Leih deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur v Cdnard GOitmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliotbek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen miüſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und — —— wird. beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: Wet.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, vaß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. . 6 Sohanna Heldin der Bluthochzeit. Ein Roman Verfaſſer der Paulowna 5 Quedlinburg und Leipzig, 1824, 6 bei Gottfeied VBafſe —ů ů ůůũÜ˖Ü˖=˖˖̃ZQmůůñů‧ ů‧˙ Ü ˙ůÜ˙ ÜÜ“ FFFFFF Foheana die Hatdin der Vluthochzeit. Erſter Theil. Als einſt die liſtige und raͤnkevolle Catha⸗ rina von Medbicis, unſtreitig eine der geiſt⸗ reichſten und ſchoͤnſten Frauen ihrer Zeit, während der Minderjährigkeit ihres Sohnes, des nachmaligen Königs Carl IX., am Ruder der franzoͤſiſchen Regierung ſaß, da nahm ſie auch eine große Zahl von Ehren⸗ 6 damen in ihren glaͤnzenden und uͤberaus prachtvollen Hoſſtaat auf. Iriſches Ge⸗ —ů— — —— war keineswegs der erſte und letzte Zweck, um den ſie die gebildetſten und ſchönſten ſammelte. Die reizendſten Maͤdchen ſollten ihr nur dazu dienen, vornehmd) angeſehene Jünglinge, und Männer von einflußreicher Kraft und wirkſamer Gewalt anzulocken und an ihr Intereſſe zu knuͤpfen, auf deren Ergebenheit und Beiſtand ſie dann unfehlbar rechnen konnte, wenn eine ge⸗ fuͤrchtete Gegenparthei, Katholiken oder Cal⸗ viniſten, die mit ihr eben im Bunde war, oͤffentlich wider ſie aufſtand, welche den Verſuch wagte ihrem von Allen gehaßten Regierungsunweſen, in dem Kabale, Ver⸗ ſtellung, Grauſamkeit und ſchmeichelnde, falſche Guͤte abwechſelnd wie Sturm und Stille ſich zeigte, ein Ende zu machen. Die gewitzte, abgeſchliffene, fein geſittete Italienerin wußte ſelbſt Gelehrte an ſich zu feſſeln, die ihrem Dienſte ihre Zungen und Fevern liehen, ſie als eine Freundin der Künſte und Wiſſenſchaften rühmten und ihr Gfa und Reigung für 6 —,—— —— 6 Nitet und Zwecke aber 1 An dem Hofe ihres Vaters, des be Lorenzo von Urbino, hatte die jun tharina die Glätte und Fa be, die Inteſgue und Form, die Klugheit und erſchlagenheit einer hoͤchſt verfeinerten Bofwanier ſich an⸗ geeignet, die bei ihr Natur und Charakter geworden war. Sie war in allen den Kun⸗ ſten meiſterhaft geuͤbt, wie man das Laſter ſchminkt, die Tugend tzuſcht, helſſehende Augen verblendet und die Unſchuld ver⸗ fuͤhrt. Ehe ſie Frankreichs Grenze als eine dem Aeußern nach hoͤchſt einnehmende, die Hetzen an ſich ziehende Braut betrat, da hatte ſie es ſchon laͤngſt erkannt und durchſchaut, daß ein von der feurigen Liebe bethoͤrtes Maͤnnerherz dem Verſtande die lichte, ruhige Kraft zum Ueberlegen entzieht, es der Leidenſchaft preis giebt, und daß es dann, auch wider den Rath der Vernunft, zu Beſchlüſſen und Thaten ſortreißt, die ſie tadelnswerth und 8 kluge Koͤnigin ſo zu verſchleiern, daß ſie ſie nur ihren Vertrauteſten und auch dieſen nur in ſolchem Lichte oder Schatten offen⸗ barte, als ſie durch das Mitwiſſen derſelben nicht benachtheiligt und gefaͤhrdet werden konnte. Den Andern aber blieben ihre Ge⸗ heimniſſe verborgen, und indem ſie die WMilde und Herablaſſung, die guͤtigſten Ver⸗ ſprechungen, die verſchwenderiſche Wohl⸗ thaͤtigkeit ihrer Gebieterin bis zur Bewun⸗ derung ehren mußten und ſich ohne Ruͤck⸗ halt zu ihr hingezogen fuͤhlten, waren ſie doch weiter nichts als ſeelen- und willenloſe Maſchinen, die ſie gebrauchte, den Thron zu beſeſtigen, auf den ſie ſich erhoben haite, ihren Guͤnſtlingen möglichſten Vorſchub zu Ehrenſtellen und Guͤtern zu leiſten, oder ihre Gegner mit einem Scheine des Rechts zu verbannen und zu ſtuͤrzen. Alle wußte ſie mit dem Wahne zu blenden, daß ſie ſich einbildeten, nur fuͤr ihr eigenes Intereſſe arbeiteten ſie, indeß ſie um einen zweifel⸗ haften Sold, vielleicht zu ihrem Verderben, — mit ihren Kräften einer Foͤnigin dienten, die auf den Trüͤmmern von Tauſenden ſtehen, ſich ihres Sieges freuen konnte, ohne eine Thraͤne nil Ge fuͤhls zu vergießen. Der Eitelkeit und Herrſchſucht opferte dieſe Frau auf, was den Menſchen zu allen Zeiten das Heiligſte und Ehrwuͤrdigſte war, Tugend, Wahrheit, Treue, Liebe und Un⸗ ſchuld, um das zu bleiben, was ſie war, um das Fundament, auf dem ſie als Herrſcherin ſtand, unerſchutterlich zu be⸗ feſtigen, um der Gewalt der zerſtoͤrenden Zukunft ſelbſt Trotz zu bieten, wenn ſie Ereigniſſe herbeizufuͤhren drohte, die ſie ihres Glanzes berauben und ſie in die Nacht einer wohlverdienten Verachtung hin⸗ ſtoßen konnten. Was iſt den frommen Wüttern heil⸗ ger und theurer, als die Reinheit und Un⸗ ſchuld ihrer Toͤchter! Was 4 heit, „Feſchthum und Stand ohne ſer Das *wußte die Königin wohl, aber was ihr als Hinderniß auf dem Wege zu einem Ziele ſtand, das griff ſie mit den feindlich⸗ ſten Waffen an, die ſie nicht eher wieder niederlegte, bis ſie einen wahrhaft hoͤlliſchen Triumph davon getragen hatte. Wer aber Geiſt und Sinn für Eoles hat, wer die Tugend in jedem Menſchen als das hoͤchſte Gut, als ſein himmliches Eigenthum ehrt, der wird weder an ihm noch an Allen das unverzeihliche Verbrechen begehen, welche dieſe Tugend pflegten und hegten, daß er die Kraft dazu lähmt das Gefühl dafür abſtumpft und ſie von ihrer herrlichen Höhe in den Laſter⸗ und Suͤndenſchlund langſam niederzieht oder plötzlich hinab⸗ ſtuͤrzt. Aber das that Catharina von Me⸗ dicis, und zwar mit ſolch einer erſonnenen ſrechen Kälte, mit ſolch einer gewiſſenloſen Dreiſtigkeit. als ob ſie keinem Richter, weder im Himmel noch auf Erden Rechen⸗ wn en dürſte. Herrſchſucht war der — 1 Goͤtze, den ſie anbetete und kein Opfer, ſo ſchrecklich es auch war, ſcheuete 3 um es ihm zu bringen. Nur mit einigen Zuͤgen wollen wir hier eine Geſchichte von den vielen mitthei⸗ len, in welcher ſich die Denk⸗ und Hand⸗ lungsweiſe dieſer Catharina von Medicis auf eine Manier bezeichnet, welche das gute Gefuͤhl empoͤrt und ſie als eine liſtige Schlange bezeichnet, die das Gift, von dem ſie ſtrotzt, mit dem ſie todten kann und will, jedem Auge verborgen, bis zur gelege⸗ nen Zeit aufſpart. Mit der Herzogin Etampes, der er⸗ klaͤrten Geliebten ihres Schwiegervaters, Franz I., gegen die ſie insgeheim vor Wuth die Zaͤhne knirſchte, unterhielt ſie öffentlich einen vertrauten Umgang, der nicht allein die Prinzeſſiin, ſondern alle ihre Umgebungen taͤuſchte, welcher die Falſche zum Gegenſtande der Bewunderung einer ſeltenen Liebenswürdigkeit machte. Catharina wußte es wohl, daß die ſchoͤne, mit Talent und feiner Sitte geſchmuͤckte Diana de Poitiers die Buhlerin ihres Ge⸗ mahls war, aber in den engern Zirkeln, wo ſie ſie oft zu ſich lud, betheuerte ſie ihr mit Kuß und Haͤndedruck, daß es der liebſte Preis ihrer Beſtrebungen ſey, in zunehmen⸗ den Graden ſich ihres Wohlwollens wuͤrdig halten zu duͤrfen. Aber das Feuer eines kochenden Haſſes, einer Rache, welche nur die Zeit erſieht, wo ſie ohne eigene Gefahr das ihr widrige Feindliche vertilgen kann, loderte gegen dieſe Maitreſſen in ihrer Bruſt, doch in ihren Augen und Mienen, in ihrem offenen, hingebenden Weſen er⸗ ſchien es wie verklaͤrte, ungeſchminkte, herz⸗ liche Güte. Die Etampes und Poitiers ſtanden immer gewaffnet wider einander, ſie waren die abgeſagteſten Feindinnen, aber wie die gutigſte Vermittlerin, welche den Streit — zweier Herzen ſchlichten, widerſtrebende Ge⸗ muͤther verſöhnen will, ſo wußte ſich Catha⸗ rina in ruhiger, unangefochtener Mitte zu erhalten. Dem Scheine nach erwarb ſie ſich den Ruhm einer Friedensſtifterin und erndtete alle Ehre derſelben, insgeheim aber ſchirrte ſie dle Flamme dieſes Weiberkriegs durch ihre Creaturen nur um ſo heftiger an. Ein unverzeihliches Vergehen, das die Geſchichte, die ihr Leben mit ſeinen Kaba⸗ len ſchildert, weniger zu beachten ſcheint, iſt der Raub der Unſchulpskronen, die ſie, verblendeten Muͤttern zum Schmerz, be⸗ thoͤrten Jungfrauen zum Hohne, den rei⸗ zendſten, hoffnungsvollſten, vornehmſten Maädchen vom Haupte riß und zerpfluͤckte. Nach dieſen Charakterzugen, die wir von dieſer heilloſen Frau den Leſern zur Schau geſtellt haben, ergreifen wir den Faden ei⸗ t Erzaͤhlung, in der ſich das Menſchen⸗ leben in großen, ſonderbaren und auffallen⸗ den Erſcheimungen ſpiegelt. Johanna de Vetruͤn war die einzige Tochter des Marquis de Vetrun, die Freude des Vaters, der Stolz der Mutter, die Luſt ihrer auserleſenen Freundin, der Marie de Lavier, ein gar herrlich aufbluͤhendes Mäd⸗ chen von achtzehn Jahren, einer im Ent⸗ falten hegriffenen Roſe vergleichbar. Der Marquis war ein hochmuͤthiger, vom Geburtsadel aufgeblaſener Mann, aber ſonſt nicht ohne vorzuͤgliche Eigen⸗ ſchaften, reich an vielerlei Kenntniſſen, von anerkanntem militaͤriſchen Talent und un⸗ verzagter Tapferkeit. Sein rechter war in einer Feldſchlacht gelaͤhmt. feindlicher Säbelhieb hatte ihn des Ge⸗ brauchs des echten Auges beraubt, „ Aem Es geſiel ihr, daß ſie ihre Wünſche beftie⸗ mußte ſich, was ihm aus vielen Gruͤnden ſehr wehe that, fuͤr invalide zum Soldaten⸗ dienſte erklaͤren laſſen. Er war der Erbe eines reichen Vaters, die Mitgift ſeiner Gattin vermehrte ſeine Schatze, und eine Reihe von Jahren hin⸗ durch lebte er in einer glaͤnzenden Herrlich⸗ keit. Da er an die Unerſchoͤpflichkeit ſeiner Coldquelle glaubte, dehnte er ſeinen Lurus immer weiter aus, ſchuf er um ſich immer groͤßere Pracht und verbreitete ſo einen Glanz, wie man ihn nur an Fuͤrſtenhöfen findet. Die ausgezeichnetſten Männer ſuch⸗ ten ſeinen Umgang, bie ſchoͤnſten, artigſten und vornehmſten Frauen buhlten um die Freundſchaſt ſeiner einnehmenden, gut⸗ muthigen, wahrhaſt edel geſinnten Gattin. Dem Auſwande ihres Gatten that ſie keinen Einhalt, da ſie die Groͤße ſeines Vermögens nicht kannte und an die mög⸗ liche Verminderung deſſelben nicht glnbte. 5 digen, in dieſer Prcht leben/ und der Eitel⸗ keit, von der eine Frau ſelten frei iſt, kei⸗ nen Zwang anthun durſte. Der König Heinrich II., Catharins Medicis Gemahl, behandelte den Marquis de Vetruͤn mit herablaſſender Milde, ſchaͤtzte ihn als einen Maun, der Kopf und Herz auf dem rechten Flecke hatte und ſich auch in der Naͤhe der Majeſtät nicht hoͤfiſch er⸗ niedrigte, noch erniedrigen ließ. Sein fei⸗ ner Witz, ſeine ſatyriſche Laune, ſeine ſtechenden Antworten, mit denen er unge⸗ ſcheute Frager abfand, eine ſeltene Unter⸗ haltungsgabe, die ſein Auge, ſein Mienen⸗ ſpiel, der Zuſammenklang aller aͤußern Be⸗ wegungen noch erhoͤhte, ſeine achrungs⸗ volle Anhänglichkeit, die er gegen den franzſiſchen Thron und gegen das koͤnig⸗ liche Paar insbeſondere bei jeber Gelegen⸗ heit reden ließ, dies Alles und mehreres Andere ſtellte ihn unter die Liebling⸗ des Koͤnigs. i und inniger wurde than geklagt, als dieſer Marquis ihn ve⸗ trauerte. Wenn durch das Abſterben des Monarchen der Hochmuth des Marquis den empfindlichſten Streich erlitt, da er den 6 Freund nannte und ſich dadurch geehrt füte, ſo war der Todesfall für ſeine Fi⸗ nnanzen doch ungemein wohlthätig. Eewiß, der Narquis fürchtete, Hein⸗ Aufwand beſchraͤnkte, wenn er's den Vor⸗ nehmſten des Hofes nicht mehr gleich that, wenn er in ſeiner Pracht nicht weiter als die Reichſten ging, darum zog er dem Lurus, den er machte, nichts ab, darum vermehrte er ſeine Schulden und ſah das Grab der Armuth offen, wenn er nur etliche Jahre noch die Verſchwendungen forttrieb, in das er unaufhaltſam ſtuͤrzen werbe. Jetzt zog er ſich vom Hofe zuruͤck, begab uͤber den Tod Heinrichs von keinem Unter⸗ richs Gunſt zu verlieren, wenn er ſeinen Foͤnig nicht anders als ſeinen erhabenen ſich auf ſein Landgut in der Provinz, um in einer langen Reihe von Jahren das wieder zu erſparen, was er in wenigen verſchwendet hatte. Seinen Freunden die ſeine Zuruͤckgezogenheit nicht deuten konn⸗ ten, oder die den Grund derſelben zum Theil auch erriethen, und ihm prophezeih⸗ ten, daß ihn die Langeweile auf dem Lande bald wieder in die Arme der angenehmen Ergötzlichkeiten der Hauptſtadt zuruckführen werde, Zab die kurze, unwahre aber ſeinem Hochmuthe natuͤrliche Antwort:„Seit mir der konigliche Freund abgeſtorben iſt, koͤmmt mir Paris wie eine Einſiedelei, wie ein Leichenhaus vor, wo ich die Per⸗ ſon vermiſſe, die meinem Herzen die theuer⸗ ſte war. Vielleicht, wenn ſich mein Sinn wie⸗ der aufgeheitert hat, ruft mich das Verlan⸗ gen nach meinen andern Sreunden hieher.“ Wir muͤſſen den Marquis loben, daß er auf der Bahn ſeiner Verſchwendungen ſ0 ſtand, datz er die Trummer ſeines — Vermögens ſammelte, daß er vorſichtig für den Unterhalt ſeiner Familie ſorgte. Die Marquiſe wollte ſich ungern von Paris trennen, wo ihr die Blumen aller Freuden bluͤhten, wo ſie ſich ſo recht in ihrer Hei⸗ math fuͤhlte, wo ſich jedem Wunſche Ge⸗ waͤhrung jedem Verlangen der Genuß an⸗ bot. Sie konnte es ebenfalls nicht begrei⸗ fen, wie ihr Gatte ſeinen Pallaſt und die Reſidenz mit einem verfallenen Schloſſe und einem entlegenen, von Bauern be⸗ wohnten Dorfe vertauſchen konnte und machte ihm deshalb Vorſtellungen und that Fragen an ihn. Als er ihr aber ohne Rückhalt und Verſtellung ſeine wahren Gründe offenbart hatte, da ſtaunte ſie an⸗ fangs zwar ſchreckhaft, faßte ihn aber bald um den Hals, billigte ſeinen Entſchluß und folgte ihm ohne Widerſtreben nach Chartreu nach glücklich im Innern, daß ſie nicht in den Schlund einer verächtlichen Dürftigkeit geſturzt war, und daß ſie der Boffnung Raum geben konnte, wenn Lau⸗ in Paris halten zu können. Wie ſie, hät⸗ ten ſich viele Frauen in den ſchnellen Wech⸗ ſel eines ſo harten Schickſals nicht gefun⸗ den. Dieſer Marquis andeſte doch ruͤhm⸗ licher, wie Viele unſerer vornehmen Reichen, die ein in ſunfzig Jahren erſpartes, zuſam⸗ mengekratztes, erkargtes Erbgut, an dem Seufzer und Thraͤnen Betrogener und Ge⸗ druͤckter kleben, in einer kurzen Zeitfriſt ver⸗ putzen, vertrinken, verſpielen, verfn⸗ und auf eine hoͤchſt gemeine Weiſe in Nichts verwandeln. Sie mißbrauchen ihren Crebit, den ſie auf fremde Unkoſten erhalten, con⸗ trahiren dann noch Schulden, wenn es ihnen ſchon gewiß iſt, daß ſie ſie nie be⸗ zahlen können, und treiben ſo ein gehei⸗ mes Diebeshandwerk, wofuͤr ſie haͤrter ge⸗ ſtraft werden müßten, als die, welche man auf einem geſtohlnen Pferde ertappt⸗ Es Wahnfnn und n wenn ein ſende wieder geſammelt wären, den Einzug — eine andere Wahl blicb ihm nicht üͤbri — Mann ſeinem Ruin, den er doch vor Au⸗ gen ſieht, vorbengen koͤnnte, und wie ein Schiff mit offenen Segeln hineinfaͤhrt. 9 Leicht wurde es unſerm Marquis wahr⸗ lich nicht, Paris auf eine lange Zeit den Ruͤcken zu kehren, viele Bande mußten zer⸗ riſſen werden, die ſehr feſt geknüpft warenz aber ein Mann von feſier Kraſt, wie er war, kann ſich ſelbſt uͤberwinden, und tritt die Hinderniſſe nieder, die ihm auf dem Wege zu einem vorgeſetzten Ziele entgegen⸗ ſtehen. Sollte er bleiben und der Welt das Schauſpiel einer ſparſamen Ein⸗ ſchraͤnkung geben, zu der er ſich gezwungen ſah, wenn er in der Nacht der Duͤrſtig⸗ keit nicht untergehen wollte, das erlaubte ſeine Hochmuth nichtz ſollte er den letzten Reſt ſeines Vermoͤgens im Glanze ſeiner vorigen Herrlichkeit vergeuden, das ließ ſeine Liebe nicht zu, die er zu ſeiner Gat⸗ tin und Tochter hatte. Er mußte fort, 3 4—.. 5 — und zwar aͤrmer, als er Paris vor acht Jahren betrat, wo er ſich dort häuslich niederließ, aber reicher an Erfahrung, ge⸗ witzter, vorſichtiger gemacht und gewarnt, fuhr er in einem koſtbaren Wagen, mit vier Englaͤndern und einer Dienerſchaft, deren Uniform von goldenen Treſſen ſtarrte, nicht ohne wehmuͤthige Gefuͤhle, aus den Thoren 3 der Hauptſtadt; als er ſeine Gattin weinen ſah, ſagte er geruͤhrt:„Beruhige Dich, ein freier Entſchluß, mit dem man Boͤſes ver⸗ huͤten will, kann uns nie gereuen. Es. muß auf lautes Gelaͤchter eine geſetztere Stille folgen. Das vielfache ununter⸗ brochene Vergnuͤgen ſtumpft die Sinne ſo ab, daß wir's zuletzt nur halb, oft mit Ver⸗ druß empfinden, wer's entbehrt und es dann wieder genießt, den entzůckt ein zehn⸗ facher Genuß. In Chartreu iſt die Natur unſer Theater, der Wald unſer Conzertſaal, die Quelle der Pokal, die Wieſe der Raum zu Bällen und junge Laͤmmer ſind die Tänzer. Das Gluͤck liegt in dem Ner⸗ ſchen, und wenn wir's vei einem Reich⸗ thume, in den ſich funfzig Familien theilen können, die ſich alle reich füͤhlen wuͤrden, nicht wahrnehmen, ſo iſt's unſere Schuld. Hatteſt Du noch auf eine unbeſtimmte Zeit wie eine Fackel glaͤnzen wollen, um dann wie ein Licht zu verglimmen dem es an Nahrung gebricht? Mache mich nicht traurig, ich fuhle Deinen Schmerz wie ei⸗ nen Vorwurf, der eine boͤſe That trifft.“ Zwei Tage vor der Abreiſe nach Char⸗ treu hatte ſich die Marquiſe de Vetrün bei der Königin melden laſſen, um ihr zu dan⸗ ken und ſich ihrer fortdauernden Huld zu empfehlen. Catharina von Medicis wuͤr⸗ digte die Vetrün einer beſondern Aufmerk⸗ ſamkeit und war ihr ſogar in einem gewiſ⸗ ſen Grade mit ihrem Herzen geneigt. Das Gewebe der Heuchelei und Verſtellung, mit der die Koͤnigin die hellſten Augen, ihre vertrauteſten Freunde täuſchte, durchſchauete die Frau nicht, in ihr verehrte ſie nur die — — herablaſſende, kluge kenntnißreiche Fuͤrſtin, die mit ihrem liebevollen Weſen, mit ihren huldvollen Blicken, mit ihrer Milde und Beſcheidenheit alle Perſonen, die in ihrer Naͤhe waren, an ſich feſſelte und be⸗ zauberte. 4 Als die Vetruͤn ins Kabinet der Köni⸗ gin trat, fand ſie auf ihrem Geſichte nicht das heitere, ungetruͤbte Lächeln, was ſie ſonſt immer, wenn ſie vor ihr erſchien, wahrnahm, ſie glaubte ſie in einer ernſten Stimmung zu ſehen, ohne daß ſie den wahrſcheinlichen Grund derſelben ſogleich richtig zu deuten verſtand. Ehe die Vetruͤn ihr die Abſicht ihres Beſuches gemeldet hatte, ſtanden ſchon Thraͤnen in ihren Au⸗ gen. Die Königin ergriff ihre Hand und unterbrach ihre Anrede mit den Worten: „Gewiß, ich hne die Abſicht Ihres Be⸗ ſuchs und theile einen Schmerz mit Ihnen. Zurnen moͤchte ich auf Ihren Gatten, daß er uns ſo weit von einander trennen will. — Auch die Entſernung kann unſerer Freund⸗ ſchaft keinen Abbruch thun, aber die Freu⸗ den eines nähern Umgangs werden uns entriſſen. Die Hoffnung beruhigt mich, daß ihre Abweſenheit nicht von langer Dauer ſeyn wird.“.. Die Königin ſagte das mit bewegter Stimme und die Mar⸗ quiſe irrte ſich nicht, wenn ſie in den Au⸗ gen Catharina's zwei Thraͤnen ſchimmern ſah. Als die Koͤnigin wie in wehmüthiges Nachdenken verſunken, ſchwieg und vor ſich niederblickte, ſagte die Vetrun:„Eben dies, daß ich von einer Monarchin ſcheiden muß, die mich mit Beweiſen der Huld über⸗ haͤufte, die durch ihre Guͤte mir ein ſo ſchönes Leben ſchuf, das iſt es, was mei⸗ nem Abſchiede das Bitterſte beimiſcht und mich in einen Kummer verſenkt, den ich nicht uͤberwaͤltigen kann. O, möchte in dem Herzen einer angebeteten Koͤnigin die Puld gegen eine Entfernte nie ſchwächer werden, die in der Erinnerung an ein ge⸗ noſſenes Gluͤck, was ſie nur durch ihre Gnade empfand, ſich ewig zu ihren treueſten und dankharſten Verehrerinnen rechnen wird.“„ PTyraͤnen rollten uͤber die Wangen der tiefbewegten Frau. Liebender und zaͤrtlicher ſagte Catha⸗ rina:„O, ich weiß es wohl, liebe Vetrun, daß Sie mich lieben, und ich darf's ge⸗ ſtehen, daß ich dieſe Liebe erwiedere. Wir werden uns nie fremd werden. Das Band der Uebereinſtimmung unſerer Gemuͤther wird uns ewig an einander feſſeln. Aber in der Trennung ihres Gatten von Paris liegt mir doch viel Unbegreifliches. Er liebt Sie mit der zaͤrtlichſten Treue, wie unter den Vornehmen nur Wenige in Paris ihre Frauen lieben, und kann Sie mit einem ſol⸗ chen Schmerze betruben? Ein frommes, edles Weib konnte ihn zur Eiferſucht nie reizen. Was iſt ihm Unangenehmes begeg⸗ net, daß er die Hauptſtadt verlaͤßt? Hätten Sie ihn nicht durch ein bittendes Wort, durch ein ernſtes, nachdruͤckliches vielleicht vermögen koͤnnen, hier zu bleiben? Auch das Weib iſt darum nicht geſchaffen, daß es der Wlllkuͤhr des Mannes ſclaviſch fröhne, ſie behaupte ihre Rechte, damit ſie nicht zuletzt ein willenloſes Weſen werde, das ſich wie ein Kind nach jeder Gegend hin am Gaͤngelbande leiten läßt.“ „Ach, nein, Königin,“ ſagte die Vetruͤn, „der Marquis iſt ein zaͤrtlicher Gatte, ein edler Menſch, der ſeine Gewalt als Mann nie uͤber mich zu weit ausdehnte. Gluͤcklich bin ich nur durch ſeine Liebe und er iſt es allein durch meine Zärtlichkeit. Es iſt ein wichtiger Grund, der ihn von Paris hin⸗ wegfuͤhrt, er hat ihn mir entdeckt, ſeitdem muß ich ihn nur noch höher achten; aber auch meiner innigſten Freundin darf ich ihn nicht verrathen, da er mir als ein Geheim⸗ niß anvertrauet iſt. Vielleicht enthuͤllt es ſich nach etlichen Jahren, vielleicht auch nie. P P. — 28— Gern folge ich meinem Gatten nach Char⸗ treu nach, weil er in Paris nicht bleiben kann, mein Herz iſt feſt an ihn gebunden, und in ſeiner jetzigen Gemüthsſtimmung bin ich ihm unentbehrlicher als je. Klar und rein ſteht ſein Bild vor meiner Seele, und ſo moͤchte ich, daß es der Koͤnigin auch erſchiene, in der er die weiſe und guͤ⸗ tige Regentin verehrt.“ Beim Ibſchiede bat Catharina die Marquiſe, daß ſie ihr auf ein Viertelſtuͤnd⸗ chen ihre Tochter zuſchickte und ſagte:„Ich will mich noch ein Mal an der Engelsge⸗ ſtalt weiden, die das Entzuͤcken der Mutter iſt und einſt ihre Wonne werden wird⸗ Steht es in meiner Macht, ſo will ich's der Tochter beweiſen, in welchem Grade ich die Freundin der Mutter bin. Adieu, liebe Vetruͤn, die Hoffnung eines baldigen Wie⸗ derſehens ſoll das Herbe unſerer Trennung mildern.“ Begeiſtert, bezaubert war die Mar⸗ quiſe uͤber die Huld der Konigin und iheilte mit großer Ruͤhrung ihrem Gatten jedes Wort mit, was ſie mit ihr geſprochen hatte. Der Marquis erwiederte:„Deinen 5 Glauben an die Guͤte der Koͤnigin will ich nicht ſtören, aber es iſt ſo manches Räth⸗ ſelhafte in ihrem Weſen, was ich nicht deuten kann. Sie ſchwankt wie alle Wei⸗ ber zur Rechten und zur Linken und es fehlt ihr die Feſtigkeit, mit der das Ruder des Staates gefuͤhrt werden muß. Jedem erſcheint ſie liebevoll und freundlich. Wie das moglich iſt, verſtehe ich nicht zu rei⸗ men. Wer alle Welt zu Freunden haben will, der hat enblich keinen. Det Satz iſt ein alter, aber ein wahrer.“—„O, laß mir den Glauben an die Guͤte dieſer Koͤ⸗ 54 nigin,“ bat die Marquiſe mit Wemuth und Verdruß,„er macht mich ja ſo glͤcklich! Wie kann es eine Koͤnigin Allen recht machen! Man helauert ihre Schritte und Tadler finden allenthalben Flecken. Ich heurtheile ſie nach dem, was ſie mir iſt und war, und da zolle ich ihr eine Ver⸗ ehrung, wie ſie der Tugend nur gebuͤhrt.“ Sie hatte es ihrem Gatten geſagt, daß die Königin ſie in den ſchmeichelhafteſten Ausdruͤcken gebeten haͤtte, ihr die liebe Jo⸗ hanna vor ihrer Abreiſe noch einmal zuzu⸗ ſchicken, gegen die ſie oſt eine zaͤrtliche Neigung geaußert haͤtte. Der Marquis hatte nichts dawider. Die Tochter kehrte lauter Freude voll zu den Eltern zurück, zeigte koſtbare Geſchenke vor, die ſie aus Catharinens Haͤnden erhielt und erzaͤhlte, daß ſie die Koͤnigin öfters kuͤßte, ſie liebe Tochter nannte und ſie um einen wieder⸗ holten Beſuch gebeten hätte.„Sie war ſo guͤtig gegen mich,“ ſprach Johanna,„wie eine liebe Mutter.“ Als Johanna aus dem Zimmer war, betrachtete der Marquis kopfſchuͤttelnd die GSeſchenke. Er konnte ſeinen Unmuth uͤber i — 31— die verſchwenderiſche Geberin nicht bergen und ſprach:„Sonderbar, der Staat ſeufzt unter der zunehmenden Buͤrde der Schul⸗ denlaſt und die Koͤnigin macht Geſchenke, als ob alle Steine von Frankreich gediege⸗ nes Gold waͤren, was man nur von dem Boden aufheben darf. Die Armuth, in die ſie den Thron verſetzt, wird ſie ſtuͤrzen. Einem Maͤdchen mit Edelſteinen beſetzte Spangen zu geben, die an Werth viele Tauſende uͤberſteigen! Will ſie mich damit beſtechen? Kennt ſie meine Verlegenheit und will ſie mich vom Straucheln dadurch zum Stehen bringen? Verwahre das Me⸗ tall, um das ſich ſo Mancher zu Verbrechen erkaufen ließ, vielleicht dient's Johannen zum Heirathsgut. Futter fur die weibliche Eitelkeit, die fruͤh genug genährt wird und wilde Zweige treibt, ſoll's wenigſtens nicht werden.“... Aber ſeit dieſer Zeit wo die Königin die ſchoͤne Johanna ſo gekuͤßt und und ſo beſchenkt hatte, ſetzte ſich in dem iungen Herzen eine beſondere Vorliebe für ſie feſt, ſie ſprach öſter von ihr und die Mutter hielt es fuͤr eine Pflicht, das Dank⸗ gefühl in ihr nicht erlöſchen zu laſſen. Der Marquis hatte den Tag ſeiner Ankunft in Chartreu gemeldet, mehrere Die⸗ ner und mit Sachen beladene Wagen da⸗ pin geſchickt, damit einige Voranſtalten in dem lange unbewohnten und öden Schloſſe zu ſeinem Empfange getroffen wurden. Des alte Stammſchloß der Comtes de Chartreu, von denen der Marquis de Vetrun, nach muͤtterlicher Seite, ein Ab⸗ kömmling war, lag in einer romantiſchen Gegend. Nordlich erhob ſich eine Reihe von Bergen, die mit Eichen und Buchen von ſeltener Groͤße beſchattet waren, hie und da ragte ein nacktes Felſenhaupt uͤber die Wipfel empor. Im dunkeln Walde, in dem die Ruhe ſelten geſtoͤrt wurde, wimmelte es von allerlei Wild. Hirſche von vielaͤſtigem Geweih ſtreiften in demſel⸗ 2* ben umher. Suͤdlich breitete ſich bis zu unabſehbaren Weiten ein freundliches Thal aus, das ſich bald verengte, bald mehr von einander dehnte. Ein buntes Gemiſch von Triften, Wieſen und Ackerland, Seen und Baͤchen gab dem lachenden Naturgemaͤlde noch beſondere Reize. Dem Freunde des Schoönen und Erhabenen, wie es keine menſchliche Kunſt nachahmen kann, der die koͤſtlichen Freuden in der Schoͤpfung aufſucht, um ſich durch ſie zu entzuͤcken, und ſie dem larmenden Tumulte großer Städte, der uͤppigen Pracht vorzieht, hatte es hier gefallen muͤſſen. Aber fuͤr das Menſchliche haben die Meiſten Sinn und i das Gön⸗ liche nur Wenige. Dem Marquis und ſeiner Gattin, die mit ihrer Tochter und ihrer Gouvernante, der Demoiſelle Chamboiſe, in dem vordern Wagen ſaß, indeß Koch, Kammerdiener, Kammerjungfer und anderes Perſonale, was der Herrſchaft das Leben erſchwert, ſtatt es 3 8 leichter und bequemer zu machen, in einem zweiten und dritten Wagen nachfolgte, wandelte ein geheimer Schauer an, als ſie die finſteren, alterthuͤmlichen Mauern des Schloſſes in naher Ferne erblickten. Einer verheimlichte dem Andern ſeine Gefuͤhle, aber beiden war zu Muthe, als ob ſie aus dem Lichte in die Finſterniß geſchleudert wuͤrden, als ob ſie Verurtheilte waͤren, denen man dieſen Verbannungsort angewie⸗ ſen hätte. Sie wurden mit ihren Gefuͤh⸗ len nicht laut. Der Marquis unterbrach zuerſt die gedankenvolle Stille und ſagte; „Welch eine reizende Gegend! Meine Vor⸗ fahen waren gewiß große Naturfreunde, daß ſie hier ein Schloß erbaueten. Mein erſter Ahnherr Carl von Chartreu, der mit Ludewig dem Heiligen den beruͤhmten Kreuzzug ins gelobte Land machte, und unter den Schwertern der Saracenen ſein Leben einbuͤßte, legte den erſten Grund⸗ ſtein dazu. Sein Bildniß hängt von allen Comtes de Chartreu oben an. Dem An⸗ ſehen nach war er ein ſtattlicher Ritter. Welchen Eindruck macht dieſe Sr auf Dein Gemuth?“ Die Marquiſe entgegnete:„Im All⸗ gemeinen einen tiefen eindringenden; aber ich fuͤhle mich hier fremd und muß erſt einheimiſch werden, ehe ich richtig urtheilen kann. Es geht uns in einer unbekannten Gegend wie unter unbekannten Menſchen, nichts ruft uns ein recht freundliches, ein⸗ ladendes Wort zu. Wo mir uͤberhaupt die verſtaͤndliche Stimme fehlt, mit der ich Ge⸗ fuͤhle ausſprechen kann, da bin ich immer einſam, und wenn ich in der ſchoͤnſten Schweizergegend wandelte. Das Ganze koͤmmt wir vor wie ein koſtbarer Pallaſt, in dem alles Herrliche aufgeſtellt iſt, wo aber die Bewohner ausgeſtorben ſind. Der Menſch gewoͤhnt ſich an Alles, der Einge⸗ ſperrte gewinnt endlich ſeinen Kerker lieb.“ — Mißmuthig ſagte der Marquis die Worter „Wollen wir etwa umkehren und nach — Paris zuruͤckreiſen? Sprichſt Du doch von Chartteu, daß Johanna davor zuruͤckbeben koͤnme! Preiswuͤrdige Comtes und Com⸗ teſſen verlebten da in Luſt und Freude ihre ſchoͤnſten Tage, hier wurde muſicirt und getanzt gezecht und geſpielt, gejagt und turnirt, warum ſollte es nicht auch uns ge⸗ fallen? Wir ſind verwoͤhnte Menſchen, mit Wenigem nicht zufrieden, denen man Zau⸗ verſchloſſer bauen muß, weil ihnen die wirklichen nicht mehr genuͤgen. Ich wette, es kömmt die Zeit; wo wir mit Thraͤnen von unſerm geliebten Chartreu ſcheiden.“ Die Zugbrucken, welche man hatte re⸗ pariren laſſen, waren niedergezogen; vor der Schloßthuͤr war weit umher dicker Sand geſtreuet; es hatte ſich die Bauer⸗ ſchaft daſelbſt verſammelt und an ihrer Spitze ſtand, neben dem Pächter und ſeiner Familie, der grauharige Caſtellan mit ſei⸗ ner Gattin, welche voͤllig zwei Geſtalten — aus der Vorzeit glichen. Die Einkunfte —— von Chartreu wurden quartaliter nach Pa⸗ ris geſandt und fielen dort wie ein Trop⸗ fen auf einen heißen Stein; alle Anweſen⸗ den hatten ihren Herrn von Wheſicht zu Angeſicht noch nicht geſehen. Das Kom⸗ men verſprach er jaͤhrlich, aber Wort hielt er nie. Wunderdinge erzaͤhlte man ſich von ſeiner Tapferkeit, von ſeiner Freund⸗ ſchaft mit dem Konige, von dem vertrauten umgange der Marquiſe mit der Koͤnigin und brannte ſchon laͤngſt vor Sehnſucht, das geprieſene Paar in der Naͤhe anzu⸗ ſtaunen. Alle waren feſtlich geſchmuͤckt, mit unbedecktem Haupte die Männer und die Madchen hatten mit den juͤngern Frauen Blumenkraͤnze in den Haaren. Dieſer An⸗ blick ergötzte den Marquis und ſeine Gat⸗ tin, ſie duͤnkten ſich wie koͤnigliche Herr ſ unter Unterthanen. ſie aus dem Wagen geßiegen waren, ſtand der Caſtellan vor dem Mar⸗ quis und hielt folgende Mi die er ſelbſt erdacht und mit aller Muhe ſeinem untreuen Gedaͤchtniſſe eingepraͤgt hatte: „Endlich werden unſere Gebete erſuͤllt und der glorreiche Marquis de Vetrun, in Schlachten wie der Held Ruitland ein Rachſchwert und verzehrendes Feuer, ver⸗ läßt den Glanz der Hauptſtadt mit ſeiner Gemahlin, in Chartreu, dem Stammhauſe ſeiner grauen Ahnen, auf den erkämpſften Lorbeeren auszuruhen. Wir empfangen Sie mit allen Zeichen einer unverſtellten Huldi⸗ gung und legen uns mit unterthaͤnigſtem Reſpekt zu Ihren Fuͤßen Unſere Freude uͤber ſolch ein gluͤckliches Ereigniß, an deſ⸗ ſen Wirklichkeit wir nicht mehr zu glauben wagten, unſern Gebieter und Herrn auf ſeinem muͤtterlichen Stammſitze, den der große Carl von Chartreu zuerſt gründete, iſt groͤßer, als ſie ſich ausſprechen laͤßt. Ich bin nur das Organ, was Ihnen die Gefuͤhle der Hochachtung und Ergebenheit verkundet, die in der Bruſt aller Ihrer Un⸗ 3 terthanen wie Opferflammen auf Altären 5. ſeinen Zimmern ausruhen. — 30 lodern, die Sie hier verſammelt ſehen. Mir gebuͤhrt das Sprecheramt, da es hier bekannt iſt, dieſer Arm hatte vor vierzig Jehren die Ehre, den Herrn Marquſs zu tragen, als Dieſelben noch ein Knäbchen waren. Nun, glücuche Chartreuſer, laßt eure Empfindungen laut werden und ruft ein dreimaliges; es lebe unſere Herrſchaft! aut in die Lüſte; daß es das Echo im nahen Buchenwalde wiederruft!“ Gewaltig ſchrie der Caſtellan zuerſt und Alle ſchrien ihm nach. Der Marquis dankte mit vieler Gute und freundlicher Milde im Geſichte, als die Stille eintrat und verſprach, daß er fuͤr den morgenden Tag ein ländliches Feſt an⸗ ordnen wollte, an dem ſeine geliebten Unter⸗ thanen Alle Theil nehmen ſollten. Von der Reiſe ermüdet, müſſe er ſich heute in ſcher Grazie, aber nur die Miene der Gou⸗ 3 „Gewiß,“ ſo ſprach er zu dem Redner mit lächelndem Niederblick auf den kleinen Caſtellan,„ſind Sie der alte treue Lempi⸗ net, der ſchon im Dienſte des Vaters mei⸗ ner Mutter ſtand. Ich begruͤße Sie und achte Ihre Liebe, die Sie mir in Ihrer Rede zu erkennen gaben.“—„Der bin ich und dieſe da— er zeigte auf ein altes, runzliches, nach ihrer Art geputztes Muͤtter⸗ chen, welche ſich Zwang anthun mußte, daß ſie nicht ſprach— iſt meine Ebefrau, die ehemalige Kammerjungfer der Comteſſe de Chartreu. Sie war ſonſt glatt und roth, das Alter hat ſie ſo entſtellt, aber ein treues zaͤrtliches Gemuͤth, was ſeine Freu⸗ den in den Ruͤckerinnerungen der Vergan⸗ genheit noch findet, iſt ihr ohne Wandel und Veraͤnderung geblieben“„. Die Alte machte einen tiefen Knix mit unmodi⸗ vernante, die ſo etwas noch nie geſehen hatte, verzeg ſich zu einem yöhniſchen — Die Ruͤhrung, welche auch das Herz der Gräfin ergriffen hatte, als ſie die froͤh⸗ lichen Landleute ſah, die ihren Herrn ſo empfingen, ſollte ſich bald in ein aͤngſtliches, faſt ſchreckhaftes Grauen verwandeln, als ſie, am Arm ihres Gatten gefuͤhrt, indem der Caſtellan voranging, um der Herrſchaft die Wohnzimmer anzuweiſen, und Johanna mit der Gouvernante nachfolgte, in das Schloß ſelber trat. Mit einem fluͤchtigen Blick uͤberſah ſie einen unheuer großen . Hausflur, den das Tageslicht der klei⸗ nen Fenſter wegen, nur matt erleuchten konnte, in dem ein Daͤmmerlicht herrſchte. Schwarze, graue, hohe Waͤnde ſtarrten ihr entgegen, die zum Theil mit rieſenmaͤßigen Schildereien behangen waren, von denen große Fetzen, die der Zahn der Zeit abge⸗ nagt hatte, mn Jetzt oͤffnete ſich die Thuͤr des Wohn⸗ zimmers, das an Größe einem Saale glich und eine himmelhohe Decke hatte. Der Caſtellan hatte die Waͤnde wohl zehnmal uͤberweißen laſſen, aber die alte Grundfarbe vehauptete ihre ſruͤhern Rechte und ſchim⸗ merte buntſcheckig und grau durch die Weiße. Die aus Paris geſandten koſtbaren Moͤbeln reichten nicht hin, um etliche Stuben voöllig damit auszuſchmücken, und der Caſtellan hatte daher, wie er weislich dachte, ſie in mehreren Zimmern vertheilt, die bewohnt werden wuͤrden. Im bunten Gemiſch ſtand das Neue neben dem Alten, das Modiſche neben dem Unmodiſchen und die Marquiſe glaubte die Vorfahren und die gegenwärti⸗ gen Bewohner, den Geſchmack der Urzeit und des jetzigen Zeitalters hier wie in einem Kunſtkabinet zuſammen zu finden. Die Herrlichkeit ihrer pariſer Zimmer ging ihren Blicken wie ein verlorenes Paradies voruͤber, ſie ſeufzte innerlich und ſagte: „Eine wahre Ritterburg für Ritter, aber icht fur uns!“— Der Marquis 5 derte:„Dich hat ja immer verlangt, d 5 cunimich 37 ſeh⸗ 2 Wunſch iſt erfuͤllt und doch ſcheinſt Du nicht zufrieden.“—„Zum Sehen,“ erwie⸗ derte ſie,„iſt das Alles ſehr intereſſant, aber zum Wohnen abſcheulich.“—„Nur ruhig,“ bat der Marquis,„das Finſtere ſoll ſich bald verlieren und zu einem freund⸗ lichen Wohnſitze werden.“ Niemand, außer dem Marquis, wagte es, aus der Thür zu gehen, als es Abend wurde und mit geheimem Zittern hielten ſich die Frauen bei einander. Man fuͤrch⸗ tete, wenn ſich die Thuͤr leiſe oͤffnete, einen Comte oder eine Comteſſe von Chartreu zu ſehen. Die Marquiſe beforgte, daß ſie's auf dem Schloſſe nicht gewohnt wuͤrde, und wenn ſie hier bleiben muͤſſe, wölle ſie ſich lieber in einer Bauerhuͤtte einmiethen. Sie hätte die Nacht doch kein Auge zuthun koͤnnen, da ſie im Fieber einer beſtaͤndigen Angſt lag; aber um ſo ſchrecklicher war die unterhaltung, die ſie, bis der Morgen grauete, folterte. Sie war auf Alles auf⸗ — merkfam, was die Ruhe und Stille in der Dunkelheit nur irgend unterbrechen konnte und hoͤrte Dinge, die außer ihr gar nicht Statt fanden. Der Marquis ſchlief feſt, aber ſie ruhete nicht N er mußte wachen. Jetzt fing das Laufen, Nagen, Quiken der Maäͤuſe an.„Was iſt das,“ rief die Marquiſe, welche das Spiel dieſer Thierchen, was ſie in der Nacht trieben, in der Wirk⸗ lichkeit nicht kannte,„was iſt das!“ La⸗ chelnd faſt ſagte der Marquis:„Es ſind friedliche, luſtige Maͤuschen, die uns, die neuen Ankommlinge, willkommen heißen. Eine Maus furchtet ſich vor Dir nicht und Du fuͤrchteſt Dich vor ihr?“„ Bald ſchallte das Nachtwächterhorn und der Blaͤſer deſſelben ſtimmte dann ein Sterbe⸗ lied mit rauher, heulender und klaͤglicher Stimme an.„Abſcheulich, ſchrecklich,“ rief die Marquiſe,„das halte ich nicht aus!“ * Sie wagte es nicht aus dem Beite zu ————— ————— — ſpringen. Der Marquis troͤſtete und be⸗ tuhigte ſie von neuem. Nun aber ſing das Eulengekreiſch an. Auf dem hohen Schloßthurme, in den verfallenen Mauern hatten dieſe Voͤgel ihren ungeſtoͤrten Wohn⸗ ſitz und ſich zu einer großen Zahl vermehrt. „Gott,“ rief die erſchrockene Frau aus, „was hoͤre ich!“—„Weiter nichts,“ ſagte der Marquis,„als Eulen. Sie haben jetzt ihren Tag und laſſen ihre Stimmen hören. Auch wenn ſie im Zimmer waͤren, biſſen ſie uns nicht. Um das Ganze voll zu machen, hoörte man guch Hundegebell und Katzen⸗ miauen. „Liebſte Louiſe,“ ſagte der Marquis zu ſeiner Gattin, die in ſein Bett gefluͤchtet war und ihn mit beiden Armen umklammert hielt,„das Unangenehme, was Dich aͤngſtigt, laͤßt ſich ja hinwegſchaffen. Maͤuſe, Ratten und Eulen werden vertilgt, der Nachtwaͤch⸗ ter läßt das Rufen und Singen, die Katzen miauen nicht immer, das Bellen der Hunde ſchutzt uns gegen Diebe. Deine Furcht wird ſich bald legen, wenn Du Dich von ihrem Ungrunde uͤberzeugſt, und wie uͤber eine kindiſche Thorheit wirſt Du uber ſie lachen. Wie ſonderbar iſt doch der Menſch! Er ſchafft ſich in der Nacht Geſpenſter, denen ſeine Phantaſie ſchauderhafte Geſtalten giebt, die nicht außer ihm ſind, die ihm nicht ſchaden können und am Tage wandelt er auf Baͤllen, ſo unbeſorgt und froh unter groͤßern und kleinern Ungeheuern umher, die alle ſo lieblich und anlockend ausſehen und der Unſchuld Schlingen legen, ſeinem Leben Gift bereiten, ihm Herzensruhe, Ehre und Frieden rauben. Sie ſieht er nicht, ſie umarmt er, zu ihnen fuͤhlt er ſich hin⸗ gezogen, er druͤckt ſie, als ob ſie ſeine in⸗ timſten Freunde waͤren, an ſeine Bruſt. Halte hier nur ſtandhaft aus, geliebte Louiſe, und lerne Deinen Aufenthalt in Chartreu als eine Schule kennen, in die Dich die Vorſehung gefuͤhrt hat, wo Du viele Tugenden ge⸗ winnen, ein reineres Gluͤck empfinden wirſt, ———— —— — 47— als Dir das Leben in der großen Welt nicht gewähren konnte. Je mehr es Dir koſtet, deſto herrlicher wird Dein Lohn ſehn. In Paris waͤre die Quelle unſers Wohl⸗ ſtandes bald verſiegt, hier wird ſie neues Waſſer fammeln.“ Johanna hatte feſt geſchlaſen d bie Muͤdigkeit am Abend uͤberwältigte die Gou⸗ vernante ſo, daß ſie erſt am ſpäten Mor⸗ gen erwachte. Von ihrer Furcht in der Nacht ſprach die Marquiſe kein Wort. Sie ſtanden auf einem hohen Balkon, ſchaueten in die ſchoͤne Landſchaft hinaus, ergötzten ſich an ihrem Anblick, als der wohlgenaͤhrte Paͤchter, dem die Ankunft des Marquis und die Gewißheit ſeines laͤngern Aufent⸗ halts in Chartreu, aus vielen Gruͤnden eine verhaßte Sache war, langſam dem Schloſſe zugewatſchelt kam, und ob er die Herr⸗ ſchaft längſt zum Teufel wuͤnſchte, bennoch eine tiefe Verbeugung machte und mit un⸗ bedecktem Kopfe bis in die Schloßthüe i — 48— ging. Er glaubte, daß der Marquis jetzt in einer guten Stimmung ſey und hatte den Grundſatz, man muͤſſe das Eiſen ſchmieden, ehe es vergluͤht ſey, darum wollte er ihm eine unterthänige Bitte ans Herz legen, einen Verſuch auf die Gefahr wagen, daß er mißlang. Er kam auch dar⸗ um ſo fruͤh, damit der fatale Caſtellan, der ihm wie die Suͤnde verhaßt war, den Prinzipal nicht wider ihn einnehmen und ihm den Vortheil, den er ſich zu erſchlei⸗ chen gedachte, vereiteln ſollte. Vald wurde der Marquis von ſeinem Kammerdiener abgerufen, der ihm den Wunſch des Pächters, ihn zu ſprechen, meldete. Das glatte, gläͤnzende Geſicht des dicken Mannes heiterte ſich zum unter⸗ thänigſten Lächeln auf, als er im Zimmer vor ſeinem Herrn Verpaͤchter ſtand, und er ſchickte folgende ſuße Vorrede ſeiner deſto — bittern Nachrede voran, als er gefragt wurde, welches ſein Begehr ſey:„Es wurde mir geſtern nicht vergönnt, dem Herrn Marquis meine hochachtungsvollen und freudigen Gefuͤhle auszuſprechen, die ich uͤber Dero Ankunft in mir hege, darum vergoͤnnen Sie mir es jetzt. Meine Freude iſt um ſo groͤßer, ſeit ich weiß, daß Dero Aufent⸗ halt von laͤngerer Dauer ſeyn wud. Was ich bisher ſchriftlich nicht wagte, das kann ich nun muͤndlich thun. Herr Marquis, ich uͤbernahm Chartreu pachtweiſe von mei⸗ nem Vater, der hier an vierzig Jahr mit dem letzten Herrn Comte im Verkehr lebte, Die Ernten waren reichlich, die Preiſe an⸗ ſehnlich, darum konnte er eine ſo große, faſt üͤbertriebene Pachtſumme geben. Das aber hat ſich ſeit zehn Jahren zum Nach⸗ theil aller Oekonomen ſehr geaͤndert. Mein Erworbenes muß ich zuſetzen und furchten, ein armer Mann zu werden, wenn„ Der Mann machte ein gar klägliches — 50— geſſcht, ſprach mit einer tiefbewegten Stimme und ſtand in der Stellung eines demüthig Bitte den da. Der Marquis fiel ihm in die Rede und ſagte:„Sie duͤrfen Ihre Bitte nicht ausſprechen, ich kenne ſie im voraus. Daß die Ernten nicht reichlich waren, iſt nicht meine Schuld. Ich denke auch, daß wan nach reichen Ernten nicht verpachtet, ein Pächter ließe ſich das nicht geſallen. Die Groͤße der Preiſe hängt auch nicht von mir ab. Pachten iſt ein Lottoſpiel und es iſt ungewiß, ob der Pach⸗ ter oder der Verpächter dabei gewinnt oder verliert. Uebrigens ſieht man Ihnen weder Sorge noch Noth an“—„Wo es her⸗ koͤmmt bei mir,“ ſagte der Pächter,„das weiß der liebe Gott, die Koſt iſt mager, mein Appetit ſchlecht und die Quartalſorgen nagen immer an meiner Ruhe. Deſto magerer iſt das Aubeitsvieh, das man ohne Noth gewiß nicht vertrocknen läßt.— „Nun, wie denken Sie ſich denn eigentlich mit mir zu ſeben? Schlagen Sie vor.“ 5 —„Ich wuͤrde allenfalls als ein reblicher Mann beſtehen koͤnnen“ ſagte der Pachter, „wenn Sie mir fuͤr die folgenden Pacht⸗ jahre ein Drittel erließen.“—„Das iſt nicht zu wenig,“ ſagte der Marquis,„Sie werden ſich noch handeln laſſen. Ehe ich mich entſcheide, will ich vorher nahere Er⸗ kundigungen einziehen. Glauben Sie, mein Freund, zum Vergnuͤgen vertauſchte ich Paris nicht gegen Chartreu und ich brauche Geld, um Luͤcken zuzuſtopfen.“ „Erkundigungen einziehen,“ ſagte der Pächter,„als ob ich bei Ihnen im Ver⸗ dachte eines Unwahren ſtuͤnde! Es giebt Neider, Feinde in der Welt, die die Wahr⸗ heit verfalſchen, von mir nur können Sie ſie erfahren. Nur den Caſtellan fra en Sie nicht, der goͤnnt mir's Brodt nicht und führt immer Krieg mit mir.“—„So, ſoh ſagte der Marquis,„ich dachte auf dem Lande herrſchte nur Friede u kiche er — . Der Paͤchter verließ mit ernſtem Ge⸗ ſicht und wenig Hoffnung, daß ihm Pacht⸗ erlaß werden wuͤrde, den Marquis da die⸗ ſer erſt den Caſtellan fragen wollte. Erſt jetzt, und zwar zu ſpät, bedachte es der Mann, daß andere Paͤchter viel klüger waren als er, die es mit den Bedienten, Kammerdienern, Mundkoͤchen und Caſtella⸗ nen nicht verderben, ihne⸗ an den Bart gehen, als ob ſie ſelber Herrn waͤren, wenn ſie ihre einträgliche Pachtung behalten, oder einen Theil der Pachtſumme abdingen wollen. Ehe das laͤndliche Feſt ſein Anfang nahm, zu dem der Marquis durch ſeinen Haushofmeiſter die nöthigen Voranſtalten hatte treffen laſſen, kam der alte Caſtellan und ſagte:„Herr Marquis, im Dorfe iſt Alles im freudigen Allarm. Fangen Sie's mit den Leuten nicht zu gut an, Sie ſind in ihren Forderungen ungenugſam und mochten, daß jeder Tag ein Feſttag wäre Laſſen Sie die Neſter zerſtören und ſo viele wo getanzt, geſchmauſet und nicht gearbeitet wuͤrde. Der Paͤchter wuͤrde bei einer ſol⸗ chen Verwoͤhnung am meiſten vereieren⸗ Nach genoſſener Luſt ſchmeckt die Arbeit wie ein bitter Kraut. Mir alten Mann verzeihen Sie's ſchon, wenn ich mit Ihnen allein bin, daß ich die Wahrheit ſo ohne Umzuͤge herausſage.“—„Das thun Sie nur immer, leber Caſtellan,“ ſagte der Marquis und klopfte den Alten auf die Schulter.—„Schmeichler und Lugner giebt es wie Muͤckenſchwärme,“ ſagte der Alte, „aber fuͤr vornehme Reiche ſind die ehr⸗ lichen, aufrichtigen Leute ſo ſpar am zu ſin⸗ den, wie weiße Sperlinge und Mäuſe“— „Weil Sie der Maͤuſe erwähnen, ſo fällt mir die ſchlafloſe Nacht meiner Frau ein. Sorgen Sie doch, daß das Ungeziefer ver⸗ tilgt wird. Iſt's doch, als ob Chartreu eine Mäuſehecke wäre. Es muß dier Eu⸗ len wie Rabenſchwärme geben, ein abſcheu⸗ liches Concert machen ſie in der Nacht. — todt ſchießen, als möglich iſt. Das Katzen⸗ miauen iſt auch eine ſchlechte Nachtmuſik. Der Nachtwächter ſoll ſein Horn auch nicht mehr blaſen und ſeine rauhe Stimme er⸗ toͤnen laſſen. Wenn er nur wacht den Dieben braucht er das durch ſein Horn und Schreien nicht zu verrathen.“—„Wir, ſind das Alles ſo in Chartreu gewohnt,“ ſagte der C ſtllan,„und denken, man muß leben und leben aaſſen; indeß, wenn Sie Mord und Tootſchlchlag gebieten, ſo ſoll er* vollzogen werden. Aber der Nachtwaͤchter wird ſich ſein Blaſen und Singen ſchwerlich verbieten laſſen, da er ein Meiſter in ſei⸗ ner Kunſt zu ſeyn glaubt und es fuͤr die weſentlichen Stuͤcke ſeines Amtes haͤlt. Er macht's nicht anders, wie manche Virtuoſen, die nichts weniger vertragen koͤnnen, als Befehle und Verbote.“ 4 „Der Pächter hat mir heute fruh ſein Compliment auch gemacht,“ ſagte der War⸗ quis,„leben Sie mit ihm in Freundſchaft?“ — —— gemäſtet, die ſollten Sie ſehen! —„Hert Marquis,“ erwiederte der Caſtellan, „das will viel ſagen und nicht alle Men⸗ ſchen, beſonders wenn ſie in großer Nähe bei einander wohnen, paſſen ſich dazu. Wir verrennen einander gerade nicht den Weg, aber wir ſehen es gern, wenn wir uns nicht begegnen. Ein Gruß, den man einem Menſchen bieten muß, mit dem man in zweifelhaftem Vernehmen ſteht, iſt arger wie ein gezwungener Hofedienſt. Der Mann iſt ſo dick und rund und kann das Kagen über die ſchlechte Pachtung nicht laſſen; das mißfiel mir, da ich weiß wie gut es ihm geht, ich ſagte ihm derben Be⸗ ſcheiv und ſeitdem moͤchte er mich von Chart eu wegiagen, wenn er's koͤnnte.“— „Geht es ihm denn wirklich ſo gut?“ fragte der Marquis.„Es hat Mancher einen dicken Bauch aber eine kleine Boͤrſe, Sein Zugvieh ſoll deſto ſchlechter ſeyn.“— „Wie, da hat er gelogen,“ entgegnete der Coſtellan,„die Pferde und Kuͤhe ſind wie Alles be⸗ —— S„ N ſindet ſich wohl bei dem Pächter, ſeine Frau wiegt vielleicht einen halben Centner mehr als er, aber die Bauern ſind deſto magerer, denen er das Fett von der Suppe ſchoͤpſt. Nun, ſo hoöͤrte ich einen Alten reden, nun iſt unſer Erloͤſer da, der alte Drache, er meinte den Paͤchter, ſoll nun ſein Qualen wohl laſſen. Es wird nun nicht mehr Einem gut gehen, indeß es Vie⸗ 3 len uͤbel geht. Was verlangte der Pächter von Ihnen?“—„Erlaß von der Pach⸗ tung, ein Drittel, wegen der ſchlechten Ernten und Preiſe,“ ſagte der Marquis. —„Der Mann meint, die Verpächter ſind nur in der Welt, um die Pächter reich zu machen. Ich wette, er hat hier ſo viel er⸗ worben, daß er Chartreu aus eigenen Mit⸗ teln bezahlen kann. Ob Sie gleich ſein größter Wohlthaͤter ſind, der den koſtbarſten Wein bezahlt, der bei ſeinen Gaſtereien g⸗ trunken wird, ihre Geſundheit hat er ge⸗ wiß nie getrunken. Das Geld, was ſie ihm von der Pachtſumme erlaſſen wöllen, 1 — 37— ſchenken ſie den Armen, denen er den Rock ausgezogen hat nur ihm nicht, er wuͤrde lachen, daß ihm eine Luge ſo viel ein⸗ brachte.“ Kurz, als ſich dar Marquis überzeugt hatte, daß der Caſtellan Recht hatte, war an eine Verminderung des Pachtgeldes gar nicht mehr zu denken und der Paͤchter hielt es ſelbſt fuͤr's Klugſte, ihn nicht mehr dar⸗ an zu erinnern. Etwa eine Stunde von Chartreu ent⸗ fernt, lag das ſchone und einträgliche Gut Hauteverd, welches dem Comte de Montre⸗ mi gehoͤrte. E war ein Freund des Marquis. Sie hatten ſich in vielen Jahren nicht geſehen und ein Briefwechſel fand unter ihnen nicht Statt. Montremi hatte nur gehört, das Vetrun bei dem Koͤnige, und nach dem Tode deſſelben, ſeine Gattin bei der Koͤnigin in großer Gunſt ſtehe. Pieſer Comte, der mit ſeiner⸗ geeti 4 —— Annette von dem Geraͤuſch der großen Welt entfernt, einzig den Wiſſenſchaften und Kuͤnſten, ſeiner Familie lebte, und in manchen Stunden des Tages der Lehrer ſeiner beiden Kinder, Franz und Julie, war, beneidete dem Marquis ein glaͤnz ndes Gluͤck nicht das von den traurigſten Folgen ſchon oft begleitet wurde. Franz war auf Urlaub bei ſeinem Vater, als ſich auch in Hauteverd das Ge⸗ ruͤcht verbreitete, der Marquis werde in Chartreu mit ſeiner Familie in vierzehn Togen etwa ankommen und ſich auf dieſem Landſitze eine Weile aufhalten. Der junge Mann ſtand unter der Garde von Paris und als von der Ankunft des Marquis mit ſeiner Familie in C artreu geredet wurde, uͤberfiel ihn ein freudiger Schreck, er geieth in Verlegenheit, furchtete zu erroͤthen und geheime Gefühle, die er verbergen wollte, zu verrathen. Von der reizenden Johanna de Vetrun hatte er in mehreren Geſellſchaf⸗ * 5 ten reden hoͤren, endlich ſah er ſie ſelbſt auf einem Bolle, er ſtaunte, war uͤber ihre Schoͤnheit entzuͤckt, von ihrer Engelsgeſtalt bezaubert, aber er wagte es nicht, ſie zum Tanze aufzuſordern, viel weniger eine Sylbe mit ihr zu reden. Fruhzeitig ſchlich er ſich vom Bollfaale hinweg und verlor ſich auf ſeinem Zimmer in ſuͤßen Phantaſien. „Wenn es kein Maͤrchen iſt,“ ſagte der Comte,„daß der Marquis mit den Seinen nach Chartreu kommen und ſich dort auf eine laͤngere Zeit verweilen will, ſo hat das einen beſondern Haken. Leute, die zu den Hofleuten gehören, die in dem Strudel der feinſten ſinnlichen Vergnuͤgungen umherge⸗ trieben werden, bei denen ſich Luſt an Luſt, Unterhaltung an Unterhaltung reihet, die nur außer ſich, nie in ſich zu leben ge⸗ wohnt ſind, trennen ſich ohne die wichtig⸗ ſiten Gruͤnde nicht von dem Schauplatze der Er ötzlichkeiten. Mit der großen Welt ſind ſie ſo verwachſen, daß Abſchied von 60— ihr der Trennung vom Leben aͤhnlich iſt. Das Erkuͤnſtelte hat ſie ſo verwohnt, daß ſie dem Natuͤrlichen keinen Geſchmack ab⸗ gewinnen konnen. Sie ſchwaͤrmen in ſelbſt geſchaffenen Revieren umher, finden da ih⸗ ren Himmel, und was außer dieſem liegt, erſcheint ihnen wie OHede und Racht. Wohl habe ich's prophezeiht, daß das große Vermögen des Marquis nicht hinreicht, die Verſchwendungen fortgeſetzt zu beſtreiten. Die Prachtliebe, wenn man ihre Bahn be⸗ treten hat, laͤßt uns nicht ſtille ſtehen, ſie treibt uns vorwaͤrts, bis ſie uns endlich in eine Finſterniß ſtuͤrzt, wo aller Glanz ver⸗ ſchwindet. Nun, das Raͤthſel mit dem Marquis wird ſich aufklaͤren, vielleicht loͤſet er's mir ſelbſt. Er iſt kein uͤbler Mann, ſchade, daß er der Welt mehr, als ſich ſel⸗ ber angehoͤrt. Die Gunſt der Großen iſt der Goͤtze, den er anbetet und ihm hat er ſchon große Opfer gebracht. Wo nicht Stimmen von ſeinem Ruhme reden, den ihm die Katholiken gern zugeſtehen, da iſt „—— —— ſein Element nicht. Daß ſich ſolche Staͤrke mit ſolcher Schwache paart! Gewiß, wenn ich mich nicht irre wird Chartteu ſeinen Herrn nicht lange ſehen, Paris iſt der an⸗ ziehende Magnet und die Marguiſe wird ſeine Wirkung ſchon verſtärken.“ „O, meine Annette, wie gluͤcklich leben wir doch in unſerm Hauteverd! Schleicht nicht hier unſer Leben wie ein ſtiller Bach dahin? Wir gehoͤren uns ſelbſt, wir ſind frei und dienen ſclaviſch keinem Grohßen. Unſere Illumination iſt der beſtirnte Him⸗ mel, im Walde ſingen unſere Saͤnger, auf unſern Seen rudern unſere Schwaͤne und vierhundert Menſchen ehren in uns ihre Wohlthäter. Keine Reue ſcheucht den Schlummer von unſerm Lager; das Giſt unmäßiger Genuͤſſe nagt nicht an unſerm Leben, heiter lachen uns die Morgen und der Abend winkt uns zur ſuͤßen Ruhe.“„ Es war Franz ſehr viel daran gelegen, 6— es gewiß zu erfabren, ob der Marqnis, und wann er nach Chartreu kaͤme, weil es auch hieß, daß die ganze Familie, ſolglich auch Johanna, dort erſcheinen werde. Er zog insgeheim Erkundigungen ein und wandte ſich deshalb an den Pächter des Marquis in Chartteu ſelbſt, der von ihm ein alter Bekannter war und wenn er ge⸗ laden wurde, in Hauteverd die großen Jagden mit zu machen, nie, als in dem letzten Jahre wegblieb, wo er die ausge⸗ dehnte Koͤrpermaſſe nur mit Anſtrengung tragen konnte. Der Pachter gelobte ihm die heilig ſie Verſchwiegenheit, keiner Seele ein Wort zu ſagen, daß der junge Herr ihn in eigener Abſicht beſucht haͤtten, da es ihm ja aus ſeiner Jugend her bekannt ſey, daß die Eltern nie zur Kenntniß aller Geheimniſſe ihrer Kinder kaͤmen. Beſtuͤrzt fragte ihJhn Franz, was er mit der eigenen Abſicht meine, und der ſchlaukopfige Pächter er⸗ ———— ſchon angekommen, ihnen wird die Herr⸗ — 63 wiederte zu ſeinem Erſtaunen:„Herr Graf, ich bin auch jung geweſen, und weiß es, wenn man in einem Hauſe fragt, wo die Eltern find, daß man die ſchoͤnen Toͤchter meint. Jenen erweiſet man die Etre und dieſen die Liebe. Sie kommen aus Paris und haben es vielleicht mit Augen geſehen, daß der Marquis eine wunderſchöne Toch⸗ ter hat, was wir hier nur aus Erzählun⸗ gen wiſſen. Ja, ja, er hat ſich wirklich mit ſeiner Familie in Chartreu anmelden laſſen und will ſich hier wohnhaft aufhal⸗ ten. Was die Vornehmen doch fuͤr Grillen haben, aus einem Extrem fallen ſie in das andere! Bald langweilen ſie ſich in der Pracht glaͤnzender Palläſte, bald in Ruinen, die den Einſturz drohen. Mit ihrer Laune wiſſen ſie ſelbſt nicht, was ſie wollen. In dem alten Schloſſe wird geputzt, ange⸗ ſtrichen, gereinigt, aber, wer ſo alt iſt, wie dieſer Spektakel, da hülft kein Schminken und Schmuͤcken mehr. Die Moͤbeln ſind — 64— ſchaft folgen. Wenn Sie mir Ihr Geheim⸗ niß nicht entdecken wollen, ſo will ich's auch nicht wiſſen; aber das verſpreche ich Ihnen, daß ich einen Expreſſen ſchicke, ſo bald die Pariſer hier eintreffen, um bald wieder abzureiſen und es in der Hauptſtadt zu verkunden, daß alle Dichter Erzluͤgner ſind, die von der Unſchuld, der Wonne und der Seligkeit des Landlebens unwahres Rühmen machen. Solche erdichtete Ge⸗ dichte habe ich geleſen, und uber die kindi⸗ ſche Einfalt und Unwiſſenheit ihrer Verfaſ⸗ ſer mußte ich laut lachen.“ „ „So, ſo,“ ſagte der junge Comte, „von Johanna's Schoͤnheit hat ſich die Sage bis hieher verbreitet? Einmal und ſüüchtig nur habe ich ſie in Paris auf einem Balle geſehen, ohne eine Sylbe mit ihr zu wechſeln, und ich muß geſtehen, ihr Anblick hat mich bezaubert. Ich wünſche Gelegenheit zu haben, ihre naͤhere Bekannt⸗ ſchaft zu machen.“—„Wenn Sie nichts 65 weiter ſuchen,“ entgegnete der Pächter,„ſo kann Ihnen dieſe gar nicht entſtehen. Der Marquis wird gewiß in Hauteverd Viſite machen. Aber große Herren laſſen oft lange auf ſich warten, und ehe ſie kommen, kann Ihre Urlaubszeit abgelaufen ſeyn und—“ —„Die laͤßt ſich verlaͤngern, wenn nicht ein ploͤtzlicher Krieg ausbricht,“ ſagte der Comte.—„Wenn Sie mir's auch nicht geſtehen wollen,“ ſagte der Pächter ſchmun⸗ zelnd,„ſò merke ich's doch, Ihr Herz iſt in Glut, es wirft wie ein Comet Liebes⸗ ſtrahlen, wenn dieſe zuͤnden und erwaͤrmen, ſo nehmen Sie ſich nur in Acht, daß Sie nicht ſelber verbrennen. Mit der Liebe junger Leute iſt es eine ſonderbare Sache, man weiß nicht ob man dazu rathen oder davor warnen ſoll, das, was zufaͤllige Um⸗ ſtaͤnde dabei thun, iſt oft kluger, als was alle Weiſen rathen.“ Der Pächter beſann ſich ein Weilchen und ſagte dann:„Herr Comte, ich verehre 5 . unglüchtichen Falle wurde es 5 Shr Vater, der Ihre Eltern, als durch die Tugend ausge⸗ zeichnete Menſchen, Sie kenne ich ſelbſt von zarter Kindheit auf und liebe Sie, daher erlaube ich mir einige Bemerkungen, die Sie richtig deuten werden. Es waͤte wohl in dem einſamen Chartreu die beſte Gelegenheit, einem jungen Mädchen, wie die reizende Johanna iſt, Liebe abzulocken; aber es frägt ſich nur, ob ihr Herz nicht ſchon von einer andern Neigung eingenom⸗ men iſt. In Paris entwickelt ſich Alles fruͤher und reift ſchneller als in der Pro⸗ vinz. Wo da ein ſchoͤnes Maͤdchen iſt, da wird ihm ſo lange nachgeſtellt, bis ſich's in einer Schlinge gefangen hat. Darauf machen Sie ſich gefaßt. Ueber dem Ent⸗ ſchluſſe des Marquis, hier wohnen zu wollen, ſchwebt auch ein geheimes Dunkel, warten Sie es ab, bis dieſes ſich aufklaͤrt. Das Steigen und Fallen einer Familie trifft uns mit, wenn wir uns mit ihr in die engſte Verbindung geſetzt haben. Im — 5— Herr Comte, ſchwerlich zugeben, und das koͤnnen Sie ihm ſelbſt nicht verdenken, daß Sie ſich mit der jungen Marquiſe verbaͤn⸗ den. Iſt ſie fuͤr eine Braut nicht auch zu jung? Sie verſteht Sie nicht, ſie wechſelt dann mit Geliebten wie mit Puppen. Hof⸗ luft hat ſie auch ſchon geathmet, und von der ſagt man, daß ſie der Tugend und Un⸗ ſchuld noch ſchaͤdlicher iſt als der Geſund⸗ heit. Dies Alles erwaͤgen Sie wohl. Junge Herzen, wenn eine Leidenſchaft ſie befeuert, gehen an der Hand der Vernunft ſchrittweiſe, ſie fliegen auf dem w den Roſſe der Triebe daher und zerbrechen ſich, wenn's zum Sturze koͤmmt, oft weit mehr als Hals und Beine. Ein alter Praktikus ſpricht aus Erfahrung und meint es damn gut.“ Das letzte Wort beim Abſchiede des Comte war:„Sie ſchicken mir einen Ex⸗ preſſen, wenn der Marquis mit ſeiner Fa⸗ . milie ankömmt.“ Gedanken⸗ und empfindungsvoll ritt er nach Hauteverd zu⸗ ruͤck, und ſchrieb mit Wiſſen ſeiner Eltern, um Verlaͤngerung des Urlaubs. Vormittags machte der Marquis mit ſeiner Familie verſchiedene Spaziergaͤnge. Der Garten war ſehr groß, aber es herrſchte eine dicke, rauhe Wildniß von Baͤumen und Geſtraͤuchen in demſelben. Ungepflanzte Blumen bluhten in Menge. Auf dem großen anſtoßenden See ſchwam⸗ men Schwaͤrme von Waſſervoͤgeln, die in dem dichten Schilf ungeſtört niſteten und bruͤteten. Jenſeit deſſelben erhob ſich eine betraͤchtliche, faſt ſteile Anhöhe, auf der man die Truͤmmern einer fruͤhern Burg, welche die Comtes de Chartreu erbaueten, deutlich ſah. Mit Erſtaunen wandelte die Marquiſe unter dieſen Gebilden einer rohen, rauhen, durch die ſinnvolle Kunſt des Menſchen 1 noch nicht verſchoͤnten Nalur. Jopün die ſo e noch nicht geſehen hatte, ſchien dies s ſeiner Neuheit wegen ſehr zu geſallen. 3 Giwernapt⸗ ſagte mit Naſenrümpfen und abgewandtem Geſicht:„Haͤßlich, ab⸗ ſcheulich, ſchauderhafſt! Es fehlen nur die roßen Affen und die Wilden noch, ſo muͤßte man in amerikaniſchen Wäldern zu ſeyn glau⸗ ben.“„. WMit den verzierten Gaͤrten in Paris, die ſie nur kannte, wo man die Natur weggeſchnitten, weggeputzt hat, wo man die ſteife, zierliche Kunſt tyranniſirt, ſtand dieſe Schoͤpfung, die ſich unter dem Einfluß des Himmels ſo groß und unge⸗ regelt bildete, freilich im hohen Contraſte. „Wild und rauh iſt dieſer Garten,“ ſagte der Marquis,„wie der Naturmenſch, aber als das eigene, ungeſtoͤrte Werk der Natur doch herrlich anzuſchauen. Alle Mittel liegen da, um das Ganze nach un⸗ ſerm Sinn umzugeſtalten, und es ſoll ein 0 Elyſium werden. Welche Eichen und Buchen, wie rieſenmaͤßig und erhaben! Den See befahren wir mit einer Gondel⸗ ich laſſe ihn bejagen, und aus dem Waſſer ziehen uns die Fiſcher Fiſche hervor. Den Berg mit der Ruine laſſe ich gehbar machen, oben baue ich ein Luſthaus und von da ſehen wirin ein mannichfaltiges Naturge⸗ maͤlde hinein. Wle viel Beſchaftigung weiſet uns dies Chartreu an, mit welchem Vergnuͤgen werden wir gelohnt werden! Waͤrſt Du nur anders geſtimmt, meine gute Louiſe, ſo wuͤrde mir die Zukunſt in heiterm Lichte erſcheinen.“— Sie erwiederte: „Nicht ſo leicht wie Du, kann ich mich in die neue, ungewohnte Lage finden, ſie ſteht mit meinem vorigen Leben auch im Gegen⸗ ſatze, ſie iſt zu verſchieden von ihr. Mit den Tagen werde ich mich bald vertragen lernen, nur mit Schaudern denke ich an die Nächte.“—„Auch da ſollen die Hinder⸗ niſſe des Einſchlafens hinweggeraumt wer⸗ den. Es iſt den Maͤuſen und Eulen Krieg und Mord angekuͤndigt, die Strafe wird — 71— vollzogen; der Nachtwächter ſchweigt, und ſollteſt Du vor der Wiederkehr der alten Chartreus bange ſeyn, ſo ſtellen wir Licht und eine Voe ins Vorzimmer.“ Man beſchauete die großen Saͤle und Zimmer des Schloſſes ſelbſt. Den Bilder⸗ ſaal aber, wo die Urahnen mit ihren Frauen in Lebensgröße gemalt hingen, wollte die Graͤfin darum nicht ſehen, weil ſie ſagte:„Die kommen mir in der Nacht alle als lebende Menſchen vor.“ Der Marquis erſuchte nun den Päͤch⸗ ter, ihn in der Oekonomie umherzufuͤhren. Allee fand er trefflich im Stande und ruͤhmte die muſterhafte Bewirthſchaftung des Gutes. Als er aber nach den Viehſtällen ging, da ſiel dem Pächter ein ſchwerer Stein auf's Herz. Der Marquis ſtrafte ſeine Luge mit den Worten:„Ich ſtaune uͤber den Segen Gottes, den ich hier er⸗ ½ Die Erndten ſo kaͤrglich, die Pei - ſo ſchlecht, und Pferde und Kuͤhe wie ge⸗ mäſtet! Sie muſſen doch ein ſehr from⸗ mer Mann ſeyn! Ich freue mich uber Ih⸗ ren Wohlſtand.“ 3 Als der Marquis nach dem Schloſſe zuruͤckkehrte, hörte er von ferne auf der Harfe ſpielen und ſeine Gattin ſingen; aber, es war ein Trauerlied, das ſein Herz wehmuͤthig bewegte. Als er ins Zimmer trat, trocknete ſie ſich die Thraͤnen von den Wangen.„Aber Louiſe,“ ſagte er,„wie bekuͤmmerſt Du mich! Mit Deiner Be⸗ willigung bin ich doch hieher gezagen unb die Noth trieb uns vazu. Warte es doch nur mit Ruhe ab, der trübe Zimmel wird ſich aufheitern. Kannſt Du es aber nach einigen Wochen nichtmehr aushalten, ſo gehen wir nach Paris zuruͤck, um dann wie eine große Leuchtkugel, die eine Weile ſtrahlt, auf ewig zu verlöſchen. Daß es Dir doch ſchwer wird, Dich ſelber zu be⸗ herrſchen! Der Comte Montremi lebt mit — — — —— — ſeiner Gattin in Hauteverd ſo glucklich, er iſt reicher als wir, ſollte es uns denn un⸗ moͤglich ſeyn? Richts fehlt uns, wir ſind bei einander, als die geraͤuſchvolle Welt, die unſere Sinne betaͤubte, deren Getöſe uns oft ermüdete, die uns druͤckenden Zwang auflegte.“—„Wer, wie die Mont⸗ remis, das Landleben erſt lieb gewonnen hat,“ entgegnete ſie,„dem mag es wohl geſallen; aber ehe ſich das lernt, muͤſſen gewiſſe große Kämpfe vorangehen. Seit wann biſt Du der Philoſoph geworden, der ſich ſelbſt genug iſt?“—„Seit der Zeit bin ich's geworden, als ich's einſah, daß mich und die Meinen ein laͤngerer Aufent⸗ halt in Paris arm gemacht, mich, wenn ich nicht fortglaͤnzen konnte, aus den vornehmen Sirkeln verſtoßen, allenfalls dem huͤlfloſen Mitleid, dem Spott und der Verachtung preis gegeben hätte. Mache es mir nicht zu ſchwer, begangene Fehler zu verbeſſern. Wäͤre ich ein Leichtſinniger, ſo hätte ich noch einige Jahre in Pracht und Luſt fort⸗ „— geſchwaͤrmt, und wie es viele Vornehmen machen, wenn's nicht mehr gehen will, das Luſtſpiel als Trauerſpiel geendigt, und mir eine Kugel durch den Kopf gejagt, der Welt eine Schuldenmaſſe und Dich ihr als eine duͤrftige Wittwe hinterlaſſen. Glaubſt Du, daß Deine erlauchten Freunde fuͤr Dich den Finger ins Waſſer getaucht haͤtten, um Deine Zunge zu kuͤhlen? Werde ruhiger, wir tragen mit gemeinſamer Kraft eine Buͤrde leichter, und ſchoͤn iſt das Ziel, das uns vorſchwebt und verherrlicht wird die Kraft im Kampſe und in vielerlei Selbſt⸗ verleugnung.“ Die Marquiſe gelobte ihrem Gatten Ergebung und Ruhe, als er ſo ernſt ge⸗ redet hatte, und hielt wie eine Heldin in der Folge Wort. . Der Marquis unterhielt mit den Sei⸗ nen noch ein Tiſchgeſpraͤch, und bot ſein ganze Erfindungsgabe auf, um durch ſeine ——— ———.—— — 75— Unterhaltung die Anweſenden zu ergötzen und zu vergnuͤgen. Er merkte es ihnen an, daß es ihm nicht nach Wunſch gelang. Sonſt in Paris, ſpruͤhte es bei der Taſel von Witz und Laune, die ſchoͤnen Geiſter wetteiferten mit einander und ſuchten ſich den Rang abzugewinnen, das war die beſte Wuͤrze der Mahle. Seine Gattin war auch in dieſem Punkte verwöhnt und das Alltaͤgliche genuͤgte ihr nicht. Sein Stoff war darum ein magerer, weil er an Nichts erinnern wollte, was in genauerer Be⸗ ziehung mit Paris ſtand und die Trennung von der Hauptſtadt ſchmerzlich empfinden ließ. Er pries die ſchöne Lage von Char⸗ treu, ſprach von neuen Gartenanlagen, von Reparaturen des Schloſſes, von dem Päch⸗ ter und Caſtellan, von der Nachbarſchaft, beſonders von dem Comte Montremi und ſeiner Gattin. Die Grafin ſagte wenig dazu, und da er der Sprecher allein war und es fuͤhlte, daß er mit ſeinem Reden ſich dem Ende nahe, war es ihm ſehr ers 3 — 76— wuͤnſcht, als er das Schmektern mehrerer Trompeten und ein dreimaliges Vivatrufen von alten und iungen Stimmen hoͤrte. Wie durch einen Ruf ſtanden Alle von der Tafel auf, eilten aus dem Schloſſehinaus, fanden die Dorfbewohner in einem großen Kreiſe verſammelt, in deſſen Mikte ſich mehrere jugendliche Paare im raſchen, aber zierlichen Tanze bewegten. Das Herz der Marquiſe fuͤhlte ſich leichter und Johanna und die Gouvernante huͤpften im Geiſte, ſo ſchlecht auch die Muſik ihren§ klang. Der Putz, die Reinlichkeit in der Klei⸗ dung der Landleute, die heitere Frohlichkeit, die aus allen Geſichtern ſprach, die huͤbſchen Geſichter einzelner Baͤuerinnen, ihre regel⸗ maͤßige Geſtalt, dies Alles machte auf die Marquiſe einen ſo angenehmen Eindruck, daß ihre Miene ſanft laͤchelte. Der Mar⸗ quis nahm ſie bei der Hand und ſagte: „Siehe, den frohen Tag ſchaffen wir den Leuten, iſt das keine Freude? Muß ein empfindendes Gemuth durch Theilnahme nicht froh bewegt werden? Konnteſt Du in Paris mit ſo geringen Koſten Anbern und Dir ſelbſt ein ſolches Vergnügen er⸗ kaufen? Die Luſt füͤr den Menſchen bluͤht wahrlich in jedem Boden, wenn er ſie nur zu pfluͤcken weiß.“—„Du haſt Recht,“ ſagte ſie mit beifälliger Miene,„wer es nicht verſteht, der ſoll es lernen,“ Jetzt naheten ſich vier der ſchoͤnſten und geputzteſten Bauermaͤdchen, mit ſcheuem Erroͤthen und freundlichem Geſicht der Graͤ⸗ fin und uͤberreichten ihr allein von den ſchoͤnſten Blumen geflochtene Kränze. Mit ſanfter Stimme ſagte die reizendſte von ihnen, deren Wangen wie Roſen gluͤhten: „Schoͤn und lieblich wie dieſe Blumen, ſo ſey in Chartreu Ihr Leben. Nehmen Sie dieſe Kraͤnze zum Zeichen unſerer Hochach⸗ tung und Liebe. Gering iſt dieſe Gabe, aber das Herz, das ſie darreicht, weihet ſie mit Freuden der Wuͤrdigſten. Wahrend die Baͤuerin ſprach, herrſchte eine feierliche Stille. Die Marquiſe, ge⸗ ruͤhrt und erfreut, gab dem Maͤdchen die Hand und kuͤßte ihm die Lippe, indem ſie ſagte:„Nehmt meinen Dank fuͤr die ſcho⸗ nen Kraͤnze und glaubt, daß ich die Gabe ſehr hoch achte. Ihr ſeyd wie Blumen ſchoͤn, Unſchuld und Tugend ſey Euer Schmuck. An Euerm Gluͤcke werde ich immer muͤtterlichen Antheil nehmen.“„ Hier ſchwieg die Marquiſe, Thraänen ſtan⸗ den in ihren Augen und— die Trompeten ſchmetterten von neuem und ein lautes Vivatrufen erſcholl. Ats ſich bie Mädchen, die ſich hoch geehrt fuͤhlten, in dem frohen Getuͤmmel wieder verloren hatten und ihren Mät⸗ tern, Freunden und Bekannten die Worte der Marquiſe wohl zehnmal wiederholen — 2 mußten, ſtellten ſich ein alter und ein junger Bauer vor dem Marquis hin. Der Greis, ein ehrwuͤrdiger Siebenziger, redete alſo:„Seit der Comte de Chartreu hier ſtarb, weren wir wie Verwaiſete, um die ſich kein Menſch und Vater mehr bekümmert. Der Willkuhr der Paͤchter wurden wir preis gegeben, ſie ſammelten in ihre Kaſten und unſere Beu⸗ tel wurden leer, Sie ſind uns erſchienen und die ſchoͤnen Hoffnungen einer beſſern Zeit bluͤhen in uns auf. Nichts Ungebuͤhr⸗ liches fordern wir, das Rechte wird uns nun werden. Herr Marquis, Gott gab Ihnen die ſchoͤne Gelegenheit, Gutes zu wirken, Sie werden ſie gebrauchen. Mein letztes Wort, ehe ich von der Erde ſcheide, ſoll Dank gegen Sie, Gebet fuͤr die Ihri⸗ gen ſeyn.“ 6 Der Greis nahm die Hand des Mar⸗ quis, druͤckte ſie feſt an ſein Perz und „ ſagte:„Erleichtern Sie die Laſt, die hier liegt! Dieſer iſt mein Sohn. Mit Weib und Findern will der Paͤchter ihn aus ſei⸗ nem Gehoͤfte jagen, wenn er ihm nicht in drei Wochen die geliehenen vierhundert Franken bezahlt. Bitten Sie vor, befehlen Sie.“— Der Marquis erwiederte:„Euer Sohn bleibt auf dem Gehoͤſte, das iſt meine Sorge. Moͤglichen Uebeln werde ich ſteuern, ſo weit meine Kraft reicht, dieſer Tag aber ſey der allgemeinen Freude ge⸗ weihet.“ Die Marquiſe hatte jedes Wort ge⸗ hört und ſagte:„Nun glaube ich's ſelbſt, daß uns ein guter Gott nach Chartreu fuͤhrte. Hier laͤßt ſich ſo Herrliches ſtiften, wozu in Paris und in den Wogen vielfacher Zerſtreuung, auch die Zeit fehlte. Sollte einem Menſchen die Staͤrke mangeln, dem Vergnügen in allen Geſtalten, was i entzuckt, berauſcht und betäubt, zu entſage wenn er Hunderte gluͤcklich machen, die Le⸗ bensburde ihnen erleichtern, ſie gegen Härte und Unbill ſicher ſchüten kann, wahrlich, ſo waͤre er ohne allen Werth! Gut, wir bleiben hier und ſtiften uns die unvergeß⸗ lichen Denkmale des Wohlthuns und der Liebe. Was ich dazu beitragen kann, un⸗ terbleibt gewiß nicht.“ Daß reine Menſchenliebe, mitleidiges Wohlwollen der bewegende Grund war, daß die Marquiſe Paris vergeſſen und hier bleiben wollte, das erfreute den Marquis ſo ſehr; daß er ſeine Gattin umarmte und ihr dankte. Dek Tanz vor dem Schloſſe, auf dem ebenen, großen Platze, war wieder in vol⸗ lem Gange, als eine ungemein ſtarke, wohl⸗ gehährte Frau, dem Anſehen nach noch in den beſten Jahren, langſam daher geſchrit⸗ ten kam und ſich der Familie des Marquis nohete. Sie war nicht reich, aber elegant und nach der Mode gekleidet. Die Bauern wichen aus einander, machten ihr Raum, daß ſie ungehindert durch das Menſchenge⸗ dränge hindurchgehen konnte. Der Paͤchter 8 folgte ihr in einer kleinen Entfernung nach. „Das iſt die Pächterſrau,“ ſagte der Marquis mit verdrießlicher Miene,„der Herr Gemahl folgt ihr nach. Den hat Chartreu mit ſeiner Ehehälfte fett gemacht. Wie mager ſind dagegen alle Bauern! Iſi's doch, als ob dieſe Beiden das Fleiſch verzehrten, indeß die Dorſbewohner an den Knochen nagen muſſen. Weg moͤchte ich gehen, ſo böſe bin ich.“—„Nicht weg⸗ gehen mußt Du,“ bat die Marquiſe,„blei⸗ ben. Richtig zahlte er immer die Pacht und einen hoͤhern Preis haſt Du ihm nicht abgefordert. Der Unterthänige glaubt leicht, daß er der Bedruͤckte iſt. Höre auch den Paͤchter, ehe Du ihn verdammſt Ob Du die Forderungen der Bauern wirſt erfüllen können? Am liebſten ſehen ſie's, wenn der † Gutshert ſich den Rock auszieht, ihnen den giebt und in leinenen Ermeln geht. Das ſagte mein Vater oſt und Du haſt ihn als — 3 einen gerechten und menſchenfreundlichen Mann immer ſehr hoch geſchätzt.“ Ehe die Pächterfrau ſich mit ihrem Gatten in Bewegung ſetzte, um der Guts⸗ herrſchaft ihr Compliment zu machen, hatte ſie mit ihm noch einen kleinen Streit. Es war ihm das Verſprechen eben jetzt einge⸗ fallen, daß er dem jungen Comte de Mont⸗ remi gegeben hatte und er ſchrieb an ihn, daß der Marquis geſtern angekommen ſey, und daß er dem Dorfe ein Feſt gegeben haͤtte. Vor dem Schloſſe wuͤrde heute muſicirt und getanzt.„Das Ding faängt ſehr luſtig an,“ ſetzte er hinzu„wenn ſich's nur nicht betrübt endet. Wer die Bauern tanzen und ſchmaufen laͤßt, der iſt ihr Mann, wer ſie aber anhaͤlt, daß ſie ihre Schuldigkeit thun muͤſſen, den haſſen ſie den Gott ſey bei uns.“ 1. Die Wßche Frau ließ Se Van nicht eher Ruhe, bis er's ihr ſagte, an wen er geſchrieben hätte. Sie gelobte ihm, das Geheimniß zu verſchweigen; aber fehlt nicht den meiſten Frauen die Staͤrke, dergleichen Verſprechungen zu halten? Sie brechen ſie, wenn es ihrer Eitelkeit ſchmeichelt, wenn ſie glauben, ſich damit empfehlen und machen zu koͤnnen. Als der Pächter mit ſeiner Gattin dem Marquis und ſeiner Familie ſo nahe war, daß er von ihm vor dem lauten Geraͤuſch verſtanden werden konnte, praͤſentirte er b. mit den Worten:„Meine Gattin, die—“ — Die Frau Paͤchterin meinte in ihrem In⸗ nern, da ſie nicht ſtumm wäre, daß ſie ſel⸗ ber fuͤr ſich ſprechen und in beſter Form ver gnädigen Herrſchaft, der ſie gar nicht grün war, ſich präſentiren koͤnne, darum ſiel ſie auch dem Ehegemahl in die Rede und fuhr fort, indem ſie ſich einigemal, ohne die Füße zu bewegen, zur Rechten und Linken hinſchwenkte:„Ich nahe mich dem Herrn Marquis, der Frau Mar⸗ X guiſe und der ſchönen Tochter— indem ſie die Namen nannte, ſahe ſie Jedem freund⸗ lich und devot ins Angeſicht— Ihnen meine ergebenſten und hochachtungsvollſten Geſinnungen zu bezeugen. Nehmen Sie die Huldigungen gnädig an, die eine Paͤch⸗ terfrau Ihnen darbringt, die ſich's jederzeit zur groͤßten Ehre und zum ſuͤßeſten Ver⸗ gnügen rechnen wird, Ihnen waͤhrend des hieſigen Aufenthalts auf alle erſinnliche Weiſe geſaͤllig ſeyn zu koͤnnen.“ „Sie ſind ſehr gutig,“ ſagte die Mar⸗ quiſe mit freundlicher Miene und in einem verbindlichen Tone,„daß Sie uns ſolche Anerbietungen machen. Unſere Oekonomie iſt noch nicht in Ordnung, und da wäre es wohl moͤglich, daß wir Ihre Gefaͤlligkeit in Anſpruch nehmen muͤßten, wenn es an Manchem fehlt.“—„Sehen Sie Alles, Alles was ich habe wie Ihr Eigenthum an,“ ſagte die Paͤchterin mit einem ſo gut⸗ müthigen Geſicht, daß man die Wahrheit — 86— ihrer Worte und ihre gute Geſinnung nicht bezweifeln konnte,„fordern Sie dreiſt, ich gebe es gern. Auf dem Lande kann man nicht wie in der Stadt nach dem Kauf⸗ mann ſchicken, Einer muß hier dem Andern. gefällig ſeyn, und meinem Naͤchſten war ich immer zu Dienſten.“—„Geht's Ihnen in Chartreu wohl?“ fragte die Marquiſe.— „Im Ganzen, wie Sie ſehen, ſehr wohl, aber es ſehlt keinem Leben an Unannehm⸗ lichkeiten, und bei der Oekonomie hat man auch manchen Verdruß. Außerdem hat ieder Paͤchter, der Tag und Nacht auf den Struͤmpfen iſt, um ſeine Wirthſchaft in * Schwung zu bringen, um die ſchwere Pacht⸗ ſumme auf den Punkt bezahlen zu können und nicht darben muß, Neider und Feinde. Mit den Bauern, die es lieber ſaͤhen, wenn er ihnen den Acker pflugte und beſaͤete und ſie erndten ließe, ſtatt ſie ihm arbeiten muͤſſen, ebt er in ſtetem Kriege. Sie zwingen ihn trch ihre Widerſpenſtigleit, oft ſtrenge Ge⸗ rechtigkeit zu üben, und das nennen ſie un⸗ — 37 5 menſchlich und hart. Frau Marquiſe, laſſen Sie ſich durch nachtheilige urtheile, die in Chartreu uber uns gefällt werden, nicht wider uns einnehmen, lernen Sie uns ſelber kennen und Sie werden zufrie⸗ den mit uns ſeyn.“. Die Marquiſe fand Wohlgefallen an einer Frau, die in dieſem traulichen, offenen Tone mit ihr ſprach, und bat ſie um oͤſtere Be⸗ ſuche. Die Zunge der Paͤchterin wurde immer gelenker, es bot ſich ihr ein unerſchoͤpflicher Stoff zum Reden dar, ſie gewann Vertrauen zur Marquiſe, und wuͤrde ſie den vollen Nachmittag unterhalten haben, wenn ſie der Marquis nicht durch Geſpräche mit ſei⸗ ner Gattin ini in Der alte caelun ſtand mit ſeine Ehehälfte in der Ferne und ſah den Tan⸗ zenden zu. Immer ſchielte er nach dem dicken Paͤchter und ſeiner noch wohlbeleib⸗ tern Frau hin, und ärgerte ſich kaſt die Galle in den Magen, baß ſich das ihm ver⸗ haßie Paar ſo lange bei der Herrſchaft verweilte, und daß man ihm nicht den Rücken kehrte. In der Hoffnung, daß der Marquis von dem Pächter weggehen und mit ihm reden werde, trat. er einige Schritte naͤher. Als er aber auch da nicht bemerkt wurde, zupfte er am Ermel ſeiner Frau und ſagte ihr in's Ohr:„Laß uns weg⸗ gehen, wo uns ſolches Pachterpack den Weg zur Herrſchaft verrennt, da iſt nicht gut bleiben.“ Auf dem Wege nach ſeiner Wohnung wurde den Pächterleuten eine derbe Strafpredigt gehalten; man nannte ſie Kriecher, Speichellecker und Heuchler. WVer kein gutes Gewiſſen hat,“ ſagte der Caſtellan,„der betruͤgt mit Worten, der nimmt zur falſchen Freundlichkeit ſeine Zu⸗ flucht. Die Wahrheit und Erfahrung reißt der Verſtellung endlich die Teufelslarve ab, und es erſcheint uns hinter ihr ein ab⸗ ſcheuliches Fratzengeſicht. Aber, daß der Marquis ſo ſchwach iſt, daß er ſich betruͤ⸗ — gen laͤßt, ich habe ihn warnt. Unter den V gemeini weil ſie Geſtalt! eigt, und ſe von aln ibre gebunget beſchmeichelt werden. V Paͤchter rede ich mit dem Marguis i Wort mehr, es iſt unnutz, am Ende ſollte er wohl gar glauben, daß es in böſer Ab⸗ ſicht geſchaͤhe. Wer nicht will, muß fuhlen Der * e ch ni Sie ſtand ſnn um ſch 3 an der Schoͤnheit, an dem zierlichen Tanze * 5* war i der Beiden zu weiden. Es entſchied ſich nach ihrem Geſchmacke ſehr leicht, daß der Juͤngling in ſeiner Art weit ſchöner war als ſeine Tanzerin. Sie wuͤnſchte es, daß er nur einmal nach ihr hinblickte, weil ſie ihm ins Auge ſehen wollte; aber er ſah vor ſich nieder, als ob er ſcheu und bloͤde waͤre. Seine Wange glůhte von hohem Roth, ein dunkelbraunes Lockenhaar wehte um ſeinen Nacken, er hatte eine große, breite Stirn, die weiß wie Alabaſter war Sein Wuchs aber in hen Bewegungen zeichnete er ſich vor andern ehen icht vortheilhaſt aus und unterſchied ſich durch einen beſondern Suſhnit der Flei⸗ nit von 35 5 4 Ganz enjůct iet 5 ſchönen Juͤng⸗ ling, wie ſie ihn ſo in vurie nicht geſehen zu haben ſich erinnerte, eilte ſie raſch von der Paͤchterfrau hinweg, um ihren Gatten zu rufen, der in einiger Entfernung mit dem Pachter unter einer großen Linde auf einer Steinbank ſaß und ſich uͤber ſehr wichtige Punkte mit ihm unterhielt. Der Marquis ſollte den ſchönen Jungling ſehen und die Freuden uͤber ſeine Schoͤnheit mit ihr theilen. Es war ihr ſehr lieb, daß ſich die Gouvernante mit Johannen entfernt hatte, und daß ſie die Lehztere h Tönen der Laute hörte. „Komm, tuih rif ſie ihrem Gatten ſchon von weitem zu,„wenn Du den ſchön⸗ ſten Jungling tanzen ſehen willſt den mein Auge je ſah! Eine wahre Apollsgeſtalt — Lächelnd ſagte der Marquls, indem er langſam auſſtand und ſich ſeiner Ge nahete:„Den Frauen gefällt das und daruͤber ſollen die nicht eif ſuͤchtig werden? Siebſt Du, wie Du Chartreu findeſt, was Dit Paris nie ſaheſt? Dort hörte ich Dich nie von einem Juͤnglinge reden, der in dieſem Grade Deine Bewunderung erweckte.“—„Komm, nicht ſo langſam,“ ſagte ſie,„der Tanz möchte aufhoͤren.“ Sie zog ihren Gatten am Arm mit ſich fort. Dem Pachter ſchlug das Herz aͤngſt⸗ lich. Dunkel und zweifelhaft furchtete er, es koͤnne ihm Verdruß zuziehen, daß er den Brief an den jungen Comte geſchrieben hätte, wenn das Geheimniß entdeckt würde. Ernſtlich wollte er ſeine Frau zur Ver⸗ ſchwiegenheit ermuntern, aber er kam mit ſeinen Warnungen zu ſpät. Als der Marquis und die Marquiſe f der* Häalſte des Ruckwegs waren, ſchwieg die Muſik und der Tanz hoͤrte Sie ßtellte ſich mit ihm vor den nten Kreis, ſuchte den Jüngling mit ih⸗ en Blicken und konnte ihn nicht finden. er das juge Maͤdchen, das einen von — 95 den vier Kränzen trug, die ihr überreicht wurden, ſah ſie ſogleich, winkte ſie zu ſich und ſagte:„Liebe, wer war der Jüngling, der mit Dir tanzte, wo iſt er geblieben?“ — Ganz unbefangen erwiederte das Mad⸗„ chen:„Ich habe ihn nicht gekannt, er war nicht aus unſerm Dorfe. Es iſt mir ſon⸗ derbar mit ihm gegangen. Mitten im Tanze ließ er mich los, warum, das kann ich ſelbſt nicht wiſſen. Wie ein Pfeil flog er durch das Gedraͤnge und Niemand weiß es wohl, wo er geblieben iſt. Er war ein ſchoͤner Tanzer und ſeine Hand ſo weich wie Sammt. Der hat ſich wohl nie len gearbeitet.“ Es wurden mehrere Leute nach de jungen Menſchen gefragt; kein Anweſen konnte die geringſte Auskunft uͤber geben, und Alle wunderten ſich ub ſchnelles Verſchwinden. Endlich wurde ausgemittelt, daß er ſeine Tänzerin d losließ und wegeilte, als der Marqui als ob er aus Furcht vor ihm die Flucht ergriffe. Der Marquis kam endlich auf den Gedanken, es könne dieſer ein junger Pariſer ſeyn, der von einem ſeiner Pariſer Freunde abgeſchickt waͤre, um Nachricht von ſeinem Aufenthalte in Chartreu einzuziehen. Er und ſeine Gattin wurden in dieſer Ver⸗ muthung um ſo mehr beſtaͤrkt, als ihnen eine Viertelſtunde ſpaͤter gemeldet wurde, daß ein junger Bauer am Einßange des Dorfs ſich auf ein Pferd geſchwungen hätte, das ein Reitknecht, der auf einem zweiten Pferde ſaß, am Zuͤgel hielt, und ſchnell wie der Wind davon geflogen ſey. Johanna hoͤrte von der Geſchichte reben, ſie wunderte ſich daruͤber, aber ſprach kein Wort davon. Der Marquis ging nach dem Schloſſe, Pächter revidirte ſeine Wirthſchaft, und WMarquiſe war mit der Paͤchterfrau lein. Sie nöthigte ſie, mit ihr nach dem Sitze unter der Linde hinzugehen, wo ihre Maͤnner geſeſſen hatten, und ſagte von neem:„Fanden Sie den jungen Men⸗ 5. ſchen nicht ebenfalls auffallend ſchön? Sein ganzes Weſen, die Haltung ſeines Koͤrpers verrieth es deutlich, daß er nicht von ge⸗ meiner Herkunft war. Weshalb er ver⸗ kleidet hieher kam und ſich unter die Tan⸗ zenden miſchte; weshalb er ſo ſchnell ver⸗ ſchwand, als ob er nicht erkannt werden wollte, das erſcheint mir Alles ſondetui —„Frau Marquiſe,“ ſagte die Paͤchter⸗ frau,„ich glaube, Sie haben den rechten Grund angefuͤhrt, weshalb er entſchluͤpfte, er wollte nicht erkannt ſeyn; warum aber, das kann ich auch nicht errathen.“— „Meine Neugierde iſt brennend, ſie ſt hoͤher, ſie beunruhigt mich faſt,“ ſagte die Marquiſe.„Wer mir doch dieſen Knoten loͤſen koͤnnte!“ Die Paͤchterfrau wurde untuhig r ihrem Innern, es brannte ihr auf d Seele, die Flamme mußke geloͤſcht werden, ſie ſing alſo an:„Frau Marquiſe, welch Vertrauen ich in Ihrer Guͤte und Ver⸗ ſchwiegenheit hege, ob ich auch nicht die Ehre habe, Sie genauer zu kennen, davon will ich Ihnen jetzt einen Beweis geben. Man pflegt Gefuͤhle des Wohlwollens und der Zuneigung da zu erwiedern, wo uns ein Herz mit Achtung und Liebe entgegen köͤmmt. Mein Mann ſteht mit dem Comte de Montremi, ſeit vierzig Jahren vielleicht, in einem traulichen Verhältniſſe, das nie ein Unfall geſtört hat. Bei ſeinen Ver⸗ gnuͤgungen und ſeinen großen Jagden durfte mein Gatte nie fehlen. Der junge Comte achtet in ihm den Freund ſeines Paters. Einen herrlichern, liebenswuͤrdigern Iüngling als ihn, giebt es nicht. Er ſteht unter der Pariſer Garde. Wenn ihn nur das Regimentsleben und der Aufenthalt in der verfuͤhreriſchen Stadt nicht verdirbt! Als er ſeine Eltern verließ, war et unſchuldig wie ein Kind und rein wie ein Engel.“ —— Nun aber kommt die Hauptſache, das Geheimniß, das ich wie ein Heiligthum vor aller Welt verborgen zu halten bitte. Der Comte iſt bei ſeinen Eltern auf urlaub. Vor mehreren Tagen kam er nach Chartreu und gewiß nicht ohne Abſicht, er erkundigte ſich bei meinem Gatten, wann Sie ankom⸗ 3 men würden. Nur ungewiſſen Beſcheid konnte er erhalten. Sein volles Herz preßte ihm das Geſtaͤndniß ab, er habe die reizende Johanne de Vetruͤn in Paris ge⸗ ſehen, ihr Anſchauen habe ſeine Seele ent⸗ flammt, er wuͤnſche ſie wieder zu ſehen, um ſich zu üͤberzeugen, ob ihn ſeine Sinne auch nicht getaͤuſcht hätten. Heute meldete ihm mein Gatte Ihre Ankunft und ich ſtaunte ſelbſt, als ich ihn in der Bauerntrach erkannte. Ja, Marquiſe, er war es ſelbſt und kein Anderer.“ Die Marquiſe dankte der Pächterfr fir ihre Sffenherzigkeit und vei 3 — . nur den beſten Gebrauch zu machen. Recht ernſtlich bat ſie, daß ſie es auch ſonſt Nie⸗ manden entdecken moͤchte. Die Sache er⸗ betrachte das Kommen und die Verkleidung des jungen Comte wie eine Jugendpoſſe, die weiter nichts auf ſich hat. Officiere von ſeinen Jahren gefallen ſich ſelbſt in hat ſogenannte Raſejahre, wo die Vernunft auf Kruͤcken geht. Ich nehme ihm den Scherz nicht uͤbel.“ Aber, was die Marquiſe glaubte oder bezweifelte, in der Seele des jungen Comte ar es ſehr ernſtlich gemeint, was die Folge lehren wird. Sobald er das Billet n dem Pächter erhalten hatte, mußte ihm in Reitknecht insgeheim einen paſſenden Seinen und jagte auf Chartreu zu. ſchien ihr wichtiger, als ſie ſich's gegen die Paͤchterftau merken ließ. Sie ſagte:„Ich rindiſchen Streichen. Ein jeder Menſch —— nänzug leihen. Unter dem Vorwande, Spazierritt zu machen, ſchied er vovn — ————— ͤ— X — 99— An einer Waldecke kleidete er ſich um. Er folgte dem Schalle der Trompeten, die ihn nach dem Schloſſe hinführten. Hier fand er die Tanzenden und miſchte ſich unter den Hauſen der Zuſchauer. Er ſah die ſchoͤne Johanna neben ihrer Gvuvernante ſteben, deren Bild wie das eines Engels ihm in die Seele leuchtete. Sein Herz ſchlug gewaltig, ſeine Wange glůͤhte, er fühlte es, daß ſeine Knie zitterten. Er wollte, er konnte ſich nicht zu erkennen geben, er war in Staunen und Freude verloren. Schöner wie in dem Prachtanzuge in Paris erſchien ſie ihm jetzt in einfacherer Kleidung. Kein Putz verdunkelte ihre naturlichen Reize. Als ſie ſich entfernte und mit der Gouve nante ins Schloß ging, da wurde es glei ſam Nacht in ihm, es ſchien ihm die he glänzende Sonne untergegangen zu ſeyn, 7 die ihn erwaͤrmte und begeiſterte. Wie einem Anfall von Schmerz, von Betaͤu und Verwirrung der Gedanken, ergri die Hand der erſten Bäuerin, die iht 605— naͤchſten ſtand und drehte ſich mit ihr in dem Kreiſe der Tanzenden herum. Er ſah die Marquiſe, eine ſchoͤne Frau in den beſten n Jahren, er wurde es gewahr, daß ihre Blicke auf ihn geheftet waren. In der Ferne un⸗ ter der Linde hatte er den Marquis mit dem Pächter ſchon geſehen. Als ſich die Marquiſe mit der Paͤchterfrau von den Zu⸗ ſchauern trennte, da beſorgte er das Kom⸗ men des Marquis, die Verraͤtherei der Pächterleute, und daß er entdeckt werden 5 wuͤrde. Sein Zweck war erreicht, er eilte davon und tiefer, tiefer druͤckte der Gott ver Liebe den Pfeil in ſein Herz. Ob ſeine Eltern ihre Einwilligung zu ſeiner 3 Verheirathung mit der ſchoͤnen Johanna geben wuͤrden? Ob das Dunkel, in dem vas Schickſal des Marquis ſchwebte, ſich zu ſeinem Vortheil oder Nachtheil aufklaͤren erde? Ob in dem Herzen der jungen Marquiſe nicht ſchon eine andere Neigung ſeſigewurzelt war, die mit dem Gutdunken der Eltern ſich nicht reimte, die vielleicht — 101— darum, die Tochter von demſelben abzuzie⸗ hen, Paris verlaſſen haͤtten, das waren Fragen, die Franz nicht löſen konnte, welche ihn wie Klippen umringten, an denen unſere ſchonſten Hoffnungen und Wuͤnſche ſcheitern. Nichts, nichts konnte er fur jetzt thun, um ſich aus dem Ab⸗ grunde der Zweifel zu einer entſcheidenden Gewißheit emporzuhelfen. Entzuͤcken und Truͤbſinn wechſelten in ihm ab, je nach dem ihm die Zukunft wie eine durch die Liebe geſchmuͤckte Welt erſchien, oder ſich in die Nacht der Hoffnungsloſigkeit huͤllte. Bei der Ruͤckkehr ſagte er zu ſeinen Eltern: ein Bewohner von Chartreu ſey ihm begegnet, der ihm auf Befragen die Neuigkeit mitgetheilt habe, daß der Mat quis mit ſeiner Familie angekommen ſe und heute ſeinen Unterthanen ein Feſt gebe, wobei getanzt werde. Der alte C ſchuͤttelte den Kopf und ſchwieg, d ſagte er:„Ob uns der Marquis beſuch en wird? Wir wollen es abwarten. Er iſt durch den Umgang mit großen Herren ver⸗ wöhnt; er ſieht ſeine ruͤhmlichen Thaten in hellem Lichte und glaubt, daß der um's Paterland ohne Verdienſt iſt, der den Degen nicht für daſſelbe führte. Ich kann mich irren, ich will mich nicht wider ihn einnehmen laſſen; aber laͤßt er mich ſeinen yöhern Werth fühlen, uberſchaͤtzt er ihn, dann werde ich ihn meinen Stolz auch empfinden laſſen. Ein Regiment habe ich nie in die Schlacht, zum Siege und Tode gefüͤhrt; aber, ſo viel in meiner Kraft ſtand, meine Unterthanen gluͤcklich gemacht, und Religion und Froͤmmigkeit unter ihnen vefoͤrdert, und ich denke, wer ſo der enſchheit dient, dient auch dem Vater⸗ nde. und was äußerer Glanz⸗ irdiſches gerdienſt anbetrifft, was nach unſerer Er⸗ heinung mit uns und über unſerm Grabe erſchwindet, da möchte ich mich mit dem Narquis leicht ausgleichen, weil ich's ge⸗ habe, dem edlen Manne, dem ge⸗ — 103— achteten Freunde eine Schwaͤche zu ver⸗ zeihen; aber ich fuͤrchte, wir denken und empfinden in Punkten verſchieden, wo es auf Ueberzeugung, auf Gewiſſen, auf Glau⸗ ben und Meinen ankommt, und da iſt die Vereinigung, das Nachgeben ſchon ſchwerer. Es hat da Jeder ſeine Welt, ſein Reich, in dem ſich Herz und Geiſt bewegt, wo er ſich gefaͤllt, wo er ſich wie in einer himm⸗ liſchen Heimath fuͤhlt, und wer ihn da be⸗ meiſtern, Geſetze vorſchreiben, tyranniſiren will, der greift ihn in ſein inneres Leben, der will ihm rauben, was ſein theuerſter Schatz hienieden und dort iſt Franz zitterte, als der Vater ſo ſprach, er konnte ihn nicht guͤtiger ſtimmen, er mußte ihm Recht geben, er war mit ihm von gleicher Meinung. Dieſes Hinderniß, an das er bei ſeiner möglichen Verbindung mit Johannen nicht gedacht hatte, war ſtreitig das groͤßte, vihricht und dro⸗ — 104— Leſern, die nicht in der Geſchichte der Vorzeit bewandert ſind, wollen wir hier in aller Kuͤrze einige erlaͤuternde Aufſchluͤſſe geben, damit ihnen der Sinn der Rede des Comte de Montremi ein verſtändlicher werde. Nach der Grundverfaſſung des franzo⸗ ſiſchen Reichs war die katholiſche Religion die herrſchende. Außer den Katholiken ge⸗ noſſen aber auch die Calviniſten(Reformir⸗ wie ſie ihnen von den Katholiken ohne feſtes den wurde. Cigentlich waren ſie die Be⸗ druͤckten. Frankreichs Könige gaben ſich zu Zeiten das Anſeben, als ob ſie ſie beſchutz⸗ ten, waͤhrend ſie ſich Gräuel und Ungerech⸗ igkeiten gegen ſie erlaubten und insgeheim der Spi tze der Katholiken ſtanden die ten, Hugnotten) eine Art von Duldung, Geſetz, nach Willkühr und Laune zugeſtan⸗ an ihrem gaͤnzlichen Sturze arbeiteten. An Prinzen von Gebluͤte, die Guiſen; die der theten wiren Conds und ———— der große Coligni. Beide Partheien legten war ſchon oͤfter hervorgebrochen, in Schlach⸗ an den unduldſamſten Katholicismus an⸗ liefert uns davon ſchauderhafte Beweiſe. aufgeklaͤrten Admirals Coligni. Als das gezuͤndet von dem edlen Zwingli, auch nach Frankreich hinwarf, da wurde die Familie von Montremi auch von ihr erleuchtet, und — 105— die Waffen nicht ab. Das Feuer des Buͤrgerkrieges loderte unter der Aſche, es ten war Bilut gefloſſen. Je feſter ſich die eine Parthei, die ſtärkere und machtigere, ſchloß, deſto hartnaͤckiger hielten die Pro⸗ teſtanten an ihrer neuen und gelaͤuterten Religionsverfaſſung. Erbitterter war keine Feindſchaft, als die unter den Katholiken und Calviniſten herrſchte. Die Geſchichte Der Comte de Montremi war von Mutterſeite ein naher Anverwandter des ruhmvollen, großmuͤthigen, muthvollen und Licht der ſo wohlthatigen Glaubensverbeſſt rung ſeine Strahlen aus der Schweiz, an⸗ — 106— unſer Comte ſog es gleichſam mit der Muttermilch ein. Coligni war oſt in Comtes in der Achtung und Werthſchätzung der neuen Religionsverfaſſung. Als er mannbar war durfte er ſich keine an⸗ dem Glauben der Reformirten zugethan war. Alles, was ein liebendes Herz wun⸗ ſchen kann, Schoͤnheit, Geiſt und Tugend, fand er in der Marquiſe de Bolincour der⸗ einigt, deren Vater durch den Meuchelmord eines beſtochenen katholiſchen Knechts ge⸗ fallen war, welcher der verdienten Strafe darum entging, weil man dem Wahne er⸗ lag, er habe Gott einen Dienſt gethan, daß er die Zahl der verhaßten Ketzer um Einen verminderte. 2 Eine wahrhaft hriche Religioſität, wahr und hell, frei von menſchlichen Zu⸗ Hauteverd und beſtärkte den Vater dieſes dere Braut als eine ſolche waͤhlen, die ſätzen und falſchen Verdrehungen, recht im Geiſte des großen Meiſters, der ſie gründete, 5 3 — 107— herrſchte in dem Hauſe des Comte Mont⸗ remi, und ſo klar und rein er ſie aus der reinen ungetruͤbten Quelle geſchoͤpft hatte, theilte er ſie auch ſeinen beiden Kinbern mit. Als ihr Verſtand reif genug gewor⸗ den war, um ihn richtig verſtehen zu koͤn⸗ nen, ſprach er mit ihnen vom Katholicis⸗ mus, einzig in der Abſicht, um ſie fuͤr ihr ganzes Leben zu verwahren, daß ſie, ſo ſehr ſie auch gelockt und beſchwatzt wuͤrden, ihrem abgelegten Glaubensbekennniß nie untreu wuͤrden und ſich ins Papſithum hin⸗ übetziehen ließen. „Ach,“ ſo ſprach er mit wehmuͤthiger Ruͤhrung,„durch die Sinne geblendet, durch eigenſuͤchtige Abſichten beß chen, in einer Art von Wahnſinn und Schwrmerei die den freien Gebrauch der Vernunft nicht zu⸗ läßt, durch Liſt und Verſprechungen, durch falſche Vorſpiegelungen von außen verführt, haben ſich manche Leute, denen man Ein⸗ ſicht und Klugheit in andern Dingen nicht — 108— abſprechen kann, irre leiten laſſen, ſie ſind zu Verräthern, zu Abtrünnigen der refor⸗ mirten Kirche geworden, haben die Gemein⸗ ſchaft mit derſelben abgeſchworen und ſich unter das Joch des Papſtes, der Fleriſei, einer hierarchiſchen Zucht begeben, die mit dem Geiſte der chriſtlichen Rigien im Wiberſpruche ſteht.“ 5 „Wo ſteht es in der Bibel, daß Ge⸗ bote, Entſcheidungen eines ſchwachen, dem Irrthume unterworfenen Menſchen, des Papſtes, den Ausſpruͤchen der heiligen Schrift gleich zu achten ſind, und wie göttliche Offenbarungen gehalten und geehrt werden muͤſſen? Gab es denn nicht herz⸗ und ſittenloſe Päpſte, die jeder fromme Fatholik mit innerm Abſcheu betrachtete, die ein Schandfleck des ſogenannten Stuhls Petri waren, auf dem ſie ſaßen?— Der Katholicismus gebietet auch gute Werke, damit ſind eben nicht fromme H nblungen, im Sinne Jeſu, Thaten der Lun und des — 109— Mitleids, gewirkt von der chriſtlichen Ge⸗ ſinnung, gemeint, ſondern Schenkungen an Kloͤſter, damit die Ueppigkeit in ihnen ge⸗ naͤhrt und die Faulheit noch feiſter werde. Dadurch; ſo heißt es, kann man Gottes Gilade verdienen. Ein unbefleckter Wan⸗ del, eine Tugend, die aus einem durch die Religivn gelaͤuterten und geheiligten 7 Gemuͤthe hervorgeht, iſt eine entbehrliche Nebenſache.— Der Verbrecher kann ſich durch Bußuͤbungen, Faſten und Kaſteien von allen Gewiſſensbiſſen und Strafen, ſo ohne Reue und Beſſerung er auch in ſei⸗ nen Laſtern beharrt, frei machenz er kann auf das Verdienſt der Heiligen bauen, und ſſich eine Portion als Eigenes davon zu⸗ rechnen. Reicht dies Alles nicht hin, ſeine eundenſchüld zu bedecken und zu loͤſche N ſo nimmt er ſeine Zuflucht zum Ablaß, durch den ihm von einem andern Suͤnden, der damit Handel treibt, jedes Unrecht ver⸗ geben wird. Iſt das nicht die ſchauderhaf⸗ teſte Weiſe, wodurch der Katholicismus die —— * 4 — 1— wohre chriſtliche Frömmigkeit ſtuͤrzt, fuͤr nichtig erklaͤrt und dem Laſter einen gren⸗ zenlof ſen Spielraum giebt? Stirbt aber ein Gottloſer, der im Fegefener, iſt ein erdichteter Zwiſchenzuſtand, wo die Seelen von der irdiſchen Suͤnde erſt gereinigt wer den, ehe ſie in den Himmel der Si. eingehen, ſo kann ſeine Qual da auch ab⸗ ₰ gekurzt werden, wenn die Geiſtlichen, die dafuͤr reichlich bezahlt werden muͤſſen, See⸗ enmeſſen ſür ihn leſen und die Vachblei⸗ benden gute Gabe an geiſtliche Stiftungen ſpenden. Welch ein Unſinn! Welch ein aberglaͤubiſcher Eingriff in die goͤttliche Ge⸗ rechtigkeit! Welch eine habſuͤchtige Liſt ie pem Aberglauben das Geld aus dem 3 eite lockt! Frech kann der Laſterhaſte 7 uͤthen, die Furcht vor dem ewigen arf ihn nicht ſchrecken, Seelenmeſſen er⸗ 3 brechen ſein Schwert, das auf die ten fallen ſollte! Thorheit iſt's, um Tu⸗ 4 gend ringen, kaͤmpfen, fuͤr „ „ Seelenmeſſen kann man die Seligkeit wohlfeiler haben.“ „Wollt ihr reine, göttliche Wahrheit, ohne Prunk und Glanz, wie Jeſus ſie lehrte und ſeine Apoſtel ſie uns aufgezeichnet hin⸗ terli n, Nahrung fuͤr Geiſt und Herz, wollt ihr frei bleiben vom prieſterlichen Joche, das Abendmahl genießen wie es Chtiſtus ſtiftete, euern Gott am wuͤrdig⸗ ſten verehren, nur das glauben und halten was die Schrift lehrt; ſo bleibet Refor⸗ mirte. Die hohen Dome der Kathotiken, ihr Lichtglanz, das ſchöne, köſtliche Bilder⸗ werk, die goldenen Kelche und Leuchter, die prunkenden Meßgewänder, der Himmels⸗ blick der Prieſter, die Harmonie ſchmelzen⸗ der, ergreifender Töne, die Duͤfte des Raͤucherwerks, das Ceremonienweſen, die auf ihren Knien Betenden, es iſt dies 3 Ales, Alles doch uur Menſchliches, Erſun⸗ denes, wodurch das Goͤttliche verdunkelt wird, ein Schauſpie. — 112— was des Geiſtes Kraft zur Vollbringung edler Werke nicht ſtaͤrtt. Der Einbildung giebt es Nahrung, das Gemuͤth bezaubert es auf eine Weile; aber nach dem Rauſche tritt auch eine Nuͤchternheit ein, die uns die Eitelkeit alles irdiſchen Prunkwerks, was dem Himmliſchen und Heiligen ſeinen wohlthaͤtigen Einfluß auf die Veredlung des Goͤttlichen in dem Menſchen entzieht, um ſo deutlicher ſehen läßt. Ach, wenn der Jeſus von Nazareth in eine katholiſche Kirche traͤte und ſahe und hoͤrte, was wuͤrde er ſagen und thun?“ So innig und feſt aber der Comte an dem Bekenntniß ſeines Glaubens hing, ſo feindete er dennoch keinen redlichen Katho⸗ liken an, der es aus innerer Ueberzeugung war, und welcher der von der chriſtlichen Religion gebotenen Menſchenliebe nicht zu nahe trat. Er hatte mehrere katholiſche Freunde, die er ſehr hoch achtete. Aber ieden Katholiken, der ſich gegen den Calvi⸗ — — 113— nismus erklaͤrte, die Waffen wider die Re⸗ formirten ergriff, der einen wuͤthenden, un⸗ ſinnigen Bekehrungseifer zeigte, als ob er die, welche nicht Paͤpſtler waren, in den Schooß ſeiner Kirche zuruͤckziehen wollte, von der ſie aus wichtigen Gruͤnden gewichen waren, vermied er, hob ſeinen umgang, den er mit ihm hatte, auf, und ging ihm in der Ferne ſchon aus dem Wege. Eine ver⸗ aͤchtliche Kreatur nannte er hingegen den, von dem man nicht wiſſe, ob man mehr an ſeinem Verſtande oder ſeinem Herzen zweifeln muͤſſe, der ſich von der reformir⸗ ten Kirche losſchwuͤre, zum Katholicismus uͤberginge, und ſo Freiheit gegen Sclaverei, Bibel gegen Traditionen, Wahrheit gegen Lüge, Menſchenliebe gegen Sectengeiſt, Gottesverehrung gegen Heiligendienſt, edle Einfachheit gegen Prunk ic. vertauſche. Reine Beweggruͤnde, die ſich vor dem Rich⸗ terſtuhle der Vernunſt und des Gewiſſens rechtfertigen ließen von ſeiner Ab⸗ und Zu⸗ kehr, gebe es fuͤr ihn nicht. Habe er den 3 E — 144— Schritt aus Schwachheit, aus Schwaͤrmerei, wo der Verſtand unterdruͤckt, das vernuͤnſ⸗ tige Denken gefährdet iſt, gethan, dann muͤſſe man ihn wie einen halb Wahnſinni⸗ gen bemitleiden und ſagen:„Vater vergieb ihm, denn er wußte es ſelbſt nicht was er that; haäͤtte ihn aber menſchliche Ruͤckſicht, Eigennutz, Verachtung des Beſſern, Welt⸗ ehre dazu verfuͤhrt, dann muͤſſe man ihn als ein abſchreckendes Beiſpiel fuͤr Andere der Verachtung preis geben. Der Comte wußte es wohl, daß der Marquis de Vetruͤn ein Anhaͤnger des Katholicismus war, aber in welchem Grade, das war ihm voͤllig unbekannt. Sie hatten eine Reihe von Jahren in entfernten Ver⸗ haͤltniſſen mit einander gelebt. Bei ihren fruͤhern Zuſammenkuͤnften vermieden oſie kluglich Beide Religionsgeſpräche. Einer ließ den Andern ſeines Glaubens leben. Sie mußten einander wegen vorzuͤglich guter Eigenſchaften achten. Nur in der — 115— letzten Zeit erhielt der Comte einen Brief von ſeinem Vetter, dem Admiral Coligni, in dem ihm dieſer meldete, daß ein ge⸗ wiſſer Marquis de Vetruͤn als ein faſt ungeſtuͤmer Eiferer gegen einzelne Reſormirte in Paris aufgetreten ſey, wie ſich denn uͤberhaupt die Katholiken jetzt wieder feind⸗ licher gegen die Calviniſten zu regen ſchie⸗ nen. Dieſe Nachricht war es, welche den Comte Mißtrauen gegen den Marquis ein⸗ floͤßte und ſein Herz von ihm entfernte. Liebe gegen die Menſchen, ſo dachte er, gebietet die Religion auch dem Katholiken, und er handelt ihr zuwider, wenn er dies Geſetz uͤbertritt. Coligni's Brief war es, der ihn die Worte in Gegenwart ſeines Sohnes ausſtoßen ließ, als dieſer von Chartreu kam:„Ich fuͤrchte, daß ich mit dem Marquis in Punkten verſchieden denke, wo es auf Ueberzeugung, auf Gewiſſen, Glauben und Meinen ꝛc. ankommt.“ 1 — 16— In Chartreu wohnte ein Pfarrer, mit Namen Benedikt Tournelle, der von ſeinen geiſttichen Obern wegen ſeines heiligen Ei⸗ fers, mit dem er ſich bei jeder Gelegenheit des Katholicismus annahm, ihn mit allen Waffen vertheidigte, ſeine Unubertrefflichkeit vor aller Welt bewies und es handgreiflich demonſtrirte, daß er das einzige Heil der Voͤlker ſey, und daß anßer ihm kein Gluͤck dieſſeit des Grabes und keine Seligkeit im Himmel zu finden waͤre. Ihm galt der Papſt für den ſichtbaren Herrgott und ſei⸗ nen Ausſpruͤchen raͤumte er mit den Lehren Pruͤfen und Wuͤrdigen der Sätze, Vor⸗ ſchriften, Einrichtungen und Gebraͤuche ſei⸗ ner Kirche war nie ſeine Sache geweſen, er wurde dazu nicht angeleitet, es wurde ihm als eine Sunde verboten. Was ihm gege⸗ ben und uͤberlieſert wurde, das nahm er auf Glauben an, das hielt er heilig, und wollte die Vernunft ſich etwa dagegen er⸗ der heiligen Schrift einen Rang ein. Das heben, ſo ſchlug er ſie, als ob ſie eine Erb⸗ —— feindin des Guten, eine Diebin waͤre, die ihm ſeine Ruhe und Seligkeit rauben wollte, mit einem Bannfluche danieder. Er befand ſich bei dieſer Denkweiſe recht wohl, blieb geſund und nahm faſt in jedem Jahre an Leibesſtaͤrke zu. 4. Aber den Calvinismus, das Reforma⸗ tionsweſen, in dem nach ſeiner feſten Ueber⸗ zeugung der Teufel ſichtbar ſein Spiel trieb, in dem ſo viele Seelen, als ihm er⸗ geben waren, zur Hoͤlle hinabſuhren, war ihm ein Dorn im Auge, er hatte ihm un⸗ ausloͤſchlichen Haß geſchworen, und das heilige Geluͤbde gethan, es durch alle Mit⸗ tel zu verfolgen, ſo lange noch ein Bluts⸗ tropfen in ſeinem Herzen ſich bewegte. Wie es auf der Erde noch Menſchen geben könne, die nicht an die Heiligkeit des Papſtes und ſeine Unfehlbarkeit glaubten, die ihr Heil anderswo, als in dem Schooße der alleinſeligmachenden Kirche ſuchten, die des Ablaſſes und der Suͤndenvergebung — 118— von Prieſterhand nicht zu beduͤrfen waͤhn⸗ ten, denen die Abſolution, der Roſenkranz, das Faſten, Meſſe und Fegefeuer nichts galt, die ohne Fuͤrbitte der Heiligen dennoch ſelig zu werden hofften; das war ihm un⸗ begreiflich und ein augenſcheinlicher Beweis der finſtern Unwiſſenheit, in der dieſe Cal⸗ viniſten befangen waͤren. Gegen ſeine katholiſchen Bruͤder uͤbte er die Pflichten, die er als Vorbild der Gemeine nicht un⸗ terlaſſen konnte, wenn er nicht zum Anſtoß und Aergerniß werden wollte. Auf die Kunſt, bei verborgener Armerſuͤnderhaftig⸗ keit einen glänzenden Heiligenſchein um ſich zu verbreiten, verſtand er ſich meiſterhaft. Comödie ſpielen war ſeine Sache. Aber gegen Calviniſten legte er die Larve ab, da erſchien er in natuͤrlicher Geſtalt und glaubte, daß er ſich juſt ſo, je aͤrger deſto beſſer zeigen müͤſſe. Einem Reformirten haͤtte er, und wenn er ihn vom Tode retten konnte, keinen Trunk Waſſers gereicht. In ſeiner Naͤhe S et Teufelsgift einzu⸗ 15 Seelen zuzufuͤhren, und gegen dieſe gluhte keineswegs als ein blinder, grober Eiferer — 119— atbmen geſuͤrchtet. Einige der Abtruͤnnigen betrachtete er als Werkzeuge einer boͤſen Macht, deren ſie ſich bediene, um dem Hoͤllenpfuhl eine groͤßere Zahl verdammter ſein Haß, mit Gift und Dolch hätte er ſie ermorden moͤgen; Andere dagegen ſah er mit mitleidsvoller Verachtung an, weil ſie nach ſeiner Meinung, wie Blinde den Ver⸗ fuͤhrern ins Verderben folgten. Das Proſelytenmachen war daher bei ihm zur Gewiſſenspflicht geworden. Wenn er einen Verdammten, dafuͤr galt ihm jeder Richtkatholiſche unbezweifelt, von ſeiner Parthei losreißen und in die Arme ſeiner Kirche fuͤhren konnte, ſo glaubte er ein gu⸗ tes Werk geſtiftet und eine Seele aus den Klauen des Satans gerettet zu haben. E verfuhr bei ſeinem Bekehrungsgeſchaͤft ſondern gebrauchte Liſt, Klugheit, Raͤnke, bisweilen auch wohl eine Suͤnde, ein Un⸗ — 120— recht, um ſeine Abſicht zu erreſchen, die ihn aber nicht gereuete und betrubte, weil er zu Gott das Vertrauen hatte, er werde es um des gewirkten Guten willen verzeihen, und er hatte die Vergebung der Schuld naͤher, er konnte ſie ſich ſelbſt vergeben Die Reformation ſtellte er als einen Aufruhr der Vernunft gegen Gott, als eine Empoͤ⸗ rung gegen das geweihte Oberhaupt, als eine Aufloͤſung aller Bande des Gehorſams, als das Grab der Menſchenliebe, als die Quelle blutiger Zwiſte und als einen Schwefelpfuhl dar, aus dem Laſterwolken aufſteigen. An den Wunden, die dieſe Glaubenszerſtoͤrung der Menſchheit ſchlagen werde, muͤſſe ſie ſich verbluten. Er naͤhre noch die Hoffnung, daß die Abgerichenen, Betrogenen, Verfuͤhrten, endlich zu dem alleinigen Hirten in Rom zuruͤckkehren, und daß die getrennte wieder eine ganze Heerde erden wuͤrde. * Da, wo er nicht in dem ſtarken, ein —* ————— ſchoͤner Mann, unveraltet, mit ſanftem, lie⸗ ße wurden beknechtet, ſie ſahen ſich vom. — 41241— greifenden Tone ſprechen konnte, redete er in ſanfter, einſchmeichelnder, verheißender Weiſe und bot irdiſches Gut, ewiges Heil an, um Eonvertiten zu werben. Oft ſuchte er ſich durch die Vermittelung der Frauen Eingang bei den Maͤnnern zu erwerben. Bei ihm war es Grundſatz; der Zweck hei⸗ ligt die verwerflichſten Mittel. Er war ein bevollem Aeußern, zaͤrtlich und einſchmei⸗ chelnd, dem ſich manches Frauenherz leicht öffnete, das eben, weil er Geiſtlicher war, in ſeiner Liebe einen ganz beſondern Reiz fand. Er wußte die rege Einbildungskraft der Weiber zu entflammen, ihren Sinnen zu ſchmeicheln, ihre Vernunft, ihr beſſeres Gefuͤhl geſangen zu nehmen und ſie zu ſeinen Dienerinnen zu machen. Wenn hier und da eine reformirte Familie zum Papſt⸗ thum uͤberging, ſo hatte er es einzig der Frauenmacht, ihrer Ueberredungsgabe zu verdanken. Die Freien legten Feſſeln an, — 122— Throne des Lichts und der Wahrheit, in Finſterniß und Irrthum hinabgeſturzt, das heilige Bibelbuch wurde ihnen aus den Haͤnden geriſſen, zum Proſelytenmachen wurden ſie verpflichtet, ihre Chriſtentugend galt nicht mehr, um die Seligkeit zu er⸗ werben wurden ihnen Schenkungen an Kloͤſter geboten. Dieſes und vieles Andere erfuͤllte ihr Herz mit Reue, ſie waren dem Spott, der Verachtung ihrer fruͤhern Glau⸗ bensgenoſſen preis gegeben, keine Liebe, keine Achtung, kein Vertrauen hatten ſie bei ihnen mehr, und hätten ſie den Schritt zuruͤckgethan in das lichte, freie, einfache, herrliche Heiligthum, von dem ſie unbeſon⸗ nen ſchieden, man wuͤrde ſie zuruͤckgewie⸗ ſen haben, weil der Grundſatz ein allgemein geltender war: wer ein Katholik werden kann, der verdient es zu ſeyn, und an einem ſolchen bisherigen Mitgliede verliert die reformirte Kirche nichts. Wer ein ge⸗ vorner Fatholik iſt, der bleibe es, wenn ſein Herz und ſein Geiſt ihn nicht zu — 123— freiern, hoͤhern, goͤttlichen Religionsanſichten fuͤhren, er kann dabei eine fromme Seele haben. Wer aber als Chriſt und Nicht⸗ katholik ſein Glaubensbekenntniß als Pro⸗ teſtant gegen das katholiſche vertauſcht, Katholiken, dem trauet nicht, er iſt auch im Stande, wenn ſich ſeine Verhaͤltniſſe aͤn⸗ dern, wenn es ſein Vortheil heiſcht, wenn ſeine Phantaſie und Schwaͤrmerei ihn irre fuͤhren, ein Jude, Mahomedaner, ein Feuer⸗ und Iſisanbeter zu werden. Der Pfarrer Benedikt Tournelle war ſehr entruͤſtet, daß der Marquis dem Dorfe gleich nach ſeiner Ankunft das Feſt gab. Weil er oͤffentlich ſelber keine geſellige Freude genießen konnte, ſo goͤnnte er ſie auch Andern nicht, und ſein Verdruß fiel auch auf den Stifter derſelben. Bei ſol⸗ chen Gelagen, meinte er, ſtuͤnde ſich der Teufel immer am beſten, weil es da an Lockungen zum Boͤſen nicht ſehle und die Ohren dagegen nicht taub waͤren. Der Marquis habe viel beſſer gethan, der Kirche zwei ſilberne Leuchter zu verehren, da die alten von blindem Zinn waren, als das Geld fuͤr Wein und Speiſe, füͤr Muſik wegzuwerfen. Daß er uͤbrigens ein guter Katholik war, der, wenn es die Ehre und Erhaltung der Kirche galt, ein Dutzend Calviniſten ſpießen, eben ſo viele erſäufen ließ, wenn ſie durch Annahme des allein⸗ ſeligmachenden Glaubens ſich vom Tode nicht retten wollten, das trauete er ihm zu. Aber er hatte ſich's vorgenommen, nicht eher auf's Schloß zu gehen, bis er einge⸗ laden wuͤrde, und das rieth ſeine kluge, hubſche Haushälterin auch, die er deshalb um Rath fragte, und welcher er in billigen Stuͤcken unbedingt folgte. Die Familie des Marquis und ihn ſelbſt von Angeſicht, kannte er noch nicht. Es war ihm nicht lieb, daß die Herrſchaft hieher kam, da er mit Recht fuͤrchtete, die Pariſer Diener⸗ ſchaft, in allen Laſterkünſten geübt, werde im Dorfe böſe Sitten verbreiten. Den —— Grund, daß ein Marquis mit ſeiner Gat⸗ tin, die, wie er gehoͤrt hatte, bei der ver⸗ wittweten Königin ſo getreditirt waren, die alle Tage herrlich und in Freuden lebten, nach dem verfallenen, verwilderten Schloſſe Chartreu kamen, um ſich hier laͤnger wie Reiſende auf einen Tag aufzuhalten, das das war ihm unbegreiflich. Selbſt ſeine Haushaͤlterin, mit der er uͤber die geheimſten Angelegenheiten ſprach, der er das Siegel der Verſchwiegenheit mit einem Theile ſei⸗ ner jaͤhrlichen Einnahme auf den Mund gelegt hatte, konnte das Sn nicht enthuͤllen. Als mehrere Tage verfloſſen waren, als eine Woche ſchon vorbei war, und der Marquis durchaus keine Notiz vom Pfarter nahm, da fühlte ſich der hochmüthige Geiſtliche ſehr beleidigt und wußte nicht, ob er die Familie auf dem Schloſſe zu den Heiden, oder, was aͤrger fuͤr ihn war, zu den Calvinſten rechnen i . 2126„ katholiſche Chriſten konnten ſie unmoglich ſeyn. Nur Einzelne von der Dienerſchaft bemerkte er am Sonntage in der Kirche, den Marquis und ſeine Gattin, von denen er wenigſtens forderte, daß ſie ihren Unter⸗ gebenen mit einem guten Beiſpiele voran⸗ gehen ſollten, wurde er im Gotteshauſe nicht gewahr. Er dachte es und ſagte es ſeiner Haushalterin:„Die Menſchen auf dem Schloſſe da, gleichen gewiß vielen Vornehmen, die in Hinſicht der Relſgion, des Glaubens und der Gottesverehrung weder kalt noch warm ſind. Sie haben alle Kunſte einer feinen Lebensart gelernt, wiſſen von tauſend Dingen zu reden, aber an religioͤſer Erkenntniß ſind ſie aͤrmer als der Diener, der ihnen aufwartet. Das ſinnliche Leben, die Zerſtreuungen und Ver⸗ gnügungen laſſen ſie zu keinem ernſten Nachdenken kommen, und was ſie an ihre moraliſche Erbaͤrmlichkeit, an Tod und Grab erinnert, das ſtoßen ſie von ſich, wie ein unmundiges Kind die bittere Arzenei, —— die ihm gereicht wird. Wenn endlich die letzte Noth eintritt, ſie auf dem Sterbebette liegen, und der eitle Weltglanz ſie nicht mehr ruͤhrt, wenn ſie in ein ſuͤndenvolles Leben, das ſie fuhrten, hineinſchauen und vor ſich einen ſtrafenden Richter erblicken, da wird der Prieſter wie ein Wundermann gerufen, daß er das zerfleiſchte Gewiſſen durch ſeine Kraft heilen, Suͤnden vergeben, fürbitten und Gnade von Gott und Selig⸗ keit erflehen und verheißen ſoll. Im Ver⸗ trauen auf eine hoͤhere Barmherzigkeit fuͤhrt man ein ruchloſes Leben, ſo lange es gehen will.“ Der Pfarrer nahm ſich's feſt vor, ver⸗ möge ſeines geiſtlichen Amtes und der ihm verliehenen Macht, dem Marquis eine Straf⸗ predigt zu halten, wenn er ihn zu ſich rufen ließ, wenn nicht beſondere Gruͤnde obwalteten, die ihn entſchuldigten und ſein ſonderbares Betragen rechtfertigten. — 128— Auf dem Schloſſe herrſchte viele Un⸗ ruhe, die den Marquis und ſeine Gattin vielſeitig veſchaͤftigte, dergeſtalt, daß ſie weder an den Pfarrer, noch des Sonntags an ſeine Meſſeieſen dachten. Die maͤnnlichen und weiblichen Do⸗ meſtiken, die von Paris mit ihrer Herr⸗ ſchaft nach Chartreu gezogen waren, fuͤhlten ſich ſaͤmmtlich auf dem einſamen, menſchen⸗ leeren Schloſſe ſehr ungluͤcklich. Paris und die Lebensart, die ſie dort bei dem Marquis fuͤhrten, die Geſchenke, die ſie von barkeiten, die ſie genoſſen, die Ueppigkeiten, die ſie da treiben konnten, Alles, Alles was ſie ergötzte, bereicherte und auf ihre Weiſe unterhielt, fehlte hier. Sie machten eine Art von Complott, nicht daß ſie die Perrſchaft verlaſſen wollten, bei der es ihnen nur zu gut geſiel, ſondern um ſie zu bewegen und zu zwingen, daß ſie nach Paris zuruͤckging, und daß ſie Alle auf dieſe Manier an den fremden Herrſchaften empfingen, die Luſt⸗ — — 122— Ort zurückverſetzt wuͤrden, wo die Roſen ihrer Freuden bluͤhten. Durch einen foͤrm⸗ lichen Eid gelobten ſie ſich einander Ver⸗ ſchwiegenheit. Da von den Paäͤchterleuten manche BVictualien geholt werden mußten, entſtand zwiſchen ihnen und der Dienerſchaft eine Art von Vertraulichkeit. Die Frau war auch von der ihrem Geſchlechte beſonders eigenthuͤmlichen Neugierde gar ſehr beſeſſen. Seit die Herrſchaſt auf dem Schloſſe war, gewann ihr einförmiges Landleben den Reiz einer vielſeitigen Unterhaltung. Un⸗ aufgefordert wurde ihr Manches von dem Marquis, von der Marquiſe, von der Gouvernante, einer eingefleiſchten Pariſerin, von Johannen ꝛc. erzählt, was ſie im In⸗ nern beſpöttelte, belaͤchelte, weil ſie es von der Lebensweiſe gewoͤhnlicher Menſchen ab⸗ weichend, und mit der Vernunft in offen⸗ barem Contraſte fand. Ein offentliches Urtheil aber erlaubte ſie ſich nicht. Wo — 130— ihr manches noch dunkel und unerklaͤr⸗ lich blieb, da that ſie verbluͤmte Fragen und erhielt darauf Beſcheid. Alles, was im Schloſſe vorfiel, wenn es der Marquis nicht mit ſeiner Gattin allein verabhandelte, davon war ſie auf's genaueſte unterrichtet. Es diente als Stoff zur Abendunterhaltung, wenn ſie mit ihrem Gatten allein war, die oft, wenn ſie Beide ſchon im Bette lagen, noch fortwaͤhrte. Was dem Pächter aber beſonders lieb war, das war auch dies, daß der Marquis von dem Pfarrer waͤhrend ſeiner Anweſen⸗ heit keine Notiz nahm. Dieſer, dem An⸗ ſchein heilige und von ſeiner Gemeine hoch⸗ verehrte Mann, gegen deſſen Moralität er gegruͤndeten Verdacht hatte, war nach ſeinem Glauben, ſo freundlich er ſich auch ſtellen onnte, ſein ärgſter Feind. Er wußte es, daß er darum bei ihm in den uͤbeln Geruch einen 3 Calviniſten weil er — 131— einen Reformirten nannte, in freundlicherm Vernehmen ſtand. Der Pfarrer eiferte oͤffentlich gegen die Calviniſten und belegte ſie mit den veraͤchtlichſten und ſchimpflich⸗ ſten Namen, ohne daß ihm deshalb ein Haar gekruͤmmt wurde. Verruchte, die auf dem Wege zum Verderben waͤren, nannte er auch die, welche Umgang mit ihnen pflegten, oder ihnen einen Dienſt erwieſen. Vor den Reformirten warnte er ſeine Pfarrkinder, wie vor dem Teufel, der ſeine Klauen immer von einander ſperrt, Seelen zur Hoͤlle hinabzuziehen. Eitern, die ihre Kinder mit ihnen verheiratheten, wenn dieſe nicht wirkten, daß ihre reformirten Maͤnner oder Frauen der katholiſchen Kirche gewonnen wuͤrden, belegte er mſt dem ſchauderhafteſten Fluch. Einzelne Klagen der Dienerſchaſt hat⸗ ten ſich ſchon vernehmen laſſen, daß ſie es auf eine lange Zeit in Chartreu nicht aus⸗ halten wurden. Dem Pächter aber war — 132— die Gegenwart des Marquis aus vielen Gruͤnden auch ſehr laͤſtig und gern haͤtte er ſeine Pferde als Vorſpann zugegeben, um ihn mit den Seinen wieder nach Paris zu⸗ ruͤckzuſchaffen. Er mußte mit den Bauers⸗ 3 leuten hoͤflicher, gutiger umgehen, konnte 1 nicht ſo durchfahren, wie er's gewohnt war . und merkte es wohl, daß ſie in ihren Ar⸗ beiten träger, nachläſſiger wurden und Mancher vor ihm die Muͤtze auf dem Kopfe nur zuruͤckſchob, der ſich ſonſt mit entbloͤßtem Haupte niederbuͤckte. Man ſchien zu glauben, er werde bald von Chartreu abziehen muͤſſen und wollte nun dem, der ihnen manche ſaure Stunde machte, das Leben recht ſchwer machen. Der Marquis wurde mit Klagen gegen den Pächter be⸗ ſtürmt, der Caſtellan ſetzte auch ſein Theil⸗ chen dazu, das Geſchrei wurde ihm endlich liſtig und er ſah es bei kaͤlterm Blute ein, daß die Leute viel mehr forderten, als ihnen rechtlich zugeſtanden werden konnte. Er ieß ſchon mehrere mit ihren Beſchwerden — —— — 133— abweiſen und verſprach ihnen, eine un⸗ partheiiſche Unterſuchung anzuſtellen. „Unmoͤglich kann ich mir's denken,“ ſagte er zu ſeiner Gattin,„daß der Paͤch⸗ ter ſo arg iſt, als er mir von den Leuten geſchildert wird, wie ſtuͤnde er ſonſt mit dem edeln Comte de Montremi in dieſem freundlichen Verhaͤltniß, wie waͤre er ſonſt „ſo gefaͤllig und gůtig. Die— 8 auf's Reine.“ Ein Bebiente wurde beſehligt, den Pächter und ſeine Gattin an einem Abend einzuladen. Nicht ohne das Vorgefuͤhl ei⸗ ner geheimen Aengſtlichkeit, ging der Pächter mit ſeiner Frau zum Marquis. Man hieß ihm und ſeiner Ehefrau freundlich Will⸗ kommen. Nach Tiſche, als die Gouvernanie ſich mit Johannen entfernt hatte und ihren Spott uber die Gaͤſte trieb, fing der Mar⸗ quis alſo an:„Sie ſind bei mir ſehr hart verklagt und ich wuͤnſche es, daß Se — 134— ſich rechtfertigen koͤnnen. Mit Menſchen, die in meiner Naͤhe leben, mit denen ich in irgend einer Art von Verbindung ſtehe, muß ich wiſſen, wie ich daran bin, moͤgen ſie gut oder nicht gut ſeyn, damit ich meine Maßregeln nehmen kann. Ein alter Greis hat mir geklagt, das Sie ſeinem † Sohne vierhundert Franken liehen und ihn mit Weib und Kind von ſeinem Gehoͤfte jagen wollen, wenn er nicht in kurzer Friſt die Schuld abzahlt. Iſt das nicht hart und unmenſchlich?“ „Herr Marquis,“ erwiederte der Paͤch⸗ ter,„keins von beiden. Wird er um der Schuld willen als ein ſchlechter Bezahler wrirklich von ſeinem Gehoͤfte vertrieben, ſo thut es die Obrigkeit und das Geſetz, ich kann und darf es nicht. Muß der, welcher borgt, nicht wieder bezahlen, und waͤre der Glaͤubiger hart und unmenſchlich, der Ge⸗ liehenes zuruckfordert? Aus einer großen Noth riß ich den Menſchen, daß ich ihm — 135— das Kapital vorſtreckte, damals druckte er mir die Hand und machte mir ein gar freundliches Geſicht. Dreijaͤhrige Zinſen ſchenkte ich ihm, mahnte, warnte, drohte, er fluchte, ſchalt, redete Boͤſes von mir, iſt das der Dank? Dem alten, ſchwachen Vater verzeihe ich's, wenn er fuͤr ſeinen ₰ Sohn bat; hat er mich aber bei dem Herrn Marquis angeſchwaͤrzt, ſo beging er eine 4 Suͤnde, die ſo groß iſt, als er alt iſt. Ich fordere mein Geld, es iſt mein Eigenthum, und wer mag mir's beweiſen, daß ich un⸗ recht handele?“ „Viele meiner Unterthanen,“ fuhr der Marquis fort,„beſchweren ſich, daß Sie ihnen zu große Laſten aufbuͤrden, daß Sie ihnen ihre Dienſte erſchweren, daß Sie Ihre Forderungen uͤberſpannen, und mit feindlicher Strenge gegen ſie verfahren. Wenn Alle mit uns unzufrieden ſi ind, ſo denke ich, das iſt unſere Schuld.“ „Alle, Alle,“ ſagte der Paͤchter,„ſi nd mit mir gewiß nicht unzufrieden und Alle die ſind mit mir zufrieden, die im Dorfe fuͤr die beſſern Menſchen gelten. Den Pächter möchte ich ſehen, der's den Bauern recht machen kann, er muͤßte denn ſeine Erndten mit ihnen theilen und keine Dienſte, wofuͤr er dem Herrn Verpaͤchter bezahlen muß, von ihnen verlangen. Wirth⸗ ſchaſten Sie nur ſelbſt, dringen Sie darauf, daß jeder Unterthan ſeine Schuldigkeit thun muß, und an Klagenden und Unzu⸗. friedenen wird's Ihnen auch nicht fehlen. Buͤrden und Laſten, die der Bauer nicht tragen muß, traͤgt er freiwillig nicht, kein Quentchen läßt er ſich über ſeine Verpflich⸗ tung auflegen. Er kennt Kniffe genug und wendet ſie an, um den Pächter, der ihm uͤberhaupt ein Dorn im Auge iſt, zu uͤber⸗ vortheilen. Einen Betrug, den er dem ſpielt, haͤlt er fuͤr keine Suͤnde und lacht ſich ins Fäuſichen, wenn die Liſt gelungen . ervies kennt jeder im Dorfe auch — — * die Obrigkeit, unter der ich ſtche, und wuͤrde ſie ſicher zu meiner Beſtrafung auf⸗ ſtraften nennen, die mich beſtahlen, grob behandelten? Wer aber vafur ſorgt, daß ein Uebelthaͤter nach Verdienſt von der Obrigkeit gezuchtigt wird, der macht ihn ſich zu einem unverſoͤhnlichen Feinde.“ mit dem ehrlichen alten Caſtellan keinen —„Alt und ehrlich iſt der Caſtellan, aber zänkiſch im hoͤchſten Grade. Ehren ſoll ich ihn, als ob er der Herr von Chartreu wäre. Und ſeine Gattin iſt, mit Ehren zu melden, Frau. Was hat dieſe Unſchuldige durch ſie gelitten! Sie ſchnitzte Pfeile, der Enſtel⸗ lan verſchießt ſie. Kann ein fte Umgang mit einem Menſchen nicht Sta ſfinden, iſt Alles auf Kunſt und Schr gefordert haben, wenn er dazu berechtigt geweſen waͤre. Sollte ich Ihnen die Be⸗ „Aber,“ ſagte der Marquſe,„daß Sie Frieden halten, iſt das nicht Ihre Schuld?“ ein Laͤſtermaul. Sie iſt die Feindin meiner geſtellt, weiß man ſelber nicht, ob er warm oder kalt iſt, ſo meide ich ihn ganz.“ „Herr Marquis, ich merke es wohl, Sldie ſind wider mich eingenommen und Veranlaſſung habe ich dazu ſelbſt in den erſten Tagen Ihres Hierſeyns gegeben; aber ich bleibe dabei, die Erndten waren hier ſeit mehreren Jahren kaͤrglich, die Preiſe ſind ſchlecht, wenn auch mein Vieh nicht mager iſt. Die böſe Idee, die Sie von mir haben, wird ſich widerlegen, wenn Sie länger hier bleiben; es iſt beſſer, als wenn Sie anfangs eine zu gute Meinung hatten, die ſich ſhn widerlegte.“ 3 Freundlich gab der Marquis dem Paͤch⸗ 3 ter die Hand, er war mit ihm ausgeſohnt, und im Herzen froh, ſchied am ſpaͤten Abend der Paͤchter mit ſeiner Gattin von ihm. Daß auf dieſen Beſuch eine ſo N iemand. S ſchreckliche Nacht folgen i ahnete Marquiſe ſchon mehr gewoͤhnt, daß ſie 39— Das Geſchrei der Eulen hatte ſich ſehr vermindert, Maͤuſe trieben in Unzahl nicht mehr ihr Weſen, der Nachtwaͤchter und ſein Horn ſchwiegen, die Katzen waren ver⸗ bannt und an den Reſt, der die Ruhe und Stille der Nacht noch ſtoͤrte, hatte ſich die ungeſtoͤrt, wie ſie's in Paris pflegte, bis Morgens um neun Uhr ſchlief. Der Kammerdiener, welcher dem Mar⸗ quis eine unentbehrliche Perſon geworden war, dem er vertrauete, den er liebte, und welcher im Rathe ſeines Herrn eine ſehr große Rolle ſpielte, ohne daß dieſer es merkte, beklagte ſich ſehr bitter uͤber das Leben in Chartreu. Abgerechnet, daß man außer dem Schloſſe nur Bauergeſichter ſaͤhe und mit Niemanden ein unterhalten⸗ des Wort reden koͤnne; ſo waͤre hier die Koſt auch ſo mager und unſchmackhaft, daß man ſie nicht genießen konne und ab⸗ magern muͤſſe. Nach ſeinen Dienſtiahren — 140— bei dem Herrn Marquis, habe er auf eine feſte Anſtellung in Paris gehofft, auch dieſe Ausſicht werde ihm durch ſeine Entfernung ereitelt. So hoch er ſeinen Herrn achte, ſo feſt er mit ſeinem Herzen an ihn gefeſ⸗ ſelt ſey, ſo ſchmerzhaft ihm die Trennung von demſelben fallen werde, es ſey ihm nicht zu verargen, wenn er Chartreu ver⸗ laſſe und ſein Heil anderswo ſuche, da er's hier durchaus nicht aushalten könne. Eben ſo machte es die erſte Kammerjungfer mit der Marquiſe und kuͤndigte ihr den Dienſt auf, wenn ſie alle Hoffnung aufgeben muͤſſe, in kurzer Friſt Paris wieder zu ſehen. Sie erklaͤrte es ihrer Gebieterin ohne Hehl, daß die Liebe zu einem jungen Manne, der ihr erklaͤrter Braͤutigam ſey, ſie nach der Hauptſtadt um ſo mehr zu⸗ rüͤckziehe, da man nicht wiſſen koͤnne, ob er ihr in der Entfernung treu bleibe. Der Mundkoch forderte in beſtimmten Ausdruͤcken ſeinen Abſchied und ſagte:„Ich ſoll, wie ch's bin, wohlſchmeckende Mann ſeine Schmerzen klagte, den ſie in inem Ruͤckſchreiben zu troſten geſucht hat — 141— ſechs Gerichte auf die herrſchaftliche Tafel liefern und es wird mir das Nöthige nicht dazu nicht gereicht. Eulen moͤchte ich als Schnepfen, Sperlinge als Lerchen, Ratten als Spanferkels liefern, davon iſt Ueber⸗ fluß da, am beſſern Fleiſche fehlt's.“ So⸗ gar die Jungfer, welche Johannen bediente und die Aufwaͤrterin der Gouvernante, wollten nicht bleiben. ———— Dieſe Art von Aufſtand beſchäftigte den Marquis und ſeine Gattin höchſt un⸗ angenehm Die Gouvernante aber hatte ihre Freude daruͤber und ſie goß, ohne daß es die Herrſchaft erfahren konnte, fein und liſtig Oel in die Flamme. Sie ſtand mit einem jungen Offizier, der oͤfter bei dem Marquis zu Mittag aß und ſein Verwand⸗ ter war, in einem Liebesverhaͤltniß und hatte ſchon ein elegiſches Schreiben von ihm empfangen, in dem ihr der junge — 142— Die Marquiſe meinte, daß es den Leuten nicht zu verdenken ſey, wenn ſie's auf dem Lande nicht gewohnt werden koͤnn⸗ ten, ſie ſelbſt muͤſſe ſich großen Zwang an⸗ thun, um ſich ruhig zu erhalten. Johanna, die in manchen Kenntniſſen und Fertigkei⸗ ten nicht weiter komme, weil hier keine Lehrmeiſter waͤren, daure ſie auch gar ſehr; indeß habe ſie ſich Geduld und Ergebung in ihr Schickſal gelobt und werde Wort halten. Die Verlegenheit des Marquis war ſehr groß. Gingen die Leute aber von ihm, ſo war er hoͤchſt ungluͤcklich, da ſich ihre Stellen in Chartreu nicht erſetzen ließen und er ſich an ſie gewoͤhnt hatte. Ohne Bedienung konnte dieſe Familie nicht beſtehen. GEute Worte wollte er auch nicht geben, den Lohn der Domeſtiken nicht er⸗ böhen, es blieb ihm alſo weiter nichts übrig, als ihnen eine Bedenkzeit von einem onat zu ſetzen und ſich dann zu entſchei⸗ 4 3 den. In der Zwiſchenzeit wollte er ſich, wenn es noͤthig waͤre, um eine neue Die⸗ nerſchaft bewerben, dies war fuͤr ihn ein hoͤchſt unangenehmes Geſchaft. Dem Kammerdiener, mit dem er auch uͤber geheime Angelegenheiten, wie mit ei⸗ nem Freunde ſprach, hatte er's anvertrauet, daß die Marquiſe in den Naͤchten ſehr aͤngſtlich ſey und das Spuken der verſtor⸗ benen Comtes von Chartreu fuͤrchte.„Nun,“ ſagte der Kammerdiener,„ganz unrecht mag die Frau Marquiſe wohl nicht haben. Die Leute haben des Nachts zwiſchen elf und zwoͤlf Uhr ſchon oft ein Ziſchen, Pfei⸗ fen und Poltern gehoͤrt, das ſie erſchreckt hat. Ich ſelbſt hoͤrte vor wenigen Naͤchten ein Geraſſel, als ob Ketten umhergeſchleiſt wuͤrden. War's der große Hund, der ſich losriß oder ſonſt etwas, das weiß ich nicht. Ich habe den Leuten Stillſchweigen gebo⸗ ten, damit die Frau Marquiſe nichts davon effuͤhre.“„ Der Marquis machte — 144— ernſtes Geſicht, er läͤchelte dann und ſagte: „Poſſen!“ So furchtlos er am Tage auch war, ſo fuͤhlte er doch ein geheimes Schaudern des Nachts. Da die Menſchen im Geiſter⸗ reiche ſo unbekannt ſind, ſo koͤnnen ſie die Moͤglichkeit doch nicht abſtreiten, dachte er, daß Erſcheinungen Statt ſinden. Er ſchlief. daher des Nachts nie allein in einem Zim⸗ mer und mied jedes Haus, wo ein Menſch geſtorben war, den er im Leben gekannt hatte, wenn er da ſchlafen ſollte. Dieſe kindiſche Furchtſamkeit konnte er nicht aba legen, ſo ſehr er auch dagegen kaͤmpfte, ſie war ihm in zarter Jugend eingeimpft und beunruhigte ihn bisweilen noch; aber dieſe Schwäche verrieth er Niemanden. Der Kammerdiener, welcher es aus dem Munde ſeines Herrn gehört hatte, wie furchtſam die Marquiſe ſey, der es wußte, ie ſie von ſeinem Herrn geliebt ru — 1456— und daß er ohne ſie keinen Tag in Char⸗ treu bleiben werde, war der..Anſtifter eines Plans, durch die er dom gewiſſe Ruͤckkehr nach Paris zu erzielen glaubte. Den Mundkoch, den Kutſcher und einen Be⸗ dienten, welchen er Verſchwiegenheit und Muth zutrauete, zog er in ſein Complott. Sie waren es insbeſondere, deren Einnah⸗ men durch die fehlenden Geldgeſchenke, die ſie von fremden Herrſchaften in Paris empfingen, am meiſten gelitten hatten, und die ſich auch deshalb am ſniiſten zu⸗ ruͤck wuͤnſchten. An einem Abend, als das ganze Schloßperſonale in tiefen Schlaf vergraben lag, ſchlichen ſich die Verbuͤndeten nach der ſo⸗ genannten Ruͤſtkammer, wo mehrere Ruͤſtun⸗ gen der alten Comtes de Chartreu hingen, die ſie in aller Eile, da ihnen dabei ſelbſt unheimlich zu Muthe war, anlegten. Der Kammerdiener allein blieb unvermummt, weil er von dem Marquis gerufen werd —— nende Fackel tragt. Sie ſinkt ohnmaͤchtig „konnte, und eine andere Rolle ſpielen wollte. Ohne alles Geraͤuſch gingen ſie mehrere Treppen hinab, klopften dann an der Thuͤr des Zimmers an, wo der beſtellte Waͤchter ſaß, vor dem auf einem Tiſche ein Licht brannte. Der Menſch wurde durch das Klopfen aus dem halben Schlummer ge⸗ weckt, fuhr erſchrocken zuſammen und rief ſo laut:„Wer da!“ daß die Marquiſe, welche leiſe ſchlief, erwachte und ihrem Gat⸗ ten zurief:„Gott, was iſt das!“ Als der Marquis zum Bewußtſeyn gekommen war, hörte er im Zimmer Geraͤuſch und Fußtritte. Ihm klebte die Zunge am Gaumen. Er griff mit der Hand nach dem Degen, er hatte ihn, aber kraſtlos ſank ſein Arm nieder. Er wollte aus dem Bette ſpringen, aber er fuͤhlte ſich gelaͤhmt und wie angekettet. Indem die Marquiſe einen lauten Schrei ausſtieß, oͤffnet ſich die Thuͤr, ſie ſieht drei geharniſchte Ritter⸗ figuren, von welchen die Eine eine flam⸗ — nieder. Auch dem Marquis vergeht das Licht der Augen und er hoͤrt nur in rauhem Baßton die Worte reden:„Fort von Chartreu, Du gehoͤrſt nicht hierher, ſtöre unſere Ruhe nicht laͤnger!“ Die Geharniſchten int ſich und auf den hellen Tag, den die Fackel verbrei⸗ tete, folgt im Zimmer eine ſtockfinſtere Nacht. Als die Erſchutterungen des heftigſten Schrecks voruͤber ſind, fragte der Marquis mit bebender Stimme:„Louiſe, lebſt Du, biſt Du todt, ohnmaͤchtig?“ Es wird ihm keine Antwort. Mit einem Satze ſpringt er aus dem Bette, eilt nach ſeiner Gattin hin, ſie rührt kein Glied. Er merkt es, daß ſie noch athmet. Jetzt reißt er das Fenſter auf und ruft hinaus:„Huͤlfe! Huͤlfe!“ Der Nachtwaͤchter hoͤrt's. Fruͤher als dieſer kömmt der Kammerdiener ge⸗ ſprungen, reißt die Thuͤren auf und ſagt: „Gott, was habe ich geſehen! Leben Sie noch?“ Er zittert und bebt, der — 148— Marquis lieſet Staunen, Entſetzen aus ſei⸗ nem Geſichte.„Was haſt Du geſehen?“ ftagte der Marquis.—„Drei Ritter in veller Ruͤſtung, mit feuerfunkelnden Augen, mit geballten Faͤuſten. Meine Knie wollten unter mir einſinken, ich war ohne Bewußt⸗ ſeyn, eine wunderbare Kraft ſchleuderte mich vorwaͤrts. Was ſahen Sie?“— „Dieſelben Ritter,“ antworteie der Mar⸗ quis.„Ach,“ rief er aus,„meine arme, ungluckliche Gattin, da liegt ſie, einer Tod⸗ ten aͤhnlich, der Schreck hat ſie gelaͤhmt! Hole mir den Arzt, ſchicke Bedienten, Kam⸗ merjungfern, Licht, Wache, Beiſtand her.“ — Zum Gluͤck fuͤr den Marquis trat der Nachtwächter ins Zimmer und fragte: „Sind denn Diebe und Raͤuber hier? Das war ja ein Zetergeſchrei um Huͤlfe!“— „Nicht Diebe, nicht Raͤuber,“ antwortete der Kammerdiener,„Geſpenſter, die alten Comtes de Chartreu in ihrer Ritterruͤſtung.“ —„Bin ich doch ſchon dreißig Jahre Nachtwächter und wanderte in der Mitter⸗ —— ⸗ N — 149— nachtsſtunde, wenn ſich meine Mitchriſten im Bette verkrochen, auſf den Straßen und uͤber den Gottesacker; aber einen weißen Mann oder eine weiße Frau, einen Ritter habe ich nie geſehen. Die Fobten aͤngſti⸗ gen uns nicht mehr, wenn uns die Leben⸗ den oft hart plagen. Entweder Sie haben geträͤumt, oder die Geſpenſter waren ver⸗ kleidete Menſchen. Das Letztere glaube ich am erſten.“ Die, Worte des Nachtwaͤchters ſtaͤrkten den Muth des Marquis und brachten ihn auf Gedanken, die ihn der Enthuͤllung des ſchauberhaften Geheimniſſes näher fuͤhrten. Unterdeß erwachte die Marquiſe aus ihrer Ohnmacht und ruhete nicht eher, bis ſie aus dem Schloſſe in das Wirthſchaftshaus des Pächters gebracht war, wo ſie ſich nie⸗ derlegte, weil ſie ſich ſo krank fuͤhlte, daß ſie nicht aufbleiben konnte. Die Spukge⸗ ſchichte machte in Chartreu vielen Laärm. —————— ——— 50— Der Narquis mußte es ſeiner Gattin geloben, daß er mit ihr nach Rouen ziehen wollte, wenn es ſeine Verhaͤltniſſe nicht zu⸗ ließen, wieder nach Paris zuruͤckzukehren.. Von den Domeſtiken wollte Niemand mehr im Schloſſe bleiben. Der Marquis glaubte durchaus nicht an die wirkliche Erſcheinung der verſtorbenen Comtes de Chartreu und vermuthete, daß die Dienerſchaft die Spuk⸗ geſchichte geſpielt hätte, um ihm den län⸗ Heimlich ließ er daher den Nachtwächter zu ſich kommen, verſprach ihm eine anſehn⸗ liche Belohnung, wenn er ſich mit einigen verſchwiegenen Leuten des Abends in's Schloß ſchliche und die verhuͤllten Ge⸗ ſpenſter feſthalte. Er ſelbſt werde mit ſei⸗ nem Kammerdiener die Nacht in dem ver⸗ ſchloſſenen Schlafzimmer zubringen. Der Nachtwaͤchter war erboͤtig, den Anftrag zu vollſtrecken und gelobte die größte Ver⸗ ſchwiegenheit. Zu ſeinem Kammerdiener aber ſagte der Marquis, er werde es noch gern Aufenthalt im Schloſſe zu verleiden. — 151— eine Nacht in dem Schloſſe verſuchen, er⸗ ſchienen die Geſpenſter nochmals, ſo muͤſſe er es raͤumen und nach Paris ziehen. um elf Uhr des Abends war's, als der Marquis wohlbewaffnet die Paͤchter⸗ wohnung verließ und dem Kammerdiener den Befehl ertheilte, mit ihm nach dem Schloſſe zu gehen, um dort zu uͤbernachten. Der Menſch ſtraubte ſich, aber der Marquis befahl mit ernſtlichem Zorn und der Die⸗ ner mußte ihm folgen. Die Thuͤr des Schlafzimmers wurde auf's feſteſte ver⸗ 3 riegelt. Es währte keine halbe Stunde, als„½ man im Nebenzimmer das Geräuſch und 4 Klappern der Rüſtung hörte.„Jeſus Maria,“ rief der Kammerdiener aus,„da kommen ſie, ich bin des Todes! Wie hart werden ſie unſere Keckheit beſtrafen!“ Aengſtlich, da er doch nicht wußte, wie das Spiel enden werde, ſagte der Marguis, als oh er voller Muth wäre:„Wenn es keine Geiſter ſind, denen auch Thuͤren kein Hin⸗ derniß ſind, ſo haben wir nichts zu fuͤrch⸗ ten.“ Der Kammerdiener oͤffnete ein Fen⸗ ſter und haite große Luſt hinauszuſpringen, um den Marquis zur ſchnellen Nachfolge zu bewegen, aber dieſer hielt ihn ſeſt und ſprach die Drohworte:„Wenn Du Dei⸗ nen Herrn verlaſſen willſt, ſo ſtoße ich Dir dieſes Schwert durch den Ruͤcken.“ Der Kammerdiener ſah ſich zum Bleiben gezwungen, aber angſtvolle Gedanken 6 ten ſeine Seele. . Waͤhrend dieſer Capitulation auf Tod und Leben erhob ſich ein Murmeln im Vorzimmer, bald hoͤrte man laute Stim⸗ men. Es wurden Fluche und Verwuͤnſchun⸗ gen gewechſelt. Bruͤllend war von Allen die Stimme des Nachtwaͤchters, welcher laut und aus vollem Halſe ſchrie:„Buben, Belrüger, die ihr dem Teufel ins Hand⸗ fallt, und fromme Seelen erſchtecken 3 — 153— wollt, gebt euch gefangen, ſonſt ſpießen wir euch an die Wand, wie todte Mai⸗ kaͤfer!“ Es ſing ein ſchrecklicher Kampf an. Die vorgeblichen Comtes de Chartreu waren uͤberwaͤltigt, ſie lagen zu den Fuͤßen ihrer Sieger, dieſe knieten auf ihnen und waren beſchaͤftigt, ihnen Viſir und Helm vom Kopfe zu reißen. Ehe es aber dazu kam, bat der Kutſcher inſtaͤndig, ihn loszu⸗ laſſen, er wolle den Betrug geſtehen, man ſolle ihn nicht verrathen, er ſey der Leib⸗ kutſcher des Marquis.—„Du biſt ein ſchoͤner Leibkutſcher,“ ſagte der Nachtwaͤch⸗ ter, der ihn unter ſeinen Krallen hatte, „und ſollteſt Deinen Herrn vor Schreck wohl aus der Welt kutſchen. Die Schande, die ein Diener ſeinem Herrn anthut, die Schmach, mit der er ihn quält, verſchweigt ein ehrlicher Nachtwaͤchter nicht. Hat der Vater geſündigt, ſo muß der Sohn ſeine Beſtrafung nicht verhindern. Bald hättet ihr Herren Comtes Chartreu in üblen Huf 3 5 — Die Ritter wurden in demſelben Zim⸗ mer entkleidet und ſtanden ohne Ruͤſtung in ihrer Suͤndergeſtalt da. Drei kräflige Leute von Chartreu hatten die entnervten Pariſer bezwungen, die ſich zwar auf Liſt und Betrug verſtanden, aber ihre Manns⸗ kraft laͤngſt vergeudet hatten. Wort fuͤr Wort hatte der Marquis gehort. Er trat jetzt ins Zimmer. So⸗ gleich erkannte er den Kutſcher, Mundkoch und Bedienten. Sie ſanken auf die Knie und thaten Abbitte. Da ſie aber den Kammerdiener ſo ruhig wie einen Unſchul⸗ digen neben ihrem Herrn ſtehen ſahen, der kein Fürwort für ſie ſprach, ergrimmten ſie in ihrem Innern und der Kutſcher fuhr mit den Worten heraus:„Herr Marquis, durch den Spuk glaubten wir Sie zu be⸗ wegen, wieder nach Paris zu ziehen, da es uns in Chartreu nicht gefällt. Verzeihen Sie uns dies Verbrechen und glauben Sie, daß kein Koͤnig treuere Diener hat, als — 155— Sie. Aber der Herr Kammerdiener da, der eine Miene macht, als ob er kein Waſſer trubte, iſt das Haupt der Poſſe, er hat ſie angeſtiftet, uns dazu verfuͤhrt. Da die Spukcomodie entdeckt iſt, will er ſeine Haͤnde in Unſchuld waſchen.“ „Herr Marquis,“ ſagte der Kammer⸗ diener,„ich leugne meine Schuld nicht, ſtra⸗ fen Sie mich und laſſen Sie dieſe frei. Ich kann's in Chartreu nicht aushalten, ich konnte mich von Ihnen nicht trennen, dies ſchien mir das probateſte Mittel, auch meine Ruͤckkehr nach Paris zu bewerkſtelli⸗ gen. Es iſt Alles mißlungen, ich bitte um meinen Abſchied, und werde ewig Ihrer dankbar gedenken!“ Am Morgen, nachdem die Marquiſe gehoͤrig vorbereitet war, mußte der Nacht⸗ waͤchter mit ſeinen Gehuͤlfen und den ge⸗ fangenen Comtes vor ihr erſcheinen und den der ihr erzählen. Sie — 156— mißbilligte die Spukerei, aber die Abſicht, welche die Leute damit erreichen wollten, tadelte ſie nicht. Der Kammerdiener allein wurde entlaſſen und der Marquis ſagte: „Du haſt mich in dem Glauben an Deine Reolichkeit zu ſchmerzhaft getäuſcht. Ohne Grenzen vertrauete ich Dir, Du warſt es nicht werth. Es gehe Dir wohl.“ Gewiß haͤtte die Marquiſe das Schloß nie wieder bezogen, wenn die Geſpenſterge⸗ ſchichte unentdeckt blieb. Der muthige Nachtwäͤchter trat mit beſſerm Gehalt in den Dienſt des Marquis und hatte des Nachts in dem Vorzimmer des Schlafge⸗ machs die Wache. Der Matquis ließ Gartenanlagen machen, die Zimmer ausputzen, ſo, daß das alte, verwilderte Chartreu ein immer freundliche⸗ res Anſehen gewann. — 157— Als der Paͤchter eines Tages in den Garten kam, um die Veraͤnderungen zu ſehen, die da vorgenommen wurden, ſand er die Familie des Marquis und ihn ſelbſt. Da mehrere Eichen, die in den großen Gaͤn⸗ gen ſtanden, welche angelegt werden ſoll⸗ ten, niedergeſchlagen waren und andere mit erſchuͤtterndem Geraͤuſch auf den Boden hin⸗ ſturzten, ſagte der Marquis, als der Päch⸗ ter bei ihm ſtand:„So geht's, die Vor⸗ welt bauete und die Nachwelt zerſtoͤrt.“— „Der Geſchmack iſt verſchieden,“ erwiederte der Pächter,„die Alten liebten die Dunkel⸗ heit der Waͤlder, die jetzigen Menſchen lie⸗ ben das lichte Helle. Die Natur iſt in vielen Punkten gefallig und läßt ſich ge⸗ ſtalten wie's der Menſch will. Wenn ich ſolch eine Eiche niederrauſchen ſehe, fährt mir's wie ein Stich durch's Herz. Wie zertruͤmmernd erſcheint uns hier die Ge⸗ walt! Was ein Jahrtauſend erzog, und was in ihm genaͤhrt wurde, das verliert ſeine Pracht und Herrlichkeit in Minuten. So fällt der Menſch, der ſein Haupt kuͤhn und ſtolz in die Höe ſtreckt, wenn der Hauch des Todes ihn anweht. So ſehr der Pfarrer das Leben auch liebt, und war⸗ um ſollte er das nicht, da es ihm uͤberaus wohl geht, und der Acker, den er beſtellt, ihm allerlei Fruͤchte traͤgt, ſo ſprach er doch am letzten Sonntage ſehr erbaulich uͤber die Sterbekunſt und bemerkte, daß ſie denen, welche mit Leib und Seele am Ir⸗ diſchen klebten, am ſchwerſten wuͤrde. Herr Marquis, Sie mußten den Seelſorger doch zu ſich bitten laſſen. Daß Sie ihn ſo wie eine Null anzuſehen ſcheinen, die nichts gilt, das ſcheint ihn ſehr zu verdrießen und er meint, daß der aus der Religion nicht viel macht, der nach den Dienern derſelben nicht fragt. So recht hold iſt mir dieſer Geiſt⸗ liche auch nicht, und ſollte das Geſpräch auf mich kommen, wird er mir wohl keine Lobrede halten. Der Grund ſeines Zür⸗ nens iſt beſonders der, daß ich bisweilen den Comte in Hauteverd beſuche. Er glaubt, man müſſe alle Richtkatholiken verabſcheuen und fliehen, und ich denke, Gottes Kinder ſind wir Alle, wenn wir auch verſchiedenen Glaubens ſind. Wo Liebe und Friede herrſcht, da iſt Religion, da lieben ſich die Menſchen.“ Der Marquis ſchuttelte den Kopf und ſagte:„Sie denken ſehr frei, und wenn Alle ſo dächten, dann moͤchte die katholiſche Kirche in Frankreich bald die unterdruͤckte und die calviniſtiſche die ſiegende werden. Wehe uns armen Katholiken dann! Eine ſolche Duldung, wie Sie beweiſen, nenne ich Gleichgultigkeit und Kälte, Verachtung gegen Heiliges und Göttliches. Feſt und geſchloſſen ſteht der Bau unſerer Kirche, es ſchwankt und wankt nichts in ihr, ein Glaube, ein Geſetz, ein Sberhaupt belebt, erleuchtet, erwärmt und durchdringt alle Katholiken. Das Alte behauptet ſeine herr⸗ lliche, unwandelbare Geſtalt, wir wiſſen nichts von willkührlichen Abanderungen 60 1 Neuerungen, vieſen Mißgeburten der menſchlichen Vernunft, die ihren Stuhl uͤber die himmliſche Offenbarung ſetzen will. Welch ein Jagen nach neuen Aus⸗ legungen und Erklaͤrungen der Schriftleh⸗ ren herrſcht dagegen unter den Calviniſten, welch ein Wortgezaͤnk und Streit, wo Hei⸗ liges zerriſſen, Göttliches entſtellt, Wahres verdunkelt wird; der Glaube, der die Her⸗ zen beruhigt, untergeht und den armen Menſchen am Ende weiter nichts bleibt, als die kahle, kalte, irrende Vernunft, an der ſich Niemand troͤſten, erleuchten und er⸗ pauen kann. Tugend ſindet man unter den Heiden auch, aber Froͤmmigkeit nur in den Seelen der Katholiken. Hüten Sie ſich, daß Sie mit Ihrer ſogenannten Dul⸗ dung, die auch mit dem ufel in einem Bette ſchlafen und ſich itragen kann, nicht laut werden, es mochte das für Sie nicht von guten Folgen ſeyn. Einen calvi⸗ niſtiſchen Paͤchter mag ich in Chartreu nicht. präͤche man dem hieſigen Pfarrer auch — 161— jede gute Eigenſchaſt ab, und er haͤtte nur die, daß er ein aufrichtiger Katholik iſt, daß er calviniſtiſches Unkraut in ſeiner Ge⸗ meine nicht leidet, daß er irrende Seelen in den Schooß unſerer Kirche zuruͤckfuͤhrt, ſo waͤre er mir darum ſchon ein ehren⸗ werther Mann.“ . Der Pachter dachte anders in ſeinem Herzen, aber die Klugheit gebot ihm zu ſchweigen.„Herr Marquis,“ ſagte er, „Sie ſehen wenigſtens, daß ich gegen den Pfarrer der mir ohne Urſache zurnt, das Gebot uͤbe: liebet eure Feinde. Uebrigens, wenn ich auch die Catviniſten nicht mit Steinen werfe und mit Jedem umgehe, der chriſtlich levt, ſo weiß es doch Gott, der ins Perz ſieht, daß ich ein viel ächterer Katholik bin, als der, welcher Heiligenbil⸗ der kußt, Wallfahrten anſtellt, Klöſter be⸗ ſchenkt und große Meßopfer darbringt.“ Die Marquiſe zollte dem Paͤchter im Innern ihren Beifall und mißbilligle die religiöſen Anſichten ihres Mannes. Sie fühlte den Druck des Katholicismus, und die Weiſe, deren er ſich bediente, um ſich gegen den Calvinismus zur Wehre zu ſtel⸗ len, war iht verhaßt; aber ſie wollte mit dem Marquis nicht in Streit gerathen, der in Hinſicht des Religionsbekenntniſſes ſo verſchieden, von ihr dachte und behielt ihre Meinung für ſich. Was er bisher auch that, ihr Gemüth von den Reformir⸗ ten abzulenken, denen ſie geneigt war, ohne es oͤffentlich zu erklären er richtete mit ſei⸗ nem Bekehrungseifer nichts aus und ſagte aͤrgerlich:„Ein Nittelding zwiſchen Calvi⸗ niſt und Katholik iſt eine Mißgeburt, wie ſie die Natur nicht ärger zu Tage foͤrdern kann. Laß uns uͤber dieſen Punkt nie, nie wieder reden.“ Was der Pächter von dem Eifer des Pfarrers fuͤr die Reinheit des Katholicis⸗ mus geſagt hatte, das rechnete der Mar⸗ — — 163— quis ihm ſehr hoch an das diente ihm vorzuͤglich zur Empfehlung, das war ein großer, wichtiger Punkt, in dem er mit ihm voͤllig uͤbereinſtimmte. Er wurde fur den folgenden Mittag durch ein ſehr ver⸗ bindliches Schreib g des Marquis zur Mit⸗ tagstafel geladen,„in dem es auch hieß: „Meine Ankunft und mein erſter Auſent⸗ halt hat mich ſo zerſtreuet, daß ich in Chartreu nur an Irdiſches denken und ei⸗ nen Geiſtlichen nicht zu mir bitten konnte, mit dem ich mich ſo gern und ohne Stö⸗ rung uͤber wichtigere, als vergaͤngliche Ge⸗ genſtaͤnde unterhalten wollte. Sie ſind mir als ein recht treuer Arbeiter im Wein⸗ berge des Heren bekannt geworden, darum ſchätze ich Sie um ſo hoͤher, weil es mir immer noch an klugen, frommen, fuͤr die gute Sache der katholiſchen Religion genug begeiſterten Männern zu fehlen ſcheint, wozu ich Sie zähle, die mit allen erſinn⸗ lichen Waffen gegen das Geſpenſt der Re⸗ formation und ihre Anhaͤnger zu Felde ziehen, das ſein Haupt frecher und drohen⸗ der zu erheben wagt. Glauben Sie, daß ich ein aͤchter Katholik bin, und daß ich Sie mit dem weltlichen Am unterſtutze, wenn Sie deſſen beduͤrfen, ſo weit er reicht. Kommen Sie ja auf's Schloß und erfuͤllen Sie meine Bitte, ich verlange nach Ihrer Bekanntſchaft ꝛc.“ Ein finſterer, ungeſchliffener Prieſter, ohne feine Sitte und Weltmanier war un⸗ ſer Pfarrer Tournelle nicht. Er lebte früͤher in großen Haͤuſern, hatte Umgang mit den Gebildetſten und verſtand ſich auf die Kunſt gar ſehr, ſich bei Andern beliebt zu machen. Daß er zu den gewöhnlichen Subjekten ſeines Standes nicht gehorte, die weiter nichts verſtehen, als einen lang⸗ weiligen, oft polemiſchen Vortrag halten, Meſſe leſen ꝛc., die gleichſam verroſtet und verbauert, in Geſellſchaften der Gegenſtand des Spottes und der Satyre ſind, das merkte man auf dem Schloſſe ſchon, als er ——— — 165— ſich ſelber einfuͤhrte und ein Weilchen ge⸗ redet hatte. Seine Stellung war ſo be⸗ ſcheiden und abgemeſſen, ſeine Miene ſo freundlich, ſein Blick ſo aufmerkſam und hell. Als der Marquis ihn um Verzeihung bat, daß er bisher ſeinen Umgang nicht ge⸗ ſucht habe, entſchuldigte ſich der feine Be⸗ nedikt vielmehr, daß es ſeine vielfachen Ge⸗ ſchaͤfte noch nicht erlaubt hatten, die Be⸗ kanntſchaft einer Familie zu machen, welche der gute Ruf zu den rechtglaͤubigen Ver⸗ ehrern und Freunden der katholiſchen Reli⸗ gion, wie ſie in ungetruͤbter Reinheit beſtehe, zaͤhle. Die edle Geſtalt des Pfarrers, ſeine Geſichtszuͤge, aus denen ein heiliges, laute⸗ res Innere ſprach, die männliche Kraft, in der er daſtand, dies Alles erweckte in der Seele des Marquis und ſeiner Gattin ein gunſtiges Vorurtheil fuͤr ihn. Die Herzen blieben einander nicht lange fremd und wurden bald offen und traulich geſtimmt. Der anziehendſt Gegenſtand der Un⸗ 3. — 166— terredung, welcher das meiſte Intereſſe er⸗ regte, bei dem man ſich am laͤngſten ver⸗ weilte, war das Kapitel von den Calvi⸗ niſten. Der Pfarrer erklaͤrte, daß die Re⸗ gierung einen großen Febler begangen habe, daß man dem Einſchleichen der ſogenann⸗ ten R formation in Frankreich nicht ge⸗ ſteuert habe, und daß man noch nur halbe Maßregeln, die fuͤr gar keine zu rechnen wären, anwende, um dieſes krebsartige uebel, das immer weiter um ſich greife und großeres Verderben anrichte, von Grund aus zu vertilgen. Zwei Fälle koͤnn⸗ ten doch nur Statt ſinden, entweder die Calviniſten waͤren die Rechtglaͤubigen, oder die Katholiken, ein Drittes gäbe es nicht. Waͤren die Calviniſten die Rechtglaͤubigen, ſo begehe man an ihnen das groͤßte Unrecht, wenn man ihnen nicht volle Religions⸗ übung verſtatte und Schaaren von Katho⸗ liken ihrer Gemeinſchaft zufuͤhre; wären hingegen die Katholiken im Beſitz des rech⸗ ten, wahren Glaubens, ſo verſuͤndige man — 6— ſich an ihnen, daß män die Calviniſten neben ihnen wie eine Pflanze fortwuchern ließe, die dem guten Baume Saſt und Kraft eutziehe, von dem zu fuͤrchten ſey, daß er zu kraͤnkeln, daß ſeine Blaͤtter zu welken anfingen, indeß die Schmarotzer⸗ pflanze luſtig und uͤppig fortwuͤchſe, ihre Zweige immer weiter zu verbreiten. So wie nur ein Gott, ein Chriſtus ſey, duͤrfe wie ein Urchriſtenthum auch nur eine Reli⸗ gion, eine Gemeine der Heiligen geduldet werden. Die katholiſche Kirche habe auch in ihrer ungetheilten Herrlichkeit in allen ihren Gliedern beſtanden, bis es einigen ſchwarmeriſchen, zum Aufruhr geneigten Koͤpfen eingefallen ſey, den ſträflichſten Mißbrauch mit der chriſtlichen Freiheit zu treiben. Daß die groͤbſte Thorheit, der ſträflichſte Ungehorſam, der frechſte Un⸗ glaube, die unklugſte Vermeſſenheit eben ſo gut Nachbeter, Nachtreter und Freunde fände, wie die Wahrheit, das Heilige, be⸗ weiſe die Geſchichte und der Auſſtand ge⸗ — 160— ſittlichen Werth, als die Art und Weiſe, wie ſich ſein Glaube, ſeine religiöſe Ueber⸗ zeugung in ſeinem Wandel darſtellt.“ „Das iſt ein calviniſtiſcher Grundſatz. Frau Marquiſe, den Sie abſchwören müſ⸗ ſen, wenn Sie eine ächte Katholikin ſeyn wollen,“ ſagte der Pfarrer.„Wenn Ihr Grundſatz gůltig wäre und als ſolcher von Allen anerkannt wurde, ſo brauchten wir uͤberhaupt keine Religion, ſo könnte ſich Jeder eine machen, und lebte er nach ihren Regeln vor der Welt nur unanſtößig, wie ſie es billigt, ſo wurde man ihn fuͤr untadel⸗ haft halten. Mir aber gilt der ſchlechteſte Katholik mehr, als der beſte Calvihiſt, jener halt am rechten Glauben, wenn er nach dieſem Glauben auch nicht lebt, dieſer glaubt nichts, und was er thut, iſt nach dem Geſetze einer Vernuüft gethan, die er ſo weit über ſich herrſchen läßt, als es zu ſeinem Vortheile, zu ſeinem Vergnügen ſtimmt. Die Handlung eines gläubigen 1 — 168— gen die roͤmiſche Kirche, von dem man ſich in Wittenberg und in Zürich Graͤuliches Senug zu erzahlen wiſſe. Die Marquiſe, eine in der Schrift wohl unterrichtete Frau, welche von Gottes Wort mehr wußte als unſere vornehmen Damen, die kein Kapitel in der Bibel leſen und ihr Nachdenken nicht mit reli⸗ gioͤſen Gegenſtänden beſchaͤftigen, indeß die Leihbibliotheken nicht Bücher genug haben, ihre Leſeſucht zu befriedigen, womit ſie ſich die Zeit, die Sitten, das ſchuldloſe Gemuͤth und den Sinn für das Hoͤhere und Göttliche verderben, die Marquiſe legte dem Pfarrer die Frage vor:„Was iſt denn die Refor⸗ mation, der Sie noch mehr gram ſind, als der Erbſuͤnde? Ich kenne doch ein: ge Calvi⸗ niſten, die ſich mit jedem Katholiken, wenn es auf Frömmigkeit ankoͤmmt, meſſen kön⸗ nen. Ich denke, nicht das verſchiedene Re⸗ ligionsbekenntniß, dem Dieſer und Jener angehört, entſcheidet ſowohl üver ſeinen W Katholiken wiegt bei Gott tauſend Thaten eines Calviniſten auf, der den Glauben verleugnet und die Vernunft in ſich zur Geſetzgeberin erhoben hat.“ „Sie wollen wiſſen, was die Refor⸗ mation iſt, darauf will ich Ihnen c Ant⸗ wort geben. Sie iſt eine von Menſchen erfundene Deutelei der Schriſtlehren, ein falſches Gruͤbeln in bibliſchen Wahrheiten, eine Verdrehung der Wahrheit der Offen⸗ barung. Man will als Reſormirter nichts glauben, ſondern alles begreifen. Die Un⸗ truglichkeit des Papſtes, ſeine Macht, als Oberhaupt der Kirche wird beſtritten und geleugnet; Traditionen und Concilien haben keine beweiſende Kraſt, die Verehrung der Heiligen iſt Götzendienſt, ihre Fuͤrbitte bei Gott unguͤltig, der Ablaß gilt fuͤr Betrug, die Meſſen ſind heidniſche Opfer, Abſolution von geweihten Prieſtern findet nicht Statt. O, wie koͤnnte ich die Verbrechen alle — nennen, wodurch ſich die Calviniſten und — 171— Proteſtanten an der aleinſeligmochenden Kirche noch verfuͤndigen! Und das Un⸗ weſen reißt man nicht mit der Wurzel aus und vertilgt es, dagegen iſt man ſo ſchonend und nachſichtig! Das gehort zu den boͤſen Zeichen unſerer Zeit!“ „Aber,“ fragte die Marquiſe,„wuͤrde Gott ſolch Unweſen zulaſſen, wenn es nicht zum Guten fuhrte? Keinen Antheil will ich an proteſtantiſchen Grundſätzen nehmen, aber hoͤren Sie, was mir die Vernünftig⸗ ſten erwiederten, als ich ihnen Vorſtellun⸗ gen wegen ihrer Abgeſchiedenheit machte, in der ſie von der katholiſchen Kirche lebten. Wir ehren, ſagten ſie, die von Gott ge⸗ offenbarten Wahrheiten, wie wir ſie in der heiligen Schrift finden, als Glaubenslehren und chriſtlichen Sittenregeln, ſie ſind uns die einzige Richtſchnur des innern und äußern Lebens. Alles, wodurch ſie ein Menſch vervollſtaͤndigen, anders deuten und erklaͤren will, das nehmen wir nicht — an, dagegen proteſtiren wir, das glauben wir nicht, das kann unſer Verhalten nicht beſtimmen. Die Ausſpruͤche aller Papſte und Concilien, das ganze Traditionsweſen hat fuͤr uns nur dann Euͤltigkeit, wenn es mit der heiligen Schritt im vollen Ein⸗ klange ſteht. Gett iſt unſer unſichtbares Oberhaupt und Chriſtus, der Papſt in Rom nicht, der iſt nur ein Micchriſt. — Die Tugend, die frommen Werke der heiligſten Heiligen, welche als Menſchen nicht ohne Suͤnden geweſen waͤren, die der verzeihenden Gnade des Allbarmherzigen beduͤrften, koͤnne ſich kein Sterblicher als eigenes Verdienſt anrechnen, ein Jeder müſſe für ſich ſtehen und von ſeinem Leben Rechenſchaſt abiegen. Den Gerechten könne keine Fürbitte bewegen, den Gottloſen zu behandeln, als ob er ein Frommer hienieden geweſen wäre. Die eigene Tugend em⸗ pfange den verdienten Preis.— Der Ab⸗ laß ſey eine Verſuͤndigung an Gott, ein Verbrechen an der Froͤmmigkeit, ein Vor⸗ — 5— ſchub des Laſters und hebe allen Unterſchied zwiſchen dem Laſter und der Froͤmmigkeit auf, erfreche zum Böſen und gebe jeder argen That freien Spielraum.— Gott allein könne dem Suͤnder, der ſich beſſere, vergeben, ſonſt auch nicht; aber einem Prieſter ſey die Macht von obenher dazu nicht verliehen.— Der Gebrauch der Ver⸗ nunft zum Pruͤfen, zur Unterſcheidung der Wahrheit und des Irrthums, zur Sonde⸗ rung des Menſchlichen von dem Göttlichen, wenn ſie ſich nur nicht hoͤher als die Offen⸗ barung ſtellen wolle, ſey erlaubt, nothwen⸗ dig, und die waͤren Feinde und Tyrannen, die ihr dieſe Freiheit rauben, ſie beknechten und zu einer Sclavin nitdertreten wollten. Die Hierarchie, welche ſich eine Herrſchaft uͤber die Gewiſſen anmaße, in Glaubens⸗ ſachen gebiete, die Geiſter banne und feſſele, ſey von allen Gewalten die frechſte und un⸗ ertraͤglichſte. Im Gebiete der Religion duͤrfe keine Art des Zwangs, und eine durch Schriſt und Vernunft bedingte Frei⸗ — 174— heit allein nur herrſchen.— Der Prunk des katholiſchen Gottesdienſtes gezieme ſich nicht, die Religion ſey kein Schauſpiel, das man mit ſichtbarem, die Sinne benebelndem, die Phantaſie aufregendem Pomp darſtellen duͤrfe. Das Hoͤchſte und Herrlichſte, die Lehre Jeſu, ſchlicht und recht, wie der große Meiſter ſelbſt, ver ſie ſtiſtete, ruhre durch ihre erhabene Einfalt, bewege durch ihre Kraft und Wahrheit und verzichte auf menſchliches Kunſtgepraͤnge, auf Toͤne, Farben, Bilder, koſtbare Kleidung und Altarpracht, wodurch ihr himmliſches Licht nur verdunkelt und überſchattet werde. Wie könnte ſich ein Menſch wohl unterfan⸗ gen, die Morgenroͤthe ſchoͤner malen zu wollen, als ſie der Finger Gottes ſelbſt ge⸗ zeichnet hat.. So reden die Reformir⸗ ten, und Alles fuͤr Wahnſinn erklaͤren, das möchte ich doch nicht.“ „und,“ ſagte der Pfarrer in kaltem Tone,„es iſt doch Wahnſinn, und welche Meſſe vermoͤchte eine Seele aus dem Fege⸗ feuer erloͤſen, die daran glaubt.“—„Ja, ja,“ ſagte der Marquis,„der Pfarrer hat Recht und mit voller Zuſtimmung meines Gewiſſens trete ich auf ſeine Seite.“— „Mit Feuer und Schwert,“ fuhr der Pfar⸗ rer fort,„ſollte eine Seete verfolgt werden, die das Gebaͤude der Religion zerſtört und in ſeine Stelle nichts anders pflanzt, als die unvernuͤnftige Vernunft.“—„Waͤre das die chriſtliche Liebe,“ ſagte die Marquiſe,„und in welcher Stelle der heiligen Schriſt waͤre nen Jeden ſeines Glaubens leben laſſen ſoll, die anders Glaubenden mit Feuer und Schwert zu vertilgen?“ Darauf gab der Pfarrer keine Antwort, aber mir ironiſchem Laͤcheln ſagte er: „Wollen die Fran Marquiſe das Regiſter 6 es denn geboten, welche lehrt, daß man ei⸗ calviniſtiſcher Laͤſterungen noch vergroßern, ſo werden Sie bei dem Comte de Mont⸗ remi weichen Stoff dazu finden. Da 5— macht man ſich's zum Verdienſt, die katho⸗ liſche Kirche auf alle Weiſe zu verlaͤſtern, ihre Krone zu entblättern, und von der Frechheit der Eltern ſind auch die Kinder angeſteckt.“—„In dieſer Abſicht wuͤrde ich den Comte nicht beſuchen,“ ſagte die Mar⸗ quiſe;„aber das Geruͤcht nennt ſie fromme, wohlthatige Menſchen, wie es unter den Katholiken irgend welche giebt, und mit ſolchen trete ich gern in ein freundliches Verhaltniß, ohne zu fragen, zu welcher Kirche ſie ſich bekennen; dieſe aber kann keine verwerfliche ſeyn, wenn ſie ihre Glie⸗ der untadlich handeln laͤßt.“—„Die ſcheinbar guten Handlungen der Reformir⸗ ten,“ ſagte der Pfarrer,„nenne ich glan⸗ zende Suͤnden, weil ſie aus der Vernunft und nicht aus dem Glauben kommen, zu dem die katholiſche Kirche verpflichtet. Und, Herr Marquis, vor dem Paͤchter warne ich Sie auch, der mit dem Comte im Umgange lebt. Genug ſteuere ich, daß er meine Heerde mit ſeinem Beiſpiele nicht anſteckt. „ * Auswendig haͤlt er ſich in der Form eines Katholiken, inwendig ſtarrt er von Calvi⸗ nismus. Schaffen Sie ihn aus Chartreu weg, das iſt das erſte gute Werk, das Sie thun koͤnnen. Wie ſauer macht er dem Caſtellan das Leben, bloß weil dieſer nicht will wie er will.“—„Hert Pfarrer,“ ſprach die Marquiſe,„verhetzen Sie doch meinen Mann nicht gegen den Pächter! Das nenne ich nicht chriſtlich, nicht katholiſch, ich muß es menſchenfeindlich nennen.“ Sie winkte der Gouvernante und ihrer Tochter und verließ in vollem Unmuthe das Zimmer.„Der Menſch,“ ſagte ſie, „der vielleicht nicht werth iſt, daß er dem Comte de Montremi die Schuhriemen auf⸗ loͤſet, kann ihn ſo verlaͤſtern? Iſt das ſein Handwerk, dann wehe ihm!“ In dieſer Stimmung' ſetzte ſich die Marquiſe nieder und ſchrieb an verſchiedene Freundinnen nach Paris Briefe, in denen „ T2 — 178— ſie eine treue Schilderung von ihrem un⸗ gluͤcklichen Aufenthalte in Chartreu nieder⸗ legte. Einer dieſer Briefe, der ruͤhrendſte von allen, kam in die Haͤnde einer Hof⸗ dame, die bei der Koͤnigin Catharina von Medicis in hohen Gnaden ſtand. Da ſie es wußte, wie ſehr ſich die Königin für die Familie de Vetruͤn intereſſirte, las ſie ihr, nach einer kurzen Einleitung, bei gelegener Zeit das Schreiben vor. Die Koͤnigin ſagte die Worte:„Melden Sie der Mar⸗ quiſe in meinem Namen, daß mir kein Opfer zu groß iſt, um ſie von dem fatalen Chartreu zu befreien und ſie nach Paris und an meinen Hof zuruͤckzufuͤhren. Fuͤrch⸗ tet der Marquis, ſeinen Aufwand nicht er⸗ ſchwingen zu können, ſo werde ich ihm ein ſo anſehnliches Jahrgehalt anweſſen laſſen, daß er ſeine Ausgaben beſtreiten kann. Er war der treue Freund meines Gatten und ſein Verbienſt hat gerechte Anſprüche auf eine Belohnung. Laben Sie die Mar⸗ quiſe mit ihrer Tochter zu mir, ich will — 1— ſie ſelber ſprechen. Liebe Villaret, zögern Sie mit der Nachricht nicht und— ſeyn Sie verſchwiegen.“ Die Comteſſe de Villaret richtete die⸗ ſen Auftrag mit Vergnuͤgen aus; aber die Marquiſe, welche der Brief entzuͤckte, wagte es nicht, ihn ihrem Gatten ſogleich zu zei⸗ gen, beſonders weil von einer Geldunter⸗ ſtutzung in demſelben die Rede war, die ſeinen Stolz auf's aͤußerſte empoͤrt haben wuͤrde. Sie entſchuldigte ihr Außenbleiben bei der Koͤnigin ſelbſt und bat um die Er⸗ laubniß, ſpäter derſelben ihre Aufwartung machen zu duͤrfen, da ſie fuͤr jetzt durch Hinderniſſe, die ſie nicht beſeitigen koͤnne, in Chartreu zuruͤckgehalten werde. Im Taumel vielfacher Zerſtreuungen, die ſich in dem koͤniglichen Haupte durchkreuzten, dachte Catharina von Medicis nicht mehr an die Vetruͤn, und da ſie ſelber nicht von ihr zu ſprechen anfing, hielt es die Villaret fuͤr klüger, da uns ein gegebenes Wort hinter⸗ — 180— her oft gereuet und wir den, der es uns ins Gedächtniß bringt, wie einen laͤſtigen Mahner anſehen, nicht daran zu erinnern.. Die Marquife erhielt keine Antwort von der Königin, war beſorgt, ſie beleidigt zu haben, da ſie ihre Einladung nicht als ei⸗ nen Befehl ehrte, und verhielt ſich noch ruhig in Chartreu. Unterdeß war die verlängerte Urlaubs⸗ zeit des jungen Comte de Montremi faſt abgelaufen und der Termin ſeiner Abreiſe von Hauteverd ruͤckte immer näher. Als er die Ankunft des Marqufs mit ſeiner Gattin und Tochter mit jedem Tage ver⸗ gebens erwartete, als von ſeinen Eltern ſelbſt mit Verwunderung von dem Nichter⸗ ſcheinen der Vetrüns geredet wurde, ſaßte eer den Emſchluß, zu dem ihn Liebe und Neugierde erdreiſtete, nach Chartreu zu reiten, den Pachter zu beſuchen, um Neuig⸗ keiten zu erfahren, und vielleicht zu dem Gluͤcke zu gelangen, Johannen zu ſehen, —— wenn er ſie auch nicht ſprechen konnte. An einem Nachmittage jagte er nach Char⸗ treu, kam vor der Wirthſchaftswohnung an, als der Pächter auf dem Felde war und er die Gattin deſſelben allein fand. Von dieſem Beſuche wußten ſeine Eltern nichts, er ſchwieg davon, weil er's im voraus glaubte, daß er die Erlaubniß dazu nicht erhalten haͤtte. Es wird uns leichter, ein Unrecht zu begehen, was wir zwar ſelbſt daſur halten, das uns aber noch nicht von Menſchen verboten iſt, die wir achten, und deren Befehle wir zu reſpektiren uns verbunden fuhlen. Ein uͤbertretenes Verbot wird aber als eine doppelte Suͤnde beſtraft. Er ſprang raſch vom Roſſe und der Reitknecht mußte die beiden Pferde nach dem Stalle fuͤhren. Die Paͤchterwohnung war ſo gelegen, daß man aus den Fenſtern des Schloſſes nicht wahrnehmen konnte, was vor derſelben vorging. — 182— Die Pächterfrau, die den Comte von Jugend an kannte und liebte, zu der er ein kindliches Vertrauen hatte, kam ihm mit gar freundlicher Miene in der Hausthuͤr entgegen, druͤckte ihm zum Willkommen die Hand und ſagte mit laͤchelnder Miene: „Comte, Sie finden mich allein, mein Mann iſt auf dem Acker, er kömmt vielleicht bald. Ich denke, wenn wir Beide aufrich⸗ tig mit einander ſprechen, werden wir uns nicht langweilen. Wichtiges habe ich Ihnen zu ſagen, und Sie mir gewiß auch, wenn Sie einer alten Freundin mehr Verſchwie⸗ genheit zutrauen, wie den Pariſer Frauen, die Geheimniſſe ausplaudern, wenn Ihnen vor den Mund nicht ein Schloß gelegt wird.“—„Wichtiges,“ fragte der Comte, als er mit der Paͤchterin allein im Zimmer war,„hätten Sie mir zu ſagen? Sie machen mich ſehr neugierig.“ „Herr Comte,“ redete die Paͤchterfrau 8 und machte dabei eine ernſte Miene,„wenn — 183— Sie ſich ſo fremd und unwiſſend ſtellen, wenn Sie beſorgt zu ſeyn ſcheinen ob Sie mir ein Geheimniß anvertrauen durfen, gut, ſo ſchweige ich auch und Sie erfahren nichts.“— Freundlich nahm ſie der Comte bei der Hand und ſagte:„Kennen Sie mich denn ſeit geſtern erſt, daß ich Ihnen ſo mißtrauiſch erſcheine? Wer kann immer das rechte Wort finden, um eine Frau, wenn ſie auch die beſte iſt, nicht zu belei⸗ digen. Sie kommen mir mit Ihrer ge⸗ wohnten Herzlichkeit entgegen, Sie machen mir in einem nachdrucksvollen Tone die Eroͤffnung, Sie hätten mir Wichtiges zu ſagen, und darnach ſoll ich nicht fragen, das ſoll meine Neugierde nicht ſpannen?“ —„Ich glaube nur,“ ſagte die Frau,„Sie haͤtten es errathen, Sie haͤtten mich ſo⸗ glich fragen muͤſſen, was die Herrſchaft auf dem Schloſſe dazu ſagte, ob der Taͤnzer Aufſehen machte, wie ſein Aeyßeres gefiel, ob man ſeine nahere Bekanntſchaft zu mnchen wuͤnſchte, ob man auf Vermuthun⸗ gen kam, wer der Fremde ſeyn könnte.“— „Nun, da ich merke, daß mein Geheimniß entdeckt iſt, moͤchte ich tauſend Fragen thun,“ antwortete der Comte.—„Entdeckt iſt es nicht,“ entgegnete die Pachterin, „daß der junge Comte von Hauteverd es war, der hierher kam und ſich gewiß nicht deshalb nach Chartreu bemuͤhte, um mit einer Bäuerin einen kurzen Tanz zu machen und dann vom Platze zu verſchwin⸗ den, als ob er davon gejagt worden wäre. Nur ich erkannte Sie ſogleich und—“— „Sonſt Niemand, Niemand?“ fragte der Comte.„Da muß ſich doch ein Comte von einem Bauer nicht unterſcheiden, wenn er ſeine Kleidung trägt. Auf dieſe Weiſe könnte man aus Bauern leicht Edeleute machen. Einiges Aufſehen glaubte ich doch zu erregen, ich wollte es.“ „Herr Comte, wenn Sie mir aufrich⸗ tig eine Frage beantworten, ſo erzähle ich Ihnen auch Alles, Alles was ich weiß, was — ——————— — 185—. ich geſprochen und offenbart habe. Sie wiſſen es nicht, wie gefällig ich Ihnen ſeyn kann, und wenn man einen gewiſſen Zweck erreichen will, ſo muß man auch die gering ſcheinenden Mittel, womit man oft das Meiſte ausrichtet, nicht verſchmaͤhen. Wenn ich mir Alles zuſammenſetze, was ich gehoͤrt habe, was vor meinen Augen vorging, ſo lieben Sie die junge Marquiſe. Nicht wahr? Ich bin kein Juͤngling und kein Comte, aber ich geſtehe es, daß mich dieſer weibliche Engel ſelbſt entzuckt. Wollte ein Kuͤnſtler die ſanſte Schönheit, die hei⸗ lige Unſchuld, das kindlich fromme Weſen, die freundliche Beſcheidenheit malen, ſo kann ihm die bezaubernde Johanne als Muſterbild dienen. Mit welcher Zartlich⸗ keit haͤngt ſie an der liebevollen Mutter, wie herablaſſend und gütig iſt ſie gegen Gemeine und Niedrige, wie ſo ohne alle Ziererei und Prunk, wie freundlich und gutmuͤthig ſelbſt gegen mich, wenn ſie bis⸗ weilen mit ihrer Gouvernante ein Stuͤnd⸗ chen bei mir verweilte. Wie ſie ſo rein von den Flecken der großen Welt erhalten wurde, da ſie in Paris und in großen Ge⸗ ſellſchaften lebte, das wuͤrde mir ein Raͤth⸗ ſel ſeyn, wenn ich ihre vorſichtige, fromme Mutter nicht kennte, die die Tochter wie ihr Auge im Kopfe bewahrt. Sie lieben dieſe Marquiſe, nicht alſo?“ Die Schilderung, welche die Paͤchter⸗ frau von Johannen entworfen hatte, wirkte auf den Comte wie ein Feuer, das alle ſeine Adern durchdrang, ſein Herz erwaͤrmte, ihn entzuͤckte, und in dieſer Stimmung, wo der vorſichtigen Vernunft die Macht genom⸗ men iſt, die Worte zu wiegen und ſich vor Andern in einem geheimnißvollen Dunkel zu haiten, entſchluͤpfte ihm das Geſtaͤndniß, daß er Johannen unausſprechlich liebe, daß nur ſie ihn begluͤcken koͤnne, daß er ſich die Gelegenheit wuͤnſche, ihre nähere Bekannt⸗ ſchaft zu machen, um gewiß zu werden ob er ſußen Hoffnungen in ſeinem Herzen — 15— Roum geben duͤrfe, oder ſie unterdruͤcken muͤſſe. Treu und aufrichtig erzaͤhlte er, wie er ſie zuerſt auf einem Balle in Paris geſehen, kein Wort mit ihr geſprochen hätte und wie ihr Anblick ihn bezaubert habe. Ihr Bild ſey in ſeine Seele gegraben und keine Macht der Zeit koͤnne es verlöſchen. Er habe ſeinen Urlaub in Hauteverd ver⸗ längert, taͤglich gehofft, ſie mit ihren Eltern daſelbſt zu ſehen, aber ſein Verlangen waͤre ungeſtillt geblieben. In wenigen Tagen verbanne ihn ſeine Militairpflicht aus dieſer Gegend und er verlaſſe ſie mit gepeinigtem, unruhevollem Herzen. Sei⸗ nem Vater, einem Jugendfreunde des Mar⸗ quis, ſey es ſelbſt unbegreiflich, daß dieſer, waͤhrend eines ſo langen Aufenthalts in Chartreu, gar keine Notiz von ihm zu neh⸗ men ſcheine. Ob nicht irgend Jemand ihn an die Pflicht erinnern koͤnnte, alte Be⸗ kannte nicht zu vergeſſen. 6 „Herr Comte,“ entgegnete die pächtet⸗ — frau,„eine Aufrichtigkeit iſt der anbern werth, wenn ſie auch unſern Neigungen und Wuͤnſchen nicht ſchmeichelt. Taͤuſchen Sie mich ja nicht mit ſuͤßen Hoffnungen, das trunkene von der Liebe erwärmte Herz nimmt das Ungeiv ſſe gar zu gern fur Ge⸗ wiſſes, und ſieht die oft unerſteiglichen Berge nicht, die auf dem Wege zum ſchoͤnen Ziele liegen. Zweifeln Sie noch an Ihrem Gluͤcke, geben Sie ſich einer Reihe angenehmen Traͤumen nicht hin, aus denen Sie zu einem ſchrecklichen Erwachen auſge⸗ ſchreckt werden könnten.“ Mit aͤngſtlichem E ſtaunen fragte der Comte:„Hat Johanna einen Geliebten? Reden Sie, verwandeln Sie meine Wonne in Schmerz. Die Gewiß eit wird mich niederſchlagen, aber eine entriſſene Hoffnung ſchmerzt noch empfindlicher.“ „Ruhig, ruhig, Herr Comte,“ bat die Pächterfrau,„Sie ſind zu aufgeregt. Lernen — 189 Ste die Hitze des jugenblichen Blutes dam⸗ pfen. Wer vor einem Vorhange ſteht, hinter dem die gewiſſe oder ungewiſſe Entſcheidung ſeines Schickſals liegt, der muß ſich gefaßt halten, was ihm erſcheinen wird, mit Stärke zu ertragen. Daß ſich Vieles ganz anders geſtaltet als wir's glaubten, oft beſ⸗ ſer, oft ſchlimmer, haͤtte Sie das die Erfah⸗ rung noch nicht gelehrt? Ob Johanna ei⸗ nen Geliebten hat oder nicht, davon weiß ich keine Sylbe, ich habe nicht darnach ge⸗ fragt und Niemand hat es mir mit einem Worte verrathen. Möglich iſt's, wahr⸗ ſcheinlich ſogar. In einer großen Stadt bleibt eine ſolche Schoͤnheit nicht unbeachtet. Aber das iſt das einzige Hinderniß nicht, was ich meine, das Ihr Gluͤck vereiteln könnte, es beruht auch auf bloßen Ver⸗ muthungen und Wahrſcheinlichkeiten; aber ein anderes iſt es, das ſich weniger leicht und vielleicht gar nicht beſeitigen läßt.“— „Und das waͤre?“—„Sie ſind ein Refor⸗ mirker und die Marquiſe iſt eine Katholi⸗ — 1490— kin.“—„Wie,“ ſprach der Comte,„die Religion, deren erſtes Geſetz Liebe iſt, ſollte ein Trennungsgrund zwiſchen Johannen und mir werden? Ob ich den wirklich fuͤrchten muß?“—„Comte, es muß ſich Wunderbares, Außerordentliches ereignen, worauf wir doch nur in ſeltenen Fallen rechnen duͤrfen, wenn dieſer Grund kein Hinderniß Ihres Gluͤcks werden ſoil. Ihr Vater haͤlt ſo feſt am Calvinismus, als der Marquis am Katholicismus. Wiſſen Sie's, wie weit Johanna ihren Eifer für das Glaubensbekenntniß treibt, dem ſie unverbruchliche Treue geſchworen hat?“— „Wo die Liebe ein Herz erwärmt, da muß dieſer Secteneifer erkalten. In den großen 8 Hauptpunkten, in der Anbetung Eines Got⸗ tes, in der Verehrung eines Heilandes, in dem Glauben an Vorſehung und Unſterb⸗ lichkeit, ſind Katholiken und Reformirte einig, das was ſie trennt, gehoͤrt der Erbe, dem Wahn und Irrthum an, es iſt Menſch⸗ liches.“—„Das mag es ſeyn; aber als „ — 191— Goͤttliches, Verpflichtendes, als unerlaͤßlich zur Tugend und Seligkeit erſcheint's doch den Katholiken. Verſuchen Sie es, ihn eines andern zu belehren, beweiſen Sie's ibm, daß das Irrthum iſt, was er fuͤr Wahrheit haͤlt, und er wird Sie mit allen Waffen wie ſeinen argſten Feind bekrie⸗ gen.“—„Aber der Marquis iſt doch ein kluger Mann, er wird doch Menſchl liches und Göttliches unterſcheiden muͤſſen?“— „Herr Comte, wenn uͤber Religion und Glauben 8 ba ndelt wird, da geht die klügſte Vernunft 3 Kruͤck en. Was das Herz glaubt, d ſics von dem Berſtande nicht widerlegen. Eine Reiigion, der wir von Jugend auf gewetht waren, die wir mit der Muttermilch einſogen, die ſich in alle Faſern unſeres innern Lebens ver⸗ ſchlungen hat, iſt kein Licht, das man ſo leicht auslöſchen kann, damit es nicht mehr brennt und leuchtet. Was wir als Wahr⸗ heit erkannten, kann uns nicht als Irrthum erſcheinen. Und welcher Glanz, welche 3 — Glorie umgiebt die katholiſche Kirche, wie unzerbrechlich ſind die Bande, die das Ge⸗ muͤth feſſeln! Wie alles finnlichen Schmucks beraubt ſteht dagegen der Reformirteverein da, wie nackt und anſpruchslos! Er will nur durch die Wahrheit ſiegen, und in ſei⸗ ner Einfachheit wie er ſie lehrt, kann er ſich doch nur ſchwer die Vahn zu den Ge⸗ muͤthern ebnen.“ Der Comte wurde ſtiller, beſorgter, er ſchob das unange die Seite, was d Hoffnungen trübte, nehme Kapitel auf Wonne ſeiner heitern nkte auf ein anderes Geſpräch hin und fragte:„Ich habe Ihnen meine Liebe entdeckt, koͤnnen Sie mir nun das Wichtige ſcgen, was auf ſie Bezug hat?“ Die Paͤchterfrau hob alſo an:„Sie hatten kaum einmal mit der Bäuerin ſich in 5 dem Kreiſe herumgedreht, als ich Sie er⸗ kannte. Die Marquiſe entdeckte es ſogleich, 193 daß Sie kein Juͤngling von gemeinem Stande waͤren. Sie fragte mich, ob ich Sie nicht kenne? Anfangs verneinte ich es. Sie wollte ihren Gatten holen, um ihm den Juͤngling zu zeigen, der ihr wegen ſei⸗ ner Schoͤnheit und edlen Haltung ſo auf⸗ gefallen war. Ehe ſie mit ihm kam, flohen Sie davon. Sie forſchte bei mir nach Ihnen, ich entdeckte ihr das Geheimniß, ich ſagte es ihr, daß Sie ihre Tochter in Paris ſahen, und daß Jor Herz ſeitdem von Liebe brenne.“—„Das ſagten Sie, und was erwiederte die Marquiſe?“— „Sie machte eine ernſte Miene und bat mich um Verſchwiegenheit. Der Marquis ſcheint kein Wort von dem Geheimniß zu wiſſen.“—„Aber, wie ſchwach die Maͤnner doch ſind! Mußte Ihr Gatte verrathen, was ich ihm allein nur anver⸗ trauete?“—„Daran, glaube ich, that er nicht unrecht, und ſchaden ſoll es Ihnen nicht. Es hieß, als Sie weg waren, der Juͤngling habe ſich auf einem Pferde ſchnell wohl Zwieſpalt ſtiften. Sein Glaubens⸗ — 194— wie eine fliegende Schwalbe von Chartreu entfernt. Die Herrſchaft glaubt, Sie waren ein junger Pariſer, der nach Chartreu von Paris abgeſandt ſey, Nachrichten von ihrem Hierleben einzuziehen, und dabei iſt's geblieben. Einigemal ſprach die Marquiſe in ſchmeichelhaften Ausdruͤcken von Ihnen. Ein Beſuch iſt Iören Eltern zugedacht, ſie freut ſich, Sie als Comte zu ſehen. War⸗ um man damit zögert, das weiß ich nicht. Der Pfarrer, ein Erzfeind Ihres Vaters, iſt oͤfter auf dem Schloſſe, und der koͤnnte eifer macht ihn feindlich, ungerecht gegen alle Calviniſten. Wer nicht mit ihm iſt, „ den betrachtet er als Einen, wider ihn iſt.“ „Ob ich's wage und in den Garten gehe?“ fragte der Comte.—, Zwar,“ ſagte ſie,„iſt der Marquis im Walde auf der Jagd und moͤchte wohl vor Abends nicht zuruͤckkommen; aber ich muß Sie warnen, — 195— verwegene Schritte zu thun. Wer mit Ge⸗ walt den Gang ſeines Schickſals beſchleuni⸗ gen will, der hat ſein Gluck ſchon oft zer⸗ ſtört. Es fuͤhrt uns langſam wie ein Kind am Gäͤngelbande, und reißen wir uns los, um nach dem Ziele hinzufliegen, ſo ſtraucheln wir und fallen hart. Warten Sie es ab, mein Mann wird ſogleich kom⸗ men, und der mag rathen. Setzen Sie uns in keine Verlegenheit und beruͤckſichti⸗ dem Marquis ſtehen. Sie duͤrfen keinen Wunſch befriedigen, der uns nachtheilig werden koͤnnte.“ Der Comte ſah wohl ein, daß“ die Pächterin Recht hatte, aber eine geheime Macht, die ihn vorwaͤrts trieb, ſchlug alle Bedenklichkeiten nieder. Die Möglichkeit, Johannen zu ſehen ohne geſehen zu wer⸗ den, ſchleuderte ihn vorwaͤrts. Ehe der Pächter ankam, ehe er ſeinen Rath hören konnte, eilte er nach dem Garten und * gen Sie das Verhaͤltniß, in dem wir mit viele Menſchenhaͤnde beſchaftigt, ihm eine freundliche Geſtalt zu geben. Er begruͤßte die Arbeiter, welchen er nicht aus dem Wege gehen konnte, die ihn fuͤr ein Mit⸗ glied der herrſchaſtlichen Familie hielten, mit denen er ſich ein Weilchen unterhielt und dann mehrere Schritte vorwaͤrts ins dickere Gebuͤſch ging. Da fand er einen neu angelegten Raſenſitz und ließ ſich ge⸗ danken⸗ und erwartungsvoll auf denſelben nieder. Verwirrte, unbeſtimmte Gedanken be⸗ wegten ſich in ſeinem Kopfe, ſein Herz war ſehr unruhig. Zu keinem feſten Ent⸗ ſchluſſe, ob er bliebe oder ſich wieder ent⸗ fernte, konnte er kommen. Enblich war er ſogar beſorgt, ob die Paͤchterfrau oder der Paͤchter ſelbſt erſcheinen und ihn ab⸗ holen werde. Es war ſein hoͤchſter Wunſch, daß die Marquiſe mit ihrer Tochter in den Garten kam, ausweichen, ſich vor ihnen ebeigen das wollte er nicht. Aber Voͤgelſchaar im Geſange wetteiferte. Er ſie gewahr. Vielleicht koͤmmt ſie heute — 4— welche Antwort konnte er geben, wenn man ihn nach der Urſache fragte, die ihn in den Garten fuͤhrte, wenn man ſeinen Namen zu wiſſen wuͤnſchte? Sollte er ſich zu er⸗ kennen geben, ein Maͤhrchen erdichten, das Alles blieb ihm dunkel und ungewiß. Von dem Raſenſitze hatte man von der einen Seite eine gar reizende Ausſicht in ein an⸗ lachendes Thal, zur andern Seite dehnte ſich dickes Buſchwerk, mit alten, hohen Buchen und Eichen aus, in denen eine kam auf die Idee, daß hier ein Lieblings⸗ platzchen vielleicht ſuͤr Johannen ſey, das ſie ſich vor wenigen Tagen haͤtte machen laſſen. Suß war ihm die Vorſtellung, daß ſie hier verweilte, daß der Anblick der ſcho⸗ nen Natur ihr Herz entzuͤckte, daß liebende Gedanken es bewegten, daß ſie auf derſel⸗ ben Stelle ſaß und ſtand, wo er ſich jetzt befand. Er ſuchte ſelbſt die Spuren eines weiblichen Fußtrittes im Sande und wurde — 198— 6 noch hierher, ſo ſchmeichelle ihm ſein Ver⸗ langen, ſo traͤumte ſeine erwaͤrmte Phanta⸗ ſie, und du wirſt ſie ſehen, du kannſt mit ihr ſprechen. Der Anblick der Natur, da ein ande⸗ res Leben in ihm lebte, konnte ihm keine Unterhaltung gewähren, für Paradieſe hätte er keine Augen gehabt, da er den ſchoͤnſten Himmel in ſich trug. Endli gebrach ihm der eigene Stoff zur Unterhal ung, er fuͤhlte eine leere, ſchmerzliche Langweile. Oft ſah er nach dem Schloſſe hin, oft glaubte er von daher Kommende zu bemerken, und wenn es heller in ſelnen Augen wurde, war die Taͤuſchung verſchwunden, die ihn zugleich entzuckte und ängſtigte. Er verließ den Rafenſitz und ging zu den Arbeitern hin, um wichtige Erkunbigungen einzu⸗ ziehen. Als er den Erſten fragte, ob der Mar⸗ quis mit ſeiner Familie nicht taͤglich in den — Garten komme, erhielt er zur Antwort: „Sie muͤſſen das beſſer wiſſen als ich, da Sie, wie ich glaube, zu ſeiner Familie ge⸗ hoͤren.“—„Dazu gehoͤre ich nicht,“ ent⸗ gegnete der Comte,„ich bin hier ein Frem⸗ der, der das ſchone Chartreu noch einmal ſehen wollte, in dem er in ſeiner fruͤhern Jugend oft ſo gluͤcklich war. Sagt, beſucht der Marquis nicht täglich den Garten?“ —„Allerdings,“ antwortete der Arbeiter, „heute aber wohl nicht, weil er im Walde jagt. Wenn die Sonne nicht zu heiß mehr ſcheint, die Luft kuͤhler wird, die Voͤgel ſingen, da ſpaziert die Marquiſe oſt mit ihrer Tochter und einer ältern Freun⸗ din in dem Garten umher. Dort, wo die Raſenbank iſt, wo Sie ſaßen, das iſt ihr Lieblingsplätzchen, dort ſitzen ſie oft, bis die Sonne hinter den Bergen untergegan⸗ gen iſt.“ Dieſe Nachricht war dem Comte ſehr erfreulich, ſie belebte ſeine Hoffnungen von neuem, er glaubte ſeines Glucks gewiß zu ſeyn. Er ging langſam nach der Raſen⸗ bank zuruͤck, durchſtreifte dann das Gebuͤſch, reichlich ernaͤhrt, kam an ben See, ſah jenſeit deſſelben die ihm wohlbekannte alte Burg auf der ſtei⸗ len Anhohe und neben derſelben Leute mit dem Baue eines Haͤuschens beſchaͤftigt. Das Fliegen, Schwimmen und Rudern der Waſſervoͤgel ſing an, ihn zu beſchäftigen. Er warf Steine nach ihnen, Schwaͤrme er⸗ hoben ſich mit großem Geſchrei, flogen nach dem jenſeitigen Ufer, ließen ſich da wieder nieder, wo ſein Wurf 6 nicht erreichen konnte. Die Sonne neigte ſich dem Horizonte zu die Luft fing an ſich abzukuͤhlen, es herrſchte in der Natur eine feierliche, ernſte Stile. Fromme, liebende Gedanken und Gefuͤhle durchbebten das Herz des Juͤng⸗ lings. Der heilige, gutige Vater, ſo dachte er, der Alles ſo herrlich ſchmuckt, Alles ſo der den Millionen Ge⸗ — 201— ſchöpfen ihre Freuden, ihr Gluͤck giebt, ſollte dich der auf dem Pfade der Veebe nicht deiner Freude, deinem Gluͤcke ent⸗ gegenfuͤhren? Sollte das Dunkel, was dein Schickſak“noch umwoͤlkt, ſich nicht herr⸗ lich aufklaͤren? Seine Hand fuͤhrte dich hierher, ſie kann dich nicht irre leiten, er gab dir die unendliche Sehnſucht nach ei⸗ nem weiblichen Weſen ins Herz, ſollte er ſie nicht ſtillen? Er zuͤndete den Funken einer Alles begluͤckenden, Alles durchdringen⸗ den, Alles erwaͤrmenden Liebe in der Seele an, koͤnnte er ihn ausloͤſchen? Nein, er, der die Liebe ſelbſt iſt, kann nur ſegnen, er⸗ freuen und wohlthun! Er war eine Strecke fortgegangen, in ſich ſelbſt vertieft, und als er der Raſen⸗ bank nahe genug zu ſeyn glaubte, ſchlug er die Augen auf und— welch eine Ueber⸗ raſchung fuͤr ihn! Er wurde drei weibliche Weſen auf derſelben ſitzend gewahr, deren weiße Kleider durch die Blatter ſchimmerten. Jeſus, ſagte es in ihm, ſie ſind es, da ſitzen ſie! Sollte er ſich nahen, ſich entfer⸗ nen? Er ſtand ſtill, beſann ſich und fuͤrch⸗ tete, daß ſeine unerwartete Erſcheinung ei⸗ nen Schreck verurſachen werde. Ohne daß er ſelbſt beſtimmt wußte, was er that, ging er einige Schritte vorwaͤrts. Die WMarquiſe ſah ihn zuerſt, ſie ſtand auf und ſchien es zu erwarten, daß er ihr naͤher kaͤme. Sie war auf ſein Kommen vorbe⸗ reitet. Als ſie dem Arbeiter voruͤber ging, ſagte dieſer zu ihr, daß ein wohlgekleideter . Perr ins Gobuͤſch gegangen wäre, der zu ihm geſagt habe, er wolle das ſchoͤne Char⸗ treu noch einmal ſehen, in dem er in ſei⸗ ner fruͤhern Jugend oft ſo gluͤcklich geweſen waͤre. Die Marquiſe war ſehr neugierig, ſie wuͤnſchte es zu erfahren, wer der Fremde ſey, und freute ſich, als er ihr immer näher kam. Johanna machte große Augen und die Gouvernante, die viel ge⸗ leſen und erfahren hatte und ſelbſt manches Liebesabentheuer erlebte, laͤchelte im Innern — 203— und kam auf Gedanken, die mit der Wahr⸗ heit ubereinſtimmten. Schon als der Ar⸗ beiter die Worte des Comte wiederholte, ſagte ſie:„Der Fremde muß einen ganz beſondern Geſchmack haben, wenn ihn Chartreu herzieht und er's 10 reizend fin⸗ det. Andere Leute wuͤnſchen ſich hinweg. Wenn er nur nicht einen andern Zweck hat, den er durch ſolche Redensarten in ein ungewiſſes Dunkel ſtellen will. Jugend⸗ freuden haͤtte er hier genoſſen? WVelche denn? Der Ort ſelbſt koͤmmt uns mit keiner entgegen, die wir uns nicht ſelber ſchaffen. Ruthen zu Steckenpferden giebt's fuͤr einen Knaben in Menge hier, wenn es ſeine Luſt iſt, darauf zu reiten.“„ Die 3 Marquiſe ließ die Gouvernante reden und ſchwieg dazu, Johanna aber belächelte ihren letzten Einfall von dem reitenden Knaben. Jetzt machte der Comte eine tiefe Ver⸗ beugung und ſagte:„Verzeihen Sie's ei⸗ * — 204— nem Unbekannten, der ſich ohne Erlaubniß in dieſen Garten wagt und Sie in Ihrer Unterhaltung ſtört. Eigentlich wollte ich Sie nicht incommodiren. Das Herz, das Herz iſt's, was uns nach den Gegenden wieder hinzieht, wo wir uns in fruͤhern Jahren ſorglos und froͤhlich tummelten, Nicht lange will ich Ihnen laͤſtig ſeyn.“ Alle ſahen ihn mit Wohlgefallen an. Er war ein ſchöner, junger, reich gekleideter Mann. Seine Sprache, ſeine Stellung, ſein ganzes äußeres Weſen verrieth einen Juͤngling von vornehmer Abkunft Johanna füͤhlte ſich ergriffen, die Schlaͤge ihres Her⸗ zens verdoppelten ſich, die Gouvernante ſah es, daß ſie erroͤthete, ſie konnte den Juͤng⸗ ling nicht mehr anſehen und ſ ihren Blick vor ſich nieder. „Treten Sie näher,“ bat die Marquiſe in einladendem Tone, mit freundlicher Miene und einer ihm zum Willkommen ent⸗ * gegengeſtreckten Hand.„Wir fuͤhren hier ein einſames, ſtilles und von der großen Welt abgeſchiedenes Leben, und ſehen es gewiß nicht ungern, wenn unſer Geſpraͤch, vas meiſtens nur aus Erinnerungen einer ſchö⸗ nen Vergangenheit beſteht, durch den Beſuch eines gebildeten, wenn auch uns unbekann⸗ ten Fremden gewuͤrzt wird, und an Man⸗ nichfaltigkeit der Unterhaltung gewinnt. Sie ſpieſten in Ihrem Kindheitsalter in dieſem Garten, Sie fühlten ſich nach einem Orte hingezogen, wo Ihr Herz ohne Sorgen und voll Freude war. Theilen Sie uns doch dieſe Geſchichte mit, ſie wird uns ange⸗ nehm unterhalten. Laſſen Sie ſich auf die⸗ ſen Raſenſitz nieder, die Witterung iſt ſo angenehm und der Blick ins große, ſchöne Thal wirklich fuͤr ein Gemuͤth, welches reizende Naturgemaͤlde ſchatzt, ungemein er⸗ götzlich.“ Die Marquiſe ſab den Juͤngling mit zunehmendem Vergnuͤgen an, ſie ſchauete — 206— in ſein großes, blaues und helles Auge, betrachtete ſein zartes, freundliches Mienen⸗ ſpiel und bewunderte die blonden geringel⸗ ten Locken, die um ſeinen Nacken ſpielten. Nur Johanna, die ihn einigemal und fluͤch⸗ tig anblickte, konnte ſich kein richtiges Bild von ihm machen, und wenn ſie ſich taͤuſchte, ſo malte ihn ihre Phantaſie viel ſchöner, als er wirklich war. Die Unruhe, die Verlegenheit, das Entzuͤcken zugleich, was ihre Seele, ihr Herz in eine ſolche Bewegung ſetzte, konnte ſie nicht deuten, ſie hatte es noch nicht erfahren. In den großen Geſellſchaften in Paris ſah ſie viel ſchone Maͤnner, aber keinen, keinen hatte ſie ſo mit der ganzen Theilnghme ihres Gemuths betrachtet, ſie gingen ihr wie die verſchiedenen Gemaͤlde einer Bilder⸗ gallerie voruber, ohne daß ſie einen aus⸗ zeichnete, ohne daß einer einen bleibenden Eindruck auf ſie machte. Der junge, wahr⸗ haft ſchoͤne Montesquieu, der ſie insbeſondere in der letzten Zeit zum Gegenſtande ſeiner —— — 207— Aufmerkſamkeit und ſeiner Artigkeiten ge⸗ macht hatte, hatte ihr Wohlgefallen und eine Art von ſuͤßer Zuneigung in ihrem Herzen erweckt, aber tief eingewurzelt war ſie nicht, ſie beunruhigte ſie nicht, ſie war in Chartreu faſt erkaltet und ſie dachte ohne Sehnſucht an ihn. Das, was ſie beim erſten Anſchauen dieſes Fremden empfand, war ihr ein wunderbares Gefühl, das ſie ſich nicht verſtaͤndigen, wofuͤr ſie keinen Namen finden konnte. Die Gou⸗ vernante hingegen; die ihre innere Ruhe be⸗ hauptete, ſich im Innern an dem Juͤnglinge weidete, wuͤnſchte die reizende Johanna zu ſeyn. Mit Unmuth that ſie ſich das Ge⸗ ſtändniß, daß die Blumen ihrer Wangen verbluͤht waren, und daß es das partheiſſche Schickſal nicht gewollt hatte, daß ſie die Tochter dieſer Marquiſe und Johanna nicht ſelbſt war. Sie zweifelte nicht mehr, daß der Beſuch des Fremden nur dieſer Jungfrau gelte und ſie wartete ſehnlich, — 208— daß er aus dem unbekannten Dunkel in ein helleres Licht hervortreten ſeilte. Der Comte dankte der Marquiſe im Herzen, daß ſie eine ſo lange Anrede an ihn hielt, die ihm Zeit ließ, ſich zu ſammeln und die Artigkeit in ihren Worten gab ihm Muth, daß er ſeine anfaͤngliche Ver⸗ legenheit einigermaßen beherrſchte. Er ſelbſt wandte ſeinen Blick von Johannen ab, der ihn in ſteigenden Graden entzuͤckte, als ob er den Gegenſtand ſeines Wohl gefallens aus den Augen ruͤcken und ſeine Naͤhe vergeſſen wollte, um unbefangener reden zu koͤnnen. Die Marquiſe hatte mit den Worten: Sie ſpielten hier in Ihrem Kindheitsalter ꝛc., das Thema zu einer Erzählung aufgegeben, die er auf der Stelle erfinden mußte, und auch ihm verſagte der Geiſt, der uns bei gewiſſen Verlegenheiten große, ungeglaubte Dienſte thut, die Sebe der Erfindung nicht. 6* — uͤbergehen ließ, ſeit der — 200— „Sie wollen alſo wiſſen, wie mir hier in der Jugend ſo wohl war, wie ich mich hier als Knabe ſo gluͤcklich fühlte, und daß dieſer Garten ſo viele anziehende Reize fuͤr mich hat daß ich auf meiner Reiſe nach Paris einen Umweg von mehreren Meilen nicht ſcheuete, um ihn noch einmal zu beſuchen. Gern bin ich zu der Erzäh⸗ lung erboͤtig und werde mich ſo kurz als moglich faſſen, eingedenk der Klugheits⸗“ regeln, daß Kleinigkeiten, die fuͤr uns ſo wichtig ſind, fuͤr Andere das große Intereſſe nicht haben. O, in welche ſuße Traͤume habe ich mich, ſeit ich in dieſem Garten wandelte, verloren! Welch ein Jugend⸗ paradies ſteht hier Blicken! Wie verſch Erfahrungen, die mir enartig waren die s Schickfal vor⸗ 6 des Knaben dieſen Boden zum letzten Wale beruhrte. Frohe Augenblicke, wie Sönnenſtrahlen, er⸗ leuchteten bisweilen mein Leben; aber ich wandelte auch in einer Nacht, wo mein 1 ieder vor meinen — 210— Herz ſich tief verwundet fuͤhlte, wo mein Auge weinte. Hoffnung und Zweifel, Irr⸗ thum und Wahrheit, Sehnſucht und Ver⸗ langen ſind die abwechſelnden Zuſtaͤnde, die in meinem Gemuͤthe noch walten, die mich bald heben, bald niederſenken. Eben jetzt ſtehe ich vor einem Vorhange, ach, ich weiß es nicht was ich erblicke, wenn er ſich aufrollt, und doch iſt das, was ſich mir dann zeigen wird, ſo entſcheidend, es wird meine Freude oder meinen Schmerz für's ganze Leben beſtimmen. Doch, nun zur Erzählung.“ „unweit Abbeville liegt das Schloß meines Vaters des Comte de Martreu. WMeine Mutter, eine geborne Montremi, iſt eine Verwandte es Comte de Montremi in Hauteverd. Auf dieſem Schloſſe hier lebte eine Comteſſe de Chartreu, eine Frau von einfacher Sitte, gutig und wohlthaͤtig und eine liebevolle Freundin junger Kinder. Faſt jaͤhrlich beſuchten meine S den ———— Comte in Hauteverd. Ich und der junge Comte Franz liebten uns als Brüder, und die Zeit, wo wir bei einander waren, glich Freudenfeſten. Seit meine Eltern mir ge⸗ ſtorben ſind, hat ſich meine ganze Liebe ihm zugewandt, und der theuerſte F eund iſt er fuͤr mich auf Erden. Mit ihm diene ich unter einem Regiment. Wir hangen mit groͤßter Innigkeit an einander, wohnen in einem Zimmer, eſſen an einem Tiſche, ſchlafen in einem Bette, und ein Vergnuͤgen, an dem der Andere nicht Theil nimmt, iſt fuͤr den Einen ohne Reiz. Die herzlichſte Uebereinſtimmung herrſcht unter uns, die kein feindliches Wort je trubte. Heute noch hoffe ich ihn zu ſehen, um mit ihm nach wenigen Tagen, da unſere Urlaubs⸗ zeit verflo ſſen iſt, nach Paris zuruͤckzu⸗ reiſen.“ » „Warum mir aber Ctartreu und die⸗ ſer Garten insboſondere ſo lieb iſt, das kann ich mit wenigen Worten bezeichnen⸗ 1 Unſere Mütter beſuchten die fromme Com⸗ teſſe von Chartreu faſt täglich. Sie uͤber⸗ häufte uns Knaben und unſere Schweſtern mit Geſchenken, ſie kuͤßte uns und ſtrich uns uͤber die Wangen. Was ſie nur er⸗ finden konnte, uns Freude zu machen, das bot ſie auf. Wir lernten ſie wie eine zweite Mutter lieben, und während unſere Eltern in Hauteverd waren, blieben wir Tage lang bei ihr. Der Garten war unſer Luſtrevier, wo wir in Schlingen Vögel fin⸗ gen, wo wir große Geier und Eichhoͤrnchen, wilde Kaninchen mit unſern Flinten erleg⸗ ten. Wir ruderten auf dem See und ſchoſſen wilde Enten. Wir waren die Herren des Schloſſes und ihre Dienerſchaft ſtand uns zu Gebote. Im Garten wur⸗ den Lauben gebauet, wir fuͤhrten die Com⸗ teſſe hinein, ſie ließ uns hier Mahle berei⸗ ten, die uns koͤſtlich ſchmeckten. Die edle Frau war mit uns Kindern ein liebes, weiſes, gutiges Kind. Nur Bruchſtuͤcke theilte ich Ihnen mit, Frau Marquiſe, das — 213— Ganze kann ich nicht beſchreiben, 3 fehlen meiner Phantaſie dazu die ſchonen, lieb⸗ lichen Farben, und der Sprache die Worte, und dem Herzen das volle Gefuͤhl. Kurz, ſelig war ich hier, wie ich's vielleicht nie wieder werden kann. Wie hat ſich Alles in mir ſo verwandelt, wie erſcheint mir die Welt ſo anders, als ſie mir ſonſt erſchien! Mein Eden iſt nicht mehr! Noch weilet hinter den Wolken der Zukunſt eine Sonne, ob ſie im Lichtglanze hervortreten und meine Tage beſcheinen wird, das weiß ich nicht. Sehe ich aber auch ihr freundliches Angeſicht, dann ſollen Zweifel und Sorge aus dieſer Bruſt weichen, und wenn mir das heitere Knabenalter auch nie wieder erſcheint, ſo werde ich als Juͤngling aus einer andern Quelle meine Wonne ſchoͤpfen. Sehen Sie, das iſt's, was mich nach Char⸗ treu zog. Dem guten Gotte habe ich hier ein Dankopfer gebracht, der, wenn er auch die gluͤckliche Zeit entſchwinden ließ, die das einzige Paradies des Menſchenlebens ½ — 214— iſt, doch in dem Spiele der großen Welt, wo manche aufbluͤhende Tugend untergeht, mir Reinheit, Unſchuld und gutes Gewiſſen bewahrte. Ob ich dieſe unſchaͤtzbaren Guter, nächſt meinen Eltern und Erziehern, nicht auch der Comteſſe verdanke? Ich glaube es und werde die edle Todte als eine der Beſten ihres Geſchlechtes ewig preiſen.“ Die Erzaͤhlung hatte die Marquiſe gerührt, Johannen entzuckte ſie, die Gouvernante war ungewiß, ob ſie ſie fuͤr Wahrheit oder Dichtung haiten ſollte. Sie ließ dem Juͤng⸗ linge die Gerechtigkeit widerfahren, daß ſein Vortrag innere Bildung verrieth. Was er von der Sonne ſprach, machte den tieſſten Eindruck auf Alle, und ſie glaubten, daß er damit die junge Graͤfin von Hauteverd bezeichne und die Ungewißheit, ob er bei ihr Gegenliebe ſinden werde, und ob der Comte die Verheirathung ſeiner Tochter mit ihm zugebe, beſonders wenn er ein „ Verehrer der katholiſchen Religionsubung war. Das Geſpraͤch wurde allgemeiner, auch Johanna konnte an demſelben Antheil neh⸗ mein. Daß der Comte ſie einigemal ſcharf und ſinnig anblickte, das entging ihr nicht, und er bemerkte es, daß ſie ſeinen Blick nicht aushalten konnte und oͤfter erroͤthete. Als er aufſtand, um ſich zu entfernen, bat ihn die Marquiſe, daß er bleiben ſolle, bis ihr Gatte von der Jagd zuruͤckkame, der ſich ſeiner Bekanntſchaft freuen werde. Sie erwarte ihn mit jeder Minute. Er aber entſchuldigte ſein Weggehen mit den Worten: ſo viel Freude es ihm machen werde, den Herrn Marquis kennen zu ler⸗ nen, von dem er Ruͤhmliches wiſſe, und ſo ſehr es ihm ſchmeichele, daß die Frau Narquiſe ihn nöthige, laͤnger zu bleiben, ſo muſſe er nach Hauteverd eilen, wenn er nicht in Gefahr kommen wolle, allein und ohne ſeinen Freund nach Paris zu reiſen.—„Wie lange werden Sie dort bleiben?“ fragte die Marquiſe.— Viel⸗ leicht zwei Tage nur, wenn mein Freund nicht mehr in Hauteverd iſt.“—„Melden Sie uns zu einem Beſuche be dem Conte gutigſt an; wenn nicht beſondere Hinder⸗ niſſe eintreten, ſo ſehen wir uns dott noch. Sehen Sie dieſen Beſuch als einen Beweis an, wie gern wir in Ihrer Geſelſchaft ſind, und wie ſchatzbar uns Ihre Bekannt⸗ ſchaft und Unterhaltung war.“ Der Comte kußte der Marquiſe ehrer⸗ bietig die Hand, mit groͤßter Innigkeit druͤckte er aber Johanna's Hand an ſeine Lippen und verbeugte ſich gegen die Gou⸗ vernante. Seine ganze Seele ſchwamm in Entzuͤcken; bald aber mußte er andern Vorſtellungen in ſich Raum geben, die von wber Wichtigkeit für ihn waren. „Vetch ein ſchöner, ennsnigt⸗ welch ein gebildeter, kluger und frommer Juͤngling iſt dieſer Comte,“ ſagte die Mar⸗ quiſe, indem ſie ihm noch mit geheimen Vergnuͤgen nachblickte. Er ging ſehr raſch, als ob er den Gefühlen nicht laͤnger Raum geben wollte, die der Garten ſchmerzlich in ihm aufregte, von dem er ſich wie von ſei⸗ ner Unſchulds⸗ und Freudenwelt trennen mußte. Die Gouvernante ſtimmte in das Lob der Marquiſe ein und uͤbertrieb es faſt. Johanna aber ſagte nur:„Mutter, Du mußt dem Comte auch Wort halten und nach Hauteverd reiſen. Ich wuͤnſche die Comteſſe Julie kennen zu lernen, viel⸗ leicht kann ſie mich lieben, und ſo hätte ich hier doch eine Freundin.“ Die Mutter ver⸗ ſprach, ihren Wunſch zu erfuͤllen, aber nur die Gouvernante ahnete es, daß eine andere Macht das Mädchen nach Hauteverd zog. Es blieb in ihr vollig ungewiß, ob ſie ſich uͤber die Bekanntſchaft des Junglings freuen oder betruͤben ſollte, er hatte Worte ge⸗ redet, die ihr verwundend wie ein Pfeil ins — 218— Herz drangen, die jede ihrer Hoffnungen niederſchlugen. Bei der Gouvernante, als ſie mit ihr allein war, fand ſie eine unge⸗ wiſſe Ruhe wieder. „Liebe Chamboiſe,“ ſagte ſie zu ihr, „der fremde Comte hat mich in eine Stim⸗ mung verſetzt, von der ich's nicht weiß, ob ich mich freuen darf oder ob ich trauern muß.“—„Das iſt freilich eine ſonderbare Stimmung,“ erwiederte die Gouvernante, „die man eine gemiſchte nennen moͤchte, da man eigentlich keinen Namen fuͤr ſie bat, um ſie richtig zu bezeichnen. Aber wie Sie ein fremder Comte, der mir ſehr räth⸗ ſelhaft erſcheint, den Sie zum erſten Male ſeben und den Sie vielleſcht nie wieder ſehen werden, Sie ſo intereſſiren, einen ſolchen Eindruck auf Sie machen konnte, das wäre mir unerklärlich, wenn ich ihn nicht ſelbſt geſehen haͤtte, wenn ich nicht ſelbſt wuͤßte, daß Sie ein fuͤr alles Schoͤne und Gute empfängliches Herz haͤtten. 1 ———— —— 5 Einen Juͤngling, der von der Natur mehr beguͤnſtigt war, der ſo viel Verſtand und weiches Gefuͤhl verrieth, der ſo kieb⸗ reich und anſchmiegend war wie dieſer, ſah ich noch nie. Es iſt in mir entſchie⸗ den, daß er von vornehmen Stande iſt und eine muſterhafte Erziehung genoß. So vortheilhaft und gewinnend vermögen ſich die Soͤhne gewoͤhnlicher Eltern nicht darzuſtellen wie er. Marquiſe, und ſein Auge, ſein Mienenſpiel, ich konnte ihn ruhig und ohne Leidenſchaſt beobachten, hat mir mehr geſagt, als ſeine Lippe ver⸗ rieth. Faſt ließ er Sie nicht aus den Augen. Und, Sie wurden das ſelbſt ge⸗ wahr, das ſagte Ihr Erroͤthen. Mich duͤnkt, mich duͤnkt, es fuͤhrte ihn eine an⸗ dere Abſicht, als die hierher, den Garten zu begruͤßen, wo er ſein Knabenſpiel trieb. Und verrieth nicht ſo Manches die Urſache ſeines Kommens? Wie ergriff er Ihre Hand, wie kuͤßte er ſie, ich habe es wahr⸗ genonimen, und in dieſen Zeichen, die man — 220— Geſtaͤndniß! einer zartlichen, Liebe reichen Seele. Zwar ſind wir Alle noch im Dun⸗ keln und mit Gewißheit läßt ſich nichts ſagen; aber er wird uns ſelbſt ein Licht anſtecken, und eher als wir's glauben. Raſch fliegt die Liebe zum Ziele, ſie zögert nicht, ſie will ihres Triumphs und ihres Gluͤcks gewiß ſeyn. Fuͤr einen edlen Jüngling muß ich ihn halten, die Redlich⸗ keit ſprach aus jedem ſeiner Zuͤge, und ſo kann die Unſchuld nicht luͤgen. Wir wollen doch ſehen, wie wir ihn in Hauteverd fin⸗ den, und was man bort uͤber ihn urtheilt. Vertrauen Sie mir und glauben Sie, daß ich Ihre muͤtterliche Freundin bin.“ Johanna umarmte dankbar die Gou⸗ vernante und bekannte ihr ohne Ruͤckhalt, daß ſie dieſen Comte, den ſie nur auf eine urze Zeit ſah, unausſprechlich liebte. Die Erſcheinung der Marquiſe ſtoͤrte die weitere untethaltung. Sie ſagte:„Ich muß ge⸗ A nicht zu gering acten muß, tiegt oft das ——— — 2— ſtehen, der fremde Comte hat einen bleiben⸗ den Eindruck auf mich gemacht, Alles was er ſprach intereſſirte mich und fuͤhrte ihm mein Herz naͤher. Wir reiſen morgen nach Hauteverd, ich muß erfahren, ob der Juͤngling ſo geartet iſt, wie er mir er⸗ ſcheint. Schade, daß der Vater nicht hier war, ihm müſſen wir von dem Comte und der Unterhaltung mit ihm erzäͤhlen, viel⸗ leicht kannte er den Comte de Martreu bei Abbeville.“ Waͤhrend dieſer Geſpraͤche war der junge Comte auf dem Wege nach dem Wirthſchaftshauſe. Er wollte ſich da nicht lange verweilen und ſeine Ruͤckreiſe nach Hauteverd ſchnell antreten. Aus mehreren Gruͤnden fuͤrchtete er die Zuſammenkunft mit dem Marquis. Der Paͤchter war vom Felde gekommen und ſeine Gattin hatte ihm geſagt, daß Franz, ihrer Bitten und Warnungen ungeachtet, ſich weggeſchlichen habe, um nach dem Schloßgarten zu gehen. dort ſeyo. Unwillig ſagte der Paͤchter: „Der junge, unſinnige Schwärmer wird mich noch mit dem Marquis in Zwieſpalt bringen! Alle Gruͤnde habe ich ihm vor⸗ gehalten, daß er ſich keine Rechnung auf die ſchoͤne Johanna machen ſoll, aber ſei⸗ ner Phantaſie ſchwebt nur ein Ziel vor, die Verbindung mit der Inngfrau, und ſo uͤberhoͤrt er alle Vorſtellungen. Auch ſein Vater wird mir's ſchlecht danken, wenn es an's Licht kömmt, daß ich das Geheim⸗ niß der Liebe ſeines Sohnes wußte und ihm kein Wort davon offenbarte. Gowinne ich nicht das Anſehen eines Unterhaͤndlers, der mir immer verhaßt war, welcher ein Complott mit den Kindern gegen die El⸗ tern macht? Wahrlich, um weitere unan⸗ genehme Folgen zu verhüten, vor denen ich nicht ſicher bin, reite ich morgen zum Comte und entdecke ihm die ganze Ge⸗ ſchichte ſo bin ich einer Buͤrde los, die mich ängſtigt, und der Pater mag dann Sie habe gewiſſe Nachricht, daß er noch handeln und entſcheiden. Die Freundſchaſt des Vaters kann ich um des Sohnes willen nicht aufgeben. Wenn die Pachtzeit von hartreu abgelaufen iſt, und ich hier nicht länger bleiben kann, wozu der Geiſtliche, der mir den Calvinismus abriecht, aus reinem Katholicismus ſein Redliches bei⸗ tragen wird, ſo werde ich Pächter des Comte, verderbe ich's aber mit ihm, ſo komme ich nie dazu. Die Sache mit dem jungen Comte iſt mir recht fatal und ich hätte ſie mir vom Anfange an vom Halſe weiſen ſollen. Aber ſo gehrs, wenn man Jedermann zu Gefallen leben will und es mit Ni⸗manden verderben kann. SMan gräbr ſich ein Ungluͤcksgrab, in das man ſturzt, und kein Menſch findet ſich, der uns wieder heraus hilft!“ Der Pachter ſtand von ſeinem Lehn⸗ ſtuhl auf, in dem er ſich ausgerghet hatte, und wollte, recht ingrimmig auf den Comte, ihm nach dem Garten nachgehen und ihn . — holen.„Bleibe,“ bat ihn ſeine Gattin, „Du koͤnnteſt das Uebel nur noch ſchlim⸗ mer machen. Sieht man Dich mit ihm gehen, ſo mußt Du auch ſagen, wer der junge Mann iſt.“—„Das muß ich ſo ſchon ſagen, wenn ich gefragt werde,“ ent⸗ gegnete der Pächter, ſetzte ſeine Mutze auf und ging ſo verdrießlich aus dem Zimmer, als ob er einen faulen, widerſpenſtigen Knecht ſchelten wollte, und ließ ſich dies⸗ mal von ſeiner Frau nicht beſaͤnftigen⸗ 2 Der Comte kam ihm entgegen, reichte ihm ſeine Hand und ſagte:„Mein Gluͤck iſt ohne Grenzen! Mir iſt, als ob ich im Pimmel geweſen waͤre und den ſchoͤnſten Engel geſehen haͤte! Reizenderes, Herr⸗ licheres hat die Natur nicht aufzuweiſen, als dieſe Marquiſe!“—„Mein Gott“ ſagte der Paͤchter,„ſind Sie doch ganz außer ſich! Welche Sprache füͤhren Juͤng⸗ linge, in denen die Leidenſchaft der Liebe gluht! Sie gehen auf Sonnenwolken, ſie 8 — 22 ſchwarmen in Paradieſen umher, und an⸗ ders wie ein Engel kann Ihnen die Ge⸗ licbte nicht erſcheinen. Sie bluͤht als die einzige, ſchoͤnſte Blume in dem Garten und alle andere ſind unſcheinbar. Dieſen Wahnſinn kann ich Ihnen gern verzeihen, 5 er iſt allgemein und waͤhrt ſo lange, bis ihn die ruhige Vernunft wieder verſcheucht, wie die Sonne den Nebel; aber was ich Ihnen nicht verzeihe iſt, daß Sie mich durch Ihre Liebe mik dem Marquis und Ihrem Vater zugleit entzweien werden, das mußten Sie bedenken und zu verhten ſuchen. Man fordere doch von Niemanden eine Gefaͤlligkeit, die, wenn ſie uns auch nutzt. ihm zum Schaden gereicht, man ſebe doch Keinen in peinliche Verlegenheiten, wo — er Vertrauen, Glauben und Ehre verlieren kann, Guͤter, die man ihm nicht ſo leicht wieder zu verſchaffen vermag. Einem jun⸗ gen Menſchen eine Thorheit verzeihen, in in dem das Herz mit ſeinem Scepter uͤber den Verſtand herrſcht, dazu läßt man —— 3 ſ 225— ſich leicht bereit finden; aber wenn ein aͤl⸗ terer, erfahrner Menſch ſie nicht verhuͤtet, wenn man ihm ſogar die Schuld aufbuͤrden kann, daß er ſich als Werkzeug und Maſchine brauchen ließ! gewiſſe Zwecke zu erreichen, die einer vielſeitigen Mißbilligung unterworfen ſind, da richtet man ſtrenge„ und ohne Schonung, und wie ich ſelber glaube, mit Recht.“ Der Comte ließ den Paͤchter aus⸗ 4 poltern und ſagte ein Wort dazu. Aus dem Zimmer rief er ſeinen Reitknecht, die Pferde eilig vorzufuͤhren. „Nun wollen Sie ſo ſchleunig fort,“ ſagte die Paͤchterfrau,„und konnten Stunden lang im Garten bleiben? Wie war es denn da? Wie war es da? Haben Sie Johan⸗ nen geſehen? Ich weiß Alles.“ „Ju.“ erwiederte der Comte,„ich habe ſie geſehen, ich habe mit ihr geſprochen ——— — 221— mein Entzucken iſt ohne Maaß.“—„Gaben Sie ſich denn zu erkennen? Verſc iegen Sie's auch nicht, daß Sie derſelbe waren, der mit der Baͤuerin als ein Verkleideter tanzte?“—„Davon habe ich keine Sylbe erwaͤhnt,“ erwiederte er.„Ich gab mich fuͤr den Comte de Martreu aus, mit dem ich in fruͤhern Jahren oft in Chartreu war, erdichtete ein Maͤhrchen, weshalb ich den Garten beſuchte, und wie ich glaube, iſt mir die Taͤuſchung, die keinen Menſchen ſchaden kann, herrlich gelungen. Die Mar⸗ quiſe kömmt in wenigen Tagen nach Haute⸗ verd, ob ich ſie dort abwarte?“—„Um's Himmels willen nicht,“ ſprach der Pächter, „die Täuſchung wäre entdeckt und koͤnnte vielſeitiges Unheil anrichten. Reiſen Sie morgen ab und verſuchen Sie's, einen ah⸗ dern Weg zu finden, um in Ihrer wahren Perſon aufzutreten. Horen Sie vor allen Dingen zuerſt, was Ihre Eltern zu der Verbindung ſagen, ihnen durfen Sie das Geheimniß Ihrer Liebe nicht länger ver⸗ ſchweigen, beſſer, wenn ſie's aus Ihrem Munde hoͤren, als wenn ſie's von Andern erfahren. Und dann fragen Sie auch den decken. Ach, ich fuͤrchte, er legt Ihnen ein Hinderniß in den Weg, das Sie nicht be⸗ ſeitigen können.“—„Ja, ja,“ ſagte der Comte,„ſo iſt's am beſten, den Rath be⸗ folge ich. Frägt man alſo, wer bei Ihnen war, ſo heißt es: der Comte de Martreu. 3 nicht, das wuͤrde fuͤr uns Alle nicht vortheil⸗ haft ſcyn. Adieu, glücklicher, meiner Liebe gewiſſer ſehen wir uns wieder, oder nie! Din⸗ ſich laͤnger halten zu laſſen, jagte davon. Der Marquis begegnete ihm zu Pferde, er gruͤßte ihn hoflich, aber er auf dem Wege nach Hauſtverd weiter. des e Zheits. „ „ Marquis, ehe Sie ſich feiner Tochter ent⸗ Um's Himmels wigen vetrathen Sie mich ſchwang ſich der Comte auf ſein Roß und gab ſeinem Roſſe die Sporin und flog ſſi 1 12 1 13 14 15 16 17 18 19