2 hełk dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 Ednard Oltmann in Gieſen. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ceſebedingungen. 1 offensein der Bibliothek. Die Bipliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Puches wird von Tag 5 Uf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:„. 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.—————— auf Monat: TMt.— Pf 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen- 6. Schadenersatz. 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Das ſollte Heinrich Otte in dieſer Nacht empfinden. Noch geſtern Mittag war ihm Jo⸗ hanna Werner nichts Andres, als ein hübſches, ſchlankes blaſſes Mädchen, die Tochter eines Mannes, welcher ihm wohlwollte. Mit keinem noch ſo leiſen Gedanken hätte Otte ſich je Hoffnung gemacht, ſeine Wünſche zu Fräu⸗ lein Johanna erheben zu dürfen, mit welcher er nur ſelten Blicke, noch ſeltener Worte genehtl Seine Mylius, Ein Meteor der Börſe. II. — — — überlegte, ſeine Chancen abwog und endlich trotz 28 9 2 eigene Beſcheidenheit und Anſpruchsloſigkeit, ſein Zart⸗ gefühl, ſeine Dankbarkeit für die ehrende Auszeichnung womit ihn der reiche Kaufmann beehrte,— all' dieſe Regungen würden ihn veranlaßt haben, jeden eitlen Wunſch oder Traum von Johanna's Beſitz im Keime zu e ſticken, wenn ſich jemals etwas Derartiges bei ihm geregt hätte. Nun hatte ein Scherzwort, welches Käthchen unbedacht hingeworfen, hatten der Umſtand mit dem Notizbuch und all die Vemerkungen welche ſich ſpäter daran geknüpft, unſerem jungen Freunde dieſen Gedanken mit Macht wieder vor die Seele gerückt. Gleich einem jener Samenkörner von Unkraut, die mit geflü⸗ gelten oder gewimperten Widerhaken verſehen, ſich allent⸗ halben anklammern und feſthaken, wohin ſie fallen, war dieſer Gedanke in ſein Gemüth eingebettet, um hier zu keimen und zu wuchern. Heinrich hätte nicht neun⸗ undzwanzig Jahre alt und Kaufmann und in ſeiner Weiſe ehrgeizig ſein müſſen, wenn ſich der Gedanke an die Möglichkeit einer ſolchen Verbindung, welche ihm eine glänzende Zukunft in Ausſicht ſtellte, nicht ganz verlockend in ſeine Einbildungskraft eingeſchlichen hätte. So war es nicht zu verwundern, wenn ihn dieſer Gedanke die lange Winternacht hindurch im Wachen und Träumen verfolgte und er ihn nach allen Seiten hin 3 aller Bedenken zu der Ueberzeugung kam: Johanna müſſe ihm gewogen ſein und habe ihm dieß, obſchon in anderer Form, durch jenes Notizbuch zu erkennen geben wollen. Daß ſie es ſelbſt geſtickt und für ihn verfertigt hatte, das verrieth ja die in Goldfäden und gothiſchen Buchſtaben darauf angebrachte Chiffre H. O. in einem Kranze von Veilchen und Vergißmeinnicht. Dieſe Seite der Thatſache war ermuthigend. Aber ihr hielt der Zweifel, was wohl Herr Werner dazu ſagen würde, das Gleichgewicht; und Heinrichs redlicher Sinn ſträubte ſich gegen den Gedanken, hinter dem Rücken und gegen den Willen ſeines Gönners eine Neigung Johanna's zu nähren, die vielleicht den Abſichten ihres Vaters entgegenlief. Endlich graute der Wintertag, und der Schneeſchim⸗ mer von der Promenade her fiel durch die weißen Gardinen in Otte's Stübchen. Er ſtand auf, zündete das Feuer im Ofen an, verzehrte gedankenvoll das Frühſtück, welches ihm das Dienſtmädchen heraufbrachte, und blätterte in den Zeitungen, aber immer kehrten ſeine Blicke und Ge⸗ danken wieder zu dem Notizbuche zurück, das vor ihm auf dem runden Tiſche lag, und vor ſeinem innern Blicke ſtand immer wieder Johanna's Bild, wie ſie mit gerötheten Wangen und in ungewöhnlicher Haſt die ihm beſcheerten Geſchenke an ſich genommen hatte und — 4 damit weggeeilt war um ſie einzupacken; wie ſie dann mit einer gewiſſen ſcheuen Befangenheit ihm die Pappſchachtel wieder eingehändigt, gleich als ob das Gewiſſen ihr ſchlage, daß ſie ihr Geſchenk heimlich dort hineingeſchmuggelt, oder, als ob ihr bange geweſen ſei, wie er dieß Geſchenk aufnehmen werde, wenn er es finde. Selbſt als das Dienſtmädchen all die anderen Geſchenke heraufbrachte, die er geſtern Abend noch unten bei den Fräulein Valentin gelaſſen und ihm ein kleines Päckchen in Zeitungspapier in die Au⸗ gen fiel, das er geſtern Abend nicht bemerkt hatte; als er beim Oeffnen deſſelben nur ein paar grauwollene Strümpfe und ein paar Pulswärmer von bunter Wolle darin fand und ein mit einer Stecknadel angeſteckter Zettel mit den Worten:„Wenig zwar, aber von Her⸗ zen und mit aufrichtigen Segenswünſchen von einer dankbaren Schülerin H. S.,“ ihm Hedwig als die Geberin verrieth, die ſchüchtern und verſchämt die arme Gabe vielleicht heimlich unter die anderen Sachen ver⸗ ſteckt hatte,— ſelbſt dann wollte der Alles beherrſchende Gedanke an Johanna nicht weichen. Ja ſelbſt als Heinrich ſich an ſeine Schreibkommode ſetzte um an die Seinigen nach Waldenburg zu ſchreiben, war er zerſtreut und mit ſeinem Brief unzufrieden, ſchloß daher die Kom⸗ mode, kleidete ſich an und ging auf einem Umweg über 5 den beſchneiten Wall nach ſeinem Comptoir, um nach der eingelaufenen Correſpondenz zu ſehen. „Ei ſeht doch“, ſagte Käthchen, die in der Wohn⸗ ſtube vor dem Spiegel ſtand und ihre Toilette zum Kirchgang vollendete,„Otte geht ſchon aus, ohne uns wie ſonſt guten Tag zu ſagen!“ „Er wird in's Geſchäft gehen, um die Poſt zu be⸗ ſorgen, weil Auheim verreiſt iſt“, ſagte Marie, die noch eine neue Schleife an ihren Hut nähte;„ſolch ein Bank⸗ geſchäft duldet ja keine Feiertage.“ „Er iſt vielleicht verletzt von Deiner geſtrigen Neckerei mit Johanna Werner, Käthchen“, ſagte Julie, die am Fenſter ſaß und in einem Band von Schiller's Werken las, welche Otte ihr am vorigen Abend geſchenkt hatte, denn an ihr war heute die Reihe, bei der kranken Mutter zu Hauſe zu bleiben, während die Schweſtern und das Dienſtmädchen zur Kirche gingen. „Es war nicht zart von Dir, ihn damit zu necken!“ „Ach geh', Julchen! Otte verſteht einen Scherz“, verſetzte Käthchen.„Und mir nimmt er nichts übel, denn er kennt meine ungebundene Weiſe.“ „Hm, es war doch nicht gerade tactvoll, Käthchen, ihn mit Fräulein Johanna zu necken“, ſagte Marie. „Geſetzten Falls, es wäre auch ihm das Gerücht zu 6 Ohren gekommen, welches wir kennen, ſo mußte ihn Dein Scherz verletzen.“ „Nun ja, mag ſein!“ ſagte Käthchen;„aber er mußte ihm auch die Augen öffnen und zeigen, daß Fräulein Johanna jetzt keine Parthie für ihn mehr iſt, wenn auch ihre Hand ihm eine Zukunft verſchaffen kann.“ „Käthchen, Du gehſt zu weit!“ rief Julie verweiſend, jedoch befangen und mit raſch wechſelnder Farbe;„Du kränkſt damit ihn und Fräulein Werner. Bedenke, daß das Gerücht nicht erwieſen iſt und von Feinden und Nei⸗ dern in Umlauf geſetzt worden ſein kann, deren der glückliche Kaufmann manche haben mag. Aber auch abgeſehen davon, dürfen wir ein ſolches Gerücht nicht wiederholen, wenn wir uns nicht einer gemeinen Ge⸗ ſinnung ſchuldig machen wollen. Und dann ſollteſt Du, denk' ich, Otte zu gut kennen, um ihm eine Handlungs⸗ weiſe zuzutrauen, die im Grunde zwar nicht gerade unehrenhaft, aber auch nicht ganz tadellos wäre, vor⸗ ausgeſetzt er wüßte um die behauptete Thatſache.“ „Ach geh' mir mit den heutigen Männern, Jul⸗ chen, und mit den Kaufleuten insbeſondere!“ verſetzte Käthchen in ihrer ,ungebundenen Weiſe, die ohne langes Bedenken alles äußerte, was ihr momentan durch den Kopf ſchoß;„Otte iſt zwar ein ganz braver und re⸗ 1 ſpectabler junger Mann, aber bei all ſeinen Vorzügen ein armer Teufel, und wer weiß, wie er ſich halten wird, wenn ihm der Goldteufel einmal mit ſeinen Ver⸗ ſuchungen nahe tritt. Fräulein Johanna iſt ein hüb⸗ ſches keckes Ding, das trotz aller Gerüchte den Leuten eine kecke Stirne zeigt und an dem Gymnaſiaſten ſchon gelernt hat, wie man Männer einfängt... 2. „Schweſter, Du biſt garſtig!“ rief Julie heftig mit Thränen des Unmuths in den Augen, wäh⸗ rend Glut und Bläſſe ſich auf ihren Wangen jagten. „Ich könnte Dir ernſtlich böſe ſein, wenn ich nicht über⸗ zeugt wäre, daß Du in Deinem Herzen Otte kei⸗ ner niedrigen Handlungsweiſe für fähig hältſt.“ „Ach was, Julchen, wer ſpricht denn davon?“ ſagte Käthchen.„Ich halte zwar nichts von unverſuchten Tugenden, und auch Heinrich Otte muß ſich erſt hierin erproben, aber wie kann ich ihm denn zu nahe treten⸗ wenn ich einfach annehme, er gefalle dem Fräulein Johanna und ſie mache ihm ſüße Augen und er wiſſe nichts um das Gerücht? Da muß ich es ja ganz na⸗ türlich finden, daß ihm die elegante junge Dame, vie Tochter des reichen Kaufmanns, beſſer gefällt und mehr einleuchtet, als zum Beiſpiel eines von uns drei armen Mädchen.— Doch genug davon, Herzchen! Adien nun, und vergiß nicht, Mama aus der Poſtille vorzuleſen, damit auch ſie ihre Andacht zum heiligen Weihnachtsfeſte hat!“ Damit küßte ſie Julie, nahm dann mit frohem Selbſtgefühle ihren neuen Pelzmuff und ging mit Ma⸗ rien nach der Kirche. Als Julie allein war, legte ſie das Buch auf das Fenſterbret, faltete die Hände im Schooß und ſtarrte wehmuthig und gedankenvoll in den hellgrauen Schneehimmel hinaus. Sie war heute bläſſer als ſonſt, und ihre ſchönen, lebhaften, geiſtvollen Augen etwas trübe, als ob auch ſie eine ſchlummerloſe gedanken⸗ ſchwere Nacht durchwacht habe. Ihr feines Köpſchen hing ſo ſchwer und ſchlaff zur Seite, wie eine Blüthe, die ein rauher Wind geknickt, und die mehr geiſtigen und beredten als ſchönen Züge verriethen nun eine wirkliche Wehmuth. Ihr kleiner ſchmaler Fuß trom⸗ melte ungeduldig auf dem Schemel und ihrem Buſen entſtiegen einige mühſam gedämpfte Seufzer.—„Ach ja, Käthchen hat recht! Das leidige Geld!“ flüſterte ſie, ſtand dann auf und ging unruhig im Zimmer auf und ab. Wer ſie ſo ſah, die ſchlanke zierliche Geſtalt von Mittelgröße, deren Ebenmaß ſich in der ſchwarzſeidenen Robe, die bis zum Hals geſchloſſen war, ſo vortheil⸗ haft hervorhob; wer die feine dünne Naſe mit den be⸗ weglichen Naſenflügeln, den kleinen Mund mit den fei⸗ nen ſchmalen Lippen, das ſchöne ſchlanke Oval des Ge⸗ 2 9 ſichts, von reichem dunkelbraunem Haar eingerahmt, die hohe freie Stirne und die dunklen klugen Augen darunter genau betrachtete, der konnte ſich nicht ver⸗ hehlen, daß Julie ohne ſchön zu ſein, doch eine wirk⸗ lich gewinnende Erſcheinung war. Es lag etwas von ruhiger Würde und entſchiedenem Charakter in ihrem Weſen, und der beredte Ausdruck ihres Auges, das an⸗ muthige Lächeln der feinen Lippen, die zwei Reihen blendend⸗weißer kleiner Zähne ent üllten, verriethen eine geiſtige Rührigkeit und Lebendigkeit, die ſelbſt auf die alltäglichſten Beobachter nicht ohne Wirkung blieben, eben weil ſie ungeſucht wirkten. Aber heute war dieß alles einer inneren Unruhe gewichen, einer mühſam ver⸗ hehlten Erregung, welche Juliens ganzes Weſen offenbar tiefer ergriff, als wie ſie dieſe Erſcheinung an ſich treten laſſen wollte. Und doch hatte gerade dieſer verſtohlene Widerſchein eines innern Kampfes wieder etwas, das ihre Erſcheinung noch pikanter machte.—„Ach, wer kann es ändern?“ flüſterte ſie endlich, und mit einem Verſuch ſtiller Ergebung;„wir müſſen es eben geduldig tragen. Mammon iſt nun einmal der Herr der Welt. — Ich komme, Mama, ich komme!“ ſetzte ſie dann laut hinzu, als ſie den Ruf der Mutter aus dem Neben⸗ zimmer gehört hatte, und wuſch ſich noch raſch die Au⸗ gen mit kaltem Waſſer, um jede Spur von Thränen 10 zu vertreiben.„Wenn er nur mit Johanna glücklich wird, dann will ich mich ja gern beſcheiden“, flüſterte ſie halblaut und reſignirt.— Mittag war vorüber, als Otte ſich nach Herrn Werner's Hauſe begab, um der Einladung zum Mit⸗ tagseſſen zu folgen. Bei ſeinem Eintritt in das Em⸗ pfangszimmer fand er dieſes leer, aber aus dem Neben⸗ zimmer erklangen in vollen Accorden die Saiten eines Flügels von den Tönen eines Beethoven'ſchen Muſik⸗ ſtückes, und Heinrich's Herz pochte, denn das gewandte Spiel verrieth ihm Johanna als die Spielerin. Aber ſogleich verſtummte die Muſik und eilig, mit hochge⸗ rötheten Wangen erſchien Johanna unter der Portiere, und bot ihm freundlich wiewohl befangen guten Tag. „Seien Sie willkommen, Herr Otte! Papa wird ſogleich erſcheinen“, ſagte ſie;„er iſt eben nur mit Mama und Ottilien zur Großmutter. Bitte, nehmen Sie Platz!“ Sie betrug ſich ſo ungezwungen wie mög⸗ lich, aber ihrem blitzenden Auge entging die Befangen⸗ heit Otte's nicht, und als ſein Blick dem ihrigen be⸗ gegnete, ſchlug ſie die Augen nieder und wagte nicht zu reden, denn ein ſeltſames Gefühl in der Kehle, ein gepreßter Athem würde ſie verrathen haben. Eine Pauſe entſtand, beiden peinlich bewußt. End⸗ lich ſagte Otte, indem er das Notizbuch aus der 6 Taſche zog:„Mein Fräulein, Sie haben mich ſo an⸗ genehm überraſcht durch Ihre Güte, daß ich nicht weiß, wie ich Ihnen meine Schuld der Dankbarkeit abtragen ſoll!“ Sie winkte mit der Hand, aber er fuhr fort: „Ich weiß nicht, was für eine That Sie meinen, aber ſchon die Thatſache, daß Sie meiner gedachten, iſt eine Gunſt, die mich ungemein entzückt, und ich werde mich bemühen, derſelben ſtets würdig zu ſein....“ „Oh, das ſind Sie längſt, Herr Otte!“ entfuhr Johanna unwillkürlich;„Handlungen wie die Hilfe, welche Sie Herrn von Dotter leiſteten, werden nicht mit Orden und Ehrenkreuzen belohnt; aber wenn ein Mädchen Ihnen dafür ſeine bewundernde Anerkennung ausſpricht, werden Sie milde urtheilen und mich darum nicht für unweiblich halten....“ „Niemals!“ ſagte Otte warm;„Ihre Güte über⸗ ſchätzt mein geringes Verdienſt dabei. Sagen Sie mir nur, wie ich Ihre gute Meinung verdienen, Ihnen meinen Dank für Ihre Theilnahme beweiſen kann!“ „Am beſten durch— Schweigen!“ verſetzte Johanna erglühend und verwirrt.„Laſſen Sie niemand die Geberin ahnen, denn die Welt würde darin vielleicht einen Verſtoß meinerſeits gegen hergebrachte Sitte ſehen. Aber ich bin ein leidenſchaftliches Ding und folge im⸗ mer nur der erſten Eingebung, wenn es auch noch et⸗ 12 was Thörichteres iſt, als was ich Ihnen gegenüber ge⸗ than habe. Ich ſchäme mich allerdings meiner That nicht, denn es machte mir ſo viele Freude, Ihnen die⸗ ſes Notizbuch zu verfertigen, allein dennoch dürfte Papa nie etwas davon erfahren, denn er ſähe darin nur wieder einen meiner tollen Streiche, und um ſeinet⸗ willen bitte ich um Ihre Discretion!“ Otte legte mit ſtummer Geberde die Rechte auf's Herz.„Es wird Sie überraſcht haben, mein kleines Angebinde in der Schach⸗ tel zu finden, und es war wiederum ein unbeſonnener Streich von mir, die jähe Eingebung eines Augenblicks. Ich hatte die Abſicht, es Ihnen anonym zuzuſenden, aber die Gelegenheit war ſo verlockend— ich konnte der Verſuchung nicht wirſtehen, und doch— doch würde ich mich ja vielleicht verrathen haben, wenn Sie es un⸗ ter den anderen Geſchenken gefunden hätten, ohne es zuvor bemerkt zu haben. Es blieb mir alſo nichts Andres übrig, als den Zettel hineinzulegen. Ich weiß, dieß war unzart, und ich habe es ſo bereut, daß ich... daß ich die ganze Nacht kein Auge geſchloſſen habe. Was mußten Sie von mir denken?“ „Mein Fräulein, dieſe Erklärung verbindet mich Ihnen noch inniger“, entgegnete Otte;„ſeien Sie mei⸗ ner aufrichtigſten Dankbarkeit und ſtrengſten Discretion verſichert.“ Er erfaßte ihre Hand und drückte ſie leiſe; — Au — S 13 ſie überließ ſie ihm und blickte ihn mit einem eigen⸗ thümlich verklärten feuchten Blicke an, aber ihre Hand zitterte merklich in der ſeinigen, als ſie jene zurückzog. „Ich glaube Ihrer Verſicherung und bedarf ihrer, um ruhig zu ſein“, fuhr ſie mit ſteigender Erregung fort.„Ich weiß, ich bin thöricht und unbedacht; aber es iſt nicht meine Schuld. Ottilie und ich haben das Unglück gehabt, unſere liebe Mutter früh zu verlieren; wir wuchſen ziemlich wild auf und ich hatte ſtets mei⸗ nen eigenen Willen, denn Papa ging nur ſeinen Ge⸗ ſchäften nach, und Fräulein Adolphi, unſere Gouver⸗ nante, war eine gute, ſchwache, nervöſe Perſon. Da konnte es denn nicht fehlen“, ſetzte ſie erröthend hinzu,„daß ich nicht ſo wad, wie ich hätte werden ſollen; aber ich bin darum nicht ſchlecht...“ „O nein, Sie ſind gut, ſeelengut, nur ſanguiniſch und gemüthvoll!“ ſagte Otte voll Theilnahme.„Aber ieſe Gewohnheiten ändern ſich mit den Jahren, und Sie ſind ja noch ſo jung und verſtändig genug, um einzuſehen, was Ihnen noch fehlt, und haben, dünkt mich, ein nachahmungswürdiges Vorbild an Ihrer Mutter. Frau Werner iſt eine ſehr feine gewandte Frau „Die Stiefmutter?“ fragte Johanna mit einem halb ironiſchen Tone und einem ſchmollenden Aufwer⸗ 14 fen der Lippen;„nun ja, ſie hat hübſche Umgangsfor⸗ men und viel Routine; allein im Grunde iſt ſie lange nicht ſo viel wie ſie zu ſein ſcheint, und ich wenigſtens habe in ihr weder eine Freundin noch eine Mutter ge⸗ funden. Von ihrem Einfluß auf mich erwarte ich nichts. Sie iſt ſeit fünfzehn Monaten Papa's Gattin und Herrin dieſes Hauſes, aber ſie hat ſich noch nicht einmal her⸗ beigelaſſen, mein Vertrauen zu erwerben oder das herz⸗ liche Entgegenkommen, womit ich mich ihr näherte, zu erwidern. Nein, von ihr werde ich nichts lernen; ich werde nichts thun, was ſie verlangt, ſondern nur das Gegentheil, denn ich ſehe deutlich, ſie liebt Papa nicht; ſie hat nur ſein Geld und ſeine Lebensſtellung gehei⸗ rathet. Ich Sein arme Schweſter Ottilie, dieſes treffliche argloſe Herz, wenn ſie in dieſem flachen Weibe endlich enttäuſcht wird. Nein, Herr Otte, lie⸗ ber will ich bleiben, wie ich bin, als irgend etwas von der Stiefmutter mir aneignen.“ „Nicht doch, mein Fräulein! Ich fürchte, Sie gehen zu weit“, ſagte Otte.„Gute Lehren ſind beherzigens⸗ werth, auch wenn ſie von einer Seite kommen, wo ſie nicht immer durch gutes Beiſpiel unterſtützt werden. Ob Stiefmutter oder nicht, bleibt ja Frau Werner doch immer die rechtmäßige Gebieterin dieſes Hauſes, und wenn Sie das unbehagliche Vorurtheil gegen ſie nicht —— ——— — 15 in ſich hinunterkämpfen, ſo wird almälig der Riß zwiſchen Ihnen und der Mutter immer größer. Es iſt ja Ihre Pflicht, ſich ihr anzubequemen!“ Johanna blickte zu Boden und erröthete.„Sie haben recht, ich weiß es“, ſagte ſie und in ihren Wim⸗ pern blinkte ein verrätheriſches Naß.„Ich fühle deut⸗ lich meine Fehler, und möchte ſie gern verbeſſern. Glauben Sie mir, wenn ich jemanden hätte, der der mir vertraute und mir gut wäre... und dem ich ein offenes freundliches Vertrauen entgegen tragen dürfte,— da könnte ich alle meine Fehler ablegen, da ½ würde ich ſeinetwillen mich unabläſſig bemühen, recht brav und vollkommen zu werden!“ Otte ward verlegen, denn dieſes Geſpräch nahm eine verzweifelt perſönliche Wendung; er durfte nicht verſtehen, was vielleicht hinter dieſen Worten lag. Es erſchien ihm wie ein Unrecht gegen Johanna's Vater, daß er nur auf dieſe Gegenſtände eingegangen.„Aber Sie haben ja einen ſolchen Freund und Vertrauten, mein Fräulein!“ erwiderte er mit einer Wärme, daß Johanna erwartungsvoll zu ihm aufblickte;„an weſſen Lob und Freude und Vertrauen könnte Ihnen mehr — gelegen ſein, als an denen Ihres Vaters?“ 3 Johanna erglühte tief und ſenkte das Auge wieder mit einem Seufzer.„Ich habe Papa's Vertrauen 8 5 * 4 S „———— 16 verſcherzt“, flüſterte ſie beinahe weinend,„und doch iſt er ſo gut, ſo zärtlich, ſo ſchonend, ſo herzensgütig gegen mich, wie ich es gar nicht verdiene. Selbſt die Ein⸗ flüſterungen meiner Stiefmutter haben mir ſeine Liebe nicht zu rauben vermocht“, fuhr ſie mit ſteigender Be⸗ wegung fort,„aber Papa hat den Kopf immer voll von Geſchäften und Sorgen, und ſo finde ich ſelten Gelegenheit... Aber da kommt er ſelbſt!“ unterbrach ſie ſich plötzlich und deutete aus dem Fenſter nach der Straße, wo Herr Werner mit Frau und Tochter eben gegen das Haus heranſchritt.— Das Geſpräch ſtockte und Johanna verwiſchte die Spuren ihrer inneren Er⸗ regung, und ſuchte gefaßt und gleichgiltig heiter zu erſcheinen, bis ihr Vater wieder in's Zimmer trat. „Ah, guten Tag, lieber Otte! Schön daß Sie kamen!“ ſagte Werner und drückte dem Gaſt freundlich die Hand; daͤnn wandte er ſich mit einem etwas ſtren⸗ gen Blick zu ſeiner älteren Tochter.„Wie?... Du ſchon hier, Johanna?“ fragte er mit ernſter, miß⸗ trauiſcher Stimme;„ich wähnte Dich bei Claudine Töpen zum Beſuch!“ „Ich war auch dort, Papa, aber Claudine ausge⸗ gangen“, entgegnete Johanna ruhig, wagte aber nicht den Papa anzuſehen.„Ich fürchtete, Euch nicht mehr bei der Großmutter zu treffen und..“ 3 — . „Schon gut!“ fiel ihr Werner mit einer Barſch⸗ heit in die Rede, welche Otte noch nie an ihm bemerkt hatte.„Geh jetzt und ſorge für den Keller!“ Johanna ging wie auf einem Unrecht ertappt, und Otte gerieth in eine peinliche Befangenheit, denn er mußte ſich ſagen, Herrn Werners Benehmen gegen ſeine Tochter deute unverkennbar auf einen unbeſtimmten Arg⸗ wohn hin, Johanna habe vielleicht dieſe Begegnung mit ihm, Otte, abſichtlich geſucht, und Werner habe ihn im Ver⸗ dacht eines Einverſtändniſſes damit, ein Bewußtſein, das ihm ſehr peinlich aber auch heilſam war, denn alle die Hoff⸗ nungen und Träume, mit welchen er ſich die ganze Zeit ſeit dem geſtrigen Abende getragen hatte, fielen mit Einem Schlage in's Waſſer. Herr Werner hatte offenbar mit Johanna andere Pläne. Des Kaufherrn ſcharfem Blick entging nicht, daß Otte etwas verblüfft und empfindlich war und er ſuchte dieſen Eindruck bei ihm zu verwiſchen, indem er ihn freundlich bei der Hand nahm und in ein Nebenzimmer vor Dotter's Photographie führte.„Sehen Sie“, ſagte er,„damit hat der Major uns heute erfreut. Recht freundlich von ihm, daß er an uns dachte. Nicht wahr? ganz vortrefflich getroffen, ſprechend ähnlich! Na, ſolche Bilder bekommen wir hier in der Provinz nicht. Sehen Sie, da iſt auch Ottiliens Bild, ebenfalls in de Haupt⸗ Mylius, Ein Meteor der Börſe. II. 6 18 ſtadt gemacht! Wie finden Sie es im Verhältniß zum Hriginal?“ und damit holte er Ottilien herbei, die halb verlegen, halb ſchalkhaft lächelte und ihre großen braunen Augen zu Otte aufſchlug. „Ich finde es ſehr ähnlich, wenn auch nicht ſo ſeelenvoll und freundlich, wie das lebendige Urbild“, entgegnete Otte nach einer aufmerkſamen Vergleichung, welche Ottilien das Blut in die Wangen getrieben hatte. „Ganz meine Anſicht, lieber Otte! Kind, zeig' ihm nun Deine Zeichnungen, er verſteht ſich darauf“, ſetzte er dann hinzu, und ging in das große Zimmer, um die Leute von ſeinem Comptvir zu empfangen, die trupp⸗ weiſe eintrafen, da ſie ebenfalls zu Tiſche geladen waren. Ottilie holte ihre Mappe herbei und zeigte ihm ohne Prüderie ihre Leiſtungen auf dem Gebiete der Zeichenkunſt, geſtand aber ganz naiv, daß ihr eigen Verdienſt ſehr klein ſei, indem Papa's Güte ihr ja die beſten Lehrer der Hauptſtadt verſchafft habe. Unähnlich den meiſten andern Mädchen ihres Alters, welche in der Penſion ſchon für Damen gelten wollen, hatte Ottilie ſich noch alle Friſche und Kindlichkeit der Jugend bewahrt, und gab ſich mit ungezwungener Na⸗ tur und Munterkeit. Das Naive kam bei ihr noch mehr zur Geltung, als bei Johanna, denn es war —————— —————————— ———.—— 19 nicht mit einem gewiſſen Eigenwillen gepaart; ſie em⸗ pfand noch nicht den Druck der Verhältniſſe, hatte noch nicht über die Bezüge zur Stiefmutter und deren Fol⸗ gen nachgedacht. Mit jugendlichem Enthuſiasmus ſchwärmte ſie für Berlin und ſeine Herrlichkeiten, für das Muſeum und ſeine Schätze, für die Theater und deren Celebritäten, und freute ſich zu hören, daß Otte ebenfalls zugab, ſeinem Aufenthalte daſelbſt viel Be⸗ lehrendes und Fortbildendes verdankt zu haben. Wäh⸗ rend des Geſpräches war auch Johanna wieder herzu⸗ getreten, und Otte bemerkte, daß ſie ihn und ſein Be⸗ nehmen gegen Ottilien mit großer Aufmerkſamkeit be⸗ lauerte. Allein es lag darin nichts, was er zu ver⸗ hehlen Urſache gehabt hätte, denn dieſer Verkehr war beiderſeits der argloſeſte und unbefangenſte. Endlich kam Papa Werner mit einem jungen Manne dazu, den er Otte als ſeinen Buchhalter Waidmann vorſtellte, und ſagte dann:„Zu Tiſche, wenn's beliebt! Waid⸗ mann, geben Sie Johanna den Arm— Ottilie, Dir habe ich Herrn Otte zum Tiſchnachbar beſtimmt! Und nun munter, meine Leutchen!“ 6 Johanna ſchien mit dieſer Anordnung weniger zu⸗ frieden zu ſein, allein es lag wenigſtens einiger Troſt für ſie darin, daß ſie Otte zum Gegenüber bei Tiſche hatte. Das Mahl war heiter, und Otte unterhielt ſich * 20 mit ſeiner Nachbarin ſehr gut, verlor ein Vielliebchen an Johanna und blieb in der Familie bis zum Abend. Als er in ſeine Wohnung zurückkehrte, war er aber vollſtändig mit ſich im Reinen, daß es trotz aller aus⸗ zeichnenden Freundſchaft Werners doch Wahnwitz wäre, an die Möglichkeit einer Verbindung mit einer Tochter dieſes Hauſes zu denken, denn die Bildung, welche Herr Werner ſeinen Töchtern gab, deutete genugſam an, daß er mit denſelben höher hinaus wollte. Zweites Kapitel. Die Hochzeit Auheims mit Fräulein Leonie von Magnus war unter großem Pomp gefeiert worden. Der Kammerrath hatte die Einladungen dazu auf alle die erſten Militär⸗ und Civilbeamten der Provinz aus⸗ gedehnt, und jedermann geladen, der nur irgendwie ſeinem Hauſe einigen Glanz geben konnte. Viele hatten die Einladung abgelehnt, Andere aber die Gelegenheit wahrgenommen, gegen Entrichtung einer Verdauungs⸗ viſite einmal ausgezeichnet zu ſpeiſen, denn man wußte, daß Herr von Magnus den berühmteſten Koch aus der Reſidenz engagirt und die koſtbarſten Leckerbiſſen aus aller Herren Länder bezogen hatte. Es war bekannt, daß Herr von Magnus trotz ſeiner geringen Herkunft und Bildung doch ein Mann war, der zu leben wußte und nichts halb that; ein Mann, dem vielleicht nur „ 22 ein ausgedehnterer Wirkungskreis fehlte, um ein Bör⸗ ſencröſus zu werden. Viele gingen auch nur hin, um neben dem was Küche und Keller boten, noch einige Ausbeute für die Skandalchronik oder einige Stichblät⸗ ter für ihren Witz zu bekommen, denn Herr von Mag⸗ nus und ſeine Familie vermochten trotz alles Vornehm⸗ thuns doch die Emporkömmlinge nicht ſo weit zu ver⸗ leugnen, daß ihnen nicht hier und da eine Ungereimt⸗ heit oder Tactloſigkeit entſchlüpft wäre, die ſie gern hinterher mit Gold wieder ungeſchehen gemacht hätten, wenn dieß nur möglich geweſen wäre. Allein trotzdem und theilweiſe auch eben darum waren die Gäſte höchſt vergnügt; die köſtlichſten Weine floſſen in Strömen und erhöhten die Stimmung, und das fröhlichſte Sum⸗ men füllte den weiten Saal der„Reſſource“, wo das Diner ſtattfand. Die junge Braut ſtrahlte in Schön⸗ heit, und das bräutliche Glück, die Genugthuung an ihrem Ehrentage all die vornehmſten und angeſehenſten Leute der Provinz und der Hauptſtadt derſelben um ſich zu ſehen, verwiſchte einigermaßen den harten ſelbſtſüch⸗ tigen Zug, der ſonſt um ihren Mund lagerte. Ihre Lippen und Augen ſtrahlten von Lächeln und befrie⸗ digtem Ehrgeiz. Auheim dagegen war wie ein Seliger; ſeine Blicke verſchlangen die Reize ſeiner ſchönen Braut, und wie im Rauſche trank er nicht nur den Cham⸗ — 23 pagner, ſondern auch die Schmeicheleien hinein, welche die jüngeren Gäſte und namentlich die Offiziere an die Neuvermählte verſchwendeten. „Kinderchen“, ſagte der Auscultator von Breidt zu einigen Offizieren, welche ſich am untern Ende ver Tafel befanden,„ich ſchlage Euch vor, dem glücklichen Bräutigam einen Schabernack zu ſpielen. Seht nur, wie dem Kerl die Augen blitzen vor Seligkeit und Liebe. Ich ſchlage vor, wir gehen nun einer nach den andern in kurzen Pauſen zu ihm hinauf und bitten um die Ehre, mit ihm auf das Glück ſeiner beneidens⸗ werthen Ehe und das Wohl ſeiner himmliſchen Frau einen Kelch leeren zu dürfen. Ihr macht dann jeder unter den anderen Gäſten eine Fünfmännerverſchwörung zu dem gleichen Zwecke und wir ſorgen dafür, daß der Gemahl der ſchönen Leonie heute Abend allzu voll iſt, um noch zu wiſſen, ob er ein Junge oder ein Mäd⸗ chen iſt!“ Und da der Vorſchlag Beifall fand, ſo ging Herr von Breidt ſogleich ſelbſt, um das Complott ein⸗ zuleiten. Die Folgen davon zeigten ſich bald an der ſchweren Zunge und den etwas wankenden Knieen des Hochzeiters, und wurden bald ſo unverkennbar, dß ſie ſelbſt der Neuvermählten nicht mehr entgehen konnten. „Leopold“ flüſterte ſie,„ich bitte Dich, trink' nicht mehr! Du blamirſt Dich und mich!“ „He... He.. Herzenskind, es iſt ja nur Cha Champagner“, ſennel er, und goß ſich ſeinen Kry⸗ ſtallkelch wieder voll.„Ich tri.. trinke ja nur auf Dei... Dein Wohl, mein Engel! Sei ruhig, ich bi... bin ausgepicht, ich kann was vertragen, und wenn ſie es darauf a... ab... abgeſehen haben, mich betru.. trunken zu machen, ſo will ich ihnen erſt zeigen, da.. daß ſie ſchief ſind, die Du... Dumm⸗ töpſel⸗ „Leopold, ich beſchwöre Dich, Du haſt ſchon zu viel!“ bat Leonie, und es koſtete ſie gewaltige Mühe, ihr Lächeln beizubehalten und die Thränen zu unter⸗ drücken, die ihr in die Augen dringen wollten, da ſie eine Beſchimpfung befürchtete.„Bedenke doch, mein Lieber, daß Aller Augen auf uns gerichtet ſind. Laß uns gehen!“ „Bah, hat keine Eile, liebes Goldkind! Cäſar wird ſchon kommen, wenn der Wagen vorgefahren iſt!“ ſtammelte er in jener alles vergeſſenden Weinlaune, die auch vorſichtige Leute übermüthig macht, und ſtieß gleich darauf wieder mit dem Grafen Udo von Bengeln an, der ſelbſt ſcharf angetrunken nun zum zweiten Male kam, um auf das Wohlſein der bezaubernden Frau von Auheim zu trinken. 3 25 Heinrich Otte war ebenfalls Gaſt bei dem Hoch⸗ zeitsmahle, und zwar auf Auheims beſondercn Wunſch, denn Frau von Magnus war nicht dafür geweſen, daß dieſer obſcure Buchhalter in den gewählten Kreis auf⸗ genommen werde. Da ſie aber dem ſpeciellen Verlangen ihres Schwiegerſohnes nicht zuwider ſein konnte, ſo hatte der Vater der Braut ihn an die unterſte Ecke der Tafel verwieſen und ihm zur Tiſchnachbarin eine ältliche hochadelige Stiftsdame beſtimmt, welche auf einem Gute in der Nähe von Moritzburg lebte und mit dem Fräulein von Magnus einige freundſchaftliche Be⸗ ziehungen unterhielt, weil ſie auf dieſe Weiſc manche Freundlichkeiten von der Familie Magnus genoß und das ganze Jahr hindurch mit Lectüre und Stickmuſtern ver⸗ ſehen und mit Geſchenken überhäuft wurde. Fräulein von Zelinski war jedoch ſchon ſehr erboſt, daß man ihr einen Bürgerlichen, einen Subalternen des Comp⸗ toirs, zum Cavalier gegeben und der Umſtand, daß ihr zin Platz an der Tafel ſo fern von dem Hochzeitspaare angewieſen worden war, hatte ihre Laune nicht ver⸗ beſſert. Sie betrug ſich daher gegenüber der be⸗ fliſſenen Aufmerkſamkeit, welche Otte ihr zollte, gleich von dornherein ſehr kalt und förmlich und wandte ſich lieber an ihren Tiſchnachbar zur andern Seite, einen Offizier, ſo daß Otte'n nicht verborgen bleiben konnte, 26 daß die Dame ihn gefliſſentlich ignorirte. Auf ſeiner andern Seite aber ſaß Fräulein Levit, die Tocheer eines reichen Wollhändlers, die einem jungen Ulanen⸗ rittmeiſter, ihrem Cavalier, alle Aufmerkſamkeit ſchenkte, die nur irgend ſchicklich war. So konnte es denn nicht fehlen, daß Otte ſich eher genirt und unbehaglich fühlte und den Moment herbeiſehnte, wo es ihm vergönnt ſein würde, ſich von der Tafel zu entfernen. Seine gezwungene Muße ſetzte ihn aber in den Stand, dem⸗ jenigen was um ihn her vorging, einige Aufmerkſam⸗ keit zu ſchenken, und ſo entging ihm das ſchadenfrohe Complott der„goldenen Jugend“ der Stadt gegen ſeinen Principal nicht und ſteigerte noch ſein Unbehagen. Trotz der großen Entfernung, welche ihn von Auheim trennte, erlaubte ihm die Hufeiſenform der Tafel und die verſchwen⸗ deriſche Gasbeleuchtung doch, den Principal genau zu beobachten, und die Wirkung des Weinesauf denſelben entging Heinrich nicht. Er hatte die Abſicht der jungen Offiziere ſchon längſt mit Entrüſtung durchſchaut, und ſeinem geraden biedern Sinn widerſtrebte es, ſeinen Brodherrn, der als eine Art öffentlicher Charakter nicht das Opfer eines ſolchen muthwilligen Streiches werden durfte, vor einer ſolch zahlreichen Verſammlung com⸗ promittiren und dadurch andern Tags zum allgemeinen Stadtgeſpräche werden zu laſſen. Er verließ daher —— 27 ſeinen Stuhl und ging zu Auheim hinauf, denſelben noch um eine Unterredung vor der Abreiſe zu bitten. „Um Vergebung, Herr Auheim, wenn ich mir er⸗ laube, Sie zu ſtören“, hub er an und zupfte den Prin⸗ cipal leiſe am Aermel. Dieſer wandte ſich haſtig um.„Ah, Sie ſind es, Otte? Na, wie amüſiren Sie ſich, alter Langweiler? He, wo iſt denn Ihr Glas, Menſchenkind 2 Sie werden doch ebenfalls mit meiner himmliſchen Braut und mir anſtoßen wollen?“ „Ohne Zweifel werde ich mir noch dieſe Freiheit nehmen, Madam und mein Herr“, verſetzte Otte,„aber in dieſem Augenblick möchte ich zunächſt um eine halbe Viertelſtunde freundlichen Gehörs in einer Geſchäfts⸗ ſache gebeten haben, die mir ſoeben noch eingefallen iſt „Otte, Menſchenkind! Sind Sie denn von Sinnen?“ rief Auheim überlaut und mit ſchwerer Zunge;„mir in dieſem Augenblick, wo ich das ſchönſte Feſt meines Lebens feiere, und in der gemüthlichſten Stimmung bin, mit ſolch' verfluchten Lappalien wie Geſchäfte zu kom⸗ men? Sie ſind ein... ein Pedant, Otte! Sie ennuyiren mich!— Gehen Sie her und machen Sie Ihre Däm⸗ lichkeit wieder gut, indem Sie ſogleich mit mir auf das Wo.. Wohlſein meiner himmliſchen Le.. Leonie 28 anſtoßen!“ und er winkte einem der Diener, daß er Otte ein Glas reiche. „Von ganzem Herzen Ihr Wohl, Madam und Herr Auheim!“ ſagte Otte mit dem Glaſe anſtoßend und nippte an dem perlenden Wein.„Verzeihen Sie es mir, Madam, wenn ich mir dieſe Störung er⸗ laubte; aber ich habe wahrlich die beſte Abſicht da⸗ i Leonie errieth dieſelbe und war Otte im Grunde dankbar dafür, wenn auch ihr Stolz es nicht erlaubte, dieß zuzugeben.„Leopold, ich möchte Dich bitten, auf das Verlangen des Herrn Otte einzugehen“, flüſterte ſie;„es iſt gewiß keine Bagatelle, die ihn dazu ver⸗ anlaßt..“ „Ach, ich bin überzeugt, mein Engel, daß es ſich nicht der Mühe verlohnt, ihn anzuhören“, verſetzte Au⸗ heim.„Otte iſt ein guter Kerl, ein famoſer Arbeiter und gewandter Geſchäftsmann, aber ein ſchwerfälliger langweiliger Menſch. Die Sache iſt ſicher nicht ſo dringend, Otte, daß ſie nicht fpäter noch erledigt wer⸗ den könnte, ehe wir zur Eiſenbahn fahren. Und ich bin überhaupt heute nicht zu Geſchäften aufgelegt, Otte, und hier iſt nicht der Ort dazu...“ Otte verneigte ſich und wollte etwas verletzt zurück⸗ treten, da hörte er, wie jemand um Stillſchweigen bittend, 3 — 29 mit dem Meſſer an ſein Glas ſchlug und ſah Herrn von Breidt aufſtehen, um einen wohlgeſetzten launigen Toaſt auf das Hochzeitspaar auszubringen, welcher ſich in den Worten gipfelte: Auheim, welcher ſo lange die Kunſt geübt, des Lebens wechſelnde Geſtalten wahr und wirk⸗ lich darzuſtellen, habe die noch ſchwerere Kunſt entdeckt, ſich das Leben durch„Wechſel“ angenehm und freundlich zu geſtalten, und der beſte Beweis davon ſei die wun⸗ derbare gütige Titania, die er ſich erobert, um ihr Glück und das ſeinige zu gründen, dem nun die herz⸗ lichſten beſten Wünſche der verſammelten Gäſte in einem dreifachen donnernden Lebehoch entgegengebracht werden ſollen! Die Gläſer erklangen, die Gäſte jubelten, die Pau⸗ ken wirbelten zum Tuſch der Muſik und Alle ſtanden von den Sitzen auf, um ſich zu dem Paare zu drängen. Mehrere Minuten vergingen, ehe der Menſchenknäuel ſich wieder entwirrte, und die Ruhe im Saale zurückkehrte. Leonie lächelte, aber im Herzen ſaß doch ein Pfeil, denn ſie hatte richtig ahnend erkannt, daß ein großer Theil des Jubels der Gäſte vorzugsweiſe der doppelten An⸗ ſpielung Breidt's auf Auheim's Vergangenheit gegolten habe, und ſie fühlte ſich davon im Stillen gekränkt. Aber ſie konnte dieſen Gedanken nicht weiter nachhängen, denn an ihrer Seite lauerten ſchon wieder Furcht und 30 Sorge. Auheim war aufgeſtanden, den Kryſtallkelch in der einen Hand und das Meſſer in der andern, womit er an zwei Waſſergläſern förmlich Sturm läutete. Das Wanken ſeiner Schultern verrieth ſeinen hilfloſen Zu⸗ ſtand, und ſein ſtarrer Blick die Mühe, die er ſich gab, die Geiſter des Weines momentan zu bemeiſtern, die ſein Gehirn umnebelten. „Meine Herren!“ rief er und ſein verſchwommenes Auge lief über die Tafel hin;—„meine Damen und Herren!... die außerordentliche Theilnahme.. lie⸗ benswürdige Güte... Ihr Glückwunſch.. vortrefflicher Toaſt des Vorredners... Sie ſehen mich ganz gerührt und außer Stande... mit Herrn von Breidt an Witz zu wetteifern. Gleichwohl... das heißt Herr von Breidt iſt... iſt ein verd.. verdammter Schwere⸗ nöther... Epigramm... und dergleichen..“ Dann wankte er vorwärts, verlor das Gleichgewicht, goß den Inhalt ſeines Kelches über ſeinen Teller hinunter, ſank zurück und wäre ſeiner ganzen Länge nach zu Boden geſtürzt, wenn ihn nicht Otte, der unwillkürlich und ein Unglück ahnend in der Nähe geblieben war, in ſeinen Armen aufgefangen und raſch auf den Stuhl geſetzt hätte. „Um Gotteswillen, Herr Otte, bringen Sie ihn hinaus!“ flüſterte Leonie, die ſich vor Scham und Ver⸗ — ——— 31 legenheit nicht zu faſſen wußte;„bringen Sie ihn nach Hauſe!“ Otte erfaßte den Bewußtloſen und trug ihn raſch aus der nahen Thüre, ehe der Auflauf wieder allge⸗ mein wurde. Leonie aber mußte ihre ganze Seelen⸗ ſtärke und Faſſung aufbieten, um den heuchleriſchen Beileidsbezeugungen über dieſen ſtörenden Zwiſchenfall gute Miene entgegenzuſetzen, während ihre Mutter aus⸗ rief:„Gott, was für ein Unglück Eine Ohnmacht, eine Ohnmacht!...“ Der Medicinalrath Schulze, welcher unter den Gäſten war, war ſchon den Beiden nachgeeilt, und hatte Auheim in einen Fauteuil in einem der Geſellſchaftszim⸗ mer liegend gefunden, wo Otte ihm die Halsbinde löſte und die Schläfe mit friſchem Waſſer wuſch.„Ein Schlaganfall?“ fragte Otte. „Nein, er iſt nur ſtier und ſteif beſoffen“, ſagte Schulze, ein bekannter Cyniker;„bringen Sie ihn nach Hauſe und geben Sie ihm einen Löffel voll Spiritus Mindereri!“ Leonie hatte dieß noch gehört, denn ſie war dem Gatten gefolgt. Die Thränen brachen ihr aus den Augen, und Schulze, welcher dieß bemerkte, reichte ihr den Arm und ſagte:„Kommen Sie, meine Gnädige, es hat keine Gefahr! Der Herr da wird ihn nach Hauſe 32 bringen, und in einer Stunde können Sie gleichwohl reiſen.“ In den Saal zurückgekehrt, verkündigte er den Gäſten, der Bräutigam habe in Folge einer ungewöhnlich tiefen Gemüthsbewegung eine leichte Ohn⸗ macht, und werde ſich ſchnell erholen. Leonie nahm wieder Platz am Tiſche, flüſterte aber ihrer Mutter zu, ſie wünſche ſo ſchnell wie möglich nach Hauſe zu fahren. Papa ſolle einſtweilen hier bleiben und den Affront vergeſſen zu machen ſuchen; ſie aber, die Mama, möge Leonien begleiten. Herr von Magnus hatte, wie unſere Leſer bereits wiſſen werden, den oberſten Stock in dem Hauſe ſeines Schwiegerſohnes gemiethet. Als daher Frau von Mag⸗ nus mit Leonie heimfuhr, trat letztere in der Beletage ein und ließ ſich von Cäſar nach dem Zimmer ihres Neuvermählten führen. Der kleine eitle Mann lag noch halb bewußtlos auf einer Chaiſelongue, und Otte war bei ihm und wuſch ihm Stirne und Schläfe mit Eau de Cologne.„Ich danke Ihnen ſehr, Herr Otte, für Ihre Güte und Umſicht!“ ſagte ſie mit großer Faſſung;„laſſen Sie mich aber nun Ihre Stelle bei ihm einnehmen!“ „Noch nicht, Madam, wenn ich bitten darf!“ er⸗ widerte Otte mit einem bedeutſamen Blick auf ſeine beſchmutzten Kleider;„ich werde ſo frei ſein, Sie ru⸗ 33 fen zu laſſen, ſobald Herr Auheim ſich beſſer be⸗ findet.“ „Komm, mein Kind!“ bat Frau von Magnus; „Du ſollſt nicht hier bleiben!“ und ſie zog ſie beinahe die Treppe hinan. Bis hierher hatte Leonie's Selbſtbeherrſchung ausge⸗ reicht; ſobald ſie jedoch oben in dem Zimmer ihrer Mutter war, warf ſie ſich mit einem krampfhaften Schluchzen ihr an den Hals.„Mama, Mama, das überleb' ich nicht!“ ſtammelte ſie,„ich bin unglücklich auf Zeitlebens. Er iſt ordinär, er iſt gemein! Gott⸗ wie wird das werden?“ Die Frau Kammerrath weinte ebenfalls vor Aer⸗ ger und Beſchämung.„Gott, was für ein Gerede wird das geben in der Stadt!“ ſchluchzte ſie;„die Leute werden mit Fingern auf uns deuten. Warum hat das „Komm, Mama, es iſt nicht zu ändern“, hub Leonie nach einer Weile an.„Es iſt ein Unglück, das zwar nie ganz vergeſſen werden wird, aber wir müſſen es tragen. Ich bin ja unſchuldig daran, ich bin be⸗ mitleidenswerth. Aber es iſt die Sündenſchuld, Mama, daß wir den Kreis ſo groß gemacht haben. Die Leute, mit denen wir glänzen wollten, haben uns verrathen. Ich kann mich des Argwohns nicht entſchlagen, daß Wylius, Ein Meteor der Börſe II. 5 34 es eine abgemachte Sache war. In einem kleinen Kreiſe hätte der Scandal nicht ſtattgefunden oder wär⸗ wenigſtens zu vertuſchen geweſen. Aber es ſoll mir eine Warnung ſein. Ich werde künftig meinen geſelligen Eirkel be⸗ ſchränken.“ „Beſchränken, mein Kind?“ rief Frau von Mag⸗ nus;„biſt Du toll? Wo heißt beſchränken? Sollen die Leute ſagen, Du biſt nicht gebildeter, als er? Du fürch⸗ teſt Dich vor einem ähnlichen dummen Streich? Sollen ſie Dich bemitleiden? Nein, beneiden ſollen ſie Dich, mein Herzenskind! Wenn ſie auch hinter Deinem Rücken ſpötteln und höhnen, Du vergiltſt es Ihnen durch Ver⸗ achtung, indem Du ſie abfütterſt und ſie ſchmeicheln und ſcherwenzeln läſſeſt! Du mußt Dir wenigſtens an⸗ fangs Revanche nehmen, wenn Du von Paris zurück⸗ kommſt. Hernach kannſt Du ſie fallen laſſen, kannſt ihnen die Streiche heimgeben, mein Herzchen, denn das Rittergut iſt nun doch einmal Dein und auf Dich ein⸗ geſchrieben als Morgengabe; Du kannſt es nicht ver⸗ lieren, ſelbſt wenn Du Dich einmal ſcheiden läſſeſt von ihm. Sei klug, mein Kind, ſei vernünftig und auf Deiner Hut! Hat er Dir die Schmach angethan, ſo laß Dir's auch bezahlen. Haſt Du Geld, ſo haſt Du die Welt.“ Nach einer Weile kam Cäſar herauf und meldete, 35 daß ſein Herr nun wohler ſei, und nur die Weiſung der Damen gewärtige, wenn man reiſen wolle. Leonie ließ ſich umkleiden, und ging dann mit ihrer Mutter hin⸗ unter. Der kleine Mann war blaß und fieberiſch; aber das Arzneimittel hatte die Weindünſte ver ſcheucht, und Auheim ſchämte ſich des Vorfalls.—„Vergib mir, Herzenskind!“ ſagte er zu Leonie und faßte ihre Hand;„es thut mir wirklich leid, aber es liegt an der Sorte des Champagners; es iſt zu viel Alkohol darin geweſen.“ „Was ſagen Sie da?“ rief die Frau Kammerrath auffahrend;„es war vom beſten und theuerſten Jac⸗ queſſon; aber man muß nicht trinken wie... „Schon gut!“ fiel ihr Leonie in's Wort;„die Sache iſt nicht mehr zu ändern! Reden wir nicht weiter davon! Ich denke Leopold“, wandte ſie ſich kalt und beſtimmt an ihren Gatten,„je ſchneller und ſtiller wir abreiſen, deſto beſſer wird es ſein. Wo iſt Herr Otte?“ „Er iſt ſchon weggegangen, ich bedurfte ſeiner nich mehr.“ „Du hätteſt ihn nicht ſo gehen laſſen ſollen, Leopold“, ſagte Leonie ruhig;„war es auch ſchon un ſäglich fatal, daß er Zeuge des ganzen Auftritts geweſen, ſo hätte doch ein freundliches Wort des Dankes die unaſſehinen 3* 36 Eindrücke abgeſchwächt, welche dieſer Vorfall auf ihn machen mußte. Cäſar, holen Sie ihn herbei!“ Und ohne ſich weiter um ihren Neuvermählten zu kümmern, ging ſie mit ihrer Mutter in die anderen Zimmer hin⸗ über und muſterte deren Einrichtung. Frau von Magnus ſah oder ahnte wohl, was in Leoniens Seele vorging. Das ſtolze verwöhnte Mäd⸗ chen war in ſeinen innerſten Gefühlen verletzt und be⸗ ſaß zu viel Selbſtgefühl um merken zu laſſen, wie der widerliche Vorfall von vorhin ihr die Achtung vor dem Gatten geraubt und ſomit die Brücke abgebrochen hatte, welche jemals beide Herzen mit einander verbinden konnte, wo die Liebe fehlte. Dieſes Ereigniß warf einen tiefen Schatten in Leoniens ganze Zukunft hinein, denn ſie war wirklich fein gebildet und geiſtreich genug, um höhere Anſprüche an einen Mann zu ſtellen, als ſolche von Auheim erfüllt werden konnten. Aber Frau von Magnus verſtand ihre Tochter nicht ganz, denn ſie ahnte nicht, welch tiefen Riß der Scandal in Leoniens Seele gemacht, und wähnte, derſelbe ſei noch durch Aeußer⸗ lichkeiten zu heilen. „Sieh Dich genau um, mein S ob Du auch mit Allem zufrieden biſt“, ſagte ſie zu Leonie; „wenn Du noch irgend einen Wunſch haſt, ſo nenn' ihn mir, und Du ſollſt bei Deiner Rückkehr Alles an⸗ 3 8 treffen, was Dein Herz begehrt. Willſt Du noch mehr Silbergeſchirr oder noch ſchönere Teppiche haben, mein Kind?“ „Laſſen wir es gut ſein, Mama, ich bin einſt⸗ weilen zufrieden“, verſetzte die Neuvermählte.„Wie kann ich jetzt in dieſer Stimmung an ſolche Dinge denken? Und wär' ich denn ſicher, daß mir Eure Herr⸗ lichkeiten überhaupt noch gefallen, wenn ich erſt den Pariſer Luxus geſehen haben werded— Nein, das, wonach mich noch weiter gelüſten wird, ſoll Auheim mir in Paris kaufen und ſchenken. Einſtweilen ſorge Du nur dafür, daß während unſerer Abweſenheit alle ge⸗ ſetzlichen Schritte erfüllt werden, um mir mein Vermögen ſicher zu ſtellen und mir die ſelbſtſtändige Verfüt darüber zu garantiren.“ Dennoch muſterte Leonie aufmerkſam das Mobiliar und ſeine Aufſtellung in den ſämmtlichen Zimmern und ſchien ſich alles tief einprägen zu wollen. Pläne gährten in ihrem Köpſchen, wenn auch vorerſt dunkel und ahnungsvoll, und ohne auf das Plaudern der Mutter zu hören, durchlief ſie die Räume in denen ihr künf⸗ tiges Daſein ſich abwickeln ſollte. Mittlerweile hatte Auheim ſich umgekleidet und reiſefertig gemacht. Im innerſten Herzen war er klein⸗ laut und verſchüchtert und des ſchlimmen Eindrucks ſich 38 bewußt, welchen der Vorfall auf ſeine junge Frau hatte mochen müſſen; aber er ſpielte jetzt äußerlich den Jovi⸗ alen, vom Weine fröhlich Angeregten, obſchon nicht mit ſonderlichem Glücke, ſondern eher mit einem gewiſſen Galgenhumor.„Ich bin nun parat, meine liebe himm⸗ liſche Leonie“, ſagte er und wollte ſie umarmen, aber ſie wies ihn mit einem ſtrengen Blick und einer ſtolzen Geberde ab.„Es iſt vorüber, mein Engelchen, ganz ſpurlos vorüber. Es war ein Anfall, welcher mir häufig bei ſolchen Anläſſen zuſtößt, wenn ich heftige Gemüthsbewegungen gehabt habe und ſchnell einige Gläſer Wein trinke.“ „Dann möcht' ich rathen, künftig lieber Waſſer zu trinken, zumal bei öffentlichen Gelegenheiten“, ent⸗ gegneté Leonie herb.„Man ſagt ja, im Weine kehre ſich der innere Menſch heraus; und ich habe meinen Vater niemals in einem ſolchen Zuſtande geſehen. Du wirſt zum Geſpött der ganzen Stadt werden! Aber da iſt ja Herr Otte“, brach ſie raſch ab und wandte ſich zu dieſem, dem ſie mit einigen ſehr freundlichen Worten dankte.„Sie haben es gut gemeint, und ich bin Ihnen dafür ſehr verbunden“, ſagte ſie, und trotz ihrer Be⸗ mühung ſich ſelbſt zu beherrſchen, traten ihr unwillkür⸗ lich Thränen in die Augen.„Ich bin überzeugt, Sie werden in unfrer Abweſenheit den ironiſchen Deutungen 39 und Gerüchten entgegentreten, welche jene jungen Herren aus der guten Geſellſchaft über Leopold in Umlauf ſetzen dürften,— Sie werden ſich bemühen, der Sache die beſte Seite abzugewinnen. Sie haben ja ſchon einmal mit ſo viel Eifer ſich Auheim's angenommen, als er hinter ſeinen Rücken verleumdet ward, was wir Ihnen nie vergeſſen werden!“ „Bah, mein liebes Herzchen, wer wird denn von dieſer Kleinigkeit ſo großes Aufheben machen!“ fiel ihr Auheim launig in's Wort.„Wo iſt denn ein Mann, dem nicht ſchon einmal etwas Derartiges begegnet wäre? Ich dächte, je weniger Sie darüber ſprechen, Otte, deſto beſſer für die Sache ſelbſt.“ „Ich werde mich der Ehre und des Anſehens meines Principals nach Kräften annehmen, Madame, denn ſeine Ehre iſt auch die meinige“, ſagte Otte;„und nun erlauben Sie mir, mich zu entfernen. Der Herr Kammerrath folgt mir auf dem Fuße, und Sie werden die letzten Minuten vor der Abreiſe noch mit den Ihrigen allein ſein wollen. Reiſen Sie glücklich, Madame! meine beſten Wünſche begleiten Sie!“ und er küßte ihr die Hand. Auheim nahm den Abſchied von ſeinem Buchhalter ſehr leicht, und behandelte ihn ſehr cavalièrement; doch kam ihm dieß nicht von Herzen, ſondern er wollte ſich „ damit ein gewiſſes Anſehen vor ſeinem Schwiegervater geben, in deſſen Zügen er eine bittere Verſtimmung bemerkte. Der Kammerrath, obſchon im Grunde ein ungebildeter Mann, fühlte doch ſehr lebhaft den Affront und die Lächerlichkeit, welche die unausbleibliche Folge von Auheims Betrunkenheit war, und hatte ſich vorge⸗ nommen, ihm hierüber einige ernſte Worte zu ſagen, bei welchen allerdings der Buchhalter als Zeuge ſehr überflüſſig geweſen wäre. Otte hatte auf dem Comptoir gewartet, bis dos neuvermählte Paar in den Wagen ſtieg und dann noch einmal ſich von ihm verabſchiedet. Jetzt ſchlug er den Ueberrock dichter um ſich und machte noch einen Spazier⸗ gang um die Stadt. Das Ereigniß dieſes Tages warf auch in ſein Inneres einige verdüſternde Schatten, denn es hatte in ihm die Anſicht von der geringen Bildungsſtufe und dem haltloſen ſeichten Charakter Auheim's beſtätigt, die er ſeitdem ſchon aus mancherlei Einzelheiten und Thatſachen nur ahnungsweiſe ge⸗ wonnen hatte. Auch von Leonie hatte er bisher wenig gehalten, da er ihren Vater nicht ſehr achtete und ſie für ſtolz und übermüthig hielt; aber er konnte ihr nun doch einiges Mitleid nicht verſagen, ſeit er ihr Bemühen bemerkt hatte, die Schaam und Entrüſtung über das Geſchehene niederzukämpfen, und ſeit ihre kurzen Dankes⸗ 5 — — 41 worte gegen ihn ihr unverkennbar aus dem Herzen ge⸗ quollen waren.„Sie iſt Auheim und ihren Eltern an Bildung und Tact überlegen“, ſagte er gedankenvoll vor ſich hin;„ſie hatzmit dem den Frauen eigenen Ehr⸗ geiz und Accommodationsvermögen ſich die Gelegenheit zu einer höheren Bildung, welche ihr Vater ihr gegeben hat, zu nutze gemacht. Sie muß daher durch dieſen Vorfall doppelt ſchmerzlich berührt werden. Was für ein Loos wird alſo ihrer an der Seite dieſes Mannes harren? Aber warum auch hat ſie ihn geheirathet? Konnte denn hier von Liebe die Rede ſein? Auheim iſt ja ziem⸗ lich fünfzehn Jahre älter als ſie!“ Unter dieſen und ähnlichen Gedanken war er in die Nähe von Werners Haus gekommen, und ſich er⸗ innernd, daß heute der Tag des Abendkränzchens war, trat er ein; es war ihm Bedürfniß, der unangenehmen Erinnerungen an dieſes Hochzeitmahl ledig zu werden. Herrn Werners Familienkreis war im Wohnzimmer verſammelt, wo unter Aufſicht der Hausfrau die bei⸗ den Töchter, ſein Sohn und einige Freundinnen des Hauſes Whiſt ſpielten. Johanna ſprang bei Otte's Eintritt auf und eilte ihm entgegen, um ihm den Hut und Ueberrock abzunehmen, und rief:„Ei, das iſt ja recht hübſch von Ihnen, daß Sie noch kommen, Herr Otte! Papa und der Oberſtlieutenant ſitzen ſchon drüben 42 im hintern Salon. Nun, haben Sie ſich gut amüſirt bei der Tafel? Ihr Herr von Auheim hat ja ſeinen Ehrengäſten ein recht hübſches Schauſpiel gegeben!“ Aber ſie brach ſogleich ab, als ſie den ernſten Blick ſah, mit welchem Otte dieſe Andeutung aufnahm, und ohne ein Wort weiter führte ſie ihn in den hintern Salon, wo die beiden Herren ihn freundlich begrüßten. Otte fand, daß auch ſie ſchon um den Vorfall wußten, welchen einige junge Offiziere, in der über⸗ müthigſten Weinlaune von dem Hochzeitsmahle zurück⸗ gekehrt, ſogleich im Caſino erzählt, von wo Conſtans, Herrn Werners Sohn, dieſe Nachricht mit nach Hauſe gebracht hatte. Männern gegenüber, welchen er ſo viel Achtung zollte, wie die beiden Herren, konnte Otte ſich nicht einmal zu einer Nothlüge bequemen; er begnügte ſich daher damit die Thatſache auf ihr richtiges Maaß zurückzuführen, die Partei der armen Neuvermählten zu nehmen, deren demüthigende Beſchämung er lebhaft ſchilderte, und die Urſache des Aergerniſſes den jungen Herren von Stande zuzuſchieben, denen er, der Wahr⸗ heit nahe kommend, einen ſolchen Muthwillen zutraute. „Nun ja, ihr Wort in Ehren, lieber Otte, und ge⸗ ſetzt, daß Ihre Vermuthung hinſichtlich der Urheber dieſes Schabernacks begründet ſei“, entgegnete Herr Werner, „ſo kann ich mit Auheim eben nicht viel Mitleid fühlen. 43 Ich halte ihn für einen ordinären Menſchen, für einen ganz gewöhnlichen Emporkömmling, dem dieſe Beſchämung zu gönnen wäre, wenn ſie ihm nur frommte. Aber ich fürchte, ſie wird ohne Wirkung an ihm vorübergehen, und anſtatt denen, die ihn zum Geſpbtte machten, den Ricken zu kehren und wenigſtens noch ein Minimum von Achtung abzunöthigen, wird er ihnen hinterher noch ebenſo eifrig nachlaufen wie zuvor, und ſich an ſie andrängen. Es ſteckt in dem Mann eine hoffnungs⸗ oſe Schwäche und Geckenhaftigkeit, ſonſt hätte er ſeine Hochzeit in aller Stille gefeiert, anſtatt mit ſolcher heraus⸗ fordernder Oſtentation.“ „Aber ſollte nicht ſein Schwiegervater hieran mehr Schuld getragen haben, Herr Werner?“ wandte Otte ein. „O, nein“, ſagte Herr Richartz;„ich halte zwar nicht allzuviel auf den alten Magnus, der auch nur ein Emporkömmling iſt, aber doch mit dem Scharfblick des Juden mehr Tact in ſolchen Dingen beſitzt. Wenigſtens habe ich an ihm nie bemerkt, daß er ſich in die vornehmen Kreiſe drängie, obſchon er Gutsherr iſt, ſondern daß er ſich von ſeinen adeligen Standesgenoſſen vielmehr aufſuchen ließ, wenn ſie ſeines Raths und ſeiner Erfahrung bedurften.“ „Zugegeben, Freund“, ſagte Werner.„Auch ich kenne Magnus ſchon ſeit etwa dreißig Jahren als einen nicht aufdringlichen Menſchen, der den Mangel an Bil⸗ dung durch Behutſamkeit und Beobachtungsgabe erſetzt, obſchon er ſeine Pläne immer mit zäheſter Conſequenz verfolgt. Eher möchte ich vermuthen, daß ſeine Frau die Urheberin dieſer Oſtentation war, obſchon ſie ſich faſt noch leichter als ihr Mann in den allmälig ſteigenden Glanz ihrer Familie gefunden hat. Doch dieß alles küm⸗ merte mich wenig, wenn es Sie nicht beträfe, lieber Otte!“ „Mich? wie ſo denn, Herr Werner?“ „Indem Sie Ihre beſten Jahre einem Manne widmen, an deſſen dauerndes Glück und Gedeihen ich nicht glauben kann“, entgegnete Werner.„Auheim mag ſeither ungewöhnlich günſtige Chancen gehabt und in gewagten Speculationen unglaublich viel gewonnen haben; aber ich glaube nicht an die Unwandelbarkeit des Erfolges bei einem Mann, der nicht arbeiten will oder kann, der nicht ſein Lebensſchickſal auf einen be⸗ ſcheidenen ſoliden Unterbau ſtellt, der ſich mit dem Schein von Reichthum, Bildung, Einfluß und Vor⸗ nehmheit begnügt und glänzenden Seifenblaſen nachjagt, während er einer ſoliden gediegenen Silberader den Rücken kehrt. Mag er jetzt ein Rittergut beſitzen, mag er ſich Equipage und Reitpferde halten und in Glanz und Prunk leben, die Stunde wird nicht ausbleiben, wo er 45 dieſer Pracht entſagen muß, und ihm ſeine Schmarotzer⸗ freunde und vornehmen Bekanntſchaften den Rücken kehren werden, und wo er von ſeinen wirklichen Standesgenoſſen, mit denen er ſich niemals zu ſtellen gewußt, verleugnet werden wird!“ „Das kann nicht ausbleiben“, beſtätigte Herr Richartz.„Nichts iſt thörichter, als wenn ein Bürger⸗ licher dem Phantom der Gunſt der Vornehmen nachjagt und damit den Boden verläßt, worin er ſelber wurzelt. Sie haben an dem Betragen dieſer jungen Herren aus der ſogenannten haute volée, das ich entſchieden mißbillige, geſehen, was die gute Geſellſchaft von ſolchen Menſchen hält, die ſich ihr mit Verleugnung aller eigenen Würde unter die Schuhe legen. Man höhnt die Menſchen, deren Gaſt man iſt, in übermüthigem Kitzel nach Be⸗ luſtigung, im Bewußtſein der Standes⸗Ueberlegenheit. Das erlaubt ſich auch der Frechſte nur ſolchen gegen⸗ über, die nicht geneigt oder im Stande ſind, eine per⸗ ſönliche Würde geltend zu machen. Wenn aber das geſchieht am grünen Holz, was will's am dürren werden? Was hat Auheim von dieſen Menſchen zu hoffen, wenn er nichts mehr zu bieten vermag mit ſeinen Equipagen, Spielparthieen und Soupers⸗fins, mit den Genüſſen ſeines gaſtlichen Hauſes? Wenn er von ihnen Gegen⸗ dienſte begehren will?“ 46 Otte zuckte wehmüthig und verlegen die Schultern. „Gott gebe, daß Sie nicht recht behalten, meine Herren!“ ſagte er;„aber vergönnen Sie mir nur die einzige Bitte, dieſes Kapitel nun fallen zu laſſen! Sie wiſſen ja, ich genieße Auheim's Vertrauen und bin nicht nur Miethling.“ „Gut denn, Sie haben recht, ſprechen wir von anderen Dingen!“ ſagte Herr Werner. Drittes Kapitel. „Hab' ich Dir nicht geſagt, Lenchen, der Mann hat Glück?“ ſagte der Herr Kammerrath von Magnus zu ſeiner Frau, als er etwa zehn Tage ſräter in einer fröhlichen Aufregung in das Wohnzimmer der neuen Wohnung in Auheims Hauſe trat.„Auheim hat ge⸗ wonnen! Er hat das zweite Loos in der vierten Klaſſe, fünfzigtauſend Thaler!“ „Iſt es möglich?“ rief die Frau Kammerrath, ſprang vom Sopha auf und legte die ſilbernen Löffel, die ſie eben mittelſt eines Lederſtreifens und Rubinpulvers ab⸗ gerieben hatte, auf den Tiſch.„Gott, meine Leonie hat fünfzigtauſend Thaler gewonnen. Welch ein Glück! Und Du weißt es gewiß, Männche?“ „Ob ich es weiß?“ rief der Kammerrath und lief ſeelenvergnügt im Zimmer auf und ab und rieb ſich 48 die Hände.„Ob ich es weiß? Komm' ich doch vom Comptoir, wo mir der Otte die Ziehungsliſte und das Loos gezeigt hat! Es trifft zu, Lenche, es trifft zu, und ich hab' ihm ſchon getelegraphirt nach Paris!“ „Gott, das Glück, das Glück! Wie wird ſich meine Leonie freuen!“ ſtammelte die Frau Kammerrath und lief ebenfalls im Zimmer auf und ab.„Nun ja, er hat Glück, er hat Glück, der Auheim! Er wird noch ein reicher Mann, ein angeſehener Mann, er wird unſer Kind glücklich machen!“ „Wie werden ſich die Leute ärgern und ihn be⸗ neiden, Lenchen, wenn ſie es erfahren!“ fuhr der Kam⸗ merrath fort und ſtrich ſich ſchmunzelnd den dichten Backenbart.„Ich hab' dafür geſorgt, daß es unter die Leute kommt, Lenchen; vom Telegraphen bin ich zu Zwirbel gelaufen, daß er es noch in das Blatt auf⸗ nimmt, in den Patriot“, denn die ganze Provinz ſoll es erfahren.“ „Das war klug, Anton, ſehr klug!“ ſagte ſeine Frau;„und weißt Du was, Anton, wir geben morgen gleich eine große Soirée, daß wir die verdutzten Geſichter ſehen, wenn ſie ſich zwingen zu gratuliren. Sie haben uns lange genug über die Schulter angeſehen, nun wollen wir ihnen zeigen, wer wir ſind. Anton, ſetz' Dir an den Schreibtiſch und ſchreib mir die Liſte 49 von den Perſonen, welche wir wollen bitten zu Gaſte.“ Herr von Magnus ſteckte die Hände in die Hoſen⸗ taſchen, warf den Kopf zurück in die linke Schulter, ſah ſeine Frau beinahe vorwurfsvoll und ſehr ſpöttiſch an und ſagte:„Biſt Du verrückt, Lenchen? Wir ſollen eine Geſellſchaft geben und die Leute abfüttern, daß ſie uns noch verhöhnen? Soll mir wohl einfallen! Denkſt Du ich hab' noch nicht genug an dem Aerger von der Hochzeit? Soll ich mir wieder auf's neue vordrängen, daß ſie mich nochmal geben einen Klaps auf's Geſicht? daß ſie mich inventariſiren bis auf den Strohſtuhl? Gehorſamer Diener! Ich bin kurirt von die Großmanns⸗ Launen!“ Der Frau Kammerrath ſanken vor Schrecken die Hände in den Schooß und mit weit aufgeriſſenen Augen ſtarrte ſie ihren Gatten an.„Aanton, biſt Du toll? Was ſoll denn das heißen?“ fragte ſie;„ich kenn' Dir gar nicht mehr. Du biſt ja wie vertauſcht!“ „Bin ich's, nu dann um ſo beſſer“, ſagte Herr von Magnus.„Die Sache iſt die: meine Augen ſind mir aufgegangen, Lenchen! die Leute haben mir den Staar geſtochen, und der Magnus iſt nicht der Mann, dem man mit dem Holzſchlägel zu winken braucht. Ich weiß, was ich weiß. Ich werd' mir nicht mehr kümmern um Mylius, Ein Meteor der Börſe. II. 4 50 die Leut, ich werd' mir treiben mein Geſchäft wie vor⸗ dem und Geld verdienen, und ſie ſollen mich ungeſchoren laſſen Ich hab geirrt— Gott, der Menſch kann irren, Lenchen; aber der erſte Verluſt iſt der beſte,“ „Aanton ich verſteh' Dir nicht“, ſagte Lenchen aufſtehend und ſtarrte, die Hände in der Taſche ihrer Schürze, mit lebhaftem Kopfſchütteln ihren Gatten an, der in innerer Bewegung mit raſchen Schritten im Zimmer auf und abging.„Was Du nur haſt, ſolche Reden zu führen, wenn doch das Gliück ſo eben Einem ins Haus geflogen kommt!“ „Das Glück? Nu, wo iſt denn mein Glück?“ rief beMamnertath lebhaft;„daß ich halb verloren hab' in die Effectens, was ich mir hab' ſauer verdient mit dem Güter⸗ und Productenhandel? Daß ich Dir hab' nachgegeben und den Jungen den Aaron geſchickt nach Paris, daß er die große Welt kennen lernt und die Geſchäftchens? Nu, ein großes Stück Geld hat er mir gekoſtet in Paris, ein himmelſchreiendes Geld; aber was er gelernt hat, das wird ſich jetzt zeigen! Jetzt will er ſich aſſociiren mit dem Auheim; iſt das ein Glück?“ „Haſt Du doch ſelber geſagt, daß der Auheim Glück hat und das große Loos gewann, Aanton?“ rief Len⸗ chen immer verwunderter, und begann an ihrem Gatten rein irre zu werden;„kann da der Achille etwas Beſ⸗ ——— — — 54 ſeres thun, als ſich aſſociiren mit einem Mann, der Glück hat?“ „Hör' mich ruhig an, Lenchen, und komm' mir nicht in die Quere mit Deinem Gedipper, daß ich Dich alles ſag' was ich mein'!“ ſagte Herr von Magnus und drückte ſeine Frau wieder auf das Sopha zurück, indem er ſich ihr gegenüber ſetzte.„Sei vernünftig, Lenchen, und laß mich allein ſprechen. Sieh, wenn ich noch vor vierzehn Tagen gewußt hätte, was ich jetzt weiß, ſollten mir keine zehn Pferde bewogen haben, dem Auheim mein Kind zu geben. Der Auheim hat nichts, der Auheim iſt ein Schwindler...“ „Gott du Gerechter! Aanton, was ſagſt Du da?“ fuhr die Frau Kammerrath mit einem Schreckensſchrei auf;„und das Rittergut?“ „Sei ruhig, Lenchen⸗Leben! Das Rittergut bleibt Leonie— wenigſtens was daran bezahlt iſt“, ſagte Herr von Magnus zuverſichtlich;„nun aber ſei hübſch ruhig, unterbrich mir nicht und ſchrei' mir nicht ſo, denn was ich Dir ſag', daß weiß außer mir keine Seele als der Otte, und bei dem iſt es in guter Hand. — Du weißt, daß Auheim weggereiſt iſt mit dem Kinde, ohne noch dem Buchhalter genügende Verhaltungsbefehle gegeben zu haben, weil er— weil er nicht mehr dazu fähig war, wie Du weißt. Ich ſah es Otte am Syl⸗ 52 veſterabend an, daß ihn die Sorge ſchier erdrückte; und als er am Neujahr hier war,— Du glaubteſt wohl, er habe mir nur gratuliren wollen?— da kam er in der Herzensangſt zu mir gelaufen, und erbat ſich Rath. Herr Werner hatte ihm am Ultimo ſieben⸗ tauſend Thaler in die Kaſſe gegeben, ſonſt hätt' er Auheims Zahlungen einſtellen müſſen. Alles Geld, womit Auheim arbeitet, hat er von armen Leuten gegen vier Procent Zinſen; alles, was er verdient hat, iſt gegangen vor die Hunde für das Haus hier, die Equi⸗ pagens, die flotte Einrichtung, die Großmannsſucht. Otte hat mich um Rath gefragt, um Hilfe gebeten. Es hat verlautet in der Stadt, daß er Strahlenberg dem Kinde verſchrieben hat zur Morgengabe, daß wir ihr nur zehntauſend Thaler gegeben zur Mitgift! Nun kommen die kleinen Leute und wollen ihr Geld zurück, und Otte ſollte nur immer zahlen, zahlen, zahlen. Wenn die fünfzigtauſend Thaler nicht gekommen wären, ſo wäre Alles verloren. Darum ſag' ich, der Menſch hat Glück— das Glück, das ich meine, daß ihm im letzten Augenblick noch ein goldenes Ei in die Hand fällt...“ „Um Gott, mein Kind, mein armes Kind!“ rief die Frau Kammerrath mit wirklichem Schmerze.„Aanton, Amſchel, wo haſt Du gehabt Deine Augen, als Du dem Menſchen gabſt unſer Kind!“ eneeee 53 „Mach' mir das Herz nicht ſchwer, Lenche⸗Leben! Er hat mich hintergangen mit ſeinem Glanz wie er die ganze Welt hat getäuſcht, und wie er ſie noch länger täuſchen muß, wenn er nicht fallen will!“ er⸗ widerte Herr von Magnus.„Er hat mir Sand in die Augen geworfen mit dem Kauf von Strahlenberg. Aber ich hab's gebüßt, Lenchen! ich hab es ſchwer gebüßt, denn es wird Alles heimgeſucht. Wär ich geblieben der einfache Producten⸗ und Güterhändler Magnus, und hätte mein Geſchäft getrieben wie vor⸗ dem, anſtatt mir den Adel zu kaufen und den Kammer⸗ rathstitel, ſo hätt' er mich nicht hintergangen mit ſei⸗ nem Schwindel. Aber Dir zu Lieb', Lenchen, und um der Kinder willen hab' ich die Dummheit begangen und mich ſelbſt überhoben, und der Hochmuth hat mir die Augen getrübt und den Verſtand— nun bin ich wieder erwacht und wie?— Gott, ich kann Dir ſagen, Lenchen, ich hab in den letzten ſechs Nächten nicht ſechs Stunden geſchlafen. Seit mir der Otte dieſe Mit⸗ theilungen gemacht hat, ſind mir alle meine Sünden eingefallen. Otte und ich ſind Tag und Nacht auf den Hoſen geſeſſen und haben gearbeitet an der Bilanz, — an Auheims und an der meinigen. Wenn Auheim alle Poſten gekündigt wurden, hatte er immer noch Paſſiven. Mir blieb ein Vermögen von zweihundert⸗ 54 tauſend Thalern, ein weiteres Hunderttauſend iſt futſch durch die Effectens. Aber ich habe mir ſelbſt wieder gefunden, Lenchen, und das iſt die Hauptſache. Ich habe gebrochen mit der Speculation in Papier, ich werde wieder machen in das, was ich verſteh“, in die Productens und Landgüter. Ich muß wieder Geld verdienen für unſer Kind, wenn es ſchief geht mit dem Auheim. Gvott, was bin ich froh, daß ich wie⸗ der klar ſehe in der ganzen Geſchichte!“ Lenchen athmete auch leichter auf, aber die Thrä⸗ nen hingen ihr noch in den Wimpern.„Und wenn das Unglück hereinbricht über den Auheim, kann es nicht auch unſer Kind ereilen, Aanton?“ fragte ſie. „Hoffentlich nicht, ich bin geweſen zum Juſtizrath Freitag und habe alles nachprüfen laſſen, und er ſagt, die Verträge ſind gut und ſichern dem Kind die Mor⸗ gengabe und die Mitgift. Und ich habe ihr geſchrieben, ſie ſoll mir die Verwaltung überlaſſen und keinen Federzug thun ohne mir, und ſie iſt unſer Kind, Len⸗ chen, ſie wird lernen, daß Geld iſt kein Wind.“ „Aber wie kam's nur, Aanton, daß Dir keiner von Deinen Geſchäftsfreunden hat einen Wink gegeben über Auheim?“ fragte Lenchen;„ſie müſſen doch mehr von ihm wiſſen als Du!“ Herr von Magnus ſchüttelte unwillig den Kopf. „Das begreift ſich ja leicht, Lenche⸗Leben! Wir ſind nicht mehr von unſere Leut', ſeit wir ſind gegangen unter die Gojim. Dem Amſchel Magnus hätten ſie nichts verhehlt; aber der Herr Kammerrath von Magnus, der Goi, dem war zu gönnen der Fluch. Du weißt, Lenchen, daß ich Dir das Jahrelang prophezeit habe, als Du und Aaron in mich dranget, ich ſolle mich taufen laſſen und ſcheiden von unſern Glaubensgenoſſen. Ich hab's gethan, und die Sündenſchuld iſt da. Wir ſind geimpft mit das Chriſtenwaſſer, aber wir ſind krank geworden davon.“ Und der Mann verbiß ſeinen Schmerz darüber, ohne ein einziges rauhes Wort gegen ſeine Frau. „Und ſagteſt Du nicht, Achille wolle ſich aſſociiren mit Auheim, Aanton?“ fragte„hat er Dir denn geſchrieben?“ „Ja, er hat geſchrieben, er und das Kind, Lenchen! — Wo hab' ich nur die Briefe?“ fuhr er fort und ſtöberte unter einem Pack Papiere, die er aus ſeiner Bruſttaſche genommen hatte.„Gott, ich war ganz confus von wegen des Gewinns in der Lotterie, der ſo unerwartet zur rechten Zeit kam. Ich bin gelaufen auf die Bank und hab's gezeigt, und bin geweſen bei Zwirbel, damit die Leute wieder Vertrauen haben und die Caſſe nicht ſtürmen, denn noch eine Woche wie die 56 letzte und Auheim war fallit.— Da lies, Lenchen! Das Kind iſt ganz glücklich; es hat getanzt mit Ge⸗ neralens und Prinzens und hat geſchwommen in Freude und Jubel, denn der Bruder hat ſie eingeführt in die große Welt.“ Die Thränen des Kummers verwandelten ſich in Freudenthränen, als die Frau Kammerrath die enthu⸗ ſiaſtiſchen Schilderungen las, welche Leonie von den erſten Tagen ihres Pariſer Aufenthaltes entwarf. „Wie froh bin ich“, ſchrieb ſie unter Anderem,„daß Achille nicht bei meiner Hochzeit war! Jener leidige Vorfall hätte ihn empört, denn ſeine Manieren ſind ſo fein und gebildet, ſo ariſtokratiſch, daß ihr ihn kaum wieder erkennen würdet. Er hat mich ganz ent⸗ zückt und meinem Mann förmlich imponirt, und er ſpricht von Geſchäften wie ein Buch. Auheim meint, er wäre ein wahrer Gewinn ffür ihn.“ Dieſe Stelle las ſie drei⸗, viermal in ſeligſter Mutterfreude, und las ſie dann noch einmal laut dem Kammerrath vor, der ſich an den Schreibtiſch geſetzt hatte und ſchon wieder emſig ſchrieb und rechnete.„Alterchen“, fragte ſie,„was meinſt Du, wird Achille dem Auheim nicht paſſen zum Aſſocie? Hat er Dir geſchrieben wegen Auheim?“ „Er hat mich geſchrieben, daß ihm Auheim gut 57 gefällt und daß er ſich mit dem Gedanken trägt, zu ihm in's Geſchäft zu treten, wie's ihm der Auheim an⸗ geboten hat. Und er wird ſich's nicht ausreden laſſen, der Aaron; ich kenn' ſeinen Trotz und Eigenſinn, wenn er ſich einmal etwas in den Kopf geſetzt, hat. Er wird deſto erpichter darauf, je mehr ich ihm abrathe. Er iſt ſeinem Vater über den Kopf gewachſen, weil er im Gymnaſium geſchult worden iſt und ſein Vater nur in einer armen Judenſchule“, ſetzte er mit einem leiſen Seufzer hinzu,„das iſt nun einmal der Lauf der Welt. Ich weiß was ich weiß, Lenchen; der Junge thut edelmänniſch und ſchämt ſich an's alte Judengeſchäft, und der Auheim und das Kind haben ihm nun vollends den Kopf verrückt durch ihr Lob. Ich werde ihm ein zwanzigtauſend Thälerchen geben müſſen, Lenche⸗Leben,— ein theures Lehrgeld dafür, daß er ſeinen alten Vater über die Achſel anſieht. Aber er wird lernen, wie man durch Schaden klug wird, Lenchen, und ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß er am Ende noch ein rechter Geſchäftsmann wird. Jedoch Geld wird es freilich koſten, viel Geld!“ Er ſchellte und gab dem eintretenden Diener einige Briefe. „Dieß da zur Poſt, Philipp, und dieſe beiden auf die Erpedition des Patrioten und des Freiſinnigen“, ſagte er;„ich bin bis zwei Uhr für Niemand zu 58 ſprechen, als für den Buchhalter von Auheim's drunten, für Herrn Otte.“+ „Was haſt Du denn, Alter?“ fragte Frau von Magnus, als der Diener weggegangen war.„Du biſt ſo bewegt, und dieſer Brief hier, der ſo große Eile. hat, an wen iſt er?“ „Lenchen“, ſagte er, legte ihr beide Hände auf die Schultern und ſah ſie mit tiefer Rührung an, „der Brief geht an meinen Bruder Jonas. Ich hab' ihm vorgeſchlagen, ein Compagniegeſchäft mit ihm zu treiben in Landesproducten. Ich hab' eben eine An⸗ zeige weggeſchickt, daß ich einen Speicher miethen will mit Comptoir für das künftige Geſchäft. Ich will hunderttauſend Thaler aufnehmen auf Hypotheken auf meine Güter bei einem ausländiſchen Geldinſtitut, das mir Otte angerathen hat. Zwanzigtauſend davon ſoll Aaron bekommen, daß er ſich mit Auheim aſſociiren kann, weil er's doch nicht anders thun wird. Achtzig⸗ tauſend nehm' ich in die Caſſe von dem neuen Geſchäft. Gott wird mir helfen wie vordem, denn ich muß ar⸗ beiten für meine Kinder, daß ſie leben können als Leute von Stande, weil ich ſie nicht erzogen habe zu Juden!“ „Alter! iſt das Dein Ernſt?“ rief Lenchen über⸗ raſcht und tiefgerührt; Du willſt Dich noch plagen in Deinen alten Tagen?“ — 59 „Ich thu's gern, Lenche⸗Leben; ich bin noch rüſtig“, ſagte er.„Der Kammerrath von Magnus kann das ſchmierige Productengeſchäft unter ſeiner eigenen Firma nicht führen, ohne daß er ſeine Kinder zum Geſpötte macht. Aber er kann als ſtiller Compagnon ſeines Bruders mitarbeiten. Gerne ging ich in eine andere Stadt, aber es iſt mir keine ſo gelegen und günſtig, wie die hieſige, und ich muß meiner Güter wegen hier bleiben, daß ich ſie verwalte von hier aus. Du wohnſt hier im Hauſe bei unſerm Kind, Lenchen; ich richte mir ein Stübchen in dem Speicher ein, und wir ſpie⸗ len die geſchiedenen Leute. Am Sonnabend aber, wenn Jonas das Comptvir ſchließt, da fahren wir hinaus nach Moritzburg und ſind da ein Herz und eine Seele. Du ſollſt Dir nichts abbrechen an dem Glanz und Behagen, woran ich Dich gewöhnt habe ſeit fünfzehn Jahren. Für Dich und die Kinder thu ich alles gern.“ Er hatte ruhig und entſchloſſen geſprochen wie Einer, der mit ſich ſelbſt ganz im Reinen iſt. Kein Ton, kein Zucken einer Muskel hatte verrathen, daß ihm dieſer veränderte Lebensplan ein Opfer koſte. Aber ſeine Gattin wußte, daß er ſich dieſen Entſchluß ab⸗ gerungen hatte, und durchſchaute den ſtillen geheimen Hervismus, welcher demſelben zum Grunde lag. Ihre 60 Augen hatten ſich allmälig mit Thränen gefüllt, als ſie mit großen Augen und geöffneten bebenden Lippen ihm die Worte gleichſam vom Munde abgeleſen. Ein Kampf gährte auch in ihrer Seele, und als er geendet, fiel ſie ihm mit einem lauten Schrei um den Hals. „Alter!“ ſchluchzte ſie,„mein lieber alter Aaron⸗ Leben, ich begreife Dir. Du biſt ſo gut, ſo treu und zärtlich, Du biſt ein edler Menſch. Du ſammelſt feurige Kohlen auf mein Haupt, denn ich war's ja allein, die die Großmannsſucht hereinbrachte. Und Du denkſt, ich könnte zugeben, daß Du Dich plackſt und ſchind'ſt, während ich hier ſitze wie der Pfau im Garten? Du meinſt, ich wollte haben, daß die Leute fragen: was hat denn der alte Magnus, daß er ſich getrennt von ſeiner Frau? Ich ſollte Dich allein laſſen in der Arbeit, in der Schmach, in dem unwürdigen Verdacht, Dich großes braves Herz?... Nein, ſo wahr ich lebe, das thu ich nicht; ich laſſe die ſchönen Stuben dahinten, und hänge die ſeidenen Kleider zu der gnädigen Frau in den Schrank und verwalte Dir die Güter draußen, während Du Dich plackſt und abmüh'ſt, und wir ziehen uns zurück von der Welt und bleiben für uns... „Lenche⸗Leben! lieb gut Herz! Iſt dieß Dein Ernſt?“ rief der alte Mann, und die Thränen quollen auch ihm aus den dunklen Augen.„Lenchen, Du willſt wirklich?“ —— 61 „Bei meiner Ehr' und Seligkeit, Alterchen!“ be⸗ theuerte die Frau und der Ernſt dieſer Verſicherung und das Bewußtſein treuer Pflichterfüllung adelten ihre Züge.„Haſt Du nicht geſagt: der erſte Verluſt iſt der beſte? Soll ich nicht lieber den Glanz verlieren und mir den Frieden des Gewiſſens retten? Kürz' ich nicht die Dauer Deiner Mühen ab, wenn ich Dir einen Verwalter erſpare und den Aufwand für ein ſtädtiſches Haus aufgebe? Armer, guter Amſchel!... „Nein, reicher als je, Lenchen, denn wir haben uns ſelber wieder gefunden!“ rief der alte Mann und umarmte mit unbeſchreiblicher Innigkeit ſeine Frau. Viertes Kapitel. Die Zuſtände in Auheim's Vermögensverhältniſſen, deren wir im vorigen Kapitel Erwähnung gethan hatten, warfen ihren Schatten auch in Otte's Leben hinein, und belaſteten ihn mit Sorgen, die ihn ſeines Lebens gar nicht froh werden ließen. Der kleine Auheim hatte mit unbegreiflichem Leichtſinn die ganze Leitung des Geſchäfts und die Sorge für die Beiſchaffung der nöthigen Mittel zum Betriebe deſſelben Otte überlaſſen und demſelben die erbetenen Inſtructionen ſogar vor⸗ enthalten. Wäre Otte ein bloßer Miethling geweſen, ſo hätte er einfach die Zahlungen eingeſtellt, nachdem ſeine Caſſe erſchöpft war, und die Verantwortlichkeit für die Folgen dem Principal überlaſſen. Aber eine ſolche Handlungsweiſe entſprach Otte's Begriffen von Pflicht und Ehre nicht, und er ſtellte ſich mit allen 6 Kräften vor den Riß, und bot Alles auf, das Geſchäft in Gang zu erhalten. Da aber die Laſt für ſeine eigenen Schultern zu ſchwer war und er in dieſer kri⸗ tiſchen Lage ſeiner eigenen Erfahrung und Umſicht nicht ganz vertraute, ſo hatte er mit Erlaubniß des Kammerraths Herrn Werner in's Vertrauen gezogen, dieſem die Bilanz vorgelegt und ſich mit ihm über die paſſendſten Schritte berathen, denn einem Manne von Herrn Werner's Erfahrung und Charakter durfte unbe⸗ dingtes Vertrauen geſchenkt und auf ſeine unbedingte Discretivn gerechnet werden. Sobald der Lotteriege⸗ winn unzweifelhaft erwieſen war, ließ Otte ſämmt⸗ lichen Gläubigern der Firma, ſoweit dieſe Privatleute waren, durch ein gedrucktes Circulär anzeigen, daß, da in Folge der Gerüchte, welche Brodneid in Umlauf geſetzt zu haben ſcheine, einzelne der Gläubiger der Firma Leopold Auheim ihre Depoſiten in deſſen Bank aufge⸗ kündigt, die Firma entſchloſſen ſei, dieſen Geſchäfts⸗ zweig zu beſchränken, und ihren ſämmtlichen Gläubigern die Alternative biete, entweder künftig ihr Geld nur gegen geringern Zinsfuß von drei Procent ſtehen zu laſſen, oder ihr Kapital binnen vier Wochen gegen Kündigung, bei Beträgen unter tauſend Thalern auch unverweilt zu erheben. Die Folge davon war, daß die meiſten Gläubiger in den verminderten Zinsfuß anderer Leute ihre Erſparniſſe bei Auheim anlegten. So gelang es denn einer kühnen Stirn und einem kecken Zugreifen, die Kataſtrophe innerhalb einiger Wochen zu beſchwören, und den erſchütterten Credit Auheims wenigſtens einigermaßen wieder herzuſtellen. Die Sorgen und Aengſten dieſer Wochen waren jedoch an Otte nicht vorübergegangen, ohne ihre Spur in ſeinem Aeußern zu hinterlaſſen. Er war faſt jeden Tag beinahe bis Mitternacht im Geſchäft, und verkehrte nur mit Herrn Werner und Herrn von Magnus. Er ſchrieb bogenlange Briefe an Auheim nach Paris, wel⸗ cher nun im Strom der Vergnügungen des Carnevals luſtig dahin trieb und mit ſeinem Schwager Achille von Magnus über Plänen von großartigen Specula⸗ tionen brütete, welche die deutſchen und franzöſiſchen Capitalien engagiren und den Unternehmern einen koloſſalen Gewinn bringen ſollten. Auheim beantwor⸗ tete daher alle Briefe und Vorſtellungen ſeines Factv⸗ tums Otte nur mit lakoniſcher Kürze, billigte beinahe barſch Otte's Vorſchläge und Verfügungen, und ver⸗ tröſtete ihn auf eine beſſere glänzendere Zukunft, welche mit ſeiner Heimkehr und Aſſociation mit dem jungen Magnus beginnen ſollte. Wann jedoch dieſe Heimkehr erfolgen ſollte, das ſtand noch ſehr in Frage, denn willigten, und als die Sache ruchbar ward, eine Menge * 65 Leonie amüſirte ſich ganz vortrefflich in Paris, und Auheim und Achille waren noch in ſtetem Verkehr mit franzöſiſchen Projectenmachern und Speculanten, welche von ihnen profitiren wollten, während ſie oder ihre Projecte und Proſpecte eigentlich von den beiden Deut⸗ ſchen ausgebeutet wurden, ohne daß jene der Verwirk⸗ lichung ihrer Pläne näher rückten. Dieſe Verhältniſſe hatten dem traulichen Zuſam⸗ menleben Otte's mit der Familie Valentin auch einigen Eintrag gethan. Er mußte es Julien und Marien überlaſſen, der kleinen Hedwig Unterricht zu ertheilen, ſah die drei Schweſtern kaum Sonntags auf einige Stunden, und er erſchien ihnen dabei bleich, ſchweig⸗ ſam, ernſt und ſorgenvoll. Käthchen vermuthete, daran ſei eine ungkückliche Liebe Schuld, und brachte es in Verbindung mit Johanna Werner; Marie dagegen glaubte die Urſache in den Gerüchten über Auheims Vermögensverhältniſſe zu finden, und nur Julie äußerte gar nichts darüber, ward jedoch ebenfalls ungewöhnlich ſchweigſam und verſchloſſen. Eine umſo größere Energie entfaltete ſie aber im Geſchäft, als wollte ſie in der Aufregung der Arbeit den nagenden Wurm eines ſtillen Leides übertäuben, wenn auch nicht ertödten. Am wenigſten war Herr Werner mit den Ereig⸗ niſſen zufrieden, welche Otte's ganze Thätigkeit abſor⸗ Mylius, Ein Meteor der Börſe I. 5 66 birten. Er war großmüthig genug, ihm mit Rath und That an die Hand zu gehen, und ſo zartfühlend, um zu wiſſen, daß er einem Manne wie Otte, der für fremde Intereſſen ſich mit ſolcher Zähigkeit und Pflicht⸗ treue wehrte, als wenn es ſeine eigenen geweſen wären, und deſſen Aufopferung und Thatkraft er bewunderte, in dieſem Augenblick nicht mit Liebesgeſchichten und Heirathsprojecten nahe treten durfte. Allein es that ihm doch leid, daß alle dieſe unſeligen Wirren gerade in die Zeit fielen, wo ſeine Lieblingstochter Ottilie ſich der Ferien wegen im Vaterhauſe aufhielt, und wo die gegenſeitige Annäherung Ottilien's und Otte's ſich ſo leicht und natürlich hätte bewerkſtelligen laſſen. Die Ferien Ottiliens waren ſchon zu Ende, als noch nicht alle Gefahren, welche der Firma Auheim drohten, hatten gebannt werden können, und Ottilie kehrte nach Berlin zurück, ohne mit Otte mehr als drei⸗ bis viermal in gelegentliche geſellige Berührung im häuslichen Kreis gekommen zu ſein. Papa hatte ihr ſo viel von ſeinem Lieblinge Otte geſchrieben und geſprochen, daß ſie ein aufrichtiges Intereſſe für denſelben gefaßt hatte, und beinahe unangenehm davon berührt worden war, daß der junge Mann, von dem ſie ſich ſo viel verſprochen, ſich ihr ſo wenig genähert, dagegen an⸗ ſcheinend mehr Theilnahme für ihre Schweſter Johanna an den Tag gelegt hatte; und doch war Ottilie ander⸗ ſeits wieder ſo uneigennützig, daß ſie das Geheimniß der Schweſter achtete und ſich nicht zu deren Rivalin aufwerfen wollte. So ſtanden die Sachen, als Auheim und ſeine junge Frau zu Anfang März von ihrer Hochzeitsreiſe nach Hauſe zurückkehrten, beide mit auffälliger Eleganz gekleidet, beide durch die noch neuen Eindrücke des pariſer Lebens von der Einfachheit einer deutſchen Provinzialſtadt beinahe angewidert, woraus ſie auch keinen Hehl machten. Frau von Magnus hatte zum Empfang der Heimgekehrten das ganze Haus mit Fichten⸗ und Mooskränzen und Transparenten verzieren laſſen, aber ſonſt alle Feſtlichkeiten eingeſtellt, und war nur zum Beſuch von Moritzburg hereingekommen, wo ſie ſchon ſeit Wochen lebte. Sie zwang ſich, Auheim freund⸗ lich zu begegnen, nur um Leonien nichts merken zu laſſen, denn die beiden Eltern waren mit einem Zart⸗ gefühl und einer Schonung, die ihnen ein Fremder kaum zugetraut hätte, übereingekommen, das Kind nichts von dem merken zu laſſen, was ſie über Auheims Verhältniſſe wußten. Leonie konnte kein Ende finden, ihrer Mutter von den tauſenderlei Genüſſen und Reizen des pariſer Lebens und von den Triumphen zu erzählen, welche ſie dort gefeiert habe; aber bezeichnend war, daß 68 ſie bereits Auheims Namen nur ſelten erwähnte, und ſelbſt vor ihren Eltern dem kleinen Manne gegenüber aus ihrer Gleichgültigkeit für ihn kein Hehl machte, während ſie allerdings vor der Geſellſchaft emſig be⸗ müht war, ein herzliches Einverſtändniß mit ihm an den Tag zu legen, das ſich freilich zumeiſt nur in ſehr zävtlichen Worten und freundlichen Geberden äußerte. Otte hatte ſich an dem Abend von Auheims Ankunft auch zur Begrüßung eingefunden, obſchon dieſelbe erſt ſpät nach der Geſchäftsſtunde erfolgte, ward aber unan⸗ genehm berührt durch den oberflächlichen kühlen Gruß ſeines Principals und deſſen hochfahrende Weiſe. Er unterdrückte jedoch ſeinen ſtillen Aerger darüber und ſuchte Aubeim's Benehmen mit einer momentanen Verſtim⸗ mung und mit dem unbehaglichen Vorgefühl einer Er⸗ örterung mit ſeinem Schwiegervater unter vier Augen zu entſchuldigen, die denn auch für den kleinen Mann nicht ausblieb und mit einer ſichtlichen gegenſeitigen Verſtimmung endete. Allein auch am folgenden Tage ward Otten taum ein herzlicherer Empfang, als er ſich ſpät am Vormit⸗ tag in Auheim's Privatzimmer einfand, um von ſeiner Geſchäftsleitung während der Abweſenheit des Princi⸗ pals Rechenſchaft abzulegen. Auheim empfing ihn ein⸗ ſilbig, horchte nur zerſtreut auf Otte's Auseinander⸗ — 69 ſetzungen, warf nur flüchtige Blicke auf die Papiere und fragte allein mit Intereſſe nach dem Stand der Caſſe, den er„verzweifelt klein“ fand. „Ich danke Ihnen für die gehabte Sorge und Mühe, Herr Otte, obſchon ich mit den Mitteln, die ſie zu Hilfe nahmen, nicht einverſtanden bin und ſie nur mit Ihrer Bedenklichkeit und mangelnden Umſicht in ſolchen Sachen entſchuldigen kann. Es hätte noch an⸗ dere Mittel gegeben, um ſich momentan Caſſe zu machen; warum zogen Sie nicht auf unſere auswärtigen Ge⸗ ſchäftsfreunde einige größere Wechſel? Warum wandten ſie ſich nicht an einige Wucherer, wie zum Beiſpiel an den alten Maruſchke, der gegen eine gute Proviſion jeden Augenblick mit etwa zehntauſend Thalern heraus⸗ gerückt wäre? Lieber jedes Opfer gebracht, als meinem Schwiegervater Einſicht in meine Verhältniſſe verſchafft!“ „Es thut mir leid, Herr Auheim, daß ich nicht ganz in Ihrem Sinn gehandelt habe“, verſetzte Otte ruhig und mit würdevoller Gelaſſenheit.„Aber ich glaube, die Umſtände waren von einer Art, daß ſie mein Verfahren vollkommen entſchuldigten. Sie hatten mir verſchwiegen, daß Sie die Anzahlung auf das Gut Strahlenberg und die Koſten der aufgewendeten Me⸗ liorationen Ihrer Frau als Morgengabe hatten zu⸗ ſchreiben laſſen. Erinnern Sie ſich gefälligſt, wie ich 70 Ihnen von jeher den Ankauf des Ritterguts in Ihrer Lage widerrathen...“ „Schon wieder die alte Leier, Otte!“ fiel ihm Au⸗ heim unwillig ins Wort,„gewöhnen Sie ſich endlich einmal daran, vollendete Thatſachen nicht mehr Ihrer Kritik zu unterziehen!“ „Um Vergebung, Herr Auheim“, entgegnete Otte lebhafter,„ich übte gerade wegen Strahlenberg keine Kritik, ſondern ſchritt hilfreich ein, denn wenn Sie fallit wurden, galt auch die Morgengabe nichts, und Ihre Beſitzung fiel in die Maſſe, da Sie nach unſerm Geſetz nichts verſchenken konnten, was nicht Ihnen gehörte; deßhalb mußte ich auch die Hilfe und den Rath Ihres Schwiegervaters nachſuchen, zumal Sie mich unbegreiflicherweiſe ohne alle Inſtructionen ge⸗ laſſen hatten.— Nein, laſſen Sie mich ruhig zu Ende reden, denn ich muß verſchiedene Einwürfe abweiſen. Den Credit unſerer Geſchäftsfreunde nahm ich nicht in Anſpruch, weil ein ſolider Kaufmann nicht auf ſeine Committenten zieht, um ſich Geld zu machen, und weil es momentan ſehr fraglich geweſen wäre, ob unſere Bankiers auf den großen Plätzen unſere Tratten honorirt hätten. Wucherer aber kenne ich nicht, am wenigſten einen gewiſſen Maruſchke, der ſo im Nu zehntauſend Thaler aus dem Aermel ſchüttelt...“ 74 „Wie? Sie ſollten den Mann nicht kennen, deſſen Pflegekind Sie ſo emſig den Hof machen? Sie ſollten nicht wiſſen, was für Geſchäfte der alte Maruſchke macht, der beinahe Dach an Dach mit Ihnen wohnt und deſſen Enkelin Ihre gelehrige Schülerin iſt?“ fragte Auheim ſpöttiſch;„mein lieber Otte, vor mir dürfen Sie getroſt die Maske abnehmen.“ Otte fühlte ſein Geſicht erglühen und war einen Moment betreten.„Ich wußte nicht, daß Ihnen mein Privatleben ſo genau und doch wieder ſo mangelhaft bekannt iſt, Herr Auheim“, verſetzte er endlich;„mein Gewiſſen iſt auch ſo ruhig und mein Wandel braucht ſo wenig das Licht zu ſcheuen, daß ich in meiner eigenen Sache kein Wort äußern würde, gälte es nicht das arme verlaſſene Mädchen, deſſen ich mich ange⸗ nommen habe, jedoch, wie ich vor Gott betheuern kann, ohne die Hintergedanken, die Sie mir zutrauen, denn ich habe an den angeblichen Reichthum des alten Ma⸗ ruſchke niemals im Ernſte geglaubt.“ Auheim lächelte kalt und ungläubig und ſagte: „Genug hiervon,— die Sache geht mich ja eigentlich nichts an, Sie haben mich aber in die unangenehme Lage verſetzt, mich Herrn Karl Werner gegenüber, der mir nie gewogen war und deſſen Abneigung ich herz⸗ lich erwidere, zu Dank verpflichtet zu ſehen. Ich muß 72 ihm nun eine Dankſagungsviſite machen, die mich— aufrichtig geſagt!— ſauer genug ankommt.“ „Sie ſchulden allerdings Herrn Werner großen Dank, Herr Auheim; wenn er aber jemals um Ihre Abneigung gewußt und ſie gar getheilt, ſo hatte er dieſelbe merkwürdig überwunden und feurige Kohlen auf Ihr Haupt geſammelt, Herr Auheim, denn ſeinem erfahrnen und umſichtigen Rathe verdanke ich haupt⸗ ſächlich die Möglichkeit, Ihr Geſchäft an den Klippen eines Schiffbruchs vorübergeführt zu haben.“ „Wofür er ſich ohne Zweifel dadurch entſchädigen wird, daß er ſich die Genugthuung verſchafft, die Reſul⸗ tate meiner Bilanz recht allgemein in Cvurs zu ſetzen“, entgegnete Auheim giftig. „Herr Auheim, das iſt unbillig...“ fuhr Otte voll Entrüſtung auf. „Schon gut, Otte! Laſſen wir das!“ fuhr Auheim fort;„ich werde dem Mann meinen Beſuch machen und mich bedanken, und im Uebrigen hat er ja ſein Darlehen mit Zinſen wieder erhalten. Auch liegt mir gar nichts daran, was für einen Gebrauch Werner von der Kenntniß der Details macht, denn er kann meinen Credit doch nicht erſchüttern, und die Zukunft meines Geſchäfts wird auch ohne ſein Zuthun eine glänzende ſein. Wenn ich hier geweſen wäre, hätte 73 ich ſeiner Hilfe entbehren können; aber es ſtanden für mich höhere Intereſſen auf dem Spiele— es waren Dinge vorzubereiten, welche die Welt in Erſtaunen ſetzen werden. Ich konnte mich nicht mit den Kleinig⸗ keiten abgeben, und ſo wollen wir denn die Sache ver⸗ geſſen. Meine Einwendungen ſollen jedoch meiner Dank⸗ barkeit keinen Abbruch thun, Otte, wie Sie bald ſehen werden, denn ich gedenke Sie an der großen Zukunft meines Geſchäfts zu betheiligen.“— Otte verbeugte ſich ſtumm, wie einer der noch ſehr wenig an ein ihm zugedachtes Glück glaubt.„Ich ſage Ihnen, mein Schwager Achille, mein künftiger Aſſocié, iſt ein Genie, Otte, ein unbezahlbares Kleinod“, fuhr Auheim fort; „der Menſch wimmelt von Ideen, die wirklich ſublim ſind. Sie werden in den nächſten Monaten Zeichen und Wunder erleben; Sie werden ſehen, wie die Leute unſer Comptvir ſtürmen, um nur Actien zu nehmen. Auf Ihre Mitwirkung rechnen wir beſonders, Otte, Sie ſind ein gebildeter Kaufmann und ſchreiben einen eleganten Styl; Ihre Briefe und Aufſätze haben Schwung und Beredtſamkeit und ſo etwas— wie ſoll ich ſagen? — ſo etwas Vertrauenerweckendes, Gewinnendes, Zuverſichtliches. Sie müſſen die Proſpecte entwerfen und die Reiſen auf die Börſenplätze machen, um die Sache zu lanciren. Die Caſſe und die Buchführung übergeben Sie einſtweilen an Demand, oder ſchaffen mir einen andern zuverläſſigen Mann, denn wir wer⸗ den bald in der Lage ſein, das Comptoirperſonal zu verdreifachen.“ „Um was handelt es ſich denn, Herr Auheim?“ fragte Otte mehr verwundert als gläubig. „Um eine Reihe der großartigſten Actienunterneh⸗ mungen durch welche wir der einheimiſchen Induſtrie, dem Wohlſtande, dem Ackerbau aufhelfen und eine ganz neue Aera der Glückſeligkeit heraufführen wollen— für uns nämlich. Mein Schwager Achille hat ein ganzes Portefeuille voll ſolcher Pläne, immer einer beſſer und einnehmender als der andre. Wir beginnen ſogleich mit einer General⸗ und Univerſal-Verſicherungs⸗ bank für ganz Deutſchland, unter dem Titel Germa⸗ „Mit einer Aſſecuranz⸗Geſellſchaft?“ fragte Otte faſt erſchrocken und wechſelte die Farbe. „Ja, mit eben dieſer— einer Verſicherungs⸗Ge⸗ ſellſchaft gegen Feuer, Hagel, Viehſeuchen, Gefahren des Transports zu Waſſer und zu Lande, einer Bank für Lebensverſicherung, Leibrenten und Verſorgungen aller Art, kurz mit Verſicherungen gegen jeglichen Scha⸗ den. Das ſoll den Leuten einleuchten. Na, wollen Sie ſchon wieder kritiſiren und mäkeln, Sie Langweiler?“ 75 ſetzte er halb ſcherzhaft, halb ärgerlich hinzu, als er Otte den Kopf ſchütteln ſah. „Allerdings, Herr Auheim“, verſetzte der Buch⸗ halter;„ich glaube, Ihr Plan iſt allzu umfaſſend und weitgehend, als daß er ſich ganz verwirklichen ließe. Sie ſollten ihn auf eine oder zwei von dieſen Specia⸗ litäten beſchränken und dann wäre damit ein ganz treffliches Geſchäft auf dauernder ſolider Grundlage zu machen. Ich habe mich ſchon ſeit Jahren mit dem Verſicherungsweſen befaßt und eingehende Studien, Vergleichungen, Berechnungen und ſo weiter darin ge⸗ macht, die mich aber auf das Reſultat geführt haben, daß man, um ein ſicheres Geſchäft zu machen, nicht zu ſehr in die Breite gehen darf. Die Franzoſen haben ein gutes Sprüchwort: Qui trop emprasse, mal 6treint.. Auheim unterbrach ſeinen Buchhalter mit einem ſchallenden homeriſchen Gelächter.„Sie ſind ein ſehr gelehrtes Haus, lieber Otte, aber ein erſchrecklicher Pedant, wie alle Gelehrte!“ rief er.„Ich zweifle keinen Augenblick an der Richtigkeit Ihrer Ermittlungen und der Ergebniſſe Ihrer Studien, und ich glaube ſogar, daß Sie als Director einer ſolchen Anſtalt ſehr an Ihrem Platze wären. Allein was kümmert mich die ganze Zukunft einer ſolchen Unternehmung? Begreifen Sie denn nicht, um was es ſich für mich zunächſt handelt?“ „Nein, Herr Auheim, das begreife ich in der That nicht. Ich meine, wenn man ein gemeinnütziges Un⸗ ternehmen in's Leben ruft, ſo muß man ihm zunächſt die größtmöglichſte Lebensfähigkeit durch eine erfahrungs⸗ mäßige ſichere Grundlage, durch Benützung der beſten Wahrſcheinlichkeitsrechnungen geben...“ „Den Henker auch!“ rief Auheim übermüthig; „was kümmert mich der gemeinnützige Zweck? Dieſer iſt für mich nur ein Aushängeſchild. Was kümmert mich die Zukunft eines ſolchen Inſtituts, die eine bloße Eventualität iſt? Für mich handelt es ſich nur um die Actualität des Geldmachens, des momentanen Ge⸗ winns. Die Leute, welche ſich bei einer ſolchen An⸗ ſtalt verſichern oder dieſelbe leiten, die ſollen dafür ſorgen, daß das Inſtitut von Dauer ſei. Ich will nur ein Börſengeſchäft daraus machen, will an den Actien profitiren, mir einige hundert Prioritätsactien für meine Bemühungen und einen möglichſt hohen Ge⸗ halt als Mitvorſtand oder Comitémitglied ſichern und meine eigenen Intereſſen dabei pouſſiren. Ja, ſchüt⸗ teln Sie nur den Kopf, ich finde daß mein Standpunct gar nicht ſo übel iſt!“ „Mag ſein, Herr Auheim, aber er würde mir 77 weniger zuſagen“, erwiderte Otte.„Das Unternehmen kann unmöglich proſperiren, wenn dieſe Motive es in's Leben rufen.“ „Gilt mir gleich, Otte, wenn nur mein Zweck dabei erreicht wird“, ſagte Auheim kalt;„ich denke, wir werden dennoch Erfolg haben. Das Unternehmen hat eine ganz plauſible gemeinnützige Tendenz und kann in der Hand von geeigneten Perſönlichkeiten gedeihen; dieſe werden ſich auch ſeiner Zeit finden. Mein Schwa⸗ ger und ich verfolgen nur den einen Zweck dabei: das viele Capital der kleinen Leute, welches ſeither zer⸗ ſplittert in Sparcaſſen und auf privaten Realhhpo⸗ theken und perſönlichen Darlehen radicirt iſt, in ſolche größere Geldinſtitute zu concentriren, damit dieſe allmälig die geſammelten Geld⸗ und Creditverhältniſſe des Volks, den ganzen Geldverkehr in ihre Hand be⸗ kommen und die Macht der Plutokratie noch mehr be⸗ feſtigen.“ „Dieſe Centraliſation iſt aber keine vernünftige noch naturgemäße und wird ſich niemals dauernd feſt⸗ ſtellen laſſen“, erwiderte Otte kopfſchüttelnd.„Sie werden ſich vergebliche Mühe geben, dem naturgemäßen Zuſtand einen künſtlichen zu ſubſtituiren, abgeſehen da⸗ von daß es nationalökonomiſch weder richtig noch er⸗ ſprießlich wäre...“ „Bitte, lieber Otte, erſparen Sie ſich alle gelehrten Erörterungen, für welche mir alles Verſtändniß, ſowie alle Geduld abgeht!“ ſagte Auheim und wiegte ſich ſelbſt⸗ gefällig in den Hüften.„Sie mögen von Ihrem ge⸗ lehrten Standpunkt aus ganz recht haben; ich beſtreite Ihnen das nicht. Aber ich bin dennoch überzeugt, daß ich meine Zeit begreife und mit der Sache Geld ge⸗ winnen werde, denn dieſer Proceß der Centraliſation der Geldkräfte in größere Inſtitute vollzieht ſich in dieſem Augenblick in Frankreich auf die großartigſte Weiſe. Die Börſe iſt jetzt die allein ſeligmachende Kirche Aller. Was dort gelingt, wird auch bei uns glücken. Mein Standpunct ſchließt den Ihrigen nicht aus, Otte; ich und mein Schwager hecken die Projecte aus, Sie farbeiten die Proſpecte und Berechnungen aus, ſtellen ſich allfällig an die Spitze eines ſolchen Unternehmens und ſuchen ihm die Dauer zu geben, die es verdient, dann dienen Sie ſich und der Menſchheit, wie ich zunächſt nur mir diene. Wollen Sie nicht, ſo laſſen Sie das Unternehmen, ich finde dann einen Andern, der vielleicht nicht ſo redlich und erfahren iſt wie Sie, aber rühriger, beweglicher, minder gewiſſen⸗ haft. Dann haben Sie eine gute Chance verloren, Anderen und ſich zu nützen. Dieſe Verſicherungsbank, eine Hypothekenbank, eine Provinzialbank, einige Dutzend K 79 Actiengeſellſchaften werden von uns dennoch gegründet und ſollen uns in wenigen Jahren zu Millionären machen. Wir brauchen aber zur Ausführung dieſer Ideen tüchtige Kräfte Ihres Schlages, welche auch mit am Gewinn betheiligt ſein ſollen, und Achille und ich haben an Sie vorzugsweiſe gedacht. Hier haben Sie einſtweilen das Project der neuen Aſſecuranzbank, — natürlich im größten Vertrauen! Prüfen Sie es einmal und ſuchen Sie einen günſtigen Proſpect aus⸗ zuarbeiten; dann ſollen Sie nicht nur reich remunerirt, ſondern auch bei dem Inſtitut angeſtellt werden. Wie geſagt, es ſoll Ihr Schaden nicht ſein, wenn Sie uns dienen wollen.“ Hiermit entließ er Otte, dem allerdings Auheim's Charakter nun in einem noch weniger vortheilhaften Lichte erſchien, als ſeither. Er erkannte die ſchranken⸗ loſe Selbſtſucht und die Rückſichtsloſigkeit deſſelben nun ganz deutlich, und er hatte keine große Luſt, ſich an dieſen Unternehmungen überhaupt zu betheiligen, die ihm zu unſolid und ſchwindelhaft und allzu ſehr auf Ausbeutung der Habſucht und Eigenliebe und der an⸗ deren niedrigen Leidenſchaften der Maſſe berechnet ſchie⸗ nen und denen er kaum einen vorübergehenden Erfolg prophezeite, da er überzeugt war, daß nichts von Be⸗ ſtand ſei was gegen Vernunft, Sittlichkeit, Recht und 80 Natur ankämpfe. Dagegen hatte er ſich, wie ſchon erwähnt, mit dem Verſicherungsweſen gründlich befaßt und war durch ſeine Studien, Berechnungen und Re⸗ flexionen zn der Ueberzeugung gekommen, daß daſſelbe nicht nur eine ſehr große Zukunft habe, ſondern be⸗ rufen ſei, den Wohlſtand der Einzelnen wie der Nation durch eine rationelle und zweckmäßige Anwendung der Verſicherungen auf Renten und Sterbefälle, und der zahlloſen Formen von Erſparniſſen aller Art, zu denen es die Hand biete, auf eine ſolide Grundlage zu ſetzen und namentlich das Loos der abhängigeren Claſſen weſentlich aufzubeſſern. Dieſer Geſichtspunct lockte ihn ungemein, und er erachtete es daher für ſeine Pflicht, in dieſem ſpeciellen Fall lieber ſelbſt die Hand zur Gründung einer ſolchen Anſtalt zu bieten, a's das Unternehmen in die Hände irgend eines gewiſſenloſen Projectenmachers und Schwindlers kommen zu laſſen. Otte verhehlte ſich nicht, daß er damit eine große Verantwortlichkeit und eine herkuliſche Arbeit übernahm, allein er hatte ſchon vieles für ſich ſelbſt ausgearbeitet, und namentlich die Zweige der Lebens⸗ und Renten⸗ verſicherung in der erſchöpfendſten Vollſtändigkeit fertig. Er ließ ſich daher von ſeinem Caſſenamt diſpenſiren und bearbeitete zu Hauſe in ſeiner Wohnung die ſämmt⸗ lichen Pläne, Proſpecte und ſo weiter, während er 8¹ offen und redlich die Arbeit über die anderweitigen Verſicherungen ablehnte, welche dann von Auheim an andere competente Perſönlichkeiten übertragen, das heißt meiſt nur nach franzöſiſchen und engliſchen Vorlagen oberflächlich überſetzt und zuſammengeſtellt wurden. Der allgemeine Proſpect der Germania ward von einem bedeutenden national⸗ökonomiſchen Schriftſteller, deſſen Namen einen vollgültigen Klang hatte und deſſen verlockende Darſtellung einen beſondern Zauber übte, gegen ein glänzendes Honorar geliefert, und wenige Wochen reichten hin, um ein Programm zuſammenzu⸗ ſtellen, welches ganz darauf berechnet war, das große Publicum zu blenden, und dem man als Köder ein Dutzend Namen der bedeutendſten Bankhäuſer des In⸗ und Auslandes und der namhafteſten deutſchen und franzöſiſchen Volkswirthe an die Stirne geſetzt hatte. Der Drucker des Patrioten, der ehrenwerthe Zwirbel, hatte eine Maſſe der eleganteſten und neueſten Lettern von Berlin kommen laſſen, und ſeine Schnell⸗ preſſen raſſelten Tag und Nacht, um ganze Ballen von Anzeigen, Proſpecten, Programmen, Statuten und ſo weiter zu Tage zu fördern, welche maſſenhaft über das ganze Land ausgeſäet wurden. Die Tagespreſſe aller Farben ſprach mit jener Anerkennung, deren jeder gut bezahlte Auftrag ſicher iſt, von den Verdienſten Mylius, Ein Meteor der Börſe. II. 6 * 5 82 und der glänzenden Zukunft der Germania, welche den patriotiſchen Zweck habe, den engliſchen und aus⸗ ländiſchen Verſicherungsgeſellſchaften den deutſchen Bo⸗ den zu entziehen und dem nationalen Bedürfniß auf nationale Weiſe entgegenzukommen. Das ganze In⸗ ſtitut ſollte auf Gegenſeitigkeit gegründet werden, und verſprach für die Verſicherten doppelte Vortheile, wenn ſie zugleich auch Activnäre waren. Man ſtellte große Dividenden und Tantièmen in Ausſicht und bot dem Publicum Gelegenheit, ſich bei allen bedeutenden Ban⸗ keers durch Actienzeichnung betheiligen zu können. Das Actiencapital von drei Millivnen Thalern ſollte zur Hälfte aus den Zeichnungen der Unternehmer, zur Hälfte aus fünfzehntauſend Actien zu je hundert Thalern beſtehen, und dieſe Summe des Actiencapitals war in wenigen Wochen ſchon durch Zeichnungen vom dreifachen Werthe gedeckt, ſo daß die Actien gewaltig im Preiſe ſtiegen und nun Gegenſtand einer lebhaften Agiotage wurden. Eine Generalverſammlung der Actionäre ward be⸗ rufen, und in derſelben durch beſonders aufgeſtellte Agenten der Antrag geſtellt, daß ſowohl das Capital der Actien vermehrt als auch die Zeichnungen der Gründer in Actien verwandelt werden ſollten, um die allgemeine Theilnahme zu erleichtern und den Grün⸗ dern kein allzugroßes Uebergewicht über die andern 03 53 Actionäre einzuräumen; eine diesfällige Aenderung der Statuten und die Ausführung obiger Anträge wurden ſogleich zum Beſchluß erhoben, und nun hierdurch der Agiotage mit den Actien der Germania' ein noch wei⸗ teres Feld geboten, ſodaß die letzteren auf hundert⸗ undfünfzehn und hundertundzwanzig ſtiegen, und den Bankiers einen ungeheuren Gewinn abwarfen. Die neue Firma Auheim und Magnus galt mit einem Male für eine der reichſten, und die Leute waren ganz darauf verſeſſen, mit derſelben Geſchäfte zu machen. Otte war wieder auf ſeinen Caſſierspoſten zurück⸗ getreten. Bei der Wahl des Bureauperſonals der Germania“ von Seiten des Ausſchuſſes war er über⸗ gangen worden, obſchon ihn einige Stimmen vorge⸗ ſchlagen hatten. Dieß verdroß zwar Otte, doch ahnte er in ſeiner Argloſigkeit nicht, daß er dieſe Zurück⸗ ſetzung nur den Untrieben ſeiner Principale, deren einen er noch gar nicht kannte, verdankte. Auheim hatte dem Verwaltungsausſchuß die ſämmtlichen Aus⸗ arbeitungen Otte's für ſeine eigene Arbeit ausgegeben und hierdurch erzielt, daß man ihn zum Bankdirector mit achttauſend Thalern Gehalt, und den Profeſſor Spornhahn den Verfaſſer des allgemeinen Programms der Germania“, zum Subdirector angeſtellt hatte. Achill von Magnus war Controleur; einige andere 6* 84 Banquiers und Börſengrößen Schatzmeiſter und Be⸗ vollmächtigte. Eines Tages äußerte Otte hierüber ſeine Ent⸗ rüſtung gegen Herrn Werner, welchen er zwar ſeiner Zeit manchmal in dieſer Sache um Rath gefragt, aber doch nicht zur Theilnahme hatte bewegen können, weil dieſer einer Sache, die aus jenen Händen hervorging, niemals getraut. Da ſagte Werner:„Nehmen Sie mir's nicht übel, Otte, aber Sie ſind ein Thor, daß Sie ſich von dieſem ſeichten Schwindler Auheim ausbeuten und mißbrauchen laſſen. Ein Mann, der dieſe Dinge genugſam verſteht, um den weſentlichſten Theil der Grundlagen einer ſolchen Unternehmung her⸗ zuſtellen, der ſoll ſich nicht von ſolchen Burſchen aus⸗ beuten laſſen, ſondern ſelbſtſtändig daſtehen. Uebrigens iſt es für Sie kein Schade, daß Sie zwar unter den Urhebern der Germania, nicht aber unter den Beam⸗ ten des Debuts dieſer Geſellſchaft daſtehen, denn wenn mich mein practiſcher Blick nicht trügt, ſo machen dieſe Herren von dem jetzigen Verwaltungsausſchuß und 8 Bu eau doch ſo ſchlechte Geſchäfte, daß man ſie bald mit Schmach davonjagen wird, und dann iſt Ihre Zeit gekommen, die Sache in das richtige Geleiſe zu bringen. Erhalten Sie ſich nur in dieſer Branche auf 85 . dem Laufenden. Auheims falſches Spiel mit Ihnen wird bald an den Tag kommen.“ „Sie glauben alſo wirklich, daß Auheim es mit mir nicht ehrlich meint, Herr Werner?“ „Wie können Sie daran nur zweifeln, Otte? Der Grundzug im Charakter dieſes Menſchen iſt geckenhafte Bitelkeit, rückſichtsloſe Selbſtſucht, Gewiſſenloſigkeit in Allem, was ſeinen Vortheil fördert. Als er vor einigen Wochen mir einen Beſuch machte, um mir für die Unterſtützung zu danken, welche ich ſeinem Geſchäft im kritiſchen Momente gewährt habe, konnt' er ſich's nicht verſagen, von Ihnen in einer geringſchätzigen Weiſe zu ſprechen, die mich verletzte, ſo daß ich ihm kalt erwiderte: Die Hilfe, die ich geleiſtet, habe Ihnen gegolten und nicht dem Herrn Auheim, da ich keine andere Garantie für mein Geld verlangt habe, als die Ghrenhaftigkeit und Redlichkeit meines Freundes Otte. Da ging der kleine Mann ſehr verdrießlich davon, denn der leiſeſte Funke von Gewiſſen mochte ihm ſagen, wie ſehr er eine ſolche Abfertigung verdient habe.— Sie müſſen endlich mit ihm brechen.“ Otte ſeufzte.„Es ſcheint mein Lvos zu ſein, ausgebeutet zu, ſagte er;„vor drei Tagen eerſt habe ich mit der Firma einen neuen Vertrag auf fünf Jahre abgeſchloſſen unter Bedingungen, die ſehr 86 günſtig lauten. Wenn ich freilich dieß Alles gewußt hätte, ſo würde ich mich zuvor beſonnen haben. Aber ein Mann von Ehre ſieht ſich an ſein Wort gebunden, ſelbſt einer ſolchen Handlungsweiſe gegenüber.“ Herr Werner zog dieß nicht in Abrede, meinte aber, trotz alles anſcheinenden Erfolges werde das Glück der Firma Auheim und von Magnus nicht von langer Dauer ſein. Auch der Kammerrath ſchien dieſe Anſicht zu theilen, denn er betrieb emſig das unter der Firma ſeines Bruders Jonas gegründete Producten⸗ geſchäft, und ſpeculirte mit Glück in Rittergütern. Seiner Frau fiel vie ſelbſtgewählte Einſchränkung aller⸗ dings ſchwer, und ſie mochte ſie manchmal für unnöthig halten, namentlich als ſie von den Erfolgen der Firma Auheim und von Magnus hörte. Sie wollte ſogar bereuen, daß ſie ihr Quartier im Hauſe der Tochter mit der ganzen Einrichtung an eine polniſche Fürſtin vermiethet hatte, aber ſie ließ es wenigſtens vor ihrem Gatten nicht an den Tag treten, und begnügte ſich damit, von Zeit zu Zeit wieder einige Tage bei Leonie zuzubringen, die ſich allerdings in dem ſybaritiſchen Luxus, womit Auheim ſie umgab, ſehr zu gefallen ſchien. Der alte Herr von Magnus aber war nie in den Soiréen ſeiner Tochter zu finden, ſondern begnügte ſich damit, hie und da einmal im engſten Kreiſe bei ihr zu ſpeiſen. Fünftes Kapitel. Das Sonnengold eines milden Junitages verklärte die flache Landſchaft, als an einem Sonntag Nachmit⸗ tag Otte mit Käthchen, Julie und Hedwig einen Spaziergang vor die Stadt machte. Die warme Luft und der freundliche Himmel hatten die Städter in Menge aus den Häuſern gelockt, und namentlich auf dem freien Platze vor den Oſterthore, wo wegen des Jahrmarkts viele Buden mit Sehenswürdigkeiten auf⸗ geſchlagen waren und ein buntes Volksleben wogte, war ein Gedränge von ſonntäglich geputzten Städtern jedes Alters, Geſchlechts und Standes. Die Tanz⸗ und Schenkbuden waren auf der einen Seite des Platzes in langer Gaſſe aufgeſchlagen, und dieſer Gaſſe parallel reihten ſich auf der andern Seite des Platzes große Buden mit Menagerien, Seiltänzern, Kunſtreitern, Equilibriſten, Jongleurs, Taſchenſpielern und anderen freien Künſtlern, mit Wachsfigurenkabinets, Puppentheatern, Wahrſagerinnen und Somnambülen. „Ah, dort iſt die Schreher'ſche Menagerie, die ſich eines Beſuches verlohnen würde!“ rief Otte,„ich werde mir erlauben, Sie hineinzuführen, meine Damen!“ Käthchen und Julie nahmen es dankbar an und Hedwig ließ ſich auch bewegen, mitzugehen, obſchon ſie ſich anfangs aus Zartgefühl geweigert hatte, um Herrn Otte keine Un⸗ koſten zu verurſachen. Nach dem Beſuch der Menagerie ſchlenderte unſere Geſellſchaft durch die Budengaſſe, arbeitete ſich durch das Volksgewühl und betrachtete die Aushängeſchilder der Buden und die menſchlichen Lock⸗ vögel von Künſtlern und Künſtlerinnen“, welche ſich vor dem Eingange der Buden zeigten, und Hedwig, welche mit Käthchen vorausging, ſchmiegte ſich faſt ängſtlich an deren Arm und blickte nun ſcheu zu den Eigenthümern der Buden auf, als ob ihr vor denſelben graue. Plötzlich, man hatte beinahe das Ende der Budengaſſe erreicht, ſchmetterten rechts vor einer niedrigen Bude zwei Trompeten und lenkten die Auf⸗ merkſamkeit der Luſtwandler dorthin. Auf dem ſchwar⸗ zen Wachstuch, womit die ganze Fronte der Bude behangen war, ſah man in roth und gelben, weiß und blauen Charakteren einen Thierkreis und viele 89 kabbaliſtiſche Zeichen gemalt, und darunter ſtand mit großen Buchſtaben zu leſen: Großer eghptiſch⸗magiſcher Zauberpalaſt mit bengaliſcher Beleuchtung von Eliſabeth Stransky. Malwina Katto, die große ſomnambüliſche Wahr⸗ ſagerin, die wunderbare Sybilla genannt. Entrée nur zwei Groſchen; Kinder und Militärs zahlen die Hälfte. Otte und ſeine Begleiterinnen hatten kaum dieſes marktſchreieriſche Aushängebild geleſen, als ein fanta⸗ ſtiſch gekleidetes ſtämmiges Weib in kurzen Gewändern und Tricots an die Baluſtrade der Vortreppe dieſer Bude trat und mit einer rauhen tiefen Stimme rief:„Im⸗ mer'rein meine Herrſchaften! So eben beginnt die Extra⸗ Vorſtellung!“. aber in ihrem Ausruf unterbrochen ward durch einen gellenden lauten Schrei des Schreckens, welchen Hedwig ausſtieß. Die Blicke des gemeinen fantaſtiſch gekleideten Weibes begegneten denjenigen Hedwigs, und dieſe warf ſich plötzlich an Käthchens Bruſt, zerrte aber im nächſten Augenblicke dieſe ſo raſch fort, als es das Andringen der Menge erlaubte, deren Aufmerkſamkeit dieſer Schrei und das Verſtummen der Ausruferin erregt hatte. Das Weibf erblaßte unter der Schminke und ſein Auge haftete einen Moment mit ſichtlichem Schreck an 90 Hedwigs Geſicht, das ſie ſchnell aufgefunden hatte; dann wandte ſich die Principalin des Zauberpalaſtes ſchnell um und verſchwand hinter dem Vorhang neben der Caſſe. „Hedwig, was iſt Ihnen?“ fragte Otte theilneh⸗ mend, als er Käthchen und ihren Schützling wieder erreicht hatte, welche ſich aus dem Gedrange hinaus⸗ gearbeitet und nun abſeit der Landſtraße unter einem Baum ſtanden, Käthchen ganz beſtürzt und in Sorgen, Hedwig noch immer leichenblaß, wortlos und bebend. „Großer Gott! Schützen Sie mich vor ihr! Laſſen Sie mich nicht wieder in ihre Hände fallen, Fräulein Käthchen! Es wäre mein Tod!“ ſtammelte Hedwig in wahrer Seelenangſt.„Die Schaam würde mich um⸗ bringen, müßte ich wieder ſo vor die Leute treten!“ „Faſſen Sie ſich, mein Kind! Was iſt Ihnen denn?“ forſchte Oite und vereinte ſeinen beſchwichtigen⸗ den Zuſpruch mit demjenigen Käthchens. „Ach, mein armer Kopf! Der Schreck hat mich beinahe um den Verſtand gebracht“, ſtotterte Hedwig und Glut und Bläſſe wechſelten auf ihrem Geſicht.„Ver⸗ achten Sie mich nicht, Fräulein Julie, ich kann ja nichts dafür. Aber beſchützen Sie mich, daß mich jenes Weib nicht wieder fortnimmt— es iſt meine Stiefmutter,— dieſelbe die mich plagte und miß⸗ 9 handelte,— dieſelbe die mich zurückgelaſſen hat! Ich Thörin habe mich verrathen durch den Angſtſchrei. Nun wird ſie mich durch die Polizei verlangen laſſen, denn ich ſah recht gut in ihren grünen Augen, daß ſie mich wieder erkannt hat!...“ „Beruhigen Sie ſich, Hedwig!“ verſetzte Otte, „jenes Weib hat keine Gewalt mehr über Sie, und wird ſich auch wohl hüten, eine ſolche jemals geltend zu machen, nachdem ſie Sie ausgeſetzt hat.“ Aber Hedwigs Angſt vor den Folgen der unber⸗ mutheten Begegnung mit dieſem Weibe war nur ſchwer zu beſchwichtigen. Die elterliche Autorität war in ihren Augen ſo groß, daß kein Geſetz dieſelbe beein⸗ trächtigen konnte, und ſie ſelber Bedenken trug ſich gegen dieſelbe aufzulehnen, falls dieſe Eliſabeth Stransky ihre Anſprüche als Stiefmutter an ſie geltend gemacht hätte. Hedwig war ſo erſchüttert, daß ſie momentan für keinen Zuſpruch recht zugänglich war, und ihre Begleiter ſie auf einem andern Wege nach der Stadt zurückbringen mußten, wo erſt in der friedlichen Stille der Valentimſchen Wohnung einiges Gefühl der Sicher⸗ heit ſie überkam. Am Abend, als Hedwig weggegangen war, ſprach Otte mit den drei Schweſtern noch über dieſes Ereigniß. Er fürchtete davon keinerlei Folgen für Hedwig, ſondern ſah darin eher einen Glücksfall für die Arme.„Hedwig weiß über ihre Heimat und Familienbeziehungen bei⸗ nahe gar nichts“, ſagte er;„ſie war noch zu jung und unerfahren, oder wußte zu wenig von dem Werthe dieſer Dinge, als ihre Eltern ſtarben, um ſich je dariin mehr zu bekümmern; aber jenes Weib iſt vielleicht im Stande, nähere Angaben darüber zu machen. Ich hätte große Luſt die Principalin des Zauberpalaſtes aufzu⸗ ſuchen und ſie über Hedwig's Herkunft auszufragen.“ „Thun Sie das, lieber Freund! Wer weiß wozu es gut iſt!“ ſagte Marie. „Ja, verſuchen Sie es wenigſtens, obſchyn ich, offen geſtanden, mir wenig Erfolg davon verſpreche“, meinte Julie.„Solche Weiber ſind ſo frech und ab⸗ — gefeimt, und das Bewußtſein des Unrechts, welches ſie an Hedwig begangen, wird ſie doppelt vorſichtig und mißtrau ſch⸗verſchloſſen machen.“ „Nun, es gilt einen ſolchen Verſuch, vielleicht in Begleitung eines Polizeibeamten!“ ſagte Otte; „ſolche Leute fürchten die Polizei knechtiſch und ver⸗ meiden jeden Conflict mit ihr, denn dieſe Handlangerin in der öffentlichen Ordnung, iſt ja allmächtig, das ganze Schickſal dieſer wandernden Künſtler liegt in ihrer Hand. Und dann gibt es ja der Mittel genug, um mit Bitte und Beſtechung zu erzielen, was Drohung 93 und Einſchüchterung nicht erlangen kann. Jedenfalls verſuche ich mein Heil morgen in aller Frühe.“ Als Otte aber am folgenden Morgen in ſo früher Stunde, daß die ganze Budenreihe noch wie ausgeſtorben Wr, die Frau Stransky aufſuchen wollte, fand er ſogar nicht einmal ihre Bude mehr, ſie hatte über Nacht dieſelbe abgebrochen und das Feld mit ſolcher Eile ge— räumt, daß es einer Flucht glich. Otte machte ſich daher ſeine Notizen über den Fall, und verſchob die weitere Verfolgung der Sache auf eine Zeit, wo der Schreck der Patronin des Zauberpalaſtes nicht mehr ſo lehhaft und ihr böſes Gewiſſen etwas beruhigter ſein würde, denn die Flucht des frechen Weibes deu⸗ 3 tete unverkennbar auf das Bewußtſein begangenen Un⸗ rechts. Sechstes Kapittel. Die Begegnung mit der Stiefmutter Hedwigs hatte 3 mancherlei Gedanken in Otte angeregt, vor Allem aber ihn wieder an die Aeußerungen erinnert, welche Auheim gegen ihn über den Reichthum des alten Maruſchke und über ſeine eigene angebliche Liebſchaft mit dem Mädchen gethan hatte. Wenn es wirklich wahr wäre, daß Maruſchke ſo reich und Hedwig ſeine Enkelin ſein ſollte, ſo mußte man vor Allem die Beweismittel für den letztern Umſtand herbeiſchaffen, um der armen Waiſe zu ihrem Rechte zu verhelfen, falls der alte Geizhals ohne Teſtament ſtarb. Otte bemerkte ſich alſo den ganzen Vorfall in ſein Notizbuch, und nahm ſich vor, bei erſter beſter Gelegenheit die nöthigen Erkundigungen nach dem Weibe anzuſtellen, um aus deren Ausſagen das zu erfahren, was Hedwig entweder nicht ſelber wußte oder aus Rückſicht auf ihren Pflegevater nicht ſagen wollte oder durfte. Allein die Gelegenheit zu derartigen Erkundigungen bot ſich jetzt nicht; vielmehr ſah ſich Otte in eine Menge von Geſchäften und Unannehmlichkeiten ver⸗ wickelt, welche ſeine Thätigkeit nach einer andern Seite hin lenkten und beinahe ſeine ganze geiſtige Kraft in Anſpruch nahmen. Seit einigen Wochen war Achill von Magnus in der Stadt, und ſehr emſig mit Specu⸗ lationen und mit Reorganiſation des Bureau⸗ oder Comptvirperſonals beſchäftigt. Alles ſollte auf einen großartigeren Fuß geſtellt werden, als bisher, alles ſollte womöglich einen pariſer Zuſchnitt bekommen:„So haben wir's in unſerem pariſer Geſchäft eingerichtet; ſo machen wir es in Paris“, war das zweite Wort des jungen Herrn, der zwar hübſch und von einnehmen⸗ dem Weſen, aber im Verkehz mit ſeinen Untergebenen nichts weniger als liebenswürdig war. Ein junger Mann von ſechsundzwanzig Jahren, ſtutzerhaft gekleidet, mit einem leichten Hang zum Embonpoint und der unverkennbaren Neigung, lieber für alles eher zu gelten, als für einen geborenen Deutſchen und Juden, dazu von ſehr oberflächlicher Bildung und wenig Geiſt, aber großem Dünkel, war Achill vielleicht im Stande, im Salon oder in der Geſellſchaft einigen Eindruck zu machen, aber an's Geſchäftsleben war er durchaus nicht gewöhnt. Frau von Magnus hatte den Mißgriff be⸗ gangen, ihren Sohn ſchon zu früh wiſſen zu laſſen, daß er einmal ein großes Vermögen beſitze, ein angeſehener Mann werden würde, und der Herr Kammerrath war allzu ſehr von ſeinen Geſchäften und Unternehmungen in Anſpruch genommen geweſen, um dieſem ungünſtigen Einfluß der Mutter entgegenzuarbeiten. Sie hatte alles daran geſetzt, ihn zum Gentleman zu erziehen, wie ſie meinte, da er nicht dazu beſtimmt ſei, ſein Brod als Jude zu verdienen, und ſo hatte Achill zuerſt Land⸗ wirthſchaft ſtudirt und ſich erſt ſpäter, als ſein Papa mit Glück in Staatspapieren und ſonſtigen„Effectens“ ſpeculirte, dazu entſchloſſen, Bankier zu werden und auf einigen größeren Plätzen als Volontär in angeſehenen Häuſern zu arbeiten', wie er es ſonderbarerweiſe nannte. Unähnlich anderen Männern von ſeinesgleichen, die ſich von der unterſten Stufe heraufgearbeitet haben und die harte Schule der Arbeit auch für ihre Söhne ganz unentbehrlich erachten, hatte der Kammerrath gerade hierin allzuviel Nachſicht mit Achill gehabt und die mütterliche Zärtlichkeit in eine Affenliebe ausarten laſſen. Herr von Magnus hatte ſehr ſpät geheirathet, denn ſeine Jugend war ſo gänzlich eingenommen geweſen von dem alles beherrſchenden Streben, ein reicher Mann zu 97 werden, ſein Beruf als Factor und Factotum der reichen polniſchen Gutsbeſitzer hatte ihn zu einem halb noma⸗ diſchen Leben genöthigt, ſo daß er nicht gewagt hatte, durch eine Heirath und die Sorge für einen eigenen Herd die koſtbare Zeit zum Gelderwerb und die Chancen ſeines Fortkommens zu beeinträchtigen. Seine Bildung ſtand ohnedem allzuweit zurück hinter ſeinem Talent, als daß der Kammerrath genau zu unterſcheiden vermocht hätte, was zu einer gründlichen und ſoliden Erziehung und Bildung nothwendig ſei und was nicht. So hatte die Frau Kammerrath, die ebenfalls nur einen ober⸗ flächlichen Schliff von Bildung hatte und auch nur die Tochter eines jüdiſchen Emporkömmlings war, den Schwerpunct der Erziehung auf einer ganz andern Seite geſucht, als wo er eigentlich lag. Sie hatte ihren Kindern zwar eine franzöſiſche Bonne gehalten, ſo daß ſie ſchon vor den Schuljahren ganz geläufig franzöſiſch plapperten, aber Achill hatte es nie dahin gebracht, trotz Gymnaſium und Academie auch nur einen deutſchen Brief orthogra⸗ phiſch zu ſchreiben. Dagegen war er ein ſehr gewandter Tänzer, Reiter, Whiſt- und Billardſpieler, wußte mit Eleganz ein Tandem zu kutſchiren und den angenehmen Geſellſchafter in einem Kreiſe von jungen Mädchen zu ſpielen, und hatte jene Zuverſicht und Selbſtverehrung, welche im geſelligen Verkehr anfangs imponirt und Mylius, Ein Meteor der Börſe. II. 7 ihren Beſitzer weit bedeutender erſcheinen läßt, als er eigentlich iſt. Achille hatte viele Romane geleſen und viele Opern und Schauſpiele geſehen, er ſang hübſch und ſpielte etwas Klavier, das ließ ihn in gewiſſen Kreiſen, worin der Verdienſt mehr gilt als das Ver⸗ dienſt, für ſehr gebildet erſcheinen. Wer aber ein ge⸗ diegeneres Urtheil in geiſtigen Dingen und eine um⸗ faſſendere Welt⸗ und Menſchenkenntniß beſaß, der war über den jungen Herrn trotz all ſeiner Aufgeblaſenheit und ariſtokratiſchen Manieren gar bald im Klaren, und unterſchrieb unbedingt das geringſchätzige Urtheil ſeiner Schulkameraden, welche Achill nur als einen der träg⸗ ſten und unwiſſendſten Mitſchüler gekannt hatten. Leider iſt die Mittelmäßigkeit heutzutage der Gott der Welt, und vom Schickſal ganz beſonders begünſtigt. Achill hatte jenes Talent der Adaptation, jenes Accom⸗ modationsvermögen, welches eine hervorragende Eigen⸗ ſchaft der Leute ſeines Standes iſt, und ſich bei ihm durch die Eitelkeit, für mehr gelten zu wollen als er wirklich war, und durch den Verkehr in der großen Welt noch mehr ausgebildet hatte. Ohne daher ein guter Kaufmann zu ſein oder von den Geſchäften des großen Geldverkehrs gründliche Kenntniſſe zu haben, hatte er doch darüber ſo viel reden hören und ſoviel unter den Jüngern dieſes Berufes gelebt, daß einige —— 99 Ideen davon an ihm hängen geblieben und zu ſchatten⸗ haften Anſichten und Begriffen geworden waren, welche er mehr andeutungsweiſe als erörternd in ſolchen Kreiſen zum Beſten gab, wo er ſich hierin Anderen überlegen wußte. War er dagegen in Geſellſchaft von Männern, die ihm hierin überlegen waren, ſo pflegte er pfiffig genug den Erörterungen ſolcher Dinge mit Aufmerk⸗ ſamkeit zu folgen und erſt aus der Discuſſion der Anderen ſich ein Urtheil zu bilden, mit welchem er am Schluſſe herausrückte, wenn die Frage eigentlich leicht zu entſcheiden war. Dieß hatte ihm bei den Börſen⸗ männern, in deren Häuſern er Zutritt gefunden, deren Töchtern er den Hof machte und mit deren Söhnen er befreundet war, den Ruf eines ſehr verſtändigen und höchſt beſcheidenen Mannes erworben, und da er ohnedem reichen alten Herren gegenüber eine ge⸗ wiſſe Zurückhaltung an den Tag legte, ſo hatte er in Leipzig, Hamburg, Rotterdam und Paris für einen hoffnungsvollen jungen Mann gegolten, und war in den häuslichen Cirkeln jener Bankiers und Börſenmänner gern gelitten geweſen. Wenn nun Achill, der ſeinen Lebenswandel als t Rous zugleich ſehr geſchickt zu maskiren verſtand, ſich dieſes günſtige Urtheil ſolcher Männer, denen es doch gewöhnlich nicht an Scharfblick und Menſchenkenntniß 100 fehlt, zu gewinnen wußte, und zwar vorzugsweiſe da⸗ durch, daß er einer nähern Prüfung ſeiner geiſtigen Fähigkeiten geſchickt und unter dem Deckmantel einer gewiſſen Schüchternheit und anſpruchsloſen Beſcheiden⸗ heit auswich, ſo konnte es nicht fehlen, daß er ſeinem Schwager Auheim förmlich imponirte. Auheim war ein verhältnißmäßig ſeichter Menſch, und an natürlichem Verſtande war ihm Achill daher entſchieden überlegen, wie ihm denn namentlich eine gewiſſe Verſchmitztheit, Geſchmeidigkeit und Geriebenheit nicht abzuſprechen war. Zugleich beſaß Achill aber auch ein ſehr gutes Gedächtniß und einen raſchen ſcharfen Blick für ſeinen Vortheil; er hatte daher ein wachſames Auge auf alle Unter⸗ nehmungen gehabt, welche Glück an der Pariſer Börſe gemacht; er hatte ſich mit Eifer alle Proſpecte, Pläne, Rechenſchaftsberichte und ähnliche Documente über ſolche Dinge geſammelt, auch gelegentlich dieſelben geleſen und ſich einige Schlagworte oder Thatſachen und Zah⸗ len eingeprägt, die er dann bei paſſender Gelegen⸗ heit ſo nebenbei im Geſpräch erwähnte und anführte, was zuweilen eben durch das Paſſende, Unvermuthete und ſcheinbar Ungeſuchte ſolcher Bemerkungen frappirte und nicht wenig dazu beitrug, ihm den Ruf eines ſehr gründlichen Kenners der Börſengeſchäfte und der großen Geldinduſtrie zu ſichern. Rechnet man dazu noch die gewandten, leichten weltmänniſchen Manieren Achill's, welche ſich zu denen Auheim's verhielten wie ein Ori⸗ ginalgemälde zu einer ſchlechten Copie, ſo iſt ſehr er⸗ klärlich, daß Auheim in ſeinem Schwager trotz deſſen Jugend eine wahre Sonne von Genialität und kosmo⸗ prolitiſcher Geſchäftserfahrung erblickte, um ſo mehr als Achill dem deutſchen Provinzialen gegenüber eine höchſt leutſelige Herablaſſung und eine ſcheinbar herzliche Gutmüthigkeit herauskehrte. Achill wußte aus Inſtinct und Erfahrung, daß der Menſch von Andern ſehr lange für das genommen wird, wofür er gelten will, und da ihm ſeine Eltern in Auheim einen ſehr gewandten und glücklichen Speculanten geſchildert hatten, ſo lag ihm ſchon aus Ehrgeiz und Eitelkeit daran, in deſſen Augen nicht für weniger zu gelten, wie er anderſeits in berechnendem Egoismus den Schwager zu ködern ſuchte, um ſich mit ihm zu aſſociiren und denſelben für ſich arbeiten zu laſſen. Er hatte Auheim nach den Schil⸗ derungen der Seinigen für einen bedeutenden Mann gehalten und war nun doppelt erfreut, denſelben bei näherer Bekanntſchaft von ſeiner eigenen Ueberlegen⸗ heit überzeugen zu können, während er gleichwohl ihn noch immer für einen innerlich gediegenern und er⸗ fahrenern Geſchäftsmann hielt, als Auheim wirklich war, und Achill ihm gerade in ſeinem provinziellen 102 Wirkungskreiſe die gründlichſte Kenntniß der Zuſtände und Dinge zutraute. Beide täuſchten ſich in einander, weil jeder den Andern nur mit dem Maßſtab ſeiner eigenen ſelbſtſüchtigen Pläne gemeſſen und dadurch die Unbefangenheit zu ruhiger Prüfung und Würdigung verloren hatte. Auheim's ſelbſtgefällige Darſtellungen von dem Ge⸗ winn, den er mit einigen ſeiner Ideen und Unter⸗ nehmungen, zum Beiſpiel der Runkelrübenzuckerfabrik auf Actien, erzielt hatte, gaben Achill Anlaß, ſich über derartige Speculationen zu äußern und eine Reihe von Unternehmungen, die an der Pariſer Börſe außer⸗ ordentlichen Erfolg gehabt hatten, anzuführen und in ihren Ergebniſſen zu erörtern, in einer Weiſe, die halb und halb vermuthen ließ, Achill ſei mehr oder weniger Anreger oder Miturheber dieſer Unter⸗ nehmungen geweſen, und verſtehe überhaupt dieſe Dinge aus dem Grunde. Dieß führte denn unerwartet leicht und ſchnell zur Verwirklichung des von Beiden längſt im Stillen gehegten Wunſches einer geſchäftlichen Ver⸗ bindung; denn Auheim's Urtheil über Achill war durch das beredte Lob der liebevollen Mutter von all den glänzenden Eigenſchaften ihres Sohnes im Voraus ein ſehr vortheilhaftes geweſen. Auch die höchſt luxuriöſe Einrichtung des Entreſol, welches Achill auf einem der faſhionableren Boulevards bewohnte, die Eleganz womit er ſich umgab, ſein hübſches Cabrivlet, worin er Leonien ſpazieren fuhr, die Pracht womit Achill ſeine Freundin ausgeſtattet, bei welcher er ſeinen Schwager Auheim einführte und bei der er eines Abends nach dem Theater noch mit Auheim ſoupirte, als Leonie, von den tagsüber geſehenen pariſer Herr⸗ lichkeiten ermüdet, ſich ſchon ſchlafen gelegt hatte; der vornehme Umgang Achill's mit lauter jungen Vicomtes und Bankiersſöhnen,— all' das zuſammen ließ Auheim vermuthen, daß Achill noch ganz andere Hilfsquellen haben müſſe, als die paar tauſend Thaler, welche ihm der alte Herr von Magnus zu ſeinem Unterhalte aus⸗ ſetzte. Auheim ſpielte, wie wir geſehen haben, Va⸗banque, und bedurfte alſo zu ſeiner Rettung eines Mannes wie Achill, der einen geheimen Pactolus zu haben ſchien. Achill hatte ungefähr ſiebzigtauſend Franken Schulden in Paris, ſah ſich daher genöthigt, ſeine Zukunft zu ſichern, und bedurfte eines directen Vorwands, um ſeinem Papa eine bedeutende Summe als Mitgabe abzuzwingen. Eine Aſſociation konnte alſo Beiden helfen, und jeder der beiden Partner verließ ſich darauf, daß der ſteinreiche Herr Kammerrath ſeine Kinder nicht im Stiche laſſen werde. Die Geſchäftsverbindung ſelbſt war ſchon eine beſchloſſene Thatſache und man entbehrte nur noch eines 104 klaren Plans über die Modalitäten der Durchführung, als das Telegramm ankam, worin Otte und der Kam⸗ merrath Herrn Auheim den Lotteriegewinn meldeten. Jetzt „hatte der Fink wieder Samen“, und die Modalität war gefunden: die Herren Leopold Auheim und Achille von Magnus gründeten eine internativnale Bank mit zwei Comptvirs, dem einen in Paris unter der Ver⸗ waltung von Achill von Magnus, dem andern unter Auheim's Leitung in deſſen ſeitherigem Wohnorte, und die Geſchäftswelt Deutſchlands und Frankreichs erfuhr dieß durch Rundſchreiben, denen eine Anzahl gün⸗ ſtigſter Referenzen für Achill von Magnus beigefügt waren. Dieſe Aſſociation, durch das erfolgreiche Unter⸗ nehmen der Germania debütirend, hatte ungefähr drei Monate oder mehr beſtanden, als Achill zum Beſuch bei ſeinem Schwager Auheim eingetroffen war, einmal um den Sommer nicht in Paris zuzubringen, dann aber auch um ſeine Eltern zu beſuchen und dem deut⸗ ſchen Geſchäfte das Gewehr zu viſitiren, wie er an⸗ maßlich ſagte, und endlich wegen verſchiedener anderer Gründe, die er mit einem gewiſſen Geheimniß umgab. Leonie gab ihrem Bruder einige glänzende Feſte, bei denen die ganze vornehme Welt, vom Oberpräſidenten an, geladen war und nur ihre Mutter, nicht aber der 5 5 —— 105 Kammerrath erſchien. Die Damen fanden den jungen Herrn von Magnus ſehr fein und elegant, einen voll⸗ kommenen Lion; die jungen Herren ſahen in ihm den Typus eines aimable rous— ſelbſt die geringſchätzigen Erinnerungen ſeiner Schulkameraden an den faulen Mag⸗ nus von ehedem erſchienen nur als Neid— die alten Her⸗ ren ſtaunten über den ariſtokratiſchen Pli eines ſolchen jungen pariſer Bankiers und fanden nun manches was ihnen in franzöſiſchen Romanen und Theaterſtücken als übertrieben erſchienen war, für wahrſcheinlich und für eine reale Charakter Schilderung; die Mütter hei⸗ rathsfähiger Töchter legten ein beſonderes Intereſſe für Herrn Achill an den Tag, während ihre Töchter mit einigem Eifer das Zuſammentreffen mit dem jungen Mann auf der Promenade oder im Garten der Reſſource ſuchten. Kurzum, Achill war der Gegen⸗ ſtand des Stadtgeſprächs für acht Tage. Aber nicht alle betrachteten den jungen Mag⸗ nus mit ſolch bewunderndem Intereſſe. Achill hatte mit ſeinem Vater eine geheime Unterredung gehabt, die einen unerwarteten Ausgang genommen; der Kam⸗ merrath hatte ſich außer Stand erklärt, ſeinem Sohn eine Summe von ſechszigtauſend Thalern, die derſelbe in ſein Geſchäft brauchte, vorzuſtrecken. Er hatte des Sohnes Vorwürfe über dieſen„Geiz“, wie Achill es 106 nannte, ruhig hingenommen und nur mit der Ver⸗ ſicherung znrückgewieſen, das dieſer die Vermögensver⸗ hältniſſe des Vaters überſchätze. In ſeiner Ver⸗ ſtimmung darüber hatte Achill ſich hinreißen laſſen, die Betheiligung ſeines Vaters an dem Productengeſchäft einer geringſchätzenden und kränkenden Kritik zu unter⸗ ziehen und ſie ſeiner ſchmutzigen filzigen Habſucht beizumeſſen. Nun erſt wallte in dem alten Manne etwas auf, das die zärtliche Liebe zu dem Sohne für einen Augenblick überwog. „Wie heißt?“ rief der Kammerrath und ſeine Stimme bebte, ſeine Augen ſprühten durch die Thrä⸗ nen hindurch, die ihm in den langen Wimpern hingen, feuchte Blitze.„Gott ſoll Dir verzeihen die Sünde, Aaron, und den Hochmuth, daß Du Deinen Vater be⸗ handelſt wie einen ſchmutzigen alten Jüd! Hab' ich das verdient um Dir?— Als ich war dreizehn Jahre, hat mir mein Vater gegeben einen Sack mit Nägeln und fünf polniſche Gulden mit ſeinem Segen und hat mir gezeigt die Landſtraße, daß ich mir ſelber verdiene mein Brod. Und der Hunger und die Kälte und die Verachtung, die Mißhandlung, die Härte der Menſchen haben mir gegeben das Geleite und ſind geweſen meine Lehrmeiſter und haben meinen Witz geſchärft, daß ich mir hab gemacht mein Leben, und hab' noch unter⸗ „——„ S 107 ſtützt meine Eltern und meine elf Geſchwiſter, weil ich wußte, daß ſie hungerten und froren. Und der Gott meiner Väter hat mir laſſen Freude erleben, und hat ſein Amen gegeben zum Segen meiner Eltern.— Du aber biſt von Geburt auf gehalten worden wie ein Prinz, Aaron, haſt gehabt die beſten Schulen und die theuerſten Lehrer und biſt auf meine Koſten geweſen in der Welt. Und als Du wollteſt auf eigenen Füßen ſtehen, hab' ich Dir gegeben zwanzigtauſend Thaler, und hab' Dir gelaſſen zu wählen den Weg, den Du gehen willſt. Du haſt Dein Geld geworfen in einen Brunnen ohne Grund trotz meiner Warnung; Du haſt Schulden gemacht in falſchem Stolz, weil Du mehr ſein wollteſt, als der Sohn von dem alten Aaron Magnus, dem Factor, der in ſeiner Jugend den Quer⸗ ſack getragen.... Barmherziger Gott, hab' ich denn gefehlt ſo ſehr, als ich meinen Kindern erſparen wollte das harte Loos meiner eigenen Jugend, daß mein Thun nun an mir heimgeſucht werden ſoll wie eitler Stolz? Hab' ich gefehlt, daß ich Dich nicht hab ge⸗ ſpannt in's Joch, damit Du lernſt ziehen und ackern für Dein Brod, mein Kind?— Arbeit' ich denn für mich allein und das ſchmutzige Geſchäft', wie Du es nennſt, was doch hat einen ſoliden Boden? Hätt' ich nicht genug mir zu kaufen eine Leibrente für die Mutter 108 und mich, daß wir könnten behaglich leben, und könnten Euch geben, was wir verdient und erworben? Aber warum thu' ich's nicht? Weil es wär' wie ein ſchnei⸗ dendes Meſſer für Dich und Leonie oder den Auheim! Weil das Vermögen, das mir hat ſo viel Schweiß gekoſtet, würde fallen in's Meer, und weil der Menſch hat ein Recht zu behalten und die Pflicht zu erhalten das, was er hat errungen ſein Leben lang!— Könnt' ich mir nicht machen gute Tage und leben herrlich und in Freuden, wenn ich wollte? Und warum thu' ich's nicht? Weil ich will arbeiten und mich placken für meine Kinder und Kindeskinder, auch wenn ſie es mir nicht danken, damit ſie können ſitzen im Schatten, und ſegnen mein Andenken, wann ich nicht mehr bin! ... Geh' hin, mein Sohn, ſchäm' Dich Deines ſchmu⸗ zigen, filzigen Vaters; laß Dich gehen in Deinem Tau⸗ mel und Glanz. Aber die Zeit wird kommen, ſo wahr mir hilft der Gott im Himmel, wo Dir werden die Augen übergehen über Deine Thorheit und wo Du unterm Brink wirſt ſegnen das geſchmähte Haupt Dei⸗ nes Vaters, der Dir gelaſſen hat eine warme Kutte für den Abend Deines Lebens!“ Achill hatte nicht ohne innere Bewegung dieſen Erguß des gepreßten Vaterherzens mit angehört; aber die Selbſtſucht und der Hochmuth gewannen doch die —=—— nnenee 109 Oberhand in ihm. Der Gedanke, daß des Vaters 4 ſcharfer und ahnungsvoller Blick ihn in ſeiner Hohlheit und Aufgeblaſenheit erkannt habe, wurmte ihm gewaltig, und er entgegnete bitter:„Sie haben den Standpunct unſerer Unterredung ſo verrückt, Papa, daß ich Ihnen auf dieſe ſentimentale und pathetiſche Scene nicht ſo antworten kann, wie ich gern möchte Sie haben mich nicht zum kleinlichen Kaufmann erzogen, ſondern mir einen Blick für das große Geſchäft geben wollen, und ich habe vielleicht Ihr Vermögen überſchätzt und darum etwas luxuriöſer gelebt, als ich ſonſt gethan hätte. Sie haben mir die Mittel für das große Geſchäft ver⸗ weigert— laſſen wir die Motive davon unerörtert! Ich werde ihrer zu entbehren wiſſen; ich werde meinen Weg machen ohne Sie, und für mich ſelbſt und meine Zukunft ſorgen. Ich grolle Ihnen nicht, ich verachte Sie nicht, wie Sie ſagen, aber ich ſehe, daß unſere Bildung und Lebensſtellung zu weit von einander ab⸗ weichen, als daß wir hoffen könnten uns auf dieſem Gebiete je zu verſtändigen, und deshalb laſſen Sie uns gute Freunde bleiben, aber von jetzt an jedem ſeine eigene Wege gehen. Leben Sie wohl!“ Damit warf er die . Thüre hinter ſich zu und ſah ſeinen Vater niemals wieder unter vier Augen. Was in dieſer Stunde in dem Herzen des 110 Mannes vorging, das hat nur Gott geſehen. Als aber am folgenden Morgen die Frau Kammerrath von Moritzburg hereinkam und ſich mit mütterlicher Zärt⸗ lichkeit zur Vermittlerin zwiſchen Vater und Sohn auf⸗ werfen wollte, ſagte der Kammerrath reſignirt:„Laß es gut ſein, Lenchen! Es iſt überwunden.“ Aber noch am Ahend deſſelben Tages, an welchem Achill jene Unterredung mit ſeinem Vater gehabt hatte, hatte dieſer unſern Freund Otte aufgeſucht und mit dem⸗ ſelben Rückſprache über den Geſchäftsgang der Firma Au⸗ heim und von Magnus gehalten. Er hatte von jeher ein gewiſſes Zutrauen zu Otte gehabt, der für ihn, wie er zu ſagen pflegte, eine glückliche Phyſiognomie beſaß; zwiſchen Otte und dem alten Kammerrath beſtand jene Freimaurerei des Geiſtes, welche alle ſtrebſamen, fleißigen, ringenden Menſchen, die ihr Fortkommen in der Welt nächſt Gottes Segen nur ihrem tüchtigen Zugreifen verdanken, unter einander verbindet. Herr von Magnus weihte auf dieſem Spaziergang den Buch⸗ halter ſeines Schwiegerſohnes ohne Rückhalt in ſeine perſönlichen Beziehungen ein; er ſchilderte ihm ſeinen Lebensgang, ſeine Vermögensverhältniſſe, ſeine Hoff⸗ nungen und Befürchtungen wegen der Zukunft, er ge⸗ ſtand den Mißgriff ein, den er in der Erziehung ſeiner Kinder begangen habe, und verlangte zuletzt dringend und mit dem berechtigten Eifer eines vorſorglichen Vaters die Anſichten Otte's über die Zukunft des Ge⸗ ſchäfts zu erfahren. „Sie müſſen mir die volle Wahrheit ſagen, Otte“, ſprach er eindringlich.„Hab' ich Sie geſchenkt mein Vertrauen, müſſen Sie mir auch geben das Ihrige. Ich weiß, ich thue Ihnen damit weh, und Sie ſprechen nicht gern hinter dem Rücken von Ihrem Brodherrn über Dinge, die Sie ſollten geheim halten. Aber Sie ſind ein Mann von Ehre, lieber Otte, Sie ſind ein ver⸗ nünftiger Mann; Sie ſehen ein, daß hier alle gewöhnliche Rückſicht aufhört, wenn ein Vater, der ſein Leben lang redlich und ehrlich gearbeitet hat, nun einſieht, daß er das Glück ſeiner Familie hat gegeben auf ein ſchwan⸗ kes Schiff, daß er das Haus ſeiner Familie hat ge⸗ baut neben einen Abgrund, der es kann verſchlingen jeden Augenblick.“ „Herr Kammerrath!...“ entgegnete Otte tiefbewegt aber verlegen; allein der alte Herr fiel ihm heftig in die Rede. „Gott, laſſen Sie mir aus mit dem Kammerrath und dem Herrn von, lieber Otte! Erinnern Sie mir nicht mehr an die alte Thorheit! Laſſen wir's vorüber ſein mit der Geſchichte! Reden Sie mir offen von der Leber weg!“ 112 „Nun denn, mein Herr, ſtellen Sie ſich in meine Lage, und ſagen Sie ſich dann ſelbſt, ob es recht und billig wäre, wenn ich über Dinge im Allgemeinen ſpräche, die mir doch ſo heilig ſein ſollen, wie einem Beamten das Kanzlei⸗Geheimniß!“ fuhr Otte fort;„ich begreife Ihre Situation, Ihre berechtigte Unruhe, ich bin von Ihrer Discretion überzeugt, aber dennoch muß ich ſchweigen...“ „Da haben wir's“, fiel ihm Herr von Magnus mit einem Seufzer in's Wort;„iſt es doch ganz ſo wie ich's hab' geahnt! Wenn Sie könnten mit gutem Gewiſſen eine Beruhigung geben, ſo würden Sie es gethan haben, lieber Otte!— Mein Gott, ich weiß es, wenn der Menſch hat etwas Erfreuliches mitzutheilen, ſo iſt ihm die Zunge gelöſt;— nur wenn er fühlt Mitleid und ſoll einem Unglücklichen den Troſt verſagen, da lahmt ihm die Zunge!“ „Sie mißdeuten meine Aeußerung, Herr von Magnus!“ ſagte Otte lebhaft und doch peinlich ver⸗ legen;„Sie haben mich offenbar falſch verſtanden. Ich habe gar keinen Grund zu Beſorgniſſen ſolch ern⸗ ſter Art, wie Sie ſie aus meiner Aeußerung heraus⸗ deuten. Ich wollte nur ſagen: es geht mir gegen Pflicht und Gewiſſen, ſelbſt Ihnen gegenüber ein Ur⸗ 113 theil über den Stand meiner Brodherren zu fällen oder mich auf allgemeine Dinge einzulaſſen. Wenn Sie vorgezogen hätten, mir eine ganz ſpecielle oder concrete Frage zu ſtellen, deren Beantwortung nicht gegen meine Ueberzeugung und Pflicht gegangen wäre, ſo würde i unbedingt...“ „Gut, ich nehme Sie beim Worte, junger Herr“, fiel ihm Herr von Magnus ſchnell in's Wort und ſein dunkles Auge haftete ruhig forſchend auf ihm; ich will Ihnen eine ſpecielle Frage vorlegen, die Sie mir nun ſollen beantworten als ein braver ehrlicher Mann. Wenn Sie wären in meiner Lage, Herr Otte, und wüßten, was Sie wiſſen, und Herr Auheim käme zu Ihnen oder mein Sohn und wollte haben dreißig⸗ tauſend Thaler geliehen oder Ihr Accept dafür oder Ihr Endoſſement auf einem Wechſel,— würden Sie es geben, geſetzt, daß Sie wüßten, was Sie wiſſen, Herr Otte?“ „Aber Herr von Magnus, das iſt ja eine Sug⸗ geſtivfrage!...“ „Wo heißt, Suggeſtivfrage! Als ob ich nur wüßte, was das iſt!'s iſt eine Frage von einem ehr⸗ lichen Mann zum andern, und Sie müſſen mir ant⸗ worten, weil Sie mir's haben verſprochen! Nu, wür⸗ Mylius, Ein Meteor der Börſe. II. 8 . 114 den Sie geben Ihr Geld oder Ihr Accept oder En⸗ doſſement? Ja oder nein?“ „Nein“, entgegnete Otte nach einer peinlichen Pauſe des Beſinnens.„Aber wohlgemerkt, mein Herr, ich würde das Geld verweigern nicht aus ſpecieller Furcht oder wegen einer gegründeten Beſorgniß in Bezug auf den momentanen Status, ſondern aus all⸗ gemeinen Erwägungen.“ „Sie würden es nicht geben aus perſönlichen Gründen, weil Herr Auheim iſt ein gewiſſenloſer Schwind⸗ ler und mein Sohn ein hohler Schwätzer, nicht wahr?“ „Das iſt zu viel geſagt, mein Herr“, gab Htte zur Antwort;„ich würde jene Unterſtützung verweigern, weil die beiden betreffenden Herren allzu ſelbſtſüchtig ſind, als daß Sie gegenüber ihrem eigenen augenblick⸗ lichen Vortheil noch viele Rückſichten nähmen.“ „Auch gut geſagt, Herr Otte“, entgegnete Herr von Magnus mit einem tiefen Seufzer;„Sie verſtehen ſich beſſer auszudrücken als ich, aber ich danke Ihnen aufrichtig, und verſichere Sie meiner Verſchwiegenheit. Der alte Magnus kann ſchweigen und dulden; Gott! er hat es lernen müſſen in ſeinem Leben! Aber er kann auch dankbar ſein, der alte Magnus, und wenn Sie ihn jemals brauchen, Herr Otte, ſo wird er Sie zeigen, daß er iſt Ihr Freund! Und nun nichts für 1¹5 ungut, daß ich Sie hab' genommen eine Stunde von Ihrer freien Zeit. Sie haben mir Wahrheit gegeben, und ich weiß nun, was ich weiß, und werde meine Laſt tragen in der Stille. Gute Nacht, mein lieber Otte!“ Und der alte Herr drückte den Hut in die Stirne und ſchritt geſenkten Hauptes in die Dämmerung hinein. 8* Siebentes Kapitel. Einige Tage ſpäter erſchien um die Mittagsſtunde Hedwig zögernd und ſcheu auf dem Auheim'ſchen Comp⸗ tvir und fragte nach Herrn Otte. Man wies ſie in das Caſſenzimmer und mit der tiefſten Glut auf den Wangen erſchien ſie am Gitter der Caſſe und flüſterte Ottes Namen. Dieſer war lebhaft überraſcht, als er von ſeinem Caſſenbuche aufſehend das bekannte Geſicht erblickte; er trat raſch heran, fragte nach Hedwig's Begehren, und erfuhr, daß der alte Maruſchke ihn gern ſprechen wolle und zwar in einer dringenden An⸗ gelegenheit, und ſie erbitte nun von Otte Auskunft, ob er ihm die Ehre eines Beſuches ſchenken wolle, oder ob Maruſchke Herrn Otte in deſſen Wohnung zu einer beſtimmten Zeit aufſuchen dürfe. 117 „Was mag er denn von mir wollen?“ fragte Otte verwundert. „Ich weiß es wahrhaftig nicht“, entgegnete Hedwig; „aber der alte Mann hat es ſo dringend gemacht, als er mich hierher ſchickte, daß ich nicht ohne Beſcheid zurückkehren darf. Auch trug er mir auf, mich vorzu⸗ ſehen, daß mich die Herren vom Comptoir und Herr Auheim nicht ſähen, und darum komme ich eben jetzt, wo die Schreibſtube beinahe leer iſt. Und nicht wahr, lieber Herr Otte, Sie werden kommen?“ „Gut denn, Hedwig! Sagen Sie dem alten Herrn, daß ich mich um halb zwei Uhr einfinden werde“, verſetzte Otte über dieſe Einladung höchlichſt verwundert und drückte die kleine Hand des Mädchens, das er⸗ glühend und ſcheu wie ein Reh davonhuſchte. Vergebens fragte ſich Otte verwundert, was für ein Anliegen denn der alte Maruſchke an ihn haben könne,— er vermochte es nicht zu errathen. Seine Neugier war nicht wenig geweckt, den räthſelhaften alten Mann, über den er ſchon ſo vielerlei wider⸗ ſprechende Gerüchte und Urtheile gehört hatte, ſelber kennen zu lernen, und ſogleich nach dem Mittagseſſen begab er ſich zu ihm. Das Häuschen, welches der alte Maruſchke inne hatte, war nur zweiſtöckig und höchſt ärmlich. Die 118 Fronte hatte nur drei Fenſter und das baufällige Haus wurde nur durch die beiden höheren und beſſer erhaltenen Nebenhäuſer vor dem Einſturz bewahrt. Im Erdgeſchoß nahm eine große Hausthüre mit einem Durchgang die Hälfte der Breite des Häus⸗ chens ein, und in die andere Hälfte theilte ſich der kleine Laden, welchen der alte Maruſchke hielt, mit ſeinem Fenſterchen und einer ſchmalen Ladenthüre unter einem Bogen. Hinter den Scheiben der Ladenthüre hingen Tabakspfeifen und andere Waaren; hinter dem Fenſterchen war eine Auslage von allerlei Knö⸗ pfen, Stecknadelbriefen, Drahtſtiften, Schnupftabaks⸗ doſen, kleinen Handſpiegeln, Bürſten, Schiefertafeln, Puppenköpfen und ſo weiter, e dick mit Staub bedeckt waren. Otte hatte ſeit Jahresfriſt dieſes Häuschen im Vorübergehen jedes Mal mit einem beſonderen Intereſſe angeſehen, aber heute maß er es ſchon von weitem mit einer ganz außergewöhnlichen Theilnahme und blieb ſogar jenſeits der ſchmalen Straße eine Minute ſtehen, um es noch genauer zu betrachten, ehe er die Straße überſchritt und ein paar Steinſtufen vor dem kleinen Laden hinanſtieg, denn er hatte noch immer keine Ahnung über den Beweggrund, aus welchen ihn der alte Maruſchke hatte rufen laſſen. Er war einiger⸗ 119 maßen befangen, als er auf die Klinke der Ladenthür drückte, bei deren Heffnung eine Glocke ungewöhnlich laute Töne von ſich gab, worüber er momentan er⸗ ſchrak und die die ganze Nachbarſchaft an die Fenſter lockten. Die kleine Scene, welche Otte hier überſchaute, war wenig geeignet, ihn günſtig für den Beſitzer des Ladens zu ſtimmen. Der Laden war eng und ſchmal und durch den Ladentiſch ſo verſperrt, daß man ſich kaum rühren konnte. Hinter einer von Geſtellen voll Waarenpacketen gebildeten Wand war ein enger Winkel angebracht, welcher ſein dürftiges Licht nur aus dem Laden und durch ein ſchießſchartenartiges ſtark ver⸗ gittertes Fenſter nach dem Hausgang hinaus erhielt, und gerade vor dieſem Fenſterchen ſtand ein kleines Schreibpult mit einem alten Lehnſtuhl davor, aus welchem bei Otte's Eintritt ſich eine kleine hagere Ge⸗ ſtalt erhob, welche ihm mit einem grinſenden freund⸗ lichen Lächeln entgegentrat. Das kleine Männchen trug einen uralten, ſchmutzigen, langen Rock von grauem Biber, der weit und kuttenartig um die hageren Glie⸗ der und über die gebeugten Schultern ſchlotterte und auf dem kahlen Schädel, von deſſen Schläfen nur zwei lange eisgraue Haarbüſchel herunterhingen, ſaß eine alte ſchmierige Zipfelmütze von grauer Wolle. Die 120 Lippen des zahnloſen Mundes zitterten beſtändig, der ungeſchorene weißgraue Bart und die tiefen Runzeln und Furchen um Naſe, Mund und Augen, ſowie der dunkle Teint liehen dem Geſichte etwas Mumienhaftes, wenn die Augenlider geſchloſſen waren, die immer durch ihr eigenes Gewicht zuzufallen ſchienen, und daher auf eine ungewöhnliche Weiſe zwinkerten. Dagegen hatte der Blick der grauen tiefliegenden Augen alsdann, wenn der alte Mann mit Aufbietung ſeiner ganzen Willenskraft die Augen aufſchlug, etwas ſo Stechendes, Funkelndes, Durchdringendes und Unangenehmes, daß man ſie unwillkürlich mit den Augen eines größern Katzenthiers verglich; das grinſende Lächeln, wel⸗ ches den eingefallenen Mund in die Breite zog, trug nicht eben dazu bei, die Erſcheinung des Greiſes zu einer verehrungswürdigen oder angenehmen zu machen. „Habe ich die Ehre, Herrn Maruſchke zu ſprechen?“ hub Otte an, nachdem er mit raſchem Blicke ſich in dem engen, finſtern, dumpfen und übelriechenden Raum umgeſehen und deſſen Inſaſſen gemuſtert hatte. „Gewiß, gewiß, das bin ich, und Sie ſind Herr Heinrich Otte, der die kleine Hedwig Schulz unter⸗ richten hilft, nicht wahr? Bitte, nehmen Sie Platz!“ entgegnete der Greis mit einer zitternden heiſern Stimme und rückte einen vor Alter wackelnden halb⸗ 124 zertrümmerten Stuhl heran.„Schön, daß Sie kommen, denn wiſſen Sie, mein Huſten würde mir kaum erlaubt haben, bei dieſem Winde auszugehen. Und ich wußte, daß Sie ſchon kommen würden, wenn ich Sie durch Hedwig rufen ließe, Ihren Schützling, hehehe!“ „Sie wiſſen alſo darum, mein Herr, und Sie billigen es, daß wir dem armen Mädchen etwas Nach⸗ hilfe ſeiner verſäumten Schulbildung wegen geben?“ fragte Otte, und fixirte den Greis. „J ja, ich weiß es— ſeit fünf Wochen weiß ich es!“ erwiderte der Greis.„Ich bin dahinter gekom⸗ men, als Hedwig nachts heimlich noch in ihrem Käm⸗ merchen ſchrieb— franzöſiſche Vocabeln. Ich ſchalt ſie, daß ſie das Endchen Kerze vergeude, und wollte ihr die Schrift zerreißen,— da geſtand ſie alles, was Sie und die Mamſells an ihr gethan hätten.“ „Und Sie billigen es, daß wir Hedwig dieſen Unterricht ertheilen, natürlich?“ „Hm, nicht ſo ganz und gar“, erwiderte der Greis mit ſeinem eigenthümlichen Augenzwinkern.„Wenn Ihr mich zuvor um Erlaubniß gefragt hättet, würde ich es wohl nie erlaubt haben. Was ſoll ein Mädel wie Hedwig, ein Bettelkind, mit Franzöſiſch und Geo⸗ graphie? Aber nun es einmal geſchehen iſt, und ich nicht mit den Mamſells drüben mich verfeinden möchte, weil ſie zu meinen Kunden gehören und Hedwig klei⸗ den und ihr Abendbrod reichen und ſie umſonſt in die Lehre nahmen und mir das Wurm auf dieſe Weiſe weniger auf der Taſche liegt, ſo mag es einſtweilen drum ſein. Geſchehenen Dingen die man nicht rück⸗ gängig machen kann, muß man die beſte Seite abge⸗ winnen; und im Grunde, wenn das arme Wurm nur immer hübſch fleißig iſt und nicht widerſpenſtig wird, ſo kann ſie ja, wenn ſie dereinſt mal bei den Mam⸗ ſells ausgelernt hat, ihr Brod beſſer finden, und mir ein Koſtgeld bezahlen für das, was ich an ihr gethan habe, denn es iſt unwahr, was die Leute ſagen, daß ſie meine Enkelin ſei! Im Gegentheil, ſie geht mich nichts an, gar nichts! Und wenn nicht mein gutes Herz wäre und eine zufällige Aehnlichkeit, welche Hed⸗ wig mit meiner verſtorbenen Tochter hat, und wenn die Polizei mich nicht gezwungen hätte, ſo würde ich ſie nicht ins Haus genommen haben. Aber ſie hat mir in die Hand verſprechen müſſen, daß ſie mir ſpäter, wenn ſie arbeiten gelernt, ein Koſtgeld entrichte für die ganze Zeit, wo ſie bei mir iſt, und daß ſie mir die Wirthſchaft führen wolle, wenn meine alte Marthe todt iſt, und ſo mäg ſie denn meinethalben lernen, ſo lange ſie will, wenn nur die Mamſell Käthchen für ſie ſpinnt oder ſtrickt, hehehe!“ ——————————— 123 „Und was verſchafft mir die Ehre Ihrer Bekannt⸗ ſchaft, Herr Maruſchke?“ fragte Otte ernſthaft, denn das Gebahren des Greiſes widerte ihn an. „Hm, Sie? Oh!— Glauben Sie denn, ich ſei nicht begierig geweſen, den jungen Herrn kennen zu lernen, welcher ſich für meine... für die kleine Hed⸗ wig intereſſirt? Iſt es nicht ganz natürlich, daß ich wiſſen möchte, was für Abſichten er eigentlich mit dem armen Wurme hat? Abgeſehen davon, daß ich ihm doch danken mußte!“ „Die letztere Mühe dürfte überflüſſig ſein, Herr Maruſchke“, gab Otte zur Antwort und erwiderte den lauernden ſtechenden Blick des Greiſes kalt und ruhig. „Was wir für Hedwig gethan haben, iſt unbedeutend, eine ganz natürliche Menſchenpflicht und durch Hedwig's aufrichtigen Dank reichlich gelohnt. Was aber meine Abſichten hinſichtlich des Mädchens anlangt, Herr Ma⸗ ruſchke“, fuhr Otte ernſter fort und ſah den Greis dabei feſt an,„ſo gehen dieſe nicht weiter, als einer armen ver⸗ laſſenen Waiſe die geiſtigen Mittel zu verſchaffen, ihr ſchweres liebeleeres Lvos in dieſer Welt ruhig und er⸗ gebungsvoll zu ertragen und tugend⸗ und gewiſſenhaft zu wandeln und den Verführungen zu entgehen, welche in dieſer Welt faſt allenthalben der unerfahrenen Jugend, ——————————,—ů ů‧ů·ů˖ů˖ů˖Ü˖Ü‧Ü“‧˙ Ü— 124 der Armuth und der Schönheit entgegentreten,— das iſt Alles.“ „Hm, natürlich, natürlich! Hab' auch nichts anderes von Ihnen erwartet, habe dem Mädel, das Sie wahr⸗ haft vergöttert und verhimmelt, ſogleich gerathen, ſich keine thörichten Hoffnungen zu machen. Sie ſeien Kauf⸗ mann, können kein Mädel ohne Geld brauchen, und am Ende ſtünde Ihnen die Naſe doch höher, als ein Mädchen zu heirathen, das gleichſam hinter der Hecke gefunden worden iſt...“ „Genug, Herr Maruſchke! Sie gehen zu weit in Ihren Vermuthungen,“ fiel ihm Otte in's Wort; Sie legen mir da Gedanken bei, die ich niemals gehegt habe, denn weit entfernt dem armen Kinde aus ſeiner Herkunft einen Vorwurf zu machen, möchte ich dieſe lieber aufklären, weil ich Hedwig aufrichtig bemitleide; aber nun erlauben Sie mir, daß ich mich entferne. Ich habe Geſchäfte.“ „Bah, werden Sie nicht ungeduldig, Herr Otte! Nur noch einen Augenblick ſchenken Sie mir! Ich habe nie an Ihrem guten Charakter und Ihren rechtſchaffenen Abſichten gezweifelt, denn ich weiß, Sie ſind ein red⸗ ſccher Mann und Auheims rechte Hand. Auheim hält † große Stücke auf Sie, und Sie müſſen ihm die Specu⸗ lationen machen, woran er ſolch unſinniges Geld ver⸗ 125 dient. Wird zwar Ihr Schade nicht ſein; aber könnten wir Beide nicht gelegentlich irgend ein Geſchäftchen mit einander machen, wobei ich Ihnen mehr Gewinn ein⸗ räumen würde, als Auheim?“ „Wir Beide?“ widerholte Otte;„wie ſoll ich dieß verſtehen? Welcher Art ſollte dieß Geſchäft ſein, das wir zuſammen machen könnten?“ ſetzte er verwundert um ſich blickend hinzu. „Jenun, ein ſolides Geſchäft müßte es ſchon ſein und ein gewinnreiches; ein Darlehn gegen hohe Zinſen und gute Verſicherung, eine Papierſpeculation, woran man ſo ſeine dreißig bis vierzig Procent verdiente“, erwiderte der Alte grinſend und ſein Profil erſchien Otte wie dasjenige eines Raubvogels der im Begriff iſt, ſich auf eine Beute zu ſtürzen.„Ich bin freilich nicht reich“, fuhr er fort, da er ſich den verwunderten Umblick ſeines Gaſtes richtig erklärt hatte,„aber der alte Maruſchke hat Credit, hat Leute an der Hand, welche ihm in kurzer Zeit fünfzig bis ſechszigtauſend Thälerchen beſchaffen könnten, wenn ein ſolider Gewinn dabei zu machen wäre! So ein Nothgeſchäft auf Wechſel mit zwei oder drei guten Giri....“ „Ich bedaure, auf ſolche Geſchäfte verſtehe ich mich nicht“, entgegnete Otte kalt und ſtand auf;„meine Branche iſt eine andere, und auch Herr Auheim macht 126 keine derartigen Geſchäfte mehr. Ich habe die Ehre mich zu empfehlen.“ Aber der Greis war ebenfalls aufgeſtanden und hielt ihn am Aermel zurück.„Nur noch einen Augen⸗ blick Geduld, Herr!“ bat er dringend und mit katzen⸗ artiger Freundlichkeit;„hab' ich Sie etwa beleidigt? — Gott iſt mein Zeuge, daß es meine Abſicht nicht war. Aber Sie ſind ſo ſtolz, ſo ſchroff, und Sie wollen es nicht einſehen, daß der alte Maruſchke es gut mit Ihnen meint. Ich weiß der Auheim wäre längs bankerutt ohne Sie; Sie haben ihn aufrecht gehalten. Ich habe Vertrauen zu Ihnen und Ihrer Tüchtigkeit. Wollen Sie nicht lieber ein eigenes Geſchäft betreiben, als für Auheim büffeln, der es Ihnen doch nicht dankt? Wenn Sie nur Geld brauchen, ſo verſchaffe ich es Ihnen; wir machen das Geſchäft auf halben Gewinn, verſtehen Sie?“ „Ich danke Ihnen für die gute Meinung, und will Ihr Anerbieten nicht von der Hand weiſen, Herr Maruſchke“, verſetzte Otte artig;„aber vorerſt bin ich noch contractlich gebunden.“ „Ich begreife das, will auch nicht in Sie drängen, Herr Otte; können ſich die Sache reiflicher überlegen!“ ſagte Maruſchke;„aber verſprechen Sie mir Eines: wenn Sie mit Auheim gebrochen haben, dann kommen 127 Sie zu mir. Die Auheim'ſche Herrlichkeit währt ohne⸗ dem nicht lange; ein einziger Anſtoß, und die ganze Ge⸗ ſchichte liegt in Trümmern.“ Otte blickte indignirt zu dem Greis auf und ſagte: „Ich halte dieſe Befürchtung für ungegründet, Herr Maruſchke; die Firma ſteht materiell niemals ſolider als eben jetzt.“ „Machen Sie dieß jedem Andern glauben, nur nicht mir, lieber Otte! Sie müſſen natürlich ſo ſprechen, aber ich weiß, daß es mit Auheim und Mag⸗ nus ſtark zu Neige geht?“ „Wer ſagt dieß?“ rief Otte auffahrend. „Die Thatſache“, verſetzte Maruſchke mit ſeinem widerlichſten Lächeln,„die Thatſache, daß Herr Achill von Magnus um jeden Preis große Summen aufnehmen will, daß er eigens nur zu dieſem Zwecke hierher ge⸗ kommen iſt.“ Er fuhr mit der zitternden Rechte in die Bruſttaſche ſeines Rocks und holte ein zierliches Billet in einer roſarothen Enveloppe heraus, das er Otte hinreichte mit den Worten:„Leſen Sie ſelbſt!“— Es war ein eigenhändiges Schreiben Achill's an den alten Maruſchke, worin er von ihm gegen gute Proviſion fünfundzwanzigtauſend Thaler auf Wechſel aufzunehmen verſuchte.„Nun?“ fragte der Greis. 128 Otte zuckte die Achſeln und ſagte:„Unbegreiflich, aber was werden Sie thun?“ „Nichts, ſo lange mir der junge Herr nicht das Accept ſeines Vaters bringt!“ Otte lächelte geringſchätzig, denn die Unterredung, welche er wenige Tage früher mit dem Kammerrath von Magnus gehabt hatte, ging ihm durch den Sinn, er begnügte ſich daher nur mit der Bemerkung:„In dieſem Falle können Sie allerdings das Geſchäft machen, Herr Maruſchke, obſchon ich glaube daß es die Firma nicht direct, ſondern nur Herrn Achill von Magnus perſönlich angeht!“— Jetzt nahm er jedoch alles Ern⸗ ſtes Abſchied von dem Greis, der ihn nur gegen das Verſprechen einer baldigen Wiederholung ſeines Beſuches und mit einer Vertraulichkeit entließ, welche für Otte in der That etwas Unangenehmes hatte. Die Erinnerungen an dieſen Beſuch wirkten bei Otte noch lange nach. War einerſeits der Eindruck, den er von dem alten Manne mitgenommen, ein ent⸗ ſchieden ungünſtiger, ein die Gerüchte über ſeinen Geiz und ſeine Wuchergeſchäfte beſtätigender, ſo flößte ander⸗ ſeits der Gedanke an die arme kleine Hedwig, deren Schickſal beinahe ganz von dieſem Manne abhing, Otte doch wieder ein mehr als gewöhnliches Intereſſe für den alten Maruſchke ein, und mit einem eigenthümlichen 1 . 129 Gefühle wiederholte er ſich oft die Aeußerung des Greiſes, daß Hedwig ganz in ihn, Otte, verliebt ſei und ihn vergöttere.„Sie iſt ein dankbares gutes Kind', ſagte er ſich und dieſer Gedanke that ihm wirk⸗ lich innerlich wohl; aber an eine gewöhnliche Liebe oder Liebelei iſt da nicht zu denken. Ich habe Hedwig niemals Grund dazu gegeben, daß ſie meine Empfin⸗ dungen für ſie mißdeute, und was ſollte auch daraus werden? Wir ſind beide arm, und was mir der Alte über Achill Magnus und ſein Treiben mitgetheilt hat, läßt mich muthmaßen, daß meine Stellung in dieſem Hauſe auf keinen Fall mehr von langer Dauer * ſein wird. An eine ernſte Verbindung iſt daher nicht zu denken, und zu einer flüchtigen Liebelei iſt mir das Mädchen zu brav und zu edel. Bah, fort mit ſolchen Gedanken! Damit ging er an ſein Geſchäft und ver⸗ gaß ſich bald über anderen Dingen.— Seit Otte den alten Maruſchke perſönlich kennen gelernt hatte, beſchäftigte ihn jedoch Hedwig's Zukunft in noch höherem Grade als vordem. Er konnte ſich des Argwohns nicht entſchlagen, daß das Gerücht wahr ſei, welches den alten Wucherer als einen nahen Ver⸗ . wandten bezeichnete, und der Wunſch, über ihre Her⸗ 3 kunft etwas genaueres zu erfahren, was zu einem ju⸗ 3 riſtiſch gültigen Beweismittel jener Verwandtſchaft wer⸗ Mylius, Ein Meteor der Börſe. II. 9 130 den könnte, regte ſich immer mächtiger in ihm. Eines Abends, als er mit Julie und Marie Valentin um die Stadt herum ſpazieren ging, erzählte er den Beiden von dem Beſuch, welchen er bei dem alten Maruſchke gemacht habe, und äußerte ſeine Ueberzeugung von dem Reich⸗ thum des Alten und von der Verwandtſchaft Hedwig's mit ihm. „Hat Hedwig noch niemals offen mit Ihnen über ihre eigentlichen Beziehungen zu dem alten Manne ge⸗ ſprochen, meine Freundinnen?“ fragte er die beiden Schweſtern. Beide verneinten und Julie ſagte:„Hedwig iſt ein ſeltener und eigenartiger Charakter. Wenn ſie vielleicht auch überzeugt iſt, daß Maruſchke ihr Groß⸗ vater iſt, er dies aber nicht eingeſtehen will, ſo leugnet ſie es, um dem alten Manne nicht ungehorſam oder undankbar zu erſcheinen. Ich habe in ihrer Gegenwart zu verſchiedenen Malen des allgemeinen Gerüchtes ihrer Verwandtſchaft mit ihm erwähnt, aber ſie hat es nie zugegeben und immer verſichert, daß der alte Maruſchke alle und jede Verwandtſchaft mit ihr in Abrede ſtelle Ihre eigene Anſicht hierüber ſcheint auch keinesfalls feſt zu ſtehen.“ „Natürlich!“ meinte Otte;„ſo lange ſie keine, triftigen Beweisgründe dafür hat, wird ihr der alte 134 Geizhals dieſen Gedanken ſchon auszureden vermögen. Allein es wäre doch denkbar, daß eine ſolche Verwandt⸗ ſchaft exiſtirte, daß ſie ſogar den Behörden bekannt iſt, die ja dem Alten die Pflicht des Unterhalts der Klei⸗ nen zugeſprochen haben; und wenn ich dann an das hohe Alter und die unverkennbare körperliche Schwäche des Greiſes denke, ſo ſcheint es mir wahrhaft geboten zu ſein, daß etwas geſchehe, um Hedwig für den Fall ſeines Todes in den Stand zu ſetzen, daß ſie ihre Verwandtſchaft beweiſe.“ „Da haben Sie ganz recht, lieber Otte!“ ſagte Marie;„etwas ſollte für das arme Kind geſchehen, denn wenn ich bedenke, daß die alte Marthe, ein tückiſches liſtiges Weib, die dem alten Maruſchke ſchon ſeit vielen Jahren die Wirthſchaft führt, ihren Herrn einmal in die Grube fahren ſieht, ſo kann ich mich des Argwohns nicht erwehren, daß ſie, mit den Ge⸗ wohnheiten des Greiſes vertraut, alles aufbieten dürfte, um noch ſo viel von der Erbſchaft wegzu⸗ ſchleppen, als ſich irgend verbergen läßt. Hedwig iſt der alten Hexe von jeher ein Dorn im Auge geweſen, und wäre ſchon längſt auf deren Anregung aus dem Hauſe gewieſen worden, wenn ſich nicht vielleicht in irgend einem Winkel von Maruſchke's kaltem Herzen etwas für Hedwig regte.“ 9* 132 „Oder, wenn der alte Maruſchke nicht fürchtete, in dieſem Falle von den Behörden gezwungen zu wer⸗ den, der armen Hedwig ein Koſtgeld auszuſetzen“, fiel ihr Julie in's Wort.„Letzterer Beweggrund iſt viel⸗ leicht bei dem Alten gewichtiger als jeder andere, denn es iſt für ihn ſicher wohlfeiler, das unglückliche Mäd⸗ chen unter ſeinem Dache zu haben, ihre Arbeitskraft auszunutzen und ſie an ſeinem Tiſche hungern zu laſ⸗ ſen, als wenn er für ihre anſtändige Verpflegung an⸗ derweitig ſorgen müßte.“ Nun, meine Freundinnen, vielleicht wirken beide Beweggründe beſtimmend auf den alten Mann, denn ſie ſchließen ja einander nicht aus“, meinte Otte. „Jedenfalls wird es meine ernſte Sorge ſein, bei der erſten beſten Gelegenheit einmal nach jener Eliſabeth Stransky zu forſchen, welche Hedwig's Pflegemutter ſein ſoll, um von ihr die nöthigen Aufklärungen zu erzwingen oder zu erkaufen. Halten Sie das nicht auch für das Nothwendigſte, wenn wir für Hedwig's Zukunft ſorgen wollen, liebe Julie?“ „Allerdings“, erwiderte Ndieſe,„aber Sie müſſen mir dabei Eines verſprechen, Herr Otte! Alle dieſe Nachforſchungen müſſen ohne Hedwigs Vorwiſſen be⸗ trieben werden, welche nicht eher etwas von deren Ergebniß erfahren ſoll, als bis es ihr zu wiſſen nöthig 133 iſt. Auch mir und den Schweſtern ſollen Sie nichts davon ſagen; es könnte uns gar zu leicht eine unbe⸗ dachte Aeußerung entſchlüpfen, welche mit einem Male durch getäuſchte Erwartung oder durch angeregte Hoff⸗ nungen und Wünſche den Frieden dieſes armen Kindes ſtören, die Reſignation und Milde aus ſeinem Gemüthe vertreiben und in dieſer feurigen Seele die ganze Glut der Leidenſchaften anfachen würde Das iſt wenigſtens meine unmaßgebliche Anſicht.“ „Und eine ſehr richtige, liebe Julie“, ſagte Otte. „Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich über das Ergeb⸗ niß meiner Nachforſchungen niemand in's Vertrauen ziehen werde, bevor es Zeit iſt, damit vor die Oeffent⸗ lichkeit zu treten.“ Otte ahnte an dieſem Abend nicht, wie bald ihn der Gang der Ereigniſſe wieder in das Häuschen des alten Maruſchke führen werde. Hedwig war einige Tage ſpäter eines Morgens zu den Fräulein Valentin herübergekommen und hatte um Urlaub im Geſchäft gebeten, weil die alte Marthe erkrankt ſei und das Bett hüten müſſe, die Sorge für die Haushaltung alſo ihr zufalle. Sie war auch einige Tage lang darauf nicht zum Vorſchein gekommen, hatte nichts mehr von ſich hören laſſen, ſo daß die drei Schweſtern höchſt beſorgt wurden und Käthchen es ſich nicht nehmen 134 ließ, eines Nachmittags hinüberzugehen und nach Hed⸗ wig zu ſehen. Käthchen fand ihren kleinen Schützling an dem Bette der alten Marthe, welche vom heftigſten gichtiſchen Gliederreißen befallen darniederlag und nicht einmal einen Arzt hatte, da der alte Hausherr aus Geiz keinen ſolchen holen ließ und der Kranken jede Gefahr ausredete. Käthchen aber konnte es in ihrer Herzensgüte nicht mit anſehen, daß die alte Perſon ſo fürchterlich litt und der ärztlichen Berathung ent⸗ behren ſollte, und holte daher den Hausarzt der Fa⸗ milie Valentin herbei, welcher den Zuſtand der Kran⸗ ken für höchſt bedenklich erklärte und den Vorſchlag machte, die alte Marthe in das ſtädtiſche Krankenhaus zu bringen. Hiergegen ſträubte ſich aber ſowohl die Kranke ſelbſt aus Vorurtheil und Eigenſinn, als auch der alte Maruſchke aus Eigennutz und ſo blieb denn Marthe in der armſeligen engen Kammer unter dem Dache, auf welches die Sonnenglut der Julitage gewaltig herunterbrannte. Der Arzt erklärte ſchon nach wenigen Tagen, daß ſeine Hilfe zu Ende ſei, und daß man die Kranke durch einen Geiſtlichen auf das Aeußerſte vor⸗ bereiten laſſen ſolle. Aber auch hiergegen ſträubte ſich Maruſchke wiederum, bis Käthchen es durchſetzen wollte und die Kranke, die ihren hoffnungsloſen Zuſtand ſelbſt fühlen mochte, auf ihre nahe Auflöſung hinwies. Da S 135 Käthchen dabei in ihrer Gutmüthigkeit die Ueberzeugung ausſprach, daß bei zeitigem Einſchreiten des Arztes Marthen's Leben ſicher gefriſtet oder ihr doch wenigſtens die furchtbarſten Schmerzen theilweiſe erſpart worden wären, ſo gerieth die Kranke ganz außer ſich, ſchimpfte und tobte ſehr über Maruſchke und verlangte ein Teſtament zu machen, was denn auch geſchah. Tags darauf war ſie todt, und bei ihrer Beerdigung folgte auf Hedwig's beſondere Bitten Otte mit dem alten Maruſchke und einigen Nachbarn ihrem Sarge zum Begräbniß. Der Geiſtliche, welcher die Beerdigung vor⸗ nahm, ein junger Eiferer, hatte erfahren, daß Maruſchke es geweſen, welcher der Todtkranken den geiſtlichen Zuſpruch verwehrt habe, und fiel nun in der Leichen⸗ rede ſchonungslos über den Greis her, den er, ohne einen Namen zu nennen, doch den verſammelten Wei⸗ bern und ſonſtigen Zuhörern aus der Nachbarſchaft ſo deutlich bezeichnete, daß dieſelben in lautes Murren und unverhohlene Drohungen gegen den alten Mann ausbrachen, und zuletzt vielleicht gegen ihn thätlich ge⸗ worden wären, wenn nicht Otte's feſtes Auftreten und Geleite den ſchwachen Greis geſchützt hätten, dem der Tod ſeiner alten vieljährigen Hausgenoſſin ohnedem nahe genug ging. Otte brachte ihn mitleidig nach Hauſe, konnte es aber nicht unterlaſſen, ihm auf dem 5 k—— 136 Heimwege ebenfalls ernſte Vorſtellungen wegen ſeines Benehmens in dieſer Angelegenheit zu machen, obſchon er das Gebahren des jungen Caplans am Er Weiſe billigen konnte. Die Zeit, in welche dieſe Creignit fulen, war für Otte eine ziemlich mühevolle. Seine beiden Prin⸗ cipale waren auf Reiſen gegangen, jeder in ein ande⸗ res Vad, und die ganze Geſchäftslaſt lag auf ſeinen Schultern. Frau Leonie Auheim war in Baden⸗Baäden und die Fürſtin Lugomirska, welche im obern Stock⸗ werke wohnte, in Karlsbad, ſo daß das ganze Haus leer ſtand, und Otte deßhalb in Auheim's Privatzim⸗ mer ſchlafen mußte, damit nur wenigſtens die Caſſe gehütet war. Dazu machte ihm die Ueberwachung des pariſer Geſchäfts viele Sorgen, da ſein Arg⸗ wohn gegen deſſen Führung durch die Mittheilungen des alten Maruſchke geweckt war, und die vielen Wechſel, welche von dort auf das Stammgeſchäft ge⸗ zogen wurden, Otte's Unruhe und Argwohn ſteigerten. Es kam ihm daher höchſt ungelegen und unerwartet, als er eines Tages auf das Stadtgericht beſchieden und ihm von dem Vorſtand der Abtheilung für Civil⸗ ſachen eröffnet wurde, er ſei durch ein Teſtament der jüngſt verſtorbenen Marthe Zeiſewitz zum Vormund der noch minorennen Hedwig Schulz, welcher ein flüſſiges g8oi von Thalern von beſag⸗ ter Frau Marthe Zeiſewitz zugefallen, beſtimmt, und habe ſich nun zu äußern, ob er gedachtes Vertrauens⸗ amt und nach Prüfung des Teſtaments für ſeine Mündel das Legat annehmen wolle. Natürlich be⸗ jahte er die erſtere Frage, und behielt ſich für die zweite eine Bedenkzeit vor, um erſt das Teſtament zu prüfen und mit ſeiner Mündel Rückſprache zu nehmen. Als Otte ſich vom Gericht aus nach Maruſchke's Haus begab, fand er Hedwig unten in dem kleinen Laden, den ſie zu verſehen hatte. Sie wußte bereits um den Glücksfall, der ihr begegnet war, und weinte der Erblaſſerin aufrichtige Dankesthränen nach.„Sie war doch nicht ſo böſe, als ich mir manchmal einreden wollte, wenn ſie gegen mich bitter, grob und heftig war“, ſagte Hedwig;„ich habe ihr vielleicht oft unrecht gethan, denn im Grunde war ſie doch gut, ſonſt hätte ſie nicht in ihrem Teſtament für mich geſorgt.“ Otte hielt es nicht für rathſam, das dankbare Kind hierüber zu enttäuſchen, obſchon er aus dem Teſtamente wußte, daß Marthe Zeiſewitz dieſe Beſtim⸗ mungen nur getroffen, um ſich an ihrem Herrn zu rächen, den ſie in einem früheren Teſtamente zum Alleinerben ihres kleinen Vermögens eingeſetzt gehabt, 138 und der nun ſeinen Geiz und ſeine Liebloſigkeit em⸗ pfindlich büßen ſollte. „Wie kommt es, daß Sie hier ſind, Hedwig?“ fragte Otte.„Wo iſt Herr Maruſchke?“ „Er iſt erkrankt, und hat ſich zu Bette legen müſ⸗ ſen“, gab ſie betrübt zur Antwort.„Schon ſeit dem Tode der guten Marthe iſt er leidend und verſtimmt. Sie würden mir einen großen Freundſchaftsdienſt er⸗ weiſen, wenn Sie zu ihm hinaufgehen wollten, denn ich darf nicht aus dem Laden weggehen, ohne daß er ernſtlich böſe wird.“ „Gut, ich werde zu ihm hinaufgehen, nachdem ich mit Ihnen über das Erbe geſprochen habe, Hedwig; Sie wollen mich alſo zum Vormund annehmen?“ „O wie gerne! Sie werden mir's nicht abſchlagen, Herr Otte, nicht wahr?“ rief ſie, ſeine Hände erfaſſend, und ihre dunklen Augen leuchteten unter Thränen von einem freudigen ſeligen Strahl.„Iſt mir's doch, als käme mir dieſes Glück allein aus Ihren Händen. Sie ſollen eine recht dankbare und gehorſame Mündel an mir haben! „Und ich werde darauf bedacht ſein, Ihre Zukunft durch das kleine Erbe ſo ſicher zu ſtellen, daß Sie wenigſtens vor gänzlichem Mangel geſchützt ſind, wenn Sie mir ganz freie Hand in der Wahl der Anlage 139 laſſen wollen, Hedwig. Freilich müſſen Sie dann vor⸗ erſt auf den Genuß einer Rente davon verzichten, und wenn Sie etwa ſchon Pläne gemacht haben ſollten, davon Putz und anderes anzukaufen, ſo wird Ihre Erwartung getäuſcht werden.“ Hedwig ſchüttelte wehmüthig den Kopf und ſagte: „Ein ſolcher Gedanke iſt mir noch gar nicht gekommen, Herr Otte. Wie ſollte ich mir gelüſten laſſen, eine ſolche ſittliche Himmelsgabe für eitlen Tand zu ver⸗ ſchwenden? Nein handeln Sie für mich nach Ihrem Gutdünken, und tragen Sie zunächſt meine Schuld bei ... bei Herrn Maruſchke ab.“ „Nun, damit hat es noch keine Eile, Kind! Ich denke, der alte Herr wird Ihnen noch anderweitig Ge⸗ legenheit geben, ihm den ſchuldigen Dank atzuſtatten. Zeigen Sie mir jetzt nur den Weg zu ihm!“ „Nein, nicht hier hinauf!“ bat Hedwig, als ſie mit einander durch den Hausgang geſchritten und zu der Treppe gekommen waren, die am Ende deſſelben links hinaufführte;„dieſe Treppe führt zu der alten Frau Jürgens, die mit ihrem lahmen Manne den obern Stock bewohnt. Sie müſſen über den Hof gehen und dann rechts die finſtre Treppe hinan!“ Die eine Seite des engen Hofraums begrenzte ein baufälliger Seitenflügel des Häuschens, deſſen Erdge⸗ 140 ſchoß einſt Stallung geweſen war und nun zur Aufbe⸗ wahrung von allerlei Gerümpel diente. In der fernen Ecke dieſes Frügels, da, wo derſelbe von der hohen Feuerwand des Nachbarhauſes überragt wurde, führte eine halsbrechende dunkle Treppe zu einem ſchmalen finſtern Flur empor, der zugleich zur Küche diente. „Wer iſt da?“ fragte Maruſchke's heiſere ſchwache Stimme hinter einer Thür hervor, welche Otte erſt entdeckte, nachdem ſich ſein Auge einigermaßen an die hier herrſchende Dunkelheit gewöhnt hatte. Otte nannte ſeinen Namen, und ſah, wie ein Vorhang in der Thüre hinter einem vergitterten Fenſterchen gelüftet ward. Schwere Riegel wurden zurückgeſchoben und die Thüre halb geöffnet, hinter welcher der alte Maruſchke, mit einem dicken Knotenſtocke in der Hand, erſchien. „Ah, Sie ſind es wirklich, Herr Otte?“ rief der Alte und öffnete nun erſt die Thüre ganz;„wie komme ich zu der Ehre? Sie wollen mir wohl ein Geſchäft vorſchlagen? Treten Sie nur immer näher!“ Es war eine ganz armſelige Stube, welche Otte nun betrat, kaum ſieben Fuß hoch, eng und dunkel, mit kleinen, niedrigen Fenſtern und nur wenigen dürf⸗ tigen Möbeln von beinahe vorſündfluthlichem Alter Ein wackliger Tiſch, eine alte geſchweifte Kommode ein großer Thonofen, eine altväteriſche Wanduhr und 141 einige elende Stühle mit wankenden Beinen— das war alles. Eine andre niedrige Thüre, mit ſtarken „ Riegeln verſehen, führte in ein Nebenzimmer, wo eine große Himmelbettlade ſtand, aus deren Kiſſen der Greis ſich gerade erhoben zu haben ſchien. Die Wände waren feucht und fleckig und eine dumpfe modrige Luft herrſchte in dem kleinen engen Raum. Der Fußboden zeigte große Sprünge und Ritzen, und war zum Theil mit Trödelwaaren bedeckt. „Um Himmelswillen, hier leben Sie? In dieſer ſchlechten peſtartigen Luft, Herr Maruſchke?“ rief Otte und eilte ein Fenſter zu öffnen.„Kein Wunder, daß 5 Sie da erkranken müſſen!“ „Oh, ich bin nicht krank, ich bin ganz geſund!“ erwiderte der Greis ſchnell mit einem hohlen Huſten, der ihm Mark und Bein erſchütterte;„es iſt nur heute ein kalter Tag, und ich habe wenig ge⸗ ſchlafen. Oh ich bin noch geſund, mein junger Herr, ſehr geſund“, fuhr er mit ſeiner heiſern, kurzathmigen Stimme fort;„ich habe noch Appetit und eine treffliche Verdauung; ich kann noch zwölf oder fünfzehn Jahr leben, ich werde noch ſo lange leben und alle diejenigen 5 auslachen, die auf meinen Tod warten.— Aber was verſchafft mir Ihren Beſuch, Herr Buchhalter? Wollen Sie Geld?“ 142 „O nein, Herr Maruſchke, ich komme nur, um Ihnen anzuzeigen, daß mich das Teſtament der ver⸗ ſtorbenen Frau Zeiſewitz...“ „Wie? Was? Auch Sie bedacht hat? Sie haben auch von der alten Marthe geerbt? Wie?“ fuhr der alte Maruſchke mit einer Heftigkeit auf, die er ſogleich wieder durch einen qualvollen erſchütternden Huſten büßen mußte. Otte ſchüttelte mit geringſchätzigem Lächeln den Kopf.„Keineswegs!“ ſagte er;„ich wüßte nicht, wie ich dazu kommen ſollte, da ich die Verſtorbene nicht einmal gekannt habe. Nein, die Verewigte hat mich nur in ihrem Teſtament zum Vormund von Hedwig Schulz ernannt, und ich habe dieſe Function angenommen... „Glaub's, glaub's wohl!“ murmelte der Greis kopfnickend und blickte ſtier und mit fieberiſch glühen⸗ den Augen in eine Ecke. „Und komme nun, um Ihr Urtheil über die Ver⸗ wendung des Vermögens einzuholen, welches Ihr Pflege⸗ kind geerbt hat!“ „Mein Pflegekind?“ rief der Greis bitter.„Hed⸗ wig geht mich nichts an; ſie mag des Teufels Pflege⸗ kind ſein, der mir ſie durch die Polizei aufgezwungen hat! Hab' ich Ihnen nicht ſchon geſagt, daß die Leute 143 ſchamlos in ihren Hals hinein lügen, die da ſagen, Hedwig ſei meine Enkelin? Ich hab' mich erbarmt über den armen Wurm, aber was hab' ich davon? Eine Schlange hab' ich mir am Buſen erzogen, denn ſie hat Erbſchleicherei getrieben und die alte Marthe beredet, ihr von dem Gelde zu vermachen, das mir die alte Hexe durch Diebſtahl und Betrug entfremdet hat! Das hab' ich von meinem guten Herzen! Das junge Ding da thut ſo kindlich und rein, als könnt' es kein Wäſſer⸗ chen trüben, und verhetzt mir hinter meinem Rücken die alte falſche Katze, die Marthe, daß ſie ein anderes Teſtament macht, während wir doch übereingekommen waren, daß wir gegenſeitig fünfzehnhundert Thaler von einander erben ſollten! Aber ſolch ein altes Ge⸗ rippe von Weibsbild iſt nicht zu ergründen, ſo wenig als ein junges! Gehen Sie mir hinweg mit den Weibs⸗ leuten! Sind alle falſch, alle! Alle Menſchen ſind Beſtien, ein Otterngezücht, eine Krokodilsbrut!... Oh, daß der Teufel ſie doch recht heiß bettete, die niederträchtige alte Marthe! Zwanzig Jahre lang hat ſie mein Brod gegeſſen und mich beſtohlen, und nun ſoll ich noch ſehen, wie der Raub an Andere gelangt! Abſcheulich!“ Der Groll dieſes mumienhaft vertrockneten Grei⸗ ſes, deſſen heiſere Stimme und hohler Huſten dieſen grimmigen Ausbruch bei jedem Satze unterbrachen, 144 wäre komiſch geweſen, wenn er nicht einen ſittlichen Widerwillen gegen Maruſchke erweckt hätte. So aber ließ Otte ihn ruhig gewähren, ohne ſein ernſtes Auge von ihm abzuwenden, und erſt als der Alte wieder ruhiger geworden war, ſagte er mit eindringlichem Tone:„Ich will nicht unterſuchen, in wie fern oder warum die Verſtorbene gegen Sie gefehlt hat, Herr Maruſchke; aber ſo viel ſteht bei mir feſt, daß Hedwig ſicher nichts unrechtes gethan hat, um das endliche Wohlwollen der Frau Marthe zu verdienen. Es iſt ein ernſtes Ding um den Tod, mein Herr, und als Frau Marthe fühlte, daß ſie dem Grab ſo nahe und rettungslos verfallen ſei, da mag in ihrem Gewiſſen auch eine Stimme laut geworden ſein und ihr einen Spiegel vorgehalten über alles das, was ſie durch Bos⸗ heit und Vorurtheil an dem heimathloſen armen Mäd⸗ chen in den vergangenen drei Jahren gefrevelt hatte; — da mag es ihr wie ein Schwert durch die Seele gegangen ſein, daß Hedwig feurige Kohlen auf ihr Haupt ſammelte durch die treue liebevolle Pflege, die ſie ihr angedeihen ließ, und die Schmerzen, die die alte Frau mürbe gemacht und ihr einen Vorgeſchmack von der ewigen Pein der Gottloſen gegeben haben mochten, die Angſt vor der Rechenſchaft die jeder von uns dort drüben von ſeinem Thun und Laſſen abzu⸗ 145 legen haben wird, hat ihr den Gedanken eingegeben, wenigſtens noch einigermaßen ihre Fehler gegen Hed⸗ wig wieder gut zu machen. Der Tod, Herr Maruſchke, iſt ein ernſter unerbittlicher Mahner.“ „Ja, der Tod, der Tod... wiederholte der Alte tonlos und mit einem leiſen Schauder;„aber ich bin noch geſund; ich habe noch Hunger und nur wenig Fieber; ich werde noch lange leben.— Und wie viel hat Hedwig geerbt?“ „Dreihundert Thaler.“ „Die Sie nun mir geben werden, als Erſatz für 1 Koſt und Wohnung, die ich ihr gegeben, nicht wahr?“ rief der Greis mit gierig funkelnden Augen.„Sie ſind ein honneter billiger Mann, Herr Otte! Sie werden mir dieß nicht verweigern, nicht wahr?“ „Herr Maruſchke, davon kann jetzt die Rede nicht ſein; die Vormundſchaftsbehörde würde das ja niemals zugeben“, ſagte Otte kalt und beſtimmt.„Hed⸗ wig iſt noch minorenn, kann daher nicht über ihr Vermögen verfügen. Meine Function iſt aber die, es anzulegen und zu verwalten. Wollte auch Hedwig Ihnen jetzt eine ſolche Entſchädigung verſprechen, ſo wäre es vor dem Geſetz ungültig, verſtehen Sie wohl!“ 1 Der Greis ſtieß einen unwilligen Seufzer aus.„Es handelt ſich jetzt darum, das kleine Capital ſo anzu⸗ Mylius, Ein Meteor der Börſe. II. 10 146 legen, daß Hedwig's Zukunft dadurch dauernd geſichert iſt. Die Rente von dreihundert Thalern iſt zu unbe⸗ deutend, um irgend von Werth zu ſein; Hedwig iſt jung, geſchickt, arbeitsſam. Schenkt ihr der Himmel Geſundheit, ſo kann ſie ſich bis zu ihrem vierzigſten oder fünfzigſten Lebensjahre anſtändig und ehrenhaft durchbringen, vielleicht auch noch länger. Es gilt nur für die Zeiten der Krankheit und des Alters zu ſorgen. Wenn ich nun Hedwig's kleines Capital nehme und bei einem ſoliden Geldinſtitute auf aufgeſchobene Renten anlege, ſo erhält Hedwig daraus, wenn ſie in ihrem vierzigſten Jahre in den Genuß der Rente treten will, etwa achtzig Thaler jährlicher Rente, wenn in ihrem fünfzigſten, etwa einhundertundzwanzig und wenn erſt in ihrem ſechzigſten, gar einhundertund⸗ fünfzig Thaler, und iſt hierdurch gegen alle Wechſel⸗ fälle und Schickſalsſchläge ſicher geſtellt. Denn dieſe Rente kann ihr Niemand nehmen, und falls ſie vor Antritt des Rentengenuſſes ſtirbt, erhalten ihre Erben die baaren Einlagen— ſtirbt ſie dagegen nach be⸗ gonnenem Rentenbezug, ſo erhalten ihre⸗ Hinterblie⸗ benen das für die betreffende Rente vorhandene Deckungscapital abzüglich der bereits bezogenen Renten zurück.“ „Iſt dieß wahr? Iſt dieß möglich?“ rief der Alte 147 begierig, denn ſeit von Zahlen und Werthen die Rede war, hatte ſich ſein glanzloſes Auge plötzlich wieder belebt. „Ich kann es Ihnen ſchwarz auf weiß in den Statuten der betreffenden Geſellſchaft zeigen, Herr Maruſchke, und an der Solidität derſelben habe ich nicht den geringſten Zweifel.“ „Hm, Sie müſſen dieß wohl verſtehen, es iſt ja Ihr Handwerk“, ſagte er und verzog den zahnloſen Mund zu einem ſchadenfrohen profitvollen Lächeln. „Sie haben recht, Herr Buchhalter“, fuhr er nach einer Pauſe fort;„das iſt die ſicherſte Anlage und macht das Mädel nicht gleich ſelbſtſtändig. Sie wird mir nun nicht davonlaufen; ſie wird dableiben und mir die Stelle der alten Marthe vertreten; dann iſt doch noch ein Gewinn dabei.— Und auf wen ſind denn die anderen Legate gefallen?“ fragte er lauernd. „An arme Verwandte der Erblaſſerin und an milde Anſtalten, Herr Maruſchke.“ Dem alten Maruſchke entfuhr eine wilde Ver⸗ wünſchung.„Ich hoffe, der Teufel wird die alte Hexe doch behalten, trotz all ihrer Legate an Bettelhäuſer“, murmelte er, und ſein Geiſt ſchien momentan zu wan⸗ dern, oder der Greis war ſich nicht bewußt, daß er laut dachte.„Ich habe ſie doch hintergangen, denn 148 ſie ſtand nicht in meinem Teſtament“, murmelte er; „ſie hat mich nicht überlebt, wie ſie wohl immer hoffte. Sie hat mir die Sorge für das Mädel abgenommen, und ich erſpare fortan ihr Gehalt, denn Hedwig erhält keinen Pfennig von mir...“ „Sie ſind alſo mit der Anlage des Capitals, die ich beabſichtige, einverſtanden, Herr Maruſchke?“ fragte Otte aufſtehend und ſchickte ſich zum Gehen an. „Vollkommen, vollkommen, lieber Herr; das heißt die Sache geht mich eigentlich nichts an, denn Hedwig iſt nicht meine Enkelin. Machen Sie mit ihr, was Sie wollen, aber bei mir muß ſie bleiben, muß ihr Koſtgeld abverdienen.“ „Seien Sie hierüber außer Sorgen, Herr Ma⸗ ruſchke“ entgegnete Otte;„ſo wie ich Hedwig zu ken⸗ nen glaube, wird ſie Sie nicht verlaſſen. Sie iſt ein gutes, wackeres Kind und dankbar. Und nun Gott befohlen! Ich wünſche Ihnen baldige Wiederherſtellung!“ Damit entfernte er ſich haſtig, und hörte nur noch, wie der Greis ſich hinter ihm wieder einriegelte. Aber Maruſchke war kränker, als er glaubte. Hedwig mußte nach einigen Tagen ſogar den Laden ſchließen, um den bettlägerig Gewordenen zu überwa⸗ chen, der im Delirium dalag. Käthchen ſtand ihr treu zur Seite, bereitete Krankenſpeiſen für den Greis, brachte den Arzt mit und half der Unerfahrenen den alten Mann verpflegen. Die Kriſis ging lang⸗ ſam vorüber, und er genas wieder, ohne daß ihn die Krankheit weicher gemacht hätte. Doch hatte er ſich dazu bequemen müſſen, Otte einen Einblick in ſeine Geſchäfte thun zu laſſen, indem er ihm den Einzug einiger Wechſel übergeben mußte, die in jener Zeit ver⸗ 6 fielen und meiſt auf Offiziere und junge Verſchwender lauteten, die den Alten als wucheriſchen Nothhelfer be⸗ nützten. — Achtes Kapitel. Etwa um die Zeit, in welcher Maruſchke wieder von ſeinem Krankheitsanfalle genas, kehrte Herr Werner von einer größeren Reiſe zurück, welche er mit ſeiner Frau durch die Schweiz und Süddeutſchland gemacht. Otte und Richartz begrüßten ihn am Abend nach ſeiner Rückkehr, und waren freudig überraſcht von dem guten Ausſehen des ſo emſigen arbeitſamen Mannes, dem die mehrwöchentliche Muße ſichtlich wohlgethan. „Ihnen bin ich zu ganz beſonderem Danke ver⸗ pflichtet, junger Freund“ ſagte Herr Werner zu Hein⸗ rich, als ſie allein waren.„Sie haben mir einen Theil Ihrer ſpärlichen Mußezeit geopfert, um auf meinem Comptvir zum Rechten zu ſehen und meine Hauptcaſſe zu führen. Aber warum vermieden Sie mein Haus, — 15¹ das heißt meine Familienzimmer, da Sie doch täg⸗ lich auf's Comptvir kamen?“ Otte zuckte erröthend die Achſeln, hielt aber den forſchenden Blick Werner's ruhig aus.„Darf ich offen reden, Herr Werner?“ „Ei natürlich! Ich bitte Sie ſogar darum; alſo heraus mit der Sprache!“ „Fräulein Johanna war ja allein zu Hauſe, denn Herr Conſtans ging ſeinen Vergnügungen nach“, ſagte Otte;„würde man mich hier im Hauſe aus⸗ und ein⸗ gehend bemerkt haben, während Sie und Frau Werner fort waren, ſo hätte dieß Dienſtleuten und Nachbarn Gelegenheit zu Deutungen bieten können, welche... welche mich vielleicht Ihre Freundſchaft gekoſtet hätten, die ich nicht verlieren will.“ „Otte, Sie ſind ein braver Kerl!“ ſagte Werner tiefgerührt;„Sie haben redlich und umſichtig gehan⸗ delt; ich vertraute Ihnen zwar ganz und gar, aber es würde für mich doch kränkend geweſen ſein, wenn irgend Jemand mir nachgeſagt hätte, ich habe Ihnen Gelegen⸗ heit geben wollen, mit meiner Tochter anzubinden. Ich bewundere Ihren Zartſinn und Scharfblick. „Ich kann Ihnen ſogar ſagen, lieber Freund, daß Otte nicht einmal zu uns kam, wenn er Johanna bei uns wußte“, ſagte Herr Richartz;„ja ich fürchte ſogar, 152 er hat damit Johanna vor den Kopf geſtoßen. Sie machte wenigſtens gegen meine Frau kein Hehl aus ihrer Empfindlichkeit gegen ſeine Vernachläſſigung.“ „Laſſen wir ſie ſchmollen— es wird vorüber⸗ gehen“, entgegnete Herr Werner und ein trüber Schatten flog über ſein Geſicht;„Otte hat brav und weiſe ge⸗ handelt; ſolche Begegnungen unter vier Augen ſind immer gefährlich, und ein redlicher Mann weicht ſolchen Gelegenheiten aus.— Aber ich wollte, Sie wären mit uns geweſen, lieber Otte! Welche Herrlichkeiten der Schöpfungen haben ſich vor uns aufgethan! Der Rhein⸗ fall, Rigi, Vierwaldſtädterſee, Gotthard, Rhoneglet⸗ ſcher, Grimſel, Grindelwald, Interlaken, Genferſee, Montblanc, Monte⸗Roſa, Lago Maggiore, Comerſee, Chiavenna, das Oberengadin, der Julier, Chur, Ra⸗ gatz, Pfäfers, der Bodenſee... nein, es war feenhaft! — Und Sie armer Junge, ſind da Tag für Tag an Ihr Pult gejocht geblieben, während Ihre Principale — na, eigentlich hätt' ich es nicht ſagen ſollen, aber nun es einmal heraus iſt, erfahren Sie es lieber auch ganz!“ „Ei, was denn, Herr Werner?“ „Na, es bleibt ja unter uns“, ſagte Werner geheimnißvoll.„Klatſcherei iſt meine Sache nicht, aber ich bin es Ihnen eigentlich ſchuldig, daß ich alles ſage, S. . 153 denn der geſunde Menſchenverſtand müßte auf dem Kopf ſtehen, wenn die Leute bei einer ſolchen Wirthſchaft es lange treiben können...“ „Wahrhaftig, Sie machen auch mich neugierig, Herr Werner!“ ſagte Herr Richartz;„von wem reden Sie denn?“ „Von Auheim und dem jungen Magnus, zwei liederlichen Bengeln, die einander wirklich werth ſind“, erwiderte Werner mit unverhohlener Indignation. „Denken Sie ſich, da treffe ich mit dem jungen Mag⸗ nus auf meiner Reiſe zwei Mal zuſammen, einmal im Falken' in Bern, wo er mit einer eleganten jungen Dame, irgend einer kemme entretenue aus Paris ſich einquartiert hatte, und im Fremdenbuch richtig zu leſen ſtand: Monsieur de Magnus, banquier de Paris; Madame de Magnus, avec suite, de Päris. Sie hätten dieſe Perſon ſehen ſollen, eine wandelnde Wolke vom durchſichtigſten koſtbarſten indiſchen Stoff, duftend von allen Wohlgerüchen Indiens, behangen mit Schmuck und Kinkerlitzchen aller Art, frech wie eine Weſpe, eine Kammerfrau und einen kleinen Diener bei ſich, fünf Zimmer in der Beletage— ich hätte die Zeche nicht zahlen mögen! Wenn der alte Kammerrath das geſehen hätte, er würde blutige Thränen geweint haben, der arme Mann, der ſich noch im Greiſenalter * 154 mit ſchmutzigen Geſchäften plackt, um ſeiner Kinder Uebermuth zu fördern! Auf der Eiſenbahn nach Thun fahren wir zufällig mit der Kammerfrau zuſammen in der zweiten Claſſe, der freche infame Judenbengel mit ſeiner Lorette natürlich in erſter Claſſe. Ich unterhalte mich mit der Zofe, und laſſe ein Wort fallen, daß ich ihren Herrn Bankier Magnus von klein auf kenne; ein Wort gibt das andre, und nun muß ich Dinge hören, die mich eine wahre Gänſehaut überlaufen ließen. Denken Sie ſich, der junge Magnus war verlobt mit einer ſchönen, reichen jüdiſchen Bankierstochter in Rot⸗ terdam; der Hochzeitstag war ſchon beſtimmt, aber gleichwohl ſetzt der Burſche das Verhältniß mit der Lorette noch fort, während er mit ſeiner Verlobten die zärtlichſten Briefe wechſelt. Eines Tages bekommt die Freundin durch irgend einen Zufall einen Brief von der Verlobten in die Hand und erſieht daraus die ganze Sachlage; weit entfernt, daraus eine Scene zu machen, wartet ſie nur ruhig ab, bis der junge Mag⸗ nus ſeiner Verlobten einen Beſuch in Rotterdam ab⸗ ſtattet, reiſt ihm nach und überführt ihn der Untreue“ gegen ſie, und läßt ihm keine andre Wahl, als entweder ſie ſelbſt zu heirathen oder ihr eine Abfindung von hunderttauſend Franken zu bezahlen. Magnus ver⸗ weigert das erſte, vermag das zweite nicht, verſpricht aber von der Mitgift ſeiner Braut die Summe zu be⸗ zahlen, und gibt ſeiner Freundin einen Revers hierüber. Allein habſüchtig und argwöhniſch wie ſolche Perſonen ſind, verlangt die Freundin⸗ eine notarielle Beglaubigung dieſes Reverſes, um ihn rechtskräftiger zu machen, ſchickt nach einem Notar und läßt durch denſelben die Urkunde und die eigenhändige Unterſchrift des Aus⸗ ſtellers beglaubigen. Den andern Tag ſoll derſelbe Notar im Auftrag des Vaters der Verlobten den Hei⸗ rathsvertrag aufſetzen, ſtutzt aber bei dem Namen, wird verwirrt und zaudert, und theilt endlich als Ehren⸗ mann ſeinem Clienten den Vorfall vom vorigen Tage mit. Der Bankier ſtellt Erkundigungen in dem be⸗ treffenden Hotel an, wohin der Notar in der fraglichen Angelegenheit gerufen worden war, findet alles beſtätigt, und weiſt nun dem jungen Magnus gebührend die Thüre; und dieſer, weit entfernt ſich darüber mit ſeiner Freundin zu brouilliren, kehrt mit ihr im beſten Einver⸗ nehmen nach Paris zurück. Das alles erzählte mir die Kammerfrau mit der größten Seelenruhe und einem Vergnügen, als ob ſie mir nur den Gegenſtand einer Komödie ſchildere, die ſie jüngſt geſehen!“ „Das iſt ja eine Verworfenheit, wie ſie die römiſche Kaiſerzeit und die Periode der Regentſchaft des Her⸗ zogs von Orleans nicht haarſträubender kannte!“ rief 156 der Oberſtlieutnant entrüſtet.„Iſt denn die Perſon ſo ſchön, daß ſie einen ſolchen Einfluß über den jungen Magnus gewonnen hat?“ „J bewahre“, entgegnete Werner,„nichts weniger als das; ſie iſt eine große ſtattliche Perſon von mar⸗ kirten, kaum regelmäßigen Zügen, aber harmoniſchen Formen, der ich aber mindeſtens zweiunddreißig Jahre gebe, und die, wie ihre Kammerfrau von ihr rühmt, ſchon mehrere reiche Ruſſen und Engländer ruinirt hat. Dabei ſcheint ſie nicht einmal gebildet zu ſein, und der Einfluß, den ſie auf den um ein halbdutzend Jahre jüngern Magnus ausübt, iſt mir daher um ſo unbe⸗ greiflicher.— Allein das iſt noch nicht alles! Die Kam⸗ merfrau, die ich ſogar für die leibliche ältere Schweſter der Freundin zu halten geneigt bin und die mit einem ſeltſamen Gemiſch von Prahlerei und Neid von der Fortune der ſogenannten Frau von Magnus ſpricht, erzählte mir, obſchon in geringſchätziger Weiſe, daß ſie jüngſt mit ihrer Herrin hier geweſen ſei und im Hotel de Pologne hier in unſerer Stadt logirt habe. Ihre Herrin, über die lange Abweſenheit des jungen Mag⸗ nus unruhig geworden, mochte den Argwohn hegen, daß derſelbe hier wieder Heirathsprojecte verfolge, war ihm wiederum nachgereiſt und hatte ihn eines Morgens durch ein Billet überraſcht, welches ihm ihre 157 Ankunft anzeigte. Sie erinnern ſich, meine Freunde, daß damals das Gerücht ging, der junge Magnus be⸗ werbe ſich um die Hand von Fräulein Iſaakſohn und habe von Seiten des Fräuleins die günſtigſten Chancen für ſich; Sie werden aber nun auch den Grund ſeiner jähen Abreiſe begreifen, welcher allgemein unbegreiflich war und nur dringenden Geſchäften zugeſchrieben ward. — In Interlaken trennten wir uns von der Kammer⸗ frau, um ihr und ihrer Herrſchaft erſt am Comerſee wieder zu begegnen, wo auf der Villa Carlotta ein Schwarm junger Männer von Stande ſich um die ſo⸗ genannte Frau von Magnus drängte, und ich in unſerm Gaſthofe in Bellaggio dieſe Herren noch nach Mitter⸗ nacht bei einem Hazardſpiele um den Herrn und die Frau von Magnus verſammelt ſah.“ „Ein feines Brüderchen, das!“ ſagte der Oberſt⸗ lieutnant und drückte Otte mitleidig die Hand, denn er ſah, wie dieſem die Wange vor Entrüſtung und Scham erglühte.„Und denken zu müſſen, daß man ſich hier in unſeligſter Verblendung ſogar in den erſten Cirkeln um einen ſolchen Menſchen riß, und daß ſelbſt der Oberpräſident und der commandirende General um ſeinetwillen ihre excluſiven Prätenſionen ſoweit herab⸗ ſtimmten um ſeine Schweſter, Madame mit ihm einzuladen!“ „Du lieber Himmel, gönnen wir dem Oberpräſi⸗ denten und dem General die Demüthigung, welche ihnen über kurz oder lang aus dieſer Wahl ihres Umgangs entſtehen muß, wenn ſich das Schickſal dieſer Empor⸗ kömmlinge erfüllt haben wird!“ ſagte Werner mit einer Art Schadenfreude.„Ich von meinem demokratiſchen Standpuncte aus kann jenen vornehmen Hohlköpfen, die auf uns arbeitſame und rechtliche Menſchenkinder nur wie auf eine Horde Selaven herunterſehen, eine ſolche Warnung nur gönnen. Im Uebrigen aber fand ich Herrn und Frau Auheim dem jungen Magnus ganz ebenbürtig und gleichkommend. In Baden⸗Baden, wo wir im Victvria⸗Hotel abſtiegen, weil beinahe in keinem andern Gaſthofe mehr Platz zu finden war, trafen wir Madame Auheim oder Frau von Auheim, wie ſie dort hieß, in Geſellſchaft eines jungen pariſer Pianiſten und in einer Intimität mit ihm, welche be⸗ reits das Gerede der Tiſchgeſellſchaft geworden war, jedoch keinen Affront zu erregen ſchien, da ſolche Ver⸗ bindungen dort ganz an der Tagesordnung ſein müſſen. Wenigſtens hat man mir verſichert, daß dort unter der ſogenannten vornehmen Welt eine höchſt ungenirte Kreuzung der Nationalitäten herrſche“, ſetzte er bitter hinzu.„In Homburg aber begegnete uns zwei Tage ſpäter Herr Auheim ſelbſt am Arme der hübſchen kleinen —— 159 Uccello, die vor anderthalb Jahren am hieſigen Theater als Solotänzerin engagirt war und ſchon damals unter ſeiner beſondern Protection geſtanden haben ſoll. Beide hatten jedoch nicht Frechheit genug, ſich eines gewiſſen Erröthens zu erwehren, als wir ſie mehrfach Arm in Arm mit einander antrafen. Es iſt alſo, wie Sie ſehen, meine Freunde, eine wirklich beneidenswerthe Art von geiſtiger Erfriſchung und leiblicher Geſundheit, welche ein Theil unſerer eleganten und vornehmen Welt auf dieſe Weiſe auf Reiſen und in den großen Luxus⸗ bädern ſucht!— Ich brauche Ihnen auch wohl kaum zu verſichern, daß ich nach dieſen Erfahrungen mit einer wirklichen Eile den Staub Homburgs von meinen Füßen ſchüttelte und wieder hierher zurückeilte zu meinem Be⸗ rufe und unſeren geſunden, einfachen bürgerlichen Ver⸗ hältniſſen.“ „Fürwahr, gegenüber dieſen Folgen des Reich⸗ thums und dieſen Zuſtänden der ſogenannten vorneh⸗ men Welt lobe ich mir ebenfalls meine bürgerliche Ein⸗ fachheit und goldene Mittelmäßigkeit!“ ſagte Herr Richartz;„aber ſagen Sie, lieber Werner, wohin wird dieß führen?“ „Wohin anders als zum Ruin?“ verſetzte dieſer ſehr ernſt.„Hat jemals etwas dauernden Beſtand ge⸗ habt, was gegen Sittlichkeit und Vernunft ſtritt? Iſt 160 ein ſolches Leben auch nur einigermaßen zu entſchul⸗ digen mit dem Drang nach Zuneigung, Liebe, An⸗ ſchmiegen, herzlichem gegenſeitigen Bedürfniß zweier Seelen, wie es in unſerer menſchlichen Natur begrün⸗ det iſt? Gibt in dieſem ſchnöden Sinnenleben, dieſer geſpreizten Hohlheit, dieſem Haſchen nach Oſtentation ſich nicht der ganze feſſelloſe Materialismus unſerer Zeit kund?“ „Aber wie lange kann das noch dauern?“ rief der Oberſtlieutnant. „Für den Einzelnen niemals lange“, entgegnete Werner;„weil aber immer ein Narr zehn andere zur Nacheiferung anfeuert und das Beiſpiel dazu von oben herab gegeben wird, ſo fürcht' ich, es wird ſich dieſes Treiben nicht mehr ausrotten laſſen, wenn nicht eine allgemeine ſociale Umwälzung erfolgt.— Aber mich dauert nur unſer wackerer Freund Otte hier, der die ſchönſten Jahre ſeines Lebens und den beſten Eifer ſeiner Mannesjahre dem Dienſte ſolcher Menſchen opfert!“ ſetzte er hinzu und drückte Otte die Hand. „Seien Sie meinethalben unbeſorgt, beſter Herr Werner!“ ſagte Heinrich wehmüthig lächelnd, aber mit einem tiefen Seufzer.„Dieſe Beiſpiele ſollen mich nicht anſtecken, noch in meinen Grundſätzen irre machen. Man lernt ja poſitiv und negativ. Ich hin nun einmal 161 gebunden, und will meine Zeit ausharren, ſo lange man mir nicht direct zu nahe tritt, oder ſich mir kein günſtigerer Wirkungskreis bietet. Ich habe nicht das Talent mich vorzudrängen und geltend zu machen; ich weiß das Weltglück nicht aufzufinden, ſondern muß warten, bis es mich aufſucht. Aber ich habe etwas, das alle anderen Schätze aufwiegt: Berufstreue und ein ruhiges Gewiſſen. Alles andere iſt doch nur Tand.“ Das Geſpräch nahm bald eine andere Wendung, indem Herr Werner ſeinen Freunden von der Reiſe und ihren Genüſſen erzählte, und Mitternacht war ſchon vorüber, als man ſich trennte. Otte ging allein nach Hauſe, Werner wollte den Oberſtlieutnant, deſſen Woh⸗ nung in entgegengeſetzter Richtung lag, durch den Garten hinauslaſſen, von deſſen Rückſeite aus er direct auf die Esplanade gelangte. „Sagen Sie, lieber Werner“, hub Herr Richartz an, als ſie mit einander durch den ſtillen, dunklen Garten gingen,—„können wir denn gar nichts für den wackern Jungen thun? Sollte es nicht irgend ein Mittel geben, ihn von dem Schwindelvolk loszu⸗ reißen?“ „Die Zeit dazu iſt noch nicht da, Freund“, ver⸗ ſetzte Werner;„Otte iſt ein redliches dankbares Ge⸗ müth, das feſt an Auheim hängt, weil derſelbe ihn Mylius, Ein Meteor der Börſe. II. 162 aus der Noth gezogen und ſeine Dienſte ſeither bereit⸗ willig anerkannt und gelohnt hat. Otte baut daher Berge auf ihn, ſo lange Auheim ihn nicht über ſich enttäuſcht, und dieß wird ſicher nicht ausbleiben, oder Auheim müßte ſein Naturell verleugnen. Ich ſah es Otte heute Abend an, wie tief es ihm in die Seele ſchnitt, was ich ihm von ſeinen Principalen erzählte, allein ich mußte es ihm ſagen, um ihm die Augen zu öffnen.“ „Aber ich fürchte, es iſt doch ohne Wirkung ge⸗ blieben“, ſagte Herr Richartz. „Ich habe keine augenblickliche Wirkung davon erwartet, lieber Freund, aber der wackere Junge iſt nun wenigſtens gewarnt vor der ſchrankenloſen Selbſt⸗ ſucht ſeiner Principale; er wird ſich nicht mißbrauchen laſſen. Vorerſt bleibt Otte noch aus FPflichtgefühl bei Auheim, gerade weil er einſieht, daß dieſem Gefahr droht. Ueber ſeinem edlen Enthuſiasmus und ſeiner aufopfernden Dienſtfertigkeit gegen Andere überſieht er ſeine eigenen Intereſſen, aber das Schickſal wird ihm ſchon noch die Augen öffnen. Dazu iſt er, ſchätz' ich, gerade jetzt in einem eigenthümlichen Gemüthszuſtande, nämlich verliebt wenn ich mich nicht irre.“ „In wem denn? In Ihre Johanna?“ „O nein, leider in keine von meinen Töchtern“, 163 entgegnete Werner mit einem wehmüthigen Kopfſchüt⸗ teln.„Gott weiß es, mit welch' offenen Armen ich ihn als Schwiegerſohn aufnähme, aber ich kann ihm doch meine Mädel nicht aufdrängen und will auch keine Vernunftheirath.— Nein, ich vermuthe, daß er in eine der drei Schweſtern Valentin verliebt iſt, bei denen er wohnt, mit denen er täglich umgeht, und daß nur der Gedanke, dem Mädchen ſeiner Wahl noch keine geſicherte Stellung bieten zu können, ihn von dem entſcheidenden Schritt zurückhält, welcher ſein Lebensglück ausmachen würde.“ „Armer Junge! So gewandt und erfahren im Dienſte Anderer, und in eigenen Angelegenheiten ſo unbeholfen und blöde!“ ſagte Richartz. „Das iſt das eigenthümliche Cachet mancher nob⸗ leren Naturen“, meinte Werner.„Stellt man ſie nicht auf den Platz, der Ihnen gebührt, ſo gehen ſie beinahe der Welt verloren. Darum iſt es mir ein Herzensan⸗ liegen, für ihn zu ſorgen, daß er dereinſt noch auf eine ſeinen Fähigkeiten entſprechende Stelle gelange.“ „Das muß ich freilich Ihnen allein überlaſſen, beſter Werner; allein wenn es ſonſt eine Gelegenheit gibt, etwas für ihn zu thun, dann hoffe ich, daß Sie mich bei einem ſolchen Werke betheiligen, denn ich bin dem Jungen ebenfalls herzlich gewogen. Einverſtanden?“ 164 „Topp! Ganz gewiß“, erwiderte Werner;„und nun gute Nacht, Freund!“ Damit ſchüttelten ſie ſich die Hände und trennten ſich unter dem Gartenpförtchen.— Die Mittheilungen Werners über ſeine Principale hatten Otte in der That tiefer berührt, als er es ahnen ließ, und den Kampfi in ſeiner Seele zwiſchen Dankbarkeit und Pflichtgefühl einerſeits, und Mißtrauen und ſittlicher Mißbilligung anderſeits, der ſchon längſt insgeheim in ſeiner Seele gährte, mächtig genährt. Er war überzeugt, daß ihm Werner nicht zu viel berichtet, er ſah aus den Bezügen Auheims auf ſeine Caſſe, daß derſelbe, ohne zu rechnen, in den Tag hinein lebte; er ſah Verwickelungen und Verlegenheiten voraus, ſobald der geringſte äußere Anſtoß den Geldmarkt erſchütterte. Alles das wirkte drückend und verſtimmend aufden ge⸗ wiſſenhaften Menſchen. Ohnedem hatte die Firma zu viel neue Unternehmungen zu gleicher Zeit auf den Markt geworfen, als daß nicht eine dem Abſatze und Erfolge der andern geſchadet und dem Publicum die Wahl er⸗ ſchwert hätte. Er wich daher einige Tage lang gefliſſent⸗ lich dem Umgang ſeiner Bekannten aus, denn er war gewohnt, ſeine Sorge und ſeinen Kummer in ſich zu verſchließen. Nur die Freude mußte er mit Anderen theilen, und dazu ergab ſich jetzt eine Gelegenheit. Eines Abends, bei der Heimkehr in ſeine Wohnung, 165 eilte ihm Käthchen mit einem Briefe entgegen, der von Herrn von Dotter angekommen ſei. „Von Dotter? Woher wiſſen Sie denn das, Käth⸗ chen?“ fragte Otte, als ihm ein Blick auf die Hand⸗ ſchrift der Adreſſe dieſe Angabe beſtätigt hatte. „Weil des Majors Burſche ihn ſelbſt gebracht hat, der brummige Albrecht, wiſſen Sie. Der Mann hätte gar zu gerne Sie ſelbſt geſprochen, aber er mußte zum Zapfenſtreich in die Kaſerne und konnte nicht war⸗ ten; der Burſch war wie vertauſcht vor Freude, und wollte doch nicht reden!“ „Dann müſſen wunderſame Nachrichten in dem Briefe ſtehen“, meinte Otte, und ſtieg zu ſeinem ſtillen Stübchen hinan, um Herrn von Dotters Brief unge⸗ ſtört zu leſen. Er lautete: „Mein lieber, beſter Freund! Mein Herzensbruder! „Wenn irgend Jemand außer meiner theuren Mut⸗ ter ein Anrecht darauf hat, Ereigniſſe zu erfahren, welche meinem Leben eine unerwartete Wendung geben, ſo biſt Du es, dem ich ja mein Leben verdanke. So ſollſt Du denn auch nach meiner Mutter der Erſte ſein, dem ich mein Glück mittheile. Ich bin verlobt, mein Freund, verlobt mit dem reinſten, beſten, herr⸗ lichſten Mädchen, das ich je geſehen, mit Fräulein Juliane van Houthem, der Waiſe eines wohl⸗ 166 habenden Gutsbeſitzers aus der Gegend von Lüttich. Ich war mit meinem Prinzen in Spaa im Bade, wo Juliane mit ihrer Großmutter, Frau van der Dons aus Gent, ſich aufhielt. Wir waren Tiſchnachbarn, und näherten uns gegenſeitig unbefangen. Einige ge⸗ meinſame Ausflüge brachten uns einander näher, und wir lernten uns lieben; aber erſt die Trennung ließ uns erkennen in welchem Grade. Ich hatte mir jedoch gelobt, meine Gefühle nicht an den Tag treten zu laſſen, ſeit ich wußte, daß Juliane eine reiche Erbin war. Allein die Großmutter mußte dieſes Motiv durch⸗ ſchaut haben, denn ſie nahm dem Prinzen noch vom Wagen aus das Verſprechen ab, daß er ſie auf ihrem Landſitze bei Gent beſuche, ſobald er auf ſeiner Reiſe jene Stadt berühre. Vorgeſtern langten wir hier auf dem Gute an, und ich las in Julianens feuchtem Blick, ich fühlte an dem Beben ihrer Hand in der meinigen, wie innig ich geliebt bin,— ich erkannte aus dem Be⸗ nehmen der Großmutter, daß Juliane unſer unausge ſprochenes Geheimniß dieſer anvertraut hatte. Geſtern Abend im Park, im Mondſchein, unter grünen Laub⸗ kronen— ich wüßte Dir nicht mehr zu ſagen, wie es gekommen iſt, daß ich meinem Gelübde untreu ward — tauſchten wir Schwur um Schwur und den erſten Kuß, und bei der Heimkehr in's Schloß flog Juliane an den Hals der Großmutter und geſtand ihr vollends Alles. Als die treffliche alte Dame mir Julianen zu⸗ führte und unter Thränen unſere Hände in einander legte und der Prinz Zeuge unſerer Verlobung war, geſtand er uns lachend, daß er dieß längſt geahnt und für uns beide gewünſcht habe. Er hatte Frau van der Does ſchon in Spaa meine Verhältniſſe mitgetheilt, und ſie ihm geſtanden, daß ſie von dem künftigen Gatten ihrer Enkelin kein Vermögen erwarte, ſondern nur Garantieen für das Glück Julianens,— daß ich ihre volle Achtung genieße. Heute früh habe ich meiner ſüßen Braut mitgetheilt, welch' ein Verdienſt Du Dir um mich erworben haſt, und ſie war tief gerührt und brennt vor Begierde, Dich zu ſehen und zu begrüßen. Sie beſtand darauf, daß ich Dir gleichzeitig mit meiner Mutter unſer Glück und ihre Grüße mittheilen ſolle. Demnächſt mehr! Schloß Leeuwenhage, 17. Aug. 187— Von ganzem Herzen Dein Edmund Dotter.“ „Wackerer Freund, Du haſt es verdient!“ rief Otte mit der freudigſten Rührung und Aufregung, und eilte ſogleich zu den drei Schweſtern hinunter, um ſie zu Mitwiſſerinnen dieſer frohen Botſchaft zu machen. —„Nun? Was gibt es denn?“ rief ihm Käthchen bei 168 ſeinem Eintritt entgegen,„Sie ſtrahlen ja vor Freu⸗ den trotz dem Albrecht!“ Statt aller Antwort las Otte den Brief vor, und die drei Schweſtern theilten ſein und Dotter's Glück. —„Ich bin recht froh, daß dieſer Brief kam“, ſagte Marie,„jetzt ſehen Sie doch wieder heiter aus, aber in den letzten Tagen waren Sie ein recht garſtiger Menſchenfeind, Otte, und ſpielten förmlich mit uns Men⸗ ſchenhaß und Reue. Heute Abend aber müſſen Sie ſchon bei uns bleiben und mit uns von dem Glück Ihres Freundes plaudern!“ Hierzu ließ ſich Otte nicht lange nöthigen, und binnen Kurzem waren ſie in einem angelegentlichen Geſpräche über allerlei Dinge. „Sie müſſen ſich ein Beiſpiel an Ihrem Freund Dotter nehmen und nun ebenfalls heirathen, lieber Otte“, ſagte Käthchen munter.„Ich kann mir einen ſolchen Mann, wie Sie es ſind, gar nicht ohne eine Familie denken, und die Mittel zum Unterhalt einer Frau fehlen Ihnen ja nicht.“ „Bah, Käthchen, mich will ja keine“, gab Otte lächelnd zur Antwort;„wenn ich auch wollte, ſo brächte ich es nicht fertig, eine Frau zu bekommen, denn wenn ich mein Theil dazu beitragen muß, ſo wird in aller Welt nichts daraus. Soll ich mir denn auf dieſem nicht ——— 169 mehr ungewöhnlichen Wege' eine Frau durch die Zeitung ſuchen?“ „I warum nicht gar?“ rief Käthchen;„als ob Sie keine beſſere durch ſich ſelbſt bekommen könnten! Ich weiß Frauenzimmer, welche ſich die Finger nach Ihnen lecken würden,— zehn für eine! Da iſt zum Beiſpiel Johanna Werner, noch obendrein eine gute Pi „Käthchen, Du wirſt beleidigend!“ fiel ihr Julie raſch in's Wort und eine dunkle Röthe überlief ihr ernſt gewordenes Geſicht. „Ach was, er nimmt mir nichts übel!“ ſagte Käthchen luſtig und unbeſorgt.„Otte verſteht Spaß!“ „Allerdings, liebes Käthchen“, gab Otte zur Ant⸗ wort und drückte ihr die Hand;„Sie ſind die Letzte, deren Bemerkungen irgend eine empfindliche Saite in mir verletzen könnten, denn ich weiß ja, daß Ihrem wackern trefflichen Herzen jede Abſicht der Kränkung fern liegt. Aber um des Herrn Karl Werner willen, den ich mit Stolz meinen Freund nenne und dem ich ſo ſehr zu Danke verpflichtet bin, möchte ich Fräulein Johanna's Namen nicht wieder in Verbindung mit dem meinigen genannt hören. Ich weiß, liebes Käth⸗ chen, es iſt nur Scherz von Ihnen, aber bedenken Sie, welch ein Licht es auf mich werfen würde, wenn irgend — 170 eine fremde Perſon jemals es hörte und weiter plau⸗ derte und das Gerede meinem braven wohlwollenden Freunde zu Ohren käme! Müßte er nicht Verdacht auf mich werfen, als ob ich über ſolche Dinge, die ihn ſo nahe angehen, leichtfertig geſprochen hätte?“ „Ach ja, lieber Otte, Sie haben recht; ich bin ein recht garſtiges, dummes Ding, und verſpreche Ihnen, nie wieder eine ſolche Anſpielung zu machen“, ſagte Käthchen;„denn wenn ich mir's ſo recht überlege, ſo muß es Ihnen ja ebenfalls wehe thun, mit Johanna Werner geneckt zu werden.“ „Und weshalb denn? Johanna iſt ein gebildetes, hübſches, lebhaftes Mädchen und ſcheint mir ganz ge⸗ eignet, einen Mann glücklich zu machen“, verſetzte Otte.„Jeder aber, der mich näher kennt, wird mir zutrauen, daß ich kein Vermögensjäger bin, und darum gewiß nie meine Wünſche dort hinauf erheben würde. Ueberhaupt habe ich über Heirath meine eigenen Anſichten“, fuhr er, auch zu den anderen Schweſtern gewandt fort;„ich habe mir feſt vorgenommen, nicht eher zu heirathen, als bis ich meiner Gattin eine mög⸗ lichſt ruhige, geſicherte Exiſtenz bieten kann. Ich habe eine ſolch hohe Meinung von den Rechten und Pflichten einer Gattin und Mutter, daß ich ſie der unbeſchränkten Erfüllung dieſer Pflichten erhalten ——* —* „—— 1 und ſie deßhalb mit Wohlſtand und Behagen umgeben möchte.“ Julie blickte in die Zeitung nieder und ſchien auf⸗ merkſam zu leſen. Marie aber ſagte:„Das iſt recht ſchön und uneigennützig gedacht, lieber Otte, aber ich glaube, Sie haben darin nicht ganz recht. Eine Frau, die ſo viel Muße hat, wird gar zu leicht eine Salon⸗ dame, eine Geſellſchaftspuppe, und ich zweifle, daß Sie ſich von einer ſolchen beglückt halten könnten. Ich meinestheils bin nur ein einfaches dummes Mädel, aber ich kann mir gar nichts Schöneres denken, als einen Mann zu heirathen, der mir erlaubt, auch mei⸗ nen Antheil am Erwerb des täglichen Brodes zu neh⸗ men, ohne darum die Pflichten zu vernachläſſigen, die mir als Ehefrau obliegen würden. Das wäre in mei⸗ nen Augen ein höherer Gewinn, als die ſchönſten Sa⸗ lons, die reichſten Toiletten und die gewählteſte Geſell⸗ ſchaft; das wäre mir mehr als alles Genüge und alle Behaglichkeit. Und ich bin überzeugt, unſere Julie denkt ebenſo!“ „Allerdings, liebe Marie“, gab dieſe mit leichtem Erröthen zur Antwort und ſah von dem Zeitungs⸗ blatte auf;„das wäre auch mein Stolz!“ „Und ein berechtigtes Selbſtgefühl, wie ich gern zugebe“, ſagte Otte;„aber was leſen Sie denn da ſo 172 eifrig, liebe Julie? Was ſteht denn in dem Butter⸗ blättchen ſo Intereſſantes, daß es Sie nachdenklich machen kann?“ „Ach“, erwiderte Julie und fuhr ſich mit der Hand über die etwas bewölkte Stirne;„nachdenklich bin ich eigentlich nicht, aber da iſt mir eine Anzeige aufgefallen, die mich intereſſirt hat. Das Gutmann'ſche Haus am Neumarkt iſt zum Verkaufe ausgeſetzt— ein Anweſen, was ſich ganz für unſer Geſchäft eignen würde“, fuhr ſie fort, froh die trüben Gedanken, welche die vorhergehende Unterredung in ihr angeregt hatte, in eine andre Bahn leiten zu können.„Das geräu⸗ mige Gewölbe, das große Entreſol, die günſtige Lage — das alles würde dazu beitragen, unſerm Geſchäft jene bedeutendere Ausdehnung geben zu laſſen, welche wir ſchon längſt beabſichtigt haben. Aber woher die Mittel bringen, ein ſolches Anweſen zu kaufen?“ Der Gedanke, den Julie angeregt hatte, leuchtete auch Marien ein, denn es war ja den Schweſtern längſt klar geworden, daß das gegenwärtige Local zu klein, zu ungünſtig und zu abgelegen von dem größeren Verkehr war. Das Gutmann'ſche Haus dagegen bot alle Vortheile, die einen bedeutenden Aufſchwung er⸗ warten ließen, und Julie und Marie ergingen ſich in der Ausmalung der Pläne, die ſie für ihr Geſchäft F 173 hatten, wenn es ihnen gelänge, dieſe Erwerbung zu machen. Otte war der ganzen Unterredung mit voller Theilnahme des Kaufmanns und des Freundes gefolgt, und hatte die Erwägungen und Pläne der Schweſtern einer unbefangenen Prüfung unterzogen.„Nun denn, wenn Sie ſich wirklich ſo viel Vortheile von dem Hauſe verſprechen, ſo kaufen Sie es doch, meine lieben Freun⸗ dinnen!“ ſagte er. „Kaufen? Und womit denn? Etwa mit den wenigen tauſend Thalern, die wir unſer eigen nennen?“ fragte Julie. „Nicht doch, denn dieſer bedürfen Sie zum Betriebs⸗ kapital! Kaufen Sie das Haus auf Credit mit dem feſten Vorſatz es mit Ihrer Arbeit abzuverdienen; wenn Sie erſt die ernſte Abſicht dazu haben, ſo will ich Ihnen die Mittel und Wege ſagen, wie Sie ein ſolches Beſitzthum erwerben können, ohne einen Kreuzer Capital zu beſitzen!“ „Bah, das iſt nicht möglich!“ rief Marie;„das wäre ja reiner Schwindel und würde uns in Sorgen ſtürzen!“ „Keines von beiden— ich zeige Ihnen einen Weg, der Ihnen ganz einleuchten und an ſolider und ra⸗ tioneller Grundlage nichts zu wünſchen übrig laſſen ſoll.“ 174 „Ach gehen Sie, Herr Otte! Sie ſpaßen!“ ſagte Julie;„ein Haus, das vielleicht vierzigtauſend Thaler koſten kann,— um das ſich Dutzende bewerben wer⸗ den, wenn es zur Verſteigerung kommt?“ „Einerlei! Ich mache mich anheiſchig, es Ihnen dennoch zu verſchaffen und zwar auf eine Weiſe, daß Sie es federleicht abzahlen können und keinerlei Riſico eingehen,— ja, daß ſelbſt Ihr Tod das Beſitzthum nicht aus den Händen der Ihrigen reißen kann!“ „Das heißt doch wahrlich beinahe zu viel ver⸗ ſprochen!“ rief Marie;„ich halte Alles für Scherz, Mädchen!“ wandte ſie ſich an Käthchen und Julie; „der Schalk Otte hat uns zum Beſten.“ „Wohlan denn, ſo machen wir einen Verſuch, meine Freundinnen! Sie beſichtigen morgen das Gut⸗ mann'ſche Haus und wenn Ihnen daſſelbe gefällt und Sie ſich von ſeiner Rentabilität überzeugt haben und zum Kauf entſchloſſen ſind, ſo verſchaffe ich es Ihnen übermorgen unter Bedingungen, die Sie mit Freuden eingehen werden; wo nicht, iſt der Kauf auf meine Gefahr geſchehen, und ich zahle an das Waiſenhaus noch fünfhndert Thaler Reugeld.“ „Das gälte den Verſuch“, rief Käthchen;„wir wollen ſehen, ob er Ernſt macht!“ „Das können Sie wohl thun, der Sie alle Hilfs⸗ quellen des Geldmarktes ausbeuten können“, ſagte Julie;„aber mit uns unerfahrenen Mädchen iſt es ein andres!“ 2 „Kein Aber, liebe Julie! Es glückt Ihnen ebenſo gut wie mir, wenn Sie nur wollen. Schlagen Sie ein, es gilt den Verſuch.“ =— „Wohlan, ich gehe die Bedingungen ein, aber ohne Reugeld für das Waiſenhaus!“ entgegnete Julie. „Sie ſind von jeher ein ſo aufrichtiger fürſorglicher Freund für uns geweſen, daß ich nicht glauben kann, Sie werden uns zu irgend einer Sache rathen, die zu unſerem Nachtheil ausſchlagen kann!“ „Seien Sie überzeugt, meine lieben Freundinnen, daß ich es mir angelegen ſein laſſe, Ihnen die Grundlage für Ihren künftigen Wohlſtand legen zu helfen; gönnen— Sie mir daher dieſe Freude. Ueberlegen Sie ſich alles, und geben Sie mir morgen Ihren Entſchluß kund!“ ſagte Otte.„Aber nun muß ich gehen, es wird ſpät und das ganze Haus iſt leer bis auf mich und den Caſſendiener.“ „Hu, da würde mir grauen, mit dem vielen Gelde allein in dem Hauſe zu ſchlafen!“ meinte Käthchen. „Du lieber Gott! Jede Nacht, wenn ich erwache und an Sie denke, iſt mir für Sie bange, ob nicht Spitz⸗ —— 176 buben bei Ihnen einbrechen und Sie umbringen um die Caſſe zu berauben!“ „Hm, damit hat es keine Gefahr“, meinte Otte lächelnd; das Haus ſteht ja im frequenteſten Theile der Stadt, und wir haben einige gute Hunde und ſind mit Waffen verſehen.“ „Ach was! Die Diebe und Räuber können den Hunden Gift legen und kommen auch bewaffnet“, ſagte Käthchen ängſtlich.„Der Teufel iſt ein Schelm, und man kann nicht wiſſen, was Ihnen zuſtößt. Ich wollte, der kleine Auheim wäre wieder da, und Sie ſchliefen wieder oben in Ihrem Stübchen wie vordem. Es iſt uns ganz ungemüthlich, ſeit wir Sie nicht mehr zum Hausgenoſſen haben, nicht wahr, Mädchen?“ „Ja wahrhaftig“, ſagte Marie,„die Abende ſind wirklich ſehr langweilig. Sie bleiben meiſt ganz aus, Herr Otte, und ſelbſt Hedwig kommt nicht mehr regel⸗ mäßig, weil der Alte ſie nicht mehr bis an den ſpäten Abend fortlaſſen will. Da ſind wir meiſt nur auf uns ſelbſt angewieſen.“ „Na, in einigen Wochen kommt Herr Auheim zurück, der jetzt nach Paris gegangen iſt, und dann halten wir wieder unſere geſelligen Abende“, ſagte Otte.„Aber das iſt eine unerläßliche Bedingung: Wenn Sie das 177 3 Gutmann'ſche Haus kaufen, müſſen auch einige Stüb⸗ 3 chen für mich eingeräumt werden.“ „Ei, das verſteht ſich!“ beſtätigten die drei Schwe⸗ ſtern, und Otte ging, nachdem er noch jeder freundlich 3 die Hand gedrückt. „Ich glaube, er hat uns zum Beſten mit dem Hauſe“ ſagte Käthchen, als er fort war;„und doch ſieht es ihm nicht gleich. War es Dir denn wirklich Ernſt mit der Sache, Julchen?“ „Ach nein, ich gebrauchte es anfangs nur als Ausrede, um meine Verſtimmung zu maskiren“, er⸗ „widerte Julie;„aber als Otte die Sache ernſthaft nahm, ging ich darauf ein, denn es iſt keine Frage, 3„ daß wir uns die größten Vortheile für unſer Geſchäft 5 von dem Hauſe verſprechen dürfen. Und wenn er es N 4 uns verſchaffen kann, ſo thut er es gewiß. Jedenfalls gehen wir morgen unter Mittag mit einem Bauverſtän⸗ digen zu dem alten Gutmann und ſehen uns die Sache an!“— Im Laufe des folgenden Nachmittags ſprach Otte im Laden bei Julien vor, die er gerade allein traf. „Nun?“ fragte er. Wie gefällt Ihnen das Haus? Hat es bei näherer Einſichtnahme Ihren Anforderungen 3 entſprochen?“ 18„Nach allen Richtungen“, entgegnete Julie ſicht⸗ 6 Mylius, Ein Meteor der Vörſe. II. 12 178 lich erwärmt für die Idee der Erwerbung jenes Grund⸗ ſtücks.„Wir könnten uns vorerſt mit dem kleinen Gewölbe begnügen und das größere vermiethen, und die Rente entſpricht dem Werthe, welchen der alte Gutmann verlangt. Aber nun ſagen Sie'mal, lieber Freund, wie Sie es anſtellen wollen, uns die Mittel zu verſchaffen?“ „Ach, das iſt eine leichte Sache! Sie kaufen das Haus und tragen es in Annuitäten ab“, ſagte Otte; „wiſſen Sie was Annuitäten ſind 2 „Nicht ſo recht, doch habe ich eine dunkle Ahnung davon, daß es Jahresraten ſind, zu denen der Zins hinzugeſchlagen iſt.“ „Oder erhöhte Zinſen um das Capital zu amorti⸗ ſiren, wenn Sie ſo wollen“, ſagte Otte,„die Sache bleibt ſich gleich. Sie werden bei dem Verfahren, welches ich Ihnen vorſchlage, für die eine Hälfte des Kaufſchillings fünf Procent Zinſen und eine Rate zu bezahlen haben, für die andere Hälfte aber etwa zwan⸗ zig Jahresraten von zehn Procent, die Sie zwar kün⸗ digen können, um ſie raſcher abzulöſen, die dagegen Ihnen nicht gekündigt werden können. Nun bin ich der Anſicht, daß der dermalige Gang Ihres Geſchäfts dieß unter allen Umſtänden erlaubt.“ 179 „Ich verſtehe Sie noch nicht ganz, lieber Freund“, ſagte Julie. „Na, dann ſehen Sie in dieſes Papier, in welcher ich Ihnen an einem annähernd ähnlichen Beiſpiel Alles dargelegt habe. Sind Sie damit einverſtanden, ſo geben Sie mir durch zwei Zeilen Nachricht und ich unterhandle mit Gutmann...“ „Aber das Angeld? Woher ſollen wir die ſtarke Summe aufbringen?“ fragte Julie. „Das ſei meine Sorge! Einſtweilen bereden Sie die Sache nur mit dem Ober- und Unterhauſe; der Mama aber ſagen Sie, wenn ſie je Serupel haben ſollte, ich wolle für Alles ſtehen und mich verbürgen, daß Ihnen daraus kein Schaden oder Gefahr erwachſe. Und nun Gvott befohlen, und guten Muth, damit die günſtige Gelegenheit am Schopfe erfaßt werde!— Sie ſehen, für Sie ſind keine anderen Schwierigkeiten dabei, als diejenigen des Entſchluſſes!“— Zwei Tage ſpäter trat Otte abends leuchtenden Auges in das Wohnzimmer der Familie Valentin, legte ein Papier in Juliens Hand und gratulirte ihr und ihren Schweſtern zu dem Beſitze des Gutmannſchen Hauſes. „Iſt es möglich?“ rief Julie, die Urkunde ent⸗ faltend;„Sie haben den Kauf abgeſchloſſen? Sechs⸗ 1 180 unddreißigtauſend Thaler und ein Drittel Angeld; vierundzwanzig jährliche Renten zu tauſend Thaler mit fünf Procent Zinſen! Aber da iſt ja keine Spur von Annuitäten, wie Sie ſagten?“ „Natürlich, hier in dieſer Kaufsurkunde ſteht dieß nicht, obſchon eine Andeutung davon hier zu finden iſt“, ſagte Otte lächelnd;„leſen Sie hier im Artikel fünf der Urkunde den Zuſatz: Auch ſind beide Contrahenten übereingekommen, daß Herr Arnold Gutmann den Käuferinnen gegenüber ſich verpflichtet, mit ſeinen An⸗ ſprüchen in die zweite Claſſe der Prioritäten zu treten, ſobald die Käuferinnen die Hälfte der geſammten Kauf⸗ ſumme abgetragen haben werden.— Mit dieſem Kaufsvertrage nun und einer gerichtlichen Schätzungs⸗ urkunde, welche den Werth der Liegenſchaft auf ſechs⸗ unddreißigtauſend Thaler feſtſtellt, habe ich mit der „Germania“ das Abkommen getroffen, daß dieſe Ihnen die Summe von achtzehntauſend Thalern auf zwanzig Annuitäten vorſtreckt, welche am Tage der Beſtätigung dieſes Darlehensvertrages an Arnold Gutmann bezahlt werden, und über deren Abtragung Sie dieſer Ver⸗ tragsentwurf belehrt.“ „So iſt denn alſo alles ſchon fertig und in Ord⸗ nung?“ fragte Julie mit feuchten leuchtenden Augen. „Alles bis auf die Unterſchrift der drei Fräulein 181 Valentin als Käuferinnen, welche zu dieſem Behufe auf dem Bureau der Germania“ wie auf dem Rath⸗ hauſe vor der Magiſtratscommiſſion für die Grund⸗ bücher erſcheinen müſſen“, gab Otte vergnügt zur Ant⸗ wort.„Sind Sie nun zufrieden?“ „Herr Otte!“ rief ſie und drückte ſeine raſch er⸗ griffene Hand unter Freudenthränen an ihr klopfendes Herz und ihren Mund;„Sie ſind ein Freund in des Wortes höchſter Bedeutung! Wie ſoll ich Ihnen danken?.. „Durch Ihr ferneres Wohlwollen und— wenn Sie mir wirklich gut ſind— durch einen treuen ſchweſter⸗ lichen Kuß!...“ Ehe er noch zu Ende geſprochen, war ihm Julie um den Hals gefallen, hatte ſeinen Wunſch dreifach und innig erfüllt, und barg dann ihre erglühende Wange an ſeiner Schulter.„Herr Otte, Sie ſind unſer Wohlthäter“, flüſterte ſie,„was Sie uns gethan haben, ſoll Ihnen hier und drüben nicht vergeſſen werden!— So leicht wird es gewiß noch niemand gemacht worden ſein, ſich ein Haus zu er⸗ werben!“ „So ſehr hat es auch niemand verdient, daß man etwas für ſein Glück thue, wie die drei Schwe⸗ ſtern Valentin, und Sie vor Allen, liebe Julie!“ ſagte er mit feuchtem Auge.„Ich aber bin froh, daß 182 ich Gelegenheit gefunden habe, Ihnen eine Schuld der Dankbarkeit abzutragen. Sie haben mich unterſtützt als der Hunger an meine Thür pochte, und dieß werde ich Ihnen auch niemals vergeſſen!“ Julie wollte gerade darauf antworten, und ihren Gefühlen freien Lauf laſſen, da tönte die Ladenglocke und verkündete fremden Beſuch. Otte entſchlüpfte hin⸗ ter der ſpaniſchen Wand durch die Hinterthüre in den Hausgang, während Julie, nachdem ſie ſich die Thränen abgewiſcht, in den Laden hinaustrat, den Kunden zu bedienen. Dieſe Störung bannte vielleicht ein Geſtänd⸗ niß, welches zwei Perſonen, die ſich längſt nicht mehr gleichgültig waren, auf den Lippen ſchwebte, für immer in ihren Buſen zurück.“ Neuntes Kavitel. Etwa vier Wochen ſpäter kam Auheim von Paris zurück, und ſchien ungewöhnlich ernſt, obſchon bemüht, dieſe Stimmung hinter einer gewiſſen Jovialität zu ver⸗ bergen. Aber gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit ſaß er in den erſten Tagen nach ſeiner Rückkehr von früh bis ſpät über Abend den Geſchäftsbüchern und überſah die Ge⸗ ſchäfte, die während ſeiner Abweſenheit gemacht worden waren, warf eine Menge Actien und Werthpapiere, welche er noch im Portefeuille hatte, auf den Markt, und ſtellte die Einleitung verſchiedener neuer Unter⸗ nehmungen, die er ſchon vor ſeiner Badereiſe begonnen hatte, zurück. Verſchiedene unbeſtimmte Gerüchte circulirten in der Stadt, welche der Heimkehr Auheim's vorausgeeilt waren und für den eitlen Mann empfindlich ſein mochten, aber für den Eingeweihten in der fieberhaften Thätig⸗ keit des kleinen Mannes einige Beſtätigung fanden. Mit dem pariſer Zweiggeſchäfte der Firma Auheim ſollte es ſehr bedenklich ſtehen, Frau Auheim ſollte ſich in Paris von ihrem Gatten getrennt und mit ihrem Freunde, dem Pianiſten, nach Dieppe in's Seebad ge⸗ wandt haben. Mehrere der Actienunternehmungen hatten entſchieden Fiasco gemacht, und die Firma etwas in Mißcredit gebracht. Otte war, wie es in ſolchen Dingen gewbhnlich geht, einer der Letzten geweſen, denen die ungünſtigen Gerüchte über ſeine Principale und namentlich über Auheim's eheliche Verhältniſſe zu Ohren kamen. Er war Tag und Nacht mit Sorgen überhäuft, um nur das Geſchäft in erträglichem Gange zu erhalten, und die eingegangenen Verbindlichkeiten zu decken. Als er aber eines Donnerſtags abends bei Herrn Werner und aus deſſen Munde in ſchonenſter Weiſe die Gerüchte vernahm, welche über ſeinen Principal in Umlauf waren, hielt er es doch für ſeine Pflicht, Auheim da⸗ rauf aufmerkſam zu machen, und that dieß auf eine ganz zarte und wohlmotivirte Weiſe, indem er denſelben darauf hinwies, daß in letzter Zeit mehrere der bedeutendſten Häuſer auf auswärtigen großen Handels plätzen die Verbindung mit der Firma weſentlich be⸗ ſchränkt hätten. 185 Auheim war zwar ſonſt ein gewandter Schau⸗ ſpieler, vermochte aber eine gewiſſe Bläſſe und Ver⸗ legenheit nicht zu verbergen, als ihm Otte hierüber be⸗ richtete.„Ich weiß es,“ ſagte er, jedoch mit erkünſtel⸗ ter Ruhe,„wir ſtehen auf der Schwelle einer allgemei⸗ nen Handelskriſis, und das ſind die gewöhnlichen Vor⸗ läufer davon. Das trifft andere Häuſer ebenſo gut, wie uns. Man hat mich in Paris ſchon darauf vor⸗ bereitet, daß dieſe Kriſis nicht mehr lange ausbleiben könne, weil das übermäßige Börſenſpiel einen unge⸗ ſunden, künſtlich in die Höhe geſchraubten Zuſtand des Geld⸗ markts geſchaffen hat, der ſich nicht lange mehr halten kann. Indeſſen vertraue ich der Umſicht und Gewandt⸗ heit meines Schwagers Magnus, daß er bei Zeiten ſich ebenſo aller Actien und anderer Papiere von ſchwan⸗ kendem Werthe entledigen wird, wie wir es hier thaten. Jedenfalls müſſen unſere Außenſtände bei dem pariſer Geſchäft bald gedeckt werden, da wir hier unſer Geld auch nicht entbehren können.“ „Wäre es unter Umſtänden nicht beſſer, das pa⸗ riſer Geſchäft zu liquidiren und aufzuheben, um über die Dauer der Kriſis unſere Kräfte zu concentriren?“ fragte Otte. „Hm, ich habe auch ſchon daran gedacht,“ meinte Auheim;„mein Plan ſcheiderte jedoch an der hart⸗ — 186 näckigen Weigerung meines Schwagers. Allein ich werde meinen Plan doch wohl durchſetzen und Sie nach Paris ſchicken, um die Liquidation vorzunehmen. Ich erwarte meinen Schwager ſtündlich, und dann ſoll der definitive Entſchluß gefaßt werden. Aber vorerſt na⸗ türlich reinen Mund darüber!“ Achill von Magnus kam in den nächſten Tagen auch wirklich an, hatte lange und lebhafte geheime Unter⸗ redungen mit Auheim, der zwar vor den Leuten Arm in Arm mit ſeinem Schwager erſchien, als ob ſie ein Herz und eine Seele wären, aber unter vier Augen angeblich ſehr ſtürmiſche Auftritte mit ihm hatte. Achill beſuchte ſeinen Vater in deſſen enger kleiner Jungge⸗ ſellenwohnungüber dem Comptvir in der Waſſerſtraße, und hatte ebenfalls eine lange Unterredung mit ihm, die jedoch zu keinem Reſultate führte, denn ſie entzweiten ſich auf eine Weiſe, die jede Möglichkeit von Wieder⸗ verſöhnung ausſchloß. Achill fuhr hierauf zu ſeiner Mutter nach Moritzburg hinaus und hatte auch mit dieſer eine geheime Unterredung, die aber eben ſo wenig ſeinen Wünſchen und Erwartungen entſprechen mochte, denn als Frau von Magnus mit ihrem Sohne am andern Tage hereinkam zur Stadt und mit Achill auf dem Comptvir des Productengeſchäfts erſchien, erſchrak der alte Kammerrath, der mit der Hornbrille auf der 187 Naſe ſveben Wollproben muſterte, bis in die Seele, und 2 bat ſeine Frau, einſtweilen hinaufzugehen und ihn zu erwarten. Dann erledigte er ſein Geſchäft mit der größten Selbſtbeherrſchung und ohne ſichtliche Eile, ſchloß dann ſein Pult und ſchickte ſich an, zu ſeinen 4 Privatzimmern hinaufzugehen. „Bruder, was iſt Dir?“ raunte ihm ſein Compag⸗ non zu.„Sei feſt, laß Dir nicht beſtürmen!“ „Sei ruhig, Jonas⸗Leben, ich werde ſein ein Mann,“ ſagte der Kammerrath;„ſelbſt Lenchen ſoll mich nicht weich machen, ſo wahr ich lebe! Aber zum *. erſten Mal in meinem Leben wird mir übel vor einer großen Aufregung. Haſt Du nicht ein Gläschen Schnaps, Jvnas, oder etwas Wein?“ „Hier ſind die Weinproben, Anton, nimm ein Gläschen Carlowitzer, ehe Du hinaufgehſt,“ ſagte Jonas und zog den Bruder in's Caſſenzimmer.„Gott ſei mit Dir, Anton, ſei ſtark und denk' an Dein Alter!“ „Ich thu's, Jonas, ich will ſein wie ein Stein, und ſollt' mir das Herz darob brechen!“ erwiderte der Kammerrath und ging hinaus. Dennoch wankten ſeine Kniee, als er die enge ſteile Treppe hinanſtieg, als er aber in die einfach möblirte Stube trat, die ſo ſehr mit den eleganten Zimmern auf Moritzburg contraſtirte, war ſein faltiges Geſicht wieder ruhig und ſeine Haltung ſtramm. 188 „Du haſt einen ſchweren Gang gethan, Lenche⸗ Leben, und doch einen vergeblichen,“ ſagte er zu ſeiner Frau und küßte ſie zärtlich.„Kennſt mich ſeit dreißig Jahren, Kind; weißt, daß der alte Amſchel nicht hat zweierlei Worte. Hat er einmal geſagt nein, wird er auch dabei bleiben. Hätteſt Dir und mir den Gang erſparen können, Lenche⸗Leben. Aber Du haſt ihn ja unter dem Herzen getragen, und kannſt nicht von ihm laſſen, und fürchteſt, daß er wahr mache, was er mich gedroht, daß er ſich wolle geben den Tod!— Mut⸗ terchen, ſei ohne Sorgen; er iſt zwar unſer Kind und es wird mir faſt brechen das Herz, aber ich kenne ihm, er hat nicht den Muth, ſich das Leben zu nehmen..“ „Vater!“ fuhr Achill auf.„Wenn Sie nicht auf⸗ hören wollen mich zu beſchimpfen, ſo ſpotten Sie doch wenigſtens nicht meiner Verzweiflung! Beſchimpfen Sie mich nicht vor meiner Mutter, oder ich ſpringe gleich hier aus dem Fenſter und zerſchmettere mich auf dem Pflaſter!“ „Achill, mein Kind!...“ rief die Mutter außer ſich. „Hab keine Angſt, Lenchen! Er thut es doch nicht! Er iſt zu tief geſunken dazu!“ ſagte der Kammerrath ſchmerzlich.„Dein Tod hätte mir weh gethan, Aaron, wenn Du wärſt geſtorben als ein Kind, aber ich könnte Dich doch dann noch lieb haben, wenn ich Dich beweinte. 189 Stirbſt Du heute, ſo werd' ich Dir nicht fluchen, ſon⸗ dern geduldig tragen, was mir der Herr, der Unnenn⸗ bare, auferlegt hat; ich werde die Schmach auf mich nehmen, die Du gebracht haſt über mein graues Haupt, aber ich werde ſagen: es war nicht der Sohn meines Herzens, denn er hat nicht gelebt nach meinem Herzen.“ „Aber iſt denn gar keine Rettung mehr möglich, Aaron⸗Leben?“ fragte die Mutter. Der Kammerrath zuckte die Achſeln.„Keine Ret⸗ tung in der Weiſe, wie er es verlangt von mi ſagte er ruhig.„Die Rettung iſt bei Gott, der ihm muß ſchicken viel Unglück und Elend, daß er in ſich * gehe und ein Andrer werde. Du weißt nicht was er hat gethan, Mutter, ſollſt es auch nicht wiſſen, damit ich ihn nicht reiße aus Deinem Herzen. Aber ich weiß alles. Ich habe ihm gerathen, er ſoll die Schande auf ſich nehmen, die er ſelber hat geſammelt auf ſein Haupt, ſoll brechen mit ſeinem müßigen üppigen Leben, ſoll fliehen nach Amerika oder Auſtralien und ſoll lernen, wie ſchwer es iſt, ſein Leben zu machen. Es ſoll ihn nicht Hunger und Durſt treffen noch Kälte, ich will ihm geben, was er braucht zu des Leibes Nothdurft; und wenn er mir hat bewieſen, daß er iſt geworden ein Mann und daß er kann arbeiten, ſoll er ein Ca⸗ pital haben, daß er ſich kann rühren und nicht ſoll 190 bleiben ein armer Schnurrer. Aber er hat mir geflucht und meine Hilfe ausgeſchlagen. Er hat verſucht mich zu zwingen, daß ich mit ſehenden Augen mein halbes Vermögen werfe in den Abgrund, aber er hat ſich ge⸗ irrt in ſeinem alten Vater.“ „Aaron, Achill, haſt Du es gehört?“ rief die Mut⸗ ter mit gerungenen Händen.„Hab ich Dir nicht geſagt, der Vater iſt gut und weiſe? Warum willſt Du annehmen, was er Dir bietet?“ „Weil er meine Lage verkennt, weil ſie gar nicht ſo rettungslos iſt, wie er ſagt, weil ich mit einer Summe von fünfzigtauſend Thalern...“ „Genug davon!“ rief der Kammerrath.„Vor drei Monaten war er hier und verlangte fünfundzwanzig⸗ tauſend, heute iſt es das Doppelte. Hot der alte Vater geſagt Aleph, ſo muß er auch ſagen Beth und Gimel und ſo fort bis zum Tau, und das Tau wird ſein das Bettelhaus für die alten Eltern. Aber ich bin feſt, ich hab's mir gelobt vor dem Herrn. Der Junge in ſeinem Hochmuth und ſeiner Verblendung weiß nicht, wie er ſteht, aber ich weiß es, daß er ſteht auf mehr als gläſernen Füßen. Und nun kein Wort mehr, Mutterchen, denn ich hab' geſchworen zu ſein wie ein Stein, bis er iſt geworden weich wie Wachs und ein gebeſſerter Menſch. Wann er kommt wie der ver⸗ 19⁴ lorene Sohn, will ich ihm ſchlachten ein Kalb, und ſoll Freude ſein in meinem Hauſe.“ „Oh, mein Sohn, was mußt Du haben gethan, daß Dein guter Vater ſo muß denken von Dir?“ rief die Mutter und barg ihr Haupt ſchluchzend in die 6 des Sopha's.— Am ſpäten Abend, als Otte von einem Spazier⸗ gang um die Stadt zu ſeiner Wohnung bei Valentin zurückkehrte, ſah er einen Herrn in einem Mantel, welchen er für Achill von Magnus hielt, aus dem Häuschen des alten Maruſchke herausſtürzen und ſich nach der Promenade wenden, we er im Schatten der Bäume Otte'n bald aus dem Geſicht verſchwand. Am andern Morgen aber ſagte man, der junge Magnus ſei nach Paris zurückgekehrt.—— Wiederum waren mehrere Wochen vergangen. Die Novembernebel hingen ſchon über dem weiten Flußthale und die Vorboten des Winters ſtellten ſich in heftigen Stürmen und jähen Fröſten ein, und fegten das dürre Laub von der Promenade in die alten Stadtgräben. Die gefürchtete Kriſis war erſchienen, viele Handelshäu⸗ ſer brachen zuſammen, als ob ſie auf dürren Stecken geſtanden wären. Auch die junge Firma Weißbrod, 8 Reichhelm und Compagnie hatte fallirt; die drei Herren waren mit einander flüchtig geworden, und viele kleine 192 Gewerbsleute, Arbeiter, Wittwen und ſo weiter, welche ihnen ihre Erſparniſſe oder ihr geringes Vermögen an⸗ vertraut hatten, waren um daſſelbe betrogen. Eine † allgemeine mißtrauiſche Angſt hatte ſich der Gemüther bemächtigt und eine dumpfe Stimmung herrſchte an der Börſe, wo man täglich Bekanntmachungen neuer Ban⸗ kerotte angeſchlagen fand. Daß Auheim noch feſtſtand, erregte Erſtaunen; man hatte ſchon ſo lange ſeinen Sturz vorausgeſagt. Aber er hatte Caſſe, und bezahlte ohne Kündigung die bei ihm deponirten Gelder zurück; er zeigte eine ruhige, gefaßte Miene und erſchien möglichſt häufig im Publicum, als ob er den umlaufenden ver⸗ läumderiſchen Gerüchten trotzen wollte. In der Zurück⸗ gezogeuheit ſeines Privatzimmers dagegen war er ſehr verzagt und kleinlaut, und hatte oft ſtundenlange geheime Conferenzen mit Otte. Der Bruch mit ſeiner Frau war eine offenkundige Thatſache. Frau Leonie Auheim war 6 ſeit ihrer Rückkehr aus dem Bade auf ihrem Gute Strahlen⸗ berg und beherbergte unverhohlen den pariſer Pianiſten und eine Dame, die ſich Vicomteſſe de Brérat nannte, und ſtets an Leonie's Seite erſchien, um gleichſam den Ver⸗ dacht eines Einverſtändniſſes mit dem Künſtler von Leonien auf ſich abzulenken. Thatſache war auch, daß Frau Auheim mit ihren Eltern auf geſpanntem Fuße ſtand und nur höchſt ſelten bei ihrer Mutter in Moritz⸗ 193 burg vorſprach, während letztere dieſe Beſuche nie erwi⸗ derte. Den Kammerrath ſah man nur ſelten; er hatte ſich in ſein Productengeſchäft wie ein Maulwurf in ſeinen Bau verſteckt; er ſchien das Auge der Menſchen zu fliehen, und benützte ſogar nur die Nachtzüge zu ſei⸗ nen Fahrten nach Moritzburg und zurück nach der Stadt. Wer ihn aber ſah, der erſchrack über die Veränderung, welche mit dem Manne vorgegangen war, ſo ſehr war er in Jahresfriſt gealtert. Mitten in dieſer allgemeinen Panic trat eines Morgens Achill von Magnus ganz unvermuthet in das Auheim'ſche Comptvir und fragte nach ſeinem Schwager. DOtte war ganz verblüfft über dieſen unerwarteten Be ſuch, noch mehr aber über das Ausſehen ſeines jüngern Principals. Achill war blaß und verſtört, aber in ſeinen finſtern dunklen Augen glühte ein unheimliches Feuer. . Mit einer ungeduldigen Verwünſchung nahm er den Beſcheid Otte's, daß Herr Auheim bei einem Guts⸗ beſitzer vier Meilen von der Stadt zur Jagd ſei, hin, und fragte, ob derſelbe wohl am Abend zurückkommen werde. Otte zuckte die Achſeln, denn Auheim hatte ihm darüber nichts mitgetheilt.„Wohlan denn, ſo laſſen ⸗ Sie meiner Schweſter melden, daß ich ſie zu ſprechen wünſche,“ ſagte Herr von Magnus, und ſchickte ſich an, ſeinen Reiſepelz abzulegen. Mylius, Ein Meteor der Börſe II. 13 „Verzeihen Sie, Herr von Magnus,“ erwiderte Otte etwas verlegen,„Frau Auheim wohnt ſchon ſeit einigen Wochen auf dem Gute Strahlenberg, und hat ſo⸗ gar ihre Möbel hinausbringen laſſen.“ „Wie? Getrennt von Auheim? Alſo doch eine Tren⸗ nung von Tiſch und Bett, wie ſie gedroht hat?“ mur⸗ melte Achill betroffen.„Nun begreife ich freilich alles. Jedoch gleichviel, ich muß Leonien ſprechen. Können Sie mir ſagen, ob es möglich iſt, daß ich noch vor Abend mit der Bahn nach Strahlenberg hinaus und wieder zurückkommen kann?“ Otte blickte auf die Uhr und bejahte.„Wenn Sie ſich nicht länger als eine Stunde in Strahlenberg auf⸗ halten, Herr von Magnus, ſo können Sie um acht Uhr wieder hier ſein.“ „Eine Stunde? Nun, dieß mag genügen,“ ver⸗ ſetzte Achill kurz.„Ich bin in einer wichtigen Familien⸗ angelegenheit eigens von Paris hierher gekommen und muß ſo raſch als möglich auf meinen Poſten zurück. Meine Anweſenheit bleibt vorerſt ein Geheimniß, ver⸗ ſtehen Sie mich wohl, Herr Otte! Ich muß noch heute Nacht meinen Schwager ſprechen, berufen Sie ihn da⸗ her telegraphiſch zurück, und bringen Sie mir heute Abend zweihundert Piſtolen in Gold in's Hotel L., wo Sie mich gegen neun Uhr treffen werden. Ich ver⸗ 195 laſſe mich in der ganzen Sache auf ihre pünctliche Beſorgung!“ Damit ging er, in einer ſichtlichen Auf⸗ regung. Das Comptoirperſonal ſteckte ſchon die Köpfe zu⸗ ſammen, denn das plötzliche Erſcheinen des Herrn von Magnus war in hohem Grade auffallend. Aber Otte erklärte den Leuten, daß es mit Familienangelegenheiten zuſammenhänge, und daß der Principal incognito hier ſei, wornach ſich jeder zu richten habe Vielleicht regte aber dieſe Verſicherung bei dem Comptvirperſonal ganz dieſelben beunruhigenden Gedanken an, wie bei Otte ſelbſt. Die aus Paris eingelaufenen Briefe thaten der Reiſe des Herrn von Magnus mit keiner Silbe Er⸗ wähnung und waren wie gewöhnlich von dem Proeuriſten Ungar unterſchrieben, welcher das unbedingte Vertrauen des jungen Magnus genoß. Was für Motive konnten alſo der plötzlichen Reiſe des Principals zu Grunde liegen, wenn ſein Factotum ſie nicht einmal kannte. Wäre Otte dem jungen Magnus nachgegangen, wie er,— in ſeinen Reiſepelz gehüllt, deſſen Kragen er bis über die Ohren heraufgeſchlagen,— nach dem Bahnhofe ging, ſo hätte er denſelben zu dem alten Maruſchke eintreten und über eine Viertelſtunde bei dem⸗ ſelben verweilen ſehen können, worauf er erſt nach dem Bahnhof ging und nach Strahlenberg hinausfuhr. Er 196 hatte ein Billet erſter Claſſe genommen, und fuhr auf dieſe Weiſe ganz allein, aber in einer Aufregung und fieberiſchen Spannung, die ſchwer zu ſchildern geweſen wäre. Otte hatte den ganzen Tag über ſo viel zu ſchaffen, daß er nicht viel über den Vorfall mit Herrn von Magnus grübeln konnte. Es war halb neun Uhr vorüber, als er ſeine Caſſe ſchloß, die beiden Goldrollen zu ſich ſteckte und ſich in das Hotel L. begab, wo er nach Herrn von Magnus ſich erkundigte, der aber noch nicht eingetroffen und ſeit dem Morgen, wo er hier ein Zimmer genommen, nicht wieder geſehen worden war. Otte beſchloß alſo deſſen Heimkehr hier abzuwarten beſtellte ſich eine halbe Flaſche Rheinwein und ein Abend⸗ brod, und war kaum damit fertig, als der Erwartete eintrat, und ihm winkte, ihn auf ſein Zimmer zu be⸗ gleiten. „Haben Sie meinem Schwager telegraphirt?“ war die erſte Frage.„Haben Sie Antwort?“ „Allerdings, Herr von Magnus,“ ſagte Otte,„vor einer Stunde traf der Beſcheid ein, daß Herr Auheim mit dem Zehn⸗Uhr⸗Zug kommen wird!“ „Schön,— erwarten Sie ihn an der Bahn und ſenden Sie ihn ſogleich hierher! Ich muß ihn heute noch ſprechen, denn ich reiſe mit dem Morgenzuge wieder zurück. Haben Sie das Geld?“ 197 „Hier iſt es,— darf ich um eine Beſcheinigung bitten? Das Formular liegt bei!“ „Geben Sie her!“ Herr von Magnus unterſchrieb haſtig, ſah dann Otte forſchend an und ſagte:„Es thut mir leid, daß ich Sie habe warten laſſen, allein ich wollte meinen Papa wenigſtens begrüßen, konnte ihn aber nicht auffinden. Der alte Mann ſoll ſehr menſchenſcheu geworden ſein.“ „Befehlen Sie noch irgend etwas, Herr von Mag⸗ nus?“ fragte Otie. „Nein, ich danke Ihnen. Doch ja, ſenden Sie mir gefälligſt Thee und etwas Fleiſch durch den Kellner her⸗ auf; ich bin ganz fieberiſch von Mangel an Schlaf und den Strapazen der Reiſe:— und erwarten Sie meinen Schwager am Bahnhofe, um ihn hierher zu weiſen.“ Otte ſah, daß Achill noch verſtörter und bläſſer war als am Morgen, daß ſein Auge düſter und unheimlich glühte, und daß in ſeinem ganzen Weſen etwas ſo Aengſtliches, Banges, Unentſchloſſenes und Wankendes war, das er ſeiner Ermüdung durch die Reiſe und die gehabten Gemüthsbewegungen zu⸗ ſchrieb; er verabſchiedete ſich deßhalb von Achill und ging nach ſeiner Wohnung, wo er Julien und Käth⸗ chen im Familienzimmer in voller Arbeit traf.„Darf ich Ihnen Geſellſchaft leiſten, meine Freundinnen?“ 198 fragte er.„Ich muß nämlich gegen zehn Uhr noch einen Gang nach dem Bahnhofe machen, um Herrn Auheim zu erwarten, der mit dem Abendzug ankommt!“ „Bleiben Sie nur Freundchen, wir arbeiten insge⸗ ſammt bis nach Mitternacht,“ ſagte Julie;„da wir übernächſte Woche das neue Gewölbe in unſerm Hauſe beziehen, wollen wir noch eine recht ſchöne Sammlung von Modeartikeln für den Winter anfertigen, um die Auslage recht zu verzieren. Sie ſollen ſehen, Otte, daß ich auf der Tour nach Paris, die Sie mir angerathen haben, in jeder Hinſicht profitirte. Die Damen ſollen wallfahrten zu unſeren Schaufenſtern.“ „Das wird zu Weihnachten einen großen Umſatz geben,“ meinte Otte,„denn ich bin feſt überzeugt, daß die Reiſe nach Paris für Sie ihre Früchte tragen wird.“ „Das hat ſie ſchon, meiner Treu!“ rief Julie vergnügt.„Die neuen Paruren und Modellhüte haben buchſtäblich Senſativn gemacht, und wir ſind mit Be⸗ ſtellungen förmlich überhäuft. Das verdanken wir Ihnen, unſerem guten Geiſte, wie wir Ihnen ſo viel verdanken, denn ohne Ihren Zuſpruch hätte ich niemals den Muth gehabt, die Reiſe zu machen, obſchon ich Vor⸗ theile ſtets zu würdigen wußte.“ „Bah! Was man treibt, daß muß man auch recht treiben, liebe Julie! Von mir aus iſt kein Verdienſt da⸗ ₰ 199 bei. Aber nun erzählen Sie mir auch von Paris und ſeinen Herrlichkeiten! Ich habe noch ſo wenig von Ihren Eri nnerungen zu hören bekommen!“ „Recht ſo! Setzen Sie ſich hierher, rauchen Sie Ihre Cigarre und ich will plaudern“ ſagte Julie. Während wir ſie von ihrer Reiſe erzählen laſſen, was unſeren Leſern nicht ſehr intereſſant ſein dürfte, wollen wir dieſelben eine Stunde früher in Maruſchke's Haus führen. Es iſt acht Uhr, der kleine Laden geſchloſſen und verſperrt, die vordere Hausthüre ebenfalls geſchloſſen; da nähert ſich ein leichter Schritt dem Häuschen, der Schlüſſel klirrt in der Hausthüre, und dieſe öffnet ſich, um ein junges Mädchen einzu⸗ laſſen. Verwundert ſieht daſſelbe einen Lichtſchein durch das kleine Fenſter in den Hausgang fallen, und tritt da⸗ rum ſchnell durch die hintere Thüre neben der Haustreppe in den Verſchlag hinter dem Laden, wo der alte Maruſchke in ſeinem Lehnſtuhl ſitzt und in einem abgegriffenen alten Geſchäftsbuche blättert. „Ah, Du biſt es, Hedwig? ſagte er aufblickend. „Bringſt wohl das Abendbrod?“ „Ja, Herr Maruſchke, da iſt es!“ verſetzte Hedwig und holte unter ihrem Umſchlagtuche ein Körbchen hervor, aus dem ſie ein Dreierbrod, zwei hartgeſottene Eier, ein Stückchen Wurſt und einen kleinen Krug Dünn⸗ 200 bier nahm, und dem Greiſe auf dem Pult ſervirte. „So, Herr Maruſchke! Da wäre alles, und hier iſt noch eine Butterſchnitte, die ich mir vom Vesperbrod bei den Fräuleins abgeſpart habe. Die ſollen Sie auch eſſen; es iſt köſtliche Gebirgsbutter. Nun wohl bekomm's! — Aber warum ſind Sie denn noch hier unten in dem eiskalten Loche? Ich wähnte Sie längſt oben!“ „Es war hier noch ein bischen Feuer im Ofen, das ich nicht zu Grunde gehen laſſen wollte,“ verſetzte der Greis,„und dann hab' ich noch Geſchäfte! Ich will hier warten bis Du nach Hauſe kommſt. Wirſt ja wohl heute wieder arbeiten müſſen?“ „Ja, Herr Maruſchke bis Mitternacht, aber ich mache mir nichts daraus,“ ſagte Hedwig leichtherzig„wir plau⸗ dern bei dem Nähen und ſtochern und ſind ſeelenver⸗ gnügt. Um zehn Uhr bringt Fräulein Käthchen noch Thee mit Butterbrod, und da kann kein Schlaf auf⸗ kommen.— Aber wie kalt iſt es hier?“ fuhr ſie fort, und wandte ſich zum Ofen.„Richtig! Das Feuer ganz herunter gebrannt bis auf die letzte Kohle! Das will ich wieder anmachen und Torf zulegen.“ „Bah, mir iſt es warm genug, Kind, ich hülle mich in meinen alten Pelz und rauche meine Pfeife. Spare mir den Torf, Kind, hörſt Du? Das ver⸗ wünſchte Zeug wird ohnedem alle Tage theurer und 8 3 3 ————— — — 201 die Geſchäfte gehen ſo ſchlecht. Nun mach' aber, daß Du wieder fortkommſt und laß mich allein, ich erwarte hier Deine Rückkehr! Fort, fort!“ Das alles ſprach er mit einer wahren Haſt, während er ſein frugales Abendbrod heißhungrig verzehrte. Hedwig ſchürte noch den Docht der kleinen Lampe auf, und ging dann, nach⸗ dem ſie den Greis gebeten, doch lieber zu Bett zu gehen, als ſich zu erkälten. Sie verſprach ihm, das Haus ſorg⸗ fältig zu verriegeln, da Fräulein Käthchen ihr immer eine kleine Blendlaterne mitgebe, wenn ſie ſie am ſpäten Abend von der Arbeit entlaſſe. „Na, geh nur, Kind! Fort, fort!“ drängte der Greis, und horchte noch, ob ſie auch die Hausthüre ge⸗ nügend verſchließe. Dann ſtand er auf, ſchlürfte in ſeinen ſchweren Pelzſtiefeln in die Ecke, holte ſich da⸗ ſelbſt eine lange Pfeife, die er ſich ſtopfte und anbrannte, und ſchwelgte bald in dem einzigen Genuſſe, den er ſich vergönnte. Er mochte etwa eine Viertelſtunde in ſeinem Hauptbuche geblättert haben, als jemand draußen drei gedämpfte Schläge an die Ladenthüre that. Der Greis ſchrak zuſammen und verſteckte raſch das Buch unter dem Pult. „Aha, er kommt alſo doch!“ murmelte er vor ſich hin, ſtand dann auf, zog den Ring, der die Hausthüre öffnete, und ſchlug den Schirm der Lampe zurück, die 202 er an das ſchmale Fenſterchen nach dem Hausgang hielt. Durch dieſen trat eine dunkle Geſtalt herein, die hinlänglich mit der Oertlichkeit des Hauſes vertraut ſein mochte, denn ſie erſchien im nächſten Augenblick auf der Schwelle der Hinterthüre. „Guten Abend, Herr Maruſchke! Sie ſehen, ich halte Wort“, ſagte der Ankömmlung, und ſchlug den Kragen ſeines Reiſepelzes zurück. „Guten Abend, Herr von Magnus! Ich wußte wohl, daß Sie kommen würden!“ verſetzte der Alte kalt und lauernd.„Nehmen Sie Platz! Wie ſteht unſer Geſchäft? Hat Ihre Frau Mutter eingewilligt?“ „Ich habe ſie nicht ſprechen können, aber meine Schweſter hat mir ihr Accept gegeben.“ „Ueber die ſämmtlichen dreißigtauſend Thaler?“ fragte Maruſchke lauernd und ſeine grauen Augen ſchienen ſich in die blaſſen Züge des jungen Mannes einbohren zu wollen. „Ja, über die ganze Summe“, verſetzte Achill faſt tonlos,„es hat zwar Mühe gekoſtet, aber Leonie läßt mich nicht ſtecken, das weiß ich!“ „Und auf Einem Briefe die ganze Summe?“ fragte Maruſchke. „Ja, hier, ſehen ſie ſelbſt!“ verſetzte Magnus in⸗ dem ein kleines längliches Papier aus ſeinem eleganten 2 H —— —— 2 H 203 Taſchenbuche nahm, und es dem Alten mit einer eili⸗ gen Geberde hinreichte, welche das Zittern Fi Hand dennoch nicht verbergen konnte. Der Greis bückte ſich nach dem Lichte der Lampe, betrachtete den Wechſel durch ſeine großen Brillengläſer aufmerkſam, drehte ihn hin und her, und brummte einige unverſtändliche Worte vor ſich hin. „Wie meinen Sie?“ fragte Achill aus gepreßter Bruſt. „Ich ſage, der Wechſel kann mir in dieſer Form nicht dienen, Herr von Magnus“, ſagte der Greis mit ſeiner hohlen heiſern Stimme und fixirte den jungen Mann feſt und mißtrauiſch.„Ein einziger Wechſelbrief von ſolchem Betrag in meinen Händen würde Aufſehen erregen, zumal auf eine Frau“, fuhr er fort,„machen Sie zehn Briefe von je dreitauſend Thalern daraus, bitten Sie Ihre Frau Schweſter, ſich morgen zu mir herzubemühen und dieſe in meiner Gegenwart zu accep⸗ tiren oder wenigſtens anzuerkennen und...“ „Herr Maruſchke, das kann doch nicht Ihr Ernſt ſein?“ rief Achill ängſtlich.„Sie werden doch nicht verlangen, daß eine Dame wie meine Schweſter dieſe Sachen perſönlich mit Ihnen abmache?“ „Was iſt denn dabei Beſonderes, Herr von Mag⸗ nus? Wenn Frau von Auheim ſich für Sie verbürgt⸗ 204 ſo wird ſie doch auch dieſen Gang zu mir thun können?“ „Aber bedenken Sie doch, welche Mühe es mich nur gekoſtet hat, meine Schweſter hiezu zu beſtimmen! Sie wird ſich nie dazu verſtehen, auf Ihr Anſinnen einzu⸗ gehen!“ ſagte Achill, dem der kalte Schweiß auf die Stirne trat.„Bietet Ihnen dieſe Unterſchrift meiner Schweſter nicht genug Sicherheit?“ „Nein,“ erwiderte der Alte trocken,„meine Sicher⸗ heit beginnt erſt dann, wenn das Accept in meiner Gegenwart gegeben worden iſt, und wenn ich einen Revers von Herrn Leopold Auheim in Händen habe, daß er um dieſe Bürgſchaftsſchuld ſeiner Frau wiſſe und damit einverſtanden ſei. Ohne dieſen Revers iſt der Wechſelbrief hier nur ein leeres Stück Papier für mich.“ Achill zitterte an allen Gliedern, als er den Greis das Papier mit geringſchätziger Miene auf das Pult werfen ſah.„Iſt das Ihr Ernſt, Herr Maruſchke?“ ſtammelte er. „Mein Ernſt, Herr! Spaßt man denn, wenn es ſich um einen Werth von dreißigtauſend Thalern handelt?“ fragte der Greis in einem Tone, der wie drohend klang. „Haben Sie jemals durch ſaure Arbeit dreißigtauſend Thaler verdient, damit ſie auch wiſſen, was für eine Summe dieß iſt?“ 205 „Herr Maruſchke, ſeien Sie doch vernünftig!... „Zum Geier, Herr, das bin ich, und darum ver⸗ lange ich nur, was Rechtens iſt. In fünf Tagen ver⸗ fällt Ihr Wechſel; bis dahin haben Sie noch Zeit, mir Deckung zu verſchaffen, die mir genehm iſt; bin ich nicht gefällig genug, indem ich Ihnen erlaube, das Ar⸗ cept Ihres Vaters über fünfundzwanzigtauſend Thaler und fünftauſend Thaler Prolongationskoſten mit einem andern Accepte einzulöſen, das Ihre Mutter oder Ihre Schweſter in meiner Gegenwart abgeben? Habe ich nicht ſchon einmal prolongirt, was freilich nicht ver⸗ nünftig war? Habe ich Ihnen nicht Schonung er⸗ wieſen?“ „Um den Preis von fünftauſend Thalern!“ ſagte Achill. „Die Sie mir anboten, angeblich mit Genehmigung Ihres Vaters!“ erwiderte der Greis kalt und ironiſch. „Sie mußten am beſten wiſſen, wie viel Ihnen der Aufſchub werth war. Sie verſprachen mir hoch und theuer, am fünfzehnten December zu bezahlen. So zahlen Sie denn, und Alles iſt gut!“ „Sie verſprachen mir, die Wechſel nicht in Cours zu geben; wo ſind ſie?“ rief Achill. „In den Händen des alten Iſaakſohn, der mir Geld vorſtreckt, wenn ich ſolches zu meinen Geſchäften 206 brauche“, ſagte Maruſchke.„Glauben Sie, ich ſei reich genug, um ſolche Geſchäfte aus eigenen Mitteln zu machen? Uebrigens ſind die Wechſel in einem verſie⸗ gelten Couvert, und werden erſt am Verfalltage ge⸗ öffnet.“ Achill lehnte ſich todtenbleich in den Stuhl zurück und ſchnappte nach Luft.„Das war gegen die Abrede“, ſtammelte er,„Sie verſprachen mir, das Papier in Händen zu behalten.“ „Nein, nein! Ich verſprach nur, es nicht in Cvurs zu ſetzen und das iſt nicht geſchehen. Aber halten Sie den alten Maruſchke für ſo thöricht, junger Herr, daß er ſolche Werthe in ſeinem ärmlichen Häuschen für ſicherer hielte, als in Iſaakſohn's feuerfeſtem Gewölbe? Glauben Sie, ich fühlte das Ausbleiben einer ſolchen Summe in meinem Geſchäfte nicht?“ „Haben Sie Mißtrauen, Herr Maruſchke?.. „Mißtrauen? Nein, ſonſt hätte ich das Geſchäft nicht mit Ihnen gemacht; ich wußte, daß mir mit jenen Wechſelbriefen mein Geld ſicher iſt“, ſagte der Greis mit einem trockenen Lachen.„Ich kenne kein Vertrauen und kein Mißtrauen, ſondern nur Sicherheit; ohne dieſe mache ich kein Geſchäft. Ich habe ſchon Wechſel discontirt, von denen ich wußte, daß ſie gefälſcht waren, und ſie wurden prompter eingelöſt, als die echten..“ S 3 207 „Herr, gilt das mir?“ brauſte Achill auf und ſprang mit ſchamglühendem Geſicht und drohenden Augen vom Stuhl auf. „Hätte ich das geſagt?“ fragte Maruſchke erſchrocken und trat einen Schritt zurück.„Ich heiße ein Papier nicht eher falſch, als bis ſeine Fälſchung beſchworen iſt. Sie müſſen am beſten wiſſen, was für eine Bewandt⸗ niß es mit dieſen Papieren hat, und in fünf Tagen bin ich ebenfalls darüber klar,— nöthigenfalls ſchon morgen, wenn ich einen Gang in die Waſſerſtraße wa⸗ gen will.“ „Genug, Herr! Sie gehen zu weit!“ rief Achill. „Noch gibt Ihnen nichts ein Recht, mich zu beſchimpfen.“ Der alte Maruſchke lehnte ſich an die Wand und ſchien ebenfalls ängſtlich zu werden.„Ich weiß nicht, wie Sie mir eine harmloſe Bemerkung ſo mißdeuten können“, ſagte er einlenkend;„ich habe nur im Allge⸗ meinen geſprochen. Aber nun einmal der Sache Er⸗ wähnung geſchehen, muß ich Ihnen ſagen, daß ich.. daß mir um mein Geld bangt. Als ich im Juni Ihren Wechſel discontirte, hielt ich das Accept Ihres Vaters für echt, und das Endoſſement der Firma Auheim und von Magnus für gut. Es können Fälle vorkommen, wo ſelbſt der reiche Kammerrath Magnus keine ſolche Summe entbehren kann und zu ſeinem Credit greift. 208 Vor acht Wochen wollten Sie Prolongation, und ich willigte ein, wenn Ihr Vater damit einverſtanden ſei. Ich ſperrte mich auch nicht; ich hielt den Brief Ihres Vaters für echt wie ſeine Prolongation. Heute wollen Sie das Accept und die Prolongation Ihres Vaters zurück, der mir noch gut genug iſt für dreißigtauſend Thaler. Ich ſoll neue Wechſel nehmen, mein Vorzugs⸗ recht einbüßen. Auch gut; ich hätte das gethan, wenn Sie auf mein Verlangen eingegangen wären. Ich habe Ihnen vernünftige Bedingungen gemacht, und will ſie noch halten bis morgen, wenn Sie auf mein An⸗ ſinnen eingehen und mich dabei ein Stück Geld ver⸗ dienen laſſen wollen. Wenn morgen vor Abend Ihre Mutter oder Schweſter mir tauſend Thaler baar be⸗ zahlen und zehn Wechſel zu je tauſend Thaler auf Einen Monat in meiner Gegenwart acceptiren, ſo erfährt keine Seele, was für Geſchäfte wir mit einander gemacht haben, denn der alte Maruſchke iſt verſchwiegen.— Wenn ch ſp „Nun, was dann?“ fragte Achill mit eiſiger ver⸗ zweiflungsvoller Ruhe. „So gehe ich morgen Abend in die Waſſerſtraße, und werde dann wiſſen, woran ich bin.“ „Iſt das Ihr letztes Wort?“ fragte Achill und ſteckte ſeinen Wechſel zu ſich. 3 209 „Mein letztes, ich kann nicht anders“, ſagte Ma⸗ ruſchke ängſtlich;„es ſollte mir leid thun, wenn Sie mich dazu treiben...“ „Das wirſt Du wohl bleiben laſſen, alter Hallunke!“ ſagte Achill drohend und griff nach der Halsbinde des Alten, die er mit einem raſchen Griff umdrehte, um den ſchwachen Greis daran zu ſchütteln.„Ich habe die redliche Abſicht Dich zu bezahlen, wenn Du mir Zeit läßt, und dieß mir ſogleich eidlich verſprichſt. Wo nicht, ſo ſtirbſt Du unter meiner Hand!“ „Hilfe! Hilfe!“ röchelte der Greis athemlos, und ſein Geſicht ward blau, ſeine Augen verdrehten ſich. „Schwöre mir!“ ſagte Achill, und ſchüttelte von neuem. Da brachen dem Greiſe die Kniee ein und er ſank zuſammen. Erſchrocken richtete Achill ihn auf und ſetzte ihn in den alten Lehnſtuhl, aber der Unterkiefer des Greiſes hing ſchlaff herab, ſein Auge war gebrochen. Die Todesangſt, der Schrecken hatten einen Schlagfluß herbeigeführt, die Arme ſanken willenlos über die Arm⸗ lehnen herab— er war todt. „Barmherziger Gott, was habe ich gethan? So war es nicht gemeint!“ ſtammelte Achill und ſtand eine Weile wie vernichtet. Dann erfaßte ihn ein namen⸗ loſes Grauſen, er ſchlich halb beſinnungslos davou und taſtete ſich nach der Hausthüre, die er öffnete, und Mylius, Ein Meteor der Börſe I 14 210 dann leiſe wieder hinter ſich ſchloß. Draußen aber rannte er in unbeſchreiblichem Schreck davon.—— Otte hatte Herrn Auheim am Bahnhofe erwartet, hatte ihn noch ſpeciell zu Achill in's Hotel L. entboten und dorthin begleitet. Auheim war erſtaunt, zu erfahren, daß ſein Schwager bei Leonien in Strahlenberg ge⸗ weſen ſei und ſich habe Geld geben laſſen. Als er aber nach ſeinem Schwager im Hotel fragte, erfuhr er, daß dieſer bereits wieder abgereiſt ſei, und nur einen Brief für ihn hinterlaſſen habe, worin er ihm anzeigte, daß er einen letzten vergeblichen Verſuch gemacht, von ſeinem Vater Geld zu erhalten, und daß er daher nach Paris zurückkehre, um dort ſich nach Mitteln umzuſehen, deren die pariſer Firma bedürfe.— Wenige Minuten nach Mitternacht kam Hedwig nach Hauſe, begleitet von Sannchen, der Köchin der Fräulein Valentin.„Kommen Sie herein, Sannchen, und nehmen Sie das Körbchen noch mit, welches Sie mir heute Abend geliehen haben“, ſagte Hedwig zu dieſer; „es ſteht noch da drinnen im Verſchlage. Aber ſieh', das Ladenſtübchen iſt dunkel, der alte Herr wird wohl ſchon zu Bett gegangen ſein.“ Sie leuchtete mit Käth⸗ chen's Blendlaterne zu dem Fenſterchen empor, und ſah den Greis zuſammengeſunken im Stuhle ſitzen.„Der Arme! Er iſt eingeſchlafen!“ ſagte ſie dann mitleidig; A „es war zu viel für ihn, ſo lange zu warten! Kommen Sie, Sannchen, wir wollen ihn wecken!“ Als ſie ihm aber in's Geſicht leuchtete, prallte ſie erſchrocken zurück. „Allmächtiger, was iſt das?“ ſchrie ſie mit einem Jam⸗ mertone. „Der iſt mauſetodt, liebes Mamſellchen!“ ſagte die Köchin mitleidig, nachdem ſie die Wange berührt hatte.„Der iſt ganz ſanft eingeſchlafen, um nicht wieder zu erwachen!“ und in ihrem Grauſen ſtimmte ſie in das Jammergeſchrei der armen Hedwig ein. Der Lärm rief den Nachtwächter herbei, man pochte die Frau Jür⸗ gens aus dem Schlafe, man trommelte die Nachbarn her⸗ aus und den Bäcker nebenan; die kleine Stube füllte ſich mit Leuten, die ſich ſchüchtern und mit leiſem Schauder durcheinander drängten, als Otte und Käthchen von Sannchen gerufen, zur Stelle kamen. „Ein regelrechter Schlagfluß, Apoplexia wig ihn das Buch aufweiſt!“ ſagte der Bader von gegenüber, den man geholt hatte.„Der Mann iſt ſchon ſeit mehreren Stunden todt.“— Die Herren vom Ge⸗ richt kamen, ſchickten die Neugierigen hinweg, nahmen ein Protveoll auf und verſiegelten die ganze Wohnung und den Laden des Verſtorbenen, deſſen Leiche man einſtweilen in die Kammer der alten Marthe gebracht hatte. Käthchen hatte ſich Hedwig's angenommen, und 14* 22 beſtand darauf, daß das arme Weſen auf einem Sopha in der Valentinſſchen Wohnung ſchlafen ſolle; die Leiche ward der Obhut einiger armen Frauen aus der Nach⸗ barſchaft anvertraut. „Der Teufel hat ihn geholt!“ ſagten die Nachbarn mit einem geheimen Grauſen.„Er iſt in ſeinen Sünden dahingefahren“— An einen gewaltſamen Tod dachte niemand, denn man hatte in dem Pult noch baares Geld und einige Pretioſen gefunden, welche der Ver⸗ ſtorbene im Laufe des Tages als Pfänder angenommen hatte. Zehntes Kapitel. Am andern Tage begleitete Otte die vom tiefſten Schmerze darniedergebeugte Hedwig auf das Stadtge⸗ richt, wo dieſe über die Auffindung von Maruſchke's Leiche noch einmal vernommen werden ſollte. Sie gab ihre Ausſagen klar und mit innigſter Trauer ab, und beklagte den Tod ihres Wohlthäters, gegen den ſie auch für das Wenige, was er ihr geleiſtet, eine treue Dankbarkeit bewahrte. „Sie ſind der Vormund dieſes Mädchens, Herr Otte,“ ſagte der Gerichtsvorſtand,„und da die Ver⸗ muthung nahe liegt, daß Hedwig Schulz eine Urenke⸗ lin des Verſtorbenen iſt, wiewohl derſelbe dieß ſtets in Abrede gezogen, ſo hielt das Gericht es für paſſend, Sie zum Verwalter der Erbmaſſe zu beſtellen, wofern Sie damit einverſtanden ſind, da Sie ja ſchon ein In⸗ tereſſe an der Sache haben. Wollen Sie dieſe Stelle annehmen?“ 3 2¹4 Hedwig heftete einen ſolch' dringenden flehentlichen Blick auf Otte, daß dieſer zuſagte und nun ſogleich in Pflicht genommen ward. Hierauf mußte Hedwig ihre Jugendgeſchichte noch einmal erzählen, was ſie mit rührender Einfachheit that, und der Gerichtsvorſtand verſprach ſofort Schritte zu thun, um die erforderlichen Beweismittel für Hedwigs Verwandtſchaft mit dem alten Maruſchke herbeizuſchaffen. „Herr Director“, ſagte Otte,“ darf ich mir in dieſer Sache eine Mittheilung und einen unmaßgeblichen Vor⸗ ſchlag erlauben?“ Auf die Zuſtimmung des Gerichts⸗ vorſtandes erzählte er nun jene Begegnung Hedwig's mit der Eliſabeth Stransky.„Jene Perſon iſt ohne Zweifel in der Lage, die geeigneten Beweismittel für Hed⸗ wig's Herkunft zu geben, falls ſich hierüber in den Papie⸗ ren des Verſtorbenen nichts Genaueres auffinden läßt. Da ſie jedoch das Kind ausgeſetzt hat, wird ſie einer etwaigen Ladung vor Gericht ausweichen oder bei ihrer Vernehmung in allen ihren Angaben ſehr zurück⸗ haltend ſein. Ich möchte mir darum den Vorſchlag erlauben, reſpective die Ermächtigung erbitten, mit jener Eliſabeth Stransky einſtweilen privatim verkehren, ſie in den Zeitungen auffordern und ihr diejenigen Dveu⸗ mente, die ſie allfällig beſitzt, abkaufen zu dürfen. Er erhielt hiezu die Ermächtigung des Gerichts und ſchon 215 am andern Tage las man in den verbreitetſten Zei⸗ tungen der Provinz folgende „Aufforderung: „Wenn Frau Eliſabeth Stransky, die mit dem ſogenannten egyptiſch⸗magiſchen Zauberpalaſt auf Meſſen und Jahrmärkten umherzieht, ihre gegenwär⸗ tige Adreſſe an das Bankhaus Auheim und von Magnus in N. abgeben“ will, kann ihr eine ſehr willkommene lohnende Mittheilung gemacht werden.“ Der erſte Schnee dieſes Winters legte ſich auf das friſche Grab des alten Maruſchke, und ſogleich nach der Beerdigung, an welcher nur eine ſehr beſchränkte An⸗ zahl von Nachbarn theilnahm, begann die Entſiegelung der Wohnung und die Inventariſirung des Nachlaſſes, Man fand in dem letztern eine Menge verpfändeter Pretioſen und Werthgegenſtände, auf welche der Alte Geld geliehen hatte und eine Anzahl Werthpapiere von bedeutendem Betrag. Auch das kleine Haupt⸗ buch unter dem Pulte war wieder aufgefunden und unter dem Bette des alten Geizhalſes eine eiſerne Caſſe mit einigen tauſend Thalern baaren Geldes und einem Portefeuille voll Wechſel entdeckt worden, welche unbeſtreitbar darthaten, daß der kleine Kramladen dem Greiſe nur zur Maske für ein Wuchergeſchäft in beſter Form gedient. Noch wichtiger aber war 246 die Entdeckung von Papieren, aus welchen hervorging, daß der Verſtorbene eigentlich Johann Elias Schmidt geheißen, früher Kaufmann in einer größeren preußi⸗ ſchen Handelsſtadt geweſen, dort bankerott geworden war, und ſich erſt viele Jahre ſpäter hier unter dem Namen Maruſchke niedergelaſſen hatte, um ſich in dieſer kleinen Straße der Vorſtadt zu etabliren und dieſen un⸗ ſcheinbaren Laden zu betreiben. Der Mann mochte ur⸗ ſprünglich kein böſes Herz gehabt haben, allein das Leben hatte ihm hart mitgeſpielt; er hatte ſeine Frau wenige Jahre nach ſeinem Bankerott verloren, und dieſer Ver⸗ luſt einer treuen Seele, die ihm trotz der Warnung und des Abrathens ihrer Verwandten in die beſchränk⸗ ten Verhältniſſe eines Commis nach Berlin gefolgt war, hatte wohl den erſten tiefen Schatten in ſein Seelenleben hereingeworfen. Dazu kam dann, daß ſeine einzige Tochter, ein bildſchönes Mädchen, in welchem er nach dem Tode der Mutter allein noch ſeine Freude und ſeinen Troſt gefunden, im Jahre 18¹3 von einem höhe⸗ ren franzöſiſchen Offizier verführt und von Berlin fort⸗ gelockt worden war. Nachdem dieſer ſie ſpäter verlaſſen, hatte ſich die Arme mit ihrem Töchterchen einer wandern⸗ den Schauſpielergruppe angeſchloßen und ihr karges Brod auf dem Podium der Scheunen⸗ und Jahrmarkttheater erworben. Die Schwindſucht, jene ſanfte Erlöſerin der 3 217 Bedrängten, raffte ſie in einem kleinen Städtchen am Rhein dahin; in ihrer letzten Krankheit ſchrieb ſie noch an ihren Vater um Vergebung und empfahl ihm ihr armes Kind auf das Angelegenſte an. Dieſer Brief fand ſich noch in Maruſchke's Nachlaß mit eigenhändigen Bemer⸗ kungen des unglücklichen Vaters, aus welchen hervor⸗ ging, daß dieſer den Brief zu einer Zeit empfangen hatte, wo die Arme ſchon längſt im Grabe ruhte, denn es hatte Wochen gedauert, bis das Schreiben auf Um⸗ wegen an den Adreſſaten gelangt war. Nach jenen Aufzeichnungen Maruſchke's war es ihm zu jener Zeit nicht gelungen, das Kind ſeiner Tochter— damals ein Mädchen von acht bis neun Jahren zu ermitteln und zu ſich zu nehmen. Nachforſchungen zufolge, die er auf amt⸗ lichen und Privatwegen halten ließ, war das Kind von einem älteren Manne, der jene Schauſpielertruppe als Maler und Decorateur begleitete, aufgenommen worden und mit dieſem weiter gezogen. Wohin derſelbe ge⸗ kommen und was aus der kleinen Fannh geworden, war nicht zu erforſchen geweſen. Andere Papiere, welche bei jenem Briefe lagen und ebenfalls mit handſchrift⸗ lichen Bemerkungen des alten Maruſchke bezeichnet waren, ſchienen zu beweiſen, daß dieſer alte Mann zu ver⸗ ſchiedenen Malen von Leuten hintergangen worden war, die ihm unter den Vorgeben, Nachrichten von ſeiner 218 Enkelin geben zu können, Geld abgeſchwindelt hatten, was ihn ſpäter gegen alle derartigen Kunden ſehr miß⸗ trauiſch und ungläubig gemacht hatte. Fünfundzwan⸗ zig Jahre waren nach einer eigenhändigen Aufzeich⸗ nung des alten Maruſchke vergangen, als eines Tages eine Familie von Mann, Frau und vier Kindern ſich bei dem alten Maruſchkes einſtellte und den An⸗ ſpruch machte, als ſeine Angehörigen von ihm aufge⸗ nommen zu werden. Der Mann hieß eigentlich Jakob Schulz, nannte ſich aber Giovanni Sperato und war ein wandernder Taſchenſpieler, der mit ſeiner Frau und Kindern von Jahrmarkt zu Jahrmarkt zog und Vorſtellungen im Kopfabhauen und der„höheren und niederen Magie“ gab. Die Frau ſollte Fanny, die Enkelin des alten Maruſchke ſein, welche damals nach dem Tode ihrer Mutter von dem alten Rennemüller aufgenommen und erzogen worden, dann zum Theater gegangen war und einige Jahre an kleinen Provinzial⸗ bühnen als Fräulein Rennemüller gewirkt hatte, bis ihr Pflegevater, der im Rauſch einen Todtſchlag be⸗ gangen, in's Zuchthaus gekommen war. Dann hatte ſie aus Kummer und in Folge einer Erkältung, die Stimme verloren und die Bühne verlaſſen müſſen, um als Figurantin bei dem Etabliſſement eines umher⸗ ziehenden Taſchenſpielers und Zauberkünſtlers zu wirken — —————— 2¹9 und die Somnambüle zu ſpielen, bis der Wogenſchlag dieſes unſteten Lebens ſie mit jenem Jakob Schulz zu⸗ ſammentrieb, den ſie ſpäter heirathete. Dieſe ganze Zeit über hatte Fannh von ihrem Großvater und deſſen Vorhandenſein nichts gewußt, und ſich immer für eine Verwandte des alten Rennemüller gehalten. Allein wenige Monate vor dem Zeitpuncte, wo Schulz und ſeine Frau ſich bei dem alten Maruſchke einſtellten, waren ſie auf der Leipziger Meſſe mit dem nun wieder freigewordenen alten Rennemüller zuſammengetroffen, welcher mit den Erſparniſſen ſeiner Zuchthaushaft ein Panorama erworben hatte und ſehr gute Geſchäfte machte. Als ihn Schulz wegen ſeiner eigenen bedrängten Verhält⸗ niſſe um Unterſtützung anging, verwies ihn dieſer lachend an den alten Maruſchke, deſſen Identität mit dem Großvater Fanny's, dem alten Johann Elias Schmidt, Rennemüller inzwiſchen auf unzweifelhafte Weiſe er⸗ mittelt haben wollte. Der alte Panvramenbeſitzer hatte Schulz außerdem noch manche Einzelnheiten und Züge aus dem Leben von Fanny's Mutter und mancherlei Specialitäten anvertraut, welche er aus ihrem Munde erfawen; Züge die den alten Maruſchke durch ihre Wahrheit und als Dinge, die unmöglich erfunden wor⸗ den ſein konnten, frappirten; Thatſachen, welche außer ihm und ſeiner Tochter niemand wiſſen konnte, und 220 die ihn vielleicht von der Identität ſeiner Enkelin überzeugt hätten, wenn nicht der Geizteufel ihm die Furcht vorgeſpiegelt hätte, daß wenn er dieſen Angaben des Schulz und ſeiner Gattin Glauben ſchenke er dieſe ganze Familie von Vagabunden auf dem Hatſe haben würde. Genug, er wies Schulz ab unter der Behaup⸗ tung, derſelbe ſei von Rennemüller ſchändlich belogen worden, und er, Maruſchke, ſei weder jemals verhei⸗ rathet geweſen noch mit dem Johann Elias Schmidt, dem Großvater Fannh's identiſch. Allein etwas in dem Gewiſſen und verhärteten Gemüthe des alten Maruſchke hatte ſich dennoch bei jener Begegnung geregt und ihn zu der Bemerkung veranlaßt, die nun Otte hier wieder auffand:„Unter den vier Kindern dieſes Tagediebs war jedoch ein Mädchen, Hedwig genannt, das mich mit ſeinen ſchwarzen Augen und ſeinem lieben Geſicht⸗ chen ganz an meine arme Emilie erinnerte und derſelben in ihrer Kinderzeit überraſchend ähnlich war. Aber dieſe Aehnlichkeit kann ja auch eine rein zufällige ſein.“ Alle dieſe Papiere waren nun zu Gerichtshänden gegeben, und Otte erhielt bald vom Vorſtande des Stadtgerichts noch weitere Aufklärungen, die allerdings noch zu keinem juriſtiſchen Beweiſe hinreichten. Der verſtorbene Jacob Schulz, genannt Giovanni Sperato, — ——— —— 7—— 22¹ hatte ſich bald nach jener vergeblichen Appellation an das Mitleid des Großvaters ſeiner Frau mit dieſer trauen laſſen und ſie in ſeinem Heimathsorte, einem kleinen Städtchen im Saarlande, eingebürgert; er hatte bei dieſer Gelegenheit in die öffentliche Trauliſte die Abkunft ſeiner Frau von dem ehemaligen Kauf⸗ mann Schmidt und nunmehrigen Joſeph Maruſchke in N. eintragen laſſen und den vollgültigen Nach⸗ weis hiefür beizubringen verſprochen, worüber ſich jedoch keine weiteren Anhaltspuncte fanden. Hedwig hatte damals, als ihre Stiefmutter ſie heimlich ver⸗ laſſen, den Behörden den Heimathsort ihres Vaters genannt und die polizeilich erhobene Conſtatirung ihres Heimathsrechts hatte dieſe auf ihre Verwandſchaft mit Maruſchke aufmerkſam gemacht, dem daher auch die Verſorgung des Mädchens nach der Entlaſſu ngaus dem Rettungshauſe zugeſprochen wurde. In dem über die Vernehmung Maruſchke's aufgenommenen Protocoll hatte dieſer die Verwandtſ chaft mit der Mutter Hedwig's ſowie ſeine Identität mit dem angeblichen Großvater derſelben geleugnet, aber auf Drängen des Polizeiactuars, welcher ihm vorſtellte, daß er bei beharrlicher Verweigerung der Aufnahme Hed⸗ wig's den Gegenbeweis der gegen ihn vorgebrachten Verwandtſchaft werde antreten müſſen, ſich dazu ver⸗ 222 ſtanden, Hedwig in ſein Haus zu nehmen,„jedoch nur aus Barmherzigkeit mit der Lage des Kindes, und nicht in Anerkennung irgend welcher Verpflichtung,“ wie er ſich ſelber verwahrt hatte. Dieſe Anhaltspuncte machten die Gerichtsbehörden geneigt, an irgend eine Verwandtſchaft Hedwig's mit dem Verſtorbenen Maruſchke zu glauben, und auf die Erweisbarkeit derſelben zu hoffen. Einſtweilen aber geſchahen alle üblichen geſetzlichen Schritte, welche ein ſolcher Fall vorſchreibt: die Inventariſirung des Nach⸗ laſſes, die Aufforderung an ſeine Gläubiger und Schuld⸗ ner zur Anmeldung ihrer Anſprüche und Erfüllung ihrer Verbindlichkeiten, die Aufforderung an etwaige unbe⸗ kannte Leibeserben und dergleichen mehr. Die Behör⸗ den hatten Hedwig einſtweilen ein Koſtgeld ausſetzen wollen, aber die Schweſtern Valentin erboten ſich, Hedwig in ihr Haus aufzunehmen und in der Eigen⸗ ſchaft einer Arbeiterin zu beſchäftigen und zu beſolden, da ſie zwar wünſchten, aber ſo wenig als Hedwig glaub⸗ ten, daß ſich deren Verwandtſchaft mit dem Verſtorbe⸗ nen nachweiſen laſſe, und ſie dem armen Mädchen aus wirklicher Freundſchaft und Fürſorge auch keine illu⸗ ſoriſchen Hoffnungen erwecken wollten. Die Geſchäfte, welche mit einem derartigen Falle für den Verwalter der Erbmaſſe verbunden ſind, hat⸗ —— E 223 ten Otte einige Tage vom Auheim'ſchen Comptvir fern gehalten. Eines Morgens in aller Frühe, als er noch mit Inventariſirung der verſchiedenen Pfandobjecte aus dem Maruſchke'ſchen Nachlaß beſchäftigt war, ließ ihn Auheim plötzlich holen, weil er ihn in einer dringenden Angelegenheit ſprechen müſſe. Otte erſchrack, als er in Auheim's Privatzimmer trat, über die Bläſſe und Ver⸗ ſtörtheit ſeines Principals. Was iſt denn geſchehen, Herr Auheim?“ fragte er dieſen, der ganz niederge donnert in ſeinem Lehnſtuhle lag. „Setzen Sie ſich, Otte! Doch nein, ſehen Sie erſt nach, ob niemand in dem kleinen Cabinet und dem Vorzimmer iſt und riegeln Sie die Thüren an beiden,“ verſetzte Auheim ganz tonlos.—„Das ſind furchtbare Nachrichten! Großer Gott, wer hätte das gedacht!“ „Was giebt es denn?“ „Heute iſt der zwölfte Tag, daß mein Schwa⸗ ger Achill hier war“, ſagte Auheim.„Auf vier, fünf Briefe an ihn nach Paris habe ich keine Antwort er⸗ halten und doch galt es Sachen von der höchſten Wich⸗ tigkeit. Als ich geſtern mit der Abendpoſt wiederum keinen Brief von meinem Schwager erhielt, telegraphirte ich an Ungar, ſeinen Vertrauten, ſeine rechte Hand. Aber die ganze Nacht keine Antwort. Endlich vor einer halben Stunde kommt ein Telegramm: Der 224 Principal noch nicht von der Reiſe zurückgekehrt, für uns ganz verſchollen, Zuſtände höchſt bedenklich, brief⸗ liche Nachrichten ſchon unterwegs. Ungar“— Da leſen Sie ſelbſt!— Was ſoll das heißen!“ Otte zuckte die Achſeln.„Sie müſſen Ibren Herrn Schwager genauer kennen als ich, Herr Auheim,“ er⸗ widerte er ſehr bedenklich.„Wäre es Sommer, ſo würde ich glauben, Herr Achill von Magnus ſei mit ſeiner Freundiw in Homburg oder Wiesbaden hängen ge⸗ blieben, um ein wenig zu ſpielen. Der Umſtand, daß er neulich ſo ſehr verſtört hier ankam, daß er Geld brauchte, ſeine Aufregung, ſeine Reiſe nach Moritz⸗ burg und Strahlenberg, alles das kam mir ſchon damals verdächtig vor. Die vielen Tratten, welche das pariſer Haus in jüngſter Zeit auf uns abgab, die dürftigen und langſichtigen Rimeſſen, der ganze ſchwin⸗ delhafte Betrieb der pariſer Commandite, haben mir längſt die gegründetſten Verdachtsgründe eingegeben, — kurzum, wenn Herr von Magnus nicht Ihr Schwa⸗ ger wäre, Herr Auheim, ſo würde ich kühnlich ſagen: er hat den Zopf hinaufgeſchlagen und iſt durchgegan⸗ gen, weil er ſeine Angelegenheiten nicht zu ordnen erma „Das... das iſt Ihr Argwohn?“ ſtammelte Auheim tonlos. ——— 225 „Leider ja, Sie erinnern ſich, wie ich jeher gegen dieſe Verbindung war, wie wenig das Reſultat der⸗ ſelben Ihren Erwartungen entſprochen hat!“ Auheim ſprang auf, rannte wie raſſend im Zim⸗ mer auf und ab, und ſchlug ſich mit der Hand vor den Kopf.„Leider, leider!“ ſtammelte er.„Verwünſcht ſei der Tag, wo es mir einfiel, mich mit der Familie Magnus einzulaſſen! Sie hatten recht, Otte, es war der Anfang meines Unglücks! Sie waren mein guter Genius, aber ich hörte nicht darauf, weil mich der thörichtſte Ehrgeiz verblendete. Und welches Elend hat mir dieſe Heirath gebracht! Leonie hat mir einen Theil meines Vermögens abgelockt und tritt meine Ehre mit Füßen. Der alte Magnus hat ſich von ſeinem Sohne und mir losgeſagt, und wird nicht helfen können oder wollen, und mit meinen Collegen habe ich mich nicht zu ſtellen vermocht. O Gott, o Gott! Aber Sie hatten es mir prophezeit.“ „Wenn wir nur Gewißheit hätten, Herr Auheim! Dieſe Unſicherheit iſt entſetzlich!“ „Unerträglich! Ich habe ſchon ſeit drei Nächten keine Stunde geſchlafen, Otte; ich bin krank von Ser⸗ lenqual. Eigentlich ſollte ich unverweilt mit dem Schnellzuge nach Paris reiſen und dort Einſicht nehmen, allein ich bin in dieſem Zuſtande i zu nichts Mylius, Ein Meteor der Börſe. II. 226 tauglich.— Sie müſſen hinreiſen, Otte, müſſen alles unterſuchen!— Aber ſie können ja nicht! Sie haben die Maruſchke'ſche Sache übernommen, und ich kann Ihnen nicht zumuthen, dieſe aufzugeben, denn Ihr Ver⸗ hältniß zu der Kleinen, die muthmaßlich doch das ganze Vermögen erben wird, hält Sie dort mit den mäch⸗ tigſten Banden zurück....“ „O nein, Herr Auheim!“ fiel ihm Otte er⸗ röthend in's Wort.„Hedwig Schulz und ich ſtehen in keiner anderen Beziehung zu einander als in derjenigen des Mündels und Vormunds. Noch einen oder zwei Tage Arbeit, und ich kann die Sache der Pupillenbe⸗ hörde übergeben und abreiſen, ſobald Sie es für nöthig halten!“ „Ach, wollte Gott, Sie wären ſchon Hedwig's Gatte und hätten die Erbſchaft in Händen! Dann hätten Sie doch die Mittel, mir zu helfen, wie Sie den guten Willen haben! Ich fürchte, wir ſtehen angeſichts ſchreck⸗ licher Entdeckungen; mein Schwager iſt nichts als ein elender gewiſſenloſer Selbſtſüchtling, ein hohler Schwä⸗ tzer!— Was iſt das? Sehen Sie nach, Otte! Man pocht dort im Cabinet!“ „Herr Auheim! Herr Auheim!“ rief einer der Commis draußen im Comptvir.„Es iſt jemand vom Stadtgericht da und fragt....“ „Barmherziger Gott, auch das noch!“ jammerte Auheim und ſank vernichtet in einen Stuhl. „Fragt nach Herrn Otte! Iſt Herr Otte ſchon weg⸗ gegangen?“ „Nein, Herr Becker, ich bin noch hier,“ verſetzte Otte, die Thüre öffnend, und trat durch das Cabinet in's Comptoir hinaus,„was wünſcht man von mir?“ „Der Herr Gerichtsdirector bittet Sie um Ihren Beſuch, er wünſcht Sie augenblicklich in einer dringen⸗ den Angelegenheit zu ſprechen,“ ſagte der Gerichtsbote. „Sie werden erwartet, ſoll ich Ihnen ſagen!“ „Gut, ich werde ſogleich kommen; empfehlen Sie mich dem Herrn Director,“ verſetzte Otte und kehrte zu ſeinem Principal zurück, den er einer Ohnmacht nahe fand. „Otte, was hat das zu bedeuten?“ ſtammelte Au⸗ heim. Geben Sie Acht, das betrifft mich!“ „O nein,— ſicher nicht,“ verſetzte Otte, ſeinen Hut nehmend,„ich bin überzeugt, es betrifft nur irgend eine Angelegenheit des Maruſchke'ſchen Nachlaſſes.“ „Wollte Gott, aber ich kann meine ſchlimmen Ahnungen nicht los werden, Otte. Kommen Sie doch ja ſogleich wieder zurück, und ſagen Sie auf dem Comptvir, daß ich für niemand zu ſprechen ſei, als für Sie,— daß ich krank ſei— es iſt bei Gott keine 15* 228 Unwahrheit,“ ſetzte er hinzu, und hielt ſich die ſchmer⸗ zende Stirne. Als Otte auf das Stadtgericht kam, fand er die Pupillenbehörde verſammelt, und dieſer gegenüber ſaß bleich und verſtört der alte Kammerrath Magnus⸗ Die Finger zuckten, die Unterlippe bebte dem Kammer⸗ rath nervös, und ſeine feuchten Augen, die nur mit Mühe die Thränen zurückhielten, wandten ſich mit ſtummem Schmerze und Theilnahme verlangend dem eintretenden Otte zu. „Herr Otte, ich habe Sie rufen laſſen, weil dem Gericht heute durch den hier anweſenden Herrn Bankier Iſaakſohn in Folge der öffentlichen Aufforderung noch verſchiedene Papiere übergeben worden ſind, welche von dem verſtorbenen Herrn Maruſchke deponirt waren. Sie ſollen der Sitzung der Pupillenbehörde beiwohnen, aber zuvor ſind noch einigeſ] Competenzfragen zu erledigen. Nehmen ſie Platz und erlauben Sie mir zunächſt Ihnen eine Frage vorzulegen, die Sie mir vom Standpuncte taufmänniſcher Rechtsbegriffe aus offen und bündig beantworten wollen.“— Otte erhob ſich mit einer zuſtimmenden Verbeugung.„Wenn von zwei zu einem Compagniegeſchäft verbundenen Kaufleuten der Eine ohne Vorwiſſen des Andern eine Verpflichtuug eingeht, zum Beiſpiel einen Wechſel accep⸗ 229 tirt oder ausſtellt, und zwar für eigenen Vortheil aber unter Benützung der gemeinſamen Firma,— iſt in einem ſolchem Falle nach kaufmänniſchen Begriffen die Firma zur Anerkennung des Werthes der aufgenomme⸗ nen Summen verpflichtet?“ Otte ſah Aller Augen, beſonders aber die des alten Kammerraths, erwartungsvoll auf ſich gerichtet.„Ohne Zweifel iſt dann die Firma für den vollen Werth haft⸗ bar, ſofern nicht das Etabliſſementscircular und der Eintrag der Firma in das öffentliche Raggionenbuch gegentheilige und ausnahmsweiſe Bedingungen feſt⸗ ſtellen,“ erwiderte Otte ohne langes Beſinnen. Ganz die Anſicht des Herrn Iſaakſohn,“ ſagte der Gerichtsdirector mit einer Verbeugung gegen den Ban⸗ kier.„Ich danke Ihnen, Herr Otte; und nun noch eine Frage:„Sie ſind wohl vertragsmäßig auf längere Zeit an das Haus Auheim und von Magnus ge⸗ bunden?“ „Allerdings, noch auf nahezu fünf Jahre,“ ſagte Otte. „Wohlan, ſo müſſen Sie ſich entſcheiden, ob Sie lieber dieſe Stelle niederlegen oder auf die Verwaltung der Maruſchkeſchen Erbmaſſe verzichten wollen!“ ſagte der Director.“ „Darf ich den Grund dieſer Wahl erfahren, Herr Director?“ 230 „O ja, Sie müſſen es ſogar, weil Sie zu Proto⸗ coll zu geben haben, ob Sie dieſe Unterſchriften hier als die vechtmäßigen und echten Ihres Principals Achill von Magnus anerkennen, worüber Sie nun auf Eid und Gewiſſen befragt werden!“ „Ich muß nach meinem beſten Wiſſen und Ge⸗ wiſſen erklären,“ entgegnete Otte nach aufmerkſamer Prüfung der beiden Unterſchriften, welche ihm der Ge⸗ richtsdirector auf umgebogenen Blättchen feinen blauen Poſtpapiers vorgezeigt hatte,—„daß dieſe beiden Unter⸗ ſchriften der Handſchrift und Paraph nach diejenigen ſind, mit welchen Herr von Magnus für unſre Firma zu zeichnen pflegt.“ „Und daß Sie dieſelben für echt halten, bei Eid und Gewiſſen?“ „Daß ich beide bei Eid und Gewiſſen für echt halte,“ ſagte Otte feierlich und höchlichſt betroffen. „Kennen Sie auch die Unterſchrift des Herrn Kammerraths Anton von Magnus hinlänglich genug, um dieſelbe conſtatiren zu können, Herr Otte?“ Heinrich warf einen fragenden Blick auf den Kam⸗ merrath und ſah deſſen Augen thränenvoll und bittend auf ſich gerichtet.„Reden Sie, Herr Otte, als ob Sie ſtünden vor Gott!“ flüſterte der alte Magnus.„Sie ſollen um meinetwillen keine Sünde auf ſich laden!“ S — e 231 „Nun denn, ja, ich habe die Unterſchrift des Herrn Kammerrath ſchon ſo oft geſehen, daß ich ſie erkennen, zu können glaube,“ ſagte Otte. Der Gerichtsdirector hatte die beiden Papiere nun nach einer andern Seite hin gebogen und gefaltet und hielt ſie jetzt Otte vor mit der Frage:„Erkennen Sie gegenwärtige Unterſchriften als die echten und wirk⸗ lichen des Herrn Kammerraths Anton von Magnus, bei Ihrem Eid und Gewiſſen?“ Otte prallte nach einem aufmerkſamen Blick er⸗ ſchrocken zurück und ſchwieg.„Meine Herren,“ ſagte er dann auf die wiederholte Frage des Directors,„dieſe Frage wage ich nicht zu beantworten. Die Schriftzüge hier find zwar ähnlich, allein....“ „Würden ſie denſelben, wenn Sie Ihnen auf ir⸗ gend einem Werthpapiere vorgekommen wären, unbe⸗ dingt öffentlichen Glauben geſchenkt haben, bei Ihrem Eide?“ „Nein,“ entgegnete Otte nach einigem Beſinnen in furchtbarer Aufregung,„ich würde ihnen nicht eher Glauben geſchenkt haben, als bis Herr von Mag⸗ nus dieſelben ausdrücklich als die ſeinigen anerkannt hätte!“ Der Kammerrath ſchlug mit einem tiefen Seußzer beide Hände vor das Geſicht und ſchluchzte leiſe. 232 Sämmtliche Anweſende brachen in ein Gemurmel des Erſtaunens aus. Der Gerichtsdirector aber ſtrich die beiden Papiere glatt, behändigte ſie Otte und fragte: „Haben dieſe beiden Trätten nach Ihrem Dafürhalten irgend einen formellen Mangel, der ſie ungültig machte, Herr Otte?“ Dieſem trat ein kalter Schweiß auf die Stirne, als er in dem einen Papier eine Tratte über fünfund⸗ zwanzigtauſend in dem andern eine ſolche über fünftau⸗ ſend Thaler erkannte, beide gezogen von Achill von Mag⸗ nus, Namen der Firma Auheim und von Magnus in Paris, im auf Herrn Kammerrath Anton von Magnus, an die Ordre von Joſeph Maruſchke, acceptirt und prolon⸗ girt von Anton von Magnus.„Ich wüßte keinen Form⸗ fehler an beiden Papieren zu entdecken, Herr Director,“ verſetzte Otte nach einer Weile mit gepreßter Stimme und gab die Tratten mit bebender Hand zurück. „Unter dieſen Umſtänden, Herr Kammerrath, wer⸗ den Sie ſich nun doch bequemen müſſen, mir einige weitere Fragen zu beantworten,“ wandte ſich der Di⸗ rector an dieſen, der jedoch mühſam vom Stuhle auf⸗ ſtand und mit einer bedeutſamen Geberde zur Ant⸗ wort gab: „Sie werden mir erlaſſen alle Fragen, Herr Di⸗ rector! Sie werden einem greiſen Vater erſparen ein fürchterliches Wort, wenn ich Sie ſage, daß ich werde bezahlen die dreißigtauſend Thaler noch vor Abend, obſchon die Tratten ſind verfallen vor acht Tagen, wenn Sie mir verſprechen, daß die Tratten nicht ſollen proteſtirt werden noch kommen in andrer Hand, ehe es Abend iſt. Ich werde mir verpflichten mit meinem Worte, noch zu bezahlen vor Abend ſechs „Uebertragen Sie die Beſorgung des Incaſſo mir, Herr Director!“ bat Herr Iſaakſohn, auf deſſen Zügen dieſelbe Rührung zu leſen war, wie auf denen der übrigen Anweſenden.„Ich werde Ihnen ein Bon dafür auf die Bank geben.“ „Unter dieſen Umſtänden können Sie Ihre Stelle als Verwalter der Maruſchkeſchen Erbmaſſe unbe⸗ dingt fortführen, Herr Otte“, ſagte der Director. „Nicht doch, meine Herren! Jetzt bitte ich ſelbſt um Enthebung von dieſer Function, und ſchlage zu meinem Erſatzmann den Juſtizrath Gladiſch vor“, ver⸗ ſetzte Otte;„es könnten Umſtände eintreten, die mich in der nächſten Zeit zu einer größern Reiſe veran⸗ laßten. Ich bitte mich noch heute zu entbinden. Habe ich ein Protocoll zu unterſchreiben?“ „Nein, es bedarf keines ſolchen, aus Rückſichten, welche zu ich mir in meiner Eigenſchaft als Richter 234 nehmen zu dürfen glaube“, ſagte der Director;„die Wechſel werden ja bezahlt, und das iſt die Haupt⸗ ſache. Sie, Herr Otte und Herr Kammerath von Magnus, ſind entlaſſen.“ Heinrich erhob ſich mit einer Verbeugung und ging hinaus; er war ſo erſchüttert, daß er kaum zu glauben vermochte, es ſei alles wahr und wirklich, was er in dieſer Viertelſtunde erlebt habe. Drunten in der Hausflur blieb er tief aufathmend ſtehen und wartete auf den Kammerrath, der wankend und mühſam die Treppe herunterkam, ein Bild der tiefſten innerlichen Erſchütterung.„Verzeihen Sie mir, Herr von Mag⸗ nus, wenn ich Ihnen vielleicht wehe gethan habe“, redete er den Greis an,„aber die Wahrheit iſt auch ohne Eid eine allzu ernſte Sache....“ „Schon gut, lieber Herr! Ich danke Sie vor die Freundlichkeit; ich habe Ihnen verſtanden!“ flüſterte Herr von Magnus leiſe und die Thränen brachen ihm nun mit Macht aus den dunklen Augen.„Gott mei⸗ ner Väter, daß ich muß gelebt haben zu erleben dieſen Tag und dieſe Schande an meinem eigenen Kinde, das ich wollte weich betten in der Welt, weil mir das Schickſal in meiner Jugend hat geworfen auf die rauhen Steine und die Dornen... „Grämen Sie ſich darüber nicht allzu ſehr, lieber —— 235 Herr von Magnus!“ ſagte Otte.„Der Verluſt iſt hart, aber der Vorwurf der Schuld an dieſem Vergehen trifft ja nicht Sie! Jedermann weiß, daß Sie Ihr Leben lang ein redlicher wackerer Mann geweſen ſind. Iſt es nicht ſchon hundertmal dageweſen, daß die Söhne der beſten Väter aus der Art ſchlugen?“ „Ja, hätt' er getrieben was der Welt Buch auf⸗ weiſt, hätt' er meinethalben Einen todtgeſtochen in's Duell, ich wollte ihm entſchuldigen. Aber ein Betrü⸗ ger, ein Fälſcher, ein Dieb? O das iſt entſetzlich!— Alter Aaron, warum haſt Du geſehen dieſen Tag! Arme, arme Mutter, die dieſes Kind unter dem Herzen getragen und es nun nicht mehr reißen kann aus dem Herzen!— Ach, beſter Otte, laſſen Sie mich hier nie⸗ derſitzen auf dieſer Bank und holen Sie mir gütigſt 'ne Droſchke! Meine Beine tragen mir nicht mehr; ich werd' es kaum überleben““ Und der Greis brach in ein leiſes Weinen aus. Als Otte mit einer Droſchke zurückkam, ſah er Herrn Iſaakſohn bei dem gebeugten Vater ſtehen und deſſen Hand drücken, und hörte den alten Magnus ſagen:„Ja, ich danke Ihnen von Herzen, Herr Iſaak⸗ ſohn; es thut wohl, in einem ſolchen Augenblicke Freunde zu finden. Ich war freilich gerüſtet darauf, denn ich hab' längſt gefürchtet ein ſolches Ende; ich hab mich parat gehalten mit Caſſe; aber wer hätte an ſolch' eine Summe gedacht? Nu, ich werde kommen und mit Dank annehmen, was Sie helfen wollen und können!“ „Ich werde Ihnen Zeit laſſen nach Wunſch und Kräften zu ſaldiren, wenn Sie mir eine Hypothek auf Ihre Güter geben wollen“, erwiderte Iſaakſohn;„Sie ſollen ſich nicht geniren. Der Himmel tröſte Sie, armer Vater! Was uns in unſeren Kindern trifft, das iſt der härteſte Schlag für unſere alten Häupter.“ Er ging und Otte begleitete den alten Magnus zur Droſchke, hob ihn hinein und drückte ihm mit ſtummer Theilnahme die Hand.„Ich danke Ihnen, lieber Herr! Ihre Theilnahme thut mir wohl, und Gott lohne ſie Ihnen“, ſagte der Greis,„ und wer weiß, wie viel Theilnahme ich noch werde bedürfen in der nächſten Zeit? Wie wird es noch enden mit mei⸗ nem Eidam? Wird er mir nicht eben dieſelbe Heim⸗ ſuchung bereiten?“ „Nein, gewiß nicht, Herr Magnus! So weit iſt es nicht mit Auheim“, entgegnete Otte. „Gott gebe es!“ ſagte der Alte;„Nun, wie es auch ausfalle, die Würgbirne muß hinunter. Aber ſagen Sie Auheim treulich, was Sie gehört und geſehen! 287 Sagen Sie ihm, daß er keine Hilfe hat zu erwarten von mich,— ſagen Sie ihm, daß Sie haben geſehen einen gebrochenen geſchlagenen Mann, und beſuchen Sie zuweilen den alten verlaſſenen Magnus!“— „Nun, was war es?“ fragte Auheim in fieber⸗ hafter Aufregung den zurückgekehrten Otte. „Fügen Sie ſich muthig in das Unvermeidliche, Herr Auheim, denn ein Unglück kommt ſelten allein!“ entgegnete Otte, ihn allmälig vorbereitend, ehe er ihm das Vergehen Achill's ſchilderte. Zu ſeiner Verwun⸗ derung nahm Auheim dieſe Mittheilung gefaßter auf als Otte erwartet hatte. „Alſo das war des Pudels Kern?“ ſagte er ton⸗ los.„Das erklärt Alles, auch Achill's Flucht— er iſt nämlich durchgegangen, wie Sie richtig vermuthet ha⸗ ben, Otte! Dort liegt der Brief von Ungar, der den Kopf verloren hat und um Inſtruction und Caſſe bittet. Die Mittagspoſt hat den Brief gebracht. Caſſe? Als ob wir einen Pfennig entbehren könnten! Was wird das für einen Sturm geben, wenn die Sache bekannt wird! Der Elende, der nichtswürdige Bube! O, hätt ich doch den Hals gebrochen, ehe dieſer Mag⸗ nus den Fuß über meine Schwelle ſetzte oder ich mich der ſeinigen näherte! Otte, Sie müſſen fort nach Paris, müſſen morgen früh oder noch heute fort! Ich 238 kann Ihnen nicht helfen. Sie müſſen alles genau un⸗ terſuchen und mir gewiſſenhaft berichten. Ich vertraue mein Schickſal Ihrer Erfahrung und Ihrem Eifer an. Sie müſſen dem Ungar die ganze Leitung abnehmen und eine Liquidativn zu Stande bringen. Der alte Magnus miß helfen.“ „Nicht doch, er kann und wird nicht helfen, Herr Auheim“, ſagte Otte;„laſſen Sie doch den alten Mann aus dem Spiele. War denn der heutige Schlag nicht ſchon hart genug für ihn? Nehmen Sie Geld auf Ihr Gut Strahlenberg auf!“ Auheim lachte bitter.„Glauben Sie denn, meine ſaubere Frau, die kalte liſtige Schlange, werde auch nur für hundert Thaler Hhpotheken unterſchreiben?“ rief er.„Ich war ja ſo thöricht, ihre Morgengabe auf das Gut radiciren zu laſſen. Sie haben den Triumph, Otte, daß Sie mich die Dummheit büßen ſehen, vor der Sie mich warnten.“ „Es wäre ein trauriges Zeugniß für meinen Cha⸗ rakter, wenn dieſe Folge Ihrer Verliebtheit und Ihres falſchen Ehrgeizes mir einen Triumph bereitete, Herr Auheim. Uebrigens ſteh' ich zu Dienſten, und kann ſchon heute Abend abreiſen, denn ich habe meine Stel⸗ lung als Verwalter der Maruſchke'ſchen Erbmaſſe ge⸗ kündigt, weil ich die Stürme vorausſah, welche nun 239. „ auf Sie losbrechen werden und die meine in Anſpruch nehmen werden. Ich gehe ſtehenden Fu⸗ ßes zu Gladiſch, den ich zu meinem Erſatzmann vorge⸗ ſchlagen habe und übergebe ihm meine Papiere und Inventarien.“ „Schön, aber gehen Sie zuvor hinaus auf's Comp⸗ toir!“ ſagte Auheim.„Es ſoll ein Frauenzimmer da ſein, das ſich wegen jener Annonce gemeldet hat— eine Eliſabeth Stranskh oder wie ſie heißt!“ Otte eilte hinaus und war bald mit der Beſitze⸗ rin des äghptiſch⸗magiſchen Zauberpalaſtes in angele⸗ gentlichſter Unterhandlung. Es war ein großes derb⸗ knochiges Weib mit gemeinen ſchlauen Zügen, in einem merkwürdig bunten und ſchäbig⸗vornehmen Anzug, die Finger voll Ringe, behangen mit goldenen Ketten und ſonſtigem Schmuck. Sie begrüßte Otten mit einem ſüßen vertraulichen Lächeln und einer kriechenden Höf⸗ lichkeit und fragte, nachdem ſie ſich zu erkennen gege⸗ ben, nach dem Zweck der öffentlichen Aufforderung. Otte deutete ihr an, um was es ſich handle, und ver⸗ ſprach ihr unter der Bedingung, daß ſie genügende Beweismittel für Hedwig's Herkunft herbeiſchaffe, eine anſtändige Belohnung, die ſich unter Umſtänden zu einer lebenslänglichen Rente ſteigern könne. Die Frau hörte ihn lauernd an und ſchien eben ſo behutſam als 240 mißtrauiſch. Mit all' der Geriebenheit und liſtigen Abgefeimtheit ſolcher vom Schickſal ſchnöde herumge⸗ hetzten Perſonen war ſie unentſchloſſen, was ſie thun ſollte, und wollte erſt die ganze Sachlage ermitteln, ehe ſie ſich zu irgend etwas herbeiließ. „Was für Papiere und Beweismittel ſoll ich denn herbeiſchaffen?“ fragte ſie mit anſcheinender Unbefan⸗ genheit. „Alle diejenigen Papiere und Documente, welche der verſtorbene Jacob Schulz genannt Giovanni Spe⸗ rato über ſeine Familienverhältniſſe hinterlaſſen hat und die Sie ſeiner Zeit in P. mitgenommen haben ſollen“, entgegnete Otte. „Ich? Gott, was ſollt' ich denn mit Papieren thun, da ich nicht leſen noch ſchreiben kann?“ rief das Weib.„Was helfen mich Papiere? Ich weiß von keinen ſolchen, habe keine geſehen noch gefunden; ich nahm von den paar Lumpen und Lappen, die er hinterlaſſen hat, nichts mit als was mein gehörte. Hab' ich ja doch noch von meinen Sachen verpfänden müſſen, um den armen Mann nur einſcharren zu laſſen!“ „Aber liebe Frau, ſeien Sie doch vernünftig und ſuchen Sie mich nicht zu hintergehen!“ entgegnete Otte, der den Grund dieſes Leugnens zu durchſchauen glaubte. „Wir könnten Zeugen vor Gericht vorbringen, welche 24¹ Sie überwieſen, daß unter den wenigen Effecten, welche der verſtorbene Schulz hinterlaſſen hat, auch Briefe und Familienurkunden ſich befanden, die jetzt um eines Civilacts willen wichtig ſind.. „Das lügt die falſche tückiſche Kröte, die Hedwig, um ſich an mir zu rächen!“ fuhr das Weib heftig „Ich kann es mit hohen Eiden betheuern, daß ich mir keine Papiere angeeignet habe.“ „Ihr Verdacht gegen Hedwig Schulz iſt ganz un⸗ gegründet“, ſagte Otte ruhig.„Ich kann Ihnen mein Wort geben, daß Hedwig nichts von der Aufforderung weiß, die ich an Sie erlaſſen habe. Es ſind andere Zeu⸗ gen, welche wir beibringen könnten, wollten wir die Bei⸗ hilfe des Gerichts in Anſpruch nehmen. Dies wäre aber eine Unklugheit, denn wir wiſſen, daß Sie mit Schulz nicht verheirathet waren, daß Sie jetzt nur leugnen, weil Sie fürchten, wir wollten Ihnen eine Falle ſtellen, um Sie wegen des geringen Werthes, den die Schulz'ſche Hinterlaſſenſchaft möglicherweiſe hatte, zu belangen. Aber davon ſoll nie die Rede ſein. Wir wiſſen ſehr gut, daß Sie leicht verſucht werden könnten, die Pa⸗ piere, die wir haben wollen, in's Feuer zu werfen, um ſie zu beſeitigen. Wir ziehen es daher vor, Ihnen dieſelben zu einem Preiſe abzukaufen, der im Verhält⸗ niß zu dem Werthe ſtehen ſoll, den uc nach ge⸗ Mylius, Ein Meteor der Börſe. II — 242 nommener Einſicht für uns haben werden. Können wir Ihnen auch nicht erſparen, vor Gericht zu erſcheinen und auszuſagen, daß die betreffenden Papiere wirklich dieſelben ſind, die Sie nach dem Tode des Schulz an ſich genommen haben, ſo wollen wir Ihnen doch alle möglichen Garantieen geben, daß daraus für Sie kei⸗ nerlei Nachtheil entſtehen ſoll.“ Das Weib ſchien zu zaudern.„Ich verſtehe von ſolchen Sachen nichts“, ſagte ſie;„ich bin ein dummes Geſchöpf und muß mich erſt beſinnen. Von Papieren weiß ich nichts, aber möglicherweiſe liegen ſolche noch in einer alten Kiſte mit Zaubergeräthen, die ich mal irgendwo in einer Herberge in Verſatz gegeben— ich entſinne mir ſelber nicht mehr recht wo. Laſſen Sie mir Zeit, mich darauf zu beſinnen, oder geben Sie mir Gelegenheit, mit Hedwig zu reden, wenn ſie noch hier iſt.“ „Letzteres wird kaum zu etwas führen“, ſagte Otte;„Sie erinnern ſich ja, wie das Mädchen vor einiger Zeit ob dem unerwarteten Zuſammentreffen mit Ihnen erſchrack. Wenn Sie mir jedoch verſprechen wollen, Hedwig Schulz nichts von dem Gegenſtand der Unterredung zu ſagen, die wir hier mit einander ge⸗ habt haben, ſo will ich Ihnen gern ihre Adreſſe nennen.“ 6 243 „Ich verſpreche es hoch und theuer, bei meiner Ehre und Seligkeit“, erwiderte die Stransky und Otte nannte ihr nun Hedwig's Wohnung und Adreſſe. „Ich gebe Ihnen noch Bedentzeit bis morgen, wenn Sie darauf beſtehen“, ſagte er, doch muß ich Sie darauf hinweiſen, daß ich morgen vielleicht nicht hier bin und daß Sie alsdann Ihre Mittheilungen, und zwar unter gleich günſtigen Bedingungen, an den Obriſt⸗ lieutenant Richartz am neuen Wall, zu machen haben.“ Er unterließ die Erwähnung des Advocaten Gladiſch, um das Weib nicht noch mißtrauiſcher zu machen, da das gemeine Volk in der Regel ein Vorurtheil gegen die Advvcaten hegt.„Und darf ich nun auch fragen, wo Sie wohnen, Madame?“ „Hm, ich habe noch kein Quartier“, verſetzte ſie ausweichend,„bin erſt mit dem Bahnzuge angekommen und ſogleich hierher gegangen. Dachte, es würde am beſten ſein, wenn ich ſelber käme, anſtatt ſchreiben zu laſſen. Wahrſcheinlich ſteige ich in der Stadt Leipzig⸗ oder der Stadt Prag' ab,— je nachdem meine Ver⸗ hältniſſe ſich geſtalten, denn“, fügte ſie lauernd hinzu, „ich habe kaum ſo viel Geld mitgenommen, um wieder zu meinem Geſchäft zurückfahren zu können. Drum möchte ich wohl wiſſen, wie es mit den Vortheilen ſteht, die mir werden ſollen!“ — ei 244 „Die Größe derſelben, Madame, wird von Ihrer Bereitwilligkeit zur Aushändigung der betreffenden Pa⸗ piere, ſowie von dem Werth derſelben für unſere Zwecke abhängen“, entgegnete Otte bedeutſam.„Uebrigens ſollen Ihnen die Reiſekoſten und die Speſen Ihres hie⸗ ſigen Aufenthalts vergütet werdei. Wie hoch belaufen ſich dieſe, Madame?“ „Fünfundzwanzig Thaler“, entgegnete das Weib mit kühler Unverſchämtheit. „Gut, hier ſind fünf Friedrichsd'or, um Sie zu überzeugen, daß wir nicht knauſern“, entgegnete Otte kaltblütig.„Beſinnen Sie ſich und bringen Sie mir bald weitere Nachrichten!“ Das geſchminkte und auffallend geputzte Weib ent⸗ fernte ſich, von einem Sturm von Gefühlen bewegt, nachdem es die fünf Goldſtücke wohl zehnmal miß⸗ trauiſch umgedreht und prüfend in der Hand gewoget um ſich von ihrer Echtheit zu überzeugen. Otte gab ſeinem Kaſſendiener Auftrag, der Perſon, welche ſo eben fortgegangen ſei, unbemerkt zu folgen und zu er⸗ mitteln, in welchem Gaſthaus oder welcher Herberge ſie abſteige. Ende des zweiten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. —— —— —— — 15 16 17 18 19