Leihbibliothet autſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gieſen, 8 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1 Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 12 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines ages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf 1 Mr 0 Pf. 3 3 „ 3 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage ſeiehett und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 2 eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ —— 2 2 Vek.— Pf. . P „Gewalt der erſten Liebe. R o a„ Heinrich Muͤller, Verfaſſer des Pfarrhauſes zu Liebenthal, der Corſarenbeute, u. a. m. Erſter Theil. Quedlinburg und Leipzig, 6 8 affe. 18 2 2. Die Gewalt der erſten Liebe. Erſter Theil. Nicht in des Herzens ängſtlicher Beengniß, Wenn mancher Stern ſich auch verloren hat, Schilt mit verwegnem Munde das Verhältniß, Es wird der Menſch, oft nach des Himmels Rath, Durch manchen Schmerz, durch mancherlei Vedrängniß, Geführt auf dornenvollem Lebenspfad. Doch darum darfſt du nimmermehr verzagen; Aus deiner Nacht urplötzlich kann es tagen. —— Mi der Miene eines redlichen Mannes, in deſſen Seele kein Falſch iſt, ſagte der Graf von Weſterberg zu dem Amtmann Neuberg, den er auf die Schulter klopfte: „Und wenn man mir eine Pachtſumme boͤte, die den eigentlichen Ertrag meines Gutes um die Haͤlfte noch uͤberſtiege, Sie, mein lieber, wackerer Amtmann, kommen von Weſtgreußen nicht weg, Sie bleiben mein Pächter, ſo lange ich lebe, wenn Sie nur nicht von mir ziehen wollen.“ „Ich, von Ihnen ziehen wollen!“ ant⸗ wortete der Amtmann,„Herr Graf, das meinen Sie ſo im Ernſt nicht„„ Freundlichkeit und Wehmuth zugleich wur⸗ de der Graf auf dem Geſichte des Amt⸗ 6 manns gewahr und ſagte:„Ja, ja, ich ſcherzte nur, ich weiß es ja, wie gern Sie in meiner Naͤhe ſind und wie ich Sie zu meinen beſten Freunden rechnen darf.“ Wie die Freier um eine reiche Braut, wenn ſie auch keine ſchoͤne iſt, eben ſo warben die Hekonomen um das Gut Weſt⸗ greußen, die es wußten, daß es der Amt⸗ mann Neuberg fuͤr eine alte, ſehr maͤßige Pachtſumme hatte. Sie kamen von Su⸗ den und Norden, auf arabiſchen und eng⸗ liſchen Hengſten, wie ſie mancher Baron nicht kaufen kann und ſie mancher Graf nicht kaufen mag, weil ſie ihm zu theuer ſind, angeritten, oder in koſtbaren Kutſchen angefahren, und warben um Weſtgreußen. Ihr Glanz, in dem ſie erſchienen, ihr Auf⸗ wand, den ſie machten, ſchon das waͤre für den Graf ein wichtiger Grund gewe⸗ ſen, juſt ihnen ſein Gut pachtweiſe nicht zu uͤberlaſſen. „Nur der Tod kann uns trennen,“ re⸗ dete der Graf weiter,„und Sie wiſſen es auch, meine alten Freunde halte ich feſt, neue Bekanntſchaften und Veraͤnderungen liebe ich nicht, bei denen man nicht gewiß iſt, ob man verlieren oder gewinnen wird. Iſt es doch ſeit mehr als neunzig Jahren ſo, als ob hier keine andern Pächter, als die Neubergs ſeyn koͤnnten. Beeilen Sie ſich nur, daß Sie Vater eines Sohnes werden, damit hier Ihr Stamm nicht aus⸗ ſtirbt. Kurz und gut, unſer Pachtcontrakt iſt prolongirt, bis ihn der Tod aufhebt.“ „Herr Graf,“ erwiederte der Amt⸗ mann mit freundlicher achtungsvoller Mie⸗ ne,„Sie ſind gegen mich ſehr guͤtig, wie kann ich Ihnen wuͤrdig danken!“ „Glauben Sie ja nicht,“ antwortete der Graf, und druͤckte Neubergen verbind⸗ lich die Hand,„daß ich Ihnen einen be⸗ ſondern Gefallen zu erweiſen gedenke, wenn ich Sie auf meine Lebenszeit an Weßgreu⸗ ßen feſſeln will, wofür Sie mir zum Ge⸗ gendanke verpflichtet ſeyn ſollen, trauen Sie mir's zu, daß ich mit keinem Gedan⸗ ken daran dachte. Erlauben Sie mir's, daß ich Ihnen meine Gruͤnde eroͤffnen darf, weshalb ich Sie bei mir feſthalten will. Sie ſind ein nach Geiſt und Herz gebildeter Mann, ſtill, ohne Prunk und Glanz in Ihrem ganzen Weſen, wie Ei⸗ ner ſeyn muß, den ich als Freund lieben kann. Eine gluͤckliche Jugend lebten wir mit einander und ich weiß es völlig, was ich an Ihnen habe. Sie kennen und ach⸗ ten edlere Vergnuͤgungen, als Trinken, Spielen, Gaßtereien, Jagen, Reiten u. ſ, w. Ein frommer Sinn, der von Ihnen, dem Herrn des Hautſes, ausgeht, durchdringt und beherrſcht alle Ihre Untergebenen. Al⸗ lenthalben ſehe ich Ordnung, Tyaͤtigkeit, Fleiß und Sparſamkeit. Sie verſtehen ſich auf die herrliche Kunſt, Ihre Untergebe⸗ nen mit Liebe und Strenge zu leiten, ih⸗ nen Vertrauen und Achtung einzuflößen, ihnen den puͤnktlichen Gehorſam zu einer wichtigen Pflicht zu machen und ihre Roh⸗ heit in ein ſitliches Weſen zu verwandeln. Ihr Beiſpiel wirkt ſogar im Dorfe ſehr wohlthätig.“. „Herr Graf,“ ſagte der Amtmann, 3 4 9 „Sie urtheilen ſehr guͤnſtig. Man kann— ja fuͤr ſeine Ruhe, fuͤr ſeinen Vortheil nicht beſſer ſorgen, als wenn man in der Ausuͤbung ſeiner Pflichten taͤglich vollkomm⸗ ner zu werden ſucht. Nach dem Beſten ſtrebe ich, das iſt mein Ziel, oft aber ſehe ich's recht deutlich ein, wie fern ich ihm noch ſtehe.“ Der Vater, Groß⸗ und Urgroßvater dieſes Amtmann Neubergs, waren Paͤchter der Grafen von Weſterberg geweſen. Als der Pachtcontrakt wieder auf zwölf andere Jahre abgeſchloſſen werden ſollte, ging er zu dem Graf, um anzufragen, ob er um die alte Pachtſumme das Gut behalten werde, oder ob neue Bedingungen gemacht werden ſollten. Wir wiſſen es, wie gu⸗ tig ihn der Graf beſchied, der alſo fuhr: „Lieber Neuberg, auch um unſerer Frauen willen darf, ſo lange dieſe leben, unter uns keine Trennung Statt finden. Sehr traurig, ja ungluͤcklich wuͤrden wir ie Se gac. Aufrichtiger und zart⸗ 10 licher, wie ſie, koͤnnen ſich zwei Schwe⸗ ſtern nicht lieben. O! glauben Sie mir's, unſer Verein iſt mir mehr werth, als ein⸗ tauſend Thaler, die ich vielleicht bei einer andern Verpachtung gewinnen könnte, mit der ich mir bisher ungekannten Verdruß auf mein Gut und auf mein Schloß brächte. In der ſchoͤnen Jahrszeit wuͤrde ſich's fuͤr mich hier ſehr ſchlecht wohnen, wenn ich Zeuge des verwilderten und laͤr⸗ menden Geſindes ſeyn mußte, das, wie gemeines und entartetes Sclavenvolk, nur durch Fluͤche und Peitſchenhiebe regiert wird. Waͤre es uͤberdies ein Pächter, der in Pracht und Herrlichkeit lebt, offene Ta⸗ fel haͤlt, der Meſſen und Bäder beſucht, des Spiels wegen, dem die Louisd'or in der Hand nicht feſter ſitzen, als uns die Silbergroſchen, ſo wuͤrde mich das auch verdrießen. Lebte er uͤberdies ein un⸗ frommes Leben, das die Dienſtboten und die Dorfeinwohner verſchlechterte, ſie von Gott und der Religion los, unſitrlich machte, allen Glauben, alle Hoffnung, alle — —————— — — 1I Liebe in ihren Herzen ertödtete, ihr menſch⸗ liches in ein thieriſches Weſen verwandelte, wozu das gemeine Volk gar zu viel Hang hat, wie koͤnnte ich mich mit einem ſol⸗ chen Manne vertragen! Er wuͤrde mir viel Unruhe bereiten. Ja, meinem Gewiſſen muͤßte ich ſogar verantwortlich werden, daß ich aus Eigennutz, der großern Pacht⸗ ſumme wegen, einen ſolchen zum Pachter von Weſtgreußen waͤhlte. Sollte nicht je⸗ der Gutsherr auf die Moralität ſeiner Un⸗ terthanen ein wachſames Auge haben und ſorgen, daß ſie nicht verſchlimmert, ſon⸗ dern verbeſſert werden? Was iſt bei allem Ueberſluß ein Leben ohne Frieden, ohne das Bewußtſeyn, nach ſeiner beſten Ueber⸗ zeugung, das Beſte ernſtlich gewollt und, um des Beſten willen, ſo und nicht anders gehandelt zu haben? Uns, mein guter Neuberg, uns verbinden die Herzen, die Geſinnung, und, das Geld, was in der Welt ſo oft Freunde und Blutsver⸗ wandte ſcheidet, ſoll uns nicht von einan⸗ der entfernen.“ 12 „ Ein Graf, wie dieſer, den wir ſo eben redend eingefuhrt haben, welcher eine ſolche Sprache fuͤhrt, aus dem ein ſolcher Geiſt, ein ſolches Herz redete, welcher in ſeinem Weſen ſo treu und offen, ſo wohl⸗ meinend, prunklos und beſcheiden iſt; wel⸗ cher den Sinn eines veredelten Lebens, den er durch alle ſeine Verhaͤltniſſe beharr⸗ lich und ſtandhaft durchfuͤhrte, ſo richtig aufgefaßt hat, gehort zu den ſchoͤnen, aber ſeltenen Erſcheinungen in der Menſchen⸗ welt, und weil ſie Manchem gar nicht vor⸗ kommen, und weil ſich Viele auf den Stondpunkt ſolch einer gelaͤuterten Mora⸗ lität kaum denken können, vielweniger, daß ſie Luſt und Muth hätten, ſich dahinauf zu erheben, ſo wird mein herrlicher Graf wohl das Schickſal haben, daß man ihn für einen gutmüthigen Tropf gelten laͤßt, der grade ſo viel Klugheit und Verſtand beſitzt, um in ſeinem Wirkungskreiſe als ein redlicher, uneigennütziger, gutmüthiger Mann eine unſcheinbare Rolle ſpielen zu konnen, weiter aber auch nichts. 13 Um als Braf mit gräſlicher Würbe zu leben, dazu ſcheint den meiſten Men⸗ ſchen etwas ganz anderes zu gehoͤren, als Sittlichkeit, Tugend und Edelmuth, Vie⸗ len erſcheint das als eine moraliſche Lum⸗ perei, in die ſich der Poͤbel kleiden mag, das Feſtkleid eines vornehmen und begu⸗ terten Mannes, der Aufſehen erregen, Hert⸗ lichkeit und Pracht um ſich her verbreiten muß, iſt es nicht. Ihm hat das Schickſal einen andern Weg bezeichnet, auf dem er ſeine Luſt finden, ſich Verehrer und Schmeichler erwerben kann, darum darf er auch die Regeln der Pflicht und des Ge⸗ wiſſens nicht ſo puͤnktlich und aͤngſtlich beobachten, an die nur der Haufe gebun⸗ den liſt. Um volle Freiheit zu genießen, muß er ſich von ihnen, wie von druͤcken⸗ den Feſſeln, losmachen, ſeine eigene Welt ſich ſchaffen, und ſich in ihr ſo lange um⸗ hertummeln, als es ſein Alter, ſeine Kraft und Genußliebe zuläßt. Aber, wir betheuern es, ſo und nicht anders war dieſer Graf. Wollten wir 14 ihm Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, ſo durften wir von ihm keine andere Zeich⸗ nung entwerfen. Wäre denn in jeder Ge⸗ ſchichte, die erzaͤhlt wird, oder die man für Leſer aufſchreibt, der Mann eine erdich⸗ tete Perſon, die uns in reinerm Lichte, mit einer hoͤhern Tugendliebe dargeſtellt wird, als wir ſie gewoͤhnlich nicht finden? Iſt denn nur die Erzahlung wahr, welche das Thun und Treiben laſterhafter Menſchen ſchildert? Wer ſich leichter bewogen fuhlt, nur das Arge von Menſchen zu glauben und Zweifel hegt, ob das ungewöhnliche Edle nicht mit verſchoͤnernden Farben, weit uͤber ſeinen wirklichen Werth, geſchmuͤckt ſey, der ſchaue ja in ſich hinein, es wohnt in ihm noch mehr als eine Suͤnde, die ausgerottet werden muß, ehe ihm der Glaube an ächte Menſchenwuͤrde, die wie ein leuchtendes Geſtirn am Himmel der Religion glänzt, in die Haͤnde gegeben wird. Der Amtmann Neuberg hatte es von ſeiner Gattin ſchon erfahren, welcher es 64 ———— ² 1 die Gräfin, um es ihm wieder zu ſagen, anvertraut hatte, daß er das Amt behal⸗ ten werde, wenn es ſein Wille ſey, ohne eine hoͤhere Pachtſumme zu zahlen. Nicht unbekannt war es ihm, daß eine gute Zahl Beamten— ſelbſt ſein Schwager ge⸗ hörte unter ſie, der aber ſeine ſcheinbare bruͤderliche Freundlichkeit keinen Augenblick veraͤnderte, ſondern ſie juſt in der Zeit erhoͤhte, als er Neubergen auszupachten verſuchte, um das haͤßliche Bild des ver⸗ ſteckten Brodtneides und Eigennutzes, der die heiligſten Verhaͤltniſſe mit Fuͤßen zer⸗ tritt, zu bekleiſtern— den Grafen uͤber⸗ lief, eine größere Summe gelobte, um Weſtgreußen unter die Preſſe zu nehmen und ihm fuͤr eine lange Periode das Mark abzudraͤngen. Die Herren uͤberboten ſich ſelbſt; aber der Graf ließ ſich nicht blen⸗ den, nicht beſchmeicheln, nicht uͤberreden, und fand alle Bewerber zwar mit einer ar⸗ tigen, aber ſo beſtimmten Antwort ab, die weiter keine zweite Anfrage zuließ. „Der Graf,“ ſo ſagte Einer und der 16 Andere,„hat an dem frömmelnden, alber⸗ nen Neuberg, der ſich buͤckt und ſchmiegt, als ob er ein Schloßbediente wäre, ſeinen Narren gefreſſen, der darauf ausſtudirt hat, dem gräflichen Schwachkopf das Fett von der Suppe zu ſchöpfen, ohne daß er's merkt.“— Andere meinten, der Graf ſey Neubergen gewiß ein gutes Suͤmmchen ſchuldig und darum muͤſſe er den Pacht⸗ contrakt verlaͤngern.„Was gilt's,“ ſagte der großmaͤulige Oberamtmann Soſten, der im Beleidigen ſehr ſtark war, und die ehe⸗ liche Treue wie eine verkaͤufliche Waare be⸗ krachtete,„die wunderſchöne Amtmanns⸗ frau gefaͤllt dem Graf, er kann ſich nicht von ihr trennen und die Frau Grafin, eine gar kluge Frau, ſtört den verliebten Um⸗ Lang nicht, weil ſie das kleinere dem grö⸗ ßern Uebel vorzuziehen gelernt hat. Mehr als einen Ehemann kenne ich, der die Au⸗ gen verſchließt, um ſeine Gattin nicht zu ſehen, wenn ſie auf Beute ausgeht, die ſie ins Haus bringt.“ Ach! das Reine, Wahre, Schone und 47 „Gute, wenn zwei Menſchen in frommem, unzertrennlichen Bunde, Hand in Hand, den Pfad des Lebens gehen, wo auch gro⸗ ße Opfer, welche ſie einander bringen, die Liebe ſo leicht und ihnen ſo natürlich macht; wo ſich der Eine ſo gern als Schuldner des Andern betrachtet und ihm nicht genug thun kann, um die Forderun⸗ gen des Herzens zu befriedigen, ach! das wird nur von Wenigen erkannt und ge⸗ ſchaͤtzt! Nach Procenten pflegt man den Werth der Freundſchaft zu meſſen und uͤber Verhaͤltniſſe, welche eine hoͤhere Tu⸗ gend ſchon läͤngſt zu heiligen weihte, ſchuͤt⸗ tet die Seele, welche mit dem Staube der Sinnlichkeit und des Eigennutzes bedeckt iſt, ihr ſchmutziges Gefäß aus, das mit⸗ Mißtraun, Unglauben, Neid und Unge⸗ rechtigkeit angefuͤllt iſt. Wenn man aber Edles und Gutes nicht ableugnen kann, was ſichtbar in die Augen ſpringt; ſo ſucht man es wenigſtens dadurch herabzuwuͤrdi⸗ gen und zu verfinſtern, daß man denen, die es ziert, unlautere Beweggründe un⸗ 2 5 lugt, wie man ſie haben will und wie man ſelber iſt. Es ſind wohl Tauſende, die ſich alle erſinnliche Muͤhe geben, um die Krone zu zerreißen, die ein tugendhaf⸗ tes Haupt ſchmuͤcken ſoll; aber kaum Zeh⸗ ne, welche Bluͤthen und Blaͤtter in ſie hin⸗ einflechten. Da der Amtmann Vebeißt wußte, wie er in Hinſicht der neuen Verpachtung mit ſeinem Graf ſtand, noch ehe er mit ihm daruͤber ſprach, ſo durfte er ſich auch keinen Kummer uͤber ſeinen moglichen Ab⸗ zug von dem Gute machen. Höher war ſeine Achtung und Liebe gegen den Graf geſtiegen, der ihm einen neuen, recht re⸗ denden Beweis unhezweifelter Zuneigung und edler Uneigent nutzigkeit gegeben hatte. 2 Es war ihm ſelbſt hoͤchſt ſchmerzhaft, wenn er ſich die Woͤglichkeit dachte, kommenden Johannis ſein hochgeliebtes Weſtgreußen verlaſſen zu müſſen. An dieſen Ort war er mit ganz andern Banden gebunden, als terſchiebt, und ſo erreicht man ſeinen Zweck, daß man Andere ſo gemein und ſchlecht nicht. 19 welche die Vorkheilsſucht, die Erwerbluſt weckt. Gewiß, das zunehmende Vermoͤ⸗ gen, was er hier ſammeln konnte, war durchaus das Ziel ſeiner Wuͤnſche nicht. Er glaubte genug zu haben, um zufrieden und ohne Nahrungsſorgen einſt im Alter leben und ſeine Tage beſchließen zu kön⸗ neb. Seine treugeliebten Eltern, die nicht in ſo guͤnſtigen Zeiten lebten, als er, hin⸗ terließen nur ein unbedeutendes Kapital, aber weniger ruhig und glücklich, als er's mit ſeiner Gattin war, waren ſie auch Aus andern und beſſern Gruͤnden, wie wir ſie in wenigen frommen Seelen fin⸗ den, war ihm Weſtgreußen der liebſte, erwünſchteſte Wohnort auf Erden. Seine ſußeſten Erinnerungen an ein Jugendleben, wie es nicht freier, heiterer und ſchuldloſer gelebt wurde, verloren hier ihre friſchen, das Gemuͤth erquickenden Farben nicht; nur hier war der klare Quell, aus dem ſie geſchoͤpft wurden; hier die Gegenden uñd Orte, die lebendigen und 20 ubloſen Gegenſtände, an bie ſie geknüpft waren, die ſie aufregten, ſchmuͤckten und verſchoͤnten. In dieſer kleinen Welt war fuͤr ſein Herz der heimathliche Boden, wo⸗ hin es gehoͤrte, wo ſich's gleichſam einge⸗ wohnt hatte, wo alles Sprache, Geiſt und Leben fuͤr daſſelbe hatte, aus dem es ſeine willkommenſte Nahrung zog. Wer nur ein Fleckchen Erde mit dieſer Anhänglichkeit, und die Menſchen, die es bewohnen, mit zarter Neigung liebt, pflegte Neuberg bis⸗ weilen zu ſagen, wenn man ſeine große Vorliebe fuͤr Weſtgreußen tadelte, und ihn ungerecht und fuͤhllos gegen die Annehm⸗ lichkeiten und Reize anderer Gegenden nannte, der findet in ſich ſelbſt mannigfal⸗ tige Antriebe zum Edelthun und in keinem Laſter kann er untergehn. Das aͤußere ſchoͤne Bild lacht ihn dann nicht mehr an, in ſeinem Anſchauen kann er ſeine Freude nicht mehr finden, wenn er ſeinen innern Frieden der Suͤnde geopfert hat und ſich ſelbſt in Krieg gerathen, K. Hier war das Zimmer, in dem ihn ———— 21 die theure, unvergeßliche Mutter einſt mit Schmerzen gebar; wo er an ihrem Herzen lag; wo ſie ihn zuerſt Liebe lehrte; wo ſie in ſein Gemuͤth die ſchoͤne Pflanze der Religion ſenkte; wo ihr Beiſpiel ihm die Tugend heilig machte und ſie ſeine Schritte auf dem Pfade derſelben leitete. Kein Acker, kein Gebuͤſch, keine Hoͤhe und kein Thal war auf der weiten Flur, wo er nicht mit ſeinem guten Vater geweſen war, wo er ſpaͤter ſeiner Worte gedachte und ſeine Lehren und ſeinen Rath tiefer ſeiner Seele eingrub. Allenthalben umſchwebte ihn der GSeiſt des ehrwuͤrdigen Greiſes, er glaubte⸗ ihn noch reden zu horen und handeln zu ſehen. Nirgends haͤtte er dies Alles ſo lebendig empfunden, was ſeine hoͤchſte Wonne, ſeine ſuͤße Wehmuth war. Dieſe Gegend gehörte fur ihn, allenthalben an⸗ derswo kam er ſich wie ein Gaſt, wie ein Fremdling vor. Oft gedachte er auch der fröhlichen Feſte, die hier gefeiert und durch die Freu⸗ de guter Menſchen verherrlicht wurdenz * ——z————— — — aber auch der truͤben Stunden, wo der Glaube an eine weisheitsvolle Guͤte die Buͤrde ſchwerer Laſten erleichtert, und dem 6 Ungewitter den fröhlichen Tag folgen läßt. Faſt nie war er in dem Gotteshauſe, ohne daß ſein Blick nach dem Altar hin, ihn an ein heiliges Geluͤbde in fruͤher Jugend lebhaft erinnerte, und an die Worte der Mutter, die ihn miz Thraͤnen vermahnte, chriſilich zu leben, um ſelig ſter⸗ ben zu koͤnnen, und an den Vater, als er die Hand ihm aufs Haupt legte und mit bewegter Stimme ſprach:„Mein Sohn, vergiß Deines Goittes nie und meide, ſo lange Du lebſt, die Sunde.“ In Frieden, wie ſie lebten, waren die religiöſen Eltern geſtorben. Jährlich, an ihrem Begräbnißtage, kniete der dank⸗ bare Sohn vor ihren Gräbern nieder, wie⸗ derholte heilige Verſprechungen, that from⸗ me Geluͤbde und troͤſtete ſich mit der Hoff⸗ nung des Wiederſehens. Wie hätte er ſich von dieſen Gräbern trennen konnen, die ihm, wie Ruhebetten in —— 3 23 denen ſeine Theuerſten, die er einſt in der Welt hatte, ſchlifen. Wie an einen holden Traum, ſo dachte er an ſein Juͤnglingsleben, was er hier fuͤhrte. Die Stelle im Garten, wo ihm ſeine treue, geliebte Gattin zuerſt ihre Ge⸗ genliebe geſtand, hatte er mit zwei jun⸗ gen Linden beflanzt, die im üppigen Wuchs ihre belaubten Wipfel in die Luft erhoben. An ſchönen Sommerabenden, wo die Are, beit des Tages vollbracht war, wallfahr⸗ tete er oft mit ihr dahin, und Beide em⸗ pfanden es, doß ſie ſich mit der Zeit theu⸗ rer und unentbehrlicher geworden waren. Der edle Graf war ſein lieſter Freund auf der Welt; aber bei aller Innigkeit, bei aller Uebereinſtimmung der Geſinnung, vergaß er nie die Schranken der Achtung, in die er gegen ihn geſtellt war. Keinen Tag konnte er verl leben, ohne einige Worte mit ihm gewechſelt zu haben. Darum be⸗ ſonders war ihm der Vinter ſo unange⸗ nehm, weil der Graf mit ſeiner Gattin Weſigreußen verließ und ſich in der Haupt⸗ 7 ſtabt aufhielt. Seine Wiederkehr im Mai feierte Neuberg, wie ein Jahresfeſt. Der Graf wußte es wohl, wie nah er dem Herzen ſeines Paͤchters ſtand und liebte in ihm den redlichen Bruder. Beide waren auch mit einander aufgewachſen und er⸗ hielten von einem Lehrer, welcher der je⸗ tzige Parrer von Weſigreußen war, den⸗ ſelben Unterricht. Der in aller Hinſicht achtungsvolle Geiſtliche, welcher ein mu⸗ ſterhafter Redner und ein frommer Mann war, lebte mit dem Graf und Amtmann in dem herzlichſten Einverſtaͤndniß und nannte ſie von allen Schuͤlern, die ihm von jeher anvertraut wurden, die beſten, wie ſie auch ihn ihren beſten Lehrer nannten. Der Graf konnte es nicht vergeſſen, welch einen wichtigen Dienſt der Pfarrer ihm leiſtete, als ſein Vater, der alte Graf, auf dem Sterbebette lag und man mit Ge⸗ wißheit an ſeinen Tod glauben mußte. Als Offizier ſtand der junge Graf un⸗ ter einem Cavallerieregiment. In der Gar⸗ niſon lernte er ein junges, ſchoͤnes und ——— 25 wegen ihrer Tugend und unſchuld hoͤchſt Wiſſen der Eltern verlobten ſich Beide muutt einander. Sie entdeckte der Mutter das Geheimniß ihrer Liebe, die es ihrem Gatten nicht verſchwieg.„Amalie,“ ſagte der Vater zu ſeiner Tochter,„Dein Herz hat Dich verfuͤhrt, Du haſt eine Thorheit begangen, die Deinem Rufe ſchaden, Dein Lebensgluck zerſtohren, Dir Schmerz und Reue bereiten und unſere Freuden vernich⸗ ten wird, welche wir an Dir zu erleben hofften. Ein unbeſonnener Juͤngling iſt dieſer Graf, wenn er kein leichtſinniger Verführer iſt. Wie kann er es, wie kannſt Du es glauben, daß der alke Graf von Weſterberg es je zugeben wird, daß ſein liebenswuͤrdiges Maͤdchen kennen. Ohne * einziger Sohn eine Buͤrgerliche heirathet! Pebe ein Verbindung augenblicklich auf, die ſpaͤter wieder getrennt wird und kein gutes Ende gewinnen kann.“ Amalien rollten die Thränen uͤber di e Wangen und ſie ſagte mit zitternder Stimme:„Wie konnte ich meinen Scih 26„ brechen! Er iſt ſo edel und gut und wird mich nie verlaſſen. Gewiß, er meint es redlich!“— ſbeuch der Vater, „wie täuſcht Dich die unbeſonnene Liebe!, Er kann nicht Wort halten!⸗Soll er die Pflicht des kindlichen Gehorſams verletzen? Das Feuer ſeiner Leidenſchaft wird ver⸗ rauchen, er wird Dich mit Entſchuldigungen abfinden und, wenn er noch guͤtig genug iſt, Dich in Deinem Schmerze troſten. Weiter hoffe von dieſer Verbindung nichts, eine andere Frucht wird ſie Dir nicht tragen.“ Vater, ging azf der Stelle zu dem jun⸗ gen Graf und bat ihn inſtändig, ein Mäd⸗ chen, das er liebe, nicht unglucklich zu machen und Eltern, deren hoͤchſte Freude die Tochter ſey, nicht in Gram und Kum⸗ mer zu ſtuͤrzen.„Es war unrecht,“ er⸗ wiederte der Graf,„daß ich Ihnen die Verlobung mit Amalien verſchwieg, wes⸗ halb ich ſie um Verzeihung bitte; aber keine menſchliche Macht ſoll das Band Der Kaufmann Olbert, Imatiens —————— —,————— ———— 27 i was mich an Ihre Lochter knuͤpft.“ —„Herr Graf, werden Sie immer ſo empfinden und reden? Sie koͤnnen das Hinderniß, was ihnen der Vater in den Weg legt, nicht uͤberwinden.“—„Das kann ich wohl. Wiſſen Sie's, ob mein Vater ein ſolch despotiſcher Mann iſt, der ſeinen Sohn zum ſclaviſchen Gehorſam er⸗ niedrigt? Er iſt nicht ohne Gefuͤhl und meine Bitten werden ihn erweichen. Frei⸗ lich muß ich ihnen das betheuren, daß ich mich, ohne ſeinen Conſens, nie, nie mit Ihrer Tochter verbinden werde, ob ich auch genug muͤtterliches Erbgut habe, von dem ich, ohne ſeine Unterſtuͤtzung, meinem Stande gemaͤß, leben kann. In denn das nie in Erfuͤllung gegangen, was die Men⸗ ſchen bezweifelten? Ich gelobe es Ihnen vor Gott, allen Umgang mit Ihrer Tochter aufzuheben, bis mir mein Vater die Er⸗ laubniß gegeben hat, ſie w zu dürfen, das ſagen Sie ihr.“ So guͤtig der alte Graf gegen ſeinen Sohn war, an dem er ſeine groͤßte Freude — 28 hatte, ſo zornig und aufgebracht wurde er, als dieſer von ſeiner Verbindung mit Ama⸗ lien ſprach und ihn bat, daß er ſe zu ſei⸗ ner Gattin nehmen duͤrfe...„Willſt Du Dein Geſchlecht beſchimpfen,“ ſagte er, „die Ehre Deines Standes mit Fuͤßen treten, mir mit ſolchem Undank lohnen? Mache das Maͤdchen nicht ungluͤcklich, laß von ihr, wenn Du mein Sohn ſeyn und uͤber mein Alter nicht unnennbare Leiden bringen willſt. Das verſprich mir... Der junge Graf konnte das nicht verſpre⸗ chen und in Unfrieden ſchied er von dem Vater. In der Folge wurde uͤber das Ka⸗ pitel nicht mehr geredet und ſeltener be⸗ ſuchte der Sohn den Vater. Amalie war troſtlos und die Eltern trauerten mit ihr. Der Pfarrer kannte das Verhältniß, in dem der junge Graf mit der Kaufmanns⸗ tochter ſtand. Er bat den Geiſtlichen, ſeinen Vater zu guͤtigern Geſinnungen zu ſtimmen. Der Verſuch endete dahin, daß der alte Graf ſagte:„Herr Prediger, wol⸗ ——————— — 29 * len Sie, daß ich Ihr Freund bleiben ſoll; ſo ſchweigen ſie von der mir verhaßten Sache. Ich bin muͤndig und bedarf keines Rathgebers.“ Der Graf fiel in eine ſchwere Kranhkeit und ſein taͤglicher Geſellſchafter war der Pfarrer. Mit Gewißheit glaubte er an ſein nahes Ende.„Koͤnnte ich doch alle Fehler, die ich beging, gut und ungeſchehn machen,“ ſo ſprach der fromme Greis an einem Abend,„ruhiger wuͤrde ich dann ſter⸗ ben. Habe ich auch ſo viel Gutes, Gluͤck und Freude verbreitet, als in meiner Macht ſtand? Meinen einzigen Sohn, nur den laſſe ich in dieſer Welt, unzufrieden mit mir zuruͤck. Gern moͤchte ich ihn voͤllig mit mir verſoͤhnen, ich habe ihn noch ſo lieb.“—„Herr Graf,“ erwiederte der Pfarrer, der vor dem Bette ſaß,„Ihr Sohn trauert und er hat ein Recht dazu. Sein Kampf zwiſchen Liebe und Pflicht iſt ein ſehr harter. Das Verbot eines gu⸗ ten Vaters wird er nie uͤbertreten und ſein Leben muß ein ungluckliches ſeyn. Ol es iſt ein herrliches Maͤdchen, das er liebt und ihre Eltern ſind geachtete Men⸗ ſchen. Ach! was iſt Erdenhoheit und Erdenglanz an der Schwelle des Grabes! Ein eitler Tand, der mit dem Tode ver⸗ ſchwindet. Nur die Tugend iſt unſere treue Begleiterin, wenn wir die Grenze uͤberſchritten haben, die zwiſchen Erde und Himmel liegt. Wäre ich an Ihrer Stelle, ich verherrlichte mein Ende damit, daß ich meinen Sohn kommen ließe und ihm ſagte: „Sei glücklich, als Gatte mit Deiner Braut! Es iſt ſo ſchoͤn, den Beſchluß des Erdenlebens mit einer guten That kroͤnen!“ Der Kranke richtete ſich auf und ſagte mitt verklaͤrter Miene:„Der Menſch iſt in der Nähe des Todes anders geſtimmt, als in der Kraft des eiteln Lebens. Befehlen Sie, mein Anton ſoll kominen und ſeine Braut nebſt ihren Eltern mitbringen.“ So⸗ gleich eilte ein Bote davon, dem der Pfar⸗ rer an den jungen Graf dieſe Zeilen mit⸗ gab:„Herr Graf, eilen Sie hieher. Ihr Vater will Ihre Hand in die Hand Ihrer Amalie legen und ihren 8 * * Bund vor ſeinem Ende ſegnen. Herr Ol⸗ bert ſoll mit ſeiner Gattin mitkommen.“ Freude, Verwunderung und Staunen richtete in Olberts Hauſe die Erſcheinung des Grafen und das Billet von dem Pfar⸗ rer an, was er vorzeigte. Amalie lag in ſeinen Armen, die Thraͤnen ſtuͤrzten ihr aus den Augen, ſie konnte nicht ſprechen. Ihr Vater ſagte:„Welch eine Liebe, welch eine Treue! An eine ſo ich nicht mehr glauben! O! Du gluͤckliche Amalie! O! wir gluͤcklichen Eltern! Mit moglichſter Schnelligkeit wurde die Reiſe nach Weſigreußen beeiligt. Nur weni,„rach der junge Graf unterwegs, ſein ez war voll Schmerz und Zweifel, wei den verehrten und geliebten⸗Vater, de r fuͤr ſein vielfaches Wohlthun dan⸗ ke wollte, nicht mehr am Leben zu fin⸗ d fuͤrchtete. Es war ihm auch von der ßten Wichtigkeit, es aus ſeinem Munde hoͤren, daß er ſeine Verbindung mit malien genehmigte und ihm ſeinen letz⸗ en, väterlichen Segen ertheilte. Eine iche Tugend konnts S S — 32 große Freude und ein Troſt war's für ihn, als der Wagen uͤber den Wirthſchafts⸗ hof hinfuhr, und er den damals noch jun⸗ gen Amtmann Neuberg anſichtig wurde, dem er aͤngſtlich fragend zurief:„Lebt mein Vater noch?“ daß dieſer antwortete:„Er lebt noch und iſt heute beſſer, als geſtern.“ Er ließ Amalien mit ihren Eltern in der Wohnſtube zuruͤck und ging allein zu dem kranken Vater. Als dieſer ihn er⸗ kannte, ſtreckte er ihm beide Atme entge⸗ gen und ſprach:„Mein lieber Anton, kei⸗ nen Unwillen, nur Liebe fuͤhle ich fuͤr Dich. In Frieden wollen wir von einan⸗ der ſcheiden und keinen Gedanken, daß Bein Vater hart gegen Dich war, will ich in Deiner Seele zuruͤcklaſſen. Siehe, hier unſern Freund— er zeigte nach dem Pre⸗ diger hin, welcher gegenwaͤrtig war— er hat unſere Gemuͤther wieder verſohnt, er hat mich's gelehrt, wie eitel und nichtig alle Erdenherrlichkeit an der Schwelle des Grabes iſt. Dank ſind wir ihm Beide ſchuldig. Nimm Amalien zur Gattin, ſey 335 fromm und gluͤcklich mit ihr, wie ich's mit Deiner Mutter war.“ Hier ſchwieg der Greis. Der junge Graf konnte vor Ruͤhrung auch nicht reden und druͤckte dem Kranken dankend die Hand. FJetzt ſagte er:„O! wie ſchmerzt mich's, daß ich Ihnen eine truͤbe Stunde machte; aber Sie haben verziechen. Mein Wort mußte ich halten, ſa wollte es die Liebe. Wenn Amalien die Vorzuͤge des Standes fehlen, ſo beſitzt ſie doch die Tu⸗ genden der edelſten Graͤfin.“—„Aber,“ fragte der Graf,„wo iſt ſie? Gern hätte ich ſie geſehen! Meinen Anblick darf ſie nicht fuͤrchten. Deine Gattin ſoll ſie wer⸗ den und wie meine Tochter kann ich ſie lieben.“— Mit den Worten:„Sie iſt hier und fuͤrchtet den Anblick eines gutigen Vaters nicht, ich will ſie mit ihren Eltern holen,“ verließ der Graf Anton das Zim̃mer. „Komm, Amalie,“ ſagte der Kranke, als ſie ins Zimmer getreten war und ſich angſtlich bedachte, ob ſie ihm naͤher treten 34 buͤrfe,“ komm geliebte Tochter, unter uns iſt nur Liebe und Friede. Mit feſter Treue liebt Dich mein Sohn, Du mußt ſehr gut ſeyn. Viele Grafen von Weſterberg wa⸗ ren gluͤckliche Gatten, Du wirſt die Zahl der edeln Frauen, die hier durch Tugend und Liebe ſich auszeichneten, vermehren.“ Der Greis nahm Amaliens Hand, legte ſie in ſeines Sohnes Hand und fprach über ſeine Kinder den vaͤterlichen Segen.„Nun werde ich leichter ſterben,“ ſagte er,„da ich ein gutes Werk voll⸗ bracht habe. Meines Wiſſen laſſe ich kei⸗ nen in der Welt zuruͤck, den ich mit Vor⸗ ſatz betruͤbte“ Herzliches und Ruͤhrendes wurde ge⸗ redet. Dem Kaufmann Olbert erſchien der Graf wie ein verklärter Heiliger und voll innerer Hochachtung ſtand er vor ihm. Leicht befreuudeten ſich die Gemüther. Die Mutter blieb mit Amalien in Weſt⸗ greußen, ſo wollte es der alte Graf, der ſich mit jedem Tage beſſerte, und Olbert reiſte in ſeinen großen Geſchaͤftskreis —*— — S— 35 zuruͤck.— Die zärtliche Kindesliebe, mit der ſich Amalie an den Greis ſchmiegte, die ſein ganzes Weſen bald verſtand, be⸗ lohnte er durch Gegenliebe und auch da⸗ durch, daß er ihr den koſtbaren Braut⸗ ſchmuck ſeiner Gattin, an ihrem Geburts⸗ tage, mit den Worten ſchenkte:„Du biſt es werth, ihn zu tragen.“ Noch zwei Jahr war der alte Graf Zeuge des ehelichen Gluͤcks ſeiner Kinder. Amalie trug ihn gleichſam auf ihren Hän⸗ den. Keine Stunde konnte er ihre Gegen⸗ wart entbehren.„Dir wird es auf Erden wohl gehen, liebe Tochter,“ ſprach er we⸗ nige Stunden vor ſeinem Tode,„denn an mir haſt Du den Himmel verdient. Sohn, vergilt ihr die Liebe, die ſie Deinem Vater bewies, wenn ich nicht mehr bin, und, Amalie, Dein Herz wird Dich loh⸗ nen!. Die Trennung von ihr wurde ihm ſchwerer, als von ſeinem geliebten Sohne. Fuͤrwahr, auf der weiten Erde ken⸗ nen wir kein eheliches Paar, das an graͤflichen Gatten uͤbertraͤfe. Nie wurde der Friede ihrer Herzen geſtort, ein Wille, eine Neigung regierte ſie Beide. Fuͤr Zerſtreuungen in der großen Welt hatten ſie keinen Sinn und in ſtiller Haͤuslichkeit fanden ſie ihr hochſtes Gluͤck. Hochmuth und Stolz blaͤhte die junge Graͤfin nicht auf, ſie war und blieb das beſcheidene, ſanfte, einfache und prunkloſe Weſen, wie ſie's als Kaufmannstochter wat. Die Verbindungen, in denen ſie vorher mit einzelnen Freundinnen ſtand, hob ſie nicht auf, am meiſten aber zeichnete ſie eine gewiſſe Auguſte Bertram aus, die ſchoͤner war, als ſie ſelbſt, mit der ſie am meiſten übereinſtimmte. Im Sommer war dieſe Auguſte oft Wochenlang in Weſt greußen. „Koͤnnten wir doch Augüſten ſagte die Graͤfin, als ſie mit ihrem Gatten al⸗ lein war,„mit unſerm ledigen Neuberg verheirathen! Er iſt ein ſo herrlicher Menſch, durch den ſie gewiß glücklich wurde.“— Frömmigkeit, Liebe und Unſchuld, dieſe —.— „Nun,“ erwiederte der Graf,„Dein Plan kann zu Stande kommen. Neuberg iſt Auguſten ſehr gut, ich weiß es, er moͤchte ſie auch wohl zu ſeiner Gattin waͤhlen; aber er meint, ſie paßt fuͤr kei⸗ nen Landwirth und ſey viel zu vornehm, kuͤnſtlich und ſtädtiſch gebildet. Dies al⸗ lein waͤren ſeine Ausſtellungen gegen ſie, und, daß er mit ſeinem ſchlichten, natuͤr⸗ lichen, unmodiſchen Weſen, nach altem Schrot und Korn, nicht ſo recht fuͤr ſie ſtimme.“—„Dieſe Bedenken,“ ſagte die Graͤfin in froher Hoffnung,„laſſen ſich leicht widerlegen und heben. Auguſte iſt klug, ſie kann die beſte Landwirthin wer⸗ den. Sie wird ſich mit ihrem Weſen bald nach dem Gatten fuͤgen, wenn ſie ihn auf⸗ richtig liebt. Ein edler, guter Mann iſt ihr gewiß lieber, als ein Herrchen nach der Mode. Und iſt Neuberg nicht ein ſchoͤner Juͤngling?“—„Sein gonzes Herz mit allen ſeinen edeln Eigenſchaften kenne ich, oſt ſchon haſt Du Dich uͤber die Liebe gefreuet, die uns Beide verbin⸗ 38 det; aber eben darnach, meine gute Ama⸗ lie, mußt Du's abmeſſen, wie aͤngſtlich ich doch bin, Neubergen eine Gattin vor⸗ 3 zuſchlagen, und juſt dieſe Auguſte. Es wuͤrde mich doch bis ins Mark der Seele ſchmerzen, wenn er mit ihr nicht ſo gluͤck⸗ lich leben koͤnnte, als ich's ihm wuͤnſche, und wenn ich das verſchuldet haͤtte. Wirk⸗ lich hat Deine Freundin fuͤr eine Landfrau zu viel Frniß und Schmink, und ſchwer wird es ihr immer ankommen, ſich zur laͤndlichen Einfachheit und zu der unver⸗ ſtellten, ungekuͤnſtelten Biederkeit meines Amtmanns herabzuſtimmen, der das Ge⸗ zierte, Kuͤnſtliche nicht leiden mag, und, bei aller ſeiner innern Bildung, ein un⸗ verdorbener Naturmenſch iſt.“—„Koͤnnte Auguſte meine Freundin ſeyn, wenn ſie nicht ſo unbeſchreiblich gut waͤre? Wenn ſie den ſtaͤdtiſchen Geſellſchaften entnommen iſt, wird ſich ihr Stadtton bald verlieren und ſie wird mit ihren Sitten das ſeyn, wozu ſie Neuberg bildet. Sie iſt unver⸗ dorben und fromm, ſchön, wie ein Engel ———— 39 und nicht ohne bedeutendes Vermögen, das dem Amtmann willkommen ſeyn wird, da er das väterliche Erbgut mit ſeinem Bru⸗ der in Hamburg theilen mußte.“ „Wir thun am beſten, liebe Amalie. wenn wir uns in die Sache gar nicht mi⸗ ſchen“ ſagte der Graf.„Hat der Hinme die Beiden fuͤr einander beſtimmt, ſo wird es an Mitteln und Gelegenheiten, ſie mit einander zu verbinden, nicht fehlen. Die Eheleute wiſſen in der Regel denen kei⸗ nen nderlichen Dank die mehr oder we⸗ nig zu ihrer Verheirathung beitrugen.“ Am naͤchſten Erndtefeſte, was Neuberg, nach der Sitte ſeines Vaters, in ſeinem Herzen, aber auch in einer Geſellſchaft, die er zu ſich lud, hoch feierte, wurde ſeine Verbindung mit der liebenswurdigen Au⸗ guſte, ohne fremdes Zuthun, entſchieden. Er bat die Eltern der jungen Gräfin da⸗ zu, und, weil er's wußte, daß er ihr da⸗ mit eine Freude machte, auch Auguſten mit ihren Eltern. Diesmal waͤre ſie von Weſtgreußen nicht weggeblieben und ſie 40 wuͤrde ihre Eltern uͤberredet haben, dem Feſte beizuwohnen, wenn ſich dieſe gewei⸗ gert haͤtten, die Einladung anzunehmen. Sie ſehnte ſich, ihre Amalie, nach einer Trennung von mehrern Monaten, wieder zu ſehen; aber ſie geſtand ſich's auch ins⸗ geheim, daß ſie Neubergen gern wieder ſah, der einen tiefen Eindruck auf ſie ge⸗ macht hatte, welcher ſich nicht wieder ver⸗ lor. Seiner Bitte an ſie und ihre Eltern, zum Erndtefeſte zu kommen, gab ſie eine Deutung, die einem Wunſche gunſtig war, der in ihr immer klarer ans Licht trä und ſie innig erfreute. Ihre Eltern mußten bei Neubergen herbergen, da ſie ſeine Gaͤſte waren, aber gern gab er's zu, daß Auguſte auf dem Schloſſe bei der Gräfin logirte. Die gan⸗ ze Geſellſchaft war am Abend zum Graf geladen. Im Stillen wunderte ſich der ——————— Apotheker Merian; Auguſtens Vater, wie gutig und freundſchaftlich der Graf mit ſeinem Pächter umging und wie beſcheiden, 3 hoͤflich und gefaällig dieſer war. Ueber⸗ ——— —„— N 41 haupt lernte Merian dieſen Neuberg pald als einen jungen Menſchen mit gebildetem Verſtande, unverdorbenem Herzen, mit of⸗ fenem, unverſtelltem Sinn kennen, und liebgewinnen. Am Erndtefeſte legte es Auguſte, der die Graͤfin Manches von ihm geſagt hatte, was ihr willkommen war, nicht abſichtlich darauf an, ihm zu gefallen, ſie war ſogar ſchuͤchtern und aͤngſtlich, wenn er mehr, als ſonſt, mit ihr ſprach; aber ſie gefiel ihm in einem weit hoͤhern Grade, als vor⸗ her nie. Am fruͤhen Morgen, wo er mit ihren Eltern allein war, ſagte er zu ihnen, mit oͤfterm Erroͤthen und nicht ohne die Zei⸗ chen einer geheimen Verlegenheit:„Wenn ich Sie freundlich zum Erndtefeſte lud, ſo hatte ich dabei auch die Abſicht, daß Sie mich und mein Hausweſen naͤher kennen lernten. Verſtellen kann ich mich nicht, wie Sie mich finden, ſo bin ich. Moͤchte ich Ihnen gefallen! Jedesmal, ſo oft ich Ihre Tochter bei der Graͤfin ſah, glaubte ich feſter an ihre Unſchuld und an jenen * Sinn, der nur das Gute liebt und es ernſt⸗ lich will Ihre Schoͤnbeit, ihre heitere Freundlichkeit, ihr ganzes liebliches Weſen, das ſie auch geſtern bewies, hat mich un⸗ widerſtehlich zu ihr hingezogen. Bedenken Sie ſich, ob Sie in mir den Mann wohl finden, von dem Sie glauben koͤnnen, daß er Ihre Tochter ſo gluͤcklich macht, als es in dieſem unvollkommnen Leben moͤglich iſt. Haben Sie oder hat Auguſte ſchon anders gewahlt, ſo verſchweigen Sie mir das nicht „Lieber Herr Amtmann,“ erwiederte Merian,„ſo willkommen mir Ihr Antrag iſt, er uͤberroſcht mich. Von keiner Wahl weiß ich, die Auguſte getroffen haͤtte. Für einen redlichen Juͤngling halte ich Sie; aber, ehe ich meinen Conſens gebe, müſſen Sie mir Bedenkzeit laſſen. Auguſte iſt frei und nie werde ich ſie zwingen, einen Schritt zu thun, von dem ihr Lebensgluͤck abhängt. Begnuͤgen Sie ſich mit dieſer Erklaͤrung, mehr kann ich Ihnen noch nicht zuſichern.“ ——— ——— 43 Wort fur Wort erfuhr der Graf an. demſelben Tage Alles, was Neuberg mit Auguſtens Vater geredet hatte, von dem Amtmann ſelbſt. Er faßte ihn bei der Hand, fuͤhrte ihn in das Zimmer ſeiner Gattin und ſprach, als ſie mit Augüſten 6 auf dem Sopha ſaß:„Amalie, wenn Au⸗ guſte unzertrennlich in Deiner Naͤhe blei⸗ ben will, ſo haͤngt das von ihr ab. Was ſie Dir geſtanden hat, das hat mir der Amtmann ebenfalls offenbart. Bei ihren Eltern warb er um die Hand der Tochter„ Auguſte erroͤthete und Neuberg gerieth in große Verlegenheit. Die Graͤfin nahm das Wort und ſprach:„Welch ein Zögern! Es muß auf der Stelle zu einer Entſchei⸗ dung kommen! Der Himmel will zwei edle Seelen verbinden, die Tugend wird es ihnen nicht an Freuden fehlen laſſen!“ Neuberg trat Auguſten näher, reichte ihr ſeine Hand hin und ſagte:„Glauben Sie, daß ich der Mann nach Ihrem Per⸗ zen bin, der keinen andern Wunſch hat, 1 44 als den, Sie gluͤcklich zu machen, ſo ſchla⸗ gen Sie ein. Sie ſchlug ein, ſchwieg und ſonkte den Blick zur Erde. Die Graäfin ſagte:„Auguſte, nun trennt uns nur der Tod! Der beſte Juͤngling wird Dein Gatte! Mein Gluͤck hat das Deine er⸗ Zeugt! Freue Dich, preiſe Dein gutes Ge⸗* ſchick!.. Neuberg kußte Auguſten. Der Graf und die Graͤfin entfernten ſich, um den Gäſten das frohe Ereigniß zu verkuͤndigen. Nach einer Weile verſam⸗ melten ſich Alle in dem Zimmer, wo die Liebenden ſaßen, und wuͤnſchten ihnen Gluͤck. Welch ein Jubel, welch eine Freude! Erſt nach fuͤnf Tagen reiſte Au⸗ guſte, als Neubergs Braut, mit ihren Eltern nach der Stadt zuruͤck, und nach Verlauf von ſechs Wochen wurde die Hoch⸗ zeit der Verlobten auf dem Schloſſe Grafen gefeiert. Wie eine rakhende, weiſe und tiecbe⸗ volle Mutter ehrten die beiden jungen. Frauen ganz vorzuͤglich die Gattin des Pſutrers Guͤnther, die zwar noch in den —— — ——— beſten Jahren war, aber einen Schatz viel⸗ facher Erfahrungen geſammelt hatte. Dieſe Predigerfamilie konnte uberhaupt fuͤr eine muſterhafte gelten. Die Zeit, welche das Amt dem Geiſtlichen frei ließ, widmete er ganz der Erzieyung ſeiner Kinder, Albert, Carln und Johannen, und belehrte ſie durch zweckmaͤßigen, ihrem Alter anpaſſen⸗ den Unterricht. Fruͤh zeigte Carl einen entſchiedenen Hang zur Malerei und ſein Talent im Zeichnen entwickelte ſich, unter der Leitung des in dieſer Kunſt nicht un⸗ geuͤbten Vaters, ungemein. Die drei Familien im Dorfe, die des Grafen, des Amtmanns und Predigers, lebten in herzlicher Freundſchaſt mit ein⸗ ander und waren am Sonntage, in den Sommerabenden, regelmaͤßig bei dem Graf verſammelt. Nur den Winter uͤber ver⸗ ließ der Graf Weſtgreußen und lebte mit ſeiner Gattin, wie es ſein Vater gethan hatte, in deſſen Fußſtapfen er trat, in der Hauptſtadt, wo ſich dann der Prediger und Amtmann faſt taͤglich beſuchten. Neuberg wäre mit ſeiner Auguſte ganz gluͤcklich geweſen, wenn ſie ſich nur mehr an das Landleben haͤtte gewoͤhnen und,* ohne der innern Guͤte etwas zu vergeben, ſich in ihrem ganzen Betragen die ſtaͤdti⸗ ſche Hoͤflichkeit, das geputzte Weſen, die feinen Manieren haͤtte abgewoͤhnen koͤnnen. Sie that ihm viel zu viel fuͤr die aͤußere Schminke, fuͤr das Einnehmen und Ge⸗ fallen. Natur und Einfachheit galt ihm fuͤr den groͤßten Schmuck, und was ſie ver⸗ ſchoͤnen, bekuͤnſteln wollte, hielt er fur Entſtellung des Guten und Wahren. Es wollte ihm nicht gelingen, ſie umzubilden und das auszurotten, was ſo tief in ihr eingewurzelt war. Sie fand dagegen, daß es doch beſſer ſey, wenn er polirter, abgeſchliffener, feiner in ſeinen Worten und Reden ſey, die Wahrheit verbluͤmter ſagte, und in ſeinen Handlungen abgemeſſener ware. In der Hauptſache, was Liebe, Treue, Unſchuld, Güte betraf, herrſchte unter ih⸗ nen eine. ſchoͤne Uebereinſtimmung; aber ——— —— 5 * 3 — 47 Keiner von ihnen wollte in den Neben⸗ ſachen dem Andern das Geringſte aufop⸗ ſern.„Ein Engel wäreſt Du, meine liebſte Auguſte, wenn Du das ſtädtiſche Mode⸗ weſen, jenen Firniß, der oſt mit falſchen Farben taͤuſcht, meiden wollieſt. Du biſt ja in Deinem Innern ſo rein, ſo ſchuldlos und fromm, daß Du das Schöne, was Dich ſchmuͤckt mit keiner erborgten Scminke bemalen darfſt. Die groͤßten Reize hat die Wahrheit und Natur. Die Tugend erſcheint allenthalben in der liebenswuͤr⸗ digſten Geſtalt, und der menſchlichen Male⸗ rei, die ſie nicht ſchoͤner machen kann, als ſie iſt bedarf ſie nicht. Laß Andern die Verſtellung, denen innerer, moraliſcher Gehalt fehlt, ſich beſſer zu lüͤgen, als ſie ſind. Wem ich nicht ſo gefalle, wie ich bin, dem mag ich gar nicht gefallen Lächelnd, aber mit geheimem Ernſt, erwiederte die Gattin:„Warum ſoll ich mich nur nach Deinen Wuͤnſchen beque⸗ men und Du willſt Dich nach mir nicht richten? Hätte ich allein nur Unrecht und 4⁸ Du hätteſt Recht? Anders, als mich, hat Dich die Erziehung und das Verhaltniß geformt, willſt Du nur Deine Bildung allein fuͤr die wahre gelten laſſen? Waͤre gefaͤllige Artigkeit und Höflichkeit Unnatur? Welcher Eintrag geſchaͤhe damit der Tu⸗ gend? Aus eigener Erfahrung weißt, Du es, daß es nicht leicht iſt, jede neue Ge⸗ ſtalt anzunehmen, darum laß mir die mei⸗ ne. Sey duldſam, wie ich's gegen Dich bin, und ſieh uͤber den Flitter hinweg, der Dir mißbehagt und halte Dich an meiner treuen Liebe und einer Frömmigkeit, die keines Wechſels faͤhig iſt, In der Haupt⸗ ſache ſind wir friedlich einverſtanden und das Nebenſächliche ſoll uns nie feindlich trennen. Läſſeſt Du mir aber nur Zeit 3 und übereilſt mich nicht, dann ſollſt Du's erfahren, daß ich eine Amtmannsfrau werde, wie ſie ganz nach Deinen Wuͤn⸗ ſchen ſeyn muß. Dir zu gefallen, das iſt das Ziel aller meiner Beſtrebungen, und es zu erreichen, achte ich fuͤr zn⸗ hoch⸗ ſtes Gluͤck auf Erden.“ ini — 4 3 S ————— ————— 8 49 Neuberg kuͤßte ſeine liebe Auguſte recht herzlich, bat ſie um Vetzeihung und daß ſie nicht auf ihn zuͤrnen ſolle. Die junge Frau fuͤhlte ſich bisweilen doch ſehr einſam und verlaſſen, beſonders am Tage, wenn ihr Gatte auf dem Felde war und ſie ſich allein in dem großen Hauſe ſah. Die Sommer, wo die Graͤfin nur biswei⸗ len Geſellſchaft in Weſtgreußen hatte, floſ⸗ ſen ihr viel unterhaltender dahin. Ihren Hang nach Vergnuͤgungen, nach Bällen, konnte ſie nicht ganz bekaͤmpfen und manch⸗ mal ließ ſich Neuberg zum Nachgeben be⸗ wegen, daß er eine kleine Luſtreiſe in das nahe Bad mit ihr machte, wo eine Schau⸗ ſpielergeſellſchaft ſpielte, wo getanzt wurde und wo man das Neueſte aus dem Reiche der Mode ſah. Ihm aber gewaͤhrte das Leben außer dem Hauſe, der freie Um⸗ gangston, der Putz und Aufwand, keine Freude, viel gluͤcklicher fuhlte er ſich auf ſeiner Flur, unter ſeinen Leuten und auf der Hoͤhe vor dem Dorfe, wo er ſich an dem Auf⸗ und Untergange der Sonne, 4 und des Abends an dem Sternenhimmel gar nicht ſatt ſehen konnte. Außer dem Graf, dem Pfarrer und ſeinen Schwie⸗ gereltern, hatte er nur einzelne Freunde, in deren Nähe ſich ſeine Seele erheiterte. Sein Gluͤck waͤre ein vollkommnes gewe⸗ ſen, wenn er ſeinen aͤltern, einzigen Bru⸗ der, der ein reicher Kaufmann in Hamburg war, welchen er über Alles kiebte, ſich hätte naͤher bringen koͤnnen. Er hatte ihn ſeit ſieben Jahren nicht geſehen, auch zur Hoch⸗ Zeit nach Weſtgreußen, was er heilig ver⸗ ſprochen hatte, konnte er nicht kommen, weil ſeine Gattin todtkrank war. Wenn die Sehnſucht nach dem geliebten Bruder in ſeinem Herzen zu groß wurde, da fuhr er mit der Rede heraus: Auguſte, wir muͤſſen nach Hamburg eilen. Hatte ſich aber ſein Blut wieder abgekuͤhlt, da tra⸗ ten dem Reiſeplane unuͤberſteigliche Hin⸗ derniſſe entgegen, die ſeine Ausfuͤhrung verſchoben oder gänzlich vereitelten. Unbeſchreiblich war die Freude auf dem graͤflichen Schloſſe, als die Graͤfin ih⸗ 51 ren Gatten, fuͤnf Jahr nach ihrer Verbin⸗ dung, mit einem Sohne beſchenkte. Auch Auguſte war oft traurig, daß der Himmel ihr haͤusliches Gluͤck nicht durch die Ge⸗ burt eines Kindes erfreute.„Du biſt wohl nun eine gluͤckliche Mutter,“ ſagte ſie zu der Grafin, als ſie den Erben großer Gu⸗ ter auf ihren Armen hielt und ihn kuͤßte, „deſto ungluͤcklicher aber fuͤhle ich mich. Wir dulden nun nicht mehr ein gleiches Schickſal und koͤnnen uns nicht gegenſei⸗ tig troͤſten.“—„Liebe Auguſte,“ erwie⸗ derte die Graͤfin,„Du biſt erſt ſeit drei Jahren verheirathet, warte noch zwei, wie ich's mußte, und vielleicht iſt dann Dein natuͤrlicher und gerechter Wunſch auch er⸗ ſullt. Glaube, mit meiner unausſprech⸗ lichen Treude iſt auch eine große Sorge verbunden, die, fuͤr das Leben meines Sohnes, die ich fruͤher nicht hatte. So fehlt es dem Geber des hoͤchſten Gutes nie an Mitteln, unſere Wonnen zu mäßigen, daß ſie nicht die höchſten Grade erreichen.“ Der redliche Neuberg wuͤnſchte es aus 4 52 vielen Gruͤnden, aber auch deshalb, daß ſeiner Frau die Mutterfreude wuͤrde, weil ſie gar zu kinderliebend war. Sie hatte drei Tagloͤhnerkinder, welche ſie kleidete und naͤhrte, die ihr ganze Nachmittage gar nicht von der Seite kamen, von denen ſie aber auch wie die zaͤrtlichſte Mutter geliebt wurde. Er'glaubte auch, daß ſie uͤber das einſame Leben nicht mehr klagen, ſich nach andern Zerſtreuungen und Ver⸗ gnuͤgungen nicht mehr ſehnen, mehr ans Haus gekettet werden wuͤrde, wenn ihr die ſuͤße Sorge fuͤr ein tige Kind auf⸗ erlegt wuͤrde. Die Prophezeihung der Graͤfin, der Wunſch des wackern Neuberg wurde er⸗ fuͤllt, noch ehe ein Jahr verfloſſen war. Auguſte gebar eine Tochter, die ſchoͤn, wie ein kleiner Engel und ganz das Ebenbild der Mutter war. Die Graäͤfin ſollte bei dem Kinde Pathenſtelle vertreten, dawi⸗ der hatte Neuberg nichts; aber er gab es durchaus nicht zu, daß die Tochter wie die Gräfin, Amalie genannt werden durfte, —— — was ſeine Gattin wollte.„Du mußt mir nachgeben“ ſprach er,„das Kind ſoll und muß Marie heißen. So hieß meine un⸗ vergeßliche Mutter und ich kann den Na⸗ men nicht nennen hoͤren, ohne ein kurzes Dankgebet im Herzen zu thun. Sehr hoch achte ich die Graͤfin ihrer Tugend halber und wegen der Freundſchaft, die⸗ ſie fuͤr Dich empfindet; aber groͤßer iſt meine Liebe gegen die Verſtorbene und ich kann nie genug thun, um ihr liebes An⸗ denken, wenn und wie ich's vermag, zu ehren...—„So nenne ſie Marie, lieber Neuberg,“ ſagte die Gattin,„dies iſt ein ſchoͤner Name, bei dem mir die edelſte Jungfrau, die zaͤrtlichſte, hochgeach⸗ tetſte aller Muͤtter, einfaͤllt, ich will nicht auf meinem Kopf beſtehen und gebe dem dankbaren Sohne einer theuren Nutter gern nach.“ Eine ungewöhnlich heitere Laune hatte am Kindtaufenſchmauſe der Prediger Guͤnther und er ließ es an erheiternden Scherzen nicht fehlen.„Wenn die kleine Marie einſt ſo gut wird, als ſie jetzt ſchoͤn iſt,“ ſagte er,„ſo ſoll ſie meines Carls Braut werden. Er iſt ein huͤbſcher Knabe, voller Geiſt und Leben, zum frommen Menſchen will ich ihn erziehen. Lieber Amtmann, was meinen Sie dazu?“— „Dieſe Verbindung waͤre doch zu fruh ge⸗ ſchloſſen,“ erwiederte Neuberg,„wir wol⸗ len unſere Kinder fragen, wenn ſie zu Verſtand und Jahren gekommen ſind. Carl iſt der lieblichſte Knabe, und Gott werde ich danken, wenn mir mein kuͤnfti⸗ ger Schwiegerſohn ſo gefällt, wie dieſer Junge. Meine große Freude habe ich an ihm. Er gruͤßt mich immer ſo freundlich, wenn er mich ſieht.“—„Es iſt ja ſo mancher Scherz ſchon Ernſt geworden,“ ſagte der Pfarrer,„und die Zeit wird es lehren, was aus dieſem werden ſoll.“— „Marien habe ich ſchon fuͤr meinen Dedo beſtimmt,“ ſagte der Graf,„und wenn er ein wackerer und muthiger Ritter wird, läßt er ſich die Braut nicht nehmen.“— „Wenn Sie's im Ernſt ſo meinen, da muß ———— mein Carl zurückſtehen,“ ſprach der Pre⸗ diger. Sonderbar genug war es, daß der Prediger an der kleinen Marie mit einer faſt väterlichen Zärtlichkeit hing und an allem, was ihr begegnete, den lebhafteſten Antheil nahm, ohne daß er ſich einen be⸗ ſtimmten Grund von der Neigung geben konnte, die er ſo auszeichnend fur dieſes Kind fuͤhlte. Seit es geboren war, be⸗ ſuchte er den Amtmann ofter, in deſſen Hauſe eine neue Freudenſonne aufgegan⸗ gen zu ſeyn ſchien, welche die heitere Stim⸗ mung der Gatten noch vermehrte. Nun hatte Auguſte keine Langweile mehr, die Zeit, die ihr als Hausfrau uͤbrig blieb, weihte ſie ganz ihrem Kinde. Wie ein Auge im Kopfe wurde es behuͤtet. Die Graͤfin durfte nicht eiferſuͤchtig auf die kleine, ſchoͤne Marie ſeyn, die einer Bluͤ⸗ thenknospe glich, denn auch ihr Sohn war ein huͤbſcher, munterer, frohgelaunter Knabe. Wie gluͤcklich waren die Muͤtter bei einander, wenn ſie ihre Kinder auf den — Armen hatten! Was war ihnen wichtiger, wenn ſie von ihnen erzahlen konnten! Durch unerwartete Freuden zeichnete ſich dem Amtmann dieſer Sommer beſon⸗ ders aus. Als er eines Tags vom Felde zuruͤckkam, ſah er drei Kinder, ein Maͤd⸗ chen und zwei Knaben, vor der Hausthuͤr ſpielend und froͤhlich umherlaufen. Wer die angekommenen Gaͤſte wohl ſind, fragte er ſich in ſeinem Innern. Er beeiligte ſeine Schritte und kaum hatte er die Schwelle ſeines Hauſes betreten, als ihm ſein Bruder, laut jubelnd und mit offenen Armen entgegen kam.„Mein Bruder, mein Bruder,“ ſo riefen Beide laut und fielen einander voll Entzuͤcken in die Arme. Im Zimmer umarmte Neuberg ſeine Schwiegerin, die er noch nicht perſoͤnlich kannte, ob er gleich oͤfter ſchon Briefe mit ihr gewechſelt hatte, in denen ſie ernſt und ſcherzhaft fruͤher ermahnte, ſeine Ver⸗ bindung mit einem lieben und frommen Madchen nicht zu lange aufzuſchieben. Als der erſte Rauſch der groͤßten Freude —— 57 voruͤber war und Neuberg wiſſen wollte, wenn und wie ſeine lieben Angehorigen angekemmen waͤren, fing Auguſte alſo zu erzählen an:„Die kleine Marie war ſehr unruhig und ich mußte ſie in Schlaf ſin⸗ gen. Meine Angſt, das Kind ſey un⸗ wohl, und mein Singen ließ mich's nicht merken, daß ein Wagen vorgefahren war. Als ich in die Wohnſtube zuruͤcktrat, fand ich unſere Lieben mit ihren Klndern. Ich erſchrack, ſchwieg und hieß ſie endlich will⸗ kommen. Meine Schwiegerin kam mir mit freundlicher Miene entgegen und ſagte zu meinem groͤßern Staunen; liebe Au⸗ guſte, ich will Dich nicht daruͤber lange in ungewißheit laſſen, wer wir ſind, Du wuͤrdeſt es doch ſchwer errathen. Mir fiel auf einmal eine Decke von den Au⸗ gen und mit einem Freudeſchrei rief ich aus: geſteht's, ihr ſeyd unſere Freunde aus Hamburg! Wir ſind's, ſagte die Schwiegerin und, von Entzuͤcken uͤberwaͤl⸗ tigt, fielen wir einander in die Arme. Dich holen zu laſſen, daran dachte ich noch X 58 nicht, denn noch iſt keine Viertelſtunde ſeit ihrer Ankunft verfloſſen“ „Nun, liebe Caroline,“ redete der Amtmann ſeine Schwiegerin an,„biſt Du zufrieden mit mir, daß ich dem Leben ei⸗ nes Hageſtolzen entſagte? Iſt die meine eine Frau, wie Du ſie mir wuͤnſchteſt?“ —„Sie iſt ſchöner, als ich ſie Dir wün⸗ ſchen konnte,“ erwiederte die feine Ham⸗ burgerin,„und gewiß auch beſſer, als Du Dir Deine Frau dachteſt. Auguſte erroͤthete und ſenkte den Biic vor ſich nieder; aber der Amtmann ſagte:„Ihre Schoͤnheit iſt das ſchoͤnſte nicht, was ich an ihr liebe, aber ihr Herz iſt klar und rein, wie der Himmel, an dem die hellen Sterne funkeln. Jetzt erſt kenne ich die beſten Freuden des Lebens, und ſie hat mich's gelehrt, welch eine herrliche Tugend die weibliche iſt. Bruder, es iſt hier, als ob unſere lieben Eltern von neuem wieder lebten. Nur Eins vermiſſe ich an meiner Auguſte, was meiner Mutter eigen war, reine Natur und ungekünſtelte Enarit —— 59 Sie giebt noch zu viel auf den Ton vor⸗ nehmer Geſellſchaften und iſt mir oft in ihrem Weſen zu abgemeſſen, mehr gebil⸗ det, als ich's wunſche. Sie kann ſich, bei dem Bewußtſehn innerer Güte, noch nicht von dem oft ſchiefen Urtheil der Welt losmachen, was uns in unſerm Thun und Laſſen in der Freiheit ſtört und uns zu Sclaven Anderer macht. Meine Auguſte, vergieb mir dieſen Tadel, mit dem ich's doch nicht boͤſe meine. In gleicher Ver⸗ dammniß bin ich bei Dir, weil ich zu we⸗ nig auf Sittenfeinheit und Hoͤflichkeit achte und da magſt Du auch wohl nicht Unrecht haben. Die Tante, die Tante in der Stadt hat Dir die feine Manier einge⸗ ſchaͤrft, die Du Dir ſo ſchwer abgewoͤh⸗ nen kannſt.“ „Lieber Mann,“ ſagte Auguſte lä⸗ chelnd,„ſprich doch nicht von Deiner Grille. Wer Dich nicht ſo genau kennt, wie ich⸗ der koͤnnte Dich und mich leicht verkennen.“ „Bruder,“ fiel ihm die Hamburgerin ins Wort,„was Du tadelſt, muß ich lo⸗ ben. Wodurch unterſcheidet ſich denn der rohe Menſch von dem gebildeten, als durch ſein aͤußeres, wohlgefaͤlliges, einnehmendes Betragen? Ob eine natuͤrliche Gradheit Auguſten ſo anſtehen würde, als Dir, das bezweifle ich. Der Mann muß nicht for⸗ dern, daß die Frau ſo und nicht anders ſeyn ſoll, wie er ſie haben will. Fordert ſie das? Iſt das Artigkeit, daß Du Be⸗ ſchwerden gegen Deine Gattin fuͤhrſt, die ſie vielleicht ſchmerzen. Hätte ſie weniger feine Bildung, ſie ſchwiege nicht dazu, ſie bekaͤmpfte ſich nicht. Der Widerſpruch von ihrer Seite koͤnnte den Funken zum Zwiſt anfachen und wir muͤßten Friedensſtifter ſeyn. Laß Deiner Gattin ja ihre Sitten⸗ kein Menſch in der WVelt beſſer dabei, als Du ſelbſt.“ berg,„ſo ernſt, wie Du die Sache nimmſt, habe ich's damit nicht' gemeint, lieber haͤtte ich davon ſchweigen ſollen. Die herrliche Tugend meiner Auguſte kann eine feinheit und Höflichkeit, fuͤrwahr, es faͤhrt „Liebe Caroline,“ erwiederte Reu⸗ 61 kleine Schwaͤche nicht verdunkeln. Wir ſind einig und es bedarf nie einer Frie⸗ densſtifterei. Spreche ich bisweilen ein Woͤrtchen uͤber ihren feinen Weltton, der mir nicht anſteht, ſo nimmt ſie mir das nicht ubel.“—„Nein, lieber Neuberg, ich nehme es Dir nicht uͤbel,“ ſagte ſeine Gattin,„und Du mußt's doch eingeſte⸗ hen, daß ich mich ſchon ſehr gebeſſert habe„ Der Amtmann umarmte ſeine Gattin und nannte ſie ſeine herrliche Auguſte. Die allzugroße Freude des Wieber⸗ ſehens war die Urſache, daß man nicht an die Kinder und auch nicht an die kleine Marie dachte. Wie viel hatten die Brü⸗ der einander zu ſagen, die ſich in vielen Jahren nicht ſahen! Die Frauen, welche ſich heute erſt von Perſon kennen lernten, fuͤhlten die innigſte Uebereinftimmung ihrer Herzen und ſchmolzen bald in ein ſchoͤnes Ganze zuſammen. Viel Gutes wußten ſie ſchon fruͤher von einander, waren ſich nicht unbekannt, und Liebe, Vertrauen und 62 Achtung knuͤpfte ſie feſt an einander. Die Hamburgerin rief auf einmal aus: „Neuberg, welch ein ſanftes, koͤſtliches Weib hat Dir der Himmel in dieſer Au⸗ guſte geſchenkt! Sie mußt Du auf den Haͤnden tragen! Wie ſchoͤn, wie kindlich iſt ſie!“—„Wenn Du ſie kennteſt, wie ich ſie kenne,“ ſprach er,„wie eine Schwe⸗ ſter wuͤrdeſt Du ſie lieben. Sie iſt ohne Falſch, wie die Tauben, und ich weiß es ſelbſt nicht, ob ſie eine zaͤrtlichere Gattin oder Mutter iſt.“ Jetzt war die kleine Marie in ber Wiege erwacht und kuͤndigte ſich mit Schreien an. Die Mutter eilte in die Kammer, und, als ihr die Schwiegerin nachgehen wollte, brachte ihr Auguſte das Kind ſchon auf den Armen entgegen ge⸗ tragen. Seine Wangen waren roſenroth und lilienweiß, die großen, ſchwarzen Augen glanzten vor Freude, es bewegte die Haͤnde und huͤpfte mit den Fuͤßen. „Das iſt ganz das Bild der Mutter rief die Hambungenn aus,„ein kleiner, ——— —————— S— 63 ſreundlicher Engel, wie ich ihn in menſch⸗ licher Geſtalt nie geſehen habe. Gott er⸗ halte Euch dies Kind und kaſſe Euch viel Freude an ihm erleben!“ Sie wollte es auf ihren Arm nehmen; aber es bog ſich an den Buſen ſeiner Mutter zuruͤck und ver⸗ zog die Miene zum Weinen. „Caroline, was meinſt Du, wenn dieſe Marie einſt Deine Schwiegertochter wuͤrde,“ ſagte der Kaufmann Neuberg.— „Solch eine Schwiegertochter wuͤnſche ich mir,“ antwortete ſie,„wenn ſie wie ihre Mutter wird.“—„Das kleine Ding,“ ſprach der Amtmann,„hat ſchon ſo viele Braͤutigams, die ſie nicht alle nehmen kann. Durch den einen kann ſie eine Graͤ⸗ ſin, durch den andern eine Paſtorfrau wer⸗ den. Vielleicht giebt Marien der Himmel noch Schweſtern, die auch keine Luſt ha⸗ ben, als Nonnen in einem Kloſter ihre Tage zu beſchließen„—„Wie Du doch ſprichſt,“ ſagte Auguſte erroͤthend, „Du weißt ja, daß ich Dich ungern ſo ſcherzen höre.“—„Ja, ja,“ erwiederte er, ſeinen das der gute Ton in der gtußen Welt verbietet. Ich will auch ſchweigen, liebe Auguſte, daß Du nicht roͤther wirſt, als Du ſchon biſt. Muͤßteſt Du Dich nicht freuen, eine Mutter mehrerer Kinder zu werden, da Dich das Eine ſchon ſo unbe⸗ ſchreiblich gluͤcklich macht?“ Die Hamburgerin hatte ihre drei Kin⸗ der vor der Thuͤr zuſammen gerufen, daß ſie die allerliebſte Marie ſehen ſollten, und kam mit ihnen in die Stube. „Man kann in engen Menſchenhetzen nur eine große Freude haben,“ ſagte der Amtmann,„darum habe ich's ſo gauz ver⸗ geſſen, Dich nach Deinen Kindern zu fra⸗ gen. Du umarmteſt mich in der Hausthuͤr, mein einziger Bruder, und daruͤber vergaß ich die ganze Welt. Jungen, nehmt's dem Onkel micht uͤbel...“ Er kuͤßte Alber⸗ ten, Adolphen u die niedliche Agnes recht herzlich. Die Kinder verſammel⸗ ten ſich um die kleine Marie und freu⸗ ten ſich uͤber ſie. Die Kleine ſtreckte beide Haͤndchen nach Agnes aus und icu als —— dieſe ſie kuͤßte. Vor den Jungen wandte ſie ſich zuruͤck.„Siehſt Du, Bruder,“ ſagte der Amtmann ſcherzend,„das kleine Weſen verſteht ſchon Lebensart und die iſ ihr von der Mutter angeboren.“ „Wie gefallen Dir meine Kinder,“ fragte Caroline den Amtmann,„ſo ſchoͤn wie Deine Marie ſind ſie nicht; aber gute Geſichter und liebe Herzen hat Gott ihnen auch gegeben.“—„Ein huͤbſches Mäd⸗ chen habe ich,“ erwiederte er,„kommen nun noch zwei ſolche allerliebſte Jungen hinzu, ſo werde ich mich gluͤcklicher und reicher duͤnken, als alle Monarchen der Erde. Ein maͤnnliches Anſehen haben die Knaben und ſo iſt's recht ſuͤr ihr Geſchlecht. Ein Weibergeſicht, mit dem oft ein weibi⸗ ſcher Sinn verbunden iſt, paßt fur einen Mannskopf nicht. Adolph,“ ſagte er zu dem einen Knaben,„wenn Du recht viel lernſt, viel mehr als Dein Onkel, und fromm und gut wirſt, wie Dein Vater, ſo ſoll die kleine freundliche Marie auch Dei⸗ ne Braut werden.“ 5 Sehr angenehm wurden ſie in ihren freundlichen und ſcherzhaften Geſpraͤchen durch die Erſcheinung des Grafen und ſei⸗ ner Gattin unterbrochen. Der Graf ſtand mit dem Hamburger Neuberg in einem freundſchaftlichen und geſchaͤftlichen Brief⸗ wechſel und liebte ihn noch aus ſeiner fruͤh⸗ ſten Jugendzeit. Dieſer Neuberg war wohl um funfzehn Johr älter, als der Graf und dar Amtmann, aber er hatte ſich doch ein unvergaͤngliches Denkmal auch in dem Herzen des Erſtern geſtiftet. Er kam nie zu ſeinen Eltern nach Weſtgreu⸗ ßen zum Beſuch, ohne daß er durch vie⸗ lerlei mitgebrachte Geſchenke dem jungen Graf eine Freude machte, der ihn wie ei⸗ nen ältern Bruder liebte. Unvergeßlich bleiben unſern Herzen die Menſchen, die durch Beweiſe der Liebe, Guͤte und Ge⸗ faͤlligkeit den ſuͤßen Traum unſerer Ju⸗ gend verſchönten, wir ſind oft in ſpaͤtern Jahren gegen ſie ſo dankbar, wie gegen unſere theuerſten Wohlthaͤter. Der Li war abweſend, als die Grů⸗ ——————— „— ————————— 07 ſin hörte, daß der Bruder des Amtmanns mit ſeiner Familie aus Hamburg ange⸗ kommen ſey. Da er gegen ſie dieſes Kaufmanns oft mit ungemeiner Herzlich⸗ keit erwaͤhnte, der ſich gegen ihn fortge⸗ ſetzt als ein gefaͤlliger, lieber Freund be⸗ wies, ſo glaubte ſie ihm einen beſondern Dienſt zu erweiſen, wenn ſie ihm durch einen Eilboten die frohe Nachricht melden ließ. Er kam bald zuruͤck. Als er aber allein nach dem Amthauſe gehen wollte, ſagte ſie:„Anton, ich ſehe es gern, wenn Menſchen, die ſich lieben, nach einer lan⸗ gen Trennung ſich wieder ſehen. Es macht mir Freude, Einen Deiner Freunde recht bald kennen zu lernen.“—„Komm, beſte Amalie,“ antwortete der Graf,„und verzeih, wenn ich in der Freude allein gehen und Dich zuruͤcklaſſen wollte. Du wirſt einen zweiten Neuberg ſehen, der bei einer fei⸗ nern, aͤußern Bildung, das gute, herrliche Gemuͤth unſczes Amtmanns hat. So jü⸗ diſch der Handel manchen chriſtlichen Kauf⸗ mann ſtimmt, dieſer hat ſeine Redlichkeit 68 und Uneigennuͤtzigkeit bewahrt, 8 kann ich verbürgen. 44 Welche Freude, als der Graf mit ſei⸗ ner rGattin ins Zimmer trat! Er umarmte den Kaufmann mit zaͤrtlicher Innigkeit und fragte dann:„Nun Auguſt— ſo hieß er nach feinem Taufnamen— haſt Du mir auch Spielſachen von Hamburg mitge⸗ bracht?“ Dieſe wenigen Worte machten die vergangene Jugendzeit zur gegenwaͤrtigen und der Kaufmann ſagte:„Herr Graf, könnte ich doch allen Menſchen Ihr Ge⸗ daͤchtniß wuͤnſchen, es iſt ein Quell, aus dem wir Freuden ſchoͤpfen und auch An⸗ dern einen Labetrunk reichen.“ Die Graͤfin reichte der Hamburgerin die Hand und ſagte:„Auguſte iſt meine Freundin und Schweſter, ſchenken Sie mir einen Theil Ihres Vertrauens und Ihrer Liebe, deſſen Sie ſie wuͤrdig achten muͤſ⸗ ſen.“—„Frau Graͤfin,“ antwortete die gebildete Frau,„meine ganze Achtung ha⸗ ben Sie, ſchenken Sie mir, was ich Ih⸗ nen mit vollem Herzen gewähre 6. 69 Die Graͤfin nahm die kleine Marie auf den Arm, zu der ſie wie zu ihrer Mut⸗ ter hinging, und ſagte:„Iſt das nicht ein Engel? Sie ſoll meine Schwiegertoch⸗ ter werden. So meint mein Gatte auch, der die Erfahrung macht, daß ſich's auch mit einer Buͤrgerlichen gut und wohl herz⸗ licher leben läßt, als mit einer hochgebor⸗ nen Graͤfin. Der kleine Dedo und die kleine Brigitte wurden geholt, und die Kleinen ſtrichen ſich de kuß⸗ ten fich. „Beſter Herr guf.“ ſagte der Amt⸗ mann,„verzeihen Sie mir's ja, daß ich Ihnen die Ankunft meines Bruders nicht ſogleich melden ließ. Mein Herz war ſo voll Freude, daß ich Himmel und Erde vergaß. So iſt es noch.“— Lächelnd ſagte der Graf zu Auguſten:„Ihr Mann iſt der artigſte, den es giebt, und doch ſchilt er immer auf die Vornehmen, die ihm voller Complimente und zu höflich ſind. Welch ein Widerſpruch! Aber wiſ⸗ ſen Sie's, wie ich's erfuhr, daß der reiche 70 und gute Hamburger mit ſeiner Familie angekommen ſey? Meine Amalie, die mei⸗ ne Freunde kennt, wenn ſie ſie auch nicht geſehen hat, wollte mir deſto fruͤher eine Freude bereiten und ſchickte mir einen Ex⸗ preſſen nach Klingen, der mir die frohe Nachricht brachte.“—„Frau Graͤfin,“ ſagte der Hamburger mit einer Verbeu⸗ gung,„wie ſoll ich Ihnen danken!“— „Das Vergnuͤgen, meinem Gatten Frohes zu melden, iſt mein Lohn und mein Dank.“ „Aber zum Paſtor muͤſſen wir doch ſchicken und ihn mit ſeiner Familie holen laſſen,“ ſagte der Amtmann zu ſeinem Bruder.“—„Ja wohl, das thue gleich, er hat mich unterrichtet und eingeſegnet, und ſeine Lehren tragen mir herrliche Fruͤchte. Eine koſtbare Pfeife habe ich ihm mitgebracht, da ich weiß, daß er ein ſtarker Raucher iſt und er ein ſolches Ge⸗ ſchenk am liebſten annimmt.“ Der abgeſchickte Bote traf den pfar⸗ rer ſchon mit ſeinep Gattin auf dem Wege nach dem Amthauſe. Ein freudiger Schreck X 27 * uberfiel Beide, als ſie von Neubergs An⸗ kunft hoͤrten. Sie beeilten ihre Schritte. Der Kaufmann war nicht im Zimmer, als der Pfarrer eintrat und er fragte:„Wo iſt denn der liebe Hamburger? Umarmen will ich ihn.“ Die Thuͤr oͤffnete ſich, Beide fielen einander in die Arme. Neuberg hatte die ſchoͤne Pfeife in der Hand. Nach einer Weile ſiel des Pfarrers Blick auf dieſelbe, er betrachtete ſie genauer und rief aus:„Die muß aus England ſeyn, ſo Schoͤnes verſtehen die Deutſchen noch nicht zu fabriciren!“—„Nein,“ ſagte Neuberg,„die Ehre, eine ſolche Pfeife ge⸗ macht zu haben, gebuͤhrt unſern Landsleu⸗ ten. Kaͤme denn alles Schoͤne nur aus dem Auslande zu uns? Nehmen Sie ſie als ein Zeichen meiner immer friſchen Er⸗ innerung an Ihre Liebe, an Ihren Unter⸗ richt an... Nach kurzem Weigern, nahm er die Pfeife an und rauchte von dem mitgebrachten Canaſter⸗ Mehrere Tage verfloſſen in erwuͤnſch⸗ ten Familienfreuden, an denen der Graf 1 3 72 und ſeine Gattin, der Pfarrer mit ſeiner Familie, den herzlichſten Anthell nahmen. Sowohl die Schwiegereltern des Grafen, als des Amtmanns und auch die Tante, welche eigentlich Auguſten erzogen hatte, waren an einem beſtimmten Tage nach Weſtgreußen gebeten und wurden von Er⸗ furt, ihrem Wohnorte, erwartet. An einem Abend, wo die Bruͤder mit ihren Frauen allein waren, ſagte Au⸗ guſte, die mit der Hamburgerin ſchon von der Sache geſprochen und ſie fuͤr ihren Plan gewonnen hatte:„Das Landleben* iſt nicht ohne Annehmlichkeit, aber es wuͤr⸗. de mir der Aufenthalt auf einem Dorfe ſehr langweilig werden, haͤtte ich meinen Neuberg und meine Graͤfin nicht. Viele Vorzuͤge hat doch die Stadt. Es iſt zwar ſehr fruͤh, aber bisweilen denke ich doch daran, was aus meiner Marie werden ſoll, wenn ſie die Jahre erreicht hat, wo ſie ei⸗ nes ihrem Geſchlechte angemeſſenen Unter⸗ richts bedarf und einer fuͤr ſie paſſenden Erziehung. Verbauern ſoll ſie doch nicht.“ —— ——— ,— ₰ * 23 — Der Amtmann ſiel ihr alſp ins Wort: „Dieſe Sorge, liebe Auguſte, liegt noch fehr fern, darum mache Dir keine ſchwe⸗ ren Gedanken. Koͤmmt Zeit, koͤmmt Rath. Was ſie zu wiſſen noöthig hat, das kann ſie hier auch lernen. Ohne Hofmeiſter und Gouvernante wird's auf dem Schloſſe nicht abgehen und da geht ſie mit in die Schule. Gelegenheit, um feine Sitten zu lernen, findet ſie hier mehr, als mir's lieb iſt. Ohne Dir zu nahe zu treten, be⸗ kenne ich's offen, eine Frau, der's auf dem Lande gefallen, die eine Wirthſchaft aus dem Grunde fuͤhren ſoll, muß auf dem Lande bleiben und das Stadtpflaſter keinen Monat betreten. In der großen Welt lernt ein Maͤdchen auch Dinge ken⸗ nen, die ihr am Ende zu weiter nichts, als zum Schaden dienen. Mehr als eine tuͤchtige Pächterfrau ſoll Marie nicht wer⸗ den, und dazu gehoͤrt Anderes, als Knir machen, Tanzen und Franzoͤſiſch.“ „Aber, lieber Bruder,“ ſagte die Hamburgerin,„hindert denn eine gute 74 Bildung, daß eine Frau keine Wirthin ſeyn kann? Soll ſich eine Frau nur auf die Wirthſchaft und weiter nichts ver⸗ ſtehen? Iſt es nicht der Eltern Pflicht, die Kraͤfte des Kindes möglichſt ausbilden zu laſſen? Wiſſen wir's denn gewiß, fuͤr welchen Mann wir unſere Tochter erziehen? Liebe Auguſte, wenn Deine Marie zwolf Jahr alt iſt, da hole ich ſie mir nach Ham⸗ burg ab und dagegen wird Dein Mann nichts haben. In unſern fürtrefflichen Schulanſtalten kann ſie Alles lernen und ich fuͤhre die Auſſicht uͤber ſie. Bei mir iſt ſie ja wie bei einer Mutter. Neu⸗ berg, dagegen kannſt Du doch haben.“ Der Amtmann ſchwieg ein Weilchen und ſagte dann:„Richts, aber auch Alles, und beſonders das Eine, daß es mir un⸗ moͤglich iſt, mich auf eine lange Zeit von meinen Kinde zu trennen und es ſo weit von mir entfernt zu wiſſen. Auguſte, ich frage Dich, koͤnnteſt Du das aushalten? Ich ertrage es nicht.“—„Meinem Her⸗ — 75 zen wuͤrde es ſchwer werden,“ erwiederte ſie;„aber muͤſſen Eltern dem Wohl ihrer Kinder nicht auch ſchwere Opfer bringen? Ein Kind fordert von ſeinen Eltern einſt mehr als die Mitgift. und mit ihr allein kann Marie nicht glucklich werden und nicht gluͤcklich machen.“—„Wenn ihr Verſtand ausgebildet, ihr Herz vor boͤſen Eindruͤcken bewahrt und zur Tugend ge⸗ wöhnt wud, ſo, dächte ich, haͤtten wir an ihr genug gethan. Der blanke Flitter im Aeußern wird bei. Maͤdchen oſt um einen zu hohen Preis erkauft. Ein Quentchen Uunſchuld wiegt bei mir Centner einer fei⸗ nen Lebensweiſe auf. Sieh nur die ge⸗ ſchminkten und modiſchen Puppen, wie arm ſie im Innern ſind und wie entſtellt es in ihrem Herzen ausſieht! Soll Marie auch ſo werden? Sie affektiren alle Tu⸗ genden, aber die Wahrheit derſelben fehlt ihnen.“—„So ſind nicht alle,“ ſagte Auguſte.—„Aber doch Viele, und kannſt * Du's voraus ſehen, zu welcher Claſſe Ma⸗ rie gehoren wird, wenn ſie auf längere 1 76 Zeit in der großen Stadt lebt? unrein und ungeſund iſt da die Luft und den zar⸗ teſten und ſchönſten Blumen iſt ſie am ſchaͤdlichſten.“—„Mein Beiſpiel,“ antwor⸗ tete Auguſte,„widerlegt doch wohl Deine Behauptung.“—„Ob aber Marie einſt zu den Ausnahmen von der Regel gehoͤren wird, wie Du, kannſt Du das auch ver⸗ huͤrgen?“ „Nein, nein, mein Kind, und, be⸗ ihnen aufhelfen, wenn ſie irren, ſie zu⸗ rechtweiſen, wenn ſie krank ſind, ſie pfle⸗ gen. Sie bleiben mit den Eltern Eins und tragen ihre Kindesliebe nicht aus dem Hauſe weg. Wir werden ihnen nicht fremd und unbekannt.“ „Aber, lieber Bruder,“ ſagte die Bamburgerin,„Du vertraueſt ja mir Ma⸗ ien an und nicht einer Penſionsanſtalt.“ — Für eine Penſionsanſtalt, und wenn ſcheert der liebe Gott mehrere, meine Kin⸗ der laſſe ich nie aus meiner Naͤhe. So ſehe ich's, wenn ſie fallen. und ich kann ihre Herrlichkeit in allen Seitungsblattern ——.— — —— 77 auspoſaunt wird, ſoll Gott Marien bewah⸗ ren. Qualt mich nur nicht laͤnger, Marie bleibt bei mir. Ich bin ein Stuttepf. der von Erz und Stein iſt.“ 6 Um die Rede auf einen andern Ge⸗ genſtand zu bringen, ſagte der Amtmann, indem er aus dem Fenſter ſah:„Ich be⸗ greife es nicht, daß die Eltern noch nicht kommen. Der Mond geht bald unter und dann wird's finſtere Nacht. Die Stadt⸗ leute kennen keine Gefähr, darum buͤten ſie ſich auch nicht davor.“—„Sprich mir lieber Troſt ein,“ ſagte ſeine Gattin. „Seit einer Stunde aͤngſtige ich mich ſchon und habe davon geſchwiegen...— „Da kömmt der Troſt ſchon,“ rief Neu⸗ berg aus,„ich hoͤre einen Wagen rollen. Die Frauen aͤngſtigen ſich immer vor der Zeit und machen ſich Sigei das iſt ihr Erbfehler.“ Der Wagen fuhr vor n Amthauſe vor und die Eltern Auguſtens ſtiegen, nebſt der Tante Johanne, geſund und froh⸗ lich aus, indeß der Kutſcher des Grafen den Herrn Olbert und ſeine Gattin nach dem Schloſſe hinbrachte. Die allgemeine Freude war groß. Die kleine Marie mußte aus dem Schlafe genommen und munter gemacht werden, weil ſie der Großvater ſehen und kuͤſſen wollte. Der kleine En⸗ gel laͤchelte und blickte ſich ſcheu um, als er die vielen Menſchen ſah, dann aber verbarg er ſein Geſicht am Buſen der Mutter.—„Das ſage ich Ihnen, Herr Sohn,“ ſprach der Broßvater,„das Maͤdchen wird eine vornehme Stadtfrau, aber nie eine Landwirthin werden. Da⸗ fur iſt ſie zu ſchoͤn, zu zart gebaut.“— „Iſt meine Auguſte nicht eine tuͤchtige Wirthin,“ antwortete der Amtmann„und haͤßlich iſt ſie doch auch nicht. Sie war in ihrer Jugend wohl eben ſo zart, als Marie. Was ich bin und meine Frau iſt, ſollen meine Kinder auch werden.“— „Gut; aber ſorgen Sie auch für ſo gute Pachtungen, als Sie eine haben. Es giebt nicht viele Grafen und Herren, die wie der Graf von Weſterberg denken. Koͤnn⸗ 79 ten ſo manche Verpaͤchter ihren Pächtern den Rock ausziehen, damit dieſe im Hemde oder Kittel gingen, ſie thaͤten es auch. Man goͤnnt den Beamten das Brodt nicht.“ —„Das iſt ihre Schuld. Warum ſind ſie ſo prahleriſch,“ erwiederte der Amt⸗ mann,„und treiben einen Luxus, als ob ſie Millionaͤrs waͤren. Wartet nur, die Preiſe ſind ſchlecht, der Uebermuth wird ſich le⸗ gen. Lernt Euch bei Zeiten nach der De⸗ cke ſtrecken„ Um ſpäter den Faden der Erzaͤhlung nicht unterbrechen zu duͤrfen, muͤſſen wir hier das Merkwuͤrdigſte der Tante Jo⸗ hanne einſchieben, welche in unſerer Ge⸗ ſchichte eine nicht ganz unbedeutende Rolle ſpielt. Die Tante Johanne war die aͤltere Schweſter der Mutter Auguſtens, eine Frau von etwa ſechsundvierzig Jahren. Noch waren die Spuren ihrer ehemaligen Schoͤnheit nicht verſchwunden und der hei⸗ tere, ſelbſtzufriedene Geiſt, der in ihr wohnte, gab ihren Augen ein helles, leuch⸗ tendes Licht. Sie beſaß einen durch viele Erfahrungen gereiften Verſtand und eine Herzensguͤte ſonder Gleichen. Der Undank und die Haͤrte der Menſchen, die ſie fruͤ⸗ her erfuhr, konnte die Liebe zu ihrem Ge⸗ ſchlechte nicht ausloͤſchen, die wie eine helle Flamme, genaͤhrt durch die Religion, in ihr fortbrannte. Ueber eiteln Tand, den ſie nie liebte, war ſie weit erhaben und kannte hoͤhere Freuden, als die voruͤber⸗ gehender Vergnuͤgungen, des Putzes und der Eitelkeit. Heilig hatte ſie in ihrem Innern die köſtliche Perle der Unſchuld und Treue bewahrt, ſo lockend und gefährlich die Nachſtellungen auch waren, die ihr ge⸗ macht wurden. Gegen das maͤnnliche Ge⸗ ſchlecht, ſo wie gegen das weibliche, hatte ſie im Allgemeinen nicht viel Achtung, da ſie nur zu Viele kannte, die aus Sinn⸗ lichkeit und Pflichtvergeſſenheit den Pfad der Tugend verließen, und mit einem glaͤnzenden Gewande vor der Welt beklei⸗ det, geheime Laſter uͤbten. Sie wußte es, wie ſelten das eheliche Gluͤck war und —————— ——— ——— 8r kannte die Gruͤnde, welche es zer⸗ ſtoͤrten. Bei ihrem innern Gehalte legte ſie auf den aͤußern Anſtand viel Werth.„Ein Menſch richtet durch ſein Beiſpiel viel we⸗ niger Schaden an,“ ſagte ſie,„ſo uͤbel es auch in ſeinem Herzen ausſieht, wenn er nur nicht die oͤffentliche Sitte verletzt. Die Tugend, wo ſie wohnt, muß ſich auch in ſichtbarer Form ſchön und liebenswuͤr⸗ dig darſtellen. Ein geſchliffener Edelſtein gilt immer mehr, als ein ungeſchliffener. Mag man es dem Manne verzeihen, wenn er ſeine Mienen nicht regelt, ſeine Worte nicht wiegt, ſeine Handlungen nicht ab⸗ mißt, der Frau kann man die ſorgſamſte Aufmerkſamkeit auf ihr Aeußeres nicht er⸗ laſſen. Allenthalben erſcheine ſie fanft, mild, gutig, beſcheiden und unſchuldig. Tritt ſie uͤber die Grenzen einer edeln Weiblichkeit hinuͤber in das maͤnnliche Ge⸗ biet, ſo erſcheint ſie als ein mißgeſtalte⸗ tes Weſen, das der Natur, die ſie fuͤr ein anderes Betragen erſchuf, Hohn ſpricht. 6 Fruͤh wird das Mädchen fuͤr ſeine Beſtim⸗ mung' nur recht und voͤllig gebildet, eine ſpaͤtere Erziehung holt das Verſäumte nicht nach.“ Welch eine fuͤrtreffliche Erzieherin ſie war, davon ſtellte Auguſte ſelbſt den re⸗ dendſten Beweis auf, die eigentlich aus ihrer Schule hervorging. Die junge Frau hing auch mit unbeſchreiblicher Liebe an dieſer Tante. Neuberg, der die Tante auch verehrte und es wohl zu ſchätzen wußte, daß ſie die Schoͤpferin der Guͤte ſeiner Gattin war, fand es immer unverzeihlich, daß ſie fuͤr den aͤußern Firniß, fuͤr die ge⸗ ſellige Bildulg und den Ton der Convie⸗ nienz zu viel gethan und darauf zu viel Zeit verwandt hätte. Steht es nur im Innern richtig, dachte er, das Aeußere fin⸗ det ſich allein. In jeder Geſtalt findet die Tugend Freunde und Verehrer. Das Edle und Gute kann alles menſchlichen Zuſatzes entbehren.„ Sonderbar genug waren die fruͤhern Schickſale der Tante Johanne, und in der — * 83 Schule nicht gemeiner und bitterer Erfah⸗ rungen hatte ſie ſich einen ſeltenen Cha⸗ rakterwerth, eine herrliche Feſtigkeit, einen Gleichmuth und eine Ruhe errungen, die man bei dem zweiten Geſchlechte nur ſel⸗ ten findet. Ein bejahrter Anverwandter, ein rei⸗ cher Kauſmann Berthes, der Johannen, das ſchone, aufbluͤhende, ſanfte und hoͤchſt liebenswuͤrdige Maͤdchen, auf einer Be⸗ ſuchsreiſe bei ihren Eltern kennen lernte, faßte den unſinnigen Entſchluß, daß ſie ſeine Gattin werden ſollte. Bis in ſein acht und funfzigſtes Jahr war er unver⸗ heirathet geblieben. Zum Ungluͤck fuͤr Jo⸗ hannen war er der Beſitzer eines Vermoͤs gens von etwa hunderttauſend Thalern, und ihr Vater ein Mann, der das hoͤchſte Menſchengluͤck in großen Kapitalien fand. Richts galt ihm in der Welt mehr, als der Reichthum. Am Morgen ſeiner Abreiſe ſagte Ber⸗ thes zu Johannens Eltern:„Ich habe mich ſterblich in Eure Johanne verliebt; ich will 84 ſie gluͤcklich machen, und kann ſie ſich enk⸗ ſchließen, meine Gattin zu werben, ſo wird ſie die Univerſalerbin meines Verms⸗ gens.“ Als er's betheuerte, daß er's ernſt⸗ lich meinte, ſagte der Vater:„Sie wird ein ſolches Gluͤck nicht von ſich ſtoßen.“ Seine Gattin wollte Einwendungen ma⸗ chen; aber ein Wort, ein Blick von ihm brachte ſie zum Schweigen. Als er von Johannen Abſchied nahm, druckte er ihr zwei Rollen von zwei hundert Louisd'or mit den Worten in die Hand:„Johanne, laß Dir dieſe Kleinigkeit für ein Zeichen der Liebe gelten, die Du meinem Herzen unausloͤſchlich eingegraben haſt.“ Weiter ſag⸗ te Berthes nichts. Johanne war unentſchloſ⸗ ſen, ob ſie die große Summe annehmen oder zuruͤckgeben ſollte. Als ſie ſo zoͤgernd daſtand und der Vater ihre Verlegenheit merkte, ſagte er zu ihr:„Beleidige den Vetter nicht fuͤr ſein Wohlwollen, das er Dir zu erkennen giebt, es iſt ein Geſchenk ſeiner Liebe, das Du mit Dank erwiedern mußt.“ Johanne umarmte in der Unſchuld . 85 ihres Herzens den reichen Liebhaber, den der Kuß ihrer Lippen bis ins Innerſte entzuͤckte. Er bat ihre Eltern ſehr ernſt⸗ lich, der Tochter keine Sylbe von ſeiner zaͤrtlichen Zuneigung zu offenbaren, weil er es nicht wolle, daß ſie zur Heirath mit ihm gezwungen werde. Der Mutter wurde das Schweigen nicht ſo ſchwer, als dem Gatten, der Johannen ihr großes Gluͤck verkundigen wollte, um es von ihr mit Gewißheit zu erfahren, ob ſie es auch frei⸗ willig und mit Freuden annahme. Nach Verlauf von vier Wochen kam eine kleine Kiſte aus Frankfurt, dem Wohnorte Herrn Berthes, an, mit einem Briefe an Johannens Eltern, in dem es hieß:„Ueberteichen ſie beikommende Klei⸗ nigkeiten meiner unvergeßlichen Johanne, ſagen Sie ihr dabei ausdrucklich, daß ich ſie wie meine liebſte Verwandte liebe, und daß ich fuͤr die Folge bereit bin, ihr auf alle erſinnliche Weiſe Vergnuͤgen und Freude zu machen. Wiſſen Sie ihr Em⸗ pfehlendes von mir zu ſagen, ſo verſchwei⸗ 86 gen Sie es nicht. Der Wahrheit treu, melden Sie mir jedes ihrer Worte. Eini⸗ ge Zeilen habe ich auch an ſie geſchrieben, uberreichen Sie ihr dieſelben und uberlaſ⸗ ſen Sie's ganz ihrem fteien Willen, ob ſie ſie beantwortet. Zwar iſt ſie viel juͤn⸗ ger als ich, aber ein veralteter Greis bin ich auch noch nicht. Ich kenne mehrere ſolcher Ehen, die Gatten ſind ſich den Jah⸗ ren nach ungleich und doch gluͤcklich. Wenn das ſchoͤne Maͤdchen mit einem flatterhaften Juͤnglinge verheirathet wird, welchen Kummer und Verdruß kann der ihr und Ihnen bereiten! Es war das Werk der Vorſehung, die mich in Ihr Hous fuͤhrte und ich bin bereit, ihrem Winke zu folgen. Des einſamen Lebens bin ich muͤde, ſeit ich dieſe Johanne ſah, die mir wie ein Engel erſchien, mir meine Tage zu erheitern ꝛc.“ Die Kiſte war mit Koſtbarkeiten an⸗ gefüllt. Der Vater überreichte ſie ihr mit dem Briefe und ſprach:„Siehe, wie Dich der Vetter Berthes liebt! Da ſchickt er —— 87 Dir abermals ein Geſchenk.“ Johanne er⸗ röthete. Ringe, Hals⸗ und Armbaͤnder, das theuerſte Zeug zu Kleidern, Points ꝛc. waren in den Käſichen. Der Brief ent⸗ hielt nur dieſe Zeilen:„Wenn Dir die beikommenden Kleinigkeiten Freude ma⸗ chen, ſo iſt meine Abſicht erreicht. Danke mir nicht dafuͤr, ich bin belohnt, wenn Du nur glaubſt, daß das, was ich gab, von einem Herzen koͤmmt, das Dich liebr. Vielleicht fuͤhrt mich eine nothwendige Ge⸗ ſchaͤftsreiſe Dir bald naͤher, und lieb wäre mir's dann, wenn ich Dich vertraulicher und guͤtiger gegen mich ſaͤhe.. Johanne ſchwieg als ſie den Brief geleſen hatte und der Vater fragte:„Wel⸗ che Antwort willſt Du unſerm guͤtigen Vet⸗ ter geben?“— Sie erwiederte:„Wie ſoll ich ihm fuͤr ſolche Geſchenke danken! Sie ſind fuͤr mich zu groß urz, ſie antwortete und er las viel mehr aus ih⸗ rem Briefe, als darin ſtand. Ihr Vater aber meldete ihm, wie er glaube, daß Jo⸗ hanne nicht abgeneigt waͤre, die Verbin⸗ 88 dung mit ihm einzugehen, wenn es ihm damit ein Ernſt ſey. Die Freude des Maͤdchens uͤber die Geſchenke war ſehr groß, und im Herzen war ſie gegen den Geber derſelben ſehr dankbar. Sie ͤußerte es gegen ihre Eltern, wie unbegreiflich es ihr ſey, daß Berthes ſie mit einer ſolchen Güte uͤherhaͤufe, der ſie doch bloß dem An⸗ ſehen nach kenne und von dem ſie bisher auch weiter nichts gehoͤrt haͤtte, als daß er * ein reicher, unverheiratheter Mann ſey. —„Du mußt ihm doch gefallen,“ fagte der Vater,„er muß Dich doch auszeich⸗ nend, und mehr als Deine andern Schwe⸗ ſtern lieben, nach denen er weiter nicht fragt. Ein ſolches Wohlwollen läßt ſich erwiedern und ich zweifle nicht, daß Du das Herz dazu haſt..“ Johanne trug ſich mit vielartigen Gebnnken, aber ſie of⸗ fenbarte ſie nicht. Die andern Schweſtern ſahen die Koſtbarkeiten Johannens ohne Neid an. Nach Verlauf von einem Monat ließ ſich Herr Berthes wieder anmelden. Mit ——* 89 einem Kleide von ſeinem Zeuge und mit ſeinen Ringen an der Hand, erſchien ſie vor ihm. Er fand ſie noch reizender als das Erſtemal, als er ſie ſah. Die Gele⸗ genheit, ſie allein zu ſprechen, wurde ihm gegeben. Behutſam und vorſichtig ſuchte er ihr das Geſtaͤndniß ihrer Gegenliebe ab⸗ zulocken. Immer ſprach ſie in allgemei⸗ nen Ausdruͤcken. Endlich, von ſeinem Ge⸗ fuͤhl uͤberwaͤltigt, und um zur klaren Ge⸗ wißheit zu kommen, legte er ihr die Frage vor:„Johanne, kannſt Du meine Gattin werden? Ich liebe Dich mit dem Feuer des zäͤrtlichſten Juͤnglings. Gieb mir eine beſtimmte Antwort. Alles Deinem Gluͤcke aufzuopfern, dazu bin ich bereit. Das er⸗ wuͤnſchteſte Leben kann ich Dir verſpre⸗ chen. Vergebens ſuchte ich eine Gattin, die ich uber alles lieben und achten konnte, in Dir häbe ich ſie gefunden. Beant⸗ worte meine Frage.“— Beſtuͤrzt und er⸗ ſchrocken erwiederte ſie mit hochrother Wange:„Fuͤr mich allein kann ich die Frage weder bejahen, noch verneinen, da 90 meine Wahl nicht von mir allein, ſondern auch von ineinen Eltern abhaͤngt.“— Ber⸗ thes ſtand raſch auf und ſagte:„Warte hier ein Weilchen, ich will Deine Eltern rufen.. Sie erſchienen bald. Beim Eintritt in die Stube ſagte der Vater:„Liebe Johanne, da Du eine ſol⸗ che Wahl getroffen haſt, die uns uͤber Dein kunftiges Gluck keinen Zweifel übrig laͤßt, ſo koͤnnen Eltern einem Kinde, das ſie uͤber alles lieben, ihre Zuſtimmung nicht verweigern. Wir werden Dich an der Seite dieſes herrlichen Mannes ſo gluͤcklich ſehen, als wir's wuͤnſchen.“ Berthes kußte Johannen, zog einen koſtbaren Ring vnn ſeinem Finger und ſteckte ihn, zum Zeichen ſeiner Verlobung mit ihr, auf ihren Finger. Nach ihrer Er⸗ klaͤrung wurde weiter nicht gefragt und im Hauſe wurde es bekannt gemacht, Johanne ſey Berthes Braut. Sie war in einer Betaͤubung, die ſie gar nicht zu ſich ſelbſt kommen ließ. Aus Furcht vor dem Va⸗ ter wagte ſie's auch nicht, zu ſagen, daß — —— 91 man ſie ubereilt haͤtte. Schon am Abend wurde eine Reiſe nach Frankfurt beſchloſ⸗ ſen, die man auch am kommenden Mor⸗ gen antrat. Liebevoll und zaͤrtlich war Berthes gegen Johannen, die es nicht wußte, wie ſie ihn deuten ſollte. Sie ließ ſich gefallen, was ſie nicht verwehren konnte und erzwang ſich eine Freundlich⸗ keit, die ihr fremd war.„ „Siehſt Du, meine Johanne,“ ſagte Berthes zu ihr, als er mit ihr und den Eltern in ſeinem Hauſe angekommen war, wo Alles den reichen Mann verkuͤndigte, „dies Alles iſt Dein Eigenthum, hier biſt Du unumſchraͤnkte Gebieterin. So weit mein Vermögen reicht, erfulle ich Deine Wuͤnſche. An haͤuslichen Freuden will ich's nicht fehlen laſſen und an angenehmen Zerſtreuungen iſt in der großen Stadt kein Mangel. Koͤnnteſt Du mich nicht lieben, ſo muͤßteſt Du wenigſtens dankbar gegen mich ſeyn.“ Sie gab ihm einen Kuß und — ſchwieg. Berthes hatte Johannen im Netze 3 — 92 er wollte ſie aus demſelben nicht wieber entſchluͤpfen laſſen. Sein Verlobungsfeſt beging er in Gegenwart ſeiner geladenen Freunde, bei einem glänzenden Mahle, Man ſtaunte uͤber die Reize der Braut und wunderte ſich um ſo mehr, daß ſie ſich mit dem alten Junggeſellen verband, da man an ihr vorzügliche Geiſtesgaben entdeckte. Ihm konnte man's nur nicht verzeihen, daß er einem Juͤnglinge, für den ſich die Braut paßte, das junge Maͤd⸗ chen ſtahl. Von allen Seiten wurde ihr,. der Koͤnigin des Feſtes, gehuldigt, das ſchmeichelte ihrer Eitelkeit, von der auch die beſten Mädchen nichi frei ſind, und milderte die Heftigkeit des Sturms, in dem ſie ſich fortgeriſſen fuͤhlte. An einem Morgen ſagte Berthes zu Johannens Eltern:„Was wollen wir lan⸗ ge mit der Hochzeit zoͤgern. Wie leicht könnte es geſchehen, daß eine boͤſe Zunge deren es piele giebt, die auf Zwiſt und Trennung hinarbeiten, Johannen von mir* entfernte. Alles wuͤrde ich verlieren, wenn 1 93 ich ſie verloͤre. Mein Wunſch iſt's, daß ich mit ihr verbunden werde, ehe Sie Frankfurt wieder verlaſſen.. Auch dieſe Uebereilung mußte ſich Johanne ge⸗ fallen laſſen und nach vierzehn Tagen war ſie eine junge Frau. Wahre Schmerzens⸗ thraͤnen rollten ihr von den Wangen, als die Eltern von ihr Abſchied nahmen; aber von den wahren Gefuͤhlen, die in ihrer Seele ſtuͤrmten, ahneten die Eltern nichts. Beſonders glaubte es der Vater, daß mit dem erheiratheten Reichthum das Gluͤck ſeiner Tochter unfehlbar gegruͤndet ſey. Sie fuͤhlte es, daß ſie eigentlich an den wohlhabenden Mann verhandelt war und ſie konnte es ihm nicht verzeihen, daß er ſie zum Gegenſtande ſeines ſinnlichen Wohl⸗ gefalleus machte, daß er ſich durch ihr ſchoͤnes Geſicht, ohne alle Kenntniß ihres Herzens, ohne die ſichere Ueberzeugung ihrer Gegenliebe beſtimmen ließ, ſie zur Gattin zu waͤhlen. Er war freundlich, liebevoll, gefällig und that Alles, um ſie zu gewinnen. Sie wuͤrde ſich mit der Zeit mit ihrem Schick⸗ ſale ausgeſoͤhnt haben, wenn der boͤſe Geiſt der Eiferſucht nicht in ſeine Seele ſchlich, der ihn plagte und mit dem er ſie zu plagen anfing. Immer mehr truͤbte ſich der Himmel ihres ehelichen Lebens. Er mied Geſellſchaften und lebte ſo ein⸗ ſam, als es ſein Geſchaͤft zuließ. Sie wurde wie eine Gefangene bewacht. Ohne ihn durfte ſie keine Freundin beſu⸗ chen. Auf ſeinen nothwendigen Reiſen war ſie ſeine Begleiterin. An ihre Mutter ſchrieb ſie:„Bei allem Reichthum und Ue⸗ berfluß bin ich doch nicht gluͤcklich, und Berthes iſt es auch durch mich nicht. Das WMißtrauen, was er in meine Liebe und Treue ſetzt, ſchmerzt mich unendlich. Es iſt unter uns ſchon zum Wortwechſel ge⸗ kommen. Lernt er nicht anders von mir denken und behandelt er mich ferner, ohne meine Schuld, ſo hart, ſo muß ich mich von ihm trennen. Welch eine Qual hat ſich der Mann durch mich aufgebuͤrdet!...“ Allenthalben ſah er Geſpenſter, die — * — 95 ſeine Gattin verfuͤhren wollten, und er glaubte es nun ſelbſt, daß er unklug that, ſolch ein junges Madchen, und uͤberhaupt noch in ſeinen Jahren zu heirathen. Nancher legte es auch darauf an, im Scherz ſeine Eiferſucht noch mehr zu ent⸗ zuͤnden. Es trat auch mancher Verſucher zu ihr, der ſie zu einer That verleiten wollte, die ſie verabſcheute; aber ſie blieb in ihrer Tugend unerſchuͤtterlich. Sie wurde beredet, ſich von dem alten Ber⸗ thes ſcheiden zu laſſen, und ein reicher, in dem beſten Rufe ſtehender Juͤngling, ein Anverwandter ihres Gatten, bot ihr die Hand. Sie ſchwieg davon und legte dem Juͤnglinge Schweigen auf Zehn Jahr lebte ſie in der ungluckli⸗ chen Ehe, die fuͤr ſie die Schule einer vielgepruͤften, herrlichen Tugend wurde. Keinen Vorwurf durfte ſie ſich machen. Heilige Pflichten hatte ſie erfuͤllt. Sie war die treuſte, unverdroſſenſte Pflegerin ihres Gatten, der ſechs Monat auf dem Frank“ tte lag und von der Gicht zer⸗ * 96 riſſen wurde. Allein durfte ſie nie aus dem Zimmer gehen und hatte immer eine alte Waͤchterin bei ſich, der er ſchriftlich dreitauſend Thaler gelobt hatte, wenn ſie ihren Aufpaſſerdienſt treu verwaltete. Als er die Naͤhe des Todes fuͤhlte, mußte es ihm Johanne ſchwoͤren, daß ſie ſich nie wieder verheirathen wollte. Sie that es mit voller Zuſtimmung ihres Her⸗ zens, hielt in der Folge Wort, ſo viele vortheilhafte Anerbietungen ihr auch ge⸗ macht wurden. Als man nach ſeinem Tode das Teſtament erbrach, war ſie zwar Univerſalerbin, aber nur unter der Bedingung, daß ſie ſich nie wieder rathete. Mit ihrem großen Vermoͤgen zog ſie in ihre Vaterſtadt zuruͤck, in den Schooß der Ihrigen. Zu ihrem Vater ſagte ſie einſt, als er von ihrem Gluͤcke ſprach: „Alles haben Sie dazu beigetragen, daß ich fuͤr mein Leben gegen Nahrungsſorgen ge⸗ ſichert binz aber das beſſere Gluͤck meiner Tage, durch Liebe gluͤcklich zu machen und bildetſten Menſchen im Umgange. richtete ſie ihre ganze Sorgfalt auf die Er⸗ woſuͤr er der Tante, deren Herz und Ge⸗ zu werden, haben Sie mir entriſſen. Ihre Zinſen verwandte ſie zu den thaͤtigſten Zwecken und lebte mit den ge⸗ Als Auguſte, die Tochter ihrer Schwe⸗ ſter, das zehnte Jahr erreicht hatte, ziehung dieſes ſchoͤnen Maͤdchens, das die beſten Anlagen zeigte. Von ihr erhielt ſie ihre Sittenbildung, die dem Amtmann Neuberg zu fein und gekuͤnſtelt vorkamen, ſinnung er uͤbrigens verehrte, Lar keinen Dank wußte. Sie ſagte es auch ſelbſt, als Auguſte ganz nach ihrer Neigung den jungen, ſchoͤnen Amtmann gewaͤhlt hatte: „Auf dem Lande wirſt Du Vieles vergeſ⸗ ſen muͤſſen, was Du in der Stadt gelernt haſt, und ein großer Theil Deiner erlang⸗ ten Politur wird fuͤr eine Amtmannsfrau nicht paſſen.“ Nach vielen genoſſenen Familienfreu⸗ den nahte endlich der Morgen, wo die Hamburger abreiſeten. Der Schmerz der 98 Tu'nnung wurde endlich dadurch gemin⸗ dert, daß der Amtmann ſeinem Bruder das Verſprechen gab, ihn nach einem Jahre, wenn nicht unuͤberſteigliche Hin⸗ derniſſe in den Weg traͤten, die man doch nicht vorherſehen koͤnne, mit ſeiner Gattin und Marien zu beſuchen. Auguſte und ihre Schwiegerin hatten ſich ſo liebgewon⸗ nen, als ob ſie zwei Schweſtern waͤren. „Ich freue mich nur,“ ſagte die Kauf⸗ mannsfrau,„daß ich die herrlichen Men⸗ ſchen kennen gelernt habe, mit denen Du ſo innig verbunden lebſt, beſonders die Predigerfrau, dieſe weiſe, erfahrne, zört⸗ liche Gattin, und die Gräfin, welche Dich nicht inniger lieben koͤnnte, wenn ſie Dei⸗ ne Schweſter waͤre. Bringe nur ja Ma⸗ rien mit,“ rief ſie dem Amtmann aus dem Wagen zu,„wenn Du nach Hamburg koͤmmſt, daß ich den kleinen Engel wie⸗ der ſehe, ſonſt mache ich Dir ein unfreund⸗ liches Geſicht.“ Die Reiſe nach Hamburg unterblieb zwar nicht; aber erſt nach mehrern Jah⸗ ——2 99 ren kam's dazu. Neuberg konnte ſich, auf eine lange Zeit, von ſeinem lieben Weſt⸗ greußen gar nicht trennen. Seiner Schwie⸗ gerin hatte es ſo in der Gegend gefallen, daß ſie jaͤhrlich, zu ihrer angenehmſten Er⸗ holung, mit ihrer Familie, dem Amtmann und ſeiner Gattin einen Beſuch abſtattete. Auguſte blieb ohne Kinder, und in Marien ſchien Gott dem gluͤcklichen Ehe⸗ paar das Einzige und Schoͤnſte gegeben zu haben. Sie war aber auch das hoͤchſte Gut ihrer Eltern. Sie wurde nicht allein ihrer Mutter nach ihrem Geſichte und ih⸗ rer Koͤrpergeſtalt immer ähnlicher, ſondern auch ſo ſanft und mild, ſo offen und un⸗ verſtellt, wie dieſe. An ihrer Erziehung tadelte Neuberg weiter nichts, als daß ſie zu vergeblichen Kuͤnſten gewoͤhnt wuͤrde. Oft widerſtrebte er mit ſeinem Weſen der Erziehungsmethode ſeiner Gattin. Die Graͤfin war dagegen eine vielge⸗ ſegnete Mutter, ſie hatte drei Soͤhne und eine Tochter. Hofmeiſter und Gouvernante war zwar auf dem Schloſſe, aber der Un⸗ — war nur ein unvollkommnes Bruchſtück, da der Graf den Winter über mit ſeiner Fa⸗ milie in der Stadt lebte. Die Gräfin bot es Neubergen auf Auguſtens Bitten an, daß er Marien mit ihr ziehen laſſen ſollte; aber dazu ließ er ſich auf keinem Fal be reden und ſagte:„Sie iſt noch zu jung und muß in der Naͤhe der Eltern bleiben, wo ihr am wohlſten iſt; wird ſie aͤlter, ſo nehme ich mit Dank Ihre Guͤte an. Der Herr Prediger; der ſeine Kinder ſehr flei⸗ hig unterrichtet, wovon das juͤngſte Mäd⸗ chen nicht viel älter iſt, als meine Marie, will ſie mit in ſeine Schule nehmen, und da kann ſie mehr lernen, als ſie für eine Amtmannsfrau einſt braucht. Sie bleibt ſo unter unſerer Aufſicht und ihr C Gemuͤth verbindet ſich inniger mit uns. Die Liebe des Kindes zu den Eltern kann man nicht feſt genug in ſeine Seele gruͤnden, denn dieſe iſt der wahre Schutzgeiſt, der ihm in der Folge Muth und Kraft verleiht, Ge⸗ fahren und Verfuͤhrungen, die der Tugend terricht, den Marie dort genießen konnte, ror und unſchuld drohen, zu uͤberwinden. Ohne dieſe Liebe ſind viele Kinder die Beute des Laſters geworden, nur ſie iſt Steuer und Ruder auf dem klippenvollen Meere des Lebens.“ Nicht voͤllig hatte Marie das ſechste Jahr erreicht, als ſie an der Hand ihrer Mutter zu dem Pfarrer hinging, um ſeine Schuͤlerin zu werden. Sie wurde von ſeinen Kindern mit der Liebe empfangen, die ſie alle fuͤr die kleine Marie hegten, und herzlich freuten ſie ſich, daß ſie nun taglich bei ihnen war. Laͤngſt ſchon war ſie der Liebling des Hauſes und alle wa⸗ ren bemuͤht, ihr die Trennung von ihren Eltern zu verſuͤßen. Sie fuͤhlte ſich unter dem muntern Voͤlkchen ſehr wohl und der Pfarrer mit ſeiner Gattin erſchienen ihr wie zwei neue, liebende Eltern. Es be⸗ durſte keiner Ermunterungen, ſie in die Schule zu treiben, ſie erinnerte ſich ſelbſt daran und ging ſo gern zum Pfarrer, als ob ſie dort ein beſonderes Vergnügen er⸗ wartete. Sie zeigte viel Anlage zum Ler⸗ 102. nen, und verſüßte durch ihre Folgſamkeit, durch ihre Aufmerkſamkeit und Wißbegierde die Muͤhe des Lehrers. Keine Unart ließ ſie blicken, wegen keines Vergehens durſte ſie zurecht gewieſen werden. Lauter Liebe und Guͤte war ihr Sinn, darum folgte ſie auch der ſanfteſten Leitung. Der Amtmann war nicht ſowohl be⸗ ſorgt, daß ſeine Tochter zu wenig, wohl aber, daß ſie zu viel lernen werde. Als er vom Franzoͤſiſchen, von der Gefchichte und Geogeaphie ꝛc. hoͤrte, ſagte er einſt zum Pfarrer:„Ein Maͤdchen muß nicht zu viel wiſſen, das verfuͤhrt viele, daß ſie Närrinnen werden. Eine Frau, die lieber ein Gedicht macht, einen Roman und ein Schauſpiel beurtheilen kann, und nicht im Stande iſt, einen Eierkuchen zu backen, taugt nicht fuͤr eine Hausfrau und ver⸗ fehlt den eigentlichen Zweck ihrer Beſtim⸗ mung, zu dem ſie in der Welt iſt. Es frommt nicht, daß man die weiblichen Ge⸗ fuͤhle zu ſehr verfeinert und den Maͤdchen⸗ kopf mit allerlei Ideen anfullt. Die Jung⸗ 103 frauen und Weiber, die mit uͤberſpannter Empfindung in Roſenwolken ſchwimmen und mit ihren Gedanken ſich uͤber die Wirklichkeit erheben, ſo, daß ſie in Phan⸗ taſien umherſchwaͤrmen, ſind unausſtehliche Geſchoͤpfe. Welche Roth hat der Mann mit ihnen, ehe er ſie ins rechte Gleis wieder bringt und ſie aus den Hoͤhen ih⸗ rer Einbildungen und Thorheiten in das wahre Leben wieder niederzieht. So ſoll und darf meine Marie nie werden. Leſen, Schreiben, Rechnen, ihre Mutterſprache richtig ſprechen, darauf beſchraͤnkte ſich ihr ganzes Wiſſen, was druͤber iſt, iſt vom Uebel. Vor allem aber lerne ſie die Re⸗ ligion verſtehen und ihre Herrlichkeit em⸗ pfinden, ohne ſie iſt der Menſch ein Schif⸗ fer auf dem Meer ohne Ruder und Anker. Und wer bedarf dieſer Freundin und Troͤ⸗ ſterin, ihrer Hoffnung und ihres Schutzes, ihrer Waffen und des Muthes mehr, als ein Maͤdchen und eine Frau. Aber das pedenken die Vornehmen nicht, die ihre Toͤchter in eiteln Kuͤnſten unterweiſen iaſ⸗ 104.. ſen, indeß ſie Fremblinge in der Haupt⸗ ſache aller Menſchen, in der Religion vlei⸗ ben. Daher findet man Eitelkeit, Gefall⸗ ſucht, Neigung zum Vergnuͤgen, Unwahr⸗ heit und Untreue nicht unter den Frauen allein, ſondern ſchon unter den jungen Madchen. Herr Paſtor, nehmen Sie dieſe meine offene Erklärung nicht unguͤtig. Ein Vater muß nach ſeiner beſten Ueberzeu⸗ gung fuͤr ſein Kind ſorgen, beſonders, wenn er nur ein Einziges hat.“ 3 „In der Hauptſache haben Sie Recht,“ antwortete der Paſtor,„aber Manches, was Sie eben ſagten, iſt ubertrieben. Auch ein Maͤdchen muß viel lernen, aber ſie lerne nichts, was nicht die Bildung und Veredlung ihres Gemuͤths befoͤrdert. Alle Wiſſenſchaft, die den Kopf aufklärt und es im Herzen finſter läßt, ſchafft nur Mißgeburten, deren Sie viele zu kennen ſcheinen. Seyn Sie unbeſorgt, Marien lehre ich nichts, was ihr ſchaden konnte. So weit meine Kraft reicht, fuͤhre ich ſie* auf dem Wege der Froͤmmigkeit und der ro5 Weisheit fort, ohne die ein frohes und gluckſeliges Leben nicht beſteht. Dazu for⸗ dert mich nicht allein die Pflicht auf, ſon⸗ dern vorzuglich die Liebe, welche ich zu dem herrlichen Kinde hege“ Der Amtmann war beruhigt. Haͤtze er Marien auch dieſer Schule entziehen wollen, ſie wuͤrde ſchmerzlich geweint ha⸗ ben. Von dem Nutzen des Lernens hatte ſie noch keine hellen Begriffe, und dieſer „war es auch nicht, der ſie mit geheimer, unwiderſtehlicher Neigung zu dem Pfarr⸗ hauſe hinzog, es war die Liebe zu den Kindern, denen ſie mit ungetheiltem Her⸗ zen angehoͤrte, und beſonders die Liebe zu dem freundlichen, gutmuͤthigen, gefaͤlligen, nur fur ſie lebenden Carl. Der Knabe war zwar vier Jahr aͤlter als ſie, aber ſo lange Marie in dem Pfarrhauſe war, vergaß er Spiel und Lernen und war nur mit ihr veſchaftigt, und umgab ſie wie ein freundlicher Engel, der ſich geſchaffen ſühlte, ihr Freude zu machen. Das harte“ Wott, was Bn der Vater und die Mut⸗ . 106 ter ſagte, war ihr ein Schmerz im Her⸗ zen, den ſie tiefer und laͤnger füͤhlte, als er ſelbſt. Ein Lob, was ihm ertheilt wurde, eine Freude, die ihm wiederfuhr, konnte ſie entzuͤcken. Sie entſchuldigte ihn, bat fuͤr ihn und wollte lieber leiden, als daß ſie ihn leiden ſah. Unzertrennlich hielt ſie ſich in ſeiner Naͤhe und ſpielte oft mit ihm allein, indeß die andern Kin⸗ der munter und luſtig umherſchwaͤrmten. Der Stoff ihrer Geſpräche war unerſchoͤpf⸗ lich. Carls kleiner Garten auf der Pfarre, war auch Mariens Garten, ſeine Blumen die ihrigen. Alles, alles was er hatte, gehoͤrte auch ihr an. Oft brachte ſie ihm Obſt, ein Stuͤckchen Kuchen von ihren El⸗ tern, das ſie nicht aß und ihm aufſparte. Heimlich ſteckte ſie ihm die Kleinigkeiten zu, wenn ſie zu gering waren, als daß.. ſie auch unter die andern Kinder vertheilt werden konnten. Das Beſte hob er ür auch immer auf.„Die innigſte, zaͤrtlichſte Liebe war unter den Kindern geweckt und eine unerſchöpfliche Quelle war ihr geoff⸗ —— — 107 net, aus der ihr immer reichlich Nahrung zuquoll. Marie nurde vor Unruhe und Sorge auch krank, als Carl am Nervenſie⸗ ber litt, mit Gewalt mußte ſie von ſeinem Bette entfernt werden und erſt dann wur⸗ de ſie wieder froh und genas, als der Knabe voͤllig wiederhergeſtellt war. Erſt jetzt machte es ihm die groͤßte Freude, daß er allerlei Bilder malen konnte. Er malte ihr, was ſie wuͤnſchte, Menſchen und Thiere, Gegenden und Landſchaften. Oft gab ſie ihm Gegenſtäͤnde an, welche buntfarbig gezeichnet werden mußten, und er that ſo freudig, was ſie wollte, als ob es beſtellte Arbeit waͤre. So gefällig und verſchwenderiſch mit ſeiner Kunſt war er gegen ſeine Geſchwiſter kei⸗ neswegs. In dieſer Periode legte Carl den Grund z vſeiner ausgezeichnéten Ge⸗ ſchicklichkeit in der Malerei, die ihm in der Folge ſeines Lebens viel einbrachte, die ihm ſelbſt und Andern ungemeines Vergnü⸗ gen ſchaffte. Die Liebe zu Marien war's, die zur Uebung ſeiner Anlagen für die Zei⸗ —— 108 chenkunſt am meiſten beitrug, ohne ſie, da ihn die Wiſſenſchaft immer mehr anzog, haͤtte er den Bleiſtift und Pinſel gewiß auf bi Seite gelegt. Er hatte in dieſer Periods“ einige Schildereien geliefert, die dem Pfarrer ſelbſt ein hervorſtechendes Ma⸗ lertalent verriethen, darum beſchloß er auch, ſeinen Carl zu einem Anverwandten nach Berlin zu bringen, wenn er uberhaupt das Elternhaus verlaſſen mußte, um auf einer Schule ſich fuͤr die erforderliche Wiſſen⸗ ſchaft mehr auszubilden, weil er dort ge⸗ ſchickte Meiſter kannte, von denen ſein Sohn im Zeichnen ꝛc. den beſten Unter⸗ richt erhalten konnte. Sonderbar und wunderbar ſind in unſerer fruͤheſten Ju⸗ gend die ſo mannichfaltigen Reizmittel der Entwickelung unſerer Kraͤfte, die uns fuͤr dieſen oder einen andern Sand, fuͤr dieſe oder jene Kunſt und Wiſſenſchaft beſtim⸗ men, ſo unmerklich und klein in ihren An⸗ fängen, ſind ſie doch oft fur das ganze Leben entſcheidend. Marie hatte eine große viwerſunn⸗ 109 lung, die ſie mit Freude betrachtete und wobei ſie immer an ihren liehen Carl dachte, welche ſich mit jeder Woche, wenigſtens um ein Stuͤck, vermehrte. Sie ſaß bei dem Lieblingsmaler, wenn er zeichnete, ſah das Bild im Entſtehen bis zur Voll⸗ endung. Die llebſte Ausgabe, die Earl machte, war fuͤr Farben, Pinſel und Pa⸗ pier, der lieben Marie wegen. Auf dem Amthauſe, weil ſie die Thuͤr und Waͤnde der Stuben nicht mehr bekleben durfte, wurde ihr ein kleines Nebenkaͤmmerchen eingeraͤumt, das ſie zu ihrer Bildergalle⸗ rie machte, wo ſie ſich am liebſten ver⸗ weilte. Sehr gelaͤufig und beredt konnte ſie die Bedeutung jedes Gemaͤldes andern Kindern erzaͤhlen, oͤfter, wenn Fremde bei ihren Eltern waren, mußte ſie, auf Bit⸗ ten derſelben, zum Vergnuͤgen der Gaͤſte, die Schönheiten und den Sinn ihrer Mei⸗ ſterſtuͤcke ihnen entwickeln. Die Graͤfin wuͤnſchte es gar ſehr, daß Marie außer den Schulſtunden auf dem Schloſſe ſeyn, beſonders mit Dedo und „—— 110 der kleinen Brigitte, unter der Aufſicht der Gouvernante, ſpielen ſollte. Dort wa⸗ ren Spielſachen im Ueberfluß, an ſußen Naſchwagren, Kuchen und Obſt fehlte es nie, um Marien dahin zu kirren; aber, ſie verrieth ſich ſelbſt, daß ſie viel lieber im Pfarrhauſe ſey. Sie ſollte oͤfter thun, was die Grafenkinder wollten, die Gou⸗ vernante gebot es mit freundlicher, oft aber auch mit ernſter Miene, das gefiel ihr nicht, da die Pfarrkinder dagegen aus Liebe thaten, was ſie wuͤnſchte, und Carl immer auf ihrer Seite ſtand. Die Ge⸗ ſchmeidigkeit, die Liebe und Natur, den herrlichen, freien Sinn, den ſie auf dem Pfarrhauſe fand, vermißte ſie im Schloſſe. Ihre Eltern verreiſeten auf einen oder zwei Tage, ſie blieb zuruͤck, und wenn es ihrer Wahl uͤberlaſſen wurde, ob ſie auf dem Schloſſe oder im Pfarrhauſe bleiben wolle, wurde letzteres immer vorgezogen. Den⸗ noch aber war ſie der Liebling der Graͤfin und ſelbſt des Grafen, die Beide durch 0 ILTI Geſchenke und Freundlichkeit ihre Zunei⸗ gung zu gewinnen ſuchten. Eeinſt kam Marie mit Thraͤnen in den Augen und mit blaſſem Geſicht in dem Pfarrhauſe an. Carl fragte zuerſt und mit innerer Angſt:„Marie, biſt Du krank?“ —„Nein,“ erwiederte ſie,„ein Hund im Dorfe fuhr auf mich zu und wollte mich beißen, ich habe mich erſchrocken, fing an zu laufen und ſiel nieder.“ Von dem Un⸗ fall hoͤrten die Eltern, wollten Marien ei⸗ nen Begleiter mitgeben, aber ſeit der Zeit holte ſie Carl regelmaͤßig ab und brachte ſie zu den Eltern zuruͤck. Gern fuͤhrte er das liebe Kind an der Hand, und ſie kamen immer zu fruͤh vor der Pfarre oder dem Amthauſe an, wenn die Geſchichten, die ſie ſich erzaͤhlten, noch nicht zu Ende waren. Ihr kindliches, wohlwollendes Herz hatte, bei der zaͤrtlichſten Neigung die es fuͤr Carln hegte, noch Raum genug fuͤr die Liebe zu ihren Eltern. Sie erwiederte die Beweiſe ihrer Freude an einem ſolchen „ — 112 Kinde, durch den pünktlichſten Gehorſam, durch die innigſte Gegenliebe und dadurch, daß ſie die Wohlthaͤter ihres Lebens durch keine Unart betruͤbte. Bisweilen ſagte der Amtmanu zu ſeiner Gattin mit trauriger Miene:„Auguſte, denke an mich, Marie iſt fuͤr dieſe Erde zu gut, wir werden ſie durch den Tod verlieren.“— Sie erwie⸗ derte:„Ließe Gott nur ſchlechte Menſchen leben und vollendete die guten fuͤt dieſe Erde zu fruͤh, welche der guten Beiſpiele „gar ſehr bedarf? Das bilde Dir nicht ein, damit aͤngſtige Dich und mich nicht.“ Mariens Eltern wußten es wohl,. welch eine große Vorliebe Carl fuͤr ſie und ſie fr ihn hatte; aber das gluͤckliche Kin⸗ desverhaͤltniß wurde bisher durch kein Ver⸗ bot geſtört. Der Paſtor, ein weiſer, ver⸗ ſtändiger Mann, war auch der Meinung, man dürfe die Kinder nicht trennen, die jungen Gemüther veredelten ſich an einan⸗ der. Der Umgang werde aufhoͤren muͤſ⸗ ſen, wenn Carl, was im naächſten Fruͤh⸗ jahr geſchehen muͤſſe, nach Berlin auf die 1 Schule gebracht werde. Das Andenken an eine in Liebe und Froͤmmigkeit verlebte Jugend, ſey für die Folge ein Schutzgeiſt der unſchuld und ein unerſchuͤtterliches Fundament der Tugend. Auf Unkoſten ſeines wiſſenſchaftlichen Lernens beſchäftigte ſich Cark, der ſchon das funfzehnte Jahr erreicht hatte, bloß um Marien zu vergnuͤgen, die ſeine Schuͤlerin im Zeichnen geworden war und Rieſen⸗ ſchritte in der Kunſt machte, viel zu viel mit der Malerei. Er hatte Weſtgreußen gemalt, welches das Wohnzimmer im Amt⸗ hauſe, mit Glas und Rahmen verſehen, zierte. Es diente zum Geſchenk fuͤr den Amtmann an ſeinem Geburtstage, der Carln wie ſeinen Sohn liebte. Marie ließ ſich auch von ihm zeichnen und das Bild war ihr ſprechend aͤhnlich. Auch der Graf hatte ſein Wohlgefallen an dem jungen, beſcheidenen, klugen und wahr⸗ haft ſchoͤnen Maler. Im Ernſt und Scherz ſagte der Graf einſt zu Carl:„Wenn Dein einſtiger Zeichenlehrer Dir ein vor⸗ 8 114 theilhaftes Zeugniß giebt, ſo ſollſt Du auf meine Koſten nach Rom reiſrn, der Haupt⸗ ſtadt der Malerei.“ Carl lächelte freund⸗ lich und ſchrieb ſich die Worte des Grafen unauslöſchlich in die Seele. „Carl, Carl,“ ſagte der Vater, als er einſt ins Zimmer trat und ihn„eine ſchone Schweizergegend, nach einer Vorzeich⸗ nung, malen ſah,„Du wendeſt auf den Pinſel mehr Zeit, als auf die Buͤcher. Nicht fuͤr das Schoͤne der Kunſt, ſondern fuͤr das Nutzliche der Wiſſenſchaft habe ich Dich beſtimmt. Mache das Malen nie zur Hauptſache. In unſerm Vaterlande muß die Kunſt betteln gehen. Als Neben⸗ ſache ſie zu treiben, das laſſe ich gelten. Folge meinem erfahrnen Rathe, Du weißt, der Vater meint es mit ſeinem Sohne gut. Nach meinem Plane wirſt Du ein Theolo⸗ ge, und der muß ſehr viel lernen, wenn er ſeinen Stand ehren, das moͤglichſte Gute ſtiften und den böſen Ruf wiberlegen will, durch den ſo viele traͤge, unwiſſende Geiſt⸗ liche ſich entweihen. Ein Amt, was das 5 Leben uͤberhaupt nicht entbehren kann, iſt ein ſicheres Fruchtfeld, von dem wir ernd⸗ ten. Wer die Kunſt nicht zum Vergnü⸗ gen treiben, wer ihr nicht frei leben kann und ſie zu einer Dienerin machen muß, die ihm Brodt ins Haus trägt, der ent⸗ zweit ſich endlich mit ihr, wird ihr gram⸗ und den ſtößt ſie von ſich.“—„Aber,“ erwiederte Carl,„meine Bilder machen Marien doch ſo großes Vergnuͤgen, und die liebe ich mehr, als mein Leben.“— „Aber bedenke, daß Du einer andern Be⸗ ſtimmung leben mußt, als der, Marien zu gefallen,“ ſagte der Vater.„Sie kann Dir die Zeit nie bezahlen, die Du ihret⸗ wegen verlierſt.“—„Pater,“ ſagte Carl, „ſprich nicht ſo hart, das ſchmerzt mich!“ Der Pfarrer war mit ſeiner Gattin der Meinung, daß Carl, Mariens wegen, nun nicht laͤnger mehr in WVeſtgreußen bleiben könnte. Er meldete ſeine Ankunft in Berlin bei dem Vetter an, und dieſer ſchrieb zuruͤck, daß er Carln, der ihm ſo vortheilhaft geſchildert ſey, wie ſein eige⸗ 116 nes Kind aufnehmen und behandeln werde. Sein Wilhelm freue ſich zu dem neuen Freunde, der auch ſunfzehn Jahr alt ſey und ſchon in Prima ſaͤße. Neuberg wuͤnſchte es jetzt gar ſehr, daß der vertrauliche Umgang zwiſchen Carln und Marien aufhoͤren moͤchte. Selbſt der Graf hatte ihn aufmerkſam darauf gemacht. Aber, wie ſollte ex ſie von ihm entfernen? Dieſe Aufgabe konnte er nicht loͤſen. Sie war faſt zwoͤlf Jahr alt und fuͤr dies Al⸗ ter nach ihrem Koͤrper ſchon ſehr ausgebil⸗ det. Vergebens hoffte er von einer Zeit zur andern, daß der Pfarrer ſeinen Sohn entfernen und ihn auf eine hohe Schule bringen werde. In dieſer Stimmung ſagte er einſt zu ſeiner Gattin:„Wenn der Carl noch läͤnger hier bleibt, ſo muͤſſen wir unſere Marie zur Tante nach Erfurt bringen. Sie muß von ihm getrennt werden.“—„Ich halte Dich beim Wort,“ ſagte ſie.„Wo iſt ſie beſſer aufgehoben, wo wird ſie muͤtterlicher bewacht, wo lernt ſie mehr den Ton der feinen Welt, ohne 117 das geringſte von ihrer Unſchuld und Tu⸗ gend zuzuſetzen, als bei dieſer Tante! Dieſe wird ſie in ihre Arme ſchließen, an ihr Herz druͤcken.“ Eben hatte man dies fuͤr Eltern ſo wichtige Kapitel geendigt, als der Pfar⸗ rer mit ſeiner Gattin ins Zimmer trat. Nach der Begruͤßung ſagte der Amtmann mit ſeiner gewohnten Offenherzigkeit:„Eben habe ich mit meiner Frau von Carln und Marien geſprochen. Es wird nichts Gu⸗ tes daraus, wenn die Kinder nicht ge⸗ trennt werden. Das Maͤdchen ſpricht wa⸗ chend und im Schlafe nur von Carln. Sie kann die Zeit nicht mehr erwarten, ehe er ſie abholt. Immer, wenn die Schule ſchon aus iſt, koͤmmt ſie mehrere Stunden ſpaͤter. Bei uns ſcheint ſie Lang⸗ weile zu haben. Geht von Seiten Carls keine Aenderung vor, daß er bald weg⸗ kömmt, ſo muß ich in einen ſauern Apfel beißen und das Mädchen nach Erfurt zur Tante bringen. Selbſt der Graf billigt den intimen Umgang meiner Tochter mit — 118 Ihrem Sohne nicht mehr, auch die Gräfin nicht.“ „Wir auch nicht,“ ſagte der Pfarrer. „Aber beruhigen Sie ſich, in vierzehn Ta⸗ gen bringe ich Carln auf die Schule nach Berlin. Er ſoll ſeine Abreiſe erſt den Abend vorher erfahren, halten Sie ſie bis dahin Marien auch verſchwiegen. Haben wir aber den reinen, ſchuldloſen Umgang der Kinder, die ſich uber alles lieben, bis⸗ her geduldet, ſo mag er fuͤr die wenigen Tage auch noch fortdauern.. Dieſe Nachricht erfreute den Amtmann gar ſehr und auch beſonders deshalb, daß er ſich nun von ſeiner Marie nicht trennen durfte. Carl merkte es mit ſeinen andern Geſchwiſtern, daß Anſtalten zu einer Reiſe gemacht wurden und er fragte zuerſt: „Reiſen wir mit zu dem Vetter nach Hal⸗ le?“—„Nein, wir reiſen nach Berlin,“ antwortete der Vater.— Staunend ſagte Carl:„So weit! Das iſt ja vierzig Mei⸗ len von hier! Da bleibe ich lieber zu 119 Hauſe.“—„Und warum?“ fragte der. Vater.—„So lange koͤnnte ich von Weſt⸗ greußen und Marien nicht wegbleiben⸗ Sie hält es nicht aus.“—„Mit Dir eben, und mit Dir allein,“ ſagte der Va⸗ ter,„reiſe ich nach Berlin, um Dich auf eine dortige Schule zu bringen. Das iſt Dein groͤßtes Gluͤck.“—„Mein groͤßtes Ungluͤck,“ erwiederte Carl.„Von Marien laſſe ich nicht.“—„Nachfolgen kann und wird ſie nicht,“ antwortete der Vater. „Euer Umgang muß aufhoͤren; ſo finden es ihre Eltern fur gut, und ich bin mit ihnen einverſtanden. Kannſt Du Dich leichter von Deinen Geſchwiſtern trennen und von Deiner Mutter?“—„Vater, ach! Vater, bat Carl, und die Thränen ſtuͤrz⸗ ten ihm aus den Augen,„laß mich hien! Mutter, bitte fuͤr mich!“—„Wenn der Vater will, ſo muß das Kind folgen. Keine Bitte und Widerrede mehr. Mit⸗ leid habe ich mit Deinem Schmerze; gber deinen Wunſch kann ich nicht erfüͤllen.“ — ey folgſam, mein lieber Carl,“ ſagte 1 120 „ der Vater,„wie Du es immer warſt, und zwinge mich zu keiner Haͤrte. Verkennſt Du mich jetzt, die Zukunft wird Dich's lehren, wie gut ich's mit Dir meinte. Deine Beſtimmung ruft Dich von hier hin⸗ weg, und mit Ergebung und Ruhe mußt Du ihrem Winke folgen. Keine Bitten und Thränen duͤrfen mich erweichen, feſt uud unerſchuͤtterlich muß mein Vorſatz blei⸗ ben und eben, weil ich Dich liebe, weil ich Dein Vater bin, kann und darf ich nicht davon abgehen. Morgen reiſen wir ab und Du bleibſt keinen Tag hier lan⸗ ger.“— „Vater, ich folge Dir,“ ſagte Carl entſchloſſen,„wenn mir das Herz auch bricht. Sterbe ich, ſo haſt Du die Ver⸗ nichtung meines Lebens auf Deinem Ge⸗ wiſſen. Ich will meine Sachen einpa⸗ cken und das Geſchriebene von Marien in meinem verſchloſſenen Kaͤſtchen verwah⸗ ren. Man ließ ihn gehen. Als er aus der Thuͤr war, lief en unter heftigem Schluchzen, nach dem amt⸗ —* 121 hauſe hin. Er trat, lautweinend, in die Wohnſtube, in der Marie mit ihren El⸗ tern war, ſiel dieſer um den Hals und ſagte:„Von einander werden wir geriſſen⸗ mein Vater ſchleppt mich nach Berlin hin!. WMorgen, morgen, meine Marie! Zum Letztenmal ſiehſt Du mich heute und ich Dich!.. Wir ſterben!“—„Ach! Carl, Carl, Du nach Berlin,“ rief ſie ſchreckhaft aus und umarmte ihn feſter,„ſo grauſam kann Dein Vater nicht ſeyn! Ich will mit Dir gehen, fuͤr Dich bitten, daß er Dich hier läßt, er liebt mich ja ſo ſehr!.. Was ſoll ich hier, wenn Du fort biſt! Eltern, ſteht uns bei, daß Carl hier bleibt!. Marien rollten die Thraͤnen uͤber die Wangen. Einen ſolchen Schmerz hatte ſie noch nicht empfunden, er durchbohrte ihr das Herz, ſie war einer Ohnmacht nahe. Der Amtmann war in ſeinem Innern uͤber den Anblick erſchuͤttert, die Kinder dauerten ihn, zugleich aber zuͤrnte er auch Carln, der Marien den Kummer machte. —— Jetzt ſah er's deutlich ein, daß es hohe Zeit war, daß die Kinder von einander getrennt wurden. Auguſte ſuchte die Bei⸗ den zu beſchwichtigen und ſprach, im In⸗ nerſten tief bewegt:„Grämt euch nicht allzuſehr, vielleicht iſt die Trennung nur von kurzer Dauer und ihr habt euch dann wieder.“ Aber der Amtmann ſagte:„Carl muß fort, hier kann nichts aus ihm wer⸗ den. Hätteſt Du doch Marien den Ab⸗ ſchied erſpart! Was haſt Du davon, daß ſie ſich ſo martert! Marie, Du bleibſt ja bei Deinen Eltern, muͤſſen Dir die das Theuerſte nicht auf Erden ſeyn? Beruhige Dich, wenn ich Dir nicht zurnen ſoll.“— „Ach! lieber, lieber Vater,“ erwiederte ſie, und ſtreckte die Haͤnde nach ihm aus,„ſey doch nicht ſo hart mit mir und habe Er⸗ barmen! Ich bin ja gar zu traurig! Tröſte mich lieber! Willſt Du denn nichts thun, daß Carl nur eine Woche noch hier pleibt?“—„Was der Herr Prediger be⸗ ſchloſſen hat, das wird er ausfuͤhren,“ fagte der Amtmann, zmein Bitten hilſt —— 123 nichts. Carl, ich ſage Dir, gehe, und laß Marien!. Gott laſſe es Dir in der Fremde wohl gehen. Lerne, daß Du einſt ein geſchickter und guter Mann wirſt. Nun gehe und quaͤle meine Tochter nicht laͤnger!“— Er ließ Marien los und ſagte mit verſtoͤrtem Geſicht:„Ja, ich will gehen, aber ich ſterbe und werde niemals wieder kommen.„ Marie rief ihm nach; aber, wie ein Verzweifelter, ſchwankte er aus der Thuͤr und ſah ſich nach keiner Seite mehr um. Er war ſeiner nicht maͤch⸗ tig und wurde vom heftigſten Schmerse fortgetrieben. Der Amtmann, der ſeinetwegen be⸗ forgt war, ging ihm nach und bat ſeine Gattin, bei Marien zu bleiben, die ohne alle Bewegung, blaß wie eine Leiche, daſaß. Carl ging auf dem graden Wege nach der Pfarrwohnung hin und ſeufzte nur laut;„Ach! Gott, ach! Gott erbarme Dich!!“— Als er in ſein Vaterhaus trat, ſagte er:„Ich habe Abſchied von Marien genommen. Sie iſt troſtlos, wie ich's bin. Warum werden wir von einander geriſſen! Lohnt ſich auch das elende Wiſſen der Muͤhe, daß man mir darum den Dolch des Schmerzes bis ins innere Leben bohrt? Ach! ich will nicht mehr lernen, als ich weiß, wenn ich nur hier bleiben kann. Bei al⸗ ler Weisheit werde ich mich doch ungluͤck⸗ lich fuͤhlen.“ „Tobe nur aus, Du leidenſchaftlicher Knabe,“ ſagte der Vater,„Dein Blut wird ſich abkuͤhlen und Du wirſt zur Ver⸗ nunft kommen. Was wuͤrde aus Dir werden, wenn Dich Deine Eltern nicht leiteten!“ Kein Auge konnte Carl in der Nacht ſchließen. Er fuͤhlte ſich an allen Glie⸗ dern wie gelaͤhmt. Ein Fieber ruͤttelte ihn. Fielen ihm die Augen zu, ſo wurde er durch die gräßlichſten Geſpenſter aufge⸗ ſchreckt. Bald ſah er ſich, bald Marien in Rauberhänden. Um zwei Uhr des Mor⸗ gens ſtand ſein Vater vor dem Bette und ſagte im ſanften Tone:„Nun, lieber Carl, ſtehe auf, ziehe Dich an, wir fahren bald 4 ab. Der Morgen iſt kuͤhl, der Tag moͤchte ſehr heiß werden. Denke, Dein Schickſal ruht in Gottes Haͤnden, nimm es ruhig und mit Ergebung von ihm an. Deine Mutter weint und ich trenne mich von Dir mit ſchwerem Herzen. Immer warſt Du ein lieber Sohn und wirſt uns auch in der Fremde Freude machen. Wie aber kannſt Du ſo Deinen Schmerz uͤber die Trennung von Marien übertreiben! Du kannſt nicht bei ihr bleiben. Eure jugendliche Verbin⸗ dung mußte aufhören. Du wirſt ſie ja wiederſehen. Komm, Carl, und ſey ver⸗ ſtaͤndig.“ Er kleidete ſich raſch an und ging mit dem Vater ins Wohnzimmer. Da ſaß die Mutter und weinte.„Ach! Carl,“ ſagte ſie,„wie ſehr erſchwerſt Du mir den Abſchied von Hir, daß Du ſo unru⸗ hig biſt! Faſſe Dich„ Er umarmte ſeiue Mutter ſchweigend, ſchluchzte und weinte. Als der Wagen vorgefahren war, ver⸗ mißte man Carln und konnte ihn nir⸗ 126 gends finden. Er war noch einmal nach dem Amte hingelaufen und rief was er konnte:„Marie, lebe wohl!“ Der Amt⸗ mann oͤffnete das Fenſter und ſprach: „Lebe wohl, lieber Carl! Stoͤre Marien nicht! Sie iſt krank und eben eingeſchla⸗ fen.“ Auf einmal hoͤrte er ſie laut rufen: „Carl, Carl!“ Mehr verſtand er nicht. Seine Sinne verließen ihn und er ſank ohnmaͤchtig nieder So fand ihn der Va⸗ ter. Nach vielem Rutteln kam er zu ſich ſelbſt, und ließ ſich nach der Pfarrwoh⸗ nung zuruͤckführen. Hier aber ſagte er: „Nun bin ich gefaßt und bereit, es gehe zum Leben oder zum Tode. Wie ein Lamin folge ich nun, das keine Gewalt zum Widerſtande hat„ Er weinte keine Thraͤne, und wie ein Erſtarrter wurde er auf den Wagen gehoben. Der Pfarrer ſagte zu ſeiner lautweinenden Gattin:„Aengſtige Dich nicht, es vergeht ſicher kein Reiſetag,'ſo ſteht's beſſer mit Carl„ Nun, Johann, fahre in Gottes Namen fort Wei fuhr fort; 7 127 aber die Augen waren ihm auch von Thraͤ⸗ nen naß, denn er liebte Carln mehr als die andern Pfarrkinder, und ſein Leid ſchmerzte ihn in der Seele. Als der Amtmann von der Pfarr⸗ wohnung zuruckkam, bis wohin ſeine Sor⸗ ge und Liebe Carln begleitet hatte, der ſich nach ihm nicht umſah und im wuthen⸗ den Gram weiter ging, fand er Marien in den Armen ihrer Mutter, zwar ruhig und aͤußerlich nicht heftig, aber traurig und betruͤbt bis in den Tod. Sie ſing an zu weinen, als der Vater in die Stube trat und fragte, ob Carl keinen Gruß an ſie beſtellt habe.—„Keine Sylbe habe ich mit ihm geſprochen,“ antwortete der Amt⸗ mann,„da er ſo voraus eilte, daß ich ihn nicht einholen konnte. Aber, Marie, wie kannſt Du ſo außer Dir ſeyn? Wie konnteſt Du Dich als eine Verzweifelte gebehrden? So ſoll und muß ein Kind nicht ſeyn.“—„Vater,“ antwortete ſie, „wuͤrdeſt Du ruhig bleiben; wenn die Mutter von Dir ſchiede, nach Berlin reiſete 128 und Du nicht wuͤßteſt, wann ſie wieder kame und ob Dut ſie je wieder ſaͤheſt? Wenn Du Dich nicht graͤmteſt, aͤngſtigteſt, nicht traurig waͤrſt, ſo haͤtteſt Du ſie im Grunde Deines Herzens nicht geliebt. — Carln muͤßte ich mir nichts machen, undankbar muͤßte ich gegen ihn ſeyn, wenn ich ihn von mir gehen laſſen könnte, ohne ein Zeichen des Schmerzes zu verrathen. Wuͤrdeſt Du mich denn fur beſſer halten, wenn ich den Abſchied ſtumpf und gleich⸗ guͤltig ertruͤge? Welche Freuden hat er mir gemacht, wie guͤtig und gefaͤllig war er ge⸗ gen mich; wie lebte er nur fuͤr mich, und dies Alles könnte ich vergeſſen, fur nichts achten? Lange werde ich um ihn trauern, mich nach ihm ſehnen und aus dem Sin⸗ ne wird er mir nie kommen! Ei⸗ gentlich wußte es der Amtmann nicht recht, was fuͤr eine Antwort er ſeiner Tochter geben ſollte, und er mußte es nur bei all⸗ gemeinen Beruhigungsgrunden bewenden laſſen. Sie verſprach, ſo viel ſie es könne, ihren Schmerz zu verbeißen und ſich nichts . — 1 129 merken zu laſſen, wenn ſie auch im Innern weinen müſſe. Eeinſchlafen konnte ſie nicht. Die Mutter rief ſie nach ihrem Bette hin, ſchloß ſie in ihre Arme, druͤckte ſie an ihr Herz und ſagte:„Mariechen, Carl ſoll ein tuͤchtiger Mann weiden und in der Welt Viel lernen, darum mußte er fort. Woll⸗ teſt Du, daß er um Deinetwillen hier ge⸗ blieben waͤre, nichls gelernt hätte, ſo, daß er in der Folge ein veraͤchtliches, unnuͤtzes Leben fuͤhren mußte? Er war auch ſchon zu groß und zu etwachſen, als daß er noch mit Dir ſpielen durfte. Sein Umgang paßte nicht mehr fur Dich.“—„Das will ich Alles glauben,“ antwortete ſie, „aber das kann doch meinen Schmerz uͤber ſeine Trennung nicht mildern! Ich habe ihn verloren, ſch fuͤrchte, ihn nie wieder zu ſehen, das iſt's, was mich ſo traurig macht.“ Wenn ihr die Mutter uber die Wan⸗ gen ſtrich, da fühlte ſie's immer, daß ſie von Thränen naß waren. Als ſie am 130 Morgen Carls Stimme hoͤrte, wollte ſie aus dem Bette ſpringen und ans Fen⸗ ſter hineilen. Die Mutter konnte ſie kaum halten. Das drohende Nachtgebot des Vaters ſcheuchte ſie zuruͤck. Sie war außer ſich und weinte laut.„Wie grau⸗ ſam,“ rief ſie aus,„daß ich Carln nicht das letzte Lebewohl zurufen darf! Hält man einen Menſchen zuruͤck, wenn er von ei⸗ nem geliebten Sterbenden Abſchied nehmen will?“ Ungewoͤhnlich fruͤh war auf dem Amt⸗ hauſe Alles munter. In Uebereinſtim⸗ mung mit ſeiner Gattin fand es Neuberg fuͤr gut, daß ſie mit Marien bei Tagsan⸗ bruch zu ihren Eltern reifete, dort einige Tage ſich aufhielt, bis die größte Gewalt ihres Kummers ſich gelegt haͤtte. Auguſte fand es ſelbſt für gut, Marien von Weſe⸗ greußen zu entfernen. Als man ſie daher fragte, ob ſie mit nach Erfurt reiſen wolle, erwiederte ſie:„Mutter, ich folge Dir, wohin Du mich führſt. Weſtgreußen iſt mir nun der Ort gndi an dem ich 131 eſetzen wird.“ Auguſte machte den Eltern die Abſicht ihres Beſuchs bekannt und entdeckte ihnen die Urſache der tiefen Trauer ihrer Toch⸗ ter. Man bot Alles auf, um ſie in einer Reihe von acht Tagen zu zerſtreuen. Am liebſten war ſie bei der Tante, dieſe hatte den Balſam gefunden, welcher den Schmerz der Wunden des Maͤdchens linderte. Sie klagte mit ihr, ſie bewies ihr die zaͤrtlich⸗ ſte Theilnahme, ſie richtete ſie durch Hoff⸗ nungen auf und ſprach ſie ruhiger. Ganze Tage war ſie bei ihr.„Auguſte,“ ſagte ſie, als dieſe abreiſen wollte, da der Amtmann ihre Ruͤckkehr wuͤnſchte und Pferde und Wagen geſchickt hatte,„ich daͤchte, Du ließeſt mir Marien noch eine Weile hier. Das Kind hat ſich mit Vertrauen und Liebe an mich angeſchloſſen, ihr Trubſinn wird ſich aufklären, und heiterer fuͤhre ich ſie wieder in Deine Arme. Ich glaube uͤberhaupt nicht, daß der Aufenthalt in Weſigreußen laͤnger für ſie taugt. Viel einen Verluſt erlitt, den mir keine Welt —,———— * 132 zu einſeitig iſt ihre Bildung und es wäre gewiß fuͤr ſie beſſer, wenn ſie einige Jahre bei mir bliebe. Sie muß auch noch An⸗ deres lernen, was der gute Paſtor Guͤn⸗ ther ſie, bei dem beſten Willen, nicht leh⸗ ren konnte. Will ſie Dein ſonderbarer Mann mir nicht auf Jahre laſſen, ſo wird er nichts dawider haben, daß ſie einige Monate oder auch Wochen hier bleibt.“ Auguſte erwiederte:„Liebe Tante, ich erkenne Deine Guͤte dankbar. Marie aber ſoll ſelbſt entſcheiden, was ſie thun will. Ich zweifle nicht, daß ſich, unter den wal⸗ tenden umſtänden, mein Gatte fuͤgt und Dir ſeine Tochter auf einige Zeit laͤßt, da er's ſelbſt äußerte, der Gram koͤnn⸗ ihrer Geſundheit und ieen Leben ſchaͤd⸗ lich werden.“ Als die Mutter Marien fragte, ob ſie lieber in Erfurt einige Wochen bleiben, oder ſogleich mit nach Weſigreußen abrei⸗ ſen wollte, ſagte ſie:„Mutter, wenn ich waͤhlen darf, ſo bleibe ich lieber hier. Sch fürchte, daß der liebe Vater hart ge⸗ ——— gen mich iſt und daß ich Carln nicht nach⸗ weinen darf. Das kann ich doch nicht laſſen. Aber, ſchicke mir ja das kleine Käſtchen, in dem die Bilder und Brieſe von meinem Carl ſind. Dieſe ſind ja das Einzige, was ich noch von ihm habe, und um keinen Preis ließe ich ſie mir ab⸗ kaufen.“ Marie ſchien ruhiger, als die Mutter von ihr Abſchied nahm und verſprach es ihr, daß fie ſich troͤſten und beruhigen wollte, ſo viel ſie's koͤnnte. Als Auguſte auf dem Amthofe ankam und Neuberg Marien nicht ſah, fragte er aͤngſtlich:„Wo iſt Marie? Iſt ſie krank geworden, daß Du allein kömmſt?“ Als ſie ihm den Grund ihres Zuruͤckbleibens offen⸗ barte, war er ſehr zufrieden, daß die Tante ſie bei ſich behielt. Laͤnger aber, als vierzehn Tage, ſollte der Aufenthalt in der Stadt nicht dauern, da er ohne Marien nicht leben könne.„Aber,“ ſagte ſie,„die Zeit wird doch kommen, wo Du Dich auf etliche Jahre von ihr trennen mußt.“—„Die wird nie kommen,“ er⸗ wiederte er,„wenn ich's nicht will, und das werde ich nicht wollen, weil ich ohne Marien nicht leben kann.“—„Abet mein Gott, Neuberg, biſt Du ſo ſchwach, daß Du dem Gluͤcke Deines Kindes kein Opfer bringen kannſt?“ ſagte ſie erzuͤrnt.„Sie muß aus dem Elternhauſe, ſie muß eine andere Bildung erhalten, als wir ihr auf dem einſamen Dorfe geben koͤnnen.“— „Erſt mußt Du mir's beweiſen,“ fiel er ſeiner Gattin ins Wort,„daß es ein Gluͤck Mode drehen und wenden, Schmeicheleien erwiedern, ſich fein verſtellen, an Eitelkei⸗ ten ihre Luſt finden, Tugenden affektiren kann, die ihrem Herzen fremd ſind. In der Stadt iſt fuͤr junge Maͤdchen eine boͤſe Schule, und es giebt da Lehrmeiſter in Menge, die ohne Lohn den reinen Him⸗ mel der Unſchuld in jungen, unerfahrnen Seelen truͤben. Ihr ſchoͤnes Geſicht wird ſie allen Gefahren der Verfuͤhrung blos ſtellen, gegen die wir ſie nicht ſchuͤtzen fuͤr Marien iſt, wenn ſie ſich nach der können. Tauſend Augen können ein Mäd⸗ chen nicht bewachen, das von geheimen Neigungen beherrſcht wird. In unſern Anſichten uͤber den Punkt, was zu einem gebildeten Mädchen gehoͤrt, werden wir uns nie vereinigen, weil Du es in der Schaale ſuchſt und ich im Kerne. Wenn das Herz rein iſt, ſo iſt Alles rein, ſchoͤn und herrlich. Eben die Dorfbildung, wo der Menſch den Schein der Wahrheit nicht vorzieht, wo er ſich giebt, wie er iſt, wo er ſeiner Pflicht lebt und nicht nach Ver⸗ gnuͤgen lechzt, wo das Haus ſein Tem⸗ pel iſt, in dem er die heiligſten Pflichten uͤbt und er ſich mit zerſtreutem Gemuͤth nicht in Geſellſchaften umhertreibt, wo er am Abend den verlebten Tag nicht bereuet, wo er mit Gott und ſeinem Gewiſſen in ſtetem Einverſtaͤndniß lebt, dieſe Bildung liebe ich alleln, ſie will ich, nenne mich deshalb nicht ſchwach und kurzſichtig.“— „Aber, kann ſie denn da nicht Statt finden,“ ſagte die Amtmannin,„weicht die Tugend da, iſt da keine Unſchuld mehr zu finden, 136 wo der Menſch gelernt hat, durch ein an⸗ genehmes Aeußere zu gefallen, wo durch die Reize einer feinen Lebensweiſe ſein in⸗ nerer Werth erhöht wird? Welcher Dia⸗ mant iſt beſſer, welchem wuͤrdeſt Du den Vorzug geben, dem geſchliffenen oder ungeſchliffenen? Hat die Graͤfin nicht Deinen ganzen Beifall, und ſchätzeſt Du nicht an ihr die durch Erziehung und Kunſt bewirkte Bildung? Meinſt Du denn, daß die Tante es zugeben wird, daß Ma⸗ rie verdorben werde? Wie ihr Kind hielt ſie mich, mich erzog ſie, merkſt Du denn Fehler und Unebenheiten in meinem Cha⸗ rakter, die wider die Moralitaͤt verſtoßen?“ —„Koͤmmt Zeit, koͤmmt Rath,“ ſagte der Amtmann, wie gewöhnlich,„wir wol⸗ len uns deshalb nicht entzweien„ Die Graͤfin hatte von Carls Abreiſe nach Berlin gehoͤrt, die Predigerfrau ent⸗ ſchuldigte ihn auch bei dem Graf, daß er von ihm nicht Abſchied nahm und ſagte zugleich:„Der Junge war ganz zerſchla⸗ gen. Er wollte ſich von Marien nicht 137 trennen. Unglaublich liebten ſich die Kin⸗ der. Es iſt ſehr gut, daß ihr Umgang aufhoͤrte, laͤnger durfte er nicht fortbeſte⸗ hen. Auch Marie war vor Schmerz au⸗ ßFßer ſich, als er von ihr Abſchied nahm.“ Schon Vormittags ging der Graf mit ſeiner Gattin und den Kindern in der Ab⸗ ſicht zu dem Amtmann, um Marien eine Serſireuung anzubieten. Sie fanden den Amtmann allein in der Stube und einen ungewoͤhnlichen Ernſt auf ſeiner Stirn. „Wo iſt Ihre Gattin?“ fragte die Gré⸗ ſin.—„Die iſt mit Marien nach Erfurt gereiſet,“ antwortete er,„und wird meh⸗ rere Tage dort bleiben.„„ Die Kinder ſollten nicht hoͤren, was die Eltern mit einander ſprechen wollten und der Graf ſagte zu ihnen:„Marie iſt nicht hier, ſo geht nur wieder aufs Schloß zuruͤck.“ Sie gingen. Jetzt ſing der Graf alſo an:„Lieber Amtmann, eben hat uns die Frau Paſto⸗ . rin verlaſſen. Sie entſchuldigte Carln, daß er bei ſeiner Abreiſe nach Berlin kei⸗ 138 nen Abſchied von mir nahm. Sie ſetzte hinzu:„Der Junge war uͤber die Tren⸗ nung von Marien ganz zerſchlagen und auch Marie war von Schmerz außer ſich, als er von ihr Abſchied nahm. Wir ſind darum ſo fruͤh zu Ihnen gekommen, um ie traurige Marie mit uns zu nehmen und ſie zu zerſtreuen.“—„Sie ſind ſehr guͤtig,“ erwiederte der Amtmann mit freundlicher Miene, die bald von den Wolken einer innern Trauer uͤberſchattet wurde,„meine Frau iſt auch in derſelben Abſicht mit meiner Tochter nach Erfurt ge⸗ reiſet, um ſie auf andere Gedanken zu bringen. Es iſt wahr, das Kind war kei⸗ ner tröſtenden und beruhigenden Vorſtel⸗ lung faͤhig und ſo aufgeregt, daß ich fuͤr ihre Geſundheit fürchten mußte, wenn ſie länger in dieſem Zuſtande blieb.“ „Immer habe ich gefuͤrchtet,“ ſagte die Graͤfin,„daß das, was nun gekom⸗ men iſt, eintreten mußte. Kein Nittel aber ſah ich, ſo lange Carl hier blieb, den Umgang zwiſchen ihm und Marien abzu⸗ 139 brechen, darum ſprach ich mit Auguſten wenig und ſelten davon. Es iſt wahr, Marie hatte an keinem andern Kinde Wohlgefallen, ſchloß ſich an keines an und hatte nur Herz, Liebe und Gefälligkeit 7* Carln. War ſie auf dem Schloſſe, ſo konnte ich ihr die Langweile von der Stirn leſen. Heiter und froͤhlich war ſie nur in Carls Naͤhe. Und fürwahr, der Knabe iſt ein ſeltener, herrlicher Knabe, ſehr viel kann aus ihm werden, wenn er ſo in ſei⸗ ner Bildung fortſchreitet. Wie verſtaͤndig er redete, wie leiſe er fuͤhlte, wie guͤtig, gefällig und ſittlich war er nicht. Er wird in der Welt ſein Gluͤck ſicher machen, wenn er unverdorben und ohne innere Schuld bleibt. Selbſt in ſeinem Aeußern hat die Natur viel fuͤr ihn gethan. Seine Wan⸗ gen bluͤhen, feurig iſt ſein ſchwarzes Auge, groß ſeine Stirn, und in ſeinem ganzen Gliederbau herrſcht das ſchoͤnſte Ebenmaaß. Es war wohl natürlich. daß er der lieben Marie gefiel. Das Vergnuͤgen, bei ihr zu ſeyn, war ihm das groͤßte, und die Zeit, 1 5 die er ihr weihte, ſchien ihm am beſten angewandt. Sie iſt noch jung, Eindruͤcke greifen nicht tief ins kindliche Herz ein, ſie wird ſich bald beruhigen. Schon freue ich mich, daß meine Kinder nun eine Ge⸗ ſpielin an ihr ſinden werden, beſonders meine Brigitte. Sie geben ſie uns für den Winter mit nach der Stadt und da ſoll ſie wie meine Kinder gehaiten wer⸗ den. Immer kann ſie doch nicht auf dem Dorfe bleiben, das waͤre Schabe um ſie.“ „Es iſt mir ſehr lieb,“ ſagte der Graf,„daß der Herr Pfarrer ſeinen Sohn ſo weit von hier weggebracht hat, ohne Abſicht that er das nicht. Es ſoll vermieden werden, daß er nicht oͤfter hie⸗ her kommen kann. Mir ſelbſt ſagte er's, daß Carls Liebe zu Marien fuͤr ſeine wiſ⸗ ſenſchaftliche Bildung ſtorend und hem⸗ mend war. Carl aber iſt mein Liebling. Er iſt ein gar herrlicher junger Menſch⸗ Auch mit ſeiner zaͤrtlichen, treuen Neigung zu Marien gefällt er mir. Das kann noch ein Pärchen werden. Und, lieber Amt⸗ 141 mann, waͤre Ihnen das nicht lieb?“ — Neuberg ſchuͤttelte den Kopf und ſagte: „Am liebſten ſehe ich meine Tochter einſt als Pächterfrau. Doch, wie der liebe Gott will.“ „Aber auf mich muß ich zuͤrnen,“ fuhr er fort,„daß ich ſo blind war, und es nicht bedachte, wohin der Umgang, die Liebe und Neigung die Kinder führen konnte, um ihn abzubrechen. Mit welch einer Gewalt ſie an einander hingen, wie ſie in der Welt nur ſich hatten, nur ſich liebten, davon bin ich nun überzeugt. Der Herr Paſtor mußte zeitiger ins Mit⸗ tel treten, um eine gegenſeitige Neigung, die im Entſtehen war, zu unterdruͤcken. Aber die Eltern ſind oft verblendet und die ſchlechteſten Beobachter ihrer Kinder, um das im Keime zu unterdruͤcken, was zwar anfangs eine unſchuldige Außenſeite hat, in der Folge aber gefaͤhrlich und ver⸗ derblich werden kann. Die Talente Carls, ſein weicheß Gemuͤth, ſein frommes Herz hatten ihn auch zum Lieblinge des Vaters gemacht, ſo, daß er keinen Fleck und Feh⸗ ler mehr an ihm ſah. Sehr hoch muß ich's ihm anrechnen, daß er dieſen Sohn, und gewiß in der beſten Abſicht, von Weſt⸗ greußen ſo weit entfernte.“ „Wenn ich Sie nicht ermuͤde, ſo iuube ich's mir, Ihnen Bewerkungen mitzuthei⸗ len, die mich die Erfahrung gelehrt hat, die Ihnen, als Eltern, vielleicht nutzlich ſind.“ „Auf die Neigungen mn Triebe der ieinein Kinder muß man ein aufmerkſa⸗ mes Auge richten, ihre Aeußerungen darf man nicht unbeachtet laſſen. Sie denken oft viel mehr, ſie empfinden tiefer, als es unſere Weisheit ahnet. Ihnen ſelbſt unbe⸗ „ wußt und fuͤr die Erwachſenen nicht ſo leicht entdeckbar, ſpinnt ſich mit feinen Faäden ein Gefuͤhl an, das immer maͤchti⸗ ger um ſich greift und endlich unausrott⸗ var wird. Mag es kindliche Liebe, herzli⸗ ches Wohlwollen ſeyn, was Marie gegen Carln empfindet, wer kann es verburgen, daß ſich nicht ſinnliches Wohlgefallen mit ——— 143 einmiſcht, daß dadurch Triebe Nahrung empfangen, die fuͤr die Ruhe, die Mora⸗ lität des Kindes, in ſeinet Bruſt noch lange ſchlafen muͤſſen. Auch das zaͤrtliche Hinneigen eines kleinen Mädchens zu ei⸗ nem Knaben, iſt kein Spiel, das man uberſehen und dem man zulaͤcheln muß. Der kleine Funke wird zur Flamme. Auch das kleine Maädchen ſpiele, tanze und huͤpfe mit Einem, der ihres Geſchlechts nicht iſt, nicht allein, und nur unter elterlicher Aufſicht. Der Blick, der Kuß und Haͤn⸗ dedruck hat viel Bedeutung und auch in der Kinderwelt fehlt ihm eine Guͤltigkeit nicht, die wir verſtehen lernen, wenn wir uns in unſere fruͤhern Jahre zuruͤckverſetzen. Ge⸗ fiel uns nicht da, wo wir nur die gemal⸗ ten Bilder in der Fibel kannten, ein ſchö⸗ nes MWädchengeſicht nicht beſſer, als das hoͤßliche? Unſere gegenwaͤrtigen Neigun⸗ gen, die in uns Wurzeln geſchlagen ha⸗ ben, ſtrecken ihre feinen Faſern in den Bo⸗ den der Kindheit, aus dem ſie noch Nah⸗ tung ziehen. Wir waͤhlten wohl ſpaͤter 4 3 144 darum juſt die Gattin, weil uns aus der fruͤhern Zeit ein Weſen vorſchwebt, an dem wir mit Bewunderung und Liebe, als Knaben, hingen. Anders werde ich auf meine Marie merken, daß es nie wieder zu Scenen koͤmmt, wie ich ſie geſtern und heute erlebte..“ Der Graf und die Graͤ⸗ fin waren mit Neubergen einverſtanden, dankten ihm fuͤr ſeine Lehren und gelob⸗ ten ſich's, ſorgfaͤltig bei ihren Kindern darauf zu achten. Er trauerte, als ſie von ihm gingen. Die Tante in Erfurt, als die Mutter Mariens abgereiſet war, gab ſich alle er⸗ ſinnliche Muͤhe, ſie zu beruhigen und ih⸗ ren truͤben Sinn aufzuheitern. Die erſten Tage verlebte ſie mit ihr auf einem Land⸗ hauſe, bei dem ein ſchoͤner Blumengarten war, das in einer reizenden Gegend, in der Naͤhe der Stadt, lag. Sie wollte ſie vom Gerauſch entfernen, das in zu großem Mißklange mit ihrer laͤndlichen Einſamkeit ſtand, und ſie in die Umge⸗ bungen einer ſchönern Natur fuͤhren, als ———— — 145 bei Weſtgreußen. Zwei liebenswuͤrdige Madchen, die etliche Jahre aͤlter waren als Marie, hatte ſie mit ſich genommen, die ihr zur aufheiternden Geſellſchaft die⸗ nen ſollten. Die offene, argloſe Marie konnte ihren Gram nicht vor ſich behalten, dieſe es ſie merken ließen, wie unbe⸗ greiflich es ihnen ſey, daß ſie ſo in ſich gekehrt, ſo ſtille und unfroͤhlich ſeyn koͤnne. „Sie habe,“ ſagten ſie,„einen reichen Vater und eine Tante, der es gewiß Ver⸗ gnügen macht, alle ihre Wuͤnſche zu er⸗ fuͤllen.“ Die Urſache der Trauer Mariens hatte die Tante den Maͤdchen offen⸗ bart und ſie gelobten, was ſie vermoͤchten, zur Beruhigung derſelben beizutragen. Ma⸗ rie erwiederte:„Ihr haͤttet mich vor einer Woche ſehen ſollen, da huͤpfte ich auch vor Freude, da war ich munter und gutes Muths; aber ſeit Carl von mir getrennt iſt, moͤchte ich immer weinen. Ich kann nicht anders.“—„Wer war dieſer Carl?“ —„Je, des Predigers Sohn, der in Ei⸗ nem Dorfe mit mir wohnte, an ſeiner 10 146 Hond mich führte und mir alles, alles zu Gefallen that. Mehr als ſich ſelbſt, hat er mich geliebt. Bin ich nicht zu bekla⸗ gen, daß ich ihn verlieren mußte? Kann ich froh ohne ihn ſeyn? O! ich weiß es gewiß, daß auch er ſich ſchmerzlich nach mir ſehnt. In Berlin iſt er. Waͤre der Weg nicht zu weit und durſte ich nicht Raͤuber furchten, ich ginge hin zu ihm, ihn zu tröſten. Ach! wie würde er ſich freuen, wenn er mich ſähe! Ihr wuͤrdet nicht ſo munter ſeyn, wenn ihr auch einen ſolchen Carl verloren hättet, wie es ſeines Glei⸗ chen auf Erden nicht mehr giebt. Ver⸗ denki Ihr mir's nun noch, daß ich ſo ſtille kin?“ Antonie ſagte:„Liebe Marie, es paßte doch für Dich nicht, daß Du ſo mit Carln länger umgingſt. Dazu biſt Du ſchon zu groß. Ein Maͤdchen mußt Du Dir zur Fteundin wahlen. Waͤhle mich.“—„Es wäre unſchicklich, daß zwei Herzen ſich lieben?“ fragte Marie.„Ich ſoll ja den Rächſten lieben, als mich „— ————————— —— —,———— r47 ſelbſt, ſagt die Religion, und Carln liebe ich mehr als mich, das paßte ſich nicht?“ —„Auf dem Lande mag das Mode ſeyn, daß ein Maͤdchen einen Knaben mehr liebt als ſich ſelbſt; aber in der Stadt iſt das nicht erlaubt.“—„Darum gefaͤllt mir's auf dem Lande auch beſſer wie in der Stadt. Dort kann ich ſeyn, wie ich willz aber hier darf ich das nicht.“ Die Kinder ſprachen weiter und Ma⸗ rie ſchloß ſich an ſie an, da ſie ſo gefaͤllig, ſo guͤtig gegen ſie waren.„Waͤret ihr in Weſtgreußen,“ ſagte ſie,„ſo wuͤrde ich mich leichter beruhigen; aber ſo bin ich da, wie allein, und auch Carln habe ich nicht mehr.“ Die Blumen, die Gegend, die Kin⸗ der, die Liebe der Tante, machten Marien Vergnügen und zogen ſie von ihrem Schmerze ab. Jetzt fuhr man nach der Stadt zuruͤck. Vergnuͤgungen, belehren⸗ de Zerſtreuungen, die ſich darboten, wur⸗ den benutzt, um ihr Gemuͤth zu beſchaͤfti⸗ gen. Es wurde auch ein Lehrer auf der 145 Guitarre angenommen. Aus Liebe zu Carls Kunſt hielt ihr die Tante auch einen Zeichenmeiſter und ſie zeigte ſchöne Anla⸗ gen fuͤr die Malerei. Sie wuͤnſchte es ſelbſt, laͤnger in Erfurt zu bleiben und jagte es voraus, daß ſie in Weſtgreußen in ihre Traurigkeit zuruͤckfallen werde. Auf einige Tage wuͤnſchte ſie bei ihren El⸗ tern, beſonders deshalb zu ſeyn, weil ſie glaubte, der Prediger wäre von Berlin gekommen, hätte ihr vielleicht einen Brief von Carln mitgebracht, wenigſtens hoffte ſie Nachricht von ſeinem Befinden zu er⸗ balten und zu erfahren, ob er auch ſo traurig ſey als ſie. Der Morgen zur Abreiſe nach Weſt⸗ greußen war beſtimmt, als Mariens El⸗ tern den Abend vorher ankamen. Ein Bote brachte der Tante die Nachricht, daß der Amtmann bei ihrer Schweſter einge⸗ troffen ſey und ſie ſogleich mit Marien zu dem Apotheker Merian kommen ſolle. Mit offenen Armen kamen ihr die Eltern entgegen, als ſie aus dem Wagen ſtieg, 6 149 und der Vater fragte:„Iſt's auch wahr, Mariechen, daß Du getroͤſteter und ruhi⸗ ger biſt?“—„Ich bin's,“ lieber Vaterz „aber Carln kann ich nicht vergeſſen.“— „Das verlangen wir ja auch von Dir nicht; aber Du ſollſt Dich uͤber die Trennung von ihm nicht haͤrmen. Wenn ich Dich leiden ſehe, ſo blutet mir das Herz. Zu Gott habe ich gebetet, daß er mir wieder ein froͤhliches Kind giebt. Wie gefaͤllt Dir's bei der Tante in Erfurt?“—„Wie ſollte mir's bei ihr nicht gefallen,“ ant⸗ wortete Marie,„ſie liebt mich, ſie heitert mich auf, ſie beklagt mich. Die Guitarre habe ich zu ſpielen angefangen, einen Zei⸗ chenlehrer haͤlt ſie mir auch. Wenn ich nur wie Carl malen koͤnnte, ſo malte ich fuͤr ihn eine Landſchaft und ſchickte ſie nach Berlin. Zuerſt aber die große Linde vor dein Pfarrhauſe, unter der er mir im Sommer Geſchichtchen erzaͤhlte, die er ge⸗ lefen hatte.“—„Moͤchteſt Du auf immer „hier bleiben?“ fragte die Mutter.— „Hier,“ ſagte Marie,„kann ich viel ler⸗ 155 nen, was ich noch nicht weiß, und das iſt ſehr gut. Wohnt Ihr mir doch auch nahe und ich kann Euch oft ſehen. Die Tante behaͤlt mich gern. Muß doch der arme Carl auch von ſeinen Eltern, des Lernens wegen, entfernt leben und ich mag es nicht beſſer haben, als er es hat. Als ſie in der Wohnſtube waren, fragte Marie:„Iſt der Herr Paſtor, dem ich gar nicht mehr ſo gut bin, als ſonſt. wieder von Berlin zuruͤck? Was ſagt er von Carln? Spricht er von mir? War er ſebr traurig? Gewiß hat er mir ein Bild mitgeſchickt. Habt Ihr keinen Brief von ihm an mich? Um das Alles zu erfahren, wäre die Tante morgen mit mir nach Weſigreußen gereiſet.„—„Laͤnger kannſt Du auch nicht hier vleiben,“ ſagte der Amtmann,„und wir ſind gekommen, Dich abzuholen.“—„Nur darum?“ fragte Ma⸗ rie und in ittem Geſichte verbreitete ſich die Traurigkeit, die ſie in ihrem Herzen empfand.„Wißt Ihr nichts von Carln? Gar nichts?“ 2 4₰ ——— —— — ——— 431 „Ves wir wiſſen, will ich Dir erzaͤh⸗ len, wie mir's der Herr Pfarter erzaͤhlt hat, und wenn Du ihn ſiehſt, wird er Dir daſſelbe ſagen. Auf das Zureden des Va⸗ ters beruhigte ſich Carl bald und ſah es ein, daß es fuͤr ſein kuͤnftiges Gluͤck beſ⸗ ſer wäre, daß er nicht laͤnger in Weſt⸗ greußen blieb. In den letzten Reiſetagen hatte er ſich ſchon aufgeheitert, und ſehnte ſich, das ſchoͤne Berlin und den frommen, ritterlichen Koͤnig von Preußen zu ſehen⸗ Von Dir ſprach er auch, wie von einer geliebten Schweſter, und zuͤrnte auf ſich ſelbſt, daß er wie ein ſinnloſer Thor, Dir in der Nacht das Lebewohl zurief. Ein unverſtändiger Knabe, ſagte er, bin ich ge⸗ weſen und will vernünftiger werden. In Berlin ſelbſt, bei ſeinem Vetter, war er vergnuͤgt, wie hier, und ſtreifte mit dem Sohne deſſelben in der großen Stadt um⸗ her. Der Vater konnte ihn ruhig verlaſ⸗ ſen und er gelobte, ihm Freude und Ehre zu machen. Seine Freunde ließ er durch ſeinen Vatet gruͤßen und Dich auch.“ 1 1 11 . Als der Vater ſchwieg, fuhr Marie mit der Aeußerung heraus:„Hat der Herr Pfarrer die Wahrheit geſagt, was ich doch glauben muß, ſo, hat mich Carl nie, nie ſo geliebt, wie ich ihn geliebt habe. So leicht konnte er die Trennung von mir verſchmerzen? Nein, nein, das hat er nicht gekonnt. Ich kenne ihn beſſer. Dem Vater verbarg er ſeinen geheimen Kummer, und wenn ſein Herz in Thraͤnen ſchwamm, füͤgte er ſich in ſein unvermeidliches Schick⸗ ſal. Er unterdruͤckte ſeine geheime Pein⸗ des Vaters wegen. Leichtſinnig war er nie. O! koͤnnte ich in Dein Inneres jetzt ſehen, mein lieber, lieber Carl, uͤberzeu⸗ gen wuͤrde ich mich, daß Du nicht weni⸗ ger betruͤbt biſt, als ich's bin.“ „Marie, Marie,“ ſagte die Lante, welche das Kind uͤber alles liebte,„Du haſt mir's verſprochen, ruhiger, geduldiger zu werden, nun biſt Du auf einmal wie⸗ der ſo heftig. Willſt Du in Deine alte Frankheit zuruͤckfallen? Soll Alles verge⸗ bens geweſen ſeyn, was ich that, um Dich —— 153 von Deiner Niedergeſchlagenheit aufzurich⸗ ten? Wozu kann es dienen, daß Du Dich einer Sache wegen quälſt, die Du doch nicht aͤndern kannſt! Betruͤbe mich nicht, erſchwere Deinen Eltern das Leben nicht, verleide Dir den Genuß der Freude nicht, die Dir von allen Seiten begegnen! Muß nicht Mancher den Tod ſeiner liebſten Freunde ertragen?“— Marie umarmte die Tante und verſprach es ihr, daß ſe ruhiger werden wolle. Als Marie mit andern Kindern in einem Nebenzimmer war, ſagte die Tante zu dem Amtmann und Auguſten:„Ich glaube nicht, daß Ihr wohl thut, wenn Ihr Eure Tochter mit nach Weſtgreußen nehmt. Dort findet ſie tauſend Gegen⸗ ſtaͤnde, bei deren Anblick ſich ihr Schmerz erneuert. So, wie ſie einmal iſt, darf man ihr das nicht verargen und am we⸗ nigſten hart gegen ſie ſeyn. Wird ſie ſchuͤch⸗ tern und aͤngſtlich, verſchließt ſie ihren Mund und redet ſie davon nicht, was ſie empfindet, ſo wird ſich der geheime Gram —— —— . — 3 S — ——— — — tiefer in ihr Inneres einwurzeln, ſie ver⸗ zehren und ſie vielleicht größern Gefahren ausſetzen. Bei mir war ſie auf einem gu⸗ ten Wege ihrer Herſtellung. Es iſt ſo Manches hier, was ſie von dem Andenken an Cirl ablenkt, ihr endlich die Herrſchaft über ihren Schmerz ſichert, das Euch cuf dem Dorſe fehlt. Das Spielen der Gui⸗ tarre und Zeichnenlernen macht ihr ſogar Vergnügen. Wenn ſie bei mir bleiben will, warum wollt Ihr ſie mir denn nicht loſſen? Eltern, die ihre Kinder lieben, ſind verbunden, für die Geneſung derſel⸗ ven, die Krankheit liege im Koͤrper oder in der Seele, Alles zu thun. Glaubt Ihr penn nicht daß ſie bei mir ſo gut verwahrt iſt, wie bei Euch?“ „Das glaube ich wohl, liebe Tante,“ ſagte der Amtmann,„aber ich kann die Trennung von Marien nicht aushalten, das pabe ich in den wenigen Wochen erfahren, wo ſie bei Ihnen war.“—„So lieben Sie Ihre Tochter auch nicht, wie Sie ſie lie⸗ den muſſen. Um alſo das unangenehme ———— ———————— 155 Gofühl nicht zu haben, von ihr geſchieden zu ſeyn; wollen Sie ſich der Gefähr aus⸗ ſetzen, ſie vielleicht ganz zu verlieren⸗ Wer kann dafuͤr ſtehen, wohin Marien der erkeuerte Schmerz führt, den ſie nicht uberwinden kann, der in Weſigreu⸗ ßen ſo recht genaͤhrt wird.“—„Neuberg, ich bitte Dich,“ ſagte Auguſte,„laß ſie doch hier.“—„Ich kann's nicht,“ erwie⸗ derte er.„Den Verſuch darf ich machen und gelingt der nicht, ſo mag ſie iuſs ein Jahr in Erfurt bleiben.“ Dieſen Verſuch mußte man ihm ge⸗ ſtatten. Im voraus war man es uͤber⸗ zeugt, daß er ſchlecht genug ablaufen werde. Neuberg bat die Tante recht drin⸗ gend, daß ſie mit nach Weſtgreußen rei⸗ ſen moͤchte, dieſe aber hatte wichtige Gruͤnde, weshalb ſie, unter einem ſchick⸗ lichen Vorwande, zuruͤck blieb. Bei der Ruͤckkehr ſaß Marie im Wa⸗ gen zwiſchen dem Vater und der Mutter, die ſie umarmt hielten. Sie ſprach foſt gar nicht und gab auf die ihr vorgelegten ——— 15 Fragen nur kurzen Beſcheid. Der Tante aber hielt ſie eine Lobrede und nannte ſie mit allen Namen der Liebe und Zärtlichkeit. Sie ſchien ziemlich gefaßt zu ſeyn. Aber ſchon, als ſie auf die Hoͤhe von Greußen kam, wo ſie in das lachende Thal hinab⸗ ſah, das weit umher mit Staͤdten und Dörfern beſäet iſt, und den Thurm von Weſtgreußen entdeckte, rief ſie laut aus: „Dort liegt der Ort, wo ich ſonſt ſo gluͤcktich war und wo ich's ſo nie wieder ſeyn werde!“ Thraͤnen füllten ihre Augen, ſie fing von Carl an zu ſprechen und ließ ſich nicht wieder von ihm ablenken. Alle ſüßen Erinnerungen wurden in ihr wieder wach, und ſie trauerte um ſo ſchmerzlicher, als ihr der Schoͤpfer derſeiben entriſſen war, da man ins Dorf fuhr. Aus dem Wagen wollte ſie ſpringen, als man das Pfarrhaus voruͤberfuhr, um dem Prediger ſelbſt nach Carln zu fragen, man konnte ſie kaum halten.„Ach!“ rief ſie aus,„wie ungluͤcklich bin ich, daß ich mit Dir nicht den Gang vom Amthauſe nach der Schule ₰ † — — 157 mehr gehen kann! Vater, zu dem Herrn Prediger ſchickſt Du mich nicht wieder, ich kann bei ihm nichts mehr lernen und werde in den Lehrſtunden nur weinen.“ Der Amtmann ſchwieg und dachte, haͤtteſt Du Marien nur bei der Tante ge⸗ laſſen! Hier fuͤhlt ſie ſich wie auf eine Folter geſpannt. Gewiß, es wird nicht anders, Du mußt Dich von ihr trennen und Deine Lieblingsplane, ſie von ſtädti⸗ ſcher Sitte rein zu erhalten und ſie auf dem Lande fuͤr das Landleben lediglich zu erziehen, werden zertruͤmmert. So mag's auch wohl gut ſeyn, das Schickſal ordnet es ſo, und eine höhere Macht zwingt Dich, zu thun, wogegen Du Dich immer ſtraͤub⸗ teſt. Sage doch Keiner, ich will meine Kinder ſo, oder anders erziehen, die Ge⸗ walt der Umſtaͤnde, uͤber die er nicht Herr iſt, wirkt gebieteriſch und druͤckt ihnen eine ganz andere Form auf, als er ihnen geben wollte. Das Madchen ſprang aus dem Wa⸗ gen und hatte fuͤr nichts in dem Hauſe Sinn, als fuͤr ihr Kaͤmmerchen, wo die Bilder hingen und angeklebt waren, die ihr Cart gemalt hatte. Bei jedem einzel⸗ nen erinnerte ſie ſich an eine Geſchichte, pie er ihr erzaͤhlt hatte. Da fand ſie die Mutter und, ſie war in Thränen gebadet. Der Vater kam auch dazu und ſagte im erſten Verdruß:„Die fatale Kammer werde ich verſchließen laſſen, daß Du nicht mehr hinein kannſt.“—„Die Kammer laſſe verſchließen,“ ſagte Marie, nicht ohne die Anwandlungen des innern Unmuths, „aber meine Bilder wirſt Du mir doch nicht nehmen, ſie ſind mein Eigenthum, Cail hat ſie mir geſchenkt.“—„Wann wirſt Du aufhoͤren,“ fuhr er fort,„kindi⸗ ſche Thränen zu weinen und uns damit zu betruͤben.“—„Weineſt Du nicht, Vater,“ erwiederte ſie,„wenn Du am Sterbetage der Eltern von ihren Gräbern kömmſt? Iſt Carl fuͤr mich nicht auch todt? und den hat mir nicht Gott entriſſen, Menſchen haben ihn mir genommen. In Erfurt weinte ich nicht ſo; aber hier iſt —— 459 mein Herz immer voll Thraͤnen, wenn's die Augen auch nicht ſind. Wenn ich's kann, will ich weinen, daß Du's nicht ſiehſt, wenn Du auf dem Felde biſt, und — des Nachts.“ „ Sie wollte ſich nicht halten laſſen und allein nach der Pfarrwohnung hineilen, um. Nachrichten von Carl einzuziehen. Ihre Wangen gluͤhten, man ſah es ihr an, daß ſie in heftiger Gemuͤthsbewegung war. Die Mutter begleitete ſie. Schon auf dem Wege dahin gerieth ſie faſt außer ſich. Als ſie den Pfarrer anſichtig wurde, ſiel ſie ihm um den Hals und ſagte: „Sie haben es⸗mir ſo oft geſagt, daß Sie mich liebten, das kann ich ſeitdem nicht mehr glauben, als Sie mir Carln von der Seite geriſſen und ihn nach Berlin ver⸗ bannt haben. Iſt er auch ſo traurig, wie ich's bin? Gab er keinen Brief an mich mit? Was ſagte er?“ Ruhig hoͤrte ſie die Erzaͤhlung des Paſtors an, die mit dem, was ihr der Vater geſagt hatte, voͤllig uͤbereinſtimmte, ————— —— —— lade Dir keine Verantwortung auf's Ge⸗ 160 aber das befriedigte ſie nicht. Der Pre⸗ diger hatte einige Worte geſagt, um ſie ruhig zu ſprechen, als ſie ſprach:„Ich werde zu Johann gehen, der wird mir mehr von Carln erzaͤhlen, der wird es mir nicht verſchweigen, daß er auf der Reiſe geweint hat.“ Der Knecht war abweſend und Jo⸗ hanne begleitete ſie. Am Abend, als er zuruͤckkam, unterrichtete ihn der Pfarrer, was er Marien ſagen ſollte, wenn ſie nach Carln frage. Mit Mariens Seelenſtimmung ver⸗ beſſerte ſich's in Weſtgreußen nicht. Sie wurde blaß und mager. Stundenlang ſprach ſie kein Wort. Auf manche Frage gab ſie eine verkehrte Antwort. Der Graf mit ſeiner Gattin und der Pfarrer riethen ernſtlich, daß der Amtmann ſie zur Tante bringen ſollte. Seine Gattin ſagte nur: „Wenn ſie ſtirbt, ſo habe ich den elenden Troſt, daß ich fuͤr die Herſtellung meines Kindes Alles aufzuopfern bereit war. Neuberg, um Gotteswillen bitte ich Dich, 161 wiſſen.“— Er ſchwankte ſo lange, bis endlich eintretende Umſtaͤnde ihm den Ent⸗ ſchluß abrangen, Marien ſo lange der Tante zu uͤbergeben, bis ſie in ihrem Ge⸗ muͤthe voͤllig ruhiger waͤre, laͤnger aber auch keinen Augenblick. Der Poſtbote brachte unter mehrern Briefen auch einen, der von dem Kauf⸗ mann Neuberg, dem Bruder des Amt⸗ manns, war. Er meldete ſich in demſel⸗ ben zu einem Beſuch in Weſtgreußen mit ſeiner Familie an. Dieſer Beſuch war dem Amtmann diesmal, da in ſeinem Hauſe, wie in ſeiner Seele eine truͤbe Stimmung herrſchte, nicht willkommen. Der Bruder ſchrieb:„Nach vielen Arbei⸗ ten und ſchweren Beſorgniſſen ſuche ich bei Dir Erholung. Seit vierzehn Tagen bin ich mit Frau und Kindern in Magde⸗ burg. Die Krankheit meines lieben Wil⸗ helms, den ich wie den eigenen Sohn liebe, zog uns dahin. Sobald er außer Gefahr iſt, reiſen wir von hier ab, ich bringe ihn, wenn's der Arzt erlaubt, mit II nach Weſigreußen, damit Du ihn kennen lernſt. ꝛc.“ Ehe wir in unſerer Erzählung fort⸗ fahren, muͤſſen wir das Noͤthige von die⸗ ſem kranken Wilhelm erzäͤhlen. Die Gattin des Kaufmann Neuberg war fruͤher mit einem Major von Willing verheirathet, der in einer fruͤhern Ehe die⸗ ſen Wilhelm erzeue“ hatte. Er war ſchon zehn Jahr alt, als ſein Vater ſtarb. Die Stiefmutter zog mit ihm nach Hamburg, weil dort ihre liebſten Verwandten lebten. Da ſie ein anſehnliches Vermoͤgen hatte, vruͤckte ſie keine Nahrungsſorge. Sie ließ dem Knaben, der ihre ganze Freude war, den beſten Unterricht ertheilen. Als er zwoͤlf Jahr alt war, verheirathete ſie ſich mit dem Kaufmann Neuberg. Der herr⸗ liche, liebevolle, aͤußerſt faͤhige und ſchön⸗ gebildere Wilhelm, ſchloß ſich mit der groͤß⸗ ten Innigkeit an ſeine Eltern an, die ihn durch ale Beweiſe der Gute zum herzlich⸗ ſten Danke verpflichteten. Immer mußte er bei dem Vater ſeyn, wenn er nicht in der —* ————————— .„—½ ——————— ————— 163 Schule war und ſelbſt in ſeinem Zimmer arbeiten. In den Ferien machte Neuberg kleine Reiſen mit ihm und auch groͤßere zu den fernwohnenden Verwandten des Knaben. Der Geiſt und die Neigung ſeines verſtorbenen Vaters ruhete auf ihm und fruͤh entſchied ſeine Vorliebe fuͤr den Mili⸗ tairſtand. Ein Preuße war er von Ge⸗ burt und keinem andern Monarchen, als dem Koͤnige von Preußen, wollte er die⸗ nen. Der Bruder ſeines Vaters, ein Obriſtlieutenant von Willing, kam nach Hamburg, als Wilhelm funfzehn Jahr alt war, kehrte bei dem Kaufmann Neuberg ein und war uͤber den Knaben und ſeine Liebe zu den Eltern entzuͤckt. Er ſelbſt war Zeuge, wie guͤtig dieſe ihn behandel⸗ ten. Wilhelm verrieth dem Onkel bald ſeine Neigung, ein Soldat zu werden, wie es ſein Vater geweſen war. Als der Obriſtlieutenant mit Neubergen uͤber das Kapitel redete, wofuͤr er ſeinen Sohn be⸗ ſtimmt haͤtte, ſagte dieſer:„Der Soldat iſt ihm angeboren und das mag er wer⸗ 164 den.“— Willing erklaͤrte dagegen:„Es iſt die Abſicht meiner Reiſe, ihn, mit Sh⸗ rer guͤtigen Bewilligung, mit nach Berlin zu nehmen und ihn etliche Jahre in die Cadettenanſtalt zu bringen.“—„Es wird uns ſchwer werden,“ ſagte Neuberg,„uns von dem lieben Sohne zu trennen, aber unſere Liebe ſoll ſeinem Gluͤcke nicht hin⸗ derlich werden. Wir übergeben ihn, der unſerm Herzen ſo theuer iſt, Ihren Haͤn⸗ den.“—„Zeit iſt nicht mehr zu verlie⸗ ren,“ ſagte Willing,„da er ſchon funfzehn Jahr alt iſt.“ Die Mutter weinte, als ſie hoͤrte, daß Wilhelm von ihr genommen wurde, aber ſie ſah auch ein, daß er nicht laͤnger in Hamburg bleiben konnte, wenn er Dienſte unter der preußiſchen Armee nehmen wollte. Der Knabe hätte ſeine lieben Eltern gern mit nach Berlin genommen, ſehr ſchmerz⸗ haft war ihm die Trennung von ihnen; aber er folgte doch dem Onkel gern, der ihn auf die Bahn fuͤhrte, ein tüchtier Soldat zu werden. ——,—.—— „— Als Cadet zeichnete er ſich durch Lern⸗ fleiß und ſein muſterhaftes Betragen aus und ſchon nach einem Jahre erfolgte ſeine Anſtellung unter einem Infanterieregimente. Schnell führte ihn das Gluͤck zu hoͤhern Ehrenſtufen. Aus dem Kriege kam er, mit dem eiſernen Kreutze geſchmuͤckt und dem Range als Premierlieutenant, geliebt von ſeinen Kamernden, geachtet von ſeinem Chef. Jetzt war er Capitain bei einem Linienregiment und auf einer Reiſe nach den Rheingegenden erkrankte er in Mag⸗ deburg. Sobald ſeine Eltern davon Nachricht erhielten, eilten ſie dahin, um fur ſeine Pflege und Wiederherſtellung Alles zu thun. Er war in den beſten Haͤnden und Einer der geſchickteſten Aerzte der Stadt beſorgte die Cur. Als die Eltern anka⸗ men, war er in der groͤßten Lebensgefahr. Die Criſis ging glucklich voruͤber und mit wahrſcheinlicher Gewißheit ließ ſich ſeine Geneſung erwarten. Neue Beweiſe der Liebe erhielt er von ſeinen Eltern und mit innigſter Freude nahmen ſie es wahr, wie er ſein kindliches Gemuͤth behauptet hatte und immer noch der zaͤrtlichſte Sohn war. Sobald fuͤr ſein Leben nichts mehr zu fuͤrchten und er auf dem Wege der Beſſe⸗ rung war, beeilte Neuberg ſeine Abreiſe von Magdeburg, da ſeine vielen Geſchaͤfte eine zu lange Abweſenheit vom Hauſe nicht zuließen. Seinen Bruder in Weſt⸗ greußen aber, von dem er nur ſechzehn Meilen entfernt war, mußte er ſehen. Wilhelm wollte ſeine Eltern ſo gern be⸗ gleiten, da er den lieben Onkel und ſeine Familie noch nicht kannte; aber der Arzt erlaubte es noch nicht. Als er voͤllig ge⸗ neſen war, wurde er nach ſeiner i zuruͤckgerufen. In Magdeburg erhielt er von ſeiner Mutter einen Brief, in dem ſie unter an⸗ dern auch ſchrieb:„Komm uns ja nicht nach Weſtgreußen nach, unſer Aufenthalt wird hier von kurzer Dauer ſeyn. Freude, die dem Geneſenden wohlthut, hätteſt Du hier auch nicht gefunden. Die froͤhliche ———— —————— 167 Stimmung iſt aus dem. Amthauſe ganz verſcheucht. DBie liebenswuͤrdige und ſchoͤne Marie iſt verblüht, ſie kränkelt und die armen Eltern ſind ſehr beſorgt um ſie. Der Sitz ihrer Krankheit iſt in ihrer Seele. Sie liebt einen Sohn des Paſtors mit einer Zärtlichkeit, wie ich ſie bei einem Madchen von ihrem Alter noch nicht ge⸗ funden habe. Der Vater hat ihn nach Berlin auf die Schule gebracht und Ma⸗ riens Schmerz über die Trennung von ihm nagt an den feinſten Bluͤthen ihres Lebens. Koͤmmſt Du etwa nach Berlin, ſo ſuche ihn auf, ſein Name iſt Carl Guͤn⸗ ther, er wohnt bei ſeinem Onkel, den Doc⸗ tor und Wundarzt Oswald. Fruͤher war er ein ſchoner und liebenswurdiger Knabe. Nach Weſtgreußen melde nichts von ihm. Man wendet Alles an, um das Andenken an ihn in Mariens Herzen in Schatten zu ſtellen. Der PVater kann ſich nicht von der Tochter ſo weit trennen, ſonſt naͤhme ich ſie mit nach Hamburg, um ſie durch gerſtreuungen, die ihrem Gemüthe ange⸗ 168 meſſen ſind, zu heilen. Freude und Schmerz uͤber die Kinder wechſelt im El⸗ ternherzen ab.“ So ſehr die Hamburgerin bat, daß der Amtmann ihr Marien mitgeben ſollte; ſo ließ er ſich doch nicht dazu bewegen, weil die Entfernung von ihr zu weit war. „Iſt ſie in Erfurt,“ ſagte er,„ſo kann ich ſie ſehen, wenn ich will und taͤglich von ihrem Befinden Nachricht erhalten. Kann's nicht anders ſeyn und muß ich ſie entbeh⸗ ren, ſo mag ſie zur Tante gehen.“ Der Bruder war mit ſeiner Familie abgereiſet und nun machte Neuberg aller⸗ lei Verſuche, um Marien ruhiger zu ſtim⸗ men, die aber, weil ſie ihrem Gemuͤthe nicht entſprachen, nichts wirkten. Er ging und fuhr mit ihr auf's Feld, aber ſie war einſylbig, in ſich gekehrt und nahm keinen Antheil an der Außenwelt mehr. Sie lebte nur in ihrem Innern, ſie war nur mit Erinnerungen aus ihrer Jugend be⸗ ſchaftigt und dachte ſich ihren lieben Cark unter allerlei freundlichen Geſtalten. In — 169 einer Nacht traͤumte ſie, daß er vor Sehn⸗ ſucht nach ihr toͤdtlich krank ſey und daß es nur ihrer Erſcheinung beduͤrfe, um ihn voͤllig wieder herzuſtellen. Dieſen Traum hielt ſie fuͤr eine goͤttliche Eingebung, fuͤr einen Ruf der heiligſten Pflicht, dem ſie folgen muͤſſe. Am fruͤhen Morgen, als ſie ſich angekleidet hatte, war ſie verſchwun⸗ den. Welch eine Angſt, welch ein Schreck! Sie war nirgends zu finden. Die Eltern glaubten, daß ſie ſich in der Verzweiflung das Leben genommen haͤtte. Sie wurde allenthalben, ſogar im Brunnen und am voruͤberfließenden Steingraben, geſucht. Endlich kam ein Tagloͤhner, welcher ſagte, er habe ſie geſehen, ſie wäre den Weg nach Sondershauſen gegangen. Der Amt⸗ mann eilte ihr auf ſeinem ſchnellſten Pferde nach, ſeine Gattin ließ einen Wagen an⸗ ſpannen und fuhr denſelben Weg. Unter einem Baume liegend, athem⸗ los und mit Schweiß uͤbergoſſen, fand ſie der Vater und rief ihr zu:„Marie, wie haſt Du uns erſchreckt! um Gotteswillen, „ 170 ſage, wohin willſt Du?“—„Nach Ber⸗ lin,“ antworte ſie,„zu meinem Carl. Er iſt ſterbenskronk, hat mich gerufen, daß ich kommen und ihn geſund machen ſoll und da konnte ich nicht wegbleiben.“— „Maͤdchen, Du redeſt irre, wer hat Dir das geſagt?“—„Der liebe Gott hat mir's, wie dem Joſoph, im Traume verkuͤndigt,“ erwie⸗ derte ſie,„und ſeiner Stimme will ich folgen. Vater, laß mich gehen, wenn ich nicht ſterben ſoll. Halte mich nicht ab, eine Pflicht zu erfuͤllen, die ich meinem Carl ſchuldig bin.. Sehr ſchwer ließ ſie ſich uͤberzeugen, wie taͤuſchend die Träume waͤren und daß der Menſch nicht nach ihnen, ſondern mit Vernunft handeln muͤſſe. Unterdeß kam auch die Mutter angefahren. Sie weinte vor Entzuͤcken und Schmerz, als ſie ihre Marie ſah. Der Vater ſagte zu ſeiner Gattin:„Ein Traum hat Marien verfuͤhrt, in dem ſie Carln krank ſah, daß ſie zu ihm nach Berlin geben wollte. Ach! mei⸗ ne liebe Tochter,“ ſprach die Mutter, in⸗ 171 dem ſie Marien umarmte,„welche Sorgen, welchen Kummer machſt Du Deinen Eltern! Wirſt Du ruhig ſeyn koͤnnen, wenn uns der Gram uͤber Dich todtet? Haben wir das Herzleid um Dich verdient, das Du uns machſt? Wie kannſt Du doch ſo ſeyn und einen fremden Knaben mehr lieben, als Deine Eltern! Sollteſt Du lieber in Erfurt bei der Tante eine Weile bleiben wollen; ſo wird Dein guter Vater, der Dich uͤber alles liebt, auch dieſen Wunſch erfuͤllen...“ Marie verbarg ihr Angeſicht an dem Buſen der Mutter und ſagte ſchluchzend:„Ach 7 ich will ja ſo gern an⸗ ders ſeyn, wenn ich's nur koͤnnte. Es geht uͤber meine Macht Habt Geduld mit mir.“ Als ſie mit Marien zuruͤckkamen, war fetrer und der Gräf mit ſeiner Gat⸗ tin im Amthauſe. Mit der innigſten Theil⸗ nahme ſreuten ſie ſich, daß Marie mit ih⸗ ren Eltern zuruͤck kam. Der Pfarrer wand⸗ te ſich an das Maͤdchen, das mit nieder⸗ geſchlagenem Blick daſtand, indem ihr die Thränen ünverhalten von den Wangen 172 rollten:„Mein Kind, die erſte aller Pflich⸗ ten, die Dir das Herz gebieten muß, die ich Dir als die heiligſte empfahl, iſt die Liebe zu Deinen Eltern. Jedes andere Gefuͤhl muß ihm weichen und untergeord⸗ net ſeyn. Bis zu einer ſuͤndlichen Große hat ſich in Deiner Bruſt die Liebe gegen Carln erhoben, wenn Du die Wohlthaten Deiner Eltern nicht mit Gehorſam und Dank ehrſt. Meinſt Du, daß ich ihn Dir zum Geſpielen herrufen, und willſt Du, daß er um Deinetwillen die ſchoͤne Zeit verſchleudern ſoll, die er gebrauchen muß, um ein nuͤtzlicher Mann, meine Freude zu werden und ſein kunftiges Gluͤck zu be⸗ gründen? Was forderſt, was verlangſt Du! Verſtaͤndiger iſt er, wie Du, er bleibt in Berlin, und, wie Du ihn auch bitten moͤchteſt, hieher kehrt er nicht zuruͤck. Verſundige Dich nicht taͤnger an Deinen Eltern und an Dir. Sie ſind zu guͤtig gegen Dich und das erkennſt Du nicht. Waͤrſt Du meine Tochter, andere Mittel wärde ich anwenden, Dich zur Vernunft 173 zuruckzufuͤhren. Ein Maͤdchen von Dei⸗ nen Jahren muß lernen, wie ſie einſt ih⸗ ren Beiuf erfuͤllen will und darf kindiſchen Grillen, die ſie von ihrer Beſtimmung ab⸗ leiten, keinen Raum geben. Da Du ſo biſt, ſo wuͤrde ich Carln allen Umgang mit Dir unterſagen, wenn er hier waͤre und ſein gutes Herz wuͤrde mein Verbot ehren. Was ſoll aus Dir werden, wenn Du Deinen Traͤumereien laͤnger nachyaͤngſt! Willſt Du Dich an Deinem Leben ver⸗ greifen und ſoll Gott auf Dich zürnen, der Dich vor tauſend Kindern beguͤnſtigt hat? Man weiß es nicht, ſoll man uͤber eine ſolche Thorheit lachen oder weinen. Herr Amtmann, beſchäftigen Sie Ihre Tochter mit Handarbeiten, daß ſie muͤde wird und ſchläͤft, damit ihr die Narrheit vergeht. Wer mit ihr klagt und ſeufzt, der macht das Uebel aͤrger und ſie glaubt ein Recht zu haben, ſo und nicht anders zu ſeyn. Carl iſt fur ſich, er iſt fleißig und gut, bleibe Du fuͤr Dich und bedenke, daß ein unverſtändiges Kind dem Rathe der Eltern folgen muß. Von meinem Unterrichte, den ich Dir ertheilte, machſt Du nicht die beſte Anwendung. Haſt Du ein ſteiner⸗ nes Herz, daß Dich der Harm Deiner El⸗ tern nicht ruͤhrt? Werde anders, daß ſich Gott und gute Menſchen uͤber Dich freuen koͤnnen. So machſt Du ihnen nur Trauer und Kummer, das iſt der ſchlechteſte Dank, den Du ihnen ſagen kannſt. Sieh, wie Du ſie betruͤbſt, willſt Du ſie nicht erheitern, will das Gott nicht?“ Hier ſchwieg der Pfarrer. Er hatte ſo harte Worte geſprochen, wie Marie ſie noch nicht hoͤrte. Sie war erſchuͤttert, ſie fuͤhlte es ſelbſt, daß ſie dieſe Straf⸗ predigt verdiente. Sie ſagte nur die Worte:„Kann ſich ein Kranker ohne Arzt geſund machen? Giebt es nicht Krankhei⸗ ten, die nicht geheilt werden koͤnnen? Kann ein Kranker nicht Erbarmen und Mitleid fordern? Die Wahrheit moͤgen ſie geſagt haben; aber ſehr hart waren ſie. Keinen Augenblick habe ich aufgehoͤrt, meine Eltern zu lieben, kann ich dafuͤr, ————— 175 daß ich Carln uͤber alles liebe? Der Gott der mich geſchaffen hat, gab mir dieſe Lie⸗ be ins Herz Reißen Sie ſie heraus, wenn Sie's koͤnnen, ich ſelbſt aber kann es nicht. Bin ich darum eine ungehonſa⸗ me, undankbare Tochter? Vater, verſuche es, gieb mir die ſchweren Arbeiten einer Magd auf und ſiehe dann zu, ob ich wie⸗ der ſo ſroh werde, als ich's war, ehe Carl nach Berlin mußte„ Sie weinte bitter, ging aus der Thuͤr und die Mutter folgte ihr mit der Graͤfin nach. Breide nahmen Marien an der Hand und gingen mit ihr nach dem Garten. Die Mutter war ſo geruͤhrt, daß ſie nicht reden konntez die Worte des Pfarrers gefielen ihr nicht. Die Gräfin druͤckte Marien die Hand und ſagte:„Es war doch unrecht, daß Du heimlich Deine Eltern verließeſt, um nach Berlin zu gehen. Welchen Gefahren ſetzteſt Du Dich aus! Man wuͤrde Dich, wenn Du dort ankamſt, zuruͤckgewieſen haben, da konnteſt Du nicht bleiben! Was waͤre aus Deinen Eltern geworden, wenn ſie Dich nicht einholten! Das mußt Du einſehen, daß Du recht unbedachtſam ge⸗ handelt haſt Wenn Du Dein Gefuͤhl, Deine Neigung zu dem Knaben nicht un⸗ terdruͤcken, nicht beherrſchen willſt, wenn Du Dich ihr preis giebſt, ſo biſt Du nicht ſicher, fortgeſetzt ein Unrecht zu begehen, in Thorheiten zu gerathen, die Dich ſpä⸗ ter gewiß gereuen. Die Liebe, die eine Tugend iſt, kann auch ein Laſter werden, wenn ſie von der Vernunft nicht regiert wird. Du uͤbertreibſt es gar ſehr damit. Sieh, wie froͤhlich meine Brigitte iſt, könnteſt Du nicht auch ſo ſeyn? Wie be⸗ truͤbſt Du uns Alle. Mit Deinem Gram erreichſt Du Deinen Zweck nicht, Du zer⸗ ſtöhrſt ihn. Endlich wirſt Du in eine Krankheit gerathen, ſterben vielleicht und dann iſt die Hoffnung verloren, Carln je wieder zu ſehen. Wie wuͤrde er Dich ta⸗ deln, wenn er Dich ſo ſaͤhe! Seine Liebe zu Dir muͤßte ſich in ihm vermindern, wenn er's wuͤßte, wie Du Deine guten Eltern bekuͤmmerſt! Glaubſt Du anders wo, 177 in Erfurt oder Hamburg, Ruhe zu finden, willſt Du mit mir dieſen Winter nach Dresden reiſen, Du darfſt es ja nur ſa⸗ gen, es wird Dir gewillfahret werden. Deine Eltern, die Dich über Alles lieben, die keine Stunde ohne Dich leben koͤnnen, werden ſich von Dir trennen, wenn es Dir gut iſt. Marie, werde anders, Du kannſt es, wenn Du's ernſtlich willſt, und mache uns, die wir Dich mit Schmerz be⸗ dauern, wiedet froh.“ Sie erwiederte:„So lange ich bei der Tante war, fuͤhlte ich mich leichter ums Herz, hier iſt mir's wie ein Cent⸗ ner wieder auf die Seele gefallen und es wird immer ſchwerer. Jeder Ort, jeder Baum, jeder Steig, jeder Gang hat fuͤr mich Sprache und ruft mir den Namen Carl zu und erinnert mich an ein verlor⸗ nes Gluͤck. Nach Erfurt möchte ich zu⸗ ruͤck.“—„Nun gut, da ſollſt Du hin. Nicht wahr, liebe Auguſte?“—„Ja wohl, ja wohl, erwiederte die Mutter, mit Thra⸗ 12 178 nen in den Augen,„morgen, wenn Du's willſt.“ Der Amtmann war von dem Graf und Pfarrer ſchon uͤberredet, ſeine Tochter der Tante in Erfurt zu uͤbergeben und ſie ſo lange bei ihr zu laſſen, bis ſie voͤllig wieder hergeſtellt ſey. Als die Drei aus dem Garten zuruͤck kamen, ſagte der Graf zu Marien:„Dein Vater will Dich zur Tante nach Erfurt reiſen laſſen, dort kannſt Du bleiben, ſo lange es Dir gefaͤllt. In meiner Kutſche ſollſt Du dahin fahren, Deine Mutter und meine Gattin begleiten Dich. Willſt Du das?“—„Ich muß es wollen,“ antwortete ſie,„um meine Eltern nicht laͤnger zu betruͤben. Dort war's mir leichter ums Herz. Die Tante liebt mich wie meine Mutter. Vater, willſt Du das auch?“—„Alles kann ich wollen, was zur Wiederherſtellung Deiner Ruhe dient,“ ſagte der Amtmann und kuͤßte ſeine Toch⸗ ter. Der kommende Morgen war zur Ab⸗ reiſe beſtimmt. Feſt umſchlang Marie ih⸗ 179 ren Vater und ſagte nur die Worte: „Wenn es Gott will, kehre ich, als Deine fröhliche Marie, in Deine Arme zuruͤck. Glaube nur nicht, daß ich undankbar bin und Dich nicht liebe. Als ſie mit ih⸗ rer Mutter und der herrlichen Graͤfin in den Wagen ſtieg, die Freude und Schmerz mit Auguſten theilte und ſie nicht allein von Erfurt zuruͤckfahren laſſen wollte, war der Amtmann ſo erſchuͤttert, daß ihm die Lippe bebte und er kein Wort reden konnte. Dieſe Gedanken wechſelten in ſeiner Seele ab: wirſt du ſie geſund und froh wieder ſehen; wird ſie in ihrem Gram unterge⸗ hen und ſterben?“ Eine Weile blieb er in dem Zimmer allein, dann ging er in die freie Luft aufs Feld, um ſich zu zerſtreuen und ſeine innere Unruhe zu beſchwichtigen. Es war ihm, als ob Marie; als eine Leiche, von ſei⸗ nem Hofe getragen waͤre. Bald ſiegte in ihm die Hoffnung, daß er ſie wieder ſe⸗ hen werde, bald der Zweifel und Glaube, er werde ihren Tod, wohl gar die Zerrüt⸗ 180 tung ihres Verſtandes, betrauern muͤſſen. In dieſem Augenblicke fand er's unerläß⸗ lich, daß er ſie von ſich ließ, in dem an⸗ dern mißbilligte er fein Nachgeben. Streit und Kampf der Gedanken und Gefuͤhle herrſchte in ihm. Als er, ohne auf den Weg zu achten, eine weite Strecke gegan⸗ gen war, fuͤhlte er ſich ſo ermattet, daß er in der Sonnenhitze einen Baum ſuchte, der Schatten gab und unter dieſem ſetzte er ſich nieder. „Wie ſonderbar und unbegreiflich das Schickſal, oder eine hoͤhere Vorſehung wal⸗ tet!“ dachte er.„Welche verwirrte und ver⸗ wickelte Knoten ſchlingt ſie und wie wun⸗ derbar und unglaublich ſind ihre Aufloͤſun⸗ gen! Oft bleiben ſie auch verſchlungen und loͤſen ſich nie auf, und mancher Menſch ſieht, nach einer Nacht voller Widerſpruͤche und Schmerzén, das Licht der Wahrheit, des Einklangs und der Freude nicht. Wie habe ich mir ein Kind gewuͤnſcht, es ward mir gegeben, ein ſchoͤnes, mit den beſten Anlagen begabtes Kind, es wuchs * 181 vor meinen Augen herrlich auf und ſein Anblick entzuͤckte mich. Welche Hoffnun⸗ gen baute ich auf daſſelbe! Es verſchoͤnte mir die Welt, es machte mir das Leben ſuͤß, alles, was ich nun that, hatte eine poͤhere Bedeutung, einen beſſern Zweck. Die Vaterliebe erwaͤrmte und veredelte mein Herz und zärtlicher wurde meine Neigung zu Auguſten. Wie mit einem Sturm iſt alles hinweggeweht, der heitere Himmel iſt verſchwunden und die Wolken des Grams, der Angſt und Furcht ſchwaͤr⸗ zen ſich immer mehr uͤber meinem Haupte.“ „Uebertrieb ich meine Liebe zu dem Kinde nicht; baute ich meine Hoffnungen nicht aufs Eitele; ließ ich mich nicht zu ſehr zur Erde niederziehen? Gott, habe ich Dir fuͤr Marien nicht recht gedankt?“ „Die Liebe, das Herrlichſte, was die Schöpfung hat, wohin die Weisheit aller Erzieher zielt, um ſie in den Kindesherzen zu entwickeln; dieſe Liebe, wenn ſie in rei⸗ ner Klarheit unſere Bruſt erfullt, welche die Wonne des Lebens iſt, ohne die Alles 182 in kalter Erſtarrung liegt, muß meinem Kinde zum Verderben und ihrer Eltern zur Trauer gereichen! Wie raͤthſelhaft und ſonderbar! Nichts Neues ereignete ſich un⸗ ter dem Monde! Es iſt in Mariens Seele kindliches Hinneigen zu dem Knaben mit feſter Treue, Achtung fuͤr ſeine Gegenliebe, Dank gegen ſeine Gefälligkeiten! Eins fuͤhlt ſie ſich mit ihm, in unzertrennlicher Gemeinſchaft will ſie mit ihm leben! Wenn Gatten ſich ſo liebten, ein Muſter der Ehe, wie man es ſelten findet, waͤren ſie! Aber zu fruͤh fuͤr ihr Alter hat ſich dieſe Liebe entwickelt. Was jetzt vertilgt werden ſoll, das wuͤrde man ſpaͤter, als die ſchoͤnſte Bluͤthe eines tugendhaften und empfin⸗ dungsreichen Gemuͤthes, ehren! Werden ſich ihre Gefuͤhle abkuhlen; werden ſie die Zerſtreuungen der Welt mäßigen; wird die Zeit ſie ſchwächen, vis es fuͤr ihr Gluͤck Zeit ſeyn wird, ſie wieder zu wecken? Ach! ich ahnete es ja nicht, wohin der Umgang der Kinder fuͤhren wuͤrde; ich hätte ihn nicht ſtören koͤnnen, bin ich — —— ————— 2———* denn ſtrafbar? Habe ich etwas verſehen? Wuͤrden andere Eltern in meiner Lage kluͤ⸗ ger, vorſichtiger gehandelt haben? Hat der weiſe, erfahrne Mann, der edie Guͤnther, nicht mit offenen Augen das uͤberſehen, was er ſteuern konnte und mußte?“ „Vater,“ ſprach der Amtmann, wie ein andächtig Betender,„in Deiner Hand ruht mein Schickſal, meine Freude, mein Schmerz, gieb mir, Du wirſt es geben, was mir gut iſt. Sollte mir im finſtern Trauergewoͤlk die Sonne der Freude auf ewig verborgen bleiben? Stille die Unruhe eines Vaterherzens; die unaus ſprechliche Liebe zu einem Kinde, das Du ihm gabſt, haſt Du ihm eingepflanzt, und ihm gewiß nicht zur Pein. Herr, Dein Wille ge⸗ ſchehe!“ Thraͤnen fuͤllten ſeine Augen, als er den Weg nach Weſtgreußen mit ruhigerm Gemuͤthe zuruͤckwandelte. Er glaubte es ſelbſt, daß der Pfarrer Recht hatte, wenn er mit Marien geſtern in dem ernſten und nachdruͤcklichen Tone ſprach, den die An⸗ 184 dern, welche ihn reden hoͤrten, mißbillig⸗ ten. Vielleicht waͤre deg, Verſuch zu ma⸗ chen geweſen, meinte er, Marien, durch die. Anwendung haͤrterer Mittel, zu heilen. Aber bald war er ſich's ſelbſt eingeſtaͤndig, daß er, bei ſeinem weichen Herzen, die Kraft dazu nicht hatte. Er beſchloß, zum Pfarrer auf dem Ruͤckwege zu gehen und ihn zu fragen, ob er Marien in die Cur nehmen wolle. So hatte er ſeine Tochter in der Naͤhe und ihm traute er mehr Ge⸗ ſchicklichkeit zu, ſie zu behandeln, als der Tante. Er fuͤrchtete auch, daß das Maͤd⸗ chen bei einem laͤngern Aufenthalte in der Stadt eine ſo modiſche Bildung erhalten werde, von der er ein abgeſagter Feind war, die ihr das ſtillere, naturliche Land⸗ leben verleidete. Der Pfarrer ſaß unter der Linden⸗ laube vor der Thuͤr und rief dem Amt⸗ mann ſchon in der Ferne zu:„Kommen Sie doch naͤher, ich habe Ihnen eine Neuig⸗ keit mitzutheilen, die vielleicht einen gu⸗ ten Eindruck auf Marien gemacht haͤtte, ——— — 185 wenn wir ſie ihr vor ihrer Abreiſe nach Erfurt mittheilen konnten. Carl hat ge⸗ ſchrieben.“—„Was ſchreibt er?“ fragte der Amtmann.“—„Daß er geſund iſt und daß es ihm in Berlin wohigefaͤllt. Mein Vetter Oswald ertheilt dem Jungen ein großes Lob.“ In der Stube wurde der Brief gele⸗ ſen. Er enthielt weiter nichts, was Ma⸗ rien betraf, als dies:„Gruße auch alle meine Freunde und— die liebe Marie. Der Pfarrer ſagte:„Dieſen Brief hätten wir Marien zeigen koͤnnen, ſie wuͤrde dar⸗ aus vernommen haben, daß er ſie zwar nicht vergeſſen hat, daß er ſich aber nicht ſo gebehrdet, als ſie...“—„Nein, wir haͤtten ihr den Brief nicht zeigen duͤrfen,“ ſagte der Amtmann.„Das Maͤdchen iſt ſcharfſehend und der innere Schmerz bedarf oft nur eines Zeichens zu einer Erklaͤrung, die ihn vergroͤßert. Sehen Sie denn nicht den großen Zwiſchenraum zwiſchen dem und— die liebe Marie? Sind die Buch⸗ ſtaben nebenbei nicht verloͤſcht und andere 186 im Briefe? Das iſt eine Thraͤne, die vom Auge des Leidenden fiel und dieſe hatte Marie auch errathen. Ach! nur dieſer Thräne bedurfte es, die ſeinen verhaltenen Schmerz deutlich ausſpyicht, um Marien zum Weinen zu ſtimmen. Gewiß, ſie haͤtte ſie entdeckt. Es iſt am beſten, daß ſie nichts von ihm hoͤrt und noch beſſer, daß ſie nie Geſchriebenes von ihm liſet. Sollte Carl einen Brief an ſie ſchreiben, ſo thei⸗ len Sie den mir mit.“ „Aber, beſter Herr Pfatrer,“ fuhr der Amtmann fort,„einen Vorſchlag hätte ich, 7 von dem ich mir viel Gutes verſpreche, den ich Ihnen zur Pruͤfung und Beherz⸗ gung vorlegen will. Sie ſorachen geſtern mit Marien im ernſten, kraͤftigen Tone, juſt wie ſie ihn hoͤren mußte, und wie er mir der rechte zu ſeyn ſcheint. Durch un⸗ ſere Weichlichkeit, glaube ich, haben wir ₰ das Uebel ſchlimmer gemacht. Wie waͤre 3 es, wenn Sie Marien in Ihr Haus naäh⸗ men, ſie behandelten und ihre Wiederher⸗ ſtellung bewirkten? Ihr Aufenthalt in der ———— 187 Stadt, bei der Tante, gefaͤllt mir durchaus nicht.“—„Sie wiſſen es,“ erwiederte der Pfarrer,„daß ich nicht Nein zu ſagen pflege, wenn ich meinen Freunden dienen kann, und daß ich Ihnen vor Allen gefaͤl⸗ lig ſeyn mochte, das trauen Sie mir zu. Marien liebe ich auch, wie ein eigenes Kind, und es iſt mir nicht gleichgültig, ob ſie geſund iſt, oder kränkelt, ob ſie ihren Eltern Freude oder Schmerz macht. Aber in einer wichtigen Sache muß man nichts verſprechen, wenn man ſein Wort hernach nicht halten kann, oder wenn man ſich zu einem Dienſte anheiſchig macht, durch den mehr geſchadet, als gefruchtet wird. Mein Herz darf ich nicht reden laſſen, mich be⸗ denken und den Verſtand zu Rathe ziehen. Ihr Vertrauen iſt mir ſchätzbar und ich ehre es gewiß. Aber wir duͤrfen uns nicht uͤbereilen und muͤſſen weiſe zoͤgern. Wir wollen es erſt abwarten, welchen Ein⸗ druck der Aufenthalt bei der Tante auf Marien macht. Ein abermaliges Wegneh⸗ men von derſelben, eine neue Veränderung 158 ohne hinreichenden Grund, mochte verderb⸗ lich ſeyn. Uebrigens darf es Ihnen nicht auf den Ort ankommen, wo Marie iſt, die Hauptſache iſt, daß ſie geneſet an Leib und Seele. Setzt ſich, ihr ein ſtaͤdtiſcher Firniß an, der Ihnen mißfaͤllt, ſo ver⸗ wiſcht ſich der auf dem Lande leicht wie⸗ der. Und es iſt Marien ſehr heilſamer, wenn ſie umſichtiger wird, wenn ſie zur rechten Zeit reden und ſchweigen lernt, wenn ihr eine feine Manier angeeignet wird, die das Weſen eines Mädchens ver⸗ ſchoͤnt, ohne ihr Herz zu verderben. Wir ſind Freunde, und Wahrheit bin ich Ihnen ſchuldig. Aufrichtig geſagt, Marie iſt zu natuͤrlich, zu offen, zu frei, nichts verſteht ſie zu beſchleiern und ſo koͤmmt man, we⸗ nigſtens nicht ohne hoͤchſt unangenehme Er⸗ fahrungen machen zu muͤſſen, nicht durch unſere Welt. Bei einer gewiſſen Lebens⸗ weiſe, die ihr fehlt, wuͤrde ſie auch jetzt anders ſeyn, wie ſie iſt. Selbſt der Zwang, den man ſich anthun muß, um — zu gefallen und anzuſtoßen, —— 3 —— 189 iſt Voruͤbung zu der Herrſchaft, die wir uber unſere Leidenſchaften und Neigungen behaupten muͤſſen. Nach meinem beſten Rathe alſo laſſen wir Marien in der Stadt und ſehen 65 ruhig an, wie ſie ſich in der neuen Lage geſtaltet. Geht es aber nicht, wie wir's wuͤnſchen, ſo bin ich bereit, alles zu thun, was das S Ma⸗ riens bezweckt.“ Nit Freuden empfing die Tante Na⸗ rien, und Auguſte ſagte beim Ausſteigen zu ihr:„Tante, da bringen wir Dir eine Kranke, die ihre Heilung bei Dir ſucht⸗ Nach Dir ſehnte ſich ihr Herz, bei Dir hofft ſie Ruhe zu finden. Wie gern Du ſie aufnimmſt, das weiß i ich.“— Die Tante umarmte Marien zuerſt, hieß ſie willkommen und freute ſich herzlich, als ſie hoͤrte, daß das Maͤdchen auf eine laͤngere Zeit bei ihr bleiben werde. Auch die Grä⸗ ſin blieb die Nacht bei der Tante und fand bei der reichen Frau eine prächtige Aufnahme. Marie eilte nach ihrem Stuͤb⸗ chen hin, ſuchte und fand ihre Malereien, 190 die ſie der Graͤfin und der Mutter mit den Worten zeigte:„Wie wird ſich Carl freuen, wenn er wieder köͤmmt und ſieht, daß ich in ſeiner Lieblingskunſt Fortſchritte gemacht habe. Tante, wird mir, mit Dei⸗ ner Erlaubniß, der Zeichenmeiſter wieder Unterricht geben?“—„Liebes Kind,“ ant⸗ wortete dieſe,„lerne, was Du willſt, an Lehrern ſoll Dir's nicht fehlen“ Als ob Marie in eine neue Welt ver⸗ ſetzt waͤre; als ob der ſchwere Stein des Grams ſie nicht mehr druͤckte, ſo fuͤhlte ſie ſich jett. Sie war geſprächiger, freund⸗ —— licher und fragte nach verſchiedenen Maͤd⸗ chen, mit denen ſie Bekanntſchaft gemacht hatte. Als ihre Mutter mit der Graͤfin zu den Eltern ging, blieb ſie bei der Tante zuruͤck. Sie erzaͤhlte ihr ganz of⸗ fenherzig den Traum, den ſie hatte und daß ſie hatte nach Berlin gehen und Carln beſuchen wollen.—„Da haſt Du wie ein unverſtändiges Kind gehandelt,“ ſagte die Tante mit voller Gutmüthigkeit,„dem 1 man verzeihen muß. Wie kannſt Du an, —— 191 Traͤume glauben, die leere Spiele der Ein⸗ bildung ſind. Erinnerſt Du Dich nicht vieler Traͤume, die Dich im Schlafe aͤng⸗ ſtigten, welche beim Erwachen wie geſpen⸗ ſteriſche Schatten verſchwanden! O, wie lieb iſt's mir, meine beſte Marie, daß ich Dich wieder habe? Daß Du zu mir eil⸗ teſt, weiß ich ſehr hoch zu ſchaͤtzen. Siehe mich als eine zweite Mutter an und glaube mir, daß mein Herz an Dir, wie an ei⸗ ner Tochter haͤngt. Folge meinem Rathe und Dein Gemuͤth wird wieder heiterer werden und die entſchwundenen Roſen werden auf Deinen Wangen wieder bluͤ⸗ hen. Daß Du Carln ſo treu und zaͤrtlich liebſt, rechne ich Dir ſehr hoch an. Ein leichtſinniges Maͤdchen waͤrſt Du, koͤnnteſt Du den freundlichen Geſpielen Deiner Kindheit ſo bald vergeſſen; aber durch Gram und Sehnſucht nach ihm mußt Du Dich nicht aufreiben und Dir und ihm nicht die Freude des Wiederſehens ent⸗ reißen. Laß ihn ruhig in Berlin, er wird ſchon wieder kommen und wie gluͤcklich zum Vorzuge vor dem Dorfe, uns anbie⸗ wird er ſeyn, wenn er Dich als eine bluͤ⸗ hende Jungfrau ſieht und ſich uͤberzeugt, daß Du Deine Liebe gegen ihn ſo treu be⸗ wahrteſt. Scheuche die Anwandlungen ei⸗ nes vergeblichen Kummers von Dir und genieße ungeſtoͤrt mit mir die Annehmlich⸗ keiten und Zerſtreuungen, die die Stadt, tet. Komm in meine Arme, an mein Herz, Marie, hier ſuchſt Du Balſam fuͤr Dein verwundetes Gemuͤth und Du ſollſt ihn finden!“* In den Armen der Tante lag Marie, als die Gräfin und Auguſte, die Familie 6 des Herrn Olbert und Merian, welche zum Abendeſſen gebeten waren, ins Zimmer traten. Alle gruͤßten Marien freundlich und ihre Mutter ſagte:„Bei der Tante lebt Marie wieder auf. Eiferſuͤchtig moͤchte ich werden, daß Dich meine Toch⸗ ter ſo liebt.“— Es waren mehrere junge Maͤdchen da, die Marien in ihren Kreis zogen und ſich Muͤhe gaben, die Gemuͤths⸗ kranke aufzuheitern. . 193 Als Marie ſchon im Bette lag und ſanfter als in Weſtgreußen ſchlief, ſprach man noch weitlaͤufig uͤber ihren Seelenzu⸗ ſtand. Die Tante ſagte:„Faſt glaube ich's mit Gewißheit vorausſagen zu koͤn⸗ nen, daß ich Marien voͤllig hergeſtellt euch wieder in die Arme fuͤhre. Aber ihr muͤßt ſie nur nicht vor der Zeit wieder abholen. Das ſage insbeſondere Deinem Manne, liebe Auguſte, damit er nicht wieder ver⸗ dirbt, was ich gut gemacht habe. Du kannſt ja ihretwegen ganz ruhig ſeyn, da Du ſie unter meiner Aufſicht weißt.“ Keinen Morgen ſah die Mutter ihre Tochter ſo ruhig, ſo heiter, als ſie bei der Tante war. Beim Abſchiede ſtanden ihr Thraͤnen in den Augen; aber ſie bat doch, daß der Vater ſie auf eine läͤngere Zeit in Erfurt laſſen ſollte, damit ſie es vergeſſen lernte, wie uͤbergluͤcklich ſie mit Carl ge⸗ weſen waͤre, ohne den ſie ſich in Weſtgreu⸗ ßen wie an einem Orte der Pein fuͤhle. Nit den beſten Hoffnungen reiſete die Amtmaͤnnin von Erfurt und mit freierm 13 194 und heitererm Gemuͤthe konnte ſie ſich auf dem Ruͤckwege mit der theilnehmenden, menſchenfreundlichen Graͤfin unterhalten. Neuberg freute ſich recht herzlich uͤber die guten Nachrichten, die ſie ihm von Ma⸗ rien brachte; aber er ſtieß doch einen Seufzer aus und ſagte:„Es iſt doch eine ſchmerzhafte Erfahrung, die ich machen muß, daß ſich mein Kind bei der Tante wohler fuͤhlt, als bei ſeinen Eltern. So war ich nicht als Kind. In der Naͤhe meiner Eltern war mir nur wohl, da fand ich meinen Himmel, und war ich laͤnger als einen Tag von ihnen entfernt, da zog mich mein Herz mit unwiderſtehlicher Gewalt in ihren Kreis. Jetzt fuhlen ſich die Kinder in der Fremde wohl, und un⸗ wohl im Elternhauſe. Wird die Welt im⸗ mer verkehrter?“—„Neuberg,“ antwor⸗ tete ſeine Gattin,„Deine finſtere Laune laͤßt Dich nur ſo urtheilen. Marie liebt uns uͤber alles, Weſtgreußen mit ſeinen Erinnerungen iſt ihr nur ein niederſchla⸗ gender Ort, wo ſie die Ruhe nicht findet, 195 die ſie ſucht. Laß ſie ja ſo lange in Er⸗ furt, wie es zu ihrer Geneſung nothig iſt, dann wird ſie, eine liebende Tochter, an unſer Herz zuruͤckkehren.“—„Und wie lange meinſt Du, wird ihre Abweſenheit dauern?“—„Wie kann ich das beſtim⸗ men!“—„Nun, Du ſollſt es ſehen,“ ſagte er unwillig,„welch eine Stadtdame uns die feine Tante in ihr uͤberliefern wird. Sie wird ſich dann vor jedem Sonnen⸗ ſtrahl fuͤrchten, jedes rauhe Luftchen wird ſie ſchneidend anwehen, nicht die ſchone Natur, nur die gezierte Kunſt wird ihr Freude machen. Das Landleben wird ſie anekeln, wo es keine Baͤlle, keine Theege⸗ ſellſchaften giebt. Wie viel wird ſie ver⸗ lieren, was ſich ihr nicht wieder geben laͤßt, wenn ihr Sinn verwöhnt iſt.“— „Redeſt Du doch, als ob alle Landleute Engel und die Städter verwerfliche Miß⸗ geburten waͤren. Kennſt Du eine edlere Frau, als die Tante iſt?“ Ware es ein Ungluͤck, wenn Marie ihre Tugend lieben und ihr Beiſpiel nachahmen lernte?“— S 106 „Von Tugend kann nicht die Rede ſeyn. dann noch; wohl aber von der Schminke der großen Welt, von der feinen Verſtel⸗ lung, von dem Modegezier, der Putz⸗ und Vergnuͤgungsluſt,“ ſagte er.—„Bin ich doch auch in der Stadt erzogen und ich weiß es doch, wie zufrieden Du mit mir biſſenem Unmuth die Stube. Brief von Marien, in dem ſie von ihrem Wohlbefinden, von der Guͤte der Tante ſprach und ihn zu einem Beſuch nach Er⸗ furt einlud. Zu gleicher Zeit hatte ſie auch einen Brief an Carln geſchrieben, den ſie der Tante zum Leſen, zum Verſiegeln und Abſchicken uͤberreichte. Dieſen Brief aber ſchickte die Tante an Auguſten und ſchrieb: „Ich ubergebe Dir dies Schreiben und uͤber⸗ laſſe es Dir ganz, welchen Gebrauch Du davon machen willſt. Nur melde mir, ob Du ihn zuruͤckbehalten oder abgeſchickt haſt, damit ich meine Maaßregeln darnach neh⸗ Wenn ſie auch die verlöre, was haͤtte ſie biſt.. Er ſchwieg und verließ mit ver⸗ Nach wenigen Tagen erhielt er einen ———— „ — men kann. Nach meinem Dafuͤrhalten muß er nicht in Carls Hände kommen, ſo wie Marien auch kein Brief, wenn er an ſie ſchreiben ſollte, von ihm gegeben werden darf. Er moͤchte die Flamme der Liebe zu dem Knaben wieder anzunden, die wir löſchen wollen.“ Marie ſchrieb in dem Brief an Carln auch dieſe Worte:„Ich traure im Herzen ſo lange, bis ich Dich wieder ſehe. Seit Du nicht mehr in meiner Naͤhe biſt, kann ich keinen frohen Gedanken mehr denken. Meinen Himmel, in dem ich mich mit Dir ſo gluͤcklich fuͤhlte, habe ich verloren und Alles um mich her iſt finſtere Nacht. Wann wirſt Du wieder kommen? In Weſt⸗ greußen konnte ich's ohne Dich nicht aus⸗ halten und bin in Erfurt bei der Tante. Zeichnen iſt meine liebſte Beſchaͤftigung, weil es die Deine war. Bald ſchicke ich Dir ein Bild, woruͤber Du Dich freuen ſollſt. Biſt Du auch nicht krank? Ach! wenn Du ſtürbeſt, ich ſtürbe mit Dir. So weit wir von einander geriſſen ſind, keine Macht ſoll unſere Herzen trennen. Wie ich Dich liebe, kann ich kein Geſchoͤpf auf Erden lieben, ja, ich liebe Dich mehr, als mich ſelbſt. Antworte bald auf mei⸗ nen Brief, ich zahle Tage und Minuten, ehe ich ein Schreiben von Dir empfange ꝛc.“ Der Brief wurde nicht an Carln ab⸗ geſchickt; aber der Amtmann theilte den Inhalt deſſelben dem Pfarrer mit und bat ihn:„Sorgen Sie doch, daß Carl an Ma⸗ rien einen Brief ſchreibt, in dem er ſich's merken läßt, daß er mehr zu thun hatte, ais eine Correſpondenz mit ihr zu unter⸗ halten. Es iſt gewiß Alles gewonnen, wenn er ſie uͤberzeugt, daß er das als kindiſchen Scherz betrachtet, was ſie als Ernſt anſieht. Entfernt er ſie von ſich, ſo wird ſie ruhiger werden.“—„Das will ich Carln recht nachdruͤcklich ſchreiben,“ verſprach der Pfarrer,„aber ob ſeine Ant⸗ wort ſo ausfallen wird, wie wir es wuͤn⸗ ſchen, das muß ich bezweifeln. Wie könnte er einen Federzug thun, der wider ſein Gefuͤhl iſt? Wie durch anſcheinende ¹99 und verſtellte Kaͤlte Marien den leiſeſten Schmerz machen? Aber, was ſich von ihm nicht erlangen laͤßt, dazu iſt vielleicht mein Vetter erbötig. Ich werde ihm die Ge⸗ ſchichte von Marien mittheilen und er wird es leicht begreifen, daß eine kleine Un⸗ wahrheit, zur Heilung einer überſpannten Gemüthskranken, kein ſtraͤfliches Verbre⸗ chen iſt.“ Mit dieſem Verſprechen ent⸗ fernte ſich der Amtmann von dem Pfarrer. Es wurde dem Pfarrer nicht leicht, den Brief an den Doctor zu ſchreiben; aber der ehrliche Mann hatte ſein Wort gege⸗ ben, das war ihm heilig, er mußte es halten. Um das Unangenehme, was er nie verſchob, bald los zu werden, ſetzte er ſich ſogleich hin und ſchrieb an ſeinen Freund Oswald nach Berlin.„Erzählt habe ich's Ihnen, als ich Ihrer Liebe meinen Carl anvertraute, mit welchen Herzerſchut⸗ terungen er ſich von ſeiner Jugendgeſpielin, der wirklich hoͤchſt liebenswuͤrdigen Marie trennte. Er hat ſeinen Schmerz uber⸗ wunden und lebt, von ihm ungeſtoͤrt, ſei⸗ 200 ner Beſtimmung. Was Sie und Ihre theuerſte Gattin thaten, den Niedergeſchla⸗ genen aufzurichten, dafur ſage ich Ihnen einen Dank, der ſo groß und herzlich, als die Liebe iſt, die ich für den hoffnungs⸗ reichen Knaben hege. Aber die Marie iſt faſt außer ſich und kann ſich uͤber ihre Trennung von Carl nicht beruhigen. Mit 2. ihrer Geſundheit ſteht's ſchwach und ihre Wangen ſind verbleicht. Sie mußte von Weſtgreußen weg und zu einer Verwand⸗ tin nach Erfurt gebracht werden. Wie ungluͤcklich und troſtlos die Eltern uͤber ihr einziges Kind ſind, das ſie zu verlieren fuͤrchten, das kann ein Vaterherz empfin⸗ den. Der Amtmann glaubt und ich glaube es mit ihm, daß es fuͤr ſeine bedauerns⸗ werthe Tochter ein Heilmittel ſeyn werde, wenn Sie mir hauptſaͤchlich in einem Briefe meldeten, daß Carls Gemuͤth ſich ganz beruhigt häͤtte, daß er ungeſtort ſeiner Pflicht lebe und daß er von Marien, als einem lieben Kinde, ſpraͤche, wie man von einer Jugendgeſpielin ſpricht ꝛc. Die⸗ —— 8 36— 6 —— 6„2 0— 201 ſer Brief ſoll der kranken Marie vorgezeigt werden, um ihr zu beweiſen, daß Carl ſich nicht ſo ungeſtuͤm gebehrdet, wie ſie ꝛc. Erfuͤllen Sie meine Bitte.“ 22. Nach Verlauf von vierzehn Tagen kam ein Schreiben von Doctor Oswald an, wie es der Pfarrer gewuͤnſcht hatte und wie es dem Amtmann recht war, dem er es vorlas. Den Gebrauch deſſelben uͤber⸗ ließ der Pfarrer ſeinem Freunde ganz. „Hier habe ich den erſehnten Brief,“ ſagte Neuberg zu ſeiner Gattin. Als er ihr denſelben vorgeleſen hatte, ſprach er: „Morgen reiſe ich nach Erfurt, um Ma⸗ rien den Inhalt deſſelben mitzutheilen und ich hoffe gewiß, daß er die gehoffte Wir⸗ kung nicht verfehlen wird.“— Auguſte er⸗ wiederte:„Du wirſt Dich gewiß freuen, wenn Du Marien ſiehſt, die auf dem We⸗ ge der Beſſerung iſt, und wie wird ſie ſich freuen, wenn ſie den geliebten Vater wie⸗ der ſieht. Aber von dem Briefe verſprich Dir nicht zu viel und nicht gerade das Beſte. Der Arzt, wenn er dem Patienten eine neue Medizin giebt, weiß es nicht im voraus, wie ſie wirken wird. Da die Tante den Seelenzuſtand unſerer Tochter, wie er eben jetzt iſt, aufs genaueſte kennt, ſo bitte ich Dich, daß Du ſie zuerſt mit dem Inhalte des Briefs bekannt machſt, und Dich daruͤber mit ihr beraͤthſt. Du biſt ja ſelbſt davon uͤberzeugt, daß ſie eine kluge Frau iſt, darum unterwirf Dich un⸗ bedingt ihrem Rathe. Es wäre doch nicht gut, wenn Du das, was ſie aufgebauet hat, wieder niederreißeſt... Der Amt⸗ mann verſprach, ſeiner Gattin zu folgen. um in moͤglichſt ſchneller Zeit in Er⸗ furt zu ſeyn und die Reiſe dahin, ſeiner dringenden Wirthſchaftsgeſchaͤfte wegen, in einem Tage abzumachen, ſchickte er auf die Hälfte des Weges einen Wagen, mit zwei raſchen Pferden, voraus. Er ritt in der Nacht fort, als der Morgen graute und ſo war er Vormittags um ſieben Uhr ſchon in Erfurt. Nur die Dienerſchaft war im Hauſe der Tante wach, von der er erfuhr, daß die Dame um Ritternacht S —— — 2 — 8— 203 aus einer Geſellſchaft mit der Mamſell zu⸗ ruͤckgekommen ſey und daß Beide noch ſchliefen. Unwillig ſagte er:„So geht's in der Stadt, da machen die Leute den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tage. Wecken Sie die Madam nur und ſagen Sie ihr: der Amtmann Neuberg waͤre hier.“ Die Tante wachte, als die Kammer⸗ jungfer ihr die beſtellte Anmeldung leiſe zufluͤſterte, um Marien nicht aus dem feſten Schlafe zu wecken. Sie ſtand auf, legte ihr Morgenkleid an und ließ Marien ruhig fortſchlummern.„Was Neuberg wohl will,“ fragte ſie ſich;„ob ein Ungluͤck ge⸗ ſchehen iſt? Er wird mir doch das Kind nicht wegholen wollen?.. Freundlich reichte ſie ihm die Hand und ſagte:„Wie wird ſich Marie freuen, ihren Vater zu ſehen! Auguſte iſt doch wohl?“—„Ge⸗ ſund, wie ein Fiſch, aber nicht vergnuͤgt.“ —„Neuberg,“ ſprach ſie,„mit Marien fängt es an ſich zu beſſern, entziehen Sie ſie nicht, da ſie noch mehr, als eine Halb⸗ kranke iſt, nicht meiner Cur.“—„Daruin ———— — bin ich nicht gekommen,“ antwortete er, „ſie mit nach Weſtgreußen zu nehmen. Ja, ich habe mich in mein Schickſal erge⸗ ben und will ſie nicht eher wieder haben, bis ſie nach Leib und Seele hergeſtellt iſt.“ Er zog den Brief aus ſeiner Schreib⸗ tafel und ſagte:„Der Doctor Oswald hot von Berlin an den Herrn Pfarrer ge⸗ ſchrieben, daß Carl wenig nach Marien fragt und da denke ich, daß man ihr die⸗ ſen Brief mittheilte. Ihre uͤbertriebene Liebe gegen Carl wird und muß ſich her⸗ abſtimmen, wenn ſie ſieht, daß ſie ihm das nicht iſt, was ſie ihm zu ſeyn ſich einbildet. Sind Sie nicht auch meiner Meinung?“. Die Tante beſann ſich eine Weile und erwiederte dann:„Wie wollen Sie Ma⸗ rien überzeugen, daß der Brief vom Doc⸗ tor Oswald iſt und daß dieſer die Wahr⸗ heit geſchrieben hat? Und wenn ſie auch das glaubt, wird ſie nicht den armen Cark bedauern, daß er in dem fremden Hauſe ſeinen Schmerz verbergen und aͤußerlich 205 laͤcheln muß, wenn er im Innern weint? Daß er ſie nicht uͤber Alles liebt, das glaubt ſie einem Dritten nicht, er muß es ihr mit ſeiner Feder ſchreiben, es ihr mit ſeinem Munde ſagen. Kann und wird er das? Geſetzt aber auch, daß ſie es im ge⸗ ringſten nicht mehr bezweifelt, daß Carl der Liebe nicht faͤhig iſt, die ſie fuͤr ihn hegt, daß er ſie, wie eine voruͤbergehende Erſcheinung im Leben, die uns eine Weile geſiel, vergeſſen hat, daß ſie die oberſte Stelle in ſeinem Herzen nicht behauptet, wird das jede Spur von Traurigkeit uber die Trennung von ihm in ihrer Seele ver⸗ loͤſchen? Ein neuer, vielleicht noch heftige⸗ rer Schmerz hebt in ihr an, daß er ſie ge⸗ taͤuſcht hat, daß ſie ſich in ihrem Glauben, in ihren Hoffnungen betrogen ſah. Sie muß ihn ganz verloren geben, den, der noch ihr hoͤchſtes Gut auf Erden iſt, und wer will ſie troͤſten, wenn der unerwartete, nicht gefuͤrchtete Schlag ſie trifft? Nach mei⸗ ner Meinung laſſen wir ihr den Carl noch, wie er ihr erſcheint und ſuchen ſie nur 206 langſam und bedachtig, wie ein Kind von der Mutterbruſt, zu entwoͤhnen. Neue Gedanken, neue Bilder und Vorſtellungen draͤngen ſich in ihre Seele, das Vergan⸗ gene verliert an Lebhaftigkeit und Staͤrke, endlich koͤmmt ſie auch zu dem Alter, wo ſie einſieht, das Ganze in Weſtgreußen war eine Jugendſpielerei, die ſie einſt viel zu ernſtlich nahm. Laſſen wir ihr nur Zeit, ſo wird ſich ihre Heilung von ſelbſt finden, ohne ſie durch kuͤnſtliche Mittel zu beſchleunigen, das aufgeregte und unbe⸗ ſonnene Gemüth widerſtrebt in der Regel mit Hartnaͤckigkeit, wenn man ihm das mit Gewalt entreißen will, was es als ſein hoͤchſtes Gut ſteſthält. Das iſt mei⸗ ne Meinung, das ſind meine Anſichten. Sie aber ſind, als Vater des Kindes, un⸗ gebunden und koͤnnen ohne Widerrede nach Ihrer Einſicht handeln, nur bedenken Sie, daß Sie fur die Folgen Ihres Schrittes allein verantwortlich ſind.“—„Nein, nein,“ ſagte der Amtmann,„Sie haben — 207 mich belehrt, ich folge Ihrem Rathe, Ma⸗ rie ſoll den Brief nicht ſehen.“ Undeutlich und unverſtaͤndlich waren Marien zwar die Worte, die der Vater ſprach, aber ſie erkannte ihn an der Stim⸗ me. Die Tante hatte in der il es ver⸗ geſſen, die Thuͤr des Schlaſzimmers zu verſchließen, Marie war erwacht und der Ton des redenden Vaters drang zu ihren Ohren. Er wollte eben nach ihrem Be⸗ ſinden fragen, als ſie laut rief:„Vater, Vierb Mit einem Satz war ſie aus dem Bette, kam im Hemde in die Stube ge⸗ ſprungen, umarmte den ſter und kußte ihn. Bald fragte ſie nach der Multer.— „Wie Du doch ſo herzlich Deinen Vater liebſt!“ ſagte er geruͤhrt.„Ich vermißte Dich zu ſehr, die Liebe trieb mich! Wie hat ſich Dein Geſicht veraͤndert, wie wohl ſiehſt Du aus! Ach! liebe Tante, was thun Sie an dem Kinde und ſeinen Eltern, Gott iſt gerecht und das Gute, was Menſchen nicht belohnen koͤnnen, vergilt er gewiß! Marie, biſt Du denn ſo gern bei der 208* Tante?“—„So gern, wie bei Euch und hier viel lieber als in Weſtgreußen, da iſt mir's, als ob ich in einem Hauſe ware, wo Einer geſtorben iſt, den ich immer be⸗ weinen muß. Weißt Du nichts von Carl?“ —„Er iſt geſund, froh und lernt fleißig.“ —„Froh,“ ſogte ſie mit betrübter Miene, „froh und— ich bin ſo traurig.“— „Ware es Dir lieber,“ ſagte der Vater, „wenn er ſich ſo abhärmte, wie Du? Di Liebe ſoll uns gluͤcklich und nicht ungläck⸗ lich machen. Wenn Du's willſt, kannſt erwiederte ſieß„aber noch kann ich's nicht. Die Tante wird mich's lehren 4 Sie ging, tief bewegt, nach der Schlaf⸗ ſtube zuruͤck, wo die Kammerjungfer ihr beim Anzuge half. Sie kam bald wieder zuruͤck. wenigen Stunden, die ſein Aufenthalt in Erfurt dauerte, daß es mit Marien in al⸗ eer Hinſicht beſſer ſtand. Er reiſete mit dem Verſprechen ab, daß die Mutter ſie Der Amtmann überzeugte ſich in den ———— 209 in der kommenden Woche beſuchen ſolle. „Liebe Marie,“ ſagte er,„ehre den Rath der Tante, ſie iſt die Wohlthaͤterin Dei⸗ nes Lebens. So lange es Dir gefaͤllt, bleibſt Du in Erfurt und wir ſehen uns hier oft. Werde unſere Wonne und Freude wieder, ſo wollen wir Sorge und Kummer vergeſſen, der uns um Dich das Herg zer⸗ riß. Sie kuͤßte den Vater und weinte. Getroͤſtet und froher geſtimmt kam Neuberg in Weſtgreußen an und ſagte zu ſeiner Auguſte, die ihm entgegen kam: „Die Tante wollte es nicht, daß ich Ma⸗ rien den Brief zeigte, und ihren vernuͤnfti⸗ gen Gruͤnden gab ich gern nach. Sie iſt eine herrliche Perſon, die ich immer hoͤher achten lerne. Marie iſt auf dem Wege der Beſſerung. Kuͤnftige Woche mußt Du ſie beſuchen, das habe ich ihr verſpro⸗ chen. Nun iſt es feſt bei mir beſchloſſen, das Kind ſo lange in Erfurt zu laſſen, als es noͤthig iſt und, ſo ſchwer es mir wird, ich werde Wort halten. Es iſt doch beſ⸗ 14 210 ſer, ein geſundes und verſtaͤndiges Kind zu haben, was eine ſtaͤdtiſche Bildung hat, als gar keins. Und wuͤrde ich den Vor⸗ wurf des Gewiſſens ertragen, eine Mit⸗ urſache ihres fortwaͤhrenden Grames, wohl gar ihres Todes zu ſeyn!“ „Eine Neuigkeit kann ich Dir auch melden,“ ſagte Auguſte, nachdem ſie ihm gedankt hatte, daß er Marien nicht vor der Zeit, ehe ſie wieder voͤllig beſſer war, nach Weſtgreußen holen wollte.„Carl hat einen Brief an Marien geſchrieben, den mir der Herr Pfarrer eingehaͤndigt hat. Unerbrochen liegt er auf Deinem Schreibpulte. Sehr neugierig bin ich, ſei⸗ nen Inhalt zu erfahren. Der Herr Paſtor laͤßt Dich recht ſebr bitten, ihn vorher durchzuleſen, ehe Du ihn unſerer Tochter giebſt. Er meinte, daß das Schreiben viel⸗ leicht eine Arzenei ſey, die den Zuſtand der Kranken verſchlimmere. Recht ſehr aber läßt er Dich bitten, ihn den Brief leſen zu laſſen, damit er daraus den Seelen⸗ zuſtand ſeines Sohnes ſieht, um, wenn es 21I nöthig iſt, Ermahnungen und Warnungen, die Carl bedarf, mehr nachzuſchärfen.“ „So will ich den Brief nicht eher er⸗ brechen,“ ſagte Neuberg,„bis der Herr Pfarrer ſelber hier iſt. Laß ihn mit ſeiner Gattin zum Abendbrodt herbitten, es iſt den theilnehmenden Freunden gewiß lieb, wenn ich ihnen von Marien erzaͤhle und ihnen ſagen kann, daß ſie anfaͤngt, geſun⸗ der und ruhiger zu werden.“—„So muß ich auch auf das Schloß ſchicken und Dei⸗ ne Ankunft melden laſſen. Zweimal iſt die Graͤfin hier geweſen und hat ſich erkun⸗ digt, ob Du noch nicht angekommen waͤrſt.“ Der Amtmann ging in ſeinen Reiſe⸗ kleidern zum Graf und theilte ihm und ſei⸗ ner Gattin die guten Nachrichten mit, die er von Erfurt brachte. Beide waren hoch erſreut, beſonders auch daruͤber, als ſie von Neuberg hoͤrten, daß er ſeine Tochter nicht eher nach Weſtgreußen zuruͤckholen wolle, bis ihre Cur voͤllig vollendet ſey. Er brach in Lobeserhebungen über die 212 weiſe und fuͤrtreffliche Tante aus.„Es liegt ein Brief von Carln an Marien auf meinem Schreibpulte unerbrochen,“ ſagte er, als er weggehen wollte.„Auf ſeinen Inhalt bin ich begierig. Der Herr Pfar⸗ rer wuͤnſcht es auch zu wiſſen, was und wie ſein Sohn an meine Tochter ſchreibt, um darnach ſeinen naͤchſten Brief an Carln einzurichten. Ich habe die Eltern zum Abendbrodt bitten laſſen.“—„Lieber Amt⸗ mann,“ ſogte die Graͤfin in bittendem Tone,„duͤrfen wir mitgehen? Es intereſ⸗ ſirt mich alles ſo ſehr, was die jungen Liebenden betrifft, und recht neugierig bin ich, welch einen Gung ihre Geſchichte neh⸗ men und wie ſie ſich enden wird.“— „Frau Graͤfin, goͤnnen Sie uns mit Ihrem Herrn Gemahl die Ehre Ihres Beſuchs, ſagte der Amtmann.„Je mehr theilneh⸗ mende Herzen und rathende Seelen um uns verſammelt ſind, deſto leichter wird uns die Laſt⸗ des Kummers, deſto ſicherer ſind wir gegen die Gefahr, in der Ver⸗ wirrung, die die Trauer in uns anrichtet, — 213 gehltritte zu thun.“— Der Pfarrer war mit ſeiner Gattin ſchon bei Auguſten, als der Amtmann mit dem Graf und der Graͤ⸗ ſin ins Zimmer trat. Alle vegruͤßten ſich, wie Freunde, mit gewohnter Herzlichkeit. Der Pfarrer nahm zuerſt das Wort und ſagte:„Ich habe urſache zu glauben, daß der Brief voller Liebesbetheurungen iſt, die Carl Marien zuſichert. Leider bin ich be⸗ ſorgt, daß er keinesweges ſo ruhig iſt, als mir's mein Vetter ſchreibt. Er trägt Ma⸗ riens Bild in ſeinem Herzen, wie ein Hei⸗ ligthum, deß bin ich gewiß, von dem er ſich nicht trennen kann. Den Beweis da⸗ von trage ich in meinem Buſen.“ Jetzt zog er eine Papierrolle hervor, preitete ſie auf dem Liſche aus und fragte die Anweſenden:„Dies Bild ſchickt Cark den Eltern Mariens, kennen Sie es?„Alle riefen zugleich voll Verwunderung und Ruͤhrung:„Das iſt Marie! Wie getroffen⸗ wie ähnlich! Der liebe Carl!“—„Und nun,“ fuhr er fort,„hoͤren Sie die Stelle in ſeinem Briefe, die er uͤber das Bild 214 ſchreibt, ſie iſt ſo ruͤhrend, daß ſie mir und meiner Gattin beim Leſen ſelbſt Thraͤ⸗ nen in die Augen preßte. Vorher muß* 1 ich noch erinnern, daß ich's ihm auf dem 33 Wege nach Berlin geſagt und es ſpaͤter 6 ihm auch geſchrieben habe, wie Sie. Herr 1 Amtmann, Ihre Tochter einſt nur mit ei⸗ nem reichen Oekonomen verbinden wuͤrden und daß eine gehorſame und liebevolle Tochter ſich nach dem Willen ihrer Eltern richten muͤſſe, was Marie, als ein gutes, folgſames Kind, gern thun werde.“ Er. las alſo:„Nie kann mein Herz Marien vergeſſen. Sie wird ewig in ihm leben, ſo lange meine Seele einen Gedanken zu denken vermag. Mein hoͤchſtes Erdengluͤck iſt an die Erinnerung ihrer Liebe geknüpft und keine Macht kann dieſe und jenes mir rauhen und es zerſtören. Wie gegenwär⸗ tig mir das ſichtbare Bild ihres ſchönen Geiſtes iſt, das beweiſe dies Gemälde. Ich bedarf es nicht, da mir alle Züge ih⸗ res Angeſichts, wenn ſie lächte und trau⸗„. rig war, gegenwärtig ſind. Himmliſch — 215 göttlich faſt, ſteht ihr Inneres vor mir in der Klarheit eines Engels, das alle ſichtbare Schoͤnheit, wie ſie in den Koͤrpern ange⸗ troffen wird, unendlich uͤbertrifft. Mag der Herr Amtmann für Marien einen Gat⸗ ten finden, der wuͤrdig iſt, in ihr das hoͤchſte Kleinod ihres Geſchlechtes zu be⸗ ſitzen, ich habe meine Anſpruͤche an ſie auf⸗ gegeben; aber mein bleibt ſie, wie es die Verſtorbenen ſind, die wir nach ihrem To⸗ de mehr lieben, als wir ſie im Leben zu lieben vermogten. Den heſtigſten Schmerz der Trennung von ihr habe ich uͤberwun⸗ den und bei meinen Arbeiten, die nur die kalte Vernunft und nicht das Herz in An⸗ ſpruch nehmen, iſt er nicht mehr ſtörend⸗ Ja, der Gedanke, daß ich einſt der Ge⸗ genſtand der zaͤrtlichſten Neigung einer Marie war, ſpornt mich an, ihrer werth zu werden und er veflugelt meine Schritte auf der Bahn der Wiſſenſchaft. Sie um⸗ ſchwebt mich, wie ein unſichtbarer Schutz⸗ geiſt der Tugend, und ſie iſt mir immer als die Richterin meiner Gedanken und mein guter, lieber Vater, eine ſolche Liebe, die ich zu ihr hege, kann mich nur fuͤr das Edelſte begeiſtern. Durch ſie kann ich Al⸗ les werden und ohne ſie werde ich nichts. Dieſen Brief und dieſes Bild gieb dem Herrn Amtmann, als einen Beweis des Dankes, den ich fuͤr ihn im Herzen trage. Er darf mir nicht zuͤrnen, da ich ihn liebe Gefuͤhle gegenwärtig. Laß ſie mir nut, und ehre. Was er aus dieſem Bilde macht, das ſoll mir gleichguͤltig ſeyn, tau⸗ ſende kann ich noch malen, wenn er's ver⸗ nichtet. Seinen Zweck hat es erreicht, wenn es ihm nur ſagt: wie liebt Carl meine Marie! Wie dankbar iſt ſein Herz! und die Wonne auszuſprechen, die mir die Zeichnung dieſes Bildes gemacht hat, da⸗ fuͤr habe ich keine Worte und unſere Sprache hat keine dafuͤr ꝛc.“ Jetzt erbrach auch der Amtmann Carls Brief und las die wenigen Zeilen:„Ver⸗ geſſen Sie Ihres Carls nicht, dem Sie einſt wohlthaten, welcher mit ganzer Liebe an Ihnen und Ihrer Gattin haͤngt. Zuͤr⸗ —— 217 nen Sie mir, daß ich Marien uͤber Alles liebe, ſo giebt es fuͤr mich kein Mittel, Sie je mit mir zu verſoͤhnen. Ewig muß ich ſie lieben, kann ich doch nicht anders. Wenn ich ſie nur gluͤcklich weiß. Dies Gemaͤlde, was einen Engel darſtellt, der nicht fuͤr die Erde, ſondern fuͤr den Him⸗ mel geſchaffen iſt, erinnere Sie bisweilen an den kleinen Maler, der ja um nichts weiter, als um die Güte bittet, ihm unge⸗ ſtoͤrt zu erlauben, Marien fortlieben zu duͤrfen, ſo lange das Menſchenherz der Liebe faͤhig iſt. Carl Guͤnther.“ Alle wunderten ſich uͤber Carls Briefe und der Graf ſagte:„Es iſt doch ein herrlicher Junge, der jedes Herz zwingt, ihn zu lieben und zu achten. Wie viel Treue und Zartheit herrſcht in dieſem Ge⸗ muͤthe! Herr Pfarrer, erlauben Sie mir's, daß ich die Koſten fuͤr ſeinen Aufenthalt auf Schulen und Univerſitaͤten allein uͤber⸗ nehmen darf. Sie koͤnnen es nicht ohne Muͤhe, da Sie bei einem maͤßigen Einkom⸗ 218 men eine zahlreiche Familie ernaͤhren muͤſ⸗ ſen. O, es iſt ſo ſuͤß und belohnend, fuͤr das Fortkommen hoffnungsvoller Juͤnglinge zu ſorgen! Meine Frau hat Berlin noch nicht geſehen, Carl ſoll mir ein Magnet ſeyn, der mich im kuͤnftigen Fruͤhjahr da⸗ hin zieht. Mit der That will ich's ihm beweiſen, wie ſehr ich ſein Freund bin.“ Nach einigen Monaten kam von Carln noch ein Brief an, aber man theilte ihr denſelben nicht mit. Es that ihm ſehr weh; daß er keine Antwort erhielt und der Vater ſchrieb ihm, daß der Amtmann ſeine Correſpondenz mit Marien verhitte. Carl ſchwieg und ſchrieb nicht wieder. Carl arbeitete unermuͤdet und machte ruͤhmliche Fortſchritte in den Wiſſenſchaf⸗ ten. Sein Betragen war muſterhaft zu nennen. Er erwarb ſich die Achtung und Liebe aller ſeiner Lehrer und er konnte ſei⸗ nen Vater von einem Vierteljahr zum an⸗ dern mit den ruͤhmlichſten Zeugniſſen er⸗ freuen, die der Pfarrer auch dem Graf und dem Amtmann vorzeigte. 219 Die Luſt, Theologie zu ſtudiren, hatte ihm der Docter Oswald verleidet.„Es iſt doch nicht gleichviel,“ ſagte er zu ihm, „ob man ſein Leben in Nahrungsſorgen kuͤmmerlich hinſchleppt, oder ſich des Wohlſtandes freuen kann. Dein Vater iſt ein ſo gelehrter Mann, aber wie kaͤrglich wird er beſoldet! Welche Muͤhe macht es ihm, ſein ſporſames Auskommen zu ſchaf⸗ fen! Sieht nicht mancher gemeine Menſch, weil er von Stande iſt und Geld hat, auf den Landprediger, als auf eine verächtliche Creatur herab, ob er gleich nicht werth iſt, dem wuͤrdigen Manne die Schuhriemen aufzuloͤſen. Es giebt auch viele gemine, pflichtvergeſſene Geiſtliche und wer es kann, der miſche ſich nicht zu ihnen, ſie, dunkele Koͤrper, die auch auf die Erleuch teten einen verhaßten Schatten werfen. Die Religion ſteht bei gar Vielen in ſchlechtem Credit und man verachtet die Geiſtlichen, als die Diener einer Sache, die gemißt werden kann. Werde ein Arzt, an Talent fehlt es Dir nicht, und bringſt 220 Du es weit in der Kunſt, ſo haſt Du dann der Amtmann Deine Marie zur Gat⸗ tin, die er einem Landprediger, den er er⸗ naͤhren muß, wenn ſeine Einnahmen nicht hinreichen, verweigert. Du ſtudirſt dann mit meinem Sohne zugleich Medizin. An Unterſtuͤtzungen laͤßt's der edle Gräf, ſo lange er lebt, gewiß nicht e wenn Du ihrer bedarſſt.“ Was der Doctor von dem Amtmann und Marien ſagte, das war fuͤr Carln der wichtigſte Beweggrund, den Stand zu ver⸗ laſſen, dem er ſich widmen wollte. Er furchtete nicht, daß der guͤtige Vater ihm Zwang anthun und daß der Graf ihm ſeine Unterſtuͤtzung entziehen werde, wenn er ſich nicht auf ein geiſtliches Amt vorbe⸗ reitete. Er erinnerte ſich auch an die truͤ⸗ ben, ſorgenvollen Stunden ſeines Vaters, wenn die Einnahmen, bei aller Sparſam⸗ keit, oft nicht hinreichten, um die Ausga⸗ ben zu beſtreiten. Die Geldnoth, ſo hoͤrte Ehre und Brodt, und vielleicht giebt Dir er den Vater einigemal ſagen, iſt doch 4 —— 221 ſehr druͤckend, und die Troſtungen der Re⸗ ligion ſcheinen insbeſondere die Quelle fur ihren Diener zu ſeyn, an denen er ſich in preßhaften Verlegenheiten erquicken und ermuthigen ſoll. Wie ſorgſam wurden die kleinen Summen berechnet, die verwandt werden durften, den Kindern eine kleine Freude zu machen. Ach, wie entſchuldigte ſich der gute Vater oft, wenn er die Ge⸗ burtstage nicht ſo feiern konnte, als es ſein Herz verlangte und wenn er die liebe Mutter, der er alle Schaͤtze der Welt haͤtte geben mögen, um ihr Freude zu machen, mit einem ſo geringen Geſchenke abfinden mußte. Ihr Dank war immer groͤßer, als die Gabe ſeiner werth war. Oefter ſogar, wenn die theure Gattin, von den Erſpar⸗ niſſen eines Jahres, den Vater einkleidete, der am meiſten gegen ſich kargte, ſagte er mit freundlichem und ernſtem Geſicht? „Liebe Wilhelmine, das Geld haͤtteſt Du zu einem Nothpfennig aufheben ſollen.“ Oswald ſchrieb zuerſt an den Pfarrer Guͤnther und unterſtuͤtzte ſeine Bitte mit 222 den trifftigſten Gruͤnden, daß er ſeinem Carl kein Hinderniß in den Weg legen ſolle, Arzeneikunde zu ſtudiren. Der Pfar⸗ rer antwortete:„Carl werde, wozu er die meiſte Luſt und das beſte Geſchick hat. Da die Menſchen in der Regel mehr fuͤr den Leib, als die Seele ſorgen, hat es der Arzt unter ihnen beſſer, als der Geiſtliche. Auszeichnen kann ſich ein Arzt auch, nicht ſo der Geiſtliche. Iſt er auf einem entle⸗ genen Dorfe, wo er's bloß mit Bauern zu thun hat, ſo tritt er, bei allem innern Lichte, mit dem er leuchtet, in einen Schatten, in dem ihn die Welt nicht mehr ſieht. Ueberdies wird uns unſer taͤgliches Brodt von Vielen oft beneidet, das uns kärglich genug zugeſchnitten wird, und ſie meinen doch, daß wir's mit Suͤnden ver⸗ dienen. Ach! moͤchten ſie es nur empfin⸗ den, wie juſt in dieſem Stande, deſſen Geiſt keine Sorge der Nahrung beſchweren duͤrfte, die edle Kraft zur Erde meder⸗ druͤckt, die himmelwaͤrts eryeben ſoll. 3 Will mein Carl ein Arzt werden, ſo nag * 223 er es; der Graf, dem ich das ſaste, freute ſich ſogar daruͤber.“ Der Sohn des Doctors, Auguſt, war Carls intimſter Freund. Sie waren die beſten Schuͤler auf dem Joachimsthal. Durch ſeine frohe Laune ſtimmte Auguſt Carln oft froͤhlich, wenn er in Sehnſucht nach Marien und in Traurigkeit uͤber die Entfernung von ihr, verſinken wollte. Carl hatte Luſt, nach Verlauf von zwei Jahren ſeine Eltern mit Auguſt zu beſuchen. Er meldete dem Vater ſeine Ankunft. Aber Marie war in Weſtgreu⸗ ßen zum Beſuch und als der Pfarrer auf dem Amte, da Marie eben bei der Graͤfin war, von der Ankunft ſeines Sohnes ſagte, erſchrak der Amtmann und ſprach:„Ach! beſter Herr Pfarrer, wenn Sie's verhuͤten koͤnnen, loſſen Sie Carln nicht kommen. Wenn Marie ihn ſieht ſo geht ihre Krankheit von neuem an.“—„Aber, lie⸗ ber Amtmann,“ erwiederte der Pfarrer, „verlangen Sie nicht zu viel von mir, daß ich meinem Herzen die Vaterfreude ver⸗ 224 ſage, meinen theuern Carl an meine Bruſt zu druͤcken? Seine Mutter hrennt vor Sehnſucht, ihn zu ſehen, der immer die groͤßte Zaͤrtlichkeit von allen meinen Kin⸗ dern gegen ſie zeigte. Soll ich dem Mut⸗ terherzen dieſe Wonne verſagen? Welche Gruͤnde werde ich wohl anwenden muͤſſen, um dem Sohne die Reiſe nach ſeinem Ge⸗ burtsorte zu verbieten? Vieles, ſehr Vie⸗ les habe ich auch mit ihm zu reden, was ſich mit dem todten Buchſtaben gar nicht ſchreiben läßt, wozu ſeine Nähe noͤthig iſt; denn zum Herzen redet das Herz immer am beſten.“ Nicht ohne die Spuren innerer miß⸗ muthiger Aufwallungen, fuhr der Amt⸗ mann mit den Worten heraus:„So rei⸗ ſet meine Marie, von ihrer Tante beglei⸗ tet, noch Hamburg zu meinem Bruder. Hier ſoll und darf ſie nicht bleiben um muͤßte ich ſie nach Amerika ſchicken.“— „Deſto edler von Ihnen,“ antwortete der Pfarrer im ruhigen Tone, der die Funken des Unwillens in Neubergs Augen blitzen 225 ſah,„wenn Sie mir ein Opfer bringen, daß ich meinen Sohn nicht zuruͤckhalten darf. Da ich's aber weiß, wie Sie's mit dem Hamburg und Amerika meinen, ſo verſpreche ich's Ihnen, ich will ſo gefaͤllig gegen Sie ſeyn, als es mein Gefuͤhl und Gewiſſen und die heilige Pflicht zuläßt, die ich auch gegen Andere erfullen muß, wenn ich auf mich ſelbſt keine Ruͤckſicht nehme. Waͤre es der Fall, daß ich mein Gemuͤth nicht uͤberwaͤltigen und Stimmen beſchwichtigen koͤnnte, die das Wiederſehen des Sohnes und ſeiner Eltern und Ge⸗ ſchwiſter fordern, ſo ſollen ſie ungefähr doch den Tag erfahren, wenn Carl hier eintreffen wird, um Ihre Maaßregeln dar⸗ nach nehmen zu koͤnnen. Es iſt ſchwer und ſchmerzhaft, denken Sie ſich nur ganz in meine Lage, einem Kinde die Freude zu verleiden, welches den innigſten Wunſch hegt, nach einer ſo langen Abweſenheit ſeine Eltern wieder zu umarmen.“ Der Amtmann erzaͤhlte ſeiner Gattin und der Tante, als Marie noch bei der 15 226 Graͤfin war, daß Carl vielleicht ſchon in zwei Monaten in Weſtgreußen ankommen werde und bat um ihren Rath, was dann zu thun ſey. Die Tante nahm zuerſt das Wort und ſagte:„Nach meinem Dafuͤr⸗ halten duͤrften wir den jungen Leuten durchaus keine Zuſammenkunft geſtatten, ja, Marie darf's nicht erfahren, daß Carl hieher köͤmmt. Gewiß, ſie wuͤrde den Verband von ihren Wunden reißen und dieſe wuͤrden ſtaͤrker bluten, als je. Ihre Ruhe, ihre Heiterkeit, ihre Zufriedenheit, Alles wuͤrde auf einmal in die Nacht der Traurigkeit hinabgeſtürzt, wenn wir ihr den Umgang mit Carln nicht geſtatten wollen. Und ich glaube, daß ihr der auch in dem Falle nicht heilſam iſt, wenn es ihre Eltern zugaͤben, daß ſie einſt ehelich mit dem Jünglinge verbunden wuͤrde. Das aber kann nicht erlaubt werden, da man es doch nicht im voraus weiß, wie ſich Beide noch geſialten, beſonders Carl in der großen Welt. Wie oft war es ſchon der Fall, daß eine ſpätere Liebe „ ———.— —— ———. 227 maͤchtiger war, als die fruͤhere; wie oft ſiegte der letzte Eindruck, als der ſtaͤrkſte, uͤber die fruͤhern Eindruͤcke, die in der Zeit ſchwach geworden waren. Eine Liebe aber aus Pflicht, den beſten Fall ange⸗ nommen, die die volle Neigung des Her⸗ zens nicht mehr hat, iſt ein laͤſtiger, unna⸗ tuͤrlicher Zwang, fordert ſchwere Opfer und endet oft ſehr ungluͤcklich. Ich muß da⸗ her rathen, alle Vorſichtigkeitsmaaßregeln zu ergreifen, daß Marie es ſo wenig er⸗ faͤhrt, daß Carl in Weſtgreußen iſt, als daß ſie ihn ſieht. Sie traut es ihm zwar nicht zu, daß er ſie ganz vergeſſen hat, aber ſie glaubt, daß er auch ohne ſie nicht eben, vergnuͤgt und gluͤcklich ſeyn kann. An eine ernſte Verbindung mit ihm ſcheint ſie noch nicht zu denken.““ Auguſte war ganz der Meinung der Tante.„Aber,“ fragte der Amtmann, „wird ſie, wenn Carl in Weſtgreußen iſt, in Erfurt bleiben koͤnnen?“—„Nein, nein,“ ſagte die Tante,„das kann ſie nicht. Wie leicht kann ſie's da erfahren, daß Carl bei ſeinen Eltern iſt und welche Gewalt wuͤrde ſie dann zuruͤckhalten, hie⸗ her zu eilen, und werden ihr nicht Alle als feindliche Weſen erſcheinen, die ſie zuruͤck⸗ halten? Das moͤchte ich ſelbſt nicht. Was ſoll ſie von uns glauben, wenn wir ihr ein Vergnuͤgen nicht geſtatten, das ſie fur das hoͤchſte und unſchuldigſte hält! Wie koͤnnten wir es ihr als ein unerlaub⸗ tes und ſchaͤdliches darſtellen, ohne Erklä⸗ rungen zu geben, die ihr noch verborgen bleiben muͤſſen! Und wer ſteht uns dafur, ob ſich Carl nicht auf irgend eine Weiſe, die nicht zu hintertreiben iſt, den Weg zu ihr bahnt?“—„Wohin nun mit Marien, wenn der gefurchtete Fall eintritt? Nach Hamburg zu meinem Bruder, das waͤre der ſicherſte Ort; aber wer wird ſie beglei⸗ ten? Meine Frau darf der Wirthſchaft ſo lange nicht fehlen.“—„Ich habe nichts zu verſaͤumen, ich begleite Marien,“ erbot ſich die Tante.„Eine ſolche Han⸗ delsſtadt, wie Hamburg iſt, habe ich noch nicht geſehen und bin es feſt uͤberzeugt, — 229 Neubergs nehmen mich gern auf. Ueber⸗ dies habe ich eine wahrhaft achtungsvolle Liebe gegen Ihre Schwiegerin...“ Neuberg ſagte der Tante den herz⸗ lichſten Dank fuͤr ihre guͤtige Gefälligkeit und ſprach:„Sie erwerben ſich ein ſo großes Verdienſt um uns und unſere Toch⸗ ter, das wir mit ganzer Seele anerkennen. Koͤmmt Carl hieher und iſt Marie weg, ohne daß man es ihm ſagt, wo ſie geblie⸗ ben iſt, ſo wird ihn das von der Mißbilli⸗ gung des Verhältniſſes, in dem er mit Marien noch zu ſtehen glaubt, voͤllig uber⸗ zeugen, und nährt er die kindiſche Neigung zu ihr noch, ſo wird dieſe in ihm ausge⸗ rottet werden. Man ſtrebt nach einem Ziel nicht mehr, das man nicht erreichen kann.“ Marie kam, von der Graͤfin und Bri⸗ gitten begleitet, zu ihren Eltern. Sie bluͤhte wie eine Roſe und ihre Miene war heiter. Die Graͤfin hatte es ihr verſpro⸗ chen, daß ſich Brigitte einen Monat bei ihr in Erfurt aufhalten ſollte, wenn die 230 Tante es erlaubte. Sie trug ihre Bitte der Tonte vor, die mit freudiger Bereit⸗ willigkeit die Erlaubniß dazu gab und der Graͤfin dankte, daß ſie ihr und Marien die Freude machen wolle. Ruhiger, als Ma⸗ rie früher nicht war, verhielt ſie ſich in Weſtgreußen. Sie ſprach wenig von Carl, wenn ſie auch viel an ihn dachte. Nur mit ihrer Mutter war ſie einigemal nach dem Pfarrhauſe geweſen und da wurde von Carl auf eine Weiſe geſprochen, als ob die enge Verbindung, in der ſie einſt, als Kind, mit ihm ſiand, ganz aufgehoben ſey. Ihrer wechſelſeitigen Liebe wurde mit keiner Sylbe gedacht. Als ſie ſich deshalb bei der Tante beklagte, ſagte dieſe zu ihr:„Siehſt Du wohl, mein liebes Kind, daß Du Deinen fruͤhern Verhaͤltniſ⸗ ſen, in denen Du mit Carln ſtandeſt, eine ganz andere Bedeutung giebſt, als andere Leute und als ſie wirklich haben? Das Ganze war weiter nichts, als eine Jugend⸗ ſpielerei, die tauſendmal geſpielt iſt, welche aufhört, wenn wir die Kinderſchuhe auszie⸗ 231 hen. So erſcheint ſie Carln gewiß auch. Und was ſollte aus den erwachſenen Men⸗ ſchen werden, wenn ſie ſo, ungerecht gegen Andere, mit dieſer Hartnaͤckigkeit nur an denen hingen, mit denen ſie ſich die Zeit in der Jugend verkuͤrzten? Das fromme, edle Menſchenherz darf ſich durch die Liebe zu Einem Menſchen nicht ſo verengen, daß in ihm fuͤr andere zärtliche Neigungen kein Raum mehr iſt. Wer ſich abgoͤttiſch an ein Geſchoͤpf haͤngt, wird ungerecht gegen die ubrigen. Armſelig muß ſich der end⸗ lich fühlen, der den Eingang zu dem Sinne der Liebe Vielen verſchließt und ihn nur Einem offen laͤßt. Fromm und herrlich, belohnt und ſelig, fuͤhlt ſich nur der, welcher mit vollem Wohlwollen alle die umfaßt, die ſeines Geſchlechts ſind. Liebe Carln, weil er ein Menſch iſt, liebe ihn mehr als einen Fremden, den Du nicht kennſt; aber glaube es mir, es giebt noch Menſchen, die Deiner Liebe wuͤrdiger ſind, als er, die Dir wichtigere Dienſte leiſteten, als die Jugendzeit Dir zum an⸗ 232 genehmen Spiel machen, welche Dir mit reiner Seele groͤßere Opfer bringen wer⸗ den, als er es nicht vermögend iſt. Er⸗ niedrigen will ich ihn in Deinen Augen nicht, ſehr viel halte ich auf ihn, aber Dich in den Stand ſetzen moͤchte ich, daß Du ihm in Dir keinen hohern Rang anweiſeſt, als ihm gebuͤhrt.“—„Tante, Du magſt mit Deiner uͤberlegenden und richtig ab⸗ meſſenden Vernunft Recht haben,“ erwie⸗ derte Marie;„aber in meinen Jahren, wo das Herz die Kraft iſt, die uns bewegt, ruͤhrt und regiert, urtheilt man anders. Habe nur Geduld, Du wirſt die Zeit er⸗ leben, wo ſch, zwar reicher an Vernunft, aber ärmer an Empfindungen und Freu⸗ den werde, die das Leben mit uberirdiſchen Reizen ſchmuͤcken.“ Marie erinnerte die Tante, ohne daß es die Eltern hoͤrten, an die Ruͤckreiſe nach Erfurt, indem ſie ſagte:„So lieb mir der Aufenthalt bei meinen Eltern iſt, ſo weiß ich doch nicht, wo ich hier endlich mit meiner Zeit bleiben ſoll. Nur im Ar⸗ „— 233 beiten und Selbſtbeſchaͤftigen iſt mein Ge⸗ muͤth am ruhigſten. Verlernen werde ich hier. Ich ſehne mich nach den Lehrſtun⸗ den. Ich denke mir's auch ſo angenehm, mit der lieben Brigitte zuſammen zu woh⸗ nen, und ſie meine Freundinnen kennen zu lehren. Vielleicht gehſt Du mit uns auch in ein Concert, und wenn ein Ball iſt, der Brigitten Vergnuͤgen macht, ſo will ich gegen ſie gfülig ſeyn und mit ihr gehen.“ Nach wenigen Tagen verließ die Tante mit den beiden Maͤdchen Weſtgreußen und die Graͤfin vertraute ihr ihre Tochter gern an. Brigitte ſollte ſich in Erfurt, ſo lan⸗ ge ſie dort blieb, in der Muſik und in den feinen, weiblichen Arbeiten noch vervoll⸗ kommnen. Dieſe Brigitte hatte ein gar herrliches Gemuͤth. Sie war lauter Liebe und Guͤte. An vorzuͤglichen Verſtandesgaben fehlte es ihr nicht. Schlank und ſchön war ihr Wuchs und Mancher fand ihr Geſicht ſchoͤ⸗ ner, als das Mariens. Sanfte, weibliche 234 Grazie, mädchenhafte Unſchuld war uͤber ihr ganzes Weſen ausgegoſſen. Kein Sturm der Leidenſchaft, eines Grams oder hoftigen Verlangens, hatte den milden Frieden ihres Herzens erſchuͤttert und eine liebliche Stille ſprach aus ihren Augen, lag auf ihren Wangen. Sie war ein arg⸗ lofes Naturkind, im ebelſten Sinne des Wortes, das keine Kenntniß von menſchli⸗ cher Laſterhaftigkeit hatte. Allen traute ſie das Beſte zu, weil ſie ſelbſt ſo gut war. Mit unbeſchreiblicher Liebe hing ſie an ih⸗ ren Eltern und Geſchwiſtern. Die Graͤfin bat die Tante insbeſondere, Brigitten den Spiegel der großen Welt vorzuhalten und ſie in denſelben hineinſehen zu laſſen, da⸗ mit ſie manches ihr Unbekannte kennen lernte, wozu die Schule auf dem Lande fehlte. Dieſer Tante, die ſo viele Men⸗ ſchenkenntniß mit einem ſo herrlichen Ge⸗ müthe verbunden, beſaß, gab ſie Brigit⸗ ten gern hin. Sie ſagte beim Abſchiede zu ihr:„Gefiele es Ihnen, meine Tochter länger bei ſich zu behalten und lernt ſie ſich mit ihrer Lage vertragen und ſie lieb⸗ gewinnen, ſo erlauben Sie ihr in Erfurt einen laͤngern Aufenthalt. So will's mein Gatte auch. Brigitte, die ſehr lernbegie⸗ rig iſt, iſt damit zufrieden und die Beweiſe unſerer Dankbarkeit durfen Sie nicht zuruͤc⸗ weiſen.“ Die Geſellſchaft Brigittens wirkte auf Marien ſehr wohlthaͤtig. Sie lernte die Graͤfin ſchweſterlicher lieben und ſo richtete ſich ihr Herz, außer Carln, auf einen an⸗ dern Gegenſtand, wodurch ihre heftige Nei⸗ gung, die ſie fuͤr ihn empfand, ihr ſelbſt unmerklich, gemaͤßigter wurde. Marie hatte gegen ſie das unbeſchraͤnkteſte Ver⸗ trauen und die lange Bekanntſchaſt, mit der Gleichheit ihres Alters— Brigitte war faſt zwei Jahr aͤlter— machte, daß ſie die junge Graäfin freier und tiefer in ihr Herz ſehen ließ, als ſonſt keinen Menſchen in der Welt. Oft waren die Maͤdchen mehrere Stunden ganz allein, die ihnen unter den intereſſanteſten Geſpraͤchen, wie einzelne Minuten verfloſſen. Immer in⸗ 236 niger ſchloſſen ſie ſich an einander und wa⸗ ren zwei unzertrennliche Weſen. Als Marie es ihr einſt mit Thraͤnen klagte, daß Carl mehrere ihrer Briefe unbe⸗ antwortet ließ, daß ſie nichts von ihm hoͤrte und ſah, daß ſie bekummert um ihn ſey und ſie ſich gar nicht denken koͤnne, daß er ſie ſo ganz vergeſſen haͤtte, da er⸗ wiederte Brigitte:„Ich weiß auch gar nicht, wie Du biſt, Marie. Dir um ei⸗ nes Knaben willen, der mit Dir die Kind⸗ heit durchſpielte, das Leben ſo zu verbit⸗ tern! Wie wirſt Du's einſt bereuen, daß Du die ſchoͤne Zeit Deiner Jugend mit ſchweren, vergeblichen Traͤumen truͤbteſt! Giebt es denn in der Welt ſonſt kein Gluͤck füͤr Dich, als was Du in dem Andenken an dieſen Carl findeſt? Gewiß, er muͤßte vielleicht mitleidig lächeln, wenn er wuͤßte, daß Du Dich um ihn ſo zergrämteſt. Mit feſtem Willen wirſt Du uͤber eine Schwach⸗ heit ſiegen, die man Dir verzeiht. Traͤgſt Du Deine überſpannten Gefuͤhle mit in die Sukunft hinüber, ſo kannſt Du nie ————— 237 gluͤcklich werden und auch nicht gluͤcklich machen. Waͤre das Deine Beſtimmung auf Erden, Dich mit leerem Kummer zu quälen? Iſt's auch recht, daß Du Dir eine Hoͤlle ſchaffeſt, da ein allguͤtiger Gott Dir einen Himmel bereitet hat? Iſt⸗s recht, daß Du die Veranlaſſung zu Freuden von Dir weiſeſt und dem Truͤbſinn in den Ar⸗ men liegeſt? Kannſt Du Dich damit Dei⸗ nem Ziele nahen? Ruhig hoffen, wie ſich unſere Zukunft geſtaltet, das ſuche zu er⸗ ringen. Haſt Du nicht heilige Pflichten gegen Deine Eltern zu erfuͤllen und wie erfuͤllſt Du ſie? Welchen Dank fuͤr ihre Liebe und Sorgfalt giebſt Du ihnen zum Lohn! O! meine liebe Marie, Du hinderſt Dich ſelbſt im Streben nach dem Beſſern und raubſt Dir durch Deine Stimmung ſo viele Wonnen! Meinſt Du, daß ich ohne Gefuͤhl, daß ich ohne Liebe bin? Hatte ich nicht auch Geſpielen? Bin ich dem jungen Graf Bottmar nicht wie ei⸗ nem Bruder ergeben? Aber zur Pein ſoll mir die Zuneigung gegen ihn nie werden. S Wenn ich ihn mit frohlichem Herzen nicht mehr lieben kann, was treibt mich, ihn zu lieben. Warlich, Marie, eine große Ver⸗ anderung muß mit Dir vorgehen, wenn Du der Welt das ſeyn willſt, was ſie von Dir fordern kann und was Du ihr, ohne Verſuͤndigung, nicht laͤnger verſagen darſſt. Verkenne die Stimme einer Freundin nicht, die Dich ſchweſterlich liebt, die Dich gluck⸗ licher zu ſehen wuͤnſcht, als Du's biſt.“ „Brigitte,“ ſagte Marie,„Recht magſt Du wohl haben, aber, glaube es, es iſt nicht leicht, mich in eine andere Ordnung zu fuͤgen. Wie koͤnnte ich meine Stim⸗ mung ſo leicht umaͤndern! Zu tief und feſt hat ſich meine Liebe gegen Carl meinem ganzen Weſen eingepraͤgt und ſie, an der ich hange, die ich mit meinem Denken und Handeln ſo lebendig umfaſſe, ſie ſollte ich, wie Vergebliches, fahren laſſen? Lang⸗ ſam geneſet der ſchwere Kranke, ſchwer macht die alte Natur der neuen Raum. Aber, Dir gelobe ich's, es ſoll anders mit 239 mir werden, laͤngſt habe ich's erkannt, daß es ſo nicht mit mir bleiben kann.“ Wirklich ſann die gute Tante vecht darauf, den Mädchen mannichfaltiges Ver⸗ gnuͤgen nach ihren Tageßarbeiten zu ver⸗ ſchaffen, und kindlich und immer inmiger ſchloſſen ſie ſich an ſie an. Seit Brigitte Mariens unzertrennliche Geſellſchafterin war, wurde es in ihrem Innern heller. Sie ſing an, mehr Theil an der Außen⸗ welt zu nehmen. In den engern Fami⸗ lienkreiſen konnte ſie ſogar heiter ſeyn. Es ſchien, als ob ein neues Leben in ihr ers wachte. Sie lernte tanzen, um, Brigitten zu Gefallen, auf Bälle gehen zu können. Man zerſtreute ſich auch durch angenehme und belehrende Lectüͤre. Die Malerei blieb aber immer noch, aus Liebe zu Carln, ihre Hauptbeſchaͤftigung, und ſie erlangte auch in dieſer Kunſt eine ungemeine Geſchicklich⸗ keit. Das Kaͤſichen mit den Bildern von ihm war ihr groͤßter Schatz, den ſie hatte, ſie betrachtete dieſelben oft und deutlich waren ihr noch die Worte, ſie ſah ſeine 240 Miene, womit er ihr ein jedes uͤberreichte. Die Bilder, die ſie fertig gemalt hatte, legte ſie alle dazu. Sie freute ſich jetzt ſchon auf die Stunde, wo ſie in ſeiner Gegen⸗ wart das Kaͤſichen aufſchließen, ihm die Gemaͤlde zeigen und zu ihm ſagen konnte: „Sieh, Carl, ſo béwahrte ich Deine Ge⸗ ſchenke, ſo theuer warſt Du mir!“ Das mußte ſie ſich ſelbſt geſtehen, daß ſie jetzt mit leichterm Sinn an ihn dachte. Sie weinte nicht mehr, wenn ſie Weſtgreußen ſah und es wieder verließ, wie ſonſt. Der Amtmann fing ſchen an, mit ſei⸗ ner Gattin und der Tante wegen des Ter⸗ mins der Ruͤckkehr Mariens zu capituliren. Aber er wagtt uͤber die Zeit deshalb noch nichts zu beſtimmen, weil man immer noch Carls Ankunft erwartete, die, ſtatt des Fruͤhjahrs, nun im Herbſt, aus Gruͤnden, errfolgen ſollte, die wir nachher offenbaren werden. Brigitte bat ihre Eltern, daß ſie wenigſtens ein Jahr in Erfurt bleiben duͤrfe. Da man ſich uͤberzeugte, wie vor⸗ theilhaft der Aufenthalt dort fuͤr ſie ſey, 241 willigte man gern in ihre Bitte. Der Graf und die Gräfin trugen die wahrhaft furtreffliche Tante auf den Haͤnden. Der Amtmann wurde nun von dem Graf bere⸗ det, ſeine Tochter nicht fruͤher von Erfurt abzuholen, bis Brigitte wieder in das El⸗ ternhaus heimkehrte. Dieſem Graf brachte er die groͤßten Opfer, ſo ſchwer ſie ihm auch wurden. Die Tante fand es eben⸗ falls fuͤr gut, daß ſie noch laͤnger bei ihr blieb, und Marie i es, noch mehr zu lernen. Unterdeß hatte der Pfarrer an den Doctor nach Berlin geſchrieben und ihn gebeten, daß er Carln uͤberreden ſollte, ſeine Reiſe erſt in den Michaelisferien an⸗ zutreten. Er hatte den Vorwand gebraucht, daß er in der Zeit, wo ſein Sohn nach Weſtgreußen kommen wolle, nach Freiberg reiſen muͤſſe, Weil der dortige Onkel ihn eingeladen habe, der Wichtiges in ſeinem hohen Alter mit ihm reden wolle. Der alte Mann koͤnne ſterben und ſeiner Fami⸗ 16 242 lie entginge dann vielleicht, wenn er weg⸗ bliebe, eine kleine Erbſchaft. Zu groß war Carls Vorfreude, ſeine Eltern und auch Marien bald zu ſehen. Er war ſchon im Geiſte ſelig. Als ihm daher der Doctor den Inhalt des vaͤter⸗ lichen Briefes bekannt machte, vermoͤge deſſen er ſeinen Beſuch bis Michaelis ver⸗ ſchieben muͤſſe, fing es plötzlich an in ſeinem Herzen heftig aufzuwallen und er ſagte:„Verſchwort ſich denn Alles wider mich, um mir eine Freude zu rauben, die mich ſo lange ſchon wachend und im Trau⸗ me beſchäftigte? Es iſt ein Ungluͤck, daß der Vater nicht da iſt, wenn ich komme, aber kann ich nicht meine Mutter und mei⸗ ne Geſchwiſter umarmen? Nichts, nichts kann die Sehnſucht nach dem Vaterhauſe ſtillen, von dem ich zu lange ſchon ent⸗ fernt war. Welch ein Herz maut mir mein Vater zu! Kann er nicht früher oder ſpaͤ⸗ ter den Onkel in Freiberg beſuchen, war⸗ um juſt dann, wenn ich in Weſtgreußen bin? Nein, nein, mich kann nichts zuruͤck⸗ —————————— 243 yalten, ich reiſe nach Weſtgreußen und werde dem Vater meine Ankunft melden und ihn bitten, daß er bald antwortet. Ach! der Vater iſt guͤtig und weich, einen Wunſch, den mein kindliches Herz thut, kann er nicht unerfuͤllt laſſen.“ Carl ſchrieb einen ruͤhrenden Brief an ſeinen Vater. Als er ihn ſeiner Gattin vorgeleſen hatte, ſagte dieſe:„Laß den Jungen kommen! Soll er uns hart ſinden? Wotlen wir ihn unſern Herzen entfrem⸗ den? Um keinen Preis gebe ich das Ent⸗ zuͤcken auf, ihn nach einem Monat zu um⸗ armen. Wer weiß wer Michaelis noch lebt! Ruhig ſterben koͤnnte ich nicht, wenn ich ihn nicht an meine Bruſt gedruͤckt hätte! Mit Thraͤnen bitte ich Dich, laß Carln kommen.“—„Ja,“ ſagte der Pfarrer, „er ſoll kommen! Um des Amtmanns wil⸗ len kann ich mein Vatergefuͤhl auch nicht verleugnen. Er bringe ſeine Tochter nach Hamburg oder Amerika, wenn ſie Carln nicht ſehen ſoll. Waͤre es denn fuͤr ihn auch ein ſo großes Ungluͤck, wenn Marie 244 eine Doctorfrau wuͤrde? Warlich ſehe ich nicht ein, wo er mit ihr hinaus will! Schließt denn der Reichthum nur gluͤckliche Ehen? Er beſteht darauf, daß ein Oeko⸗ nom ſein Schwiegerſohn werden ſoll, als ob die alle Gelegenheit hätten, ſo viel er⸗ werben zu können, wie er! Schlecht wird ſich die in der Stadt erzogene und feinge⸗ bildete Marie fuͤr eine Wirthſchaft paſſen, bedenkt man das nicht? Es iſt ſonderbar und unnaturlich, wenn die Vaͤter den Toͤchtern ihre Männer waͤhlen! Nun, ich ſchreibe heute noch, daß Carl koͤmmt und Auguſt mitbringt.“ She der Pfarrer ſich zum Schreiben niederſetzte, ſagte er zu ſeiner Gattin:„Es iſt doch wohl gut, daß ich vorher, ehe ich den Brief abgehen laſſe, mit Neubergen rede. Verſprochen habe ich's, ihm die Woche zu beſtimmen, wenn unſer Sohn hier anköͤmmt. Thäte ich das nicht und ſchwiege, ſo wuͤrde mir's der liebe Menſch uͤbel nehmen und am wenigſten moͤchte ich mit Neubergen in irgend eine Art von ——————— 245 Spannung gerathen. Ich will ihm ſein Verfahren, das er in Hinſicht ſeiner Toch⸗ ter beobachtet, nie wieder verargen, mag es auch ſeine unguͤnſtige Stimmung gegen Carln andeuten. Auch der kluͤgſte und be⸗ ſte Vater, der es in der Leitung ſeiner Kinder bei vier Zipfeln gefaßt zu haben glaubt, hat oft das Unrechte gethan, wenn er das Beſte zu thun glaubte; aber ſeine Abſicht, ſein Zweck iſt doch zu verehren. Hat es uͤbrigens der dort oben beſchloſſen, der den Herzen das Gefuͤhl der Liebe ein⸗ floͤßte, daß Carl und Marie ein Paar wer⸗ den, ſo kann das keine irdiſche Macht hinter⸗ treiben. Was der Menſch dann thut, himm⸗ liſche Plane zu vereiteln, das dient. ſie ins Werk zu richten.“—„Aber, lieber Guͤn⸗ ther,“ ſagte ſeine Gattin,„wenn Du dem Amtmann und dem Graf meldeſt, daß Carl kommen wird, gieb nur ihren Bitten nicht nach, daß er bis Michaelis noch wegblei⸗ ben ſoll.“—„Wann war ich ein Rohr,“ ſagte der Pfarrer ernſt,„das ſich von de⸗ Winde des menſchlichen Willens umhe 246 ben ließ? Was ich als Recht erkannt und beſchloſſen habe, das fuhrte ich, oft zu Deiner Freude, vſt aber auch zu Deinem Verdruß, immer aus, wenn Gott mir nicht durch die Rechnung einen Strich machte, den ich mir gern gefallen ließ. Was ich Deiner Rutterliebe ſchuldig bin, das habe ich laͤngſt erwogen und es ſoll ihr gewährt werden.“ Der Pfarrer fand den Graf bei dem Amtmann und ſagte:„Lieber Neuberg, Carl fleht in einem ſo bittenden Tone um die Erlaubniß, ſeine Eltern beſuchen zu duͤrfen, daß ich ein ſteinernes Herz haben muͤßte, wenn ich ihm dieſe Bitte abſchluͤge. Verargen Sie mir das nicht. Von allen Seiten werde ich gepreßt, ihn kommen zu laſſen und meine gute Frau iſt ſchon vor Freude außer ſich, daß ſie ihren Liebling nach vier Wochen ſieht. Was Sie nun mit Marien thun oder laſſen wollen, das ſteht bei Ihnen, ich aber kann es dem Jungen nicht verbieten, aufs Amt oder gar nach Erfurt zu gehen, dann erſt wuͤrde — ————— —— 47 ich ihn Dinge lehren, an die er ſelbſt noch nicht denkt.“—„So muß ſie nach Ham⸗ burg,“ ſagte der Amtmann.„Hal⸗ ten Sie Carln nur nicht zuruͤck. Ein gu⸗ tes Kind hat Verlangen nach ſeinen El⸗ tern. Sagen Sie mir's nur, wenn er bei Ihnen angekommen iſt. Sogleich wird er nicht nach Erfurt eilen, daß ich die noͤthi⸗ gen Voranſtalten treffen kann, um meine Tochter mit der Tante fortzuſchicken.“— „Meine Brigitte fährt auch mit,“ fiel ihm der Graf ins Wort.„Es iſt den Kindern gut, wenn ſie eine ſo große Stadt mit ih⸗ ren beſondern Merkwuͤrdigkeiten ſehen. Die Mädchen, die ſo ſchweſterlich einander an⸗ gehoͤren, duͤrfen ſich nicht trennen. Und wenn es Marie nicht erfahren ſoll, daß Carl hier geweſen iſt, ſo darf's Brigitte auch nicht wiſſen. Schwerlich wuͤrde ſis ſchweigen konnen und man muß einem jungen Mädchen ein Geheimniß nicht auf⸗ buͤrden, an dem viel gelegen iſt, daß es nicht offenbar werde. Waͤre Carl äber bis Michaelis in Berlin geplieben, ſo 8 248 haͤtte ich ihn abgeholt. Im Herbſt fahre ich mit meiner Gattin nach Berlin.“ Einen recht freundlichen Brief ſchrieb der Vater an ſeinen Sohn und Iud ihn ein, mit Auguſt nach Weſtgreußen zu kommen. Er beſtimmte ihm den Tag und den Ort, wo er ihm zwei Tagereiſen Pfer⸗ de entgegenſchicken werde, da er gemeldet hatte, daß er mit Auguſt zu Fuße kom⸗ men wuͤrde. Der Brief des Vaters, ob auch keine Sylbe von Marien darin ſtand, machte ihm eine außerordentliche Freude. In dieſer kurzen Zwiſchenperiode, bis. zu ſeiner Abreiſe, war es, wo Carl eine Bekanntſchaft machte, die ihn ſehr in⸗ tereſſirte. Als er aus der Schule kam, ſatte die Madame Oswald, die er Tante nannte, daß ein Offizier hier geweſen ſey und nach ihm gefragt habe. Vor einer Viertelſtunde hatte er wieder einen Bedien⸗ ten geſchickt und ſich nach ihm erkundigen laſ⸗ ſen„Wer mag der Herr ſeyn,“ fragte die Oswalden,„und was will er von Carl beſann ſich nur einen 1 240 Augenblick und ſagte dann:„Vielleicht iſt es der junge Graf von Veſterberg, der unterm Cavallerieregiment ſtehf?“—„Nein, nein,“ ſagte die Tante,„es war ein In⸗ fanterieoffizier.“—„Nun,“ ſprach Carl, „ſo weiß ich's ſo wenig, wer der Offizier iſt, noch was er von mir will.“ Nach einer halben Stunde kam ein Bilet an, das ein Bediente brachte, in Ddem es hieß:„Ich wuͤnſche es gar ſehr, Ihre Bekanntſchaft zu machen, da ich ſo viel Liebes und Gutes von Ihnen gehoͤrt habe. Weil ich jetzt auf Urlaub bin und eine Reiſe zu meinem Vergnuͤgen mache, ſo werde ich gewiß auch nach Weſtgreußen kommen. Haben Sie Beſtellungen an Ihre Eltern, dann tragen Sie ſie mir auf, ſie ſollen puͤnktlich ausgerichtet werden. In einem Briefe, den ich von meinen Eltern erhielt, iſt es mir von ihnen zur Pllicht gemacht, Sie aufzuſuchen. Morgen in aller Frühe verlaſſe 16 Berlin wieder⸗ W.. Im Augenblick rief Carl aus:„Der 250 Ofſizier iſt kein anderer, als ein Herr von Willing, ein Anverwandter des Amtmann Neuberg. Er ſoll ein fuͤrtrefflicher junger Mann ſeyn. Da er nach Weſtgreußen reiſet, habe ich an ihn allerlei Beſtellungen.“ Sehr erfreut folgte Cart dem Bedien⸗ ten nach, welcher ihn nach einem der er⸗ ſten Gaſthoͤfe der Stadt fuͤhrte. Auf ei⸗ nem Zimmer allein fand er den Offizier, der ſogleich aufſtand, ihm freundlich ent⸗ gegen kam und ſagte:„Da ich's nicht wußte, wann ich Sie in Ihrer Wohnung treffen wuͤrde, habe ich mir die Erlaubniß genommen, Sie zu mir zu bitten, und das verzeihen Sie mir. Sie ſind doch det Herr Guͤnther aus Weſtgreußen.“—„Der bin ich,“ erwiederte Carl.„Sie reiſen auch dahin und werden gewiß fruͤher an⸗ kommen, als ich, daher mache ich von Ih⸗ rer Guͤte Gebrauch und gebe Ihnen einige Zeilen an meinen Vater mit. Gewiß irre ich nicht, wenn ich den Herrn von Willing vor mir zu ſehen glaube, deſſen Namen ich oͤfter habe nennen und ruͤhmlich emwaͤh⸗ 251 nen höred.“—„Sie irren ſich nicht,“ ent⸗ gegnete der Offizier,„ich bin Willing.“ Im erſden Augenblicke betrachteten Beide einander mit innigem Wohlgefallen⸗ Es war ihnen, ols ob ſie ſich ſchon fruͤher gekannt haͤtten und ihre Herzen begegne⸗ ten einander in Liebe und Vertrauen, keine Vorſicht und Weltklugheit hielt ſie von einander entſernt. Die Hoͤflichkeit be⸗ ſchäftigte ſie nicht mit leeren Redensarten, ſie ſprachen mit einander, wie ſie dachten und empfanden. Mit hohem Wohlgefallen betrachtete Willing den ſchoͤnen, bluͤhenden Juͤng⸗ ling, der fuͤr ſein Alter in ſeinem Weſen männlichen Ernſt verrieth. Nun konnte er ſich's wohl erklären, daß Marte mit ei⸗ ner Feſtigkeit an ihm hing⸗ die nicht von ihm loslaſſen wollte. Tiefe Empfindſamkeit, Milde und gutmuͤthiges Weſen ſprach ſelbſt aus ſeinen Geſichtszugen. Eine gleiche Zuneigung fuͤhlte Carl auch fuͤr Willing und es war unter ihnen ein freundſchaft⸗ licher Verein geſchloſſen, ohne daß ſie die 252 nahere Verbindung ihrer Herzen abſichtlich erzielten. Weſtgreußen war der Gegen⸗ ſtand ihrer Unterredung, und Willing war uͤber das Gemälde entzuckt, das Carl von ſeinem Jugendleben entwarf, was er dort fuͤhrte, was, wie er ſich ausdruͤckte, einem ſchoͤnen Traume gliche, der ſeine Neuheit und Friſche nicht verlore, an den er ſich immer ſo gern erinnere. „Vergeſſen Sie nicht,“ ſagte Willing lächelnd,„daß in dem Gemälde, was Sie ſo beiter und golden mir darſtellten, Ma⸗ rie die Hauptgeſtalt iſt.“—„Ja, das iſt ſie,“ antwortete Carl mit der Aufrichtig⸗ keit eines unbeſorgten Herzens, das von der Entdeckung eines Geheimniſſes kein Uebel fuͤrchtet,„das wird ſie ewig bleiben. Immer groͤßere Berge drangen die Men⸗ ſchen jetzt zwiſchen uns, um uns von ein⸗ ander weiter zu entfernen und— wer mag ihnen das verargen! Sie rechnen ganz anders, als ein Juͤnglingsherz von achtzehn Jahren. Wuͤßte ich nur, wie Marie daͤchte, ſie läͤßt mich in Hinſicht ih⸗ ——— ſie der Beſtrafung wuͤrdig erklaͤren koͤnn⸗ rer in einer Ungewißheit, die mich peini⸗ gen wuͤrde, wenn mich der Balſam der Zeit nicht beruhigt haͤtte. Mit unge⸗ ſchwaͤchter Liebe, die ſo rein und klar wie der Himmel iſt, halte ich noch an ihr und dieſe Liebe kann ſich nur mit der Zerſtoͤ⸗ rung meiner Seele enden. Gewiß, ich bete fuͤr ihr Wohlergehen. Iſt ſie der ſchuldloſe Engel geblieben, der ſie in der Jugend war, ſo wird der Allgutige ſie be⸗ lohnen. Moͤgen Menſchen unſere Koͤrper trennen, unſere Herzen, wenigſtens das meine von dem ihren, kann keine Macht ſcheiden. Das ſagen Sie ihr, wenn Sie ſie ſeben, das verſchweigen Sie ſelbſt den Eltern derſelben nicht. Ich darf mich ei⸗ nes Geſtaͤndniſſes nicht ſchaͤmen, das auf Tugend und Unſchuld beruht, und ſtimmt es mit den beſondern Abſichten und Zwe⸗ cken nicht uͤberein, welche die Eltern mit ihrer Tochter haben, ſo werden ſie mir es nicht als eine unverzeihliche Schuld anrech⸗ nen. Waͤre es denn ein Verbrechen, das ten, daß ich Marien liebe? Eine Liebe, die Gott mir ins Herz gab, ſollen Men⸗ ſchen nicht verdammen. Iſt es Ihnen möglich, ſo geben Sie mir Nachricht von Marien, ehe ich nach Weſtgreußen komme. Gewißheit uber ſie und unſer Verhaͤltniß wünſche ich mir, mag meine Reiſe dadurch verſuͤßt oder verbittert werden.“ „Ja,“ ſagte Willing,„dieſe Gewißheit ſollen Sie haben, wenn ich ſie Ihnen ge⸗ ben kann. Sie waren ſo aufrichtig gegen mich, werden Sie es mir verzeihen, wenn ich's auch gegen Sie bin?“—„Reden Sie offen,“ ſagte Carl,„die herbe Wahr⸗ heit iſt mir lieber, als eine ſuͤße Taͤu⸗ ſchung, die hinterher Schmerzen macht.“ —„Ich finde,“ ſprach Willing,„daß Sie zu viel von der Liebe der Kindheit, wie ſie zwiſchen Ihnen und Marien Statt fand, erwarten, daß Sie ungewiſſe Hoffnungen und Wuͤnſche auf ſie bauen. Vergeſſen Sie nicht, daß die Liebe der Kinder unter einander eine ganz andere iſt, als die Liebe eines Junglings und einer Jungfrau. Ihr 255 Weſen und ihre Natur hat einen ſehr ver⸗ ſchiedenen Charakter. Die Kindheitsliebe kann neben der Liebe ſpäterer Jahre, ihr unbeſchadet, fortbeſtehen, indeß dieſe an⸗ dere Bande knuͤpft, andere Verhaͤltniſſe herbeifuͤhrt. Marie liebt Carln den Kna⸗ ben fort, aber eine andere Liebe zu einem andern Juͤnglinge kann den Raum ihres Herzens fuͤllen. Und duͤrften Sie ihr die ſpätere Liebe als eine uͤberwieſene Untreue anrechnen? Wer mag's auch den Eltern verdenken, wenn es nicht in ihrem Plane liegt, juſt dem jungen Manne ihre Tochter zu geben, der um ihre Hand wirbt? Iſt ſie nicht ihr Eigenthum? Haͤtten ſie bei der Wahl ihrer Tochter gar keine Stimme? Vielleicht waͤre das groͤßte Hinderniß ge⸗ hoben, wenn Sie, ſtatt zu ſtudiren, ein Hekonom wurden; ein ſolcher, wie ich's weiß, kann nur der Schwiegerſohn meines Onkels werden. Bedenken Sie uͤberdies, wenn Sie Anſpruͤche an Marien erneuern, die Sie nicht begruͤnden koͤnnen, die mein Onkel verwirft, daß Sie die Urſache vieler Mißhelligkeiten zwiſchen MWarien und ihren Eltern werden koͤnnen. Und das können Sie nicht wollen, es wuͤrde Sie auch nur weiter vom Ziele fuͤhren. Hoͤren Sie da⸗ her den Rath eines Freundes, der Sie von einer Liebe abmahnt, die Ihnen nur zur Pein werden kann. Seyn Sie viel⸗ mehr ein ruhiger Zuſchauer des Schickſals, was es fuͤr oder gegen Sie thut, Sie ſelbſt können am wenigſten die Faͤden zu dem Gewebe ſpinnen, das die Erfuͤllung dieſer Wuͤnſche ein- oder ausſchließt.“ Nach einer kleinen Weile ſagte Carlt „Eine herrliche Philoſophie, die ſich behr dernonürsß⸗ als praktiſch uͤben läßt. Sit hat ihren Sitz im Verſtande, aber im Her⸗ zen nicht. Mit meinem Herzen redeten Sie ganz anders..— Seine Miene wurde ernſter, bedaͤchtiger und er ſagte: „Herr von Willing, wollen Sie einen Be⸗ kehrungsverſuch mit mir machen, ſo erſpa⸗ ren Sie ſich die Muͤhe, er gelingt nicht. Was feſt gewurzelt iſt, reißt kein Sturm⸗ wind heraus. Es ſchadet ja keinem Men⸗ ſchen, darum mag es ſortwachſen. Nie will ich den Frieden und das Gluͤck einer Familie zerſtoͤren, ehe das geſchieht, koͤnnte ich mich ſelbſt aufopfern. An Einem iſt nichts gelegen, wenn Viele durch ihn lei⸗ den und hinwegſchaffen muß er ſich, wie eine Giftpflanze, an der ſich Kinder den Tod eſſen können. Aber begegnen Sie mir mit det Aufrichtigkeit, die ich Ihnen erweiſe und beantworten Sie mir die lange Frage: Hat Sie der Amtmann Neuberg abgeſchickt, mich zu erforſchen? Haben Sie Marien geſehen, hat ſie Ih⸗ nen gefallen und wollen Sie ſie zur Gat⸗ tin wahlen? Soll ich Ihnen die ſchrift⸗ liche Verſicherung geben, daß ich an ſie nicht mehr denke? Soll ſie meine ent⸗ ſchiedene Abneigung gegen ſie, dä ſie noch ſchwankt, beſtimmen? Ich ahne ſo Etwas, treten Sie mit deutlicher Rede hervor, meine Erklaͤrung fil Ihnen nicht entge⸗ hen.“ „Wie mißtrauiſch die Liebe macht,“ ſagte Willing.„Ich will nach Weſtgreu⸗ 17 2358 ßen hin und Sie glauben, daß ich von dorther komme. Warum ſollte ich Sie be⸗ truͤgen! Marien habe ich nie geſehen. Sie zu heirathen, fiel mir noch nicht ein. Einer Erklaͤrung von Ihrer Seite bedarf's auf keinem Fall. Lieber Carl, faſſen Sie Vertrauen zu mir. Wenn ich zu den be⸗ ſten Menſchen nicht gehoͤre, ſo wird mich auch Niemand zu den ſchlechteſten rechnen. Was aber bilden Sie ſich ein! WVelche Ideen haben ſich in Ihrem Kopfe ange⸗ ſponnen. Haben Sie denn die Erlaubniß zu geben, die ich erſt von Ihnen einholen muß, wenn ich zwiſchen mir und Marien eine Verbindung zu erzielen gedächte? Iſt das Maͤdchen ſo an Sie geknuͤpft, daß Sie es erſt loslaſſen muͤſſen? Haben Sie mehr Macht über ſie zu beſtimmen, als ihre Eltern ſelbſt? In der beſten Abſicht habe ich Ihre Bekanntſchaft geſucht, miß⸗ deuten Sie mich nicht, ich meine es offen und wahr. Ja, ich gebe Ihnen das hei⸗ lige Verſprechen, wenn Marie nicht bei ihren Eltern, wenn ſie bei der Tante in Erfurt iſt, daß ich mich nicht beſonders be⸗ muͤhen will, ihre Bekanntſchaft zu machen. Das Wort, das ich Ihnen gebe, 1 mir ſo heilig, wie ein Eid.“ Carl blieb einen großen Theil des Abends bei Willing und ſohnte ſich voͤllig mit ihm aus. In ihm lernte er einen 5 ausgezeichneten Jungling von edler Den⸗ kungsart kennen und die Herzen dieſer gleichgeſtimmten Seelen ſchloſſen einen Freundſchaftsbund. Jo, Willing verſprach Carln, daß er ſelbſt und durch ſeine El⸗ tern moͤglichſt wirken werde, um ſeine Wuͤnſche, in inniger Verbindung mit Ma⸗ rien zu bleiben, zu kroͤnen. Am frühen Morgen brachte ihm Carl einen Brief, den er mitnahm und Beide umarmten ſich beim Abſchiede, wie zwei Freunde, die ſich im Leben wieder zu begegnen herzlich wuͤnſchen. Vierzehn Tage vor Carls Abreiſe nach Weſtgreußen war's, wo er in der Nacht erwachte und den heftigſten Kopfſchmerz fuͤhlte. Er richtete ſich auf und es war 260 ihm, als ob ſich vor ſeinen Augen Alles im Kreiſe umdrehe. Feuriges Blut ſchien in ſeinen Adern zu rollen und er war, wie im Schweiß gebadet. Sein Herz ſchlug mit heftiger Gewalt. Leiſe fing ein Sei⸗ tenſtechen an, das nach einer Stunde ſo heftig wurde, daß er laut ſeufzen mußte. Auguſt, der in einer Kammer mit ihm ſchlief, wurde im Schlafe geſtort. Als er ſeinen Freund ſo laut ſeufzen hoͤrte, fragte er erſchrocken:„Carl, haſt Du einen ſchweren Traum?“—„Nein,“ erwiederte Carl,„ich wache und leide an Kopfweh und Seitenſtichen ſo gewaltig, daß ich's nicht mehr aushalten kann.“— Auguſt ſprang raſch aus dem Bette, eilte zu ſei⸗ nem Vater hin, dem er die Noth ſeines Freundes klagte. Der Doctor kam bald zu dem Kranken, ließ ſich von ſeinem Be⸗ finden erzählen, pruͤfte den Puls und ver⸗ ordnete die erforderlichen Mittel. Carl fiel nach etlichen Stunden in einen beſin⸗ nungsloſen Zuſtand und fing an zu phan⸗ taſiren. Die Krankheit verrieth ſich hald 267 als ein heftiges Nervenfieber. Nach Ver⸗ lauf von acht Tagen war der Patient ſo gefaͤhrlich krank, daß der Doctor mit ſich ſelbſt zu Rathe ging, ob er's dem Pfarrer melden, oder verſchweigen ſollte. Aus vie⸗ len Gruͤnden entſchied er ſich fuͤr das Letz⸗ tere. Da von Seiten Carls an die Reiſe nach Weſigreußen nicht mehr gedacht wer⸗ den konnte, gebrauchte der Doctor einen ſchicklichen Vorwand und meldete dem Pfarrer, daß der Juͤngling ſeinen Beſuch bis zur Herbſtzeit verſchieben muͤſſe. Als der Kranke die Criſis eben uͤberſtanden hatte, die Todesgefahr voruͤber war und er ſich ſeiner wieder bewußt wurde, ſagte er mit matter, ohnmaͤchtiger Stimme: „Koͤnnte ich nur meine Eltern und meine Geſchwiſter und vor Allen Marien wieder und noch einmal ſehen, dann wuͤrde ich ruhiger ſterben. Gern ſcheide ich von der⸗ Erde, da ich mir keine heitere Zukunft ver⸗ ſprechen darf. Statt zu meinem Vater zu reiſen, werde ich wohl eine Reiſe antreten, 262 die zu einem andern Vater fuͤhrt, von der Niemand ins irdiſche Leben zuruͤckkehrt. Recht ruhig ſcheide ich von hier, fuͤrchte meinen Richter nicht und bin mir keiner boͤſen That bewußt. Dort werde ich Ma⸗ rien in unzertrennlicher Gemeinſchaft lie⸗ ben. Sie wird bei der Nachricht meines Todes eine Thraͤne der Wehmuth weinen. Ach, wie habe ich ſie geliebt! Schreiben Sie ihr das, lieber Onkel, ſie muß es er⸗ fahren! Wie lange werde ich noch leben?“ —„Carl,“ ſagte der Doctor,„Deine Krankheit iſt uberſtanden, die Gefahr iſt voruͤber und Du wirſt wieder geneſen. Faſſe Hoffnung, Deine Zukunft, die Du Dir ſo trübe und finſter malſt, wird ſehr heiter werden. Der Tugend fehlt es nie ar Freuden, dem Verdienſte nicht an Ehre. Haſt Du noch andere Plane, von denen Du Dein Gluͤck abhaͤngig machſt, die Du jetzt im Scheitern ſiehſt; ſo verzweifle nicht. Es muß oft Ales, was an ihrer Zerſtörung arbeitet, zu ihrer Vollendung dienen. Suche Dein Gemüth auſzurichten, — — 263 Dein Truͤbſinn, Deine vergeblichen Gril⸗ len verzoͤgern Deine Geneſung nur.“ Ein andermal ſagte Carl:„Aber warum mußte meine Krankheit juſt in die Periode fallen, wo ich nach Weſtgreußen werth, meine Lieben zu umarmen und Ma⸗ rien zu ſehen? Warum legte mir das Schickſal ſolch ein unuͤberſteigliches Hin⸗ derniß in den Weg? O! wie raͤthſelhaft iſt unſer Leben und wer vermag den ver⸗ borgenen Sinn deſſelben zu deuten?, Aber ach! wie werden ſich meine Eltern aͤngſti⸗ gen, die mich erwarteten, daß ich nicht kam!.. Der Doctor beruhigte ihn und ſagte, daß er, unter einem Vorwande, den Eltern gemeldet haͤtte, wie ihr Sohn jetzt nicht kommen koͤnne. Von der Krankheit, um ihnen eine vergebliche Angſt zu erſpa⸗ ren, habe er keine Sylbe geſchrieben. „Nach acht Tagen, früher aber nicht,“ ſagte der Doctor,„kannſt Du ſelbſt ſchrei⸗ ben.“ Als ſich Carl ſo weit beſſer befand, reiſen wollte! War ich der Wonnen nicht — 264 daß ihm das Schreiben erlaubt werden konnte, ſchrieb er folgenden Brief an ſeine Eltern, von dem wir jedoch nur einige Stellen, auszugsweiſe, mittheilen:„Das Schickſal ſtellt mich in meiner Jugend ſchon auf harte Proben der Selbſtverleug⸗ nung, der Geduld und der Ergebung, dar⸗ aus muß ich ſchließen, daß mir fuͤr die Folge des Lebens ein Kampf bevorſteht, der nicht gemeine Kraͤfte vorausſetzt. Fruͤhzeitig werde ich an das Herbe und Bittere, an vereitelte Hoffnungen und an die Nichterfuͤllung der liebſten Wuͤnſche ge⸗ woͤhnt. Wenn ich nur durch Uebung die rechte Gewalt gewinne, um in den Stür⸗ men, die uͤber mich kommen, mich aufrecht zu erhalten! Ich muß den Menſchen be⸗ dauern, wenn ich ihn nicht verachte, der ſich in ſeinen traurigen Begegniſſen nicht als ein edler, muthvoller Dulder beweiſet; der untergeht in dem Meere ſeines Un⸗ gluͤcks, ſich ihm preis giebt und nicht ſtill und mit zum Himmel gerichtetem Blick die Zeit ahwartet, wo ihn an weiſer und 265 guͤtiger Hand die Vorſehung in den Ha⸗ fen der Ruhe und des Friedens einfuͤhrt.“ „Dies etwa, beſte Eltern, iſt die jetzige Stimmung meiner Seele, nachdem eine ſchwere Krankheit uͤberſtanden habe und ſo weit wieder hergeſtellt bin, daß ich arbeiten und mich nuͤtzlich beſchäftigen kann. Dem Tode war ich ſehr nahe und habe es recht deutlich empfunden, wie thoͤ⸗ richt die Furcht der Menſchen vor dem Sterben iſt. Seiner voͤllig unbewußt ver⸗ laßt man die Erde, wie man ſie bei ſei⸗ ner Geburt erblickte. Als ich meine Ver⸗, ſtandeskraͤfte wieder erlangt hatte, dachte ich nur an Euch und betete zu Gott, daß er Euch mit dem Schmerze verſchonen moͤchte, mich zu verlieren. Der Allgutige hat mein Gebet erhört und dafuͤr danke ich ihm. Ob Marie auch geweint hätte, wenn ſie von meinem Tode gehoͤrt haͤtte? In den fieberhaften Traͤumen erſchien ſie mir immer als ein helfender, pflegender Engel, der mir den Angſtſchweiß von der Stirn wiſchte und mit ihrem Hauch meine gluͤhende Wange kuͤhlte. Ob ich auch von ihr nichts hören und ſehen foll, das An⸗ denken an ſie iſt in meiner Seele doch im⸗ mer ſo friſch und neu, als ob ich erſt ge⸗ ſtern von ihr Abſchied genommen haͤtte. Es war mir in meiner Krankheit der ein ſuͤßer Gedanke, ſie im Himmel unzertrenn⸗ lich und ungehindert lieben zu koͤnnen. Die Menſchen wollen, ich ſoll ſie vergeſ⸗ ſen; aber ich kann es doch nicht.“ „Ohne die Kunſt des unvergleichlichen Onkels, der in den Naͤchten, wo ich in Todesgefahr war, bei meinem Bette wachte; ohne die mütterliche Pflege meiner Tante und den Beiſtand meines Auguſts, ware ich wahrſcheinlich eine Beute des Todes geworden. Ach! die Welt hat noch herr⸗ liche, liebevolle Menſchen, die mehr fuͤr uns thun, als wir ihnen je vergelten kön⸗ nen. Wie ich dieſen Lieben danken ſoll, die mich auf den Haͤnden tragen, zu de⸗ nen ich, wie ein Theil des Ganzen unzer⸗ wennlich gehoͤre, das weiß ich nicht. Es ſ ein unbezahlbares Vergnügen, guten, 5 — ſeyn!“ — 267 frommen Menſchen ſo viel werth zů „Aber die groͤßte Freude, die mir meine Krankheit entriſſen hat, iſt die, daß ich euch nicht geſehen und umarmt habe. Beſſer war's, daß ich hier krank wurde, auch fuͤr Euch. Auf dem Lande ſtirbt ſo Mancher, weil der Arzt fern wohnt, wel⸗ cher gerettet werden konnte. So macht Gott Alles wohl. Nun ſteht mir die Freude, die ſchon genoſſen waͤre, von der ich nur die ſuͤße Erinnerung haͤtte, noch bevor. Kaͤme der Herr Graf dann nach Berlin, ſo fuͤhre ich mit ihm gern nach Weſtgreußen zuruͤck; aber wird auch eine Stelle fuͤr meinen Auguſt in ſeinem Wa⸗ gen ſeyn? Ohne dieſen Jugendſreund kann ich nicht leben und ihm bin ich's ſchuldig, ihm ein Vergnuͤgen zu machen, das ihm ſeine Eltern durch die Reiſe zu Euch goͤnnen wollen.“ „Der Onkel wird in einer Beilage meine Krankheitsgeſchichte ſchildern, von der ich ſelbſt das Wenigſte weiß.“ 268 „Iſt der Capitain von Willing bei Euch geweſen und hat er einen Brief von mir an Euch abgegeben? Ich habe ſeine Bekanntſchaft in Berlin gemacht und truͤ⸗ gen mich meine Sinne nicht, ſo iſt er Ei⸗ ner der beſten und redlichſten Juͤnglinge, die es auf Erden giebt. Offen und frei konnte ich's ihm geſtehen, daß ich Marien uͤber Alles liebte. Er wollte mir Nach⸗ richt von ihrem Seyn und Aufenthalte ge⸗ benz aber noch ließ er ſein Verſprechen unerfuͤllt. Ob man es ihm nicht verwehrt, Wort halten zu duͤrfen! Ob ihn nicht eine hoͤhere Pflicht bindet, die ihn ent⸗ ſchuldigt, daß er die minder wichtige uner⸗ fullt läßt? Ich weiß es nicht. Warum begräͤbt man mich, in Hinſicht Mariens, in dieſe Dunkelheit? Iſt das Recht und kluglich? ꝛc.“ Der Brief von Carln richtete zwar in Weſigreußen eine große Beſtürzung anz aber fuͤr die Geneſung des Juͤnglings pries man Gott und dankte Oswalden, daß er in einem fruͤhern Briefe der Krank⸗ 269 heit, als des eigentlichen Hinderniſſes, nicht gedachte, weshalb der ſehnlich erwartete Sohn im Vaterhauſe nicht ankam. Der Amtmann war gar herzlich erfreut, daß Carl nicht kam;z als ihm aber der Pfarrer ſagte, daß ſein Sohn todkrank geweſen ware, betrubte er ſich, und Auguſten roll⸗ ten Thraͤnen uͤber die Wangen. Sie ſagte? „Ich kann es nicht verbergen, daß ich, außer meiner Marie, kein Kind in der Welt ſo liebe, wie dieſen Carl, und ſein Tod wuͤrde uͤber mein Leben eine Trauer ohne Ende verbreitet haben. Ach! er hat ein gar zu liebevolles, weiches und theil⸗ nehmendes Herz, in dem gewiß kein Falſch wohnt. Auch fuͤr mich wird es ein Feſt⸗ tag ſeyn, wenn ich ihn wieder umarme⸗ War er doch, wie ein Sohn, in unſerm Hauſe! Warum ſollte ich ihn haſſen, da Marie ihn ſo liebt und er das Andenken an ſie aus ſeinem Gemuͤthe nicht verban⸗ nen kann! Waͤre er beſſer, wenn er ſie leichtſinnig ſchon laͤngſt vergeſſen hätte?“ Die Reiſe nach Hamburg unterblieb 270 und wurde bis zum Herbſt verſchoben, bis der Graf mit ſeiner Gattin nach Berlin reiſte, um Carln und ſeinen Freund Au⸗ guſt mit nach Weſigreußen zu bringen. Der Graf ſchrieb aber eigenhaͤndig an Carln, ſchickte ihm, ohne Wiſſen des Va⸗ ters, ein Geſchenk von zwanzig Louisd'ors und ſchrieb dabei:„Dies Geld wende zu Deiner Erholung und zum Vergnuͤgen an. Als kuͤnftiger Arzt brauchſt Du Buͤcher, die theutt ſind, kaufe Dir dafuͤr einige, die der Onkel Dir empfiehlt. Danke den lieben Menſchen recht freundlich von mir, daß ſie ſich Deiner in der ſchweren Krank⸗ heit ſo annahmen! Du weißt's, wie ich Dich liebe, ſie haben auch mir Theures erhalten. Ich freue mich, im Herbſt ihre Bekanntſchaft zu machen. In meinem großen Wagen iſt auch fuͤr Deinen lieben Auguſt Raum genug. Jetzt ſpare ich mit wahrem Vergnuͤgen eine Summe fuͤr Dich, welche Dir als Reiſegeld dienen ſoll, da⸗ mit Du wenigſtens ein Jahr große Staͤdte beſuchen kannſt, um die Meiſter der Chi⸗ 271 rurgie, beſonders in Frankreich, zu hoͤren und ihnen abzulernen. Dort, glaube ich, und in London, wenn Du beſonders ein Augenarzt werden willſt, iſt fur Dich viel zu ſprofitiren. Sey gutes Muthes, was ich an Dir thue, das hat Dein weiſer, guͤtiger Vater an mir verdient und ich tra⸗ ge nur alte Schulden an Dich ab. ꝛc.“ Die Briefe von dem Vater und Graf machten Carln das hoͤchſte Vergnuͤgen. er theilte ihren Inhalt der Familie mit, in der er ſo gluͤcklich lebte. Es war nur eine Stimme, als er den Brief des Gra⸗ * fen hatte, daß dieſer zu den edelſten Menſchen ſeines Standes gehoͤre und Alle freuten ſich, ihn und ſeine ihm gleiche Gattin kommenden Herbſt kennen zu lernen.„Ja wohl iſt es fuͤr Dich ſehr vortheilhaft,“ ſagte der Doctor,„wenn Du Deine Studien vollendet haſt, daß Du die wiſſenſchaftliche Reiſe machſt! Einen Empfehlungsbrief nach Paris kann ich Dir mitgeben. Alles wirſt Du thun, um in jeder Hinſicht Deines wohlthuenden und 272 herrlichen Goͤnners wuͤrdig zu werden. Auguſt, damit ihr unzertrennlich bleibt, ſoll Dich, in gleicher Abſicht und zu glei⸗ chem Zweck, begleiten. Nun aber ſey recht gemuͤthsfroh und laß Dich durch Grillen, die ihre Wurzeln in der Jugend haben und ihre Nahrung von leeren Ein⸗ vildungen ziehen, in der Freude nicht ſtöh⸗ ren. Wer einer ſolchen Zukunft entgegen geht, wie Du, und nicht ganz heiteren Sinnes iſt, fuͤrwahr, den erkläre ich der Guͤte des Himmels nicht wuͤrdig, der Stroͤme des Segens auf ihn herabſchuͤttet. Du häͤngſt an Marien, als ob ſie der ein⸗ zige wuͤrdige Gegenſtand Deiner Liebe auf Erden wäre und weißt's doch nicht, ob ſte noch an Dich denkt. Glaube doch nicht, daß die Liebe des Kindheitsalters ſeine Bedeutung fuͤr das ganze Leben er⸗ haͤlt. Ehe wir's uns verſehen, wird's uns gemeldet, daß ſie eine Braut iſt. Ein Thor waͤreſt Du, wenn Dich das einen Augenblick betruben könnte.“ Die Art und Weiſe, wie Carl behan⸗ 273 delt wurde, ſeine Liebe zur Wiſſenſchaft, der Umgang mit dem herrlichen Auguſt, man⸗ che Bitten und Ermahnungen ſeiner Eltern und manches Andere trug, ſeit ſeiner Krank⸗ heit beſonders, dazu bei, das Andenken an Marien, das wie eine Flamme in ihm brann⸗ te, abzukuhlen, wenn es ſie auch nicht aus⸗ löſchen konnte. Er wurde wirklich froher unh ſeine Geſundheit bluͤhte mit friſchen Far⸗ ben. Bisweilen dachte er an den Herrn von Willing und wunderte ſich doch ſehr, daß er von dieſem die verſprochene ſchrift⸗ liche Nachricht nicht erhielt. Willing war auf ſeiner Urlaubsreiſe in Erfurt angekommen, um nach einem Aufenthalte von etlichen Tagen die Stadt zu verlaſſen und dann nach Weſtgreußen zu ſeinem Onkel zu reiſen. Heilig war ihm das Wort, das er Carl gegeben hatte, wenn Marie in Erfurt bei ihrer Tante ſey, nicht zu ihr zu gehen und er erinnerte ſich daran. Große Freude machte es ihm, hier einen Jugendfreund, nach langen Jahren, wieder zu ſehen, mit dem er zugleich Ca⸗ 18 274 dett in Berlin war. Er war es allein, der ihn nach Erfurt hinzog, ſonſt hätte er dieſe Stadt nicht beruͤhrt. Dieſer Freund war ein Herr von Erlach und ſtand als Lieutenant unter dem dortigen Regimente. Die Freunde fielen ſich in die Arme und freuten ſich des Gluͤcks, einander wieder zu ſehen. Erlach gab es nicht zu, daß Willing im Gaſthofe logiren durfte und ſagte:„Da Du nur eine ſo kurze Zeit hier bleiben kannſt, laſſe ich Dich nicht von mir. Tag und Nacht muͤſſen wir bei ein⸗ ander ſeyn. Vom Tractamente allein darf ich nicht leben und einen guten Tag wol⸗ len wir uns machen.“ Freunde, die einander ſo lieben, wie dieſe Beiden, und welche ſich lange nicht geſehen haben, wiſſen einander Viel zu erzählen. Wie Minuten ſchwanden ihnen Stunden hin. Als es zu dämmern anfing, trat Erlachs alter Bediente, ein Erbſtuͤck von ſeinem Vater, der ihm als eine Art von Mentor mitgegeben war, mit dem er wie mit einem Freunde umging, in die 275 Thuͤr und ſagte:„Herr Lieutenank, ver⸗ geſſen Sie's in der Freude auch nicht, daß Sie vom Commandeur zum Ball heute Abend geladen ſind.“ Laͤchelnd ſetzte der Aite hinzu:„Er wuͤrde es ſehr ubel neh⸗ men, wenn Sie nicht kaͤmen und die Fräu⸗ leins noch mehr.“—„Du haſt Recht, Ja⸗ cob,“ ſagte der junge Erlach,„daß Du mich erinnerſt. Der verteufeulte Ball koͤmmt mir ſo recht zur ungelegenen Zeit! Wegbleiben kann ich nicht, da ich Adju⸗ tant bin und das Fraͤulein Louiſe zu drei Taͤnzen engagirt habe; aber, Willing, wenn Du hier bleibſt, ſo laſſe ich mich entſchuldigen.“ „Wenn Du dafuͤr ſtehſt, daß man ei⸗ nem ungebetenen Gaſt die Thur nicht wei⸗ ſet, ſo begleite ich Dich gern,“ ſagte Wil⸗ ling.„Aber, da ich ein gar ungeſchi ckter Taͤnzer bin, kann ich mich aufs Tanzen nicht einlaſſen.“—„Der Commandeur ſieht Dich gern, wenn ich Dich ihm als meinen Freund anmelde, und willſt Du nicht tanzen, was von jeher Deine Sache 276 nicht war, ſo wirſt Du eine hohe oder nie⸗ dere Spielparthie finden, wie Du ſie ha⸗ ben willſt. Sage, haſt Du Dich noch nicht in ein Madchen verliebt? Haſt Du keine Braut?“—„Sonderbare Fragen,“ erwiederte Willing.„Mit geheimem Wohl⸗ gefallen habe ich ſchon oͤfter ein Maͤdchen betrachtet, nennſt Du das verlieben? Eine Braut aber habe ich noch nicht. Damit, denke ich, hat's noch eine Weile Zeit— „Das richtet ſich nur nicht nach der Zeit,“ ſagte Erlach laͤchelnd.„Zur Unzeit, d. h. wenn man Lieutenant iſt und keine Frau ernaͤhren kann, heirathet man am liebſten. Das Heirathen, als alter Major, wenn das Herz ausgebrannt und das Blut kalt geworden iſt, taugt gar nichts. Wenn mir mein Alter— ſo nannte er ſeinen Vater— nicht das Widerſpiel hielte, ich wäre ſchon ein junger Ehemann. Er iſt gut, die Liebe ſelbſt und wird ſich, da ich die zaͤrtlichſte Mutter zum Beiſtande hahe, wohl erweichen laſſen. Könnte ich mich nur verſtellen und die Rohhe des Verzwei⸗ 27 felten ſpielen, ſo würde er bald Ja ſagen. Ich allein, und wenn der alte Jacob auch den Daumen auf den Beutel hält, koſte mei⸗ nem Vater mehr, als wenn ich eine Frau hätte, die die Ausgaben ordnet und geho⸗ rig beſchraͤnkt. Was theuer ſind die Ver⸗ gnuͤgen, die man als lediger Menſch mit⸗ machen muß! Waͤre ich ein Wirth, man wuͤrde mich auslachen. Vieles wird auch auf meine volle Borſe angewieſen, was ich, als Junggeſell, bezahlen muß.“—„Das lingt ja juſt ſo, als ob Du eine Braut hätteſt.“—„Ja wohl habe ich die. Die Stadt weiß es und meine Eltern wiſfen es auch. Es iſt die Louiſe, die Tochter des Commandeurs, mit der ich die erſten vrei Tänze tanzen will. Iſt die Witte⸗ rung in meinem Vaterhauſe gut, ſo moͤchte es vielleicht von hier und einem Viertel⸗ jahr zur Verlobung kommen. Wir beide Verliebte ſind zwiſchen zwei Preſſen und wiſſen es noch nicht, welche nachgeben muß. Wenn Du den Abſchied nehmen willſt, ſagt mein Vater, und mein zwei⸗ 278 tes Gut bewirthſchaften, das ich Dir als ein Eigenthum uͤbergeben will, ſo heira⸗ the Deine Braut, wenn Du willſt. Sie iſt von Stande, hat herrliche Eltern, ihr Ruf iſt unbefleckt, ſie gefaͤllt Dir, ich habe weiter nichts gegen Deine Verbindung mit ihr. Louiſens Vater ſagt dagegen: Ein Landjunker, der auf dem Miſte ſitzt und von ſeinem ökonomiſchen Erwerb lebt, hat keine Achtung bei mir. Einem jun⸗ gen Mehiſchen, der als Lieutenant ſeinen Abſchied nimmt, gebe ich meine Tochter nicht. Erlach hat militairiſches Talent und muß dem Vaterlande dienen.“ „Während die Väter uneins ſind, leben die Muͤtter in größtem Frieden und wir, Louiſe und ich, mit ihnen. Das Unge⸗ witter wird vorübergehen und zum Ziele muß es kommen. Täglich ſehe ich meine Braut und der Umgang iſt mir von keiner Seite verboten, den ich täglich mit ihr pflege. Papier, Tinte und Zeit zu Lie⸗ besbriefen brauchen wir nicht und geheime Brieftrager löſen kein Trinkgeld. Bin 279 ich nicht ein gluͤcklicher Prinz?“—„Das biſt Du,“ erwiederte Willing,„wenn Du Dich ſo ſuͤhlſt.“—„Nun, Du ſollſt meine Louiſe ſehen, welch ein koſtliches Weſen ſie iſt. Verliebſt Du Dich nicht in ſie, ſo ſage ich, Willing hat kein Gefuͤhl fuͤr's Schoͤne.“— Lachelnd ſagte Willing:„Du ſollteſt doch ſehr froh ſeyn, wenn ich das Gefuͤhl fuͤr's Schoͤne bei Deiner Braut nicht geltend mache, ſonſt moͤchte es unter den beſten Freunden zum Duell kommen⸗ Oder biſt Du nicht eiferſuͤchtig?“ Viel zu lange hatten ſich die Beiden verſpaͤtet, der Ball war ſeit einer halben Stunde ſchon angegangen. Louiſe ʒůrnte auf Erlach, daß er ſo lange ausblieb. Sie entfernte ſich ein Weilchen von dem Tanzſaale, ſchrieb einige Zeilen an ihn, die ſie ihm durch einen Bedienten zuſchickte. Erlach las ſie ſeinem Freunde vor und ſie lauteten:„Iſt Dir ein ungluͤck begegnet, daß Du nicht zu uns kömmſt? Ich bin Dei⸗ netwegen in großer Angſt. Komm entwe⸗ 280 der ſelbſt, oder laß mich's wiſſen, wes⸗ halb Du ausbleibſt. Deine Louiſe.“ Dem Bedienten ſagte Erlach:„Mel⸗ den Sie dem Fräuluin, daß ich! nach ei⸗ ner Viertelſtunde die Antwort muͤndlich abſtatten will. Nun, Willing,“ ſagte Er⸗ lach,„iſt es nicht ein herrliches Gefuͤhl, daß ſich in der Welt ein ſolches Maͤdchen fur uns intereſſirt? Was iſt ein Juͤngling von unſern Jahren ohne eine Braut! Viel⸗ leicht daß Dir heute Abend Louiſens Schwe⸗ ſter gefaͤllt. Wenn wir auch durch ſolche Bande verbunden wuͤrden! Man kann nicht fuͤr ſein Herz ſtehen und wer weiß, ob nicht ein guter Geiſt Dich nach Erfurt fuͤhrte, der Dir, außer dem Wiederſehen des Freundes, ein anderes Gluͤck beteiten wollte.“—„Das iſt wohl moͤglich,“ ant⸗ wortete Willing,„und ich will ſeiner Fuͤh⸗ rung nicht widerſtreben, wenn ich ihm auch nicht blindlings folgen kann.“ Die beiden Juͤnglinge beeilten ſich mit dem Ballanzuge, und was Willing — — — ſehlte, das lieh ihm Erlach. Der Com⸗ mandeur und ſeine Gattin machten Wil⸗ lingen ein hoͤflich freundliches Geſicht, da er ihnen als der theuerſte Jugendfreund des kuͤnftigen Schwiegerſohnes praͤſentirt wurde. Erlach eilte bald zu ſeiner Braut hin, um ſie zu troͤſten, indem er zu Willin⸗ gen ſagte:„Bruͤderchen, ſorge fuͤr Dein Vergnügen, eine ganze Weile kann ich mich gar nicht um Dich bekuͤmmern.“ Der Commandeur, ein Herr von Birkenfeld, war ein braver, wackerer Offizier, dem es an militairiſchen Kenntniſſen, an Beweiſen der Tapferkeit und an einem hohen Grade von Menſchenfreundlichkeit nicht fehlte. „Wenn Sie kein leidenſchaftlicher Taͤnzer ſind,“ ſagte Birkenfeld zu ihm,„ſo unter⸗ hallen wir uns durch Geſpraͤche.“ Im Laufe der Rede, wo uͤber Willings mili⸗ tairiſche Laufbahn, ſein Verhaͤltniß zu Er⸗ lach und von Soldatenſachen geredet wur⸗ de, entwickelte ſich's, daß der Vater unſe⸗ res Eapitains ein Jugendfreund des Com⸗ mandeurs geweſen war und daß ſie in ihren 282 beſten Juͤnglingsjahren bei Einem Regimente gedient hatten. Der Commandeur gab ſei⸗ nem ehemaligen Freunde das beſte Zeug⸗ niß und ſagte endlich:„Es iſt doch ruhm⸗ lich, daß Sie nicht in Hamburg geblieben, in Ihr Vaterland, dem Sie angehören, zu⸗ ruͤckgekehrt ſind, und ihm im Kriege ſo eh⸗ renvoll gedient haben. Ich bitte Sie mit Erlach morgen Mittag auf eine Suppe zu mir. Wir muͤſſen uns ein Mehreres erzaͤhlen und uns freundlicher kennen ler⸗ nen. Verzeihen Sie, da ich der Wirth bin, daß ich mich entfernen muß.“ Dem Capitain hatte der verſtaͤndige, liebreiche Mann gar ſehr gefallen. Als er im Saale umherſchaute, einſam da ſtand und den Tanzenden zuſah, winkte i hm die Frau von Birkenfeld und wies ihm vinen Sitz neben ſich an, indem ſich ein Fnee ſchoͤnes Mädchen ſchnell von ihrem Platze erhob und mit einer Verbeugung davon ging. Die kluge Frau bot ſo viel ange⸗ nehmen Stoff zur Unterhaltung dar, daß ein intereſſantes Geſpraͤch angeknuͤpft und 283 eine Weile fortgeſponnen werden konnte. Sie war mit der großen Welt bekannt, und hatte, als eine ehemalige Gräfin, eine ausgezeichnete Erziehung genoſſen. Auf den feinſten, natuͤrlichen und ungekuͤnſtel⸗ ten Geſellſchaftston verſtand ſie ſich ganz⸗ Die Unterredung mit dem maͤnnlich ſcho⸗ nen, ungemein gebildeten Offizier machte ihr geheimes Vergnuͤgen. Sie behandelte ihn mit der groͤßten Zartheit. Wir laſſen es noch unentſchieden, ob ſie nicht darum ſo zuvorkommend war, weil ſie das ge⸗ heime Plaͤnchen entwarf, dieſen jungen Mann mit Annen, ihrer zweiten Tochter, in Verbindung zu ſetzen. Nach einer Stunde etwa kam Erlach, begrußte die Frau von Birkenfeld und ſagte leiſe zu ihr, daß es Willing hoͤren konnte:„Iſt Willing nicht ein recht lie⸗ ber Menſch?“— Sie laͤchelte.— Zu ſei⸗ nem Freunde aber ſagte er:„Bleibe noch hier, ich habe es meiner Braut geſagt, daß Du hier biſt, bei ihrer Mutter ſitzeſt, bald wird ſie kommen, um Deine Be⸗ kanntſchaft zu machen. Einen Tanz mußt Du mit ihr machen, das habe ich ihr ver⸗ ſprochen.“— Nach einem Weilchen kamen beide Schweſtern zugleich zur Mutter, wohlgebildete, wahrhaft reizende Mädchen, eins ſo ſchoͤn als das andere.„Verzei⸗ hen Sie meiner Frage,“ ſagte Willing zur Mutter,„welches Fraͤulein iſt die Braut meines Freundes?“— Mit freundlicher Miene, ungezwungen und voll Naivität, neigte ſich Louiſe ein wenig ihm naͤher und ſagte dann mit leiſer Stimme:„Wenn Sie es nicht errathen konnen, ſo muß ich's Ihnen ſagen, daß ich's bin.“— Es wur⸗ den noch einige Worte gewechſelt und Willings Herz entſchied, daß die beiden Schweſtern im hoͤchſten Grade liebe swuͤr⸗ dig waͤren, daß aber Anna, in Suſthe de⸗ körperlichen Reize, der Anmuth eines fein⸗ gebildeten Weſens, vor ihrer Schweſter doch den Vorzug behaupte. Er tanzte zu⸗ erſt mit Louiſen, dann mit Annen und ſetzte ſich dann, als der Commandeur ihm eine Parthie anbot, zum Spiel nieder. 285 Mariens Tante war auch auf dem Ball und ihre beiden Pflegetoͤchter mit ihr. Die neugierige Brigitte, welcher der ſchoͤne Willing beſonders auffiel, ob ee auch nicht der beſte Tänzer war, fragte die Tante, wer der Offizier ſey, der nur mit den beiden Toͤchtern des Commandeurs getanzt habe und dann verſchwunden wäre. Die Frage ſiel der Tante auf; aber ſie konnte dem Maͤdchen keine befriedigende Antwort geben. Brigitte fragte Annen, die ſie kannte, ob ſie nicht wiſſe, wie der Offizier heiße, woher er ſey, der nur mit ihr und ihrer Schweſter getanzt hätte.— „So,“ erwiederte Anna laͤchelnv,„intereſ⸗ ſirt Dich der ſchoͤne Mann? Recht weiß ich's nicht, wie er heißt; ich glaube Wil⸗ ling. Er iſt bei Erlach zum Beſuch, der ihn mit hieher gebracht hat und deſſen Ju⸗ gendfreund. Wenn Dir ſo viel an ihm liegt, ſo beſuche mich morgen mit Marien und ich kann Dir vielleicht ſeine ganze Le⸗ bensgeſchichte erzaͤhlen.“—„Du kannſt recht boͤſe ſeyn,“ erwiederte Biigitte. 286 „Nichts, nichts will ich von dem Fremden weiter wiſſen.“— Sie entfernte ſich und es war ihr unangenehm, daß ſie Annen gefragt hatte. Als Brigitte zur Tante kam, fragte dieſe:„Haſt Du's nun erfahren, wer der Offizier iſt? Ihr Maͤdchen ſeyd doch recht neugierig! Du haͤtteſt Dich bei An⸗ nen nicht nach ihm erkundigen muͤſſen. Oft bedarf es von einem Mädchen nur ei⸗ ner Frage nach einem Juͤnglinge und ſie erweckt Verdacht gegen ſich, der allerlei Mißdeutungen leidet, die ihr nachtheilig werden koͤnnen. Eine Jungfrau kann die Vorſicht, ihren unbefleckten Ruf zu behaup⸗ ten, nie zu weit treiben. Der falſche, un⸗ guͤnſtige Schein kann uns oft eben ſo ſchaͤdlich werden, als die unerlaubte That. Thue eine ſolche Frage nie wieder. Nun, wer iſt der Offizier?“— Mit niederge⸗ ſchlagenem Geſicht antwortete Brigitte: „Ein Herr von Willing.“ Der Name Willing ſchoß der Madame Berthes wie eine Centnerlaſt auf die 237 Bruſt. Keinen Augenblick zweifelte ſie, daß dieſer der Stiefſohn des Kauſmanns Neuberg in Hamburg ſey. Sie wuͤnſchte es nicht, daß er ſich ihr auf dem Ball nahete. Unter dem Vorwande, daß ſie am heftigen Kopfweh leide verließ ſie von allen Gaͤſten die Geſellſchaft zuerſt. Un⸗ gern, aber mit ſchweigendem Geborſam folgte ihr Brigitte, welche den ſchoͤnen Mann gern noch einmal geſehen und es noch lieber geſehen haͤtte, wenn er ſie zum Tanze aufforderte. Sie fuͤhlte in ihrem Herzen eine Bewegung, wie ſie ſie noch nie empfand. Und in der Nacht, wo ſie ſich ſein Bild mit allen Farben der Schoͤn⸗ heit malte, wurde es ihr erſt begreiflich, daß Marie um Carln ſo trauern konnte. Die Moͤglichkeit, je in die Naͤhe dieſes Juͤngkengs wieder zu kommen, vermochte ſie nicht zu denken. Marie war dagegen ſehr froh, daß die Tante ſo fruͤh aufbrach. Da ſie das Tanzen nicht liebte und der laute Lärm ihr kein Vergnuͤgen mochte, hatte ſie ſich ſchon laͤngſt in ihr einſames —— — Stuͤbchen zuruͤckgeſehnt. Sie merkte es, als ſie mit Brigitten allein war, nur zu pald, daß die Tante viel zu fruͤh fuͤr ihre Freundin aus der Geſellſchaft ging und verrieth es nicht, welch ein Gefallen ihr damit geſchah. Daß Brigitte aber Annen nach dem Offizier fragte, daß ſie deshalb einen Verweis von der Tante erhielt, daß der Fremde einen tiefen Eindruck auf ihr Herz gemacht hatte, das⸗ hielt ſie geheim. Sie ſuchte es von Marien auf eine feine Weiſe zu erforſchen, ob ihr keiner von den Tänzern durch ſeine Schoͤnheit, wenn auch nicht durch ſeine Tanzkunſt, aufgefallen ſey, und als dieſe ſagte:„Meine Auf⸗ merkſamkeit pflege ich nur auf die Damen zu richten,“ da fand ſie in dieſen Worten einen Vorwurf, der ße;v und zum Schweigen brachte. Die Madame Berthes war wirktic be⸗ ſorgt, daß ein Funke liebender Zuneigung zu Willing in Brigittens Herz gefallen ſey, den ſie ausloͤſchen, dem ſie wenigſtens vorſichtig alle Nahrung entziehen mußte, — 259 damit er nicht weiter um ſich griff und zu einer lodernden Flamme wurde. Marie war ihr in der Abſicht von den Eltern an⸗ vertraut, ſie von der Liebe gegen Carl los⸗ zumachen, wie, wenn ſich nun unter ihrer Aufſicht in Brigittens Herzen eine Nei⸗ gung entſpann, die den Abſichten des Gra⸗ ſen und der Gräfin widerſprach! Faſt verwuͤnſchte ſie den Gang auf den Ball, wo das Maͤdchen den ſchoͤnen Willing ſah, der ihr ſo gefiel. Sie glaubte es gewiß, daß er nach Weſtgreußen reiſen und ſeinen Onkel beſu⸗ chen werde, daher ſann ſie auf ein Mittel, um es zu verhuͤten, daß ſie ihn weder dort, noch hier ſehe, wenn er ſich etwa ſei⸗ ner Verwandten in Erfurt erinnerte und aus Artigkeit zu ihr kam, um ihr eine Viſite zu machen. Am fruͤhen Morgen ſchickte ſie einen Eilboten an die Gräfin und gab ihm einen Brief mit, in dem ſie an ſie ſchrieb:„Ich melde Ihnen, daß ich heute Vormittag mit meinen beiden Toͤchtern nach Weimar reiſen und mich mit 19 ihnen dort eine unbeſtimmte Zeit aufhalten werde. Halten Sie dies aber dem Amt⸗ mann und Auguſten geheim und bitten Sie ſelbſt Ihren Gemahl um die heiligſte Verſchwiegenheit. Die Urſache, weshalb ich Erfurt verlaſſe, iſt vielleicht eine uber⸗ triebene Beſorgniß, aber ich halte es mit der Vorſicht, ſo kann man ſich dann, wie auch Manches wider unſern Willen kom⸗ men mag, keinen Vorwurf machen. Auf einem Ball des Commandeurs war ein junger Herr von Willing, ein wirklich durch ſeine ſeltene Schoͤnheit ausgezeichne⸗ ter Juͤngling. Kein Wort hat Brigitte mit ihm gewechſelt, keinen Tanz mit ihm getanzt; aber er ſchien ſie zu intereſſiren, indem ſie das Fraͤulein von Birkenfeld nach ſeinem Namen fragte. So unbedeutend dies zu ſeyn ſcheint, ſo liegt fuͤr mich doch ein warnender Sinn darin. Die liebende Neigung ſpinnt zuerſt zarte Faä⸗ den, und wird ſie nicht unterbrochen, ſo werden oft diamantene Ketten daraus, die ſich nicht ſprengen laſſen. Faſt vermuthe —— —— 291 ich's, daß dieſer Willing kein Anderer iſt, als der Stiefſohn des Kaufmanns Neuberg in Hamburg. Gewiß kömmt er auch nach Weſigreußen, um ſeinen Onkel zu beſuchen, wo Sie ihn ſehen koͤnnen. Um nun zu verhuͤten, weil ich fuͤrchte, daß er mich, ſeine Verwandte, beſuchen will, daß zwi⸗ ſchen ihm und Brigitten keine weitere Be⸗ ruͤhrung entſteht, werde ich mich von Er⸗ furt ſo lange entfernt halten, ohne einem Menſchen meinen Aufenthaltsort zu verra⸗ then, bis er die Gegend verlaſſen hat. Ein junges Maͤdchen muß bewacht werden, um es, ſo viel als moͤglich iſt, gegen Ein⸗ druͤcke zu ſchutzen, die mit den Planen der Eltern nicht in Uebereinſtimmung ſind und ſeiner Ruhe gefaͤhrlich werden koͤnnen. Gewiß billigen Sie meine Vorſicht..“ Ende des erſten Theils. —————— Folgende, ſo eben erſchienene Romane, welche mit Recht allen Leſezirkeln und Leih⸗ bibliotheken empfohlen werden können, ſind in allen guten Buchhandlungen Deutſchlands fur beigeſetzte Preiſe zu bekommen: Giftmiſcherin, die, oder die Geheimniſſe des Grabes. Vom Verfaſſer des Ro⸗ mans: Ritter Golo der Grauſame. 2 Theile. 8. 1 Thlr. 20 Gr. Hildebrandt, C., Fodor und Athanaſia, oder die Schreckensnaͤchte in den Qual⸗ gefängniſſen der ſieben Thürme zu Conſtantinopel. Ein Schaudergemälde aus dem gegenwaͤrtigen Freiheitskriege der Griechen. Roman in 4 Theilen. 8. 4 Thlr. Derſelbe, die Geiſter der Schauerhöhle, oder das Wunderblumchen. 1 Thlr. Jacob Schwaͤnzlein und die Seinen. Ein komiſcher Roman vom Verfaſſer der Mitternachtsglocke und des Zwei⸗ kampfs. S. Löwenburg, die, oder die Wunder des Hei⸗ igenbildes. Vom Verfaſſer des Benno von Rabeneck. 3 Baͤnde. Z. 3 Thlr. 4 Gr. Meiſters, Wilhelm, Wanderjahre. Zter und 4ter Band. Z. Deſſelben Tagebuch, als erſte Beilage zu den Wanderjahren. 8. 1 Thlr. 4 Gr. Deſſelben Wanderjahre, zweite Beilage; enthält: Gedanken einer frommen Gré⸗ fin. Z. 1 Thlr. 8 Gr. Muͤller, H., Hermann von der Heideburg, oder der Eremit in der Waldklauſe. Z. 20 Gr, Derſelbe, Teufeleien in und außer dem Eheſtande. Roman in 2 Theilen. Z. 1 Thlr. 20 Gr. Novellenſchatz des deutſchen Volkes. Mit einem Vorwort vom Verfaſſer von Wilhelm Meiſters Wanderjahren. Mit Ludwig Tieck's Bildniß. 8. 1 Thlr. 12 Gr. Schulze, Ernſt, die Tochter des Oceans. Roman. Z. 1 Thlr. Blutſat ger, die. Ein Roman. Z. 1Thlr. 4 Gr. Carlo Cellini, oder die Maͤnner der Nacht. Seitenſtuͤck zum Rinaldo Rinaldini. 35. 3 Thlr. 8 Gr. Hildebrandt, C., Carl von Tellheim und Minna von Barnhelm. Ein kriegeri⸗ ſches Gemaͤlde aus den Zeiten Frie⸗ drichs des Großen. 3 Theile. 8Z. 3 Thlr. 8 Gr. Hildebrandt, C., Kuno von Schrecken⸗ ſtein, oder die weiſſagende Traumge⸗ ſtalt. Ritterroman in 3 Theilen. Mit einem Kupfer. 3 Thlr. 12 Gr. Mettingh, Philippine v., Opfer des Zeitgeiſtes. Ein Roman in 2 Theilen. 8. 2 Thlr. 8 Gr. Muͤller, H., das Pfarrhaus zu Lieben⸗ thal, oder die ſeltene Braut. Roman in 2 Theilen. 8. 1 Thlr. 20 Gr. Derſelbe, die Corſarenbeute, oder Fatime. Roman in 2 Theilen. S. 1 Thlr. 20 Gr. Ritter Golo der Grauſame, oder die Buͤ⸗ ßende in der Felſengruft. Ritterro⸗ man in 3 Theilen. Mit 1 Kupfer. 8. 3 Thlr. 12 Gr. Verſchwornen, die, oder die Ruinen der Rothenburg. Ritter- und Rauberro⸗ man aus der Vorzeit. 3 Theile. Abentheuer im Walde, das, oder Thereſe. Roman vom Verfaſſer der Liebesprobe. Zwei Bändchen mit einem Kupfer. Z. 1 Thlr. 20 Gr. Bandit in Rom, der, oder die ſchreckliche Verwechſelung. Vom Verfaſſer des „Albert von Reinſtein.“ 3 Theile. 3 Thlr. 4 Gr. Hildebrandt, C., Brömſer von Rüdes⸗ hiem, oder die Toptenmahnung. Rit⸗ terroman aus dem rgten Jahrhundert. Drei Theile. Mit 1 Kupfer.. 3 Thlr. 8 Gr. ſ ſi 15 16 17 18 1 9 10 11 12 13 14