, die wichtigſte Pflicht jeder neu aufſtrebenden Kunſtgröße anzuempfehlen, dertonangeben⸗ den Dame bei Hofe und in der Reſidenz ihre Aufwartung zu machen und ſich dem Chorus ihrer Verehrer und Be⸗ wunderer anzureihen. Denn nun war doch die angenehme Ausſichtvorhanden, daß ſie ihren Einfluß auch auf die neue Theaterſchule ausdehnen und ſich den Anſchein geben konnte, als ſtehe dieſes vielbeſprochene Inſtitut, die Lieblingsidee des alten Ekhof, welches ſogar im letzten Jahrgang des Gothaer Theaterkalenders mit Auszeich⸗ nung beſprochen worden war, gleichfalls unter ihrem be⸗ ſonderen Schutze und ſeine Zöglinge erfreuten ſich ihrer mütterlich⸗äſthetiſchen Protection. Sie war daher ſogleich nach Ekhof's Weggang ganz Feuer und Flamme, um mit dem Kammerregiſtrator einen Plan zu entwerfen, wie man die Aufnahme der drei Kunſtjünger in ihren äſthetiſchen Zirkel ſo ſolenn als möglich feiern wolle. Die jungen Männer ſollten gleich bei ihrem erſten Eintritt in das den Muſen ge⸗ weihte Haus den günſtigſten Eindruck von dem idealen Geiſte bekommen, der darin waltete und ſollten zugleich ein für allemal erfahren, daß ſich kein Meiſter und kein Jünger der Kunſt ungeſtraft für die Dauer ihrem mäch⸗ tigen Einfluſſe zu entziehen vermöge. Es ſollten Guir⸗ landen mit Deviſen angebracht, ſollten Tiſchreden in zierlichen Verſen gehalten und ein franzöſiſches Sing⸗ ſpiel aufgeführt werden, an deſſen Schluſſe weißgeklei⸗ dete Genien das auf einem Altare ſtehende Bild Tha⸗ liens mit Blumen bekränzten, wozu die Geheimeräthin eigens ein Gedicht verfertigen wollte mit einer zarten Anſpielung auf das ſchöne Verhältniß der Kunſt und der Künſtler zu ihrem angeſehenen Hauſe. Voll von dieſen hochpoetiſchen Entwürfen, die ſie ihrem Freund und Rathgeber in der beredteſten Weiſe auszumalen bemüht war, merkte ſie anfangs nicht ein⸗ mal, daß der Kammerregiſtrator, gegen ſein ſonſtiges Verhalten bei dergleichen Anläſſen, diesmal äußerſt wortkarg blieb und ſogar ſeine Zuſtimmung auf ein ſchüchternes Lächeln beſchränkte, auch ſelber durchaus Nichts zur Verherrlichung des Feſtes in Vorſchlag brachte, was doch bei ſeinem großen erfindungsreichen Talente für dergleichen Arrangements höchſt auffallend ſein mußte. Denn Niemand hatte ſo wie er die Gabe, durch Aeolsharfen und Spieldoſen, durch künſtliche Echos und farbige Transparente, durch allegoriſche Darſtellungen und überraſchende Lichteffekte eine größere Geſellſchaft im offenen wie im geſchloſſenen Raume bald heiter, bald feierlich zu ſtimmen; er beherrſchte mit ſeiner ſinnreichen Erfindungsgabe das ganze Gebiet der Mythologie; Genien und Huldgöttinnen, Faune und Sylphiden, Zephyre und Amoretten waren ihm jeder⸗ zeit zu Dienſten; was er nicht auf der Oberwelt fand, holte er ſich dreiſt aus Elyſiums dämmernden Gefilden und in Arkadien war er ſo einheimiſch, wie in ſeiner Kammerregiſtratur. Mit der Zurückhaltung, welche er heute ſeiner Gön⸗ nerin gegenüber beobachtete, mußte es alſo jedenfalls eine ganz beſondere Bewandtniß haben und er machte auch kein Hehl aus der Urſache derſelben, da die Ge— heimeräthin endlich den Fluß ihrer Rede unterbrach und verwundert über ſeine bedenkliche Miene ihn fragte, warum er denn ſo ſchweigſam ſei und ob er ihr diesmal die ganze Anordnung allein überlaſſen wolle? Da geſtand ihr denn der gute Kammerregiſtrator zu ihrer großen Beſtürzung, bei dieſen drei jungen Leuten ſei mit ſolchen zartſinnigen Ueberraſchungen ganz gewiß Nichts auszurichten, ihr Sinn wäre für dergleichen poetiſche, Herz und Gemüth erhebende Agrements noch viel zu flatterhaft; ja, man riskire ſogar bei der zu Jronie und Uebermuth geneigten Jugend leicht ein völliges Mißverſtehen dieſer auf ſympathetiſche Gefühle berech⸗ neten Delicen und Sentiments. „Ich will damit bei Leibe nicht geſagt haben, daß ſie nicht gleichfalls edler Empfindungen, reiner geſelliger Freuden fähig ſeien,“ ſagte der Kammerregiſtrator, die aufſteigende Wolke auf der Stirne der Excellenz bemer⸗ tend.„Aber der burſchikoſe Ton iſt bei ihnen noch all⸗ zu vorherrſchend; dazu kommt, daß nur Iffland mit den feineren Umgangsformen der vornehmen Welt einiger⸗ maßen vertraut ſcheint, und doch iſt gerade er der Ueber⸗ müthigſte und Moquanteſte unter den Dreien; ich bin mithin der unmaßgeblichen Anſicht, daß zum Anbeginn ein ſtattliches Souper mit einer gehörigen Auswahl edler Weine die drei Wildfänge ungleich dauernder an Ihre Excellenz feſſeln werde, als alle die zarten und ſinnigen Kunſtgenüſſe, die Sie ihnen zugedacht haben.“ Und hierin mochte der gute Kammerregiſtrator, der ſeine muthwilligen, aller affectirten Kunſtvergötterung und ſentimentalen Ueberſchwänglichkeit entſchieden ab⸗ holden jungen Freunde genau genug zu kennen ſchien, nicht ſo ganz Unrecht haben. Aber ſelbſt als die empfind⸗ ſame Geheimeräthin endlich einwilligte, ein Feſt nach rein bürgerlichem, materiellem Zuſchnitt zu Ehren der drei Künſtler zu veranſtalten, und ſogar mit einém mit⸗ leidigen Achſelzucken ſich darin ergab, keine einzige Guir⸗ lande anzubringen, ſelbſt da blieben noch immer ſchwere Zweifel und Bedenken genug im ahnungsvollen Herzen Weſternhagen's zurück, der Abſtand zwiſchen dem ſubli⸗ men Geſchmack ſeiner Gönnerin und dem der jungen, lebensluſtigen Künſtler möchte noch größer werden, wenn Letztere ſich erſt verſucht fühlen würden, ihre bos⸗ hafte Jronie und Satire an der Zierde der empfindſa⸗ men deutſchen Frauenwelt und ihrer äſthetiſchen Tafel⸗ runde auszulaſſen. Ein ſchwacher Troſt blieb ihm zu⸗ letzt nur der imponirende Eindruck, den die treffliche Küche und der vorzügliche Weinkeller der Geheimeräthin auf die lebensluſtigen Jünglinge machen werde; denn ſelbſt die Titanen, ſo ſagte er ſich, hätten wohl niemals den Olymp zu ſtürmen verſucht, wenn nicht der Götter goldne Tiſche und der verführeriſche Duft von Nektar und Ambroſia ſie dazu gereizt hätte.— So ſollten denn unſere jungen Freunde früher als ihnen und ihrem würdigen Meiſter lieb war, den Ge⸗ genſatz zwiſchen dem wahren ſchönen Leben der Kunſt und Poeſie, und dem erkünſtelten, auf Oſtentation be⸗ rechneten Weſen der Eitelkeit und Gefühlsziererei ken⸗ nen lernen und Ekhof ſelber mußte des lieben Frie⸗ dens halber ſeine Schüler auffordern, der ſchon wegen des langen Verſäumniſſes tief beleidigten Muſe von Gotha in allem Glanze der parfümirten Etikette ihre Aufwartung zu machen. Er ergriff jedoch dieſe Gelegenheit, um ihnen zu⸗ gleich eine für den Schauſpieler höchſt wichtige Lehre für ihre Kunſt zu geben, indem er ſagte: „Unſereiner kann nicht eifrig genug bei allen Stän⸗ den der Geſellſchaft in die Schule gehen, nicht hoch, nicht tief genug ſteigen, um Menſchen von jeder Klaſſe, jedem Berufe kennen zu lernen und ſie in der ihnen durch Geburt und Schickſal angewieſenen Sphäre zu beobachten. Denn anders trägt ſich, zum Exempel, die Eitelkeit im Bauernrock, anders im beſternten Treſſenkleid; und ein Graf auf der Bühne, der wie ein Schneider umherſtolziren wollte, würde von dem Gra⸗ fen in der Loge nach Verdienſt ausgelacht und verachtet werden. Unſere vornehme Geſellſchaft iſt freilich äußerlich in ſo ſteife, unnatürliche Formen eingepreßt, erſcheint dabei dem erſten flüchtigen Eindruck nach ſo hohl, geiſtesleer und langweilig, daß eben nur dietiefere Beobachtung, das eigentliche Studium ihrer Individua⸗ litäten ſie dem denkenden Künſtler intereſſant und ge⸗ nießbar machen kann. Aber eben darum darf er ihr nicht aus dem Wege gehen; denn je mehr ſich hier das allgemein Menſchliche und Natürliche unter angekün⸗ ſtelten unſchönen Formen verſteckt, je mehr es ſich ver⸗ leugnet, um ſo dringender iſt der Schauſpieler aufge⸗ fordert, es gleichſam aus ſeiner falſchen und fremdar⸗ tigen Umhüllung herauszuſchälen und ihm zu ſeiner wahren Geltung auf der Bühne zu verhelfen.— Der Fürſt, der Staatsmann, der Prälat, die Ihr darſtellen wollt, müſſen genau ſo ausſehen und ſich benehmen, daß ihre Standesgenoſſen im Zuſchauerraum Euch, ſo lange die Täuſchung währt, als ebenbürtig anerkennen; aber zugleich müſſen Letztere auch an ihrer Copie wahr⸗ nehmen, was ihnen ſelber an innerem menſchlichen Ge— halt, an Naturwahrheit und Lebenswärme abgeht; mit anderen Worten: der Ariſtokrat in der Loge muß wün⸗ ſchen, ſeinem Ebenbild auf der Bühne, je nach dem Cha⸗ rakter der Rolle, ſo ähnlich zu ſein oder ſo unähnlich wie möglich. Darum beißt in Gottesnamen in den ſaueren Apfel, liebe Kinder, und macht unſerer gnädi⸗ gen Frau„Unruhe“ die nach ihrer Meinung ſchuldige — Reverenz; Ihr werdet in ihrem Hauſe ſo viele und wichtige Studien machen können, wie es in der vorneh⸗ men Geſellſchaft hergeht, wie man zierlich den Fuß vor⸗ ſetzt und ſich nach Tiſche mit der Serviette den Mund abwiſcht, daß Ihr aus dieſen tauſend und abertauſend Kleinigkeiten, an ſich ſo unſcheinbar und leicht, bald das ganze Zeug ſammt Unterfutter zu einem vollkommenen Ariſtokraten à la mode gewinnen ſollt.“ „Wenn unſer trefflicher Meiſter nur dies eine Mal Unrecht hätte!“ ſagte Iffland zu den Freunden.„ Aber er trifft den Ragel auf den Kopf, wo er auch ſtecken mag, im faulen wie im grünen Holze.“ Hierdurch ermuthigt, begaben ſich eines Vormittags die drei Kunſtjünger geſchniegelt und geſtriegelt daran, die Caux de mille fleurs ihrer Bewunderung im Staats⸗ zimmer der Geheimeräthin duften zu laſſen.— Leider ver⸗ ſchweigt uns jedoch die Geſchichte den zweifelsohne brillanten Succeß ihrer erſten Viſite bei der Muſe von Gotha, die gewiß, wie wir ſie kennen lernten, über dieſe anſehnliche Vermehrung ihres äſthetiſchen Hofſtaates nicht wenig entzückt war und es gerne verzieh, daß man ſie zuvor wochenlang aus„angeborener Blödigkeit“ ignorirt hatte. Auch traf ſchon wenige Tage ſpäter Alles ſo ein, wie Ekhof es in richtiger Kenntniß von der Geheime⸗ räthin Charakter vorausgeſehen hatte; denn gewöhnt, über alle Menſchen ihrer Umgebung wie über willen⸗ loſe Maſchinen zu verfügen, die ſich noch glücklich ſchätzen ſollten, ihr ihre großmüthige Kunſtgönnerſchaft durch Gegenleiſtungen aufäſthetiſchem und künſtleriſchem Ge⸗ biete zu vergelten und ſo gleichſam mit ihrem Talente zurückzuzahlen, was ſie ihnen doch nur in Anerkennung dieſes Talentes an Huld und Aufmerkſamkeit erwieſen hatte, folgte dem zu Ehren der drei Künſtler veranſtal⸗ teten Gaſtmahle ſchon Tags darauf eine Aufforderung zur Mitwirkung an ihrem franzöſiſchen Liebhabertheater. Dieſelbe war noch nicht einmal abgelehnt oder zugeſagt, als ſchon jedem Einzelnen die ihm von der Geheime⸗ räthin beſtimmte Rolle in einem neuen Pariſer Luſtſpiel von der fadeſten Sorte zugeſchickt wurde, mit der libe⸗ ralen Aufforderung, das Coſtüme ganz nach eignem Ge⸗ ſchmack und Belieben zu wählen. Als begeiſterte Ver⸗ ehrer Leſſing's waren alle Drei ſelbſtverſtanden entſchie⸗ dene Verächter der franzöſiſchen Bühnenliteratur; als gute Patrioten zugleich glühende Haſſer der äffiſchen Nachahmerei und Vergötterung franzöſiſchen Weſens, wie ſie damals von den vornehmen Ständen Deutſch⸗ lands bis zur widerlichen Verachtung alles nationalen Geiſtes getrieben wurde. Dazu kam, daß Beil der fran⸗ zöſiſchen Sprache gar nicht, Iffland nur höchſt unvoll⸗ kommen mächtig war und nur Beck, Dank ſeinem Fleiße auf der Schule, eine leidliche Ausſprache darin erlangt hatte. Doch wollten die beiden Erſteren aus einem leicht verzeihlichen Gefühl von Eitelkeit dieſen Mangel an ihrer geſelligen Ausbildung nicht eingeſtehen; Beck hatte es, wie wir ſchon wiſſen, herzlich ſatt, noch ferner⸗ hin der Geheimeräthin beſtändigen Anmuthungen ſeine beſte Zeit und künſtleriſche Stimmung zu opfern; man tam daher nach einem kurzen Kriegsrath überein, ſich vor der unruhigen Gönnerin Andrängen hinter die vom herrlichen Leſſing dem poetiſchen Genius Deutſchlands errichteten uneinnehmbaren Schanzen zu retiriren. Dem„Artiſchockenmännchen“ wurde alſo in höflicher, aber entſchiedener Weiſe erklärt, man habe ſich der deutſchen Kunſt geweiht und zwar im Dienſte eines deutſchgeſinnten Fürſten, und ſchon letztere Rückſicht unterſage jede active Betheiligung an einem franzöſiſchen Privattheater.— Der Kammerregiſtrator gerieth hier⸗ durch in die größte Beſtürzung und Rathloſigkeit und ſuchte ſeine jungen Freunde vergebens durch alle möglichen Vermittlungsvorſchläge dem Wunſche der Geheime⸗ räthin günſtiger zu ſtimmen; aber die unantaſtbare Autorität Leſſing's, die Vorſchriften und Geſetze, welche der große Hamburger Dramaturge dem deutſchen Schauſpieler macht, duldeten keine Zwitterkunſt, heute in deutſcher, morgen in franzöſiſcher Zunge, heute mit der Flamme der Kunſtbegeiſterung im Herzen, morgen in angekünſtelten, ſeelenloſen, von einer falſchen Pru⸗ derie dictirten Formen ohne Leben, ohne Natur und Wahrheit! Somit war denn ſchon im Anbeginn des neuen Freundſchaftsbündniſſes zwiſchen der Geheimeräthin und den Schülern des alten Ekhof der Riß geſchehen. Zwar machte die äſthetiſche Excellenz auch jetzt wieder gute Miene zum böſen Spiele und überhäufte die jun⸗ gen Künſtler mit Artigkeiten, war unerſchöpflich in dem Lobe ihres Talentes und that Alles, ſie an ihr Haus zu feſſeln; im Stillen jedoch und dem Kammerregiſtra⸗ tor, dem Vertrauten ihres Herzeleids gegenüber, klagte ſie ſchmerzlich über die große Undankbarkeit der eitlen Comödianten, prophezeite ihren falſchen Kunſtbeſtrebun⸗ gen, ja der ganzen Gothaer Hofbühne ſelber einen ſchlimmen Ausgang und redete ſich und den Freund immer beſtimmter in den früheren Verdacht hinein, daß man ſogar dem ſonſt ſo nachgiebigen dienſtbereiten Ekhof nicht mehr trauen dürfe; denn derſelbe werde mit zu⸗ Müller, Ethof. II. 3 nehmendem Alter immer eigenſinniger und einſei⸗ tiger und ſtehe, ohne es wiſſen, unter dem Ein⸗ fluß ſeiner Schüler, die ſeine Gutmüthigkeit mißbrauch⸗ ten und ihn gegen ſeine alten Freunde einzunehmen trachteten.— Was aber der ehrgeizigen Dame bei den jungen Künſtlern nicht gelungen war, ſie nämlich in daſſelbe Abhängigkeitsverhältniß zu bringen, wie die übrigen Theatermitglieder, das beſchloß ſie nun um ſo eifriger bei der ſchönen Betty Steinbrecher zu betreiben; ja, das Fehlſchlagen ihrer Hoffnung reizte ſie ſogar, den ehrlichen Ekhof für ſeinen vermeintlichen Eigenſinn an dieſer verwundbarſten Seite ſeines Herzens zu ſtrafen und mit allen Mitteln, die ihr ihre angeſehene Stellung, ihr Reichthum und beſonders ihr großer Einfluß auf das Herz des ehrgeizigen unerfahrenen Mädchens ge⸗ währte, Betty von dem Pflegevater loszureißen und es durchzuſetzen, daß ſie ſich zur Sängerin für die Oper ausbilden dürfe. So kam es, daß um die nämliche Zeit, da Ekhof jede freie Stunde der Ausbildung ſeiner talentvollen Schüler widmete und die Vervollkommnung in ihrer ſchwierigen Kunſt mit einem Eifer, einer Unverdroſſen⸗ heit betrieb, als wiſſe er, daß ſeine Tage gezählt ſeien, in denen er ihnen rathend, belehrend und anregend zur Seite ſtehen könne, daß um die nämliche Zeit der Ver⸗ kehr Betty's mit der Geheimeräthin immer mehr den Charakter des zärtlichſten Freundſchaftsverhältniſſes annahm, als wenn Keine ohne die Andere auch nur einen halben Tag leben könne. Betty war faſt beſtändig um die Geheimeräthin; das vornehme Haus mit ſeinen glänzenden Féten, ſeiner reichen Geſelligkeit und heiteren Lebensluſt hatte be⸗ greiflicherweiſe für den flüchtigen und vergnügungsſüch⸗ tigen Sinn des jungen Mädchens eine ungleich größere Anziehungskraft, als die beſcheidene Wohnung des Pflegevaters mit dem knappen, faſt dürftigen Zuſchnitt, wo der Rauch aus der Küche in die kleinen Zimmer drang und ein vornehmer Beſuch immer nur mit pein⸗ licher Verwirrung empfangen werden konnte. Was half ihr da all ihr Liebreiz, ihre Schönheit, wo jeder Ge⸗ genſtund der kleinbürgerlichen Umgebung daran erin⸗ nerte, daß ſie doch nur die Tochter armer Wandercomö⸗ dianten ſei; ja, was half ihr ſelbſt der Ruhm des Pflegevaters, wenn ſie dabei nur langweilige Geſichter, pedantiſche Gelehrte und obſcure Künſtler zu ſehen bekam, die Alle blos kamen, um den großen Ekhof kennen zu 3 — 36— lernen und ihr ſelber kaum einen flüchtigen Blick ſchenkten. Wie ganz anders und aller dieſer peinlichen und beengenden Eindrücke enthoben, bewegte ſie ſich da⸗ gegen im Hauſe der Geheimeräthin, unter den vorneh⸗ men Standesperſonen, die ihrer Schönheit huldigten, ihre Talente bewunderten, wo ihr Alle wie einer Toch⸗ ter vom Hauſe begegneten und ſie ſich wenigſtens der glücklichen Täuſchung hingeben durfte, dies ſei die eigentliche, ihr vom Schickſal angewieſene Sphäre und ſie brauche nur den wohlgemeinten Rathſchlägen der Geheimeräthin und anderer angeſehener Perſonen zu folgen, ſo werde ſie auch in der Zukunft der nämliche Glanz umgeben.— Selbſt der Ruhm des Fflegevaters erhöhte hier, wo ſeine beſcheidene Perſon fehlte, noch den günſtigen Eindruck ihrer Erſcheinung, wenn die Ge⸗ heimeräthin ſie fremden Gäſten, die ſchon vorher ihre Schönheit bewundert hatten, als Nichte des großen Ekhof vorſtellte und ein Ausruf freudiger Ueberraſchung beim Klange des berühmten Namens ſelbſt den Lippen ſolcher Perſonen entſchlüpfte, die ihr ſonſt gewiß ihre bürgerliche Herkunft ebenſo wenig verziehen hätten, als ihre bevorzugte Stellung in einem ſo angeſehenen Kreiſe. Daß der galante Hofjunker von Hohenſtein ſie ſo⸗ gar vor adeligen Schönheiten auszeichnete und ſich auch im Hauſe der Tante in ſeinen Huldigungen bald ſo eifrig zeigte, daß man ſogar auf ein von der Geheime⸗ räthin ſtillſchweigend geduldetes, wenn auch nicht ge⸗ radezu protegirtes Liebesverhältniß ſchloß, darf uns nach dem Charakter des jungen leichtfertigen Lebemanns nicht Wunder nehmen, der in den Kreiſen ſeiner vor⸗ nehmen Standesgenoſſen dafür bekannt war, daß er es mit gewiſſen conventionellen Rückſichten nicht allzugenau nahm, in ariſtokratiſcher Geſellſchaft mit bürgerlichen Sympathieen kokettirte, ſich zu den freiſinnigen Grund⸗ ſätzen Leſſing's bekannte, ſogar für den„Gleichmacher“ Rouſſeau ſchwärmte und alſo auch wohl einer ſchönen Bürgerlichen offen den Hof machen durfte, ohne darum in den Augen der hochadeligen Sippe für mehr als einen ariſtokratiſchen Libertin mit romantiſchem Anſtrich zu gelten. Er war ja von Kindheit auf der Kobold im Hauſe der gnädigen Frau Tante geweſen, hatte ſpäter als Page durch ſeine kecken Streiche die ernſthafteſten Perſonen bei Hofe aus der Faſſung gebracht; man war mithin in den diſtinguirten Kreiſen hinreichend daran gewöhnt, dem franzöſiſchen Blute in ſeinen Adern Vie⸗ les zu gute zuhalten, was man dem ſchwerfälligen Voll⸗ blutenkel ritterlicher Ahnen für eine unverzeihliche Malhabileté gegen den Bonton und den grand air de famille angerechnet hätte. Was dabei allein auffallen mußte, war der Wider⸗ ſpruch, in welchen die Geheimeräthin mit ſich ſelber über Das gerieth, was ſie ſonſt für Wohlanſtand und feine Decenz erklärte, ſie, die in ihren ſtrengen, an Ziererei grenzenden Anſichten ſo weit ging, daß ſie auf ihrem Liebhabertheater den Spielenden jede Berührung mit den Händen als anſtandswidrig verbot und die zärtlichſte Annäherung auf drei Schritte Diſtance be⸗ ſchränkte!— In Scenen, worin ſich Verliebte zu umar⸗ men hatten, wurde dies höchſt ſinnreich dadurch ange⸗ deutet, daß Beide zwar gleichzeitig mit den Armen die Bewegung des zärtlichen Embraſſements machten, dem⸗ ungeachtet aber doch nur die leere Luft an ihre ſtürmiſch pochenden Herzen drückten; und wo ſich zwei Liebende küſſen ſollten, hatte die zartfühlende Muſe von Gotha das glückliche Auskunftsmittel gefunden, daß ſich die Ueberglücklichen in Berückſichtigung des Wohlanſtandes mit den Fingerſpitzen Küſſe zuwarfen und unter einem Wonnerauſch von glühenden Kußhänden einander ewige Treue gelobten. Und doch hatte die nämliche Dame nichts dagegen ein⸗ zuwenden, ja, ſchien es nicht einmal zu beachten, daß der debauchirte Herr Neveu der ſchönen Betty die galanteſten Dinge ſagte, ihr verſtohlen unterm Tiſche die Hand drückte, oder mit ihr Haſch! Haſch! durch die Zimmer ſpielte, ja ihr wohl ſelbſt nachſchlich, wenn ſie oben in der Geheimeräthin Kabinet die unter ſeinen muthwilligen Händen verdorbene Friſur wieder ordnen wollte. Nur im Scherze ſchalt ſie ihn zuweilen, wenn er es zu arg trieb, oder ermahnte Betty, dem flatterhaften Don Juan nicht zu trauen; dann aber nannte ſie Beide wieder un⸗ bedachtſame Kinder, überſpannte Köpfe und hielt ihnen eine eindringliche Strafpredigt wegen ihres auffallen⸗ den Benehmens in Gegenwart anderer Perſonen, denen ſie dadurch Anlaß zu allerlei falſchen Auslegungen ge⸗ ben würden, als wenn es ſich hier wirklich nur darum gehandelt hätte, den böſen Schein zu meiden!— Und den⸗ noch geſtattete ſie ihnen oft ſtundenlanges ungeſtörtes Beiſammenſein, geſtattete, daß er ihr im Gartenſalon Romane wie die nouvelle Héloise vorlas oder zärt⸗ liche Duette aus alten und neueren Opern mit ihr zum Klavier ſang, Alles dies natürlich in ſo durchaus un⸗ ſchuldiger Weiſe à la Paul et Virginie, daß ſelbſt eine ſo ſtrenge Sittenrichterin wie die Geheimeräthin Nichts dagegen einwenden konnte, vielmehr ganz ernſthaft ver⸗ — cherte, nur Betty könne dieſen Ausbund von Leicht⸗ fertigkeit und lockerer Aufführung richtig behandeln, da ſie ihn ebenſowohl durch ihre kindliche Unſchuld und Anmuth, wie durch ihren Geiſt zu feſſeln und für edlere Freuden des Lebens empfänglich zu machen verſtünde. ſi Der Geheimerath, ihr Gemahl, galt zwar im Staats⸗ weſen und im Rathe des Fürſten für eine ſehr gewich⸗ tige Perſönlichkeit, war aber dagegen im Hauſe ſeiner Frau nur der gute Polonius, wenn uns ſeine Schwer⸗ hörigkeit und in Folge davon ſeine Schweigſamkeit dieſen Vergleich mit ſeinem Amtskollegen in Dänemark er⸗ laubt. Ein nüchterner Juriſt, dazu ein mit wichtigen Staatsgeſchäften immerfort überhäufter Beamte, ver⸗ hielt er ſich zu dem unruhvoll äſthetiſchen Treiben in ſeiner Umgebung etwa wie der melancholiſche Kranich zu dem bunten Geflatter und Geſchnatter im belebten Hühnerhofe und liebte es auch wie dieſer, gewöhnlich nach dem Schluſſe der Mahlzeit mit unter'm Kinn zu⸗ ſammengebundener Serviette ſanft einzunicken, während rings um ihn Schöngeiſterei und äſthetiſche Empfind⸗ ſamkeit in allen möglichen Durſtarten höherer Sphären ihm ſeinen guten Wein tranken und Frau Sidonie mit gleichbeſaiteten Herzen con sentimento ihre Gefühle und Anſichten über Kunſt und Poeſie austauſchte. Dik blumige Aeſthetik ſeiner Frau war das Kreuz, das ihm der Himmel zu andern goldnen Laſten aufgebunden; aber er trug es, conclusum in senatu, mit der Reſignation eines Mannes, der ſeine Jugend unter den Aktenſtößen des Wetzlarer Reichskammergerichts zugebracht hat und die Ehe als einen nach römiſchen und deutſchen Rechts⸗ grundſätzen abgeſchloſſenen Conſenſualvertrag betrachtet, nach welchem ſich zwei Menſchen, der Eine im Reifrock, der andere in Brokatweſte gegenſeitig verpflichten, die pacta dotalia bis an ihr ſeliges Ende gewiſſenhaft zu veſpectiren, ſonſt aber einander in den erlaubten Din⸗ gen dieſer Welt jegliche perſönliche Freiheit zu laſſen. Es konnte nichts Merkwürdigeres geben, als das Benehmen der beiden Ehegatten, wenn es der Geheime⸗ räthin darum galt, zu einem ihrer vielen neuen Projekte ſeine Einwilligung zu erhalten. Eine kalte Trockenheit war dann der Grundton ihres ſonſt ſo belebten Weſens, dabei ihre Ausdrucksweiſe ſo decidirt und lakoniſch, als ſei die deutſche Sprache für gewiſſe Begriffe und Sachen ſo arm wie die der Peſcherähs, als wäre nie der Honig⸗ ſeim blumenreicher Rede, hochpathetiſcher Verſe von ihren Lippen gefloſſen. Er ſelber womöglich noch wort⸗ karger, noch mehr darauf geſteift, ſeine Rede auf das Minimum von Meinungsäußerungen zu beſchränken, 3 kurz, eine Converſation von ſo tödtlich einſylbiger Art, wie ſie nur Proſa und Poeſie jemals unter einander führen können, blos mit dem einzigen Unterſchied, daß hier Letztere vor Jener regelmäßig Recht behielt und die Proſa zuletzt ſchweigſam unter den Akten des hohen Landescollegiums verſchwand.— Eine ſolche Unterredung zwiſchen Herrn von Lich⸗ tenſtein und ſeiner Frau hatte denn auch an dem Tage ſtattgefunden, wo die Geheimeräthin ihm eröffnete, daß ſie einen Geſangslehrer zu engagiren beabſichtige, wel⸗ cher Betty Steinbrecher täglich in ihrem Hauſe Unter⸗ richt im Singen ertheilen ſolle, da dieſe nun feſt ent⸗ ſchloſſen ſei, ſich ſelbſt gegen des Pflegevaters Willen zur Opernſängerin auszubilden. Mit einer Trockenheit, die geradezu lähmend wirkte, ſetzte Frau Sidonie hinzu, ſie ſelber wolle von jetzt an die Zukunft des lieben Kin⸗ des in die Hand nehmen, Ekhof ſei ein eigenſinniger Pedant voll veralteter und verroſteter Vorurtheile gegen die Oper, ſie wünſche daher, ihr Gemahl möge ſeine Einwilligung dazu geben, daß der Geſangslehrer von Morgen früh neun Uhr an dieſem vielverſprechenden Talente täglich drüben im Muſikzimmer eine Stunde Unterricht im dramatiſchen Geſang ertheile. Der Geheimerath war über dieſe unvermuthete 43 röffnung, die ſo viel als einen gewaltſamen Eingriff in Ekhof's väterliche und vormundſchaftliche Rechte be⸗ deutete, nicht wenig beſtürzt. Als Mann von ſtreng⸗ rechtlichen Grundſätzen mußte er den Plan ſeiner Frau entſchieden mißbilligen; ja, er verſuchte ſogar aus⸗ nahmsweiſe eine ausführliche Darlegung ſeiner Be⸗ denken; aber er hätte die kalte Parze ſelbſt eher zu ſeinen Anſichten bekehrt, als ſeine Gemahlin, die ihn ruhig, mit der unbeweglichen Miene der ehernen Gottheit bis zu Ende anhörte und dann in einem Tone des Gleichmuths, den keine Macht der Erde aus der Faſſung bringt, erklärte, ſie könne an dieſem Plan kein Jota ändern, der Geſangslehrer werde morgen mit ſeinem Unterricht beginnen, das Honorar ſei auf zwei holländiſche Dukaten für den Monat feſt⸗ geſetzt, gewiſſe moraliſche Grundſätze müſſe man mo⸗ deriren, wo es ſich um die ganze Zukunft eines theneren Menſchen handle. „Dieſes Sündengeld zahle ich nicht!“ ſagte der Geheimerath mit hörbar zitternder Stimme und in einer Entrüſtung, wie er ſie noch niemals in ähnlichen Geſprächen mit ſeiner Gemahlin gezeigt hatte. „So zahl' ich es, mon cher ami,“ lautete der Norne merbittlicher Schickſalsſpruch, und das ganze Wetzlarer Reichskammergericht hätte daran keine Sylbe geändert, viel weniger der Mann, welchem der Friede ſeines Hauſes höher galt, denn aller Menſchen Vernunft. II. Der perpendikel. „O der herrlichen, der unvergeßlichen Zeit!“ Mit dieſem wehmüthigen Ausruf gedenkt Iffland noch in ſeinem ſpäteren Leben in ſeiner,Theatraliſchen Laufbahn“ der ſchönen Tage, die er mit Beil und Beck im freundlichen Gotha verlebte; Tage, welche er in der genannten Selbſtbiographie in ſo lebensvoller anmuthi⸗ ger Weiſe ſchildert, daß wir uns den Dank des Leſers zu verdienen glauben, wenn wir hier einzelne dieſer ſel⸗ ten gewordenen Erinnerungsblätter einſchalten, die uns als redendes Denkmal einer ſchönen poetiſchen Künſt⸗ lerjugend und einer, leider heutzutage bei unſeren Schau⸗ ſpielern ſo ſelten gewordenen ſchwärmeriſchen Begei⸗ ſterung für Kunſt, Natur und Freundſchaft doppelt ehr⸗ würdig ſein ſollen. „——— Beil, Beck und ich, uns nahe an Jah⸗ ren, Heiterkeit und Wärme für die Kunſt, wir lebten ſtets zuſammen. Wir waren Einer dem Andern ſtrenge Richter und ſpotteten oft über uns ſelbſt bei Linkheiten, mißlungenem oder ſchiefem Ausdruck, ohne alle Scho⸗ nung, erzürnten uns und fielen bei der erſten kräftigen Wahrheit des Ausdrucks, den Einer am Andern wahr⸗ nahm, mit Rührung einander in die Arme. Wir kannten die Welt wenig, ihre Verhältniſſe und Schranken ängſtigten uns nicht. Rede und Frage, Streit und Reſultat, Zweifel und Gewißheit über Kunſt und Künſtler; Genuß an dieſem Allen, Genuß der Dichtung, Leben und Weben in Kunſt und Phantaſie, in Natur, Freundſchaft und Freude— das war unſer liebliches Tagewerk. Manchmal ſtanden wir Nachts auf, um über Kunſtgegenſtände zu reden, wir ſtritten, ohne ſtreiten zu wollen. Die Nachbarn glaubten uns in unverſöhnlichem Hader und wir feierten mit lauter Stimme ein gefundenes Reſultat. So wandelten wir denn zu Zeiten ohne Zweck vor Tage noch in der Lebhaftigkeit der Unterredung vor die Stadt hinaus. Wir kümmerten uns nicht um die Menſchen, die uns begegneten, fragten nicht nach dem Namen der Dörfer, die wir durchzogen, nicht nach dem 46 Wetter, das uns ſengte, durchnäßte und wieder trock⸗ nete, bis wir an einen Berg kamen oder in einen Wald. Dann hauſeten wir in ſeinem Schatten, badeten in ſeinen Teichen, holten unſer kärgliches Mittagsmahl aus der nächſten Hütte, oder gruben es aus friſchem Boden und lernten es in der Aſche braten. Die Nacht kam heran, der Mond leuchtete uns heim. Fröhlich und lebendig kehrten wir heim.— Die Menſchen begriffen uns nicht; aber wir waren ſehr glücklich, ja, wir waren die glücklichſten Menſchen im ganzen Herzogthum! Selbſt die kleinen und großen Verlegenheiten an baarer Münze und Geldeswerth, welche eben wie im akademiſchen Leben, jene Zeit ſo merklich auszeichnen, waren uns ſelten ein Gegenſtand der Sorge, nie ein Gegenſtand des Kummers, oft ein Feſt der muthwillig⸗ ſten Laune, des lauten Gelächters. Der entſchiedene Mangel aller drei Kaſſen war ein Feſttag. Dann wur⸗ den die Trümmer geſammelt, nicht reichere Gäſte mit noch geringeren Trümmern geladen. Ein Junge trug den Korb mit der Hoffnung des Mittags voraus, die jubelnde Geſellſchaft zog am frühen Morgen in das Siebeleber Holz und lagerte ſich in ſeinen Schatten. Nie, nie werde ich die Feiertage in dieſem ſchönen Walde vergeſſen. Außer uns pflegte ihn Niemand zu 9 gte ih 5 beſuchen. An einer Quelle, welche gleich rechts vornan im Walde entſpringt, wurde gewöhnlich unſer Mittags⸗ mahl eingenommen. Das ſchöne, wohlhabende, mild⸗ regierte Land liegt da in fruchtbarer Ebne hinab, der Seeberg rechts, ſowie die Schlöſſer der Gleichen, das freundliche Gotha links, der blaue Brocken ſchließt die romantiſche Ferne. Eines Tages wanderten wir über die andere Seite des Berges hinab, querfeldein und blieben die Nacht in Wechmar. Wir dachten an keinen Schlaf, zogen im Mondſchein umher und verweilten am Kirchthurm eines nahe gelegenen Dorfes. Der unaufhaltſame Perpen⸗ dikelſchlag der Thurmuhr machte uns ernſt und ſtill. In einer langen Pauſe ſprach Keinex von uns; endlich erwähnte Einer des Angenblicks, wo Hamlet den Geiſt erwartet. Jeder wurde von der Idee ergriffen, Jeder folgte ſeiner Phantaſie, Keiner ſprach. Wir hörten un⸗ ſern Athem, Schauer des Grabes war über Jeden verbreitet. Die Räder knarrten in dem alten Thurme, die Glocke ſchlug, wir verließen Einer nach dem Andern die Stätte.— Vor dem Dorfe ſammelten wir uns und ſprachen über Leben, Lebenswerth und wie man den —— Augenblick feſthalten müſſe— Bieles, was Wahrheit und Herzlichteit hatte. Der andere Tag war ebenſo ſchön und wurde wie⸗ der im Siebeleber Holze verbracht. Wir waren hier wie zu Hauſe, laſen, ſcherzten, ruhten, lernten Rollen und ſpielten ſie dort, Jeder von dem Andern abge⸗ ſondert. Am Nachmittag wurde von etlichen Leuten aus Siebeleben eine Bank heraufgetragen und am Eingang des Waldes hingeſetzt. Dann entfernten ſich die Trä⸗ ger ohne uns zu bemerken. Vergeblich verloren wir uns in Vermuthungen, als endlich an der Waldſpitze einer der benachbarten feiſten Kirchenräthe ſichtbar wurde.— Er ſtand ſtumm, ſtarr und unbeweglich. Die zerſtreuten Kleider, die Hüte auf Stangen, die Menſchen, welche tragiſche Verwünſchungen im Nacht⸗ gewande mit Begeiſterung herſagten— der ſonderbare Hausrath um das flackernde Feuer, Alles ſchien Seiner Hochehrwürden ſehr zuzuſetzen. Auch wir begriffen ihn nicht, beide Theile ſahen ſich unbeweglich an. Da trat in züchtigem Schritt ſeine weibliche Familie den Berg hinan; nun wandte er ſich, winkte ihnen aus der Ferne zu, abwärts zu gehen, drehte ſich mühſam um, ging feierlich ihnen nach und mit ihnen hinab, wo er herge⸗ kommen war. Eine Weile nachher holten die Bauern die Bank wieder weg und ſahen mißtrauiſch nach uns herüber. Es war nun klar, daß die geiſtliche Familie auf dieſer Bretterbank die ſchöne Natur hatte genießen wollen und daß unſere Gruppe dem ehrwürdigen Manne ein arger Spuk gedünkt hatte. Wir lachten viel darüber und trieben unſer Weſen weiter. Mühſam kletterten wir auf die Bäume, um trocknes Holz für unſer Nachtfeuer am kühlen Abende zu holen, ſchleppten es mit Lärm und Geſang herbei und ſahen die helle Flamme in die Höhe ſteigen. Der Tag endete beſonders feierlich. Von frohen Spielen und einem Gange auf den Seeberg ermüdet, lagerten wir uns um das Feuer. Da ſaßen wir, ver⸗ ſunken in die Natur um uns her. Der rief eine Erin⸗ nerung ſeiner Vergangenheit herauf, Jener eine Ge⸗ ſchichte von Ernſt dem Frommen, Einer eine Erzählung vom Grimmenſtein. Hier laſen wir Wieland's„Mönch und Nonne“ auf dem Mittelſtein, ſanken in Stille und Ernſt, ſprachen von unſerer Zukunft, von aller Zukunft, von Unſterblichkeit der Seele, und reichten uns dann mit ſüßen Thränen die Hand zum Bunde der Freund⸗ ſchaft über das Grab hinaus.“— Müller, Ekhof. II. 4 Aber nicht blos das poetiſche Treiben und Schwär⸗ men unſerer jungen Freunde in der wundervollen Thü⸗ ringer Natur, nicht blos ihr heiteres, bei allen Entbeh⸗ rungen höchſt glückliches und echter Künſtlernaturen würdiges Zuſammenleben lernen wir aus dieſen Erin⸗ nerungsblättern kennen; ſie melden uns auch manche ernſte und ergötzliche Geſchichte aus ihrem Künſtlerleben, die uns die Theaterverhältniſſe jener Zeit und wie es damals vor und hinter den Couliſſen herging, ſo vor⸗ trefflich charakteriſiren, daß wir wenigſtens eine Be⸗ gebenheit dem munteren Iffland nacherzählen wollen, welche unſeres Wiſſens in keiner unſerer vielen Thea⸗ teranekdoten⸗Sammlungen einen Platz gefunden hat. Jene nächtliche Schauerſcene am Kirchhofthurme unweit Wechmar, die oben geſchildert worden iſt, hatte einen tiefen Eindruck in den Freunden hinterlaſſen. Sie ſannen alſo darauf, ob nicht auch auf dem Theater, wenn Hamlet auf dem Kirchhofe den Geiſt ſeines Vaters erwartet, der Perpendikelſchlag der Thurmuhr ange⸗ bracht werden könnte, der ſie ſo ſehr erſchüttert hatte. Sie theilten dem alten Theatermeiſter ihre Idee mit, die aber von dieſem, wie die Folge lehrte, entweder nicht gehörig begriffen wurde, oder durch irgend einen muthwilligen Neckegeiſt einen von der beabſichtigten Wirkung höchſt verſchiedenen Ausgang nahm. Hamlet wurde gegeben. Er ſtarrt dem kommen⸗ den Geſpenſt entgegen; Ekhof, als Geiſt, trat auf, Hamlet ſchauderte vor den Geheimniſſen der Ewigkeit, der Geiſt hebt an zu reden. Da plötzlich hört man ein ſehr widriges einför⸗ miges Geklapper, nahe, laut— und das ganze Pu⸗ blikum lacht. Hamlet ſieht einwärts und wüthet, der Geiſt ſieht auf der andern Seite in die Couliſſe und flucht. Ohne jedoch eine Notiz davon zu nehmen, ſchlägt der alte Theatermeiſter in gleichförmigem Tempo aus freier Hand mit einem eiſernen Stabe unermüdet gegen zwei Brettchen, was den Perpendikel in der Thurmuhr der däniſchen Hofkirche vorſtellen ſoll. Das Lachen und Getöſe im Publikum nimmt zu, das Fluchen Hamlet's und des Geiſtes ebenfalls. Die Acteurs, die Arbeitsleute fahren den Theatermeiſter an, was er da für ein verruchtes Geklapper treibe; da antwortet dieſer endlich mit einem ruhigen Lächeln: „Etwas ganz Neues, meine Herrn, hier geht der Perpendikel!“ Da man ihn von der wüthenden Stimmung der 4* erſten tragiſchen Perſonen unterrichtete, von dem gel⸗ lenden Gelächter der Zuſchauer, ſo ſtand ſeine Zukunft am Ende des Aktes hart vor ihm. Er fing an ſich zu vertheidigen, ſchlug aber in der Lebhaftigkeit des Ge⸗ ſprächs nur immer ſchneller mit dem eiſernen Stäbchen von einem Brette zum andern und machte den Skandal dadurch nur noch ärger. Weil nun auch Die lachten, welche ihm unter Vor⸗ würfen Einhalt thun wollten, ſo citirte er endlich Beil, Beck und Iffland als ſeine Autoritäten, gerieth aber dabei ſo ſehr in Wuth, daß er immer heftiger„perpen⸗ dikelte“. Das Gelächter nahm zu, der Geiſt verſchwand und der unten noch den alten Schatzgräber ſpielen ſollte, Ekhof, fluchte ſo irdiſch, daß ſowohl der Perpendikel, wie die drei Freunde die Flucht ergriffen. Nach dem Akte vereinigten ſich Hamlet und der Geiſt inſofern, daß ſie über den Urheber des Skandals, den armen Theatermeiſter, ein furchtbares Anathema aus⸗ ſprachen. Bald aber kamen Andere der Darſtellenden hintereinander und Einer, der Schauſpieler Boeck, er⸗ laubte ſich ſogar darüber zu witzeln, daß der Geiſt ge⸗ huſtet hatte, was mindeſtens dem Perpendikelſchlag des Theatermeiſters gleich zu achten ſei. Ekhof aber, als Geiſt, erwiederte ganz gelaſſen:„Ein Geiſt, welcher reden kann, darf auch huſten.“— So war das Leben und Treiben beſchaffen, in wel⸗ chem ſich die Schüler des großen Meiſters bewegten, denen er im ſchönen Sinne des Wortes nicht blos Lehrer und Bildner ihrer jungen Talente, ſondern auch Freund und Vertrauter ihrer begeiſterten Herzen war, ſo daß ſchwer zu ſagen geweſen wäre, wer von den Dreien ſich mehr ſeiner Gunſt zu erfreuen hatte; ob Beil, der in der Kunſt am Weiteſten vorgeſchrittene, oder Beck,„das ſtille tiefe Waſſer mit den blauen Wertheraugen und dem tollen Sprudelhumor;“ oder Iffland, dem jeden⸗ falls die junge Damenwelt der Reſidenz den Vorzug vor den beiden Andern gab und der auch bald auf der Bühne der Liebling aller Derer wurde, welche dem Künſtler Kränze und Blumen zuwerfen, ihm heimlich zartempfundene Verſe auf ſeidnem Roſaband ſenden oder ſeinen Namen in einem Vergißmeinnichtkranz in blauen Perlen ſticken.— Ja, zuweilen ſchien es ſogar, als wenn auch Ekhof den ihm von den alten treuen Freunden in Hannover ſo warm empfohlenen Jüngling bevorzuge; denn Iffland wurde mehr und mehr der Vertraute ſeiner perſönlichen Angelegenheiten und Alles, was Herrn Konrad in ſeinem Familienleben Schweres und Schmerz⸗ — liches bedrückte, ſchüttete er in rückhaltloſen Klagen in die Bruſt des jungen Freundes aus, ſeine Sorgen um den ſpurlos verſchwundenen Pflegeſohn, den Kummer, welchen ihm Betty's ſtörriſches Weſen verurſachte, deren Betragen gegen ihn unter dem ſchlimmen Einfluß der Geheimeräthin und des Hofjunkers immer mehr den Charakter des offenen Ungehorſams annahm. Mit Schmerz ſah der würdige Mann, wie das verblendete Mädchen ſich von Tag zu Tag mehr von ihm ab— und genen zuwandte, die halb aus affectirtem Kunſteifer, halb aus Eigennutz ſie in ihren ehrgeizigen Wünſchen beſtärkten und dadurch, daß ſie ſich den Anſchein gaben, Betty's wahres Intereſſe zu fördern, das Verhältniß zwiſchen ihr und dem Pflegevater immer geſpannter machten. Ekhof blieb auch darin bis in's Alter die echte Künſt⸗ lernatur, daß er bei all ſeiner Energie und Willenskraft, wo es einen höheren geiſtigen Zweck zu verfolgen galt, doch in Sachen des praktiſchen Lebens, beſonders wenn ſein weiches Herz dabei in's Spiel kam, leicht in's Schwanken und Unſichere hineingerieth und dann miß⸗ trauiſch wurde gegen das eigne Gemüth, ſo oft ſich dieſes in ſeiner Liebe gegen die ihm theuerſten Menſchen ver⸗ kannt und gekränkt fühlte. Die Strenge und Herbigkeit, zu der er dann griff, um ſeine treugemeinte Abſicht durchzuſetzen, ſtand in keinem Verhältniß zu dem zarten Sinne der Milde und Nachgiebigkeit, welche die Grund⸗ elemente ſeines Charakters bildeten; und gewohnt, immer nur für Andere zu leben, zu ſorgen und zu dulden, em⸗ pörte ihn an ſich ſelber der rauhe Zwang, den ihm fremder Trotz, fremder Eigenſinn aufnöthigte. So wurde er leicht kleinmüthig und unentſchloſſen; ein muth⸗ loſer Trübſinn bemächtigte ſich dann ſeines Herzens und die kalte Starrheit, die unbeugſame Energie, in die er ſich künſtlich hineinarbeitete, ward ihm zum lähmenden Gefühl der Ohnmacht und Muthloſigkeit, einer Welt gegenüber, welche die Liebe und Redlichkeit ſeiner beſten Abſichten mit Hohn und Undank vergalt. Wir geben in dieſen wenigen Zügen das Bild von dem traurigen niedergedrückten Gemüthszuſtand Ekhof's in jener Zeit, da es ihm Bedürfniß wurde, ſich Iffland mitzutheilen und ſo dieſem neben den köſtlichen Lehren für ſeine Kunſt frühe den Blick zu klären über das herbe Erdenloos, das die Gottheit ſo häufig ihren Lieblingen unter den Trank aus dem Kelche ihres unſterblichen Lebens miſcht. Dann ergoß ſich der Schmerz ſeiner Bruſt in er⸗ ſchütternden Klagen in das Herz des jüngeren Freundes; — er erzählte ihm Alles, was er in ſeiner unglücklichen Ehe, zuerſt mit dem liederlichen Schwager, dann mit der eignen geliebten Gattin und zuletzt, damit der Docht ſeiner Unglückslampe völlig ausqualme, mit den beiden Rabenkindern Stephan und Betth durchgemacht habe; bis er jetzt— alt, krank und entmuthigt, auf alle dieſe ſo ſtandhaft ertragenen Schickſalsſchläge wie auf eben⸗ ſo viele unglückliche Bataillen zurückblicken müſſe, wo des edlen Blutes, des tapferen Schweißes ſo Viel ver⸗ gebens vergoſſen worden ſei. Und im erſchütternden Jammerton, als ſtünde er mitten in einer Tragödie Shakespeare's oder Corneille's, und nicht in der Wirklichkeit ſeines eignen herben Schick⸗ ſals, rief er gewöhnlich am Schluſſe ſolcher Klagen ver⸗ zweiflungsvoll aus: „Dagegen iſt ja ſelber das Herzeleid, welches mir mein armes Fränzchen bereitet, noch halber Balſam für mein krankes Gemüth, und ſeine Geſtalt ſteht wie ein liebreicher Troſtengel in Mitten ſo vieler verwüſteter und verſchändeter Lebenshoffnungen!— Zwar ihr Geiſt wandelt ſchon jetzt im halben Lichte der Verklärung dem ſchönen Jenſeits entgegen und immer ſieht ſie rückwärts, ob ich auch nicht allzuweit hinter ihr im dunklen Jam⸗ merthal zurückbleiben möge; aber ſie iſt doch noch bei mir, ich höre noch den trauten Ton ihrer Stimme, blicke ihr noch in die treuen Augen, und für den Jammer, den ſie mir verurſacht, kann ſie ia Nichts, ſieht ihn nicht einmal in ihrem glücklichen Irrſinn!— Ach Iffland, der barmherzige Gott behüte Sie ewiglich vor einem Loos wie das meine; oder wenn er es wirklich ſo ſchlimm mit Ihnen vorhat, ſo ſtähle er zum wenigſten frühe Ihr gefühlvolles Herz, umgebe es mit einer Eiskruſte, dieſer erbarmungsloſen verrätheriſchen Welt gegenüber und laſſe Sie vor Allem nicht älter werden, als Ihre Kraft reicht, um Ihr Kreuz mit Standhaftigkeit zu tragen. O die Dichter der alten griechiſchen Schau⸗ bühne haben Recht gehabt, daß ſie alleſammt den tra⸗ giſchen Generalkrach auf greiſe Häupter losließen; denn an jeder noch ſo dünnen Silberlocke hängt bei dieſen ein Centnergewicht von Menſchenundank und Menſchen⸗ tücke und das erloſchene Auge ſchaut ganz anders thrä⸗ nenlos in die Schrecken des Lebens, wie das helle der Jugend und rüſtigen Manneskraft! D'rum heißt es auch am Schluſſe von König Lear: „Dem Aeltſten ward das ſchwerſte Loos gegeben, Wir Jüngern werden nie ſo Viel erleben.“ Dann ſchloß er den Jüngling mit Inbrunſt in die Arme, oder deutete, ihn mit der Linken an ſich ziehend, — mit der Rechten nach Oben, wobei ſeine Lippen zitterten, und Iffland, unvermögend den ſchweren Kummer des verehrten Meiſters zu tragen, brach in Schluchzen aus und rief unter Thränen: „Vater Ekhof, welchen Troſt vermöchte ich junger unerfahrener Menſch Ihnen zu bieten, wo ihr eignes edles Herz Ihnen denſelben verſagt!— Hab' ich doch ſelber ſchwer an geliebten Eltern geſündigt, bin nur durch Ihre Güte den traurigen Folgen meiner unſeligen Verwirrung entgangen und danke Ihnen den geretteten Glauben meine Zukunft ſelber! Wenn Ihnen Das keinen Troſt gewährt, ſo vielem Undank, ſo vieler Treuloſigkeit gegenüber, dann muß ich mich freilich unwürdig fühlen und möchte ſelber verzweiflen, ſelber an allem Schönen und Guten dieſer Welt irre werden!“ „Beileibe, mein lieber Sohn, das dürfen Sie nicht, das wollen Sie Ihrem alten Freund und Lehrer gewiß nicht zu Leid thun!“ rief dann eifrig, mit abweh⸗ render Geberde der treffliche Mann, den die Vor⸗ ſtellung, daß er den jungen, ſeinem Herzen ſo theueren Schüler durch ſeine unmäßigen Klagen im Glauben an die Weisheit der Vorſehung und den eignen Genius irre machen könnte, ſchnell ſein Leid vergeſſen ließ, ſo daß er bald nur noch bemüht war, Jenen zu tröſten und ihn unter liebreichen und begeiſterten Worten auf die herr⸗ liche Kunſt, als das einzig wahre„dulce levamen“ aller irdiſchen Sorgen und Gebreſte hinzuweiſen. Nach einem dieſer vertraulichen Geſpräche zwiſchen Meiſter und Schüler in den ſchattigen Laubgängen des herzoglichen Schloßgartens, da Ekhof ſeinem jungen Freunde mit großer Lebhaftigkeit die erſten glücklichen Jahre ſeiner Ehe mit ſeiner geliebten Franziska geſchil⸗ dert hatte, richtete er auf Einmal an Iffland die für dieſen ganz unerwartete Frage, ob er ihn, nun er ſein ganzes Leben mit ſeinen frohen und traurigen Erinne⸗ rungen kenne, nicht einmal nach Sundhauſen zu der geliebten Kranken hinausbegleiten wolle? Mit einem ganz eignen ruhigen Tone ſetzte er hinzu, auch in dieſem grauſen Verhängniß ſei für einen empfänglichen und poetiſchen Sinn noch Manches zu erkennen und zu ler⸗ nen, was die tragiſchen Dichter bis jetzt nur unvoll⸗ kommen den dunklen Vorgängen in der Menſchenſeele abgelauſcht hätten; wenn es daher ſeinem lieben Freunde recht ſei, ſo wollten ſie jetzt gleich der armen Frau Ekhof in ihrem ſtillen Dörfchen bei den redlichen Pa⸗ ſtorsleuten einen Beſuch abſtatten. Noch mehr als der ruhige Ton, womit Herr Konrad dies ſagte, überraſchte Iffland der Vorſchlag ſelber. — Denn er wußte, daß Ekhof noch keinen ſeiner nächſten Freunde mit in das Pfarrhaus nach Sundhanſen ge⸗ nommen hatte, weil die Aerzte der Kranken die unge⸗ ſtörteſte Einſamkeit anempfohlen hatten, die durch jedes fremde Geſicht beunruhigt und aufgeregt wurde. Er konnte auch daher in ſeiner erſten Ueberraſchung bei dieſem unvermutheten Antrag dem verehrten Meiſter nur durch einen ſtummen Händedruck antworten, worauf Ekhof gleichfalls ſchweigend ſeinen Arm ergriff und mit ihm die Richtung nach dem Dorfe einſchlug. Er ſprach auf dem Wege dahin nur von gleich⸗ gültigen Dingen, um die Beklommenheit aus des Jüng⸗ lings Bruſt zu verſcheuchen, womit derſelbe dem An⸗ blick der geiſteskranken unglücklichen Frau entgegenging. Hatte doch Ekhof ſelber nur dann und wann einmal ihrer flüchtig erwähnt, wobei man ihm deutlich die Ge⸗ walt anſah, die er ſich anthun mußte, um ſeine Faſſung zu behaupten. Und jetzt war er es ſelber, der dem jüngeren Freunde mit Einmal auch in dieſes letzte furcht⸗ bare Verhängniß ſeines Lebens freiwillig den vollen Einblick geſtatten wollte, während man ihm doch nach⸗ ſagte, er hüte ſeine kranke Frau mit einer Aengſtlichkeit, die beinahe der Eiferſucht eines jungen zärtlichen Lieb⸗ habers gleichkäme. „ So gelangten ſie an das alte Steinkrerz am Wege und die Gärten des Dorfes, und ſchritten nun neben den grünen Hecken derſelben auf einem Fußpfad der kleinen Thüre zu, die aus dem mit vielen Obſtbäumen bepflanz⸗ ten Garten des Pfarrhauſes auf die Straße führte. Hier blieb Ekhof ſtehen, legte die Hand auf Iffland's Schulter und ſagte, des Jünglings Spannung bemer⸗ kend, mit mildem Ernſte: „Seien Sie nur ganz unbefangen, mein lieber Freund, Fränzchen wird Ihnen durchaus kein Grauen einflößen; ja, wüßten Sie nicht, von welchem ſchrecklichen Leiden die Aermſte zeitweiſe heimgeſucht wird, Sie würden ſie für vollkommen geſund und glücklich halten. Auch iſt ſie bereits auf Ihren Beſuch vorbereitet und wird Sie hoffentlich gut aufnehmen. Das Eine, um was ich Sie bitte, iſt, daß Sie des Theaters mit keiner Sylbe er⸗ wähnen; denn ſie ſoll gar nicht mehr an ihr ehemaliges Leben als Künſtlerin erinnert werden, weil ihre Krank⸗ heitsanfälle merkwürdigerweiſe immer damit beginnen, daß ſie ſich mit einer ihrer früheren Lieblingsrollen ver⸗ wechſelt. Und nun kommen Sie, ich zeige Ihnen mein verzaubert Prinzeßchen und hoffe von Ihnen, daß Sie mir's trotz ſeiner Holdſeligkeit und Anmuth nicht ab⸗ ſpänſtig machen werden.“ Er ſagte Letzteres mit einem eigenthümlich ſchmerz⸗ lichen Lächeln, worauf er des Jünglings Hand ergriff und ihn durch den Garten dem Pfarrhaus zuführte. Aus einer dichten Laube von Rothbuchen trat ihnen der würdige Seelſorger des Ortes, Paſtor Löffler, in ſchwar⸗ zen Kniehoſen entgegen, ein freundlicher Greis mit einem munteren lutheriſchen Lebemannsgeſicht, deſſen blühende Farbe einen wunderlichen Contraſt zu den pechſchwar⸗ zen dichten Augenbrauen und dem ſchneeweißen Haare bildete, welches kurz geſchnitten den breiten Kopf be⸗ deckte. Die herzliche Art, in der er Ekhof mit dem ver⸗ traulichen Du begrüßte, deutete auf ein nahes Freund⸗ ſchaftsverhältniß zwiſchen beiden Alten, worauf er Iff⸗ land ohne Weiteres in die Arme ſchloß und ausrief: „Das iſt alſo der Tauſendſapperment, der Dich da⸗ mals auf unſerer Brücke für mich hielt, weil wohl da⸗ heim in ſeiner Lüneburger Haide die Dorfpfarrer alle ſo duckmäuſeriſch und trübſelig ausſehen, wie Du, Konrad?— Fehlgeſchoſſen, junger Mann! In unſerem ſchönen Thüringer Lande wirft das Evangelium ſeinen Verkündigern noch immer einen nahrhaften Zehnten ab; und wenn wir für die Seelen der uns anvertrauten Herde gehörig geſorgt haben, ſo dürfen wir auch mit Verlaub eines hohen Ober-Conſiſtorii ein wenig an unſer leibliches Wohl denken, da, wer predigt, auch Appetit und Durſt haben darf, ſo gut wie Freund Kon⸗ rad's vermoderter Schnurrpfeifer neulich im Hamlet huſten durfte, weil ihm das gute Hochdeutſch des Herrn Wieland ſo geläufig war? Na, vielmals will⸗ kommen beim alten Paſtor Löffler, Sie perpendiculäres Genie! Comödiant und Paſtor ſind ja halbe Kollegen, wie ſchon ein altes Sprichwort ſagt: „Pfaffen⸗ und Narrenkappen Thun gut zuſammenklappen.“ „An Dem werden Sie Ihren Mann finden, was Schalkheit und muntere Laune anbelangt,“ ſagte Ekhof lächelnd über des Jünglings große Ueberraſchung bei dieſem cordialen Empfang eines ehrwürdigen Geiſtlichen, der den Jahren nach recht gut ſein Großvater hätte ſein können.„Aber wie ſteht's mit meiner Frau? Hält ihre gute Stimmung noch an und glaubſt Du, daß wir's wagen können, ihr unſeren jungen Freund vorzu⸗ ſtellen?“ „Ganz unbedenklich, ich ſtehe für Alles,“ verſicherte der Pfarrer mit einem ſo theilnahmvollen Weſen, daß Iffland ſchnell mit dem ſehr weltlichen Eindruck aus— geſöhnt wurde, den zuerſt die Perſönlichkeit des alten Herrn auf ihn gemacht hatte. „So will ich hinaufgehen und ſie vorbereiten,“ ſagte Ekhof und ließ ſeinen Begleiter beim Pfarrer im Gar⸗ ten zurück, der ſodann Iffland in die ſchöne Laube führte, wo eine kleine Collation von allerhand ländlichen Er⸗ friſchungen andeutete, daß man ſie beſtimmt erwartet hatte. Der Paſtor füllte die Gläſer und trank dem jungen Künſtler einen freundlichen Willkomm zu; die Nöthigung zum Eſſen lehnte dieſer jedoch mit dem Ge⸗ ſtändniß ab, ſeine innere Aufregung ſei zu groß, als daß er auch nur den kleinſten Appetit verſpüre; denn er hätte ſich alles Andere eher träumen laſſen, als daß ſein verehrter Meiſter ihn zu dieſem Gange auffor⸗ dern würde. Da ſah ihn zuerſt der würdige Paſtor eine Zeitlang ſchweigend an, ließ dann leiſe ſein Glas an das des jungen Gaſtes anklingen und ſagte auf den Römer deu⸗ tend, mit einer eigenthümlichen Miſchung von wahrer Rührung und harmloſem Humore: — „Aber dieſer da thut's auch jetzt noch nach dem alten Spruche: Beim Wein wird mancher Freund gemacht, Beim Weinen auf die Prob' gebracht. Das haben Ekhof und ich dazumal im ſchönen Hamburg erfahren, wo ich in einem angeſehenen Patrizierhauſe meine Jugendjahre als Hofmeiſter ver⸗ brachte und ihn kennen lernte, der einzige Schauſpieler, welcher in dieſem reichen Hauſe als vielgeehrter Gaſt Zutritt hatte. Damals, als wir im koſtbarſten Weine aus goldnen Pokalen Freundſchaft tranken für's Leben, dachte freilich keiner von uns an das ſpätere Weinen im ſtillen Thüringer Dörfchen; damals hätten Sie unſern Ekhof ſehen ſollen, wie er bei den Familienfeſten von den ſchönen kunſtbegeiſterten Töchtern des Hauß 3 mit Roſen bekränzt wurde und, ſprühenden Geiſtes voll, durch ſeine herrlichen improviſirten Tiſchreden die gatze hochanſehnliche Geſellſchaft zu Bewunderung und Bei⸗ fall hinriß! Aber warum erzähl' ich Ihnen von dieſen längſtentſchwundenen Tagen einer ſchönen Vergangen⸗ heit?— Zetzo gilt's für ihn und mich die andere Freund⸗ ſchaftsprobe, und Sie, Herr Iffland, den er ſelber hier⸗ hergebracht hat, ſollen mir helfen, dieſe Probe zu be⸗ ſtehen; denn unter uns geſagt, ich fürchte beinahe, der Mann iſt noch kränker wie die Frau, trotz ihres Irr⸗ ſinns, ihrer zerſtörten Seele,— ach, ſie hat ihn durch ihre Krankheit gewiß noch kränker gemacht, als ſie's ſelber iſt, achten Sie nur einmal nachher ſelber darauf, wie ihn das Beiſammenſein mit ihr ſchrecklich angreift, Müller, Ekhof. II. 5 ——— 3 — ————— wie er ſichtbar zuſammenfinkt, als hätte ihn der Todes⸗ engel angehaucht.“ Der würdige Paſtor hatte die letzten Worte mit ge⸗ dämpfter Stimme geſprochen, durch die der Schmerz einer auf's Tiefſte beſorgten Freundesſeele zitterte, wäh⸗ rend die noch vorhin ſo ſchalkhaft leuchtenden Augen jetzt kummervoll den Jüngling betrachteten, dem der Schrecken über dieſe dunkle Sorge des Freundes ſeines — eiſters die Sprache benahm.— Er hatte auch ine Zeit, den Pfarrer um eine nähere Erklärung zu ten, da eben Ekhof wieder in die Laube trat und ein einziger B Blick auf den verehrten Mann hinreichte, um Iffland von der vollen traurigen Wahrheit des eben Gehörten zu überzeugen; denn ſo gebengt und erſchüttert, wie jetzt Herr Konrad von ſeiner kranken Frau zurück⸗ kehrte, hatte ihn ſein Schüler noch nie geſehen und nur mit ſchwacher Stimme konnte er denſelben auffor⸗ dern, ihm zu folgen, da Fränzchen ihn zu ſehen wünſche. Sie ſtiegen die Treppe des ſtillen Hauſes hinan und traten durch ein kleineres Zimmer in eine große helle Stube, die ſich durch ihre mehr ſtädtiſche Einrich⸗ tung von Möbeln von polirtem Nußbaumholz und weißen Fenſtervorhängen als das Staatszimmer der Pfarrwoh⸗ nung ankündigte. Auf dem Sopha, gerade der Thüre gegenüber, ſaß in einem einfachen Hauskleide die kranke Frau Ekhof, der man übrigens in ihrem jetzigen Zuſtand Nichts von ihrem ſchweren Leiden anſah, außer daß der Blick ihrer hellblauen Augen ſonderbar müde und verſchleiert war, als ſei ſie kaum mit aller Selbſtbeherrſchung im Stande, ihre Augenlider offen zu halten, was auch dem übri⸗ gen, ſonſt regelmäßigen und ſanften Antlitz einen Aus⸗ druck von nervöſer Spannung in den Geſichtsmuskeln verlieh, die ſich zuweilen in einem haſtigen Blinzeln und krankhaften Zucken der Augenwinkel noch mehr bemerkbar machte. Sonſt aber hatte ſie ein ſo voll— kommen geſundes und kräftiges Ausſehen, daß ſie faſt um zwanzig Jahre jünger erſchien als ihr Mann, deſſen von Alter und Sorgen gebengte Geſtalt einen merkwürdigen Gegenſatz zu der blühenden Erſcheinung ſeiner kranken Frau bildete. Bei ihrem Eintritt hatte ſie zuerſt eine Bewegung zum Aufſtehen gemacht, war aber daran durch die Menge friſchgepflückter Wieſenblumen verhindert wor⸗ den, die auf ihrem Schvoße lagen und mit deren Ord⸗ nen zu einem duftigen Strauß ſie eben beſchäftigt war. Mit einer ſanften Stimme, die nur zuweilen durch einen leichten Zungenanſtoß geſtört wurde, begrüßte ſie 5 den jungen Begleiter ihres Mannes auf's Freundlichſte und ſagte dann mit dem empfindſamen Pathos der ehe⸗ maligen Darſtellerin tragiſcher und ſ entimentaler Rollen: „Ich habe dieſe Blumen für Sie gepflückt, Herr von Iffland, da mein Mann mir erzählte, daß Sie ein großer Freund der ländlichen Natur und ihrer ſtillen Reize wären, was man den jungen Herren in der Stadt ſonſt ſelten nachrühmen kann.— Und doch, wo iſt's ſchö⸗ ner als hier auf dieſen ſtillen Triften, in dieſen ſchatti⸗ gen Wäldern mit ihren rauſchenden Bächen, ihren kühl⸗ ſonnigen Lauſcheplätzchen? Wer da geſund wird, der wird noch einmal ſo geſund als in der unruhigen Stadt mit ihren engen Gaſſen und ihrem lärmvollen Treiben; nein, meinen ſtillen Sitz am Waſſerfall im Walde, wo das kleine Rothkehlchen luſtig im Bade herumplätſchert, tauſcht' ich ſelbſt nicht mit den Prunkſälen im Palais Ihrer Durchlaucht, der Frau Herzogin— ach, ſagen Sie mir, ſind Sie ſchon bei Hofe vorgeſtellt und kennen Sie unſern liebenswürdigen feingebildeten Prinzen Auguſt?“ „Herr Iffland geht nicht zu Hofe, liebes Fränz⸗ chen,“ entgegnete Ekhof ſtatt des Jünglings, der nicht wußte, wie er dieſe kindliche Naturſchwärmerei mit der gezierten Frage am Schluſſe zuſammenreimen ſollte. 1 8 1 8 „Aber Sie ſind doch von Adel, alſo auch hoffähig?“ fragte die Kranke mit einer auffallend lebhaften Span⸗ nung.„Nichts geht über den Umgang mit feingebildeten vornehmen Perſonen und ich empfange ſie auch jetzt noch gerne in meiner ländlichen Abgeſchiedenheit. Erſt geſtern war die Frau Gräfin Burgdorf aus Dresden mit ihren beiden liebreizenden Töchtern Natalie und Aurora und deren Gouvernante, Fräulein von Tournelle aus Paris, zum Beſuche bei mir. Später kam Baron Wallbrunn, um mir ſeinen Couſin, den jungen Herrn von Holzhauſen vorzuſtellen; die Herrſchaften nahmen den Thee bei mir ein und es gefiel ihnen hier ſo gut, daß ſie erſt gegen Abend an den Aufbruch dachten.“ Mit einem bedeutſamen Blick auf den Jüngling ſagte Ekhof: „Das ſind lauter vortreffliche herzensgute Men⸗ ſchen, die es Alle aufrichtig wohl mit uns meinen. Nur mußt Du mir zuliebe nicht häufig ſolche Beſuche annehmen, beſtes Fränzchen, denn Du weißt es ja, wie ſehr Dich jedesmal die Unterhaltung mit ſo vielen vor⸗ nehmen Perſonen angreift.“ „Aber ſie kommen ja, um mich in meiner Einſam⸗ keit zu erheitern; da kann ich ſie doch unmöglich unartig ———— — —— ——— — 8 abweiſen,“ entgegnete die Kranke mit gerührter Stimme und das Zucken ihrer Augenlider folgte ſich auffallend raſch hintereinander.„O dieſe liebenswürdigen Menſchen! So fein, ſo gütig und herablaſſend iſt ihr Benehmen gegen mich, als wäre ich von ihrem Stande; alle meine Lieblingsplätzchen im Walde mußte ich ihnen zeigen, auch Herr von Utterodt mit ſeiner jungen Gemahlin war da und wir ſaßen ſtundenlang am Waſſerfall in einem weiten Kreiſe beiſammen, unterhielten uns auf's Angenehmſte und alle Herren nannten mich„gnädige Frau.“ Nicht wahr, Herr von Iffland, man kann doch nicht immer nur mit Bauersleuten verkehren? Das meinte die Frau Präſidentin von Wangenheim auch— ah, ſind Sie nicht der Neven dieſer liebenswürdigen Dame?“ Iffland machte eine Verbeugung und gab eine aus⸗ weichende Antwort. War es nun der wohlbekannte Klang des heimiſchen norddeutſchen Accentes, oder hörte ihr feines Ohr trotz des geſtörten Seelenvermö⸗ gens aus der Biegſamkeit und Modulation ſeines Or⸗ ganes den redegeſchulten Künſtler der Bühne heraus; genug, die Kranke fuhr plötzlich lauſchend, als hätte ſie eine nur ihr vernehmbare Stimme beim Namen ge⸗ rufen, in die Höhe, ſah ihn erſt eine Zeitlang unbe⸗ weglich an und ſtammelte dann zum unbeſchreiblichen Schrecken Iffland's in haſtiger Rede unzuſammenhän⸗ gende Sätze und Worte, wobei ſie ihr Haupt alle Au⸗ genblicke wie kraftlos auf die Bruſt niederſinken ließ und es eben ſo oft mit einem krampfhaften Ruck wieder in den Nacken zurückwarf, was, verbunden mit den halbgebrochenen Augen und der lallenden Stimme einen entſetzlich grauenhaften Eindruck machte. Ekhof war aufgeſprungen und hatte ſie feſt mit beiden Armen an ſich gepreßt; zugleich machte er dem Jüngling mit leichenblaſſer Miene einen Wink gegen die Thüre und rief nach der Pfarrerin; aber noch hatte Iffland, gefeſſelt von dem ſchrecklichen Anblick, das Zimmer nicht ver⸗ laſſen, als ſich Frau Ekhof plötzlich ohne äußere ſicht⸗ bare Anſtrengung den Armen ihres Mannes entwand, wie von Entſetzen gepackt, die Flucht vor ihm ergriff und beide Hände halb flehend, halb wie zur Abwehr gegen ihn ausgeſtreckt, mitten in der Stube ſtand. Wie erſtaunte nicht Iffland, als ſie mit Einmal mit vollkom⸗ men deutlicher kräftiger Stimme und ſo lebhaft geſtiku⸗ lirend, als ſtünde ſie auf der Bühne, in die tragiſchen Worte der Miß Sara Sampſon in Leſſing's gleichna⸗ migem Trauerſpiele ausbrach: „Sie, Marwood— ha, nun erkenn' ich die mör⸗ —— — — —— —— —— ——— ——— deriſche Retterin, deren Dolche mich ein warnender Traum Preis gab. Sie iſt es! Flieh', unglückliche Sara! Retten Sie mich, Mellefont, retten Sie Ihre Ge⸗ liebte! Und du, ſüße Stimme meines geliebten Vaters, erſchalle!— Wo ſchallt ſie? Wo ſoll ich auf ſie zu⸗ eilen?— Hier? Da? Hülfe, Mellefont! Jetzt dringt ſie mit tödtender Fauſt auf mich ein Hülfe!“ Bei dieſen Worten hatte ſie den Jüngling, wie es die Darſtellerin der Miß Sara auf der Bühne zu thun pflegt, krampfhaft umſchlungen, denn ſie hielt ihn für Mellefont, und vergebens ſuchte ſich Iffland von der Irrfinnigen loszumachen, die ihn krampfhaft unter ängſt⸗ lichem Gewimmer mit beiden Armen umklammert hielt. Endlich glückte es Ekhof, ſich ihres einen Armes zu be⸗ mächtigen; und da auch jetzt Paſtor Löffler und ſeine Frau, die den Lärmen unten gehört hatten, herbeieilten, ſo gelang es ihren vereinten Anſtrengungen, die Irr⸗ ſinnige, die unter Kampf und Jammern die Rolle der unglücklichen Miß Sara weiterſpielte, auf das Sopha niederzuziehen und ſie durch Anwendung der vom Arzte vorgeſchriebenen Mittel allmählig wieder zu beruhi⸗ gen. Die Pfarrerin löſte ihr das Kleid auf, Ekhof gab ihr einige nervenberuhigende Tropfen ein und redete ihr dabei ſo eindringlich und beſtimmt zu, daß ſich ihre Sinnestäuſchung nach und nach verlor und ihre Wahr⸗ nehmungen wieder klarer und bewußter wurden.— Sie erkannte die anweſenden Perſonen, bezeigte ſich nach⸗ giebig gegen ihre Wünſche und da ſie Iffland nicht mehr ſah, der, von einem ſicheren Gefühle geleitet, ſchnell das Zimmer verlaſſen hatte, ſo beruhigten ſich ihre, durch die fremde Erſcheinung aufgeregten Lebensgeiſter wieder und freundlich nahm ſie von ihrem Manne den heilſamen Schlaftrunk an, der ſie bald in einen feſten wohlthätigen Schlummer verſenkte. Während die gute Pfarrerin noch am Lager der Kranken verweilte, kehrten Ekhof und der Paſtor zu dem Jüngling in den Garten zurück. Sie ſuchten ihn hier jedoch vergebens und hörten von Leuten aus dem Dorfe, der fremde Herr ſei hinüber nach dem Kirchhof gegangen; dorthin folgten ſie ihm und fanden ihn nach einigem Suchen in der Kirche ſelber, wo er in einem der hinteren Stühle ſaß und in der Stille der kleinen, vom Abendroth magiſch erhellten Dorfkirche ſeinem, vom Schrecken und Kummer über den ſpeben erlebten furcht⸗ baren Auftritt tief erſchütterten Gefühle in einem heißen Thränenſtrom Luft machte. Ekhof ſchloß den geliebten Schüler in die Arme und ſagte gerührt von ſeinem ſchmerzlichen Mitgefühl: „Nicht wahr, mein Sohn, ſolchen Jammer hätte ſich Ihr treues Herz nimmer träumen laſſen? Aber auch wir ſelber, der Paſtor, und ich, hatten's lange nicht ſo ſchlimm mit Ihnen vor, als Sie's nun doch er⸗ leben mußten; denn die Kranke war die letzten Tage über ſo heiter und ruhig geſtimmt geweſen, daß an eine ſolche heftige Rückkehr des Uebels nicht entfernt ge⸗ dacht werden konnte.— Nun, der Hinmel hat eben ge⸗ wollt, daß Sie das ganze ſchreckliche Leid kennen lernen ſollten, womit er Ihren alten Ekhof heimſucht; einſt war die arme Miß Sara eine Lieblingsrolle meines Frärnzchens, in der es ihr nicht leicht eine andere Künſt⸗ lerin an Wärme des Gefühls und Feuer der Leiden⸗ ſchaft gleich that, und jetzt ſahen Sie die ſchreckliche Kehrſeite der Kunſt, den hellen Irrſinn, der noch an den alten Klängen und Geberden feſthält, ohne daß die Seele dabei iſt.“ Der Paſtor ſagte mit gepreßter Stimme: „Dies ſoll ganz gewiß das Letztemal geweſen ſein, daß mir unſere liebe Kranke den Streich ſpielt und mich, der ich ſie doch genau zu kennen glaube, in dieſe falſche Sicherheit einwiegt. Seit acht Tagen war ſie vollkom⸗ men frei von jeder Gemüthsaffection, empfing auch nicht ein Einzigesmal ihre vornehmen Beſuche, wie konnt' ich alſo denken, daß ſie unſern jungen Freund ſogleich in den Adelsſtand erheben würde!“ Da dem Jüngling der Sinn ſeiner letzten Worte dunkel blieb und er den Paſtor fragend anſah, ſo erklärte ihm dieſer beim Heraustreten aus der Kirche, die Kranke verkehre häufig in ihren Viſionen mit vornehmen Per⸗ ſonen, denen ſie früher einmal im Leben begegnet ſei und mit welchen ſie oft ſtundenlange Unterredungen führe. Mit einem bitterſchmerzlichen Nachdruck ſetzte Ethof hinzu: „Was ja auch ſchon in geſunden Tagen ihre höchſte Vorſtellung von irdiſcher Glückſeligkeit und Ehre war! Ach, Freund Iffland, kennen Sie nun den Dämon, der meinem armen Fränzchen den Verſtand zerrüttet hat? Sie wollte eine große Künſtlerin ſein aus purer Eitel⸗ keit und Gefallſucht; dafür rächte ſich der beleidigte Genius der Kunſt an ihrer armen Seele und ſchleuderte ſie aus ſeinem geheiligten Tempel in die finſtere Nacht des Irrſinns und der weſenloſen Phantome. Darum iſt aber auch ihre Krankheit unheilbar; denn wenn Eitel⸗ keit und Hoffart ſchon bei Geſunden unvertilgbare Uebel ſind, wie viel mehr bei Solchen, denen ſie, ſo zu ſagen, das Dach über'm Kopfe angezündet haben!—“ Der Paſtor begleitete ſpäter ſeine heimkehrenden 6 Gäſte eine Strecke Wegs weit vor das Dorf hinaus bis zu den Sandſteinbrüchen und war bemüht, durch troſtreiche Zuſprache den gebeugten Ekhof wieder auf⸗ zurichten, den der heutige Auftritt mit ſeiner kranken Frau mehr als bei anderen ähnlichen Veranlaſſungen auf's Tiefſte ergriffen und entmuthigt hatte. Als er ihn jedoch, unter ſanften Vorſtellungen auf ſeine frühere Standhaftigkeit in Ertragung ſeines ſchwe⸗ ren Mißgeſchicks hinweiſen wollte, fuhr Ekhof in einer Anwandlung von wildem Grimme heftig auf und rief erſchüttert: „Das iſt's ja grade, Tobias, worüber ich oft ver⸗ zweifeln möchte, daß mir der Muth ausgeht und ich es immer deutlicher fühle, wie mürbe und baufällig mich das Unglück gemacht hat!— Aber wächſt mir denn nicht auch ſichtbar ein Herzeleid aus dem andern heraus, daß man meinen ſollte, ein Jammer dünge dem andern den Bo⸗ den zu noch üppigerem Wachsthum?— Da ſchleppe ich mich nun ſchon Jahrelang an dem ſchweren Kreuz mit meinem armen Fränzchen herum; dieſer Jammer iſt mit mir alt und grau geworden, hat, ſo zu ſagen, Hausrecht bei mir gewonnen und bedeutet für meine Seele etwa das Nämliche, was der Schatten für meinen Körper iſt; da auf Einmal muß ich's erleben, nein, traut mir keine Geſpenſterſeherei zu, liebe Freunde, daß mein altes Weh mit ſeinen gramdurchfurchten Zügen, ſeinen ausgeweinten Thränen, ſeinen grauen Haaren ſich un⸗ heimlich verjüngt,— mit rothen Wangen und glänzenden Augen in liebreizender Jugendgeſtalt noch einmal in mein alterndes Leben eintritt und, o Graus, den lah— men gichtbrüchigen Geſellen zum nämlichen Tanze auf⸗ fordert!— Denn meine Betty iſt die leibhaftige Fran⸗ ziska, als dieſe in dem gleichen Alter gegen meinen und ihres einſichtsvollen Vaters Willen darauf beharrte, für eine große Künſtlerin gelten und als ſolche glänzen zu wollen!— Das Einzige, was die Nichte vor der Tante voraushat, ſind die mächtigen Gönner, die gewiſſen⸗ loſen Rathgeber, welche das bethörte Mädchen in der Einbildung beſtärken, nur beim Theater ſei das Heil für ſie zu finden, was ſie denn gegen alle meine War⸗ nungen und Bitten taub macht.— So ſcheint's denn in Gottes Rath beſchloſſen, daß ich das nämliche Unglück, wie bei meiner armen Frau, noch einmal durchkoſten, noch einmal den ſicheren Ruin eines mir theuren We⸗ ſens erleben ſoll, das aus Eitelkeit einen Beruf erwählt, welcher Jeden zerſtört, der nicht den inneren lauteren Geiſt, den geſunden Kern dazu mitbringt. Denn ſo wenig ſich Jugend, Schönheit und gefälliges Weſen erzwingen laſſen, ſo wenig erſetzen ſie den Mangel an göttlicher Begeiſterung und Tiefe des Gemüthes, und Beides fehlte meinem Fränzchen, Beides fehlt jetzt im gleichen Grade meiner Betty!“ „Und bei der Einen wie bei der Andern zeigt unſer trefflicher Freund die nämliche Nachgiebigkeit,“ ſagte der Paſtor im Tone ſanften Vorwurfs.„Und doch, wer wüßte es beſſer als er, daß der Charakter des Menſchen nicht blos auf der Bühne, ſondern auch im Leben der Wirklichkeit deſſen eigentliches Schickſal macht!“ Da ſtand Ekhof mitten auf dem Wege ſtill, ſah zuerſt den Freund eine Zeitlang mit einer ſonderbaren Miſchung von Melancholie und Ueberraſchung in den faltigen Zügen ſchweigend an und ſagte dann mit einem bitter ſchmerzlichen Nachdruck: „Aber wenn nun Betth nicht hören w ill, welche Macht der Erde wird ſie dann von ihrer Taubheit hei⸗ len?— Und was hab' ich mit aller Liebe und mit aller Strenge bei meinem Unglücksſohne Stephan ausge⸗ richtet? Wer gibt mir die Lebenskraft zurück, die der unter meinen Augen, ach nein, die der an meinem Her⸗ zen mißrathene Junge mich gekoſtet hat?“ „Gib mir das Mädchen für einige Zeit in's Haus, Konrad,“ ſprach der Paſtor nach einer Pauſe mit allem Eifer eines beſorgten Freundesherzens.„Du ſollſt nimmer wieder ein Wort des Vorwurfs über Deine allzu große Milde von mir hören, wenn es mir und meiner Frau nicht gelingt, Gewalt über den kleinen Hochmuths⸗ teufel zu bekommen und Betty von ihrem Opernfieber zu curiren.“ „O Du treuer Menſchenfiſcher!“ rief Ekhof, bei welchem ſchnell das Gefühl von Bitterkeit der herzlich⸗ ſten Rührung wich, ſo daß ihm die Augen feucht wur⸗ den und er den Freund ſtürmiſch an's Herz drückte. „Am Ende ſoll ich Dir all mein Hauskreuz mit Sack und Pack aufbürden und ſelber ledig neben herlaufen! Nein, Tobias, Du und Dein treues Weib habt den Him⸗ mel ſchon hundertmal an mir verdient, daß Ihr mir mein ſchwerſtes Leid abnahmt; mit der Betty muß ich ohne Euch fertig zu werden ſuchen, abgeſehen davon, daß ſie und Fränzchen von jeher ſchlecht genug zuſam⸗ men gepaßt haben.— Denn als meine Frau dem Mäd⸗ chen, das noch halb Kind war, ihre überſpannten Ideen von der Freude und Herrlichkeit berühmter Künſtlerinnen glücklich in den Kopfpracticirt hatte, benahm ſich Betty gegen die Tante nichts weniger als kindlich; und ſo würde ſie ſich gewiß auch jetzt an der Kranken für ihre Verbannung aus der glänzenden Welt ihrer Vergnügun⸗ gen und Triumphe auf's Bitterſte durch Kaltſinn und Rückſichtsloſigkeit zu rächen ſuchen. Aber verlaß' Dich drauf, Tobias, ich werde ihr künftig den Daumen ganz unerbittlich auf's Auge drücken und auch dem Herrn Hofjunker bei der erſten Gelegenheit meine Meinung ſo aufrichtig herausſagen, daß er und die Frau Gehei⸗ meräthin ſich zweimal bedenken ſollen, ehe ſie mir wie⸗ der Dornen und Diſteln auf die Schwelle meines fried⸗ lichen Hauſes ſtrenen.“ Mit dieſer Verſicherung, zu welcher ihn der hocher⸗ freute Paſtor noch durch einen mannhaften Zuſpruch ermunterte, ſchieden Ekhof und ſein Schüler von dem wackeren Dorfprediger, der Letzterem unter herzlichem Händedruck das Verſprechen baldiger Wiederkehr ab⸗ nahm, was ihm Iffland mit Freuden zuſagte. „Sie müſſen ſchon zu mir kommen,“ ſagte der freundliche Mann des Evangeliums;„denn ich gehe nur ſelten in die Stadt, wo in jeder Gaſſe ein Conſiſto⸗ rialrath oder Superintendent wohnt, der, ſowie er mei⸗ ner anſichtig wird, gleich bei ſich denkt: da iſt auch wieder ein ungetreuer Hirte von ſeiner Herde wegge⸗ laufen, um mit den gottverfluchten Comödianten in Klappmaier's Hinterſtübchen zu poculiren.— Doch Geduld, bei der nächſten Kirchenviſitation will ich's ihm ſchon eintränken!— Gebt Ihr aber wieder den Ham⸗ let, dann werde ich doch kommen, ſollt' ich auch mit Doctor Martinus ſprechen: Und wären ſo viel Con⸗ ſiſtorialräthe in der Stadt, als Ziegel auf den Dächern.“ III. „Wer nur den lieben Gott läßt walten.“ Es war ſchon gegen zehn Uhr Abends, als Ekhof, der mit Iffland noch in den„drei Kronen Keingekehrt war und daſelbſt einige Zeit bei den Stammgäſten verweilt hatte, nach Hauſe zurückkehrte. Er hatte die Begleitung ſeiner Schüler, dieihm gewöhnlich alle Drei das Geleite bis zu ſeiner Wohnung gaben, dankend abgelehnt und war allein durch die dunklen Straßen bis zu ſeiner Woh⸗ nung gelangt. Eben wollte er an des Nach bars Dün⸗ gerhaufen vorbei durch die kleine Seitenpforte, welche Tag und Nacht offen ſtand, in den Hof eintreten, als er drinnen das Gexäuſch von Schritten hörte, die dem kleinen Garten hinter dem Hauſe zuzueilen ſchienen; gleich darauf vernahm er ein unterdrücktes Lachen, in Müller, Ekhof. II. 6 dem er Betty's Stimme zu erkennen glaubte, die doch ſonſt um dieſe Zeit längſt zu ſchlafen pflegte. Neugierig öffnete er ſchnell und geräuſchlos die Pforte und trat in den Hof; eben klirrte hinten ganz deutlich das Latten⸗ thürchen, welches vom Hofe in den Garten führte, wenn man ein paar verwilderten Blumenrabatten mit einem kleinen Raſenplatz, einigen Fliederbüſchen, einem mit Epheu umkleideten Reſt der alten Stadtmauer und einer Laube von Jasmin dieſen Namen geben will. Die nächſte und für ihn höchſt auffallende Entdeckung, welche Herr Konrad machte, war der Umſtand, daß er die Hausthüre verſchloſſen fand; mithin mußte der ſpäte Beſucher des Gärtchens gegründete Urſache haben, nicht von ihm bei ſeiner Rückkehr entdeckt zu werden, was leicht der Fall geweſen ſein würde, hätte Ekhof die Hausthüre offen gefunden. Ein unbeſtimmter Verdacht, eine dunkle Angſt be⸗ mächtigte ſich bei dieſer Entdeckung ſeines Herzens; dennoch blieb er zögernd und unentſchloſſen an der Hausthüre ſtehen und überlegte bei ſich, was er thun ſolle. Da hörte er wieder das leiſe Kichern, und nun war es ihm kein Zweifel mehr, daß Betty und noch Jemand im Gärtchen verweilte. Ein kalter Schauer durchrieſelte ihn bei dem Gedanken, der plötzlich ſchwarz — wie die Nacht, die ihn umgab, in ſeiner Seele auf⸗ tauchte; leiſen Schrittes ſchlich er bis dicht an den Lat⸗ tenzaun, bald unterſchied er deutlich zwei Flüſterſtim⸗ men, die aus der nahen Laube kamen und erkannte Betth's und des— Hofjunkers Stimme! Er glaubte, der Schlag ſolle ihn rühren, oder er müſſe vor dem allzugrellen Lichte, das plötzlich blitz⸗ gleich ſeine Seele durchzuckte, jählings in die Erde ver⸗ ſinken, ſo furchtbar war der Eindruck, den dieſe Ent⸗ deckung auf ihn machte. Wie gelähmt an allen Glie⸗ dern ſtand er ſtill, hatte den Knopf ſeines ſpaniſchen Rohres zwiſchen die Zähne gepreßt, als wenn er nur ſo den lauten Aufſchrei ſeiner ſo unerhört getäuſchten und betrogenen Vaterliebe zurückhalten könne, bis im nächſten Moment eine namenloſe Wuth an die Stelle ſeiner anfänglichen Betäubung trat, er krampfhaft das Rohr faßte und der ſonſt ſo ſanfte gutmüthige Mann vor Hitze zitterte, den Beleidiger ſeiner Ehre auf der Stelle an deſſen Perſon für den Schimpf und das Unglück zu ſtrafen, welches er ihm und ſeinem bethör⸗ ten Kinde zugefügt hatte. Er fühlte in dieſem Augen⸗ blick eine Kraft in ſeiner Fauſt, die den Nichtswürdigen mit einem Schlage vernichtet hätte; ſchon zitterte das Wort der Verwünſchung auf ſeinen Lippen, ſchon ſetzte 6* — er den Fuß vor, um mit wenigen Schritten vor den beiden Schuldigen zu ſtehen, da warf plötzlich eine neue Vorſtellung alle ſeine Entſchloſſenheit wieder zu⸗ ſammen, der Gedanke nämlich, daß zu der ſtadtkundig gewordenen Schlechtigkeit ſeines Pflegeſohnes Stephan dieſer neue, noch ſchimpflichere Skandal hinzukommen werde; eine Vorſtellung von ſo zermalmender Wirkung auf den zartfühlenden hartgeprüften Mann, daß er wie kraftlos den Stock wieder niederſinken ließ und ſchen wie das böſe Gewiſſen ſelber mit zitternden Knieen, ſo daß er ſich an der Wand ſeines Hauſes feſthalten mußte, lautlos zurückwich, als könne ein einziger Schritt die ganze Nachbarſchaft aufwecken und den unerhörten Schimpf aller Welt kundmachen, die dann wieder, wie ſchon einmal, ſeinen ehrlichen unglücklichen Namen mit dem ſeiner mißrathenen Pflegekinder in ein erbarmungs⸗ loſes Verdammungsurtheil zuſammenwerfen werde! Ohne Geräuſch ſchloß er die Hausthüre auf, ohne Geräuſch ſchloß er ſie wieder hinter ſich zu; als er aber die ſchmale ſteile Treppe hinaufſteigen wollte, ergriff ihn ein ſo heftiger Schwindel, daß er ohne das Seil, welches die Stelle des Geländers vertrat, rücklings herabgeſtürzt wäre. Er brauchte mehrere Minuten Zeit, ehe er wieder ſeine Kraft und Beſinnung erhielt, um ſein Stübchen zu erreichen, wo er ſich in ſeinem Lehnſtuhl allmählig von dem Anfall erholte. Und un⸗ mittelbar unter dem Fenſter ſaß derweilen Betty in dunkler Nacht bei ihrem Galan, koſete und kicherte mit ihm beim heimlichen Stelldichein, und alle Augenblicke glaubte er ihre verliebte Flüſterſtimme zu hören, wie ſie, Ehre und Alles vergeſſend, in den Armen des vorneh⸗ men Verführers ihre junge Seele dem hölliſchen Ver⸗ ſucher überlieferte!— Dieſe Vorſtellung benahm ihm zuletzt ſo ſehr die Faſſung, daß er in halber Bewußtloſig⸗ keit vom Sitze aufſprang; denn mit Einmal kam es ihm vor, als ſei Alles nur eine Täuſchung ſeiner eignen ge⸗ ſtörten Sinne geweſen, eine Folge des heutigen ſchreck⸗ lichen Auftrittes mit ſeiner kranken Frau, und Betty ſchlummere ganz gewiß ſchon längſt friedlich auf ihrem Lager. Dieſer leiſe Hoffnungsſchimmer, den ein guter Gott in die unſagbare Angſt ſeiner verwirrten Seele fallen ließ, erhellte mit Einmal wunderbar ſein ganzes Innere— es konnte nicht anders ſein— Betty war einer ſolchen Schandthat nimmer fähig— ſie ruhte ge⸗ wiß, während ihr ſein irrer Geiſt, ſeine erhitzte Phan⸗ taſie ſo Entſetzliches andichtete, im ſanften Schlummer der Unſchuld auf ihrem Lager, und ſich davon durch den Augenſchein zu überzeugen, war nun in Ekhof's Seele die Eingebung dieſer wirklichen Sinnestäuſchung. Mit zitternden Händen zündete er ein Licht an und ſchlich auf den Zehen durch das Nebenzimmer nach Betty's Schlafſtube hinüber; die Thüre war nur angelehnt, lauſchend glaubte er nach einer Weile der Schlummernden ruhigen Athem zu hören; aber wie er jetzt leiſe eintrat und nach dem Bette leuchtete, ſah er das Lager leer, ein zierliches Nachthäubchen mit blauer Bandſchleife lag auf der zurückgeſchlagenen Decke und jetzt erſt faßte und begriff Ekhof die volle ſchreckliche Gewißheit ſeines Unglücks, das ihm beinahe den Verſtand geraubt hätte. „Alſo doch Alſo doch!“ warAlles, was er hervor⸗ ſtammeln konnte, worauf er mit der ſchrecklichen Ueber⸗ zeugung, daß ihn Betty trotz ſeines feſten Glaubens an ihre Unſchuld dennoch verrathen hatte, in ſeine Stube zurückkehrte. „Gott, o Gott! Nur den Glauben an Dich und Deine ewige Barmherzigkeit laſſe mir für den Reſt meiner Tage!“ betete er mit gefaltenen Händen und dieſe, aus dem tiefſten Jammer ſeiner frommen Seele her⸗ ausgeſprochenen Worte erfüllten ihn auf Einmal mit einem ſo innigen Vertrauen auf die göttliche Barmher⸗ zigkeit, daß ſich ſein gebeugter Geiſt wieder aufrichtete und ihm einen Gedanken eingab, der ihm das Einzige — dünkte, was in ſeiner jetzigen, ſo erſchütterten Stim⸗ mung und in ſo unheilvoller Stunde von ſeiner Seite geſchehen könne, um Betty und ihren ſchändlichen Ver⸗ führer daran zu erinnern, daß die Gottesſtimme, die den Schuldigen verdammt, auch in ſtiller Nacht und bei noch ſo heimlich geübtem Verrathe das Ohr des Ver⸗ räthers erreiche und ihn aus ſeiner geträumten Sicherheit aufwecke.— Er löſchte das Licht und öffnete leiſe das nach dem Gärtchen hinausgehende Fenſter; die hohen Bäume in den Anlagen des Schloſſes rauſchten geiſter⸗ haft herüber; nur wenige Schritte von ihm entfernt, ſaßen die beiden Schuldigen in der dunklen Laube, tauſchten vielleicht in demſelben Moment Küſſe und Liebesſchwüre, oder ſpotteten auch wohl des alten Man⸗ nes oben, der in ſeiner Argloſigkeit ſein friedliches Haus und den Frieden ſeiner alten Tage ſicher unter Gottes Obhut geborgen wähnte— da plötzlich tönten durch die Stille der Nacht, mitten in die unbelauſchte Sicher⸗ heit des abſcheulichſten Verraths hinein, die Feierklänge von Herrn Konrad's großer Orgel, mächtig und erha⸗ ben gleich der Stimme des göttlichen Troſtes; und Neumark's herrlicher Choral„Wer nur den lieben Gott läßt walten“ brauſte, wie von Geiſterhänden geſpielt, über den Häuptern der Schuldigen hin. Bald in ſanften 6 und herzerhebenden, bald in majeſtätiſchen Akkorden tönte die wundervolle Melodie aus dem kleinen Fenſter in den weiten dunklen Dom der Nacht hinaus, als wenn die heilige Stunde der Mitternacht heute auf dieſen — Tönen herniederſchweben und allen Weinenden und Betrübten, allen Verlaſſenen und Verrathenen den Troſt aus himmliſchen Gefilden verkünden wolle, daß, wer Gott vertraue, kein Leid der Erde, keine Tücke der Menſchen zu fürchten brauche. Es war aber auch zu⸗ gleich der himmelwärts gerichtete Hymnus einer über des Lebens tauſendfache Schmerzen und Kränkungen ſiegreich triumphirenden Menſchenſeele und die Ge— ſammtwirkung dieſer weichen und erhabenen Akkorde einem Jeden erregen mußte, der von ungefähr dieſen wunderbaren Klängen lauſchte. Aber nicht blos die beiden Verräther unten in der Laube ſollten durch den frommen Choral an den him⸗ melweiten Abſtand eines reinen gottesfürchtigen Herzens und der im Dunkeln ſchleichenden Sünde ermahnt wer⸗ den; auch in Herrn Konrad's Bruſt ſelber ſenkten die feierlichen Töne jenen Balſam, womit allein die Reli⸗ gion die Wunden zu heilen vermag, welche uns Undank und Bosheit der Menſchen geſchlagen haben. Getröſtet und geſtärkt erhob er ſich von ſeinem In⸗ ſtrumente, ſchloß wieder leiſe das Fenſter und es kam ihm ſelbſt ein Gefühl von Befriedigung, wenn er ſich den Eindruck von Beſchämung, Reue und Beſtürzung vorſtellte, den die Beiden unten im Garten von dem frommen Choral erhalten haben möchten. Hatte er ihnen doch zum wenigſten mit ſeinem nächtlichen Orgel⸗ ſpiel ſo eindringlich in's Gewiſſen geredet, daß, wenn noch ein Funke von Pietät in ihnen vorhanden war, ſie nothwendig davon in innerſter Seele berührt werden mußten. „Sie werden an meinem Accompagnement zu ihrem verliebten Careſſiren ſchon ein Weilchen genug haben,“ dachte er bei ſich und dankte Gott noch einmal, daß er ihn von einem gewaltſamen Schritt abgehalten hatte. „Denn das wäre doch Alles nur Waſſer auf die Müh⸗ len unſerer Läſtermäuler und Stadtbaſen geweſen, und zuletzt hätte man ſogar noch die Schandthat des Hof⸗ junkers als eine galante Aventüre beſchönigt, hätte ſie auf Koſten der Comödiantenwirthſchaft in meinem Hauſe belacht und bewitzelt und in meiner perſönlichen Ein⸗ miſchung nur einen abgebrauchten Theatercoup erblickt, wie er in ſo vielen nichtsnutzigen Stücken heutzutage vorkommt. Gegen meinen Choral aber wird, ſo Gott will, kein Menſch Etwas einzuwenden haben, und Die, denen ich ihn aufſpielte, mögen rathen, auf wen er gemünzt war.“— Trotz dieſer wiedergewonnenen Ruhe und Feſtigkeit fühlte ſich doch Herr Konrad am Morgen des folgenden Tages, nachdem er ſein Bett verlaſſen hatte, körperlich ſo ſehr angegriffen, daß er ſeinen leidenden Zuſtand nicht verbergen konnte. Als Betty um eine volle Stunde ſpäter wie ſonſt zum gemeinſamen Frühſtück erſchien, ſaß er zwar bereits am Tiſche, hatte aber, wiewohl Kaffee ſonſt in kranken und geſunden Tagen ſein Lieb⸗ lingsgetränk war, ſeine Taſſe noch unangerührt vor ſich ſtehen. Betty ſelber war gleichfalls auffallend ver⸗ wandelt; ſie zeigte dem, wie gewöhnlich freundlichen Morgengruß des Pflegevaters gegenüber eine Befangen⸗ heit, die ihr ſonſt wahrlich nicht eigen war. Auch merkte man ihr deutlich die Anſtrengung an, womit ſie ihre innere Unruhe unter einer heiteren Außenſeite zu ver⸗ bergen ſuchte; dabei vermied ſie's jedoch auffallend, Ekhof anzuſehen und das böſe Gewiſſen ſtand ihr ebenſo deutlich in den Zügen geſchrieben, als die peinliche Un⸗ gewißheit, ob er ſie entdeckt habe oder nicht.— Obgleich er ihren Morgengruß freundlich erwiedert hatte, ſah er doch ſo blaß und angegriffen aus, daß ſie zuerſt heftig zuſammenſchrack; denn ſie glaubte darin ein ſicheres Anzeichen zu finden, daß das Orgelſpiel in der ver⸗ gangenen Nacht wirklich ihr und dem Geliebten gegol⸗ ten habe; als er ihr aber dann von freien Stücken, noch ehe ſie ſich nach ſeinem Befinden erkundigt hatte, be⸗ merkte, er fühle ſich unwohl, ſchöpfte ihr Schuldbewußt⸗ ſein neuen Verdacht, er äußere dies vielleicht blos, um ihr ſeine wahre Stimmung gegen ſie zu verbergen und wolle ihr, wie man zu ſagen pflegt, nur auf den Paß lauern. So gab es denn heute eine äußerſt geſpannte und gepreßte Unterhaltung zwiſchen Beiden; ihr dröhnte noch immer der Schrecken der geſtrigen Nacht beim Klange der Orgel durch die Glieder und ihm ſchnürte ein ſchmerzhafter Krampf, ſo oft er ſie anſah, faſt die Kehle zu; denn er hätte nicht die Hälfte von Dem zu wiſſen brauchen, worüber ihn der geſtrige Abend ſo un⸗ zweifelhaft belehrt hatte, und die Verwirrung in ihrem ganzen Weſen und Benehmen würde ihm ihre volle Schuld verrathen haben! Ja, ſogar regte ſich mitunter in ſeinem Herzen voll Liebe und Verſöhnung die leiſe Hoffnung, ſie ſei am Ende doch noch für ihn und die Tugend zu retten, da ſie zur Verſtellung, wie er ſie ihr zugetraut, wirklich ſo wenig Talentzeige; eine Hoffnung, welche ihn einigemal ſo weich ſtimmte, daß er ihr nur ſchwer die Rührung verbergen konnte, die ihm der An⸗ blick dieſer ſchönen unſchuldigen Züge mit dem Flammen⸗ maal der Schuld auf der Stirne bereitete!— In dieſer zwiſchen Angſt und Hoffnung getheilten Stimmung fing er zuletzt unwillkührlich an, ihr von ſeinem und Iffland's geſtrigen Beſuche bei ihrer armen Tante in Sundhauſen zu erzählen und wie erſchütternd derſelbe für ihn und ſeinen jungen Freund ausgefallen ſei. Er ſprach ſo be⸗ weglich und ſchmerzergriffen von dem Zuſtand der Kran⸗ ken, als wenn er ſich wirklich mit dem glücklichen Wahne geſchmeichelt hätte, durch den Hinweis auf ſein Unglück die erwachte Reue in dem jungen ſchuldbeladenen Her⸗ zen befeſtigen zu können; denn welcher fühlende Menſch hätte es noch wagen mögen, auf ein vom Himmel ſo ſchwer heimgeſuchtes Haupt noch neuen Jammer zu häufen, und nun gar das eigne, von jener unglücklichen Frau einſt ſo zärtlich geliebte, ſo treu gepflegte Schwe⸗ ſterkind!— War es aber Betty ſchon in der Verſtellung un⸗ möglich geweſen, vor ſeinen Augen den Schein der Unbefangenheit zu behaupten, ſo ſollte ihr die Maske vollends entfallen, als ſie ihm unter dem verwirrenden Eindruck einer plötzlichen Ueberraſchung unbewußt ihr Innerſtes verrieth, ehe ſie noch Zeit fand, ſich auf ein neues falſches Spiel zu beſinnen. Denn kaum hatte ihr Ekhof den ſchrecklichen Auf⸗ tritt mit ihrer Tante geſchildert, ſo war ſie wie umge⸗ wandelt und auch einem weniger ſcharfen, weniger arg⸗ wöhniſchen Blicke, wie dem des tiefſinnigen Kenners der Menſchennatur, würde es nicht entgangen ſein, daß dieſe Nachricht, ſo traurig auch ihr Inhalt war, ihr Herz doch mit Einmal von einer Centnerlaſt befreite.— Denn nun wußte ſie ja, was das ergreifende Orgelſpiel zu dieſer ungewohnten Stunde, was Herrn Konrad's gedrückte Stimmung am heutigen Morgen zu bedeuten hatte. Gottlob, ſie durfte wieder frei aufathmen, durfte ihm dreiſt in die Augen blicken; denn nun kannte ſie den wahren Grund ſeines Kummers, ſeines Krankſeins; es war blos die Folge der geſtrigen Alteration, von ihrem heimlichen Stelldichein mit dem Hofjunker, von ihrem intimen Verhältniß zu demſelben ahnte er nichts und ſein frommer Choral in der vergangenen Nacht hatte alſo in der That nur dem lieben Gott allein gegolten! Ueber dieſe freudige Gewißheit vergaß ſie jede an⸗ dere Rückſicht; mit Einmal war ihre vorige Unruhe und 8 — Beklommenheit verſchwunden und das Gefühl der Sicherheit ſtrahlte wie ein Triumph, den ſie ſammt ihrer jungen Sünde über den Beſten der Menſchen davongetragen, aus jeder ihrer Mienen. Aber gerade dieſe unverhoffte Freiheit, die ihr erlaubte, ihn nach wie vor zu täuſchen, machte ſie unbeſonnen; ſie dachte nicht mehr daran, ihm ein theilnehmendes Wortzuſagen, ihn zu tröſten und wenigſtens ſo viel kindliches Gefühl zu heucheln, als ſie in der jüngſten Zeit bei ähnlichen Ver⸗ anlaſſungen gethan hatte. Das bereits ganz von ſeiner Eitelkeit und ſeinen Träumen von einer glänzenden Zu⸗ kunft verblendete Mädchen entnahm ſeinem Trauerbe⸗ richt von der kranken Tante nur Das, was ihr angenehm und dienlich war; und dieſe beiſpielloſe Herzloſigkeit eines jungen, von ihm von früheſter Kindheit an mit einem Uebermaß von Güte und Herzlichkeit überſchütteten Ge⸗ ſchöpfes öffnete Ekhof plötzlich die Augen; er erkannte zu ſeinem Schrecken, daß er noch mehr als eine pflicht⸗ vergeſſene Tochter, daß er eine vollendete Heuchlerin vor ſich habe, wo er noch bis vor wenigen Augenblicken ein durch fremde Schuld und gleißende Falſchheit be⸗ thörtes Mädchen geſehen hatte! Sein Unglück war ihr vollkommen gleichgültig, ließ ſie kalt und fühllos bis zu dem Punkte, wo ihr Egois⸗ mus und ihr geheimes Liebesverhältniß zu dem Hof⸗ junker mit in's Spiel kam! Aber der Meiſter der tragiſchen Gewalt verlor auch jetzt, da ihm der Schmerz ſeiner letzten, ſo grauſam zer⸗ ſtörten Lebensfreude wie mit Geierkrallen an's innerſte Herz griff, ſeine äußere Faſſung nicht. Ja, er ſchien es nicht einmal zu bemerken, daß Betty, nachdem ſie der unglücklichen Tante mit einigen flüchtigen Worten gedacht, ihr leichtſinniges flatterhaftes Weſen wieder annahm und ihn mit allerhand werthloſen Neuigkeiten zu unterhalten ſuchte. Sie erzählte ihm, wer geſtern in der Abendgeſellſchaft bei der Geheimeräthin geweſen, welcher vornehme Herr, welche adelige Dame ihr Bei⸗ fall geſpendet, nachdem ſie auf den allgemeinen Wunſch der Gäſte einige kleine franzöſiſche Lieder zum Klavier geſungen hätte, und bemerkte dann ganz wie beiläufig, die Geheimeräthin werde nun bald auf einige Wochen nach ihrem reizend gelegenen Landſitze ziehen und habe ſie auf das Dringendſte eingeladen, ſie dahin zu begleiten und ihr in der ländlichen Einſamkeit Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten— wenn Väterchen es erlaube. Ueber dieſes„Wenn“ ſchien ſie ſammt ihrer Gön⸗ nerin ſo wenig im Zweifel zu ſein, daß ſie mit größter Unbefangenheit darüber hinwegging, als ſei dies eigent⸗ lich nur eine Facon de parler von der Geheimeräthin geweſen. Sie zählte ihm dann in einem Athem alle die ländlichen Föten und Vergnügungen auf, welche Frau von Lichtenſtein zur Unterhaltung ihrer Gäſte aus der Reſidenz und Umgegend ausgedacht hatte. In dem zum Landſitze gehörenden Eichenwald ſollte bei natür⸗ licher Mondbeleuchtung ein neues franzöſiſches Schäfer⸗ ſpiel aufgeführt werden; an einem andern Abend gab es auf dem nahegelegenen See eine venetianiſche Gon⸗ delfahrt mit Mandolinen und Guitarren, gleichfalls beim Mondſchein; alle Najaden, Oreaden, Nymphen und Dryaden im Umkreis einer Meile waren bereits durch den Kammerregiſtrator für die Dauer dieſer Feſt⸗ lichkeiten zu Gaſtrollen engagirt; dazwiſchen lagerte die Geſellſchaft auf blumigen Wieſen und amüſirte ſich mit Pfänderſpielen und neuerfundenen Charaden; oder man angelte Forellen und ſchoß Wildtauben; verbrachte ganze Tage in den herrlichen Wäldern; ſelbſt die Räuber⸗ romantik mußte herhalten; denn eines Tags wurde plötzlich die ganze Aſſemblée in einem wilden Waldthale von Lips Tullian und ſeiner Bande überfallen und Alle, mit Roſenguirlanden geknebelt, in eine düſtere Höhle geſchleppt, wo ſie von einer alten Zigeunermutter höchſt räubermäßig mit einer feinen Chocolade regalirt wur⸗ den, bis zu ihrem Glücke Gott Pan mit ſeinen Faunen erſchien und ſie wieder aus den Händen des gräulichen Wütherichs befreite. Sie war im Geiſte ſchon mitten in allen dieſen Luſt⸗ barkeiten, ſah ſich ſchon als Amazone koſtümirt und merkte daher kaum, wie der Pflegevater ihre lebhaften Schilderungen zwar anſcheinend mit Aufmerkſamkeit anhörte, wobei er beſtändig ſeine Doſe zwiſchen den Fingern herumdrehte, aber ſie doch fortwährend mit einem ſo ſcharfen Blicke anſah, daß ſie denſelben bei einer andern Gelegenheit ſchwerlich ſo unbefangen ausgehal⸗ ten hätte. Erſt als ſie ihm die ganze Scala der bevor⸗ ſtehenden Feſte ſammt den Namen der dazu eingeladenen vornehmen Gäſte hergezählt hatte, fiel ihr die kalte Miene Herrn Konrad's auf. „Das wäre alſo die ländliche Einſamkeit, in der Du Deiner Gönnerin Geſellſchaft leiſten ſollſt?“ ſagte er nach einer Pauſe trocken. Betty wurde vor Beſchämung und Aerger über den Widerſpruch, in welchen ſie ſich in ihrem Eifer hinein⸗ geredet hatte, erſt blaß und dann roth. Sie wollte eine flüchtige Ausrede ſtottern, verſtummte aber vor dem unheimlich funkelnden Lauerblick, womit ſie Jener fort⸗ Muller, Gthof. I. 7 während anſah; dabei ſagte er ſo gleichgültig, daß ſie ſich wieder ſammeln konnte: „Der Spaß wird den Geheimerath wieder ſchweres Geld koſten. Und noch ſchlimmer, er wird über ſeine Frau hinweg, an deren abgeſchmackte Verſchwendung er ſchon längſt gewöhnt iſt, ſcharf nach denen hinſehen, welche an dieſen koſtſpieligen Vergnügungen theilneh⸗ men. Was meinſt Du, wär's nicht beſſer, Du bliebeſt von dem Spektakel weg? Arme Leute, wie wir ſind, ſollten ſich in dieſen Kreiſen des Reichthums und der glänzenden Repräſentation ſo rar als möglich machen. Man kommt ſonſt zuletzt allen Ernſtes zu der Einbil⸗ dung, daß man zu ihnen gehöre und iſt doch höchſtens nur die Peterſilie auf dem Tellerrand, womit man die feinen Lachsſchnitte zu garniren pflegt. Bleib weg, ſag' ich Dir darum noch einmal.“ Mit dieſer offenbaren Verachtung hatte er noch niemals von dem Treiben im Lichtenſteiniſchen Hauſe und von Betty's Verhältniß zu demſelben geſprochen. Beſonders das Gleichniß mit der Peterſilie war durch⸗ aus nicht nach ihrem Geſchmack, aber noch unwillkom⸗ mener war ihr deſſen moraliſche Nutzanwendung vom Wegbleiben, da ſie gar nicht an einen ſolchen Wider⸗ ſpruch von ſeiner Seite gedacht hatte.— War ſie ja doch in der letzten Zeit faſt nicht mehr von der Geheime⸗ räthin weggekommen und viel eher dort als hier zu Hauſe; und jetzt wollte er ihr auf Einmal in einer An⸗ wandlung von böſer Laune verbieten, an jenen himm⸗ liſchen Freuden und Vergnügungen theilzunehmen, die ſchon wochenlang alle ihre Gedanken beſchäftigt hatten!— Dennoch war heute ein gewiſſes räthſelhaftes Etwas in ſeinem Benehmen, was ſie unwillkührlich ab⸗ hielt, ihm mit Bitterkeit zu antworten. Sie holte deß⸗ halb ihre alten Künſte der Schmeichelei und naiven Zärtlichkeit hervor, um ihn ihren Wünſchen geneigter zu ſtimmen, fand aber damit heute durchaus keinen An⸗ klang bei ihm; denn ſie mochte noch ſo kindlich bitten und ſchmeicheln, das„goldige Papchen“, das„ſüße Väterchen“ ſah in Einemfort finſter brütend vor ſich hin, oder wenn er zuweilen ſeine Augen auf ihr ruhen ließ, hatte ſein Blick einen ſo durchdringenden Glanz, daß ſie alle ihre kindliche Naivetät verließ und ihre erheu⸗ chelte Zärtlichkeit verſtummte. Endlich machte Ekhof, dem es unmöglich war, ſolcher Falſchheit gegenüber länger an ſich zu halten, Miene, aufzuſtehen und das Zimmer zu verlaſſen. Sein Herz zitterte in fieberhaften Schlägen, ſeine Bruſt ſchnürte ein Krampf zuſammen; denn was war alle offenbare 7* — Schlechtigkeit des leichtſinnigen Stephan im Vergleich zu dieſer liſtigen Zärtlichkeit, dieſer erheuchelten Kin⸗ desliebe, dieſer rothwangigen Lüge, die ihm mit der Miene der rührenden Unſchuld und Treuherzigkeit eine Güte abzuſchmeicheln ſuchte, mit der ſie doch dieſen abſcheulichen Mißbrauch zu treiben die Abſicht hatte! Noch einmal gewann er ſeine kalte Ruhe und ſagte mit dem zögernden Weſen eines Mannes, der ſich nur mit großer Ueberwindung zu einem Compromiß verſteht: „Gut, Du ſollſt auch diesmal Deinen Willen haben, jedoch nur unter einer Bedingung, von derich nicht ab⸗ gehe. Ich werde dem Herrn Hofjunker meine Gründe ſagen, die mich Dein Fernbleiben von jenen Luſtbar⸗ keiten wünſchen laſſen; und wenn er, den ich für Deinen und meinen aufrichtigen Freund halte, ſie nicht billigt, ſo magſt Du in Gottesnamen thun, was Dein Herz ſich wünſcht.“ Er wollte ſich nach dieſem letzten Beſcheid aus ſei⸗ nem Seſſel erheben, als ſie, durch dieſe unvermuthete glückliche Wendung in die höchſte Freude verſetzt, mit einer Unüberlegtheit, die zu ihrem ſonſtigen liſtigen Be⸗ nehmen einen auffallenden Widerſpruch bildete, von ihrem Stuhle aufſprang und jubelnd ausrief: „Herr von Hohenſtein wird Dir beweiſen, daß alle Deine Gegengründe nur von einer allzu ſorglichen Vaterliebe herrühren, beſtes Goldväterchen!— Denn wo hätten wir in der ganzen Welt beſſere Freunde als dort, wo man Dich vergöttert, wo man Dein Bild im Staats⸗ zimmer aufgehängt hat und es ſtets mit friſchen Blumen bekränzt!“ Aber hiermit war auch das Maß von Ekhof's inne⸗ rer Empörung voll bis zum Rande; und als Betty ihn im Rauſch ihrer Freude mit beiden Armen unmſchlang, ihn küßte, ja küßte mit den nämlichen Lippen, die ihn noch eben ſo abſcheulich verrathen hatten, da konnte er nicht länger mehr an ſich halten, die Hand, die er zur Abwehr ihrer zärtlichen Liebkoſungen mechaniſch erhoben hatte, fiel mit einem ſo plötzlichen Proteſt klatſchend auf ihre linke Wange, daß ſie mit einem lauten Schrei bis mitten in's Zimmer zurücktaumelte und ihn ſprachlos vor Schreck und Betäubung anſtarrte. Ohne einen Zug ſeiner ehernen Miene zu verändern, ſagte Ekhof im Tone der größten Gelaſſenheit, als wenn es ſich auch jetzt noch um eine gütliche Uebereinkunft zwiſchen ihnen handle: „Es bleibt alſo dabei, ich werde mit dem Hofjunker Rückſprache nehmen; Du kannſt Dir ſpäter ſelbſt von ihm ſagen laſſen, ob ihm meine Gegengründe einge⸗ leuchtet haben oder nicht.“ Mit dieſen Worten ging er feſten Schrittes aus dem Zimmer, mit einer Haltung, die es unzweifelhaft machte, daß ein ſolcher Künſtler ſeine Rolle auch hinter den Couliſſen mit derſelben Sicherheit und Ueberlegung weiter ſpielt bis zum Augenblick, wo ihn das Stichwort wieder auf die Bühne ruft.— Bei der an dieſem verhängnißvollen Morgen ſtatt⸗ findenden Hauptprobe des Götz von Berlichingen auf dem Theater fiel allen Anweſenden ſogleich das verſtörte und krankhafte Ausſehen ihres Directors auf, wiewohl er auch jetzt noch mit der an ihm gewohnten Pünktlich⸗ keit ſein Amt verwaltete, mehrere Scenen, bei welchen ihm noch das rechte Zuſammenſpiel der Darſtellenden zu fehlen ſchien, wiederholen ließ und dabei alle jene ernſte Gewiſſenhaftigkeit zeigte, die ihm ſo häufig bei ſeiner Directionsführung den Vorwurfder Pedanterie zu⸗ gezogen hat.— Als man gegen Mittag auseinanderging, fügte es ein Zufall, wie er Ekhof nicht gelegener hätte kommen können, daß der Hofjunker, der wohl nach einer, bei der geſtrigen Zuſammenkunft getroffenen Verab⸗ redung, um von ihr über das ominöſe Orgelſpiel in der vergangenen Nacht eine nähere und womöglich be⸗ — ruhigende Aufklärung zu erhalten, Betty im Theater vermuthet hatte, in der Lindenallée vor dem Schloſſe auf⸗ und abwandelte. Da er Ekhof's anſichtig wurde, welcher ihm, von ſeinen Schülern und einigen andern Theatermitgliedern begleitet, entgegenkam, konnte er eine gewiſſe Verlegenheit nicht verbergen. Er wollte grüßend und als ſei er ſehr preſſirt vorübergehen, als Herr Konrad, ſeine Begleitung verlaſſend, ſchnell auf ihn zutrat und mit einer Miene, der man Alles eher wie eine innere Aufregung angeſehen hätte, ihn anredete, indem er ſagte: „Gerade eben bin ich auf dem Wege zu Ihnen, lieber Baron! Der Götz iſt eine verwünſchte Arbeit für Regiſſeur und Darſteller, ein wildes Durcheinander, als wolle er den ganzen heutigen Bühnenapparat mit ſeiner eiſernen Fauſt durcheinanderſchmeißen! Halten heute endlich die Hauptprobe und kommen doch nicht über den dritten Akt hinaus!“ Nach dieſer Einleitung des Geſprächs faßte er vertraulich Hohenſtein's Arm und mit ihm in der Rich⸗ tung nach dem Schloſſe weiterſchreitend, fuhr er fort: „Sie müſſen mich in's Directionszimmer begleiten; denn hier im Freien, wo es jetzt ſo lebhaft zugeht, kann ich unmöglich die Sache mit Ihnen beſprechen, in der ich mir Ihren freundſchaftlichen Rath erbitten wollte. Dort aber ſind wir ganz ungeſtört und zum Mittags⸗ tiſch kommen Sie noch immer pünktlich zu Ihrer Frau Tante.“ „Ganz zu Ihren Dienſten, Herr Ekhof,“ ſagte der Hofjunker, dem es trotz des Directors äußerer Ruhe, ja Freundlichkeit doch nicht ſo wohl zu Muthe war, als er ſich den Anſchein zu geben ſuchte. Im Directionszimmer angelangt, nöthigte Ekhof den jungen Baron zum Niederſitzen und ſagte nach einer Pauſe, während der er ihn mit ſeinen großen klaren Augen ruhig angeſehen hatte: „Da Ehre und Leben dem Manne unter allen Um⸗ ſtänden für Eins gelterk ſollen, ſo iſt, was ich Ihnen jetzt mittheilen werde, nicht blos eine wichtige Lebens⸗ frage für mich, ſondern auch eine heilige Ehrenſache, und damit Ihnen über das Eine wie über das Andere kein Zweifel bleibt, will ich Ihnen gleich das Kind mit dem rechten Namen nennen: Ich bin entſchloſſen, in den nächſten vierundzwanzig Stunden Seine Durchlaucht um meine Demiſſion zu bitten und zwar unter Verzicht⸗ leiſtung aller mir für dieſen Fall zugeſicherten Gnaden und Vergünſtigungen.“ „Um Gotteswillen, Herr Ekhof, was beſtimmt Sie dazu?“ ſtammelte Hohenſtein und ſein Geſicht ward noch bleicher als das des alten Mannes in der grauen Haarperrücke. „Gottes Wille iſt's freilich, aber der Teufel iſt auch dabei,“ entgegnete dieſer mit einem kalten Lächeln. „Und vornehmlich Letzterem aus dem Wege zu gehen und dann Gott das Weitere anheimzugeben, iſt be⸗ ſchloſſene Sache bei mir. Was mich aber dazu beſtimmt und worüber ich mir Ihren freundſchaftlichen Rath er⸗ bitten wollte, das ſollen Sie nun in der Kürze erfahren.“ Hier hielt er abermals inne, holte zuerſt ſeine ſchwarze Horndoſe hervor, auf die er, während er ſprach, immer hinzuſehen pflegte, und fuhr dann in gleichmäßi⸗ gem Tone fort: „Sie wiſſen es als unſer Hausfreund, Herr von Hohenſtein, daß ich meiner Pflegetochter Betty niemals einen Wunſch verſagt habe, ſofern ſeine Erfüllung in meiner Macht ſtand und ſich mit ihrem Wohle vertrug. Selbſt dem kindiſchen Einfall gab ich noch gerne nach, wenn er ſich mir mit Mutterwitz oder im Gefühle ihrer Ueberlegenheit über mein gar zu ſchwaches Vaterherz präſentirte; denn warum hätte ich dem geliebten Weſen abſchlagen ſollen, was mir ſelber oft eine ungleich größere Freude im Gewähren, als ihr Verdruß im Ver⸗ ſagen bereitete? Flitter und Zindel ſind ja nun ein⸗ mal in der Welt, damit ſich große und kleine Kinder daran erfreuen; und wer ſelber eine traurige Kindheit gehabt hat, der ſucht ſogar noch mit grauen Haaren einen Erſatz dafür im Jauchzen rothwangiger Kinder und wird dabei ſelber wieder zum Kinde, zum glücklichen Kinde! — So habe ich denn mit Gottes Geſchehenlaſſen an meinem Herzen und ſo recht an der Pelikansbruſt meiner verwundeten Liebe zwei Geſchöpfe großgezogen, davon das Eine, Sie wiſſen's ja ſelber, Herr Baron, ein grundverdorbener bösartiger Range wurde, ein Muſter⸗ exemplar von Thunichtgut in allen Lappen; das Andere dagegen eine ſo reizende, ſchlanke, dunkeläugige Kokette, wie nur je Eine unter dem geflickten Zeltdach des Thes⸗ piskarrens hervorgekrochen iſt; ein Weſen von ſo holder Geſtalt, daß ihm zur lieblichen Peri nichts weiter fehlt als die Seele, die reine, unſchuldvolle, treue Seele, die ſchon vor dem Hauche einer Lüge zuſammenſchauert, wie die ſchamhafte Mimoſa vor der leiſen Berührung, und vor dem bloßen Schatten einer Sünde erſchrickt, wie die zarte Gazelle vor dem Rauſchen eines nieder⸗ fallenden Waldblattes.— Doch wozu dieſe hyperbo⸗ liſchen Gleichniſſe einer Heuchlerin gegenüber, die ſo jung an Jahren, als alt an Falſchheit und Verſtellung iſt; die nicht blos lügt und heuchelt wie ihr Bruder Stephan, nein, die ſich ſogar ſelber, ihre Schönheit und Unſchuld der Sünde opfert, mit dem Lächeln eines Engels teufliſchen Verrath an meinem Vaterherzen übt, ohne daß ihr dabei auch nur eine Wimper zuckt oder ein Tropfen ihres Blutes unruhiger fließt!“ „Aber zur Sache, nicht wahr, Herr Baron, zur Sache! Denn ich ſeh' es Ihnen an, wie ſehr Sie zu hören begierig ſind, was mich zu dieſen unmäßigen Klagen und Beſchuldigungen gegen ein Geſchöpf veran⸗ laßt, auf deſſen kindliche Unſchuld und jungfräuliche Ehre ich noch jüngſt Häuſer gebaut hätte, abgeſehen von allen ihren jugendlichen Fehlern, ihrem Eigenſinn, ihrer Flatterhaftigkeit, ihrer Vergnügungsluſt, ihrer Eitelkeit, und wie ſonſt die großen und kleinen Evaſünden alle heißen.“ „Nun denn, ſo erfahren Sie es in Gottesnamen, da ich Sie ja für meinen aufrichtigen theilnahmvollen Freund halten darf, meine Betty— vielmehr dieſe Betty hat heimlich ein ſtrafbares Verhältniß mit einem Manne angeknüpft, den ſein Rang, ſeine Stellung, ſeine Bildung und Lebenserfahrung und— was hier die Hauptſache iſt— ſeine Familienverhältniſſe durch dieſen abſcheulichen Handel mit einem jungen, kaum den Kinderſchuhen entwachſenen Mädchen, gerade her⸗ ausgeſagt, als einen abgefeimten Wüſtling charakteri⸗ ſiren, von dem ſich, käme ſeine Schändlichkeit an den Tag, alle ſeine noblen Standesgenoſſen mit Verachtung abwenden würden, auch wenn das unglückliche Opfer ſeiner Verführung noch eine viel geringere Perſon wäre, als die Pflegetochter des alten Ekhof.— Was aber ſeiner Schandthat und meinem Unglück die Krone aufſetzt, iſt der Umſtand, daß ich den Elenden nicht entlarven kann, ohne höchſt achtungswerthe Perſonen, ja, eine der erſten Familien des Landes auf das Aeußerſte zu compromit⸗ tiren, was mich freilich nicht abhalten wird, Seiner Durchlaucht die Geſchichte rückhaltlos zu erzählen, wenn der Herr Herzog darauf beſtehen ſollte, den Grund meines Entlaſſungsgeſuches zu vernehmen.“ Man kann ſich vorſtellen, wie der Hofjunker von dieſer Mittheilung überraſcht wurde! Er wußte nicht, nach welcher Seite er ſeine Blicke wenden ſollte, um denen Ekhof's auszuweichen, deren vollkommen ruhi⸗ ger Ausdruck ihn womöglich noch mehr verwirrte, als wenn ihm dieſer flammenden Blickes ſeine Abſcheulich⸗ keit in's Geſicht geſchleudert hätte.— Er ſaß da, wie der arme Sünder, der ſich bis in die geheimſte Falte ſeiner falſchen Seele entlarvt ſieht und jeden Moment erwartet, daß ſein Ankläger ihm mit der Fauſt an den Hals fahren und mit dem Donnerwort:„Du biſt der Schurke!“ den letzten vernichtenden Streich gegen ihn führen werde.— Aber hierin irrte er ſich. Ekhof's Abſicht bei dieſer ganzen Unterredung war gerade die entgegenge⸗ ſetzte, und auch jetzt wieder galt es ihm vielmehr darum, jede gewaltſame Löſung zu vermeiden, die auch nur den Schein eines künſtlich angelegten Planes gehabt hätte, als wenn er die Angſt eines böſen Gewiſſens zu ſeinen Gunſten hätte ausbeuten und den Hofjunker vielleicht gar durch Drohungen einſchüchtern wollen, ſein leicht⸗ fertiges Verhältniß mit Betth zu einem ehrenhaften und offenen vor der Welt zu machen. Wirklich mochte Hohenſtein dieſe Abſicht bei dem würdigen Manne vermuthen, nachdem er ſich von ſeiner erſten Beſtürzung erholt hatte und ſah, daß Ekhof trotz ſeiner leidenſchaftlichen Rede noch immer äußerlich ganz ruhig blieb. Beſchämt, verwirrt, niedergeſchmettert, wie er war, hätte er in ſeinem Leichtſinn jedes Mittel ergriffen, um aus dieſer ſchrecklichen Situation heraus⸗ zukommen, und da er ſich in Ekhof's Abſicht täuſchte, ſo ſagte er mit unſicherer Stimme, ohne die Augen aufzuſchlagen:* „Aber ſind Sie auch gewiß, daß jener Mann es — 110— wirklich ſo ſchlimm vorhat, als Sie vorausſetzen? Wenn ihn nun vielleicht äußere Rückſichten ſeither ab⸗ gehalten haben, ſich offen über ſeine redlichen Abſichten auszuſprechen, wenn er Betty wirklich liebt und ihren Beſitz erſehnt?“ „Dann müßte ihm ihre Ehre, ihr guter Ruf ſo thener ſein, wie der ſeine,“ entgegnete Ekhof kalt; „dann hätte er nimmer gewagt, ein ebenſo ſträfliches, als unwürdiges Verhältniß mit ihr anzuknüpfen. Aber an eine redliche Abſicht von ſeiner Seite iſt auch ſonſt, wie ich Sie beſtimmt verſichern darf, durchaus nicht zu denken; denn der Bethörer des leichtſinnigen Geſchöpfs gehört nicht blos einer alten Adelsfamilie an, ſondern iſt— verheirathet, ja, verheirathet, Herr Baron, mit einer ebenſo liebenswürdigen als tugendhaften Dame!— Sie begreifen alſo,“ fügte er mit einer grin⸗ ſenden Hohngrimaſſe hinzu,„daß hier von redlicher Abſicht ſo wenig die Rede ſein kann, als von meinem ferneren Verbleiben in Gotha.“ Der Hofjunker ſaß bei dieſer neuen Entdeckung wie angedonnert da; denn von Allem, was er in dieſer Stunde an Schrecken, Beſchämung und Ueberraſchung erlebt hatte, war doch dieſer Eindruck der betäubendſte und in der That wußte er kaum mehr, war Ekhof, oder war er ſelber der am Meiſten Betrogene. Daß Betth's Liebhaber, den Jener doch ſo genau zu kennen ſchien, wie er ſelber ihn kannte, verheirathet ſein ſollte, dieſe Neuigkeit vollendete im Verein mit ſeiner vorigen Angſt und Beſchämung ſeine momentane Rathloſigkeit und beinahe hätte er in ſeiner erſten Ueberraſchung Dasjenige gethan, was er bis jetzt trotz ſeiner peinlichen Verlegenheit unterlaſſen, und hätte Ekhof Alles bekannt!— Aber ebenſo ſchnell war auch der Eindruck dieſer unvermutheten Wendung wieder bei ihm überwunden; die Ausſicht, daß der erbitterte Pfle⸗ gevater ſeines Liebchens ihn wirklich für ſchuldlos und einen Andern für den Feind ſeines häuslichen Friedens halte, war ja das rechte Waſſer auf ſeine Mühle; und ſo fragte er ſich denn auch nicht lange, wie Ekhof wohl überhaupt auf dieſe falſche Fährte gekommen ſein möge. Der leichtſinnige Libertin athmete faſt in dem Moment wieder frei auf, da er der tiefſten Demüthigung ge⸗ wärtig geweſen war und rief mit einem mehr als blos erheuchelten Feuer: „Wie? Dieſem Menſchen wollten Sie freiwillig das Feld räumen, theuerſter Freund? Nimmermehr, ſo lange Sie noch auf die Stimme der wahren Freund⸗ — ſchaft hören!— Ein Wort von Ihnen kann ihn ja entlarven, der Herzog hegt die größte Hochachtung für Sie, er würde gewiß den von Ihnen verlangten Abſchied verweigern, denn was wäre die ihm ſo theuere junge Kunſtanſtalt ohne unſern großen Ekhof?“ „Gerade für dieſen Fall wollte ich mir Ihren Rath erbitten,“ erwiederte Herr Konrad und rückte nur ein ein⸗ ziges Mal unruhig auf dem Sitze hin und her, ohne daß Hohenſtein den leiſen Zug von Spott bemerkt hätte, der dabei um ſeine Lippen ſpielte.„Ich muß mich mit meinem Kinde vor dieſem unſeligen Menſchen zu retten ſuchen, das ſteht ſo feſt bei mir, als dieſes fürſtliche Schloß auf ſeinem Felſenfundamente. Wiſſen Sie ein anderes Mittel, wenn ich Ihnen ſage, daß jener Herr in den hieſigen vornehmen Kreiſen einen bedeutenden Anhang hat, wohlan, Sie ſollen mich nicht ſo tollkühn finden, in meiner Lage und in meinem hohen Alter eine geſicherte ſorgenfreie Exiſtenz noch einmal mit dem arm⸗ ſeligen geplagten Leben eines Wandercomödianten zu vertauſchen und auf's Ungewiſſe hin mit einer irrſinni⸗ gen Frau und einer leichtfertigen Nichte in die weite Welt zu ziehen.“ „Stellen Sie jenen Herrn wegen ſeines Betragens zur Rede,“ fuhr der Baron in ſeiner leidenſchaftlichen 113 Wärme fort;„ſagen Sie ihm, daß Sie des Herzogs Hülfe anrufen werden, wenn er nicht aufhört, Ihren häuslichen Frieden zu untergraben,— Parole d'honneur, mein Freund, er wird Gott danken, wenn Sie ſich nur überhaupt dabei beruhigen!“ „So? Glauben Sie das wirklich, lieber Baron?“ fragte Ekhof mit einem ſonderbar gedehnten Tone und blinzelte dabei den jungen Herrn ſo eigenthümlich zwei⸗ felhaft und forſchend an, daß Hohenſtein von Neuem unruhig wurde und vor Verlegenheit nicht wußte, was er ihm antworten ſollte. „Wenn nun aber das leichtſinnige Mädchen, einmal bethört, den verliebten Handel fortſetzt, wie ſoll ich es hindern?“ fuhr Herr Konrad kopfſchüttelnd weiter. „Denn ich wollte eher einen ganzen Ameiſenhaufen hüten, als eine ſolche verſchlagene Dirne, die tauſend Mittel und Liſten ausfindig machen wird, um mich nach wie vor zu täuſchen und ihr ſtrafbares Verhältniß fort⸗ zuſetzen!— Aber eine andere Maßregel, an die mich Ihr Wink erſt jetzt denken läßt, dürfte mehr Ausſicht auf Erfolg haben und jedenfalls ließe ſich ein Verſuch damit machen, ehe ich zum äußerſten Mittel greife und den Herrn Herzog um meine Demiſſion bitte.“ Der Hofjunker ſah den mit einer weiteren Erklä⸗ Müller, Ethof. I. 8 rung Zögernden in nicht geringer Spannung fragend an. Mit Einmal ſtand Ekhof haſtig wie Einer, der mit einem raſchgefaßten Entſchluß ebenſo ſchnell in's Reine gekommen iſt, vom Sitze auf, trat an Hohenſtein heran, legte ihm feſt die Hand auf die Schulter und ſagte mit einem Blicke, den Jener bis jetzt nur in ſeiner majeſtä⸗ tiſchen Meiſterrolle des Odoardo in Leſſing's Emilie Galotti an ihm geſehen hatte: „Ja, ſo geht's, vorausgeſetzt, daß ich Ihres Bei⸗ ſtandes gewiß bin, Herr von Hohenſtein. Sie erwähn⸗ ten vorhin eines mir längſt aus der Erinnerung ver⸗ ſchwundenen Glückes, des häuslichen Friedens; wohlan, ich will wenigſtens den Verſuch machen, ihn wieder zu gewinnen, und dazu gibt es nur ein Mittel. Ich breche von heute an alle, auch die mir liebgewor⸗ denen geſelligen Verbindungen mit unſeren vornehmen Kreiſen ab; Betth wird künftig nie wieder in einem dieſer glänzenden Zirkel erſcheinen, ganz und ausſchließ⸗ lich ſoll ſie von nun an ihren umgang auf ſolche Fami⸗ lien beſchränken, die gleichen Standes mit uns ſind; auch da fehlt es ja Gottlob im ſchönen Gotha nicht an gebildeten geſelligen Elementen— und Sie ſelbſt, Herr Baron, ſowie Ihre Frau Tante Excellenz, machen da⸗ on keine Ausnahme— denn ich ſchwöre es Ihnen, nur ſo werde ich jenem Elenden die Gelegenheit beneh⸗ men, das Mädchen ferner zu bethören; alſo helfen Sie mir, daß man mir dieſen Plan Seitens Ihrer Ver⸗ wandten erleichtert, daß man Betty nicht ferner mehr in jene Kreiſe und Geſellſchaften zieht, die ihrer jungen merfahrenen Seele, freilich nur durch die Schuld eines Einzigen, bereits ſo verderblich geworden ſind! Man ſoll künftig die einzige Rückſicht auf mich nehmen und das eitle, vergnügungsſüchtige Mädchen nicht noch mehr durch ſolche Auszeichnung in den ſchlimmen Neigungen ihrer Natur beſtärken— dann hoffe ich zu Gott, daß ich auch ferner mit Ehren in Gotha beſtehen kann!“ Er hatte die einzelnen Sätze ſeiner Rede in ſo haſtiger barſcher Weiſe, mehr zornig als bittend hervor⸗ geſtoßen, dabei ruhte ſeine Hand fortwährend ſo ſchwer auf des Hofjunkers Schulter und der Odoardo⸗Blick ſeiner großen blauen Augen hatte eine ſo durchdringende Schärfe, daß Hohenſtein, ſelbſt wenn er noch eine Ver⸗ ſuchung in ſich verſpürt hätte, ſein falſches Spiel mit dem zum Aeußerſten entſchloſſenen Manne fortzuſetzen, ſich durch dieſes heftige, faſt drohende Weſen bewogen fand, ihm jedes verlangte Zugeſtändniß zu machen. Dieſe Unterredung hatte ihm eine ſo geringe Meinung von ſeiner Virtuoſität in der verliebten Intrigue beige⸗ bracht, daß er Gott dankte, Dasjenige mit einem An⸗ ſchein von Rückſicht thun zu können, was er auch ohne⸗ dies in ſeinem eigenen Intereſſe gethan haben würde, nämlich Ekhof's Haus zu meiden, da es ihm doch ein kleiner Unterſchied dünkte, einen harmloſen gutmüthigen Künſtler und einen ſtrengen, Gerechtigkeit liebenden Fürſten zu täuſchen.— Er verſprach daher Alles, was Ekhof von ihm in Bezug auf ſein und Betty's künftiges Verhältniß zum Lichtenſteiniſchen Hauſe wünſchte; ver⸗ ſprach, die Sache der Geheimeräthin ſo nachdrücklich vorzuſtellen, daß dieſe gewiß, wenn auch mit ſchwerem Herzen einwilligen werde, künftig die Geſellſchaft der jüngeren Freundin zu entbehren. Mehr als dies hatte Ekhof nicht gewollt; ja, er er⸗ reichte damit einen doppelten Zweck, indem er nicht blos einen falſchen Freund, ohne ihm vollends die Maske des Verräthers abzuziehen, die ganze Wucht ſeiner Verachtung fühlen ließ; ſondern denſelben auch noch obendrein moraliſch nöthigte, ſeine Partei zu ergreifen und die ehrgeizige raſtloſe Frau Tante zu überzeugen, daß ſie durch ihren Protectionseifer und ihren Kunſt⸗ enthuſiasmus nahe daran geweſen ſei, Gotha ſeiner größten Berühmtheit zu berauben. Schatten auf Höhen. Alle dieſe ſchmerzlichen und erſchütternden Ereigniſſe hatten ſo nachtheilig auf Ekhof's kaum wiederherge⸗ ſtellte Geſundheit eingewirkt, daß ſein krankhaftes Aus⸗ ſehen und ſeine täglich mehr zunehmende große Reiz⸗ barkeit ſeinen Freunden neuerdings Beſorgniß einflößte. Immer ſeltener kehrte ſein alter guter Humor bei ihm ein; zwar arbeitete er unausgeſetzt in ſeinem Berufe, wollte vor wie nach Alles ſelbſt thun und gab ſelbſt die Klingel nicht aus der Hand, womit damals noch der Anfang der Stücke und Akte angezeigt wurde. Ja ſogar übernahm er noch freiwillig neue große Rollen und ſtudirte dieſelben mit jenem Eifer und jener Genauig⸗ feit ein, die er ſeinen Schülern immer als die erſte Be⸗ dingung zu einer jeden vollkommenen Kunſtleiſtung an⸗ empfohlen hatte; aber ſeine Zeit, das fühlte er ſelber am Beſten und ſprach es auch gegen nähere Bekannte offen aus, war vorbei; Das, was einſt auf der Bühne ſeine Kraft ausgemacht hatte, war dunrch die ſchrecklichen Ereigniſſe der jüngſten Vergangenheit überraſchend ſchnell aufgezehrt worden und nur in den tragiſchen und gezeh — 5 leidvollen Momenten ſeiner Rollen brach noch zuweilen der Lichtſtrahl ſeines Genius wie durch trübes Gewölk hervor. Dann konnte er allerdings die Thränen ſeiner Zuſchauer fließen machen, ſo oft er wollte, aber ein Ganzes im vollen Guß der alten herrlichen Vollendung konnte er nicht mehr leiſten. Das Unglück mit ſeinem leichtſinnigen Pflegekind, das Gefühl ſeiner Ohnmacht, einem ſo widrigen Schick⸗ ſal gegenüber, nagte ſichtbar an ſeiner Lebenskraft, der alte bedenkliche Huſten ſtellte ſich wieder ein; kurz, Iffland wurde, ſo oft er den theueren Meiſter neuer⸗ dings anſah, immer häufiger und ſchmerzlicher an den traurigen Ausſpruch des würdigen Paſtors von Sund⸗ hauſen erinnert, daß Ekhof noch kränker ſei wie ſeine unglückliche geiſteskranke Frau. Sein häusliches Leben hatte ſich ſeit ſeiner Unter⸗ redung mit dem Hofjunker allerdings friedlicher und ſeinen Wünſchen entſprechender geſtaltet; jeder Verkehr mit der vornehmen Geſellſchaft war abgebrochen, Betty ſchien ſich ſogar mit mehr Reſignation, als ſonſt ihrem unruhigen Blute eigen geweſen, in dieſen unabänder⸗ lichen Beſchluß des Pflegevaters hinein zu finden, der Name der Geheimeräthin wurde nicht mehr zwiſchen Beiden ausgeſprochen; ja, das ſonſt ſo flatterhafte, durch — die Schmeicheleien der vornehmen Welt verwöhnte Mädchen ergab ſich ſelbſt mit anſcheinendem Gleichmuth darein, jetzt nur noch in bürgerlichen Kreiſen, in denen es meiſt ſehr ſchlicht und gemeſſen zuging, einen Erſatz für den einſtigen Glanz und die Fülle von Freuden und Triumphen zu ſuchen, welche ſie vordem im Hauſe ihrer Gönnerin genoſſen hatte. Sie wurde beſcheiden und anſpruchslos in ihrem äußeren Auftreten und nahm ſich ſogar des kleinen Hausweſens mit einem Eifer an, als hätte ſie allen ehrgeizigen Zukunftsplänen für immer entſagt. Aber leider war dies Alles nur die glatte Ober⸗ fläche, unter der ſich eine trügeriſche Tiefe barg: ein künſtlicher Scheinfriede, der den ſo vielfach getänſchten Ekhof allmählig in eine Sicherheit einwiegte, welche er bald noch ſchwerer bereuen ſollte, als alle ſeine frühere Nachgiebigkeit und übergroße Zärtlichkeit. Denn während Betty ſich dem Anſcheine nach mit Reſignation in den Willen des Fflegevaters fügte, hielt ſie im Geheimen um ſo beharrlicher an ihren ehrgeizigen Wünſchen feſt; ja, die Nothwendigkeit, ſich noch mehr als früher verſtellen und das erträumte Glück ihrer glänzenden Zukunft als Opernſängerin jetzt durch eigne Kraft erringen zu müſſen, übte ſogar auf das ſonſt ſo unbeſtändige Mädchen einen ſo feſſelnden Reiz aus, daß ſie ihre muſikaliſche Ausbildung mit einem Ernſte be⸗ trieb, den ſie früher, als noch die Geheimeräthin ihr die Sache leicht machte, nicht gekannt hatte.— Das Gefühl des Märtyrerthums, einmal in einer jungen ehrgeizigen Seele geweckt, erſetzt nur zu häufig den inneren Gehalt an Wahrheit und Wärme der Empfindung, verleiht ſelbſt falſchen und unlauteren Motiven einen täuſchen⸗ den Schimmer von reiner Abſicht, höherer Berechtigung, und läßt als edle Leidenſchaft erſcheinen, was doch zu⸗ erſt nur eine flüchtige Laune oder Eingebung der Eitel⸗ keit geweſen iſt. So ertrug ſie äußerlich heiter und gelaſſen den un⸗ erträglichen Zwang, den ihr, ihrer Meinung nach, ein mürriſcher eigenſinniger Greis auferlegte; ertrug die Entbehrung ihrer glänzenden Triumphe, ertrug es ſelbſt, daß man in den bürgerlichen Zirkeln, welche ſie beſuchte, über Manches, was ſie ſagte, die Naſe rümpfte und ſie wohl nur um des Pflegevaters willen ihren früheren Hochmuth nicht fühlen ließ.— Aber um ſo feſter war ſie entſchloſſen, auf der einmal betretenen Bahn zur Künſtlerin weiterzuſchreiten, um je eher je lieber aus dieſen armſeligen Verhältniſſen für immer herauszu⸗ kommen und das ſchlichte Kattunkleid Aſchenbrödel's 121¹ wieder mit dem bordirten Zits der gefeierten Salons⸗ ſchönen zu vertauſchen. Ekhof's auf die Minute berechnete Zeiteintheilung und ſein regelmäßiges Verweilen im Directionszimmer oder bei den Proben machte es ihr möglich, den größten Theil des Tages ihrer muſikaliſchen Ausbildung widmen zu können.— Kaum hatte daher der würdige Director in Begleitung ſeiner beiden Möpſe das Haus verlaſſen, um ſeinen Berufsgeſchäften nachzugehen, ſo wurde die kleine Kehle der künftigen Opernſängerin in Bewegung geſetzt und das Scalaſingen und Solmiſiren dauerte dann oft ohne Unterbrechung ſtundenlang fort. Jener Geſangslehrer, welchen die Geheimeräthin früher für ſie engagirt hatte, kam auch jetzt noch zu beſtimmten Stunden regelmäßig in's Haus, was um ſo weniger auffallen konnte, als es Elhof's eigner Wunſch geweſen war, daß er Betth im Klavierſpiel unterrichten möge. Da er ein vorzüglicher Lehrer in der italieniſchen Methode war, konnte es nicht fehlen, daß Betty bei ihrer Ausdauer und durchglüht von Begierde, ſo bald als möglich als ausgebildete Sängerin die Bühne be⸗ treten zu können, unter ſeiner Leitung raſche Fortſchritte machte.— Ihre Stimme warzwar nicht von bedeutendem Umfang, hatte aber dafür ungemein viel Reinheit und Leichtigkeit des Tones, was ihr im Vereine mit ihrer reizenden Erſcheinung, ihrem munteren naiven Weſen und beſonders mit ihrem graziöſen Tanze immerhin einen bedeutenden Erfolg in der damals ſo beliebten leichten Oper, dem Vaudeville und dem pantomimiſchen Singſpiel ſicherte, vorausgeſetzt, daß es ihr gelang, dieſe ihr von der Natur verliehenen glücklichen Mittel bis zur künſtleriſchen Anwendung auszubilden. Und hierin ließ ſie es nicht an Eifer fehlen, und ihr Lehrer hatte gewiß nie zuvor eine fleißigere unermüd⸗ lichere Schülerin gehabt, als das ſonſt ſo unruhige, jeder ernſten Beſchäftigung abholde Mädchen, bei wel⸗ chem die Eitelkeit und die brennende Begierde, ſich aus einer unerträglichen Lage zu befreien, die Kunſtbegeiſte⸗ rung erſetzten, ſo daß es nach jeder neuen Theatervor⸗ ſtellung mit heißem Kopfe nach Hauſe kam, vor Auf⸗ regung Nichts eſſen konnte und ſich in ſchlafloſen Nächten den Eindrücken des Geſehenen und Gehörten überließ. Bald war ſie überzengt, daß ſie dieſe und jene Rolle der ihr bekannten Sängerin ungleich glücklicher und brillan⸗ ter durchgeführt, daß ſie ganz andere Reize entfaltet, ganz andere Triumphe errungen hätte, wie dieſe. Dank ihrem glücklichen Gedächtniß hatte ſich in kurzer Zeit in dem kleinen Kopfe Betty's ein durchaus nicht zu ver⸗ achtendes Repertoire von munteren und naiven Rollen angeſammelt, die ſie ſich gleich zur Stelle mit Zuver⸗ ſicht zu übernehmen getraut hätte und ihre Phantaſie fieberte beſtändig, ohne daß es nur ein einziger Menſch bemerkt hätte, aus einem hochfliegenden Plan in den andern über.— Der Glanz der großen Oper, die feen⸗ hafte Herrlichkeit von Ballet und Pantomime ſchimmerte wie eine überirdiſche Welt, in die ſie bald eintreten ſollte, in das Dunkel ihres jetzigen beſcheidenen Lebens; ſie hörte ſich oft ſelbſt im Traume ſingen und erwachte Morgens aus ſolchen reizenden Träumen in Mitten eines Blumenregens, berauſcht von dem ſtürmiſchen Jubel eines übervollen Hauſes, der ſich freilich leider, wenn ſie ſich noch mehr ermunterte, in das unmelodiſche Geraſſel von der alten Salome Kaffeemühle auflöſte, welches ihr dieſe holde Traumestäuſchung bereitet hatte. Ihr früheres vertrautes Verhältniß zur Geheime⸗ räthin von Lichtenſtein war zwar nach Ekhof's Meinung unwiderruflich gelöſt, der Verkehr mit dem angeſehenen Hauſe hatte auch wirklich aufgehört, dennoch behielt Frau Sidonie den Schickſalsfaden von Betty's Zukunft in ſicherer Hand; und der Zwang, aus einer offenen eine heimliche Gönnerin derſelben werden zu müſſen, hatte auch wieder einen ſo neuen eigenthümlichen Reiz für die immer unruhige Dame, daß ſie mit Vergnügen die Rolle von Betty's unſichtbarem Schutzgeiſte über⸗ nahm, jetzt ſogar, wo es einen durch offenbare Gewalt unterdrückten Genius zu retten galt, mit noch größerem Eifer wie zuvor! Dazu kam, daß die Aufführung des leichtfertigen Neveus ihr nach und nach wirkliche Sorge eingeflößt hatte, denn ſie wußte ja, wie ſolche junge flatterhafte Herren in der Regel die Kunſt zu protegiven pflegen. Es war ihr nach der Hand durchaus nicht wohl bei der Sache zu Muthe geworden; und ſeit Ekhof's entſchloſſenem Auftreten an jenem Sonntag Morgen empfand ſie zuweilen eine unbeſtimmte Furcht, der äſthetiſche Nimbus, den ſie um ihre Perſon und ihr Haus zu verbreiten gewußt hatte, möge eines Tages Schaden leiden und der alte gefürchtete Ekhof⸗Odvardo ihr am Ende gar noch ganz andere Dinge vorwerfen, als daß ſie hinter ſeinem Rücken Betty's Neigung für die Bühne begünſtigt hätte. Niemand wußte beſſer als ſie, was der große Künſt⸗ ler bei Hofe und dem Herzog galt, ein offener Bruch mit ihm hätte ſelbſt der äſthetiſchen Excellenz ſehr fatal werden können; hinter ihr ſtand außerdem noch ein, dieſem ganzen unruhigen Kunſtrumor in ſeinem Hauſe höchſt abholder Gemahl, der ſeit Jahren nur auf den Augenblick wartete, um aus dieſem beſtändigen Weben und Schweben in höheren Regionen wieder auf ſicheren realen Boden zu kommen; alſo Gründe, viele triftige Gründe genug für die Muſe von Gotha, um an Ekhof's ausgeſprochenem Entſchluß, ſein leichtſinniges Pflege⸗ kind dieſer Sphäre zu entziehen, nicht offen zu rütteln, vielmehr das arme Weſen dem Anſcheine nach ohne Widerſpruch in ſein voriges dunkles Leben zurückkehren zu laſſen.— Dabei geſchah es nur aus purem chriſtlichen Mitleide, was ſelbſt einer feingebildeten Dame wohl anſteht, daß ſie den Geſangslehrer Betty's für deſſen Bemühungen weiter honorirte und ihren ganzen Ein⸗ fluß bei demſelben aufbot, damit er dies ſchöne Kunſt⸗ talent, welches eine grauſame Hand mitleidslos knicken wollte, zur Entfaltung brächte, nebenbei die einzige, aber gewiß ſehr empfindliche Rache, die ihr beleidigter Ehrgeiz an dem Verächter ihres äſthetiſchen Zirkels, dem alten Ekhof, zu nehmen entſchloſſen war. Dem Hofjunker hatte die im Directionszimmer empfangene Lection sub rosa einen ſo gründlichen Reſpect vor der Entſchloſſenheit des alten, ihm früher nur als höchſt nachgiebig bekannten Herrn Konrad ein⸗ geflößt, daß ihm aller Theaterenthuſiasmus für lange Zeit verleidet war und er die flotte Brigantine ſeines Leichtſinns in ein anderes Fahrwaſſer zu lenken be⸗ ſchloß, wo er nicht ſo leicht Gefahr lief, um eines ein⸗ zigen galanten Abenteuers willen ſeine ganze Stellung bei Hofe zu riskiren. Wie er ſeine Tante Excellenz von der zwiſchen ihm und Ekhof getroffenen freundlichen Uebereinkunft in Kenntniß ſetzte, iſt uns nicht bekannt geworden; ebenſo wenig wiſſen wir zu ſagen, ob es ſeinem Scharf⸗ ſinn jemals gelungen iſt, unter den Cavalieren des Hofs denjenigen ausfindig zu machen, der, wiewohl verhei⸗ rathet, dennoch gewiſſenlos genug war, einem ehrwür⸗ digen Greiſe ſeine letzte Lebensfreude zu zerſtören.— Ge⸗ nug, dem franzöſiſchen Blut in ſeinen Adern war durch dieſe mißglückte Excurſion in das Gebiet der höheren Empfindſamkeit mit natürlicher Mondbeleuchtung eine ſo heilſame germaniſche Abkühlung geworden, daß ihm ſelbſt ſeine Tante im Punkte der nüchternen Ueberlegung von nun an Vertrauen ſchenkte und er ſich niemals wieder verſucht fühlte, in dem dem Dienſte reiner Muſen geweihten Hauſe leichtfertige Liebeshändel anzuknüpfen, oder gar der Geheimeräthin ein Opfer ihrer Protection ſtreitig zu machen.— Ekhof's ahnungsvolles Wort bei ſeiner früheren Krankheit:„Jede Kerze, und hätte ſie auch der Papſt geweiht, wird durch's Brennen immer kürzer und liſcht zuletzt ſelbſt vor dem Allerheiligſten aus,“ dieſes trübe Wort des alten Meiſters ſollte ſchon nach wenigen Monaten, während denen er ſich vergebens gegen den inneren Feind der aufgezehrten Lebenskraft zu wehren trachtete, in Erfüllung gehen. Er mußte Tagelang das Bett hüten; denn ſeine Nächte waren ſchlaflos und von ſchweren Bruſtbeklemmungen heimgeſucht und der Mor⸗ gen fand ihn matt und erſchöpft und vergebens ſtrebte er ſich aufzuraffen, um ſeinen gewohnten Berufsgeſchäf⸗ ten nachzugehen.— Die Kerze brannte eben immertiefer; aber das Allerheiligſte, ſein Genius, glänzte ſelbſt jetzt noch in ſchöner ungetrübter Klarheit. Fühlte er ſich nach ſolchen Anfällen wieder wohler, ſo gab es für den Unermüdlichen keine Schonung; er mußte wieder auf die Bühne, mußte ſelber die Proben leiten wie in ſeinen geſunden Tagen und ſeine treue Klingel ließ er auch jetzt noch bei keiner Vorſtellung aus den Händen. Aller Bitten ſeiner Freunde, aller Warnungen des Arztes ungeachtet gönnte er ſich keine Ruhe; oft verſagte ihm ſelbſt während des Spieles die Stimme und ſeine Rede wurde ſo undeutlich, daß ihn kaum die vorderſten Zu⸗ ſchauer verſtehen konnten; aber das Publikumſ ſah immer noch den alten herrlichen Meiſter in ihm, ahnte ſeinen ſchmerzlichen Seelenzuſtand und applaudirte lebhaft, der biedergeſinnte Fürſt und ſein feingebildeter Hof voran. Dabei blieb ihm ſein Gedächtniß in jeder Rolle tren wie in der vollen geiſtigen Friſche ſeines Lebens, und mitunter verjüngte er ſich ſogar wieder ſichtbar vor den Augen der Zuſchauer, war ſo liebenswürdig, ſo launig, daß das ſtürmiſche Vergnügen des Hauſes ihn unter⸗ brach, bis ihn die übergroße Anſtrengung ſo ſehr er⸗ griff, daß die Bruſtſchmerzen, die er den ganzen Abend über mit Jünglingsmacht unterdrückt hatte, ihn gegen den Schluß der Vorſtellung hin oft zu überwältigen drohten. Seine Schüler pflegten den kranken Meiſter mit einer Sorgfalt und Hingebung, wie es die eignen Söhne einem geliebten Vater nicht treuer hätten thun können. Abwechſelnd wachte Einer von ihnen, ſo oft die Krank⸗ heitsanfülle wiederkehrten, die Nacht hindurch an ſeinem Lager, ſie vernachläſſigten ſelbſt ihre Studien über der Sorge um den geliebten Lehrer; denn alle Drei waren ſich's nur zu deutlich bewußt, daß ihnen in dem edlen Leben, was die Vervollkommnung ihrer Kunſt betraf, die eigne Zukunft bedroht war; daß es nur einen Künſtler gab, der ſo wie er junge Talente zu bilden, — zu befeuern und dem von ihm ſelbſt ſo ruhmvoll erreich⸗ ten hohen Ziele entgegen zu führen verſtand. Da hörten denn freilich die Scherze, die heiteren oft ausgelaſſenen Streiche in ihrem kleinen Kreiſe von ſelbſt auf, trübe Schwermuth lagerte auf ihren Mienen, ihre Unterhaltung drehte ſich faſt nur noch um den theueren Kranken und Einer ſuchte dem Andern mit troſtvollen Scheingründen eine Hoffnung einzureden, die ihm doch ſelber fehlte. Sie ſahen ſich ſchon im Geiſte ohne des kundigen Lenkers Hand auf dem weiten öden Meere des Lebens umhertreiben, den Jüngern zu vergleichen, die im Sturme muthlos verzagten, während der Herr unten im Schiffsraume ruhig ſchlummerte. So oft es ſein leidender Zuſtand und die Witterung erlaubte, ließ ſich Ekhof in Begleitung Iffland's nach dem ſtillen Dörfchen hinausfahren; denn auch jetzt noch ſollte die geliebte Kranke ſeine Beſuche nicht miſſen, ſie, die es in ihrem geiſtigen Dämmerleben nicht einmal bemerkte, welche traurige Veränderung in den theueren Zügen, in der noch jüngſt ſo rüſtigen Geſtalt vor ſich ging. So war er denn auch eines Nachmittags wieder mit Iffland dorthin gefahren; ſie hatten den kleinen Korb⸗ wagen vor dem Dorfe verlaſſen und ſchritten langſam auf dem bekannten Feldwege dem Pfarrhauſe zu, als Müller, Ekhof. II. 9 — 130 ihnen der Paſtor entgegenkam. Er drückte zuerſt Ekhof . ſeine herzliche Freude darüber aus, ihn heute ungleich friſcher und wohler zu ſehen wie das Letztemal und er⸗ zählte ihnen dann, er habe ſie vom Fenſter aus bemerkt und ſei ihnen entgegengegangen, um ihnen zu ſagen, daß ſie nicht durch den Garten in's Haus eintreten möch⸗ ten. Er wünſche dieſes um der Kranken willen nicht, die heute unruhiger ſei wie ſonſt und von allerhand wirren Phantaſieen und Vorſtellungen aufgeregt werde. Jetzt eben habe ſie wieder vornehmen Beſuch bei ſich, und der Knecht hätte ihr ſo viel Stühle in den Garten tragen müſſen, als Grafen und Gräfinnen, Barone und Baroneſſen anweſend wären. „Man muß ſie nur gewähren laſſen,“ fügte der Paſtor hinzu;„beſonders da ſie ſich einbildet, es befinde ſich in der Geſellſchaft ein Menſch, der irgend einen tückiſchen Plan gegen ſie im Schilde führe. Es ſ ei ein ältlicher kleiner Herr mit ſchiefgewachſener Schulter, derſelbe komme ihr ſehr verdächtig vor; denn ſie könne den ſcharfen dolchartigen Blick ſeiner kohlſchwarzen Augen nicht ertragen; auch rede er nur gebrochen Deutſch, da er ein Muſikus aus Italien ſei, vor dem ſie die Frau Gräfin Burgdorf noch ausdrücklich gewarnt habe. Auf⸗ fallenderweiſe habe man unterlaſſen, ihr den Herrn — 1— vorzuſtellen, aber ſie werde ſich demungeachtet vor ihm zu hüten wiſſen.— Sie ſitzt eben mit ihren Gäſten unter dem großen Apfelbaum und führt eine ſehr lebhafte Unterhaltung mit ihnen. Wenn wir uns um die Scheune herumſchleichen, können wir die ganze hochanſehnliche Aſſemblée über die Hecke des Nachbargartens beob⸗ achten. Sie iſt ſo ganz von ihrer Sinnestäuſchung be⸗ fangen, daß ſie uns gewiß nicht bemerken wird.“ Dieſem Winke folgend gingen ſie leiſen Schrittes hinter der Scheune her in den anſtoßenden Garten; der Paſtor führte ſie an eine dichte Laubhecke, von wo aus ſie ungeſehen die Kranke und ihr ſeltſames Treiben beobach⸗ ten konnten.— Keine zehn Schritte von ihnen entfernt, ſaß Frau Ekhof in ihrem höchſten Feſtſtaat unter einem alten Apfelbaum. Ihren Kopf zierte eine hohe Puder⸗ friſur à la Montanciel, mit weißen Perlenſchnüren durchflochten; dazu hatte ſie mehrere Schönheitspfläſter⸗ chen aufgelegt und ein weitbauſchiges Kleid von ama⸗ ranthfarbigem Seidenſtoff angezogen, gleich Ekhof's Silberpokal ein Geſchenk der Herzogin von Weimar. So aufgeputzt ſaß ſie mit der ſteiffeierlichen Hal⸗ tung einer Weltdame, die ſich nur in illüſtren Zirkeln bewegt, unter dem Apfelbaum, umgeben von ſieben lee⸗ ren Holzſtühlen, die in einem Halbkreis zu ihrer Rech⸗ 9* ten und Linken aufgeſtellt waren und worauf zweifels⸗ ohne die nur ihr ſichtbaren vornehmen Gäſte Platz ge⸗ nommen hatten.— Die ganze Art und Weiſe, wie ſie den Kopf bald nach dieſer, bald nach jener Seite hin⸗ kehrte, verrieth, daß ſie mit ihrer Geſellſchaft eben in einer lebhaften Converſation begriffen war. Jetzt lächelte ſie zuſtimmend, dann wieder horchte ſie aufmerkſam auf und fächelte ſich mit dem kleinen Fächer Kühlung zu, wobei zuweilen ihre Mienen und Bewegungen ſo viel Ausdruck und Lebendigkeit zeigten, daß man daraus ſo⸗ gar die Wirkung entnehmen konnte, welche dieſe ſtumme Unterhaltung mit unſichtbaren Perſonen auf ihr Gemüth machte. Zwar führte ſie die Converſation meiſt allein, gab laute Antworten auf die an ſie gerichteten Fragen, oder unterhielt auch wohl die Geſellſchaft in längerer Rede; aber außer den alle Augenblicke wiederkehrenden und jedes⸗ mal von einem ſteifen Knir begleiteten Titulaturen:„hoch⸗ gnädigſte Fran Gräfin, gnädigſte Comteſſe, gnädigſte Frau Baronin,“ konnte man kein Wort davon verſtehen, da ſie alles Andere in einem ſo eigenthümlich gedämpften Flüſterton und ſo raſch ſprach, als wolle ſie ſich ſelber durch dieſes leiſe Sprechen in der Täuſchung erhalten, ſie befinde ſich in einer ſolchen Geſellſchaft; wenn nicht, wie der Paſtor ſpäter den Freunden bemerkte, ihre fixe — Idee daran Schuld war, man dürfe in Gegenwart vor⸗ nehmer Perſonen nur im gedämpften Tone ſprechen, um nicht von profanen bürgerlichen oder gar bäueriſchen Ohren belauſcht zu werden. Mit Einmal wurde die Kranke auffallend unruhig und ſah horchend, als ſpräche Jemand mit ihr über eine ſehr wichtige Sache, nach dem in der Mitte des Halbkreiſes ſtehenden Stuhle hinüber; dabei drückte ihre Miene bald eine tiefſchmerzliche, bald eine ſtaunende Bewegung aus, ſie klappte immer unruhiger den Fächer auf und zu, ſah dann mit großen Blicken in der Geſell⸗ ſchaft umher und ſtotterte zuweilen einen abgebrochenen Redeſatz hervor. Zenes uns aus der Scene mit Iffland bekannte merkwürdige Sinken und krampfhafte Wie⸗ deraufrichten des Hauptes, als erſchlafften ihr allmählig die Muskeln von Hals und Nacken, wurde wieder be⸗ merklich, man ſah, daß ſie zuletzt alle Faſſung verlor und endlich hörte man ſie ſchluchzend ausrufen: „Was ſoll das einzige Kind meiner geliebten Schwe⸗ ſter im Kloſter!— Mein Herr, haben Sie Mitleid mit einer armen verlaſſenen Wittwe und nehmen Sie mir nicht auch noch dieſen letzten Troſt— o gnädigſte Frau Gräfin, ſagen Sie doch dem fremden Herrn, daß der be⸗ ſ rühmte ſelige Ekhof mein Mann war und daß Nie⸗ — 134— mand in der Welt das Recht hat, mir ſein theuerſtes Erbe in's Kloſter zu entführen!“ Bei dieſen, im beweglichſten Tone ausgeſprochenen Worten war ſie haſtig vom Stuhle aufgeſtanden, wobei ſie, ohne daß ihr Thränen floßen, in ein heftiges Schluch⸗ zen ausbrach, als im rechten Moment die Paſtorin, welche gleichfalls auf der Lauer geſtanden, vom Hofe her in den Garten geeilt kam und der Kranken ſchon aus der Ferne zurief: „Fränzchen, liebes Fränzchen, ſage doch den gnädigen Herrſchaften, daß die Wagen angeſpannt ſind. Zudem beginnt das Gras zu thauen und die Frau Gräfin und die allerliebſten Comteß Töchter könnten ſich leicht im feuchten Garten eine Erkältung holen!“ Dieſe kluge Mahnung der ſorgſamen Hausfrau zum Aufbruch wurde von den Gäſten ſogleich beherzigt; alle erhoben ſich von den Stühlen und die Damen verab⸗ ſchiedeten ſich unter zärtlichen Umarmungen von Frau Ekhof, die über ſo viel liebenswürdige Herablaſſung ganz gerührt war. Die Herrn Grafen und Barone küßten ihr ſehr artig die Hand; als aber der bucklige Muſikus aus Mailand das Gleiche thun wollte, zog ſie beide Hände voll Abſcheu zurück und machte ihm ein ſo ſteifkaltes Kompliment, daß er beſtürzt zurückwich und den Uebrigen nacheilte. Dann nahm die Paſtorin ſie am Arme und ſagte liebreich: „Geſchwind, Fränzchen, hinauf in die Stube, damit der koſtbare Staat nicht im feuchten Graſe Scha⸗ den leidet. Denn wenn die gnädigen Herrſchaften wie⸗ der zu uns kommen, mußt Du gerade ſo ſchön geputzt ſein, wie heute. Nein, was doch dieſe Frau Gräfin für eine herzensgute charmante Dame iſt! Es gefällt ihr immer ſo wohl beiuns, daß ſie gar nicht wieder von hier fort mag!“ Unter dieſem Geplauder führte ſie die Kranke in's Haus, der Paſtor aber ſagte zu Ekhof und Iffland: „Wir wollen es machen, wie die hohen Herrſchaften, und uns gleichfalls aus dem feuchten Graſe zurück⸗ ziehen. Jedenfalls möchte ich Dir rathen, Konrad, Deinen Beſuch bei der Kranken heute ſo kurz als mög⸗ lich zu machen, denn Du haſt es nun ſelber mit ange⸗ ſehen, wie ſehr ſie dergleichen vornehme Geſellſchaft angreift.“— Bei der Rückfahrt nach der Stadt war Ekhof auf⸗ fallend ſtill und in ſich gekehrt und lächelte nur zuweilen in Sinnen verloren ſchmerzlich vor ſich hin. Erſt als — der Wagen, da es ſchon völlig dunkel war, vor dem kleinen Hauſe in der Heinoldsgaſſe hielt, der Jüngling ihm heraushalf und ihn dann die Treppe hinaufgeleitete, die er nur noch mit großer Beſchwerde erſteigen konnte, ſagte er in einem Tone, der es unentſchieden ließ, ob er's im Scherze oder Ernſt meinte: „Was Einem doch nicht Alles in der Welt paſſiren kann! Da iſt das gute Fränzchen nun ſchon eine Wittwe — ſogar, wie ihr bunter Staat ſchließen läßt, über das Trauerjahr hinaus, und ich lebe doch noch, wenn auch freilich armſelig genug!— Doch dieſen halben Kalender⸗ irrthum wollt' ich noch gelten laſſen! Aber was mochte ſie eigentlich damit gemeint haben, daß Betty nicht in's Kloſter gehen ſolle?“ „Ein Wahn, wie Alles, was wir heute von ihr ge⸗ „ ſehen haben,“ entgegnete Iffland, dem es jetzt klar wurde, was Ekhof die ganze Zeit über ſo nachdenklich gemacht hatte. „Wann hat man jemals gehört, daß ein italieniſcher Muſikus ein junges proteſtantiſches Mädchen in ein Kloſter entführen wollte?“ brach Jener wie unwill⸗ kührlich hetaus und verſuchte kaum mehr, dem Jüngling ſeine innere Unruhe zu verbergen. „Und wer um Gotteswillen hat der Kranken über⸗ — 137— haupt verrathen, daß Betty mir in der jüngſt verfloſſe⸗ nen Zeit dieſe ſchreckliche Sorge verurſacht hat, zwar nicht um des Kloſters, wohl aber, wie Sie wiſſen, um Oper und Ballet willen? Wenn Das Irrſinn iſt, ſo möcht' ich bei Gott wiſſen, was man den hellſehenden Blick in der Menſchenſeele nennen will!“ Nach dieſen in zitternder Bewegung ausgeſprochenen Worten ging er eine Zeitlang ſchweigend in ſeinem Stüb⸗ chen auf und ab und erſt durch Herrn Konrad's angſtvolle Unruhe gewann auch für Iffland's leicht erregbare Phan⸗ taſie das Ereigniß des heutigen Nachmittags mit Ein⸗ mal eine räthſelhafte Bedeutung.— Zwar wurde die Sache für jetzt nicht weiter mehr erwähnt; aber der Zwang, den ſich Beide anthun mußten, um nach dieſem wunderbaren Einblick in das dunkle Mhſterium des un⸗ erforſchten Seelenlebens wieder in eine mehr ruhige Stimmung hineinzukommen, war doch einem Zeden all⸗ zu fühlbar, als daß Ihre Unterhaltung den ſonſtigen unbefangenen Ton hätte gewinnen können. Selbſt als Ekhof auf die bevorſtehende Wieder⸗ holung des Hamlet zu ſprechen kam und beſtimmt er⸗ klärte, trotz ſeines leidenden Zuſtandes die Rolle des Geiſtes wieder übernehmen zu wollen, hallte die einmal angeſchlagene Saite einer dunklen Ahnung alle Augen⸗ blicke in ſeinen Worten wider und Alles, was er über dieſe Rolle und deren Bedentung für die übrige Hand⸗ lung des Stückes und beſonders die Charakterentwick⸗ lung Hamlet's ſagte, zeugte von dem tiefen Eindruck, den die heutige Scene mit ſeiner armen Frau in ihm zurück⸗ gelaſſen hatte. Unter Anderem ſagte er: „Ein Menſch, den ſo wie Hamlet der letzte, für unſere Phantaſie denkbare Schrecken überfällt, den das ſtumme Grab ſelber mit der Stimme des theueren Vaters anredet: ein ſolcher Menſch iſt überhaupt für das Leben auf dieſer Erde verdorben und man ſollte von Rechtswegen keine praktiſchen Verrichtungen, am wenig⸗ ſten aber eine entſchloſſene Heldenthat von ihm fordern. Denn wer kann einem ſolchen grauenhaften Räthſel der Ewigkeit mit jenem kalten Blute nachdenken, aus dem allein die That der Entſchloſſenheit, hier die Rache in der Maske des träumeriſchen Philoſophen, entſpringt— Wer kann überhaupt noch unter dieſer Sonne leben und athmen, dem der Moder der Todtengruft ſo zum inner⸗ ſten Hirn geſtiegen iſt? Aber für mich iſt und bleibt das wehklagende Königsgeſpenſt mit ſeinem unheimli⸗ chen Grabestremulo in meiner gegenwärtigen Stimmung und Lage die mir am Meiſten zuſagende Rolle. Bin ich doch ſelber ſeit geraumer Weile ſo ein hauſirendes — 139— Geſpenſt und es fällt mir immer leichter, mich als einen abgeſchiedenen Schatten anzuſehen, der nur noch auf Erden wandelt, weil er bei'm Sterben in ſeiner Zer⸗ ſtreutheit Dies und Jenes zu verrichten unterließ, wie in der Nicolaikirche zu Hamburg noch jetzt das Geſpenſt des alten Hauptpaſtors Schuppius umgehen ſoll, der ſeine in der Sakriſtei ſtehengelaſſene Schnupftabaks⸗ doſe ſucht.“ Hier trat Betty in's Zimmer, die eben von einem Beſuche in einer benachbarten Familie zurücktehrte. Dem jungen Hausfreund kam ſogleich ihr ganzes Weſen auf⸗ fallend erregt und unſicher vor; ihr Geſicht glühte und wiewohl ſie unbefangen und heiter erſcheinen wollte, machte ſie doch auf ihn den Eindruck, als ſei ihr etwas Ungewöhnliches begegnet, was ſie bei aller Mühe, die ſie ſich gab, nicht verbergen könne. Ja, ſogar ihre Stimme zitterte bei einem ganz gleichgültigen Geſpräch einigemal ſo hörbar, daß ſelbſt Ekhof ſie forſchend anſah und Iffland zuletzt ſonderbarerweiſe mit dem ganz gewiſſen Vorgefühle das Haus verließ, dieſem Mädchen ſei noch lange nicht zu trauen und wenn es ſelbſt erklärte, frei⸗ willig in's Kloſter gehen zu wollen!— Gerade in dieſen Tagen wurde die berühmte Sän⸗ gerin Mara aus Berlin zu Beſuche an dem herzoglichen — Hofe zu Gotha erwartet, wo ſie, wie bei früheren Ge⸗ legenheiten, in einem Hofconcert ſingen ſollte. Aus den größeren Städten der Nachbarſchaft, aus Weimar, Er⸗ furt und Leipzig, kamen auf beſondere Einladung des kunſtliebenden Fürſten angeſehene und bedeutende Per⸗ ſönlichkeiten in die Reſidenz, um an dieſem ſeltenen Kunſtgenuß Antheil zu nehmen; denn die Mara gehört zu haben, galt damals für das Höchſte, deſſen ſich der Freund von Muſik und Geſang rühmen konnte. Auch fehlte es nicht an ſpeculativen Theaterunternehmern, welche die Hoffnung herlockte, durch brillante Anträge die unvergleichliche Sängerin für ein Gaſtſpiel gewinnen zu können. Der Herzog, um ſeinen Gäſten auch noch nach einer andern, gleich würdigen Richtung hin einen ſelte⸗ nen Kunſtgenuß zu verſchaffen, hatte die Wiederholung des Hamlet befohlen, deſſen erſte Aufführung, bis auf den verhängnißvollen Perpendikel des alten Theater⸗ meiſters, einen ſo glänzenden Erfolg gehabt hatte. Und ein Name, wie Ekhof durfte wohl ſchon neben dem der Mara genannt werden; ja, was noch bedeutender in's Gewicht fiel, die Mara war eine fremde Künſtlerin, dazu nach der allerdings falſchen Meinung der Meiſten hochmüthig, anſpruchsvoll und empfindlich wie eine —— c Fürſtin; Ekhof aber, der ſchlichte beſcheidene Ekhof war der Stolz Gotha's, deſſen Bewohner bis herab zum geringſten Bürger ihn nur, unſern Ekhof“ nannten. Auch das Haus der Muſe von Gotha hatte in dieſen Tagen mehrere in der Theaterwelt angeſehene Gäſte von Außen bekommen und der Kunſtparoxysmus der Geheimeräthin erreichte ſeinen Höhepunkt, als die Mara endlich anlangte und ſich Ausſicht zeigte, daß die be⸗ rühmteſte Sängerin Europa's in einer Abendgeſellſchaft bei ihr erſcheinen und ſich vielleicht ſogar herablaſſen werde, eine ihrer himmliſchen Arien oder Cavatinen zu ſingen.— Dieſes, Vielleicht“ war die zitternde Spiral⸗ feder, um die ſich das ganze Leben im Lichtenſteiniſchen Hauſe bewegte und Alles in eine fieberhafte Spannung verſetzte, ſo daß die Geheimeräthin beſtändig zwei dun⸗ kelrothe Hautflecken unter den Augen hatte, die keine Schminke zu decken vermochte. Auch ihr Feſtivitäts⸗ Adjutant, der Kammerregiſtrator, war wie man zu ſagen pflegt„aus dem Häuschen,“ und vermochte nur noch in unartikulirten Schluchzertönen die zum Arrangement des glänzenden Feſtes nöthigen Befehle zu ertheilen. Da⸗ zwiſchen dichtete er beſtändig an einer poetiſchen Ehren⸗ rede in Alexandrinern zur Verherrlichung der Mara, konnte aber trotz ſeiner bewährten Virtuoſität in athem⸗ loſen Huldigungsphraſen vor lauter Angſtſchweiß und Aufwallungen zu keinem klaren Gedanken kommen, und gleich ſeinem Gaumen blieb auch ſeine poetiſche Inſpira⸗ tion trocken wie gegerbtes Hirſchleder!— Loſe Spötter behaupteten, er und die Geheimeräthin litten am Ma⸗ rasmus, ein Witz, den die guten Gothaer mit demſelben Behagen zum Butterbrod verzehrten, wie früher das durch Iffland's unübertreffliche vis cowica veranlaßte Mißverſtändniß an der Stammtafel in den„ drei Kronen“. In der That brannte faſt die Sonne des Ruhmes, den die Mara ausſtrahlte, allzu heiß und ver⸗ ſengend auf die Scheitel ihrer beiden Hauptverehrer; und die bekannte Guirlandenſucht der Geheimeräthin drohte der ganzen Flora der Reſidenz den Untergang. Für Iffland und ſeine Freunde gingen alle dieſe leb⸗ haften Aufregungen und neuen Erſcheinungen in dem ge⸗ ſellſchaftlichen Treiben der kleinen Reſidenz um deßwillen faſt ſpurlos vorüber, als die jungen Künſtlerf ich einander das Wort gegeben hatten, daß Jeder bei der bevorſtehen⸗ den zweiten Aufführung des Hamlet ſeine Rolle ſo vollendet, als er nur immer zu leiſten im Stande wäre, durchführen wolle. Beck als Hamlet, Iffland als Horatio und Beil als Polonius, wie hätten, ſolchen Auf⸗ gaben gegenüber, die begeiſterten Schüler eines Ekhof, denen Er den Weihekuß des eignen Genius auf die Stirne gedrückt, eine ſo feierliche Gelegenheit gleich⸗ gültig vorübergehen laſſen ſollen, um vor allen dieſen angeſehenen und bedeutenden Perſonen aus der Nähe und Ferne mit jener vollen Ehre zu beſtehen, die zwar ihr beſtes Bewußtſein in der eignen und der verwandten Künſtlerbruſt ſucht und findet, aber doch daneben auch dem Urtheil bewährter Richter mit einer erhöhten See⸗ lenſpannung entgegenſieht, die nur der Handwerker in der Kunſt belächelt oder gar verachtet!— Daher waren alle ihre Gedanken, ſoweit ſie nicht von der Sorge um Ekhof's Geſundheit abſorbirt wur⸗ den, in dieſen Tagen der allgemeinen Bewegung auf die ihnen geſtellte hohe Aufgabe gerichtet; ja, ſie hatten ſelbſt unter einander verabredet, daß ſie ihre täglichen Spaziergänge und heiteren Zuſammenkünfte mit den biederen Stammgäſten in den„drei Kronen“ einſtellen wollten bis zum Abend nach der Vorſtellung. Jeder wollte bis dahin nur ſeiner Rolle leben und in einſamer Vertiefung ſeines Geiſtes in dieſe größte aller Shakes⸗ peare'ſchen Dichtungen ſich auf den bedeutungsvollen Abend vorbereiten, wo ihr edler fürſtlicher Gönner ſie, die unbekannten Schüler eines großen Meiſters würdigte, mit dem glänzendſten Geſtirn am Himmel der deutſchen Kunſt um den Preis zu ringen, ja, wo es für ihre kunſt⸗ begeiſterten Herzen zu beweiſen galt, daß die Muſe Thalia die ebenbürtige göttliche Schweſter der von den Menſchen meiſt bevorzugten Polyhymnig ſei.— So hatte ſich Iffland eines Nachmittags in den einſamen Gängen des fürſtlichen Parks verloren, um hier ungeſtört an den dichtumbuſchten Ufern des ſchönen See's, welcher die reizendſte Partie der ſchönen Gartenanlage bildete, ſeiner Rolle nachzudenken. Da er ſich hier ganz einſam wußte, ſo deklamirte er zuwei⸗ len im Feuer der Begeiſterung, als ſtünde er ſchon im vollen Coſtüm des Horatio auf der Bühne, einzelne Reden, um in der ſtillen Natur noch einmal ihre Wir⸗ kung zu berechnen und die Wahrheit des Vortrags ſei⸗ nem Gedächtniß einzuprägen.— Da ſtörte ihn plötzlich das Geräuſch von Schritten in ſeinem lebhaften Pero⸗ riren, er hörte die Stimmen von nahenden Perſonen und bevor er noch Zeit fand, in einen Seitenpfad ein⸗ zubiegen, ſah er ſich zwei fremden Herren, einem älteren und einem jüngeren gegenüber, die nach ihrer reichen goldgeſtickten Kleidung zu ſchließen, zu den Gäſten der fürſtlichen Familie gehörten, welche in den letzten Tagen angelangt waren. Der Eine von ihnen, der Jüngere, war eine hagere — 145— Geſtalt, ſeine Geſichtsbildung deutete auf czechiſche Ab⸗ kunft; die bleichen ſcharfen Züge, der melancholiſche Blickſeiner ſchleierhaft umzogenen Augen mit auffallend ſchönen glänzenden Wimpern und das von langen ſchwar⸗ zen Locken umwallte Haupt ließen den Repräſentanten irgend einer Kunſt in ihm errathen, was man von ſeinem Begleiter nicht mit der nämlichen Gewißheit vermuthen konnte. Denn wenn auch deſſen äußere Erſcheinung gleichfalls den Mann von Stand und Bildung verrieth, ſo war doch, was ſie bedeutſam und vielleicht ſelbſt noch bedeutſamer als die des Andern machte, nicht das fein⸗ geiſtige Gepräge, welches die Kunſt ihrem Jünger auf⸗ zudrücken pflegt; viel eher ſchien dieſes merkwürdige Geſicht einem ſchlauen Diplomaten anzugehören, den die Natur gerade nicht verſchwenderiſch mit äußeren Vorzügen ausgeſtattet hat. Seine Züge und der gelb⸗ liche Teint ſeines Geſichtes ließen den Italiener ſogleich errathen; der Blick ſeiner ſchwarzen Augen hatte einen unruhig ſtechenden Glanz und der unvortheilhafte Wuchs ſeiner an der rechten Schulter ſchiefgezogenen kleinen Figur von derbem Knochenbau entging kaum durch die Kunſt des Schneiders dem Prädikat: Mißgeſtalt. Ein ungemein frivoler und herzloſer Zug um die ſchmglen Lippen zeugte von ebenſo großer Menſchenverachtung Müller, Ekhof. II. 10 — 146— als kaltem Egvismus, und der Totaleindruck ſeiner Per⸗ ſönlichkeit war der des gewandten Routiniers, welcher ſich zwar mit Sicherheit in den höheren Sphären der Geſellſchaft zu bewegen weiß, aber gewiß einen großen Theil ſeiner Vergangenheit in untergeordneten Verhält⸗ niſſen hingebracht hat, wo er vielleicht ſogar mit Elementen des Lebens in Berührung kam, die Nichts mit einer ariſtokratiſchen Stellung in der Welt gemein haben. Mit der intereſſanten geiſtvollen Künſtlerer⸗ ſcheinung an ſeiner Seite verglichen, hätte man dieſe für einen berühmten Maler aus Florenz, ihn ſelbſt aber für einen ſchlauen, reichen Kunſthändler aus Bergamo hal⸗ ten können, der eben im Begriffe ſtehe, mit Jenem über den Kauf eines neuen Bildes um viele tauſend Ducaten zu unterhandeln. So lebhaft wenigſtens und ganz der kaufmänniſchen Manier entſprechend waren die Geſten und Handbewegungen, womit der Alte in ſeinen meiſt ſchweigſam und wie zerſtreut neben ihm herſchreitenden Begleiter hineinredete, wobei er dieſen ſogar mehrmals im Eifer des Geſpräches am Arme feſthielt und nach ſeiner Hand griff, als wolle er den Widerſtrebenden faſt mit Gewalt zum letzten Zuſchlag drängen.— Da Beide Italieniſch redeten, konnte Iffland Nichts von dem Ge⸗ genſtand ihrer Unterhaltung verſtehen; zur Seite tretend, — — 147— grüßte er die Fremden ehrerbietig, aber nur der Eine von ihnen, in dem wir einen Künſtler vermuthen, er⸗ wiederte die Begrüßung des jungen Mannes, ohne den Hut zu ziehen, mit einem vornehm nachläſſigen Kopf⸗ nicken, während der Schiefgewachſene ihn nur von der Seite mit einem ſtechenden Blick ſtreifte und von ſeinem Gruße nicht einmal Notiz nahm. Dennoch war es nicht dieſer offenbare Mangel an aller Höflichkeit der beiden, dem Aeußeren nach dem vornehmen Stande angehörenden Herren, was unſern Freund auf's Höchſte frappirte, ſo daß er ihnen wie an den Boden gewurzelt nachſtarrte; über der Erſcheinung des Einen, welcher ihn gar nicht gegrüßt hatte, vergaß er ſogar noch die größere Beleidigung des Andern, ihm mit dem Hut auf dem Kopfe wie einem Stallknecht zuzunicken, ihm, der ſich noch wenige Augenblicke zuvor als den ritterlichen Freund des däniſchen Thronerben gefühlt hatte! Was aber eigentlich dieſen überraſchenden, ja er⸗ ſtarrenden Eindruck beim Anblick des alten mißgeſtal⸗ tenen Italieners auf ihn gemacht habe, dieſe Frage ver⸗ drängte faſt noch unter dem erſten Schrecken jede an⸗ dere Empfindung in ihm und mit Einmal wußte er ganz beſtimmt, daß Dieſer und kein Anderer der unheimliche 10* Italiener geweſen ſei, den die geiſteskranke Frau Ekhof neulich im Pfarrgarten zu Sundhauſen mit noch anderen vornehmen Gäſten bei ſich empfangen hatte. Zwar währte der geſpenſtiſche Eindruck nur ſo lange, als er Augenblicke brauchte, um dieſe abenteuerliche Ideenver⸗ knüpfung zwiſchen der Viſion einer Jrrſinnigen und einem Weſen der Wirklichkeit für ebenſo wider⸗ natürlich als lächerlich zu erklären und in Folge davon über dieſe„optiſche Täuſchung“ ſeiner Einbil⸗ dungskraft ſogar in ein ſchallendes Gelächter auszu⸗ brechen; aber er mußte doch erſt noch einigemal herzhaft auflachen, bevor er den ſchiefgewachſenen Italiener der Frau Ekhof mit dem dolchartigen ſpitzen Blick und ſeinen Mann, wie er da eben in der nämlichen fatalen Erſcheinung gleichſam als verkörperter Doppelgänger einer geſpenſtiſchen Phantaſiegeburt an ihm vorüberge⸗ wandelt war, wieder auseinanderbringen konnte. Auf dem Grund ſeiner Seele blieb noch lange ein unheim⸗ liches Gefühl zurück, als wenn ihm ein Stück Hamlet'⸗ ſcher Metaphyſik wie ein fremder Tropfen in's Blut gefallen wäre. „Denn warum,“ ſo fragte er ſich in einer zwiſchen dunklem Humor und kecker Laune getheilten Stimmung, „warum ſollte nicht auch einmal der umgekehrte Fall — 149— eintreten und ein Bewohner der überſinnlichen Welt ſich zur Menſchengeſtalt von Fleiſch und Blut verkör⸗ pern? Kann nicht, was eine geſtörte Seele mit ihren Augen ſieht, ebenſo gut ein geſunder Sinn in der näm⸗ lichen Erſcheinung erkennen? Wenn es ein Geiſterreich gibt, wie es eine irdiſche Welt gibt, ſind nicht vielleicht dieſelben Geſtalten, dieſelben ſchönen und unholden Er⸗ ſcheinungen wie hier auch dort vorhanden; ja, hat nicht vielleicht jeder telluriſche Menſch, der heute Abend ge⸗ müthlich im Freundeskreis ſeinen Krug Bier leert und dazu echten Virginia raucht, dort oben oder dort unten oder ſonſt irgendwo in dem lichtloſen Raume, wo die Geſpenſter hauſen, ſeinen Grau in Grau gemalten Spiegelſchatten?— Gibt es doch auch Luftſpiegelungen, die uns weit entfernte, für unſeren Sehnerv unerreich⸗ bare Städte und Landſchaften ſo nahe rücken, daß wir jeden Baum, jede Mauerzinne unterſcheiden können; warum ſollte nicht auch eine entfernte Menſchengeſtalt ſich in gleich unerklärlicher Weiſe dem inneren Sinne darſtellen?— Der alte Italiener, den Frau Ekhof im Wahne ſah, warum könnte er nicht irgendwo in der Wirklichkeit exiſtiren? Gehörte ja doch auch ihr an⸗ derer vornehmer Beſuch, der auf den leeren Stühlen unter dem Apfelbaum ſaß, der menſchlichen Geſellſchaft . — 150— an und blos der eine verwachſene Italiener, der ſie durch den ſpitzen dolchartigen Blick ſeiner kohlſchwarzen Augen beunruhigte, er allein ſollte eine Fiction ihres Irrſinns ſein?“ „Holla, Freund Horativ, wohin verirren wir uns mit unſeren halbgaren Speculationen?“ rief Iffland und ſuchte ſich mit Gewalt ſolchen und ähnlichen Grü⸗ beleien zu entreißen.„In's Kloſter zum wenigſten wird dieſer alte grobe Maccaroni-Eſſer gewiß kein junges lebensluſtiges Mädchen entführen; viel eher ſieht er mir danach aus, als wenn er ſich vortrefflich darauf verſtünde, eine leichtfertige Schöne irgend einem vor⸗ nehmen Herrn in's Garn zu jagen, ſo eine Art Mari⸗ nelli, der ſich das Gewiſſen längſt an den Schuhſohlen abgetreten hat!— Aber wiſſen will ich doch, wer die beiden, ſo überaus höflichen Herren waren, welchem Stand, welchem Metier ſie angehören und was ſie hierher führt.“ Mit dieſem Vorſatz, den er unwillkührlich mit einer nochmaligen lauten Verwünſchung über ſeine abenteuer⸗ liche Reflexionsſucht begleitete, eilte er durch die ver⸗ ſchlungenen Pfade des herzoglichen Gartens dem Aus⸗ gange zu und kam eben an die hintere große Terraſſe des Schloſſes, da wo von dieſer in leichtem Abhange zwei ſchöne breite Wege zur Auf⸗ und Abfahrt nach den Gar⸗ tenanlagen herunterführen, als auf der Avenue vor dem Schloſſe mehrere herrſchaftliche Wagen hielten, welche die fürſtliche Familie und einen Theil ihrer Gäſte zum Genuß des ſchönen Sommerabends hinauf nach dem herrlichen Seeberg führen ſollten. Herren und Damen ſtiegen nach einander ein und mit Windeseile rollten die Wagen davon; zuletzt kam der Herzog mit ſeiner Ge⸗ mahlin und der gefeierten Sängerin aus Berlin, der berühmten Schülerin des großen Geſanglehrers Por⸗ pora, den die Italiener den„Patriarchen der Melodie“ nennen. Die Mara, damals am Ausgange der zwan⸗ ziger Jahre, war eine unanſehnliche magere Geſtalt und körperlich ungemein vernachläſſigt. Niemand hätte in ihr die große dramatiſche Künſtlerin vermuthet; auch konnte Iffland von ihrem Geſichte Nichts ſehen, da ſie eines Augenleidens halber mehrere dichte Schleier vor⸗ hatte—„eine geblendete Nachtigall, die darum noch einmal ſo himmliſch ſingt,“ wie die damaligen Kunſt⸗ enthuſiaſten von der Nebenbuhlerin der Mingotti und Corona Schröter ſchwärmten. Der Herzog erwiederte mit Handgruß im Vorüber⸗ fahren freundlich die ehrfurchtsvolle Verbeugung ſeines jungen talentvollen Schauſpielers; und auch die Frau Herzogin nickte ihm wie eine liebreiche Landesmutter, die alle ihre Kinder kennt, gütig zu. Als der Wagen vorbeigefahren war, ſah ſich Iffland unter den vor dem Schloßportal zurückgebliebenen Hof⸗ bedienten nach einem bekannten Geſichte um, und als er den Kammerdiener der Herzogin erblickte, ging er auf dieſen zu und bat ihn, ihm doch zu ſagen, wer die beiden Herren geweſen ſeien, die vorhin unten am See in den Anlagen geluſtwandelt wären. Kaum hatte er angefangen, das Aeußere der Fremden zu beſchreiben, ſo rief Jener lebhaft: „Ei, Herr Iffland, den Einen von dieſen Herren ſollten Sie doch zum wenigſten kennen, denn es gibt wohl kein Theater in Europa, wo man ihn nicht kennt: Herr Bondini aus Mailand, der Director des Thea⸗ ters zu Dresden, welcher geſtern auf Einladung Seiner Durchlaucht hier angelangt iſt und dort oben im dritten Stock des weſtlichen Flügels die beiden Zimmer be⸗ wohnt, deren Fenſter Sie geöffnet ſehen. Man mun⸗ kelt, der Kurfürſt von Sachſen, bei dem er in großen Gnaden ſteht, habe ihn beauftragt, Madame Mara um jeden Preis zu einem Gaſtſpiel in Dresden zu engagiren, und darüber mögen wohl die beiden Herren unten im Schloßgarten vorhin ſo angelegentlich geſprochen haben; denn der Andere iſt der Gemahl unſerer berühmten Sängerin, der königlich preußiſche Violoncelliſt, Herr Mara aus Berlin.“ Als hätte ihm der alte Kammerdiener, Gott weiß, welche neueſte komiſche Hofgeſchichte mitgetheilt, konnte ſich Iffland nicht enthalten, bei dieſer ihm er⸗ theilten Auskunft laut aufzulachen, ſo daß ihn Jener verwundert fragte, was ihn ſo ſehr an den beiden Herrn beluſtigt habe, da doch Herr Mara von ſehr ernſter Natur zu ſein ſcheine?— Unſer Jüngling aber konnte und mochte dem freundlichen Alten die Urſache ſeiner großen Heiterkeit nicht mittheilen; er hätte ihm ja ſonſt ſagen müſſen, daß er im Grunde nur über ſich ſelber lache, über ſeinen Irrthum, einen in der ganzen Theaterwelt wegen ſeiner Eitelkeit und Beſchränktheit bekannten Entrepreneur und Glücksritter für eine dämoniſche Er⸗ ſcheinung gehalten zu haben!— Denn in der That wur⸗ den von dieſem Herrn Bondini, dem derzeitigen Director der großen italieniſchen Oper zu Dresden, und von ſeiner grenzenloſen Unwiſſenheit in Allem, was die Kunſt betraf, welcher er doch ſeine brillante Stellung verdankte, die ergötzlichſten Anekdoten erzählt. Der große Mann, den ein deutſcher Hof trotz Alledem pro⸗ tegirte, ſprach zum Beiſpiel ein ſo claſſiſches Deutſch, —— daß er ſtatt„Liebhaber“ immer„Haberlieb“ ſagte; und dieſer Vorſteher einer der erſten deutſ chen Hofbühnen wollte einen neuen Künſtler von Ruf nur dann enga⸗ giren, wenn ihm die Kleider des Abgegangenen paßten! Dieſer„Hechelkrämer“ in der Kunſt*) ließ unter Anderem den jungen vielverheißenden Schauſpieler Fleck mit echt welſchem Scharfblick in die Tiefe einer deut⸗ ſchen Künſtlernatur mit der Erklärung ziehen:„Herr Fleck geht ab erſt in drei Monat, bis dahin kann man ſchon bekommen eine andere Fleck. Er muß aber paß in die Kleid von Monſieur Schütz.“— Und in dieſem abgeſchmackteſten aller Theaterun⸗ ternehmer, noch obendrein berüchtigt durch ſeinen fabel⸗ haften Geiz, hatte unſer junger Freund einen zweiten Marinelli erblickt, hatte ſich ſeinetwegen in ſchauerliche metaphyſiſche Combinationen vertieft und war nahe daran geweſen, bei dem Hauptrepräſentanten der dama⸗ ligen deutſchen Th eatermiſere an das ſichtbare Herein⸗ ragen der Geiſterwelt in unſer 6 Menſchen⸗ leben zu glauben! Die Fronie, welche er bei dieſer, wie bei jeder ähn⸗ *) So nennt ihr Ed. Devrient in ſeiner trefflichen Geſchichte der deutſchen Schauſpielkunſt. — lichen Gelegenheit, wo ihm ſein Fatalismus oder ſein Mangel an Lebenserfahrung einen ſolchen Streich ſpielten, gegen ſich ſelbſt kehrte, war ſchuld, daß er dar⸗ über den wirklich richtigen Eindruck vergaß, den er von der erſten Erſcheinung Bondini's erhalten hatte, den Eindruck einer ganz untergeordneten zudringlichen Per⸗ ſönlichkeit, welche ſogar mit einem gewiſſen Anſpruch von Berechtigung ein höheres Kunſtintereſſe in die nie⸗ dere Sphäre der gewinnſüchtigen Handelsſpeculation herabzieht und ganz gewiß noch ungleich rückſichtsloſer und dreiſter auftritt, wo es nicht mit einer ſo imponi⸗ renden Größe zu unterhandeln gilt, wie die der Mara war!— Ueber der vielverlachten Spottgeſtalt Bondini's war der unheimliche alte Italiener der geiſteskranken Frau im Pfarrhauſe zu Sundhauſen ganz und gar aus Iffland's Gedächtniß verſchwunden; ja, er fand ſein ſupernaturaliſtiſches Abenteuer ſo beluſtigend, daß er es noch am nämlichen Tage den Freunden mittheilte und ſie aufforderte, unbeſchadet ihrer eifrigen Studien, mit ihm einige Krüge Weizenbier auf die Geſundheit des dämoniſchen Signore Bondini aus Dresden zu leeren, auf daß, ſollten ſie dereinſt von demſelben für ſeine Bühne engagirt werden, ſie alle Drei paſſen möchten „in die Kleid von Monſieur Schütz!“— — 156— Unter allen Perſonen, welche die Anweſenheit der Marg und die dadurch in den Gemüthern der kunſtlie⸗ benden Reſidenz verurſachte Aufregung in Feuer und Flamme verſetzte, war es nächſt der Geheimeräthin ge⸗ wiß zumeiſt deren ſchöner Schützling Betty Steinbre⸗ cher, welche davon in einer Weiſe elektriſirt wurde, daß ſie Eſſen und Trinken, ja ſelbſt ihre eifrigen Geſangs⸗ übungen darüber vergaß und für Richts mehr Sinn und Gedanken hatte, als für die berühmte Sängerin aus Berlin und die ihr dargebrachten Huldigungen. Zum Erſtenmal in ihrem jungen Leben ſah ſie hier ihr Ideal von der glänzenden Exiſtenz einer gefeierten Künſtlerin verwirklicht; ſie erlebte es mit, wie die große Opern⸗ ſängerin von den erſten Perſonen des Landes venerirt wurde; ſah, wie der Hof ſie mit Ehren und Aufmerk⸗ ſamkeit überhäufte, ja, wie der Fürſt und die Fürſtin ſelber mit ihr wie mit Ihresgleichen ver⸗ kehrten: lauter Eindrücke von ſo blendendem Reiz für das ehrgeizige Mädchen, daß ſie nirgends mehr Ruhe fand und nach allen Orten und Gelegenheiten hinlief, wo ſie die Mara zu ſehen und Zeugin ihrer Triumphe zu ſein hoffen durfte. Dann wieder entwarf ſie die abenteuerlichſten Pläne, wie ſie bis zur großen Sängerin ſelbſt gelangen und dieſe für ſich einnehmen wolle; und — 157— zuletzt bildete ſie ſich in ihrer Eitelkeit allen Ernſtes ein, die Mara brauche ſie nurzu ſehen und ihr vielverheißen⸗ des Talent kennen zu lernen, ſo werde ihr dieſelbe wie eine hülfreiche Fee beiſpringen, werde ſie mit ſich nach Verlin nehmen und ſie gleichfalls zur großen Sängerin ausbilden. Mit bebendem Herzen hörte ſie von ihrem Geſang⸗ lehrer, welche feſtlichen Vorkehrungen im Hauſe der Geheimeräthin getroffen würden, um den Abend, an welchem die Mara dort erſcheinen werde, ſo glänzend als möglich zu machen; ach, in dem nämlichen Hauſe, wo ſie zuerſt den Glanz der vornehmen Welt kennen gelernt, zuerſt die Süßigkeit geſchmeckt hatte, ſich be⸗ wundert und gefeiert zu ſehen! Kaum vermochte ſie die Thränen zurückzuhalten bei dem Gedanken, daß ſie ohne ihre ſchlimme leichtfertige Aufführung—— ach nein, ohne Ekhof's griesgrämigen tyranniſchen Eigenwillen und ſeinen, allen heiteren Freuden des Lebens abge⸗ ſtorbenen, menſchenfeindlichen Sinn dort heute noch ebenſo gut als früher wie das Kind vom Hauſe hätte gelten können, wo ſie dann gewiß bei dem bevorſtehen⸗ den herrlichen Feſte die berühmte Sängerin perſönlich kennen gelernt hätte, um, wer weiß wie ſchnell, ihre Gunſt zu gewinnen und unter ihrem mächtigen Beiſtand — 158— alles Dasjenige leicht und mühelos zu erreichen, was ſie nun wohl niemals, oder doch erſt nach ſchweren Kämpfen und Anſtrengungen gewinnen werde. Mit glühenden Farben malte ſich ihre Einbildungs⸗ kraft das dort für ſie zu gewinnende Glück aus, wenn ſie ſich die Möglichkeit d dachte, an jenem Feſte Antheil nehmen zu dürfen; wozu freilich, ſoweit Ekhof's Ein⸗ willigung dabei vorausgeſetzt werden mußte, für ſie nicht die mindeſte Ausſicht vorhanden war. Dagegen ſchimmerte ein anderer Hoffnungsſtrahl immer magiſcher und glückverheißender in ihre dunkle Gegenwart und zuletzt konnte ſie ſeinem verlockenden Zauberſchein nicht länger mehr widerſtehen. Sie be⸗ ſchloß ihm zu folgen und ſollte ſie auch das Aeußerſte dabei riskiren. Damit hatte es folgende Bewandtniß, die wir in der Kürze angeben wollen. An jenem Abende, da ſie bei ihrer Rückkehr nach Hauſe dem gerade bei ihrem Pflegevater anweſenden Iffland durch die Aufregung und Unruhe ihres Weſens ſogleich aufgefallen war, hatte es der Zufall, dieſer willkommene Schutzgeiſt für Alle, welche verbotene Wege wandeln, gewollt, daß ſie bei einem einſamen — 159— Spaziergang vor dem Siebleber Thore gerade an dem. ſchönen großen Garten der Geheimeräthin vorüberging, als dieſe dort anweſend war und eben gleichfalls nach Hauſe zurückkehren wollte. Seit ihrer durch Ekhof's ſtrenges Machtgebot ver⸗ fügten Verbannung aus dem Lichtenſteiniſchen Hauſe hatte ſie die Geheimeräthin nicht wieder geſehen, Beide umarmten ſich daher auf's Zärtlichſte und unter ſchwär⸗ meriſchen Herzensergießungen, theils über den Verluſt der theuerſten Freundin, theils über den unerträglichen Druck einer grauſamen Thrannei erneuten ſie den Bund ihrer Herzen, den Frau Sidonie noch durch die Er⸗ klärung bekräftigte, Betth ſolle ihr nur vertrauen und ſtandhaft wie ſeither bei dem mürriſchen Ekhof aus⸗ harren; ſie werde nicht ruhen noch raſten, bis ſie ihr ſüßes anderes Ich ſeinem dermaligen traurigen Looſe entriſſen und ihm zu einer, ſeiner Schönheit und ſeinem Talente würdigen Stellung in der Welt verholfen haben würde. Nur dürfe ſie ſich niemals darüber mit Ekhof brouilliren; ſondern Alles, was künftig zu Betth's Heile geſchähe, müſſe von dieſer wie aus eigner freier Ent⸗ ſchließung ausgeführt werden, ſelbſt wenn ſie eines Tages, der Stimme ihres Genins folgend, aus Gotha heimlich verſchwinden ſollte, um an einer auswärtigen — 160— Bühne als neues glänzendes Geſtirn der Kunſt wieder zu erſcheinen. Welche Muſik war dies nicht für das eitle ehrgei⸗ zige Mädchen!— Sie verſprach Alles, betheuerte Alles, was die Geheimeräthin von ihr haben wollte, und kehrte dann mit dieſem neuen Verrath in der Bruſt nach Hauſe zurück, um in Geduld auf den Tag ihrer Erlöſung zu warten. Und jene glänzende Verheißung der Freundin war es, welche jetzt, wo die Anweſenheit der Mara in Gotha Alles, und ganz beſonders das ſtürmiſche Blut der jun⸗ gen Ehrgeizigen in unruhvolle Bewegung verſetzte, wie ein Hoffnungsſtrahl in die bald zaghaft verzweifelnde, bald von den abentenerlichſten Plänen erfüllte Seele Betty's fiel. Bei ihrer Freundſchaft wollte ſie die Ge⸗ heimeräthin beſchwören, ſie der berühmten Sängerin vorzuſtellen und ſelber allen ihren Einfluß bei dieſer aufzubieten, damit die Mara ſich ihrer annehme und mit dem Glanze ihres Ruhmes die That des ſchwär⸗ zeſten Undanks verdecken möge, die ſie gegen den Beſten der Menſchen auszuführen ebenſo treulos als feſt ent⸗ ſchloſſen war. Zwar kam ihr der letztere Gedanke nur in einer Anwandlung von Angſt und Beſchämung über das Urtheil der Welt, einer ſolchen unnatürlichen Hand⸗ lungsweiſe gegenüber; auch mochte vielleicht das Schickſal ihres, ſeit ſeiner Entfernung gänzlich verſchollenen Bruders Stephan ihr eine flüchtige Sorge bereiten, es werde, wie ihre That, ſo auch deren unſelige Folge die gleiche ſein; aber jener Gedanke kam ihr doch ſo ſehr zur Unzeit, daß ſie noch einen ganzen Tag brauchte, bevor ſie ſich darüber klar wurde, wie ſie die Geheime⸗ räthin zu dieſem gewagten Schritte bewegen und be⸗ ſtürmen wolle, die nämliche Frau, die doch den erſten unheilvollen Funken in die junge ehrgeizige Seele geworfen hatte. Sie wußte es aus dem Munde des Arztes ſelber, daß Ekhof krank, ja vielleicht noch kränker ſei, als es den äußeren Anſchein habe; ſie ſah es an den bedenk⸗ lichen Mienen Derer, die in's Haus kamen, wie ſehr Alle um ihn beſorgt waren; die treue Pflege ſeiner Schüler konnte ihr ſo wenig entgehen, als die weh⸗ müthige Rührung, womit Herr Konrad dieſelbe an⸗ nahm; und dennoch— dennoch ſollte auch dieſes prophetiſche Wort Ekhof's in Erfüllung gehen, daß dem ſchönen Kinde unglücklicher Wanderkomödianten zum Engel in Menſchengeſtalt nichts weiter fehle, als Müller, Ekhof. II. 11 die Seele, die reine, unſchuldvolle, treue Seele, die ſchon vor dem bloßen Hauche einer Lüge zuſammen⸗ ſchauert. Der Geiſt im Hamlet. Das erſte Kammerconcert, in welchem die Mara, unterſtützt von den bedeutendſten Geſangskräften der Reſidenz und der Hofbühne, ſowie von der vorzüglichen herzoglichen Hofkapelle, auftrat und worin ſie durch ihren Vortrag von Compoſitionen Haſſe's, Graun's und Per⸗ goleſe's die ganze Verſammlung in Entzücken und ſchwär⸗ meriſche Ekſtaſe verſetzte, war, auch abgeſehen von der Mitwirkung der unvergleichlichen Sängerin, noch um eines anderen äußeren Umſtandes willen eines der merk⸗ würdigſten, die man jemals geſehen hatte. Da nämlich das Augenleiden des berühmten Gaſtes keinen hellerleuchteten Saal erlaubte, ſo hatte man die Vorſicht gebraucht, den Zuhörerraum nur durch Lam⸗ pions von mattgeſchliffenem Milchglas zu erhellen, was im Vereine mit der glänzenden hochanſehnlichen Ver⸗ ſammlung in den brillanteſten Toiletten eine ganz neue, S . ungemein magiſche Wirkung hervorbrachte. Dieſe wurde noch erhöht durch die Erſcheinung der Sängerin ſelbſt, welche ihrer leidenden Augen halber auf eine ebenſo eigenthümliche als ſinnreiche Auskunft verfallen war, indem ſie das idealiſche Coſtüme einer indiſchen Prieſterin wählte, die, ſo oft ſie dem Allerheiligſten naht, um die Stirne eine ſilbergeſtickte Florbinde legt, welche die Augen faſt ganz bedeckt, um anzudeuten, daß ſelbſt der geweihten Prieſterin nicht erlaubt iſt, der Gottheit in's Antlitz zu blicken, vor deren überirdiſchem Glanze ſie ſogleich erblinden müßte. Dieſe wunderſame fremdartige Kleidung, dazu das magiſche Halbdunkel, welches die von weißen Gewän⸗ dern umwallte Geſtalt nur undeutlich erkennen ließ, dazu die geiſterhafte Dämmerung, in die der ganze weite Saal gehüllt war, machte auf alle Anweſenden einen unbeſchreiblich tiefen, ja religiöſen Eindruck, und verlieh dem himmliſchen Geſang der Mara eine Wir⸗ kung, wie ſie noch keine Menſchenſtimme auf athemlos lauſchende Hörer hervorgebracht hatte.— Man applau⸗ dirte nicht, man ſpendete keine Blumen, keine Kränze, die feierliche Stimmung der Verſammlung erlaubte keine ſolche äußere Ovationen, und als das Concert zu Ende war, blieben die Zuhörer noch eine Zeitlang wie 11* — 164— gefeſſelt von dem übermächtigen Eindruck dieſes erha⸗ benen Kunſtgenuſſes auf ihren Stühlen ſitzen, bis der Herzog ſich erhob und die Herzogin Angeſichts Aller die Künſtlerin umarmte, deren einzige, unerreichbare, alle Herzen wie mit einem Zauber umſtrickende Geſan⸗ gesgröße einer ihrer enthuſiaſ ſtiſchen Zeitgenoſſen durch das artige Wortſpiel charakteriſirt hat:„Die Mara, das Mährchen der Erde.“— Zwiſchen dieſem, allen Beſuchern des Concertes unvergeßlichen Abend und jenem der Hamletsauffüh⸗ rung liegt etwa ein Zeitraum vdn acht Tagen, welchen wir als den verhängnißvollen Wendepunkt in Betty's jungem leichtfinnigem Leben bezeichnen können; jene Zeit, in der ſie die Geheimeräthin wiederholt beſtürmte, die Mara und deren Gemahl zu bewegen, ſie mit nach Berlin zu nehmen und ihr an der dortigen Hofbühne ein Engagement für Anfangsrollen auszuwirken. Aber ſo wenig auch die protectionswüthige Dame unter anderen Verhältniſſen dieſem romantiſchen Plane ihres Schützlings abhold geweſen ſein möchte, regte ſich doch im Grunde ihres Herzens mehr als ein Bedenken gegen deſſen Ausführbarkeit; ſelbſt wenn ſie nicht gerade in dieſen Tagen durch die bitterſte Enttäuſchung ihres thatenreichen Lebens in eine Stimmung verſetzt worden — 165— wäre, die ihr Alles, ſogar ihre Freude am Protegiren und Schickſalsſpielen verleidete!— Denn die Mara hatte freundlich, aber entſchieden ihre Einladung zu der beab⸗ ſichtigten großen Soiree eben ihres Augenleidens halber abgelehnt, die alſo folgerichtig ganz unterblieb; und der Geheimerath war ein viel zu ökonomiſcher Haushälter, konnte ſich auch vielleicht die kleine Revanche nicht ver⸗ ſagen, bei dieſer Gelegenheit ſeiner oſtentationsſüchtigen Gemahlin eine namhafte Summe auf Groſchen und Pfennige vorzurechnen, die ſie dieſe gründliche Heilung vom Marasmus gekoſtet habe; während der Gärtner ihres wunderſchönen großen Gartens wuthknirſchend die Wagenladung von bereits angefertigten Guirlanden auf den Compoſthaufen beförderte und über die Ver⸗ wüſtung ſeiner Treibhäuſer, ſeiner herrlichen Blumen⸗ rabatten und Nelkenſtänder wehklagte. Erſt die ſtürmiſchen Bitten Betty's, mit der ſie eine mehrſtündige Zuſammenkunft in ihrem Gartenſalon hatte, brachten nach und nach wieder Energie und Thä⸗ tigkeit in das wie gelähmte Protections⸗Organ der Ge⸗ heimeräthin, deſſen Sitz die Phrenologen bekanntlich auf einen kleinen Schädelbuckel hinter'm linken Ohr, unmit⸗ telbar neben den Thätigkeitstrieb, verlegen.— Mit Ge⸗ walt raffte ſie ſich aus ihrem Hinbrüten zu neuen — 65 heroiſchen Thaten auf, denn Etwas mußte ſie ja doch beſtändig zu ſpinnen und zu ſchürzen haben, was ihre Seele in geſteigerte Agitation verſetzte und ihre Nerven wohlthätig afficirte. Aber wegen Betty's mit der Mara anzubinden und dieſe ebenſo zart⸗ als hochſinnige Frau, die, was ſtrenge Rechtlichkeit und Nobleſſe der Geſinnung anbelangte, vielleicht die unterſte Rangſtufe unter den damaligen Primadonnen Deutſchlands einnahm, in das feine Ge⸗ winde ihrer liſtigen Anſchläge hineinzuziehen, das wagte Frau Sidonie denn doch nicht, auch wenn ihr die Ver⸗ ſuchung dazu unter den Nägeln brannte.— Sie kannte die unglückliche Lebensgeſchichte dieſer ſeltenen Künſt⸗ lerin, wußte, wie viel dieſelbe durch fremde Intriguen ſchon zu leiden gehabt hatte und fürchtete darum mit Recht die ſtolze Herbigkeit einer Natur, welche von den großen und kleinen Cabalen des Eigennutzes an ſich ſelber ſo viele blaue Wundenmaale trug. Endlich gelang es ihrer Ueberredungskunſt, auch Betty von dem Vergeblichen ihrer Hoffnung, ſoweit dieſe das Luftſchloß ihrer Wünſche auf den Beiſtand der berühmten Sängerin aus Berlin gebaut hatte, zu überzeugen; dagegen reifte noch unter dem verſengenden Brand von der ihr durch die Mara bereiteten Demi⸗ thigung in dem erfinderiſchen Kopf der raſtloſen Gehei⸗ meräthin ein anderer Plan von ungleich praktiſcherem Lebensverſtändniß, ungleich ſicherer Perſpective; ein Plan, zu deſſen Ausführung es in der That nur eines ſo großen Leichtſinns und einer ſo eifrigen Gönnerſchaft bedurfte, um Betty das Ziel ihrer Wünſche erreichen zu laſſen. Der Theater-Impreſario Bondini aus Dresden war der Mann, auf welchen die Muſe von Gotha ihr Angenmerk richtete, den ſie für die geeignete Perſönlich⸗ keit hielt, um nicht blos ihren geliebten Schützling ſeinen jetzigen traurigen Verhältniſſen zu entreißen, ſondern demſelben auch durch alle jene Mittel, die nur ein Impre⸗ ſario kennt und nicht verſchmäht, ſchnell zu einem be⸗ dentenden Lüſtre in der Kunſtwelt zu verhelfen. Auch ihm war die Mara unhold begegnet, hatte der zwiſchen ihm und ihrem gewinnſüchtigen Manne bereits ſo gut wie abgeſchloſſenen Uebereinkunft zu einem Gaſtſpiel in Dresden, trotz der brillanteſten Anträge, ſchließlich ihre Zuſtimmung verſagt und einfach erklärt, ſie ſinge weder dem Kunfürſten von Sachſen für Geld, noch der Geheimeräthin von Lichtenſtein für Mandel— torten— alſo Grund genug für den ſo bitter enttäuſch⸗ ten Bondini, wollte er nicht ganz unverrichteter Sache —— S an den kurfürſtlichen Hof zurückkehren, ſich nach einem anderen„Fang“ umzuthun, womit er das Scheitern ſeiner Miſſion nach Gotha wenigſtens einigermaßen maskiren konnte. Und gewiß mußte es noch immer für ein Zeugniß ſeiner diplomatiſchen Gewandtheit gelten, wenn er, nach⸗ dem ihm der Stern erſter Größe am Himmel der deut⸗ ſchen Kunſt ſo wenig huldvoll gelächelt hatte, mit einem von ihm ſelbſt entdeckten, durch ihn erſt der ſeitherigen Dunkelheit entriſſenen Glanzgeſtirne auftreten und ſeinem erwartungsvollen Hofe, ſowie dem Publikum Dresdens eine ganz neue Kunſterſcheinung vorführen konnte, an⸗ ſtatt ſich nach bekannten und verbrauchten Erſatzmitteln umzuſehen, die ſicherlich ſein Fiasko bei der Mara durch den Vergleich mit dieſer erſt recht offenkundig gemacht haben würden. Eine Erſcheinung dagegen von der blendenden Schön⸗ heit Betty's, noch obendrein von einem Kunſtnimbus umſtrahlt, welcher es ſelbſt mit dem der Mara aufneh⸗ men konnte, wenn es gelang, durch das Prädikat„Pfle⸗ gekind Ekhof's“ der reizenden Anfängerin die günſtigſte Vormeinung des Dresdner Publikums zu erwecken, eine ſolche Erſcheinung mußte ſchon durch die bloße Ueber⸗ raſchung einen bedeutenden Succeß gewinnen, und eine äſthetiſche Parallele mit der Mara von Seiten der ſtrengeren Kunſtrichter war dann auch nicht mehr zu befürchten. Genug, Herr Bondini, der erfahrene, mit allen Machinationen der Bühnenwelt, mit allen Reiz⸗ mitteln für die große Menge vertraute Theaterunter⸗ nehmer fand, daß das Sprichwort des praktiſchen Eng⸗ länders auch in dieſem Falle wieder einmal Recht habe, welches lautet: Better one small fish, than an empty disb. Er war ſeit längerer Zeit mit der Muſe von Gotha befreundet; denn die Kunſt, die er nach Unten mißhan⸗ delte und zum bloßen Schaugepränge, zur ſchnöden Geldſpeculation herabwürdigte, diente ihm, wie das ſo häufig zu geſchehen pflegt, nach Oben zur reinen Folie für die eigne Perſönlichkeit; und ſelbſt in den höchſten Kreiſen, an Höfen und bei fürſtlichen Familien galt der ſchlaue gewinnſüchtige Italiener für einen feinen Ge⸗ ſchmackskenner und einen der Hauptrepräſentanten der deutſchen Bühne in ihrem Verhältniß zum praktiſchen Leben. Er begann— und auch hierin bewies er ſeine große Charlatan⸗Routine— ſeine Operationen mit dem neuen, von ihm entdeckten Glanzgeſtirne am deutſchen Kunſthimmel damit, daß er ſich zuerſt ſelber in jenen — Enthuſiasmus hineinſchwindelte, von dem er ſehnlichſt wünſchte, daß ihn bald ganz Dresden mit ihm theilen möge.— Er ſchwur der Geheimeräthin, daß eine ſo feine, graziöſe, bezaubernde Soubrette, wie die kleine Betty Steinbrecher, nicht zum Zweitenmale zwiſchen den Alpen und dem Belt gefunden werde; ſie tanze wie eine Baja⸗ dere, ſinge wie eine Sirene, jede ihrer eleganten Be⸗ wegungen wäre ein Triumph über die plumpe rhachi⸗ tiſche Mara; und ihre Schönheit, ihr Liebreiz, der jung⸗ fräuliche Glockenklang ihrer Stimme müßten ihr die halbe Welt zu Füßen legen, während ſie die andere Hälfte in höhere Regionen verſetze.— Um aber für die feine Koketterie, ſowie für Das, was er die franzöſiſche Nuance in ihrem Weſen nannte, gleich das rechte zün⸗ dende Stichwort für ſeine Dresdener Theaterenthuſia⸗ ſten zu ſchaffen, taufte er Betty Steinbrecher unbedenklich „die deutſche Favart“, um damit von vornherein aus⸗ zudrücken, daß Deutſchland nun auch eine Künſtlerin habe, die mit der einſt ſo berühmten erſten Soubrette an der komiſchen Oper zu Paris recht wohl den Ver⸗ gleich aushalten könne. Mit ſchlauberechneter Abſichtlichkeit ſchwärmte er ſchon in Gotha in allen Geſellſchaftskreiſen von dem unvergleichlichen Kunſtphänomen in der Heinoldsgaſſe, von der charmante créature, und ließ da, wo man ihm verwundert widerſprach, geheimnißvolle Andeutungen fallen, man werde bald mehr erleben, dieſer herrliche Juwel ſolle eine Faſſung erhalten, daß Niemand, und wär' er auch blind geboren, ſeine Aechtheit, ſeinen Mil⸗ lionenwerth leugnen werde, und was der verhüllten Anſpielungen des Impreſario auf ein demnächſt bevor⸗ ſtehendes außerordentliches Ereigniß mehr waren. Ekhof hörte davon und zuckte verächtlich die Achſel; Iffland hörte davon und erſchrack heftig, als würde ihm irgend ein drohendes Unheil angekündigt.— Dennoch wagte er nicht, dem kranken Meiſter ſein neuliches Viſions⸗Abenteuer im Park zu erzählen. Auch Beck und Beil riethen davon ab; denn Bondini ſei ein fader Schwätzer, der ſich durch dieſe Prahlereien mit ſeinem Scharfblick in Entdeckung unbekannter Talente wichtig machen wolle; auch ſei ihm, dem dramaturgiſchen Hof⸗ juden, viel zu viel an des Herzogs Gunſt gelegen, als daß er es jemals wagen würde, Betty in's Kloſter, ge⸗ ſchweige denn auf ſeine Bühne zu entführen. Daß aber der Geſanglehrer der Letzteren, ohne irgend eine äußere Veranlaſſung plötzlich wegblieb, dar⸗ aus ſchöpfte Niemand einen Argwohn, ſo wenig als an dem Umſtand, daß das ſchöne Mädchen neuerdings — —— S häufig mit dem alten ſchiefgewachſenen Impreſario in den Promenaden und Alleen luſtwandelnd angetroffen wurde. Man lächelte blos über die„Eroberung“ und keine ihrer Freundinnen beneidete ſie darum. Am Morgen des Tages, an deſſen Abend die zweite Wiederholung des Hamlet ſtattfinden ſollte, fühlte ſich Ekhof nach einer, unter ſtarken Beängſtigungen meiſt ſchlaflos verbrachten Nacht ſo angegriffen, daß er nicht glaubte, am Abend auftreten und die Rolle des Geiſtes leiſten zu können.— Erſt nachdem er eine doppelt ſo große Doſis Chinapulver, als ihm der Arzt für ſolche Fälle verordnet hatte, zu ſich genommen, wurde das Fieber ſchwächer und der erſchöpfte Organismus belebte ſich wieder. Mit ſeiner gewohnten Munterkeit empfing er ſogar gegen zehn Uhr den Beſuch ſeines Freundes To⸗ bias, welcher in die Stadt gekommen war, um gleichfalls der Vorſtellung des Hamlet beizuwohnen.— Die guten Nachrichten, die ihm dieſer von der geliebten Gattin überbrachte, erhöhten noch das Gefühl von Selbſtver⸗ trauen in ſeine Kräfte, wiewohl der würdige Paſtor ſein Ausſehen ſo verändert fand, daß er ihn dringend bat, zuvor die Meinung des Arztes zu hören. Ekhof ſchlug ihm jedoch den wohlgemeinten Vorſchlag mit der ſcherzhaften Bemerkung rundweg ab, zur Rolle eines bereits in Verweſung übergegangenen Königs brauche er ſich nicht eben groß anzuſtrengen; ja ſeine ſchwan⸗ kenden Schritte, ſeine hohle Stimme würden ihm ſogar am heutigen Abende beſſere Dienſte leiſten, als wenn er dieſe, einem Geſpenſte ſo wohlanſtehenden Eigen⸗ ſchaften durch Kunſt und Nachahmung erſetzen müßte. Er nöthigte dann dem Freunde noch ein Glas Muscat auf und ſchickte ſich gegen eilf Uhr an, in ſeiner Beglei⸗ tung nach dem Schloſſe zu gehen, um noch einmal auf der Bühne die letzte Rundſchau zu halten, ob auch die Maſchiniſten in Allem ihre Schuldigkeit gethan hätten. Bevor ſie jedoch das Haus verließen, wünſchte der Paſtor noch Betty zu begrüßen, hörte jedoch von der alten Salome, die Mademoiſelle ſei ſchon vor einer Stunde ausgegangen, um eine kranke Freundin zu be⸗ ſuchen, bei der ſie wohl bis zum Mittag bleiben werde. „Die könnt' auch die Krankenbeſuche ſparen und ihr Bischen Herz und Mitleid im Hauſe aufbrauchen!“ dachte der Paſtor bei ſich, ließ ſich aber Nichts von ſeinen Gedanken merken und begleitete ſodann Ekhof bis an's Schloß, wo er mit dem Verſprechen, ſich pünktlich um zwölf Uhr zum Mittageſſen einzufinden, von ihm ſchied, um Iffland in ſeiner Wohnung vor dem Thore auf⸗ zuſuchen. Er fand die jungen Künſtler, denen ſich Beck und der Darſteller des Laertes, der Schauſpieler Meyer zu⸗ geſellt hatten, in dem mittleren großen Zimmer der ge⸗ meinſchaftlichen Wohnung beiſammen; doch war der Anblick, der ſich dem guten Paſtor bei ſeinem Eintritt darbot, für ihn ein ſo fremdartiger, daß er überraſcht in der Thüre ſtehen blieb, ungewiß, ob er auch in's rechte Haus gegangen ſei, oder ſich aus Verſehen auf den Paukſaal raufluſtiger Studenten verirrt habe. Denn je Zwei und Zwei ſtanden ſich die Schauſpieler, theil⸗ weiſe in den Coſtümen ihrer Rollen am heutigen Abend, mit Rappieren in der Fauſt gegenüber und führten ihre Stöße in Primen, Terzen und Quarten ſo kunſtgerecht aus, als ſei es ein ernſtliches Doppelduell, und keine bloße Fechtübung mit ſtumpfen Waffen. Das Groteske der ganzen Scene wurde noch dadurch erhöht, daß die Köpfe der vier Duellanten ſämmtlich von ſteifen Papier⸗ papilloten ſtarrten, während ihre Geſichter von Kam⸗ pfeshitze erglühten, was einen unbeſchreiblich komiſchen Anblick gewährte. Als Iffland den würdigen Freund ihres Meiſters erkannte, warf er ſeine Waffe weg und begrüßte ihn auf's Herzlichſte, worauf er ihn den anderen Kunſtge⸗ noſſen vorſtellte und ihm die Veranlaſſung zu ihrem hitzigen Scheinkampf erklärte. Meyer nämlich, der Darſteller des Laertes, und Beck hatten noch einmal die berühmte Duellſcene zwiſchen Hamlet und Laertes probiren wollen; über die Art, wie ſie fechten wollten, war es zum Wortwechſel zwiſchen ihnen gekommen, die beiden Andern hatten ſich hineingemiſcht, zuletzt gab es ſo viele verſchiedene Meinungen, als hitzige Köpfe vor⸗ handen waren und auf Einmal ſtand Polonins ſeinem geliebten Sohne Laertes, Hamlet ſeinem theueren Buſen⸗ freund Horatio mit der blanken Waffe gegenüber und unter ſchallendem Gelächter entbrannte auf Beil's Kom⸗ mando der unnatürlichſte Kampf zwiſchen Vater und Sohn, zwiſchen Freund und Freund über die Frage, wie man kämpfen wolle. „Da kam der Mann des Friedens und that dem blutigen Streit Einhalt,“ ſagte der Paſtor mit heiterer Salbung.„Aber zum Kuckuck, meine Herrn, Ihre Köpfe ſehen ja aus wie geſpickte Haſen! Sie werden doch, ſo Gott will, heute Abend nicht in dieſer Stachelſchwein⸗ Friſur vor das Publikum treten wollen?“ Der ſchlichte Dorfpfarrer ſagte dies ſo ernſthaft, daß es den jungen Leuten unmöglich war, ſich des Lachens zu enthalten. Zuerſt ſah er ſie zwar verwundert an; als ſie ihm aber erklärten, es ſei Ekhof's Wille, und der — — Herzog habe es genehmigt, daß der Hamlet diesmal ohne Puder und Perrücken, ſondern in natürlichen Haar⸗ touren geſpielt werde, worüber der alte Theaterfriſeur ſo ſehr außer ſich gerathen wäre, daß ſie's vorgezogen hätten, ſich untereinander ſelbſt den Liebesdienſt des Lockenbrennens zu erweiſen, da lachte er zwar gleich⸗ falls herzlich über ſeine Einfalt mit, meinte aber doch, die Neuerung ſcheine ihm nicht für ein Stück zu paſſen, worin ein Geiſt aufträte, da dieſer doch unmöglich die neue Mode mitmachen könne. Denn wer einmal in einer Perrücke begraben worden ſei, der könne doch un⸗ möglich ſpäter in gebrannten Locken auf die Oberwelt zurückkehren. Dieſe Bemerkung gab zu heiteren Gegenbemerkungen Anlaß. Zwei der Künſtler ſtimmten dem Pfarrer bei, die beiden Andern widerſprachen, bis der Alte zuletzt in ſeinem feierlichen Kanzelpathos ausrief: „Haltet mir die ehrwürdige Perrücke in Ehren, Ihr jungen Weltſtürmer; denn ich ſage Euch, ſie war die treue Bruthenne für Eure ſchöne Kunſt, unter ihr hat Leſſing ſeine unſterblichen Kunſtgeſetze geſchrieben, unter ihr hat Ekhof dem deutſchen Volke die Schauſpielkunſt geſchaffen!— Denn was war das Theater vor ihm und was wird es über eine Weile nach ihm ſein?— Ach, ich 77 kann mir wohl eine Zeit denken, in der es keine Per⸗ rücken mehr gibt, in der aber dagegen die Menſchen ſelber wie leere nüchterne Hauben- und Perrücken⸗ ſtöcke umhergehen und Dichter und Schauſpieler ſich einbilden, ſchon ein Leſſing oder Ekhof zu ſein, wenn ſie nur den alten vielverſpotteten Haarbeutel wieder anbänden!“ Nach dieſer Wendung nahm das Geſpräch einen mehr ernſten Charakter an und bald erwies ſich der ſchlichte Dorfpaſtor als einen ſo gründlichen und bele⸗ ſenen Kenner der deutſchen Schaubühne und ihrer Lite⸗ ratur, daß die vier jungen Künſtler ihm mit ſteigender Theilnahme zuhörten, da er ihnen in jugendlicher Be⸗ geiſterung und Herzenswärme die Verdienſte ſchilderte, welche ſich ihr großer Meiſter Ekhof um das deutſche Theater erworben habe.— Neu, und ihnen doch wie aus dem innerſten Herzen geſprochen war beſonders Dasjenige, was er über den wunderbaren Einfluß ſagte, den Ekhof's ſchlichte Perſönlichkeit auf die Hebung der Schauſpielkunſt im bürgerlichen Leben, auf die endliche Anerkennung ihres moraliſchen Werthes von Seiten der Großen und Vornehmen geübt habe; er, welcher der erſte Künſtler in Deutſchland geweſen ſei, der der Per⸗ ſönlichkeit des Schauſpielers auch in den wirklich gebil⸗ Müller, Ekhof. II. 12 — 178— deten Kreiſen der Geſellſchaft, ja unter den Gelehrten ſelbſt Geltung und Achtung verſchafft habe. „Die Meiſten ſehen nur den großen Künſtler in ihm,“ fuhr er in ſteigender Wärme des Gefühles fort; „aber die Wenigſten, und zu allerletzt die eignen Kunſt⸗ genoſſen denken daran, daß er es uns zum Erſtenmal an ſeiner Perſon deutlich gemacht hat, wie es auch noch eine Kunſt in der Kunſt gibt, die das Menſchenleben in einer reinen Seele wiederſpiegelt. Wenn uns Ekhof das Laſter ſchildert, ſo erſchüttert er uns nicht blos durch ſein unübertreffliches Spiel; mehr noch als dieſes ergreift uns die Ueberzengung, daß wir zugleich einen durchaus reinen, redlichen Charakter vor uns haben, der dieſe häßlichen Züge der Natur blos abgelauſcht hat, um ſeine Zuſchauer vor der Sünde zu warnen. Und wenn er erſt gar die Tugend darſtellt, dann empfin⸗ den wir doppelt die Zaubergewalt ſeines Spieles, weil wir wiſſen, daß es zugleich die Tugend ſelber iſt, die aus ſeinem Munde redet, aus ſeinen Augen weint, aus ſeinem Herzen in die ſeiner Zuhörer überſtrömt. Er braucht ſie nicht mit fremden, wenn auch noch ſo ſchönen Farben zu malen, er ſpielt ſich ſelber und der Menſch⸗ lichſte der Menſchen iſt er zugleich auch der größte Künſtler. Aber was will das Alles heißen, gegen das — 179— eine unbezahlbare Wort, welches Leſſing über ihn einſt⸗ mals in Hamburg ſchrieb und das ich Euch, meine jun⸗ gen Freunde, mit Flammenſchrift wieder in die Herzen ſchreiben möchte:„Wie leicht, wie angenehm iſt es, einem Künſtler nachzuforſchen, dem das Gute nicht blos gelingt, ſondern der es macht!“ War es der ſchmerzliche Eindruck, den das leidende Ausſehen des kranken Freundes in ihm zurückgelaſſen hatte; oder bewegte ihn vielleicht ſogar die trübe Vor⸗ ahnung, daß der Tag nicht mehr ferne ſein möge, wo man von Ekhof als von Einem, der da war, reden werde; genug, beim Anblick dieſer blühenden hoffnungs⸗ reichen Schüler ſeines liebſten Freundes ergriff den alten, ſonſt ſo lebensfrohen Paſtor eine ſo tiefe Rüh⸗ rung, daß ihm die Angen feucht wurden und er Einen nach dem Andern forſchend anſah, ob auch ſie ſeine ſchwere Sorge um den theueren Mann theilten, was ihm leider die ernſten Mienen der jungen Künſtler nur allzu ſicher beſtätigten.— Daübermannte das ſchmerzliche Gefühl den alten, nur äußerlich aus herben Stoffen gebildeten, im Grunde aber ungemein weichherzigen Greis ſo ſehr, daß er zuerſt in ſeiner Verlegenheit, Jenen ſeine Rührung zu verbergen, zu einem Rappiere griff, kräftig wie in den Tagen ſeiner halliſchen Stu⸗ 12* — dentenzeit einige ſichere Hiebe in die Luft führte, daß die Klinge ſauste, dann aber, unvermögend länger an ſich zu halten, in Schluchzen ausbrach, haſtig den Hut in den Kopf drückte und mit dem halberſtickten Rufe: „Na, verſucht's einmal heute Abend, und macht auch das Gute wie Er!“ ohne Abſchied zum Zim⸗ mer hinauseilte. Er ſchritt ſo haſtig durch den Garten, durch die Allee, als wolle er der dunklen Sorge entrinnen, die ihm doch tief am Herzen nagte. Indeſſen legte ſich all⸗ mählig ſeine durch die Unterhaltung mit Ekhof's Schü⸗ lern verurſachte ſchmerzliche Aufregung und äußerlich heiter traf er zur verabredeten Zeit im Hauſe des Freun⸗ des ein. Betty war noch nicht zurück, man wartete alſo noch eine Viertelſtunde mit dem Eſſen auf ſie und während deſſen ſchilderte der Paſtor in ſeiner lebhaften Weiſe ſein ſtarres Erſtaunen beim Anblick der vier Duellanten in den ſteifen Papierpapilloten, was Ekhof ungemein beluſtigte.— Letzterer verbreitete ſich dann mit innigem Vergnügen über die Vorzüge und Talente von jedem Einzelnen ſeiner Schüler und eine ſtolze Freude leuchtete ihm aus den Augen bei der Verſicherung, alle Drei wür⸗ den es dereinſt zu etwas Tüchtigem in der Kunſt bringen, wenn Gott ſie bei Geſundheit erhalten und ein Bischen Glück dazu verleihen wolle. Gerührt ſagte er nach einer Pauſe: „So ſenkt, wie ich einſtmals in einer Reiſebeſchreibung geleſen, ein gewiſſer Fruchtbaum in Südamerika, wenn es mit ihm zu Ende geht, ſeine Zweige abwärts in die Erde, daß ſie Wurzel faſſen und grünen. Ueber ein Weilchen, wenn der alte Stamm vollends abgeſtorben iſt, wachſen ſie als neue ſtattliche Bäume aus ſeinen modernden Reſten fröhlich in die Höhe, breiten mächtig ihre Aeſte aus, geben kühlen Schatten dem Ermüdeten, ſüße ſaftige Früchte dem Lechzenden. Nun, ich hoffe zu Gott, auch meine grünen Zweige haben ſchon Wurzel gefaßt und werden ſich bald allein forthelfen können.“ „Wir wollen nicht länger auf das Mädchen war⸗ ten,“ ſagte er ungeduldig, als auch nach einer halben Stunde Betty noch nicht zurück war. So aßen denn die beiden Freunde allein, was die alte Salome ihnen auftiſchte, der Paſtor mit gutem Appetit, Ekhof nur ein paar Löffel Suppe und einige Pflaumen. „Wovon ich eigentlich noch das Leben friſte, weiß Gott beſſer wie ich,“ ſagte er lächelnd.„Am Ende ſteckt das Geheimniß meines Fortvegetirens in meiner Tabaks⸗ — 182— pfeife, die mir der Doktor gleichfalls abſprechen möchte, die ich mir aber doch nicht nehmen laſſe. Iſt es doch ſogar das Einzige, wofür ich der Frau Geheimeräthin dankbar bin, daß ſie mir unter allen ihren Hausfreun⸗ den allein die Vergünſtigung zugeſtand, in ihrem Cercle mein Pfeifchen rauchen zu dürfen!— Aber wo bleibt das Mädchen?“ fuhr er unruhig auf, als es von der nahen Kirche Ein Uhr ſchlug.„ Sie weiß doch, daß mir jede Störung, jede Unregelmäßigkeit doppelt zu⸗ wider iſt an ſolchen Tagen, wo ich Abends Comödie ſpielen muß.— Hol' der Henker den Flattergeiſt! Ich werd' wieder einmal donnern und ihr ein paar Schwung⸗ federn ausrupfen müſſen, eher kommt ſie doch nicht zur Raiſon! Seitdem die Mara da iſt, geht's wieder Heu⸗ ſter⸗Peuſter im kleinen Kopfe durcheinander!“ Er ſchickte die alte Köchin in dieſes und jenes be⸗ freundete Nachbarhaus und noch einmal gelang es dem Paſtor, die verdrießliche Stimmung, in welche ihn das räthſelhafte Ausbleiben des Pflegekindes verſetzte, wie⸗ der fortzuplaudern.— Er erinnerte ihn an ihr glückliches Zuſammenleben im ſchönen Hamburg; ſie ſprachen von dieſem und jenem längſtverſtorbenen Freunde, vom alten Ackermann, von ſeiner reſoluten Frau, der wür⸗ digen Prinzipalin, von den beiden Töchtern, der Leben⸗ den und der„Unvergeßlichen“, und von dem Stiefſohne Schröder, dem„Schauſpielfürſten“, wie ihn der neid⸗ loſe Ekhof nannte. Unter ſolchen Erinnerungen verging wieder eme Stunde, endlich kehrte die alte Salome zurück, mit einem Geſicht, bleich wie ein Tuch. Sie habe Betty, berichtete ſie zitternd, indem ſie kraftlos auf den nächſten Stuhl niederſank, bei allen ihr bekannten Familien geſucht, aber Niemand hätte das Fräulein geſehen, Niemand ihr ſagen können, welche von ihren Freundinnen erkrankt ſei. Auf dem Markte ſei ihr der Theaterdiener Hahn begegnet, der ſie zuerſt ſonderbar angeſehen und dann zögernd gefragt habe, ob ſie wohl Jemand ſuche?— Auf ihre Antwort: Jawohl, ſie ſuche Mademoiſelle Betty ſeit einer Stunde auf Be⸗ fehl des Herrn Directors in der ganzen Stadt, hätte der alte Mann erſchrocken die Hände zuſammengeſchla⸗ gen und ausgerufen: Hab' ich mir's doch gleich gedacht, daß es eine heimliche Geſchichte ſei, und ihr ſodann er⸗ zählt, er wäre heute Morgen etwa gegen zehn Uhr auf ſeinem kleinen Gemüſefeld vor dem Thore geweſen, da hätte er Demoiſelle Steinbrecher den Weg von der Stadt herkommen ſehen. Sie ſei an ihm vorüberge⸗ gangen, ohne ihn zu bemerken, gleich nach ihr wäre eine geſchloſſene Chaiſe, von zwei raſchen Pferden gezogen, aus dem Thore gekommen. Die Mademviſelle ſei ein⸗ geſtiegen, es müſſe auch noch eine zweite Perſon im Wagen geweſen ſein; denn er habe den Arm eines Herrn geſehen, der ihr beim Einſteigen behülflich gewe⸗ ſen wäre. Hierauf ſei die Chaiſe im vollen Carrière auf der Straße nach Erfurt davongefahren. Ekhof hatte den Bericht ſeiner alten Hekuba, die ſo heftig alterirt war, daß ſie ein Zittern nach dem andern überflog, anſcheinend mit kalter Ruhe und Feſtigkeit an⸗ gehört; nicht eine Miene in ſeinem Antlitz veränderte ſich, nicht ein zuckender Blick verrieth, welch' ein Schlag ihn in dieſem Momente traf.„So! So!“ war Alles, was er anfangs ſagte; aber der Ton, womit er es ſagte, das Auge, das er dabei ſtarr und groß, wie der letzte Aufblick eines Sterbenden, auf den ſprachlos daſitzen⸗ den Freund richtete, ließen Letzterem keinen Zweifel übrig, daß dieſer Schlag dennoch ſein innerſtes Herz getroffen habe. Er ſah nach der Uhr, ſchien ſich zu verwundern, daß es ſchon ſo ſpät ſei und murmelte gedankenvoll vor ſich hin: „Ey, ey, die Todten reiten ſchnell— der Vater auf dem Stroh geſtorben— die Mutter am gebrochenen Herzen— der Bruder vielleicht ſchon am Galgen,— die Tante närriſch, und die Tochter eine Ballettänzerin— fürwahr, das geht ja ganz artig zuſammen— da fehlt, um die intereſſante Familiengallerie vollſtändig zu machen, nichts weiter, als daß auch noch der alte Onkel, mit dem einen Fuß ſchon im Grabe, einen Ge⸗ nieſtreich ausführte— holla, Paſtore, ſtreng' mal Dei⸗ nen gottesfürchtigen Witz an, wie ich's anfangen ſoll, um meiner Sippſchaft ſo würdig als möglich zu werden!“ Der Pfarrer, ihn umarmend, rief erſchüttert aus: „Konrad, mein armer theurer Freund, komme zu Dir, erhole Dich, denke, daß Gott Die am meiſten lieb hat, die er am ſchwerſten züchtigt; ſo nimm denn auch noch dieſes letzte Kreuz ſtandhaft auf Dich und trag' es mit der nämlichen Geduld wie die andern, damit Du einſt, der Beſte und Unglücklichſte zugleich, mit Ruhe vor Gottes Thron treten und ſprechen kannſt: Herr, um meinetwillen vergib den Verirrten, um meinetwillen erbarme Dich der Verlaſſenen; denn ſie Alle haben mir wehe gethan, ich aber blieb Dein getrener und gerechter Knecht bis an's Ende.“ Dieſe einfachen, aber aus dem innerſten Herzen ge⸗ kommenen Troſtesworte machten auf Ekhof, der einen Moment wirklich alle Faſſung verloren hatte, einen — ſichtbar tiefen Eindruck; denn ihn an Gott verweiſen, hieß bei dem frommen Altmeiſter der deutſchen Schau⸗ bühne nichts anders, als die beſte Kraft, in der ſein Genius wurzelte, in ihm wachrufen; hieß, ſein erſchüt⸗ tertes Vertrauen zu ſich ſelber, den wankenden Glauben an die Ewigkeit ſeines Geiſtes wieder aufrichten und die Weihe eines gläubig begeiſterten Gemüthes über ſein ganzes Weſen ausgießen. Eine Zeitlang ſtand er mit gefaltenen Händen mit⸗ ten im Zimmer; hierauf verwies er mit ſanftem Nach⸗ druck der lautſchluchzenden Salome ihr unchriſtliches Verzweifeln und führte die Troſtloſe, als ſie ſich gar nicht beruhigen wollte, in ihre Kammer, damit ſie ihm nicht durch ihr unmäßiges Wehklagen ſein wiederge⸗ wonnenes Gottvertrauen erſchüttere. Als er zum Paſtor zurückkehrte, der ſich unterdeſſen gleichfalls von ſeiner erſten Betäubung erholt hatte, war eine wunderbare Ruhe und heitere Verklärung über ſeine Züge verbrei⸗ tet, ſeine Augen glänzten, er drückte dem Genoſſen ſei⸗ ner Jugend, dem hülfreichen Freunde ſeines ſchwerge⸗ prüften Alters herzlich die Hand und ſagte mit dem vollen Gefühl ſeiner wiedergewonnenen Zuverſicht: „Nun wollen wir aber auch nicht auf halbem Wege ſtehen bleiben, ſondern getroſt auch die andere, noch ſchwerere Hälfte zurücklegen, ich meine den Hamlet, der heute Abend geſpielt werden muß, und ſollt' ich auch meinen letzten Lebensodem daran geben!— Noch weiß hoffentlich außer dem alten Theaterdiener Hahn kein Menſch in der Stadt Etwas von dem neuen Comö⸗ diantenſcandal in meinem Hauſe; an das pflichtvergeſ⸗ ſene Geſchöpf, das ſo große Eile hatte, um über die Bannmeile meiner treuen Vaterliebe hinauszukommen, an das denk' ich vorerſt nicht weiter; iſt doch ſchon manche thörichte Gans aus dem Hofe geflogen, weil ſie auf dem großen Waſſer ſchwimmen wollte und kam doch als Gans wieder heim zum verachteten Brunnentrog— va, vg, Mademoiſelle, Sie werden auch bald gewahr werden, daß die Welt ſehr groß iſt— alle Wetter, da ſchlägt's wirklich ſchon halb Viere und der alte Schul⸗ meiſter iſt noch nicht auf ſeinem Poſten! Der Garde⸗ robier wartet— der Billeteur wartet— der Theater⸗ meiſter wartet— der Inſpicient wartet— der Lam⸗ padarius ſogar wartet auf den Schlüſſel zur Oelkammer — holla, alter Maulwurf, rühre Dich, ſpute Dich, oder Du zahlſt mir, ſo wak ich Dein Director bin, doppelte und dreifache Conventionalſtrafe für jede Minute Ver⸗ ſäumniß!“ Mit einer Haſt, einem Eifer, als ſei jeder fernere Zeitverluſt ein Capitalverbrechen am heiligen Geiſt der Kunſt ſelber, hatte er ſeine graue Chenille angezogen, hatte ſich den kleinen runden Hut in den Kopf gedrückt und das ſpaniſche Rohr ergriffen, da fiel ihm, ſchon die Thürklinke in der Hand, ein, er wolle doch zuvor noch einmal in Betty's Zimmer nachſehen. Er ging alſo haſtig dorthin und öffnete die Thüre. Mitten in der Stube ſtand auf dem Fußboden ein großer ſchwarzer Lederkoffer, mit einem daraufgehefteten beſchriebenen Papierſtreifen. Als Ekhof ſich niederbückte, um die Adreſſe näher zu beſichtigen, las er zu ſeinem Erſtaunen: Mademoiſelle Betty Steinbrecher, Sängerin und Pas de deux Tänzerin an der kurfürſtlichen großen Opera zu Dresden in Sachſen.“ i auf den Bäumen wachſen!“ rief Ekhof zähneknirſchend und verſetzte dabei dem Kof⸗ fer mit dem Fuß einen ſo heftigen Stoß, daß derſelbe polternd in die entfernteſte Zimmerecke flog. „Bondini, welſcher krummbucklichter Schurke, ſo ſollſt Du dereinſt in die Hölle fahren, da der Teufel ſelbſt zu gut dafür iſt, Dich anders hineinzukomplimen⸗ tiren!“ rief er und ſchlug ſo wüthend die Thüre zu, daß die Fenſter des vorderen Zimmers klirrten. „Recht, Konrad, ſo gefällſt Du mir über die Maßen!“ ſagte der Paſtor.„Ihre bunten Fahnen aber ſchickſt Du ihr gleich morgen mit der Fahrpoſt nach und ſchreibſt noch eigenhändig auf die Adreſſe: Cito citissime!“— Ekhof's ſichere Vorausſetzung, kein Menſch in der Stadt wiſſe noch etwas von Betty's heimlicher Flucht, war nur inſofern richtig geweſen, als es ſchon lange vor Beginn der Vorſtellung vielleicht keine zehn Perſonen mehr in Gotha gab, die nicht wußten, daß ſein leicht⸗ ſinniges Pflegekind am helllichten Tage, von vielen Leuten erkannt und geſehen, vor dem Siebleber Thore in einen Wagen geſtiegen und mit einem fremden Herrn, der bald Bondini ſelbſt, bald deſſen Kammerdiener geweſen ſein ſollte, in der Richtung nach Leipzig in offenerFlucht davongefahren ſei.— Die eifrigen Nachforſchungen der alten Salome nach der Verſchwundenen hatten die Nach⸗ richt davon noch weiter verbreiten helfen; genug, unter den Hunderten, die ſich zur heutigen Vorſtellung dräng⸗ ten, war gewiß die Hälfte erſt durch das neue Unglück im häuslichen Leben des verehrten Künſtlers beſtimmt worden, ſich noch nach einem Platze im Schanſpiel um⸗ zuſehen, Viele darunter vergebens, ſo groß war die Theilnahme und auch wohl die verzeihliche Neugierde des Publikums, den Mann auf der Bühne und als Königsgeſpenſt zu ſehen, den wenige Stunden zuvor das Hauſe heimgeſucht hatte.— Was wird er in ſolcher Gemüthsverfaſſung zu leiſten im Stande ſein? Wie wird er diesmal ausſehen? Welche Thränen wird er weinen, welchen Jammer über den beiſpielloſen Ver⸗ rath und Undank der ihm im Leben am Nächſten wird er ausſtoßen?— Dieſe und ähnliche Fragen verſetzten überall die Gemüther in eine ſo große Spannung, wie ſie das gewaltige Stück kaum ſelbſt hätte hervorrufen fönnen. Es war die Tragödie des Lebens, die man heute als Zugabe zu derjenigen der Dichtung zu ſehen erwartete; der große Künſtler erſchien zugleich auch als der leidende ſchwer heimgeſuchte Menſch, an deſſen Schickſal Alle den innigſten Antheil nahmen, und Nie⸗ mand im Parterre, Niemand in den Logen, aber auch Niemand hinter den Couliſſen dachte und ſprach von etwas Anderem, als von dieſem neuen Mißgeſchick des greiſen Ekhof; ja, in vielen Herzen der ihm zunächſt Befreundeten regte ſich ſogar die geheime Sorge vor einer neuen, unausbleiblichen Kataſtrophe.— So übte die furchtbare Geiſtererſcheinung des gemordeten Königs ſchon zum Voraus in der Phantaſie der Menſchen ihre ſchauerliche Wirkung aus, und ſelbſt die Nachricht, daß auch die Mara heute in der herzoglichen Loge erſcheinen werde, machte unter dieſen Umſtänden kaum noch einen Eindruck auf das Publikum. Schlag ſechs Uhr trat der Hof ein, der Herzog mit ſeinem berühmten Gaſte, der Prinz mit der Herzogin am Arme. Die Mara trug diesmal einen großen grünen Schild vor den Augen, ſo daß man nur den unteren Theil ihres blaſſen Geſichtes ſehen konnte, was in dieſer glän⸗ zenden Umgebung einen ganz eigenthümlichen Eindruck machte. Ja, Mancher mußte unwillkührlich ihre leidende Erſcheinung, wie ſie da vorgebeugten Hauptes zwiſchen dem Fürſten und der Fürſtin ſaß, mit derjenigen des alten Ekhof vergleichen; als wenn auch hier ſich wieder die alte Erfahrzng ſo recht ſichtbar beſtätigen ſolle, daß es ſelbſt in den höchſten Sphären des Lebens, dort wo die Genien der Kunſt und Poeſie die Stirnen ihrer Lieblinge mitunverwelklichen Kränzen ſchmücken, noch her⸗ bes Erdenweh, bittere Noth genug zu koſten gibt und kein noch ſo glänzender Ruhm den Sterblichen vor dem Allen gemeinſamen Looſe irdiſcher Unvollkommenheit ſchützt. Eine halbe Minute nach dem Eintritt des Hofes in die Loge ertönte die wohlbekannte Klingel und der Vor⸗ hang ging in die Höhe. Aber als hätte das Publikum am heutigen Abend — 192— ein Vorgefühl Deſſen erhalten, was dieſer Vorſtellung an Trauer und nnerſetzlichem Verluſt für das geſammte deutſche Theater nachfolgen ſollte, begleitete es die erſten Scenen nur mit getheilter Aufmerkſamkeit, ſo vortrefflich auch alle Darſteller ſpielten, ſo lebendig und wie von einer höhern Inſpiration ergriffen beſonders die drei Schüler des Meiſters ihre Rollen wiedergaben, ein Guß und eine Seele mit dem Stücke. Erſt als ſich im Verlaufe der Handlung das Inter⸗ eſſe mehr und mehr auf die nächtige Geiſtererſcheinung des verſtorbenen Königs concentrirte und Hamlet die erſte Botſchaft davon empfängt, ward die Theilnahme in den Mienen der Zuſchauer deutlicher. Bei der Verwand⸗ lung der vierten Scene in die mondbeſchienene Terraſſe von Helſingör richteten ſich alle Blicke auf die hintere Zwiſchencouliſſe, aus welcher der Geiſt hervortreten ſollte. Hamlet erſcheint mit Horatio und Marcellus. „Was iſt die Uhr?“—„Ich denke, nah an Zwölf.“— „O ſeht, mein Prinz, es kommt!“—, Engel und Boten Gottes, ſteht mir bei!“ Nie vielleicht hat dieſer berühmte, im hellen Accent des Wahnſinns ausgeſtoßene Angſtſchrei Hamlet's eine ſolche elektriſche Wirkung auf ein übervolles Haus aus⸗ geübt, als dies hier der Fall war; aber nie hat auch wohl die Erſcheinung des Geiſtes ſelber alle Zuſchauer ſo mächtig ergriffen, als an dieſem Abend. Lautlos erhob ſich der Herzog, lautlos die ganze Verſammlung von ihren Sitzen beim Eintreten Ekhof's in der präch⸗ tigen Rüſtung des gemordeten Dänenkönigs, deren Me⸗ tallglanz durch die Umhüllung von mattgrauem Seiden⸗ flor etwas Weniges gedämpft wurde, was die ganze ſchauerliche Erſcheinung noch ſchattenhafter und geſpen⸗ ſtiſcher machte. Aber welch' ein Geiſt trat auch heute da einher!— Keine Feder an dem reichen Helmbuſch ſchwankte, keine andere Bewegung ſeiner Glieder war ſichtbar, als der tonloſe Schritt des Sendbotens der ewigen Gerechtig⸗ keit, der die Marmorkiefern ſeines Grabes geſprengt hat. Die ganze Geſtalt vom Scheitel bis zur Sohle war die perſonificirte, vom Tode gelähmte Heldenkraft, war die dem Moder der Todtengruft anheimgefallene Herrſchermajeſtät, von der nichts übrig geblieben, als die ſtarre regungsloſe Maſchine. Selbſt die Lippen, als er jetzt zu reden begann, zeigten keine äußere Bewegung, und doch, welch' ein Klang voll unendlichen Weh's, welch' ein dumpfer Memnonton des Grabes lag nicht in den einzigen zwei Worten:„Hör' an!“ Und was nun folgte! Nie hat eine Rede eine herz⸗ Muller, Ethof. II. 13 bezwingendere Gewalt auf die Zuhörer ausgeübt.— Er weinte, erzählt uns Iffland, den Kummer nicht her⸗ aus, er klagte die Vaterliebe nicht vor, er gab den Seelenzuſtand ſelbſt, er ging vom Herzen zum Herzen, und ſo, wie er ſtets die Ueberzeugung traf, einigte er alle Menſchen von allen Ständen zu einem Gefühle. Seine Töne des erſtickten Zornes, der knirſchenden Wuth, des zuſammengebiſſenen Schmerzes, ſein Lachen der Verzweiflung— wer kann Das malen! Nie iſt ſo Etwas wieder in eines Schauſpielers Seele, in eines Schauſpielers Mund gekommen! Auch die Mara hatte ſich erhoben, hatte ſogar, wie überraſcht von dem Klange dieſes wunderbaren Organs den grünen Augenſchild einen Moment in die Höhe ge⸗ ſchoben, um Den zu ſehen, der ihr im bloßen geſproche⸗ nen Wort der Rede den Zauber ihres Geſanges ſtreitig machte; bald entlockte der Ton ſeiner Stimme auch ihr Thränen und als lauſche ſie dem Klange unbekannter Melodieen, ſtand die zarte ſchmächtige Geſtalt über die Brüſtung der Loge geneigt und hatte ihre eine Hand auf das Herz gelegt. Das ganze Publikum theilte dieſen mächtigen Ein⸗ druck; man ſah während der furchtbaren Schilderung des Geſpenſtes von dem an ihm im Leben verübten Morde nur blaſſe vergeiſterte Züge, und neben der Rede feſſelte zugleich der unheimliche Anblick des weh⸗ klagenden Königsſchattens alle Blicke dergeſtalt, daß Niemand mehr daran dachte, er ſei im Schauſpielhauſe, ſondern Jeder Derjenige zu ſein wähnte, den der todte König anrede. Den Höhepunkt ſeiner erſchütternden Wirkung auf die Herzen der Zuhörer erreichte jedoch der Künſtler gegen den Schluß ſeiner Erzählung hin, wo der Geiſt den Sohn faſt flehend ermahnt, Nichts gegen die Mut⸗ ter zu unternehmen. Bei den Worten: „Ueberlaß' ſie Dem Himmel und den Dornen, die im Buſen ihr wohnen!“ war es den Anweſenden, als hörten ſie ſtatt des jam⸗ mernden Königs die liebreiche verſöhnende Stimme des unglücklichen, von ſeinem eignen Kinde verrathenen Vaters— ja gewiß, dieſe Worte galten ihr, die ihn heute verlaſſen— der Undankbaren, die ihm das Herz gebrochen; und auf Einmal trat das Mitgefühl der Zu⸗ ſchauer mit dem trefflichen Menſchen an die Stelle der Theilnahme für den unglücklichen Geiſt; viele ſeiner Freunde konnten ihr Schluchzen nicht länger mehr un⸗ terdrücken, Ekhof ſelber ſchien einen Augenblick dem Gefühle ſeines Schmerzes erliegen zu wollen; denn zum Erſtenmal bemerkte man an der ſeither regungs⸗ loſen Geſtalt des Königs ein leiſes Schwanken; aber noch einmal gewann er ſeine Kraft und ſein Drgan den alten mächtigen Vollton wieder, höchſt wirkſam endete er ſeine Rede, und mit den rührenden, ſchon wie aus dem Jenſeits herüberklingenden Worten: „Ade! Ade! Gedenke mein!“ verſchwand der Geiſt in der Verſenkung. Es waren die letzten Worte, die der große Konrad Ekhof auf der Bühne geſprochen hat. Die phyſiſche, und vielleicht noch mehr die geiſtige Anſtrengung, welche ihn dieſe Rolle gekoſtet hatte, die er mit der vollen im⸗ poſanten Kraft ſeiner glänzendſten Künſtlerperiode durchführte, hatten ihn derart erſchöpft, daß man ihn in einer Ohnmachtanwandlung in ſein Ankleidezimmer hinauftragen mußte. Befreit von der ſchweren Rüſtung, kehrte ihm zwar bald das Bewußtſein zurück; er fühlte ſich jedoch ſo ſchwach, daß er ſelber nach Hauſe gebracht zu werden verlangte. Sein Unvermögen vorausſehend, auch noch die ſpätere ſtumme Erſcheinung des Geiſtes im Zimmer der Königin ausführen zu können, hatte er ſchon vorher einem an Geſtalt ihm ähnlichen Schau⸗ 97 ſpieler für dieſen Fall die nöthige Anweiſung gegeben, er, der ſelbſt noch jetzt Alles vorſorgende, Alles beden⸗ kende treue Wächter ſeines Amtes. Wie ein Lauffeuer verbreitete ſich im Zwiſchenakt die Kunde durch's Haus, Ekhof ſei beim Verſinken unter die Bühne ein Unfall zugeſtoßen, indem er ausgeglitten und ſich ſchwer am Fuße verletzt habe. Seine nächſten Freunde eilten voll Beſtürzung nach der Garderobe, andere Neugierige drängten nach; da erſchien in dem von Perſonen angefüllten Corridor, welcher zu den An⸗ kleidezimmern der Schauſpieler führte, der Herzog ſelber. Ehrfurchtsvoll wichen Alle zur Seite. Er ver⸗ ſprach freundlich, daß er ſelber bei Ekhof nachſehen und den beſorgten Freunden ſichere Nachricht von deſſen Befinden bringen wolle, bat um Geduld und Faſſung und trat dann in das kleine Gemach.— Der alte Meiſter ſaß auf ſeinem Holzſtuhle, vor ihm kniete weinend ſein Schüler Iffland im Coſtüme des Horatio, Beil im Hof⸗ kleid des Polonius ſtützte ihm das müde Haupt mit dem Arme; der Arzt rieb ſeine Schläfen mit ſtärkenden Eſſenzen, am Pulte lehnte mit verſchränkten Armen Beck, der Darſteller des Hamlet, und ſah noch bleicher aus, als vorhin beim Erſcheinen des Geiſtes. Ekhof war der Erſte, welcher den eintretenden — Fürſten bemerkte; er machte eine Bewegung zum Auf⸗ ſtehen, ſank aber kraftlos in Beil's Armezurück ſo ſtreckte er nur beide Hände nach ihm aus und ſagte ſchwach: „Ach, Durchlaucht kommen gewiß, um zu ſehen, wie ſich ein bankerutter Monarch in der Unterw elt ausnimmt! — Schlecht, gnädigſter Herr, vielleicht auch etwas Weni⸗ ges beſſer als ſchlecht und werde mir wohl für lange die Luſt vergehen laſſen müſſen, frei aufzuathmen. Die kalte Grabesluft in den Gewölben von Helſingör iſt mir in die Glieder geſchlagen— ich glaube faſt— auch ich ſolle bald— Morgenluft wittern.“ Mit herzlicher Theilnahme erkundigte ſich hierauf der biedere Fürſt nach ſeinem Befinden. Als Ekhof aus ſeinen Fragen merkte, daß Jener im Wahne ſtehe, er habe ſich den Fuß verletzt, ſagte er nät ſeinem treu⸗ herzigen Lächeln, wobei er zuerſt auf den Kopf, dann auf ſeine Bruſt deutete: „Ach nein, Euere Durchlaucht, hier und hier, da hapert's— mit den andern Gliedmaßen wollt' ich ſchon noch ein wenig haushalten— aber die Schwäche— der Schwindel— daß mir's zuweilen vor den Augen ganz dunkel wird———“ Der Herzog drückte ihm die Hand und bat ihn, ſich nicht durch weiteres Sprechen noch mehr anzugreifen. 19 Dann wandte er ſich zu den drei jungen Künſtlern und ſagte mit einem bedeutungsvoll ernſten Blicke: „Wir werden's wohl heute beim erſten Akte bewen⸗ den laſſen müſſen, meine Herrn, und den Hamlet auf⸗ ſchieben, bis ſich Herr Ekhof wieder vollkommen herge⸗ ſtellt fühlt?“ „Beileibe, gnädigſter Herr, beileibe!“ rief dieſer, der trotz des Herzogs leiſerem Sprechen jedes ſeiner Worte gehört hatte, mit einer flehenden Geberde.„Ich hätte ja auch ſo eigentlich ſo gut wie Nichts mehr in dem Stücke zu ſchaffen— meine Rolle iſt ausgeſpielt! Aber meine Schüler und die andern Darſteller werden, dafür bürgt mir ihr Eifer, den Hamlet gewiß zu Durchlaucht und des Publikums Zufriedenheit weiterſpielen— gute Soldaten ſiegen erſt recht, wenn der Feldherr bleſſirt, oder gar gefallen iſt— und der Hamlet— der Hamlet wird mich auch ohnedies überleben— wenn ich daher meinen hohen Herrn unterthänigſt bitten dürfte— ſo geruhen Durchlaucht zu befehlen, daß man weiter⸗ ſpiele.“ Die drei Jünglinge, welche ihren trefflichen Lehrer im Punkte der gewiſſenhaften Pflichterfüllung noch beſſer kannten als der Herzog ſelber, verſicherten gleich⸗ falls, ſie fühlten ſich im Stande, ihre Rollen fortzu⸗ — 200— ſpielen, wiewohl man es ihrem erſchütterten Weſen, ihren verſtörten Mienen anſah, welch' ein Sturm von Schmerz und Befürchtung ihre Herzen aufregte. So gab denn der Fürſt dem eben eintretenden erſten Director, Kammerherrn von Lenthe den Befehl, es ſolle weitergeſpielt werden, da Herr Ekhof dies ausdrücklich wünſche, worauf er in ſeiner biederherzigen Weiſe die⸗ ſem beim Abſchied noch verſprach, er werde ſich morgen perſönlich nach ſeinem Befinden erkundigen. Dann befahl er aus dem Schloſſe eine Säunfte herbeizuholen, in welcher der kranke Meiſter, während das Stück ſeinen weiteren Fortgang nahm, von etlichen ſeiner nächſten Freunde begleitet, nach Hauſe gebracht wurde. Noch in der nämlichen Nacht hatte Ekhof ſchnell hintereinander mehrere heftige Ohnmachtsanfälle, ab⸗ wechſelnd mit lang andauernden Fieberphantaſieen. Als in der Frühe des folgenden Morgens der Leibarzt des Herzogs auf Befehl ſeines Herrn an das Kranken⸗ lager des alten Meiſters trat, fand er deſſen Zuſtand rettungslos und ſein Ausſpruch ging bald von Mund zu Mund durch die ganze Stadt.— Ekhof lebte noch, als Gotha ſchon um den Tod des größten deutſchen Schauſpielers trauerte. Er lebte ſogar noch drei Tage unter furchtbaren „ — 201— Beängſtigungen und kam während der ganzen Zeit buch⸗ ſtäblich nicht aus den Armen ſeiner treuen Schüler, die ihn abwechſelnd in halb ſitzender, halb liegender Stel⸗ lung mit ihren Armen ſtützten. Ihre Augen waren thränenlos; aber ihre Herzen weinten Blut vor Jam⸗ mer beim Anblick ſo ſchrecklicher Leiden, die er in ſeinen lichten Momenten mit der Standhaftigkeit eines Helden, mit der Frömmigkeit eines wahrhaften Patriarchen er⸗ trug. Immer und immer wieder ſegnete er ſie und er⸗ hob die Gebeugten durch den Hinweis auf ihre herrliche Kunſt, auf ihren treuen Freundſchaftsbund zu neuer Lebenshoffnung. Einen ſanften Schlummer des Kranken wollten ſie am Abende des dritten Tages auf Andrängen der Aerzte, und weil andere treue Freunde ihre Stelle während ihrer Abweſenheit am Krankenlager einnahmen, benutzen, um ſich durch einen Gang in's Freie von der faſt über⸗ menſchlichen Anſtrengung der letzten Tage und Nächte zu erholen.— Es war ein herrlicher Abend, und nach dem langen Aufenthalt in der dumpfen Krankenſtube that ihnen die Kühle der Luft doppelt wohl; ſchweigend ſchritten ſie neben einander her durch die Anlagen des Schloſſes; die Sorge um das Leben des theueren Mei⸗ ſters, die Frage, was ſoll aus uns und unſerer Zukunft — 202— werden, wenn er ſtirbt, war auch ohne Worte deutlich genng in ihren bleichen Zügen zu leſen. So kamen ſie an den Teich, in deſſen Fluthen ſich das Mondlicht zaubriſch widerſpiegelte; kein Lüftchen bewegte die in's Waſſer niederhängenden Zweige der alten Fichten und Trauerweiden, feierliches Schweigen herrſchte ringsum, als lauſche die Natur dem leiſen Athemzug eines fried⸗ lich Sterbenden. Da klangen mit Einmal aus den glänzend erleuch⸗ teten Räumen des Schloſſes, deſſen Fenſter nach dem Friedrichsthal hin geöffnet waren, durch die Stille der Nacht die gehaltenen Zaubertöne eines Adagios von Graun, welches dort die Marg ſang. Wie an den Bo⸗ den gefeſſelt, blieben die drei Jünglinge auf derſelben Stelle ſtehen und auch, als der Geſang vorüber war, redete Keiner ein Wort. In fromme Stille verſunken, warteten ſie, daß die Melodie wieder beginnen werde. Als es aber nicht geſchah, brach um ſo ſtürmiſcher das lange zurückgehaltene Gefühl der Wehmuth aus ihren Herzen, ſie umarmten ſich ſchluchzend, hielten ſich feſt umſchlungen und ſ chwuren einander treue Freundſchaft und Bruderliebe für's Leben. Wir trennen uns niemals, komme auch, was da kommen mag!“ rief Iffland begeiſtert. — 203— „Wir wandeln vereint den Weg, den uns Vater Ekhof vorgezeichnet hat,“ ſprach Beil mit der nämlichen feierlichen Entſchloſſenheit. „Zählt auf mich in Glück und Leid, ich bleibe bei Euch!“ fügte Beck hinzu, und geſchloſſen und mit Küſſen und Schwüren beſiegelt war der herrliche Bund der drei jungen Herzen, zu dem der Himmel, dieſes alte Symbol der Ewigkeit, in ſeinem ſchönſten Sternenglanz lächelte. Ach, ſie ahnten noch nicht, in welcher für ihr gan⸗ zes Leben unvergeßlichen Stunde ſie dieſen unzertrenn⸗ lichen Freundſchaftsbund beſchworen hatten!— Denn um die gleiche Zeit, da ſie tiefergriffen jenem Adagio lauſchten, hatte ihr theuerer Lehrer Ekhof geendet, die Mara hatte ihm ſein Schwanenlied geſungen und viel⸗ leicht haben die himmliſchen Töne ſeine fromme Seele zu dem Throne Deſſen begleitet, der auf Erden ſein letzter Gedanke geweſen war. „Mein Geiſt fährt zu Dem, der ihn gegeben hat, was habe ich zu fürchten?“ hatte er noch kurz vor ſeinem Ende mit deutlicher Stimme geſprochen.— Drei Tage nachher übergab man in der Frühe des Morgens Ekhof's Leiche auf dem neuen Kirchhofe dem Schvoße der Mutter Erde. Alle Mitglieder der An⸗ ſtalt, deren höchſter Stolz er geweſen, alle Mitglieder der Freimaurerloge, in welcher er das Amt eines Red⸗ ners verſehen hatte, begleiteten ihn zu ſeiner letzten Ruheſtätte. Der Herzog bezahlte großmüthig aus ſeiner Privatkaſſe die Koſten des Leichenbegängniſſes, auf der ſchwarzbehangenen Bühne ſelbſt aber ward auf ſeinen Befehl Tags darauf eine Trauerfeierlichkeit veranſtaltet, bei der das ganze Theaterperſonal in Trauerkleidern ver⸗ ſammelt war. Der Schauſpieler Böck hielt nach einer von dem Kapellmeiſter Schweizer zu dieſem Zwecke eigens componirten Trauermuſik die Gedächtnißrede: „um das öffentliche feierliche Zeugniß abzulegen, daß Niemand ſtärker empfinde als wir, was die Kunſt, was dieſe Bühne, was die ganze Bühne Deutſchlands an Ihm verloren habe.“ Seine geiſteskranke Frau überlebte ihn faſt um zwölf Jahre, ihr Leiden war zuletzt in gänzlichen Wahn⸗ ſinn ausgeartet, ſie ſtarb zu Gotha im Anfang der neun⸗ ziger Jahre—„arm und elend.“ Von Allen, welche Ekhof durch Bande der Familie im Leben nahe geſtanden, war ſein ungerathenes Pfle⸗ gekind Betty Steinbrecher die Einzige, welche, wie man im Theator⸗Jargon zu ſagen pflegt, eine brillante Car⸗ riere machte.“ Wenigſtens haben die Dornen, die ihr in Folge ihrer unnatürlichen Aufführung gegen Ekhof, nach ſeiner und ſeiner redlichen Freunde Meinung im Buſen wohnen mußten, erſt ſpät ihre Spitze gegen ſie gekehrt; denn ſie glänzte ſogar längere Zeit hindurch als berühmte Sängerin im Soubrettenfache an Büh⸗ nen erſten Ranges und der klangvolle Name, den ihr ein ſchlauer Einfall ihres Beſchützers Bondini beim Antritt ihrer Künſtlerlaufbahn voranſchickte, hat wirk⸗ lich, ſo lange ihre Schönheit und ihre feine Koketterie auf der Bühne für Kunſt und Genialität galten, wenig⸗ ſtens bei der Menge ſeine Zauberkraft bewährt. Sie wurde auch in Berlin als„deutſche Favart“ gefeiert und erlebte unter dieſem berühmten Adoptivnamen Triumphe, um die ſie die wirkliche Künſtlerin dieſes Namenszu allerletzt beneidet hätte!— Wie ihre unglück⸗ liche Tante im ſtillen Thüringer Dorfe, empfing ſie in ihrem glänzenden Salon ſehr vornehme Beſuche— kurz, ſie erreichte in der That jenes Glück, um deſſen blendender Verſuchung willen ſie ihres trefflichen Pfle⸗ gevaters Herz gebrochen hatte.— Ueber das Ende ihrer „glänzenden Carriére“haben wir nur unverbürgte Nach⸗ richten; jedenfalls verſchwand ihr einſt gefeierter Name noch eher aus dem Gedächtniß der Menſchen, als das Grab Ekhof's, das man auffallenderweiſe unterlaſſen hatte, durch einen Denkſtein zu bezeichnen. Denn Nichts in der Welt geräth ſchneller in Vergeſſenheit, als ein auf äußeren Schein gebauter Ruhm ohne inneren Nach⸗ halt; faſt noch ſchneller, als der ſtumme eingeſunkene Grabhügel, den keine trauernde Liebe hütet. Auch an Ekhof ſollte es in Erfüllung gehen, daß ein hoher ſchöpferiſcher Gedanke, an den ein großer und genialer Menſch ſein ganzes Leben geſetzt hat, mit deſſen Tode darum nicht aufhört, belebend und entzündend zu wirken, ſondern von andern, gleich begeiſterten und be⸗ fähigten Menſchen weiter geführt wird; wie ja auch jene hohen Dome des Mittelalters erſt von den Enkeln und Urenkeln Derer vollendet wurden, die den mächtigen Plan dazu entwarfen und doch vielleicht nicht einmal den erſten Quaderſtein aus der Erde ſich erheben ſahen. Länger als acht und dreißig Jahre hatte Ekhof ohne Raſt an dem Fundamente zu dem Tempelbau einer deutſchen nationalen Schauſpielkunſt gearbeitet. Aus einer von Oben verachteten, von Unten mißhandelten Kunſt, die oft genug durch ihre eignen Zünger bis zur. Handwerkszunft, oder auch noch tiefer, herabgewürdigt wurde, hatte er durch ſein perſönliches Vorbild eine wahrhafte Kunſt geſchaffen, ein geiſtiges Bedürfniß in ſeinem Volke geweckt, dem ſchon die Edelſten und Be⸗ ſten ihre Herzen erſchloſſen. Man ſah während dieſes langen Zeitraums den einzigen Mann unverdroſſen thätig, ſah ihn überall an der Spitze Derer, die mit ihm das gleiche Ziel verfolgten, man ſah ſeine herr⸗ lichen Reſultate, wie hätte eines ſolchen Mannes un⸗ ermüdliches Schaffen aus dem Rohen und Formloſen heraus nicht Andere zu der gleichen Arbeitsluſt, der gleichen Ausdauer anfeuern ſollen! Darin liegt ja die mächtig fortwirkende Zauberge⸗ walt eines wahrhaft großen, dem Dienſte der Menſch⸗ heit geweihten Lebens, daß es den Nachfolgenden die Mittel lehrt, ihnen die bewährten Erfahrungen und praktiſchen Handgriffe zeigt, wie ſie es anfangen müſſen, um in ſeinem Geiſte weiter zu ſchaffen, andere, gleich große Schwierigkeiten, wie er ſelber, zu überwinden und endlich dem herrlichen Dome den goldenen Siegeskranz der Vollendung aufzuſetzen. Wir möchten es daher faſt als eine ganz beſonders günſtige Fügung, um nicht zu ſagen als eine deutlich in das Leben hereintretende planvolle Abſicht eines höhe⸗ ren Meiſters bezeichnen, der alle menſchlichen Bemühun⸗ gen oft durch den leiſen Druck eines Schmetterlingsflü⸗ gels— denn was iſt ein derartiger entſcheidungsvoller Zufall weiter im Plane der ewigen Weltordnung— den — 208 letzten Erfolg gewinnt; als eine ſolche höhere Abſicht möchten wir es bezeichnen, daß kurze Zeit nach Ekhof's Tode der Herzog von Gotha ſich bewogen fand, ſeine junge, ihm vorher ſo theuere Kunſtanſtalt plötzlich auf⸗ zuheben und deren Mitglieder ſeines Dienſtes zu ent⸗ laſſen.— Den Beweggrund zu dieſem unerwarteten Ent⸗ ſchluß deutet der treffliche Biograph*) Herzog Ernſt's des Zweiten nur leiſe als eine Verſtimmung des Fürſten an über gewiſſe Intriguen und Streitigkeiten, in denen er den Richter habe abgeben ſollen. Genug, ſämmt⸗ lichen Künſtlern wurde der Contract gekündigt, in der Stadt, auf deren Gottesacker Ekhof ruhte, ſollte ferner keine Bühne mehr beſtehen! In Folge davon kamen bald nachher aus Mann⸗ heim von dem um das deutſche Theater ſo hochverdien⸗ ten Freiherrn von Dalberg Briefe nach Gotha, worin derſelbe Namens des kunſtliebenden Kurfürſten Carl Theodor von der Pfalz den Schülern Ekhof's höchſt ehrenvolle und günſtige Engagements⸗Anträge zum Ein⸗ tritt in deſſen Dienſte machte. Dieſen Briefen folgte *) Wir wünſchen jedem deutſchen Fürſten einen Biographen, wie ihn Herzog Ernſt der Zweite in Dr. Auguſt Beckgefunden hat, aber auch jedem Biographen einen Fürſten, wie dieſen Herzog Ernſt. — 209— ſpäter ein Bevollmächtigter in der Perſon eines Herrn Satory. Unter den Inſtructionen deſſelben befanden ſich folgende zwei intereſſante Punkte, welche die diplo⸗ matiſche Wichtigkeit charakteriſiren, die man von Mann⸗ heim aus ſeiner Sendung beilegte. Erſtens ſollte Herr Satory ſich mit der Geheimeräthin von Lichtenſtein in's Vernehmen ſetzen, damit dieſe große Beſchützerin der Kunſt und Künſtler ſich perſönlich bei dieſen Unterhand⸗ lungen betheiligen möge; ſodann aber heißt es wörtlich: „Um nicht gleich viel Aufſehen zu machen, wird es gut ſein, wenn Herr Satorh vor der Stadt im Gaſthof zum„Mohren“ abſteigt.“ Die Geheimeräthin gelangte durch dieſe unvermu⸗ thete Ehre noch einmal zu der alten vollen Glorie ihres Ruhmes als Beſchützerin der Künſte, und ihr Einfluß gewann dadurch an neuem Anſehen.— Aber ſei es nun, daß der Groll gegen die jungen übermüthigen Künſtler, die einſt ihrer äſthetiſchen Autorität geſpottet hatten, noch immer in ihrem Herzen fortlebte; ſei es, daß dieſe ſelbſt ihr nicht die jedenfalls höchſt zweifelhafte Rolle vergeſſen konnten, welche ſie in Ekhof's unglücklichem Verhältniß zu ſeinem leichtſinnigen Pflegekind geſpielt hatte: ſie muß mit ihrem Vermittlungsgeſchäftkein ſonder⸗ liches Glück bei ihnen gehabt haben. Denn in ihrer Cor⸗ Mutler, Ethof. II. 1⁴ reſpondenz mit dem Freiherrrn von Dalberg äußert ſie ſich mitunter ſehr bitter über dieſe Comödianten und warnt ihn, ja alle Briefe derſelben ſorgfältig aufzuhe⸗ ben, da ſie wohl aus Erfahrung wiſſe, wie unzuver⸗ läſſig ſolche Leute ſeien. Auch ſei doppelte Vorſicht nöthig, da man ſowohl von Hamburg wie von Dresden aus ſehr eifrig an dem Gewinn der jungen Gothaer Künſtler für die dortigen Bühnen arbeite. In einem anderen, franzöſiſch geſchriebenen Brief gedenkt ſie Iffland's und Beck's mit folgenden ſchmei⸗ chelhaften Bemerkungen: „Ce misérable(Iffland) est bon acteur, mais trés- mauvais citoyen, vous auriez en Beck(qui ne fait que promettre de devenir quelque chose), si vous étie⸗ entré dans ses prétentions.“ Aber der Freiherr von Dalberg war nicht der Mann, der ſich durch die Mediſance einer in ihrer Eitelkeit be— leidigten Dame von einer einmal beſchloſſenen Sache abbringen ließ. Er wußte, daß die Schüler eines Ekhof der neu errichteten Hofbühne zu Mannheim, die nach dem Willen ihres fürſtlichen Gründers eine Mu⸗ ſteranſtalt für ganz Deutſchland werden ſollte, nur zur Ehre gereichen würden, und ſo kam man bald mit den Unterhandlungen in's Reine. — Getren dem Schwure ihrer unzertrennlichen Freund⸗ ſchaft, den ſie ſich gegenſeitig in der Sterbeſtunde Ekhof's geleiſtet hatten, reiſten unſere drei Künſtler zuſammen an den Ort ihrer künftigen Beſtimmung ab z auch die Schauſpieler Böck und Meyer mit ihren talentvollen Frauen waren für die neue Bühne gewonnen worden, und ſo erhob ſich bald, wie der Phönix aus der Aſche, aus der aufgelöſten Gothaer Bühne im ſchönen Mann⸗ heim eine neue Freiſtätte für die dramatiſche Muſe Deutſchlands. Im Sterbejahre des alten Ekhof hatte der junge Genius der deutſchen dramatiſchen Poeſie ſein erſtes gigantiſches Werk„die Räuber“ gedichtet; und auch darin wollen wir keinen bloßen Zufall erblicken, daß es gerade die Schüler des erſten deutſchen und nur deut⸗ ſchen Tragöden waren, die zuerſt auf der Mannheimer Bühne die gewaltige Jugenddichtung Schiller's auf den Kothurn ihrer herrlichen Kunſt erhoben haben. Zwei von ihnen, Beck und Beil, haben nur in der Geſchichte der Schauſpielkunſt einen ehrenvollen Platz gewonnen:„die Nachwelt flocht auch dieſen Mimen keine Kränze.“ Dagegen hat ſich der Dritte im Bunde, Auguſt Wilhelm Iffland, neben ſeiner unübertroffenen Meiſterſchaft in der Menſchendarſtellung, auch noch einen klangvollen Namen in unſerer dramatiſchen Lite⸗ ratur errungen. Alle Drei aber haben noch häufig in ſpäteren Jahren in den feierlichen und bedeutſamen Momenten ihres Lebens den einzig würdigen Ausdruck für die gehobene Stimmung ihrer Herzen in den Worten ihres unver⸗ geßlichen Meiſters gefunden: „Gedenke mein!“ Suhult des zweiten Theils. Die Muſe von Gotha. Der Perpendikel Wer nur den lieben Gott läßt walten Schatten auf Höhen Der Geiſt im Hamlet. Druck von Otto Wigand in Leipzig.