7 v Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oflmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. ſ 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Dritter Theil. —————— Aus längerer Erfahrung und dem Um⸗ gange mit Leuten aus allen Klaſſen, wußte es der verſchlagene Montesquieu, daß ſogar Gelehrte, Philoſophen, eine ſchwache Seite haben, wo man ihnen beikommen und ſich in ihre Gunſt ſetzen, unvermerkt ihren Wil⸗ len beherrſchen und ſie an der Naſe fuͤhren kann, wohin ſie gehen ſollen. Das wiſſen ihre kluͤgern Frauen oſt beſſer, als die ge⸗ lehrten Herren, welche dicke Baͤnde uͤber die Menſchenkunde und Umgangsmanier drucken laſſen. Der junge Mann war durch vielfache Beweiſe uͤberzeugt worden, daß der groͤßere Theil verheiratheter Frauen und Jungfrauen gegen liſtig feine Verſuche, ſich bei ihnen einzuſchmeicheln, keineswegs ſo gewaffnet ſind, daß ſie alle ſtandhaft abſchluͤgen. Sie capituliren eine Weile, ſie ſtraͤuben und ſperren ſich eine Zeit, und ſinken dann dem Sieger beſiegt in die Arme, oft nur um ſeine Eigenliebe mit ei⸗ nem Triumphe zu kitzeln, der ihm das Er⸗ oberte um deſto theurer machen ſoll. Wenn die Schöne einen Jüngling, der nicht gerade ein Bild der Häßlichkeit, ein linkiſcher, unbeholfener Burſche iſt, mit Sproͤdigkeit und veraͤchtlichem Naſenruͤmpfen von ſich weiſet, ſo liegt die Schuld davon gewiß an ihm, und ſie kann den Wider⸗ ſtand, den ſie dann leiſtet, keineswegs auf Rechnung ihrer Tugend ſchreiben. Was man bei dem weiblichen Geſchlecht edle Schaam, naive Unſchuld, kindliche Unbe⸗ fangenheit nennt, iſt oft weiter nichts, als das Produkt einer wohl eingeuͤbten Verſtel⸗ lung, wodurch man ſeine innere, wahre 2 Geſtalt entlarvt. Wer kluͤglich dieſe Larve wegzunehmen verſteht, der findet oft, was er nicht glaubte, aber ſuchte. Dies waren die Grundſaͤtze und Mei⸗ nungen eines Juͤnglings, dem die reine, fromme, wahrlich unbefleckte Johanna im Garten von ihrem Vater uͤberliefert war, deren Wahrheit er auch an ihr erproben wollte. Als der Abgeſandte von der Koͤni⸗ gin, der eine ſo erfreuliche Nachricht nach Cbartreu brachte, der ohne ſein Wiſſen da⸗ zu beitrug, daß ſie in die Naͤhe ihres Ge⸗ liebten kam, fuͤr den ihr Herz gluͤhte, mit dem ſie aber noch keine vertraute Sylbe abein gewechſelt hatte, war ihr Montes⸗ quien ſehr willkommen, ſie nahm an ſei⸗ ner Perſon ein gewiſſes Intereſſe, ſie em⸗ pfand eine dankbare Empfindung gegen ihn und hielt nicht ſcheu damit zuruͤck; aber ſein Anblick konnte eine andere Nei⸗ gung in ihr nicht erwecken. Fuͤr Einen athmete, lebte ſie nur, dem gehörte un⸗ — getheilt ihre Seele, und fuͤr ein anderes Gluͤck, das ſie ſich von der Zukunſt traͤumte, war in ihrem Innern kein Raum. Anfangs ſchien Johanna in Montes⸗ quieu's Naͤhe aͤngſtlich und ſchuͤchtern zu ſeyn, ſie ſah ihm nicht ins Geſicht und gab ihm auf mehrere Fragen nur kurze Antworten. Bald ſpann er den Faden ei⸗ nes bunten Erzaͤhlens an und merkte dabei ſorgſam auf ihr Mienenſpiel, um ihre Ge⸗ danken und Empfindungen, ihren Geſchmack zu errathen. Er glaubte richtige Ent⸗ deckungen zu machen, betrachtete ſie von der Seite und fand, daß ſie das ſchoͤnſte Profil einer Jungfrau hatte, die je ſein Auge ſah. Je ruhiger ſie in ihrem aͤußern und innern Weſen blieb, deſto ſtuͤrmiſcher wurde es in ihin, und er mußte ſich das Geſtandniß thun, daß er in dem einſamen Chartreu ein Maͤdchen fand, das einen tiefern Eindruck auf ihn machte, als es bisher die ge⸗ ſchmuͤckteſte, geiſtvollſte und feinſte Pariſerin nicht vermochte. Die Parthie ſchien ihm uͤberdies annehmlich, da er wußte, wie hoch dieſe Familie bei der Koͤnigin ange⸗ ſchrieben ſtand, die alle Beſchlüſſe des ſchwachen, nachgebenden Koͤnigs lenkte, und daß eine Verbindung mit dieſer Johanna das ſicherſte Mittel ſeyn werde, um zu hoͤhern Ehrenſtufen emporzuſteigen. Reich dachte er ſich den Marquis nicht, er wußte es vielmehr, wie zerruͤttet ſeine Finanzen waren, und daß er einer außerordentlichen Unterſtuͤtzung bedurfte, wenn er nicht zu Grunde gehen ſollte; aber das bewog ihn nicht, ſeine Neigung zu unterdruͤcken und ein aufloderndes Feuer auszuloͤſchen, da nicht Geiz, wohl aber Ruhmſucht der Götze war, vor dem er kniete. Bei der Ruͤckkehr nach dem Schloſſe war die Jungfrau ſchon dreiſter, offener, geſpraͤchiger geworden, und konnte ihm ſogar auf eine kurze Zeit ins Geſicht ſehen. Er war entzuͤckt uͤber die großen, blauen, reinen Augen, in denen ſich Feuer und Milde, ſanfte Guͤte und jene Unſchuld ſpiegelte, wie er ſie nur bei Gemaͤlden bis⸗ her geſunden hatte. Blonde, weiche Locken liefen geringelt auf ihren Hals hinab, der war. Lieblich geroͤthet waren ihre Wangen, und ein freundliches Laͤcheln umſchwebte ihre Lippen⸗ Und welch ein ſchlanker, hehrer Wuchs, welch ein Ebenmaaß der Ueberladung!„Dieſe,“ ſagte er ſich,„iſt die Königin der Maͤdchen, eine Fee, die jedes Maͤnnerherz was Gefuhl fur Reiz und Schoͤnheit hat, bezaubert. Daß ich unver⸗ wundet von Chartreu nicht zuruͤckkommen wuͤrde, ahnete die Königin, ich werde ihr mein zweifelhaftes Gluͤck bekennen!“ Er behandelte Johannen mit ungemei⸗ nem Zartgefuͤhl wog jedes ihrer Worte und vermied den kleinſten Anſtoß. Er glaubte, daß ſite Vertrauen zu ihm gewonnen haͤtte, an Weiße dem Elfenbein zu vergleichen Glieder, welch eine koöͤſtliche Fuͤlle ohne „ was der Liebe und Zuneigung vorangeht, und wirklich geſtand ſie's ihren Eltern, daß dieſer Montesquieu ein gebildeter, arti⸗ ger und hoͤchſt intereſſanter Juͤngling ſey. — Der Marquis laͤchelte ihr fteundlich zu und ſagte:„Es macht mir großes Ver⸗ gnoͤgen, daß Du dieſen ausgezeichneten Capitain, der im Staate gewiß eine ſehr glaͤnzende Carriere macht, ſo findeſt.“ Die Marquiſe fragte nach ihrer Toch⸗ ter, ob ſie mit Montesquien noch nicht von dem Spaziergange zuruͤckgekommen ſey. Sie ſchien faſt aͤngſtlich zu ſeyn, daß ſie ſo lange wegblieb. Es war durchaus Grundſatz bei ihr, daß man ein junges Maͤdchen bei einem jungen, noch dazu un⸗ bekannten Manne, von deſſen Grundſätzen man nichts wiſſe, dem man nicht trauen duͤrfe, ſo ſittlich und einnehmend ſeine Außenſeite auch ſey, ohne die noͤthige Auf⸗ ſicht nicht laſſen duͤrfe. Wenn ſie, da ſie die Liebe kannte, mit der Johanna an den jungen Comte hing, auch nicht daran dachte, daß Montesquieu, und wenn er ſich in der Geſtalt des feinſten Verfuͤhrers zeigte, eine fruͤhere, tief gewurzelte Neigung erſchut⸗ tern und ſchwächen werde, ſo konnte ſie doch von dem artigen, ſchmeichelnden Pari⸗ ſer ein Wort hoͤren, was in ihr Herz fiel und Gedanken und Gefuͤhle weckte, die der Reinheit des Gemüths, der ſtrengen Sitt⸗ lichkeit entgegen waren. Selbſt der Mar⸗ quis war immer beſtrebt, das Verderbliche des männlichen Umgangs von ſeiner gelieb⸗ ten Tochter abzuwehren, und war in die⸗ ſem Punkte beſorgter, als viele Väter, die ſich um die Erziehung, Bildung und Be⸗ aufſichtigung ihrer erwachſenen Töchter nicht bekuͤmmern und ſie der ſchwachen, oft feh⸗ lerhaften Leitung der Muͤtter ganz preis gepen. Daher wunderte ſich die Mar⸗ quiſe gar ſehr, als ſie ihr Beſremden uͤber das lange Außenbleiben der Spazier⸗ gänger aͤußerte, als er ſagte:„Du mußt ja Johannen nicht immer am Gän⸗ — gelbande halten wollen, es ſſt nun Zeit, daß ſie allein gehen lernt. Nachtheiliges kann ihr in der Geſellſchaft eines ſo ge⸗ bildeten, achtungswuͤrdigen Mannes nicht begegnen. Und was wäre es denn nun weiter fuͤr ein Ungluͤck, wenn ſich die jun⸗ gen Leute mit einander verſtändigten, wenn ſich die erſten, zarten Fäden einer gegen⸗ ſeitigen Zuneigung in ihnen anſpaͤnnen? Eine Nonne will Johanna nicht werden, und bereden wollen wir ſie zu dem heili⸗ gen Stande auch nicht. Wenn es ihr das Herz ſagt, daß dieſer Montesquieu der Mann iſt, von dem ſie ihr Gluͤck erwartet, ſo koͤnnten wir vernuͤnftigerweiſe uns doch nicht dagegen ſetzen. Was forderſt Du mehr von einem Manne, den Deine Toch⸗ ter heirathet, als dieſer Capitain beſitzt! Er iſt ſchön, liebenswuͤrdig, klug, geachtet, hat eine glaͤnzende Laufbahn betreten, hat ein bedeutendes Vermoͤgen, ſteht bei der Koͤnigin, dem Herzog von Guiſe in Gunſt und— iſt ein ächter Katholik“ ——————— —.— — 14— „Du empfiehlſt ihn von allen Seiten,“ erwiederte die Marquiſe,„er muß alſo wohl des Lobes werth ſeyn. Nur die eine That, daß er dem großen Condé, als der ſchon ein Gefangener war, mörderiſch das Leben raubte, entruͤſtet mich gegen ihn, und ich kann einen gewiſſen Schauder aus mei⸗ ner Seele nicht verbannen, ſo oſt ich ihn anſehe.“—„Großer Conde, ſprichſt Huz Wie ſonderbar, ich finde ihn ſehr ktein, ver⸗ blendet und ſchwach, ſonſt haͤtte er den Ketzern ſeine Kraſt nicht geliehen, ſonſt waͤre er das Oberhaupt einer Rotte nicht geweſen, die kein anderes Ziel hat, als die Dome unſerer Kirche einzuſturzen. Wie kann man einen Calviniſten groß nen⸗ nen! Montesquien aber war es, der ſich uͤber Geſetz, Sitte und Vernunft hinweg⸗ ſetzte, und den Glanz ſeines Glaubens im Auge, in hoher Begeiſterung that, wovor Alltagsmenſchen zuruͤckbeben. Der wohl⸗ thaͤtige Erfolg hat ſeine That gerechtfertigt und als eine ehrenvolle wird ſie ihm ange⸗ — 15— rechnet werden. Große Seelen meſſen das Verdienſt mit einem andern Maßſtabe, als die kleinen.“—„So mag ich nicht meſſen,“ ſagte die Marquiſe,„und wenn Du mich auch zu den kleinen Seelen zaͤhlſt. Sno⸗ nung, Gerechtigkeit und Achtung gebuͤhrt dem Feinde, wenn er uns auch entgegen⸗ ſteht, ſeine Freiheit und ſein Leben ſey uns ein unverletzbares Eigenthum, aber in unſerm Betragen gegen ihn zeigt ſich unſer Charakter.“ Der Marquis hatte fur eine ſolche Moral kein Gehör und kein Gefuͤhl. Was zum Beſten der Katholifen, zum Nachtheil der Calviniſten geſchah, das hielt er fuͤr erlaubt, das erſchien ihm als eine von Gott gebotene und erlaubte Sache. Die Marquiſe aͤngſtigte ſich in ihrem Innern, daß Montesquien Liebe zu Johannen ge⸗ winnen, daß er mit der Zeit um ihre Hand werben werde, und was ihr ihr Gatte be⸗ reits erklaͤrt hatte, daß er nicht abgeneigt war, dem Juͤnglinge ſeine Zuſtimmung zu geben. Sie ſah die Tochter mit dem Pater im Widerſpruche; ihr Geheimniß konnte ihm entdeckt werden; ſie trat mit der Sprache der Wahrheit hervor, und dann, dann war das Zeichen zu einem Kriege gegeben, deſſen Flamme gewaltſame gerſtörungen amichtete. Sie überſah das Grefaͤhrliche ihrer Lage und kein Ausweg offnete ſich ihr, um derſelben zu entgehen. Ueber ſich konnie ſie's nicht gewinnen, daß ſie Redekunſte anwende, Johannen die Liebe zu verleiden, die ſie gegen den Comte em⸗ pfand und würde ſie bei der Tochter nicht Achtung, Vertrauen und Reigung verloren haben, wenn ſie ihr muͤtterliches Anſehen ſo mißbrauchte? Jetzt war auch nicht die Zeit dazu, ſolch einen Verſuch zu wagen, da die Liebe Johannens gleichſam auf dem Glühpunkte ſtund, in dem ſich Alles ver⸗ zehrt, was ihn loͤſchen will. Wirklich fuͤhlte ſie eine naturliche Abneigung gegen Montes⸗ quieu, um des vollzogenen Mordes willen, 1 ———— ————— ——— ——— — 1 und glaubte, wer ſich aus widerſinnigem Religionseifer zu ſolch einer That verleiten laͤßt, der iſt ein wuͤthender Schwaͤrmer, ſeine Grundſätze ſind nicht gelaͤutert, es herrſcht in ihm das wilde Brauſen der Leidenſchaft, das bei andern aͤhnlichen Ge⸗ legenheiten eben ſo niederwerfend und ver⸗ heerend hervortritt. Ein Mann mit ſolch einer ungerechten Heſtigkeit kann fuͤr die Lange der Lebensdauer keine Frau gluͤcklich machen. Ihrem Gatten konnte ſie das Ge⸗ heimniß, das ſchwer auf ihrer Seele lag, ietzt am wenigſten entdecken, da er ihr Montesquſeu ſo geruͤhmt, da er eine Ver⸗ bindung zwiſchen ihm und Johannen ſo angeprieſen hatte. Kam es gar zur Kennt⸗ niß Montesquien's, im Fall in ihm ſich Neigung fuͤr Johannen regte, daß ein cal⸗ viniſtiſcher Coͤmte ſein Nebenbuhler war, ſo ſetzte ſie vielleicht das Leben deſſelben in große Gefahr, und der Zorn des hitigen Jünglings ließ ſeinen Verdruß wohl gar verachtend gegen ein Maͤdchen aus, das 2 — 1 als eine geborne Katholikin ſich mit einem Calviniſten in ſolch eine Verbindung ein⸗ laſſen und ihn lieben konnte. Waͤhrend die beſorgte Marquiſe die⸗ ſen peinlichen Ueberlegungen nachhing, kam Montesquieu mit Johannen aus dem Gar⸗ ten. Sie ſah Johannen ſcharf ins Geſicht und fand, daß es von einer heitern Freude erleuchtet wurde. Montesquieu war in ſei⸗ nen Bewegungen ſehr lebhaft. Scherzend ſagte der Marquis:„Wenn es in Paris und Verſailles auch ſchoͤnere Gaͤrten als den meinen giebt, ſo findet ſich doch dort keiner, der ſo wie dieſer als ein wildes Kind der Natur erſcheint. Die Kunſt haͤtte ſeine Geſtalt veraͤndern ſollen, wenn ich laͤnger hier geblieben waͤre, nun aber mag die Natur das, was die Menſchenhand ſchuf, wieder unſichtbar machen und uͤber⸗ wuchern. Nicht wahr, lieber Capitain, es iſt ein Wirtwarr, der dem Auge nicht ge⸗ ſallen kinn, das an Ordnung und regel⸗ — 18— maͤßige Schoͤnheit wie das Ihre gewoͤhnt iſt.—„Aufrichtig geſagt, Herr Marquis,“ erwiederte der Capitain,„wir ſind fur die reizendſten und odeſten Gegenden im glei⸗ chen Grade blind, wenn uns wichtigere Angelegenheiten anziehen. Der iſt ein un⸗ theilnehmender, ſchlechter Betrachter einer Gegend, und wenn ſie ein Paradies waͤre, welcher in einem Geſpraͤche iſt, was ihn mehr intereſſirt. Ob Ihr Garten wild, ſchoͤn, gekuͤnſtelt iſt, ob Geſchmack und freie Laune in ihm herrſcht, fürwahr, ich kann keine Rechenſchaft davon geben. Nachmittag will ich ihn allein ſehen, oder in Geſellſchaft eines Führers, der mich mit alltäglichen Dingen in ſeiner Rede lang⸗ weilt.“ Der Capitain blickte, waͤhrend er ſo ſprach, Johannen oͤfters an, ſie laͤchelte, und er glaubte gewiß, daß ſie die feine Schmeichelei, die in ſeinen Worten lag, verſtanden haͤtte. Sie verſtand ſie und belächelte ſeine uͤbel angebrachte Schmei⸗ chelei. Die Marquiſe wurde immer aͤngſt⸗ — licher, weil ſich ihre Vermuthungen mehr beſtaͤtigten, und dennoch kam es ihr ſon⸗ derbar vor, daß die Gemuͤthsruhe Johannens durch nichts geſtoͤrt zu ſeyn ſchien, daß ſie mit ihrem Begleiter und dem Gange mit ihm ſehr zufrieden war. „Ei, ei,“ ſagte die Marquiſe,„wenn die rieſenmaͤßigen Baume, das verwirrte Geſtripp Ihnen nicht auffiel, ſo muſſen Sie ſehr zerſtreuet oder mit ſich ſelbſt beſchäf⸗ tigt geweſen ſeyn. Johanna haſt Du den Capitain nicht nach der Raſenbank hinge⸗ fuͤhrt? Da iſt die ſchönſte Ausſicht.“— „Garz naiv ſegte ſie:„Vom Fuͤhren war eigentlich nicht die Rede, ich folgte mehr den Fuͤßen als dem Kopfe. An dem See ſtanden wir, und ſahen die alte Burg auf der Anhoͤhe und das neue Luſthaus, das nun auch wohl ohne Dach bleiben und bald eine kleine Ruine werden wird.“— „Mag es verfallen. Wer nach mir kömmt, kann's weiter bauen, die Materialien habe ich ihm dazu geliefert,“ erwiederte der Marquis. Es wurde vom Landleben geſprochen und Montesquieu meinte, daß es fuͤr den gebildeten Menſchen, der im Umgange der Bauern und an ihren Ergoͤtzlichkeiten kein Vergnßgen, keine Unterhaltung finden koͤnne, gar kein Leben, ſondern nur ein Hinbruͤten, ein ödes, langweiliges Einerlei ſey. Die ſchonſte Natur, alle Abwechſelungen der Jahrszeiten, erſchienen doch immer in der⸗ ſelben Form wieder und ſpannten die Neu⸗ gierde und Aufmerkſamkeit ab. Das Leben in der Stadt, mit ſeinen verſchiedenartigſten Abwechſelungen, die Gebilde der Kunſt, die Geſelligkeit, die Leichtigkeit, Beduͤrfniſſe aller Art zu ſtillen, ſey das erwuͤnſchteſte. Auf dem Lande gewinne der Menſch, wo er in den Doͤrfern nur Thierheerden ſehe und Menſchen, die durch den ſteten Um⸗ gang mit ihnen endlich thieriſch wuͤrden, den Sinn fuͤr hoͤhere Genuͤſſe verloͤren, fordern.“ — 22— einen Roſt, der immer dicker wuͤrde und die heitern, glaͤnzenden Stellen ſeiner Seele überzöͤge. Was Geſchmack, feine Sitte, Liebe und Neigung in der Stadt fordere, das laſſe ſich leicht finden, auf dem Dorfe ſuche man es und kaͤme zu S*6 tz nie. ₰ Bei dem Worte, Liebe, die ſich leicht finden laſſe, dachte Johanna an den jun⸗ gen Comte. In der Lobrede, die Mon⸗ tesquieu dem Stadtleben hielt, ſtimm⸗ ten Alle ein und der Marquis ſagte: „Moͤchten nur unſere unwiſſenden Dichter, die uns das Land als ein Arcadien, die Be⸗ wohner deſſelben als Schaͤfer in einer Un⸗ ſchuldswelt ſchildern, Ihre Schilderung hoͤren, vielleicht kaͤmen ſie von ihrem Frrthume zuruͤck und langweilten uns nicht mehr mit Ellen langen Poeſien, die ein vortreff⸗ liches Mittel ſind, das S zu be⸗ — 3— Die Marquiſe entfernte ſich mit ihrer Tochter aus dem Zimmer, weil es Zeit war, die Morgenkleidung abzulegen und ſich zur Tafel anders anzuputzen. Mon⸗ tesquieu ſagte:„Herr Marquis, ſoll ich Ihnen Gluͤck wuͤnſchen, das Sie eine ſo ausgezeichnet ſchoͤne und gebildete Tochter haben, oder ihr, daß ſie Eltern hat, die ihr dieſe Erziehung geben konnten, ich weiß es nicht! Eine ſehr intereſſante Unterhal⸗ tung hatte ich mit ihr, daß ich auf Ihre Rieſenbaͤume nicht achten konnte. Es iſt ſehr erwuͤnſcht, daß Sie wieder nach Paris kommen. Da, wo die Bildung erſt auf feſtem Grunde ſteht, wird ſie nirgends er⸗ ſchuͤttert, aber wo dieſer fehlt, eignet ſich uns von unſern naͤchſten Umgebungen ſo manches Unpaſſende, Schroffe und Ab⸗ ſtoßende an. Es waͤre ja auch Schade, wenn dieſe ſchoͤne Blume ſo einſam und ungeſehen auf dieſem abgelegenen Chartreu verbluͤhen ſollte.“—„Aber, lieber Capitain,“ ſagte der Marquis,„wenn ich Ihnen auch — 2— Recht gebe, ſo darf ich mir doch die Bemerkung erlauben, daß ein junges Maͤd⸗ chen geſchutzter und ſicherer auf dem Lande als in großen Städten iſt.“—„Das mag wahr ſeyn, aber was kann eine Tugend unb Unſchuld gelten, die keiner Verſuchung ausg ſetzt iſt, die nie Gelegenheit hatte, in einem harten Kampfe ihre Krafte kennen zu lernen und ſie zu ſtaͤrken. Ich denke, der Sieg uͤber das Laſter iſt ein ehrenvoller, ſonſt kenne ich keinen. Ueberdies hat Ihre Tochter auch das Alter erreicht, wo ſich ein Lebensgefährte zu ihr geſellt, der ſtrenge aufmerkſame Wache halten wird, daß ſie auf keine Weiſe gefaͤhrdet werden kann. Ich denke es mir als die heiligſte Pflicht des Mannes, als ſeinen erſten Beruf, daß er ſeiner Gattin ein Schirm gegen jede Art der Verſuchung bleibt, die ihr auf dem Lande eben ſo gut wie in der Stadt zu⸗ ſtoßen koͤnnen. Ein Jeder lernt es mit der Zeit, daß er den Einfluß ſeiner aͤußern Umgebungen heherrſcht und ſich von ihnen — nicht beherrſchen laͤßt, und erſt dann, wenn er zu dieſer Selbſtſtaͤndigkeit gekommen iſt, wird er ſein eigener Herr, der mit freiem Willen ſchaltet, und ſich nicht nach dem Schickſale, ſondern das Schickſal nach ſich formt.“ „Eine herrliche Philoſophie,“ ſagte der Marquis,„aber es giebt wenige Weiſe, die ſich auf ſie verſtehen. Sie machen ſich mir durch Ihre Grundſaͤtze noch geachteter. Es iſt ſelten, daß ein Militair, der nur dem Schwerte lebt, in ſolche Lehren einge⸗ weihet iſt. Solch einen Juͤngling, ſolch einen Gatten, wie Sie ihn ſchilderten, muß jeder Vater ſeiner Tochter wuͤnſchen, aber er bleibt eine Seltenheit, die man nicht oft findet.“—„Nicht oft? Ich daͤchte doch. Glauben Sie's nicht von mir, daß mir die Moral im Kopfe und nicht im Herzen ſitzt, und daß ich, wie manche calviniſtiſche Prediger, Lehren gebe, die ich ſelber nicht befolge? Herr Marquis, ich habe große urſache zu wuͤnſchen, daß Sie an meine Tugend glauben, daß Sie Vertrauen zu mir faſſen, daß Sie mich nicht als einen aͤchten Katho⸗ liken ehren, ſondern als einen ſolchen, der das thut, was er glaubt und mit ſei⸗ nen Meinungen und Grundſaͤtzen nicht im Widerſpruche ſteht. Ueber ein wichtiges Kapitel ſprechen wir zu einer andern Zeit, es waͤre jetzt noch viel zu fruͤh, wenn ich davon redete Es iſt aber Zeit, die Damen putzen ſich, daß ich mich auch umkleide.“ — Er verließ den Marquis. Montesquieu hatte es dem Marquis deut⸗ lich genug verrathen, daß die Schoͤnheit und Liebenswurdigkeit ſeiner Tochter das Herz des jungen, feurigen Kriegers erobert hatte, und ſein Hochmuth ſchmeichelte ſich mit den angenehmſten Hoffnungen. Der wahr⸗ ſcheinliche Schwi⸗gerſohn war ja aus einem alten, ächt adlichen Geſchlecht und von einem ſeiner Ahnen war's ja bekannt, daß er den heiligen Ludwig auf dem Zuge nach —— dem gelobten Lande begleitete, und als der Liebling ſeines Herrn nie von deſſen Seite kam. Mit zeitlichen Guͤtern war er auch geſegnet, und wenn er's wollte, konnte er einen Aufwand machen, der noch uͤber ſei⸗ nen Stand hinausging. Welch einem unbe⸗ kuͤmmerten, an Vergnügungen reichen Leben, wovon keine Frau eine Feindin iſt, da jede Art der Eitelkeit befriedigt wird, ging ſeine Tochter entgegen! Und ſie verband ſich nicht allein mit einem ſchoͤnen, ſondern auch mit einem unter den aͤchten Katholi⸗ ken und von dem Prinz Guiſe hochgeach⸗ teten Mann. Er hatte in fruͤhen Jahren eine glaͤnzende Laufbahn betreten, und das war abzuſehen, wenn ihm das Gluͤck nicht zuͤrnte, daß er mit der Zeit zu den hoͤch⸗ ſten militairiſchen Ehrenſtufen emporſtieg. Und was die Hauptſache war, er war ein frommer Eiferer fuͤr ſeinen Glauben, er ſchwankte nicht in demſelben, Papſt und Kirche war ihm heilig und mit Zorn und Muth ging er jedem Calviniſten emgegen, der durch feine Lehrmeinungen die Aus⸗ ſpruͤche der Concilien, Wallfahrten, Abſolu⸗ tion, die Verdienſtlichkeit der Heiligen ꝛc. be⸗ ſtritt und ihren Werth herabſetzte. Dieſen Vogel glaubte er an den Leimruthen der Liebe gefangen zu haben und es ſollte Alles aufgeboten werden, ihn nicht wieder entſchluͤpfen zu laſſen. Bei weiterm Nach⸗ denken ſtellte der Marquis auch folgenbe Vermuthungen zuſammen: Montes quieu liebte deine Tochter gewiß ſchon früher, als er ſie hier in Chartreu ſah, nur ver⸗ borgen trug er Liebe fuͤr ſie in ſeinem Innern; und hier will er ihr Wort und Sprache geben. Iſt's nicht die Koͤnigin ſelbſt, die ihn ſchaͤtzt und meine Johanna faſt mutterlich liebt, im Einverſtaͤndniß mit ihm? Ob ſie auch mit großen Planen beſchäf⸗ tigt iſt, der Weiberſinn, der gern Heirathen ſtiftet, verleugnet ſich nirgends. Es brannte ihm auf der Seele, er wuͤnſchte ſeine Ver⸗ muthungen ſeiner Gattin mitzutheilen, er wollte es nochmals verſuchen, ihr Urtheil —— guͤnſtiger fuͤr den vermeintlichen Braͤutigam zu ſtimmen, und es war ihm recht verdrieß⸗ lich als er hörte, daß ſie mit Johannen beim Anzuge beſchaͤftigt war, wo er ſie nicht ſtören durfte. Unterbeß legte ſich die Mutter, als ſie mit der Tochter allein war, auf's Forſchen, was Montesquieu die lange Zeit mit ihr geredet haͤtte, wo ſie mit ihm im Garten allein war.„Mutter,“ ſagte Johanna,“ ich kann Alles offen und wahr erzählen, da es meinen Verſtand ergötzt, aber mein Herz nicht bewegt hat. Fuͤr einen klugen, weit⸗ kundigen Mann muß ich ihn halten, der ſich in ale Lagen zu fuͤgen, der ſeine Worte abzumeſſen weiß, der ſich in den Grenzen einer berechneten Vorſicht hält und ſich keinen Strohhalm vergiebt, aber dieſe Art Menſchen ſind es eben, denen man am wenigſten trauen muß. Viel Schmeichel⸗ haftes hat er mir geſagt, das einem eiteln Maͤdchen wohl gefallen koͤnnte, mir geſiel N es nicht, und ein ernſtes, wahres Wort haͤtte ich viel lieber von ihm gehoͤrt. O, daß ich's ohne Rückhalt ſagen muß, wie weit ſteht er in meiner Achtung hinter dem 6Comte de Montremi zuruͤck! Wie einfach und ungekunſtelt iſt bei dem Alles, ihm liegt das Herz auf der Zunge, und was er ſpricht, zeigt weiches, ſanftes, gutiges Ge⸗ muͤth. Er mag in keiner Geſellſchaft ſo prunken wie dieſer Capitain, aber ſeine ſtille Zuruͤckgezogenheit, ſein beſcheidener Sinn, ſeine ſprechende Demuth iſt es, die mir gefallt. Ich beneide wahrlich dieſen Capitain nicht, daß er vor dem Comte die Ehre voraus hat, einen ehrenwerthen Mann, der ſelbſt unter den Katholiken, die Menſchenwerth nicht nach der Secte, der er angehoͤrt, ſondern nach der wahren Tugend meſſen, geachtet iſt, grauſam er⸗ mordete, ja, ich wuͤrde den Comte nicht ſo lieben können, wenn er ſich mit einem ſol⸗ chen Blutflecken beſudelt haͤtte. Zwang mußte ich mir anthun, um nicht abſtoßend 3— gegen ihn zu erſcheinen, und gern, ſehr gern, wenn ich nicht wider die gute Sitte zu fehlen und meinen Vater zu erzurnen fürchtete, hatte ich mir den Gang nach dem Garten mit ihm erſpart.“ „Johanna,“ ſagte die Mutter warnend, „um aller Heiligen willen bitte ich Dich, rufe das Andenken des Comte nicht wieder von neuem in Deine Seele zuruͤck, loͤſche aus in Deinem Herzen ſein Bild, wenn es mit den ſchoͤnſten Farben gezeichnet waͤre, es iſt ein Geſpenſt, was Dich blen⸗ det und Dich in einen Abgrund ſtuͤrzen wird. Soll ich Thränen des Schmerzes uͤber einen Tag weinen wo ich Dich zuerſt auf meinen Armen hielt? Kann Dich nichts, nichts warnen? Siehſt Du auch die Schrecken nicht, die auf Dich einſtuͤr⸗ men, wenn Du die Hand nach dem Comte ausſtreckſt? Willſt Du die Heftigkeit Dei⸗ nes Vaters bis zur Wuth gegen Dich ſteigern? Er ſoll einem Calviniſten ſeine — 32 Tochter geben? Erwarte nicht das Un⸗ moͤglichſte von ihm, es ſteht nicht in ſeiner Macht, er kann's nicht leiſten. Sey's nach Deinem Urtheile recht oder unrecht wie er handelt, es giebt einen höhern Richter, der die That richtet, als wir Menſchen. Mit wahrhaft frommen Sinn geſchieht in dieſer Welt ſo Manches, was das Geſetz der Obrigkeit beſtraft und der, der es veruͤbt, weiß ſich in ſeinem Gewiſſen ſchuldenfrei. Das beſte Kind iſt das, was ſchweigend der Stimme des Vaters folgt, wenn ein ganz anderes Gebot in ihm daſſelbe auch einen andern Weg gehen beißt. Den ſchwerſten Gehorſam leiſten, das die rechte Tugend.“ „Und wie koͤnnte die Liebe zu dem Comte, ein bloßes Hirngeſpinſt der Phan⸗ taſie, von der Thorheit und Unuͤberlegtheit gewebt, Dich ungerecht gegen das Verdienſt jedes andern Jünglings machen! Eigentlich kennſt Du dieſen Comte nicht beſſer als dieſen Montesquien, und doch ſtellſt Du jenen weit uber ihn. Darfſt Du ſo partheſiſch richten? Auf einer andern Wage mußt Du wiegen lernen und nicht auf der, die Dir die leidenſchaftliche Verblendung in die Haͤnde giebt. Verſuͤndigte ſich Montesquieu an CondéC, ſo geſchah das im wilden Rauſche der Uebereilung, wo Niemand ſeiner mäch⸗ tig iſt, in einem Augenblicke, wo der Geiſtesſtarke oft ein Schwächling wird. Das Unrecht, was wir angerichtet haben, bewegt uns oft zu ſchmerzvoller Reue, aber ſie ver⸗ mag es nicht, geſchehenes Böſe gut zu machen und das ausgelöſchte Leben wieder anzuzuͤnden. So wie ich's glauben muß, ſteht der Capitain bei Deinem Vater ſehr hoch angeſchrieben, und ſehr uͤbel wuͤrde er es Dir nehmen, wenn Du Dir's merken ließeſt, daß er ſeine Gunſt einem Unwurdi⸗ gen zuwendet. Wir glauben immer, daß der, welcher das Licht, in dem wir Andere ſehen, verdunkelt, uns zugleich in Schatten ſtelt und ſich das ſtolze Recht anmaßt, III. 3 — . richtiger als wir zu ſehen und beurtheilen zü koͤnnen. Ich bitte Di ich, verrathe nicht durch Mienen und Worte, was Du von Montesquieu denkſt.“— Johanna hielt ſich die Hand auf den Mund.„So will ich ſchweigen,“ ſagte ſie.„Verſtellen ſoll ich mich? Das haſt Du mich nicht gelehrt. Mutter, was Du von dem Capitain ſagteſt, klang mir wie eine Lobrede, die um Geld erkauft iſt, ich kann's nicht denken, daß Du es wahr damit meinteſt. Darf man ſich durch Ruͤckſichten ſo beſtechen laſſen? Das ſoll ke in Vorwurf ſeyn, ich bitte Dich, mich.“ es klopfte an die Thur und der Marquis trat mit heiterer Miene ein und ſagte ſcherzend:„Eine Dame glaubt ge⸗ wiß, die Zeit, die ſie zum Putz gebraucht, iſt wohl angewandt. Wie lange zoͤgert ihr damit! Liebe Louiſe, haͤtteſt Du auch ſchon die Befehle zum Einpacken der noͤthigſten Sachen gegeben, die Dir und Johannen gehoͤren? Es waͤre Dir unangenehm, wenn Etwas in Chartreu bliebe, was Du in Paris brauchſt. Wir reiſen morgen ſehr fruͤh, um der Hitze des Tages und moglichen Gewittern zu entgehen. Wenn es zu warm iſt, ruhen wir. Liebe Johanna, ſage es nur der Chamboiſe, daß ſie Alles recht ſorgſam auf eine Stelle legt, was ſie mitnehmen will, das Unentbehrlichſte nur⸗ das Uebrige wird ſpaͤter auf trans⸗ portitt, 4 2ohini verließ ihre Eltern, um den vaterlichen Befehl auszurichten, dies eben bezweckte der Marquis, welcher ſeine Gattin allein ſprechen wollte. Er fing alſo an: „Laß Dich durch vorgeſaßte Meinungen gegen den Capitain nicht einnehmen. Du haͤtteſt ihn eben uͤber Tugend und Laſter, uͤber eheliches Leben, Unſchuld und Liebe urtheilen hoͤren ſollen, gewiß, Du muͤßteſt ihm Deine ganze Achtung zollen und ein ſchrankenloſes Vertrauen zu ihm faſſen. Ein ſolcher gebildeter Verſtand, in dieſer Jugend noch, treibt mit dem Herzen und der Wahrheit keinen Spott, wie's die Heuchelei und Verſtellung thut. Er hat vielleicht eine rauhe Außenſeite, aber weich, biegſam und milde iſt ſein Gemuͤth. Er hat mir's nur zu deutlich zu verſtehen ge⸗ geben, wie zaͤrtlich geneigt er unſerer Toch⸗ ter iſt, wie er ihre Vorzuͤge ſchaͤtzt und den Juͤngling beneidenswerth nennt, der ſie als Gattin küßt. Zwar konnte ich ei⸗ genmaͤchtig handeln, aber Du weißt, wie ich meine Freiheit Deinem Rathe unter⸗ werfe, wie mir von jeher das Gelungenſte, das Du nicht billigen konnteſt, kein Vergnuͤ⸗ gen machte. Ein Gluͤck, an dem wir Beide gleichen Antheil hatten, war uns immer das liebſte. Nun aber, meine ich, Du darfſt weiter nichts gegen Montes quieu haben und Dich ſeinem Plane nicht in den Weg ſtellen, wenn er bei uns ernſtlich um Johannens Hand wirbt. Willſt Du einen fleckenreinen Jungling fuͤr Deine Tochter ——— — finden, und ſie nur dem zur Gattin geben, ſo wird ſie als Nonne im Kloſter ſterben muͤſſen.“ „Was Du fuͤr gut findeſt; ſoll auch mir recht ſeyn,“ erwiederte ſie.„Es fiel mir wohl nie ein, mich Deinem Willen hartnaͤckig entgegen zu ſtellen. Einen Plau zu vereiteln, durch den Du das Gluͤck Dei⸗ ner einzigen Tochter bezweckſt, das werde ich nicht, ich muͤßte denn offenbar einſehen, daß er falſch berechnet ware. Mit mir waͤrſt Du alſo über dieſen wichtigen Punkt fertig, daruber waͤren wir einverſtanden; aber was Johanna dazu ſagt, wenn ſie um ihre Liebe gegen den Capitain gefragt werden muß, das liegt uns noch im Dunkeln. Und die Freiheit, ſelbſt zu waͤhlen, wirſt Du ihr doch laſſen und ſie durch Zwang nicht empören und auch Dich nicht empoͤren laſſen, wenn ſich ihre Natur gegen die projektirte Verhei⸗ rathung ſtraͤubt?“—„Fuͤrchteſt Du denn das, weißt Du ſchon mehr von ihr als ich?“— — 38— „Wenn ich's auch nicht furchte, ſo waͤre es doch moͤglich. Gefaͤllt ein Juͤngling immer der Tochter, den die Eltern ſich zum Schwiegerſohn wuͤnſchen? Es war ja oft der Fall, daß Eltern die Wahl ihrer Toch⸗ ter nicht billigten.“—„Wenn Johannen dieſer Montesquieu nicht gefiele, ſo mußte ich an ihrem Vetſtande, an ihrem Ge⸗ ſchmacke, an jener Neigung zweifeln, die ein junges, unverdorbenes Herz zu einem ge⸗ liebten Gegenſtande hinzieht. Wie weibiſch, weichlich erſcheint mir der Comte de Mar⸗ treu nach eurer Schilderung, maͤnnlich und kuhn ſteht dieſer Montesquieu da, und ein ſolches Weſen iſt bei den Schoͤnen ſehr empfehlend. Uebereilen wollen wir die Tochter auch nicht, ſie wird es ſelbſt ver⸗ rathen, wie ſie gegen Montesquieu denkt. Als ſie mit ihm aus dem Garten kam, da leuchtete ihr Angeſicht vor Freude.“—„Traue nicht dem Scheine, er hat uns oft betrogen.“ Es war dem Marquis nicht lieb, daß ₰ ſeine Gattin nicht waͤrmern Antheil an dem Heirathsplane nahm, daß ſie Bedenklich⸗ keiten aͤußerte, daß ſie nicht gelobte, durch muͤtterliche Ermahnungen, durch Zureden ſie zu ſtimmen, wenn es noͤthig ſeyn ſollte. Im Ganzen beruhigte er ſich mit den Aeußerungen Montesquieu's, mit ſeiner Klugheit, die er anwenden werde, ein WMaͤdchen in ſein Netz zu ziehen, das nicht ohne Gefuͤhl war und viel Sinn fuͤr das Schoͤne, Gebildete verrieth. Indeß Gedanken und Empfindungen uͤber die vorhabende Heirath wechſelten und der Marquis mit ſeiner Gattin die Huld der Königin rühmten, und er es ihr nun ſelbſt geſtand, wie ſchlecht ihm der Aufenthalt in Chartreu gefallen hatte und man den Jubel der Dienerſchaft hoͤrte und aus ihren Mienen las, die ſich freuete, das egyptiſche Quaͤlhaus gegen das ſchoͤne Canaan zu vertauſchen, begegnete Montes⸗ quieu eine eigene Sache, in die er aus — 40— Frrthum gerieth, welche er aber zu ſeinem Vortheil zu benutzen ſuchte. Als er den Marquis verließ, um ſich auf ſeiner Stube umzukleiden, verfehlte er die rechte Thuͤr und kam auf das Zimmer der Gouvernante. Der Mann mit ſeiner Geiſtesgegenwart war gleich gefaßt, als er's aus den Blicken der Gouvernante las, daß ſie ihn verwundernd anſah und uͤber ſeinen Beſuch ſtaunte.„Sie haben wohl die rechte Thuͤr verfehlt?“ ſagte die Gou⸗ vernante mit lächelnder Miene.„Erlauben Sie, daß ich Ihnen Ihr Zimmer anweiſen darf.“„Sie war von ihrem Sitze aufgeſtanden, ihm einige Schritte naͤher ge⸗ treten. Er nahm ihre Hand und erwie⸗ derte:„Fuͤr Ihre Gefaälligkeit danke ich Ihnen und betheure es, ich habe mich nicht geirrt. Sie, Sie wollte ich auf einige Augenblicke beſuchen. Weiſen Sie einen Gaſt nicht zuruck, der in der Abſicht zu Ihnen köͤmmt, um Ihnen achtungsvolle — — — Geſinnungen zu bezeigen. In wenigen Worten kann ich ſie ausſprechen. Sie haben ſich ein entſchiedenes Verdienſt um die Bildung der jungen Marquiſe erworben. Zöglinge ſind gleichſam der Spiegel, in dem ſich das Weſen ihrer Erzieher abbildet. Nach der kurzen Unterhaltung, die ich mit der ſchoͤnen Marquiſe im Garten hatte, finde ich ſie nicht allein verſtaͤndig, geiſt⸗ reich, richtig empfindend, ſondern hoͤchſt liebenswuͤrdig.“—„Ihr Beifall wird den Eltern ſehr ſchmeichelhaft ſeyn,“ erwiederte die Gouvernante,„und da ich die junge Marquiſe ſehr liebe, thut mir Ihr Lob wohl, das ein gebildeter, mit der großen Welt bekannter Mann ihr zollt. Es iſt ein Gluͤck fuͤr die Margquiſe, daß Sie uns wie⸗ der nach Paris fuͤhren, hier in Chartreu waͤre manches Talent, was ſie hat, nicht ausgebildet worden. Ihre Erſcheinung und Ihr Ruf hat hier allgemeine Freude verbrei⸗ tet.“—„Allgemeine Freude,“ wiederholte WMontesquien,„könnten Sie das beweiſen? — 42— Zieht auch die junge Marquiſe ſo gern wieder nach Paris?“—„Das koͤnnten Sie noch fragen? Welche Freuden haͤtte denn ein junges Maͤdchen auf dem oͤden, einſamen Dorfe, wo man nur Eulengeſchrei in der Nacht und am Tage das Bloͤken der Schaafe hört. Wer Paris kennen gelernt hat, der kann dem Lanbleben keinen Ge⸗ ſchmack abgewinnen, wie es hier iſt.“ „Erlauben Sie mir eine Frage,“ ſagte Montesquieu,„und entnehmen Sie zugleich aus ihr, welch ein Vertrauen ich zu Ihrem Charakter hege, wie feſt ich an Ihre Ver⸗ ſchwiegenheit glaube: Was ſagte die junge Marquiſe, als ſie mit mir aus dem Garten kam und ſich bei Ihnen einfand? Seyn Sie ehrlich und aufrichtig, es liegt mir ſehr viel an der Wahrheit.“—„Sie ſagte nichts,“ erwiederte die Gouvernante,„was ich Ihnen kluglich verſchweigen muͤßte. s wuͤrde wider die Artigkeit verſtoßen, es könnte Ihr Gefühl beleidigen, wenn ich — — 43— Ihnen das Lob wiederholte, das„— „Sie war alſo mit mir zufrieden,“ fiel der Capitain der Redenden ins Wort,„und daran liegt mir ſehr viel. Ihr Beifall iſt mir wichtig, ja, ich will es Ihnen geſtehen, die Marquiſe hat einen unausloͤſchlichen Eindruck auf mich gemacht. Was ich in dem großen Paris vergebens ſuchte, das habe ich hier gefunden. Verſtehen Sie auch, was ich ſagen will?“— Laͤchelnd ſagte die Gouvernante:„Sie haben ſich deutlich ausgedruͤckt und ich verſtehe Sie vollkommen.“—„Sie wiſſen mein Ge⸗ heimniß, bewahren Sie's als ein theures Eigenthum. Verſaͤumen Sie's nicht, wo Sie mir gefaͤllig ſeyn koͤnnen, die Zu⸗ kunſt ſoll es lehren, daß ich nicht undank⸗ bar bin.“ Der Capitain druͤckte der Gouvernante im Gehen die Hand und ſagte:„Es bleibt dabei, ich verſehlte die rechte Thuͤr und gerieth ſo auf Ihr Zimmer.“ — 44— Die Gouvernante war in einer großen Verwirrung, als der Capitain von ihr ge⸗ gangen war. Wie heftig mußte ſich in ihm das Gefuͤhl der Leidenſchaft der Liebe bewegen, daß er ihr, ohne ſie genauer zu kennen, ein ſolches Geheimniß offenbarte! Sollte ſie ſich mit in einen Plan ziehen laſſen, deſſen Folgen nicht zu berechnen ſtanden? Wenn ſie dem Capitain gefaͤllig war, machte ſie ſich nicht der Marquiſe zur Gegnerin? Der Mutter wollte ſie es anvertrauen, was ihr offenbart war, um ſich von einer Schuld frei zu machen, die ſie ſich ſonſt aufzubuͤrden glaubte. Im Innern wuͤnſchte ſie es, daß Montesquieu Johannen gefallen, und daß ſie auf eine Verbindung mit dem Comte verzichten moͤchte, die bei der Geſinnung des Marquis nie zu Stande kommen konnte, wenigſtens auf keinem guten Wege. In dieſer Liebe zum Comte ſah ſie auch wenig Vernunft und Ueberlegung, nichts als heſtige Lei⸗ denſchaft, uͤbertriebene Neigung und eine —— —— Schwaͤrmerei, die uns unſere Thorheiten oft bitter fuͤhlen laͤßt, wenn ſie abge⸗ kuͤhlt iſt. Mittags bei der Taſel herrſchte eine ungemein heitere Stimmung. Der Mar⸗ quis war, von innern Hoffnungen angefacht, lauter heiteres Leben. Er ſcherzte öfter mit Johannen, warf einige Witzfunken auf ſie hin, daß ſie mit ihrem Verſtande her⸗ vortreten, ſich wehren mußte, was ſie immer mit beſcheidener, liebenswürdiger Naivität that. Montesquieu aber zeigte ſich als ein angenehmer und hoͤchſt unter⸗ haltender Geſellſchafter. Im Allgemeinen war es wohl zu merken, daß er um den WPreis des Beifalls der ſchoͤnen Johanna buhlte. Er ſaß ihr zur Seite und wollte es oͤfter bemerkt haben, daß ſie ihn wohlgefaͤllig anſah. Abſichtlich beruͤhrte er zwei Mal ihre Hand, bat wegen ſeines Verſehens um Verzeihung, ſie verzieh ihm gern und ein hoͤheres Roth uͤberzog ihre Wangen. Nach Tiſche ging er nicht von ihrer Seite. Die Gouvernante aber ſuchte die Gelegen⸗ heit, wo ſie die Marquiſe allein ſprechen konnte und entdeckte es ihr, daß Montes⸗ quieu ſie beſucht, und was er mit ihr ge⸗ ſprochen hätte. Die Marquiſe lobte die Offenherzigkeit der Gouvernante, ſeufzte tief auf und ſagte:„Ach, wohin wird die Erſcheinung dieſes Montesquieu noch füh⸗ ren! Er liebt Johannen, das iſt ſonnen⸗ klar, der Marquis wuͤnſcht ihre Verbin⸗ dung mit ihm, ſie ſcheint ihm von allen Seiten vorzuͤglich. Ich wuͤrde gegen die Heirath am Ende auch nichts haben, wenn ich die Liebe Johannens zu dem Comte nicht fuͤrchten muͤßte. Wird ſie ſich dieſe ausreden laſſen? Iſt es Recht, Mittel an⸗ zuwenden, ſie liſtig von dem Comte zu trennen? Wird er ſich von ihr ſcheiden? Und wenn ſie der Vater fraͤgt, ob ſie Neigung fuͤr Montesquien fuͤhlt und ſie die Frage verneint und ſagt, warum ſie ſich nicht mit ihm verbinden kann, und ——— ee— daß ihr Herz dem Comte allein ergeben iſt, liebe Chamboiſe, welch ein Sturm wird dann losbrechen! Sicher trifft mich das Ungewitter dann am haͤrteſten. Ach, es iſt die Zeit gekommen, und das hätte ich nie geahnet, wo ich mich ungluͤcklich nennen muß, daß ich die Mutter einer ſolchen Tochter bin. Zum Verderben hat eine boͤſe Macht juſt dieſen Montesquieu herbeigefuͤhrt. Stehen Sie mir bei in meinem Schmerze und helfen Sie mir tragen, wenn die Buͤrde, die mir aufgelegt iſt, unerträglich werden ſollte. Ob ich nicht kluglich thaͤte, wenn ich an den Comte de Montremi ſchriebe, ihm die Lage der Dinge meldete, daß er bei dem Sohne ſeine väterliche Autoritaͤt in Kraft ſetzte und ihn von Johannen abzoge? Was rathen Sie?“—„Mar uiſe, da kann ich nicht rathen,“ erwiederté die Gouvernante, die es aus Erfahrung wußte, wie übel der Lohn eines ſolchen Rathgebers in zweifel⸗ haften Fallen iſt. — 48— Am Abend, da ſchon xles zur Abreiſe vorbereitet war, ließ ſich der Paͤchter bei dem Marquis melden. Er kannte ſein Geſuch, aber in der Geſellſchaft ſagte er: „Gewiß will der ehrliche Mann Abſchied von mir nehmen.“ Er verließ das Zimmer. „Ach,“ ſagte die Marquiſe,„auch der Pächterfrau müſſen wir ein Lebewohl ſagen. Sie war immer ſo gefaͤllig!“ Johanna wollte mit der Mutter gehen, aber Mon⸗ tesquieu wußte die Sache ſo zu drehen, daß die Mutter und die Gouvernante allein gingen und Johanna bei ihm blieb. Die⸗ ſes ungeſtorte Alleinſeyn mit ihr wußte er klüglich zu benutzen, ihr, ſo weit es die Vorſicht erlaubte, ſeine Gefuͤhle zu offen⸗ baren, und ihre Stimmung zu vernehmen. Eingeſtändig mußte ſie ſich's ſeyn, daß Montesquien der beſcheidenſte, einnehmendſte Juͤngling war. Er zwang ſie gleichſam, daß ſie ſeine Artigkeiten erwiederte. Ihr ſaſt unbefangenes Weſen, ihre holden, freundlichen Blicke erdreiſteten ihn, er er⸗ ——————— ———— * 45— griff mit einer Vegeiſterung, die ſie faſt er⸗ ſchreckte, ihre Hand, preßte ſie an ſeine Lippen und ſagte mit dem Feuer einer Liebe, wie ſie Johannen in dieſer Heftigkeit noch nie erſchien:„Marquiſe, nehmen Sie die Betheurung guͤtig auf, wenn ich ſage, daß meine Augen nie ein herrlicheres, weibliches Weſen erblickten und erlauben Sie, daß ich Ihren Reizen huldige. Ich ſegne die Koͤnigin, die mich nach Chartreu ſchickte, o, moͤchte ich ihr auch fuͤr ein Gluͤck danken können, was ich hier fand!!“. Jetzt ließ er ihre Hand los, ſah forſchend in ihr Auge, ſie blickte vor ſich nieder, pur⸗ purroth farbte ſich ihre Wange, ſie war ver⸗ ſteinert und redete kein Wort. Der Ge⸗ danke an den Comte ſtand in ihrer Seele im hellen Lichte. Sie haͤtte entfliehen, den Capitain von ſich ſtoßen, ihm einen Ver⸗ weis geben und ihm ihre Liebe zu Mont⸗ remi offenbaren moͤgen, aber feſte Bande hielten ihre Zunge. m 4 Sie machte eine Bewegung, um auf⸗ zuſtehen, aber der Capitain ergriff ihre Hand und ſprach:„Bleiben Sie, wenn Sie mir mit Ihrem Weggehen das Ge⸗ ſtäͤndniß nicht ablegen wollen, daß die offene und unverſtellte Erklaͤrung meiner Gefuͤhle Sie beleidigt hat.“—„Herr Capitain,“ ſagte ſie,„ein Lob ins Geſicht beledigt oft das Zartgefühl. Sie kennen mich zu wenig, als daß ich der Wahrheit Ihres Urtheils trauen duͤrfte; ich kenne Sie zu wenig, um es beſtimmt zu wiſſen, wie Sie's meinen. Verzeihen Sie, wenn Ihnen dieſe Erklaͤrung mißfaͤllt, eine andere kann ich nicht gben.“—„Wie ich's meine, verehrte Marquiſe, ſo habe ich's geſagt. Geben Sie mir nur Gelegenheit es Ihnen zu beweiſen, doß ich beſtrebt bin, Ihre hoͤchſten Erwartungen und Wuͤnſche zu er⸗ fullen, und daß ich eben darin meine 3 Freude ſuche.“ —— Als die Marguiſe mit der Gouvernante 51— wieder von der Paͤchterfrau kam, las ſie es ihrer Tochter von der Stirn, daß zwiſchen ihr und Montesquieu Ungewoͤhn⸗ liches vorgefallen ſeyn muͤſſe. Sie wagte es nicht, ihre Johanna darnach zu fragen, und Montesquieu verwickelte ſie ſogleich in ein intereſſantes Geſpraͤch, ohne daß ſie ihm eine innere Gemuͤthsbewegung an⸗ merkte. Sobald Johanna es fuͤr ſchicklich hielt, verließ ſie die Geſellſchaft. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe der Marquis von dem Paͤchter kam, der ihm die einjährige Pachtſumme auszahlte und dem er dagegen den Pachtcontrakt prolon⸗ girte. Der Paͤchter konnte es doch nicht uͤber ſich gewinnen, um ein niedrigeres Pacht⸗ geld anzuhalten; aber die Zinſen von dem vorgeſtreckten Kapital wollte er ſich zu gute rechnen, wovon er aber, da die Stunde des Abſchieds nahe war, nichts erwähnte, um in der Seele ſeines Principals keinen boͤſen Eindruck zuruͤckzulaſſen. „wuͤrde ich Sie bitten, heute Abend mein Gaſt zu ſeyn, wenn ſich der Pfarrer nicht haͤtte zu einem Beſuche melden laſſen, der gewiß Abſchied von mir nehmen will Sie fuͤhlen ſich nicht wohl in der Naͤhe des geiſtlichen Herrn. Viel lieber haͤtte ich Sie bei mir geſehen, als den Pfarrer, aber ich durfte ſeine Anmeldung nicht zuruck⸗ weiſen, denn wer es mit einem Geiſtlichen verdirbt, der iſt in Geſahr, wie von einer gereizten Spinne oder Schlange geſtochen zu werden.“—„So,“ ſagte der Pachter laͤchelnd,„wiſſen Sie das auch? Ich habe es in Chartreu oft erfahren, ohne Anlaß dazu gegeben zu haben. Herr Marquis, wmorgen wuͤnſche ich Ihnen noch ein Lebe⸗ wohl.“ Als der Marquis wieder im Zimmer war und bei ſeinem Gaſte ſein langes Außenbleiben emtſchuldigte, ſchlich ſich die Marquiſe fort. Montesquieu erzählte dem „Gern, ſehr gern,“ ſagte der Marquis, — 5 Marquis mit wohlgewaͤhlten Worten ſeine Unterredung mit Johannen und theilte ihm ſeine Hoffnungen mit. Der Ma quis gab ihm ohne Bedenken ſeine Zuſtimmung zur Verhe rathung mit ſeiner Tochter und machte nur de Bmerkung:„Zu raſch, zu raſch iſt Alles gekommen, beſinnen Sie ſich noch reiflich. Solche Schritte kann man nicht ſo leicht zuruͤck thun. Mit mei⸗ ner Tochter will ich uͤber die Sache noch nicht reden. Beſuchen Sie mich oͤfter in Paris. Am beſten iſt's, wenn ſie das Ja⸗ wort dem Brautigam ſelber giebt. Wir wollen ſie nicht übereilen. Lieber Capi⸗ tain, wenn die Leidenſchaft Sie nur nicht geblendet hat, und die wiederkehrende Ver⸗ nunft zauberiſche Gemaͤlde verwiſcht.“— „Was iſt Leidenſchat?“ fragte Montesquieu. „Junge Thoren laſſen ſich von ihr gaͤngelnz ich habe das Alter erreicht, wo der Ver⸗ ſtand mit der Liebe im Bunde nichts be⸗ ſchließt, was ihn ſpaͤter gereuen kann. Aber eine Frage: Wird mein Glück auch nicht an einer Neigung ſcheitern, die fruͤher ſich in dem Herzrn ihrer Tochter ent⸗ ſpann?“—„Das fuͤrchten Sie nicht, daran denken Sie nicht,“ ſagte der Mar⸗ quis.„Ein Vater muß ſein Kind kennen, und zur Aufrichtigkeit iſt ſie von Jugend an gewoͤhnt. Sie verſteht die Kunſt noch nicht, Gefuͤhle zu verheimlichen, die das Herz erwaͤrmen und beleben, und kein Zeichen einer Liebe zu einem Juͤnglinge habe ich an ihr wahrgenommen.“ „Lieber Marquis,“ ſagte Montesquien, „gern will ich Ihren Wahrnehmungen glauben, aber die Wahrheit derſelben iſt damit keineswegs erwieſen. Moͤgen Sie eine Tochter von Jugend an zu einer Auf⸗ richtigkeit gewöhnt haben, die immer die Probe hielt; wenn die Zeit bei ihr eintritt, wo'ihr Herz fur eine zaͤrtlichere Neigung ergluht, da wird ſie ſtill und verſchwiegen, manche Beſorgniß und ſelbſt die edle . Schaam zwingt ſie dazu. Wir wollen es — S —.— —— nicht irrten.“„ Der Marquis ver⸗ ſammen, als ſie die Thür oͤffnete und die BVeſorgniß„was iſt Dir Uebles begegnet?“ —„Es iſt mir nicht ſo wohl Uebles be⸗ verſuchen, ob Ihre Etziehungsweiſe anderer Art iſt, und ob Sie ſich in ihrer Tochter buͤrgte ſich ſaſt mit dem Leben dafuͤr, daß ſeine Johanna mit keinem Juͤnglinge in irgend einem Verhältniſſe ſtehe. Die Marquiſe halte nichts eiliger, als daß ſie zu ihrer Tochter ging, um es von ihr ſelbſt zu erfahren, was Montes quieu mit ihr geſprochen hätte. Sie zweifelte nicht, daß es Wichtiges waͤre, da ſie eine auffallende Veranderung in ihrem Geſichte wahrnahm, fuͤr die ſie den ſichern Grund nicht ſinden konnte. Sie fuhr angſtlich zu⸗ Gouvernante neben Johannen ſaß, als ob ſie ſie troͤſtete, und die mit dem Taſchen⸗ tuche ſich die Thraͤnen von den Wangen trocknete.„Du weiſt,“ fragte die Mutter mit zärtlicher Theilnahme, aber auch mit 35— gegnet,“ erwiederte ſie,„als ich's fürchte. Reiſet nur nach Paris und laßt mich hier, dort erwarten mich viele Leiden, ſie ſind mir gewiß.“—„Du rredeſt räthſelhaft,“ ſprach die Mutter,„und Dein Weſen iſt mir ungewiß. Wie groß war Deine Freude, als Du von der Reiſe nach Paris hoͤrteſt, und nun willſt Du in Chartreu bleiben? Welche Freuden erwarteſt Du denn hier, und welche Leiden dort? Es iſt Beides vielleicht Tauſchung und Betmg der Einbildung.“—„Ach nein, Mutter, diesmal nicht. Giebt es denn nicht immer Menſchen, die mit und ohne Vorſatz ge⸗ ſchaͤftig ſind, Galle in den Becher unſerer ſußeſten Freuden zu ſchütten?“—„Aber wer haͤtte Dir das hier und eben jetzt ge⸗ than?“—„Montesquien,“ ſagte ſie,„als Du mich mit ihm allein ließeſt und mit der Chamboiſe zur Pächterftau gingſt. Wie ein ungeſtuͤmer Liebhaber, der ſeine Braut mit läſtigen Liebkoſungen beſturmt, juſt ſo geberdete er ſich. Er riß meine —— ——— Hand an ſeine Lippen und küßte ſie. Er Heirathsantrag. So ſchonend, als es meine zuͤrnende Aufwallung erlaubte, habe ich gung nie erwiedern werde! Was er von die Arme oͤffnet, wenn er's ſeines Beifalls deines Kindes!“ machte mir mit verbluͤmten Worten einen ihn beſchieden. Haätte ich's ihm doch ohne Ruͤckhalt geſagt, daß mein Herz ſeine Nei⸗ einem Maͤdchen denken mag! Daß es ihm — wuͤrdig achtet? Mutter, ſchuͤtze mich gegen dieſen Verſolger! Iſt er noch ein Mal ſo verwegen in meiner Naͤhe, ſo ſoll er er⸗ fahren, wer ich bin. O, du himmliſche Macht, die du mich durch heilige, unauf⸗ lösliche Bande mit einem Jünglinge ver⸗ bandeſt, an dem ich mit allen Fäden mei⸗ nes Lebens hange, ſchuͤtze meine Liebe und wende du die Stuͤrme von außen ab, die ſie vedrohen, im Innern ſteht ſie ſeſt wie die Felſen, die du dir ſelbſt erbauteſt! Höre mich, Vater, vernimm das Flehen — —— —— „Solch Gebet erhoͤrt der Herr nicht, was ohne Ergebung in ſeinen Willen ge⸗ ſchieht,“ ſagte die Marquiſe und ſah ihre Tochter mit ernſter Miene an.„Es iſt das Verlangen eines eigenſinnigen Kindes, wel⸗ ches fordert, daß Alles nach ſeinem Kopfe gehen ſoll. Halte Deine Pflichten heilig, die Dir Gott gegen Vater und Mutter ge⸗ boten hat; bedenke: des Vaters Segen bauet den Kindern Haͤuſer; aber der Mutter Fluch reißt ſie nieder. Dem Winke des Schickſals folgen, ſein eigenes Fleiſch bezaͤhmen, ſich ſelbſt uͤberwinden, das macht den frommen Menſchen, der allein recht beten kann.“—„Mutter, Du biſt ſehr hart, rief Johanna aus,„wie Du's gegen Dein Kind nie geweſen biſt!“ —„Weil ich ſo ſeyn muß, und Dir nicht folgen kann, wohin Du mich ziehen moͤch⸗ teſt... Ats die Marquiſe aus dem Zimmer ging ſah ſie's, daß Johannen helle Thränen uͤber die Wangen liefen. Ihr — 59— war, als ob ihr vor Liebe und Mitleid das Herz brechen wollte. Unterdeß war der Pfarrer auf dem Schloſſe angekommen, um achtungsvolle Geſinnungen gegen den Marquis zu offen⸗ baren, deſſen nahe Abhreiſe bevorſtand. Es war ihm wohl bewußt, daß der Capi⸗ tain Montesquieu vom Hofe beauftragt war, die Familie von Chartreu nach Paris abzuholen, und daß dieſer derſelbe war, welcher die ruͤhmliche That, durch den Mord an dem Prinz Condé nach der Schlacht von Jvernac, veruͤbte. So lieb es ihm war, daß die Familie das Dorf ver⸗ ließ, da er fuͤrchtete, die calviniſtiſchen Montremi's wuͤrden ſich in demſelben ein⸗ niſten und nachtheilig auf catholiſche Grund⸗ ſätze wirken, und er ſich waͤhrend der An⸗ weſenheit der Abdlichen auch manchen Zwang anthun mußte, wofur er keine Ent⸗ ſchädigung hatte, ſo bezeugte er doch mit vielen, Worten ſein Bedauern uͤber den — ———— ——————— ————— Abſchied. Das reliaföſe Beiſpiel der Herr⸗ ſpaft habe ſchon wohlthätig auf ſeine Gemeindeglieder gewirkt und wuͤrde von größerm NMutzen geweſen ſeyn, wenn er Chartreu nicht ſo bald wieder entzogen werde. Solcher Vorbilder beduͤrfe die der Religion ſo unauͤnſtige Zeit um ſo mehr, je frecher ſich Unglaube, Gleichgültiakeit gegen ſie, Zweifel in allen Stände erhebe, wozu eben die ſogenannten Vornehmen die Tonangeber wären. Die ſchönen Tage, wo ein Katholik als Märtyrer der Wahr⸗ heit in den Tod gegangen wäre, wo keine Gemeinſchaft mit den Ca! viniſten Statt geſunden hätte, wo man ſie wie Verpeſtete floh, um von dem Gifte ihrer Grundſatze nicht argeſteckt zu werden, wo keine nahe noch ferne Beruͤhrung mit ihnen Statt fand und man ſie als Geächtete behandelt haätte dieſe ſwönen, fur die Verhe rrlichung und Ausbreitung des Glanzes der roͤmiſchen Kirche ſo fruchtbaren Tage, wären voruͤber gegangen und alle Welt muͤſſe ihre Wiederkehr Gott bitten, damit durch Ketzer⸗ blut die Flecken von manchem Katholiken abgewaſchen wuͤrden, der mit Calviniſten wie mit ſeinen Glaubensbruͤdern lebe. Es ſey eine verfluchte Duldung, welche die Calviniſten ſich zur Ehre rechneten, auch hie und da in der romiſchen Kirche einge⸗ riſſen und treibe da ein wahres Satans⸗ weſen, ſie verſtatte jedem zu glauben, was er wolle, liebe Spoͤtter und Verächter, und gebe vor, wer ſeine Chriſtenpflichten thue, der koͤnne denken und reden wie ihm der Schnabel gewachſen ſey. Dieſe ſogenannte Duldung, die von Gleichgultigkeit und Verachtung alles Religiöſen zeuge, ſey wie der“ Krebs, der weiter um ſich greife, ge⸗ ſunde Theile zerſtöre, eine heilloſe Zer⸗ ſtörung anrichte, den man mit Feuer und Schwert bis auf ſeine letzte Faſer ausrot⸗ ten muſſe. Dieſer wilde Eifer, in den ſich der Zorn des Pfarrers ergoß, war es, wodurch Meinung war, vorzuglich empfahl. Er konnte ſich daher auch nicht enthalten, ihm ſeinen Beifall mit folgenden Worten zu bezeigen:„Herr Pfarrer, ich ehre Ihre Grundſätze, Ihre gute Geſinnung und werde es öffentlich bezeugen, daß Sie ein rechter Diener im Weinberge des Herrn ſind. Einen ſolchen Glauben findet man ſelten in Iſfrael, und ſelbſt unter ihren Geiſtlichen— ich follte er nicht ſagen, aber ich ſage es mit Seufzen— giebt es der duͤrren, fruchtloſen Zweige viele, die abge⸗ hauen und ins Feuer geworfen werden ſollten. Zweizuͤngler ſind ſie, die aus einem Munde katholiſch und calviniſtiſch reden. Das Schwert der Strafe wird uͤber ſie komenen und der Herr ſeine Tenne fegen. Sie ſuchen nur Ruhe und wollen keinen Krieg mit den Ketzern, ſie verzehren wie 8 ein Lieblingshund ihre Pfründen, mäſten den Leib, bellen und beißen nicht und ſaſſen es zu, daß Kirche von Ketzen er ſich dem Capitain, welcher ganz ſeiner befleckt 3 Ja, ſie gaͤben ihren Beicht⸗ kindern wohl gar die Bibel in die Hand, reichten ihnen das Abendmahl unter beider⸗ lei Geſtalt, ſchafften die Meſſen ab wie es ihnen beliebte. Sind das Wächter, die vor dem Heiligthum Wache halten? Ihren Namen, Herr Pfarrer, werde ich mir ins Gedachtniß ſchreiben, und ich ſtehe bafuͤr, es ſol Ihnen ein groͤßerer Wirkungskreis angewieſen werden, wo Sie mit dem Schwerte des Geiſtes ſtreiten und Calvi⸗ niſten niederſchlagen können.“ Der Pfarrer verzog ſeine Miene zu einem dankboren Laͤcheln und ſagte:„Ei⸗ nen ſolchen Wirkungskreis wuͤnſchte ich mir, und Sie, Hert Cepitain, in meine Nähe. Nehmen Sie hiermit die aufrichtige Ver⸗ ehrung an, die ich Ihnen zolle. Sie ſind der Ausgezeichnete, den Gott waͤhlte, um der vielkoͤpfigen Schlange des Calvinismus ein Haupt abzuhauen. Condé mußte ſtür⸗ en, ich jauchzte, Sie waren der kuͤhne 7 Mann, der ihn fallte, ich prſes Ihre That, zu der Sie nur von vielen Tauſenden das Herz hatten.“—„So denke ich daruͤber auch und preiſe den gnädig, der einen Erz⸗ ketzer in meine Hand gerathen ließ. Ich freute mich, als er die verdammte Seele aushauchte, die auf Erden noch viel Weh angerichtet haͤtte. Mein Gewiſſen macht mir deshalb keinen Vorwurf; aber glauben Sie wohl, daß es Katholiken giebt, die mich deshalb tadeln? Sie meinen, da Condés gefangen war, hätte ich ſein Leben 3 ſchonen müſſen. Wenn er fortlebte, er wuͤrde mehr geſchadet haben, dies habe ich verhindert und durch ſeine Aufopferung vielleicht Tauſenden das Leben und ihre Seelen gerettet, die ſeine Zunge und ſein Beiſpiel verdorben haben wuͤrde.“ Als der Pfarrer Abſchied nahm, druͤckte ihm Montesquieu die Hand und ſagte: Katholiken und als Freunde wieder.“„„ Nach Verlauf eines halben Jahrs erhielt der Pfarrer zum Lohn fuͤr ſeinen Haß ge⸗ gen die Calviniſten einen einträglichen Poſten in Paris, wo er bald die Freude hatte, daß Tauſende von Hugenotten mit herzloſer Grauſamkeit abgeſchlachtet wurden. Am ſolgenden Morgen bei ſeiner Ab⸗ reiſe wunderte ſich der Marquis mit ge⸗ heimen Verdruß, als ſich außer dem Paͤch⸗ ter und ſeiner Frau Niemand zeigte, der ſeine Theilnahme bewies und dem es nahe zu gehen ſchien, doß er von Chartreu ſchied. Selbſt der Caſtellan war nicht da. „Als ich kam,“ ſagte er,„umringten mich Alle in freudigem Jubel, keinen Menſchen beleidigte ich, und nun, da ich gehe, ſehe ich Niemanden, der mir eine gluͤckliche Reiſe wuͤnſcht.“—„Herr Marquis,“ ſagte der Paͤchter,„das laſſen Sie ſich nicht wundern, die Bauern hofften F eiherren zu werden, und da Sie ſie nicht dazu gemacht haben, zurnen ſie. Keine eigennigen und — barere Creatur giebt's auf Erden als den Bauer!“ So ſehr der Verſtand oſt warnt und widerräth, das Herz reißt mit ſeiner Ge⸗ walt dennoch fort und zwingt uns zum Handeln. Der Comte de Martreu, der es ſeinem Freunde ſo beſtimmt verweigerte, ihn auf der Reiſe zu ſeinen Eltern zu begleiten, uͤberdachte das Ganze mit kalterm Blute und ſagte endlich zu ſich ſebſt:„Du rarfſt deine Liebe, deine Hand von Franz nicht abziehen, wohin koͤnnte er gerathen, wenn du von ihm wicheſt, und wäre es in ein Ungluͤck oder Verderben, ſo würde dich der Vorwurf ſtrafen, du hätteſt um deiner Sicherheit willen eine heilige Pflicht verletzt. Wer kann“den Irrenden auf falſchen verbotenen Pfaden wandeln ſehen „ — 67— und weiſet ihn nicht zurecht Verdient er darum Haß, weil er nach einem Ziele ſtrebt, das wir verdammen, was er fuͤr ſein beſtes hält? Haͤtte mir Gott andere Augen, ein anderes Herz gegeben, mich in andere Verbindungen geſetzt, es iſt die große Frage, ob meine Grundſätze ſtaͤrker geweſen wären als die Macht äußerer Ein⸗ druͤcke. O, wir armen Erdenwuͤrmer bruͤſten uns oft mit unſerer Tugend, wir ſehen von einer heiligen Hoͤhe herab, als ob wir Engel waͤren, uhd wollen es nicht be⸗ denken, daß wir darum noch ſtehen, weil uns die Gelegenheit zum Falle fehlte. Wenn Carl unerſchutterlich dabei blieb, daß Franz, der ſich wider den Willen ſei⸗ ner Eltern mit einer Katholikin in ein ehe⸗ liches Buͤndniß einlaſſen wollte, daran das gröͤßte Unrecht that und ihm damit bewies, wie wenig ihm der unterſcheidende Charakter des Calvinismus und Katholicismus galt, ſo war er gegen ſeine Perſon doch gütiger und nachſichtiger als ſruͤher geſtimmt. Auf der ſanftern Bahn der Liebe und Freund⸗ ſchaft wollte er's auch verſuchen, ob er den gefaßten Entſchluß nicht wankend machen, erſchüttern und umſtoßen konnte. Er war⸗ tete nur auf eine gunſtige Gelegenbeit, um ſein Vornehmen ins Werk zu ſetzen und den Kampf mit der Leidenſchaft eines frommen und edel geſinnten Juͤnglings zu wagen. Als Martreu, zur Reiſe geruͤſtet, vor ſeinem Freunde erſchien und erklärte, daß er ihn begleiten wolle, ſchlang er mit einer Heftigkeit ſeine Arme um ihn und ſprach: „Carl, nun weiß ich's wieder, daß Du mein Bruder biſt, faſt glaubte ich's nicht mehr, und dieſer Zweifel hat mich ſchrecklich ge⸗ martert. Deine Erſcheinung iſt mir ein ſicherer Beweis, daß ſich Dein Herz mit mir verſoͤhnt hat, guͤtig und nachſichtig biſt Du gegen mich geworden. Nicht mehr er⸗ ſcheine ich Dir als ein Suͤnder, vor dem — 69— man weichen muß.“—„Verſoͤhnt, verſoͤhnt bin ich mit Dir noch nicht, und werde es nur dann ſeyn, wenn Du die Liebe zu der Katholikin unterdruͤckſt die eine Feindin iſt, welche Dein Gluͤck und Heil bekriegt; aber ich hielt es fur Unrecht, den Jungling aufzu⸗ geben, der einer Stutze bedarf, welcher noch gerettet werden kann. Vielleicht, daß meine Gegenwart in Montrigard nicht ohne Nutzen iſt, daß ich heiße Thraͤnen kuͤhlen, den Laut der Seufzer ſchwaͤcher machen, die Gewalt eines Sturmes mildern kann, der unvermeidlich iſt. An das Nachgeben bei Deinem Vater denke nicht, und nicht, daß er durch Deine Bitten ſich erweichen ließe. Du kennſt ihn, er iſt felſenhart, und was bei ihm beſchloſſen iſt, das bleibt nicht un⸗ vollfuͤhrt.“ „So ſtark und feſt, wie er uͤberhaupi im Leben ſteht, ſo ſteht auch in ihm ſein Glaube, die Religion und das Bekenntniß derſelben, was er als Knabe einſt vor dem — — Altare feierlich beſchwor. Aus Schwaͤrmerei und Rache hat er noch keinem Katholiken wehe gethan und ſeine Lippen oͤffneten ſich nie, um mit dem katholiſchen Weſen Spott und Hohn zu treiben. Sie moͤgen zu ihren Heiligen beten, ſprach er, menſchliche Satzungen wie Gottes Offenbarungen ehren, an Suͤndenvergebung durch des Prieſters Macht und Ablaß glauben, ſich damit be⸗ gnügen, daß ſie nur Brodt im Abendmahl empfangen, und ſich in einem weitlaͤufigen Pracht- und Zeremonienweſen zerſtreuen, wenn ſie's nicht boſſer haben wollen; aber auch die Reformirten ſollen ſie zufrieden laſſen, nicht auf die Jagd nach Proſelyten ausgehen, uns nicht verketzern und fuͤr unſern Glauben gleiche Achtung zeigen. Gemeinſchaft werde ich nie mit ihnen ſuchen und wuͤnſche es auch nicht, daß meine Kinder ſich mit ihnen vermengen. Franz, erinnerſt Du Dich deſſen noch? Er ſagte es an ſeinem vorletzten Geburts⸗ tage, als er erfuhr, daß der Pfarrer in S — 71— Chartreu ſeine Gemeinde öffentlich vor dem Unfuge gewarnt hatte, der gotesläſterlich genug in Hauteverd getrieben wuͤrde.“ Woblgeruͤſtet, wie die Reiſenden es damals immer ſeyn mußten, traten die beiden Juͤnglinge den Weg an. Ein Diener und zwei Reitknechte mit Degen und Piſtolen verſehen, waren in ihrem Gefolge. Sie furchteten keine Raͤuber und traueten es ihrem Muthe zu, es mit einer ganzen Bande, wenn die Noth der Selbſtwehr ſie zwaͤnge, aufzunehmen. Die Morgenluft ſpielte mit ihren Helnibuͤſchen. Der heitere Himmel verkuͤndigte einen ſchoͤnen Tag. Ihr Geſpraͤch riß nicht ab. Franz aber geſtand es aufrichtig, daß ihn vor dem Anblicke des Vaters ſehr bange. Zornig haͤtte er ihn nur ein Mal geſehen, und da habe er ſich vor ihm erſchreckt. Es ſchmerze ihn unglaublich, ſolche Eltern betruͤben zu muͤſſen, aber er koͤnne den Kummer von ihnen nicht abwenden. Geduldig werde er ſich jede Behandlung gefallen laſſen, ſo hart ſie auch ſey, und die Keberzeugung, daß er ſie nicht verdiene, ſolle ihn troͤſten. Seinen Glauben werde er nie verleugnen, aber damit denke er ihn auch nicht ver⸗ daͤchtig zu machen, daß er eine Katholikin liebe. Gott habe es nun einmal ſo gefuͤgt, daß ſie zu der reformirten Kirche nicht ge⸗ hoͤre, es ſey das ihre Schuld nicht und der Allmaͤchtige allein wiſſe es und werde es beweiſen, wie gut es ſey, daß ſeine Liebe auf eine Katholikin gefallen waͤre. Die Gegenwart enthalte oftmals wunder⸗ bare Räthſel, der Menſch ſtaune ſie an, ver⸗ werfe ſie als Thorheit, und die Zukunft loͤſe ſie zur Ehre und Seni der Vorſehung auf. Der Abend daͤmmerte, aber ſie wollten noch eine Herberge erreichen, die jenſeit des Waldes lag, um am folgenden Tage bei guter Zeit in Montrigard einzutreffen. — — 73— Im Walde wehte nach der Hitze des Tages, eine ſriſche, erquickende Kühle, in der ſich noch mehrere Voͤgel und vor allen am ſchönſten die Nachtigall horen ließ. Dieſe feierliche Stille, welche ſonſt durch⸗ keinen Laut unterbrochen wurde, verbun⸗ den mit dem herrſchenden Dämmerlichte, machte es felbſt in den Herzen unſerer Ritter ruhiger und ſtimmte ihre Seelen zum Ernſte und zum Nachdenken. Nicht ein Sturm oder Ungewitter, was den Frie⸗ den aus der Natur hinwegſcheucht und die Baͤume ſchuttelt, daß abgebrochene Zweige, auf dem Boden zerſtreuet liegen, wohl aber ein anderes fernes Getoͤſe ſtoͤrte die allgemeine Ruhe, machte die Reiſenden aufmerkſam und gab ihnen den Entſchluß ein, vorwaͤrts zu jagen, um Ungluͤcklichen, die in Gefahr waͤren, Eigenthum, Geſund⸗ heit und Leben zu verlieren, mit thaͤtiger Hulfe beizuſtehen.„Raſch, raſch, die Schwerter gezogen,“ ſagte Franz zuerſt, „der Himmel ruft, laßt uns die Gelegenheit — 74— benutzen, ein gutes Werk zu ſtiften! Ein laͤngeres Zoͤgern könnte uns bei unſerm Gewiſſen verantwortlich machen!“ Martreu ließ ſich nicht noͤthigen, er ſprengte mit ſei⸗ nem Freunde im Galopp davon und die Uebrigen folgten ihnen, da ihre Pferde weniger ſchnell auf den Fuͤßen waren, in einiger Entfernung nach. Man hoͤrte naͤmlich im Walde mehrere Schuͤſſe, die das Echo verdreifachte, und dann lautbruͤllende Menſchenſtimmen. Als man näher kam, vernahm man deutlich Angſtgeſchrei.„Es ſind Reiſende angefal⸗ len,“ ſprach Franz in dem der Zorn ent⸗ brannte,„wir werden Raͤuber ſtrafen muͤſſen!“ Es kam ihnen ein Wagen ent⸗ gegen, vor den vier der ſchoͤnſten Roſſe, die ſo raſch liefen als ſie konnten, geſpannt waren, Niemand ſaß darin. An der Seite deſſe ben ſah man die friſchen Spuren von Biut. Die wilden Thiere wurden zum Siehen gebracht, der eine Reitknecht mußte ſie bewochen, daß ſie nicht weiter liefen, in⸗ deß die Ritter, als ob ſie im Fluge waͤren, vorwaͤrrs jagten. 1 Jetzt, jetzt erblickten ſie mehrere Menz ſchen, die mit einander im Kampfe begriffen waren. Als ſie in der Naͤhe waren, erblick⸗ ten ſie Raͤuber, hoͤrten ſie die Stimmen der Reiſenden, ohne daß ſie ſie erkannten, welche um ihren Beiſtand anflehten. Franz und Martreu drangen mit dem Schwerte auf die Raͤuber ein. Sie ſtellten ſich eine kurze Zeit zur Wehre und flohen dann waldeinwaͤrts. Eine Dame lag ohnmaͤch⸗ tig oder todt auf dem Boden, neben ihr ſtand eine andere, die ſich die Haͤnde wand und ihr eigenes Schickſal oder das der Hingeſtreckten beiammerte. „Ach Gott, ach Gott,“ rief jetzt der eine Mann,„meine Tochter, meine Tochter! Sie wird geſchaͤndet, ich kann ſie nicht ret⸗ ten!“—„Das kann ich auch nicht, ſagte ein Anderer, welcher der Sohn des Erſtern zu ſeyn ſchien,„mein Arm iſt durchſchoſ⸗ ſen.“—„Wo iſt denn Ihre Tochter?“ fragte Franz.—„Zwei Raͤuber ſchleppten ſie in den Wald.“„. Er zeigte zugleich nach der Gegend hin, wo ſie aus ſeinen Augen verſchwand. Franz ſprang, ohne ſich zu beſinnen, vom Pferde, gab den Zügel deſſelben einem Reitknechte hin und lief nun mit gezogenem Schwerte in der Hand in den Wald hinein, ob ihn Martreu auch zurief:„Du treibſt Deine Kuͤhnheit zu weit und ſetzeſt Dein Leben in Gefahr! Was willſt Du unter den Baumen gegen eine Bande!“—„Und wenn ich um⸗ komme,“ rief Fran im Gehen,„ſo fiel ich fuͤr eine edle That, die ich verrichten wollte.“ Martreu fragte den Mann, der das Schickſal ſeiner Tochter betrauerte, indeß der Andere über Schmerzen am Aem klagte, den eine Kugel getroffen hatte, wie ſie zu — 7— dem Ungluͤcke gekommen waͤren. Der Mann hob alo an:„Es ſprang uns auf dieſer Stelle ein Kerl in den Weg, welcher mit gräßlicher St mme fragte: Seyd ihr Katholiken oder Ca viniſten? Katholiken, erwiederte ich, da ich nicht wußte, was ich ſagen ſollte, und kein Bedenken tug, die Wahrheit zu geſtehen. Nun, ſprach er, ſo iſt das beſte Gut, wes ihr hei euch habt, unſer Eigenthum. In demſelben Augen⸗ blicke ſprangen zehn Rauber, vielleicht meh⸗ rere, hinter den Baͤumen vor, riſſen Kut⸗ ſcher und Bedienten vom Bock, mtzhandel⸗ ten ſie, Und nun umringten ſie den Wagen. Sie noͤthigten uns zum Ausſteigen. Als wir uns ſtraͤubten, blitzten auf uns Dolche, ich wurde in der Seite verwundet. Jetzt fiel ein Schuß, der dieſen unſern Begleiter traf. Er ſtuͤtzte vom Pferde und— ich glaubte ihn todt.“ „Mit unwiderſtehlicher Gewalt wurden wir nun aus vem Wagen geſchreudert, es — 76— begann ein kurzer Kampf und wir ſahen uns bald uͤbermannt. Da liegt meine Gattin, ach, wenn der Schreck ſie toͤdtete!“ — Die Frau richtete ſich auf und ſprach: „Ich lebe, wo iſt Johanna?“—„Einer unſerer Retter,“ ſprach ihr Gatte,„eilte ihr nach und wird ſie zuruͤckfuͤhren. Ach, waͤre uns Ihre Huͤlfe nicht erſchienen, Opfer des Todes waͤren wir geworden. Es ſchien den Räubern mehr an unſerer Ermordung, als an unſerm Gute zu liegen. Wie ſchrecklich offen⸗ bart ſich doch der Haß der Calviniſten ge⸗ gen die Katholiken!“—„So muͤſſen Sie nicht ſagen,“ fiel ihm Martreu ins Wort. „Um weniger Schlechten willen, verdienen ſie nicht alle ihren Haß. Gab es nicht auch ſchlechte Katholiken unter den Guten? Ich felbſt kenne zwei, die ſo ſtrafbar ſind wie dieſe Räuber, und ſttafbarer vielleicht. Gott wird ſie richten.“ „Unmöglich,“ ſagte der Mann, als er ſich ein Weilchen erholt hatte,„die möchte — ich kennen. Wollen Sie mir nſcht ihre Namen nennen?“—„Ich bin nicht furcht⸗ ſam, es zu thun,“ ſagte Martreu,„und bin in jedem Augenbticke bereit, wenn Sie ſich gekraͤnkt fuͤhlen, einen Zweikampf auf Tod und Leben mit Ihnen zu beſtehen. Der Eine, ſein Name iſt keinem Katholiken unbekannt und bei denen, die von blutigem Eifer gluͤhen, alle Calviniſten zu erwürgen, wird er mit Ruhm genannt, brachte den edelmuͤthigen Cönté um's Leben, als er bei Jvernac ein waffenloſer und gefangener K ieger war, iſt das nicht ſchaͤndlich? So ohne alle Gegenwehr zu vertilgen? Der Veſſer beſcheint; aber er ſah dem Gemetzel — 7 Andete ſah meinen Vater mit ſeinen So d⸗ nern im Gedraͤnge. Wie ein Löwe wehrte er ſich. Zehn Schwerter waren wider ihn gezuͤckt, ein jedes hieb nach ſeinem Loben. Es bedurfte von dem Anfuͤhrer eines Wor⸗ tes nur und der Tapfere war gerettet und in ihm der Welt ein herrlicher Mesſch und mir ein Vater erhalten, den dis Sonne nie — 80— mit innerm Wohlbehagen zu, bis der Er⸗ mordete zerhackt und blutend auf dem Boden lag. Die Verlegenheit des Mannes, der es nicht glauben wollte, daß es auch eben ſo ſchlechte Katholiken, als Calviniſten gaͤbe, dem Martreu, um ihn davon zu uͤber⸗ zeugen, die beiden Beiſpiele erzaͤhlt hatte, war unbeſchreiblich. Zorn und Wuth wallte in ſeinem Herzen auf. Der Andere, dem der Arm verwundet war, vergaß den Schmerz, es zuckte ihm in allen Gliedern, ſtrafend haͤtte er gegen den Erzaͤhler los⸗ rechen mögen, wenn der Dank, den er ihm ſchuldig zu ſeyn glaubte, ſeine Wuth nicht zaͤhmte. Aber er ſagte:„Wer die Dreiſtigkeit hat, Handlungen, deren Stifter ſich rechtfertigen laſſen, die falſch von den Gegnern beurtheilt werden, in ſolch ein abſcheuliches Licht zu ſtellen, der muß auch den Muth baben, ihre Namen zu nennen, damit ſie's bei Gelegenheit mit ihm auf⸗ — 81¹— nehmen und ihm mit der Spitze des Schwertes das Wort ins Fleiſch ſchreiben koͤnnen:„Laͤſterer.“ Martreu ſah den Sprecher mit funkeln⸗ den Augen an, vergaß alle Ruͤckſichten und ſprach:„Waͤrſt Du nicht ein Elender, mit dem man Erbarmen haben muß, ſo wuͤrde ich den Schimpf, den Du mir an⸗ thateſt, mit Deinem Blute abwaſchen. Gewiß, Du biſt der Moͤrder Condé's ſelöſt, der beruͤchtigte Montesquieu. Lobe mich, daß ich Muth habe, einen Namen zu nen⸗ nen, der nach dem buͤrgerlichen Rechte eigentlich am Galgen prangen ſollte. Komm, Großprahler, ich furchte Dich nicht.“ Montesquieu knirſchte ſo laut mit den Zaͤhnen, daß man es hoͤren konnte und donnerte die Worte:„Zu einer andern Zeit werde ich Dir mit gleicher Muͤnze be⸗ zahlen.“„„ Er nahm ſein Roß am . ₰ 6 Zugel, ging auf dem Wege fort, wohin die Pferde mit dem Wagen gelaufen waren. „Sind Sie nicht in Chartreu geweſen?“ fragte der zuruͤckbleibende Mann.—„Das bin ich nie und werde es nie betreten,“ er⸗ wiederte der Comte.„Wozu die Frage auch? Ich habe Ihnen ja die Antwort darauf gegeben. Als ich Ihren Reiſege⸗ faͤhrten erkannte, der ſich mir nach ſeiner Weiſe verrieth, iſt mir's ſogleich eingefallen, daß in ſo guter Geſellſchaft kein Anderer reiſen konnte, als der Herr Marquis de Vetruͤn. Sie wiſſen es, welche Nummer Sie bei mir haben und— damit Punktum. Sehen Sie, wie wunderbar die Vorſehung waltet! Der Mann, der meinem Vater das Leben retten konnte und ihn von blutduͤrſti⸗ gen Katholiken umbringen ließ, dem hat's der Sohn erhalten. Ob ich es that, wenn ich vorher Sie kannte? Ich geſtehe es Ihnen frei, ich hätte es nicht gethan.“ 6 — Martreu ging mit den Worten in den Wald und nahm ſeinen gewaffüeten Reit⸗ knecht mit ſich:„Blut und Leben will ich nun fuͤr meinen Freund einſetzen, zu lange habe ich ſchon mit der Huͤlfe ge⸗ zogert!“ Welch ein Zuſammentreffin dachte Martreu, hier muß Franz ſeine Geliebte finden! Der Himmel hat es ſo geordnet und er wird es als ein guͤnſtiges Zeichen fur ſeine Liebe deuten, wer kann ihm das verargen! Welch ein Verdienſt erwirbt er ſich um ſie, und zu welchem Danke muß ſie ſich gegen ihn verpflichtet fühlen! Wird dies Ereigniß nicht die Eltern ſelbſt für die Verbindung guͤnſtig ſtimmen? Er ging im finſtern Walde fort, arbeitete ſich durch Dorngebuſch, das ihm die Haͤnde und das Geſicht blutig ritzte, aber er ſah und hoͤrte nichts, laut wollte er nicht rufen. Immer wurde es unruhiger in ſei⸗ nem Herzen und er konnte ſich der Beſorg⸗ niß nicht mehr erwehren, daß Franz von den Räubern niedergehauen und Johanna — 81— von ihnen fortgeſchleppt ſey. Vor der Art und Weiſe, der gräßlichſten, die es gab, wie ſich das Kapitel dieſer beiden Liebenden endete, ſchauderte ſeine Vernunft, ſein menſchliches Gemuͤth zuruͤck; aber bald troͤſtete ihn der Glaube, der ihm dann immer aus einer hoͤhern Welt entgegen glaͤnzte, wenn Erdenfinſterniß ihn umhuͤllte, es herrſcht ein Gott, ohne ſeinen Willen wird kein Haar auf unſerm Haupte ge⸗ kruͤmmt, und was er zulaͤßt, wenn es uns auch unbegreiflich bleibt, iſt Weisheit und Guͤte. Wer weiß, wie vielen Leiden und Unfaällen vorgebeugt iſt, wenn Franz nicht mehr lebt, und wie vielen Widerwartigkei⸗ ten er durch den Tod entging, die ihm ein gutiger Vater erſparen wollte. Traurig war's ihm nur, daß er in Montrigard der Schreckensbote einer ſolchen Nachricht ſeyn mußte. Ganz andere Betrachtungen ſtellten der Marquis, ſeine Gattin und die Gouvernante an, waͤhrend Martreu ſeinen Freund auf⸗ ſuchte. Die Marquiſe ſeufzte:„Ach, den Rettern meines Lebens bin ich wenig Dank ſchuldig, ich wuͤnſche mir ſogar den Tod, wenn Johanna gemordet iſt, und doch muß ich auch dies Schrecklichſte fuͤr eine Wohlthat halten, wenn ſie als eine geſchaͤndete Jungfrau zuruck gebracht wurde.“ —„Du thuſt Unrecht,“ troͤſtete der Mar⸗ quis,„wenn Du nur das Aergſte glaubſt. Hat der Himmel nicht tauſend Mittel, aus Verderben und Gefahr zu retten? Auf die Guͤte des Gottes laß uns hoffen und ihm vertrauen, der Ueberſchwengliches thun kann, der einſt den Daniel aus der Grube hungriger Loͤwen unbeſchadet hervorfuͤhrte. Ahneſt Du's, wer der beherzte Juͤngling war, der der Gefahr entgegen ging und Johannens Rettung verſuchen will? Ich glaube ihn erratren zu haben, der Comte de Montremi, Wartreu's Freu d.“— Der iſt's,“ ſagte ſie kein Anderer! Und wenn er's wirklich wäre, der ſein Leben wagte, ſo edelmuͤthig, fuͤr eine Unbekannte, wuͤrdeſt Du ihm den Lohn geben, den er ſich von Dir erbäte?“—„Erbaͤte er ſich einen Lohn und ließe er ſich die edle That be⸗ zahlen, ſie waͤre ohne Werth und meine volle Achtung haͤtte er verwirkt. Soll ich's leugnen, daß es mir nicht gleichguͤltig iſt, daß ich mit Calviniſten in eine ſolche Ver⸗ bindung gerathe? Wie veraͤchtlich dieſer Martreu mich beurtheilte! Großmuͤthig will ich ihm verzeihen, denn der Sohn eines er⸗ mordeten Vaters iſt der Leidenſchaft der Rache hingegeben und kann ſeine Worte nicht wiegen; ja, um großes Unheil zu verhuͤten, wollen wir Montesquieu beſaänfti⸗ gen, daß er gegen ihn nicht feindlich auf⸗ tritt. Von dem Comte de Vetruͤn darf er nichts erfahren.“ „Aber ach Gott,“ rief die Marquiſe aus,„wie kannſt Du jetzt, wo Angſt und Schmerz meine Seele foltert, mit mir von 3 ſolchen Nebendingen reden! Tröſte mich, — wenn ich in meiner Qual nicht untergehen ſoll! Schmälere den Dank nicht, den Du dem Comte Montremi ſchuldig biſt, ſein Dienſt iſt groͤßer, als Du ihn vergelten kannſt!“ Sie machten ſich auf und gingen nach der Stelle hin, wo der Wagen hielt. Von den Leuten, die ſich dabei geſammelt hatten, erfuhren ſie, daß Montesquieu mit ſeinen Begleitern weiter geritten waͤre, ohne ein Wort zu reden. Die Dunkelheit ver⸗ ſchwand und das Licht des Mondes ſchien durch die Stellen, welche von Laub und Zweigen entbloͤßt waren. Sie durften nicht weiter fahren und harrten ſehnſuchts⸗ voll auf die Wiederkehr der geraubten Johanna. Wir nahen uns nun dem wichtigſten Punkte der ungluͤcksgeſchichte, welche das Schickſal des von Räubern entfuͤhrten Mädchens und den Jüngling betrifft, der — 88— ſich kuͤhn und velmüthig ʒ zu r entſchloß. Franz durchſtreifte eine weite Strecke im Walde, arbeitete ſich durch dickes Ge⸗ buͤſch und wurde von dem Dornenge⸗ ſtraͤuch oft gezwungen, rechts und links auszubiegen. Er horchte bisweilen, aber er vernahm kein Geraͤuſch, keine Menſchen⸗ ſtimme, nicht die Klagetöne einer Ungluͤck⸗ lichen, welche den Armen ihrer Eitern ent⸗ riſſen und in Räuberhände gerathen war. Die ſchauderhafte Stille der Nacht wurde nur durch das Geſchrei der Uhu's' und Eulen geſtoͤrt. Er war vielleicht eine Stunde gegangen, als er wuͤthend und verzweifelnd die Hoffnung aufgab, ſeinen edelmüthigen Zweck zu erreichen, und dem boöſen Schſckſal fluchte, welches den Raͤubern die ſchmaͤhliche That gelingen ließ und ihnen ungeſtraft eine ſchuldloſe Jungfrau uͤberlieferte. Schon entging ihm die Luſt, weiter zu gehen, ſein Blut war abgekuhlt, er war im Begriff umzukehren, als er Maͤnnerſtimmen vernahm und einzelne Klagetöne hoͤrte. Da ſind ſie, die Un⸗ menſchen, da iſt ſie, die Entfuͤhrte, ſprach's in ihm, Du mußt jene nieder⸗ hauen und dieſe aus ihren Klauen er⸗ löſen. An die Moͤglichkeit, daß er in einem harten Kampfe ſein Leben verlieren konnte, dachte er nicht, die Flamme der Wuth loderte in ihm auf, feſter umklammerte er mit der Fauſt den Griff ſeines Schwertes, das er ſchon loſer gehalten hatte. Jetzt kam er vor einem freien Platze an, der leer von Baͤumen war, welchen das helle Licht des Mondes erleuchtete. Auf der entgegengeſetzte Seite ſah er unter einem großen Baume zwei Kerls und horte das Winſeln einer auf dem Boden liegen⸗ den Perſon. Die Kerls ſprangen auf, er⸗ kannten in ihm einen Fremden und ahne⸗ ten gewiß; daß dieſer Einer von den Rittern waͤre, der ſie verjagte und ſich den — 90— Dank fuͤr die Rettung der Jungfrau aus ihrer Gewalt einholen wollte. Den Kampf auf Gefahr wollten ſie mit ihm vermeiden, ſie hielten es auch fuͤr leichter, einem Ent⸗ ſeelten, als einem Lebenden ſeine Habſelig⸗ keiten abzunehmen. Sein gezogenes Schwert blitzte ihnen entgegen und Toͤne der Wuth ſchallten von ſeinen Lippen. Es ſiel auf ihn ein Schuß, als bieſer nicht traf, noch einer. Dieſer letztere traf die Feder, die auf Franzens Kopfe wehte und theilte ſie in zwei Hälften. Er war im vollen Sprunge nach den Raubern und ſagte verwuͤnſchend;„Seyd ihr moͤrderiſche Angreifer ſo zwingt mich die Nothwehr, euer Blut zu vergießen.“ Mit einem Dolche kam der eine Rauber ihm entgegen, der andere wollte ihn im Ruͤcken angreifen. Franz ſprang ſeitwaͤrts, und heb mit dem Schwerte nach dem hin, der vor ihm ſtand, ſo ſicher und ſo gewal⸗ tig, daß er ihm den Kopf bis zu dem ——— — 9— Kinn ſpaltete. Der andere warf eine Piſtole nach ihm hin, traf ihm die Herz⸗ grube, daß er kaum noch Athem holen konnte. Er war einige Augenblicke in Ge⸗ fahr ohnmaͤchtig niederzuſinken und hielt dem Raͤuber nur mit matter Kraft die Spitze ſeines Schwertes entgegen, um ihn von ſich abzuwehren.„Hund,“ brullte dieſer,„Du haſt meinen Bruder gemordet und ſollſt ſterben!“ Dieſer Zuruf ſpannte die Muskeln und Nerven Franzens wieder an, aber der Raͤuber machte einen Seitenſprung, nach dem auf der Erde liegenden Maͤdchen hin, ein Dolch blitzte in der Hand, er ſagte:„Erſt ſie, dann Dich!“ Eine hoͤhere Macht, die uͤber Johannens Leben wachte, damit ſie die Retterin ihres Geliebten einſt werden ſollte, verhinderte die blutige That. Im Laufe ſtolperte der Raͤuber uͤber eine Wurzel, welche die Vorſehung dahin gelegt hatte, um einen Unmenſchen zu ſtrafen er ſturzte zur Erde nieder und ohne Beſinnung, keiner Ueberlegung maͤchtig, lieh Franz der in ihm tobenden Wuth ſeinen Arm und ſtieß den Gefallenen dergeſtalt durch den Leib, daß die Degenſpitze tief in den Boden drang. Der Gemordete ſtieß noch einen Schrei aus und— war nicht mehr. ilig nahete ſich Franz der Jungfrau und ſagte zu ihr:„Sie ſind gerettet, ſtehen Sie auf, ſäumen Sie nicht, daß wir nach einer andern Gegend des Waldes fliehen, noch droht uns hier Gefahr!“ Er ſtreckte ihr die Hand entgegen, um ihr bei⸗ zuſtehen, aber ſchlaff lagen ihre Arme, wie die einer Todten, auf ihrem Schoße nieder, ſie konnte keine Sylbe ſprechen; aber er merkte es, daß ſie ihren Blick zu ihm em⸗ porrichtete.„Um Gotteswillen bitte ich Sie“ ſagte er nochmals. Als ſie zum Aufſtehen kene Bewegung machte, ſteckte er ſein blut⸗ triefendes Schwert in die Scheide und nahm ſie auf die Arme. Raſch trug er die edle Beute, die er mit Lebensgefahr in ſeine Gewalt braͤchte, uͤber den leeren Platz in den Wald hinein Aengſtlich vor den andern Raͤubern, die ihn verfolgen könnten, ſchlug ihm immer noch das Herz; aber er war im Innern auch uber die edelſte That entzuckt, die in ſeinem Leben glaͤnzte. Die Buͤrde, die er trug, wuͤrde ihm weniger ſchwer geworden ſeyn, wenn er nicht durch das Buſchwerk und die niederhangenden Zweige wäre aufgehalten worden. Ohne ein Wort zu reden, ohne ein Laut von der Lippe des Madchens zu ver⸗ nehmen, hatte er ſie vielleicht eine halbe Stunde fortgetragen, als der Schweiß wie Regentropfen ihm von der Stirn lief, ſeine Kraͤfte ihn verließen und er ſagte: Koͤn⸗ nen Sie noch nicht gehen, ſo müſſen wir hier ausruhen; ich hoffe, die Hälfte des Weges bis zu den Ihrigen iſt vollendet Er ſetzte ſie ſanft auf die Erde nieder und war wie vom Blitze geruͤhrt und wußte es nicht, ob er ſeinen Ohren trauen ſollte, als er die Worte aus dem Munde des Mad⸗ ————— vernahm:„Wie wunderbar fuͤgt es Gott! Ich erkenne Sie, Sie ſind der Comte de Montremi, ich, ich bin Ihre Johanna!“ Nur einen Augenblick dauerte ſein Schwei⸗ gen, ſeine Ueberraſchung, ſein Staunen, laut, ohne daß er die Moͤglichkeit einer Gefahr, oder die Nähe der Rauber fuͤrch⸗ tete, ſagte er:„Wunder und Zeichen thut der Allmaͤchtige, um heilige Zwecke zu er⸗ reichen und die Menſchen ihrem Gluͤcke ent⸗ gegenzufuͤhren! Wer wird mir nun ein Leben entreißen, das ich rettete, fuͤr das ich das meine wagte? Johanna, unſer Bund fuͤr die Ewigkeit iſt geſchloſſen, wir ſind Eins, nicht Menſch und Glaube, nicht Religion und Kirche ſoll uns trennen.“ Er umarmte ſie mit aller Heftigkeit der zaͤrtlichſten Liebe, ſie druͤckte ihn un⸗ glaublich feſt an ihre Bruſt, die vom Ent⸗ zucken gehoben wurde und preßte ihre Lippen auf ſeine Wange. Ihre Thraänen floſſen, ſie benetzen ſein Geſicht.„Retter — 95— meines Lebens,“ ſtammelte ſie,„wie ſoll ich danken! Himmel und Erde nehme ich zu Zeugen, daß ich ewig Dein Eigenthum bin! Verlaß mich nicht!“„—„Dich verlaſ⸗ ſen, Johanna,“ entgegnete er,„Dich, mein Alles, wofuͤr ich mich von Vater und Mutter, von meinem Leben ſelbſt trennen kann?“ Er kuͤßte ſie wieder und ſie er⸗ wiederte in gleichem Grade, mit der herz⸗ lichſten Innigkeit, die Beweiſe ſeiner Liebe. Vorſichtig und langſam gingen ſie Arm in Arm vorwaͤrts.„Mein Vater,“ ſagte Franz,„wird mir's nun nicht ver⸗ wehren, ob Du auch eine Katholikin biſt, daß ich mich ehelich mit Dir verbinde. Die Hand des Gottes, der uns in dieſem Walde ſo wunderbar zuſammenfuͤhrte, wird er ehren. Ach, meine Johanna, haͤtte ich's gewußt, daß Du es warſt, die in Raͤuber⸗ hände fiel, ich wäre geſtorben, ehe ich Dich erreichte! O goͤtiger Himmel, wie weiſe verbirgſt Du uns Geheimes, bis es zur 4 4 Entdeckung reif iſt und wir ſeine Auf⸗ ſchluͤſſe tragen können! Uud wenn es Ei⸗ nen gaͤbe, der die That ableugnen wollte, ſo dient mir Martreu zum Zeugen. Er wollte zu meinem Vater mich begleiten, der Wichtiges mit mir zu reden hat, was unſere Verbindung betrifft. Aber was hoffſt Du von Deinem Vater?“ „Wenn die Erhaltung meines Lebens ihm theuer iſt,“ erwiederte ſie,„wenn ſein Katholicismus ihn nicht feindlich gegen Dich ſtimmt und vor allem, wenn er einen Plan aufgeben kann, mit dem er ſich gar ſehr zu beſchaͤftigen ſcheint, den er ver⸗ wirklicht zu ſehen wuͤnſcht, dann, dann hoffe ich auch von ihm das Beſte. Er iſt nicht undankbar und hat Gefuhl fuͤr eine edie That, auch haſt Du meiner Mutter Herz, das ſich ſchwankend hin- und herbe⸗ wegte und zu keinem feſten Entſchluſſe kommen konnte, ſicherlich gewonnen.“— S — 97— „Was iſt das fur ein Plan,“ fragte Franz, „der unſerer Liebe droht?“ Sie erwiederte alſo:„Ein Capitain Montesquieu, nach Chartreu von der Koͤni⸗ gin geſandt, uns an den Hof nach Paris unter den vortheilhafteſten Bedingungen zu rufen, bewarb ſich um meine Gegenliebe. Wie ich ſeine Neigung erwiederte, mit Hoͤflichkeit und kalter Artigkeit, das kannſt Du ſelber denken. Die Mutter und die Chamboiſe wiſſen es, wie er mir zuwider iſt. Meinem Vater hat er ſein Geheimniß offenbart, der iſt ſicher mit ihm einverſtan⸗ den, geblendet von ſeinem falſchen, bluti⸗ gen Ruhme und von ſeinen Schätzen. Aber er hat ja den Feigling kennen gelernt, der fuͤr ſeine vermeinte Braut nichts wagte, und Dich, der Du fuͤr eine Dir noch Un⸗ bekannte Dein Leben einſetzteſt. Sollte ihn das nicht ruͤhren? Sollte ihn das nicht mit aller Gewalt auf Deine Seite ziehen? Was Du in Paris von dieſem m. 5 Capitain und ſeiner Verbindung mit mir aber auch hoͤren magſt, traue nicht der Luͤge. Im Angeſichte des Himmels hat mein Herz Dir Liebe geſchworen, und dies Herz mit allen zartlichen Neigungen gegen Dich wird Dir Wert halten, ſo wahr meine Seele lebt.“—„Der Montesquieu,“ fragte Franz,„der den gefangenen Conds mordete?“—„Derſelbe,“ ſagte ſie.— „Ein gefaährlicher Nebenbuhler, aber doch kein unuͤberwindlicher. Er iſt mein Feind darum ſhon, weil ich nicht ſeines Glau⸗ bens bin, wie aber wird er mich dann haſſen, wenn er erfaͤhrt, daß ich das Hin⸗ derniß ſeiner Liebe bin. Raͤuber und Moͤrder, die mich auf der Heerſtraße mit den Waffen in der Hand anſallen, die fuͤrchte ich nicht, Du haſt es ſelbſt geſehen, aber Giſt und Dolch, womit die Satans⸗ liſt Manchen ſchon aus der Welt ſchaffte, ſcheue ich. Auf meiner Hut muß ich ſiyn. Johanna, verheimliche meine Liebe Deinem Vater ſelbſt, bis ich entſcheidende Schrite -, 8 — 99— thun kann. Die Erhaltung meines Lebens gebietet dieſe Vorſicht.“ Auf einmal horten ſie Geraͤuſch in den Zweigen und erblicten zwei Manner. Auf Franzens Geheiß mußte ſich die erſchrockene Johanna, die einen neuen Kampf furchtete, hinter einem dicken Stamme verbergen. Er ſtellte ſich mit gezogenem Schwerte davor, mit dem Vorſatze, lieber zu ſterben als ſie der Willkuhr ſchaͤndlicher unmenſch⸗ licher Räuber zu uͤberliefern Jetzt ver⸗ nahm er die ihm wohlbekannte Stimme ſeines geliebten Carls, welcher zweifelnd fragte:„Biſt Du's, lieber Franz? Schmerz⸗ lich ſuche ich Dich!“— Franz nahm ſeine Johanna bei der Hand, indeß er ſeinem Freunde zurief, daß er's ſey und ſagte zu ihr:„Folge, nun überwältigen wir eine Raͤuberbande, und furchte nichts!“ Als er vor Martreu mit ihr ſtand und dieſet voll frohen Erſtaunens war, da er die Jungfrau geſund und un⸗ verletzt ſah, ſprach Franz:„Siehe, ſie iſt mein, ich habe ſie mir mit Blut erkauft und mußte ſie aus den Klauen zweier Raͤuber ziehen, die ich niederſchlug! Hier waltet Gott und was er zuſammenfügt, das ſoll der Menſch nicht ſcheiden! Gieb meiner Johanna die Hend, Du biſt m in Bruder, darfſt ihr nicht zuͤrnen, ſie iſt eine Unſchultige“— Martteu gab ihr die Hand und ſagte mit großer Ruhrung im Gemuͤth: „Ach, warum ſollte ich ihr denn zuͤrnen, ſie hat mich nie gekrä kt und kein Boͤſes weiß ich von ihr. Soll ich euch Gluͤck wuͤnſchen, daß ihr euch hier ſo wunderſam zuſammenfandet, ich weiß es ſelber nicht! Eine bange Ahndung ergreift mein Hirz, wenn ich an eure Zukunft denke. Ihr meint, daß Gott euch verbunden habez aber fuͤrchtet, die Menſcen werden euch trennen. Darf ich's Keinem von euch Beiden zutrauen, da ich euch für fomme Seelen halte, die um Irdiſches mit der — 101— Religion nicht tauſchen, auf die ſie getauft ſind, zu der ſie ſich von Jugend auf be⸗ kannten, der ſie Treue ſchworen bis in den Tod, ſagt, worauf gruͤndet ihr die Hoffnung eurer Verbindung? Kennt ihr ein Land, wo Sectenhaß, Verfolgungsſucht und Proſelytenmacherei nicht wuͤthet; wo nur die Erweiſe chriſtlicher Liebe uͤber den Werth eines Menſchen entſcheiden; wo eine Taufe, ein Glaube, ein Nachtmahl alle Glieder der Gemeine Jeſu zu einem fried⸗ lichen Ganzen vereinigt, geht dahin, wenn ihr Eltern und Jugendfr unde verlaſſen koͤnnt und leben, wie es Eheleuten ge⸗ ziemet, in Eintracht und Guͤte. Eure Tugend, eure Liebe, euer Gluͤck wird die erzuͤrnten Herzen doch zuletzt mit euch ver⸗ ſoͤhnen.“ „Bruder,“ ſagte Franz und umarmie den Comte de Martreu,„Du haſt recht gerathen, wenn das feindliche Schickſal uns bedraͤngt, wenn es uns von einander zu . — 10— trennen droht, dann fliehen wir nach der Schweiz und Du beſaͤnftigſt dann Gemuther.“ Franz konnte es nicht begreifen, wie Carl dazu kam, daß er ſoiche emſchei⸗ dende Worte redete, das er ga z a ders geſtimmt war wie vor wenigen Stunden, und daß er gemeinſchaſtliche Sache mit ihm machte. Aber Montremi vedachte nicht, wie ergriffen das Herz des weichen, reizbaren, tief fuͤhlenden Martreu war, der Zeuge ſo wichtiger Er igniſſe war, wo! das Leben mit dem Tode, die Sicherheit mit der Gefahr, die Rertung mit dem Un⸗ tergange kaͤmpfte und des Almächtigen Hand das Verirrte auflö ete, das Dunkele helle machte und die gute uber die boͤſe Sache ſiegen ließ. Als Martreu mit dem Reitknechte in den Wald trat, da ſetzte er ſein eigenes Leben auſ's Spiel; aber er wollte es. Nur ſeinen Freund wuͤnſchte er zu retten, von dem er furchten mußte, daß „ — 103— — er vielleicht eine Beute der grauſamen Raͤuber geworden wäre. Daß das Mäd⸗ chen ſortgeſchleppt gemißhandelt, vielleicht ſchon mit einem Dolche durch's Herz ge⸗ bohrt, als eine Leiche im Walde läge, das dachte er ſich als gewiß. Und nun ſahe er ſeinen Freund, den ein heiliger Eifer, eine Unſchuldige us wilden Moͤrderhaͤnden zu erlöſen, ohne daß er ſie kannte, ihr nachjagte, — or ſich unverletzt und ſie durch keine un⸗ heilige Berührung entehrt, das eben drang ihm bis ins Mark der Seele, das erſchüt⸗ terte ſein Gemüth, das ſtimmte ihn fuͤr die Sache der Geliebten, die er fuͤr Gottes Sache, ſo wie er ihre Erhaltung fuͤr das 1 Wunder einer himmliſchen Gnade hielt. * Was ſo augenſcheinlich von der Allmacht des Arms ſp icht, ſagte ein frommer Geiſt in ihm, der Wogen erregt und ſie ſtillt, der den Sperling nicht vom Dache fallen läßt, dem muß der Menſch nicht wider⸗ ſtreben, ſonſt läßt er ſich mit dem Hoͤchſten in einen Streit ein, dem ſeine Kraͤfte nicht gewachſen ſind. Um Franzen die Stimmung ſeiner Seele vernehmlich kund zu thun, ſagte er: „Das Schickſal hat mich mit Deiner Liebe ganz verſöhnt. Nicht zuͤrnte ich Deiner Braut, um Dich ihr abſpenſtig zu machen, aber die Berge, die ich noch zwiſchen euch 3 liegen ſehe, erſchreckten mich und ich en⸗ deckte kein Mittel, das ſie zu ebnen ver⸗ mochte; aber ich habe es jetzt erfahren, kein Ding iſt bei Gott unmoͤglich. Haltet dieſen Glauben feſt und wanket nicht, iſt auch der Weg noch ſo ſchwer, den ihr gehen muͤßt, er wird euch endlich auch zum Ziele fuͤhren. Euer Freund ſtehe ich auf eurer Seite, kann ich mehr noch thun, als fur euch ein gutes Wort reden, er⸗ wartet es von mir. Um keinen Preis gaͤbe ich dieſe Reiſe hin, ſie hat mich mit Dir verſohnt und Deiner Sache mich ge⸗ wonnen. Aber, aber Johannens Vater, er — 105— haßt mich, ich kann ihn nicht lieben, auf ihm liegt die Schuld, daß mein Vater un⸗ ter Schwertſtreichen ſein Leben verlor, wird ſeinen katholiſchen Sinn nicht⸗ beugen laſſen, wer iſt's, der bei ihm das Wort fur mich fuͤhrt?“ . „Fuͤhre Du es nur fuͤr mich bei mei⸗ nem Vater,“ bat Franz,„und ſorge weiter nicht. Der Himmel kann durch ſeine Blitze Felſen ſpalten, und was ſind ihm Menſchenherzen, die lenket er wie Waſſer⸗ . baͤche. Meine Hoffnung gruͤndet ſich auf den Herrn, Herrn, und der wird's wohl machen. Siehe, meine Johanna, das iſt ⸗ der Mann, den meine Seele von Kind⸗ heit auf gleich einem Bruder liebte, er wird der Gatte meiner Schweſter, dieſer redliche Freund, in dem kein Falſch iſt, der ſich haͤrmte und graͤmte, als er aus liehe⸗ voller Beſorgniß in meiner Liebe zu Dir nur mein Ungluͤck ſah, ſiehe, der iſt's, welcher durch Gottes wunderbare Fügung uns als eine maͤchtige Huͤlfe zugeſ Ut iſt. An ihn glaube, ihm vertraue, ihm danke, oͤffne Dein ganzes Herz der Liebe zu ihm, es giebt keinen Juͤngling auf Erden, der Deiner achtungsvollſten Neigung wuͤrdiger waͤre, als er.“ Johanns war in einer Stimmung, wo man nicht jedes Wort wiegt, nicht jeden Schritt abmißt, wo ein heiliges Feuer in uns lodert, das die Grenzen der gebotenen Sitte nicht mehr achtet und einem maͤchti⸗ gern Zuge folgt, zu dem uns die Natar, das ſiegende Gefuͤhl hinreißt, ſie gab dem Comte ihre Hand und kußte mit Inbrunſt ſeine Wange.„Gott ſegne Dich, Du frommes, liebes Kind, und lohne Dich nach ſchwerem Kampfe mit der Krone erfuͤllter Hoffnungen und Wuͤnſche,“ ſagte Martreu und mußte ſich die Thraͤnen von den Wangen trocknen. Stunden waren im Walde hingebracht, 5 man fuͤhlte die Kuͤhle der Nacht nicht und ſchon nahete die Morgendaͤmmerung. Beide Comte fuͤhrten Johannen und der Reit⸗ knecht mußte vorausgehen, um, ſo viel er's vermochte, die Zweige auf die Seite zu biegen. Fortgeſetzt führten die Drei umter einander ein leiſes Geſpraͤch und ihre Her⸗ zen verbanden ſich innig zu einander. Der Marquis war außer ſich, als weder der Comte de Martreu, noch der Comte de Montremi mit ſeiner Tochter an⸗ kam. Einigemal leuchtete ihm doch der Gedanke heiter in die Seele, daß die Raͤu⸗ ber die Pachtſumme nicht gefunden hatten, die er in einem verborgenen Kaͤſtchen mit ſich führte. Aber die Marquiſe war troſt⸗ los, ſie ſeufzte, rang die Haͤnde und hatte die Hoffnung aufgegeben, ihre Tochter im Leben wieder zu ſehen.„Ach, ſagte ſie, „was ſoll ich nun in Paris, an dem lär⸗ menden Hofe, die Grabesſtille, wo ich ungeſtört meiner Verzweiflung und meinem — — 108— Schmerze nachhangen kann, iſt mir lieber. Laß uns zuruͤck nach Chartren eilen, dort in der Einſamkeit will ich an meinen Herz⸗ wunden verbluten, die Welt hat keine Freu⸗ den mehr fuͤr mich.“ Sie ließ ſich nicht zufrieden ſprechen. Die Gouvernante war nicht weniger erſchuͤttert und empfand glei⸗ chen Kummer mit der Marquiſe. Sie konnte die Wege Gottes nicht deuten, der ein ſolches Ungluͤck zuließz aber ſie wußte es noch nicht, zu welchem Gluͤcke es fuͤhrte. Oft dunkel iſt des Daſeyns Macht, in Finſterniſſen wandelt hier der Pilger, doch ehe er es ſelbſt kaum ahnet, bricht das ſchoͤne Licht hervor, das ſeinen Pfad er⸗ leuchtet. Die Laſt, die ihr auf dem Her⸗ zen lag, konnte ſie ſich durch Thraͤnen noch erleichtern, aber in den Augen der Mar⸗ quiſe ſchienen ſie vertrocknet zu ſeyn. Die Pferde ſtanden angeſchirrt vor dem Wagen und der Marquis war völlig ungewiß, ob er noch warten ſollte, oder nicht, ob er nach Chartreu umkehren oder ſeine Reiſe nach Paris fortſitzen ſollte. Weoͤtzich folgte die Emtſcheidung. Die Ma quiſe hatte unverwandt ihre Blicke nach einer Seite des Wegs hinge⸗ richtet, als ob von dorther Nachticht von dem Schickſale ihrer Tochter kommen muͤßte. Auf einmal ſchrie ſie laut auf, daß es imm Walde wiederhollte:„Jeſus Maria, da ſehe ich meine Johanna, ach, meine Jo⸗ hanna, die Comte bringen ſie! Ihr Leben iſt gerettet, aber auch ihre Unſchuld?“ Sie eilte ihr mit raſchen Schritten entgegen, das kindliche Gefuͤhl riß auch Johannen von ihren Begleitern fort, ſie flog auf die Mutter zu, Beide fielen, ohne daß man einen Laut vernahm, einander in die Arme. Aber welch eine Umarmung, in die ſich bei der Mutter das hoöchſte Entzücken und der hoͤchſte Schmerz, die baͤngſte Beſorgniß miſchte, Johanna war ganz Freude.„Hat Montremi auch Deine Unſchuld, und die Ehre Deines Geſchlechts gerettet?“ fragte die Mutter. Mit Erroͤthen und ſtaͤrkerm Herzklopfen erwiederte Johanna:„Außer, daß die Rauber mich weiter ſchleppten und ich in jedem Augenblicke Todesqualen em⸗ pfahd, haben ſie mir kein Leid angethan.“ — Jetzt erſt umarmte die, Marquiſe mit innigſter Mutterfreude ihre Tochter und ſprach:„Gelobt ſey der Allmaͤchtige, ihm wollen wir vertrauen, deſſen Arm Dich aus Raͤuberhaͤnden rettete, der wird Dich weiſe und züuig weiter fuͤhren!“ unterdeß war auch der Marquis, die Gouvernante von der einen Seite und die Comte von der andern Seite zu den Frauen gekommen. Mit Dank und herz⸗ licher Vaterliebe umarmte auch er ſeine Tochter und ſagte nach einer Weile, als heilige, fromme, freudige Gefuͤhle in den Herzen wallten und die Gouvernante Jo⸗ hannen in ihren Armen hielt:„Wenn Ei⸗ ner von Ihnen, meine Herren, meine „ „ † dem Boden ruhend, von zwei Raͤubern be⸗ — Tochter rettete und ich ihm ihre Erhaltung verdanke, ſo weiß ich wahrlich nicht, welchen Lohn ich der That zollen ſoll. Der, den uns das Herz ſelber giebt, iſt der beſte und alles Andere iſt leerer Tand. um eines vergaͤnglichen Preiſes, wenn's der ter Ehre nicht iſt wagt man ſein Leben nicht. Sie ſeten, ich bin in Verlegenheit, ich weiß nicht wie ich danken ſoll.“ „Aus dieſer Verlegenheit, die fuͤr ein dankbares Gemüth immer eine peinliche iſt“ ſagte Martreu,„will ich Sie retten. Ich ging nur meinem Freunde nach, um von ihm moͤgliche Gefahren abzuwenden und ſie mit ihm zu theilen, das iſt eine Kleinigkeit, die der Rede nicht werth iſt; aber dieſer Freund, der Comte de Monk⸗ remi aus Hauteverd, eilte Ihrer Tochter noch, als er nicht wußte, daß ſie eine Mar⸗ quiſe de Vetruͤn war, das iſt keine Kleinig⸗ keit, das ſagt viel mehr. Er fand fie, auf — 112— wacht. Die Raͤuber griff er muthig an und Gott half ihm, daß er ſie zu Boden ſchlug. Ihre Krafte waren geſchwunden, keinen Schritt konnte Ihre Tochter gehen, er trug ſie auf ſeinen Armen durch Dorn und Hecken, bis ſie endlich allein mit ihm zu gehen vermochte. Nicht wahr, Herr Marquis, das ſagt viel mehr. Gaͤbe es ein Herz, das fuͤr ſolche Thaten nicht geſchaf⸗ ſen iſt und keine Kraft hat, ſie zu voll⸗ bringen, ſo kann es ihnen das herrliche Verdienſt doch nicht ſtreitig machen und ehret ſie nach Wuͤrden. Was Sie da von dem Lohne des Herzens ſagen, da bin ich ganz mit Ihnen einverſtanden, er iſt der beſte, aber unſere Schuld, mit dem wir dem verhaſtet ſind, der uns ein theures Leben rettete, iſt damit keineswegs getilgt und die fromme Seele waͤhlet jeden Preis, um ſie, ſo weit der reicht, abzutragen. Und dieſen Preis laͤßt der Comte de Mont⸗ remi ſich gefallen, und ich kann nicht mehr — 113— zweiſeln, daß irgend eine Stinme ſich da⸗ gegen erheben wird.“ „Und,“ fragte der Marquis in noch größerer Verlegenheit, als er kurz vorher war,„welcher Preis waͤre das, wenn ich Ihnen die Beſtimmung deſſelben uͤberließe?“ —„Kein anderer,“ ſagte Martreu,„als die Hand Ihrer Tochter, Ihr Jawort, Herr Marquis. Er hat ſie erlöſet und Gott hat ſie ihm als ſein Eigenthum zu⸗ gefüͤhrt. Ohne ihn, was waͤre Ihre Toch⸗ ter? Sie ſahen ſie entweder nie wieder, oder das Wort erſtirbt mir im Munde, es iſt ein graͤßliches, ich will es nicht ausſprechen. Danken Sie mir, daß ich Sie aus der Verlegenheit riß?“ Kalt und abgemeſſen erwiederte der Mar⸗ quis:„Fuͤrwahr, ich kann mir's nicht den⸗ ken, daß Ihr Freund ſich mit ſolchem Preiſe ſeine That bezahlen und ſie ſich abkaufen ließe. Wie abentheuerlich klingt es auch, M, 8 3 5 — 114— „ ₰ daß ſich ein Juͤngling mit einem Maͤdchen, die er von den Rauberhaͤnden lös machte, auf dem Wege hierher verlobte und die Zuſtimmung des Vaters verlangt. Sie kennen ſich ja nicht. Was im Rauſche der Gefuͤhle beſchloſſen wird, hat ſelten ein gluͤckliches Gedeihen Nehmen wir uns Beit, bis die Gemuͤther abgekuͤhlt und der Ueberlegung faͤhig ſind. Eile bringt Reue.“ „Leere Einwendungen, Hert Marquis,“ ſagte Martreu mit nachdruͤcklicher Stimme, „laſſen Sie Ihr Gefuͤhl, Ihr Herz reden, wenn es nicht von Vorurtheilen beſtochen iſt, wenn Sie nicht ein Plänchen geſchmie⸗ det haben, das Sie mit dem ſaubern Montesquieu, der wie ein Haaſe davon lief und nur morden kann, wenn ein Re⸗ giment gewaffneter Soldaten hinter ihm zur Huͤlfe ſteht, auf Unkoſten der Neigung Ihrer Tochter auszufuͤhren gedenken. Es wird zu Waſſer werden, das glaube ich ge⸗ — — 115— wi, ſo gewiß ich's weiß, daß Sie der Dankbarkeit keinen Altar bauen werben.“ „Herr Comte,“ ſahte der Marquis, „Sie beleidigen mich, ich fordere Rache. Johanna iſt meine Tochter, ich kann frei uber ſie ſchalten und werde es, ohne auf fremdes Einreden zu achten. Bedenken Sie, daß mein Gewiſſen im Spiele iſt und ich kann es von Ihnen verlangen, daß Sie meine religiöſen Grundſatze ehren, da ich die Ihren nicht antaſten will. Geſchworen habe ich's unter dem Kreuze meines Er⸗ löͤſers, meine Tochter nie mit einem Calvi⸗ niſten zu verheirathen. Glauben Sie, daß Sie, der Sie einer ſind, mich zum Meineidigen machen könnten? Nun wiſſen Sie Alles, dringen Sie weiter nicht in mich und erſparen Sie ſich vergebliche Worte. Ihr Freund denkt gewiß edler als Sie, an ihn will ich mich wenden.“— Der Comte fiel dem Marquis ins Wort und ſagte:„O, welch einen ſuͤndlichen — 116— Schwur haben Sie gethan! Nehmen Sie ihn zuruͤck, er gleicht einer Suͤnde, die Sie bereuen muͤſſen und empört den All⸗ barmherzigen, der mit gleicher Guͤte die Calviniſten wie die Fatholiken liebt. Nur Leidenſchaft und Haß, Irrthum und falſcher Glaube trennt ſie, wer aus allerlei Volk nur Recht thut, der iſt dem Vater im Himmel angenehm. Dort giebt es nur ein großes Paradies fuͤr alle Fromme, nicht fuͤr die Katholiken allein, wie ihr eingebil⸗ deter Wahnſinn glaubt, und fuͤr die Andern eine Hölle. Sie ſind ja wie die Iuden, welche meinten, ſie waͤren nur des Him⸗ mels rechte Kinder und andere Menſchen nicht. Dieſen ſuͤndlichen Particularismus hat der zerſtoͤrt, der auf Golgatha für uns Alle, ſelbſt fur ſeine Feinde ſtarb. Franz, ſprich Du kein Wort dazu, wir haben auf dem Wege nach Montrigard Zeit genug zur Rede. Johanna iſt Dein, Du haſt ſie redlich Dir erworben, von der Liebe zu Dir wird ſie nicht laſſen, und wenn ſie vom Leben laſſen ſollte. Ihr Herz iſt dankbarer, als das des Herrn Papa's.“ Er verneigte ſich und ging. Franz druͤckte Johannen die Hand und ſprach: „Unſere Liebe ſteht in Gottes Hand, er wird ſie bewahren!“ Weinend fiel ſie ihm um den Hals und lallte die Worte: „Unſere Liebe wird Gott bewahren!“ Er folgte ſeinem Freunde nach. Große Tropfen wie Perlen rollten ihm uͤber die Wangen. Die Juͤnglinge ſchwangen ſich auf ihre Roſſe, und indem ſie dem Marquis lang⸗ ſam vorbeiritten, zeigte Franz auf ſeine halbe Reiherfeder und ſagte:„Herr Mar⸗ quis, dieſe Feder durchſchoß ein Raͤuber, als ich meine Johanna rettete. So nahe war der Tod meinem Leben. Behalten Sie das im Gebaͤchtniß. In Paris ſehen wir uns wieder und ich beſtelle Ihnen Gruße von meinem Vater“ Der Marquis ſchlug den Blick zur Erde nieder und ſprach kein Wort. — 14¹— Der Marquis war ſehr erſchuͤttert, er ging ſchweigend nach dem Wagen hin, bat die Seinen einzuſteigen und rief dem Kutſcher zu:„Vorwaͤrts, in dem naͤchſten Stadichen bleiben wir einige Stunden, daß wir wieder zur Beſinnung kommen.“ Das Schickſal hatte ihn in eine ganz beſondere Lage verſenkt, aus der er ſich ſogleich nicht herausfinden konnte, Angſt, Verdruß, Be⸗ ſorgniß, aber wenig Freude, das waren die Gefuͤhle, welche in ſeiner Bruſt abwechſel⸗ ten. Ob nun Montesquieu ſein Wort halten und ſich mit einer Jungfrau, die in Raͤuberhaͤnden geweſen war, in die innigſte Verbindung einlaſſen wuͤrde, das war die Frage. Er wußte es, wie boͤſe uns die Menſchen oft ein Ungluͤck anrechnen, in das wir ohne Schuld gerathen ſind, und daß ſie uns oft härter dafuͤr buͤßen laſſen, als uns das Ungluck ſelbſt verletzt hat. Daoß die Liebe des Capitains zu ſeiner Tochter den hoͤchſten Grad noch nicht er⸗ reicht hatte, der uns zur Rettung der Ge⸗ liebten das zweifelhafte Leben in Fluthen und Flammen ſtuͤrzen laͤßt, das ging ihm aus der ploͤtzlichen Entfernung deſſelben hervor, und daß er ihr nicht nachgeſetzt war, oder wenigſtens das mögliche Ende ihres Mißgeſchicks abgewartet hatte. Wahr⸗ heiten, aber ſehr bittere, hatte ihn der Comte de Martreu geſagt, die ihm wie Dornen ins Herz ſtachen, ſeinen Haß ent⸗ zundeten und ihn bis zur Rache empoͤrten, die er am liebſten auf der Stelle, wenn es ihm waͤre vergönnt geweſen, genommen haͤtte. Auch ſeiner Johanna, die er hätte als eine von Gott ihm wiedergeſchenkte Gabe zaͤrtlicher lieben muͤſſen, zuͤrnte er gar ſehr, daß ſie ihren Dank gegen Montremi ſo weit trieb, daß ſie, wider alle beſſere Sitte, ihm um den Hals fiel, ihn kuͤßte und ihm eine foͤrmliche Liebeserklaͤrung machte. Den Verweis deshalb wollte er ihr noch er⸗ ſparen und es ihr zu einer andern Zeit klar beweiſen, daß die Liebe zu einem calviiſtiſchen Juͤnglinge unter die vorſätz⸗ — lichen Bosheiten⸗Suͤnden gehore, gegen die es keine Erloͤſung aus dem Fegefeuer gabe. Mit dem Betragen des Comte de Montremi war er am meiſten zufrieden, der hatte ein edelmuͤthiges Herz gezeigt, war nach der guten That, die er verrichtet hatte, ſtill und beſcheiden, nur ſeine letzten Worte, die er im Vorbeireiten von dem zerſchoſſenen Federbuſche ſprach, und daß er das geret⸗ tete Madchen ſeine Johanna nannte, klan⸗ gen ihm wie ſchneidende Töne ins Ohr. Feſt und unerſchuͤtterlich aber ſtand der Vorſatz in ihm, ſeine Tochter einem Calvi⸗ niſten nicht zur Frau zu geben, und wenn ihr Leben dabei untergehen ſolte. Auf Verlangen erzaͤhlte Johanna ihre ganze Entfuͤhrungsgeſchichte und ſtellte ins⸗ beſondere die That des Comte de Mont⸗ remi in ein glaͤnzendes Licht. Der Mar⸗ quis ſagte dazu bloß die Worte:„Der waͤre auch ein Unmenſch, der einen Gefahr⸗ vollen retten könnte und es nicht thäte. —— — Seine Pflicht muß Jeder thun und ich ſehe wahrlich nicht ein, welch ein beſonderes Lob er Lafuͤr verdient. Ich bin durch die verwuͤnſchte Geſchichte zu ſehr aufgeregt, wenn ihr mich ſchonen wollt, redet nicht mehr davon.“ Als ſie vor dem Stadtchen ankamen, hielt ein Reitknecht des Capitain Montes⸗ quieu's vor dem Thore und bezeichnete dem Marquis den Gaſthof, wo ſein Herr mit verbundenem Arm an einem Wundfieber darnieder läge. Der Marquis ging zu ihm und brachte ihm die Nachricht, daß Johanna gerettet und unverletzt in die Arme ihrer Eltern zuruckgefuͤhrt waͤre.—„Und,“ fragte Montesquieu,„wer war ihr Retter?“— „Leider ein Calviniſt— er wollte ſeinen Namen nicht nennen— ſprengte mit dem unbeſonnenen Martreu davon und ich werde weiter nach ſeinem Namen nicht forſchen.“ —„Ganz recht,“ entgegnete der Capitain, „ſo erſparen Sie ſich den Dank, den man 3 am liebſtan an ſeine Freunde abtraͤgt. Die arme Johanna! Der Gedanke an ſie zerriß mir das Herz! Ich konnte nicht laͤnger Zeuge der Schreckensgeſchichte ſeyn! Mein Arm ſchmerzte, ich mußte fuͤrchten, daß ich mich verblutete. Haben Sie's ihr den, auch geſagt, daß ich mit meinem lahmen Arme nichts fuͤr ſie thun und mich unter bewaffnete Raͤuber nicht wagen konnte? Nie begegnete mir ein groͤßeres Ungluͤck, nie verwuͤnſchte ich eine Wunde mehr als dieſe, welche es mir unmoͤglich machte, zur Rettung einer Perſon etwas beitragen zu koͤnnen die ich mehr als mich ſelbſt liebe. Nach Paris kann ich Sie aber nicht begleiten. Der Arzt gebietet, daß ich hier einige Tage aushalte, und ich muß es, wenn das Uebel nicht gefaͤhrlich werden ſoll. Der guten Sache muß ich meinen Arm ſchonen, ſie konnte ihn vielleicht bald gegen die Calviniſten gebrauchen. Räuber, Mörder ſind ſie gegen die Katholiken, das haben wir geſehen und der Martren gehoͤrt — 123— zu den Wuͤthenden, der ſie Alle verſchlingen und zermalmen moͤchte. Nun, die Gelegen⸗ heit wird ſich mir zeigen, wo ich meine Rache an ihm kuͤhlen kann, und die Suͤnde will ich nicht begehen, daß ich ſie unge⸗ nutzt laſſe. Koͤnnte ich denn Johannen nicht ſehen?“—„Ach, die laſſen Sie nur, ſie iſt ſehr angegriffen,“ ſagte der Marquis, „und möchte ſich Ihnen in der zerrutte⸗ ten Gemuthsſtimmung gewiß nicht gern zeigen.“ Nach einigen Stunden, wo der Mar⸗ quis das Lager Montesquieu's faſt nicht verließ, den er, nach ſeinem Sprechen zu urtheilen, nicht fuͤr ſo krank hielt, als ſich klug und liſtig ſtellte, ſetzte man die Reiſe fort, und kam am andern Tage bei guter Zeit in der Haupſtadt an. Franz und Carl ritten unter mancherlei Geſpraͤchen, die ſich meiſtentheils auf die Liebe zu Johannen bezogen, raſch vor⸗ wärts, um, wenn ihnen nicht ein anderes Ungluͤck begegnete, das ſie aufhielt, am Abend in Montrigard einzutreffen. Carl blieb ohne Wanken auf der Seite ſeines Freundes, richtete ſein Herz durch Hoff⸗ nungen auf und ſuchte ihn ſo gut zu troͤſten als er's vermochte. Von ihm kam auch der Vorſchlag, der Franzen ſehr will⸗ kommen war, daß er ein halbes Stundchen vorausreiten und den Vater auf ſeine An⸗ kunft vorbereiten wollte. Franz ſolle vor dem Dorfe warten, bis er ihm Beſcheid bringe und ihn ſelber abhole. So alſo ſchieden die Freunde vor Montrigard von einander und Franz, wenn ihn auch nicht eine freudige Hoffnung belebte, gab ſich doch peinlichen Beſorgniſſen, wie fruͤher, nicht hin, da er an Carln einen ſolchen Fuͤrſprecher hatte. Als Martreu, ohne daß man ſeine — 125— Ankunft gemerkt hatte, ins Zimmer trat und die Anweſenden begruͤßte, entſtand uber ſeine unvermuthete Erſcheinung die lebhaf⸗ teſte Freude. Julie lag in ſeinen Armen und freute ſich ſeines Wiederſehens. Als die erſten koſtlichen Augenblicke voruver waren, wurde die Heiterkeit von dem Ge⸗ ſichte des Comte de Montremi bald ver⸗ draͤngt und mußte einem finſtern Ernſte weichen. Er fragte:„Kömmt denn Franz nicht mit? Will er mein Herz auch da⸗ durch von ſich noch mehr entfernen, daß er ein ungehorſamer Sohn wird? Aber ſo geht es, erſt nehmen wir's mit unſerer Religion leicht, und dann mit⸗ unſern Pflichten! Wo iſt er, was treibt er? Liegt er etwa auf der Lauer, um von ſei⸗ ner Katholikin huldvolle Blicke zu erhaſchen, oder dem gnädigen Marquis zu Füßen, um mit Angelobungen, die ich in ſeinem Munde fur Verbrechen halte, ſeine Zuſtim⸗ mung zu erbeiteln? Sprich, ſprich.“ — 125— 5„Guter Vater, erſt beſaͤnftigen Sie Ihr aufgebrachtes Weſen,“ ſagte Martreu, „das den Verſtand verwirrt und uns zu falſchen, ungerechten Urtheilen fortreißt, ehe ich von Franz und ſeiner Liebe rede. Er iſt kein ungehorſamer Sohn, er kömmt, und bleibt nicht weg, er wird mir nach⸗ folgen. Ich eilte ihm voraus, die Seele eines erzurnten Vaters ruhiger zu ſtimmen und ihm einen beſſern Empfang zu berei⸗ ten, den er auch verdient,“—„Wie hoͤre ich Dich ſo reden,“ ſprach der Comte mit unwilligem Erſtaunen,„Du warſt ſein Gegner und ſprichſt für ſeine Sache? Wie ſoll ich das deuten? Haſt. Du Dich von ihm beſtechen laſſen und willſt mich zu gleicher Thorheit uͤberreden?“—„Ja, ich habe mich durch die Ereigniſſe, die ſich in der letzten Nacht zutrugen,“ ſagte Martreu, „wenn Sie's ſo nennen wollen, beſtechen, und ganz ſo, wie ich bin, fur ihn gewinnen laſſen. Feſt bin ich wieder mit Franz ver⸗ vunden, mein Gluͤck ſteht und fallt mit — 127— dem ſeinen und auf Erden lebt kein Menſch, der mein Herz von ihm abziehen koͤnnte. O, wje edel, wie preiswuͤrdig kann dieſer Juͤnglt handeln! Auf Erden giebt's keinen Lohn, der, was er Herrliches that, rein bezahlen könnte.“—„Nun, was hat er denn gethan, daß Du bis zum Himmel ſein Lob erhebſt?“—„Mit Ges fahr ſeines Lebens hat er ein Menſchen⸗ leben und mehr als dies, die Ehre und Unſchuld einer Jungfrau gerettet.“—„Das iſt edel,“ ſagte der Comte,„eine ſolche Geſinnung traue ich idm zu. Aher, wer iſt denn die Jungfrau?“—„Johanna de Vetruͤn, die Tochter des Marquis, hie er uͤber Alles liebt.“ Auf eine hoͤchſt ruhrende, faſt unnach⸗ ahmliche Weiſe, da Herz, Liebe und Ge⸗ fuhl ihm die Worte dazu eingaben, erzahlte Martreu die Raͤubergeſchichte im Walde. Die Comteſſe und Julie trockneten ſich öfter die Thranen, der Comte blieb nicht — 1258 gleichgultig, das merkte Martreu wohl. Am Schluſſe ſeiner Erzaͤhlung fuͤgte er die Bemerkung hinzu: es ſchweige jeder menſch⸗ liche Widerſpruch, es erhebe ſich kein Zwei⸗ fel, keine Bedenklichkeit in einer Bruſt, wenn Gott ſelber ſich ins Mittel ſchlaͤgt und den Wuͤnſchen der Liebenden mit ſol⸗ cher wunderbarer Huld entgegen koͤmmt! Er rettet das Leben einer Jungfrau, der treffliche Franz, ſie bekennt ſich dankerfuͤllt und entzuͤckt zu ſeinem Eigenthume und dieſe wollte man ihm von dem Herzen reißen? Wer wagt's, ohne eine ſchwere Suͤnde zu begehen, der himmliſchen Fuͤgung ſich zu widerſetzen? Sie vereitelt menſch⸗ liche Piane und wird ihr Werk herrlich zum Ziele fuͤhren! Sehen Sie's nun ein, was mich fuͤr Franzens Liebe gewann? Finden Sie die Verwandlung an mir un⸗ recht, ſo werde ich mich beruhigen. Und Sie, frommer, herrlicher Mann, der Sie den weiſen, wunderbaren Gang der Vor⸗ ſehung ſo oft bewunderten, der Sie ſo glaubensvoll und ruhig die Vahn gingen, die ſie Ihnen zeigte, Sie ſahen allein nicht das Licht, was Sie uͤber das kuͤnftige Schickſal Ihres Sohnes ausgießt? Sie koͤnnten eine Liebe unſtatthaft finden, deren Erfolge ein Segen fuͤr Viele, ſelbſt fuͤr Sie werden kann? Wenn uns Alles, was Franz bisher that, um ſeine Verbin⸗ dung mit Johannen herbeizufuͤhren, als unrecht und verboten duͤnkte, ſo muß es nicht mehr erſcheinen. Gottes Stimme, die allzu deutlich ſprach, legt uns den Fin⸗ ger auf den Mund, gebietet ehrfurchtsvolles Schweigen und befiehlt an einem Werke nicht vermeſſen zu ruͤtteln, was ſie er⸗ bauen, was ſie, der menſchlichen Schwach⸗ heit zur Scham, vollenden wird. Irre ich mich in meinem Denken? Ich glaube es nicht,“ „Du irrſt nicht,“ ſagte der Comte,„ich bin voͤllig mit Dir einverſtanden. Ob der Marquis eben ſo denkt?“—„Vater,“ II. 9 — 130— ſagte Martreu,„wie der denkt, das ſoll uns wenig bekuͤmmern, das iſt ſeine Sache. Sieht er, von ſeinem Katholſcismus Her⸗ haͤrtet, das Ganze wie eine Verſuchung n, ſeinen Calviniſtenhaß zu mildern und be⸗ ſtaͤrkt er ſich in demſelben noch mehr, ſo koͤmmt das auf ſeine Rechnung. Wo Gott durch gutig wunderbare Müttel das Men⸗ ſchenherz von dem Schutte der Suͤnde nicht reinigen und es zu heiligen Gefuͤhlen ſtmmen kann, da wendet er ſcharfere, durchgreifendere Mittel an, um ſeine Zwecke zu erreichen. Der weiſe, fromme Menſch folgt dem väterlichen Winke mit chkiſtlicher Ergebung; den harten, unbiegamen ſtraft und zuchtiget die She . „Wo iß Franz, wann kömmt er, war⸗ um iſt er nicht gleich hier?“ fragte der Comte.—„Er harrt meiner vor dem Schloſſe,“ ſagte Martreu,„ich eie ihn zu holen.“ — 61— „Gott,“ ſagte der Comte, als er mit ſeiner Gattin und Tochter allein war,„ich furchte mich vor mir ſelbſt! Wen ſo wie mich das Gefuͤhl äberwaͤltigt, dem ſehlt die Fähigkeit, das zu waͤhlen, was ihn nie ge⸗ reuet. Martreu, die Gottheit ſelbſt ſteht auf Franzens Seite. Ich ſuche euern Rath, verſagt mir ihn nicht, wie ich han⸗ deln ſoll.“—„Sey nicht aͤngſtlich und zweifelhaft,“ ſprach die Gattin und eine hohe Freude verklaͤrte ihr Geſicht,„wo Gott ſetbſt entſchieden hat, da darf die menſchliche Vernunft nicht zoͤgern. Der, welcher unſer Schickfal lenkt, wird ewig guͤtig walten. Ein liebes Kind iſt dieſe Johanna, und daß ſie eine Katholikin iſt, das ſoll ſie nicht entehren. Das Licht un⸗ ſers Sohnes wird ſie, wenn ſie ihres Gilaubens wegen noch im Dunkeln ſchwebt, erleuchten. Du haſt die ganze Liebe eines Sohnes wieder gewonnen und ſeinen gan⸗ zen Dank. Bald wird der Friede in — 132— Deine Seele zuruͤckkehren, der aus ihr ge⸗ wichen iſt.“ Franz harrte aͤngſtlich auf die Wieder⸗ kehr ſeines Freundes und Beſorgniſſe aller Art erfullten ſeine Seele. Er erſchien ihm mit den Worten:„Muth gefaßt, mein Bruder das fromme Heiz hat den Ver⸗ ſtand Deincs Vaters uͤberwunden. Das Zuſammentreffen wunderbarer Ereigniſſe im Walde, daß Du Johannens Retter warſt, erſcheint auch ihm als ein Befehl Gottes, Deiner Verbindung mit ihr kein Hinderniß in den Weg zu legen. Ihm nahe Dich mit Vertrauen und Dankgefuͤhl, nimm kindlich an, was er Dir gewaͤhrt. Vor allem aber preiſe in Deinem Gemüthe den Gott, der Großes an Dir gethan hat, der mehr an uns thut, als wir wiſſen und ver⸗ ſteyen.“ Arm in anm gingen die beiden Jüng⸗ inge in das Zimmer. Der Comte erhob „ — 133— ſich von ſeinem Sitze, ging ſeinem Sohne entgegen, umarmte ihn mit beiden Armen und ſprach im feierlichen Tone:„Mein Zuͤrnen gegen Deine Wahl hat ſich gelegt, ich bin nun ganz mit Dir verſoͤhnt. Dein edler Freund Martreu hat mir den rechten Standpunkt angewieſen, aus dem ich die Sache betrachten muß, ich glaube nicht, daß ich ihn allein gefunden hätte. Fuͤr dieſen Liebesdienſt wollen wir ihm danken. Die Gottheit hat fuͤr Dich gewirkt, darum wirke auch fuͤr ſie, durch feſte Treue an Deinem Glauben, und daß Du von der Jeſuslehre nicht ablaͤſſeſt, in der Du von Jugend auf unterrichtet wurdeſt. Meinen Segen gebe ich Dir; aber furchte, furchte, daß Dich der Marquis mit ſeinem Fluche betegt. Fordere es nie, nie, daß ich Dir bei ihm ein Fuͤrwort rede, das kann ich nicht, es wuͤrde meinen Stolz beleidigen, ich beſorge, er giebt mir eine beleidigende Antwort. Die Luͤcke, die zwiſchen uns entſtanden war, hat ſich wieder zugezogen, — 134— ein Elternherz das, ſo wie das meine, ver⸗ ziehen hat, kann niemals haſſen.“ Es entſtand nun eine ruͤhrende Scene. Eine heilige Freude glaͤnzte auf allen Ge⸗ ſichtern, die Seelen feierten feſtliche Augen⸗ blicke. Franz hing an dem Halſe ſeines Vaters und Thraͤnen rollten ihm uͤber die Wangen. Nur wenige Worte des Dankes konnte ſeine Zunge ſtammeln. Jetzt um⸗ ringten Alle den frommen, geliebten Comte, wie einen guͤtigen Geiſt, der auf Alle, die in ſeiner Naͤhe ſind, die Strahlen des Wohlthuns fallen laͤßt. Er ſelbſt war in einer gluͤcklichen Stimmung und ſagte Franzen ruͤhmende Worte, daß er mit ſei⸗ nem Leben einer Ungluͤcklichen gegen grau⸗ ſame, mordſuͤchtige Räuber beiſtehen wollte, ehe er wußte, daß es ſeine Geliebte ſelber war. Jetzt ergriff der Comte de Martreu Juliens Hand, die neben ihm ſtand und — 35 ſaß ſie mit einem Geſichte an, in welchem 3 ſeierlicher Ernſt ruhete, indem er ſie mit ſich zu dem Vater hinzog. Ms er vor ihm ſtand, ſprach er alſo:„Dieſer Tag, der den liebevollſten Vater mit dem beſten Sohne verſoͤhnte, werde von ihm auch zu dem wichtigſten meines Lebens fuͤr mich und ſeine Tochter geweiht. Sie wiſſen es, wie ich bin, Sie kennen meine Liebe zu Julien, und um Ihr Wort, daß ſie meine Gattin werden darf.“—„Was ich laͤngſt ſchon ahnete ſagte der Comte, das ſoll ich heute beſtätigen. Wohlan denn, Julie iſt Dein und Dein rebliches Herz wird die zaͤrtlichſte Sorge tragen, daß ſie eine gluͤcklche Gattin werde. Ihr Herz iſt fromm, und ſchuldlos ihr ganzer Sinn. O. wenn ich unſern guten Franz nur erſt an dieſem Ziele ſähe! Ach, welche Berge muß der noch uͤberſteigen und weiß es dennoch nicht gewiß, ob er das Gut er⸗ longt, nach dem er ringt. Der Gnade Gottes ſey ſein Geſchick empfohlen. Er — 1356— lerne Dornenwege gehen, wenn ſie auch nicht auf Roſenpfade fuͤhren; er wolle das durch eine Suͤnde vom Himmel nicht er⸗ zwingen, was der ihm guͤtig nicht gewaͤhrt. Ach, um das ſchwache Herz' zu pruͤfen, daß er im Glauben und Geduld ſich er⸗ ſtaͤrke, zeigt ſich den Sterblichen oſt in der Nähe ein ſchoͤnes Morgenroth, in ſeinem Glanze waͤhnen ſie ſchon zu ſchweben und ploͤtzlich verſchwindet es in einer Wetter⸗ wolke und toͤdtende Blitze fahren auf ſie bin. Traue nicht dem ungewiſſen Gluͤcke, oft glauben wir es nicht, wenn ſich's von uns abgewandt und uns den Ruͤcken ge⸗ kehrt hat.“ Auf die ernſten Werte des Vaters, die er ſeinem Sohne zunächſt ſagte, welche aber tief in die Seelen aller Anweſenden drangen, folgte die Freude. Martreu um⸗ armte die Mutter ſeiner Julie, die es ihm geſtand, ſo freudig dies Ereigniß ſie ſtimme, daß er nun der erklärte Brautigam ——— — 137— ihrer Tochter ſey, ſo habe ſie es doch ſchon laͤngſt geahnet, und Julie habe es mit Ge⸗ wißheit geglaubt. Nur zwei Tage blieben die beiden Juͤnglinge in Montrigard und reiſeten dann nach Paris zuruͤck. Der Comte zog den folgenden Tag mit den Seinen wieder nach ſeinem geliebten Hauteverd, weil die Urſache verſchwunden war, die ihn von dort hinwegt ieb. Recht ruhig war es in ſeinem Gemuͤthe nicht, daß er ſeinem Sohne die Erlaubniß gegeben hatte, ſich mit einer Katholikin zu verheirathen, er fürchtete die Vorwuͤrfe ſeines Gewiſſens, den Tadel ſeiner calviniſtiſchen Freunde, und beſonders den des Admirals Coligni. Fuͤr ſeinen Sohn war er auch beſorgt, da er den heſtigen Marquis kannte, der von dem Glaubensgebiet, auf dem er ſtand und wenn es die gerechteſte Sache forderte, kei⸗ nen Fingerbreit fahren ließ. Daß in ſei⸗ nem katholiſchen Eifer jedes edlere Gefuͤhl, 6 ſelbſt der Dank unterging, den er Franzen ſchuldig war, das glaubte er gewiß. Wie der Juͤngling ſein Ziel erreichen werde, das konnte er mit aller Klugheit nicht er⸗ ſehen. Einigemal machte ihn der Glaube an das weiſe und vaͤterliche Regieren eines guten und allmächtigen Gottes wieder ruhig. Martreu und auch Franz hatten das Verſprechen gethan, recht bald zu ſchreiben. Julie aber gab ihrem Bruder einen Brief an Johannen mit, in dem ſie dieſe Schweſter nannte und ihr die Guͤte des Vaters ſchilderte, die Franz erfuhr. Das Schreiben aber wollte er ihr ſelbſt einhaͤndigen. Als die beiden Freunde in der Haupt⸗ ſtadt wieder angekommen waren, erfuhren ſie von ihren Freunden ein ſonderbares — 139— Geruͤcht, das ſie mehr im S als im Ernſt aufnahmen, wenigſtens es fuͤr die Erfindung eines boͤſen Katho iken hielten, der den Haß wider die Calviniſten, wenn das moͤglich war, noch vergroͤßern wollte. Man ſagte naͤmlich, die beiden Comtes Martreu und Montremi haͤtten eine Räu⸗ berbande gedungen, um den Marquis de Vetruͤn und den Capitain Montesquieu auf dem Wege nach Paris ermorden zu laſſen. Martreu's Haß gegen den Marquis ſey unverſöhnlich und Montremi ſey von ei⸗ nem vornehmen Calviniſten— man meinte Coligni— damit beauftragt geweſen, fuͤr Montesquieu's Ermordung zu ſorgen. Die Raͤuber wären aber uͤberwaäͤltigt und in die Flucht geſchlagen worden, wobei ſich der tapfere Montesquieu am beherzteſten gezeigt habe, der im Arm verwundet ſey. Die Stifter dieſer Luge waren nicht auszumitteln, man konnte ſie aber leicht ertathen. Vetruͤn hatte ſie vielleicht mit — — 10— Montesquieu gemeinſchaftlich und in boͤſer Ibſicht verbreitet. Die beiden Comtes konn⸗ ten ſich nur gegen ihre Freunde rechtferti⸗ gen, öffenlich thaten ſie's nicht, weil ſie ſich doch nicht Alle von der Wahrheit des Her⸗ gangs der Sache haͤtten überzeugen können. Indeß trug dieſe wirklich teufliſche Dich⸗ tung viel dazu bei, das Auge vieler er⸗ hitzten Katholiken auf ſie hinzulenken und Gemuͤther mit geheimer Rache gegen ſie zu empoͤren. Selbſt redliche Calviniſten ver⸗ argten es ihnen gar ſehr, daß ſie durch ein ſolches feindſeliges Betragen dieſe ihre Parthei nur verhaßter machten. Am andern Morgen, nach ſeiner An⸗ kunft, faßte ſich der beſcheidene, ſchuͤchterne Franz ein Herz und ging in der Abſicht zum Marquis, um ihm ſeine Liebe gegen Johannen zu erklaͤren und ihn um die väterliche Zuſtimmung zur Verheirathung zu bitten. Er wollte bei dieſer Gelegen⸗ heit ſeiner theuern Johanna den Brief von — ſeiner Schweſter uͤberreichen, in dem es deutlich ſtand, wie ſein Vater ihm auf keine Weiſe ein Hinderniß auf dem Wege zu ſeinem größten Glucke entgegenſtelle. Voll Freude und Hoffnung, aber auch von Furcht und Beſorgniß bewegte ſich ſein Herz, je mehr er ſich dem Pallaſte des Marquis nahete. Daß Johanna entzuͤckt ſeyn werde, ihn wieder zu ſehen, das wußte er, aber im Geiſte ſah er das kalte, hoͤfliche Geſicht des Marquis, hoͤrte die auf Schrauben geſtellten, doppelſinnigen. Worte deſſelben, die nur eine ſchwankende und keine gewiſſe Antwort enthielten. Endlich faßte er ſich Muth, das mil Kraft und Nachdruck zu erobern, was durch Bitten und Guͤte nicht zu erlangen war⸗ Von dem Tlhuͤrhuͤter erfuhr er's, daß der Marquis, den er ſprechen wollte, bei Hofe wäre. Dieſer Beſcheid war ihm recht willkommen, da er ihm das Vergnuͤ⸗ gen verhieß, freier, ungezwungener die 1— Braut in der Gegenwart ihrer Mutter zu ſprechen, der er's zutrauete, daß ſie auf keine Weiſe ſeinem Verlangen zuwider war. Voͤllig dachte er ihr⸗ Herz zu gewinnen, daß ſie auf ſeine Seite trat, wenn er ihres Beiſtandes bedurfte. Auf dem Hausflur kam ihm der Kammerdiener, ein ſchlauer, liſtiger Patron entgegen, der die boͤſe Kunſt verſtand, mehr als einem Herrn, aber keinem als dem Marquis recht zu dienen, die ihm von jeher ſehr eintraͤglich war, welcher ihn ſogleich verſtand und ein ungemein freundliches Geſicht machte; aber ihm auch ſagte, daß der Marquis bei Hofe waͤre, wenn er ihn ſprechen wollte. Als Franz von ihm auch hoͤrte, die Marquiſe ſey mit ihrer Tochter bei der Koͤnigin, ſo bat er, daß man ihm pas Zimmer der Gouvernante zeigen ſollte. Es geſchah. Er druͤckte dem Kammerdie⸗ ner einige Goldſtuͤcke in die Hand, die er mit hoͤflichem Straͤuben annahm. Der — 143— Comte wußte es wohl, daß es in allen Staͤnden Menſchen giebt, die ihre Dienſte fuͤr gepraͤgtes Metall verkaufen, die man ſich nur dadurch gefaͤlig machen kann. Als Franz in das Zimmer der Gou⸗ vernante trat, kam ſie ihm mit frohem Ge⸗ ſichte entgegen, druͤckte ihm die Hand und gab ihm die Verſicherung ihrer hochſten Achtung. Er geſtand es ihr aufrichtig, daß er zunaͤchſt den Marquis habe ſprechen und ihn um die Hand ſeiner Tochter habe bitten wollen, daß er aber auch das Haus nicht haͤtte verlaſſen können, ohne ſie, die von Johannen geliebte Freundin, zu ſehen. Sie bat ihn zum Niderſitzen und ſprach: „Laſſen Sie mich wahr und ohne Ver⸗ ſtelung reden. Ein Juͤngling wie Sie, der mit eigener Gefahr Menſchenleben ret⸗ tet, kann mir durch ſeine Reden nicht ſchaden, er weiß zu ſchweigen und offen⸗ barte Geheimniſſe macht er nicht bekannt.“ Er gab ihr die Betheurung, daß er ein ſolches Zutrauen ehrte und ſich ſeiner nie unwuͤrdig zeigen werde. Nun fing ſie alſo an:„Der Marquis wird tauſend Winkelzuge machen, er iſt durchaus nicht geneigt, in Ihre Ver⸗ heirathung mit Ihrer Braut zu willigen. Laſſen Sie uns ihn deshalb nicht haſſen, ſondern vielmehr bedauern. Seine Ab⸗ neigung gegen die Calviniſten kann er nicht beſiegen und ſein Katholſcismus verfuhrt ihn zur Ungerechtigkeit. Fuͤrwahr, er hat ein dankbares Herz, und waͤren Sie ein Katholik, ohne alles Bedenken gäbe er Ihnen ſeine Tochter. Die Vortrefflichkeit jedem andern Preiſe, nur nicht um den, den Sie verlangen, iſt er bereit, ſie zu be⸗ lohnen. ueberdies will der feige, hinter⸗ liſtige Montesquieu, dem ich einen großen Verſtand und ein kleines Herz zutraue, ſich mit Johannen verbinden, das weß der Marquis und ihm hat er ſein Jawort — 145— ſchon gegeben. Die Marquiſe hat durch ihren Widerſpruch nur die Erklaͤrung ihm abgepreßt: Wenn das Maͤdchen in ihrer Thorheit ein großes Gluͤck, was ihr ſo nie wieder geboten wird, von ſich ſtoßt, ſo mag ſie's auf ihre Rechnung. Darf ich ſie nicht zwingen, den vortrefflichen Capitain ihre Hand zu reichen, ſo werde ich's, um des Gewiſſens willen, ihr doch nie, nie verſtatten, daß ſie ſich mit einem Calviniſten verehelicht. Ruhiger und ge⸗ troſter koͤnnte ich ſie im Sarge, als mit einem Feinde meines Glaubens verbun⸗ den ſehen.“ „Johanna iſt in der Liebe zu Ihnen unerſchutterlich und keine Gewalt wird ſie von Ihnen trennen können. Mit einer himmliſchen Ruhe erträgt ſie die Vorwürfe ihres Vaters, und ſeinen Ueberredungen, ſich von Ihnen zu trennen, giebt ſie kein Gebör. Den Capitain, der ſie drängt und mit Liebesbetheurungen quaͤlt, der ihr die m. 10 koſtbarſten Geſchenke gemacht hat, behan⸗ delt ſie hoͤflich und artig, ſo daß er in der Leidenſchaft die Abneigung nicht er⸗ kennt, mit der ſie fern von ihm ſteht. Oft hoͤre ich hier ihre Seufzer und ſehe ihre Thraͤnen. Ohne Hoffnung und Glau⸗ ben, daß die maͤchtige Huͤlfe Gottes, der ſie aus den Haͤnden grauſamer Raͤuber er⸗ loͤſete, ſie aus der Noth erretten und ſie dem Ziele ihrer Wuͤnſche entgegen fuͤhren werde, iſt ſie nicht. Wie das aber, und wann es geſchehen wird, das weiß ſie ſelber nicht, das uͤberläßt ſie der hoͤhern Macht, die reich an Wundern iſt. Die Mutter ſteht ſeit dem Auftritte im Walde auf ihrer Seite. Kein Friede herrſcht in dieſem Hauſe mehr, auch ich bin des Krie⸗ ges muͤde und wuͤrde es verlaſſen, wenn ich mich von Johannen trennen duͤrfte, wenn ich nicht uͤberlegte, daß ſie meiner nicht entbehren kann.“ „Die Schulden des Marquis ſind be⸗ . — 147— zahlt und er empfaͤngt ein bedeutendes Jahrgehalt vielleicht fuͤr Dienſte, die man noch von ihm erwartet; denn, was er bis⸗ her gethan hat, iſt einer ſolchen verſchwen⸗ deriſchen Wohlthat nicht wuͤrdig. Schreck⸗ lich iſt's, wie die Koͤnigin mit dem Schatze des Landes ſpielt wie ſie ihn vergeudet an ihre Guͤnſtlinge, und das mit einer Freiheit, als ob alles Gold im Reiche ihr allein ge⸗ hoͤrte. Der gute Koͤnig ſchweigt dazu und läßt geſchehen, was ſein kräſtiges Gebot hindern koͤnnte. Jetzt wird mit der Köni⸗ gin unterhandelt, die ſich die ſchoͤne Jo⸗ hanna zur Ehrendame wuͤnſcht, wie ſie viele hat, mit deren Schoͤnheit, Tugend und Unſchuld, um Juͤnglinge und Maͤnner in ihr Netz zu locken, die ihr dafuͤr als Sclaven dienen, um verborgene, gewiß un⸗ erlaubte Zwecke zu erreichen, ſie den laſter⸗ hafteſten Handel treibt. Gewiß, ſie will auch durch Johannen den Capitain Mon⸗ tesquieu an ſich feſſeln, der bei dem Prinz von Guiſe in hohen Gnaden ſteht, welcher — 148— jetzt das Haupt des Hofes iſt. Der Mar quis gäbe ſie heute noch dahin, der Ehre wegen, die ſeinem Hochmuth ſchmeichelt, und wer weiß, was die Marquiſe thaͤte, die fuͤr die Gnade der Koͤnigin nicht dankbär genug ſeyn zu koͤnnen waͤhnt; aber Johanna hat ihren Eltern ſtandhaft erklart: Mordet mich, legt mich in einen Sarg, das will ich lieber, als eine ſolche Ehrendame werden, und ſoll ich's dennoch, ſo ſteht mir mehr als ein Mittel zu Gebote, mich einem Dienſte zu entziehen, wo der außere Schimmer glaͤnzt und die Tugend unter⸗ geht. Wollt ihr mich von euern Herzen losreißen und mich Gefahren preis geben, die aͤrger wie die im Walde ſind?.. So ſprach ſie, ich ſtaunte ſelbſt üͤber ſie; aber ich bin nun belehrt, wenn das Miß⸗ geſchick auf dieſe Johanna eindringt, eine Heldin kann ſie ſeyn, mit Schwert und Dolch bewaffnet, die Feindliches, was ſich ihr enigegenſtellt niederſtößt.“ — 140— „Ach, und Sie, Sie, lieber Comte, Sie kommen ihr nicht aus dem Gedaͤchtniß! Da liegt in dieſem Schranke ein verſchloſſe⸗ nes Tagebuch von ihr. O, koͤnnte ich's Ihnen zeigen! Halbe Naͤchte ſchreibt ſie darin und— nur von Ihnen.“ Als der Comte der Gouvernante ſei⸗ nen innigſten Dank ſagen, ſie bitten wollte, daß ſie Johannen nicht verließ, trat der Kammerdiener in die Thuͤr und ſagte: „Der Herr Marquis iſt angekommen, ich habe Sie bei ihm angemeldet, er erwartet Sie und wuͤnſcht Sie zu ſprechen.“ Dem Comte zuckte es ängſtlich im Herzen, aber er gewann ſeine Faſſung ſchnell wieder. Er reichte der Gouvernante die Hand, plickte ſie mit freunvlicher Herzlichkeit an, ſie verſtand ſeinen Dank und er ſagte: „Liebe Chamboiſe, ich hoffe es zu Gott, daß wir uns bald wieder ſehen.“ Ehe der Comte die Treppe hinabging⸗ indeß der Kammerdiener ihm nachfolgte, kam ihm Johanna, die aus dem Zimmer des Vaters entflohen war und ſich nicht halten ließ, mit offenen Armen entgegen und rief laut:„Mein Franz, imein liebes Leben, mein Alles!“ Bald lag ſie an ſei⸗ ner Bruſt.—„Johanna,“ fragte er mit her⸗ vorbrechendem Entzuͤcken,„darf ich Dein Entgegenkommen fuͤr eine gute Vorbedeu⸗ tung nehmen? Iſt Dein Vater unſerer Liebe gewogen?“—„Nicht iſt er das,“ entgegnete ſie mit einer Trauermiene,„aber das beunruhige Dich nicht, wir ſind Eins und die Welt kann uns nicht trennen! Glau⸗ be, Hoffnung und Liebe ſind unuͤberwind⸗ lich!“—„Aber,“ fragte Franz,„darf ich es wagen, Deinen Vater um Deine Hand zu bitten?“—„Wage es,“ ſagte ſie,„mache Dich auf jede Antwort gefaßt; bleibe in den Schranken der Maͤßigung, nichts, und wenn Dir das Harteſte be⸗ gegnete, muͤſſe Dich empoͤren. Heftig iſt der Vater, ſey Du es nicht, damit ſeine — 151— Flamme an Deiner kalten Ruhe erlöſcht. Siehe, ich ſcheue mich nicht, Dich zu ihm zu fuͤhren.“. Johanna erſchrak, als ſie den Kammerdiener ſah und ſprach zu ihm:„Verrathen Sie mich nicht.“„ Der Menſch lächelte mit einer Miene, aus der man ſeinen innern Sinn nicht erkennen konnte. „Johanna, Johanna,“ rief der Mar⸗ quis,„gehorche und komm ſogleich zuruck!“ Sie ließ die Hand des Comte nicht los und trat ſo mit ihm vor den Vater hin. Die Mutter verneigte ſich freundlich gegen Franz, Schreck und Verlegenheit ſprach aus ihren Blicken, ſie bat Johannen, zu ihr zu kommen. Der geſchmeidige Marquis knüpfte ſo⸗ gleich ein Geſpräch von Hauteverd, von Chartreu und andern pariſer Dingen an. Er las dem Comte ein geheimes Anliegen von der Stirn; aber er wollte Alles auf⸗ — 152— bieten, daß er nicht dazu kam, es ihm zu entdecken. Von der Scene im Walde, von der Liebe ſeiner Tochter, von Montes quieu oder Martreu erwähnte er kein Wort. Die Marquiſe und Johanna waren Zeugen des Geſprächs, in dem falſche Hoͤflichkeit und verſtellte Artigkeit ihr Spiel trieben. Aengſtlich erwartete Johanna den Augen⸗ blick, daß Franz auf einen andern, ihr wichtigen und fuͤr ſie entſcheidenden Gegen⸗ ſtand kommen ſollte. „Vielleicht“ ſagte der Comte,„intereſſirt Sie die Neuigkeit, daß meine Schweſter Julie mit dem Comte de Martreu foͤrmlich verlobt iſt. Dieſes gluͤckliche Ereigniß tug ſich zu, als ich mit ihm bei meinen Eltern in Montrigard war.“ Die Marquiſe wuͤnſchte den Verlobten Gluͤck, aber der Marquis konnte ſich zu keinem Worte zwingen und ſein ſtummes Laͤcheln ſollte die Stelle eines Gluͤckwunſches ver⸗ treten. Er wollte eine andere Rede an⸗ — —— —— ——— —— knuͤpfen, aber Franz ſagte:„Herr Mar⸗ quis, erlauben Sie, daß ich in meinen An⸗ gelegenheiten, die mich eigentlich zu Ihnen ſuͤhrten und von der groͤßten Wichtigkeit fuͤr mich ſind, das Nöthige ſprechen darf.“ —„Wollen Sie nicht lieher ohne Zeugen mit mir ſeyn?“ fragte der Marquis.— „Eben dieſe gegenwaͤrtigen Zeugen wuͤnſche ich mir,“ ſagte der Comte,„und bitte, daß ſie ſich nicht entfernen. Meine Sache, die ich Ihnen vortragen will, geht uns Alle in gleichem Grade an. Meinen Eltern habe ich meine Liebe zu Ihrer Tochter offenbart. Als ſie's wußten, aus welcher Gefahr ich ſie mit kuhnem Wagen aus Raͤuberbaͤnden erlöſet und ſie mir wie ein wohlverdientes Eigenthum erworben hatte, da ſagte mein Vouter tief bewegt: So hat es ein weiſer Gott gewollt und ſeiner Fuͤgung mußt Du folgen. Sey gluͤcklich mit dieſer Braut, ich gebe Dir meinen Segen.“ Der Marquis, der auf das Weigern — 154— und Wiberſtreben des alten Comte ſicher rechnete, war erſtaunt und fagte:„Miß⸗ trauen will ich in die Wahrheit Ihrer Ausſage nicht ſetzen, aber in wichtigen An⸗ gelegenheiten wuͤnſche ich meiner Sache immer gewiß zu ſeyn, darum bitte ich Sie, mir von Ihrem Vater, deſſen Hand ich wohl kenne, Schrift und Siegel zu bringen, daß er wirklich ſo ſprach. Er befrem⸗ det mich in dieſer Weiſe. Das Weitere, was Sie mir ſonſt noch ſagen moͤchten, verſchieben wir bis dahin.“—„Nein,“ ſagte Franz,„wir verſchieben es nicht, ich kann damit nicht zoͤgern. Mit meinem Theuerſten verburge ich die Worte meines Vaters, und beſtaͤtige ich ſie nicht mit ſchriftlichen Beweiſen, ſo gebe ich Ihnen das Recht, mich als einen falſchen, gemei⸗ nen Lugner von ſich zu ſtoßen, der betruͤ⸗ gen will. Ja, Herr Marquis, das Hoͤchſte, was ich im Leben habe, meine Liebe zu Ihrer Tochter, ſetze ich ein, und die will ich verlieren, wenn ich log. Wollen Sie N — 155— Ihrer Tochter und mir nicht denſelben Segen ertheilen, den uns mein Vater ver⸗ hieß? Abzwingen kann ich ſie Ihnen nicht, aber verweigern koͤnnen Sie ſie mir auch nicht. Laſſen Sie Ihr Herz reden, es ent⸗ ſcheide.“ „Wie, was,“ entgegnete der Marquis, „ich könnte ſie Ihnen nicht verweigern? Ich dächte doch, das könnte ich wohl, und zwar aus wichtigen Gruͤnden, ohne daß Sie und die ganze Welt mich des Unrechts bezuͤchtigen koͤnnen. Sehen Sie, wie hoch ich Sie achte, daß ich Ihnen dieſe Gründe darlege, die ich auch verſchweigen koͤnnte, ohne daß ein Menſch ſie mir abfordern kann. Bin ich ohne meine Schuld in Ihre Schuld gerathen und glauben Sie eine Be⸗ lohnung verdient zu haben, ſo gebuͤhrt es mir, dieſe zu beſtimmen, da ich Sie zu keiner Art des Beiſtandes herbeirief. Ueber⸗ dies, ſo edel glaube ich Sie, giebt es Thaten, die wir um keinen Preis bezahlt * — 156— nahmen, und thäten wir's aus irgend einer Art des Eigennutzes, ſo wäre ihr Glanz verdunkelt. Koͤnnten Sie das wollen? Sie haben weiter nichts gethan, als ein Verbrechen wieder gut gemacht, was Ihre Glaubensgenoſſen an mir hegingen, an dieſe weiſe ich Sie, wenn Sie Bezahlung fordern.“. Der Comte ſchuͤttelte den Kopf, wie ein wuͤthender Löwe ſeine Mähne, aber er bezwang ſich, ſchwieg und wollte den Marquis weiter reben laſſen. Alſo fuhr der Marquis fort: Ehre und Achtung Ihren werthen Eltern, deren Tugend gewiß Niemand höher zu ſchaͤtzen verſteht, als ich, was ich alſo in einem Punkte von ihnen ſage, das ſoll und darf den Sohn auf keine Weiſe beleidigen, ob auch ihn wie ſie der Vorwurf in gleichem Grade trifft. Wie ich's eben von neuem erfahre, bedenken ſich die Calviniſten nicht lange, wenn's die Umſtande erheiſchen, die oͤffentliche Achtung gegen ihre Manier der — 157— Religionsuͤbung wie ein Kleid an⸗ und ab⸗ zulegen. Sie treten mit Jedem in Ge⸗ meinſchaft, wer es iſt, ſey's auch ein Feind ihres Glaubens, wenn nur bei dieſer Ver⸗ anderlichkeit ein Vortheil erzielt, ein Wunſch befriedigt werden kann. Ob ſich ein calviniſti⸗ ſcher Juͤngling mit einer Luͤdin oder Heidin verheirathet, wenn auch das Mengwerk ihrer Kirche dadurch immer großer wird, das ſo ſchon ſo groß iſt, daß der Eine das be⸗ hauptet, was der Andere leugnet, darauf wird nicht geachtet. Verwuͤnſcht ſey dieſe Toleranz, ſie gleicht einer Bruthenne, die nur Drachen zur Welt foͤrdert. Ganz an⸗ ders aber iſt es bei uns Katholiken, wir ringen, unſere Kirche von fremder Waare rein zu halten und verſperren den raͤudigen Schaafen das Eindringen in dieſelbe, um alle Anſteckung zu verhuͤten, ja, wir ſind unablaͤſſig bemuͤht, ſie von allem fremden Unrath zu reinigen. Das, das, Herr Comte, iſt bei uns zur Gewiſſensſache ge⸗ worden. Wenn das Geſagte in der An⸗ — 158— wendung Sie beleidigt, ſo muß ich das ver⸗ tragen und kann es nicht verhüten; aber ich wollte mich nur bei Ihnen, meiner Wei⸗ gerung wegen, entſchuldigen, die es, um der Religion willen, nicht geſtatten kann, daß Sie die Hand meiner Tochter erhalten. Und nun, glaube ich, hatte ich genug ge⸗ ſagt, um Ihnen zu beweiſen, daß Sie's mit einem ehrlichen, aufrichtigen Manne zu thun haben. Erſparen Sie weitere Bitten. Wo die Religion die Erfullung derſelben verbietet, da kann ich ſie nicht geſtatten, ſo gefaͤllig ich Ihnen auch ſonſt ſeyn moͤchte.“ „Ja, Herr Marquis, das Zeugniß der Aufrichtigkeit kann ich Ihnen geben,“ ſagte der Comte,„Sie haben ohne Ruͤckhalt und Schonung Worte geredet, die mir das Herz durchbohren, Sie haben Menſchen er⸗ niedrigt, die ich naͤchſt Gott und Jeſu am hoͤchſten achte, Sie haben mich in eine Wuth gejagt, die kein. Grenzen kennt, doch will ich ſie bezwingen, weil ich vor dem — 155— Vater meiner Johanna ſtehe. Laſſen Sie mich nun auch reden, denn eine Aufrichtig⸗ keit iſt der andern werth. Das Alles, was ich im Walde ſuͤr Johannen that, ſoll nichts, gar nichts gelten, wiewohl es mir viel gilt, da ich Leben und Unſchuld rettete und einem Vater, der ſein Kind liebt, muͤßte es ſo nichts bedeutend nicht erſchei⸗ nen. Geld und Gut bebarf ich nicht, als reicher Mann, wenn das eine Ehre waͤre, wiegt Sie, Herr Marquis, mein Vater dreimal, und ich bin ſein Erbe. Andere Verbrechen habe ich nicht gut zu machen, und wenn es ſchlechte Calviniſten giebt, ſo giebt's auch ſchlechte Katholiken. Mit der Religion trieben meine Eltern nie ein unheiliges Spiel, ſie iſt ihnen Offenbarung der Liebe, aber eine Feindin nicht, die der Wahrheit im Lichte, der Tugend im Wege ſteht. Sie können ſich zur Liebe der Fatholiken erheben, die ihre Feinde ſind. In der Verbindung ihres Sohnes mit der — 160— Tochter eines katholiſchen Vaters ſehen ſie nichts Arges.“ Wontremi trat einen Schritt zuruͤck, richtete ſeine Blicke zum Himmel empor und ſprach in feierlichem Tone:„Ewiger, Heiliger, Allmachtiger, beſchuͤtze meine Liebe und zerſchmeiße du die Anſchläge der Men⸗ ſchen, die Vorurtheil und Haß, Undank und Verachtung blendet! Sind wir nicht Alle deine Kinder? Paäpſtler, die am Joche eines menſchlichen Hierarchen ziehen, Freie, die nach der Lehre deines Sohnes leben?“ Vol grimmigen Zorns ſagte der Mar⸗ quis, den Comte in ſeinem Gebete unter⸗ brechend:„Keine Laͤſterung mehr, oder ich durchbohre Sie!“— Ruhig erwiederte der Comte:„Das waͤre Ihnen wohl der liebſte Lohn, den ich verdiente!“— Er entblößte die Bruſt, nahete ſich dem Marquis und ſprach mit funkelnden Augen:„Durchſtoßen Sie dies Herz, damit es ſtille ſteht, ſo lange ſich's „ * — 16— bewegt, bewegt es nur die Liebe zu Johan⸗ nen. Sie wollen ſie mir alſo nicht zur Gattin geben?“—„Nein,“ antwortete der Marquis, der alle Faſſung verloren hatte, „nein, ich habe es Ihnen weitlaͤufig ge⸗ ſagt! Verſtanden Sie mich nicht?“— „Nun,“ ſprach der Comte,„keine Macht wird Sie vor der Reue und Strafe ſchuͤtzen⸗ Leb' wohl, Johanna, bleib mir treu und laß Dich nicht erſchrecken.“. Er ſah es, indem er ging, daß ſie ohnmaͤchtig ihrer Mutter in die Arme ſank. Mit einem Seuſzer erwachte Johanns aus ihrer Ohnmacht. Es war die erſte Bewegung ihres wieder erlangten Selbſtbe⸗ wußtſeyns, daß ſie vor ihrem Vater nie⸗ derſank und unter Thraͤnen und Flehen bat:„Vater, ſcheide mich von dem Comte nicht, Liebe und Dankvarkeit haͤlt mich an ihn gefeſſelt! Ich verabſcheue Montes quieu und kann ihn nicht lieben! Vater, erhoͤre mich, daß Gott im jungſten Gericht Dir III. II „ — 162— ein gnä diger Richter iſt.“—„Kannſt Du's machen,“ ſagte er im eiskalten Tone,„daß er zur katholiſchen Kirche ubertritt, ſo will ich Dir die Suͤnde, Dich mit ihm zu ver⸗ binden, perzeihen. Mehr verlange nicht von meiner Gute.“—„Ach, Vater,“ flehte ſie,„ſolche Bedingungen ſtelle nicht! Ver⸗ ſuche ich ſchandliche Verfuͤhrungskuͤnſte, ihn von ſeiner Kirche abzulocken, haſſen würde er mich, wie er mich liebt! Das forderſt Du von mir? Gut, Du haſt's geſagt, mein treuer Franz, ich ſoll Dir treu bleiben, mich nicht ſchrecken laſſen, „Dir bleibe ich treu bis in den Tod und die Hölle ſoll mich nicht ſchrecken!“ Als ſie das im wilden Aufruhr ihrer Gefuͤhle geſagt hatte, ſtand ſie raſch auf, flog zur Thür hinaus und warf ſich, da ſie eine gaͤnzliche Erſchoͤpfung fuhlte, auf ihr Lager nieder. Troͤſtend ſtand die Mutter mit der Gouvernante ihr bald zur Seite, Nit ſchwerem Herzen ging Franz zu ſeinem Freunde, dem Comte de Martreu, um ihm die Unterhaltung mitzutheilen, die er mit dem Marquis hatte. Martreu ſagte:„Es kann Dich kein Wort befrem⸗ den, was er geredet hat. Ein anderes Beitragen ließ ſich nicht erwarten. Das aber prophezeihe ich Dir, ohne ſeine Rache und Feindſchaft koͤmmſt Du nicht zum Ziele. Mit ſeinen Klauen wird der Drache das ſchoͤne Mädchen feſthalten, und ehe die nicht abgehauen ſind, wird ſie nicht die Deine. uebereile Dich nur nicht. Oſt treten Ereigniſſe ein, die uns das ſchwerſte Werk erleichtern, die das Licht da anzuͤn⸗ den, wo uns Alles in dicker Finſterniß erſcheint.“ Es verfloſſen Wochen und Franz war in höchſter Unruhe. Endlich, an einem Abend, kam die Gouvernante verkleidet auf ſein Zimmer und brachte ihm einen Brief von Johannen. Er wollte ihn ſogleich leſen, — 164— aberdie Gouvernante ſagte:„Thun Ste das zu einer andern Zeit, jetzt laſſen Sie mich einige Worte reden. Mein Aufenthalt bei Ihnen kann vicht von langer Dauer ſeyn. Die Antwort auf dieſen Brief holt morgen ein verſchwiegener Bote ab, den Sie ſie ſicher anvertrauen koͤnnen. Hören Sie mich weiter. Der Capitain Montesquieu iſt bei dem Marquis geweſen. Jopanna wurde von mir weggeruſen. Sie kam nach einer Stunde wieder und hatte beide Augen voll Thraͤngn. Montesquieu quaͤlte ſie mit ſeiner Zärtlichkeit, ſie war kalt und abſioßend. Entrüſtet fragte ſie Montesquieu: Iſt es ein Au derer, dem Sie Ihr Herz ge⸗ ſchenkt haben, ſo ſeyn Sie aufrichtig und machen Sie mich nicht zum Gegenſtande eines kindiſchen Scherzes. Ich bin nicht gewohnt, ſolche Tauſchungen zu ertragen, noch weniger will ich Sie in Ihrem Gluͤcke ſtoͤren. Reden Se Wayrheit.— Lieber Capitain, fagte der Marquis, um ihn zu beruhigen, gihen⸗ Sie's denn nht. daß — 165— auch das beſte Mabchen nicht ohne Launen iſt?— Nein, fuhr Johanna hervor, keine Laune, eine wahre Antwort gebuͤhrt dem Manne, der mich ſo fragt. Ja, ich erklaͤre es Ihnen, daß ich nie Ihre Gattin werden kann. Ein heiliges, unauflosliches Band knuͤpft mich an einen Juͤngling, der ſeine Liebe gegen mich durch unſchaͤtzbare Be⸗ weiſe beſiegelt hat. Sie kennen dieſe, und wenn Sie Gefuͤhl fur dankbare Empfin⸗ dungen haben, ſo werden Sie meine Wahl billigen.— Errathe ich den Gluͤcklichen⸗ ſagte Montesquieu nachſinnend, ſo iſt es gar ein Calviniſt, der Comte de Montremi. Es muß doch eine große Freude fuͤr einen Vater ſeyn, der ſeine Kirche ehrt, wenn die Tochter ſo aus der Att ſchlagt.— Was hat die Kirche mit der Religion zu thun, ſagte Johanna, jene kann keine Pflicht umterſagen, die dieſe gebietet.— Welch ein ketzeriſcher Grundſatz, rief Montesquien aus, der in fruͤhern Zeiten⸗ wo der ächte G aube ſeine Macht noch übte, mi misen Ge⸗ — 166— faͤngniß, oder wohl gar mit dem Scheiter⸗ haufen beſtraft worden waͤre!— Und, ſagte Johanna mit dreiſtem Hohn, gebietet die Religion eine ſolche Strafe auch?“ „Laſſen Sie die Naͤrrin reden, ſagte der Marquis, Sie hoͤren es ja, daß ihre Vernunft raſen geht. Sie kann ſprechen und uns gebuͤhrt das Handeln. Und wenn Du den Willen des Vaters nicht ehrſt, ſo ſollſt Du mich auch nicht zum Selaven Deines Eigenſinnes machen. Der verhaßte Comte, der meinen liebſten Plan zerſtort, kann nie Dein Gatte werden.„ Er ſoll's nicht werden, ſagte Montesquieu, das will ich verbuͤrgen. Uns Marquis, geziemt das Handeln, wenn die Heirath eines Colviniſten mit einer kotholiſchen Jungfrau zu verhuͤten iſt. Wer dem Unweſen ſteuert, der ſich von den Calviniſten her in die katholiſche Kieche einſchleichen will, welcher Mittel er ſich auch zur Erreichung ſeines „ Zwecks bedient, der thut der Gottheit einen — 167— Dienſt.— Der Gottheit, ſagte Johanna, die nur durch Liebe und Duldung geehrt werden kann?“ „Der Marquis fuhr jetzt gegen ſeine Tochter alſp los: Geh, Unwürdige, aus meinen Augen, Du biſt der Guͤte nicht läͤnger werth, mit der ich Dich ſchonte. Ins Floſter mit Dir, in eine finſtere Zelle mit Dir, daß Du beten und kindlichen Gehorſam lernſt. Fort!“ „Dies erzaͤhlte mir Johanna, als ſie vor mir erſchien. Ich ſelbſt bin die Botin, die Sie warnt, ſich vor dem rachſuͤchtigen Montes quieu zu huͤten, der dem Comte de Martreu ebenſalls blutige Rache geſchworen hat.“—„Beruhigen Sie Johannen,“ ſagte der Comte,„ich kenne Waffen, um einem ſolchen Feinde zu begegnen.“ Als ſich die Chamboiſe entfernt hatte, erbrach der Comte eilig den Brief, den ſie — 168— ihm von Johannen gebracht hatte. Er enthielt Betheurungen ihrer treuen Liebe, faſt woͤrtlich daſſeibe, was ihm die Gonver⸗ nante erzählte, beſonders aber Warnungen vor dem gefaͤhrlichen Montesquieu. Sie rieth ihm ſogar, Paris zu verlaſſen, ſeinen Abſchied zu nehmen und ſich nach Haute⸗ verd zu begeben.„Ach“ ſo ſchrieb ſie, „dort wuͤßte ich Dich in Sicherheit, aber hier zittert mein Herz ewig fuͤr Dich. Meinſt Du, daß ich Deinen Tod uber⸗ leben könnte?“ Der Comte ſchrieb einen langen Brief an Johannen, in dem er ſie ruhig zu ſprechen ſuchte Er ſprach darin von der Flucht nach Hauteverd, und wenn ſie dort nicht bleiben koͤnnten, nach Deutſchland oder der Schweiz Der treuloſe Bote ver⸗ rieth dem Marqus, um einen guten Miſſethäterlohn, den Brief und am folgen⸗ den Tage ließ er als ſeine Gattin, Jo⸗ hanna und die Gouvernante auswaͤrts in z „ — — — —— — — 169— Geſellſchaft waren, heimlich ihren ver⸗ ſchloſſenen Schrank oͤffnen, fand das Schrei⸗ ben und las es durch. Am folgenden Tage las er ſeiner Gattin ein anonymes Schreiben vor, welches Monteszuieu nieder⸗ ſchrieb, indem ein Freund ihm die Ent⸗ deckung machte daß der Comte de Mont⸗ remi mit dem Plane umgehe, Johannen zu entfuͤhren, er moͤge ſie ſorgſam bewachen. Er ſuchte das Herz der Mutter gegen die Lochter zu empören, da er nicht irrig glaubte, daß ſie auf der Seite derſelben ſtand. Als ſie Johannen es vorhielt, was der Comte an ſie geſchrieben hatte, ſagte ſie:„Ja, das hat er geſchrieben, ver⸗ wuͤnſcht ſey der Böſewicht, der ihn ver⸗ rieth! Bleibt ihm denn ein anderes Mit⸗ tel ubrig, mich aus den Händen einer grauſamen Gewalt zu erlöſen?“—„Woge den Verſuch zur Flucht nicht, warnte die Mutter in ſchmerzhafter Bewegung,“„er wird Dir nicht gelingen. Alle Deine 170 Schritte wird der Vater bewachen, er iſt in Wuth und verwuͤnſcht den Comte.“ Was die Gouvernante dem Comte er⸗ zahlt, und was Johanna an ihn geſchrie⸗ ben hatte, das theilte er ſeinem Freunde Martreu mit. Bedenklich zuckte der die Achſeln und ſagte:„Franz, Du biſt in Gefahr, ich zweifle, ob Dir's moͤglich ſeyn wird, ſie zu vermeiden. Was kannſt Du zu Deiner Sicherheit thun?“—„Dem An⸗ greifer mit gleicher Muͤnze bezahlen,“ er⸗ wiederte er.„Ohne Johannen thue ich keinen Schritt aus Paris und ſollte ich hier durch Moͤrderhände mein Leben ein⸗ buͤßen.“ ander und Franz ſann ernſtlich darauf ſich die Gelegenheit zu verſchaffen, um ſich mit feiner Geliebten durch die Flucht zu retten. Waährend er darauf dachte, ereigneten ſich blutige, ſchreckliche Begebenheiten in Paris, Traurig ſchieden die Freunde von ein⸗ — 171— die wir geſchichtlich eroͤrtern muͤſſen. In dieſem wuͤthenden Sturme, der Tauſenden das Leben koſtete, leuchtet uns eine groß⸗ muͤthige, durch die Liebe Johannens voll⸗ zogene That, wie ein funkelndes Geſtirn. Catharina von Medicis, ſo ſchwankend wie ſie immer war, hatte ſich heimlich auf die Seite der katholiſchen Parthei gewandt, aber ſie unterhielt auch den Schein, daß ſie es mit den Hugenotten nicht unredlich meinte. Sie ſtand in dem Wahne, daß Sicherheit und Ruhe nur erkauft werden konnte, wenn die Hugenotten abgeſchlachtet würden. Ein weibliches Herz mit Tyger⸗ grauſamkeit gewaffnet, entwarf dieſen Plan und ſuchte durch Liſt Betrug und Täuſchung eine Rotte zu ſeiner Ausführung zu ver⸗ ſammeln. Den König, ihren Sohn, wußte „ ——— — 172— ſie es glaubend zu machen, daß ſein Leben in beſtändiger Gefahr ſchwebe, ſo lange noch ein Hugenotte in Paris athmete. Die Vornehmſten, denen man Haß und Rache gegen die Calviniſten und ſchwaͤrmeriſchen Fanatismus zutraute, un⸗ ter ihnen auch Montesquſeu, der Marquis de Vetrün und ein gewiſſer Maurevert, werden verſammelt und in dieſem Blut⸗ rathe wird der allgemeine Mord der Hugenotten, zuerſt in Paris, dann in an⸗ dern Gegenden des Reichs beſchloſſen. Es faͤllt Johannen ſehr auf, daß ſich öfter wie ſonſt Vornehme, Bekannte und Fremde, unter ihnen auch der Herzog von Guiſe mit Montesquieu in ihrem vater⸗ lichen Hauſe verſammeln und erſt nach Mitternacht ſich trennen. Sie waͤhnt, daß man ſich uͤber gewiſſe Feierlichkeiten berede, die am Hochzeittage Heinrichs, Koͤnigs von Navarra, der ſich mit der Schweſter des Koͤnigs, Margaretha, vermaͤhlen wollte, Stan finden ſolten. In dieſer Verheira⸗ thung, da der Koͤnig Heintich mit dem Soh⸗ ne des ermordeten Conds die Hugenotten beguͤnſtigte, fand ſie den für ſich troͤſtenden Beweis, daß die Verbindung einer Katholi⸗ kin mit einem Calviniſten nicht verboten ſey. Sie wollte mit dem Vater davon reden und ihn fuͤr das Gluͤck ihrer Liebe zu gewinnen ſuchen. Einſt, in der Mitternacht, wird ſie plotzlich durch einen ſchauderbaften Traum aufgeſchreckt. Sie ſieht Montesquieu mit einem blitzenden Dolche in der Hand, der ſie durch das Herz zu ſtoßen drobt. Der Dolch zuckt und ſie wacht auf. Jetzt fällt es ihr ein, daß die Verſammlung in ihrem Vaterhauſe wieder berathſchlagt Die Neu⸗ gierde, ob die Männer nicht Boͤſes im Schilde fuͤhren, was Vielen, auch ihrem Franz, gefäbrlich werden könne, treibt ſie aus dem Bette. Sie ſeich— — 11— es die Gouvernante, die im feſten Schlafe liegt, gewahr wird, aus dem Zimmer, geht barfuß und leicht bedeckt, leiſe die Treppe. hinab und haͤlt ihr Ohr, ohne daß ſie Grauen und Furcht anwandelt, an die Thuͤr, innerhalb der ſo laut geſprochen wird, daß ſie eine Stimme die Worte reden hoͤrt, die ſie nicht kennt: Koͤnig, Staat und Kirche iſt nicht eher ſicer, bis bie Calviniſten ermordet ſind. Noch Anderes hoͤrt ſie. Es ergreiſt ſie Entſetzen und ſie eilt nach ihrem Lager zuruͤck. Ach, ſie haͤtte zu ihrem Geliebten hinfliegen und ihm die Schreckensnachricht mittheilen moͤgen. Voll peinlicher Unruhe ſtand ſie am andern Morgen auf, ſie hatte nicht wieder geſchlafen. Die Gouvernante merkte den Druck der Schwermuth, der auf Johannens Weſen lag, ſuchte ſie zu erforſchen und zu beruhigen; aber ſie verrieth kein Wort. Als ſie, wie gewoͤhnlich, des Vormittags zu der Mutter kam, erfuhr ſie von dieſer, „ daß der Marquis in wichtigen Geſchaͤften von dem Koͤnige nach Orleans geſchickt ſey und erſt nach einigen Tagen wieder zuruͤck⸗ kehren werde. Ploͤtzlich wuchs in Johan⸗ nens Seele ein Plan empor, den ſie in der kommenden Nacht auszufuͤhren gedachte. Ihr Herz ſchlug vor Angſt und Freude. Die Mutter ſagte ihr zugleich, daß ſie vom Vater den Auftrag habe, ſie nicht aus den Augen zu laſſen. Es wurde nun ein weitlaͤufiges Kapitel von der Flucht mit dem Comte abgehandelt, in dem die Mutter das Entehrende eines ſolchen Unternehmens darſtellte. Johanna ſchwieg. Die Marquiſe war am Abend zu ei⸗ ner Tanzgeſellſchaft gebeten, wohin ſie Johanna und die Gouvernante begleiten ſollen. Die Witterung war kuͤhl und über das leichte Gewand, das Johanna trug, war ein Ueberrock von dunkler Farbe gé⸗ zogen. Die Straße, ſelbſt den Namen Hauſes kannte ſe gennu, wo der Comte wohnte. Die Gouvernante hatte ihr ſelbſt die Lage ſeines Zimmers bezeich⸗ net. Als ſie dieſe Straße langſam vor⸗ uverfuhren, zu einer Tageszeit, wo es dun⸗ keler als zur Dämmerung war, ſtrahlte plotzlich Johannen der Gedanke durch die Seele, den Wagen mit einem Sprunge zu verlaſſen, zu ihrem Geliebten hinzueilen, um ihm das Geheimniß, was ſie auf dem Herzen hatte, zu entdecken. Sie fuhlte ſich von einer unwiderſtehlichen Macht ergriffen, war mit einem Satze aus dem Wagen und floh wie ein verfolgtes Reh in eine Neben⸗ ſtraße. Sie hoͤrte das Angſtgeſchrei ihrer Mutter:„Johanna, ach, Johanna!“ Nach Verlauf einer halben Stunde hatte ſie das Haus gefunden, wo der Comte wohnte. Si ging raſch hinein, eine Treppe hinauf, und als ihr ein Bediente mit einer Wachskerze begegnete, fragte ſie dieſen:„Wohnt hier der Comte?“ Der Menſch erſtaunle uͤber die Erſcheinung — 177— eines ſo ſchoͤnen, jungen Maͤdchens, oͤffnete die Thuͤr und ſprach:„Da iſt der Comte.“ Sie that einige Schritte und fiel ihm in die Arme, er erkannte ſie und war vor Entzücken und Verwundetung ſtarr.„Ach,“ ſo rief er wie ein Verzweifelter aus, „Johanna, meine Johanna, ich kann noch nicht mit Dir fliehen, meine Ehre leidet es nicht, ich gehoͤre noch dem Regimente und habe den Abſchied nicht! Willſt Du nach Hauteverd, Dich dort verborgen zu halten, bis ich Dir nachkommen kann?“ „Nicht fliehen,“ erwiederte ſie mit bebender Lippe,„aber Dir ein wichtiges Geheimniß entdecken, darum komme ich zu Dir. Aus dem Wagen ſprang ich, als ich mit meiner Mutter die Straße voräber⸗ fuhr, um zu Dir zu eilen. Die Arme, ihren Schmerz kann ich mir denken! Ich furchte ihre Strafe nicht! Das Heiligſte was ich habe, ſteht auf dem Spiele, und da ſchwindet jede Rückſicht.“. — 18— Sie erzaͤhlte, was ſie erhorcht hatte. Franz druͤckte ſie an ſein Herz, dankte ihr voll Ruͤhrung, nannte ſie den Engel ſeines Lebens und gelobte, von der Entdeckung ihres Geheimniſſes den beſten Gebrauch zu machen. In ſich ſelbſt aber beſchloß er, noch in Paris zu bleiben, die Hauptſtadt ohne Johannen nicht zu verlaſſen und be⸗ ſchwor ſie, zu ihm zu eilen, wenn ſie ge⸗ 3 grundete Furcht haͤtte, daß der Mordplan 1 ausgefuͤhrt werden ſollte. Sie war uͤber eine Stunde bei ihm und er fuͤhrte ſie dann, mit dem Schwerte bewaffnet, nach dem väterlichen Pallaſte zuruͤck, wo er von ihr mit einem herzlichen Kuſſe Abſchied nahm. An demſelben Abend ſchrieb er noch einen Brief an ſeine Eltern, in dem er ihnen ernſtlich rieth, daß ſie auf der Lauer ſeyn ſollten, damit ſie nicht in den Ab⸗ grund des Verderbens hinabgeſtuͤrzt wuͤr⸗ den, das die Katholiken uͤber die Calvi⸗ — 179— niſten beſchloſſen haͤtten. Johanna habe ihm deshalb wichtige Nachrichten insgeheim mitgetheilt, doch konne er ihnen nicht ganz trauen. Vorſicht ſey noͤthig. Man ſolle die beſten Sachen in Sicherheit bringen, Wachen ausſtellen, die Pferde angeſchirrt halten, und ſich einen Zufluchtsort auser⸗ ſehen, wo man unter Katholiken nichts furchten duͤrfe. Den Brief ſandte Franz durch ſeinen Reitknecht nach Hauteverd ab und band es ihm auf die Seele, ihn wie ein Heiligthum zu verwahren. Ob auch der Comte an die Wahrheit dieſer Neuig⸗ keit nicht glaubte, weil die Tage der Poch⸗ zeit Margarethens, der Schweſter des Königs, mit Heinrich von Navarra, einem Freunde der Reformirten, nahe waren, weil der Admiral Coligni in einem Briefe das freundlichvertrauliche Betragen des Foͤnigs gegen die Calviniſten nicht genug rühmen konnte und die Verſicherung gab, daß kein Aufruhr zu fuͤrchten und der Friede unter den Partheien feſt gegrundet ſey; ſo hielt — 5 er's doch fuͤr klug, gewiſſe Vorkehrungen im Stillen zu treffen, um moͤglichen Ge⸗ fahren zu entgehen. Der Reitknecht brachte Franzen einen Brief von Hauteverd, in welchem der Vater ihn bat, Paris auf einen Monat zu verlaſſen und zu ihm zu kommen. Als Johanna ins Haus trat, merkte ſie es bald, welche Unruhe in demſelben herrſchte.„Da iſt ſie!“ rief ihr der Kam⸗ merdiener entgegen. Sie eilte nach dem Zimmer ihrer Mutter hin Als dieſe ſie er⸗ blickte, die in Thränen gebadet war, ſagte ſie:„Maͤdchen, hatteſt Du den Verſtand verloren, als Du aus dem Wagen ſprangſt? Ach, es iſt ein Wunder, daß ich noch lebe! Habe ich's um Dich verdient, daß Du mich ſo aͤngſtigteſt? Wenn Dein Vater das erfährt! Wo warſi Du? Rede die Wahrheit!“— Mit ruhiger Faſſung ſagte ſie:„Mutter, ich erkenne mein Unrecht und jede Strafe will ich leiden, ob ich auch — 181— glaube, daß ich ſie nicht verdient habe. Iſt's auch recht, mich ſo von dem Comte zu trennen, daß ich ihn nicht ſehen und keine Sylbe mit ihm reden kann? Keine Menſchengewalt wird ſo mächtig ſeyn, mich von ihm zu ſcheiden. Mein Herz forderte es, ich konnte ihm nicht wehren, ich mußte zu ihm, ich habe mit ihm geſprochen, er— hat mich bis vor die Thuͤr unſerer Woh⸗ nung begleitet. Er zieht den Tod einem Leben ohne mich vor. Kann den Vater nichts erweichen, nichts ihn zum Nachgeben bewegen?“—„Nichts,“ ſagte die Mutter. —„So mag er mich von ſich ſtoßen, ſo will ich ſeine Tochter nicht mehr ſeyn⸗ nur an meiner Liebe, an meinem Gluͤcke ſoll er mich nicht mehr hindern. Will er mich zum Wahnſinne reizen? Soll ich alle Bande zerreißen, die mich an i ſeſſeln? Hat er nur darum Gewalt uͤber mich, daß er mich martert, mich unglücklich macht? Mutter, heute konnte ich fliehen, ich wollte es, Franz hielt mich zuruck. er iſt?“ Will es denn Niemand erkennen, wie edel Die Mutter war bis in den Tod be⸗ truͤbt, verzieh der Tochter das begangene Unrecht, ermahnte ſie zur Ruhe und Ge⸗ duld, und daß ſie nicht durch eine ſtraf⸗ wuͤrdige That ihr Ungluͤck vergroͤßern und eine harte Straſe ſich zuziehen ſollte. Am folgenden Tage kam der Marquis von ſeiner Reiſe zuruͤck und war ſo in Geſchaͤften vergraben und ſo wenig in ſei⸗ ner Wohnung, daß er von dem Sprunge aus dem Wogen nichts erfuhr. Am Hochzeittage des Koͤnigs Hein⸗ rich und der Margaretha(den 18ten Aug. 1572) war Alles in Paris in freudiger Be⸗ wegung. Die glänzendſten Feſte wurden gegeben. Abſichtlich hatte man aus den fernſten Provinzen die Oberhaͤupter der Calviniſten dahin geladen, um, wenn es — 13 an's Morden ging, ſie in der Nähe zu haben, und daß ſie ſich nicht durch bie 6 Flucht retten konnten. Es ſchien in den 3 feſtlichen Tagen, als ob Katholiken ſich mit Calviniſten bruͤderlich verbinden wollten, ſo freundlich naheten ſie ſich ihnen zu einer geit, wo die Stunde ihrer meuchelmoͤrderi⸗ ſchen Hinrichtung, im Namen der Religion, ſſchon beſtimmt war⸗ Die Calviniſten, welche den Betrug fuͤr Wahrheit achteten, fuhlten ſich durch eine ſolche Behandlung geſchmeichelt, erwiederten Liebe und Ver⸗ trauen und ahneten die nahe Gefahr nicht, in der ſie ſchwebten und ſahen die Mord⸗ gewehre nicht, die nur fuͤr ſie geſchliffen waren und ſchon in Bereitſchaft lagen. Der hoͤlliſche Bund, in dem Catharina von Mevicis die Hauptrolle als Anſtifterin und Rathgeberin ſpielte, blieb ſo geheimnißvoll und verſchwiegen, daß Niemand von ſeinem Vorhaben eine Sylbe errieth⸗ Der Marquis und Montesquien aber — ————— — 184— hatten ſich Beide verſchworen, in der ſchreck⸗ lichen Nacht eine blutige That zu voll⸗ ziehen, jener aus Rache, dieſer aus Eifer⸗ ſucht. Der Marquis konnte die Beleidi⸗ gung nicht vergeſſen, die ihm der Comte de Martreu im Walde anthat und wollte den Schwaͤtzer auf ewig zum Schweigen bringen. Montesquieu aber ſchmeichelte ſich mit der Hoffnung, daß Johanna ihm endlich ihre Hand geben werde, wenn er den Comte de Montremi, ſeinen Neben⸗ buhler, auf die Seite raͤumte, ohne daß ſie's erfuhr, wer ſein Moͤrder geweſen ſey. Durch gedungene Spione hatten ſie die Wohnungen der beiden Juͤnglinge aus⸗ kundſchaften laſſen, die auch ihre Fuͤhrer dahin ſeyn ſollten. In nicht weiter Ent⸗ fernung von einander wohnten Carl und Franz. Ohne daß der Comte de Montremi in beſtimmter, gewiſſer Rede mit ſeinem Freunde Martteu über das Geheimniß ſprach, ſagte er ihm doch:„Wir haben zwei unverſoͤhnliche Feinde in⸗ Paris, Du kennſt ſie; ich glaube, wir muͤſſen jetzt mehr als je auf unſerer Hut ſeyn, daß ſie uns nicht verderben.“. Sie beredeten ſich Beide, daß ſie nicht einſchliefen, ohne daß Schwert und geladene Piſtolen vor ihrem Bette lagen. Die Pferde wurden alle Abende geſattelt und ſo blieben ſie ſtehen. —„Gewiß,“ ſagte Martreu zu ſeinem Freunde,„laſſen wir uns von einer ge⸗ ſpenſteriſchen Furcht ſchrecken. Arm in Arm gehen jetzt Calviniſten und Katholi⸗ ken auf öffentlichen Promenaden und es iſt, als ob die koͤnigliche Hochzeit das Signal allgemeiner Liebe und Ausſöhnung waͤre. Faſt ſchmeichele ich mich mit der Hoffnung, daß dieſe friedliche Stimmung auch den Marquis geneigter macht, Dir ſein Jawort nicht laͤnger zu verweigern.“ Franz ſchuͤt⸗ telte den Kopf und ſprach:„Dem Scheine traue ich nicht und mit meiner Hoffnung ſeht es ſchwach. — 6— Ein ſchreckliches Ereigniß ſchreckte plotz⸗ lich alle Calviniſten aus dem Schlummer der Sicherheit, in den ſie die Liſt und Rachſucht der Katholiken gewiegt hatte; aber zu den Waffen griffen ſie darum nicht, weil eine boͤſe That an einem von ihnen pochgefeierten Manne von einem einzelnen Mörder veruͤbt war, der vielleicht perſoͤn⸗ liche Rache an ihm nehmen wollte. Auf Anſtiften des Herzogs von Guiſe und gewiß mit Vorwiſſen der Königin, Aaͤßt ſich ein gewiſſer Maurevert, ein Freund und Vetter des Marquis, bereit finden, Coligni's Morder zu werden. Aus ei⸗ nem Gebaͤude des Kloſters St. Germain Auxerrois, als der Admiral vorbei geht, thut er einen Schuß auf ihn. Dieſe That wurde den 22ſten Auguſt am hellen Tage vollbracht, als Coligni aus dem Louvre kam. Die rechte Hand und der linke Arm iſt von einer Buͤchſenkugel getroffen. Der Admiral ſtoͤßt nur die Worte aus: — 187— „Die Kugel brannte heiß, ſie kömmt von einem Katholiken“ Der Greis erreicht ſeine Wohnung und wird verbunden. Das ſchauderhafte Ereigniß wird bald bekannt, erregt großes Aufſehen, wird gemißbilligt und erhaͤlt Beifall. Katholiken freueten ſich, daß dieſer calviniſtiſche Guͤnſtling des Koönigs ſeinen verdienten Lohn erhielt. Der Koͤnig von Navarra und der Sohn des ermordeten Conds führten üver die graͤuliche That beim Koͤnige gerechte Be⸗ ſchwerden, drangen auf die Ausforſchung des Moͤrders und ſeine Beſtrafung. Der König Carl, der von ſeiner Mutter ſchon längſt gegen Cpligni empoͤrt war und auf eine ſchickliche Gelegenheit ſann, um ihn vom Hofe zu entfernen, freute ſich inner⸗ lich uͤber das ungluck des Greiſes; aber ſeinem Schwager und Condé verſprach er, nach den Schuldigen zu ſorſchen, und wenn der Mörder entdeckt ſey, ihn aup's varteſte zu beſtrafen. Er ſelbſt, in allen Künſten der Verſtellung geubt, ging zu — — 188— dem General, gab ihm die Hand, druͤckte ſie mit Innigkeit und ſagte mit allen Zeichen einer innern Ruͤhrung:„Mein Vater, Ihr habt die Wunde, ich habe den Schmerz“. Der redliche Coligni, der keiner Ver⸗ ſtelung faͤhig war, trauete den Worten des Koͤnigs, ſah ihn mit heiterm und dankbarem Laͤcheln an, indem er mit ſchwacher Stimme ſprach:„Ich habe — 7 man Coligni nicht mehr fürchtet, hat ſich Feinde, man goͤnnt mir die Liebe des Koͤnigs nicht, deſſen Dienſte ich gern ein laͤngeres Leben geweiht haͤtte. Ohne Vor⸗ wurf und Gewiſſensbiſſe kann ich ſterben.“ Als der König von Coligni zuräc⸗ kam, fand er die Mutter in ſeinem Zim⸗ mer, welche ihn erwartet hatte. Jeder mußte ſicheenntfernen und mit ängſtlicher Miene, als ob ſie das groͤßte Ungluͤck ahnete, ſprach ſie zum Konig:„Nun, da — K* — 169— der Plan entdeckt, daß der Admiral das Oberhaupt einer Verſchwoͤrung gegen das Leben des Monarchen iſt. Alle Glieder des ſchwarzen Bundes ſind Calviniſten. So mißbrauchen ſie die koͤnigliche Gunſt und wollen den umbringen, der ihr Wohlthaͤter iſt.“ Als der Koͤnig das hoͤrte und an der Wahrheit der ſchaͤndlich erſonnenen Luͤge nicht mehr zweifelte, rief er aus:„Bei dem Tode Gottes, man tödte den Admiral, aber nicht ihn allein, ſondern alle Hugenot⸗ ten, damit auch nicht Einer üͤbrig bleibe, der uns beunruhigen könne.“ In der Nacht darauf wurde das Blut⸗ bad beſchloſſen, welches in der Nacht vom aſten zum 25ſten Auguſt(1572) ausge⸗ fuͤhrt werden ſollte. Johanna merkt ihrem Vater eine Un⸗ ruhe an, die er nicht mehr verbergen kann. Sie ahnet es, daß er ein boſes Geheimniß in ſeinem Herzen trägt. Feſt iſt ſie entſchloſſen, — 190— wenn er in der Dunkelheit das Haus ver⸗ laßt, ihm zu folgen, zu ihrem Geliebten hinzueilen, entweder um ihm der Lebensge⸗ fahr zu entziehen, oder mit ihm zu ſterben. eie kennt keine Rückſicht mehr. Ohne daß es jemand merkt, weiß ſie ſich aus dem Gewehrzimmer des Vaters einen Dolch zu verſchaffen, den ſie unter ihrer S verbirgt. Noch iſt das Zeichen mit der Glocke zum Morden vom Thurme des koniglichen Schloſſes den verſammelten Buͤrgercom⸗ pagnien nicht gegeben, als der Herzog von Guiſe in die Wohnung des ſchwer verwun⸗ deten Coligni einbricht. Er iſt von einer Schaar von Meuchelmoͤrdern umgeben, die ſich von dem rachſuͤchtigen Prinz, der in dem Tode des Admirals den Fall ſeines Vaters zu rächen wähnte, hatte zu der Blutthet erkaufen laſſen. A der Pinz zuerſt in die vhn des — 191— Zimmers tritt, findet er den ehrwürdigen Greis betend auf den Knien. Dieſer An⸗ blick eines Andachtsvollen, der in ſeinem Schmerze Linderung deſſelben von Gott er⸗ fleht, dem Arm und Hand verbunden ſind, 5 dem zugleich ſtille Ergebung und Helden⸗ groͤße, die er weiſe und gutig oft bewies, auf dem blaſſen, geiſtvollen Geſichte liegt, dieſer Anblick kann den rachevollen Guiſe nicht ruͤhren, der jedes andere Menſchen⸗ herz erſchuͤttert haͤtte. Als Coligni den Herzog erkannte, als er die blitzenden Schwerter ſah, konnte er es leicht ahnen, daß es auf ſein Leben abgeſehen ſey. Er erlaubte ſich keiner Bitte um Schonung, aber er ſagte zu ſeinem Moͤrder:„Fünger Menſch, mein graues Haar ſollte Dir Ehr⸗ furcht gebieten; aber thue nach Gefallen, Du kannſt mein Leben nur um wenige Zige abkurzen.“ Dies ſprach er zu ei⸗ nem gewiſſen Behm, welcher der erſte der Rotte war, einem Deutſchen. Der Sind⸗ che ſchaudert vor der böſen That — 192— zuruͤck, als er den Greis ſo ſprechen hoͤrt, und verſetzt ihm mehrere toͤdtliche Stiche. Der ſterbende Admiral wird ergriffen, aus dem Fenſter in den Hof geſtuͤrzt und zu den Fuͤßen ſeines nichtswurdigen Feindes lallt er noch die Worte:„Ich haͤtte wohl verdient, von den Häͤnden eines Edelmennes, nicht eines Troßbubens zu ſterben.“ Drei Tage wurde der Leichnam des Helden dem katholiſchen Poͤbel preis gegeben, der ihm alle Mißhandlungen einer aufgebrachten Partheienwuth zufuͤgte, und endlich hing man ihn an den Fuͤßen an den Galgen von Montfaucon. So alſo endete ein Mann, der eines Ehrendenkmals wurdig war, welcher ſein Leben mit keiner Schuld befleckte, der nur fuͤr Wahrheit und Recht ſein Schwert zog, weil er's uͤber ſein Herz und ſein Gefühl nicht gewinnen konnte, dem Katholicismus zu huldigen. Er trauete der Verſtellung, er, der ohne öuch v glaubte an Redlichkeit und — 193— abnete die Bosheit der Menſchen nichk, die an ſeinem Untergange arbeitete. Als der Mord des Admirals vollzogen war, gah die Thurmglocke auf dem Schloſſe das Zeichen zum Morden aller in Paris wohnenden Calviniſten. Fruͤher hatte es Johanna, die mit ihrer Mutter im Zimmer des Marquis war, gemerkt, daß ſich ihr Vater nicht vom Fenſter entfernte, daß er oͤfter auf die Straße hinſah, als ob er die Ankunſt eines Fremden erwartete. Jetzt befahl er ſeiner Gattin und Tochter, da es ſchon um Mit⸗ ternacht ſey, ſich niederzulegen. Sie ent⸗ fernten ſich. Die Marquiſe begleitete Jo⸗ hannen zur Gouvernante.„Mutter,“ ſagte ſie da,„mein Herz wird von Unruhe ge⸗ foltert! Gott, wie iſt mir! Was der Vater im Sinn! Sein Geſicht ezſchien mir wie das eines Verbrechers, d eine böſe That vollziehen will! Ja, könſe * — meinen Franz morden, ich wuͤrde zuerſt ihm und dann mir den Dolch in die Bruſt ſtoßen. Mutter, um aller Heiligen willen bitte ich Dich, verrathe mir das Geheim⸗ niß, wenn Du es weißt!“ „Nichts, nichts weiß ich,“ ſagte die WMutter und konnte die Worte kaum aus⸗ ſprechen. Angſt, Furcht und Zweifel ver⸗ zerrten ihre Geſichtszuͤge.„Gott,“ rief Jo⸗ hanna aus, die ihre Muttrr forſchend an⸗ blckte,„wenn Du Theilnehmerin eines Verbrechen waͤrſt, wenn Du es haͤteeſt ver⸗ huͤten koͤnnen, wenn Du es mir ver⸗ ſchwiegſt!“ Eben hatte ſie das letzte Wort ge⸗ ſprochen, als man die wohlbekannten Toͤne der Glocke auf dem Schloßthurme hoͤrte. Johanna fragte mit erſchrockener Miene: edeutet das? In der Mitternachts⸗ — 195— Die Marquiſe, von ſchmerzlichen und ſchauderhaften Gefuͤhlen uͤberwältigt, ſtieß die Worte aus:„Den Tod aller Calvi⸗ niſten und alſo auch den des Comte de Montremi. Sey maͤchtig, dies Leid zu er⸗ tragen, Du kannſt ihn nicht mehr retten.“ — Nun,“ rief Johanna aus,„wenn ich das nicht kann, ſo will ich ihm zur Seite durch dieſen Dolch ſterben.“ Sie zog ihn aus dem Buſen und fuhr damit in die Hoͤhe. Raſch, unaufhaltfam ſtuͤrzte ſie aus⸗ dem Zimmer und achtete nicht auf das Rufen der Mutter. Sie ſprang faſt die Treppe hinab, ſtieß den Thürhuͤter zuruͤck, war auf der Straße und hatte den ent⸗ bloͤßten Dolch in der Hand. Es herrſchte ein dumpfes Getuͤmmel, mehrere Leute mit Schwertern zogen ihr voruͤber. Einer rief ihr zu:„Bravo, Mädchen, kühle Deine Rache an den Calviniſten, Du er ienſt eine Himmelskrone!“. X — 196— Sie ſah noch Licht in dem Zimmer des Comte. Eilig riß ſie die Thuͤr auf, ſie furchtete eine Leiche zu erblicken und auf dieſen Fall war ihr Entſchluß, ſich den Dolch durch's Herz zu ſtoßen, um mit dem nach dem Tode Eins zu ſeyn, mit dem ein bigotter, die Calviniſten haſſender Vater ſich nicht verbinden wollte. Franz war angekleidet, er hatte ein Schwert in der Hand. Das Lauſen auf der Straße erregte ſeine Aufmerkſamkeit, er wagte ſich nicht hinab, er wußte nicht, was das zu bedeuten hatte. Als er Johannen erblickte, die einen Dolch in der Hand hatte, deren Geſichts⸗ zuge ſo verſtört waren, rief er ihr entge⸗ gen:„Was willſt Du in der Mitter⸗ nacht? Mich morden? Iſt das Deine Liebe?“—„Dich retten, beſchuͤtzen, mit Dir ſterben,“ ſagte ſie und ſenkte den Dolch zur Erde nieder.„Ich weiß es, ein Mordanſchlag gegen alle Calviniſten iſt im Werke, in dieſer Nacht ſoll er ausge⸗ fuͤhrt werden, ſicher iſt das Niedermetzeln ſchon angefangen. O, die Barbaren! Zu welcher Religion bekennen die ſich, welche es ihnen erlaubt, unſchuldiges Blut zu ver⸗ gießen! Laß uns fliehen, fliehen nach Hauteverd, daß wir Deinen Eltern das Leben reiten, auch dort wird gewurgt wer⸗ den, wenn alle Calviniſten hier zu den Fuͤßen der Katholiken liegen!“ „Maͤdchen, Du ſchwärmſt, Du traͤumſt, Du willſt mich taͤuſchen,“ ſagte Franz.— „Eile, eile,“ erwiederte ſie,„daß Du unter den Streichen der Wahrheit Dein Leben nicht verlierſt.“ Jetzt⸗ hoͤrte man lautes Jammergeſchrei auf der Straße.„Hoͤrſt Du es nicht,“ ſprach Johanna und faßte den Comte am Arm,„daß wir fliehen muͤſſen, wenn Dich das Schickſal dieſer unglücklichen nicht treffen ſol? Mich ſchutzt mein Glaube, Dir aber dient er — 198— zum Verderben. Zoͤgere nicht, um Gottes⸗ willen bitte ich Dich!“ Jetzt hoͤrte man raſch und mit feſtem Schritt die Treppe hinauf kommen.„Gott,“ rief Johanna aus,„wenn mein Vater dies waͤre! Wenn der kaͤme, Dich zu retten oder zu toͤdten!“—„Es iſt ſicher Mar⸗ treu, der zu mir flieht, daß wir uns ein⸗ ander Beiſtand auf Leben und Tod leiſten.“ — Aber es iſt Montesquien, ſchon mit Blut beſpritzt, er hat das Schwert in der Hand, das er in die Bruſt des Calviniſten, in dem er zugleich ſeinen Nebenbuhler haßt, ſtoßen will. Wuth und Rache blitzt aus ſeinen Augen. Er ſtutzt einen Augen⸗ blick ſchweigend, als er Johannen erblickt und ſpricht dann mit Hohn im Geſicht: „Finde ich Dich, Liebespaar, ſo zuſammen, ich will euch trennen.“. Johanna fäht Montesquieu in die Arme, ſie fleht ihn an, das Leben ihres Geliebten zu ſchonen. Er ſchleudert ſie zuruͤck. Franz thut einen — 199— Streich mit dem Schwerte nach Montes⸗ quieu's Kopfe, mit einer Kraft, als ob er ſeinen Leib in zwei Hälften theilen wollte. Durch eine raſche Biegung, die Montes⸗ quieu macht, fehlt der Hieb. Das Schwert Franzens fährt in einen nahe ſtehenden Liſch, die Klinge ſpringt und er hat nur noch den Griff und ein kleines Stuͤck vom Schwerte in der Hand. Fliehen konnte er nicht, die Thur war hinter Montesquieu. Er ſucht Schutz neben einem Schrankez aber kein Wort der Bitte, ſein Leben zu ſchonen, koͤmmt uͤber ſeine Lippe. Entwaffnet, dem Moͤrder preis ge⸗ geben, iſt der Comte, er ruft:„Leb' wohl, Johanna, folge mir, dort ſehen wir uns wieder!“ Jetzt fährt Montesquieu mit dem Schwerte in die Höhe, um mit einem Steich ein Leben zu enden, das ihn nie hatte, und jetzt ſtößt Zobunnn im — 200— ſchrecklichſten Aufruhr der Gefuͤhle, die in einer Menſchenbruſt nur wuͤthend ſtuͤrmen koͤnnen, mit einer Kraft, die in irgend ei⸗ nem Maͤdchenarm nur wohnen kann, dem racheerfuͤllten Moͤrder den Dolch bis ans Heft in den Ruͤcken, daß er wie vom Blitze geruͤhrt, zur Erde niederſturzt und bald den Geiſt aufgiebt. Sie zieht den Dolch aus der Wunde, Franz nimmt das Schwert des Erſtochenen, umarmt Johannen, nennt ſie Lebensretterin und eilt mit ihr auf die Straße hinab. „Wohin nun fliehen?“ ſagt ſie betaͤubt, zitternd und in Todesangſt.—„Nach Hauteverd,“ erwiederte Franz,„aber ich nicht allein. Meinen Martreu kann ich nicht verlaſſen, er muß mit uns, wenn er noch lebt. Ein ewiger Vorwurf waͤre mir mein Daſeyn, wenn ich ihn umkommen ließe und mich rettete. Dort wohnt er!“ Einzelne Moͤrder und größere Haufen . — 201— zogen ihnen voruͤber.„Wohin die Reiſe?“ ſo wurden ſie angeredet, und Franz er⸗ wiederte mit barſcher Stimme:„Wohin anders, als Calviniſten ſchlachten!“—„So recht,“ gab man ihnen zur Antwort,„kein Ketzer ſoll die Sonne wieder ſcheinen ſehen. Und wer iſt die?“—„Eine achte Katholikin,“ erwiederte Franz,„mein jun⸗ ges Weib, das ſich eine Ehrenkrone erwer⸗ ben will.“—„Die wird ihr werden, hieß es. Schon auf der Treppe kam ihnen Martreu entgegen. Er erkannte Franz und Johannen ſogleich. Ein Schwert, das in Blut getaucht ſchien, hielt er in ſeiner rechten Hand. Sein Geſicht war verzerrt, Sein Auge funkelte.„Was wollt ihr?“ fragte er.—„Dich retten, Dich bitten, daß wir fliehen,“ ſagte Franz. Weß iſt das Blut, das Dein Schwert faͤrbt?“— „Das eines Moͤrders,“ erwiederte Martreu, „dem ich den Rang ablief. Aber wohin — 202— fliehen?“ fragte Martreu.„Wir fallen un⸗ ter den Schwertern der Mörder, die auf den Straßen umherziehen. Welch ein Auf⸗ ruhr, welch ein Getoͤſe!“ Johanna hatte in der ſchrecklichſten Verlege nheit den beſten Einfall, ſie rieth: „Laßt die Pferde ſatteln, wir ſprengen durch die Straßen ohne Aufenthalt und ſollte man uns den Ausgang aus dem Thore verſperren wollen, dann ſagt, ihr ſeyd vom Koͤnige abgeſandt, das Morden der Calvi⸗ niſten in andern Staͤdten anzumelden.“ Die Pferde wurden eilig geſattelt, und die Liſt, daß ſie königliche Abgeſandte waͤren, gelang um ſo leichter, weil Franz und Carl Gardeuniform trugen, und Schwerter, mit Blut uͤberzogen, vorzeigen konnten, mit denen ſie, wie ſie vorgaben, ein Dutzend Calviniſten ermordet haͤtten. Zum Glück waren die Reitknechte der bei⸗ — 203— den Comtes, auch Calviniſten, mit ihren Herren gerettet. Raſch trabten ſie auf der Straße nach Hauteverd vorwaͤrts, bis der Morgen grauete, um dort Wachſamkeit und Vor⸗ ſicht zu verkünden.„Herrlich, herrlich hat Johanna,“ ſo ſagte Franz zu Carln,„die That vergolten, daß ich ſie aus den Haͤn⸗ den der Raͤuber frei machte, ſie war es, die Montesquieu einen Dolch in dem Augenblicke ins Herz ſtieß, als er den Todesſtreich gegen mich vollfuͤhren wollte. Der Moͤrder war anf meinem Zimmer⸗ Und wer trachtete Dir nach dem Leben, dem Du den verdienten Lohn gabſt?“— „Ich habe ihn nicht gekannt,“ erwiederte Martreu mit finſterm Geſicht,„es war ein langer, hagerer Kerl, mit einer Teufels⸗ miene, gewiß um Geld gedungen. Mein Spiel war kurz mit ihm. Gottlob, wir ſind gerettet! Franz, glaube mir, es war zuerſt auf uns gemuͤnzt.“ — 204— Sie verſorgten ſich beim Durchreiten durch ein Staͤdtchen mit den nöthigen Lebensmitteln, und machten am Eingange eines kleinen Gebuͤſches Halt, um da, ihrer Sicherheit wegen, die Nacht zuzubringen. Johanna war ängſtlich und furchtete einen. aͤhnlichen Ueberfall, wie den im Walde. Franz beruhigte ſie:„Unter Gottes freiem Himmel ſind wir in dieſer Zeit des Mor⸗ dens ſicherer, als unter den Dachern der Katholiken. Wir wachen, wenn Du ſchläfſt.“ Sie jammerte uber ihre Mutter, die es nicht wiſſe, ob ſie noch lebe oder ob ſie umgekommen ſey. Franz verſprach, ihr Nachricht mitzutheilen, wenn die Ge⸗ fahr voruͤber ſeyo.„Es iſt wohl möglich, daß wir in einem Lande nicht bleiben, wo der Fanatismus ſolche Graͤuel ubt. Eine Mördergrube, von Tygern bewohnt, iſt Frankreich, wo man einem Theile der Un⸗ terthanen den Befehl ertheilt, die zu mor⸗ den, welche nicht gleich ihnen den Papſt wie einen Gott verehren. Haſt Du noch X — 205— Achtung fuͤr die Katholiken und gegen eine Religion, die ſolche Grauſamkeiten ver⸗ ſtattet? Ach, koͤnnten es die Wuͤthlinge, ſie wuͤrden unter allen denen, die nicht ihres Glaubens ſind, ein Bluthad auf der Erde anrichten.“—„Ob dies die Calvi⸗ niſten nicht auch thaͤten,“ fragte Johanna, „wenn ihnen die Macht dazu verliehen wäre?“— Franz wußte ihr ſogleich keine Antwort zu geben, Martreu aber erwie⸗ derte:„Das muß erſt die Erfahrung lehren, ich aber glaube es nicht.“ Johanna war im hoͤchſten Grade er⸗ ſchoͤpft, ihre Geſichtsfarbe war blaß, ſie ſank halb ohnmaͤchtig auf die Maͤntel nie⸗ der, womit man ihr auf dem Raſen ein Lager bereitet hatte. Um ſie gegen Thau und naͤchtliche Kuͤhle zu ſchuͤtzen, bedeckte man ſie, als ſie ſchon feſt eingeſchlafen war, mit den Satteldecken. In naher Ferne von ihr ſetzten ſich „ Carl und Franz im Graſe nieder, die Ruͤcken an einen dicken Eichenſtamm ge⸗ lehnt und ſprachen leiſe von den Ereigniſ⸗ ſen der vergangenen Nacht. Carl fing alſo an:„Als ich von Dir kam, fuͤhlte ich mich ſo munter und aufgeregt, daß ich nicht einſchlafen konnte. Ich ſprang vom Lager auf, zundete mir ein Licht an, und fing einen Brief an Julien zu ſchreiben an. Auf einmal vernahm ich das Laͤuten einer Glocke in der Mitternacht und wußte nicht, was dies zu bedeuten hatte. Bald hoͤrte ich auf der Straße gehen, der Larm wurde lauter, ich glaubte, es ware Feuer. Als ich aus dem Fenſter ſah, wurde ich keinen Schein von einer Flamme gewahr. Plötz⸗ lich ſchrie eine Stimme: Nieder mit den Calviniſten! Das Herz ſchlug mir laut. Ich loͤſchte mein Licht aus, nahm mein Schwert in die Hand, vor mir lagen zwei geſpannte Piſtolen. In wahrer Höllen⸗ angſt, ich geſtehe Dir meine Schwäche, ſaß ich eine Weile und war faſt entſchloſſen, 0— mein Zimmer zu verlaſſen, um Sicherheit fur mein Leben in einem verborgenen Win⸗ kel des Hauſes zu ſuchen. Ich hatte Niemanden zur Treppe hinauf kommen horen; aber jetzt offnete ſich die Thuͤr, ein Kerl trat herein, ein Anderer folgte ihm nach, der eine Fackel in der Hand trug, um dem Moͤrder zu leuchten. Den, der die Fackel trug, erkannte ich ſogleich, es war der Marquis de Vetruͤn ſelbſt. Er gab den Mordbefehl. Mit einem Hieb ſturzte der Meuchelmoͤrder todt zu meinen Fuͤßen nieder. In der linken Hand hatte der Marquis einen Dolch. Er warf die Fackel auf die Erde nieder und ſtieß mit dem Dolche nach mir. Mein gutes Schwert verſagte mir auch diesmal ſeine Dienſte nicht. Es ſiel ein zweiter Hieb, der den Kopf des Marquis vom Rumpfe trennte. Ich nahm die Fackel auf und floh aus dem Zimmer. Auf der Treppe begegneteſt Du mir mit Johannen. Der Sohn hat den Tod des Vaters geracht, ſo — 208— wollte es Gott! Zur Nothwehr war ich gezwungen. Du darfſt nun von dem Mar⸗ quis keinen Widerſpruch mehr fuͤrchten, Johanna iſt Dein! Heilige Bande ver⸗ binden euch, ihr habt euch wechſelſeitig ein großes, herrliches Verdienſt gegen ein⸗ ander erworben. Wahrlich, ich ehre dieſes Heldenmädchen, und Deine Eltern werden ſie wie ein eigenes Kind auf den Händen tragen.“. „O, wunderbare Fuͤgung Gottes,“ rief Franz betend aus und faltete die Hände, „wer mag deine dunkeln, heiligen Wege deuten! Sie, die mein Vater mir nie zur Gattin geben wollte, die der wuthende, von Partheienhaß entbrannte Marquis mir ewig verweigerte, dieſe Johanna, die Retterin meines Lebens, ſchlaͤft da im Graſe, ſie iſt mein, ſie hat ſich mir ganz hingegeben! Wie raſch hat Gott die Scheidewand hin⸗ weggeriſſen, die uns von einander trennte! Wie iſt doch Alles ſo ganz anders gekom⸗ men, als es Menſchen dachten! Folge dem Rathe eines frommen, durch die Reli⸗ gion geheiligten Herzens, vertraue auf Gott, halte feſt an ſeiem Glauben zur Vorſehung und immer wird Dir das Beſte werden!“. „Aber, lieber Carl, Johanna erfahre kein Wort davon, daß ihr Vater wie ein Moͤrder zu Dir kam, und daß er wie ein gemeiner Verbrecher mit dem Tode be⸗ ſtraft wurde. Der Marquis hatte bei den großen Fehlern doch auch große Tugenden, er war ein liebevoller Gatte, und ehe er meine Liebe zu ſeiner Tochter kennen lernte, ein zärtlicher Vater, und gewiß haͤngt ihr Kindesherz an ihm. Laß uns den Fall des Marquis den Eltern als ein Geheim⸗ niß anvertrauen. Aber, Bruder, welch eine Wuth der Katholiken! Wie wunder⸗ bar hat uns der Allmächtige in dieſem Sturme erbalten, der gewiß Tauſenden das Leben koſtete! Wer hat ihn erregt? Ich n. 14 — 210— fuͤrchte, wir muͤſſen unſer Vaterland ver⸗ laſſen, wo uns Mord und Se droht!“ Sie ſprachen beide von der Zukunft und von der Gegenwart, als ſie in der Stille der Nacht von weiter Ferne her den Hufſchlag mehrerer Roſſe hoͤrten.„Sind das nicht Verfolger?“ ſagte Franz.—„Ver⸗ folger ſicher nicht, Fluͤchtlinge vielleicht, wie wir.“„ Aber die Vorſicht gebot es, daß Johanna aus dem feſten Schlummer geweckt werden mußte. Alle ſetzten ſich zu Pferde, zogen ihre Schwerter und ſpann⸗ ten ihre Piſtolen. Johanna mußte ſich tiefer ins Gebuͤſch zuruͤckziehen und Franz hielt ihr zur Seite, Martreu ſtellte ſich mit den Reitknechten an den Weg und gab Befehl:„Iſt die Zahl der Ankommenden zu groß, daß wir fuͤrchten muſſen, uͤber⸗ waͤltigt zu werden, ſo iß wir die Flucht.“ 6 S—.———— In kurzem Trabe kamen zwei Reiter geritten. Als ſie den Weg verſperrt ſahen, fragte der Eine:„Wer ſeyd ihr?“— Martreu antwortete:„Maͤnner, die dem Gräuel der Hauptſtadt entflohen, um nicht gemordet zu werden. Wo wollt ihr hin?“ —„Nach Hauteverd,“ ſagte der Menſch, „um dort den grauſamen Mord des Admi⸗ rals Coligni's zu melden, deß Diener wir ſind, und da wir Calviniſten ſind, Sicher⸗ heit gegen die Wuth der Katholiken zu ſuchen.“—„Redet ihr Wahrheit, ſo ſteckt die Schwerter wie wir in die Scheiden, wir ſind auch auf dem Wege nach Hauteverd.“ Sie kamen naͤher. Nach einer kurzen Weile kehrten Franz und Johanna aus dem Gebuͤſch zuruͤck. Sie erzaͤhlten die Haupt⸗ ſache von dem Morde und den Mißhandlun⸗ gen ihres Herrn. Von der Art und Weiſe, wie ſie ihr Leben erhielten, von den graͤu⸗ lichen Mordthaten, die geſehen waͤren, und daß mit den Calviniſten viele moͤrderiſche Katholiken umkamen, ſprachen ſie auch — 212— eie ſchloſſen ſich an das Gefolge der bei⸗ den Comtes an, und ſo ſetzte man, ohne weitern Aufenthalt die Reiſe nach Haute⸗ verd fort. Welch Aufſehen ihre Erſchei⸗. nung daſelbſt machte, in welche Schrecken die Gemuͤther geriethen, als man von der Blutnacht in Paris ſprach, das kann man ſich leicht denken. Als Franz aber erzaͤhlte, daß er die Erhaltung ſeines Lebens einzig Johannen verdanke, da umarmten Vater, Mutter und Tochter zugleich das Helden⸗ maͤdchen und der Comte ſagte tief geruͤhrt: „Du biſt meine theuere, liebe Tochter, Dein Gatte iſt mein Sohn, Du haſt die erſten Anſprüͤche an ſeine Liebe und Dank⸗ In Hauteverd wuͤrde man ſich eines großen Gluͤcks gefreuet haben, wenn nicht Angſt und Beſorgniß in dem Genuſſe deſ⸗ ſelben ſtörte. Man mußte füuͤrchten, daß ſich die Mordbefehle gegen die Calviniſten uͤber das Reich verbreiten, und daß auch Hauteverd nicht von ihnen verſchont bleiben werde. Es wurden alſo in größter Eil Anſtalten zur Flucht getroffen. Der Comte raffte ſeine Koſtbarkeiten und ſeinen Geld⸗ vorrath zuſammen. Sogleich ſandte er ſeinen Haushofmeiſter nach der See ab, um fuͤr ihn, zur Ueberfahrt nach England, ein Schiff zu beſtellen. Er ließ an dem⸗ ſelben Dage den Paͤchter von Chartreu, ſei⸗ nen treuen Freund, kommen, machte ihn mit der ungluͤcklichen Lage der Dinge be⸗ kannt und bat ihn, ſo viel er könnte, die Aufſicht uber Hauteverd zu fuͤhren. Der Pächter gab die Antwort:„In Chartreu wird man keine Graͤuel uͤben, meine Frau mag dort die Wirthſchaft fuͤhren; ich ziehe hierher, und ſo weit meine Macht reicht, werde ich Ihr Eigenthum gegen die Wuth des unſinnigen Poͤbels ſchutzen. Ich muß ſelbſt zur Flucht rathen, denn an dem zeuen Pfarrer zu Chartreu haben Sie einen boͤſen Nachbar, der die Gelegenheit nicht ungenutzt vorbeigehen laſſen wird, Ihnen —— einen boͤſen Streich zu ſpielen. Doch ſteht der Verſuch zu wagen, ob der Mann, der ein wahrer Filz iſt, und allenfalls, wenn es nicht geſehen wird, das Geld aus der Armenbuͤchſe ſiiehlt, ſich durch ein an⸗ ſehnliches Geſchenk zu mildern Geſinnun⸗ gen bewegen laͤßt, wenn Sie ihrer be⸗ duͤrfen.“„. Der Comte gab dem ehr⸗ lichen Paͤchter volle Gewalt, zu ſchalten, wie er's juͤr gut fand. In dieſer Schreckenszeit freuete ſich der Paͤchter doch gar ſehr, daß Johanna Franzens erklaͤrte Braut war. Der Comte verſchwieg es ihm auch nicht, daß der moͤrderiſche Mar⸗ quis vom Schwerte Martreu's getödtet wurde.„Ihm iſt ſein Recht geſchehen,“ ſprach der Paͤchter,„denn es heißt: Wer Menſchenblut vergießt, deß Blut ſoll wieder vergoſſen werden.“ In Schmerz ſchieden die Freunde von einander. 6 Etwa eine Stunde vor der Abreiſe ver⸗ ſammelte der Comte ſeine Gemeine auf — A5— dem Schloßhoſe, nachdem er mit dem Pfarrer ſchon geredet hatte, und macht ſie mit dem möglichen, bevorſtehenden Un⸗ gluͤcke bekannt. Er rieth den Maͤnnern, wenn die Gefahr in der Naͤhe drohe, und ſie ihr Eigenthum, Weib und Kinder nicht verlaſſen wollten, ſich auf das Schloß zu fluͤchten, das mit Wällen, Graͤben, Zug⸗ bruͤcken und Ringmauern befeſtigt ſey. Gewehre und Munition wuͤrden ſie da in Menge finden. Ihre Tapferkeit, ihr Muth könne dort einem großen Hauſen feinblicher Katholiken Widerſtand leiſten.„Aber,“ fragte Einer,„warum bleiben Sie denn nicht bei uns und theilen mit uns Ungluͤck und Gefahr, Herr Comte! Sind Sie nicht unſer Oberhaupt? Wir ſtreiten fuͤr Sie und mit Ihnen, ſo lange der Letzte von uns lebt.—„Darum nicht,“ erwie⸗ derte der Comte,„weil es auf die reichen und vornehmen Calviniſten am erſten ge⸗ muͤnzt iſt. Man meint, wenn man dieſe hingerichtet hat, ſo wird es ein Leichtes — 216— ſehn, die Schaar der gemeinen Calviniſten dem Katholictsmus zuzuführen. Wollt ihr mich morden ſehen und habt ihr Luſt, zur roͤmiſchen Kirche uͤberzutreten, ſo will ich bleiben und vor euern Augen einen unver⸗ dienten Tod leiden.“ Alle rieſen laut: „Unſer Comte muß uns verlaſſen, wir wollen den Tod eines ſo ſrommen Man⸗ nes nicht verſchulden!“ „Recht ſo, ihr guten und verſtaͤndigen Leute,“ ſagte der Pfarrer.„Der Hirte wird ſich nicht von ſeiner Heerde trennen, ich bleibe bei euch, ich verlaſſe euch nicht. Mit dem Schwerte des göttlichen Wortes, mit dem Panzer des Glaubens, will ich euch waffnen, daß ihr muthig und ſtark ſeyd, zu widerſtehen den feurigen Pfeilen der katholiſchen Wuͤrger, wenn ſie hier er⸗ ſcheinen. Steht feſt in dem Bekenntniß eurer Religion, ſeyd maͤnnlich und ſtark. Die Kreutzigungen des Fleiſches ſollen euch in eurem Glauben nicht wankend — 217— machen. Fuͤrchtet die nicht, die den Leib tödten, aber die Seele nicht verderben koͤnnen. Gebt Zeugniß, daß ihr Chriſten ſeyd, die nur Jeſum fuͤr ihr Oberhaupt be⸗ kennen. Dem blutigen Maͤrtyrer, der fuͤr ſeine Religion ſtirbt, ſteht wie dem Stepha⸗ nus der Himmel offen. Und wenn es Noth thut, ſtreitet mit der Macht Gottes, beſieg hie Satane, die wie bruͤllende Loͤwen umhergehen und Reformirte ver⸗ ſchlingen möchten, daß euch dort Oben die Krone der Ueberwinder gereicht werde. Ein Leben habe ich auch, wie ihr, Weib und Kinder habe ich auch, wie ihr, aber Alles, Alles ſollt ihr mich aufopfern ſehen, ehe ich meinen Glauben abſchwöre, wenn ich mit einem ſolchen Hoͤlleneid auch Biſchof in Rom werden koͤnnte. Leben wir, ſo leben wir dem Herrn, ſterben wir, ſo ſterben wir dem Herrn, darum, wir leben oder ſterben, ſo ſind wir Beide des Herrn.“ 1 Mehrere Stimmen in der Gemeine ſagten laut:„Mit ſolch einem Seelſor⸗ ger ſind auch wir bereit zu leben oder zu ſterben.“ Es herrſchte in den Gemuͤthern eine hohe, durch das Wort Gottes ange⸗ fachte Begeiſterung.„Weit um Haute⸗ verd wurden Wachen gemeſſenen Be⸗ fehlen ausgeſtellt. Viele Augen weinten, als der Comte mit den Seinen abzog, er konnte ſich ſelbſt der Thraͤnen nicht enthalten. Alle wuͤnſch⸗ ten dem Comte eine Ruͤckkehr zu beſſern Zeiten. Das Schiff war an der Küſte be⸗ reit, es nahm die Flüchtlinge mit ihren beſten Sachen auf, ſtieß vom Lande und brachte ſie ohne Unfall an das engliſche Ufer. Etliche Wochen vielleicht waren ſie von Hauteverd entfernt, als die Marquiſe da⸗ ſelbſt ankam. Sie war des Todes ihres Gatten gewiß, ſie hatte ſeine Leiche geſehen, — 219— ſie wußte es, daß der Comte de Martreu, den er umbringen laſſen wollte, ſein Leben durch den Mord ihres Gatten erkaufte. Sie beſeufzte den Getödteten, aber Haß gegen den Comte empfand ſie nicht. Es wurde ihr auch die Nachricht gebracht, daß man den Capitain Montesquieu, durch einen Dolchſtich im Ruͤcken niedergeſtoßen habe und ihn todt auf dem Zimmer des Comte de Montremi fand. Aber der muͤt⸗ terliche Schmerz, daß ſie's nicht auskund⸗ ſchaften konnte, wo ihre geliebte Johanna war, die ſie von ſich hatte gehen laſſen, die ſie zur Rettung ihres Geliebten auf⸗ forderte, war es, die ihr das Herz brach. Unmöglich ſchien es ihr, daß ſie ſich mit Franz in der ſchrecklichen Verlegenheit ge⸗ rettet haben koͤnnte. Die preiswuͤrdige Gouvernante rieth zu der Reiſe nach Hauteverd, um zur Gewißheit zu kommen, und bot ſich ihr zur Begleiterin an. Als ſie ſich dazu entſchloß, umarmte ſie wei⸗ nend die Chamboiſe und ſagte zu ihr: —— „Du treue, liebe Ungluͤcksgefaͤhrtin, den letzten Biſſen Brodt theile ich mit Dir! Lebt Johanna nicht mehr, ſo biſt Du meine Tochter, und lebt ſie noch, ſo liebe mich wie Deine Schweſter.“. Dieſe Freundſchaft, unter ſolchen Umſtanden ge⸗ ſchloſſen, hatte eine ewige Dauer. Schmerz und Freude zugleich empfand die Marquiſe bei ihrer Ankunft in Haute⸗ verd, als ſie den Pächter von Chartreu dort fand, der ihr die ſicherſte Auskunft von ihrer Tochter geben konnte. Sie lebte, aber ſie war ihr genommen. Gegen eine Verbindung derſelben mit dem Comte hatte ſie nichts mehr. Aber ſtaunen mußte ſie uͤber die Macht der Liebe, die ſie begeiſterte, daß ſie dem Capitain den Dolch in den Rucken ſtieß und ſo das Leben ihres ent⸗ waffneten Geliebten rettete. Nach Chartreu wollte ſie nicht und blieb in Hauteverd. Das Morden der Calviniſten im Lande „ — 224— bauerte an dreißig Tage. Mehr Menſchen⸗ liebe zeigten die Katholiken in den Provin⸗ zen, und obgleich an funſzigtauſend Opfer gefallen waren, ſo blieb voch eine groͤßere Anzahl Reformirter am Leben. Spaͤter er⸗ fuhr man, daß das Blut der Niederge⸗ metzelten dem Papſt ein ſuͤßes Opfer ge⸗ weſen war, denn er ließ Freudenſchuſſe aus Kanonen thun, eine feierliche Prozeſſion in der Ludwigskirche anordnen und ein Jubel⸗ jahr ausſchreiben. So handelte das Ober⸗ haupt der Kirche, der einen Nachfolger des Apoſtel Petrus ſich nannte, welchen der Lehrer und Meiſter zu ſeinen drei Lieb⸗ lingsjuͤngern rechnete! Es giebt keinen grauſamern Zug in einem Menſchencharak⸗ ter, als die Freude uͤber den Mord von Tauſenden! Schaudere zuruͤck, Menſchen⸗ herz, vor einem Erbarmungsloſen, der ſein Andenken mit einem graͤulichen Verbrechen befleckt, der ſeinen Beifall einer teuftiſchen That zollt, die die Hoͤlle mit aͤrger erden⸗ ken kann! Die Marquiſe ließ ein Schreiben nach England an ihre Tochter abgehen, welches erſt nach vielen Monaten in ihre Haͤnde kam, in dem ſie ihr den Tod ihres Vaters, und daß ſie nicht von Hauteverd weichen werde, meldete. Es kamen Briefe von dem Comte de Montremi in Hauteverd an, in welchen ſich dieſer erkundigte, was ſeine Unterthanen gelitten hätten, und ob ſein Schloß nicht gepluͤndert und ein Aſchenhaufen geworden ſey. Er war mit den Seinen in London. Es konnte ihm gemeldet werden, daß er bei ſeiner Ruͤckkehr Alles verſchont finden werde, wenigſtens bis zu dieſem Tage. Dieſe Nachricht, und daß die Marquiſe mit der Gouvernante in Hauteverd ſey, erregte große Freude; aber an die Ruͤckkehr war noch nicht zu denken. Man wußte es beſtimmt, daß ſich Schaaren von Huge⸗ notten in die Gebirge geflüchtet hatten, um ihren Mördern und Henkern zu entgehen, daß ſich Tauſende in das befeſtigte Rochelle warfen und dort von dem Herzog von Anjou belagert wurden. Erſt im folgenden Jahre, den 6ten Juli 1573, als der Her⸗ zog die Nachricht erhielt, daß er zum König von Polen erwaͤhlt ſey, ſchloß er mit den Hugenotten den Vergleich, daß ihnen in gewiſſen Staͤdten freie Religionsuͤbung ge⸗ ſtattet werden ſollte, und daß man ihre Rechte ſchuͤtzen wollte, welchen der König auch genehmigte. Nichts alſo, gar nichts, hatten die Katholiken durch ihre Nieder⸗ metzelungen gewonnen, als daß ſie vvn den Fatholiten nur noch mehr gehaßt wurden, „daß dieſe ihnen nie wieder traueten und gegen ähnliche Unfaͤlle auf ihrer Hut waren. Gluͤckliche, wahrhaft ſelige Stunden verlebte der Comte mit ſeiner Gattin unter ſeinen Kindern. Ihre Liebe, ihr Edelmuth verſuͤßte ihm ſo manches bittere Leiden. Es war ſein feſter Entſchluß, den er auch —— ausfuͤhrte, auf ewig ein Vaterland zu ver⸗ laſſen, wo die redlichſten Unterthanen, ge⸗ taͤuſcht und betrogen von der Regierung, gehaßt und verfolgt von den Katholiken, keine Stunde ihres Lebens, ihrer Freiheit, ihres Eigenthums ſicher waren. Er hatte ſich die Schweiz und daſelbſt Zürich zu ſeinem künftigen Aufenthalte erkohren, wo er ungeſtoͤrt nach der Lehre Jeſu Gott ver⸗ ehren und ſeine Andachten halten konnte. Die Seinen nahmen ſeinen Vorſchlag an und billigten ihn. Er wollte ſeine Beſitzun⸗ gen verkaufen, ſo auch Martreu, ſein Erb⸗ gut, um von den Zinſen ſeiner Kapitalien in Ruhe und Frieden zu leben. Johanna trug kein Bedenken, an den haͤuslichen und oͤffentlichen Religionsubun⸗ gen des Comte Theil zu nehmen, ob ſie auch von Niemanden dazu genoͤthigt wurde. Da nur zu oft uber religiöſe Gegenſtaͤnde geredet wurde und ſie es deutlich erkannte, daß die Calviniſten Gott anbeteten, wie — . — 225— es Jeſus ſelbſt gelehrt hatte, daß in der katholiſchen Kirche Gebraͤuche, Lehren und Satzungen herrſchten, von denen im N. T. kein Wort ſtand, in dem ſie täglich las, und deſſen einzelne Stellen, die ſie nicht recht verſtehen konnte, der alte Comte ihr erklaͤrte, da ſagte ſie:„Ich folge der Ueberzeugung meines Verſtandes und Ge⸗ wiſſens, dem Drange meines Herzens und bekenne mich hinfort zu dem Glauben der Reformirten.“— Mit feierlichem Ernſte ſagte der Comte:„So hat Gott auch dieſe Wand niedergeriſſen, die uns noch trennte, ſo ſind wir nun Eins in der Liebe, im Glauben, in der Hoffnung. Run erſt biſt Du meine Tochter ganz. Kein menſch⸗ liches Zureden, der Geiſt der Wahrheit, der Deine Seele erleuchtete, hat geſiegt. In Zuͤrich, meine Johanna, nicht früher ſollt Du zu einem Mitgliede unſeres Glaubens feierlich geweiht werden. Die beiden Paare, die in geſchwiſter⸗ 5 — licher Liebe mit einander lebten, wollten es nicht, daß ſie durch den Eheſegen fruͤher mit einander verbunden wuͤrden, als ſich die Unruhe in Frankreich gelegt und ſie ſich in Zuͤrich wohnhaſt niedergelaſſen hätten. Der Comte billigte dieſen Plan gar ſehr. Auf die Nachricht des Pfatrers von Hauteverd, daß zwiſchen den Katholiken und Calviniſten der angefuͤhrte Vergleich zu Stande gekommen ſey, kehrte der Comte mit ſeiner Familie auf ſein Stammſchloß zuruͤck. So bald hatte die Marquiſe die Erſcheinung ihrer Tochter noch nicht er⸗ wartet. Faſt ſank ſie in Ohnmacht vor Freude, als ſie ſie erblickte. Wie viel hatte ſie ihr zu ſagen und zu klagen! Des ermordeten Vaters aber wurde wenig ge⸗ dacht. Zwar ſchauderte ſie anfangs vor dem Anblicke Martreu's zuruͤck, den ſie un⸗ bezweifelt fuͤr den Moͤrder ihres Gatten hielt; aber ſein edles Gemuͤth ſoͤhnte ſie bald wieder mit ihm aus. Franz aber und Johanna waren nur beſchaͤftigt, ihren Truͤb⸗ ſinn aufzuheitern und ihr verwundetes Herz, das zu harte Schlaͤge erlitten hatte, zu heilen. Mit Liebe umſaßte ſie auch die Gouvernante, welche die Marquiſe als eine treue Ungluͤcksgeſaͤhrtin ruͤhmte. Als die Marquiſe aber von der Reiſe nach der Schweiz hörte, und daß man in Zukunft dort wohnen wolle, ſagte ſie:„Ich verlaſſe mein Vaterland nicht, ich weiche von meiner Religion nicht, hier, nicht dort, ſind ihre Tempel, ihre Altäre, ihre Prieſter. In katholiſchem Boden ſollen meine ver⸗ weslichen Ueberreſte ruhen.“ Keine Ueber⸗ redung, ſelbſt die Thraͤnen Johannens nicht, konnten ſie vermoͤgen, in das calvi⸗ niſtiſche Land, wie ſie es nannte, zu gehen. Acht Tage vor der Abreiſe verließ ſie heimlich Hauteverd mit der Gouver⸗ nante und auf ihrem Zimmer fand man ein Schreiben, in dem ſie ihrer Tochter den mutterlichen Segen wuͤnſchte. Dringend „ 4 * — 228— bat ſie ſie um oͤftere Briefe. Gott will ich mein Leben weihen,“ ſagte ſie,„der Welt entſagen, in der mir alle irdiſchen Freuden, an denen ich ſonſt ſo reich war, genommen ſind und unter Andacht und Gebet fuͤr Dich, werde ich in einem Kloſter meine Tage beſchließen. Haͤrme Dich nicht um mich, wenn mein Herz erſt allen Erden⸗ ſchmerz uͤberwunden hat, dann wird mir wohl wie im Himmel ſeyn. Franz iſt gut, ich glaube, Du wirſt eine h Gattin werden.“ 2 N ohanna weinte, aber ſie ließ ſich be⸗ ruhigen. Am Morgen der Abreiſe nach der Schweiz, als die Comteſſe ihr geliebtes Hauteverd, wo ſie ſich ſeit ihrer Jugend⸗ zeit ſo gluͤcklich fuͤhlte, verlaſſen ſollte, ſchwamm ſie in Thränen. Sie bat ihren Gatten, in einem Lande zu bleiben, wo ſo viele Calviniſten blieben, die ſich gefahrlos glaubten.—„Ich bleibe nicht,“ ſagte der Comte,„und Du mußt mich begleiten. Eine ſichere Ruhe herrſcht hier fuͤr uns nicht. Der letzte Katholik, der hier noch lebt, ſo freundlich er ſich ſtellt, er wuͤrde, wenn er's vermochte, jeden Calviniſten morden, das gebeut ihm ſein Prieſter, das haͤlt er zur Ehre ſeiner Religion fuͤr einen Dienſt, den er Gott erweiſet, womit er ſich die Seligkeit erkauft. Nun da, wo Glau⸗ bensfreiheit herrſcht, kann ich mich gluͤcklich fuͤhlen. Ko omm, mein treues Weib, wenn Du nicht einſt Deinen Gatten unter den Schwertern der Moͤrder bluten ſehen ih komm!“ Was haͤtten wir nun weiter zu ſagen, was ſich der Leſer uicht ſelber denken könnte? ls eine Reformirte in Zürich abgelegt Da Johanna ihr Glaubensbekenntniß hatte, wurde ſie mit dem jungen Comte aum Altare getrauet. An demſelben Tage ver⸗ einigte das eheliche Band auch Martreu und Julien. Die fromme, zaͤrtliche Jo⸗ hanna ſagte oft, wenn ſie aus der Kieche kam und eine Predigt im Geiſte Jeſu an⸗ daͤchtig gehoͤrt hatte:„Wie hoch bin ich von Gott begluͤckt, er gab mir den beſten Mann und ließ mich eine Chriſtin werden!“ 5 18 ſ ſſſ 4— 16 1 11 2 13 1 * —