* Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Keſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen..§ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für ntti 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 Fr W 1 W 50 f 2 W —„ 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſigeſeht und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ eece ———, — Johanna die Heldin der Bluthochzeit. Ein Roman vom 3 Verfaſſer der Paulowna. 3 weiter Zheil. „Quedlinburg und Leipzig, 1824, 5 i 6 o tfried B ſ 48 Johanna die Heldin der Bluthochzeit. 3 weiter hei. *—— — Die Marquiſe kam ihrem Gatten ſchon vor dem Schloſſe entgegen, als er auf ſei⸗ nem Rappen, von einem Jagdgefolge be⸗ gleitet, angeſprengt kam. Sie aͤußerte eine lebhafte Freude, da ſie in ſeiner Naͤhe war. Immer war ſie aͤngſtlich, wenn er auch kein Feuergewehr wegen ſeines lahmen Armes abdruͤcken konnte, daß er durch die Unvorſichtigkeit eines andern Jägers ver⸗ wundet werden koͤnnte. Er liebte die Jagd leidenſchaftlich, erluſtigte ſich mit Hetzen. Kam er an einem Jagdtage unbe⸗ ſchaͤdigt zuruͤk ſo war die Freude des Wiederſehens in ihr ſehr groß. Dies⸗ al aber war ihr Geſicht noch heiterer und verklärter wie ſonſt. Der Marquis bemerkte das und fragte:„Du biſt ja ſo ungewöhnlich froh? Iſt Dir etwa ein be⸗ ₰ ſonderes Gluͤck begegnet?“ Sie laͤchelte ihn an und erwiederte: „Du haſt einen prophetiſchen Geiſt. Unſer Eeinerlei wurde heute Nachmittag durch. einen angenehmen, nicht alttaͤglichen Beſuch unterbrochen, der uns Allen viel Vergnuͤgen gmacht hat.“—„Angenehme, erwünſchte Nachrichten aus Paris?“ fragte der Mar⸗ quis.„Es ritt mir unweit Chartreu ein junger Mann voruͤber, ſo raſch und ſchnell, daß ich ſeine Geſichtszuge nicht erkennen tonnte. Es war mit, als ob er's ſehr * ——— eilig haͤtte. Ich ſah ihm eine Weile nach und er jagte, als ob ihn ein Feind ver⸗ folgte, oder als ob er zur Rettung eines unglucklichen hinfliegen wollte. Vielleicht iſt's derſelbe, der euch ſo intereſſant unter⸗ hielt und dem ihr einen vergnuͤgten Nach⸗ mittag verdanktet. Faſt thut mir's leid, 4 — daß ich an der Unterhaltung keinen Antheil nehmen konnte. Aber warum blieb er nicht, warum boteſt Du ihm keine Nacht⸗ herberge an? Oder ſuchte er nur eure Ge⸗ ſellſchaft und vermied die meine? Er hat es im letztern Falle gut wrffen da ich auf 3 Jagd war.“ Als ſie im Zimmer waren, erzaͤhlte der Marquis von der gluͤcklichen Jagd, auf der verſchiedenes Wild erlegt war, und ruͤhmte den ſichern Schuß ſeines Jaͤgers und die Schnelligkeit der Windhunde. So wenig ein ſolches Geſpraͤch die Mar⸗ quiſe intereſſirte und ſo langweilig es ihr immer war, ſie mußte es ruhig anhoͤren und that aus Liebe zu ihrem Gatten, als ob ſie ſich uͤber den geſchickten Jäger und die ſchnellen Hunde gar ſehr freute. As die Geſchichte des Tages im Walde und im Freien geendigt war, ſagte der Marquis:„Der willkommene Gaſt⸗ den ihr heute hattet, iſt mir nicht aus dem Gedaͤchtniß gekommen, ſag doch, wer war er, was war ſein Geſuch? Du haſt ihn mir als ausgezeichnet angekuͤndigt, meine Neugierde iſt in großer Spannung. Mit Gemeingut von Menſchen nimmt meine liebe Louiſe nicht vorlieb, wie's uns taͤglich und in Paris ſogar bis zum Ueberdruß ge⸗ vboten wird, wer alſo ihres Beifalls gewiß iſt, der muß wahrlich nicht von gewöhn⸗ lichem Schlage ſeyn.“ „Nein, nein,“ erwiederte ſie,„das war er wegen ſeines Standes, ſeines Kor⸗ pers und Geiſtes, wegen ſeiner ſi ſittlichen Bildung keineswegs. Iſt ſein Aeußeres nicht ein Firniß, mit dem die Kunſt be⸗ ſtreicht, welches oft der letzte Zweck einer vornehmen Erziehung iſt, ſtimmt es zu ſei⸗ nem Innern und iſt es nur die Frucht deſſelben, ſo rechne ich ihn zu den Juͤng⸗ lingen, die auf unſere Achtung und auf i gh zugleich gerechte An⸗ —— ſpruͤche haben. Schon der Zweck, der ihn nach Chartreu fuͤhrte, der kein gewoͤhnlicher iſt, giebt ihm eine Auszeichnung vor Vielen, die undankbar die Orte vergeſſen, wo ſie das reinſte Gluͤck und die Freuden der Un⸗ ſchuld genoſſen.“ „Louiſe,“ ſprach der Marquis,„Du biſt in Deiner⸗Beſchreibung ſo ausfuͤhrlich, daß ich's leicht errathen kann, wie viel Vergnuͤgen Dir der Gegenſtand derſelben macht. Erſt die Hauptſache, und dann die weitere Ausfuͤhrung, darum bitte ich.“ „Wir beſuchten das ſchoͤne Plaͤtzchen, wo die neu angelegte Raſenbank iſt, wo wie uns uͤber die Natur freuen lernen, da die nen ſchoͤn gewachſenen Juͤngling, von majeſtätiſchem Wuchſe, von ſchoͤnem Anße⸗ ſicht und reicher Kleidung, nicht fern von uns unter den Bäumen erblicken. Er Gebilde der Kunſt hier ſo ganz aus unſern Augen geruͤckt ſind, als wir, uͤberraſcht, ei⸗ 10— naht ſich uns mit den gewöhnlichen Hoͤflich⸗ keitsbezeugungen, entſchuldigt ſich, daß er ſich ohne beſondere Erlaubniß in den Gar⸗ ten wagte und erzaͤhlte nun, er habe als Knabe mit dem jungen Comte de Montremi hier geſpielt, ſich ſo glücklich gefühlt als ſpäter nie, und wolle an dieſem Orte, den er viel⸗ leicht zum letzten Male ſähe, dem Himmel ein Dankopfer fuͤr genoſſene Freuden brin⸗ gen. Die muͤtterliche Guͤte der letzt ver⸗ ſtorbenen Comteſſe von Chartreu koͤnne er nicht genug ruͤhmen. Er erzaͤhlte uns einen Theil ſeiner Lebensgeſchichte, hob die wichtigſten Momente deſſelben aus und dies Alles auf eine ſo liebliche, herzergreifende Weiſe, daß er uns Alle füͤr ſich einnahm. hmend erwähnte er Deiner als eines Mannes, der im vorzüglichen Rufe ſtehe. Bileiben wollte er nicht, weil ſeine Zeit be⸗ ſchraͤnkt ſey und ihm keinen längern Auf⸗ enthalt verſtatte. Durch zu vieles Bitten wird man unhöflich und läſtig, ich ließ ihn gehen. Kannſt Du's etrathen, wer dieſer — 1— Fremde war?“—„Wenn's der junge Comte de Montremi nicht ſelber war, ſo errathe ich's nicht. Vielleicht will uns ſein Vater beſchaͤmen und ließ uns nach Haute⸗ verd einladen. Es iſt Unrecht, daß wir die naͤchſten Nachbaren noch nicht beſuchten. Wofuͤr muͤſſen ſie uns halten! Scheint's doch, als ob wir an Chartreu ſo gefeſſelt waͤren, daß wir uns nicht von ihm entfer⸗ nen koͤnnten.“—„Eer war ein Freund des jungen Comte von Hauteverd, ein Comte Martreu, ſein Vater iſt geſtorben, er hat ſeine Guͤter bei Abbeville.“ Als der Marquis den Namen Martreu nennen hoͤrte, verzog er ſein Geſicht wie einer, der ſich auf die Zunge gebiſſen hat und ſein ſchmerzhaſtes Gefühl nicht laut werden laſſen will. Er ſchien zugleich be⸗ troffen zu ſeyn, als ob er eine Schreckens⸗ nachricht erfahren haͤtte. Nach einem kurzen Schweigen, waͤhrend es der Marquiſe wie Dolchſtiche durch's Herz fuhr, die ängſtlich — 8 wartete, was ſie hören würde und ſchon im voraus nichts Gutes vermuthete, ſagte der Marquis, der ſich ſo ſonderbar gebehr⸗ det hatte:„Wenn der Teufel eine Seele verfuhren will, ſo nimmt er die Geſtalt ei⸗ nes Engels an. Die Schlangen, die am gefaͤhrlichſten verwunden, haben die bunt⸗ gefaͤrbteſte Haut. Es ſoll nun eben nicht damit geſagt ſeyn, als ob dieſer Comte, der euch Alle— und vielleichl auch wohl Johannen— ſo bezaubert hat, ein ſolcher Engel oder eine ſolche Schlange waͤre; aber man pflegt zu ſagen, der Apfel fallt nicht weit vom Stamme. Ich traue keinem Martreu, ſo lange er noch einen Arm be⸗ wegen kann. Sein Vater war einer der wuthendſten Calviniſten und in der Schlacht von Dreur vertheidigte er ſich wider vier katholiſche Fußknechte, wollte ſich nicht ge⸗ fangen geben und verlor ſo wie ein toller Maärtyrer, der fuͤr Irrthum, Empörung und Lüge ſein Leben einſetzt, das Leben unter den blutigſten Streichen. Der Sohn eines —— — ſo tapfern, unverzagten Vaters, dem man Heldenmuth, Freiheits ſinn, eine gewiſſe Er⸗ habenheit des Geiſtes, eine Nichtachtung des Sichtbaren um des Unſichtbaren willen, nicht abſprechen kann, ſchleicht vielleicht in einnehmender, erobernder Geſtalt umher, um den Tod ſeines Vaters an Katholiken zu raͤchen. Wiſſe, ich ſah den Comte de Martren als Leiche, und unter den Streichen meiner Tapfern, die ich gegen ſeine Rotte befehligte, iſt er gefallen.“ „Nicht fuͤrchte ich die Rache eines Starken— in der Hitze dachte er nicht an ſeinen Arm,— der zum Kampfe heraus⸗ fordert und mir ſeine Waffen zeigt, aber wer kann ſich gegen das Schleichen im Finſtern, gegen das Spiel einer geheimen Bosheit vertheidigen? Es macht mich miß⸗ trauiſch, daß der Comte den Tag ablauerte, wo ich nicht zu Hauſe war und meine An⸗ kunft nicht abzuwarten wagte. Er waͤre kein Sohn des geſallenen Martren, kein ————— Calviniſt, wenn er's gut mit mir meinte. Daß zwiſchen den Hugnotten und Katho⸗ liken je Liebe, Freundſchaft, Vertrauen ent⸗ ſteht, das glaube ich nicht und es muß auch nicht dahin kommen, wenn die reine Religion nicht ein Mengwerk, der Glaube nicht ein buntſcheckiges Ding werden und in unſerer Kirche Alles in Verwirrung und Stocken gerathen ſoll.“ „Es iſt mir recht unangenehm, daß ein Calviniſt mein Chartreu betrat. Der Päch⸗ ter ſteht auch in dem Verdachte, daß er kein reiner, achter Katholik iſt und es mit keiner Religionsparthei hält; am Ende ſollte man wohl gar glauben, daß ich ein einge⸗ fleiſchter Reformirter waͤre, und Alles, nur dieſe Schmach könnte ich nicht ertragen. Aber wie konnteſt Du Dich mit dem jun⸗ gen Manne ſo lange unterhalten! Begegnet mir ein Nichtkatholik und er bietet mir zu⸗ erſt den Gruß, dann danke ich ihm, aber zu einem freundlichen Geſpraͤch koͤmmt es nicht. Man kann ſich mit Menſchen nicht vertragen, weder in ſeinem Innern noch Aeußern, die ſich mit ihrer verwegenen Vernunft uͤber die Ausſpruͤche des heiligen Vaters in Rom erheben, die uͤber unſere Sacramente und Gebraͤuche ſpotten, die nichts als Norm und Richtſchnur ihres Glaubens gelten laſſen wollen, als was ſie deutelnd mit ihrer Aftergelehrſamkeit in der Bibel finden, die ſie mißverſtehen. Und ein ſolcher gewaͤhrte Dir eine angenehme Unterhaltung, Du ſprichſt ſein Lob aus, Du findeſt ſein Weſen vorzuglich?“ „Lieber Mann, Du ſcheinſt mich des⸗ halb zu tadeln, daß ich einem Unbekannten, der die gute Sitte ſo hoch achtet, mit Höf⸗ lichkeit entgegen kam,“ erwiederte die Mar⸗ quiſe ſehr ernſt.„Es ſtand ihm ja nicht an der Stirn geſchrieben, daß er ein Cal⸗ viniſt ſcy. Veranlaſſung gab er mir nicht, ihn auf's Gewiſſen zu fragen, ob er ein aͤchter Katholik war. Richtet ſich denn — 16— unſere Schaͤtzung, die wir Andern ſchuldig zu ſeyn glauben, lediglich nach ihrem Glau⸗ bensbekenntniß und nach der Kirche, der ſie angeboren, nach ihrer Tugend und Froͤmmigkeit nicht? Waͤren denn die beſten Werke der Reformirten verdammlich? Kann denn keiner von ihnen ein guter Menſch ſeyn? Sie ſind alle Chriſten wie wir, ſie ſind es nur auf eine andere Weiſe, und das behaupte ich, die Beſtimmung, wie ſie es ſind, gebuͤhrt nur Gott allein und keinem Menſchen. Du gehſt in Deiner Vorliebe zum Katholicismus ſo weit daß er Dich hart und ungerecht'gegen anders Glaubende macht, Du forderſt von ihnen Liebe und ſtellſt ihnen Deinen Haß entgegen. Dieſer Geiſt der Abneigung gegen Proteſtanten, der ſo tief in der katholiſchen Kirche eingewurzelt iſt, wird es nie zur Union und zum Frie⸗ den mit den Reformirten kommen laſſen, welche Ketzer geſcholten werden, indeß ſie dagegen die Katholiken Paͤpſtler, im Aber⸗ glauben, Irrthum und Geiſtesſclaverei be⸗ 8 ———— fangene Menſchen nennen. Wie man in den Wald ruft, ſo ſchallt es zuruͤck.“ „Wenn Du auch,“ ſagte der Marquis, „mit den Calviniſten Einen Friedensbund ſchließen koͤnnteſt, ſo ſtehe ich mit ihnen im Kriege und will nicht, daß einer je wieder mit ſeinen Fuͤßen den Staub in Chartreu beruͤhrt.“—„Was nennſt Du einen Frie⸗ densbund ſchließen?“ fragte ſie empfindlich, und als er ihr keine Antwort geben konnte, ſagte ſie:„In meinem Herzen bin ich eine Katholikin wie Du ein Katholik biſt, nur mit dem Unterſchiede, daß neben mei⸗ nem Glauben Liebe, Duldung und Friede wohnt; in Deinem dagegen herrſcht Ab⸗ ſcheu, Verfolgungsſucht und ſchnoͤde Ver⸗ achtung. Den Uebertritt zum Proteſtantis⸗ mus, zur Umtauſchung meines Religionsbe⸗ kenntniſſes, wuͤrde ich mir nie erlauben, denn bei der Religion handelt ſich's nicht um das Aeußere, ſondern um das Innere, und der beſte Katholik iſt allenthalben der II. 3 — 18— beſte Menſch. Daher ſind mir die Bekehr⸗ ten, die die eine Kirche verlaſſen und zur andern uͤbertreten, mit wenigen Ausnahmen recht veraͤchtliche, wenigſtens ſchwache Men⸗ ſchen, ſie haben den wahren Geiſt ihrer Religion nie erkannt und ließen ſich nur durch wandelbare Meinungen, vielleicht durch Sinnenreiz! zu Abtruͤnnigen machen. Was meine Vaͤter bis in den Tod glaub⸗ ten, davon laſſe ich nicht. So hielt ich's auch fuͤr meine Mutterpflicht, unſere Jo⸗ hanna in ihrem Glauben, in der Achtung gegen die katholiſche Kirche zu beſtaͤrken. Daß ich die ctaſſen Lehren des Prieſters milderte, die der ihr einfloßte, die ihr Ge⸗ mäth empoͤrten, die der Moralitaͤt verderb⸗ lich ſind, neben denen allgemeine Menſchen⸗ liebe nicht beſtehen kann, die den gehaͤßig⸗ ſten Particularismus erzeugen, das hielt ich für nothwendig. Biete ihr aber alle Schaͤtze der Erde, ſtelle ihre Tugend auf die Probe, nichts, nichts wird ſie bewegen, daß ſie aufhoͤrt eine Katholikin zu ſeyn, — 19— und daß ſie anfängt eine Proteſtantin zu werden. Alles ſoll ſeine Grenzen haben, auch der Eifer fuͤr eine beſondere Art von Religionsubung, wird er uͤbertrieben, ſo entſtehen die Graͤuel, die wir erlebt haben und ein gütiger Gott, der das uebel zum Beſten wendet, verhuͤte groͤßeres Verder⸗ ben. Konnteſt Du die Grauſamkeiten billi⸗ gen, die der König Franz gegen die Hugnotten zuließ? Iſt's erwieſen, daß ihre Lehre Ungehorſam und Empoͤrung 3 predigte? Welche Ruhe herrſcht in prp⸗ teſtäntiſchen Laͤndern, wenn in den katholi⸗ ſchen die Fackel des Auftuhrs lodert. Ließ ſich Heinrich II. nicht von ſeiner Maitreſſe, der Herzogin Diana von Poitiers, verlei⸗ ten, Unſchuldige hinzurichten, die geſchun⸗ den wurden, denen man das Fleiſch mit Schwefel rieb und ihre Körper dann an eiſerne Ketten uͤber Kohlen hing? Rieth das grauſame, herzloſe Weib nicht zu den Morden, weil die confiscirten Guͤter der rreichen Calviniſten in ihre Chatouille fielen? Litten ſie nicht ſeitdem andere Verfolgungen, bis der Frieden zu St. Germain en Layn ihnen eine Ruhe verſtattet, von der es der Himmel weiß, von wie langer Dauer ſie ſeyn wird. Nein, nein, das iſt meine feſteſte Ueberzeugung, zu welcher Glaubens⸗ parthei wir uns auch halten, rachſüchtig, blutduͤrſtig und grauſam ſoll uns das nicht machen. Eine Religion, die Mord und Todtſchlag gebietet, iſt die chriſtliche nicht, in der nur Liebe herrſchendes Geſetz iſt, das alle ihre Verehrer durchdringen ſoll, es iſt eine cannibaliſche und alle edlen Menſchen muͤſſen ſich verſchworen, ſie wie ein zerflei⸗ ſchendes Ungeheuer von der Erde zu ver⸗ tilgen. Waͤre die Religion, wie es viele Katholiken ſind, als eine göttliche wuͤrde ſie mir nicht erſcheinen, ihr muͤßte ich ab⸗ ſchwören und dann leben, wie es die ge⸗ ſunde Vernunſt und das richtige Gewiſſen gebietet. Siehe, das iſt mein Glaubensbe⸗ kenntniß, und wenn's gefordert würde, wollte ich's vor dem Papſte ſelbſt ablegen.“ — 2 Der Narquis fühlte die treffenbe, ſtechende Wahrheit, die in der Rede ſeiner Frau lag, und da er den Widerſpruch ſcheuete, kam er lieber auf den Beſuch des jungen Comte von Martreu zuruͤck und ſegte:„Wenn jede Ruͤckſicht, welche die Religion fordert, Dir nichts gilt, ſo wirſt Du doch die eine beachten, die gewiß eine wichtige iſt, welche mir bei dem Beſuche des Comte einfaͤllt. Sein artiges Betragen, ſein einſchmeichelndes Weſen, die ganze Manier, wie er ſich Dir darſtellte, hat Dir ſo ungemein gefallen, und warum ſollte es das nicht, wenn es ſo geartet war, daß es Dir Beifall abnoͤthigte. Der Verſtand biligt das Schöne, Gefollige, er zieht das Herz mit ſich fort und es huldigt ohne Straͤuben ſeinen Eingebungen. Das hat bei Dir, einer verheiratheten Frau, die durch ihre Pflicht geſchutzt iſt, weiter keine Gefahr und nachtheilige Folgen. Kannſt Du aber daſſelbe von unſerer Johanna ſagen? Wir hätten die Ruhe ihres Her⸗ 6 22— zens in dem an allen Arten von Verfuhrun⸗ gen reichen und verſchwenderiſchen Paris geſchuͤtzt, und in dem abgelegepen, einſamen Chartreu ginge ſie ihr verloren? Was der Mutter ſo gefiel, koͤnnte das nicht der Tochter auch, und zwar auf eine tie⸗ fere, folgenreichere Weiſe gefallen haben? Ein junges Maͤdchen von ihren Jahren iſt nicht blind gegen die Reize eines ſchoͤnen, jungen Mannes, ſie iſt nicht taub gegen ſeine Stimme, ihr Gefuͤhl iſt in ſeiner Nahe nicht verſchloſſen. Das Herz iſt be⸗ ſiegt, ehe der Verſtand ſeine Niederlage ahnet. Und wenn es der Fall waͤre, daß der Comte unſere Tochter in Paris ſah, daß er nicht des Gartens wegen, in dem er's nach Knabenart trieb, ſondern ihret⸗ wegen hierher kam? Daß er ſich ihr zei⸗ gen, ſie ſehen und reden hoͤren, daß er die Entdeckung machen wollte, ob er in ihr Gegenliebe erwecken koͤnne? Kannſt Du dafuͤr ſtehen, daß er dem unbewachten Kinde einen Pfeil ins Herz druͤckte, der immer tiefer dringt, der eine Wunde reißt die unheilbar iſt, und welchen man nicht wieder herausreißen kann, ohne das Leben ſelbſt zu zerſtoren?“ „Und waͤre auch das der Fall,“ ſagte ſie,„an den ich nicht glauben kann, ſo wurde er nicht durch meine Schuld herbei⸗ gefuͤhrt. Du konnteſt die Erſcheinung des Comte auch nicht vereiteln, Du konmeſt ihn auch nicht wie einen laͤſtigen Bettler, den wir mit einer Gabe abfinden, von Dir weiſen, Du haätteſt auch mit ihm geredet. Keine Vorſicht konnte ein Uebel verhuͤten, das Du dafuͤr achteſt, was ein uͤberraſchen⸗ des war, zu deſſen Verhinderung es keine Mittel gab. Buͤrde mir keine Schuld auf, die ich mir nicht unbedachtſam auflud. Und ich denke, das groͤßte Ungluͤck, was uns begegnen kann, waͤre es doch nicht, wenn Johanna es zum erſten Male gefuhlt haͤtte, daß ſie ein Herz hat, was lieben kann. Die Neigung zum maͤnnlichen Ge⸗ ſchlecht entwickelt ſich oft fruͤher. Denkt denn jedes Maͤdchen, das einen Juͤngling liebenswuͤrdig findet, ſogleich an's Heirathen? Das glaubt ihr Maͤnner⸗ und glaubet falſch.⸗ „Je nun, ein Ungluͤck waͤre es nicht, wenn ein Comte de Martreu unſer Schwie⸗ gerſohn wuͤrde,“ ſagte der Marquis mit ſpoͤttelnder Miene,„der ſo ſchoͤn iſt, der ſo vorzugliche Eigenſchaften beſitzt, der die Kunſt gelernt hat, ſich in einer Stunde bei dem ſchoͤnen Geſchlechte beliebt zu machen, der ſich ſo ſchnell ein ehrenvolles Denkmal errichtete. Sein Ruf unter den Calviniſten iſt vielleicht ein unbeſcholtener und er wird in den Graden hoͤher geachtet, als er ein veſto erbitterter Feind aller Katholiken iſt. ueberdies weiß ich's auch, daß er ein Erbe großer Guͤter iſt, und mit dem Glanze, den keine Dame verſchmäht, vor der Welt er⸗ ſcheinen kann. Aber, aber, ich kenne einen Knoten, den keine Schoͤnheit, keine abge⸗ 6 ſchliffene Weltmanier, der Schimmer aller 3 — Tugenden, weder Stand noch Reſchthum löſen kann, ein Hinderniß, das mir ewig im Wege ſtehen wird, ehe ich ſeine Ver⸗ bindung mit meiner Tochter zugebe, und das iſt— ſein Calvinismus. Eher wird ſich die roͤmiſchkatholiſche mit der reformir⸗ ten Kirche verſchmelzen und ein Ganzes werden, ehe ich mich bewegen laſſe, meine Tochter mit einem Hugnotten zu ver⸗ binden. Dann wuͤrde mich mein Gewiſſen verdammen, dann wäre ich mir ſelbſt zum Abſcheu, dann wuͤrde mir der Fluch meiner Urahnen in die Ohren brauſen und mich Tag und Nacht an ein Verbrechen erinnern, das ſich mit Blut und Leben nicht wieder abwiſchen laͤßt. Welcher Verantwortung und Strafe, welcher Verachtung ſetze ich mich dann aus! Meine Freunde mußten von mir weichen und mich verwuͤnſchen. Nein, lieber gönne ich Johannen den Tod als einer ehrlichen Katholikin, als ein Leben in Schande mit einem Réformirten. In dem einen Falle könnte ich Ja ſagen, wenn der — 26— Comte ſeine Religion abſchwüre und ſich in den Schvoß unſerer Kirche aufnehmen ließe.“ „Wenn ich ihn richtig beurtheilt habe, ſo verkauft ein Martreu das Himmliſche gegen das Weltliche nicht,“ ſagte die Mar⸗ quiſe,„und thaͤte er das, ſo wäre meine Achtung gegen ihn dahin. Die Religion iſt keine Sache, mit der man ein ſolches Spiel treiben kann, und ein Juͤngling, der es vermochte, koͤnnte auch mein Schwieger⸗ ſohn nicht werden. Aber ich denke doch, ein reformirter Mann und eine katholiſche Frau koͤnnten innig und friedlich bei einan⸗ der leben, wie es die beiden verſchiedenen Kirchen auch ſollten, und ſie werden es, wenn wahre, reine, göttliche Liebe es iſt, die alle Glaubensunterſchiede uberſieht, dul⸗ det und leidet. Eben der Mangel dieſer Liete iſt es, welcher die Katholiken und Reformirten in dieſer feindlichen Trennung gegen einander hält, zu den blutigen Krie⸗ „ keit iſt.“ gen anſchuͤrt und es unter ihnen nie zu einem Frieden kommen laͤßt. Es iſt uͤbri⸗ gens an keine Heirath mit dem Comte zu denken, wenn er mit ſolchem Eifer fur ſeine Kirche ſtreitet wie Du. Das aber wollt ihr Katholiken immer, Proſelyten machen, die Reformirten in eure Arme hinuberziehen, ihnen preiſet ihr euer religiöſes Leben als das wahre Paradies an, und von ihnen glaubt ihr, daß ſie wie Irrende, von Gott Abgefallene, in einer troſtloſen Wuͤſte, ohne Hirten und Weide umherkreiſen. Laßt ſie doch, wie und wo ſie ſind, ſie fuhlen ſich ja gluͤcklich und wollet ihnen ein Heil nicht aufdringen, ohne das ſie auch ſelig zu werden glauben. Welche Stimmen, welches Ge⸗ ſchrei wuͤrden die Katholiken erheben, wenn die Proteſtanten einen gleichen Bekehrungs⸗ eifer zeigten, und das Recht haben ſie dazu wie ihr, daß ſie es aber nicht geltend machen, das muß ich ihnen hoch anrechnen, wenn es nicht Indolenz und Gleichgultig⸗ — 28— Dieſe letzten Worte hatten den Mar⸗ quis ſehr verſtimmt, er machte ein finſteres Geſicht. Er hatte ſchon einen derben Be⸗ weis in Bereitſchaft, als Johanna heiter und liebevoll mit der Gouvernante ins Zimmer trat, ſich über die Ruͤckkehr des Vaters freuete, da ſie die Beſorgniß um ihn, wenn er auf der Jagd war, mit der Mutter theilte und ihn mit gewohnter Herzlichkeit umarmte. Er wollte von ihr ſelber hoͤren, welchen Einvruck der junge Comte auf ſie gemacht haͤtte, und glaubte es gewiß, daß er von ihr die Wahrheit er⸗ fahren wuͤrde, darum fing er nach den ge⸗ wöhnlichen Geſpraͤchen, als ſie ihm die Neuigkeit, die in Chartreu vorgefallen war, nicht meldete, alſo in der Ferne an zu reden:„Hat Dich nicht die Langeweile geplagt, als Du einen ganzen Tag Deinen Vater nicht ſabſt? Du biſt doch immer manches Stuͤndchen bei mir, was wir von der Vergangenheit und Zukunft verplau⸗ dern, von der Gegenwart ſchweigen wir, die iſt fuͤr Dich ohne Reize. War ſie's denn auch heute?“—„Wenn ich die Er⸗ ſcheinung des Comte de Martreu abrechne,“ ſagte ſie in einem nicht voͤllig unbefangenen Tone,„ſo war ſie wie alle Tage in Char⸗ treu. Man koͤmmt hier ſo recht zur Be⸗ ſinnung, wird in ſeinen Beſchaͤftigungen nicht geſtört, ſteht zur rechten Zeit auf und legt ſich vor Mitternacht nieder. Nun weiß ich's, warum die Landleute ſo geſund ſind, ſie leben wie ihr liebes Vieh, ſo recht nach der Natur, und das iſt geſund.“—„Jo⸗ hanna, haſt Du's auch ſchon gelernt, dem Landleben, Deinem Aufenthalte in Chartreu eine Lobrede zu halten, die voller Spott und uͤbler Laune iſt? Das kann mir von einem Kinde nicht gefallen, dem da wohl ſeyn muß, wo ſeine Eltern ſind. Es iſt Dir ſehr gut, daß Du jetzt in Chartreu und nicht in Parjs biſt, das wirſt Du ſpaͤter einſehen und der Vorſehung danken.“ Johanna merkte es wohl, daß ſie den Veher erzurnt hatte, und wußte es nicht, wie ſie ihn ſogleich beſaͤnftigen ſollte, ſie ſchwieg und ſah vor ſich nieder. Er nahm ihre Hand und ſagte mit ſreundlicher Ge⸗ behrde:„Sey nicht aͤngſtlich, ein Vater, wenn er auch die Wahrheit in einem etwas harten Tone ſagt, meint's mit ſeinem Kinde doch nicht boͤſe. Ich will Dir glau⸗ ben, Du haſt es ſelbſt geſagt, durch den Beſuch des jungen Comte gewann Deine Gegenwart in Chartreu eine andere Ge⸗ ſtalt. Haſt Du Dich mit Dir ſelbſt ſchon beſprochen und Dir Rechenſchaft gegeben, ſo frage ich Dich, welche. Du weißt's, die Tochter iſt den Eltern Aufrichtigkeit und volle ſchuldig.“ * Der Marquis merkte es wohl, daß Johanna erröthete, daß ſie verlegen war, und mit der Antwort zoͤgerte.—„Sprich gerade heraus, wie Dir's um's Herz iſt, wenn man ſich erſt lange bebenkt, ſo kun⸗ ſtelt man mit den Worten und die Wahr⸗ heit erſcheint dann ſelten in ihren rechten Farben.“—„Vater,“ ſagte ſie,„wozu ſollte ich kuͤnſteln, warum die Wahrheir durch falſche Farben entſtellen! Der junge Comte hat mir nicht mißfallen, das iſt ja kein Verbrechen. Die Mutter und die Chamboiſe zollten ihm ja Beide ihren Bei⸗ fall auch. Einen verkehrten Geſchmack muͤßte ich ja haben, wenn ich das Schoͤne haͤßlich, das Gute boͤſe und das Angenehme widrig faͤnde.“—„Schade,“ ſagte der Marquis,„daß der junge Mann kein Katho⸗ lik iſt, ich wuͤrde mehr Vertrauen zu ihm haben.“—„Dafür kann er ja nicht, daß er ein Calviniſt iſt, und wenn das eine böſe Eigenſchaſt waͤre, ſo habe ich ihm die nicht angemerkt. Mir kam er ſo vor, als ob er ein recht guter Katholik ſey.“— „Die Huͤlle blendet, bei den Calviniſten iſt das Innere nicht rein, ſie ſchnauben Rache und Haß gegen die Katholiken.“—„Auch das nahm ich nicht wahr,“ ſagte Johanna. aus Religion? Den Haß gegen die Cal⸗ „Was ſie im Innern haben, das beweiſen die Katholiken aͤußerlich durch die Verach⸗ tung, durch den Haß, durch die Hinrich⸗ tungen und Morde, durch die blutigen Kriege gegen ſie. Woher ſoll ihnen alſo die Liebe kommen? Liebe wird nur durch Liebe ge⸗ wonnen.“—„Schoͤne Grundſätze“ ſagte der Marquis,„die, wenn ſie ausgefuͤhrt wuͤrden, den uralten, herrlichen Bau unſerer Kirche bald zertruͤmmerten! Johanna, werde katholiſch, Du biſt es weder halb noch ganz.“ „Um Gottes willen,“ ſagte die Marquiſe, „bilde dem Maͤdchen nicht ein, als ob ſie keine katholiſche Chriſtin wäre. Mit welcher Andacht betet ſie in der Kirche, wie feier⸗ lich iſt ſie beim Abendmahl geſtimmt, mit welcher Verehrung kniet ſie vor dem Bilde der Mutter Gottes, wie feſt glaubt ſie an das Wort der Geiſtlichen, iſt das nicht viniſten hat ſie nicht, deshalb wirſt Du ihr Abend gar ſehr, von dem Comte Mehreres doch nicht die Ehre abſprechen, eine gute Katholikin zu ſeyn?“ Dem Marquis war ſehr unheimlich zu Muthe, er zankte eigentlich im Innern mit ſeiner Gattin und Tochter, daß ſie ſo guͤn⸗ ſtig ſuͤr den Comte geſtimmt waren und nahm ſich's vor, ſeine fernern Beſuche ſich recht ſehr in einem baldigen Briefe zu ver⸗ bitten. Seiner Gattin fagte er leiſe ins Ohr: „Es iſt Deine Schuld, wenn der fatale Calviniſt irgend einen Eindruck auf das Herz unſerer Tochter gemacht hat, und mir köͤmmt es ganz ſo vor.“—„Wenn mich weiter keine Schuld druͤckt als die,“ ant⸗ wortete die Marquiſe ſo laut, daß es Jo⸗ hanna und die Gouvernante im Zimmer hoͤren konnten,„ſo trage ich ſie gern.“ Dem Marquis berlangte an dem — 34—— zu erfahren. Endlich, als er eine Weile nachgedacht hatte, fiel es ihm ein, daß der junge Menſch vielleicht ſein Pferd in den Stall des Paͤchters zog, und daß er um⸗ ſtändlichern Bericht durch dieſen von ihm erhalten konate. Er ließ die Pachterleute, wie er bisweilen pflegte, zu ſich bitten. Dieſe Einladung richtete aber in dem Wirthſchaftshauſe viel Unruhe an. Es wurde mit vieler Aengſtlichkeit daruͤber be⸗ rathſchlagt, ob man dem Marquis die Wahrheit ſagte oder nicht. Endlich ent⸗ ſchied die klügere Frau für das Nein und beachtete die Rede ihres Mannes nicht, der ihr die ſchaͤdlichen Folgen vorrechnete, die aus einer ſolchen Luge entſtehen konnten. —„Wollen wir Unheil anrichten? Zwiſt unter Familien bringen, uns ſelber der hoͤchſten Mißbilligung blosſtellen? Franz mag ſehen, wie er die Taͤuſchung wieder „ gut macht. Die Wahrheit iſt ein ſcharfes Meſſer, das man nicht gebrauchen muß, wenn man nur damit verwundet.“— „Eine Wachskugel alſo,“ ſagte der Paͤch⸗ ter recht unwillig,„die man ſpitz und ſtumpf druͤcken kann, wie die verſchmitzte Klugheit und aͤußere umſtaͤnde rathen. Dieſe Lehre, die der Teufel erfunden hat, welche manchen vornehmen und gemeinen Dieb vom Galgen loshalf, ſteht in meinem Catech smus nicht.“„. Aber das Ende vom Streite, der eine Weile gedauert hatte, war, wie es bei ſchwachen Maͤnnern und ſtarrköpfigen Frauen immer iſt, daß der Pächter nachgab und ſogar begreifen lernte, daß ſeine weltkluge Frau doch wohl Recht haͤtte. Nur ſo beiläuſig, nach dem Abend⸗ brodte, als ſich die ängſtliche Verlegenheit in den Pächterleuten gelegt hatte und Jo⸗. hanna mit der Gouvernante die Geſellſchaft verlaſſen hatte, fragte der Marquis den Pächter:„Sie hatten wohl heute Beſuch, nicht wahr, und recht vornehmen? Der Comte de Martreu iſt hier geweſen. Sein Vater war ein recht ſtattlicher Mann, ich kannte ihn im Leben und ſah ihn in mei⸗ ner Naͤhe auf dem Schlachtfelde wie einen kaͤmpfenden Loͤwen fallen, der uͤberwältigt iſt. Schade, daß ſolche herrliche Kraͤfte fur eine unedle Sache vergendet wurden! Gern hätte ich auch den Sohn kennen ge⸗ lernt, den mir die Meinen als einen ſchönen, gebildeten Mann mit geſelliger Feinheit geſchildert haben. Kennen Sie den Zweck ſeines Beſuchs? Sagen Sie mir, was Sie von ihm wiſſen.“ Der Paͤchter mußte ſeine ganze Faſ⸗ ſung zuſammen nehmen, um ſich nicht zu verrathen, und dennoch war ſeine Zunge nicht ſo gelenk, als wenn er den Bauern und den faulen Knechten Straſpredigten hielt, oder fuͤr ſeine eigene Sache ſprach. Er erzaͤhlte alſo:„Der Beſuch kam mir recht unerwartet. Ans Hoͤflichkeit mußte ich den jungen Mann annehmen. Den eigentlichen Zweck ſeines Beſuchs entdeckte . er mir nicht. In fruͤhern Zeiten war er mit dem jungen Comte von Hauteverd oͤfter hier und ſpie lte mit ihm auf dem Schloßplatze und im Garten. Das Zeug⸗ niß muß ich ihm geben, er war damals ein gar liebes Kind, was aus ihm nun gewor⸗ den iſt, das weiß ich von mir nicht. Schoͤn und freundlich wie ein Engel ſoll er ge⸗ blieben ſeyn. Die Comteſſe von Chartreu, eine fromme, menſchenfreundliche und guͤtige Frau, machte die beiden Knaben zu ihren Lieblingen, ſchenkte ihnen, was ſie unter der Seele hatte und that ihnen alles zu Gefallen, als ob ſie ſich um die Liebe der Kinder bewuͤrbe. Sie hingen auch an ihr wie an einer Mutter.“—„Aber, aber,“ ſagte der Marquis,„das kann ich doch nicht begreifen, daß die Tante, die es mit ihrem Glauben ſo ernſtlich meinte, zwei calviniſtiſche Kin er zu ihren Lieblingen machte!“—„Vielleicht,“ ſagte die Paͤchter⸗ frau, verſtreckte ſich ihr Haß gegen die Calviniſten nicht auch auf die Kinder. Von — 38— den Kleinen kann man mit Wahrheit ſagen, ſie gehoͤren keiner Religionsparthei an, und halten ſich zu der, zu welcher ſie geführt werden“—„Aber die Chartreus ſtanden doch immer in dem Rufe einer großen Rechtglaͤubigkeit. Schon unter Franz l. ſteckte ein Chartreu keinen Abend, acht Tage hinter einander, ſein Schwert in die Scheide, ohne daß es von Calviniſtenblut gefärbt war. Das religiöſe Gefuhl pflegt in der Regel von den Eltern auf die Kin⸗ der fortzuerben, indeß die Toͤchter machen bisweilen Ausnahmen— er blickte ſeine Frau an, als ob dies ein Vorwurf fuͤr ſie und Johannen ſeyn ſollte— und ſo mag dieſe wohl von der letzten Comteſſe hier gelten, die auch in dieſem Punkte meiner Mutter ſehr unähnlich war und wohl zum Hauptgrunde diente, daß ſich die Schweſtern ſelten, ſelten beſuchten.“ „Hoͤren Sie, mein Freund, wenn ein WMenſch je wieder zu Ihnen koͤmmt, er ſey — 39— Comte oder Prinz, von dem Sie's wiſſen, daß er ein Calviniſt iſt, der mich beſuchen will, ſo ſagen Ste's ihm ohne Complimente, daß ich fuͤr dergleichen Leute nie zu Hauſe bin. Ihnen aber gebe ich den wohlge⸗ meinten Rath, machen Sie ſich nicht zu viel mit ihnen zu ſchaffen, ſie kommen in einen boͤſen Geruch und man glaubt ſo ſchon, daß Sie weder kalt noch warm ſind.“ Die letzten Worte verbroſſen den Paͤchter gar ſehr, er glaubte, daß ſie der Pfarrer, um ihn bei dem Marquis anzu⸗ ſchwaͤrzen, geredet haͤtte und er ſagte ſo dreiſt, wie er ſonſt gegen Leute, die er ehrte, nicht gewohnt war:„Ob ich kalt oder warm bin, das kann außer Gott und mir kein Menſch wiſſen, weil mir keiner ins Herz ſehen kann. Ich prahle mit mei⸗ ner Froͤmmigkeit nicht. An Verlaͤumdern fehlt's Niemanden. Wenn es auf ein chriſtliches Leben ankoͤmmt, ſo glaube ich mich mit manchem Pfarrer meſſen zu kön⸗ nen, dem das Predigen zu einem Hand⸗ werk geworden iſt, was er fuͤr Andere treibt und fuͤr ſich ſelbſt keinen weitern Gewinn davon hat, als daß es ſeinen Leib naͤhrt, wie wir denn davon Beiſpiele in der Naͤhe und Ferne haben.“ v Als die Pächterleute ſich empfohlen hatten, ſagte der Marquis zu ſeiner Gat⸗ tin:„Daß ein Comte de Martreu hier geweſen und meinen Damen den Nachmit⸗ tag zu einem angenehmen gemacht hat, das weiß ich nun gewiß, es iſt mir durch meh⸗ rere glaubwuͤrdige Zungen beſtätigt; aber mit dem Zwecke ſeines Beſuchs bin ich noch nicht im Klaren. Es waͤre ja eine Kinderpoſſe, wenn man nach allen den Orten hinreiſen wollte, wo man ſich fruͤher als Knaͤbchen und Knabe getummelt und erluſtigt hat. Wirklich, ich bin beſorgt, der junge Comte fuͤhrt nichts Gutes gegen mich im Schilde. Vielleicht weil ſein Vater von einigen Tapfern meines Regiments niedergehauen wurde, da er doch keinen Pardon nehmen wollte, und ich's geſchehen ließ, ohne zu ſeiner Erhaltung etwas bei⸗ zutragen, ſucht er Rache an mir. Es giebt Leute, die wie Milch und Honigſeim aus⸗ ſehen, von Gift und Galle inwendig ſtrotzen, und die Ueberhoͤflichen, denen das Lachen immer im Auge ſitzt, die in efner Stunde unbeſorgte Herzen an ſich feſſeln konnen, traue ich am wenigſten, ſie haben mich im Leben am meiſten betrogen. Ich will da⸗ mit nicht ſagen, als ob der Comte eine blutige Rache an mir nehmen und mir ei⸗ nen Dolch in die Bruſt ſtoßen koͤnnte, ſo grauſam können nur Schwaͤrmer, menſch⸗ liche Tyger handeln, die alles gute Gefühl ausgezogen haben; aber es giebt eine fei⸗ nere Rache, die man unter dem Scheine der Liebe und Freundſchaft, wie es an 1 großen Höfen öfters geſchieht, uͤben kann, und dieſe iſt die ſchmerzhafteſte, ſie läßt uns am Leben und macht es uns zur großten Pein, ſie trifft ihr Opfer ſicher, und entgeht der geſetzlichen Strafe.“— „Gott,“ rief die Marquiſe aus,„welch eine teufliſche Seele traueſt Du einem Menſchen zu, den Du nicht kennſt, welche Hirnge⸗ ſpinſte weckt Deine Phantaſie! Welche Art der Rache wuͤrde denn der Comte an Dir nehmen, die Du Dir einbildeſt?“—, Das kann ich Dir mit wenigen Worten ſagen,“ erwiederte der Marquis,„wenn er z⸗ B. durch ſeine Geſtalt, durch ſein einſchmei⸗ chelndes Weſen eine zaͤrtliche Neigung in Johanna's Bruſt entzuͤndete. Ob ſie nicht jetzt ſchon Liebe für ihn fuͤhlt, das wird ſie Dir ſo leicht nicht verrathen. Geſetzt nun, er forderte ſie von mir zur Gattin, ihr Herz fuͤhlte ſich zu ihm hingezogen und ich gabe die Verbindung nicht zu, wie ich mich denn auch mit der letzten Kraft dagegen, als wider das großte Ungluck, —— ſtemmen wurde, kannſt Du die Truͤbſale berechnen, die er dann über uns gebracht hätte? Daß er's mit ſeiner Werbung nicht ernſtlich meint, da er den unguͤnſtigen Er⸗ folg im voraus berechnen kann, iſt gewiß, aber er hat doch ſeinen Zweck erreicht.“— „Nein, nein,“ ſagte die Marquiſe,„ſo. ſchlecht habe ich mir einen Menſchen noch nie gedacht und dieſen Comte am wenig⸗ ſten.“—„Weil Du es nicht weißt,“ er⸗ wiederte er,„welche Waffen die Calviniſten gebrauchen, um ihren verhaßten Gegnern, den Katholiken, die empfindlichſten Wunden beizubringen.“—„Ach,“ entgegnete ſie, „quaͤle mein Herz mit ſolchen Vorſtellungen nicht, ich mag ſie mir nicht denken, ſie rauben mir den Schlaf der Nacht und ich betrachte ſie als ein Blendwerk, das Dich ſelber taͤuſcht.“ Die Marquiſe entfernte ſich aus dem Zimmer, um ſich niederzulegen, da es ſchon ſpaͤt war, er aber ſagte, daß er zu aufge⸗ * regt ſey, um einſchlafen zu können und noch eine Weile wachen wolle. Wenn die Marquiſe im Bette bei reiflichem Nachden⸗ ken dem Comte auch nicht das Gemuth zu⸗ trauete, daß er eine ſolche Rache an ihrem Gatten nehmen, und uͤber Johanna, die ihn nie beleidigt hatte, einen ſolchen Kum⸗ mer, eine ſolche Schmach, durch Falſchheit und das heuchleriſche Spiel mit den hei⸗ ligſten Gefuͤhlen bringen werde, ſo ent⸗ wickelte ſich in ihr doch der Gedanke zu einer deutlichen Klarheit, daß ſich in dem Herzen des Comte leicht eine liebende Nei⸗ gung entſpinnen koͤnne und daß Johanna ſie erwiederte. So redlich er's damit meinte, ſo bereitwillig ihm die Geliebte ent⸗ gegen kam, die Verbindung mußte fruͤh⸗ zeitig getrennt und jede Hoffnung an ihre Noͤglichkeit im Keime geſtört werden; denn daß ihr Gatte ſie nie, nie bei ſeinen Grundſätzen und ſeiner Denkart bewilligen werde, das galt ihr für entſchiedene Wahr⸗ heit. Sie nahm ſich's daher vor, Johannen kluglich zu erforſchen und auch die Gouver⸗ nante heimlich zu fragen, wie ſich die Toch⸗ ter gegen ſie uͤber den Comte geaͤußert habe. Der Marquis, als er allein war, ſetzte ſich nieder und ſchrieb folgende Zeilen an den Comte de Martreu, die er am fruͤhen Morgen mit einem Expreſſen, der ihm Verſchwiegenheit geloben mu te, nach Paris abſchickte:„Waͤhrend meiner Abweſenheit waren Sie in Chartreu, um, nach Ihrem Vorgeben, ſich dort Ihrer froh verlebten Jugend zu erinnern. Ich muß es Ihnen geſtehen, daß ich meine Grunde habe, wenn ich mir fuͤr die Zukunft jeden Beſuch der Art verbitte, kennten Sie dieſe, ſo wuͤrden Sie mir eine Offenherzigkeit ver⸗ zeihen, die wie eine Unart klingt. Glauben Sie, daß es in der Ferne meine Abſicht nicht iſt, Ihrer Ehre und Ihrein Charakter auf irgend eine Weiſe zu nahe treten zu wollen.“ — 46— Als der Tag grauete und im Schloſſe Alles munter war, ließ die Marquiſe, da der Marquis noch ſchlief, die Gouvernante zu ſich rufen und ſagte ohne Umſchweife, wie ſie es nicht wuͤnſche, daß der Comte de Martreu einen beſondern Eindruck auf Johannen gemacht habe. Sie forderte die Gouvernante auf, ihr aufrichtig zu geſtehen, ob Johanna irgend ein liebendes Gefuhl verrathen haͤtte, was ſich als Liebe deuten laſſe, die ſie gegen den jungen Mann empfaͤnde. Die kluge Gouvernante erwie⸗ derte zur Beruhigung der Mutter, die ſie in einer aͤngſtlichen Stimmung zu finden glaubte: allerdings habe ſie den Comte liebenswuͤrdig gefunden, aber welchen An⸗ theil ihr Herz an ihm nehme und ob ſie etwas Anderes gegen ihn fuͤhle, als jenes naturliche Wohlgefallen fuͤr das Schöne und Gute, das laſſe ſich ſogleich nicht be⸗ ſtimmen. Da die Margquiſe ſagte, daß ſie durch vorſichtiges Forſchen das Geheimniß enthuͤllen und zur Gewißheit kommen wolle, ſich der Marquis dazu überreden — 47— rieth die Gouvernante ernſtlich, es nicht zu thun, weil eben dadurch die Sache, vielleicht nur eine voruͤbergehende, eine zu große Wich⸗ tigkeit gewinnen werde.„Fahren wir nach Hauteverd,“ fragte die Marquiſe,„da wir wiſſen, daß der Comte noch dort iſt2“ —„Allerdings,“ erwieberte die Chamboiſe, „Sie muͤſſen der Tochter Wort halten. Womit werden Sie ſich entſchuldigen, wenn Sie hier bleiben? Vielleicht kommen Sie dort auch zur Gewißheit und dieſe iſt dem Zweifel vorzuziehen, der uns in der Wahl der Maßregeln leicht irre fuͤhrt.“ Die Marquiſe folgte dem Rathe der Gouvernante und ſprach mit Johannen kein Wort von dem Comte. Der Beſuch des Comte in Hauteverd wurde beſchloſſen und ſollte ausgefüͤhrt werden. Leicht ließ „da er's ſelbſt einſah, daß ſein zu langes Wegblei⸗ ben in der Nachbarſchaft ihm nachtheilige urtheile zuziehen konnte. 6 3 So feſt ſich's aber auch die Marquiſe vorgenommen hatte, keine Sylbe mit ihrer Tochter uͤber den jungen Comte de Mar⸗ treu zu reden, ſo konnte ſie doch nicht ganz von ihm ſchweigen, da Johanna's Betra⸗ gen ſie dazu zwang und ſie ſelbſt es fuͤr nöthig hielt. Einige Stunden vor Tiſche war's, wo ſie auf das Zimmer der Gou⸗ vernante ging, bei der auch die Tochter war, um ihr die Nachricht zu bringen, daß ur den Nachmittag die Spazierfahrt nach Hauteverd beſchloſſen ſey⸗ Das lebhafte, feurige Maͤdchen wurde mit einer Freude laut, als ob ihr die Botſchaft des großten Glücks uberbracht ſey⸗ das einen Menſchen auf Erden begegnen kann. ſie der Mutter um den Hals, kußte ſie, und nannte ſie mit den zärtlichſten Namen. In dieſen Aeußerungen fand die Marquiſe den augenſcheinlichſten Beweis, da das Mädchen keinen Bekannten in Hauteverd fand, daß ſich ihr Entzucken einzig auf das Wiederſehen des Comte de Martreu beziehe. Dankend ſiel — 40— Sie forderte auch den koſtbarſten Putz, mit dem ſie ſich ſchmucken wollte. Staunend und befremdend ſah die Mutter ihre Tochter an und ſagte;„Bei den glͤcklichſten Ereigniſſen, die Dir he⸗ egneten, ſah ich Dich in dieſer üͤberſpann⸗ ten Freude noch nicht. Iſt's doch, als ob Du in den Himmel fahren und in Haute⸗ verd Engel zu finden hoffteſt! Hoͤchlich muß ich mich uͤber Dich wundern. Kannſt Du mir den Grund Deiner Wonne nicht nennen?“—„Ich freue mich,“ ſagte ſie aͤngſtlich,„die erſte Bekanntſchaft mit der Comteſſe Julie zu machen, die ein treffliches Maͤdchen ſeyn ſoll. Vielleicht gewinne ich an ihr eine Freundin, die meine Einſam⸗ keit erheitert. Und,“ fuhr ſie aͤngſtlicher fort,„ich freue mich auch, den Comte wie⸗ derzuſehen, der Dir ſo ſehr gefiel.“— „Liebe Johanna, was dieſen betrifft, ſo gebe ich Dir den Rath, daß Du Deine Freude gar ſehr mäßigeſt, ſie könnte gemiß⸗ . deutet, ſie könnte gemißbilligt werden und Dir bei Deinem Vater Verdruß zuziehen. So feſt ich Dir die Grundſaͤtze einer allge⸗ meinen Menſchenliebe eingepraͤgt habe, ſo ſind es doch beſondere Verbindlichkeiten, die uns an unſere Glaubensgenoſſen knuͤ⸗ pfen. Dein Vater nimmt es damit ſehr ge⸗ wiſſenhaft und ſtrenge. In Hauteverd wohnen lauter Calviniſten und der Comte de Martreu iſt ſelbſt einer. Naͤhme Dein Vater nicht Ruͤckſicht auf die Nachbarſchaft und auf den ausgezeichneten Charakter des Comte de Montremi, er reiſete nicht dahin. Ob ihm das ganz zu verdenken ſtuͤnde, laſſe ich' unentſchieden, da ein Jeder ſeine Maximen hat, die man ehren muß.“ „und wahr iſt's, die Calviniſten haben ihre beſondern Religionsanſichten, die von denen der Katholiken unendlich abweichen, daß an keine Vereinigung, ſondern nur an eine Verwandlung in ein Ganzes durch ein hoͤheres Wunder zu denken iſt; wahr — 51— iſt's, die Calviniſten kaͤmpfen mit Waffen gegen die Katholiken, die ihre Gemuͤther gegen ſie empoͤren muͤſſen. Sie zerreißen unſere Bilder, ſie ſpotten unſerer Heiligen, ſie nennen den heiligen Vater in Rom einen Goͤtzen, wir ſind ihnen elende Sclaven, in der Unwiſſenheit, im Aberglauben be⸗ fangene Menſchen, es iſt bei ihnen an Nachgeben nicht zu denken und ſie moͤchten mit einem Streich den ganzen Katholicis⸗ mus niederſchlagen. Könnteſt Du auf ihre Seite treten, vermoͤchteſt Du einem Feinde der Religion Deiner Eltern, der ihr Feind iſt, Deine Hand zum ehelichen Bunde reichen? Wollteſt Du Deinem Glaubens⸗ bekenntniſſe untreu werden und es ab⸗ ſchwoͤren? Das Himmliſche ſoll in jedem frommen Herzen uͤber die irdiſche Liebe und jede Neigung ſiegen, und wo jenes ge⸗ faͤhrdet werden konnte, da muß dieſe als eine Suͤnde, die nicht verziehen werden kann, zurckweichen, unterbruckt und getodtet — werden. Haſt Du mich verſtanden und be⸗ greifſt Du den Sinn mein er Worte?“ Johanna ſenkte den Blick zur Erde nieder, ſie ſchwieg ein Weilchen und ſagte dann mit einem Seufzer:„Der Comte de Martreu ein Calviniſt? Das habe ich nicht gewußt.“—„Ja wohl,“ erwiederte die 8 Mutter,„wie ſein Vater, der mit dem Schwerte in der Hand gegen die Katholiken auf dem Schlachtfelde ſein Leben verlor. Dein Vater ſab ihn fallen.“—„Aber, der junge Comte,“ ſagte Johanna,„ver⸗ rieth ſo viel Klugheit und Einſicht, es iſt mir unbegreiflich, wie der ſich zu den Cal⸗ viniſten halten kann. Sieht er ihre Irt⸗ thuͤmer nicht ein, in die ſie die freche Ver⸗ nunſt fuhrt, kann er ſich von der Wahr⸗ heit des katholiſchen Glaubens nicht über⸗ zeugen?“—„Ach, meine Tochter, das wollen wir ihm nicht zur S Suͤnde anrechnen. Die Religion, die wir mit der Muttermilch einſogen, erſcheint uns 4 die wahre, ſie ₰ — iſt die Quelle unſeres Glaubens, die Köni⸗ gin unſeres Verſtandes, und nur Wenigen iſt es vergonnt, ſich uͤber das Dunkel, was ſie umſchwebt, und was nicht von Gott kommt, zu erheben. Und wie viele Geiſter waͤhnen im Lichte der Wahrheit zu ſchwe⸗ ben, das doch weiter ichts als eine Dunſtwolke iſt, die ſie um ſich ſammelten. Die Meiſten vergeſſen, daß unſer Erbtheil hienieden kinblicher Glaube iſt, und daß wir erſt dort zu maͤnnlichen Erkenntniſſen und zum lichten Schauen gelangen. Laß Dir des Wenige geſagt ſeyn, damit es Deine allzu große Freude minbere, damit es Dir die Herrſchaſt uͤber Deine Gefuͤhle ſichere, damit Du Dich nicht in ein Netz verweben laͤſſeſt, was Dir, wenn es zerriſ⸗ ſen wird, blutige Thränen abpreſſen könnte. Mir iſt ängſilich bei der Fahrt, ich ahne, ſie endet nicht gut. Montremi haͤlt in dem Grade auf den Calvinismus, wie Dein Vater auf den Katholicismus, und wenn zei harte Steine zuſammenſtoßen⸗ ſo ſpruͤht es Funken.“ Johanna's Freude war auf einmal ge⸗ daͤmpft. Sie ſeufzte aͤngſtlich. Waͤre der Comte nur kein Calviniſt, ſagte es in ihr. Aber das Verlengen, ihn wiederzuſehen, konnte ſie doch nicht unterdruͤcken, es ſiegte und ſie weigerte ſich auf keine Weiſe, mit nach Hauteverd zu fahren. Als der junge Comte von Montremi von Chartreu nicht weit entfernt und mit wichtigen Gedanken und tiefen, ſuͤßen Ge⸗ fühlen beſchäftigt war, ſo daß er ſelbſt nicht an den Weg dachte, den er nach Hauteverd reiten mußte, rief ihm ſein Reit⸗ knecht zu:„Da köͤmmt ein Schwarm Reiter, gewiß reitet der Marquis an der —— Spitze. Die kommen von der Jagd.“ Der Comte blickte auf, wurde die Kommen⸗ den gewahr, er fuͤrchtete eine Unterredung mit dem Marquis, darum ſprengte er ihm im ſauſenden Galopp voruͤber. „Du biſt ſehr lange weggeweſen, wir haben aͤngſtlich auf Dich gewartet,“ ſagte ſeine Mutter. Er entſchuldigte ſein langes Außenbleiben alſo: SSanz unverhofft be⸗ gegnete mir Martreu. Er hatte es ſehr eilig. Meine Urlaubszeit iſt abgelaufen, ſagte er, und ich muß eilen, daß ich nach Paris komme. Auf einen Verweis, daß ich der Ordre nicht gehorchte, bin ich vor⸗ bereitet. Wie lieb iſt's mir, daß uns der Zufall hier zuſammenfuͤhrt! Nach Haute⸗ verd haͤtte ich diesmal nicht kommen koͤn⸗ nen. Gruͤße Deine geliebten Eltern und be⸗ ſonders die liebe Julie.“ „Martteu bat mich, ihn eine Strecke begleiten, und ich ließ mich nicht zwei — 56— Mal bitten. Unterwegs erzahlte er mir: ich bin in Chartreu geweſen, um den Garten noch einmal zu beſuchen, wo wir als Knaben die wilde Jagd und das Raͤuber⸗ ſpiel trieben. Der Zufall fuͤhrte mich zu einer Raſenbank hin, ich ſehe da drei weib⸗ liche Weſen, nahe mich ihnen und mache die fuͤr mich höchſt intereſſante Entdeckung, daß es die Marquiſe mit ihrer LTochter und deren Gouvernagze iſt. Liebenswuͤrdi⸗ gere Menſchen nte nie geſehen. Be⸗ ſonders zeichnet ſich die junge Marquiſe durch auffallende Schoͤnheit und weiblichen Liebreiz ſehr aus. In der angenehmſten Un⸗ terhaltung floſſen mir etliche Stunden dahin. Faſt kann ich nicht zweiſeln, daß ihnen meine Geſellſchaft nicht laͤſtig war. Sie kemmen in difſen Tagen nach Hauteverd und die Marquiſe entſchuldigte ſich, daß ſie den Beſuch ſo lange verſchoben hätten, um ſich erſt einzurichten und mit ihrer fremden Lage vertraut zu werden. Der Marquis war auf der Jagd, er begegnete mir mit ——— — — 37— feinem Gefolge dieſſeit Chertreu. Raſch ritt ich ihm voruͤber, weil ich ſeine Naͤhe meide, um jeden laͤngern Aufenthalt zu fliehen. Einige Meilen muß ich noch weiter, ehe die dunkle Nacht eintritt.“ „Mein Nöthigen, daß er in Hauteverd einkehren ſollte,“ ſagte Franz,„war ver⸗ gebens. Er verſprach bald hierher zu kommen und auf kine langere Zeit zu bleiben.“ „Wie doch die jungen Leute ſindl ſagte der alte Comte.„In Chartreu konnte er einige Stunden ſich verweilen und uns ſchenkt er nicht zwei Augenblicke! Doch, ich will's dem Wildfang verzeihen, er nimmt's ſo genau nicht und meint's doch gut. Wußte er's, daß der Marquis dort war, er haͤtte Sterne wie die Hölle de ſiohen. 25 „Aber,“ fuhr Franz ſort„er hat mich auch ſehr dringend an meine Rückkehr nach Paris erinnert und wunderte ſich gar ſehr, daß ich mich faſt zu lange von meinem Regiment entfernt haͤtte. Es iſt bei mir feſter Entſchluß, ich reiſe morgen nach Paris ab.“—„Morgen ſchon,“ ſagte die Mutter, welcher der Tag der Abreiſe ihres Sohnes immer zu fruͤh kam, und die auch Stunden fuͤr Gewinn hielt, wo ſie ſeinen Aufenthalt—„Laß ihn nur,“ bat der alte Comte,„er iſt diesmal ſehr lange hier geweſen und die Abſchieds⸗ ſtunde, wo er von ſeinen Lieben ſcheiden muß, koͤmmt endlich doch, ſo wie die To⸗ desſtunde, die uns von der Erde trennt, wohin wir nicht wieder zuruͤckkehren. Wer Soldat iſt, der muß ſich nicht zu lange vom Dienſte entfernen, er wird der ſtren⸗ gen Ordnung ungewohnt, und fügt ſich dann um ſo ſchwerer wieder in dieſelbe. Das Soldatenleben legt der Freiheit vielen Zwang auf, den nicht Jeder vertragen kann. Lange ſoll überhaupt ſein Soldaten⸗ ſpiel nicht mehr dauern, er könnte dann unter unſerm Vetter Coligni beweiſen, daß er auch Herz hat, die Ehre ſeines Glau⸗ bens, wenn es ſo ſeyn muß, gegen die Katholiken mit dem Schwerte zu verfech⸗ ten. Wer dann einen Arm hat, wenn der zugeſtandene Friede wankt, der mir juſt ſo vorkoͤmmt wie ein baufälliges Haus, das alle Augenblick den Einſturz droht, der be⸗ wege ihn mächtig. Catharina von Medicis iſt eine Windfahne, die nie feſt ſteht. Wer könnte der wankelmuthigen Frau trauen, die bald die Katholiken, bald die Proteſtan⸗ ten zu begunſtigen ſcheint und es eigentlich mit keiner Parthei haͤlt und von jeder ge⸗ haßt wird, weil ihr keine Vertrauen abge⸗ winnen kann. Und wie hat ſie den König Carl IX.) beſtrickt, wie geht er an ihrem Zuͤgel, der durch Naturgaben ſo ausgezeich⸗ nete Mann! Er iſt ſeiner Gewalt nicht mehr mächtig, ſpielt eine untergeordnete Rolle und läßt ſich mißbrauchen. Die Sachen ſtehen jetzt ſonderbar, mir kömmt's — ſo vor, als ob ſich der poliliſche Himmel von neuem wieder wölkte. Eine Hoffnung, es werde zum Wetter und Sturm nicht kommen, iſt die Ruhe, mit der der Admiral die Sachen anſieht. Ob er ſich nicht taͤuſcht, ob man ihn nicht betruͤgt? Reiſe Du nur, lieber Franz, und gieb mir bald Nachricht von der politiſchen Lage der Dinge, von der Stimmung der Gemuͤther, Du weißt, wie ſehr ich dafur intereſſirt bin. Die Religion ſteht dabei ſelbſt auf dem Spiele, ob ſie ein ſiegendes Haupt erheben, ob ſie es niederbeugen wird, das haͤngt davon ab, ob die katholiſche Parthei uͤber die reſormirte ſiegt. Doch der Muth ſoll nicht finken, ſo lange der lebt, der mit ſeinem Schilde die Wahrheit beſchutzt und Taͤuſchung, Gewalt, Betrug und Luge mit ſeinem Schwerte zerſchlägt.“ Als die Comteſſe es ſelbſt einſah, daß es ihr Gatte wuͤnſchte, daß Franz morgen abreiſete, that ſie keine Bitte um ſein laͤn⸗ ———— — 61— geres Bleiben mehr. Da er ſeine Reiſe wegen der Hitze des Tages fruͤh antreten wollte, packte man ſeine Sachen ſchon am Abend ein. Die Mutter gab ihm noch heimlich eine gute Summe, von welcher der Vater nichts wußte, und rieth freund⸗ lich, ſie wohl anzuwenden. Er dankte mit einem Kuß und gelobte das Beſte. Lange, auf dem Wege nach Hauteverd von Chartreu ſchon; uͤberlegte Franz, ob es rathlich ſey, die Taͤuſchung, die er der Marquiſe geſpielt hatte, und die Unwahr⸗ heit, mit der er ſeine Eltern hinterging, welche er aber bald ven der Wahrheit un⸗ ierrichten wollte, ſeiner Schweſter zu ent⸗ decken. Sie hatte ihm ein theures Ge⸗ heimniß anbertrauet, er glaubte, daß ſie auch das ſeine, was er ihr anvertrauen wollte, nicht verrathen werde. Endlich kam es bei ihm zu dem feſten Entſchluſſe, ihr ſeine Liebe zu Johannen zu offenbaren. Wie konnte ſie fur ſeine Hoffnungen und — Wuͤnſche wirken, wenn die Marquiſe mit ihren Eltern nach Hauteverd kam! Was konnte ſie ihm von ihr ſchreiben! Wenn dieſe Beiden, Schweſter und Bruder, mit der ganzen Innigkeit ihres Gemuͤths an den geliebten Eltern hingen, wenn ſie in ihren Geſtaͤndniſſen ſo ehrlich und aufrichtig gegen ſie waren; ſo liebten ſich ihre Herzen doch noch zaͤrtlicher, ſo herrſchte unter ihnen doch noch manches Geheimniß, das nicht zur Kenntniß der Eltern kam. Ihr Vund war auf Liebe und Uebereinſtimmung der Seelen gegruͤndet und ſie galten fuͤr ein Muſter zärtlicher, ge⸗ ſchwiſterlicher Zuneigung. Julie war ein recht frommes, treues, herrliches Weſen, von der Natur ſchoͤn gebildet, nicht ohne ausgezeich⸗ nete Verſtandesgaben und mit einem weichen⸗ herrlichen Gemuͤthe begabt, das alle Men⸗ ſchen ohne Unterſchied des Standes und des Glauhens liebte, wenn ſie ſich nur von ihrer Tugend uͤberzeugte. Der junge Comte von * Vartreu war ihr Geliebter, den ſie mit ganzer Seele vertrauete, ob er auch bei ihren Eltern noch nicht um ihre Hand ge⸗ worben hatte. Sie wußte es wohl, daß er von dieſen keine abſchlaͤgige anng er⸗ halten werde. Franz ging zu ſeiner Schweſter, die er auf ihrem Zimmer allein und in tiefer Trauer fand. Sie konnte es dem Ge⸗ liebten nicht verzeihen, der Hauteverd ſo nahe war, und nicht einen Augenblick ein⸗ ſprach ſie zu ſehen und zu begrüßen. Die⸗ ſes Vorüberreiten war ihr unbegreiflich und es härmte ſie gar ſehr. „Warum biſt Du ſo betrüht, liebe Julie,“ redete er ſie an,„ich ſehe es, Deine Wange iſt von Thraänen naß. Trauerſt Du uͤber meinen Abſchied, oder iſt Dir ſonſt Unangenehmes begegnet?“— Offenherzig ſagte ſie:„Die nahe Tren⸗ nung von Dir betruͤbt mich, aber ein an⸗ derer Schmerz dräckt mich zu Boden. Die urſache deſſelben koͤnnteſt Du nicht er⸗ rathen? Auch auf Dich moͤchte ich zuͤrnen, wenn icts könnte. Martreu haͤlt ſich Stu lang bei den ſchoͤnen Damen in Char u auf, ach, er findet ſie ſo liebens⸗ würdig und mir, mir goͤnnt er nicht eine „Minute? Das ſollte mich nicht kraͤnken? Und Du wandteſt nicht Deine ganze Be⸗ redtſamkeit an, ihn zu bewegen, zu mir zu kommen? Iſt es ſogar bei einem Bruder der Fall, daß ihm ſeine eigene Angelegen⸗ heiten mehr intereſſiren, als die ſeiner Schweſter? Fuͤrwahr, mein lieber, guter Franz, ich habe wohl Urſache traurig zu ſeyn und Deine Liebe kann mich diesmal nicht tröſten.“ „Ja, Julie, ich kann Dich tröſten, ich will es. Was ich nie wagte, was ich noch fuͤr die groͤßte Suͤnde halte, liebevolle, fromme Eltern zu täuſchen, ſie zu hinter⸗ gehen, ich habe das Unrecht begangen. „ — 65 Eilen will ich, mein Gewiſſen zu reini⸗ gen, mir Verzeihung von ibnen zu erbit⸗ ten. Bei Gott beſchwoͤre ich Dich, ſey verſchwiegen. Zum erſten Male habe ich's erfahren, wie eine mächtige Leiden⸗ ſchaft auch die heiligſen Gefuhle Inter⸗ druͤckt, die ehrwuͤrdigſten Pflichten bekriegt, und wider unſere beſſere Ueberzeugung end⸗ lich doch den Sieg davon tragt. Ach, ver⸗ kenne mich nicht, ſetze nicht Mißtrauen in meine Tugend, ſchenke mir Dein Mitleid, ich es.“ „Was hoͤre ich, 4 ſagte Julie mit Er⸗ ſtaunen,„welch eine Vorrede! Dieſe Sprache bin ich an Dir nicht gewohnt! Rede, Bruder!“ Frunz ſprach:„Ich habe Carln— ſo hieß Martreus Taufname— weder geſehen noch geſprochen. Er ſollte Haute⸗ verd vorbeireiten, wenn er ihm ſo nahe war? Das koͤnnte er nicht, das traue ihm m. 5 — 66 nicht zu.“—„Und doch ſagteſt Du es? Die Eltern hätteſt Du getäuſcht? Was trieb Dich zu dieſer Uebelthat! Womit kannſt Du Dich entſchuldigen? Welch ein Raͤthſel! Ein guter Sohn und ſolche Eiter! Franz, ich weiß nicht, was ich von Dir denken ſoll.“ „Julie,“ bat er, indem er ihre Hand aͤngſtlich druͤckte,„ich will Dir meine Ge⸗ ſchichte mit aller Kürze erzaͤhlen. In Paris ſah ich Johannen, die Tochter des Marquis de Vetruͤn. Liebe, unausſprechliche Liebe flammte in meiner Bruſt gegen das wun⸗ verſchoͤne Mädchen auf. Heute war ich in dem Garten von Chartreu, dort ſah ich ſie mit ihrer Mutter. Ich gab mich fuͤr den Comte de Martreu aus. Ihr Anblick, ihr Weſen hat mich in einem hoͤhern Grade entzuckt. Vielleicht morgen ſchon ſiehſt Du ſie ſelbſt. Bleiben kann ich nicht, da die Täuſchung noch nicht zur Entdeckung reif iſt, und welche Unruhe und Verwirrung — haͤtte ſie hier anrichten können! Wenn ich die Luge nicht billigen kann, die ich mir erlaubte, ſo wirſt Du ſie wenigſtens klug nennen. Biſt Du nun wegen Martreu getroͤſtet?“—„Das bin ich zwar, aber koͤnnte ich auch nur Deinetwegen ruhig ſeyn! Ach, in welches Netz haſt Du mich verwickelt! War nicht hier die Wahrheit das Beſte, die Du reden mußteſt? Sie wird an den Tag kommen, und ob ſie Dich nicht ſtraft, daß Du ſie verleugnen konnteſt? Franz, Du ſtehſt vor einem jaͤhen Abgrunde, welche Hand wird Dich halten, daß Du nicht hinabſturzeſt!“ „Die Hand,“ ſagte Franz und ſchauete gen Himmel,„die väterlich verzeiht und voll Erbarmen den Strauchelnden aufhilft und dem reuvollen Miſſethaͤter ſeine Schuld verzeiht. Von oben kam die Liebe, die in meinem Herzen lodert, von oben er⸗ 5 warte ich meine Huͤlfe!“ — 68— „Julie, liebe Julie, Du wirſt dieſe Johanna ſehen, in ihrer Naͤhe wird Ent⸗ zuͤcken Deine Seele uͤberſtroömen, zu Deiner Freundin wirſt Du ſie erwaählen. Du kannſt es ihr ſagen, daß Dein Bruder es war, den ſie in Chartreu ſah, daß der ſie unausſprechlich und ewig liebt. Was ſie dann erwiedert, das melde mir Wort fuͤr Wort. Selbſt auf ihre Mienen achte und ſchildere mir jeden Zug ihres ſchoͤnen Ge⸗ ſichtes, der oft viel mehr ſagt, als es die Zunge vermag, als es jene heilige Scheu der Unſchuld zuläßt. Und iſt Deine Für⸗ ſprache noͤthig, verſage ſie mir nicht. Deine Liebe fuͤhre ſie mir naͤher Ach, ich weiß es nicht, ob ich hoffen oder zweifeln darf und muß, ein geheimnißvolles Dunkel umhülit mein Gluͤck, ob aus den Wolken Morgenroth oder ein graͤßliches Wetter her⸗ vorgehen wird, das weiß nur der Allwiſſen⸗ de, der die Zukunft wie die Segriwatt dee 14 —— — 59— „Franz, Franz, ich zittere für Dich, die Leidenſchaft hat Dich verblendet, Dein Nachdenken unterdruͤckt, Dein Ueberlegen verwirrt, Du ſtehſt in Gefahr, Deine Ruhe, Dein hoͤchſtes Gluͤck zu verlieren, und nichts als Jammer und Schmerz in denen anzurichten, die Freuden von Dir erwar⸗ ten, denen Du alle Beweiſe des Dankes ſchuldig biſt. Bruder, laß Dich vor der Liebe einer katholiſchen Jungfrau warnen, und wenn ſie ſchoͤn und heilig wie die an⸗ gebetete Maria ſelbſt waͤre. Sie wird es darauf anlegen, im Fall ſie einem Reformir⸗ ten die Hand geben ſoll, ihn ihrer Kirche als einen Geweihten, als ein angeworbe⸗ nes Mitglied derſelben zuzufuͤhren. Bruder, und wenn das geſchaͤhe, an Deiner Selig⸗ keit müßteſt Du verzweifeln, den Eitern hätteſt Du ein frühes Grab bereitet, und mich, die Dich noch unaus ſprechlich liebt, von Dir geſtoßen. Haſt Du's vergeſſen, wie viele fromme Maͤrtyrer fur die Auf⸗ rechthaltung unſerer Freiheit vom paͤpſtlichen Joche, fuͤr das reine Licht der Jeſusreligion, für die Erlöſung vom Aberglauben litten, bluteten, ſtarben? Eine ſinnliche Neigung, eine Leidenſchaft ſollte Dir einen Schatz rauben, wie er fur Deinen Geiſt und Dein Gemuth im Himmel und auf Erden nicht köſtlicher gefunden wird? Und daß es juſt dieſe Marquiſe de Petrun ſeyn muß! Du weißt ja, was der Onkel Coligni von dieſem de Vetruͤn ſchrieb, daß er ein verfolgungs⸗ ſuchtiger Katholik ſey, und der, der wuͤrde einem Nichtkatholiken ſeine Tochter zur Che geben? Wie betaͤubt und verblendet Du doch biſt! Franz, ich warne Dich!“— „Kannſt Du den Pfeil zuruͤckhalten, wenn er von der Sehne weggeflogen iſt?“ ſprach er.—, Das kann ich nicht,“ erwiederte ſie, „wohl aber Pfeil und Bogen zerſchlagen, damit ich mit dem Geſchoß kein Unheil an⸗ richte. Sterben koͤnnte ich, aber wider den Willen meiner Eltern mich mit einem katholiſchen Juͤnglinge verbinden, das koͤnnte 3 ich nicht, die Neigung zu einem ſolchen wird nie, nie in mir entſtehen. Keinen Fatholiken haſſe ich, ich ſpotte ſeiner nicht, ich kann mit ihm umgehen, aber nicht mit ihm in ſolch eine intime Gemeinſchaft treten! Es iſt auch nicht moglich, das verſchiedene Religionsbekenntniß laͤßt's nicht zu Katho⸗ lik und Reformirter, es halte ſich jeder mit Aufrichtigkeit und Treue bei ſeiner Parthei, die Ueberlaͤufer von einer Seite zu der an⸗ dern taugen in der Regel gar nichts, und die, welche die Mittelſtraße gehen, es mit Beiden halten und vie ſogenannten Ge⸗ maͤßigten ſpielen wollen, ſind auch nicht viel werth. Das Katholiſche und Refor⸗ mirte fließt in ihnen wie klares mit dem trüben Waſſer zuſammen, daß man es nicht wiſſen kann, ob ſie Freunde Jeſu oder des Papſtes ſind, und dieſe dritte Parthei, ſo will ich ſie nennen, die zu dem Katholicis⸗ mus eine Doſis Reformation miſchen will, die das kirchliche Weſen der Reformirten durch katholiſchen Cul us zu heben, zu e n iſt mir eine erbaͤrmliche, ſie recht, das ſagt auch der Vater.“ Franz hätte ſeiner Schweſter, der eifri⸗ gen Calviniſtin, gern Remonſtrationen ge⸗ macht, aber die Erſcheinung der Mutter verhinderte es. Wehmuͤthig und freundlich zugleich ſagte ſie:„Es geht euch wie es uns uͤberhaupt geht, wenn theure Freunde von uns ſcheiden, die letzten Stunden un⸗ ſeres Zuſammenſeyns werden uns zu den köſtlichſten, es draͤngt ſich ſo vieles zuſam⸗ men, was wir einander ſagen moͤchten, daß uns die Zeit dazu zu kurz duͤnkt. Aber es iſt Zeit zum Schlafengehen, legt euch nie⸗ der. Franz, Du mußt ſehr fruͤh auf⸗ brechen. Warum bliebſt Du denn nicht noch einige Tage bei uns? Seit Du Mar⸗ treu geſehen haſt, eilſt Du ſo, ich wollte, Du hätteſt ihn nicht geſehen.“— ter eine ſanfte Nacht und ſprach mit zer⸗ — dient zweien Herren, und damit keinem Franz ſtand auf, wuͤnſchte ſeiner Mut⸗ . ſtörter, faſt angſtlicher Miene:„Ich muß, ich muß ſcheiden, das Schickſal reißt mich fort!“ Der Mutter fielen dieſe Wotke auf, ſie fragte Julien aͤngſtlich, als Franz das Zimmer verlaſſen hatte:„Was fehlt Dei⸗ nem Bruder? Er iſt mir auffallend!“— „Ich weiß es ſelbſt nicht gewiß,“ erwie⸗ derte ſie,„aber ich glaube ihn errathen zu haben, wenn ich dafuͤr halte, daß er eine geheime Liebe im Herzen trägt, die ihn be⸗ unruhigt. Frage ihn nicht darnach, viel⸗ leicht iſt er mit ſich ſelbſt noch nicht im Reinen.“ So niedergeſchlagen und traurig ſchied Franz nie von ſeinen Eltern, als diesmal. Es ſiel dem Vater ſogar auf und dieſer ſagte:„Wenn Dir der Dienſt nicht mehr gefällt, ſo melde es mir, ich halte um Dei⸗ nen Abſchied an, den man Dir in der cheinbaren Friedenszeſt nicht verweigern * wird. Es iſt mir auch erwuͤnſchter, meine Kinder um mich zu haben. Reiſe gluͤcklich und— nimm Dich vor den Katholiken in Acht.“ Mit heftiger Innigkeit druͤckte die Mutter den Sohn an ihre Bruſt und ſprach,— ſich ſelbſt zu troͤſten und unter Thraͤnen:—„Du beſuchſt uns bald wieder und bringſt uns Martreu mit.“ Es war fuͤr Johannen eine ſehr nieder⸗ ſchlagende Nachricht, die ihr die Mutter mittheilte, daß der Comte ein Calviniſt ſey. Von dieſer Seite betrachtet, ſtand er mit ihrer Denkweiſe, mit ihren religioſen Ueber⸗ zeugungen und ihrem Glauben im ſcharfen, ſchneidenden Widerſpruche, und ſie konnte ſich nicht über Vorurtheile erheben, wie es unſern Jungfrauen ſo leicht wird, in denen 8 * die Liebe zu Einem Religionsbekenntniſſe nicht feſt ſteht, die durch den Mann Alles aus ſich machen laſſen, was er will. Nach vieler Unruhe fiel ihr doch endlich der tröſtende Gedanke ein, daß, wenn innige, feurige Liebe zu ihr ſein Herz beherrſche, dieſe ihn den Schritt in den Schooß der alleinſeligmachenden Kirche, wenn ihre Vor⸗ ſtellungen hinzukamen, erleichtern werde. Von Hauteverd aber waͤre ſie durchaus nicht zuruͤckgeblieben, und das Vergnugen, die naͤhere Bekanntſchaft des Comte zu machen, hätte ſie um keinen Preis verkauſt. Sie naͤhrte noch andere ſuße Hoffnungen, die im ungewiſſen Dunkel ſchwebten, uber die ſich ein helleres Licht verbreiten mußte. In lichter Klarheit ſtand das ſchoͤne Juͤng⸗ lingsbild vor ihrer Seele, jedes Wort, was der Comte geſprochen hatte, wiederholte ſie und erweiterte ſeinen Sinn und gab ihm Deutungen, die ihr fuͤr ihre Neigung gun⸗ ſtig ſchienen. Bei ihrem Anzuge ging ſie durchaus nur darauf aus, einen nicht ge⸗ — 76— wöhnlichen Eindruck auf ihn zu machen. Als der Vater ſie zur Abfahrt fertig er⸗ blickte, ſagte er mit innerm Wohlgefallen: „Haſt Du Dich doch ſo ſchoͤn wie eine Braut geſchmuͤckt! Die Pferde werden erſt angeſpannt, und Du biſt mit Deinem An⸗ zuge ſchon in Ordnung? Das iſt Unge⸗ woͤhnliches! Verſprich Dir in Hauteverd nur nicht zu viel Vergnügen, es geht uns dann oft verloren, wenn wir's ſo gewiß erwarten.“„ Johanna deutete die Worte des Vaters, ſie verriethen ihr einen Sinn, der ſich auf ihre Liebe bezog, und ſie mußte ihm ihr Erroͤthen zu verbergen ſuchen. Schoͤn und herrlich lag das Schloß von Hauteverd auf einer bewachſenen An⸗ hoͤhe, ein neues Gebäude, deſſen Fenſter, von der Sonne beſtrahlt, wie Spiegel weit in die Ferne hinausleuchteten. Unsbläſſig waren die Blicke Johanna's dahin gerichtet und erwartungsvoller, neugieriger und ſchneller ſchlug ihr Herz, je mehr ſie ſich . —— dem Grafenſitze nahten. Sie kaͤmpfte mit ihrer Unruhe, und war nicht ſo geſprächig wie ſonſt. Die Marquiſe aber ſagte: „Wenn man ein ſolches Schloß hat, das einem pariſer Pallaſte gleicht, da läßt ſich's gut auf dem Lande wohnen.“ Dieſe Bemerkung verdroß den Mar⸗ quis faſt und er ſagte:„Mein Chartreu iſt auch nicht zu verachten. Die Weände laſſen ſich mit geringen Koſten anputzen und Fenſter koſten auch kein großes Kapital. Die Zufriedenheit habe ich zu meinem Gluͤcke immer fuͤr eine große Tugend ge⸗ halten. Man fuͤhlt ſich in dem Grade arm, als man ſich Andere reich denkt. Und nicht die ſchoͤnen Waͤnde ſind's, in denen das Familiengluͤck ohne Ausnahme wohnt. Ich daͤchte doch, es könnte uns Allen noch eine Weile in Chartreu geſallen.“ Der Marquis ließ dem Comte ſeinen Beſuch durch einen Kammerdiener melden, — der kam zuruͤck und brachte den freundlich⸗ ſten Beſcheid. Am auffallendſten war's Johannen, als ſie von der graͤflichen Familie mit ſo vielen Freudenbezeugungen empſangen wurden, daß der Comte de Mar⸗ treu fehlte, den ſie gewiß erwartete. Wie ein Dolchſtich fuhr's ihr durch's Herz, aber ſie durfte nicht nach ihm fragen. Sie wurden durch mehrere koſtbar moͤblirte Zimmer nach einem großen Gar⸗ tenſaale gefuͤhrt, von dem man eine ſchoͤne Ausſicht nach einem großen Thale hatte. Julie ging nicht von Jöhanna's Seite, es entſpann ſich unter ihnen eine Unterhal⸗ tung, die beiden Herzen gewannen bald Liebe und Vertrauen zu einander. Unter den Eitern wurde von Paris, von Chartreu und Hauteverd, von der Vergangenheit und Gegenwart geredet. Der Marquis er⸗ innerte den Comte nur an die angenehmen Tage, die er fruͤher mit ihm verlebte. Vorſichtig und ſchonend ließ er jene Periode im Dunkeln, wo er ſeinen Ruhm gegen die Calviniſten in der offenen Feldſchlacht errungen hatte. Ueberhaupt ließ man wech⸗ ſelſeitig Alles auf der Seite liegen, was an Partheienhaß und Religionsſtreit er⸗ innern konnte. Die beiden Frauen gewan⸗ nen ſich auch ſehr lieb, entaͤußerten ſich bald des herzloſen Complimentenweſens und traten einander mit Liebe und Ver⸗ trauen naͤher. Jetzt hob der Marquis alſo an, und Johanna brach ihre Unterredung ab, um zuzuhören, welcher Aufſchluß ihr werden wuͤrde:„Geſtern in meiner Abweſenheit ſtattete der Comte de Martreu meinem Garten einen Beſuch ab, um ſich die Sce⸗ nen ſeines Jugendlebens zu vergegenwaͤrti⸗ gen, die er hier genoß. Zufaͤllig ſtieß er auf meine Gattin und Tochter, ließ ſich in eine Unterhaltung mit ihnen ef n, und er hat durch ſein Betragen allgemeinen Bei⸗ „Ja,“ ſagte der Comte, fall erweckt,“— G 2 „deſſen iſt er auch werth. eigenen Sohn. Es iſt jetzt eine Selten⸗ heit, daß ein junger Mann, mit alle den Mitteln verſehen, Glanz und Aufſehen um ſich her zu verbreiten, ſo maͤßig, ſo einge⸗ zogen, wie der Sohn eines unbemittelten Privatmannes lebt. Wie thut er den Ar⸗ men von ſeinem Ueberfluſſe wohl, den An⸗ dere unnutz verſchwenden. Er lebt den Studien und macht in aller Hinſicht den rühmlichſten Gebrauch von ſeiner Zeit. Zu einem Muſter könnte er vielen Junglingen dienen!“ Fohannen war keins dieſer Worte auf die Erde gefallen, ihr Aage glühte, ihre Wange wurde roth, ſie war uͤber die Lob⸗ rede entzuckt.„Juſt ſo wie Sie ihn ſchildern, iſt er mir erſchienen,“ ſagte die WMarquiſe mit beifaͤlligem Lächeln,„und es thut meinem Herzen wohl, daß ich mich in der guten Weinhngn die mir ſein nl Er iſt meine ganze Freude, und ich liebe ihn wie einen . und die kurze Unterhaltung mit ihm von ihm einflößte, nicht geirrt habe.“ „Alltagsmenſchen,“ ſagte der Marquis, „an denen oſt nichts zu ſehen iſt, als der reiche Anzug, laufen einem täglich in den Weg; gern hätte ich die Bekanntſhaft eines Jüͤnglings gemacht, der nicht bloß fuͤr den Augenblick gefaͤllt, ſondern ſeine Tugend füͤr eine laͤngere Dauer bewaͤhrt. Ich glaubte ihn hier zu finden.“—„Daß Sie ihn hier nicht finden,“— Johanna erſchrak heftig, als ſie das Nicht hoͤrte und konnte kaum ſo viel Faſſung gewinnen, daß ſie nicht laut wurde— ſagte der Comte,„das hat eine ſo ſonderbare Bewandniß, daß ich mir von ihm ſelbſt Aufſchluß erbitten muß. Denken Sie ſich's, mein Sohn, der ihm heute fruͤh nachgereiſet iſt, köͤmmt zufaͤllig mit ihm auf einem Spazierritt zuſammen. Martreu ſagt ihm, daß er von Chartreu kommt, daß er die Frau Marquiſe ge⸗ ſprochen hat und Anderes, was ich ver⸗ . 6 ſchweige, und daß er wegen abgelaufener Urſaubszeit nach Paris eilen muͤſſe. Keine Bitte konne ihn bewegen, ſich nur ein Stuͤndchen hier zu verweilen. Er verfolgt ſeinen Weg und mein Sohn hat ihn auf eine Strecke begleitet. Das hat uns recht betruͤbt, ich werde ihn deshalb zurs Rede ſtellen. Meine liebe Julie, die ihn wie eine Schweſter liebt, weinte bittere Thränen.“ Wie eine Schweſter liebt ſie ihn, ſagte Johanna in ihrem Herzen, nicht auch wie eine Geliebte? Ach, wenn dieſer Comte Juliens Geliebter waͤre! Welche Geſtalten und Namen nimmt nicht die zärtliche Liebe an, ohne daß die Eltern ihr wahres Weſen errathen! Doß er nicht in Hauteverd war, der geliebte Conte, daß ſie ſich in der ſuͤßeſten ihrer Hoffnungen getaͤuſcht ſah, das verzieh ſie ihm wohl; aber der Glaube, der alle ihre Hoffnungen zu Boden ſchlug, daß er mit Julien in einem geheimen Lie besbunbe ſtehe, das war es, was ſie ge⸗ — 55— waltig ſchmerzte. Sie ſah in ihrer Ver⸗ wirrung Julien an, bemerkte helle Thraͤnen in ihrem Auge und zweifelte an einer ſchrecklichen Wahrheit nicht mehr. Ver⸗ gebens ſuchte ſie ihr Gefuͤhl zu bekämpfen. „Nicht wahr,“ fragte Julie leiſe,„Sie haben Mitleid mit mir. Es thut weh, ſich von einem Freunde, den man hochachtet, kalt behandelt glauben zu muͤſſen.“—„Ja wohl,“ entgegnete Johanna und konnte das Wort kaum uͤber die Lippen bringen. Julie las Bewegungen in dem Geſichte Johanna's, die ihr nur zu deutlich die Liebe zu ihrem Bruder verriethen, die in dem Herzen des Maͤdchens uͤberwallten. Sie nahm die Marquiſe bei der Hand und ſagte:„Laſſen Sie uns ins Freie gehen, dort wird uns Beiden wohler werden.“— Sie gingen ſo raſch zur Thuͤr hinaus, daß die Gouvernante ihnen nicht nachfolgte und zuruͤckblieb. Die Rarquiſe aͤußerte den Wunſch, weil ſie wußte, wie gern ihn die ordent⸗ lichen Hausfrauen erfuͤllen, die uͤbrigen Zim⸗ mer des Schloſſes zu ſehen und die Gou⸗ vernante folgte ihnen aus Neugierde nach, ſo daß die beiden Maͤnner im Gartenſaale allein waren. Wenn in unſern Zeiten die Religion ſelten und faſt gar nicht der Gegenſtand des Geſpraͤchs in den ſogenannten gebilde⸗ ten Geſellſchaften iſt; wenn man nur dar⸗ uͤber ſpricht, um ſich von ihrer Unwirkſam⸗ keit und den unmerklichen Einfluß zu über⸗ zeugen, den ſie auf den Zeitgeiſt hat, wel⸗ cher hie und da mit ihrer Schaale ſpielt, ſie zu verſchoͤnern fucht, ohne an den Kern zu denken; wenn man ſich mit politi⸗ ſchem Geſchwaͤtz die Zeit verdirbt; wenn Spieltiſche als Specificum gegen Geiſtes⸗ leere und Herzensarmuth dienen muͤſſen, was freilich dem Klatſchen und Schmaͤhen anderer Zirkel, wo nicht geſpielt wird, vor⸗ zuziehen iſt; ſo war es in jener Periode, wo der Comte und Marquis lebten, ganz anders. Religion, Glauben, Katholicismus und Calvinismus war in allen Geſell⸗ ſchaften bas Hauptgeſpraͤch, das mit dem groͤßten Intereſſe gefuͤhrt wurde, das Freunde vereinigte und ſie trennte. Die Religion war zugleich eine politiſche Angelegenheit geworden, von deren Weiſe zugleich die gluͤckliche oder ungluͤckliche Subſiſtenz der Einzelnen wie eines ganzen Reichs abhingen. Einer verſuchte an dem Andern ſeinen Be⸗ kehrungseifer und wollte ihn auch deshalb zu ſeiner Parthei hinuͤberziehen, um ſich wider die Gegner zu verſtaͤrken. Der Marquis gab zuerſt den Ton da⸗ von an, den der Comte gern zuruͤckgehalten haͤtte, um ſeinem Nachbar keinen unange⸗ nehmen Augenblick in ſeinem Schloſſe zu machen und ihm öftere Beſuche nicht zu verleiden, indem er fragte:„Haben Sie keine neuern Nachrichten von ihrem Vetter, dem Admiral Coligni?“—„Der Mann iſt viel beſchaͤftigt und hat fuͤr Privatbriefe wenig Zeit uͤbrig. Der König würdigt ihn ſeiner ganzen Gnade und beſchenkt ihn mit neuen Ehren und größern Einnahmen. Moͤge er im ſtillen Frieden ſein Gluͤck lange genießen, das er um's Vaterland verdient hat.—„Laſſen Sie uns,“ ſagte der Mar⸗ quis,„als alte Freunde und nahe Nach⸗ baren uͤber einige Punkte mit kaltem Blute und ſo reden, daß unſer Verhaͤltniß auf keine Weiſe geſtoͤrt und ein feindliches wird. Alle Perſoͤnlichkeit bleibe ſern und ein jeder ſage tein und frei ſeine Meinung, ohne Zwang und ängſtliche Rückſicht. Wir muſ⸗ ſen klär und rein gegen einander ſtehen und koͤnnen es, ohne uns feindlich anzu⸗ fechten. Wollen Sie das?“—„Ich will es, und zwar unter denſelben Bedingungen, die Sie feſtgeſtellt haben, an die Sie ge⸗ bunden ſind, die Sie reſpektiren nuͤſſen. Sobald ſich Leidenſchaft einmiſcht, die alle Verſtandesbegriffe verwirrt und in Zwiſt und Streit ausartet, ſo geben wir uns⸗ — — 87— 4 wie zwei Wanderer die Haͤnde, ſcheiden friedlich aus einander, indeß der Eine ſuͤd⸗ lich, der Andere nordwaͤrts geht.“—„Cut gut, wir halten Wort.“ „Sie wuͤnſchen dem Admiral Coligni das Gluͤck,“ fing der Marquis an,„das er um's Vaterland verdient hat. Da bin ich Ihrer Meinung nicht. Mir ſcheint es ſo⸗ gar, daß es ein Widerſpruch im Charakter des Koͤnigs iſt, daß er den Admiral mit Guͤtern uͤberhaͤuft, die er nicht verdient hat. Carl iſt nach unſerer Grundverfaſſung katholiſch, Coligni ealviniſtiſch; der Koͤnig ſoll die Anhaͤnger der Landesreligion be⸗ gunſtigen, und er zeichnet Maͤnner aus, die ſich als Feinde derſelben mit dem Schwerte in der Hand, oder durch ihr an⸗ derweitiges Betragen als ſolche beweiſen.“ —„Aber,“ erwiederte der Comte,„ſoll denn der Zwiſt nie ruhen? Soll das Blutvergießen ſo lange waͤhren, bis der letzte Blutstropfen der Calviniſten oder Re⸗ ——— . 1 formirten vergoſſen iſt? Gebietet denn die Religion einen ewigen Verfolgungskrieg ge⸗ gen Calviniſten? Herr Marquis, wir ſtrei⸗ ten ſo lange im Dunkeln, und thun wie Tauſende weiter nichts als Windſtreiche, wenn wir uns nicht uber gewiſſe Grund⸗ ſatze verſtaͤndigen. Erlauben Sie's mir, daß ich ſie aufſtellen darf, ſo gut ſie mir eben einfallen. Stimmen ſie zu Ihren Anſich⸗ ten nicht, ſo muß ich Ihnen, nach unſerer Verabredung, den Widerſpruch geſtatten.“ „Wer die Chriſtusreligion in ihrer klaren Wahrheit kennt, wer ſie aus der reinen Quelle der heiligen Schrift ſelbſt geſchoͤpft hat, der ſtaunt uber die menſch⸗ lichen Zuſätze, die ihr angedichtet ſind; uber die Gebraͤuche, die man erfunden hat, von denen ſie kein Wort redet; uͤber Gebote, Satzungen, Faſten, Beten, Wallfahrten, Beichten, Sacramente, die ſie durchaus nicht gebietet. Es iſt unglaublich, wie es WMenſchen wagen konnten, ihr göttliches An⸗ — 89— ſehen ſo zu entſtellen, ihr Licht ſo zu ver⸗ finſtern! Sie ſelbſt iſt in der Maſſe der Irrthuͤmer faſt untergegangen und neben ihr erhebt ſich ein menſchliches Gebilde, was ihre Stelle vertreten ſoll. Iſt in ihr auch die Rede von prunkvollem Tem⸗ peln, Meßopfern, Ablaß, Fegefeuer, der Anbetung der Heiligen, von der Verehrung eines geiſtlichen Oberhauptes, von dem Glauben an ſeine Untrüglichkeit, an die Concilien? Ermahnt ſie nicht zur Liebe gegen anders Glaubende, berechtigt ſie zur Verfolgung mit Feuer und Schwert, zum Paß und zur Rache? Soll der Unwiſſende nicht ſanft belehrt, der Strauchelnde zurecht gewieſen werden? Iſt nicht ein Glaube, eine Taufe, ein Nachtmahl?“ „Die Mißbraͤuche, die im Gefolge einer von Menſchen gebildetern Afterreligion wan⸗ delten; die Graͤuel der unwiſſenden und ſittenloſen Geiſtlichkeit; die Mißhandlun⸗ gen, die Fürſten und Unterthanen von den 6 — 90— geiſtlichen Obern duldeten; die Laſterliebe, die ſich allgemeiner verbreitete; die zuneh⸗ mende Armuth einer wahren Froͤmmigkeit, die in allen Staͤnden bemerkbar genug ein⸗ trat und tauſend Uebel, welche die Menſch⸗ heit um die heiligſten Guͤter des Geiſtes und Herzens zu bringen drohten; daß ein maͤchtiger Binde⸗ und Löſeſchluſſel den Himmel offnen und verſperren konnte; daß das Ewige ſchwand und Vergaͤngliches ſeine Stelle einnahm, das Alles muß Shnen nicht Bubnit ſeyn.“ „Luther und ſein weiſer Gehuͤlfe Me⸗ lanchton, Zwingli und Calvin, umgeben von einer Schaar kraftvoller Männer, müde des lange erduldeten Jochs, empört uber ein verjährtes Unrecht, griffen das Ungeheuer, was bisher ſein Weſen getrieben hatte, in ſeinem innerſten Marke an und ſtuͤrzten es, damit aͤchter Glaube, Gewiſſensfreiheit, Licht des Geiſtes aus ſeinen Truͤmmern er⸗ wuchſe. Was von Gott und den Himmel E trennte, was die Kraft zur aͤchten Tugend laͤhmte, wurde hinweggeraͤumt. Die heilige Schrift ſelbſt war die einzige Regel, auf der ſie das neue, lichtvolle Religionsgebaͤude auffuͤhrten.“ „Wenn nun Tauſende ihre bisherige Religionsparthei verließen; wenn Chriſtus ſtatt des Papſtes ihr Oberhaupt wurde; wenn ſie das Weſen eines wahren Chri⸗ ſten lediglich in der Froͤmmigkeit ſuchten; wenn die Norm ihres Glaubens, ihrer Denk⸗ und Handlungsweiſe allein die un⸗ verfaͤlſchten Lehren des N. T. ausmachten, waren ſie deshalb Ketzer zu nennen, die man vertilgen muͤſſe? Fuͤrſten und Voͤlker riethen nie dazu, aber Geiſtliche aus eigen⸗ nuͤtzigen Gruͤnden, und die von ihnen Ver⸗ blendeten. Daß in der neu gebildeten Kirche Mißgriffe geſchahen, daß man vie mißverſtan⸗ dene Freiheit unrichtig anwandte, daß Eife⸗ rer undankbar und gehaͤſſig gegen die alte Mutterkirche verfuhren, räume ich ei —— aber man konnte das Rechte ſogleich nicht finden, die Gaͤhrung hatte ſich noch nicht geſetzt und das Truͤbe war nicht von dem Hellen geſchieden, aus Unverſtand glaubten auch Viele der Sache einen Dienſt zu thun, die ihr offenbar geſchadet haben.“ „Dieſen Tag des Lichtes und der Wahrheit, den Gott hat anbrechen laſſen, wird keine Macht verdunkeln, in ihm er⸗ waͤrmen und erleuchten ſich die Geiſter, und wenn er ein Funke noch bliebe, er wird dennoch zu einer hellen Flamme wie⸗ der hervorbrechen. Was wollen Katholiken gegen die Calviniſten! Dieſe beſtehen fort, und wenn Marterhaͤuſer für ſie erbaut wer⸗ den und man ſich noch groͤßere Graͤuel ge⸗ gen ſie erlaubt wie bisher. Muß uns alſo auch nicht das Proſelytenmachen der Ka⸗ tholiken, was ſie an den Proteſtanten ver⸗ ſuchen, ſonderbar vorkommen? Die Abſicht, in der es geſchieht, die Mittel, die man dazu anwendet, ſtehen in meinem Urtheile .— 93. ſo niedrig, daß ich ſie nicht mit Namen be⸗ zeichne. Und ein Menſch, der zur katholi⸗ ſchen Kirche uͤbertreten kann, war nie ein wuͤrdiger Calviniſt, und kein verſtaͤndiger Katholik wird ſeiner Kirche eines ſolchen Angeworbenen wegen Gluck wunſchen.“ „Weg mit allen blutigen Kaͤmpfen zwiſchen Katholiken und Calviniſten, Keiner ſtoͤre des Andern Rechte, Glauben und Meinen, ein Gott iſt unſer Aller Vater, eine Liebe verbinde uns Alle, ſo ſehr ab⸗ weichend auch die Wege ſind, auf denen Dieſer und Jener zum Himmel wandelt. Dieſe Liebe ſollten Ihre Prieſter lehren; aber toͤnt und ſchallt nicht von vielen Kan⸗ zelm noch das Gepolter eines verwerflichen Sectenhaſſes? Wohin kann das fuͤhren? Laſſen Sie uns, lieber Marquis, das Bei⸗ ſpiel geben, daß wir einander vertrauen und achten, ſo ſehr wir auch durch die Firchen, denen wir angehoren, gettennt ſind.“ „Sie haben viel geſprochen,“ ſagte der Marquis,„und mit Ruhe habe ich Sie an⸗ gehört, erwiedern will ich nichts. Wie ei⸗ nem Reiſegefährten gebe ich Ihnen am Scheidewege die Hand, gehe friedlich von Ihnen, Sie ſud⸗, ich nordwaͤrts und wuͤn⸗ ſche, daß Sie recht glucklich ans Ziel kom⸗ men. Wollen wir nicht unſern Frauen nachgehen? Gern mochte ich das Innere Ihres Schloſſes kennen lernen. Baueten Sie's nicht von Grund auf?“—„Ich habe es neu aufgebauet,“ erwiederte der Comte,„laſſen Sie's uns beſehen.“.. Von Religion war die Rede nicht mehr, und der Comte forderte den Marguis, der ihn ſehr kurz abgefunden hatre, zu keiner etwanigen Widerlegung auf. Es waͤhrte eine ganze Weile, ehe ſie das Zimmer ſanden, in dem die Frauen waren. Die Marquiſe war in ein Staunen verſetzt, das ſie kaum beherrſchen konnte, das ihren Geiſt und ihr Hers zugleich be⸗ — 953— ſchaͤftigte, und eine große Unruhe veran⸗ laßte. Sie wußte es eigentlich ſelbſt nicht, was ſie denken oder glauben ſollte. Auf⸗ fallend war der Comteſſe ihr Weſen auch; aber ſie forſchte nicht weiter darnach. Der Comte ließ nämlich vor einigen Monaten, als er in Paris war, ſeinen Sohn und ſeine Tochter von einem ge⸗ ſchickten Kuͤnſtler, den er uͤber den gefor⸗ derten Preis bezahlte, weil ſie zum Sprechen getroffen waren, malen. Sie hingen in dem Zimmer ſeiner Gattin. Als die Mar⸗ quiſe hineintrat, fiel ihr Blick zuerſt auf die Gemaͤlde, die an der Wand in golde⸗ ne Rahmen eingefaßt hingen. Ihr Auge blieb auf dem Bilde des jungen Comte an⸗ geheftet, und mit Entzucken uber die Kunſt, und daß ſie ihn gleichſam vor ſich zu ſehen glaubte, rief ſie aus:„O, wie aͤhnlich, wie getroffen, kein Zug iſt verfehlt, und das ſchoͤne, große Auge, ſelbſt die Ringellocken! Wie gern ſieht man geachtete Menſchen — ——— auch im Bilde wieder!“—„So,“ fragte die Comteſſe,„kennen Sie denn meinen Sohn? Er hat mir's nicht geſagt, daß er je die Ehre hatte, Sie zu ſehen!“—„Das iſt Ihr Sohn nicht,“ ſagte ſie,„es iſt der⸗ ſelbe Comte de Martreu, der geſtern in Chartreu bei uns war.“—„Nein,“ erwie⸗ derte die Comteſſe,„der ſoll es nicht ſeyn. Die beiden Juͤnglinge haben wie Brüder Aehnlichkeit, ſie ſind auch Verwandte.“— „Um welche Zeit,“ fragte die Marquiſe, „kam denn Ihr Sohn zurück, der den Comte de Martreu begleitete? Welchen Anzug hatte er?“.. Die Comteſſe ſagte ihr Beſcheid und kluͤglich ſprach die Mar⸗ quiſe:„So iſt es doch wohl Martreu ge⸗ weſen.“„. Beide Frauen ſchwiegen von dem Bilde und den Aehnlichkeiten, weil eine Jede die Entdeckung eines Geheimniſ⸗ ſes fuͤrchtete. Die Comteſſe dachte, ſicher gab ſich der Comte den falſchen Namen⸗ Was erlaubt ſich die unbeſonnene Liebe nicht! Die Wahrheit kann nicht verſchwie⸗ . — gen bleiben. Ob die Marquiſe ihrer Toch⸗ ter das Geheimniß entdeckte, daruͤber konnte ſie nicht entſcheiden, aber ihrem Gatten wollte ſie's durchaus geheim halten. Die Gouvernante, die mit den Kunſtgriffen jun⸗ ger Herren nicht unbekannt war, zweifelte, keinen Augenblick daran, daß der vorgeb⸗ liche Martreu kein Anderer als Montremi war. Sie uͤberlegte ſchon bei ſich ſelbſt, welchen Gebrauch ſie von der Entdeckung machen wollte. Als die Maͤnner kamen, wurde von gewoͤhnlichen Dingen geſprochen. Der Mar⸗ quis erinnerte an die Abfahrt, aber auf vieles Zureden, und weil er dem Comte ſeinen innern Verdruß nicht verrathen wollte, entſchloß er ſich, zum Abendeſſen zu bleiben. Wichtiger aber war die Unter⸗ haltung der beiden Mädchen im Gatten. „Aber,“ fragte der Marquis,„wo ſind denn unſere Toͤchter? Sie verſchwanden, . — 65 als wir nicht lange angekommen waren, und gern moͤchte ich die liebenswuͤrdige Julie kennen lernen.“—„Wenn Sie auf laͤngere Zeit, wie ich hoffe, unſer Nachbar bleiben, wird ſich die Gelegenheit dazu daröieten. Aber unerklaͤrbar iſt mir's oſt, woher zwei Maädchen, die ſich nie ſahen, wenn ſie auf ähnlichen Graden der Bildung ſtehen, den Stoff zu einer Unterhaltung nehmen, die nicht zu Ende kaͤme, wenn der Tag noch einmal ſo lang waͤre. Auch in ihren Be⸗ kanntſchaften ſchreiten ſie weit raſcher vor, als es uns Maͤnnern moͤglich iſt. Faſt in einer Stunde werden ſie intime Freundin⸗ nen, wenn ſie's auch in der Folge nicht bleiben.“—„Rechnen Sie das unſerm Geſchlechte als einen Vorzug oder als ei⸗ nen Fehler an?“ fragte die Marquiſe.— „Keineswegs,“ erwiederte der Comte und ließ damit die Antwort im Dunkeln;„aber es iſt doch ſo.“—„Wir wollen ſie rufen laſſen,“ ſagte der Marquis, aber der Comte bat, ſie nicht zu ſtören. Und es wäre den beiden Mädchen ſchrecklich geweſen, wenn ſie geſtoͤrt wurden. Als ſie den Garten betraten, mußte ſich Julie gar ſehr wundern, daß Johannen die wunderſchoͤne Ausſicht in das faſt unabſeh⸗ bare Thal, das man von der hohen Ter⸗ raſſe uͤberſchauete, nicht auffiel, daß ſie ſeine Herrlichkeit nicht ruͤhmte, nicht ſtille ſtand, ſondern ihr ruhig, wie unempfindlich, in den Schloßgarten hinabfolgte. Julie dachte in ſich, entweder die hat ſchönere Gegenden geſehen, daß dieſe ſie als ein unbedeuten⸗ des Gemalde nicht ruͤhrt, oder in Paris unter den Gebilden der prangenden und glaͤnzenden Kunſtwerke iſt ihr der Sinn fur die Erhabenheiten und Herrlichkeiten der Natur untergegangen. Julie meinte über⸗ haupt, daß ein Mädchen, was ſo wie dieſe Johanna in der großen Welt gelebt, Vieles geſehen und gehoͤrt habe, auch wortreich waͤte, eine Unterhaltung anſpinnen und fortweben könne, da ein ſchlichtes Land⸗ — 15— maädchen nur kurze Kapitel hat; aber ſie fand die Marquiſe recht wortarm und ein⸗ ſylbig. Sie ſprach von Haukeverd, von Paris und erhielt immer nur kurzen Be⸗ ſcheib. Sie waren einen weiten Weg gegan⸗ gen, als Johanna die Frage that, die in den Zuſammenhang des Geſprächs gar nicht paßte:„Sie ſind hier wohl ſehr gluͤcklich?“—„Ja wohl,“ erwiederte Julie, „da mir wenig fehlt, was ich wuͤnſche. Chartreu hat eine eben ſo ſchone Lage, können Sie's dort nicht eben ſo ſeyn?“— „Ach,“ ſagte Jobanna,„ſetzen Sie das leidende Herz in ein Paradies, es wird dennoch ſeufzen und weinen.“—„Was könnte Ihnen Veranlaſſung zur Trauer ge⸗ ben! Freilich, Sie ſind es auf dem Lande nicht gewohnt, da iſt's ſtiller und einſamer. Wer aus dem geräuſchvollen, vergnügungs⸗ reichen Paris koͤmmt, dem kann es hier freilich nicht gefallen; aber man gewoͤhnt 10— ſich. So oſt ich mit meinen Eltern in Paris war, ſehnte ich mich immer nach meinem lieben Hauteverd zuruͤck.“ „Kennen Sie den Comte de Martreu genau?“ fragte Johanna.—„Wir ſpielten als Kinder mit einander, ich kenne ihn wie meinen Bruder.“—„Meine Mutter, ob ſie ſich nur etliche Stunden mit ihm unterhielt, ruͤhmt ihn als einen vorzuglichen Jüng⸗ ling.“—„Ja, das iſt er, und ich bezeuge es mit der vollen Zuſtimmung meines Her⸗ zens. Fanden Sie das nicht auch?“— „Sie wiſſen es,“ ſagte Johanna,„die Jugend iſt unerfahren, ſie Barf ſich keine beſtimmten Urthetle erlauben. 4—„Wo es auf die Entſcheidung des Herzens an⸗ koͤmmt,“ ſagte Sulie,„da bedarſ's einer langen Erfahrung nicht. Es wäre mir ſo⸗ gar lieb, wenn Martreu auch Ihren Bei⸗ fall haͤtte, da ich ihn ſo hoch achte und ſo innig liebe. Wir wären dann wenigſtens ſchon uͤber einen Punkt einſtimmig.“— — ———— —— — 102— „Wollen wir aufrichtige Geſinnungen gegen einander austauſchen und uns gegenſeitige Verſchwiegenheit geloben,“ ſagte Johanna, „ſo will ich mit der Wahrheit auch dann nicht zuruͤckhalten, wenn ſie Ihnen nicht angenehm waͤre.“—„Aufrichtig und ver⸗ ſchwiegen,“ ſagte Julie,„das ſey unſer Looſungswort.“ Sie gab Johannen die Hand, druͤckte einen Kuß auf ihre Lippen und bat, daß ſie unter einander das ſchweſterliche Du gebrauchen wollten.„Die Folge wird es lehren,“ ſetzte ſie hinzu, „daß ich zu dieſer Vertraulichkeit berech⸗ tigt bin.“ „Wohlan, Julie, ſo verſchweige ich Dir mein Geheimniß, mein Entzuͤcken, meinen Kummer, meine Hoffnung und meine Zweifel auch nicht. Seit geſtern iſt die Ruhe aus meinem Herzen gewichen, ſeit geſtern bin ich in eine neue Welt hin⸗ gezaubert, in der ich mich ſelber nicht be⸗ % greifen kann. Erſchrecke nicht, zuͤrne mir — 103— nicht, ich ſah den Comte von Martreu, und welch eine plötzliche, noch ungekannte Ver⸗ wandlung ging da in mir vor! Alles was mein Auge an dem Juͤnglinge ſah, was mein Ohr hoͤrte, wenn er ſprach, hat mich zu ſeinem Eigenthum gemacht, ich habe mich der Neigung zu ihm ganz hingegeben und er weiß es nicht, er fuͤhlt nichts fuͤr mich. Ob ich ihn je wieder ſehe? Hier glaubte ich ihn zu finden, aber ach, er iſt nicht da. Als von ihm die Rede war, ſah ich Thraͤnen in Deinen Augen, und glaubte Deine innern Seufzer zu verſtehen, daß er Hauteverd voruͤberritt und kein Stuͤndchen hier einſprach. Maͤdchen, Du biſt ſeine Braut, Du biſt's, die meine Hoffnung zer⸗ truͤmmert, je mit ihm in ein Verhältniß zu kommen. Ich ſchmeichelte mich mit dem Glauben, wenn er Neigung fur mich gefaßt haͤtte, er werde Chartreu wieder beſuchen und auf irgend eine Weiſe das zarte Band der Liebe anknüpfen; aber nun muß ich ihn aus meinem Herzen verbannen. War S es auch nicht Thorheit, einen Jüngling zu lieben, den man zum erſten Male erblickt? Pas Schickſal hat ſie beſtraſt. Wenn ich Dich glücklich preiſe, ſo bemitleide mich⸗ das wird mir wohl thun. Seit wann gab Dir Martreu das Wort der Liebe?“— Johanna, wir liebten uns, ſeit wir Sprache und Geſuͤhl hatten. Das gegen⸗ ſeitige Wohlgefallen iſt mit uns groß ge⸗ wachſen.“— „Aber, beſte Johanna, iſt die Liebe, die Du fuͤr Martreu empfindeſt, nicht ein fluͤchtiges Gefuhl, das bald andern Ein⸗ pruͤcken weicht?“—„Was koͤnnte es fruch⸗ ten, wenn ich Dir das Gegentheil bewei⸗ ſen wollte, da mir der Beweis fehlt. Muß ich mich nicht zum Kampfe ruͤſten, die Liebe auszurotten; die ſo tief in mein Inne⸗ res gedrungen iſt?“—„Aber, ſoll in Dei⸗ nem Herzen die Religion, zu der Du Dich bekennſt, die natürlichen Neigungen nicht überwinden? Denn wiſſe, Martreu iſt ein Calviniſt.“—„Das weiß ich wohl und es hat mich ſchon geängſtigt; aber tritt nicht die Gottheit oft vermittelnd ein und raumt Hinderniſſe hinweg, die unſerm Gluͤcke im Wege ſtehen?“—„Hoffe nicht zu viel. Preiſe Dein gutes Geſchick, daß es zu keinem naͤhern Verhaͤltniſſe zwiſchen Dir und Martreu kam, es waͤre doch an euerm verſchiedenen Religionsbekenntniß geſcheitert und zertruͤmmert. Deine jetzige Wunde iſt nur eine oberflaͤchliche, heilbare, die ſpaͤtere, wenn Du ihn geliebt hätteſt und ſeiner Liebe gewiß warſt, wäre eine tiefere, un⸗ heilbare geworden, die vielleicht Dein Leben zerriß. Ach, es iſt ſchrecklich, wenn man bei einer liebinden Neigung fragen muß, iſt er Katholik, iſt er Calviniſt? Wie ſuͤndlich, daß die Menſchen ſelbſt die Reli⸗ gion zu einem Trennungsmittel, zu einer Scheidewand herabgewuͤrdigt haben! Wie verkennen ſie die milde Vaterſtimme, die durch des Erlöſers Mund zu uns ſpricht!“ — 106— „Vielleicht,“ ſagte Johanna,„waͤre Martreu ſtaͤrker geweſen als ich, vielleicht haͤtte ihn der Grundſatz geleitet, nicht die Art des Glaubensbekenntniſſes, des katholi⸗ ſchen oder calviniſtiſchen, macht den wahren Chriſten, wohl aber der Gehorſam gegen geweihte Lehren.“—„Dieſe Staͤrke, ſolchen Grundſatz traue ich ihm nicht zu, er will auch äußerlich ſo erſcheinen wie er im In⸗ nern iſt. Ein Proſelyt ware er nicht ge⸗ worden, und wenn er ſich ſelbſt haͤtte auf⸗ opfern müſſen. Koͤnnteſt Du denn eine Calviniſtin aus Liebe zu einem Jünglinge werden?“—„üUrtheile ich nach meinem jetzigen Denken und Empfinden,“ ſagte ſie mit trubem Geſicht,„das koͤnnte ich auch nicht. Aher, welche zwingende Kraſt haben in uns mächtige Gefuͤhle, wie unkenntlich machen ſie uns ſelbſt, zu welchen Be⸗ ſchlüſſen reißen ſie uns fort! Nicht immer kann der Menſch fuͤr ſich ſelber ſtehen.“— „Und Dein Vater, der ſeinen Ruhm in Friegen gegen die Calviniſten fand, der —.————— — 107— konnte, ohne ſeinen Grundfaͤtzen untreu zu werden, ſeine Lochter einem zur Czattin geben, der nicht die Heiligkeit und Unſehl⸗ barkeit des Papſtes anerkennt? Welch ein Feuer wuͤrde dieſen Diamant ſchmelzen? Doch wozu dieſe leeren Worte.“ „Doch,“ fuhr Julie fort,„zur Aufrichtig⸗ keit habe ich mich gegen Dich verpflichtet und treues Wort will ich Dir halten, Du, Du gelobſt mir in Deinem Herzen mit einem Eide die heiligſte Verſchwiegenheit. Ja, Martreu iſt mein Braͤutigam, meine Eltern glauben es, doch haben ſie mit mir noch nicht davon geredet. Aber er war es nicht, den Du geſtern in Chartreu ſahſt, das war mein Bruder Franz.“—„Julie! Julie!“ rief Johanna aus,„täuſche mich nicht, toͤdte mich nicht—“—„Er war es ſelbſt,“ ſagte ſie,„und kein Anderer.“—„Un⸗ moͤglich, ich kann's nicht glauben!“— „Alles, was er in Chartreu ſah und horte, hat er mir erzaͤhlt, auch ſeine Liebe zu Dir 2— 108— verſchwieg er mir nicht. H. Du ſollteſt das Herz dieſes preislichen Junglings ken⸗ nen, wie es fuͤr Tugend und fuͤr Wahr⸗ heit gluͤht, wie er nie einer Suͤnde huldigte, wie er ſich rein bewahrte von den Flecken der großen Welt, wie er nie, nie ſo wie jetzt liebte, er wuͤrde Dir noch hoͤher gelten.“ Dem Entzucken hingegeben fragte Jo⸗ hanna:„Dein Bruder war's? Warum nannte er ſich Martreu?“—„Um unent⸗ deckt zu bleiben!“—„Warum verließ er Hauteverd?“—„Weil er eine zu fruͤhe Entdeckung der Täuſchung mit Recht fuͤrch⸗ tete. Er ſah Dich zuerſt in Paris auf ei⸗ nem Balle, und da erwachte ſeine Liebe gegen Dich, er blieb ihr treu und ſeit geſtern hat ſie an Umfang und Starke noch gewonnen. Alles ſoll ich ihm ſchreiben, jede Deiner Mienen und Worte ihm er⸗ zählen. Darf ich's ihm melben, daß Du ihn liebſt?“—„Schreibe ihm, mit — 109— Kraft und Macht, deren ein Menſchenherz fähig iſt.“—„Aber er zittert und aͤngſtigt ſich. Ach, wenn ſie mich liebt, ſprach er, ſo kann ich ſie nicht laſſen. Doch, ſie iſt eine Katholikin. Kann ich's fordern, daß ſie meines Glaubens wird? Ich kann es nicht! Das ſind die Berge, die nicht uͤberſtiegen werden, wenn Gott nicht hilft. Soll mein Leben untergehen?“—„Julie, wenn er mir ſeine Arme öffnet, ſo fliege ich hinein und eine Welt ſoll mich nicht zuruͤckhalten!“—„Johanno, ſo ſpricht das Herz, wird der Verſtand die That auch billigen, wird das Gewiſſen ſich nicht drohend und brennend zwiſchen euch hin⸗ ſtelen? Und die Väter, die das Heilig⸗ thum ihres Glaubens behaupten, als ob es ein init Blut und Leben errungenes Gut waͤre! Und die Prieſter mit ihren Drohungen vom Fegeſeuer und Höͤlle, mit ihrem Bannfluche!“—„Iſt nicht allent⸗ halben Eottes Erde?“ ſagte ſie mit tiefer Ruͤhrung,“ ſcheint nicht allenthalben ſeine — 110— Gnabenſonne auf uns nieder? Wir fliehen in ein fremdes Land. Die elterliche Liebe, zuruck, und wir beweiſen, was Katholicis⸗ mus und Calvinismus trennt, das vereint die zarte Neigung frommer Herzen.“— „Der Plan iſt gemacht,“ ſagte Julie, „aber die Ausfuͤhrung iſt ſchwierig, das gen ſoll.“ „Sonderbar,“ ſagte Johanna von neuem, „daß es mir immer noch ſo zweifelhaſt vorkömmt, ob der vermeinte Comte de Martreu wirklich Dein Bruder iſt!“— „Ich habe Dir die Wahrheit geſagt,“ ſprach Julie,„aber biſt Du dennoch zwei⸗ felhaft, ſo kann ich ſie Dir durch einen in die Augen fallenden Beweis darthun. Auf dem Zimmer meiner Mutter hangen zwei Gemaͤlde, ſie ſtellen mich und meinen Bruder dar, ob ſie getroffen W das wirft Du bald erkennen.“ die zuͤrnen und verzeihen kann, ruft uns Gluͤck muß ihn begunſtigen, wenn er — 111— Als Johanna das gehoͤrt haite, fand ſie keine Ruhe im Garten mehr, ſie zog Julien mit ſich fort, um die Gemalde zu ſehen. In Entzuͤcken gerieth ſie, als ſie Franzens Bild erblickte und rief laut aus: „Er iſt's, ja, er iſt's ganz!“ Sie konnte ſich nicht ſatt ſehen.„Mein halbes Leben gaͤbe ich darum, wenn das Bild mein waͤre,“ ſagte ſie,„aber ich darf, ach ich darf nicht darum bitten. Ob er ſich malen ließe, wenn Du ihn in meinem Namen darum bäteſt?“—„Das wird er gern,“ ſagte Julie,„und ich werde ihn darum erſuchen.“. Dankend umarmte ſie die entzuͤckte Johanna. Mit einem zum Him⸗ mel gerichteten Blick, voll Andacht und Rührung, betete ſie:„Gott, erfulle meine Wuͤnſche, kroͤne meine Hoffnungen! Ach, inbruͤnſtiger will ich zu Dir beten, frömmer will ich werden! Du willſt ja das Gluͤck Deiner Kinder und in Deiner Macht ſtehr's, es ihnen zu geben!“ — 112— Man ſuchte die Madchen vergebens im Garten und fand ſie endlich auf dem Zimmer der Comteſſe de Montremi. Der Bediente brachte von ihnen Beſcheid und nannte ſelbſt den Ort, wo ſie waren. Dieſe Nachricht jagte der Mutter Johanna's einen plötlichen Schreck ein, deſſen Wirkun⸗ gen ſie kaum verbergen konnte. Man wunderte ſich freudig uͤber die Freundſchaft, die in ſo kurzer Friſt unter den beiden Töchtern entſtanden war, und daß ſie ſich ſogar Du nannten. Beide zugleich baten um die Erlaubniß, ſich oͤfter beſuchen zu duͤrfen, ſie wurde ihnen zugeſichert und der Comte ſagte:„Es gehören auch Kinder dazu, um die Eltern inniger zu vereinen.“ Auf dem Ruͤckwege wurde von Hauteverd viel geſprochen.„Es iſt wahr,“ ſagte . der Marquis,„es wohnen in Hauteverd gaſtſreundliche, ſchätzhare Menſchen, wenn es nur keine Calviniſten wären! Recht tief kann man ſich mit ihnen doch nicht ein⸗ laſſen und es fehlt auch das maͤchtigſte Vereinigungsband, Uebereinſtimmung in Hinſicht der Religion. Die Vorſicht un⸗ ſerer Zeit gebietet es uͤberdies, daß man durch einen intimern Umgang mit den Cal⸗ viniſten, den Katholiken nicht anſtoͤßig werde.“ An demſelben Nachmittage, als der Marquis mit den Seinen in Hauteverd war, kam der Pfarrer zu einem Beſuche zu dem Paͤchter. Die Ehre, den geiſtlichen Herrn bei ſich zu ſehen, hatte der Paͤchter nicht oft, aber das machte ihm keinen Kummer und er that darauf gern Verzicht Seit der Marquis in Chartreu war, hatte ſich der geiſtliche Herr im Wirthſchaftshauſe nicht ſehen laſſen, weil er beſorgte, er könne es mit der Herrſchaft verderben, wenn er ſich mit den Paͤchterleuten ſo gemein mache. Da ſie bei ihm nicht als die beſten Katho⸗ liken angeſchrieben ſtanden und er ſie von dieſer Seite auch dem Marquis geſchildert hatte, ſo war er aͤngſtlich, er koͤnne bei demſelben in den Verdacht der Zweideutig⸗ keit und Doppelzungigkeit gerathen. Schon ſeit einer Woche ſetzte ihm ſeine Haushaͤlterin gar ſehr zu, es mit den Pächterleuten und insbeſondere mit der Frau nicht zu verderben, die bisweilen ihre Kuͤche ſo reichlich verſorge, welches einem geiſtli⸗ chen Magen doch auch ſehr wohl behage. Seit laͤngerer Zeit blieben die Huͤhner, die Tauben, die Eier, der Kuchen aus, und die Butter und Milch, woſuͤr ſie baar be⸗ zahlen muͤſſe, ſey nicht mehr von der vorigen Guͤte. Man ſolle doch die Leute nehmen, wofuͤr ſie gut wären. Einige wären die aͤchteſten Katholiken, bedaͤchten doch aber ihren Geiſtlichen wenig oder gar — 15— nicht; Andere hingegen ſetzten ihre Achtung gegen ihn in milde Gaben, und die muͤſſe man warm halten und ſie nicht von ſich ſtoßen. Kurz, der Pfarrer mußte es der Haushaͤlterin geloben, dem Pächter einen Beſuch abzuſtatten, ſo wenig Vergnuͤgen er auch dabei habe. So bald dies ihm zu Ohren kam, nahm er Stock und Kappe und ſchritt gravitätiſch und hochmüthig, als ob die Erde unter ſeinen Füßen laͤge und jeder Menſch, der ihm begegnete, ein Sün⸗ der und er ein Heiliger ſey, nach dem Wirthſchaftshauſe hin.. Sein freundliches Geſicht, das er machte, der herzliche Gruß, den er aus⸗ ſprach, wurde eben ſo, d. h. ohne es wahr und recht damit zu meinen, erwiedert. Er entſchuldigte ſich mit uͤberhaͤuften Amtsge⸗ ſchäften, und da er ſelten Herr ſeiner Frei⸗ heit und Zeit waͤre, daß er ſeinen Beſuch ſo lange habe aufſchieben muͤſſen. Der Pächter ſagte nichts dazu, auch nicht das, ——————— — — — 116— man habe mit jedem Tage auf ſeine Er⸗ ſcheinung gehofft und freue ſich, daß dieſe Hoffnung endlich erfüllt ſey. Die Päͤchter⸗ frau aber, bei der der geiſtliche Herr ſein geweihtes Anſehen am Johannisfeſte ver⸗ wirkt hatte, indem er ihr beweiſen wollte, daß der Menſch nicht allein aus der Seele, ſondern auch aus einem Förper beſteht, wovon aber die kluge Frau ihrem Gatten keine Sylbe ſagte, ging ſeitdem etwas dreiſter mit ihm um und ſagte:„Wir ver⸗ denken es Ihnen ja nicht, daß Sie einem Pächter voruͤbergehen, wenn ein Marquis in Chartreu iſt. Es folge ein Jeder ſei⸗ nem Willen, wohin der ihn zieht, Zwang ſoll ſich unſertwegen Niemand anthun.“— Der Pfarrer durfte mit einer Erklaͤrung, die ihm auf der Zunge ſchwebte, nicht her⸗ aus⸗ und über die Frau herfahren, liſtig gab er ſeiner Rede eine andere Wendung und ſagte:„Sie zuͤrnen, liebe Frau, das beweiſet mir, daß meine Beſuche Ihnen nicht gleichgultig ſind.“—„Nein,“ erwie⸗ — 1— derte ſie,„das ſind ſie auch nicht.“. Ob angenehm oder K das ſagte ſie nicht heraus. „Eigentlich komme ich,“ ſagte der Pfar⸗ rer,„Ihnen in mehreren Stuͤcken einen guten Rath zu ertheilen, wozu ich mich als Seelſorger mehr als ein Menſch verpflichtet fuhle. Der alte Caſtellan hat bittere Klage uͤber Sie bei mir geführt. Er ſagt, der Marquis, welcher in der erſten Zeit ſeines Aufenthalts in Chartreu ſo freundlich mit ihm geweſen ſey, wende ſein Angeſicht jetzt von ihm weg und bekümmere ſich gar nicht mehr um ihn. Es ſchmerze ihn, einem alten, treuen Diener, eine ſolche Be⸗ handlung bis in die Seele. Es ſey an ſeinen Leiden, an ſeiner Zuruͤckſetzung Niemand Schuld, als der Pächter, der ihn bei dem Marquis verſchwarzt habe. Sey dies wahr oder falſch, ich will es nicht unterſuchen, ſo iſt es Ihre Pllicht,“ ſagte der Pfarrer,„daß Sie den Alten beruhigen, — 118— und wenn es mögl lich iſt ſich bei ihm recht⸗ fertigen. Ich muß den Mann und ſeine 3 Gattin achten, da ſie zu den gläubigſten Seelen in meiner Gemeine gehoͤren, in denen gewiß kein Funke calviniſtiſchen Un⸗ weſens wohnt, wie in Andern, die der Krebs der gottloſen Neuerung Se hat und verzehrt.“ „Wenn der Alte böſe von mir denkt,“ ſagte der Paͤchter,„ſo iſt es meine Schuld nicht. Sein Mißtrauen betrugt ihn, be⸗ ruhigen und belehren Sie ihn, rechtfertigen kann ich mich bei ihm nicht. Wie ſollte ich's auch anfangen, den Marquis zu be⸗ wegen, daß er ihm das Geſicht zukehrt, ſtatt es von ihm abzuwenden!“—„Be⸗ greiſen kann ich's doch nicht, daß ber Caſtellan ſich über das gleichgultige Weſen, was der Marquis ihm zeigt, beklagt, wenn er nicht Grund dazu hätte. Räthſelhaft bleibt mir's, wie der Marquis) der es viel⸗ fältig gezeigt hat, wie hoch ihm ſeine Mit⸗ — 119— chriſten ſtehen, die eines Glaubens mit ihm ſind, und wie er die Ketzer verachtet, den aͤcht katholiſchen Caſtellan ſo behandeln kann! Ich werde die Sache nächſtens bei dem Marquis zur Sprache bringen, dem Caſtellan ein ruͤhmliches Zeugniß geben, und ſo hoffe ich ſines Beſchwerden abzu⸗ ehſen⸗ 2 — „Thun Sie,“ ſagte der Pächter,„was Ihnen in der Sache gut ſcheint, was Sie, ohne einen Andern zu benachtheiligen, ver⸗ antworten können, ich habe nichts dagegen, ich werde mich ruhig. verhalten. — „Wie fein und zart aber dieſer Caſtel⸗ lan in Hinſicht der Religion und ſeiner Glaubensbruͤder denkt, davon kann ich Ihnen einen Beweis geben. Die Sache muͤſſen Sie loben, wenn Sie Ihnen auch unangenehm iſt,“ ſagte der Pfarrer.„Neh⸗ men Sie ſich vor den Calviniſten in Acht, verſtricken Sie ſich nicht in einen engern ———————— — 120— Umgang mit ihnen, ich habe Sie gewarnt, es kann Ihnen an Leib und Seele ſchaden. Die Reue tritt oft zu ſpät ein, wenn der angerichtete Schade nicht mehr gut zu machen iſt. Vielleicht nicht in der beſten Abſicht, aber doch im Gefuͤhl eines Unrechts und in Betruͤbniß daruͤber, kam der Caſtel⸗ lan heute zu mir und ſagte aus; der Paͤch⸗ ter haͤngt mit den Calviniſten zuſammen, wie eine Klette am Kleide. Erſt geſtern Nachmittag beſuchte ihn der junge Comte de Montremi. Er ging allein nach dem Garten, war eine Weile bei der Marquiſe und ritt dann wieder nach Hauteverd. Der Marquis war unterdeß auf der Jagd. Steht der Pächter nicht gar in einem Complott mit dem Comte und der Mar⸗ quiſe gegen den Marquis? Waͤre der zu Hauſe geweſen, mit der Calviniſtenbrut haͤtte er nicht viel Federleſens gemacht.“— Der Pächter war beſturzt, aber er ſammelte ſich bald und ſagte:„Da hat der Caſtellan falſch geſehen. Es war ein Comte de — 121— Martreu, der mich nicht beſuchte, ſondern ſein Pferd in meinen Stall ziehen ließ, nach dem Garten ging, bald wieder kam und dann Abſchied von mir nahm. So ver⸗ dreht man Alles, wenn man Rache uͤben will. Ob aber dieſer Comte ein Erzkatho⸗ lik oder ein Erzcalviniſt war, von der Stirn konnte ich's ihm nicht leſen, er ſah wie andere Menſchen aus, und ſein Glau⸗ bensbekenntniß habe ich ihm nicht abgefragt. Dieſes Spionweſen, dieſes boshafte Lauern, dieſe falſche Angeberei verweiſen Sie dem Caſtellan, oder ich werde es ſelber thun.“ —„Nun, werden Sie nicht ſo hitzig, das waͤre ein ſchlechter Dank, den Sie meiner Aufrichtigkeit ſagten.“ Bei ſo bewandten Umſtaͤnden ſah es die Pächterfrau am erſten ein, daß man es mit dem Pfarrer doch nicht verderben muͤſſe und ihr ernſtes Weſen verwandelte ſich gegen ihn in ein freundliches. Sie ſagte:„Herr Pfarrer, Sie ſind ja ein ſo weiſer, heiliger und guͤtiger Mann, daß Sie.meinem Gatten ſeine Polterei verzeihen, und Sie wiſſen es ſelbſt, die Hitze geht ſchnell voruͤber, und dann iſt er der beſte Menſch. Er kann nicht heimliche Rache, Haß und Zorn hegen, wenn er ſich ver⸗ kannt und beleidigt fuͤhlt, er faͤhrt damit heraus, ſo daß man immer weiß, wie man mit ihm daran iſt. Beſaͤnftigen Sie nur den Caſtellan, ich will auch mein Möglich⸗ ſtes thun, daß ich den alten hochmuͤthigen und empfindlichen Narren beruhige. Man muß mit den Leuten fertig zu werden ſuchen, die meiſten, die uns nicht einen * Stuber einbringen, koͤnnen uns doch ſchaden. Es ſoll mir bei ſeiner Frau auf eine Por⸗ ttion Victualien nicht ankommen, die ich nach und nach ihr zuſchicke, und dann wird ſie ihrem Alten den Kopf wohl ſetzen wie eer ſtehen muß. Die Menſchen laſſen ſich mit wenigen Ausnahmen alle, und die Maͤnner insbeſondere durch die Frauen lenken, wenn dieſe nur die Klugheit haben, den maͤnnlichen Hans bei der rechten und ſchwachen Seite zu faſſen.“—„Sie ſind ja eine gefaͤhrliche Frau,“ ſagte der Pfarrer. —„Fuͤr Sie doch wohl nie, heiliger, ſrom⸗ mer Mann.“—„Herr Pfarrer,“ ſagte der Paͤchter,„Sie wiſſen es, wie ſcherzhaft meine Frau iſt. Ich bin Herr im Hauſe.“ — Laͤchelnd ſagte ſie:„So lange der Glaube in den Maͤnnerſeelen nicht aus⸗ ſtirbt, wird die Welt durch Weiber regiert.“ — Sie verließ das Zimmer, um dem Pfar⸗ rer heimlich ein Gericht Fiſche zu ſchicken, die er am Abend verzehren, und wenn's Noth thaͤte, dem Caſtellan Eins verſetzen ſollte. „Laſſen Sie uns noch ein Woͤrtchen im Ernſte reden,“ ſagte der Pfarrer,„ſo lange die Frauen zugegen ſind, kömmt's ſelten dazu. An Ihrem aͤußern Chriſten⸗ thume habe ich nie gezweifelt, ſo weit mir Ihr Lebenswandel bekannt iſt. Sie ver⸗ ſtoßen gegen die offentlichen Satzungen un⸗ ſerer Kirche nicht und bewieſen ſich auch mir wohlthãtig und gefaͤllig, dem verordne⸗ ten und von Gott beſtellten Diener der⸗ ſelben. Wie es damit in Ihrem Innern ſteht, das wiſſen Sie nur, und der Gott, welchem Sie einſt Rechenſchaft deshalb geben muͤſſen. Den Herrn Marquis kenne ich wenig, aber das Ruͤhmlichſte ehre ich an ihm, er iſt bis auf den letzten Blurs⸗ tropfen der eifrigſte Katholik, das hat er mit der That bewieſen. Sie aber; mein Freund, ſind viel zu nachgebend, nicht ſtreng genug in der Behauptung der Grundſatze, auf denen das blühende Fort⸗ beſtehen unſerer Kirche und ihre jungfraͤu⸗ liche Reinheit beruht. Kömmt es erſt da⸗ hin, daß die Glieder derſelben ſich mit ihren Feinden vermiſchen, daß ſie in freundlich⸗ inniges Verhaltniß treten, daß ein Katho⸗ lik in dem Grade der Freund eines Refor⸗ mirten ſeyn kann, wie er's ſeinen Mit⸗ chriſten iſt, ſo werden die Pfeiler der katho⸗ liſchen Kirche zu zittern anfangen und — 125— endlich einſtuͤrzen. Jeder Reformirte, wenn er's voͤllig iſt, hat dem Katholicismus Feindſchaft geſchworen, er verfolgt ihn und koͤnnte er ihn mit der Wurzel ausreißen, er thaͤte es auch. Wie aber koͤnnte ich ei⸗ nen Menſchen lieben, ihm vertrauen, mit ihm umgehen, der ein Gegner, Spoͤtter, Verfolger und Zertruͤmmerer des Heiligſten iſt, was ich habe, ohne welches es keine Suͤndenvergebung, keine Ruhe, keine Selig⸗ keit für mich giebt! Der aͤchte Katholik, der wachſame, legt daher die Waffen gegen die Calviniſten nie ab, ewig lebt er mit ihnen im Kriege, wenn nicht im oͤffentlichen, doch im geheimen. Da er in ſeinem Glauben gewiß und der feſten Ueberzeu⸗ gung iſt, daß außer dér katholiſchen Kirche kein Heil zu finden iſt, erkaltet ſein from⸗ mer Eifer auch nie, ſo viele Seelen wie er kann durch alle Mittel, die ihm zu Gebote ſtehen, in den Schooß unſerer Kirche zu führen, und ſo viele Calviniſten als er be⸗ kehrt, ſo viele Seelen hat er gerettet. — 126— Eines ſolchen Eifers können Sie ſich nicht ruͤhmen, ſonſt wuͤrde in Hauteverd von der Kanzel kein calviniſtiſcher Irrthum mehr gepredigt.“ „Huͤten Sie ſich vor allen Dingen vor jenem thörichten Halbweſen, womit ſich eine dritte Parthei befleckt, die Alles vermiſcht, unter einander mengt, verwirrt, dergeſtalt, daß man das Eigenthuͤmliche, Kenntliche und Wahre gar nicht mehr herausfinden kann, die eine Verſchmelzung des Katho⸗ licismus, des Goldes alſo, mit dem Calvi⸗ nismus, den Schlacken, des Lichts mit der Finſterniß bezweckt und eine gefäͤhrliche Daͤmmerung, weder Kaltes noch Warmes, weder Wahres noch Falſches ſtiften will. Sie will einen Theil des Glanzes, der Hertlichkeit, des in die Sinne fallenden Ceremonienweſens, deſſen, was den irdi⸗ ſchen Menſchen ergreift, ſein Herz zuerſt ruhrt, unſerer Kirche entlehnen und es dem abgemeſſenen, ſogenannten vernünſtigen 3 6 S 127— nur auf Wahrheit gegruͤndeten calviniſti⸗ ſchen Gottesdienſte ankleben, und meint dann ein Ganzes geſchaffen zu haben, was vollkommen gut iſt. Sie entſchuldigt ihre unberufene Phantaſterei mit dem Grunde, womit ſie beide Kirchen, die calviniſtiſche und katholiſche beſchimpft, was jene zu wenig habe, das habe dieſe zu viel. Zu wenig haben die Calviniſten, aber uns druͤckt keine Art der Ueberladung. Wer in der Reli⸗ gion kein Ganzes und nur ein Halbes iſt, der iſt Nichts. Sehen Sie in dieſem Streben der Calviniſten nicht eine arm⸗ ſelize, verächtliche Leere, die ſie in unſern Augen herabſetzt, daß ſie ſo vom Reich⸗ thum borgen wollen? Es duͤrſtet ſie nach dem Waſſer unſeres Lebens, und da ſie es nicht mit vollen Zügen zu trinken wagen, wollen ſie uns wenigſtens einige Tropfen ſtehlen. Nehmt das Ganze lieber, auf dem Wege ſeyd ihr ſchon, Katholiken zu werden.“ — 128— „Was Sie da ſagten, Herr Pfarter, das paßt nicht auf mich,“ entgegnete der Paͤchter,„darum duͤrfen Sie auch keine Sorge tragen, daß ich auf der einen Seite katholiſch und auf der andern calviniſtiſch bin. Es giebt ſolche Doppelmenſchen, zu ihnen mag ich nicht gehören. Daß man es aber mit ſeinem Religionseifer auch zu wreit treiben, und damit Recht, Vernunſt und Menſchenliebe verleugnen kann, das weiß ich auch. Der Stifter unſerer Reli⸗ gion hatte mehr denn zehn Legionen Engel und ſtellte ſich gegen die Juden nicht ins Feld, um dieſe zu erwuͤrgen. Sein Reich war nicht von dieſer Welt, er bekehrte nicht mit Feuer und Schwert und ſtellte es in die ſiegende Macht der Wahrheit, die Zahl ſeiner Verehrer zu vermehren. Und brauchten denn ſeine Apoſtel andere Mittel? Und vom Haſſe und Abſchev gegen die Nichtbekehr⸗ ten iſt gar nicht die Rede. Ob das Alles, was ſich die Katholiken gegen die Calvi⸗ niſten erlauben, nicht Sunde iſt? Der Glaube, wenn er der rechte iſt, verſtattet keine Art der ungerechtigkeſt, und gegen ei⸗ nen Mitchriſten am wenigſten welcher wie wir Einen Gott, Einen Jeſus anbetet, Unſterblichkeit und ewiges Leben hofft! Laſſen wir ſie ihren andern Weg gehen, es giebt mehrere Bahnen, auf denen Gott ſeine Kinder zum Himmel fuͤhrt! Warum aber machen ſich denn die Katholiken mit den Calviniſten ſo viel zu ſchafſen, als ob ſie Verdammte waͤren, die gerettet werden muͤßten? Sie bekuͤmmern ſich viel weniger um uns, und laſſen uns glauben und leben wie wir wollen. Statt aber unſern Be⸗ kehrungseifer⸗ wenn es uns auf dem offenen Wege nicht gelingen will, durch Vorſpiege⸗ lung, Ueberredung, Verblendung an ihnen zu uͤben, als ob ſie zu unſerm Beſtehen we⸗ ſentlich gehoͤrten, als ob wir von ihrer zu⸗ nehmenden Zahl unſern Untergang fuͤrchte⸗ ten, ſollten wir uns damit an die Juden, Mahomedaner, Heiden wenden, dieſe laſſen wir ſeyn, was ſie ſeyn wollen, wir achten II. 9 2 dn ſie nicht, ats ob wir ſie mit kalter untheilnahme dem Verderben preis gegeben haͤtten.“—„Aber bedenken Sie doch,“ ſagte der Pfarrer,„daß uns jene genann⸗ ten Nichtchriſten auch von keiner Seite an⸗ taſten, und daß uns die Calviniſten immer reizen und herausfordern.—„Vergeltet nicht Boͤſes mit Boͤſem, ſagt die Schrift, liebet eure Feinde und ſegnet die ench fluchen,“ ſprach der Paͤchter.„Und nun, Herr Pfarrer, wenn ich bitten darf, heute kein Wort über Katholiken und Calviniſten mehr. Sie ſehen, zwei Koͤpfe ſtimmen nicht in einem Punkte überein, und Nillio⸗ nen ſollen es? Denken Sie doch nicht länger an eine Vereinigung der Calviniſten mit den Katholiken, ſo lange in dieſen eine proteſtirende Vernunft wohnt. Eher moͤgen Sie hoffen, daß aus Feuer und Waſſer Ein Körper wird, daß jenes nicht mehr brennen und dieſes e lo⸗ ſchen ſoll.“ „ — — 131— Der Pfarrer ging heimlich zuͤrnend von dem Paͤchter, aber das ſchoͤne Gericht Fiſche verſohnte ihn wenigſtens mit der Paͤchterfrau, der er nicht gram ſeyn konnte, ob ſie auch die Beweiſe ſeiner Liebe nicht ſo gefällig annahm, als er ſie ihr zollen wollte. Durch Geſchenke wüßte ſie auch den Caſtellan zu verſohnen, der in der Meinung beſtaͤrkt wurde, der Paͤchter iſt doch beſſer als der Marquis, du wiliſt den laufen laſſen, und fragt er nach dir, nicht, dich auch nicht um ihn bekuͤmmern. Vielleicht iſt's moͤglich, mit dem Pächter ein beſſeres Verhaltniß anzuknupfen, der bleibt hier und jener zieht wieder ab. Die Wahrheit, daß Montremi und nicht Mar⸗ treu in Chartreu war, blieb dem Marquis noch im Dunkeln, aber ungefragt ſagte es der Caſtellan der Marquiſe, die ihn freund⸗ lich bat, gegen den Marquis davon zu ſchweigen.—„Frau Marquiſe,“ entgegnete der Caſtellan,„ein Menſch, der ſein Leben in den Häuſern der Vornehmen zugebracht —. hat, der verſteht zu ſchweigen, wenn ihm Geheimes anvertrauet wird, er muß warm und kalt ſeyn können, wie man's wuͤnſcht, und laͤcheln können, wenn ihm das Herz vor Zorn zerſpringen Die Gouvernante ere ſich ſchnell aus dem Zimmer des Marquis mit Johan⸗ nen, da ſie ſpät von Hauteverd ankamen, und es war der Marquiſe nicht moglich, ihr gewiſſe Vorſichtigkeitsregeln wegen des geſehenen Bildes zu geben; ſie verließ ſich auch auf die Klugheit der erfahrnen Cham⸗ boiſe, daß ſie nicht davon reden werde. Johanna konnte, als ſie mit der Gou⸗ vernante allein war, keine Worte finden, um es auszuſprechen, wie ſo uͤberglucklich ſie in Hauteverd geweſen ſey, und welch ein herrliches, liebevolles Maͤdchen dieſe Julie waͤre. Die Hoffnung, ſie recht bald in Chartreu zu ſehen, mache ihr die groͤßte Freude und ſie ſehne ſich darnach.—„Ich lernte ſie faſt nur von Anſehen kennen,“ ſprach die Gouvernante,„Sie zogen ſie ja ſo ganz an ſich, daß mir von ihr nichts ubrig blieb. Und mit Rieſenſchritten kam's unter Ihnen Beiden zu einer Freundſchaft, als ob Sie mit einander aufgewachſen waren. Ohne große Uebereinſtimmung, die ſich in den Seelen findet, koͤmmt es nicht ſo bald zur vertraulichen, offenen Liebe. Es giebt auch bisweilen ein anderes Intereſſe, was Menſchen, die einander fruher fremd waren, auf der Stelle zu einem ganzen Unzertrennlichen vereinigt. Haben Sie etwa Fragen nach Martreu gethan, ſo ver⸗ bluͤmt, ſo in der Ferne, und erhielten Sie darauf keine Antworten? Es laͤßt ſich den⸗ ken, daß von dem Comte die Rede war, da er jetzt den Raum Ihres Herzens ausfuͤllt.“ —„Ja wohl war von ihm die Rede, aber auf eine Weiſe, daß ſie mich hätte nieder⸗ ſchlagen konnen, wenn nicht—“—„Hal⸗ ten Sie mit Ihrem Geſtaͤndniſſe nicht zu⸗ ruͤck,“ hat die Gouvernante,„das was wir — 134— verſchweigen, iſt oft das Wichtigſte, und nicht immer kann man es leicht und richtig errathen. Wollten Sie nicht etwa ſagen, wenn der Comte de Martreu es wirklich geweſen wäre, der uns hier Alle bezauberte?“ —„Wiſſen Sie's denn,“ fragte Johanna, „daß es ein Anderer war?“—„Ich weiß es und Ihre Mutter weiß es.“—„Ich weiß es auch,“ ſprach das Maͤdchen,„ich erfuhr es von Julien.“—„Und ich habe ſein wohlgetroffenes Bild geſehen. Wer war denn dieſer Comte nun?“—„Juliens Bruder.“ Die junge Marquiſe, von der Liebe begeiſtert und entzuͤckt, trug nicht das ge⸗ ringſte Bedenken, der Gouvernante das Wort fuͤr Wort mitzutheilen, was ihr Julie von ihrem Bruder geſagt hatte. Die Gou⸗ vernante ſagte:„Ich wuͤrde Sie gluͤcklich preiſen, da Sie ſich ſelber ſo fuͤhlen, wenn der Comte nur kein Calviniſt waͤre. Das wird ein Fels werden, an dem alle Ihre ſcheitern, und ich muͤßte ſchlechte Begriffe von Ihrer Verehrung und Achtung gegen die katholiſche Kirche haben, wenn die Liebe zu einem Juͤnglinge es waͤre, die Sie zur Untreue gegen dieſelbe verleiten köͤnnte. Wie ſchwer es mir wird, in dieſer Soche weiſe zu rathen, das begreifen Sie. Sie ſind ſich Ihren Gefuͤhlen ſelbſt uͤber⸗ laſſen, und dieſe ſchreiben uns ohne das Licht des Verſtandes nicht immer den ſichern Weg zu unſerm Gluͤcke vor. Bauen Sie nicht zu ſehr auf die Gunſt des Schickſals und zuſprechende Ereigniſſe, ſie laſſen uns nicht ſelten im Stiche. Man muß da vorſichtige und behutſame Schritte thun, wenn man auf unſicherm Boden wandelt, der einſinken, unter uns ver⸗ ſchwinden kann und uns begraͤbt. Liebe Marquiſe, laſſen Sie mich in Ihrer Liebe nur. ſo weit Ihre Vertraute ſeyn, als mir die Mitwiſſenſchaft Ihres Geheimniſſes nicht ſchaͤdlich wird. Ich moͤchte Ihre El⸗ tern nicht gern betruͤben, denen ich hohe S Achtung und einen nicht gewohnlichen Dank ſchuldig zu ſeyn glaube.“—„Auch ohne menſchlichen Beiſtand,“ ſagte die Marguiſe, „wird Gott mein Werk gelingen laſſen, er hat es angefangen, er wird's vollenden, wie, das ſehe ich ſelbſt nicht ein, aber ihm iſt es möglich.“— Mit den Worten:„Du ſollſt Gott Deinen Herrn nicht verſuchen,“ ſchwieg die Gouvernante, die Marquiſe ver⸗ langte die Erklaͤrung derſelben nicht und redete von den lieben Menſchen in Hau⸗ teverd. So bald ſich die guͤnſtige Gelegenheit fand, daß die Marquiſe mit der Gouver⸗ nante allein war, bat ſie ſie gar ſehr, von dem Bilde und der Taͤuſchung des jungen Comte de Montremi gegen Johannen keine Sylbe zu verlauten“—„Ach erwiederte die Chamboiſe,„Johanna weiß Alles, ſie hat das Bild geſehen, Julie hat ihr mehr geſagt, daß ihr Bruder ſie liebt, wie ſie ihn lieben kann. Reden Sie mit Ihrer Tochter ſelbſt, die Sache ſcheint mir zu kritiſch und ich möchte mich ſo unberuſen nicht in ſie miſchen. Nimmt ſie kein gutes Ende, ſo wuͤrde ein großer Theil der Schuld auf mich fallen, und gelingt ſie, welchen Dank hätte ich dafuͤr?“ Als ſich die Marquiſe von der Unruhe, die ihr Herz erfuͤllte, geſammelt hatte, ging ſie mit der Gouvernante zu ihrer Tochter, die ſie in einer ſo heitern Stimmung fand, als ob ſie an die Erfuͤllung ſuͤßer Hoff⸗ nungen zuverſichtlich glaubte. Die Mar⸗ quiſe fing alſo an:„Liebe Johanna, in Chartreu ſah ich Dich noch nicht ſo froͤhlich, als ich Dich heute zu ſinden glaube. Du gewoͤhnſt Dich endlich ſo ans Landleben, daß Du Dich nicht mehr nach der Stadt ſehnſt.“—„Wenn das geſchieht,“ erwie⸗ derte ſie,„ſo wird Julie de Montremi viel dazu beitragen. Von ſo vielen Freundin⸗ nen war ich in Paris umgeben, aber ſo tief drang die Liebe zu keiner in mein Herz. — 1 Mir iſt es ſelbſt raͤthſelhaft, was ſie mir in einem ſo hohen Grade theuer machen konnte.“—„Wenn Du Dich recht beden⸗ keſt und Dir die Wahrheit geſtehen willſt, ſo daͤchte ich, waͤre das Geheimniß leicht ge⸗ funden. Haſt Du das Bild geſehen, das in der Stube der Comteſſe hing und einen jungen Mann darſtellte?“—„Ich leugne nicht, ich habe es geſehen, ich weiß auch, daß es die Copie von Franz de Montremi iſt, ich weiß, daß er es war, der ſich den Namen ſeines beſten Freundes gab und ſeine Gruͤnde hatte, weshalb er nicht erkannt ſeyn wollte.“—„Welcher Betrug, welche Taͤuſchung,“ ſagte die Marquiſe,„koͤnnteſt Du ſie entſchuldigen?“—„Er wird es koͤn⸗ nen, verdammen kann ich ihn deshalb nicht, wenn ich ihn auch nicht rechtſertigen will.“ —„Biſt Du eine aufrichtige Tochter, ſo wirſt Du auch mir das nicht verſchweigen, was die Comteſſe Julie Dir von ihm er⸗ zaͤhlte.—„Ich ſinde das Alles ſo natuͤr⸗ lich, ſo ſchuldlos und recht, daß ich mich — 139— nicht ſcheue, gegen eine liebevolle Mutter mit der klaren Wahrheit ans Licht zu treten. Franz— das iſt ſein Name— erblickte mich zuerſt in Paris auf einem Balle und ſein entzuͤcktes Herz that ſich den Eid, mich ewig zu lieben. Er koͤmmt nach Hauteverd auf Urlaub und wagt den Verſuch, mich zu ſehen. Seiner Schweſter geſtand er die geheime Liebe, die er in ſei⸗ ner Bruſt trug und verſah ſie mit Auf⸗ trägen, die ſie an mich beſtellen ſollte. Leug⸗ nen konnte ich's auch nicht, als ſie mich fragte, ob ich ihres Bruders Liebe erwie⸗ derte. Sie wird es ihm melden und durch ſie ließ ich ihn bitten, mir zum Beweiſe ſeiner herzlichen Neigung ſein Bild zu ſchicken. Mit Sehnſucht liegt darin, wenn er mir's uͤberſendet, eine Erklaͤrung, die mein ganzes Weſen in Entzuͤcken ſetzt und mich zum Himmel erhebt.“—„Ungluͤck⸗ liche,“ rief die Mutter aus,„mit welchen Schmerzen wirſt Du aus Deinen ſußen Träumen erwachen! Willſt Du Dich vom Arm der Mutter nicht halten laſſen und in einen Abgrund Dich ſeiber ſtürzen, an deſſen Rande Du ſchon ſtehſt? Habe ich Dir nicht ſchon die Gruͤnde vorgehalten, die Deine Verbindung mit einem Calvi⸗ niſten nie zulaſſen? Wenn Dein Vater von dieſer Liebe wuͤßte! Wahrlich, er ließe Dich in dicke Kloſtermauern ſperren, die kein Lichtſtrahl erhellt, daß Du da fuͤr Deine Schuld buͤßteſt. Johanna, bringe kein Ungluͤck uͤber mich, wenn die Leiden⸗ ſchaft Dich blendet, da Du auf Dich ſelbſt keine Ruͤckſicht nimmſt; mir biſt Du Dank ſchuldig, ich trug Dich unter dem Herzen.“ Als Johanna eine Weile nachgedacht hatte, ſagte ſie:„Ich uͤbernehme einen ſchweren, ſauern Kampf, aber lohnt der Preis nicht ſeine Muͤhe? Was hat denn die Erde Herrlicheres aufzuweiſen, als eine ſolche Liebe? Das Leben ohne ſie iſt Tod und Marter. Waͤre es denn ein Verbrechen, einen Calviniſten zu lieben? Ich kenne * ohne daß ſie eine verſchuldet hatte. —— keine Lehre der heiligen Schrift, die es ver⸗ böͤte, kein Geſetz der Vernunft, die es un⸗ terſagte, und hat ein Menſch, wer er auch ſey, ſolch eine Satzung gemacht, ſo werde ſie verworfen, ein guter Geiſt hat ſie ihm nicht eingegeben. Gewiß brannte ſein Herz von Religionshaß, und ausgelöſcht war in ihm jedes heilige Gefuͤhl, was reine, fromme Liebe heißt, die Einen Gott nur kennt und alle Menſchen achtet, die hat er nie ge⸗ kannt. Wenn ich mich uͤber ein ſolches tyranniſches Geſetz erhebe, das wäre Suͤnde? Das Religion, was mir verbietet, einen Juͤngling zu licben, der mir ein fleckenrei⸗ nes Herz entgegen tragt? Mutter, kein Vorurtheil blendet mich mehr, ich ſehe licht und helle. In ein Kloſter wird mich der Vater nicht ſperren, er iſt guͤtig und ge⸗ recht, und wuͤrde er auch dazu getrieben, wohlan, ſo ſterbe ich als eine Dulderin, der man hier den Himmel der Seligkeit ver⸗ ſchloß und ſie allen Qualen uͤberlieferte, Doch * — 142— Reue wird mich niemals quaͤlen, die plagt nur da, wo das Andenken an ein begange⸗ nes Verbrechen ſtraft, und deſſen bin ich mir nicht bewußt. Mutter, ziehe Du nur Deine Hand nicht von der Tochter, bleibe Du ihr ein rathender, helfender Engel, un⸗ ter Deinem Schutze, an Deiner Hand ge⸗ fuͤhrt, werde ich mein hoͤchſtes Ziel er⸗ reichen.“—„Wahrlich, wuͤßte ich nicht, daß die Vernunft in Dir wohnte, für eine Wahnſinnige muͤßte ich Dich halten. Du viſt ja ganz außer Dir! Keine Ruͤck⸗ ſicht kann Hir gelten. Meinſt Du, daß der Comte auch ſo ſchwaͤrmt und raſet? Sein Blut iſt ſicher kuͤhler, ſein Verſtand iſt beſonnener, er wird des Vaters War⸗ nung nicht verſchmähen und ſeine Vorſtel⸗ lungen nicht uͤberhoͤren.“—„Hat er die Vernunft, die Klugheit, di Folgſamkeit, die Du als Tugenden zu ruͤhmen ſcheinſt, wohlan, ſo kann ich mir gebieten, ſo wird ſich meine Neigung ſchnell abkühlen, ſo 8 — 13— habe ich mich in meinem Glauben getaͤuſcht, ſo hat mich ſeine Liebe ſelbſt betrogen!“ „Kind, ich bitte Dich,“ ſagte die Mut⸗ ter,„was ſſoll aus Dir werden, ich finde Dich in einer fuͤrchterlichen Spannung, es lodert in Dir eine Flamme, die Dich ver⸗ zehren wird. Waffne Dich gegen Dich ſelbſt, Du traͤgſt einen Feind in Dir, der Deine Ruhe, Dein Leben bedroht. O, des ungluͤcklichſten Tages, wo der Comte im Garten erſchien! Verwuͤnſcht ſey jedes Wort, was ich zu ſeinem Lobe ſprach! Untergehen muß die Freundſchaft, die ſich zwiſchen uns und den Montremi's entſpann, ſie muſſs ſich in Feindſchaft und der Friede in Krieg verwandeln!“—„Mutter, liebe Mutter, Dich finde ich auch in einer fürchterlichen Spannung, ſonſt koͤnnteſt Hu nicht ſo reden. Wenn es im Rathe Gottes beſchloſſen iſt, und es muß es ſeyn, da ein blinder Zufall unſer Schickſal nicht regiert, daß ich mit dem Comte verbunden — 14— werde, ſo haͤtte ihn mir die Hand des Hoͤchſten dennoch zugefuͤhrt und kein Sterb⸗ licher konnte es wehren. Ob aber der Tag ein ungluͤcklicher war, wo ich ihn zuerſt im Garten ſah, das muß die Folge lehren, ich wenigſtens bin geneigt, ihn fuͤr den gluͤcklichſten meines Lebens zu halten. Haſt Du aber die Wahrheit geſagt, als Du ihn lobteſt, ſo darſſt Du ſie nicht widerrufen. Der Glaube an ſeine Guͤte war unerſchut⸗ terlich in mir gegruͤndet und wahrlich⸗ keines Deiner Worte vermochte es, ihn noch mehr zu beſtaͤrken. Und Feindſchaft wünſcheſt Du mit Hauteverd, mit edeln, frommen Menſchen, die Dich nie beleidig⸗ ten, weil Deine Tochter Liebe zu dem Sohne des Comte fuͤhlt, von der ſie keine Sylbe wiſſen? Mutter, wie kommſt Du zu ſolcher Geſinnung, ich ſtaune, ſie iſt mir ſo befremdend! Ach, wolle in der wichtigſten Angelegenheit meines Lebens nicht ſo ent⸗ ſcheidnd zufahren, niederreißen und zer⸗ ſtoren, ſiehe doch zu mit Weisheit und mit — 145— — Ruhe und laß den Himmel walten! Du haſt mich's ja ſo oft gelehrt, gehorſam ſoll der Menſch dem Winke Gottes folgen, ſein Schickſal ihm vertrauen und ſtill und fromm die Bahn gehen, auf der ihn ſeine Pflichten fuͤhren. Waͤre ich gehorſam die⸗ ſer Lehre nicht?“ Mit den Worten:„Huͤte Dich, daß Dein Vater nicht auf die Spur Deines Geheimniſſes koͤmmt, er wuͤrde Dich mit einem ſchweren Wetter von derſelben hin⸗ wegſchrecken,“ ging die Marquiſe trauernd von ihrer Tochter.— Jetzt ſagte die Gou⸗ vernante zu Johannen:„Ich warne, ich warne! Unmoͤgliches muß kein Menſch zu erſtreben ſuchen. Was Vielen Schmerzen macht, das kann uns nicht begluͤcken. Eine Liebe naͤhren, die ſich zuletzt in Pein ver⸗ wandeln muß, iſt Irrthum, Verblendung und Thorheit.“—„Schoͤn gedacht und gut geſprochen,“ ſagte Johanna,„aber die Ausfuͤhrung iſt deſto ſchwerer. Sie wuͤrden II. — 46— mir andere Regeln geben, wenn Sie mein Herz haͤtten und ſich ganz in meine Lage zu denken vermoͤchten, aber dieſe iſt Ihnen fremd, darum geht mir auch Ihre Weisheit voruber, ohne daß ſie mich ruͤhren und lenken kann. Wollen Sie mir gefällig ſeyn, ſo machen Sie's meiner lieben, lieben Mutter begreiflich, daß ich zaͤrtliche Nachſicht noͤthig habe, daß ich ſanft beruͤhrt ſeyn will, wie ein Verwundeter, und daß jeder Verſuch vergeblich iſt, ein Gefuͤhl aus dieſer Bruſt zu reißen, das ſie umrankt und umſchlun⸗ gen hat. Stellen Sie ſich mir nicht gegen⸗ uͤber, einer Freundin außer der Mutter be⸗ darf ich noch, und dieſe, glaubte ich, ſollten Sie in Chartreu ſeyn.“ Dem Marquis blieb das Geheimniß verborgen. Oefter erwaͤhnte er der gutigen Montremi's und ließ bisweilen auch ein Wort von dem Comte de Martreu fallen, den er aber nur nebenſäͤchlich beruͤhrte und ſeine Erſcheinung im Garten beſpöttelte. P — 147— Der Marquiſe ſiel es ein, daß die Paͤchterleute um das Geheimniß ſicher wiſſen müͤßten, ſie trug große Sorge, daß dieſe es verriethen und wollte dem weislich vorbeugen. Als ihr Gatte wieder auf der Jagd war und vor ſeinem Abſchiede es laut erklaͤrte, daß in ſeiner Abweſenheit kein Gaſt angenommen wuͤrde, der ein Calviniſt ſey, und wenn es der Comte de Martreu ſelber ware, auf den er jetzt zürnte, daß er ihm auf ſeinen Brief nicht antwortete, fragte die Marquiſe:„Soll ich auch Montremi's abweiſen, wenn ſie den Beſuch erwiedern?“ —„Die machen die einzige Ausnahme,“ antwortete er. Die Marquiſe benutzte ihre Einſamkeit dazu, daß ſie die Paͤchterfrau zu ſich bitten ließ, daß ſie ihr Geſellſchaft leiſtete. Bald brachte ſie das Geſpraͤch auf den Comte de Martreu und ſagte: „Aber wie konnten Sie uns die Unwahrheit ſagen, daß dieſer es war, der uns im Gar⸗ ten uͤberraſchte? Ich weiß es, der Comte de Montremi war es und die Abſicht ſeines — Beſuchs kenne ich auch.“—„Ich bitte,“ ſagte die Paͤchterfrau aͤngſtlich,„daß Sie uns dieſe Unwahrheit nicht zu ſtraͤflich an⸗ rechnen. Welchen Schaden konnte es an⸗ richten, daß wir den Bitten des jungen Comte nachgaben und ſagten, daß er Mar⸗ treu waͤre? Wir ſahen keinen. Daß er Ihre Tochter liebt, geſtand ich Ihnen mit einer Aufrichtigkeit, die Sie ſelbſt belobten.“ —„Mein Mann weiß von der Sache nichts,“ ſagte die Marquiſe.„Wenn Sie das Gluͤck und die Ruhe unſers Hauſes achten, reden Sie kein Wort davon. Ueberhaupt bitte ich Sie, nehmen Sie kei⸗ nen weitern Antheil an der Geſchichte, ich furchte, zu einem erwuͤnſchten Ende kann ſie nicht kommen.“ An einem Nachmittage kam der Mar⸗ quis mit einem hochrothen Geſicht und feuerfunkelnden Augen und hatte einen auf⸗ geſchlagenen Brief in der Hand. Er ſagte: „hr ſeyd betrogen, ſei dieſe — 149— Schrift iſt ein augenſcheinlicher Beweis davon. Kennte ich nur den Buben, der dieſen Spott mit Euch trieb, der Euch den Streich ſpielte, hart wuͤrde ich ihn ſtrafen! Der junge Comte de Martreu iſt nicht bier geweſen. Er will Zeugen aufſtellen, daß er juſt in der Zeit, wo der Abentheurer bei Euch im Garten war, keinen Fuß aus Paris ſetzte. Aber der Sohn des Comte de Montremi will ihn auf dem Wege von Chartreu geſehen und geſprochen haben? Wenn der Inhalt des Briefes wahr iſt, ſo hat der junge Montremi gelogen. Das Raͤthſel wird und muß ſich loſen. Sollte kein Aufſchluß moͤglich ſeyn? Der Pächter redet auch von einem Martreu! Giebt es mehrere? Das kann ſeyn, und ich werde mich auf's Forſchen legen. Der junge Menſch ſchreibt ſehr ſpitz, er iſt ein Calvi⸗ niſt und ich wuͤrdige ihn keiner Antwort.“ Zum Gluck war der Marquis mit ſich ſelbſt ſo beſchaͤftigt, daß er auf ſeine Gattin — ———— und Tochter nicht merkte, die im Innern vor Angſt zitterten. Waͤhrend er den Brief las, hatten ſie Gelegenheit, ſich von ihrer Unruhe zu ſammeln. Es wurde noch von dem verdaͤchtigen Comte de Martreu geſprochen. Der Mar⸗ quis ſann hin und her, hatte tauſend Ver⸗ muthungen, glaubte zuletzt, daß irgend ein Calviniſt ihm einen Poſſen ſpielen wollte. Seine Frau und Tochter waren wie ver⸗ ſteinert, ja, ihre Beſtuͤrzung war ſo groß, daß ſie ſich vielleicht in der naͤchſten Minute verrathen haben wurden, wenn nicht die Erſcheinung eines reich gekleideten Kammer⸗ dieners ihrer großen Seelennoth ein Ende haͤtte.„ „Der Herr Comte de Montremi laſen ſich Ehre ausbitten, ihre Aufwartung machen zu duͤrfen,“ ſagte der von Treſſen ſtarrende Diener, welchem der Marquis entgegen trat. Er ſagte ein Gegencompli⸗ „ ————— — 151— ment, bat ſich die Ehre des Beſuchs aus, und als er wieder ins Zimmer trat, ſprach er mit den Zeichen eines geheimen Ver⸗ druſſes:„Die kommen ja wie geruſen! Vielleicht kann mir Montremi Aufſchluß uͤber den ſchönen, artigen, herzbezaubernden Comte de Martreu, den Calviniſten, geben.“ — Da die vornehmen Leute insbeſondere die Selbſtbeherrſchung, die Gewandtheit und Verwandlungsgabe beſitzen, im Angeſichte und in ihrem Außern uͤberhaupt Sonnen⸗ ſchein zu verbreiten, indeß es in ihrem In⸗ nern hagelt und blitzt, ſo war gller Unmuth und Verdruß, es waren Runzeln und Falten von den Geſichtern verſchwunden, es laͤchelte Alles, als der Comte de Montremi mit den Seinen ankam. Die Frauen ſagten ſich allerlei Artigkeiten, die Manner waren herzlich mit einander, die Madchen wuͤnſchten allein zu ſeyn, weil ſie ſich Beide Wichtiges zu ſagen und zu klagen batten. Sie waren aber noch nicht aus * 152— dem Zimmer gegangen, als der Marquis alſo ſprach:„Hoͤren Sie nur, welch ein ſonderbares Raͤthſel mit dem Comte de Martreu obwaltet, der in Chartreu ge⸗ weſen ſeyn will. Ich habe mich veranlaßt gefunden, einige Zeilen nach Paris an ihn zu ſchreiben, in denen ich ihn bat, meinen Garten und mein Schloß dann zu beſuchen, wenn ich zu Hauſe waͤre, und darauf er⸗ halte ich von ihm den Beſcheid, er koͤnne es durch Zeugen glaubwürdig machen, daß er ſeit mehreren Jahren Chartreu mit keinem Fuße betreten haͤtte. Kennen Sie keinen andern Martreu?“—„O ja,“ erwiederte der Comte,„aber die ſind uͤher die Juͤnglings⸗ jahre hinaus. Ich muß es feſt glauben, daß der junge Comte in Ihrem Garten war, mein Sohn hat ihn geſehen, mit ihm geſprochen, und welchen Grund haͤtte der haben koͤnnen, mir die Wahrheit nicht zu ſagen? Junge Leute machen oſft ſonder⸗ bare Spruͤnge, zu genau muß man es mit ihnen nicht nehmen. Laſſen Sie die Sache auf ſich beruhen, gelegentlich kommen wir hinter die Wahrheit und ſehen, daß das Ganze eine Jugendpoſſe iſt. Und was wäre es denn nun auch weiter, wenn Martreu wirklich hier geweſen waͤre und es leugnete?“ —„Ei, ſo muͤßte ich glauben, daß er be⸗ ſondere Abſichten hatte, die ihn hierher trieben.“—„Waͤren es die geweſen, den Garten zu ſehen, vielleicht Bkanntſchaften zu machen und wer weiß, was einen jun⸗ gen Menſchen bald hier, bald dorthin treibt, ich finde in Allem nichts Wichtiges, was Ihre Aufmerkſamkeit erregen, oder Sie un⸗ angenehm beſchaͤftigen koͤnnte. Wäre die Sache mir begegnet, keine Feder ſetzte ic darum an.“ Da der Comte zur großen Beruhigung der Marquiſe und ihrer Tochter die Sache ſo leicht abſertigte und als die unbedeu⸗ tendſte nahm, hielt es der Marquis auch nicht der Mühe werth, weiter darüber zu reden. Der kluge Comte ließ ſich's nicht — 154— merken, daß eine ernſte Reihe von Gedan⸗ ken durch ſeine Seele ging. Er war voͤllig auf der Spur, das Geheimniß zu entdecken, und nahm ſich's vor, der Enthullung deſ⸗ ſelben nachzuforſchen, wenn er auch das Reſultat ſeiner Entdeckung dem Marquis nicht mittheilen durfte. „Aber,“ ſagte Johanna zu ihrer Freun⸗ din Julie, als ſie mit ihr im Garten allein war,„mußte es Dein Bruder nicht ver⸗ huͤten, daß Martreu den Brief an meinen Vater ſchrieb, der ſo viel Verwirrung an⸗ richtet, der unſere Liebe fruͤher verräth, als ſich unſere Herzen unverbruͤchliche Treue gelobten? Welche Anſtalten kann man treffen, uns auf immer von einander zu trennen!“—„Liebe Johanna, Martreu haͤtte den Brief nicht geſchrieben, wenn ihn mein Bruder daran hindern konnte. Der wurde unterwegs krank, und erſt heute ver⸗ muthe ich's, daß er in Paris ankömmt. Er ſchickte Briefe von Rouen an meine Eltern, heimlich brachte mir der Reitknecht auch einen von ihm. Einiges iſt in dem⸗ ſelben auch von Dir geſchrieben, und Du kannſt es leſen.“ Sie zog den Brief aus der Taſche, zeigte Johannen die ſie betreffende Stelle, und die las:„Die Hinderniſſe, die zwiſchen mir und der reizenden, herrlichen Johanna liegen, uͤberſehe ich nicht; aber die Liebe giebt Kraft, ſie alle zu uͤberwaͤlti⸗ gen. Hätte ſie ſchon einen Juͤngling gewaͤhlt, ſo werde ich trauern, daß mir mein hoͤch⸗ ſtes Gluͤck unterging, das ſie mir im Glanze der Morgenroͤthe zeigte. Iſt ſie aber noch frei, und weiß ich's, daß ſie mich liebt, ſo kann mich nur der Tod von ihr ſcheiden. O, ſage es ihr, wie unausſprechlich ich ſie liebe, und melde mir jedes ihrer Worte, das ſie erwiedert. Waͤre ich nur erſt zur Ge⸗ wißheit, und der Zweifel iſt's, der mich auf's Krankenlager warf. Einen andern Ge⸗ danken, als an ſie, kann ich nicht denken. v — Meiner Seele umſchwebt ſie, ich gehöre ihr ganz an c.“ Thraͤnen rollten Johannen uͤber die Wangen, als ſie die Zeilen geleſen hatte, und ſie ſprach:„So wahr der Herr lebt, die Liebe wird mich ſtark machen, alle Feindesmaͤchte zu beſiegen, die meinem Gluͤcke hinderlich ſeyn wollen!“ Es wurde in der Geſellſchaft von dem Pächter und ſeiner Frau geredet. Ueber Beide faͤllte der Marquis ein günſtiges Urtheil, zu dem der Comte viel Ruͤhmliches hinzuſetzte.„Nur ſein anfaͤngliches Klagen uͤber die ſchlechte Pachtung und ſein Ab⸗ handeln von der Pachtſumme wollte mir an ihm gar nicht gefallen,“ ſagte der Mar⸗ quis.—„Das nehmen Sie ihm ſo übel nicht,“ bat der Comte.„Wenn die Paͤch⸗ ter auch gegen Andere prahlen, gegen die Verpaͤchter klagen ſie immer, das iſt ſo ihre Sitte. Ich habe Urſache, den Mann und ſeine Frau ſehr zu ſchätzen.“—„Nur mit dem Pfarrer ſteht er nicht am beſten; mit meinem Caſtellan lebt er in Feindſchaft und die Bauern ſagten ihn gern von Char⸗ treu.“—„Ihr Pfarrer,“ fing der Comte an,„iſt ein ſonderbarer Mann, er redet ſo viel Böſes von mir, daß er mir Gelegen⸗ heit giebt, mich in der Feindesliebe zu uͤben. Weil ich ein Reformirter bin, ſo gelte ich ihm fuͤr den gehäßigſten Gegner der Katholiken. Von gemaͤßigten Grund⸗ faͤtzen hat er keinen Begriff. Mit Vergnu⸗ gen wuͤrde er zuſehen, wenn ich geſteinigt wuͤrde. Kaͤmen an einem Tage alle Re⸗ formirte um, er feierte ihn wie ein Jahrs⸗ feſt. Da ihm der Pachter chriſtliche Ge⸗ ſinnungen verrathen hat, daß er mit mir im Umgange lebt, ſo verfolgt er ihn wo er kann, und dieſer laßt durch ſeine Frau, die ſeine Kuͤche beſchenkt, ſeine Wuth mil⸗ dern, daß ſie nicht in verzehrende Flammen ausbricht. Ein alter verwoͤhnter Coſtellan, der eine Weile den Herrn von Chartreu — 158— ſpielte, wollte es wohl, daß ſich der Paͤch⸗ ter vor ihm beugen ſollte, und als er das nicht that, kam's zur Kriegöerkläͤrung und zum Kriege. Was nun gar das Urtheil der Bauern uͤber einen Paͤchter betrifft, ſo iſt dieſem am wenigſten zu trauen. Sie ſtehen in ſcharfer Oppoſition, der Eine fordert, der Andere ſoll geben. Trauen Sie mir, der Pächter iſt, Schwächen ab⸗ gerechnet, von denen die Menſchen nicht frei ſind, ein guter Menſch. Wollen Sie erlauben, daß ich einen Augenblick zu ihm gehe?“—„Nein, nein,“ ſagte der Mar⸗ quis,„bemuͤhen Sie ſich nicht, ich laſſe ihn ſogleich mit ſeiner Gattin bitten.“ Der Comte dankte dem Marquis verbind⸗ lich fur dieſe Artigkeit. Es wurmte dem Marquis doch im Kopfe, daß der Comte ein ſo abſchrecken⸗ des Bild von einem katholiſchen Pfarrer entworfen hatte, und er argwoͤhnte, daß ihn die calviniſtiſche Geſinnung dazu verleitet —— — 169— haͤtte. Er ſagte daher:„Ich glaube, Herr Comte, ſo ſchlecht wie Sie den Pfarrer von Chartreu geſchildert haben, giebt es keinen Fatholiken.“—„Ob er ſeines Gleichen hat laſſe ich unentſchieden; daß ich aber Ihren Pfarrer nicht ins Schwarze malte, dafür kann ich ſtehen. Wo Zeugen und Beweiſe ſind, da iſt die Wahrheit. Man wird durch ihn von neuem in dem Glauben beſtärkt, deß da, wo Haß und Abſchen gegen anders Denkende wohnt, keine Liebe, keine Duldung zu erwarten ſteht, nein, Regel und Geſetz iſt es, wie Unkraut Calviniſten hinwegzu⸗ maͤhen, die im großen Garten Gottes neben den Katholiken ſtehen. Aber laſſen Sie uns von andern Gegenſtaͤnden reden, die den, da wir Nachbaren ſind, darum muͤſ⸗ in denen wir nie, nie zuſammentreffen. Wenn Einer den Glauben des Andern re⸗ oder nicht,“ erwiederte der Comte,„das —— uns vergnugen. Freunde wollen wir wer⸗ ſen wir die Scheidungspunkte vermeiden, ſpektirt, ſo wird der Friede nie unter⸗ brochen.“ Die Pachterleute kamen, wurden artig behandelt und der Comte bewies es ſo recht eigentlich, daß der Pächter ſei Freund ſey, was demſelben, da der Mare gen war, ſehr wohl that. Er mußte iht verſprechen, ihn in Woche noch in Hauteverd zu Julie hatte Sobannen vermocht. daß ſie einige Zeilen an ihren Bruder ſchrieb, in denen ſie ihn um ſein Gemaͤlde bat. Der Aufenthalt des Comte wurde am Abend durch ein drohendes Gewitter ver⸗ ſpaͤtet, aber er ließ ſich nicht erbitten, in Chartreu zu bleiben, reiſete mit ſeiner Gat⸗ tin ab, Julie aber blieb dort und der Mar⸗ quis verſprach, ſie nach etlichen Tagen ſelbſt wieder in die Arme ihrer Eltern zu bringen. — 161— Auf dem Heimwege ſing der Comte mit ſeiner Gattin von Martreu's Briefe zu reden an und fragte ſie, was ſie zu der ſie n wahren Zuſammenhang der ſonder⸗ ſſe nicht deuten könne, ſagte tte, der vorgebliche Martreu anders, als unſer Franz. m den Scherz verzeihen, ne ernſtere Abſicht damit das muß ich faſt glauben, zahrheit nicht geſtand und ein echen erdichtete.“—„Und welche ernſte Abſicht meinſt Du?“—„Daß ihn das reizende Geſicht Johanna's anzog.“—„Er wußte ja nicht,“ ſagte ſie,„daß das Maͤd⸗ chen reizend war.“—„So hat er es ge⸗ hoͤrt, und junge Leute ſind neugierig. Sie iſt ein von der Natur reich begabtes Weſen, voller Talent und gewiß mit ſittlicher Guͤte ausgeſtattet, warum waͤre es nicht möglich, muß es aber auch bleiben, einen Schritt Sache denke. Als ſie aber erklaͤrte, daß daß ſie Franz liebgewonnen hätte? Dabei weiter billige ich nicht. Mit den Katho⸗ liken, die ich in ihren Wuͤrden laſſe, deren Wertö ich nicht antaſten will, mag ich in eine nahere Verwandtſchaft nicht treten. Ich werde deshalb an Franz und Martreu ſchreiben und hoffe, das Dunkele ſoll helle werden.“ Jetzt fiel der Comteſſe faſt ſchreckhafte Bewegung ei der Marquiſe wahrnahm, ſie nochmals ihre Worte, die ſie ſhrac nun zweifelte ſie keinen Augenblic mehr, 2 3 daß es Franz und ſonſt Niemand war, der ſich in Chartreu fuͤr den Comte de Mar⸗ treu ausgab. Ihr Herz zitterte, ſie wurde beſorgt. Schon am Vormittage hatte der Comte die Briefe nach Paris geſchrieben und die beiden Freunde zur Aufrichtigkeit, ihm die⸗ Wahrheit nicht zu verſchweigen, aufgefor⸗ dutz aber ſie ſollten erſt am folgenden 2ege e ckt werden. Des Nachmit⸗ tags kam der Pächter. Der Comte ging n Garten, und da ſeine Seele er zu dieſem:„Sie haben hn bei ſich in Chartreu kurz nach Pis geſehen. e einbilvete, „Nicht? 8 wiſſen Sie o daß kein Martreu bei Ihnen war?“—„Dns weiß ſagte der Pächter.—„Und Sie ſag⸗ tten dem Marquis nicht die Wahrheit?“— 5„Weil die Marquiſe es mir verbot. Ach, man muß oft ſelbſt wider ſeine beſſere Ueberzeugung gefaͤllig ſeyn.“—„Das muß man nicht,“ ſagte der Comte ſehr ernſthaft. „Sie waren ſchwach und haben ſich in eine große Verlegenheit verwickelt“—„Konnte ich Ihren Sohn blos ſtellen?“—„Das ſoll⸗ ten Sie, das Recht dazu gab er Ihnen in die Haͤnde. Wer wird mit einem jungen Menſchen, der nach ſeinen Phantaſien han⸗ delt, gemeinſchaftliche Sache machen! Wir Erwachſene ſind nia und ſollen klüger ſeym“ 4—„Di 5 wi wärum er das that. jetzt aber laß uns das Geheimniß dem Marquis verſchweigen, vielleicht kehrt er nach Paris zuruͤck und die Jugendpoſſe bleibt unentdeckt. Wozu unnoͤthigen Lärm machen!“ Der Comte zerriß die geſchriebenen Briefe und ſetzte einen andern an ſeinen Sohn auf, in dem es hieß:„War es bloße Neugierde, wie ſie jungen Leuten oft eigen iſt, wenn ſie von einem ſchoͤnen Maͤd⸗ chen reten treiß das ſie nicht ſeſei haben, ie Dich nach Chartreu hin⸗ lockte, ſo ſoll Dir meine väterliche Liebe das verzeihen. Daß Du uns aber mit einem Mährchen tauſchteſt, mein bishe⸗ riges Vertrauen zu Deiner Redlichkeit er⸗ rzeihe Dir ſelbſt, wenn Martreu hat es ſehr uͤbel genommen, daß Du ſeinen Namen miß⸗ brauchteſt und er hat ſich dafür geracht. In Chartreu haſt Du große Verwirrung an⸗ gerichtet, die nie eintrat, wenn Du aufrichtig und redlich warſt. Nur das Eine ſage mir, aus welchem Grunde Du den Gang nach dem Garten thateſt, was fuͤr eine Abſicht Dich dabei leitete. Hat Dein Herz eine beſondern Antheil dabei, ſo bedaure ich Dich. Du weißt, ich bin kein Menſchenfeind, aber ich fliehe jede Verbindung mit den Katholiken, die unſern Glaubensgenoſſen ſo viel Schmach und Marter angethan haben, und ſicher auf der Lauer liegen, groͤßeres Unheil uͤber uns zu bringen. ꝛc.“ 3 1 Es war der erſte Gang des Comte, als er in Paris ankam, daß er zu ſeinem Freunde ging, um ihm ſein Gluͤck mitzuthei⸗ len, wie er die ſchöne Marquiſe in Chartreu geſehen und mit ihr geſprochen habe, wie er einem Bezauberten gleiche, der die Groͤße ſeiner Wo nen nicht faſſen könne. In die⸗ ſen Taͤuſchungen der Liebe erſchienen ihMm alle Hinde niſſe, die ſeine Wuͤnſche ver⸗ eiteln koͤnnten, wie kleine Puͤnktchen, ohne ſonderliche Bedeutung Seblſt daran dachte er nicht, daß ein juͤnges, bluͤhendes Mäd⸗ chen ſchon einen Juͤngling gefunden haben koöͤnne dem ſie mit der zaͤrtlichſten Neigung angehoͤre, es war ihm ſo, als ob er der Erſte waͤre, dem ſie mit der unſchuldsvöll⸗ ſten Reinheit die nie eine maͤnnliche Lippe beruͤhrte allein nur lieben könne. Mar⸗ treu war ſchon ſeit dem Ball, wo Franz die reizende Johanna zum erſten Male ſah, der Vrtraute ſeines Geheimniſſes, auch er bot ſeine ganze Berediſamkeit, ſeine Gründe und Bedenken auf, um ihn zur Ueberlegung phantaſtiſchen, vermeſſenen und gefahrvol⸗ len darzuſtellen. Franz ſchwieg endlich von ſeiner Liebe, aber ſie wuchs in ſeinem In⸗ nern, ſie wurzelte ſich feſt, als ein unaus⸗ wu. A6 Fi ſenen Freund erblickte, eilte er ihm entgegen, fiel ihm in die Arme und rief aus wie ein Begeiſterter:„Ich bin in Chartwu geweſen, ich habe ſie geſehen, ſie iſt ſchoͤn wie eine Fee, ich habe ſie reden hoͤren, mit ihr und ihrer Mutter geſprochen, denke Dir!“— Mit ruhiger Seele fragte Martreu:„Das iſt noch wenig, lieber Franz, kannſt Du weiter nichts ſagen? Nicht auch, daß Du von Deinen Eltern das Jawort haſt, daß der bigotte fanatiſche Marquis Dir ſeine Tochter zum Weibe geben will, und ſank ſie Dir nicht wie eine zaͤrtliche Braut in die Arme?“— „Rieſenſchritte der Art,“ ſagte Franz, „ließen ſich nicht thun. Der Anfang zu —————— ———— 5 1 — 168— dem köſtlichen Werke iſt gemacht.“— „Und,“ erwiederte Martreu,„Dir wird die Rieſenkraft gebrechen, das Werk zu vollen⸗ den, dem ich ein trauriges Ende prophezeihe. O, ihr Schwaͤrmer, die ihr am Verſtande lahm ſeyd und mit dem Herzen über Berge und Meere fliegen wollt, wie ſchrecklich werdet ihr entzaubert, welche ſtechenden Er⸗ fahrungen ſtehen euch bevor, welche ſtren⸗ gen Mittel muß das Schickſal gebrauchen, euch von eurem Wahnſinne zu Heilen! Die ſchoͤne Larve kann euch blenden, fuͤr Tugend ſeyd ihr blind. Wie falſch berech⸗ net ihr die Liebe, ſie iſt euch nur ein Spiel der Sinne, das ſie berauſcht, und iſt der ſuͤße Rauſch voruͤber, dann tritt eine Hede ein, die kein Genuß und keine Freude mehr ausfuͤllt. Erzitterſt Du nicht vor den Drohungen Deines Vaters, wenn Du ihm die Gattin nennſt, die Du Dir erkohren haſt? Glaubſt Du, ein Erzkatholik, der in der einen Hand das Schwert, in der an⸗ dern die lovernde Fackel hält und grimmige t, den kein Lerſtorungsmittel unerlaubt in ſeiner Religionsraſerei er⸗ ſcheint, was er nicht gebrauchte, um alle Proteſtanten von der Erde zu vertilgen, glaubſt Du, daß ein ſolcher Dir ſeine Tochter jemals geben wird? Er war's, der meinen Vater in der Schlacht retten konnte, und ihn niederhauen ließ, weil er ein Re⸗ 5 formirter war. Haſſen wuͤrde Ich dieſen* Marquis, wie ein ſtrafender Engel verfolgte ich ihn, wenn ich ſeinem raſenden Eifer, der die Vernunft gefangen haͤlt, nicht ver⸗ zeb. Er weiß nicht was er thut, und glaubt die Gottheit zu verehren, wenn er uns Reformirten ſchadet. Und mit der 1 Tochter eines Mannes, dem Moͤrder Dei⸗ nes Onkels, willſt Du Dich verbinden? Haſt Du nicht Luſt, um deſto ſicherer und bald Deinen Zweck zu erreichen, Dich als ein frommes Kind in den Schooß der katho⸗ liſchen Kirche zu legen? Es giebt der⸗ gleichen Ueberlaͤufer noch in unſern Tagen, welche ſich Schande und Verachtung ein⸗ 5 N handeln, ſie ſind Unſinnige, die nach Ge⸗ fuͤhl und Sinnenluſt nur gehen, die ſich vom Gaukelſpiel der Pracht blenden laſſen, die ihre Freiheit verkaufen und ſich zu Sclaven machen. Giebt es unter uns nicht ſchoͤne, edle Maͤdchen, die Deiner wuͤrdig ſind? Franz, der Tag, wo Du, was ich nie glaube, da ich an Dir nicht verzweifele, wo Du mit dieſer Katholikin Dich verbaͤndeſt, wuͤrde unſere Trennung auf ewig herbei fuhren, ſo lieb ich Dich auch habe. Ach, ein katholiſches Weib hat ſtarke Waffen, den re⸗ formirten Mann zum Katholicismus hinuber zu ziehen. Dann ſtehſt Du feindlich gegen Deinen Vater, dann triffſt Du vielleicht in einer Schlacht mit ihm zuſammen und uͤbſt die Dir gebotene Pflicht, den Wohlthaͤter Deines Lebens mit einem Schwertſtreiche hinzurichten, weil er ein Reformirter iſt. Haſt Du auch das bedacht?“ „Martreu, Du zeigſt mir da Geſpen⸗ ſter, vor denen ich nicht erſchrecke, da ſie die Ausgeburten einer wilden Phankaſie ſind, die nur ſcheuchen, verwehren, zuruͤck⸗ jagen will. Koͤnnteſt Du von Deiner Julie laſſen?“—„Das konnte ich nicht, ſo lange noch ein Athem in mir waͤre,“ er⸗ wiederte der Comte.„Sie kennt mein Herz und ich das ihrer aber Dir iſt Johanna eine Fremde. Diamantene Bande der Liebe, welche die Zeit ſo feſt gemacht hat, ketten mich an ſie. Dich zieht das lockere Band der Sinnlichkeit nur zu dem Madchen. Und das ſchwöre ich zu dem Allmaͤchtigen, wuͤrde Julie eine Katholikin, ſo hielt ich mich jeder Pflicht gegen ſie entbunden.“—„Biſt Du nicht ein ſo wuͤthender Proteſtant, als Jene Katholiken ſind?“—„Fuͤr Wahrheit, Licht und Recht kaͤmpfe ich, und Jene?“— „Und wenn es das nicht iſt, ſo glauben's doch die Katholiken. Was Du aber von den lockern Bonden der Sinnlichkeit ſagſt, das koͤnnte mich verdrießen. Koͤmmt nicht edles, frommes, reines Gefuhl durch die Sinne in das Herz? Begeiſtert Dich nicht 1— der Anblick der herrlichen Natur und ſteigt, von ihr getragen, nicht Deine Seele him⸗ melwärts? Nur einer gemeinen Sinnlich⸗ keit beſchuldige mich nicht, ich haſſe ſie wie jede Suͤnde.“—„Und wenn das Ge⸗ ſicht der Marquiſe verbildet waͤre, wuͤrdeſt Du noch mit dieſem feurigen Verlangen Dich nach ihr hinſtrecken? Aber laß uns daruͤber nicht laͤnger rechten, es muß ein Jeder fuͤr ſich ſtehen, wohl dem, den im Leben keine That verdammt, die er durch alle Thraͤnen der Reue nicht ungeſchehen machen kann.“ „Vor mehreren Tagen,“ fuhr Martreu fort,„erhielt ich einen raͤthſelhaften Brief vom Marquis, jetzt aber iſt mir Alles aufge⸗ ſchloſſen und ich irre mich nicht, wenn ich Dir ins Geſicht ſage, Du mißbrauchteſt meinen Namen, um Dich in Chartreu ein⸗ zuſchleichen. Das hätteſt Du nicht thun dürfen. Ich denke, wer ſich einen falſchen Namen giebt, der hat kein gut Gewiſſen, will eine That, die er nicht billigen kann, auf fremde Rechnung ſchreiben laſſen. Das iſt nicht recht. Thateſt Du das?“— „Ich hab's gethan, in boͤſer Abſicht nicht, und nicht um Boͤſes zu verhuͤllen.“— „Mir aber iſt es ſchrecklich, daß der Mar⸗ quis glauben konnte, der Sohn des Man⸗ nes, der Angeſichts ſeiner ermordet wurde, den er retten konnte, ware im Stande, den Boden zu betreten, wo ſein Fuß in den Staub trat! Muß er nicht denken, daß mir der Vater als ein Richts erſcheint, wenn ich mich dem Orte nahete, wo der Mitſchuldige ſeines Todes hauſet? Er hat mir derb geſchrieben, und da ich un⸗ ſchuldig war, habe ich ihm derber noch ge⸗ antwortet. Beliebt dem Lahmarm ein Zweikampf, ſo ſtehe ich ihm mit Freuden zu Dienſten, um einen Mord zu raͤchen, der 6„Bruder,“ rief Franz aͤngſtlich aus, der wandelt nicht auf rechten Wegen, und — 174— „an den Warquis haſt Du geſchrieben? Himmel, meine Taͤuſchung iſt entdeckt! Das haͤtteſt Du nicht thun ſollen.“— „Franz, ich haͤtte es gethan, ein Kaiſer oder Koͤnig konnte es mir nicht verbieten, nur Gott vermochte es zu verhuͤten, wenn er mir den Verſtand raubte und die Hand lahm machte. Das Unrecht, das ein Katholik mir zuſügt, das bezahle ich mit gleicher Münze, es geſchieht aus Porſatz und nicht aus Uebereilung. Du durfteſt mir das Schreiben auch nicht unterſagen, die Pflicht der Freundſchaft fordert's nicht, Deinetwegen meine Khre auf's Spiel zu ſetzen. Aber ſiehſt Du wohl, was die Vor⸗ ſehung beginnt, um Deine Plane zu zer⸗ ſtören? Dein Geheimniß wird ſich fruͤh verrathen und es wird zertruͤmmern. Preiſe dafuͤr eine guͤtige Macht, die ſo oft ins Mittel tritt, und damit uns unſere Thor⸗ heiten nicht ärger ſchaden, ſie vereitelt.“ Als Franz den Kopf niederſenkie und . * ſeiner kaum mächtig war, fuhr Märtreu alſo fort:„Wiſſen es Deine Eltern und „Julie, daß ich in Chartreu war? Haſt Du's ihnen eingebildet?“—„Auch das habe ich, nur Julien entdeckte ich die Wahr⸗ heit.“—„Du verfuͤhrſt ſie alſo zur Ge⸗ heimnißkramerei gegen ihre Eltern und ſie laͤßt ſich durch Schweſterliebe beſtechen? Siehſt Du, wie eine Suͤnde die andere nach ſich zieht! Auch fuͤr die fremden biſt Du verantwortlich. Franz, verdirb mir meine Julie nicht, oder ich muß mit Ernſt gegen Dich auftreten. Alſo in Chartreu wäre ich geweſen und haͤtte Deine Eitern nicht beſucht! Iſt Martreu raſend, iſt er unſinnig, ſo muß Dein Vater denken, iſt er ohne Herz und Liebe, daß er nach Char⸗ treu geht und Hauteverd voruͤber reiſet? Wohnen hier Katholiken und dort Calvi⸗ niſten? Will er des Marquis Gunſt er⸗ betteln? Das Töchterchen heirathen? Mit Deinem Vater muß ich auf's Reine, und wenn Dein Blendwerk von Gluck in Nacht und Nebel untergeht. Heute ſchreibe ich nach Hauteverd oder ich reite ſelbſt hin.“ Durch Bitten und Flehen konnte Franz von ſeinem Freunde nur ſo viel erhalten, daß er mit dem Briefe noch eine Weile zögerte, und er gab ihm das heilige Ver⸗ ſprechen, zuerſt an ſeinen Vater zu ſchrei⸗ ben und ihm das Ganze aufzuklaͤren; aber Martreu ſetzte ihm einen beſtimmten Ter⸗ min, den er zu halten gelobte.„Abe,“ ſo bat Franz nochmals,„ſchreibe ja nicht in der Zwiſchenzeit und reiſe auch nicht hin.“ —„Glaubſt Du meinen Worten nicht mehr?“ ſagte Martreu.„Wann hielt ich Dir ein Verſprechen nicht? Lerne an die Treue und Redlichkeit eines Proteſtanten glauben, der ſeine Ehre in ſeinem Herzen trägt, Gott fuͤrchtet und den Teufel nicht ſcheuet. Franz war allein auf ſeinem Zimmer, aͤngſtlich, beſorgt und kummervoll. Schwatze, naͤchtliche Bilder umzogen das Morgen⸗ roth ſeiner Zukunft, bluͤhende Hoffnungen neigten ihr Haupt; aber bald ergriff ihJn die maͤchtige Liebe wieder, er durchflog alle Himmel mit dem Gefuͤhl eines liebenden Herzens und ſah Verdruß, Zweifel und Furcht unter ſeinen Fuͤßen. Er hielt es fuͤr das gerathenſte, an die Marquiſe zu ſchreiben und ihr das ganze Geheimniß zu entdecken. Ehe er den Brief vollendet hatte, traf ein Schreiben von ſeiner Schweſter mit den wenigen Zeilen ein, die Johanna in Chartreu an ihn geſchrieben hatte. Eine groͤßere Freude konnte ihm nicht be⸗ gegnen. Er ſah ſich von dem ſchoͤnſten Maͤdchen geliebt, das er abgoͤttiſch anbetete. Franz de Montremi wußte es in der peinlichſten Verlegenheit kaum, welche Maß⸗ regel er zuerſt ergreifen ſollte, um ſeinen Gemuͤthszuſtand, der in dem widernatür⸗ lichſten Gedraͤnge war, zu erleichtern. Wie drohend erſchien ihm ſein liebſter Freund, — 178— wenn er einer Liebe nicht entſagte, die ſeine ganze Seele füllte, von der er ſich ſchwerer als von der Welt und dem Leben ſcheiden konnte. Daß ſein Vater und ſeine uͤbrigen Verwandten, die alle dem reformirten Glau⸗ bensbekenntniß angehoͤrten, die ihn ſo werth hielten, ihr Wglichſtes aufbieten wuͤrden, ihm die Verbindung mit einer Katholikin zu verleiden und der Marquis ſelbſt ſein erklärter Gegner war, das Alles und Meh⸗ reres erwog Franz bedaͤchtig; aber es blieb ihm keine Wahl, ſeine Nigung hatte ent⸗ ſchieden und dabei ſollte es bleiben, ob es zum Leben oder zum Tode fuͤhrte. Das Geluͤbde aber gab er Gott und beſchwor es bei ſeiner Seligkeit, Johannen zu entſagen, wenn“ er ſie nur unter der Bedingung zur Gattin erhalten koͤnnte, daß er ſeiner Con⸗ feſſion untreu wuͤrde und ſich der katholi⸗ ſchen Kirche anbinden ließ. Alles, Alles gegen ſeine Liebe gerechnet, kam ihm weder ſo groß noch wichtig vor, daß er das Widerſprechende, Abrathende und Warnende — 179— deſſelben als das groͤßte Hinderniß haͤtte fuͤrchten ſollen; aber das fuͤhlte er in ſei⸗ nem Innerſten, das Heiligſte was er hatte, das Göoͤttliche was er ehrte, das himmliſche Licht was ihn erleuchtete und erwaͤrmte, die Religion, wie ſie im Gegenſatze der Katholiken nnten, konnte er fuͤr ein irdiſches Gefuͤhl, was ſeine Bruſt umſchloß, was nur fuͤr die kurze Zeit des Erdenlebens beſtand, was dem Wandel unterlag und jenſeit eine ganz andere, reinere Geſtalt gewann, nicht hin⸗ geben. Das, ſo ſchmeichelte er ſich, wuͤrde auch Johanna nicht von ihm fordern. Als er ſich einigermaßen geſammelt hatte und ruhiger geworden war, ſette er den angefangenen Brief an die Marquiſe fort und endete ſo:„Eben erhalte ich die ſchriftliche Gewißheit, daß ich auch von Ihrer Tochter geliebt werde. Welches Ent⸗ Zuͤcken mich bei dieſer Nachricht uͤberwältigt, kann ich nicht beſchreiben; aber ohne Ihre Erlaubniß werde ich an meine Johanna keine Zeile ſchreiben. Seyn Sie uns eine gutig rathende Mutter. Bedenken Sie, daß Sie ſich fuͤr Ihre Kinder verwenden. Auch ſtarke Seelen, mit denen wir zu kaͤmpfen haben, laſſen ſich endlich zum Nachgeben erweichen, das hoffe ich zu der guͤtigen Macht des Gottes, der die Men⸗ ſchenherzen wie Waſſerbaͤche lenkt ꝛc. Der Brief wurde abgeſandt und ſehn⸗ ſuchtsvoll ſah er einer Antwort entgegen, die ihn aber doch, ſo guͤnſtig ſie auch ausfiel, ſeinem Ziele nicht naͤher fuͤhren konnte. Er war nur wenige Tage in Paris, die er, ſeine militairiſchen Verrichtungen abgerechnet, wie ein Gefangener auf ſeinem Zimmer zubrachte, als der Brief von ſei⸗ nem Vater ankam. Der Inhalt deſſelben erſchutterte ihn nicht, er ſah darin den be⸗ ſonnenen, ruhigen Vater, der ihn auf⸗ — 181— forderte, daß er ihm auf verſchiedene Punkte eine beſtimmte Antwort geben ſollte. Er wollte es mit der ganzen Redlichkeit eines Sohnes thun, der das vaͤterliche An⸗ ſehen ehrt, ihn beſaͤnftigen und die Wolken eines gerechten Unwillens zerſtreuen will. Daß er durch Bitten und Ergebenheit Alles bei dem Vater ausrichten konnte, und daß er ihn, wenn er ſich trotzig und eigenmaͤch⸗ tig nahm, empoͤren wuͤrde, wußte Franz aus vielfacher Erfahrung. Um aber ſeinem Schreiben ein größeres Gewicht zu geben und den gutigen Vater deſto gewiſſer auf ſeine Seite zu ziehen, wollte er ſich die Fürſprache ſeines Verwandten, des Admirals Coligni erbitten, der bei ſeinem Vater in großem Anſehen ſtand, fuͤr den er eine achtungs⸗ volle Freundſchaft fuͤhlte, dem er gewiß keine Bitte abſchlug. Daß der Abmiral ihm ſeinen Beiſtand nicht verſagen werde, das hoffte er um ſo gewiſſer, da er ihm bei mehreren Gelegenheiten ein ruͤhmliches * — 182— Zeugniß und Beweiſe ſeiner vaͤterlichen Liebe gegeben hatte. Coligni, der die Sache der Calviniſten, wenn auch nicht immer mit dem gluͤcklich⸗ ſten Erfolg, ſo ritterlich verfochten hatte, fuͤrchtete jetzt mit den Haͤuptern ſeiner Parthei von den Guiſen und ihren An⸗ haͤngern, die den Katholicismus vertheidig⸗ ten, ſeit ein allgemeiner Friede geſchloſſen war, nichts mehr. Unter den ſchmeichel⸗ hafteſten Verſicherungen der Liebe und der Verehrung wußte ihn Carl IX. an den Hof hinzuziehen und uͤberhaͤufte ihn mit Beweiſen einer koͤniglichen Gnade. Dort ſchien aller Streit der feindlichen Religions⸗ partheien beigelegt zu ſeyn und der gegen⸗ ſeitige Haß der Katholiken und Reformir⸗ ten ſich in friedliche Achtung zu verwan⸗ deln. Der Foͤnig horte auf Coligni's Rath und ſeine Beſchluͤſſe kamen in Aus⸗ uͤbung. Viele ahneten das Grab, das im S und Beels grub, er wure ge⸗ ————— — 6— warnt, aber der redliche Mann verwarf ſolche Warnungen als die Fruͤchte eines falſchen M htrauens, und ſchloß ſich feſter an den Hof und den König an, der ihn heuchlerilch ſogar Vater nannte. Selbſt. den Reformirten, die ihn ſo hoch ehrten, mußte in dieſer Zeit ſein Charakter zweifel⸗ haft werden, und ſie wurden ungewiß, was ſie von ihm halten ſollten. Er. aber ließ ſich durch dergleichen nachtheilige Urtheile, die ihm zu Ohren kamen, nicht irre machen, behauptete fortgeſetzt ſeine Stellung, ſein Betragen, in der feſten Ueberzeugung, daß er nur dadurch ſeinen Glaubensgenoſſen erſprießliche Dienſte thun könne. Franz glaubte dem ahgemeinen Geruͤchte, daß Coligni die Grenzen des Calvinismus und Katholicismus nicht mehr ſo ſcharf be⸗ zeichne, daß er ſie nicht mehr in ſo ſtren⸗ gen Gegenſatz gegen einander ſtelle, darum betrog ihn die Hoffnung, der Admiral werde viel mehr fuͤr, als gegen die Verbin⸗ ng mit einer Katholikin ſtimmen. — 184— WDer Admiral, als er zu ihm in den Stunden kam, wo er ihn unbeſchäftige wußte, empfing ihn mit gewohnter Freund⸗ lichkeit und mit der Liebe, durch die er ſeine achtungswerthen Verwandten immer auszeichnete. Er that verſchiedene Fragen nach den Eltern des jungen Comte und nach Julien.„Nun,“ ſagte er mit einer Miene, von der man nicht wußte, ob ſie ernſt oder freundlich war,„hat Dein Vater Umgang mit dem Marquis de Vetruͤn? Wie es hier verlautet, verließ er den Hof und die Hauptſtadt, um ſeine zerruͤtteten Finanzen auf dem Lande wieder in Ord⸗ nung zu bringen. Er iſt ein kluger Mann. Ob er aber zum Geſellſchafter fuͤr Deinen Vater taugt, das muß ich bezweifeln, da er ſich nicht enthalten kann, mit ſeinem Katholicis mus gegen Reformirte immer rauh und ſtechend hervorzutreten, und das ver⸗ traͤgt ein Montremi nicht. Seine Frau iſt ſehr liebenswuͤrdig, ſanften Gemuͤths, ohne gehaͤßigen Partheigeiſt, aber ſie vermochte — 185— es doch nicht, den wilden Schwaͤrmer, der für ſeinen Glauben glüht, milder zu ſim⸗ men. Der Mann verkennt den jetzigen Zeitgeiſt und kaͤmpft mit unſinnigem Eifer gegen ihn. Es iſt die Periode eingetreten, wo Niemand ſeine Kirche auf Unkoſten der andern geltend machen ſoll, wo Buͤrger friedlich bei einander wohnen, und Jeder nach ſeiner Religionsweiſe Gott verehrt. Wir haben die Waffen niedergelegt, und Niemand ſoll durch den Streit der Meinun⸗ gen, die oft der Rede nicht werth ſind, ein Feuer anzuͤnden, das die Gemuͤther wieder in Harniſch jagt und zu neuem Blutver⸗ gießen veranlaßt. Mit reſpektabeln Katho⸗ liken, denen man es nicht anſieht, daß ſie den Namen Ketzer auf den Lippen tragen und den Fluch der Verdammniß im Herzen, gehe ich gern, und ich zweifele nicht, daß ſie meine Freunde ſind, und glaube, ſie meinen es aufrichtig. Haſt Du von dem Marquis nicht gehoͤrt? Neulich noch, bei offener Tafel, erwaͤhnte die Koͤnigin 3. — 186— ſeiner ſchönen Tochter, ſie ſoll Johanna heißen. Sie ſcheint es unangenehm zu fuͤhlen, daß die Marquiſe nicht mehr im Zirkel ihrer Vertrauten iſt, und ich ver⸗ muthe faſt, daß ſie die Familie nach Paris zuruͤckzieht, auch wenn es dem Staate Opfer koſten ſollte. Ich ließ Dich nicht zu Worte kommen, nun rede Du.“ „In Hauteverd iſt der Marquis noch nicht geweſen,“ ſagte Franz,„das hat mei⸗ nem Vater ſehr gewundert, der ſich an ſeine Jugendfreundſchaft mit ihm immer noch gern erinnert. Aus einem Briefe von meiner Schweſter erſehe ich's aber, die Freunde haben ſich gegenſeitig beſucht und Unangenehmes muß unter ihnen nicht vor⸗ gefallen ſeyn, ſonſt haͤtte mit Julie das gemeldet.“—„Dies wird bei einer ober⸗ fläͤchlichen Beruͤhrung auch nſcht Statt fin⸗ den,“ ſagte der Admiral,„denn beide Maͤn⸗ ner ſind vorſichtig und klug, und ehe es zur nihern Pertrußlichteit koͤmmt, wo die ——— „ — 187— Widerſpruͤche liegen, wo die Scheidewege ſind, vermuthe ich, iſt der Marquis wieder in Paris. Wie es der Mann in Chartreu, die Frau und Tochter ka aushalten! Ein ₰ zwingendes Geſetz der Noth muß gebieten.“ „Ein Mal,“ ſprach Franz,„ohne Wiſ⸗ ſen meiner Eltern, war ich in Chartreu, unter einem falſchen Namen, um nicht er⸗ kannt zu werden. Nicht Neugierde, denn ich hatte die ſchoͤne Johanna, die Tochter des Marquis, auf einem Balle in Paris geſehen, aber Neigung und eine Liebe, die keine Grenzen hat, zog mich dahin. Mein Beſuch, der geheim bleiben ſollte, iſt zur Kenntniß meines Vaters gekommen, wie, das weiß ich nicht. In einem Brieſe, den ich von ihm erhielt, wuͤnſcht er nur, daß ich ihm eine beſtimmte Erklaͤrung uͤber den Beweggrund geben ſoll, der mich ſo heimlich nach Chartreu hinfuͤhrte. Er ſcheint ihn nicht bloß zu ahnen, ſondern zu wiſſen, aber er will die Wahrheit von mir ſelbſt — 183— erfahren. Der rebliche, ahtungsbole, dank⸗ bare Sohn darf ſeinem Vater nichts ver⸗ ſchweigen, und ſo werde ich ihm ſchreiben, daß ich mir dieſe Johanna, die mich liebt, als Gattin auserkohren habe und ihn um ſeine Zuſtimmung bitten. Aber, erlauben Sie, daß ich nun von dem Wichtigen rede, was mich juſt heute hierher fuͤhrte.. „Franz,“ ſagte der Admiral und auf ſeiner Stirn zeigten ſich die Falten eines erzuͤrnten Unmuthes,„Du haſt mir ſo viel geſagt, ſoll ich's wichtig oder unwichtig nennen, ich weiß es nicht, daß ich genug habe und nicht mehr hoͤren mag. Wenn mir ein Fremder das von Dir erzählte, was Du von Dir ſelber ſo offen und dreiſt, ſo ohne Scheu und Erröthen erzählen kannſt, als einen Wahnſinnigen oder als einen haͤmiſchen Verläumder wurde ich ihn abfertigen und von mir ſtoßen. Wie er⸗ ſcheinſt Du mir in dem Bilde, das Du von Dir ſelbſt entwarfeſt! So abſchreckend — 189— und widrig, daß ich Dich kaum anſehen kann. Taͤuſchung, Betrug, Liſt, Gewiſſen⸗ loſigkeit und Unſinn erblicke ich nut! Kann Leidenſchaft die Vernunft ſo verkehren! Junger Menſch, laß Dich warnen, Du baſt einen gefaͤhrlichen Weg betreten, er wird Dich verderben und Jammer und Wehklage uͤber Viele bringen, denen Du Freude, Liebe und Dank ſchuldig biſt. Schreibe Deinem Vater, daß ich Dir zurne, das iſt die einzige Rechtfertigung, die Du mir bei ihm ſchuldig biſt, wenn Du ihm meldeſt, daß Du mich beſuchteſt. Kannſt Du nicht mit anderer Geſinnung zu mir kommen, ſo betritt die Schwelle meines Hauſes nie wieder. Fuͤr Dich habe ich kein Ohr, keine Zeit und keine Fuͤrbitte. Ehe Dein Brief in Hauteverd ankoͤmmt, iſt der meine dort. Wir haͤtten nun genug mit einander geſprochen und tönneß uns trennen.“— „Spricht das der große Coligni?“ ſagte Franz.„Nein, das ſpricht er nicht, das iſt ein anderer Geiſt, der aus ihm redet. Ein Jüngling, ohne Falſch und Heuchelei, naht ſich mit Vertrauen und Liebe, um ſeinen Rath zu hren, ſeine Füu⸗ ſprache zu erbitten, und dieſen ſchleudert er im Zorn von ſich, als ob er ein Ver⸗ brecher waͤre. Hat er es nie gefuͤhlt das Feuer einer frommen Liebe, von Gott uns in dem Herzen ſelber angezuͤndet, geboten durch ſein heilig Wort, das ſpricht, der Mann wird Vater und Mutter verlaſſen und dem Weibe anhangen? Wäre ich darum nur ſtrafbar, daß meine Neigung auf eine Katholikin ſiel? Ach, dieſe innere, geheime Macht, die die Geſchlechter an ein⸗ ander zieht, ſie laͤßt ſich nicht durch jene Formen der verſchiedenen Religionsweiſen, die von menſchlicher Erfindung gekuͤnſtelt ſind, bezwingen, ſie ſtrebt ſich frei von jeder Feſſel zu erhalten und fliegt, was Tauſende auch dawider reden, dem geliebten Gegen⸗ ſtande in die Arme. Selbſt dem Böͤſen, —— der aus Irrthum oder Schwachheit fehlt, ſollen wir mit bruͤderlicher Liebe helfen, auf daß er nicht in den Abgrund ſeiner Laſter ſinkt, und häͤtten keine Guͤte, kein Mit— leid fuͤr den, der recht zu handeln glaubt, der nur nach unſerm Vorurtheil und unſerm Glauben fehlt. Stehen wrr einſt vor des Richters Throne, Alle, ſey's Jude, Katholik, ſey's Calviniſt und Mahomedaner, nicht nach der Sekte, der wir a gehoͤrten, wird dann der Hoͤchſte fragen, und ſie uns, in der wir geboren und erzogen, zu der wir von Jugend an gewoͤhnt wurden, zum be⸗ ſondern Verdienſte anrechnen, ſondern wie unſere Tugend, unſere Froͤmmigkeit geartet iſt, und ob wir folgſam das Gebotene thaten. Dies iſt mein Glaube und den werde ich vor aller Welt nicht verleugnen. Adieu, Herr Admiral, ich will Sie nie mit einer Bitte wieder beſchweren, ich kenne nun die Grenzen Ihrer Liebe gegen mich, und das Vertrauen, das ich zu Ihrer Guͤte hegte, es hat mich ſchwer getaͤuſcht.“ 12 Franz ſenkte den Blick zur Erde nieder, eine Trauerwolke lag auf ſeiner Stirn, er wollte gehen. Die maͤnnliche Kraft, die der Lungling zeigte, die edle Dreiſtigkeit, mit der er in ſeiner eigenen Sache ſprach, der Muth, mit dem er ſich uͤber ſein Schickſal zu erheben ſchien, das Licht, das aus ſeinen Augen blitzte, dies Alles ergriff den Admiral und ruͤhrte ihn zugleich. Ei⸗ nen jungen Mann, der eine ſolche Sprache reden konnte, wollte er nicht im Zorn von ſich gehen laſſen, er ergriff ihn bei der Hand, ſchuttelte ſie, ſah ihm mit einem Laͤcheln ins Geſicht, in dem zugleich Wuͤrde und Ernſt lag:„Du biſt ja Deiner Sache ſehr gewiß, wie alle unerfahrne, die es mit dem Schickſale noch nicht verſuchten“ ſprach der Admiral.„Soll ich Deiner Leidenſchaft ſchmeicheln? Die Wahrheit haſt Du mir ſehr uͤbel genommen. Mir iſt es leichter zu verzeihen, als zu beleidi⸗ gen. darum bitte ich, rede, was iſt Dein Verlangen? Der guten St entzog — 193— meine Kraft nie, aber an zweifelhaften, ungewiſſen Dingen vergeudete ich ſie nicht. Was willſt Du, Schwaͤrmer in der Liebe!“* Als es Franz wohl merkle, daß der Abmiral gutiger geſtimmt war, und daß die dreiſte Sprache der Wahrheit das Un⸗ geſtum des großen Mannes beſchwichtigt hatte, ſprach er:„Nichts, als daß Sie mei⸗ nen Vater guͤtig ſtimmen, wenn ich die Bitte an ihn wage, Johanna's Hand in die meine zu legen.„Das, Franz, iſt genug, es iſt mehr als ich leiſten kann, es iſt Vergebliches. Dein Vater hat ſeinen Kopf fuͤr ſich und folgt nur ſeinem Willen. In ſeiner Achtung moͤchte ich nicht verlie⸗ ren. Was ihm Recht ſcheint, das wird er thun und wahlen und ſeine Entſcheidung, wird kein König und Kaiſer anders be⸗ ſmmen. Wage Du zuerſt den Verſuch, Sſetze mich mit ſeinem Erfolg in Bekannt⸗ ſchaft, und dann will ich zuſehen, was ich — 194— wirkeil kann. Denkt aber Dein Vater, wie ich glaube, ſo koͤnnte ich Dich der Muͤhe uͤberheben, nach ſeiner Antwort ihn zu fragen, ſein Beſcheid iſt: mein Sohn ſoll ſich mit einer Katholikin nie vermaͤhlen, deren Vater, wie ein Saulus einſt, die Cal⸗ viniſten verfolgt, wo er die Gelegenheit dazu findet, die er auch wohl ſucht.“— „Ob mir der Vater einen ſolchen Beſcheid geben wird, das iſt die Frage,“ ſagte Franz, „es iſt mir kein fremdes, es iſt meines Vaters Herz, und die Mutter ſteht mit ihrer Mutterliebe, die ſich nie verleugnen kann, ihm zur Seite.“ „ Die Marquiſe erhielt den Brief von dem jungen Comte, ſie las ihn nicht ohne Ruͤhrung, verbarg ihn aber vor dem Marquis* und ihrer Tochter ſorgſam. Sie antwor⸗ tete ſogleich wieder und ihr Rath war kein — 195— anderer, als daß er die Hoffnung, je mit Johannen verbunden zu werden, aufgeben müſſe, da die kleinſte Wahrſcheinlichkeit nicht vorhanden ſey, daß die Verbindung zu Stande käme. Durch ſeine Beharrlich⸗ keit werde er ſich nur ungluͤcklich machen und vielleicht auch Johannen, die er ſchonen muͤſſe, wenn ſeine Liebe rechter Art ſey. Der Marquis habe einen ganz andern Plan mit ſeiner Tochter, und er werde ihn dann am wenigſten aufgeben, wenn er er⸗ fuͤhre, daß ein Nichtkatholik Abſichten auf ſie habe. Sie meine es gewiß aufrichtig, daß ſie ihn warne. Alle Correſpondenz mit ihm muͤſſe ſie ſich verbitten, da einer ſeiner Briefe in die Hände des Marquis gerathen konne, der dann unabſehbares Un⸗ heil anrichten und Gram und Verdruß über Uunſchuldige bringen tönne. Franz hatte einen weitlaͤufigen Brief an ſeinen Vater geſchrieben, in dem er ihm waht und auftichtig ſein Verhaltniß dar⸗ — 106— ſtllte, in dem er mit Johannen ſtand. Er bat ihn in einer kraͤftigen Sprache, ohne Furcht und Scheu, wie einer, der ſich einer guten Sache bewußt iſt, ihm ſeine Zuſtim⸗ mung nicht zu verweigern. Er ſandte ſei⸗ nen Reitknecht mit dem Schreiben ab, der es dem Comte an einem Tage uͤberreichte, wo ſeine Seele in einer heiligen Stimmung war. Er war in der Kirche und zum Abendmahl geweſen. Der Brief, als er auf ſeine Frage die Antwort von dem Boten erhielt, ob Franz geſund ſey, es fehle ihm nichts, wurde in einen Schrank verſchloſſen und der Comte ging nach dem Betzimmer, um einſam und ungeſtoͤrt ſeine Andacht fortzuſetzen. Er kniete da vor dem Herrn aller Herren nieder, betete und that heilige Geluͤhbde. Hier waren uberhaupt die köſtlichen Augenblicke ſeines Lebens, wo er des Irdiſchen vergaß und ganz Geiſt und Seele wurde; hier fand er ſeinen Troſt im Schmerze; hier ſeine Waffen, das Laſter zu beſtreiten und die Kraft zu jeder Tugend; ——* hier wurde ſeine Hoffnung immer lichter, daß den Pilger hienieden ein ewiges und beſſeres Leben erwartet. Oft verſammelten ſich die Seinen, ſeine Hausgenoſſen in die⸗ ſem Zimmer, da wurden Geſänge ange⸗ ſtimmt, und er war der Prieſter, welcher Worte des Lebens redete. Ehrwuͤrdiger wurde ein ſolcher Vater ſeiner Familie wie ein Heiliger geachtet, wandelte er vor ſei⸗ nem Geſinde. Dieſe herrliche Sitte, die unter unſern Zeitgenoſſen vielleicht nur in einzelnen Haͤuſern der Gemeinen, nicht aber in den Palläſten der Vornehmen, noch in den Wohnungen der ſogenannten Ge⸗ lehrten gefunden wird, iſt faſt in der Chriſtenheit verſchwunden, wie ein aus der Mode gekommenes Ding. Ach, und ſo manches Gemuͤth, das ohne Gott und Religion, ohne fromme Grundſätze iſt, ver⸗ wildert immer mehr. Für Spieltiſche und Trinkgelage, für Tanz und Theaterpoſſen hat Jeder Geld und Zeit; aber fuͤr haͤus⸗ liche Erbauung, fur Erhebung des Geiſtes ——— v zur Andacht, fuͤr wahre Veredlung des Herzens und Heiligung des innern Menſchen fehlt ſie. Als der Comte aus dem Betzimmer kam, ſagte ſeine Gattin:„Franz hat einen Brief an Dich geſchrieben, ich bin ſehr neugierig, was er enthaͤlt, da er ihn ſo eilig mit ſeinem Reitknechte ſchickt. Ich habe mit Julien den Menſchen ausgefragt, er konnte mir nichts Beſonderes von ſei⸗ nem Herrn ſagen.“— Der Comte ſchuͤt⸗ telte mit dem Kopfe, machte ein gar ernſtes Geſicht und ſagte bedenklich;„Ich glaube nicht, daß mich diesmal meine Ahnung truͤgt, der Brief enthaͤlt nichts Erfreuliches, denkt an mich. Die ſchöne Katholikin in Chartreu hat ihm den Kopf verruͤckt, und er wird nicht ſo leicht zur Vernunſt zuruͤck⸗ kehren. Es iſt eine gar birtere Erfahrung, wenn Eltern an ihren Kindern Leid ſtatt Freude erleben. Wollen doch den Brief leſen.“„. Dem Anſcheine nach öffnete e— 109— er ihn mit einer Ruhe, woruber ſich ſeine Gattin ſelbſt wunderte. Julien flog vor Angſt die Bruſt auf und nieder, ſie zitterte fuͤr die Liebe ihres theuern Bruders. Ohne Unterbrechung las der Comte den Brief vom Anfange bis zum Ende und ſagte dann:„Was ich fuͤrchtete iſt einge⸗ troffen. Male Du nur Deine Liebe mit den ſchoͤnſten Farben, mir erſcheint ſie doch als ein abſchreckendes Geſpenſt! Ich moͤchte den Brief, mit Anmerkungen begleitet, dem Marquis zuſchicken, der wird dem unſinni⸗ gen Thoren eine Antwort geben, die eine Arznei enthaͤlt, welche ihn von ſeiner Raſerei am erſten heilt. Aber wie erfuhr „ er's denn, daß die Katholikin, die mit ihm ſchwaͤrmt, ihn liebt und ſeine Neigung er⸗ wiedert? Waͤre ich unter den Meinen ver⸗ rathen, haͤtte man mit ihm ein Complott gegen mich geſchmieder? Du, Julie—“— Sie zitterte, ſie erroͤthete, ſie verſchwieg kein Wort, ſie geſtand was ſie wußte und „ — 200— bat fuͤr ihren Bruder.—„Wenn Mar⸗ treu dieſe Bitte hoͤrte, den der Name Vetruͤn an den Mord ſeines theuern Va⸗ ters erinnert, ob er Dich dann wie ein Bruder noch lieben könnte? Du begingſt aus Schwachheit eine Suͤnde gegen Deinen Vater, die will ich Dir verzeihen, wenn Du mir ſchwörſt, keinen Antheil an einer Sache mehr zu nehmen, die nur Böſes an⸗ richtet und nie zum Ziele kömmt. Läßt ſich's der Marquis gefallen, daß ſeine Tochter Gott nach der Weiſe Jeſu verehrt, wie ihn unſere Glaubensgenoſſen anbeten, ſo erklaͤre ich mich willig, meinem Sohne das Jawort zu geben, ehe aber das ge⸗ ſchieht, werden eher Meere austrocknen und Huͤgel ſich zu Thaͤlern niederſenken. Hätte mir doch mit! dieſem Sohne kein grö⸗ ßeres Ungluͤck begegnen koͤnnen! Und,“ fragte er ſeine Gattin,„habe ich Recht? Verletze ich nicht meine Vaterpflicht? Treibt mich die Abneigung gegen die Kafholiken nicht zu weic? Gern laſſe ich mich be⸗ —— lehren. Wir Erdenwuͤrmer tappen Alle im Finſtern, und bei offenbaren Fehlgriffen glauben wir oft nicht gefehlt zu haben.“— „Du handelſt recht,“ ſagte ſeine Gattin, „und ich bin ganz auf Deiner Seite. Fuͤr Franz kann ich nicht bitten. Er bekaͤmpfe ſich, er richte ſich nach ſeines Vaters Rath, und will er eigenmaͤchtig handeln, ſo iſt die Strafe ſeine Schuld.“—„Wirſt Du Dir freu bleiben, Du weiches, zartes Mut⸗ terherz, wenn Dein Blut ſich abkuͤhlt und Du den leidenden Sohn auf den Knien vor Dir liegen ſiehſt, der Dich um Bei⸗ ſtand anfleht? Wirſt Du Deine Liebe nie aufbieten, meine Grundſaͤtze umzuſtoßen und mich in meinen Entſchluͤſſen wankend zu machen?“—„Nie, nie, das ſchwé. 4 —„Schwoͤre nicht, der Menſch wird in Lagen gepreßt, wo er ſeiner nicht mehr mächtig iſt, aber dann, dann, mein Weib, Du treue Glaubensgefahrtin, dann zürne mir nicht, dann nenne mich nicht hart, wenn ich kalt wie das Eismeer, unerſchuͤt⸗ — nt wie unſere Felſen und ungebeugt wie dicke Mauern daſtehe. Er darf, er ſoll⸗ ſeinen Willen nicht haben er muß folgen, der verblendete Sohn, und wenn ſeine un⸗ erfuͤllte Hoffnung ihm den Dolch in die Hand gaͤbe, ſein Leben abzukuͤrzen. Ster⸗ ben kann ich ihn ſehen und werde mich troͤſten, aber ihn an der Seite eines katho⸗ liſchen Weibes der Gefahr ausgeſetzt zu wiſſen, daß er ſich beſchmeicheln laͤßt, ein Katholik zu werden, nein, dos wurde ich nicht uͤberleben. Welch ein Leben euch nun theurer iſt, das fragt euch ſelbſt!“ Die ganze Antwort des Comte an ſeinen Sohn war;„Wichtige Angelegen⸗ heiten laſſen ſich muͤndlich am beſten be⸗ ſprechen, daher lade ich Dich ein, von jetzt an nach vier Wochen, nicht fruͤher, nach Hauteverd zu kommen. usber in der Zeit, was Du thun willſt, ich erwarte be⸗ ſtimmten Beſcheid. Einen zweiten Brief ſchicke mir nicht, er iſt vergebens Werk, „₰ — 203— denn 6 wuͤrde ihn auf keinen Fall beant⸗ worten.“ Selten, ſehr ſelten, ganz wider ihre ſonſtige Gewohnheit, ſahen ſich jetzt die Ju⸗ gendfreunde, Franz und Carl de Martreu. — konnte ſeinem Freunde nicht ver⸗ zeihen, daß er ſich, gewiß gegen den Willen ſeiner Eltern, mit einer Katholikin verhei⸗ rathen wollte, welche uͤberdies die Tochter eines Mannes war, mit dem ſein Herz ſich nicht verſoͤhnen konnte, ob es auch feſter Entſchluß bei ihm war, ihn auf keine Weiſe perſönlich zu kränken. Nur zu bekannt hatte ſich der Marquis vor der Schlacht von Jvernac gemacht, daß er aus ſeiner Taſche mehrere Reiter beſoldete, die er mit geheimen, ſuͤr einige vornehme Calpiniſten gefährlichen Inſtructionen verſah, um durch ſie im Krieſe Roͤrderiſches zu vollziehen, woran ihn ſein lahmer Arm hinderte. Die Nachricht, daß der Prinz Conds in be⸗ nannter Schlacht, das Oberhaupt der Cal⸗ — 204— viniſten, gefallen war, riß ihn zu Freude⸗ bezeigungen fort, wodurch ſelbſt gemaͤßig⸗ tere Katholiken empört wurden. Er nahm den jungen Hauptmann Montesquien, der an Conde die Schande verubte, daß er ihn erſchoß, da er ſchon als Gefangener in den Haͤnden ſeiner Feinde war, auf's glaͤnzendſte in ſeinem Hauſe auf, ſtellte ihm zu Ehren ein feſtliches Mahl an, ſchenkte ihm einen goldenen Degen, bat um ſeine Freundſchaft und ſicherte ihm die Gewaͤhrung jeder Bitte zu, wenn die Er⸗ fuͤllung derſelben in Kraͤſten ſtehe. In der Verſammlung der Gaͤſte ſagte Mon⸗ tesquien, der die aufbluͤhende, ſchone Jo⸗ banna als die Tochter des Hauſes kennen lernte:„Herr Marquis, halten Sie Wort, wenn ich Sie an ein Verſprechen erinnere, was mir Ihre Gute heute gab.“ DDieſes ungeſtum, dieſer Haß und Verfolgungsgeiſt des Marquis gegen die Reformirten, den er zu öffentlich verrathen * hatte, war es insbeſondere, der ihn dem Comte de Martreu zum Gegenſtande des Abſcheues machte, daß ihm jede Annahe⸗ rung zu irgend einer Verbindung oder Ver⸗ wandtſchaft mit ihm ein Graͤuel ſchien, dies Alles gab er ſeinem Freunde zu be⸗ benken, und daß ihre Liebe dadurch geſtört werden wuͤrde, aber dieſer erwiederte: „Wenn der Vater geſuͤndigt hat, ſo iſt darum die Tochter nicht ſchuldig, ſie ver⸗ dient Mitleid vielmehr und iſt zu bedauern, daß ſie einen ſolchen Vater hat. Sie kann ich lieben, wenn ich auch ihn ver⸗ abſcheue.“ Carl de Martreu hatte einen langen Brief an ſeine Julie geſchrieben, in dem er ihr insbeſondere ſeinen Schmerz uber Franzens Plan ſchilderte.„Gott weiß es,“ ſprach er,„daß ich keinen Katholiken ſeiner Religionsweiſe wegen haſſe, wenn er nur nicht ſeinen Eifer ſo weit ausdehnt, daß er ungerecht und verfolgungsſuͤchtig wie dieſer — 206— WMarquis wird, der ohne Menſchenliebe iſt und die beſſern Gefuͤhle des menſchlichen Herzens, die auch dem Heiden nicht fremd ſind abgelegt hat. Gern geſtehe ich meine Schwaͤche, daß ich mir weder Liebe noch Vertrauen gegen ihn anzwingen kann. Die Freundſchaft und das Wohlwollen eines ſolchen Mannes läßt ſich nur durch Verbrechen gewinnen und dadurch, daß man ſeinen eigenen Glauben abſchwört, ein Katholik wird und auf die Jagd geht, die Zahl der Proſelyten, d. h. abſcheulicher Abtruͤnniger zu vermehren. Deſſen Tochter will Franz zu ſeiner Gattin nehmen! Mit welcher Schmach denkt er ſich zu bedecken! Liebe Julie, von ganzem Herzen bitte ich Dich, fliehe allen Antheil an dieſem Ver⸗ paͤltniſſe, in das ſich Franz mit der Katho⸗ likin ſetzen will; ließeſt Du Dich mit in daſſelbe verwickeln, mein Glaube an Deine Guͤte, meine Liebe zu Dir würde ſcheitern, und ich weiß nicht, zu welchem Schrite Du mich zwingen wuͤrdeſt. Gewiß, Deine Eltern trauern mit mir uͤber einen Sohn, der, ihre Hoffnungen getäuſcht hat, der ihnen die Gefahr droht, ſich von ihnen los⸗ ſagen zu muͤſſen, ihr Kummer aͤngſtigt mein Herz. So wehe mir's thut, mich von Franz zu entfernen, der meinen Vorſtellun⸗ gen kein Geyor giebt, der feſt auf ſeinem Entſchluſſe beharrt, ich muß es, ich bin es meiner Ehre und meinem Gewiſſen ſchul⸗ dig. Ach, wer hätte in unſerer Familie je die Möglichkeit eines ſolchen Ungluͤcks ge⸗ ahnet, wer es geglaubt, daß Franz auf die Reinheit ſeines oͤffentlichen Religionsbe⸗ kenntniſſes ein ſo geringes Gewicht legte! Wie gefaͤhrlich iſt uns eine heſtige Leiden⸗ ſchaft, die den Verſtand, das fromme Ge⸗ fuͤhl uberwaͤltigt und heilige Verpflichtungen mit Fuͤßen tritt... Ich bitte Dich, meide Chartreu.“„ Julie gab den Eltern Martreu's Brief zum Leſen und der Comte ſagte:„Carl hat Recht. Vor allem befolge die Lehre, ſo — 26— ſchwer ſie Dir auch wird, daß Du den Umgang und jede Verbindung mit der jungen Marquiſe, dieſer Unglucksbraut, auf⸗ hebſt, Du koͤnnteſt ſonſt die Achtung und die Liebe eines Juͤnglings verlieren, der Dir theuer ſeyn muß, der mir jetzt mehr gilt als der unbeſonnene Franz.“ 5 Der Comte machte Anſtalten, mit den Seinen auf ein kleineres Landgut zu ziehen, das bei Rouen lag und ihm gehoͤrte, ein⸗ zig in der Abſicht, um ſich von Chartreu zu entfernen, weil er, ohne daß es zu einem feindlichen Bruche kam, allen Um⸗ gang mit dem Marquis aufheben wollte. Franz ſollte von dieſer Veraͤnderung des Wohnorts benachrichtiat werden und Julie mußte es auch ihrem Geliebten ſchreiben. Wenige Tage vor der Abreiſe erhielt der Comte ein Schreiben von dem Admiral Coligni, in dem dieſer auch meldete: die Leidenſchaft des jungen Menſchen bahe einen hohen, gefahriichen Grad erreicht, und gewiß ſey Alles für ſein Leben zu fürchten, wenn er einen Widerſtand fande, der ihm jede Hoffnung raubte, ſeinen Zweck zu er⸗ reichen. Ein Vater ſey mit einem ſolchen Sohne in großer Verlegenheit; aber er muͤſſe weder Leben noch Tod beruckſichtigen und unerſchutterlich ſeinen beſſern Ueberzeu⸗ gungen folgen. Er fuͤr ſeine Perſon werde die Verheirathung eines Sohnes mit einer Katholikin nicht zugeben, wie traurig auch der Erfolg davon ware. Wo das Goͤttliche mit dem Irdiſchen auf dem Spiele ſtehe, da ſey die Wahl nur leicht. Wenn es erſt dahin komme, daß reformirte Juͤnglinge nur katholiſche Jungfrauen heiratheten, ſo drohe der reformirten Kirche der Einſturz. Weiber mit ihrer Liſt, Klugheit und Liebe, angeſchirrt von ihren katholiſchen Eltern, wären die beſten Proſelytenmacherinnen, und der Mann ſey ohne Kraft zum Wider⸗ ſtande. Auch den entfernteſten Antheil an der Suͤnde muͤſſe man fliehen, wodurch das helle, wahre Licht der Jeſusreligion, das — 20 weiſe, fromme Wänner mit Muth und Blut angezuͤndet haätten, wieder verdunkelt wuͤrde und die Finſterniß des Papſtthums wie eine ſchwarze Wolke die Voͤlker über⸗ ziehe c.“ * Dieſer Brief des Admirals, der zwar nicht dazu beitragen konnte, den Comte in ſeinen Grundſaͤtzen zu beſtaͤrken, die in ihm feſt und ohne Schwanken ſtanden, uͤber⸗ zeugte ihn aber doch gwiß, daß er bei ſeinen Glaubensgenoſſen Anſehen und Ach⸗ tung verlieren werde, wenn er ſich nach⸗ gebend gegen ſeinen Sohn zeigte. Es wurde nun bei ihm voͤuig zur Gewiſſens⸗ ſache, auch unter der Bedingung, wenn er das Leben ſeines Sohnes retten konnte, die Verbindung deſſelden mit Johannen dennoch nicht zu verſtatten. Johanna ſchrieb einen Brief an Julien, in dem ſie ihr die Ankunft eines Fremden aus Paris meldete, der gewiß wichtige Auf⸗ — 211— troͤge von der Königin an ihre Eltern habe. Es ſey wohl moͤglich, daß ſie Chartreu auf eine Weile verlaſſen muͤſſe. Sie fragte nach Franz, ob er nicht geſchrieben, ob er ſein Bild noch nicht geſchickt haͤtte, und ſchilderte ihre Sehnſucht und Trauer. Julie verheimlichte den Brief ihren Eltern nicht und fragte, welche Antwort ſie geben ſollte.—„Gar keine,“ erwiederte der Comte. Er ſelbſt ließ den Boten von Chartreu vor ſich ruſen und ſagte: „Meldet Eurer Marquiſe, ich wuͤrde den Brief entweder gar nicht, oder ihn ſtatt meiner Tochter beantworten.“ Der Bote zitterte vor Angſt, da er den Auftrag von ſeiner Gebieterin hatte, Niemanden als der Comteſſe den Brief einzuhaͤndigen. As er Fohannen heimlich den muͤndlichen Beſcheid brachte, waͤre ſie faſt in Ohnmacht geſunken; aber ſie erholte ſich bald wieder und tröſtete ſich mit Hoffnungen. Was der Comte wohl ſchreiben wird, dachte ſie. Gewiß hat ihm Franz ſeine Liebe zu dir enldeckt. Das Geheimniß konnte nicht ber⸗ borgen bleiben. Der Comte aber beſchleunigte ſeine Abreiſe nach ſeinem kleinern Landſitze und ſagte:„Wir werden bald wieder nach un⸗ ſerm lieben Hauteverd zuruͤckkehren koͤnnen, wo ich den meiſten Troſt in meiner Trau⸗ rigkeit finde. Es iſt zu vermuthen, daß der Marquis ſein odes Chartreu gegen Paris vertauſcht, und den Damen gefaͤllt es auf dem Lande gewiß nicht laͤnger. Iſt das Maͤdchen erſt wieder in der Hauptſtadt, bei Hofe, in den glänzenden Zirkeln, wo die Schmeichelei ihr Weihrauch ſtreuet unb die weibliche Eitelkeit Nahrung empfängt, da wird ſie den jungen Abentheurer bald vergeſſen, von ſich weiſen, mit dem ſie hier ihr Spiel aus Langeweile trieb. Ich kenne die pariſer Damen, ſie lieben die Ver⸗ änderung und wechſeln wie mit Kleidern, ſo mit Liebhabern, der neueſte iſt der beſte. Sollte es Noth thun, ſo wird man ſie 213— 1 auch bewachen, daß Franz mit ihr in keine Verbindung gerathen kann. Und ſollte ja der Marquis Kunde von der Geſchichte er⸗ halten, ſo ſtellt er ſich gewiß wie ein zor⸗ niger Engel mit dem Schwerte vor das Para⸗ dies und laͤßt Niemanden hinein. Franzen darf ich wenigſtens ſo viel Ehrgefuͤhl und Vernunft zutrauen, daß er von ſeiner Ju⸗ gendraſerei geheilt wird, wenn ihn das Maͤd⸗ chen mit hoͤflicher Kaͤlte behandelt, mit der ſie ihm den Weg dahin weiſet, woher er gekom⸗ men iſt. Und ſo waren unſere Beſorgniſſe vergebens, die Vorſehung haͤtte das rechte Mittel gefunden, einen Schwärmer wieder zu Verſtande zu bringen, und das Ganze gäbe dem jungen Menſchen eine unvergeß⸗ liche Warnung fuͤr ewige Zeiten.“ So glaubte der Comte und er hatte nicht Unrecht, wenn Alles ſo kam wie er's dachte, beſonders wenn der Charakter Jo⸗ hannens ein gewoͤhnlicher Maͤdchencharakter war. Er wurde in ſeinem Geiſte ruhiger, — 2 verließ Hauteverd in der Hoffnung, bald wieder zu kommen, und was er fruͤher nicht wollte, er befahl ſogar, daß dem Marquis ſeine Entfernung auf eine unbe⸗ ſtimmte Zeit gemeldet wuͤrde. Die wenigen Worte des Briefs, die der Vater geſchrieben hatte, ließen es Franzen deutlich einſehen, daß derſelbe mit der Verbindung, die er im Sinne trug, durchaus nicht zufrieden war. Daruͤber war er auch wenig bekuͤmmert, da er von ihm keinen andern Beſcheid erwartete. Aber daß er nach Hauteverd kommen ſollte, wo ſein Vater uͤber ſeine Liebe muͤndlich mit ihm reden wollte, davor ſchauderte er zurück, wie ein Miſſethater vor ſeiner ge⸗ wiſſen Strafe. Und er mußte dieſen Gang thun, der Vater befahl ihn, er konnte ſich davon nicht losmachen. In den Worten deſſelben, er ſolle ſich bedenken, keinen Brief in der Zwiſchenzeit an ihn ſchreiben, weil er ihn nicht beantworten werde, lag die ganze Mißbilligung deſſelben uͤber ſein Vor⸗ haben. Er ſchrieb an ſeine Mutter, an ſeine Schweſter, um dieſe fuͤr ſich zu ge⸗ winnen, um ſie auf ſeine Seite zu ziehen und ſie zu bereden, daß ſie ſich ſeiner bei dem Vater annaͤhmen. Mitleid floͤßte der Mutter ſein Gemuͤthszuſtand ein, aber ſie war feſt entſchloſſen, wie es auch kommen moͤchte, ihren Gatten in ſeinen Grundſätzen und in ſeiner Handlungsweiſe nicht irre, ſich ihm nicht verdaͤchtig zu machen, und keine Art der Verantwortung auf ſich zu laden. Sie ſchrieb einen recht zaͤrtlichen Brief an ihn, aber von ſeiner Liebe er⸗ waͤhnte ſie keine Sylbe und that, als ob ſie ihr ein Geheimniß waͤre. Am Schluſſe ſagte ſie bloß:„Wenn Du uns beſuchſt, was wir unfehlbar erwarten. da Dich Dein Vater dazu eingeladen hat, ſo findeſt Du — 216— * uns auf unſerm Landſitze bei Rouen. Gruͤnde beſtimmten uns, die Du Dir viel⸗ leicht denken kannſt, Hauteverd zu verlaſſen, bis gewiſſe Umſtände eine andere Wendung genommen haben. Bringe uns Dein hei⸗ teres, kindliches Herz mit, und vor allen Dingen beweiſe, daß Du ein dankbarer Sohn biſt.“ Wohl in zwei Wochen hatte Franz ſeinen Freund nicht geſehen, der ſeinen Umgang zu meiden ſchien, der ihm auch keine Veranloſſung gab, ihn zu beſuchen, das ſchmerzte ihn ſehr. Aber die Zeit ruͤckte naͤher, wo er vor das Gericht ſeines Vaters treten mußte, und ſo feſt er ſich's vorgenommen hatte, ſtandhaft und uner⸗ ſchuͤtterlich in ſeiner Liebe zu bleiben, ihm war doch bange. Johannen cher hatte er den Beweis ſeiner innigſten Zuneigung da⸗ mit gegeben, daß er ihr ſein wohlgetroffe⸗ nes Bild, im Kleinen gemalt und in einen goldenen Rahmen gefaßt, mit einem Briefe — 21— zuſchickte, in dem er ſie insbeſondere zur Standhaftigkeit und Treue bei den unuber⸗ ſteiglich ſcheinenden Hinderniſſen ermunterte, die ihre Liebe zu vernichten und ihre Ver⸗ bindung zu vereiteln drohten. Beibes empfing ſie von dem Caſtellan heimlich, den der Comte fuͤr ſeine Gefälligkeit zu⸗ gleich mehrere Louisd'or uͤberſchickt hatte. Mit großer Sehnſucht erwartete Franz ei⸗ nen Brief von Johannen. Einige Tage vor der Abreiſe des jungen Comte aus Paris ging er zu ſei⸗ nem Freunde und ſagte es ihm, daß ſein Vater ihn eingeladen haͤtte, nach Montri⸗ gard zu kommen, wo er jetzt wohne. Er ahne die Abſicht dieſer Einladung, ihn bange davor. Recht inſtaͤndig bat er Mar⸗ treu, doß er ihn dahin begleiten ſolle. „Dieſen Dienſt,“ ſagte er, 3„glaube ich von Deiner Freundſchaft erwarten zu dür⸗ fen. Willſt Du Dich ganz von mir tren⸗ nen, ſo laß dieſe Gefaͤlligkeit die letzte — 218— ſeyn, ich erwarte weiter keine von Dir.“ —„Franz,“ erwiederte Martreu,„koͤnnte ich Dir in irgend einer Noth beiſtehen, ſo wuͤrde ich keine Gefahr ſcheuen, der Freund muß mit dem Freunde in den Tod gehen. Warum willſt Du mich Dir aber nach⸗ ziehen? Soll ich in Montrigard die Scenen des Schmerzes und Verdruſſes ſehen, die auf Deine Erſcheinung daſelbſt folgen? Du mußt mich ihrer uͤberheben. Zum Bei⸗ ſtande kann ich Dir auf keine Weiſe dienen, Du weißt wie ich von Deiner Liebe zu der Katholikin denke. Frei und rein muß ich mich von dem ganzen Handel halten, um jeden Flecken zu vermeiden, den der Ver⸗ dacht meiner Ehre, meiner Achtung gegen meine Glaubensverwandten und die Reli⸗ gion, die ich mit ganzer Seele als das Heiligſte wuͤrdige, zufuͤgen könnte. Du weißt, es lebt ſich ſchlecht in einem Hauſe, wo Krieg zwiſchen den Eltern und Kindern herrſcht, dieſe die Urſache des Streites ſind und die Pfeile des Schmerzes in die Herzen — 29— ihrer Wohlthaͤter druͤcken. Freudenthraͤnen kann ich Julien wohl weinen ſehen, aber keine Kummerthraͤnen, dieſe fallen wie ſiedendes Oel auf meine Seele, ſie machen mich traurig, ſie koͤnnten mich aber auch raſend machen. Franz, laß mich hier, ich bin Dein ſchlechteſter Begleiter, den Du waͤhlen kannſt. Gelobſt Du mir aber, ei⸗ ner Liebe zu entſagen, die Dich in Schlin⸗ gen zieht, die Dir Gefahren bereitet, welche die Leidenſchaft Dich nicht ſehen laͤßt, willſt Du Dich mit Deinen Eltern verſoͤhnen, wenn Dir's auch die ſchwerſten Opfer koſtet; wohlan, hier haſt Du meine Hand, ich gehe mit, ich weiche nicht von Dir und wir ſind wieder die alten Freunde.“ „Kannſt Du das Licht in der Sonne verloͤſchen,“ fragte Franz,„und dem Blitze gebieten, daß er nicht leuchtet? Bin ich darum ein Verbrecher, mit dem Du alle Gemeinſchaft aufheben willſt, dem Du den kleinſten Gefallen abſchlaͤgſt, weil ich meine Liebe ſo wenig überwältigen kann, als Du im Stande biſt, die Schlage Deines Her⸗ zens aufzuhalten? Du ſollſt mir nicht dienen, aber wenn Julie uͤber ihren un⸗ gluͤcklichen Bruder trauert, kannſt Du ſie troͤſten, und wenn des Vaters Unmuth wie Wogen ſchäumt, ihr Brauſen ſtillen. Willſt Du wirklich nicht mit?“.„Wann reiſeſt Du,“ fragte Martreu.—„Uebermor⸗ gen in aller Fruͤhe,“ erwiederte Franz.— „Ich werde Dich beſcheiden. Wichtige Schritte muß man mit Ueberlegung thun.“ — Die Freunde trennten ſich. Indeß Franz auf ſeine Reiſe nach Montrigard dachte, trug ſich in Chartreu ſehr Wichtiges zu, was ihm den Verluſt ſeiner geliebten Johanna drohte, und allen Streit mit ſeinen Freunden zu beendigen ſchien. Von der Königin ſelbſt abgeſanbt, die der Hauptmann Montesquieu zu beſtimmen — 224— wußte, ohne deß ſie ſogleich ſeine Liſt und ſeine geheimen Abſichten errieth, war er in der ganzen Pracht damaliger Zeit als ein ſtattlicher Ritter in Chartreu angekommen. Er wurde als koͤniglicher Abgeſandter mit allen den ihm gebührenden Ehrenbezeigungen em⸗ pfangen und dem Marquis, rdas Verdienſt des jungen, thatenreichen Mannes ſehr hoch⸗ achtete, war ſeine unerwartete Erſcheinung ſehr willkommen. Er kannte ſeinen Vater als Freund und Waffenbruder, der auf ſeinen talentvollen und muthigen Sohn große Hoffnungen gruͤndete, und mit die⸗ ſem, als er zu einem ſchoͤnen Juͤnglinge herangewachſen war, ſah er ſich oͤfter in Geſellſchaften, und einigemal hatte er auch an der Tafel des Marquis geſpeiſet. MWontesquieu, den die Reformirten mit Haß nannten, der unter ihnen als der Moͤrder des großen Condé, den er, als dieſer ſchon in der Gewalt ſeiner Feinde war, meuchelmörderiſch niederſchoß, verab⸗ 222 ſcheuet wurde, Montesquien galt aber des⸗ halb bei ſeinen Glaubensgenoſſen, die von der blinden Wuth der Rache gegen die Calviniſten befallen waren, als ein ruhm⸗ voller Held, und ſie wußten es ihm großen Dank, deß er das maͤchtige Oberhaupt ihrer Gegenparthei auf die Seite raͤumte. Welch ein wunderliches Ding iſt doch der Ruhm, hier ſteht er gleich am mit Sterneh⸗ ſchrift am Himmel der Geſchichte geſchrie⸗ ben, und dort prangt er am Schandpfahl! Welchen Buchſtaben ſoll man nun Er ſelbſt ließ ſich's nicht Sugtpeß, wenn man es verſucht haͤtte, ihn zu uͤber⸗ zeugen, daß jede Verletzung eines beſiegten und waffenloſen Feindes, der ſich unſerer Beſchuͤtzung anvertrauet, den die menſch⸗ liche Großmuth ſchonen muß, ein Ver⸗ brechen iſt, das geſtraft zu werden verdient. Er glaubte vielmehr, es ſey verdienſtlich fuͤr dieſe und jene Welt, wenn wan die Zahl der Ketzer vermindern, und wenn es beſonders einer wie Conde ſey, mit deſſen Fall die ganze Rotte viel verloren habe, was ſich nicht leicht erſetzen ließ. Hatte es denn der calviniſtiſche Clelmann Poltrot de Nièvre bei der Belagerung von Srleans böſſer gemacht, der den Herzog von Guiſe mit einer ſilbernen Kugel niederſchoß? Montesquieu hatte eine feurige Phan⸗ taſie, einen ſchwärmeriſchen Geiſt und einen Enthuſiasmus fuͤr die Ehre ſeiner Kirche, dem keiner glich. Nur in ihrem Schooße, ſo glaubte er, iſt Heil und Seligkeit zu finden, die verführte, getaͤuſchte und verirrte Men⸗ ſchenſchaar der Calviniſten iſt ein Haufe Ungluͤcklicher, im Zorn von Gott erſchaffen, um den Abgrund der Hölle auszufuͤllen. Juden, Heiden und Mahomedaner be⸗ dauerte er, mit ihnen hatte er MWitleid, daß ihnen das Licht einer beſſern Religion in Jeſu nicht aufging, aber die Hugenotten betrachtete er als raſende Schwarmer, die dieſes himmliſche Licht verdunkeln, ſeine wohlthätigen Strahlen hemmen, eine Reli⸗ gion ſtiften wollten, welche, auf Vernunft gebauet, Wahrheit und Heiligkeit einſturzt, zu Laſtern und Verbrechen fuͤhrt, keinen beruhigenden Glauben gewaͤhrt, die Froͤm⸗ migkeit im Keime erſtickt, den Teufel, Hoͤlle und Fegefeuer nicht fuͤrchtet, und der Ver⸗ ehrung des wahren Gottes den groͤßten Abbruch thut. Daher haßte er auch die Hugenotten als die Werkzeuge einer böſen Macht, die nur da ſey, um Zerruͤttungen aller Art in den Staaten anzurichten, daher hielt er's. auch, wie ihn gelehrt war, fuͤr eine Ge⸗ wiſſenspflicht, an ihrer Vertilgung und Be⸗ kehrung auf alle Weiſe zu arbeiten. Dann erſt, meinte er, haͤtte die Chriſtenheit ihre Herrlichkeit erreicht, wenn der Papſt der Hirte ſey, und alle, alle Katholiken, Eine Heerde wären. Gewalt, Ueberredung, Be⸗ ſtechung, Alles wandte er an, um ſeiner Kirche Proſelyten zuzuführen, und er — 225— wurde dafuͤr mit beſondern Auszeichnungen belobt. Bei dem jungen Herzog von Guiſe, der bei der Koͤnigin und ihrem Sohne, Carl IK., in großem Anſehen ſtand, der die Rache gegen die Calviniſten immer noch wegen des Todes ſeines Vaters im Herzen trug und ſich ſchon Coligni als das Opfer auserſehen hatte, das er hinrich⸗ ten wollte, war Montesquieu als ſein erſter Liebling ſehr geachtet. In ihm glaubte er den gewiſſen Mann gefunden zu haben, der vor einer blutigen That nicht zuruͤckſchau⸗ derte, wenn er ihm die Gelegenheit, ſie zu vollziehen, anwies. Er ſchätzte die Kennt⸗ niſſe, die Geiſtesgewandtheit, die feine Sitte, den unerſchrockenen Muth dieſes wahrhaft ſchönen, kraftwolen Junglings, der ſein ſanftes Weſen nur dann ablegte und von Wuth und Eifer gluͤhte, wenn er einem Calviniſten gegenüber ſtand. Einigemal ließ der Herzog harte Worte gegen Coligni — 226— fallen, nannte ihn einen Schmeichler, eine Schlange, die mit ihrem Geifer den Katho⸗ licismus beſpritze. Es war ihm unbegreif⸗ lich daß man einen ſolchen Mann bei Hofe duldete, der mit dem Schwerte in der Hand gegen die Katholiken gefochten haͤtte, und wie er fagte, abſcheulich würde er es vom Koͤnige finden, wenn er ihm den Zu⸗ tritt zum Throne nicht darum verſtatte, um ihn fuͤr die Katholiken unſchädlich zu machen, um ſeinen Glaubensgenoſſen Miß⸗ trauen gegen ihn einzufloͤßen, um ihm eine Grube zu graben, in die man ihn zu ſeiner Zeit ſtüͤrzen wolle.—„Soll's fruͤher ge⸗ ſchehen und wollen wir die zögernde Rache des Himmels beſchleunigen,“ erwiederte Montesquieu mit funkelnden Augen,„ich hin dazu bereit.“—„Vorſichtig“ zoͤgern,“ erwiederte der Herzog,„das iſt Klugheit.“ Dem Koͤnig ſelbſt und der Koͤnigin wurde jetzt vom Herzoge von Guiſe dieſer Montesquieu als ein Feind der Calviniſten 8 — 227 ganz beſonders empſohlen, auf deſſen Muth, Eifer und Klugheit man bei den ſchwierig⸗ ſten Vorfallen ſicher rechnen koͤnne. Der Herzog erinnerte ſogar, daß man ſein Ver⸗ dienſt, den ketzeriſchen Conds aus der Welt geſchafft zu haben, nicht anerkannt und nach Verdienſt belohnt habe. Er em⸗ pfinde das ſelbſt und beobachte, wenn da⸗ von die Rede ſey, ein finſteres Schweigen, indeß Zorn und Verdruß in ſeinem Innern rede. Solch einen jungen Mann duͤrfe man, als eine Hauptſtuͤtze des katholiſchen Glaubens, und als einen' einſichtsvollen, kuͤhnen und begeiſterten Gegner der Calvi⸗ niſten, mit dieſer Gleichguͤltigkeit nicht be⸗ handeln. Es waren kaum einige Tage verfloſſen, als Montesquieu zur Königin ins Kabinet gerufen wurde. Sie empfing ihn mit den Zeichen einer herablaſſenden Gnade, ſagte ihm Schmeichelhaftes und entſchuldigte ſich ſogar, daß die Reihe, ſeine Vorzüge zu be⸗ — lohnen und ihm einen weitern Wirkungs⸗ kreis anzuweiſen, der ſeinen Kraäften ange⸗ meſſen ſey, zu ſpät an ihn käme. In ei⸗ nem großen Reiche ſey dies oft der Fall und ein Regent muͤſſe ſich freuen, Ver⸗ ſäumtes nachzuholen, wenn ihm die Ge⸗ legenheit dazu geboten wuͤrde. Nach dieſem ſchmeiche haften Eingange fragte die Koͤnigin:„Kennen Sie den Warquis de Vetrün?“—„Er war der intime Freund meines Vaters,“ erwiederte Montesquieu,„und ich darf glauben, daß er auch mir gewogen iſt.“—, Der ſonder⸗ bare Mann,“ fuhr die Koͤnigin fort,„ich weiß nicht aus welchen Gruͤnden, hat ſich nach Chartreu verbannt, und muß dort, wie ich mir's denke, ein ſehr langweiliges und einſames Leben fuͤhren. Der Koͤnig ünſct ſeine Gegenwart in Paris, weil er ein Mann mit Kopf, voll Erfahrung iſt und dem Köͤnigsthrone ſein ganzes Leben weihet. Es treten bisweilen auch Umſtaͤnde — 220— ein, wo man eines ſolchen Rathgebers ſehr bedarf. Seine Gattin iſt eine ausgezeich⸗ nete Frau, ſie war oft in meiner Nähe und ihr Umgang gewaͤhrte mir angenehme Unterhaltung. Kennen Sie ihre Tochter?“ —„Geſprochen habe ich wenig mit ihr,“ ſagte Montesquieu,„ſie kam nicht von der Seite ihrer Gouvernante, ſchien etwas bloͤde zu ſeyn und ſich in Maͤnnergeſell⸗ ſchaft zu aͤngſtigen. Ich weiß nur, daß ſie ſehr reizend iſt.“—„Sie ſollen ſie naͤher kennen lernen,“ ſagte die Koͤnigin mit mildem Laͤcheln.„Ich beauftrage Sie, Montesquieu, in einem wichtigen Geſchaͤfte nach Chartreu zu reiſen. Ich gebe Ihnen Briefe mit, deren Inhalt die Familie wohl bewegen wird, Chartreu zu verlaſſen und nach Paris zuruͤckzukommen. Gern würde ich's ſehen, wenn ſie nicht zögerte und Sie ihr Begleiter waͤren. Sie ſollen es mir nach Ihrer Ruͤckreiſe ſelber ſagen, wie Ihnen Johanna, mein Liebling, gefallen hat. Ich hoffe, daß Sie's nicht gereuen wird, einen — 20 ſolchen Auftrag ausgerichtet zu haben.“— „Koͤnigin,“ erwiederte Montesquieu,„be⸗ ſchließen Sie uͤber mich, mein Leben iſt Ihnen geweiht.“ Es kam Montesquieu nicht räthſelhaft vor, daß die Koͤnigin in dieſem Tone von der Marquiſe ſprach, er ſah deutlich und klar ihre Abſicht und wollte es darauf an⸗ kommen laſſen, ob ſein Herz der Liebe fur dieſe Johanna fähig ſey. Noch hatte ſein Gemuͤth, das nur mit wilden Gedanken beſchäftigt war, den zaͤrtlichen Gefuhlen einer liebenden Neigung keine Herberge ver⸗ ſtattet. Er war der Meinung, daß ein Mann der großen Sache der Religion und des Staates in dem Grade entzogen wird, als er ſich der Liebe zu Weib und Kindern hingiebt. Jene feſten, frommen Bande, die den Familienvater an das Leben um ſo inniger knüpſen, die ihn tiefer in die edel⸗ ſten Verhältniſſe verweben, konnte er nicht. Sein Plan war, ſich erſt einen ausgezeich⸗ v — 23— neten Ruhm zu erwerben, und dann den weltlichen Glanz mit ſeinem Reichthume ſeiner kunftigen Gattin als Mitgift zuzu⸗ bringen. Er hatte in der großen Welt zu viele treuloſe Weiber kennen gelernt, die die Larve der Unſchuld trugen, mit der ſie ihre moraliſche Häßlichkeit bedeckten, ſo daß der Glaube an weibliche Treue und Tugend bei ihm faſt erloſchen war. Er ſagte es: „Wenn ein Wadchen oder eine Frau rein iſt von den gewoͤhnlichen Suͤnden, ſo iſt ihr das nicht zum Verdienſt anzurechnen, denn nur die Gelegenheit zum Fall hat ihr gefehlt. O, ihr Suͤndenknechte, ihr Laͤſterer, die ihr mit eurer Verderbtheit nur an den Auswurf des zweiten Geſchlechts geriethet, verdammt nicht Alle, ſtellt ſie nicht mit ihnen in eine Klaſſe; es giebt der Herr⸗ lichen noch Viele, denen ihr zwar das Leben, aber nicht die Unſchuld rauben koͤnnt, Viele, die alle eure Lockungen als Satansverſuche, die Tugend zu faͤl⸗ len, mit verdiener Verachtung zuruck⸗ 5 25— weiſen. Die beſten Maͤnner konnen ſie euch mit Namen nennen. Erſt am Abend bei Tiſche, nach⸗ dem Montesquieu ſein Geſuch engebracht, die Briefe von der Koͤnigin uͤberreicht hatte, ſah er Johannen, und ihre Schön⸗ heit machte einen nicht gewoͤhnlichen Ein⸗ druck auf ihn. Mit ihm ſchien ein neues, gluͤckliches Leben in Chartreu eingekehrt zu ſeyn. Nicht genug konnte man die Huld des Koͤnigs und der Königin ruͤhmen. Alle Hinderniſſe, die den Marqurs von Paris entfernt hatten, ſollten beſeitigt wer⸗ den. Es war ihi eine große Geldſumme zur Bezahlung ſeiner Schulden und ein Jahr⸗ gehalt zur Beſtreitung ſeiner Ausgaben ange⸗ wieſen. Das Anerbieten war ihm in einem Tone gemacht, wodurch ſein Stolz nicht belei⸗ digt, ſeinem Verdienſte geſchmeichelt war, ſo daß er kein Bedenken trug, es anzunehmen. Als von der Reiſe nach Paris und — 233— dem dortigen Aufenthalte die Rede war, brach die Gouvernante, die ſich in Char⸗ treu wie in einem Kerker fuͤhlte, in einen lauten Freudenruf aus. Auch Johannens Geſicht laͤchelte, ſie könnte ihr Entzucken nicht verbergen, die Hoffnung leuchtete in ihrer Seele, daß ſie dort Gelegenheit finden werde, den Comte de Montremi oͤfter zu ſehen, zu ſprechen, mit ihm Briefe zu wech⸗ ſeln, mit dem ſie forthin in einer Stadt wohnte. Als endlich die Nachricht unter die Domeſtiken kam, entſtand ein wahrer Freudenlärm. Hausjungfern und Diener ſielen ſich in die Arme, tanzten, ſangen und verlebten die größere Hälfte der Nacht in Sauſen und Schmauſen. Der Kammer⸗ diener ſagte der Zofe ins Ohr, welche den erſten Rang im Schloſſe nach der Gouver⸗ nante hatte:„Annettchen, gewiß, die golde⸗ nen Zeiten gehen bei dem Marquis wieder an und werden fur uns beſſer, als ſie ge⸗ weſen ſind. Der Capitaͤn aus Paris, ich habe ihn bei der Tafel mit keinem Auge — 234— verlaſſen, wenn ich ſein Mienenſpiel be⸗ obachten konnte, ſchielt immer nach der ſchönen Johanna und daraus entſteht oͤfter eine Verlobung und dann die Hochzeit. Wenn aber in einem großen Hauſe gehei⸗ rathet oder verheirathet wird, da iſt fuͤr die Domeſtiken auch keine ſchlechte Zeit.“ Schon am andern Morgen, ehe der Tag noch grauete, ließ der Marquis den Pächter zu ſich rufen, um in einer Geld⸗ angelegenheit mit ihm zu reden. Ehe ihm der Kammerdiener den Wunſch ſeines Herrn kund that, verkuͤndigte er ihm mit lautem Jubel, daß die Reiſe nach Paris bevor⸗ ſtehe, der König habe den Marquis dahin einladen laſſen, es muͤſſe wieder Großes im Werke ſeyn und er freue ſich hoͤchlich, dies Höllenneſt, Chartreu, bald wieder zu verlaſſen.—„Ach,“ ſagte der Pächter und machte dabei eine Miene voll Trauer, in der aber die Freude durchblitzte,„es wird mich ſehr ſchmerzen, wenn Sie uns älle — — 235— verlaſſen. Man hatte doch manche Unter⸗ haltung! Wie verlaſſen werde ich mich fuͤhlen!“ Als der Bote weg war, ſetzte der frohliche Pächter mit etlichen kurzen Sätzen, da ihm ſeine Corpulenz keine langen er⸗ laubte, in die Schlaſſtube ſeiner Frau, welche ſchon mit unruhiger Neugierbe fragte, warum ſie ſo fruͤh beunruhigt wuͤr⸗ den, und ſprach:„Nun werden wir das vornehme Pack los, es reiſet nach Paris, ich will ihm alles Gute nachwuͤnſchen.“— „Das iſt ja herrlich,“ ſagte die Pachter⸗ frau und richtete ſich im Bette zum Sitzen auf,„viele Plackerei, die ich mit dem Holen und Schicken hatte, hoͤrt auf und aller Zwang.“—„Man wußte nicht, wenn der Marquis und die Margniſe zuge⸗ gegen waren, und von der Religion ge⸗ redet wurde, ob man katholiſch oder reſor⸗ mirt ſeyn ſollte,“ ſagte der Paͤchter.„Mit — 236— der verwuͤnſchten Liebesgeſchichte des Comte habe ich nun auch nichts mehr zu thun.“ Der Kammerdiener kam wieder und ſagte: der Marquis wuͤnſche ihn ſogleich zu ſprechen. Der Pächter keuchte, als er vor dem Marquis erſchien, ſo ſchnell war er gegangen und dieſer ſagte ohne alle Vorrede zu ihm:„Der Koͤnig befiehlt, und ich muß vielleicht morgen ſchon nach WParis. Sie wuͤrden mir einen Gefallen thun, den ich gern gefaͤllig erwiedern will, wenn Sie mir mit Einer Jahrspacht wenig⸗ ſtens Vorſchuß leiſteten.“—„Herr Mar⸗ quis,“ erwiederte der Paͤchter,„meine Kaſſe iſt ſchlecht beſtellt, indeß, wenn ich Ihnen die⸗ nen kann, will ich ausreiten und die Summe zuſammenzubringen verſuchen. Sie wollen mir gefaͤllig ſeyn?“—„Gern, gern,“ ſagte der Marquis,„wenn Sie mir das Geld anſchaffen. Was ſoll ich Ihnen thun?“— „Nichts Unbilliges bitte ich und nur das Eine, daß Sie den alten Pachtcontrakt auf —— — 237— zwoͤlf Jahre prolongiren.“—„Bringen Sie ihn mit dem Gelde und ich genehmige ihn,“ ſagte der Marquis.„Daß Sie mich nicht im Stiche laſſen!“—„Wie könnte ich das,“ entgegnete der Paͤchter und eilte davon. Er erzaͤhlte ſeiner Frau den ganzen Handel und ſagte:„Wenn die Verpächter Geld brauchen, da iſt ſchönes Umgehen mit ihnen, ſie ſind dann weich wie Wachs. Ich Narr dachte auch nicht daran, daß ich ein Mindergebot auf Chartreu that, er haͤtte mir's auch dafur gelaſſen.“—„War⸗ um Du das nicht thateſt,“ ſagte ſeine Frau; „vielleicht kannſt Du das Verſehen wieder gut machen, wenn Du keine Zinſen von dem vorgeſtreckten Kapital forderſt. Es ſteht mit dem Marquis ſchlecht, und er reiſet nach Paris. Wie unſinnig die vor⸗ nehmen Leute oft ſind!“ Als von der ſchleunigen Abreiſe in — 23 Dorfe geredet wurde, ließen ſich viele Stimmen alſo vernehmen:„Laßt ihn rei⸗ ſen, ſeine Anweſenheit hat uns nichts ein⸗ gebracht. Die goldenen Berge, die wir zu ſehen glaubten, ſind uns nicht erſchienen. Er hat ſich weiter nicht um uns bekuͤmmert und den Pächter ſchalten laſſen. Wehe einem Jeden, der es mit dieſem in der Zeit verdorben hat, der wird dafuͤr buͤßen muͤſſen.“ Selbſt der Caſtellan betruͤbte ſich uͤber den Abſchied des Marquis nicht und ſagte: „Der Mann verſteht es nicht, die Leute nach Verdienſt zu achten.“ Er nahm ſich's vor, die Freundſchaft mit dem Päch⸗ ter, der ihm manchen Braten geſchickt hatte, fortzuſetzen und den alten Krieg nicht wieder anzufangen. Im Schloſſe aber herrſchte ein mun⸗ teres Leben. Montesquien ſpazierte an dem ſchönen Morgen mit Johannen im Garten, die er dazu aufgefordert hatte, und der Marquis gab der Gouvernante einen Wink, daß ſie zuruͤckbleiben und das Pär⸗ chen allein gehen laſſen ſollte. Sie ging auf ihr Zimmer. . Ende des zweiten Theils. Leihbibliotheken und Leſezirkeln ſind noch folgende, ſehr intereſſante Romane ganz vorzuͤglich zu empfehlen: Blutſauger, die. Ein Roman. Z. 1 Thlr. 4 Gr. Blutſchwerdt, das, auf der Gerosburg, oder die ſtrafenden Geiſter. Rittergeſchichte aus dem 13ten Jahrhundert. 3 Theile. 8. 3 Thlr. 4 Gr. Brautnacht, die, ohne Braut. Roman von C. Nicolai. 8. 16 Gr. Brautraub, der. Roman vom Verfaſſer der Paulowna. 2 Theile. 8. 1 Thlr. 18 Gr. Brieſſteller, Dummlinger und Kraͤhwinkeler. Enthaltend merkwuͤrdige Liebesbriefe und andere laͤcherliche Aufſatze. Ein Rezept zur Aufheiterung und zum Sattlachen. Herausgegeben von Jocoſus Federkiel. 12. 12 Gr. ſſſ 9 12 13 14 15 16 17 8 10 11