S—— Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ledem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß vas Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — „ 7 — — —— Ein Metror der Börſe. Roman von . HOtfrid Nylius. Erſter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1872. Erſtes Kapitel. Der Herr Bankier Leopold Auheim geruhten gar nicht wohl geruht zu haben, obſchon ihm Cäſar, ſein Groom, dieß ſo eben gewünſcht, als er ihm die Thüre geöffnet hatte, welche aus den Privatzimmern des Herrn in deſſen geheimes Audienzzimmer hinter dem Comptoir führte. Das Souper zu Ehren der Pepita hatte allzu⸗ lange gedauert, und die Herren hatten nur ſehr ſchwere Weine getrunken, und weil Herr von Auheim, wie er ſich im Privatverkehr am lieb ſtennennen hörte, offenbar mehr getrunken, als ihm gut war, hatten ihn die Cavallerie⸗ Offiziere noch in den Jockeyelub geführt und ihm ein paar hundert Thälerchen in Landsknecht und Macao ab⸗ genommen. Jetzt ſtand er vor dem großen Spiegel über dem franzöſiſchen Kamin, der in dem höchſt eleganten kleinen Mylius, Ein Meteor der Börſe. I. 1 — ——— Ciei⸗ Zimmer eigentlich nur aus Luxus da war und damit Herr Auheim, wann er einem Kunden und namentlich einer Dame hier Audienz gab, ſeinen kleinen Fuß auf das zierlich durchbrochene Eiſengitter und ſomit in das vortheilhafteſte Licht ſetzen konnte, denn Herr von Au⸗ heim war unter Mittelgröße, und kleine Leute ſollen manchmal ſehr eitel ſein. Aber an dem Conterfei, welches heute früh der Spiegel dem Herrn von Auheim vorhielt, hatte er bei allem Selbſtgefühl doch keine rechte 5 Freude; denn das ſonſt recht hübſche Geſicht war ganz 6 erdfahl, die großen Augen matt und ſtier und tief ein⸗ geſunken, mit dunklen Rändern umgeben, die kleine Hand zitterte, und ein Fröſteln durchlief den ganzen Körper, während der ſchwere Kopf vor Glut zu zer⸗ ſpringen drohte und der Mund heiß und trocken war. Was er hatte?— Perſer nennen es Bidamug⸗bugan, S Deutſche nennen es Katzenjammer! „Cäſar!“ murmelte er und ſank mit geſchloſſenen Augen in einen Lehnſtuhl. „Gnädiger Herr befehlen? etwa die Chokolade?“ Nein, lieber Sodawaſſer; ich fühle mich unwohl!“ Dacht' ich's doch gleich! der gnädige Herr waren gar nicht zu erwecken, als ich Ihnen melden wollte, daß der Schimmel parat ſei, weil Sie ja die Tänzerin zu Pferde nach dem Bahnhof begleiten wollten Feuer!“ Er ſteckte ſich eine feine Upman an, aber ſie 3 „Ach ja“, rief Herr Auheim lebhaft,„kleide mich raſch an; ich will noch hinreiten.“ „Zu ſpät, gnädiger Herr! der Zug geht zehn Uhr fünfzehn Minuten— jetzt haben wir elf Uhr dreißig.“ „Verwünſcht! ſo habe ich der Himmliſchen mein Verſprechen nicht gehalten! Aber in dieſem Zuſtande? nein, fürwahr, da hätte ich eine allzutraurige Figur gemacht!“ Er gähnte tief.„Cäſar!“ „Gnädiger Herr befehlen?“ „Die Poſt ſchon da? Nun, natürlich! Reichhelm ſoll mir die Briefe und Zeitungen herein ſchicken, damit ich nur das Nothdürftigſte erledige, und mich dann wieder zu Bett lege! Gib das Sodawaſſer her!— wollte auch nicht munden.—„Guten Tag, Reichhelm wie ſtehen die Courſe?“ „Guten Tag, Herr Auheim! Die frankfurter Briefe flau, in Berlin beim Alten, Hamburg Neigung zum Wei⸗ chen, Paris kritiſch, Baiſſe vorwiegend, Credit mobilier um ein und einhalb Procent geſunken. Wollen wir kaufen?“ „Nein, ſie ſinken in den nächſten Tagen noch mehr; dann kaufen wir. Sonſt etwas Neues im Geſchäft, Reichhelm? Wie ſteht es um die Caſſe?“ „Oh, ſehr gut, Herr Auheim! Was heute fällig, iſt ſchon gedeckt, und im Ganzen heute fünftauſend — 4 Thaler mehr eingegangen, als gekündigt oder ausgezahlt. Die vier Procent, welche wir bieten, üben ihre Zugkraft!“ „Muß noch beſſer werden, Reichhelm! Nur fünf⸗ tauſend Thaler Avance täglich iſt ein Lumpengeld. Wir müſſen das ſämmtliche flüſſige Capital der Provinz an uns ziehen, und dann damit einige Unternehmungen ins Große machen, bei denen wir rieſig profitiren. Apropos, ich bin krank, ſterbensübel! Laſſen Sie niemand zu mir, denn ſobald ich die Briefe und Cvursblätter ge⸗ leſen habe, werde ich mich wieder zu Bett legen. Wenn jemand kommt, ſo ſagen Sie, ich ſei verreiſt— mit dem Zehnuhr⸗Schnellzuge fort.“ „Sehr wohl, Herr Auheim!“ ſagte Reichhelm und verſchwand.—„Der Alte hat einen Kater, daß ihm der Kopf zerſpringt, Tzſchörner!“ ſagte er draußen vor dem Caſſengitter leiſe zu dem Caſſier.„Den haben die Cavaliere geſtern Abend im Reichsapfel' wieder ſchön zugedeckt. Er hat ſein koſtbares Schlafzimmer verun⸗ reinigt, wie Cäſar ſagt, und ſeine Börſe iſt ſo leer, daß er ſich die Augen damit auswiſchen kanſ, obſchon er ſich geſtern Abend vor dem Theater erſt fünfzig Fried⸗ richsdor von Ihnen geben ließ.“ „Mein Gott, es iſt ſündhaft, wie er mit dem Gelde um⸗ geht!“ meinte der Caſſier kopfſchüttelnd;„in dieſer Woche nun ſchon über fünfzehnhundert Thaler und wir haben erſt . ———— 5 Freitag; Reichhelm, wenn zwei ſo ſparſame Jungen wie wir beide, die wir ihm doch die Geſchichte jetzt abgelernt haben, nur halb ſo viel Glück haben, ſo iſt uns eine halbe Million gewiß!“ „Wie wird er Augen machen, wenn er heute oder morgen unſere Kündigung bekommt!“ ſagte Reichhelm; „wie wird er toben! Er iſt vhnedem heute ſehr bärbeißig!“ „Ach, wenn ſich doch nur ein Anlaß fände, daß er gegen uns grob würde, ſo daß unſere Kündigung einen plauſiblen Vorwand hätte“, meinte Tzſchörner; „denn ſehen Sie, hören Sie, mein Guteſter, ich kann Sie ſagen, es wird mir ein bischen ſchwer, den Schritt zu thun, da er doch einen Schein von Undank auf uns werfen wird!“ „Ach gehen Sie, Tzſchörner, ſeien Sie mir nicht lächerlich!“ ſagte Reichhelm übermüthig;„ein braver Mann denkt an ſich ſelbſt zunächſt— das iſt ſein eigener Grundſatz. Doch haben Sie im Grunde recht; ſo uneben wär's nicht, wenn wir die Schuld des Bruchs auf ihn werfen könnten; es gäbe dann weniger Gerede in der Stadt. Und bald muß es geſchehen, denn Weiß⸗ brod ſagte mir geſtern, er habe das Etabliſſements⸗ Eirculär ſchon in die Druckerei gegeben!“ „Doch nicht dem Zwirbel, der den Patrioten druckt und täglich bei Auheim aus und eingeht?“ 6 „Ach, wo denken Sie hin? Nein, in die Druckerei des Freiſinnigen,— wir wollen uns an die Liberalen und Demokraten im Publikum wenden, wie Er ſich an die Junker und Reactiondre. Ah, wie prächtig! Sehen Sie dort den Menſchen der über den Hof kommt?“ „Ah, den armen Teufel, der ſchon mehrmals hier war wegen der Commisſtelle; ein rechter Comptvirbüffel, wie es ſcheint!“ ſagte Tzſchörner. „Ja, ſo eine doppelte Buchführungsmaſchine— wiſſen Sie was, Tzſchörner? Den ſchicken wir ihm hin⸗ ein, damit er ſich über ihn ärgert. Er hat mir verbo⸗ ten, jemand hineinzulaſſen.“ „Und nun wollen Sie doch... „Nein, ich nicht,— da, der Briefträger ſoll es thun. — He, Herr Dings da, haben Sie doch die Freundlich⸗ keit, dem Herrn in dem grauen Sackpaletot, der Ihnen auf der Treppe begegnen wird, zu ſagen, daß ihn Herr Auheim in ſeinem Privatkabinet zu ſprechen wünſche. Er ſoll nur dem Diener, wenn ihn derſelbe abweiſen will, ſagen: er ſei vorgeladen! Wollen Sie ſo freund⸗ lich ſein?“ „Mit Vergnügen, Herr Buchhalter!“ verſetzte der Briefträger und ging. Draußen fand er einen jungen Mann von etwa achtundzwwanzig Jahren, der ſeine Füße ſorgſam an dem Kratzer und Kaffeeſack reinigte, ehe er — 3 in das Banklokal trat. Dieſem beſtellte er ſeinen Auf⸗ trag und nahm die Ueberzeugung mit, daß er einen Menſchen glücklich gemacht habe, denn das kummervolle Geſicht des Mannes verklärte ſich zuſehends, und mit lebhaftem Dank näherte er ſich der bezeichneten Thüre, die in das Vorzimmer von Auheim's Privatwohnung führte. Herr Auheim, der mit verbundenem Kopfe in ſeinem Lehnſtuhle lag und Briefe überflog, erſchrack nicht wenig bei dem Eintritt des Fremden.„Wer ſind Sie? was wollen Sie hier?“ ſchrie er ihn an;„wer gab Ihnen die Erlaubniß, hier einzutreten?“ „Um Vergebung, wenn ich ſtöre!“ entgegnete der Fremde betreten, aber mit ruhiger Würde.„Ich würde nicht gewagt haben, hier einzutreten, wenn man mir nicht geſagt hätte, Sie erwarteten mich!“ „Wer hat das geſagt?“ „Der Briefträger, der vorhin aus dem Geſchäfts⸗ lokal trat, als ich die Treppe heraufkam“, erwiderte der Fremde ſanft und entſchuldigend. „Das iſt gelogen!“ rief Herr Auheim erboſt. „Mein Herr, wem gilt dieſe Beſchuldigung, mir oder dem Briefträger?“ rief der Fremde aufwallend und trat mit funkelnden Augen dem kleinen Manne in dem türkiſchen Schlafrock näher.„Ich lüge nie, und —————— 8 der Briefträger der mich gar nicht kennt, hätte keinen Grund gehabt, mich zu hintergehen.“ „Und doch hat er Sie mhſtificirt— um es mild auszudrücken. Wer ſind Sie? Was wollen Sie?“ „Ich bin der Kaufmannsdiener Heinrich Otte aus Waldenburg, der ſich vor drei Wochen um die von Ihnen ausgeſchriebene Commisſtelle bewarb und ſeither immer mit Verſprechungen hingehalten worden iſt“, ſagte der Fremde gelaſſen.„Ich hatte mir geſchmeichelt, daß Sie ſich meiner als eines Landsmannes erinnern und mich bei der Wahl Ihres Commis einigermaßen als ſolchen begünſtigen würden!“ „Landsmann! wie ſo denn?“ „I nun, Herr Auheim! Sie ſind ja doch der Cantorsſohn aus Waldenburg und haben vor mir bei Herrn Gotthilf Munzel daſelbſt die Handlung erlernt. Ich kenne Sie von da her noch ſehr gut. Sie haben mir manches Pfund Kaffee oder Zucker ausgewogen!“ Das blaſſe Geſicht des Herrn Auheim überflog eine leichte Röthe der Verlegenheit, aber er wagte die Richtig⸗ keit von Otte's Behauptungen nicht zu leugnen.„Wann kamen Sie zu Munzel in die Lehre?“ fragte er barſch. „Ein Vierteljahr nachdem Sie dort— ausgetreten waren“, verſetzte Otte. Des Bankiers Verlegenheit ſtieg; er ſetzte den „ —— — —— Klemmer auf und fragte etwas höflicher:„Sie ſind wohl ein Sohn des Juſtizraths Otte, der auf der Bleicherſtraße wohnte?“ „Um Vergebung, nein; mein Vater war der Schuh⸗ machermeiſter in der Hundegaſſe!“ „Ah ſo, darum alſo iſt auch Ihr Anzug etwas— etwas heruntergekommen?“ „Meine Kleidung iſt allerdings nicht elegant, da⸗ für aber bezahlt und reinlich“, entgegnete Otte mit einem Blick der Entrüſtung;„auch kam ich hierher um eine Stelle zu ſuchen, und nicht um eine Garderobe⸗ Muſterung zu beſtehen. Ich dächte, Herr Auheim, auch in einem ärmlichen Rocke könnte ein brauchbarer Ar⸗ beiter und rechtſchaffener Kerl ſtecken. Schöne Kleider verdecken ſehr oft nur Laffen und Schwindler. Kleider machen zwar Leute, geben aber nicht Kenntniſſe und Fähigkeiten.“ „Allerdings“, ſagte Auheim;„auch war meine Bemerkung nicht böſe gemeint. Ich wollte nur ſagen, daß junge Leute Ihres Standes gewöhnlich mehr auf ihr Aeußeres verwenden...“ „Alſo auf ihr Inneres, das iſt eine Thatſache“, fiel ihm Otte in's Wort;„aber bei mir findet das Um⸗ gekehrte ſtatt, Herr Auheim. Uebrigens iſt dieß auch nicht meine beſte Garderobe, ſondern die iſt auf dem Leihhauſe, da ich ſeit Monatsfriſt hier auf dem Pflaſter liege, vergebens auf eine Stelle warte und beim beſten Willen nicht im Stande war, ſelbſt nur meine beſchei⸗ denſten Bedürfniſſe zu verdienen.“ „Im Leihhauſe? Das iſt eine zweideutige Em⸗ pfehlung!“ „Unter Umſtänden allerdings, aber in meiner Lage liegt darin nichts Entehrendes. Wäre ich ein leichtſinniger Schwindler und Schuldenmacher, ſo logirte ich, anſtatt in einem Manſardenſtübchen der Vorſtadt, in der goldnen Gans oder dem weißen Adler, tränke Champagner auf Credit und borgte bei den Wirthen. Aber das iſt gegen meine Grundſätze und Mittel.“ „Haben Sie Zeugniſſe?“ „Ja, Herr Auheim, hier ſind ſie!“ ſagte Otte und reichte ihm ſeine Papiere. „Hm, dieſe Zeugniſſe lauten günſtig,— drei Jahre in Einer Stelle und bei dem alten Werthes, das ſpricht zu Ihren Gunſten. Aber wo waren Sie dann? Sie ſind ja ſeit mehr als zwei Jahren dort ausgetreten.“ „Seither war ich— auf der Feſtung, angeblich wegen politiſcher Vergehen“, verſetzte Otte mit einer gewiſſen Befangenheit, durch welche ein bitterer Groll hindurchdrang.„Ich war überwieſen worden, einen Unteroffizier im Dienſte vom Pferde geworfen zu haben.“ 1¹ „Bei einem Aufſtande?“ „Ja, bei einem Straßenauflauf, an dem ich jedoc nicht theilnahm“, ſagte Otte.„Wegen dieſer Geſchichte, die erſt nach Jahren zur Anzeige gebracht wurde, erhielt ich nach viermonatlichem Unterſuchungsarreſt noch zwei Jahre Feſtungshaft, die erſt vor ſieben Wochen abge⸗ laufen ſind, und verlor meine gute Stelle bei Herrn Werthes.“ „In dieſem Falle kann ich Ihre angebotenen Dienſte auch nicht annehmen“, ſagte Herr Auheim kurz und entſchieden und gab die Papiere zurück.„Die Leute, mit denen ich verkehre, gehören meiſt der Klaſſe der Royaliſten an, und darum kann ich keinen beſtraften Demokraten brauchen. Ueberdieß iſt die Stelle ſchon beſetzt!“ „Beſetzt, Herr Auheim? Dann war es weder ehrlich noch billig, mich ſo lange mit leeren Ausſichten hinzu⸗ halten“, entgegnete Otte mit berechtigter Entrüſtung; „wenn ich nicht erfahren hätte, daß die Stelle des Herrn Weißbrod auf Ihrem Comptvir bis heute noch nicht beſetzt iſt, wenn man nicht in Ihrem Namen mir Aus⸗ ſicht darauf eröffnet hätte, ſo wäre ich längſt zu meiner Mutter nach Waldenburg zurückgekehrt, anſtatt hier zu hungern und mein Geld zu verzehren.“ Herr Auheim zuckte die Achſeln, entließ Otte mit 12 einer ſtummen Geberde und wandte ihm den Rücken. Als dieſer aber noch nicht ging, vielmehr in ſeiner Brief⸗ taſche noch etwas ſuchte drehte er ſich abermals nach ihm um und fragte ungeduldig:„Haben Sie noch ein Anliegen? Beanſpruchen Sie vielleicht ein Wartegeld?“ „Mit nichten,— zwar auch ein Wartegeld, aber in anderem Sinne“, erwiderte Otte und ſchaute dem kleinen Herrn ſehr feſt in's Geſicht.„Als Sie vor vier⸗ zehn Jahren aus Herrn Munzels Hauſe austraten und Waldenburg verließen, um— eine andere Carriere aufzuſuchen“, fuhr Otte mit ganz eigenthümlicher Be⸗ tonung fort,„da blieben Sie meinem Vater, dem Schuh⸗ machermeiſter, noch eilf Thaler für gelieferte Arbeit ſchuldig, deren Bezahlung auch von dem Herrn Cantor Auheim nicht zu erlangen war, wie dieſer beglaubigte Auszug aus den von mir geführten Büchern meines Vaters beweiſt. Die Schuld wäre zwar eigentlich ver⸗ jährt, aber mein Vater iſt todt und meine arme Mutter blind. Und da Sie nun reich ſind, Herr Au⸗ heim, und ſich die Einrede der Verjährung gegenüber einer armen Wittwe gewiß nicht zunutze machen wollen ſo bin ich ſo frei—“ „Geben Sie her!“ fiel ihm Herr Auheim unge⸗ duldig und mit einer unüberwindlichen Verlegenheit in's Wort;„laſſen Sie ſehen!“ Und er überſah flüchtig 13 das Papier, und rief dann in's Comptoir hinaus: „Reichhelm! geben Sie mir einen Kaſſenſchein von fünf⸗ undzwanzig Thalern und einen Doppelfriedrichsd'vr. Und nun guittiren Sie mir, Herr Otte. Dieſe fünfund⸗ zwanzig Thaler hier ſind für ihre Mutter— Zins und Zinſeszins von eilf Thalern in mehr als vierzehn Jahren erreicht annähernd dieſen Betrag; und dieß hier“, ſetzte er hinzu indem er ihm das Goldſtück zuſchob,„dieß als Entſchädigung für Ihr vergebliches Warten, obſchon es nicht meine Schuld iſt!“ „Habe ich ohne Ihre Schuld gewartet, ſo ſind Sie mir auch keine Entſchädigung ſchuldig!“ entgegnete Otte ruhig und mit ernſtem Blicke und ſchob das Goldſtück zurück.„Das andere Geld nehme ich dankbar namens meiner Mutter. Allein was mir nicht gebührt, das beanſpruche ich auch nicht, Herr Auheim, ſonſt würde es ausſehen, als erkauften Sie mein Schweigen über andere Dinge, worüber Sie auch ohnedem meiner Dis⸗ kretion verſichert ſein dürfen. Guten Tag.“ Damit ver⸗ ließ er das Zimmer. Herr Auheim war in einer peinlichen Verlegenheit und ſehr ungehalten. Dieſe Begegnung war ihm höchſt unerwartet und unwillkommen, zumal er ſich geſtehen mußte, daß ſein Landsmann einigen Grund habe, ihm böſe zu ſein, oder ihn wenigſtens nicht ſehr zu achten. — ſo verbitte ich mir wenigſtens, daß Sie auch mich damit 14 Er war unſchlüſſig, vb er ihn nicht zurückrufen und ihm eine Anſtellung geben ſolle, um ſein Schweigen zu erkaufen, denn er mußte ſich geſtehen, daß, wenn ge⸗ wiſſe Dinge um welche Otte wiſſen mochte, bekannt würden, ſeinen Neidern in der Stadt damit ein großer Triumph be⸗ reitet und Waffen gegen ihn in die Hände gegeben würden. Und doch kämpfte dagegen wieder Auheims Eitelkeit und Hochmuth an. War es nicht beſſer ſolchen dummen Nachreden zu trotzen? Noch im Unklaren über die Schritte, die er thun wollte, war Herr Auheim an das eine Fenſter getreten, das nach dem Hof hinaus mündete, um Otte nachzuſehen. Da hörte er im Comptvir ein Fenſter öffnen, ſah einen kleinen glänzen⸗ den, metalliſchen Gegenſtand hinunterwerfen, bemerkte wie Otte ſich darnach bückte, ihn aufhob, dann ſtehen blieb, um ihn genau zu prüfen, und ihn dann in die Taſche ſteckte, worauf er ſich durch die Einfahrt entfernte. „Was war das? hat ihm Reichhelm ein Almoſen zugeworfen, das er aufhob?“ fragte er ſich, eilte dann zur Thüre und rief:„Cäſar, hole mir den Menſchen zurück, der ſo eben hier war, ich muß ihn noch einmal ſprechen!“ Hierauf ſchlug er die Thüre zu und eilte in das Comptvir.„Reichhelm, wenn Sie ſich künftig mit einem armen Teufel eine Myſtifikation erlauben wollen, 15 beläſtigen!“ ſagte er barſch;„Sie wußten, daß ich allein ſein wollte, und doch ſchicken Sie mir da einen landfremden Menſchen auf den Hals.“ „Der ſich für Ihren Landsmann ausgab und dem Sie ſelbſt Ausſichten auf Anſtellung eröffneten, Herr Auheim! ja den Sie erſt neulich ſogar auf heute be⸗ ſtellten!“ erwiderte der Buchhalter auffahrend und mit geröthetem Geſicht;„wenn ich darin gefehlt habe, ſo mag es mir zur Entſchuldigung dienen, daß mich der arme Teufel, der ſchon ſo oft vergebens vorgeſprochen hatte, dauerte, und daß es mich langweilte, ihn immer mit leeren Hoffnungen vertröſten zu ſehen!“ „Herr, Sie ſind anmaßend!“ fuhr Auheim auf. „Herr Auheim, Sie vergeſſen, wen Sie vor ſich haben“, verſetzte Reichhelm und richtete ſich in ſeiner ganzen Länge auf;„wir ſind Männer von Erziehung, keine— fahrenden Komödianten!“ „Was ſoll das heißen, Reichhelm?“ rief Auheim zornig. „Gar nichts, als daß wir wiſſen, mein Herr, daß der Bankier Auheim und der frühere Theaterdirector Heimau eine und dieſelbe Perſon ſind, Herr Principal, und daß wir uns keine unanſtändige Behandlung ge⸗ fallen laſſen“, ſagte Reichhelm mit kalter Ironie. „Gewiſſe Leute ſollten ſich erinnern, daß der nicht mit 16 Steinen werfen ſollte, der ſelber in einem Glashauſe ſitzt“ „Herr, das ſind Impertinenzen, die Ihnen nicht geſchenkt ſein ſollen!“ rief Auheim ganz außer ſich und kehrte in ſein Audienzzimmer zurück, deſſen Thüre er heftig hinter ſich zuſchlug. Als er aufblickte, ſah er Otte vor ſich ſtehen, der ihn erwartete.„Bitte, neh⸗ men Sie Platz, Otte“, ſagte er kurz, und ging aufge⸗ regt im Zimmer auf und ab, wobei er noch einige Gläſer Sodawaſſer trank.„Ich muß noch mit Ihnen ſpre⸗ chen. Setzen Sie ſich, ich ſtehe ſogleich zu Dienſten. Ich habe mich ſo eben geärgert; ich möchte erſt ruhi⸗ ger werden.“ Eine lange Pauſe entſtand, während welcher Otte die Berliner Bank⸗ und Handelszeitung durchblätterte, die vor ſeinem Stuhl auf dem Boden lag. „Herr Otte, was hat Ihnen Reichhelm vorhin aus dem Fenſter zugeworfen?“ fragte er dann. „Reichhelm? wer iſt dieß?“ „Mein Buchhalter, derſelbe, der das Fenſter zu⸗ ſchlug, als ich Sie etwas vom Boden aufheben ſah.“ „Ah, ſo; nun, mir hat er nichts zu⸗, wohl aber etwas weggeworfen, das ich des Aufhebens werth fand, dieſe Goldfeder hier, die mir noch brauchbar erſcheint, denn meine Eltern empfahlen mir von Jugend auf: 47 was beſſer iſt als eine Laus, das ſollſt Du tragen nach Haus. Aber Ihre Leute müſſen ſehr gut geſtellt ſein, daß ſie mit Goldfedern ſchreiben und dieſe nach Gutdünken aus dem Fenſter werfen, Herr Auheim. Da Dutzend davon koſtet achtundzwanzig Thaler. Aber hier iſt ſie wieder!“ Herr Auheim machte eine abwehrende Bewegung. „Behalten Sie ſie!“ ſagte er;„dieſe Verſchwendung ſieht dem übermüthigen Reichhelm gleich, der mir noch gerade über den Kopf wachſen will. Otte“, fuhr er dann gedankenvoll fort,„ich wäre vielleicht doch in der Lage, Sie anzuſtellen, wär's auch nur als Con⸗ trole für die beiden faulen hochnäſigen Burſche da draußen. Kennen Sie das Bank⸗ und Effectengeſchäft?“ „O ja, ich habe wenigſtens bei Herrn Werthes dieſe Branche verſehen und die Contocorrente unſerer Committenten geführt“, ſagte Ott „Sie correſpondiren „Ja, in fünf Sprachen: deutſch, engliſch, franzö⸗ ſiſch, italieniſch und ſpaniſch.“ „Aber Ihr Aufenthalt auf der Feſtung hat Sie wohl aus der Uebung gebracht, nicht wahr?“ „Ich denke nicht, Herr Auheim; was man gut gelernt hat, vergißt man nicht leicht. Und dann ging ich auch auf der Feſtung nicht müſſig; man hat ſoviel Mylius, Ein Meteor der Börſe. I. 2 18 freie Zeit, daß man ſtudiren, arbeiten muß, um ſein Unglück zu vergeſſen. Da hab' ich vieles nachgeholt, was ich nicht in der Schule zu lernen vermocht, und einigen Handwerkern aus der Stadt, die mir ihr Ver⸗ trauen ſchenkten, die Bücher geführt, denn ich mußte ja mich und meine alte blinde Mutter erhalten.“ „Hm, das läßt ſich hören“, ſagte Auheim, noch immer im Zimmer auf und ab gehend und ſich die ſchmerzende Stirne haltend.„Und damit brachten Sie ſich durch?“ „O ja— ſo leidlich. Ich ſchrieb auch Aufſätze für Journale, die mir ein Mitgefangener, ein junger Jour⸗ naliſt, unterbrachte, und überſetzte kaufmänniſche und techniſche Bücher.“ „Ah! Und darf ich fragen, wie Sie denn eigent⸗ lich zu der That kamen, wegen deren Sie eingeſpon⸗ nen wurden?“ „Das iſt kein Geheimniß!“ ſagte Otte.„Sie er⸗ innern ſich noch der Emeute, welche zu S. ausbrach, als die Regierung die Wahlen zum Abgeordnetenhauſe für ungültig erklärte und einige der angeſehenſten Bür⸗ ger verhaften ließ. Am Abend fand ein Auflauf ſtatt, weil man dem Präſidenten v. O. und dem Landrath v. L. als den ärgſten Reactionären die Fenſter ein⸗ werfen wollte. Der Commandant ließ Dragoner aus⸗ — —————— 19 rücken um die Straßen zu ſäubern; dieſe wurden mit Steinwürfen begrüßt und in der Altſtadt ſpannte man dicke Drähte über die Straßen, daß ganze Glieder der Reiter beim Anſprengen ſtürzten, was unter den Sol⸗ daten eine ungeheure Bitterkeit verurſachte. Unſer Principal hielt uns auf dem Comptoir zurück, bis der ärgſte Trubel vorüber war, damit wir uns nicht den Tumultuanten anſchließen ſollten. Es war etwa zehn Uhr, als wir vom Comptvir entlaſſen wurden, und ich war meiner Wohnung ſchon ſehr nahe, als ein Piket Dragoner, die ganze Breite der Straße einneh⸗ mend, daher ſprengte und uns ſchonungslos überritten hätte, wenn wir nicht noch behend genug auf die Vor⸗ treppe eines Hauſes geflüchtet wären. Aber ein alter Herr, in welchem ich einen geachteten Arzt der Stadt erkannte, vermochte nicht mehr auszuweichen und ward überritten. Als er wieder aufſtand, rief er dem Piket einige herzliche Verwünſchungen nach. Dieſe hörte ein Wachtmeiſter, drehte um und ritt dem alten Herrn nach, welcher in der erſten Beſtürzung ſich in einen Hauswinkel flüchtete, wohin ihn der Dragoner verfolgte, und ſchon den Säbel zum Einhauen erhoben hatte, als ich herbeiſprang, den Soldaten am Fuß ergriff und mit einem verzweifelten Ruck aus dem Sattel ſchleuderte, daß er auf das Pflaſter fiel und den Arm 22 brach. Ich und ein Freund entriſſen ihm den Pallaſch, jagten das ledige Pferd davon und ließen den Kerl liegen, um den alten Arzt, der vor Schreck beinahe ohnmächtig geworden war, in das Haus eines Be⸗ kannten zu flüchten. Die Sache ward ruchbar, denn man fand den Wachtmeiſter, der beim Sturze übel zu⸗ gerichtet worden war; allein wir kamen ungefährdet durch, weil er uns nicht erkannt hatte. Vier Jahre ſpäter kommt eines Tages ein Gendarm in einer Pri⸗ vatangelegenheit zu Herrn Werthes auf das Comptoir und will ſich eine Staatsobligation kaufen. Ich muß alſp mit ihm verkehren. Sobald ich rede, ſieht mich der Menſch ganz eigenthümlich an, und erſcheint mir nun auch bekannt, obſchon ich mich auf ſein Geſicht nicht mehr entſinnen konnte. Den andern Tag holt mich die Polizei vom Comptvir und ich vernehme mit Entſetzen, daß der Gendarm und jener Wachtmeiſter in S. eine und dieſelbe Perſon ſind. Der Kerl hatte mich erkannt und denuncirt und die Sache auf ſeinen Dienſteid genommen. Ich konnte nicht in Abrede ziehen, daß ich damals in S. ſervirt hatte. Der alte Dvetor, deſſen Fall damals die radikalen Zeitungen ſehr aus⸗ gebeutet hatten, um daraus politiſches Capital zu machen, ward mir gegenüber geſtellt und ſollte auf ſeinen Zeugeneid nehmen, daß ich ſein Retter nicht ge⸗ — 2 weſen ſei. Er verweigerte diefen Eid als ungeſetzlich, denn er wollte keinen Meineid ſchwören. Da geſtand ich denn, um ihm einen ſolchen zu erſparen, die ganze Sache, und nahm alles auf mein Kerbholz, um nur meinen damaligen Gefährten zu retten, der inzwiſchen eine brave junge Frau geheirathet hatte; und ſo bin ich denn Aufrührer und Hochverräther geworden!“ „Das war dumm— Sie hätten beharrlich leug⸗ 4 nen oder auf einen Andern abladen ſollen“, ſagte Au⸗ heim; aber Otte ſchüttelte den Kopf. „Um den Preis einer Lüge oder Infamie wollt' ich nicht frei werden“, ſagte er;„auch war mein Ver⸗ gehen ja keines, das mich um meine Selbſtachtung brachte Vielmehr würde ich unter gleichen Umſtänden wieder ganz ſo handeln.“ „Herein!“ rief in dieſem Augenblicke Auheim, und herein trat ein kleines hageres Männlein mit einer ſehr langen und ſpitzen Naſe, ſpitzem Kinn und ſchma⸗ len zuſammengekniffenen Lippen, eine blaue Brille vor 5 den ſtechenden Marderäuglein, und bot mit einer tie⸗ fen Verbeugung einen gehorſamſten guten Tag. „Ah, guten Tag, Zwirbel! was bringen Sie?“ 3 rief Auheim. „Zweierlei Dinge, mein verehrteſter Herr von Auheim!“ verſetzte Zwirbel mit kriechender Höflichkeit; 22 „zunächſt möchte ich gehorſamſt um den verſprochenen Proſpect wegen der Rübenzuckerfabrik in Weidenbach gebeten haben, denn es iſt die höchſte Zeit, da der Patriot ſchon um zwei Uhr ausgegeben werden ſoll und bis auf den Proſpect im Satze vollendet iſt.“ „Der Proſpect? Ach ja, der Proſpect!“ ſeußzte Auheim.„Gott, das hatt' ich ganz vergeſſen, und doch bin ich heute ganz außer Stande, den Aufſatz zu machen! Mein armer Kopf iſt ſo krank und blöde, ich bin heute ſo nervös. Hat denn die Sache nicht noch Verzug bis morgen?“ „Geht nicht an, geht nicht, mein beſter Herr von Auheim! der Juſtizrath Frege band mir's auf die Seele. Ach, nehmen Sie ſich doch zuſammen, beſter Herr von Auheim! verſuchen Sie es; wird wohl Alles möglich ſein; haben ja alles Material beiſammen!“ „Es geht nicht, ich bringe heute nicht zwei Sätze zuſammen, und Sie wiſſen, die Sache will klug und tactvoll angefaßt ſein!“ jammerte Auheim;„mein ar⸗ mer blöder Kopf! Und meinem Reichhelm kann ich die Sache nicht anvertrauen, auch wenn er derſelben ge⸗ wachſen wäre!“ „Nein, dieſem Menſchen am allerletzten, wie ich gehorſamſt bemerken möchte!“ rief Zwirbel mit ſolcher Entrüſtung, daß Auheim verwundert zu ihm aufblickte. 23 „Darf ich mir vielleicht erlauben, Ihnen meine ſchwachen Dienſte anzubieten, Herr Auheim?“ fragte Otte;„es gälte ja nur eine Probe, ob ich befähigt ir „Ach ja, probiren Sie es!“ entgegnete Auheim begierig;„die Sache iſt einfach: wir beabſichtigen in Weidenbach, im ſüdweſtlichen Winkel unſerer Provinz, eine Rübenzuckerfabrik größten Maßſtabs auf Actien zu gründen. Ein proviſoriſcher Ausſchuß iſt ſchon zu⸗ ſammengetreten, die zu erwartenden Vortheile ſind zu⸗ ſammengeſtellt. Es fehlt nur noch die Abfaſſung des Proſpects, worin die wichtigen Vorzüge des Unter⸗ nehmens für den Wohlſtand der ganzen Provinz und die günſtigen Chancen derſelben ohne Reclame ruhig und einleuchtend dem großen Publicum anſchaulich ge⸗ macht würden. Sehen Sie, in dieſem Fascikel iſt alles Material; ſetzen Sie ſich dort hinein an meinen Schreibtiſch und verſuchen Sie Ihr Heil! An Ihrem Erfolg hängt Ihre Zukunft!“ Otte verſprach ſein Beſtes zu thun und eilte in's Nebenzimmer.„Was haben Sie mit Reichhelm, mein lieber Zwirbel?“ fragte der Bankier den Druckerherrn haſtig;„Sie wiſſen irgend etwas von ihm?“ „Ob ich etwas weiß?“ verſetzte Zwirbel gedehnt und verzog ſeine Wieſelphyſiognomie zu einem pfiffigen 24 ——— ſchadenfrohen Lächeln.„Daß er ein elender, undank⸗ barer Menſch, ein Intriguant iſt, der Ihnen ein Bein ſtellt, das weiß ich. Da, mein beſter Herr von Au⸗ heim, ſehen Sie her!“ Dieſer erblaßte, als er in das Papier ſtarrte, das ihm der Buchdrucker entgegenhielt.„Wie, ein Etabliſſements⸗Circulär von Weißbrod und Compagnie? Ein Bank⸗ und Effectengeſchäft auf hieſigem Platze? W. Weißbrod wird zeichnen. Eduard Reichhelm wird zeichnen. Adolph Tzſchörner wird zeichnen? Himmel⸗ element! Und dieſe beiden Schufte eſſen noch mein Brod? Wie kommen Sie zu dieſem Papier, mein beſter Zwirbel?“ „Oh, auf eine ſehr einfache Weiſe“, verſetzte die⸗ ſer;„ich hatte ſchon ein Vögelchen fingen hören von dem Projecte Ihrer drei jungen Herren. Wie ich vor⸗ hin an dem Café Wehl vorüber gehe, wo Herr Weiß⸗ brod wohnt, ſeh' ich einen Lehrjungen meines Con⸗ currenten Bär, der den Freiſinnigen druckt, vor der Thüre ſtehen und mit einigen Knaben um Schuſſer ſpielen. Der Burſche lehnt ſeine Mappe in den Haus⸗ gang und ſagt, er wolle auf Herrn Weißbrod warten, welcher ausgegangen ſei. Hollah, denke ich, dahinter ſteckt etwas. Ich ſchleiche mich hinter die Thüre, nehme die Papiere aus der Mappe, fordere im Café meinen ————— ——— 5 Abſynth, und muſtere die Papiere— dieſe hier. Da haben wir die Beſcheerung! Das mußte ich gleich mei⸗ nem werthen Gönner und Freunde, dem Herrn von Auheim, gehorſamſt brühwarm melden!“ „Was iſt da zu machen?“ fragte Auheim ganz rathlos;„eine ſolche Perfidie iſt unerhört; mir Con⸗ currenz zu machen, während man noch in meinem Dienſte iſt!“ „Da gibt es nach meinem unmaßgeblichen Dafür⸗ halten nur Ein Mittel, mein Verehrteſter!“ ſagte Zwirbel ſehr decidirt und wohlweiſe;„Sie jagen die beiden Burſchen da drinne hinter ihrem Spießgeſellen Weißbrod her, erlaſſen ſogleich ein Inſerat im Patri⸗ oten und Amtsblatt und ein Circulär, welches Reich⸗ helm die Proeura entzieht, und blamiren die neuen Bankiers noch ehe ſie ſich aufthun.“ „Ja, das wäre ſchon gut, aber woher gleich ei⸗ nen Erſatzmann nehmen für dieſe beiden?“ Zwirbel lächelte pfiffig.„Der da drinnen, das ſcheint mir ſo ein rechtes Zugpferd und Lagerbuch für ein Geſchäft“, ſagte er;„dieſer Herr wird mehr ar⸗ beiten, als jene beiden Laffen mit einander!“ Auheim war ſchon halb gewonnen, aber er grü⸗ belte noch über die möglichen Folgen des jähen Schrit⸗ tes, den ihm Zwirbel anrieth und den ſie beide weit⸗ e 1 läufig beſprachen. Je reiflicher er es ſich aber erwog, deſto weniger konnte er einen andern Ausweg finden, 4 und Zwirbel bewies ihm, daß er die Geſinde⸗Ordnung für ſich habe, und bei der Polizei auf Ausweiſung der 1 hinterliſtigen treuloſen Commis antragen könne. Hier⸗ zu aber mochte er ſich doch nicht entſchließen, wogegen ihm mehr einleuchtete, daß er durch eine öffentliche Er⸗ klärung den Credit dieſer Firma im Keime erſticken könne. Mittlerweile war Otte mit ſeinem Entwurf fertig geworden und hatte ihn Herrn Auheim behändigt, deſſen vollen Beifall er fand.„Otte“, ſagte er;„wä⸗ ren Sie geneigt und im Stande, auf ehrliche Probe bei mir einzutreten und für die beiden Zierbengel da drinnen als Erſatzmann zu dienen? Wohlgemerkt für beide zugleich, als Buchhalter, Caſſier und Procuriſt mit ſechshundert Thalern Gehalt und einer Ausſicht auf Tantiéme?“ „Iſt dieß Ihr Ernſt, Herr Auheim?“ fragte Otte überraſcht und traute ſeinen Ohren kaum. „Mein vollſtändiger; ich ſchenke Ihnen mein Ver⸗ trauen und bin überzeugt, daß Sie es nicht täuſchen werden! Alſo, es gilt?“ „Ei gewiß, von meiner Seite unbedingt“, rief und ſchlug ein. 27 „So folgen Sie mir!“ und beide traten in das Comptoir, wo gerade die Herren Reichhelm und Tzſchör⸗ ner ihre Hüte bürſteten, um zu Tiſche zu gehen.„Herr Tzſchörner, die Caſſenſchlüſſel! Herr Reichhelm, die Schlüſſel zu dem feuerfeſten Schrank, wo die Bücher ſtehen!“ rief ihnen der kleine Principal in dem tür⸗ kiſchen Schlafrocke zu. Beide behändigten verwundert das Gewünſchte, aber der Caſſier konnte die Frage nicht zurückdrängen, was denn dieß zu bedeuten habe. „Das bedeutet, daß Sie ſich heute Nachmittag nicht mehr hierher zu bemühen brauchen, indem ich keine Hallunken in meinem Geſchäfte brauchen kann!“ rief Auheim übevwallend.„Kennen Sie dieſes Circulär, durch welches Sie gemeinſam mit meinem wegen Un⸗ gebührlichkeit entlaſſenen Commis Weißbrod ein Wech⸗ ſel⸗ und Effectengeſchäft auf hieſigem Platze etablirt zu haben anzeigen, ohne mir zuvor gekündigt zu haben? Hier ſteht Ihr Nachfolger, Herr Otte, der Ihnen Ihr Guthaben an Salär ausrechnen und nachſchicken wird. „J Herr Jeſes, Herr Auheim! Se werden doch nicht?“ ſtammelte Tzſchörner leichenblaß und zitternd; Reichhelm aber zuckte nur ſpöttiſch die Achſeln und verließ das Zimmer, worauf ihm ſein College eilend folgte, und Otte dem übrigen Perſonal als der neue Geſchäftsführer vorgeſtellt wurde. Die Goldfeder, die 28 er vom Boden aufgehoben, ſchien ſein Glück zu Auheim gab dem neuen Geſchäftsführer noch die nöthigen Verhaltungs⸗Maßregeln und einen Vorſchuß von hundert Thalern,„um ſich zu equipiren und ſeine Sachen wieder vom Pfandhaus zu holen“, wie er ſagte, bat ihn dann zu Tiſche zu gehen und ſpäter die Schlüſſel zum Caſſen⸗ und Bücherſchrank bei ihm zu holen. Otte verabſchiedete ſich unter den leb⸗ hafteſten Dankesbezeugungen und verſprach des ihm geſchenkten Vertrauens ſich immer würdig zu erweiſen. Dann ging er; aber es war ihm zu Muthe, als pb er träumte; er fühlte den Boden nicht mehr unter ſei⸗ nen Füßen, das Herz lachte ihm im Leibe, und wäh⸗ rend er vor Jubel hätte laut aufſchreien mögen, um ſeinem übervollen Herzen Luft zu machen, zog ihm gleichzeitig wieder mit einem leiſen Seufzer der Ge⸗ danke durch die Seele:„Nein, fürwahr, es iſt beinahe zu ſchön, um wahr zu ſein!“ Als Herr Auheim in ſein Privatkabinet zurück⸗ kehrte, fand er Zwirbel noch da, in deſſen ſpitziger Phyſiognomie etwas wie Schadenfreude und Triumph aus den kleinen Augen blitzte. Der Buchdrucker hatte den Entwurf in den Händen, welchen Otte vorhin ver⸗ faßt hatte, und nickte beifällig in das Papier hinein. 1 29 „Hören Sie, mein beſter Herr von Auheim“, ſagte er lebhaft;„nichts für ungut, aber das Ding da mit den beiden geblähten Laffen, das haben Sie famos gemacht. Alle Wetter, das war ein Schlag ins Comptoir; das kam wie ein Blitz aus heitrem Himmel. Ei du meine Glte, in meinem ganzen Leben werd' ich die Phh⸗ ſiognvmieen nicht vergeſſen, welche die beiden da drin⸗ nen ſchnitten. Dem Tzſchörner, dem grinſenden Ohrwurm, ſtockte das Blut in den Adern, und der Reichhelm, der ſtolze anmaßende Bengel, fand gar kein Wort mehr, obſchon ihm ſonſt ſein loſes pots⸗ damer Maul jeden Augenblick zu Gebote ſteht! Na, mein beſter Herr von Auheim, dieſe Beiden ſind ge⸗ macht auf Lebenszeit!“ Auheim ſchüttelte den Kopf, um welchen er die mit Cau de Cologne befeuchtete Binde wieder gelegt hatte, ſehr bedenklich und meinte:„₰ nun, die Sache iſt wahrſcheinlich noch nicht aus, denn die drei Burſche werden einen Federkrieg mit mir in den Localblättern beginnen, welcher jedenfalls ſehr unangenehm werden wird, denn ſie werden es an Verunglimpfungen, Ver⸗ leumdungen, Denunciationen und hämiſchen Anſpie⸗ lungen gegen mich nicht fehlen la ſſen.“ „Bah, dem wollen wir ʒuvotommen!“ ſagte Zwirbel;„ich gehe ſogleich bei dem Doctor Ferklein, 30 meinem Berichterſtatter, vorüber und laſſe mir ſo ei⸗ nen kleinen Artikel von etwa zwanzig Zeilen zuſam⸗ menſtellen, des Inhalts, daß einer unſerer verehrteſten hieſigen Bankiers,— v. A., natürlich nur den An⸗ fangsbuchſtaben, damit Aronſohn es desavouiren muß, — heute in der unangenehmen Lage geweſen ſei, einige der erſten Angeſtellten ſeines Bureau wegen auffallen⸗ den Vertrauens⸗Mißbrauchs fortzuſchicken und daß..“ „Nun ja, thun Sie das meinethalben, wenn Sie glauben, daß dem Patrioten damit ein Gefallen ge⸗ ſchieht— mir iſt die Sache jedenfalls ganz einerlei und es liegt mir nur daran, bei der ganzen Affaire völlig aus dem Spiel zu bleiben!“ „Natürlich, natürlich!“ ſagte Zwirbel;„ich denke, der hochmüthige Bengel der Reichhelm wird auch ſv⸗ gleich vermuthen, daß die Sache von mir eingebrockt iſt, denn er weiß, daß ich noch ein Hühnchen mit ihm zu pflücken habe Denken Sie ſich, mein beſter Herr von Auheim, was mir dieſer Elende neulich für einen Streich ſpielen will! Da ſitz ich abends in der Har⸗ monie, und plaudere mit dem penſionirten Major von Stutz und dem Landrath von Kohlſtrunk von den be⸗ vorſtehenden Wahlen und vermeſſe mich kühnlich zu verſichern, daß unſere Partei, die mit Gott für König und Vaterland dießmal den Sieg behalten werde; da ruft mir der Reichhelm, der vorlaute dumme Junge, aus dem andern Winkel des Saales zu: Heda, Papa Zwirbel! kommen Sie mal einen Augenblick hierher! Wir ſtreiten da über den Berliner Zeughausſturm von Annvo Achtundvierzig, und können nicht einig werden, 1 an welchem Tage das war. Da ſollen Sie uns auf 1 die Sprünge helfen, Alter, denn Sie waren ja gewiß ſelber dabei. Man nannte Sie ja damals nur den Barrikaden⸗Zwirbel!— denken Sie ſich dieſe Unver⸗ ſchämtheit, eigens dazu gemütnzt, mich bei unſrer Par⸗ tei zu denunciren!“ „So war alſo etwas Wahres daran?“ fragte * Auheim mit ſardoniſchem Lächeln! „Hm, nein—, nicht eigentlich!“ ſtammelte Zwirbel erröthend;„das heißt, ich war Anno Acht⸗ undvierzig Zeitungsſetzer in Berlin, bei einem demv⸗ kratiſchen Blatte, und da mußt' ich denn, gegen mei⸗ nen beſſern Willen und Wiſſen, in die Cubs und Ar⸗ beitervereine gehen und ſelbſt zum Zeughausſturm mit ausziehen, obſchon ich betheuern kann, daß ich mich ſchon in der Behrenſtraße ſachte davon gedrückt habe. Aber, Herr von Auheim, Sie kennen ja, den Spruch: weß' Brod ich eſſe, deß' Lied ich ſinge, und ſo mußt' ich damals... „Begreiflich! Aber was machten denn der Major 82 und der Landrath nach dieſer Denunciation, die Sie hoffentlich ſehr energiſch von ſich abgewieſen haben?“ fragte Auheim. „Sie warfen mir Blicke zu, die ich nicht vergeſſen werde, ſtanden auf ohne ihre Gläſer auszutrinken und gingen in das Billardzimmer, ſo daß ſie nicht mehr hören konnten, wie ich den Reichhelm, den frechen Jungen, abfertigte, dem übrigens dieſer Adler niemals geſchenkt werden ſoll, worauf er ſich verlaſſen mag!“ „Ganz gut, mein lieber Zwirbel! Aber Sie ver⸗ geſſen ganz den Proſpect von der Weidenbacher Zucker⸗ fabrik, der noch in das morgende Blatt ſoll. Laſſen Sie ihn ganz ſo drucken, wie ihn der Otte geſchrieben hat. Sie haben ihn doch geleſen?“ „Allerdings, Herr von Auheim, und mit Vergnü⸗ gen“, verſetzte Zwirbel gefügig.„Er gefällt mir ſehr gut, dieſer Proſpect. Iſt ruhig, einfach, kurz und bündig, ganz auf ein Publicum von Geſchäftsleuten und Rentiers berechnet, die zu ihrem Gelde ſehen,— hat zwar nicht den Schwung und die Beredtſamkeit derjenigen Proſpecte, welche aus der gewandten Feder unſeres trefflichen und genialen Herrn von Aubeim her⸗ vorgehen, allein er klingt ſo ernſthaft und zuverſicht⸗ lich, ſo... ſo wohlgemeint, wenn ich ſo ſagen darf,— hat ſolch einen kaufmänniſchen Chic...“ . * 83 „Ja, es iſt in der That ein gutt concipirtes Schriftſtück, vhne Blague und Aufſchneiderei, ohne Re⸗ elame— eine Anzeige, wie man es von meiner Firma gar nicht gewöhnt iſt“, ſagte Auheim mit beifälligem Lächeln.„Es iſt einmal nach vielem Schwindel ein ſolider Proſpect, wie ich ihn all mein Lebenlang nicht zu Stande gebracht hätte; aber er wird Wunder thun; er wird auch die kühlſten Leute gewinnen und der Börſe imponiren. Der Auheim“, werden ſie ſagen, der Auheim iſt geworden ſolid; er hat ſich gefaßt; er denkt in der Zukunft! und ſie werden Actien zeichnen— was die Hauptſache iſt. Aber ich bitte Sie, lieber Zwirbel, bringen Sie nur den Proſpect noch in die morgende Nummer, ehe meine drei Commis über mich herfallen!— Heute Abend dann ein Mehres, denn Sie kommen doch zu der Pfirſich⸗Bowle in die Harmonie!“ Damit complimentirte er ihn zur Thüre hinaus und warf ſich abgeſpannt auf die Ottomane. Mylius, Ein Meteor der Börſe 1 3 Zweites Kap itel. — am Anfang der Vorſtadt, da wo die neue Promenade Altſtadt und Neuwerk ſcheidet und die neue Bahnhoſſtraße abbiegt, ſteht ein kleines ſchma⸗ les Eckhaus, deſſen gedrücktem Erdgeſchoß der Eigen⸗ thümer erſt neuerdings noch drei weitere Stockwerke aufgeſetzt hat, damit es nicht wie ein Zwerg erſcheine neben den rieſenhohen Neubauten rechts und links, welche ſeit der Eröffnung der Eiſenbahn hier in der Neuſtadt wie Pilze aus dem Boden geſchoſſen ſind. Das Erdgeſchoß dieſes Häuschens iſt zu einem hüb⸗ ſchen Laden eingerichtet, hinter deſſen Schaufenſtern Hüte, Hauben, Chemiſetten, Kopfputz aller Art, Sei⸗ denroben und Anderes ausgeſtellt find, während über der Eingangsthüre mit großen goldenen Buchſtaben auf azurnem Grunde zu leſen iſt: —————— — „Magazin des Modes de Paris, Madame Plisabethe.“ Da aber an dem Fenſter neben der Hausthüre eine lebensgroße Wachspuppe von laſſiſcher Schönheit ſteht, um auf ihrem edlen Kopfe und an der feinen Büſte die Erzeugniſſe der neueſten Mode ſo lockend als möglich zu präſentiren, ſo heißt dieſe Puppe und nach ihr der ganze Putzladen bei den Gaſſenjungen und ſämmtlichem niedrigen Volke der Stadt ſchlecht⸗ weg„die ſchöne Eliſabeth“, und genießt unter dieſem Namen eine größere Popularität, als die beiden grö⸗ ßeren und weit eleganteren Etabliſſements am Markt und an der Hauptſtraße. Allein die Eigenthümerin dieſes Modemagazins iſt weder Pariſerin, noch eine Franzöſin, ſondern ein ganz einfaches, wackeres deutſches Mädchen namens Julie Valentin, die Tochter eines einſt angeſehenen Kauf⸗ manns und Agenten, der eine zahlreiche Familie er⸗ ziehen mußte und nach mancherlei Mißgeſchick derſelben nichts hinterlaſſen konnte als eine gute Erziehung, einen fleckenloſen Namen und ſeinen Segen, welch letzterer denn auch wirklich auf dieſer Familie zu ruhen ſcheint. Die drei Söhne des Hauſes ſind nämlich draußen in der Welt, der älteſte als Kaufmann in Californien, der zweite als Profeſſor in Peſth, der dritte wiederum 8 — 36 als Kaufmann in Malaga. Die drei Töchter aber theilen ſich in die Pflege der alten contrakten Mutter, die ſie mit einer unſäglichen Innigkeit lieben, und in die Beſorgung des Geſchäfts, welches ihnen ein be⸗ ſcheidenes Auskommen ſichert. Julie, die älteſte Tochter, iſt die Seele des kaufmänniſchen Etabliſſements, die Verkäuferin, die ordnende Hand, der Genius des Schön⸗ heitsſinnes, das erfinderiſche Talent. Das dicke Käth⸗ chen, die jüngere Schweſter, mit dem herzensguten freundli hen Zug im Geſicht, ſorgt für Küche und Hausweſen und wartet die kranke Mama, und Marie, die jüngſte, herrſcht in der Arbeitsſtube des Entreſols, wo immer ſechs bis acht Putzjungfern und Nähterinnen die emſigen Finger rühren. Marie und Julie verſtehen ſich gar prächtig, und wenn Julie nur eine Patrone ſchneidet und der Schweſter ihre Ideen über einen Hut oder eine Cviffüre oder den Ausputz eines Kleides mittheilt, ſo iſt ſie der künſtleriſch vollen⸗ detſten Verwirklichung dieſer Ideen ſchon gewiß. Julie und Marie ſind ſozuſagen das Orakel des guten Ge⸗ ſchmacks für die halbe Provinz. In dem Moment aber, wo wir ihre Bekanntſchaft machen, ſind die drei Schweſtern nicht von Geſchäfts⸗ Gedanken beherrſcht, ſondern raſten einen Augenblick. Es iſt das Viertelſtündchen nach dem Mittagsbrode. —— 37 Mamachen hat ſich ſchon wieder in ihr Cabinet zurück⸗ gezogen und ſchläft wie gewöhnlich; Käthchen bereitet den Kaffee; Marie blättert in einem neuen Modejour⸗ nal, welches am Morgen im Laden abgegeben worden iſt, und Julie lieſt in einem Briefe von Jean in Malaga, der heute eingetroffen. Alle drei ſitzen an den beiden Fenſtern des Wohnzimmerchens im Entreſol über dem Laden, den jetzt einſtweilen eine der Putz⸗ jungfern hütet, und Käthchen, deren Aufmerkſamkeit nicht ausſchließlich durch ihre Beſchäftigung gefeſſelt wird, hat ſo eben einen Blick aus dem Fenſter gewor⸗ fen, nach der Promenade, die heute wegen des Regens und ſtürmiſchen Wetters ganz menſchenleer geworden iſt, und ruft nun: „Ei ſeht doch, Julie, Marie! ſeh' ich denn recht? Iſt das nicht Herr Otte, welcher hier mit rieſigen Schritten auf unſer Haus zukommt? Du lieber Him⸗ mel, was iſt ihm denn paſſirt? Sein ehrliches Geſicht ſtrahlt ja ordentlich vor Freude und er grüßt ſchon von weitem wie ein Bräutigam.“ „Ja, fürwahr, er iſt's!“ ſagte Julie, ſich lebhaft verbeugend;„er kommt zu uns. Wie wird er ſich freuen über die Nachrichten, welche wir ihm vom Bruder Karl aus Peſth mitzutheilen haben.“ „Er ſieht aus wie vertauſcht!“ rief Marie„Er lächelt, als ob er das große Loos gewonnen hätte. Sein freundliches Geſicht glänzt ordentlich vor Freude. Was er nur haben mag!“ Dieß zeigte ſich bald, denn kaum eine Minute nachdem er in die Ladenthüre getreten war, tönte ſein Schritt auf der Treppe und vor der Thüre.„Herein!“ rief Käthchen, noch ehe er gepocht hatte, und mit der herzlichſten Freude empfingen die drei Schweſtern den Freund ihres Bruders. „Ein ſo ſeltener Gaſt, obſchon ſteis willkommen!“ ſagte Julie und reichte ihm die kleine runde Hand; „Sie böſer Freund, warum erſcheinen Sie ſo ſelten bei uns?“ „Weil ich unglücklich und trübe geſtimmt war, meine Damen“, verſetzte Heinrich.„Und Trübſinn iſt egviſtiſch und anſteckend; ich wollte meine gedrückte Stimmung nicht in Ihre ſtille Häuslichkeit hereintra⸗ gen, wo es auch nicht an Sorgen und Kummer fehlen wird!“ „Bah, wir hätten Sie ſchon aufgeheitert, Herr Otte, wenn Sie nur gekommen wären“, rief Käthchen; „wir hätten mit Ihnen getragen, und da wäre Ihr Sorgenpäckchen ſchon leichter geworden.“ „Oder noch beſſer: wir hätten geholfen nach Kräf⸗ ten, und die Urſache beſeitigt“, ſagte Marie lächelnd; 39 „es war nicht recht von Ihnen, Herr Otte, daß Sie unſere Hilfe verſchmähten; wir wiſſen jetzt, daß der ſtolze Herr oft lieber hungrig zu Bette ging, als unſer beſcheidenes Abendbrod theilen wollte!“ Otte erröthete und fragte Marien lebhaft:„Und wer ſagt dieß?“ „O, dieß iſt unſer Geheimniß, Männchen; das wird nicht geſtanden!“ rief Käthchen;„Ihr Erröthen verräth uns ja, daß es wahr iſt.“ „Nun denn, ſo waren Sie die gütige Fee, welche mir die beiden Flaſchen Wein und die große Rauch⸗ wurſt in meinen Kleiderſchrank ſtellen ließ, Fräulein Käthchen? Sie waren mein Eliasrabe!“ „Nein, ich nicht, auf Ehre nicht!“ rief Käthchen; „ich war's nicht. Wenn ich auch gleichwohl ſchwarze Haare habe, war doch ich der Rabe nicht.“ „Dann war es...“ Er ſah ſich im Kreiſe um; Marie lachte, Julie blickte in ihren Brief hinein, und ſich faſſend, blickte ſie auf und erwiderte ihm Fi und liebevoll: „Wir wiſſen nicht, auf was Sie anſpielen, Herr Otte, aber das Eine wiſſen wir: Sie hätten unſer Anerbieten annehmen und das hübſche Zimmer be⸗ ziehen ſollen, worin unſere Brüder früher wohnten, an⸗ ſtatt die armſelige Bodenkammer bei der Frau Hur⸗ X 40 ſchel hinter dem Bahnhof zu wählen Unſer Zimmer ſteht noch immer leer und iſt uns entbehrlich..“ „Um ſo beſſer, mein Fräulein, denn eben deßhalb bin ich hier, um Sie zu bitten, mir es zu vermiethen!“ fiel er ihr in's Wort;„Sie werden wohl ein⸗ ſehen, daß ich als Mann Ihre Gaftfreundſchaft nicht annehmen durfte, da Sie ebenfalls Ihren Unterhalt durch ehrenvolle Händearbeit erringen. Und in mei⸗ ner ſeitherigen Lage Credit von Ihnen zu begehren, wäre ebenſo ſehr gegen mein Gefühl wie gegen mein Gewiſſen geweſen. Aber jetzt ſind die Verhältniſſe anders; das Glück iſt mir wieder hold geworden. Ich habe eine Stelle als Buchhalter bei Herrn Leopold Auheim erhalten, und möchte nun dem Geſchäftslocale näher ſein.“ „Ich gratulire von Herzen!“ rief Käthchen.— „Nun, das freut mich, als beträfe es mich ſelbſt!“ ſagte Julie und trotz des Lächelns der Freude erglänzte ihr Auge in feuchter Rührung;„alſo bei Auheim?“— „Aber wie iſt denn das zugegangen?“ fragte Marie; „hat er Ihnen alſo doch Wort gehalten? Waren ſeine Zuſagen doch ernſt gemeint?“ „Ich weiß ſelbſt nicht wie es zuging und zuſam⸗ menhing“, erwiderte Otte;„wunderlich verwickelt war es allerdings, wie er mich heute, nachdem er mich doch beſtellt hatte, erſt barſch abwies und dann dennoch an⸗ 1 nahm. Aber jedenfalls war es eine Schickung von oben, die nicht willkommener und rechtzeitiger erſchei⸗ nen konnte, denn die Noth war groß und die Hilfe mächtig von Nöthen“, ſetzte er lächelnd hinzu;„es iſt nun Gott Lob geholfen!“ „Aber wird die Stelle auch von Dauer ſein?“ fragte Julie beſorgt;„man ſpricht ſo vielerlei über dieſen Auheim und ſein plötzliches Glück!“ „Was iſt hienieden von Dauer, Fräulein Julie?“ erwiderte Otte mit einer ernſten Betonung.„Worüber ſprächen die Leute nicht verſchiedentlich? Für mich kann aber all das Gerede ganz gleichgiltig ſein, denn ich habe nur die Eine Pflicht, mich für dieſe gelegene Hilfe dankbar und des Vertrauens des Herrn Auheim würdig zu erweiſen,— mag es nun Wochen oder Jahre dauern.— Alſo ich kann das Zimmerchen haben, und zu welchen Bedingungen?“ „Kommen Sie, ich zeige es Ihnen erſt. Doch Sie kennen es ja ſchon von früher“, rief Käthchen;„aber in Ordnung muß ich es noch bringen und das Bett friſch überziehen, damit Sie noch heute einziehen e 6 können!“ 2„Noch heute? Um ſo beſſer, das iſt ein ſtiller Wunſch von mir geweſen, obſchon wir...“ —— „Na, das verſteht ſich doch von ſelbſt, lieber Herr Otte“, fiel ihm Käthchen in die Rede;„wir ſind eigen⸗ nützig, wir wollen Sie möglichſt bald bei uns haben!“ „Aber der Preis, meine Damen?“ „Du lieber Himmel, trinken Sie doch erſt Kaffee mit uns,“ ſagte Käthchen;„Sie wiſſen ja, mit uns Frauensleuten iſt ſchlecht handeln, wir kommen nicht ſchnell zu einem Entſchluß.“ „Wir müſſen erſt darüber berathen,“ ſagte Marie lächelnd;„oder Julie muß Ihnen den Preis machen, denn ſie iſt das Haupt der Familie, die Regentin.“ „Nein, Herr Otte ſoll ſelbſt den Preis beſtimmen!“ ſagte Julie, die ſich inzwiſchen an den Tiſch geſetzt hatte;„wir haben das Zimmerchen noch nie vermiethet, kennen die üblichen Preiſe nicht, und dürfen nur auf einen ſoliden und wackern Hausgenoſſen reflectiren, wie Herr Otte iſt. Daher wollen wir es ihm überlaſſen, uns den Preis vorzuſchlagen.“ „Nun denn, Fräulein Julie, was ſagen Sie zu fünfzig, ſechszig Thalern jährlich?“ „Ei, das iſt zu viel, das wäre ſündhaft!“ rief Käthchen, und auch Julie meinte:„Ich ſehe ſchon, Sie denken mehr an uns als an ſich, Herr Otte! Nein, da muß auch ich proteſtiren. Wiſſen Sie was, lieber Freund? Sie zahlen monatlich vier Tha⸗ 43 ler ſammt Frühſtück... Und jetzt nur kein Aber mehr! Mama wird's ganz zufrieden ſein und die Schweſtern auch, und wir haben dann wieder einen männlichen Beſchützer im Hauſe, nicht wahr, Schweſtern?“ Marie und Käthchen waren ganz damit einver⸗ ſtanden, und Julie bot ihm die Hand und rief, um alle weiteren Einwendungen abzuſchneiden:„Genug der Formalitäten, Herr Otte! Sie ſehen, der Vertrag, den ich als Regentin abgeſchloſſen habe, iſt vom Ober⸗ haus Mariechen und vom Unterhaus Käthchen geneh⸗ migt und ſomit giltig. Nun ſetzen Sie ſich fein ruhig mit uns zu Tiſche, trinken Sie eine Taſſe Kaffee, ſtecken Sie ſich eine Cigarre an und hören Sie unſere Neuigkeiten: Karl iſt Profeſſor an der Handelsſchule in Peſth geworden und hat nun eine Verſorgung auf Lebenszeit.“ „Ich wünſche ihm von Herzen Glück dazu; er hat es verdient, der wackere Junge“, verſetzte Otte mit aufrichtiger Rührung.„Der Segen der Eltern ruht auf ihm, denn er iſt ein edler wackerer Sohn.“ „Ja, das iſt er— ein treues, biedres, treffliches Herz“, ſagte Julie.„Daß es mit uns Allen dieſe günſtige Wendung genommen hat, das verdanken wir nur ſeinem Rath, ſeiner Anleitung, ſeinem Beiſpiel und kecken Zugreifen.“ „Und Ihrer Umſicht und Energie, nicht zu ver⸗ geſſen, Fräulein!“ fügte Otte raſch hinzu;„ich weiß es aus Karl's eigenem Munde.“ „Aber Sie rauchen ja nicht!“ rief Käthchen dem Gaſte zu;„du lieber Himmel, Sie werden ſich doch nicht geniren? Bei uns müſſen Sie ſich geberden wie zu Hauſe, wenn wir mit Ihnen zufrieden ſein ſollen.“ „Ich danke, meine Damen; ich habe ſchon ſeit Wochen nicht mehr geraucht!“ „Nicht?“ fragte Marie verwundert und mit einer eigenthümlich mitleidigen Betonung. Sie errieth, weß⸗ halb Otte ſich dieſen Genuß verſagt habe, und ein inniges Witgefühl bemächtigte ſich ihrer. Sie ging hinaus und kam bald darauf mit einem Teller voll Cigarren und einem brennenden Lichte herein.„Aber nun greifen Sie zu, Herr Oitte“, ſagte ſie,„es ſind von Jean's ſpaniſchen Cigarren, die Sie ja kennen; Sie dürfen es uns nicht abſchlagen.“ Und ſie bot ihn einen brennenden Fidibus. Mit einem dankbaren Blick nahm Otte das An⸗ erbieten an, und das ſichtliche Behagen, womit er die erſten Züge des duftenden Rauches in Ringeln durch einander hindurchblies und durch die Naſe ſog, verrieth genugſam, wie ſchwer ihm die Entbehrung dieſer lieben Gewohnheit geweſen war. 45 Die drei Schweſtern hatten dem Bekannten noch viel von den beiden anderen Brüdern zu erzählen, daß Otte nur zu hören hatte, bis Julie endlich die Frage that:„Und Ihre Frau Mutter, lieber Herr Otte, wie geht es ihr?“ „Ich danke, Fräulein; ſie iſt ſo wohl als es nur einer armen erblindeten Frau gehen kann“, erwiderte er.„Sie lebt bei meinem Schwager, einem einfachen braven Handwerker, und genießt bei dieſen ſchlichten Leuten die ſorgſamſte Pflege, bis es mir gelingen wird, ihr bei mir ein ſtilles behagliches Plätzchen für ihren Lebensabend zu ſchaffen,— was mit Gottes Hilfe bald geſchehen ſoll.“ „Nun, wenn dieß Ihr Ernſt iſt, Herr Otte, ſo wird es ſich bald machen laſſen“, meinte Julie;„wir können Ihnen vielleicht ſpäter die Wohnung oben im Knieſtock verſchaffen, welche für die beſcheidenen Be⸗ dürfniſſe zweier Perſonen ſchon Raum böte.“ „Ich nehme Sie beim Worte, Fräulein Julie“, verſetzte er lebhaft;„Sie ſollen ſich das Verdienſt er⸗ werben, mir einen meiner Lieblings⸗Wünſche, die Nähe meiner Mutter, erfüllen zu helfen. Aber nun entſchul⸗ digen Sie, meine Damen“, ſetzte er halb erſchrocken hinzu und ſtand vom Stuhle auf;„jetzt muß ich gehen und mich bis zum Abend bei Ihnen verabſchieden. 46 Meine Bureauſtunde ſchlägt, und Herr Auheim ſoll mich nicht läſſig finden.“ Und mit einem herzlichen Abſchied und dem Wunſch einer guten Hausgenoſſen⸗ und Nachbarſchaft ging er fröhlich und hoffnungsvoll von dannen, das ganze Herz erfüllt von den trauten Gedanken an eine ſchönere Zukunft, die ihm nun nach langem Leid und Mangel winkte. Als er mit einem Bündel Kleider, die er ſorgſam in ein reines Taſchentuch gebunden hatte, in die Straße einbog, in welcher Auheim's Wohnung lag, kam ihm ein eleganter junger Mann entgegen, der ihn an der Ecke einer Seitenſtraße erwartet zu haben ſchien. Bei ſeinem Näherkommen erkannte Otte in ihm ſeinen Vorfahren Reichhelm, und bemerkte, daß derſelbe ihn anreden zu wollen ſchien. „Auf ein Wort, mein Herr, wenn ich bitten darf,“ ſagte Reichhelm mit einer freundlichen, faft demüthigen Be⸗ grüßung.„Können Sie mir einige Augenblicke ſchenken?“ „Ich ſtehe zu ihren Dienſten, mein Herr“, ent⸗ gegnete Otte verwundert und erwartungsvoll;„womit kann ich dienen?“ „Darf ich mir eine Frage erlauben, Herr Otte? haben Sie ſchon Caſſe gemacht?“ tte verneinte zögernd, und heftete einen erſtaun⸗ ten, mißtrauiſchen Blick auf den Frager. 47 „Nun denn, um ſo beſſer“, fuhr Reichhelm fort und wurde verlegen.„Dann iſt es Ihnen um ſo leich⸗ ter, meinem Freunde Tzſchörner und mir eine große Gefälligkeit zu erweiſen, von deren Erfüllung für uns beide viel abhängt. Unſer Austritt aus unſrer ſeithe⸗ rigen Stellung kam ſo plötzlich, ſo unerwartet und überraſchend durch die... durch Perfidie des Herrn Auheim, daß wir.. nicht Zeit gehabt haben, unſere Angelegenheiten ganz zu ordnen. Namentlich wird ſich in der Caſſe ein Manco von einigen hundert Thalern finden, welcher... welcher von einem Wechſelpoſten herrührt, der... der ſchon ſeit einigen Tagen verfallen iſt.... und den wir dem Schuldner aus Gefälligkeit geſtundet haben, weil... weil er.. ein Bekannter von uns iſt... und weil wir es nicht mit unſerem Gewiſſen vereinigen konnten, daß Herr Auheim, welcher in ſol⸗ chen Dingen keine Schonung kennt... den Mann dränge oder gar ruinire...“ „Und was ſoll ich nun dabei thun?“ fragte Otte ſehr ernſt, denn das Stocken und Zögern Reichhelms gefiel ihm gar nicht und erſchien ihm ſogar ver⸗ dächtig. „Nun möchten wir beide, Tzſchörner und ich, Sie recht freundlich bitten, Herr Otte, daß Sie uns einige collegialiſche Rückſicht angedeihen laſſen und den Poſten einſtweilen verdecken, da wir Ihnen mit unſe⸗ rem Ehrenworte verſprechen, dieſe Angelegenheit noch heute oder ſpäteſtens bis morgen um dieſe Zeit zu ordnen.“ Otte war einigermaßen betreten. Es widerſtrebte ſeinem Gefühle, unfreundlich gegen die beiden Männer zu ſein, deren Stelle er nun einnahm, und doch konnte er ſich des unbehaglichen Argwohns nicht erwehren, daß hinter dieſer Sache etwas Anderes ſtecke. Er fixirte daher Reichhelm ſehr feſt und erwiderte:„Was mich anbetrifft, Herr College, ſo bin ich gern gefällig, wann und wo ich es ſein kann, vorausgeſetzt, daß mir daraus kein Wagniß und keine Verantwortlichkeit erwachſe. Haben Sie die Güte, mir den Wechſel ein⸗ zuhändigen, welcher ohne Zweifel ordnungsmäßig pro⸗ longirt ſein wird, und ich werde mir angelegen ſein laſſen, Ihr Verfahren bei dem Principal zu entſchul⸗ digen; er wird Ihnen auf meine Bitte gewiß gern Nachſicht und Verzeihung angedeihen laſſen, wenn ihm daraus kein Verluſt erwächſt.“ „Der Wechſel?— ach ja, ich hoffe, er iſt prolon⸗ girt worden!“ ſtotterte Reichhelm.„Ich werde mit Tzſchörner reden, der ihn wahrſcheinlich noch in Hän⸗ den hat. Jedenfalls haben Sie die Güte, mir we⸗ nigſtens zu verſprechen, Herrn Auheim vor Abend SMWeere —— 49 nichts von der Sache zu ſagen und mir Zeit zu gön⸗ nen, dieſe Angelegenheit zu⸗ ordnen.“ „Ich kann Ihnen hierüber keine feſte Zuſage ma⸗ chen, bevor ich nicht genauer über die Sache orientirt bin“, verſetzte Otte.„Dieß eine jedoch verſpreche ich Ihnen gern: jede Nachſicht, welche ſich mit meiner Pflicht verträgt, ſoll Ihnen zu Theil werden.“ Reichhelm verſuchte noch einige Vorſtellungen und Bitten, und wollte ſich in Klagen und Verdächtigun⸗ gen gegen Auheim ergehen, allein Otte erwiderte ihm, daß ſein Verhältniß zu dem neuen Principal ihm gebiete, alles zu ignoriren, was ſich auf deſſen Vergangenheit beziehe, da er es nur mit der Gegenwart und Zukunft deſſelben zu thun habe, und er entzog ſich dem Ge⸗ rede des aufgeregten Menſchen durch einen raſchen Abſchied. Auf dem Comptoir angekommen, ließ er ſich bei Herrn Auheim melden, erhielt die Schlüſſel und machte zunächſt ſeine Caſſe, welche wirklich nahezu fünfhun⸗ dert Thaler weniger enthielt, als ſie nach den Büchern enthalten ſollte. Wie ſehr er auch rechnete und zählte und verglich, der Manco blieb und machte Otte das Herz ſchwer. Dann ging er an die Bücher, unter⸗ ſuchte das Wechſelconto, konnte aber nirgends den be⸗ treffenden Wechſel finden, von welchem Reichhelm ihm Vplius, Ein Meteor der Börſe. I. 4 geſagt hatte. Herr Auheim ging ab und zu und warf gelegentlich einen Blick in die Bücher, ohne ſich jedech gründlicher mit der Sache zu befaſſen. Otte ſtand wie auf Nadeln, denn obſchon er die Vorſicht gebraucht hatte, bei dem Caſſenſturz zwei von den Commis zu Zeugen zu nehmen, ſo war ihm doch nicht wohl zu Muthe bei der Sache, und er wagte nicht einmal, ſeiner Mutter zu ſchreiben und Geld zu ſenden, um jede Gelegenheit zu Argwohn gegen ſich ſelbſt zu be⸗ ſeitigen. So oft die Thüre ſich öffnete, glaubte er eine Botſchaft von den Herren Tzſchörner und Reichhelm zu erhalten; allein dieſe Hoffnung trog. Es waren immer nur Leute, welche in eigenen Eeſchäften kamen oder ſich nach dem neuen Unternehmen der Zuckerfabrik in Weidenbach erkundigen wollten, deren vorläufiger Pro⸗ ſpect ſchon in der ausgegebenen Nummer des„Pa⸗ trioten“ erſchienen war. Endlich ſchlug die Stunde des Geſchäftsſchluſſes, und die beiden Commis wollten ſich entfernen.„Ich bitte Sie, meine Herren, verziehen ſie noch eine Viertelſtunde, bis ich Herrn Auheim geſprochen habe“, ſagte Otte. „Ich muß mich wegen der Caſſe auf Ihr Zeugniß be⸗ rufen. Herr Peters, haben Sie die Freundlichkeit, Herrn Auheim auf kurze Zeit hierher zu beſcheiden.“ Aber Auheim war bereits ins Theater gegangen, — 51 und wohl oder übel mußte ihn Otte von dort holen laſſen. Der Bankier kam etwas verwundert und un⸗ gehalten nach Hauſe zurück.„Was haben Sie denn, Herr Otte?“ fragte er verſtimmt. Dieſer folgte Auheim in ſein Cabinet, den Zettel mit dem Caſſenbericht in der Hand, und meldete das ungünſtige Ergebniß des Caſſen⸗ ſturzes und den Inhalt der Unterredung, welchen er mit Reichhelm gehabt hatte. Das Zeugniß der beiden Commis entlaſtete allerdings nun Otte, allein dieſer fühlte ſich dennoch ſehr unbehaglich bei der Nothwendigkeit, ſeine Vorgänger zu denunciren. Auheim war ganz außer ſich vor Wuth und Entrüſtung, und wollte nach der Polizei ſchicken, um die Schuldigen wegen Unterſchla⸗ gung verhaften zu laſſen, und Otte hatte Mühe, ihn von dieſer ertremen Maßregel zurückzuhalten.„Sie würden dadurch die Zukunft zweier Männer ruiniren, welche vielleicht mehr leichtſinnig als ſchuldig ſind“, ſagte er. „Sie verdienen es nicht beſſer, die Elenden!“ rief Auheim und erzählte Otte, was ſeine früheren Commis beabſichtigten. Aber Otte gab nicht nach; er machte dem Princi— pal wohlmotivirte Vorſtellungen, daß es ja noch immer Zeit ſei, die äußerſten Schritte zu thun, wenn eine Aufforderung an dieſelben, den Manco zu erſetzen, ohne 52 Folge geblieben ſein würde. Während dieſer Verhand⸗ lung kam der Buchdrucker Zwirbel dazu und unterſtützte lebhaft Otte's Vorſchläge. 5 „Der Herr Caſſier hat ganz Recht, beſter Herr von Auheim“, ſagte er.„Ich maße mir nicht an, die Sache beſſer zu verſtehen als Sie, der gewandte Geſchäftsmann; allein in einem ſolchen Falle würde ich anders handeln. Ich würde zum Beiſpiel den Juſtiz⸗ kommiſſar Hake rufen laſſen und ihm eine Summation an Tzſchörner und Reichhelm übergeben, mit dem Auftrage, ſie ſogleich den Betreffenden zu präſentiren. Zahlen dieſelben, nun denn, ſo haben Sie einen Zeugen mehr gegen dieſe Luftſpringer; zahlen ſie nicht, ſo müßten ſie dem Juſtizkommiſſar ein ausführliches Be⸗ kenntniß ihrer Schuld ausſtellen, und auf einen kurzen Termin Zahlung verſprechen, und dann haben Sie die Burſchen und ihre ganze Zukunft in der Hand, und können ſie jeden Augenblick verderben. So würde ich handeln, aber wie geſagt, mein beſter Herr von Auheim, mein Vorſchlag iſt ein ganz unmaßgeblicher.“ Dieſer Vorſchlag leuchtete Herrn Auheim ein, ob⸗ ſchon derſelbe Otte's Beifall nicht hatte, und Auheim nahm die Papiere zu ſich und hieß Otte ſich beruhigen. „Schließen Sie das Bureau nun“, ſagte er zu Otte, „ich bin mit Ihnen ganz zufrieden. Aber ich habe noch 53 einen andern Auftrag für Sie, lieber Otte; Sie ſollten mir den heutigen Proſpect wegen der Zuckerfabrik noch weiter ausarbeiten zu einem Schriftchen, das wir dieſer Tage ausgeben wollen. Sie ſollen die ganze Sache einleiten, natürlich gegen entſprechende Vergütung und einige Prioritäts⸗Actien, denn ich ſehe, Sie ſind mit der Feder gewandt, und haben den rechten geſchäftsmän⸗ niſchen Pli und Tact. Sind Sie gewohnt und im Stande, mir über Nacht die Sache ſo ein bischen aus dem Rohen zu arbeiten?“ „Wenn Sie mir die Papiere anvertrauen wol⸗ len“, verſetzte Otte,„ſo will ich mich ſogleich daran machen.“ „Gut, bleiben Sie hier, mein Zimmer nebenan ſteht Ihnen zur Verfügung. Cäſar ſoll Ihnen für ein Abendbrod ſorgen.“ Otte erklärte, er gedenke noch dieſen Abend eine andere Wohnung zu beziehen, und werde dort vielleicht beſſer arbeiten, wenigſtens ruhiger und unbefangener; und es war ein ſchmeichelhafter Act des Vertrauens von Seiten ſeines Principals, daß dieſer darauf ein⸗ ging. So nahm denn Otte die Papiere zu ſich und ging, wenn auch nicht gerade leichten Herzens, in ſeine neue Wohnung. Es drückte ihn, trotz aller guten Gründe für ſeine Handlungsweiſe, doch der Gedanke, daß er in den Augen Reichhelm's und Tzſchörner's als Denunciant daſtehen mußte. Freilich hatten ſich die Beiden ſelbſt die Schuld beizumeſſen; aber er wußte ſie und ihre Sache nicht in den beſten Händen; er fürchtete Auheim's Rachſucht gegen ſeine Vorgänger und Zwirbel's böſe Rathſchläge. Das Stübchen bei Valentins war ſchon für Otte eingerichtet, und nachdem er daſſelbe übernommen hatte, begab er ſich in ſeine frühere Wohnung. Als er mit einem Packträger, den er unterwegs am Bahnhofe mitgenommen hatte, zu Frau Hurſchel eintrat, erſchrack dieſe ſichtlich.„Mein Gott, Herr Otte, Sie werden doch nicht ausziehen wollen?“ rief ſie. „„Doch⸗ doch, liebe Frau, es muß ſein!“ ſagte er; „ich habe eine Stelle erhalten und muß nun näher bei meinem Principale wohnen. Hier iſt meine Miethe für den ganzen Monat, und mein herzlicher Dank für alles Liebe und Gute, was ich bei Ihnen genoſſen habe.“ Der armen Frau ging's nahe, den ſtillen fleißigen Miethsmann zu verlieren. Solche Leute machen meiſt unangenehme Erfahrungen mit ihren Miethsherren, und die arme Wittwe hatte noch ſelten ſolch' einen ſoliden Hausgenoſſen gehabt, der ſelbſt im Unglück noch die echte Gelaſſenheit und Würde eines Mannes nicht ver⸗ leugnete. Mit Thränen in den Augen half ſie ihm ſeine wenigen Habſeligkeiten an Kleidern, Wäſche und Büchern in den kleinen Koffer bergen, und begleitete ihn mit ſtillen Segenswünſchen. „Ich weiß, daß das armſelige Stübchen eigentlich zu ſchlecht war für einen Mann wie Sie, aber ich konnte Ihnen kein anderes bieten“, ſagte ſie;„und wenn ich mich auch herzlich darüber freue, daß Ihre böſen Tage nun ein Ende haben, ſo hätt' ich doch gewünſcht, Sie jetzt auch in den guten noch länger bei mir zu ſehen. Aber du lieber Himmel, Sie werden wohl am beſten wiſſen, was Ihnen frommt, und ich kann Sie nicht zurückhalten. Allein verſprechen Sie mir, daß Sie mich nicht ganz vergeſſen, und mich noch hin und wieder beſuchen.“ Heinrich ſagte es bereitwillig und aufrichtig zu, denn er war der Frau für ihre ſchonende Theilnahme verbunden.„Und wohin ziehen Sie nun, wenn man fragen darf?“ fuhr ſie fort. „Zu den Fräulein Valentin an der Promenade“, erwiderte er und ſah ſie forſchend an. „Dacht' ich mir's doch gleich!“ rief ſie;„nun denn, Gott ſei mit Ihnen! Da weiß ich Sie wenigſtens in einem guten Hauſe. Das ſind wackere Mädchen, mit denen ſich kein Graf zu ſchämen brauchte. Und das iſt ſicher nicht ganz ohne Grund“, ſetzte ſie mit einem gerührten Lächeln hinzu;„das ſind ja alte ————— Freundinnen von Ihnen. Gott geb' ſeinen Segen dazu!“ ſchloß ſie mit bedeutſamen Kopfnicken.„Meine Röſe arbeitet bei den Mamſells, und da hab' ich ſchon noch öfter Gelegenheit, von Ihnen zu hören, Herr Otte. Alſo leben Sie wohl, und— auf Wiederſehen!“ Drittes Kapitel. Wochen waren vergangen; Heinrich Otte hatte ſich in ſeinen Poſten eingelebt, und verſah deſſen Functio⸗ nen mit lautloſer Emſigkeit und gewiſſenhafter Treue. Auheim war ganz zufrieden mit ſeiner Wahl und ſchenkte dem neuen Factotum ſein ganzes Vertrauen. Die Unterzeichnungen zu dem neuen Unternehmen hat⸗ ten einen überraſchenden Erfolg; die Actien ſtanden ſchon über Pari, und als Otte in der erſten General⸗ verſammlung der Actionäre öffentlich geſprochen und ſeine Anſichten und Pläne über die Geſchäftsleitung geäußert, hatte man ihn in den Verwaltungsrath ge⸗ wählt, denn ſeine ruhige, ſichere, beſcheidene Weiſe im⸗ ponirte den Geldleuten mehr, als das unruhige, bom⸗ baſtiſche und eigenliebige Gebahren ſeines Principals, der den ſoliden Geſchäftsmännern ſtets mehr wir ein Schwindler und Emporkömmling erſchienen war. Au⸗ heim ſah dieß zwar nicht ohne Neid; allein ſo lange es nicht zu ſeinem eigenen Nachtheil gereichte, ließ er ſich nichts davon merken. Seit er die Zuckerfabrik auf Actien gegründet und ſich mit dem Verkauf der Actien eine ſchöne Summe verdient hatte, war er auch an der Börſe weit günſtiger angeſehen als vordem. Er hatte ſich in ſeinem Aufwand von ehedem eini⸗ germaßen eingeſchränkt— er ſchien ſolid und ſparſam zu werden, denn er ging auf Freiersfüßen, wie die Leute wiſſen wollten. Er hatte das Haus gekauft, worin er ſeither ſein Bankgeſchäft betrieben, Grundſtücke in der Vorſtadt am Bahnhofe erworben, und ſpeculirte nun mehr in Liegenſchaften, als in Staatspapieren. Otte war ganz zufrieden mit ſeinen Erfolgen; wo⸗ nach er Jahre lang vergebens gerungen, das hatte ihm das Schickſal nun mit einem Mal in den Schoos ge⸗ worfen, einen Wirkungskreis, worin er vorwärts ſtve⸗ ben und ſich nützlich machen konnte. Er war die Seele des eigentlichen Bankgeſchäfts Auheim's, denn mit dem andern Theil, welcher dem Beſitzer die Hauptſache zu ſein ſchien, der Speculation an der Börſe, in Pro⸗ ducten wie in Staatspapieren, wollte er nichts zu thun haben; das ging ihm nur in den Reſultaten durch die Hand, und dieſe Reſultate waren nicht immer glänzend, obſchon Auheim im Allgemeinen mit Glück ſpeculirte. In ſeinen Geſchäften hielt Otte eine muſter⸗ hafte Ordnung und Pünctlichkeit, und entfaltete eine überraſchende Thätigkeit, welche im auffallendſten Contraſte zu Herrn Auheim's müſſigem Leben ſtand. Die Geſchäftsfreunde der Bank, waren ſie nun Gläu⸗ biger oder Schuldner, wandten ſich bald ausſchließlich mit ihren Anliegen an Otte, als denjenigen, der in allen Sachen Beſcheid wußte, und dieſer Theil des Geſchäftes florirte denn auch bald unter der tactvollen und unſichtigen Leitung eines ſolchen Mannes, und Auheim war allzuſehr Menſchenkenner und umſichtiger Speculant, als daß er dieſes organiſch herangebildete und wohlbegründete Verhältniß geſtört hätte; vielmehr war er klug genug, den brauchbaren Mann durch ge— legentliche Geſchenke und eine auszeichnende Behand⸗ lung immer inniger an ſein Intereſſe zu ketten. Hier⸗ durch geſtaltete ſich denn auch Otte's Privatleben höchſt angenehm. Er hatte ein gutes Gehalt, das ihm er⸗ laubte, anſtändig zu leben, ſeiner Mutter ein behag⸗ liches Daſein zu ſichern und kleine Erſparniſſe zu ma⸗ chen, welche er in einer großen Verſicherungsbank nutz⸗ bar anlegte. Er ward allmälig zu einer unter den Handel⸗ und Gewerbetreibenden Klaſſen bekannten und populären Perſönlichkeit, weil er gegen jedermann 60 freundlich und dienſtfertig war, ohne ſich an der eige⸗ nen Würde etwas zu vergeben, und weil er ſeinen gu⸗ ten Rath in allen Fällen, wo man ihn von ſeiner Einſicht nachſuchte, bereitwillig ertheilte und ſelbſt die bittere Pille ablehnender Beſcheide, bei verſuchten Dar⸗ lehen auf ungenügende Sicherung, auf eine ſchonende und liebreiche Weiſe zu vergolden wußte. Im Grunde war jedoch ſein Privatleben auch ein ſolch eingezogenes und anſpruchloſes, daß er es leicht nach ſeinem Sinne führen konnte, ohne mit jemand in Colliſion zu kom⸗ men. Wenn er abends ſein Bureau verließ— ge⸗ wöhnlich der Letzte des ganzen Perſonals, wie er immer auch der Erſte war— ſo erging er ſich an den milden Frühlings⸗ und Sommerabenden gewöhnlich noch auf einem Spaziergange um die Stadt, las dann einige Journale im Caſinv und kehrte nach einem frugalen Abendbrod nach Hauſe zurück, wo er, wenn es nicht zu ſpät war, noch auf ein halbes Stündchen bei den Fräulein Valentin einſprach und mit ihnen plau⸗ derte. Dann aber zog er ſich in ſein Stübchen zurück und las oder ſchrieb gewöhnlich noch ein Stündchen, und am Morgen war er ſchon vor Tage munter und mit Arbeiten oder Studiren beſchäftigt. Auf ſeinem Tiſche lagen immer Papiere mit langen Zahlenreihen und allen möglichen Rechnungen bedeckt, und auf ſeiner Kommode füllte ſich der Aufſatz bald mit einer kleinen gutgewählten Bibliothek kaufmänniſcher oder ernſter wiſſenſchaftlicher Werke, worunter namentlich National⸗ wiſſenſchaften, Handelsgeſchichte, Bankweſen, Handels⸗ geographie, Technologie und Verſicherungsweſen ſich geltend machten— lauter ſolch' dumme Bücher, in denen ein Mädchen nicht einmal blättern konnte, wie Käth⸗ chen immer meinte, welche es ſich nicht nehmen ließ, Otie's Stube reinlich zu erhalten, und die denn gar zu gern unter dieſen Büchern ab und zu auch eines gefunden hätte, welches ihr in freien Stunden zur angenehmen Lectüre geworden wäre. An Sonntagen dagegen hielt er es für ſeine Pflicht, immer abwechſelnd zwei der Schweſtern Valentin, weil die dritte bei der kranken Mutter bleiben mußte, zu kleinen Spaziergängen oder größeren Ausflügen auf's Land einzuladen, um ſo wenigſtens einigermaßen die mancherlei Gefälligkeiten und Freundſchaftsdienſte wett⸗ zumachen, welche ihm von den Mädchen erwieſen wurden. Dieſe waren eigentlich das einzige Mittel, wodurch er mit den Bewohnern der Stadt in geſellige Berührung kam, und wer ihn auf dieſe Weiſe kennen lernte, der fand in ihm einen höchſt gründlich und vielſeitig gebildeten jungen Mann von einer anſpruchs⸗ loſen Beſcheidenheit, herzlichen Natürlichkeit und Ein⸗ 62 fachheit, welche bei ſeinen Kenntniſſen und ſeiner nicht unanſehnlichen und einflußreichen Stellung doppelt auffielen und geſchätzt wurden. Die ganze Stadt nahm an, er ſei im Stillen der Anbeter oder Verlobte einer der drei hübſchen Schweſtern; nur er wußte davon nichts, und war ſich gegen die drei Mädchen keiner andern Geſinnung bewußt, als derjenigen einer auf⸗ richtigen, faſt brüderlichen Freundſchaft. Er bevorzugte keine von den drei Schweſtern, weder innerlich noch äußerlich; ſie hatten für ihn ja ihren eigenen Werth und ihre ſpecielle Berechtigung auf ſeine Achtung, aber er unterſchied in keiner Weiſe zwiſchen den einzelnen. Die alte kränkliche Frau Valentin liebte Otte wie ih⸗ ren Sohn, denn ſie wußte von Karl, ihrem älteſten, welcher Otte's College im Hauſe Werthes geweſen war, daß dieſer durch die Anregungen, dem Beiſpiel und der Unterſtützung Otte's vorzugsweiſe die Anleitung zum ernſtern Studium und die Anfeuerung zu jener frei⸗ willigen und ſteten eigenen Fortbildung erhalten, denen er ſeither ſeine Anſtellung und ſeinen Erfolg an der Handelsſchule in Peſth verdankt hatte. Karl geſtand dieß ſelber in allen Briefen an die Seinigen und legte dieſen die willkommene Verpflichtung auf, gegen den Freund die Schuld ſeiner eigenen Dankbarkeit mit ab⸗ tragen zu helfen. Und die treue dankbare Mutter ahnte ferner inſtinctmäßig, daß der Umgang eines ſolchen Mannes für ihre Töchter nur bildend, fördernd * und ein ſicherer Schutz vor manchen Gefahren ſei, welchen alleinſtehende Mädchen bei einem öffentlichen Geſchäft und Berufe ſo leicht ausgeſetzt ſind. Viertes Kapitel. Frühling und Sommer waren vergangen; die längeren Herbſtabende mit ihren kalten Regen hatten die Spaziergänge vereitelt, welche Otte ſeither nach Feier⸗ abend zu machen pflegte, und er blieb nun gewöhnlich ein Stündchen länger als ſonſt im Caſino, wo er bald verſchiedene Bekanntſchaften anknüpfte. Das Caſinowar der geſellige Vereinigungspunkt des höheren Bürgerſtan⸗ des und eines Theils der Beamten, von denen die Höheren mit den Militärs, dem Adel und einigen auserwählten reichen Emporkömmlingen, worunter auch Auheim, ihr Vergnügen in der ſogenannten Reſſource' ſuchten. Im Caſino dominirte zum Theil jene jüngere Kaufmanns⸗ welt, jene jeunesse dorée des Handels, welche ſich durch eine gewiſſe Befliſſenheit der Oſtentation in Kleidung, Gebahren und materiellen Genüſſen auszeichnet, die an den Tables d'hote der Gaſthöfe und in den Waggons der Eiſenbahnen das große Wort führt und für welche der Menſch erſt beim Kaufmann anfängt. Dieſe jungen Männer, welche ſehr viel auf guten Tiſch und feine Weine hielten, ſonſt aber kein allzu befruchtendes Bildungs⸗Element in den geſelligen Verkehr brachten, hatten ſich im Caſino einiger der beſten Zimmer bemäch⸗ tigt und es durchgeſetzt, daß in dieſen die hervorragend⸗ ſten Handels⸗ und politiſchen Zeitungen aufgelegt waren. Eines Abends, es war nach einem jener monat⸗ lichen Börſentage, welche man in jener Provinzial⸗ Hauptſtad Abſchlüſſe nennt, ſaß Otte in dem Billard⸗ zimmer des Caſino in einer Ecke in einer Zeitung leſend, und kümmerte ſich wenig um eine fröhliche Geſellſchaft junger Männer, welche in einer andern Ecke ſoupirte und unter dem Einfluß ſchwerer Ungarweine und per⸗ lenden Champagners ſehr aufgeräumt und lärmend geworden war. Da hörte er plötzlich den Na⸗ men Auheim nennen, und ward unwillkürlich auf⸗ merkſam. Er hörte, daß man über ſeinen Principal witzelte. „Es iſt alſo Auheim wirklich derſelbe Heimau, der früher als Director einer wandernden Schauſpielertruppe die Nachbarprovinz unſicher machte?“ fragte einer der Herren. Volins, Ein Meteor der Börſe I 5 66 „Derſelbe“, beſtätigte der Bankier Weißbrod;„der Fabrikant May aus Proßwitz hat ihn heute auf der Börſe als ſolchen erkannt, und es uns ſogleich nachher an der Tahle d'hote in der goldenen Gans erzählt.“ „Uebrigens war es uns längſt bekannt, noch als wir in ſeinen Dienſten ſtanden!“ ſagte Reichhelm.„Der Schauſpieler Petri, der früher hier war, hat es uns mitgetheitt, und wir behielten es für uns, bis er in ſeinem Uebermuth eines Tags mit uns Streit anfing und uns nöthigte, ihm zu kündigen, wobei wir ihm dann allerdings dieſe ſeine Vergangenheit unter die Naſe rieben.“ „Das iſt famos!“ rief einer der jungen Leute, der Sohn eines reichen Fabrikherrn;„ein ehemaliger Ko⸗ mödiant, und jetzt Bankier und bald Rittergutsbeſitzer. Das ſollte man drucken laſſen, zur Erbauung der Reactionäre und Ariſtokraten, die er ſo gefliſſentlich aufſucht.“ „Bah, das iſt nichts ſo Außerordentliches von einer Carrisre“, meinte ein Anderer;„es iſt vielleicht nur eine Rolle, die er vorübergehend ſpielt wie eine andere; früher ſpielte er vielleicht Prinzen und Grafen, jetzt ſpielt er den Bankier und großen Induſtriellen.“ „Und ſpielt den Leuten das Geld aus der Hand, um damit an der Börſe zu ſpeculiren“, ſagte Weiß⸗ ————5 67 brod beißend;„dieſe Rolle wird ſicher bald Fiasco machen.“ „Um ſo mehr als es mit ſeinen Verhältniſſen gar nicht ſo glänzend ſteht“, fügte Reichhelm ſchadenfroh hinzu;„wenn er nicht bald wieder eine Unternehmung lancirt, welche ihm ſo viel Gewinn abwirft, wie der Schwindel mit der Zuckerfabrik in Weidenbach, ſo wird die ganze Herrlichkeit bald ein klägliches Ende nehmen, und dann gute Nacht, Equipage, Reitpferd, Landgut, Rittergut und Soupers⸗fins! Wir drei, Weißbrod, Tzſchörner und ich, kennen ja ſeine Verhältniſſe genau, und ich kann nur ſagen, daß ich ſeine ganze Geſchäfts⸗ praxis für unſolid und ihn für einen verzweifelten Schwindler halte.“ Otte war voll Entrüſtung aufgeſprungen und an den anderen Tiſch getreten, wo dieſe Unterredung ge⸗ führt wurde.„Vergeben Sie mir, meine Herren, wenn ich mich in Ihre Unterhaltung eindränge!“ hub er, zu den anderen Herren gewendet, an, ohne die concurrirende Firma der drei früheren Commis Auheims eines Blickes zu würdigen.„Angeſichts der maßloſen Be⸗ ſchuldigungen, welche auf einen Mann gehäuft werden, deſſen Brod ich eſſe, deſſen Vertrauen ich genieße und dem ich Dank ſchulde, wäre es unverzeihliche Feigheit von mir, wenn ich hier ſchwiege. Ich fordere alſo die 5 68 Herren Weißbrod und Reichhelm auf, ſogleich alles zu widerrufen, was ſie ſo eben über Herrn Leopold Auheim geäußert haben!“ „Mein Herr, mit welchem Rechte führen Sie dieſe Sprache?“ wallte Weißbrod auf;„wer ſind Sie?“ „Mein Name iſt Heinrich Otte, Buchhalter bei Herrn Auheim“, erwiderte dieſer ruhig und feſten Blickes;„Ihr Aſſocié Reichhelm ſollte mich kennen, denk ich!“ „Ich habe nicht die Ehre Ihrer nähern Bekannt⸗ ſchaft“, verſetzte Reichhelm barſch;„aber ich möchte den Herrn Otte an den alten Spruch erinnern vom Horcher hinter der Wand—“ „Dieſe perſönliche Injurie gegen mich wird ander⸗ wäris zu erledigen ſein, wo der Ort dazu geeigneter iſt“, ſagte Otte mit Würde;„die Mehrzahl der hier anweſenden Mitglieder der Geſellſchaft wird mir nicht nur glauben, ſondern auch bezeugen, daß ich unbewußt unwillkürlich Zeuge dieſer Unterhaltung war, die ich für undelicat und unpaſſend halte. Auch weiß ich genug⸗ ſam, was ich den Satzungen dieſer Geſellſchaft ſchuldig bin, um mich durch einen Verſuch, den Standpunct dieſer Unterredung zu verrücken, weder von meinem objectiven Geſichtspunct verdrängen noch zu Perſönlichkeiten hin⸗ ———— reißen zu laſſen. Ich verlange alſo Zurücknahme der leichtfertigen und kränkenden Anſchuldigungen gegen meinen Brodherrn und ſeinen Ruf als Geſchäftsmann, wenn ich nicht gezwungen werden ſoll, Herrn Auheim davon in Kenntniß zu ſetzen und ihm die Zuhörer zu nennen, welche er als Zeugen bei etwaigen gerichtlichen Schritten berufen kann.“ „Mein Herr!“ ſchrie Weißbrod,„wollen Sie die Thatſache leugnen, daß Auheim früher Schauſpieler war?“ „Es fällt mir nicht ein, für etwas eine Lanze brechen zu wollen, was ich nicht weiß und was für mein Verlangen ganz unerheblich iſt!“ entgegnete Otte mit ruhiger Würde;„wenn Herr Auheim auch vielleicht kein guter Schauſpieler war, ſo iſt er doch ein ge⸗ wandter Geſchäftsmann, der ſich durch Umſicht, Rüh⸗ rigkeit und Energie hinaufgearbeitet hat zu einer ein⸗ flußreichen öffentlichen Stellung. Jene Eigenſchaften aber ſind Vorzüge, welcher jeder Gerechte und Billig⸗ denkende anerkennen muß. Nicht was er unter dem Druck von äußeren Umſtänden war, ſondern was er aus ſich und durch ſich geworden iſt, ſollte nach meinem Dafürhalten den Maßſtab zur Beurtheilung eines Man⸗ nes abgeben, welcher doch ungewöhnliche Talente haben muß, um eine ſolche Stellung zu erreichen, und der daher die Prädicate eines verzweifelten Schwindlers“ und einer unſoliden Geſchäftspraxis nicht verdient.“ Ein beifälliges Gemurmel der unbetheiligten Zu⸗ hörer ſchien dieſe Anſicht Otte's zu unterſtützen, und die Herren Weißbrod und Reichhelm waren etwas be⸗ ſchämt und betreten. „Meine Herren“, ſagte der Kaufmann Werner, einer der angeſehenſten Exporteurs der Provinz,„ich trete der Anſicht dieſes Herrn hier bei. Als Comité⸗ WMitglied des Caſino fordere ich die Herren Weißbrod und Reichhelm auf, ihre ehrenrührigen Anſchuldigungen zurückzunehmen oder den Streit anderwärts zu ſchlichten. Sie ſind offenbar zu weit gegangen Ein Mann von Ehre aber ſoll ſich nicht ſchämen, dieß vffen einzuge⸗ ſtehen.“ Weißbrod war ſichtlich verlegen.„Ich bitte zu bemerken, Herr Werner, daß ich der Gegenwart des Herrn Auheim nicht zu nahe getreten bin, obſchon ich allen Grund habe, demſelben zu grollen.“ „Und ich habe nur geltend zu machen“, fügte Reichhelm hinzu,„daß ich von der Zeit rede, wo ich in Auheims Geſchäft war, alſo von einer Zeit, von wel⸗ cher dieſer Herr hier gar keine Kunde hat, und daß ich meine Behauptungen zu beweiſen unternehme.“ „Und ich will nur beifügen, daß auch ich darüber — 1 3 manche Aufſchlüſſe geben könnte, welche ein ſehr eigen⸗ thümliches Licht auf die fragliche Firma werfen dürften“, ſagte Weißbrod, etwas frecher werdend;„es handelt ſich hier nur darum, den unberufenen Vertheidiger eines Abweſenden in die gebührenden Schranken zurückzu⸗ weiſen.“ „Dann iſt der unberufene Vertheidiger“, erwiderte Otte gelaſſen,—„nur in der Lage, zu erklären, daß er ein ſolches Verfahren dieſer Herren hier für höchſt undankbar und unloyal hält, indem mir bekannt iſt, daß die Träger der Firma Weißbrod und Compagnie ſchon zu der Zeit, wo ſie noch Herrn Auheims Brod aßen, hinter ſeinem Rücken gegen ihn conſpirirten, und daß in den Händen eines hieſigen Zuſtizcommiſſärs ſich Papiere befinden, welche auf die Ehrenhaftigkeit ge⸗ wiſſer Leute ein noch eigenthümlicheres Licht werfen. Nach meiner Ueberzeugung hat Herr Auheim gewiſſen Leuten eine Rückſicht und Mäßigung angedeihen laſſen, welche dieſelben zu dankbarem Stillſchweigen verpflichten ſollte, denn der fragliche Fall würde vor den Geſetzen wohl ganz anders beurtheilt worden ſein. Dieß enthebt mich auch der Pflicht, hier weiter zu verhandeln.“ Damit wandte er mit einem bezeichnenden Blick den drei Partnern den Rücken. Tzſchörner kämpfte beinahe mit einer Ohnmacht, 32 und die Spannung der Gemüther hatte einen ſolchen Grad erreicht, daß ſelbſt die Gäſte der Firma Weißbrod und Compagnie ſich vermittelnd einlegten. Otte hatte ſeinen Hut genommen und ſich zum Weggehen angeſchickt, da nahm ihn Herr Werner am Arme und begleitete ihn in ein anderes Zimmer.„Mein Herr“ ſagte er mit Wärme,„ich freue mich auf dieſem Wege Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben. Ich halte Sie für einen braven Mann, dem ich gern die Hand drücke. Ich bin kein Gönner oder Freund Ihres Principals, deſſen Handlungsweiſe und Privatleben ich nicht billige; aber Sie haben ſich ſeiner auf eine wackere würdige Weiſe angenommen und ſich meine volle Ach⸗ tung esworben. 3 wäre ſtolz darauf, ſolche Leute unter meinem Perſon zu haben, und wenn Sie je im Fall ſind, eine Aenderung zu wünſchen, ſo erinnern Sie ſich an Karl Werner, der ſolche Leute gebrauchen kann.“ Otte drückte beſcheiden die ihm gebotene Hand, und ſtammelte einige Worte des Dankes. „Ich hoffe, wir lernen einander noch näher kennen, — beſuchen Sie mich gelegentlich; es wird mich freuen, Sie in meiner Familie zu ſehen“, ſagte Werner. Otte verſprach es und ging. Dieſes Entgegen⸗ kommen eines bedeutenden angeſehenen Mannes, der in — e der induſtriellen und mercantilen Welt wie in der Geſellſchaft großer Achtung und ungemeſſenen Cre⸗ dits genoß, war ihm angenehm und wohlthuend, denn keine Auszeichnung erfreut uns mehr, als die⸗ jenige, welche wir uns mit unſerem Herzen verdient haben. Die mühſam bewältigte innere Aufregung, welche dieſer Auftritt in Otte hervorgerufen hatte, legte ſich auf dem Heimwege, und ruhig wie immer trat er bei der Heimkehr in das Wohnzimmer der Familie Valentin, die ſich ſo eben vom Abendbrode erhob. „Ah, Sie kommen heute ſehr früh! Sie ſollen uns nun auch den ganzen Abepd ſchenken!“ ſagte Käthchen;„wir feiern heute ein r Feſt. Allons, Schweſtern, nur raſch den Tiſch aufgeräumt, denn unſer kleiner Gaſt wird bald kommen.“ „Was haben Sie denn vor, meine Damen?“ fragte Otte verwundert. „Ach, laſſen Sie doch endlich die Damen aus dem Spiele!“ rief Marie.„Das klingt ja ganz lächerlich ironiſch für uns Mädchen von der Nadel. Nennen Sie uns ſchlechtweg Ihre Freundinnen.“ „Nun denn, alſo, was wollen Sie heute Abend treiben, meine Freundinnen?“ „Einen Leſeabend halten, um den Geburtstag der — 74 kleinen Hedwig Schulz aus Schloppe zu feiern, welche Sie bisweilen ſchon hier geſehen haben“, entgegnete Julie. „Wer iſt denn dieſe Hedwig Schulz? Ich erinnere mich nicht, ihren Namen ſchon gehört zu haben.“ „Ei freilich!“ fiel Marie ein,„Sie erinnern ſich doch gewiß des kleinen Mädchens, halb Kind, halb Jungfrau, welches Sie ſchon hier geſehen haben, denn Hedwig näht bei uns und hat ſchon manchmal hier Abendbrod gegeſſen.“ „Ach ja, das kleine Mädchen mit den kurzen pech⸗ ſchwarzen Locken und den dunklen Augen, die ſcheu und verſchüchtert ſich blicken,— jetzt entſinne ich mich“) erwiderte Stte;„was hat es denn für ein Be⸗ wandtniß mit dem Kinde?“ „Oh, das Kind zählt ſchon ſechszehn Jahre oder darüber“, ſagte Käthchen lächelnd;„allein Hunger und Verkümmerung haben allerdings gemacht, daß ſie klein genug davongekommen. Nun denn, Hedwig ſoll eine Verwandte von dem alten Maruſchke ſein, welcher da nebenan den Knopfladen hat, und iſt erſt ſeit zwei Jahren bei ihm; aber der Alte iſt entweder arm wie eine Kirchenmaus, oder, wie die Leute behaupten, ein ausgemachter Geizhals und Filz, bei dem das arme Kind Hunger leiden muß und häufig Schläge und Schelte 75 bekommt; und da er nun will, daß Hedwig auch ihr Brod erwerben lerne und ihren kargen Unterhalt ab⸗ verdiene, ſo hat Marie ihm verſprochen, die Kleine in den feineren Arbeiten zu unterrichten und ſie dann ſpäter durch Putzarbeiten zu beſchäftigen. Und ſo kommt ſie denn zuweilen auch abends auf einige Stunden her⸗ über, iſt ſehr fleißig und aufmerkſam und anſtellig, und wenn wir dann gerade etwas Beſonderes zum Abendbrod haben, ſo behalten wir das arme Kind hier!“ „Daran erkenne ich wieder meine drei freundlichen Charitinnen“, ſagte Otte;„immer erbötig, fremdes Leid zu ſtillen!“ „Was wollen Sie denn, Herr Stte Iſt denn dieß Verdienſt?“ rief Julie;„wenn man ſelber weiß, wie bitter Mangel und Noth thun, ſoll man da nicht Anderen auch gerne unter die Arme greifen, zumal ſolch einem armen Weſen, das wie eine Ausſätzige unter den Menſchen herumgeſtoßen worden iſt?“ „Wie ſo denn?“ „Die arme Hedwig hat ſchon viel von der Welt geſehen, iſt in Ungarn, Polen, Ruß and geweſen, dann nach dem Tode ihrer Aeltern in ein Waiſenhaus geſteckt worden, von wo ſie nach der Confirmation entlaſſen und in ihre Heimath befördert wurde, um in einen Dienſt untergebracht zu werden, bis irgend ein Beamter ermittelte, daß die Verlaſſene noch einen Verwandten hatte in dem alten Maruſchke nebenan, welcher nun von Amtswegen angehalten wurde, für ſie zu ſorgen, was er freilich ſehr gegen ſeinen Willen gethan haben mag, denn er ſpricht von ihr nur in rohen bitteren Ausdrücken als von einem freſſenden Unterpfand, von einem unnützen Balg und dergleichen.“ „Und ich verſichere Sie, Herr Otte“, ſagte Marie, „das arme Mädchen hat ein wirklich gutes Herz, wenn es auch in Folge von vielfacher Verbitterung und Mißhand⸗ lung ein wenig von Unkraut überwuchert und unter einer ſcheuen, froſtigen linkiſchen Außenſeite verſteckt iſt. Käthchen zum Beiſpiel hat ihr Herz ganz gewonnen, denn ſie hat immer einige Aepfel oder Butterbrode für ſie, die ſie ihr heimlich zuſteckt, und für welche die halb Verhungerte ſehr erkenntlich iſt...“ „Obgleich es anfangs viele Mühe koſtete, Hedwig zu überreden, daß ſie die kleinen Gaben annahm“, fiel Käthchen ihr in die Rede;„denken Sie ſich, lieber Herr Otte, die Kleine hatte ſoviel Selbſtbeherrſchung, daß ihr Stolz anfangs aus dem Kampf mit dem Hunger ſiegreich hervorging, bis ich ihr die Butter⸗ brödchen in ihr Arbeitskörbchen zu verſtecken wußte und ſie liebreich überredete, ſich mir gegenüber, die ihre „— „— ſchmale Koſt und eigenthümliche Lage kenne, nicht zu geniren, da ich ihr die kleinen Unterſtützungen von Herzen gern gäbe und ſie dieſelben ja durch ihre Ar⸗ beit für uns verdient habe. Und ſeither würde das gute Kind für uns alle durch das Feuer gehen.“ „Die Sache wird ja ganz intereſſant“, ſagte Otte lächelnd;„ich bin nun ſehr begierig darauf, Ihren Schütz⸗ ling kennen zu lernen!“ „Sie kann jeden Augenblick kommen“, meinte Marie;„Sie werden Ihre Freude an ihr haben. Das arme Ding iſt entſetzlich vernachläſſigt worden, aber voll natürlicher Anlagen und Fähigkeiten; alles was man ihr nur ein einziges Mal gezeigt hat, begreift ſie, und alles, was ſie Andere machen ſieht, lernt ſie ihnen ſpielend ab. Und denken Sie ſich, dieſes unglück⸗ liche Geſchöpf kann nicht einmal recht leſen und ſchreiben!“ „Unmöglich! Sie ſagten ja Hedwig ſei in einem Waiſenhauſe geweſen“, rief Otte. „Allerdings“, verſetzte Julie;„aber dieſes Waiſen⸗ haus ſcheint in den Händen von Muckern und Pietiſten geweſen zu ſein, die es für genügend erachteten, wenn die Kinder mechaniſch nur eine Anzahl Bibelverſe und geiſtliche Lieder auswendig lernten und recht viel Flachs und Wolle ſpannen oder im Felde arbeiteten, und da Hedwig wegen ihrer Anſtelligkeit als Aufſeherin der jüngſten Kinder verwendet ward, ſo ſcheint ihre Schul⸗ bildung dadurch ſehr vernachläſſigt worden zu ſein. Nun war ſie neulich zufällig hier, als wir uns Hauff's Märchen vorlaſen, und dieß gewährte dem armen Kinde eine ſolche Freude, daß ſie vor Jubel und Entzücken ganz aus ſich heraustrat und wie verwandelt erſchien. Und um ihr nun einen fröhlichen Abend zu bereiten, haben wir ihr auf den Vorabend ihres Geburtstages einen Kuchen gebacken und einen Leſeabend veranſtal⸗ tet; Sie ſollen mit von der Parthie ſein, denn es wird Sie amüſiren, das herzinnige Vergnügen der Kleinen zu beobachten.“ „Still, ſtill, ſie kommt eben!“ flüſterte Käthchen, die mit dem Kuchen in der Hand hereinkam. Nach beſcheidenem Pochen trat Hedwig ein, und war etwas befangen und verlegen.„Weil Sie denn ſo gütig gegen mich waren, meine Damen“, ſagte ſie ſtammelnd,„ſo bin ich ſo frei...“ Da ward ſie Otte's anſichtig, erſchrack und verſtummte. „Bah, fürchten Sie ſich nicht vor ihm, mein Kind“, ſagte Julie;„es iſt Herr Otte, unſer Haus⸗ genoſſe und Freund, der es auch mit Ihnen gut meint.“ Und Ihnen gern nützlich ſein möchte, wie und wo / 5h 8 7 79 er kann“, fügte Otte hinzu und reichte ihr die Hand; „wir werden uns hoffentlich bald beſſer kennen lernen!“ Hedwig reichte ihm zögernd ihre kleine feingebaute Hand, deren edle Formen ſelbſt die rauhe Haut, die Folge harter Arbeit, nicht maskiren konnte, und ſchlug einen Moment ihr ſcheues Auge furchtſam und prü⸗ fend zu ihm auf; was ſie da ſah, mochte ſie be⸗ ruhigen, denn ein flüchtiges ſchwaches Lächeln zuckte über ihr hageres Geſicht und verklärte es wunderbar, und ſie ſtammelte:„Gott lohne es Ihnen, mein Hepr“ „Hedwigchen, wie alt werden Sie morgen?“ fragte Käthchen, die ſich an dem Büffetſchrank in der Zimmer⸗ ecke zu ſchaffen machte. „Siebzehn Jahre, Fräulein Käthchen“, war die ſcheue Antwort. „Siebzehn? ah, alſo noch ein Kerzchen!“ murmelte Käthchen;„ſo, nun brennen ſie alle, und hier, mein Herzchen“, fuhr ſie fort und wandte ſich raſch mit der Kuchenplatte, deren Rand mit ſiebzehn brennenden Wachskerzchen beſteckt war, zu dem Mädchen,—„ſo überreiche ich Ihnen denn einen Geburtstagskuchen mit unſer Aller herzlichſten Glückwünſchen und in der Hoffnung, daß es Ihnen fortan recht wohl ergehen möge!“ 80 „Und ich habe Ihnen hier ein kleines Mäntelchen zurechtgemacht, mein Kind, damit Sie nicht mehr in dem knappen verſchoſſenen Umſchlagetuch auszugehen brauchen, das für Sie viel zu klein iſt“, ſagte Marie. „Und ich erlaubte mir, Ihnen eine wollene Kapuze zu häkeln, mein liebes Kind, damit Sie nicht mehr ſo frieren auf Ihren Gängen in der Stadt!“ ſagte Julie und überreichte ihr Geſchenk ebenfalls. Hedwig war wie überwältiat von dieſen Beweiſen von Liebe, welche ihr ſo ung. vohnt und unerwartet kamen, und brach vor tiefer Rührung in ein lautes krampfhaftes Weinen aus, was ſie jevoch nicht hinderte, im wärmſten Erguß von Dank die Hände ihrer Wohl⸗ thäterinnen mit Thränen und Küſſen zu bedecken, welche dieſen ſelbſt das köſtliche Naß des Mitgefühls in die Augen trieben. Otte war ein ſtummer, aber nicht unbewegter Zuſchauer dieſes Auftritts; er fühlte die innigſte Theilnahme für dieſes verwahrloſte, in Lieb⸗ loſigkeit groß gewordene Mädchen. Hedwig war für ihr Alter klein und hager, noch ganz unentwickelt; die ſchmalen eckigen Schultern und der flache ſpitze Bruſt⸗ kaſten, die hageren Arme und der dünne Hals deuteten genugſam an, daß Hunger und Gram und ungenügende Pflege die körperliche Entwickelung des armen Kindes gehemmt hatten. Die Züge des Geſichts waren eher 4 — 81 . noch kindiſch und ebenfalls unentwickelt, aber ſcharf und etwas düſter; der Blick hatte etwas Scheues wie bei einem Raubthier oder einem geprügelten Hunde; aber wenn Hedwig lächelte, ſo leuchtete wirklich ein Strahl von jugendlichen Anmuth in ihrem Geſichte auf, und ihre großen dunklen Augen waren dann voll Seele, ihre hohe Stirne von einer ſeltenen Intelligenz verklärt. Käthchen ſetzte noch einen Topfkuchen und Theege⸗ räth auf den Tiſch und ſchenkte ein; Hedwig ward freundlich genöthigt, ihren Thee zu trinken und ein großes Stück Topfkuchen zu verzehren, und trotz der Selbſtbeherrſchung, welche ſie ſich auferlegte, ſah man doch, daß ſie hungrig und ihr dieſe Labung willkommen war. Otte war auf einige Augenblicke aus dem Zim⸗ mer getreten, um das hungrige Kind nicht zu geniren, und als er zurückkehrte, brachte er ein Exemplar von Grimm's Kinder⸗ und Hausmärchen in einer hübſchen kleinen Taſchenausgabe, welche er Hedwig verehrte, damit ſie, wie er ſagte, von ihm nicht leer ausgehe. Sie dankte ihm mit feuchten Augen, in denen eine un⸗ ausſprechliche Freude glühte, denn es war, wie ſie ſagte, ihr erſtes Buch. Hierauf ward vorgeleſen aus den Hauff'ſchen Märchen, und Hedwig ſaß da mit ge⸗ ſenkten träumeriſchen Augen, ſtrickte lebhaft und wagte nicht aufzublicken, um nicht ihre Aufmerkſamkeit theilen Mylius, Ein Meteor der Börſe. I. 6 — 8² zu müſſen, aber auf ihren beweglichen Zügen ſpiegelten ſich alle Affecte, welche das Gehörte in ihr anregte.* Otte verwandte kein Auge von ihr, und ſelbſt als er 6 nach einer Weile Julien das Buch abnahm, um vor⸗ 1 zuleſen, weil er ja allein der müßige Hörer ſei, wußte 8 er ſo zu leſen, daß es eher klang, als ob er das Märchen vom kalten Herz, von dem Kohlenmunkpeter und Schatzhäuſer im düſtern Tannenwald, erzählte. Und ſiehe da, dieſe lebendigere Art von Vortrag übte alsbald auf Hedwig eine andere Wirkung, ſie blickte auf, und hielt ihre großen dunklen Augen unverwandt auf den Erzähler gerichtet, als wollte ſie ihm jedes 6. Wort von den Lippen abſehen, und folgte mit ganzer Seele jeder Biegung ſeiner wohlklingenden, dramatiſch lebhaft vortragenden Stimme. Nachdem nun mehrere Märchen vorgeleſen waren, fragte Otte Hedwig, wie ihr dieſe gefielen und was ſie von denſelben dächte? „O“, ſagte ſie,„ich kann gar nicht ſagen, wie gut ſie mir gefallen! ſie kommen mir vor, wie lange ſchöne, glückliche Träume. Man weiß, daß ſolche Dinge nicht wahr ſind, aber ſie thun Einem doch im Innern wohl; man iſt wie in eine andre, ſchönere Welt ver⸗ ſetzt. Und iſt es auch zu Ende und weiß man, daß ſolche Dinge nicht wahr ſind, ſo denkt man doch gern * 85 daran und freut ſich noch lange hinterher, wie über einen ſchönen Traum.“ „Und Sie haben ſolche Bücher nie geleſen?“ fragte Otte. „Nie, ich wußte nicht, daß es auch ſolche Bücher gäbe“, verſetzte ſie;„im Waiſenhauſe hatten wir nur das Geſangbuch, die Bibel, das Spruchbuch, den Ka⸗ techismus und das Leſebuch. Und in der Bibel ſtehen zwar auch ſchöne Geſchichten, und im Leſebuch war von allerhand Dingen die Rede: von Thieren und Bäumen und Steinen und von der Schöpfung und von fremden Ländern und wie es dort ausſehe; aber das wußte man bald auswendig und war nicht ſo ſchön wie dieſe Geſchichten.“ „Und hat Ihnen Ihre Mutter nie ſolche Ge⸗ ſchichten erzählt, als Sie noch klein waren und auf ihrem Schooß ſaßen?“ „O doch, doch!“ verſetzte Hedwig mit leuchtenden Augen,„und ich weiß noch heute manche davon, ven Schneewittchen und den Zwergen; von Rothkäppchen und ſeiner Großmutter, von dem Manne dem nicht gruſeln wollte.. Ach, dieſe Geſchichten waren gar zu ſchön, und Mutter erzählte ſie mir, wenn wir unter⸗ wegs waren und miteinander vorne im Coupé des großen Karawanenwagens ſaßen und über die endloſen 0 ½ 1 Straßen und Ebenen hinfuhren, und ich ungeduldig wurde.“ „Uud wo reiſten Sie denn damals und weßhalb dann in einem ſolchen Wagen?“ fragte Otte. „Wir zogen in allen möglichen Ländern herum, wo der Vater Vorſtellungen gab als Taſchenſpieler und in der höhern Magie und ich ſelber mitſpielen mußte und manchmal geköpft wurde. Aber eines Ta⸗ ges ſtarb meine Mutter in einer fremden Stadt— Lemberg nannte man ſie— und ich bekam eine andre Mutter, die mich ſtieß und ſchlug, und ich durfte nun nicht mehr mitſpielen, als etwa die Uhren und Ringe und Eier den Zuſchauern in die Taſchen ſtecken, und als wir mal nach der Stadt P. kamen, ſtarb der Vater an der Cholera, und alles ward verkauft: die beiden Braunen, der Karawanenwagen, die Appa⸗ rate, die Garderobe; und eines Morgens lag ich allein auf einer Schütte Stroh in einer Dachkammer, und die böſe Mutter war fort, und ich weinte vor Kälte und Hunger. Ich weiß nicht mehr wie lange ich ſo in der finſtern Kammer gelegen, bis mich Leute fanden, die mich auf die Straße werfen wollten. Da kam eine alte Frau dazu, nahm ſich meiner an, und führte mich zu einem Herrn Pfarrer, und nach einigen Ta⸗ gen ward ich in die Anſtalt zu W. gebracht, zu den . . 85 verwahrloſten Kindern, wo ich vier Jahre blieb, bis ich confirmirt war, und man mich eines Tages von einem Gendarmen nach B. bringen ließ, wo ich acht Tage im Armenhaus unter garſtigen Leuten verweilte, bis man mich durch eine alte Frau hieher führen ließ zum alten Herrn Maruſchke, von dem ſie mir ſagten, daß er mein Großvater ſei, obſchon er dieß immer für eine Unwahrheit erklärt.“ „Und Sie ſind nun mit Ihrem Zufluchtsorte bei dem alten Herrn verſöhnt?“ fragte Otte theilnehmend; „Sie ſind mit ſeiner Behandlung zufrieden?“ Hedwig ſah ihn aus ihren großen ſprechenden Augen groß an und erwiderte erſt nach einer Weile: „Er hat mir eine Heimath gegeben, er theilt ſein kar⸗ ges Brod mit mir, er hat nicht immer Scheltworte für mich, ſondern zuweilen ſtreichelt er mir auch die Wange und das Haar und nennt mich ſein armes gutes Kind, und ſpricht von meiner Aehnlichkeit mit ſeiner Tochter, die nun ſchon lange todt ſei und die er verflucht und verſtoßen habe. Er iſt arm, ſein kleiner Laden trägt ihm wenig ein, und die Leute höhnen ihn noch und nennen ihn einen Geizhals. Er muß ſich vielleicht manches verſagen, was ſeinem Alter wohl⸗ thätig wäre, weil er nun auch noch für mich zu ſorgen hat. Darum möcht' ich bald ein Stück Geld verdienen 86 können, um ihm beizuſtehen und ihm manches zu bie⸗ ten, was er ſich ſelber verſagt.“ „Und dieß iſt Ihr einziger Wunſch, mein gutes Kind?“ fragte Julie. Hedwig ſchüttelte mit wehmüthigem Lächeln den Kopf und die Thränen drangen ihr in die dunklen Augen.„Ach, ich hätte wohl noch einen andern Wunſch“, entgegnete ſie mit einem tiefen Seufzer;„aber davon kann ja nicht die Rede ſein, das geht ja nicht!“ „Nun? und worin beſteht denn dieſer Wunſch, liebe Hedwig?“ fragte Käthchen. „Ich möchte lernen, recht viel lernen!“ rief das junge Mädchen mit einer Heftigkeit, in welcher das ganze Ungeſtüm ihres leidenſchaftlichen Charakters her⸗ vorbrach;„ach, ich bin ſo dumm noch, ſo albern, ich kann nicht einmal gut leſen, und was meine Schrift anlangt, das ſind abſcheuliche ungelenke Krakelfüße Ich möchte ſo ſchön vorleſen können, wie der Herr da, und ſo gewandt ſchreiben, wie Fräulein Julie, und möchte all das Zeug lernen, was die kleinen Fräuleins lernen, welche in das Fräuleinſtift zur Schule gehen, möchte ſingen lernen und Clavierſpielen und Guitarre und Harfe, wie meine arme Mutter ſpielte Aber ach, das kann ja alles nicht ſein! Das iſt dummes Zeug, ſo was zu wünſchen, und ich muß eben ein thörichtes Ding bleiben!“ 87 „Mit nichten, mein Kind, das können Sie alles . noch lernen, wenn Sie etwas Eifer und Ausdauer haben!“ ſagte Otte. 1 Sie blickte raſch zu ihm auf und ſah ihn erſtaunt an.„Wie ſo denn? Wie ſollt' ich das machen ohne dieſes?“ fragte ſie lebhaft und machte eine bezeichnende Bewegung mit dem Daumen und Zeigefinger;„koſtet das nicht Geld, und woher ſollt' ich Geld nehmen für Bücher und Unterricht? An Eifer ſollt' es nicht fehlen! Tag und Nacht würd' ich nur an meine Aufgaben denken!“ „Das Geld iſt nicht nothwendig, mein Kind!“ erwiderte Otte;„geſetzten Falls, die Fräulein Valentin 1 und ich würden uns abwechſelnd dazu hergeben, Ihnen abends Unterricht zu ertheilen, glauben Sie von uns nicht genug erlernen zu können?“ „Sie? Sie mich unterrichten?“ ſchrie Hedwig auf, und ihre ganze Seele lag in dieſem Tone.„H, das wäre ſchön, das ſoll Ihnen Gott lohnen! Und wie wollte ich fleißig und aufmerkſam ſein! O Gott, o Gott, wie gütig von Ihnen!— Aber nein, es kann ja nicht ſein“, ſetzte ſie ſogleich entmuthigt hinzu;„das . geht ja nicht! am Abend muß ich ſtricken und nähen für den— für Herrn Maruſchke, damit ich ſein Brod nicht umſonſt eſſe. Wie könnt ich da Stunden nehmen, auch wenn Sie mich unentgeltlich unterrichten wollten?“ Und die hellen Thränen der Enttäuſchung liefen ihr unter lautem Schluchzen über die Wangen. „Na, mein Herzchen, man nur nicht gleich ver⸗ zweifelt!“ ſagte Käthchen verweiſend, umarmte Hedwig und drückte ihr einen innigen Kuß auf die Wangen. „Da will ich zuvor auch ein Wörtchen drein reden. Unterricht geben kann ich nicht, mein liebes Kind, dazu bin ich zu dumm und ungeſchickt; aber für Dich arbeiten kann ich, für Dich näben und ſtricken, während Dir der Herr da und die Schweſtern Unterricht geben, und Papa Maruſchke'n will ich ſchon dazu bewegen, daß er Dich abends zu uns herüber läßt, weil er da⸗ durch Feuer und Licht erſpart, und von den Unter⸗ richtsſtunden braucht er ja vorerſt noch nichts zu wiſſen.“ Dieſer Vorſchlag leuchtete der kleinen Hedwig ſo ſehr ein, daß ſie ihn mit dem innigſten Entzücken auf⸗ griff und ſich vor Dankbarkeit und Freude kaum zu faſſen wußte. Sie küßte den Schweſtern Valentin die Hände, und drückte Otte's Rechte an ihr Herz und weinte darauf vor Freude; und als ſie nach zehn Uhr mit ihrem Kuchen und ihren Geſchenken nach Hauſe ging, hüpfte das junge Herz ihr im Buſen vor Freude — es war ihr, als ſchaute ſie in ein neues Leben hinein. 89 Otte aber hatte wenig Mühe, Julien und Ma⸗ rien für ſein Project zu gewinnen. Es iſt ja ein Grundzug im Charakter der Frauen, ihr Glück in Be⸗ glückung Anderer zu ſuchen, und Otte und die Schwe⸗ ſtern legten ſich dieſen Abend mit dem Bewußtſein nieder, eine Seele glücklich gemacht zu haben. Fünftes Kapitel. Als am andern Morgen Herr Auheim in ſein Ge⸗ ſchäftslocal trat, ging er raſchen Schrittes und mit einer gewiſſen feierlichen Miene auf Otte zu, ergriff ſeine Hand, die er lebhaft drückte, umarmte ihn mit ſehr großer Effuſion zum Erſtaunen der beiden Commis und des Caſſendieners und ſagte„Sie ſind ein wackerer edler Menſch, lieber Otte! Der Auftritt von geſtern Abend im Caſino— Ihr unerſchrockenes Auftreten gegen zwei nichtswürdige undankbare Menſchen— die rührige muthige Weiſe, womit ſie mich vertheidigten— das alles hab' ich erfahren und es hat mich tief gerührt und mich Ihnen auf Lebenszeit zu Dank verpflichtet! Sie haben an mir gehandelt wie ein Freund, nicht wie ein Miethling. Au⸗ heim iſt kein Undankbarer— er weiß dieß zu ſchätzen. Von heute an ſtehen Sie meinem Herzen nahe, lieber 94 Otte! Von heute an verdopple ich Ihr Salär.— Ja, ſtaunt nur“, wandte er ſich dann an die verwunderten Zuhörer.„Nehmt Euch dieſen Mann hier zum Muſter, der geſtern an einem öffentlichen Ort mit eigener Gefahr für mich eine Lanze gebrochen hat, als dieſe elenden Burſchen: Weißbrod und Reichhelm, mich hinter meinem Rücken verläſterten. Nehmt Euch ein Exempel daran!“ Otte war dieſe Scene peinlich, obſchon er wußte, daß Auheim alles mit etwas Oſtentation und theatra⸗ liſchem Pathos that, und er lehnte beſcheiden den Dank ſeines Principals und die Gehaltserhöhung ab, mit dem Vorgeben, er habe nur ſeine Schuldigkeit gethan. Aber Auheim beſtand auf beides, zumal er ohnedem ſchon längſt mit dem Gedanken umgegangen ſei, Otte's Lei⸗ ſtungen beſſer zu honoriren, und er eigentlich nur dieſe Gelegenheit wahrnehme. So ließ ſich denn Otte die Sache gefallen und ging in aller Ruhe ſeinen Geſchäften nach, während der kleine Auheim noch lange und breit ſich über dieſen Gegen⸗ tand erging, und überhaupt in einer ungewöhnlich ge⸗ hobenen Stimmung oder fröhlichen Aufregung erſchien. Gegen Mittag ſtreckte er den Kopf in's Comptoir herein und rief:„Otte, noch auf ein Wort, ehe Sie die Caſſe ſchließen! Ich habe mit Ihnen zu reden, bevor Sie zu Tiſche gehen!— Nehmen Sie Platz, Freundchen, ich 92 habe Ihnen einige wichtige Mittheilungen zu machen“, fuhr er dann fort, als Otte in ſein Privatcabinet ge⸗ treten war, ſtellte ſeinen kleinen Fuß auf das Kamin⸗ gitter, lehnte ſich mit der Schulter an den Kaminſims und ſteckte die Linke in die Hoſentaſche, während die mit mehreren werthvollen Ringen gezierte rechte Hand mit dem dicken Uhrgehänge ſpielte. Otte hatte erwartungsvoll ſich auf einen Stühl niedergelaſſen und fixirte den kleinen Principal. „Ich gedenke meiner Zukunft eine ſolide Grundlage zu geben, lieber Otte, und möchte mit Ihnen darüber Rückſprache nehmen,“ hub Auheim dann von neuem an. „Es iſt von jeher, glaub' ich, unter Geſchäftsleuten Sitte geweſen, von Zeit zu Zeit etwas von ihrem Gewinn aus dem Geſchäft zu ziehen und in Grundbeſitz ſolid anzulegen, damit er zu Gunſten der Familie den Wechſel⸗ fällen des Handels entzogen werde. Wenigſtens machen es die großen Bankiers in England und allerorten ſo. Da ich ferner mit dem Gedanken umgehe, mich demnächſt zu verheirathen, ſo iſt dieſe Idee mit einer gewiſſen Noth⸗ wendigkeit an mich herangetreten, die Sie gewiß billig finden werden. Um mich alſo kurz zu faſſen, Otte,“ fuhr er fort, als dieſer ſtumm mit dem Kopf nickte, bin ich im Begriff, ein größeres Landgut zu kaufen, und zwar das Rittergut Strahlenberg.“ —— . 93 „Strahlenberg?“ fragte Otte lebhaft;„ein Ritter⸗ gut, das zu mindeſtens hundert und ſechzigtauſend Tha⸗ lern geſchätzt iſt?“ „Ganz richtig— eher noch etwas höher, aber es wirft auch einen ſchönen Ertrag ab, lieber Otte. Ich habe mit dem Kammerrath von Magnus darüber ge⸗ ſprochen, welcher ein Gutsnachbar von Strahlenberg iſt, und er räth mir ſehr zu dem Kauf. Die Oſtbahn iſt rbötig, eine Station auf dem Grundſtück von Strahlen⸗ berg anzulegen, wenn man ihr das Areal dazu gratis ab⸗ läßt, und die Sache hat ihre unleugbaren Vortheile. Darum bin ich wirklich geneigt dazu, um ſo mehr als die Anzahlung auf das Gut nur etwa ein Drittel der Kaufſumme erfordert. Richten Sie ſich alſo mit Ihrer Caſſe darnach, mir bis Ende des nächſten Monats baare ſechszigtauſend Thaler zu beſchaffen!“ „Sechszigtauſend Thaler?“ rief Otte erſchrocken; „Herr Auheim, das iſt unmöglich. Bedenken Sie, eine ſolche Summe aus dem Geſchäft zu ziehen!“ „Bah, ich ſehe keine Unmöglichkeit, Otte! Sie haben ſchon mehr fertig gebracht!“ rief Auheim leichthin.„Ich bin nun einmal feſt entſchloſſen, daß das Rittergut Strahlenberg mein werden ſoll. Ich habe mich gerade auf dieſes Gut capricirt. Und halten Sie etwa das Geld nicht für ſolid genug angelegt?“ 94 „Oh nicht doch,“ verſetzte Otte;„hieran zweifle ich nicht im mindeſten, Herr Auheim; aber ich möchte nur zu bedenken geben, daß ſie in den letzten Monaten ſchon allzuviel in Liegenſchaften angelegt haben, und daß Zeiten kommen können, wo wir das baare Geld höchſt noth⸗ wendig haben werden, um die Depoſitengelder unſerer Gläubiger heimzubezahlen.“ „Dann werden wir ohne Mühe wieder Geld auf das Gut bekommen können, das unter meiner Hand meliorirt werden und bald einen größern Werth haben ſoll“, ſagte Auheim trocken und entſchieden.„Kurzum, es bleibt dabei, es muß das Geld herbeigeſchafft werden, denn unter uns geſagt, ich habe Herrn von Magnus bereits ſchriftliche Vollmacht gegeben, Strahlenberg für mich zu kaufen!“ „Herr Auheim, das wird Ihr Ernſt nicht ſein!“ rief Otte erſchrocken;„Sie ſcherzen mit mir!“ „Ich? Gott ſoll mich bewahren!“ rief Auheim und warf ſich in die Bruſt;„war mir in meinem ganzen Leben nie ernſthafter zu Muthe, als in dieſem Augen⸗ blicke. Ich habe die Sache erwogen; ich will es durch⸗ ſetzen, wie ich ſchon mehr durchgeſetzt habe. Ich will dieſen Leuten hier zeigen, was der ſogenannte Komödiant, der Director des Meerſchweinchen⸗Theaters, der Winkel⸗ bankier wie ſie mich an der Börſe nennn, vermag. Ich „ will es durchſetzen, ſag' ich Ihnen, Hite; ich will dem Völkchen zeigen, was an dem Auheim iſt. Und kann ich es nicht mit gutem Gewiſſen? Hab' ich nicht an den Weidenbacher Actien einen Nettogewinn von mindeſtens dreißigtauſend Thalern gehabt? Und glauben Sie, Otte, hier, in dieſem Kopfe, ſteckten nicht noch mehr gute Ideen, die wieder Geld bringen werden? Iſt mir denn ſeither nicht beinahe Alles geglückt?“ ſetzte er geſpreizt hinzu. „Ihr Wort in Ehren, mein beſter Herr Auheim“, entgegnete Otte ernſthaft und ſehr bedenklich;„aber ich dächte, Sie ſollten doch nicht allzuſehr auf das Glück bauen. Die Fortuna iſt launenhaft, und beſſer zuvor bedacht als hernach bereut. Schreiben Sie, telegraphiren Sie an den Herrn Kammerrath, um den Auftrag zurück⸗ zunehmen!“ „Geht nicht an, mein Lieber, ich habe meine be⸗ ſonderen triftigen Gründe dazu“, ſagte Auheim mit h iger Entſchloſſenheit.„Die Welt hat mich herausgefordert, — ich nehme den Handſchuh auf!“ „Verzeihen Sie, Herr Auheim, das verſteh ich nicht; was ſoll ich mir denn darunter denken d. „Mein Gott, Otte, Sie ſind aber ungeheuer ſchwer von Begriffl Sagen Sie mireinen einzigen vernünftigen Grund, warum ich es nicht thun ſollte? Thun es denn Andere nicht auch? und kochen jene nicht auch blos mit Waſſer?“ — 96 „Mit Verlaub, Herr Auheim; das iſt eigentlich gar kein Grund“, ſagte Otte mit Wärme.„Glauben Sie mir, Sie ſpielen mit dieſem Projecte Va⸗banque. Sie ſchwächen durch dieſen Kauf Ihre Caſſe und Ihren Credit, und es iſt zu einem ſolchen Kaufe, der nur unange⸗ nehmes Aufſehen in der Geſchäftswelt machen wird, auch nicht die mindeſte äußere Nöthigung vorhanden. Sie ſind ja bei einiger Mäßigung jetzt ſchon auf dem beſten Wege zu einer ehrenhaften Unabhängigkeit und geſicherten Zukunft. Die Geſchäfte gehen vortrefflich, Ihre Spe⸗ culationen auf Liegenſchaften haben Erfolg; wenn Sie heirathen wollen, dürfen Sie in den beſten und geach⸗ tetſten Häuſern der Stadt anpochen, und werden ſich durch die Verbindung mit einer hieſigen Familie nur noch feſter ſtellen. Wofür denn alſo wagen, wo gar keine äußere Nöthigung dazu da iſt?“ Auheim war während dieſer ſanften Vorſtellung ſeines Factotums unruhig im Zimmer auf und ab ge⸗ gangen, wie Einer, der das Vernünftige und Begründete einer ſolchen Auseine anderſetzuug einſieht und doch ſich in hartnäckiger Verbl lendung dagegen ſträubt.„Mein Gott, ja doch, lieber Otte!“ ſagte er endlich mit einer fieberiſchen Haſt;„unter gewöhnlichen Umſtänden möchten Sie ganz recht haben; aber meine Verhältniſſe ſind un⸗ gewöhnliche, ausnahmsweiſe... 97 „Das ſehe ich nicht ein, Herr Auheim!“ „Nun, Otte, nichts für ungut, denn Sie zwingen mich zur Offenheit!“ fuhr Auheim beinahe unwillig auf; „Sie ſind ein ganz geſchickter Arbeiter, fleißig, zuver⸗ läſſig, erfahren, umſichtig, das gebe ich alles gerne zu. Aber es fehlt Ihnen an Phantaſie, an Schwung, an Elaſticität des Geiſtes, an einem gewiſſen großartigen Otte lächelte bitter und fiel ihm in die Rede mit den Worten:„Ich danke Jenen für das ſchmeichelhafte Zeugniß, Herr Auheim— in der That, das größte Lob, was Sie mir ſpenden können, iſt, daß ich keine Phantaſie habe. Die Phantaſie, der ideale Schwung, ſind die ge⸗ fährlichſten Feinde des Kaufmanns, der vor Allem ruhig, beſonnen und überlegt ſein und ſich die Tragweite jedes Schrittes wohl überlegen ſoll. Und da Sie mich bis jetzt noch immer nicht überzeugt haben, ſo kann Sie mein hartnäckiger Widerſtand gegen Ihr Project nicht wundern!“ „Wohlan, ſo ſollen Sie Alles erfahren, denn endlich werden Sie mich doch wohl begreifen“, verſetzte Auheim ungeduldig;„aber wohlgemerkt, was ich Ihnen da ſage, muß ſtreng unter uns bleiben. Geſtern auf der Bötrſe redete mich Kammerrath von Magnus an, welcher zum Abſchluß hier war, und ich ging mit ihm in die Goldne Mylius, Ein Meteor der Börſe. I. 7 98 Gans zur Table⸗d'hote; er ſtellte mich ſeiner Frau und Tochter vor, einem reizenden, liebenswürdigen, feinen Mädchen, Otte; einem wahren Engel, ſag' ich Ihnen, einem Engel wie ihn das Buch aufweiſt: pikant, graziös, munter, ſchelmiſch, gebildet, bezaubernd— mit Einem Worte, Otte, Fräulein Leonie hatte mir's förmlich an⸗ gethan. Ich unterhielt mich vortrefflich mit den beiden Damen, und verhehlte den Eindruck gar nicht, welchen Fräulein Leonie auf mich machte. Ja, ich darf Ihnen ſogar ohne Ruhmredigkeit geſtehen, Otte, daß die Art und Weiſe, wie ich von den Eltern und Leonie aufge⸗ nommen ward, mich zu einigen Hoffnungen berechtigte. Kurzum, wir fuhren am Nachmittag zuſammen aus, die Damen nahmen am Abend Plätze in meiner Loge an, um die Ney als Norma zu hören, und ich ſaß noch ſpät am Abend mit dem Kammerrath bei einem Fläſch⸗ chen Johannisberger in der Reſſource zuſammen, als der Auscultator von Breidt hereintritt und— offenbar in der Abſicht mich zu demüthigen, mir den Vorfall im Caſino ſo erzählt, wie er ihm ſo eben in einer Condi⸗ torei von Augenzeugen erzählt worden war. Im Nu hatte ſich eine ganze Galerie von neugierigen Zuhörern um uns verſammelt; ich ſehe überall nur in ſchadenfrohe Augen, die ſich in heuchleriſchen Ach, und Oh! und Pfui, und ähnlichen Exclamationen ergehen. Sie können ſich 5 99 denken, daß ich wie auf Nadeln ſaß,— wie am Pranger! Aber ich mußte doch etwas ſagen, und ſo eröffnete ich den Herren denn offen, daß ich allerdings in meinen Jünglingsjahren, von einer tollen Anwandlung und Selbſttäuſchung übermannt, Schauſpieler geworden und mit einer wandernden Truppe herumgezogen, aber über meine Befähigung und über dieſe Zuſtände bald enttäuſcht worden ſei und mich von dieſem Stand losgeſagt habe, um im Ausland, in England und Amerika, mich wieder meinem frühern Beruf zu widmen, und ſchloß mit der Aufforderung: jeder, welcher in ſeiner Jugend keinen dum⸗ men Streich begangen habe, möge nun einen Stein auf mich werfen.— Ich war noch ſehr in Sorge über den Erfolg dieſer meiner Mittheilung, als ſich der Kammer⸗ rath in's Mittel ſchlug und ſeine Ueberzeugung dahin ausſprach, daß in der Thatſache meines Schauſpieler⸗ lebens um ſo weniger etwas Herabwürdigendes für mich liegen könne, als ich ja hinlänglich bewieſen habe, wie das Zeug zu etwas Beſſerem in mir liege, und mit der Verſicherung ſchloß, er für ſeinen Theil achte mich jetzt nur um ſo höher, und ſei überzeugt, daß ich mit Zeit und Weile noch alle meine Neider unter die Füße treten und meinen bedeutenden Weg in der Welt machen werde. Und um gleichſam meinen Gegnern und Verleumdern ein Paroli zu biegen“, fuhr Auheim fort, den die Er⸗ . 100 innerung an dieſen Auftritt ſichtlich noch immer angriff, „und da ich unmittelbar vor dieſem Zwiſchenfall mit einigen Rittergutsbeſitzern über die Abſicht, mich irgend⸗ wo anzukaufen, geſprochen und wir die Bonität verſchie⸗ dener verkäuflicher Güter erörtert hatten, äußerte ich nun: ich werde mich wahrſcheinlich für Strahlenberg ent⸗ ſcheiden. Allerdings war es anfangs nicht mein Ernſt; allein als mich Herr von Magnus beim Worte nahm und ſeine Vermittlung anbot, und mir die anderen Herren lebhaft zuredeten und einen ſehr günſtigen Gelegenheits⸗ kauf in Ausſicht ſtellten, ſo ſchlug ich am Ende wohl oder übel zu, und gab Herrn von Magnus den Auftrag um deſſen ſchriftliche Beſtätigung er mich dieſen Morgen anging. Und ſo bin ich denn zu der Sache gekommen, wie— wie der Blinde zur Ohrfeige.“ „Aber nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Auheim, das war doch eigentlich leichtſinnig; ſagte Otte ernſt. „Ein Kauf von hundert und achtzigtauſend Thalern iſt doch kein Pappenſtiel!“ „Allerdings, aber es galt meine Ehre, meinen Credit, meine Zukunft zu retten und meine Neider und Feinde zu verblüffen, Otte. Ich weiß, daß ich ein Wagniß ein⸗ gegangen habe, aber wer nicht wagt, gewinnt nicht. Man muß dem Glück immer eine Thüre öffnen, und die Sache kam mir ſo wie eine förmliche Eingebung von oben!“ 10¹ Otte ſchüttelte den Kopf.„Nichts für ungut, Herr 38 Auheim, aber mich dünkt, es war eher eine Eingebung 6 des Stolzes. Und Stolz iſt ein ſehr ſchlechter Rath⸗ 3 geber. Aber es wäre ja immer noch Zeit, den Auftrag zurückzunehmen. Herr von Magnus kann noch nicht zu 3 Hauſe ſein; ein Telegramm, das ihn zu Hauſe erwar⸗ tete—“ „Genug davon, die Würfel liegen einmal, und ich hoffe es iſt ein guter Paſch!“ ſagte Auheim ſtreng. „Wenn Sie mich nicht erzürnen wollen, äußern Sie kein Wort weiter. Können Sie nicht die nöthige Caſſe her⸗ beiſchaffen, ſo muß ich die Sache ſelber in die Hand nehmen. Bedenken Sie, daß ich das Riſico trage.“ Otte verbeugte ſich ſtumm.„Ich will das Meinige thun“, ſagte er;„aber wenn ich mir einen Rath erlauben darf, Herr Auheim, ſo negociiren wir mit irgend einem großen Geldinſtitut, um den Reſt der Kaufſumme in Annuitäten zu verwandeln, und einen großen Theil der Anzahlung anderwärts wenn auch gegen hohe Zinſen, auf zweite Hypothek zu borgen!“ „Davon ſpäter!“ ſagte Auheim kurz;„die Haupt⸗ ſache iſt nur die Beiſchaffung des Geldes; alles Andere — findet ſich ſpäter!— Haben Sie noch etwas auf dem Herzen. Otte?“ .„O ja, wenn Sie mir ein ehrlich und treugemeintes 102 Wort nicht verdenken wollen, Herr Auheim;“ verſetzte Otte treuherzig und eindringlich.„Ich bin weit entfernt, mich zum Richter Ihrer Handlungsweiſe aufzuwerfen, denn Sie ſind mein Brodherr und ein ſehr kluger Mann. Aber ich meine unmaßgeblich, Sie ſeien in einem fal⸗ ſchen trügeriſchen Fahrwaſſer. Herr von Magnus iſt zwar ein reicher Mann, aber er ſteht nicht im beſten Rufe.“ „Still, Otte; bedenken Sie, daß ich eine engere Verbindung mit dieſem Mann anſtrebe!“ „Eben darum, Herr Auheim; warum wollen Sie der bürgerlichen Sphäre den Rücken wenden, welche Ihnen eine ſo geſicherte Zukunft verheißt? Warum ſich in Kreiſe drängen, welche—“ „Sie ſind ein Thor, ein engherziger Menſch, Otte! Sie begreifen nicht, daß man nach dem Höchſten ſtreben muß, wenn man das Glück beim Schopfe hat, Ich habe meinen Plan reiflich erwogen und werde mein Ziel conſequent verfolgen. Eine Verbindung mit Magnus, dem Beſitzer von zwei Rittergütern, dem rührigen In⸗ duſtriellen, dem erfahrenen glücklichen Speculanten, hebt mich höher als irgend eine gute Parthie aus den hie⸗ ſigen philiſterhaften Kreiſen. Laſſen Sie mich ruhig meinen eigenen Weg gehen, wie ich ihn ge⸗ gangen!“ 4. E—.-—————— 103 „Wohlan, ſo will ich ſchweigen und gehorchen!“ ſagte Otte, und ging, aber mit ſchwerem und beſorgtem — Herzen. Ihm war zu Muthe, als trüge er ſelber das ganze Wagniß von Auheims kühner, ja leichtfertiger Speculation. Sechstes Kapitel. Die Herbſtſonne ſchien goldig auf das üppige Hü⸗ gelgelände, worin die Rittergüter Strahlenberg, Moritz⸗ burg und Hirſchborn lagen. Am Fenſter in der gro⸗ ßen Eckſtube des Herrenhauſes zu Moritzburg ſaß Fräu⸗ lein Leonie von Magnus am Stickrahmen hinter einer Laube von Cobäa und Maurandya und arbeitete an einer feinen Stickerei auf Sammet zu einer Herrenweſte. Dicht dabei auf dem Divan, welcher am Wandpfeiler ſtand, lag die Frau Mama, naſchte Quittenpaſten und las einen Dumas'ſchen Roman. Der Kanarienvogel im verſilberten Bauer über der Laube ſchmetterte, die friſchgetriebenen Hyacinthen auf den Fenſterſimſen duf⸗ teten, die Stutzuhr auf dem Conſoletiſche pickte, der Wachtelhund dehnte ſich tief aufathmend auf dem ſonne⸗ beſchienenen Fleckchen des Teppichs, und eine tiefe Ruhe „ 105 lag auf dem elegant und mit raffinirtem Luxus ein⸗ gerichteten Zimmer; aber dieſer Ruhe mangelte doch der Friede, das Genüge, die Zufriedenheit. Fräulein Leonie war groß, ſchlank, hübſch, von eleganter Haltung und graziöſem Benehmen; aber um ihre ſchmalen zuſammengekniffenen Lippen lag ein har⸗ ter ſelbſtfüchtiger Zug, der ſich nur verlor, wenn ſie ſcherzte und lachte, obſchon ſelbſt ihre Munterkeit häufig etwas Spöttiſches annahm. In ihrem Blicke äußerte ſich eine ſtolze Kälte, ein ſuffiſantes anmaßendes Et⸗ was, das ſich auch in dem etwas barſchen ſchneidenden Ton ihrer Rede nicht verkennen ließ. Frau von Magnus, die gnädige Frau Kammer⸗ rath, war dagegen faſt unter Mittelgröße und von ei⸗ nem mäßigen Embonpoint, der in Verbindung mit ihrem hochgerötheten Teint, ihrem rabenſchwarzen Haar und ihren dunklen Augen weſentlich dazu beitragen mochte, daß ſie ſich noch ſo auffallend gut conſer⸗ virt hatte, denn ſie galt für eine ſchöne Frau, und machte noch immer Anſpruch auf Beachtung durch die Männer in der Geſellſchaft. Auch in ihrem Aeußern ſprach ſich ein lebhaftes Bewußtſein ihres Werthes aus, doch hinderte ſie ein gewiſſes Phlegma und Behagen, dieſe Anſprüche auf demonſtrative Weiſe geltend zu machen. Sie wollte nur ihre behagliche Ruhe haben. — 106 Mit einem Male unterbrach Leonie die Stille durch einen ſo lauten ärgerlichen Seufzer, daß der ſchläfrige Wachtelhund erſchrocken ſich aufrichtete und die gnädige Mama ſich betroffen nach der Tochter umſah.—„Was iſt Dir, Herzchen?“ fragte ſie;„haſt Du Dich geſtochen, oder iſt Dir ein Faden abgeriſſen?“ „Ja, der Geduldsfaden, liebe Mama“, erwiderte Leonie aufſpringend und lief vom Stickrahmen hinweg; „das Muſter iſt doch auch gar zu langweilig; ſo ſechs⸗ undneunzig Male dieſelben goldenen Aehren und die⸗ ſelbe blaue Cyane wiederholen zu müſſen, iſt doch un⸗ ſaglich läſtig, und dazu immer dieſelbe Ausſicht auf die Felder und Wälder und den breiten Strom. Warum ſind wir denn nicht lieber in der Provinzial⸗Hauptſtadt geblieben?“ „Nur nicht ungeduldig, liebes Kind“, erwiderte die Mama, ohne ihre Lage zu verändern oder den Blick vom Buche zu erheben;„wenn Dir die Stickerei keinen Spaß mehr macht, ſo ſchicke ſie zur Paſtorin Krauße hinüber, daß ihre Tochter ſie vollende. Die Herren der Schöpfung brauchen ja nicht genau zu wiſſen, wie viel wir an ſolch einem Geſchenke gearbeitet haben. Nimm ein Buch und vertreibe Dir die Zeit, bis Papa wieder von Strahlenberg zurück kommt!“ „Ach, das thörichte Leſen!“ rief Leonie mißver⸗ — 107 gnügt;„dieſe albernen Romane vermögen mich nicht einmal mehr aufzuregen. Ich bin dieſes Landlebens ſo müde und überdrüſſig. Es iſt unverantwortlich von Papa, uns hier auf Moritzburg einzuſperren und den ganzen Winter hier verſauern zu laſſen, während in der Stadt die Bälle und das Theater und die Con⸗ certe und die ganze Faſchingsluſt Unterhaltung bieten.“ Wir bleiben ja nicht den ganzen Winter hier, Herzchen“, verſetzte die Mama gelaſſen, ohne ſich aus ihrer halbruhenden Lage zu erheben.„Papa hat noch ein Plänchen auszuführen, womit er ſo viel verdient, daß wir den ganzen Winter ein hübſches Haus in der Stadt machen können.“ „Ach Gott! mit Euren ewigen Plänen und Pro⸗ jecten und Unternehmungen und Speculationen!“ jam⸗ merte Leonie.„Man wird ſeines Lebens gar nicht froh bei Euch, Mama. Immer nur von Procenten und Profit kriegt man zu hören, und ſelbſt die Nachbarn ſcheinen in unſrem Hauſe nichts anderes reden zu kön⸗ nen, denn der eleganteſte junge Mann, ſobald er den Fuß in unſere Zimmer ſetzt, ſpricht von nichts Anderem als von einem Pferdehandel, von Electoralwolle, von Rapsernte und Procenten. Euer Haus hat es auf ſich, daß man inmer noch den alten Geſtank der Schaffelle und der Oelſaat im Geiſte nachriecht!“ 108 „Leonie, das iſt impertinent!“ ſagte Mama kalt; „Du biſt undankbar.“ „Und Du biſt kurzſichtig, Mama!“ verſetzte Leonie kalt und barſch.„Ihr habt mir eine Erziehung ge⸗ geben, die mich an eine andere Umgebung gewöhnt, für andere Intereſſen imprägnirt hat; nun ſeid ihr mir auch ſchuldig, daß ihr mir einen andern Lebenskreis anweiſt. Wofür habt ihr mich in eine andere, geiſtigere, freiere Sphäre verſetzt, wenn ich wieder zu Eurer pro⸗ ſaiſchen Alltäglichkeit herunterſteigen ſoll? Und ich war ja gar nicht dafür, daß ihr mich in die vornehme Pen⸗ ſion brachtet; ich wollte bei Euch bleiben— aber Papa mit ſeinem Eigenſinn hat es ertrotzt, und Du verſprachſt mir goldene Berge Wenn ich aus der Penſion aus⸗ träte, hieß es, dann wollten wir reiſen, nach Italien, nach Paris, nach London; Papa wollte mir dann ein Reitpferd kaufen und mich in die große Welt einführen; wir wollten einen Winter in Berlin, den andern in Wien zubringen, Grafen und Barone würden mir zu Füßen liegen, und was dergleichen mehr iſt. Und was iſt daraus geworden?“ fuhr ſie weinerlich fort;„als ihr mich abholtet aus der Penſion, da reiſten wir vier langweilige Wochen in der Schweiz, und kehrten dann hierher zurück. Statt des Reitpferds durft' ich ab und zu einmal Papa's ſpathige Fuchsſtute reiten; im Som⸗ . 109 mer langweilen wir uns in einem kleinen Badeorte, und im Winter hab' ich kaum ein paar Bälle in der Nachbarſtadt und hier und da eine Woche in der Pro⸗ vinzial⸗Hauptſtadt. So geht's nun ſeit drei Jahren en suite fort, und ſo ſtehlt ihr mir meine Jugend. Aber ich halte es nicht mehr aus, Mama, das ſag' ich Dir!“ rief ſie in aufwallendem Grimme und ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden;„wenn das nicht bald anders wird, ſo laß ich mich vom erſten beſten jungen Herrn, der mir gefällt, entführen!“ Die Frau Kammerrath ſtieß einen tiefen Seufzer aus.„Dann nimm Dir nur wenigſtens einen Reichen zum Entführer!“ ſagte ſie gelaſſen;„denn bei einem Armen würdeſt Du Dich ſchlecht betten, Kind! Wir können Dir keine große Mitgift geben; Papa iſt nicht mehr ſo reich wie vordem; das iſt Alles!— Es iſt wahr, wir haben Dir das alles verſprochen, wie Du geſagt haſt, aber damals waren wir noch weit reicher, und Papa verdiente unſinnig mit dem Güterhandel. Da⸗ mals hätten wir's vermocht, was wir jetzt nicht mehr thun können. Das iſt Alles. Und Du, mein Herzchen, warſt ſeither unpraktiſch, Du verkannteſt unſre Lage. Es ſind Grafen und Barone dageweſen und um Dich geworben, und Du haſt ſie nicht gewollt... „Gott, das verlohnte ſich auch, ſolche S zu machen!“ fiel Leonie geringſchätzig ein;„olch ein armer Schnurrer von einem Lieutenant Graf Kahla, der mehr Schulden wie Haare auf dem Kopf,— ſolch ein Baron Wendeſtern, deſſen Baronie hinter Poſemuckel liegt, wo die Sperlinge in der Ernte crepiren,— ſolch ein paar jüngere Söhne, die nichts haben als ihre Namen! Das verlohnte der Mühe, ſich ſo viel glänzen⸗ des Elend zu kaufen! Da hatt' ich's doch beſſer, die Beine hier unter den Tiſch zu ſtrecken!“ „Nun ja, aber es ſind Andere gekommen, die es ernſthaft meinten— gute Parthieen, Kind, die Dir aber doch nicht gut genug waren“, wandte die Mama ein. „Da war zum Beiſpiel der Hekonomierath Wühler, ein gemachter Mann, der ſeines Fürſten ganzes Vertrauen beſitzt und ſchon ſein Schäfchen im Trockenen hat! Da war der junge Merike, der die große bayriſche Braue⸗ rei in Hellwaſſer hat— gute, anſtändige Par⸗ thieen... „Ach Gott, ja! Ich gebe zu, daß ich thöricht war, ſie auszuſchlagen, Mama, aber ihr hattet mir ja einen Grafen oder Baron verſprochen!“ rief Leonie ärger⸗ lich.„Ihr hattet mir thörichte Schrullen in den Kopf geſetzt, und ich wartete damals noch auf die Grafen und Barone— die nicht gekommen ſind, und wohl auch — niemals kommen werden!“ rief ſie, in Thränen des Zorns ausbrechend;„o, es iſt abſcheulich, Einem mit ſolchen Flunkereien die Jugend zu ſtehlen!“ „Du lieber Himmel, Leoniechen, Herzblättchen! Es war ja nicht ſo böſe gemeint!“ ſagte die Mutter mit einem tiefen Seufzer.„Es war eine Selbſttäuſchung. Damals hing der Himmel voller Geigen. Papa ver⸗ diente Geld wie Heu an dem Güterhandel, an den Vor⸗ käufen für die Eiſenbahnen, an den Bauſtellen, an der Zerſchlagung der großen Rittergüter. Aber es iſt da⸗ mit bald anders geworden. Andere haben es ihm ab⸗ gelernt und bald auch ihm zuvor gethan. Dann kam die Kriſis, wo niemand mehr kaufte; Papa legte ſich auf andere Speculationen und hatte Unglück; er muß große Verluſte gehabt haben, größer als er ſie einge⸗ ſteht, oder er würde ſich und uns keine Einſchränkungen auferlegt haben. Denn um gerecht zu ſein, müſſen wir ſagen: er hätte uns früher in Gold faſſen laſſen, als er es noch konnte. Jetzt aber iſt es anders. Und doch, mein Kind, wird es wieder anders werden, wann erſt Aaron— Achille wollt' ich ſagen,— von ſeinen Rei⸗ ſen zurückgekehrt iſt; der wird neue Speculationen und Ideen mitbringen und dem Geſchäft einen neuen Schwung geben!“ „Ja, Achille iſt Euer Liebling!“ unterbrach Leonie ihre Mutter vorwurfsvoll.„Die Summen, die er ver⸗ 142 braucht in London und Paris, die gehen Euch nicht von der Seele! Er darf in den beſten Geſellſchaften verkehren und das Leben genießen, während Ihr mich hier von einem langweiligen Neſte zum andern ſchleppt, von Moritzburg nach Hirſchenbrunn, von Hirſchenbrunn nach dem Schwefelbad, von da wieder nach Moritzburg, und ſo im ewigen eintönigen Kreislauf...“ „Gott, Deine Verſtimmung macht Dich heute wie⸗ der ganz blind und ungerecht, mein Herzchen!“ ſagte die Mama;„muß Achille denn nicht in der beſſern Geſellſchaft verkehren, wann er ſoll die Kunſtgriffe der großen Welt lernen? Muß er ſie nicht lernen, damit er ſie dann brauchen kann für's Geſchäft?“ Leonie lachte bitter.„Achille und Geſchäfte?! Der faule Bengel, der von jeher nur ſeinem Vergnügen und den noblen Paſſionen nachging? Aber natürlich, er iſt ja der Sohn vom Hauſe, und ihm wird nichts verſagt! Und um ihn noch mehr in ſeiner Selbſtſucht und ſei⸗ nem Eigennutz und Dünkel zu beſtärken, find wir nicht einmal nach Paris gereiſt, um ihm einen Beſuch zu machen— warum? Weil er ſich unſerer ſchämt vor ſei⸗ nen Freunden! Weil wir nicht ſehen ſollen, wie üppig er lebt!“ „Nun ja, mein Kind, er hat ſich unſern Beſuch verbeten, weil. na, weil wir ihn genirt hätten“, ſagte 1¹3 die Mama;„er hat mir die Gründe geſchrieben, Herz⸗ chen. Dich und mich hätt' er gern präſentirt in ſeinem Kreis, hat er geſchrieben; aber der Papa, ſagt er, hätt' ihm doch ein bischen das Spiel verdorben. Und es iſt wahr, mit meinem bischen Franzöſiſch hätt' ich mich 3 nicht aufthun können bei der Frau von Rothſchild und der Pereire und den Größen der Finanz, wo Achille hinkömmt. Mit Dir, mein Kind, iſt es freilich ein Andres. Du verſtehſt den Schick, und Du würdeſt glänzen, und darum ſollſt Du auch— ich hab's Achille ſchon verſprochen,— Deine Hochzeitreiſe nach Paris machen!“ „Meine Hochzeitreiſe?“ fragte Leonie mit einem bittern Lächeln;„dazu gehört erſt ein Verlobter!“ „Nun, der iſt ja da— der Herr Auhein he Herr von Auheim, wenn Du nur willſt!“ Leonie brach in ein lautes gellendes Lachen aus. „Der kleine Mann'? niemals! Alſo weiter geht Deine Ambition für mich nicht, Mama? Und den ſoll ich lieben, Mama?“ N „Gott, heirathen ſollſt Du ihn, dann kannſt Du ja lieben, wen Du willſt!“ verſetzte Mama.„Glaubſt Du denn, ich habe Papa nur aus Liebe gehei⸗ rathet?“ „Ja, Du, Mama— das war ein Andre s; aber Mylius, Ein Meteor der Börſe. I. 8 ——— — 144 ich bin an andere Anſprüche gewöhnt!— Aber da kommt Papa die Allee heraufgeritten!“ Die Unterredung ſtockte, denn ſchon einige Mi⸗ nuten ſpäter trat der Herr Kammerrath in's Zimmer, etwas erhitzt vom raſchen Ritte. Es war ein ſtarker Fünfziger von mittlerer Größe und einem ſchlauen Ge⸗ ſicht, das der dichte gefärbte Backenbart und die ſchwarze Lockenperrücke etwas jünger erſcheinen ließen, und trug ſehr feine Wäſche und elegante Kleidung, und außer der goldenen Brille noch eine ſehr große Buſennadel mit einem Solitär im Vorhemdchen, und eine dicke ſchwere Uhrkette mit großen Berloques, ſowie mehrere koſtbare Ringe an beiden nicht eben allzu feinen Händen. „Morgen, Lenchen! bon jour, Leonie!“ rief er, während er Hut, Ueberrock und Reitpeitſche ablegte und ſeine Damen küßte.„n Morgen,'n Morgen, Kinderchen! Schon munter? Ich komme von Strahlen⸗ berg; der Kauf iſt richtig, Auheim hat unterſchrieben und das Angeld erlegt; und ich habe meine zehntauſend Thaler Proviſion hier in der Taſche. Das Geſchäft iſt gemacht und die Proviſion iſt zu Deiner Ausſtattung, mein Lämmchen“, wandte er ſich an Leonie und kniff ſie in die Wangen.„Munter, mein Herzchen! Lächle und ſei fröhlich, denn er bleibt heute hier und P mußt ihm eine heitere Miene zeiger!“ 115 „Wem denn, Papa?“ „Ei nun, Auheim, mein Herzblättchen. Er kommt her und übernachtet bei uns, weil drüben noch man⸗ ches einzurichten iſt, und ich will haben, daß Du ihn freundlich empfängſt, denn er ſpricht nur von Dir, Herzchen. Er ſpricht, ſag' ich Dir, wie ein Roman⸗ buch, wann er nur redt' von Dir!“ „Sehr gütig von ihm, obſchon ich nicht weiß, wie ich zu dieſer Ehre komme!“ ſagte Leonie kühl und ſchnippiſch;„ich kann mich nicht entſinnen, daß ich ihm mehr gewährt hätte, als die unverfänglichſte Artigkeit für ſeine Aufmerkſamkeiten.“ „Und doch glüht er, Herzchen! Er glüht, ſag' ich Dir! Und die Stimmung muß benützt werden. Len⸗ chen“, wandte er ſich zu ſeiner Frau mit einem bedeut⸗ ſamen Blick;„Lenchen, geh' und ſorge für die Gaſt⸗ zimmer! Du wirſt ihm geben das ſilberne Lavoir und die Kanne, was ich hab' gekauft in der Auction von der Fürſtin von Wachlitz, und die feinſten Handtücher von Kammertuch. Du wirſt ſorgen für die beſte Tafel: Faſan und Rothauge,— ich hab' ſie verſchrieben expreß vor ihm. Alles nur fein, recht fein, Lenchen! Hörſt Du? Er muß ſehen, daß wir ihn ehren.“ Leonie lehnte am Pianino und ſah ihren Vater mit ironiſch kühlem Lächeln und halb erwartungs⸗ 8* 116 voll an. Herr von Magnus trat auf ſie zu, nahm ihre Hand und führte ſie zum Divan, wo er ſie neben ſich niederzog.„Mein Kind, ich habe mit Dir zu re⸗ den“, hub er an und fixirte ſie über die Gläſer ſeiner goldgefaßten Brille hinweg mit halb verlegenem Ernſt, der komiſch anzuſehen war.—„Ich höre, Papa; was ſoll's denn?“—„Sei mir ruhig und laß mich reden, mein Herzchen! Die Mama wird Dir geſagt haben, daß es mein Wunſch wäre, Dich mit Auheim zu ver⸗ heirathen. Meine Verhältniſſe ſind augenblicklich nicht mehr, wie ſie waren; ich habe Unglück gehabt, Verluſte; aber es war nur Geld, das überall an der Straße liegt, und das wir wieder verdienen können.“ „Ich weiß, Papa; wir ſprachen gerade davon, als Du kamſt. Um aber offen zu ſein, muß ich Dir ſagen, daß ich nicht die mindeſte Neigung zu Auheim fühle, der meinem Ideal von einem Manne gar nicht entſpricht.“ „Ich weiß, ich weiß, mein Kind! Aber wer wird ein Ideal heirathen? Ein vernünftig Mädchen heirathet eine gute Parthie, einen Mann der Glück hat— und Auheim hat Glück, ein ſeltenes Glück; alles was er anfaßt, iſt ihm ſeither gelungen, er hat es weit ge⸗ bracht in den wenigen Jahren. Auheim iſt ein Mann, der viel Geld verdient, ein gemachter Mann. Du wirſt ein reiches Nadelgeld und Equipage haben, wirſt ein 117 großes Haus machen, ein Haus, wie es heutzutahe keine Gräfin macht, und haſt einen Mann, der T Dich anbetet, den Du um den Finger rollen kannſt. Ich ſag' Dir, er hat mich beinahe gefoltert um mein Ja⸗ wort. Wir ſind Handels einig geworden, unter der Bedingung, daß Du willſt, mein Herzchen. Er iſt nun Rittergutsbeſitzer, und bringt Dir eine Morgengabe von ſechszigtauſend Thaler zu, radicirt auf dem Gute Strahlenberg; er gibt Dir fünftauſend Thaler Nadel⸗ geld, mehr als manche Gräfin zu verzehren hat. Er will Deinen Bruder Achille in's Geſchäft nehmen. Kurz, das Geſchäft iſt gemacht, wenn Du ſagſt ja. Und Du wirſt es ſagen, mein Herzchen!“ „Hm, das iſt noch nicht ſo ganz ſicher, Papal“ ſagte Leonie, neigte ihr Köpfchen auf die Seite, und trippelte mit der Fußſpitze auf den Teppich, während ſie die ſchönen Ringe an den Fingern drehte.„Du weißt, ich habe keine Neigung zu Auheim; er iſt klein und geziert und war Schauſpieler. Ich werde mich lächerlich machen, wenn ich mich nach meinen früheren hohen Prätenſionen mit dieſem Männchen, dieſem Em⸗ porkömmling zufrieden gebe.“ „Leonie, Du warſt immer ein kluges Kind und haſt Dich nie verplempert, darum ſei auch jetzt klug und beſonnen. Was kümmert Dich, was Auheim war ——————————— 118 und was die Leute darüber denken? Gibt Dir jemand einen Pfennig umſonſt? Sieh', ich bin geweſen ein Factor, ein geplagter Knecht bei die polniſchen Edel⸗ leute, hab' gemacht manchen Diener, hab' mich knuffen und ſchelten laſſen; aber ich bin reich geworden, und hab' ſie wieder geknufft und gezwickt und ſie haben mir gebeten und gute Worte gegeben, und manche ſtolze Pania hat mir ſüße Augen gemacht von wegen meines Geldes, die mich zuvor hatte getreten mit Füßen. Ich habe eine ſchöne Zeit gehabt, wo ſie mir ſchmeichelten und liebkoſten und froh waren, zu ſpeiſen mit dem Herrn von Magnus, den ſie zuvor hatten getreten un⸗ ter die Füße. Dieſe Zeiten werden wieder kommen, aber wann? das weiß nur Gott im Himmel. Du kannſt es nicht abwarten, mein Kind, Du biſt zwanzig. Könnt' ich Dir ein Rittergut ſchuldenfrei zur Morgen⸗ gabe geben, ſo hätteſt Du die Wahl zwiſchen Grafen und Baronen, wie ich Dir's verſprochen; aber heute kann ich Dir nur geben eine ſchöne Ausſtattung, wozu ich das Geld habe verdient als Proviſion für den Ver⸗ kauf von Strahlenberg, welcher durch meine Hand ge⸗ gangen iſt..“ „Aber pfui doch, Vater! Du nahmſt eine Gebühr von dem Gut, das Du Deinem Freund und Si ſohn verkaufteſt?“ rief Leonie. —— 119 „Kann ich es nicht nehmen mit gutem Gewiſſen wenn ich es ihm wieder gebe durch Dich?“ verſetzte Herr von Magnus;„hat er dadurch nicht im Grunde nur wohlfeiler gekauft? Und warum nicht? Bezahlt doch die Proviſion der Verkäufer, der Baron Schlieffen⸗ wald!— Aber wenn ich nun auch reich wäre und Dir gäbe ein Rittergut und einen Grafen; Gott, wo wäre da das Glück? Was iſt ein Graf? Ein Mann der kein Geld verdienen, nur verſchwenden kann; der den Tänze⸗ rinnen nachläuft und in den Bädern Hazard ſpielt, der Deine Eltern verachtet, die ſich's haben ſauer werden laſſen vor Dir, und der Deiner Kinder Vermögen im Unverſtand wirft vor die Hunde!— Und was iſt Au⸗ heim? Auheim iſt ein geriebener, geſcheidter Mann, der Geld verdient hat und zu verdienen weiß, der Glück hat und es ausbeutet, der mit Deines Vaters Rath noch viel Geld verdienen und Dir ein bequemes, ſor⸗ genfreies, angeſehenes Leben machen, der Dich halten wird wie eine Fürſtin! Und wenn Du erſt ein Haus machſt, da werden ſie alle kommen, Dir zu ſchmeicheln und zu wedeln und zu lobhudeln, die großen Offiziers und die gnädigen Herren und die ſtolzen Comteſſen, die ohnedem ſind wie die Fliegen um's Licht, und ſie werden froh ſein, wenn ſie können naſchen von den Brocken vom Tiſche des Schauſpielers, des wandernden 120 Komödianten, und ſie werden dereinſt froh ſein, wenn Dein Mann iſt ein Millionär und hat geſammelt für ſeine Kinder, daß Deine Söhne zu ſich emporziehen ihre bleichen Fräuleins in den goldenen Glanz!— Gott, es iſt ein ſchönes Ding um die Vornehmheit und den Adel, aber dahinter muß ſtehen ein großer Reichthum!“ Leonie hatte die roſige Unterlippe zwiſchen die klei⸗ nen Zähne genommen und hartnäckig auf die Blumen des Teppichs geblickt, auf welchem ſie mit ihrer Fuß⸗ ſpitze einen haſtigen Wirbel ſchlug. Als ihr Vater innehielt, ſchwieg ſie noch immer, als ob ſie ſich das überlegte, was er ihr ſpeben mitgetheilt hatte.—„Und Du glaubſt, Papachen, daß Herr Auheim mir mich liebt?“ fragte ſie endlich. „Du lieber Himmel! Verſchoſſen iſt er in Dich, ſeit damals wo wir beim Abſchluß zuſammen ſpeiſten und ſpazieren fuhren und im Theater waren. Er hat mir's geſchrieben, er hat mir's geſagt, daß eine Ver⸗ heirathung mit Dir ſein Lebensglück begründen würde, daß er eine Verbindung mit uns ſuche. Er hat in jedem Briefe Dich und die Mutter grüßen laſſen; er iſt verliebt bis über die Ohren! Er wird Dich auf den Händen tragen und für Dich arbeiten Tag und Nacht, damit Du nur in Glanz und Behagen leben kannſt. Er wird Dich umgeben mit allem, was das Herz er⸗ 121 freut; Sommers wirſt Du reiſen und in den großen Bädern ſein, und Winters wirſt Du leben, wo Du willſt, in Paris, in Berlin, in Wien;— er wird Dir nichts abſchlagen, wenn Du ihm nur— aus Dankbar⸗ keit, mein Herzchen, nicht aus Liebe wie in den Komö⸗ dien— nur ein klein wenig gut biſt. Und ſieh nur, dort kommt er herangefahren in der neuen Britſchka, die er übernommen hat mit dem Gute,— nit Deinem Rittergut, mein Herzchen!“ ſetzte er nach einem Blick aus dem Fenſter hinzu und ſtand raſch auf. Leonie war ebenfalls aufgeſtanden und hinter das Gitter mit den Schlingpflanzen getreten, von wo aus ſie ſehen konnte, ohne geſehen zu werden. So, iz dem Wagen, den zwei feurige, behende polniſche Pferde zo⸗ gen, auf dem hohen Sitzkiſſen halb ſtehend, in ele⸗ gantem Pelzrocke, den noch kleineren Groom in erbs⸗ farbenem Ueberrock, gallonnirtem Hute und verſchränkten Armen neben ſich, machte Herr Auheim allerdings keine allzu ſchlechte Figur, und ſah mindeſtens ebenſo vor⸗ nehm aus wie mancher Edelmann. Ohnedem hatte Auheim aus ſeiner frühern Künſtlerlaufbahn eine gewiſſe Anmuth und Sicherheit des Auftretens mit herüber genommen, welche keine ungünſtige Wirkung auf die Menſchen ausübte, wenn es ihm gerade darum zu thun war, ſeine ſtark hervortretende Eitelkeit etwas zu 12 dämpfen. Als der Wagen durch das Thor in den Schloßhof einfuhr und hielt, grüßte Herr Auheim graziös mit der Peitſche herauf, warf die Zügel ſeiner dampfenden Pferde dem herbeigeeilten Diener zu und ſprang behend vom Wagen und die Treppe hinauf. Herr von Magnus war ihm entgegengeeilt, und Leonie eben im Begriff, auf ihre Zimmer zu enteilen, um ſich in beſſern Putz zu werfen, als Auheim ſchon im Vor⸗ zimmer erſchien und ſie mit leuchtenden Augen be⸗ grüßte. „Seien Sie uns herzlich willkommen, und nehmen Sie unſern aufrichtigen Glückwunſch zur Nachbarſchaft!“ ſtammlte Leonie und that halb verlegen, halb beſchämt, als Auheim ihr mit einem gewiſſen ſtürmiſchen Eifer ſeinen Gruß darbrachte und ihre kleine, weiße, mit Juwelen geſchmückte Hand an ſeine Lippen zog. Es gelang ihr, ein Erröthen auf ihr Antlitz zu bringen und ihre Hand zittern zu machen, als ſie ihn flüchtig mit einem glänzenden Blicke anſchaute. Dann aber machte ſie Anſtalt, ſich loszureißen und ſtammelte: „Verzeihen Sie, Herr von Auheim, daß Sie mich noch in dieſem Hauskleid antreffen. Erlauben Sie mir, mich für einen Moment zu entfernen und meine Toi⸗ lette in eine Verfaſſung zu bringen, die eines ſolch ver⸗ ehrten Gaſtes würdig iſt!“ 123 „Oh, bitte, bleiben Sie, mein gnädiges Fräulein!“ bat er halblaut und im flötendſten Tone;„Sie ſind ja ganz allerliebſt in dieſem hellen Morgenkleide. Sie werden mich doch nicht ſo ceremoniös behandeln wollen, daß Sie mir Ihre häusliche Behaglichkeit aufopfern wollten?“ „Oh, nein, nein!“ ſtammelte ſie und affectirte eine ſteigende Befangenheit;„Sie ſind ja uns Allen ein lieber, lieber Freund! aber bitte, bitte, laſſen Sie mich!“ und mit einem flüchtigen Händedruck befreite ſie ihre Rechte aus der ſeinigen und tänzelte eiligſt davon. Auheim war ganz wohl zu Muthe.„Lieber, lieber Freund!“ tönte es in ſeinem Herzen nach, und er maß das raſche Entfliehen der Angebeteten einem jungfräu⸗ lich züchtigen Wunſche bei, ihm ihre holde Verlegenheit, die Erregung ihres Herzchens zu verbergen, das ihm nicht mehr ganz gleichgiltig ſei. Mit lautem Jubel in ſeiner Bruſt folgte er Herrn von Magnus in's Fa⸗ milienzimmer, wo er von der Frau vom Hauſe be⸗ grüßt und wo alsbald ein ganz vortreffliches feines Frühſtück aufgetragen ward. Die Frau Kammerrath nöthigte ihren lieben Gaſt zum Zugreifen, immer je⸗ doch mit der Entſchuldigung, daß ſie vor Ueberraſchung ihm kein ſo gewähltes Frühſtück bieten könne, wie es ſeiner würdig wäre, und Herr von Magnus ſchenkte Auheim ein Glas Tokayer um das andere ein, mit der Betheuerung, nach einer mehrſtündigen Fahrt in der ſcharfen Morgenluft dürfe man den Wein nicht ſparen. Und dabei rühmte er Auheim wieder die Vortheile ſeines Kaufs, bezeichnete ihm die noth⸗ wendigen Meliorationen, wies ihm beſondere Vortheile bei der Verwerthung ſeiner Producte und der Ausbeu⸗ tung ſeiner grundherrlichen Rechte nach, und redete den neuen Gutsbeſitzer in die Ueberzeugung hinein, daß er nicht glücklicher hätte ſpeculiren können, als mit dieſem Gute. Und doch war Auheim der Gutskauf in dieſem Augenblick Nebenſache; er hatte nur noch Sinn für ſeine Liebe, denn der alte Knabe war wirk⸗ lich bis über die Ohren in Leonie verliebt. Der weiche ſchüchterne Ton, womit ſie ihn ihren lieben, lieben Freund genannt, klang noch in ſeinem Geiſte nach, und er wähnte den leiſen Druck ihrer Hand noch in der ſeinigen nachzufühlen. Jetzt trat Leonie wieder ein, und dem verliebten Auheim ging das ganze Herz auf, als ſeine Blicke den ihrigen begegneten und Leonie mit einer ſcheuen Ha die Augen ſenkte. Sie war in der That auch ver⸗ führeriſch reizend: eine weite bauſchige Robe von grauer Moire⸗antique rauſchte von den Hüften hernieder, eine weiße Blouſe von feinem reichgeſtickten Battiſt zeigte 125 halb verhüllend, halb errathen laſſend die plaſtiſche Schönheit einer reizenden Büſte, und contraſtirte wie⸗ derum mit einer ſpaniſchen Jacke vom reichſten dunkel⸗ blauen Seidenſammet, die mit weißen ſeidenen Moire⸗ Bändern, ſchwarzen Spitzen und Seidenlitzen reich garnirt war. Duftige Vorärmel vom zarteſten Gewebe ließen die ſchönen Linien eines vollen Armes durch⸗ ſchimmern und waren an den Handgelenken durch ein⸗ fache gegliederte goldene Armbänder befeſtigt. Um den reizenden ſchlanken Hals ſchlang ſich eine Schnur Ko⸗ rallen mit einem Brillantenſchloß, und hob die Friſche des brünetten Teints. Das Köpfchen aber war wirk⸗ lich reizend und verführeriſch aufgetakelt. Die dunk⸗ len Augen ſchwammen in einem feuchten Glanze Leonie hatte ſo eben einige Tropfen Eau de Cologne auf ei⸗ nem Stück Zucker genommen, um dieſen Zweck zu er⸗ reichen; durch das üppige, glänzend ſchwarze, wellige Haar ſchlang ſich eine Doppelſchnur von Perlen und Korallen in Verbindung mit einer einfachen anmuthigen Cviffüre von ſchwarzen Spitzen und carminrothen Sammtbändern, und in den winzig kleinen ſchöngeform⸗ ten Ohren hingen kleine goldene Knöpfe mit je einem ſchönen Roſenrubin. Rechnet man dazu noch einen ſehr hübſchen geſchmeidigen Wuchs über Mittelgröße von herrlichem Ebenmaß, ein blühendes Geſicht von reinſtem 126 Oval mit großen ſchwarzen Augen, friſchen Lippen, prächtigen kleinen Zähnen und einer ſchön geſchwunge⸗ nen orientaliſchen Naſe, dunklen Wimpern und ſtarken Augenbrauen, geſellt man dazu noch die Friſche der Jugend und den Wunſch zu gefallen, ſo iſt es nicht zu verwundern, daß Auheim, der ſich ſehr gut auf weib⸗ liche Reize verſtand und ein bischen Roué war, ſich von der heimlichen Gluth dieſer pikanten Erſcheinung ungewöhnlich angemuthet und herausgefordert fühlte. Der Tokayer hatte ihm ohnedem das Blut, der Champagner die Phantaſie erhitzt, und als unter Leoniens Betheiligung das Geſpräch eine allgemeinere Wendung nahm und ſie mit ihm auf gute Nachbar⸗ ſchaft und einen freundlichen wechſelſeitigen Verkehr an⸗ geſtoßen hatte, ruhten ſeine Blicke auf ihr mit einer Gluth, welche Leonie wirklich das Blut in die Wangen trieb. Der Lakai meldete, daß der Verwalter den Herrn Kammerrath auf einen Augenblick zu ſprechen wünſche, und Herr von Magnus verließ das Zimmer; ſeine Gattin folgte ihm nach einer Weile unter einem plau⸗ ſiblen häuslichen Vorwand. Das junge Paar war allein; Leonie ſaß dem verliebten Auheim verführeriſch nahe neben dem Sopha. Im erſten Augenblick war ihm 2 dieſe Situation, die er ſich ſchon lange erſehnt hatte, ——— etwas beengend; ſein Athem ſtockte, ſeine glühenden Blicke hingen verzehrend an dem hübſchen Mädchen, das ebenfalls befangen erſchien und geſenkten Blickes und in aufglühender Röthe der Verlegenheit mit dem Fuß des feinen Kryſtallkelches ſpielte. Endlich aber ward das Schweigen peinlich und Leonie, als die Ge⸗ faßtere, ſuchte es zu brechen. „Wir find ſo froh, daß Sie ſich in unſrer Nach⸗ barſchaft niedergelaſſen haben, Herr von Auheim!“ ſprach ſie und ſchlug das große dunkle Auge halb ſcheu zu ihm auf;„wir haben ſo wenig Umgang mit den benachbarten adeligen Familien. Die Geburts⸗Ariſto⸗ kratie ſieht immer mit einem gewiſſen abgünſtigen Vor⸗ urtheil auf uns Leute von heute und geſtern herab!“ „Sagen Sie, mit einem gewiſſen Neide, mein Fräu⸗ lein!“ verſetzte Auheim;„wo können alle die gnädigen Comteſſen und Baroneſſen die glänzenden Eigenſchaften des Geiſtes und Herzens aufweiſen, welche Sie zieren? Es iſt das préstige der Ariſtokratie des Verdienſtes, das jene Menſchen in ihren traditionellen Vorrechten zu beſchränken droht, darum haſſen, fürchten, beneiden dieſe Sie! Sie ſind ſo ſchön, ſo gediegen und reizend zugleich, Fräulein....“ „Sie ſchmeicheln, Herr von Auheim, ich bin ein 128 einfaches Landmädchen,— treu und wahr!“ ſtammelte ſie mit geſenktem Blicke und entzog ihm zögernd ihre bebende Hand.„Und Sie ſind alſo mit der Erwer⸗ bung Ihres ſchönen Strahlenberg ganz zufrieden, Herr Auheim? Ach, es hat eine entzückende Lage!“ ſetzte ſie hinzu und ſchlug ſchwärmeriſch das Auge auf. „Es wäre ein Paradies, Leonie, wenn ich es mit Ihnen theilen Zürfte!“ platzte Auheim heraus;„oh, reden Sie ein Wort, meine theure himmliſche Leonie, und es gehört Ihnen.... Leonie, ſüße engelhafte Leonie, ich liebe Sie, ich bete Sie an; ich kann nicht leben ohne Sie.. Ach, entfliehen Sie mir nicht, nur jetzt iicht Leonie war mit allen Zeichen der Ueberraſchung aufgeſprungen und hatte ſich loszureißen verſucht, aber er hielt ihre Hand feſt und drückte ſie an ſein Herz, an ſeine Lippen. „O Gott, Herr von Auheim, Sie erſchrecken mich!“ ſtammelte ſie;„das kommt ſo plötzlich, ſo überraſchend! Seien Sie edel, Leopold, mißbrauchen Sie dieſen Angenblic nicht!“ „Wie ſo denn, meine theuerſte Leonie? Was thu' ich denn Unedles?“ fragte er mit beflügelter Haſt, denn er ſah ſie beben und wieder in ihr Fauteuil ſinken. „Sie Sie profaniren mein Geheimniß,— Sie 129 entlocken mir das Geheimniß, daß ich... daß ich Ih⸗ nen nicht mehr gleichgiltig...“ „Leonie, himmliſches Mädchen! Iſt dieß wahr?.. O Gott, wie glücklich machen Sie mich?... Leonie, ich darf alſo hoffen?...“ Er wollte ihr zu Füßen ſinken, um die Sache recht pathetiſch zu machen; aber ſie be⸗ deckte ſich ſchnell die Augen, raffte ſich auf, riß ſich los und entfloh durch die Enfilade der Zimmer zur Rech⸗ ten. Auheim folgte ihr; ſo verliebt er auch war, ſo beſaß er doch Routine genug um zu begreifen, daß er das Eiſen ſchmieden müſſe, ſo lange es glühe, und daß man bei ſolchen Gelegenheiten ſich nicht ſcheuen dürfe, etwas demonſtrativ zu ſein. Als er ſie endlich in dem Eckzimmer einholte, wo wir Leonie vor einigen Stun⸗ den am Stickrahmen getroffen haben, als er ſah, wie ſie ſich in den Divan geworfen und das Geſicht in die Kiſſen gedrückt hatte, legte er zärtlich und delicat den Arm um ihre Taille, richtete ihr Köpfchen auf und flüſterte:„Leonie, Herzenskind, habe ich Ihnen wehe gethan?“ „O nein, Leopold, es ſind nur... Thränen der Freude, der Ueberraſchung! Sie böſer, ſtürmiſcher Mann!“ „Leonie! Engel! Du willſt alſo mein ſein?“ „Kann ich denn anders?“ flötete ſie leiſe, mit Mylius, Ein Meteor der Börſe. I. 9 130 verzückten Angen, und ihr reizendes Köpſchen ſank matt wie eine vom Winde geknickte Blume an ſeine Bruſt. Ihre Lippen fanden ſich im glühenden Kuſſe, und Au⸗ heim hielt die ſchöne Leonie feſt umſchlungen, die ſchlaff, mit hochwogendem Buſen und ſtockendem Athem an ihm hing und beide Arme um ſeinen Nacken geſchlun⸗ gen hatte. Der Herr Kammerrath hatte ſo viel Tact, dieſe pathetiſche Scene nicht zu ſtören, obſchon er in's Neben⸗ zimmer getreten war. Die weichen Teppiche erſtickten ſeinen Schritt, als er raſch in's Familienzimmer hin⸗ übereilte, wo ſeine Frau einſtweilen Kaffee und Cigar⸗ ren auf den Tiſch geſetzt hatte, und ſich über die Ab⸗ weſenheit der jungen Leute zu wundern ſchien. „Aanton“, fragte ſie gedehnt.„Wo iſt denn das Kind und der Herr von Auheim?“ Der Kammerrath fiel ihr im Uebermaß ſeiner Vaterfreude um den Hals und ſagte„Lenchen, ſie hat ihm, ſie hat ihm! Es iſt richtig! Er hat ihr ſeine Liebe erklärt, und ſie küſſen ſich wie die Täubchen!“ „Ach geh' doch, Aanton! Wer wird ſo reden!“ ſagte Frau von Magnus;„er küßt ſie, aber die Leoninche hat zu viel Tact und Selbſtachtung, um ihn zu küſſen.“ „Nu, wer weiß? Iſt er doch wirklich ein ſchmucker Mann!“ ſagte der Kammerrath;„und Leonie iſt auch von Fleiſch und Blut.“ In dieſem Augenblick kam das Liebespaar heran, die Arme einander um den Nacken geſchlungen, ſtrah⸗ lenden Auges, glühenden Angeſichts, ſelig lächelnden Mundes. „Gott, was iſt das? Ganz wie Paul und Virchinche!“ rief die Frau Kammerrath, aber im nächſten Augen⸗ blick faßte ſie ſich wieder ganz mit dem würdevollen Tact der Frauen, der ihnen in jeder Lebenslage zu Hilfe kommt. „Meine theuren Eltern, ſegnen Sie uns! Wir ſind Ein Herz und Eine Seele!“ ſagte Auheim, und dieſer Erguß war ihm wirklich Ernſt. 5* „Gott im Himmel ſei gedankt, mein ſtiller Wunſch iſt erfüllt! Gott ſegne Euch, wie ich Euch ſegne!“ ſagte Frau von Magnus, und umarmte beide unter zärt⸗ lichen Mutterthränen. Ihre feierliche Würde ſtrahlte einen Theil ihres energiſchen tiefen Gefühls auf den Kammerrath zurück, der ſich deßhalb auch einer wortreichen Herzensergießung enthielt, und nur Auheim verſicherte, daß er mit Leonie glücklich ſein werde, und von ihm erwarte, daß auch er ſie lieb halten und glück⸗ lich machen werde, da ſie von jeher ſein gutes Kind geweſen ſei.— Aber Eines konnte er ſich nicht verſagen, 9* 2 nämlich ſogleich ein Telegramm an ſeinen Sohn Agron⸗ Achille nach Paris abzuſenden, welches ihm die Ver⸗ lobung der Schweſter ankündigte „Beſte Mamg, Sie müſſen mit Lepnie mir nach der Stadt folgen“, ſagte Auheim zu Frau von Mag⸗ nus.„Ich werde ſogleich Cäſar mit einem Briefe an meinen Buchhalter Otte abſchicken, damit Ihnen die Velletage meines Hauſes zu einem würdigen Abſteige⸗ quartier eingerichtet werde, denn ich will meine ſüße angebetete Verlobte immer um mich haben und einen recht ſeligen Brautſtand genießen. Ich will der ganzen Welt mein Glück zeigen und mit meinem herrlichen Kleinod prunken!“ „Mein lieber, lieber Leopold!“ flüſterte Leonie und ſchmiegte ſich zärtlich an ihn an;„Deine Wünſche ſind mir Befehl und Mama wird gewiß gern unſern ver⸗ einten Bitten nachgeben. D Mama, dieſe ſeligen Tage werden Dich gleichſam verjüngen, und an Deine eigene Liebe erinnern!“ „Und zu Neujahr muß die Hochzeit ſein, und die Hochzeitsreiſ⸗ macht ihr nach Paris zum Bruder“, fiel der Kanmerrath ein, bei welchem ſich der praktiſche naterialiſi che Geſ ſchäftsmann nicht verleugnete;„und eine Hochzeit will ich meinem lieben Kinde ausrüſten, daß die ganze Propinz davon reden ſoll!“ 133 „Ach nein, Papa, wir machen's einfach“, ſagte Leonie;„jedenfalls nicht über hundert Couverts beim Hochzeitsdiner, und ein recht gewählter Kreis. Wir wollen uns ein wenig zurückhaltend zeigen, damit man es für eine Ehre anſehen ſoll, bei unſrer Hoch⸗ zeit zu ſein,— nicht wahr, lieber Leopold?“ Siebentes Kapitel. „Herr Otte, auf ein Wort!“ „Sie befehlen, Herr Auheim?“ Der kleine Bankier verriegelte die Zimmerthüre und empfing ſein Factotum mit einem ſehr wichtigen Geſicht. „Ich habe für Sie da einen kleinen Auftrag Otte, der mit Tact und Delicateſſe beſorgt ſein will“, hub Auheim an und warf ſich am Kamin in die bekannte Poſitur. „Da ſchreibt mir der Hauptmann Dotter von der Ar⸗ tillerie einen de⸗ und wehmüthigen Brief um zwölfhundert Thaler, die er zwiſchen heute und morgen haben muß, wenn er nicht ruinirt ſein ſoll. Der Mann appellirt an meine Freundſchaft, Ehrgefühl, Discretion— na, Sie kennen ja die Redensarten, Otte! Ich halte ihn für einen ehr⸗ lichen Kerl; er iſt auch einer unſerer geiſtvollſten Offiziere, wenn gleich einer der ſtolzeſten und wenigſt umgäng⸗ ——— — — lichen, auch bei ſeinen Vorgeſetzten nicht zum beſten an⸗ geſchrieben— ſoll ein heimlicher Demokrat ſein. Na, kurz und gut, in früherer Zeit, als ich noch den Offizieren hie und da aus Gefälligkeit Wechſel discontirte, hab' ich zuweilen auch mit Dotter Geſchäfte gemacht; war immer der pünktlichſte von allen, ließ nie prolongiren, hielt immer am Verfalltag gewiſſenhaft ein. Das hat ſeine Richtigkeit, und darauf ſtützt ſich der Mann nun. Aber ſagen Sie, können wir zwölfhundert Thaler auf drei Mo⸗ nate entbehren, wenn wir nicht Effecten damit erwerben, die wir wieder in Cours geben können?“ Otte zuckte die Achſeln.„Die Caſſe iſt kaum ſtark genug die laufenden Ausgaben zu decken“, ſagte er;„Sie wiſſen, daß der Kaufſchilling für Strahlen⸗ berg—“ „Ja ja, ſchon gut, Otte, ſchon gut!“ fiel ihm Au⸗ heim ungeduldig in's Wort;„ich kenne Ihr Sprüchlein ſchon, das Sie mir ſeit Wochen bei jeder Gelegenheit zu hören geben. Dachte mir's ja, daß wir es nicht machen können. Habe mich auch geſtern Abend in der Reſſource noch erkundigt und finde, daß man dem Dotter das Waſſer abgraben will; er ſoll entlaſſen, caſſirt oder irgendwie unſchädlich gemacht werden, ſobald ſich eine Gelegenheit dazu darbietet; und unſere Herren Stabs⸗ offiziere und Junker wiſſen eine ſolche Gelegenheit nö⸗ 136 thigenfalls vom Zaune zu brechen. Bin daher entſchloſſen, nichts für ihn zu thun, auch wenn ich könnte.„Ein Schiff, das die Ratten verlaſſen!— Sie kennen ja den Spruch, Otte! Darum ſollen Sie hingehen und ihm den Be⸗ ſcheid bringen, daß es mir leid thue, daß ich aber ſelbſt mit dem beſten Willen nicht im Stande ſei und dergleichen mehr,— Sie können ihm die Pille beliebig vergolden!“ „Ich, Herr Auheim?“ fragte Otte betreten. „Ja, Sie, Sie ſollen das beſorgen! Leſen Sie dieſen Brief und handeln Sie nach Gutdünken!“ „Erlauben Sie mir nur eine einzige Einwendung, Herr Auheim! Ich ſträube mich nicht gegen den Auf⸗ trag, als ob er mir unangenehm wäre, ſondern weil es nach meinem Gefühl für einen Mann in Hauptmann Dotter's Lage kränkend ſein muß, ſein Geheimniß in fremden Händen zu ſehen,— weil ich es an Ihrer Stelle. nicht über's Herz bringen könnte, eine abſchlägige Ant⸗ wort durch einen Andern ertheilen zu laſſen.“ „Hören Sie'mal Otte,“ verſetzte Auheim etwas gereizt;„bleiben Sie mir mit Ihren verkappten Vor⸗ leſungen über Takt und Savoir-faire vom Halſe, ich bin alt genug, um ſelbſt zu wiſſen, was ſich für mich ſchickt. Was liegt mir an dem Hauptmann? Soll ich aus purer Galanterie und Delicateſſe zwölfhundert Thaler verlieren? Begreifen Sie nicht, daß wenn ich ihm ſchreibe, — —————— 437 ich bedauere momentan nicht in der Lage zu ſein, ihm dienen zu können, er mir das Anſinnen ſtellen wird, 5 ihm wenigſtens einen ſolchen Betrag zu acceptiren, und daß ich gerade dieſe Eventualität umgehen möchte?— Dotter iſt nun einmal anrüchig und zum Opfer auser⸗ ſehen; ich will aber nichts mit einem Menſchen zu thun haben, der einmal Pech hat. Bin abergläubiſch in dieſem Stück wie Rothſchild; will überhaupt mit dem Haupt⸗ mann nichts mehr zu thun haben— voilà tout!“ „Aber er iſt doch Ihr Freund, Ihr Duzbruder?“ ſagte Otte nach einem Blick auf den Brief, den ihm Au⸗ heim gegeben. 5„Bah, hab' einmal bei einem Banket an Königs Geburtstag mit ihm Brüderſchaft getrunken, bin mit ihm in der Loge. Aber in Geldſachen hört die Ge⸗ müthlichkeit auf, wie Sie wiſſen. Alſo gehen Sie zu ihm und fertigen Sie ihn ab, wie Sie wollen. Ich werde auf's Land gehen, nach Strahlenberg und dann nach Moritzburg zu meiner kleinen ſüßen Leonie.“ Da⸗ mit rief er Cäſar und begann ſeine Toilette zu machen. DOtte aber las den Brief aufmerkſam. Er lautete: „Lieber Freund Auheim!“ „Ich kenne Dich als einen Mann von unge⸗ wöhnlicher Energie des Charakters und ſeltenen Eigenſchaften des Herzens; Du haſt außerordentliche — 138 Schickſale erfahren, und weißt darum außergewöhn⸗ liche Lagen im Leben auch zu begreifen. Deßhalb, und weil wir uns ſeit Jahren kennen, nehme ich jetzt in einem höchſt ernſten Momente mein Herz in beide Hände, und werfe mich vertrauensvoll an Deine Bruſt. Bewähre Dich mir als Freund, und Du wirſt mich Dir auf Lebenszeit zu Dank ver⸗ pflichten. Ich muß bis übermorgen Mittag zwölf⸗ hundert Thaler in Wechſel⸗ und Ehrenſchulden bezah⸗ len, und kann ſie nirgends bekommen. Man hat von einer gewiſſen Seite her mit einer nichtswürdigen Indiscretion meine Privatverhältniſſe zu ermitteln geſucht und mir alle Hilfsquellen abgeſchnitten, um mich zu ruiniren. Du weißt, daß ich zum militä⸗ riſchen Gouverneur des Prinzen Carl Friedrich be⸗ rufen worden bin ohne mein Zuthun, und daß ich dadurch den commandirenden General zu meinem Gegner habe, deſſen Sohn mein Mitbewerber war. Von dort her ſcheint das Gewitter zu drohen, das über mir ſchwebt. Aber nur jene Summe nnd acht Tage Ruhe und klaren Kopf, und der Streich iſt parirt! Muß ich quittiren, weil ich meine Wech⸗ ſel⸗ und Ehrenſchulden nicht bezahlen kann, ſo iſt jene Stelle für mich verloren, und der Sohn des Generals ſieht ſeinen Concurrenten beſeitigt. Was — 139 für mich dahinter liegt, iſt fürchterlich,— mehr für meine arme Mutter als für mich. Auheim, lieber Freund, ich beſchwöre Dich, rathe, hilf mir auf irgend eine Weiſe. Gott iſt mein Zeuge, Du wirſt teinen Undankbaren verpflichten. Du wirſt auch ermeſſen, was es mich koſtet, Dich um dieſe Hilfe anzugehen, aber beim Himmel! nur der Gedanke an meine Mutter, nur die Furcht, dieſer das Herz zu brechen, führt mir die Feder, um Dich in den ganzen Abgrund der Verzweiflung blicken zu laſſen, welcher ſich vor mir aufthut. Mein Freund, wenn es in Deinen Kräften ſteht, mir zu helfen, ſo laß mich Dir nicht vergebens gleichſam mit meinem Herzblut geſchrieben haben! In Eile und hoffnungsvollem Vertrauen Dein Edmund Dotter.“ Otte wollte den Brief ſtumm zurückgeben, denn der Inhalt hatte ihn ſo tief erſchüttert, daß er keine Worte fand.—„Behalten Sie, verbrennen Sie ihn!“ ſagte Auheim vor dem Spiegel;„ich habe keine Zeit mehr, mich damit zu befaſſen, wenn ich den Bahnzug nicht verſäumen will. Dotter hat heute früh ſchon zweimal ſeinen Burſchen hergeſchickt und um Antwort bitten laſſen!“ „Sie wollen ihm alſo nicht helfen, Herr Auheim?“ das Spiel verloren, Otte?“ „Dann wird ihm nichts übrig bleiben, als ſich eine Kugel durch den Kopf zu jagen,— ein Gedanke, der ihn offenbar ſchon jetzt lebhaft beſchäftigt“, ſagte Ot.⸗ wehmüthig angeregt von dieſem Gedanken. „Bah, man beſinnt ſich doch noch einigermaßen, ehe man zur Piſtole greift, zumal wenn man, wie Dotter, etwas Rechtes gelernt hat und ſich allfällig auch noch anderweitig fortbringen kann“, ſagte Auheim gleichgiltig. „Und obſchon es mir um den Mann leid thun ſollte, ſo kann ich eben doch nicht anders handeln. Heutzutage hat jeder nur an ſich ſelbſt zu denken.— Und nun gehen Sie nur, damit er mir nicht noch perſönlich auf den Hals kommt!“ Otte kleidete ſich raſch an und ging nach Dotter's Wohnung, am entgegengeſetzten Ende der Stadt. Sein Gemüth war ſehr trübe geſtimmt, er fühlte eine Art Grauen oder Abſcheu vor Auheim, der ſich ihm von einer ganz unerwarteten Seite gezeigt hatte, als ein herzloſer Egoiſt, als ein rechter Alltagsmenſch;— um ſo größer aber war ſein Mitgefühl für den armen Offizier, dem jetzt der Boden der Standesvorrechte ſo ſehr unter den Füßen ſchwankte und der ſich in dem verhängniß⸗ vollſten Augenblick ſeines Lebens von allen Freunden „Kann ich's denn? Sehen Sie nicht ſelbſt, daß er — 144 verlaſſen und ſelbſt in der Zuverſicht auf die augen⸗ ſcheinlich letzte Hoffnung getäuſcht ſah. Otte kannte den Hauptmann kaum von Geſicht, hatte aber von deſſen Kenntniſſen und vielſeitiger Bildung immer nur mit Achtung ſprechen hören; er wußte, daß Dotter eine Rolle in der„Geſellſchaft“ ſpielte, daß er eines der Orakel in Sachen der Kunſt und Wiſſenſchaft in der Stadt war. Und von all dieſen Menſchen, die den Hauptmann ſo hoch zu halten und zu feiern ſchienen, hatte alſo keiner ſich bereit finden laſſen, dem unglücklichen Manne zu helfen, wo es ſich wegen einer kleinen Summe für ihn um Sein oder Nichtſein handelte, wo er alle gräßlichen barbariſchen Folgen obſoleter Standesvorurtheile und gemeiner Kahale gegen ſich hatte? Das ging dem Buch⸗ halter nahe. Aber noch mehr beſchäftigte ihn der Ge⸗ danke an die Mutter des Hauptmanns, welcher der Tod des hoffnungspollen Sohnes das Herz brechen mußte, wenn er wirklich, was zu vermuthen war, ihr Stolz und ihre Hoffnung ſein ſollte. Eine unbeſchreibliche Weh⸗ muth lagerte ſich um Otte's Herz, und er zerbrach ſich vergebens den Kopf, wie er dem wildfremden Manne helfen könnte Er wußte nur allzu gut, daß das Ge⸗ ſpenſt der Ehre ſchon manchem braven Mann, der eines beſſern Looſes würdig geweſen wäre, die Piſtole in die Hand gedrückt hatte.— 142 Jetzt hatte er den Garten erreicht, an deſſen anderem Ende der Hauptmann wohnen ſollte. Es war fern am Saume der Stadt, dicht am Walle, vor der Baſtion Blücher. Ein Arbeitsmann, welcher Beete umgrub, wies Otte zurecht nach dem zweiſtöckigen kleinen Häuschen, in deſſen Erdgeſchoß ein Tiſchler arbeitete. Als Otte die Treppe hinanſtieg, ſah er die Thüre des Zimmers, das nach dem Walle hinausging, halb geöffnet und den Burſchen des Hauptmanns mit dem Reinigen von Uni⸗ formſtücken beſchäftigt. „Iſt Herr Hauptmann pon Dotter zu Hauſe?“ fragte Otte.— Der Burſche blickte auf, maß den Frager mit einem finſtern mißtrauiſchen Blick und ver⸗ neinte dann barſch.—„Kann ich ihn vielleicht erwarten?“ fuhr Otte fort und erhielt ein ebenſo barſches Nein.— „Wo ſpeiſt der Hauptmann?“ fragte Otte endlich;„ich muß ihn ſprechen, und will ihn daher in ſeinem Koſt⸗ hauſe aufſuchen.“ „Weiß nicht, wo er heute ſpeiſt“, verſetzte der Burſche kurz, ohne von ſeiner Bürſte aufzublicken. „So iſt er vielleicht bei der Parade oder im Cafs Schlüter zu treffen?“ „Weiß nicht!“ „Nun denn, ſo ſagt dem Hauptmann, ich bedauere, 143 ihn nicht getroffen zu haben; ich kam im Auftrage des Herrn Leopold Auheim... „Auheim?“ rief der Burſche lebhaft, richtete ſich raſch auf und ſah den Gaſt forſchend an;„iſt das wirk⸗ lich wahr?— Ach ja, Sie ſind der Herr, der hinter dem Staketenzaun ſchreibt. Verzeihen Sie, das iſt ein Anderes. Spaziere der Herr nur gefälligſt herein; der Herr Hauptmann müſſen ſogleich wieder zurückkehren, ſind glaub' ich ſo eben ſelber zu Herrn Auheim gegan⸗ gen“, ſagte der Burſche nun viel geſchmeidiger und ver⸗ wandte kein Auge von Otte, den er in das Zimmer zu treten genöthigt hatte. „Da wird der Hauptmaun ſich vergebens bemüht haben, denn Herr Auheim iſt mit der Eiſenbahn verreiſt“, entgegnete Otte und ſah ſich nun im Zimmer um. Es war eine echte Soldatenſtube: ein tannener Schreibtiſch mit hohem Pultaufſatz, ein altes Kanapee, ein lederbe⸗ zogener alter Lehnſtuhl, eine altväteriſche Kommode, ein Kleiderſpint von ſchlichtem Tannenholz, einige Ge⸗ ſtelle mit Büchern bildeten das ganze Amöblement der Wohnſtube, aus welcher eine verhangene Thüre in ein Schlafzimmer zu münden ſchien. Einige Zeichnungen und Modelle, einige Waffen, Pfeifen und Reitzeuge, einige Porträts an den Wänden— das war der ganze Schmuck innen; aber draußen auf den Fenſterbrettern blühten wunderſchöne Chryſanthemen, und über den Fenſtern hingen einige Singvögel in einfachen Bauern. Nirgends Eleganz und Ueberfluß, aber allenthalben muſterhafte Ordnung, Reinlichkeit und genügſames Be⸗ hagen. „Bitte, nehmen Sie Platz!“ ſagte der Burſche treu⸗ herzig und mit linkiſcher Vertraulichkeit, als wollte er den ungünſtigen Eindruck ſeines vorherigen barſchen Be⸗ nehmens jetzt durch deſto größere Freundlichkeit vergeſſen machen. „Danke ſchön— bin nicht müde“, erwiderte Otte und ſah den Burſchen feſt an.„Sie haben wohl vor⸗ hin in mir einen ganz Anderen vermuthet, nicht wahr?“ fragte er ihn lächelnd. „Wie ſo?“ „Jenun, ich meine eben!— Sie fuhren mich ſo' barſch an, als wollt' ich Ihrem Herrn an's Leben!“ „An's Leben?“ fragte der Burſche erſchrocken und warf einen flüchtigen angſtvollen Blick auf ein Paar ſchöner Piſtolen; welche über dem Schreibtiſch hingen; und Otte erſchrak ebenfalls, denn ein einzelner verirrter Sonnenſtrahl fiel gerade auf dieſen Theil der Wand und blinkte hell und roſig auf den friſch aufgeſetzten Zündhütchen auf den Zündwarzen der Piſtölen.—„Oho, es wird doch ſo ſchlimm nicht ſein“, fuhr der Burſche 145 dann fort;„das heißt, ich wußte freilich nicht, daß Sie als ein guter Freund vom Herrn Hauptmann kämen— hatte Sie noch nie bei ihm geſehen; und es ſind ſeit ein paar Tagen manchmal Kerle gekommen, denen ich lieber... die Knochen entzwei geſchlagen hätte.— Aber bitte doch, nehmen Sie Platz— der Herr Haupt⸗ mann werden nicht lange ausbleiben.“ Der arme Teufel hatte Mühe, ſeine tiefe Bewegung zu verbergen. „Ibr ſeid wohl ſchon lange Burſche bei Hauptmann von Dotter?“ fragte Otte theilnehmend und bot dem Diener eine Cigarre an. „Ich? Ah, danke ſchön, Herr... Auheimer! Na ja, der Herr Hauptmann und ich kennen uns ſchon eine lange Zeit, und ich bin ſchon ſeit acht Jahren ſein Burſche“, verſetzte dieſer.„Wollte auf Avancement dienen zum Feuerwerker oder ſo was; aber das verdammte Rechnen und das x plus fünf ging mir nicht in den Kopf; da blieb ich denn Burſche beim Herrn Hauptmann, und will bei ihm bleiben. Habe daheim ohnedem niemand mehr, der ſich um mich kümmert, und mein Herr iſt gut gegen mich, obſchon ein bischen heftig und ſtreng; aber er hat ein gut' Herz und iſt gerecht und leutſelig. Das hat ihm mein Herz gewonnen, und mir das Regiment zur Heimath gemacht. Mon iſt doch ein bischen mehr in des Königs Rock als in dem ſchmutzigen Bauernkittel!“ Mylius, Ein Meteor der Börſe. I. 10 „Ihr ſeid wohl ein Schleſier, nicht wahr?“ „Nein, Herr, bin eigentlich ein Rheinländer— aus der Eifel, wenn Sie dieſe kennen— etliche Stunden von Bacharach bin ich daheim!“ „Ah, ich kenne es— ein ſchönes Land, wenn auch arm und rauh,— ein ſchönes Bergland“, ſagte Otte, und der Burſche nickte lächelnd.„Aber was ich eigent⸗ lich fragen wollte: der Hauptmann hat wohl in der letzten Zeit mancherlei Kummer oder Sorgen gehabt in Folge der Beſuche, deren Ihr vorhin erwähntet?“ Der Burſche ſah betroffen und argwöhniſch auf. „Wie meint der Herr das?“ fragte er haſtig und blickte finſter unter ſeinen buſchigen Brauen hervor. „Hm, ich meine es wäre wohl hohe Zeit, daß dem Hauptmann geholfen würde“, ſagte Otte;„es iſt ja nichts ſchmerzlicher, als einen braven Mann in den Händen erbarmungsloſer Blutſauger und Hallunken zu ſehen, denn wenn die Herren Offiziere zuweilen auch ein bischen locker und leichtſinnig in den Tag hinein leben, ſo iſt es doch eigentlich ungerecht, daß ihre ganze Stel⸗ lung unter Unſtänden durch jeden Schuft von Wucherer gefährdet werden kann...“ „Herr!“ rief der Burſche und ſchloß die Hacken eng zuſammen, richtete ſich ſtramm auf und packte die Bürſte, die er ſeither in der Hand gehalten hatte, ſo krampfhaft, Su 147 als ob er ſie dem Beſucher ſeines Herrn an den Kopf werfen wollte,„Herr, was geht das. mich an? und Sie geht es eigentlich auch nichts an, und zu antworten braucht' ich eigentlich auch nicht; aber ſprechen muß ich doch— Gott ſtr—— nur damit dem Herrn Haupt⸗ mann kein Unrecht nicht geſchieht, denn was Sie da vorhin von den Offiziers geſagt haben und ihrem lockern Leben, das mag vielleicht wahr ſein, aber mich geht's nichts an, und ich ſag' Ihnen nur: die Anderen mögen ſein, wie ſie wollen, aber mein Hauptmann, das iſt keiner von denen, und wer mir ihm zu nahe treten will, dem ſoll ja doch gleich ein ſiedendes Donnerwetter. 4 „Albrecht?“ rief draußen eine Weiberſtimme;„Al⸗ bracht, auf ein Wort!“ „Sogleich, Frau Kohler, ſogleich!— Das heißt, Herr, ich will Ihnen nur ſagen, daß mein Herr Haupt⸗ mann nicht in Saus und Braus lebt, wie die Anderen, ſondern daß er der nüchternſte, ſparſamſte und ſolideſte Menſch iſt, den man ſich nur denken kann, der weder ſpielt noch den Mädels nachläuft, noch ein halbes Dutzend Pferde hält, noch auch nur ſo viel Bier trinkt wie der erſte beſte Unteroffizier bei der Batterie, ſondern daß ſeine Schulden nur davon herrühren, daß er bei ſeines Vaters Tode einige Tauſend Thaler Schulden übernommen hat, die von ſeinem Alten herrührten, damit ſeiner Mutter, der 148 Frau Majorin, nicht das kleine Beſitzthum genommen werden ſolle, was dem Herrn Major gehört hatte und das vollends vor die Hunde gegangen wäre. Und darum ſag'ich Ihnen, Herr, daß man vor mir von meinem Herrn nicht geringſchätzig reden darf— nicht um tauſend Thaler, ge⸗ ſchweige denn um eine Cigarre!“ und damit warf er dieſe mit Reſignation auf den Tiſch und verließ das Zimmer. „Albrecht, was iſt denn das für ein Herr, mit dem Sie da drinnen den Spectakel haben?“ fragte draußen die Tiſchlersfrau mit gedämpfter Stimme, jedoch noch laut ge⸗ nug, daß Otte es durch die angelehnte Thür hören konnte. „Weiß nicht, Frau Kohler! Ein Herr, der mit meinem Herrn wohl Geſchäfte haben mag“, verſetzte Albrecht un⸗ wirſch. „Hm, der Herr Hauptmann hatten in den letzten Tagen viele dringende Geſchäfte dieſer Art“, verſetzte Frau Kohler;„das war ja ein Gelaufe und Gefrage, und nach jeder ſolchen Viſite iſt der Hauptmann bleicher und verſtörter geworden und die halbe Nacht mit ſchweren Schritten im Zimmer auf und ab gegangen, daß wir drunten kein Auge ſchließen konnten!— was hat er denn nur? Will ihm denn gar niemand helfen?“ „Weiß nicht, Frau Kohler! Geht mich auch nichts an“, verſetzte der Burſche mürriſch, um ſeine Bewegung zu verbergen. 149 .„Na, dieſe Mendel und Löwenſohn und wie ſie alle . heißen, ſollte doch der Erdboden verſchlingen!“ rief die Bürgersfrau;„meiner Treu, einen Stein hätt's erweichen— mögen, wie er ſie immer bat und in ſie drang, und ich konnte mir's nicht verſagen, dem häßlichen alten Löwenſohn gehörig den Marſch zu machen, als er geſtern Abend herunterkam. Ach du lieber Gott, wenn wir ihm nur helfen könnten, aber er iſt ſo... ſo in ſich gekehrt, ſo verſchloſſen, ſo ſtolz.— nein, ſtolz iſt er eigentlich nicht, aber ernſt— kurzum, man traut ſich gar nicht an ihn, nur zu fragen, wo es ihm eigentlich fehle, zu⸗ mal wenn man arm iſt wie wir; denn wenn wir ihm allfällig auch nach Kräften helfen könnten, ſo würd' er es am Ende gar nicht von uns annehmen!“ „Na, warum denn nicht? Aber ſchnell müßte es geſchehen, wann noch geholfen werden ſoll“, ſagte Al⸗ brecht. 5„Denken Sie ſich, dieſe Nacht war die fürchterlichſte, Albrecht!“ fuhr die Tiſchlersfrau fort;„ich glaube, er iſt die ganze Nacht nicht aus den Kleidern und Stiefeln gekommen. Die ganze Nacht ging's trapp! trapp! über unſerm Kopfe hin und her, und manchmal ſeufzte er auf, daß man es drunten hören konnte. Zweimal wollt' ich herauf und fragen, ob er denn krank ſei, aber Anton hielt mich zurück und ſagte: Gib Dir doch keine Mühe, 150 . Lotte! das iſt nicht Krankheit; das ſind nur die Sorgen, die ihm das Herz abdrücken wollen!“ Aber ſagen Sie mir nur, Albrecht, was hat er denn?“ „Weiß ich's, Frau Kohlern? Glauben Sie denn, mir werd' er's auf die Naſe binden, mir, ſeinem Burſchen?“ „Aber Sie wiſſen es dennoch— Sie haben es ge⸗ wiß gemerkt— kennen ja all ſeine Verhältniſſe?“ „Hm, was ich weiß, das haben Sie ja auch ge⸗ ſehen, Frau Kohlern“, ſagte Albrecht mit ſchwerem Herzen;„er ſitzt tief in der Tinte, und wenn ihm der Herr da drinnen oder der Herr von dem da nicht her⸗ aushilft, dann gute Nocht, Hauptmann!— Noch heute früh ſprachen die Offizierburſchen im Stalle davon, über⸗ morgen auf der Parade gebe es ein Avancement im Regiment, und mein Herr werde den Degen ablegen. Ich hätte den Kerlen die Schädel einſchlagen mögen. Aber da kommt mein Herr den Garten herauf!“ Wenn Otte hätte ſehen können, wie der Hauptmann 3 ſo blaß und verſtört, mit ſchwankendem unſicherem 3 Schritte, die Mütze tief in die Augen gedrückt, den Gartenweg heraufſchritt, es hätte ſeine Theilnahme für — 1 dieſen Mann, welcher mit ſolch unerhörter Anſtrengung. * ſeine Verzweiflung zu verheimlichen bemüht war, noch 1 geſteigert. Er hatte übrigens genug gehört, um im Stillen den Himmel zu danken, daß Auheim ihm dieſen Auftrag 3 ₰ . 3 151 ertheilt hatte Auf dem Schreibtiſch lag ein Brief, ad⸗ dreſſirt an die Frau Majorin von Dotter in M., welcher im Verein mit den friſchen Zündhütchen auf den Piſtolen ihm die ganze Lage und den letzten Entſchluß des Haupt⸗ manus fürchterlich klar machte, und Otte auf den Ge⸗ danken gebracht hatte, dem Hauptmann ſeine Hilfe an⸗ zubieten, ja nöthigenfalls aufzudrängen— ſein Plan ſtand bereits feſt. Die ſporen⸗klirrenden Schritte des Hauptmanns ertönten ſchon auf der Treppe, und Otte hörte, wie Albrecht ſeinem Herrn leiſe zuflüſterte, daß jemand von Herrn Auheim drinnen ſei. Als Hauptmann von Dotter in's Zimmer trat, leuchtete auf ſeinen marmorbleichen ſtarren Zügen ein flüchtiger Hoffnungsſtrahl, wie ein einzelner Sonnenblick durch düſtere Gewitterwolken.„Sie bringen mir Beſcheid von Herrn Auheim?“ fragte er nach der erſten Begrüßung mit unverhehlter Spannung.„Hat Herr Auheim Ihnen vielleicht das Geld mitgegeben?“ „Verzeihung, Herr Hauptmann! Dieß noch nicht. Herr Auheim's Berhältniſſe ſind ebenfalls ernſter Natur, und die Vorſicht des Geſchäftsmanns, die Zuſtände des Geldmarktes gebieten, erſt eine genauere Einſicht in Ihre Verhältniſſe zu nehmen, ehe Ihrem Wunſch ent⸗ ſprochen werden kann. Herr Auheim iſt in Geſchäften nach ſeinem neuerkauften Gute gereiſt...“ „Ich habe dieß eben in ſeiner Wohnung gehört“, fiel ihm Dotter in die Rede. „Und er hat daher mir, ſeinem Buchhalter, Caſſier und Factotum, den Auftrag gegeben,— oder er hat es vielmehr mir überlaſſen, mit Ihnen in der fraglichen Angelegenheit zu verhandeln und vor Allem zu berath⸗ ſchlagen, wie Ihnen am ſicherſten und gründlichſten ge⸗ holfen werden kann,— wozu daher zunächſt die größte Offenheit Ihrerſeits unerläßliche Bedingung iſt!“ Dotter ſchaute Otte mit düſterem mißtrauiſchem Blicke an, als wollte er in ſeinen zwar ruhigen, aber etwas verlegenen Zügen leſen, ob auch wirklich bei rück⸗ ſichtsloſer Offenheit eine wirkliche Hilfe geleiſtet würde. „Ich weiß, was Sie in dieſem Augenblicke denken, Herr Hauptmann“, fuhr Otte fort und unwillkürlich erwärmte ſeine innige Theilnahme den Ton, womit er dieß äußerte.„Sie zweifeln theils am Erfolge, falls Sie mir alles ſagen würden, theils kämpft auch noch Ihr Selbſtgefühl dagegen, mir Ihre verwickelten Ver⸗ hältniſſe anzuvertrauen, da Sie mich nicht kennen und daher meiner Discretion nicht ſicher find. Auch habe ich jetzt keine Zeit, Ihnen erſt auf langem Umwege zu beweiſen, daß Sie ſich mir anvertrauen dürfen. Es iſt daher gerathener, wenn ich Ihnen betheure, daß ich Ihnen wohl will, und daß Sie vielleicht keine andere — * v v 153 Wahl mehr haben, als ſich mir anzuvertrauen. Erfahren Sie daher in Kürze, daß Herr Auheim momentan weder im Stande noch geneigt iſt, auf Ihr Anfinnen einzu⸗ gehen, daß ich Ihnen aber eventuell ein ſicheres Mittel zu Ihrer Rettung nennen kann.“ Dotter war blaß geworden,— ein eiſiger Krampf hatte ſich um ſein Herz gelegt, aber bei den Schlußworten athmete er wieder auf;„Auheim verläßt mich, und Sie— der völlig Unbekannte— Sie bieten mir die rettende Hand? Wie komme ich zu dieſem unverhofften Glück?“ „Sie verdanken es Ihrer Pietät, Herr Hauptmann, Ihrem treuen Sohnesherzen!“ ſagte Otte mit tiefer Be⸗ wegung;„wenn es wahr iſt, daß Sie.. fremde Schul⸗ den übernahmen, um Ihrer guten Mutter Lebensabend nicht mit Sorgen zu trüben, ſo werden Sie um Ihrer Mutter willen auch den Weg nicht verſchmähen, den ich Ihnen zeigen will. Auch ich habe eine Mutter, eine blinde Mutter, die ich über alles liebe...“ „Mein Herr... wie nenne ich Sie?.. Alſo Hein⸗ rich Otte!—... Wer hat Ihnen das geſagt?...“ „Das iſt ja ganz gleichgiltig, Herr Hauptmann, falls es nur Thatſache iſt!“ „Nun ja, ich will vor Ihren Augen nicht beſſer er⸗ ſcheinen, als ich bin“, verſetzte Dotter und ſetzte ſich Otte 154 gegenüber;„es iſt wahr, daß ich vor fünf Jahren bei meines Vaters Tode allerdings etwa fünftauſend Thaler Schulden übernahm, welche mein Vater contrahirt hatte; allein ich hatte aus meiner wilden Lieutenantszeit zuvor ſchon Schulden genug,— mehr als die Summe, welche ich mir von Auheim erbat... Ich habe über mein ganzes Schuldenweſen genau Buch und Rechnung geführt ſeit dem Momente, wo ich in jene Verbindlichkeiten meines Vaters eintrat, um meiner Mutter ein kleines Beſitzthum zu retten, welches noch von ihren Eltern herrührte.“ „Geben Sie mir dieſes Buch, wenn ich bitten darf“, ſagte Otte. „Mit Vergnügen, falls Sie mir zuvor nur mit wenig Worten andeuten wollen, worin die Hilfe beſteht, welche Sie mir anbieten wollen. Wir kennen uns gegen⸗ ſeitig nicht, mein lieber Herr Otte, und gegenſeitige Offen⸗ heit iſt deßhalb doppelt geboten, da ich in Ihnen einen wahrhaft gottgeſandten Freund verehren möchte. So wiſſen Sie denn, daß ich eine Rettung durch Heirath, durch irgend welches Mittel, welches nicht mit meinen ſtrengſten Begriffen von Ehre und Selbſtgefühl verträglich wäre, zurückweiſen werde...“ „Seien Sie darüber ruhig, Herr Hauptmann! Das fragliche Mittel iſt das ehrenhafteſte, was ſich irgend finden läßt und erfordert von Ihrer Seite nur That⸗ 155 kraft, Ausdauer und Selbſtbeſchränkung für eine lange Zeit. Sie müſſen ſich ſelbſt bemühen, Ihren Verbind⸗ lichkeiten gerecht zu werden, und mein Rath kann Ihnen nur ein ſicheres, bequemes Mittel bieten, dieſen Zweck wohlfeiler zu erreichen, als durch die nur ſcheinbare und augenblickliche aber auf die Dauer unfehlbar rui⸗ nirende Hilfe der Wucherer!.. 2 „Herr, das vermöchten Sie mir zu bieten?“ rief Dotter, ſprang vor freudigem Erſtaunen vom Stuhl auf und ergriff Otte's Hand.„Oh, wenn Sie das könnten!. „Es bietet ſich Ihnen ſelbſt an, Sie können es ſich ſelbſt verſchaffen, ja Sie müſſen es, denn ich zeige Ihnen nur das Mittel!“ „In welcher Weiſe?“ rief der Hauptmann in freu⸗ diger Haſt, und ſein Auge belebte, ſein Geſicht verklärte ſich, und Otte ſah nun erſt die ſeltene Schönheit dieſes edlen Angeſichts, das mit einer kräftigen ebenmäßigen Geſtalt von mittlerer Größe in herrlichem Einklang ſtand. „Davon ſogleich mehr, aber Sie müſſen mir erſt einige Fragen offen beantworten: wie hoch beläuft ſich die Geſammtſumme Ihrer Verbindlichkeiten?“ „Oh, ziemlich hoch— nahezu auf fünftauſend Thaler!“ 156 „Gut,— ſagen wir ſechstauſend, um ſicherer zu gehen. Und wie viel glauben Sie von ihren Verbind⸗ lichkeiten jährlich mit Sicherheit abtragen zu können neben der Verzinſung der ganzen Summe?“ Der Hauptmann beſann ſich eine Weile, blickte Otte fragend an und ſagte dann ſchüchtern:„Ich habe es ſeither, wie Sie aus dieſem Buche ſehen, ermöglicht, von meiner Gage jährlich gegen ſechshundert Thaler zu er⸗ übrigen, um meine Schulden nicht ſowohl abzutragen, als wenigſtens zu balanciren. Ich hoffe in meiner neuen Eigenſchaft als Gouverneur des Prinzen trotz vermehrten Aufwands nicht weniger thun zu können— eher mehr!“ „Hm, bleiben wir einſtweilen nur bei einem Mi⸗ nimum ſtehen“ verſetzte Otte;„und wie alt ſind Sie, Herr Hauptmann?“ „Vierunddreißig Jahre,— aber wozu dieſe Frage?“ Otte ſuchte unter den Papieren in der Bruſttaſche ſeines Rockes ein kleines Heftchen hervor, blätterte da⸗ rin und ſagte:„Sie werden nun Ihr Leben für eine beſtimmte Anzahl von Jahren mit einem Werthe von ſechstauſend Thalern verſichern; ſodann werden Sie mit derſelben Verſicherungsanſtalt einen Vertrag ein⸗ gehen, um ſich nach Verfluß von zehn Jahren ein Ca⸗ pital oder eine ſogenannte aufgeſchobene Rente von 157 ſechstauſend Thalern zu ſichern, was ungefähr mittelſt einer jährlichen Prämie von vierhundert Thalern zu erſchwingen ſein wird. Sterben Sie vor Ablauf der zehn Jahre, ſo erhält Ihr Gläubiger die ſechstauſend Thaler, und Ihren Angehörigen werden die ingeahl⸗ ten S zurückvergütet.“ „Aber beſter Herr, was ſoll mir dieſes Capital von ſechstauſend Thalern in zehn Jahren, wenn mir in vierundzwanzig Stunden ſchon Wechſelhaft drohen kann?“ vief der Sn etwas enttäuſcht und ent⸗ muthigt. „Sie müſſen mich vollenden laſſen, Herr Haupt⸗ mann, wenn Sie mich verſtehen ſollen“, ſagte Otte ruhig.„Es iſt keine Kunſt, ein Capital dargeliehen zu erhalten, wenn man nur genügende Sicherheit bie⸗ ten kann, denn müßig Geld liegt allerorten. Sie ſind ſeither den Wucherern verfallen, weil Sie gar keine oder nur eine höchſt relative Sicherheit bieten konnten. Haben Sie aber Ihr Leben verſichert und durch Ein⸗ gehung einer ſolchen Capital⸗Verſicherung auf zehn Jahre die Gewißheit erlangt, einmal wirklich einen Gläubiger befriedigen und ſogar für den Fall Ihres Todes ſicher ſtellen zu können, dann bekommen Sie auch Geld zu wohlfeilen Zinſen, und wir transigiren dann mit Ihren Gläubigern, um mit jenen ſechstauſend 158 Thalern, die wir bei einem honnetten Gläubiger gegen billige Zinſen aufnehmen wollen, alle Ihre Schulden mit Einem Male zu bezahlen, um Ihnen Ihre Ruhe, Ihren Frieden wiederzugeben...“ „Das wäre herrlich, aber wo iſt der Mann, der mir jenes große Capital darliehe?“ rief der Haupt⸗ mann. Erfüllen Sie die Vorfrage mit den genannten Verſicherungen, und ich vermeſſe mich, Ihnen den Dar⸗ leiher zu verſchaffen!“ ſagte Otte zuverſichtlich;„es gibt noch Ehrenmänner genug unter den Beſitzenden, welche in einem derartigen Falle lieber auf perſönliche Siche⸗ rung als auf Realcredit und Realhypotheken ſehen werden.“ „Aber, bis dieſe vorläufigen Schritte eingeleitet, bis ein ſolcher Gläubiger für die große Summe gefun⸗ den iſt, was ſoll dann aus meinen Wechſeln werden?“ ſagte Dotter mit einer Beſorgniß, die ihm alle Ausſicht auf das Gelingen des Planes und alle Freude über die mögliche Rettung verkümmerte. „Sie verweiſen Ihre Gläubiger einſtweilen an mich und ich ordne die Sache mit denſelben; zugleich aber nehmen Sie noch heute auf einige Wochen Ur⸗ laub, um jede Colliſion Ihrer dienſtlichen Verhältniſſe und Ihrer momentanen Verlegenheiten zu vermeiden, 159 und wir leiden nun raſch die nöthigen Schritte ein, welche auf die beiden Verſicherungen abzielen. Die hier⸗ zu erforderlichen Summen werde ich für Sie auslegen. Wollen Sie ſo, dann ſchlagen Sie ein, und in läng⸗ ſtens acht Tagen ſind Sie Ihrer Aengſten und Nöthen enthoben!“ „Mein edler, wackerer Freund, den mir der Him⸗ mel ſo unerwartet geſchickt hat!“ rief der Hauptmann mit unbeſchreiblich innigem Tone und konnte ſich kaum einer Thräne erwehren, als er Otte umarmte und ihm auf das wärmſte die Hand drückte.„Verzeihen Sie mir, wenn ich noch nicht ganz an meine wirkliche Ret⸗ tung und an das Gelingen Ihres Planes glauben kann. Mir iſt, als ſei ich im Voraus zum Unheil ge⸗ boren— als müßte auch Ihr ſchöner Plan mißlingen!“ „Ach gehen Sie, Herr Hauptmann! Werfen Sie ſolche Gedanken hinter ſich, denn ſie entmuthigen un⸗ willkürlich, wie gerechtfertigt ſie auch nach trüben Er⸗ fahrungen wie die Ihrigen ſein mögen“, erwiderte Otte.„Den Kopf in die Höhe, Herr! Sie brauchen noch zehn Jahre lang ernſten Willen genug, um über Ihre Verbindlichkeiten Herr zu werden, zaber ein red⸗ liches Streben wird nicht unbelohnt bleiben.— Und nun laſſen Sie hören, wer denn die Gläubiger ſind, welche Sie zunächſt drängen!“ Der Hauptmann nannte die einzelnen Wechſelbe⸗ träge und ihre dermaligen Beſitzer, und Otte fuhr fort: „Na, melden Sie denſelben heute noch ſchriftlich, daß Sie mich mit der Ordnung Ihrer Angelegenheiten be⸗ traut haben und daß die betreffenden Papiere bei mir zur Zahlung zu präſentiren ſeien. Verzichten Sie auf alle eigene Verfügung in der fraglichen Angelegenheit, und bleiben Sie außer aller perſönlichen Berührung mit den Leuten. Vor Allem aber beſuchen Sie mich heute Abend auf meinem Comptoir und bringen Sie mir die Liſte Ihrer ſämmtlichen Verbindlichkeiten!“ „Herr Otte! Freund! Edler trefflicher Menſch!“ rief Dotter tief ergriffen;„wie ſoll ich Ihnen danken!...“ „Laſſen Sie uns Freunde ſein, dann bilancirt ſich unſer Conto, und nun adieu, Herr Hauptmann! Ver⸗ geſſen Sie nicht, daß ich Sie erwarte!“ ſagte Otte lächelnd;„es iſt jetzt Tiſchzeit, und ich habe nach Tiſch einen Gang in Ihren ie zu machen!.. „Halt, Freund! Ich habe hier noch Geld liegen,— einige hundert Thaler, die ich mühſam zuſammenge⸗ rafft und mir am Munde abgeſpart habe. Nehmen Sie dieſelben mit!“ „Mit nichten, Herr Hauptmann! Sie werden ſie mir mitbringen, und nun Gott befohlen! Seien Sie 161 wieder frohen Muthes! Auf Wiederſehen!“ ſagte Otte und ging. Als der Hauptmann allein war, nahm er eine kleine Mappe von Saffian von ſeinem Pulte, welche ein Miniaturbild ſeiner Mutter enthielt, und blickte dieſes lange mit der tiefſten Bewegung an. In ſeinen Wimpern zitterten Thränen der Freude, des Dankes, der kindlichen Liebe; ſeine Lippen ſtammelten leiſe Se⸗ genswünſche für ſeinen unbekannten Retter, und wenn er auch noch nicht ganz an ſeine Rettung glauben konnte, ſo war ihm doch der Muth wieder gegeben, und er hatte wenigſtens noch etwas zu hoffen. Mylius, Ein Meteor der Börſe I. 11 Achtes Kapitel. Otte war auf dem Heimwege ebenfalls ſehr gedanken⸗ voll. Er verhehlte ſich nicht, daß ihn ſein Mitleid da in eine Sache hineingeriſſen hatte, welche für ihn be⸗ denkliche Folgen haben konnte, wenn Herr von Dotter ſeinen Verbindlichkeiten nicht pünctlich nachkam. Aber er wies dieſe Zweifel von ſich und gab ſich mit ganzer Seele dem Plane hin, den Hauptmann aus ſeiner Ver⸗ legenheit zu retten. Er hatte ein merkwürdiges Zu⸗ trauen zu dieſem Manne gefaßt, er fühlte ſich mit einer unwiderſtehlichen Macht zu ihm hingezogen, und gelobte ſich, für denſelben alles zu thun, was nur in ſeinen Kräften ſtand. Aber er verhehlte ſich auch die Schwierigkeit nicht, die es noch immer haben würde, einen Capitaliſten zu finden, welcher jene ſechstauſend Thaler hergäbe, um einen wackern Mann zu retten. 163 Ein einziger Mann fiel ihm momentan ein, der, wenn auch vielleicht nicht helfen, ſo doch möglicherweiſe rathen konnte, der Kaufmann Werner. Er hatte ihn nur ein einziges Mal geſehen, aber ein Vertrauen zu dem Manne mit dem intelligenten Augen, den ernſten Zügen und der gefurchten Stirne gefaßt, der ſich aus höchſt beſcheidenen Anfängen zu einer angeſehenen Stellung hinaufgearbeitet hatte. Ihm durfte er ſich mit ſeinem Anliegen ſchon anvertrauen. Nach Tiſche ging Otte zu ihm, und als ihm auf ſein Klingeln ein blaſſes junges Mädchen die Hausthüre öffnete, ward ihm auf ſeine Frage nach dem Hausherrn ein fragender Blick aus den großen dunklen Augen und der Beſcheid:„Papa iſt in dem Garten; belieben Sie nur dort hinauszugehen! und ſie begleitete ihn über die Vorhalle nach der Hinterſeite des Hauſes, wo er durch die Glasthüre in den Garten hinunterſah und den Herrn Werner zwiſchen ſeinen Obſtſpalieren er⸗ blickte. „Ei ſieh' da, Herr Otte! Haben Sie ſich meiner endlich erinnert?“ rief ihm Herr Werner entgegen, als er des Ankömmlings anſichtig ward;„meiner Treu, Sie haben ſich lange beſonnen, bevor Sie von meiner freundlichen Einladung Gebrauch machten! Aber kom⸗ men Sie in's Zimmer; es iſt hier außen rauh und . 164 winterlich, und drinnen plaudert ſich's beſſer bei einer Cigarre und einer Taſſe Kaffee!“ Er packte ſeine Gar⸗ tenmeſſer und Inſtrumente in eine lederne Taſche, nahm den jungen Gaſt am Arme, beſtürmte ihn dann mit Fragen über ſein Befinden und führte ihn in's Haus in ein allerliebſtes behagliches Familienzimmer, wo die blaſſe junge Dame am Nähtiſchchen ſaß. „Meine älteſte Tochter Johanna— Herr Kauf⸗ mann Otte, ein mir werther lieber Gaſt!“ ſagte er. „Und nun beſorge den Kaffee, Kind, und die Cigarren, und Sie nehmen hier Platz, Otte, und ſchütten mir Ihr Herz aus, denn mich dünkt, Sie kommen mit einem Anliegen!— Na, was iſt'sd haben Sie ich mit Au⸗ heim überworfen? Haben Sie gekündigt? Wollen Sie in mein Geſchäft?“ „Keines von alle dem, Herr Werner, ſo ſehr es mich auch freuen würde, bei Ihnen einzutreten, allein ich komme diesmal nicht in eigener Angelegenheit, ſon⸗ dern um für einen Andern Ihren Rath und Hilfe in Anſpruch zu nehmen!“ „Ah, das ſieht Ihnen gleich! Na, laſſen Sie hö⸗ ren, Otte; ich werde thun, was ich kann, vorausgeſetzt, daß es ſich nicht um Ihren Principal Auheim handelt, über welchen ſich meine Anſicht noch nicht gebeſſert hat!“ Otte verſicherte, daß ſein Anliegen nicht Auheim 165 gelte, und trug daſſelbe klar und in Kürze vor. Wer⸗ ner hörte ihn aufmerkſam und theilnehmend an, und ſagte dann:„Na, und Sie wünſchen zu wiſſen, ob ich das Capital vorſchießen könne, welches Herr von Dotter braucht? Hm, die Sumine iſt ein wenig ſtark, und ein Kaufmann braucht ſein Geld; ich werde nicht die ganze Summe übernehmen können, aber ich habe einen Bekannten, einen früheren Militär, dem ich die Sache vortragen will, und um ihm Vertrauen zu dem Unternehmen zu geben, werd' ich mich wenigſtens mit einer erklecklichen Summe dabei betheiligen. Davon nachher, für jetzt nur einige Fragen. Ich kenne zwar Herr von Dotter nicht näher, nur von der Loge aus, aber ſein Charakter und Gebahren hat mir von jeher einigen Reſpect eingeflößt; allein ich möchte ihn doch erſt näher kennen lernen, ehe ich mich auf die Sache einlaſſe. Er iſt wohl ein alter Freund von Ihnen?“ „Keineswegs“, verſetzte Otte;„ich habe ihn heute zum erſten Mal geſprochen, und obſchon ich nicht eben Grund habe, den blauen Rock zu lieben, ſo hat er doch gleichſam auf den erſten Blick mein Vertrauen gewon⸗ nen. Es gibt Menſchen, die uns auf den erſten Blick ſympathiſch anmuthen, zu denen wir uns ſogleich hin⸗ gezogen fühlen. So ging mir's mit dem Hauptmann, wie verſchieden auch unſere Lebenskreiſe ſind!— Und 166 dann— ich will es nicht leugnen— glaubte ich mich, nach Herrn Auheim's Benehmen mit Dotter's Brief, ſozuſagen einigermaßen verpflichtet ihm wenigſtens nach Kräften zu helfen, denn ich wollte ſeiner Mutter, die eine brave Frau ſein muß, einen guten Sohn erhalten.“ „Das war hübſch gedacht, ſehr wacker ſogar, Otte; aber wiſſen Sie, daß Sie dennoch ein bedeutendes Ri⸗ ſico auf ſich nahmen?“ „Ich weiß es, Herr Werner; aber wer helfen will, muß es ja meiſtens wagen, und das ehrliche wackere Geſicht des Hauptmanns verſprach mir einige Garantie.“ „Hm, ein bischen romantiſch iſt die Sache trotz alledem, aber das liebt ja die Jugend!“ meinte Herr Werner.„Indeſſen was den Hauptmann betrifft, ſo hat Sie Ihr phyſiognomiſcher Inſtinct wahrſcheinlich nicht getäuſcht, er ſoll ein ſtreng ehrenhafter Mann ſein, und ein guter Sohn iſt er ſicher. Sein Vater allerdings, den ich gut gekannt habe, war ein lockerer Kerl; ſo ein Spieler und Lüdrian, von der alten junker⸗ haften Sorte, der das Vermögen ſeiner Frau in lauter Müßiggang und noblen Paſſionen vergeudete, und ſeinem Sohne ein rechtes Warnungsbeiſpiel hat abgeben kön⸗ nen. Und die Mutter iſt allerdings als eine vortreffliche Frau, anſpruchslos, zart und von feinſter Bildung, be⸗ kannt und war einſt eine der Zierden der Geſellſchaft. 167 Na, ich will ſehen, was ſich thun läßt; und um den Hauptmann näher kennen zu lernen, bringen Sie ihn heute Abend her, um mit ihm eine Suppe bei mir zu eſſen.“ „Mit Vergnügen, Herr Werner; ich zweifle nicht, daß er auch Ihnen gefallen wird. Aber darf ich mir erlauben, Sie daran zu erinnern, daß ſchon morgen einige ſeiner Wechſel verfallen?“ „Schon gut— arrangirt ſich die Sache, ſo ſtehen Ihnen morgen eintauſend oder zwölfhundert Thaler zur Verfügung.— Aber nun zu anderen Sachen, mein junger Freund! Wie ſtehen Sie mit Auheim? Wollen Sie noch immer bei ihm bleiben? Ich denke, Sie ſoll⸗ ten ſich bei Zeiten ſeinetwegen vorſehen. Die krampf⸗ haften Anſtrengungen, die er macht, um ſich ein ge⸗ wiſſes Relief in der Geſellſchaft zu geben und für den gemachten Mann zu gelten, gefallen mir nicht. Den Ankauf des Ritterguts Strahlenberg halte ich für eine unverzeihliche Dummheit und Verblendung; die pro⸗ jectirte Heirath mit Fräulein von Magnus für eine noch größere. Da ſind einmal zwei Schwindler an einander gekommen: Schwiegervater und Eidam. Der alte Magnus hat zwar von jeher Sorge getragen, ſeine Landgüter nicht mit Hypotheken zu überbürden, und das Vermögen ſeiner Frau darauf zu radiciren; aber 168 es kann doch nicht verborgen bleiben, daß ſeine Ver⸗ bindlichkeiten bei verſchiedenen Banken und Geld⸗In⸗ ſtituten enorm ſind, und ſeine gewagten Speculationen nicht immer glückten. Es ſoll ſogar im Werke ſein, den jungen Magnus, der für einen noch keckern Schwind⸗ ler gilt als ſein Vater, zum Aſſocié Ihres Auheim zu machen, und dann möchte Ihre Stellung, mein junger Freund, eine ſehr unangenehme werden. Kommt aber dieſer Augenblick, Herr Otte, ſo erinnern Sie ſich ge⸗ fälligſt, daß Sie bei Karl Werner ſtets eine Stelle fin⸗ den werden, die Ihren Fähigkeiten und Anſprüchen an⸗ gemeſſen ſein wird!“ „Sie ſind ſo freundlich gegen mich, daß ich kaum weiß, wie ich Ihnen dafür danken ſoll, Herr Werner“, entgegnete Otte mit wirklicher Rührung.„Seien Sie überzeugt, daß ich, wann erſt einmal jene Eventualität eintritt, gewiß mit größtem Danke von Ihrer Güte Gebrauch machen werde. Allein ich bin Auheim wirk⸗ lich ebenfalls Dank ſchuldig, und kann es deshalb nicht über mich gewinnen, ihm zu kündigen, bevor wir uns nicht wirklich einmal überworfen haben oder äußere Gründe mich dazu nöthigen.“ „Ich billige dieß vollkommen Herr Otte, aber ich habe Ihre Zuſage: Wenn Sie erſt einmal ändern, wen⸗ den Sie ſich an Karl Werner!“ S 7— 169 Fräulein Johanna kam in dieſem Augenblicke ge⸗ rade mit dem Kaffee, und ſah Otte erſtaunt, jedoch nicht unfreundlich an. Beider Augen begegneten ſich; Johanna ſenkte raſch den Blick und eine leichte Röthe flog über ihre blaſſen Züge. Otte bemerkte erſt jetzt, daß ſie ſehr hübſch geweſen wäre, wenn ſie mehr Farbe gehabt hätte. Sie war groß und ſchlank, von ſchönen harmoniſchen Verhältniſſen, mit dunklem Haar und großen dunklen ſprechenden Augen, in denen et⸗ was Munteres, Schalkhaftes lag und die für ein Mäd⸗ chen von kaum achtzehn Jahren merkwürdig frei und degagirt in die Welt hineinblickten. Aber auf ihrer Stirne lag etwas wie ſtiller Gram oder leiſe Sorge, und ihr Blick hatte wiederum zu Zeiten etwas Scheues, das den Boden ſuchte, ſobald ſie ſich von jemand beobachtet wußte. Ihre Haltung war ſtolz und voll Grazie, na⸗ mentlich aber hatten die Bewegungen der ſchönen, feinen, herrlich gebildeten Hand etwas äußerſt Lebhaftes und Beredtes. Als ſie mit vieler Anmuth und Gewandtheit den Kaffee ſervirt hatte, ging ſie in ein anſtoßendes Zim⸗ mer, ſetzte ſich an's Piano und begann ein brillantes Concertſtück von Chopin mit großer Fertigkeit zu ſpie⸗ len. Otte folgte dieſem Spiel mit einigem Intereſſe, aber ſeine Aufmerkſamkeit ward vorzugsweiſe von Herrn 170 Werner in Anſpruch genommen, welcher ihn über ſeine Herkunft, Familienbeziehungen und kaufmänniſche Lauf⸗ bahn befragte und dem er mit rückhaltloſer Offenheit dar⸗ über Auskunft ertheilte. Herr Werner ſchien großen An⸗ theil an ſeinem Geſchick zu nehmen, und ſelbſt die Epi⸗ ſode mit dem Feſtungsarreſt ſchien denſelben eher zu ſteigern als zu mindern. Endlich machte die vorgerückte Zeit Otte bemerklich, daß er in ſein Geſchäft gehen mußte, und er ſchied von Herrn Werner mit dem Ver⸗ ſprechen, ſich am Abend mit Hauptmann von Dotter einzufinden; und im Moment ſeines Abſchieds erſchien auch Johanna wieder unter der Thüre, um ihm noch unter leichtem Erröthen einen Gruß zu entbieten. „Du haſt gehört, Johanna, daß wir Gäſte haben werden“, ſagte Werner, als Otte gegangen war.„Laß ein hübſches frugales Abendbrod anrichten, Kind, ohne Prätenſion, traulich und cordial. Der junge Mann wird kommen, der ſpeben wegging; ferner noch mein alter Freund, der penſionirte Oberſt Richartz und ein anderer Offizier. Laß im kleinen Salon nach dem Hofe hinaus decken, und wenn Mama nicht vor Abend von ihrem Ausflug zurück iſt, ſo wirſt Du die Honneurs machen!“ „Wer iſt denn der junge Herr, der eben wegging, Papa?“ fragte Johanna ſchüchtern aber möglichſt un⸗ befangen. * K 17¹ „Der da? Ein wackerer junger Burſche, der ſchon mancherlei Widerwärtiges erfahren, aber ein redliches treues Herz ſich bewahrt hat— ein Mann mit dem ich ſo ein ſtilles Plänchen habe;— ein Mann, dem ich vielleicht Dein Glück anvertraut hätte, Johanna, wenn nicht jener Vorfall..“ „O Papa! Ich bitte Dich, ſchone mich!“ rief Johanna bittend, riß dann ungeſtüm die Hand des Vaters an ihre Lippen, und weinte ſtille Thränen darauf;„vergib und vergiß; ich habe ja ſo ſchwer ge⸗ büßt!“ „Na, reden wir nicht davon, Kind! Geh', nach Deinen Geſchäften zu ſehen und laß mich, es iſt ja nun doch nicht mehr zu ändern!— Aber hart iſt es dennoch“, fuhr er fort, als Johanna hinausgegangen war, und ſchritt unruhig und bewegt im Zimmer auf und nieder, große Wolken aus ſeiner Cigarre blaſend. „Gott hat mich ſo reich geſegnet, aber dieſen Kummer hat er mir nicht erſpart. Meine Hoffnungen auf Johanna ſind ſchmerzlich getäuſcht, und dieſe grauen Haare, dieſe tiefen Sorgenfurchen auf meiner Stirne, dieſes frühe Greiſenthum... o mein Gott, wenn ich die Urſache davon doch vergeſſen könnte!.... Dieſer Otte ſcheint mir ganz der Mann zu ſein, der mein Geſchäft würdig fortführen würde, wenn ich einmal nicht mehr bin. 172 Johanna hätte ihn an mein Intereſſe feſſeln können; aber kann ich ihm nun zumuthen?.. Nein, nein; hoffen wir, daß es Ottilien gelingen werde, ihn zu feſſeln..“ Und mit trüben Gedanken ging er nach ſeinem Comptoir. Neuntes Kapitel. Am ſelben Abend vereinigte ein einſaches kleines Souper die ſchon erwähnten vier Herren in dem kleinen Salon des Herrn Werner. Fräulein Johanna machte die Honneurs des Hauſes mit Anmuth und Liebens⸗ würdigkeit, und verſchwand ohne Abſchied, nachdem das Deſſert und die Cigarren aufgetragen waren. Als nun der treffliche Rheinwein die Herzen und Zungen löſte, kamen dieſe vier Männer einander ſchnell näher, und die anfängliche Befangenheit des Hauptmanns, welchem Otte den Zweck dieſer unerwarteten Einladung nicht hatte verhehlen dürfen, ſchwand allmälig, denn weder Herr Werner noch der Obriſtlieutenant Richartz erwähnten auch nur mit einem Wort ſeiner momen⸗ tanen Lage. Vielmehr kamen hier im vertrauten kleinen Kreiſe nur alle möglichen anderen Gegenſtände zur Sprache, welche gebildete Männer intereſſiren: Politik, Tagesgeſchichte, Kunſt, Literatur und ſo weiter. Der Obriſtlieutenant war einer jener Feldſoldaten des Be⸗ freiungskrieges, der ſich ſeinen Weg durch eigenes Ver⸗ dienſt gebahnt hatte; er war im Jahre 1813 bei dem bekannten Aufruf des Königs Student und ſchon der Beendigung ſeiner theologiſchen Studien nahe ge⸗ weſen, aber ohne Bedenken ſogleich unter die Fahnen geeilt um das Joch der ſchmachvollen Fremdherrſchaft brechen zu helfen, hatte die Artillerie als Waffe ge⸗ wählt und ſich durch Bravour und Fähigkeiten bald ſo ſehr ausgezeichnet, daß er im Herbſte 1815 als Haupt⸗ mann in ſeine Heimath zurückkehrte. Als man das Heer reducirte, wagte man nicht, einen Mann von ſeinen Fähigkeiten, welchen die bedeutendſten Heerführer jener Zeit ausgezeichnet hatten, zu entlaſſen. Allein Richartz's Freimuth, Geradheit und Widerwille ge⸗ gen das Paradeſoldatenthum und den Kamaſchendienſt brachten ihn ſpäter doch in mancherlei Conflicte mit ſeinen Vorgeſetzten, und veranlaßten ihn endlich, um ſeine Penſionirung einzukommen, da er von Haus aus nicht unbemittelt war und noch einiges Vermögen er⸗ heirathet hatte. Seither lebte er, wiſſenſchaftlichen Stu⸗ dien und militäriſcher Schriftſtellerei mit Eifer hinge⸗ geben, in der Provinzialhauptſtadt ziemlich zurückge⸗ zogen in einem Häuschen der Vorſtadt inmitten ſeines Gartens, und galt bei den jüngeren Offizieren der Garniſon für einen alten Brummbär und ungeſelligen Eiſenfreſſer, weil er lieber mit Gelehrten und Civiliſten verkehrte, als mit der neuen Generation der Offiziere, welche— wie er zu ſagen pflegte—„mit der ratio⸗ nellen Stallfütterung der Cadettenhäuſer herangezogen waren.“ Dotter und Otte fanden aber in dem Vete⸗ ranen einen, wenn auch etwas derben, doch äußerſt gebildeten und humanen Mann, deſſen Umgang ebenſo belehrend als bildend war, und der ſich namentlich durch ſeine politiſchen Anſchauungen weſentlich von ſeinen Standesgenoſſen unterſchied. Man fand wechſel⸗ ſeitig ſo großes Gefallen aneinander, daß man bis tief in die Nacht hinein beiſammen blieb und der Oberſt⸗ lieutenant den Vorſchlag machte, das gegenwärtige „Quartett“ ſolle ſich allwöchentlich einmal bei ihm oder „Herrn Werner, mit welchem er inniger befreundet war, verſammeln und jeder auch noch einen Freund mit⸗ bringen, welcher ſeiner Geſinnung und Bildung nach für den Kreis tauge. Dotter mußte für die Dauer ſeines Aufenthalts, Otte aber unbedingt ſein Erſcheinen ver⸗ ſprechen, bevor man ſchied. „Schicken Sie morgen früh nach dem Gelde und 176 helfen Sie dem Manne nach Kräften“, flüſterte Herr Werner Otte beim Abſchiede zu.„Ein ſolcher wackerer Mann ſoll nicht durch eine faule Cabale untergehen. Ich werde ihm helfen, wenn nöthig ſogar ganz aus eigenen Mitteln.“ Otte drückte dem braven Manne die Hand und theilte Herrn von Dotter das Betreffende mit, der dar⸗ über natürlich ſehr erfreut und zur innigſten Dankbar⸗ keit geſtimmt ward, aber vor Rührung kaum Worte fand ſeine Empfindungen auszudrücken. Otte und ſein Schützling gingen mit gehobenſter Stimmung nach Hauſe.—— Am andern Tage war Parade. Die Offiziere ſtan⸗ den vor dem Gouvernementsgebäude in Gruppen bei- ſammen und ſahen ziemlich inter ſſelos den banalen Mittheilungen entgegen, welche ihnen bei dieſen Ge⸗ legenheiten gemacht wurden. Die Generale und hohen Commandanten bildeten eine beſondere Gruppe in der Mitte, und plauderten von allerlei Dingen, ehe es an, die dienſtlichen kam.—„Excellenz“, ſagte der Oberſt des Artillerieregiments,„darf ich mir eine officiöſe Anfrage erlauben? Hauptmann von Dotter hat ein Urlaubsgeſuch eingereicht, angeblich wegen einer Reiſe in Familienangelegenheiten. Halten Excellenz es für rathſam, daſſelbe zu gewähren?“—„Unbedingt, lieber — — 177 Oberſt“, verſetzte der General und zog mit der Unter⸗ lippe die eine Spitze des Schnurrbarts in den Mund, wie er immer that, wenn er guter Laune war;„wir kennen ja dieſe Familienangelegenheiten; wollen dem Hauptmann die Brücke zu ſeiner Dimiſſion nicht ver⸗ ſperren; Urlaub wird nur Vorſpiel von Dimiſſion ſein — ein unruhiger Kopf weniger in der Armee!“ Unter der Gruppe der Hauptleute war ebenfalls nur von Dotter die Rede.„Dotter Urlaub genommen, ſchon mit Vormittagszug abgereiſt— angeblich zu Mutter, aber vermuthlich irgendwo verſteckt, um Wechſel⸗ haft zu entgehen“, ſagte der Hauptmann Graf Lingsohr vom Zweiundfünfzigſten;„war'n verfluchter Streich von Excellenz, Offizieren von ganzen Armeecorps Ehren⸗ wort abzunehmen, keinem Kameraden mehr Accept oder Endoſſement oder Bürsſchaft auf Wechſel zu geben. Kann manchen Officier ruiniren, he?“—„Na, hat aber auch ſein Jutes, Herr Iraf“, meinte Hauptmann Baron von der Müchwitz von den Jägern;„Juden jroße Panik jekriecht— prolongiren hölliſch jerne oder nehmen mit einfachem Sola vorlieb, was ſie nicht je⸗ than, ſeit verfluchte Wechſelordnung von Achtundvierzig erſchienen. Werden alte Zeiten wiederkehren, wo Offſier auf bloſe Parole Jeld jenug jekriecht!“—„Streich is famos von alter Excellenz“, pflichtete Hauptmann von Mylius, Ein Meteor der Börſe. I. 12 178 Kögekamp bei;„Dotter is futſch und Excellenzens Sohn, Premierlieutenant Udo reuſſirt bei Prinz Karl Fried⸗ rich Hoheit. Famoſe Carriere in Ausſicht— Reiſen, Orden, Avancement, Verſetzung in Generalſtab— nei⸗ denswerther Junge, dieſer Udo!“—„Dotter is jelie⸗ fert, das richtig! Da hilft kein Jott mehr!“ ſagte ein Vierter mit ſchlecht verhehlter Schadenfreude;„jibt pompöſes Avancement in Artilleriebrijade!“—„Ich denke meine Herren, Sie bedauern Dotter zu frühe“, ſagte der Hauptmann Schweighardt von der Artillerie, dem dieſe Redensarten der hochadeligen Herren wurm⸗ ten;„Dotter iſt ein Mann von Energie und Unmſicht, der ſchon noch Mittel finden wird, ſich über Waſſer zu halten!“—„Jloben der Herr Kamerad?“ fragte Lingsohr geringſchätzig;„ohne ſolchem Köhlerjlauben vorjreifen zu wollen, möcht' ich einen Korb Champagner jejen Stange Weißbier wetten, Dotter is futſch. Haben Herr Kamerad Luſt, Pari zu halten? Die Herren ſind Zeugen?“— Der bürgerliche Hauptmann warf dem adeligen einen Blick zu, der nichts weniger als kamerad⸗ ſchaftlich war, und wandte ihm ſtumm den Rücken, was die Herren von altem Hauſe und blauem Blute für einen großen Sieg ihres Standes genoſſen bewieherten. Se. Excellenz der commandirende General Graf von Bengeln ſchien heute gewaltige Eile zu haben, die —.— 179 Parade zu beendigen. Sobald die Offiziere auseinan⸗ der gingen, winkte er ſeinen Sohn Udo herbei und ſagte:„Haſt Du gehört, mein Lieber, daß Dotter Ur⸗ laub genommen? Er fühlt den Boden wanken und wird quittiren. Ich gehe jetzt zu dem Geldwechsler, dem ich den Wechſel zu Beitreiben gegeben habe. Aber die achthundert Thaler, welche mich dieſe Mine koſtet, werden Dir auf Dein Erbgut notirt, Udo; das verſteht ſich. Kannſt mich übrigens begleiten, damit Du gleich ſelber hörſt, wie die Sachen ſtehen. Eventuell reiſeſt Du morgen nach der Reſidenz, damit Du bei Handen biſt, wenn die königliche Hoheit Dotter's Sturz erfährt.“ Und die Excellenz und Graf Udo verließen fünf Minu⸗ ten ſpäter in den Interimsröcken das große Haus am Paradeplatz, um nach dem Comptvir von Weißbrod, Reich⸗ helm und Compagnie zu gehen und ſich nach dem Schickſal des Wechſels zu erkundigen, welchen der Geſchäftsmann des Generals von dem Juden Schlome Herſchmann erſtanden hatte, um den Hauptmann Dotter zu ſtürzen.„Wie ſteht es um den Wechſel auf Herrn von Dotter, welchen Ihnen Herr Juſtizcommiſſär Starke zum Incaſſo übergeben hat?“ fragte Excellenz den Herrn Tzſchörner, der noch hinter ſei⸗ nem Caſſenverſchlag amtete und tief dienerte, als er den Höchſtcommandirenden der Provinz vor ſich ſah. „Iſt prompt eingegangen, Excellenz, in lauter gu⸗ 12 180 ten Caſſenſcheinen und Gold“, verſetzte Tzſchörner mit einem zuckerſüßen Lächeln und einem Katzenbuckel;„ge⸗ ruhen Excellenz den Betrag ſelbſt mitzunehmen oder ſoll derſelbe an Herrn Juſtiz....“ „Alſo wirklich eingegangen?“ wiederholte der Ge⸗ neral, als ob er nicht richtig gehört zu haben glaubte, und ſeine Augen blitzten wie die einer Katze.„Na, das iſt mir ſehr lieb für den Offizier; wäre mir ſehr fatal geweſen, einen Subalternen zu drücken wegen einer Ba⸗ gatelle von achthundert Thalern. Können mir ja das Sümmchen ſogleich mitgeben, Herr Caſſier. Aber wie iſt denn das zugegangen?“ fuhr die Eycellenz dann fort, nachdem ſie abſeits einen ſehr ärgerlichen Blick mit Graf Udo gewechſelt hatte;„geſtern noch verſicherte mich Starke, Herr Schlome Herſchmann hege einige Bedenken wegen der Bezahlung des Wechſels?“ „Ja, es iſt in der That auch wunderbar zugegangen, wie ich Excellenz zu bemerken mir erlaube“, verſetzte Tzſchörner.„Herſchmann war ſchon dieſen Morgen in aller Frühe hier und zeigte mir ein Billet, worin ihm Herr von Dotter anzeigte, daß der fragliche Wechſel auf der Bank von Leopold Auheim bezahlt werden würde „Auheim?“ rief der General erſtaunt;„wie? Er hätte alſo noch Credit gehabt?“ † — —— 181 „Unterthänigſt zu dienen, Ercellenz! Ja, ganz wie ich Excellenz zu bemerken die Ehre hatte“, ſagte Tzſchör⸗ ner;„es iſt unbegreiflich aber wahr, die Firma Au⸗ heim hat zu Gunſten des Herrn von Dotter vermittelt. Auheim, der ſelbſt ſeine Mittel ſehr nöthig haben dürfte, hat vielleicht aus Freundſchaft für Herrn von Dotter dieſes Opfer gebracht; allein wenn Ercellenz geruhen wollten mir eine unterthänigſte, unmaßgebliche Bemer⸗ kung zu erlauben, ſo würde ich mich erkühnen, unmaß⸗ geblich zu prophezeien, daß dieſe Hilfe höchſtens einigen Aufſchub, aber keine Rettung für den Herrn Haupt⸗ mann gebracht hat, denn es iſt mit Grund zu ver⸗ muthen, daß Auheim ſein Geld nicht lange entbehren kann, und da die Verbindlichkeiten des Herrn von Dotter doch nicht ganz unbedeutend zu ſein ſcheinen, indem noch manche Deviſen auf denſelben oder von demſelben im Umlauf ſind, ſo wage ich mich, mit Ex⸗ cellenz gnädigſter Erlaubniß, unterthänigſt zu freuen, daß durch die etwas entſchiedene und eifrige Beitreibung unſerer Firma, Eurer Excellenz Intereſſen für dieß Mal glücklich gewahrt ſind...“ Excellenz runzelten die Stirne und thaten im Stil⸗ len einen wilden Reiterfluch über die Vereitelung ihres Plänchens, das gar nicht ſoldatiſch gerade und ehren⸗ haft war; aber die Ercellenz war ja auch mehr Höf⸗ 182 ling als Soldat. Er bat daher Tzſchörner kurzweg, ihm den Betrag des Wechſels abzüglich der Incaſſo⸗ ſpeſen mitzugeben, und erhielt aus Tzſchörner's Händen acht Hundertthalerſcheine mit der Verſicherung, daß von Proviſion für eine ſolche Kleinigkeit gar keine Rede ſein könnte, um ſo mehr, als ja das Geſchäft ſo glatt abgelaufen ſei, und daß die Firma ſich ſchmeichle, mit Eycellenz hochſchätzbarem Vertrauen in anderen Fällen beehrt zu werden. Excellenz beſtand zwar anfangs darauf, daß er keinen ſolchen Dienſt ohne die übliche Remuneration annehmen könne, ließ ſich dann aber die Sache gefallen und ſprach nur die Abſicht aus, ſeine Dankbarkeit und ſein Vertrauen gegen die Firma, die ihn ſo anſtändig behandelt, dadurch zu bethätigen, daß er ihr feine Kund⸗ ſchaft zuweiſe und ſie in ſeinem Kreiſe empfehle. „Schockſchwerenoth! Die ganze Mühe iſt nun um⸗ ſonſt!“ brummte der General zwiſchen den Zähnen, als er mit ſeinem Sohn wieder auf der Straße war.„Die⸗ ſer kriechende Millionenhund von einem Caſſier hat mir offenbar meinen ganzen Plan verdorben. Anſtatt dieſen demokratiſchen Hallunken von Dotter mit leeren Hoffnungen zu tröſten und einzuſchläfern, hat er ihm vermuthlich die Hölle heiß gemacht und ihm die Gefahr des Nichtbezahlens ſo dringend vorgeſtellt, daß der Dotter um jeden Preis ein Geſchäft mit dem Schwindler ——— 183 Auheim gemacht hat. Schockſchwerenoth! Das hätt' ich mir freilich nicht träumen laſſen, daß der Kerl von Dotter noch Credit bei Bankiers habe. Aber ich werde dieſer Tage bei Auheim vorſprechen und ihm dort das Waſſer abgraben!— Ich begreife Auheim nicht; der Kerl bewirbt ſich doch ſonſt mit ſolchem Empreſſement um die Ehre, in unſere Cercles zu kommen, wo wir den Kerl nur wegen ſeiner gut royaliſtiſchen Geſinnung dulden. Allein das erſte Mal, wo er mir wieder einen meiner Pläne durchkreuzt, werd' ich all meinen Einfluß in der Geſellſchaft aufbieten, um den Kerl wieder in ſein Nichts zurückzuſchleudern.“ Allein das Erſtaunen der Excellenz und des ganzen Offizierscorps war noch nicht am Ende, denn einige Tage ſpäter erſchien ſowohl im Regierungs⸗ und Amts- blatte, als im„Freifinnigen“ und im„Patrioten“ ein Aufruf folgenden Inhalts: „Aufforderung. Alle diejenigen, welche an Herrn Hauptmann von Dotter, beim— ſten Artillerie⸗ regiment, aus irgend welchem Grunde eine Forderung zu machen haben, werden wegen deſſen bevorſtehender Abreiſe gebeten, dieſelbe binnen acht Tagen auf dem Comptoir von Leopold Auheim zu liquidiren, woſelbſt ihre Befriedigung bei Richtigbefinden alsbald erfolgen wird.“ 6 . Als die Excellenz dieſe Aufforderung zu Geſicht bekam, glaubte ſie ihren Augen nicht trauen zu dürfen; aber wie oft ſie dieſelbe auch überleſen mochten, der Sinn und Wortlaut blieben immer unzweideutig der gleiche. Die Excellenz riſſen daher den Klingelzug bei⸗ nahe ab, um ihren Adjutanten hereinzubeſcheiden. „Haben Sie geleſen, Herr von Starkreff?“ rief er dieſem wuthbebend zu und deutete auf die mit einer breiten Einfaſſung umgebene Anzeige. „Zu Befehl, Ercellenz! Ein wunderlicher Einfall für einen Officier, ſich auf dieſe Weiſe in den Mund der Leute zu bringen!“ erwiderte der Adjutant, dem der Sturm in der Bruſt des Generals nicht entging. „Soll ihm auch eingetränkt werden, dem Schock⸗ ſchwerenöther! Werde ihm dießmal eins an's Bein wiſchen, daß er daran denken ſoll. Hat der Schwere⸗ nöther denn ſo viele Schulden, daß er ſie ſelbſt nicht mehr alle aufzählen kann und zu ſolch einer Aufforde⸗ rung ſeine Zuflucht nehmen muß? Na, dann ſoll er quittiren oder— was meinen Sie, Starkreff, können wir ihn nicht vor ein Ehrengericht ſtellen?“ „Wir nicht mehr, Eycellenz, fürcht' ich“„ verſetzte der Adjutant;„Excellenz ſcheinen die neueſte Nummer der Verfügungen des hohen Kriegsminiſteriums noch nicht geleſen zu haben, worin die Ernennung des Haupt⸗ — — 185 manns von Dotter zum militäriſchen Gouverneur und Adjutanten Sr. Königlichen Hoheit des Prinzen Karl Friedrich unter gleichzeitiger Verleihung des Charakters eines Majors im Generalſtab enthalten iſt....“ „Wie? Was? Wo ſteht das?“ fuhr der General auf;„ah, ja, fürwahr!“ ſetzte er dann mit unbezähm⸗ barem Haſſe hinzu, als der Adjutant das Blatt vom Tiſche genommen und dem General die betreffende Stelle gezeigt hatte.—„Potz Millionen Schockſchwere⸗ noth! Das geht ja gewaltig raſch! Aber nur Geduld, Herr von Dotter, es iſt noch nicht aller Tage Abend! — Herr von Starkreff, Sie werden ſich ſogleich auf das Comptoir des Kerls, des Auheim begeben und in dienſtlicher Weiſe zu erfahren ſuchen, auf welchem Wege und durch wen dem Hauptmann von Dotter aus ſeinen Schulden geholfen worden iſt, und wer dieſe Aufforderung an ſeine Gläubiger auf ſolch unbefugte Weiſe erlaſſen hat. Sie werden hierüber ſchriftlichen Beſcheid begehren und ſich genau informiren, ob die dem von Dotter geleiſtete Hilfe irgendwie mit den Begriffen von militäriſcher Ehre collidirt— verſtehen Sie?“ „Zu Befehl, Excellenz! Ich werde mich mit der größten Befliſſenheit informiren!“ erwiderte der Adjutant und verabſchiedete ſich, militäriſch ſalutirend. 186 Allein ſein Beſuch auf dem Comptoir von Leopold Auheim war mehr auffallend als erfolgreich, denn der Principal war wieder abweſend auf ſeinem Gute, und Oite empfing Herrn von Starkreff mit aller Höflich⸗ keit; Herr von Starkreff hatte aber nicht ſobald den Namen des commandirenden Generals und den Zweck ſeines Beſuches genannt, als Otte ſehr ernſt und cere⸗ moniös wurde, und dem Adjutanten Folgendes erwi⸗ derte„Die Ordnung der Angelegenheiten des Haupt⸗ manns von Dotter iſt nicht Sache der Firma Auheim, ſondern wird von mir privatim geregelt, der ich mich auch als eigenmächtiger Verfaſſer und Veröffentlicher der Aufforderung bekenne, welche mir für den ſpeciellen Zweck definitiver Abwickelung ſämmtlicher Verbindlich⸗ keiten eines Wegziehenden unerläßlich dünkte und wo⸗ durch, nach meinem beſchränkten Unterthanenverſtande, der Ehre des Herrn von Dotter nichts vergeben iſt. Ich kann es nämlich nicht begreifen, daß eine öffent⸗ liche Erklärung der Geneigtheit, ſeine Schulden zu be⸗ zahlen, der Ehre eines Officiers nachtheilig ſein ſollte, beſcheide mich jedoch, hiervon nichts zu verſtehen. Die Auskunft über die Art und Weiſe, wie Herr von Dot⸗ ter in den Beſitz der Mittel gekommen, um ſeine Ver⸗ bindlichkeiten zu bezahlen, verweigere ich einſtweilen, ſo lange mir nicht eine Aufforderung hierzu in legaler —, — kein Recht zugeſtehen, ſich in meine Geſchäfte zu mengen. Da es aber kein Geheimniß iſt, Herr Major, auf welche Weiſe Herrn von Dotter geholfen worden iſt, ſo bin ich erbötig, Ihnen privatim hierüber Einiges mitzutheilen. Herr von Dotter hat bei einem größeren Geldinſtitut ſein Leben und ein Capital ver⸗ ſichert und auf dieſe Garantie hin von einigen Ehren⸗ männern ein unaufkündbares Darlehen empfangen, welches ihn in den Stand ſetzte, ſeine anderweitigen Verbindlichkeiten abzutragen und einer Intrigue zu be⸗ gegnen, welche gegen ihn eingeleitet worden iſt. Dieſe Ordnung ſeines Schuldenweſens iſt auch bereits in einer Weiſe erfolgt, welche nichts zu wünſchen übrig läßt.“ Der Adjutant zog mit dieſem Beſcheide ab, nach⸗ dem er an Otte's gemeſſener Haltung bemerkt hatte, daß dieſer ſich ſeiner Rechte und Pflichten klar bewußt war, und ſein Rapport an den General war von der Art, daß dieſer ſeinen Groll vorerſt als machtlos auf⸗ gab oder wenigſtens vertagte, und nur in den Bart 3 brummte: er möchte wiſſen, welcher Millionenhund dem Kerl, dem von Dotter dieſen Ausweg gezeigt und die Mittel geboten habe, ſeine Schulden in Einen Poſten zu convertiren. Weiſe von dem Herrn Generalauditeur oder einem 4 „ andern Gerichte zukommt, denn ich kann Sr. Excellenz „Wenn Excellenz mir eine unmaßgebliche Anſicht zu äußern geſtatten“, ſagte der Adjutant,—„ſo möchte ich die Vermuthung ausſprechen, daß es wohl die Frei⸗ maurer geweſen ſein mögen, welche Dotter'n geholfen haben!“ „Dann ſoll ihnen ja ein Millionen Donnerwetter über die Köpfe fahren!“ rief der General;„Sie werden mir eine Liſte aller derjenigen Offiziers meines Armee⸗ corps beſchaffen, welche dieſem Orden angehören.“ „Zu Befehl, Excellenz, obſchon ich mir unterthä⸗ nigſt zu bemerken erlaube, daß an eine Anfeindung dieſer Offiziere nicht zu denken ſein dürfte, da eine allerhöchſte Perſon nicht nur ſelbſt dieſem Orden an⸗ gehört, ſondern auch den Beitritt der Offiziere zu dem⸗ ſelben begünſtigt!“ „Ach ja,— freilich, freilich! Na, dann ſoll we⸗ nigſtens mein Sohn Udo auch Freimaurer werden!“ verſetzte die Ercellenz, und beſann ſich vorerſt eines Beſſern. Etwa vierzehn Tage ſpäter trafen Prinz Karl Friedrich und ſein militäriſcher Gouverneur in der Provinzialhauptſtadt ein, und die Excellenz hielt es nun für ehr gerathen, gegen den Major von Dotter ſehr freundlich zu ſein und ihn häufig mit dem Prinzen in ſein Haus zu laden. Er belobte ihn ſogar ange⸗ 7 — S— 7 —— F 189 ſichts des Prinzen ſehr eifrig, allein der junge Prinz ſchien dieſe Lobſprüche mit einem ſardoniſchen Lächeln hinzunehmen und überhaupt ſich nicht viel aus dem General zu machen, denn er ließ ſich ſchon nach wenigen Wochen zu einem anderen Armeecorps verſetzen, und die Excellenz behauptete nun: der Kerl, der von Dotter, habe ihm damit ein Paroli gebogen. Zehntes Kapitel. Während der Anweſenheit des Prinzen war Major von Dotter regelmäßig bei den Donnerſtagsabenden in Werner's Hauſe oder in demjenigen des Obriſtlieute⸗ nants erſchienen, und hatte ſogar außerdem ſich oft öffentlich mit Heinrich Otte gezeigt, oder ſeine Abende auf deſſen Zimmer zugebracht; ja er hatte es ſogar einige Male nicht verſchmäht, der Gaſt der Fräulein Valentin zu ſein, und war Zeuge des traulichen, bei⸗ nahe geſchwiſterlichen Zuſammenlebens geweſen, welches Heinrich und die drei Schweſtern mit einander führten. Otte hatte mehrfach Einladungen in andere Kreiſe ab⸗ gelehnt, die er Herrn von Dotter verdankte, und ſein Ablehnen mit der übernommenen Verpflichtung ent⸗ ſchuldigt, Hedwig zu unterrichten, welche unter ſeiner und Fräulein Julien's Leitung raſch die bedeutendſten S————— — 191 Fortſchritte machte. Dieſe Lehrſtunden fielen ſelbſt dann nicht aus, wenn der Major einen Abend bei den„Putzmamſellen“ zubrachte, wie ſeine Kameraden verächtlich geſagt haben würden. Während die drei Mädchen ſich bemühten, den Major zu unterhalten, er⸗ theilte Otte in einer Ecke des Zimmers Hedwig den nöthigen Unterricht und Käthchen ſtrickte einſtweilen an Hedwig's Strickſtrumpf fort. Hedwig aber nahm ihre Aufgabe ſo ernſt, daß ſie den Offizier während der Lehrſtunde gar nicht beachtete, obſchon ſie außerdem kein Auge von ihm verwandte. Herr von Dotter war aber in der That auch ein bildſchöner Mann, und ſeit die überraſchende Wendung, welche ſein Geſchick genommen, jene Falten des Kummers und der Sorge von ſeiner Stirn hinweggenommen und ſein Auge wieder heiter und mild blickte, lag in der That auch etwas herzge⸗ winnend Offenes und Liebes auf ſeiner Stirne, während ſein Benehmen eine ungeſuchte ſtille Grazie und edle Ruhe und Würde athmete. Dazu war er in ſeinem Weſen ſo einfach und anſpruchslos, ſo liebreich und naiv, daß auch die drei Schweſtern Valentin ihn aufrichtig liebgewonnen hatten und für ihn durch's Feuer gegangen wären, und daß es ihnen wirklich nahe ging, als er wegen ſeiner Abreiſe von ihnen Abſchied nahm. Es war Weihnachtsabend und Otte hatte die Bank etwas früher geſchloſſen, um noch eine Beſprechung mit Herrn Auheim zu halten, welcher mit dem Abendſchnell⸗ zug nach Moritzburg abreiſte. Dieſer wollte das Weih⸗ nachtsfeſt bei ſeiner Verlobten zubringen, denn am achtundzwanzigſten December ſollte ſeine Hochzeit gefeiert werden, und er gedachte dann ſogleich mit ſeiner Neu⸗ vermählten nach Paris abzureiſen. Da war zuvor noch mancherlei zu ordnen und manche Rückſprache für die Dauer von Auheims Abweſenheit zu treffen. Erſt nach ſieben Uhr kehrte er in ſeine Wohnung zurück, um der Beſcheerung in der Familie Valentin beizu⸗ wohnen. „Ottechen, ſind Sie es?“ rief Käthchen aus der Küche, als er im Dunkeln die Treppe hinan ging. „Ja, Fräulein Käthchen,— der iſt's!“ „Nun, ſo treten Sie doch auf einen Augenblick Räher; ich habe Ihnen einige Commiſſionen zu beſtellen!“ ſagte ſie.„Da hat zunächſt Herr Karl Werner herge⸗ ſchickt, und läßt Sie um die Ehre bitten, der Beſcheerung bei ihm beizuwohnen, die um halb acht Uhr beginne, und da der Laufburſche Sie nicht mehr auf dem Comp⸗ toir antraf, ſo hat er Sie hier aufgeſucht. Nun gehen Sie nur ſogleich hin, damit Fräulein Johanna nicht böſe wird!“ — 193 „Fräulein Johanna?d“ fragte Otte;„wie kommen Sie zu dieſer Bemerkung, Käthchen?“ „Na, ich bin ein ausgetragenes Kind, Ottechen, und Sie werden mir doch nicht leugnen wollen, daß Herr Werner vielleicht ſo ein ſtilles Plänchen mit Ihnen wegen Fräulein Johanna hat?“ „Ach, gehen Sie, Käthchen! Sie ſind wirklich bos⸗ haft. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Herrn Werner einen derartigen Plan gar nicht zutraue. Unſere Berührungen ſind ganz anderer Art, und ich kann Sie verſichern, daß ich mit dem Fräulein noch keine hundert Worte gewechſelt, ja, es noch gar nicht einmal recht an⸗ geſehen habe!— Ja, es thut mir ſogar leid, daß ich für heute Abend dort eingeladen bin, denn ich büße dadurch die Beſcheerung bei Ihnen ein, auf die ich mich ſo ſehr gefreut habe. Ich werde Herrn Werner ſogleich abſchreiben...“ „Iſt gar nicht nöthig“, entgegnete Käthchen;„wir wären ohne Sie kaum froh und vergnügt, und werden daher um Ihretwillen unſere Beſcheerung verſchieben, bis Sie von Werners zurückkommen. Nun gehen Sie nur ſchnell hin, damit Sie deſto früher zurückkommen. Meiner andern Commiſſionen entledige ich mich erſt nachher!“ Julie kam auch heraus und ſtellte Otte vor, daß er Werner's Einladung nachkommen müſſe, um es Mylius, Ein Meteor der Börſe. I. 13 mit dieſem Gönner nicht zu verderben.„Er hat uns zwar unſern Plan einigermaßen durchkreuzt, aber wir wollen unſern heiligen Chriſt nicht ohne Sie feiern, lieber Otte!“ ſagte ſie;„gehen Sie nur! Sie kommen dann vielleicht deſto früher wieder zurück. Otte brachte ein paar Packete, mit denen er ſich ſchleppte, auf ſein Zimmer und eilte dann nach Herrn„ Werners Haus. Aber unterwegs wollte ihm der Wink, ₰ 4 welchen Käthchen bezüglich Fräulein Johanna's hatte fallen laſſen, nicht aus dem Sinne. Er hatte nie an dieſe Möglichkeit gedacht, und das Fräulein hatte ihn ſeither 1 kalt gelaſſen, denn er hatte ſie kaum beachtet, geſchweige denn ſich für ſie intereſſirt. Aber unwahrſcheinlich war es doch nicht, daß Herr Werner jenes Plänchen hegte, denn er begegnete Otte mit ſichtlicher Auszeichnung und einer Herzlichkeit, welche förmlich ermuthigen konnte. Die Ausſicht, der Schwiegerſohn eines ſolchen Mannes zu werden, hatte für einen ſtrebſamen jungen Kaufmann gar zu viel Lockendes, als daß ſie nicht Otte hätte zu denken geben ſollen; und wie es bei ſolchen Dingen immer geht, es hatte nur an dem zündenden Funken gefehlt, der dieſen Gedanken hell ſtrahlen machte. Als er ſich Werners Haus näherte, ſah er die Fenſter des im Erdgeſchoß glänzend erleuchtet. Auf dem P S ſhn und Ueberrock ablegte, begegnete 195 er Fräulein Johanna, die ihn mit ihren großen ſchwarzen Augen gar freundlich anblickte und mit einem Lächeln und Erröthen, welche ihr blaſſes Geſicht lieblicher er⸗ ſcheinen ließen, ihm zurief:„Ach wie ſchön, daß Sie end⸗ lich kommen, Herr Otte! Papa hat ſchon einige Male nach Ihnen gefragt, und die ganze Geſellſchaft iſt bei⸗ ſammen bis auf Sie!“ „Dann kann ich es mir kaum verzeihen, alle auf⸗ gehalten zu haben!“ ſagte Otte und unbewußt erlaubte er ſich, Fräulein Johanna's Hand grüßend zu erfaſſen und leiſe zu drücken. Dieſe Hand bebte in der ſeinigen und erwiderte ſchüchtern ſeinen Druck, und Beider Augen begegneten ſich einen Moment. Sein freundlicher, ſchüch⸗ tern fragender Blick traf auf ein freudiges, flüchtiges Leuchten ihrer dunklen Augen, das ihm einen heißen Blutſtrom zum Herzen trieb, während auf Johanna's Wangen eine hohe Glut aufloderte. Dann aber riß ſich Fräulein Werner raſch los und verſchwand in einem andern Zimmer, und Otte trat, noch etwas verwirrt und befangen, in den Salon, wo er die Familie und das Comptvirperſonal, einige Hausfreunde wie den Obriſtlieutenant Richartz mit ſeiner Gattin und andre mehr verſammelt fand. Herr Werner empfing den Spätling mit gutmüthigem Schelten über ſein Ausbleiben, verzieh aber dann daſſelbe, als Otte ſich genügend 3* 137 — 196 rechtfertigte; und nun wurden die ſämmtlichen An⸗ weſenden in den kleinen hintern Salon geführt, wo auf einer langen Tafel die Weihnachtsgeſchenke unter dem kerzenſtrahlenden Chriſtbaum aufgeſtellt waren jeder Gaſt ſein Geſchenk mit ſeinem Namen bezeichnet fand, und zum Zugreifen eingeladen ward. Auch Otte war unter den Beſchenkten,— weil er ſich mit zur Familie zählen ſollte, wie Herr Werner herzlich äußerte. Er fand auf ſeiner Platte eine Kiſte Cigarren, ein Dutzend Taſchentücher von feiner ſchleſiſcher Leinwand, und einen Spazierſtock mit ſchön und künſtlich geſchnittenem Elfenbeinknopfe,—„Angenehmes und Nützliches“, wie Herr Werner lachend ſagte. Es war ein allgemeiner Jubel unter den Anweſenden, denn alle ſahen ſich über Erwarten reich beſchenkt, und der Geber ſchien ebenſo vergnügt als die Empfänger. Nachdem nun ſämmtliche Gäſte noch mit Backwerk und ſüßem ſpaniſchen Wein bewirthet worden waren, entfernte ſich das Perſonal und nur die Familie und die Hausfreunde blieben zurück. „Kommen Sie, Otte, ich will Ihnen meinen kleinen Liebling, meine Ottilie, vorſtellen, welche über die Feſt⸗ zeit zum Beſuche hier iſt“, ſagte Herr Werner, und führte ihn zu einem jungen Mäochen in der erſten Blüthe der Jungfräulichkeit, die ſich im Kreiſe einiger ————— —— —+——— ——— kehr ins Vaterhaus zu wünſchen, wo Sie ſicher mit 197 jungen Freundinnen über ihre erhaltenen reichen Ge⸗ ſchenke freute.„Hier, mein Kind, ſtelle ich Dir meinen wackern jungen Freund, Heinrich Otte vor, von welchem ich Dir ſchon ſo vieles erzählt habe!“ Ottilie drehte ſich lebhaft um und maß Otte mit ihren großen intelligenten Augen, welche lebhaft an diejenigen ihres Vaters gemahnten. Heinrich ſah in ein friſches Geſicht, das nicht eben ſchön und regelmäßig, aber upgemein anmuthig war; ein naives Stumpf⸗ näschen, reizende Grübchen in Kinn und Wange, weiche kaſtanienbraune Locken, welche über das kleine feine Ohr herabfielen, ein niedlicher zarter Wuchs unter Mittelgröße, eine weiße ſchmale Hand und eine gewiſſe kindliche Befangenheit bei ſchalkhafter Munterkeit, liehen Ottilien etwas Gewinnendes. „Ich freue mich ſehr, Sie kennen zu lernen, von dem Papa mit ſo vieler Auszeichnung ſchreibt und ſpricht!“ ſtammelte ſie und gab ihm treuherzig die Hand.„Schenken Sie auch mir Ihr Wohlwollen, Herr Ste „Von Herzen gern, mein Fräulein, denn Sie ge⸗ winnen mich ja ſchon durch das Ihrige“, entgegnete Otte.„Geſtatten Sie mir, Ihnen Gliück zu der Heim⸗ großer Sehnſucht erwartet worden ſind!“ 198 „Ach, reden Sie nicht davon— es gilt ja nur einen kurzen Beſuch hier!“ verſetzte Ottilie lebhaft; „meine Schulzeit iſt ja erſt in ſechs Monaten um!“ Otte wollte etwas erwidern, da begegneten ſeine Augen denen Johanna's, welche mit einer erwartungs⸗ vollen Spannung an ſeinen Zügen hingen, als ob ſie ihm jedes Wort von den Lippen leſen wollte; ihr Ge⸗ ſicht ſchien noch bläſſer geworden zu ſein als zuvor. Otte ward mit Einem Male verlegen, wie wenn er ſich auf einer böſen That ertappt ſähe; er erinnerte ſich des Händedrucks, den er Johanna vorhin gegeben hatte, und mit einigen alltäglichen Phraſen beendete er die Unterhaltung mit Ottilien. Nachdem er noch Frau Werner begrüßt hatte, bat er den Hausherrn um Er⸗ laubniß ſich von dem kleinen Souper dispenſiren zu dürfen, weil er zu Hauſe erwartet werde. „Hab' ich es doch befürchtet, das Sie nicht bei uns bleiben würden, lieber Freund!“ ſagte Herr Werner; „allein ich kann und will Sie nicht aufhalten, ſofern Sie mir verſprechen wollen, morgen Mittag in der Familie mit uns zu ſpeiſen. Ich begreife, daß Sie zu Hauſe erwartet werden, denn Ihre Freundinnen Va⸗ lentin werden nicht ohne Sie den heiligen Chriſt feiern wollen. Johanna ſoll Ihnen die Sachen dort zu⸗ ſenden!“ „Nicht doch, Herr Werner; ich nehme die Geſchenke Ihrer Güte ſogleich mit,— ich will niemand bemühen!“ „Dann erlauben Sie mir wenigſtens, Ihnen die Sachen einzupacken, damit Sie ſie beſſer tragen können!“ rief Johanna mit muntrem Eifer;„ich bringe Ihnen ſogleich Alles!“ Und in der That kehrte ſie auch in wenigen Augenblicken mit einer Pappſchachtel zurück, welche ſie zugeſchnürt hatte und auf welcher der Spazier⸗ ſtock ſteckte. WMit dieſer Schachtel unter dem Arme wanderte Otte ſeiner Wohnung zu. Die freundliche Auszeichnung, welche in der Einladung des Herrn Werner gelegen hatte, that ihm wohl, denn ſie war ein unverkennbarer Zoll der Hochachtung von Seiten dieſes Mannes, welchen Otte ſelbſt ſo hoch ſtellte. Aber abgeſehen von einer inigen Regung der Dankbarkeit hierfür beſchäftigte dieſe Angelegenheit Heinrich nicht weiter. Seine Gedanken waren bei den drei Schweſtern, in deren Hauſe er eine neue Heimath gefunden und denen er ebenfalls eine Beſcheerung vorbereitet hatte. Er dachte an ſeine ferne Mutter, mit welcher er ſo gern dieſe Weihnachten ge⸗ feiert hätte, und an ſeine übrigen Verwandten; die be⸗ vorſtehende Verheirathung Auheims hinderte ihn, ſein Verſprechen eines Beſuches bei ihnen in der Provinz zu erfüllen. Doch waren ſie wahrſcheinlich alle nun im 200 Beſitz der Geſchenke, mit denen er ihrer gedacht hatte, und ſie ſprachen von ihm, ſie feierten ſein Andenken in der Ferne. Und dennoch, wie froh wäre er geweſen, jetzt unter ihnen zu ſein. Aber vielleicht warteten auch ſeiner einige Liebeszeichen von ihnen, denn Käthchen hatte ihm ja noch nachgerufen, es ſei ein Packet für ihn eingetroffen, das ihm der heilige Chriſt unter dem Weihnachtsbaum beſcheeren ſolle. Und wer anders konnte in der Ferne ſeiner gedenken, als die Mutter und die Geſchwiſter? So eilte er denn mit beflügelten Schritten durch die Straßen der Stadt, in einer eigenthümlich weichen feſtlichen Stimmung. Jeder Weihnachtsbaum, deſſen Lichter durch die hellen Scheiben auf die Straßen herunterſchimmerten, ſteigerte die frohe, fromme Bewe⸗ gung ſeines Gemüthes. Jetzt hatte er die Promenade erreicht, jetzt erblickte er das Eckhaus, aber im Entreſol waren die Fenſter nur wie gewöhnlich matt erleuchtet, denn der tief herunter⸗ gelaſſene Schirm der Lampe concentrirte das Licht nur auf den runden Tiſch.„Sie haben mich nicht mehr erwartet, die Beſcheerung iſt ſchon vorüber“, flüſterte Otte vor ſich hin, und betraf ſich auf einem leiſen Aerger darüber;„nun, ſie hatten im Grunde auch recht; wie konnten ſie um meinetwillen die Anderen harren laſſen, die ſie ebenfalls zu beſchenken haben. 201 Und doch iſt mir, als fehlte mir etwas zu meiner Weihnachtsfeier, wenn ich in dieſem Hauſe den Chriſt⸗ baum nicht brennen ſehe!“ Mit dieſen leiſe geflüſterten Worten zog er die Hausklingel; die Thüre ging auf und auf dem Abſatze der halben Treppe ſtand Käthchen mit einer Lampe in der Hand und rief ihm einen Will⸗ kommsgruß zu. „Na, ſchön daß Sie noch kommen, Otte! Alles iſt gerüſtet, wir hatten nur noch auf Sie gewartet!“ rief Käthchen munter;„wir hätten uns unſers heiligen Chriſts nur halb gefreut, wenn Sie ausgeblieben wären, denn Sie gehören ja zur Familie. Ah, Sie bringen hier ſchon Geſchenke mit?— Nein, nicht hier herein, hier iſt die Beſcheerung aufgebaut. Für heute Abend müſſen Sie ſchon mit dem Nähzimmer vorlieb nehmen! — Julie“, rief ſie dann durch die Thüre des Wohn⸗ zimmers;„zünde die Kerzen an, er iſt da!“ Als Otte ins Nähzimmer oder Atelier trat, wo ſonſt die Arbeiterinnen unter Mariens Aufſicht ge chäf⸗ tig waren, fand er Frau Valentin in ihrem Kranken⸗ ſtuhle bei Marien und Hedwig. „Wie, meine liebe Frau Valentin, Sie ſind noch außer Bett?“ fragte er ſie. „Na, das verſteht ſich doch, lieber Herr Otte! Glauben Sie denn, ich wolle nicht auch meinen heiligen Chriſt? Einer armen Kranken ſind ja ſolche Feſte be⸗ ſonders werth und tröſtlich, denn ach, wer weiß, ob ich noch viele ſolcher Tage mit den Meinigen feiern werde?“ ſetzte ſie mit aufquellender Wehmuth hinzu. „Und ſo iſt denn mein Ausbleiben wohl Schuld geweſen, daß Sie ſo ungewöhnlich lange außer dem Bette ſind, meine liebe Mutter?“ „Ach laſſen Sie das, Otte! Der Schlaf flieht mich ja ohnedem!“ ſagte die Kranke.„Wir waren alle da⸗ rüber einig, bis zehn Uhr zu warten und lieber heute ohne Sie nicht aufzubauen, denn Sie müſſen ja heute die Stelle meiner Söhne vertreten, die in alle Welt zerſtreut nur im Herzen und im Geiſte dieſes Feſt mit uns feiern können!. Die Rührung übermannte die gute Frau und Otte drückte ihr ſtumm die Hand. „Auch die kleine Hedwig ſoll heute den heiligen Chriſt mit uns feiern“ fuhr dann Frau Valentin nach einer Weile fort.„Das arme Kind! Denken Sie ſich, Otte, ihr Großva.. der alte Maruſchke, wollt' ich ſagen, — hat ſich das Anſehen gegeben, als ob er gar nicht wiſſe, daß wir Weihnachten haben. Erſt als Hedwig ihm ihr Geſchenk überreichte, fiel ihm ein, daß es vi liebliche Feſtzeit ſei. Der ſchnöde Geizhals! Dem armen Kinde da nicht einmal mit einigen Thalern eine Freude zu bereiten!“ 203 Hedwig ſchlug die großen dunklen Augen, welche jetzt unwillkürlich feucht geworden waren, zu Frau Valentin auf und ſagte bittend:„Nein, tadeln Sie ihn nicht, liebe Madame; ich bin überzeugt, er hat es ſelbſt nicht genau gewußt, denn er iſt manchmal ganz ſtumpf und vergeß lich. Ohne Zweifel holt er es morgen nach, denn er war ſo vergnügt, als ich ihm die geſtrickte wollene Jacke übergab, welche ich mit Fräulein Käthchens Anleitung gefertigt hatte, und es fehlte wenig, ſo hätte er mich ſogar geküßt.“ „Oh, das hätte er auch thun dürfen, der alte Filz, der eine ſolche Pflegerin gar nicht verdient!“ ſagte Frau Valentin, von ihrer aufrichtigen Entrüſtung hingeriſſen; „aber ich wette, bis morgen hat er wieder alles ver⸗ geſſen, und ſeine Geſchenke werden Dir nicht in den Augen wehe thun, liebe Kleine!“ Hedwig rannen Thränen über die Wangen, aber Marie legte ihre Hand beſchwichtigend auf des Mädchens Schulter und flüſterte:„Mußt ihr das nicht übelnehmen, liebes Seelchen! Sie meint es ja nur gut mit Dir, aber ſie mag den alten Nachbar wegen ſeines Geizes nicht leiden. Ich bin überzeugt, daß der alte Maruſchke Dir in dieſen Tagen doch ein kleines Angebinde gibt,— und wenn nicht, ſo biſt Du ja ſo klug und geduldig, Hed⸗ wig, daß Dich das nicht gegen den alten Mann verſtimmt!“ Statt aller Antwort küßte Hedwig Mariens Hand, und nahm dann ihren Strickſtrumpf wieder auf. „Herein, herein, Alle! Der heilige Chriſt hat auf⸗ gebaut!“ rief Julie aus der raſch geöffneten Thüre des Nebenzimmers, durch welche heller Lichterglanz herein⸗ fluthete, reichte dann Otte mit flüchtigem Gruße die Hand und half ihm den Rollſtuhl der Mutter in das andere Zimmer ſchieben, während Käthchen herbeiſprang, um Hedwig am Arme zu ergreifen und vor den Chriſt⸗ baum zu führen. Im gewöhnlichen Wohnzimmer ſtand der lange ovale Tiſch, in deſſen Mitte der grüne Tannenbaum mit ſeinem reichen Schmucke brennender Lichter prangte. Am oberen Ende lagen die Geſchenke, welche die drei Schweſtern ihrer Mutter, Otte und Hedwig hergerichtet hatten, und daran reihten ſich die Teller der Geſchwiſter. Auch der abweſenden drei Brüder war gedacht worden, und jeder hatte ſeine Gabe, die ihm in die Ferne geſandt werden ſollte. Otte ſah ſich reich beſchenkt von allen drei Schwe⸗ ſtern, und ſelbſt Frau Valentin hatte Strümpfe hinzu⸗ gelegt, die ſie eigenhändig für ihn geſtrickt hatte; die einzige Arbeit, die ihr in ihrem Siechthum noch erlaubt und möglich war. Er war innigſt gerührt, drückte Frau 205 Volentin und ihren drei Töchtern der Reihe nach die Hand, und eilte dann hinauf, um die Geſchenke zu holen, womit er ſie überraſchen wollte: für die Mutter einen warmen Fußſack von Pelz, für Julien Schiller's Werke, für Marie einen Blumentiſch und für Käthchen einen ſchönen Pelzmuff. Auch Hedwig ging nicht leer aus; ihr Lehrer beſchenkte die fleißige gelehrige Schülerin mit einer hübſchen Schreibmappe und einigen guten, lehr⸗ reichen Büchern. Das arme Mädchen, zuvor ſchon durch die vorſorgliche Güte der Schweſtern Valentin zu Thränen gerührt, brach in lautes Weinen aus, und küßte Otte's Hände in der tiefinnerlichſten Rührung. „Der liebe Gott im Himmel, der in mein Herz ſieht, weiß, was ich in dieſem Augenblick für Sie Alle fühle, und wie ich gerne mein Leben hingeben würde aus reiner ewiger Dankbarkeit für Sie Alle!“ ſtammelte Hedwig.„Der Himmel vergelte Ihnen reichlich, was Sie an mir armer heimathloſer Waiſe gethan haben, meine Damen und Sie, Herr Otte! O, nein, niemals kann ich dieſe Schuld abtragen! Sie haben mich heute ſo glücklich gemacht, ſo recht in ganzer Seele glücklich, wie ich es gar nicht verdiene, denn ich bin eigentlich ein recht böſes, verſtocktes Kind!“ „O nein, mein Herzchen! Du biſt eigentlich ein gutes braves Kind und ein treues Herz“, ſagt 206 Käthchen und ſchloß Hedwig mit einer faſt mütterlichen Zärtlichkeit in die Arme und küßte ihr die Thränen aus den Augen.„Dir hat nichts gefehlt, als ein bischen Liebe, um alle Deine guten Eigenſchaften zu entwickeln. Mein liebes armes Herz, das Schickſal hat Dir furchtbar hart mitgeſpielt, aber ich hoffe, Deine böſen Tage ſind nun vprüber, denn wir verlaſſen Dich nicht mehr, ſo langs Du gut und brav bleibſt, nicht wahr, Schweſtern?“ „Gewiß“, erwiderte Julie und küßte ebenfalls die arme Waiſe;„wie es auch kommen möge, Hedwig, ein Obdach in unſerem Hauſe iſt Dir immer gewiß, denn wir ſind Dir recht gut.“ „Und ich werde es mir angelegen ſein laſſen, mein liebes Kind, Dich in den Stand zu ſetzen, daß Du Dich durch Deine fleißige geſchickte Hand anſtändig und unab⸗ hängig fortbringen kannſt“, fügte Marie hinzu. „Komm her, liebe Hedwig“, ſagte nun auch Frau Valentin und breitete ihr weinend die Arme entgegen, „ich kann Dir nichts geben, als meinen Segen und meine Liebe, aber dieſe gebe ich Dir mit dem vollſten Herzen, wenn ich an meine drei Söhne denke, die jetzt auch ſo einſam draußen ſtehen in der Welt!“ „Ich werde für ſie beten und für Sie alle“, ent⸗ gegnete Hedwig, vor dem Rollſtuhle auf die Kniee nieder⸗ —— ſinkend, und barg die weinenden Augen in den Schooß der Kranken. Und es war als ob ein Engel durch das Zimmer flöge, ſo ſtill ward es mit Einem Male, denn Allen war ſo feierlich zu Muthe und ſo weich, und ein linder Gottesfriede, der rechte Segen für die Feſtzeiten und die Feſttagsſtimmung guter Menſchen, ſenkte ſich in Aller Herzen. „Lieber Otte“, flüſterte Julie endlich und berührte ſeinen Arm leiſe,„ich habe Ihnen dort in der Ecke noch beſonders aufgebaut; kommen Sie— es harrt Ihrer noch eine Ueberraſchung!“ und ſie führte ihn zu einem kleinen, mit einem Vorhang verhangenen Tiſchchen, ſchlug den Vorhang zurück und ſtellte einen Armleuchter mit drei brennenden Kerzen auf den Tiſch.„Sehen Sie, das Alles habe ich Ihnen im Auftrage zu über⸗ geben!“ Ein großer Pack und eine kleine Kiſte ſtanden auf dem Tiſche, und Adreſſe und Poſtzeichen verriethen, daß ſie aus Waldenburg kamen. An der Kiſte aber lehnte ein nußbrauner Ovalrahm mit goldenem Innen⸗ rande aus welchem die ehrlichen ernſten Augen des Majors von Dotter unſerem Freund Otte entgegen⸗ blickten, und unter dem Bilde ſtand in ſchönen kräf⸗ tigen Zügen: „Dem bewährten edlen Freunde Heinrich Otte in 208 unverbrüchlicher Treue und Dankbarkeit ſein Edmund Dotter.“ Vor dem Bilde lag ein Brief des Majors, der nur die kurzen Worte enthielt: „Mein lieber, beſter Freund! Ich werde, wenn dieſe Zeilen und die beiliegende kleine Gabe in Ihren Händen iſt, bei meiner theuren Mutter ſein, um die Feſtzeit mit ihr zu verbringen. Daß ich dieſe Freude noch genieße, danke ich Ihnen, und würde der edlen trefflichen Mutter nicht in die Augen ſehen können wenn ich mir nicht bewußt wäre, zuvor Ihnen gegen⸗ über eine Schuld unermeßlichen Dankes anerkannt zu haben, welche ich auch meiner Mutter geſtehen muß. Ich kann Ihnen, wackerer Freund, nichts Anderes geben als mich ſelbſt, meine treue Freundſchaft, meine brüdevliche Liebe,— es iſt das Beſte, was ich habe, das Eut wo⸗ mit ich am meiſten geize. Heinrich, Freund, Bruderherz! nimm mich zu Deinem Bruder an und gib fortan das trauliche brüderliche Du Deinem treuverbundenen Edmund Dotter.“ „Leſen Sie, Julie!“ flüſterte Heinrich bewegt und reichte ihr den Brief; dann nahm er das Bild, hielt es mit beiden Händen auf Armeslänge von ſich und betrachtete es eine Weile, worauf er es mit herzig 209 Innigkeit an ſeinen Buſen und an ſeine Lippen drückte, und mit tiefer Rührung ausrief:„Es iſt ein edler, braver Menſch, und ſein Brief macht mich wirklich ſtolz!“ „Ihr ſeid beide einander werth“, ſagte Julie mit feuchtem Auge und gab den Brief zurück. Dann über⸗ ließ ſie Otte ſich ſelbſt und der Prüfung des Inhaltes ſeiner erhaltenen Kiſte und des Packtes, aus denen Aepfel, derbes landesübliches Gebäck von Weihnachtsſtollen und Pflaumenbrod, neue Strümpfe, blendendweiße Leinwand und ein Paar neuer Pantoffeln zum Vorſchein kamen— letztere in Straminwolle genäht von ſeiner Schweſter und angefertigt von ſeinem Schwager dem Schuhmacher⸗ meiſter. Aber noch von ganz beſonderm Werthe waren die Briefe von der Schweſter und dem Schwager, welche von der blinden Mutter berichteten und von dem Befinden aller Lieben daheim, und aus deren ungelenker Schrift doch ſolch warmes Gefühl treuer Herzen ſprach. Die Strümpfe hatte die Blinde unter der Leitung ihrer Tochter geſtrickt, und, wie ſie Heinrich melden ließ, in jede Maſche einen Glücks⸗ und Segenswunſch für den treuen Sohn eingewoben. Auch die Leinwand war vom Handgeſpinnſt der blinden Mutter gefertigt und durch der Schweſter Zuthun ausgerüſtet, und Röschen wußte des Dankes und Rühmens kein Ende für alles, was der Bruder in ſeinem jungen Glücke an der Mut⸗ Mylius, Ein Meteor der Börſe. I. 14 2¹0 ter und ihr gethan habe, während der ehrliche Schuh⸗ machermeiſter ſich mit inniger Freude in der Schilderung des Aufſchwungs erging, den ſein Geſchäft und Kund⸗ ſchaft genommen, ſeit die paar hundert Thaler, welche ihm Heinrich vorgeſchoſſen, ihn in den Stand geſetzt, es beſſer und ausgedehnter zu betreiben und einen Laden in der Hauptſtraße zu miethen. Als Otte dieſe Briefe zu Ende geleſen und ſeiner Rührung einigermaßen Herr geworden war, ſah er ſich allein im Wohnzimmer. Die. Schweſtern hatten in aller Stille den Rollſtuhl der Mutter in die andere Stube geſchoben, die Kerzen des Chriſtbaums ausgelöſcht und ſich entfernt, um ihn allein zu laſſen mit den Liebes⸗ gaben der Seinigen. Nur die Kerzen des dreiarmigen Leuchters brannten noch vor ihm auf dem Tiſche. Er ſteckte die Briefe zu ſich, ergriff den Leuchter und kehrte zu den Frauenzimmern ins Atelier zurück, das der dampfende Punſchnapf auf dem Tiſche mit einem ſtarken ſüßen Duft erfüllte. „Platz genommen, Hausherr!“ rief Käth en mit dem Punſchlöffel in der Hand;„Julie bringt nur die Mama zu Bette, und Marie holt die Schinkenbrödchen aus der Speiſekammer. Gib nur Dein Glas her, Hedwigchen! Wir müſſen ja alleſammt anſtoßen auf ein glückliches und frohes Zuſammenleben! Armes Kind, A4 wirſt das erwärmende Getränke wohl bedürfen in Deiner kalten Schlafkammer auf dem Speicher!“ „Ich bin nicht verwöhnt, ſondern abgehärtet, Fräulein Käthchen, und das Bett iſt gut“, verſetzte Hedwig freundlich.„Herr Maruſchke kann mir eben keine andre Schlafſtätte geben, als wie er ſelber hat. Er iſt arm und das kleine Ladengeſchäft geht ſo ſchlecht, daß es ihn ſelbſt kaum ernährt!“ „Ta, ta, ta! Die Leute ſagen das Gegentheil, Kind!“ ſagte Käthchen;„alle Welt hält den Alten für ſehr reich; aber um ſeiner ewigen Seligkeit willen möchte ich auch lieber annehmen, daß er arm iſt, denn es wäre doch ſchrecklich, wenn er nur aus ſchmutzigem Geiz ſo jäm⸗ merlich und elend lebte und Dich ſo kümmerlich hielte, meine liebe Kleine. Jede von unſeren Arbeiterinnen iſt ja beſſer daran als Du!“ „Liebes Fräulein, was liegt daran?“ rief Hedwig, „es könnte ja mit mir noch ſchlimmer ſein. Denken Sie nur, wenn ich, wie andere verwahrloſte Kinder, heimathlos in die Welt hinausgeſtoßen wäre, jeder Un⸗ bill und jeder Verführung preisgegeben! Nein, iſt dieſe Heimath auch arm, ſo hab' ich doch darin Schutz vor Verführung böſem Beiſpiel und ſchlechter Umgebung, und habe liebe rechtſchaffene Freunde!“ „Na, aber beſſer wäre es ſchon, Du träteſt ganz 14* 242 in unſer Atelier, wie Marie es Dir vorgeſchlagen, Kind!“ „Oh, ſagen Sie das nicht, Fräulein Käthchen!“ verſetzte Hedwig mit aufrichtigem Schmerze.„Rücken Sie mir jene Verſuchung nicht wieder vor, liebes Fräulein; Sie müßten mich ja doch verachten, wenn ich ihr nachgäbe und aus Eigennutz und Selbſtſucht meine Pflicht gegen Herrn Maruſchke verſäumte. Er hat mich aufgenommen, wenn auch gezwungener⸗ weiſe, als ich nicht hatte worauf ich mein Haupt legte, obſchon ich, wie er immer ſagt, nicht ſeine Verwandte, ſondern ihm nur aufgedrungen worden ſei. Er iſt feindſelig und bitter gegen alle Menſchen, aber doch gegen mich nicht ſo ſehr wie gegen Andere, und er hat Stunden, wo er ſogar freundlich gegen mich ſein kann, zum Beiſpiel wenn er krank iſt und ſeine Gicht ihn an's Bett feſſelt. Sollt' ich nun, um beſſer zu wohnen und reichlicher zu eſſen und hübſcher gekleidet zu ſein, ihm davonlaufen? Oh, glauben Sie mir, Fräulein Käthchen, ſelbſt wenn ich gehalten würde, wie eine Königin, könnte ich eines ſolchen Lebens nicht froh werden bei dem Gedanken, daß er in ſeinem Hauſe verlaſſen und hilflos läge, und vielleicht aus Armuth aller Pflege entbehrte. Nicht wahr, Herr Otte, wenn ich das thäte, wäre ich der Freundſchaft und Zuneigung 213 guter Menſchen, und der Mühe, die Sie ſich um meinen Unterricht geben, nicht würdig?“ „Ja, liebe Hedwig, folgen Sie darin nur Ihrem Herzen. Ich bin überzeugt, Fräulein Käthchen hat Sie nur auf die Probe ſtellen wollen, denn ſie denkt nicht anders hierüber, als Sie ſelbſt!“ Und gleichſam zur Beſtätigung ſeiner Worte um⸗ armte nun Käthchen die Waiſe innig und ſagte:„Lieb Herzchen, handle nur ganz nach Deinem Gefühl, und von dem Anderen ſoll nie wieder die Rede ſein, ſo lange Dein alter Maruſchke lebt. Aber nun laſſet uns eſſen und trinken und guter Dinge ſein!“ „Eingeſchenkt, Unterhaus! Den Imbiß herumgereicht, Oberhaus!“ rief Julie lächelnd;„es iſt ſeit langer Zeit der erſte Weihnachtsabend, den wir ganz ungenirt und in Muße feiern dürfen! Sonſt mußten wir gewöhnlich noch über Hals und Kopf bis in die tiefe Nacht hinein arbeiten, um unſern Weihnachtsaufträgen zu genügen; dieſes Jahr ſind wir ausnahmsweiſe rechtzeitig fertig geworden.“ „Schlimme Zeiten haben doch auch ihr Gutes“, ſagte Marie lächelnd;„man verdient weniger, wird aber eher ſeines Lebens froh.“ „Ach, dieß iſt den armen Mädchen zu gönnen, denen ſolche Ueberbürdung mit Arbeiten gewöhnlich am wenig⸗ 214 ſten einträgt“, ſagte Käthchen.„Wie vergnügt ſie heute alle weggingen, als wir ſie beſchenkt hatten!“ „Wie? Das iſt ſchon geſchehen?“ fragte Otte. „Schon nach acht Uhr“, verſetzte Marie,„wir wollten unſerer Chriſtbeſcheerung ganz den Charaktet eines Familienfeſtes geben.“ „Und nun fröhliche Weihnachten, meine Freunde und Schweſtern!“ ſagte Julie herzvergnügt und erhob ibr Glas;„Ehre ſei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, und den Menſchen ein Wohlgefallen, und ein freundliches treues Andenken allen unſeren Lieben nah und fern!“ „Amen!“ ſprachen alle und ſtießen mit den Glä⸗ ſern an, daß ſie erklangen. „Und noch oft eine frohe Wiederkehr dieſes ſchönen Feſtes in unſerem Kreiſe!“ ſagte Otte. Die reinſte, herrlichſte, harmloſeſte Fröhlichkeit herrſchte im Kreiſe, und man gedachte aller Abweſenden, noch beſonders der Brüder Valentin, der Mutter und Geſchwiſter Otte's. „Ach ſieh doch“, rief Käthchen als ſie einmal zum Nebentiſch eilte, um ein Teller mit Backwerk zu holen, „da ſteht ja noch der Carton, welchen Herr Otte von Verners mitgebracht hat! Die Schachtel enthält gewiß Angebinde, welche Sie von Werners erhalten haben „ Herr Otte? Die müſſen Sie uns zeigen. Frau Wer⸗ ner's Weihnachtsbäckereien genießen einen Ruf in der ganzen Stadt!“ „Wohlan, öffnen Sie nur die Schachtel, und koſten Sie das Confect!“ ſagte Otte;„wir Männer machen ans aus ſolchen Süßigkeiten wenig!“ „Ah, darf ich?“ rief Käthchen;„doch nein, ich thu's nicht. Sie müſſen ſelbſt auspacken!“ Das geſchah denn auch, und die Honigkuchen, Stollen und das Con⸗ fect fanden bewundernde Anerkennung, ebenſo die ſchöne feine Linnenwaare, die mit prüfendem Finger befühlt wurde.—„Halt, was iſt das?“ rief Käthchen und griff nach einem kleinen Packet in ſtarkem weißen Papier. „Dieß hierd Das hab' ich ja noch gar nicht be⸗ merkt!“ entgegnete Otte und erbrach das geſiegelte Packet.„Ein Notizbuch mit Stickerei und meiner Chiffre?“ rief er;„wie kommt dieß hier herein?“ „Ach, das iſt ſicher eine Arbeit von Fräulein S hanna Werner!“ platzte Käthchen heraus;„Otte, Otte, Sie ſind ein Schalk, und dieſes Geſchenk hat et⸗ was zu bedeuten. Sie haben eine kleine Liebſchaft mit Fräulein Johanna!“ „Eine Liebſchaft?— Ich kann Sie ver ſichern, liebes Käthchen, daß ich mit Fräulein Johanna noch ke ine zwei Dutzend Worte gewechſelt habe, geſchweige 3 3 9 — 2¹6 denn, daß wir ſo vertraut mit einander ſtünden, um eine junge Dame zu veranlaſſen, mir eine Handarbeit...“ „Oh. Fräulein Johanna hat Temperament!“ ſagte Käthchen halb ironiſch;„vielleicht iſt das Notizbuch da nur als ein Wink, als eine Avance zu verſtehen... „Pfui doch, Käthchen! Deine Vermuthungen ſind unzart!“ ſagte Julie und ihre Stimme war nicht ganz ſo klar und ruhig wie ſonſt;„mich dünkt, die Sache erklärt ſich einfacher. Herr Werner führt ja in ſeinem Exportgeſchäft auch Stickereien und Soriontace da iſt es doch ganz natürl lich. „Bah, aber was ſteht auf dieſen Zettelchen hier?“ rief Käthchen und las von dem aus einer der Taſchen des Notizbuchs herausgezogenen Papierſtreifen die Worte: Herrn Heinrich Otte zu Weihnachten achtzehnhundert⸗ fünfundfünfzig in bewundernder Anerkennung einer edlen, im Verborgenen vollbrachten Thöt. J. „Nun?“ fragte ſie;„wer hat nun Recht? J. W., das iſt Johanna Werner! Das Fräulein leugnet es ja ſelbſt nicht!“ „Ich begreife das nicht, jedoch möcht' ich dreiſt be⸗ haupten, daß ich dieſes Packet auf meinem Teller geſehen habe“, ſagte Otte; aber nun fiel ihm ein, daß ja Jo⸗ hanna ihm ſeine Geſchenke in die Poppſchachtel gepackt hatte, was er jedoch verſchwieg. Alle waren nun ſtumm * 2¹7 und ſchienen gedankenvoll geworden zu ſein, Julie vor⸗ zugsweiſe. Die alte Heiterkeit wollte nicht mehr recht in Gang kommen, und man trennte ſich bald; Otte über⸗ nahm es, Hedwig noch nach Hauſe zu geleiten, denn draußen war ein Schneegeſtöber ausgebrochen, das ſchon eine ſpannenhohe Schneedecke über die Erde gelegt hatte. Als Hedwig die niedrige Hausthüre erſchloſſen und Otte ihr die verſchiedenen Geſchenke die ſie erhalten, auf den Arm gelegt hatte, ergriff das Mädchen haſtig und lin⸗ kiſch ſeine Hand, drückte einen Kuß darauf und flüſterte unter heißen Thränen, welche darauf herabfielen, tief bewegt:„Gott ſegne Sie, Herr Otte, und lohne Ihnen durch Fräulein Johanna, was Sie mir Gutes gethan haben!“ Dann ſprang ſie ins Haus hinein und ſchlug die Thür hinter ſich zu. „Durch Fräulein Johanna? Was war das?“ fragte ſich Otte betroffen, und kehrte dann gedankenvoll in ſeine Wohnung zurück, wo er noch lange auf und niederging und ſich die Ereigniſſe des Abends überdachte. Ende des erſten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. 3 Berlag von Ernſt Zutins Günther in Teipzig. Lndy Andley's Geheinui. 3 Roman 5 von . E. Braddon. Aus dem Engliſchen. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8b. Eleg geh. Preis 2 Thlr. 3 Aurora Floyd. oman 4 6 von M. E. Braddon, Aus dem Engliſchen von F. Seybold. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8o. Eleg geh. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Eleanor's 5 Zieg. Roman von M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. —