——— —— Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oikmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Eieei welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wchentric 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: TW f. 1W d P. 2 W— f 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. . — Roman ——— von Otfrid Zylins. Dritter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. — Erſtes Kapitel. Es war zwiſchen Tag und Dunkelwerden, als Sann⸗ chen, die Köchin des Fräulein Valentin, in das Atelier hineinrief:„Mamſell Hedwig, da iſt drunten im Haus⸗ gang eine Frau, welche Sie ſprechen will, um Ihnen eine Mittheilung zu machen!“ „Mir?“ fragte Hedwig erröthend, denn ſie ſah die Augen all der Mädchen plötzlich voll Neugier auf ſich gerichtet. „Na ja, Ihnen! Nach der Mamſell Hedwig Schulz hat ſie verlangt, ſie ſei eine alte Bekannte von Ihnen!“ ſagte die Köchin. „So geh' doch, Kind, ſie wird Dich ja nicht beißen!“ ſagte Marie von ihrem Zuſchneidetiſch aus lächelnd, denn ſie hatte Mitleid mit der kindlichen Verlegenheit Mylius, Ein Meteor der Börſe. III. 1 [ 2 Hedwig's.„Biſt ja kein Kind mehr, das ſich ſtehlen läßt!“ fügte ſie lächelnd hinzu. Hedwig legte ihre Nähterei nieder und ging hin⸗ unter, aber mit einem ſeltſamen Herzpochen, halb vor Furcht, halb vor Neugier. Die Bläſſe des Kummers, welche ſie in den jüngſten Tagen etwas entſtellt hatte, war auf Augenblicke einer fliegenden Röthe gewichen; das ſchwarze Kleidchen von grobem Orleans zeichnete die hübſchen feinen Formen harmoniſch ab, als ſie unter die von der darüberhängenden Gaslaterne hell beleuchtete Hausthüre trat, unter welcher eine ver⸗ ſchleierte Frau in einem weiten, pelzbeſetzten aber etwas verſchoſſenen Mantel ſtand. „Guten Abend, Madame! Sie wollen mich ſpre⸗ chen?“ Damit näherte ſie ſich etwas befangen der Frem⸗ den, welche das verſchleierte Geſicht vom Lichte abge⸗ wandt hielt. „Guten Abend, liebe Hedwig! Ei, wie groß und ſtattlich Du geworden biſt, Kätzchen!“ ſagte eine ge⸗ dämpfte Stimme, deren Ton das Mädchen mit einem leiſen Schauer durchbebte, und eine derbe Hand in einem zerriſſenen Glacéhandſchuh erfaßte Hedwig's Hand⸗ gelenk mit einer Kraft, daß ihre vielen Fingerringe ſich auf Hedwig's Arm abdrückten.„Haſt Du mich denn ſchon vergeſſen?“ „Sie hier, Stiefmutter?“ ſtieß das Mädchen er⸗ ſchrocken hervor, als die Fremde den Schleier zurückge⸗ ſchlagen hatte und Hedwig in die gemeinen grinſenden Züge der Eliſabeth Stransky blickte. Kaum vermochte ſie einen Angſtſchrei zu unterdrücken; aber ihr Arm bebte heftig in der Hand der Fremden.„Was wollen Sie hier?“ „Dich beſuchen, Kätzchen, und Dir zu Deinem Glück gratuliren, mein Herzblättel“, verſetzte Eliſabeth. „Schwerenoth, wie ſchmuck Du geworden biſt! Na, eine quicke ſchwarze Katze warſt Du immer. Blitz, wie wer⸗ den ſich die Männer um Dich reißen, wenn Du erſt die Erbſchaft von Deinem alten Filz von Großvater eingethan haſt! Dann ade Putzmamſell, dann biſt Du eine reiche Dame!“ „Ich weiß nicht, was Sie damit ſagen wollen“, ſagte Hedwig mit Widerſtreben und ihre dunklen Augen blickten trotzig und unwillig zu dem Weibe auf, das ihren Arm noch immer feſthielt.„Ich bin eine arme Waiſe, und der ſelige Maruſchke ging mich nichts an.“ „Wer weiß, Kätzchen, wer weiß! Vielleicht geht er Dich doch näher an, als Du glaubſt! Dein Vater hat es gewußt, daß der alte Geizhals Deiner Mutter Groß⸗ vater war! Hätte er's erlebt, ſo wär' er vor den Alten getreten und hätte ihm noch eine böſe Viertelſtunde ge⸗ 4 macht. Aber er hatte noch nicht alle Beweismittel da⸗ für in den Händen, und als das letzte Document kam, das er dem alten Rennemüller abgekauft, da hatte die Cholera ſich ſchon dazwiſchen gelegt und Dein Vater roch ſchon nach Fichtenholz.— Aber die Erbſchaft iſt Dein, mein Püppchen, ſobald Du es beweiſen kannſt, daß Deine Mutter die Enkelin von dem alten Wucherer war. Ich weiß alles; ich habe mich heute recht auf die Lauer gelegt. Die Leute vom Gericht forſchen nach den Papieren, und es giebt Menſchen, reiche Leute, die ſich's ein groß' Stück Geld koſten laſſen möchten, die Papiere in die Hände zu bekommen und beiſeite zu ſchaffen. Das weiß ich— weiß es aus ihrem eigenen Munde.* He, was ſagſt Du dazu, Püppchen?“ „Ich glaube kein Wort davon, und aus Ihrem Munde ſchon gar nicht— Sie haben mich von jeher nur gequält und belogen, nur hungern laſſen und mißhandelt!“ „Ei ſieh' da, Kätzchen, Du haſt ein gutes Gedächt⸗ niß“, entgegnete Eliſabeth mit einem rauhen Lachen. „Na, damals warſt Du auch eine verſtockte tückiſche Katze Aber das ſind vergangene Zeiten. Jetzt hab' ich ein Herz zu Dir und will Dir wohl— bin eigens hergekommen, um Dir einen Vorſchlag zu machen. Du weißt, ich habe mit Deinem Vater nur Kummer und Elend gehabt; die Schwindſucht hockte ihm ſchon auf den Schultern, als ich mich ſeiner annahm, und die paar Lappen, die er hinterließ, reichten nicht hin, das viele Geld zu bezahlen, das ich für ihn geopfert hatte. Wie hätt' ich da ſo dumm ſein ſollen, mir auch noch Dich als ein freſſend' Pfand aufzuladen, zudem wo Der mir immer trotzteſt. Darum ließ ich Dich auch in P. zurück. Warſt ja ein hübſcher Balg, und die Kinder haben immer ihren eigenen Herrgott und rühren das Herz der Spießbürger. Meinte es allzu gut mit Dir, um Dich dem Elend des Künſtlerlebens preiszugeben! Was wärſt Du geworden, wenn ich Dich mitgenommen hätte? Wareſt ja immer ein ſtörriſches Wurm, das keine Geſchicklichkeit hatte für unſere Arbeit“! Hätt' ich Dich nicht zurückgelaſſen, ſo wär' Dir niemals das Glück in den Weg getreten. Darum bin ich jetzt auch hier um meinen Lohn zu fordern!“ „Ihren Lohn von mir? Wofür denn? Ich bin arm, blutarm; die Kleider am Leibe verdanke ich den Fräulein droben!“ erwiderte Hedwig ſchnell und in ängſtlicher Aufregung. „Närrchen, ſei nicht dumm! Ich ſage Dir, Du biſt ſteinreich wenn ich nur will! Ich will es aber, wenn Du geſcheidt biſt, wenn ich einen Vortheil davon habe! — Umſonſt iſt der Tod.— Ich weiß, wo die Papiere ——————— 2 6 ſind, welche darthun, daß Deine Mutter die Enkelin des alten Maruſchke war. Verſprich mir Halbpart von Allem, was erben magſt, und ich ſchaffe Dir 5 die Papiere. „yr wolt zi nur wieder betrügen quälen“, ſagte Hedwig, und ſuchte ihre Hand loszumachen;„ich traue Euch nicht; ich weiß, daß Ihr kein Anrecht an mich habt, daß Ihr nicht meines Vaters Gattin wart!“ „Alberne Gans, aber ich habe trotzddem Dein Ge⸗ ſchick in meiner Hand! Brauche ja nur zu ſagen, ſo wiegt mir ein Anderer die Papiere mit Geld auf, wirft ſie in's Feuer und Du biſt Lebenslang eine Betteldirne, wenn Dir nicht Dein ſchmuckes Lärvchen auf eine Weile einen Beſchützer ſchafft. Alſo wähle. Gieb mir Halb⸗ part und ich mache Dich reich,— im andern Fall ver⸗ kauf' ich die Papiere.“ „Letzteres ſähe Euch ähnlicher, wenn Ihr ſie wirk⸗ lich hättet“, erwiderte Hedwig mit unverhohlenem Ab⸗ ſcheu.„Aber ich will Euch meinen Beſcheid ſagen, Weib“, fuhr ſie mit einer wilden Energie fort und ihr dunkles Auge ſchoß Blitze,—„Ihr habt eine freche Stirn zu Lügen und falſchen Eiden, und ich hab' Euch 3 niemals getraut. Vielleicht ſeid Ihr dieß einzige Mal ehrlich, aber ich kann Euch doch nicht glauben, denn . * ——————— 7 wenn auch alles ſo wäre, wie Ihr es ſchildert, ſo möchte ich doch mein Glück nicht aus Eurer Hand an⸗ nehmen! Lieber mein Stückchen trockenes Brod ehrlich und mühſam verdienen, als reich ſein und gute Tage haben mit Euch zuſammen! Ich verabſcheue Euch, ich will nie wieder etwas mit Euch zu thun haben!“ „Na, wie Du willſt, Kätzchen!“ verſetzte das Weib ſchadenfroh und boshaft.„Fauche nur und kratze, Du Balg, ich will Dir's ſchon mit Wucherzins heimgeben. Hatt' es gut mit Dir gemeint, indem ich Halbpart machen wollte; nun kannſt Du mir aber kommen und knie⸗ fällig vor mir herum rutſchen und mich bitten, daß ich Dir helfe, und wenn ich Dich vom Verhungern retten könnte durch Krümmen eines Fingers, ſo thu' ich's nicht“,— ſetzte ſie mit einer wilden Verwünſchung hinzu. „Oho“, ſagte Hedwig, in welcher die Erinnerung an all' die Unbill, welche ſie ehedem von dieſem Weibe erlitten hatte, mit einem Male wieder mächtig auf⸗ ſtieg,—„ich bedarf Eurer gar nicht, Lisbeth; ich habe arbeiten gelernt, ich habe andere Beſchützer, und habe mein Recht für mich und meine Ehrbarkeit! Geht Ihr hin zu Euresgleichen, Lisbeth, zu Euren Vagabunden und Zuchthausriegeln, und glaubt mir, daß ich es eher noch erleben werde, daß Ihr bettelnd an meine Thüre 8 kommt, als ich an die Eurige! Und dann will ich Euch zeigen, wie ſich Hedwig Schulz an Euch rächen wird, indem ſie feurige Kohlen auf Euer Haupt ſammelt!“ Das Weib lachte höhniſch.„Bettelbrut! Putz⸗ mamſell! Nähmamſell! Werden wohl fette Biſſen ſein, welche Du mit mir theilen kannſt!“ ſpottete ſie. „Wird ehrlich verdientes Brod ſein, Lisbeth, und vielleicht immer noch weißer, als das, was Ihr im Zucht⸗ hauſe gegeſſen habt!“ erwiderte Hedwig empört; aber im nächſten Augenblick hätte ſie dieſe Worte voll Reue und Beſchämung wieder zurücknehmen mögen, denn ab⸗ geſehen davon, daß ihr dieſer Vorwurf unſtatthaft und unedel vorkam, ſah ſie ſich von Eliſabeth gepackt, die im Begriff war, ſich thätlich an ihr zu vergreifen. Der Ekel darüber, daß ſie mit einer ſolchen Perſon hand⸗ gemein werden ſollte, war größer, als die Furcht vor der überlegenen Stärke des Weibes, das ſich in rohen Schimpfreden erging. „Schlagt nur zu!“ ſagte Hedwig trotzig und ſah das Weib ſtolz und durchbohrend an.„Ich meinerſeits werde mich nicht an Euch vergreifen!— Ha, Herr Otte!“ rief ſie dann plötzlich, ſchleuderte Eliſabeth's Hand von ſich und flüchtete zu dem Angeredeten, der ſo eben in die Hausthüre trat.„Lieber Herr Otte, be⸗ ſchützen Sie mich vor dieſer Perſon!“ ———— „Was giebt es denn, Hedwig? Wie, Madame, Sie hier?“ fragte Otte betroffen, als er die Stransky erkannte.„Haben Sie mir nicht verſprochen...7“ „Ah, der Herr vom Comptvir! Alſo ſo ſteht die Sache, Ihr beide unter einer Decke?“ rief die Stransky boshaft.„Na, Ihr ſollt mir's beide büßen!“ Damitkſtürmte ſie an ihnen vorüber und aus dem Hauſe. „Hedwig, was war dieß, was hat dieſe Frau von Ihnen gewollt?“ fragte Otte. Hedwig erzählte ihm Alles gewiſſenhaft und ſchüchtern, obwohl ihre Befan⸗ genheit wuchs, als ſie den ängſtlichen Ausdruck be⸗ merkte, der ſich, je mehr ſie erzählte, deſto deutlicher auf Otte's Zügen offenbarte.—„O, das war ein ſchlimmer Auftritt, Hedwig“, ſagte er endlich tief betrübt.„Die Per⸗ fidie dieſes Weibes und die leidenſchaftliche Aufwallung, der Sie ſich hingaben, kann Ihnen ein Vermögen von achtzigtauſend Thalern rauben, Hedwig; denn leider iſt es nur allzu wahr, die einzigen geſetzlich gültigen Be⸗ weismittel dafür, daß Sie die Urenkelin des alten Ma⸗ ruſchke ſind, ſcheinen in den Händen des Weibes zu ſein!“ Hedwig ſtieß einen Schrei aus und brach ohn⸗ mächtig zuſammen. Zweites Kapitel. Ein trüber Decembertag lag auf dem weiten fla⸗ chen Lande. Die Winter⸗Sonnenwende hatte endloſen Regen gebracht, und die ganze Natur in ödes Grau durch den triefenden Regen die moraſtige Landſtraße entlang nach Strahlenberg, und hatte Mühe, bei dem heftigen Winde, der ihm den Schirm zu entreißen drohte, ſich aufrecht zu erhalten. Die troſtloſe Witte⸗ rung warf einen trüben Widerſchein in ſein Gemüth, und erzeugte in ihm unwillkürlich eine Ahnung von dem ungünſtigen Erfolge ſeines unangenehmen Ganges, den er im Auftrag ſeines Principals zu thun im Begriff war. Endlich ſtiegen vor ſeinem Auge die hohen Giebel und die vier Eckthürmchen des Schloſſes Strahlenberg gehüllt. Heinrich Otte ſchritt vom Kahlauer Bahnhof — ——————— 12 auf der kleinen Hügelwelle aus einem Kranz von Bäumen empor; Otte bog in eine Allee ein, und ſtand bald in dem geſchmackvoll verzierten Vorzimmer.„Iſt Frau Auheim zu ſprechen, Philipp?“ fragte er den Lakaien, der nicht wenig erſtaunt ſchien, Otte hier zu ſehen.—„Weiß nicht,— iſt noch zu früh; ehe ſie ge⸗ frühſtückt hat, pflegt ſie niemand anzunehmen“, ſtam⸗ melte Philipp,„aber darf ich dem Herrn Buchhalter eine Taſſe Kaffee offeriren? Der Herr müſſen ſehr früh aufgeſtanden ſein, um ſchon mit dem erſten Zuge anzukommen. Darf man ſo frei ſein, zu fragen, was denn eigentlich den Herrn Buchhalter herführt? Iſt, glaub' ich, erſt das zweite Mal, daß wir das Ver⸗ gnügen haben, Herrn Otte hier zu ſehen.“ „Melden Sie der Dame vom Hauſe, daß ich ſie in einer dringenden Familienangelegenheit zu ſprechen wünſche, und beſorgen Sie mir gefälligſt ein Frühſtück, deſſen ich wahrlich bedürftig bin“, erwiderte Otte, und wies mit einer gewiſſen Zurückhaltung die vertrauliche Annäherung des Lakaien zurück. Er ward in ein Empfangszimmer geführt, wo man ihm ein reichliches Frühſtück ſervirte und ihm Muße genug ließ zu ſtillen Betrachtungen, Vergleichen und Reflerionen, die alle darauf hinausgingen, daß er jetzt in einer ſolchen Angelegenheit nicht hier wäre, wenn Auheim nicht den tollen Kitzel gehabt hätte, Guts⸗ beſitzer zu werden und dieſes Gut ſeiner Frau zur Mor⸗ gengabe zu ſchenken. Erſt nach einer Stunde benach⸗ richtigte ihn Philipp, daß die„gnädige Frau“ geneigt ſei, ihn zu empfangen, und führte ihn in einen höchſt eleganten Salon, wo er Leonie Auheim mit einem ele⸗ ganten jungen Herrn und einer nicht mehr ganz jungen Dame in einem koketten Morgencoſtüme antraf. „Guten Morgen, Herr Otte“, redete ſie ihn herab⸗ laſſend aber mit einer gewiſſen froſtigen Kälte an, „Sie haben ſich zu mir heraus bemüht, um mich zu ſprechen? Darf ich Sie bitten, mir die Veranlaſſung Ihres werthen Beſuchs in Kürze zu nennen, denn ich bin preſſirt!“ „Wohlan, Madame, dann bitte ich um ein Vier⸗ telſtündchen unter vier Augen, denn meine Sendung iſt eine rein vertrauliche“, entgegnete Otte mit einem Blick auf die beiden Anweſenden. „Reden Sie immerhin offen vor dieſen meinen Freunden“, verſetzte Frau Auheim kalt und mit einem ſtrengen Blick ihrer dunklen Augen.„Ah, Sie wollen mich daran erinnern, daß ich Ihnen dieſe Perſonen nicht vorgeſtellt habe, nicht wahr? Ich wußte nicht, daß Sie ſo ehrgeizig ſind, Herr Buchhalter“, fügte ſie ironiſch hinzu,„alſo meine Freundin Madame la Baronne...“ — ———————————— + 13 „Bitte ſehr, Madame“, fiel ihr Otte raſch in's Wort;„ich weiß bereits, daß dieſe Dame hier eine Pa⸗ riſerin und dieſer Herr ein Monſieur d'Ormond, Pia⸗ niſt aus Paris, iſt. Sie haben mein Zögern mißver⸗ ſtanden, Madame! Ich muß auf einem geneigten Ge⸗ hör unter vier Augen beſtehen, weil die Mittheilungen, welche ich Ihnen zu machen habe, von ſo vertraulicher und delicater Art ſind, daß ſie nicht vor Fremden er⸗ örtert werden können.“ „Ah“ ſagte Leonie ſtolz,„wenn ich Ihnen aber ſage, Herr Buchhalter, daß dieſe beiden Perſonen mir nicht fremd, ſondern meine vertrauteſten Freunde ſind, vor denen ich keine Heimlichkeiten habe? Daß dieſe Dame und dieſer Herr beinahe kein Wort Deutſch ver⸗ ſtehen?“ „Einerlei, Madame“, entgegnete Otte feſt und mit einem ſo ernſten Blicke, der der leichtfertigen Frau bis auf den Grund ihrer Seele zu dringen ſchien, ſodaß ſie ihn nicht auszuhalten vermochte,„nach meinem Gefühle wie nach meinem Auftrag kann ich Ihnen die betreffenden Mittheilungen, von denen das Wohl oder Wehe Ihrer Familie abhängt, nicht vor dieſen Leuten machen; um ſo mehr, da es gefährlicher wäre, ſie den Inhalt meiner Mittheilungen unbeſtimmt muthmaßen als genau wiſſen zu laſſen.“ 14 „Ich geſtehe Ihnen zwar, Herr Buchhalter, daß ich nach dieſer Einleitung gar nicht ſehr begierig bin auf Ihre Mittheilungen, deren Endziel ich vielleicht ſchon errathen habe“, ſagte Leonie mit hochmüthiger Kälte;„allein um nicht gefühllos zu erſcheinen, will ich Ihnen auf eine Viertelſtunde Gehör unter vier Augen ſchenken, denn unſer Geſchäft wird, wenn mich meine Ahnung nicht trügt, bald abgethan ſein. Treten Sie gefälligſt in jenes Boudoir dort!— Sie entſchuldigen mich für einen Augenblick, meine Freunde“, wandte ſie ſich munter und leichtfertig in franzöſiſcher Sprache an ihre Gäſte;„Sie ſehen ich werde zu einem Téte⸗à⸗Téte gezwungen, jedoch mit einem Herrn, der für mich durch⸗ aus nicht gefährlich iſt, wie Sie ſehen!“ Otte'n ſtieg über dieſe frivole beleidigende An⸗ ſpielung das Blut in die Wangen, aber er hielt an ſich, und nahm auf Leoniens Wink auf einem Tabouret Platz, das einer mit dunkelblauem Sammt überzogenen Chaiſe⸗longue gegenüberſtand. Leonie ſchloß die Thüre, ſchürte das Feuer in dem frarzöſiſchen Kamin an und machte ſich noch allerlei in dem mit raffinirtem Luxus ausgeſtatteten kleinen Zimmer zu ſchaffen, ehe ſie einen Fächer vom Kamine nahm, und ſich dann halbruhend in die Chaiſe⸗longue fallen ließ. Mit dem Fächer ſpielend, firirte ſie den Buchhalter eine Weile, und fragte ———— —————„ endlich:„Zunächſt, Herr Otte, in weſſen Auftrag kom⸗ men Sie?“ „Im Auftrage Ihres Herrn Gemahls, und dann getrieben von der Hoffnung, Sie werden ſelbſt erbötig ſein, einen Schritt zu thun, welcher Ihnen die Gewiß⸗ heit giebt, daß dadurch Ihren werthen Eltern ein neuer ſchwerer Schlag erſpart werde“, gab Otte zur Antwort; „doch hier iſt zuvörderſt Herrn Auheim's Brief, der mich legitimirt!“ Leonie nahm den Brief, erbrach und überlas ihn mit einiger Aufmerkſamkeit, wobei ſie jedoch Sorge trug, ihn ſo zu halten, daß Otte ihr Geſicht und alle ihre Affecte darin ſehen konnte. Ihre Züge drückten anfangs Erſtaunen und Befremdung aus, dann ſchien ſie ein flüchtiges Erröthen zu unterdrücken, ward ern⸗ ſter und überlas den Brief zum zweiten Male. Hätte ſie in Otte's Gedanken leſen können, ſo würde ſie gefunden haben, daß er ſie beſſer durchſchaute, als ſie ahnte. Sie iſt eine herzloſe Kokette, eine ärm⸗ liche Komödiantin, dachte er; ſie macht hier vor mir eine pose, wie eine Schauſpielerin; ſie will mir zeigen, daß ſie als Frau hübſcher geworden iſt, wie ſie als Mädchen war; daß ſie eine gewiſſe ſinnlich reizende Schönheit hat, die jedoch nur ein froſtiges, leeres, arm⸗ ſeliges Herz verdeckt. Ich ſehe voraus, daß mein Be⸗ 16 ſuch vergeblich iſt, aber ich will wenigſtens nichts un⸗ verſucht laſſen. „Auheim ſchreibt mir, daß Sie mir alle näheren Aufſchlüſſe mündlich geben würden, Herr Otte“, unter⸗ brach ſie endlich ſeinen ſtillen Gedankengang mit einer Stimme, die ruhig erſcheinen ſollte„Darf ich Sie bitten, mir zunächſt zu ſagen, was für Ereigniſſe es ſind, welche meinen Bruder betreffen?“ Otte erzählte kurz und bündig und mit ſchonen⸗ der Mäßigung die Thatſache von Achill's Wechſelfäl⸗ ſchung, welche der alte Kammerrath durch Bezahlung der gefälſchten Wechſel zu vertuſchen geſucht habe,— von Achill's Flucht und den troſtloſen Verhältniſſen in welchen er das pariſer Geſchäft zurückgelaſſen habe. „Ich ahnte das ſchon“, erwiderte Leonie kalt,„als er neulich hier war und meine Unterſchrift auf einen Wechſel von dreitauſend Thalern haben wollte. Der Unglückliche hat alſo ſelbſt mich mit in ſein Verderben ziehen wollen,— das iſt ſchändlich!— Allein glücklicher⸗ weiſe bin ich nicht ſo leicht zu überliſten, ich bin ein ausgetragenes Kind. Aber wie kann dieſes Ereigniß Auheim betreffen, wenn die gefälſchten Wechſel bezahlt ſind?“ ſetzte ſie forſchend hinzu. „Die Sache iſt trotz aller Bemühungen Ihres Herrn Vaters nicht geheim geblieben“, ſagte Otte.„Herr =— Achill von Magnus war einmal der Compagnon des Herrn Auheim; die Gläubiger unſeres Geſchäfts ſtür⸗ men wieder maſſenweiſe gegen uns an, unſere auswär⸗ tigen Geſchäftsfreunde entziehen uns den Credit,— da⸗ zu die Geldkriſe, die abenteuerliche Höhe, zu welcher das vielzüngige Gerücht die Verluſte, welche Herr Au⸗ heim und der Herr Kammerrath durch Herrn Achill er⸗ litten haben ſollen, hinauflügt,— kurzum, wir ſind in der größten Gefahr Alles zu verlieren, wenn uns nicht ſchnell durch ein Darlehen von etwa dreißigtauſend Thalern geholfen wird...“ „Und dieſe Summe ſoll ich Ihnen beſchaffen?“ fiel ihm Leonie raſch in's Wort. „Ja, Madame, die Germania“ oder irgend ein andres Geldinſtitut iſt erbötig, dieſe Summe jeden Mo⸗ ment gegen die erſte Hypothek auf den Kaufpreis von Strahlenberg vorzuſtrecken, und zugleich ein Abkommen mit Herrn Auheim zu treffen, wornach derſelbe dieſe Summe binnen zehn Jahren in Raten zurückzahlt und zugleich ſein Leben mit einer Summe verſichert, welche Sie ſelbſt für den Fall ſeines frühern Ablebens ſicher ſtellen würde“, entgegnete Otte.„Ich habe alles aus⸗ gerechnet und ausgezogen, um Ihnen hier den ganzen Tilgungsplan ſchriftlich aufzuſtellen und Sie zu über⸗ zeugen, daß Sie keinerlei Riſico dabei eingehen.“ Mylius, Ein Meteor der Börſe III. 2 Leonie ſprang auf und wies mit entſchiede⸗ ner Geberde das Papier zurück.„Sie hätten ſich dieſe Mühe erſparen können, Herr Otte“, ſagte ſie in einer leidenſchaftlichen Aufwallung, die jedoch nicht ganz na⸗ türlich zu ſein ſchien;„ich verſtehe nichts von ſolchen Dingen und werde mich niemals dazu herbeilaſſen, auf mein Gut Hypothekſchulden zu machen, deren Deckung durch Auheim im höchſten Grade unſicher iſt. Auheim hat meine Achtung verſcherzt, und hätte ſich bei mir auch nur ein Fünkchen von Theilnahme für ihn erhal⸗ ten, ſo würde er derſelben durch dieſen Brief hier ver⸗ luſtig gegangen ſein. Wiſſen Sie, was für eine Alter⸗ native dieſer durchaus gemeine Menſch mir hier in die⸗ ſen Zeilen ſtellt? Entweder ſoll ich augenblicklich zu ihm unter ſein Dach zurückkehren und ſein Schickſal theilen, oder mir durch das Darlehen von dreißigtau⸗ ſend Thalern meine ſeitherige Freiheit erhalten. Was ſagen Sie dazu?“ Bue zuckte die Achſeln.„Von dieſem Inhalt des Briefes wußte ich nichts und kann eine ſolche Forderung natürlich nicht billigen“, ſagte er,„ich finde ſie ſogar unanſtändig; allein bedenken Sie, Madame, die Lage, worin ſich Herr Auheim momentan befindet. Er hat den Kopf verloren, er greift nach jedem Mittel in der unſeligen Verblendung des Verzweifelnden, denn die 5 19 Noth und der Mangel machen egoiſtiſch. Er weiß, duß Ihr Vater ſich von ihm losgeſagt hat; er weiß, daß der Ankauf von Strahlenberg und deſſen Verſchenkung an Sie ihn halb ruinirt hat, daß er damit theilweiſe ſogar noch das Geld ſeiner Gläubiger verſchenkte; er ſieht ein, daß er durch Ihren Bruder ruinirt iſt und ſo werden Sie es bei unbefangener Würdigung ſo natürlich finden, wie ich, daß er ſeine nächſte Hilfe bei ſeiner Gattin ſucht, die er auf ſeine eigenen Koſten reich gemacht, die ihm vor dem Altar gelobt hat, Freud' und Leid mit ihm zu theilen und die ja an ſeiner Ehre und ſeinem Schickſal den unzertrennbarſten Antheil hat!“ Leonie's Augen flammten, während Otte dieß alles in eindringlichem, ernſt mahnendem Tone ſprach, und ſie wagte nicht, dabei ſeinem Blicke zu begegnen. Als er aber geendet, trat ſie dicht vor ihn hin und ſagte mit einer Ruhe und Beſtimmtheit, welche Otte'n ein wahres Grauen erregte:„Hören Sie mich ruhig an, denn ich will dieſen unnöthigen peinlichen Auftritt abkürzen, Herr Otte! Wenn Sie meine Lage einer unbefangenen Würdigung unterziehen, ſo wird mir Ihre Vernunft das Recht zuerkennen, ſo zu handeln, wie Sie mich nun han⸗ deln ſehen werden. Als Auheim um mich warb, war er dem Bankerott nahe Meine Mutter hat mir nach meiner Rück⸗ kehr von der Hochzeitsreiſe anvertraut, was inzwiſchen 2* 20 vorgefallen war und daß Auheim nur Ihnen und Ih⸗ ren Bemühungen die Erhaltung ſeines Credits ver⸗ dankte. Sie wiſſen, wie mich Auheim an unſerem Hoch⸗ zeitstage compromittirt hat; er hat damals alle meine Illuſionen ſchnöde zerſchlagen, und mir gezeigt, was mir in dieſer unſeligen Conventionsheirath bevorſtand. Mein Mißtrauen und meine Mißachtung gegen ihn waren geweckt, und der Argwohn ſieht ſcharf. Je näher ich dieſen Menſchen kennen lernte und durchſchaute, deſto mehr graute mir vor ihm, ſein innerſter Kern iſt Gemeinheit, Eigennutz, Eitelkeit, Schwäche und Un⸗ wahrheit. Grauſamer iſt nie ein Weib enttäuſcht wor⸗ den, als ich. Denken Sie ſich, daß, als ich ihn auf einem zweideutigen Verhältniß mit einer Creatur er⸗ tappte, er mich entwürdigen, demoralifiren wollte, in⸗ dem er einem Elenden geſtattete, ſich mir in zweideu⸗ tiger Abſicht zu nähern... daß er mir... doch ge⸗ nug hiervon! Ich werde für dieſen Mann nie etwas thun; ich werde mich von ihm losſagen, ich werde ſo⸗ gar dieſen heutigen Brief als Woffe gegen ihn ge⸗ brauchen.. „Gewiß nicht, Madame, das werden Sie nicht thun, wenn Sie ihm wirklich an Bildung und Gemüth überlegen ſind“, ſiel ihr Otte mit finſteren tadelnden Blicken in's Wort, und ſtand raſch auf.„Ich ſehe — G — 21 meine Miſſion zwar halb geſcheitert, aber ich kann Sie nicht verlaſſen, Madame, ohne Sie daran zu erinnern, daß die Welt den Stab über Sie brechen wird, wenn Sie als die Beſitzerin von Strahlenberg reich und un⸗ abhängig daſtehen, während Ihr Gatte als fallit an den Börſen verrufen wird! Was wird die Welt dazu anders ſagen, als daß Sie nicht minder eigennützig ſpeculirten als Herr Auheim, wie Sie ihn hei⸗ ratheten!“ „So laſſen Sie die Welt reden, was ihr beliebt!“ ſagte Leonie kalt.„Ich bin von Haus aus vertraut mit dem Werth des Geldes und weiß, daß es der ein⸗ zige Maßſtab iſt, wonach man den Menſchen heutzu⸗ tage ſchätzt. Auheim ſchenkte mir ſechszigtauſend Tha⸗ ler zur Morgengabe— aus Prahlerei, aus Eitelkeit, aus Berechnung, wenn Sie ſo wollen, um ſich damit für die Zukunft zu ſichern, falls es mit ſeinen Geſchäften fehlginge. Er erhielt nach und nach ungefähr vierzigtauſend Thaler in ſein Geſchäft von meinem Vater; mein Bruder hat ebenſo viel bekommen und dreißigtauſend hat jüngſt mein Vater bezahlt für Achill, wie Sie ſelber ſagen, die rein verloren ſind. Daran verliere ich die Hälfte. Nun rechnen Sie, ob wir nicht quitt find, Auheim und ich. Darum und weil er mich unwürdig hintergangen mit den Ausſichten auf eine glänzende Zukunft, die er mir vorſpiegelte, behalte ich und erhalte ich meine Morgengabe, um leben zu können, wie ich es gewöhnt bin; und hat er nichts mehr, ſo will ich für ſeinen Unterhalt ſorgen, wie ich muß, aber nur unter der Bedingung, daß er mir fern bleibt und mich nicht für ſeine Gattin anſieht, denn mir ekelt vor ihm. Das ſagen Sie ihm als mein letztes Wort, denn weder Sie noch meine Eltern, noch ſonſt irgend ein Menſch in der ganzen Welt ſoll mir einen andern Entſchluß abgewinnen.“ Ihr Ton klang ſo beſtimmt und kalt, ihre ſchönen Züge waren ſo eiſig und die Augen ſo ſtolz und ent⸗ ſchloſſen, daß Otte jeden weitern Verſuch für vergeb⸗ lich halten mußte. Er ſtand daher auf, verabſchiedete ſich und ſchüttelte den Staub von ſeinen Füßen. Mit ſchweren Sorgen und in tiefer Betrübniß wanderte er wieder der Eiſenbahn zu, und kehrte am Nachmittag zu ſeinem Principal zurück, den er in eifrigſter Con⸗ ferenz mit einem Advocaten von ſehr zweideutigem Rufe antraf. Auheim las ſchon in Otte's Zügen den Mißerfolg von deſſen Bemühungen, ſchien aber gefaßter als zuvor. „Ich habe es geahnt, daß es ſo kommen werde“, ſagte er auf Otte's Bericht mit einem ärgerlichen Achſelzucken. „Ich werde Leonie dafür büßen laſſen; es ſoll ihr nichts geſchenkt ſein; Doctor Leutmann hat mir übrigens Mit⸗ tel und Wege gezeigt, um den erſten Stoß zu pariren. Sie, Otte, müſſen nun heute Abend mit dem Nacht⸗ zuge nach Paris; richten Sie ſich daher auf eine Ab⸗ weſenheit von mehreren Wochen ein.“ Drittes Kapitel. Der Weihnachtsabend, welchen Otte das vorige Mal ſo angenehm bei den Schweſtern Valentin und bei Herrn Werner gefeiert hatte, fand ihn dießmal in einem engen Stübchen hinter dem Comptoir eines niedrigen Entreſols in der Rue Lepelletier, wohin Otto das Com⸗ toir der pariſer Commandite des Hauſes Auheim und von Magnus von der Chauſſee d'Antin verlegt hatte. Er hatte bis zum ſpäten Abend gehofft, daß der Poſt⸗ mann ihm noch eine Sendung aus der Heimath mit Grüßen und Geſchenken ſeiner Lieben bringen würde; allein die Franzoſen haben ja keinen Sinn für die ſchöne trauliche Sitte unſerer Weihnachtsbeſcheerung, und ſo war die Kiſte, welche für ihn angekommen, auch richtig auf dem Bahnhofe ſtehen geblieben, um erſt am Tage nach dem Feſte ausgetragen zu werden. —— ——— Heinrich ſaß, in die Berechnung langer Zahlenreihen vertieft, noch um Mitternacht an ſeinem Pulte, und hatte nicht eher Zeit, an die Heimath und die trauliche Vereinigung ſeiner Lieben an dieſem Tage zu denken, als bis er endlich ſeine Feder weglegte und todt⸗ müde aufſtand. Mit einem tiefen Seufzer ſah er ſich in dem engen Raume um, der nur ein Feldbett, ein kleines Schreibepult, einen Waſchtiſch und einige Stühle enthielt. „Gott ſei Dank, daß wir ſo weit ſind!“ murmelte er. „Morgen ſchreibe ich meine Zuſammenſtellung ab und ſende ſie an Auheim. Läßt ſich alles ſo arrangiren, wie ich es eingeleitet und ausgedacht habe, ſo kommen wir durch einen Vergleich mit zwanzig Procent aus der Affaire und vermeiden den Bankerott. Dann wickle ich die Sache vollends ab, bitte Auheim um meine Entlaſ⸗ ſung und ſuche mir eine and're Stelle, die mir wenig⸗ ſtens mehr Gemüthsruhe gibt! Ich will in einfachere und geſunde Verhältniſſe zurückkehren, denn dieſe ſchwindel⸗ haften Zuſtände erfüllen mich mit einem unbeſchreiblichen Widerwillen!“.. Die Müdigkeit drückte ihm die Augen zu und er mußte ſein Lager ſuchen. Wenn ihm an dieſem Abend der Ernſt ſeiner Ge⸗ ſchäfte erlaubt hätte, darauf zu merken, ob ihm die Dhren klangen, ſo wäre hierzu Anlaß genug geweſen, denn in den Kreiſen ſeiner Freunde in N. war ſeiner Abweſenheit oft und mit Bedauern gedacht worden. Herr Karl Werner und Oberſtlieutenant Richartz hatten ihn ſehr vermißt und ſich mit ſeinem Schickſal ange⸗ legentlich beſchäftigt.„Er wird böſe Tage haben“, ſagte Herr Werner,„denn nach Allem, was ich gehört habe, ſtehen die Verhältniſſe des pariſer Hauſes ſehr ſchlecht, und Auheim ſoll ſich einer Haftpflicht für die Paſſiven, welche ſein Schwager contrahirte, nun durch rabuliſtiſche Winkel⸗ züge entziehen wollen. Mich dauert der ehrliche treue Junge ſehr. Niemand dankt ihm die gewiſſenhafte An⸗ hänglichkeit an ſeinen Principal, und der große Haufe bricht gedankenlos den Stab über eine ſolche Uneigen⸗ nützigkeit, die freilich leider heutzutage ſelten iſt. Otto aber redet ſich ein, er könne ſeinen Prinzipal noch retten, während ich lebhaft überzeugt bin, daß dieſer ſich ſelbſt und ſeinem Schwindel niemals untreu werden wird. Ich kann mir gar nicht erklären, wie er ſich noch bis jetzt hat halten können. Der intriguante Leutmann mag ihm zwar einige Kniffe und Hinterthürchen an⸗ geben, wie er da und dort einer Unannehmlichkeit ausweichen kann; allein auf die Dauer hält ſich Auheim doch nicht.“ „Hm, es iſt doch ſonderbar, daß man trotz alledem einen Mann wie Auheim noch mit der Stelle eines ——-ñ— 27 Directors der Germania betraut läßt“, ſagte Herr Richartz;„ich will mir nicht anmaßen, von kaufmänniſchen Dingen etwas zuverſtehen, aber mich dünkt, der geſunde Menſchenverſtand würde ſchon davor warnen, einen Men⸗ ſchen ſeines Schlages noch auf einem ſolchen Vertrauens⸗ poſten zu belaſſen, abgeſehen davon, daß es widerſinnig iſt, die Leitung eines bedeutenden Inſtituts, die gewiß die volle ungetheilte geiſtige Kraft eines vorzüglichen Kopfes be⸗ darf, einem Mann anzuvertrauen, welcher eigentlich ein Lebemann und Müſſiggänger iſt und ſchon Sorgen genug hätte, wollte er ſeinen eigenen Geſchäften nach⸗ kommen und den kunſtreichen Aufbau ſeiner eigenen Verbindlichkeiten im Gleichgewicht erhalten.“ „Hm“, meinte Herr Werner,„das iſt allerdings wahr. Aber bei unſeren modernen Actienunterneh⸗ mungen ſteht der geſunde Menſchenverſtand ſtets auf dem Kopfe. Man will alles nur großartig, rieſenhaft, titaniſch; es ſoll alles durch die Maſſe imponiren und erdrücken. Na, die Deficits ſolcher Geſellſchaften find dann gewöhnlich nach einigen Jahren auch titanenhaft. Im Uebrigen aber ſind ſolche Actienunternehmungen längſt nicht mehr eine geſunde und vernünftige Eini⸗ gung von Geldkräften und Talenten zur Durchführung großer induſtrieller Zwecke, die der Einzelne nicht bewäl⸗ tigen kann, ſondern ſie ſind Seifenblaſen von recht ſchillernder Geſtalt, welche einzelne Speculanten ſteigen laſſen, um durch Reizmittel und trügeriſche Vorſtellungen aller Art das müſſig liegende Geld großer oder kleiner Capitaliſten in eine neue Bahn zu leiten, den Unter⸗ nehmern großen Gewinn an den Actien und große Ge⸗ halte zu ſichern und den Bankiers und Börſenmännern einen Haſen in die Küche zu jagen. Wer das Talent und die Frechheit hat, ſolch' ein Unternehmen auf den Markt zu werfen und ähnliche Unternehmungen zu co⸗ piren, dem traut der große Haufe meiſt ohne Wahl und Prüfung auch die Fähigkeit zu, ſolche Aufgaben einem gedeihlichen Ende entgegenzuführen, und ſo iſt auch Auheim in die Direction gewählt worden, und wird den großen Gehalt noch einige Jahre genießen, wenn er es verſteht, die Actionäre durch große Divi⸗ denden bei gutem Muthe zu erhalten. Aber ich weiß aus ſicherer Quelle, daß Auheim von der ganzen Sache auch nicht das Mindeſte praktiſch verſteht, und daß unſer Freund Otte ſogar der Verfaſſer der Ein⸗ leitungsrede der erſten conſtituirenden Verſammlung war.“ „Dann ſollte man aber der Krähe die Pfauen⸗ federn ausziehen!“ rief Richartz.„Es iſt doch empörend zu ſehen, wie ſolch ein Menſch ſich blähen darf.“ „Bah, dieſe ſchillernden Federn werden dem Auheim 6 6 Sie S 29 ſchon ausfallen, wenn ihn einmal die rechten Leute in' Gebet nehmen!“ ſagte Werner.„Vorerſt ſind die Actien noch in feſter Hond und genießen einiges Vertrauen. Laßt aber erſt die Geſchichte wackeln und durch Erbſchafts⸗ theilungen, Concurſe und ſo weiter, die rechten Leute eine Einſicht in die Sache gewinnen, dann wird Auheim eine ſchlimme Zeit haben.“ „Aber, daß der Staat ſolche Dinge duldet!“ „Kann er anders? Verbietet er ſie, ſo hilft das nichts, und die Habſucht derer, welche höhere Zinſen und Dividenden für ihr Geld erhalten wollen, läßt ſie in ausländiſchen Actien Gelegenheit genug zur Erreichung ihrer Zwecke finden. Alſo muß er ſie geſtatten und controliren; aber dieſe Beaufſichtigung kann nur eine allgemeine ſein, denn die concrete Controle hätten die Actionäre ſelbſt zu üben, die erſt durch Schaden klug werden. Die Actienwuth iſt eine endemiſche oder epide⸗ miſche Krankheit unſerer Zeit, ein Aber⸗oder Ueberglaube, wie die Syipathie, der Wunderglaube, die religiöſe Sectirerei und ähnliche Erſcheinungen. Der Nüchterne, Unbefangene und Arbeitſame erhält ſich frei davon. Ich habe mir zum Grundſatz gemacht, niemals in Actien zu ſpeculiren oder mein Geld in ſolchen anzulegen; aber ich bedaure allerdings jetzt, bei der Germania nicht eine Ausnahne gemacht zu haben, wär' es auch nur 30 um dieſem Auheim gelegentlich einmal die Maske ab⸗ zuziehen. „Und unſern jungen Freund auf die ihm gebührende Stelle zu ſetzen“, wandte Richartz ein. „Ja, fürwahr! Da haben Sie eigentlich recht, mein lieber Oberſtlieutenant! Otte wäre dort an ſeinem Platz. Wir können ja mal gelegentlich die Statuten anſehen, um zu ermitteln, wie viel Actien uns die Be⸗ fugniß geben, ein maßgebend' Wort mitzureden, und dann für unſern Freund zu wirken.“ „Topp, ich bin dabei, lieber Herr Werner! Wir ſind dem wackern Jungen ein ſolches Opfer ſchuldig.“ „Und es wird nicht groß ſein, denn die Zeit iſt nicht mehr fern, wo die Mehrzahl ſolcher Actien ſo wohlfeil zu haben ſein wird, wie ſtinkende Makreelen“, ſagte Werner, und beſprach nun mit ſeinem Freunde dieſe Sache noch eingehender.— Zu gleicher Zeit und Stunde waren in dem En⸗ treſol ihres neubezogenen Eckhauſes am Neumarkt die Schweſtern Valentin und Hedwig Schulz um die dampfende Punſchbowle verſammelt und gedachten in ſtiller Weiſe und mit einem Anflug von Wehmuth ebenfalls des Ab⸗ weſenden. „Wünſchen wir unſerm treuen Freunde Otte fröh⸗ liche Weihnachten in der Ferne!“ ſagte Julie bewegt —— 31 und erhob ihr gefülltes Glas.„Uns hat er eine behag⸗ liche, dauernde Heimath geſchaffen, aber er durfte ſie nicht beziehen. Seine beiden Zimmer droben ſtehen leer und öde, und wer weiß, in welcher Stimmung ihn der heutige Abend trifft. Trinken wir auf das Wohlergehen des Wohlthäters und treuen Freundes unſer Aller!“ Die Gläſer erklangen, die vier Mädchen tranken und zwei ſtille Thränen rannen unbemerkt in Hedwig's und Juliens Glas. „Kinder,“ ſagte Marie;„hört mich'mal an! Ich habe mir eine kleine hübſche Feier ausgedacht, die wir nun begehen wollen. Ihr werdet ſie vielleicht kindiſch und läppiſch finden, aber ich weiß, wenn er es erfährt, wird er mich verſtehen, und es wird ihn freuen, daß wir in dieſer Weiſe ſeiner gedacht haben.“ „Nun? Laß hören!“ rief Käthchen.„Ich bin doch wirklich begierig!“— Auch Julie zeigte durch eine raſche Handbewegung das Verlangen, in dieſes Geheimniß ein⸗ geweiht zu werden, und Marie ſagte mit einem leichten Anflug von Erröthen und holder Verlegenheit: „Wir haben dem lieben Freunde, dem wir ſo viel verdanken, zwar unſere Geſchenke vorausgeſchickt, und auch noch einen weitern Teller für ihn unter den Weih⸗ nachtsbaum geſtellt, als wir heute beſcheerten, und dieß war auch nicht mehr als billig. Er hat es ja um uns 32 ſo ſehr verdient, daß ſeiner jedesmal in herzlichſter Dankbarkeit gedacht werde, wenn wir uns freuen. Allein dieſes Sinnbild ſeiner heutigen Theilnahme war doch eigentlich nur für uns beſtimmt, um uns ihn zu vergegenwärtigen. Ich meine jedoch, er hätte es ver⸗ dient, daß wir ihm noch eine eigene Feier veran⸗ ſtalteten.“ „Allerdings“, ſagte Julie,„aber welche denn? Laß einmal Deine Idee hören, Mariechen! „Hm, lacht mich meinethalben aus, Kinder; ich werde mir nichts daraus machen, aber herzlich wohl⸗ gemeint iſt der Plan wenigſtens, obſchon vielleicht et⸗ was kindiſch“, verſetzte Marie mit einiger Befangenheit. „Seht, ich gedachte erſt, es ganz allein zu thun, allein es wäre doch hübſcher und paſſender, wenn Du, Julie, Käthchen und Hedwig mitmachen würden. Ich habe nämlich“, fuhr ſie zögernd und mit wachſender Ver⸗ legenheit fort,„in aller Stille ſein Zimmer aufgeputzt, habe ſein eigenes Bild und das ſeiner Mutter mit einem Kranz von Stechpalmen und Ephen behangen und von den ſchönen Wucherblumen, die er ſo ſehr liebt, auf ſeine Kommode ſtellen laſſen. Dazu habe ich ihm ferner“, fuhr ſie mit ſteigendem Erröthen aber freundlichen Blickes fort,„ein ganz beſondres Bäumchen aufgeputzt; das wollte ich ihm heute Abend droben in aller Stille an⸗ * 3 0 zünden und die Kerzchen daran ganz abbrennen laſſen, und dabei ſeiner in Dankbarkeit und treuer Freund⸗ ſchaft gedenken und meine guten Wünſche für ihn zum Himmel ſchicken. Aber je mehr ich mir's überlege, deſto mehr möchte ich mir einreden, die Sache paſſe eigentlich doch nicht für mich allein, und es wäre weit hübſcher und ſchicklicher, wenn Ihr Anderen auch mitmachtet!— Und nun lache mich aus, Julchen, und nenne mich einen Kindskopf!“ Statt deſſen aber ſtand Julie ſchnell und mit einiger Bewegung auf, drückte der Schweſter einen Kuß auf die Stirne und ſagte weich:„Im Gegentheil, Marie⸗ chen, das iſt ein recht hübſcher finniger Gedanke, um den ich Dich beneide! Ich bin dabei, dieſe ſtille Otte⸗ feier mitzumachen!“ „Ich auch,“ ſagte Käthchen bewegt;„ich ſchreibe es ihm ſogar hernach.“ Und Hedwig brauchte man gar nicht um ihre Zuſtimmung zu fragen, denn ſie war mit Julien aufgeſprungen und hatte Mariens Hand ergriffen, welche ſie mit Küſſen, mit Thränen des Dankes und der Freude bedeckte. „Vorwärts, geht mal voran! Ich will nur nach Mama ſehen, ob ſie ſchon ſchläft, dann komme ich nach!“ ſagte Käthchen und verſchwand aus dem Zimmer. Sie that es eigentlich nur in der Abſicht, ihre zu WMylius, Ein Meteor der Börſe. III. 34 verbergen, denn ſie zeigte nicht gern ihre Rührung. Aber Julie meinte: „Nein, Mariechen, wir warten auf Käthchen und gehen alle miteinander in feierlichem Zuge hinan, jede mit einer brennenden Kerze in der Hand. Es iſt ja ſchon ſpät, und die Hausgenoſſen in den oberen Stock⸗ werken werden ſchon zu Bett ſein; wären ſie es auch nicht, ſtaunten ſie auch über unſern Aufzug und wüßten ſich ihn auch nicht zu erklären,— oder ſelbſt wenn ſie ſich ihn zu erklären vermöchten,— ſo brauchen wir vor einer ſolchen Aeußerung unſeres Dankgefühls nicht zu erröthen.“ Sobald Käthchen mit der Nachricht zurückkam, daß die gute Mutter ſchon ſüß ſchlafe, und Marie die Leuch⸗ ter mit friſchen Kerzen ausgetheilt, empfahl Julie Sann⸗ chen die Aufſicht über die Wohnung, ſtellte den Punſch⸗ napf auf den warmen Ofen, zündete die Kerzen an und hieß Marien vorangehen. Dann wurden die Kerzen des Chriſtbäumchens, das auf dem runden Tiſch vor Otte's Sopha ſtand, angezündet und die Leuchter mit den brennenden Kerzen auf die Kommode unter die bekränzten Bilder geſtellt. Die vier Mädchen ſtellten ſich um den Tiſch herum und blickten in den hellen Schein der kleinen Wachskerzchen, die zwiſchen dem Tannengrün mit hellem Strahle herausleuchteten, die — ganze Stube mit feſtlichem Glanz erfüllten und denſelben noch weit hinausſtrahlten über den breiten Platz in die ſtille Winternacht hinein, daß drüben auf den Dächern der jenſeitigen Häuſerzeile das röthliche Licht auf dem Schnee widerſtrahlte. Sie reichten einander die Hände, und als der letzte Funke von der Schnuppe des letzten Lichtchens erloſchen war, fiel Julie ihrer Schweſter Marie um den Hals, küßte ſie und auch die beioen andern; Käthchen und Marie folgten ihrem Beiſpiele und küßten ſich ebenfalls unter einander, ſelbſt Hedwig mit einge⸗ ſchloſſen. Daß bei dieſer ganzen Scene auch nicht ein Wort geſprochen worden war, das verrieth wohl am beſten, wie aufrichtig und tiefgehend die Bewegung der vier jungen Frauenzimmer ſein mochte— das ſprach beredter als ihre Thränen für die Lauterkeit der Ge⸗ fühle, die ihnen dieſe Feier dictirt hatte. Ganz ſtill ergriffen ſie dann ihre Leuchter und verließen Otte's Zimmer wieder, nachdem das hausmütterliche Käthchen ſich noch überzeugt hatte, daß nirgends ein gefährlicher Funke zurückgeblieben war. Sannchen machte große Augen, als ſie die drei Fräulein vom Hauſe und Hedwig mit ſolch' feierlichen Geſichtern wieder eintreten ſah, und an einem Blicke Käthchen's bemerkte, daß die Mädchen wieder allein ſein wollten. Die Köchin fuhr daher mit der Hand 3* in ihre Schürzentaſche und ſagte halb verlegen, halb mit einem Ausdruck von bewußter Berechtigung:„Um Vergebung, Fräulein Käthchen, aber ich habe da noch etwas abzugeben, was ich vergeſſen hatte. Dieß Schreiben da an die Mamſell Hedwig Schulz hat mir heute Abend der Gerichtsbote Flammer unten am Brunnen übergeben. Die Mamſell ſoll es leſen und es nach den Feiertagen dem Herrn Juſtizrath Gladiſch übergeben,— hat er geſagt.“ „Was mag das ſein?“ ſtammelte Hedwig ängſtlich. „Warum direct an mich?“ „Es wird eine gute Rachricht ſein, die das Gericht Dir als Weihnachtsgeſchenk ſendet!“ ſagte Julie.„Ei, nimm doch das Papier und lies es.“ „Bitte, leſen Sie es für mich!“ bat Hedwig, die vor Bangigkeit zitterte. Julie erbrach die Enveloppe und zog ein großes Schriftſtück heraus, mit dem lithographirten Kopfe: „Das königliche Stadtgericht N., Abtheilung für Civil⸗ ſachen, Pupillencollegium.— Siehſt Du, liebe Hedwig, es iſt in Angelegenheiten Deiner Erbſchaft“, ſagte Julie mit lebhafter Theilnahme;„ſoll ich es laut leſen?“ Hedwig nickte bejahend.„Das königliche Stadtgericht, Abtheilung und ſo weiter hat der ledigen Hedwig Schulz, Pflegetochter des verſtorbenen Johann Elias Schmidt, S 37 alias Joſeph Maruſchke dahier mitzutheilen, daß ver⸗ ſchiedene Antwortſchreiben auf erlaſſene Requiſitionen dieſſeitiger Behörde eingetroffen ſind, welche der beſagten Hedwig Schulz und deren Vormund, Handelsbuchhalter Heinrich Otte, eventuell deſſen Stellvertreter und Be⸗ vollmächtigten Juſtizrath Gladiſch zu eröffnen ſind, wozu am Dienſtag den 28. December Vormittags 9 Uhr Termin in dieſſeitiger Canzlei anberaumt iſt, bei wel⸗ chem zu erſcheinen die Genannten aufgefordert find, unter Androhung der bekannten wivrigen Folgen im Unge⸗ horſamsfalle. Da jedoch dringender Verdacht vorliegt, daß die von Gerichtswegen angeordnete Hausſuchung bei der Eliſabeth Stransky, Beſitzerin eines wandernden Taſchenſpielertheaters, dermalen in W., nur deßhalb kein Ergebniß geliefert hat, weil die fragliche Perſon eine Anzahl von Papieren und ſchriftlichen Urkunden aus Rache oder Bosheit, alſo in doloſem Vorbedacht, vor Kurzem verbrannt habe, ſo wird Hedwig Schulz, reſpective deren Vormund oder Bevollmächtigter, hiermit aufgeſordert, ſich umgehend darüber zu äußern, ob eine gerichtliche Verfolgung der beſagten Eliſabeth Stransky, eventuell deren ungeſäumte Verhaftung zu genanntem Zwecke beantragt werden ſolle oder nicht.— Barm⸗ herziger Gott, armes Kind!“ ſetzte Julie erſchrocken 38 hinzu, denn ſchon lange hatte ihr die Stimme zum Vorleſen verſagt.„Ich hoffte Dir eine angenehme Nachricht mittheilen zu können, und mache Dir jetzt nur Kummer!“ „Die abſcheuliche, nichtswürdige Perſon!“ rief Käth⸗ chen mit Thränen des Ingrimms!„Man ſollte ſie in ein Faß mit Nägeln ſperren und einen Berg herabrollen, wie Schneewittchens Mutter!“ „Sie hat ſich ſelbſt dadurch am meiſten geſchadet“, ſagte Hedwig, die zwar ſehr blaß geworden war, aber vollkommen trockene Augen behielt.„Sie hat ſich um eine Verſorgung für ihre alten Tage gebracht. Mich trifft damit jedoch kein Unglück, wenigſtens kein ver⸗ ſchuldetes. Ich bin ja Armuth und Abhängigkeit ge⸗ wöhnt, und der liebe Gott hat mich über Verdienſt be⸗ gnadigt, indem er mich aus dem verworfenen Vaga⸗ bundenleben herausriß, mir den Stab der Religion und den Segen der Arbeit gab, und die Vorbilder eines ehrbaren Wandels und liebe, treue Freundinnen an Ihnen, meine Wohlthäterinnen. Ich verliere ja nichts von dem, was ich jetzt habe, meinem einzigen beſten Reichthum“, ſagte ſie und legte die Hand auf ihr Herz. „Was mir ſonſt entgeht, das hab' ich ja nie gekannt, den Reichthum und das Wohlleben. Wenn mich nur der liebe Gott nicht verläßt und wenn mir der Himmel bleibſt, und das wirſt Du immer bleiben, mein liebes nur Sie erhält als meine lieben Freundinnen, und Herrn Otte als meinen Vormund und Berather, dann will ich mit meinem Looſe ganz zufrieden ſein. Und nicht wahr, Fräulein Valentin, Sie verſtoßen mich nicht?“ wandte ſie ſich an Julien. „Nein, fürwahr, mein Kind! Die Zuflucht, die Du bei uns gefunden haſt, iſt keine vorübergehende“, ver⸗ ſetzte Julie;„Du ſollſt bei uns eine Heimath haben, ſo lange Du unſerer Liebe und Freundſchaft würdig muthiges Kind!“ „Immer, immer, ſo wahr mir Gott helfe!“ ſagte Hedwig.„Mein gutes Gewiſſen und mein reiner Sinn, mein fleckenloſer Ruf und mein friſcher froher Muth ſind ja mein einziger Reichthum. Sie ſollenſehen, daß ich mich ſtets Ihrer Freundſchaft und Ihres Vertrauens würdig zeigen werde.“ „Ich weiß es, mein liebes Herz, und eben darum hätte ich Dir auch Dein äußeres Glück gegönnt“, ſagte Julie;„es giebt ſo wenig junge Mädchen, die deſſen ſo würdig wären wie Du, und Du hätteſt es wahrlich um Deinen alten Urgroßvater verdient.“ Auch Käthchen und Marie tröſteten die arme Waiſe mit Liebkoſungen und Betheuerungen ihrer treuen Freundſchaft und mit der Verſicherung, daß auch 40 Otte ihr ſeine Theilnahme immer bewahren, und daß ihn die Nachricht von der niederträchtigen Bosheit der Stransky und deren Folgen auf's tiefſte erſchüttern werde. „Ach“, ſprach Hedwig,„ſie iſt nicht ſo ſchuldig, als Sie meinen, liebe Fräulein! Ich allein trage die Hauptſchuld. Ich warf ihr vor, was ich einmal von einem Knechte meines Vaters gehört hatte, daß ſie ſchon im Zuchthaus geweſen ſei. Ich habe ſie ſchon als Kind gehaßt, weil ſie mich ſchlecht behandelt und mir meines Vaters Liebe geſtohlen hatte, deſſen einzig übriggeblie⸗ benes Kind ich war. Ich haßte ſie, weil ich ſie an der Stelle meiner armen Mutter ſah, der ſie doch in keiner Weiſe glich, und weil mir ihr ganzes Weſen zuwider war. Und als ich ſie an jenem Abend wieder ſah und ſie ſich mir noch ganz ſo zeigte, wie ſie ehedem geweſen, wo ſie mich hungern und in Lumpen einhergehen ließ, während ſie gut lebte und ſich aufputzte wie ein Pfau,— als ich an meinen armen Vater dachte, den ſie verlaſſen im Spitale ſterben ließ,— als ich jenes Morgens gedachte, wo ich mich allein und verlaſſen auf Lumpen und Stroh auf dem Speicher einer elenden Schenke befand und in lauter fremde Geſichter ſah,— da gingen mir Verſtand, Sitte Gott verzeihe mir's, abe und Chriſtenſinn und ich war nur von einer 888188888888088 41 „Das läßt ſich begreifen“, meinte Käthchen;„dieſer Ausbruch that Deinem gepreßten Herzen wohl, aber klug war er freilich nicht.“ „Und da ſie eine ſolch lügenhafte Perſon war, haſt Du ſicher auch nicht geglaubt, daß ſie die Wahrheit rede, nicht wahr?“ ſagte Marie. Hedwig ſchüttelte wehmüthig den Kopf.„Ich habe meinen Vater ſo lieb als es nur eines Kindes Pflicht iſt“, ſprach ſie ernſt;„aber Gott verzeihe ihm das Un⸗ recht, das er an dem Andenken meiner armen ſanften Mutter beging, als er jenes verworfene Weib zu ſich nahm, und die Schwäche, daß er die Papiere, welche mein Schickſal und die Abkunft meiner Mutter betrafen, nicht beſſeren und reineren Händen anvertraute. Aber nun laſſen Sie uns dieſe Geſchichte hinter uns werfen. Was mir der Himmel beſtimmt hat, wird mir doch wohl noch zu Theil werden auch ohne Lisbeth's Ver⸗ mittlung!“ „Amen“, ſagte Käthchen;„es ſteht ja ſchon in der Schrift, daß der liebe Gott ein Vater der Waiſen ſein wolle.“ „Er war es mir ſeither, w ch dankend rühmen muß“ entgegnete Hedwig. „Aber was willſt Du wegen der Eliſabeth Stransky 42 thun, Hedwig?“ fragte Marie.„Willſt Du nicht darauf antragen, daß ſie in Unterſuchung gezogen und für ihre Frevelthat tüchtig beſtraft werde?“ „Ich würde ihr die irdiſche Strafe erlaſſen, liebes Fräulein, denn die Buße dafür innerlich und äußerlich wird nicht ausbleiben. Aber ich beſcheide mich in dieſen Dingen, welche ich nicht verſtehe, diejenigen für mich handeln zu laſſen, welche mir wohlwollen und derlei Angelegenheiten beſſer verſtehen, als ich. Herr Otte und Herr Gladiſch werden nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen für mich handeln, und ich werde morgen früh zu dem Herrn Juſtizrath gehen.“—— Herr Gladiſch beantragte natürlich die Verhaftung der Eliſabeth Stransky und eine ſtrenge Unterſuchung gegen dieſelbe, in der Hoffnung dadurch auf Thatſachen oder Quellen zu gelangen, woraus man die erforder⸗ lichen Nachweiſe über Hedwig's Verwandtſchaft mit dem verſtorbenen Maruſchke genügend darthun könne, denn daß Hedwig wirklich die Urenkeltochter deſſelben war, davon hatte ſelbſt das Gericht die moraliſche Ueberzeu⸗ gung. Allein ſei es, daß die verhaftete Stransky wirk⸗ lich den Werth und Inhalt der betreffenden Papiere nicht kannte, weil ſie wirklich nicht leſen und ſchreiben konnte, ſei es, daß ſie nichts eingeſtehen wollte,— es ——— 43 kam nichts zu Tage, was die Angelegenheiten Hedwig's irgend erheblich gefördert hätte. Der Nachlaß des alten Wucherers hatte einen ſehr bedeutenden Werth erreicht und lag in der Bank depo⸗ nirt; ſein Haus, ſeine ganze Verlaſſenſchaft war ver⸗ ſteigert, der übliche Aufruf an etwaige Gläubiger und Inteſtaterben erlaſſen worden, und es waren darauf auch einige Anmeldungen von ſehr entfernten Seiten⸗ verwandten, jedoch keine von ſeinen Gläubigern einge⸗ laufen. Gladiſch hatte in Otte's Auftrag eine Auffor⸗ derung an Alle erlaſſen, welche über die näheren Lebens⸗ umſtände und Beziehungen von Hedwig's Mutter und Großmutter irgend etwas anzugeben wüßten und für jede zweckentſprechende und genügend beglaubigte Nach⸗ richt eine Belohnung zugeſagt; allein ſelbſt nach Wochen war keine irgend brauchbare Notiz eingekommen, und das Gericht mußte jetzt der geſetzlichen Vorſchrift genügen und einen endgültigen Termin ausſchreiben, innerhalb deſſen die Anſprüche der vermeintlich Erbberechtigten eingereicht werden ſollten, um hernach die Vertheilung der Hinterlaſſenſchaft nach den Beſtimmungen des landes⸗ üblichen Erbrechts vorzunehmen. Otte war noch in Paris, bis über die Ohren in Geſchäften verſenkt, allein dennoch ſtand er mit Juſtizrath Gladiſch in faſt täg⸗ lichem Briefwechſel, um demſelben die Materialien zu 44 einer Ausführung der Erbanſprüche Hedwig's zu liefern. Das Gerücht von der reichen Erbſchaft, welche dem jungen Mädchen zu entgehen drohte, hatte die arme Waiſe der öffentlichen Theilnahme ſehr nahe gerückt. Die Damen der Stadt wollten ſie alle ſehen, und be⸗ ſuchten den Laden der Geſchwiſter Valentin eifrig, um dort Beſtellungen und Einkäufe zu machen und ſich Hedwig, das Wundermädchen, vorſtellen zu laſſen. Herr Schwindel, der Beſitzer des Café anglais, hatte Hedwig mit einem Gehalt von fünfhundert Thalern und freier Station vergebens als Dame du comptoir zu engagiren geſucht, um ſeinem Etabliſſement einen gewiſſen An⸗ ziehungspunct zu geben; und täglich machten Dutzende von jungen Herren aus allen Ständen auf dem Neu⸗ markt Fenſterparade und ſahen ſich die Augen aus dem Kopfe, um hinter den hellgrünen Vorſetzern der Fenſter des Entreſols, wo die Putzmamſells arbeiteten, das niedliche Schwarzköpfchen Hedwig's zu erblicken. Täglich lief wohl ein Dutzend Liebesbriefe an Hedwig von jungen Männern ein, die an die Möglichkeit glaubten, daß das Mädchen doch noch der Erbſchaft theilhaftig werde. Allein Julie, welcher daran gelegen war dem liebgewordenen Kinde ſeine Unbefangenheit zu bewahren, hatte ſie auf das Unzarte und Auſ⸗ 45 dringliche ſolcher Zuſchriften aufmerkſam gemacht und von Hedwig Erlaubniß erhalten, alle Zuſchriften an ihre Adreſſe zu öffnen und wenn dieſelben dieſen Gegen⸗ ſtand berührten, ſie dem Feuer zu überantworten, ohne daß Hedwig ſie las. Manche der Vermögensjäger, die ſich hier„auf dieſem nicht mehr ungewöhnlichen Wege“ näherten, hatten ſogar die— Naivetät gehabt, das photographiſche Konterfei ihrer unbedeutenden Per⸗ ſönlichkeit beizulegen. So war die Zeit ſchon ſo weit vorgeſchritten, daß an dem vom Gericht feſtgeſetzten ausſchließenden Termine nur noch zwei Tage fehlten, ohne daß Gladiſch im Stande geweſen wäre, die geſetzlich vollgültigen Beweiſe für Hedwig's Verwandtſchaft mit dem verſtorbenen Maruſchke beizubringen und ihre Eigenſchaft als Miterbin daher auf ſehr ſchwanken Füßen ſtand. Da erſchienen eines Tages der Kammerrath von Magnus, ſein Bruder Jonas und deren Buchhalter Döbner, der Schloſſermeiſter Finke und der Markthelfer Arndt auf dem Stadtgericht und deponirten bei Eid und Pflicht Folgendes: Jonas Magnus hatte in der Verſteigerung des alten Maruſchke die alte, ſehr ſchwere und feſte ei⸗ ſerne Geldeaſſe erſtanden und nach ſeinem Comptoir bringen laſſen, wo ſie in einer gemauerten Niſche eingefügt werden ſollte. An dieſem Morgen nun war 46 der Schloſſermeiſter Finke gerufen worden, um die Caſſe mittelſt durchlaufender Stangen oder Bänder an die Mauer zu befeſtigen, zu welchem Ende die Rückwand der Caſſe durchbohrt werden ſollte. Als der Schloſſer ſeine Arbeit beginnen wollte, entdeckte er in der Caſſe ein ſinnreich angebrachtes geheimes Fach, welches darin beſtand, daß die eiſerne Rückwand doppelt oder vielmehr in derſelben eine Art Caſſette von etwa zwölf Zoll Höhe und acht Zoll Breite eingelaſſen war, die ſich mittelſt eines Scharnierbandes öffnete und eine Weite von vier bis fünf Linien hatte. Der Meiſter wunderte ſich, daß die beiden Brüder Magnus von der Exiſtenz dieſes ge⸗ heimen Faches nichts wußten, und bewies ihnen, daß daſ⸗ ſelbe Papiere enthielt, die nun herausgenommen und ge⸗ prüft wurden, ſich als ſolche aus der Nachlaſſenſchaft des alten Maruſchke erwieſen und hiermit zu Gerichtshanden gegeben wurden, worauf die vor Gericht Erſchienenen die Wahrheit des Thatbeſtandes eidlich erhärteten. Die Oeffnung des Fascikels dieſer Papiere, welche die Auf⸗ ſchrift hatten:„die inliegenden Pfandbriefe habe ich meiner Hausgenoſſin und Pflegetochter Hedwig Schulz zur Mitgift beſtimmt, falls ich plötzlich und ohne Teſta⸗ ment ſterben ſollte“,— ergab zunächſt zwölf ſtädtiſche Pfandbriefe von je tauſend Thalern au porteur, jede mit einer ausdrücklichen ſchriftlichen Ceſſion an Hedwig 47 Schulz verſehen, und das Datum der Ceſſion wies auf die Zeit, wo der Greis durch den Tod der alten Marthe tiefer erſchüttert war, als er es hatte zu Tage treten laſſen. Sodann aber lag dabei noch, in einen rothen Conceptbogen eingeſchlagen, ein Schriftſtück worin der Verſtorbene Hedwig förmlich als ſeine Urenkelin aner⸗ kannte und auf Pflicht und Gewiſſen betheuerte, daß er dieſelbe ſeither nur darum nicht anerkannt habe, weil er gefürchtet, von deren Verwandten väterlicherſeits ge⸗ brandſchatzt zu werden, falls er dieß thäte. In dieſem Bogen ſteckte noch ein anderes, zuſammengefaltetes Papier, welches offenbar nachträglich und eilig hinein geſchoben worden war und das ein eigenhändig ge⸗ ſchriebenes Teſtament des verſtorbenen Maruſchke ent⸗ hielt, worin er ſich als Johann Elias Schmidt alias Joſeph Maruſchke ſammt Angabe ſeines Geburtsortes und Datum bekannte, und unter Beifügung der Codi⸗ cillarklauſel ſeine Urenkelin Hedwig Schulz zur alleinigen und ausſchließlichen Univerſalerbin ſeiner ganzen Ver⸗ laſſenſchaft einſetzte mit der Verpflichtung, denjenigen ſeiner Concursgläubiger, die etwa noch zu ermitteln wären, mit Capital und einfachen Zinſen für den Be⸗ trag ihrer Anſprüche gerecht zu werden, falls er nicht durch eine ſpätere legale Verfügung anders beſtimme. Da aber dieß holographe Teſtament ſeinem Datum nach 48 nur zwei Tage vor ſeinem Tode geſchrieben war, ſo durfte die letztere Möglichkeit kaum zur Actualität ge⸗ worden ſein. Die Perſönlichkeit der Männer, in deren Beſitz die Geldeaſſe bis zur Zeit der Auffindung des geheimen Faches geweſen war,— die Beziehungen des Kammer⸗ raths von Magnus zu dem alten Maruſchke, an deſſen Maſſe derſelbe dreißigtauſend Thaler für einen gefälſchten Wechſel ſeines Sohnes gezahlt hatte,— die begleitenden Umſtände des Fundes und der Inhalt der betreffenden Papiere und des Teſtaments ſelbſt,— alles das ſchloß mit einem Male jede Wahrſcheinlichkeit einer Anfech⸗ tung der Gültigkeit dieſes Teſtaments aus, und der Stadtrichter beglückwünſchte Hedwig, die er hatte vor⸗ laden laſſen, noch am ſelben Tage offen als Erbin der bedeutenden Nachlaſſenſchaft, und erſuchte ſie, ihrem Vor⸗ mund davon Nachricht zu geben. Hedwig that dieß in einem rührenden Briefe, worin ſie ihre ganze Zukunft in Otte's Hand legte und ihn bat, mit ihr und ihrem Vermögen nach Gutdünken zu ſchalten, und es mit ihr zu theilen. Otte aber antwortete: „Meine liebe Mündel! „Noch ſind Sie nicht mündig, und daher zur Ver⸗ fügung über Ihr Vermögen nicht berechtigt. Aber ich lege Ihnen an's Herz, den Mann, deſſen ſel⸗ —— — 5 * b — 49 tener Rechtſchaffenheit Sie Ihr Vermögen und Erbe verdanken, den Kammerrath Magnus, nicht zu vergeſſen. Erſetzen Sie ihm am Tage, wo Sie volljährig werden, die dreißigtauſend Thaler, welche er für ſeinen Sohn an die Erbmaſſe Ihres Ur⸗ großvaters bezahlen mußte. Das iſt die größte Freude, die Sie mir machen können. Schreiben Sie ihm dieß. Ihnen wird neben dem Bewußt⸗ ſein einer treu erfüllten Pflicht auch noch der Se⸗ gen Gottes dafür zu Theil werden!— Dem Herrn Juſtizrath Gladiſch aber, der als mein Bevoll⸗ mächtigter noch geraume Zeit für mich wird han⸗ deln müſſen, da mein hieſiger Aufenthalt noch einige Monate währen kann, habe ich bereits das Erſuchen geſtellt, daß er für Sie eine Stelle als Zögling in dem großherzoglichen Inſtitut in Mann⸗ heim auswirke, damit Ihre Erziehung auf eine Art vollendet werde, wie ſie Ihrer künftigen Stel⸗ lung im Leben entſpricht, und wie es Ihre vor⸗ züglichen Gaben verdienen“ und ſo weiter. Hedwig ergab ſich freudig in dieſe Verfügungen ihres Vormundes, und wurde ſchon wenige Tage ſpäter von einer älteren Dame, welche Gladiſch hiermit beauf⸗ tragt hatte, an ihren neuen Beſtimmungsort gebracht. In die unausſprechliche Wehmuth des Ahſchieds von Mylius, Ein Meteor der Börſe. III. 4 den drei Schweſtern Valentin und deren Mutter drang für Hedwig der tröſtliche Sonnenblick: der Ge⸗ danke, nun ihrem Wiſſensdrang, ihrem glühenden Ver⸗ langen nach geiſtiger Fortbildung Genüge geleiſtet zu ſehen. — Viertes Kapitel. Der Winter wich dem Frühlinge, die Kaſta⸗ nienbäume der Pariſer Bo ulevards begannen zu knoſ⸗ pen, als eines Abends, kurz bevor die Gasflammen dieſer belebten Durchfahrten angezündet wurden, ein Fiaker vor einem ſehr hübſchen Hauſe am weſtlichen Ende der Rue Rivoli hält, und ein junger Mann unſere Bekannte Julie Valentin heraushebt. Beide verge⸗ wiſſern ſich der Hausnummer, der junge Herr zieht dann die Klingelſchnur und ruft in die Loge des Haus⸗ hofmeiſters hinein:„Monsieur de Motter?“ „Au troisieme, im dritten Stockwerk, verſetzt der Thürhüter, und giebt mit einer Handbewegung dem Paare die Erlaubniß hinaufzugehen. Oben werden ſie von einem kleinen Pagen em⸗ pfangen, und Julie bittet dieſen, dem Herrn Major 52 von Dotter Herrn Fritz Hoffmann, 7. rue de la Douane, und Mademoiſelle Julie Valentin aus N. zu melden. Der Page ſcheint zu zaudern und bedeutet die Gäſte, daß die Herrſchaft ſo eben dinirt habe und wahrſchein⸗ lich noch niemand empfangen werde. Da erſcheint plötzlich am Ende des Flurs ein ſchnurbärtiger Kopf in einer weißen Kochmütze, und dieſem Kopf folgt die ganze, in weißen Kittel und Kochſchürze gekleidete Geſtalt Albrechts, des ehemaligen Burſchen des Haupt⸗ manns Dotter, der mit einem Freudenrufe herbei⸗ ſtürzt, den kleinen„Tiger“ mit einem Stoß beiſeite dreht und ausruft:„Na, alle Donnerwetter, Fräulein Valentin, iſt's denn die Möglichkeit? Sie hier? Ja, was Schwerenoth thun Sie denn hier? Alle Blitz', wie wird das den gnädigen Herrn freuen! Sie haben ge⸗ wiß ein Anliegen an ihn, wie?“ „Allerdings, Albrecht, und ein dringendes“, ent⸗ gegnete Julie und überließ dem treuen Burſchen ihre Hand ohne Furcht für die Reinheit ihres Glacéhandſchuhs. „Bitte, melden Sie mich Herrn von Dotter und ſagen Sie ihm, ich käme ihn um Verwendung zu bitten für den guten Herrn Otte, der hier... in großer Gefahr iſt!“ „In Gefahr?“ rief Albrecht.„Herrgott, wie Sie mich erſchrecken! Was iſt denn mit ihm, dieſem grund⸗ braven wackern Herrn?“ 53 „Sagen Sie Ihrem Herrn, Herr Otte ſitze in Clichy— Clichy, hören Sie?— Dann wird er alles begreifen“, ſagte Fritz Hoffmann. „Wie? Was?“ rief Albrecht. Der eingeſponnen? Der bravſte Kerl? Ei, da ſoll ja doch gleich ein Kreuz Millionen... Aber was hat er denn gethan?“ „Er iſt unſchuldig in eine ſebr ſchlimme Lage ge⸗ kommen“, ſagte Julie mit unwillkürlich überſtrömenden Augen;„aber bitte, Albrecht, melden Sie uns doch dem Herrn— es iſt keine Zeit zu verlieren!“ „Ach ja, freilich, freilich! Man nur hier herein, meine Herrſchaften!“ ſagte Albrecht und ſtieß die Thüre des Empfangszimmers auf.„Nichts für ungut; ich werde Sie e aber die ſoll ja gleich ein S Donnerwetter. Kaum hatten Julie und ihr Begleiter Platz ge⸗ nommen, ſo kam aus einer andern Thüre Herr von Dotter verſtört und erſchrocken hereingeſtürzt.„Wie, Fräulein Valentin, iſt es wirklich wahr?“ fragte er mit bewegter Stimme und drückte ihr die Hand, wäh⸗ rend er ſich gegen Fritz Hoffmann nur flüchtig ver⸗ beugte.„Iſt es denn wirklich wahr, daß der wackere Heinrich Otte hier im Schuldthurm ſitzt? Wie iſt dieß möglich? Wie iſt dieß gekommen? Wie kommen Sie hieher und wie haben Sie mich aufgefunden?“ 54 „Das will ich Ihnen alles erzählen, Herr Major, aber über die Geſchichte mit dem Wechſel wird Ihnen Herr Hoffmann, ein hieſiger Kaufmann, und Freund meiner Brüder und unſer alter lieber Hausgenoſſe, beſſere Auskunft zu geben wiſſen, als ich!“ „Sie kennen alſo Otte auch?“ fragte Dotter, und drückte Hoffmann die Hand.„Entſchuldigen Sie meinen Mangel an Ceremvniell in dieſem Augenblick, aber ſagen Sie mir Alles!“ „Ich bin ein alter Bekannter von Otte, und in den drei Monaten ſeines hieſigen Aufenthalts oft mit ihm beiſammen geweſen“, ſagte Hoffmann;„ich habe ihn auch in Clichy beſucht und ungefähr Folgendes er— fahren. Otte kam, wie Sie vielleicht ſchon wiſſen, hie⸗ her um die ruinöſen Angelegenheiten des hieſigen Com⸗ manditegeſchäfts ſeiner Principale zu ordnen, was er auch mit muſterhafter Umſicht gethan hat. Als Alles in Ordnung war und Otte wieder nach Hauſe reiſen wollte, ſchrieb ihm Auheim, er ſolle noch einige Wochen hier bleiben und die Geſchäfte fortführen. Rückſichten auf ſeinen Credit legten ihm die Pflicht auf, zu be⸗ weiſen, daß die beiden Geſchäfte in Paris und N. noch auf ſolidem Fuße ſtänden. Er habe Mittel gefunden, ſich aus allen Gefahren der augenblicklichen Kriſis her⸗ auszuwinden. Er ſolle eine Sendung Werthpapiere, —— 55 die er demnächſt erhalten werde, irgendwo bei einem großen Banquier deponiren und mit den ſo erzielten Mitteln wieder Geſchäfte in bezeichneter Richtung ma⸗ chen und die auf das pariſer Haus gezogenen Wechſel decken. Nun kamen Tratten über Tratten von dem Hauſe in N., bis die Caſſe erſchöpft war, und Auheim ſchrieb: Ziehen Sie nun auf N., und machen Sie ſich Geld! Ich muß dieſe Operation machen, um an der Börſe zu beweiſen, daß wir noch auf den Beinen ſtehen! Mehrere Wochen ging alles glatt, es wurden hier wie in N. alle Tratten prompt eingelöſt. Dann ſchrieb Auheim indem er neue Effecten ſchickte: Hier haben Sie Blancvaccepte von mir, endoſſiren Sie ſolche mit Ihrer eigenen Unterſchrift und verkaufen Sie dieſelben, damit Sie wieder Caſſe haben; ich werde eine große Summe auf kurze Friſt auf Sie ziehen! Otte ſträubte ſich dagegen, denn die ganze Procedur war offenbar Wechſelreiterei, reiner Schwindel, wie er keinem ſoliden Geſchäftsmann einfallen ſollte. Allein eines Tages iſt ſeine Caſſe leer, und man präſentirt ihm neue Tratten. Kann er nicht bezahlen, ſo droht das Schlimmſte. In einem Kampf mit ſich ſelbſt, will er doch dem ihm ge⸗ wordenen Vertrauen ſeines Principals nicht zuwider⸗ handeln und deſſen ſchwachen Credit gefährden; er ſetzt alſo ſeinen Namen unter einige der Blancoaccepte, die ihm Auheim eingeſchickt hatte, verkauft die Wechſel und deckt damit die Tratten aus N. Auheim— viel⸗ leicht momentan ſelbſt im Gedränge oder inſolvent— löſt dieſe Tratten nicht ein, wirft den Argwohn dar⸗ auf, daß ſie vielleicht gefälſcht ſeien, und dieſe Wechſel kommen hierher zurück. Otte, der gar keine Ahnung davon hat, was ein Lelegramm beſagen will, das ihn alsbald nach Deutſchland zurückberuft, wird verhaftet, als er in den Eiſenbahnwagen ſteigen will, und hat es nur den energiſchen Schritten eines jungen Advocaten, dem er ſich anvertraute, zu danken, daß er nur als inſol⸗ venter Wechſelſchuldner und nicht als Wechſelfälſcher behandelt wird. Aber er iſt in Clichy ſtreng bewacht, als ob man ihn doch für ſchuldig halte.“ „Und ſeit wann ſitzt er in Elichy?“ rief Dotter tief erſchüttert. „Seit vorgeſtern Morgen!“ „Und wie ſtark iſt die Summe?..“ „Im Ganzen in fünf Abſchnitten, die noch nicht alle verfallen ſind, hundert und zwanzigtauſend Fran⸗ ken“, ſagte Fritz Hoffmann. „Um Himmelswillen, welche Summe!“ rief Herr von Dotter.„Doch gleichviel, ich will thun, was in meinen Kräften ſteht!“ Julie Valentin hatte Herrn von Dotter aus in⸗ Sera niger Freude über die zugeſicherte Hilfe inbrünſtig die Hand gedrückt und rief nun mit ſehr erleichtertem Herzen ihrem Begleiter zu:„Ach, nun wird noch alles gut, lieber Frit! Ich wußte ja, daß, nachdem wir erſt Herrn von Dotter aufgefunden haben, der gute Otte gerettet ſein würde!“ „Dieß freundliche Zutrauen Ihrerſeits ehrt mich ſehr, liebes Fräulein“, entgegnete Herr von Dotter; —%ich werde ihm zu entſprechen ſuchen, ſo gut ich kann, aber bedenken Sie nur die ungeheure Höhe dieſes Betrags. Doch davon hernach! Sagen Sie mir nur, wie Sie, mein Fräulein, die ich ruhig bei Ihrem Be⸗ rufe in der Hauptſtadt einer fernen deutſchen Provinz vermuthete, ſo unverſehens hier auftauchten und mich aufgefunden haben?“ „O, das iſt ſehr einfach“, ſagte Julie mit einem Blick auf Fritz Hoffmann und lächelte wieder freund⸗ licher. „Aha, Sie ſind verheirathet, und dieſer Herr iſt Ihr Gemahl?“.. „Nein, nein, entfernt nicht!“ entgegnete Julie mit einem komiſchen Eifer.„Ich bin nur hier, um Einkäufe für die Sommerſaiſon zu machen.“ Und nun erzählte ſie ihm mit einer wahren Freude, bei dieſer Gelegenheit Otte's Lob zu verkünden zu können, wie dieſer den Schwe⸗ ſtern das Gutmann'ſche Haus am Neumarkte verſchafft habe, damit ſie ihr Geſchäft erweitern könnten; wie ſie vergangenen Herbſt auf ſein Anrathen zum erſten Mal perſönlich nach Paris gegangen ſei, um Modelle von Hüten, Hauben und anderen Putzartikeln und ſonſtige Einkäufe zu machen, und wie ſich in Folge davon und vermöge des neuen geräumigen Ladens das Geſchäft ſo ſehr gehoben habe, daß ſie jetzt wieder gekommen ſei, um Einkäufe in Früjahrs⸗ und Sommerartikeln zu machen und eine dauernde Verbindung anzuknüpfen, wozu ihr Herr Hoffmann, welcher ſein eigenes Geſchäft als Commiſſär und Fourniſſeur habe, bereitwilligſt und mit Umſicht behilflich geweſen ſei.—„So bin ich denn vorgeſtern früh hier angekommen, voller Freude, unſern treuen wackern Freund Otte wieder zu ſehen, welcher ſchon ſeit mehr als einem Vierteljahr hier iſt. Mein erſter Gang, nachdem ich mir ein Zimmer im Hotel Rougemont genommen und mich etwas ausge⸗ ruht hatte, galt ihm, aber denken Sie ſich meinen Schreck, als ich hörte, er ſei durch ein Telegramm des Herrn Auheim nach Deutſchland zurückberufen und auf dem Straßburger Bahnhof verhaftet worden, als er gerade im Begriff geweſen, ſeine Rückreiſe anzutreten. Der Menſch, welcher mir dieß ſagte, lächelte dabei ſo ſchlau und ſchadenfroh, daß ich einen unverſöhnlichen — 59 Haß auf ihn geworfen habe“, fuhr ſie fort und ihr Ton verrieth noch ganz die Entrüſtung und den In⸗ grimm, welche bei der Erinnerung an jenen Auftritt in ihr aufſtiegen.„Ich fuhr daher von dem Comptoir aus ſogleich zu unſerm Freunde Fritz Hoffmann hier, brachte ihm die Schreckensbotſchaft, welche dieſe Nachricht für mich war und bat ihn um ſeinen Beiſtand, um ſeine Verwendung, und der treffliche Menſch ließ ſogleich alles liegen und ſtehen, um mir zu helfen und die nöthigen Schritte zu thun, um den armen Otte aus dieſer Ver⸗ legenheit zu befreien.“ „Leider iſt mir bis jetzt noch nichts gelungen, was gegründete Ausſicht gäbe, Herrn Otte freizumachen“, ſagte Fritz Hoffmann erläuternd.„Ich fuhr zunächſt mit Fräulein Valentin wieder nach dem Comptoir von Auheim und von Magnus zurück, um von Ungar, dem früheren Procuriſten der hieſigen Commandite dieſer Firma, genaue Auskunft zu bekommen, um was für eine Art Verhaftung es ſich handle, und erfuhr nun, es ſei einſtweilen Wechſel- oder Schuldhaft, allein es könnte möglicherweiſe auch eine Criminalhaft daraus entſtehen, da einiger Verdacht vorliege, daß die Wechſel, welche Herr Otte verkauft habe, gefälſcht ſeien. Nun muß ich Ihnen beiläufig bemerken“, fuhr Hoffmann fort,„daß dieſer Herr Ungar eine höchſt zweideutige 60 und wenig geachtete oder achtbare Perſönlichkeit iſt,— ein frecher, zudringlicher, anmaßender Judenbengel, der hier zuerſt als angeblicher ungariſcher Flüchtling auf⸗ trat, ſich nur an junge Verſchwender und Roués an⸗ drängte und ihre Ausſchweifungen theilte, und der na⸗ mentlich bei dem entwichenen jungen Herrn von Mag⸗ nus ſozuſagen den böſen Genius ſpielte und ihn zur Verſchwendung und einer Menge wilder Speculationen antrieb. Dieſer Ungar, von deſſen Charakterloſigkeit jede Gemeinheit oder Tücke zu erwarten oder zu befürchten iſt, hegt einen bittern Haß für Otte, weil dieſer ihm in Auheim's Auftrag die Führung des Geſchäfts ab⸗ nahm, und mir graute ordentlich vor dem Elenden, als ich die Befriedigung aus ſeinem Geſichte leuchten ſah, mit welcher er mir die Verhaftung ſeines nunmehrigen Vorgeſetzten erzählte. Nachdem ich mit Mühe erfahren, daß es ſich um Wechſel handle, welche Otte auf Auheim in N. abgegeben und bei dem Bankhauſe R. E. ver⸗ kauft hatte, fuhr ich dorthin und bat um Auskunft, die mir denn auch zu Theil ward. Die Wechſel ſind wegen Mangel an Zahlung mit der Verwahrung zurückgekommen, ſie ſcheinen nicht conform zu gehen, Herr Auheim ſei abweſend und müſſe erſt ſeine Unterſchrift und Accept als echt anerkennen, bevor die Tratten honorirt wür⸗ den. Dieß iſt, nach kaufmänniſcher Auffaſſung, unge⸗ 6¹ fähr gleichbedeutend mit der offenen Erklärung: die Wechſel ſind gefälſcht. Der Bureauchef des Hauſes R. E. begab ſich mit den beiden recuſirten Tratten auf das Comptoir von Auheim und von Magnus, um den ihm perſönlich wohlbekannten Otte aufzuſuchen, dem er keine ſolche Niederträchtigkeit wie eine Wechſelfälſchung zutraute, und von dem er ſich Aufklärung über dieſen räthſelhaften Fall und die Deckung der Beträge erbitten wollte. Da hörte er auf dem Comptoir deſſelben daß Otte ſoeben ein Telegramm erhalten habe, was ihn ſchleunigſt nach Deutſchland zurückberufe. Dieß erweckte in dem Bureauchef den dringendſten, durch Ungar vielleicht noch ſchlau genährten Verdacht eines großärtigen Betrugs, mit deſſen Ertrag ſich Otte nun flüchten wolle, er ſetzte ihm nach und ereilte ihn noch in dem Moment, wo der Courierzug abgehen wollte und ließ ihn verhaften. Du lieber Gott! Bei der Häufigkeit ſolcher Vorfälle in einer Stadt wie Pa⸗ ris konnte Herr Roſenthal, der Bureauchef von R. E., nicht anders handeln, wie ich wohl begreife, denn alle Anzeichen waren gegen Otte. Dieſer ward alſo zunächſt auf die Polizeipräfectur gebracht und viſitirt— aber man fand bei ihm außer ſeiner Reiſekarte kaum einige hundert Franken in Gold, und keinerlei Werthpapiere, dagegen einige leere Wechſelformulare mit Blancoaccep⸗ 62 ten der Firma Auheim und Magnus in N., ganz iden⸗ tiſch mit denjenigen, welche Otte bei R. E. hatte dis⸗ contiren laſſen. Er blieb einſtweilen in polizeilicher Haft, um den Gerichten zu weiterer Unterſuchung der Sache übergeben zu werden. Ich wollte ihn noch geſtern Abend und heute früh ſprechen, um zu erfahren, was ſich für ihn thun laſſe, allein ich ward nicht zu ihm gelaſſen, und ſo gelang es mir nur, einen ſehr tüchtigen jüngern Advocaten zu vermögen, daß er als Verthei⸗ diger und Berather meines unglücklichen Freundes auf⸗ trete und bei demſelben Zutritt erlange. Durch die⸗ ſen haben wir uns mit Otte in's Vernehmen geſetzt und ihn wiſſen laſſen, daß Fräulein Julie Valentin hier iſt, und daß Alles aufgeboten werden ſoll, um ihn zu retten und zu befreien.“ „Und Herr Otte iſt bereits nach Clichy gebracht?“ fragte Herr von Dotter lebhaft, welcher der ganzen Erzählung mit großem Intereſſe gefolgt war. „Noch nicht— der Advocat, Jules Favre mit Namen, hat eigentlich erſt heute etwas mehr für ihn thun können, denn geſtern war es zu ſpät zu Allem, und man hatte Otte'n ſogar Schreibmaterialien ver⸗ weigert, um an Auheim ſchreiben und ihn auffordern zu können, ihn aus dieſer Verlegenheit zu befreien. Herr Favre erklärte uns aber, der günſtigſte Fall, wel⸗ P 63 cher den verhafteten Otte treffen könne, falls man ihn nicht auslöſe, ſei eine einſtweilige Einſperrung in Clichy.“ „Und was iſt heute für ihn geſchehen?“ rief Herr von Dotter. „Ich weiß es noch nicht“, verſetzte Hoffmann,„ich war ſchon dreimal bei ihm, ohne ihn zu treffen, und als ich von dem letzten vergeblichen Gange zu ihm nach Hauſe zurückkehrte, fand ich daſelbſt Fräulein Va⸗ lentin, welche mich ſeit zwei Stunden in fieberiſcher Ungeduld erwartete, um mir die Kunde zu bringen, daß Sie hier ſeien, und mir den Vorſchlag zu machen, ſo⸗ gleich Ihre Hilfe und Ihren Rath in Anſpruch zu nehmen.“ „Aber woher erfuhren Sie denn, daß ich hier bin, Fräulein Valentin?“ fragte Herr von Dotter.„Ich bin ja erſt vor drei Tagen hier angekommen und habe erſt geſtern dieſe Wohnung bezogen. Wir haben noch gar keine Beſuche gemacht, und beinahe niemand weiß um unſere Anweſenheit.“ „Ich verdanke die erfreuliche Gewißheit Ihrer Nähe einem Zufall, den ich beinahe für eine Fügung der Vorſehung betrachten möchte“, entgegnete Julie. „Ich ſah Sie heute in dem großen Modenmagazine der Chauſſee d'Antin mit einer Dame, die ich für Ihre Verlobte oder Neuvermählte hielt...“ 64 „In der That, es iſt meine junge Frau, welche ich Ihnen ſogleich vorſtellen werde“, fiel Herr von Dotter ihr ins Wort;„aber warum redeten Sie mich nicht ſogleich an? Wie kamen Sie in jenes Magazin?“ „Ich hatte mir vorgenommen, geſtern Abend ſchon meine Einkäufe zu beſchleunigen, um ſogleich nach Hauſe zu reiſen und Otte's Freunde, Herrn Karl Wer⸗ ner und Obriſtlieutenant Richartz, perſönlich um Hilfe 5 anzugehen, denn Briefe beſagen ja ſo wenig. Während 8 Freund Hoffmann hier in ganz Paris herumlief, um ſich für unſern armen Freund Otte zu verwenden, und es durchaus nicht dulden wollte, daß ich den Betrag meines Creditbriefs und mein bischen baares Geld zu Gunſten Otte's verwendete, weil er ſicher dieß nicht an⸗ nehmen und dieſes Opfer auch ganz vergeblich ſein würde, ging ich alſo meinen Geſchäften nach und machte meine Einkäufe. Gott weiß, wie ſehr ich mich zuſam⸗ mennehmen mußte, um mit Umſicht zu verfahren, denn mir war gar nicht ſo unternehmend zu Muthe, wie ich es gehofft und gewünſcht hatte. Ich war mit den ſchönſten Erwartungen nach Paris gekommen, hatte mich ſo ſehr auf das Wiederſehen unſers Wohlthäters ge⸗ freut. Wie ich nun in dem Modenmagazin an der Caſſe ſitze und zerſtreut mit blödem Kopfe die Factur über meine Einkäufe nachrechne, bevor ich bezahle, da — treten ein Herr und eine Dame heran, um ebenfalls ihre gemachten Einkäufe zu bezahlen. Das waren Sie und Ihre junge Frau, Herr von Dotter! Ich höre Ihre Stimme, und erkenne Sie daran,— denn in der That, außerdem hätte ich Sie kaum wieder erkannt, da ich Sie ſtets nur in Uniform geſehen!— Ich will ſchon auf Sie zuſtürzen und Sie begrüßen und mit dem furchtbaren Ereigniß vertraut machen,— da fällt mein Blick auf die feine zarte Dame, und— ich habe den Muth nicht, Sie anzureden. Was hätte die Dame da⸗ von denken müſſen, wenn ſo unverſehens ein landfrem⸗ des Mädchen, das kaum einige Worte Franzöſiſch rade⸗ brecht, Sie Deutſch angeredet hätte?“ „Ah, ich bin Ihnen für dieſes Zartgefühl und dieſen feinen Tact ſehr verbunden, mein Fräulein!“ rief Herr von Dotter und drückte Julien die Hand. „Und Sie gingen mir alſo nach, um meine Wohnung zu erfahren?“ „O bewahre, Herr Major, das war ja gar nicht nöthig“, ſagte Julie;„ich hörte ja, wie Sie dem Caſ⸗ ſier Ihre Adreſſe und Wohnung dictirten und ihn ba⸗ ten, die gekauften Waaren dorthin bringen und den Reſt des Betrages abholen zu laſſen. Ich notirte mir ſogleich Ihre Adreſſe, erledigte vollends mein Geſchäft, und eilte zu Heyrn Hoffmann hier, um ihn um ſeine Mylius, Ein Meteor der Börſe. III. 5 66 Begleitung zu bitten, damit wenigens mein Erſcheinen in Ihrer Wohnung kein Aufſehen errege.“ „Ich danke Ihnen herzlich, mein werthes Fräulein“, ſagte Herr von Dotter,„erlauben Sie mir nun, daß ich Ihnen meine liebe Frau vorſtelle!“ Einige Minuten ſpäter führte er ſeine Frau herein, eine hübſche Blondine, groß, ſchlank, ätheriſch zart, mit wunder⸗ lieblichen ſanften blauen Augen und einer unend⸗ lichen Herzensgüte in den Zügen,— eines jener an⸗ muthigen naiven Geſichter, wie ſie die niederländiſchen Maler ſeit van Eycks Zeiten als Vorwurf zu ihren Madonnen und Heiligen benutzten, und ſtellte ſie und Julien gegenſeitig vor. „Seien Sie mir willkommen“, ſagte Frau von Dotter mit feuchten Blicken und einem warmen Hände⸗ druck, und ſprach abſichtlich recht langſam und beſtimmt die franzöſiſchen Worte aus, damit Julie ſie auch gut verſtehe.„Mein lieber Edmond hat mir alles erzählt; ich weiß wie viel er Ihrem gemeinſamen Freunde ver⸗ dankt, mein Fräulein, und ich werde Ihnen zeitlebens dankbar ſein, daß Sie mir Gelegenheit gegeben haben, dem Manne, welchem ich meinen Gatten und das Glück meines Lebens verdanke, zu beweiſen, wie hoch ich mich ihm verpflichtet fühle!“ „Wie, Madame, Sie wollten wirklich..7 Die 67 Höhe der Summe hält Sie nicht ab...*“ ſtammelte Julie in ihrem gebrochenen Franzöſiſch. „O, mein Fräulein, was denken Sie?“ entgegnete Frau von Dotter.„Mein Edmond ſoll noch heute Abend Alles aufbieten, um ſeinen Freund zu befreien. Ich danke Gott, daß wir reich genug ſind, ihm zu helfen, und hätte ich nicht die Mittel dazu, ſo würde ich ſie von meinem Großmütterchen erbetteln; ein Mann wie Herr Otte muß ſo raſch wie möglich dieſer unwürdigen Lage entzogen werden. Allons, mein lieber Edmond, ſpute Dich, Deinen Freund zu befreien, er ſoll wo möglich noch heute Abend entlaſſen werden.“ Julie war ſo gerührt, daß ſie der herrlichen jun⸗ gen Frau vor Dankbarkeit beinahe zu Füßen gefallen wäre; ſie ergriff ihre beiden feinen weißen Hände und bedeckte ſie mit Küſſen, aber Frau von Dotter ſchlang ihre Arme um Julien und küßte ſie auf die Stirne. „Gehen Sie mit Gott und vollenden Sie Ihr Werk der Rettung, mein Fräulein!“ ſagte ſie.„Morgen hoffe ich Sie dann mit Herrn Otte unter froheren Verhält⸗ niſſen wieder zu ſehen.“— Auch Fritz Hoffmann be⸗ kam einen Antheil von dem Danke, ehe ſie ſich zu⸗ rückzog, als ihr Gatte in Hut und Ueberrock wieder erſchien. „Was ſoll nun zunächſt geſchehen, Herr Hoffmann?“ 3 fragte der Major.„Haben Sie ſchon an Herrn Karl Werner geſchrieben oder telegraphirt? Haben Sie Auheim benachrichtigt, oder hat Herr Otte dieß ge⸗ than?“ „Ich habe zu einer ſchriftlichen Meldung noch gar keine Zeit und Muße gehabt“, entgegnete Fritz Hoffmann, „und von Otte weiß ich es nicht; aber Herr Favre wird darüber Auskunft ertheilen können.“ „Alſo zu ihm!“ ſagte Herr von Dotter.„Ich meine jedoch, es wäre gerathen, wenn wir ſogleich an Werner telegraphirten und ihn bäten, gegen Auheim auf irgend eine Weiſe aufzutreten, um die Intereſſen unſeres Freundes zu wahren. Schreiben Sie mir ein Tele⸗ gramm nieder, welches wir alsbald an Werner ab⸗ ſchicken wollen, koſte es was es wolle. Dort in jenem Zimmer finden Sie meinen Schreibtiſch!“ Nach einer Weile las er billigend folgenden Entwurf: „Herrn Karl Werner, Kaufmann in N. „Heinrich Otte iſt in Haft wegen einiger Wechſel auf Auheim deren Accept letzterer verleugnet, ob⸗ ſchon deren Ertrag zu Auheim's Nutzen verwendet wurde. Der Betrag iſt ungewöhnlich groß, die Gefahr für den Verhafteten dringend. Ich bitte Sie inſtändig, ſich Otte's anzunehmen und gegen Auheim mit aller Energie 69 aufzutreten. Ich werde hier mein Möglichſtes für Otte thun. Weiteres brieflich. Edmund von Dotter, Major a. D.“ Mit dieſer Depeſche eilte Albrecht auf ſeines Herrn Geheiß zum nächſten Telegraphenbureau, und ließ ſie expediren, während Herr von Dotter und Julie mit Fritz Hoffmann zu dem Advocaten gingen. Dieſer er⸗ öffnete ihnen, daß Heinrich Otte bereits das erſte Ver⸗ hör beſtanden habe, aber ſeine Angelegenheit ſchlecht ſtehe. Die Caſſe der pariſer Commandite von Auheim und von Magnus enthielt nach der Verſicherung Un⸗ gar's, der als Zeuge vernommen worden war, kaum dreitauſend Franken. Der Brief, mit welchem Otte die Blancoaccepte von Auheim empfangen, und das Ge⸗ heimbuch, worin er ihren Verkauf und die Einlöſung der Wechſel, die Auheim von N. aus auf ſein pariſer Haus gezogen, notirt hatte, und dieſe eingelöſten Pa⸗ piere ſelbſt, waren nicht an der Stelle gefunden wor⸗ den, welche Otte in ſeinem Pulte als ihren Aufbewah⸗ rungsort bezeichnete. Alle Indicien ſprachen gegen ihn. „Das iſt eine elende Kabale von Ungar“, ſagte Hoffmann;„ich bin feſt überzeugt, daß der Menſch das Pult Otte's mit Nachſchlüſſeln geöffnet und die bezeich— neten Dinge herausgenommen hat, um ihn in's Ver⸗ 7⁰ derben zu ſtürzen oder wenigſtens ſeinen Ruf zu unter⸗ graben. Aber wir wollen ihn entlarven, wenn nur erſt Oite frei iſt!“ „Frei?“ wiederholte Herr Favre.„Bedenken Sie, meine Herren, daß er nicht eher freigelaſſen werden wird, als bis wenigſtens die verfallenen Wechſel im Betrag von ſechzigtauſend Franken bezahlt find, und bis eine Caution für den Verhafteten geleiſtet iſt!“ „Das ſoll geſchehen und zwar noch heute“, ent⸗ gegnete der Major von Dotter;„aus keinem andern Grunde erſcheine ich hier. Ich bitte Sie, mich zu dem Banquier H. zu begleiten, damit ich ihm Auftrag gebe, die nöthigen Schritte bei Herrn R. E. einzuleiten. Ich bin in der Lage, für meinen Freund Otte einzu⸗ ſchreiten was wohl die beſte Bürgſchaft für ſeine Un⸗ ſchuld ſein wird.“ Der junge Advocat entfaltete augenblicklich eine zuvor ungeahnte Geſchmeidigkeit und Eifer für den ver⸗ hafteten Otte, und war jetzt plötzlich geneigt, an ſeine volle Unſchuld zu glauben. Er war mit Vergnügen erbötig, Herrn von Dotter und die Anderen ſogleich zu dem Banquier H. zu begleiten, und der Empfang, welchen Dotter bei dieſem fand, die Bereitwilligkeit wo⸗ mit ſich dieſer dazu verſtand, mit Favre und Herrn von Dotter zu dem Banquier R. E. zu fahren, überzeugten 45 74 Julien und Hoffmann zur Genüge, daß Otte's Ange⸗ legenheit nun in den beſten Händen ſei. Sie ver⸗ abſchiedeten ſich daher von Herrn von Dotter mit dem Verſprechen, am andern Tage wieder vorzuſprechen, um Otte's weitere Schickſale zu erfahren. Der große Banquier R. E. war nun nach dem Fürworte, welches ſein College H. auf Grund der Ver⸗ bürgung des Majors von Dotter für den verhafteten Otte einlegte, ebenfalls geneigt, den letzteren für un⸗ ſchuldig zu halten, und verſprach, zur Erleichterung von Otte's Lage alles Mögliche zu thun, und denſelben frei⸗ zulaſſen, ſobald ihm irgend welche Garantie geboten ſei, daß die Wechſel bezahlt würden. Herr von Dotter erbot ſich am andern Tage nach Gent zu reiſen und ſich von dem Notar, welcher das Vermögen ſeiner jun⸗ gen Frau verwaltete, den annähernden Betrag der 2 ſämmtlichen Wechſel in Werthpapieren zu holen und dieſe bis zum Austrag der Sache bei Herrn R. E. zu deponiren, während mittlerweile gegen Auheim die er⸗ forderlichen Schritte geſchehen ſollten, um von dieſem Zahlung zu erlangen. Da es höchſt weſentlich war, wieder in Beſitz der⸗ jenigen Beweismittel zu gelangen, welche aus Otte s Vult entwendet worden waren, ein genügender Grund jedoch nicht vorlag, um Ungar unter dem Verdacht der 72 fung dieſer Beweismittel einem gewandten Agenten der Criminalpolizei übertragen und deſſen Eifer dunch eine in Ausſicht geſtellte reiche Belohnung auf's möglichſte angeſpornt.— Dem Verhafteten aber wurde noch am ſpäten Abend durch den Advocaten brieflich angezeigt, daß Herr von Dotter ſich ſeiner angenommen habe und nicht eher ruhen werde, als bis er ihm ſeine Freiheit verſchafft hätte. Julie und Fritz Hoffmann konnten daher mit ihrem Tagewerk wohl zufrieden ſein, und durften ſich der Hoffnung überlaſſen, ihren Freund bald wieder auf freien Füßen zu ſehen. Herr von Dotter aber ſaß noch die halbe Nacht an feinem Schreibtiſche und meldete Herrn Karl Werner alles, was er von der ganzen Wechſelangelegenheit wußte. Entwendung dieſer Gegenſtände verhaften zu laſſen und gegen denſelben einzuſchreiten, ſo ward die Herbeiſchaf⸗ Fünftes Kapitel. Das Telegramm des Herrn von Dotter war Herrn Werner bereits am frühen Morgen behändigt wor⸗ des und hatte ihn ſehr erſchreckt. Raſch und entſchloſſen wie er war, hatte er ſogleich den Oberſtlieutenant Ri⸗ chartz aufgeſucht und ihm die Depeſche mitgetheilt, wo⸗ rauf beide übereinkamen, den Juſtizrath Gladiſch mit der ganzen Sache bekannt zu machen und in Be⸗ gleitung deſſelben unverzüglich Herrn Leopold Auheim „auf die Bude zu rücken“, wie ſich der Oberſtlieutenant ausdrückte. Der kleine Auheim lag noch tief im Schlafe und mußte geweckt werden, denn die drei Herren ließen ſich nicht abweiſen, ſondern verlangten ihn unverweilt zu 74 ſprechen, ohne jedoch ihre Namen zu nennen. Zufälli⸗ gerweiſe kannte Cäſar keinen perſönlich, und Herr Au⸗ heim fuhr daher mit dem Vorſatz in die Kleider, die drei zudringlichen Menſchen tüchtig anlaufen zu laſſen. Als er aber in den Salon heraustrat, wo die drei Herren ihn erwarteten und ſich inzwiſchen mit gebüh⸗ render Entrüſtung den ſybaritiſchen Luxus ange⸗ ſehen hatten, mit welchem dieſer Menſch ſich um⸗ gab,— als Auheim in drei ſehr ernſte und beinahe trotzige Geſichter blickte, da wechſelte er die Farbe und der Muth entſchwand ihm; nur ſtammelnd konnte er fragen, was ihm das Vergnügen verſchaffe. „Seien Sie verſichert, Herr Auheim, daß dieſer Gang zu Ihnen uns kein Vergnügen macht!“ ent⸗ gegnete ihm Herr Werner.„Sie werden errathen ha⸗ ben, in welcher Angelegenheit wir kommen, Sie wiſſen ohne Zweifel bereits, daß Herr Otte in Paris ver⸗ haftet iſt, vom Schuldthurm bedroht, wo nicht von einem Criminalproceß wegen angeblicher Fälſchung von Accepten Ihrer Firma. Sie werden wiſſen, daß der Verdacht der Fälſchung jener Tratten, deren Ertrag in Ihrem Intereſſe verwendet worden iſt, weil Sie ſeit einigen Monaten Wechſelreiterei treiben..“ „Mein Herr!“ fuhr Auheim auf.„Wie kommen * Sie dazu, eine ſolche Sprache gegen mich in meinem Hauſe zu führen?“ „Weil ich in der Lage bin, dieß alles nöthigen⸗ falls vor Gericht zu beweiſen und weil mich nur meine Begriffe von Anſtand abhalten, die Handlungsweiſe Ihrer Firma gegen Herrn Otte mit dem gebührenden Namen zu bezeichnen!“ verſetzte Werner mit einer küh⸗ len Haltung, die den kleinen Mann beinahe zu Boden warf.„Geben Sie den nutzloſen Verſuch auf, ſich in dieſer Angelegenheit entſchuldigen zu wollen, denn es iſt eine Kleinigkeit, Schritt für Schritt die Beweiſe zu liefern, daß die Art und Weiſe, wie ſie Otte's Freiheit und guten Namen preisgaben, ein wohlüberlegter Plan iſt. Bei mir nämlich waltet nicht der mindeſte Zweifel vor, daß Sie Herrn Otte nur mit Mühe dazu bewo⸗ gen oder vielleicht nur durch den Drang der Umſtände gezwungen haben, ſelbſt die Hand zu Ihren Wechſel⸗ reitereien zu bieten und für Sie irgend ein perſönliches Wagniß, eine Verbindlichkeit einzugehen. Er hat ſicher jene Accepte nicht gefälſcht, denn dazu iſt er zu klug und zu rechtlich, zu ehrenhaft und zu feſt in ſeinen Grundſätzen; alſo haben Sie ihm jedenfalls di Blancvaccepte dazu ein⸗ geſandt weil Sie von Otte's Rechtlichkeit allzu ſehr über⸗ zeugt ſind, um befürchten zu müſſen, daß er Mißbrauch davon mache. Sie haben vielleicht die Abſicht gehabt⸗ 76 dieſe Tratten bei Verfall einzulöſen, aber es war Ihnen nicht möglich, die Mittel dazu aufzubringen, und an⸗ ſtatt um Stundung zu bitten, was allerdings Ihren ſchwanken Credit noch mehr beeinträchtigt haben würde, zogen Sie es vor, Ihren treuen ehrenhaften Diener zum Schwindler und Verbrecher zu ſtempeln. Dieſe Handlungsweiſe, mein Herr, halte ich.... Einfach für nichtswürdig und niederträchtig!“ ſagte der Oberſtlieutenant kalt und nachdrücklich. „Jedes ſoliden Geſchäftsmannes für unwürdig,— um nicht mehr zu ſagen“, ergänzte Werner.„Sie konnten keinen Augenblick im Zweifel darüber ſein, was für Folgen dieß für den wackern Otte haben würde. Sie ſind jedenfalls davon unterrichtet, welche Folgen es für ihn bereits gehabt hat, und der Zweck unſeres Erſcheinens hier bei Ihnen iſt, wie Sie ſich ebenfalls bewußt ſein werden, lediglich nur der: zu erforſchen, was für Schritte bis jetzt von Ihrer Seite aus ge⸗ ſchehen ſind, um Otte aus der mißlichen Lage zu be⸗ freien, worein er durch Sie geſtürzt worden iſt.“ Auheim war im höchſten Grade betreten, und an⸗ geſichts dieſer drei finſteren drohenden Augenpaare, die ſich gleichſam in ſeine Seele einzubohren ſchienen, ver⸗ ließ ihn ſogar ſeine ſonſtige Frechheit.„Ich habe be⸗ reits angeordnet, daß die Wechſel bezahlt werden“, ſagte 77 er zögernd und verlegen;„das Unglück wollte, daß ich gerade abweſend war, als die Wechſel präſentirt wur⸗ den und daß ich vergeſſen hatte, meinen Caſſier davon zu benachrichtigen, daß dieſe Tratten von Otte auf mich liefen, und ſo kam es, daß aus Mißverſtändniß, Fahr⸗ läſſigkeit oder Unverſtand der Argwohn entſtehen konnte, S „Erſparen Sie ſich eine Nothlüge, die ja doch zu nichts führt, Herr Auheim!“ fiel ihm der Juſtizrath Gladiſch tadelnd und mit unverhohlener Gering⸗ ſchätzung in die Rede.„Ueber recuſirte Tratten von ſolchem Betrage werden Proteſte aufgenommen, in denen der Abweiſungsgrund ſehr deutlich bezeichnet ſein muß, weil alle rechtlichen Folgen nur darauf zu grün⸗ den ſind. Es wird und muß ſich hier zunächſt um die Löſung der Vorfrage handeln, ob Sie überhaupt noch in der Lage ſind, jene Tratten, deren Betrag wir noch gar nicht kennen, über deſſen bedeutende Höhe wir aber unzweideutige Winke haben, einzulbſen,— mit einem Worte, ob Sie noch ſolvent ſind!“ „Mein Herr, wie können Sie ſich unterfangen?...“ rief Auheim zornglühend. Wer Wechſel nicht mehr einlöſt, iſt inſolvent,— nach rechtlichem wie nach kaufmänniſchem Begriff“, ent⸗ gegnete Gladiſch;—„wer aber das thut, was in die⸗ 78 ſem ſpeciellen Fall hier geſchah, der iſt noch mehr. Ich verlange alſo im Namen und Intereſſe des mir be⸗ freundeten Herrn Otte und auf Grund von Nachrich⸗ ten, die uns über deſſen Schickſal aus zuverläſſiger Quelle zugekommen ſind, von der Firma Auheim und von Magnus entweder den Beweis, daß das Accept der proteſtirten Wechſel wirklich falſch war, oder den Nachweis, daß die genannte Firma noch im Stande iſt, ihren Verpflichtungen für dieſe Accepte nachzukommen, und daß ſie bereits Schritte gethan hat, Herrn Otte aus der Wechſelhaft zu befreien.“ „Ich kann Sie verſichern, daß die Wechſel einge⸗ löſt werden und daß ich noch im Stande bin, ſie ein⸗ zulöſen“, ſtammelte Auheim.„Auch gebe ich Ihnen mein Wort, daß ſchon Schritte geſchehen ſind, damit dieſelben wieder hierher geſchickt und hier gedeckt wer⸗ den. Uebrigens werden Sie ſich von meiner Unſchuld ſogleich ſelbſt überzeugen, wenn Sie mir erlauben, den Herrn Advocat, Doctor Leutmann rufen zu laſſeü „Ich denke, einen beſſern Beweis würde die Vor⸗ legung Ihrer Bücher, Ihres Brieſcopier⸗ und Caſſen⸗ buchs uns geben“, ſagte Gladiſch.„Was ſollen uns die glatten Worte meines Collegen Leutmann? Werden ſie Herrn Otte frei machen?“ 5 „Wer hat in Paris die Tratten in Händen, Herr Auheim?“ fragte Werner. „Ich weiß es nicht, ich habe dieſelben nicht ſelbſt geſehen, noch die Giri geprüft, Herr Werner.“ „Nun denn, ſo wollen wir es ermitteln“, ſagte Gladiſch.„Eine Umfrage bei den hieſigen Notaren wird uns bald darthun, wer die Käufer der Wechſel ſind, und uns zu einer Copie der Proteſte verhelfen. Ich kann ſchon jetzt alle erforderlichen Schritte bei Gericht thun, und die Vollmacht Otte's nachweiſen.“ Auheim bebte am ganzen Leibe.„Wenn ich mich recht erinnere“, ſagte er,„ſo wurden die Tratten von der Firma R. E. in Paris discontirt. Ich bitte Sie dringend, meine Herren, handeln Sie in dieſer Ange⸗ legenheit nicht übereilt; bedenken Sie die Kriſis, die ſchwierige Lage jedes Geſchäftsmannes, welche ich Ihnen, Herr Werner, nicht erſt zu ſchildern brauche; bedenken Sie, daß bei jeder ſchonungsloſen Behandlung dieſer Angelegenheit meine ganze Exiſtenz auf dem Spiele ſteht! Laſſen Sie mir Zeit, dieſe Sache zu ordnen! Heute, morgen, übermorgen kann ich es noch, wenn Sie mich ruhig gewähren laſſen. Nehmen Sie die Ge⸗ richte in Anſpruch, ſo— iſt es vielleicht für immer unmöglich, und ich kann Herrn Otte nicht aus ſeiner Lage befreien, in welche er gegen meinen Wunſch und 80 Willen gekommen iſt. Noch weiß ich eigentlich gar nichts Genaues über ſeine Lage, außer dem Umſtand, daß er in Wechſelhaft genommen iſt, was ich durch ein Telegramm von einem meiner Leute in Paris erfahren habe!“ „Wohlan“, ſagte Herr Werner;„wir wollen um Otte's willen nicht gleich zum Aeußerſten ſchreiten, wenn Sie einige Vorſchläge von uns annehmen werden, die uns wenigſtens einige Beruhigung zu geben vermögen!“ „Reden Sie, Herr Werner,.. ich bin zu jedem billigen Schritte bereit..!“ „Schenken Sie uns zunächſt reinen Wein ein, Herr Auheim! Nennen Sie uns offen den Betrag der Wechſel, welche unter der Verbindlichkeit Otte's und unter ſolchen Accepten auf Sie laufen!“ Auheim zitterte vor innerer Bewegung, war aber ſo ſehr in die Enge getrieben, daß er keinen andern Ausweg ſah, als die Wahrheit zu ſagen.„Es ſind im Ganzen gegen dreißigtauſend Thaler, wovon etwa zehn⸗ tauſend bereits eingelöſt ſind und die anderen in den nächſten Tagen ſicher gedeckt werden!“ ſagte er und wagte nicht aufzublicken, denh er fühlte nur allzugut, daß er in den Augen dieſes Areopags ſein Verdam⸗ mungsurtheil leſen würde. In der That war es auch nur das Erſtaunen über die Höhe dieſer Summe, 81 welches dieſe drei Herren ganz ſtumm gemacht hatte. „Sie ſpielen ein furchtbar gewagtes Spiel, Herr Au⸗ heim, und können von Glück ſagen, wenn Sie es zu Ende führen“, entgegnete Herr Werner.„Aber wir verlan⸗ gen nun von Ihnen Folgendes: Erſtens ſtellen Sie uns eine Urkunde eigenhändig geſchrieben aus, worin Sie vor uns als erbetenen Zeugen erklären, daß Sie ſich zu den Accepten der verſchiedenen Tratten im Betrage von etwa dreißigtauſend Thalern, welche Herr Heinrich Otte, Ihr Geſchäftsführer in Paris, in Ihrem Vortheil und Intereſſe auf Sie entnommen hat, bekennen, und denſelben von allem und jedem Verdacht der Fälſchung oder des Mißbrauchs ausdrücklich freiſprechen.— Daß Sie ferner ausdrücklich verſprechen, unverweilt binnen orei Tagen dieſe Tratten einzulöſen und ſich vor ge⸗ ſchehener Einlöſung derſelben nicht von hier zu ent⸗ fernen, ſowie endlich, daß Sie das pariſer Bankhaus E. ſogleich telegraphiſch benachrichtigen, die noch nicht eingelöſten Accepte nun unbedingt honoriren zu wollen. Die Beſtellung dieſes Telegramms werden wir übernehmen, und nur unter dieſen Bedingungen finden Sie uns erbötig, vorerſt auf weitere Schritte gegen Sie zu verzichten. Sind Sie hiermit einverſtanden?“ „Laſſen Sie mich ſelbſt nach Paris gehen, Mylins, Ein Meteor der Vörſe. III. 6 82 um dieſe Angelegenheit zu ordnen!“ bat Auheim nie⸗ dergeſchlagen. „Ich ſehe die Nothwendigkeit Ihrer zerſunlich Einmiſchung nicht ein, Herr Auheim“, verſetzte Werner mit einem ironiſchen Lächeln.„Iſt den Bedingungen in ſo weit genügt, daß wir ſichere Nachricht von der Bezahlung der Wechſel und Otte's Freilaſſung haben, ſo ſoll Ihrer Abreiſe, um die Verhältniſſe Ihres pariſer Hauſes zu ordnen, nichts mehr im Wege ſtehen. Ich bin jedoch überzeugt, daß bei Otte's Pünktlichkeit und Ordnungsſinn Ihre perſönliche Verwendung kaum noth⸗ wendig ſein dürfte. Wir müſſen darauf dringen, daß Sie uns die gewünſchte Urkunde ausſtellen, deren In⸗ halt und Wortlaut Herr Juſtizrath Gladiſch für Sie zu formuliren die Güte haben wird.“ „Dort iſt mein Schreibtiſch, wenn ich bitten darf“, ſagte Auheim mit tonloſer Stimme.„Haben die Herren die Güte, mir zu folgen!“ Die Urkunde ward ausgeſtellt, und Werner nahm ſie zu ſich mit der Verſicherung, daß ſeine Freunde und er ſich zu ſtrenger Discretion über das Verhandelte auf drei Tage verpflichten wollten, daß Sie aber nach dieſer Friſt, wenn Otte noch nicht frei ſei, ſich jeder Verbindlichkeit ledig betrachten würden.“ Auheim war mehr todt als lebendig, als ſeine 83 drei Bedränger fort waren, und ſandte ſogleich nach dem Advocaten Leutmann, dem er die ganze Geſchichte er⸗ zählte. Leutmann ſchimpfte und fluchte wie toll.„Zum Henker, Auheimchen, wie konnten Sie ſich aber auch ſo verblüffen laſſen?“ rief er.„Jetzt haben Sie die Schlinge um den Hals! Konnten Sie denn nicht den Verdacht der Fälſchung aufrecht erhalten und damit Zeit ge⸗ winnen?“ „Unmöglich!“ ſagte Auheim.„Der Geier mag wiſ⸗ ſen, woher Werner ſo gut informirt iſt. Ich war in ſeiner Hand; ein einziges Wort von ihm an der Börſe, wo man mich ſchon ſeit einigen Tagen mit ganz ſon⸗ derbaren Augen anſieht, und ich wäre verloren geweſen. Aber woher nun ſchnell zwanzigtauſend Thaler bekom⸗ men, Leutmann?“ „Das fragt Ihr mich, Freundchen?“ verſetzte die⸗ ſer mit einem ſchlauen Lächeln.„Woher habt Ihr denn die anderen dreißigtauſend, deren Ihr neulich bedurftet?“ Auheim winkte mit der Hand und wandte ſich mit einer Geberde troſtloſen Schmerzes ab, als duldete jene Quelle das Erwähnen nicht. Mittlerweile waren Werner, Richartz und Gladiſch nach dem Telegraphenbureau gegangen und hatten in Auheim's Namen jene Depeſche an das Bankhaus R. E. in Paris aufgegeben und die ſo eben verhandelte An⸗ 6 —— 84 gelegenheit mit einander beſprochen.„Ich glaube kaum, daß wir die Sache ſchon für gewonnen halten können, meine Herren!“ ſagte Gladiſch.„Wir haben zwar Au⸗ heim nun vermeintlich in Händen, aber wer bürgt uns dafür daß er ſich zum Aeußerſten getrieben, nicht am Ende eine Kugel durch den Kopf jagt oder auf und davon geht?“ „Hierüber bin ich ganz beruhigt“, entgegnete Herr Werner;„vor dem Selbſtmord ſchützt uns die Muth⸗ loſigkeit und Jämmerlichkeit ſeines Charakters, ſeine Genußſucht und ſein Vertrauen auf das blinde Glück, welches ihm ſeither ſtets ſo merkwürdig treu war. Vor der Flucht ſchützt uns ſeine Mittelloſigkeit, denn ohne eine große Summe Geldes würde er nicht aus⸗ kneifen, und überdem fürchtet er jetzt von uns Dreien beaufſichtigt zu ſein.“ „Aber, wie will er ſich helfen?“ fragte Gladiſch. „Hm, wer dieß wüßte!“ verſetzte Werner.„Wer kennt die Hilfsmittel ſolcher Menſchen? Jedenfalls hat er noch irgend eine ergiebige Qvelle, ſonſt wäre er ſchon auf und davon gegangen! Vielleicht rechnet er auf die Hilfe ſeiner Frau, vielleicht auf die des alten Kammerraths; vielleicht hat er noch irgend einen Wu⸗ cherer nach Art des alten Maruſche in petto!— Je⸗ denfalls bin ich froh, daß wir dieß erreicht haben“, 85 ſetzte er hinzu und klopfte mit der Hand auf das frag⸗ liche Papier;„ich konnte mir nur durch Ueberrumpe⸗ lung einen Erfolg verſprechen, denn zu einem geſetzlichen Verfahren gegen ihn fehlten ja die Anhaltspuncte Wir müſſen jedenfalls die Ankunft von Briefen der Herren Otte und Dotter abwarten, bevor wir in der Sache klarer ſehen, und dann wird wahrſcheinlich dringender Anlaß genugſam vorhanden ſein, dem Schwindler Au⸗ heim feſter auf den Leib zu rücken.“ „Allerdings werden die Verhättniſſe dann gebieten, unverweilt energiſch gegen Auheim einzuſchreiten, und dann können die in jener Urkunde enthaltenen Zuge⸗ ſtändniſſe immerhin von Werth ſein“, meinte Gladiſch.— Zum Glück für Otte gingen dieſe Befürch⸗ tungen des Juſtizraths nicht in Erfüllung, denn am Abend des dritten Tages nach dieſem traf ſchon ein Telegramm aus Paris ein, worin Dotter anzeigte, daß Otte frei ſei. Auheim hatte wirklich die Mittel aufzu⸗ bringen vermocht um die Deckung für die betreffenden Wechſel an das pariſer Bankhaus zu ſenden, und Otte, der ſchon durch das Telegramm und die Verwendung ſeines Freundes Dotter in den Augen des Banquiers R. E. von dem Verdacht einer Fälſchung entlaſtet war, verließ das Gefängniß gerade in dem Augenblicke, wo Herr von Dotter, welcher eigens nach Gent gereiſt war, 86 um von dem Notar der Familie ſeiner jungen Frau die Mittel zur Befreiung oder Bürgſchaft Otte's zu holen, ihm entgegeneilte, um ihn abzuholen und zu ſeiner Befreiung zu beglückwünſchen. Er hatte auf dem Comptoir des Bankhauſes die günſtige Wen⸗ dung des Geſchicks Otte's, welche ſein eigenes Einſchreiten überflüſſig machte, erfahren. Mit Thränen innigſter Rührung lagen ſich die beiden Freunde beinahe auf der Schwelle der Polizeipräfectur gegenſeitig in den Armen, denn dieſes Wiederſehen war ein doppelt er⸗ freuliches und tröſtliches, da der eine die ſchönſte Probe von Freundestreue und Dankbarkeit erlebte und der Andere nur bedauerte, daß es ihm nicht vergönnt geweſen ſei, dem einſtigen Retter jenen großen Dienſt zu ver⸗ gelten. „Mein theurer, lieber, wackerer Freund, Gott lohne Dir Deine eifrigen Bemühungen um mich, denen ich allein meine raſche Befreiung verdanke!“ ſagte Heinrich Otte.„Herr Favre hat mir alles geſagt. Ohne Deine umſichtige Hilfe und das Telegramm an Werner wäre ich vielleicht auf Jahre zum Schuldthurm verdammt geweſen, aber Werner's raſches Zugreifen hat ohne Zweifel Auheim's Pläne durchkreuzt. Ich bin Dir ewig zu Dank verbunden!“ „Sprich nicht davon, mein Freund, mein Herzens⸗ bruder!“ entgegnete Dotter.„Es war ja ſo wenig, was ich für Dich gethan habe oder thun konnte. Aber un⸗ ter keinen Umſtänden hätteſt Du noch eine weitere Nacht im Gefängniſſe zugebracht, denn ich habe alle Mittel beiſammen, für Dich zu bürgen. Und nun komm', eilen wir zu meiner lieben kleinen Frau, welche vor Begierde brennt, Dich kennen zu lernen, und wo Du auch Fräulein Valentin und Herrn Hoffmann treffen wirſt. Ich habe vor einer Stunde bei meiner Rück⸗ kehr von der Reiſe Albrecht mit einem Miethwagen weggeſchickt um ſie zu uns zu entbieten, damit wir einen recht traulichen frohen Abend mit einander ver⸗ bringen.“ „Mein lieber trefflicher Freund“, ſagte Otte, „laß mich zuvor einer Pflicht genügen, und den drei wackern Freunden in der Heimath, Werner, Richartz und Gladiſch, meine Befreiung anzeigen, welche we⸗ ſentlich das Werk des Druckes iſt, den ſie auf Auheim ausübten. Ich habe heute einen Brief von Werner erhalten, welcher ſich mit dem meinigen gekreuzt hat und worin er mir alles erzählt.“ „Wohlan denn, Freund, fahren wir ſogleich nach dem Telegraphenbureau in der Hauptbriefboſt, Rue Jean⸗Jacques Rouſſeau!“ erwiderte der Major.„Ich werde an Herrn Werner telegraphiren, damit er es nicht für eine Finte Auheim's hält. Komm', beeilen wir uns, damit wir die Damen nicht zu lange warten laſſen. Ohnedem biſt Du von heute an unſer lieber Gaſt und Hausgenoſſe.“ Als ſie die Wohnung des Majors in der Rue Rivoli erreichten, traten ihnen Juliane von Dotter und Julie Arm in Arm entgegen und die erſtere bot Otte mit feuchten Augen die Hand und hieß ihn herz⸗ lich willkommen.„Ich freue mich innig, Sie zu ſehen um Ihnen, dem ich meinen theuren Edmond verdanke, mündlich danken zu können“, hub ſie an und blickte ihn mit ihren ſüßen ſanften Augen und holden Zügen innig und gewinnend an, und der warme Ton, mit dem ſie dieſe Worte ſprach, quoll aus dem innerſten Herzen herauf.„Sie waren mir von der Stunde an, wo mir Edmond jene Verhältniſſe erzählte, ſo lieb, daß ich den Wunſch nicht unter⸗ drücken kann, wir möchten uns näher kennen lernen und recht lange Ihres Umgangs genießen. Sie müſſen unſer Gaſt ſein und unſer junges Glück theilen— Sie und Fräulein Valentin hier, welche ich ſo liebgewonnen habe um des Eifers willen, den ſie für Ihre Befreiung an den Tag gelegt hat.“ „Und für den ich ihr jetzt von ganzer Seele danke“, entgegnete Otte und ſchloß Julien in ſeine Arme und — 89 drückte ihr einen brüderlichen Kuß auf die reine er⸗ glühende Stirne.„Liebe Julie, Sie haben mir eine liebevolle Theilnahme gezeigt, die ich Ihnen in dieſem Leben nie wieder vergeſſen werde!“ „Still, lieber Freund, Sie wiſſen recht zut wie wenig es gegenüber dem iſt, was wir Ihnen verdanken“, erwiderte ſie;„laſſen Sie uns noch nicht gegenſeitig abrechnen, denn die Laſt meiner Verpflich— 3 tungen wiegt noch zu ſchwer.“ 3„Wohlan denn, meine Liebe, ſo helfen Sie uns, dem verehrten Freunde durch eifrige Sorge für ſein Wohl die trüben Tage der jüngſten Vergangenheit vergeſſen machen. Bleiben Sie bei uns— theilen Sie unſere Freuden und Erholungen, beſtes Fräulein!“ rief Frau von Dotter eindringlich, als Julie mit weh⸗ müthigem Lächeln den Kopf ſchüttelte.„Denken Sie, beſter Herr Otte, das Fräulein ſpricht ſchon wieder von der Abreiſe, und will nicht bei uns bleiben.“ „Der Zweck meines Hierſeins iſt erfüllt“, entgeg⸗ nete Julie;„mein Beruf und mein Geſchäft verlangen meine Heimkehr,— die Pflicht vor Allem, Madame! Freund Otte kennt mich darin, und wird mich nicht zu⸗ 3 rückhalten. Morgen Mittag reiſe ich wieder nach Hauſe, denn ich bin ſchon einen Tag über die beſtimmte Zeit aus.“ —— — —— „Das werden Sie nicht thun, Julie! Meinetwegen werden Sie gewiß noch einen Tag zugeben, denn Sie ahnen ja doch, daß uns Beiden wieder eine lange Trennung bevorſteht.“ „Eine Trennung?“ fragten Alle und von den Wangen Julie Valentin's wich die friſche Farbe von vorhin.„Wie ſo denn? Was haben Sie denn vor?“ rief ſie mit lebhafter Angſt. „Sie begreifen, meine lieben Freunde, daß ich nach dieſem Verfahren Auheim's gegen mich nicht im Stande bin, in derſelben Stadt mit ihm zu leben!“ „Um ſo beſſer“, rief Dotter;„ſo bleibſt Du hier oder folgſt uns nach Belgien. Du erlaubſt mir, daß ich Dir die Mittel vorſtrecke, Dir ſelbſt einen eigenen Herd zu gründen,— eine Lieblingsidee meiner theuren Juliane, welche Dich gerne in der Nähe behalten möchte.“ Otte ſchüttelte den Kopf und verſetzte:„Ich dante von Herzen für die gute Abſicht, aber ich kann dieß nicht annehmen. Schon vor ſechs Wochen, als ich den feſten Entſchluß faßte Auheim's Dienſte zu ver⸗ laſſen, ſobald ich meinem hieſigen Auftrage Genüge ge⸗ leiſtet haben würde, bewarb ich mich um eine Stelle bei einer großen deutſchen Verſicherungsgeſellſchaft, deren Vorſtände durch einige meiner fachwiſſenſchaftlichen Auf⸗ ſätze auf mich aufmerkſam geworden waren, und habe E . 9¹ Ausſicht auf dauernde Stellung. Ich werde morgen meine Bewerbung wiederholen und, im Fall ich reüſſire, in Kurzem dorthin abreiſen. Sie werden es mir nicht verdenken, daß mich Paris mit all ſeinen Lockungen und Reizen doch nicht zu einem dauernden Aufenthalte feſſeln könnte, weil es mir wenigſtens für jetzt eine Fülle bitterer Erinnerungen erwecken müßte.“ „Wie, lieber Freund, auch der Heimath wollen Sie dauernd den Rücken wenden?“ fragte Julie mit wirk⸗ lichem Schmerz. „Ja liebe Julie. Einen kurzen Beſuch in der Hei⸗ math ausgenommen, gedenke ich für die uächſten Jahre jedenfalls nicht in N. zu leben, ſondern mir in einem andern Orte eine ſichere Exiſtenz zu gründen?“ Julie blickte ihn beinahe vorwurfsvoll und mit einer Miene an, welche gar kein Hehl aus dem Kum⸗ mer machte, den ihr dieſe Rachricht bereitete.„Sie handeln recht grauſam, Herr Otte“, ſprach ſie,— „grauſam gegen ſich und uns; ich hatte mich ſo ſehr gefreut, Sie als Hausgenoſſen in unſerem neuen Be⸗ ſitzthum zu haben, damit Sie täglich ſähen, was wir Ihrem Rath und Ihrer Hilfe verdanken. Sie würden es ſo gut haben bei uns; Herr Werner, Herr Richartz, meine Schweſtern und ich würden ja Alles aufbieten, 92 Se mit Freundſchaft und Wohlwollen zu umgeben und für Ihre Behaglichkeit zu ſorgen! Es wird Ihnen ein Leichtes ſein, wieder eine Stelle in N. zu erlangen, welche Ihnen mehr bietet als die frühere. Und was kann Auheim Sie kümmern, auf den Sie mit größter Mißachtung herabſehen dürfen?“ „Meine liebe Freundin“, entgegnete er und ſein mildes Auge blickte ſie ſo wehmüthig innig an, daß ſie ihm nicht mehr zu widerſprechen wagte,„laſſen Sie mich meinem eigenen Kopfe folgen. Ohne Zweifel wird es meiner innern Entwicklung nur förderlich ſein, wird mich vollkemmener und feſter machen, wenn ich einige Jahre ganz unter Fremden lebe, wenn ich, da ich doch eigent⸗ lich nicht recht zum Kaufmanne tauge, mir einen neuen, meinen natürlichen Anlagen und Neigungen entſprechen⸗ deren Wirkungskreis ſuche.“ Der Eintritt von Fritz Hoffmann, der in dieſem Augenblick dem befreiten Freunde an den Hals flog, unterbrach dieſe Unterredung. Dann ging's zum Souper, bei welchem aller Kummer und alle Trauer dem vollen friſchen Genuß des Augenblicks weichen mußten, und die ungetrübteſte Heiterkeit und Fröhlichkeit herrſchte. Bis tief in die Nacht hinein blieben dieſe fünf Menſchen beiſammen, und ſchloſſen beim perlenden Champagner einen engen Freundſchaftsbund. Otte und ſeine Freunde 93 erfuhren nun von Herrn von Dotter, daß er ſeine Stelle aufgegeben und den Militärdienſt quittirt habe, um die Güter ſeiner Frau und der Tante van der Does zu verwalten; daß er nur einige Monate in Paris verbringen werde, wohin er ſeine Mutter ein⸗ geladen hatte, um ſie mit ſeiner jungen Frau bekannt zu machen, und daß er dann nach Italien zu reiſen und dort ein Jahr zu bleiben gedenke. Ueber Wien und Berlin wolle er ſpäter nach Belgien zurückkehren, um dort für immer ſeinen Wohnſitz zu nehmen. Er machte noch mehrfach den Verſuch, Otte zu bewegen, daß er ihm nach Belgien folge, wo er ihm eine einträgliche Stelle als Verwalter oder Chef eines induſtriellen Etabliſſe⸗ ments verſchaffen wollte, allein Otte lehnte dieſe An⸗ erbietungen insgeſammt dankend ab; er wollte beharr⸗ lich der neugewählten Laufbahn folgen. Juliane hatte es ſich nicht nehmen laſſen, daß Otte wenigſtens für dieſe Nacht mit dem Zimmer vor⸗ lieb nehme, welches für ihre Schwiegermutter herge⸗ richtet worden war. Am andern Morgen früh begab ſich Otte nach dem Comptoir in der Rue Le⸗ pelletier, um nach dem Geſchäft zu ſehen und ſeine . Habſeligkeiten abzuholen, denn er hatte ſchon in aller Morgenfrühe einen Kündigungsbrief an Auheim ab⸗ geſandt. Otte war nicht wenig überraſcht, in dem 4 94 Comptvir einige Polizeibeamte zu finden, welche mit dem Ausräumen eines Pults beſchäftigt waren. Als er ſich denſelben als den ſeitherigen Geſchäftsführer zu erkennen gegeben und nach ihrem Begehren fragte, er⸗ widerte ihm einer der jungen Beamten mit freundlichem Lächeln:„Ah, mein Herr, dieſe Hausſuchung geht Sie ſehr nahe an. Ich habe mir im Auftrage des Herrn Jules Favre den ſogenannten Herrn Adolph Ungar etwas näher angeſehen und ausfindig gemacht, daß er identiſch iſt mit einem Gauner, welcher einer älteren Dame in Laon, die ſich ſeiner als eines politiſchen Flüchtlings angelegentlich angenommen, eine Parthie Staatspapiere abgeſchwindelt hat, unter dem Vorwand dieſelben hier zu verkaufen und ihr dafür andere, ren⸗ tablere Effecten zu erſtehen. Ich habe darauf den Burſchen gepackt und bei ihm Hausſuchung gehalten, wobei denn ein Geheimbuch gefunden wurde, welches, wie Herr Favre behauptet, Ihnen geſtohlen worden iſt. Der Burſche iſt dieſes Diebſtahls überwieſen und ge⸗ ſtändig, und wir forſchen jetzt nach einigen Briefen, welche er Ihnen ebenfalls geſtohlen hat, haben bereits auch einen Brief an ihn gefunden, welchen Sie uns vielleicht überſetzen werden, da wir nicht Deutſch verſtehen und weil darin, wenn ich nicht irre, Ihres Namens gedacht iſt.“ 9 5 Otte durchlas den Brief, und ſah, daß er von Doctor Leutmann war, welcher Ungar den Auf⸗ trag gab, ſich auf irgend welche Weiſe in Beſitz gewiſſer Papiere und Briefe Otte's zu ſetzen, die ſich auf die Abmachungen zwiſchen Auheim und Otte und namentlich auf die Wechſelreiterei des erſtern bezogen, und die Ungar auch wirklich ſammt dem Geheimbuch aus Otte's Pult geſtohlen hatte. Auch der vermißte Brief, mit welchem Auheim ſeinem Buchhalter die Blancvaccepte übermacht und worin er dieſen ſo dringend aufgefordert hatte, dieſe Papiere zu endoſſiren und umzuſetzen, war darunter. Ueber den Zweck des Diebſtahls und die Beſtimmung dieſer Briefe konnte gar kein Zweifel mehr ſein, denn ſie waren ſchon in ein Packet zuſammenge⸗ ſchnürt und an Doctor Leutmann adreſſirt mit einem Begleitſchreiben verſehen geweſen, als man ſie fand. Nur die maßloſe Fahrläſſigkeit und Bummelei Ungar's hatten ihn verhindert dieſe Briefe einen Tag früher fortzuſchicken, und über Nacht hatte den intri⸗ guanten Abenteurer ſein Geſchick erreicht. Der Beamte erklärte, nach genommener Einſicht von dem Inhalt der Papiere und Aufnahme derſelben in's Protpcoll werde die Behörde keinen Anſtand nehmen, dieſe Papiere ihrem Adreſſaten und rechtmäßigen Beſitzer auszuhän⸗ digen, was denn auch nach einigen Tagen geſchah. 96 Otte aber trug nun Sorge, die Caſſe und die wenigen Werthpapiere vor Notar und Zeugen dem jüngern Commis zu übergeben, ließ ein Protocoll darüber auf⸗ nehmen und an Auheim abgehen, packte ſeine wenigen Kleider und Habſeligkeiten zuſammen, und verließ den Staub von ſeinen Füßen ſchüttelnd das Entreſol der Rue Lepelletier auf Nimmerwiederſehen. Nur einige Tage noch gelang es Herrn von Dotter, ſeinen Freund in Paris zurückzuhalten, bis die Antwort auf Otte's Brief an jene Verſicherungsanſtalt eingetroffen war; dann packte dieſer ſeinen Koffer und fuhr mit den di⸗ recten Zügen in ſeine Heimath nach N. zurück. Es hätte Otte'n nur einen kleinen Umweg gekoſtet, um Mannheim zu berühren und nach ſeiner Mündel Hed⸗ wig Schulz zu ſehen, aber er verſagte ſich und dem jungen Mädchen dieſe Freude aus Gründen, welche unſeren Leſern ſpäter noch klar werden dürften. tkh — — Sechstes Kapitel. Die Nachricht von Otte's Ankunft in R. erregte im Kreiſe ſeiner Bekannten die herzlichſte Freude. Ueber⸗ all ward er ſtürmiſch bewillkommt, end Julie, die ihm um einige Tage vorangereiſt war, hatte ihm eine Ueber⸗ raſchung bereitet, für welche er ihr nicht genug danken konnte. Als er nämlich in das Wohnzimmer der Ge⸗ ſchwiſter Valentin trat, führte ſie ihm ſeine blinde Mutter entgegen, welche ſie durch Käthchen aus Wal⸗ denburg hatte herbei holen laſſen. Dieſes Wiederſehen verſcheuchte einigermaßen die düſteren Falten der Eut⸗ täuſchung und Bitterkeit, welche die jüngſten Lebenser⸗ fahrungen auf Heinrichs Geſicht gegraben hatten. In der Freude, die theure Mutter wieder in ſeinen Armen zu ſehen, ſie noch geſund und rüſtig wiederzufinden, vergaß er ſo manches und Peinliche aus der Molius, Ein Meteor der Börſ III. 7 98 jüngſten Vergangenheit, überſah er vieles, deſſen An⸗ blick ihm ſchmerzliche Erinnerungen erweckte, und fühlte nur die unendliche Liebe und Pietät, welche ihn mit der Mutter verband und das beglückende Bewußt⸗ ſein, der würdigen Matrone ihren Lebensabend freund⸗ lich und ſorgenfrei geſtaltet zu haben. Und ſie, die gute treue Mutter, weinte ſo heiße Thränen in Freude und Schmerz aus den glanzloſen Augen— in Freude darüber, daß ſie ihren Stolz und ihre Stütze wieder an das treue Mutterherz drücken durfte,— in Schmerz über das Unrecht, welches ihm widerfahren war und das — ſo wie ſie ſein redliches Herz und das Selbſtgefühl auf ſeine Rechtſchaffenheit kannte,— einen düſtern trü⸗ ben Schatten auf ſein ganzes Sein und Weſen ge⸗ worfen haben mußte. Leopold Auheim hatte Tact genug gehabt, wenn man eine gewiſſe Scheu vor den Folgen ſeiner Hand⸗ lungsweiſe ſo nennen darf, der Begegnung mit Otte durch eine Reiſe auszuweichen, ſobald er deſſen Ankunft in N. erfahren hatte. Sein jetziger Procuriſt hatte den Auftrag mit Otte zu unterhandeln, um deſſen Schweigen zu erkaufen. Allein Otte wies das ihm an⸗ gebotene Capital mit Geringſchätzung zurück, und nahm nur das ihm gebührende rückſtändige Gehalt und eine weitere vierteljährige Rate deſſelben, auf welche er ver⸗ 99 tragsmäßig Anſpruch hatte.„So wie ich Auhen's Verhältniſſe kenne“, ſagte Otte,„hat er nichts mehr zu verſchenken, und er ſoll nicht auf Koſten ſeiner Gläu⸗ biger eine ſcheinbare Großmuth an mir üben wollen, um mein Schweigen zu erkaufen und mich zu verpflich⸗ ten; denn meine Achtung wird er damit doch niemals wieder gewinnen.“ Noch weniger gelang es ſeinem Nachfolger, von ihm die Auslieferung der betreffenden Briefe zu erlangen, welche Otte, wie er ſagte, lebens⸗ lang aufbewahren wollte als Denkzeichen getäuſchter Freundſchaft und übel gelohnter redlicher Dienſie. Auch die kranke Frau Volentin und ihre Töchter boten Alles auf, um Heinrich wieder an ihr Haus zu feſſeln und zum Bleiben zu bewegen. Die beiden Zim⸗ mer in dem neuerkauften Hauſe gefielen ihm zwar ſehr, dieſe fürſorgliche, wetteifernde Freundſchaft muthete ihn freundlich an, allein er konnte dennoch nicht bleiben— er hatte, wenigſtens momentan, eine Abneigung gegen N. die ihn von dannen trieb. Selbſt der freundliche, rührende Empfang Otte's im Werner'ſchen Hauſe und beim Obriſtlientenant Richartz vermochte Heinrich nicht zu verſöhnen noch ſeinen Entſchluß zu erſchüttern Alle Vorſtellungen der beiden Freunde waren vergeblich „Sie mögen vom Standpuncte des geſunden Menſchen⸗ verſtandes aus vollkommen recht haben, meine Herten! 7* 100 Ich brauche mich allerdings jener Haft nicht zu ſchä⸗ men, denn ich habe ſie nicht verdient“, ſagte er;„ich kann mit freier offener Stirn einhergehen und weiß, daß Auheim vor mir die Augen niederſchlagen muß, allein gleichwohl gewinne ich es nicht über mich, we⸗ nigſtens in der erſten Zeit nicht hier zu leben. Ich will nicht haſſen, und doch fühle ich, daß ich Auheim in der nächſten Zeit nicht begegnen könnte, ohne daß mir das Herz von Bitterkeit überwallte, ohne daß mir un⸗ willkürlich Worte auf die Lippen träten, die ich ſpäter bereuen würde. Wenn Sie meine Stimmung nur ei⸗ nigermaßen begreifen, ſo thun Sie mir die Liebe an, nicht weiter in mich zü dringen. Laſſen Sie mich ge⸗ währen!“— „Laſſen wir ihn denn, Freund!“ ſagte Richartz da⸗ nach zu Werner„Ich verſtehe ihn. Dieſes gerade, ſchlichte, treue Herz iſt an ſeiner empfindlichſten Stelle verletzt worden; die Wunde muß erſt vernarben, ehe ſie heilt, und dieß Herz wird dann um ſo ſtärker und feſter. Es war in dem Jungen doch noch viel weiches Wachs. Jetzt wird er eiſern werden, ohne an Herzensgüte ein⸗ zubüßen. Der Schmerz adelt ein gutes Gemüth immer.“ Herr Werner war damit einverſtanden und er⸗ wähnte niemals wieder ein Wort darüber, obſchon Otte und ſeine Mutter beinahe jeden Tag in ſei⸗ 104 nem Hauſe waren, und Johanna gegen die blinde Matrone eine Anhänglichkeit und Verehrung ſonder gleichen an den Tag legte, für welche Heinrich ihr mit ſtiller milder Freundlichkeit dankte, die etwas wahrhaft Geſchwiſterliches hatte. Sollte denn Heinrich allein nicht bemerkt haben, wie das ſchöne Mädchen ihn mit leuchtenden bewundernden Augen betrachtete? Sollte er allein nicht ſehen, wie bei ſeinem Anblick das feine blaſſe Geſicht ein roſiger Schein überflog, der ſo lange anhielt, als ſie in ſeiner Nähe war, welche ſie nicht aufdringlich aber gefliſſentlich ſuchte? Sollte er nicht wiſſen, daß Johanna ſchon mehrere andere Hei rathsanträge abgelehnt, obſchon ſogar ihr Vater die⸗ ſelben befürwortet hatte, und hatte er ſich den Grund do⸗ von noch nicht zu erklären verſucht oder vermocht? Sollte er nicht errathen haben, von wem das ſchöne Sophakiſſen geſtickt mit einem Palmenzweig in einer Dornenkrone kam, das ihm eines Tags der Poſtbote in einer Cartonſchachtel überbrachte? Konnte er wirklich der trüben Stimmung ſo ſehr nach⸗ hängen, um nicht zu bemerken daß auch Johanna das Köpfchen hängen ließ und nur außzuleben ſchien, wenn ſie ſeine Mutter am Arme durch den Gar⸗ ten führte und ſich von der guten Matrone, welche des Lobes über ihren Sohn nicht müde ward, von ſeiner 102 Vergangenheit, von ſeinen Knabenſpielen, von ſeiner treuen aufopfernden Anhänglichkeit an die blinde Mut⸗ ter erzählen ließ?— So waren vierzehn Tage vergangen und der Ter⸗ min von Otte's Abreiſe ſchon beſtimmt, als er eines Abends neben der Mutter auf dem Sopha in ſeinem Zimmer ſaß. Die Fenſter waren geöffnet, die laue Luft des Frühlings zog von draußen, von den grünenden Feldern und Wäldern, von den blühenden Wieſen herein, fächelte das ſchneeige Haar der Blinden und öffnete gleichſam die Herzen in der Einſamkeit und Stille. „Ach mein Kind, daß Du gehen willſt, begreife ich nicht“, ſagte die Blinde;„ſie ſind Dir ja alle ſo gewogen, ſie tragen Dich auf den Händen und thun Dir um die Wette alles zu Liebe, was ſie Dir an den Augen ableſen. Wo wirſt Du es wieder ſo finden?“ „Unter allen guten Menſchen, liebes Mütterchen“, erw derte Heinrich. Wer redlich und brav iſt und es mit den Rechtſchaffenen hält, findet allerwärts wieder eine Stätte, wo es ihm wohlergeht.“ „Hm, ja, das glaub' ich, mein Sohn, und doch — doch möcht' ich, es wäre anders und... und Du bliebeſt hier... und gründeteſt Dir Deinen Herd, Heinrich!“ 103 „Dazu iſt nach ein paar Jahren Zeit, Mütterchen, wenn ich erſt noch an Erfahrungen reicher geworden bin. Ich kann zwar arbeiten wie ſonſt einer, aber es fehlt mir an Welt⸗ und Menſchenkenntniß, liebe Mutter, und ich bin vielleicht noch zu weich, obſchon die Geſchichte mit dem Auheim mich weit härter gemacht hat.“ „Ei was! Sei nur am rechten Ort hart, Hein⸗ rich! Im übrigen iſt ein weiches Herz dem lieben Gott ſchon angenehmer. Aber in Einem Stücke iſt Dein Herz doch hart, mein Sohn— ſteinhart!“ „Ei ei, Mütterchen, und in welcher Hinſicht denn? Ich wäre doch begierig dieſe Seite meines Ich's kennen zu lernen.“ „Gegen die Frauen, Heinrich,— gegen die Mäd⸗ chen! Biſt nun volle neunundzwanzig Jahre alt, und ein geſetzter ſchmucker Mann— es haben mir's alle ge⸗ ſagt, und ein Jahr von meinem Leben gäb' ich darum, wenn ich Dich auch nur ein einziges Mal ſehen könnte. Und ſieh', Heinrich, eben weil meine Tage gezählt ſind, weil mir zu jeder Stunde der Tod antreten kann,— eben deßhalb möcht' ich ſo gerne wünſchen, daß Du Dir einen eigenen Herd gründeteſt. Haſt Du denn gar keine Abſichten auf irgend Eine?“ „Ach wozu das, Mütterchen! Erſt kommt doch der Brodſtand, dann erſt der Brautſtand“, entgegnete er 104 mit halb wehmüthigem Lächeln;„wie ſollt' ich, bei meiner ungeſicherten Lage, ein gutes Mädchen an mein Häufchen Elend und Sorge ketten?“ „Lieber Junge, Dein Häufchen Elend iſt nicht groß“, verſetzte die Blinde;„biſt ja ein geſchickter bra⸗ ver Junge! Darſſt nur den Mund aufthun, ſo geben Dir Deine Freunde Geld, ein eigenes Geſchäft zu be⸗ treiben, und eigener Herd iſt Koldes werth, Heinrich. Iſt er auch arm, hält er drch warm, mein Sohn. Hat ſchon mancher wackere Kerl eine gute Parthie gemacht — Burſchen die Dir noch nicht das Waſſer reichen dürften“. Er ſchwieg ſtill und blickte auf den Boden, ein Glück, daß ſeine arme Mutter die flammende Röhe Werner's Johanna iſt ein gar liebes gutes Wädchen— ſo munter und liebreich dabei. Es wird Einem wie Sonnenſchein um's Herz, wenn ſie ſo mit unſer einem pricht. Die iſt Dir nicht abhold, Heinrich! Die würde Dich nehmen!“ „Sprich mir nicht davon, lieb' Mütterchen! Es wäre ein ſchlechter Streich gegen den braven Herrn Werner, machte ich mich hinter ſeinem Rücken an das Mädchen, das ſo an Erziehung, Vermögen, Lebensan⸗ ſchauungen und Allem andern über mir ſteht. Darau wird nie etwas.“ 3 — — „Wie ſchade! Ich glaube zuverſichtlich, daß ſie Dir gut iſt und Dich glücklich machen würde.“ „Ich heirathe nie nach Geld, Mütterchen! Das weißt Du ja.“ „Na, das begreife mir jemand. Geld iſt doch allerwegen ein gut Ding, und mich dünkt Herr Werner gar nicht ſo ſtolz. Aber wenn Du denn wirklich keine reiche Frau willſt, Heinrich, dann weiß ich eine an⸗ dere: Julie Valentin. Sie iſt gewiß recht hübſch, denn ſie hat eine ſo ſchöne Stimme und ſo feine ſchöne Glie⸗ der; auch iſt ſie ganz ein Mädchen nach dem Herzen Gottes, klug und geſchickt, treu und fleißig, des Mor⸗ gens früh, des Abends ſpät an der Arbeit; ſie verdient ihr Brod, das iſt auch ein Reichthum, Heinrich.“ „Allerdings, lieb Mütterchen! Ein Lügner, welcher von Julien etwas Anderes ſagen würde. Aber Julie iſt der Eckſtein ihrer Familie, auf ihren Schultern ruht das ganze Geſchäft, deſſen Seele ſie iſt; ſie unterhält die arme kranke Mutter, ſie will die jüngeren Schwe⸗ ſtern ausſteuern und verſorgen. Wär's da nicht Frevel, das liebe wackere Mädchen durch Liebesgedanken von ſeinem ernſten Lebensplan abzuziehen und den Ihrigen zu rauben?“ Die blinde Frau ſeufzte tief auf.„Man kann mit Dir nicht rechten, Heinz“, ſagte ſie,„haſt immer einen * 106 letzten guten Grund; magſt auch in Allem recht haben. Aber ſieh, mein Sohn, ich könnte leichter von hinnen fahren, wüßt' ich, daß Du ein Weib an der Seite hätteſt, das Dich nur beiläufig ſo liebte, wie ſich zwei Gatten lieben ſollen. Wüßt' ich Dich als den Gatten einer tugendhaften guten Frau, ich würde leichter meine finſtre Straße wallen. O Heinz, Heinz, wie lange mag's noch dauern, daß ich ſcheiden muß mit dem Ge⸗ danken: nun ſteht er allein und ungeliebt in der Weit!“ „Ungeliebt, Mütterchen? Hab' ich denn nicht red⸗ liche Freunde, und dann noch meine Schweſter Röſe und den Schwager Fürſt? Und warum denkſt Du ſchon ſo ernſt an den Tod, Mütterchen, da Du doch noch ſo kräftig biſt?“ „O, mein Heinrich, es warnt mich oft genug vor'm Tode, Kind“, ſagte die Blinde und lehnte ihr Haupt mit ſtillem Weinen an des Sohnes Schulter.„Raſch tritt der Tod dem Menſchen an, es iſt ihm keine Friſt gegeben heißt es in dem alten Kirchenliede; und wenn mich oft mein einſeitiger nagender und bohrender Kopf⸗ ſchmerz quält und mich Tage lang hinwirft, daß ich wie vernagelt daliege, kann ich mich der Angſt nicht erwehren, mein lieber Heinrich, es werde einmal ganz unverſehens durch einen Schlagfluß mit mir zu Ende gehen Und dann möchte ich mit der Beruhigung von 107 hinnen gehen, daß mein treuer guter Sohn nicht mehr allein ſtehe in der Welt. Geſchwiſter ſind zwar ein gut Ding, mein Sohn; allein wenn ſie Kinder und eigenen Herd haben, ſo denken Sie doch zunächſt daran und an ſich ſelbſt, und das Herz iſt nicht mehr ſo weit und offen für die Brüder und Schweſtern. Glaub' mir, Heinrich, ich hab' das an mir ſelber und im eigenen Leben erfahren. Aber eine wackere brave Frau nach dem Willen Gottes, die iſt der Sonnenſchein im Hauſe und im Herzen ihres Gatten. Solch' eine Frau, ſchätz ich, wäre Fräulein Johanna, welche Dir zugleich das tägliche Brod mit in's Haus brächte, denn ſie iſt durch⸗ aus nicht ſtolz, ſondern ſo herzensgut und zutraulich!“ „Gewiß, Mütterchen, Fräulein Johanna hat ihre großen Vorzüge, aber ich habe ſie noch gar nicht recht würdigen gelernt; ich habe ſeither noch nicht Zeit ge⸗ habt, an Heirath und eigenen Herd zu denken. Ich habe immer für Andere zu haſten und zu ſorgen ge⸗ habt, und muß noch eine Zeit lang für mich ſelber ſorgen, ehe mir die Liebe, dieſes Kind der Muße und des nahe tritt. Und ſieh, lieb Mütterchen, geradt deßhalb und aus dankbaren Rückſichten gegen Herrn Werner kann ich dem Fräulein nicht entgegen⸗ kommen, ſondern muß mich mit dem Glauben tröſten, daß Ehen im Himmel geſchloſſen werden, und daß, 5 108 wenn mir Johanna beſtimmt iſt, der Himmel immer noch Mittel und Wege genug finden wird, uns zuſam⸗ men zu bringen. Darum wollen wir dieſe Sache ge— troſt einer höhern Fügung überlaſſen.“ Die gute Mutter gab ſich damit zufrieden, und es war nicht weiter von dieſen Dingen die Rede, da ohne⸗ dem Heinrich nicht ſehr geneigt ſchien, darüber zu re⸗ den. Er achtete Fräulein Johanna und deren Ent⸗ gegenkommen; die offene Weiſe, mit welcher das hübſche feingebildete, geiſtvolle und lebhafte Mädchen ihn aus⸗ zeichnete, gefiel ihm und ſchmeichelte ihm vielleicht ſogar. Er verglich ſie in Gedanken mit der reizenden liebenswürdigen Frau ſeines Freundes Dotter, der zarten, ſchlanken, ätheriſchen Juliane, und ſagte ſich, daß Jo⸗ hanna die Honneurs eines wohlhabenden geſelligen Haus⸗ weſens auf eine ebenſo anmuthige Weiſe machen würde allein dieſe Lebensweiſe erſchien ihm aber nicht als die jenige, für welche er vom Schickſal beſtimmt wat. Auf ſeinen Lebenspfad hatte offenbar die Vorſehung mehr Arbeit als Luſt gelegt und dieſe Aufgabe nur dadurch verſüßt, daß ihm die Arbeit und Mühe ſelbſt ein Vergnügen und ein Genuß war. Und wenn er dann, dieſer Beſtimmung und Richtung ſeines eigenen Geſchickes eingedenk, andere Frauencharaktere betrachtete, in denen eine gewiſſe angeborene Thatkraft, eine kräf⸗ 109 tige bewußte Selbſtbeſtimmung zu Tage trat, wie bei der willensfeſten ſtrebſamen Hedwig, bei der ruhig waltenden, klar denkenden, allzeit mit ſicherem Schavf⸗ blick und unerſchütterlicher Beharrlichkeit auf ihr Ziel losſteuernden Julie,— dann ſank die Wagſchale ſeiner Schätzung zu Gunſten dieſer Kinder der Noth, welchen die herbe Schule der Erfahrung beſcheidenere Anſprüche an das Leben und erreichbarere Ideale mitgegeben hatte. Aber auch ſolchen Gedanken durfte Heinrich Otte niemals lange nachhängen, denn vor ihm lag eine andere ernſte Aufgabe: die Gewinnung feſten Bodens in der brandenden See des Lebens, die Gründung ei⸗ ner ſichern Zukunft, die alles abſorbirende Hingabe an einen neuen ſelbſtgewählten Beruf. Darum kürzte er ſeinen Aufenthalt in N. auch möglichſt ab, obſchon ihm ſeine Freunde Richartz und Werner noch Abſchiedsfeſte gaben, an denen auch Julie Valentin Antheil nehmen mußte. Dann kam der Abſchied, der bei Johanna ei⸗ nen auffallend heftigen Ausbruch des Schmerzes, bei Julien nur eine ſtille wehmüthige Reſignation hervor⸗ rief. Otte brachte ſein Mütterchen in die Heimath urück, verabſchiedete ſich auch von ſeiner Schweſter Röſe, deren Gatten und Kindern, und wandte dann ſeine Schritte wieder weſtwärts, der großen Handels⸗ ſtadt zu, wo er bei einer der größten Lebens⸗ 140 und Rentenverſicherungsanſtalten eine Stelle gefnuden hatte. Was Otte'n ſeit Jahren theoretiſch beſchäftigt hatte, das ſollte er nun praktiſch betreiben, praktiſch erproben. Mit dem beharrlichen unverdroſſenen Eifer, welcher ſeine ganze Thätigkeit kennzeichnete, warf er ſich auf den neuen Beruf, und eignete ſich deſſen Feinheiten und Geheimniſſe bald ſo an, daß er ſelbſtthätig, an⸗ regend, ſchöpferiſch zu wirken und Vorſchläge für Ver⸗ beſſerungen, Erweiterungen und ſo weiter zu machen ver⸗ mochte, welche von den Unternehmern in Erwägung ge⸗ zogen, geprüft, tüchtig befunden und ſogleich verwirk⸗ licht wurden. Ein kleiner aber gewählter Kreis von Freunden und Bekannten eröffnete ſich ihm und bot ihm Erholung für einen Theil ſeiner Mußeſtunden; der Reſt derſelben ward auf Studien, auf den Brief⸗ wechſel mit ſeinen Freunden Werner, Richartz und Dot⸗ ter, mit den Schweſtern Valentin, mit Röſe und der Putter und endlich mit ſeiner Mündel Hedwig Schulz verwendet, welche noch immer in Mannheim war und deren Bildung unter der umſichtigen und liebevollen Berathung der würdigen Vorſteherin auf eine Weiſe geleitet wurde, daß dadurch ein harmoniſches Gleichge⸗ wicht zwiſchen Herzens⸗ und Geiſtesveredelung und Fortbildung erzielt wurde. Dieſer Briefwechſel zwiſchen Otte,— der freilich nur mehr eine ethiſche mora⸗ liſche als materielle Vormundſchaft führte, denn die Verwaltung des nicht unbedeutenden Vermögens, wel⸗ ches Hedwig nach Abtragung verſchiedener Paſ⸗ ſiven ihres Urgroßvaters verblieben war, beſorgte der Juſtizrath Gladiſch;— dieſer Briefwechſel alſo zwiſchen Otte und Hedwig Schulz war ganz eigenthümlicher Art. Otte hatte, wie wir bereits aus einem frühern Briefe an Hedwig geſehen haben, eine Art väterlichen Tones gegen das junge Mädchen angeſchlagen, der zwar nicht ohne innige Herzenswärme war, aber durch ſeinen milden Ernſt und die eifrige Fürſorge für Hed⸗ wig's zeitliches und geiſtiges Wohl ein gewiſſes beſtim⸗ mendes Uebergewicht annahm, das eine andere Em⸗ pfindung als dänkbare Zärtlichkeit und aufrichtigſte Pietät bei Hedwig nicht aufkommen ließ, obſchon ſie wirklich ſtark verſucht geweſen war, ihr Herz mit der ungezügeltſten Leidenſchaft, deren ihre feurige Seele fähig war, an den Mann zu hängen, welcher ihr als ein Ideal von Männlichkeit und Charakter erſchien. Wäre Hedwig nicht ſo ſehr reich und der Unterſchied der Jahre beider ſo bedeutend geweſen, hätte Otte nicht von dieſer energiſchen feurigen Seele eine wirklich ver⸗ zehrende Leidenſchaft gefürchtet, ſo würde ihn das Be⸗ wußtſein, die ganze Seele eines ſolchen Weſens zu er⸗ 142 füllen, vielleicht beglückt haben, und er hätte dieſe un⸗ verkennbare Neigung des Mädchens mit ganzem Her⸗ zen erwidert. So aber traten bei ihm Bedenken da zwiſchen, welche eben in ſeiner Uneigennützigkeit begrün⸗ det waren und einer Gewiſſenhaftigkeit entſprangen, welche keinerlei Compromiß zwiſchen der klar erkannten Pflicht und dem eigenen Vehagen und Vortheil zulie⸗ ßen. Darum hatte er allmälig und ohne das tiefe und rege Gefühl des jungen Mädchens irgendwie zu verletzen, ihre Empfindungen für ihn in die Bahn ei⸗ ner herzlichen, opferbereiten Dankbarkeit und aufrich⸗ tigen Pietät umgewandelt und es der Zukunft und der Gelegenheit überlaſſen, Hedwig's Herz der Liebe zu er⸗ ſchließen und ihre Wahl zu lenken. Siebentes Kapitel. Drei Jahre ſind vergangen, ſeit Otte der Heimath Lebewohl geſagt. Wir finden ihn als den ſehr geach⸗ teten Beamten einer der größten Verſicherungsgeſell⸗ ſchaften in London wieder, mit einem Vertrauenspoſten betraut, der ihm die Ausſicht auf eine ſorgenfreie Zu⸗ kunft, auf eine gewinnbringende dauernde Stellung er⸗ öffnete. Und doch iſt Otte nicht glücklich, wenigſtens nicht ganz zufrieden. Gern war er der Berufung gefolgt, welche jene londonek Geſellſchaft an ihn erlaſſen hatte, nachdem eines der Comitemitglieder, ein geborener Deutſcher, der Otte im Verlauf von Un⸗ terhandlungen mit der deutſchen Geſellſchaft kennen ge⸗ lernt, ihn der britiſchen Geſellſchaft als beſonders tüch⸗ tigen und erfahrenen Arbeiter vorgeſchlagen hatte. Die Ausſicht auf Erweiterung ſeiner Kenntniſſe und An⸗ Wylius, Ein Meteor der Börſe III. 8 144⁴ ſchauungen, der Wunſch das Ausland zu ſehen und vie Entwickelung und Rührigkeit britiſchen Geſchäfts⸗ lebens mit eigenen Augen kennen zu lernen, hatten Otte in weit höherem Grade zur Annahme dieſes An⸗ trags beſtimmt, als die ihm eröffnete Möglichkeit, ſich auf Zeitlebens anſtändig und mit ſteigendem Gewinn verſorgt zu ſehen. Auch hatte er ſich in der erſten Zeit vielfach angeregt und intereſſirt gefunden durch den vohen Wogenſchlag des Geſchäftslebens und der Han⸗ delsthätigkeit, wie durch die neuen und eigenthümlichen geſelligen und anderen Zuſtände, mit welchen ihn ſeine neue Stellung bekannt machte. Es hatten ſich ihm viele Häuſer angeſehener und wohlhabender City⸗Kaufleute, Advocaten, Geſchäftsmänner, Rentiers und ſo weiter ge⸗ öffnet, denen die geiſtige Bedeutung Otte's nicht ent⸗ gangen war und mit denen er durch ſeine Stellung in Serbindung ſtand,— er hatte ſich anfangs dem Zau⸗ ber nicht zu entziehen vermocht, den die Würde und Anmuth der britiſchen Frauen, die Sicherheit und Selbſtbeſtimmung, die Unabhängigkeit und Gleichbe⸗ rechtigung derſelben gegenüber den Männern ihnen ver⸗ leiht; er war nicht unempfänglich geblieben für die Vor⸗ nehmheit und Behaglichkeit, die Gaſtfreundſchaft und den Reichthum, welche ſich in dem geſelligen und häuslichen Leben dieſer ſeiner britiſchen Bekannten offenbarten; er 1¹5 hatte unter ihnen und einigen Deutſchen, die ſeit Jah⸗ ren in London anſäſſig waren, ſogar Freunde gewonnen. Allein Otte war ſo durch und durch eine gemüthvolle deutſche Natur, daß er ſich doch nicht auf die Dauer mit all dieſen Dingen befreunden konnte, daß er hinter dieſem alles verzehrenden Jagen nach Gewinn, nach Anſehen, Ehre und Vornehmheit, nach Wohlleben und phyſiſcher Behaglichkeit, nur die potenzirte Selbſtfucht, den ver⸗ knöchernden Eigennutz und die Poefieloſigkeit und Nüch⸗ ternheit eines Menſchenſchlags erkannte, der ſich mit allen höheren Regungen, mit allen feineren Genüſſen, mit der Freude an Natur und Einfachheit abgefunden hat und letzteren ſogar die ſtarrſte Blaſirtheit entgegen⸗ ſetzt. Die von Kohlendunſt und Ruß ſ chwangere Atmoſphäre Londons ließ ihn trotz aller Behaglichkeit häuslicher Einrichtungen und trotz aller überfeinerten materiellen Genüſſe doch die blauen Hügel und grünen Wälder der deutſchen Heimath, den klaren Himmel und die freund⸗ lichen Gärten, den Zauber der heimiſchen Zone und der deutſchen Mutterſprache vermiſſen, und in ſeiner Seele regte ſich der erſte Keim jenes Heimwehs, das ſchon Tauſende von jungen Deutſchen unter dem nebeligen Himmel Londons in den ſumpfigen Boden gebettet hat. Es iſt überhaupt eine merkwürdige Thatſache, daß die meiſten Deutſchen ſich nur dann in die britiſchen Ver⸗ 116 hältniſſe eingewöhnen können, wenn ſie noch verhältniß⸗ mäßig jung hinüberkommen, und daß dann meiſtens das deutſche Gemüth und die deutſche Empfänglichkeit für Poeſie und Kunſt, für geiſtige Intereſſen in ihnen untergeht. Der gebildete Deutſche aber, welcher in reife⸗ ren Jahren nach England kommt, hat gewöhnlich nur die Alternative, entweder an Heimweh, Herzweh, Ent⸗ täuſchung und Schwindſucht unterzugehen, oder ſein Herz und beſſeres Theil zu verknöchern in dem epide⸗ miſchen ſchrankenloſen Materialismus und der erſtarren⸗ den Selbſtſucht der britiſchen Zuſtände. Die innere Nachwirkung eines Verluſtes, der un⸗ ſern Freund Otte durch den jähen Tod ſeiner Mutter betroffen, hatte den ſtillen Keim des Heimwehs in ihm unverſehens mächtig genährt, und er trug ſich bereits mit dem zwar noch unausgeſprochenen aber lebhaften Wunſche, wieder nach Deutſchland zurückzukehren, als er eines Tages durch eine höchſt willkommene Berufung dorthin überraſcht wurde. Einer der erſten Anwälte zu N. lud ihn nämlich im Namen eines Ausſchuſſes von Actionären und Mitgliedern der Germania“ ein, nach Deutſchland zurückzukehren und das Amt eines techniſchen Viſitators dieſer Verſicherungs⸗Anſtalt an⸗ zunehmen, deren Verhältniſſe durch eine heilloſe Miß⸗ wirthſchaft furchtbar brouillirt waren, ſo daß es ge⸗ 3 rathen erſchien, auf Liquidation der Geſellſchaft anzu⸗ tragen und dieſe neu zu conſtituiren. Unter den Un⸗ terzeichnern jener Einladung, welche ihn berief, las Otte auch die Namen ſeiner Freunde Werner und Richartz, und der erſtere hatte einen erläuternden Brief beige⸗ legt, worin er Otte'n ankündigte, daß in Folge ſehr uner⸗ quicklicher Ergebniſſe der Geſchäftsführung und daraus hervorgegangener lebhafter Erörterungen auf der letz⸗ ten General⸗Verſammlung der Antrag durchgeſetzt wor⸗ den ſei, Auheim und dem Subdirector, ſowie dem auf Auheim's Empfehlung als Controleur angeſtellten Doc⸗ tor Leutmann zu kündigen, die ganze Geſchäftsleitung durch Sachverſtändige genau zu prüfen, die Schäden ermitteln zu laſſen, und dann die Reorganiſation der Geſellſchaft auf Grund anderer Statuten und Vorſchläge zu verſuchen oder wenn dieß nicht angehe, die Geſell⸗ ſchaft aufzulöſen und zu liquidiren. Dieſer Antrag habe durch das Anſehen der dabei betheiligten Männer und durch die vielen Gerüchte, welche über die Miß⸗ wirthſchaft in Umlauf waren, ein ſolches Gewicht er⸗ halten, daß ſelbſt die beaufſichtigende Staatsbehörde denſelben unterſtützen müßte. Nach Herrn Werner's Anſicht war es unzweifelhaft, daß die große Maſſe der Actionäre den ganzen Umfang der eingeriſſenen Miß⸗ bräuche noch gar nicht ahnte, und daß im Intereſſe 118 der vielen bei der Germania Verſicherten ſchließlich der Staat hilfeleiſtend einſchreiten müſſe, um das Fortbe⸗ ſtehen der Geſellſchaft zu ſichern, ſo daß aus dem pro⸗ viſoriſchen Ehrenamte, welches Heinrich angetragen wurde, ſich unfehlbar eine dauernde und einflußreiche Stellung entwickeln werde. Otte bat daher die britiſche Geſellſchaft, in deren Dienſten er ſtand, um einen Ur⸗ laub von drei Monaten, nahm das ihm angebotene Vertrauensamt an, und erſchien ſchon wenige Tage nach ſeiner zuſagenden Antwort in N., wo er bei den Schwe⸗ ſtern Valentin wieder ſeine alte Wohnung bezog. Otte fand bei der Heimkehr in N. manches ver⸗ ändert, zunächſt im Valentin'ſchen Hauſe. Julie war gereifter, geiſtig bedeutender geworden und imponirte ihm durch eine gewiſſe anſpruchsloſe Würde und Si⸗ cherheit des Benehmens, die ganz im Einklange ſtand mit dem Aufſchwung, welchen das Modengeſchäft wäh⸗ rend ſeiner Abweſenheit genommen hatte. Die Schwe⸗ ſtern hatten das große Magazin für ihre Zwecke nöthig gehabt, um dem Vertrauen und Zudrang ihrer Kunden zu entſprechen, und mit Julien theilten ſich ein halbes Dutzend junger Mädchen und zwei Commis in die Be⸗ dienung der Kunden, während Julie die Correſpondenz und Buchführung ſchon ſeit mehr als Jahresfriſt an einen gewandten jungen Kaufmann abgegeben hatte, welcher * * 149 ſeit einiger Zeit mit der feinen zarten Marie verlokt war. Dieſe leitete noch immer die„Confections“, wie man mit dem üblichen modernen Ausdruck zu ſagen pflegt, das heißt ſie war Zuſchneiderin und Leiterin des eigentlichen Putzgeſchäfts, das mit dem Moden⸗ waarenlager um die Wette gedieh. Das gute dicke Käthchen dagegen ſtand noch immer ihrer ſpeciellen Do⸗ mäne; der Führung der Hauswirthſchaft und Pflege der kranken Mutter, vor, und verſah ihr Amt mit der gewohnten Munterkeit und herzlichen Gutmüthigkeit, die ſie antrieb, überall da werkthätig und hilfreich ein⸗ zugreifen, wo ſie fremde Noth und fremden Schmerz lindern konnte. Käthchen's ſchlichte Seele ward auch ganz von dieſem Berufe ausgefüllt, und wenn irgend jemand außer ihrer Mutter und den Geſchwiſtern noch einen beſonders warmen Platz in ihrem Herzen hatte, ſo war es der alte Hausfreund Otte, dem ſie von ihren Schweſtern am vertraulichſten begegnete, gleich als ver⸗ ſtehe es ſich von ſelbſt, daß er ihr jene naiven Bemer⸗ kungen und herzlichen ungezwungenen Scherze, die ſie ſich in wahrhaft ſchweſterlicher Argloſigkeit gegen ihn erlaubte, nicht mißdeute. Mariechen trug in ihrem ganzen Weſen jene bräutliche ſtille Seligkeit zu Tage, welche ſie erfüllte, und die ja allen verlobten Mädchen eigen iſt,— jenes Aufgehen in dem Geliebten, wel⸗ 120 ches ein ſolches Paar gleichſam aus dem ganzen Ver⸗ bande des Familien⸗ und Menſchenverkehrs herausrückt. Julie dagegen ging ihrem verantwortlichen Beruf als Haupt des Hauſes und Seele des Geſchäfts in ihrer ſtillen, ruhigen, klarbeſonnenen Weiſe nach, und wußte doch anderſeits, wenn der Abend kam, der Laden ge⸗ ſchloſſen war und ſie ſich ſelbſt angehören durfte, ſich von dem beſchränkten Horizont des Tagewerks loszu⸗ reißen, und aus der Proſa des Alltagslebens und des Erwerbs in ein heitres geiſtiges Gebiet der Erholung zu flüchten, welches ſie über ihren Stand erhob. Sie las emſig nicht viele, aber gute Bücher, und dachte darüber nach; ſie ſuchte den Umgang gebildeter Män⸗ ner und zog ihn demjenigen alltäglicher hausbackener Frauen vor. Sie trieb keinerlei Oſtentation mit den Kenntniſſen und der freiern Anſchauung, die ſie ſich auf dieſe Weiſe erwarb, und hatte vielfach den Stolz der Selbſtgenüge, aber ſie wußte doch ihre Umgebung und namentlich Marien dadurch ebenfalls anzuregen und über das Niveau der bloſen Modiſtin, die ihr eigener Schaukaſten und Modepuppe iſt, zu erheben. Sie be⸗ ſtrebte ſich, der kranken Mutter, die eine feinfühlende, herzensgute und für ihre Zeit hochgebildete Frau war, einige geiſtige Genüſſe durch Vorleſen oder beſſere Un⸗ terhaltung zu bieten, und dieſem Umſtande maß Otte es bei, daß die kränkliche Matrone, die nur ſelten ihr Bett verlaſſen konnte, noch eine gewiſſe geiſtige Reg⸗ ſamkeit und Empfänglichkeit beſaß, die mit der phyſi⸗ ſchen Hilfloſigkeit einen wehmüthigen Contraſt bildete. Julie war jetzt etwa achtundzwanzig Jahre alt; an die Stelle des Schmelzes der Jugend war eine ge⸗ wiſſe nicht unſchöne und harmoniſche Fülle der Formen ihrer ebenmäßigen mittelgroßen Geſtalt, an die Stelle der Schönheit ihrer ziemlich regelmäßigen Züge eine ſtille Anmuth getreten, die, mit Ruhe, Sicherheit, Her⸗ zensreinheit und Seelenfrieden verſchwiſtert, jeden wohl⸗ thuend anmuthete und mit dem Eindruck einer ſeltenen Gediegenheit des Charakters dieſes Weſens erfüllte. Kein Wunder daher, daß es Julien in den jüngſten Jahren nicht an Bewerbern gefehlt hatte, zumal ſeit bekannt war, daß das Geſchäft der Schweſtern, das unter ihrer ſpe⸗ ciellen Leitung ſtand, ein ſolch einträgliches war. Allein Julie hatte unvermittelte Bewerbungen entſchieden ab⸗ gelehnt und anderen Annäherungsverſuchen ein ge⸗ wiſſes Etwas von Unnahbarkeit entgegengeſetzt, das die meiſten eigennützigen Bewerber abſchreckte. Selbſt Otte fand es jetzt nicht leicht, mit Julien wieder auf den Fuß des früheren herzlichen Umgangs zu kommen; ſeine Hochachtung für ſie war wo möglich noch geſtiegen, die dankbare Verpflichtung die er ihr ſchuldete, ſteigerte 122 noch die Empfindung der Anhänglichkeit, die er für ſie fühlte. Und doch war in dem Verkehr Beider eine unſichtbare Schranke bänglicher Zurückhaltung, ein räthſelhaftes Spiel gegenſeitigen Anziehens und ſcheuer Zurückhaltung, ein ſtolzes Verſchweigen von Dingen wahrzunehmen, die nicht über die Lippen drin⸗ gen wollten und doch ab und zu wider Willen aus den Augen leuchteten,— ein Hangen und Bangen, das bald für Beide drückend ward und namentlich da⸗ rin ſich äußerte, daß Julie und Otte ſichtlich eine Be⸗ gegnung unter vier Augen vermieden. Auch im Werner'ſchen Hauſe waren die Verhält⸗ niſſe andere geworden. Otte fand ſeinen Freund be⸗ deutend gealtert, reicher und angeſehener zwar, und tiefer in den Geſchäften, aber innerlich unbefriedigter als ehedem. Sein Sohn Conſtans, ein gewöhnlicher unbedeutender Menſch, war um der Stiefmutter willen aus dem Vaterhauſe fortgezogen und nach Amerika gegangen, Ottilie hatte einen jungen Beamten auswärts geheirathet, um der täglichen Begegnung mit der Stief⸗ mutter enthoben zu ſein, und Johanna blieb zwar im Hauſe, aber nur aus Trotz gegen die Gattin ihres Va⸗ ters und in dem Bewußtſein ihrer Berechtigung hierzu, ſowie ihrer Ueberlegenheit gegenüber der leeren Geſellſchaftspuppe, die ſie in Eugenien, der Stief⸗ 2 123 mutter, erkannte. Johanna ſah deutlich ein, daß ihr Vater über dieſe kalte, herzloſe, phlegmatiſche Perſon, die er in zweiter Ehe geheirathet hatte, enttäuſcht wor⸗ den war, daß er ſie nicht lieben, ja nicht einmal mehr achten konnte, daß er nur aus Billigkeits⸗ und Selbſt⸗ gefühl dieſe ungerathene Verbindung nicht löſen wollie, und ſie verſchonte deshalb den Vater gefliſſentlich mit Kla⸗ gen über die kleinen Demüthigungen und Kränkungen, die ſie von der Mutter zu gewärtigen hatte. Sie war tact⸗ voll und gerecht genug, die ſtille Reue des Vaters zu achten und ſeine Mißſtimmung gegen die Stiefmutter nicht zu mehren durch Winke oder Angebereien; vielmehr ſuchte ſie das Vertrauen des Vaters zu gewinnen und zu erhalten, und erzielte dadurch ſicherer als auf jede an⸗ dere Weiſe den Schutz deſſelben gegen Eugenien's be⸗ ſtändige Klagen und Hetzereien. Sie hatte ebenfalls verſchiedene Bewerbungen abgelehnt um dem Vater nahe zu bleiben, aber ihr Muth der Ausdauer ging zur Neige und dieſe inneren Kämpfe hatten auch von ihrer nicht ungraziöſen Erſcheinung den Schmelz und die Friſche und Fröhlichkeit der Jugend abgeſtreift, als Otte wieder in N. erſchien, und ſein Anblick mit einem Male zuſehends eine Veränderung bei Johanna hervor⸗ brachte. Sie kleidete ſich plötzlich wieder eleganter und gewählter, erſchien häufiger in Geſellſchaft und machte —— —ů— 124 ihre Talente und Vollkommenheiten mit merklicherem Eifer als ſeitdem geltend, zumal wenn es vor Otte geſchehen konnte, der ihr bei jedem Anlaſſe Rede ſtehen und von England erzählen oder über höhere Intereſſen und Gegenſtände als die Scheidemünze der Converſation mit ihr plaudern mußte. Herr Werner ſchien dieß gar nicht zu beachten oder wenigſtens nicht hindern zu wollen, aber er gab Otte'n auch in keiner Weiſe irgend ein Zeichen der Aufmunterung eines ſol⸗ chen Verhältniſſes zwiſchen ihm und Johanna, obſchon er ihn ſonſt mit der ganzen auszeichnenden Freund⸗ ſchaft von ehedem behandelte. In Richartz und ſeiner Frau hatte Otte die biede⸗ ren treuen Freunde von ehedem wieder gefunden, und Frau Richartz ließ es ſich nicht nehmen, ihn jetzt münd⸗ lich über die Begebenheiten der Stadt auf das Laufende zu ſetzen. Die gute Dame hatte in ihrem ſchlichten kin⸗ derloſen Hausweſen Muße genug, ſich um die Verhält⸗ niſſe Anderer zu bekümmern, und ohne gerade klatſch⸗ ſüchtig zu ſein, erfuhr ſie doch die Heimlichkeiten bei⸗ nahe ſämmtlicher Familien der ganzen„Geſellſchaft“ der Stadt. Ueberzeugt, daß namentlich Auheim's Ver⸗ hältniſſe Otte'n intereſſiren müßten, hatte ſie ſich beeilt, ihm dieſe zu ſchildern. Leonie war bald nach Auheim's Rückkehr aus Paris, nachdem er ſein dortiges Geſchäft 125 aufgelöſt hatte, zu ihrem Gatten zurückgekehrt, und zwar in Folge einer gemeinſamen Einwirkung ihrer Eltern und des Doctor Leutmann, welcher ſie mit ei⸗ nem Prozeſſe bedroht hatte. Dieſes Zuſammenleben des Auheim'ſchen Ehepaares aber war nur eine Komödie des Einverſtändniſſes; die eitle ehrgeizige Leonie machte ein großes Haus auf Koſten ihres Gatten, und ſpielte die „freie Frau“, umgab ſich mit einem Kreiſe von jungen Lebemännern und Anbetern aus allen Ständen, und ließ ihrem Gatten die Freiheit, ſeine eigenen Wege zu gehen. Die gewähltere Geſellſchaft mied ihr Haus, aber ſie fand immer noch Leute genug um ihre Salons zu füllen und die feine Welt, welche ihr auswich, durch die Pracht ihrer Toiletten, durch den Prunk ihrer häus⸗ lichen Einrichtung und den Ruf ihrer guten Tafel und der ungezwungenen Fröhlichkeit ihrer Geſellſchaftsabende, in welche ſie doch manchmal auch die Herren der feinen Welt zu locken wußte, zu ärgern. Auheim ertrug dieß Alles mit der Miene eines Mannes, der dieſem Treiben ſeinen Beifall zollt, und hatte ſich überhaupt neuerdings die Rolle eines ſehr rührigen, beſonnenen und würdevollen Geſchäftsmannes zugedacht, die dem kleinen ſtutzerhaften Manne allerdings nicht ſehr gut zu Geſicht ſtand, aber doch dem großen Haufen einigermaßen wieder Vertrauen zu ihm einflößte, zumal er durch das 126 Organ ſeines Freundes Zwirbel und durch einen zur Schau getragenen Eifer für Förderung aller möglichen gemeinnützigen Unternehmungen ſich unabläſſig im Ge⸗ dächtniß ſeiner Mitbürger zu erhalten bemühte. Daß aber die Finanzwelt und der ſolide Kaufmannsſtand ſich hierdurch nicht ködern ließen, und von der Solidi⸗ tät ſeiner Verhältniſſe dadurch nicht günſtiger dachten als zuvor, braucht kaum erwähnt zu werden. E . Achtes Kapitel. Einer von Otte's erſten geſchäftlichen Gängen hatte dem Juſtizrath Gladiſch gegolten, welcher ihn veranlaßte, ſich ſogleich bei dem Oberpräſidenten der Provinz zu melden, 3 der ebenfalls unter den Antragſtellern auf Reviſion der 5 Germania war und einen unmittelbaren Befehl des Miniſteriums in dieſer Hinſicht und das betreffende Mandat für Otte erwirkt hatte. Die ganze Angelegenheit war ſo heimlich und discret betrieben worden, daß Auheim den dunklen Gerüchten, welche darüber in Umlauf waren, keinen Glauben beigemeſſen, ſondern dem Vorgehen ſeiner Gegner die keckſte Stirne entgegenzuſetzen beſchloſſen hatte. Es traf ihn daher wie ein Blitz aus heitrem Himmel, als eines Tages ein Regierungskommiſſär in Begleitung von drei Herren auf das Bureau der Direction der Germania“ trat und im Namen des Staatsminiſteriums 128 die Einleitung einer genauen Unterſuchung und Reviſion der geſammten Verhältniſſe der Germania ankündigte und der Direction die Herren Heinrich Otte, Geheimen Regierungsrath Schulhoff und Appellationsgerichtsaſſeſſor Wohlau als die in Pflicht genommenen Specialcommiſſäre vorſtellte. Der kleine Auheim war wie vom Schlag ge⸗ rührt, und proteſtirte gegen die Befugniß des Miniſteriums zur Einleitung einer ſolchen Unterſuchung; allein man wies ihm nach, daß der Antrag hierzu von einer Anzahl Mitglieder und Actionäre ausgegangen ſei, welche that⸗ ſächlich dargethan, daß das Directorium durch Anſtellung einzelner Beamten und verſchiedener Willküracte gegen die Statuten verfehlt und auf Forderungen der letz⸗ ten Generalverſammlung keine genügende Auskunft ertheilt habe. Daß um dieſer Beſchwerden willen das Oberpräſi⸗ dium der Provinz vermöge der ihm zuſtehenden discretio⸗ uären Gewalt das Directorium einſtweilen ſeiner Func⸗ tion entbinde. Auheim's Proteſt blieb unbeachtet, er mußte Bücher und Schlüſſel herausgeben und ſehen, wie das Perſonal in Pflicht genommen ward, bei Vermeidung von Strafe und unter Hinweiſung auf die geleiſtete Hand⸗ treue der Dienſtpflicht fernerhin nur den Verfügungen der Specialcommiſſion Folge zu leiſten. Die Nachricht von dieſer entſchiedenen Maßregel er⸗ regte in N. großes Aufſehen und ſogar einige Beſtürzung, * 3 129 als am andern Mittag die Kunde von Mund zu Mund ging, der Subdirector Profeſſor Spornhahn und der Controleur Doctor Leutmann ſeien über Nacht ver⸗ ſchwunden. Dieſe Nachricht war das Signal, daß Frau Leonie Auheim, welche ſeit zwei Jahren wieder mit ihrem Gatten zuſammen lebte, ſein Haus eiligſt verließ um eine Badereiſe anzutreten, und daß Auheim, welcher eben⸗ falls eine dringende Geſchäftsreiſe in's Ausland hatte machen wollen, aus dem Coupé eines Eiſenbahnwaggons des Schnellzugs herausgeholt und in ſeinem Hauſe unter polizeiliche Aufſicht geſtellt wurde, mit der Verwarnung ihn bei dem erſten Fluchtverſuche in Criminalhaft zu nehmen. Die Unterſuchungen der Specialcommiſſion ergaben auch ſchon in den erſten Nachmittagsſtunden dieſes Tages, daß in dem Reſervefond der Anſtalt nur die Kleinigkeit von etwa hundertzwanzigtauſend Thalern fehlte, indem eine Anzahl Packete, welche Caſſenſcheine im Betrag von je tauſend Thalern enthalten ſollten, mit werthloſem Makulatur gefüllt und die Bez zeichnungen, Controlſtempel, Siegel und Unterſchriften auf denſelben geſchickt nachgemacht waren. Auheim wurde nun verhaftet, und der Telegraph trug die Fahndung nach den beiden Flüchtlingen in alle Welt. Schon am andern Morgen ging die telegraphiſche Nachricht ein, daß ein Individuum, das für den flüchtigen Leutmann ward, auf Mylius, Ein Meteor der Börſe. III 5 ———— 3 6 130 einer ſüddeutſchen Eiſenbahnſtation verhaftet worden ſei, und daß deſſen photographiſches Konterfei behufs Er⸗ kennung und weiterer Schritte in kürzeſter Friſt folgen werde. Auheim hatte anfänglich große Frechheit und einen gewiſſen Trotz bewieſen, welcher für ſeine Unſchuld zeugen ſollte. Er hatte jede Mitwiſſenſchaft um den Verluſt ent⸗ ſchieden in Abrede geſtellt und auf die beiden flüchtig Gewordenen die Schuld geladen. Als ihm aber der Criminaldirector eröffnete, daß er als Director wenigſtens zu einem Drittel der fehlenden Summe haftbar ſei, weil dieſer Betrug, falls er nicht unter ſeiner Mitwiſſenſchaft und Connivenz geſchehen, doch wenigſtens durch ſeine mangelhafte Aufſicht und durch Fahrläſſigkeit überhaupt ermöglicht worden wäre, und er daher von Gerichtswegen auf Deponirung der betreffenden Summe aus Auheim's Vermögen antragen müſſe, da wich die Zuverſicht des kleinen Mannes mit einem Male. Er erklärte nun in beſter Form ſeine Inſolvenz, die nicht länger zu verheim⸗ lichen war, und der Gerichtsdirector erwiderte dieſe Erklärung mit der Anzeige, daß er in dieſem Fall Auheim wegen Verdachts betrügeriſchen Bankerotts ver⸗ haften müſſe. Auheim ergab ſich mit Reſignation in dieſe erſchütternde Nothwendigkeit, und ließ ſich in dumpfen Hinbrüten in die Kerkerzelle abführen, in welcher er 13⁴ am andern Mittag, als ihm der Schließer das Eſſen bringen wollte, ohnmächtig und im Blute liegend ge⸗ funden wurde. Er hatte ſich mit einem Federmeſſer die Pulsadern öffnen wollen, der Anblick des Blutes aber mochte ihn erſchreckt haben, und ſo hatte er nach Verletzug einiger Venen davon abgeſtanden, ohne tödtlich verletzt zu ſein. Dieſer unglückliche Selbſt⸗ mordverſuch richtete Auheim in der öffentlichen Meinung, denn man hielt ihn nun für ſchuldig. Die Unterſuchung ſeiner Caſſe und die Bilanz ſeiner Bücher ergaben eine auffallende Inſolvenz; ſein vertrauter Buchhalter ſprach im erſten Verhör offen aus, er habe ſchon damals, als Otte's Tratten nicht eingelöſt wurden und ſpäter dennoch honorirt werden mußten, und als Auheim ganz unver⸗ ſehens über große Caſſenmittel zu gebieten vermochte, den Argwohn nicht zu unterdrücken vermocht, daß derſelbe ſich auf Koſten der Germania' in irgend einer unrecht⸗ mäßigen Weiſe geholfen habe, und daß derartige plötz⸗ liche Zuflüſſe in die leere Kaſſe noch mehrere vorgekommen ſeien. Auheim leugnete dieß alles und wollte ſich durch §eſellſchaft, welche er nicht nennen dürfte und wolle, die Mittel zur eine Dame aus den höchſten Kreiſen der Rettung aus dringender Verlegenheit verſchafft und die gemachten Dartehen derſelben wenigſtens theilweiſe zurück⸗ gezahlt haben. Er hatte keine Ahnung dayon, daß Leut⸗ 8 mann bereits eingeliefert worden war und umfaſſende Geſtändniſſe gemacht hatte, um ſich auf Koſten der An⸗ deren zu retten. Es ging aus denſelben hervor, daß die drei erſten Beamten der Germania im Einverſtändniß dieſe Bank an ihrem Reſervefond beſtohlen hatten, um ſich aus eigenen Verlegenheiten zu retten, und die durch unſinnige gewagte Börſenſpeculationen erlittenen Verluſte zu decken; daß Auheim nur dieſen Eingriffen in die Mittel der Verſicherungsbank die Verzögerung ſeines unausbleiblichen Bankerotts verdankte. Dieſe Ausſagen Leutmanns waren ſo klar und beſtimmt und wurden durch die Caſſenbücher und ſonſtige Geſchäftsführung Auheims ſo zur Cvidenz als wahr und begründet erwieſen, daß der kleine Mann überführt wurde. In die Enge getrie⸗ ben, wollte er nun Otte verdächtigen, allein dieſem war es ein Leichtes, alle Unwahrheiten urkundlich zu entkräften und durch Auheim's eigene Briefe nachzuweiſen, daß dieſer ſchon damals inſolvent geweſen und ſich nur durch jene Wechſelreiterei über die Dauer der Kriſis hinaus noch aufrecht erhalten habe. Nun beſchuldigte er den Doctor Leutmann, daß ihn derſelbe zu jener Verun⸗ treuung verleitet und ihm gezeigt habe, wie er in den Baarmitteln des Reſervefonds der Verſicherungsbank ein allzeit parates Mittel habe, ſich aus allen Verlegen⸗ heiten zu helfen; wie er dieſes Verfahren Jahrelang un⸗ 133 entdeckt fortſetzen könne, wenn er nur Sorge trage, daß die„entlehnten“ Summen immer rechtzeitig vor dem Kaſſenſturze und der Viſitation, deren Zeitpunkt ihm ja ſtets genau bekannt ſei, ergänzt würden, was anfangs auch immer gewiſſenhaft geſchehen ſei. Doctor Leutmann habe dann als Mitwiſſer dieſes gefährlichen Geheimniſſes ihn förmlich gezwungen, die durch Achill von Magnus' Flucht erledigte Controleurſtelle ihm zu übertragen, und dann allmälig auch den Subdirector Spornhahn in's Komplott gezogen, worauf ein Wetteifer im„Entlehnen“ aus dem Reſervefond und im unſinnigſten gewagteſten Börſenſpiel entſtanden ſei, bis man ſchließlich, da der Verluſt den Gewinn überwog, wie meiſt bei ſolchen Hazardſpiel, an Erſatz der„entlehnten“ Beträge nicht mehr habe denken können. Wie man ſich dann zur Fälſchung und zum Betrug entſchloſſen und die Viſita⸗ toren und Regierungscommiſſäre durch luculliſche Mahl⸗ zeiten und köſtliche Weine vor der Unterſuchung arglos und gleichgültig oder zu genauer Prüfung der Packete unfähig gemacht habe. Die Folge dieſer Ueberführungen, Geſtändniſſe und ſo weiter, war die Verurtheilung Auheim's und Leut⸗ mann's zu entehrender Zuchthausſtrafe, die Einleitung eines Scheidungsprozeſſes von Leonie gegen ihren Gatten, der Verkauf von Strahlenberg unter ſehr vortheilhaften Be⸗ ½ ₰ 7 134 dingungen, und die Berufung einer außerordentlichen Generalverſammlung der Actionäre und Mitglieder der „Germania“, um ihnen den ganzen Status der Geſellſchaft vorzulegen, wie er durch die Specialcommiſſion und ins⸗ beſondere durch Otte ermittelt worden war. Die Ger⸗ mania mußte entweder mit Verluſt liquidiren und falliren oder durch Zuſchuß der Actionäre wieder flott gemacht werden. Im erſteren Falle war eine Anzahl Familien ſicher ruinirt und eine weitere Anzehl von Verſicherten um die eingezahlten Prämien, Renten und ſo weiter betrogen, eine Unzahl von Prozeſſen derſelben gegen die Mitglieder des Verwaltungsrathes unvermeidlich, und dem ganzen Creditweſen der Provinz eine unheilvolle Wunde geſchlagen. Für die andere Alternative wurde von Herrn Werner und deſſen Freunden ein Betriebs⸗ und Tilgungsplan vorgelegt, welcher bei einer geringen weiteren Einzahlung auf jede einzelne Actie, bei Verzicht auf Ver⸗ zinſung und Dividende für einige Jahre, und einigen unerheblichen Opfern ſonſtiger Art, den ſoliden Fortbeſtand der Geſellſchaft und des ganzen Unternehmens mit ziem⸗ licher Zuverſicht garantirte. Die Germania mußte aber alsdann ihre Thätigkeit reduciren, ſich fernerhin nur mit Verſicherungen von Leben und Renten und gegen Feuersgefahr befaſſen, die übrigen contrahirten Ver⸗ ſicherungen an andere Geſellſchaften abtreten und die 135 von ihr eingegangenen Lebens⸗ und Feuerverſicherungen auf eine Reihe von Jahren, ſolange die Mittel der Geſell⸗ ſchaft noch geringe waren, bei anderen Aſſekuranzbanken rückverſichern und die Koſten der Verwaltung auf ein Minimum beſchränken. Meine Herren,“ ſagte Herr Werner zur Begrün⸗ dung der letztern Alternative,—„dieſer Vorſchlag iſt der einzig vernünftige und rettende; er iſt nicht nur von den Staatsbehörden geprüft, ſondern auch von einer An⸗ zahl Kaufleute und Sachverſtändiger, welche zuerſt gegen die Auheim'ſche Direction und gegen die Willkür des früheren Verwaltungsraths auftraten, gut geheißen worden. Er rührt von einem Manne her, welcher ſchon zur Zeit der Gründung der Germania“ deren Wirkungskreis auf dieſe Zweige des Verſicherungsweſens beſchränken wollte, was aber nicht in der Abſicht und dem Vortheil der Gründer lag;— von einem Manne deſſen wohl durchdachte und gewiſſenhafte Anordnungen und Vorſchläge damals von Auheim und Conſorten mit allerlei ſchwindel⸗ haften Auswüchſen, Reclamen und Aufſchneidereien durchſpickt wurden;— von einem Manne, dem es von vornherein gebührt hätte, die Direction der Anſtalt zu übernehmen,— mit einem Worte, meine Herren, dieſer wohl motivirte Vorſchlag rührt von dem gegenwärtigen Herrn Heinrich Otte her, den ich Ihnen hiermit zum 136 Leiter der ganzen Zukunft unſerer Aſſecuranzbank um ſo vertrauungsvoller vorſchlage, als derſelbe in dieſer Branche 4 praktiſch erprobt und zugleich der Vertreter und Bevoll⸗ mächtigte zweier Beſitzer von circa hundert Prioritäts⸗ actien iſt!“ „Um Himmels Willen, was ſagen Sie da, Herr Werner?“ flüſterte Otte in peinlicher Verlegenheit. „Davon weiß ich ja kein Wort!“ „Hier ſind die Vollmachten des Herrn Rentier von Dotter, Major außer Dienſten, welcher dreiundſiebenzig Actien, und von Herrn Kammerrath von Magnus, welcher zweiunddreißig Actien beſitzt, und die zur Vertretung ihrer Intereſſen Herrn Heinrich Otte beſtellen, auch eventuell* den Vorſchlägen deſſelben beitreten und deſſen Berufung zum Director unterſtützen wollen“, ſagte der Juftizrath Gladiſch.„Außerdem bin ich ermächtigt, denjenigen Be⸗ ſitzern voll eingezahlter Actien, welche dem gemachten Vor⸗ ſchlage etwa nicht beitreten wollen, ihre Actien mit einem Zuſchlag von fünf Procent über den Cours, welchen ſie an der morgenden Börſe haben werden, abzukaufen.“ „Und ich bin ebenfalls erbötig, unter den gleichen Bedingungen noch eine Anzahl ſolcher Actien zu über⸗ nehmen“, ſagte Obriſtlieutnant Richartz.* „Und ich ebenfalls! Ich desgleichen!“ ſagten die Herren Iſaakſohn und Werner. 137 Das gab den Ausſchlag. Die Generalverſammlung nahm den Vorſchlag mit überwiegender Stimmenmehrheit an, erwählte zur Stelle einen neuen Verwaltungsausſchuß und beauftragte dieſen mit der gewiſſenhaften Prüfung des gedruckt vertheilten neuen Betriebsplanes und mit der Berufung oder Wahl des neuen Directors. In einer nächſten Generalverſammlung ſollte dann der Ver⸗ waltungsausſchuß dem Plenum darüber berichten, dieſes ſich für Annahme oder Verwerfung des Planes ent⸗ ſcheiden und den gewählten Director und engern Aus⸗ ſchuß beſtätigen. 5 5 5 — ———— Neuntes Kapitel. „Nun, mein Freund, wollen Sie uns jetzt verſprechen, bei uns zu bleiben?“ fragten Werner, Gladiſch und Richartz unſern Freund Otte, als ſie mit einander den Saal der Harmonie“ verließen, wo die Generalverſamm⸗ lung ſtattgefunden hatte.„Sind Sie mit unſerem Wirken und dem neuen Wirkungskreis zufrieden?“ „Sie haben mich überraſcht und beſchämt, meine verehrten Freunde! Sie haben mich tief gerührt“, ent⸗ gegnete Otte bewegt.„Wenn mir die Actionäre ihr Vertrauen ſchenken, ſo werde ich es mir angelegen ſein laſſen, daſſelbe zu rechtfertigen; aber ich glaube kaum, daß ich bei der Wahl durchdringen werde.“ „Bah, ſeien Sie kein Närrchen, Otte, die Berufung iſt Ihnen gewiß!“ ſagte Richartz.„Männer von Ihrer Capacität ſind ſelten genug und müſſen warm gehalten — — 139 werden. Man wird Mühe haben, Ihnen einen eben⸗ bürtigen und würdigen Concurrenten an die Seite zu ſtellen. Ich garantire Ihnen den Erfolg!“ „Sie waren in den letzten zwei Monaten ſo ſehr vergraben in Ihren Arbeiten, daß Sie für nichts Anderes Sinn hatten, ſonſt hätten Sie bemerken müſſen, wie wir für Sie warben“, bemerkte Gladiſch.„Sie müſſen ſiegen oder die Aſſecuranzbank iſt verloren. Uebrigens haben wir, Ihre Freunde, jetzt die Macht in den Händen, den Ausſchlag zu geben.“ „Sagen Sie mir, beſter Herr Juſtizrath, iſt es nur ein... ein Manöver zu meinen Gunſten, was Sie da von Uebernahme der Actien ſagten, oder iſt wirklich jemand erbötig, ein ſolches Wagniß einzugehen?“ „Die Aufforderung iſt ganz ernſtlich gemeint, Freund“ entgegnete Gladiſch lächelnd.„Mit derartigen Aufforderungen durfte man nicht ſpaßen, und mein Elient iſt in der That Ihnen viel zu ſehr zugethan, als daß es ihm mit der Sache nicht heiliger Ernſt wäre.“ „Und darf ich ſeinen Namen erfragen, Herr Juſtiz⸗ rath?“ „Na, meinetwegen, falls Sie ihn nicht errathen“, verſetzte Gladiſch ſcherzend;„haben Sie wirklich keine Ahnung? Nicht?— Ei wiſſen Sie denn nicht, daß Fräulein Hedwig Schulz nun mündig iſt?“ 140 „Hedwig Schulz? Nein fürwahr, daran habe ich nicht gedacht!“ rief Otte freudig bewegt.„Alſo ſie? Nun ja, das erklärt mir Alles!“ „Ja, Fräulein Schulz iſt nun ebenfalls Actionärin, und wird durch mich vertreten“, ſagte Gladiſch.„Vor acht Wochen ward ſie mündig, und ihre erſte Verfügung an mich war: ich ſolle dem alten Magnus die dreißig⸗ tauſend Thaler heimbezahlen, welche er dem alten Ma⸗ ruſchke für den gefälſchten Wechſel ſeines Sohnes hatte erſetzen müſſen. Dieß ſei ein Wunſch von Ihnen, Otte, behauptete das Fräulein, welches ja in Allem ein un⸗ bedingtes Vertrauen in Sie ſetzt. Na, Ihr Wort und Ihre Anſicht in Ehren, lieber Otte, aber ich bin doch eigentlich der Anſicht, daß für unſere Ermündel keine rechte Verpflichtung vorliegt, den alten Magnus für einen Verluſt zu entſchädigen, durch welchen er nicht ſowohl Maruſchke's Erbin gerecht werden, als vielmehr ſeinen ſaubern Finken von Sohn vor gerichtlicher Ver⸗ folgung retten wollte; einen Kerl der jetzt in San Fran⸗ eisco eine Spielhölle hält und dem Galgen doch nicht entlaufen wird. Zudem hat der alte Magnus in den letzten Jahren koloſſale Geſchäfte in Getreide, Raps, Hanf und ſonſtigen Landesproducten gemacht und ſeine beiden Rittergüter mit ſechszig Prycent Nutzen verkauft, und all dieſes Geld würden nur die Frau Auheim, 141 dieſer Tugendſpiegel, und der nichtswürdige Bengel Achill ererben. Ergo hieße es eigentlich Thee nach China tragen, wenn ich die dreißigtauſend Thaler voll an den alten Kammerrath gezahlt hätte, und ſo kaufte ich denn Actien der Germania“ und anderer Unternehmungen der Firma Auheim und von Magnus zu einem billigen Courſe auf und übergab ſie ihm zum Nominalwerthe. Er war auch damit zufrieden, und ich erſparte meiner Mündel damit etwa fünfundſiebzig Procent. Aber ich muß dem alten Herrn das Zeugniß geben, daß er mit Vergnügen darauf einging, Ihnen ſeine Vollmacht zu übertragen, als er unſeren Plan erfuhr, Sie an Auheim's Stelle zum Director zu machen. Denn eine ſtrenge Ehrlichkeit und Gewiſſenhaftigkeit, ja meinethalben ſogar eine gewiſſe Uneigennützigkeit will und kann ich dem Kammerrath nicht abſprechen, zumal ſeit das Unglück, das ihn in ſeiner Familie und an ſeinen Kindern heim⸗ geſucht, ihn weich gemacht hat.“ „Ich werde ihn dieſer Tage beſuchen und ihm meinen Dank für die Unterſtützung abſtatten, welche er mir geleiſtet hat“, ſagte Otte gerührt.„Ich habe ihn von jeher für einen ganzen Ehrenmann gehalten.— Aber ſagen Sie mir, Herr Juſtizrath, was für Nachrichten haben Sie von Hedwig? Unſer Briefwechſel iſt ſeit einem halben Jahre ein ſehr beſchränkter, dürftiger geweſen.“ 142 „Das Fräulein langt in dieſen Tagen hier an und wird einſtweilen bei mir abſteigen“, entgegnete Gladiſch;„ſie iſt zur Zeit in Heſſen auf Beſuch bei einer Freundin, die ſie in der Penſion in Mannheim kennen gelernt hat. Ihre Erziehung iſt nun vollendet, ſie wird der Hochzeit von Fräulein Marie Valentin mit dem jungen Fiſchbach beiwohnen und dann erſt ſich ent⸗ ſchließen, wo und wie ſie ferner leben will. Am liebſten bliebe ſie in der Valentin'ſchen Familie, an welche ſie ſich die dankbarſte Anhänglichkeit bewahrt hat. Na, erſt ſoll ſie hierher kommen, dann wird alles Andere ſich ſchon finden. Jedenfalls aber könnten wir dem Fräulein keine angenehmere Ueberraſchung bereiten, als durch die Nachricht von Ihrer Ernennung zum Director der Germania“, die wir hoffentlich ohne Mühe durch⸗ ſetzen werden.“ Zehntes Kapitel. Einige Tage ſpäter langte Hedwig Schulz in N. an und ſtieg bei dem Juſtizrath Gladiſch ab. Ihr erſter Gang galt den Schweſtern Valentin und mit einer herzlichen Innigkeit und Dankbarkeit, welcher weder die mehrjährige Trennung noch die bedeutende Ver⸗ änderung in ihren äußeren Verhältniſſen auch nur den mindeſten Eintrag gethan hatte, begrüßte ſie Julien und ihre Schweſtern. Für Marie hatte ſie in Frank⸗ furt einen koſtbaren Shawl und eine reiche Parüre mit Korallen gekauft, welche zu deren dunklen Haaren und blitzenden Augen und dem brünetten Teint ganz aller⸗ liebſt paſſen mußten. Käthchen erhielt ein ſchwarzes Seidenkleid, das ſie bei Marie's Hochzeit zum erſten Mal tragen ſollte, und für Julien hatte ſie einen goldenen Bleiſtifthalter und einen koſtbaren Brillantring beſtimmt, — 144 „denn Ihnen, meine Liebe“, ſagte ſie lächelnd,„kann man keinen Putz geben. Sie kleiden ſich immer ſo un⸗ geſucht hübſch und einfach, wie nur Sie das Geheimniß dazu zu haben ſcheinen. Und nun ſagen Sie mir, wie finden Sie mich, liebe Julie?“ „Ganz ſo, wie ich Sie mir wünſche, mein liebes Fräulein!“ entgegnete Julie.„Daß Sie recht ſchön und ſtattlich geworden ſind, das wiſſen Sie ſelbſt, denn das ſagt Ihnen Ihr Spiegel. Daß Ihre geiſtvollen Züge und Ihre intelligente Stirne von der beſten An⸗ wendung Ihrer Zeit in der Penſion zeugen, rechne ich Ihnen auch nicht zum Verdienſte an, denn das war nur Ihre Pflicht gegen die Vorſehung und gegen ſich elbſt. Aber, daß Sie uns lieb behalten haben und in Ihrem Glanze und Reichthum noch ſo ſchlicht und ein⸗ fach, ſolch' warmen und weichen Herzens geblieben ſind und daß Ihr liebes Antlitz noch nicht von Stolz hart und von Leidenſchaft getrübt worden iſt, das rechne ich Ihnen hoch an, und darum könnte ich Sie, wenn dieß möglich wäre, noch um ein gut Theil lieber gewinnen, mein liebes Fräulein!“ „Liebe, theure, beſte Julie!“ rief Hedwig, fiel ihr um den Hals und bedeckte ihre Wange mit Küſſen. „Ja fürwahr, glauben Sie mir, ich bin ganz Ihre alte Hedwig geblieben, und darum nennen Sie mich wieder wie ehedem Ihr Kind, Ihre kleine Hedwig, und laſſen Sie mich niemals wieder dieſes ceremoniöſe Wort Fräu⸗ lein hören! Nennen Sie mich wieder Du!“ „Nein, liebe Seele, das paßt ſich jetzt nicht mehr!“ ſagte Julie.„Bedenken Sie doch, in den Augen der Welt bin ich nur eine Putzmamſell, oder höchſtens eine Mar- chande de modes und Sie eine reiche Erbin; was würden die Leute dazu ſagen, wenn ich Sie bevormun⸗ den wollte?“ „Ach gehen Sie, liebe Julie! Was haben denn die Leute ſich um mich bekümmert, als ich noch ein wahres Aſchenbrödelchen war und in verwachſenen und ver⸗ waſchenen ärmlichen Kleidern ging und bei dem Ur⸗ großvater kaum ſatt zu eſſen— doch genug davon! Es iſt ja vergeſſen und reich erſetzt! Aber Sie und Ihre Schweſtern boten mir damals die rettende Hand, und wer weiß, was aus mir geworden wäre ohne Sie und Du lieber Himmel, wie undankbar! Nach Herrn Otte hab' ich noch nicht einmal gefragt! Wo iſt er? Wie geht es ihm? Schreiben Sie ihm noch immer häufig?“ „Er wohnt ja bei uns wie ehedem, liebe Hedwig! Er iſt noch immer der Alte, herzensgut, dienſtfertig und aufopfernd, nur iſt er ſtiller und ernſter geworden“, entgegnete Julie;„er hat ſeine gute Mutter verloren, Wylius, Ein Meteor der Börſe. III. 10 146 und es geht ihm noch immer nahe, daß er damals in England war und ihr die Augen nicht zudrücken durfte. Aber es iſt jetzt ſieben Uhr;— noch eine halbe Stunde und Sie werden ihn ſehen, denn er ſpricht gewöhnlich noch auf ein halbes Stündchen bei uns vor, ehe er hinaufgeht.“ „Er arbeitet alſo noch immer ſo raſtlos?“ fragte Hedwig mit leuchtenden Augen und ihre blühenden Wangen überflog eine noch höhere Röthe. „Ei natürlich! Muß er nicht, wenn er vorwärts kommen will?“ ſagte Julie.„Er iſt keiner von denen, welchen das Weltglück wohl will oder welche die Ge⸗ wandtheit haben, das Glück beim Schopfe zu ergreifen, wenn es on ihnen vorüber flattert. Er muß ſich ſein Schickſal ſelbſt machen und erringen; aber nun gelingt es ihm doch noch, denn er ſoll Director der Aſſecuranz⸗ bank werden.“ „Ich weiß es, ich weiß es“, ſtammelte Hedwig, und blickte gedankenvoll durch die Scheiben;„ich bin wirk⸗ lich begierig auf unſer Wiederſehen. Denken Sie ſich, er hat mir's abgeſchlagen, mir eine Photographie zu ſchicken, als ich ihm deshalb nach Hamburg ſchrieb, und ich war doch ſo begierig zu erfahren, was für einen Eindruck die meinige auf ihn machen würde.— Doch genug hiervon, liebe Julie! Wovon ſprachen wir denn zuvor? Ach ja, von uns! Sie müſſen mich wieder duzen, nicht als mütterliche Freundin, nicht als Vor⸗ münderin, ſondern als Ihre jüngere Schweſter, denn ich ruhe nun nicht eher, liebſte Julie, bis Du, bis Ihr mich wieder in Euer Haus aufgenommen habt. Sei mir nicht böſe, beſtes Julchen, aber ich kann nicht an⸗ ders— mein Herz drängt mich, Dir das ſchweſterliche Du zu geben,— und Dir ebenfalls, Käthchen, und Dir, meine theure, brave, gute Marie!“ und dabei flog ſie einer der Schweſtern um die andre an den Hals und küßte ſie mit Thränen der innigſten Rührung. —„Alſo nicht wahr, es bleibt dabei, ich bekomme mein Stübchen bei Euch und einen Platz an Eurem Tiſche, meine Schweſtern?“ „Ach es geht ja nicht, Herzchen! Bedenke doch, daß Du jetzt ganz andere Anſprüche machen darfſt!“ rief Julie. „Unſinn! Ich will nur ſo viel haben wie in der Penſion, oder höchſtens ein Stübchen, groß genug um mein Clavier und mein Bücherſchränkchen aufzuſtellen. Ich warte, bis Marie verheirathet iſt und ziehe in Ma⸗ riens Zimmerchen!“ „Das geht nicht an, liebſte Hedwig!“ ſagte Marie. „Mein Zimmerchen bezieht ja Bruder Jean, welchen wir in dieſen Tagen aus Malaga erwarten. Er hat 10* 148 ſeine Stelle dort aufgegeben und will ſich nun mit ſeinen Erſparniſſen hier etabliren, und da müſſen wir ihm doch ein Unterkommen geben. „Nun ja, er hat freilich den Vorrang, aber Ihr müßt mir doch ein Zimmerchen leeren, macht es nun fertig, wie ihr könnt oder wollt!“.. ſagte Hedwig halb ſchmollend. „Ei, mein Herzblättchen, dazu kann ſchon Rath werden! bemerkte Käthchen.„Die Schweſtern denken gar nicht daran, daß, wenn Otte Director wird, er freie Wohnung bekömmt, und dann die beiden freund⸗ lichen Zimmer frei werden, die er i und die zwar hoch oben ſind, aber. „O mein Herzens·Käthchen, ſieh Du weißt doch zu Allem Rath!“ rief Hedwig und fiel ihr um den Hals.„Jetzt nehm' ich Dich beim Worte, und nun ſoll alles gut werden! Aber nun komm', zur Mama! be ſtes Käthchen, zu Eurer lieben Mutter!“ Arm in Arm mit Käthchen gingen ſie hinüber in das Zimmer, wo die kränkliche Frau Valentin den größten Theil ihres Daſeins hilflos im Bette verbrachte.— Der Laden war geſchloſſen, die Putzjungfern weg⸗ gegangen, und Käthchen ordnete den Theetiſch, während Marie in bräutlicher Seligkeit neben dem Verlobten in der Fenſterniſche ſaß, und beide mit verſchlungenen 149 Händen leiſe flüſterten, Julie aber die eingegangenen Briefe las und die Abendblätter überflog. Da trat 3 Otte ein, grüßte im Kreiſe und reichte Julien einen Brief. „Von Karl?“ rief dieſe nach einem haſtigen Blick auf die Adreſſe, was iſt's mit ihm?“ „Er kommt zu Mariens Hochzeit und bringt ſeine Braut mit,— er hat ſich verlobt“, ſagte Otte,„das Nähere wird ſein Brief beſagen. Und dieſe Ueberra⸗ ſchung iſt nicht die einzige, die ich Ihnen bereiten kann“, ſetzte er lächelnd hinzu;„was geben Sie mir, wenn ich Ihnen noch eine andere frohe Botſchaſt verkündige, liebe Julie?“ Nun ich bereite Ihnen dann ſtehenden Fußes ebenfalls eine Ueberraſchung, Herr Otte! Alſo drücken Sie los!“ „Ihr Bruder Guſtav iſt in Europa“, ſagte Otte; „er kommt direct von Californien über Panama und Newyork, hat mich in London aufſuchen wollen und nicht mehr gefunden, und meldet mir nun von dort ſeine Rückkehr nach Europa.“ Ein allgemeiner Freudenruf begrüßte dieſe Nach⸗ richt.„Iſt es möglich?“ riefen die Schweſtern.„Warum kommt er nicht ſogleich hierher? Warum ſchreibt er nicht direct?“ „Weil er erſt das Eintreffen von Conſignationen erwartet, die er mit ſich herüber genommen und mit denen er in Newyork ein Schiff befrachtet hat, deſſen Ankunft er abwarten muß“, ſagte Otte.„Er bittet mich um einige Empfehlungen und Referenzen für Lon⸗ don, und will ſeine junge Frau ſich einſtweilen von den Reiſeſtrapazen erholen laſſen.“ „Seine Frau? Wie ſollen wir denn dieß ver⸗ ſtehen?“ riefen die Schweſtern. „Einfach ſo! Er hat auf der Reiſe von San Fran⸗ cisco nach Newyork die junge Wittwe eines Schweizers, die nach Europa zurückkehrt, kennen gelernt. Beide haben 5 ſich, wie dieß bei Seereiſen nicht ſelten ſein ſoll, ſchnell befreundet und an einander angeſchloſſen, zumal Guſtav der jungen Dame mehrere Dienſte zu erweiſen im Stande war, und ſo haben Sie ſich denn in Newyork kurz und gut trauen laſſen, um deſto ungenirter mit einander reiſen zu können. Hier leſen Sie ſelbſt, was ich Ihnen in Kürze mitgetheilt habe, und hier die Pho⸗ tographien Beider!“ „Nein, das iſt in der That doch echt amerikaniſch!“ rief Julie halb lächelnd, halb verwundert ob dem. eben Gehörten.„Und dieß alles iſt wahr?“ „Wie können Sie denn zweifeln mit dem eigen⸗ händigen Briefe Guſtav's in der Hand. Aber wo iſt nun meine Ueberraſchung, Julie?“ „Sogleich“, verſetzte dieſe lächelnd und ging mit den Worten hinaus:„Ich ſende ſie Ihnen, denn ich will jetzt Mama nur auf dieſe Freudenbotſchaften vor⸗ bereiten!“ Schon in der nächſten Minute hörte Otte einen eiligen leichten Schritt und das Rauſchen eines Seiden⸗ gewandes. Eine weibliche Geſtalt ſtürzte herein und flog ihm an den Hals mit den Worten:„Herr Otte, mein lieber wackerer Freund, mein Wohlthäter!...“ k„Hedwig! Iſt es möglich?“ rief er, ſie an beiden Schultern erfaſſend und auf Armeslänge von ſich hal⸗ tend, um ſie genauer betrachten zu können.„Fürwahr, wenn ich Sie nicht an der Stimme erkannt hätte, an den Zügen und der Geſtalt würde ich Sie kaum wieder erkannt haben!... Wie ſchön und groß Sie geworden ſind! Wie elegant und fein und ſtattlich!...“ „Und doch immer noch die Alte für Sie!“ fiel ſie ihm mit glänzenden Augen in die Rede.„Immer noch Ihre dankbare kleine Mündel Hedwig, die Ihnen alles, alles verdankt!“ Auch Otte war ungewöhnlich bewegt und fand kaum Worte genug, um ſeine Freude und ſein Erſtaunen auszudrücken, denn vor ihm ſtand ein ſchlankes Mäd⸗ ——————— 152 chen von mittlerer Größe und tadellos ſchönem Wuchs, den das einfache ſchwarzſeidene Reiſekleid vortheilhaft hervorhob. Die Züge des Geſichts waren nicht mehr ſcharf wie früher, ſondern von füdlichem Schnitt und einer harmoniſchen Regelmäßigkeit. Schwarze weiche Locken umrahmten die freie klare Stirne voll Intelli⸗ genz und Unſchuld, eine friſche Röthe glühte auf den Sammetwangen, und aus den lebhaften dunklen Augen leuchteten Verſtand und Herzensgüte; um den friſchen vollen Mund lag ein wunderſames Gemiſch von Heiter⸗ keit und Feſtigkeit und über das ganze Antlitz war ein Hauch von Seelenfrieden und geiſtiger Bedeutung ausgegoſſen, wie über ihre ganze Erſcheinung ein Ge⸗ präge von Anmuth und Adel. Wer hätte in ihr das ſchüchterne linkiſche Mädchen wieder erkannt, das ehedem mit Heißhunger in Käthchens Butterbrode und Aepfel biß? „Was ich bin und was ich habe, iſt Ihr Werk, Herr Otte! Sie haben mehr an mir gethan, als ein Vater!“ flüſterte ſie jetzt, und beugte das Geſicht auf ſeine Hand herab.„Ich bin zeitlebens Ihre Schuld⸗ nerin, und werde Ihnen nie vergelten können, was ich Ihnen verdanke... O, daß Sie wüßten, mein väter⸗ licher Freund, was jetzt in meiner Seele vorgeht!... Kommen Sie, begleiten Sie mich zu Herrn Gladiſch!“ 3 1 ſ 1 153 ſetzte ſie haſtig und flüſternd hinzu.„Bringen Sie mich nach Hauſe, ich kann hier nicht reden!“ „Liebe Hedwig, ich habe Dir meinen Verlobten Ewald Fiſchbach noch nicht vorgeſtellt“, ſagte Marie, als ſie Hedwig in ungewöhnlicher Bewegung nach ihrem Hut und Shawl greifen ſah,„darf er Dich nicht be⸗ grüßen?“ „O gewiß! Ich freue mich herzlich, Sie kennen zu lernen, und wünſche Ihnen aufrichtig Glück zu einer ſo lieben Gattin, wie Marie ſie werden wird“, ent⸗ gegnete Hedwig.„Aber es wird ſpät, liebes Herz, und ich bin ſo ſeltſam bewegt, Ihr müßt mich für heute entſchuldigen, meine Lieben! Herr Otte ſoll mich zu Gladiſch zurückgeleiten,— dann morgen mehr!“ Helle Thränen rannen ihr über die Wangen, und ihre Stimme war unſicher, ihre Hände bebten, als ſie ſie Käthchen und Marien reichte, welche ſich darüber zwar verwunderten, aber ſie ruhig gehen ließen. Was die Beiden unterwegs mit einander geſprochen, als ſie ſo im Zwielichte Arm in Arm durch die Straßen gin⸗ gen und über die Promenade an der frühern Wohnung der Schweſtern Valentin und an der Stelle vorbei, wo einſt das Häuschen des alten Maruſchke geſtanden, wel⸗ ches nun freilich einem neuen hohen und breiten, vierſtöcki⸗ gen Hauſe gewichen war; als ſie an den Stätten vor⸗ übergingen, welche ihnen durch die Erinnerungen an die Vergangenheit lieb und werth geworden waren,— das hat niemand erfahren. Nur wollte Käthchen be⸗ merkt haben, als ſie Otte bei der Rückkehr die bren⸗ nende Kerze reichte, mit welcher er ſogleich in ſeine Wohnung hinaufſtieg, daß ſeine Züge bleich und von ſtiller Trauer erfüllt geweſen ſeien und ſeine Hand ge⸗ zittert habe. Aber zur Unterhaltung ſchien er nicht mehr aufgelegt, denn er lehnte Käthchen's Einladung zum Thee freundlich ab, und ſuchte die Stille und Ein⸗ ſamkeit ſeines Stübchens.—— Wenige Wochen ſpäter wurde Otte zum Director der reorganiſirten Aſſecuranzbank Germania erwählt, und zur Ausführung der von ihm gemachten Vorſchläge berufen. Er bezog die früher von Spornhahn inne⸗ gehabte Wohnung in dem prachtvollen, aus den Mitteln der Geſellſchaft aufgeführten Gebäude, welche mit ihren acht geräumigen Zimmern für ihn freilich viel zu groß war, denn Otte'n genügten die zwei kleinſten und freund⸗ lichſten Stübchen der ganzen Wohnung. Seine beiden Zimmer im Valentin'ſchen Hauſe am Neumarkt aber bezog dann ſogleich Hedwig Schulz, welche ſich darin beſcheiden und behaglich einrichtete und nun zum Zeit⸗ vertreib den Schweſtern Valentin bei ihrer Arbeit half, — 3 2 155 um, wie ſie ſagte, zu bethätigen, daß ſie über ihrer geiſtigen Ausbildung auch die altbekannte Arbeit nicht verlernt habe. Mariens Hochzeit hatte unverhofft den Kreis der Valentinſchen Familie vollzählich zuſammen⸗ geführt. Da war Guſtav mit ſeiner jungen Frau, einer hübſchen muntern Schweizerin aus Genf, deren erſter Gatte in Californien geſtorben war; Karl mit ſeiner Braut, einer Predigerstochter aus dem ſiebenbürgiſchen Sachſenlande, und deren Mutter; und der aus Spanien zurückgekehrte Jean, ein ſchmucker hochgewachſener Mann, deſſen geiſtvolles Geſicht die Sonne des Südens gebräunt hatte, was zu ſeinen dunkelblonden Locken und ſeiner männlichen Schönheit gar nicht ſchlecht paßte. Von jeher ein chevaleresker Burſche, hatte er unter den kleinen ſtolzen Spa⸗ niern eine kühne, ſtraffe Haltung angenommen und ſich eine gewiſſe Sicherheit und Beſtimmtheit des Auftretens erworben, welche beſonders den Frauen imponirte und namentlich Hedwig, der er als Cavalier zuertheilt war, nicht zu mißfallen ſchien. Käthchens Cavalier war ein Bruder Fiſchbach's, und Julie einem Freunde ihres Bruders zugefallen. Otte'n hatte man Johanna Werner, welche ebenfalls mit einer Einladung bedacht worden war, als Dame angewieſen da ſich deren Vater immer ſo theilnehmend und zuvorkommend gegen die 156 Schweſtern Valentin bezeugt hatte. Dieſe Vertheilung der Paare war den guten Bewohnern der Provincial⸗ hauptſtadt aufgefallen, und hatte verſchiedene Gerüchte in Umlauf geſetzt, welche darin etwas mehr als nur Zufall ſehen wollten, und bald zwei weitere Verbin⸗ dungen zwiſchen Jean und Hedwig und Otte und Jo⸗ hanna prophezeiten. Und wirklich ſchien das Gerücht auch nur der Vorläufer der Wahrheit zu ſein, denn eines Tags wurde die Verlobung von Jean und Hedwig officiell angezeigt, und Otte legte als Vormund und väterlicher Freund Hedwig's ſelbſt ihre Hand in die⸗ jenige des jüngſten Valentin. Die Verlobung feierte man in einem ſchönen großen Garten, welchen Hedwig kürzlich erſt angekauft hatte, und wo ſie meiſt den ganzen Tag unter ihren Blumen und Obſtbäumen verbrachte, auch abends von Julien, Käthchen, Jean und Otte be⸗ ſucht wurde Nur eine kleine Geſellſchaft der nächſten Freunde und Verwandten nahm an dem Feſte Theil, und man mußte geſtehen, daß dieſes ſchmucke Paar ein⸗ ander werth und ebenbürtig war. Man ſah, es war eine innige Neigung, auf wirkliche Liebe und wechſel⸗ ſeitige Achtung gegründet, und obwohl Jean Kaufmann war, hatte bei ihm Hedwig's Vermögen doch nicht den Ausſchlag gegeben, ſondern die Vorzüge ihres Charak⸗ 157 ters, ihre Bildung, ihre Herzensgüte und Anmuth ſeine Wahl gelenkt. Bei dem Verlobungsſchmauſe waren alle ſo froh und heiter, wie es nur je bei einer ſolchen Feſt⸗ lichkeit geweſen, nur Otte vermochte nicht ſo fröhlich zu lachen wie die Anderen, und auf ſeinen Zügen lag jener milde Ernſt, den er ſeit ſeiner Haft in Paris niemals wieder ganz verloren hatte. Nach dem Souper zer⸗ ſtreuten ſich die Gäſte in dem weiten Garten, den der ſchönſte Vollmondſchein beleuchtete, benutzten Schaukel und Kegelbahn und weckten mit ihrem muntern Ge⸗ plauder und lauten Lachen das Echo der Luſtgehölze und des ſtillen Abends. Otte hatte auf einer Terraſſe, entfernt von den Anderen, ſich in einen Stuhl geſetzt und blickte ſchweigend und ſinnend über die weite Land⸗ ſchaft hinaus, durch welche der breite Strom, vom Sil⸗ berlicht des Mondes beleuchtet, ſich zwiſchen den flachen Ufern und Wieſen Feldern und niedrigem Weidenbüſchen hindehnte. Da hörte er plötzlich in ſeiner Nähe den Sand der Gartenwege unter den Schritten eines leichten Fußes kniſtern, und 3 ſich umblickend ſah er eine Frauengeſtalt zwiſchen den Py⸗ ramiden⸗ und Spalierbäumen auftauchen, deren helles Gewand ihm die junge Verlobte verrieth. „Dacht' ich doch, daß Sie hier ſeien, mein Freund!“ hub Hedwig an.„Es iſt ein Plätzchen, wie geſchaffen — 158 für ein Gemüth, das ſtill leidet und ſeinen Träumen und Erinnerungen nachhängt! Was iſt Ihnen, lieber Herr Otte? Sie ſind der einzige von all meinen Freunden, der heute an meinem Ehrentage nicht ganz fröhlich iſt.“ „Sie irren, liebe Hedwig, ich theile dennoch Ihr Glück, wenn ich auch keine lärmende Heiterkeit ſimu⸗ liren kann!“ ſagte er und drückte ihr warm die Hand. „Sie täuſchen ſich, wenn Sie mich für traurig oder unglücklich halten. Ich bin nur ernſt und von meinem Berufe in Anſpruch genommen.“ „Ach was, lieber Freund, das ſind Phraſen“, ver⸗ ſetzte Hedwig ſetzte ſich zu ihm und ergriff ſeine Hand;„reden Sie offen, lieber Herr Otte, ſind Sie mir böſe?“ „Böſe... 7 Weßhalb denn?“ „Nun, wegen meiner Verlobung! Iſt Ihnen denn gleichgültig, daß ich Jean's Wahl entſprochen habe? Iſt wirklich keine Bitterkeit in Ihrem Herzen, daß alles ſo gekommen iſt, und daß gerade Jean... Nein, Herr Otte, weichen Sie mir nicht aus, denn es muß zwiſchen uns klar werden!“ fuhr ſie lebhaft fort und blickte ihm mit ihren dunklen Augen forſchend in's Geſicht. „Sie haben mich ja ausgeſchlagen, als ich nach jahre⸗ langer Trennung unter dem Eindruck des Wiederſehens 159 Ihnen geſtand, daß ich in dem Gedanken, mein Ver⸗ mögen mit Ihnen theilen und Ihr Leben verſchönern zu dürfen, den Gipfel meines ganzen Lebensglückes finden würde. Aber ſprechen Sie es treu und ehrlich aus, hat es Sie dennoch nicht verletzt, daß ich ſo bald dar⸗ auf mich mit Jean verlobte? Halten Sie mich deßhalb nicht für flach und herzlos?“ „Sie lieben Jean wirklich, Hedwig?“ fragte Otte. „Ja, ich achte ihn, und bin ihm gut und wünſche ihn ſo glücklich zu machen, wie ich es durch ihn ſein möchte“, verſetzte Hedwig und ihre Augen glänzten unter Thränen.„Genügt dieß, daß zwei Leute ſich für ein ganzes Leben ver binden?“ „In den meiſten Fällen und vor dem geſunden Menſchenverſtande allerdings“ erwiderte Otte;„Dichter und Romanſchreiber wären vielleicht mit dieſer Liebe nicht zufrieden, und werden ſie nicht Leidenſchaft nennen!“ „Leidenſchaft?“ wiederholte Hedwig mit einer tie⸗ fen Bewegung.„Was iſt Leidenſchaft? In den meiſten Fällen eine Klippe, woran das ſchwanke Boot unſeres Lebensglückes ſcheitert. Halten Sie mich einer ſolchen unfähig, dann irren Sie, mein Freund! Ich habe mit dem heiligen Feuer einer Leidenſchaft Jahre der Bit⸗ terkeit und Einſamkeit erwärmt, und doch.. aber genug hiervon! Nur ein einziges Wort noch, Herr Otte! 160 Wenn Sie mich glücklich ſehen an Jean's Seite, wenn ich die Mutter eines eigenen Hausſtandes ſein werde, und in Ihnen eine leiſe Regung von Groll gegen mich aufſteigen will, dann ſeien Sie gerecht und laſſen Sie die Bitterkeit nicht Herr werden, denn... denn nicht ich habe gewollt, daß es ſo kam, und.. und ich habe wenigſtens auf der einen Seite ein Opfer der Dank⸗ barkeit bringen wollen, nachdem es auf der andern verſchmäht worden war. Helfen Sie mir die ſelbſtge⸗ wählte Pflicht erfüllen“, fuhr ſie immer erregter fort, „und laſſen Sie mit dieſem Kuſſe die ganze Vergangen⸗ heit begraben ſein!“ Ein heißer Kuß brannte auf ſeiner Wange, die von ihren Thränen bethaut war, noch ein Händedruck und ſie war verſchwunden hinter den Gebüſchen des nahen Luſtgehölzes. Heinrich blickte ihr tief aufathmend nach und rieb ſich die Stirne.„Was iſt das“, fragte er ſich unwill⸗ kürlich,„was bedeuten dieſe halben Worte, dieſe Ge⸗ ſtändniſſe? Hat ſie mich wirklich mit dem ganzen Feuer ihrer Seele geliebt? War jenes Anerbieten nicht blos die Regung eines dankbaren Herzens und hat ſie ſich Jean nur verlobt, weil ich ſie verſchmäht...* Gott, wer löſt mir dieſe Räthſel?— Und doch iſt nun der Wür⸗ fel gefallen; ſie hat gewählt, ſie iſt eine ſtarke Seele, die ſicher und unbeirrt die Bahn der Pflicht gehen wird, 161 ſie hat mir einen Fingerzeig gegeben, wie ich ſelber handeln ſoll!“ Er wandelte gedankenvoll durch die fernſten Gänge des Gartens und als er wieder zur Geſellſchaft zurückkehrte, ſah er Hedwig mild und heiter, als ob der vorige Auftritt nur eine Ausgeburt ſeiner Phantaſie wäre, an der Seite ihres Verlobten im Gartenſaale.—— In dieſen Tagen erfüllte die Nachricht von dem jähen Tode des Kammerraths von Magnus die Stadt mit allerlei Gerüchten, um ſo mehr als demſelben ſchon nach einigen Tagen ſeine Gattin nachfolgte und ſich die Thatſache herausſtellte, daß der alte Herr kein Teſta⸗ ment hinterlaſſen hatte. Bald hieß es, der Kammer⸗ rath ſei an Gift geſtorben, bald, er habe ſich ſelbſt ein Leid angethan, bald waren es noch abenteuerlichere Vermu⸗ thungen. Die wahre Urſache ſeines Todes aber kannten nur wenige außer Guſtav Valentin und Heinrich Otte, und dieſe war einfach eine Nachricht, welche auf Umwegen über Californien an den alten Vater gelangt war, daß ſein Sohn Achill in San Francisco an der Spielbank von einem Mexicaner niedergeſchoſſen worden ſei und ſich auf dem Sterbebett noch als muthmaßlicher Mörder des alten Maruſchke bekannt habe. Guſtav hatte dieſe Thatſache ſchon aus Californien mitgebracht aber außer Otte niemand mitgetheilt, um den hochbetagten und Mylius, Ein Meteor der Börſe III. 11 162 ohnedem ſchon ſchwer heimgeſuchten Vater zu ſchonen, dem nun dieſe doppelt ſchreckliche Kunde das Herz ge⸗ brochen und der es ſeiner Gattin verhehlt hatte, um dieſer einen tiefen Schmerz und Kummer zu erſpa⸗ ren. Die Tochter, Leonie Auheim, eilte aus dem fernen Bade herbei, um die bedeutende Erbſchaft an⸗ zutreten, und war nicht erboſt darüber, daß ſie nun auch ihren Bruder beerben ſollte. Der Tod der Eltern, mit welchen ſie ſeit einigen Jahren in einem ge⸗ ſpannten Verhältniß geſtanden hatte, ſchien ihr wenigſtens äußerlich nicht ſehr nahe zu gehen, und die Ausſicht auf die Unabhängigkeit, welche ihr das künftige Ver⸗ mögen gab, linderte ohne Zweifel den etwaigen Schmerz in ihrem froſtigen ſelbſtfüchtigen Gemüthe um ein Nam⸗ haftes. Allein wie ſehr erſtaunte ſie jetzt, als ihr der Vorſtand des Stadtgerichts erklärte, daß ihr Gatte Leopold Auheim, von dem ſie zur Zeit noch nicht ge⸗ ſchieden, mit ihr zu gleichen Theilen die Erbſchaft antrete, da kein Teſtament der Erblaſſer vorhanden und ihr Bruder nachweisbar ſchon lange vorher ge⸗ ſtorben ſei. Daß das Gericht die Verpflichtung habe, diejenige Quote des Erbes, welche dem defraudirten Werthe des Verluſtes der Aſſecuranzbank Germania gleichkomme, einſtweilen mit Beſchlag zu belegen und den Director der Germania“ zur Erhebung der betref⸗ 163 fenden Summe zu ermächtigen. War es nun wirklicher Mangel an Einſicht in ſolche Rechtsverhältniſſe, war es † Haß und Vorurtheil oder blinder Grimm, kurzum Leonie ſuchte, wenngleich vergebens, dieſe Entſcheidung anzu⸗ fechten, und warf, als alle ihre derartigen Verſuche fehlſchlugen, einen fürchterlichen Haß auf Otte, in welchem ſie den Urheber dieſer Maßregeln ſehen wollte. Selbſt die Einwendung, welche Leonien's Anwalt er⸗ hoben hatte, daß ihr Gatte höchſtens nur zur Erſatz⸗ pflicht für ein Drittel des Verluſtes der Germania⸗ haftbar gemacht werden könne, da er der Unterſchlagung des Ganzen nicht überwieſen ſei, ſcheiterte an den Ver⸗ . fügungen der Obergerichte, welche ſeine Haftbarkeit für das Ganze als zu Recht beſtehend annahmen und es ihm überließen, ſpäter ſeine Regreßanſprüche wegen des übrigen Betrages an ſeine Mitſchuldigen zu machen. Ohnedem reichte ja der Antheil an der Erbſchaft, wel⸗ cher auf Auheim fiel, noch nicht einmal zur Deckung des ganzen Verluſtes hin, welchen der Reſervefond der Germania erlitten hatte. Auheim's Lage wurde alſo durch dieſe Erbſchaft nicht gebeſſert, wohl aber ſein Gemüth in hohem Grade verbittert, ſo oft der Anwalt ſeiner Frau, der jetzt trotz der eingereichten Scheidungsklage freundlich mit dem Strafgefangenen über dieſe Angelegenheit verkehrte, ihn 164 in der Strafanſtalt aufſuchte und ihm den Stand der Dinge berichtete. War Auheim aber nicht im Stande, die Entſcheidungen der Gerichte und deren rechtliche Be⸗ gründung abzuſchwächen, ſo wußte er doch der erbit⸗ terten Gattin Mittel und Wege zu zeigen, wie ſie ihr Müthchen an Otte kühlen konnte, den ſie wie bereits geſagt für den Urheber dieſer widrigen Wendung der Dinge hielt und dem ſie mit Rache gedroht hatte. Die erſten Anzeigen dieſer Rache, in einzelnen An⸗ griffen gegen Otte und in Rügen ſeiner Amtsführung als Director beſtehend, die da und dort in Localblättern auftauchten, entkräftete Otte leicht, theils durch Thatſachen, theils durch ein beredtes Stillſchweigen. Darauf wurden die Angriffe kühner, und da Otte ohnedem das Unglück gehabt hatte, den Verleger des Patrioten, unſern alten Bekannten Zwirbel, dadurch zu beleidigen, daß er ihm die Druckgeſchäfte der Aſſecuranz⸗ bank wegen prelleriſcher Uebertheurung hatte entziehen müſſen, ſo las man eines Tages in dem Patrioten“, dem wenig geleſenen Organ der Reactionspartei, die„An⸗ frage: Wie denn die hohe Regierung die Wahl des Herrn Otte, eines notoriſchen Demokraten und rothen Republikaners, der ſchon in den Revolutionsjahren eines Vergehens gegen eine Militärperſon im Dienſte ſich ſchuldig gemacht und dafür Feſtungsſtrafe beſtanden, — 165 habe beſtätigen können?“ Dieſer boshafte Wink wirkte ſchon directer, denn er rief die politiſchen Leidenſchaften wach, welche durch die Aufſtandsverſuche der ſogenann⸗ ten nationalen Partei in einer benachbarten Provinz und durch die Gährung über die innere Politik ohne⸗ dem entzündet waren. Otte hatte jederzeit den Muth gehabt, in gewiſſen öffentlichen Angelegenheiten ſich frei und ungeſcheut im Sinne der freiſinnigen Partei aus⸗ zuſprechen. Als aber auch dieß die Stellung des Directors nicht zu erſchüttern vermochte, bekam er ſehr oft, ja beinahe täglich Broſchüren und Zeitungen, Flugblätter und Aufrufe zu Gunſten der revolutionären polniſchen Partei bald aus Paris bald aus Brüſſel zugeſandt, die er anfangs annahm, bald aber abwies unter dem Vorwand, daß ihm der Abſender unbekannt ſei und er trotz der deutlichen Adreſſe dieſe Sendungen nicht zu erhalten habe. Allein eines Tages ſchien die gegen ihn angezet⸗ telte Cabale doch Früchte zu tragen. Bei Verzollung eines Poſtſtückes, welches mit dem Poſtſtempel einer fernen franzöſiſchen Grenzſtation auf dem Poſtbureau in N. angekommen war, fanden ſich in demſelben zwei neue Revolver, eine Anzahl Briefe an verſchiedene Perſonen in Polen, Aufrufe in polniſcher und franzöſiſcher Sprache zu einer allgemeinen nationalen ——— 2 ——— 166 Schilderhebung, und ein Begleitſchreiben, worin ein Herr, welcher ſich als Boleslaw von Konarzewski, Se⸗ cretär des Actionscomités unterzeichnet hatte, an Otte im vertraulichſten Tone ſchrieb: er möge ſich mit den Häuptern der nationalen Partei ſogleich in's Vernehmen ſetzen, um zu erfahren, wie viele Revolver nach dem WMuſter der beifolgenden und wie viele Waffen und Schießgewehre überhaupt am beſtimmten Termin zu liefern ſeien. er möge die beiliegenden Briefe an ihre Adreſſen befördern, und die betreffenden Aufrufe nach Gutdünken und beſtem Gewiſſen vertheilen. Dieſer Brief und der übrige Inhalt des Packets war natürlich gar nicht in Otte's Hände gelangt— die Mauthbeam⸗ ten hatten daſſelbe, ihrem Dienſteide gemäß, an die oberſte Polizeibehörde abgeliefert, und dieſe in blindem Eifer den Adreſſaten als des politiſchen Complotts ver⸗ dächtig angenommen. Nach verſchiedenen Ausſagen der Poſtbeamten, daß ſchon häufig ähnliche Sendungen von Broſchüren und Flugblättern an Otte angekommen, ſah ſie ſich nun ermächtigt, gegen denſelben einzuſchreiten. Ein junger Beamter, Aſſeſſor von Fichtenau, welchem die Führung dieſer Unterſuchung übertragen worden war, nahm denn auch kein Bedenken, mit der äußerſten Strenge gegen den verdächtigen Otte zu verfahren, um aus dem dargelegten Eifer Capital für ſich zu 167 ſchlagen, und ſo ward Otte noch am ſelben Tage verhaftet und in polizeilichen Arreſt genommen. Dieſe Maßregel rief natürlich eine große Beſtürzung in der Stadt hervor. Der Oberpräſident, welcher Otte'n per⸗ ſönlich kannte und ihm wohlwollte, war des Landtags wegen in der Hauptſtadt; der Vicepräſident und die anderen Oberbeamten ſchenkten der Darſtellung des Unterſuchungsrichters unbedingt Glauben, und billigten die Maßregel. Man erinnerte ſich plötzlich der ſämmt⸗ lichen anonymen und verkappten Verdächtigungen, welche im Patrioten“ und anderen Butterblättchen gegen Otte zu leſen geweſen und von ihm zum größten Theil un⸗ beantwortet geblieben waren, und man ließ den Aſſeſ⸗ ſor von Fichtenau den ganzen Handel„auf ſeine eigene Kappe nehmen“, wie man zu ſagen pflegt, und behielt ſich vor, je nach dem Ergebniſſe der Unterſuchung die anfängliche Strenge zu mildern oder noch zu verſchär⸗ fen. Gott iſt groß, und die Polizei allmächtig! Das iſt ja ein alter Spruch. Natürlich konnte es nicht feh⸗ len, daß man im großen Publicum die angeblichen po⸗ litiſchen Vergehen Otte's nur für einen Vorwand hielt, für einen Euphemismus, um die ängſtlichen Gemüther der Actionäre und Mitglieder der Aſſecuranzbank nicht zu erſchrecken und dem Credit dieſer Anſtalt nicht zu ſchaden, und daß man faſt allgemein das Vorhanden⸗ 168 ſein großartiger Defraudationen oder Willkürlichkeiten annahm, wie ſie kaum ein Jahr zuvor dem früheren Directorium Auheim⸗Spornhahn-Leutmann und Con⸗ ſorten nachgewieſen worden waren. Die zurückgezogene, etwas ungeſellige Lebensweiſe Otte's, ſeine früheren Be⸗ ziehungen zu dem Schwindler Auheim, ſeine obſcure Herkunft, ſein anſpruchsloſes und etwas ſchüchternes Weſen, der Mangel an Protection und vornehmen Be⸗ kannten,— alles das trug dazu bei, den Verhafteten, der ohnedem viele Neider haben mochte, für ſchuldig zu befinden, und nur Wenige glaubten an ſeine Unſchuld, an das Vorhandenſein eines rein politiſchen Verdachts. Am härteſten fiel der Schlag, welchen dieſe Ver⸗ haftung hervorrief, auf die Familien Werner und Va⸗ lentin. Herr Werner, der ebenfalls viele Neider und Gegner zählte, hatte bekanntlich am eifrigſten ſich um die Berufung Otte's bemüht; man trug ſich mit dem Gerüchte, daß er dadurch nur ſeinem künftigen Schwie⸗ gerſohn eine Exiſtenz habe gründen wollen. Wenn nun Werner auch in jeder Beziehung gänzlich überzeugt war von Otte's Unſchuld, ſo war er ſich doch bewußt, daß er durch dieſen Fall allgemein in den Mund der Leute kommen werde, der bekanntlich niemals eine Schnell⸗ bleiche für den guten Ruf eines Mannes iſt. Die Herren Werner und Richartz waren unmittel⸗ bar, nachdem ſie den Grund von Otte's Verhaftung ermittelt hatten, zu dem Staatsanwalt geeilt und hatten Bürgſchaft und Caution für Otte vergebens ange⸗ boten. Dieſer hatte im erſten Verhör zugegeben, daß er ſeit einiger Zeit viele ſolcher Zuſendungen erhalten habe, daß er wegen eines politiſchen Vergehens beſtraft worden ſei, aber jeden Zuſammenhang mit der revo⸗ lutionären polniſchen Partei, jede Mitwiſſenſchaft um deren Zwecke und Treiben, jede Theilnahme daran ent⸗ ſchieden in Abrede gezogen. Aſſeſſor von Fichtenau hatte Hausſuchung bei ihm vorgenommen, aber wenig genug gefunden, was ſeinen Argwohn beſtätigte. Aber er wollte aus dem„Kerl“ ſchon einiges herausinquiriren, um ihn auf die Feſtung zu bringen, von Losbürgung und Freiheit konnte daher keine Rede ſein. Unverrich⸗ teter Dinge und trüben Sinnes ſuchten Werner und Richartz den Juſtizrath Gladiſch auf. Es war mittlerweile Abend geworden. Julie und ihre Schweſtern umſtanden in unbeſchreiblicher Seelen⸗ angſt das Bett der Mutter, welche die Nachricht von Otte's Verhaftung ſo ſehr erſchreckt hatte, daß ſie in fürchterlichen Krämpfen dalag. Hedwig war verreiſt, Jean in der Reſidenz, der Arzt gab den ſchlimmſten Befürchtungen Raum. Da kam Sannchen herein, tippte Julien auf die Schulter und meldete ihr eine Dame, —— 170 die ſie zu ſprechen begehre und ſich nicht abweiſen laſſe. Als Julie in's Wohnzimmer trat, ſah ſie Jo⸗ hanna Werner vor ſich, die ihr ſchluchzend um den Hals fiel mit den Worten:„Retten Sie Heinrich, ret⸗ ten Sie meinen Verlobten, Fräulein Valentin! Sie können es!“ „Ihren... Ihren Verlobten?“ ſtammelte dieſe, und das Blut wich ihr vom Herzen.„Seit wann denn?“ „Seit drei Tagen“, ſagte Johanna;„ich habe ihm geſtanden, daß ich ihn liebe ſeit dem Tage, wo er in unſer Haus kam,— ich habe ihn beſchworen, mich aus den unleidlichen Zuſtänden im Vaterhauſe zu befreien, und die Stütze meines Vaters zu werden,— ich habe ihm ſein Jawort abgeſchmeichelt und ihn zum Papa gezogen; ich wollte ihn glücklich machen, ihm alles, alles ſein, und nun...“ „Sie, mein Fräulein?“ fragte Julie mit einem Blicke, als wagte ſie ihren Ohren nicht zu trauen. „O helfen Sie, rathen Sie, Fräulein Julie! Ich weiß, Sie ſind ſeine treue Freundin! Ich beſchwöre Sie!“ „Beruhigen Sie ſich, Fräulein Werner! Es bedarf Ihrer Fürbitten nicht erſt, um mich an die Pflichten des Dankes zu erinnern, welchen wir Herrn Otte ſchulden“, ſagte Julie und ihre Zuverſicht, ihre Milde⸗ 6 2222 5 g ihre ruhige, wenn auch wehmüthige Faſſung beſchwich⸗ tigten die aufgeregte Johanna einigermaßen.„Was ſür ein Vergehen man auch Herrn Otte aufbürden mag, ich weiß, er iſt unſchuldig, er wird gerechtfertigt aus dieſer Unterſuchung hervorgehen, wenn noch Recht und Gerechtigkeit in unſerm Vaterlande gilt! Wiſſen Sie, weſſen man ihn beſchuldigt?“ „Ja, Papa ſprach von hochverrätheriſchen ſtaats⸗ gefährlichen Umtrieben, von einer Verſchwörung.. 3 „Nun dann wird ſich die Grundloſigkeit dieſer Anklage leicht herausſtellen“, erwiderte Julie mit zu⸗ verſichtlichem Lächeln. Niemand iſt einem ſolchen Treiben fremder, als der beſonnene, nur ſeinem Be⸗ ruf ergebene Otte.„Er ein Verſchwörer? Du lieber Himmel! Das iſt die abgeſchmackteſte Idee, die ich je gehört, dahinter ſteckt eine Cabale, die ihm geſpielt werden ſoll! Iſt Ihr Vater zu Hauſe, Fräulein?“ „Nein, er ging heute Nachmittag mit Herrn Ri⸗ chartz weg, um ſich für Otte zu verwenden, und iſt noch nicht wieder zurückgekehrt.“ „Dann ſind die beiden Herren ſicher noch für ihn thätig; kehren Sie nun ruhig nach Hauſe zurück, und tröſten Sie ſich mit der Hoffnung, daß Ihr... Ihr Ver⸗ lobter bald wieder freigegeben und unſchuldig befunden werden wird. Ich werde noch heute Nacht, wenn erſt 2 die Sorge um das Leben meiner Mutter von mir genommen iſt, an Herrn von Dotter ſchreiben und ſeine Verwendung nachſuchen. Ich werde nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen für ihn handeln.“ Johanna ging, und Julie kehrte zur Mutter zu⸗ rück. Die Sorge um dieſe ließ vorerſt keinen andern Gedanken in ihr aufkommen. In ſpäter Nachtſtunde aber, als ſie im Zimmer der Kranken vor dem kleinen Schreibpult ſaß, auf welches die verhangene Lampe einen matten Schein warf, und die erſten Zeilen eines Briefes beleuchtete, den ſie an Herrn von Dotter in Gent begonnen, hatte ſie bei der Stelle inne gehalten, wo ſie dieſem gleichzeitig des Freundes Ver⸗ haftung und Verlobung angezeigt, und erſt jetzt über⸗ mannte ſie eine Erſchütterung, deren ſie nicht Herrin zu werden vermochte. Ein herber Kampf gährte in ihrem Innern, der wogende Buſen, der fliegende Athem, das gepreßte Herz, das nur ab und zu in tiefen Seuf⸗ zern Erleichterung ſuchte, die fieberglühenden Augen bezeugten allein, was in ihrer Seele vorging. Das Weh dieſer Stunde, in der ſie ſich Ergebung abzwang, war ſo heftig, daß ſie weder Thränen noch Worte fand; aber ſie rang ſich beinahe die Hände wund, als ſie dieſe auf das zuckende Herz preßte. Eine lange Stunde währte dieſer Kampf, den der ruhige Schlummer der 173 Kranken ungeſtört austoben ließ, dann erſt flüſterte ſie, mit bebender tonloſer Stimme, die aus dem tiefſten Herzensgrund zu kommen ſchien:„Laß es gut ſein, Herz, es muß ertragen werden. Wie Gott es will, ſo füg' ich mich. Iſt es denn zu verwundern, wenn Jo⸗ hanna, die jüngere, vornehmere, gebildetere, die gleich⸗ ſam einer höhern Kaſte angehört, ihm beſſer gefiel? Aber gerade ſie? Wenn er nur niemals jenes vage Gerücht erfährt, wenn ſie ihn nur glücklich macht! Gott gebe es!“ Julie hatte den innern Kampf ſiegreich ausge⸗ rungen, und den Brief an Herrn von Dotter vollendet und geſchloſſen, als die Kranke erwachte. Julie eilte zu ihr und midmete ihr die zärtlichſte Sorgfalt. Frau Valentin war ſchwächer als je, es war, als zuckte das letzte Flämmchen der Lebenslampe flackernd auf dem vertrocknenden Docht, und mit einer matten Geberde winkte ſie Julien heran, ihr Ohr dem mütterlichen Munde nahe zu bringen. Julie kniete neben dem Bette nieder, ergriff die heißen trockenen Hände der theuren Mutter, küßte die fieberglühende Wange und bethaute ſie mit einer ſtillen Thräne, der erſten die ſeit der Schreckenskunde ihr gequältes Herz erleichterte.„O theure, theure Mutter! Wie unvorſichtig von Käthchen, Dich mit dieſer Nachricht zu erſchrecken!“ flüſterte ſie. 4 6 S 174 „Zürne ihr nicht, die Angſt um ihn hat ihr's ab⸗ gepreßt“, entgegnete die Kranke ſchwach.„Er ſteht uns Allen ſo nahe, aber Dir wohl am nächſten, Jul⸗ chen; ich wußt' es längſt. Vergieb Käthchen, ſie hat nicht Deine ſtarke Seele. Trag' es muthig, denn er wird gerechtfertigt werden. Mein Segen, der ganze Segen, den Deine treue Liebe verdient, ruht auf Dir, mein Kind! Er wird es Dir einſt vergelten, denn Eure Verbindung war der höchſte Wunſch meines Le⸗ bens, und mein letzter Athemzug ſegnet noch Euren Herzensbund!“ Auch dieſes zweiſchneidige Schwert, welches die Mutter damit unbewußt durch Juliens Herz ſtieß, mußte ohne Zucken, ohne Murren ertragen werden, denn die Kranke durfte jetzt nicht erfahren, daß Otte der Ver⸗ lobte Johanna's und Julie eine Verlaſſene ſei. Sie küßte den Mund, der ihr unbewußt dieſen Schmerz be⸗ reitete, und gab dann dem Wunſche der Kranken nach, ſich im anſtoßenden Zimmer auf das Sopha zu legen. Als der Morgen graute, und Käthchen herein kam, die Schweſter abzulöſen, lag die Mutter mit gebrochenen Augen und gefalteten Händen leblos in ihrem Bette. Ohne Schmerz und Kampf war ſie in ein beſſeres Leben hinübergeſchlummert.—— Die Unterſuchung gegen Otte lieferte ein ganz an⸗ 175 deres Reſultat, als der Aſſeſſor von Fichtenau erwartet hatte. Ermittelungen, welche von Gladiſch im Verein mit einigen Polizeibeamten angeſtellt wurden, wieſen nach, daß die fraglichen ſtaatsgefährlichen Schriften und die letzte Sendung immer von dem jeweiligen Aufenthaltsorte der im Auslande reiſenden Frau Leonie Auheim ausgegangen waren und die Handſchrift der Adreſſen identiſch war mit derjenigen eines jungen pol⸗ niſchen Grafen, der ſich zeitweilig ihrer Gunſt erfreute. Otte ward freigeſprochen und die Urheber der Cabale teckbrieflich verfolgt. Leonien's Theilnahme oder in⸗ tellectuelle Urheberſchaft konnte leider nicht ganz nach⸗ gewieſen werden, denn der ſogenannte Graf Jedlinski verduftete ſpurlos. Aſſeſſor von Fichtenau bekam eine tüchtige Naſe vom Oberpräſidenten und ward verſetzt, Otte ein höchſt verbindliches Beileid⸗ und Entſchuldi⸗ gungsſchreiben von zwei Miniſterien, das ihm der Ober⸗ präſident ſelbſt überbrachte, und der von allem Ver⸗ dacht Gereinigte empfing nun von allen Seiten Gunſt⸗ Beifalls⸗ und Beileidsbezeugungen und geſellſchaft⸗ liche Auszeichnungen. Herr von Dotter war eigens von Gent aus nach der Reſidenz gekommen und hatte ſeinen ganzen Einfluß bei dem Prinzen Karl Friedrich aufgeboten, um für ſeinen Freund zu wirken. Er kam dann ſelbſt nach N., um den freigelaſſenen Freund zu 5 e 3 5 2 176 begrüßen, und ſprach die Ueberzeugung aus, daß jener Unfall und jene Intrigue für Otte nur zum Guten ausſchlagen werde. Einer der erſten Gänge Otte's nach ſeiner Frei⸗ laſſung war zu den Schweſtern Valentin, deren ſchweren Verluſt er ſchon vernommen hatte. Es bedurfte ſeiner⸗ ſeits keiner Betheuerung, wie nahe und tief ihn der Tod der Frau Valentin berührte, der er nicht einmal das Geleite zur letzten Ruheſtätte hatte geben können. Er ahnte nicht, daß der jähe Tod dieſer⸗ mütterlichen Freundin ſo eng mit ſeinem eigenen Schickſal zuſam⸗ menhing; aber er erbebte beim Anblick der Bläſſe Ju⸗ liens, welche das ſchwarze Trauergewand noch mehr hervorhob, und der Verſtörtheit ihrer Zuge, welche ſelbſt die milde Ergebung, die um ihr umflortes Auge und den zuſammengepreßten Mund lag rte, nicht abzu⸗ ſchwächen vermochten. Marie und Käthchen beglück⸗ wünſchten ihn nur zu ſeiner Befreiuung, Julie aber hatte noch einen andern Glückwunſch hinzugeſetzt, bei welchem ſie es vermied ihm in die Augen zu blicken, bei welchem zwar nicht ihre Stimme, wohl aber ihre Hand in der ſeinigen zitterte. Er begriff mit raſcher Intuition alles, es trieb ihn fort von dieſem ver⸗ waiſten Herde, wo der Anblick Hedwig's und Juliens ihn doppelt bewegten, und durch ſein Gemüth ging von 177 neuem ein Riß, denn er machte ſich Vorwürfe, daß er ſich von einer raſchen Regung zu jenem noch nicht ein⸗ mal öffentlich gemachten Verlöbniß mit Johanna habe hinreißen laſſen. Der Grabhügel, welcher ſich über Frau Valentin's irdiſchen Reſten wölbte, erſchien ihm nun wie eine Brücke über die Kluft, die ſeither Julien von ihm getrennt hatte. Der Mutter Tod, der die Familienbande gelöſt, hatte Julien frei gemacht, und er war nun anderwärts gebunden. Allein ver Rubicon war einmal überſchritten; Otte unterdrückte ſeinen ſtillen Kummer und nahm ſich vor, ſeinem Worte getreu zu bleiben, ſelbſt mit Opfern. Johanna liebte ihn ja auch und verdiente ſeine Nei⸗ gung, ſeine Achtung. Es fiel ihm in den erſten Tagen nach dieſer Begegnung mit Julien zwar ſchwer, Johan⸗ na's ſtürmiſche Zärtlichkeit zu erwidern, und er ſchob dieſe Mäßigung und Zurückhaltung, welche an einem jungen Verlobten auffallen mußte, auf die jüngſten Er⸗ lebniſſe, mußte ſich aber unwillkürlich ſagen, vaß Jo⸗ hanna ihn mit einem ſcheuen Argwohn, mit einer ſeltſa⸗ men Befangenheit meſſe, ſo oft er ſich deßhalb entſchul⸗ digte. Auch Herr Werner zeigte Otte gegenüber im⸗ mer eine gewiſſe Unruhe, als ob ihm irgend eine War⸗ nung, eine Mittheilung auf den Lippen ſchwebe, von deren Aeußerung ihn ein unerklärliches Etwas abhalte. Mylius, Ein Meteor der Börſe. III. 12 178 Welcher Art die Mittheilung war, ſollte er jedoch bald erfahren. Etwa eine Woche nach ſeiner Freilaſſung erſchien Otte eines Tages zu ungewöhnlicher Stunde auf Wer⸗ ner's Comptoir und bat dieſen um eine Unterredung unter vier Augen. Die Haſt, Bläſſe und Aufregung Otte's, der verſtörte Blick ſeiner feuchten Augen ſchienen auch Herrn Werner einen jähen Schreck einzujagen; er wechſelte die Farbe, und mit verdüſterten Zügen und zitternden Händen ergriff er Otte's Arm und führte ihn in den Garten hinaus, in einen kleinen Pavillon auf einer Erhöhung, wo man von allen Seiten vor einer Annäherung ſicher war. „Was haben Sie auf dem Herzen, lieber Otte?“ fragte er in gepreßtem Tone. „Zunächſt einen anonymen Brief, den ich Sie le⸗ ſen laſſen wollte“ verſetzte Otte,„und dann die Be⸗ theuerung, daß dieſer Gang einer der ſchwerſten meines Lebens iſt. Aber ich bin Ihnen, Johanna und mir ſchuldig, daß ich Ihnen den Inhalt dieſes Schreibens nicht vorenthalte.“ „Laſſen Sie ſehen!“ ſagte Werner und griff mit bebender Hand darnach. Der ſtarke Mann war unbe⸗ ſchreiblich erſchüttert; doch jagte ihm der Anblick dieſer 179 — Handſchrift einen größeren Schreck ein, als der In⸗ halt, den er las: „Wenn Herr Director Otte ein Mann von wah⸗ rem Ehrgefühl iſt, ſo kann er Fräulein Johanna Werner nicht heirathen; ſie iſt nicht mehr rein, ſondern vor nahezu ſechs Jahren Mutter eines Knaben geweſen aus einer Verbindung mit dem Gymnaſiaſten Lebrecht Groſſe von H. Die Frucht dieſer Verbindung iſt vor drei Jahren in Rh. in der Schweiz geſtorben, wo Johanna ihn unter dem Namen eines Fräulein Müller im Hauſe des Chirurgen F. geboren hat. Dieß alles kann be⸗ wieſen werden von einer aufrichtigen Freundin.“ Otte hatte ſeinen Freund genau beobachtet, während er dieſe Zeilen las. Ein unnennbarer Schmerz zuckte in Werner's Zügen auf— eine Beſtätigung der Wahr⸗ heit dieſer zuverſichtlichen Angaben, welche auch für Otte ein fürchterlicher Schlag war. Als er zu Ende geleſen, entfiel ihm der Brief und er bedeckte das Ge⸗ ſicht mit den Händen. Nach einer langen Pauſe blickte er mit einem tiefen Seufzer auf, ſein Auge ſchwamm in Thränen.. „Otte, mein Freund“, ſtieß er mit gepreßter Stimme hervor,„dieſe Stunde iſt eine der furcht⸗ 12* 180 barſten meines Lebens! Beſchuldigen Sie mich keines Verſuchs der Täuſchung, weil ich ſeither gegen Sie über eine Thatſache geſchwiegen, deren Beſtätigung Sie in dieſem Brief wie in meinen Mienen leſen. Glauben Sie mir, ich erſchrack, als Johanna Sie vor vierzehn Tagen in mein Zimmer führte und um meinen Segen bat;— glauben Sie mir, daß mein Mannesſtolz, mein Vatergefühl den Muth nicht fand, Ihnen damals Johanna's Jugendfehler zu geſtehen und mein Kind vor Ihnen zu entwürdigen, und daß ich ſogar ſeither nicht die Kraft hatte, Ihnen eine Mittheilung zu machen, Sie „Ich begreife dieß alles, beſter Herr Werner!“ ſiel ihm Otte in's Wort, um dieſen Auftritt abzukürzen, welcher den armen Werner faſt zu Boden drückte.„Nie iſt in mir auch nur der leiſeſte Verdacht an Ihrer Ehre und Offenheit aufgeſtiegen, und ich bin bereit, Fräulein Johanna mein Wort zu halten.“ „O nein, das kann nun nicht mehr geſchehen, und wenn das Herz meines Kindes darüber bräche. Nun die Sachen ſo ſtehen, Otte, dürfen wir dieſes Opfer von Ihnen nicht annehmen. Haben Sie irgend eine Ahnung, von wem dieſer Brief herrührt?“ „Nein, die Handſchrift iſt mir ganz fremd!“ „Dieſen Brief, dieſes feige tückiſche Blatt hat... 181 hat meine Frau geſchrieben“, ſprach Werner faſt ton⸗ los;„es iſt ein Act der Rache an der trotzigen Stief⸗ tochter.“ „Um Himmels willen, widerrufen Sie dieſe An⸗ ſchuldigung, Herr Werner! Das iſt ja fürchterlich! „Aber wahr, mein Freund! Die Schreiberin hat nicht geahnt, daß Sie mir dieſen Brief zeigen würden— die Schriftzüge beſeitigen jeden Zweifel. Gönnen Sie mir einen Augenblick, mich zu erholen!“ Otte ſtieg in den Garten hinab und ging wie ein Trunkener zwiſchen den Beeten und Gruppen auf und nieder. Er war ſo betroffen und erſchüttert von Allem, was er gehört, daß er ſich kaum zu faſſen wußte. Plötzlich hörte er raſche Schritte hinter ſich, ſah ein wallendes Gewand, fühlte ſich von zwei Armen um⸗ ſchlungen, einen Kuß auf ſeiner Wange brennen und hörte Johanna's Stimme in ſein Ohr flüſtern:„Du böſer, böſer Heinrich! So kalt an meiner Thüre vorüber zu gehen, um ohne mich hier im Garten zu prome⸗ niren!— Um Alles in der Welt, mein Freund, was iſt Dir denn?“ ſetzte ſie aber dann erſchrocken hinzu, als er ſich nach ihr umgewandt und ſie ihm in das fahle verſtörte Geſicht blickte. Er legte ſeinen Arm um ihren Nacken, küßte ſie „ —— —— 182 ſanft auf die Stirne und ſprach:„Armes Kind, komm zum Vater!“ Von Johanna's Wangen war alle Farbe des Lebens gewichen; ſie wankte zitternd neben ihm her und ihr Auge ſuchte den Boden, eine Ahnung von dem Vorgefallenen ſtieg langſam in ihr auf und legte ſich wie eine eiſige Schlange um ihr Herz.—„Heinrich, ich bitte Dich, was iſt geſchehen? Dein Geſicht iſt ſo ver⸗ ſtört, was ſchmerzt Dich?“ „Arme, arme Johanna!“ erwiderte er und ein un⸗ beſchreibliches Mitleid mit dem unglücklichen Mädchen wollte ihn bewegen, jene natürliche Regung des Ehrge⸗ fühls und Vorurtheils, welche in ihm gegen die Ver⸗ bindung mit Johanna ſprach, zu unterdrücken.„Ich habe einen anonymen Brief erhalten, welcher Dich be⸗ ſchuldigt...“ Er ſtockte und Johanna, welche ſpeben noch ſo fröhlich geweſen war, blieb ſtehen, ſtieß einen Schrei aus, und verhüllte das Geſicht mit den Händen. Ihr Vater hatte ſie von ferne bemerkt, kam nun herbei, und führte ſie ihre Hand erfaſſend ſanft in den Pavillon. „Du weißt es alſo ſchon, mein Kind!“ ſagte er. „Nun denn, was ich immer gefürchtet, was ich Dir prophezeit habe, iſt nun eingetroffen. Eine tückiſche rachgierige Perſon hat Otte von Deinem Jugendfehler 183 benachrichtigt. Lies in den Geſicht unſeres Freundes den Eindruck, welchen dieſe Nachricht auf ihn gemacht hat. Aus dieſer Verbindung kann und darf nichts werden und ich werde niemals zugeben, daß Otte ein Opfer bringe, welches ihm jetzt das Mitleid abnöthigt. Dieſe Empfindung, ſo edel und uneigennützig ſie auch in dieſem Augenblick iſt, wird nicht von Dauer ſein, denn Du haſt die Achtung, auf welche ſich allein ein dauerndes Eheglück gründen kann, verſcherzt, mein Kind, wie ich Dir ſchon oft ſagte. Jener unbeſonnene Fehltritt Deiner Jugend, meine arme Tochter, hat Dein und mein Lebensglück untergraben, und Du wirſt den Fluch dieſes Fehlers zeitlebens nachſchleppen wie der Galeerenſklave ſeine Kette... Still, ſtill, Otte! Kein Wort mehr! Denn bei meiner Ehre, mit meinem Willen reichen Sie Johanna nie die Hand! Ich gebe Ihnen in ihrem Namen und kraſt meiner Autorität als Vater Ihr Wort zurück; Johanna reiſt morgen zu meiner Schweſter nach Hamburg.“ „O Vater, das iſt mein Tod!“ ſtammelte Johanna tief erſchüttert.„Wenn ich Heinrich nicht geliebt hätte, wäre ich nicht gut und brav geblieben! Aber weil ich ihn liebte, wollte ich ſeiner wieder würdig zu werden ſuchen!“ „Umſonſt, Kind! Du kannſt in den Augen der * Welt Geſchehenes nicht ungeſchehen machen, und das ge⸗ fährliche Geheimniß iſt nun verrathen. Du hätteſt mir folgen und Otte nicht überrumpeln ſollen, denn er durfte ſich nicht eher entſcheiden, als bis er um Deinen Fehltritt wußte, und wie er dieſe Kunde aufgenommen haben würde, ſiehſt Du nun!“ Eine lange ſchmerzliche Pauſe folgte; Johanna weinte in bitterer Reue und die beiden Männer waren in ihre eigenen Gedanken verſunken. Endlich erhob Herr Werner ſeine Tochter von der Bank und ſagte:„Geh', mein liebes Kind, faſſe Dich, ergib Dich in das Unabwendbare! Packe Deinen Koffer, denn Du reiſeſt morgen! Es iſt nicht mehr möglich, daß Du unter dieſem Dache bleibſt... „Vater, liebſter Vater, verſtoßen Sie mich nicht!“ rief Johanna aus tiefſter Seele.„O, ſolche Härte hab' ich trotz aller Schuld nicht verdient!“ „Es iſt nicht Härte, mein Kind, es iſt eine un⸗ vermeidliche Nothwendigkeit!“ ſagte Werner mild aber beſtimmt.„Ich kann Dir den Grund davon nicht ſagen, aber ich hätte längſt bedenken ſollen, wozu am Ende die Reibungen zwiſchen Eugenien und Dir führen. Um des häuslichen Friedens willen mußt Du nach Hamburg, und— Eugenie zu ihren Eltern!“ „Ich bitte Dich kniefällig, beſter Papa, ich be⸗ 8 2 185 ſchwöre Dich, verſtoße mich nicht auf dieſe Weiſe!“ rief das leidenſchaftliche Mädchen.„Ich will Alles thun, was Du von mir fordern wirſt! Ich will Heinrich ent⸗ ſagen, obſchon er das Glück meines Lebens iſt, aber ſchicke mich nur nicht von Dir, wenn Du mich nicht in Verzweiflung und Tod treiben willſt!“ „Herr Werner, ich bitte Sie ebenfalls inſtändigſt, übereilen Sie nichts!“ bat Otte.„Schenken Sie mir nur einen Augenblick ruhiges Gehör, um Ihret⸗ wie um Johanna's willen, und beantworten Sie mir eine Frage, die mir wahre Theilnahme und nicht müßige Neugier eingibt! Eine Frage, von welcher vielleicht das Glück zweier Menſchen abhängt!— Sagen Sie mir,“ fuhr er auf eine ſtumme Geberde Werner's fort,„iſt der junge Mann, von dem in jenem Briefe die Rede, nicht der Sohn eines Geiſtlichen aus H. und ein Medi⸗ ciner?“ Werner bejahte.„Sie kennen ihn?“ fragte er. „Ja, Lebrecht Groſſe iſt gegenwärtig in London als junger Arzt etablirt oder, nach britiſcher Sitte, der Theilhaber eines Apotheker⸗ und wundärztlichen Geſchäfts in London“, entgegnete Otte.„Ich traf ihn dort im Hauſe eines deutſchen Kaufmanns, un? der talentvolle junge Mann gefiel mir, obſchon mir die für ſeine Jahre unerklärliche Melancholie auffiel, die 186 nach der Ausſage unſeres gemeinſamen Freundes von einer unglücklichen Liebe herrührte. Wir trafen uns häufig in Geſellſchaft und wurden bekannter, zumal als er hörte, daß ich aus dieſer Provinz ſei, uno er erzählte mir, daß er einige Zeit hier ſtudirt habe und daß er ſich daher für N. und ſeine Verhältniſſe intereſſire. Ich mußte ihm viel erzählen, und er erkundigte ſich nach manchen Perſonen— nach Ihnen jedoch nie⸗ a „Das glaube ich,— er kannte meinen unverſöhn⸗ lichen Haß“, verſetzte Werner. „Nicht doch, haſſen Sie ihn nicht! Seine Jugend mag das Vergehen wenigſtens einigermaßen entſchuldigen, das zu ſühnen er jetzt als Mann erbötig iſt, wie er mir ſelbſt geſtanden. Hören Sie mich zu Ende! Einmal, kurz bevor ich London verließ, gingen wir in tiefer Nacht mit einander aus einem Hauſe hinweg, wohin wir zur Feier einer Verlobung geladen waren. Es lag in einer der fernſten neuen Vorſtädte Londons, und wir hatten einen Weg von einigen Stunden zurück⸗ zulegen. Der Wein und das Feſt das wir mitgefeiert, hatten uns mittheilſam gemacht, und ſo erzählte mir der junge Doctor von dem Grunde ſeiner Schwermuth und ſeines finſtern Ernſtes. Er habe in einer größern Handelsſtadt, wo er ſtudirt, ein junges Mädchen kenuen 187 gelernt, verführt und unglücklich gemacht, ſei darob mit ſeinem ſtrengen Vater zerfallen, der die Hand von ihm abgezogen, und aus der Heimath entwichen, um Dienſte bei der britiſchen Legion zu nehmen, welche da⸗ mals für den Krimmkrieg organiſirt wurde. Er habe das Glück gehabt, als Wundarzt angenommen und ſpäter zum Spitaldienſt verwendet zu werden, habe einen Feldzug in Port Natal mitgemacht und ſich dabei aus⸗ gezeichnet, dann mit ſeinen Erſparniſſen ſeine Studien vollendet und ſich eine Stellung erobert, die ihm Ausſicht auf anſtändige Verſorgung gebe. Sein alter Vater ſei ſeither wieder günſtiger geſtimmt, aber es wäre ihm nicht gelungen, den Vater jenes bethörten Mädchens zu verſöhnen und ſein Vergehen zu fühnen, indem er durch eine eheliche Verbindung...“ „Genug, lieber Otte!“ fiel ihm Herr Werner in's Wort.„Ich geſtehe, daß ich viele Briefe Groſſe's un⸗ geleſen verbrannt habe, weil mich ſchon der Anblick ſeiner Handſchrift an Ereigniſſe erinnerte, die mich beinahe zu Boden gedrückt und vor der Zeit alt gemacht haben. Doch geben Sie mir jetzt eine etwas beſſere Meinung von dieſem Menſchen. Laſſen Sie uns ein ander Mal davon reden. Johanna, Du magſt einſtweilen zu Otti⸗ lien gehen, denn jetzt wo ich dieſe Verbindung löſen mußte, wäre es gegen mein Gefühl, mich ſchon wieder 188 nach einer andern für Dich umzuſehen.— Geh', mein Kind, rüſte Dich zur Abreiſe!“ Johanna küßte den Vater und drückte Otte die Hand.„Können Sie mir vergeben, Heinrich? Werden Sie mich nicht verachten?“ „Es ſteht geſchrieben, Johanna: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet! Ich habe von Ihnen und Ihrem Vater nur Freundſchaft und Wohlwollen empfangen— ich werde Ihnen die treueſte Freundſchaft erhalten!“ „Das lohne Ihnen der Himmel, Otte! Ich werde dieſer Geſinnungen würdig zu ſein ſtreben. Leben Sie wohl!“ ſtammelte Johanna und eilte davon. „Herr Werner, darf ich Groſſe ſchreiben, daß Fräulein Johanna noch frei iſt und daß Sie in dieſe Verbindung willigen werden, wenn es ihm gelingt, Johanna's Jawort zu erlangen?“ „Handeln Sie nach Gutdünken, wenn ſie in Groſſe's Charakter Vertrauen ſetzen!“ ſagte Herr Werner. „Laſſen Sie mich aber ganz aus dem Spiele, denn mir liegt jetzt eine ſchwere Pflicht ob; ich kann mit Euge⸗ nien nun nicht länger zuſammenleben, nachdem ſie dieſe Tücke geübt hat. Das hieße die Bosheit krönen, die meine Kinder aus dem elterlichen Hauſe vertrieb.“— Elftes Kapitel. Wir überſpringen einen kurzen Zeitraum, in wel⸗ chen zwei Ereigniſſe fielen, die unſern Freund Otte nahe berührten: die Hochzeit von Jean Valentin und Hedwig, bei welcher auch Fritz Hoffmann erſchienen war um ſich mit Käthchen zu verloben, der er nun in Paris ein Heimweſen zu bieten vermochte; und die Generalver⸗ ſammlung der Actionäre und Mitglieder der Germania worin dieſen die Ergebniſſe des erſten Jahresbetriebs der neu gegründeten Geſellſchaft offen und mit einer bewundernswerthen Klarheit und Durchſicht dargelegt wurden. Dieſe Ergebniſſe waren nicht eben großartig und mit Rückſicht auf unverhältnißmäßig hohe Divi⸗ denden kunſtlich zugeſpitzt, zeugten aber für eine um⸗ ſichtige gewiſſenhafte Leitung, für eine Vorſicht, die das Aeußerſte gethan, um die Geſellſchaft vor Schaden 190 zu bewahren, ſowie für das wiedergewonnene Vertrauen des Publicums, das ſich durch eine zahlreiche Bethei⸗ ligung an allen möglichen Arten der Verſicherung kund gegeben hatte. Die eingegangenen Rückverſicherungen hatten die Germania vor jedem Verluſt bewahrt, der bei der Hinterlaſſenſchaft des alten Herrn von Magnus erzielte theilweiſe Erſatz der frühern Verluſte am Re⸗ ſervefond die Chancen günſtiger geſtaltet, und die be⸗ ſonnene Leitung des ganzen Etabliſſements verſprach einen andauernden Erfolg und eine ſichere Begründung des Credits des ganzen Inſtituts. Die Intereſſenten der Germania“ zollten dem beredten Danke, welchen einer der bedeutendſten Induſtriellen der Provinz am Schluſſe des Rechenſchaftsberichts und der Verhandlungen über die einſtimmig angenommenen Vorſchläge des Direc⸗ toriums Herrn Otte ausſprach, den lebhafteſten Beifall. Da ſtand plötzlich ein kleiner alter Herr, der an der Verſammlung theilgenommen hatte, von ſeinem Stuhl auf und erbat ſich das Wort zu einer perſönlichen Be⸗ merkung.„Meine geehrten Herren“, begann er mit tiefer, bewegter Stimme an, als ihm das Wort vergönnt war, „ich genüge einer Pflicht der Dankbarkeit, indem ich Ihnen einen Zug aus dem Leben des Mannes erzähle, dem wir ſoeben unſere Anerkennung ausgeſprochen und unſeres Vertrauens verſichert haben. Ich entſpreche einer Pflicht 191 der Wahrheit indem ich eine Thatſache in ihrer nackten Wahrheit erzähle, die vor einigen Monaten boshaft ent⸗ ſtellt als Verdächtigung dieſes Ehrenmannes der Oeffent⸗ lichkeit übergeben wurde, nämlich Herrn Otte's Con⸗ flict mit den Organen der Staatsgewalt. Ich bin der Doctor Schellhammer aus S., und eigens aus freiem Antriebe die vierzig Meilen hieher gereiſt, um jene Verleumdung zu entkräften und hier für den edlen männlichen Charakter des Herrn Htte zu zeugen, der uns die beſte Gewähr für die Zukunft des Unter⸗ nehmens iſt, welches wir ſeiner Leitung anvertraut haben. Und ſomit, denke ich, gehört das, was ich er⸗ zählen will, immerhin in den Bereich der heutigen Ver⸗ ſammlung, in welcher ich erſcheine als einer der am ſtärkſten betheiligten Actionäre. Erlauben Sie mir alſo, Ihnen dieſe Thatſache zu erzählen!“ Ein beifälliges Gemurmel ermunterte ihn dazu, und der Greis erzählte mit Wärme und inniger Rührung jenen Vorfall in S., deſſen wir ſchon in unſerm erſten Kapitel Erwähnung gethan haben, und brachte am Schluſſe ſeiner Schil⸗ derung von Otte's Großmuth dieſem ein Hoch aus, in welches die Mehrzahl der Anweſenden mit wirklichem Intereſſe einſtimmte. Zu gleich erfolgte von andrer Seite her der Vorſchlag, Herrn Otte ein Gaſtmahl zu geben, was ebenfalls abgemein Anklang fand. Daſſelbe zu b des ligu gege hatt der erzit ſerv ſont eine des der eine Sch übe tor Ve au me ben „ic ein wit Ve 192 fand ſtatt und der Gefeierte ward mit Toaſten und Ehren überſchüttet, die manchem Andern zu Kopfe geſtiegen wären, ihm aber eine gewiſſe Beklem⸗ mung und Verlegenheit verurſachten. Wenige Tage ſpäter gaben Jean Valentin und Hedwig aus Veranlaſſung von Käthchens officieller Ver⸗ lobung mit Fritz Hoffmann ein kleines Familienfeſt in ihrem ſchönen Garten. Außer den Geſchwiſtern, in deren Kreiſe dießmal leider Karl und Guſtav mit ihren Frauen fehlten, da ſie bereits wieder abgereiſt waren, hatte Hed⸗ wig nur Otte, den Juſtizrath Gladiſch und Herrn Werner mit Johanna geladen; dieſe war nämlich in⸗ zwiſchen wieder in ihr Vaterhaus zurückgekehrt, um die Wirthſchaft zu führen. Die Trauergewänder der Fa⸗ milie Valentin und der Ernſt auf den Geſichtern der meiſten Anweſenden gaben dem Freudenfeſte allerdings eine ungewöhnlich feierliche Stimmung; doch waren ſämmtliche Theilnehmer ja ſo nahe befreundet, daß ſtatt einer ſprudelnden Fröhlichkeit wenigſtens eine zwangloſe, gemüthliche Geſelligkeit vorwaltete. Es war ein heiterer milder Abend des Spätſom⸗ mers, welcher den Gäſten geſtattete, nach der Mahlzeit den Kaffee unter der vom Abendſonnengolde beleuchteten Veranda des Gartenhauſes zu trinken, als Jean zu Otte, Werner und Gladiſch herantrat und ſie bat als — 193 Zeugen einem kleinen geſchäftlichen Act beizuwoh⸗ nen. „Nun, was haben Sie denn vor?“ fragte Gladiſch launig.„Sie werden doch kein Teſtament machen wollen?“ „Das nicht, lieber Juſtizrath! Es handelt ſich nur um einen Kauf“, verſetzte Jean;„ich habe näm⸗ lich meinen Schweſtern Haus und Geſchäft abgekauft, und will meinen Schwager Fiſchbach zum Compag⸗ non annehmen. Das wird die Ausſcheidung von Käth⸗ chens und Juliens Antheil erleichtern, die jetzt aus dem Geſchäft austreten!“ „Wie, Julie tritt ebenfalls aus?“ fragte Otte be⸗ troffen. „Sie wünſcht es ſelbſt, doch wird ſie dem Geſchäfte nicht fremd bleiben“, verſetzte Jean;„ſie gedenkt Käth⸗ chen nach Paris zu begleiten, um dort die Einkäufe für uns zu beſorgen. Ich werde Ihnen daher, meine Herren, ſehr verbunden ſein, wenn Sie die Güte haben wollten, Ihre Namen als Zeugen unter den Kaufs⸗ und Aſſociations⸗Vertrag zu ſetzen, wie es die geſetz⸗ liche Vorſchrift erfordert.“ „Geben Sie her, lieber Valentin, und nehmen Sie meinen aufrichtigen Glückwunſch in den Worten, wo⸗ mit jeder wackere Kaufmann ſeine Bücher beginnt: mit Mylius, Ein Meteor der Börſe III 13 Gotte!“ ſagte Herr Werner und drückte dem jungen Collegen herzlich die Hand. Die drei Herren unterzeich⸗ neten, und das Intereſſe an dieſem kleinen Acte hinderte die Anderen wahrzunehmen, daß Otte in großer Be⸗ wegung die Farbe gewechſelt hatte. Sobald er ſich aus dem Kreiſe entfernen konnte, ohne aufzufallen, ſtahl er ſich davon und ſuchte Julien im Garten auf. Endlich fand er ſie in einer fernen Laube mit Hedwig auf und ab gehend in angelegentlichem Geſpräch. Er hatte ſie ſeit dem Tage, wo er nach ſeiner Loslaſſung aus der Haft den Schweſtern ſein Beileid über den Tod ihrer Mutter ausgedrückt, nur ſelten geſehen, und nie wieder unter vier Augen mit ihr geſprochen. Sein haſtiges Nahen und ſeine ſichtliche Bewegung trieben ihr augenblicklich das Blut in die blaſſen Wangen und ſie hielt ſich an Hedwig's Arm mit den Worten:„Bleibe bei mir, Schweſter! Laß uns nicht allein!“ „Julie, iſt es wahr?“ fragte er mit einer Haſt, welche an ihm auffallen mußte.„Sie haben Ihren Geſchäftsantheil verkauft? Sie wollen uns verlaſſen? Iſt es möglich? Was kann Sie hierzu bewegen?“ Julie zuckte die Achſeln und entgegnete befangen: „Geſundheitsrückſichten, Bedürfniß der Ruhe, lieber Freund! Die jüngſten Ereigniſſe haben mich tiefer erſchüttert, als ich ſelbſt glaubte.“ 195 „Nun ja, ich finde dieß natürlich“, ſagte Otte, nun auch befangen werdend,„aber was wollen Sie in Paris? Wie können Sie ſich dort erholen in jenem Menſchengewühl, in jenem luft⸗ und waſſerarmen Häu⸗ ſermeer?“ „Vielleicht will ſie nur vergeſſen, lieber Freund“, fiel Hedwig raſch und bezüglich ein,„vielleicht will ſie nicht Zeuge Ihrer Verbindung mit Fräulein Weh „Hedwig! Was ſprichſt Du?“ fiel ihr Julie haſtig und beinahe vorwurfsvoll in's Wort, und wandte ſich ſchüchternen Blickes und gleichſam entſchuldigend zu Otte, den aber dieſe Worte nicht zu verletzen ſchienen, ſondern mit freudiger Haſt durchbebten, denn er erfaßte ſchnell Juliens Hand und ſagte: „Iſt es nur dieß, meine liebe Julie, dann bleiben Sie getroſt, denn von einer Verbindung zwiſchen Fräu⸗ lein Werner und mir wird nie die Rede ſein. Herr Werner würde es nicht zugeben, und und Johanna und ich haben eingeſehen, daß wir— kurzum, wir find beide frei,— Johanna vielleicht ſchon anderweitig ge⸗ bunden.“ „Otte, lieber Otte, Herzensvormund! Iſt es wahr?“ rief Hedwig lebhaft und hing ſich an ſeinen Arm. 13* 196 „Gewiß und wahr!“ betheuerte er.„Eine ſolche Verbindung wäre ein Mißgriff, Johanna iſt für mich zu jung, zu lebhaft, zu leidenſchaftlich; ich für ſie zu geſetzt, zu nüchtern, zu pedantiſch. Ich will eine Frau pon ſtarkem Gemüth und beſonnenem Kopfe, eine Frau an welcher der Ernſt des Lebens lehrend und veredelnd vorüber gegangen, eine Frau die...4 „Herr Otte, Herr Otte, kommen Sie!“ rief Fiſch bach am andern Ende des Laubenganges.„Man ſucht Sie; der Oberpräſident iſt hier und wünſcht Sie zu ſprechen!“ „Mich?“ „Ja, Sie! Er iſt eigens hergefahren, um Sie auf⸗ zuſuchen“, ſagte Fiſchbach.—„Hedwig, kommen Sie, um die Honneurs zu machen, die Excellenz hat eine Einladung zum Kaffee angenommen.“ „Das iſt ja räthſelhaft überraſchend“, murmelte Otte, verbeugte ſich entſchuldigend gegen die beiden Damen und ſchritt dem Gartenhauſe zu, wo der Prä⸗ ſident mit großer Leutſeligkeit bei dem Hausherrn und deſſen Gäſten unter der Veranda Platz ge⸗ nommen hatte. Er begrüßte Otte mit ausgeſuch⸗ ter Artigkeit und ſagte, zu ihm und Herrn Werner ſich wendend: „Ein höchſt angenehmer Zufall fügte es, meine 197 Herren, daß ich, an Ihren Wohnungen vorfahrend, erfragte, wie ich Sie an dieſem Orte treffen werde, und die geehrten Damen und Herren dieſes Kreiſes mögen mir verzeihen, wenn ich, dem Triebe meiner auf⸗ richtigen Freude folgend, mich hier eindränge, um Ihnen eine, hoffentlich nicht unwillkommene Ueber⸗ raſchung zu bereiten. Seine Excellenz der Herr Mi⸗ niſter geruhten mich nämlich zum Ueberbringer einer Auszeichnung zu machen, welche er Ihnen, meine Herren, auf den Vortrag des Herrn Handelsminiſters zu ver⸗ leihen geruht hat. In Anbetracht Ihrer Verdienſte um Hebung der vaterländiſchen Induſtrie hat Seine Maje⸗ ſtät unſer erhabener König und Herr Ihnen Herr Wer⸗ ner den Titel und Rang eines Geheimen Kommerzien⸗ raths zu verleihen geruht. An Ihnen aber, mein ver⸗ ehrter Herr Director, hat der Staat noch ein Unrecht zu ſühnen, welches er Ihnen durch den blinden Eifer eines Unterbeamten zugefügt hat, und Ihnen zu danken für Ihre umſichtigen und erfolgreichen Bemühungen um die Ordnung der Angelegenheiten der Aſſekuranzbank, durch deren Zerfall ſo viele Intereſſen verletzt worden wären. Seine Majeſtät unſer allergnädigſter König und Herr haben darum auf Anregung der Mi⸗ niſterien des Innern und des Handels auch Ihnen in Gnaden den Titel und Rang eines Kommerzienraths verliehen, wie dieſe beiden Decrete beſagen, und welche zu behändigen ich mir zur beſondern Ehre anrechne.“ „Excellenz, welche hohe Gnade!“ ſagte Herr Wer⸗ 3 ner.„Sie ſehen mich ſo ſehr überraſcht von der uner⸗ warteten Ehre, daß ich keine anderen Worte finde als:„Es lebe der König“!“ „Es lebe der König!“ riefen auch Otte und die anderen Fäſte in fröhlicher Ueberraſchung und drängten ſich beglückwünſchend um die neuen Würden⸗ träger. Als dieſe Glückwünſche, an denen ſich auch der Oberpräſident betheiligte, und die Dankesbezeugungen der beförderten Titelträger vorüber waren, ſagte Excellenz:„Ich möchte die Herren Kommerzienräthe nun auch erſuchen, mich Ihren Damen vorzuſtellen, um dieſelben als Kommerzienräthinnen zu beglückwünſchen!“ und er ſah ſich bei dieſen Worten im Kreiſe der Damen wie fragend um. Herr Werner, über deſſen Geſicht jählings ein trüber Schatten flog, erwiderte:„Excellenz, ich mei⸗ nerſeits bedaure, Ihnen meine Frau nicht vorſtellen zu können, da ſie momentan von hier abweſend iſt. Und leider iſt auch Herr Otte noch nicht vermählt...“ „Aber dennoch im Stande, Excellenz, Ihnen we⸗ † nigſtens die zukünftige Frau Kommerzienrath Otte vor⸗ zuſtellen in meiner Verlobten, Fräulein Julie Valen⸗ 199 tin“, ſetzte Otte hinzu, und Juliens Hand ergreifend, führte er ſie dem Oberpräſidenten zu.„Ich ſpreche hiermit meine Verlobung mit einem Mädchen aus, dem längſt meine vollſte, dankbarſte Hochachtung und aufrichtigſte Neigung gehört, und die meiner Würde den höchſten Werth verleiht, wenn ſie dieſe theilt!“ „Da werden Sie ſicher nicht widerſprechen, meine verehrte Frau Kommerzienrath in spe“ ſagte der Ober⸗ präſident, Juliens Rechte ergreifend.„Erlauben Sie mir, Ihnen meinen innigſten Glückwunſch darzubringen, wie es ſcheint als der Erſte, der dieſes ſchönen Vor⸗ rechts theilhaftig wird!“ Als die Excellenz ihre Hand losließ, ſank Julie mit bräutlichem Erglühen an Otte's Bruſt und flüſterte: „Mein Heinrich, mein einziger Wunſch auf Erden iſt erfüllt! Ich darf Dich glücklich machen!“ „Du haſt es längſt gethan, mein ſüßes Leben“, erwiderte er,„aber wir waren beide zu ſtolz, zu be⸗ fangen, zu.. nun, was weiß ich, was, um uns das zu geſtehen!“ Nun drängten ſich die Geſchwiſter und Freunde heran, um zu dieſem Bunde zweier Menſchen, die nach Aller Anſicht wie für einander geſchaffen ſchienen, Glück zu wünſchen. Selbſt Johanna ſtürzte in ihrer unge⸗ ſtümen Weiſe an Juliens Hals und ſagte:„Wohl Ih⸗ 8 200 nen, Sie ſind zu beneiden, aber auch die Einzige, wel⸗ cher ich ihn gönne!“ Und über die Schulter Juliens, die ſie auf die Wange küßte, wie um ſie der Vergebung zu verſichern, aufblickend, ſah Johanna im langſam nie⸗ derfinkenden Zwielichte einen Herrn vom Eingang her auf das Gartenhaus zukommen, deſſen Kleidung einen engliſchen Schnitt, deſſen Gebahren etwas Schüchternes hatte. „Lebrecht!“ rief Johanna, riß ſich von Julien los und eilte dem Ankömmling entgegen, dem ſie um den Hals fiel; dann ſchien ſie ſich ihres leidenſchaft⸗ lichen Ungeſtüms zu ſchämen, und ihn an der Hand ergreifend, ſprach ſie:„Komm', mein Freund, laß Dich zu meinem Vater führen!— Heute an Deinem Ehren⸗ tage wirſt Du verzeihen, Väterchen!“ ſagte ſie zu die⸗ ſem.„Er kam auf Otte's Einladung und ſuchte mich bei Ottilien auf. Wir haben uns verlobt, und Leb⸗ recht reiſte zu ſeinen Eltern, um ihre Einwilligung zu holen. Daß er hier erſcheint, iſt mir Gewähr, daß ſie ihm verziehen haben. Papa willſt Du ihm nicht auch ver⸗ geben?“ Herr Werner nahm ihn ſchweigend bei der Hand und legte diejenige ſeiner Tochter hinein. In dieſem Au⸗ genblick erſchien Hedwig mit einem Präſentirbrett voll Champagnerkelche, Jean mit einem Kühleimer, gefüllt mit 201 Goldköpfen. Der Schaumwein perlte in den Gläſern, die Toaſte erklangen. Auf den König! Auf den Ober⸗ präfidenten! Auf die beiden neuen Kommerzienräthe! Aber der herzlichſt gemeinte, donnerndſte galt doch der zukünftigen Frau Kommerzienrath! Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Uene Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. 6 In Pnnn der Pridrnſchuft. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. Brurg Wunterkuny'n Prftnnrnt. Roman von Frau Henry Wood. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8o. Geheftet. Preis 3 Thlr. Prangſule ei einer Frau, oder: Die Halliburtons. Roman von Frau henry Wood. Aus dem Engliſchen von Auguſt Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 5 Bde. 8o. Geheftet. Preis 3 Thlr. 10 Ngr. Ueue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julins Günther in Leipzig Armadale. Roman von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bände. 8. Geheftet. Preis 4 Thlr. Ein tiefes Geheimniß. Roman von Vilkie Collins. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. —— Mann und Weib. Roman Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Dr. Lehmann. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bde. 8 Eleg. geh. Preis 4 Thlr. 20 Ngr. verlag von Ernſt Zulius Günther in Teipzig. die Tochter des Calviniſten. Roman von John Saunders. Verfaſſer von„Abel Drake's wife“. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 3 Bände. 8o. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. S d*„ Ein muthiges Weib. Von 3 der Verfaſſerin von„John Halifaxr“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. gr. 8o. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Hannah. Von der Verfaſſerin von„John Halifax“ Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autorifirte Ausgabe. 2 Bände. 8. Eleg. geh. Preis 2 Thlr. ſ 14 1 16 17 1 3* . 8 5 . K 6