deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 5 Ednard Otimann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe SSe E hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Auf der Brücke, welche bei dem in der Nähe der freundlichen Reſidenzſtadt Gotha gelegenen Dorfe Sundhauſen über das Flüßchen Leine führt, ſtand an einem Frühlingsabend in der letzten Hälfte der ſiebzi⸗ ger Jahre ein ältlicher Mann von ſchlichtbürgerlichem Ausſehen, in einem grauen Tuchrock mit kleinem, bis an die Achſeln reichenden Radkragen, einen runden Hut auf dem Kopfe, unter deſſen ſchmaler Krämpe eine mit wenig Sorgfalt gepflegte Haarperrücke ſicht⸗ bar wurde. Das ganze Aeußere des angehenden Sech⸗ zigers, ſeine vorgebeugte Haltung, ſein gramdurchfurch⸗ tes Antlitz, welches eine auffallend bleiche bleigraue Farbe zeigte, hätten nach dem erſten Eindruck ſeiner anſpruchsloſen Perſönlichkeit etwa auf einen unter Nah⸗ rungsſorgen, Krankheit und anderen Lebensnöthen 1* verkümmerten kleinen Handwerker aus der nahgelege⸗ nen Reſidenz, oder auf einen armen Dorfſchulmeiſter aus einem der benachbarten Orte ſchließen laſſen kön— nen, dem plötzlich mitten auf der Brücke das Schreck⸗ bild ſeiner zu Hauſe auf ihn wartenden Sorgen den Schritt gelähmt hat. Allein bei einer näheren Prüfung der ſcheinbar ſo unanſehnlichen Geſtalt mit den bei allem Trübſinn doch ungemein ausdrucksvollen Geſichtszügen, den lebhaften blauen Augen und der edelgeformten, wenn auch etwas zu ſtark hervortretenden Naſe mußte dieſer erſte Eindruck der Armuth ſogleich der Wahr⸗ nehmung weichen, daß dieſer dürftige Anzug, dieſe ab⸗ getragene Chenille, dieſe ungeordnete Perrücke nur von einer zufälligen Laune, vielleicht auch von dem Hange zu einer übergroßen Einfachheit, wie ſie das Alter liebt, gewählt waren; denn zu der äußeren Erſcheinung des der zwingenden Noth des Lebens preisgegebenen Alters paßten weder der emaillirte Knopf an dem ſtattlichen ſpaniſchen Rohre mit den ſchwarzſeidenen Quaſten, noch die ſilbernen Schnallen auf den beſtaubten Schu⸗ hen der merkwürdig großen Füße mit den unförmlich hervortretenden Knöcheln, die zu den zierlichen wei⸗ ßen Händen etwa den nämlichen Gegenſatz bildeten, wie der ſtarkabgetragene Oberrock zu dem breiten, feingefältelten Buſenſtreif unter der buntgeblümten Schvoßweſte von Seide. Auch der Ausdruck von Gram und Kümmerniß in ſeinen Zügen war nicht der, in welchem ſich ſonſt die Sorge um irdiſchen Bedarf, um des Daſeins rauhe unabweisbare Nothwendigkeit im Menſchenantlitz wie⸗ derzuſpiegeln pflegt. Die Trauer, die ihren Schatten auf ſeine Stirne lagerte, der ſchmerzliche Krampf, der zuweilen um die ſchmalen feſtgeſchloſſenen Lippen zuckte, während er unverwandten Blickes über das Ge⸗ länder der Brücke hinweg das in leiſem Wellenſchlag unter ihm hinfluthende Waſſer betrachtete, ſie gehörten gewiß tieferen Leiden der Seele, ſchwereren Sorgen des Herzens an, als die ſind, welche das Leben der Armuth und Verlaſſenheit bedrängen und die bald frommes Gottvertrauen, bald hülfreiche Menſchen⸗ liebe, zumeiſt aber doch des Duldens lange Gewohn⸗ heit dem Unglücklichen weniger fühlbar machen. Aber das, was den alten Mann im ſchlichten Bür⸗ gerkleide bewegte und ſeinen Zügen dieſen Ausdruck einer ſchmerzlichen Reſignation verlieh, war gewiß kein gewöhnliches Menſchenlvos, ſo wenig als die Kraft des Charakters und die Energie des Geiſtes eine ge⸗ wöhnliche waren, die ihn vielleicht ſchon Jahrelang mit ſeltener Standhaftigkeit ein ſchweres unabänder⸗ liches Verhängniß muthig ertragen ließen, ſo daß ſich ſelbſt ſeines Alters ehrwürdiger Erſcheinung noch eine gewiſſe ſchroffe, unbeugſame Entſchloſſenheit, ein her⸗ ber Eigenwille in Blick und Haltung zugeſellten, als wenn er noch lange nicht daran dächte, trotz ſeines gebückten Körpers und ſeines verkümmerten Ausſehens den feindlichen Mächten ſeines Lebens das Feld zu räumen. Und dieſer Eindruck einer großen Willenskraft, einer entſchloſſenen Perſönlichkeit wurde noch verſtärkt, ſo oft er aus ſeinem düſteren Hinbrüten erwachte, um die Laſt eines unbekannten Weh's von ſich abzuſchütteln, das ſeine Seele bedrückte und ſich in ſeiner gebeugten Geſtalt, ſeinem kummervollen Antlitz deutlich genug ausſprach. Dann richtete ſich mit Einmal der ſchein⸗ bar ſo hinfällige und zuſammengeſunkene Körper kraft⸗ voll in die Höhe, aus der beſcheidenen gealterten Ge⸗ ſtalt wurde eine mannhafte Heldenfigur, die noch eben ſtarr auf einen Punkt gerichteten Augen blitzten Muth und Entſchloſſenheit und der Gram in ſeinen Zügen wich dem Ausdruck eines edlen Zornes, an dem nur zweifelhaft blieb, ob er ſich mehr gegen einen äußeren Feind, gegen ein drohendes Verhängniß richtete, oder ob er der eigenen inneren Schwäche und Muthloſigkeit, dem thatloſen Hinbrüten grollte, das ihm wieder ein⸗ mal den freien Muth in der Bruſt gelähmt hatte. Krampfhaft faßte er den Stock mit beiden Händen und drückte den Porzellanknopf gegen das faltige Kinn; ſeine Lippen zitterten, ſeine Augen ſprühten und ſein ganzes Weſen zeigte momentan die heftig erregte Lei⸗ denſchaft einer ihrer Kraft und ihrer Hülfsmittel ſich gleich vollkommen bewußten edlen Natur. Aber eben ſo ſchngll, als dieſer Geiſt der Entſchloſſenheit in ihm erwachte, was ſich in einzelnen raſchen Bewegungen der Arme, im zornigen Aufſtoßen des Stockes gegen die Diehlen der Brücke kund gab, ebenſo ſchnell verfiel er auch wieder in ſein früheres Hinbrüten; die noch eben ſtolz aufgerichtete Geſtalt ſank wie erſchöpft in ſich zu⸗ ſammen, wieder ſprach der alte Gram aus ſeinen Zü⸗ gen, wieder ſtarrte er regungslos auf das unter Erlen⸗ büſchen hinfließende kleine Waſſer. So hatte er wohl ſchon eine halbe Stunde, ein Bild inneren Widerſtreites dunkler Gefühle, ſchmerz⸗ licher Betrachtungen auf der Brücke geſtanden und es war offenbar, daß alles Sinnen und Grübeln ihn zu keinem feſten Entſchluſſe gebracht hatte; ſchon über⸗ glänzte die Sonne mit ihren letzten Strahlen die hagere Geſtalt des alten Mannes, welcher, beide Hände auf den Stab zuſammengelegt, fortwährend unverwandt nach dem Waſſer hinabblickte und vielleicht kaum mehr an den Zweck ſeines Hierſeins dachte, ſo gänzlich ſchien ſein Geiſt in weiter Ferne verloren, als wenn er, was ihm noth thue und was er vergebens in der Welt der wirklichen Dinge zu erreichen trachte, irgendwo in den Räumen der Unendlichkeit ſuchen wolle. Oder waren es die Erinnerungen einer beſſeren Zeit, waren es die trauten Geſtalten ſeiner ihm in's Jenſeits vorangegan⸗ genen Lieben, die vor ſeinem inneren Auge vorüber⸗ wandelten, daß die ernſte Schwermuth in ſeinen Zügen ſich allmählig in ſtilles Hinträumen verwandelte; ge⸗ nug, ſeine Seele war ſo vollkommen den Eindrücken der Außenwelt entrückt, daß er weder auf das Geräuſch nahender Schritte, noch auf die Erſcheinung des jun⸗ gen Wanderers achtete, der jetzt vom Dorfe her auf der nach Gotha führenden Landſtraße der Brücke zuge⸗ ſchritten kam, ſichtbar erſchöpft und durch ſeinen hin⸗ kenden Gang verrathend, daß ihn die Füße ſchmerzten. Es war ein junger, etwa neunzehnjähriger Menſch von wohlproportionirtem Aeußeren, nach ſeiner ſtädtiſchen Kleidung und ſeinem gebildeten Weſen zu ſchließen, der Sohn wohlhabender Eltern und gewiß noch wenig an dieſe beſchwerliche Reiſeart mit einem ſchweren Torniſter auf dem Rücken gewöhnt. Dennoch zeigte ſein rundes blühendes Geſicht, trotz der körperlichen Erſchöpfung den fröhlichen Muth der Jugend und aus den lebhaften Augen ſprach ebenſoviel Verſtand und ſichere Urtheilskraft, als keckes Selbſtvertrauen und eine ſchnelle Auffaſſungsgabe. Beim Anblick des alten, in tiefes Nachdenken ver⸗ lorenen Mannes blieb der junge Wanderer verwundert ſtehen und betrachtete voll Antheil die ehrwürdige Ge⸗ ſtalt mit dem gramdurchfurchten Antlitz. Langſam ließ er den ſchweren Torniſter von den Schultern auf das Brückengeländer niedergleiten, um ſich eine kurze Raſt zu gönnen; doch wagte er nicht den Alten anzureden, den er in einem ſtillen Gebete begriffen wähnte und beſchloß daher ruhig abzuwarten, bis Jener ſeine Gegen⸗ wart bemerken würde. Auch war es bald gewiß nicht mehr die Neugierde allein, was ihm die Erſcheinung des Alten ſo anziehend machte; denn immer deutlicher ver⸗ riethen die Züge des Jünglings eine tiefe Rührung, als wenn plötzlich Erinnerungen in ihm erwacht wären, die ihn vielleicht, fern von Heimath und Familie, mit doppelt ſchmerzlicher Gewalt übermannten; mechaniſch griff er in ſeine Bruſttaſche und holte ein kleines Mi⸗ niaturbild hervor, das er zuerſt eine Zeitlang wehmü⸗ thig betrachtete und dann mit Inbrunſt an die Lippen drückte, wobei er mit einem ſchmerzlichen Blick nach Oben die Worte flüſterte:„O mein guter Vater, zürne mir nicht, daß ich Dich verlaſſen habe und verſage mir nicht länger Deinen Segen zu dem Gelingen mei⸗ nes innigſten Seelenwunſches.“ In dieſem Augenblick ertönte die Abendglocke von Sundhanſen und der Jüngling bemerkte zu ſeinem Er⸗ ſtaunen, wie der alte Mann bei dieſem Klange zuerſt heftig auffuhr, dann beide Hände zuſammenſchlug und erſchüttert ausrief: „Ach mein armes Fränzchen! Da ruft es mich wieder zu ſich und ich vergeſſe über den böſen Buben ſeiner Trübſal und wie ſchmerzlich es mein langes Aus⸗ bleiben empfinden wird! Iſt's mir doch, als hört' ich im Glockenton ihre wehklagende Stimme; fort darum und hin zu ihr, ehe die alten Aengſten und Schreckbil⸗ der ihre arme Seele wieder heimſuchen und ſie ſich gar, wie ſchon einmal, einbildet, ich hätte ſie treulos verlaſſen, wie ihr Schwager Steinbrecher einſtmals die Schweſter verließ, wofür ihn freilich Gottes Strafge⸗ richt ſpäter furchtbar genng erreicht hat, ſo daß er auf halbfaulem Stroh in einem fuldaiſchen Bauerndorfe — —— elend verhungern mußte.— Ach Stephan! Stephan! Wär ich doch nicht der ſchwache weichherzige Thor gewe⸗ ſen und hätte Dir, ſtatt der fruchtloſen Ermahnungen, täglich das Schickſal Deines unglücklichen Vaters als warnendes Exempel vorgehalten, wer weiß, ob ich dann jetzt ſo großen Kummer an Dir zu erleben brauchte!“ Nach dieſem in der ſchmerzlichſten Bewegung ge⸗ führten Selbſtgeſpräch, das ein ungemein ausdrucks⸗ volles Geberdenſpiel begleitete, wollte der Alte in der Richtung nach dem Dorfe über die Brücke gehen, als er des jungen Fußreiſenden anſichtig wurde. Ein Blick in deſſen verwunderte Miene ſagte ihm, daß der Jüng⸗ ling jedes ſeiner Worte gehört habe, was ihm keinen kleinen Verdruß zu verurſachen ſchien. Denn raſch und mit einer ſtolz gebietenden Haltung, die zu ſeiner noch eben gebeugten Geſtalt einen merkwürdigen Ge⸗ genſatz bildete, trat er auf den jungen Menſchen zu, der vor dem zermalmenden Feuerblitz ſeiner zornfunkeln⸗ den Augen und vor der ganzen ſo plötzlichen wunder⸗ baren Verwandlung im Aeußeren des alten Herrn beſtürzt einen Schritt zurückwich, und herrſchte ihn mit mächtiger Stimme an: „Was hat Er hier zu ſchaffen? Warum geht Er nicht Seiner Wege, anſtatt auf offener Landſtraße den heimlichen Horcher und Aufpaſſer für fremder Leute Geheimniſſe zu machen?“ War es nun der, trotz dieſes zornigen Ausbruchs hervortretende Geſammteindruck ſeiner edlen und ver⸗ trauenerweckenden Perſönlichkeit; war es das durch dieſen harten und ungerechten Verdacht beleidigte Ehr⸗ gefühl des jungen Menſchen, was dieſem ſchnell ſeine Feſtigkeit zurückgab, genug, der Jüngling hielt den durchbohrenden Blick des alten Herrn mit Ruhe aus und erwiederte dann noch kecker und launiger, als ihm vielleicht innerlich zu Muthe ſein mochte: „Das Er verbitt' ich mir vornweg, mein Herr, und was den heimlichen Horcher und Aufpaſſer auf offener Landſtraße betrifft, ſo bedaure ich wirklich recht ſehr, daß Sie Ihren Monolog nicht mitten auf der Lüneburger Haide gehalten haben, wo Sie gewiß vor Spionen ſicher geweſen wären.“ „Man ſcheint in der Kunſt der Dialektik bereits einige erkleckliche Fortſchritte gemacht zu haben,“ ſagte der Alte, dem dieſe dreiſte Antwort keineswegs zu miß⸗ fallen ſchien, mit einem Anflug von ironiſcher Laune. Er faßte nun auch ſeinerſeits ſeinen jungen Widerſacher aufmerkſamer in's Auge und das Reſultat ſeiner kurzen Prüfung mußte jedenfalls zu Gunſten des Letzteren — —— — —— ausgefallen ſein; denn ſchnell wich der zornige Aus⸗ druck ſeiner Miene einer wohlwollenden Theilnahme, ſeine ſtolz gebietende Haltung verwandelte ſich wieder in die Geſtalt des gutmüthigen friedlichen Alten, ſchmunzelnd fuhr er ſich mit der Hand über das faltige Kinn, brummte einige unverſtändliche Worte in den Bart und ſagte zuletzt mit einer Stimme, deren herz⸗ lichem Tone am wenigſten ein Jüngling in fremdem Lande hätte widerſtehen können: „Red' auch Er mich nur immer franchement mit Er an, junger Mann, wenn Er ſich durch meinen vor⸗ hinigen barſchen Ton incommodirt fühlt. Denn Er hat ein freies offenes Auge, das mir einen verſtändi⸗ gen Sinn, ein warmes Gemüth verräth, empfänglich für alles Schöne und Gute in der Welt— ah, ich möchte hier auf der Brücke zwiſchen Gotha und Sund⸗ hauſen Eins gegen Hundert wetten, Seine Frau Mutter iſt eine feine charmante Frau!“ Mit dieſer Behauptung, im Ton und Blick der ſicherſten Ueberzengung ausgeſprochen, hatte der merk⸗ würdige Alte den jungen Wanderer allerdings an ſei⸗ nem innerſten Herzen gefaßt; denn plötzlich ward in dieſem ein Sturm von Empfindungen lebendig, dem der Jüngling nicht lange zu widerſtehen vermochte; erſt . hob ſich ſeine Bruſt mehrmals wie unter einem ſchwe⸗ ren Alpdruck, tiefe Bläſſe und flammende Röthe wech⸗ ſelten auf ſeinem Antlitz, dann brach er in ein krampf⸗ haftes Schluchzen aus und rief mit bewegter Stimme: „Wär' ich doch immer der Liebe dieſer herrlichen Mutter würdig geweſen!— Gewiß, mein Herr, mir ſehen Sie es nicht an, welch' eine ſeltene Frau meine Mutter iſt!— Und wie hab' ich ihrer treuen zärtlichen Liebe, ihrer unendlichen Herzensgüte gelohnt„ die ſie ſo viele Jahre an den undankbarſten der Söhne ver⸗ ſchwendete!— Ja, runzeln Sie nur finſter die Stirne, mein Herr, und ändern Sie ſo ſchnell als möglich Ihre voreilige günſtige Meinung von mir; Sie haben mich an meine theure Mutter erinnert und ſollen darum auch von mir erfahren, daß ich meinen guten Eltern ſchon mehr Kummer und Herzeleid verurſacht habe, als ich ſelbſt vor einem Unbekannten verantworten kann.“ „Ei, das ſollte mir ja wirklich herzlich Leid um Sie thun,“ erwiederte der alte Herr kopfſchüttelnd im Tone des gebildeten Weltmannes und mit einer Miſchung von Theilnahme und Staunen über dieſen leidenſchaft— lichen Gefühlsausbruch, der ihn freilich auf eine ſchmerz⸗ liche Schuld im Leben des unbekannten Jünglings ſchließen kieß, aber ganz gewiß auch auf ein unverdor⸗ 5 benes Gemüth und ein gefühlvolles Herz. Darum fuhr er nach einer Pauſe gutmüthig weiter:„Ach nein, ſo ſchlimm ſteht es gewiß nicht mit Ihnen, und ohne Sie zu kennen und von Ihrem vergangenen Leben etwas zu wiſſen, hege ich doch eine beſſere Meinung von Ihnen, als Sie ſelber. Sie mögen vielleicht aus Leicht⸗ ſinn, aus Mangel an Welt⸗ und Lebenskenntniß gefehlt haben; aber gerade Ihre ſchwere Selbſtanklage über⸗ zengt mich von der Aufrichtigkeit einer Reue, die ich an einem jungen Menſchen höher ſchätze, als manche andere regelmäßige Tugend. Ah, gewiß— ich leſe das in Ihren lebhaften Augen— hat eine edle Schwärmerei, eine übergroße Empfindſamkeit Sie in dieſen ſchlimmen Conflict mit Ihren guten Eltern und Ihrem eignen Herzen gebracht!“ Der Jüngling zuckte zuſammen und der ſtaunende Blick, womit er bei letzterer Bemerkung den Alten anſah, ſagte dieſem beſſer als Worte, daß er in ſeiner innerſten Seele geleſen habe. „Das iſt keine böſe Art, mein junger Freund, das nimmt mich wahrhaftig ganz und gar für Sie ein,“ fuhr der alte Herr in ſeinem treuherzigen Tone weiter. „Jammerſchade, daß wir dieſe Unterhaltung nicht noch Aber ich habe Eile, ein Weilchen fortſetzen können! eine theuere kranke Perſon wartet dort im Dorfe ſchon lange mit ſchmerzlicher Sehnſucht auf meine Ankunft — darf ich fragen, wohin die Reiſe geht?“ Das ganze liebreiche Weſen, das natürliche und doch ſo edel gebildete Benehmen des Alten im ſchlich— ten, faſt ärmlichen Bürgerkleide machte auf den jungen Wanderer einen unverkennbar tiefen wunderſamen Eindruck. Schnell wich die vorige Schwermuth aus ſeinen Zügen, ſeine Blicke belebten ſich wieder und in froher Bewegung des unbekannten Menſchenfreundes Hand ergreifend, rief er gerührt: „So will ich denn in Gottes Namen dieſe Begeg⸗ nung für eine gute Vorbedeutung für Das nehmen, was mich nach Gotha führt! O wenn doch der Mann, von dem ich dort das Höchſte und Beſte für mich und meine ganze Zukunft erwarte, den nämlichen hellen Seher⸗ blick in mein Inneres thun könnte, wie Sie, mein Herr, mir ſollte wahrlich bald geholfen ſein!— Gewiß ſind Sie der Herr Pfarrer oder der Herr Schulmeiſter aus jenem Dorfe? In dieſem Falle und wenn mir anders in Gotha gelingt, wofür ich meine ganze Zukunft ein⸗ geſetzt habe, erlauben Sie mir wohl, daß ich Sie recht bald in Ihrem friedlichen Dörfchen aufſuchen darf, um — die mir ſo angenehme Bekanntſchaft weiter fortzu⸗ ſetzen?“ 3 „Pfarrer— Schulmeiſter— ſeh' ich Ihnen denn darnach aus?“ fuhr der alte Herr betroffen auf, das letztere Prädikat auffallend betonend, und betrachtete ſich mit den Blicken eines Mannes, der plötzlich an ſich ſelber eine neue merkwürdige Entdeckung machen ſoll. Dann blinzelte er den jungen Wanderer mit einem eigenthümlich gutmüthigen und doch wieder iro⸗ niſchen Lächeln wie zerſtreut an und ſagte halb mür⸗ riſch, halb heiter: „Hätt's wirklich nimmer geglaubt, daß ich einem ehrwürdigen Dorfpaſtor oder gar einem armen Dorf⸗ ſchulmeiſterlein ſo ähnlich ſähe, wie es dem jungen Herrn da zu bedünken beliebt! Aber Ihre Vermuthung hat, wenn auch falſch, dennoch eine gewiſſe innere Wahrheit für ſich, ſo zu ſagen eine paraboliſche Wahr⸗ heit. Denn in gewiſſem Sinne bin ich allerdings ein Prediger, nur daß es gerade am ſeltenſten die from⸗ men Leute ſind, die meine Kirche beſuchen. Auch ſind die Kinder, die zu mir in die Schule gehen, große Kin⸗ der, der Fibel und dem Katechisinus längſt entwachſen, wiewohl ſie andererſeits, dem Himmel ſei's geklagt! leider oft noch nicht das ABC von Dem verſtehen, was Müller, Ekhof l. 2 ,— ich ſie lehren möchte!— Doch was ich ſagen wollte, in jenes Dorf brauchen Sie ſich meinethalben nicht zu bemühen; ich wohne in Gotha, empfange dort zwar ſelten Beſuche zu Hauſe, weil ich mit Berufsarbeiten ſehr überhäuft bin, aber der Ihrige ſoll mir demunge⸗ achtet willkommen ſein, beſonders wenn ich Ihnen irgendwie bei Ihrem Vorhaben nützlich werden kann.“ „Sie wohnen in Gotha?“ rief der Jüngling, der in ſeiner freudigen Bewegung bei dieſer Nachricht die letzten Worte des alten Herrn faſt überhört hatte. „Dann können Sie mir auch gewiß ſagen, ob Herr Ekhof wieder von ſeiner Krankheit geneſen iſt?“ „Der genest nicht mehr,“ ſprach Flötzlich eine fremde tiefe Stimme von ſonderbar ſchmerzlichem und erſchütterndem Klange aus dem Munde des alten Man⸗ nes, während er doch den beſtürzten Jüngling mit der vorigen Miene wohlwollender Theilnahme anblickte. Dann aber verfinſterten ſich ſeine Züge mehr und mehr, als er gepreßt fortfuhr:„Der arme Ekhof! Den alſo ſuchen Sie in Gotha, junger Herr? Da kommen Sie ja wirklich bei ihm an den rechten Mann mit Ihrer ſchweren Selbſtanklage vom ungerathenen und undank⸗ baren Sohne! Denn unlängſt hat ihn der Einzige, den er wie ein Vater liebte, treulos verlaſſen, iſt mit acht⸗ zehn Jahren voll Erbitterung gegen ſeinen Wohlthäter in die weite Welt gegangen— ah, Sie werden ihm ganz gewiß noch einmal auf Ihren Wegen begegnen, ſind vermuthlich auch ſo ein weggelaufener Thunichtgut — na, nur Geduld, Bürſchchen, jetzt weiß ich, wo Ihn der Schuh drückt, auch ohne die Blaſen, die ſich das verzogene Mutterſöhnlein auf der rauhen Heerſtraße des Lebens bereits gelaufen hat— Bomben und Plukte⸗ finken, was will Er beim alten Ekhof!“ rief er und richtete ſich, wie ſchon einmal, in drohend gebietender Geſtalt und flammendem Zornesblick vor ihm auf. „Meint Er, deſſen Haus ſtünde jedem Landſtreicher und leichtſinnigen Abenteuerer offen? Oder hofft Er wohl gar durch Ekhof's Protection einen Platz auf dem Thespiskarren zu gewinnen, der ohnedies ſchon mit Paſſagieren Seiner Sorte vollauf beſetzt iſt? Als wenn Ekhof der Mann dazu wäre, dem falſchen Ehrgeiz und den eitlen Träumen junger überſpannter Genies auf Koſten betrübter Eltern, rechtſchaffener Familien Vor⸗ ſchub zu leiſten! Dagegen muß ich als ſein vieljähriger Freund in ſeinem Namen auf's Nachdrücklichſte prote⸗ ſtiren, möchte Ihn vielmehr wohlmeinend verwarnen, dem alten Konrad, den ich in dieſem Punkte genau zu kennen glaube, mit ſolchen verwegenen Wünſchen, wie 2* — ich in Seinen Geſichtszügen leſe, nahe zu kommen. Denn geſteh' Er's nur ein, Er will ein Comödiante werden?“ War es abermals die Ueberraſchung bei dieſer wie⸗ derholten, noch wunderbareren Verwandlung der ver⸗ kümmerten Dorfſchulmeiſtergeſtalt in die einer mächtig gebietenden Perſönlichkeit von überlegener geiſtiger Kraft und würdevollem Adel, der junge Wanderer ſtarrte eine Zeitlang den zornigen Herrn ſprachlos an und konnte zuletzt nur mit unſicherer Stimme in ſeiner äußerſten Verwirrung die Worte hervorſtammeln: „Wenn Sie den großen Ekhof ſo genau kennen, mein Herr, als Sie ſagen, ſo werden Sie auch wiſſen, daß er von jeher der wärmſte Beſchützer junger drama⸗ tiſcher Talente geweſen iſt. Wohlan denn,“ und hier richtete auch er ſich wieder ſicher in die Höhe,„ich werde trotz Ihrer Warnung den großen Künſtler mit Bewil⸗ ligung meiner guten Eltern aufſuchen, die endlich mei⸗ nen flehenden Bitten und den Vorſtellungen kunſtver⸗ ſtändiger Hausfreunde nachgaben und mir, wenn auch mit widerſtrebenden Gefühlen, erlaubt haben, die Ent⸗ ſcheidung des auch von ihnen hochverehrten Mannes anzurufen, ob der mich für hinreichend befähigt erklären wird, um den Meiſterſpruch über den künftigen Jünger ſeiner ſchönen Kunſt zu thun. Beſtehe ich dieſe Probe nicht, ſo kehre ich unverweilt in's Vaterhaus nach Hannover und zu meinen Studien zurück, und Ekhof's dortige Freunde, welche auch die unſeres Hauſes ſind und mich mit Empfehlungsbriefen an ihn verſehen ha⸗ ben, werden mich nicht länger mehr in der Einbildung be⸗ ſtärken, daß ich entſchiedenen Beruf zum Schauſpieler beſäße.— Aber Herr Ekhof iſt krank, ſagen Sie, ſehr krank? Und doch hörte ich vor drei Tagen in Münden, er habe bereits wieder die Bühne betreten?“ „Wie ein kranker Feldherr das Schlachtfeld, wie der alte Löwe die Arena,“ ſagte der Alte, in deſſen Miene während dieſer ebenſo ruhigen als beſtimmten Erklärung des Jünglings abermals eine merkwürdige Veränderung vorgegangen war. Denn obwohl er mit geſenkten Blicken, das Haupt ein wenig nach Vornen ge⸗ neigt, in ſeiner ſtattlichen Haltung verharrte, ſo war doch der finſtere Zorn in ſeinem Antlitz einem theilnahm⸗ vollen Ernſte, einer ſinnenden Schwermuth gewichen, bis er nach einer längeren Pauſe das geſenkte Haupt wieder emporrichtete, den jungen Menſchen wie ſchon einmal mit dem ihm eigenthümlichen Blinzeln der Au⸗ gen forſchend anblickte, dann aber, anſtatt ihm zu ant⸗ worten oder ihm auch nur ſeinen Namen zu ſagen, mit einer ſtummen Handbewegung kalt ihn grüßte und langſam, ohne ſich nur ein einziges Mal nach ihm um⸗ zuſehen, dem Dorfe zuging.— Wie er ſo im letzten Scheine des Abendrothes auf der Landſtraße dahin⸗ ſchritt, gefolgt von den ſtaunenden Blicken des jungen Wanderers, wollte es dieſen bedünken, als ſänke der noch eben ſo ſtolze ſtattliche Gliederbau wieder in die frühere gebeugte hinfällige Geſtalt zuſammen, der feſte Schritt werde wieder matt und ſchleichend und er habe mit wachen Augen und bei vollkommen klaren Sinnen einen armen, von allerhand wunderlichen Launen ge⸗ plagten alten Griesgram für eine geiſtig bedeutſame Perſönlichkeit und einen ungewöhnlichen Menſchenken⸗ ner angeſehen. Doch erſtickte ſeine Verwünſchung, die er Jenem zwiſchen Laune und Aerger über ſeine eigene Kurzſichtigleit nachrufen wollte, ein Gefühl von Be⸗ ſchämung über ſeine ihm jetzt ſelber unerklärliche Offen⸗ herzigkeit, einem wildfremden Menſchen gegenüber; er warf den Torniſter auf den Rücken und ſagte, wie um ſich den tieferen Eindruck, den die Begeg⸗ nung mit dem unbekannten Alten trotz alledem in ihm zurückgelaſſen hatte, wieder auszureden, mit leichtem Muthe: „Wenn der ein Freund von Ekhof iſt, ſo darf ich mich wohl auch vor ihm ſehen laſſen. Darum auf nach Gotha, ein alter Feldherr hat junge Soldaten doppelt nöthig!“ II. Iffland's erſtes Debut. Es war ſchon völlig dunkel geworden, als Iffland, ſo hieß der junge Reiſende, das vor dem Sundhäuſer Thore gelegene Gaſthaus zu den„drei Kronen“ er⸗ reichte, damals eine der renommirteſten Herbergen Go⸗ tha's. Da es an einem Werktag war, ſo ſaßen am heutigen Abend nur die täglichen Stammgäſte in der unteren Stube beiſammen, meiſt ehrbare Bürger aus dem beſſeren Handwerkerſtand, ſodann mehrere Sub⸗ alternbeamte aus den herzoglichen Kanzleien und einige ausgediente Militärs, die ſich bei einer Pfeife Tabak unter traulichem Geſpräche das treffliche goldhelle Wei⸗ zenbier aus dem ſogenannten Kloſterbrauhaus wohl⸗ ſchmecken ließen. Dieſe Geſellſchaft, die heute im Gan⸗ zen aus vierzehn Perſonen beſtand, ſaß auf harten, höchſt einfachen Holzſtühlen gemüthlich plaudernd um eine lange Tafel beiſammen, welche mit einem grünen Wachstuch überzogen war. In der Mitte derſelben brannte auf einem vor Zeiten einmal lackirt geweſenen Blechleuchter ein einziges Talglicht, neben welchem eine durch eine Meſſingkette mit dem eiſernen Geſtell des Leuchters unzertrennlich verbundene mächtig große Lichtſcheere lag. Vor jedem Gaſte ſtand eine blanke Deckelkanne von weißem Ahornholz, das berühmte je⸗ nenſiſche„Stübchen“, von welchem bekanntlich die alte Räthſelfrage herſtammt: Was ſteht im Holz und hat eine weiße Mütze auf?— Am oberen Ende der Tafel, am Ehrenplatz prangte ein großer, mit Lederpolſter verſehener Armſeſſel, zum Zeichen, daß wenigſtens ein Mitglied dieſer würdigen Genoſſenſchaft neben der ge⸗ müthlichen Unterhaltung auch noch auf einige Bequem⸗ lichkeit für ſeine Perſon Anſpruch machte; ein Vorzug, der dem Inhaber des Lehnſtuhls von den Andern auch dann noch ſtillſchweigend eingeräumt wurde, wenn er, wie dies heute der Fall war, ſeinen Ehrenſitz leer ließ. Zwar richtete ſich mancher verſtohlene Blick ſehnſuchts⸗ voll nach dem behaglichen Großvaterſtuhl; ob es aber wirklich geheimer Neid war, der ſich beim Anblick des leerſtehenden Polſterſitzes in dieſem und jenem Stamm⸗ gaſt regte, oder ob es nicht vielmehr die Abweſenheit des rechtmäßigen Inhabers war, welche von Allen ſchmerzlich empfunden wurde, dieſe Frage laſſen wir für jetzt unentſchieden; zumal das Aufſehen, welches der Eintritt des jungen wohlgekleideten Fußreiſenden mit dem ſchweren Torniſter verurſachte, wie billig bei ſämmtlichen Stammgäſten jedes andere Intereſſe zu⸗ rückdrängte. Denn die guten eingeheimelten Reſidenz⸗ bürger jener Tage waren noch lange nicht ſo kosmopo⸗ litiſch entnüchtert und eulturbeleckt, um nicht in einer fremden Erſcheinung von einiger Diſtinction, an der ihnen Dies und Jenes bemerkenswerth war, einen lebendigen Repräſentanten jener großen unbekannten Welt da draußen„hinter den Bergen“ zu erblicken, von welcher ihnen ſonſt nur die Zeitung eine dürftige papierne Kunde brachte. Aber zugleich war auch ein Fremder in der Einförmigkeit und Beſchränktheit ihres ſocialen Lebens eine Allen gleich willkommene Erſchei⸗ nung ſchon um deßwillen, als dies beinahe die ein⸗ zige Gelegenheit war, wo man ſeinen Scharfblick in Beurtheilung frender Individualitäten und Berufs⸗ arten im Brillantfeuer der Untrüglichkeit leuchten laſſen, Gevattern, Nachbarn und allen Befreundeten den thatſächlichen Beweis liefern konnte, daß man nicht fruchtlos den Lavater ſo eifrig ſtudirt, nicht ohne Grund ſich der angeborenen Gabe feiner Beobachtung und ſcharfſinniger Kenntniß von Menſchen und Phyſiogno⸗ mieen ſeit Jahren gerühmt habe. Wer hat nicht ſchon die geheimnißvolle, magnetiſche und doch, je nach den Individualitäten und Tempera⸗ menten ſo verſchiedenartige Wirkung beobachtet, die der unvermuthete Eintritt eines Fremden auf ſolch' einen ehrbar geſchloſſenen Wirthshauscirkel macht, in wel⸗ chem der Einzelne kaum noch als ein ſelbſtſtändiges Weſen Geltung hat und Einer den Andern ſo genau und gründlich kennt, daß keine Beſonderheit mehr auf⸗ füllig erſcheint, die große Warze auf der Naſe des Nach⸗ bars ſchon lange nicht mehr bemerkt wird, und die Gewohnheit des täglichen gemüthlichen Beiſammen⸗ ſeins, wie bei guten Eheleuten, längſt jede perſönliche Eigenthümlichkeit verwiſcht hat? Solch' ein ſtreng in ſich abgeſchloſſener, ſeit Jahren auf Tod und Kanne verbrüderter Cirkel ehrbarer Stammgäſte von allerlei Humoren und Perrücken war es denn auch, auf welchen der Eintritt des jungen Wanderers die oben beſchriebene Wirkung übte. Mit Einmal ſtockte die noch eben ſo lebhaft geführte Unter⸗ haltung über die verhängnißvolle Tagesfrage, ob der große Preußenkönig an Oeſterreich den Krieg erklären werde oder nicht, und alle Blicke richteten ſich voll Neugierde auf den Ankömmling, deſſen fremdartige Ausſprache, deſſen fremdartiger Kleiderſchnitt, kurz deſſen ganzes fremdartiges Erterieur den Stammgäſten ſo viele neue und merkwürdige Beobachtungen anzuſtellen erlaubte, ſo verſchiedenartige Muthmaßungen über Stand, Heimath, Beruf und Reiſezweck des jungen Mannes hervorrief, daß darüber die Frage, ob Krieg, ob Frieden, ſchnell vergeſſen war.— Ein gewöhnlicher Handwerksburſche, der auf Condition reist, war er ge⸗ wiß ebenſowenig, als ein bloßer Touriſt aus Liebha⸗ berei, der die Sehenswürdigkeiten von Gotha in Augen⸗ ſchein nehmen und den Seeberg und Friedenſtein be⸗ ſuchen will. Wozu brauchte ein junger Mann von ge⸗ bildetem Aeußeren in dieſem Falle zu Fuße zu reiſen, noch dazu mit einem ſchwer gepackten Torniſter auf dem Rücken? Ein Studioſus von Halle oder Jena aber wars ſicherlich auch nicht; dafür war ſeine Kleidung viel zu bürgerlich anſtändig, ſein Benehmen viel zu honnet und beſcheiden. Ein Handlungsreiſender aber zieht die Fahrt in der bequemen Diligence jeder ande⸗ ren Art von Weiterbefördexung vor; und ein wandern⸗ der Künſtler, etwa ein Landſchaftsmaler oder fahrender Muſikant pflegt ſich auch nicht auf lange beſchwerliche Fußreiſen einzulaſſen, wobei man, wie hier der Augen⸗ ſchein zeigte, Abends mit wunden Füßen erſchöpft in der Herberge anlangt.— Es blieb mithin den guten Leuten bei aller Welt⸗ und Menſchenkenntniß in ihren Unterſuchungen über den muthmaßlichen Stand und Charakter des Gaſtes nur die Wahl zwiſchen einem Abenteuerer, oder irgend einem geheimnißvollen Incog⸗ nito. So Viel ſtand jedenfalls feſt, daß der junge Mann ein Deutſch redete, deſſen reinen Accent und wohltönen⸗ den Klang man ſelten von einkehrenden Fremden im Gaſtzimmer der„drei Kronen“ zu hören bekam; ein Deutſch, wie man es nur zuweilen auf der herzoglichen Hofbühne bewunderte, wenn der große Ekhof ſeine Zu⸗ hörer durch den Wohllaut ſeiner Rede entzückte. Der junge Mann ſchien von der ungetheilten Auf⸗ merkſamkeit anfangs Nichts zu merken, welche die ein⸗ heimiſchen Gäſte an der oberen Tafel ſeiner Perſon widmeten. Müde und hungrig hatte er ſich an einem abgeſonderten Tiſche am anderen Ende der Gaſtſtube niedergelaſſen und unterhielt ſich, während er den ihm vorgeſetzten Speiſen und der Flaſche Rheinwein eifrig zuſprach, mit dem redſeligen Wirthe, der auch ohne Mandat von Seiten der Stammgäſte ihrer Zuſtimmung gewiß war, wenn er ſich vor Allem über die Perſon des Fremden aufzuklären ſuchte. Aber ſei es, daß die⸗ ſer bald aus ſeinen kunſtreichen Redewendungen die verſteckte Abſicht merkte; ſei es, daß die geſpannte Auf⸗ merkſamkeit, womit die Anweſenden in lautloſem Schweigen auf jede ſeiner Antworten lauſchten, ihn reizte, ihre und des Wirthes Neugierde noch mehr zu ſpannen, er gab dieſem nur ausweichende Auskunft und ſchien doch in ſeiner großen Unbefangenheit gar nicht einmal zu bemerken, welche ſtille Pein, welches wachſende Mißbehagen er dadurch in den Gemüthern der guten Reſidenzbürger hervorrief. Denn ſchon rückte da und dort Einer unruhig auf dem Stuhle hin und her, ſchon klopfte ein Anderer mit ungewöhnlichem Geräuſch die Aſche aus ſeinem Pfeifenkopfe und ein Dritter dampfte die innere Erregung ſeiner Lebensgei⸗ ſter in immer mächtigeren Rauchwolken aus; knurrende Laute ließen ſich am oberen Tiſche hören, ſtechende Blicke des Argwohns richteten ſich auf den jungen Wanderer und Herr Klappmaier, der kleine corpulente Wirth im Kamiſol von weißem Quilting, verlor mehr und mehr ſeine Faſſung. Denn mit allem Aufwand von Scharfſinn hatte er nach einer halben Stunde von ſeinem jungen Gaſte nicht mehr herausbekommen, als daß dieſer auf unbeſtimmte Zeit Quartier bei ihm neh⸗ men wolle, vorausgeſetzt, daß ihm das Leben in Gotha überhaupt behagen werde. Sogleich war der Wirth in zuvorkommender Weiſe bemüht, ihm die verſchiede⸗ nen Annehmlichkeiten, welche die Reſidenz dem Frem⸗ den bot, mit lebhaften Farben auszumalen, indem er die Orte, Anſtalten und Gelegenheiten aufzählte, wo man ſich, ein Jeder nach ſeinem Stande und Geſchmack, auf's Beſte amüſiren könne: Bälle, Redouten, Concerte, den Luſtgarten mit ſeinen Waſſerkünſten, die herrliche Umgebung der Stadt, die großen Jahrmärkte, das Schützenfeſt, das glänzende Hofleben, vor Allem aber die herzogliche Hofbühne unter der Leitung des berühm⸗ ten Ekhof, um den ſelbſt, wie er mit beſonderem Nach⸗ druck hervorhob, Weltſtädte wie Hamburg und Berlin das kleine Gotha beneideten. Kaum hatte Herr Klappmaier den Namen Ekhof ausgeſprochen, ſo zeigte der junge Fremde zum Erſtau⸗ nen der Anweſenden mit Einmal ein ebenſo lebhaftes Intereſſe an der Unterhaltung, als er zuvor wortkarg und zurückhaltend geweſen war. In einem Athem fragte er den Wirth, ob Herr Ekhof von ſeiner Krank⸗ heit geneſen ſei, wo derſelbe wohne, wann er wieder auftreten werde, indem er hinzuſetzte, daß es allein der gefeierte Künſtler ſei, welcher ihn zu der Reiſe hierher veranlaßt habe. Dieſe Verſicherung verurſachte an — der Tafel der Stammgäſte eine lebhafte Bewegung; mehrere der alten Herrn erhoben ſich von ihren Sitzen und rückten langſam mit exwartungsvollen Mienen, die langen Pfeifen im Munde, dem Tiſche näher, wo der Wirth bei ſeinem jungen Gaſte ſaß, um auch ihrer⸗ ſeits ja kein Wort von der Unterhaltung zu verlieren. Das pockennarbige kupferrothe Vollmondsgeſicht des Herrn Klappmaier ſtrahlte in ſtolzem Selbſtgefühl, als er mit einem vielſagenden Seitenblick auf ſeine Stamm⸗ gäſte zu dem Fremden ſagte: „Da iſt der junge Herr bei mir allerdings vor die rechte Schmiede gekommen; denn es ſind beinahe vier Jahre her, daß der Herr Theaterprinzipal Ekhof regel⸗ mäßig zweimal in der Woche die„drei Kronen“ beſucht, außer wenn im Schloſſe Komödie geſpielt wird, oder wie bei der letzten ſchweren Krankheit, wo der Seſſel dort oben freilich vier Wochen leer ſtand, bis wir den lieben Mann vor acht Tagen wieder bei vollkommen hergeſtellter Geſundheit vergnügt in unſerer Mitte hat⸗ ten. Gelt, Herr Botenmeiſter Ortlepp, gelt, Gevatter Euſebius, das war ein rares Feſt, wie wir lange keins erlebt hatten? Bemühen ſich der junge Herr nur gefälligſt dort zum Glasſchrank, da können Sie die neue Meer⸗ ſchaumpfeife ſehen, welche ſeine Freunde dem Herrn Ekhof an jenem Abend verehrt haben, wozu Seine Durchlaucht unſer gnädigſter Herr zwölf Flaſchen Rü⸗ desheimer aus der Hofkellerei herausſandten, und Ihro Excellenz die Frau Geheimeräthin von Lichtenſtein das wunderſchöne franzöſiſche Gratulations⸗Carmen, auf Atlas gedruckt, dem Herrn Ekhof durch unſern Herrn Kammerregiſtrator Weſternhagen überreichen ließen.“ Die in der Nähe ſtehenden Herren nickten zuſtim⸗ mend mit den Häuptern, worauf der quiescirte Boten⸗ meiſter, Herr Ortlepp, der wahrhafte Typus einer im Subalterndienſt ergrauten Kanzleifigur mit ſchief⸗ gezogenen Schultern, das Wort nahm und ſich mit ungemeiner Freundlichkeit alſo vernehmen ließ: „Wenn derHerr wirklich, wie er ſagt, ein ſo großer Verehrer unſeres Freundes Ekhof iſt, ſo dürfen wir auch wohl vorausſetzen, daß ihm die Geſellſchaft nicht unangenehm ſein wird, in welcher derſelbe ſeit vier Jahren ſo zu ſagen das Präſidium führt. Machen Sie uns daher das Vergnügen, in unſerer Mitte Platz zu nehmen; es ſind lauter gute treugeſinnte Freunde des herrlichen Mannes, alſo ohne Umſtände, wenn's gefällig iſt.“ „Ja, kommen Sie, kommen Sie, junger Herr!“ ſagte Klappmaier's wohlbeleibter Gevatter, der Roth⸗ gießer Euſebius, mit aller Treuherzigkeit eines biederen Altbürgers.„Sie ſind dem Herrn Ekhof zu Liebe nach Gotha gekommen, mithin thun wir nur unſere Schul⸗ digkeit, wenn wir Sie für ſeine zufällige Abweſenheit am heutigen Abend nach beſtem Vermögen ſchadlos zu halten ſuchen.“ Der Kammerregiſtrator Weſternhagen, ein zierli⸗ ches geſchniegeltes Männchen mit großen Manſchetten an den Händen und einem feingefältelten Jabot mit geſtickten Points, dem man den Schöngeiſt und Kunſt⸗ enthuſiaſten auf den erſten Blick anſah, präſentirte ſo⸗ dann dem fremden Gaſte mit freundlicher Zuvorkom⸗ menheit aus einer kleinen Lorenzodoſe eine Priſe Ta⸗ bak und ſagte mit einer vor lauter Emphaſe ſchluchzen⸗ den zwirndünnen Stimme: „Im Namen der Muſen heiße ich Sie an Ekhof's Tafelrunde willkommen, junger Herr! Ah, wie char⸗ mant, wie unvergleichlich finde ich die Idee von Ihnen, aus weiter Ferne zu Fuße an die Stätte des Genius zu wallfahrten, hier, wo Thaliens Tempel durch Ihn in Wahrheit Das geworden iſt, was man anderwärts nur dem hohlen Namen und dem äußeren Scheine nach kennt: ein Kunſttempel, in welchem Germaniens Muſe Müller, Ekhofl. 3 ihre höchſten Triumphe feiert. Geſchwind, Freund Klappmaier, einen Stuhl für den Herrn an meine Seite, wir fragen in dieſem ſpeciellen Falle nicht nach Stand, Heimath, Namen und ſonſtigen Qualitäten, gewiß ein Norddeutſcher Ihrer Ausſprache nach zu ſchließen? Vielleicht ein Mecklenburger— Holſteiner— Hanſeate? Doch was kümmert das uns! Und Ihr Geſchäft, Ihr Beruf? Zweifelsohne ein wiſſenſchaft⸗ licher— ein auf das Studium der Humaniora oder ſchönen Künſte gerichteter? Ach, nehmen Sie doch ge⸗ fälligſt Platz, Sie ſind ohnedies von der langen Fuß⸗ reiſe fatiguirt genug.“ Unter dieſem Schwalle von Fragen und Compli⸗ menten wurde Iffland von den alten Herren an die vordere Tafel genöthigt, wo ihn auch die ſitzengeblie⸗ benen Stammgäſte mit der gleichen Zuvorkommenheit als einen in ihren Kreis gehörenden Mitgaſt begrüßten. Der große Unterſchied der Jahre wurde dabei ſo wenig berückſichtigt, als der Umſtand, daß die Stammgäſte Freunde oder doch wenigſtens mehrjährige nahe Be⸗ kannte des großen Ekhof waren; während er, ein un⸗ bekannter junger Menſch ohne Verdienſt, ohne Namen vor dem Augenblick zitterte, wo er den großen Tragö⸗ den Deutſchlands zum Erſtenmal von Angeſicht zu An⸗ geſicht ſehen werde. Und wie jetzt ſeine Blicke verlegen von dem Einen zum Anderen ſchweiften, als wenn er ſich aus dem Eindrucke der einzelnen Perſönlichkeiten dieſes Kreiſes ein Geſammtbild des großen Künſtlers zuſammenſetzen könne, fiel ihm der alte wunderliche Herr auf der Sundhäuſer Brücke wieder ein, an deſſen Perſon ihn Dieſer und Jener der Anweſenden durch eine gewiſſe Aehnlichkeit im Weſen und Benehmen un⸗ willkührlich erinnerte und der vielleicht auch dieſem Kreiſe befreundeter Stammgäſte als Mitglied angehörte. Da⸗ gegen war es ihm ſchlechterdings unmöglich, ſich aus der Phyſiognomie der Geſellſchaft ein Bild des be⸗ rühmten Ekhof zuſammenzuſetzen, welches dem ſeiner Phantaſie auch nur einigermaßen nahe gekommen wäre; denn welcher grelle Abſtand mußte nicht zwiſchen dem großen gefeierten Tragöden und den anderen Stamm⸗ gäſten beſtehen; lauter Leute, deren Beruf, Bildung und Lebensanſichten gewiß himmelweit von aller Kunſt und Idealität entfernt waren— Derhier herrſchende cordiale Ton erſchien ihm ſo hausbacken nüchtern, die Meinun⸗ gen und Urtheile, die hier laut wurden, verriethen zum Theil eine ſo große Localbefangenheit, daß er ſchlechter⸗ dings nicht begreifen konnte, wie ſich ein Mann von Ekhof's Bedeutung, ein Künſtler von ſeiner genialen 33 Schöpfungskraft in dieſer Sphäre ſchlichter Bürger, abhängiger Subaltern⸗-Beamten wohlfühlen mochte. Unwillkührlich ſah er daher jedesmal, ſo oft Eins der beliebten Späßchen oder Schlagworte losgelaſſen wurde, die an jedem deutſchen Wirthshaustiſch den Mangel an wahrem lebendigem Humor nicht blos erſetzen, ſondern auch verdecken ſollen, nach dem leeren Sitze Ekhof's hinüber, was wohl der alte Lehnſtuhl zu dieſer Con⸗ verſation ſagen werde, indem er ſich zugleich den großen Künſtler zu vergegenwärtigen ſuchte und wie derſelbe eine derartige unbedeutende Unterhaltung für die Dauer ertragen möge?— Dazwiſchen verglich er wieder die aufgeſtülpte Naſe des Steuerperäquators Lambrecht mit dem edlen geiſtvollen Profil Ekhof's, das er aus einem Schattenriß kannte; oder er beobachtete die derbe Lands⸗ knechtsmanier des penſionirten Capitäns von Stölzel, wenn der alte Herr ſich nach jedem Schluck den Bier⸗ ſchaum mit der breiten Unterlippe von dem grauen Schnauzbart ableckte, welche anmuthige Pantomime jedesmal ein helles Zungenſchnalzen begleitete.— Selbſt ſein alter wunderliche Proteus auf der Sundhäuſer Brücke erſchien ihm nach jeder neuen Wahrnehmung der Art der Geſellſchaft eines Ekhof noch ungleich würdiger, als dieſe zwar biederen, aber doch höchſt langweiligen Stammgäſte, die außer ihrer großen übereinſtimmenden Verehrung für den berühmten Neſtor der deutſchen Schaubühne durch Nichts ſonſt verriethen, daß ſie ſeit Jahren zweimal in der Woche den herrlichen Künſtler in ihrer Mitte hatten. Natürlich war Ekhof auch ſpäter noch das Haupt⸗ thema der Unterhaltung und Iffland benutzte dieſe ſei⸗ nem Vorhaben ſo willkommene Gelegenheit, um ſich vor Allem über Ekhof's Perſönlichkeit, ſowie über ſonſtige Eigenthümlichkeiten im Weſen des Künſtlers Aufklärung zu verſchaffen.— Er hatte ſeinen lebhaften Wunſch zu erkennen gegeben, den großen Mimen nicht blos in ſeinen bedeutenden Rollen, ſondern auch womöglich im Privatleben kennen zu lernen; was war alſo natürlicher, als daß er ſich bei den nächſten Freunden und Bekann⸗ ten deſſelben nach den Mitteln und Wegen erkundigte, um dieſen innigen und bei ſeiner begeiſterten Ver⸗ ehrung für den großen Künſtler auch ganz erklärlichen Wunſch realiſiren zu können? So erfuhr er denn von dem Kammerregiſtrator und anderen ihm zunächſt ſitzen⸗ den Gäſten Alles, was er über Ekhof's Perſon und die hieſigen Theaterverhältniſſe zu wiſſen begehrte und hatte eigentlich bei dieſer Unterhaltung nur Mühe, Jenen ſeine brennende Neugierde nach allen dieſen Mitthei⸗ lungen zu verbergen, ſowie den wechſelnden Eindruck von Freude und Muthloſigkeit, den die verſchiedenen Nachrichten auf ihn machten. Er hörte, daß Ekhof ſeit ſeiner letzten Krankheit für fremde Perſonen ſchwer zugänglich geworden ſei, be⸗ ſonders ſolchen gegenüber, die ſeine Berühmtheit ver⸗ anlaßte, ihn aufzuſuchen. Dagegen ſei er in ſeinen Berufsgeſchäften als Theater-Prinzipal thätiger als je und biete Alles auf, um aus der Hofbühne von Gotha eine ſeines Namens würdige Muſteranſtalt zu machen, wozu ihm der kunſtſinnige Herzog erſt neuerdings wieder einen namhaften Geldzuſchuß bewilligt habe. Kein körperliches Leiden, kein häusliches Mißgeſchick könne den wackeren Ekhof in dieſem ruhmwürdigen Beſtreben aufhalten, obwohl er zuweilen wegen ſeiner ſtrengen Gewiſſenhaftigkeit in der Directionsführung ſelbſt bei einzelnen Theatermitgliedern auf Widerſtand ſtoße, was ihn hier und da in den Ruf eines einſeitigen Pedanten gebracht habe. Ueber die Familienverhältniſſe und das häusliche Leben des Künſtlers erhielt der junge Iffland bei dieſer Gelegenheit von den Stammgäſten zwar einige Andeu⸗ tungen, doch wurden dieſe ſo unbeſtimmt und mit ſo großer Zurückhaltung gegeben, daß er unmöglich durch weitere Fragen den Verdacht der In⸗ discretion auf ſich ziehen konnte. Denn er bemerkte, daß jedesmal die Unterhaltung ſtockte, ſo oft auf Ekhof's häusliches Leben die Rede kam, wobei die Anweſenden unter einander bedeutungsvolle Blicke wechſelten, als wenn man in Gegenwart eines Fremden über dieſen delikaten Punkt ſo wenig wie möglich ſprechen dürfe. So ſehr ihm auch dieſes Benehmen auffallend war, ließ ſich doch Iffland Nichts von ſeiner Spannung merken, ſondern lenkte vielmehr ſelber, als wieder eine ſolche Pauſe eintrat, die Unterhaltung auf einen anderen Ge⸗ genſtand, indem er mit vieler Laune ſein Abenteuer auf der Sundhäuſer Brücke erzählte. Mit Vorbedacht ver⸗ ſchwieg er dabei, was er dort dem alten Herrn von dem Zweck ſeiner Reiſe hierher geſagt hatte und fragte ſo⸗ dann ſeinen Nachbar, den freundlichen Kammerregiſtra⸗ tor, ob er wohl den ſonderbaren Mann kenne, der ſich für einen nahen Freund des Herrn Ekhof ausgegeben habe? Aber ſowohl der Kammerregiſtrator, als auch noch Andere der Anweſenden ſchenkten anfangs ſeiner flüchtigen Schilderung von dem Aeußeren des Alten keine nähere Aufmerkſamkeit; ſie ſcherzten bald gleich⸗ falls über den wunderlichen„Brückenheiligen“, wie Iffland ihn nannte, und der Eine rieth auf dieſen, der Andere auf jenenzglten Herrn aus ihrer Bekanntſchaft, dem man wohl eine ſolche Neigung zu lauten Selbſtge⸗ ſprächen und die närriſche Aeußerung von den geheimen Aufpaſſern und Spionen auf offener Landſtraße zu⸗ trauen konnte.— Iffland, durch den genoſſenen Wein und die heitere Stimmung der Anderen noch mehr an⸗ geregt, fuhr fort, den alten Herrn, den er für einen Pfarrer oder Dorfſchulmeiſter gehalten hatte, in ein⸗ zelnen Aeußerungen und Manieren mit vieler Komik zu ſcildern, wobei er nicht verhehlte, daß ihm der Ge⸗ danke, es möge im Kopfe des angeblichen Freundes von Herrn Ekhof nicht ganz richtig ſein, erſt nach deſſen Weggang von der Brücke gekommen wäre. Wieder wurde über die muthmaßliche Perſon des ſeltſamen Graukopfs hin und her gerathen; der Eine nannte den überſtudirten Hofrath Panke, ein Anderer den alten Mechanikus Bruckner, den ſtadt- und landkundigen Erfinder eines Perpetuum wobile; aber die Schilderung des jungen Gaſtes wollte doch auf Keinen von Beiden in allen Stücken paſſen; da beſann ſich der angehende Kunſtnovize mit Einmal auf die ihm von der Mutter Natur in ſo hohem Grade verliehene Gabe der komi⸗ ſchen Nachahmung fremder Perſonen und deren Eigen⸗ thümlichkeiten, ſchnell ſtand er vom Stuhle auf, drückte ſich einen ähnlichen Hut auf die Stivne, knöpfte den Rock genau ſo zu, wie der alte Herr, ſteckte ein ſpani⸗ ſches Rohr unter den rechten, im ſpitzen Ellenbogen⸗ winkel feſt an den Oberkörper gedrückten Arm und co⸗ pirte ſo in Haltung, Blick und Miene die Erſcheinung des Alten bis zur täuſchenden Aehnlichkeit, indem er zugleich mit einem wunderbar biegſamen Organe ganz mit der Stimme des Unbekannten deſſen Worte wieder⸗ holte: „Pfarrer— Schulmeiſter— ſeh' ich Ihnen denn, darnach aus? Hätt's wirklich nimmer geglaubt, daß ich einem ehrwürdigen Dorfpaſtor oder einem armen Dorf⸗ ſchulmeiſterlein ſo ähnlich ſähe!“ Aber, o Himmel, welch' eine Wirkung machte dieſe erſte, noch dazu improviſirte Probe ſeines dramatiſchen Berufs auf die würdigen Stammgäſte der„drei Kro⸗ nen!“— Starr, mit offenen Mäulern, die Tabaks⸗ pfeifen ohne zu rauchen in der Hand ſaßen ſie da, blick⸗ ten ſprachlos mit Mienen voll Beſtürzung, Abſcheu und Verachtung den verwegenen Menſchen an, als ſei, was er ſich da ſpeben in ſeinem frechen Uebermuth zu thun unterfangen, ſo unerhört in dieſem der heiteren Erho⸗ lung und friedlichen Unterhaltung ehrbarer Männer geweihten Raume, ſo beiſpiellos frevelhaft und vermeſſen, daß Keiner von ihnen das Wort finden könne zur wohl⸗ verdienten Züchtigung des jungen Uebelthäters, deſſen abſcheulicher Einfall, gerade dieſen alten Herrn zu karikiren, dem Einen das Roth in's Weiße des Anges trieb, den Andern vor Beſchämung, ſo Etwas mit an⸗ geſehen zu haben, zittern machte— Allen aber als ein ſo abſcheulicher Verſtoß gegen jede Sitte und geziemende Schicklichkeit erſchien, wie ihn nur ein fremder Vaga⸗ bund, ein Gaukler oder Budenkomödiant begehen konnte! Wie auf ein Signal erhoben ſich mehr als die Hälfte der erbitterten Gäſte ſchweigend von ihren Sitzen, rann⸗ ten nach ihren Hüten und Mützen und verließen ſo eilig die Gaſtſtube, als wenn ſie einen Peſtkranken in ihrer Mitte entdeckt hätten. Andere zögerten zwar, dieſem Beiſpiele zu folgen und ſchienen ſelbſt nicht übel Luſt zu haben, dem dreiſten Spötter, dem unberufenen Ein⸗ dringling in ihren gemüthlichen Kreis eine noch empfind⸗ lichere Lection zu ertheilen, als ihre ſtille Verachtung, ihre ſtumme Entrüſtung; doch auch ſie begnügten ſich zuletzt mit zermalmenden Blicken, halblauten Verwün⸗ ſchungen und räumten gleichfalls den Saal, wo nur der alte, ſchon früher erwähnte Capitän von Stölzel als einziger Stammgaſt an der langen Tafel zurückblieb, der mit ſeinem ſchwerfälligen Embonpoint und vielleicht auch mit ſeinem erſt halb geſtillten Durſte nicht ſo raſch zu einem entſchloſſenen Rückzug kommen konnte.— Erſt knurrte und brummte er wie ein Bär, der ſich in ſeinem behaglichen Honigſchmauße durch die Stiche der Bienen auf Schnauze und Zunge geſtört ſieht; dann leckte er den grauen ſtachlichen Schnauzbart mit der breiten Unterlippe; aber der helle Zungenſchnalzer, den er da⸗ zwiſchen hören ließ, klang jetzt viel eher wie ein Schlacht⸗ ſignal, denn wie ein herzerfriſchender Naturlaut inner⸗ ſter Gemüthlichkeit; dann ſchielte er wieder unter dichten finſteren Brauen ingrimmig nach dem jungen Menſchen hinüber, ſtupfte zornig mit dem dicken Mittelfinger in die tiefe Höhlung ſeines mächtigen Maſerkopfes, deſſen Aſche er, mit ſprühenden Funken vermiſcht, als Zeichen der in ihm kochenden Wuth mit vollen Backen ausblies, ſo daß ſein wie ein Reibeiſen blatternarbig zerriſſenes Geſicht mit dem faltigen Doppelkinn kirſchbraunroth auflief, bis er zuletzt ſeine hölzerne Deckelkanne dröh⸗ nend auf die eichene Tafel ſtampfte und in ſeinem wenig melodiſchen Bierbaß den Wirth anſchnauzte: „Klappmaier, Nummer fünf! Nach dem Achten werd'ich dem Musje da meine aufrichtige Herzensmei⸗ nung über ſeine infame Verſpottung meines allerbeſten Freundes ſagen!“ Bei dieſen Worten legte der breitſchultrige Recke aus dem Thüringer Lande eine geballte Fauſt auf die Tafel von ſo unholdem Ausſehen, daß ſie ſelbſt noch im Wachs⸗ abdruck eines Raritätencabinets empfindſamen Seelen einen gelinden Schauder eingeflößt hätte, worauf er ſich qualmend in ein unheilvolles Schweigen einhüllte und finſter brütend vor ſich hinſtarrte. Was den unſeligen Urheber dieſes, in den„drei Kronen“ nie zuvor erlebten Auftrittes anbelangte, ſo war derſelbe von der durch ſeinen harmloſen Scherz hervorgerufenen Kataſtrophe ſo ganz aus der Faſſung gebracht worden, daß er beim plötzlichen Davonſtürzen der Gäſte nicht anders glaubte, als man habe die Feuer⸗ glocke in der Stadt läuten gehört, ſo wenig hatte er an⸗ fangs eine Ahnung von dem Grund dieſer allgemeinen Verſtörung. Erſt als Andere der Gäſte im Weggehen ihm ſtechende Blicke zuwarfen, als ſogar der kleine freundliche Kammerregiſtrator ſich dicht vor ihm in un⸗ heildrohender Haltung aufrichtete und ihm mit bebenden Lippen, kreidebleich im ganzen Geſicht ein Wüthendes: „Herr, was unterſtehen Sie ſich!“ zuherrſchte; als dann auch der ehrliche Rothgießer Euſebius ſeinem Ab⸗ ſcheu durch den Ausruf:„Pfui, die Affenſchand'!“Luft machte und ein Dritter ihm ſogar den Filzhut ohne Weiteres vom Kopfe riß, worin Iffland den alten Herrn auf der Sundhäuſer Brücke dargeſtellt hatte, da ging ihm mit Einmal ein Licht auf, daß er ſelber die Brand⸗ fackel in ein offenſtehendes Pulverfaß geſchleudert und durch dieſen unſchuldigen Scherz allen Stamm⸗ gäſten an's innerſte Herz gegriffen habe. Wie es aber geſchehen und was er eigentlich ſo Schweres verſchuldet hatte, indem er einen Allen unbekannten fremden Men⸗ ſchen zum Gegenſtand ihres und ſeines eignen guten Humors machte, das begriff er ebenſowenig, als er eine Ahnung von der Wirkung ſeines unvergleichlichen Nach⸗ ahmungs⸗Talentes auf die Gemüther der Anweſenden hatte.— Betäubt, beſchämt, kaum ſeiner Sinne mehr mächtig ſtand er da, wollte reden, wollte fragen, was das Alles zu bedeuten habe; aber die Stimme verſagte ihm den Dienſt, er ſah nur Zorn, Abſchen und Ver⸗ achtung in allen Mienen, ſeine Schuld aber an dieſer allgemeinen Entrüſtung, die eigentliche Urſache dieſer ſchrecklichen Aufregung blieb ihm vollkommen unbekannt. Erſt die feindliche Rede des alten unholden Grau⸗ barts mit dem Stiernacken und dem breiten eckigen Ge⸗ ſicht, der allein von der ganzen, noch eben ſo heiteren Geſellſchaft als herber Bodenſatz, als finſterer Rache⸗ engel zurückgeblieben war und ſein Verbleiben in der Nähe des Schuldigen damit motivirte, daß er nach dem Achten den Executor für die beleidigte Geſammtheit ma⸗ chen werde, erſt dieſe Drohung gab dem jungen Gaſte ſeine Beſinnung und mit ihr das Gefühl ſeiner vollkommenen Schuldloſigkeit zurück. Er ſah ſich nach dem Wirthe um, damit dieſer ihm das Räthſel löſen möge, wodurch er eigentlich den Zorn der Gäſte auf ſich gezogen habe; aber Herr Klappmaier war ſelbſt noch ſo ganz faſſungs⸗ los, daß Iffland ihn nicht anzureden wagte. Denn der leine dicke Mann rannte in einer ſo großen Aufregung, als ihm bei ſeiner Leibesconſtitution und ſeiner kurz⸗ beinigen Gnomengeſtalt nur immer möglich war, im Hintergrund der Gaſtſtube auf und ab, beide Hände in die Seitentaſchen ſeines langen Kamiſols von weißem Quilting vergraben, deſſen Schöße er ſo ſtramm über dem Bauche übereinander zog, als könne et nur dadurch ver⸗ hüten, daß er nicht zur Stelle aus der Haut fahre. Dabei ſchnappte er ein über's anderemal wie ein Kar⸗ pfen nach Luft, ſchoß zuweilen einen wüthenden Blick auf den jungen Fremden, kurz, geberdete ſich in allen Stücken wie ein Mann, der noch mit ſich uneins iſt, welche Art von Genugthuung er für einen ſo unerhörten Schimpf nehmen ſoll.— Wird er den Hausknecht rufen und den frechen Beleidiger ſeiner werthen Gäſte ohne Weiteres aus dem Hauſe werfen laſſen? Oder wird er auf die nächſte Thorwache laufen und den verdäch⸗ tigen Landſtreicher, der ſo Etwas gewagt hat, vorläufig in's Loch ſtecken laſſen? Oder fühlte er ſich Mann genug, ſelber den Glanz ſeiner„drei Kronen“, den alt⸗ bewährten Ruf ſeines Gaſthofes gegen einen abſcheu⸗ lichen Injurianten und gottloſen Spötter zu vertheidigen? Iffland zweifelte nicht daran, daß derlei bedenkliche Erwägungen die Seele des Biedermannes beſchäftigten, unter deſſen gaſtlichem Dache er Erholung und Raſt von der angeſtrengten mehrtägigen Wanderſchaft zu finden gehofft hatte. Seine Lage war eine doppelt kritiſche; denn vorn an der Tafel ſaß der alte Kapitän von Stölzel, und mit jedem weiteren Schluck aus dem Deckelkrug rückte der verhängnißvolle Moment näher und näher heran, wo der Mann des rauhen Krieges, der durchaus im Punkte der Ehre keinen Spaß zu verſte⸗ hen ſchien, ihm ſeine aufrichtige Herzensmeinung über die Verſpottung ſeines allerbeſten Freundes ſagen werde. Die Zungenſchnalzer des alten Penſionärs klangen auch wirklich ſchon auffallend herausfordernd, das Lecken des grauen Schnauzbartes mit Zunge und Unterlippe wurde immer unheildrohender, während der Wirth, ſo oft er ſeinem letzten Stammgaſt ſchweigſam eine friſchgefüllte Kanne vorſetzte, mit deutlicher Spannung in den Zügen nach dem Freinden hinüberſchielte, als wolle er ſagen:„Nur noch ein klein wenig Geduld, nach dem Achten geht's Dir an den Kragen!“ Schon hatte der Kapitän in finſterem Hinbrüten die ſiebente Kanne zur Hälfte geleert; und da er beim Trinken ſehr regelmäßige Zeitpauſen beobachtete, ſo konnte Iffland auf die Minute den Angenblick voraus⸗ berechnen, wo die Herzensergießung des Herrn von Stölzel beginnen werde.— Unter ſo bewandten kritiſchen Umſtänden war dem jungen Manne in dieſer ihm völlig fremden Umgebung durchaus nicht wohl zu Muthe; er hatte ſich ein Vergehen zu Schulden kommen laſſen, das nach der Meinung von mehr als einem Dutzend würdiger Stammgäſte jedenfalls zu den unerhörten Dingen in dieſem Kreiſe gehören mußte; Niemand hatte offen und rückhaltlos Rechenſchaft darüber gefordert, Niemand ihn einer näheren Erklärung gewürdigt, und jetzt wank der alte Kapitän wirklich ſchon den Reſt der ſiebenten Kanne aus und bald ſtand der verhängniß⸗ volle Achte vor ihm auf dem Tiſche! Zwiſchen des Jünglings peinlicher Ungewißheit über die Natur ſeiner Verſchuldung gegen die Geſellſchaft und der endlichen Aufklärung des Vorfalls lag alſo nur noch ein einziger Schoppen, Grund und Antrieb genug, auch ſeinerſeits an Gegenmaßregeln zu denken!— Zwar fühlte er keine eigentliche Furcht für ſeine Perſon; aber das Räthſel ſeiner Schuld lähmte dennoch ſeinen Muth, benahm ihm ſeine Zuverſicht und ließ ihn auch jetzt wieder einen Ausgang befürchten, ebenſo überraſchend, ebenſo unge⸗ wöhnlich, als vorhin das Benehmen der Stammgäſte gegen ihn geweſen war. Seine wachſende Spannung erlaubte ihm nicht länger mehr, die einzelnen Schlucke des Kapitäns zu beobachten, in denen dieſer die neue Kataſtrophe an ihn herantrank, er erhob ſich alſo ent⸗ ſchloſſen von ſeinem Sitze und ſagte ſo ruhig, als ihm ſeine innere Bewegung erlaubte, zu dem Wirthe: „Herr Klappmaier, ich wünſche mich jetzt zur Ruhe zu begeben. Morgen werde ich den Herrn Kammer⸗ regiſtrator Weſternhagen in ſeiner Wohnung aufſuchen und hoffe von ihm zu erfahren, was Ihre werthen Gäſte ſo ſehr gegen mich in Harniſch gebracht hat.“ „In meinem Hauſe iſt kein Quartier für Leute Ihrer Sorte!“ ſchrie der Wirth mit wuthzitternder Stimme und machte zugleich eine ſehr unzweideutige Bewegung mit der Hand nach der Thüre. „So, das wäre alſo Ihre aufrichtige Herzensmei⸗ nung, mein Herr?“ ſagte Iffland, ohne im Geringſten Müller, Ekhof. I. 4 ſeine äußere Ruhe zu verlieren.„Dann habe ich aller⸗ dings nichts mehr mit Ihnen zu verkehren, als daß ich um meine Zeche bitte. Was bin ich ſchuldig?“ Er zog bei dieſen Worten ſo ruhig, als handle es ſich um den friedlichſten Ausgleich von der Welt, eine perlengeſtickte Börſe aus der Taſche, bei deren Oeff⸗ nen eine hübſche Anzahl holländiſcher Dukaten zum Vor⸗ ſchein kam. Der Wirth hatte mit einem einzigen Blicke dieſe an einem Landſtreicher und wandernden Budenkomö⸗ dianten immerhin ungewöhnliche Eigenſchaft wahrge⸗ nommen, die Wirthshauszeche in blanken Holländern zu bezahlen. Als aber auch der Börſe ein werthvoller Brillantring entglitt und auf den Boden fiel, bückte er ſich mechaniſch, um das Kleinod wieder aufzuheben; er betrachtete dann den Ring mit einer Miſchung von Reſpect und Staunen, denn es waren in der Thatechte Brillanten und mit unſichrer Stimme ſagte er: „Zwölf Groſchen, neun Pfennige, mein Herr!“ „Rufen Sie mir den Hausknecht, daß er mich in einen anderen Gaſthof führt,“ entgegnete Iffland ſchon um Vieles zuverſichtlicher.„Und Sie, Herr Kapitän von Stölzel, werden Sie mir nun gefälligſt ſagen, wo⸗ rin meine angebliche infame Beleidigung Ihres aller⸗ beſten Freundes beſteht? Ich bin zu jeder Art von Satisfaction bereit, falls es mir nicht bei Ihnen beſſer, als bei den anderen Herren gelingen ſollte, Sie von meiner völligen Unſchuld zu überzeugen. Wen in dieſem Kreiſe, wen in dieſer mir fremden Stadt habe ich vor⸗ hin ſo ſchwer beleidigt, daß man mir nicht einmal eine Erklärung gönnt?“ „So wiſſen Sie nicht, was Sie gethan haben?“ platzte der Wirth zwiſchen Staunen und neu erwachtem Grimme heraus.„Haben Sie nicht vorhin.— „Silentium, Klappmaier, hier redet jetzt Niemand außer ich und dieſer Herr da, ſofern er von mir gefragt wird,“ ſagte Herr von Stölzel mit der eiskalten Ruhe eines Mannes, der zum Aeußerſten entſchloſſen ſcheint. Doch blieb er auf ſeinem Stuhle ſitzen, zog nur die grauen buſchigen Augenbrauen noch finſterer zuſammen und fixirte den Fremden aus hervorgequollenen Augen mit feindlichen Blicken. Iffland ſtand am andern Ende der Tafel, ihm grade gegenüber, und wartete, die Hand leicht in die Weſte geſteckt, den Kopf aber feſt in die Höhe gerichtet, auf weitere Erklärung. Der alte Penſionär ſchien aber in die ihm von ſeinem Schöpfer verliehene Gabe der fließenden Rede einiges Mißtrauen zu ſetzen; denn erzerbiß ſich erſt eine Zeitlang unter knurrenden Gutturallauten den grauen Schnauz⸗ bart, füllte dann beide Backen mit einem mächtigen Quantum Rauch aus ſeiner Tabakspfeife, den er wie ein guter Haushälter in langſamen Tempis von ſich blies, was zweifelsohne den Inquiſiten auf die inhalts⸗ ſchwere Bedeutung des ihm bevorſtehenden peinlichen Verhörs vorbereiten ſollte. Endlich erhob er ſich müh⸗ ſam vom Stuhle, indem er beide Hände auf die Tafel ſtützte, daß dieſe unter der Laſt ſeines Oberkörpers krachte, ſchwankte mit ſtark nach Vornen geneigtem Kopf und Halſe in der Haltung eines Mannes, der häufig an Kreuzweh und anderen Gebreſten des Alters leidet, auf den jungen Menſchen zu, legte ihm eine ſeiner ge⸗ waltigen Pranken auf die rechte Schulter und ſagte ohne beſonderen Affekt im trockenen Brummbaß: „Alſo doch! Hab's mir auch wirklich nicht anders denken können, als daß der Musje ſo was nicht mit Vorbedacht gethan hat. Denn wer meinen Freund Konrad, zumal in deſſen Abweſenheit im Scherz oder Ernſt beleidigt, der wartet nicht ſo ruhig ab, bis ich den Achten geleert habe. Parole d'honneur, Sie haben ihn alſo nicht verſpotten wollen?“ „Verſpotten? Ich kenne ja Ihren Freund, den Herrn Konrad nicht im Entfernteſten, entgegnete der Jüngling 6 gling, nicht wenig überraſcht durch dieſe Frage des Alten; denn auf eine ſolche friedliche Auseinanderſetzung war er am wenigſten vorbereitet geweſen, eher hätte er ſogar einen thätlichen Angriff des Kapitäns auf ſeine Perſon für möglich gehalten. Dieſer, dem der Ausdruck von Ver⸗ wunderung in den Zügen des jungen Mannes nicht ent⸗ ging, wurde dadurch von Iffland's Unſchuld vollſtändig überzeugt, was er durch ein beifälliges Knurren zu ver⸗ ſtehen gab, wobei er ihm mit der flachen Hand zum Zeichen ſeiner Zufriedenheit einen ſo freundſchaftlichen Schlag auf die linke Achſel verſetzte, daß Jener den Schmerz davon bis in den Ellbogen verſpürte. „Abgemacht!“ ſagte der Kapitän, ließ den Jüngling ſtehen und gab dem Wirth noch einen ſtummen Wink, ihm hinaus zu folgen, worauf er ohne Gruß mit ſchwe⸗ rem Schritte aus der Gaſtſtube ging. Die Lauchſuppe. Iffland ſchlief bis in den hellen Tag hinein und hatte noch kurz vor ſeinem Erwachen einen lebhaften Traum, worin er zum erſtenmal in einer ſelbſtſtändigen Rolle auf der Hofbühne zu Gotha auftreten ſollte. Es war in einem ihm ganz unbekannten Stücke, ſelbſt den Namen davon kannte er nicht, ſo wenig als er ein Wort ſeiner Rolle auswendig wußte. Darüber gerieth er denn hinter den Couliſſen in eine unſägliche Angſt, zumal der geſammte fürſtliche Hof und der hohe Adel anweſend waren und er heute zum erſtenmal mit Ekhof, den er noch immer nicht geſehen hatte, in dem nämlichen Stücke ſpielen ſollte. Dagegen hatten ſämmtliche Stammgäſte der„drei Kronen“ mit ihren Nachbarn, Gevattern und Weibern die vorderſten Sitze des Saales eingenommen, entſchloſſen, ihn bei ſeinem Erſcheinen auf der Bühne mit Ziſchen und Hohngelächter zu empfangen. Schon hörte er das Kreiſchen der Frauen, dazwiſchen die lauten Zungenſchnalzer des Kapitäns und die Spottreden der Stammgäſte; was ihn aber mehr als Alles ängſtigte, war die Geſtalt des alten wunderlichen Herrn von der Sundhäuſer Brücke, der zwiſchen der erſten und zweiten Couliſſe ihm gerade gegenüber in ſeiner abgetragenen Chenille Poſto gefaßt hatte, ihm allerhand höhniſche htig großen hörnenen Tabaksdoſe ſchnupfte, deren ſchriller Grimaſſen machte und beſtändig aus einer mäc Ton beim Aufdrehen des Deckels ihm jedesmal durch Mark und Gebein fuhr. In Schweiß gebadet wachte er auf; der angſtvolle Traum verſchwand zwar alsbald aus ſeinem Gedächt⸗ niß, aber dafür geſtalteten ſich die Dinge der Wirklich⸗ keit faſt noch verworrener vor ſeiner Einbildungskraft. Die Erinnerung an den geſtrigen Abend, der räthſel⸗ hafte Auftritt mit den Stammgäſten, dann die Scene zwiſchen ihm und dem Kapitän von Stölzel: das Alles ſtellte ſich ihm, ſowie er nur die Augen öffnete, wieder lebhaft vor die Seele und verſetzte ihn in eine ſo ge⸗ preßte, muthloſe Stimmung, daß erſich lange zu keinem ſicheren Entſchluß ermannen konnte. Sollte doch der heutige Tag über das Glück und Weh ſeines ganzen Lebens entſcheiden, und nun dieſer Anfang!— Denn ſo hell auch die Frühlingsſonne in die große Stube fiel, für den dunklen Zweifel, der ihn folterte, gab es noch immer kein Licht, die ſchwarze Sorge ſtand vielmehr mitten im allerhellſten Sonnenſchein; am Liebſten hätte er ſich daher gleich die Bettdecke noch einmal über den ſchweren dumpfen Kopf gezogen, um wieder einzuſchlafen und dieſes lähmende Gefühl ſeiner räthſelhaften Schuld mit der Angſt eines böſen Traumes zu vertauſchen. Vergebens hatte er noch am geſtrigen Abend den Wirth beſchworen, ihm zu ſagen, wodurch er den ihm unbekannten Herrn Konrad ſo ſchrecklich beleidigt habe, daß er ſich den bitteren Haß von deſſen ſämmtlichen Freunden zuzog? Klappmaier wollte ſich zu keiner anderen Exklärung verſtehen, als daß ihm Herr von Stölzel beim Weggang das ſtrengſte Schweigen anbe⸗ fohlen habe, da dieſer die Sache für ſich allein mit dem Herrn Konrad abmachen wolle; aber obwohl der Wirth ſonſt in Allem ſeinem Gaſte wieder die vorige Artigkeit erwies und ihn für ſeine Perſon von jeder Schuld an dem geſtrigen Mißgeſchick freiſprach; obwohl Iffland ihm wiederholt vorſtellte, auch der Kapitän habe ja den böſen Verdacht gegen ihn, daß er den Herrn Konrad und in dieſem die geſammte Tiſchgeſellſchaft abſichtlich hätte beleidigen wollen, ausdrücklich zurückgenommen, ſo war doch Jener durch Nichts zu bewegengeweſen, das my⸗ ſteriöſe Dunkel zu lichten, welches über dieſem Vorfall waltete, und ebenſo lange blieb unſerem jungen Freunde das räthſelhafte Benehmen der andern Stammgäſte Grund und Urſache genug zu den widerſtreitendſten Zweifeln, zu den abenteuerlichſten Muthmaßungen.— Denn welche verhängnißvolle Folge konnte nicht dieſer Vorfall auf ſein ganzes Lebensſchickſal haben! Was mußte Ekhof von einem Kunſtjünger denken, der ſchon in der erſten Stunde des Hierſeins ſeine Freunde ſo tief beleidigt hatte? Und wodurch denn hatte er ſie eigentlich beleidigt? Was war dieſer Herr Konrad für eine gewichtige Perſönlichkeit, daß alle Stammgäſte ſich durch ſeine Verſpottung ſo tief indignirt fühlten, als wenn er ſich gegen den regierenden Herzog ſelber ver⸗ gangen hätte? Steckte hinter der ganzen Geſchichte irgend eine tiefere feindſelige Abſicht gegen ihn? Oder war es am Ende nur eine gewöhnliche Fopperei im Stil und Geſchmack alter bezopfter Philiſter geweſen, die ihren Krähwinkelhumor an jedem fremden Men⸗ ſchen auszulaſſen lieben? Derartige Beſorgniſſe drängten ſich dem Jüngling, während er in Haſt ſeine Toilette machte, der Reihe nach auf, ſo daß er zuletzt, um nur ſeine Hypochondrieen unter den neuen Eindrücken eines ihm völlig fremden Lebens und Treibens loszuwerden, einen Gang durch die Reſidenz zu machen beſchloß. Er wollte ſich die Stadt, ihre Häuſer und Menſchen betrachten, um womöglich einen günſtigeren Eindruck als den am geſtrigen Abend von dem Orte zu bekommen, der ſo lange das Ziel ſeiner Sehufucht, ſeines höchſten Stre⸗ bens geweſen war;„denn ganz gewiß,“— ſo tröſtete ihn ſein neu erwachter Muth—„können dieſe alten Perrücken und Zipfelmützen doch nimmer das wirkliche tonangebende Publikum in dieſer, durch den Kunſtſinn, die Bildung und feine Geſelligkeit ihrer Bewohner weithin berühmten Stadt repräſentiren; es ſind ſicher⸗ lich nur die komiſchen Figuren aus dem Bürger⸗ und Mittelſtand geweſen, bei denen Du geſtern Abend ſo ſchlimm mit Deinem harmloſen Humor angelaufen biſt, weil ſie in Dir, ohne ſich deſſen klar bewußt zu werden, das wilde Genie, den unruhigen Kopf, kurz den poeti⸗ ſchen Antagoniſten ſogleich herausgewittert haben; die Herren Gevatter Schneider und Handſchuhmacher: polternde Alte, rührende Väter, Pedanten, Mucker und Miſanthropen, alſo summa summarum die Elite des ehrbaren Philiſteriums dieſer guten Stadt, wie ſie ſich allerorten im heiligen römiſchen Reich Abend für Abend am Stammtiſche verſammelt, um vor der Nichtigkeit ihres Daſeins ſich in dichten Tabaksqualm zu hüllen und unter gleichgeſinnten Brüdern die Chineſen um ihre langen Zöpfe zu beneiden.“— Dieſe Anſicht gewann bald vor ſeinem guten Hu⸗ mor ſo weit die Oberhand über alle anderen Bedenken, daß der Auftritt des geſtrigen Abends jede verhängniß⸗ volle Bedeutung für ihn verlor. Er ſcherzte nun ſel⸗ ber über ſeine hypochondriſche Aengſtlichkeit und be⸗ ſchwichtigte die etwa noch vorhandenen Sorgen mit dem allerdings allein richtigen Satze, daß Ekhof, auch 1 wenn er wirklich der Präſes dieſer alten wunderlichen Genoſſenſchaft war, doch noch ein noch viel höheres Ehren⸗ amt verwaltete, welches ihn zum natürlichen Beſchützer eines jeden jungen aufſtrebenden Talentes machte und der darum auch gewiß nicht um einer ſo geringfügigen Urſache willen ſeine Theilnahme einem begeiſterten Jünger ſeiner Kunſt verſagen werde. In dieſer guten Stimmung beſtärkte ihn noch der überaus angenehme, mehr idylliſche als ſtädtiſche Ein⸗ druck, den die kleine freundliche Reſidenz des kunſtſinni⸗ gen Herzogs Ernſt des Zweiten mit ihrem lebhaften Treiben und ihrem buntbewegten, mamnichfaltigen Le⸗ ben auf ihn machte. Zwar hatten die meiſten Straßen nur zweiſtöckige Häuſer, zwar begegnete ihm gleich in der erſten Gaſſe die Kuhherde, welche nach der Trift hinausgetrieben wurde; aber dennoch herrſchte überall in Handel und Wandel ein reges ſtädtiſches Treiben, und manches ſtattliche Gebäude bekundete, daß neben den kleinen Wohnungen des emſigen Handwerkerſtan⸗ des und des bürgerlichen Gewerbfleißes auch die vor⸗ nehme Ariſtokratie, der begüterte Kaufmann und ange⸗ ſehene Staatsbeamte ihren Sitz hier aufgeſchlagen hatten. Dazu kam, daß heute der wöchentliche Markt⸗ tag war, was den Verkehr in den Straßen, beſonders auf dem Platze vor dem Rathhaus, noch reger und be⸗ lebter machte. Hier wurden die Erzeugniſſe des Lan⸗ des und des Waldes: Korn und Holz, Butter, Flachs und Obſt, Fiſch und Wildbret feilgeboten und mit Wohlgefallen betrachtete der junge Gaſt aus den„drei Kronen“ die hohen kraftvollen Geſtalten der Thüringer Bauern und ihrer reichbebänderten Weiber und Töch⸗ ter mit den friſchen fröhlichen Geſichtern. Das war das Leben der unmittelbaren Gegenwart mit ſeinen täg⸗ lich wiederkehrenden Bedürfniſſen und Gewohnheiten. Aber auch wunderliche Reſte einer längſt entſchwunde⸗ nen Zeit begegneten ſeinem Blicke; wie denn das alte Rathhaus ſelbſt mit ſeinen ſteinernen und vergoldeten Bildern, ſeinen Inſchriften und dem großen herzogli⸗ chen Wappen lange ſeine Aufmerkſamkeit feſſelte. Den Giebel deſſelben zierte ſeltſamerweiſe ein in Holz ge⸗ ſchnitzter fratzenhafter Kopf, der bei jedem Glocken⸗ ſchlag der Thurmuhr weit den Mund aufthat und eine Grimaſſe ſchnitt, die es ungewiß ließ, ob er lachen oder beißen wolle. Die drollige Eulenſpiegel⸗Copie beluſtigte Iffland ungemein, denn am Ende war das der Herr Konrad ſelber, der würdige Schutzpatron der guten Stammgäſte in den„drei Kronen“, dem er am geſtrigen Abend, ohne es zu wiſſen, ſeine anmuthreiche Fratze nachgeſchnitten hatte. Aber nein, der war's doch nicht, ſondern der kleine wunderliche Knirps dort mit dem mächtigen Dreimaſter und dem rothen Feder⸗ buſch auf dem kleinen pechſchwarzen Polackengäulchen — das mußte ohne Zweifel der Herr Konrad ſein ein kleines Männlein mit ſtattlichem Fettwanſt im blauen, mit glänzenden Knöpfen beſetzten Rocke, wand ſich die abenteuerliche Erſcheinung auf dem munteren Pferd⸗ chen, deſſen Zaumwerk reich mit Muſcheln verziert war, durch das Gewirre hoher Frachtwagen, welche auf der Fahrt von Leipzig nach Frankfurt in Gotha übernachtet hatten. Es war aber doch nicht der Herr Konrad, wie der junge Mann auf ſeine neugierige Frage von einem mit Holzgeſchirr handelnden Bauer erfuhr, ſondern der weimgriſche Geleitsreiter, Herr Stuck, welcher die Sünder unter den Fuhrleuten aufſuchte, die das Ge⸗ leitgeld nicht bezahlt hatten. Zwar das Geleite von geharniſchten Reiſigen zum Schutze des Kaufmanns und ſeiner Waare gegen die räuberiſchen Ueberfälle rit⸗ terlicher Wegelagerer war längſt überflüſſig geworden; aber die drückende Abgabe beſtand dafür ungeſchmälert fort und wurde durch Herrn Stuck, den Geleitsreiter, mit ebenſo viel unerbittlicher Strenge von den Fuhr⸗ leuten erhoben, wie das ſtädtiſche Pflaſtergeld auch von denjenigen Wagen und Fuhrwerken bezahlt werden mußte, die ihren Weg um die Stadt herum nahmen und alſo doch gewiß dem Straßenpflaſter der Reſidenz kei⸗ nen Schaden zufügten. Oder war etwa die ſonderbare Geſtalt dort an der Straßenecke im blauen Mantel mit dem großen preußiſchen Feldmarſchallhut auf dem Kopfe der unbekannte Herr Konrad, welche eben mit mächtiger Stimme die räthſelhaften Worte ausrief: „Heut Abend ſchlag fünf Uhr gutes Weizenbier bei Paul Schlöffel hinter Margarethen!“ Nicht minder merkwürdig als der kleine blaue Ge⸗ leitsreiter, oder als der„Bierriefer“waren unſerem jun⸗ gen Freunde die baumlangen Geſtalten der Gardereiter auf der Rathhauswache in ihren weißen, bis auf die Ferſen reichenden faltigen Schwedenmänteln, ein brei⸗ tes langes Schlachtſchwert an der Seite, mächtige Reiterſtiefel mit breiten Klappen und klirrenden Spo⸗ ren an den Füßen— aber doch Reiter ohne Pferde, grimme Haudegen von der ſanfteſten Gemüthsart. Denn es waren lauter friedfertige, humane Leute: Schreiner, Schloſſer, Zimmerleute, die einmal im Mo⸗ nat gegen mäßigen Taglohn die Wache bezogen und den Hobel, den Ambos oder das Richtſcheit auf vier⸗ undzwanzig Stunden mit der Rüſtung des ſchrecklichen männermordenden Ares vertauſchten. Die ganze ehr⸗ furchtgebietende Streitmacht beſaß aber in der That nur ein halbes Dutzend Uniformen, die von einem Leib auf den andern wanderten, unbeſchadet der Magerkeit oder Wohlbeleibtheit ihres jeweiligen Inhabers. Wenn daher abgelöſt wurde, ſo verwandelte ſich die Wacht⸗ ſtube mit Einmal in ein Ankleidezimmer von Theater⸗ ſtatiſten; die neue Heldenſchaar ſchlüpfte wohlgemuth in die Uniform der Vorgänger und dieſe kehrten in ihren geblümten Kattunwämſern und Lederhoſen zu ihren friedlichen Gewerben an den häuslichen Herd zurück. Alle dieſe neuen Eindrücke und wechſelnden Erſchei⸗ nungen hatten den jungen Störefried ehrbarer Stamm⸗ gäſte den eigentlichen Zweck ſeines Ganges durch die Stadt längere Zeit vergeſſen laſſen, der darin beſtand, die für ihn wichtigſte Sehenswürdigkeit Gotha's, die Wohnung Ekhof's in Augenſchein zu nehmen, um ſich durch den Anblick des Hauſes, in welchem der große Künſtler wohnte, auf den Moment vorzubereiten, wo er ihm ſelber gegenüberſtehen und ihn mit dem glühen⸗ den Wunſch ſeiner Seele bekannt machen werde, ſich unter ſeiner Leitung zum Künſtler im dramatiſchen Fache ausbilden zu dürfen. Iffland folgte darin dem der Jugend eignen fataliſtiſchen Zuge, wenn des Her⸗ zens feurige Sehnſucht zum erſtenmal die Probe im Leben der kalten Wirklichkeit aushalten ſoll; indem ſie dann an äußerlichen Eindrücken, an kleinen Zufällig⸗ keiten einen Anhaltspunkt für die innere Unſicherheit ihrer Lebensanſchauung, ihrer ſchwankenden Hoffnun⸗ gen und Zweifel zu gewinnen ſucht. Er wollte ſich zunächſt das Haus betrachten, in welchem der Mann wohnte, der über das Schickſal ſei⸗ ner ganzen Zukunft entſcheiden ſollte; er wollte die Thüre ſehen, durch die Ekhof täglich aus⸗ und einſchritt, das Fenſter, aus dem derſelbe nach Wind und Wolken aus⸗ ſchaute, den Schornſtein ſogar, aus dem der Rauch ſei⸗ ner Küche aufſtieg; als wenn das Alles zuſammen ihm zum Voraus ein Bild des großen Künſtlers oder we⸗ nigſtens eine Vorſtellung von der Art und Weiſe ge⸗ währen könne, wie Ekhof ihn aufnehmen werde, von deſſen äußerer Erſcheinung er ſich etwa den nämlichen imponirenden Eindruck verſprach, den ein mächtiger Herrſcher, ein großer Kriegsheld auf ihn machen würde. Ebenſo mußte ſeiner Meinung nach das Haus, in welchem der größte Tragöde Deutſchlands wohnte, ſchon in ſeinem Aeußeren ſich durch irgend eine Beſonderheit 65 vortheilhaft vor denjenigen der Nachbarſchaft auszeich⸗ nen; es hatte ganz gewiß zum mindeſten helle hohe Fenſter, durch die man in einen freundlichen Empfang⸗ ſaal, vielleicht auch in eine reiche Bibliothek blickte; ein Schellenzug mit blankem Meſſinggriff oder ein zierlicher Buchsbaumklöpfel hing an der breiten Pforte, und trat man in die helle Hausflur ein, ſo wa⸗ ren zweifelsohne Bilder und Büſten berühmter Män⸗ ner des Alterthums das Erſte, was dem Fremden an⸗ genehm in die Augen fiel und ihn auf den Anblick des großen Lebenden würdig vorbereitete. Des Jünglings Herz pochte höher bei ſolchen Vorſtel⸗ lungen, als er nach einigem Hin- und Herfragen in die im weſtlichen Stadttheile gelegene Heinoldsgaſſe eintrat, in welcher, wie er ſchon am geſtrigen Abend im Gaſthof von den Stammgäſten gehört hatte, Herr Ekhof woh⸗ nen ſollte. Er hatte ſich vorgenommen, Niemanden nach dem Hauſe deſſelben zu fragen; denn er war über⸗ zeugt, daß er auf den erſten Blick den ſicheren Eindruck davon erhalten werde, dieſe und keine andere ſei die Wohnung von Deutſchlands Roscius. Es war, wie er ſich bald überzengte, eine der älte⸗ ſten Straßen der Stadt, hatte meiſt nur zweiſtöckige Häuſer, viele darunter ſogar ſehr ärmlich, und die we⸗ Müller, Ekbof. 1. 5 nigen beſſer gebauten zeigten die gleiche kleinbürgerliche Beſchränktheit und Einfachheit wie die andern, ſo daß er wirklich vom alten Markte bis zum Schloßberg hin⸗ angeſtiegen war, und gegen alle ſeine Erwartung auch nicht den mindeſten äußeren Eindruck von dem Hauſe erhalten hatte, welches Ekhof bewohnte. Er kehrte da⸗ her um, entſchloſſen, noch einmal die abſchüſſige Straße zu durchmuſtern, die keineswegs an die ſchöne freund⸗ liche Reſidenz Gotha erinnerte; denn auch das Pflaſter war alt und ſchadhaft, hier und da trat ſogar ein Kuh⸗ ſtall mit ſeinen idylliſchen Attributen ganz anſpruchs⸗ los in die Häuſerreihe hinein und häufig hörte er im Vorübergehen aus den kaum zwei Fuß vom Boden entfernten niederen Fenſtern das Knarren des Web⸗ ſtuhls, hier wie anderswo das untrügliche Zeichen der um's tägliche Brod ringenden Armuth. Am oberen Ende der Straße, am ſogenannten „Berge“, da wo ein kleines zweiſtöckiges Häuschen, deſſen vordere Wand einen vom Wetter beſchädigten gelblichen Anſtrich zeigte, etwas tiefer von der Straße zurücktrat und über eine ſchmutzige Waſſerlache ein ſchmales Brett nach der kleinen Pforte in der Hofmauer führte, begegnete unſerem Freunde ein Trupp von etwa zwölf kleinen Jungen, die unter Anführung eines älte⸗ ren Knaben faſt im Laufen einen Choral abſangen, wo⸗ für ihnen hier und da aus Fenſtern und Thüren von mildthätiger Hand ein Pfennig gereicht wurde. Beim Anblick des fremden wohlgekleideten Herrn ſtutzten zwar die kleinen Sänger und blieben neugierig ſtehen, ſan⸗ gen aber doch ohne Unterbrechung ihr Lied weiter, bis das Raſſeln einer großen Blechbüchſe ihn daran erin⸗ nerte, daß es die Currendſchüler waren, die auch von ihm eine Gabe erwarteten. Er ſteckte zum großen Er⸗ ſtaunen der ſingenden Jugend ein Zehngroſchenſtück in die Büchſe und wollte eben ſeinen Gang fortſetzen, als ihn Jemand von hinten auf die Schulter klopfte und eine bekannte Stimme ihn anredete. Auf den erſten Blick erkannte Iffland zu ſeiner Ueberraſchung ſeinen alten Herrn von der Sundhäuſer Brücke, der im näm⸗ lichen Anzug wie geſtern vor ihm ſtand, nur daß er unterm rechten Arme ein mit einem rothen Bindfaden zuſammengebundenes Packet Papiere trug. „Ah, Sie ſuchen gewiß den Herrn Konrad, mein junger Freund?“ redete ihn der Alte gutmüthig an, wobei ein ſchalkhaftes Lächeln um ſeinen Mund ſpielte. „Nun, daß Sie's nur gleich wiſſen, ich ſelber bin Herr Konrad und habe ſpeben durch Freund Weſternhagen von Ihrem geſtrigen erſten Debut in den„drei Kronen“ 5 Kunde bekommen, worin Sie den wunderlichen Brücken⸗ heiligen ſo trefflich copirten. Der Kammerregiſtrator meint, ich hätte ſelber vor meinem Conterfei erſchrecken müſſen.— Bravo! Bravo! Freundchen, das iſt das beſte Kriterium für Ihren Beruf zum Schauſpieler; ohne dieſes Talent der Nachahmung und feinen Individuali⸗ ſirung gibt's keine darſtellende Kunſt und alles Stu⸗ diren und Theoretiſiren hilft dann zu Nichts. Seien Sie mir daher herzlich willkommen; denn ich muth⸗ maße beinahe, daß Sie ſich mir zu liebe hierher bemüht haben, ſehen Sie, da iſt meine Cabane, hier wohne ich wie der heilige Crispin von Soiſſons unter lauter gu⸗ ten Nachbarn, arme Leute, die wie ich von der Hand in den Mund leben,— Platz gemacht, ihr Jungens, und ſchiebe mir Einer das Brett da etwas höher, kommen Sie, mein Freund— in Ihrer lieben Vaterſtadt Han⸗ nover gab's vor Zeiten auch ſolche ländliche Annehm⸗ lichkeiten— alſo nur immer getroſt voran!“ Mit dieſen Worten reichte er ihm mit freundlicher Zuvorkommenheit die Hand und ehe ſich noch Iffland von ſeiner großen Ueberraſchung über dieſes unvermu⸗ thete Zuſammentreffen mit dem alten Herrn und daß dies der von ihm ſo ſchwer beleidigte Herr Konrad ſein ſollte, erholt hatte, war er glücklich über den Steeg hinübergelangt. Jener öffnete die kleine Pforte zur Seite ſeines Häuschens und nöthigte ihn zum Eintritt in ein ſchmales Höfchen, deſſen Raum ein offener Holz⸗ ſchuppen, ein Stoß Reißigbündel und eine aus mehre⸗ ren rohen Feldſteinen beſtehende Haustreppe noch mehr beſchränkten. Beim Oeffnen der Thüre entſtand im Innern des Hauſes ein ſonderbarer unmelodiſcher Lärm, in dem man kaum das Bellen von Hunden erkennen konnte, wiewohl es in der That von zwei alten lehm⸗ gelben Möpſen herrührte, die mit heiſerem Geheul ihrem Gebieter entgegengewackelt kamen, keuchend im Fette ihres faulen mürriſchen Daſeins. Beim Anblick des Fremden ſchlugen ſie ein widerliches Gebell an und fuhren ihm zornig nach den Beinen, bis der alte Herr ſich zu ihnen niederbückte und liebkoſend unter jeden Arm eines der boshaften Geſchöpfe nahm; dann nöthigte er mit freundlichen Winken ſeinen Gaſt eine ſchmale, ganz ausgetretene Treppe hinauf, deren Ge⸗ länder ein dickes hänfenes Seil vertrat. Oben ange⸗ kommen, übergab er zuerſt die Möpſe einer alten buck⸗ ligen Weibsperſon, die aus der rauchigen Küche trat, wo unter einem ſchwarzen Topfe ein Reißigfener praſſelte. Hierauf öffnete er die Thüre gegenüber und ſchob den Fremden mit artigen Komplimenten in ein Zimmerchen von ſo beſchränkter Räumlichkeit, daß man ſich kaum darin bewegen konnte; denn es war mit Mö⸗ beln und anderen Gegenſtänden derart überſetzt, daß es viel eher den Eindruck eines vollgepackten Koffers, als einer bewohnten Stube machte und ein Meiſen⸗ ſchlag Einem beinahe geräumiger vorkommen konnte, als das Empfangzimmer von Herrn Konrad. Kaum daß ein ſchmaler Verbindungsweg von der vorderen Thüre in das anſtoßende Zimmer frei blieb, ſo beengt war das Stübchen, deſſen vornehmſtes Möbel in einer wunderſchönen neuen Orgel beſtand, die in einem zwan⸗ zigmal größeren Raume noch immer für ein ſtattliches Inſtrument gegolten hätte, hier aber, in dieſem engen Gemach unwillkührlich die Beſorgniß erweckte, ein ein⸗ ziger Ton des impoſanten Werkes könne leicht das ganze Häuschen in ſeinen Grundfeſten erbeben machen. Den⸗ noch zeigte der lederne Sitz davor und das aufgeſchla⸗ gene Notenblatt, daß Herr Konrad nicht blos der ſoli⸗ den Bauart ſeines Häuschens, ſondern auch der Stärke ſeiner Nerven vollkommen ſicher ſein mußte, um ſich ohne Sorge dieſem muſikaliſchen Genuß zu überlaſſen, der einem gewöhnlichen Menſchenkind gnadlos den Ge⸗ hörnerv ruinirt hätte. Ein großer eichener Bücher⸗ ſchrank, deſſen beide Thüren der Raumerſparniß hal⸗ — ber ausgehoben waren, ſchien zugleich der niederen Zimmerdecke als Stütze zu dienen; denn er ſtieß unmit⸗ telbar gegen dieſelbe an und war außerdem von Unten bis Oben mit Büchern und Scharteken dergeſtalt voll⸗ gepfropft, daß ſein Beſitzer unmöglich daran denken konnte, ſeinen jetzigen Standpunkt zu verändern. Man ſah es dieſer gelehrten Collection von Folianten, Quar⸗ tanten und anderen Formaten auf den erſten Blick an, daß ſich ſchwerlich zu Lebzeiten des jetzigen Inhabers eine ordnende Hand daran wagen werde, um den chav⸗ tiſchen Inhalt des Schrankes zu inventariſiren, oder auch nur den Staub und die Spuren des Mäuſefraßes daraus zu entfernen; und ſo wenig die beiden häßlichen Möpſe und die unholde Erſcheinung der Köchin den alten Herrn in ſeinem häuslichen Behagen ſtörten, ſo gewiß war auch die Unordnung, die in ſeinem Bücher⸗ ſchrank herrſchte, nach ſeinem Geſchmack; wie denn bejahrte Leute zuweilen eine Genugthuung darin ſuchen, gegenüber dem flüchtigen Wechſel und der Vergänglich⸗ keit des irdiſchen Lebens in ihrer unmittelbaren Um⸗ gebung einen möglichſt ſtabilen Zuſtand feſtzuhalten und für alte Gewohnheiten und Einrichtungen die näm⸗ liche Pietät hegen, die ſie von den Jüngeren für ihre Perſon fordern. Auch die übrige Einrichtung des Stübchens ent⸗ ſprach der Neigung des Atters für Einfachheit und frei⸗ willige Einſchränkung, die es ſo gerne der ungenügſa⸗ men flatterhaften Jugend entgegen zu halten pflegt; denn ein alter Seſſel mit hoher gerader Lehne, ein tannener Schreibtiſch und auf dem Ofen ein großer meſſingener Papageykäfig, der bis oben hin mit Brief⸗ ſchaften, Scripturen und Papieren vollgeſtopft war, vollendeten das Mobiliar des beſcheidenen Stübchens, in welchem außer der hohen Bank vor der Orgel und dem alten Lehnſeſſel am Fenſter auch nicht ein einziger Stuhl weiter vorhanden war. Der junge Mann war nicht wenig überraſcht, als Herr Konrad, nachdem er in der Eile Stock, Hut und das Packet Papiere abgelegt hatte, wo ſich gerade ein Platz dafür fand, mit Herzlichkeit ſeine beiden Hände ergriff und im Tone eines alten väterlichen Freundes, als wenn er ihn ſchon von früher Jugend an gekannt und liebgewonnen hätte, ſeinen Willkommgruß wieder⸗ holte, indem er hinzufügte: „So iſt's recht, mein Sohn! Geſtern, als wir uns auf der Brücke von Sundhauſen begegneten, war ich in einem ſehr übelen Humelr, was Sie mir auch gewiß angemerkt haben. Sie ſollen ſpäter den Grund davon erfahren und werden dann trotz Ihrer frohen Jugend begreifen, daß man auch nach einem langen, ſchickſals⸗ reichen Leben, ſchon den Sechzigen nahe, noch bei einem ſolchen Unglück, wie ich es unlängſt an einem ungera⸗ thenen Pflegeſohn erfahren mußte, recht wohl den Kopf verlieren kann! Jetzt aber bitte ich Sie vor Allem Platz zu nehmen,— ganz ohne Umſtände— aber nicht wahr, es fehlt an einem Stuhle— vergeben Sie doch meiner Zerſtreutheit—— Betty! Betty! Einen Stuhl für den Herrn aus meinem lieben Hannover!“ rief er in das anſtoßende Zimmer hinein und ſchob ſich im Aer⸗ ger über die herrſchende Unordnung die graue Haar⸗ perrücke von einem Ohre zum andern. Alsbald that ſich die nur angelehnte vordere Thüre noch weiter auf, ein jugendlicher Mädchenkopf von großer Schönheit, den ein prächtiges Haar in ungeordneter Fülle umfloß, ſchaute bei dieſem Rufe aus zwei dunklen Augen mit einem zornigen Ausdruck einen Moment aus der halb⸗ geöffneten Thüre, welche die übrige Geſtalt verdeckte, worauf der ſchönſte Arm, weiß wie friſchgefallener Schnee, von dem ein loſes Morgenkleid bis zum Ellbo⸗ gen zurückfiel und eine reizend geformte kleine Hand haſtig einen Strohſtuhl durch die Thüre ſchob und die⸗ ſelbe dann mit einer gewiſſen Heftigkeit wieder zumachte, als wenn dieſe Störung bei der Toilette dem kleinen, gewiß ſehr eigenſinnigen Kopfe durchaus nicht behagt hätte. Wenigſtens war dies der erſte Eindruck, den Iffland von der flüchtigen Erſcheinung der ſchönen Un⸗ bekannten im Négligé erhielt, während Herr Konrad Etwas von kleinen„Zornteufelchen und Rauſcheköpfen“ in den Bart murmelte, dann aber ſeinen Beſuch mit vieler Freundlichkeit auf den ſo unfreundlich gebotenen Sitz nöthigte. Der junge Mann war begreiflicherweiſe von dieſem herzlichen Empfang nicht wenig überraſcht; denn die lebhafte Freude, welche Herr Konrad bei ſeinem Wie⸗ derſehen bezeigte, die vertrauliche Art, womit er ihn ſogleich wie einen längſtbekannten Freund in ſeine Häuslichkeit einführte, bildete allerdings einen merk⸗ würdigen Gegenſatz zu dem ſchroffen Benehmen deſſelben am geſtrigen Tage.— Beſonders ſchien den alten Herrn der Vorfall mit den Stammgäſten in den„drei Kronen“ ungemein zu beluſtigen; er ſcherzte mit großer Heiter⸗ keit über die Ernſthaftigkeit ſeiner würdigen Freunde, die ein ſo harmloſer Scherz in dieſen Alarm gebracht habe und verſicherte den Jüngling wiederholt, der Schwank ſei ſo ſehr nach ſeinem Geſchmack, daß er ihn ſelber noch heute im Gaſthof aufgeſucht hätte, um ihn über das Mißverſtändniß zu beruhigen, welches er ohne alle Schuld veranlaßt habe. „Das mußte mir altem Knaben noch paſſiren, daß mich ſo ein junger— ich ſag's ja nicht im böſen Sinne — ſo ein junger Neſtling im dramatiſchen Fache vor meinen allerbeſten Freunden ſo excellent darſtellte!“ rief er und rieb ſich vor innerem Vergnügen kichernd die Hände.„Sie haben damit den guten Leuten in Gotha für mindeſtens acht Tage Korn auf die Mühle geſchüttet und hätten weiß Gott keine glücklichere Erſt⸗ lingsrolle wählen können, als den alten Konrad.⸗Denn mich kennt jedes Kind in der Stadt und die Geſchichte von Ihrem„Brückenheiligen“ wird ſchon heute die Runde durch alle Kreiſe machen. Man erzählt ſie im äſthetiſchen Zirkel der Frau Geheimeräthin, man ſpricht davon in der heutigen Soirée bei Hofe, ach, was gilt's das Publikum wird Sie bei Ihrem erſten Auftreten auf unſerer Bühne ſo lebhaft empfangen, als wenn Schröderoder Brockmann ſelber bewillkommnet würden.“ „Vorausgeſetzt, daß Herr Ekhof nach dieſem unbe⸗ ſonnenen Jugendſtreich mich noch für würdig und be— fähigt genug erklärt, um mich überhaupt zu einem thea⸗ traliſchen Verſuch zuzulaſſen,“ ſtotterte Iffland, der ſich noch immer nicht in den heiteren Humor und die gutmüthige Selbſtironie des alten Herrn hineinfinden konnte. „Ekhof! Ja ſo, der Tanſend! An den alten Gries⸗ gram dacht' ich wirklich nicht!“ rief Herr Konrad ganz beſtürzt und in ſeinem faltigen Geſicht ging mit Einmal eine merkwürdige Veränderung vor. Er wurde auffallend ernſt und nachdenkend, lehnte ſich ſchweigſam in den Seſſel zurück und ließ nur zuweilen ein ſehr bedenkli⸗ ches Hm! Hm! hören, blinzelte aber doch fortwährend den jungen Mann forſchend an, wobei es dieſem eini⸗ gemal vorkam, als wenn ein kleiner Schalk oder viel⸗ leicht auch der feindliche Geiſt des Widerſpruchs von geſtern wieder in ſeinen zuſammengekniffenen Mund⸗ winkeln ſichtbar werde. Doch nein, darin hatte er ſich ſicherlich geirrt und dem gutmüthigen Alten bitter Un⸗ recht gethan; denn mit Einmal ſetzte ſich Herr Konrad ſteif im Seſſel auf, legte beide Hände auf die Kniee des vor ihm ſitzenden Jünglings und ſagte mit dem ſcharf durchdringenden Blick von geſtern, aber doch in einem gar mild herzlichen Tone: „Sie werden ſich mit Ekhof verſtändigen, wie wir Beide es ſoeben gethan haben. Irre ich nicht, ſo ſag⸗ ten Sie mir geſtern, daß Sie Empfehlungsbrieſe naher W Freunde an ihn mitgebracht hätten? Laſſen Sie doch mal ſehen!“ Erſtaunt über dieſes veränderte Weſen des ſeltſa⸗ men Mannes holte der Jüngling aus ſeiner Brieftaſche zwei verſiegelte Schreiben hervor, die er Jenem in der Meinung, er wolle ſich nur deren Adreſſe beſehen, arglos hinreichte. Der Alte betrachtete auch wirklich die Handſchrift der beiden Adreſſen zuerſt mit großer Aufmerkſamkeit, ohne daß ſich in ſeinen Zügen eine be⸗ ſondere Veränderung gezeigt hätte; dann legte er die Briefe ruhig auf die Ecke des Schreibtiſches und ſagte nach einer Pauſe, während er den jungen Mann wieder mit ſeinem eigenthümlichen Augenzwinkern forſchend anblickte, im vorigen ruhigen Tone: „Ein Brückenheiliger muß von Gott und Rechts⸗ wegen ſelbſt durch die dickſte Mauer Geſchriebenes le⸗ ſen können, geſchweige denn durch ein dünnes Brief⸗ couvert. Baron Hammerſtein und Rath Hachendorf haben Ihnen mit dieſen Briefen einen guten Dienſt geleiſtet; ſolchen treuen Freunden ſchlägt der alte dank⸗ bare Ekhof keine Bitte ab, von ihnen gilt ihm eine herz⸗ liche Anſprache mehr, als eine ganze Schiffsladung lob⸗ hudelnden Rezenſentenſchwulſtes— ruhig, mein Freund, nicht von der Stelle, lieber Sohn, hier zu Lande— Sie wiſſen's ja von geſtern— iſt ein Geheimniß ſelbſt auf offener Landſtraße nicht vor Entdeckung ſicher, mit⸗ hin gibt's auch kein Briefgeheimniß bei uns und Jeder macht die Briefe eben auf, wie ſie ihm der Zufall in die Hände ſpielt.“ „Was beginnen Sie, mein Herr!“ rief Iffland im höchſten Schrecken, denn wirklich riß der Alte, bei welchem ſicherlich der Raptus von geſtern in noch verſtärktem Grade zurückgekehrt war, ſveben das Siegel des einen Briefes auf, holte dann, während der Jüngling ihn ſprachlos anſtarrte, aus einem ſchwarzledernen Futte⸗ rale eine Brille hervor, klemmte dieſe auf die äußerſte Naſenſpitze und las nun das Schreiben des Barons von Hammerſtein aus Hannover ſo aufmerkſam von Anfang bis zu Ende durch, als ſei der Brief wirklich an ihn gerichtet geweſen und nicht an„Herrn Ekhof, Director der herzoglichen Hofbühne zu Gotha, zu eige⸗ nen Handen.“ Ebenſo verfuhr er mit dem zweiten Schreiben, nur daß die Haltung ſeines Oberkörpers beim Leſen deſſel⸗ ben womöglich noch ſteifer war und er dieſen Brief auch noch beträchtlich weiter von den Augen entfernt hielt wie den vorigen. Dabei bewegte er zuweilen, wenn ihn eine Stelle ganz beſonders zu intereſſiren ſchien, beim Leſen die ſtummen Lippen. Iffland ſaß, wie durch eine höhere Macht auf ſeinen Stuhl gebannt regungslos da und wagte beim gewalt⸗ thätigen Erbrechen des zweiten Schreibens keinen Laut des Widerſpruchs mehr; denn ſchon eine Weile hatte er unverwandt das Geſicht des Leſenden betrachten müſſen, in deſſen Zügen ebenſo wie geſtern eine wun⸗ derbare Verwandlung vor ſich ging; ſtatt des gutmüthi⸗ gen launigen Alten mit der gebengten Geſtalt ſaß jetzt ein ſtattlicher kräftiger Mann vor ihm, mit einem Ant⸗ litz, deſſen ſcharfgeſchnittenes geiſtvolles Profil ſelbſt durch die weit vorgeſchobene Brille Nichts von ſeinem edlen Ausdruck verlor, während die erhöhte Spannung der Seele beim Leſen ſich immer deutlicher darin aus⸗ prägte, die faltigen Züge des Alters glättete und über die hohe Stirne einen hellen Glanz der Freude ver⸗ breitete.— Er konnte den Blick nicht mehr von dieſem ſchönen ausdrucksvollen Kopf voll antiker Würde und geiſtiger Lebendigkeit wegwenden, vergaß darüber ſelbſt ſeine anfängliche Beſtürzung und betrachtete ſtaunend den wunderbaren Alten, der ihm nun abermals in einer völlig neuen Geſtalt erſchien. Da hörte er ein halb unterdrücktes Kichern zur Seite und wie er ſich haſtig umkehrte, bemerkte er, daß die Thüre in das anſtoßende Zimmer wieder leiſe von Innen geöffnet worden war und das nämliche reizende Mädchengeſicht, welches er vorhin ſchon einen Moment geſehen hatte, nur ungleich freundlicher und roſiger als das erſtemal, neugierig hereinſchaute. Aber ſchnell verſchwand bei ſeinem Auf⸗ blicken die holde Lauſcherin und jetzt legte auch Herr Konrad beide Briefe ſchweigend auf den Tiſch und die Brille darauf, richtete ſich dann vom Sitze empor, be⸗ trachtete zuerſt mit einem ungemein freundlichen und wohlwollenden Ausdruck den Jüngling und ſagte nach einer Pauſe, wie in Sinnen verloren, halblaut vor ſich hin: „Iffland Iffland!— Der Name lautet wie Glück von Haus aus, und wenn der Mann darnach iſt, ſo tann er wohl mal einen guten Klang in der Welt be⸗ tommen. Ekthof klingt jedenfalls viel ſchwieriger, mole⸗ ſtuöſer: Ecken und ſcharfe Kanten und blaue Mäler dazu, plumpe Wulſtfüße, ſchwerfällige Bauernknochen — ha! ha! und doch Ekhof!“ Bei letzterem Worte richtete er ſich mit Einmal feſt und ſtolz in die Höhe, ſein gebengter Körper wuchs zur ehrfurchtgebietenden Heldengeſtalt empor, und weder die graue Chenille, noch die ungekämmte Haarperrücke thaten dem Eindruck der königlichen Würde und Ma⸗ jeſtät den mindeſten Eintrag, als er jetzt den rechten Arm ein wenig erhob und mit einer Stimme, die dem jungen Hörer durch die innerſte Seele drang, die An⸗ fangsworte der berühmten Rede im Oedip recitirte: „Ihr Völker, die der Schmerz in dieſen Tempel führt, Bringt Thränenopfer her! Vielleicht wird Gott gerührt.“ Wie eine Stimme der Offenbarung trafen dieſe wenigen Worte das Herz des Jünglings, erſchüttert taumelte er vom Stuhle empor; denn der Eindruck, welchen dieſer Moment des plötzlichen Erkennens des herrlichen Künſtlers auf ihn machte, war ein ſo gewal⸗ tiger, daß ſeine Kniee wankten und Schrecken und Ueber⸗ raſchung ihn zu jeder anderen deutlichen Vorſtellung als der einen unfähig machten, daß er den großen Ekhof in Perſon vor ſich habe, das Ideal ſeiner Jugend, den glühend verehrten Künſtler, deſſen Ruhm ihn nach unzähligen Kämpfen mit liebenden Eltern, mit beſorgten Freunden ja mit des eignen Herzens Zagen und Zwei⸗ feln aus weiter Ferne hierhergezogen hatte, damit er, der unjelg den künftigen Meiſter in ſeiner Verblen⸗ dung erſt erkennen ſollte, nachdem er ſich Tags zuvor in Gegenwart der nächſten Freunde und Verehrer deſſelben Müller, Ekhof. I. 6 einer ſo beiſpielloſen Verhöhnung ſeiner ehrwürdigen Perſon ſchuldig gemacht hatte!— Wer wollte es ihm verdenken, daß ſich in dieſem Moment die kleine Stube vor ſeinen flimmernden Blicken herumdrehte und er faſtbeſinnungslos mit zitternd en Hän⸗ den nach ſeinem Hute griff, um wie ein Geüchteter da⸗ von zu ſtürzen und der Göttin Thalia, die er in ihrem erſten Prieſter beleidigt, für immer den Rücken zu kehren? Aber ebenſo ſchnell, als er dieſen verzweifel⸗ ten Entſchluß ausführen wollte, hatte ihm Ekhof den Vorſprung bis zur Thüre ſeines Stübchens abgewon⸗ nen und rief mit der Stimme der herzlichſten Theil⸗ nahme, zugleich ſichtlich ergriffen von des Jünglings leidenſchaftlicher Bewegung: „Iffland, lieber Sohn, warum wollen Sie mich verlaſſen? Sind doch Gottes Wege immer wunderbar und ſo führt er auch Sie unter treuer gemeinſamer Freunde Vermittlung gerade zur rechten Stunde in meine Arme!— Ach, ſagt' ich's Ihnen nicht ſchon geſtern Abend auf der Sundhäuſer Brücke, daß Sie eine liebe kreuzbrave Frau zur Mutter haben müßten, denn der Mutter edler Sinn und ſchönes Gemüth jedem braven wohlgerathenen Sohn aus den Augen! Hätte mein Stephan eine Mutter gehabt, wie Freund Hachen⸗ dorf mir die Ihrige ſchildert, er wäre nimmermehr in die ſchlimme Art des Vaters geſchlagen, alſo willkom⸗ men, tauſendmal willkommen beim alten Konrad Ekhof!“ Mit dieſen Worten ſchloß er den Jüngling in die Arme, de herzliche Sprache und das ganze liebe⸗ voll väterliche Weſen des trefflichen Mannes ſchnell von aller Angſt und Sorge befreite, ſo daß er unter Thränen der Rührung die Hand küßte, die ſeinen jun⸗ gen Genius in die erſehnte Welt der herrlichen Kunſt einführen ſollte, der zuliebe er Heimath und Vaterhaus, Freunde und Studien verlaſſen hatte. Mit dem prüfenden Blick des Kenners und Mei ſters betrachtete hierauf Ekhof den wohlgebildeten jun⸗ gen Mann, den ihm ſeine alten Freunde in Hannover als einen äußerſt fähigen Kopf geſchildert hatten, des⸗ ſen unverkennbares Talent und glühenden Drang für die Schauſpielkunſt ſie nicht genug rühmen konnten und von deſſen großer Erregbarkeit und leicht zu entzünden⸗ der Seele er ja ſoeben ſelber die deutlichſte Probe er⸗ halten hatte. ffland ihm in glühenden Worten ſeinen Dank Güte und Theilnahme ſtammeln wollte, Ekhof in der halben Rede mit freundlich 6* abwehrender Geberde, reichte ihm treuherzig die Hand und ſagte in ſeinem gewinnenden liebreichen Tone: „In der Kunſt, die Sie zu Ihrem Lebensberuf er⸗ wählen wollen, gibt's eigentlich ſo recht keine Gönner⸗ ſchaft; denn ſelbſt die des Publikums kang dem Schau⸗ ſpieler unter Umſtänden ebenſo nachtheili den, als in anderen Berufsarten die Ungunſt der O eren Der Comödiant iſt und bleibt der Perlenfiſcher in der wil⸗ den Brandung; je tiefer er untertaucht, um die köſtli⸗ chen Perlen der Poeſie an's Licht der Sonne heraufzu⸗ holen, um ſo weniger denken die Meiſten an die Tiefe, denn Niemand ſah ja ſeine Mühe, und unter Hunder⸗ ten ſind Neunundneunzig, die's ihm gleich nachmachen wollten, wenn ſie nur— ſchwimmen könnten! Und doch muß er den Sprung immer von Neuem wagen, eigentliche Freunde und Gönner ſind ihm nur Die, welche im Fall des Mißlingens den Armen nicht noch obendrein verhöhnen. Denn wie viele Perlen birgt nicht noch die Meerestiefe!“ Hier machte er eine kurze Pauſe, um eine innere ſchmerzliche Bewegung niederzukämpfen und fuhr dann mit wehmüthigem Lächeln fort: „Was ich Ihnen bieten kann, iſt nur V Vergleich zu Dem, was Sie durch den eig ſowie durch Fleiß und eifriges Studium der Natur ge⸗ winnen müſſen. Sie finden von dem Ekhof, der aller⸗ dings vordem manches junge Talent durch ſein Vorbild zur Nacheiferung anvegte, nur noch eine alte Ruine, Ihnen vielleicht um der eignen Kunſtbegeiſterung willen auch Manchem ſchon allzubaufällig, Anderen wiederum zu eckig⸗ſchulgerecht und einſeitig, weßhalb ſie ihn auch ſpottweiſe den„Schulmeiſter“ heißen, aber doch Gottlob noch immer eine Ruine, in uge friſche Eiche herzhaft deren Fundamente Wurzel ſchlagen kam 3 Hierauf erkundigte er ſich mit großer Theilnahme nach den ſeitherigen Studien ſeines neuen Schützlings und bezeigte ſich mit den einzelnen Antworten und dem ganzen verſtändigen Weſen des jungen Mannes ſo zu⸗ frieden, daß bald der trübe Ernſt aus ſeinen Zügen wich und er immer geſprächiger und mittheilſamer wurde. Ueber die Kunſt ſelber und den Beruf des Schauſpielers äußerte er ſich zwar nur in flüchtigen Andeutungen; um ſo eingehender und freimüthiger war dagegen ſein Urtheil über die Verhältniſſe der von ihm geleiteten Hofbühne, über den bei Hofe und im Publikum herrſchenden Geſchmack, ſowie über die Aus⸗ ſichten, welche einem jungen talentvollen Anfänger an dieſem Orte etwa offen ſtünden. Iffland hörte bei die⸗ ſer Gelegenheit, daß noch zwei andere, ihm an Alter gleiche Bewerber— ebenfalls Anfänger in der Kunſt — um Engagements nachgeſucht hätten. Den Einen von ihnen protegire der Kammerherr von Lenthe, Ober⸗ director des Theaters, den Andern die in ſn Dingen einflußreichſte Dame bei H und der Haute⸗ volée, Ihre Excellenz, die Frau Geheimeräthin Sidonie von Lichtenſtein, das äſthetiſche Orakel der empfindſa⸗ men Welt von Gotha, zuglei erklärte Gönnerin aller Kunſtnotabilitäten alente. Ekhof entging nicht die Beſtürzung und innere Un⸗ ruhe, in welche der junge Mann durch dieſe Nachricht verſetzt wurde. Er klopfte ihm daher freundlich auf die Schulter und ſagte: „Das Beſte dabei iſt, daß auch ich ein Wörtlein bei neuen Engagements mitzuſprechen habe. Mein gnädigſter Herr läßt mir hier vollkommen freie Hand und, unter uns geſagt, iſt es außerdem ſogar ſein aus⸗ geſprochener Wille, daß die hieſige Hofbühne zugleich eine Bildungsanſtalt für junge Leute werden ſolle, ſo⸗ fern ſie die zur Schauſpielkunſt nöthigen Qualitäten beſitzen und ſich contractlich verpflichten, nicht vor Ab⸗ lauf dreier Jahre das Theater zu verlaſſen. Wünſchen Sie ſich daher vielmehr Glück, daß die beiden andern jungen Männer gleichfalls vortreffliche Naturanlagen mitbringen; denn wie ganz anders fördert gemeinſamer Eifer, gemeinſame Begeiſterung die Zwecke der Kunſt, als wenn der Einzelne mit ſeinem höchſten Streben immer nxauf ſich ſelber angewieſen bleibt und ſich vielleicht noch obendrein durch die Vergleichung mit älteren und geübteren Kräften eingeſchüchtert fühlt.“ Hier wurde das Geſpräch zum großen Leidweſen Sffland's durch den Eintritt von Ekhof's alter Haus⸗ hälterin unterbrochen, die in der nämlichen unholden Geſtalt wie vorhin, nur daß ihre Triefaugen vom Küchenrauche noch mehr geröthet waren, vor ihrem Herrn erſchien, um ihm ſichtbar gereizt zu melden, der Bediente der Frau Geheimeräthin ſei ſoeben da ge⸗ weſen, der Herr Theaterprinzipal möge ſogleich zu Ihrer Excellenz kommen, die Sache ſer ſehr preſſant. „Preſſant? Und meine Lauchſuppe mit Korinthen ſoll ich ſchon wieder kalt eſſen?“ rief Ekhof und ſchleu⸗ derte grimmig die graue Perrücke in den hinterſten Winkel ſeines Stübchens, ſo daß er kahlköpfig vor dem Jüngling ſtand, was zu ſeinem zornigen Ausſehen einen geradezu komiſchen Contraſt bildete.„O dieſer Drache in aestheticis bringt mich noch ſchier zur Verzweiflung! — Da heißt's immer:„So ſchnell wie möglich!“ oder: „Ohne Aufſchub!“ oder:„Aeußerſt wichtig, äußerſt preſſant!“ und wenn man hinkommt und Wunder meint, was die Muſe von Gotha Einem Wichtiges zu ſagen habe, iſt's ein fades franzöſiſches Poim, das man bewundern, oder eine neue Guirlande, die bei der nächſten Feſtvorſtellung im Theater an der vorderſten Couliſſe angebracht werden ſoll; oder ſie klagt über Migraine, über die Proſa des Herrn Gemahls, über die Depenſen des Herrn Neveu, ach, ich ſage Ihnen, Iffland, Gotha wäre für den Künſtler ein wahres Tempe, ein Elyſium, wenn dieſes überſpannte Weibs⸗ bild— wollte ſagen dieſe feingebildete Excellenz nicht wäre, die ſich in Alles miſcht, über das Repertoire, die Rollenvertheilung, die Garderobe, ja ſelbſt über das Privatleben des Theaterperſonals die ſtrengſte Ober⸗ aufſicht führt— kurz, den guten Geſchmack, das äſthe⸗ tiſche Savvir⸗faire und Savvir⸗vivre durch alle Inſtan⸗ zen repräſentirt bis herunter zu den Neujahrsgratula⸗ tionen des Zettelträgers!“ Mit dieſer leidenſchaftlichen Herzensergießung ſchien Herr Konrad, denn ſo hörte ſich Ekhof in der That von ſeinen näheren Bekannten und Freunden am Liebſten nennen, ſeinen Zorn gegen den Störefried ſeines Künſt⸗ lerlebens ſo ziemlich über Bord geworfen und dadurch ſeinen guten Humor wieder flott gemacht zu haben. Er lud ſeinen jungen Gaſt mit großer Freundlichkeit zum Mittagtiſch ein und erſuchte ihn bis zu ſeiner Rückkehr von der Geheimeräthin die Zeit mit ſeiner Pflegetochter Betth Steinbrecher zu verplaudern, wobei er ſich hoch und theuer vermaß, Ihrer Excellenz diesmal rund her⸗ aus zu erklären, daß er ſich ſein Lieblingsgericht Lauch⸗ ſuppe mit Korinthen nicht zum drittenmal verkümmern laſſen werde. Wiewohl dieſer culinariſche Begriff für den an die norddeutſche Küche im Elternhaus gewöhnten Iffland vollkommen dunkel blieb und die myſteriöſe Verbindung von Lauch und Korinthen ihm ſogar vorübergehend ein geheimes Grauen bereitete, war doch ſchon die Ausſicht auf die nähere Bekanntſchaft des ſchönen Mädchens, das er bis jetzt nur mit zwei flüchtigen Blicken durch die Thürſpalte geſehen hatte, Beweggrund genug für ihn, die freundliche Einladung des Meiſters mit Dank anzunehmen. Noch mehr aber reizte ihn das Verlan⸗ gen, bei dieſer Gelegenheit das häusliche Leben des großen Künſtlers näher kennen zu lernen, von dem ſich ſeine Phantaſie eine ſo ganz von der Wirklichkeit ver⸗ ſchiedene Vorſtellung gemacht hatte; denn er hatte wohl gehört, daß Ekhof in früheren Jahren bei ſeinen Kreuz⸗ und Querzügen manche rauhe Nacht mit ſeinen Kunſt⸗ genoſſen in Bauernſcheunen, oder auch ſelbſt unter dem Leinwanddach eines alten Thespiskarrens in der Nähe eines gaſtlichen Rübenfeldes verbracht hatte; daß aber der von aller Welt bewunderte vielgeprieſene Künſtler, den man den deutſchen Garrick nannte, auch jetzt noch, in ſeinen alten Tagen, nicht einmal eine Lauchſuppe in Frieden ſollte verzehren dürfen, dieſe Vorſtellung, noch erhöht durch den Eindruck der beſchränkten ärm⸗ lichen Wohnung, widerſtritt denn doch den Erwartungen des Jünglings von der goldenen Freiheit eines unab⸗ hängigen idealen Künſtlerlebens allzuſehr, als daß er nicht auf weitere Einblicke in die Exiſtenz von Deutſch⸗ lands größter dramatiſcher Berühmtheit hätte begierig ſein ſollen. Draußen vor der Thüre winſelten die zwei häßlichen Möpſe, praſſelte das Herdfeuer, ſtöhnte und huſtete im erſtickenden Küchenrauch die alte Salome, als Ekhof ohne weitere Umſtände die Thüre aufmachte und ſeinen jungen Gaſt zur Lauchſuppe mit Korinthen in das an⸗ ſtoßende Zimmer nöthigte, um ihn hier ſeiner Pflege⸗ tochter Betty Steinbrecher vorzuſtellen. Der deutſche Garrick. „O Freund, warum bedau'rſt Du mich? Mein Fleiß iſt meine Luſt, genug, er rühret Dich! Vergnügt eil' ich durch ihn, ſoll's ſein, in's frühe Grab, Preßt er nur Kennern oft gerechte Thränen ab. Laß' Garrick doch Guineen zählen, Mir wird es nie an Glücke fehlen, So lang mein Fleiß gefällt, ich Zähren erndten kann, Bin ich, obwohl nichtreich, doch einzufried'ner Mann.“ Dieſe Worte, welche Ekhof vor Jahren einem Freunde in's Stammbuch geſchrieben hatte, möchten kaum noch in allen Stücken zu dem Bilde des Mannes paſſen, den wir aus der vorhergehenden Schilderung kennen gelernt haben. Denn das„frühe Grab“ war ihm ſo wenig zu Theil geworden, als die Beſtändigkeit jenes Glückes, jener inneren Zufriedenheit, die den wahren Genius, in welcher Kunſt er auch immer ſchöpferiſch leben und walten möge, über alle Sorgen und Wandlungen des irdiſchen Lebens erhebt und ihm allein„ſeinen Fleiß zur Luſt macht.“— Noch am ſpäten Abend ſeines vielbe⸗ wegten Künſtlerlebens ſollten ihn Schläge des Schick⸗ ſals treffen, denen keine noch ſo warme Begeiſterung, kein noch ſo ſtandhaftes Gottvertrauen in allen Stunden der Prüfung gewachſen iſt: Leiden der Seele, die den an Noth und Kampf gewöhnten Geiſt um ſo tiefer nie⸗ derbeugen, als ſie zugleich die Axt an die letzte grüne Wurzel ſeiner Liebe und Hoffnung legen. Das war das Loos des alten frommen Ekhof, und gerade die beiden, ſeinem Herzen theuerſten Menſchen bereiteten ihm Schmerzen und Kränkungen, die ein ſo liebevolles Gemüth, einen ſo redlichen Charakter an ſeinem inner⸗ ſten Leben verwunden mußten. Die theuere Gattin, den geliebten Pflegeſohn hatte der Himmel dazu auser⸗ ſehen, die letzten Jahre des großen Künſtlers, der ſo oft auf der Bühne die Herzen der Zuſchauer durch lebens⸗ volle Darſtellung menſchlicher Leiden erſchüttert hatte, ſelber zu einer Tragödie voll Schmerz und Verzweiflung zu machen; denn ein unheilbarer Irrſinn, nur ſelten noch erhellt durch einzelne Lichtblicke klaren Bewußt⸗ ſeins, hielt ſeit Jahren die Seele von Ekhof's treuer Lebensgefährtin Franziska umnachtet, ſo daß er wohl in Stunden der äußerſten Trauer und Muthloſigkeit mit Recht von ſich ſagen konnte, er trage das blutige Hemd Dejanira's auf dem bloßen Leibe!— Aber dieſer häus⸗ liche Jammer, den ihm ſeine beſchränkte Lage doppelt ſchwer und unerträglich machte, hätte ſeinen ſtandhaften Muth doch nimmer gebeugt, ſeinen frommgläubigen Sinn nimmer erſchüttert, wäre nicht ein noch ſchwereres Unglück hinzugekommen, in welchem der gegen ſich ſelber überaus ſtrenge redliche Mann nicht blos den Willen einer unerforſchlichen Vorſehung erblicken wollte, das er vielmehr dem eignen Gewiſſen als ſelbſtverſchuldetes Unglück zuſchrieb: des Fflegeſohnes ſchlimme Auffüh⸗ rung, noch jüngſt der Abgott ſeines Herzens und darum jetzt deſſen ärgſter Peiniger. Nach dem Tode der Schweſter ſeiner Gattin, die er ſchon in ihrer unglücklichen Ehe mit einem übel verru⸗ fenen Schauſpieler und Theaterprinzipal Namens Stein⸗ brecher, als dieſer noch mit einer aus den zweifelhaf⸗ teſten Kunſtelementen zuſammengeſetzten Wandertruppe das Land zwiſchen Elbe und Weſer vagabundirend durch⸗ ſtrich, auf's Liebreichſte unterſtützt hatte, waren ihm deren beide noch unmündige Kinder Stephan und Betty als einzige Hinterlaſſenſchaft zugefallen. Da Ekhof's Ehe ſelber kinderlos geblieben war, ſo nahm er ſich, trotz ſeiner eignen beſchränkten und unſicheren Ver⸗ hältniſſe der verlaſſenen Waiſen als ein zweiter Vater an; ja, er wurde erſt deren wahrhafter Vater, indem der wirkliche ſie und die todtkranke Mutter mitten in einem furchtbar ſtrengen Winter in einem armſeligen Dorfe des Eichsfeldes verlaſſen und mit dem letzten Reſt an baarem Gelde das Weite geſucht hatte eine Barbarei, die den wandernden Comödianten von damals nicht ſelten allein noch von ſeinem gleich traurigen Seitenſtück, dem Zigenner unterſchied.— Stephan be⸗ ſonders wurde Ekhof's erklärter Liebling; der ſonſt ſo ſtrenge und gegen jede Unregelmäßigkeit ſo unnachſicht⸗ liche Mann verzog in ſeiner übergroßen Liebe und Zärt⸗ lichkeit den ohnedies wildgearteten und heftigen Knaben in einer Weiſe, daß keiner der aufrichtigen Freunde des Künſtlers dieſer falſchen Erziehung ein günſtiges Re⸗ ſultat prophezeite. Allen Vorſtellungen, den ſtörriſchen Jungen einer ſtrengeren Zucht zu unterwerfen, ſetzte er beharrlich, jedoch immer mit der nämlichen gutmüthigen Laune den Einwand entgegen, junger Wein müſſe aus⸗ gähren und was übertriebene Strenge bei Knaben von lebhaftem Naturell ausrichte, davon habe er bei ſeinem ſeligen Freund, dem Hamburger Theaterprinzipal Kon⸗ rad Ackermann ein warnendes Exempel erlebt, der ſeinen Stiefſohn Schröder, den jetzigen berühmten Acteur und Director der Hamburger Schaubühne, faſt zu Tode ge⸗ prügelt und doch nichts weiter damit erreicht hätte, als daß dieſer nur immer hochfahrender und trotziger ge⸗ worden ſei und ſelber ihn, den älteren Kunſtgenoſſen, in manchen ſeiner beſten Rollen zu meiſtern verſucht habe. Die Erinnerung an dieſe einſtmals erlittene Kränkung durch den übermüthigen Schröder hatte ſich bei dem Altmeiſter der deutſchen Schauſpielkunſt der⸗ geſtalt feſtgeſetzt, daß er ſeinem Stephan, der doch nichts weniger als Schröder's große geiſtige Begabung ver⸗ rieth, nach Rouſſeau's Erziehungsmaximen alle mög⸗ liche Freiheit ließ, die ſchlimmſten Streiche des jungen Wildfangs höchſtens durch liebreich ernſte Vorſtellungen ahndete, oder, wenn ja einmal eine wirkliche Strafe ein⸗ trat, dabei ſelber eine ſo große Weichherzigkeit zeigte, daß der Knabe, anſtatt gebeſſert zu werden, nur immer mehr in ſeinem Eigenſinn, ſeiner Verſtocktheit beſtärkt wurde. Als endlich Ekhof zu ſeinem tiefen Schmerze die Folgen ſeiner übergroßen Nachſicht innewurde, war es freilich zu ſpät mit ſtrengen Züchtigungen, gewalt⸗ ſamen Maßregeln, und die überhandnehmende Sorge um ſeine unglückliche Gattin machte ihn häufig genug zu jedem energiſchen Auftreten gegen den ſeiner Autorität bald offen ſpottenden mißrathenen Pflegeſohn unfähig. Länger als vier Jahre war das häusliche Leben des großen Künſtlers eine fortgeſetzte Kette von allem mög⸗ lichen Jammer und Herzeleid geweſen und man konnte ſich nur wundern, daß ſeine Kraft nicht ſchon früher unter der Laſt dieſer Prüfungen zuſammenbrach. Erſt, nachdem er den Entſchluß gefaßt und ausgeführt hatte, ſeine Frau, deren Geiſteskrankheit von berühmten Aerz⸗ ten für unheilbar erklärt worden war, unter die ſichere Ob⸗ hut einer benachbarten Predigerfamilie zu thun, wo ſich in der ländlichen Stille und Abgeſchiedenheit ihr unglück⸗ licher Seelenzuftand den Augen der neugierigen Welt mehr entziehen ließ und ſie zugleich vor den ſtörenden und aufregenden Eindrücken des Lebens in der Stadt bewahrt blieb, erſt da brach Ekhof's Kraft zuſammen und er erkrankte ſo ſchwer, daß man wochenlang an ſeinem Aufkommen zweifelte.— Und dennoch ſollten dem edlen Leben noch ſchwerere Prüfungen bevorſtehen, als er bereits erduldet hatte; denn kaum war er wiederher⸗ geſtellt, kaum hatte die deutſche Muſe in der Nähe und Ferne die Freudekunde ſeiner Geneſung gefeiert, da traf ſein Herz der neue Schlag, daß ihn ſein ungerathener Pflegeſohn Stephan Steinbrecher heimlich verließ, nach⸗ dem ſich derſelbe mehrerer offenbarer Betrügereien gegen angeſehene Freunde Ekhof's ſchuldig gemacht und ſogar die herzogliche Theatergarderobe um einzelne werthvolle Stücke beſtohlen hatte, deren Erlös dem jungen acht⸗ zehnjährigen Leichtſinnigen die Mittel zur Flucht ver⸗ ſchaffte. Einem unbeſtimmten Gerüchte zufolge war Stephan zu Erfurt kurmainziſchen Werbern in die Hände gefallen, damals gewöhnlich die letzte Zuflucht mißrathener Söhne; und ſo ſah ſich Ekhof, wiewohl ihm nach einem unſtäten Wanderleben voll Kämpfe und Entbehrungen für den Reſt ſeiner Jahre durch das perſönliche Wohl⸗ wollen eines kunſtſinnigen Fürſten eine geſicherte ſorgen⸗ freie Exiſtenz bereitet war, doch am Abend ſeines Lebens gerade desjenigen Glückes beraubt, das ſein liebevolles Gemüth, ſein einfacher Sinn von jeher als das End⸗ ziel aller ſeiner Wünſche betrachtet hatte, des Glückes einer geordneten Häuslichkeit, eines friedlichen Familien⸗ lebens.— Aus dem kleinen Häuschen in der Heinolds⸗ gaſſe war ſeitdem alle Freude, alles gemüthliche Leben verſchwunden und bald wußten es die näheren Be⸗ kannten des Künſtlers, daß er am Liebſten dort ganz einſam und ungeſtört ſei und jeder Beſuch, außer in dienſtlichen Angelegenheiten ihm unwillkommen war. Dagegen blieb er nach wie vor der treueſte Freund ſeiner Freunde, verkehrte außer dem Hauſe in gewohnter herz⸗ licher Weiſe mit den alten Vertrauten und war nach ſeiner Krankheit wieder an gewiſſen Abenden der regel⸗ Müller, Ekhof. 1. 7 mäßige Gaſt am Stammtiſche der„ drei Kronen,“ wo man ihm Nichts von dem Kummer anmerkte, den ihm das ſo grauſam zerſtörte Glück ſeines häuslichen Lebens verurſachte. Freilich wußte man auch, daß ihm in ſeinem ſchönen Pflegekind Betty Steinbrecher noch eine letzte Hoff⸗ nungsblüthe für den Spätherbſt ſeines Lebens übrig ge⸗ blieben war, auf die ſich nach den unglücklichen Kata⸗ ſtrophen in ſeiner Familie Ekhof's ganze Liebe und Zärtlichkeit vereinigte, das theuere Kleinod ſeines Her⸗ zens, deſſen Beſitz ihn allein noch für die ſchweren Heimſuchungen ſeiner alten Tage tröſten und entſchä⸗ digen konnte. Auch hat wohl nie ein leiblicher Vater ſein einziges Kind mehr geliebt, nie ihm eine herzlichere Zuneigung bewieſen, als Ekhof ſeinem ſchönen Pflege⸗ kind, ſeiner„kleinen“ Betty; und ſie beherrſchte denn auch mit ihren ſiebzehn Jahren und ihrem eigenſinnigen Kopfe ſein Herz ſo vollkommen, daß dertreffliche ſchwer⸗ geprüfte Mann, der nun einmal in der Liebe und zärt⸗ lichen Zuneigung das wunderſame Widerſpiel ſeines ganzen ſonſtigen ſicheren und bedächtigen Charakters ſein ſollte, auch diesmal wieder dieſem allzu weichher⸗ zigen Zug ſeiner Natur unterlag; denn er ſah in dem ſchönen Mädchen mehr ſeine Gebieterin und Herzens⸗ tyrannin, als ſeine Schutzbefohlene und ſeine von ſeinem väterlichen Willen abhängige Pflegetochter, ſo daß man bald in vertrauten Freundeskreiſen munkelte, er und die alte Salome hätten unter dieſem neuen Haus⸗ regiment ſogar noch ſchlimmere Tage, als vordem unter den Launen und Krankheitsanfällen der irrſinnigen Frau. Er konnte ſeinem Liebling keinen Wunſch abſchlagen, und durch eine kleine Schmeichelei erreichte Betty Alles bei ihm, was er bei ſeinen ſtrengen Grundſätzen, ſeiner einfachen Denkart jedem Anderen mit unbeugſamer Entſchiedenheit verweigert hätte. Nicht einen Seufzer, nicht einen einzigen unwilligen Blick koſtete ihn dieſe Selbſtverleugnung, ſobald er ihr dadurch eine Freude bereiten und ſie in vollkommener Zufriedenheit erhalten konnte; alle Launen ſeines Abgottes fanden ihn jeder⸗ zeit in der nämlichen guten Stimmung; und wenn ſie ihm nur den einen Willen that, daß ſie keine Theater⸗ Vorſtellung verſäumte, in der er aufzutreten hatte, ſo war er in allen übrigen Dingen das Echo des ihrigen und ſie konnte ihr„Väterchen“ weinen oder lachen machen, wie's eben zu ihren Abſichten und Einfällen paßte. So ſehen wir den großen Tragöden, der in der Darſtellung von Heldenrollen durch die Gewalt ſeines Spiels und den Zauber ſeines herrlichen Redevortrags — 100— oft ein ganzes Publikum zur Bewunderung hinriß und jedes Herz erſchütterte, in ſeiner beſchränkten Häuslich⸗ keit in vollkommener Abhängigkeit von einem ſiebzehn⸗ jährigen, allerdings ſehr klugen Mädchen, das ihn be⸗ herrſchte, wie der ſichtbar verkörperte Genius ſeiner Kunſt ſelber, in deſſen glänzende dunkle Augen er nach jeder Vorſtellung nur zu blicken brauchte, um dann zu wiſſen, ob er dem ſtürmiſchen Beifall des Publikums, ja ſelbſt dem ſtillen in der eigenen Bruſt trauen dürfe, oder ob er das Nächſtemal ſeine Rolle anders geben müſſe— wie eben die kleine Betty, ſeines Herzens Orakel, davon berührt worden war. Allerdings war dieſe, was lebhaftes Gefühl und Einſicht in das Weſen der dramatiſchen Kunſt anbe⸗ langte, weit ihren jungen Jahren voraus, und nicht blos der zärtliche Pflegevater, ſondern auch unbefangene Kenner und Freunde des Theaters hegten von ihrem Talente und ihrem Beruf für die Bühne die günſtigſte Vormei⸗ nung. Sie ſelber ſchwärmte für die Kunſt, und da ſie außerdem noch eine ſchöne klangvolle Stimme beſaß, ſo war ihr ganzes Dichten und Denken auf die Bühne ge⸗ richtet und ſeit länger als einem Jahre lag ſie dem Pflegevater beſtändig an, er möge ſie nur ein einziges Mal zur Probe in einem Singſpiele auftreten laſſen. Aber ſonderbar! Der Mann, derſelber ſein ganzes Leben dem Dienſte der Muſen geweiht hatte, der jeder⸗ zeit bereit war, junge Talente durch Rath und That zu fördern und ihnen den anfangs ſo ſchwierigen Pfad der Kunſt zu ebnen, er verſagte gerade ſeinem erklärten Liebling dieſen höchſten Wunſch mit einer Beſtimmtheit, die zu ſeinem übrigen nachſichtigen und gütigen Beneh⸗ men gegen Betty im vollkommenſten Widerſpruch ſtand. Sei es, daß die traurigen Erfahrungen ihn abſchreckten, welche er einſt mit ſeiner Franziska gemacht hatte, deren Krankheit manche Aerzte dem leidenſchaftlichen Hange zur Kunſt bei nichts weniger als bedeutenden Anlagen zu⸗ ſchrieben; ſei es, daß ihm Betty's unruhiges Blut und ihr lebhaftes Temperament gerechte Beſorgniß einflöß⸗ ten, ſie den Gefahren dieſer Welt voll blendender Täu⸗ ſchungen und Verlockungen auszuſetzen; genug, er zeigte gegen ihren Wunſch, ſich gleichfalls der Bühne zuzu⸗ wenden, eine ſo entſchiedene Abneigung, daß es häufig über dieſen einzigen Punkt, worin er ſeine väterliche Autorität geltend machte, zu heftigen Scenen zwiſchen ihm und der kleinen Eigenwilligen kam, die den Frieden des Hauſes oft genng ſtörten, bis es ſeiner unermüdli⸗ chen Geduld und den liebreichſten Vorſtellungen wieder gelang, ſich für einige Zeit Ruhe vor ihrem ſtürmiſchen Andrängen, ihren erfinderiſchen Liſten zu verſchaffen. Aber ſo oft auch der gute Mann wähnte, endlich werde die Stimme der Vernunft und des kindlichen Vertrauens den Sieg über dieſe gefährliche Verlockung der Eitelkeit und der ehrgeizigen Träume gewonnen haben, ebenſo oft ſah er ſich in dieſer Hoffnung nach einiger Zeit ge⸗ täuſcht; denn der nämliche Wunſch kehrte bei der erſten günſtigen Gelegenheit mit verſtärkten Gründen und er⸗ neuter Heftigkeit wieder und abermals mußte dann das treue Vaterherz den Sturm aushalten, abermals ſich ſtandhaft zeigen, bald gegen die ſchmeichleriſchen Lieb⸗ koſungen und rührenden Bitten der kindlichen Liebe, bald gegen die heftigen Aufwallungen der gekränkten Eitelkeit, des ungerechten Mißtrauens. Was half es dann dem armen Ekhof, daß er, wenn die eigene Ueberredungskunſt nicht mehr ausreichen wollte, die rührendſten und beweglichſten Stellen aus ſolchen ſeiner Rollen wiederholte, worin treue Väter oder erfahreneFreunde der unbeſonnenen leichtſinnigen Jugend zu Gemüthe reden! Die Warneſtimme der trengemeinten Freundſchaft, der herzlichen Güte, womit er ſo oft auf der Bühne in ſolchen Scenen die Zuhörer bis zu Thrä⸗ nen rührte, ſie machte keine Wirkung auf das ehrgei⸗ zige Mädchen; oder Betty war in ihrer Heftigkeit ſogar im Stande, ihm höhniſch mit den Worten und Geberden Derer zu antworten, die in dem Schauſpiel gleichfalls ungerührt und unüberzeugt bleiben und keine Vernunft noch Liebe annehmen wollen; welche unkindliche Ver⸗ ſpottung ſeines väterlichen Gefühles den würdigen Mann dann oft dergeſtalt außer Faſſung brachte, daß er ſeine Rolle vergaß und plötzlich in ſeine pathetiſche Rede plattdeutſche Verwünſchungen über ungerathene Kinder miſchte, oder auch wohl in Verzweiflung über ſo große Halsſtarrigkeit Betty mit den Namen Derer anredete, die im Schauſpiele liebenden Eltern durch ihren Unge⸗ horſam Kummer und Herzeleid bereiten. Ein ſolches Quodlibet⸗Citat aus allen möglichen Bühnenſtücken ern⸗ ſter und heiterer Gattung endete dann gewöhnlich damit, daß Ekhof zornig nach Hut und Stock griff und, ſeine beiden Möpſe unter den Armen, die Stätte des Un⸗ friedens verließ; worauf die Reihe der geplagten und drangſalirten Perſon im Hauſe an die alte Salome kam, deren ſcharfe Zunge doch vordem eine ganze Wander⸗ truppe durch alle Rollenfächer in Zucht und Reſpect ge⸗ halten hatte. Leider war es aber mit dieſem Zauber ihrer ſiegreichen Beredtſamkeit längſt vorbei; denn das ſchöne verwöhnte Pflegekind ihres theueren Brodherrn hatte die arme Creatur ſo gänzlich eingeſchüchtert, daß — 16 dieſe gegen die ſonſtige Gewohnheit alter Comödianten⸗ Mütter kein Wort des Widerſpruchs mehr wagte und Gott dankte, wenn ſie durch liebreiche Vorſtellungen, ja ſelbſt durch heimliche Vertröſtungen und zuſtimmende Klagen den Sturm wieder beſchwören konnte, ehe der Herr Theaterprinzipal zurückkehrte, damit nur die hef⸗ tigen Auftritte und Zerwürfniſſe im kleinen Häuschen in der Heinoldsgaſſe nicht unter den Nachbarn ruchbar werden möchten, was ſogar der treuen Salome in jüng⸗ ſter Zeit noch mehr Sorge machte wie zuvor. Denn Niemand wußte beſſer als ſie, wer eigentlich die Schuld an dieſem ungeſtümen Verlangen Betty's trug, gleich ihrer verſtorbenen unglücklichen Mutter, gleich ihrer armen Tante Franziska eine Künſtlerin zu werden; und wer auch ſonſt dem jungen unerfahrenen Mädchen Dinge in den Kopf ſetzte, die weder mit den traurigen Erin⸗ nerungen ihrer Vergangenheit, noch mit den Wünſchen und Grundſätzen des würdigen Ekhof harmonirten. Denn ſeit der Hofjunker von Hohenſtein, der Neveu der Frau Geheimeräthin von Lichtenſtein, ſo häufig in's Haus kam, bald in einem Auftrag ſeiner gnädigen Frau Tante, bald um dem Herrn Director ſ eine Aufwartung zu machen, ſeitdem hatte die alte Salome richtig die Urſache von Betth's hochfliegenden Zukunftsträumen er⸗ rathen; ja, dieſe ſelber machte ihrer alten Vertrauten kein Hehl daraus, daß ſowohl der Baron wie die Ge⸗ heimeräthin ſie unaufhörlich ermunterten, ſich dem Theater zu widmen und in dieſem Wunſche nicht nach⸗ zulaſſen, bis ſie Ekhof's Einwilligung dazu erlangt hätte. Natürlich durfte dieſer, das hatte ihr Betth ſtrengſtens anbefohlen, niemals erfahren, unter welchem mächtigen Schutze ſeine Pflegetochter dieſe Einwilligung von ihm zu erlangen hoffte; denn nur zu wohl kannte ſie ſeine Abneigung gegen die einflußreiche Hofdame und wußte, wie ſehr ihn gerade ihre Einmiſchung in dieſe ſein Herz ſo nahe berührende Angelegenheit gereizt und in ſeinem Widerſpruch gegen ihren Lieblingswunſch beſtärkt haben würde. Betth machte, wie geſagt, der alten Salome kein Hehl daraus, daß es die ſelber ungemein ehrgeizige Geheimeräthin ſei, welche ſie auf Koſten von Ek⸗ hof's häuslichem Frieden beharrlich protegire, da ſich die vornehme Dame nicht wenig darauf zu gute that, die Pflegetochter des berühmten Künſtlers gegen deſſen eignen Willen der Bühne zu gewinnen und ſie dereinſt als ihren Schützling gefeiert und bewundert zu ſehen. Darum ſchmeichelte die Geheimeräthin Betty's Ehrgeiz, indem ſie ihr die Triumphe ausmalte, welche ihr der⸗ einſt als gefeierter Sängerin an den erſten Bühnen Deutſchlands zu Theil werden würden; Triumphe, die ſelbſt noch den Ruhm Ekhof's überſtrahlten, da ihm doch bei allen Ehren Fortuna's Gunſt verſagt geblieben ſei. Ebenſo war der Neffe der Geheimeräthin, der junge Baron Ferdinand von Hohenſtein gewandter Weltmann und leichtfertiger Cavalier genug, um den Huldigungen, welche er dem ſchönen lebhaften Mädchen zollte, noch durch das Feuer der Kunſtbegeiſterung einen erhöhten Ein⸗ druck zu verſchaffen; er war daher nicht blos der ſchwär⸗ meriſche Verehrer ihrer jugendlichen Schönheit, ſondern auch der Bewunderer ihres ſeltenen Kunſttalentes, ihrer herrlichen Stimme, ihres graziöſen Tanzes, und wieder⸗ holte ihr täglich auf Cavalierparole, ſie werde ganz gewiß noch einmal als zweite Corona Schröter glänzen, ja ſie ſei eigentlich zu gut für Deutſchland und verdiene, daß der Hof von Verſailles ſie bewundere, oder Drurh⸗ Lane ihre Triumphe feiere. Wie hätte die Stimme des beſorgten Vaterherzens ſolchen Schmeichellauten der Eitelkeit und Selbſtſucht gegenüber Eindruck auf ein junges unerfahrenes Mäd⸗ chen von Betty's leidenſchaftlichem Temperament und ehrgeizigen Wünſchen machen ſollen; ſie, die ſchon jetzt in den glänzenden Zirkeln der Geheimeräthin als ein 0 Wunder von Geiſt, Talent und Schönheit gefeiert wurde und dadurch einen allerdings verlockenden Vor⸗ geſchmack von der Glückſeligkeit bekam, welche ihr da⸗ heim im kleinen dürftigen Hauſe der Eigenſinn eines vedantiſchen Oheims verweigerte, der zwar ein großer Künſtler war, aber doch bei ſeinem ſtrengen Feſthalten an der Einfachheit der alten Schule niemals das eigent⸗ liche Lüſtre der Kunſt kennen gelernt hatte. Wie arm⸗ ſelig und wenig beneidenswerth erſchien ihr nicht bei allem gediegenen Ruhme ein ſolches Künſtlerloos im Vergleich zu dem Leben der vornehmen Welt, in der ſie ſowohl durch ihr Talent, wie durch ihre Jugend und Schönheit glänzen wollte, ſelbſt auf die Gefahr hin, einem vorübergehenden Triumph vor einem Daſein der Dürftigkeit und des inneren Genügens den Vorzug zu geben!— Für dieſes war ſie ihrem ganzen lebhaften Na⸗ turell nach ſo wenig geſchaffen, als der Pflegevater für die ſchimmernden Prunkſäle des Reichthums, für den flüchtigen Genuß des Augenblicks, er, der ſein ganzes Leben lang nur ein berühmter Künſtler, und doch ein armer genügſamer Mann geblieben war! Dieſe inneren Gegenſätze in Beider Neigungen und Lebensanſichten waren es, welche den häuslichen Frie⸗ den Ekhof's und damit auch den ſeines Herzens beſtän⸗ „ dig von Neuem ſtörten, ſo oft der Einfluß der äſtheti⸗ ſchen Geheimeräthin oder die Schmeicheleien des galan⸗ ten Hofjunkers Betty's Blut in Wallung verſetzten, bevor Ekhof noch ahnte, wer das in ſeinen Neigungen ſonſt ſo flatterhafte Mädchen zu dieſem beharrlichen Widerſtand gegen ſeine wohlgemeinten väterlichen Rath⸗ ſchläge und Warnungen anregte.— Am wenigſten hätte ſich ſein argloſer gerader Sinn einer ſolchen geheimen Einwirkung von Menſchen verſehen, die ihm eine ſo große perſönliche Achtung bezeigten, mit ihrer herzli⸗ chen Geſinnung für ihn förmlich Prunk trieben und deren Theilnahme an jedem Ereigniß ſeines Privat⸗ lebens ihn oft noch mehr beläſtigte, als der Geheime⸗ räthin äſthetiſcher„Hochdruck“ auf die ſeiner Leitung anvertraute Kunſtanſtalt. Wie oft waren ihm nicht ſchon die zarten Aufmerkſamkeiten Ihrer Excellenz, oder die geſuchten Auszeichnungen zur Laſt geworden, die ſie ihm, dem beſcheidenen bürgerlichen Künſtler vor den Augen ihrer vornehmen Standesgenoſſen zu Theil wer⸗ den ließ!— Und ihr Neffe, der Hofjunker, wie eifrig hatte er ſich nicht unter dem Scheine des begeiſterten Theater⸗ freundes in ſein argloſes Herz einzuſchmeicheln gewußt, ſo daß Ekhof ihn um ſeines natürlich offenen Weſens willen wirklich liebgewann und ernſtlich glaubte, der Baron, der ſo häufig ſeinen Spott an den ſchöngeiſti⸗ gen Alluren ſeiner Frau Tante ausließ, ſei durch ihn zu einer höheren Lebensrichtung und gediegeneren Kunſt⸗ anſchauung geführt worden, als ſie den meiſten ſeiner Standesgenoſſen eigen zu ſein pflegt. Galt doch der⸗ ſelbe auch bei Hofe für den gebildetſten unter den jün⸗ geren Cavalieren, dem ſelbſt der in Sachen der Moral ſo ſtrenge Fürſt ſchon manchen leichtfertigen Jugend⸗ ſtreich nachgeſehen hatte, da ihn der Witz und die Jovia⸗ lität des jungen Lebemannes für denſelben einnahmen. Jung und von lebhafter Einbildungskraft, verband der Hofjunker von Hohenſtein mit einem angenehmen Aeußeren die feinen einſchmeichelnden Manieren des von franzöſiſchen Maitres gebildeten Cavaliers; und wie es damals faſt an jedem kleineren Hofe einen und den andern liebenswürdigen Flattergeiſt gab, der von deutſchem Weſen Nichts weiter an ſich hatte, als den Namen einer alten Adelsfamilie, ſo munkelte man auch von dem ſchönen Ferdinand, ſein wirklicher Vater ſei ein franzöſiſcher Obriſt geweſen, von dem der Sohn nicht blos den Esprit, ſondern auch die Neigung zu galanten Abenteuern geerbt habe, welche Eigenſchaften ihm unter dem Protectorate ſeiner einflußreichen Tante, der Geheimeräthin von Lichtenſtein eine immerhin bevor⸗ „ ſ 7 3 3 zugte Stellung an dem Hofe von Gotha ſicherten, wo, wie auch an anderen Höfen, große und kleine Liebes⸗ intriguen ein Hauptferment der Unterhaltung bildeten. Mag ſein, daß es anfangs wirklich nur das Inter⸗ eſſe für die Kunſt und den Berühmteſten unter den le⸗ benden Meiſtern war, was den Baron veranlaßte) ſich ſo eifrig um die Freundſchaft Ekhof's zu bewerben. Da der gegenwärtige Oberdirector der herzoglichen Hof⸗ bühne, Kammerherr von Lenthe, ein alter kränklicher Mann war, ſo lag die Vermuthung nahe, daß ſeine Tante bei ihrer Vorliebe für's Theater große Dinge mit dem Neveu vorhatte, daß ſie vielleicht ſogar im Stillen die Hoffnung nährte, denſelben früher oder ſpäter mit dieſer, ihrem äſthetiſchen Geſchmack ſo ſehr zuſagenden Hofcharge bekleidet zu ſehen. Genug, Herr von Hohenſtein war bald die tägliche Erſcheinung im kleinen Hauſe in der Heinoldsgaſſe und nach einer Weile gewöhnten ſich ſelbſt die beiden mürriſchen Möpſe an ſeinen ſporenklirrenden Schritt und empfingen den wohlbekannten Hausfreund mit einem heiſeren Freude⸗ gewinſel. Aber die böſe Welt, die auf den Leiſetritt einer noch ſo liſtig verſteckten Abſicht oft viel aufmerkſamer achtet, als auf den wirklichen Fall, den ſie dabei vorausſetzt, hatte nach der Hand den häufigen Beſuchen des ſchönen galanten Hofjunkers eine Deutung gegeben, die das wahre Motiv derſelben allerdings in einem ganz ande⸗ ren Lichte erſcheinen ließ, als es der ehrliche Ekhof, dieſer ſonſt ſo große Kenner des Menſchenherzens, in ſeiner argloſen Seele ſehen wollte. Freilich wußten die Nachbarn rechts und links, meiſt geringe Bürgers⸗ und Handwerksleute, Nichts von dem lebhaften Kunſtintereſſe, das bisweilen ſelbſt einem flatterhaften Hofcavalier den Verkehr mit Künſt⸗ lern lieb macht, und noch weniger kannten ſie den Plan der Geheimeräthin mit ihrem leichtfertigen Herrn Neveu, daß dieſer ſich durch den belehrenden Umgang mit dem berühmten Ekhof gleichſam eine Anwartſchaft auf den Poſten eines Oberdirectors der herzoglichen Hofbühne erwerben möge; dafür aber kannten die ein⸗ fachen Leute die geheimen Schliche und Wege eines jungen galanten Cavaliers um ſo beſſer und urtheil⸗ ten in ihrem ſchlichten Menſchenverſtand ſehr richtig, daß der Marder jedesmal weiß, wo er Tauben im Schlage antrifft, wenn er ſich dahin verſteigt. Die ſchöne Pflegetochter des Herrn Konrad hätte darum noch ungleich weniger Jugendreize, noch ungleich weniger feuriges Temperament, ja nicht einmal die * Hälfte der ſüßen entzückenden Nachtigallentöne in der jungen Kehle zu haben brauchen, womit ſie früh und ſpät den Nachbarn ihres Herzens ungeſtümes Sehnen und züärtliches Empfinden kund that— der arme Herr von Hohenſtein wäre doch nicht dem böſen Gleich⸗ niß mit dem Marder entgangen, er, der ſchon ſo man⸗ cher ſchönen, oder auch nur hübſchen Bürgerstaube ſehr lebhaft den Hof gemacht hatte, ohne zuvor lange nach der Zahl der Ahnen von Schneiders Käthchen oder Strumpfwirkers Vronchen zu fragen. Zwar, ſo lange die kranke Frau noch im Hauſe war, hatte ſelbſt der leichtſinnige und von Natur ſogar gut⸗ müthige Hofjunker nicht gewagt, in der Nähe eines ſol⸗ chen Unglücks ſeinen Bewerbungen um die Gunſt der ſchönen Betty Steinbrecher Nachtruck zu geben. Viel⸗ mehr ſchien er einen ſo wahren Antheil an dem ſchreck⸗ lichen Schickſal zu nehmen, welches den edlen Ekhof durch die Geiſteskrankheit ſeiner Gattin heimſuchte, daß dieſer trotz des großen Unterſchieds an Jahren oft ſein ſchmerzbewegtes Herz rückhaltlos in die Bruſt des jüngeren Freundes ausſchüttete, der ſich ihm jederzeit ſo theilnahmvoll bezeigte. Dies bewies derſelbe auch, als die ſchlimmen Streiche des Pflegeſohnes Stephan, um Ekhof's häusliches Elend vollkommen zu machen, mehr und mehr den Charakter eines in ſeinem innerſten Grunde verdorbenen Gemüthes annahmen, indem er den jungen Leichtſinnigen hinter des Oheims Rücken mehrmals aus großen Verlegenheiten riß, Schulden für ihn bezahlte, ſchlimme Händel, drohende Gefahren durch ſeine perſönliche Vermittlung von ihm abwandte, dies Alles gewiß in der guten Abſicht, dem ohnedies ſo ſchwer heimgeſuchten Hauſe neue Leiden zu erſparen. Erſt als die Anfälle des Irrſinns ſich immer häu⸗ figer und heftiger bei der Kranken wiederholten und Ekhof endlich genöthigt war, bei der befreundeten Pre⸗ digerfamilie in dem benachbarten Dorfe einen mehr ruhigen Aufenthalt für dieſelbe zu ſuchen; als dann auch Stephan's offenbare Betrügereien an den Tag kamen, die deſſen Flucht aus dem Bereiche der herzog⸗ lichen Juſtiz zur Folge hatten und Ekhof bei ſeiner ohnedies angegriffenen Geſundheit allen dieſen Stür⸗ men zu erliegen drohte, erſt da machte der Hofjunker die Entdeckung, daß die Uneigennützigkeit ſeiner Freund⸗ ſchaft doch wohl eines Preiſes werth ſei, zumal ſein warmer Antheil an den traurigen Schickſalen ihrer Familie die ſchöne Betth offenbar nicht gleichgültig gegen den liebenswürdigen Hausfreund gelaſſen hatte. So entſtand an dem Krankenlager Ekhof's zwiſchen den Müller, Etbof. 1. 8 jungen Leutchen jenes zarte Einverſtändniß, das ſich zwar eine Zeitlang nur in der gemeinſamen Sorge um ein theueres bedrohtes Leben kundgab, ſowie in dem gegenſeitigen Glücke, Troſt zu ſpenden und Troſt zu empfangen, bald aber, als die Furcht vor dem drohen⸗ den Verluſte wich und die Herzen wieder freier auf⸗ athmeten, zu einer ſo leidenſchaftlichen Freundſchaft wurde, daß bis zum ausgeſprochenen zärtlichen Liebes⸗ verhältniß Beiden Nichts mehr fehlte, als der verwe⸗ gene Muth, die Kluft zu überſpringen, welche den alt⸗ adeligen Cavalier von der Tochter wandernder Comö⸗ dianten trennte.— Hohenſtein glaubte ſeinerſeits anfangs ſelber ſo feſt an die Aufrichtigkeit ſeines Gefühls für die ſchöne Betty, als dieſe an die Möglichkeit, den flat⸗ terhaften Hofjunker dauernd an ſich feſſeln zu können; ein Wahn, den ihr zu benehmen der Baron weder Nei⸗ gung noch Pflichtgefühl in ſich verſpürte. Denn Menſchen von der leichtſinnigen Denkart Hohenſtein's ſind nur ſo lange geneigt, die Leidenſchaf⸗ ten der Sinnlichkeit und des Egoismus zu beherrſchen, als die Ungewohnheit edlerer Neigungen einen Reiz für ſie hat. So lange er ſich daher durch das Ver⸗ trauen des berühmten Ekhof geſchmeichelt fühlte, war er auch wirklich der uneigennützige und aufopfernde 5 Freund, für den ihn dieſer hielt, war die Hingebung und Aufmerkſamkeit ſelber. Als dann aber nach einiger Zeit die uns bekannten traurigen Ereigniſſe eintraten, als er vielleicht auch zuweilen den großen Künſtler in einzelnen ſchwachen Momenten beobachtete, wenn Ekhof in ſeiner Noth an der eignen Kraft verzweifelte, da ging es dem Hof⸗ junker wie allen Menſchen von blos oberflächlichem und äußerlichem Weſen in ähnlicher Lage die ſchlichte, ſo wenig mit ihrem hohen geiſtigen Werthe prunkende Perſönlichkeit des Künſtlers verlor den früheren Nim⸗ bus in ſeinen Augen, der große Ruhm Ekhof's ſtand ja in keinem Verhältniß zu der traurigen häuslichen Lage des bedrängten Gatten, des bekümmerten Vaters, und gewiſſe kleine Launen des alten Mannes, gewiſſe Son⸗ derbarkeiten und Gewohnheiten verloren für den flatter⸗ haften Höfling mit dem Intereſſe der Neuheit auch ihre frühere ehrwürdige Bedeutung für ihn. Das Vertrauen, und noch mehr die Vertraulichkeit, womit Ekhof den Baron als einen ihm geiſtig ver⸗ wandten, gleichſtehenden Freund behandelte, ließ nach und nach in dieſem die angenehme Selbſttäuſchung ent⸗ ſtehen, er ſei Das in Wirklichkeit, wofür ihn der harm⸗ loſe humane Künſtler nahm; oder er belächelte auch 8* wohl im Stillen die Kurzſichtigkeit und einfache Treu⸗ herzigkeit des Mannes, den die Welt für einen ſo großen Menſchenkenner und feinen Beobachter fremder Charaktere hielt und den er doch ſelber ſo leicht zu hintergehen vermochte; genug, er fühlte ſich bald in einer ſo vollkommenen Ueberlegenheit, daß er zuletzt kein Bedenken mehr trug, den trefflichen Mann noch weiter zu täuſchen, wozu ihm ſein Verhältniß als Haus⸗ freund und Betty's leicht entzündbares Herz eine nur allzu günſtige Gelegenheit boten. 6 Dornen und Lorbeer. So waren die Zuſtände im Hauſe Ekhof's beſchaf⸗ fen, als der junge Kunſtnovize aus Hannover mit ſeiner ſchwärmeriſchen Verehrung für den großen Tragöden dort eintrat, um ſchon nach wenigen Stunden die nie⸗ derſchlagende Wahrnehmung zu machen, daß auch dem herrlichſten Lorbeerkranze vom Schickſale Dornen eingeflochten ſind, die ſich nur unter jenem verſtecken, um deſto ſchmerzhafte Wunden zu bereiten; Dornen, die ihr trauriges Mal zuletzt ſelbſt der Seele Deſſen aufprägen, in dem die Welt noch immer den großen, freien Genius verehrt und bewundert. Ach, wie ſo ganz anders hatte ſich der kunſtbegei⸗ ſterte Sohn wohlhabender Eltern daheim im geordne⸗ ten Vaterhauſe die Exiſtenz des Mannes gedacht, deſſen Ruhm ihn hierhergezogen, deſſen inneres Glück zum wenigſten er ſich ſo vollkommen und reich ausgemalt hatte, als es der in der Welt der Ideale und herrlichen Kunſtſchöpfungen lebende Geiſt des Menſchen nur im⸗ mer erringen kann! Fürwahr, ohne den glühenden Enthuſiasmus der Jugend, ohne den unbeſiegbaren Drang nach der Bühne, und vielleicht auch ohne das deutliche Bewußtſein, daß es für ihn auf der einmal betretenen Bahn kein„Zu⸗ rück“, nur noch ein„Vorwärts“ gäbe, hätte Iffland ſchon nach den erſten, im Hauſe Ekhof's verlebten Stunden, dicht vor dem erſehnten Ziele ſeiner Sehn⸗ ſucht, den Muth verloren, Schauſpieler zu werden.— Denn Alles, was ihm einſt treue Eltern und wohlmei⸗ nende Freunde in der redlichen Abſicht, ihn auf die Gefahren dieſes, den unerfahrenen Jugendſinn ſo häufig blendenden Berufs aufmerkſam zu machen, an War⸗ nungen und traurigen Beiſpielen vorgehalten hatten, er fand es nur allzuſehr gerade bei demjenigen Künſt⸗ ler beſtätigt, auf deſſen allgemein anerkannte und be⸗ wunderte Meiſterſchaft er ſich ſo oft berufen hatte, um jene ungünſtigen Vorurtheile und falſchen Anſichten ſeiner Angehörigen über die Stellung des Schauſpielers im bürgerlichen Leben zu widerlegen. Zwar von dem Anſehen, worin der würdige Ekhof bei ſeinen Mitbürgern ſtand, hatte Iffland ſchon am geſtrigen Abend im Gaſthof zu den„drei Kronen“ den unleugbarſten Beweis erhalten. Cbenſo zeugte Alles, was ihm Zener bei Tiſche über ſein nahes Verhältniß zu den erſten Perſonen der Stadt und am Hofe, ſowie zu dem kunſtſinnigen Fürſten ſelber mittheilte, für die hohe Achtung, die der Altmeiſter der deutſchen Schau⸗ ſpielkunſt auch in den höchſten Kreiſen der Geſellſchaft genoß. Und doch, in welchem ſchreienden Contraſt ſtand nicht dieſe äußere, ſo bevorzugte Stellung zu den Leiden und Sorgen des Herzens, mit denen Ekhof's Ge⸗ nius beſtändig zu ringen hatte und die ihm freilich kein Ruhm, keine Fürſtengunſt abnehmen konnte! Es war der unmittelbare Inſtinct der gleichge⸗ ſtimmten Künſtlernatur, was den jungen Iffland trotz ſeines Mangels an Lebenserfahrung und Kenntniß der Welt ſogleich richtig ahnen ließ, daß es dennoch der Stand ſei, welcher bei aller äußeren ungewöhnlichen Auszeichnung, bei aller inneren Gediegenheit des Cha⸗ rakters, den Lebensabend des edlen Künſtlers verdüſterte. Denn mußte er auch den Muth und die Energie des Geiſtes bewundern, womit Ekhof während ſeines gan⸗ zen Lebens die Liebe zur Kunſt mit der ſittlichen Würde des Menſchen verbunden hatte, ſo konnte er ſich doch nicht verhehlen, daß es eben nur der einzelne Mann ſei, welcher der allgemeinen Verdammniß ſeines Stan⸗ des glücklich entgangen war, während deſſen nächſte Angehörigen theils mit, theils ohne ihre Schuld von Verhängniſſen ereilt worden waren, die man recht wohl und vorzugsweiſe als allgemeines Comödiantenloos hätte bezeichnen können. Und dieſes Lvos, wie deutlich ſtand es nicht noch jetzt traurig und unheildrohend genug in Ekhof's äußerem Leben geſchrieben!— IFffland ſchmeckte beinahe die„Comödiantenwirthſchaft“ aus der rauchig gewor⸗ denen Lauchſuppe heraus, die er mit einem verbogenen zinnernen Löffel von einem irdenen Teller eſſen mußte, deſſen Glaſur an vielen Stellen ganz verſchwunden war. Tiſchtuch und Serviette waren wohl in dieſem Haushalt der genialen Contraſte von jeher unbekannte Luxusgegenſtände geweſen, wogegen freilich wunderſam „ — 5 genug der ſchwere ſilberne Becher und die Flaſche köſt⸗ lichen Burgunderweines abſtachen, die Ekhof zu Ehren ſeines jungen Gaſtes hatte auftragen laſſen, Beides ein Geſchenk der edlen Nachbarfürſtin Amalie von Weimar, der Gönnerin des Künſtlers. Aber einen noch größeren Gegenſatz als dies Alles, als ſelbſt der Künſtlerruhm Ekhof's zu ſeiner be⸗ ſchränkten Häuslichkeit, bildete die Erſcheinung der ſchlichten ehrwürdigen Greiſengeſtalt mit den gram⸗ durchfurchten Zügen und der grauen ungekämmten Haarperrücke, und die ſeiner reizenden Pflegetochter Betty Steinbrecher in der geſchmackvollen Toilette mit dem friſchen lebendigen Antlitz, der ſchlanken jugend⸗ lichen Geſtalt und dem feurigen Augenpaar voll kecken unternehmenden Geiſtes; eine Erſcheinung von ſo über⸗ raſchender Schönheit, daß der junge Gaſt aus Hanno⸗ ver, da Ekhof ihn ihr als angehenden talentvollen Kunſt⸗ jünger vorſtellte, vor Verlegenheit im ganzen Geſicht blutroth wurde und eine linkiſche Verbeugung machte, worauf Betth den Vater groß anſah, ob ſie auch ihren Ohren trauen dürfe, daß ſolch' ein blöder Schäfer Schauſpieler werden wolle?— Dann hatte ſich ihr kleiner veizender Mund zu einem ſpöttiſchen Lächeln verzogen und ein bemerkbares Naſerümpfen ſchien ſogar ſagen zu wollen: Der wird auch eine ſchöne Figur auf der Bühne abgeben! Genug, der erſte Eindruck, den er auf die ſchöne Ueber⸗ müthige machte, war durchaus verſchieden von der herz⸗ lichen Aufnahme, die er bei ihrem Pflegevater gefunden hatte; denn Betty hielt es auch nach Ekhof's Weggang zu der Geheimeräthin kaum der Mühe werth, eine mehr als oberflächliche Unterhaltung mit ihm anzu— knüpfen, wobei ſie obendrein noch alle Augenblicke durch die Fenſterſcheiben auf die Gaſſe hinausſah, als ſei ihr der Gegenſtand, den ſie dort zu ſehen erwarte, ungleich intereſſanter wie der junge blöde Student der Theologie aus Hannover. Zuletzt wurde ihre Zerſtreutheit oder Ungeduld, oder was es ſonſt war, ſo groß, daß ſie ein Notenblatt ergriff und darin herumblätternd bald dieſe, bald jene Melodie trällerte, wobei ſie den Tact mit den Fingern gegen die Fenſterſcheiben ſchlug. So zeigte ſie in Allem das Weſen und Benehmen des verwöhnten lau⸗ niſchen Kindes, dem Alles nach ſeinem eigenſinnigen Kopfe gehen ſoll und deſſen kleine und große Unarten vielleicht noch gar von der Schmeichelei ihrer Verehrer für Liebenswürdigkeit und natürliches Weſen ausgelegt wurden. Zum Glück kehrte Ekhof ſehr bald von der Geheime⸗ räthin zurück, und zwar in einer ungleich beſſeren Laune, als die geweſen, in der er dem Ruf ſeiner Gönnerin gefolgt war. Selbſt die angebrannte Lauchſuppe war nicht im Stande, ſeinen guten Humor zu trüben, als er ſeinem jungen Gaſte erzählte, weshalb ihn Ihre Exeellenz ſo dringend habe zu ſich rufen laſſen. Die Sache ſei auch wirklich von der allergrößten Wichtigkeit geweſen, bemerkte Herr Konrad heiter. Frau von Lichtenſtein hätte nämlich durch ihre Kund⸗ ſchafter ſogleich in Erfahrung gebracht, daß ein junger unbekannter Menſch ſich herausgenommen habe, ihn am geſtrigen Abend vor den Gäſten in den„drei Kro⸗ nen“ auf's Abſcheulichſte als Schulmeiſter zu carikiren, ſo daß ſeine beſten Freunde voll Beſtürzung Reißaus genommen hätten. Sie aber, ſeine erklärte Gönnerin, werde nimmermehr ſolch einen horribeln Affront auf ihrem lieben Ekhof ſitzen laſſen; ja, ſie halte ſich ſelber, ſowie die Gothaer Hofbühne durch dieſe offenbare Ver⸗ höhnung ſeiner Perſon auf's Tiefſte beleidigt, weshalb ſie ſogleich zu dem Polizeikommiſſär geſchickt hätte, da⸗ mit dieſer den jungen inſolenten Menſchen wegen ſeiner Malhonnéteté zur Rechenſchaft ziehen und ihn im Falle mangelnder Legitimation über Perſon, Stand und Zweck ſeines Hierſeins ohne Weiteres durch die Landdragoner über die Grenze bringen laſſe. Wie groß war daher die Ueberraſchung und Be⸗ ſtürzung der eifrigen Gönnerin des berühmten Ekhof, als dieſer ſelbſt, nachdem er ihre Schilderung der geſtri⸗ gen Wirthshausſcene anſcheinend mit großem Ernſte angehört hatte, ihr zuletzt mit dem ihm eignen trocknen Humor mittheilte, der von ihr für vogelfrei erklärte junge Mann, ſein angeblicher Beleidiger, ſei heute Mittag ſein Gaſt zu Lauchſuppe mit Korinthen, ſei ihm von angeſehenen Perſonen in Hannover auf's Wärmſte empfohlen worden, und obgleich ſie demſelben die Ehre zugedacht habe, ihn per Schub über die Landesgrenze bringen zu laſſen, ſo wiſſe er doch ganz beſtimmt zum Voraus, daß Ihre Excellenz, wenn ſie nur erſt ſeinen liebenswürdigen, beſcheidenen und talentvollen Schütz⸗ ling kennen gelernt hätten, im Gegentheil alle Land⸗ dragoner des Herzogthums aufbieten würden, um ihn in Gotha dauernd feſtzuhalten. Zwar war dieſe unerwartete Wendung anfangs ſehr wenig nach dem Geſchmack der Geheimeräthin geweſen, da ſie durch ihre übereilte Einmiſchung einem an ſich ganz harmloſen Vorfall eine ſolche Wichtigkeit verſchafft hatte; als aber Ekhof ihr vorſtellte, daß man zu den bereits vorhandenen beiden jugendlichen Bühnen⸗ candidaten in Iffland noch ein drittes, gleichfalls ſehr gut prädicirtes Talent für die neu zu errichtende Theater⸗ ſchule gewinnen werde, ſiegte ihr leidenſchaftlicher Hang zur Protection junger Künſtler ſogar über das Beden⸗ ken, ſich durch ihren voreiligen Eifer für die Ehren⸗ rettung Ekhof's und der Gothaer Hofbühne dem Spotte muthwilliger Menſchen ausgeſetzt zu haben, und ſie entließ daher ihren lieben Freund mit der gnädigen Ver⸗ ſicherung, den gegen den jugendlichen Inculpaten ver⸗ hängten lettre de cachet durch den Einfluß ihres Gemah⸗ les ſogleich wieder außer Wirkſamkeit ſetzen zu laſſen. Wirklich erſchien auch, während man noch bei Tiſche ſaß, der Hofjunker von Hohenſtein, um, wie er mit der Artigkeit eines liebenswürdigen Cavaliers und Weltmanns erklärte, Herrn Iffland im Namen der Frau Tante über das Damoelesſchwert zu beruhigen, welches ohne ſein Wiſſen mehrere Stunden lang über ſeinem unſchuldigen Haupte geſchwebt habe. Denn wirklich ſei bereits von Polizeiwegen ein Stadtſoldat mit einer in optima forma ausgefertigten Vorladung nach den „drei Kronen“ entſandt worden, der ihn aber glücklicher⸗ weiſe dort nicht mehr angetroffen hätte. Dabei zeigte der Baron ſo viel natürliche Offen⸗ heit und ſein Benehmen gegen Ekhof und deſſen ſchö⸗ nes Pflegekind war ſo ganz dasjenige des aufrichtigen Hausfreundes, daß auch der Gaſt ſich bald zu ihm hin⸗ gezogen fühlte und den lebhaften Antheil Hohenſtein's an dem Gelingen ſeines Reiſezweckes hierher mit dem gleich offenen Vertrauen erwiederte.— Es war auch gewiß nicht die Schuld des Hofjunkers, wenn Iffland nach einiger Zeit die Beobachtung machte, daß Betty ihm ſeit dem Erſcheinen des Barons ungleich liebens⸗ würdiger vorkam; denn das bei Tiſche ſo zerſtreute und einſylbige Mädchen war mit Einmal auffallend heiter und geſprächig geworden, nahm an der Unterhaltung lebhaften Antheil und entfaltete dabei alle jene kleinen Künſte der Koketterie, die einem jungen Frauenzimmer ſo ge⸗ läufig werden, wenn in eine noch eben langweilige Ge⸗ ſellſchaft der Herr Galan eintritt und das Beſtreben, ihm zu gefallen, nachſichtig macht gegen die Mängel und Unbedeutendheit der Uebrigen. Ja, ſie richtete nun ſogar einige theilnehmende Fragen an Iffland nach deſſen Mutter und Schweſtern; als er ihr aber mit deutlicher Bewegung erzählte, welchen großen Kummer es den Letzteren verurſacht habe, daß ſie ihn durch keine Ueberredung von ſeinem Lieblingsplan, Schauſpieler zu werden, hätten abbringen können, rümpfte ſie ſpöt⸗ „ tiſch das feine Näschen, warf dem Hofjunker einen muthwilligen Blick zu und rief dann, in die Hände klatſchend, mit wenig zarter Rückſicht auf den jungen Gaſt des Vaters, wie auf dieſen ſelber: „O wie Schade, daß Sie nicht gleich Ihre Demoi⸗ ſelles Schweſtern mitgebracht haben! Dann könnte mir doch Väterchen zwei neue Muſterbilder von der Sorte der tugendſamen und brauchbaren Frauenzimmer vor⸗ halten, die das Schauſpiel, von Oper und Ballet ganz zu ſchweigen, für eine Erfindung des Satans erklären und den Herrn Bruder, weil er ſich trotzdem in ſeinem Vorſatz nicht irre machen ließ, ſchon im Geiſte im unterſten Höllenfener braten ſehen!“ Dieſe deutliche Anſpielung auf ein zwiſchen ihr und dem Pflegevater beſtehendes Mißverhältniß ver⸗ ſetzte den jungen Mann ſo ſehr in Beſtürzung, daß er erſtaunt über dieſe unkindliche Sprache bald den alten Herrn, bald die ſchöne Trotzige fragend anblickte, deren Geſicht in leidenſchaftlicher Erregung glühte, während ſie mit triumphirender Miene den Baron anſah, der ſeine Verlegenheit kaum verbergen konnte. Ekhof allein blieb bei dieſer Spottrede Betty's ruhig und gelaſſen, blinzelte ſie ſogar mit ſeinem gut⸗ müthigen Augenzwinkern ſchalkhaft an, zuckte wie ein allzu nachſichtiger Vater bei den Unarten eines verzoge⸗ nen Kindes die Achſel und ſagte, zu Iffland gewendet, mit dem launigen Tone des an dergleichen trutzige Sprache gewöhnten Gleichmuthes: „Dacht' ich's doch, daß Sie mein liebes Töchter⸗ lein zu der angebrannten Lauchſuppe noch zuguterletzt mit einem Zinshahn aus ihrer Küche regaliren würde! Nun, zum Glück ſorgt der liebe Gott dafür, daß nicht alle Spatzen in die Wolken fliegen, und ſo wird auch die kleine Demoiſelle Hitzkopf mit ihren Entrechats und Pas de Rigodon, ihren Trillern und Arien bis nach meinem Tode warten müſſen, ehe ſie über mein Grab ind Gedächtniß hinweg in die italieniſche Oper chaſſirt und mit Luftſprüngen à la Boequet die Herren vom Hofe zu lauter Bewunderung hinreißt.“ War es nun das beſchämende Gefühl, ſich einem Fremden gegenüber von ihrer Hitze ſo weit haben hin⸗ reißen zu laſſen, war es der ironiſche Ton in Ekhof's Worten, oder fand ſie es im Intereſſe ihrer eignen Liebenswürdigkeit für gerathen, ihr heftiges Weſen zu mäßigen, Betty nahm alsbald wieder die Miene der launigen Naivetät an und ſagte zu Iffland mit muth⸗ willigem Blicke: „Sehen Sie, das ſollten Sie nur hören, wie bei „ Väterchen gleich hinter Ballet und italieniſcher Oper die Angſt vor den Hofleuten kommt, als wenn die Kunſt des Tanzes und Geſanges nur für vornehme Herren erfunden ſei und dieſen nicht ebenſo gut das ernſte Schauſpiel und die erhabene Tragödie zum Zeitvertreib dienten, als das muntere Ballet und Singſpiel.“ „Laſſen Sie ſich mit ihr in keinen äſthetiſchen Discours ein!“ lachte Ekhof und drohte der Uebermü⸗ thigen mit dem Finger.„Sie iſt im Stande und beweiſt Ihnen aus Scriver's„Seelenſchatz“ oder dem „Kabinetsprediger“, daß Oper und Ballet von Rechts⸗ wegen jedem gläubigen Chriſtengemüth zur herzlichen Luſt und Fröhlichkeit dienen ſollten, anſtatt es durch ihre Weltlichkeit und ihren ſinnenbethörenden Firlefanz abzuſtoßen, weil ja auch die Engel im Himmel muſici⸗ ren und ſchon der Heide Pythagoras an den Tanz der Sphären geglaubt habe!“ „So langweilig und gravitätiſch wie bei der Hoch⸗ zeit eines Nürnberger Bürgermeiſters geht's freilich bei Ballet und Oper nicht her,“ bemerkte Betty ſpitz, mit wiederkehrender Verſtimmung.„Auch möcht' ich den Sängern bei der großen italieniſchen Oper zu Dresden oder Berlin nicht rathen, Rollen wie den König Kanut den Großen noch im dreieckigen ſpitzen Hütchen mit gepuderter Friſur und Galanteriedegen zu agiren.— Ach, Herr Baron, wiſſen Sie auch ſchon, daß ich jetzt die große Cavatine aus buona fgliuola einſtudire? Wenn Ihre Excellenz die Frau Geheimeräthin befiehlt, werde ich ſie im nächſten Conzert ſingen.“ Mit dieſer leichten Wendung war die ſchöne Wider⸗ ſpänſtige ſchnell zu einem Thema übergeſprungen, wovon ſie zum Voraus wußte, daß ihr Ekhof ſchon aus Rück⸗ ſicht für den Hofjunker die fernere Unterhaltung mit dieſem überlaſſen werde; und wirklich verzichtete auch der alte Herr zum großen Erſtaunen Iffland's auf jeden weiteren Antheil an dem Geſpräch der Beiden über die berühmte Oper des großen Piccini, wandte ſich ausſchließlich ſeinem jungen Gaſte zu und unterhielt ſich mit dieſem längere Zeit in eingehender Weiſe über den heutigen Zuſtand der deutſchen Schaubühne, ſowie über die neueſten Erſcheinungen der dramatiſchen Lite⸗ ratur. Während deſſen plauderten Betty und der Hof⸗ junker am anderen Fenſter nicht minder angelegentlich miteinander; ja ihre Unterhaltung wurde bald ſo zwang⸗ los, daß ſie zuletzt nur noch im Flüſterton redeten und kicherten, unbekümmert um die Anweſenheit eines Fremden, für den doch dieſe Art von vertraulicher Con⸗ Muüller, Ekhof.I. 9 verſation jedenfalls ebenſo neu als auffallend ſein mußte. Erſt als Betty bei einer Bemerkung des Barons ohne Rückſicht auf das ernſte Geſpräch der beiden Andern in ein unmäßiges Gelächter ausbrach, hielt Ekhof in ſeiner Rede ein, blickte halb verwundert, halb unwillig über dieſe Störung nach den jungen Leuten hinüber und rief, als er gewahrte, wie Betty ihrem galanten Verehrer mit der Notenrolle voller Ausge⸗ laſſenheit auf die Hände ſchlug, mehr launig als ſtrenge: „Hör' Sie, Demoiſelle Heuſter⸗Penſter, laß' Sie mir das gecke Zeug bei Seite, dergleichen ſteht gewiß nicht im Textbuch der buona figliuola geſchrieben! Lieber Herr von Hohenſtein, Sie werden mich freund⸗ lichſt excuſiren, zumal heute Donnerſtag iſt, wenn ich jetzt meinen gewohnten Pflichtgang antrete und Sie, Herr Iffland, begleiten mich wohl eine Strecke weit zum Thore hinaus, vorausgeſetzt, daß Sie über Ihre Zeit nicht ſchon anderweitig verfügt haben.“ Ohne des Jünglings Antwort abzuwarten, nahm er ihn am Arme und ließ ihm kaum ſo viel Zeit, ſich von Betty und dem Hofjunker flüchtig zu verabſchieden, worauf er mit ihm wegging, ſo arglos, als wenn die beiden Möpſe mit der alten Salome allein im Hauſe zurückbleiben ſollten. Unwillkührlich mußte Iffland dabei wieder an die Aeußerungen der Stammgäſte in den„drei Kronen“ über Ekhof's häusliche Verhältniſſe denken; denn von Allem, was er heute beobachtet hatte, war ihm die Er⸗ ſcheinung des Barons und ſein familiäres Verhältniß zu Herrn Konrad und deſſen ſchönem Pflegekind geradezu auffallend geweſen und brachte ihn auf allerhand ſonderbare Muthmaßungen. Welches tiefere Intereſſe konnte der ſchlichte gediegene Künſtler an einem jungen Manne nehmen, der bei allem liebenswürdigen Aeußeren doch den Libertin und oberflächlichen Hofmann ſo wenig verleugnete, er, der in Geſellſchaft von einfachen Bürgern und Subalternbeamten ſeine Erholungsſtunden hinbrachte und ſich wegen ſeiner ſtrengen Ordnungsliebe und Gewiſſenhaftigkeit in Ausübung ſeiner Berufs⸗ pflichten den Spottnamen„Schulmeiſter“ zugezogen hatte?— Oder gehörte vielleicht dieſes Verhältniß des Barons zu ſeinem Hauſe ſelbſt zu den Widerwärtigkei⸗ ten in Ekhof's häuslichem Leben, da er ſich's ruhig ge⸗ fallen ließ, daß Betth ſogar in ſeiner Gegenwart an den Schmeicheleien und Artigkeiten des Hofjunkers dieſes unverkennbare Wohlgefallen zeigte? „ Jedenfalls nahm Iffland von ſeinem erſten Beſuche im kleinen Hauſe in der Heinoldsgaſſe den ganz beſtimm⸗ ten Eindruck mit ſich, daß die ſchöne übermüthige Pfle⸗ getochter zu dem Frieden von Herrn Konrad's alten Tagen wenig oder nichts beitrug, vielleicht ſogar, eine innere Stimme ſagte ihm dies, ſo oft er in die gram⸗ durchfurchten Züge des würdigen Meiſters blickte, durch ihr eigenſinniges unkindliches Weſen dem Herzen Ekhof's mehr Kummer verurſachte, als ſelbſt den Stammgäſten in den„drei Kronen“ bekannt ſein mochte.— Ungleich freundlicher und zu den eben empfangenen Eindrücken ſelbſt einen wohlthuenden Gegenſatz bildend, war die Beobachtung, welche Iffland machte, als er jetzt an Ekhof's Seite durch die Straßen der Reſidenz dem Thore zuſchritt, wie Alt und Jung, Vornehm und Gering den berühmten Altmeiſter der deutſchen Schau⸗ bühne mit wahrer Hochachtung und Herzlichkeit begrüßte und beinahe kein Haupt der ihnen begegnenden Perſo⸗ nen bedeckt blieb. Als wenn die erſte Magiſtratsperſon der Reſidenz vorüberginge, ſo allgemein war die Liebe und Verehrung der Leute für ihren berühmten Mit⸗ bürger im ſchlichten grauen Tuchrock. Bürger, die von der Tagesarbeit ausruhend und ihre Pfeifen ſchmauchend mit den Nachbarn vor ihren Häuſern ſaßen, erhoben ſich bei ſeiner Annäherung von den Bänken und grüßten ihn ehrerbietig; die Kinder ver⸗ ließen ihre Spiele, um Herrn Konrad die Hand zu geben, ſelbſt Fenſter wurden hier und da geöffnet, um ihn zu grüßen und ihm neugierig nachzuſehen wie Einem, an deſſen Erſcheinung man immer den nämlichen leb⸗ haften Antheil nimmt, gleichviel ob er im Königsman⸗ tel auf der glänzend erleuchteten Hofbühne dieſen und jenen erhabenen Helden des Alterthums vorſtellt, oder gebückt, im einfachen Bürgerkleid, ein Menſch wie jeder Andere durch die Straßen wandelt, um— Alle wiſſen's ja— draußen im ſtillen Dörfchen ſeine arme geiſtes⸗ kranke Frau zu beſuchen: der„ Pflichtgang“, wie er ſelber dieſe Abendpromenade zu nennen pflegt, welche er regelmäßig an jedem theaterfreien Abend antritt, ſo geſtern wie heute, und ſeit ſeiner letzten ſchweren Krank⸗ heit ſogar noch häufiger als früher. Und wahrlich, es mußte ein ſauerer Gang für den würdigen Mann ſein, da er mit jedem Schritte vor⸗ wärts dem allerſchwerſten Leid ſeines Lebens näher kam, womit ihn der Himmel heimgeſucht hatte, dem Anblick ſeiner in unheilbaren Irrſinn verfallenen geliebten Franziska, die ſelbſt noch in ihrer Geiſtes⸗ „ nacht in treuer Liebe an ihm feſthing und jedesmal mit der Sehnſucht einer ſchwärmeriſchen Braut ſeiner An⸗ kunft entgegenharrte. Denn ſein Anblick war der ein⸗ zige Lichtſtrahl für das kranke Gemüth der armen Frau und vor dem Laut ſeiner geliebten Stimme ſchwand ſelbſt auf Augenblicke der dunkle Irrſinn, welcher ihre Seele umfangen hielt, ſo daß ſie in dieſen lichten Mo⸗ menten wieder lebhafteren Antheil an der Außenwelt nahm und in glücklicher Selbſttäuſchung mitunter ſogar an ihre Wiedergeneſung glaubte, bis freilich ebenſo ſchnell ihr Geiſt in die vorige Nacht zurückverſank und die unheimlichſten Vorſtellungen und Bilder, meiſt ver⸗ webt mit Reminiſcenzen aus ihrer Theaterzeit, die Aermſte von Neuem verfolgten. Dies und mehr noch erzählte der Meiſter auf dem Wege nach dem Dorfe dem künftigen Schüler, der mit innigſter Theilnahme der Schilderung dieſes ſchweren Lebensverhängniſſes lauſchte, welches nun ſchon ſo viele Jahre hindurch wie ein Alp auf Ekhof's Seele laſtete und gleich dem dunklen Symbol ſeiner Kunſt als tragiſches Schickſal der Wirklichkeit in ſein Leben hineinragte.— Die Offenheit, mit der er ſprach, die Umſtändlichkeit, mit der er dem jüngeren Freunde auch andere, zum Theil unbedeutende Wechſelfälle ſeiner letzten Jahre ſchilderte, war ebenſo wohl ein Beweis davon, wie ſehr ihm eine offene Mittheilung über dieſe Dinge Bedürfniß war, als ein Zeichen des herzlichen Vertrauens, womit er ſich zu Iffland hingezogen fühlte. Ein ſolches Vertvauen, das von allem Unterſchied der Jahre und der äußeren Lebensſtellung abſah, welche Empfindungen der Freude, des Stolzes und des innig⸗ ſten Mitgefühls mußte es nicht in der Bruſt eines Jünglings wachrufen, dem der Name Ekhof als Inbe⸗ griff alles Deſſen galt, was es für ihn in der Kunſt Großes und Schönes zu erreichen gab, ein Name, den er ſo oft in den Stunden ſeiner muthloſen Zweifel wie den ſeines unſichtbaren Schutzgeiſtes angerufen hatte! Es war daher erklärlich, daß ihn dieſe Mittheilun⸗ gen doppelt mächtig ergriffen; denn nicht blos der große Künſtler, auch der hartgeprüfte Menſch ließ ihn zum Erſtenmal dieſen erſchütternden Blick in die Welt der irdiſchen Unvollkommenheit thun, in der dem edelſten Genius vom Schickſale die nämlichen Leiden und Prü⸗ fungen aufgebürdet werden, die das Loos des gewöhn⸗ lichen Sterblichen ausmachen. Und doch kam dabei keine einzige Klage gegen die Vorſehung, keine einzige Verwünſchung gegen die Urheber ſeiner kummervollen Tage über die Lippen des frommen Künſtlers; vielmehr pries er ſich noch in ſeinem ſchweren Mißgeſchick glück⸗ lich, daß es ihm unter Gottes und eines treuen ſeltenen Freundes Beiſtand möglich geworden ſei, ſeine arme Franziska in der Nähe behalten zu dürfen, anſtatt ſie, wie andere Kranke der Art, in einer allgemeinen Irren⸗ anſtalt unterbringen zu müſſen. Dem jungen Manne kamen die Thränen in die Augen, als Herr Konrad, da ſie die Brücke betreten hatten, auf welcher ſie ſich geſtern begegnet waren, ſtehen blieb, die Hand auf ſeine Schulter legte und im Tone des herzlichſten Vertrauens zu ihm ſagte: „So, mein lieber Iffland, ſteht's mit mir und Sie begreifen nun, warum ich Ihnen geſtern auf dem näm⸗ lichen Platze hier ſagte, der alte Ekhof werde nicht mehr geneſen. Aber demungeachtet bitt' ich Gott täglich und ſtündlich um neue Gnadenfriſt für mein letztes Stünd⸗ lein; denn was ſollte aus der Aermſten ohne mich wer⸗ den, der ich ihr nicht blos Stab und Stütze bin, ſondern auch Leuchte in der Nacht ihrer ſchrecklichen Finſterniß, wohin nur die Liebe noch jezuweilen einen hellen Lichtſtreifen wirft?— Doch hier trennt ſich unſer Weg und Sie kehren nun zur Stadt zurück, um vor Allem Herrn Johannes Beil, Ihren künftigen Collegen auf⸗ zuſuchen, der hier gleichfalls noch ganz fremd iſt und wie Sie eine Anſtellung bei unſerer Hofbühne erwartet. Zwar habe ich den jungen Mann bis jetzt nur ein ein⸗ ziges Mal und auch da nur ganz flüchtig im Directions⸗ zimmer geſprochen, wo er mir von Herrn von Lenthe vorgeſtellt wurde, indeſſen müßte mich der erſte Eindruck von ihm ganz und gar getäuſcht haben, oder Sie Beide gehören zu einander, wie der Rock zum Kragen, wie zum Gefäß die Klinge. „Aber Herr Beil iſt ſchon ein fertiger Künſtler, ich ein vollkommener Neuling,“ ſagte Iffland zögernd. „Was da!“ entgegnete Ekhof abwehrend.„In der Kunſt bleibt der Beſte immer ein Neuling und nur der Mittelmäßige rühmt ſich ſeiner Fertigkeit! Seien Sie darüber ganz unbeſorgt; Beil wird, dafür bürgt mir ſein heller Kopf, von Ihnen ebenſo Viel lernen können, als Sie von ihm und eine herzliche Freundſchaft, gegründet auf die Freude am gemeinſamen Streben, wird dann zu Ihrem beiderſeitigen Vortheil nicht lange auf ſich warten laſſen.“ Nach dieſem ermunternden Zuſpruch forderte er den Jüngling noch einmal auf, ſich morgen Vormittag im Directionszimmer im herzoglichen Schloſſe einzufinden, wo er ihm hoffentlich ſchon das Nähere über ſeine Auf⸗ nahme in die Theaterſchule mittheilen könne, und entließ „ ihn dann mit dem ſcherzhaften Rathe, den Stammgäſten in den„drei Kronen“ für dieſen Abend noch fein vor⸗ ſichtig aus dem Wege zu gehen und ſich lieber die Zeit mit Herrn Beil in deſſen Quartier, der„Schrapfe“auf dem Neumarkt, angenehm zu verkürzen. V. Comödiantenleben im vorigen Jahrhundert. Iffland folgte dieſem Rathe und kehrte nach der Stadt zurück. Bald erreichte er den Neumarkt, wo ihm ein, auf blauem Schild gemalter großer Karpfenkopf den Gaſthof zur„Schrapfe“, das Quartier des künftigen Collegen auf dem Kothurn bezeichnete. Er trat zuerſt in das Gaſtzimmer, die ſogenannte Bürgerſtube, wo⸗ ſelbſt die Wirthin, eine ſchon ältliche Frau mit hageren Zügen und einer gewiſſen herrenhuteriſchen Strenge im Weſen ihn zuerſt mehr neugierig als mißtrauiſch be⸗ trachtete, als er ſie nach dem Herrn Schauſpieler Jo⸗ hannes Beil aus Erfurt fragte, der hier logiren ſolle. Sie zögerte unentſchloſſen mit ihrer Antwort und deut⸗ lich war in ihrem Geſichte die Frage zu leſen, ob er gleichfalls zu den Comödianten gehöre, weßhalb er ſich beeilte, hinzuzuſetzen, daß ihn Herr Ekhof hierherge⸗ wieſen hätte. Aber auch jetzt veränderte ſie keinen Zug ihrer ſtrengen Miene und trocken erwiederte ſie: „Gehen Sie nur die Treppe hinauf, Sie werden gleich am Heidenlärm, den Herr Beil verführt, merken, in welcher Stube er logirt. Ich wollte, er hätte ſich ein anderes Quartier geſucht; das Haus einer ſtillen Wittwe paßt nicht für Leute, die aus dem Spectakel ein Metier machen.“ „Sie ſind alſo keine Freundin von der Comödie, Madame?“ ſagte Iffland mit einem leichten Anflug von Spott um die Lippen. „Ich bin eine ſchlichte Bürgersfrau, keine Madame, heiße ſchlechtweg Frau Bindernagelin, habe mit meiner Wirthſchaft genug zu thun und kümmere mich ſo wenig um die Comödie, als es die Gäſte thun, die meinem Hauſe die Ehre ihres Beſuches erweiſen,“ entgegnete ſie mit noch größerer Kälte als zuvor und kehrte, als halte ſie jede weitere Erklärung für überflüſſig, zu ihrem Spinnrocken an's Fenſter zurück. Erſelber fühlte gleichfalls keine Verſuchung mehr, das Geſpräch mit dieſer, gewiß unter Umſtänden nichts we⸗ niger als, ſtillen“Wittwe fortzuſetzen, und folgte daher „ ihrer Weiſung, indem er die Treppe hinaufſtieg. Aber oben auf dem langen ſchmalen Gange war Alles ſo ſtille, daß er nicht begriff, was die unfreundliche Wir⸗ thin mit dem„Heidenlärm“gemeint hatte, den ihr Gaſt auf ſeiner Stube verführen ſollte, ſo daß ihm nichts übrig blieb, als aufs Gerathewohl an die nächſte Thüre zu klopfen. Da indeß kein Ruf erfolgte, ſo verſuchte er es an der zweiten und ſo fort an der nächſtfolgenden Thüre; er konnte jedoch an acht Zimmer anklopfen und Niemand antwortete ihm. Zuletzt war nur noch eine einzige ſchmale Thüre an der entgegengeſetzten Seite übrig, die in eine nach hinten gelegene Stube führte. Aber erſt auf ſein wiederholtes ſtärkeres Pochen ver⸗ nahm er drinnen einen Ruf, als wenn Jemand aus feſtem Schlaf aufwache, und gleich nachher wurde haſtig die Thüre geöffnet.— Wiewohl in der kleinen Kammer mit dem einzigen niederen Fenſter ſchon beinahe völlige Dunkelheit herrſchte, war doch der Anblick, den Iffland hatte, ſo überraſchend für ihn, daß er unwillkührlich einen Schritt zurückwich. Denn vor ihm ſtand eine Ge⸗ ſtalt in der allereinfachſten Coſtümirung von der Welt, etwa ſo wie ein Menſch ausſieht, den man eben zur Unzeit aus einem ſüßen Schlummer aufgeſtört hat und der nun verdroſſen das Bett verläßt, um nachzuſehen, wer ſich einen ſolchen Eingriff in das natürlichſte aller Menſchenrechte zu erlauben wagte. Als Iffland ſich entſchuldigen wollte, dieſe Störung veranlaßt zu haben und nach dem Zimmer des Herrn Schauſpielers Beil aus Erfurt fragte, machte der Be⸗ wohner der kleinen Kammer ungeachtet ſeiner höchſt ungekünſtelten Toilette zuerſt ein verbindliches Kompli⸗ ment nach allen Regeln des feinen Anſtandes, nöthigte ihn dann mit den Manieren des vollkommenen Welt⸗ mannes zum Eintritt und fragte, indem er ſich ihm als den Geſuchten zu erkennen gab, was ihm die Ehre dieſes angenehmen Beſuches verſchaffe?— Dabei ſchlüpfte er mit großer Behendigkeit wieder unter die Bettdecke, eine Empfangsart von ſo komiſch draſtiſcher Wirkung, daß Iffland laut auflachen mußte. Beil lachte gleichfalls und in dieſer heiteren Stimmung begrüßten ſich die jungen Männer als künftige Kunſtgenoſſen in Thalia's Tempel. Im gefeierten Namen Ekhof fanden Beide das Stichwort für den Austauſch ihrer gemeinſamen Hoffnungen und Zukunftspläne und bald ſprang der lebhafte Beil zum Zweitenmal mit gleichen Füßen aus dem Bette, um nach dem kurzen Bericht, den ihm Iffland von ſeinen letzten Kämpfen im Vaterhauſe gegeben, den neuen Freund ſtürmiſch zu umarmen, wobei er bewegt ausrief: „ „Hör', Bruder, Dich ſchickt ein guter Gott zur rech⸗ ten Stunde in mein Trübſal! Auch ich habe daheim im Vaterhaus zu Chemnitz theure Eltern zurückgelaſſen, aber nicht wie Du in glücklichen ſorgenfreien Verhält⸗ niſſen, ſondern arm und verlaſſen, und durch mich, den einzigen Sohn, für deſſen Ausbildung ſie ihr Letztes freudig dahingegeben hatten, der Stütze ihrer alten Tage wohl für immer beraubt!— Ach, Bruder, wie biſt Du im Vergleich mit mir zu beneiden!— Dich führte doch wenigſtens die reine Kunſtbegeiſterung zum Theater; mich aber ließen allein jugendlicher Leichtſinn, unſelige Verirrung die Bühne als letzten Zufluchtsort aufſuchen! — Und wennich bis zu dieſer Stunde mit Noth und Ent⸗ behrungen aller Art zu kämpfen hatte, ſo ſtanden noch obendrein die kummervollen Geſtalten meiner armen El⸗ tern als ſchwere Ankläger beſtändig vor meiner Seele und das Bewußtſein meiner Schuld lähmte mir den freudigen Muth, jene zu ertragen.“ Nach dieſem Erguß ſeiner ſchmerzlichen Gefühle, hervorgerufen durch den troſtvollen Gedanken, endlich einen Menſchen in einer, der ſeinen ähnlichen Lage und mit dem gleichen Streben gefunden zu haben, war Beil raſch in den Kleidern, um der Einladung Iffland's zu folgen, bei einem Glaſe Wein den Abend heiter zu verbringen.— Noch während des Ankleidens erzählte Jener dem neuen Freunde, wie ihn die fromme Wirthin zur, Schrapfe“, da ihm jüngſt die letzte Baarſchaft ausge⸗ gangen und er ſie mit der Bezahlung ſeiner Zeche auf ſein demnächſt bevorſtehendes Engagement an der her⸗ zoglichen Hofbühne vertröſtet habe, mit größter Rück⸗ ſichtsloſigkeit behandelt und ihn zuletzt ſogar unter dem nichtigen Vorwande, er ſtöre durch ſeine laute Decla⸗ mation ihre Gäſte, aus ſeinem vorderen freundlichen Zimmer in dieſes Fuhrmannsloch verwieſen hätte. Iffland beſtand ſogleich darauf, daß er noch heute das fatale Haus verlaſſen und zu ihm in den Gaſthof zu den„drei Kronen“ ziehen ſolle, indem er ſich erbot, die noch rückſtändige Zeche Beil's vorzulegen, was dieſer mit wärmſtem Danke annahm; dabei er⸗ zählte er ihm mit vielem Humor, wie er den unerträg⸗ lichen Zuſtand der letzten Tage nur noch durch einen faſt andauernden Schlaf auszuhalten vermocht hätte, welche Verſicherung Beide in die heiterſte Laune verſetzte. Dieſe wurde noch erhöht, als der Gaſt der„Schrapfe“ ſein ganzes Reiſegepäck, beſtehend in einem Hemde und zwei Chemiſetten, in ein Blatt der Gothaiſchen politi⸗ ſchen Zeitung zuſammenpackte und mit dem leichten Packet unterm Arme dem Kollegen in deſſen Quartier foͤlgte, nachdem Letzterer zuvor, zum nicht geringen Erſtau⸗ nen der Frau Bindernagelin, dieſer den Betrag von Beil's Zeche aus ſeiner ſtattlichen Börſe berichtigt hatte.— Bald ſaßen Beide im gemüthlichen Geplauder auf Iffland's Stube beiſammen und der treffliche Rhein⸗ wein des Herrn Klappmaier erhöhte noch ihrer Herzen fröhliche Stimmung, die ſich im gegenſeitigen Austauſch ihrer Gefühle und Anſichten über Kunſt, Poeſie und Leben eines lang entbehrten Glückes erfreuten, das ſie mit vollen Zügen genoſſen. Der faſt um vier Jahre ältere und bereits mit den Schickſalen und Erfahrungen des Künſtlerlebens ver⸗ traute Beil entſprach gerne dem Wunſche des Freundes, ihm die Umſtände, die ihn zum Theater geführt, ſowie ſeine bisherigen Erlebniſſe bei der Bühne mitzutheilen. Nachdem er von Iffland das Verſprechen erhalten hatte, weder jetzt noch ſpäter von Dem, was er ihm über ſeine Vergangenheit erzählen werde, gegen dritte Perſonen einen Gebrauch zu machen, zündete er ſich zuerſt eine neue Pfeife an, ſetzte ſich dann tiefer in den Schatten des Zimmers zurück und begann hierauf die Geſchichte ſeines jungen Künſtlerlebens zu erzählen.*) *Wir folgen hier den ſpäteren Aufzeichnungen Iffland's über Beil's Jugend- und Künſtlerleben. — Beil's Eltern waren arme Tuchmachersleute zu Chemnitz in Sachſen, der Vater ein gutmüthiger, kränk⸗ licher, aber doch heiterer Mann, die Mutter eine voll⸗ herzige rührige Frau, geſunden Verſtandes und ent⸗ ſchloſſenen Sinnes. Sie hatten blos dieſes einzige Kind, konnten aber bei ihrem beſchränkten Erwerb doch nur wenig für deſſen Erziehung aufwenden. Früh entzückte den reizbaren Knaben die Gewalt der Dichtkunſt; er ſtrebte mit Leidenſchaft darnach, die beſten deutſchen Dichter zu leſen und wußte die ſchönſten Stellen aus dem Gedächtniß herzuſagen. Einigen ſeiner Lehrer machten ſeine Fähigkeiten Vergnügen, andere wollten deßhalb ein Ende mit Schrecken vorausſehen. Oft weinte die gute Mutter bittere Thränen über alles Un⸗ heil, was ihren kleinen Liebling unfehlbar treffen müſſe, weil die ernſthafteſten Perſonen in Amt und Würde beim Gemeinweſen ihr ſolches mit aufgehobenen Händen prv⸗ phezeiten. Daß er die Akademie beziehen und ſein Talent höher geltend machen ſollte, als es geſchehen konnte, wenn er ein Handwerk ergriff, darüber war Jedermann mit ihm und den Eltern einig; nur ihre Mittelloſigkeit beunruhigte ſie. Als jedoch die Zeit herankam, wo er ſich über ſeinen künftigen Lebensberuf entſcheiden ſollte, fanden ſich auch edle Menſchenfreunde Müller, Ekhof. I. 10 „ zur Unterſtützung des armen talentvollen Tuchmacher⸗ ſohnes bereit, und Beil konnte die Univerſität Leipzig mit dem Vorſatze beziehen, Jurisprudenz zu ſtudiren. Aber dieſer Vorſatz wurde ſein Unglück; denn bald ſchreckte ihn bei ſeinem lebhaften phantaſievollen Geiſt die Trockenheit des erwählten Brodſtudiums zurück, er verſäumte immer häufiger die Collegien und trieb ſtatt deſſen Allotria's, vor Allem die Dichtkunſt in Vers und Proſa. Sein Unſtern führte ihn in die Geſellſchaft reicher flotter Studenten; es wurde geſpielt, Beil ge⸗ wann und ſah ſich wider Vermuthen im Beſitze einer Baarſchaft, wie er ſie vordem noch nie gehabt hatte. Jetzt ſollte Alles anders und auf's Beſte gehen und das Verſäumte in Privatcollegien nachgeholt werden. Der Mutter wurde ein begeiſterter Brief geſchrieben, nur noch einmal muß er jene fröhliche Geſellſchaft beſuchen. Auch lächelt ja vielleicht das Glück zum Zweitenmale und befeſtigt ſo den ſchönen Lebensplan! Aber es kam anders, Beil verlor und— ſpielte nun täglich! Es ging ihm, wie faſt allen deſperaten Spielern: in ſchnellem Wechſel iſt heute das Verlorene doppelt erſetzt und geht morgen mit dem Angeliehenen wieder verloren. Der Strom hat ihn ergriffen und reißt ihn unaufhaltſam mit ſich fort; ſelbſt die Beſchäftigung mit den ſchönen Wiſ⸗ ſenſchaften verliert nach und nach ihren Reiz für ihn, ſeine frohe Laune iſt dahin, der Gedanke an die Zukunft wird mit dumpfer Betäubung verdrängt und die Erin⸗ nerung an die zerſtörte Hoffnung der armen Eltern mit einem zitternden Seufzer betrauert.— In dieſem troſt⸗ loſen Gemüthszuſtand beſuchte Beil zu ſeiner Zerſtreuung das Theater; in der wirklichen Welt hatte er ſo gut wie nichts mehr zu thun, dagegen verſetzte die der Ideale ſeine aufgeregte Seele in neues Feuer. Die hohe Dich⸗ tung ergriff ihn, beſonders die Charakterſchilderung be⸗ ſchäftigte ihn, dazu weckte die komiſche Muſe ſeine frohe Laune wieder. Die Kunſt erſchien ihm bald als der Zweck ſeines Lebens, ſie bot ihm nahe Ausſicht zu frühem Erwerb, den er mit den geliebten Eltern theilen wollte. So ſtürmte ihn abwechſelnd ſein innerer Drang und ſein äußeres Mißgeſchick auf die Bahn der Kunſt und end⸗ lich mußte ſein Loos geworfen werden; es bedurfte weder Rath, Wahl, noch Bedenken— er wollte Schau⸗ ſpieler werden und ging nach Dresden, wo er ſich bei der berühmten Seyler ſchen Truppe um Prüfung und Auf⸗ nahme bewarb. Aber wie lautete die Antwort des würdigen Theaterprinzipals auf ſeine wiederholten thrä⸗ nenvollen Vorſtellungen?—„Mit aller Empfindung eines ehrlichen Mannes iſt es geſagt, ich kann Sie nicht ver— 10* „ — wenden!“— Mit gebrochenem Herzen kehrte Beil nach Leipzig zurück, die Stadt ward ihm widrig, eng und be⸗ laſtend wie ſein böſes Gewiſſen ſelber. Noch einmal verſuchte er ſich im Spiele und verlor auch noch das Wenige, was er ſich zu verſchaffen gewußt hatte. Er hörte, daß jetzt in Naumburg ein erträgliches Theater ſei. Fort! Dahin!— Er verkaufte ſeine Bü⸗ cher, ſeine entbehrlichen Kleider, bezahlte das Nöthige, und in einem hübſchen leichten Modeanzug ging er eines Morgens aus dem Thore, ging ſeinem künftigen Ge⸗ ſchick, ſeinem Kunſttraume entgegen. Unterwegs hatte er Zeit, ſich und ſeine Erwartungen herabzuſtimmen, und das war gut für ihn. Denn als er am nächſten Abend in Naumburg an⸗ langte und am Thore einen ſchlichten Bürger nach der Wohnung des Herrn Directors fragte, ſah ihn dieſer zuerſt verwundert an und ſagte dann ſpöttiſch:„Der Herr wohnt ſammt ſeinem Volke im rothen Ochſen.“ Dieſe Zuſammenſtellung von Volk und Ochſen dünkte dem Kunſtjünger von keiner guten Vorbedeutung, er konnte die ganze Nacht kein Auge ſchließen, ſchon um vier Uhr war er auf der Straße und wandelte langſam am rothen Ochſen auf und nieder. Noch hing der ge⸗ ſtrige Theaterzettel, welcher das Luſtſpiel„die beſtrafte Neugierde“ ankündigte, in Fetzen an der Hausthüre. Es war nicht ein bekannter Name darauf zu leſen. Bald wurde das Hofthor geöffnet und die Wirthsleute bereiteten ſich zur Ackerarbeit vor. Herr Director zu ſprechen ſei? Beil fragte, ob der „Sie ſchlafen noch Alle,“lautete die Antwort. Wo denn? „Oben im Saale. Er iſt vielleicht ſchon wach.“ Kann mich Jemand melden? „Gehen Sie nur ganz ungenirt hinauf.“ Er ſtieg leiſe die Treppe hinan— die Thüre war nur angelehnt, ihm klopfte das Herz, ein kleiner Hund bellte ihm hell entgegen, er blieb wie angewurzelt ſtehen. „Spadille! Spadille!“ kreiſcht eine heiſere Weiber⸗ ſtimme aus dem Saale; ein wahrer Höllenhund blickt mit funkelnden Augen aus der Thüre, ſprengt ſie aus⸗ einander und öffnet ſeinen Rachen gegen ihn.„Karo!“ donnert eine Baßſtimme ihm nach, und indem ſteht ein Mann im Hemde, mit ſchwarzen Augenbrauen, die Backen mit Kugellack dick belegt, und in einem gemalten Schnurrbart, welcher während Schwärze mit dem gräßlichen Roth vermiſcht hat, ein buntes Tuch um den Kopf gewickelt, in der Thüre. des Schlafes ſeine „ — Beil ſtottert ihm ein freundliches Kompliment ent⸗ gegen, der Hund bellt von Neuem.„Beſtie, verfluchte!“ donnert der gemalte Mann und verſetzt dem Hund einen Tritt in die Seite, daß er heulend entflieht. Dann nöthigt ihn derHerr Director“ zum Eintritt und Beil zieht ein durch die Pforte zu ſeinem Schickſale. Himmel, wie ſah es in dieſem Saale aus! In einer Ecke war noch der Abendtiſch von geſtern in wilder Unordnung des Geräthes zu ſehen. Auf dem Boden ruhten Prieſter und Prieſterinnen der Kunſt; eine Dame, durch Betten auf der Streu ausgezeichnet, erhob das Haupt mit dem Anſtande einer Kranken, ihren gelben Hals zierte eine Reihe dicker ſchottiſcher Perlen, ſie zog das Amazonenhabit mit goldenen Epaulettes höher herauf, zum Erſatz des kurzen Federbettes, zugleich ſank der Korſenhut von der Höhe des blauſtreifig bezogenen Kopfkiſſens hinter den Rücken.—„Wer kommt denn ſo frühe?“ krähte die heiſere Stimme der hektiſchen Frau Directorin. Der Lenker von Thespis' Karren riß mit nervigtem Arm eine Chenille von dem Fenſter herab, welche ſtatt der Gardine diente, warf ſie in ſtol⸗ zem Faltenwurf um ſich, ſetzte ſich auf einen Stuhl, deutete auf einen Schemel für Beil, winkte der Ge⸗ mahlin Schweigen und dem jungen Fremden Reden zu. Dieſer blickte erſt verlegen umher und trug dann ſtotternd ſein Verlangen um Aufnahme in die Geſell⸗ ſchaft vor. Der Director betrachtete ihn mit durchbohrenden Blicken, langte nach einer ungeheuren Schnupftabaks⸗ doſe und erkundigte ſich dann, was der Herr bis jetzt getrieben habe. Während Beil hierüber Auskunft gab, blinzelten ihn zwei Paar hübſche Augen aus friſchen Mädchen⸗ geſichtern von geringem Strohlager neugierig ſchelmiſch an.— Der Heldenſpieler lag am anderen Ende des Saales im ganzen Coſtüme des vorigen Abends; er blätterte die nächſte Rolle durch und würdigte den künf⸗ tigen Collegen kaum eines flüchtigen Blickes. Dabei that er zuweilen aus einer mächtigen Bierkanne einen langen Schluck und ſchnitt ein Geſicht wie Sokrates, als er den leeren Giftbecher niederſtellte. „Wir ſind hier ſehr fleißig,“ ſagte der Director nach einer langen Pauſe, ohne den Blick von Beil zu wenden. „Wie iſt es mit der Memorie beſchaffen?“ Auf gute Zuſage des Jünglings hin nahm er wieder eine Priſe Tabak und fuhr fort:„Wir geben heute die „Jagd“; Sie können die Rolle des Schmetterling über⸗ nehmen.“—, Ach ja!“ meinte die huſtende Directrice, „Sie haben da einen recht feinen grünen Rock— der wird ſich excellent machen.“ Beil bat um das Buch, der Heldenſpieler warf es ihm von ſeinem Strohlager herüber mit einem vernich⸗ tenden Blick zu, Jener zog ſich nach der Thüre zurück, die zwei Dämchen lachten ihm nach, die Directrice huſtete, der Director blieb aufrecht ſtehen und gürtete ſich ein buntes Tuch über die Chenille um den Leib. Beil war erſchrocken, betäubt von Allem, was er geſehen hatte. Ein Pack Einlaßbillets, ein kleiner zer⸗ brochener Spiegel, etliche verblichene ſeidene Damen⸗ kleider, eine Schachtel mit Kugellack, etwas zerknitterter Silberzindel und eine alte Violine— darin beſtand das ganze Inventar des Directors, ſoweit es ſich dem Auge darbot. Es überfiel ihn ein Schauder, wenn er an ein Zuſammenleben mit dieſen Leuten dachte; und doch, was blieb ihm anders übrig, nachdem erſich ſelber durch ſeinen Leichtſinn um jede Ausſicht auf eine geſicherte und geordnete Exiſtenz im bürgerlichen Leben gebracht hatte, als ſich ſchließlich noch glücklich zu preiſen, daß es ihm hier nicht erging, wie bei der Seylerſchen Ge⸗ ſellſchaft in Dresden und der Director dieſer Wander⸗ truppe ihm wenigſtens erlaubte, eine Probe ſeiner Brauchbarkeit abzulegen.— Zwar erfuhr er bald von andern Mitgliedern, mit dem Gehalte ſei es bei dieſer Bühne nur eine Formalität; was man mit dem Munde, oder vielmehr im Magen davontrage, bleibe die Haupt⸗ ſache; dies kümmerte ihn indeſſen wenig, da er ja doch zum mindeſten ein vorläufiges Unterkommen mit einem, wenn auch noch ſo blaſſen Schimmer von Künſtlerberuf, und was ihm noch mehr galt, den wirklichen Anfang zu der von ihm gewählten Carrière gewonnen hatte.— Auch lächelte ihm das Glück, das ihn ſo lange auf der Aka⸗ demie beharrlich verlaſſen hatte, ſchon bei ſeinem erſten Debut auf dieſer armſeligen Winkelbühne; denn ein günſtiger Zufall wollte es, daß gerade ein Trupp flotter Burſche aus Leipzig an dieſem Abend das Theater von Naumburg beſuchte, die den alten Kameraden ſogleich erkannten und jedes Wort ſeiner unbedeutenden Rolle mit Jubel und ſtürmiſchem Beifall belohnten. Das Oberhaupt der Geſellſchaft zeigte ſich damit ſehr zufrie⸗ den, bat Beil, er möge die Leipziger Kameraden zu öfterem Wiederkommen einladen; denn die Zeiten ſeien ſchlecht, und damit war das Engagement, oder eigentlich der Pact, gleichfalls ohne weitere Formalität, abge⸗ ſchloſſen. Beil's Eintritt brachte ſehr bald dem Prinzipal Beifall und Gewinn. Nach ſeinem Auftreten als„junger — Werther“ mußte er Rolle auf Rolle einſtudiren. Aber die ſchönen Tage von Naumburg gingen zu Ende, der Thespiskarren wurde wieder angeſchirrt und ſetzte ſich nach Querfurt in Bewegung.—„Ha!“ rief der eifer⸗ ſüchtige Heldenſpieler triumphirend,, nun, wo der Leip⸗ ziger Succurs fehlt, wollen wir ſehen, wer Talent hat!“— Aber Beil gefiel gleichermaßen in Querfurt und ſpäter in Sangerhauſen; er wurde der Liebling des Directors und des Publikums, und während der Reiſe erhielt er einen Platz auf dem Leiterwagen, wo die Damen auf den Decorationen ſaßen, während die übri⸗ gen Collegen zu Fuße nebenhergingen. In Mühl⸗ hauſen kam es aber doch zum Bruche zwiſchen ihm und dem„Cavalier“, wie ſich der Heldenſpieler tituliren ließ. Wüthend verließ dieſer die Truppe, Director und Di⸗ rectrice waren außer ſich über dieſen, wie ſie noch immer wähnten, unerſetzlichen Verluſt. „Gott, was ſoll aus uns werden!“ jammerte die gelbe Dame unter Krampfanfällen.„Wer wird nun den Eduard Monroſe, den Barnwell, den Deſerteur ſpielen! O Barmherziger, ganz Mühlhauſen kommt in Aufruhr, wenn wir unſeren Cavalier nicht wieder mitbringen!“ „Beil! Beil!“ſprach gepreßt der Director und that einen tiefen Zug aus der Branntweinflaſche;„Ihr habt mir ein Herzeleid angethan, macht es wieder gut und lernt ſogleich den Monroſe, den Barnwell— lernt alle Rollen des Geſchiedenen. Bei Gott, der Mann hatte ein großes Talent— eine ungeheure Stimme und konnte Geſichter ſchneiden, faſt ſo ſtark wie ich; Ihr habt ihn ausgelacht, das hat ſich noch Keiner unterfangen. Macht es wieder gut, liefert alle Tage eine Rolle und brüllt, daß das Haus bebt, ſonſt bin ich verloren.“ Beil ſpielte, was ihm unter die Hände kam: Alt und Jung, Bediente, Greiſe, Fürſten, Liebhaber, Ty⸗ rannen, Dümmlinge, Geſpenſter, Bauern und Helden Faſt alle Tage ſtudirte er eine neue Rolle ein, oft zwei; er brüllte zwar nicht, erfreute jedoch Jedermann, füllte das Haus und— ward deßhalb zuletzt von dem Di⸗ rector nicht minder gehaßt, wie vordem von dem „Cavalier“. Wohin ſie zogen, ſonderten die Gebildeten im Publikum dieſes hervorſtechende Talent von den Uebrigen aus, zogen ihn in ihre Geſellſchaft und bezeig⸗ ten ihm ihre Achtung. Endlich kam die Reihe des Kunſtgenuſſes an Erfurt! Der Director hatte die Gewohnheit, ſo oft er mit ſeiner Truppe in eine andere Stadt zog, einen Mieth⸗ gaul zu nehmen und der Geſellſchaft um einen Tag „ voraus zu reiſen, um an Ort und Stelle die Erlaubniß zum Spielen bei dem Magiſtrate zu erwirken. Er zog alsdann zur würdigen Repräſentation ſeiner Prinzipal⸗ ſchaft eine Scharlachweſte mit goldnen Treſſen an, in der er bei dem geſtrengen Herrn Bürgermeiſter ſein Geſuch um Permiſſion mit den gebührenden unterthäni⸗ gen Redensarten perſönlich vorbrachte. Alle wohlmeinenden Kunſtfreunde unter dem Mühl⸗ häuſer Publikum riethen ihm, er ſolle Beil nach Erfurt vorausſenden, damit dieſer den Herren von der Regie⸗ rung und dem akademiſchen Senate daſelbſt ſeine Auf⸗ wartung machen und die Geſellſchaft deren Protection empfehlen möge.. „Ehe ich mich dieſes Rittes begebe, lege ich die Di⸗ rection nieder,“ erklärte der Prinzipal, empört über einen ſolchen Vorſchlag.„Wie wollte Der das aus⸗ richten können!— Auch paßt ihm ja meine rothe Per⸗ miſſionsweſte nicht!“ Er beſteigt den gemietheten Klepper, der Thespis⸗ Karren wird gepackt, der Zug ſetzt ſich in Bewegung, aber vor dem Thore der Stadt kommen die Gläubiger, verhaften den Wagen, verhaften den Reiter, legen Be⸗ ſchlag auf Alles— ſogar auf die rothe Permiſſions⸗ weſte! Nun mußte Beil voraus, um ſtatt des Directors in Erfurt das Geſchäft abzumachen; dann kehrte er zurück, verſtändigte ſich mit den Gläubigern, deren Einer den Thespis⸗Karren mitbeſtieg, um ſogleich in Erfurt die Hände auf die Kaſſe zu legen. So reiſte man dahin ab. Dieſes ſchwere Mißgeſchickkonnte der Prinzipal dem jungen Anfänger niemals verzeihen. Derſelbe hatte ſich nach ſeiner Meinung einen höchſt eigenmächtigen Ein⸗ griff in ſeine Oberherrlichkeit erlaubt, Beil aber lachte im Stillen des kleinen Potentaten und ſah mit froher Ahnung einem glücklichen Ereigniß in Erfurt entgegen. Hierin ſollte er ſich nicht täuſchen. Denn das Pu⸗ blikum zeichnete ihn bald aus und beſonders die Stu⸗ denten überſchütteten den ehemaligen Kameraden mit allen wilden Ehren des Burſchenrechtes. Er beſuchte gute Geſellſchaften, Gelehrte und Künſtler, und wurde von dieſen wieder geſucht. Der Statthalter von Erfurt, Karl von Dalberg, ein großer Mäcen der Künſte, welcher mit dem Plane der in Gotha unter Ekhof's Leitung zu errichtenden Theaterſchule bekannt war, machte den re⸗ gierenden Herzog auf Beil aufmerkſam, der Oberdirec⸗ tor, Kammerherr von Lenthe, kam ſelbſt nach Erfurt, um ihn auf der Bühne zu ſehen, lud Beil zu einer Probe⸗ vorſtellung vor dem Herzog nach Gotha ein und—— „ 7 „Seit acht Tagen ſitze ich nun ſchon mit leerem Beutel in der verwünſchten„Schrapfe,“ harre von einem Tage zum andern auf die allerhöchſte Entſcheidung wegen der Probevorſtellung und muß mich derweilen von einem frommen Weibsbild, das den Geizteufel im Leibe hat, auf's Schnödeſte mißhandeln laſſen!“ ſchloß Beil in gutem Humor die Schilderung ſeiner bis jetzt erlebten Schickſale beim Theater, als eben der Nachtwächter die elfte Stunde verkündigte und mit ſeinem frommen Spruche gleichſam den Epilog zu dieſer Jugendgeſchichte eines wilden Genie's bildete.— Fffland hatte mit großer Spannung der Erzählung des neuen Freundes gelauſcht. Zum Erſtenmale ſah er ſich einem Menſchen gegenüber, der alle die Schickſale und Abenteuer, welche den wandernden Comödianten zu begleiten pflegen, noch in jüngſter Zeit erlebt hatte, ohne daß man ihm darum etwas von der Zerfahrenheit und Verwilderung angemerkt hätte, welche nach der Meinung aller ehrbaren und ſoliden Leute einen ſolchen vagabun⸗ direnden Künſtler ſchon von Weitem erkennen ließen. Er hatte nun endlich Eins jener Schreckbilder der mo⸗ raliſchen und bürgerlichen Verkommenheit in Perſon vor ſich, die ihm ſo oft die Sorge treuer Eltern und Geſchwiſter mit lebhaften Farben ausgemalt hatte, wenn er vom Theater als von einer Bildungsanſtalt für die Menſchheit ſchwärmte, oder mit Feuer die Be⸗ hauptung verfocht, jeder tüchtige Schauſpieler müſſe ſeine Lehrjahre bei einer ſolchen Wandertruppe durch⸗ machen; denn nur in dieſer Schule der Kämpfe und Entbehrungen lerne er die Welt und ſich ſelber kennen. Wie glücklich pries er darum den Freund, der das Alles, was bei ihm blos ein Sehnſuchtstraum ſeiner Jugend geblieben, in Wirklichkeit erlebt hatte, und der nun mit dieſer guten Zuverſicht auf die gewonnenen Reſultate, der weiteren Entwicklung ſeiner Lebensſchickſale ruhig entgegenſehen durfte. Er konnte Beil die Niedergeſchlagenheit nicht ver⸗ bergen, in welche ihn dieſer Vergleich einer an ſo man⸗ nichfachen Erlebniſſen und anregenden Eindrücken reichen Jugend mit ſeiner eignen thatloſen Vergangenheit ver⸗ ſetzte und ſagte daher in ſichtlicher Bewegung: „Wohl Dem, welchem die Götter vergönnen, aus dem Schiffbruche ſeiner Jugend dieſen köſtlichen Schatz von Lebenserfahrung und'Vertrauen auf den eignen Genius an's ſichere Ufer zu retten!— Gerne will ich glauben, daß Deine Verirrungen Dich ſchwere Reue, daß beſonders der Gedanke an Deine Eltern Dich manche ſchlafloſe Nacht gekoſtet hat. Nimm aber einmal den „ — 160— Fall an, es ſtünde jetzt bei Dir, auf die Univerſität zurückzukehren, um den Wünſchen Deiner Eltern und Freunde gemäß Das zu werden, wogegen ſich einſt Dein ganzes Innere auflehnte,— würdeſt Du da nicht Deine jugendlichen Verirrungen als eben ſo viele ſichtbare Fü⸗ gungen einer höheren Allmacht ſegnen, die Dich der herrlichen Kunſt gegen Deinen eignen Willen in die Arme geführt haben?— Siehſt Du, Freund, das iſt der kleine Unterſchied zwiſchen Deiner und meiner Vergan⸗ genheit! Während Du Dich glücklich durch ein rauhes widriges Leben zum freien ſicheren Gefühl Deines Künſtlerberufes durchgerungen haſt, war meine Jugend bis vor Kurzem ein beſtändiger troſtloſer Kampf mit Vorurtheilen und ſelbſt mit berechtigten Anſichten gegen die Wahl eines Berufs, für den ich doch von früh auf dieſe entſchiedene Neigung hegte. Ein Vater, ein höchſt aufgeklärter, freiſinniger und humaner Mann; eine Mutter voll Liebe und Zärtlichkeit für ihre Kinder— das, Freund Beil, waren die feindlichen Mächte, mit denen ich zu kämpfen hatte! Ach, die grauſamſte Ty⸗ rannei, die fühlloſeſte Gleichgültigkeit hätte mich nicht elender machen können, als es dieſe unerſchöpfliche Liebe meiner Eltern that, die mich jedesmal wie ein Herzſtoß traf, ſo oft ich den Entſchluß faßte, mich von ihnen los⸗ zureißen und auf's Gerathewohl in die Welt zu gehen, unbekümmert um die Thränen und Sorgen der Mei⸗ nigen! Meine Kraft vertrocknet, ſagte ich mir oft; das zehrende Feuer ergreift das Gefäß, dieſer Zuſtand muß enden. Mehr und mehr zog ich mich mit. meinem vergeb⸗ lichen Sehnen, meinem verwundeten und verbitterten Herzen in mich ſelber zurück, vernachläſſigte meine Studien gänzlich, wurde gleichgültig und fühllos gegen Alles, nur nicht gegen die theuere Bühne. Man ver⸗ ſtand mich immer weniger und ging mir zuletzt ſogar wie einem unheimlichen Räthſel ſcheu aus dem Wege; für Das, was mich im Innerſten bewegte und belaſtete, hatte man kein Verſtändniß, nannte Thorheit und krank⸗ haft überreizte Einbildung, was mein höchſtes Sehnen ausmachte. Da las ich in einer Nacht am Fuße des Deiſterge⸗ birges den„Werther.“ Dieſe wunderbare Dichtung Göthe's warf die helle Flamme der Begeiſterung in den Feuerſtoff meines Geiſtes; er loderte auf und ich war nicht mehr Meiſter meines Willens. Alle meine kühnen Träume, meine abenteuerlichen Pläne wur⸗ den lebendig; ich fühlte, daß es kein Maal auf die Müller, Ekhof. 1. 11 „ Stirne drücke, aus der Bahn der Gewohnheit zu ſprin⸗ gen, in der Hunderte gähnend einherſchlendern. Ich ſah Stella, Othello, Eſſex, Clavigo— jede neue Vorſtellung riß mich immer unaufhaltſamer mei⸗ nem Schickſale entgegen. Die häufigen Beſuche des Schauſpiels brachten Unordnung in meine ganze Ver⸗ faſſung, Unfrieden unter die Meinigen, Störung in die Hausordnung. Ich ſah irgend einer gewaltſamen Kataſtrophe entgegen, ohne den Willen, ohne die Kraft zu haben, ſie abzuwehren. Sie kam noch eher, als ich mir dachte! 4 Eine heftige Scene zwiſchen dem Vater und mir entſchied über mein Loos; er wollte mir den Beſuch des Theaters ein für allemal unterſagen, denn das Jahr, die Akademie zu beziehen, war herbeigekommen. Ich aber hatte zu Hannover weder Freude noch Frieden mehr zu hoffen, nicht jetzt, nicht künftig. Ich durchkämpfte das Alles eine lange Nacht hin⸗ durch. Vor dem Tode ſelber kann keine bängere ſchreck⸗ lichere Nacht hergehen. Am Morgen früh bat ich den Vater um Erlaubniß, eine längere Fußreiſe antreten zu dürfen. Schweigend, mit einem ernſten Blicke wurde ſie mir gewährt, ich küßte die Hände meiner Eltern, nahm von der Wand — 163— meines Stübchens das Portrait meines Vaters und ging halb beſinnungslos aus dem väterlichen Hauſe in die Welt.— Von Münden aus ſchrieb ich den Eltern und kündigte ihnen meinen Entſchluß an, Schauſpieler zu werden; ich bat ſie flehend um ihren Segen und gelobte heilig, nie von dem Pfade der Tugend zu wei⸗ chen und in allen Lagen des Lebens ihrer Lehren ein⸗ gedenk zu ſein. Auch an die treuen Freunde unſeres Hauſes, die als Kenner und Verehrer der Bühne war⸗ men Antheil an meinem Streben genommen und den Eltern oft zugeredet hatten, mich wenigſtens an einem entfernten Orte einen Probeverſuch machen zu laſſen, ſchrieb ich und bat ſie um Empfehlungsbriefe an den großen Ekhof, ihren vieljährigen Freund.— Schon nach wenigen Tagen langten die Antwortſchreiben an, Alles wurde mir bewilligt, die Mutter ſchrieb einen herzlichen Brief; der Vater ſchwieg zwar, aber die bedeutende Summe, die er mir überſandte, bewies, daß er endlich, wenn auch mit ſchwerem Herzen, in jenen Rathſchlag unſerer Freunde eingewilligt habe. Denn er ſetzte mich in den Stand, länger als ein Jahr unabhängig von äußeren Umſtänden und Erfolgen allein dem Studium der Kunſt leben zu können eine Güte, die mich ſo ſehr rührte, daß ich ihm feierlich gelobte, mich der Entſchei⸗ „ dung Ekhof's über meine Fähigkeiten widerſpruchslos zu unterwerfen und ſofort in das Vaterhaus und zu meinen Büchern zurückzukehren, wenn der große Meiſter mir den inneren Beruf zur Bühne abſprechen würde.— So kam ich nach Gotha, nicht wie Du als ein Künſtler, der ſich bereits eines geſicherten Rufes erfreut, ſondern als ein vollkommener Anfänger,— ach, Beil, wenn Du mir doch nur ein Vierteljahr von Deinem heiteren Elend bei dem Prinzipal mit der Permiſſions⸗ weſte abtreten könnteſt!“ „Laß' das gut ſein, e„entgegnete dieſer mit einem bitteren Lächeln.„Man erlebt da auch Manches, was ſich nimmermehr in der reinen Sphäre der Kunſt als Ideal verwerthen läßt. Denn nicht alle Rippen⸗ ſtöße, die uns das Schickſal ertheilt, kommen ſpäter dem Künſtler zugute und von gar manchem trägt der innere Menſch das blaue Maal durch's ganze Leben an ſich. Du, mit Deiner glücklichen ſorgenfreien Jugend, gehoben und gefördert durch den Umgang mit edlen gebildeten Menſchen, wirſt die Bühne mit ungleich friſcheren und empfänglicheren Organen betreten, wie ich und die Meiſten, die ſich erſt dem wirklichen Comö⸗ diantenthum zuwandten, nachdem ſie zuvor im Leben der bürgerlichen Ordnung ihre Rolle als eingebildete Comö⸗ dianten ſchlecht genug ausgeſpielt hatten. Glücklich die Wenigen, denen es dann noch gelingt, vor buntge⸗ malten Couliſſen beſſere Menſchen darzuſtellen, als ſie ſelber vordem in der Wirklichkeit waren!“ Beil war bei dieſen Worten in lebhafter Bewegung vom Stuhle aufgeſtanden und ging mit ſtarken Schrit⸗ ten, dichte Tabakswolken vor ſich hinblaſend, durch's Zimmer. Gewiß war es wieder die ſchmerzliche Er⸗ innerung an die geliebten Eltern und deren bitter ge⸗ täuſchte Hoffnung, was ihn aufregte; indeſſen gewann er bald ſeine vorige Ruhe und äußere Munterkeit wie⸗ der und vor den jüngeren Freund hintretend, ſagte er nach einer Pauſe zwar anſcheinend heiter, aber doch mit einer unverkennbaren Herzlichkeit und Rührung in Blick und Stimme: „Ja, ich könnte Dich beneiden, mein Junge, wenn Du mir nicht ſchon in dieſen wenigen Stunden unſerer Bekanntſchaft mein Herz geſtohlen hätteſt, daß ich Dir, weiß Gott, alle Geheimniſſe meiner traurigen Vergan⸗ genheit anvertraut habe!— Aber einen ſolchen Freund mußte ich auch finden, um endlich einmal dieſe drückende Laſt loszuwerden, denn nächſt der Reue über unſere begangenen Fehltritte gibt es doch nur ein einziges Mittel der Beſſerung, und das iſt die troſtreiche Ge⸗ „ — wißheit, einen guten Menſchen zu beſitzen, dem wir rückhaltlos unſer Inneres aufſchließen dürfen.“ „Laß' uns Freunde bleiben für's ganze Leben!“ rief Iffland begeiſtert und füllte die Gläſer bis zum Rande.„Zwar, was ich Dir ſein kann, muß erſt die Zeit lehren; Du aber, Beil, das fühl ich ſchon jetzt, wirſt mir durch Deine reichen Erfahrungen, Deine Welt⸗ und Menſchenkenntniß den Mangel an einer eignen bewegten Jugend erſetzen, ſo daß ich in Deinen trüben und heiteren Erinnerungen nachholen kann, was mir ſeither verſagt geblieben iſt.“ „Es gilt!“ rief der ehemalige Wandercomödiant in. jenem guten Humore, der ſich ſo gerne bei lebhaft erreg⸗ ten Jünglingsnaturen der Weichherzigkeit und ſanften Em⸗ pfindung zugeſellt.„Ich habe jedenfalls ſo viel bitteres Schickſalsſalz geſchmeckt, daß ich dem unſchuldigen Mut⸗ terſöhnchen recht gut eine Portion davon ablaſſen kann!“ Eine herzliche Umarmung, ein feuriger Bruderkuß beſiegelte dieſen Bund ihrer begeiſterten Herzen; dann erhoben ſie die Gläſer, und als hätte es Jedem der nämliche innere Sinn geſagt, was allein dieſer Stunde erſt die rechte Weihe und Bedeutung für's Leben ver⸗ leihen könne, riefen ſie Beide gleichzeitig: „Vater Ekhof, unſer herrlicher Meiſter ſoll leben!“ VII. Die Permiſſionsweſte. Als ſich Beil und Iffland am folgenden Morgen nach eingenommenem Frühſtück anſchickten, auf einem Umweg durch die ſchöne Lindenallee nach dem herzog⸗ lichen Schloſſe zu gehen, woſelbſt ſich das Theater und Directionszimmer befand, zog ein lauter Lärm am Fuße der Treppe, verurſacht durch eine männliche Baß⸗ ſtimme, deren Inhaber ſich mit dem Wirthe in heftigem Wortwechſel herumzankte, Beider Aufmerkſamkeit auf ſich. Beil, der neugierig an die Treppe getreten war, ſprang im nächſten Augenblick voll Beſtürzung zurück und rief überraſcht: „Ich will den Pikelhering agiren mein Lebenlang, wenn das nicht mein Theaterprinzipal aus Erfurt iſt, Herr Joſeph Kißling, der unübertrefflichſte Darſteller aller Würgengel- und Vollbluts⸗Rollen ſeit den Tagen Hummel's, des„ſtarken Mannes“ aus Kopenhagen!“ In der That hatte ſich Beil nicht getäuſcht; denn durch die halbgeöffnete Thüre lauſchend, hörten die Bei⸗ den den Wortwechſel zwiſchen Herrn Klappmaier und „ —— 168 ½— dem Hauptmann der Wandertruppe mit an, welcher Letztere unter Flüchen und Verwünſchungen vom Wirthe den Aufenthalt eines gewiſſen Johann David Beil zu erfahren verlangte, ſeines Zeichens erſter Heldenſpieler und„Cavalier“ bei der berühmten Erfurter Schauſpie⸗ lergeſellſchaft, der ihm bei Nacht und Nebel contract⸗ brüchig geworden und, angelockt von fürſtlichen Ver⸗ ſprechungen, die Geſellſchaft, die ihn großgezogen und ihm zu einigem Künſtlerruf verholfen, heimlich verlaſſen habe. Dabei ließ es der wüthende Prinzipal nicht an be⸗ leidigenden Aeußerungen gegen Ekhof, ſeinen ehemali⸗ gen Collegen bei der Schönemann'ſchen Truppe fehlen, den er in mancher berühmten Rolle bedeutend ausge⸗ ſtochen hätte und der dafür jetzt, wo er zum herzoglichen Theaterdirector mit lebenslänglicher Verſorgung avan⸗ cirt ſei und ſich durch die Zeitungstrompete einen großen Namen gemacht hätte, den alten Rivalen auf alle mög⸗ liche Weiſe zu chicaniren ſuche.— Dieſe Rodomontaden und groben Beleidigungen ſeines verehrten Stamm⸗ gaſtes fanden von Seiten des kunſtverſtändigen Wirthes eine energiſche Zurückweiſung; derſelbe ſchwur bei ſei⸗ nen„drei Kronen,“ es gäbe in der ganzen Welt keinen Schauſpieler, der würdig wäre, dem großen Ekhof auch — nur den Schuhriemen aufzulöſen, geſchweige denn mit ſeiner Nebenbuhlerſchaft zu prahlen; höchſtens dürfe man ihn mit dem alten Kohlhardt vergleichen, der aber ſchon längſt todt ſei und ganz gewiß, lebte er noch, eine ſolche Ehre mit Beſcheidenheit ablehnen würde. Dagegen der erbitterte Prinzipal aus Erfurt: Das ſei ihm Alles egal, Ekhof oder Kohlhardt! Er nähme es noch heute in einer rechten Kraftcomödie, was Füreur, Geſichterſchneiden und heldenwüthige Action anbelange, mit Beiden auf; aber darum handle es ſich jetzt nicht, nur ſeinen davongelaufenen„Cavalier“ wolle er wieder haben, den ihm Ekhof abſpänſtig gemacht hätte, oder es gäbe ein Weltsunglück; denn die Erfurter ſeien wie verſeſſen auf den Schwerenöther, und hier in dieſem Gaſthof, ſo habe man ihm geſagt, ſolle er ſeit geſtern logiren. „Alſo heraus mit dem Deſerteur, oder ich will, ſo wahr ich Kißling heiße, meine Permiſſionsweſte nicht vergeblich angezogen haben, ſondern gehe auf der Stelle auf's Schloß zu Seiner Durchlaucht, wo ich ſchon Ge⸗ rechtigkeit finden werde!“ Trotz dieſer Drohung wollte jedoch der Wirth, der ſeit dem vorgeſtrigen Abend die Erfahrung gemacht hatte, daß auch wandernde Comödianten zuweilen eine „ volle Börſe bei ſich führen, dem Drängen des fremden Theaterprinzipals nicht nachgeben, deſſen ſtark ange⸗ trunkener Zuſtand ihn außerdem noch befürchten ließ, daß es oben zu einem heftigen Auftritt zwiſchen dem Inhaber der rothen Permiſſionsweſte und ſeinen jungen Gäſten kommen möge.— Denn der Name des talent⸗ vollen Schauſpielers aus Erfurt hatte bereits durch Ekhof's Empfehlung bei den kunſtſinnigen Stammgäſten einen guten Klang bekommen; Herr Klappmaier wußte, daß das Engagement deſſelben bei der herzoglichen Hofbühne bevorſtand, mithin war es ſogar ſeine patrio⸗ tiſche Pflicht, die Partei Beil's gegen den fremden Theaterprinzipal zu nehmen, der ſogar in ſeiner Wuth verächtliche Aeußerungen über das Gothaer Theater, den Stolz jedes loyalen Reſidenzbürgers, fallen ließ und prahlend betheuerte, ſeine vorzügliche Wander⸗ truppe könne es mit mancher ſtehenden reich dotirten Hofbühne aufnehmen. Mit wachſender Heiterkeit hatten die Freunde von ihrem Zimmer aus dieſem äſthetiſchen Discours ge⸗ lauſcht und waren einigemal nahe daran geweſen, in ein lautes Gelächter auszubrechen und dadurch dem erbitterten Prinzipal aus Erfurt Beil's Anweſenheit zu verrathen.— Endlich gelang es den Zureden des Wirthes, Jenen von der Treppe weg und zum Eintritt in die Gaſtſtube zu bewegen; ſie hörten noch, wie Kiß⸗ ling eine Flaſche Wein beſtellte, was vermuthen ließ, daß er es nun auf eine mehr regelmäßige Belagerung abgeſehen habe, ein Umſtand, den ſie auf der Stelle für ihren guten Humor auszubeuten entſchloſſen waren. Nur einer kurzen Verabredung, einiger flüchtiger Winke Beil's über die ſchwachen Seiten ſeines ehe⸗ maligen Prinzipals bedurfte es, und der Plan zu dem Luftſpiele war fertig, welches Iffland mit dem armen Bu⸗ denheros aufführen wollte, der ſich im Grimme über ſeinen treuloſen„Cavalier“ hinter die Flaſche zurückge⸗ zogen hatte und ſich's gewiß nicht träumen ließ, wie bald auch er, gleich ſeinem alten Rivalen Ekhof, zum wohlbeſtallten Director einer ſtehenden Hofbühne mit lebenslänglicher Verſorgung avanciren werde. Wenige Minuten ſpäter trat Iffland, den Hut keck auf dem Ohre, eine Reitgerte in der Hand, in's Gaſt⸗ zimmer, grüßte mit dem herablaſſenden Weſen eines jungen Herrn von Stande den Wirth mit„bon jour, lieber Klappmaier,“ ſchenkte aber dem Fremden kaum einen flüchtigen Blick. Dann warf er nachläſſig Hut, Handſchuhe und Gerte auf den nächſten Tiſch und for⸗ derte ein Gläschen Magenbitter, da ihm der Punſch „ — bei der geſtrigen Soiree des Prinzen wieder einmal ſchlecht bekommen ſei. Mit dem ſeinem Stande eignen Inſtinkte begriff ſogleich der Wirth, daß es auf eine Myſtification des Fremden abgeſehen ſei, brachte darum, dem vornehm legeren Auftreten ſeines Gaſtes gemäß, das Verlangte ſogleich mit reſpectvoller Unterthänigkeit herbei und bemerkte ſchmunzelnd, ein ſolcher Magenbitter würde Ihre Gnaden ſchnell von Dero Leibſchaden heilen, ſelbſt Seine Durchlaucht der Prinz laſſe zuweilen eine Flaſche davon bei ihm holen. „Der Prinz— der erſte Feinſchmecker in Europa!“ rief Iffland, halb ungläubig, halb ſpöttiſch.„Aber auf Cavalierparole, Sein Magenbitter iſt wirklich excellent, Männeken! Ha, wie das wärmt— ein wahrhaft prinz⸗ liches Elixir— nun weiß ich, was Ihn trotz Seiner Corpulenz ſo alerte und jugendlich erhält!— Ah, ich wette, dem fremden Herrn da, der gleichfalls an Indi⸗ geſtion zu leiden ſcheint, wäre ein Gläschen davon heil⸗ ſamer, wie Sein ſauerer Wein, Klappmaier!— Auf Ehre, mein Herr, Ihr Ausſehen iſt nicht das Beſte, — ſind gewiß übel disponirt, erlauben Sie mir daher, daß ich Ihnen von dem Genuß dieſes claſſiſchen Cal⸗ musliqueurs die allerbeſte Wirkung für ihre geſtörten Verdauungsorgane prophezeien darf.“ Der Theaterprinzipal ſtierte zuerſt den jungen Herrn aus tiefgerötheten Augen eine Weile zweifelhaft an, nahm dann das gefüllte Stengelglas von dem Teller, auf welchem es ihm Zener mit großer Artigkeit präſentirte und leerte daſſelbe in einem Zuge, ohne auch nur eine Miene dabei zu verziehen. Ein Thautropfen im Kelch einer Roſe kann keine ſo harmloſe Wirkung auf ein unſchuldig Käfergemüth ausüben, als das entſetzlich ſtarke Getränk auf des Theaterprinzipals Zunge und Gaumen zu machen ſchien; er betrachtete das geleerte Glas mit einem ge⸗ wiſſen melancholiſchen Ausdruck und ſagte dann mit heiſerer Stimme: „Obligirt, mein Herr, wie ſchreibt ſich der Prinzen⸗ ſchnapps?“ „Calmus,“ verſetzte Iffland mit unerſchütterlicher Ruhe, obwohl ihm der Anblick der abenteuerlichen Figur in der verſchabten rothen Permiſſionsweſte und mit der kupferfarbigen, von Pocken zerriſſenen Seiltän⸗ zerviſage einen inneren Krampf verurſachte, beſonders wenn er daran dachte, daß dieſer Nomadenhäuptling einſt⸗ — 174— mals für ſeinen genialen Freund Beil die höchſte Auto⸗ rität in Sachen der Kunſt und des guten Geſchmacks vorgeſtellt habe, als derſelbe an jenem Morgen im „rothen Ochſen“ zu Naumburg die unheimlich tiefſin⸗ nige Frage an Zenen richtete: Wie ſteht es mit der Memorie? Bald war das dritte Glas„Prinzenſchnapps“ aus der Welt der ſinnlichen Erſcheinungen verſchwunden, der Prinzipal dachte kaum mehr an ſeinen treuloſen „Cavalier“ und deſſen Wiedergewinn; denn er fühlte ſich ſichtbar geſchmeichelt, daß ein ſo feiner vornehmer Herr, den der Wirth nur„Eure Gnaden“ titulirte, an der Unterhaltung mit ihm ſo großen Gefallen fand, ohne ſich um ſeine Stellung in der bürgerlichen Geſell⸗ ſchaft des Weiteren zu bekümmern.— Der„Prinzen⸗ ſchnapps“ machte ihn mehr und mehr dem jungen Herrn ebenbürtig, er fühlte ſich wie von einem unbe⸗ kannten ariſtokratiſchen Fluidum angenehm belebt; und er, der auf der Bühne oftmals Kaiſer und Könige mit dem Naturalismus eines Marktſchreiers oder Bären⸗ führers darſtellte, empfand, je länger der vornehme Herr mit ihm wie mit Seinesgleichen converſirte, eine Art von Hochachtung vor ſich ſelber bei dem Gedanken, daß Seine Gnaden ihm den Prinzipal einer Wander⸗ truppe nicht anmerke, mithin die Permiſſionsweſte auch jetzt wieder ihre wunderthätige Kraft bewähre. Der Wirth zu den„drei Kronen“ hatte mit wach⸗ ſender Spannung, wenn auch anſcheinend blos als aufmerkſamer Zuhörer bei der Unterhaltung ſeiner Gäſte dem eigentlichen Vorhaben Iffland's entgegenge⸗ ſehen. Denn daß es dieſer auf eine gehörige„Schraube“ bei dem fremden Prahlhans angelegt habe, war ihm, wie ſchon bemerkt, nicht einen Augenblick zweifelhaft ge⸗ blieben; nur der eigentliche Trumpf, auf welchen es der Schalk abgeſehen, blieb ihm dunkel; da bemerkte ſein beobachtendes Auge eine leiſe Veränderung in Iffland's Miene, ein boshafter Spott lauerte in den feingezogenen Mundwinkeln, mit Einmal brachen Seine Gnaden das intereſſante Geſpräch über die weltberühm⸗ ten Gothaer Würſte ab und fragten in lebhafter Be⸗ wegung:— „Apropos, Klappmaier, habt Ihr auch ſchon die famoſe Geſchichte von dem böhmiſchen Grafen Podie⸗ brad von Schlakkenwerd gehört? Geſtern in der Soiree beim Prinzen war von Nichts weiter die Rede, als von dem romantiſchen Ereigniß, das freilich gewiſſe Perſo⸗ nen unſerer vornehmen Geſellſchaft nicht wenig disgu⸗ ſtirt hat.“ „Keine Sylbe, gnädiger Herr,“ erwiederte der Wirth, mehr mit wirklicher als erheuchelter Neugierde. „Ich höre dieſen böhmiſchen Namen zum Erſtenmal in meinem Leben!“ „Glaub's gerne!“ lachte Iffland und rieb ſich ſcha⸗ denfroh die Hände.„Man gibt ſich auch bei Hofe alle erdenkliche Mühe, die Sache zu vertuſchen; denn, wie geſagt, gewiſſe vornehme Perſonen haben das aller⸗ nächſte Intereſſe dabei, daß Nichts davon in's Publikum kommt. Aber hier kann ich's ſchon erzählen, der Herr iſt fremd in unſerer Stadt und Ihr, Klappmaier, wer⸗ det mich nicht verrathen. O es iſt zum Todtlachen! Dieſer närriſche Graf Podiebrad, künftiger Herr einer Grafſchaft, faſt ſo groß wie unſer Herzogthum, mit zehn Schlöſſern und Revenuen von mehr als hundert⸗ tauſend Kaiſergulden— und ein hergelaufener Coms⸗ diant, ein paſſionirter Couliſſenheld— ha! ha!“ „Ah, gnädiger Herr, ich weiß, Sie lieben es, uns ſchlichten Leuten aus dem Bürgerſtand zuweilen, mit unterthänigſter Erlaubniß zu bemerken, einen koloſſalen Bären aufzubinden,“ ſagte der Wirth kleinlaut, machte aber doch dabei ein Geſicht, als liefe ihm vor Neugierde das Waſſer im Munde zuſammen.„O erzählen Sie doch! Für dieſes Herrn Verſchwiegenheit ſtehe ich Ihnen ein, er iſt aus Erfurt—— „Was hat's mit dem hergelaufenen Komödianten?“ fragte Kißling aus ſeinem Schnappstaumel aufhor⸗ chend. „Aus Erxfurt ſind Sie?“ rief Iffland überraſcht. „Gibt's da nicht gegenwärtig ein Theater, oder was ſich wenigſtens ſo nennt?“ „Ich glaube ja, man ſpielt dort gegenwärtig Ko⸗ mödie,“ entgegnete der Theaterprinzipal und ſein wein⸗ geröthetes Geſicht ward dunkel wie Ponceau. Dabei wagte er weder den Wirth, noch deſſen Gaſt anzuſehen, ſondern drehte beſtändig, den Zerſtreuten ſpielend, den dicken meſſingenen Siegelring, der einſtmals vergoldet geweſen war, um den Finger. „Es ſoll eine höchſt mittelmäßige Truppe ſein,“ fuhr Iffland in ſeiner geſprächigen Weiſe fort;„arm⸗ ſeliges Volk, das ſich Künſtler nennt, meiſt in kleineren Städten ſogenannte Komödie ſpielt, überall Schulden hinterläßt, kurz, mehr einer Abenteuererbande, als einer wirklichen Schauſpielergeſellſchaft gleicht.“ Der Theaterprinzipal ſtierte jetzt, beide Hände unter's Kinn geſtützt und die Ellbogen auf die Wirths⸗ tafel geſtemmt, den Redenden regungslos aus ver⸗ Müller, Ekhof.I. 12 * ſchwommenen Augen an; aber kein Zug in ſeinem ge⸗ kupferten Geſicht verrieth, was in ſeinem Inneren vor⸗ ging, ob Wuth oder Beſchämung ihn zu einer Antwort unfähig machten. Iffland erzählte ganz unbefangen weiter: „Trotzdem hatte der ſogenannte Director dieſer Bande einen Künſtler von wirklicher Befähigung unter ſeinen Leuten, ein Allerweltsgenie, das dieſer traurigen Entrepriſe ſeit länger als Jahresfriſt einen ungewöhn⸗ lichen Succeß verſchaffte und überall, wo ſie ihre Paar bunten Couliſſenfetzen aufſtellten, durch die Vortrefflich⸗ keit ſeines Spiels ſelbſt bei gebildeten Perſonen Bei⸗ fall fand, ſo daß man gerne die ſchauerliche Jämmer⸗ lichkeit der andern Mitſpielenden überſah, obwohl Nie⸗ mand begriff, wie dieſer ſeltene Vogel in die Geſell⸗ ſchaft von ſolchen Kohlfinken und Gimpeln gekommen war.— Dieſer junge talentvolle Menſch konnte, wenn anders die Fama über ihn nicht zu ſtark poſaunt hat, ſo ziemlich Alles ſpielen, leiſtete in jeder Rolle das Beſte und entzückte ebenſowohl durch ſeine Naturwahr⸗ heit in niedrig komiſchen, wie durch ſein edel durchdach⸗ tes und ergreifendes Spiel in hochtragiſchen Rollen das Publikum. Oft ſoll er ſogar in einem und dem⸗ ſelben Stücke mehrere Rollen dargeſtellt haben, ohne daß man bei der ſeltenen Vielſeitigkeit ſeiner Charak⸗ teriſtit den nämlichen Künſtler erkannt hätte. Nun, daß ich's kurz mache, das Aufſehen, welches dieſes viel⸗ verſprechende Talent erregte, dazu die ſchnöde Behand⸗ lung ſeines Prinzipals, der einen ſolchen Schatz nicht einmal zu würdigen wußte, bewogen ihn endlich, ſich nach einem nobleren Wirkungskreis umzuſehen und— wer ſollte es denken— der kluge Prinzipal machte nicht mal Miene, ihn zurückzuhalten. So kam Johannes Art hierher nach Gotha, wo man ihn——“ „Beil heißt der Kujohn!“ knirſchte der Verehrer des Prinzenſchnapps, ſein Incognito vergeſſend, zwi⸗ ſchen den Zähnen und ballte grimmig die Fauſt. „mit offenen Armen aufnahm,“ fuhr Iffland ruhig fort und that als habe er jene Aeußerung überhört. „Schon ſprach man davon, daß der Herzog auf Ekhof's Empfehlung ſeine Anſtellung bei der hieſigen Hofbühne wünſche, daß er demnächſt in einer Proberolle auftreten würde, da kommt, ganz wie in einer Komödie von Weiße oder Engel, eine Geſchichte von ihm an den Tag, die wirklich an's Wunderbare grenzt.— Der frü⸗ here Wanderkomödiant, der ſo lange bei der armſeligen Truppe ausgehalten hat, iſt nämlich kein Anderer, als der ſeit einem Jahre ſpurlos aus Leipzig verſchwundene 12* „ — junge böhmiſche Graf Podiebrad von Schlakkenwerd, einer der reichſten Magnaten Böhmens, der ſich aus Liebe und Begeiſterung für die Schauſpielkunſt mit ſei⸗ ner Familie überworfen hat, ſeine glänzende Stellung in der Geſellſchaft aufgab und das romantiſche Leben eines wandernden Künſtlers jedem anderen Beruf vor⸗ zog. Da er ſich mit der Hoffnung ſchmeichelte, daß ſeine Perſon in hieſiger Reſidenz unbekannt ſei, wollte er bei unſerer Hofbühne unter ſeinem angenommenen Namen die ſo glücklich begonnene Laufbahn fort⸗ ſetzen; nun aber fügt es der Zufall, daß einer ſeiner nächſten Verwandten mütterlicherſeits, der am Kaiſer⸗ hofe zu Wien in größtem Anſehen ſteht, gerade in einer wichtigen diplomatiſchen Miſſion hierherkommt; vorge⸗ ſtern nach der Hoftafel ſteht dieſer Herr mit noch anderen vornehmen Perſonen in großer Galla an einem Fenſter des Schloſſes und erzählt ihnen eben die unglückliche Geſchichte von dem verſchwundenen künftigen Beſitzer der größten böhmiſchen Grafſchaft, ſiehe, da prome⸗ nirt ein junger Mann in einem weißen Kaſtorhut, leicht und wohlgemuth mit einem Spezierſtöckchen durch die Luft ſchlagend, unter den Fenſtern des Schloſſes durch die Anlagen. Der kaiſerliche Diplomat erblickt ihn, ſchreit: „Mon dieu, mein theuerer Neveu Podiebrad!“ ſtürzt hinaus und in der großen Allee des Schloßgartens findet zwiſchen Neffe und Oheim eine Erkennungsſcene ſtatt, wie ſie noch kein Bühnendichter wirkſamer und ergreifender geſchildert hat. Natürlich iſt es nun mit der genialen Idee des jungen Komödianten⸗Grafen für immer aus und vorbei; denn der Herr Onkel mütterli⸗ cherſeits und die hieſigen vornehmen Verwandten väter⸗ licherſeits laſſen im Punkte des reinen Wappenſchildes nicht mit ſich ſpaßen, und dem armen Grafen bleibt nichts übrig, als ſich bereit zu erklären, durch ihre Ver⸗ mittlung die Verzeihung der vielbetrübten hochgräflichen Eltern anzuflehen. Nur auf der einen Bedingung be⸗ harrt der enragirte Verehrer der Schaubühne, ehe er ſich zur freiwilligen Rückkehr in die Reſidenz des Va⸗ ters verſteht, daß ihm nämlich erlaubt werden ſolle, in ſeinen böhmiſchen Wäldern ein ſtehendes deutſches Theater zu errichten; denn ſonſt, ſo erklärte er mit dem ihm eignen Freimuth, werde er bei erſter Gelegenheit wieder ausreißen, und dann ſei ihm ſelbſt eine noch miſerablere Truppe, als die Erfurter, nicht ſchlecht genug, um ſich ihr anzuſchließen und ſeinem unbeſiegbaren Hang zur Komödie weiter zu leben.— Dies wurde ihm nach einem mehrſtündigen, ſehr ſtürmiſchen Familien⸗ rathe zugeſtanden, der Herr Oheim mütterlicherſeits „ — verbürgte ſich ſogar mit ſeiner gräflichen Unterſchrift für die Erfüllung der gegebenen Zuſage, und was meint Ihr nun, Klappmaier, was der junge hochherzige Graf in ſeiner edlen Kunſtſchwärmerei thut?— Die ganze Erfurter Bande, ſammt Director und Directrice, wird von ihm mit lebenslänglichem Gehalte engagirt; denn er iſt überzeugt, aus dieſen Leuten mit der Zeit tüchtige Künſtler heranbilden zu können, wozu ihm vor Allem der Director nicht fehlen dürfe, der eine ganz aparte Art haben ſolle, mit dieſem Volke umzugehen.— Soiſt denn Graf Podiebrad noch geſtern Abend mit Ertrapoſt vierſpännig nach Erfurt abgereiſt, um ſogleich die ganze Bagage mit Kind und Kegel nach ſeinem gräflichen Stammland zu führen. Was der Director und ſeine Bande bei dieſem unvermutheten Glücksfall für große Augen machen werden, iſt leichter zu denken als zu be⸗ ſchreiben; ach, ich gäbe Viel darum, könnte ich dabei ſein, wenn der ehemalige„Cavalier“ ſeinem Prinzipal als künftiger gebietender Graf von Schlakkenwerd das Anſtellungsdiplom als Director überreicht!— Aber um wieder auf unſer voriges Thema, die Gothaer Serve⸗ latwürſte zurückzukommen,“ mit dieſen Worten wandte ſich der redſelige Neuigkeitskrämer von dem Wirthe ab, zu dem ihm gegenüberſitzenden Gaſte aus Erfurt,„ſo 183 kann ich Sie verſichern, mein Herr, daß ſchon der große Philoſoph Leibniz—— Er konnte jedoch den angefangenen Beweisſatz von dem elaſſiſchen Alter des berühmten Thüringer Landespro⸗ ductes nicht vollenden; denn der Theaterprinzipal, der die ganze Zeit über regungslos vor ſich hingeſtarrt, hatte ſich plötzlich bei ſeiner Anrede wie von einem wichtigen Entſchluß gepackt, vom Sitze erhoben und raſch ſeinen Hut ergriffen. Zugleich holte er aus der Seitentaſche der Permiſſionsweſte ein Geldſtück hervor, das er dem Wirthe hinwarf, ohne nach der Zeche zu fragen, worauf er ſich mit ſchwankender Haltung hinter der Wirthstafel hervorarbeitete, wiewohl von der vorigen Trunkenheit, die permanente Kupferfarbe des Geſichtes ausgenom⸗ men, kaum mehr eine Spur in ſeinen Zügen vorhanden war. Vielmehr zeigte ſein ganzes Weſen eine auffal⸗ lende Haſt und Entſchloſſenheit, irgend Etwas zu thun, woran er ſeither nicht gedacht hatte, was etwa den Eindruck machte, als ſei er mitten im beſten Zuge zu einer vollſtändigen Benebelung ſeiner Sinne von einem unvermutheten Ereigniß überraſcht und dadurch halb gegen ſeinen Willen der unliebſamen Nüchternheit dieſes irdiſchen Daſeins zurückgegeben worden.— So kam es, daß er in ſeiner Eilfertigkeit ſchon die Thüre erreicht „ hatte, bevor ihm einfiel, daß er doch unmöglich in die⸗ ſer unhöflichen Weiſe von dem jungen vornehmen Herrn weggehen dürfe. Er machte daher, ſchon die Klinke in der Hand, kehrum, griff mit feierlicher Miene an den Hut, ohne denſelben abzuziehen, und grüßte Iffland ſo gravitätiſch, als ihm die unſichere Haltung ſeines Oberkörpers erlaubte. Dann verließ er die Wirthsſtube, und Klappmaier, an's Fenſter eilend, ſah ihn mit raſchen Schritten, beide Hände in die Seiten⸗ taſchen der Permiſſionsweſte vergraben, der Herberge gegenüber zuſchreiten, woſelbſt er ſeinen Miethklepper eingeſtellt hatte. „Wenn Der nicht zur Stelle aufſitzt und nach Erfurt zu ſeinem hochgräflichen Gönner Podiebrad von Schlakkenwerd reitet, will ich Zeitlebens ſtatt Wein Fenchel⸗ und Camillenthee trinken!“ ſagte der kleine kugelrunde Wirth zu den„drei Kronen“ und wiſchte ſich mit der flachen Hand die lang Sbenen Lach⸗ thränen aus den Augen. „Beil heißt der Kujohn!“ wiederholte Iffland mit der täuſchend ähnlichen Reibeiſenſtimme Kißling's, und ging dann, dem oben harrenden Freund zu melden, daß die Welt um einen neuen Theaterdirector mit lebens⸗ länglicher Anſtellung und Deutſchland in den böhmi⸗ ſchen Wäldern um eine ſtehende Bühne reicher gewor⸗ den ſei. Dieſes Abenteuer hatte die jungen Männer in die heiterſte Laune verſetzt und als der künftige Director des hochgräflichen Theaters von Schlakkenwerd wirk⸗ lich wenige Minuten nachher auf ſeinem mageren Mieth⸗ gaule in der Richtung nach Erfurt davon trabte, kannte ihre Ausgelaſſenheit keine Grenze mehr und mit komi⸗ ſchem Pathos declamirte Beil: „O dreimal heilige Dummheit, was wäre die Welt ohne dich und deine tauſendgeſtaltige Plattköpfigkeit!— Ein Jammerthal, darin Witz und Humor wie bleiche Schattengeſpenſter umherirrten und das Lied des mun⸗ teren Spottvogels ſich in das eintönige Requiem alles ſchönen heiteren Lebens verwandelte!— Da reitet er nun hin in vollem blühenden Dünkel ſeiner neuen Direc⸗ torialwürde, die abgeſchabte Permiſſionsweſte legt er ſchon im Geiſte für immer ab; denn fortan braucht es keiner ſubmiſſen und allerunterthänigſten Vorſtellung bei einem hochweiſen Magiſtrat mehr, um ihm und ſeiner Bande für ein paar Wochen weiter die Brand⸗ weinflaſche und den Kartoffeltopf zu füllen— ach, Bruderherz, den Einfall vergelte Dir Gott noch an Deinen lieben Kindeskindern!— Du haſt damit dem „ 166 größten Schubjack, der jemals unſere edle Kunſt zum ordinären Budenſpektakel herabwürdigte, einen Denk⸗ zettel angehängt, den er ſo bald nicht wieder vergeſſen wird, zur gerechten Strafe für den ſchnöden Hohn und die Geringſchätzung, womit er mich jüngſt ziehen ließ, als hätt' er, weiß Gott, ſchon damals das Anſtellungs⸗ decret als gräflich Schlakkenwerd'ſcher Theaterdirector in der Taſche gehabt!— Ha! Ha! Wehe dem zweibeinigen oder vierfüßigen Mitglied ſeiner Truppe, das ihm zuerſt in den Weg kommt, wenn er erfährt, welchen koloſſalen Bären Du ihm aufgebunden haſt! — Er langt an, tritt keuchend unter ſeine Leute in die Herberge, ruft glühend:„Schwerenoth, wo ſteckt mein ercellenter Graf Podiebrad, wo habt Ihr den Tauſend⸗ ſaſſa, gebt ihn heraus, daß ich ihn umarme und ihm das kleine Mißverſtändniß abbitte!“— Alle ſehen ihn erſtaunt an, halten ihn wohl gar für betrunken, Ma⸗ dame kreiſcht unter Krampfanfällen:„Sprich! Sprich, wo haſt Du den Lump, den Cavalier?“— Der alte Bollmann, der die würdigen Väter und geſtrengen Vor⸗ münder agirt, bittet um Gotteswillen zu bedenken, daß man ſchon halb auf der Gaſſe ſitze; zaghaft naht ſich der empfindſame Schwärmer und Liebhaber und fordert ein beſcheidenes Abendbrod, der Intriguant erklärt grob, er laſſe ſich weder mit Grafen noch mit Prinzen länger hinhalten, ſondern verlange endlich ſein rückſtändiges Salair; die alten und jungen Frauenzimmer dagegen ſchreien begierig durcheinander:„Ein Graf! Ein Graf! Iſt er hübſch? Iſt er reich? Iſt er galant?“— Da geht in des Prinzipals pockennarbigem Geſicht plötzlich Etwas vor, was halb wie Schlagfluß, halb wie Toll⸗ heit ausſieht, das Roth tritt ihm in's Weiße des Auges, er taumelt auf den nächſten Stuhl, rollt fürchterlich die Augen und ſtößt einen dumpfen Ton der Wuth aus, davor der Stier von Uri ſelber Reißaus nehmen würde. Kein Zweifel, man hat ihn myſtificirt——“ „Und Beil heißt der Kujohn!“ fiel ihm Iffland mit der Stimme Speich's lachend in's Wort, ſetzte dem muth⸗ willigen Improviſator raſch den Hut auf und erinnerte ihn daran, daß Ekhof ſie ſchon länger als eine halbe Stunde erwarte, er, der Pünktlichkeit und Ordnung für das oberſte Geſetz auch im Leben des Künſtlers erklärt habe. Dennoch war ihre Aufnahme im Directionszimmer eine ungemein herzliche; Ekhof kam ihnen mit der Freudebotſchaft entgegen, daß der Herzog ihre Anfnahme unter die Zahl der Mitglieder ſeiner Hofbühne geneh⸗ migt habe, worauf man ſogleich zur Wahl der Rollen ſchritt, in welchen Beide zum erſten Mal auftreten ſollten. „ Unſere heutigen Künſtler werden nur ſchwer die ſtürmiſche Freude der jungen Männer begreifen, wenn wir bemerken, daß der Gehalt Iffland's volle fünf Thaler, dagegen derjenige Beil's, der ſich bereits im Beſitze einer beträchtlichen Anzahl von einſtudirten Rollen befand, ſechs Thaler für die Woche betrug; da⸗ für hatte freilich der Erſtere vier, der Andere nur drei Klafter Holz aus den herzoglichen Forſten zu beanſpru⸗ chen. Und dennoch war dies ein für die damalige Zeit ſchon immerhin brillanter Anfang für junge dramatiſche Talente; denn der treffliche Ekhof ſelber bezog nur einen Wochengehalt von zwölf Thalern und neun Klafter Holz jährlich, hatte jedoch freilich als beſondere Vergünſti⸗ gung noch die Ausſicht, in Theuerungszeiten ſeinen Mehlbedarf zu ermäßigtem Preiſe aus den herzoglichen Magazinen beziehen zu dürfen. Merkwürdiger als die⸗ ſes war jedoch ein weiterer, mit ſeinem Amte als her⸗ zoglicher Theaterdirector verbundener Vortheil, der da⸗ rin beſtand, daß der Altmeiſter der deutſchen Schaubühne — Braugerechtigkeit hatte!— Ob er dieſelbe jemals praktiſch ausgeübt habe, darüber liegt uns zwar keine beſtimmte und beglaubigte Nachricht vor; indeſſen dürfen wir wohl aus ſeiner Eigenſchaft als Ehrenpräſes am Stammtiſche der„drei Kronen“ mit einiger Gewißheit den Schluß ziehen, daß er das Geſchäft mit Hopfen und Malz wahrſcheinlich Anderen überlaſſen und es vorge⸗ zogen habe, ſeinen Zeitgenoſſen allein den Trank aus dem Borne der ewigen Schönheit zu kredenzen. Das Hoftheater mit ſeinen Räumlichkeiten befand ſich im untern und erſten Stocke des ſüdweſtlichen Pavillons des herzoglichen Reſidenzſchloſſes Friedenſtein; es war klein,(eine, Nußſchale nannte es ſpäter der große Eßlair) aber geſchmackvoll und den Bedürfniſſen von Hof und Stadt entſprechend angelegt, beſtand aus einem Par⸗ terre mit Orcheſterraum und einer einzigen Logenreihe, hatte aber vor allen anderen ſtehenden Hofbühnen Deutſchlands den bedeutenden Vorzug voraus, daß ſich in ſeinen Räumen bei jeder Vorſtellung ein Publikum verſammelte, welches, was Bildung und geläuterten Kunſtſinn anbelangte, keiner noch ſo großen Stadt nach⸗ ſtand, ja die meiſten ſogar darin übertraf. Was hätten mithin junge ſtrebſame Talente Höhe⸗ res wünſchen und erreichen können, als Aufnahme in eine Anſtalt, die ein edler hochgebildeter Fürſt ſtiftete, die der Genius eines Ekhof leitete und belebte, und die darum als vorzügliche Schule für angehende Künſtler den erſten Rangunter den deutſchen Bühnen behauptete. — Dieſes Gefühl der Freude über die glückliche Errei⸗ chung des erſehnten Zieles erfüllte denn auch die Bruſt der beiden Jünglinge, als ſie ſich von Ekhof verabſchie⸗ deten, um ſogleich Anſtalten zu treffen, daß ſie eine ge⸗ meinſame Wohnung beziehen konnten. Nach längerem Suchen waren ſie, unterſtützt von dem alten dienſtge⸗ fälligen Theatermeiſter ſo glücklich, in einem vor dem Sundhäuſer Thore in einem Garten gelegenen Hauſe ein freundliches Logis von mehreren Zimmern zu finden, das ihren Wünſchen entſprach. Bald hatten ſie ſich mit dem Beſitzer des Hauſes, einem ehemaligen Apo⸗ theker aus Langenſalza, über den Miethpreis verſtändigt und bewerkſtelligten ſogleich ihren Ueberzug aus dem Gaſthof zu den„drei Kronen“ in die künftige Jungge⸗ ſellenwohnung. Nachdem ſie ſich häuslich eingerichtet hatten, begann Jeder mit Eifer das Memoriren und Einſtudiren der Proberolle, worin er zum Erſtenmale vor dem kunſtſin⸗ nigen Publikum Gotha's auftreten ſollte. Iffland hatte den Juden im Luſtſpiel„der Diamant“ und den Mar⸗ quis in, den Sitten der Zeit“ gewählt, Beil den Küſter in einem damals ſehr beliebten Luſtſpiele von Engel, betitelt, der dankbare Sohn.“ Bei einbrechender Dämmerung klopfte es an die Thüre und herein trat mit freundlichem Gruße der würdige Ekhof, der einen jungen, kaum dem Knabenalter entwachſenen Menſchen von ſchmächtigem Ausſehen an der Hand führte. Der Jüngling konnte höchſtens acht⸗ zehn Jahre zählen und zeigte in ſeinem Weſen und Be⸗ nehmen eine große, faſt mädchenhafte Schüchternheit, als wenn er bis jetzt nur ſelten mit anderen jungen Leuten ſeines Alters in Berührung gekommen wäre. Beil und Iffland konnten daher auch kaum ihre Ueber⸗ raſchung verbergen, da Ekhof ihnen in ſeinem jungen Begleiter ihren künftigen Kollegen, Herrn Heinrich Beck vorſtellte, ein Gothaer Kind, der ſich bereits auf dem Liebhabertheater der Frau Geheimeräthin von Lichten⸗ ſtein im Fache der Liebhaber und Bonvivants als ein vielverſprechendes dramatiſches Talent bekundet habe und gleichfalls auch für die Hofbühne gewonnen ſei.— „Bonvivant?!“ Das Wort erſtarb Iffland auf der Zunge, als er bei dieſem Lobe des Meiſters noch einmal den ſchüchternen Jüngling mit der hochaufgeſchoſſenen Ge⸗ ſtalt betrachtete, der jetzt in ſeiner übergroßen Beſchei⸗ denheit die nämliche traurige Figur ſpielte, wie er ſelber jüngſt bei der ſchönen Betty Steinbrecher. Auch mochte Beck Daſſelbe fühlen; denn die krankhafte Bläſſe ſeines Antlitzes wich einer tiefen Röthe, als er Iffland's „ — und Beil's Hände ergriff und mit einer Herzlichkeit, die ſein klangvolles Organ noch weicher und vertrauen⸗ erweckender machte, zu ihnen ſprach: „Das iſt Alles nur ein harmloſes Spiel geweſen, und unſer großer Meiſter ſagt es auch gewiß nur, um mir bei Ihnen eine günſtige Vormeinung zu erwecken, damit Sie mich Ihrer Freundſchaft würdig halten möch⸗ ten. Als wenn Herr Ekhof nicht ſo gut wie ich ſelber wüßte, was Sie Beide vor mir an Ausbildung und Büh⸗ nenkenntniß voraushaben!“ „Das mag von Dieſem da gelten,“ ſagte Iffland lächelnd und deutete auf den Freund.„Was mich be⸗ trifft, ſo waren die Bühne und das Publikum, vor welchem ich als Kind meine erſten Lorbeeren in der Kunſt verdiente, von ſehr eigenthümlicher Beſchaffenheit. Weil nämlich meine Spielkameraden und Geſchwiſter es bald ſattkriegten, meinen dramatiſchen Darſtellungen zuzuſehen, ſo hing ich auf dem Boden des Vaterhauſes an der zum Trocknen der Wäſche beſtimmten Leine die alten Kleider von Großvater und Großmutter auf und dachte mir Menſchen hinein, die mein Publikum vor⸗ ſtellten. Freilich wurde weder applaudirt noch geziſcht, dennoch ſpielte ich den Othello, den Eſſex, den Clavigo und Richard den Dritten mit einem Feuer, daß ich zu⸗ 193— letzt, wenn die feierliche Stille des weiten alten Bodens und das Zwielicht mein Herz zu beängſtigen anfingen, vor meinen eignen tragiſchen Geſtalten und dem Jammer ihrer Töne Reißaus nahm.“ „Vorwärts, Kinder, immer vorwärts geſchaut in der Kunſt wie im Leben!“ rief Ekhof in jugendlichem Eifer und betrachtete ſtrahlenden Blickes ſeine drei ein⸗ ander ſo ungleichen und doch von der nämlichen hohen Begeiſterung beſeelten Schüler.„Jetzt, da ich eines Jeden Geſchichte kenne und weiß, wie Jeder von Euch, verſchuldet oder unverſchuldet, mit widrigen Umſtänden zu kämpfen hatte, ſollte es mich höchſtens nur wundern, wenn nicht Alles ſo gekommen wäre, wie es in Wahr⸗ heit der Fall iſt!— Aber weil Jeder ſeinem Genins folgte, darum mußtet Ihr auch eines Tages an dem nämlichen Punkte zuſammentreffen, um fortan in ge⸗ meinſamem Streben die Bahn weiter zu verfolgen, die ſich Jeder vorgeſteckt hatte, lange bevor er noch von den Andern wußte. Beinahe möchte ich mich darum der alten Palme im Morgenlande vergleichen, auf der eines Tages, wie das Mährchen erzählt, drei wun⸗ derſchöne Vögel beiſammenſaßen, davon der Eine aus Norden, der Andere aus Weſten, der Dritte aus Sü⸗ den weit, weit herbeigeflogen waren, um im gemein⸗ Muller, Ekbof. I. 13 ſamen Liede, denn es waren drei verzauberte Prinzen, um die wunderherrliche Prinzeſſin im Oſten zu freien und zu minnen, die einem Jeden von ihnen der gleiche Traum gezeigt hatte. Einer ſang faſt noch ſchöner und entzückender als der Andere, und zuletzt gewannen ſie alle Drei den nämlichen hohen Preis; denn Jeder hatte im Traume die Schweſter der Andern geſchaut und führte ſie nun heim als Königin ſeines Herzens. So haltet's nun gleichfalls, meine Söhne, und über ein Weilchen fragt nicht mehr, was aus der alten Palme geworden ſei, die Euch in Eueren jungen Tagen ver⸗ einigt hat.“ „In unſeren Herzen, unſerer dankbaren Liebe, in unſerer Kunſt wird ſie ewig fortgrünen!“ riefen die drei Jünglinge, des Meiſters Hände ergreifend, der ſie um⸗ armte und dann froh bewegt fortfuhr: „Glaub's gerne, meine Söhne; denn auch mein ſchöner Wunſch iſt nun erfüllt, am Abend meines Le⸗ bens und bevor ich von hinnen ſcheiden muß, einige Jünglinge von Eurem Streben um mich verſammelt zu ſehen, die Dasjenige in der Kunſt weiter ausführen und erreichen möchten, was ich als das wahre innere WVeſen derſelben erkannt habe, auch wenn es mir oft an der nöthigen Kraft und dem glücklichen freien Lebens⸗ muth dazu gebrach!— Denn wahrlich, keine andere Kunſt gleicht dem Menſchenleben auch in ſeiner Ver⸗ gänglichkeit und Abhängigkeit von äußeren Umſtänden mehr, als die, welche eben dieſes Menſchenlebens flüch⸗ tige Geſtaltung im Bilde der ſinnlichen Täuſchung dar⸗ zuſtellen berufen iſt; keine Farbe, kein Marmor, keine Melodie, keine Sprache ſichert ihr Dauer für die Nach⸗ welt, und wo ihr die Prieſter fehlen, erliſcht auch bald auf ihren Altären die reine Flamme ihres Cultus.“ Hierauf erzählte er ihnen in ſeiner ſchlicht herzli⸗ chen Weiſe die Geſchichte ſeiner Jugend, wie er ſeine Kindheit als Sohn eines armen Hamburger Stadt⸗ ſoldaten in einer Kellerwohnung der Vorſtadt St. Petri in größter Dürftigkeit verlebte, faſt ohne Schulunter⸗ richt aufwuchs, dennoch aber ſchon frühe einen heftigen Drang nach Ausbildung in ſich verſpürte, ſo daß er ſich glücklich ſchätzte, als ihm in ſeinem ſiebzehnten Jahre ein Altonaer Advokat das Anerbieten machte, als Schreiber in ſeine Dienſte zu treten. Denn dieſer Mann hatte eine ausgewählte Bibliothek, darunter vornehmlich die beſſeren Dichter des In—- und Auslan⸗ des; und der junge wißbegierige Menſch benutzte dieſe, günſtige Gelegenheit ſo eifrig, daß er oft Nächte lang heimlich beim Scheine einer Stalllaterne Goldoni'ſche und Moliére' ſche Stücke las, ſo viele ſich veren in der Bibliothek ſ ſeines Herrn vorfanden.— Da er aber nicht blos als Schreiber verwendet wurde, ſondern ſich auch anderen häuslichen Dienſtverrichtungen, als Stiefel⸗ putzen, Kinderwarten und Markteinkäufen unterziehen mußte, ward ihm dieſe drückende Lage immer uner⸗ träglicher, und in ſeinem zwanzigſten Jahre verließ er das Haus des Advokaten, als ihm die hochmüthige Frau deſſelben zumuthen wollte, bei ihren Beſuchen in der Stadt in einer hechtgrauen Livree hinten auf dem Wagen zu ſtehen.— Im Jahre 1740 betrat er zum Erſtenmal in Lüneburg das Theater und von da an war ſein Leben bis zum jetzigen Augenblick unausge⸗ ſetzt der Kunſt gewidmet, zugleich war aber auch dieſes Leben eine faſt ununterbrochene Kette von Leiden und Prüfungen jeder Art. Denn von einer bleibenden Stätte, oder auch nur von einem„Warmwerden“ an dieſem oder jenem Orte war im Verlaufe von länger als vier⸗ zig Jahren keine Rede bei ihm, und mit Recht konnte er ſich darum dem irrenden Ritter vergleichen, der endlich, als er nach langen Fahrten einen häuslichen „Herd gefunden hatte, ſtatt auf dem Kopfkiſſen, auf dem Sattel ſchlief und, zu Pferde ſitzend, ſeinen Bauern in der Dorfkirche ihre Kinder über die Taufe hielt.— Endlich ſchien ihm das Schickſal im Jahre 1771 für die noch übrige Zeit ſeines Lebens eine bleibende Stätte gönnen zu wollen, eine„glückſelige Ruheinſel im wild⸗ bewegten Meere ſeiner Tage.“ Die kunſtſinnige Her⸗ zogin Anna Amalia berief ihn ſammt ſeiner berühmten Wandertruppe von Hannover nach Weimar, in der Abſicht, daſelbſt eine ſtehende Bühne zu gründen. Aber kaum war dieſelbe eingerichtet, ſo brannte das Theater ſammt dem Schloſſe nieder, und wieder wäre der alternde Ekhof allen widrigen Zufällen einer unſicheren Exiſtenz preisgegeben geweſen, hätte nicht Herzog Ernſt der Zweite von Gotha, dieſer„treffliche Kenner alles Schönen und Merkwürdigen,“ wie ihn Göthe nennt, um jene Zeit den Plan gefaßt, aus eignen fürſtlichen Mitteln ein Hoftheater zu errichten und ſo der verlaſ⸗ ſenen deutſchen Muſe in ſeiner Reſidenz ein neues Aſyl zu gründen. Unter Ekhof's Leitung erhob ſich die junge Anſtalt bald zu einer in Deutſchland vorher noch nicht erreichten Kunſtſtufe und ſelbſt das gerade damals aufblühende herrliche Geiſtesleben im nahen Weimar konnte dieſelbe nicht verdunkeln. „Und nun munter auf die Socken, meine Lieben, auf daß es immer noch beſſer werde!“ ſchloß Ekhof ſeine Erzählung.„Von Lehrer und Schülern ſoll bei , uns nimmer die Rede ſein; denn wehe dem Alter, das nicht von der frohſinnigen, leichtbewegten Jugend noch ebenſo gut lernen könnte, wie dieſe von ihm; darum ſei Einer von uns immer der Lehrer des Andern; denn der beſte Beobachter und der beſte Richter, den man dem Schauſpieler ſetzen kann, iſt jederzeit der Schau⸗ ſpieler ſelber, unſer oberſter Grundſatz aber bleibe im⸗ mer der herrliche Spruch Ovid's: „Est Deus in nobis, agitante calescimus illo.“*) „Treibt uns der Gott, der den Buſen uns füllt, dann ſtehn wir in Flammen.“ ——— 6 8—— 3 Iuhnlt des erzten Theils. Seite I. Der Schulmeiſter 3 II. Iffland's erſtes Debut 23 III. Die Lauchſuppe 33 IV. Der deutſche Garrick 91 V. Dornen und Lorbeer 116 VI. Comödiantenleben im vorigen Jahrhundert 38 VII. Die Permiſſionsweſte — S c. 2 S S 8 * 00 * S D